ſ 3 1 85 ——— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und ffranzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Jeſel Seſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden beig von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe dinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ür b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt für wüchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— Mk. Pf. auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— B5. Auswärtige Adonnenten“ haben für Hin⸗ und z netein der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, verr lorene oder defert⸗ Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Hanzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das eiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch bafür zu ſtehen paben⸗ 3 d ———-— Der rothe. Seeräuber. Eine Erzählung von John Fenimoore Cooper. Für die reifere Jugend frei bearbeitet von Franz Boffmann. Mit 8 colorirten Bildern. —y— Stuttgart. Verlag von Schmidt& Spring. 1861. 8 —— Erſtes Kapitel. In den erſten Tagen des Oktober 1759 lagen zwei Schiffe im Hafen von Newport an der Küſte von Nordamerika, Beide vollſtändig ausgerüſtet, um jeden Augenblick in See ſtechen zu können. Das Eine war ein ſchmuckes Kauffahrtei⸗Schiff, und führte den Namen„die königliche Karoline“. Reich befrachtet ſollte es in den nächſten Tagen nach der Provinz Carolina auslaufen, und wartete vorläufig nur noch auf einige Paſſagiere, welche ſich Ueberfahrt dahin ausbedungen hatten) Das andere Schiff, welches weiter ſeewärts im Außenhafen lag, hatte ein mehr unheimliches und verdächtiges Ausſehen. Man ſagte, es ſei ein Sklavenſchiff, nur gekommen, um Holz und Waſſer einzunehmen; aber doch ſchaukelte es bereits ſeit einer Woche auf dem Waſſer, ohne irgend welche Anſtalt zu irgend welcher Ladung zu treffen. 4 Dieſes Schiff wurde eines Tages ſehr aufmerkſam von drei Männern beobachtet, deren nähere Bekanntſchaft wir zu machen ge⸗ nöthigt ſind. Der Eine von ihnen war noch ein junger Mann von etwa ſechs⸗ oder ſiebenundzwanzig Jahren; ſeine Züge waren edel und männlich, und ſeine Geſtalt von der glücklichen Höhe, welche ſo eigen Behenigkeit mit Kraft vereint. Sie war zugleich wohl⸗ ebildet und auff anmuthsvoll, trotz dem ganz einfachen, jedoch iedlichen und iene.* geſchmackvoll geordneten Anzug eines gewöhn⸗ lichen Seemans. Einer der beiden übrigen Männer war ein Wei ein Neger; Beide waren über das mittlere Alter hinaus und Aeußeres zeigte, daß ſie lange der Strenge der W zahlloſen Stürmen ausgeſetzt geweſen. Sie waren in Seeräuber.— 1 5 —— etwas vom Seeweſen zu verſtehen, und doch kann ich den Burſchen vom Wetter verdorbene, zerriſſene Kleidung gemeiner Seeleute ge⸗ hüllt, und trugen an ihrer Geſtalt alle Zeichen ihres beſondern Standes. Der Erſtere war von kurzem, gedrungenem, kräftigem Bau, mit breiten Schultern und nervigten Armen. Seine Stirn war niedrig und faſt von Haar verhüllt, die Augen waren klein, ſtörrig, manchmal ſtolz und oft trübe; die Naſe aufgeſtülpt, breit und gemein; der Mund groß; die Zähne kurz, reinlich und voll⸗ kommen geſund; das Kinn breit, männlich, und ſelbſt ausdrucksvoll. Dieſer ſonderbar beſchaffene Mann hatte ſeinen Sitz auf einem leeren Faſſe genommen, und ſaß mit verſchränkten Armen in der Unterſuchung des erwähnten Sklavenhändlers begriffen, während er gelegentlich ſeinen Gefährten, den Schwarzen, mit Bemerkungen be⸗ günſtigte, wie ſie ihm ſeine Beobachtungsgabe und Erfahrung ein⸗ gaben. 3 Der Neger nahm einen niederen Platz ein. In Geſtalt und Stärke fand ſich eine große Aehnlichkeit zwiſchen den Beiden, nur mit der Ausnahme, daß der Schwarze einen Vorzug durch ſeine Größe und ſelbſt durch ſeine Verhältniſſe behauptete. Seine Züge waren erhabener als gewöhnlich bei Negern, ſein Auge war mild, leicht von Freude bewegt und, wie das ſeines Gefährten, manchmal launig. Sein Haupthaar begann ſich mit Grau zu miſchen, ſeine Haut hatte die glänzende pechſchwarze Farbe verloren, die ihn in ſeiner Jugend ausgezeichnet, und alle ſeine Glieder und Bewegungen verriethen einen Mann, deſſen Bau durch unausgeſetzte Arbeit eben ſo abgehärtet als ſteif geworden war. Er ſaß auf einem niedern Stein und ſchien emſig damit beſchäftigt, kleine Kieſel in die Luft zu werfen, und ſeine Geſchicklichkeit zu erproben, indem er ſie mit der Hand wieder auffing. Um dies kleine Vergnügen ohne Stä rung fortzuſetzen, hatte er den Aermel ſeiner leichten Canevaß⸗Jack⸗ bis an den Ellenbogen zurückgeſtreift, und dabei einen Arm ent blößt, der zu einem Herkules als Modell hätte dienen können. „Eine ſchöne Bucht, Guinea,“ bemerkte der Weiße, während er ſein Tabackröllchen im Munde drehte, und ſein Auge zum erſten⸗ mal ſeit vielen Minuten vom Schiff wegwendete,—„ja, eine Stelle iſt es, die man wohl, wenn man ſo ohne Schutz da draußen liegt, wie jener Sklavenführer, aufſuchen ſollte. Ich glaube auch — . 3 nicht begreifen, daß er ſein Schiff in dem Außenhafen läßt, während er es in einer halben Stunde in dieſen Mühlteich bringen könnte. Es macht ſeinen Booten viele Arbeit, ſchwarzer S'ip, und das nenn' ich ſchlechtes Wetter aus ſchönem machen.“ „Denkt, der Wind käme hier gerade friſch aus Nordweſt;“ antwortete der Andere, indem er ſeinen ſchwarzen Arm nach dem genannten Punkt des Kompaſſes ausſtreckte,„und ein Schiff müßte ſchnell in See gehen, wie könnte es dann weit genug ſein, um durch das Wetter zu kommen? Nun, beantwortet mir dieſes, Ihr großer Gelehrter, Meiſter Dick; aber Ihr ſeht nie ein Schiff dem Wind in die Zähne kommen, ſo wenig Ihr einen Affen ſprechen hört.“ „Der Schwarze hat Recht!“ rief der Jüngling, welcher das Geſpräch mit angehört hatte, während er mit etwas Anderem be⸗ ſchäftigt geweſen ſchien.„Der Sklavenhändler hat ſein Schiff im Außenhafen gelaſſen, weil er weiß, daß der Wind ſehr nach Weſten um dieſe Jahreszeit bläst; und dann ſeht Ihr auch, er hält ſeine leichten Spieren in die Höhe, obwohl es deutlich genug iſt, durch ſeine Art nämlich, wie ſeine Segel gekrümmt ſind, daß er feſtliegt. Könnt Ihr ausfindig machen, Jungen, ob er einen Anker hat, oder nur an einem einzelnen Tau liegt?“ 3 „Er geht den Strom hinunter, und die Anker ſind geſtaut,“ ſagte der Schwarze, deſſen dunkles Auge immer feſt auf das Schiff gerichtet war, während er noch fortfuhr, ſeine Kieſel in die Luft zu werfen.„Er hat ein Ruder nahe am Backbord, Meiſter Haury; nun noch die Fluth am Bug, und Ihr werdet ihn davon eilen ſehen.“ 3 Der Jüngling richtete immer noch feſt ſeinen Blick auf das Schiff, und ſagte dann:„Ja, Scipio, Ihr habt Recht; er fährt ganz mit dem Strom, und hält Alles zu einer plötzlichen Bewe⸗ gung bereit. In zehn Minuten würde er ſein Schiff aus dem Feuer der Batterie herausbringen, und wenn er nur eine Kappe voll Wind hätte.“ „Ihr ſcheint ſo Etwas zu verſtehen,“ ſprach eine unbekannte Stimme hinter ihm. Der Jüngling drehte ſich ſchnell auf dem Abſatz herum, und 5 bemerkte einen Mann zwiſchen dreißig und vierzig Jahren, von 1* — — — 4 einem Aeußern und Anzug, der nicht wenig dazu geeignet war, die Neugier zu erregen. Seine Geſtalt war klein, ſchien aber große Behendigkeit entwickeln zu können. Seine Haut war blendend, wie die eines Weibes geweſen, obgleich ein tiefes Roth, das die untern Züge ſeines Geſichts eingenommen, und welches beſonders an den Außenlinien ſeiner ſchönen Adlernaſe zu bemerken war, allen Schein von Weiblichkeit wieder vernichtete. Sein Haar war ſchön, und fiel in reichen, glänzenden Locken um ſeine Schläfe. Mund und Kinn waren fein gebildet. Das Auge blau, und obwohl gewöhn⸗ lich ruhig und ſelbſt ſanft, mochte es wohl Augenblicke geben, wo es etwas unbeſtändig und wild erſchien. Er trug einen hohen, kegel⸗ förmigen Hut, einen hellgrünen Reitrock, Hoſen von Hirſchleder, hohe Stiefeln und Sporen. In einer Hand hatte er eine kleine 1 Peitſche, womit er mit der größten Gleichgültigkeit in der Luft herumfuchtelte. 8— 1 „ Ich ſage, Herr, Ihr ſcheint Euch auf dieſe Dinge zu ver⸗ ſtehen,“ wiederholte er.„Ihr ſprecht, wie Einer, der fühlt, daß er ein Recht hat, ſeine Meinung zu ſagen.“ „Findet Ihr es merkwürdig, daß Jemand nicht unwiſſend in einem Geſchäfte iſt, welches er ſein ganzes Leben eifrig getrieben hat?2— „Hm, ich finde es etwas merkwürdig, daß Einer, deſſen Ge⸗ ſchäft Handarbeit iſt, ſeinem Handwerk einen ſolchen Namen gibt. ‿ Wir Rechtsgelehrte können kaum mehr von unſerer Thätigkeit ſagen.“ 3 „So nennt es Handwerk; denn mit Euch will ein Seemann nichts gemein haben,“ erwiederte der Andere, und wandte ſich von dem Zudringlichen mit einem Widerwillen weg, den er gar nicht verhehlen wollte. Stolz mit denr Kopfe nickend, ging er langſam auf dem Werfte hin, und die andern zwei Seeleute folgten ihm. Der Fremde im Grün beobachtete ſie mit ruhigem Auge, ſchlug ſich mit ſeiner Reitpeitſche an den Stiefel, und ſchien über ein Mittel nachzudenken, das Geſpräch fortzuſetzen. Plötzlich jedoch wendete er ſich um und ging auf die Stadt zu, wo er im Ge⸗ dränge der Hauptſtraße verſchwand.. darauf zu ſuchen.“ Zweites Kapitel. Etwa eine Stunde ſpäter treffen wir die erwähnten vier“ 4 Männer wieder bei einem alten Gemäuer, welches ſich in der Geſtalt eines halbverfallenen Thurmes auf einer Anhöhe erhob, 4 von der aus man einen weiten Blick auf die offene See werfen— konnte Der Fremde im Grün ſtand neben dem jungen Seemann am Fuße des Thurmes, während die beiden Matroſen etwas weiter ſeitab ſaßen, und nur mit ſich allein beſchäftigt ſchienen. „Ihr betrachtet jenes Sklavenſchiff mit eigenthümlichem Inter⸗ eſſe,“ nahm der Grüne das Wort, während das Auge der Anderen der See zugewendet war.„Findet Ihr etwas Beſonderes daran, Mr...., wie heißt Ihr doch?“— „Nennt mich Wilder, Henry Wilder,“ antwortete der junge Seemann.„Was jenes Schiff anbetrifft, ſo gehört es allerdings gerade zu Jenen, die eines Seemanns Auge am liebſten betrachtet.* Außerdem unterſuche ich es vielleicht in der Abſicht, einen Dienſt „Ah!— Nun, ſein Kapitän müßte ein alberner Schelm ſein, wenn er Euch zurückwieſe,“ ſagte der Grüne.„Werdet Ihr nicht zu ihm an Bord gehen?“ „Zu dieſer Stunde? allein? Ich kenne weder den Befehls⸗ haber, noch die Bemannung.“ „Es gibt noch andere Stunden, außer dieſer; und ein Schiffs⸗ mann kann ſtets eine freundliche Aufnahme von ſeinen Gefährten erwarten.“ „Dieſe Sklavenhändler laſſen ſich nicht immer gern beſuchen; ſie führen Waffen, und wi iſſen Fremde fern zu halten.“ „Gibt es keine Parole in der Freimaurekei Eures Gewerbes, woran man ſeinen Bruder erkennen kann?“— 8 Wilder richtete ſeinen ſcharfen Blick auf den Andern, w end 3 dieſer ihn ſo fragte, und ſchien lange zu ſinnen, ehe er eine Ant: wort gab. „Warum fragt Ihr mich dies Alles,“ erwiederte er endlich kalt. „Weil nach meiner Meinung man niemals durch Unent⸗ ſchloſſenheit ein Schiff erwirbt; Ihr wünſcht einen Platz, ſagt Ihr, — nun denn, ich würde es mit dem Schiffe dort verſuchen.“ Mit dieſen Worten entfernte er ſich plötzlich, und verſchwand im Nu aus den Augen des ihm betroffen nachſchauenden Wilder. „Vielleicht iſt ſein Rath nicht übel,“ murmelte derſelbe nach einer Weile. Jedenfalls kann man es verſuchen, und im Falle es gelingt, ſehe ich mich ſchneller am Ziele, als ich hoffen durfte.“ Um zehn Uhr am Abend deſſelben Tages lag die Stadt New⸗ port ſo ſtill, als wenn ſie keine lebendige Seele in ſich faßte. Nacht⸗ wächter gab es damals keine; denn Spitzbüberei hatte ſich noch nicht öffentlich in den Provinzen gezeigt. Als daher Wilder und ſeine zwei Gefährten um dieſe Stunde in die leeren Straßen traten, fanden ſie ſie ſo ſtill, als hätte nie ein Menſch ſie betreten. Nicht ein Licht war zu ſehen; nicht das geringſte Zeichen von Menſchenleben zu hören. Es ſchien, als kennten unſere Abenteurer ihren Weg wohl, denn ſie ſetzten ihn gerade nach der Waſſerſeite fort. Wilder ging voran; dann kam Fid, und Scipio beſchloß in ſeiner gewöhn⸗ lichen, ſtillen, demüthigen Weiſe den Zug. An dem Waſſer fanden ſie einige kleine Boote, die unter dem Schutz eines nahen Werftes lagen. Wilder bezeichnete ſeinen Be⸗ gleitern den Weg, und ging nach einer zum Einſchiffen geeigneten Stelle. Hier beſtieg er mit ſeinen Gefährten einen Nachen, und ließ ſich von ihnen an dem Kauffahrer vorüber nach dem Außen⸗ hafen rudern. —„Meine Jungen,“ ſagte er, als ſie raſch über das Waſſer hinglitten,„Ihr müßt jetzt etwas von meinen künftigen Bewegungen erfahren; wir ſind Schiffsgenoſſen, ja ich möchte ſagen Tiſchgenoſſen ſeit länger als zwanzig Jahren geweſen. Ich war nicht mehr als ein Kind, Fid, als Ihr mich zum Befehlshaber Eures Schiffes brachtet, und nicht nur mitwirktet, daß ich am Leben blieb, ſondern auch, daß ich Offizier wurde.“ —„Ja, ja, der Maſſe nach, Maſter Harry, waret Ihr nichts Beſonders, und eine kleine Hängematte paßte Euch ſo gut, als der Kapitäns⸗Stand.“ „Ich bin Euch großen Dank ſchuldig, Fid, ſchon für dieſe eine edle Handlung, und auch weiter für Eure ſtandhafte Anhänglichkeit.“ „Ei ja, ich bin ziemlich ſtandhaft in meinem Verhalten ge⸗ weſen, Maſter Harry, beſonders da ich nie meinen Fang habe fahren laſſen, obgleich Ihr ſo oft geſchworen, mich fortzujagen. Was Guinea betrifft, der hält jedes Wetter mit Euch aus, bei günſtigem und widrigem Wind.“ „Sprecht nicht mehr davon,“ unterbrach ihn Wilder, der ſehr gerührt zu ſein ſchien:„Ihr wißt, daß nicht leicht etwas Anderes als der Tod uns trennen kann, Ihr müßtet mich denn jetzt ver⸗ laſſen wollen. Es gebührt ſich, daß Ihr erfahrt, ich ſei in einem verzweifelten Wagniß begriffen, das leicht mich und Alle, die mir folgen, verderben könnte. Ich möchte mich nicht gern von Euch trennen, Freunde, denn es könnte eine Trennung für immer wer⸗ den, aber zugleich ſollt Ihr die ganze Gefahr wiſſen.“ „Müſſen wir noch viel zu Land ziehen?“ fragte Fid trocken.— „Nein, der Dienſt, wie er iſt, wird ganz zu Waſſer gemacht werden.“ „Dann bringt Eure Schiffsbücher, und ſucht einen Platz, groß genug für ein Paar über's Kreuz gelegte Anker, welche ganz genau ſo viel bedeuten, als die Buchſtaben ‚Richard Fid.“ „Aber vielleicht, wenn Ihr erfahrt—— „Ich brauche nichts darüber zu erfahren, Maſter Harry. Bin ich nicht oft genug unter verſiegelten Befehlen mit Euch ge⸗ ſegelt, um jetzt nicht nochmals meinen alten Körper in Eurer Ge⸗ ſellſchaft zu wagen, ohne meine Pflicht zu vergeſſen? Was ſagſt du, Guinea? Willſt du mit? oder ſollen wir dich dort an jener Landſpitze ausſetzen und dich Bekanntſchaft mit den Hunger machen laſſen?“ 2 „Mir iſt ganz wohl hier,“ murmelte der vollkommen zufriedene Neger. „Ja, ja, Guinea iſt wie das Boot eines Küſtenfahrers, immer mit Euch, Maſter Harry, während ich oft ſeitwärts gehe, und auf eine oder die andere Art an eine Eurer Seiten anſtoße und unbe⸗ quem werde. Indeß wir ſind Beide hier eingeſchifft, wie Ihr ſeht, und ſind vollkommen wohl zufrieden, ſo ſagt uns denn, was zu⸗ nächſt geſchehen ſoll, und macht keine weiteren Worte!“ „Nein, Ihr müßt Alles hören,“ entgegnete Wilder.„Es handelt ſich für mich darum, einen Streich gegen den Seeräube zu führen, der ſchon ſeit längerer Zeit in dieſen Breiten das Meer unſicher gemacht hat. Man nennt ihn den rothen Freibeuter, und das Fahrzeug, welches dort im Außenhafen ankert, iſt ſein Schiff. Ich habe ſeine Abſichten zu erforſchen gewußt. Er lauert, wie eine Spinne auf ihren Raub, auf die Abfahrt der reich befrachteten ‚königlichen Karoline“, nicht nur um ſich des Schiffes und ſeiner Ladung, ſondern auch um ſich einer noch koſtbareren Beute zu be⸗ mächtigen. Ich habe in Erfahrung gebracht, daß ſich die Nichte das Generals Gräyſon, Miß Gertrud, mit ihrer Gouvernante, Miſtreß Willys, dem Schiffe anvertrauen will, um zu ihrem Vater nach Carolina zu ſegeln. General Gräyſon iſt reich, und würde dinr ſchweres Löſegeld für die Befreiung ſeiner Tochter zahlen müſſen, ‚wenn dieſelbe von dem Piraten gefangen genommen würde. Dieß, und überhaupt die böſen Abſichten deſſelben, zu kreuzen und zu verhindern bin ich entſchloſſen, und ich frage Euch nun, ob Ihr mir auf jede Gefahr hin an Bord des Seeräubers folgen wollt, oder nicht?“ Ohne weitere Antwort griffen die Matroſen wieder zu ihren Riemen und ruderten weiter. „Wohlan denn,“ fuhr Wilder fort,„ich ſehe, Ihr habt Euern Entſchluß gefaßt, und ich danke Euch dafür. Von jetzt an Vor⸗ ſicht und Klugheit, damit wir uns nicht vor der Zeit verrathen. Und nun vorwärts!“— Fid und der Schwarze gehorchten ſchweigend. Als ſie dem Schiffe ſich näherten, wurde der Schlag der Ruder gemäßigt und endlich ganz aufgegeben, da Wilder ſich unbemerkt dem Schiffe zu nähern wünſchte. „Hat es nicht ſeine Segel an die Stenge gebunden?“ fragte er mit leiſer Stimme. „So viel ich ſehe, iſt's ſo,“ entgegnete Fid,„den angeblichen Sklavenhändler prickelt ein wenig das Gewiſſen, wie es ſcheint.“ „Aber, hiſt! ſie kommen aufs Verdeck!“ Fid's Worte verloren ſich in einem Anruf vom Schiff aus, der wie das Brüllen eines Seeungeheuers zu ihnen herüber tönte. Die geübten Ohren unſrer Abenteurer erkannten es aber ſogleich für das, was es wirklich war, für die Art, wie man gewöhnlich ein Boot anruft. Ohne ſich erſt zu verſichern, daß das Plätſchern —— der Ruder in dieſer Entfernung gehört würde, erhob ſich Wilder im Boot und antwortete. „Gut,“ ſagte eine ruhige, aber gebietende Stimme aus dem fernſten Theil des Schiffes;„es iſt ganz ſo, wie es ſein ſoll; laßt ſie herankommen.“ Der Mann in der Spitze des Schiffs hieß ſie ſich nähern, und dann hörte die Unterredung auf. Wilder beſtieg gleich darauf das Schiff, während einer tiefen Stille. Die Nacht war finſter, obwohl genug Licht von den Ster⸗ nen kam, um die Gegenſtände den geübten Angen eines Seemanns deutlich zu machen. Als unſer junger Abenteurer das Verdeck be⸗ trat, warf er einen ſchnellen, forſchenden Blick um ſich, und gewahrte einen Mann, der, obwohl in einen weiten Seemantel eingehüllt, ein Offizier zu ſein ſchien. Auf jeder Seite des Schiffes befand ſich eine dunkle drohende Batterie, aber nirgends konnte Wilder eine Spur von dem Gewühl menſchlicher Weſen bemerken, die ſonſt das Verdeck eines bewaffneten Schiffs erfüllen. Es konnte das Schiffsvolk, wie dies zu dieſer Stunde gewöhnlich iſt, in den Hängematten ſein, aber auch dann pflegte man doch gewöhnlich eine hinlängliche Anzahl als Wache da zu laſſen, um die Sicherheit des Schiffs im Auge zu behalten. Als er ſich auf dieſe Art unerwartet vor einem Ein⸗ zelnen ſah, ſo ward unſer Abenteurer ſeiner gefährlichen Lage ſich bewußt, und der Nothwendigkeit, etwas zu ſagen. „Ihr ſeid ohne Zweifel erſtaunt, Sir,“ ſagte er,„daß ich ſolch eine ſpäte Stunde zu meinem Beſuch gewählt?“ 3 „Ihr wurdet freilich früher erwartet,“ war die lakoniſche Antwort. 3 „Erwartet?“ 3 „Ja erwartet. Hab' ich Euch und Eure zwei Gefährten, die in dem Boote ſind, uns nicht von dem Werfte der Stadt und ſelbſt von dem alten Thurm auf dem Hügel aus beobachten ſehen? Was bedeutete alle dieſe Neugier anders, als Eure Abſicht, an Bord zu kommen?“ „Das iſt ſonderbar, ich muß es geſtehen!“ rief Wilder mit einer heimlichen Unruhe.„Ihr hattet alſo Kenntniß von meinen Abſichten?“ „Hört, Freund,“ unterbrach ihn der Andere mit einem kurzen, * duntpfen Lachen;„nach Eurem Aeußern und nach dem Anſchein glaub' ich Euch mit Recht einen Seemann nennen zu dürfen. Meint Ihr, wir hätten bei dem Inventarium dieſes Schiffes die Ferngläſer vergeſſen, oder wir wüßten nicht, ſie zu gebrauchen?“ „Ihr müßt gute Gründe haben, daß Ihr ſo tief in die Schritte der Fremden auf dem Lande hineinſeht.“ „Hm, vielleicht erwarten wir unſere Ladung vom Lande. Aber Ihr ſeid wohl nicht ſo weit in dem Dunkel hierhergekommen, um unſere Papiere zu ſehen. Ihr wollt wohl den Kapitän ſprechen?“ „Hab' ich ihn nicht vor mir?“ „Wo?“ fragte der Andere mit einem Auffahren, welches ver⸗ rieth, daß er eine heilſame Ehrfurcht vor ſeinem Vorgeſetzten hegte. „In Euch ſelbſt.“ „Ich, ich bin noch nicht ſo hoch in den Büchern gekommen, einſtens vielleicht. Aber Ihr bleibt auf dem Verdeck,“ fügte er ſchnell hinzu,„und der Kapitän erwartet Euch in der Kajüte. Folgt mir, ich will Euer Pilot ſein.“ „Halt!“ ſagte Wilder,„wäre es nicht beſſer, mich anzu⸗ melden?“ 4. „Er weiß ſchon Alles.„Wenig geſchieht hier an Bord, das nicht ſeine Ohren erreicht, ehe es noch in's Lagerbuch kommt.“ Wilder machte keinen weitern Einwurf, ſondern erklärte ſich bereit zum Gehen: Der Andere führte ihn nach einer Thür und liſpelte mehr, als daß er laut geſprochen: „Klopft zweimal; wenn er antwortet, geht hinein.“ Wilder that, wie ihm geſagt worden. Sein erſtes Anklopfen ward entweder nicht gehört oder nicht beachtet. Als er es wieder⸗ holte, hieß man ihn hereinkommen. Der junge Seemann öffnete die Thür mit einer Menge der mannigfaltigſten Gefühle, die ihre Löſung in den folgenden Theilen der Erzählung finden werden, und ſn alsbald unter dem Licht einer Lampe vor dem Fremden in rün. Das Zimmer, in welchem unſer Abenteurer ſich jetzt befand, bot keine geringen Auſſchlüſſe über den Charakter ſeines Bewohners. Nach Form und Verhältniſſen war es eine Kajüte von der gewöhn⸗ lichen Größe und Anordnung; aber in dem Geräthe und in den Gemächlichkeiten verrieth es eine ſonderbare Miſchung von Luxus 11 und kriegeriſcher Vorkehrung. Die Lampe, die von der Decke her⸗ abhing, war von lauterem Silber, und obgleich durch mechaniſche Kunſt ihrer gegenwärtigen Lage angepaßt, fand ſich doch etwas in ihrer Form und den Verzierungen, was verrieth, daß ſie einſt vor einem Schrein von weit heiligerer Art gebraucht worden war. Naſſive Leuchter von demſelben koſtbaren Metall und demſelben kirchlichen Anſtrich ſtanden auf einer alten Tafel, deren Mahagoni von der Politur eines halben Jahrhunderts glitzerte, und deren vergoldete Füße und geriefte Stützen ihre eigentliche, von dem ge⸗ wöhnlichen Gebrauch eines Schiffes ſehr verſchiedene Beſtimmung verriethen. Ein Sopha, mit geſchornem Sammt überzogen, ſtand längs der Wand hin, während ein Divan von blauer Seide an der entgegengeſetzten lag, und durch ſeine Form, ſeinen Stoff und ſeine Reihe Kiſſen zeigte, daß ſelbſt Aſien zur Bequemlichkeit ſeines Eigenthümers habe beitragen müſſen. Außer dieſen auffallenderen Artikeln waren geſchnittene Gläſer, Spiegel, Silbergeſchirr und ſelbſt Vorhänge da, von denen Jedes durch etwas Eigenthümliches in Form und Materie zeigte, daß es einen von den andern Sachen verſchie⸗ denen Urſprung habe. Kurz, Pracht und Ueppigkeit ſchienen weit mehr als Geſchicklichkeit und Gleichmaß im Geſchmack bei der Aus⸗ wahl der meiſten dieſer Artikel berückſichtigt worden zu ſein, die ſonderbar genug der Laune und Bequemlichkeit ihres ſeltſamen Be⸗ 4 ſitzers dienen ſollten. Mitten unter dieſem Wirrwar von Reichthum und Pracht ſtellten ſich die drohenden Zeichen des Krieges dar. Das Kabinet enthielt vier von jenen dunkeln Kanonen, deren Gewicht und An⸗ zahl zuerſt Wilders Aufmerkſamkeit gereizt hatte. Obgleich ſie ſo nahe den Geräthen der Bequemlichkeit, die wir eben aufgezählt, ſtanden, bedurfte es doch nur des Blickes eines Seemanns, um ſo⸗ fort zu bemerken, daß ſie ſtets zu augenblicklichem Dienſt bereit ſtünden, und daß fünf Minuten Arbeit den Ort von all' ſeinen Spielereien befreien und ihn zu einer heißen, wohlvertheidigten Bat⸗ terie machen würden. Piſtolen, Säbel, Halb⸗Piken, Holzäxte und all' die geringeren Werkzeuge des Seekriegs waren in der Kajüte auf eine Weiſe hingeſtellt, die ihnen das Anſehen einer wilden Verzierung gab, während zugleich Alles ſchnell zur Hand lag. Um den Maſt ſtand ein Haufe Musketen, und ſtarke Holzpfähle, ——— — IIIEͤͤſͤſͤſ 3 die offenbar Löchern auf beiden Seiten der Thür angepaßt waren, verriethen hinlänglich, daß die Wand leicht in eine Barrière ver⸗ wandelt werden könne. Die ganze Anordnung zeigte, daß die Ka⸗ „ jüte als Citadelle des Schiffs betrachtet würde. Um dieſe letztere ffenbar Annahme zu unterſtützen, bemerkte man eine Fallthüre, die o in die Zimmer der untern Offiziere führte, und welche auch einen direkten Zugang in das Magazin eröffnete. Dieſe Anordnungen, etwas verſchieden von dem, was er ſonſt zu ſehen gewohnt geweſen, zogen ſogleich Wilders Auge auf ſich; obgleich ihm damals nicht Zeit gelaſſen wurde, über ihren Nutzen und Zweck nachzudenken. Es lag ein verſteckter Ausdruck von Selbſtgefälligkeit in dem Antlitz des Fremden in Grün, als er bei dem Eintritt ſeines Beſuches ſich erhob, und das verlegene Schweigen brach. 3 „Welchen glücklichen Umſtand iſt das Schiff für die Ehre eines ſolchen Beſuchs verpflichtet?“ fragte er. „Ich glaube, antworten zu dürfen: der Einladung ſeines Ka⸗ pitäns,“ antwortete Wilder mit Feſtigkeit und Ruhe. „Nun denn, Maſter Wilder,“ ſprach der Grüne, und winkte ſeinem Gaſt, ſich niederzuſetzen,„ich bin, wie Ihr, zum Seemann erzogen worden, und ſo glücklich, hinzufügen zu können, daß ich dieſes herrliche Schiff befehlige.“. ⸗„Dann müßt Ihr zugeben, daß ich nicht ohne hinlängliche Veranlaſſung eingedrungen bin.“ L„Freilich nicht! Mein Schiff iſt Euch beſonders iws Auge geefallen; auch will ich ſchnell zugeſtehen, daß ich von Eurem Aeußern und Eurer Perſon genug geſehen habe, um in mir den Wunſch zu erregen, wir möchten ältere Bekannte ſein. Ihr braucht einen Dienſt?“— „‚Man muß ſich ſchämen, in dieſen unruhigen Zeiten ohne Beſchäftigung zu ſein.“ „Gut, aber ohne Zweifel hieltet Ihr es für klug, Euch erſt über die Art unſeres Geſchäfts zu erkundigen, ehe Ihr hierherkamt, um Beſchäftigung zu ſuchen?“—. „Die Städter von Newport halten Euch für einen Sklaven⸗ händler.“ „Aber Ihr möchtet noch mehr von uns wiſſen, ehe wir un⸗ ſern Handel eigentlich abſchließen,“ antwortete der Kapitän mit „Das iſt die Farbe eines Seeräubers!“ „Ja, ſie iſt roth! Ich liebe ſie mehr als Eure dunkeln Fel⸗ der von Schwarz mit Todtenköpfen und andern kindiſchen Pompan⸗ zen. Sie droht nicht, ſondern ſagt nur: ‚Um ſolchen Preis ward ich erkauft.’ Maſter Wilder,“ fuhr er fort, und die Miſchung von Ironie und Luſtigkeit, mit der er die vorige Unterredung geführt hatte, verlor ſich in einem Blick hohen Stolzes;„wir verſtehen ein⸗ ander, es iſt Zeit, daß Jeder unter ſeiner eigenen Flagge ſegelt, ich brauch' Euch nicht zu ſagen, wer ich bin.“ „Ich glaub', es iſt unnöthig,“ ſagte Wilder,„wenn ich dieſe deutlichen Zeichen begreife, ſo ſtehe ich vor— vor——“ „Vor dem rothen Seeräuber,“ fuhr der Andere fort, als er bemerkte, daß Wilder den ſchrecklichen Neuen auszuſprechen zögerte. „Es iſt wahr, und ich hoffe, dieſes G wird der Anfang einer dauernden, feſten Freundſchaft ſein. da enne die geheime Urſache nicht, aber vom Augenblick unſeres Zuſamme effens an hat eine hohe unerklärliche Theilnahme mich zu Euch engezogen. Sei dem nun, wie ihm wolle, ich nehme Euch mit verlangendem Herzen und offenen Armen auf.“ Obgleich Wilder mit dem Charakter des Schiffs nicht unbe⸗ kannt war, an deſſen Bord er ſich eben gewagt, ſo vernahm er doch das offene Anerbieten nicht ohne Verlegenheit. Der Ruf dieſes berüchtigten Freibeuters, ſeine Kühnheit, ſeine Thaten, bei denen Freigebigkeit und Muthwillen ſich ſo häufig miſchten, und ſeine ver⸗ zweifelte Todesverachtung bei allen Gelegenheiten tauchten zugleich in der Rückerinnerung unſeres jugendlichen Abenteurers auf, und bewirkten, daß er jene Art von Zögern empfand, dem wir Alle, mehr oder weniger, bei wichtigen Ereigniſſen unterworfen ſind, mögen wir ſie auch noch ſo ſehr erwartet haben. 3 „Ihr habt meinen Vorſatz und meinen Verdacht nicht miß⸗ deutet,“ antwortete er endlich;„denn ich geſtehe, gerade dieſes Schiff habe ich aufgeſucht; ich nehme den Dienſt darauf an, und von die⸗ ſem Augenblick an mögt Ihr mich überall hinſtellen, wo Ihr meint, daß ich am beſten mit Ehre meine Pflicht erfüllen kann.“⸗ „Ihr ſeid mir der Nächſte. Morgen ſoll es auf dem Quarter⸗ ddeeck bekannt gemacht werden; und im Fall meines Todes, ich müßte mich denn ſehr in meinem Manne betrügen, müßt Ihr mein Nach⸗ 16 folger werden. Das kann Euch als ein zu plötzliches Vertrauen auffallen. Es iſt's auch theilweiſe, ich muß es geſtehen; aber unſere Schiffsliſte kann nicht, wie die des Königs, unter Trommelſchlag in den Straßen der Hauptſtadt eröffnet werden, und dann müßte ich mich nicht auf ein Menſchenherz verſtehen, wenn mein offenes Vertrauen auf Eure Treue nicht ſchon durch ſich ſelbſt Eure An⸗ hänglichkeit an mich verſtärkte.“ „So iſt',“ rief Wilder mit plötzlicher tiefer Erregung.„Aber da wir wir jetzt einander verſtehen, will ich nicht länger beläſtigen, ſondern Euch für die Nacht verlaſſen, und am Morgen zu meiner Pflicht zurückkehren.“ „Mich verlaſſen!“ entgegnete der Seeräuber, indem er ſchnell mit ſeinem Herumſchreiten innehielt und feſt ſeine Augen auf den Andern heftete.„Meine Ofſiziere pflegen mich nicht um dieſe Stunde zu verlaſſen. Ein Seemann muß ſein Schiff lieben, und nie ohne Noth außer ihm ſchlafen.“ „Auch darin werden wir uns leicht verſtehen,“ ſagte Wilder ſchnell.„Wenn Ihr mich zum Sklaven, wie einen Riegel oder eine Klammer im Schiff haben wollt, ſo iſt unſer Handel zu Ende.“ „Hm. ich bewundere Euren Muth, Herr, weit mehr als Eure Vorſicht. Ihr werdet an mir einen anhänglichen Freund finden, der auch die kürzeſte Trennung wenig liebt. Iſt hier zu Eurer Befriedigung nicht genug? Ich will von den gemeinen Rückſichten nicht ſprechen, in ſo weit ſie die gewöhnlichen Bedürfniſſe betreffen. Aber Ihr kennt den Werth der Bildung, hier ſind Bücher;— Ihr habt Geſchmack, hier iſt Eleganz;— Ihr ſeid arm, hier iſt Reich⸗ thum.“ „Sie nützen nichts ohne Freiheit,“ entgegnete kalt der Andere. „Und welche Freiheit verlangt Ihr? Ich hoffe, junger Mann, Ihr werdet nicht ſo bald das in Euch geſetzte Vertrauen verrathen. Unſere Bekanntſchaft iſt nur neu, und ich könnte in meinen Eröff⸗ nungen zu haſtig geweſen ſein.“ „Ich muß auf das Land zurück,“ fuhr Wilder mit Feſtigkeit fort;„wär's auch nur, um zu ſehen, daß man mir vertraut, und ich kein Gefangener bin.“ „In all' dem iſt Edelmuth oder Schurkerei,“ begann der Räuber wieder nach einem Augenblick ernſten Nachdenkens.„Ich 17 will das Erſtere glauben. Erklärt mir, daß, ſo lange Ihr in Newport ſeid, Ihr keine Seele von dem wahren Charakter des Schiffes benachrichtigen wollt.“ „Ich ſchwör' es,“ fiel Wilder eifrigſt ein;„ich erkläre frei und unumwunden, daß, ſo lange ich in Newport bin, ich Nieman⸗ den den Charakter des Schiffes gegen Euren Wunſch oder Befehl entdecken will. Ja noch mehr—— „Nichts mehr. Es iſt weiſe, mit Verpflichtungen ſparſam zu ſein, und nicht mehr zu ſagen, als die Gelegenheit verlangt. Die Zeit könnte kommen, wo es Euch günſtig ſein könnte, durch kein Verſprechen gebunden zu ſein, ohne daß es mir Schaden bringt. In einer Stunde ſollt Ihr landen; dieſe Zeit wird nöthig ſein, Euch mit den Bedingungen Eurer Anwerbung bekannt zu machen, und meine Rolle mit Eurem Namen zu ſchmücken, Roderich,“ fuhr er fort, und berührte eine Glocke,„herbei, Junge!“ Ein flinker Knabe eilte herzu, und meldete ſeine Gegen⸗ wart an. „Roderich,“ begann wieder der Räuber,„dieß iſt mein künf⸗ tiger Lieutenant, und folglich dein Offizier und mein Freund. Wollt Ihr etwas zu Euch nehmen, Sir? Nur wenige Bedürfniſſe gibt es, denen Roderich nicht abhelfen könnte.“ „Ich dank' Euch, ich bedarf nichts.“ „Dann habt die Güte und folgt dem Jungen, er wird Euch in das Speiſezimmer unten führen, und Euch die geſchriebenen An⸗ ordnungen einhändigen. In einer Stunde habt Ihr wohl das Ge⸗ ſetzbuch verdaut, und dann werde ich wieder bei Euch ſein.“ Die untern Zimmer des Schiffes, wohin Wilder geführt wurde, obgleich ihre Geräthſchaften weniger in die Augen fielen, als die im oberen Kabinet, waren doch ebenfalls mit vieler Rückſicht auf Reinlichkeit und Bequemlichkeit ausgeſtattet. Einige Kammern für die Dienerſchaft nahmen den äußerſten Hintertheil des Schiffes ein, und hingen durch Thüren mit dem Speiſezimmer der Offiziere, oder, wie es in der techniſchen Sprache hieß, der Wachſtube zuſammen. Auf beiden Seiten von dieſem wieder lagen die Staatszimmer, näm⸗ lich die Schlafzimmer derer, die auf die Ehre des Quarterdecks Anſpruch machen durften. Vor dem Wachzimmer kamen die Ge⸗ mächer der untern Offiziere, und gleich vor ihnen waren die See⸗ Seeräuber. 2 ſoldaten mit ihrem Befehlshaber, den ſie„General“ nannter ei quartiert, und bildeten durch ihre Mannszucht eine Schra⸗ ſchen den undisciplinirten Seeleuten und deren Oberen. Es lag in dieſer Anordnung wenig Abweichendes vo gewöhnlichen Beſchaffenheit der Kriegsſchiffe derſelben Art Stärke, wie das Raubſchiff, aber es war Wilder'n nicht entgangen, daß das Bollwerk bei weitem ſtärker als gewöhnlich war, und eine kleine Haubitze hatte, die im Nothfall innerlich gebraucht werden konnte. Die Thüren waren von außerordentlicher Feſtigkeit. Mus⸗ keten, Büchſen, Piſtolen, Säbel, Halb⸗Piken u. ſ. w. hingen an den Balken und dem Geſims, oder dienten den verſchiedenen Wänden als Zierrathen, mit einer Verſchwendung, welche deutlich zeigte, ſie ſeien da eben ſo ſehr zum Gebrauch, als zur Schau. Kurz, dem Auge des Seemanns verrieth Alles, daß die Offiziere des Schiffes nichts zu ihrer Sicherheit, der Mannſchaft gegenüber, verſäumt hat⸗ ten. In dem vornehmſten der unteren Gemächer oder dem Offiziers⸗ zimmer fand eine Stunde ſpäter der Räuber ſeinen neuangeworbenen Lieutenant, dem Anſchein nach beſchäftigt, die Verordnungen des Dienſtes, in die er getreten, durchzuſtudiren. Er näherte ſich dem Winkel, worin Jener ſich niedergeſetzt, und ſagte auf eine freie, ver⸗ trauende und ſelbſt ermuthigende Weiſe: „Ihr findet wohl unſere Geſetze hinlänglich beſtimmt, Maſter Wilder?“ „Daran fehlt's ihnen nicht; wenn man ſie ausüben kann, dann iſt's gut;“ entgegnete der Andere und erhob ſich, ſeinen Vor⸗ geſetzten zu begrüßen.„Ich habe nie ſo ſtrenge Regeln gefunden, ſelbſt nicht in——“ „Wo denn, Sir?“ fragte der Räuber, als er bemerkte, daß ſein Gefährte zögerte. „Ich wollte ſagen, ſelbſt nicht in Sr. Majeſtät Dienſt,“ ent⸗ gegnete Wilder, und ward etwas roth.„Ich weiß nicht, ob es ein Fehler oder eine Empfehlung ſein mag, in einem königlichen Schiff gedient zu haben?“ „Das letztere, wenigſtens ſollte ich ſo denken, da ich in dem⸗ ſelben Dienſte mein Gewerbe gelernt habe.“— „Auf welchem Schiffe?“ fiel Wilder ein.. „Auf vielen;“ war die kalte Antwort.„Aber da wir von ———— V 19. ſtrengen Geſetzen reden, werdet Ihr bald bemerken, daß in einem Dienſt, wo keine Gerichtshöfe an der Küſte ſind, uns zu ſchützen,— noch andere Kreuzer, um auf einander Acht zu haben, eine große Gewalt nothwendig in der Hand des Befehlshabers ruhen muß. Ihr findet mein Anſehen zu ſehr ausgedehnt?“ „Ein wenig unbegrenzt,“ ſagte Wilder mit einem Lächeln. „Doch hoffe ich, Ihr werdet nie Urſache haben, zu ſagen, es werde willkührlich ausgeübt;“ entgegnete der Räuber.„Aber Eure Stunde iſt gekommen, und Ihr könnt jetzt an's Land gehen.“ Der junge Mann dankte mit einer höflichen Verneigung des Hauptes und erklärte ſeine Bereitwilligkeit. Als ſie die Leiter in das obere Kabinet hinaufſtiegen, bedauerte der Kapitän, daß die Stunde und die Nothwendigkeit, das Incognito ſeines Schiffes zu wahren, ihm nicht erlaubte, einen Offizier von ſeinem Range ſo an die Küſte zu ſchicken, wie er es gern möchte. „Aber da iſt das Boot, in welchem Ihr herkamt; es liegt noch neben dem Schiffe, und Eure beiden ſtattlichen Burſche werden Euch bald an das Land hinüberrudern. Was dieſe Beiden ferner betrifft,— ſind ſie in unſerm Vertrag mit eingeſchloſſen?“ 4„Sie haben mich nie ſeit meiner Kindheit verlaſſen, und möch⸗ ten es auch jetzt nicht gern thun.“ „Es iſt ein ſonderbares Band, das zwei ſo ſeltſam geſtaltete Leute an einen Mann feſſelt, der durch Sitte und Erziehung ſo himmelweit über ihnen ſteht,“ entgegnete der Räuber. „So iſt's,“ erwiederte Wilder ruhig;„aber da wir Alle See⸗ leute ſind, iſt der Unterſchied doch nicht ſo groß, als man zuerſt denken möchte. Ich will jetzt zu ihnen und Gelegenheit nehmen, ſie wiſſen zu laſſen, daß ſie für die Zukunft unter Euren Befehlen 3 ſtehen.“ Dies geſchah, die Begleitung der Matroſen wies Wilder aber zurück. Der junge Mann nahm von ſeinen Gefährten Abſchied, und ſtieg allein in das Boot. Als er mit kräftigem Arm vom dunkeln Schiffe abſtieß, ruheten ſeine Augen mit der Luſt eines Seemann's 1 auf der Ordnung und Zierlichkeit ſeines Tackelwerks, und glitten dann von da auf die untere Maſſe des Gebälks. Eine leichtge⸗ 2*½ 8 8 20 baute, gedrungene Geſtalt ſah er dort auf dem Bugſprit ſtehen, und trotz der ſchwachen Helle des umwölkten Sternenlichts konnte Wilder in ihr die Perſon des Räubers erkennen. Drittes Kapitel. Nicht ohne Abſicht hatte Wilder verlangt, noch einmal das Land betreten zu dürfen. Er wollte einen Verſuch machen, die Toch⸗ ter des Generals Grayſon abzuhalten, mit dem Kauffahrer zu ſegeln, welchen der Seeräuber zu ſeiner Beute auserſehen hatte. Wilder kannte den General perſönlich, und dies veranlaßte ihn, jedes Mit⸗ tel— Wortbruch und Verrath ausgenommen— anzuwenden, Miß Grayſon vor dem ihr drohenden Schickſale der Gefangenſchaft zu bewahren. Aber ſeine edelherzigen Bemühungen ſollten nicht von Erfolg gekrönt werden. Seine Andeutungen und verſteckten Warnungen wurden in den Wind geſchlagen, als er die Damen am nächſten Tage aufſuchte. Miß Grayſon ſowohl, wie Miſtres Wyllys, ihre Gouvernante, beſtanden darauf, mit der„Karoline“ zu ſegeln, und ſchifften ſich wirklich in einem Boote dahin ein. Wilder, der ihnen bis an den Strand gefolgt war, ſah ihnen betrübt nach, als plötzlich Jemand ſeine Schulter berührte, und ihn aus ſeinem Nachſinnen aufſtörte. Er blickte in die Höhe, und ſah den Knaben Roderich, den er bereits auf dem Freibeuter⸗Schiffe kennen gelernt hatte. „Was willſt du von mir?“ fragte er ihn. „Ich habe den Auftrag, Euch dieſe Befehle zu überbringen,“ antwortete der Abgeſandte.. „So? In dieſem Falle muß ich alſo ſehen, was dies Schrei⸗ ben enthält! Sollſt du eine Antwort erwarten?“. Bei dieſen Worten hatte Wilder das Siegel des ihm über⸗ reichten Briefes gebrochen, und erhob nun das Auge, um die Ant⸗ —,—————— 21 wort des Boten zu vernehmen; aber dieſer war bereits verſchwun⸗ den. So entfaltete er denn den Brief und las: „Ein unangenehmes Ereigniß hat den Herrn des Schiffs, die königliche Karoline genannt, welches bereit iſt, unter Se⸗ gel zu gehen, außer Stand geſetzt, ſein Amt zu verrichten; ſein Conſignatair getraut ſich nicht, das Komando deſſelben dem zweiten Offizier zu übergeben, und doch muß das Schiff abſegeln. Ich höre, daß es für einen Schnellſegler gilt. Wenn Ihr einige Papiere beſitzt, womit Ihr Euer gutes Betragen und Eure Kenntniſſe darthun könnt, ſo benntzet dieſe Gele⸗ genheit und bewerbt Euch um den Platz, zu deſſen Beſetzung Ihr beſtimmt berufen ſeid. Ihr ſeid einigen Intreſſenten be⸗ zeichnet worden, und ſchon ſucht man emſig nach Euch. Wenn dieſer Brief Euch bei guter Zeit trifft, ſo ſeid munter und ſäumt nicht. Zeiget keine Verwunderung, wenn Ihr auch noch ſo unerwartete Unterſtützung findet. Meine Agenten ſind zahlreicher als Ihr glaubt; und zwar aus dem einfachen Grunde, weil das Gold gelb iſt, obgleich ich bin Roth.“ Unterzeichnung, Inhalt und Styl ließen in Wilder's Seele keinen Zweifel über den Verfaſſer des Briefes aufkommen, einen Blick um ſich werfend, ſprang er in eine Barke und ehe die, worin die reiſenden Damen ſaßen, das Schiff noch erreicht, hatte er ſchon die Hälfte des Raumes zwiſchen Ufer und Schiff durchrudert. Er ließ mit eben ſo gewandtem als kräftigem Arme die Ruder ſpielen, und befand ſich bald auf dem Verdeck der königlichen Karoline. Nachdem er ſich durch die Menge von Ueberflüſſigen welche gewöhn⸗ lich das Verdeck eines ſegelfertigen Schiffes verſperren, einen Weg gebahnt hatte, gelangte er bald an einen Theil des Schiffes, wo ein Kreis von geſchäftigen und unruhigen Geſtalten ihn diejenigen zu finden Hoffnung machte, welche bei der Entſcheidung ſeines Schick⸗ ſals am meiſten betheiligt waren. Bis dahin hatte er kaum das Weſen ſeiner ſo raſchen Unternehmung klar aufgefaßt, viel weniger darüber nachgedhacht. Aber nun war er zu weit gegangen, um noch zurücktreten zu können, ſelbſt wenn er Neigung dazu gehaht hätte, und er konnte ſeinem Vorhaben nicht entſagen, ohne befürchten zu müſſen, gefährlichen Argwohn zu erregen. 4 3 zes wirklich der Fall iſt, von zwei ſo achtbaren und ſo reichen Häu⸗ 22 Er nahm ſich nur Eine Minute, um ſeine Gedanken zu ſam⸗ meln; dann fragte er:„Seh' ich den Eigenthümer der Karoline vor mir?“ „Unſer Haus iſt Conſignatair dieſes Schiffes,“ erwiederte ein Menſch von ſtillem ruhigen Aeußern, aber mit einem Zug von Bösartigkeit in ſeinem Geſichte. Er trug die Kleidung eines reichen und zugleich ſparſamen Kaufmanns. „Ich habe vernommen, daß Ihr einen erfahrenen Seeoffizier bedürft.“ „Erfahrne Seeoffiziere ſind gerade das, was man auf einem Schiffe braucht, welches koſtbare Ladung hat, und ich ſchmeichle mir, daß dies bei der Karoline der Fall iſt.“ „Aber ich habe erfahren, daß Ihr Jemanden bedürft, der auf eine gewiſſe Zeit das Kommando darauf führe.“ „Wenn der Kommandant der königlichen Karoline ſich außer Stand befindet, ſein Amt zu verſehen, ſo könnte die Sache gewiß geſchehen. Sucht Ihr Anſtellung?“ „Ich komme, mich um die erledigte Stelle zu bewerben.“ ³ „Es wäre klüger geweſen, erſt Gewißheit darüber zu erhalten, ob eine erledigte Stelle zu beſetzen ſei. Doch könnt Ihr gewiß nicht den Oberbefehl über ein Schiff wie dieſes verlangen, ohne hin⸗ reichende Zeugniſſe für Eure Tauglichkeit und Eure Kenntniſſe bei⸗ zubringen?“ „Ich hoffe, daß dieſe Papiere Euch genügen werden,“ ſagte Wilder, und überreichte dem Menſchen ein Päckchen unverſiegelter Briefe. Während der Kauf⸗ und Handelsherr dieſe Zeugniſſe las, denn dies waren in der That die ihm überreichten Schriften, ruh⸗ ten ſeine Augen bald auf dem Papiere, bald ſchweifte ſein Blick über die Brille hinaus, um ſich auf den Mann zu richten, von welchem darin die Rede war, ſo daß man deutlich ſah, er ſuche ſich durch eigene Beobachtung von der Wahrheit deſſen zu überzeugen, was er las. „Hm!“ ſagte er endlich;„hier ſind in Wahrheit herrliche Zeugniſſe zu Euren Gunſten, junger Mann, und wenn Sie, wie ſern kommen, wie Spriggs, Boggs und Tweed; und Hammer und Briefe,—„ah! Herr Wilder. Bei einem Geſchäftsanerbieten kann Hacket, dann haben Sie ein Recht auf großes Vertrauen.“ „Weil Ihr ſo große Stücke auf ſie haltet; ſo hoffe ich, Ihr werdet mich nicht voreilig nennen, wenn ich auf ihre Empfehlun⸗ gen baue.“ „Ganz und gar nicht, ganz und gar nicht, Herr.... Herr....“ ſagte der Kaufmann, mit einem abermaligen Blicke auf einen der nicht von Voreiligkeit die Rede ſein. Ohne Kauf⸗ und Verkauf⸗ Anerbieten würden unſre Waaren nicht aus einer Hand in die andere gehn, mein Herr,— hal ha! ha!— würden uns keinen Nutzen bringen; Ihr verſteht, junger Mann?“ „Ich fühle die Wahrheit deſſen, was Ihr ſagt, und da⸗ rum bitte ich um Erlaubniß, Euch mein Anerbieten zu wieder⸗ holen!“ „Vollkommen gut! Vollkommen vernünftig! Aber Ihr könnt, Herr Wilder, nicht hoffen, daß wir eine Stelle an Bord dieſes Schiffes erledigen, blos um ſie Euch zu geben, obgleich ich zugeben muß, daß Eure Zeugniſſe vortrefflich ſind;— ſo gut als eine Anweiſung von Spriggs, Boggs und Tweed ſelbſt unterzeichnet. — Aber wir können nicht darum eine Stelle erledigen.“ „Man hatte mich verſichert, daß ein ſo bedeutender Unfall dem Herrn dieſes Schiffes zugeſtoßen....“ „Ein Unfall, ja;— aber bedeutend, nein;“— ſagte der ſchlaue Kaufmann, mit einem Blicke auf mehrere Perſonen, welche ſich nahe genug befanden, um es hören zu können.„Es iſt ihm wirklich ein Unfall begegnet, aber nicht bedeutend genug, um ihn zu nöthigen, ſein Schiff zu verlaſſen. Ja, ja, meine Herren, das gute Schiff, die königliche Karoline, wird ſeine Reiſe machen, wie gewöhnlich, der Sorgfalt eines alten Seeoffiziers, Nicolaus Nicholls anvertraut.“ „In dieſem Fall, mein Herr, thut es mir leid, Euch koſtbare Augenblicke geraubt zu haben,“ ſagte Wilder, ihn mit der Miene getäuſchter Erwartung grüßend, und eine Bewegung machend, ſich zu entfernen. .„Eilt nicht ſo ſehr, junger Mann, eilt nicht ſo ſehr. Man ſchließt einen Handel nicht ſo ſchnell ab, wie ein Segel von ſeiner ——— 24 Raa fällt. Es iſt möglich, daß man Euch nützlich anſtellen kann, wenn auch nicht in einer Weiſe, wodurch man Euch die Geſchäfte und Verantwortlichkeit eines Schiffherrn aufbürdet. Wie hoch ſchätzt Ihr den Titel: Kapitän?“ „Ich bekümmere mich ſehr wenig um den Namen, wenn ich das Zutrauen und die Macht genieße.“ „Ein verſtändiger, junger Mann!“ murmelte der kluge Kauf⸗ mann,„ein junger Mann, der zwiſchen Weſen und Schatten den gehörigen Unterſchied macht!— Ihr müßt aber doch bei ſo viel geſundem Menſchenverſtand und Kenntniſſen, als Ihr habt, wiſſen, daß immer der Gehalt dem Titel angemeſſen iſt.— Wenn ich in dieſer Sache für mich ſelbſt handelte, ſo würde ſie ein ganz anderes Anſehen gewinnen, da ich indeſſen nur der Agent eines Anderen bin, ſo iſt es meine Pflicht, die Intereſſen meines Principals zu wahren.“ „Der Gehalt wird in meinen Rechnungen gleich Null geach⸗ tet,“ rief Wilder, mit einer Lebhaftigkeit, welche ihn leicht hätte ver⸗ rathen können.„Ich verlange nur Anſtellung.“ „Und dieſe ſollt Ihr bekommen; und ſollt auch finden, daß wir für Leute, welche mit uns unterhandeln, offene Hände haben. — Einen Vorſchuß für eine nur einmonatliche Reiſe dürft Ihr freilich nicht erwarten; noch die Erlaubniß zu einer Beilaſt auf dem Schiffe, weil es ſchon vollgeſtaut iſt bis zu den Luken; noch auch einen ſehr beträchtlichen Gehalt, weil wir Euch blos annehmen, um uns einen ſo würdigen jungen Mann verbindlich zu machen, und um die Empfehlung eines ſo ehrenwerthen Hauſes wie Spriggs, Boggs und Tweed zu honoriren; aber Ihr ſollt uns freigebig fin⸗ den,— ſehr freigebig.“ Der Handelsmann nahm jetzt Wilder bei Seite, und die Be⸗ dingungen der Anſtellung des jungen See⸗Offiziers wurden feſt⸗ geſetzt. Der wirkliche Kapitän ſollte an Bord bleiben, obgleich ein gebrochenes Bein ihn auf Wochen hinaus daran hinderte, ſeine Kajüte zu verlaſſen, und ſeine Befugniſſe ſollten mittlerweile durch Wilder ausgeübt werden. Ein beſtimmter, wenn auch kärglicher Gehalt wurde dem jungen Seemann für ſeine Dienſte ausgeſetzt, und nun verließ der Conſignatair das Schiff, völlig zufrieden mit der klugen und ſparſamen Weiſe, wie er ſeine Pflichten gegen ſeinen Principal erfüllt zu haben glaubte. 25 Ein guter Theil des Tages war während der eben geſchilder⸗ ten Scenen verſtrichen. Der Wind war eingetreten, obgleich nicht ſonderlich ſtark. Sobald Wilder ſich von den Müßiggängern, welche nach dem Ufer zurückgeſchickt wurden, und von dem geſchäftigen Conſignatair befreit ſah, blickte er ſich in der Abſicht um, ſich ouf der Stelle in Beſitz des höchſten Anſehens zu ſetzen. Er ließ den Steuermann rufen, that ihm ſeinen Willen kund, und zog ſich auf einen Punkt des Verdeckes zurück, von wo er mit Muße alle Theile des Schiffes, über welches er ſeit wenigen Augenblicken den Ober⸗ befehl führte, betrachten, und über die außerordentliche und uner⸗ wartete Lage, in der er ſich befand, nachdenken konnte. Die königliche Karoline hatte allerdings einige Anſprüche auf den erhabenen Namen, welchen ſie trug. Es war ein Schiff von jenem glücklichen Bau, welcher das Nützliche mit dem Angenehmen verbindet. Der Brief des Korſaren ſagte, daß es für einen Schnell⸗ ſegler gelte, und der junge und einſichtsvolle Befehlshaber ſah mit ungemeiner innerlicher Zufriedenheit, daß es ſeinen Ruf in keiner Weiſe Lügen ſtrafte. Sein Auge war lebendig beim raſchen Ueber⸗ blick aller Einzelnheiten des Schiffes, das er befehligte, und ſeine Lippen regten ſich wie die eines Menſchen, der ſich innerlich Glück wünſcht, oder ſich einigen von Eigenliebe eingeflößten Gedanken hin⸗ giebt, die er aus einem Gefühle von Anſtand nicht laut werden läßt. Die Mannſchaft war unter des Steuermanns Befehl gerade bei der Spille, und hatte das Aufwinden des Ankertau's begonnen. Bei dieſer Arbeit kann ſich ſehr vortheilhaft, ſowohl die einzelne, als auch die Geſammtkraft Aller zeigen, welche ſich damit beſchäf⸗ tigen. Die Bewegungen der Mannſchaft waren taktmäßig, lebhaft und kraftvoll, ihre Töne wohlklingend und munter. Gleichſam um ſeinen Einfluß zu verſuchen, erhob unſer Abentheurer ſeine Stimme mitten unter denen der Matroſen, und ließ einen Zuruf vernehmen, überraſchend und ermunternd, ganz in der Art, in welcher ein See⸗ offizier gewohnt iſt, ſeine Untergebenen anzufeuern. Sein Ton war feſt, eindringend und gebietend. Die Matroſen fuhren auf wie kühne Renner beim Signale, und jeder warf einen Blick rückwärts, wie um die Talente ſeines neuen Befehlshabers zu prüfen. Wilder lächelte wie ein Mann, der mit dem Erfolge einer Bemühung zu⸗ 26 ——— 4 frieden iſt, und wandte ſich um, um auf dem Hinterkaſtell ſpazieren zu gehen, wo er dem ruhigen nachdenkenden, aber ſehr erſtaunten Auge der Mrs. Wyllys begegnete. „Nach der Warnung, die es Ihnen gefallen hat, uns in Be⸗ treff dieſes Schiffes zu geben,“ ſagte ſie zu ihm,„iſt es mir ſehr 2 unerwartet, Sie hier eine Stelle einnehmen zu ſehen, welche mit. ſo vieler Verantwortlichkeit verbunden iſt.“ 8„Sie wiſſen doch wahrſcheinlich, Miß,“ antwortete der junge Seemann,„daß dem Schiffsherrn ein ſehr verdrießlicher Unfall wie⸗ derfahren iſt?“ „Ich weiß es, und habe gehört, daß man einen andern Offi⸗ 1 zier gefunden, um für den Augenblick ſeine Stelle einzunehmen.“ „Ich bin mit der Führung des Schiffes für die ganze Reiſe beauftragt,“ ſagte Wilder. „Wir dürfen demnach hoffen, daß die Gefahr, die Sie geſehen, dder zu ſehen ſich eingebildet haben, in Ihren Augen unbedeuten⸗ der geworden iſt, ſonſt wären Sie wohl nicht ſo bereit geweſen, ſich mit uns derſelben auszuſetzen.“ „Sie laſſen mir nicht Gerechtigkeit wiederfahren, Miß,“ ant⸗ wortete Wilder mit Wärme,„es giebt keine Gefahr, der ich mich nicht unaufgefordert und ohne mich zu beſinnen, ausſetzte, um Sie vor jeder Unannehmlichkeit zu beſchützen, Sie, und dieſe junge Dame, 83 Miß Grayſon.“ „Nun denn, ich danke Ihnen und will das Beſte hoffen. Da 6 das Schiff aber Ihrer Sorge bedarf, ſo will ich Sie nicht länger 8 abhalten.“ 3 „Liebe Gertrude,“ wandte ſie ſich hierauf an ihre Begleiterin, „es iſt bekannt, daß die Frauen auf Schiffen nur hinderlich ſind, laß uns deshalb gehen.“ 4 „Getrude folgte ihrer Gouvernante nach der andern Seite des Verdeckes. Nachdem Beide ſich in eine einſame Ecke, wo ſie den Arbeitern nicht hinderlich ſein konnten, zurückgezogen hatten, über⸗ nahm der junge Seemann wieder den Befehl über das Schiff. Der V Anker war bereits gelichtet, und die Matroſen mit dem Beiſetzen der Segel beſchäftigt. Wilder arbeitete ſelbſt an dieſem Werke mit ſieberhafter Haſt, wiederholte die nöthigen Befehle, welche der Steuer⸗ „ 27 mann gab, und wachte ſelbſt über ihre ſichere unmittelbare Voll⸗ ziehung. Alle Segel waren jetzt geſpannt, von den Toppſegeln bis zu den unterſten, das Schiff war mit ſeinem Vordertheil nach der Aus⸗ fahrt gerichtet, ſegelte erſt langſam, allmählig ſchneller vorwärts, und dann vorüber an dem in tiefer Stille liegenden, angeblichen Sklavenſchiffe. Wilder beobachtete daſſelbe mit geſpannter Aufmerk⸗ ſamkeit, als ob er Furcht hätte, daß ſchon hier ein Angriff geſchehen würde. Aber kein Mann ließ ſich am Bord des Freibeuters blicken, und als die„Karoline“ die offene See gewann, athmete Wilder er⸗ leichtert auf. Er fing an zu hoffen, daß es ſeiner Geſchicklichkeit gelingen würde, ſich dem Ueberfall des Seeräubers zu entziehen, und ihm zu entrinnen. „Leute an die Spille!“ rief er in kräftigem Tone.„Wir müſſen ſuchen, den Wind zu benutzen, der ſich erhebt, und das Schiff, ſo lange noch Tag iſt, auf die hohe See zu führen.“ Ein günſtiger Wind von der Seeſeite ſtellte ſich bald ein. Man hörte ihn im Tauwerk pfeifen,— eine dem Ohre des See⸗ manns liebliche Muſik. Dieſer ermunternde Ton, und die beſondere Friſche der Luft erweckten in den Matroſen neue Kraft zur Aus⸗ führung ihrer Manöver, und das Vordertheil der Karoline ſpaltete bald mit großer Schnelligkeit die ſchäumenden Wogen. Nicht lange dauerte es, ſo ſchwand auf beiden Seiten das Land, und nur auf dem Backbord erblickte man es noch. Man be⸗ nachrichtigte die beiden Damen, daß es jetzt Zeit ſei, dem Lande Lebewohl zuzurufen; die Offiziere merkten ſich eben den Punkt der Abreiſe an. Als der Tag zu ſchwinden begann, erſtieg Wilder eine der höchſten Raaen und blickte lange und angelegentlich durch das Teleskop nach dem Hafen, den ſie ſo eben verlaſſen. Als er wie⸗ der herabſtieg, war ſein Auge ruhiger, ſeine Miene heiterer. Ein Lächeln der Zufriedenheit ſpielte um ſeine Lippen; in fröhlichem und ermunterndem Tone gab er wohlberechnete Befehle. Sie wur⸗ den pünktlich erfüllt. Die älteſten Matroſen deuteten auf die Wo⸗ gen, die das Schiff durchpflügte, und ſchworen, daß ſie niemals die Karoline ſo raſch hätten ſegeln ſehen. Die Offiziere befragten das Log, und machten ſich freudig auf die Pfeilſchnelle aufmerkſam. Mit einem Wort, Zufriedenheit und Fröhlichkeit herrſchten am Bord, „ ₰ 28 denn eine Ueberfahrt, glaubte man, die unter ſo guten Vorzeichen begonnen, müſſe bald und glücklich enden. Mitten unter dieſen günſtigen Vorbedeutungen, ſank die Sonne in das Meer, und über⸗ glänzte in ihrem Falle eine weite Fläche dieſes kalten und düſtern Elementes. Endlich aber wurde es dunkler, und die Schatten der Nacht begannen ſich über die unendlichen Räume dieſes grenzenloſen Abgrundes zu lagen. Viertes Kapitel. Die Nacht war mehr duftig und trübe, als eigentlich finſter. Eben war der Vollmond aufgegangen, aber er nahm ſeinen Lauf an dem Himmel hinter einer Maſſe düſtern Gewölkes, das zu dicht war, als daß ſeine Strahlen hätten durchdringen können. Hier und da ſchien jedoch ein ſchwacher Strahl ſich durch minder dichte Wolken Bahn brechen zu wollen, und ſchimmerte auf den Wellen wie ferner Kerzenſchein. Da der Wind ſcharf aus Oſten blies, ſchien das Meer von ſeiner bewegten Fläche mehr Licht abzuſtrah⸗ len, als es empfing; lange Lichtſtreifen funkelnden Schaumes glitzer⸗ ten nach einander her, und liehen von Zeit zu Zeit dem Waſſer eine Helle, die man am Himmel vermißte. Das Schiff neigte ſich ſehr nach der einen Seite, und jedesmal, wenn es eine Woge ſpal⸗ tete, die aus dem Ocean ſtieg, ſtrömte ein ſchöner Halbmond vor dem Vordertheil her, als ob die Wellen vor ihm tanzten. Allein wenn ſchon der Augenblick günſtig, der Wind nicht durchaus con⸗ trär, und das Firmament mehr finſter als eigentlich drohend war, ſo verlieh doch ein gewiſſes Licht, das jedem Andern, als einem Seemann unnatürlich ſcheinen mußte, der Scene einen Zug von öder Wildniß. Wilder verließ das Verdeck nicht, ſondern ſuchte mit ſcharfen Augen die Finſterniß zu durchdringen. Auch als die beiden Damen, ſeine Paſſagiere, oben erſchienen, geſellte er ſich nicht zu ihnen, denn er war zu ſehr in Nachdenken vertieft über die eigenthümliche Lage, in welche ihn Umſtände verſetzt hatten, die im Voraus gar nicht zu berechnen geweſen waren. Nicht einen Augenblick zweifelte er daran, daß der rothe Freibeuter ihn nur deßhalb auf das Kauf⸗ fahrer⸗Schiff beordert hatte, um ſich deſſelben ganz ſicher zu bemäch⸗ tigen. Wilder war aber keineswegs geneigt, dieſe Abſicht zu unter⸗ ſtützen, vielmehr wollte er nichts verſäumen, ſie vollſtändig zu ver⸗ eiteln..“ Plötzlich ſtutzte er, und eine gewiſſe Beſtürzung prägte ſich in ſeinen Zügen aus. 1 Er ſtand gerade nahe bei Mrs. Wyllys und Gertrude; ſie konnten in ſeinen Mienen einen Zug von innerer Unruhe unter⸗ ſcheiden, während ſich ſeine Augen plötzlich auf einen Punkt im Ocean hefteten, der ſich auf der entgegengeſetzten Seite des Schif⸗ fes befand. „Trauen Sie vielleicht dem Wetter nicht?“ fragte ihn Mrs. Wyllys beſorgt. „Wie der Wind jetzt ſteht, müßte ich nicht leewärts nach den Wetterzeichen ſehen;“ war ſeine Antwort. „Was feſſelt denn dort Ihren Blick ſo ſehr?“ Wilder hob langſam den Arm in die Höhe, und war eben im Begriff einen Finger auszuſtrecken, um ihr etwas zu zeigen, als er plötzlich ſeinen Arm wieder ſinken ließ. „Täuſchung!“ ſagte er, drehte ſich raſch auf der Ferſe um, und ſchritt noch raſcher über das Deck hin. Die Damen folgten mit den Augen den außerordentlichen und faſt unwillkührlichen Bewegungen des jungen Befehlshabers mit Erſtaunen und einer inneren Regung von Schrecken. Sie ſelbſt ließen ihre Augen über die ganze Waſſerfläche auf der Leeſeite ſchweifen, konnten aber nur die von glänzendem Schaume bedeckten Wogen ſehen, deren Blinken das Düſtere und Impoſante der gan⸗ zen Waſſermaſſe noch mehr hervorhob. „Wir können nichts ſehen,“ ſagte Gertrude, als Wilder wie⸗ der neben ihnen ſtand, und ſein Auge von Neuem in die leere Weite ſtarrte. „Sehn Sie dort!“ antwortete er, und leitete ihre Blicke mit ſeirrem Finger,„ſehen Sie nichts dort?“ „Nichts.“ — 30 „Sie ſehen auf das Meer. Da, gerade da, wo Himmel und Meer ſich berühren, längs jenem nebeligen Lichtſtreifen, in welchem die Wogen ſich hügelartig erheben. Sehn Sie, jetzt fällt eine Woge! nein! ich habe mich nicht getäuſcht, es iſt bei Gott, ein Schiff.“ „Ha! ein Segel!“ rief aus dem Maſtkorb eine Stimme, die unſerm Abentheurer wie das Aechzen eines Seegeſpenſtes tönte. „Wo aus?“ rief er ſchnell. „Auf unſerer Leeſeite, Sir,“ rief der Seemann aus Leibes⸗ kräften.„Ich halte es für dicht beim Winde; ſchon vor einer Stunde glich es mehr einem Nebel als einem Schiff.“ Ja, er hat Recht!“ murmelte Wilder vor ſich hin;„und doch iſt es befremdend, daß gerade in jenem Strich ein Schiff ſein ſollte.“ „Und warum befremdender, als daß wir gerade hier ſind?“ „Warum?“ fragte der junge Kommandant, und ſah Mrs. Wyllys mit ausdrucksloſen Blicken an,„warum? Ich ſage, es iſt befremdend, daß es dort ſteht; ich wollte aber, es ſteuerte gegen Norden.“ „Sie ſehen doch,“ fuhr er fort, und ſtreckte zum zweitenmal ſeinen Arm nach der bezeichneten Seite aus,„jenen düſtern Licht⸗ ſtreif— das Gewölke hat ſich zwar ein wenig gehoben, aber das Stäuben des Seewaſſers verſperrt uns die Durchſicht. Das Tau⸗ werk jenes Schiffes iſt an dem Himmel gezeichnet, wie ein Spinnen⸗ gewebe, und doch können Sie die drei Maſten eines ſtattlichen Schiffes erkennen.“ „Durch dieſe umſtändliche Beſchreibung ward Gertrude in Stand geſetzt, dieſen beinahe unſichtbaren Gegenſtand zu erkennen, und bald war es ihr auch gelungen, den Blicken ihrer Gouvernante die nöthige Richtung zu geben. Sie erblickte nur einen dunklen Punkt, den Wilder bezeichnend genug mit einem Spinnengewebe verglichen hatte.„Es muß ein Schiff ſein,“ ſagte Mrs. Wyllys, „aber in ſehr, ſehr großer Entfernung.“ „Hm! ich wollte, es wäre noch weiter entfernt. Ich wollte, es wäre an jedem andern Fleck der Welt!“ „Und warum? Haben Sie Urſache zu der Vermuthung, daß uns gerade da ein Feind erwarte?“ „Nein! aber ſeine Stellung mißfällt mir! Wollte Gott, es ſegelte nordwärts!“ 5 „Es iſt vermuthlich ein Schiff aus dem Hafen von New⸗York, und ſteuert nach einer Inſel Seiner Majeſtät, im karaibiſchen Meer.“ „Nein!“ ſagte Wilder kopfſchüttelnd;„kein Schiff, das von der Höhe von Neverſink kommt, hätte mit dieſem Winde die hohe See erreichen können.“ „Iſt's denn vielleicht ein Schiff, das mit uns ſegelt, oder nach einer Bai der mittleren Kolonien ſteuert?“ „In dieſem Falle würde ſeine Fahrt klarer ſein. Seht, es treibt in dem Winde.“ „Iſt es vielleicht ein Kauffahrer oder ein Kreuzer, der von einem der genannten Orte kommt?“ „Keins von beiden. Dazu hat der Wind ſeit zwei Tagen zu ſtark aus Norden geweht.“ „So iſt es denn ein Schiff, das aus den Gewäſſern von Long⸗Island kommt, und das wir eingeholt haben.“ „Das können wir noch hoffen,“ ſprach Wilder leiſe mit halb⸗ erſtickter Stimme.. Die Gouvernante, welche alle dieſe Vermuthungen blos in der Abſicht geäußert hatte, um dem Kommandanten der Karoline die Auskunft zu entlocken, die er mit ſo vieler Hartnäckigkeit ver⸗ weigerte, war jetzt mit ihrem Wiſſen zu Ende und hatte keine an⸗ dere Wahl, als ſich dem guten Willen des Seeoffiziers zu über⸗ laſſen, oder zu dem ſicheren Mittel, geradezu zu fragen, ihre Zuflucht zu nehmen. Wilder ſchien indeſſen für eine ſolche Unterredung all⸗ zuſehr beſchäftigt, denn er rief den wachthabenden Offizier zu ſich, und hielt eine kleine geheime Konferenz mit ihm. Dieſer, der den zweiten Rang auf dem Schiffe einnahm, ein wackerer Offizier, deſ⸗ ſen Verſtand aber nicht gerade ſehr durchdringend war, ſah in der Nähe eines Schiffes an dem Punkte, wo das unbekannte Segel noch ein dunkles, und beinahe ätheriſches Bild bot, eben nichts Be⸗ ſonderes. Er ſtand keinen Augenblick an, zu äußern, es ſei wohl ein Kauffahrer, der, wie die Karoline, einen erlaubten Handel triebe. Es' ſchien jedoch, als dächte ſein Kommandant anders hierüber, wie man aus dem kurzen Geſpräch, welches unter ihnen ſtattfand, er⸗ ſehen kann. „Iſt es nicht etwas ganz Beſonderes, daß es gerade da iſt?“ fragte Wilder, nachdem ſie wechſelweiſe durch ein treffliches Nacht⸗ rohr dieſen kaum zu unterſcheidenden Gegenſtand beobachtet hatten. „Auf der offenen See würde es ſich beſſer befinden,“ ſagte der Lieutenant, der nach dem Buchſtaben ging und deſſen Auge nur die nautiſche Lage des fremden Schiffes ſah;—„und uns ſelbſt ſollte es beſſer gerathen ſein, wenn wir ein Dutzend Meilen weiter oſtwärts wären. Wenn der Wind ſich ſo fort oſt⸗ſüd⸗halb⸗ſüd hält, ſo hätten wir des Freien noch niiht zu viel. Zwiſchen Hatteras und dem Golf ſaß ich einmal. Wilder unterbrach ihn.—„Sehen Sie denn nicht, daß es ſteht, wo kein Schiff wäre, noch ſein könnte, wenn es nicht gerade mit uns geſteuert wäre? Ich glaube es zu erkennen, und wir müſ⸗ ſen Alles verſuchen, um ihm zu entrinnen. Mr. Earing, wir wol⸗ len dem Schiffe eine andere Richtung geben, und Oſtwind fangen, ſo lange wir noch hinlänglich landfrei ſind. Dieß Manöver führt uns nach Hatteras. Ueberdieß. „Ja, Sir, wie Sie ſagten,“ fuhr der Lieutenant fort, als er ſah, daß ſein Kapitän ſtockte,„überdieß kann Niemand vorher wiſ⸗ ſen, wie lange eine Kühlte dauern, noch woher ſie kommen wird.“ „Gewiß, Niemand kann für das Wetter ſtehen. Unſere Leute ſind kaum in die Hängematte gekrochen; laſſen Sie ſie augenblicklich aufſtehen, ehe ihre Augen ganz ſchwer geworden, dann wenden wir das Schiff.“ Der Lieutenant ließ augenblicklich den wohlbekannten Ruf er⸗ tönen, welcher die Wache unter dem Decke zu ihren Kameraden rief. Kein Verzug! Kein anderes Wort, als Wiederholung des Kommando's, welches Wilder kurz, und mit gebietender Stimme ausrief! Nicht mehr an den Wind gedrückt, begann das Schiff, dem Steuerruder gehorſam, ſein Vordertheil von den Wogen abzuwen⸗ dden und ſich mehr auf die Seite zu legen. Jetzt, anſtatt endloſe Berge zu erſteigen, wie ein Menſch, der große Tropfen ſchwitzt, um ſeinen Weg fortzuſetzen, fiel das Schiff in hohle See, und er⸗ hob ſich wie ein Renner, welcher, auf di vien eines Berges 1 33 angelangt, ſeinen Weg mit verdoppelter Schnelligkeit fortſetzt. Einen Augenblick ſchien es, als ob der Wind ſich gelegt hätte, aber die breite, ſchäumende Furche, welche von beiden Seiten des Schiffes herabrollte, verkündigte, daß es vor dem Winde ſteure. Jetzt fin⸗ gen auch die oberſten Spieren an, ſich von Neuem gegen Weſten zu neigen; das Schiff ſtieß gegen den Wind, erneuerte ſeine An⸗ ſtrengungen und kämpfte gegen die Wogen an, wie vorher. Als alle Raaen und Segel der neuen Lage des Schiffs gemäß ſaßen, ſah ſich Wilder mit haſtiger Begierde nach dem fremden Se⸗ gel um; er mußte ſich erſt orientiren, um den Punkt zu treffen; denn in einem ſolchen Chaos von Waſſer, ohne andern Führer, als die eigene Urtheilskraft, konnte ſich das Auge leicht über nähere unbe⸗ kannte Gegenſtände täuſchen.. „Das Segel iſt fort,“ ſagte Earing mit einem Ton, in wel⸗ chem ſich Erleichterung des Herzens und zugleich Mißtrauen ſonder⸗ bar miſchten. „Hier iſt es!“ rief Wilder,„und hat, bei Gott! ſchon ge⸗ wendet!“ Die Wahrheit dieſes Wortes fiel jedem Seemann in die Au⸗ gen. Wie vorher, ſah man auf dem Hintergrunde des drohenden Horizonts dieſelben duftigen Umriſſe hingehaucht, den leichteſten Schatten vergleichbar, welche fantasmagoriſche Täuſchung auf hellern Grund zaubert. Seeleuten aber, welche wohl die ganz verſchiedene Linie erkannten, welche jetzt die Maſten dieſes Schiffes bildeten, war es klar, daß es plötzlich ſeinen Weg geändert hatte, und zwar mit bewundernswürdiger Gewandtheit, und daß es nun nicht mehr ſüdweſt, ſondern wie die Karoline nordoſt ſteuerte. Dieſer Vorfall machte einen ſtarken Eindruck auf die ganze Schiffsmannſchaft, ob⸗ gleich, wenn man die Beweggründe eines Jeden unterſucht hätte, man ſie wahrſcheinlich ſehr von einander verſchieden gefunden haben würde. „Das Schiff hat wahrlich gewendet;“ rief nach einer langen Pauſe des Nachdenkens Earing, mit einer Stimme, in welcher Miß⸗ trauen, oder vielmehr abergläubiſche Furcht vorherrſchte.—„Ich habe lange die See befahren, aber ich habe nie ein Schiff, ſo der Fluth von vorne trotzend wendel ſehen. Der Wind muß ihm ſehr arg mitgeſpielt haben, in der Zeit, als wir es ſuchten.“ Seeräuber. 4 3 „Ein behendes und leicht zu behandelndes Schiff kann ſo wenden,“ ſagte Wilder;„hauptſächlich wenn es eine große Zahl von Armen an Bord hat.“ „Daran fehlt's Beelzebub nie, und es würde ihn nicht viel koſten, dem plumpſten und trägſten Schiffe die Blitzesſchnelle des Pfeils mitzutheilen.“ „Mr. Earing,“ ſagte Wilder,„wir wollen alle Segel der Ka⸗ roline ſpannen, und das freche Schiff todtſegeln. Setzen Sie das große Segel bei, und laſſen Sie die Bramſegel los.“ Der Lieutenant, deſſen Verſtändniß nur langſam ging, hätte gern Gegenvorſtellungen gemacht, allein er wagte es nicht, denn in dem feſten, ruhigen und gemeſſenen Tone des jungen Kommandan⸗ ten lag etwas, das ihn einſchüchterte. Er hatte indeſſen nicht Un⸗ recht, wenn er der Meinung war, daß der eben erhaltene Befehl doch ein wenig gefährlich ſei. Die Karoline ging ſchon unter ſo vielen Segeln, als er überhaupt für gut hielt, ihr jetzt zu geben, da der Horizont mit ſchlechtem Wetter drohte. Indeſſen wiederholte er die Befehle, ſo ſchnell als er ſie empfangen. Die Matroſen, welche ſchon angefangen hatten, das fremde Segel zu betrachten, und unter ſich über ſeine Lage und ſeine Manöver zu ſprechen, ge⸗ horchten mit einer Emſigkeit, welche man einzig und allein dem ge⸗ heimen aber allgemeinen Verlangen zuſchreiben konnte, ſich von der unheimlichen Nachbarſchaft loszumachen. Die Segel waren raſch nach einander beigeſetzt, dann aber ſchlug jeder die Arme über die Bruſt, ſtarrte mit unverwandten Augen auf den fremden Gegen⸗ ſtand, oder vielmehr auf den Schatten auf der Leeſeite, und ſuchte die Wirkung zu errathen, welche das ausgeführte Manöver hervor⸗ bringen würde. Die königliche Karoline ſchien wie ihre Mannſchaft das Be⸗ dürfniß einer verdoppelten Schnelligkeit zu ſpüren. Sobald ſie den Druck der großen eben entfalteten Segel fühlte, neigte ſie ſich tie⸗ fer, und ſchien auf dem Waſſer, welches ſich auf der Windſeite bis an die Speigaten erhob, mehr zu liegen als zu ſegeln. Auf der andern Seite erſchienen mehrere Fuß breit ſchwarze Bretter und das polirte Kupfer entblößt, obgleich oft überſpiegelt von den grü⸗ nen und erbosten Wogen, die, blitzſchnell von einem Kamme blenden⸗ den Schaumes überglänzt, längs dem Schiffe daherrauſchten. Wäh⸗ 35 rend es ſo gegen die Wogen kämpfte, wurden die Stöße von Mo⸗ ment zu Moment heftiger, und bei jeder anpraſſelnden Woge ſprühte das Waſſer ein Gewölke von funkelndem Staube über das Deck hin, oder jagte es weit leewärts über die See. Wilder folgte lange mit Angſt den Bewegungen des Schif⸗ fes, und beobachtete ſie mit der tiefſten Sachkenntniß eines erprob⸗ ten Seemanns. Einige Male ſah er es nach einem heftigen Stoße gegen eine Woge erzittern, und ſcheinbar ſtille ſtehen, als ob es auf ein Riff aufgefahren wäre; dann zuckte es um ſeine Lippen, und man erwartete den Befehl, Segel einzuziehen; doch ein Blick auf den Nebelpunkt am weſtlichen Horizont, ließ ihn auf ſeinem erſten Entſchluß beharren. Wie ein entſchloſſener Spieler ſein Al⸗ les auf eine Karte ſetzt, ſo ſchien er das Reſultat ſeines Beginnens mit eben ſo ſtolzer als unerſchütterlicher Entſchloſſenheit abzuwarten. „Die Stange da oben biegt ſich wie eine Gerte,“ ſagte der unruhige Earing an der Seite ſeines Befehlshabers. „Thut nichts, wir haben Stangen genug.“ „Ich habe noch jederzeit die Karoline Waſſer ziehen ſehen, wenn ſie zu ſtreng gegen die Fluth getrieben wurde.“ „Dafür ſind Pumpen da.“ „Das iſt wohl wahr, Sir; allein nach meiner beſcheidenen Meinung, iſt es ſehr überflüſſig ein Schiff todt ſegeln zu wollen, in welchem der Teufel in ſelbſt eigener Perſon kommandirt, wo nicht gar manövrirt.“ „Das weiß man erſt, wenn man es verſucht hat.“ „Wir haben es auch einmal mit dem fliegenden Holländer, dem Geſpenſter⸗Schiff, verſucht; und wohlgemerkt, wir hatten nicht nur alle Segel auf, ſondern ſogar noch den Vortheil des Windes. Und der Erfolg? Da lag er mit drei Bramſegeln, Klüver und Treiber, wir aber, von oben bis unten Leeſegel, konnten ſeine Stel⸗ lung nicht um einen Fuß ändern.“ „Man ſieht den Holländer nie unter nördlicher Breite.“ „Ich kann zwar nicht behaupten, daß er da geſehen worden,“ entgegnete Earing mit etwas erzwungener Reſignation; der aber, der den Holländer auf die Höhe des Kaps geſchickt hat, kann die Küſtenfahrt ergiebig genug gefunden haben, um ein anderes derglei⸗ ſchen Fahrzeug in dieſe Gegend zu ſchicken.“ 5 ₰ 43 36 Wilder ſchwieg. Entweder mochte er der abergläubiſchen Furcht ſeines Lieutenants lange genug geſchmeichelt haben, oder er war zu ſehr mit der Hauptſache beſchäftigt, um ſich länger mit einem Ge⸗ genſtand zu beläſtigen, der ihm zu ferne lag, kurz, er antwortete nichts.— Obgleich die Wogen, durch welche die Karoline ſich ar⸗ beiten mußte, ihren Lauf bedeutend hemmten, ſo hatte ſie doch bald inmitten des furchtbar wüthenden Elementes eine Meile zurück⸗ gelegt. Jedesmal, wenn ſie niedertauchte, zertheilte ihr Bug eine Maſſe Waſſers, welche jeden Augenblick zunahm, und ſich mit wach⸗ ſender Heſtigkeit gegen den Kiel ſtürzte; und in mehr als einem Kampfe ſchien das Schiff, das immer fortſchritt, in einer Woge zu verſchwinden, die es weder zu durchbrechen, noch zu überſteigen vermochte. Die Aufmerkſamkeit der Seeleute folgte genau jeder auch noch ſo geringen Bewegung des Schiffes; nicht ein Mann verließ mehrere Stunden hindurch das Deck. Die abergläubiſche Furcht, welche ſich ſo ſehr des rohen Gemüthes des erſten Lieutenants be⸗ mächtigt hatte, theilte ſich ſchnell dem Schiffsvolke bis zum letzten Jungen mit. Selbſt der Unfall, der ihrem früheren Befehlshaber widerfahren, das unerwartete und geheimnißvolle Auftreten des jungen Offiziers, der jetzt, in Umſtänden, die als höchſt wichtig be⸗ trachtet wurden, mit ſo viel Ruhe und Feſtigkeit auf dem Hinter⸗ kaſtell auf und ab ging, trugen dazu bei, einen befremdenden Ein⸗ druck auf ſie zu machen. Die unbeſtrafte Kühnheit, mit welcher die Karoline jetzt alle ihre Segel trug, vermehrte ihr Erſtaunen; und bevor Wilder noch die Aufgabe gelöſt hatte, welches Schiff, das ſeinige, oder das ſo ſonderbar am Horizont erſcheinende, raſcher ſich fortbewegte, war er ſelbſt ſeiner Mannſchaft ein Gegenſtand des Verdachtes geworden. Fünftes Kapitel. Es ruht in der Unermeßlichkeit der Meere eine Majeſtät, welche die Pforten jener Leichtgläubigkeit ſtets offen hält, denen des Menſchen Geiſt ſo zugänglich iſt, möge Ueberlegung und Kenntniß ihn auch ſtark gemacht haben. Das Firmament über dem Haupte, während er ſich auf einer Meeresfläche, der keine Grenze abzuſehen i*ſt, bewegt, iſt der minder unterrichtete Matroſe ſtets geneigt auf jedem Schritte ſeiner Fahrt, ſein Gemüth durch günſtige Vorbe⸗ deutungen zu erheitern. Die wiſſenſchaftlich begründeten Vorzeichen ſelbſt begünſtigen eine größere Anzahl anderer, deren Grund blos in einer überſpannten und ausſchweifenden Einbildungskraft zu ſu⸗ chen iſt. Ein hüpfender Delphin, ein vorbeiſchießendes Meerſchwein, der ungeheure Wallfiſch, der einen Theil ſeiner ſchwärzlichen, plum⸗ pen Maſſe über den Waſſerſpiegel hebt, der Schrei der Seevögel, ſind, ſeinem Glauben nach, Vorzeichen glücklicher oder unheilbringen⸗ der Ereigniſſe. Die Verwechslung unerklärlicher und nicht vorhandener Dinge, verſetzt ſtufenweiſe den Geiſt des Seemanns in einen Zuſtand, in welchen er ſich mit Freuden jeder übernatür⸗ lichen Empfindung hingiebt, und wäre es auch nur darum, weil ihm jedes unbegreifliche Ding, wie das unermeßliche Element, auf dem er ſein Leben zubringt, übernatürlich ſcheint. Manche Ereigniſſe des heutigen Tages waren ſo beſchaffen, daß ſie den abergläubiſchen Regungen der Matroſen reichliche Nah⸗ rung boten. Wir haben bereits erwähnt, daß der Unfall, der ihrem früheren Kommandanten begegnet, und die Art, wie ein Fremder ſeine Stelle eingenommen, die Regungen des Mißtrauens vermehrt hatten. Das Segel auf der Leeſeite war für den guten Ruf un⸗ ſeres Abentheurers zur Unzeit erſchienen, da dieſer noch zu wenig Gelegenheit gehabt hatte, ſich des Zutrauens ſeiner Mannſchaft zu verſichern; und jetzt drohten die letzten ſonderbaren Begebenheiten unglücklicher Weiſe, ihn deſſen auf immer zu berauben. . Es befand ſich ein Seemann auf der königlichen Karoline, der das Amt eines Sekond⸗Lieutenants bekleidete. Er hieß Night⸗ — * 38 head,(Nachthaupt). Der Einfluß dieſes Mannes, der nur eine Stufe über den Matroſen ſtand, war ſehr groß, und auf ſeine Worte, wurde mit jener hohen Ehrerbietung gehorcht, die man einem Orakel ſchuldig zu ſein glaubt. Als alle Segel auf dem Schiffe beigeſetzt waren, als Wilder, um das Fahrzeug aus dem Geſicht zu verlieren, deſſen Nähe ihn beunruhigte, alle möglichen Mittel aufbot, um die Fahrt ſeines eigenen zu beſchleunigen, hatte ſich dieſer kurzſichtige und eigenſin⸗ nige Seemann auf die Kuhl geſetzt, und mit einigen der älteſten und erfahrenſten Matroſen, die ſich um ihn geſammelt hatten, zu plaudern angefangen. Man ſprach über die befremdende Erſchei⸗ nung auf der Leeſeite und von der außerordentlichen Weiſe, welche der unbekannte Kommandant anzuwenden für gut fand, um zu er⸗ fahren, was ihr eigenes Schiff zu leiſten vermochte. Wir beginnen den Bericht dieſer Unterhaltung von dem Punkte an, als ſie ſoweit gediehen war, daß Nighthead die verblümten An⸗ deutungen durch deutliche Erklärungen des fraglichen Gegenſtandes zu erſetzen begann. „Ich habe von ältern Seeleuten, als ſich welche hier an Bord befinden, gehört, daß der Teufel je zuweilen einen ſeiner Maaten an Bord eines ehrlichen handeltreibenden Kauffahrers rekommandirt, um es auf Klippen und Sandbänke zum Schiffbruch zu führen, damit ihm ſein Antheil an den Seelen der Ertrunkenen nicht ent⸗ gehe. Kann wohl Jemand ſagen, wer in die Kajüte kommt, wenn an der Spitze der Namensliſte ein unbekannter Name ſteht?“ „Eine Wolke hüllt das fremde Fahrzeug unter dem Winde ein!“ rief einer der Matroſen, deſſen Ohr den Vorträgen ſeines Offiziers lauſchte, indeß das Auge beſtändig auf dem geheimniß⸗ vollen Gegenſtand zur Leeſeite gerichtet war. 8 „Ja, ja, warum nicht? Ich würde mich nicht wundern, wenn es nach dem Monde ſteuerte.“ „Und doch hat unſer Offtzier das Schiff in ſeiner Hand,“ ſagte der älteſte aller Matroſen, der alles, was Wilder bisher ge⸗ than, ſcharf beobachtet hatte;—„er lenkt es auf eine ganz auffal⸗ lende eigene Weiſe, das kann ich nicht läugnen, aber er hat doch noch kein Fädchen Hanf zerriſſen.“ „Fädchen Hanf!“ wiederholte der Sekond⸗Lieutenant in einem höchſt verächtlichen Tone;„wer frägt nach dem Fädchen Hanf, wenn das Ankertau reißen ſoll?“ „Mr. Nighthead kennt die Handhabung des Schiffes, ſei das Wetter wie es wolle,“ ſagte ein anderer Matroſe mit dem zuver⸗ ſichtlicſſten Tone, der aus einem unbedingten Vertrauen in die Ge⸗ ſchicklichkeit des Sekond⸗Lieutenants entſprang. „ und das iſt kein großer Verdienſt für mich. Ich habe vom Jungen herauf gedient, und habe auf allen Schiffen gelebt, vom Logger bis zum Zweidecker. Wenige Seeleute können ſo viel wie ich zu ihrem Vortheil ſagen, denn das Bischen Wiſſen habe ich von der Arbeit, und nicht aus der Schule. Was vermag aber die Wiſ⸗ ſenſchaft, die Kunſt, gegen Hexerei, gegen die Werke eines Weſens, das ich nicht nennen will,— denn ohne Noth will ich Niemand beleidigen. Ich ſage noch einmal, Kameraden, daß unſer Schiff ſo viel Segel hat, als kein verſtändiger Seemann leiden würde noch ſollte.“ Ein allgemeines Murren entſtand; ein Zeichen, daß die mei⸗ ſten ſeiner Zuhörer, wo nicht Alle, ſeiner Meinung waren. „Unterſuchen wir die Sache ruhig und vernünftig, wie es aufgeklärten Engländern ziemt,“ fuhr Nighthead fort und warf einen verſtohlenen Blick hinter ſich, am ſich zu überzeugen, daß die Perſon, vor deren Mißfallen er eine heilſame Scheu hegte, nicht hinter ihm ſtehe.—„Wir ſind Alle, Alle in England geboren, nicht ein Tropfen fremdes Blut rinnt in unſern Adern; auf die⸗ ſem Schiffe iſt nicht einmal ein Schotte oder Irländer. Unterſu⸗ chen wir denn die Sache gründlich. Erſtens denn, da iſt der gute Nikolas Nicholls, der muß von einem Waſſerfaſſe abglitſchen, und das Bein brechen. Nun aber, merkt wohl auf, Brüder, habe ich Kerle von Maſten und Raaen herabſtürzen ſehen, die ſich nicht halb ſo wehe thaten. Was liegt aber einem Gewiſſen, einem gewiſſen Herrn daran, wie hoch er ſeinen Mann herabſtürzt? Er braucht ja nur den Finger zu rühren, und wir baumeln Alle? Dann fer⸗ ner, da kommt ein Fremder zu uns an Bord; ein Menſch, der nicht unſere freie redliche Engländermiene beſitzt, ohne Bosheit, die man mit der flachen Hand....“ „„Der junge Offizier iſt ziemlich gut im Aeußern beſchaffen,“ unterbrach ihn der alte Seemann. 40 „Ja, und eben darin liegt die ganze Teufelei, er hat ein hüb⸗ ſches Ausſehen, ich geb' es zu, es iſt aber keine jener guten Mie⸗ nen, die einem Engländer gefallen; es liegt etwas Nachdenkendes in ſeinen Geſichtszügen, was mir mißfällt, denn zu viel Denkendes in einem Geſicht mochte ich nie leiden, da man ja nicht immer wiſſen kann, was ſo Einer im Schilde führt.“— „Ho! Auf der Kuhl!“ rief Wilder in ruhigem aber gebieten⸗ dem Tone. Wäre eine Stimme plötzlich aus der Tiefe der erregten See gekommen, ſo hätte ſie die Ohren der unruhigen Matroſen nicht mehr erſchrecken und betäuben können, als dieſer unerwartete Ruf. Der junge Befehlshaber mußte ihn ſogar wiederholen, ehe Night⸗ head, dem es vermöge ſeines Ranges zukam, zu antworten, die da⸗ zu nöthige Faſſung gewinnen konnte. „Das obere Bramſegel beigeſetzt, Herr,“ ſagte Wilder, als die gebräuchliche Antwort ihm bewieſen hatte, daß er gehört wor⸗ den war. Der Lieutenant und ſeine Gefährten ſahen ſich einen Augen⸗ blick mit ſtarrem Erſtaunen an, und ſchüttelten einige Male trüb⸗ ſelig den Kopf, bis endlich einer von ihnen ſich ins Tauwerk warf, und hinauf zu klettern begann, um den erhaltenen Befehl auszu⸗ führen. Selbſt minder abergläubiſche Leute, als die er jetzt unter ſich hatte, hätten aus der verzweifelten Art, mit welcher Wilder nach einander alle ſeine Segel dem Winde Preis gab, Argwohn über ſeine Einſicht, oder über ſeine Abſichten ſchöpfen können. Seit langer Zeit hatten Earing und ſein Kollege, der unwiſſendere, alſo auch eigenſinnigere Sekond⸗Lieutenant, bemerkt, daß der junge Kom⸗ mandant eben ſo ſehnlich, als ſie ſelbſt, wünſchte, dem Schiffe, das geſpenſtig allen ihren Bewegungen folgte, zu entkommen. Sie wa⸗ reu nur über die Art und Weiſe in ihrer Meinung verſchieden; dieſe Verſchiedenheit aber war ſo ſtark, daß die beiden Schiffs⸗Lieu⸗ tenants ihre beſondere Rathsſitzung hielten. Earing, ein wenig er⸗ muthigt durch die von ſeinem Koadjutor ausgeſprochenen Meinun⸗ gen, näherte ſich dann ſeinem Befehlshaber, um ihm mit der Schnel⸗ ligkeit und Offenheit, die er bei den obwaltenden Umſtänden für nöthig erachtete, das Ergebniß ihrer Berathung vorzutragen. Das — 41 ſeſte Auge und die ehrfurchtgebietende Stellung Wilders ſtimmte aber ſeinen Eifer ſo weit herab, daß er dieſen zarten Gegenſtand nur mit einer Zurückhaltung und mit Umſchweifen berührte, die an einem Manne ſeines Charakters auffallend ſein mußten; er wartete einige Minuten lang ab, welche Folgen das eben beigeſetzte Segel haben würde, ehe er ſich dazu entſchließen konnte, den Mund zu öffnen; aber ein furchtbares Zuſammenprallen des Schiffes mit einer Woge, welche ihr erzürntes Haupt ein dutzend Fuß hoch über das Vordertheil, das ſich ihr näherte, erhob, gab ihm den Muth zu ſprechen, indem ſie ihn an die Gefahren einer unnöthig verlän⸗ gerten Pauſe erinnerte. „Ich ſehe nicht, daß wir uns ſonderlich von dem fremden Se⸗ gel entfernen, Sir, obgleich das Schiff ſich ſo mühſam durch die Wogen wälzt,“ ſagte er, entſchloſſen nur mit möglichſter Vorſicht zu Werke zu gehen. Wilder richtete von Neuem ſeinen Blick auf den dunkeln Punkt am Horizont, runzelte die Stirne, ſah nach der Seite, wo⸗ her der Wind kam, als wollte er ihn herausfordern, antwortete aber nichts. „Wir haben immer gefunden, daß die Mannſchaft nicht gerne an den Pumpen arbeitet, Sir,“ fuhr Earing fort, nachdem er ſei⸗ nen Kommandanten Zeit genug zur Antwort gelaſſen hatte;„ich brauche einem Offizier, der ſeine Kunſt ſo inne hat, nicht zu ſagen, daß die Matroſen dieſe Arbeit immer ſcheuen.“ „Jeden Befehl, den ich für nöthig halten werde zu geben, Mr. Earing, wird die Mannſchaft dieſes Schiffes für nöthig hal⸗ ten, auszuführen.“ 1 — In dieſer etwas verzögert hervorgebrachten Antwort lag eine ſo eindringend ausgeſprochene Autorität, daß ſie des gehörigen Eindrucks auf den Lieutenant nicht verfehlen konnte. Earing trat mit unterwürfiger Miene einen Schritt zurück, und ſchien nur die Wolkenmaſſen zu betrachten, welche der Wind vor ſich hertrieb. Noch einmal aber bot er alle Entſchloſſenheit auf, und verſuchte von einer andern Seite dem Kommandanten beizukommen. „Sind Sie gewiß, Kapitän Wilder,“ ſagte er, und glaubte mie dieſem Titel, auf welchen unſer junger Abentheurer eben nicht die gegründetſten Anſprüche hatte, etwas mehr zu bewirken;— „ſind Sie ganz entſchieden der Meinung, daß die königliche Karo⸗ line ſich irgend durch menſchliche Mittel von dieſem andern Segel zu entfernen im Stande ſei?“ „Ich fürchte, nein!“ antwortete der junge Mann mit einem tiefen Athemzuge, als ob die geheimen Gedanken in ſeinem Innern gegen den Zwang der Zurückhaltung ankämpften. „Und ich, Sir, bei aller Beſcheidenheit Ihrer vollkommenen Erziehung und dem Range, der Ihnen auf dieſem Schiffe gebührt, gegenüber, ich bin vom Gegentheil überzeugt. Ich habe ſeiner Zeit mehr als einmal einen ſolchen Wettkampf angeſehen, und weiß voll⸗ kommen, daß man gar nichts gewinnt, wenn man ein Schiff in der Hoffnung, einem ſolchen Segler den Wind abzugewinnen, über⸗ treibt.“ „Hier, Earing,“ ſagte Wilder nachdenkend, und ohne die Worte des Lieutenants beachtet zu haben,„nehmen Sie noch einmal das Fernglas, und ſehen Sie ſelbſt, unter welchen Segeln das Schiff geht, und wie weit ab es iſt.” Der ehrliche Lieutenant, deſſen Abſichten ganz rein waren, legte erhaltenen Befehl. Nachdem er jedoch lange und ernſtlich geſchaut hatte, ſchlug er die Schieber des Fernrohres mit Einem Schlage ſeiner breiten Hand zuſammen, und ſagte in dem Tone einer feſt⸗ ſtehenden Meinung: „Wenn dieſes Schiff wie andere irdiſche Schiffe gebaut und ausgerüſtet wäre, ſo würde ich kein Bedenken tragen, zu ſagen, es ſei ein gut betakeltes, mit drei einfach gereeften Bramſegeln, Unter⸗ ſegeln, Klüver und Treiber verſehenes Bord.“ „Nichts weiter?“ „Ich würde es mit einem Eide erhärten, wenn ich mich über⸗ zeugen könnte, daß dieſes Schiff in jedem Betracht eines iſt, wie andere auch.“ „Und deſſen ungeachtet, Earing, haben wir, trotz allen beige⸗ ſetzten Segeln noch keinen Fuß breit Raum gewonnen.“ „Du lieber Gott, Sir, erwiederte der Lieutenant, und zuckte die Achſeln, wie ein Mann, der von der Thorheit eines ſolchen Be⸗ ginnens feſt überzeugt iſt,„wenn Sie das große Segel vom Winde zerreißen laſſen, damit das Schiff ſo fort ſteuere, ſo würden Sie ſeinen Hut auf das Hinterkaſtell, und vollzog ehrerbietig den eben 4 43 vor Sonnenaufgang die Stellung jenes Schiffes dort um keinen Punkt ändern! Dann kann vielleicht, wer gute Augen hat, es in die Wolken ſegeln ſehen, obgleich mir nie begegnet iſt, ſei es nun Glück oder Unglück, daß ich einen dieſer Kreuzer ſah, wenn der Tag am Himmel war.“ „Und wie weit ab?“ fragte Wilder—„Sie haben mir noch nichts über die Entfernung geſagt?“ „Je nachdem man will. Es kann ſo nahe bei uns ſein, daß es einen Zwieback in die Takellage ſchleudern kann, oder da, wo es zu ſein ſcheint, mit dem Rumpf unter'm Horizont.“ „Im Falle aber, als es da wäre, wo es ſcheint?“ „Nun, da ſcheint's ein Segel von 600 Tonnen zu ſein, und wenn ich dem Anſchein trauen darf, ſo wäre ich verſucht zu ſagen, daß es ein paar Meilen, etwas mehr oder weniger leewärts von uns ſteht.“ „So hatte ich gerade gerechnet. Sechs Meilen im Winde ſind für eine ſcharfe Jagd kein kleiner Vortheil, Earing, und ſollte die Karoline fliegen, ich muß den Kerl dort zurücklaſſen.“ „Ja das möchte gehen, wenn das Schiff Flügel hätte, wie eine Seemöve, aber ſo wie ſie iſt, würden Sie ſie eher auf den Grund treiben.“ 1 „Bis jetzt trägt ſie ihre Segel gut, Sie wiſſen ſelbſt nicht, was ſie vermag, wenn man ſie treibt.“ 1„Ich habe ſie in jedem Wetter ſteuern ſehen, Kapitän Wilder, dber.... Er verſtummte plötzlich. Eine ungeheure ſchwarze Woge er⸗ hob ſich zwiſchen dem öſtlichen Horizont und dem Schiffe, und rollte daher, als ob ſie Alles verſchlingen wollte. Wilder ſelbſt er⸗ wartete den Stoß mit einer Unruhe, daß ihm der Athem ſtockte; er fühlte in dieſem Augenblick, daß er die Grenzen der ruhigen Ueberlegung überſchritten hatte, indem er ſein Schiff ſo mächtig ge⸗ gen ſolche Waſſermaſſen angetrieben. Einige Faden weit vom Spie⸗ gel der Karoline brach ſich die Woge und bedeckte das Deck mit einer Fluth von Schaum. Eine halbe Minute lang war das Vor⸗ dertheil des Schiffes verſchwunden, wie wenn es ſich zu matt ge⸗ fühlt hätte, die Woge zu erſteigen, die es durchſtürmen ſollte; jetzt aber ſtieg es empor aus dem Schooße der See, bedeckt mit zahl⸗ - loſen Schaaren glänzender See⸗Inſekten. Es war ſtehn geblieben, alle Näthe ſeiner feſtgefugten Maſſe krachten, und als es ſeinen Weg fortſetzte, geſchah es mit einer Langſamkeit, die gleichſam die Lenker ſeiner Bewegungen ihre Unvorſichtigkeit wollte fühlen laſſen. Earing blickte ſchweigend ſeinen Kommandanten an; er wußte, daß nichts von alle dem, was er ſagen könnte, einen ſichtbaren und mächtigen ⸗„Beweis überböte. Die Matroſen hielten ihre Un⸗ zufriedenheit nicht länger verborgen, und man hörte mehr als Eine prophetiſche Stimme die Folgen verkünden, die unfehlbar ein ſo fre⸗ velhaftes Beginnen nach ſich ziehen mußte. Wilder ſetzte ihrem Murren taube oder gefühlloſe Ohren entgegen. Feſt in ſeinen ge⸗ heimen Plänen, hätte er für einen glücklichen Erfolg noch größern Gefahren getrotzt. Aber ein ſehr verſchiedener, obgleich halb er⸗ ſtickter Ruf, von dem Hintertheile des Schiffes her, erinnerte ihn an die Beſorgniſſe anderer Perſonen. Er drehte ſich raſch auf der Ferſe um, und näherte ſich der bebenden Gertrude und Mrs. Wyllys, welche Beide einige lange und ſchreckliche Stunden hindurch ihn nicht in ſeinen Berufspflich⸗ 4 85 4 ten zu ſtören gewagt, und ſeine geringſten Bewegungen mit der lebendigſten Theilnahme beobachtet hatten. „Das Schiff hat dieſen Stoß ſo gut ertragen, daß ich großes Vertrauen in ſeine Kräfte ſetze,“ ſagte Wilder in ermunterndem Tone, und ſuchte ihnen durch geeignete Worte blinde Zuverſicht einzuflößen.„Auf einem ſo herrlichen Schiffe iſt ein guter See⸗ mann nie in Verlegenheit!“ „Mr. Wilder,“ antwortete die Gouvernante,„ich habe das furchtbare Element, auf welchem Sie leben, kennen gelernt. Es gelingt Ihnen nicht, mich zu täuſchen, verſuchen Sie es nicht. Ich weiß, daß Sie den Gang des Schiffes unnatürlich beſchleunigen. Haben Sie hinreichende Gründe, um ein ſo verwegenes Verfahren zu rechtfertigen?“ „Ja, Miſtreß.“ „Und ſollen dieſe Gründe auf immer in Ihrem Buſen begra⸗ ben bleiben; oder dürfen wir uns der Theilnahme erfreuen, wir, die wir auch an den Folgen Theil nehmen?“ „Weil Sie denn, Miſtreß, meiner Kunſt in ſo hohem Grade kundig ſind,“ antwortete der junge Seemann leicht lächelnd, aber in einem Tone, der die übernatürliche Anſtrengung in ſeinem In⸗ nern, ſich zu verſtellen, noch beunruhigender kund that,„ſo brauche ich Ihnen nicht zu ſagen, daß, wenn man ein Schiff windwärts ſteuern will, man Segel aufſetzen muß.“ „Auf eine andere Frage können Sie wenigſtens unumwunde⸗ ner antworten. Iſt dieſer Wind günſtig genug, um glücklich über die Untiefen von Hatteras zu kommen?“ „Ich zweifle.“ „Wenn das iſt, warum kehren wir nicht lieber dahin zurück, wo wir hergekommen ſind?“ „Wären Sie das zufrieden?“ fragte der junge Kommandant mit der Blitzesſchnelle des Gedankens. „Ich muß zu meinem Vater!“ rief Gertrude mit gleicher Lebhaftigkeit, ſo daß die Wärme, mit der ſie dieſe wenigen Worte hervorſtieß, ihr kaum den Athem dazu ließ⸗ „Ich wünſchte, Mr. Wilder,“ ſagte ruhig die Gouvernante, „dieſes Schiff zu verlaſſen. Ich verlange keine Erklärung Ihrer geheimnißvollen Winke; geben Sie uns unſern Freunden in New⸗ port wieder, und Sie hören keine Frage mehr von mir.“ „Das kann geſchehen,“ ſagte Wilder vor ſich hin;—„das ließe ſich thun; dazu brauchten wir bei dieſem Winde nur einige Stunden gut anzuwenden.— Mr. Earing!“ Im Augenblick war der Lieutenant neben ihm. Wilder reichte ihm ſein Fernrohr und bat ihn noch einmal, den dunkeln Punkt auf der Leeſeite am Horizont zu betrachten. Abwechſelnd beobach⸗ teten ſie ihn lange und aufmerkſam. „Es hat keine Segel mehr!“ rief ungeduldig der Kommandant, als er lange ſeine Augen angeſtrengt hatte. „Nicht ein einziges mehr, Sir. Was liegt aber einem ſolchen Schiffe an der Zahl der Segel die es bedürfte, oder an dem Punkt am Horizont, wo der Wind herkommt.“. „Dieſer Wind, Earing, iſt zuviel Süd, und in dem düſtern Wolkenſtreifen dort auf der Windſeite ſteckt ein Wetter. Laſſen Sie das Schiff um einige Punkte abfallen, und ziehen Sie die Luv⸗ braſſen an, zur Erleichterung der Segel.“ v. Der Lieutenant, deſſen Verſtand nicht zwei Ideen zugleich „faſſen konnte, hörte dieſe Ordre mit einem Erſtaunen, das er nicht 46 verbergen konnte. Einer Erklärung bedurfte er nicht; ſeine Erfah⸗ rung ſagte ihm, daß das Reſultat dieſes Manövers ſein würde, den gemachten Weg wieder zurückzumeſſen, und das hieß in der That den Zweck der ganzen Reiſe aufgeben. Er erlaubte ſich alſo einen Aufſchub, um Wilder Vorſtellungen zu machen. „Ein alter Seemann wie ich, wird Sie hoffentlich nicht be⸗ leidigen, Sir,“ ſagte er zu ihm,„wenn er es wagt, Ihnen ſeine Anſichten vom Wetter vorzutragen. Wenn es den Vortheil meiner Rheder gilt, ſo habe ich nichts gegen das Wenden, obgleich der landwärts wehende Wind nicht ſo nach meinem Geſchmacke iſt, als der ſeewärts gehende. Wenn wir die Segel ein klein wenig anreefen, ſo ginge das Schiff in die offene See, wobei wir viel gewonnen hätten, da wir ſo von den Hatteras wegkämen. Wer kann überdieß ſagen, daß Morgen oder ſpäter wir nicht einen ordentlichen Wind aus Nord⸗ weſt bekommen? Dort von Amerika her?“— „Laſſen Sie das Schiff um einige Punkte abfallen, Luvbraſſen angeholt!“ wiederholte Wilder ſtürmiſch. Earing war bei ſeinem rechtlichen Sinne doch zu friedliebend und unterwürfig, als daß er lange hätte zögern mögen. Er gab auf der Stelle die nöthigen Befehle; ſie wurden zwar vollzogen, doch hörte man Nighthead und die älteſten Matroſen, gegen die plötzlichen und anſcheinend unvernünftigen Veränderungen, welche in ihres Kapitän's Kopfe vorgingen, laut und bedenklich murren. Wilder blieb gegen alle dieſe Anzeichen von Unzufriedenheit ſo gleich⸗ gültig, wie er bisher geweſen war. Das Schiff aber, einem Vogel gleich, deſſen Fittiche im Kampfe mit dem Sturme erlahmten, und der dem Winde nicht länger wiederſteht, ſondern einen leichteren Flug wählt, glitt fort, und ſpaltete raſch die Wogen, oder ſchoß durch die hohle See, dem Winde gehorſam, der durch das letzte Manöver günſtig geworden war. Noch immer ging die See hohl, aber in einer Richtung, die dem Schiff nicht entgegengeſetzt war, und da es nicht mehr gegen den Wind zu kämpfen hatte, waren ihm die Segel nicht zur Laſt. Doch trug es nach der allgemeinen Meinung der Mannſchaft noch immer zu viel in einer ſo trüben Nacht. Der Fremde aber, dem das Kommando übertragen war, ſtimmte dieſer Meinung nicht bei. Er gab Befehl, gleich noch mieh⸗ 47 rere Leeſegeltücher zu ſpannen, und ſeine ſtrenge Stimme ſchien an die Gefahr des Ungehorſames zu erinnern. Mit dieſem neuen An⸗ trieb ſchien die Karoline über die Wogenfläche hinzufliegen, und ließ eine lange Furche von Schaum zurück, die an Größe und Glanz denen nicht nachſtand, welche die höchſten Wellen überſtrahlte. Als man Segel über Segel beigeſetzt hatte, ſo daß Wilder ſich ſelbſt ge⸗ ſtehen mußte, die königliche Karoline könne nicht mehr tragen, ſchritt er auf dem Verdeck hin und her, und blickte ſich um nach dem neuen Verſuche und ſeinen Folgen. Die Aenderung des Ganges hatte augenſcheinlich eine gleiche in dem unbekannten Schiffe hervorgebracht, welches noch immer als ſchwacher und ſchwer zu erkennender Schat⸗ ten am Horizont hing. Der unfehlbare Kompaß zeigte dem wach⸗ ſamen Seemanne, daß das Schiff noch immer gleiche Lage mit der Karoline hatte, wie zur Zeit, wo man es zuerſt erblickte, und alle Anſtrengungen Wilders ſchienen ſie nicht um einen Zoll breit ändern zu können. Eine andere Stunde war bald verfloſſen, und die Log⸗ tafel wies über drei zurückgelegte Meilen. Indeſſen zeigte ſich das unbekannte Segel immer im Weſten, wie wenn es der Schatten des erſten auf dem fernen dunkeln Wolkengrunde geweſen wäre. Die einzige merkliche Veränderung, welche mit demſelben vorgegangen war, und welche von der gemachten Wendung herrührte, war eine größere Fläche der Segel, die es dem Auge der Beſchauer darbot. Ob aber die Zahl der Segel weſentlich zugenommen, vermochte ſelbſt der kundige Earing wegen der Dunkelheit nicht zu beſtimmen. Viel⸗ leicht war auch der überſpannte Ideengang des würdigen Lieute⸗ nants, der allzugeneigt war, den übernatürlichen Kräften des uner⸗ klärlichen Nachbars Alles zuzuſchreiben, ihm ein Hinderniß, ſein feſtes Wiſſen und ſeine Erfahrungen zu benutzen; und Wilder, nach oft wiederholten, langen und augenermüdenden Unterſuchungen, konnte ſich nicht verhehlen, daß jenes Fahrzeug über die Unermeßlichkeit des Oceans hinzugleiten ſchien, mehr wie ein in den Lüften ſchwe⸗ bendes Weſen, als wie ein Schiff, das von Menſchenhänden geleitet und von den Kräften in Bewegung geſetzt wird, die den Seeleuten zu Gebote ſtehen. Mrs. Wyllys und ihre Pflegbefohlene hatten ſich jetzt in ihre Kgüte zurückgezogen; die Erſtere wünſchte ſich innerlich Glück über usſicht, bald ein Schiff zu verlaſſen, welches ſeine Fahrt unter 418 ſo trüben Vorbedeutungen begonnen hatte, daß ſie ſelbſt einen in ſo hohem Grade gebildeten Geiſte wie den ihrigen aus ſeiner Faſ⸗ ſung zu bringen vermochten. Gertrude wurde in Unwiſſenheit über die veränderte Richtung des Schiffes gelaſſen. Ihrem unerfahrnen Auge war jede Richtung in der einförmigen Oede des Oceans die⸗ ſelbe; und Wilder konnte nach Belieben den Curs ſeines Kieles wechſeln, ohne daß die jüngſte der beiden Damen an Bord es ge⸗ wahr wurde. Nicht alſo war es mit dem einſichtsvollen Befehlshaber der Karoline. Für ihn hatte freilich die Fahrt mitten in der Finſter⸗ niß weder Zweifel noch Dunkelheit. Jedes Geſtirn, das aus dem bewegten Schooße der See auftaucht, um an einem andern Theile des Himmelsgewölbes in das finſtere Element hinabzugleiten, war ihm ein vertrauter Gefährte; und kein Lüftchen, das über die See ſtrich, und ſeine brennende Wange kühlte, war ihm nach ſeinem Urſprunge unbekannt. Er kannte jede Bewegung ſeines Kiels und ihre Wirkung. Sein Wiſſen hielt mit ſeinem Fahrzeug Schritt, auf allen ſeinen Wendungen auf einer Fläche, wo keine Wege ge⸗ zeichnet ſind. Er bedurfte nicht der Hülfsmittel ſeiner Kunſt, um ſeinen Curs zu beſtimmen und den Bewegungen des ihm gehor⸗ chenden Baues zu lenken. Und doch vermochte er nicht, die außer⸗ ordentlichen Schwenkungen des unbekannten Schiffes ſich zu erklä⸗ ren, welches ſeine geringſten Wendungen mehr vormachte, als nach⸗ ahmte. Seine Hoffnung, endlich einem ſo thätigen Beobachter ſich zu entziehen, wurde durch eine Leichtigkeit und Behendigkeit der Be⸗ wegungen, und eine Uebermacht der fremden Segel vereitelt, welche ſelbſt in ſeinem hellen Auge den Schein einer übernatürlichen Macht gewannen. Während unſer Abentheurer in die ſinſtern Betrachtungen ver⸗ ſunken war, welche ſolche Eindrücke erwecken mußten, begannen der Himmel und die Merresfläche einen andern Anblick darzubieten. Plötzlich verſchwand der Lichtſtreif, welcher ſo lange an den öſtlichen Horizonte ſich hingezogen hatte, und den Schleier des Firmaments den Winden zur Eingangspforte gelüftet zu haben ſchien; dichte und ſchwere Wolkenmaſſen verſammelten ſich dort, indeſſen unendliche Dunſtſäulen über der Waſſerfläche ſich lagerten, und beide Elemente in Eins zu verſchmelzen ſchienen. Auf der andern Seite bedeee 49 finſteres Gewölke den ganzen weſtlichen Himmel, und das Auge ver⸗ lor ſich in einem langen Streifen düſtern Lichtes. Noch ſchwamm das fremde Segel mitten in dem blinkenden unheilſchwangern Nebel⸗ gebilde, und auf Augenblicke ſchien der leichte Schatten dem beob⸗ achtenden Blicke in die Lüfte zu entſchwinden.— Dieſe ſchlimmen, ihm nur zu wohlbekannten Vorzeichen ent⸗ gingen unſerm wachſamen Abentheurer nicht. Kaum hatte die Dunſt⸗ atmoſphäre das geheimnißvolle, oft beobachtete Bild verhüllt, ſo er⸗ ſchallte auch ſchon von ſeiner klaren Stimme das Kommando. „Alle zu Hauf! Die Segel herunter! Alle herunter! Herun⸗ ter damit!“ ſchrie er ſo ſchnell, daß die Matroſen kaum das erſte Wort gehört haben konnten, als ſchon das zweite erſcholl.„Reißt ſie herunter! Bis zum letzten Fetzen herunter! Von vorne bis nach hinten! Leute auf die Geitaue der Bramſegel, Earing! Herunter mit Allem! Friſch Burſchen, Hand an!“ Dieß war ein der Mannſchaft willkommener und wohlbekann⸗ ter Ruf! Doppelt willkommen, denn Jeder, auch der geringſte Ma⸗ troſe hatte ſchon lange vorher, als Wilder ſo ruhig die ſchrecklichen Vorboten in dem Luftkreiſe betrachtete, geglaubt, er ſpiele mit der Sicherheit des Schiffes; ſie wußten ja die umſichtige Wachſamkeit ihres Kommandanten nicht zu ſchätzen. Er hatte zwar dem Kauf⸗ fahrer von Briſtol eine bis dahin ihm fremde Schnelligkeit verliehen; dennoch aber ſprachen die Thatſachen fortwährend für ihn, weil ſeine Verwegenheit, wie ſie es nannten, keine ſchlimme Folgen ge⸗ habt hatte. Bei der raſchen und plötzlichen Ordre jedoch, die er ſo eben gegeben hatte, war Alles in Aufruhr gerathen. Ein Dut⸗ zend Matroſen riefen einander von den verſchiedenen Punkten des Schiffes zu, jeder bemühte ſich, das Wogengebrüll zu überſchreien, und es ſchien eine allgemeine und unauflösliche Verwirrung zu ent⸗ ſtehen. Aber dieſe Herrſcherkraft, welche ihnen einen ſo unerwar⸗ teten Impuls mitgetheilt hatte, ordnete auch ihre gewaltigen rohen Kräfte zu einem geregelten Ganzen. Wilders erſter Ruf hatte das Erwecken der Schlafenden und der Trägen zum Zwecke gehabt. Sobald er Jeden auf den Beinen ſah, gab er ſeine Befehle wieder mit einer Alles lenkenden Ruhe, imwer aber mit der Energie, welche, wie er wohl wußte, die Um⸗ ſtyee erheiſchten. Dieſe Maſſe von Segeln, welche als eben ſo Seeräuber. 4 50 viele leichte Wolken auf dem dunkeln und drohenden Hintergrunde des Himmels erſchienen, flatterten bald, jedem Luftzuge Preis ge⸗ geben, von ihren hohen Poſten herab, und nur die ſicherern und ſchwererern blieben beigeſetzt. Zur Vollendung dieſes Manövers hatte jeder Matroſe alle ſeine Körperkraft unter der Leitung der feſten und raſchen Befehle des Kommandanten aufgeboten. Jetzt entſtand ein Moment ängſtlicher Pauſe, in welcher die ganze Mann⸗ ſchaft kaum zu athmen wagte. Aller Augen ſtarrten nach jenem Punkte des Horizontes, wo ſich die unglückbringenden Zeichen zuerſt verkündet, und Jeder ſuchte mit dem Grade von Einſicht, welchen er während ſeiner Dienſtzeit auf dem treuloſen Elemente ſeiner Heimath erlangt hatte, daraus die Zukunft zu enträthſeln. Die Nebelſpur des unbekannten Schiffes war in einer zweifelhaften Helle verſchmolzen, welches jetzt als wogendes Dunſtmeer, unheimlich, anſcheinend greifbar, ſich auf die Meeresfläche gelagert hatte. Der Ocean ſelbſt ſchien das Herannahen einer raſchen und heftigen Um⸗ wälzung zu fühlen. Die Wellen brachen ſich nicht mehr in ſchäu⸗ menden, glänzenden Kämmen; ſchwärzliche Waſſermaſſen ſchleuderten ihre drohenden Wipfel zum öſtlichen Himmel empor, nicht mehr glänzende Funken ſprühend, noch ſich in die durchſichtige Atmo⸗ ſphäre verhüllend. Der Wind, der ſo friſch geweſen war, und der an Kraft beinahe einer kleinen Bö geglichen hatte, ward unſtät und ſchien gleichſam verſcheucht von der höhern Macht, die ſich an den Küſten des nahen Kontinents verſammelte. Jeden Augenblick nahm. der Oſtwind an Kraft ab, bis nach einem ſehr kurzen Zwiſchen⸗ raum man die Segel an die Maſte anflattern hörte; eine ſchreck⸗ liche und unglückbrütende Stille erfolgte. Jetzt durchzuckte eine plötzliche Helle das Meer, und beleuchtete die gräßliche Dunkelheit des Oceans, und ein donnerähnliches Getöſe ertönte in der Ferne über den Gewäſſern. Entſetzt blickten ſich die Matroſen an, und ſtanden ſtarr, wie wenn der Himmel ſelbſt ihnen ein Zeichen der Zukunft geſendet hätte. Aber ihr Kommandant gab, ruhiger und umſichtiger, dieſem Signal eine andere Deutung. Er warf die Lip⸗ pen mit allem Stolze ſeines Kunſtgefühls auf und bewegte ſie raſch. „Glaubt er, wir ſchlafen?“ ſagte er leiſe vor ſich hin;—„Er iſt darin gefangen, und jetzt will er uns über das, was vorgeht, die Augen öffnen! Womit meint er denn, daß wir, ſeit die⸗Weit⸗ 51 ternachtswache abgelöſt iſt, uns die Zeit vertrieben hätten? Jetzt machte Wilder ein Paar Gänge auf dem Verdeck, und blickte unauf⸗ hörlich nach allen Gegenden am Horizont; er heftete ſeine Augen bald auf die ſchwarzen, ſtillen Wellen, auf denen das Schiff ruhte, bald auf ſeine Segel, jetzt auf die ſchweigende und erwartungsvolle Mannſchaft, dann auf die dunkle Takelage die über ſeinem Haupte wogte, wie lauter Stäbe, welche ihre fantaſtiſchen Striche auf das dichte Gewölke zeichneten, das über dem Ganzen laſtete. „Die Hinterraaen in's Kreuz gebraßt! rief er in einem Tone, der, obgleich wenig über den des gewöhnlichen Sprechens erhoben, doch über das ganze Verdeck hin gehört ward. Selbſt das Krachen und Aechzen des Holzes, während die Se⸗ gelſtangen langſam und träge die angedeutete Lage einnahmen, er⸗ hob das Eigenthümliche der Scene, und erſchien den Matroſen als trübe Vorbedeutung. „Die großen Segel angeholt!“ ſagte Wilder nach einem kurzen Augenblick des Nachdenkens, mit derſelben Ruhe, die ihren Eindruck nie verfehlt. Jetzt warf er einen Blick auf die andere Seite des Horizonts, und rief:„Zuſammengerollt!“ „Rollt ſie zuſammen! Beide! Hinauf! Die Segel oben weg! Beſchlagt die großen! munter, Burſchen, zuſammen mit ihnen! Die gelehrigen Seeleute ließen ſich von der Stimme ihres Kommandan⸗ ten lenken. In einem Augenblicke ſah man zwanzig Leute ſich in die Takelage werfen, ſich wie die Affen daran feſthalten, und ſo⸗ gleich die Thätigkeit umfangreicher Leinwandmaſſen zuſammenrollend hemmen. Eben ſo raſch waren ſie wieder unten und es entſtand eine neue trübe Pauſe. Jetzt wäre die Flamme eines Feuers loth⸗ recht zum Himmel geſtiegen, ſo gänzlich windſtille war es. Das Schiff, nicht mehr vom wohlthätigen Winde unterſtützt, rollte ſchwer⸗ fällig durch die Wellen, welche immer mehr ſich ebneten, wie wenn der erſchrockne Ocean in ſeinen ungeheuren, nie bewegten Schooß diejenigen zurückriefe, denen er kurz vorher ein tobendes Spiel er⸗ laubt. Tückiſch freundlich plätſcherte die See an die Flanken, und wenn das Schiff ſich in die Tiefe der Wogen tauchte und arbeitend wieder herauf ſtieg, ſtürzte ein Waſſerſtrom in tauſend kleinen blin⸗ kenden Strahlen vom Verdecke. Die unaufhörlich wechſelnden Tin⸗ uR Ses Himmels, das unabläſſige Brauſen der See, der Ausdruck 4* 52 von tödtlicher Unruhe und Angſt, der ſich auf jedem Geſicht aus⸗ prägte, Alles trug dazu bei, das Bewußtfein der ſchrecklichen Kri⸗ ſis, in der man ſich befand, lebendig zu erhalten. In dieſem kurzen, mäßigen Zwiſchenraum der Erwartung, näherten ſich die beiden Lieutenants ihrem Befehlshaber. „Es iſt eine grauſenerregende Nacht, Kapitän Wilder,“ ſagte Earing, der als der erſte im Range ſich das Recht herausnahm, das Geſpräch zu beginnen. „Ich habe Beiſpiele erlebt, wo nicht ſo viele Vorzeichen das Umſetzen des Windes verkündeten;“ entgegnete Wilder mit feſter Stimme. „Wir haben noch Zeit genug gehabt, unſere Tücher einzuzie⸗ hen, das iſt wahr, Sir; aber dieſer Wechſel iſt von Vorbedeutun⸗ gen und Zeichen begleitet, gegen die der älteſte Seemann nicht gleichgültig wäre.“ „Ja,“ fuhr Nighthead fort, mit ſeiner rauhen gewaltigen Stimme, die ſelbſt die mancherlei Töne überſchallte, welche das Schreckliche der ganzen Scene erhöhten,—„ja, es iſt keine Kleinigkeit, welche gewiſſe Leute, die ich nicht nennen will, vermocht hat, in einer ſol⸗ chen Nacht See zu halten. Juſt bei ähnlichem Wetter ſah ich das gute Schiff, den Veſuv, in einen ſo tiefen Abgrund ſinken, daß ſeine Kanonen, ſelbſt wenn ſie Feuer und Hände dazu gehabt, keine Kugel an die Luft gebracht hätten.“ „Ja, ja, gerade bei ſolchem Wetter wurde auch ein Grönlän⸗ der durch eine ſo gänzliche Windſtille, als man je auf der See erlebte, an die Orkaden geſchleudert.“. „Meine Herren,“ ſagte Wilder, und betonte das letztere der beiden Worte etwas ſtark und ironiſch;„meine Herren, was wol⸗ len Sie eigentlich? Es geht kein Lüftchen, und das Schiff iſt von Deck zu Top ohne Segel?“ Eine genügende Antwort auf dieſe Frage wäre Jedem von ihnen ſchwer gemorden. Beide waren eine Beute abergläubiſcher Furcht, welche durch den Anblick eines wirklich vorhandenen Dinges, nämlich der Nacht, gewaltig erhöht wurde; doch hielten ſie noch zu feſt auf ihren guten Ruf als Männer und Seeoffiziere, als daß ſie ihre Schwäche gänzlich dargelegt hätten, und zwar in einem Aupen⸗ blicke, wo ſie zur Entfaltung männlichen Charakters, mit allent ſei⸗ 53 nen hohen Eigenſchaften, gerufen werden konnten. Indeſſen zeigte ſich die in ihrem Gemüthe vorherrſchende Idee verſteckt in Earings Antwort. 4 „Ja das Schiff geht jetzt nicht übel,“ ſagte er;„obgleich wir uns nun mit unſeren eigenen Augen überzeugt haben, daß es keine Kleinigkeit iſt, ein befrachtetes Schiff mit einer Ihrer Fliegenden gleichſegeln zu laſſen, welche ſegeln, ohne daß Jemand weiß, wer das Steuer hält, nach welchem Kompaß ſie gehen, noch wie viel Waſſer ſie ziehen.“ „Ja,“ ſetzte Nighthead hinzu,—„ich finde auch, daß die Ka⸗ roline für einen ehrlichen Kauffahrer nicht ſchlecht ſegelt, und es giebt wenige Raaſegelſchiffe, außer mit der königlichen Flagge, welche ihm den Wind abzugewinnen, oder es aus ſeinem Fahrwaſſer zu treiben vermöchten, wenn ſie ihre Leeſegel alle beiſetzt; aber jetzt haben wir ein Wetter und eine Stunde, die jeden Seemann zum Nachdenken bringen ſollte. Sehen Sie einmal da unten das gräu⸗ liche Licht, das mit Windeseile auf uns zueilt, und ſagen Sie mir, ob es von Amerikas Küſten oder von dem unbekannten Schiffe herkommt, welches uns ſo lange auf der Leeſeite geblieben iſt, das uns aber jetzt den Wind abgewonnen hat, oder wenigſtens gleich abgewinnen wird, ohne daß Jemand hier weiß weder wie? noch warum? Was mich betrifft, ſo habe ich weiter nichts zu ſagen, als das: Man gebe mir ein Schiff zur Geſellſchaft, deſſen Kapitän ich kenne, oder gar keins!“ „Iſt das Ihr Geſchmack, Mr. Nighthead?“ ſagte Wilder kalt; „der Meinige dürfte je zuweilen anderer Natur ſein.“ „Ja, ja,“ ſagte der klügere und umſichtigere Earing, in Kriegs⸗ zeiten und mit Kaperbriefen ausgeſtattet, mag man mit Ehren wünſchen, einem Schiffe unter fremden Herrn zu begegnen, ſonſt würde man nie einen Feind zur See erblicken; aber, obgleich ich ſelbſt ein geborner Engländer bin, ſo wäre ich dennoch verſucht, einem ſolchen nebelverſteckten Segel freie See zu laſſen, wenn mir weder ſeine Nation, noch ſeine Abſichten bekannt ſind.— Ach, Kapitän Wilder, das dort iſt ein ſchreckliches Schauſpiel für eine Morgenwache! Tauſendmal habe ich die Sonne im Oſten aufgehen ſehen, ohne daß etwas Conträres vorgefallen wäre, aber nichts Gu⸗ eiſt von einem Tage zu erwarten, der im Weſten anbricht. Wie 54 gerne gäbe ich v Rhedern meine letzte Monats⸗Gage, die ich mit dem Schweiß meines Angeſichts verdient, wenn ich wüßte, unter welcher Flagge jenes unbekannte Schiff ſegelt.“ „Franzoſe, Spanier oder Teufel! Da kommt er,“ ſchrie Wil⸗ der. Jetzt wandte er ſich blitzſchnell zur ſchweigenden und aufmerk⸗. ſamen Mannſchaft und rief mit dem kräftigen durchdringenden Ruf des Schreckens: Laßt die Hinterfalltaue los! Die Fockran herum! Herum damit! Burſchen ſchnell!“ Dieſer Ruf mußte von der Mannſchaft vernommen werden. Alle Nerven und Muskeln ſpannten ſich um das Kommando aus⸗ zuführen, und den herannahenden Sturm zu empfangen. Keiner ſprach ein Wort; alle Kräfte wurden um die Wette aufgeboten! Und in der That war kein Augenblick zu verlieren, kein Arm war zu entbehren, keiner war, der nicht ſeine unmittelbare Ordre zu vollziehen hatte. Der durchſichtige und grauſige Nebek; der ſich ſeit einer Viertelſtunde in Nordweſten verſammelt hatte, ſtürzte raſch, wie ein Renner in die Bahn, auf ſie zu. Schon hatte die Atmo⸗ ſphäre die feuchte Temperatur, die Begleiterin des Oſtwindes, ver⸗ loren und kleine Wirbel, Vorläufer des nahen Sturmes, kräuſelten zwiſchen den Maſten. Jetzt lief ein heftiges und gräßliches Ge⸗ murmel über den Ocean, deſſen erſt wogende Fläche ſich nun kraus zeigte, und ſich mit blendend weißen Schaume bedeckte. Nun raſte die entfeſſelte Wuth des Sturmes auf die plumpe, unthätige Maſſe des Kauffahrers los. 3 4 Beim Herannahen des Sturmes hatte Wilder jeden, wenn auch noch ſo geringen Vortheil, den ihm der häufige Luvwechſel ot, zu benutzen geſucht, um wo möglich das Schiff vor den Wind zu bringen. Aber das träge Fahrzeug entſprach weder den Wün⸗ ſchen ſeiner Ungeduld, noch den Bedürfniſſen des Momentes. Sein 5 Steven hatte langſam und mühvoll den nördlichen Curs verlaſſen, und ſo ſtand um die Eine Flanke der ganzen Wucht des erſten Sturm⸗Andranges Preis gegeben. Zum Glück für Alle, welche ihr Leben dieſem wehrloſen Schiffe anvertraut hatten, ſollte es nicht mit einem Male der vollen Wuth des Orkans unterliegen. Die Segel flatterten und zitterten an ihren ſtarken Raaen, ſchwellten an, und fielen wieder eine Minute zurück, und nun ſtürzte der Sturm mit einer grenzenlos furchtbaren Gewalt über ſie her. Tapfer Pult 1 die Karoline den Stoß aus; einen Augenblick ſchien ſie wohl ſeiner Wuth zu weichen, ſo daß ſie beinahe auf der Fläche des empörten Meeres lag; gleich aber, als fühlte ſie die drohende Gefahr, erhob ſie ihre gebeugten Maſten wieder, und ſuchte ſich einen Weg durch die erzürnten Wogenberge zu bahnen. .„Das Steuer nach dem Wind! um Alles in der Welt, das Steuer nach dem Winde!“ ſchrie Wilder, das Brüllen des Orkans übertönend. Mit Feſtigkeit gehorchte der alte Seemann am Steuerruder, vergebens aber ſuchte er an dem Vorſegel die Spuren von Gehor⸗ ſam des Schiffes. Zweimal beugten ſich die großen Maſten, nach dem Horizont hinab, zweimal erhoben ſie ſich triumphirend wieder; dann aber wichen ſie der unwiederſtehlichen Gewalt des Elementes, das im heißen Kampfe lag mit dem Weltmeer. „Achtung!“ ſchrie Wilder, und faßte den ſinnloſen Earing beim Arme, als er außer Faſſung das ſteile Deck hinabrannte,„jetzt gilts Beſonnenheit, jetzt iſt der Moment zur Kaltblütigkeit! Ho⸗ len Sie eine Art.“ Schnell wie der Gedanke, der dieſen Befehl erzeugte, gehorchte der Lieutenant, und ſchwang ſich auf den Beſahnsmaſt, um eigen⸗ händig den Befehl zu vollſtrecken, der jetzt, wie er wohl wußte, ge⸗ wiß erfolgte. „Soll ich zuhauen? fragte er mit gehobenem Arm und feſter, ſicherer Stimme, welche die vorige, augenblickliche Schwäche wieder ausglich. „Halt!— Gehorcht das Schiff dem Steuer? Nur im Ge⸗ ringſten?“ „Nicht im Mindeſten!“ „So haut zu! rief Wilder mit ruhiger Stimme. Ein Hieb reichte hin. Von dem ungeheuren Gewicht, das es zu tragen hatte, ſo ſtraff geſpannt, daß es dem Reißen nahe war, war das Reep nicht ſobald von Earing abgehauen, als alle andern nach einander folgten, und den Maſt die ganze Wucht ſammt allen Zugehör ſeiner Takelage allein tragen ließen. Jetzt krachte das Holz, und mit dem Getöſe eines fallenden großen Baumes, ſtürzte es in die See, der es ſchon vorher, noch am Maſte hängend, nahe gewoſen war. * „Hebt es ſich wieder?“ fragte Wilder den Alten am Steuer⸗ ruder?“ „Es hat eine kleine Bewegung gemacht, Sir, aber dieſer neue Windſtoß legt es wieder um.“ „Soll ich zuhauen?“ fragte Earing vom Hauptmaſt herab, auf welchen er ſich, wie der blutdürſtige Tiger auf ſeine Beute, geſtürzt hatte. „Zu!“ war die Antwort.⸗ Ein furchtbares und grauſeneregendes Krachen folgte mehreren kräftigen auf den Maſt ſelbſt geführten Hieben. Raaen, Takelwerk, Segel, Alles verſank wiederum in die See, das Schiff erhob ſich in demſelben Augenblick und begann ſchwerfällig windwärts fortzu⸗ rücken. „Es erhebt ſich! Es erhebt ſich!“ riefen zwanzig Stimmen, welche bis jetzt ſtumm zwiſchen Tod und Leben geſchwebt hatten. „Laßt es abfallen; hindert keine Bewegung,“ ſetzte der junge Kapitän hinzu mit ruhiger aber feſt gebietender Stimme.„Haltet euch bereit, das große Marsſegel einzuſchnüren; laßt es noch einen Augenblick hängen, damit das Schiff vom Wrack fortkomme. Jetzt aber kappt! Herzhaft Burſchen!— Meſſer, Beile, kappt mit Allem, kappt Alles!“ Da die Matroſen jetzt mit dem Muthe arbeiteten, welchen die wiederkehrende Hoffnung einflößt, ſo waren die Taue, an welchen noch die gefallenen Spieren hingen, bald gekappt, und die Koroline ſchien den Schaum, welcher die See bedeckte, nur leicht zu berühren, wie ein Vogel, deſſen Fittich den Waſſerſpiegel ſtreit. Der Wind brauſ'te mit einer Gewalt, das er dem fernen Donner glich, und ſchien das Schiff mit allem, was es enthielt, von ſeinem natürli⸗ chen Element hinwegraffen zu wollen, um es einem andern noch veränderlicheren und treuloſern hinzuſchleudern. Da ein verſtändiger und vorſichtiger Matroſe beim Heran⸗ nahen des Sturmes die Falltaue des einzigen übrig gebliebenen Se⸗ gels hatte fahren laſſen, ſo wurde jetzt das entfaltete und geſenkte Bramſegel ſo vom Winde gefüllt, daß es den einzigen Maſt, der noch ſtand, umzureißen drohte. Wilder ſah augenblicklich die Noth⸗ wendigkeit ein, ſich dieſes Segels zu entledigen, aber auch die Un⸗ -—* 57 möglichkeit, es zu beſchlagen. Er rief Earing herbei, zeigte ihm die Gefahr, und gab die nöthigen Befehle. „Solchen Stößen,“ ſchloß er, kann dieſer Maſt nicht lange wiederſtehen, und wenn er von ſelber bricht, und auf das Vorder⸗ kaſtell ſtürzt, ſo verſetzt er ihm bei ſeiner ſchnellen Fahrt einen ver⸗ derblichen Schlag. Es müſſen zwei Männer hinauf, um das Se⸗ gel von den Raaen zu kappen.“ „Dieſe Stange biegt ſich wie eine Weidegerte,“ antwortete der Maat,„und ſchon iſt ſie unten geſpalten. Bei dem Sturm, der uns umtobt, iſt es höchſt gefährlich, hinauf zu ſteigen.“ „Sie haben Recht,“ ſagte Wilder, welchen die Wahrheit dieſer Bemerkung ſogleich einleuchtete,„bleiben Sie denn hier, und wenn mir etwas Menſchliches zuſtößt ſo verſuchen Sie das Schiff in einen Hafen gegen Norden zu bringen; ſteuern Sie aber ja nicht auf Hatteras, in dem jetzigen Zuſtande des....“ „Was wollen Sie thun, Kapitän Wilder?“ unterbrach ihn der Lieutenant, und faßte ſeinen Kommandanten, welcher ſchon ſeine Mütze auf das Deck geworfen hatte, und ſich bereitete, ſeine Klei⸗ der abzuwerfen, heftig bei der Schulter. „Ich will hinauf, dieſes Bramſegel zu kappen, ſonſt verlieren wir den Maſt und vielleicht das ganze Schiff.“ „Ja, ja, ich ſehe es. Aber das ſoll man mir nicht nachſagen, daß ein Anderer gethan habe, was Eduard Earing hätte thun müſ⸗ ſen. Ihre Sache iſt es, das Schiff an die Vorgebirge von Virgi⸗ nien zu ſteuern, an mir iſt es, dieſes Segel zu kappen. Wenn mir etwas zuſtößt, nun, ſo ſchreiben Sie in's Log, wie ich meine Rolle beendigt. Das iſt für einen Seemann die ehrenvollſte und zweck⸗ mäßigſte Grabſchrift.“ Wilder drang nicht weiter in ihn, ſondern nahm wieder ſeine nachdenkende und wachſame Stellung ruhig an, denn er ſelbſt war ſeit zu langer Zeit zur Erfüllung der Dienſtpflſcht angehalten wor⸗ den, um es auffallend zu finden, daß einem Anderen das Gebie⸗ teriſche derſelben einleuchtete. Indeß begab ſich Earing raſch an die Ausführung deſſen, was er verſprochen. Indem er übers Verdeck ging, verſah er ſich mit einem paſſenden Beil, und ſchwang ſich, ohne den ſtummen und aufmerkſamen Matroſen ein Wort zu ſagen, ins Tauwerk, wo den —. Sturm jede Ducht, jedes Tau, bis zum Reißen, ſtraff ſpannte. Die erfahrenen Blicke der Zuſchauer hatten ſeine Abſicht errathen und von demſelben Stolze beſeelt, welcher ihn zu dieſem gefährlichen Unternehmen getrieben hatte, warfen ſich mehrere der älteren Ma⸗ troſen in die Pardunen, um mit ihm eine Höhe zu erklimmen, wo tauſend Orkane brüllten. „Vom Tauwerk herab!“ ſchrie ihnen Wilder durch ein Sprach⸗ rohr zu;„Alle herab! ausgenommen den Lieutenant!“ Seine Worte erreichten wohl die Ohren von Earings Gefähr⸗ ten, ſie waren aber unnütz, da Jeder zu ſehr mit dem Zwecke be⸗ ſchäftigt war, den er befolgte, als daß er die wehrende Stimme hätte beachten mögen. In weniger als einer Minute hatten ſie ſich im Tauwerk vertheilt, und erwarteten nur das erſte Zeichen zum Handeln. Earing ſah ſich um, benutzte einen günſtigen Moment, und führte einen Hieb auf das große Tau, welches eine der Ecken des Segels, das dem Zerplatzen nahe war, an der untern Raae feſthielt. Die Wirkung war ungefähr dieſelbe, welche man ſehen würde, wenn man den Schlußſtein eines nicht ſehr feſten Gewölbes ſprengte. Das Tuch zerriß mit Krachen alle ſeine Bande, und man ſah es einen Augenblick über dem Schiffe hinſchweben, wie von Adler⸗ ſchwingen getragen. Das Schiff erhob ſich auf einer trägen Woge, und fiel dann plump wieder nieder, von ſeinem eigenen Gewicht und der Heftigkeit des Orkans gedrückt. In dieſem kritiſchen Mo⸗ mente, wo die Matroſen in der Höhe dem verſchwindenden Segel nachblickten, platzte ein Taljereep des untern Tauwerks mit einem Krach, der bis zu Wilders Ohren drang. „Herunter!“ rief er mit furchtbarer Stimme durch ſein Sprach⸗ rohr,„an den Pardunen herunter! Herunter! Es gilt Euer Leben! Alle herunter!“ 3 Ein einziger von den Matroſen gehorchte dem Wink und glitt mit Windesſchnelle auf das Deck herab. Aber die Taue riſſen nach einander, und bald krachte der Maſt ſelbſt zuſammen. Einen Au⸗ genblick lang wankte der hohe Baum, und ſchien ſich im Kreiſe nach allen Punkten des Horizonts zu neigen; dann gab er der— Bewegung des Rumpfes nach, und Alles ſtürzte mit einem furcht⸗ baren Getöſe in die See. Taue, Raae, Stage, Alles zerriß wie — Zwirn, und der nackte Rumpf des Schiffes glitt fort und trotzte dem Sturm, wie wenn ſich nie etwas ſeiner Fahrt wiederſetzt hätte. Dieſem Schreckniß folgte eine ſtumme und beredte Stille. Die Elemente ſelbſt ruhten, mit ihrem Werke zufrieden. Die Wuth des Sturmes ſchien gefeſſelt. Wilder ſprang auf den Schiffsbord und ſah deutlich die unglücklichen Schlachtopfer, wie ſie ſich noch an ihre morſche Stütze anklammerten. Er ſah nach Earing, der mit einem Arme Lebewohl winkte, mit dem Muthe eines Mannes, der nicht nur das Verzweiflungsvolle ſeiner Lage fühlt, ſondern ſein Schickſal mit Ergebung zu tragen weiß. Bald verſchwanden alle dieſe Trümmer von Maſten und Tauwerk mit Allen, welche ſich noch daran feſthielten, mitten im ſchrecklichen übernatürlichen Nebel, der überall die See mit den Wolken verband. „Eine Schaluppe hinabgelaſſen!“ rief Wilder, ohne zu unter⸗ ſuchen, wie unmöglich es Ihnen war, ſich durch Schwimmen zu retten, oder den Andern, ihnen in dieſer Todesnoth zu helfen. Aber die übrig gebliebenen Matroſen ſtanden ſtarr und regungs⸗ los; ſie hörten ihn nicht, ſie gaben keine Zeichen des Lebens von ſich, noch weniger des Gehorſams. Scheue Blicke warfen ſie rings⸗ um, ſie ſuchten gegenſeitig in ihren Augen ihre Gedanken über die Größe des Schreckniſſes zu leſen. Aber kein Mund öffnete ſich zur leiſeſten Bemerkung. „Es iſt zu ſpät! zu ſpät!“ rief Wilder entſetzt;„keine Kraft, keine menſchliche Gewalt kann ſie retten!“. „Iſt das nicht ein Segel?“ fragte leiſe Nighthead neben ihm, mit von abergläubiſcher Furcht erſtickter Stimme. „Es komme!“ antwortete bitter der junge Kommandant.„Das Schreckniß hat den höchſten Grad erreicht.“ „Sollte es aber doch,“ erwiederte der zweite Lieutenant, und zeigte auf den dunkeln und nahen Punkt im Nebel, ſollte es aber doch ein ſterbliches Schiff ſein, ſo ſind wir den Paſſagieren und den Rhedern ſchuldig, es anzurufen, wenn ein Menſch ſeine Stimme in dieſem Sturm zu erheben vermag.“ „Es anrufen! Paſſagiere!“ ſagte Wilder unwillkührlich vor ſich. hin.„Nein! Alles auf der Welt iſt beſſer, als es anrufen. „Siehſt du das Schiff, welches ſo raſch heranſegelt?“ fragte er 60 mit feſter Stimme den wachſamen Matroſen, der ſeinem Poſten treu, das Steuerrad der Karoline noch nicht verlaſſen hatte. „Ja, ja, Sir,“ war die kurze ſeemänniſche Antwort. „Laß ihm das Fahrwaſſer; umgeſchwait! Das Steuer an Backbord! Vielleicht ſegelt es in der Dunkelheit an uns vorbei, um ſo mehr, da wir beinahe gänzlich Waſſer ziehen. An's Backbord geſtrichen! Verſtanden?“ Der Matroſe antwortete eben ſo lakoniſch wie das erſtemal, und der Kauffahrer von Briſtol ſtrich einige Au⸗ genblicke aus der Linie des Fremden. Aber ein zweiter Blick über⸗ zeugte Wilder, daß dieſer Verſuch unnütz ſei. Das geheimnißvolle Segel, denn Jeder an Bord war überzeugt, daß es daſſelbe ſei, welches man ſo lange am nordweſtlichen Horizont ſchweben geſehen, ſteuerte durch den Nebel mit einer Schärfe daher, die der Schnel⸗ ligkeit des Windes gleich kam. Man ſah kein beigeſetztes Segel darauf. Alle Spieren, alle, ſogar die leichten Bramſtangen waren an ihrem Orte, und bewieſen die Schönheit und das Ebenmaaß des ganzen Fahrzeugs; aber nicht der kleinſte Lappen Leinwand war dem Orkane dargeboten. Vor dem Buge her rollte ein Berg von Schaum, welchen man, ſelbſt mitten unter den empörten Wo⸗ gen des Oceans, unterſcheiden konnte; als es nahe genug war, hörte man das Brauſen der Wellen, einigermaßen mit dem Sturze eines reißenden Waldſtromes vergleichbar. Erſt glaubten die Zu⸗ ſchauer auf dem Verdeck der Karoline, ſie würden nicht geſehen, und einige ſchrieen heftig nach Lichtern, in der Beſorgniß, ein ſchreck⸗ licher Zuſammenſtoß möchte den Schreckniſſen dieſer Nacht die Krone aufſetzen. „Nein!“ rief Wilder,„ſie ſehen uns nur zu gut!“ „Nein, nein,“ murmelte Nighthead,„fürchtet nichts, wir wer⸗ den geſehen, und zwar mit Blicken, wie ſie nie aus einem ſterbli⸗ chen Auge ſahen!“ Die Matroſen ſchwiegen. In einem Augenblick war das räth⸗ ſelhafte Segel bereits hundert Fuß von der Karoline entfernt. Die⸗ ſelbe Wucht des Sturmes, welche die Wogen mit ſo viel Wuth in die Höhe gepeitſcht hatte, preßte nun auch das Element in ſein Bett zurück, und hielt es gefeſſelt, wie unter der Laſt eines Gebir⸗ ges. Die See war überall mit Schaum bedeckt, aber keine Woge erhob ſich über den Waſſerſpiegel. Wenn eine Welle nur auf ei⸗ 641 nen Augeublick ihrem Schooße entſchlüpfen zu wollen ſchien, ſo hob ſie ſchnell der Wind in die Luft, und jagte ſie als Waſſerſtaub weit hinaus; nur eine weißliche Spur blieb von ihr zurück. Das fremde Segel bewegte ſich wie ein leichtes Gewölk vor dem Winde, groß und majeſtätiſch auf der ruhigen Schaumfläche. Kein Lebens⸗ zeichen war an Bord zu ſehen. Wenn vielleicht einige Matroſen⸗ die traurigen Trümmer des Kauffahrers von Briſtol belugten, ſo waren ſie ſelbſt unſichtbar, und auf dem Verdeck war Alles ſo fin⸗ ſter, wie der Sturm, dem ſie zu entweichen ſuchten. Im Augenblick, da das fremde Fahrzeug zunächſt bei ihnen vorbeiſteuerte, hielt Wilder den Athem zurück; ſeine Angſt hatte den höchſten Grad erreicht; da er aber keine menſchliche Geſtalt, kein Signal ſah; keine Bemühung, die raſche Fahrt zu hemmen, bemerkte, glänzte ein Lächeln der Zufriedenheit auf ſeinem Geſichte und ſeine Lipven bewegten ſich lebhaft, als wünſche er ſich innerlich Glück, nun ſeinem Schickſal überlaſſen zu ſein. Das andere Se⸗ gel flog vorüber, wie ein Nebelgebilde, und bald verſchwand es in der Ferne hinter den Schaumhügeln, die ſein Kiel aufwarf. „Es verliert ſich im Nebel,“ ſchrie Wilder, als er nach der ausgeſtandenen gräßlichen Angſt wieder aufathmete. „Im Nebel oder in den Wolken,“ antworte Nighthead, der hartnäckig an ſeiner Seite blieb, und mit eiferſüchtigem Mißtranen die geringſte Bewegung ſeines unbekannten Kommandanten beob⸗ achtete. „In den Himmel oder in die See, das kümmert mich wenig es iſt verſchwunden, das iſt die Hauptſache.“ „Viele Seeleute hätten ſich aber gefreut, ein fremdes Segel zu erblicken, wenn ſie, wie wir, ſich auf dem Rumpfe eines bis auf's Verdeck geſchorenen Schiffes befänden.“ „Die Menſchen rennen oft in ihr Verderben, weil ſie ihr Beſtes nicht zu beurtheilen wiſſen. Das Schiff entferne ſich, ſage ich Ihnen, dieß iſt der heißeſte meiner Wünſche. Es ſegelt vier Fuß, wenn wir einen, und jetzt bitte ich noch um die eine Gunſt, daß dieſer Orkan bis zum Sonnenaufgang dauern möge!“ Nighthead ſchauderte, und warf auf ſeinen Gefährten einen ſchiefen Blick, der einer heimlichen Verwünſchung glich. Seiner ſtumpfen und abergläubiſchen Seele galt es für Ruchloſigkeit, den 4 62 Sturm anzurufen, in einem Augenblicke, da die Wuth aller Winde entfeſſelt war. „Es iſt ein ſchrecklicher Sturm, das iſt wahr,“ ſagte er,„wie viele Seeleute in ihrem ganzen Leben keinen auszuhalten hatten. Wer aber glaubt, daß auf der Seite, wo er herkommt, nicht noch mehr Winde im Vorrath liegen, der kennt die See nicht.“ „Er blaſe, er wüthe!“ rief Wilder und rieb ſich wie wahn⸗ witzig die Hände,„ich verlange nur Wind!“ Alle Zweifel Nightheads, wenn er deren noch hatte, über den Charakter des jungen Fremden, welcher auf eine ſo beſondere Weiſe den Poſten Nikolaus Nicholls eingenommen hatte, waren jetzt ge⸗ löſt; er kehrte zur ſtillen nachdenkenden Mannſchaft mit der Miene eines Menſchen zurück, deſſen Meinungen entſchieden ſind. Wilder ſchien nicht weiter auf ihn zu achten, ſondern fuhr fort, mehrere Stunden hindurch mit langen Schritten das Verdeck zu meſſen, und richtete bald ſein Auge auf den Himmel, bald ſchleuderte er unruhige Blicke auf den begrenzten Horizont, während die könig⸗ liche Karoline fort und fort als nacktes und geſchorenes Wrack vor dem Winde irrte. Sechstes Kapitel. Der Sturm hatte in dem Augenblicke, wo Earing und ſeine unglücklichen Gefährten mit dem Maſte in die See ſtürzten, ſeinen höchſten Grad erreicht. Obgleich der Wind noch lange nach dieſem Schreckens⸗Ereigniß zu toben fortfuhr, ſo geſchah es doch mit ab⸗ nehmender Gewalt. Je mehr die Bö nachließ, deſto mehr hoben ſich die Wellen, deſto mehr fing das Schiff an zu arbeiten. Jetzt be⸗ gannen zwei Stunden der angeſtrengteſten Wachſamkeit für Wilder; denn er mußte alle ſeine Kenntniſſe aufbieten, um zu verhüten, daß die Reſte ſeines Schiffes eine Beute der gierigen See würden. —— Seiner vollendeten Geſchicklichkeit gelang es, die Aufgabe zu löſen, und als die erſten Strahlen des Tages im Oſten leuchteten, wurden Winde und Wogen ruhig. In dieſer ganzen Zeit der mühſelig⸗ ſten Unruhe durfte unſer Abentheurer ſich nicht der geringſten Hülf⸗ leiſtung des Schiffsvolks erfreuen, mit Ausnahme von zwei erfah⸗ renen Matroſen, die er an's Steuerruder geſetzt hatte. Er achtete auch nicht ſonderlich auf dieſe Nachläſſigkeit, weil die Umſtände wenig mehr verlangten, als ſeinen eigenen Verſtand, indem er außer⸗ dem durch die Bemühungen jener beiden Matroſen, die er näher unter den Augen hatte, hinreichend unterſtützt wurde. Der Tag erhellte eine Scene, die bedeutend verſchieden war von derjenigen, welche die Schreckensnacht denkwürdig gemacht hatte. Die Stürme ſchienen ihreWuth erſchöpft zu haben. Nur ein un⸗ beſtändiger Wind wehte, und ehe die Sonne leuchtate, war die viel⸗ fache Bewegung der Luft einer gänzlichen Stille gewichen. Die See ſank ſo ſchnell, als die Macht gebrochen war, die ſie in toben⸗ den Aufruhr verſetzt hatte; und als die goldenen Strahlen des Feuerballs die ganze Fläche des unbeſtändigen Elements beleuchteten, bot es nur noch einen ruhigen Spiegel dar. Es war noch frühe, und die Heiterkeit des Himmels und des Oceans verſprach einen ſo ruhigen Tag, als man bedurfte, um auf die Mittel zu denken, einigermaßen das Schiff in die Gewalt der Mannſchaft zu bringen. „Setzt die Pumpen in Stand,“ ſagte Wilder, als er die Ma⸗ troſen aus den verſchiedenen Winkeln hervorkommen ſah, wo ſie ihre Angſt in den letzten Stunden der ſchrecklichen Nacht verborgen— hatten. „Verſtehen Sie mich, Herr,“ wiederholte er mit Nachdruck, als er bemerkte, daß Niemand ſich regte, um ſeinen Befehlen zu gehorchen.—„Unterſuchen Sie die Tiefe des Waſſers, laſſen Sie. es keinen Zoll weiter vordringen.“ Nighthead, an den Wilder dieſe Worte gerichtet hatte, warf einen ſcheelen, finſtern Blick auf ſeinen Kommandanten, und wechſelte mit ſeinen Kameraden Winke, die von einer Art Einverſtändniß zeugten, ehe er für angemeſſen hielt, ſich zur Ausführung des Gebotenen anzuſchicken; aber der entſchiedene Ton ſeines Gebieters that endlich ſeine Wirkung. Die Matroſen begannen allgemach den gegebenen 64 Befehl auszuführen, und man überzeugte ſich, daß das Waſſer ſchon ſchreckliche Verheerungen angerichtet hatte. Das Manöver wurde mit ungleich mehr Thätigkeit und Genauigkeit wiederholt. „Wenn es eine Hexerei gibt, welche das Waſſer aus dem untern Raum eines ſchon halb angefüllten Schiffes hinweghexen kann,“ ſagte Nighthead mit einem finſtern Blicke auf den aufmerk⸗ ſamen Wilder,„ſo müßte ſie ſich bald daran machen! Denn es würde die ganze Geſchicklichkeit von einem Zauberer in Anſpruch nehmen, der etwas mehr als bloßer Pfuſcher in der Hexerei wäre, um die Pumpen der königlichen Karoline ſpielen zu laſſen.“ „Wie verſtehen ſie das, Herr?“ fragte Wilder, der jetzt erſt gewahrte, welcher Geiſt der Inſubordination den zweiten Lieutenant ergriffen, und wie drohend das Schiffsvolk ihn unterſtützte.— „Unverzüglich de. Pumpen in den Stand geſetzt, und an's Werk gegangen!“ Dem erſten Theile des Befehles begann Nighthead zu gehor⸗ chen, zund in wenig Augenblicken war Alles zu der ſo dringenden Arbeit bereit. Keiner aber bot die Hände zu dem mühſamen Werke. Wilders durchdringender Blick entdeckte alsbald, da er einmal Arg⸗ wohn geſchöpft hatte, dieſen Widerſtand; er wiederholte ernſtlicher ſeinen Befehl, und rief zwei Matroſen mit Namen guf, mit dem Beiſpiel des Gehorſams voranzugehen. Dieſe danderth und ließen ſo Nighthead Zeit, ſie durch ſeine Rede in ihrem aufrühreriſchen Beginnen zu beſtärken.— „Was bedürfen wir der Arme, um die Pumpen zu einem Schiffe, wie dieſes hier, in Bewegung zu ſetzen?“ ſagte er mit einem rohen Lachen, in welchem aber ein geheimes Entſetzen auf⸗ fallend mit einem deutlichen Uebelwollen kämpfte.„Nach Allem, was wir heute Nacht geſehen, würde ſich Keiner unter uns wun⸗ dern, wenn wir das Schiff ſein Waſſer ausſpeien ſähen, wie der Wallfiſch, wenn er Luft ſchöpft.“ „Was ſoll dieß Zaudern und dieſe Sprache?“ ſagte Wilder, und nahte ſich ſeinem Maat entſchloſſenen Schrittes, und mit einem Stolz im Auge, der ſich durch die deutlichſten Beweiſe von Meuterei nicht entwaffnen ließ.—„Wie? Sie, mein Herr, Sie, der bei einer ſolchen Gelegenheit der Erſte ſein ſollte, Sie wagen das Bei⸗ ſpiel des Ungehorſams zu geben?“ 4 2„0ℳ 3 65 Der Lieutenant wich einen Schritt, ſeine Lippen öffneten ſich, aber er vermochte keine verſtändliche Antwort hervorzubringen. Wil⸗ der wiederholte ihm ruhig und ernſt den Befehl, ſich ſelber an den Pumpenſtock zu ſtellen. Jetzt fand Nighthead ſeine Stimme wieder, er ſtieß eine kurze und deutliche Weigerung hervor; alsbald aber erhielt er einen Schlag, der ihn auf die Erde niederſtreckte, da er weder Gewandtheit noch Zeit gehabt hatte, ihm auszuweichen. Dieſer entſcheidenden That folgte ein Augenblick tiefer Stille und Ungewißheit unter den Matroſen; dann aber erhob ſich ein allgemeines furchtbares Gebrüll, wodurch ſie ihren Aufruhr öffent⸗ lich erklärten, und zugleich ſtürzten Alle auf unſern Abentheurer zu, der allein und wehrlos daſtand. Im Augenblicke, da bereits ein Dutzend Arme Wildern gepackt hatten, ertönte von der Kuhl her ein durchdringendes Geſchrei, das auf einige Momente die Aus⸗ brüche ihrer Wuth verſchob. Es war Gertrude, deren herzzerreißende Stimme die wunderbare Gewalt über die barbariſchen Vorſätze eines Haufens roher und ungebildeter Creaturen ausübte, deren Leiden⸗ ſchaften auf eine ſo ſchreckliche Weiſe geweckt worden waren. Wil⸗ der wurde losgelaſſen, und Aller Augen wandten ſich, durch ein allgemeines Gefühl getrieben, nach der Seite hin, wo ſie erſchie⸗ nen war. Mrß. Wyllys und ihr Zögling hatten dieſe ganze Zeit über in einer völligen Bewußtloſigkeit der vorgefallenen Schreckens⸗Ereig⸗ niſſe gelebt. In ihre Kajüte eingeſchloſſen, hatten ſie wohl das Geheul der Winde und das ewige Donnern der Wogen gehört; aber eben dieſes hatte ſie verhindert, das Krachen der Maſte und das rauhe Schreien der Matroſen zu vernehmen. In jenen Augenblicken der entſetzlichſten Ungewißheit, als das Schiff auf der Seite lag, hatte zwar die erfahrnere Gouvernante eine fürchterliche Ahnung der Wahrheit; da ſie aber einſah, daß ſie doch nicht förderlich ſein konnte, und ihre junge Begleiterin nicht beunruhigen wollte, beſaß ſie Selbſtbeherrſchung genug, zu ſchweigen und ſich ruhig zu ver⸗ halten. Die Stille, welche auf dem Verdeck eintrat, ließ ſie glau⸗ ben, ſie hätte ſich in ihren Beſorgniſſen geirrt, und noch lange vor Tagesanbruch hatten Beide ſich dem ſüßen Schlummer überlaſſen. Eben waren ſie aufgeſtanden, und zuſammen auf das Verdeck ge⸗ ſtiegen, wo ſie ſich von dem Erſtaunen über die mittlerweile vor⸗ Seeräuber. 5 gefallene Verwüſtung noch nicht erholt hatten, als die Meuterei gegen Wilder ausbrach. „Was bedeutet dieſer gräßliche Wechſel?“ fragte Mrß. Wyllys, deren Lippen bebten, und deren Geſicht, ungeachtet des hohen Gra⸗ des von Selbſtbeherrſchung, den ſie ſich zu eigen gemacht, mit Todesbläſſe bedeckt war. Wilders Augen funkelten, ſeine Stirne war ſo düſter wie der Orkan, dem ſie noch glücklich entronnen waren; mit einer drohen⸗ den Geberde gegen die Empörer antwortete er: „Was dieß bedeutet, Miß? Aufruhr, niederträchtige, feigher⸗ zige Meuterei.“ 3 „Meuterei! Konnte ſie ſo weit gehen, das Schiff aller ſeiner Maſte zu berauben, und es ſo nackt und wehrlos der Willkühr der Wellen zu überlaſſen?“ „Hören Sie, Miß,“ unterbrach ſie barſch der Lieutenant Night⸗ head,—„ich darf frei mit Ihnen ſprechen, denn man weiß, wer Sie ſind, und weßhalb Sie an Bord der Karoline gegangen ſind. Heute Nacht habe ich den Himmel und die See ſich ſo aufführen ſehen, wie ſie ſich nie aufgeführt haben. Schiffe ſegelten im Sturm⸗ wind, leicht wie Korkſtöpfel, und hoben ihre Maſten in die Luft, die ſich ſo wenig rührten, als lägen ſie im Hafen vor Anker, wäh⸗ rend andere in einer Minute geſchoren waren, ſo völlig wie ein Bart unter der Klinge des Barbiers. Man hat Kreuzer getroffen, die nicht von Menſchenhänden gelenkt wurden, und— endlich mit Einem Worte, Niemand hat noch ſein Lebtage eine Wache gehalten, wie die verfloſſene.“ „Und was hat dieß Alles mit den Gewaltthätigkeiten zu ſchaffen, von denen ich Zeuge war? Muß dieſes Schiff alle Stu⸗ fen von Schrecken durchſchreiten? Können Sie mir dieß erklären, Herr Wilder?“ „Sie können nicht ſagen, Miß, daß Sie nicht vor der Gefahr. gewarntwor den,“ antwortete Wilder mit einem ſchmerzvollen Lächeln. „Selbſt der Satan muß ehrlich ſein, wenn er dazu gezwungen S wird,“ ſagte der Lieutenant.„Jede ſeiner Creaturen muß ſeiden Befehlen gehorchen; und, dem Himmel ſei Dank! möchten Sie auch noch ſo ſehr Luſt haben, ſie zu überſchreiten, ſo haben Sie doch weder Muth noch Macht dazu. Sonſt wäre in unſern unruhigen * 67 Zeiten eine friedliche Fahrt ſo ſelten, daß wenig Menſchen die Kühn⸗ heit hätten, ſich auf das Waſſer zu wagen.— Gewarnt! jawohl! zugegeben; Sie haben uns gewarnt, und zwar mehrmals! Als Nikolaus Nicholls das Bein brach, wie man eben die Anker lichten wollte, das war eine Warnung, welche der Rheder nicht hätte un⸗ beachtet laſſen ſollen! Nie habe ich ein ähnliches Unglück in einem ſolchen Augenblicke vorfallen ſehen, ohne daß nicht ein Unheil dar⸗ aus entſtanden wäre. Und als ob das noch Alles nicht genug wäre, drücken wir die Augen zu, und ſtatt friedlich vor Anker lie⸗ gen zu bleiben, gehen wir unter Segel; und welchen Tag wählen wir dazu, einen ſichern und ruhigen Hafen zu verlaſſen? Einen Freitag!*) Ich wundere mich nicht über Alles, was erfolgt iſt; darüber wundere ich mich, daß ich noch am Leben bin, und dieß verdanke ich jedenfalls blos dem Umſtande, daß ich nur denen ge⸗ horcht habe, denen ich Gehorſam ſchuldig war, und nicht unbekann⸗ ten Seeleuten und fremden Befehlshabern. Hätte Earing desgleichen gethan, ſo wäre zwiſchen ihm und der Meerestiefe noch ein feſtes Brett. Obgleich er aber halb auf dem Wege war, an die in die Augen fallende Wahrheit zu glauben, ſo überließ er ſich am Ende doch dem Aberglauben und der Leichtgläubigkeit.“ Dieſes charakteriſtiſche Glaubensbekenntniß des Maaten war zwar für Wilder völlig klar, den beiden Frauen aber ein unauf⸗ lösliches Räthſel. Nighthead hatte übrigens ſeinen Plan zu gut ausgeſponnen, und war nicht ſo weit gegangen, um auf halbem Wege ſtehen zu bleiben. Ganz kurz ſchilderte er Mrß. Wyllys die verzweifelte Lage, in der ſich das Schiff befand, und die Unmög⸗ lichkeit, es noch einige Stunden flott zu erhalten, weil wiederholte Unterſuchungen ihn überzeugt hätten, daß der untere Schiffsraum ſchon halb mit Waſſer gefüllt ſtehe. *) Die abergläubiſche Meinung, daß der Freitag ein Unglückstag ſei, war Nighthead nicht allein eigen, ſie hat ſich mehr oder weniger unter den Seeleuten unſrer Zeit erhalten. Ein aufgeklärter Kaufmann von Connecticut wollte ſein Theil dazu beitragen, dieſes oft ſehr ſchädliche Vorurtheil auszurotten. Er ließ den Kiel zu einem Schiff an einem Frei⸗ tag legen, ließ es an einem Freitag vom Stapel laufen, taufte es Freitags, und an einem Freitag mußte es zum Erſtenmal unter Segel gehen. Unglücklicher Weiſe für dieſen menſchenfreundlichen Verſuch iſt das Schiff verſchwunden, und weder von ihm noch von der Mannſchaft hat man je wieder etwas gehört. Anmerkung des Verfaſſers. 5* 68 „Und was iſt da zu thun?“ fragte die Gouvernante mit einem Blicke des Entſetzens auf die todtenbleiche, ängſtlich horchende Ger⸗ trude.„Iſt kein Schiff in der Nähe, das uns vom Schiffbruch erretten kann? oder müſſen wir hülflos untergehen?“ „Gott behüte uns noch vor fremden Segeln!“ ſchrie der eigen⸗ ſinnige Nighthead.„Dort an dem Spiegel hängt unſere Pinaſſe, und das Land muß etwa vierzig Meilen weit von hier nordweſtlich liegen; Waſſer und Lebensmittel ſind im Ueberfluß da, und zwölf kräftige Arme können eine Schaluppe bald an den amerikaniſchen Kontinent gebracht haben, vorausgeſetzt, daß Amerika noch da iſt, wo wir es geſtern Abend bei Sonnenuntergang geſehen haben.“ „Sie ſchlagen demnach vor, das Schiff zu verlaſſen?“ „Ja, das Intereſſe der Rheder iſt zwar jedem guten Seemann theuer, aber das Leben iſt koſtbarer als Gold.“ „Des Herrn Wille geſchehe! Ich hoffe aber, daß Sie keinen Gewaltſtreich gegen den Herrn im Schilde führen, der, wie ich weiß, das Schiff in ſchlimmen Umſtänden mit einer Klugheit und Um⸗ ſicht gelenkt hat, die weit über ſein Alter gehen.“ Nighthead brummte einige Worte, wie um ſich ſelbſt ſeine Entſchlüſſe, welche ſie auch ſein mochten, kund zu thun, und zog ſich dann mit den Matroſen zurück, um ſich mit ihnen, die nur zu ſehr geneigt waren, alle ſeine Abſichten zu unterſtützen, ſo falſch und ungerecht ſie auch erſchienen, über die zu ergreifenden Maß⸗ regeln zu berathen. Während der nun folgenden kurzen Augenblicke ſchwieg Wilder, immer ruhig und ſeiner Selbſt Herr; kaum ver⸗ gönnte er einem verächtlichen Lächeln auf ſeinen Lippen, ſich zu zeigen, und verharrte eher in der Stellung eines Mannes, der Macht hat, über ſeines Gleichen zu gebieten, als Eines, deſſen eigenes Loos in demſelben Augenblick entſchieden wird. Als die Matroſen ihren Entſchluß gefaßt hatten, kam der Lieutenant, und machte das Re⸗ ſultat der Berathung bekannt. Gleichwohl bedurfte es keiner Worte, um den weſentlichſten Theil ihrer Entſcheidung zu erklären, denn einige Matroſen machten ſich ſogleich daran, die Pinaſſe unter dem Spiegel in die See zu laſſen, indeſſen andere ſich damit beſchäftig⸗ ten, die nöthigen Lebensmittel hineinzuſchaffen. „Alle an Bord befindlichen Chriſten haben in dieſer Pinaſſe Raum,“ ſagte Nighthead;„diejenigen aber, welche ihr Vertrauen — * -—— 69 auf gewiſſe Leute ſetzen, nun! mögen ſie zu Hülfe rufen, von denen ſie gewöhnlich unterſtützt werden!“ „Ich muß hieraus ſchließen,“ ſagte Wilder mit Ruhe,„daß ihr geſonnen ſeid, Schiff und Pflicht zu verlaſſen?“ Der Lieutenant ward durch dieſes Wort halb eingeſchüchtert, vergaß aber doch nicht ſeinen Groll, und warf ihm einen Blick zu, worin ſowohl Furcht als auch Stolz des Triumphes zu leſen war; endlich erwiederte er: „Wer wie Sie ein Schiff ohne Hülfe der Mannſchaft ſegeln läßt, wozu bedürfte der einer Barke? Uebrigens Ihnen bleibt die Barkaſſe.“ „Die Barkaſſe!... Ihr wißt aber wohl, daß ohne Maſt alle eure Kräfte zuſammen nicht im Stande wären, ſie vom Ver⸗ decke zu heben, ſonſt würdet ihr ſie nicht da laſſen!“ „Wer die Maſte der Karoline hinweggenommen hat, kann ſie wieder an ihren Platz ſtellen,“ antwortete grinſend ein Matroſe. „Noch ehe wir eine Stunde fort ſind, hat gewiß ſchon eine unſicht⸗ bare Hand Eure Spieren in Ordnung gebracht, und dann kann es Euch an Reiſegeſellſchaft nicht fehlen.“ Wilder ſchien jede weitere Antwort zu verſchmähen. Lang⸗ ſamen Schrittes, nachſinnend, aber ruhig und kaltblütig, ging er auf dem Verdeck hin und her. Indeſſen rückten, da alle Matroſen. vor gleicher Ungeduld, das Schiff zu verlaſſen, brannten, die Vor⸗ bereitungen dazu unglaublich ſchnell voran. Noch hatten die beiden erſchrockenen und ſehr verlegenen Damen die höchſt beunruhigende Lage, in der ſie ſich befanden, kaum überdacht, als man auch ſchon den Schiffsherrn auf das Verdeck brachte, der ſo unglücklich geweſen war, das Bein zu brechen; gleich darauf rief man ihnen zu, neben ihm Platz zu nehmen. Der letzte Moment war gekommen, und ſie fühlten die Noth⸗ wendigkeit, ſich nach der einen oder der anderen Seite zu entſchei⸗ den. Vorſtellungen mußten, ſo fürchteten ſie, nur zu fruchtlos ſein, denn die Blicke des Haſſes und der Bosheit, welche man von Zeit zu Zeit Wildern zuſchleuderte, zeigten ſehr deutlich, wie gefährlich es geweſen wäre, ſo ſtarrſinnige und unwiſſende Gemüther zu neuen Gewaltthätigkeiten zu reizen. Die Gouvernante wollte ſich an den Verwundeten wenden, aber die unſtäte Miene der Verzweiflung, mit welcher dieſer ſich umgeſehen hatte, als er auf's Verdeck getragen wurde, und der Ausdruck von Körper⸗ und Seelenleiden, der ſich. in ſeinen Zügen malte, die er ſchnell in Decken und Kiſſen hüllte, zeigten zu deutlich, wie wenig Hülfe man von ihm in ſeinem jetzi⸗ . gen Zuſtand erwarten durfte. „Was haben wir zu thun?“ fragte ſie endlich den anſcheinend 5 gänzlich gefühlloſen Gegenſtand ihres Kummers. „Das möchte ich ſelbſt wiſſen,“ antwortete er auf der Stelle, und warf einen raſchen, durchdringenden Blick auf den ganzen Hori⸗ zont.„Es iſt nicht unwahrſcheinlich, daß Sie das Ufer erreichen; vierundzwanzig Stunden Windſtille reichen dazu hin.“ „Sonſt?“ „Ein Windſtoß aus Nordweſt oder jeder andern aheid ven Lande her ſtürzt Sie in's Verderben.“ „Und das Schiff?“ „Wenn es verlaſſen wird, geht es unter.“ „Wenn das iſt, ſo muß ich zu Ihren Gunſten mit dieſen Felſenherzen reden. Ich weiß mir das Intereſſe, das ich für Sie fühle, nicht zu deuten, würde mich aber lieber Allem ausſetzen, als Sie in einer ſolchen Gefahr verlaſſen.“ „Halt, liebe Miß,“ ſagte Wilder, ergriff ehrfurchtsvoll ihre Hand und hielt ſie zurück;„ich kann dieſes Schiff nicht ver⸗ laſſen.“ „Das kann man noch nicht wiſſen, die ſtarrſinnigſten Charak⸗ tere ſind zu zähmen, es iſt ja möglich, daß es mit gelingt. 4 „Es wäre Ein Charakter zu bändigen, Ein Beweggrund zu vernichten, und Vorurtheile zu beſiegen, über welche Sie keine Macht —— haben.“ „Weſſen Vorurtheile? 24 4 „Die meinigen.“ „Was denken Sie, Sir? Es wäre wahrlich eine große Schwäche, es hieße eine Tollheit begehen, wenn Sie Ihrer Empfindlichkeit gegen ſolche Leute nachgeben wollten.“ „Sehe ich einem Tollen ähnlich?“ fragte Wilder.„Die Mei⸗ nung, welche mich leitet, kann falſch ſein, aber ſo wie ſie iſt, iſt 8 ſie mit meinen Gewohnheiten, meinen Gedanken und Gefühlen, ja ich kann ſagen, mit meinen Grundſätzen, eng verwebt. Die Ehre * — 4 61 verbietet mir, ein Schiff zu verlaſſen, das unter meinen Befehlen ſteht, ſo lange noch eine Planke flott iſt.“ „Und was kann ein einzelner Arm in einem ſo gefährlichen Augenblick nützen?“ „Nichts!“ antwortete er mit einem melancholiſchen Lächeln; „ich muß ſterben, damit Andere, wenn ſie in den gleichen Fall kommen, ebenfalls ihre Pflicht erfüllen.“ Mrß. Wyllys und Gertrude ſtanden unbeweglich. Sie be⸗ trachteten beinahe mit Entſetzen ſein flammendes Auge und die Ruhe, welche ſeinen Geſichtszügen aufgeprägt war. Die Gouvernante fand in der feſten Entſchloſſenheit Wilders nur Beweggründe zu Beſorg⸗ niß.„Hatte ſie bis dahin ſchon den höchſten Widerwillen empfun⸗ den, ſich und ihren Zögling einer ſolchen Bande von Menſchen an⸗ zuvertrauen, wie die waren, in deren Händen die Gewalt nunmehr lag, ſo wurde dieſer Widerwillen durch den rohen und lärmenden Aufruf, womit man ſie zur Eile trieb und kommen hieß, zum Ab⸗ ſcheu geſteigert. „Gütiger Himmel!“ rief ſie aus,„was ſoll ich thun? Reden Sie, junger Mann, geben Sie mir den Rath, welchen Sie einer Mutter und einer Schweſter geben würden.“ „Wenn ich ſo glücklich wäre,“ antwortete er,„ſo nahe und theure Angehörige zu haben, ſo wäre nichts im Stande, uns in einem ſolchen Moment zu trennen.“ „Wenn wir auf dieſem Wracke bleiben, iſt Hoffnung für uns?“ „Sehr wenig.“ „Und in der Schaluppe?“ Es verſtrich mehr als eine Minute, bis Wilder antwortete. Er wandte das Auge zum Horizont, und beobachtete mit ängſtlicher Sorge den Himmel. Kein Wetterzeichen entging ſeinem Scharf⸗ blick, die verſchiedenen Regungen ſeiner Seele malten ſich während der Beobachtung auf ſeinen Geſichtszügen. „Bei meiner Ehre, Madame, bei der Ehre, welche mir ge⸗ bietet, Ihrem Geſchlecht nicht nur meinen Rath, ſondern auch mei⸗ nen Schutz zu verleihen, ſage ich Ihnen, ich traue dem Wetter nicht! Es iſt für uns eben ſo viel Hoffnung, von irgend einem Schiffe geſehen zu werden, als für die, welche ſich in die Pinaſſe gewagt, jemals das Land zu erreichen.“ „Wir bleiben alſo hier!“ ſagte Gertrude, und zum erſten Male, ſeitdem ſie wieder auf dem Verdeck erſchienen war, färbten ſich ihre bleichen Wangen bis zur lebhaften Röthe.„Ich mag die Elenden nicht, welche in dieſer Barke unſere Gefährten ſein würden!“ „Herab! herab!“ ſchrie Nighthead ungeduldig.„Jede Minute iſt eine Woche, und jeder Augenblick ein Lebensjahr für uns Alle. Herab! herab! oder wir ſteuern fort.“ Mrß. Wyllys antwortete nicht; ſie war ein Bild völliger und peinlicher Ungewißheit. Bereits hörte man das Plätſchern der Ru⸗ der, und gleich darauf ſah man die Pinaſſe über die Waſſer⸗Ebene gleiten, von zwölf kräftigen Armen getrieben. „Halt!“ rief die Gouvernante ſchnell entſchloſſen,„nehmt mein Kind auf! Verlaſſet mich!“. Ein Wink mit der Hand und einige undeutliche Worte, die der Lieutenant brummte, waren die einzige Antwort. Es folgte eine lange, peinliche Stille. Schon verwiſchten ſich die finſtern Züge der Matroſen in der Pinaſſe in der Ferne, jetzt ſchwand zu⸗ ſehends die Barke ſelbſt, und ſchien nur noch ein dunkler Fleck, der auf den azurnen Wogen ſchaukelte. Während dieſer Sceiie waren Alle ſtill und lautlos. Jedes ſchien die verſchwindende Barke mit den Augen zu verſchlingen, und erſt als ſie gänzlich unſichtbar ge⸗ worden, vermochte Wilder ſelbſt, ſich der Erſtarrung, die auf ihm gelaſtet, zu entreißen. Sein Auge fiel auf ſeine Gefährtinnen, und er ſtützte den Kopf auf die Hand, wie wenn ihm der Gedanke an die Verantwortlichkeit zu ſchwer würde, die er übernommen, als er ihnen zu bleiben rieth. Dieſe Schwäche ging indeß bald vorüber, und er gewann jene Kraft und Kaltblütigkeit bald wieder, welche zu oft erprobt worden, als daß ſie ſo leicht hätten erſchüttert wer⸗ den können. „Sie ſind fort!“ rief er mit einem langen, tiefen Seufzer, wie wenn er den Athem mit Gewalt an ſich gehalten hätte. „Sie ſind fort!“ rief die Gouvernante mit einem Blicke auf die unbewegliche Gertrude, worin ſich ihr ganzer Kummer ausſprach; „keine Hoffnung mehr!“ 73 Plötzlich verſchwand das Gewölke auf Wilders Stirne, und das Lächeln ſeiner Züge glich den Strahlen der Sonne, wenn ſie den dichteſten Nebel zertheilt, welche ſie verhüllt hatten. „Es iſt noch Hoffnung da!“ ſagte er mit Zuverſicht;„unſere Lage iſt weit entfernt, verzweifelt zu ſein.“ „So nimm denn Du, der Himmel und Merre beherrſcht, gnädig mein Dankgebet auf!“ rief die fromme Gouvernante, und ließ einem Strome von Thränen, die einen langen Schmerzenskampf auflösten, freien Lauf. Gertrude fiel ihrer guten Wyllys um den Hals, und lange hielten ſich beide Freundinnen eng umarmt. „Und jetzt,“ rief Gertrude, ſich den Armen ihrer Gouvernante entwindend,„jetzt wollen wir den Einſichten und der Geſchicklichkeit des Mr. Wilder vertrauen. Er hat dieſe Gefahren vorhergeſagt; warum ſollten wir ihm nicht glauben, jetzt, da er unſere Befreiung verkündigt?“ 3 5 „Vorhergeſehen, vorhergeſagt!“ entgegnete Mrß. Wyllys;„kein Sterblicher hätte dieſes fürchterliche Unglück vorherſehen können, und würde ſich ihm freiwillig ausgeſetzt haben. Mr. Wilder, ich will Ihnen nicht läſtig fallen mit Bitten um nunmehr unnütze Erklä⸗ rungen; Sie werden mir aber gewiß die Mittheilung Ihrer Beweg⸗ gründe zur Hoffnung nicht verſagen.“ Wilder beeilte ſich, eine ebenſo peinliche als natürliche Neu⸗ gierde zu befriedigen. Die Meuterer hatten die größte und ſicherſte Schaluppe der Karoline in der Eile, womit ſie die Ruhe des Wet⸗ ters zu benutzen ſuchten, zurückgelaſſen, wohl wiſſend, daß es einer harten Arbeit von mehreren Stunden bedurft hätte, ſie von ihrer Stelle zwiſchen den beiden größten Maſten wegzubringen und in die See zu laſſen. In dieſe kleine Arche, war Wilders Vorſchlag, wollten ſie die nützlichen oder nöthigen Dinge, deren ſie auf dem verlaſſenen Wrack habhaft werden konnten, bringen; dann wollten ſie hineinſteigen, um den entſcheidenden Moment abzuwarten, wo das Schiff unter ihnen in die Tiefe ſinken würde. „Nennen Sie das Hoffnung?“ rief Mrß. Wyllys, als dieſe kurze Erklärung geendigt war; und die Bläſſe, die ſich von Neueme auf ihre Wangen lagerte, ſprach das Uebermaß ihres Schmerzes aus.„Man hat mich verſichert, daß der Schlund, den ein 74 ſinkendes Schiff in die See reißt, alle Gegenſtände von geringerer Größe, die oben ſchwimmen, nachzieht.“ „Dieß geſchieht zuweilen. Um Alles in der Welt möchte ich Sie nicht täuſchen, und deshalb ſage ich Ihnen, daß die Hoffnung, die wir auf Rettung haben, der Furcht, mit dem Schiff verſchlun⸗ gen zu werden, das Gleichgewicht hält.“ „Es iſt ſchrecklich!“ ſprach die Gouvernante;„aber des Herrn Wille geſchehe! Kann die Gewandtheit und Geſchicklichkeit nicht einmal die Stelle der Kraft vertreten, und gibt es kein Mittel die Schaluppe in das Meer zu laſſen vor dem gräßlichen Augenblick?“ Wilder verneinte durch ein ſprechendes Kopfſchütteln. „Wir ſind nicht ſo ſchwach, als Sie vielleicht denken,“ ſagte Gertrude, ſfiche unſere Anſtrengungen, und laſſen Sie uns das Aeußerſte verſuchen. Hier iſt Kaſſandra,“ ſagte ſie, und wandte ſich zu der Negerin, die hinter ihrer jungen Gebieterin ſtand, mit Mantel und Shawl auf dem ene als wäre ſie bereit, ſie auf einem ihrer gewöhnlichen Morgenſpaziergänge zu begleiten;—„hier iſt Kaſſandra, die allein beinahe eines Mannes Kräfte hat.“ „Und wenn ſie die Kräfte von zwanzig hätte, ſo könnte ich doch, ohne Hülfe einer Maſchine, die Schaluppe nicht ausſetzen. Doch wir verlieren die Zeit mit Worten. Erſt ſteige ich hinunter, um zu ſehen, wie lange wahrſcheinlicher Weiſe unſere Ungewißheit noch danern wird, und dann wollen wir die Zubereitungen zur Abfahrt treffen. Dazu können Sie Alle mir behülflich ſein, ſo ſchwach und zart Sie auch ſein mögen.“. Er zeigte ihnen die leichteren Gegenſtände, die ihnen noth⸗ wendig werden konnten, wenn ſie das Glück hatten, dem Schiff⸗ bruch zu entrinnen, und rieth ihnen, ſie ohne lange zu ſäumen, in die Schaluppe zu bringen. Während die drei Frauenzimmer ſich ſo beſchäftigten, ſtieg er in den untern Schiffsraum, um das Steigen des Waſſers zu beobachten, und die Zeit zu berechnen, die noch bis zum gänzlichen Untergange des Schiffes verſtreichen könnte. Er ſah, daß ihre Lage beunruhigender war, als er geglaubt. Seiner Maſte beraubt, hatte das Schiff ſo ſehr geſchlingert, daß es dem Waſſer viele Nähte geöffnet hatte, und da bereits die obern Theile des Schiffes unter den Waſſerſpiegel zu ſinken begannen, ſo ſtieg das Waſſer unglaublich ſchnell. Der junge Seemann warf 75 einen geübten, prüfenden Blick auf die Umgebung, und verwünſchte mit der ganzen Bitterkeit ſeines Herzens die grobe Unwiſſenheit und den Aberglauben, der den Reſt der Schiffsmannſchaft bewogen hatte, ihn zu verlaſſen. In der That war noch kein Unfall geſchehen, den kräftige Bemühungen unter geſchickter Leitung nicht wieder gut hätten machen können. Aber aller Hülfe beraubt, fühlte er nur zu ſehr die Thorheit, auch nur einen Verſuch zu wagen, die nun⸗ mehr unvermeidliche Thorheit zu verſchieben. Er ſtieg mit gepreß⸗ tem Herzen auf das Verdeck, und beſchäftigte ſich mit den nöthigen Zurüſtungen, um ſeinen Gefährtinnen einige Wahrſcheinlichkeit ihrer Rettung verſichern zu können. Während dieſe bei einer leichten, aber nothwendigen Arbeit allen ihren Schrecken vergaßen, richtete Wilder die beiden Bootmaſte auf, und brachte Segel und alles Uebrige in Ordnung, was im Falle des Gelingens nöthig werden konnte. Unter dieſen Zurüſtungen verfloſſen ein paar Stunden mit unglaublicher Schnelligkeit. Jetzt hatte er ſeine Arbeit beendet. Er kappte die Taue, womit die Barkaſſe an das Schiff gebunden war, ſo daß ſie durch nichts mehr mit dem Rumpfe zuſammenhing, der ſich bereits ſo geſenkt hatte, daß man jeden Augenblick befürchten mußte, er ſinke darunter hinweg. G Nachdem er dieſe Vorſichtsmaßregel angewendet hatte, forderte er ſeine Gefährtinnen auf, in die Schaluppe zu ſteigen, aus Be⸗ ſorgniß, der entſcheidende Moment möchte früher eintreten, als er— vermuthet hatte, denn er wußte, daß ein Schiff, welches im Begriff ſteht, zu verſinken, einer Mauer gleicht, welche den Einſturz droht, — jeden Augenblick bereit, dem kleinſten Drucke nach unten zu weichen. nämlich eine zweckmäßige Auswahl unter den vielen Dingen, womit der blinde Eifer der drei Frauenzimmer die Schaluppe dergeſtalt überfüllt hatten, daß ihnen ſelbſt kaum ein Plätzchen übrig blieb. Ungeachtet der Widerreden der Negerin, wurden Kiſten, Koffer und Schachteln in die See geſchleudert. Und jetzt erſt, nachdem für Alles geſorgt war, erlaubte ſich Wilder einige Ruhe. Er hatte die Segel ſo gelegt, daß er ſie jeden Augenblick hiſſen konnte, und genau nachgeſehen, ob nicht noch ein Jetzt nahm er noch eine ſehr nothwendige Operation vor, 4— 76 — verrätheriſches Tau unbemerkt die Barkaſſe an dem Schiffsrumpf feſthielt, der ſie dann in ſein Verderben mitreißen könnte; er hatte ſich feſt überzeugt, daß Lebensmittel, Waſſer, ein Seekompaß und jene unvollkommenen Inſtrumente, deren man ſich damals noch be⸗ diente, um die Lage eines Schiffes zu beſtimmen, jedes an ſeinem gehörigen Orte ſich befinde, und jeden Augenblick benutzt werden könnte. Als alle dieſe Vorbereitungen beendet waren, ſetzte er ſich ſelbſt an's Hinterbord, und bemühte ſich durch eine ruhige Miene ſeinen minder entſchloſſenen Gefährtinnen einen Theil ſeiner Feſtig⸗ keit einzuflößen. Die Strahlen des glänzenden Tagesgeſtirnes brachen ſich auf der unermeßlichen Fläche um ſie her. Die See war ſo ruhig ge⸗ worden, daß nur je zuweilen und nach langen Zwiſchenräumen die gewaltige, unthätige Maſſe, auf deren Rücken die Barke noch ruhte, einigermaßen aus ihrem Schlafe auftaumelte, träge einen Augen⸗ blick in dem Waſſer, das ſie beſpülte, ſchlingerte, und ſich dann tiefer in das gierige Element ſenkte, das bereit war, ſeinen Raub zu empfangen. Indeſſen war ſeine Langſamkeit denen unerträglich, die mit ſolcher Ungeduld dem gänzlichen Verſinken des Schiffes als dem Wendepunkt ihres Schickſals entgegen ſahen. In dieſen Stunden peinlicher Ungewißheit, wurde die Unter⸗ haltung der aufmerkſamen Reiſenden durch lange Pauſen unter⸗ brochen, worin jedes ſich ſeinen eigenen Betrachtungen überließ. Jedes enthielt ſich, um des Andern Empfindungen zu ſchonen, des kleinſten Wörtchens, das eine Hindeutung auf die Gefahr, die über ihnen ſchwebte, hätte ausſprechen können; das innere Bewußtſein der nahen Entſcheidung war lebendiger erregt durch die nie er⸗ löſchende Liebe zum Leben, die in Allen glühte. So verſtrichen die Minuten, die Stunden, der ganze Tag, bis die Dunkelheit ſich herabſenkte, und ihre Blicke auf einen finſtern, engen Kreis um ſie her beſchränkte. Dieſem Wechſel folgte eine andere Stunde, in welcher das entſetzliche Bild des Todes in allen ſeinen Schreckniſſen, wie er die unerſättliche Hand nach ihnen aus⸗ ſtreckte, ihrem Gemüthe nahete. Aus der Ferne hörten ſie auf dem Waſſerſpiegel das Rauſchen der Wellen, die der ungeheure Wallfiſch aufrüttelte; in dem Gefolge des Königs der Tiefe brausten Tau⸗ ſende von Fiſchen. In Gertrudens aufgeregter Phantaſie malten * 100 ſich die Schlünde des Meeres; ſie ſpieen alle ihre Ungeheuer aus; ſelbſt der ruhige Ton, womit Wilder ſie verſicherte, daß dieſe nichts weniger als ungewöhnlichen Töne die Vorzeichen des Friedens und der Ruhe ſeien, und nicht die Verbündeten neuer Gefahren, konnte ſie nicht beſänftigen; ſie ſah ſich an einem dünnen Faden über den gähnenden Abgründen hängen, woraus die Scheuſale der wimmeln⸗ den Tiefe ſie angrinsten. Der junge Seemann ſelbſt konnté ſich eines Schauders nicht erwehren, als er auf der dunkeln Fläche die ſchwarzen Floſſen des gefräßigen Hai gewahrte, der um die Karoline ſchlich, wie wenn ihm ſein Inſtinkt zugeflüſtert hätte, daß Alles, was der unglückliche Rumpf enthielte, bald ſeine Beute werden würde. Jetzt ſtieg der Mond empor, deſſen trügeriſch⸗ſanfte Helle die grau⸗ ſigen Bilder dieſer ſtets mit neuen Schreckniſſen wechſelnden Scene vermehrte. „Sehen Sie,“ ſagte Wilder, als das blaſſe, melancholiſche Licht aus dem Ocean auftauchte,„dieſe Fackel wenigſtens wird uns auf unſerer gefährlichen Fahrt leuchten.“. „Iſt der letzte Augenblick nahe?“ fragte Mrß. Wyllys mit aller Feſtigkeit, die ſie in einer ſo höchſt kritiſchen Lage aufzubieten vermochte.— „Ja. Schon ſind die Speigaten unter Waſſer. Zuweilen bleibt ein Schiff flott, ſelbſt wenn es ganz mit Waſſer bedeckt iſt. Wenn das unſrige untergeht, ſo geſchieht es ſicher ſehr bald.“ „Wenn es untergeht, ſagen Sie? Iſt denn Hoffnung vor⸗ handen, daß es flott bleibe?“ „Keine mehr!“ ſagte Wilder, als er einen Augenblick gehorcht hatte, und nun das hohle und dumpfe, den untern Räumen des Schiffes entſteigende Gemurmel vernahm, deſſen aller Orten zu⸗ ſtrömendes Gewäſſer dem Gebrülle eines furchtbaren Ungeheuers glich, wenn es mit dem Tode ringt;„keine, ſchon ſteht es nicht mehr waſſerrecht.“ Seine Begleiterinnen bemerkten die Veränderung. Jeder Ton wäre auf ihren Lippen erſtarrt, wenn ſie die Kraft gehabt hätten, eine Sylbe zu verſuchen. Sie vernahmen einen tiefen, dumpfen. und drohenden Klang, und jetzt ſprengte die im Schiffe zuſammen⸗ gepreßte Luft das Vorderdeck mit einem donnerähnlichen Krachen in die Höhe. 8* 78 „Jetzt!“ rief Wilder athemlos,„faſſen Sie feſt die Taue an, die ich Ihnen gegeben!“ 3 Seine Worte wurden vom zunehmenden Wogendonner ver⸗ ſchlungen. Das Schiff tauchte, wie der ſterbende Wallfiſch, hob ſeine Spiegel hoch in die Lüfte und ſchoß dann in die Tiefe der See, gleich dem Leviathan, der ſein unergründliches Bette ſucht. Die unthätige Barkaſſe wurde vom ſteigenden Spiegel bis zur ſenk⸗ rechten Linie in die Höhe mitgeriſſen, und fuhr beim Sinken des Schiffes in den gähnenden Schlund des verſchlingenden Elements, daß die Wogen über ihm zuſammenſchlugen und es beinahe füllten; feſt aber und leicht gebaut, erhob es ſich wieder und fuhr, vom glücklichen Stoße des unterſinkenden Schiffes geſchleudert, auf die Meeresfläche dahin. Der ſchäumende Wogenberg rieß Alles in ſeinen wirbelnden Rachen, und wie ein Pfeil ſchoß die Schaluppe auf ſeinen jähen Rücken, auf den Schlund los, als müſſe der lang⸗ jährige Trabant der unglücklichen Karoline ihr in die Tiefe folgen, die ſich vor ihm zum zweiten Male aufthat. Jetzt hob ſie ſich wieder, auf der Fläche geſchaukelt, und drehte ſich einige Augenblicke auf dem furchtbaren Trichter mit reißender und betäubender Blitzes⸗ ſchnelle. Der Ocean ſchien einen tiefgehaltenen Seufzer herauf zu ſenden, und Alles ward ruhig. Die Strahlen des Mondes ſpielten auf ſeiner tückiſchen Fläche ſo ſtill, wie auf dem Spiegel eines Sees, den Berge umfaſſen und mit ihren kühlenden Schatten bedecken. Siebentes Kapitel. „Mlir ſind gerettet!“ rief Wilder tief aufathmend. Während der ſchrecklichſten Augenblicke des Kampfes hatte er, gewaltig ſich an einem Maſt feſthaltend, immer geſtanden, und ſichern Blickes die ſchreckliche Weiſe beobachtet, wie ſie dem drohenden Tode ent⸗ rannen;„wir ſind gerettet! wenigſtens für den Augenblick. Dem „Himmel allein gebührt der Dank, weil alle meine Kräfte und An⸗ ſtrengungen uns unnütz geweſen wären.“ K — Die Frauen hatten ſich in ihre Gewänder gehüllt; die Gou⸗ vernante ſelbſt erhob ſich erſt, als ſie zum zweiten Male die Ver⸗ ſicherung erhalten hatte, daß die nächſte Gefahr überſtanden ſei. Nun verſtrich eine andere Minute, in welcher Mrß. Wyllys und Gertrude ihren inbrünſtigen Dank zum Himmel ſandten. Nachdem ſie dieſe fromme Pflicht erfüllt, erhoben ſie ſich, als ob ſie aus ihrem Gebete Kraft und Muth gefunden hätten, ihre Lage ruhiger in's Auge zu faſſen. Nach allen Seiten hin dehnte ſich eine grenzenloſe Waſſerebene aus. Ein leichter und zerbrechlicher Kahn war nunmehr ihre Welt. So lange noch das gefährliche, ſeinem Untergange ſo nahe Schiff unter ihnen ſtand, glaubten ſie noch eine Scheidewand zwiſchen ſich und dem endloſen Ocean gehabt zu haben. Ein einziger Augen⸗ blick hatte ſie dieſer morſchen Stütze beraubt, und jetzt befanden ſie ſich auf einem Schifſchen dem Meere überlaſſen, welches einem Waſſerbläschen verglichen werden konnte, das die See aufwirft. „Mit wohlgerüſtetem Schiff und günſtigem Winde,“ ſagte jetzt Wilder mit Wärme,„könnten wir hoffen, in vierundzwanzig Stun⸗ den das Land zu erreichen. Ich weiß die Zeit, wo ich nicht einen Augenblick angeſtanden hätte, die Küſten Amerika's in ihrer ganzen Länge mit dieſem guten Boote zu umſegeln, wenn..... „Wenn..... 2“ wiederholte Gertrude, als ſie ſah, daß er ſtockte. „Wenn die Jahreszeit um zwei Monate weiter zurück wäre,“ ſetzte er in etwas ſchwankendem Tone hinzu. „Die Jahreszeit iſt uns alſo ungünſtig? Eine Urſache mehr für uns, Muth zu zeigen.“ Wilder wandte ſich nach der Heldin um, die mit ihm ſprach, und deren ſtarres, bleiches Geſicht, worauf der Mond mit ſeinem Silberlichte ruhte, nichts weniger als den Muth ausdrückte, deſſen ſie wahrſcheinlich nur zu ſehr noch bedurfte, ehe ſie hoffen konnte, das feſte Land zu erreichen. Einen Augenblick beſann er ſich, dann ſtreckte er ſeine Hand in die Höhe, und hielt ſie eine Zeitlang der freien Nachtluft aus Südweſten hin. „Nichts iſt in unſerer Lage ſchlimmer, als nicht von der Stelle zu kommen,“ ſagte er.„Ich bemerke einige Anzeichen eines Windes von dieſer Seite. Ich muß mich zu ſeinem Empfange bereit halten.“ Jetzt brachte er ſeine Segel in Ordnung, und ſetzte ſich an das Steuerruder, wie ein Mann, der wohl wußte, daß ſeine Dienſte dort bald nöthig ſein würden. Die Folge rechtfertigte ſeine Vor⸗ ſicht. Nicht lange währte es, ſo ſah er die Segel ſeiner Schaluppe flattern, und jetzt hatte ſie den nöthigen Curs begonnen und ging langſam ihren unſichern Pfad fort. Bald wurde der ſpäte und feuchte Nachtwind friſcher und lebendiger. Wilder benutzte dieſen Umſtand, um die beiden Damen zu bewegen, unter einem kleinen Zelte von getheerten Tüchern, die er aus Vorſicht in die Schaluppe geſchafft hatte, Ruhe zu ſuchen. Mrß. Wyllys und Gertrude bemerkten, daß er allein ſein wollte, und gaben ſeinen Bitten nach; wenn ſie auch nicht ſchliefen, ſo hätte nach wenig Augenblicken doch Niemand geglaubt, daß außer unſerm Abentheurer noch Jemand auf der einſamen Barke ſei. Mitternacht war ſchon vorüber, ohne daß irgend eine weſent⸗ liche Veränderung in der Lage der Unglücklichen ſtattgefunden hätte, deren Schickſal ſo ſehr von dem veränderlichen Wechſel der Atmo⸗ ſphäre abhing. Der Wind war immer ſtärker und friſcher, und endlich ſcharf geworden, und nach Wilders Berechnung hatten ſie ſchon mehrere Meilen in gerader Richtung nach der öſtlichen Spitze der langen und ſchmalen Inſel zurückgelegt, welche das Gewäſſer an Connecticuts Küſten von dem großen Weltmeer ſcheidet. Raſch flogen die Minuten vorüber, denn das Wetter war günſtig, und der junge Seemann rief die Bilder eines kurzen, aber thaten⸗ und ereignißreichen Lebens vor das Auge ſeiner Seele. Nie aber, wenn er auch noch ſo tief träumte, vergaß er die Pflichten des Steuer⸗ manns. Ein fliegender Blick nach dem Himmel, dann nach der Bouſſole, dann einen längern und aufmerkſamern auf das bleiche und trübe Antlitz des Mondes, dieß war der regelmäßige Rund⸗ gang ſeines geübten Auges. Der Mond befand ſich jetzt auf der Mitte ſeiner Bahn, und Wilders Stirne furchte ſich von Neuem, als er ihn durch eine trockne und durchaus dunſtloſe Atmoſphäre glänzen ſah. Auch die Feuchtig⸗ keit, mit welcher der Wind ſich erhoben hatte, war verſchwunden, und die feinen Organe des jungen Seemannes empfanden jenen Landgeruch, der oft ſehr erfreulich iſt, in gegenwärtigem Augenblick aber ihm höchſt unangenehm war. Er erkannte darin ein Zeichen, 81 daß die Landwinde vorherrſchend werden würden, und zwar, wie ihm die langen, ſchmalen Wolkenſtreifen, welche am weſtlichen Hori⸗ zont ſich zuſammenzogen, deutlich zeigten, mit einer dieſer ſtürmi⸗ ſchen Jahreszeit angemeſſenen Stärke. Wenn in Wilders Seele noch ein Zweifel über die Genauig⸗ keit ſeiner Muthmaßungen zurückgeblieben wäre, ſo hätte er mit dem Beginn der Morgenwache verſchwinden müſſen. Jetzt erſtarb die unbeſtändige Kühlte von Neuem. Unſer Abentheurer ſah nun den Beginn des Kampfes ganz nahe, und traf ſeine Anordnungen darnach. Die Segel wurden durch doppelte Reefe eingeholt, und einige der ſchwerſten und zugleich entbehrlichſten Stücke des Gepäckes unbedenklich über Bord geworfen. Alle dieſe Vorſichtsmaßregeln waren auch nichts weniger als unnütz. Bald ſtürmte der Nord⸗ weſt mit der erſtarrenden Kälte des rauhen Kanada über die See einher. „Ja! ich kenne dich!“ ſeufzte Wilder bei dem erſten Stoße dieſes unglückbringenden Windes,„ich kenne dich mit deinem Ge⸗ ſchmack nach ſüßem Waſſer und deinem Landgeruch! Wollte doch Gott, du hätteſt deine Kräfte an den Seen erſchöpft und kämſt nicht hier herab, um manchen müden Seemann in ſein Fahrwaſſer zurück⸗ zutreiben, und eine ſchon an ſich beſchwerliche Ueberfahrt zu ver⸗ längern durch deine ſtarre Kälte und hartnäckige Wuth.“ „Sprechen Sie?“ fragte Gertrude und ſteckte den Kopf zum Zelte heraus; zog ihn aber gleich wieder ſchaudernd zurück, als ſie den veränderten Wind fühlte. „Schlafen Sie, Miß, ſchlafen Sie,“ erwiederte er, wie wenn er in dieſem Augenblicke nicht gern geſtört worden wäre. „Iſt Gefahr vorhanden?“ fragte das Mädchen und trat her⸗ vor, um ihrer Gouvernante Ruhe nicht zu ſtören.„Fürchten Sie ſich nicht, mir auch das Schlimmſte mitzutheilen, was wir etwa zu beſorgen haben. Ich bin eines Soldaten Tochter.“ Schweigend wies er ihr die untrüglichen Zeichen. „Ich fühle, daß der Wind an Stärke zugenommen hat, allein ich merke ſonſt keine Veränderung.“ „Und wiſſen Sie, in welcher Richtung das Boot geht?“ .„Gegen das Land, will ich hoffen; Sie haben es uns ver⸗ ſichert, und ich kann nicht glauben, daß Sie uns betrügen wollen.“ Seeräuber. 8 6 82 „Sie ſind gerecht gegen mich. Und um Ihnen einen Beweis davon zu geben, ſo ſage ich Ihnen jetzt, daß Sie im Irrthum ſind. Ich weiß, daß in Ihren Augen alle Punkte der Bouſſole inmitten dieſer unendlichen Wüſte einander gleichen müſſen, ich aber kann mich ſo leicht nicht täuſchen.“ „Und wir ſteuern nicht landwärts?“ „Es fehlt ſo viel daran, daß wenn wir immer in dieſer Rich⸗ tung fortſteuerten, wir das ganze atlantiſche Weltmeer durchſchiffen müßten, um wieder Land zu ſehen.“ Gertrude antwortete nicht, ſondern ſchlich ſinnend und traurig zu ihrer Gouvernante. Wilder, der nun wieder ſich ſelbſt über⸗ laſſen war, befragte abermals Bouſſole und Wind. Er bemerkte, daß er dem Lande ſich leichter nähern könne, wenn er den Curs änderte; er wendete alſo das Vordertheil ſo nahe nach Südweſt, als der Wind es nur geſtattete. Von dieſer unbedeutenden Veränderung war aber wenig zu hoffen; jeden Augenblick ward der Wind heftiger, und zuletzt war Wilder genöthigt, die Hinterſegel einzuholen. Der kaum eingeſchla⸗ fene Orkan erwachte wieder, und die Schaluppe mit ihren geſtriche⸗ nen Segeln erhob ſich bald auf unabläſſig wachſenden Wogen, bald verſank ſie in tiefe Furchen, aus denen ſie nur wieder aufſtieg, um auf dem Kamme der Wellen die Wuth der wachſenden Windſtöße auszuhalten. Das Wogenbrauſen, das Heulen des Windes, welcher mit voller Kraft über die unendliche Ebene der azurnen See fegte, führte bald die drei Frauen wieder zu Wilder. Ihren ängſtlichen und gedrängten Fragen begegnete er mit paſſenden, aber kurzen Ant⸗ worten, da die Umſtände der Art waren, daß ſie Thaten und keine Worte verlangten. So ſchlichen peinlich die letzten Minuten der Nacht vorüber. Der Tag kam, und mit ihm die klarere Ueberſicht ihrer unglücklichen Lage. Die Wogen erſchienen grün und höchſt unruhig; ihr Kamm trug immer mehr Schaum empor, ein ſicheres Vorzeichen des be⸗ ginnenden Kampfes der Elemente. Jetzt erſchien die Sonne am öſtlichen Horizont, und erklomm langſam das Gewölbe des klaren, durchſichtigen und gänzlich wolkenloſen Himmels. Wilders geſpannte Aufmerkſamkeit bei allen dieſen Erſcheinungen 83 bewies, wie ſehr bedenklich ihm die jetzige Lage der Dinge erſchien. Er achtete mehr auf den Himmel, als auf die heftige Bewegung des Waſſers, welches die Flanken der Barkaſſe mit einer Gewalt peitſchte, die den Augen der Frauen als ein Vorbote des gewiſſeſten Unterganges erſchien. Ihm war dieſes Toben des Waſſers was dem Naturfonſcher der Donner iſt, den er nur als Wirkung des eigentlichen Uebels, des Blitzes, betrachtet. Wilder wußte, daß die wahre Quelle des Unheils in der Luft zu ſuchen ſei. „Was halten Sie von unſerer gegenwärtige Lage?“ fragte Mrß. Wyllys mit einem durchdringenden Blicke. „So lange der Wind bläst, wie jetzt, dürfen wir noch hoffen; wenn aber ein Orkan kommen ſollte, dann fürchte ich, daß die Schaluppe ſeitwärts verſchlagen werde.“ „Dann müſſen wir vor dem Sturme ſegeln?“ „Ja, das iſt dann das Einzige, was wir thun können.“ „In welcher Richtung würden wir dann ſegeln?“ fragte Gertrude. „In dieſem Falle, dann freilich, dann würden wir uns von dem Lande entfernen, dem wir uns ſo ſehnlich zu nähern wünſchen,“ gab Wilder zur Antwort. „Was ſehe ich dort?“ rief Kaſſandra, deren großes ſchwarzes Auge überall mit einer Neugierde umherſchweifte, welche ſich durch nichts ſtören ließ;„ich ſehe einen großen Fiſch über dem Waſſer!“ „Es iſt eine Schaluppe!“ ſchrie Wilder, und ſprang auf eine Bank, um den dunkeln Punkt zu betrachten, der auf dem glänzen⸗ den Gipfel einer Woge, etwa hundert Schritte entfernt, zum Vor⸗ ſchein kam.— „Ho! ho! Schaluppe! hierher! aho! Schaluppe! hierher!“— Der Wind heulte grauſig an ſeinem Ohre vorbei, aber keine menſchliche Stimme erwiederte ſeinen Ruf. „Barmherzige Güte des Himmels! Iſt es möglich, daß auch noch Andere ſo unglücklich ſind, wie wir!“ rief die Gouvernante. „Es iſt eine Schaluppe! oder mein Blick, der mich nie ge⸗ täuſcht hat, täuſcht mich jetzt!“ antwortete Wilder, noch immer auf der Bank, wo er den Angenblick zu erhaſchen ſuchte, wo er das oot zum zweiten Male erblicken könnte. Bald ward ſein Wunſch erfüllt. Er hatte einen Augenblick das Steuer Kaſſandra's Händen 6* 84 anvertraut, welche die Barke ein wenig von ihrer Bahn abgleiten ließ. Noch ſchwebte ſein letztes Wort auf den Lippen, als von der Höhe einer Woge derſelbe Gegenſtand auf ſie zugeſchoſſen kam, und über dem Waſſer zeigte ſich der Kiel einer umgeſtürzten Pinaſſe. Plötzlich ſtieß die Negerin einen durchdringenden Schrei aus, ließ das Steuer fahren, ſiel auf ihre Kniee, und bedeckte ihr Geſicht mit beiden Händen. Wilder faßte inſtinktmäßig zuerſt das Steuer, und wandte ſich nach der Gegend, von wo Kaſſandra's Blick ſo erſchreckt und irre wiedergekehrt war. Eine ſtürmende Woge brachte auf ihrem Schaumwipfel einen verunſtalteten, halb nackten Leichnam; er hielt einen Augenblick inne, als wolle er, ein vom Meere ausge⸗ ſpieenes Scheuſal, ſein triefendes Haar, ſein entſetzlich verzerrtes, ſtarres Geſicht den Zuſchauern zeigen; und dann zog der gräßliche Leichnam an der Barke vorüber, welche in demſelben Momente einen Wogenkamm erſtieg, um in eine andere Tiefe zu verſinken, ſo daß von dem Schreckniß nur noch die Erinnerung blieb. Nicht nur Wilder, auch Mrß. Wyllys und Gertrude hatten das grauſige Schauſpiel nahe genug geſehen, um die Züge Night⸗ heads zu erkennen, Züge finſterer und abſchreckender als je. Nie⸗ mand aber ſprach, Niemand gab durch das kleinſte Zeichen zu er⸗ kennen, wie ſehr ihm das unglückliche Opfer bekannt ſei. Wilder hoffte, daß ſeine Gefährtinnen den Unglücklichen wenigſtens nicht erkannt hätten; die Frauen aber vermochten keinen Laut hervorzu⸗ bringen; ſie ſahen in dem beklagenswerthen Looſe des Meuterers ein Bild desjenigen, das ihnen, wenn auch noch verſchoben, doch vielleicht ſehr bald zu Theil werden würde. Als Wilder an den blaſſen, verſtörten Geſichtern und ſprechen⸗ den Blicken ſeiner Gefährtinnen ſah, daß es vergeblich ſein würde, ihnen die Wahrheit zu verbergen, ſagte er: „Die Pinaſſe hat Waſſer geſchöpft; ſie war gebrechlich und bis an den Rand geladen.“ „Glauben Sie, daß Jemand dem Tode entronnen iſt?“ fragte Mrß. Wyllys tonlos. „Niemand. Ich gäbe einen Arm hin, um den ſchlechteſten dieſer verführten Matroſen zu retten, die ſich ihr ſchreckliches Loos durch ihren Ungehorſam und ihren Aberglauben ſelbſt zugezog haben.“ 4 85 „Von allen dieſen glücklichen und ſorgloſen Weſen, welche, ach, vor ſo kurzer Zeit erſt den Hafen von Newport verließen, und zwar an Bord eines Schiffes, das der Stolz Aller war, ſind wir alſo die Einzigen, die übrig geblieben!“ „Die Einzigen ohne Ausnahme. Dieſe Barke mit ihrem Inhalte iſt Alles, was noch von der königlichen Karoline vorhan⸗ den iſt.“ „Ach! ſehen Sie,“ unterbrach ihn Gertrude, und ſtützte im Eifer ihre Hand auf Wilders Schulter.„Gott ſei gelobt! Da unten iſt wenigſtens Etwas, das die eintönige Ausſicht belebt.“ „Es iſt ein Schiff!“ rief die Gouvernante; aber eine neidiſche Woge erhob plötzlich ihren grünlichen Hügel zwiſchen ſie und den erblickten Gegenſtand; ſie ſanken in das flüſſige Thal zu ihrer Seite, wie wenn dieſer Anblick nur ein blitzſchneller Wahn geweſen wäre, um ſie in leere Hoffnungen einzuwiegen. Wilder faßte jedoch gleich den Horizont in's Auge, um die Stelle, wo ſich die Erſcheinung gezeigt, zu erkennen. Als die Barkaſſe ſich wieder hob, richtete er ſeinen Blick dahin und ſah, daß es wirklich ein Schiff ſei. Wogen folgten den Wogen, ein Augenblick dem andern, und immer zeigte ſich das fremde Segel, wenn ſie ſtiegen, und verſchwand, wenn ſie in die Wogenthäler zurückſanken. Man konnte in der That, in der Entfernung einer Meile ein ſchaukelndes Schiff erblicken, das anſcheinend ganz leicht auf dieſen Wogen manbverirte, gegen welche die Schaluppe ſo mühſam an⸗ kämpfte. Ein einziges Segel war beigeſetzt, zur nöthigen Stetig⸗ keit des Schiffes und auch dieſes war ſo eng zuſammengereeft, daß es in der dunklen Maſſe der Ragen und Taue nur als ein weißes Wölkchen erſchien. Jetzt ſah man auch deutlich den langen ſchwarzen Rumpf auf dem Gipfel einer Woge ſchweben, und in den Strahlen der Sonne glänzen; dann wieder ſanken Schiff und Barkaſſe zugleich, und Al⸗ les verſchwand, ſelbſt die feinen Haarſtriche der längſten Spieren.B Als Mrs. Wyllys und Gertrude ſahen, daß ſie ſich nicht geirrt hatten, warfen ſie ſich auf die Kniee, und ſprachen ihre Rüh⸗ rung in innigen Dankgebeten aus. Ausgelaſſen und lärmend war Kaſſandra's Freude; die gute Negerin lachte aus vollem Halſe, zerfloß in Thränen und freute ſich auf die ergreifendſte Weiſe über * 86 die Ausſicht, die ſich ihr und ihrer jungen Herrin eröffnete, einem Tode zu entrinnen, deſſen Bild ihr durch die Scenen, von denen ſie Zeuge geweſen, furchtbar geworden war. Wilder war der Ein⸗ zige, welcher bei allen dieſen verſchiedenen Freudensergüſſen düſter und unruhig blieb. „Jetzt,“ ſagte Mrs. Wyllys zu ihm,„jetzt dürfen wir unſere Erlöſung hoffen, und bald werden wir, wackerer junger Mann, im Stande ſein, Ihnen zu beweiſen, wie hoch wir Ihre Dienſte an⸗ ſchlagen.“ Wilder duldete den Erguß ihrer Freude, aber er bezeugte nicht das mindeſte Mitgefühl dafür. „Gewiß ſind Sie nicht böſe darüber, Mr. Wilder,“ ſagte Getrude,„daß unſern Augen auf einmal die ſchöne Hoffnung leuch⸗ tet, dieſen furchtbaren Wogen zu entrinnen!“ „Ich würde tauſend Leben hingeben, um Sie vor einer Ge⸗ fahr zu ſichern,“ erwiederte der junge Seemann, aber....4 „Wir haben einen Augenblick jetzt, da wir nur an Dank und Freude denken vürfen,“ unterbrach die Gouvernante. „So kalte Bedingungen würden mich jetzt ſchmerzen. Was wollten Sie mit dieſem ‚Aber?““ „Es iſt denkbar, daß es doch nicht ſo gar leicht ſei, dieſes Schiff zu erreichen. Der Sturm kann uns daran hindern. Kurz, man ſieht zur See mehr als ein Schiff, mit dem man nicht ſpre⸗ chen kann.“ „Glücklicher Weiſe iſt unſer Loos nicht ſo traurig. Ich ver⸗ ſtehe Sie, junger Mann, Sie ſuchen einen Freudenrauſch, welcher noch getäuſcht werden kann, zu dämpfen. Aber zu oft ſchon und zu lange, mußte ich ſchon dieſem gefährlichen Element mich anver⸗ trauen, um nicht ſehr gut zu wiſſen, daß der, welcher den Wind hat, nach ſeinem Belieben anrufen kann oder nicht.“ —„Sie haben Recht, Miß, wir ſind auf der Luvſeite, und wenn ich auf einem größern Schiffe mich befände, ſo wäre mir nichts leichter, als uns nahe genug zu bringen, um das fremde Schiff anrufen zu können. Das Schiff dort liegt zwar beim Winde, die⸗ ſer aber iſt nicht ſtark genug, uns bis dahin zu bringen.“ 8 „Es liegt beim Winde! Gut, dann ſehen ſie uns, und er⸗ warten uns!“ 87 „Nein, nein! Gott ſei Dank, ſie ſehen uns noch nicht! Dieſe kleinen Läppchen Leinwand verſchwinden im Schaum. Sie halten ſie für eine Möve, oder einen andern Seevogel, wenn ſie ſie ſehen.“ „Und Sie danken dem Himmel dafür!“ rief Gertrude, und betrachtete Wilder mit einem Befremden, welches die klügere Gou⸗ vernante zu verbergen wußte. „Hab' ich dem Himmel gedankt, daß wir nicht geſehen wer⸗ den?“ „So hab' ich mich vielleicht geirrt. Es iſt ein bewaffnetes Schiff.“ „Vielleicht ein Kreuzer Seiner Majeſtät? Ein Grund mehr, auf einen guten Empfang zu rechnen. Stecken Sie doch ſchnell ein Signal auf, ehe es mehr Segel beiſetzt und uns verläßt!“ „Sie vergeſſen, daß Feinde ſich in der Nähe der Küſten blicken laſſen! Es könnte ein franzöſiſches Segel ſein.“ „Einen großmüthigen Feind fürchte ich nicht. Frauen in ſol⸗ cher unglücklichen Lage würde ja ſelbſt ein Seeräuber ſeine Hülfe nicht verſagen.“ 2 Eine lange und tiefe Pauſe folgte. Wilder ſtand noch immer auf der Bank, und blickte um ſich her, um alle Zeichen zu erfor⸗ ſchen, deren der Seemann kundig iſt; er ſchien jedoch nicht ſehr zu⸗ frieden mit dem Ergebniß ſeiner Beobachtungen. „Wir müſſen nach Vorne ſteuern,“ ſagte er,„und da das Schiff anders beim Winde liegt, ſo können wir noch eine ſolche Stellung gewinnen, daß wir über unſere weitern Bewegungen frei verfügen können.“ Seine Gefährtinnen waren etwas verlegen um eine paſſende Antwort. Mrs. Wyllys war nicht wenig befremdet über die be⸗ ſondere Kälte, womit Wilder dieſe Gelegenheit, ihrer, wie er ſelbſt geſtanden hatte, höchſt bedenklichen Lage zu entrinnen, aufnahm; lieber aber wollte ſie durch eigenes Nachdenken die Urſache zu er⸗ gründen ſuchen, als Wilder mit Fragen behelligen, welche nur frucht⸗ los ſein konnten. Gertrude erſtaunte; ſie war indeſſen geneigt zu glauben, daß Wilder Recht haben könne, obgleich ſie nicht wußte, warum? Kaſſandra allein ergab ſich nicht ſo leicht. Sie erhob ihre Stimme, um gegen den geringſten Verzug Proteſt einzulegen, und drohte dem jungen Seemann, der in tiefe Betrachtungen verſunken, ſie gar nicht hörte, wenn ihrer jungen Herrſchaft durch ſeinen Ei⸗ genſinn der kleinſte Unfall zuſtieße, mit dem Zorne des General Grayſon, und gab ihm zu verſtehen, daß es keine Kleinigkeit ſei, ſich das Mißfallen dieſes Generals zuzuziehen. Der Grimm eines Königs war in den Augen des einfältigen Mädchens nicht furcht⸗ barer. Darüber aufgebracht, daß er ſo geringes Gewicht auf ihre Vorſtellungen legte, vergaß die Negerin, verblendet von ihrer Zärt⸗ lichkeit für die, welche ſie nicht nur liebte, ſondern bis zur Vergöt⸗ terung anbetete, allen Reſpekt, ergriff einen Bootshaken, befeſtigte, ohne daß Wilder es gewahrte, eines der Leinen daran, welche von dem Wracke noch gerettet worden waren, und hielt es über das eingereefte Segel, ohne daß ihr Erfindungsgeiſt von Jemand be⸗ merkt wurde. Als ſie freilich Wilders finſtre und drohende Stirn erblickte, beeilte ſie ſich, das Signal herabzulaſſen. So kurz aber auch der Triumph der Negerin geweſen, ſo wurde er nichts deſto weniger durch vollkommenen Erfolg gekrönt. Eine gezwungene Stille, die gewöhnliche Folge jener erſten Regung und Aeußerung von Mißfallen, herrſchte noch in der Scha⸗ luppe, als eine Rauchwolke den Flanken des Schiffes entfuhr, da es eben auf der Spitze erſchien, und dann hörte man den Schall einer Kanone, von dem conträren Winde gedämpft. „Jetzt iſt es zu ſpät zum Beſinnen,“ ſagte Mrs. Wyllys; „das Schiff, Freund oder Feind, hat uns geſehen.“. Wilder antwortete nichts, ſondern fuhr fort, alle Bewegungen des Schiffes zu belauern; jetzt ſielen die Spieren vom Winde ab; jetzt änderte das Vordertheile ſeine Richtung, und fing an nach der Seite zu ſteuern, wo ſie ſich befanden. Vier bis fünf große Segel wurden entfaltet, und das Schiff ſchien ſich vor dem Winde zu neigen. Wenn es zuweilen ſich auf den Rücken einer Woge erhob, ſchien ſein Kiel der See entrinnen zu wollen und warf Schaum⸗ maſſen in die Luft, welche in den Strahlen der Sonne erglänzten, und als Diamantregen auf Taue und Segel zurückfielen. „Jetzt iſt es in der That zu ſpät,“ ſprach unſer Abentheurer vor ſich hin, und lenkte das Steuer ſeiner Barke nach dem Schiffe zu; zugleich ließ er die Schoten durch ſeine Hände gleiten, bis der Wind das Segel bis zum Berſten anfüllte. Jetzt flog das Boot, 5 89 das bisher ſich ſo abgearbeitet hatte, um dem Winde zu widerſte⸗ hen, und dem Kontinent ſo nahe als möglich zu bleiben, pfeilſchnell über die See, lange Furchen von Schaum nach ſich ziehend; und ehe noch die beiden Freundinnen ſich faſſen konnten, wogte es be⸗ reits in der Windſtille, die ein großes Schiff um ſich her verbreitet. Ein lebhafter und thätiger Mann ſtand auf dem Verdeck und ertheilte einem Hundert Matroſen Befehle, und in der Verwirrung, Unruhe und Verlegenheit, welche eine ſolche Scene immer in dem weiblichen Gemüthe hervorbringen muß, wurden Gertrude und Mrs. Wyllys an Bord geführt. Wilder und die Negerin folgten, und nachdem ihr Gepäck ebenfalls untergebracht war, wurde die Barke dem Winde und den Wogen, als unnütze Beilaſt, Preis gegeben. Jetzt erkletterten zwanzig Matroſen das Tauwerk, die Segel wur⸗ den nach einander beigeſetzt, bis alle in ihrer ganzen Ausdehnung flatterten; das Schiff glitt raſch wieder in ſein Kielwaſſer, und pfeil⸗ ſchnell ſetzte es ſeine Fahrt fort, die Wogen ſpaltend, wie der muntre Vogel die hohen Lüfte. Achtes Kapitel. Genau ſieben Tage nach Getrudens und ihrer Gouvernante Ankunft an Bord eines Schiffes, deſſen Charakter als das Schiff des Seeräubers wir dem Leſer nicht länger zu verbergen brauchen, lag es eines Morgens im Angeſichte einiger kleinen, niedrigen und felſenbedeckten Inſeln. Kein Wind blies; das zitternde und unbe⸗ ſtändige Lüftchen, das zuweilen die kleinſten Segel au, Meilen ſchwellte, ſchien mehr der ſanfte Hauch der Morgenröthe zu ſein, die den Schlaf des Oceans nicht zu ſtören wagte. Alles, was Leben hatte auf dem Schiffe, war ſchon auf und thätig. Fünfzig kräftige Matroſen waren in die Takelage vertheilt, und vollendeten theils unter Lachen und Scherzen, eine leichte Ar⸗ beit, die ihnen aufgegeben worden. Andere in größerer Anzahl waren unten auf dem Deck mit einer ähnlichen Aufgabe beſchäftigt. 90 Alle glichen ſo ziemlich Leuten, welche mehr etwas thun, um nicht müſſig zu gehen, als aus Nothwendigkeit. Das Deck war von einer andern, eben ſo thätigen Menſchenklaſſe beſetzt. Mit einem Wort, der Zuſtand des Schiffes deutete an, daß es bis auf Wei⸗ teres außer Thätigkeit geſetzt war.— Drei bis vier junge Leute, welche für Menſchen ihres Stan⸗ des gar nicht übel ausſahen, zeigten ſich in einer Art Halbuniform, worüber man keines Volkes Mode beſonders befragt hatte. Der anſcheinenden Ruhe ungeachtet, welche um ſie her herrſchte, ſteckte jedem einzelnen ein kurzer und gerader Dolch im Gürtel; der eine hatte ſich auf die Gallerie des Schiffes gelehnt und ſeine offenſte⸗ hende Uniform ließ den Griff eines kleinen Piſtols blicken. Doch. war kein anderes unmittelbares Zeichen des Mißtrauens zu entde⸗ cken, woraus etwa ein Beobachter hätte ſchließen können, daß dieſe Vorſicht etwas Anderes ſei, als die gewöhnliche Sitte des Schiffes. Ein paar Schildwachen mit finſterem und abſchreckendem Blick, wie Landſoldaten gekleidet und ausgerüſtet, ſtanden zwiſchen dem Offi⸗ zierplatz und dem Vorderdeck, und verkündeten noch größere Vor⸗ ſicht. Deſſen ungeachtet wurden alle dieſe Anordnungen von den Matroſen mit gleichgültigem Auge betrachtet, ein Beweis, daß die Gewohnheit ſie längſt damit vertraut gemacht hatte. Der Anführer der See⸗Soldaten ſtand aufrecht, ſteif wie ein Maſt, betrachtete ſeine beiden Söldlinge vom Kopf bis zu Fuß, und ſchien ſich wenig um alles Uebrige zu bekümmern. Einen Mann aber konnte man von Allen unterſcheiden, die ſich um ihn her befanden, an der Würde ſeiner Haltung und an dem ehrfurchtgebietenden Weſen, das ſogar in der Ruhe ſeiner Stel⸗ lung fühlbar ward. Es war der Freibeuter; er ſtand ganz allein, da Niemand in ſeine Nähe zu treten wagte. Sein durchdringen⸗ des Auge beſtrich alle Punkte des Schiffes, wie zur Muſterung; dann blieb ſein Blick auf einem der weißen Wölkchen haften, welche über ihm in dem azurblauen Himmelsgewölbe ſchwammen, und dann ſah man auf ſeiner Stirne jene dichten Schatten ſich lagern, unter welchen tiefgedachten Betrachtungen ſich verbergen. Als ob er jeden Zwang haßte und ſeine Macht kund thun wollte, trug er zwei Piſtolen offen, an einem ledernen Gürtel, über einem goldverbräm⸗ ten blauen Kleid; und nicht weniger offen einen türkiſchen Yatta⸗ * 91 gan, leicht und gekrümmt, mit einem Stilet, welches der Verzierung des Handgriffs nach, aus der Werkſtätte eines italieniſchen Mei⸗ ſters kam. Auf dem Hinterkaſtell, getrennt von dem Haufen, ſaßen Mrs. Wyllys und Gertrude, und bezeigten weder durch Blicke noch Mie⸗ nen jene Unruhe, die man natürlicher Weiſe bei Frauen erwarten durfte, welche ſich in einer ſo ängſtlichen Lage, wie die einer Geſell⸗ ſchaft Freibeuter ohne Treu und Glauben, befanden. Im Gegen⸗ theil, indem die Erſte ihrer jüngern Freundin eine blaue Bergſpitze zeigte, welche aus der See auftauchte, wie ein ferne an den Hori⸗ zont gezeichnetes Wölkchen, vereinte ſich die ſüße Hoffnung wun⸗ derbar mit der gewöhnlichen Ruhe ihrer Züge. Bald rief ſie Wil⸗ der in einem munteren Tone, und der junge Mann, der ſchon längſt am Fuße der Decktreppe geſtanden, befand ſich ſchnell an ihrer Seite. „Ich ſagte zu Gertrude,“ ſprach die Gouvernante in heiterem Tone,„daß da unten ihre Heimath iſt, und daß, wenn der Wind eintritt, wir hoffen dürfen, bald da zu ſein. Aber in den Schreckens⸗ tagen, die wir erlebt, iſt das arme Mädchen ſo furchtſam und ſcheu geworden, daß ſie nur dann glaubt, wenn ſie mit eigenen Augen die Spielplätze ihrer Kindheit und die Züge ihres Vaters wieder⸗ ſieht. Aber ſagen Sie, Herr Wilder,“ fuhr ſie in verändertem Tone fort„iſt es gewöhnlich, daß man einem Fremden, wie Sie auf dieſem Schiffe, erlaubt, auf einem Kriegsſchiffe zu komman⸗ diren?“ „Nein, gewiß nicht.“ 4 „Und doch, ſoviel ich beurtheilen kann, verſehen ſie hier die Stelle eines erſten Schiffs⸗Lieutenants, ſeitdem uns dies Schiff aus der Todesnoth errettet hat?“ Wilder zögerte ein wenig, dann antwortete er: „Ein Lieutenants⸗Patent wird überall reſpektirt. Das Meinige hat mir dieſe Achtung verſchafft, von der Sie ſich überzeugt haben.“ „Sie ſind demnach königlicher Offizier?“ „Gewiß!“ Durch einen Todesfall iſt die zweite Stelle auf dieſem Kreuzer erledigt. Zum Glück für die Bedürfniſſe des Dien⸗ ſtes, vielleicht auch für mich ſelbſt, habe ich mich gefunden, ſie zu beſetzen.“ 92 „Sagen Sie mir doch auch,“ fuhr die Gouvernante fort,„iſt es gebräuchlich, daß die Offiziere eines Kriegsſchiffes mitten unter ihrer Mannſchaft ſo bewaffnet erſcheinen, wie ich hier ſehe?“ „Es iſt der Wille unſeres Kommandanten.“ Dieſer Kommandant iſt augenſcheinlich ein geſchickter Seemann; allein ſo wie ſein Aeußeres, ſo iſt auch ſeine Laune, ſein Geſchmack außergewöhnlich.“ „Kennen Sie den Kapitän Heidegger ſchon lange?“ „Wir hatten uns ſchon geſehen!“ „Dem Tone nach zu urtheilen, iſt dieſer Name deutſchen Ur⸗ ſprungs. Für mich iſt er gewiß neu. Ich weiß die Zeit, wo we⸗ nig königliche Offiziere ſeines Ranges mir nicht wenigſtens dem Namen nach bekannt waren. Lebt ſeine Familie ſchon lange in England?“ Ueber dieſe Feige dge rin er gewiß ſelbſt die beſte Auskunft geben,“ ſagte Wilder, der mit Vergnügen bemerkte, daß der Frei⸗ beuter ſich ihnen mit der Miene eines Mannes nähere, der ſich bewußt iſt, daß Niemand auf dem Schiffe ihm das Recht ſtreitig machen dürfe, ſich nach Belieben in eine Unterredung zu miſchen, — meine Pflicht, Miß, ruft mich in dieſem Augenblicke ab.“ Wilder zog ſich mit offenbarem Widerwillen zurück, und wenn das Herz ſeiner Gefährtinnen dem Argwohn offen geſtanden hätte, wäre ihnen der Blick des Mißtrauens nicht entgangen, den er ſei⸗ nem Kommandanten zuwarf, als dieſer auf ſie zukam, um ſie zu begrüßen und ihnen ſeinen Morgenbeſuch abzuſtatten. Es lag aber in dem Benehmen des Korſaren nichts, das eine ſo eiferſüchtige Wachſamkeit hätte rechtfertigen können. „Das iſt ein Anblick,“ ſagte er und deutete auf die bläulichten Gipfel am Horizont, welcher in dem Landbewohner Entzücken und in dem Seefahrer Entſetzen erweckt.“ „Haben denn die Seeleute wirklich ſo viel Widerwillen gegen das Land, das von ſo vielen Tauſenden ihrer Mitmenſchen mit Freuden bewohnt wird?“ fragte Gertrude mit einer Offenheit, die deutlich bewies, daß ihr unſchuldiges Gemüth nicht den mindeſten Argwohn über den wahren Charakter des Mannes hegte, der mit ihr ſprach. „Es giebt Leute,“ erwiederte der reibeutegf enelchen die See — 93 gar keine Freude bietet. Gleichwohl fehlt es uns nicht an Zer⸗ ſtreuungen. Wir haben zum Beiſpiel regelmäßig unſere Bälle, und an Bord dieſes Schiffes keine üblen Tanz⸗Künſtler.“ „Bei uns armen Landbewohnern würde ein Ball ohne Frauen⸗ zimmer ein elendes Vergnügen ſein.“ „Hm! freilich wäre es beſſer, wenn eine oder zwei Damen da wären. Außerdem haben wir aber auch unſere Theater; Poſſe und Schauſpiel vertreiben uns wechſelsweiſe die Zeit. Der wackere Burſche da oben auf der Vorderbramſtange, der einer Schlange gleicht, die ſich auf den Aeſten eines Baumes ſonnt, kann brüllen, daß Sie zittern müſſen, und hier haben wir einen Komiker, der den Lippen eines ſeekranken Mönchs ein Lächeln entreißen könnte. Mehr kann man, glaube ich, zu ſeinem Lobe nicht ſagen.“ „Das iſt Alles recht ſchön, in der Beſchreibung nämlich,“ er⸗ wiederte Mrs. Wyllys;„aber dieſes Gemälde verdankt ohne Zwei⸗ fel auch etwas dem Verdienſte des Dichters oder Malers, wie ich Sie nun nennen mag.“ „Ich bin nichts als ein ernſter, wahrheitredender Geſchicht⸗ ſchreiber. Doch, weil Sie noch zweifeln, „Mr. Wilder, dieſe Damen bezweifeln unſern Frohſinn. Laſ⸗ ſen Sie doch den Bootsmann ſeinen Zauberruf von ſich geben, und die Parole ‚zu den Poſſen’ unter das Volk gehen.“ Wilder verbeugte ſich zum Zeichen des Gehorſams, und gab zugleich die nöthigen Befehle. Augenblicklich ertönte ein langer und gellender Pfiff aus des Bootsmannes Nightingale's Inſtrument, und dann rief er, im tiefſten und nicht ſonderlich wohlklingendſten Baſſe:„Alle zu Hauf! Zu Poſſen, ahoi!“ Des Bootsmannes Beiſpiel ward von ſeinen Maaten wieder⸗ holt, und jetzt hielt man den Ruf für genügend. Wie unverſtänd⸗ lich er auch Gertrudens zarten Ohren dünken mußte, ſo machte er doch auf die Leute in ihrer Umgebung keinen unangenehmen Ein⸗ druck. Kaum waren die erſten ſchwellenden und gedehnten Töne des Bootsmannes in die ſtille Höhe der Maſten gedrungen, als die jungen, träge auf die Raaen hingeſtreckten oder ſich auf Tauen ſchaukelnden Matroſen ihr Haupt erhoben, um die folgenden Worte zu erhaſchen, wie der gehorſame Pudel die Ohren reckt, die Stimme ſeines Herrn zu vernehmen, und kaum war der kraftvolle Ruf: 94 „zu Poſſen“ ertönt, das dem langgedehnten: ahoi! Nightingale's folgte, als das leiſe Gemurmel, das man ſo lange unter dem Volke hörte, plötzlich ſchwieg, und in einem gleichzeitigen und allgemeinen Ausruf ſich Luft machte. In einem Augenblick war jedes Zeichen von träger Ruhe verſchwunden, um allgemeiner und ungewöhnlicher Thätigkeit Platz zu machen. Die jungen und rührigen Topgaſten ſchwangen ſich wie rührige Affen in das Tauwerk der ihnen an⸗ gewieſenen Spieren, und kletterten in den ſchwanken Tauen, wie Eichhörnchen umher.— Die ernſtern und minder behenden Matro⸗ ſen des Vorkaſtells, die Kanoniere und Quatiermeiſter, die Rekruten der Wache, Alle eilten inſtinktmäßig an ihre Plätze, die Geübteren um ihre Kameraden zu necken, die minder Bewanderten zur Be⸗ rathung. Im Augenblicke ſelbſt ertönten Maſten und Raaen, von leb⸗ haften und lärmenden Späſſen; dieſer trompetete laut die Liſt, die er erſonnen, ſeinen Kameraden aus; Jener pries die Schlauheit ſeiner Erfindungen und ihrer Vorzüge vor denen eines Andern. Von anderer Seite verkündigten viele Blicke die von einem Truppe am Fuße des großen Maſt nach oben gerichtet waren, das Miß⸗ trauen, womit die Neulinge in den eben beginnenden Kampf ſich miſchten. Die ernſtern und erfahrenern Matroſen der Back be⸗ haupteten dagegen ihren Platz mit feſter Entſchloſſenheit, welche das Vertrauen bewies, das ſie in ihre Körperkräfte, und in ihre lange Bekanntſchaft mit den Späßen, wie mit den Gefahren der See ſetzten. 3 Noch eine andere Verſammlung von Männern bereitete ſich mitten im allgemeinen Geſchrei und Lärm mit Haſt zu dem erwar⸗ teten Vergnügen vor. Es waren die alten See⸗Soldaten, zwiſchen welchen und den Matroſen ein inſtinktmäßiger Widerwillen herrſcht, der nicht ſelten ſchon in tumultuariſche und beinahe meuteriſche Unruhen ausgebro⸗ chen war. Schnell verſammelten ſie ſich, zwanzig an der Zahl; obſchon aber bei ſolchen Beluſtigungen Feuergewehre gänzlich verboten wa⸗ ren, ſo konnte man dem Grimme auf den Geſichtern der ſchnurr⸗ bärtigen Tapfern dennoch abſehen, daß es im Fall der Noth ihnen nicht ſchwer fallen würde, zu dem Bajonet, das von ihren Schultern herabhing, zu greifen. Ihr Kommandant zog ſich, um nicht hinder⸗ herabhing, zu g 3) eule 3 um nchi hinder lich zu ſein, mit den übrigen Offizieren auf das Hinterkaſtell zurück. ) zu ſelti, ul 3 3 4 3 Einige Minuten waren über den erwähnten Bewegungen ver⸗ floſſen, und als die Topgaſten bemerkten, daß kein unglücklicher Nach⸗ zügler ihrer Parthei in dem Bereich der verſchiedenen Korps auf dem Decke ſich befand, fingen ſie an buchſtäblich die Ordre ihres — nd, d ſi bbu h d 9 Bootsmannes auszuführen, nämlich„Poſſen“ zu treiben. Verſchiedene Eimer ſtiegen raſch an den Klappläufern der äuß ſten Enden der Raaen hinunter in die See. Trotz dem tölpiſchen Widerſtande der unten ſtehenden Gruppen, waren dieſe ledernen Gefäße ſchnell gefüllt, und wieder in den Händen derer, die ſie heruntergelaſſen. Mancher aufſchauende Kuhlgaſt und ſteife Soldat machte nun nähere Bekanntſchaft mit dem Element, auf dem er ſchwamm, als ſeiner Bequemlichkeit und Laune angenehm war. So lange nun dieſe Scherze auf die Halb⸗Eingeweihten ſich beſchränk⸗ ten, wurden ſie ungeſtraft von den Topgaſten verübt; kaum hatten ſie aber die Würde eines Kanoniers verletzt, als auch die ganze Truppe von Unteroffiziere und Kuhlgaſten ſich in Maſſe erhob, den Schimpf zu rächen, mit einer Leichtigkeit und Gewandtheit, welche deutlich zeigte, wie ſehr die ältern Matroſen mit allem vertraut waren, was zu ihrem Berufe gehört. Eine kleine Pumpe ward auf Deck geſtellt und auf den nächſten Maſt gerichtet, wie eine wohlaufgepflanzte Batterie den Weg reinigt zum Eröffnen der Schlacht. Die lachenden und ſchnatternden Gaſten da oben ſtoben bald auseinander; die Einen ſtiegen höher aus der Spritzweite der Pumpe, Andere hüpften auf die nahen Maſten, Alle über Taue und ſchwindelnde Höhen hinweg, was keinem Thiere möglich gewe⸗ ſen wäre, als etwa höchſtens einem Einhörnchen oder einem Affen. Die Soldaten wurden nun von den ſiegreichen, giftigen Ma⸗ troſen herausgefordert, ebenfalls ihren Vortheil geltend zu machen. Triefend von Waſſer, geſpornt von Rache, machte ſich ein halbes Dutzend Soldaten auf, unter Anführung eines Korporals, deſſen Haupttheil ſeiner Amtskraft, ein gepuderter Scheitel, durch zu innige Vereinigung mit einem Eimer Waſſer in eine Art teigiger Kruſte verwandelt worden, um die Takelage zu erſteigen, eine Heldenthat, die ihnen ſchwerer war, als das Einſtürmen in eine Breſche. Die muthwilligen Kononiere und Kuhlgaſten, zufrieden mit dem, was 96 ſie erlangt, feuerten ſie in ihrem Unternehmen an, Nightingale und ſeine Matten zerbiſſen ſich die Zunge im Munde, und gaben mit ihren Pfeifen das ermuthigende Kommando: Hinaufgehißt! Der Anblick dieſer Waghälſe, wie ſie deutlich und langſam, fein vorſich⸗ tig die Takelage erkletterten, machte auf die zerſtreuten Matroſen ungefähr die Wirkung eben ſo vieler Fliegen in der Nähe eines Spinnengewebes auf den verborgenen und gefräßigen Feind. Die Matroſen oben laſen in den Winken ihrer Kameraden unten, daß ein Soldat eine erlaubte Priſe ſei. Kaum war alſo der letzte hübſch in die Tau⸗Netze gegangen, als zwanzig Matroſen von oben auf ſie herabfielen, um ihren Fang in's Trockene zu bringen. Dies Hauptſtück ward unglaublich ſchnell ausgeführt. Zwei oder drei der kühnen Abentheurer wurden an dem Orte, wo ſie getroffen worden, tüchtig durchgewalkt, außer Stande, ſich zu wehren, da der Ort ſelbſt ſo beſchaffen war, daß ein ganz begreiflicher Inſtinkt ſie dazu trieb, beide Hände zum Feſthalten zu verwenden; der Reſt wurde unverſehens durch Klappläufer an verſchiedene Spieren mit der Leichtigkeit gehißt, als wären es leichte Segel oder Raaen, die hinauf ſchwebten. Der Streit zwiſchen den Beſitzern des Decks und den thätigen Topgaſten, war ſeinem Ende noch fern. Für giftige Worte waren ſchon hin und wieder Prügelſuppen ausgetheilt worden; und da dieſer letzte Theil der Unterhaltung eine Gattung Poſſen war, wo⸗ rin die Kuhlgaſten und Soldaten ihren pfiffigen Quälern gleich kamen, ſo gewann die beginnende Schlacht einen Schein ſehr zwei⸗ felhaften Ausgangs. Nightingale war jedoch immer mit der wohl⸗ bekannten Pfeife und der Baßſtimme bei der Hand, wenn es galt, die Streitenden zum Gefühl des Schicklichen zurückzurufen. Ein langer gellender Pfiff, und die Worte:„bei den Poſſen gehalten, ahoi!“ Hatte bisher die aufſteigende Hitze der Partheien, wenn etwa der Spaß den ſtolzen Soldaten, oder den racheſüchtigen, wiewohl vielleicht minder kühnen Gliedern der Hinterwacht zu derb wurde, gleich gedämpft. Aber eine Nachläſſigkeit von Seiten deſſen, der gewöhnlich mit ſo wachſamem Auge alle Bewegungen ſeiner ſämmt⸗ lichen Untergebenen beobachtete, hätte beinahe Ergebniſſe viel ernſt⸗ hafterer Natur hervorgebracht. Das Schiffsvolk hatte nicht ſobald mit den zum Theil erzäh⸗ ————:— 97 ten rohen Poſſen den Anfang gemacht, als die frohe Laune, welche dem Freibeuter den Gedanken eingegeben, die Zügel der Manns⸗ zucht für den Augenblick ein wenig nachzulaſſen, zu ſinken begann. Das frohe und heitere Weſen in ſeiner Unterhaltung mit den weib⸗ lichen Gäſten(oder Gefangenen, je nachdem er gerade gelaunt war, ſie zu betrachten) hatte ſich hinter einer nachdenklichen und ver⸗ ſchloſſenen Miene verloren. Seine Augen leuchteten nicht mehr mit jener wunderlichen Laune, in welcher er ſo gerne Nachſicht übte, ihr Ausdruck ward vielmehr ſchmerzlich, ruhig und finſter. Es war augenſcheinlich, daß ſein Gemüth in eine jener hinbrütenden Träu⸗ mereien verſunken war, welche ſo oft ſeine freundliche und lebhafte Miene verdunkelten; wie ein Wolken⸗Schatten die goldnen Tinten eines reifen wogenden Kornfeldes bedeckt. Während die meiſten der, in dieſen lärmenden und launigen Darſtellungen nicht mithandelnden Perſonen, denſelben aufmerkſam, die Einen erſtaunt, die Andern mit einer Regung von Mißtrauen, Alle aber mehr oder weniger von der allgemeinen Stimmung der Munterkeit angeſteckt, zuſahen, war ſich der Freibeuter alles deſſen, was um ihn her vorging, wie es ſchien, völlig unbewußt. Zuwei⸗ len ſchweifte wohl ſein Auge über die Takelage hin mit ihrem thä⸗ tigen Völkchen, die gleich Eichhörnchen darin herumſprangen, oder ließ ſie auf die ſteifern Bewegungen der Verdeck⸗Corps fallen; dies geſchah aber jedesmal mit einer Gedanken⸗Leerheit, die hinlänglich bewies, daß das Bild, welches ſie der Seele zuführten, dunkel und täuſchend ſein mußte. Mittlerweile fuhr das Schiffsvolk in ſeinen, mitunter ſo ſpaß⸗ haften Poſſen fort, daß ſelbſt der verſchüchterten Gertrude Lippen ſich zum Lächeln entfalteten. Immer mehr aber neigten ſich dieſel⸗ ben zum Ausbruch eines verhaltenen Grimmes, welcher jeden Au⸗ genblick die Mannszucht auf einem Schiffe völlig vernichten konnte, wo es keine andere Mittel gab, ſie aufrecht zu erhalten, als die augenblicklichen Bemühungen der Offiziere. Mit dem Waſſer war man ſo verſchwenderiſch umgegangen, daß es auf dem Decke ſtrömte, ſagar auf das bevorrechtete Hinterdeck war mehr als ein Guß ge⸗ ſchwungen worden. Alle anzubringenden Streiche hatten die Top⸗ gaſten ſchon gegen die Mannſchaft auf dem Deck angewendet, welche ſich im Nachtheile befand, während dieſe alle Mittel zur Wieder⸗ Seeräuber. 7 98 veergeltung aufgeboten hatten, welche das Geſetz und die Möglichkeit der Ausführung erlaubten. Hier ſah man ein Schwein und einen Kuhlgaſt an einer Raae baumeln, und in entgegengeſetzten Schwin⸗ gungen ſich treffen; dort war ein Soldat in die Takelage eingekne⸗ belt, und hatte den Verdruß, ſich die Späße eines Affen gefallen laſſen zu müſſen, der mit einem Kamme verſehen, und dazu abge⸗ richtet, ihm auf der Schulter ſaß, und mit ernſter Miene und dem Forſcherblick eines Friſeurs ſein Amt verſah; und ſo verkündigten überall derbe Späſſe die feſſelloſeſte Freiheit, welche auf einen Au⸗ genblick einer Gattung Weſen geſtattet worden, die gewöhnlich in ſtrenger Zucht gehalten werden müſſen, wenn das Wohlſein, ja die Sicherheit und gute Ordnung eines ebaſſäelen Schiff's nicht ge⸗ fährdet werden ſoll. Da, mitten im Lärm und Toben ward eine Stimme gehört, welche aus der See zu kommen ſchien, und das Schiff mit ſeinem Namen begrüßte. „Wer grüßt den ‚Delphin“?“ fragte Wilder als Antwort, da er bemerkte, daß dieſe Stimme ſeines Kommandanten verſchloſſenes Ohr wohl berührt, allein nicht vermocht hatte, ihn aus ſeiner tie⸗ fen Träumerei zu reißen. „Vater Neptun iſt unter eurem Vorderbug.“ „Was will der Gott?“ „Er hat verommen, daß gewiſſe Fremde ſein Reich betreten, ¹ unnd wünſcht, Erlaubniß zu erhalten, an Bord des kecken Delphin zzu kommen, um ihr Gewerbe zu unterſuchen, und das Logbuch ihres Herzens zu überblicken.“ „Er iſt willkommen! Laßt den Alten über das Galion an Bord, er iſt ein zu guter Seeman, als daß er nicht wüßte, daß man nicht zu den Kajütenfenſtern einſteigt.“ Hier hatte das Parlamentiren ein Ende; denn Wilder drehte 3 ſich um, da ihm dieſer Theil der Poſſen ſchon zum Eckel war. 1 Bald erſchien ein rieſenhafter Matroſe, dem Anſcheine nach dem Meer entſtiegen, deſſen Gottheit er vorzuſtellen wagte. Theer⸗ quaſten von Seewaſſer triefend, ſtellten die Haare vor. Seegras, wovon ganze Strecken in der Nähe des Schiffes bedeckt waren, war zu einem Mantel zuſammengebunden worden; in der Hand endlich trug er einen Dreizack, drei Splitzeiſen, ſäuberlich auf die Spitze einer Halb⸗Pike gebunden. So ausſtaffirt ſchritt der Gott des Oceans, Niemand anders nämlich, als der Vormann des Vor⸗ derkaſtells, mit gebührender Amtsmiene über das Deck hin; ein Zug bärtiger Nymphen und Najaden in nicht minder groteskem Auf⸗ zuge folgte ihm. Auf dem Hinterkaſtell, in der Fronte der Offiziere grüßte die Hauptperſon die Gruppe mit einer Beugung ihres Stabes, und nahm mit Wilder folgendes Geſpräch wieder auf, das dieſer, wegen fortwährender Geiſtes⸗Abweſenheit des Kommandanten, in deſſen Na⸗ men mithalten mußte. „Auf einem richtig und wohlbetakelten Schiff habt Ihr diesmal in See geſtochen, mein Sohn, zugleich ſcheint es mir, mit einem derben Schlage meiner Kinder angefüllt. Wie lange mag es ſein, daß Ihr das Land verlaſſen habt?“ „So ungefähr acht Tage.“. 1 „Kaum Zeit genug, um die Unreifen die Seeſitten zu lehren. Ich getraue mir ſie an der Art zu erkennen, mit welcher ſie ſich in einer Windſtille feſthalten.(Bei dieſen Worten ließ ſich der Befehlshaber der See⸗Soldaten, der mit verächtlichem und abgewand⸗ tem Blick daſtand, das er aus keiner andern Urſache ergriffen hatte, als um ſeine Perſon unbeweglich zu machen, los; Neptun lächelte und fuhr fort:) Ich frage nicht, woher Ihr kommt, da ich ſehe, daß noch Newporter Grund an den Schaufeln eurer Anker hängt. Werdet hoffentlich nicht viel Neue unter Euch haben, es wäre mir nicht lieb, denn ich wittere ſchon Stockfiſch an Bord eines Oſtſee⸗ fahrers, der mit Kaufmannsgut unter Wegs, und nicht mehr hun⸗ dert Meilen von hier iſt; habe demnach nicht viele Zeit, Euer Volk zu unterſuchen, um ihm ſeine Päſſe auszufertigen.“ „Ihr ſeht ſie hier alle vor Euch. So ein kundiger Matroſe, wie Neptun, erkennt einen Seemann, ohne Wink über„Wie“ und „Wenn?“ „Ich will denn bei dieſem Gentleman den Anfang machen,“ fuhr der muthwillige Vormann fort, und wandte ſich zu dem noch immer unbeweglichen Oberhaupt der Soldaten;„er riecht mir ge⸗ waltig nach dem Lande, und es ſollte mir lieb ſein, wann ich er⸗ fahren könnte, wie lange es iſt, daß er zum erſten Male über's blaue Meer geſchwommen.“ 100. „Er hat, glaube ich, viele Reiſen gemacht; und ich darf ſa⸗ gen, daß er bereits ſeit Langem Ew. Majeſtät ſeinen Tribut be⸗ zahlt hat.“ Nun gut! gut! Laſſen's gut ſein; doch, wenn ich ſagen ſoll, ſo habe ich Schüler gekannt, welche ihre Zeit beſſer anzuwenden wußten, wenn ſie ſo lange zur See waren, als Ihr vorgebt. Wie iſt's mit dieſen Damen?“. „Beide ſind ſchon zur See geweſen, und haben ein Recht da⸗ rauf, bei der Unterſuchung übergangen zu werden,“ erwiederte Wil⸗ der etwas haſtig. „Die jüngſte iſt lieblich genug, um in meinen Reichen geboren zu ſein,“ ſagte der galante Seemonarch,„aber eine Frage direkt aus dem Munde des guten Neptun zu beantworten, kann ſich Niemand weigern⸗, demnach, wenn, es Ew., Gnaden nichts ſonder⸗ kiches verſchlägt, ſo will cch⸗ doch das junge Frauenzimmer hitten, ihr Wort ſelbſt zu flhren.“ Und ſomit richtete der kecke Stell⸗ vertreter des Gottes, ohne auf den mürriſchen Blick zu achten, der aus Wilders Auge ſchoß, ſeine Rede direkt an Gertrude.“ „Wenn, wie die Sage geht;.mein ſchönes Fräulein, Sie ſchon vor dieſer Ueberfahrt das blaue Waſſer geſehen haben, dürften Sie wohl im Stande ſein, den Namen des Schiff's und einige andere Kleinigkeiten über ihre Fahrt zu berichten?“ 8 Das Antlitz unſerer Heldin verlor ſeine Röthe und ging zur Bläſſe über, und zwar ſo raſch und auffallend, wie der Abendhim⸗ mel ſeinen Glanz mit bleichem Silber vertauſcht; ſie unterdrückte aber ſchnell ihre Bewegung, und antwortete beſonnen: 3 „Wollte ich in alle Kleinigkeiten, die zu dieſem Gegenſtande gehören, mich einlaſſen, ſo würde Sie dies von wichtigern Dinger abhalten. Vielleicht wird dieſe Kleinigkeit hinreichen, Ihnen zu be⸗ weiſen, daß ich kein Neuling auf der See bin.“ Bei dieſen Wor⸗ ten fiel eine Guinee aus ihrem Händchen in die braune und aus⸗ geſtreckte Pfote ihres Inquiſitors. „Daß ich mich auf Ew. Gnaden nicht ſogleich beſinnen konnte, kann ich allein mit meinen ausgedehnten und drückenden Geſchäften entſchuldigen;“ erwiederte der kecke Freibeuter, verbeugte ſich mit roher Höflichkeit und ſteckte die Gabe ein.„Hätte ich che ich an Bord dieſes Schiffes kam, meine Bücher nachgeſchlagen, ſo wäre nwee ich den Mißgriff gleich gewahr worden; jetzt aber erinnere ich mich, daß ich einem meiner Maler Befehl gegeben, Ihr ſchönes Antlitz aufzunehmen, auf daß ich es zu Hauſe meinem Weibe zeigen könnte. Der Burſche hat es ziemlich gut gemacht, auf die Schale einer oſtindiſchen Auſter; eine Kopie davon laß ich in Korallen faſſen, und ſende es Ihrem Gemahl, wenn Sie für zweckmäßig halten wer⸗ den, einen zu nehmen.“ Er wiederholte ſeinen Bückling, ſcharrte mit einem Fuße hin⸗ tenaus, und wandte ſich zur Gouvernante, um ſeine Unterſuchung fortzuſetzen. „Und Sie, Madame, iſt dieß das erſte Mal, daß Sie in meine Reiche kommen oder nicht?“ „Weder das erſte noch das zwanzigſte Mal, ich habe Ew. Ma⸗ jeſtät ſchon oft geſehen!“ „Eine alte Bekanntſchaft alſo! In welcher Breite haben Sie mich zum erſtenmal getroffen?“ „Ich glaube, vor völlig dreißig Jahren hatte ich zum erſten Male die Ehre, unter dem Aequator.“ „Ei, ei! Da bin ich ſehr oft und paſſe den Indienfahrern und Euren zurückkehrenden Handels⸗Schiffen aus Braſilien auf. Gerade zu jener Zeit hab' ich deren beſonders viele geentert, kann aber nicht ſagen, daß ich mich Ihrer Zügen entſinne.“ „Ich fürchte, dieſe dreißig Jahre haben viel darin verändert;“ erwiederte die Gouvernante mit Lächeln.„Ich war auf einem kö⸗ niglichen Schiffe, und einem, das ein wenig merkwürdig war, es war ein Dreidecker.“ Der Gott empfing die Guinee, welche nun heimlich geboten wurde; aber es ſchien faſt, als hätte der glückliche Erfolg erſt recht ſeine Habgier erregt, denn, anſtatt zu danken, ſchien er vielmehr aufgelegt, den Betrag der Beſtechung zu ſteigern. „Das mag Alles ſo ſein! wie Ew. Gnaden ſagen,“ erwiederte er;„aber das Intereſſe meines Königreichs und eine große Fami⸗ lie zu Hauſe machen nothwendig, daß ich ſtreng auf meine Rechte ſehe. War eine Flagge auf dem Schiffe?“ „Ja wohl.“ „Dann hatten ſie ſie wahrſcheinlich am Klüverbaum aufge⸗ hißt?“ 102 „Sie war, wie es auf Vice⸗Admiralsſchiffen immer iſt, auf dem Fock.“ „Schon gut! gut!“ unterbrach ſie der Vormann,„ich darf ſagen, es iſt Alles in ſeiner Ordnung. Ich ſehe in mein Log; finde ich es ſo— gut; wo nicht, ſo ſchicke ich dem Schiff ein Windchen conträr.“ Mit dieſen Worten eilte der Gott bei den Offizieren vorbei, und richtete ſeine Aufmerkſamkeit auf die Soldaten der Wache, welche ſich in einen Trupp verſammelt hatten, in dem Gefühle der Nothwendigkeit, ſich zum Beſtehen in einer ſo ſtrengen Prüfung gegenſeitig zu unterſtützen. Vollkommen bekannt mit der Lebens⸗ bahn, die ein Jeder in ihrem ungeſetzlichen Gewerbe durchlaufen hatte, und im Innerſten fürchtend, er möchte plötzlich um ſeine Würde gebracht werden, wählte ſich der Vormann des Vorderkaſtells einen Neuliug unter denſelben aus, und hieß ſeine Begleiter ſein Opfer hervorziehen, da er glaubte, daß er ſo, weniger in Gefahr, unterbrochen zu werden, ſeine grauſame Poſſe ausführen könnte. Schon höchlich durch das oftmalige Gelächter gereizt, das auf ihre Unkoſten erſchollen war, und entſchloſſen, ihren Kameraden zu ver⸗ theidigen, widerſtanden die Soldaten. Ein langer, mit vielem Ge⸗ ſchrei und hitzig geführter Streit erfolgte, in welchem jede Parthei ihr Recht behauptete, den gefaßten Entſchuß durchzuſetzen. Es dauerte nicht lange, ſo gingen die Streitenden zu deutlichen Merkmalen von Feindſeligkeiten über. Jetzt, da der Friede des Schiffes gleichſam nur noch an einem Härchen hing, hielt es der Anführer der Sol⸗ daten für angemeſſen, ſein Mißfallen an einer ſolchen Kränkung der Mannszucht, ein Gefühl, das während der ganzen Scene ſein Inneres empört hatte, an den Tag zu legen. „Ich proteſtire gegen dieſes aufrühreriſche Verfahren,“ ſagte er, ſich an ſeinen, noch mit dem Geiſte abweſenden und gedanken⸗ vollen Obern wendend.„Ich habe meinen Leuten, wie ich hoffe, ächten Soldatengeiſt eingeflößt, und kein größerer Schimpf kann einem von ihnen widerfahren, als wenn Hand an ihn gelegt wird, es ſei denn auf dem regelmäßigen geſetzlichen Wege der Fuchtel. Ich warne laut einen Jeden, wenn von meinen Bären auch nur einer an einem Finger verletzt wird, ſo wird mit einem Hieb dar⸗ auf geantwortet.“ 4 103 Da der Offizier eben nicht darauf bedacht geweſen war, ſeine Stimme zu dämpfen, ſo ward er von den Seinigen verſtanden, und bewirkte, was zu erwarten ſtand. Ein kräftiger Fauſtſchlag des Sergeanten entlockte dem Antlitze des Seegottes ſterbliches Blut, wodurch zugleich ſeine irdiſche Abkunft zur Genüge dargethan ward. Einer ſo dringenden Aufforderung, ſeine Männlichkeit und Menſch⸗ heit zugleich zu unterſtützen, mußte entſprochen werden; der ſtäm⸗ mige Seemann erwiederte den Gruß, vermehrt mit einigen zeitge⸗ mäßen Verzierungen. Solch ein Wetteifer der Höflichkeit zwiſchen zwei ſo erhabenen Perſonen war das Signal zu allgemeinen Feind⸗ ſeligkeiten unter ihren Anhängern. Der Aufruhr, der dem Angriff folgte, hatte Fids Aufmerk⸗ ſamkeit erregt, welcher kaum die Natur der Poſſen erkannte, als er auch ſchon mit Hülfe eines Stags auf's Verdeck glitt; er voll⸗ brachte dieſes Manöver mit der Leichtigkeit eines Affen. Seinem Beiſpiel folgten alle Topgaſten, und in weniger als einer Minute war aller Anſchein vorhanden, daß die muthigen Soldaten der über⸗ legenen Zahl unterliegen müßten. Aber ſtandhaft in ihrem Ent⸗ ſchluß und grimmig in ihren Feindſeligkeiten, ſchloſſen ſich die ein⸗ geübten und rachſüchtigen Krieger, ſtatt ihr Heil in der Flucht zu ſuchen, nur um ſo enger an einander an. Bajonette blitzten in der Sonne; einige Matroſen, von der äußerſten Reihe des Haufens, langten ſchon nach den Halbpiken, welche eine kriegeriſche Zierde am Fuß des Maſtes bildeten. „Halt! Zurück! Alle zurück!“ ſchrie Wilder, ſtürzte ſich mitten in den Haufen und drängte ihn auseinander, mit einer Haſt, welche nur durch den Gedanken an die nahe Gefahr erzeugt werden konnte, die für den unbeſchützten weiblichen Theil der Geſellſchaft entſtehen mußte, wenn einmal die Bande der Subordination bei einem ſo geſetzloſen und verzweifelten Volke zerriſſen ſein würden.„Wenn euch das Leben lieb iſt, zurück! und gehorcht! Und Sie, Sir, fordere ich als guten Soldaten auf, Ihre Mannſchaft zurückzu⸗ ziehen.“ Wie groß auch der Zorn des Offiziers bei den vorhergehen⸗ den Scenen war, ſo war er doch bei dem innern Frieden auf dem Schiffe viel zu ſehr intereſſirt, und zwar in mehr als einem Be⸗ tracht, als daß er nicht augenblicklich der Aufforderung hätte Ge⸗ 104 nüge leiſten ſollen. Er ward von allen Unteroffizieren unterſtützt, welche wohl wußten, daß Leben und Wohlfahrt davon abhing, die⸗ ſen Sturm, der ſo unerwartet losgebrochen war, zu hemmen. Sie bewieſen aber nur, wie ſchwer es hält, eine Autorität geltend zu machen, welche nicht auf geſetzmäßigem Grunde ruht. Neptun hatte ſeine Maske abgelegt, und unterſtützt von ſeinen vierſchrötigen Kaſtell⸗ männern, bereitete er ſich augenſcheinlich zu einem Treffen, das ihm vielleicht größere Anſprüche auf Unſterblichkeit verliehen hätte, als die eben weggeworfenen Inſignien. Bis jetzt hatten die Offiziere theils durch Drohungen und theils durch Vorſtellungen den völligen Ausbruch ſo weit zurück⸗ gedrängt, daß die Zeit weniger in Gewaltthätigkeiten ſelbſt, als in Vorbereitungen dazu verfloß. Die Soldaten aber hatten zu ihren Waffen gegriffen, während auf beiden Seiten des großen Maſtes zwei dichte Haufen Matroſen ſich ſammelten, überflüſſig verſehen mit Piken und ſolchen Waffen anderer Art, wie die Schiffsrüſtung bietet, nämlich Stangen und Handſpaken. Einige der Beſonnenern unter den letzten gingen ſo weit, eine Kanone wegzuführen, welche ſie einwärts richteten, ſo daß ſie die Hälfte der Schanze beſtreichen konnte. Kurz, die Unruhe war ſo hoch geſtiegen, daß, wäre ein Schlag von einer oder der andern Seeite hergekommen, das Schiff nothwendig der Plünderung und dem Gemetzel zum Raub geworden wäre. Die Gefahr einer ſolchen Lage wurde durch die ausgeſuchten Schmähungen von fünfzig ge⸗ meinen Lippen erhöht, die ſich nur öffneten, um verſchwenderiſch die gröbſten Verwünſchungen der Perſonen und des Standes ihrer Feinde auszuſtoßen. Während der fünf Minuten, welche über dieſen finſtern und drohenden Zurüſtungen zu einer völligen Empörung etwa vergangen ſein mochten, hatte der Mann, welcher am meiſten bei der Erhal⸗ tung der Ordnung betheiligt war, die außerordentlichſte Gleichgültig⸗ keit, oder eigentlich Bewußtloſigkeit alles deſſen, was ſo nahe bei ihm vorbeiging, bezeigt. Die Arme über die Bruſt verſchlungen, das Auge auf die ruhige See geheftet, ſtand er regungslos wie der Maſt neben ihm. Seit langer Zeit an den Tumult von ſolchen Scenen gewöhnt, hörte er in dem verworrenen Toſen, das unbeachtet ſein Ohr um⸗ 105 dröhnte, nicht mehr als die Bewegung, die gewöhnliche Begleiterin des feſſelloſen Elementes. Seine Untergebenen im Commando waren jedoch bei weitem thätiger. Wilder hatte bereits die frechſten der Matroſen zurückge⸗ trieben und ein Raum war zwiſchen den beiden feindlichen Parteien leer geworden, in welchen ſich ſeine Gehülfen warfen, mit der Haſt von Männern, die wohl wiſſen, wie viel ihren Händen anvertraut iſt. Dieſer augenblickliche Erfolg mochte wohl zu weit getrieben worden ſein; unſer Abentheurer nämlich, in der Meinung, daß der Geiſt der Empörung ganz unterdrückt ſei, wollte ſeinen Vortheil feſter gründen, und ergriff deßhalb den kühnſten der Unruheſtifter, als er eben, von zwanzig ſeiner Verbündeten umgeben, vor Wilders Arm am ſicherſten ſchien.. „Wer iſt der, der ſich zum Kommodor an Bord des Delphin aufwirft?“ ſchrie jetzt plötzlich eine Stimme aus dem Haufen.„Wie kam er zu uns an Bord? Wo hat er den Dienſt gelernt?“ „Ei, ei!“ fuhr eine andere Unglücksſtimme fort,„wo iſt der Briſtoler Kauffahrer, den er in unſer Netz führen ſollte, für den wir ſo viele ſchöne Tage müſſig vor Anker lagen?“ Jetzt begann ein allgemeines Murmeln, welches, wenn ein ſolches Zeugniß nöthig geweſen wäre, in ihm ſelbſt die Ueberzeugung erweckt hätte, daß der unbekannte Offizier in ſeinem Dienſt nicht glücklicher ſei, als in ſeinem vorherigen auf der königlichen Karoline. Beide Parteien ſtimmten darin überein, ſeine Dazwiſchenkunft zu verwerfen; von beiden Seiten hörte man höhnende Worte über ſeine Herkunft, vermiſcht mit gewiſſen ungeſtümen Klagen gegen ſeine Perſon. Nicht im geringſten erſchrocken über ſo fühlbare Beweiſe der Gefährlichkeit ſeiner Lage, antwortete unſer Abentheurer den Schmähungen mit dem verächtlichſten Lächeln, und forderte einen jeden Einzelnen von ihnen Allen heraus, vorzutreten, und ſeine Worte durch die That zu bekräftigen. „Hört ihn!“ riefen ſeine Zuhörer.—„Er ſpricht wie ein königlicher Offizier auf der Jagd nach einem Schmuggler!“ rief der Eine.—„Er iſt kühn bei der Windſtille!“ ein Anderer.—„Es iſt ein Jonas, der in ein Kajütenfenſter geſchlüpft iſt!“ ſchrie ein Dritter,„und ſo lange er auf dem Delphin iſt, bläst uns der Glückswind conträr!— In die See mit ihm!“ „Werft den Glückspilz über Bord! In die See mit ihm! Da wird er merken, daß ein kühnerer und beſſerer Mann ihm ſchon vorangegangen,“ ſchrieen ein Dutzend Stimmen; Einige gaben ſo⸗ ort unzweideutige Zeichen von ihrer Bereitwilligkeit, ihre Drohung auszuführen. Augenblicklich ſprangen zwei Geſtalten aus dem Hau⸗ fen, theilten ihn, wie wüthende Löwen, und trennten Wilder von ſeinen Feinden. Der Vorderſte der Helfer trat auf den voran⸗ ſchreitenden Matroſen zu, und legte mit einem unwiderſtehlichen Schlag ſeines Armes den Repräſentanten Neptuns zu ſeinen Füßen, als ſei er blos das Wachsbild eines Menſchen geweſen. Der An⸗ dere war nicht langſam im Nachahmen dieſes Beiſpiels, und als der Haufe bei dieſer Trennung ſeiner eigenen Mannſchaft wich, ſchwang Fid, denn er war dieſer Andere, eine Fauſt ſo groß wie ein anſehnlicher Kindskopf, und rief laut: „Weg mit euch, ihr Schlingel! Weg mit euch! Wollt ihr Alle über einen Mann herfallen, und noch dazu einen Offizier! und einen Offizier, wie ihr nie einen angeſehen habt, als vielleicht meinet⸗ wegen, wie die Katze den König! Ich möchte unter euch Allen den ſehen, der mir ein ſchweres Schiff in einem engen Kanal len⸗ ken thäte, wie ich den Mr. Harry hier habe.“ „Zurück!“ ſchrie Wilder, und drängte ſich zwiſchen ſeinen Ver⸗ theidigern und ſeinen Feinden durch;„zurück und laßt mich allein mit den frechen Buben fertig werden.“ „Ueber Bord mit ihm! über Bord mit allen Dreien!“ ſchrie der Matroſe,„über Bord mit ihm und ſeinen Hallunken!“ „Wollen Sie ruhig dem Morde zuſehen, der unter ihren Au⸗ gen begangen wird?“ rief jetzt Mrß. Wyllys aus, indem ſie von ihrem Platz auffuhr und ungeſtüm den Freibeuter beim Arm faßte. Er ſtarrte ſie an, wie aus einem matten Schlummer erwachend, und ſah ihr ſcharf und geſpannt in's Auge. „Sehen Sie!“ ſetzte ſie hinzu, und deutete auf den unruhigen Haufen unten, wo jedes Zeichen wachſender Empörung erſichtlich ward;„ſie tödten Ihren Offizier, es iſt ihm nicht mehr zu helfen!“ Ddie Marmorbläſſe, welche ſo lange auf des Freibeuters Ge⸗ ſichte gelegen hatte, verſchwand, als ſein Auge die Scene raſch über⸗ flog. Er erkannte beim erſten Blick die ganze Beſchaffenheit der Sache, und mit der Erkenntniß ſchoß auch das Blut in jede Ader 107 und Fiber ſeines unwilligen Geſichts. Er ergriff ein Tau, das über ihm an einer Raae hing, ſprang auf die Schanze, und war wie ein Blitz in der Mitte des Trupps. Beide Parteien ſtürzten zurück, eine plötzliche, athemloſe Stille folgte dem Gebrülle, das einen Augenblick vorher das Toſen eines Waſſerfalls übertäubt hätte. Er machte eine ſtolze und wegwerfende Bewegung mit der Hand, und ſprach mit einer Stimme, welche, wenn eine Veränderung daran wahrgenommen werden konnte, eher noch etwas leiſer und minder drohend klang, als gewöhnlich. Der ſanfteſte und leiſeſte Hauch aber traf auch das entfernteſte Ohr, und keinem Einzigen blieb ein Zweifel über ſeine Gedanken. „Meuterei!“ ſprach er in einem Tone, der wunderbar zwiſchen Spott und Verachtung ſchmeckte;„offene, heftige, nach Blut lüſterne Meuterei! Seid ihr, meine Leute, des Lebens müde? Iſt Einer da, unter euch Allen, der Willens iſt, ſich zum Beſten der Uebrigen herzu⸗ geben? Wenn ein ſolcher da iſt, ſo ſoll er ſeine Hand, einen Fin⸗ ger, nur ein Haar erheben; er ſoll ſprechen, mir in's Auge ſehen, oder zu zeigen wagen, daß Leben in ihm ſei, mit einem Wink, einem Athemzug, oder nur einer leiſen Bewegung!“ Er ſchwieg; und der Zauber ſeiner Gegenwart und Miene war ſo allgemein und tief wirkend, daß in der ganzen Maſſe über⸗ müthiger und aufgeregter Köpfe auch nicht ein Einziger ſich erkühnt hätte, dem Gefürchteten Trotz zu bieten. Matroſen und Soldaten, ſie ſtanden gleich geduldig, demüthig, gehorſam da, wie fehlende Kinder, vor einer Macht, von der an kein Entrinnen zu denken iſt. Da er bemerkte, daß keine Stimme zur Antwort, keine Lippe ſich bewegte, kein Auge unter allen dreiſt genug war, ſeinem ſtandhaften, aber glühenden Blicke zu begegnen, fuhr er in demſelben gedämpften und befehlenden Tone fort: „Gut! Die Vernunft iſt zwar ſpät, aber zum Glück für euch Alle! ſie iſt wiedergekehrt; zurück! ſag' ich; ihr beſudelt das Deck!“ — Zu jeder Seite wichen die Leute zwei Schritte zurück.—„Bringt dieſe Waffen an ihren Platz; gebraucht ſie, wenn ich ſagen werde, daß es Zeit ſei. Und ihr, Burſche, die ihr die Verwegenheit hattet, ohne Ordre eine Pike zu erheben, gebt Acht, daß ſie eure Hand nicht verbrenne.“— Ein Dutzend Piken raſſelten zuſammen auf's Deck.—„Iſt ein Trommelſchläger im Schiff? Herbei!“ Ein erſchrecktes und ſcheublickendes Weſen, das in einem ver⸗ zweifelten Inſtinkt ſein Inſtrument gefunden hatte, ſtellte ſich dar. „Nun, laß dich hören, daß ich wiſſe, ob ich eine Mannſchaft ordentlicher und gehorſamer Leute kommandire, oder einen Haufen Mißgeſchöpfe, mit denen ich erſt eine Säuberung vornehmen muß, ehe ich mich auf ſie verlaſſen kann.“ Die erſten Schläge auf die Trommel reichten hin, die Mann⸗ ſchaft auf ihre Poſten zu rufen. Ohne nur einen Augenblick ſich zu beſinnen, lösten ſich die Haufen, und jeder der Schuldigen ſchlich an ſeinen Poſten. Die Kanoniere, welche die Kanone einwärts ge⸗ richtet hatten, ſchoben ihre Mündung wieder nach der Pforte, mit einer Behendigkeit, die ihnen im Gefecht ſehr von Nutzen geweſen wäre. Während der ganzen Scene hatte der Freibeuter weder Zorn noch Unwillen gezeigt. Tiefe und feſtgewurzelte Verachtung, mit hohem Selbſtvertrauen, war in dem ſtolzen Aufwurf und dem Schwellen der Lippe ſichtbar geweſen; aber nie konnte es ſcheinen, als hätte Zorn auch nur einen Augenblick über ſeine Vernunft ge⸗ ſiegt, und nun, da er ſeine Mannſchaft zu ihrer Pflicht zurückge⸗ rufen hatte, ſchien er eben ſo wenig über den glücklichen Erfolg zu triumphiren, als er eine Minute vorher im Sturme, der ſeinem Anſehen gänzliche Vernichtung drohte, erſchrocken war. Anſtatt ſeine weitern Maßregeln haſtig zu verfolgen, wartete er die Beobachtung der kleinſten Förmlichkeit, welche ſowohl von der Etiquette, als dem Gebrauche für dieſe Gelegenheiten vorgeſchrieben war, kaltblütig ab. Die Offiziere näherten ſich und berichteten, wie ihre verſchie⸗ denen Abtheilungen ſchlagfertig ſeien, genau mit der Regelmäßigkeit, als ob ein Feind im Anzuge geweſen wäre. 3 Die Topgaſten und Segelſetzer wurden gezählt und in der Muſterung wohl vorbereitet erfunden; Schießpropfen und Stopfer wurden vertheilt; das Arſenal ſogar ward geöffnet; die Waffenkiſten wurden geleert; kurz, bei weitem mehr als die gewöhnlichen Vorbe⸗ reitungen zu den täglichen Uebungen wurde vorgenommen. „Laßt die Raaen hiſſen; die Schoten und Braſſen befeſtigen,“ ſagte er zu dem erſten Lieutenant, der jetzt eine eben ſo genaue Kenntniß des militäriſchen Theils ſeines Berufs, als bisher des nautiſchen entwickelte;„geben Sie den Enterern ihre Piken und Aexte, Sir, wir wollen den Burſchen zeigen, daß wir ſie nicht fürchten, auch wenn ſie bewaffnet ſind.“ Dieſen verſchiedenen Befehlen wurde buchſtäblich gehorcht; dann erfolgte jenes tiefe und ernſte Schweigen, welches einem Schiffsvolk an ſeinem Poſten ein ſo ehrfurchterweckendes Anſehen ſelbſt in den Augen derer gibt, welche von ihren Knabenjahren an darin gelebt haben. So wußte der Führer dieſer Rotte verzweifelter Räuber ihre Wuth durch die Bande der Mannszucht zu beugen. Als er glaubte, ihre Gemüther ſeien nun durch den Zwang, den er ihnen angelegt, zu völliger Ruhe gebracht, ging er mit Wilder bei Seite, und fragte ihn um den Hergang der Sache. So ſehr auch das Herz unſers Abentheurers ſich zur Milde neigte, ſo war er doch zur See erzogen worden, und demnach nicht im Stande, auf das Verbrechen der Meuterei mit mildem Blicke zu ſehen. Wenn auch die neuerlichen Vorfälle auf dem Briſtoler Kauffahrer ſeinem Gedächtniſſe entſchwunden geweſen wären, lehrten ihn doch die noch nicht verwiſchten Eindrücke eines ganzen Lebens auf der See die Nothwendigkeit, die durch die Erfahrung ſo häufig beſtätigte dringende Nothwendigkeit, unruhigen Banden die Zügel ſtraff zu halten, wenn ſie den Schranken der menſchlichen Geſell⸗ ſchaft entriſſen ſind. Er machte daher nicht aus der Ameiſe einen Elephanten, aber eben ſo wenig ließ er auch etwas in der Rech⸗ nung ſchwinden. Der ganze Verlauf der Sache wurde dem Frei⸗ beuter der reinen, ungeſchminkten Wahrheit gemäß vorgetragen. „Man kann dieſe Burſche nicht durch Predigten zu ihrer Pflicht bringen,“ ſagte, als Wilder fertig war, das Oberhaupt,„wir be⸗ finden uns außer dem Geſetz; wir haben für unſere Delinquenten kein Richt⸗Deck, keine gelbe Flagge zum Angaffen für die Vorüber⸗ ſegelnden, keine ernſte und hochweiſe ausſehende Gerichtshöfe, um ein paar Bücher zu durchblättern, und die lange Berathung mit den Worten zu ſchließen: Hängt ihn!— Die Kanaillen wußten, daß mein Auge nicht auf ihnen ruhte. Einmal hatten ſie mein Schiff zu einem lebendigen Beleg für die Stelle des Neuen Teſtaments gemacht, welche, um uns Demuth zu lehren, ſagt: Die Letzten wer⸗ den die Erſten ſein, und die Erſten die Letzten. Ich fand ein Dutzend trinkend und fröhlich um den Kajütenkeller her, in dem vorderen Raume die Offiziere gefangen— ein Stand der Dinge, 110 der, Sie müſſen es ſelbſt geſtehen, ein wenig gegen Schicklichkeit und Anſtand lief.“ 4 „Da wundert mich, daß Sie ſie glücklich wieder zur Ordnung gebracht haben!“ „Ich kam ganz allein zu ihnen und in einem Uferboot; ich brauche aber nichts, als einen Platz für meinen Fuß und Raum für meinen Arm, um ein ganzes Tauſend ſolcher Seelen in Ord⸗ nung zu halten. Jetzt kennen Sie mich und ſelten mißverſtehen wir einander!“ „Sie müſſen ſtrenge geſtraft haben.“ „Es ward Recht geſprochen.— Mr. Wilder ich befürchte, Sie möchten unſern Dienſt etwas unregelmäßig finden; ein Monat Erfahrung wird Sie mit uns waſſerrecht ſtellen, und alle Gefahr der Wiederholung einer ſolchen Scene entfernen.“— Dieſe Worte begleitete der Freibeuter mit einem Geſicht, das gegen ſeinen neuen Rekruten Freundlichkeit ausſprechen ſollte, die ſich aber höchſtens zu einem abſchreckenden Lächeln verſtieg.„Kommen Sie,“ ſetzte er ſchnell hinzu,„dießmal ſchiebe ich mir den Mißgriff ſelbſt in die Schuhe, und da wir ſehen, daß wir Herr ſind, ſo können wir ein wenig Gnade vor Recht ergehen laſſen.„Uebrigens,“ fuhr er fort, und blickte nach der Stelle, wo Mrß. Wyllys und Gertrude noch in banger Erwartung ſaßen;„übrigens wird es wohl gethan ſein, das Geſchlecht unſerer Gäſte in ſolch einem Moment zu berückſich⸗ tigen. Jetzt verließ er ſeinen Lieutenant und trat in die Mitte der Schanze, wohin er augenblicklich die Rädelsführer citirte. Die Leute horchten ſeinem Tadel, welcher mit ernſtlichen War⸗ nungen vor den Folgen ſolcher Vergehungen gewürzt war, wie Ge⸗ ſchöpfe, welche vor einem höhern Weſen ſtehen. Obgleich er in ſei⸗ nem gewöhnlichen Tone ſprach, ſo erreichte die leiſeſte Sylbe das Ohr des Entfernteſten; und als er ſeine kurze Vorleſung gehalten hatte, ſtanden ſie vor ihm, nicht nur wie Delinquenten, welchen mit einem Verweis Gnade gewährt worden, ſondern wie Verbrecher, welche ſowohl ihr eigenes Bewußtſein, als die öffentliche Stimme verurtheilt. Unter dieſen Allen war nur ein Matroſe, der ſich, wahrſcheinlich wegen langjährigen Dienſtes, herausnahm, eine Sylbe zu ſeiner eigenen Rechtfertigung hervorzubringen. X 111 H „Was die Soldaten betrifft,“ ſprach er,„ſo wiſſen Ew. Gna⸗ den, daß wir uns nicht ſehr lieb haben, obgleich die Schanze der Ort nicht iſt, unſere Zwiſte abzumachen; aber der Gentleman, der ſeine Naſe—“ „Es iſt mein Wille, daß er bleibe, wo er iſt,“— unterbrach ſchnell der Commandant;„über ſein Verdienſt kann ich allein ur⸗ theilen.“ 3„Gut, gut, wenn das Ihr Wille iſt, Sir, ſo kann Niemand was dagegen haben. Es iſt aber vom Briſtoler Kauffahrer keine Rechnung abgelegt worden, und hier an Bord hat man doch ſo große Erwartungen von dem köſtlichen Biſſen gehegt. Ew. Gnaden ſind ein ſo verſtändiger Herr und werden ſich gewiß nicht wundern, daß Leute, die einem abſegelnden Weſtindienfahrer aufpaſſen, grim⸗ mig werden, wenn ſie ſtatt deſſen eine zertrümmerte leere Barkaſſe fiſchen.“ „Ei, wenn ich will, muß dir ein Ruder, ein Riemen, ein Bolzen zu deinem Antheil genug ſein. Baſta! Ihr habt mit euren eigenen Augen die Lage des Schiffes geſehen; wo iſt aber ein See⸗ mann, der nicht an einem unglücklichen Tage, wenn die Elemente gegen ihn ſind, geſtehen müßte, ſeine Kunſt ſei nichts? Wer rettete dieſes Schiff in demſelben Sturm, der uns die Priſe raubte? War es eure Geſchicklichkeit? Oder war es die eines Mannes, der das⸗ ſelbe oft zuvor gethan hat, und der euch wohl einmal allein eure Sache verfechten laſſen könnte? Es iſt genug, daß ich ihn für treu halte. Es iſt nicht Zeit jetzt, euren Stumpfſinn von der Zweck⸗ mäßigkeit alles deſſen zu überzeugen, was durch ihn geſchehen iſt. Tretet ab und ſendet mir die zwei Männer, die ſich ſo edelmüthig zwiſchen ihren Offizier und die Aufwiegler geworfen haben.“ Gleich darauf kamen Fid und der Neger, welcher letztere in der einen Hand ſeinen Hut geklemmt hielt, die andere aber tölpiſch in ſeine Kleider verſteckte, und ſo das Deck einher trabte. „Du haſt brav gehandelt, Junge, du und dein Schüſſel⸗ kamerad,....“ „Nicht Schüſſelkamerad, Ew. Gnaden, Sie ſehen, daß er ein Schwarzer iſt,“ unterbrach Fid;„der Burſche ißt mit den andern Schwarzen; wir thun aber dann und wann einen Zug aus einem Kännchen, ſo in Compagnie.“ „Nun, dein Freund denn, wenn du das lieber hörſt.“ „Ei, Sir, wir ſind freundſchaftlich genug mit einander, ſo zu ungleichen Zeiten; doch fährt oft eine Bö zwiſchen uns. Guinea hat eine verd— Manier, ſeine Reden in den Wind zu bringen, und Ew. Gnaden wiſſen, daß es nicht immer paßlich iſt, von einem Schwarzen leewärts getrieben zu werden. Ich laß ihn merken, daß es unſchicklich iſt. Im Grunde thut es doch ein guter Kerl ſein, deſſen ungeachtet, Sir; und da er gerade ein geborner und erzoge⸗ ner Afrikaner iſt, hoffe ich, Sie wären ſo gütig, ſeine kleinen Fehler ein bischen zu überſehen.“ „Selbſt wenn ich dazu nicht geneigt wäre,“ antwortete der Freibeuter,„würden die Standhaftigkeit und die Thätigkeit, die er heute bewieſen, mich ſehr zu ſeinen Gunſten einnehmen.“ „Ja, ja, Sir, er iſt zuweilen ſtandhaft, das kann ich nicht einmal von mir ſagen. Dann aber, was das Seeweſen anbelangt, ſo thun's ihm Wenige zuvor. Ich wollte, Ew. Gnaden thäten ſich in den vordern Raum bemühen, und den Knoten ſehen, den der Burſche in den großen Stengen⸗Stag gedreht hat, nicht ſpäter als in der letzten Windſtille; es faßt den ſtraffen Wind ſo leicht, wie das Gewiſſen eines reichen Mannes eine kleine Sünde.“ „Ich habe genug an deiner Beſchreibung. Du nennſt ihn Guinea?“ „Sie können ihn nach allen Orten an jener Küſte nennen, daran liegt ihm nicht beſonders viel; maſſen er nie zum Chriſten gemacht worden, und von Lage und Entfernung in der Religion gar nichts weiß. Sein rechtmäßiger Name iſt Sip oder Scipio Afrika, von dem Umſtande, glaub' ich, hergenommen, daß er an jenem Erdplatz zuerſt eingeſchifft worden iſt. Was aber, wie ge⸗ ſagt, die Namen betrifft, iſt der Junge ſanft, wie ein Schaf; rufen Sie ihn, wie Sie wollen, nur nicht zu ſpät zu ſeinem Grog.“ Dieſe ganze Zeit über ſtand der Afrikaner da, rollte ſeine großen ſchwarzen Augen nach allen Seiten, nur nicht nach der, wo der Sprecher ſtand, und war froh, daß ſein ſo viel verſuchter Schiffsmaate ſeinen Dolmetſcher machte. Der hohe Geiſt, der vor wenigen Augenblicken in dem Freibeuter erweckt worden war, be⸗ gann bereits wieder zu ſinken; denn ſeine verachtende Miene wich einem Blicke, der die minder hochmüthige Neugierde verrieth. „Ihr habt wohl lange zuſammen geſegelt, Jungen?“ fuhr er gemüthlich fort, ohne ſich an Einen beſonders zu wenden. „Voll und dicht beim Winde! In manchem Sturm, in mancher Windſtille! Sir. Das letzte Aequinoktium war's vierund⸗ zwanzig Jahre, Guinea, daß uns Maſter Harry quer vor die Klü⸗ fen kam, und dann ſind wir drei Jahre zuſammen im Donnerer geweſen, nicht mitgerechnet die Fahrt um's Horn, im Kaper: die Bai.“ „So! vierundzwanzig Jahre ſeid ihr bei Mr. Wilder geweſen? Da wäre es ein Wunder, wenn ihr nichts für ſein Leben wagtet.“ „Das wäre eben ſo viel, als ſetzt' ich einen Preis auf des Königs Krone!“ unterbrach der gerade, biedere Seemann.„Ich hörte ſo von den Burſchen, verſteh'n Sie, wie ſie ſich verſchworen, uns Drei als Ballaſt in die See zu werfen; da dachten wir, es ſei jetzt halt an der Zeit, ein Wort zu unſerm eigenen Beſten zu reden, und da der Schwarze die Worte nicht immer ſo bei der Hand hat, hielt er für gut, die Zeit mit etwas Anderem auszufüllen, was ſeine Dienſte eben ſo gut thäte. Ne, ne! ein großer Redner iſt er nicht, der Guinea; freilich kann ich in dem Stück auch nichts Beſonderes von mir rühmen; da wir aber doch einen Stopper vor ihre Bewegungen geſteckt haben, ſo werden Ew. Gnaden ſelbſt ge⸗ ſtehen müſſen, daß dies eben ſo gut war, als hätten wir ſo glatt geſprochen, wie ein junges friſchgebackenes Seekadettchen aus der hohen Schule, der immer das Top lateiniſch nennt, weil er, ver⸗ ſteh'n Ew. Gnaden? die wahre Sprache nicht kennt.“ Der Freibeuter lächelte und ſah ſich um, augenſcheinlich nach unſerem Abenteurer. Da er ihn nicht ſah, konnte er der Ver⸗ ſuchung nicht widerſtehen, ſeine Forſchungen weiter auszudehnen, doch hatte er ſich ſelbſt zu ſehr in ſeiner Gewalt, als daß er ſeine Neugierde in einer deutlichen direkten Frage hätte kund thun ſollen. Aber ein Moment Beſinnung reichte hin, ihn zu ſich zu bringen, und er verwarf den Anſchlag als ſeiner unwürdig. „Eure Dienſte ſollen nicht vergeſſen werden. Hier iſt Gold,“ ſagte er, und bot eine Handvoll dieſes edlen Metalls dem Neger, der ihm gerade zunächſt ſtand;„theilt es als rechtſchaffene Schiffs⸗ maaten; Jeder von euch kann übrigens auf meine Gnade und meinen Schutz rechnen.“ Seeräuber. 8 114 Scipio trat zurück, und ſagte mit einer Bewegung ſeines Ellen⸗ bogens: „Sein Gnaden geben es der Maſſer Harry.“ 6„Euer Mr. Harry, Junge, hat deſſen ſelbſt, er braucht kein eld.“ „S'ip brauch' es auch nicht.“ „Sie müſſen dem Burſchen ſeine ungehobelten Manieren zu gut halten, Sir,“ ſagte Fid, ſtreckte kaltblütig ſeine eigene Hand dazwiſchen, und ſteckte die dargebotene Gabe ſo gleichmüthig in die Taſche;„aber einem ſo alten Seemann, wie Ew. Gnaden, brauch' ich nicht zu ſagen, daß Guinea das Land eben nicht iſt, wo Einer Sitten und Manieren lernen kann. Deſſen ungeachtet kann ich ſo viel für ihn ſagen, daß er Ew. Gnaden eben ſo herzlich dankt, als hätten Sie ihm das Doppelte gegeben. Bücke dich vor Sr. Gna⸗ den, Junge, und mache der Geſellſchaft, in der du lebſt, ein wenig Ehrerä. Der Freibeuter entließ ihn, wandte ſich um, und ſtand vor Wilder. Die Blicke der Verbündeten begegneten ſich, und eine leiſe fliegende Röthe des Erſteren zeigte ein unangenehmes Bewußtſein. Er gewann aber gleich ſeine Faſſung wieder, lachte über Fids drolli⸗ ges Weſen; dann aber gab er mit der Miene des Commandanten dem Lieutenant den Befehl, zum Rückzuge trommeln zu laſſen. Die Flinten wurden verwahrt, die Stopper gelöst, das Arſenal verſchloſſen, und das Schiffsvolk begab ſich an ſeine gewöhnlichen Geſchäfte. Das Commando ward dem Offizier der Wache für eine gewiſſe Zeit übergeben, und der Freibeuter verſchwand von dem Verdecke. Neuntes Kapitel. Dieſen ganzen Tag hindurch blieb ſich das Wetter gleich. Der ſchlummernde Ocean lag da, gleich einem flimmernden, leben⸗ digen Spiegel, klar und lieblich ſeine Oberfläche; das träge Steigen 115 und Sinken ſchwerfälliger Wogen verkündete eine Bewegung am fernen Horizont. Von dem Augenblicke an, als er das Deck verlaſſen hatte, bis die Sonne ihre flammende Scheibe in die See tauchte, war der Mann, welcher ſein Anſehen unter den ungezähm⸗ ten Gemüthern, die er regierte, ſo lebendig zu erhalten wußte, nicht mehr auf dem Verdeck geſehen worden. Zufrieden mit ſeinem Siege, ſchien er nicht länger zu befürchten, daß irgend Einer verwegen genug ſein könnte, ſich zu dem Umſturz ſeiner Gewalt zu verſchwö⸗ ren. Dieſes offene Selbſtvertrauen verfehlte ſeine günſtige Wirkung nicht auf das Schiffsvolk. Da keine Vernachläſſigung im Dienſte überſehen wurde, kein Vergehen unbeſtraft blieb, glaubte die Mann⸗ ſchaft ein unbemerktes Auge über ſich, eine unſichtbare Hand hinter ſich, jeder Zeit zur Belohnung oder Strafe bereit. Durch ein gleich energiſches Verhalten hatte dieſer außerordentliche Mann in Zeiten der Noth und Entbehrung, wenn regierende Gewalt unerträglich iſt, ſo lange mit dem glücklichſten Erfolg ſowohl den häuslichen Verrath unterdrückt, als die äußerſte Geſchicklichkeit und Klugheit ſeiner offenen Feinde vereitelt. Als die Nachtwache begonnen hatte, und auf dem Schiff die Ruhe dieſer Stunde herrſchte, ward wieder des Freibeuters Geſtalt geſehen, wie er ſchnell hin und her ging, in der Breite des Hinter⸗ kaſtells, deſſen einſamer Inhaber er nun war. Das Schiff war durch die Strömung des Golfs weit nord⸗ wärts getrieben worden, und jetzt war es wieder, ſoweit das menſch⸗ liche Auge reichte, umfluthet von einer endloſen Wogenwelt. Da auch nicht ein Lüftchen athmete, waren die Segel beſchlagen wor⸗ den; die ſchlanken und nackten Spieren erhoben ſich in das abend⸗ liche Dunkel, wie die eines Schiffes vor Anker. Kurz, es war einer jener Momente gänzlicher Ruhe, welche die Elemente gelegent⸗ lich ſolchen Abentheurern gewähren, die ihr Alles dem launiſchen Scepter der treuloſen und unbeſtändigen Winde vertrauen. Diejenigen ſogar, welche ihr Dienſt zur Wachſamkeit auffor⸗ derte, wurden durch des Generals Ruhe veranlaßt, ſorgloſer auf ihrer Wache zu ſein, und ſich zwiſchen die Kanonen, oder an ſon⸗ ſtige Orte zu ſtrecken, um die Ruhe zu ſuchen, welche ihnen nach den Vorſchriften der Ordnung die Hängematte nicht gewähren durfte. Hier und da ſah man in der That das ſchlummernde Haupt eines 8* Offtziers gegen das Bollwerk oder die Lafette einer Kanone ge⸗ lehnt, welche nicht innerhalb der heiligen Grenzen des Deckes ſich befand. Eine Geſtalt nur ſtand gerade, wachſam, und augenſchein⸗ lich mit aufmerkſamem Auge das Ganze überblickend; es war Wil⸗ der, den in dem regelmäßigen Gange des Offizier⸗Dienſtes die Reihe der Deck⸗Wache wiederum getroffen hatte. Während zwei Stunden hatte nicht die leiſeſte Berührung zwi⸗ ſchen dem Freibeuter und dem erſten Lieutenant ſtattgefunden. Beide vermieden eher ein Zuſammentreffen, als ſie es ſuchten; denn Jeder hatte ſeine eigenen geheimen Quellen ernſter Betrachtungen. Zu Ende dieſer Periode des Schweigens hielt der Erſtere in ſeinem Gange inne, und betrachtete lange und unabläſſig die regungs⸗ loſe Geſtalt auf dem Decke neben ihm. „Mr. Wilder,“ ſagte er endlich,„die Luft iſt friſcher hier auf dem Hinterkaſtell, wollen Sie nicht heraufkommen?“ Der Andere folgte; und einige Minuten lang gingen ſie zu⸗ ſammen, wie Seeleute in den Stunden tiefer Nacht pflegen, ſchwei⸗ gend und gleichen Schrittes. „Wir hatten einen unruhigen Morgen, Wilder,“ begann der Freibeuter wieder, den Gegenſtand ſeines Nachdenkens unbemerkt verrathend, und beſtändig in einem ſo behutſamen Tone, daß der Sinn ſeiner Rede von keinem Ohre, als deſſen, zu dem er ſprach, gefaßt werden konnte;„waren Sie jemals dem ſchrecklichen Abgrund: „Meuterei“ ſo nahe?“ „Wer von der Kugel getroffen wird, iſt der Gefahr näher, als der ihren Wind nur fühlt.“ „Aha! Sie ſind alſo in Ihrem Schiff gerupft worden. Be⸗ unruhigen Sie ſich nicht über den Grund perſönlichen Haſſes, den einige von den Burſchen heute gegen Sie gezeigt haben; ich kenne ihre geheimſten Gedanken, wie Sie bald ſehen werden.“ „Ich geſtehe unverholen, daß ich, an Ihrer Stelle, mit ſolchen Beweiſen des Charakters meiner Leute vor Augen, auf Nadeln ſchlafen würde. Wenige Stunden ſolcher Unordnung können das Schiff jeden Tag der Regierung überliefern, und Ihr Leben den—“ „Den Gerichten! Und warum nicht das Ihrige auch 2“ fragte der Freibeuter ſo raſch, daß ein leichter⸗Zug von Mißtrauen durch⸗ ſchimmerte.—„Das Auge, das oft Schlachten geſehen hat, blinzelt 8 nicht mehr. Das meinige hat zu oft und zu lange den Gefahren in's Angeſicht geſchaut, als daß ich beim Anblick eines königlichen Wimpels erſchrecken könnte. Uebrigens ſind wir nicht gewohnt, uns viel an dieſer Küſte herumzutreiben; die Inſeln und die ſpaniſche hohe See ſind minder gefährliche Gegenden zum Kreuzen.“ „Und doch haben Sie ſich zu einer Zeit hierher gewagt, wo der glückliche Ausgang des Kriegs dem Admiral eine bedeutende Macht zu Ihrer Verfolgung bietet.“ „Ich hatte meine Gründe. Es iſt nicht immer leicht, den Commandanten vom Menſchen zu trennen. Wenn ich eine Zeit⸗ lang die Verpflichtungen des Erſten über den Wünſchen des Zwei⸗ ten vergeſſen habe, ſo iſt doch bis jetzt wenigſtens noch nichts Un⸗ angenehmes daraus erfolgt. Es iſt ja möglich, daß ich es müde bin, Eure trägen ‚Dons“ zu jagen, und die Wachtſchiffe in die Seehäfen zu treiben. Dieſes unſer Leben iſt voller Bewegungen, die ich liebe; für mich hat ſogar ein Aufruhr Intereſſe!“ „Ich mag mit dem Verrath nichts zu ſchaffen haben. In dieſem Falle geſtehe ich aufrichtig, daß ich dem Bauern gleiche, wel⸗ cher ſeinen Muth bei Nacht nicht bei ſich hat. Wenn der Feind im Anzuge iſt, ſollen Sie mich ſo tüchtig wie jeden Andern ſin⸗ den; aber über einer Mine zu ſchlafen, iſt nicht nach meinem Ge⸗ ſchmack.“ „Mangel an Praxis! Unglück iſt Unglück, komme es, wie es wolle; des Menſchen Gemüth kann gelehrt werden, bei des Un⸗ ſterns geheimem Walten eben ſo gleichgültig zu ſein, als bei offener Gefahr. Horch! Die Glocke ſchlägt. Sechs oder Sieben?“ „Sieben. Sie ſeh'n, die Leute ſchlummern noch wie zuvor. Der Inſtinkt würde ſie wecken, wenn ihre Stunde da wäre.“ „Gut. Ich fürchtete, die Zeit ſei vorüber.— Ja, Wilder, ich liebe das Ungewiſſe; es⸗ hält des Menſchen Fähigkeiten vom Einſchlummern ab, und ſtößt ihn gewaltig auf die beſſern und rich⸗ tigern Grundſätze unſerer Natur. Vielleicht verdanke ich dieß einem gewiſſen wunderlichen Geiſt, aber, was mich betrifft, ich habe Freude ſogar an einem conträren Wind.“ „Und in der Windſtille?“ „Eine Windſtille mag für ruhigere Geiſter ihre Reize haben; es iſt aber nicht möglich, etwas Ueberraſchendes in einer Windſtille 118 zu erleben. Man kann die Elemente nicht aufrütteln, aber ihre Wuth bekämpfen.“ „Sie haben Ihren Stand nicht ergriffen—“ „Ihren?“ „Ich hätte ſagen ſollen: ‚unſerne, weil auch ich nun Frei⸗ beuter geworden bin.“ 4 „Sie ſind noch in Ihrem Noviziat,“ nahm der Andere wie⸗ der das Wort;„und große Freude machte es mir, Ihre Beichte zu hören. Sie haben durch dieſes Umgehen Ihrer Gedanken eine Ge⸗ wandtheit des Geiſtes gezeigt, welche mich hoffen läßt, einen geleh⸗ rigen Schüler an Ihnen zu haben.“ „Aber keinen reuigen, glaube ich.“ „Je nachdem. Wir haben Alle unſere ſchwachen Augenblicke, und ich habe nach Ihnen geangelt, wie der Fiſch nach der Forelle. Auch überſah ich nicht die Gefahr des Verraths.“ „Doch ſtill! Hörten Sie nichts?“ „Ich glaubte, es wäre ein Tau in die See gefallen.“ „Nein, nein! Jetzt ſollen Sie ſehen, wie völlig ich dieſe Burſche überſchaue.“ Der Freibeuter brach kurz ab, und ging ſachte nach dem Hinter⸗ theil des Schiffes. Ein leiſes Geräuſch traf ſeines Gefährten Ohr, welcher augenblicklich an des Commandanten Seite trat, wo er einen neuen Beweis von der Art und Weiſe erhalten ſollte, wie er ſelbſt ſowohl wie der übrige Theil der Mannſchaft durch die Argliſt ihres Führers hintergangen wurde. 8. Ein Mann war behutſam von der Außenſeite des Schiffes auf Deck gekommen. Der Freibeuter ſtieß mit der Hand Wilder leicht an, als wollte er ihm zu verſtehen geben, daß er aufmerkſam ſein ſollte. Dann ſprach er mit einer leiſen Stimme, welche man kaum mehr als Flüſtern nennen konnte:„Biſt du da, Davis? Ich fürchtete, du ſeieſt gehört oder geſehen worden.“ „Fürchten Ew. Gnaden nichts. Ich ſchlüpfte durch's Fenſter der Kajüten⸗Lucke, und die Hinterwacht ſchläft ein ſo geſundes Schläfchen, als hätte ſie die Wacht unten.“. „Gut. Was bringſt du Neues von den Leuten?“ † —— „Herr! Sie können ſie heißen in die Kirche gehen, und der wüthendſte Seehund unter ihnen hat nicht das Herz zu ſagen, daß er ſein Gebetbuch vergeſſen habe.“ „Denkſt du, ſie möchten in einer beſſern Stimmung ſein, als früher?“ „Ich weiß es für gewiß, Sir. Keineswegs daß der Wille, Böſes zu thun, nicht bei Zweien oder Dreien von ihnen gefunden würde, nein! ſie trauen einander aber ſelbſt nicht. Ew. Gnaden haben ſo gewinnende Manieren an ſich, daß man nie einen ſicheren Weg finden kann, Herr über Sie zu werden.“ „Das iſt immer meine Manier gegen die Aufwiegler,“ mur⸗ melte leiſe der Freibeuter, ſo daß er blos von Wilder verſtanden wurde.„Ein wenig Ehrlichkeit mehr wäre Alles, was ſie bedürf⸗ ten, wenn Jeder ſich der Treue des Andern erfreuen wollte. Und wie nehmen die Burſche meine Milde auf? War's Recht? oder ſoll der morgende Tag ſeine Strafe bringen?“ „Wie es jetzt iſt, iſt's am beſten, Sir. Da iſt nur der Vor⸗ mann des Vorderkaſtells, der iſt ein wenig giftig, wie gewöhnlich, und um ſo mehr noch jetzt, bei dem Gedanken an den Schlag, den er von der Fauſt des Schwarzen bekommen.“ „Ach, der iſt immer unruhig; es kommt doch einmal mit dem Landſtreicher zum Bruche.“ „Es wird wenig daran liegen, wenn man ihn zum Boots⸗ dienſt nimmt, Sir; und die Schiffsgeſellſchaft wird ſich durch ſeine Entfernung nur um ſo beſſer befinden.“ „Gut, gut! nichts mehr von ihm,“ unterbrach ihn ein wenig ungeduldig der Freibeuter.„Ich will ihn ſehen. Wenn ich nicht irre, Burſche, ſo haſt du dein Maas heut überſchritten, und warſt bei der Leitung der Unruhen etwas zu weit vorne an.“ „Ich hoffe, Ew. Gnaden werden ſich erinnern, daß das Schiffs⸗ volk„zu den Poſſen“ gerufen wurde; was konnte denn übrigens viel daran liegen, wenn auch von ein paar Soldaten der Puder abgewaſchen wurde.“. „Ei freilich; aber du fuhreſt fort, als ſchon euer Offizier für nöthig befunden hatte, dazwiſchen zu treten. Sei in Zukunft be⸗ hutſam.“ 4 Der Burſche verſprach Vorſicht und Beſſermachen, und empfing 120 ſeine Entlaſſung, eine Belohnung in Gold, und die Warnung, ſeine Rückkehr ſo geheim wie möglich zu bewerkſtelligen. Als die Zuſammenkunft beedigt war, ſetzten der Freibeuter und Wilder ihren Gang ſort. Die Pauſe, welche jetzt folgte, war lang, ge⸗ dankenvoll und tief. „Gute Ohren,“ begann endlich der Freibeuter wieder,„ſind beinahe eben ſo nöthig und wichtig, auf einem Schiffe wie dieſes, als Muth und Standhaftigkeit. Die Kanaille des vordern Rau⸗ mes dürfen wir nicht an den Baum des Erkenntniß laſſen, wenn wir in der Kajüte des Lebens ſicher ſein wollen.“ „Es iſt doch ein gefährlicher Dienſt, in den wir uns eingelaſ⸗ ſen haben,“ bemerkte ſein Begleiter, und legte hiermit abermals un⸗ freiwillig einen geheimen Gedanken an den Tag. Der Freibeuter ſchwieg, und ging mehrmals hin und her auf dem Decke, ehe er wieder die Lippen öffnete. Dann ſagte er:„Sie ſtehen noch an der Schwelle ihres Le⸗ bens, Mr. Wilder, und noch haben Sie die Wahl des Pfades den Sie gehen wollen, in Ihrer Hand. Bis jetzt ſind Sie noch bei keiner Verletzung deſſen gegenwärtig geweſen, was die Welt ihre Geſetze nennt; auch iſt es noch nicht zu ſpät, zu ſagen, es werde nie geſchehen. In meinem Wunſch, Sie zu gewinnen, mag ich eigennützig geweſen ſein; ſtellen Sie mich abe? auf die Probe, ſo werden Sie finden, daß dieſe, wenn auch noch ſo oft thätige, Selbſt⸗ ſucht ihre Herrſchaft über mein Gemüth nicht behalten kann, und nicht behält. Sagen Sie ein Wort und Sie ſind frei, es iſt nichts leichter, als den kleinen Schein zu zerſtören, wodurch Sie einer der Meinigen geworden ſind. Nicht weit hinter dem Streifen verblaſ⸗ ſenden Lichtes am Horizont liegt das Land; ehe morgen die Sonne ſtrahlt, können Sie es betreten.“ „Nun, und warum nicht wir Beide? Wenn dieſes unregel⸗ mäßige Leben mir ſchrecklich iſt, ſo iſt es dieß nicht minder für Sie. Dürfte ich hoffe———“ „Was wollten Sie ſagen?“ fragte der Freibeuter unruhig, nachdem er lang genug gewartet hatte, um gewiß zu ſein, daß ſein Begleiter Anſtand nahm, fortzufahren;— ſprechen Sie frei; Ihre Worte vernimmt das Ohr eines Freundes.“ „Nun denn, ſo will ich als Freund mich Ihnen erkären. 121 Sie ſagen, das Land liege dort im Weſten. Es würde Ihnen und mir, zwei zu: See erzogenen Männern, ein Leichtes ſein, dies Boot vom Bord zu laſſen, und wenn wir die Dunkelheit benutzen, dürfte uns, noch ehe unſere Abweſenheit bekannt ſein könnte, kein ſuchen⸗ des Auge mehr entdecken.“ „Wohin wollten Sie ſteuern?“ „Nach den Küſten von Amerika, wo wir Schutz und Frieden in tauſend Winkeln finden.“ „Sie wollen einen Mann, der ſo lange als Fürſt unter ſei⸗ nen Leuten gelebt hat, zum Bettler in der Fremde machen?“ „Sie haben Gold. Sind wir nicht Herr hier? Wer dürfte es wagen, unſere Bewegungen zu bewachen, bis es uns gefällt, die Würde, mit welcher wir bekleidet ſind, abzulegen? Ehe die Mitter⸗ nachtwache abgelöſt wird, kann Alles geſchehen ſein.“ „Wollten Sie allein gehen?“ „Nein,— nicht ganz allein,— das heißt— es würde uns als Männern nicht zuſtehen, die Frauen der rohen Gewalt der Zu⸗ rückbleibenden zu überlaſſen.“ „Und kann es uns als Männern zuſtehen, die zu verlaſſen, welche auf unſere Treue bauen? Mr. Wilder, Ihr Vorſchlag würde mich zu einem Niederträchtigen machen! In den Augen der Welt war ich längſt dem Geſetze verfallen, aber ein Verräther an meiner Treue und meinem verpfändeten Worte,— nie! „Wohlan, Sie würden Ihren Ruf bei Hallunken verſcherzen, um ihn bei denen zu genießen, deren Empfehlung Ehre ſchafft.“ „Ich weiß nicht. Sie kennen die menſchliche Natur ſchlecht, wenn Sie jetzt erſt lernen, daß der Menſch einen Stolz darein ſetzt, große Auszeichnung, und wäre es im Laſter, zu genießen, wenn er einmal durch Handlungen zum ausgebreiteten Rufe geſtei⸗ gert worden. Uebrigens hat die Welt, wie ſie unter Euern ab⸗ hängigen Koloniſten erſcheint, nichts Verführeriſches für mich. „Sie nehmen vielleicht ein Geburtsrecht in der Hauptſtadt in Anſpruch?“ „Ich bin weiter nichts als ein armer Amerikaner, Sir; ein demüthiger Satellite des mächtigen England. Sie haben meine Flaggen geſehen, Mr. Wilder; aber eine unter allen fehlte, deren 7. 122 Vertheidigung mit meinem Herzblut, mein Stolz, mein Ruhm geweſen wäre, die Flagge eines freien Amerika! „Ich verſtehe Sie nicht.“ „Ich brauche einem Seemann, wie Sie ſind, nicht zu ſagen, wie viele prachtvolle Flüſſe der See an den Küſten, wovon wir ſprachen, zufließen;— wie viele große und bequeme Häfen ſie zie⸗ ren— wie viele Segel den Ocean blenden, welche von Männern gehandhabt werden, die unter dieſem großen und friedlichen Him⸗ melsſtriche zuerſt athmeten.“ „Gewiß kenne ich die Vorzüge der Gegend, die Sie meinen.“ „Ich fürchte, nein!“ entgegnete kurz der Freibeuter. „Wären ſie Ihnen und Andern mehr ſo bekannt, wie ſie ſein ſollten, ſo ſollte die amerikaniſche Flagge bald unter jeder Breite wehen, und die Söhne unſeres Landes würden nicht den Mieth⸗ lingen eines fremden Fürſten erliegen.“ „Ich will nicht thun, als verſtände ich Sie nicht; denn ich habe andere phantaſtiſche Menſchen gekannt, welche ſich in der Hoff⸗ nung wiegten, dieß zu erleben.“ „Hoffnung!— So gewiß dieſer Stern in die See tauchen wird, ſo gewiß dieſe Nacht dem heutigen Tag folgte,— ſo gewiß muß dieſe Hoffnung in Erfüllung gehen. Wäre die amerkaniſche Flagge draußen geweſen, Mr. Wilder, ſo würde Niemand je von dem rothen Freibeuter gehört haben. „Der König hat Dienſte unter ſeiner Flagge, und dieſe ſtehen allen Unterthanen ohne Unterſchied offen.“ „Ich konnte der Unterthan eines Königs ſein; aber der Un⸗ terthan eines Unterthans zu ſein, überſchritt die Grenzen meiner armen Geduld. Ich wurde erzogen, beinahe könnte ich ſagen ge⸗ boren, auf einem ſeiner Schiffe; aber wie oft ließ man mich es bitter fühlen, daß ein Ocean meinen Geburtsort von dem Fuß⸗ ſchemel ſeines Thrones trenne! Sollten Sie es denken, Sir? Einer ſeiner Kommandeurs wagte es, den Namen meines Vaterlandes mit einem Beiwort zu verbinden— ich mag Ihr Ohr mit der Wiederholung nicht beleidigen!“ „Sie lehrten den Menſchen hoffentlich Reſpekt?“ Der Freibeuter blickte ſeinen Gefährten an und ein furchtba⸗ res Lächeln zuckte in ſeinen Zügen, als er antwortete: „Er wiederholte die Schmähung nie mehr! Es galt ſein Blut oder das meinige! und theuer bezahlte er ſeine Grobheit.“ „Ihr kämpftet wie Männer, und das Glück begünſtigte den Beleidigten?“ „Wir kämpften, Sir.— Aber ich hatte es gewagt, meine Hand nach einem Sohne der heiligen Inſel England auszuſtrecken! — Genug, Mr. Wilder, der König jagte einen treuen Unterthan in Verzweiflung, und hat Urſache, es zu bereuen.— Genug für jetzt; ein andermal mehr.— Gute Nacht!“ Wilder ſah die Geſtalt ſeines Begleiters die Schanzentreppe hinabſteigen und blieb dem Strome ſeiner Gedanken überlaſſen, den Reſt einer Nachtwache hindurch, welche ſeiner Ungeduld endlos ſchien. Zehntes Kapitel. In der nächſten Nacht herrſchte Windſtille, aber mit der Morgenſonne kam ein friſcher, wohlduftender Hauch vom Lande her, und ſetzte das Schiff wieder in Bewegung. Den ganzen Tag ſteuerte es mit großer Segelmacht ſüdwärts. Eine Wache folgte der andern, die Nacht dem Tage, und noch blieb ſein Lauf derſelbe. Jetzt tauchten die blauen Inſeln der Antillen nach einander aus der See empor. Hundert verſchiedene Segel blickten zwiſchen den Inſeln; alle aber wurden gemieden. Nachdem das Schiff eine der Straßen durchſegelt hatte, welche die Antillenkette durchſchneiden, lief es ſicher in die offene See, nach dem ſpaniſchen Gebiete hin. Als die Durchfahrt vollendet war, und ein weiter und freund⸗ licher Himmel auf allen Seiten ſich zeigte, machte ſich eine Verän⸗ derung in den Mienen des ganzen Schiffsvolkes bemerkbar. Selbſt des Freibeuters Stirne glättete ſich und der ſorgliche Blick, der den ganzen Mann eingehüllt hatte, ſchwand. Dieſelben Leute, deren Wachſamkeit bisher keiner Anfeuerung bedurft hatte, ſchienen nun alle freier zu athmen, und Töne der Freude und ſorgloſer Heiter⸗ 8 keit wurden auf einmal in den Räumen gehört, wo trüber Mißmuth ſchwer gelaſtet hatte. Weniger Fröhlichkeit zeigte Miſtreß Wylly's, denn ihrem er⸗ fahrenen Auge war es nicht entgangen, daß der Kommandant des Delphin nicht ein Offizier in des Königs Dienſten, ſondern offen⸗ bar ein Freibeuter war. So lange ſie die Inſeln im Geſichte hatten, hoffte ſie, er er⸗ warte nur eine paſſende Gelegenheit, ſie ſicher ans Land zu bringen. Ihre eigene Beobachtung ſagte ihr, daß die Hauptperſonen in dem Schiffe bei ihrer Geſetzloſigkeit ſo viel Gutes, wenn nicht gar Edles beſaßen, daß dieſe ihre Erwartung nicht gerade zu den überſpann⸗ ten gehöre. Sogar die Schilderungen jener Zeit, welche des Frei⸗ beuters verwegene Thaten mit nicht wenig wildem und phantaſti⸗ ſchem Anſtrich vortrugen, vergaſſen nicht der zahlloſen und ſchlagen⸗ den Beweiſe ausgezeichneter, und ſogar ritterlicher Großmuth. Kurz, er war völlig ein Mann, welcher ein erklärter Faind von Allen, die Schwachen von den Starken zu unterſcheiden wußte, und oft eben ſo viel Genuß darin fand, die Irrthümer Jener zu berichtigen, als den Stolz dieſer zu demüthigen. Alle ihre lieblichen Vorſpiegelungen aber verſchwanden mit dem letzten Eiland, welches hinter ihnen in die See verſank, und nun das Schiff allein auf einem Ocean wogte, auf dem das irrende Auge keinen Haltpunkt zu finden vermochte. Ganz kaltblütig die Maske ablegend, befahl der Freibeuter die Segel zu vermindern, und ohngeachtet der günſtigen Kühlte, das Schiff bei den Wind zu bringen. Mit einem Wort, der„Delphin“ wurde mitten in der See gehalten, und das Schiffsvolk überließ ſich, als ob gar kein Grund zur Wachſamkeit vorhanden wäre, ſeinen Freuden, oder dem Müſſigang, je nach Laune oder Neigung⸗ Eben als die Ordre, das Schiff beizulegen, ausgeführt worden war, wendete ſich Mrs. Wyllys an Kapitän Heidegger und ſagte: „ Ich hatte gehofft, daß Ihre Güte uns erlauben würde, auf eine Inſel Sr. Majeſtät ans Land zu gehen; ich befürchte, unſere lange Beſitznahme von Ihrer Kajüte möchte Ihnen läſtig fallen.“ „Sie könnte nicht beſſer beſetzt ſein,“ antwortete er auswei⸗ chend, und wendete ſich mit dem Rufe ab:„He! Wer iſt da, hin⸗ ten im Schiffe?“ 125 „ „Kein beſſerer und kein ſchlechterer als Richard Fid“— er⸗ wiederte dieſer, und hob den Kopf aus einem mächtigen Wandkorb heraus, in welchem er geſteckt hatte, als ob er ein verlegtes Werk⸗ zeug darin ſuche; als er aber bemerkte, wer ihn angerufen, ſetzte er ſchnell hinzu:„der immer zu Ew. Gnaden Befehl ſteht.“ „Haha, es iſt der Freund unſeres Freundes,“ bemerkte der Freibeuter mit Nachdruck.„Komm hierher, Burſche; ich habe ein Wörtchen mit dir zu ſprechen.“ „Ich habe Tauſend, Sir, womit ich Ihnen aufwarten kann;“ antwortete Fid, ſchnell gehorchend;„denn, obgleich ich kein gewal⸗ tiger Sprecher bin, ſo habe ich doch immer etwas in meinen Ge⸗ danken, was ich vom Stapel ablaufen laſſen kann.“ „Du findeſt hoffentlich, daß deine Hängematte auf meinem Schiff ſehr angenehm ſchaukelt?“ Ich kann's nicht läugnen, Sir, denn ein leichteres Fahrzeug möchte man nicht leicht finden können.“ „Und die Fahrt? Du findeſt, denk' ich, gewiß die Fahrt auch nach Seemannsgeſchmack.“ „Verſtehen Sie, Sir, ich kam von Hauſe mit wenig Schul⸗ wiſſen, daher bin ich ſelten ſo frei, meine Naſe in des Kapitäns Ordre zu ſtecken.“ „Ihr habt aber doch, mein lieber Mann, ſo Eure Neigun⸗ gen,“ ſagte Mrs. Myllys, in der Abſicht, die Forſchung weiter zu treiben, als ihr Begleiter geſonnen ſchien. „Ich kann gerade nicht ſagen, Mylady, daß es mir an na⸗ türlichem Gefühl gänzlich fehlte,“ erwiederte Fid mit einem linki⸗ ſchen Bücklinge;—„obſchon mir konträre Winde genug vor den Bug gekommen ſind, was wohl auch ſchon beſſern Männern wie⸗ derfahren iſt. „Und all' dieß begegnete dir nach deiner Bekanntſchaft mit Mr. Wilder?“ „Vorher, Ew. Gnaden, vorher. Damals war ich noch ein junger Luftſpringer, und jetzt ſind's, nächſten kommenden Mai, vier undzwanzig Jahre, daß ich von Mr. Harry in's Schlepptau ge⸗ nommen worden. „Ihr ſagt, vierundzwanzig Jahre ſeien verfloſſen,“ unterbrach Mrs. Wyllys, ſeit Ihr Mr. Wilder's Bekanntſchaft machtet?“ 3 2 426 „Bekanntſchaft! Mylord; Mylord! Damals wußte er wenig von Bekanntſchaften! Doch, Gott ſegne ihn! Der Junge hatte oft genug Gelegenheit, ſich daran zu erinnern.“ „Das Zuſammentreffen,“ bemerkte der Freibeuter,„zweier Män⸗ ner von ſo beſonderem Verdienſt, muß ein wenig merkwürdig ge⸗ weſen ſein.“. „Dafür, Ew. Gnaden, merkwürdig genug; was aber das Ver⸗ dienſt anbelangt, ſo will Mr. Harry das immer in der Erzählung neu vernehmen; ich behaupte aber, daß gar nichts dran iſt.“ „Ich geſtehe, daß in einem Falle, wo zwei Männer, die beide ſo beſonders glücklich urtheilen, verſchiedener Meinung ſind, ich mich der Entſcheidung nicht ganz gewachſen fühle. Vielleicht könnte ich mit Hülfe der Thatſachen ein richtigeres Urtheil fällen.“ „Ew. Gnaden vergeſſen den Guinea, der in dem Ding ganz meiner Meinung iſt, und auch für ſeinen Part kein Verdienſt darin finden kann. Aber wie Sie geſagt haben, Sir, das Log iſt das einzige Mittel, wenn man ſehen will, wie ſchnell ein Schiff etwa gehen kann, und ſo, wenn dieſe Lady und Ew. Gnaden gemuthet ſind, der Sache auf den Grund zu kommen, nun, da dürfen Sie's nur ſagen, und ich trage ihnen Alles in glaubwürdiger Sprache vor.“ „Ahl ja, das iſt ein vernünftiger Vorſchlag,“ entgegnete der Freibeuter, und bewog ſeine Begleiterin, ihm auf einen Punkt des Hinterkaſtells zu folgen, wo ſie beobachtenden Augen und Ohren minder ausgeſetzt waren.„Nun, lege uns das Ganze klar vor Augen, und dann können wir die fraglichen Verdienſte vollſtändig beurtheilen.“ Fid war nichts weniger als abgeneigt, in die verlangte Gründ⸗ lichkeit der Darlegung einzugehen. Während er ſich räusperte, ein ſu ei in die Backe ſchob, und die ſonſtigen Vorkehrungen traf, hatte Mrs. Wyllys ihre Abneigung vor dem Einſchleichen in die Geheimniſſe Anderer bekämpft, und nahm den Platz an, den ihr Begleiter ihr angewieſen hatte. Hierauf begann Fid: „Ich war von meinem Vater frühzeitig zur See geſchickt wor⸗ den; er war, wie ich ſelbſt, ein Mann, der in ſeinem Leben mehr auf dem Waſſer, als auf dem Trockenen geweſen. Da er aber nicht mehr war, als ein Fiſcher, ſo hatte er doch immer das Land im Geſicht, was am Ende nicht viel beſſer hält, als ganz und gar darauf leben. Jedoch aber, als ich ging, machte ich gleich einen tüchtigen Weg, denn ich ſegelte um's Horn, was für einen Anfän⸗ ger keine Kleinigkeit war; dann aber, da ich erſt acht Jahre alt war—“ „Acht! Ihr ſprecht ja jetzt von Euch ſelbſt!“ unterbrach un⸗ geduldig die Gouvernate. „Gewiß, Madame, und obgleich von vornehmern Leuten ge⸗ ſprochen werden könnte, ſo würde es doch hart halten, die Rede auf einen zu bringen, der beſſer wüßte, wie ein Schiff getakelt, oder abgetakelt werden muß. Ich hätte gern am rechten Ende meiner Geſchichte angefangen, da ich mir aber vorſtellte, Mylady möchte nicht gerade eine lange Zeit damit zubringen, Dinge zu hören, die meinen Vater und meine Mutter betreffen, ſo ſchnitt ich das Ding gleich ab, und fiel in's achte Jahr, und überging meine Geburt, meinen Namen, und anderes Zeug der Art.“ „Fahret fort,“ rief ſie mit einem Tone duldender Ergebung. „Meine Gedanken ſind gerade ſo, wie ein Schiff, das vom Stapel laufen will,“ fuhr Fid fort. „Wenn es einen ſchönen Anlauf nimmt, und weder ſich ein⸗ klemmt, noch reibt, huſch! ſchießt es ins Waſſer, wie ein Segel, daß man bei Windſtille ſchießen läßt; bleibt es aber wo ſitzen, da gehört ein gut Stück Arbeit dazu, es wieder flott zu kriegen, ſo muß ich den Theil überblicken, den ich habe laufen laſſen; das iſt —— wie mein Vater ein Fiſcher war, und wie ich das Kap Horn umſchiffte— Jal jetzt hab' ich's wieder! Gut ich dublirte das Horn, wie ich ſagte, und mochte ſo— ungefähr vier Jahre ge⸗ kreuzt haben, zwiſchen den dortigen Inſeln und Gegenden, welche keine von den beſten waren, und es auch jetzt noch nicht ſind. Nach 5 dieſem diente ich in Sr. Majeſtät Flotte, einen ganzen Krieg und trug ſoviel Ehre davon, als ich an den Luken nur habhaft werden konnte. Gut, dann fiel mir der Guinea vor den Vorderſteven, der Schwarze da, Mylady, der dort einen neuen Geitaublock eindreht, wie Sie ſehen.“ „Da fiel dir der Afrikaner vor,“ ſagte der Kapitän. „Ja da machten wir unſere Bekanntſchaft; und obgleich ſeine Farbe nicht weißer iſt, als das Rückenkreuz eines Wallſiſches, ſo 128 iſt doch kein Mann hier, der nächſt Mr. Harry, ehrlicher und treuer iſt. Das iſt gewiß, Ew. Gnaden; der Burſche iſt etwas zum Wi⸗ derſpruch geneigt, und hat eine hohe Meinung von ſeiner Stärke, aber am Ende iſt er nichts mehr, als ein Schwarzer; und man darf doch nicht zu genau auf die Fehler derer ſehen, die nicht ein⸗ mal ſo recht unſere Mitmenſchen ſind.“ „Nein, nein! das wäre höchſt unchriſtlich!“ „Grade dieſelben Worte, die der Kapitän an Bord des„Braun⸗ ſchweig“ zu ſprechen gewohnt war. Aber, was ich ſagen wollte, da wurden Guinea und ich Schiffsmaateu, und ſo weit es vernünf⸗ tig war, auch Freunde für fünf Jahre weiter; dann kam die Zeit, wo uns das Unglück mit dem Schiffbruch in Weſtindien begegnete.“ „Nun,“ ſprach Fid weiter,—„Guinea und ich waren an Bord der„Proſerpina,“ eines ſchnellſegelnden Zweiunddreißigers, als Matroſen angeſtellt, als wir mit einem Schmuggler zuſammen⸗ trafen, zwiſchen den Inſeln und der ſpaniſchen See; aus dem der Kapitän ohne Weiteres eine Prieſe machte; das Schiff aber hatte ſeine letzte Fahrt gethan; es ſank in einem heftigen Orkane, der uns erwiſcht hatte, unter. Gut, es war kein großes Schiff; und da es ſich einfallen ließ, ſich vor Schlafengehen ein wenig auf die Seite zu legen, ſo glitten der Maate und drei Andere vom Deck auf Grund und Boden der See, und hier war's, wo Guinea mir den erſten guten Streich ſpielte; oft hatten wir vorher wohl Hun⸗ ger und Durſt mit einander getheilt, aber hier war's, wo er zum erſten Male über Bord ſprang, um mich vom Genuß des Salz⸗ waſſers, das nur den Fiſchen zukommt, zu erretten.“ „Er rettete dich alſo aus der Gefahr zu ertrinken.“ „So viel will ich nun gerade nicht ſagen, Sir; denn wer kann wuiſen, welcher Zufall daſſelbe für mich hätte thun können. Demungeachtet war ich noch immer bereit, dem Schwarzen meine Rettung zuzuſchreiben; indeſſen iſt zwiſchen uns nie viel darüber geſprochen worden; wahrſcheinlich darum, weil der Abrechnungstag noch nicht da iſt. Nun gut, wir machten mit einander das Boot des Schmugglers flott, brachten genug hinein, um Leib und Seele zuſammenzuhalten und machten uns nun über Hals und Kopf land⸗ wärts, da es doch mit dem Schmugglerſchiff alle war. 129 „Wie aber hängt Euer Schiffbruch mit der Rettung des Mr. Wilder zuſammen?“ fragte die Gouvernante ungeduldig. „Sehr klar und deutlich, werden Mylady ſelbſt eingeſtehen müſſen, wenn Sie erſt den rührenden Theil meiner Geſchichte ge⸗ hört haben. Nun gut, da ſteuerten denn der Guinea und ich auf offener See, hatten nichts genug, als Arbeit für zwei Nächte und einen Tag, und richteten unſern Curs nach den Inſeln, denn wie⸗ wohl wir das Land nicht im Kopfe hatten, ſo rochen wir es doch, und ſo fuhren wir luſtig fort. Endlich erblickten wir in der Herr⸗ lichkeit eines Morgens, Oſt⸗ bei Süd, ein kahlgeſchorenes Schiff, und als wir nahe genug kamen, um ſeinen Rumpf zu ſehen, wagte ich zu ſagen, daß es ein engliſcher Bau ſei.“ „Ihr habt es geentert?“ bemerkte der Freibeuter. „Ja, aber ein ſchlechter Fang war es, Ew. Gnaden, indem ein verkümmerter Hund die ganze Bemannung war, die es aufſtel⸗ len und uns vorführen konnte. Es war ein tief ergreifender An⸗ blick, als wir auf das Deck kamen, und noch immer geht es mei⸗ nem Herzen nahe, wenn ich in der Logtafel meines Gedächtniſſes auf dieſen Poſten komme.“ „Du fandeſt die Mannſchaft entblößt von Allem?“ „Wir fanden ein edles Schiff vollkommen hülflos. Da lag es, ein Bau von vierhundert Tonnen, mit Waſſer gefüllt, ſtill, un⸗ beweglich wie eine Kirche.“ „Das Schiff war alſo verlaſſen?“ „Entweder war das Schiffsvolk fortgerudert, oder im Sturm, der es umlegte, weggewaſchen worden. Der Hund auf dem Decke muß böſe geweſen ſein; er war auf dem Zimmerplatz angebunden, welchem Umſtande er ſein Leben verdankte, da er ſich zu ſeinem Glücke auf der Wetterſeite befand, als der Rumpf ſich wieder ein wenig erhob, nachdem er ſeine Spieren abgeworfen hatte. Nun gut, Sir, da war der Hund, und nicht viel mehr war zu ſehen, obgleich wir einen halben Tag damit zubrachten, überall herumzu⸗ ſtöbern, ob wir nicht etwas von einigem Belang aufzugabeln ver⸗ möchten; aber der Eingang zum Kielraum und der Kajüte war mit Waſſer verſperrt.. „Und dann verließt ihr das Wrak?“ „Noch nicht, Ew. Gnaden. Als wir ſo auf dem Deck herum⸗ Seeräuber. 9 130 klapperten, ſagte Guinea: Maſter Dick, ich höre was machen Kla⸗ gen drunten. Nun aber, hatte ich ſelbſt, Sir, die Stimme gehört, hatte ſie aber für die Klagen der Verunglückten um das Verlorene gehalten, und nichts davon geſprochen, aus Beſorguiß den Aber⸗ glauben des Schwarzen zu wecken; denn die Beſten unter ihnen ſind nichts Beſſeres als abergläubiſche Neger, Mylady; ſo ſagte ich nichts, bis er gut fand, ſelbſt davon zu ſprechen. Jetzt legten wir uns Beide auf's Lauſchen, und wahrhaftig! Die Klagen begannen menſchlich zu klingen; doch dauerte es eine gute Weile, ehe ich aus⸗ machen konnte, ob es etwas mehr ſein, als das Aechzen des Rum⸗ pfes ſelbſt; denn Sie wiſſen, Mylady, daß ein Schiff, das am Ver⸗ ſinken iſt, eben ſo vernehmlich klagt, wie jedes andere lebendige Weſen.“ „Ach ja! ja!“ erwiederte die Gouvernante mit einem heftigen Schauder,„ich habe ſie gehört, dieſe Entſetzen erregenden Töne, und nimmer werden ſie meinem Gedächtniß entſchwinden.“ „Ja, ich dachte, Sie müßten etwas davon zu erzählen wiſſen; aber feierliche Laute ſind es. Da nun der Rumpf oben auf der See ſchlingerte, und noch kein Zeichen ſo nahen Verſinkens von ſich gab, ſo hielt ich für zweckmäßig in dem Hintertheil eine Fuge ein⸗ zuſchlagen, um mich zu überzeugen, ob nicht etwa ein armer Teufel in ſeiner Hängematte von den Andern zurückgelaſſen ſei. Gut, und bald ſahen wir, wie es ſich mit den Klagen verhielt.“ „Ihr fandet ein Kind?“ „Und ſeine Mutter, Mylady. Das gute Glück hatte gewollt, daß ſie das Waſſer noch nicht erreicht hatte. Aber die dumpfige Luft und der Hunger hätten bald eben ſo Schlimmes gethan, als das Seewaſſer. Die Lady lag ſchon, als wir ſie herauszogen, im Todeskampf und der Knabe war ſo elend, daß es keine kleine Mühe koſtete, ihm nur einen Tropfen Wein und Waſſer einzuflößen, das der Herrgott uns gelaſſen hatte.— „Aber die Mutter?“ „Die Mutter hatte dem Kind den einzigen Biſſen Zwieback 6 gegeben, den ſie noch beſaß, und wollte ſterben um des Kleinen Leben zu friſten. Da ſaß ſie, bleich wie ein Segel, ſchlaff wie ein Wimpel bei Windſtille, den leidenden abgemagerten Arm um den Knaben legend, und hielt in ihrer Hand das Bischen Brod, das ihre eigene Seele noch ein Weilchen an den Körper hätte feſſeln können.“ „Was that ſie, als ihr ſie an's Tageslicht brachtet?“ „Was that ſie?“ wiederholte Fid, deſſen Stimme düſter und bebend wurde;„ſie that was verd— gutes; ſie reichte dem Jungen das Krümmchen Brod und gab, ſo gut ein ſterbend Weib vermag, uns zu verſtehen, wir möchten für ihn ſorgen,— dann hatte ſie ausgekreuzt.“ 3 „Und war ſie todt?“ „Ich dachte immer ſie betete; denn es ging etwas zwiſchen ihr und Jemand vor, den wir nicht ſehen konnten, wie wir aus der Richtung ihrer Blicke nach oben, und der Bewegung ihrer Lip⸗ pen ſchloſſen. Ich hoffe auch nebenbei, ſie werde ein gut Wort für den Richard Fid einlegen; denn wahrlich! für ſich brauchte ſie weniger zu bitten, als für irgend Jemand. Wer kann aber wiſ⸗ ſen, was ſie geſagt hat, da ihr Mund von da an auf alle Zeiten verſtummte.“ „Sie ſtarb!“ „Es thut mir leid, daß ich es ſagen muß. Aber als die arme Lady in unſere Hände kam, war ſie ſchon beinahe verſchmach⸗ tet, und dann hatten wir nur wenig ihr anzubieten. Ein Quart Waſſer, meinetwegen eine Viertelspinte Wein, ein Zwieback, eine Hand voll Reis, war nichts beſonderes für zwei Kernburſchen, um damit eine Küſte, ſiebzig Meilen weit in den Tropen zu erreichen! Als wir nun fanden, daß nichts mehr von dem Wrak zu erbeuten ſei, und daß es, ſeitdem ſich der innere Raum durch die eingehauene Lucke der Luft entledigt hatte, weiter ſank, hielten wir es für das Beſte uns auf und davon zu machen; und wahrhaftig! es war nicht zu frühe, denn als wir eben unſer Boot weit genug gerudert hatten, daß uns der ſaugende Strudel nicht erfaſſen konnte, ſahen wir es ſinken.“ „Und der Knabe— der arme, verlaſſene Knabe!“ rief die Gouvernante, aus deren Augen Thränen entfloſſen. Da ſteuern ſie auf den Rückweg, Mylady. Statt ihn zu verlaſſen, nahmen wir ihn ſo gut mit uns hinweg, als die andere einzige lebendige Kreatur, die wir auf dem Deck gefunden hatten. Wir hatten aber noch eine lange Tagereiſe vor uns, und was den 9* Handel ſchlimmer machte, war, daß wir auch noch das Fahrwaſ⸗ ſer der Kauffahrer verloren. Da hielt ich es für Zweck gemäß, eine allgemeine Rathsverſammlung zu berufen, die denn aus Nie⸗ mand, als mir und dem Schwarzen beſtand, weil der Junge zu ſchwach war zu ſprechen, und auch außerdem wenig zu unſerer Lage hätte ſagen können. So begann ich ſelbſt zu reden: Guinea, ſagte ich, wir müſſen entweder dieſen Hund eſſen, oder dieſen Kna⸗ ben hier. Eſſen wir den Knaben, ſo ſind wir nicht beſſer, als das Volk in deinem Vaterlande, welches, Sie wiſſen, Mylady, aus lauter Kannibalen beſteht; eſſen wir aber den armſeligen Hund, ſo thun wir noch etwas zum Zuſammenhalten von Leib und Seele, und ſchaffen dem Kinde auch was es braucht. Auch Guinea ſagte, ich haben, ſagte er, nicht Gelegenheit, gar nicht zum Eſſen, gieb es dem Knaben, ſagte er, denn er iſt klein, und braucht Stärkung. Jedennoch fand Maſter Harry nicht viel Geſchmack an dem Hund, mit dem wir unter uns bald fertig waren; aus dem natürlichen Grunde, weil er kein Fleiſch hatte. Dann gab es eine Zeit lang für uns zu hungern, denn hätten wir nicht für das Leben des Kleinen geſorgt, verſtehen Sie, er wäre uns unter den Fingern weggekommen.“ „Und ihr füttertet das Kind dadurch, daß ihr ſelbſt den bit⸗ tern Hunger littet?“ „Nein, wir waren gar nicht müßig, Mylady, denn wir ar⸗ beiteten unſere Zähne mit dem Fell des Hundes ab; doch kann ich nicht ſagen, daß dieß Futter eben ſehr wohlſchmeckend geweſen wäre. Dann als wir keine Gelegenheit mehr hatten, die Zeit mit Eſſen zu vertändeln, handhabten wir die Ruder um ſo lebendiger. Gut, einige Zeit darauf kamen wir an eine der Inſeln; aber weder ich noch der Schwarze, keiner konnte, als wir vor die erſte Küche ſie⸗ len, mit ſonderlicher Kraft oder bedeutendem Gewichte prahlen.“ „Und das Kind?“ „O, das befand ſich wohl; denn, wie uns die Doktoren hin⸗ terher ſagten, ſo fügte ihm der kurze Abzug an ſeiner Mundportion keinen Schaden zu.“ „Ihr ſuchtet ſeine Freunde?“ „Nun was das anbelangt, Mylady, ſo war er bereits bei ſeinen beſten Freunden. Wir hatten keinen Fingerzeig, um ſeine 12 133 Familie aufzuſuchen. Er nannte ſeinen Namen„Maſter Harry,“ aus welchem klärlich hervorgeht, daß er ein Gentlemann von Ge⸗ burt iſt, wie auch Jeder ſehen kann, der ihn nur anſieht. Aber ein anderes Wort über ſeine Familie, oder ſein Vaterland, konnt' ich von ihm nicht erfahren; da er aber engliſch ſprach, und in einem engliſchen Schiff gefunden wurde, ſo ſchloß ich daraus, wie natür⸗ lich, daß er ſelbſt von engliſcher Herkunft ſein müſſe. „Erfuhreſt du nicht den Namen des Schiffes?“ fragte der aufmerkſam gewordene Freibeuter, in deſſen Zügen Spuren eines lebhaften Intereſſes unverkennbar hervortraten. „Nun, was das anbelangt, Ew. Gnaden, in meiner Gegend ſind kaum Schulen zu finden, und in Afrika, wiſſen Sie, wird nicht viel aus dem Lernen gemacht; ſo daß, wenn ſein Name außer dem Waſſer geſtanden hätte, was aber nicht war, ſo hätten wir den Henker davon gehabt. Da war aber dennoch ein Schlageimer auf ſeinem Deck, welcher, als hätte es das Glück ſo gewollt, ſo in die Pumpen eingeklemmt worden, daß er nicht über Bord ging, bis wir ihn mit uns nahmen. Nun gut, auf dieſen Eimer war ein Name gegraben; und da wir Muße hatten zu dem Ding, ließ ich ihn von Guinea, der das Tättowiren aus dem Grunde ver⸗ ſteht, mit Schießpulver auf meinen Arm ätzen; ich dachte, dieß ſei der bequemſte Weg, dieſe kleinen Umſtände unterzubringen. Ew. Gnaden ſollen ſehen, was der Schwarze ausgerichtet hat.“ Bei dieſen Worten ſtreifte Fid kaltblütig den Aermel bis an den Ellenbogen hinauf, und entblößte ſeinen nervigen Arm, auf welchem die blauen Züge noch ſehr deutlich zu ſehen waren. Ob⸗ gleich die Buchſtaben nur roh nachgeahmt daſtanden, ſo war es doch nicht ſchwer, auf der Haut die Worte zu leſen:„Arche von Lynnhaven.“— „Da hattet ihr ja einen Leitfaden um die Angehörigen des Knaben zu finden,“ ſagte der Freibeuter, als er die Worte entzif⸗ fert hatte. „Es ſcheint nicht, Ew. Gnaden; denn wir nahmen den Kna⸗ ben mit uns an Bord der„Proſerpina“, und unſer Kapitän ſegelte emſig nach allen Leuten; aber da war Keiner, der über ein Schiff: „die Arche von Lynnhaven“ Auskunft geben konnte; und nach einem Jahre, oder mehr, waren wir genöthigt, die Jagd aufzugeben.“ 134— 2 „Konnte denn das Kind nichts über ſeine Verwandten ſagen?“ fragte die Gouvernante. „Nur wenig, Mylady; und das darum, weil er nur erſt we⸗ nig von dem, was um ihn vorging, wußte. Nun machten wir uns allzuſammen daran, ich, und Guinea, und der Kapitän, und Alle mit einander, den Jungen zu erziehen. Sein Seeweſen er⸗ lernte er vom Schwarzen und mir; die Schifffahrt und Latein von dem Kapitän, welcher ſich, ſo lange er Sorge für ihn tragen konnte, und auch noch einige Jahre nachher, als ſeinen Freund bewies.“ „Und wie lange blieb Mr. Wilder auf dem königlichen Schiffe?“ fragte der Freibeuter, in gleichgültigem und anſcheinend bedeutungsloſem Tone. „Lange genug, um Alles zu lernen, was da gelernt werden kann, Ew. Gnaden;“ lautete die ausweichende Antwort. „Er wurde doch hoffentlich Offizier?“ „Wenn er's nicht wurde, ſo war der König am ſchlimmſten daran.— Doch was ſeh' ich dort? Es ſieht aus wie ein Segel, oder iſt’s eine Möve, die ihre Flügel zum Steigen ausbreitet?“ „Segel! ho!“ rief die Wache im Maſtkorb. „Segel! ho!“ tönte es von den Raaen und dem Decke; der obgleich entfernte doch glänzende Punkt war von einem Dutzend Augen zugleich bemerkt worden. Der Freibeuter war genöthigt, einem ſo vielfachen Aufrufe ſein Ohr zu leihen; Fid benutzte die⸗ ſen Umſtand, und verließ mit einer Eile die Schanze, durch welche er zu erkennen gab, daß ihm die Unterbrechung nicht unangenehm ſeie. Jetzt erhob ſich auch die Gouvernante und ſuchte, düſtere Bilder vor ihrer Seele, tiefſinnend die Einſamkeit ihrer Kajüte. Elftes Kapitel. Segel! ho! war hier auf der wenigbefahrenen See, ein Aus⸗ ruf, der jeden Pulsſchlag in den Adern der Mannſchaft begeiſterte. Manche Woche war nun, nach ihrer Berechnungsweiſe, in den nutz⸗ loſen Plänen ihres Kommandanten verloren gegangen. In ihrer Gemüthsart lag es nicht, daß ſie über das Schickſal, welches den Briſtoler Kauffahrer ihrem Netze entführte, nachgedacht hätten; ihren rohen Seelen war es genug, daß die reiche Beute ihnen entgangen war. Ohne auf die Urſachen dieſes Verluſtes zurück zu gehen, waren ſie, wie wir geſehen haben, nur zu ſehr geneigt geweſen, ihre Unzufriedenheit an dem Leben des unſchuldigen Offiziers aus⸗ zulaſſen, welcher mit der Führung eines Schiffes beauftragt war, das ſie bereits als ihre Priſe betrachteten. Jetzt aber fand ſich denn endlich eine günſtige Gelegenheit, ſich für ihren Verluſt zu entſchädigen. Der Fremde traf mit ihnen zuſammen in einem Theile des Oceans, wo Hülfe ſo gut als unmöglich war, und wo die Zeit ihnen vergönnen mußte, jeden errungenen Vortheil auf's Aeußerſte zu benutzen. Jeder ſchien in ſeinem Innerſten über dieſe Ausſich⸗ ten erfreut, und ſo wie die Worte von den Marſen zu den Ragen, von den Raaen zum Deck herabſchallten, ſo wurden ſie vom fünf⸗ zigfachen Echo wiederholt, bis er aus den unterſten Schiffsräumen herauftönte.. Der Freibeuter ſelbſt bezeugte mehr als gewöhnliche Zufrieden⸗ heit bei dieſer Ausſicht auf einen Fang. Er merkte nur zu gut, wie nothwendig es wurde, dem ſteigenden Unmuth ſeiner Mann⸗ ſchaft durch einen glänzenden oder einträglichen Fang zu begegnen. Eine lange Erfahrung hatte ihn gelehrt, daß er die Saiten der Mannszucht in ſolchen Momenten am höchſten ſpannen durfte, die ein ganz beſonderes Aufgebot ſeiner eigenen Kräfte, ſeines Muthes und Verſtandes nothwendig machte. Er ging daher mit lächelnder Miene unter ſeine Mannſchaft, ſprach mit Mehreren, die er bei Namen nannte, und verſchmähte ſogar nicht, ihre Meinung über das entfernte Segel zu hören.— 136 Hierauf berief er Wilder, und einige der übrigen Offiziere auf die Schanze, wo ſie ſich alle anſchickten, mittelſt vortrefflicher Fern⸗ röhre, genauere und ſichere Unterſuchungen über das Segel anzu⸗ ſtellen. Manche Minute verging in ſchweigender Forſchung. Der Him⸗ mel war wolkenlos, der Wind friſch, ohne heftig zu ſein, die See ging lang, aber nicht hohl, kurz, Alles vereinte ſich vollkommen, nicht nur ihre Unterſuchungen zu unterſtützen, ſondern auch jedes Manöver zu begünſtigen, welches nothwendig werden konnte. „Es iſt ein Schiff!“ ſagte der Freibeuter nach langer und ſcharfer Beobachtung, und ſetzte ſein Fernrohr ab. „Es iſt ein Schiff!“ wiederholte ein Anderer. „Ein wohlbetackeltes Schiff!“ beſtätigte ein Dritter. „Und es muß etwas Tüchtiges ſein, das alle dieſe ſtolzen Spieren trägt,“ nahm der Kommandeur wieder das Wort. „Ein Rumpf von Werth hängt daran.— Aber Sie, Mr. Wilder, ſagen nichts. Wofür halten Sie—— a „Für ein großes Schiff!“ erwiederte unſer Abentheurer, der, obwohl ganz ſtille, doch in ſeinen Unterſuchungen keiner der Nach⸗ läſſigſten war.„Trügt mich mein Rohr— oder——“ „Oder was, Sir?“ „Ich ſehe die Spitzen ſeiner großen Segel.“ „Sie ſehen, was ich auch. Es iſt ein großes Schiff, mit leichten Raaſegeltauen, das beigeſetzt hat, was nur ziehen kann. Es ſteht nach uns zu. Seine untern Segel ſind in den letzten fünf Minuten gehißt worden.“ „So ſcheint mir auch. Aber—— „Aber was, Sir? Nur leichtem Zweifel kann es unterliegen, daß es Nord⸗Oſt einſetzt. Wenn es ſo artig iſt, uns die Mühe einer Jagd zu ſparen, ſo wollen wir mit unſern Bewegungen nicht allzuſehr eilen. Laßt ſie herankommen.“ „Es iſt ein ſchweres Schiff!“ ſagte Wilder nachdenklich. „Um ſo eher trägt es eine edle Ladung. Sie ſind zu neu, Sir, in unſerm luſtigen Gewerbe, ſonſt wüßten Sie, daß Schwere eine Eigenſchaft iſt, die wir an unſern Beſuchen immer hochſchätzen. eenn ſie Flaggen führen, ſo laſſen wir ſie über den langen Weg, gwiſchen Löffel und Mund nachdenken, und ſind ſie mit nicht ge⸗ fährlicherm Metall geſtaut, als dem von Potoſie, ſo ſegeln ſie ſchnel⸗ ler, wenn ſie einige Stunden in unſerer Geſellſchaft zugebracht haben.“ h„Giebt nicht der Fremde Signale?“ fragte Wilder nach⸗ denkend. „Sieht er uns ſchon?“ Einen guten Marswächter müſſen ſie haben, wenn ſie ein Fahrzeug ſehen, das nur ſeine Stagſegel hat. Wachſamkeit iſt ein untrügliches Kennzeichen der Tapferkeit.“ Eine Pauſe folgte, in welcher wieder alle Teleskope gleich dem Wilders nach dem Fremden ſich richteten. Verſchieden waren die im Betreff der Signale abgegebenen Stimmen. Der Freibeuter ſelbſt war ſtille; ſeine Beobachtung aber genau und lange anhaltend. „Wir haben,“ ſagte er,„unſer Geſicht bis zum Aeußerſten ange⸗ ſtrengt. Ich kenne den Nutzen friſcher Organe, wenn meine Augen mir den Dienſt verſagen. Komm hierher, Burſche,“ rief er einem Mann zu, der auf dem Hinterkaſtell in der Nähe der Offizier⸗ Gruppe eine künſtliche Arbeit verrichtete;„komm hierher; ſag mir, was hältſt du von dem Segel dort in Süd⸗Weſten?“ Es war kein Anderer als Scipio, der wegen ſeiner Geſchick⸗ lichkeit und Erfahrung mit jenem Geſchäft beauftragt worden. Er. legte ſeine Mütze auf's Deck, machte eine noch tiefere Verbeugung als Matroſen vor ihrem Vorgeſetzten zu machen pflegen, hob das Sehrohr in die eine Hand und drückte mit der Andern das zweite Auge zu. Aber kaum hatte das Inſtrument jenen entfernten Ge⸗ genſtand erreicht, als er es wieder ſinken ließ, und den Blick mit dem Ausdrucke ſinnloſen Staunens auf Wilder richtete. „Sahſt du das Segel?“ fragte der Freibeuter. „Maſſa kann ſehen es mit bloßem Auge. „Nun, was ſiehſt du aber mit dem Fernrohr?“ „Iſt ein Schiff, Sir.“ „Wahr. In welchem Kurs?“ „Hat Steuerbord⸗Segel auf, Sir.“ „Wieder wahr. Hat er Signale aufgezogen?“ „Er hat drei neue Stück Tuch in große Bogenſegel, Sir.“ „Sein Schiff iſt um ſo viel beſſer, wenn er es gut reparirt. Sahſt du ſeine Flaggen?“ „Er zeigt nicht Flagge, Sir.“ — ¹38 „So kam mir's auch vor. Kannſt gehen, Burſche— doch halt!— oft findet man einen wahren Gedanken, wo man am allerwenigſten einen ſuchte. Von welcher Größe hältſt du den Fremden?“ „Iſt gerade von ſiebenhundert und fünfzig Tonnen, Maſſa.“ „Was iſt das? Mr. Wilder, Ihres Negers Zunge iſt ja ſo genau wie eines Zimmermanns Maaßſtab. Der Burſche ſpricht von der Größe eines Schiffes, deſſen Rumpf noch unter der Waſ⸗ ſerlinie iſt, ſo beſtimmt, wie ein königlicher Einnehmer, wenn er es der amtlichen Meſſung unterworfen hat.“ „Haben Sie Nachſicht mit der Unwiſſenheit des Schwarzen; Leute dieſer Art wiſſen ſelten auf vorgelegte Fragen paſſend zu ant⸗ worten.“ 1 „Unwiſſenheit!“ erwiederte der Freibeuter; und ſein Auge blickte verdrießlich und mit einer ihm eigenen Schnelligkeit von einem zum andern, und dann von beiden zu dem ſich erhebenden Gegenſtand am Horizont;„Der Mann ſieht nicht aus wie Zweifel.“ „Denkſt du, ſeine Laſtfähigkeit ſei genau die, welche du ange⸗ geben haſt?“ wendete er ſich zum Neger. Scipio's große ſchwarze Augen rollten abwechſelnd von ſeinem neuen Kommandanten auf ſeinen alten Herrn; ſeine Seelenkräfte ſchienen ſich für dieſen Augenblick in einer unlösbaren Verwir⸗ rung verloren zu haben. Die Ungewißheit aber dauerte nur einen Augenblick. Er bemerkte nicht ſobald die tiefen Falten auf Wil⸗ ders Stirne, als die zutrauensvolle Miene, mit der er ſeine vorige Meinung ausgeſprochen hatte, ſich in einen Blick ſo unwandelbaren Starrſinns verwandelte, daß weder Gewalt noch Lockung ihn dazu gebracht hätte, auch nur einen Schein von eigenen Gedanken zu zeigen. „Ich frage dich, ob der Fremde nicht um ein Dutzend Tonnen leichter oder ſchwerer ſein kann, als du vorhin ſagteſt?“ ſprach der Freibeuter. „Er iſt, wie Maſſa wünſcht, daß er iſt,“ erwiederte Scipio. „Ich wünſche ihm Tauſend, um ſo reicher iſt der Fang.“ „Ich geb' ihm Tauſend grade, Sir.“ „Ein hübſches Schiff von dreihundert, reich vergoldet dürfte es auch thun.“ „Er ſieht grade wie dreihundert.“ „Es ſcheint mir eine Brigg zu ſein.“ „Ich halten ihn auch für Brigg, Sir.“. „Möglich auch, daß der Fremde ein Schooner iſt, mit vielen hohen und leichten Segeln.“ „Ein Schooner führt oft Bramſegel,“ erwiederte der Schwarze, entſchloſſen in Alles einzuſtimmen, was der Andere ſagte. „Wer weiß ob's ein Segel iſt! Es muß gut ſein, mehr denn eine Meinung über eine ſo wichtige Materie zu hören. Man ſchicke den Fock⸗Topgaſt, der Fid heißt, auf die Schanze. Ihre Gefährten, Mr. Wilder, haben ſo viel Einſichten und Ergebenheit, daß Sie ſich über mein ungebührliches Verlangen nach ihrer Belehrung, nicht wundern dürfen.“ Wilder biß ſeine Lippen zuſammen und der übrige Theil der Gruppe ſtand ziemlich erſtaunt da. Der Topgaſt erſchien bald nachher, und der Kommandant unterbrach das Stillſchweigen. „Und du denkſt, es wäre noch eine Frage, ob es auch ein Schiff ſei?“ „Er iſt gewiß nur eine Wolke,“ antwortete der ſtarrſinnige Schwarze. „Du hörſt, Mr. Fid, was dein Freund, der Neger, ſagt; er meint, jenes Ding dort, das leewärts ſteigt, ſei kein Segel.“ Nachdem Fid einen kurzen Blick auf den fernen Punkt gewor⸗ fen hatte, heftete er ſeine Augen unwillig auf Scipio und fragte mit verächtlicher Miene:„Für was den Teufel hältſt du denn das? Guinea, für eine Kirche?“. „Ich denke, Kirche,“ antwortete ſtumpfſinnig der Schwarze. „Der Herrgott ſei dem Narren im ſchwarzen Leder gnädig! Und doch iſt der Burſche ein tüchtiger Matroſe und ſollte doch ein Bramſegel von einem Wetterhahn unterſcheiden können?“ Nun ſieh, S'ip um des Anſehns deiner Freunde willen, wenn Du denn für dich ſelbſt kein großes Segel führſt, ſag' jetzt—— „Es iſt nicht der Mühe werth,“ unterbrach ihn der Frei⸗ beuter;„nimm du das Glas und ſieh', was du von jenem Segel denkſt.“ Fid ſcharrte mit dem Fuße und machte eine tiefe Verbeugung; dann legte er ſeine Matroſenjacke auf das Deck und ſchickte ſich an, 140 die verlangte Richtung nach dem fernen Ding zu nehmen. Die Unterſuchung des Topgaſten war viel länger, als die ſeines ſchwar⸗ zen Genoſſen geweſen war; folglich konnte man annehmen, ſie ſei auch viel genauer. Statt aber, als er ſeine Schau beendigt hatte, ſeine Meinung raſch von ſich zu geben, ſenkte er das Rohr und mit demſelben das Haupt, und verblieb lange in der Stellung eines Mannes, deſſen Gedanken mit einem wichtigen Gegenſtande be⸗ ſchäftigt ſind. „Ich erwarte deine Meinung,“ nahm ſein aufmerkſamer Com⸗ mandeur wieder das Wort, als er dachte, das er dem Urtheil ſelbſt eines Richard Fid Zeit genug zum Reifen gelaſſen hätte. „Wollen Ew. Gnaden mir ſagen, welchen Tag im Monat wir haben, und meinetwegen auch welchen Wochentag, wenn es Ihnen nicht zu viele Mühe macht?“ Die beiden Fragen wurden ſogleich beantwortet. „Wir hatten den Wind von Oſt⸗bei⸗Süd den erſten Tag, dann ſetzte er in der Nacht um und blies ſtark aus Nordweſt, und das hielt eine Woche an; dann hatten wir einen Tag lang Irländer⸗ Sturm, ſo recht auf und ab; dann kamen wir in jene Gegenden, wo er aushielt, wie ein Schiffskaplan bei einer Bowle Punſch, ſeit⸗ her—— 41 „Nun und der Fremde?“ fragte der Kapitän etwas unge⸗ duldig. „Eine Kircche iſt's nicht, das iſt gewiß, Ew. Gnaden,“ ſprach Fid feſt und entſcheidend. „Hat er Flaggen aufgeſteckt?“ „Er mag mit ſeinen Flaggen ſprechen, es bedürfte aber eines größern Gelehrten, als Richard Fid, um zu wiſſen, was er damit ſagen will. So viel ich ſehe, ſind drei neue Stücke in ſeinem Oberbramſegel, aber keine Flagge.“ „Der Mann iſt glücklich, ein ſo gutes Segel zu haben. Mr. Wilder, ſehen auch Sie die dunklern Flecken, wovon hier die Rede iſt?“ 3 „Es iſt wirklich Etwas, das für ein neueres Segeltuch ge⸗ halten werden kann; ich glaube faſt, ich hielt ſie im Sonnenſchein erſt für die Signale, von denen ich ſprach.“ „ Nun dann ſieht er uns noch nicht, und wir können noch 5 ——— eine Zeitlang ruhig bleiben. Genießen wir doch den Vortheil, den Fremden Fuß vor Fuß meſſen zu können, ſogar bis an die neuen Flecken ſeines Oberbramſegels.“ Der Freibeuter ſprach in einem ſonderbar zwiſchen Spott und Nachſinnen getheilten Tone. Er machte jetzt eine ungeduldig raſche Bewegung, und bedeutete die Matroſen, die Hütte zu verlaſſen. Hierauf wandte er ſich zu ſeinen ſchweigenden und unterwürfigen Offizieren, und fuhr in ernſtem Tone fort: „Gentlemen, unſere müſſige Zeit iſt vorüber, und Fortuna hat endlich Thätigkeit in unſere Bahn gebracht. Ob das Schiff unter unſerem Geſicht gerade von ſiebenhundertundfünfzig Tonnen iſt, das iſt mehr, als ich auszuſprechen wage, aber Etwas wiſſen wir, was jedem Seemann bekannt ſein muß. Der Stand ſeiner obern Raaen, die Symmetrie in ihrer Unordnung, und die Menge Tuch, die es vor dem Winde trägt, bewegt mich zu dem Ausſpruche, daß es ein Kriegsſchiff iſt. Hat Jemand eine andere Anſicht? Mr. Wilder, ſprechen Sie.“ „Ich fühle die Wahrheit Ihrer Gründe, und bin Ihrer Mei⸗ nung.“ Ein Schatten trüben Mißtrauens; welcher während der vor⸗ hergegangenen Scene auf des Freibeuters Stirne gelegen hatte, ward bei dieſer geraden und freien Zuſtimmung ſeines Lieutenants etwas lichter. 3 „Sie glauben, es trage eine königliche Flagge? Ich liebe dieſe Männlichkeit der Antworten. Dann kommt eine andere Frage; ſollen wir uns in ein Gefecht mit ihm einlaſſen?“ Auf dieſe Frage war die entſcheidende Antwort nicht ſo leicht. Alle ſchwiegen, und jeder der Offiziere ſuchte in ſeiner Gefährten Augen ihre Meinung zu leſen. „Der Spanier ſendet oft ſeine Barren unter der Maske eines Kreuzers,“ bemerkte endlich einer der untern Offiziere, welcher an einem gewagten Streich kein Behagen fand, wenn er nicht mit entſprechender Ausbeute lohnte;„laßt uns dem Burſchen auf den Zahn fühlen; führt er mehr als ſeine Kanonen, ſo gibt er dieß durch Scheu vor näherer Bekanntſchaft zu erkennen; iſt er aber arm, dann zeigt er ſich gewiß tapfer, wie ein halbgeſättigter Tiger.“ „Das iſt ein vernünftiger Rath, Brace, und er ſoll berück⸗ 4 142 ſichtigt werden. Geh'n Sie denn, Gentlemen, an Ihre Geſchäfte. Wir wollen die halbe Stunde, die noch vergehen dürfte, bis der Rumpf des Schiffes ſichtbar wird, dazu verwenden, Geſchütz und Munition zu prüfen. Da übrigens noch nicht beſtimmt iſt, ob wir fechten werden, ſo beſorgen Sie das Nöthige ohne das geringſte Aufſehen. Meine Leute ſollen nie den Widerruf eines gefaßten Entſchluſſes erleben.“ Jetzt trennte ſich die Gruppe, und Jeder ging an die ihm zukommenden Geſchäfte. Wilder war im Begriff, ſich mit den Uebrigen zurückzuziehen, als ein Wink ihn an die Seite ſeines Commandanten rief, der nun allein mit ſeinem neuen Verbündeten auf der Schanze blieb. „Die Einförmigkeit unſers Lebens,“ begann der Erſtere, und ſah ſich um, ob keine Zeugen in der Nähe ſeien,„wird nun unter⸗ brochen werden, Mr. Wilder. Ich habe Ihre Geiſteskraft und Standhaftigkeit erkannt; ich habe mich überzeugt, daß, wenn ein Unfall mich außer Stand ſetzen ſollte, fürder der Lenker des Schick⸗ ſals meiner Untergebenen zu ſein, meine Würde in feſte und dazu geſchaffene Hände fallen wird.“ „Sollte uns ein ſolcher Schlag treffen, ſo hoffe ich Ihr Ver⸗ trauen zu rechtfertigen.“ „Ich vertraue Ihnen gänzlich; und als braver Mann glaube ich eben dadurch ein Recht zu haben, daß mir nicht mit Mißbrauch gelohnt werde. Habe ich Unrecht?“ „Ich erkenne völlig die Richtigkeit Ihrer Worte.“ „Ich wollte, Wilder, wir hätten uns früher gekannt. Wozu aber leere Wünſche? Ihre Burſche haben aber ein ſcharfes Ge⸗ ſicht, daß ſie ſo bald jene Segeltücher erkennen konnten.“ „Es iſt dieß die Wahrnehmungsgabe dieſer Klaſſe von Men⸗ ſchen. Die klaren Unterſcheidungspunkte in Betreff des Kreuzers kamen von Ihnen ſelbſt!“ „Und dann des Schwarzen ſiebenhundertundfünfzig Tonnen! — Das heißt eine Meinung im entſcheidenden Tone abgeben!“ „Die Unwiſſenheit ſpricht am ſchnellſten ab.“ „Sehr wahr. Sehen Sie einmal nach dem Fremden und ſagen Sie mir, wie er herankommt.“ Wilder gehorchte, augenſcheinlich froh, eines Geſprächs, das ihm läſtig werden konnte, überhoben zu ſein. Eine lange und tiefe Pauſe folgte. Als er ſein Sehrohr ſenkte und ſich zu ſeinem Ge⸗ fährten wandte, um ihm das Reſultat ſeiner Beobachtungen mitzu⸗ theilen, begegnete er einem Blicke, der ſein Innerſtes durchſchauen zu wollen ſchien. Im tiefen Gefühl des hiedurch an den Tag ge⸗ legten Argwohns überflog eine brennende Röthe ſein Antlitz und die halbgeöffneten Lippen ſchloſſen ſich wieder. „Und das Schiff?“ fragte mit gedämpftem Tone der Frei⸗ beuter. „Das Schiff zeigt eben ſeine untern Segel; in wenigen Mi⸗ nuten werden wir den Rumpf erblicken.“ „Es iſt ein flinkes Schiff! Es kehrt uns gerade das Vorder⸗ theil zu.“ „Ich meine nicht. Der Stern iſt mehr öſtlich gewendet.“ „Wir müſſen das doch gewiß wiſſen. Sie haben Recht,“ fuhr er fort, nachdem er ſelbſt einen Blick auf das herannahende Segelgewölke geworfen hatte.„Sie haben ſehr Recht. Doch wer⸗ den wir noch nicht geſehen. Ho da! Holen Sie das Vorder⸗Stag⸗ ſegel dort bei; wir wollen das Schiff vor Top und Takel ſtellen. Dann mögen ſie mit allen Augen gucken; ſie müſſen ſchon gut ſein, wenn ſie in ſolcher Entfernung unſere nackten Spieren erblicken wollen.“ Unſer Abentheurer anerkannte die Richtigkeit dieſer Bemerkungen mit einer leichten Neigung ſeines Hauptes. Beide traten nun wie⸗ der ihre Wanderung auf und ab an, ohne jedoch Luſt zu bezeigen, das abgebrochene Geſpräch wieder anzuknüpfen. Der Freibeuter überflog mit einem raſchen Blick die Vorkeh⸗ rungen, welche von den Offizieren getroffen worden waren; dann ſagte er plötzlich: „Was iſt das? Wer hat ſich unterſtanden, das Bramſegel dort flattern zu laſſen?“ Die Stimme des Freibeuters erfüllte Alle, die ihn hörten, mit Beben. Tiefer, beängſtigender und drohender Unwillen ſprach aus jedem Tone; Alles blickte aufwärts, um den zu ſehen, auf deſſen unglückſeliges Haupt die ganze Schwere des furchtbaren Zornes ihres Anführers fallen würde. Da dem Auge blos nackte Spieren und geſchnürte Taue begegneten, ſo erkannte man ſogleich die Lage der Sachen. Fid ſtand oben auf der Bramſtenge des Schifftheiles, in welchem er angeſtellt war, und das benannte Segel flatterte ſammt Zubehör hoch und weit im Winde. Sein Ohr war vermuthlich voll von dem heftigen Flattern des Tuches; denn anſtatt der mäch⸗ tigen Töne, die heraufſchallten, zu achten, ſtand er ruhig und be⸗ trachtete ſein Werk, ohne die Wirkung zu bedenken, welche es auf die Gemüther der Untenſtehenden äußern mußte. Ein zweiter Zu⸗ ruf erſchallte aber jetzt, und zwar in allzu furchtbaren Tönen, als daß ſelbſt ſo harte Ohren, wie die des Uebelthäters, nicht davon hätten betroffen werden ſollen. „Auf weſſen Befehl haſt du gewagt, das Segel loszulaſſen?“ fragte der Freibeuter. „Auf den Befehl des Königs Wind, Ew. Gnaden. Der beſte Seemann muß nachgeben, wenn eine Flagge die Oberhand gewinnt.“ „Beſchlag' es; hinauf, fort! Beſchlag' es!“ donnerte der aufgebrachte Kommandeur.„Zuſammengerollt! Und herunter mit dem Burſchen, der die Frechheit hatte, einer andern Macht zu ge⸗ horchen, als der meinigen, auf einem Schiffe, wo außer mir nicht einmal der Sturm zu befehlen hat.“ Ein Dutzend flinker Topgaſten ſtiegen zu Fids Unterſtützung empor. Im nächſten Moment war das rebelliſche Segel zur Ruhe gebracht, und Richard ſelbſt auf dem Weg nach der Schanze. Wäh⸗ rend dieſes kurzen Zwiſchenraumes war des Freibeuters Stirne fin⸗ ſter und grimmig, wie die Fläche des Elements, worauf er lebte, wenn es vom Sturm gepeitſcht wird. Wilder, der ſeinen neuen Kommandanten vorher nie ſo erregt geſehen hatte, begann für ſei⸗ nen alten Gefährten zu zittern, und trat näher, um, wenn die Umſtände es erheiſchen ſollten, zu ſeinen Gunſten vermittelnd da⸗ zwiſchen zu treten. „Was iſt das?“ fragte der noch immer zürnende Komman⸗ dant den Uebelthäter.„Was iſt das? Du, mit dem ich erſt kürzlich ſo viel Urſache hatte, zufrieden zu ſein, du unterſtehſt dich, ein Segeltuch fliegen zu laſſen, in einem Augenblick, da es von höchſter Wichtigkeit iſt, das Schiff vor Top und Takel zu halten?“ „Ew. Gnaden geben doch gewiß zu,“ erwiederte der Delin⸗ auent ganz bedächtig,„daß dem beſten Manne zuweilen der Ver⸗ ——— —-— 1355 ſtand aus den Fingern ſchlüpft, und warum kann das nicht auch ein Segeltuch? Sollte ich den Beſchlagſeiſſing nicht feſt genug an die Raae angeholt haben, ſo iſt das ein Fehler, den ich büßen will.“. „Ganz recht, und theuer ſollſt du ihn büßen. Bringt ihn auf die Laufplanke, und laßt ihn mit der Peitſche Bekanntſchaft machen.“ de Dürfte ich zu des Uebelthäters Gunſten ein paar Worte vermittelnd zu Ihnen ſprechen?“ rief Wilder mit angelegentlicher Haſt dazwiſchen.„Er irrt öfters, doch ſelten würde es geſchehen, wenn er ſo viel Einſicht beſäße, als guten Willen.“ „Sagen Sie nichts darüber, Mr. Harry,“ erwiederte der Top⸗„ gaſt mit einem beſondern Blicke;„das Segel flatterte gar hübſch, und jetzt iſt es zu ſpät, es zu läugnen, und ſo vermuthe ich, muß die Sache auf Richard Fids Rücken aufgezeichnet werden, wie irgend ein anderes Mißgeſchick auf die Logtafel.“. „Ich wünſchte, Sie möchten ihm verzeihen. Ich kann es über mich nehmen, in ſeinem Namen zu verſprechen, daß dies das letzte Mal ſein ſoll——“ Der Freibeuter bekämpfte ſichtbar ſeinen Unwillen und ſprach endlich: „So mag es vergeſſen ſein. Ich will in ſolchem Augenblick unſere Eintracht nicht ſtören, Mr. Wilder, und Ihnen keine ſo kleine Gefälligkeit abſchlagen; aber ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, welche ſchlimme Folgen eine ſolche Nachläſſigkeit nach ſich ziehen kann. Geben Sie mir das Fernrohr; ich will ſehen, ob das flat⸗ ternde Segel dem Auge des Fremden entgangen iſt.“ Der Topgaſt warf Wilder verſtohlen einen triumphirenden Blick zu; dieſer aber ſchickte ihn ſogleich hinweg, und wandte ſich zu ſeinem Kommandeur, um ihn bei ſeinen Unterſuchungen zu unter⸗ ſtützen. Seeräuber. 1 10 146 Zwölftes Kapitel. Bas fremde Segel näherte ſich ſo ſchnell, daß es mehr und mehr ſelbſt dem unbewaffneten Auge ſichtbar wurde. Der kleine weiße Fleck, welcher zuerſt am Rande der See ſichtbar geweſen, ähnlich einer Möve auf dem Gipfel einer Woge ſchwimmend, war in der letzten halben Stunde zu einer hohen Pyramide von Segel⸗ tuch herangewachſen. Als Wilder von Neuem nach dem ſich immer vergrößernden Gegenſtande hinblickte, drückte ihm der Freibeuter ein Fernrohr in die Hand, mit einer Miene, worin deutlich der Aus⸗ druck des Bedauerns zu leſen war. „ unſer Nachbar dort hat einen ſcharfen Blick, wie Sie ſehen,“ bemerkte er.„Er hat gewendet und legt ſich uns kühn vor den Vorderſteven. Wohlan denn, er komme heran; bald werden wir ſeine Batterien ſehen, und dann können wir die Art und Weiſe unſeres Zuſammentreffens beſtimmen.“ „Wenn Sie dem Fremden erlauben, uns nahe zu kommen, ſo möchte es, im Fall es uns wünſchenswerth würde, ihn los zu werden, ſchwer fallen, ihn aus der Fahrt zu werfen.“ „Das muß ſchon ein gewaltiger Schnellſegler ſein, bei dem der Delphin nicht ein Bramſegel miſſen könnte!“ „Ich weiß nicht, Sir. Das Schiff dort ſegelt ſchnell bei dem Winde, und es iſt zu vermuthen, daß es vor dem Winde nicht langſamer ſein wird. Ich habe ſelten ein Schiff geſehen, das ſo ſchnell wie dieſes heraufgeſtiegen iſt, ſeitdem wir es entdeckten.“ Der junge Mann ſprach ſo angelegentlich, daß er die Auf⸗ merkſamkeit ſeines Gefährten von dem Gegenſtand der Rede ab und auf ſich lenkte. „Mr. Wilder,“ ſagte er raſch und entſchieden,„Sie kennen jenes Schiff?“ 8 „Ich will es nicht läugnen. Wenn ich nicht ſehr irre, ſo iſt es zu ſchwer für den Delphin und ein Schiff, das uns nur wenig Anlaß bietet, uns mit ihm einzulaſſen.“ „Seine Größe?“ 1 . „Sie haben ſie von dem Schwarzen erfahren.“ „Ihre Gefährten kennen es alſo auch?“ „Es würde ſchwer fallen, einen Topgaſt über Schnitt und Anordnung der Segeltücher zu täuſchen, zwiſchen denen er Monate und Jahre zugebracht hat.“ .„Ahal jetzt verſtehe ich die neuen Tücher in dem großen Bramſegel! Mr. Wilder, haben Sie vor Kurzem erſt jenes Fahr⸗ zeug verlaſſen?“ „Vor meiner Ankunft in dieſem.“ Der Freibeuter ſchwieg einige Minuten und überließ ſich ſeinen Gedanken. Sein Gefährte machte keinen Verſuch, ihn darin zu unterbrechen; ſein öfter wiederholtes verſtohlenes Hinblicken aber. nach des Andern ſinnender Miene verrieth einige Beſorgniß. „Und ihr Geſchütz?“ fragte endlich kurz abgebrochen der Kom⸗ mandeur. „Es zählt vier Stück mehr als der Delphin.“ „Das Kaliber?“ „Iſt ſtärker. In jedem Betracht ſteht es über dem Ihrigen.“ „Gewiß iſt es königliches Eigenthum?“ „Das iſt es.“ „Nun, dann ſoll es ſeinen Herrn wechſeln. Beim Himmel, dann ſoll es mein ſein!“ Wilder ſchüttelte das Haupt und antwortete blos mit einem ungläubigen Lächeln. „Sie bezweifeln es,“ nahm der Freibeuter wieder das Wort. „Kommen Sie hierher und ſehen Sie auf das Deck hier. Kann der, deſſen Dienſte Sie vor kurzer Zeit verlaſſen haben, Männer aufſtellen, wie dieſe da?“ Das Schiffsvolk des Delphin war von einem Manne auser⸗ leſen, welcher ſich auf den Charakter eines Seemannes verſtand. Alle waren durch die Schule eines wilden Abentheurer⸗Lebens zu ihrem geſetzwidrigen Treiben übergegangen, und bildeten nun unter der Leitung eines Geiſtes, der ihre Kräfte nach Willkühr loszulaſſen und wieder zu zügeln verſtand, eine ſehr gefährliche und in Betracht ihrer Zahl unüberwindliche Mannſchaft. Ihr Kommandeur lächelte triumphirend, als er ſah, wie nachdenklich ſein Gefährte die Gleich⸗ gültigkeit oder verwegene Freude betrachtete, die einige unter ihnen 10* über die Wahrſcheinlichkeit eines herannahenden Kampfes an den Tag legten. „Rechnen Sie dieſe für Nichts?“ fragte von Neuem der Frei⸗ beuter, nachdem er einige Augenblicke die kühne Bande überſchaut hatte.„Seh'n Sie, hier iſt ein Däne, gewichtig und von feſtem Grund, wie die Kanone, an die ich ihn ſogleich ſtellen werde. Hauen Sie ihm Glied nach Glied ab, und er ſteht ihnen wie ein Thurm, bis der letzte Stein des Fundaments untergraben iſt. Und hier haben wir gleich ſeine Nachbarn, den Schweden und den Ruſſen, die ein Stück mit ihm bedienen; ich ſtehe dafür, dieſe ruhen nicht, ſo lange noch von Allen Einer da iſt, eine Zündruthe auf⸗ zulegen, oder einen Wiſcher zu handhaben. Dort iſt ein vierſchrö⸗ tiger Matroſe von athletiſchem Wuchſe, der Sohn einer der freien Städte. Er zieht unſere Freiheit der ſeiner Vaterſtadt vor, und Sie ſollen ſehen, daß die ehrwürdige Hanſeatiſche Verfaſſung eher weicht, als er von dem Flecke, den ich ihm zu vertheidigen gebe. Hier ſehen Sie ein Paar Engländer; obgleich ſie von der Inſel ſtammen, die ich ſo wenig leiden mag, ſo ſind doch beſſere Männer ſelten zu finden. Bezahlen Sie ſie und geben Sie ihnen Prügel, ich ſtehe Ihnen dafür, daß ſie weder aufhören Wind zu machen, noch muthig zu ſein. Sehen Sie jenen ſinnenden, knochigen Un⸗ gläubigen, durch deſſen Nichtswürdigkeit ein Schein von Gottſelig⸗ keit durchleuchtet? Der Burſche war Heringsfiſcher, und verſchmeckte das Ochſenfleiſch; da empörte ſich ſein Magen gegen das bisherige Futter, und dann bekam die Sucht, reich zu werden, die Oberhand. Er iſt ein Schotte von einem der Loch's(Seen) des Nordens. Sehen Sie den bleichen nachdenklichen Sterblichen neben ihm? Das iſt ein Mann, der mit einer Art Gefühl kämpfen wird. Er hat einen Anflug von Ritterlichkeit, die bei Gelegenheiten, wo ſeine Neigungen in's Spiel kommen, bis zum Heroismus ſteigt. Kurz, er wird den Geiſt des Kaſtiliers nicht verläugnen. Sein Gefährte dort ſtammt vom Felſen Liſſabons, ich würde ihm nicht gerne ver⸗ trauen, wenn ich nicht wüßte, daß bei uns ſelten die Gelegenheit ſich bietet, vom Feinde beſtochen zu werden.— Hal hier iſt ein Gascogner, ein Burſche für ein Sonntagstänzchen. Sie ſeh'n, wie er Fuß und Zunge zugleich reget. Das iſt ein Weſen voller Wider⸗ ſprüche. Es mangelt ihm weder Witz noch Gutmüthigkeit; doch —— —V — — bei der erſten Gelegenheit ſchneidet er Ihnen die Gurgel ab. In dieſem Thiere vermiſcht ſich auffallend Rohheit und Gutartigkeit. Ich will ihn unter die Enterer thun; denn wir werden noch keine Minute handgemein ſein, ſo wird er ſchon durch ſeine Ungeduld Alles mit einem einzigen Coup-de-main vollbracht haben wollen.“ „Und wer iſt denn,“ fragte Wilder, von des Freibeuters Schilderung unwiderſtehlich angezogen,„wer iſt jener Matroſe dort, der damit beſchäftigt ſcheint, ſich einiger überflüſſiger Kleidungsſtücke zu entledigen?“ „Ein ökonomiſcher Holländer. Er berechnet, daß es ſich eben ſo weiſe in einer alten Jacke ſterben laſſe, als in einer neuen; ich vermuthe, daß er dem Gascogner ein Gleiches gerathen, der aber anſtändig umkommen will, wenn ja geſtorben ſein muß. Wir ſchwatzen aber von Kleinigkeiten, während wir an wichtigere Dinge denken ſollten. Mr. Wilder, es iſt an der Zeit, unſere Segel zu eigen.“ Des Freibeuters ganzes Weſen wechſelte mit ſeiner Sprache. Die leicht ſpottende Miene, die er gezeigt hatte, nahm jenen Ernſt an, deſſen ſie bedurfte, um ſeinem Charakter als Befehlshaber ſich anzupaſſen. Er trat bei Seite, indeſſen ſein Untergebener ſich an ſeinen Poſten begab, von wo er die Vollziehung der erhaltenen Befehle betrieb. Der Bootsmann ließ den üblichen Anruf ertönen, und gebot mit ſeiner mächtigen Stimme:„Alle zu Hauf! Die Segel gehißt!“ Bis jetzt hatte das Schiffsvolk des Delphin je nach der Stim⸗ mung der Einzelnen ſeine Bemerkungen über das ſo ſchnell auf⸗ ſteigende Segel gemacht. Einige freuten ſich über die Ausſicht eines Fanges; Andere, genauer bekannt mit der Weiſe ihres Komman⸗ deurs, hielten ein förmliches Zuſammentreffen mit dem Fremden noch nicht für ausgemacht; ein Dritter, mehr an Nachdenken ge⸗ wöhnt, ſchüttelte den Kopf bei der Annäherung deſſelben, als ob er glaubte, jener ſei ſchon zu nahe, um ihn ohne Gefahr erwarten zu können. Da ſie jedoch alleſammt zu wenig bekannt mit jenen ge⸗ heimen Quellen waren, die ihr Befehlshaber, wie ſie ſo oft erfah⸗ ren hatten, beſaß, und welche zuweilen an's Wunderbare grenzten, ſo erwarteten ſie ungeduldig ſeine Entſcheidung. Als nun der ob⸗ gedachte Ruf erſcholl, antwortete man ihm durch eine allgemeine 150 und eifrige Thätigkeit, welche hinlänglich bewies, daß er höchlich willkommen ſei. Befehl folgte nun auf Befehl aus Wilders Munde, welcher kraft ſeiner Stellung jetzt der eigentliche ausübende Offi⸗ zier war. Da beide Lieutenants und das Schiffsvolk von demſelben Geiſte beſeelt ſchienen, ſo waren bald darauf die nackten Spieren des Del⸗ phin in weite Flächen fleckenloſen ſchneeweißen Segeltuchs gekleidet. Segel auf Segel fiel, Raae auf Raae ward an die Spitzen der Maſte gehißt, bis ſich das Schiff vor dem Winde beugte, hin und her ſchaukelnd, durch die Anordnung ſeiner Segel aber noch feſtge⸗ halten. Als Alles bereit war, ſo daß man nach jedem Curs ſteuern konnte, ſtieg Wilder wieder auf die Schanze, um ſeinem Obern Rapport abzuſtatten. Er fand den Freibeuter aufmerkſam den Fremden betrachtend, deſſen Rumpf unterdeſſen ſich völlig aus der See gehoben hatte, und eine lange gelbe Linie zeigte, mit ſchwarzen Punkten, welche jedes Auge leicht für die Stückpforten erkannte, aus denen die Stärke des Schiffes erhellte. Mrß. Wyllys ſtand nahe, gedankenvoll wie gewöhnlich, ohne jedoch einen einzigen, wenn auch noch ſo geringfügigen Umſtand zu überſehen. „Wir ſind bereit, dem Schiffe die Fahrt abzugewinnen,“ ſprach Wilder;„wir erwarten nur den Curs.“ Der Freibeuter ſtaunte und trat ſeinem Untergebenen näher, ehe er anwortete. Jetzt blickte er ihm voll und dringend in's Auge, und ſagte: „Sind Sie gewiß, Mr. Wilder, daß Sie jenes Schiff kennen?“ „Gewiß;“ war die ruhige Antwort. „Es iſt ein königlicher Kreuzer,“ ſagte die Gouvernante mit der Schnelligkeit des Gedankens. „So iſt es. Ich habe es ſchon einmal geſagt.“ „Mr. Wilder,“ nahm der Freibeuter wieder das Wort,„wir wollen ſeine Schnelligkeit verſuchen. Laſſen Sie die großen Segel fallen und drehen Sie die Fockſegel in den Wind.“ Der junge Seemann machte eine Verbeugung zum Zeichen des Gehorſams und eilte, die Wünſche des Kommandeurs zu erfüllen. Es lag in Wilders Stimme, als er die Befehle ertheilte, etwas Herbes, ja vielleicht Bebendes. Dieſe ungewöhnliche Betonung ent⸗ ging nicht den Ohren einiger älterer Matroſen, und Blicke von — 151 beſonderer Bedeutung wurden zwiſchen ihnen gewechſelt, wenn ſie inne hielten, um den jedesmaligen Befehl aufzunehmen. Der Ge⸗ horſam aber folgte den ungewohnten Tönen dennoch, als wären es die Aeußerungen ihres eigenen gefürchteten Kommandanten ſelbſt ge⸗ weſen. Die Bramſtengen wurden geſchwungen, die Segel wurden vor dem Winde geſpannt und die Maſſe, welche ſo lange unthätig geweſen war, begann die Gewäſſer, anfänglich allerdings nur mit Mühe, zu theilen. Bald aber erlangte das Schiff ſeine Schnellig⸗ keit wieder, und nun ward der Wettkampf zwiſchen beiden Fahrzeu⸗ gen zu einem Gegenſtand des höchſten Intereſſes. Das fremde Schiff befand ſich innerhalb einer halben See⸗ meile leewärts vom Delphin. Sorgfältigere und genauere Prüfung hatte jedes kundige Auge in dem Letztern über die Macht und den Charakter des Nachbars belehrt. Die Strahlen einer blendenden Sonne fielen hell auf ſeine Lage, indeſſen die Schatten ſeiner Segel fern auf die See hin in entgegengeſetzter Richtung ſich malten. In einzelnen Momenten konnte das Auge mit Hülfe des Fernrohres durch die offenen Pforten in das Innere des Rumpfes blicken, und wohl eine Bewegung daſelbſt wahrnehmen, die ſich aber gleich in ein täuſchendes Ineinanderflimmern verlor. Einige menſchliche Ge⸗ ſtalten zeigten ſich an verſchiedenen Punkten der Takelage, überall aber war die Ruhe höchſter Ordnung und vollkommener Manns⸗ zucht zu erkennen. Als der Freibeuter das Rauſchen der Waſſerfurchen vernahm, und die Wölkchen von Waſſerſtaub ſah, welche der Bug ſeines eigenen ſtattlichen Schiffes vor ſich her ſprühte, winkte er ſeinen Lieutenant zu ſich auf die Schanze. Geraume Zeit hindurch war ſein Auge auf das fremde Segel geheftet, mit genauer und ſach⸗ kundiger Prüfung ſeiner Größe beſchäftigt. „Mr. Wilder,“ ſagte er plötzlich, wie wenn er endlich über einen ſtreitigen Punkt mit ſich ſelbſt in's Reine gekommen wäre; „ich habe dieſen Kreuzer ſchon früher geſehen.“ „ Das iſt leicht möglich; er hat den größten Theil des atlan⸗ tiſchen Oceans durchſchifft.“ „Ei, das iſt nicht unſer erſtes Zuſammentreffen! Etwas Tünche hat ſein Aeußeres verändert, aber ich glaube ihn an der 452 Art zu erkennen, wie er ſeine Maſten geſtellt hat. Haben Sie lange an ſeinem Bord gedient?“ „Jahre lang.“. „Und Sie verließen es—“ „Um zu Ihnen zu geh'n.“ „Sagen Sie mir, Wilder, wurden auch Sie als Stiefkind be⸗ handelt? Ha! ward Ihr Verdienſt, Kolonial⸗ genannt. Las man: „Amerika' in Allem, was Sie thaten?“ „Ich verließ es, Kapitän Heidegger.“ „Ja, ja! man gab Ihnen Grund dazu. Doch dießmal haben ſie mir einen Gefallen erwieſen. Waren Sie nicht im März⸗ Aequinoktum noch darauf?“ Wilder beugte bejahend ſein Haupt. „Ich dachte mir's. Und fochten Sie nicht mit einem Frem⸗ den in einem Sturme? Winde, Ocean und Mannſchaft, Alles war zuſammen gegen ihn.“ „Es iſt ſo. Wir erkannten Sie und dachten eine Zeitlang, Ihr Stündlein hätte geſchlagen.“ „Ich liebe Ihre Freimüthigkeit. Wir haben nach unſerem Leben getrachtet als Männer, und werden jetzt, da Freundſchaft zwiſchen uns beſteht, um ſo treuer zuſammenhalten. Ich will Sie über jene Begebenheit nicht weiter fragen, denn Verrätherei an dem, deſſen Dienſte Sie verlaſſen, wäre nicht der Weg zu meiner Gunſt. Genug, daß Sie nun unter meiner Flagge ſegeln.“ „Und welches iſt dieſe Flagge?“ fragte eine ſanfte, aber feſte Stimme an ſeiner Seite. Der Freibeuter wandte ſich plötzlich um, und traf wieder auf das feſte, ruhige und forſchende Auge der Gouvernante. Der Schimmer einiger ſich durchkreuzender und widerſprechender Leiden⸗ ſchaften flog über ſeine Züge, und geſtaltete ſich dann zu jenem ſchmeichelnd höflichen Weſen, das er meiſtens annahm, wenn er mit ſeinen Gefangenen ſprach. „Hier ſpricht eine Frau und erinnert zwei Seeleute an ihre Pflicht!“ rief er dann aus.„Wir haben die Höflichkeit vergeſſen, dem Fremden unſere Farben zu zeigen. Laſſen Sie ſie aufziehen, daß wir nichts übergehen, was zu der Schiffs⸗Etikette gehört.“ „Das Schiff vor unſern Augen führt eine nackte Flaggenſtange.“ —yV— 153 „Thut nichts; wir wollen in der Höflichkeit vorangehen. Laſſen Sie die Farben ſehen.“ Wilder öffnete den kleinen Behälter mit den Flaggen, welche am häufigſten gebraucht wurden; die Wahl jedoch unter einem Dutzend, das in großen Rollen jedes in ſeinem Fache lag, machte ihn verlegen. „Ich weiß kaum,“ ſagte er,„welche Sie am liebſten zu zeigen wünſchten.“ „Führen Sie ihn mit dem ſchwerfälligen Holländer in Ver⸗ ſuchung. Der Kommandeur eines ſo edlen Schiffes ſollte alle chriſt⸗ lichen Zungen verſtehen.“ Der Lieutenant gab dem Quartiermeiſter ein Zeichen, und in der folgenden Minute wehte die Flagge der holländiſchen Staaten von der Stange. Die beiden Offiziere erwarteten aufmerkſam die Wirkung des eben aufgeſteckten falſchen Signals auf den Fremden, der jedoch jede Antwort verweigerte. „Der Fremde ſieht, daß unſer Schiff nicht für die holländi⸗ ſchen Untiefen gebaut iſt. Sollte er uns kennen?“ ſagte der Frei⸗ beuter und warf einen unruhigen, fragenden Blick auf ſeinen Ge⸗ fährten. „Ich ſollte nicht denken, die Farbe iſt an dem ‚Delphin“ zu wenig geſpart worden, als daß er nicht ſelbſt ſeinen Freunden un⸗ kenntlich geworden wäre.“ „Das allerdings können wir nicht läugnen,“ entgegnete der Freibeuter lächelnd.„Verſuchen Sie ihn mit dem Portugieſen; laſſen Sie ſehen, ob die braſilianiſchen Diamanten Gnade vor ſeinen Augen finden.“ Die aufgezogenen Farben wurden herabgelaſſen, und an ihrer Stelle das Wappen des Hauſes Braganza dem Winde zum Spiel geboten. Noch aber beharrte der Fremde in ſeiner ſtarrſinnigen Achtloſigkeit, und legte ſich mehr und mehr an den Wind, um dem Gegenſtand ſeiner Jagd näher zu kommen. „Ein Verbündeter kann ihn nicht erregen,“ ſagte der Frei⸗ Pune„Laſſen Sie ihn nun den höhnenden Drapeau- blanc ehen.“ Wilder gehorchte ſchweigend. Die Flagge Portugals flog auf das Deck zurück, und das weiße Feld Frankreichs ſtieg in die Lüfte. . — — 154 Das Zeichen flatterte kaum auf ſeinem erhabenen Gipfel, als ein weites glänzendes Wappenbild auf dem Decke des andern Schiffes emporeilte, wie ein Rieſenvogel die gewaltigen Flügel zum Auf⸗ flug ausbreitet. Eben wogte es majeſtätiſch in den Lüften, als auch ſchon eine Rauchſäule aus dem Bug des Schiffes fuhr, der Schall ſeiner Lärmkanone dem friſchen Paſſatwind entgegeneilte, und die Ohren der Mannſchaft des ‚Delphin“ erreichte. „Das macht die National⸗Freundſchaft,“ bemerkte trocken der Freibeuter.„Er iſt ſtumm für den Holländer und die Krone Bra⸗ ganza; aber die Galle wird in ihm aufgeregt durch den Anblick eines Tafeltuchs! Laſſen Sie ihn die Farbe, die ihm ſo wenig Spaß macht, noch ein Weilchen betrachten, Mr. Wilder; wenn wir müde ſind, ſie zu zeigen, können unſere Behälter eine andere liefern.. „Jenes Schiff durchſchneidet das Waſſer wie die Schwalbe die Lüfte,“ bemerkte nach einer Weile der Freibeuter⸗Kommandeur zu dem jungen Manne neben ihm, indem er eine mit jedem Augen⸗ blick ſteigende Unbehaglichkeit zu verbergen ſich bemühte.„Iſt er als Schnellſegler bekannt?“ „Der Brachvogel iſt kaum raſcher. Sind wir ihm aber nicht ſchon nahe genug für Leute, wie wir, die mit keiner beſſern Voll⸗ macht kreuzen, als ihrem eigenen Vergnügen?“ „Laſſen Sie ihn dem Adler in ſeinem höchſten Fluge gleichen, er ſoll unſere Fittige nicht träge finden!“ ſprach der Freibeuter, nachdem er einen Blick unwilligen Argwohns auf ſeinen Begleiter geworfen hatte, der ſich aber bald in ein Lächeln hoher Kühnheit auflöste;— woher aber dieſes Widerſtreben, ſich mit einem Schiffe der Krone innerhalb einer Seemeile zu befinden?“ „Weil ich ſeine Stärke kenne und weiß, wie wenig Hoffnung uns in einem Kampfe mit einem ſo überlegenen Gegner bleibt,“ antwortete Wilder feſt.„Kapitän Heidegger, Sie können jenes Schiff nicht mit Erfolg angreifen, und wenn Sie nicht augenblick⸗ lich die Entfernung benutzen, in der wir uns noch befinden, ſo können Sie ihm nicht entgehen. Wahrlich! ich weiß nicht, ob es nicht jetzt ſchon zu ſpät iſt, Letzteres zu unternehmen.“ „Dieſes, Sir, iſt die Meinung eines Mannes, der die Macht ſeines Feindes überſchätzt, weil der verkraute Umgang mit ihm und das vielmalige Anſchauen ſeiner Kräfte ihn gewöhnt haben, ſie als etwas Uebermenſchliches zu betrachten. Mr. Wilder, Niemand wagt mehr, und Niemand iſt zugleich beſcheidener, als wer ſeit Langem gewohnt iſt, ſein Alles eigener Kraft und Anſtrengung zu verdan⸗ ken. Ich war der königlichen Flagge ſchon näher, und führe, wie Sie ſehen, mein gefährliches Kommando noch immer fort.“ „Horch! das iſt eine Trommel. Der Fremde geht zu ſeinen Kanonen.“ Der Freibeuter lauſchte einen Augenblick, und vernahm dann das wohlbekannte Raſſeln, womit die Mannſchaft eines Kriegsſchiffes auf die Poſten gerufen wird. Erſt richtete er einen Blick aufwärts auf die Segel, dann glitt ſein Auge ſtrenge prüfend auf Alles, was innerhalb des Kreiſes ſeines Kommando's lag, und dann antwortete er ruhig:. „Wir wollen ein Gleiches thun, Mr. Wilder, laſſen Sie die Ordre geben.“ Bis jetzt war das Schiffsvolk des Delphin entweder mit der Ausführung nothwendiger Verrichtungen, die ihm angewieſen wor⸗ den, beſchäftigt, oder gaffte neugierigen Blickes nach dem Schiff, das ſo ſcharf ihrem eigenen gefährlichen Fahrzeug ſich zu nähern bemühte. Das leiſe, aber unaufhörliche Geſumme von Stimmen, denn mehr erlaubte die Disciplin nicht, war das Einzige geweſen, worin ſich die Theilnahme der Mannſchaft ausgeſprochen hatte; in demſelben Momente aber, als der erſte Schlag auf die Trommel geſchah, trennten ſich alle Gruppen, und Jeder eilte mit lebendiger Thätigkeit an ſeinen ihm wohlbekannten Poſten. Die Störung war jedoch nur eine augenblickliche; ihr folgte eine athemloſe Stille. Die Offiziere allein eilten hin und her, und thaten kurze, bündige Fra⸗ gen, die Gegenſtände ihres Kommando's betreffend, während Kriegs⸗ munition raſch aus ihren Behältern geholt, und ſomit eine unge⸗ wöhnlich ernſtliche Vorbereitung an den Tag gelegt ward.„ Der Freibeuter ſelbſt war verſchwunden; doch bald ſah man ihn wieder auf ſeinem erhabenen Standpunkt erſcheinen, für den wahrſcheinlich nahen Kampf gerüſtet und, wie immer, mit der Be⸗ achtung der Eigenthümlichkeiten, der Stärke und Wendungen ſeines herannahenden Gegners beſchäftigt. Die ihn jedoch am beſten kann⸗ ten, ſagten, daß die Frage, ob gekämpft werden ſolle, noch nicht 156 bei ihm entſchieden ſei, und hundert ſcharfe Blicke ruhten auf ſeinem ſinnenden Auge, gleich als ob ſie das Geheimniß durchdringen wollten, in welches er noch für gut hielt, ſein Vorhaben zu verhüllen. Er hatte ſeine Matroſenmütze abgelegt und ſtand da in edler Haltung; ſeine Stirne, von blonden Locken umwallt, ſchien dazu geſchaffen zu ſein, edlere Gedanken zu hegen, als die ihn ſein Leben hindurch wahrſcheinlicher Weiſe beſchäftigt hatten; zu ſeinen Füßen lag eine Art ledernen Helms, deſſen Geſtaltung ſeinem Träger einen Aus⸗ druck von Wildheit verlieh. Wenn dieſer Streithelm auf des Frei⸗ beuters Haupte ſaß, ſo war Allen auf dem Schiff das Zeichen ge⸗ geben, daß der Kampf beginne; noch aber lag dieſes nimmer trü⸗ gende Abzeichen der feindſeligen Geſinnung ihres Anführers unbe⸗ achtet da. 4 Zu gleicher Zeit hatte jeder Offizier den Stand ſeiner Divi⸗ ſionen unterſucht und rapportirt; und jetzt wurde, gleichſam durch ſtillſchweigende Erlaubniß ihrer Oberen, die todtengleiche Stille, welche bisher unter dem Schiffsvolk geherrſcht hatte, durch flüſternde ernſte Worte unterbrochen; dieſe Abweichung von der auf regelmäßi⸗ gern Kreuzern gebräuchlichen Ordnung geſtattete der berechnende Kommandeur, um die Stimmung der Mannſchaft durchſchauen zu können, denn von dieſer hing ja größtentheils der jedesmalige glück⸗ liche Erfolg ſeiner verwegenen Thaten ab. Dreizehntes Kapitel. Der gegenwärtige Augenblick war in hohem Grade ergreifend und ernſte Stimmung erweckend. Jeder, der vermöge ſeines Rangs Antheil an dem Kommaßido beſaß, hatte ſich mit jener ſteigenden Aufmerkſamkeit von der Pollendung ſeiner Anordnungen überzeugt, welche um ſo weiter geht, je näher der Moment der Verantwortung heranrückt, wo es gilt, zu beweiſen, daß die Aufgabe keinem Un⸗ würdigen übertragen worden. Die barſche Stimme des Quartier⸗ ſſſſͤſͤſͤſͤ *½—1 meiſters hatte aufgehört, ſich nach dem Zuſtand der verſchiedenen Taue und Ketten zu erkundigen, welche zu der Erhaltung des Schiffes dienten; wiederholt hatte ſich der Kommandant einer jeden Batterie überzeugt, daß ſeine Artillerie jeden Augenblick und zum wirkſamſten Dienſte bereit ſei; außerordentliche Munition war be⸗ reits aus ihren finſtern und geheimen Behältern herbeigeſchafft wor⸗ den, und die ſteigende und Alles ergreifende Wichtigkeit der Scene hatte ſogar das ſummende Flüſtern verſchlungen. Noch konnte der raſche, unermüdet herumſtreifende Blick des Freibeuters keine Veran⸗ laſſung zum Mißtrauen in die Feſtigkeit ſeiner Mannſchaft entdecken. Alle waren ernſt, wie immer die Tapferſten und Standhafteſten in der Stunde der Gefahr, und ihrem Ernſte war kein Zug von ſorg⸗ licher Bekümmerniß beigemiſcht. Das Ganze ſchien eher die Wir⸗ kung eines letzten und auf Einen Punkt gedrängten Entſchluſſes, wie er das menſchliche Gemüth zu Anſtrengungen antreibt, welche das gewöhnliche Wagen kriegeriſcher Unternehmungen überſchreiten. Der bedächtige und umſichtige Anführer bemerkte von dieſer erfreu⸗ lichen Darlegung der Stimmung ſeiner Mannſchaft nur drei Aus⸗ nahmen, und zwar in der Perſon ſeines Lieutenants und deſſen zwei merkwürdigen Gefährten. Wir haben bereits geſehen, daß Wilders Benehmen nicht durch⸗ aus ſo war, wie es einem Manne ſeines Ranges in der Stunde ſo hochwichtiger Entſcheidung zukam. Der durchdringende und wach⸗ ſame Blick des Freibeuters hatte in ſeinem ganzen Weſen wieder⸗ holt zu leſen verſucht, konnte aber zu keinem befriedigenden Reſul⸗ tate in Betreff des wirklichen Grundes gelangen. Die Wange des jungen Mannes war ſo friſch von Farbe, und ſeine Lippe ſo ſicher, wie in der Zeit gänzlicher Sicherheit; aber die unſtäte Bewegung ſeiner Augen und Anflüge von Zweifel und Unentſchloſſenheit in ſeiner Miene, die unwiderſprechlich zum Ausdruck ganz entgegenge⸗ ſetzter Eigenſchaften geſchaffen war, gaben ſeinem Kommandanten Veranlaſſung zu tiefem Nachſinnen. Als könne er in dem Betra⸗ gen der Verbündeten Wilders den Schlüſſel zu dieſem Räthſel fin⸗ den, ſuchte ſein Blick Fid und den Neger. Beide waren an dem Stück poſtirt, das ihm zunächſt ſtand, und Fid verſah den Dienſt als Kanonier. Das Schiff ſälſ ſtand nicht feſter in ſeinen Fugen, als Fid, 158*½ der gerade über die eherne Röhre, die er befehligte, einen ſchielenden Blick warf; doch hatte ein Zug von unerklärlichem Erſtaunen Beſitz von ſeinem breiten Geſichte genommen; und jedesmal, wenn ſein Blick von Wilder zu ihrem Gegner überging, war es nicht ſchwer, eine Verwunderung darin zu erkennen, daß er Beide einander feind⸗ lich gegenüber ſtehen ſah. Er verſuchte weder eine Auslegung noch eine Klage deshalb; jedoch ſchien er bei einem augenſcheinlich ſo außerordentlichen Ereigniß vollkommen geneigt, der Meinung jener wohlbekannten Grundſätze zu folgen, welche den willigen Matroſen lehrt:„den Befehlen mußt du gehorchen, und ſollte der Schiffsherr zu Grunde gehen.“ Starr und regungslos ſtand die ganze athle⸗ tiſche Geſtalt des Negers, ſeine Augen ausgenommen. Dieſe großen pechſchwarzen Kugeln aber rollten von Wilder auf das fremde Segel hin, und ſchienen bei jedem neuen Blick neues Erſtaunen zu ſchö⸗ pfen. Betroffen von dieſen deutlichen Beweiſen irgend einer außer⸗ ordentlichen, aber Beiden gemeinſamen Empfindung, benutzte der Freibeuter ſeine Stellung und die Entfernung ſeines Lieutenants, um ſie anzureden. Ueber das leichte Geländer gebeugt, welches die Schanze vom Hinterdeck trennte, ſagte er in jenem familiären Tone, den der Kommandeur gegen ſeine Untergebenen annimmt, wenn ihre Dienſte von höchſter Wichtigkeit zu werden ſcheinen: „Ich hoffe, Maſter Fid, man hat Euch an eine Kanone ge⸗ wieſen, die ihr Wort zu führen verſteht.“ „Es gibt auf dieſem Schiff keine beſſere, als meine Blitz⸗Billy,“ erwiederte der Topgaſt.„Alles, was ich verlange, iſt ein blanker Wiſcher und ein ordentlich geſchnürter Stopfer. Guinea, mache mir einen derben Pfropfen, ſo auf deine Manier, für ein halb Dutzend Kugeln; wenn der Spektakel vorüber iſt, wird man ſehen, wie Fid ſeinen Samen geſtreut hat.“ „Ihr ſeid nicht unbewandert in Gefechten, Maſter Fid.“ „Gott ſoll Ew. Gnaden behüten! Schießpulver iſt mir nicht mehr, als meinen Naſenlöchern dürrer Taback! Doch wenn ich ſagen ſoll———⸗ „Ihr wolltet ſagen——“ „Daß ich mich nicht recht in meine Lage hinein finden kann. Ich denke, Mr. Harry hat das Alles ſchwarz auf weiß in der Taſche; ſo viel muß ich aber ſagen, wenn ich Steine werfen muß, ſo ſollen ſie lieber in der Nachbarin Geſchirr fahren, als in das meiner eigenen Mutter. Guinea, mache mir für ein Paar Kugeln mehr, ſag' ich dir, denn ich bin geſonnen, wenn der Tanz losgehen ſoll, den Blitz⸗Billy ein Uebriges für ſeinen guten Ruf thun zu laſſen.“ Der Freibeuter wandte ſich gedankenvoll und ſchweigend um, und begegnete dem Auge Wilders, den er wieder zu ſich winkte. „Mr. Wilder,“ ſprach er im Tone der Güte,„ich begreife Ihre Gefühle. Nicht Alle auf jenem Schiffe haben Sie beleidigt, und Sie wünſchten lieber, Ihr Kampf gegen jene verwegene Flagge möchte in einem andern Schiffe beginnen. Es iſt weiter nichts, als ein bischen leere Ehre in dem Kampfe zu erlangen;— aus Scho⸗ nung für Ihre Gefühle will ich ihn vermeiden.“ „Zu ſpät!“ ſagte Wilder, und mit trübem Kopfſchütteln. „Sie werden ſehen, daß Sie ſich irren. Das Manöver kann uns eine Lage koſten, aber es glückt. Gehen Sie und bringen Sie unſere Gäſte an einen ſichern Ort; bis Sie wiederkehren, werden Sie die Scene verändert finden.“ Wilder verſchwand ſogleich, und eilte in die Staatskajüte, wohin Mrs. Wylllys ſich bereits zurückgezogen hatte, theilte ihnen die Abſicht ſeines Kommandeurs mit, ein Treffen zu vermeiden, und führte ſie in den untern Schiffsraum, wo ſie vor Unfällen, die ihre Rückerinnerung an dieſe Stunde verbittern konnten, ſicher waren. Nachdem er dieſer Pflicht ſchnell und ſorgfältig ſich entle⸗ digt, eilte er mit der Schnelligkeit des Gedankens wieder auf das Deck zurück. Obgleich ſeine Abweſenheit nur die eines Augenblicks geſchie⸗ nen, ſo hatte ſich in der That bereits jeder Anſtrich von Feindſelig⸗ keit verwiſcht. Statt der franzöſiſchen Flagge wehten auf des Del⸗ phin Spitze die Inſignien Englands, und ein raſcher und leicht verſtändlicher Wechſel von unbedeutendern Signalen war zwiſchen beiden Schiffen im Gange. Von der ganzen Segelmaſſe, welche noch vor Augenblicken des Freibeuters Schiff niedergedrückt hatte, blieben noch die Bramſegel allein an ihren Raaen aufgeſpannt; die übrigen hingen in Feſtons, und flatterten loſe vor einer günſtigen Kühlte. Der Kiel ſelbſt eilte direkt auf den Fremden zu, der ſei⸗ nerſeits ſeine luftigen Tücher ganz langſam nachholte, wie wenn er über das Entgehen einer ſehnlich erwarteten, hochgeſchätzten Priſe ärgerlich wäre. „Jetzt iſt der Burſche dort verdrießlich, daß er den für einen Freund halten muß, den er vor Kurzem noch als Feind betrach⸗ tete,“ ſagte der Freibeuter und machte ſeinen Lieutenant auf die zu⸗ trauliche Art aufmerkſam, womit ſich der Nachbar durch das falſche Signal berücken ließ.„Es iſt eine lockende Verſuchung, Wilder; Ihrentwegen aber will ich ihr widerſtehen.“ Der Lieutenant war überraſcht, erwiederte aber kein Wort. Die Zeit zur Ueberlegung oder Unterredung war ihnen indeß nur kurz zugemeſſen. Der Delphin eilte raſch vorwärts, und jeden Au⸗ genblick verkürzte ſich die Entfernung, welche noch die kleinern Ge⸗ genſtände an Bord des Fremden dem Auge verborgen hatte. Ka⸗ nonen, Pflöcke, Taue, Anker, Menſchen, und ſogar Geſichtszüge, wurden in raſcher Aufeinanderfolge, mit jedem Ruck des Corſaren⸗ Schiffes deutlich ſichtbar. In wenig Minuten legte ſich der Fremde, nachdem er die meiſten leichtern Tücher angeholt hatte, an den Wind; dann braßte er ſeine Hinterſegel breit, daß ihre äußere Fläche die Kühlte empfing, und jetzt ſtand die Maſſe ſule Die Mannſchaft des Delphin hatte inſoweit die zutrauens⸗ volle Leichtgläubigkeit des betrogenen Kreuzers der Krone nachge⸗ ahmt, daß ſie ihre höchſten Segel anholte. So feſt baute jeder Einzelne auf die Einſichten und die Kühnheit des ſonderbaren We⸗ ſens, dem es ein eigenes Vergnügen gewährte, ihr Schiff in die ſo gewagte Nähe eines mächtigen Feindes zu bringen,— Eigenſchaf⸗ ten, die ihnen in viel ſchwierigen Fällen zu wohl zu Statten ge⸗ kommen waren, als daß ſie ihrem Gedächtniß hätten entfallen kön⸗ nen. Mit dieſer kecken Zuverſicht glitt der furchtbare Korſar in anmuthiger Segellinie, bis innerhalb weniger hundert Fuß von deſ⸗ ſen Luvſeite auf ſeinen argloſen Nachbar an, fiel vom Winde ab, und kam zum Stehen. Wilder, der indeß alle Bewegungen ſeines Obern mit ſchweigendem Staunen betrachtete, bemerkte alſobald, daß die Spitze des Delphin nicht in gleicher Richtung mit der des an⸗ dern Schiffes lag, und daß er durch das Gegenwirken ſeiner Bram⸗ ſegelſtangen zum Stehen gebracht worden; ein Umſtand, der den Vortheil ſchnellerer Handhabung des Schiffes gewährte, wenn ein plötzlicher Gebrauch des Geſchützes nothwendig werden ſollte. 5 8 Der Delphin ſchwankte noch gemach auf der Fläche des Waſ⸗ ſers, eine Folge der letzten Bewegung, als die gewöhnliche heiſere und beinahe unverſtändliche Aufforderung von drüben her erſcholl, Kamen und Charakter des Schiffes zu nennen. Der Freibeuter warf ſeinem Lieutenant einen bedeutenden Blick zu, ergriff das Sprachrohr und rief den Namen eines Schiffes in königlichen Dien⸗ ſten, deſſen Größe und Stärke dem ſeinigen gleich war. „Ja, ja!“ ertönte eine Stimme aus dem andern Schiffe,„das habe ich gleich aus Euren Signalen geſehen.“ Nun ward der Gruß beantwortet, und der Name des andern Schiffes herüberge⸗ rufen, nebſt einer Einladung von Seiten ſeines Kommandeurs an ſeinen Bruder, ihn an ſeinem Bord zu beſuchen. So weit war Alles in der zwiſchen Seeleuten in gleichen Dienſten gebräuchlichen Ordnung geblieben; jetzt aber war die Sache ſo weit gediehen, daß wohl die meiſten Menſchen für un⸗ möglich gehalten hätten, den Betrug weiter zu treiben. Jedoch vermochte Wilders forſchendes Auge nicht den geringſten Anſtand oder Zweifel in den Mienen ſeines Obern zu entdecken. In die⸗ ſem Augenblicke ertönte auf dem Kreuzer drüben Trommelſchlag, es war das Zeichen zum„Rückzug von den Poſten“; mit völliger Gemüthsruhe befahl er, ſeiner Mannſchaft dieſelbe Ordre zu geben. Kurz, fünf Minuten reichten hin, zwiſchen zwei Schiffen, jeden Schein gänzlichen Vertrauens und aufrichtiger Freundſchaft herzuſtellen, welche bald in tödtlichem Kampfe begriffen geweſen wären, wenn nur das Eine des Andern wahren Charakter gekannt hätte. In dieſem Zuſtand des zweifelhaften Spieles, das er ſpielte, zog der Freibeuter ſeinen Lieutenant zu ſich, dem noch die Einla⸗ dung in den Ohren ſummte. „Sie hören,“ ſprach er und ein ſpöttiſches Lächeln. zog ſich um ſeine höhnenden Lippen,—„daß man wünſcht, ich möge mei⸗ nem ältern Herrn Kollegen im Dienſte Sr. Majeſtät einen Beſuch abſtatten; macht es Ihnen Vergnügen, mit von der Parthie zu ſein?“. Das Staunen, womit Wilder dieſen kecken Vorſchlag aufnahm, war bei Weitem zu natürlich, als daß es von irgend einer verſtell⸗ ten Bewegung herzurühren ſcheinen konnte. Nicht ſogleich war er ſeiner Stimme mächtig; dann aber rief er aus: Seeräuber.— 11 ——— — — —. 162 „Sie ſind doch nicht ſo thöricht, dieſes Wagſtück zu unter⸗ nehmen?“ „Wenn Sie für ſich fürchten, ſo kann ich allein gehen.“ „Fürchten!“ wiederholte der junge Mann, deſſen funkelnder Blick durch eine höhe Röthe, die auf ſeiner Wange aufglühte, noch feuriger erſchien;„es iſt nicht Furcht, Kapitän Heidegger; Klugheit iſt es, die mir gebietet, mich verborgen zu halten. Meine Gegen⸗ wart würde den Charakter dieſes Schiffes verrathen. Sie vergeſ⸗ ſen, daß auf jenem Kreuzer keine Seele iſt, der ich nicht bekannt wäre.“ „Das hatte ich in der That vergeſſen. Bleiben Sie denn, ich gehe, und drehe dem leichtgläubigen Kapitän Sr. Majeſtät eine Naſe.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, ging der Freibeuter davon, und paßte ſchnell ſeinen Anzug der Würde und dem Range an, welche er darzuſtellen Willens war. „Sichrere und raſchere Augen,“ bemerkte er hierauf kaltblütig gegen Wilder,„als die das Haupt des Kapitäns Bignall ſind ſchon betrogen worden.“ „Sie kennen ihn demnach?“. „Mr. Wilder, meine Geſchäfte verſetzen mich in die Nothwen⸗ digkeit, vieles zu wiſſen, was andere Menſchen überſehen. Nun iſt dieſes Abentheuer, von dem Sie nichts weniger als glücklichen Er⸗ folg hoffen, nichts deſto weniger ſehr leicht zu beſtehen. Ich weiß, daß an Bord des Dart kein Offizier, keine Seele iſt, die das Schiff geſehen hat, deſſen Name ich fälſchlich gebraucht habe. Es iſt zu neu vom Stapel, als daß ich dabei etwas wagte. Ferner iſt nur wenig Wahrſcheinlichkeit vorhanden, daß ich in meiner angenomme⸗ nen Rolle genöthigt ſein werde, Bekanntſchaft mit Einem ſeiner Offiziere anzuerkennen; denn Sie wiſſen wohl, daß dieſes Ihr ehe⸗ maliges Schiff ſeit Jahren nicht in Europa war; und endlich, wenn Sie dieſe Bücher überblicken, ſo werden Sie finden, daß ich ein be⸗ günſtigter Sterblicher, der Sohn eines Lords bin, und erſt ſeit des Dart Abfahrt, nicht nur in's Kommando, ſondern auch in das Mannesalter getreten bin.“ 4 „Das ſind freilich ſehr günſtige Umſtände, die ich mit meinem 163 * Verſtande nicht zu entdecken im Stande geweſen wäre.— Warum aber überhaupt wollen Sie dieſes Wagſtück unternehmen?“ „Warum? Vielleicht liegt der tiefe Plan zum Grunde, zu erfahren, ob der Verluſt unſerer Priſe auch etwas Bedeutendes ſei? vielleicht— es iſt nun einmal meine Idee. Dieſes Aben⸗ theuer hat etwas ungemein Anziehendes für mich.“ „Und etwas ungemein Gefährliches.“ „Ich bin nicht gewohnt, den Preis ſolcher Freuden zu berech⸗ nen.— Wilder,“ ſetzte er hinzu, und blickte ihn mit einem freund⸗ lichen Auge an, in welchem ſich freimüthige Hingebung malte, „Wilder, ich lege Ehre und Leben in Ihre Hände, denn mir wäre es Entehrung, gegen das Intereſſe meiner Mannſchaft zu handeln.“ „Ihrem Vertrauen ſoll entſprochen werden,“ erwiederte unſer Abentheurer, in einem ſo leiſen Tone, daß er beinahe unverſtänd⸗ lich ward.— Jetzt betrachtete der Freibeuter einen Augenblick ſcharf die Hal⸗ tung ſeines Begleiters, lächelte, zufrieden mit der Antwort, winkte mit der Hand ein Lebewohl, und wandte ſich, die Kajüte zu ver⸗ laſſen. Feſten Schrittes betrat er ſein Deck, mit einer Haltung, die keinen Gedanken an das Gewagte ſeines Unternehmens verrieth. Sein Blick ſtreifte mit ſeemänniſcher Sorgfalt von Segel zu Segel; und keine Braſſe, keine Spiere, keine Bulinie entging dem raſchen und vielgeprüften ſichern Auge; dann ſchickte er ſich an, ein Boot zu beſteigen, das ihn bereits erwartete. „Wilder, leben Sie wohl!“ ſagte er;„ich laſſe Sie als Be⸗ fehlshaber meiner Mannſchaft, und Herr meines Schickſals zurück; ich ſcheide in der Ueberzeugung, daß ich Beides keinen würdigern Händen anvertrauen konnte.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, ſtieg er raſch in das Boot hinab, das im nächſten Augenblicke keck auf den königlichen Kreu⸗ zer losſteuerte. Der kurze Zeitraum zwiſchen Abfahrt der Aben⸗ theurer und Ankunft am feindlichen Schiffe, ward von ſämmtlichen Zurückgebliebenen in geſpannter und ergreifender Erwartung verlebt. Derjenige aber, der am meiſten bei dem Erfolge betheiligt war, verrieth weder mit dem Auge, noch mit irgend einer Geberde, die Aengſtlichkeit, welche ſich der Gemüther ſeiner Untergebenen in 11⸗ 164 hohem Grade bemächtigt hatte. Man empfing ihn mit den, ſeinem vermeinten Range gebührenden Ehrenbezeugungen, er aber erſtieg die Seite des feindlichen Fahrzeugs mit einer Leichtigkeit und Un⸗ befangenheit, welche Jedermann leicht täuſchen konnte. Sein Em⸗ pfang von Seiten des ehrwürdigen Veterans, deſſen langjährige und hohe Verdienſte mit dem Kommando ſeines Schiffes eine nur magere Vergeltung erhalten hatten, war frei, männlich und einem Seemann angemeſſen. Sobald die übrigen Begrüßungen vorüber waren, führte der Letztere ſeinen Gaſt in ſeine Gemächer. „Nehmen Sie Platz, Kapitän Howard, wie es Ihnen gefällig iſt,“ ſagte der ſchlichte alte Seemann, und ſetzte ſich ſelbſt mit eben ſo wenig Umſtänden, als er ſeinen Begleiter dazu aufgefordert hatte; „einem Edelmann von Ihrem ungewöhnlichen Verdienſt muß es zuwider ſein, die Zeit mit unnützen Worten zuzubringen, obgleich Sie ſehr jung ſind— ſehr jung für das ſchöne Kommando, das Sie das Glück haben zu führen.“ „Im Gegentheile, ich verſichere Sie, daß ich anfange, mich bereits ſehr alt zu fühlen,“ erwiederte der Freibeuter, und ſetzte ſich kaltblütig an die andere Seite des Tiſches, wo er von Zeit zu Zeit ſeinem Wirthe grade in das Auge blicken konnte;„ſollten Sie es glauben Sir? wenn ich den heutigen Tag überlebe, ſo habe ich ein Alter von 23 Jahren erreicht.“ „Ich hätte Ihnen einige Jahre mehr gegeben, junger Herr; aber London kann das menſchliche Antlitz eben ſo ſchnell furchen, als der Aequator. „Ein höchſt wahres Wort, Sir. Ich hatte wirklich ſchon Augenblicke, in denen ich dachte, ich müßte als ein demüthiges Ge⸗ ſchöpf von Lieutenant Abſchied von der Welt nehmen.“ „Ihr Mißvergnügen wäre dann eine gallopirende Schwind⸗ ſucht geweſen!“ brummte ungehalten der alte Seeoffizier.„Man hat Sie wenigſtens in einem hübſchen Dinge weggeſchickt, Kapitän Howard.“. „Es iſt erträglich, Bignall, aber ſchrecklich klein. Ich ſagte meinem Vater, wenn der Lord Groß⸗Admiral nicht ſchleunig durch den Bau größerer Fahrzeuge zur Wiederherſtellung des Dienſtes Maßregeln ergriffe, würde die Schifffahrt in gemeine Hände fallen. 165 Finden Sie nicht die Bewegung auf dieſen Eindeckern ſchrecklich quälend?“ „Wenn ein Mann fünf und vierzig Jahre hindurch herum⸗ geſchleudert worden, Kapitän Howard,“ entgegnete ſein Wirth, und ſtrich ſich ſeine grauen Locken, da es ihm an einem andern Mittel fehlte ſeinen Aerger zu unterdrücken;„ſo wird es ihm nach und nach ziemlich gleichgültig, ob ſein Schiff einen Fuß mehr oder we⸗ niger mißt.“ „Ei! das iſt, wenn ich ſagen darf, was man philoſophiſchen Gleichmuth zu nennen pflegt, und dieſer iſt nicht ſehr nach meinem Geſchmack. Aber nach dieſem Kreuzzuge werde ich angeſtellt wer⸗ den, und dann will ich meinen Einfluß geltend machen, um einen Küſtendienſt in der Themſe zu erhalten; Sie wiſſen, Bignall, heut' zu Tage geht Alles durch Einfluß.“ Der ehrliche alte Matroſe verbiß ſeinen Grimm ſo gut er konnte; doch hielt er für das zweckmäßigſte Mittel, um in ein Gleis zu kommen, in welchem er ſeinem Stande als Wirth Ehre machen konnte, die Rede auf etwas Anderes zu lenken. „Ich hoffe, Kapitän Howard,“ ſagte er, daß trotz den neuen Moden, die Flagge Alt⸗Englands noch immer über der Admirali⸗ tät weht. Sie trugen heute Morgen die Farben Louis ſo lange, daß wir uns, wenns noch eine halbe Stunde länger dauerte, bei den Köpfen gekriegt hätten. 3 „Oh! das war eine herrliche Kriegsliſt. Ich muß wirklich die Geſchichte nach Hauſe melden.“ „Thun Sie's, thun Sie's, Sir! für dieſe That werden Sie in den Ritterſtand erhoben.“ „Schrecklich, Bignall! Mylady meine Mutter, würde bei der Nachricht in Ohnmacht fallen. Nichts ſo Geringes iſt in der Fa⸗ milie geweſen, ich verſichere Sie, ſeit der Zeit, als die Ritterſchaft noch für etwas Hohes galt!“ „Gut, ſehr gut, Kapitän Howard. Es war ein Glück für uns Beide, daß Sie Ihre franzöſiſche Laune ſo bald los wurden, 4 denn nur kurze Zeit noch, und Sie hätten eine volle Lage von mir bekommen! Beim Himmel in den nächſten fünften Minuten wären die Kanonen meines Schiffes— von ſelbſt losgegangen.“ „Ein wahres Glück!— Was unterhält Sie denn ſo, Sir,“ fuhr er gähnend fort, in dieſem öden Winkel der Welt?“ „Was? Sir; die Feinde Sr. Majeſtät, die Sorge für mein Schiff, und die Geſellſchaft meiner Offiziere; es bleiben mir wenig trübe Momente zurück.“ „Ach! Ihre Offiziere; in der That, Sie müſſen Offiziere an Bord haben; doch, denke ich, müſſen ſie ein wenig altväteriſch ſein, wenn ſie Ihnen angenehm ſein können. Wollen Sie mir die Gunſt erweiſen, und mir einen Blick auf Ihre Schiffsliſte ver⸗ gönnen?“ Der Befehlshaber des Dart erfüllte die Bitte und ſchob die Liſte in die Hände ſeines unbekannten Feindes; der Blick aber, womit er es that, war bei Weitem zu ehrlich, als daß er ſich her⸗ abgelaſſen hätte, auch nur im Vorbeigehen ein ſo verächtliches We⸗ ſen ſeines Verweilens zu würdigen. „Welch' eine Liſte von lauter Muth! Nichts als Jarmouth⸗ und Plymouth⸗ und Portsmouth⸗ und Ermouth⸗Namen, das muß ich ſagen! Hier ſind Schmiede genug, um das Eiſenwerk für das ganze Schiff zu ſchmieden. Ach! da iſt ein Burſche, der bei einer Sündfluth ute Dienſte leiſten könnte, Haha! Wer mag dieſer Henry Arche ſein, den ich als ihren erſten Lieutenant aufgezeichnet ſehe.“ „Ein junger Mann, dem nur einige Tröpfchen Ihres Blutes fehlen, Kapitän Howard, um eines Tages an der Spitze der Flotte Sr. Majeſtät zu ſtehen!“ „Wenn er ſo hohe Verdienſte hat, Kapitän Bignall, dürfte ich Sie wohl erſuchen, ihn um die Gunſt ſeiner Gegenwart zu bitten. Ich gönne meinem Lieutenant immer ein halb Stündchen des Morgens— wenn er Manieren hat.“ „Armer Junge! Gott weiß, wo der jetzt ſein mag! Der edle Menſch hat ſich auf eigne Gefahr zu einem höchſt gewagten Dienſt eingeſchifft, und der Erfolg iſt mir eben ſo unbekannt, als Ihnen ſelbſt. Vorſtellungen und ſogar Bitten fruchteten nichts. Der Admiral bedurfte ſehr eines brauchbaren Agenten, und das Wohl der Nation erforderte das Wagſtück; dann, wie Sie wiſſen, müſſen Männer niedriger Herkunft ihr Vorrücken durch Kreuzen anderswo als in London erwerben; und den armen Jungen ver⸗ 167 dankt man einem Wrak, in welchem er als Kind gefunden ward; das iſt der Urſprung des Namens, der Ihnen ſo aufgefallen iſt.“ „Er ſteht doch noch in Ihren Büchern als Erſter Lieutenant, wie ich ſehe?“ „Und ich hoffe, er wird es bleiben, bis er ſich das Schiff er⸗ rungen, das er ſo wohl verdient.— Großer Gott! iſt Ihnen übel, Kapitän Howard? Junge! ein Glas Grog her!“ „Ich danke Ihnen, Sir,“ erwiederte der Freibeuter, ruhig lächelnd, und ſchlug den angebotenen Trank aus; indeſſen kehrte das Blut mit einer Heftigkeit in ſein Geſicht zurück, als drohe es die natürlichen Schranken ſeines Laufes zu durchbrechen.„Es iſt nichts als eine Unpäßlichkeit, die ich von meiner Mutter geerbt. So ge⸗ hört denn dieſer Mr. Arche nach Allem nicht zu den Leuten!“ „Ich weiß nicht, was Sie unter Leuten verſtehen, Sir; wenn aber ein hoher, ächter Muth, große Verdienſte in ſeiner Daufe und ſtrenge Rechtlichkeit etwas gelten auf Ihren weiten Seeſtrecken, Kapitän Howard, ſo wird Henry Arche bald eine Fregatte kom⸗ mandiren.“ „Vielleicht, wenn Jemand genau weiß, worauf ſeine Anſprüche ſich gründen,“ fuhr der Freibeuter mit einem einnehmenden Lächeln fort;—„ich könnte in einem Briefe nach Hauſe ein Wörtchen fallen laſſen, das dem Jungen keinen Schaden zufügte.“ „Ich wünſchte bei'm Himmel, ich dürfte den Charakter des Dienſtes, in dem er ſteht, entdecken!“ rief warm der gefühlvolle alte Seemann aus, der eben ſo ſchnell eine zugefügte Kränkung vergaß, als ſie ihn anregte.„Sie können jedoch, auf mein Wort, von ſeinem Charakter durchaus ſagen, daß er ein ehrenwerther und kühner Mann iſt, der nur das Wohl der Unterthanen Sr. Majeſtät vor Augen hat. Wirklich glaubte ich vor kaum einer Stunde, daß ſein Unternehmen vollkommen gelungen ſei.— Setzen Sie öfter Ihre Oberſegel bei, Kapitän Howard, während Sie die untern Tü⸗ cher auf die Raaen gerollt laſſen? Was mich betrifft, ſo kommt mir ein ſolches Schiff ein wenig vor, wie ein Mann, der ſeinen Rock anzieht, ehe er ſeine Beine in die Unterkleider geſteckt hat.“ „Sie ſpielen auf den Unfall an, der mir mit dem Bramſegel widerfahren iſt, als Sie mich zuerſt gewahr wurden.“ „Das meine ich, ja. Wir entdeckten durch die Fernröhre einen Schimmer von Ihren Spieren; hatten Sie aber bereits wieder aus dem Geſichte verloren, als die fliegende Ente ein Auge auf meinem Schiffe traf. Ich kann es nicht weniger als merkwürdig nennen, und es hätte für einen höchſt bedeutenden Umſtand gelten können.“ „Ach! ich thue öfters dergleichen, um ſonderbar zu ſcheinen; Sonderbarkeiten ſind Zeichen von aufgewecktem Geiſte, wie Sie wiſſen.— Aber auch ich befinde mich auf dieſen Strecken in Folge eines beſondern Auftrags.“. Sein Wirth war zu einfachen Gemüth's, als daß er ſich hätte bemühen ſollen, den herben Zug, der ſich auf ſeiner Stirne lagerte, zu verbergen; vielmehr entfuhr ihm die etwas unfeine Frage: „Und welchen Auftrags?“ „Auf ein Schiff zu lauern, das mich gewaltig heben ſoll, wenn ich das Glück habe, ihm zu begegnen. Eine Zeit lang hielt ich Sie für den Herrn, auf den ich Jagd machen ſoll; und ich verſichere Sie, wenn Ihre Signale nicht ſo ganz unzweideutig ge⸗ weſen wären, ſo hätte es etwas Ernſtliches unter uns abgeſetzt.“ „Und wenn ich fragen darf, für wen hielten Sie mich?“ „Für keinen Andern, als den berüchtigten Burſchen, den ro⸗ then Freibeuter.“ „Was zum Teufel fiel Ihnen ein? Glauben Sie denn, Ka⸗ pitän Howard, daß ein Seeräuber auf den Wellen exiſtirt, welcher ſolches Hanfwerk über ſich hat, wie man es an Bord des Dart findet? Ich darf doch zur Ehre Ihres Schiffes hoffen, daß der Irrthum nicht weiter ging, ſondern beim Kapitän allein blieb?“ „Bis wir zu den Signalen kamen, war die eine Hälfte der beſſern Meinungen etwas gegen Sie, Bignall, ich erkläre es Ihnen offen. Sie ſind wirklich ſchon ſo lange von Haus weg, daß der Dart ordentlich eine Piraten⸗Miene angenommen hat. Es ſoll und darf Sie das nicht beleidigen, noch kränken; ich ſag' es Ihnen nur als Freund.“ 3 „Und, wie Sie mir die Ehre erzeigt haben, mein Schiff für einen Freibeuter zu halten,“ erwiederte der alte Seeman und ſtimmte ſeinen Zorn zu luſtigem Spott herab, ein Uebergang, der den Aus⸗ druck ſeines Mundes in grimmiges Grinſen verwandelte;„ſo könn⸗ ten Sie auch hinter dieſem rechtſchaffenen Mann hier den Beelzebub ſuchen.“ Bei dieſen Worten wandte der Befehlshaber des Schiffs, wel⸗ cher eine ſo gehäſſige Anſchuldigung hatte erdulden müſſen, das Auge ſeines Gaſtes auf einen Dritten, welcher mit der Freiheit einer bevorzugten Perſon, aber ganz leiſen ungehörten Tritten in die Ka⸗ jüte gekommen war. Als das raſche und unſtäte, ungeduldige Auge des vorgeblichen Offiziers der Krone ſich auf dieſe unerwartete Ge⸗ ſtalt heftete, ſtand er unwillkührlich auf, und jetzt ſchien eine halbe Minute lang jene wunderbare Gewalt über Muskeln und Nerven, die ihm bei ſeiner Maskerade ſo herrlich zu Statten gekommen war, gänzlich verlaſſen zu haben. Es war aber die Dauer dieſes Zu⸗ ſtandes der höchſten Ueberraſchung zu kurz, als daß man ihn be⸗ merken konnte; und kalt erwiederte er die Begrüßungen eines ält⸗ lichen Mannes von beſcheidenem und unterwürfigen Blicke mit ſeiner gewinnenden Höflichkeit, die ihm ſo leicht zu Gebote ſtand. „Dieſer Herr iſt Ihr Kaplan, Sir, wie ich aus ſeinem geiſt⸗ lichen Ornate ſchließe,“ ſagte er, nachdem die begrüßenden Verbeu⸗ gungen von beiden Seiten gewechſelt waren. „Es iſt, Sir, ein würdiger, rechtſchaffener Mann, den ich zu meiner Freude, meinen Freund nennen kann. Nach einer Tren⸗ nung von dreißig Jahren, hatte der Admiral die Güte, mir ihn auf dieſen Kreuzzug mitzugeben, und obgleich mein Schiff keines der größeſten iſt, ſo glaube ich, befindet er ſich dennoch ſo wohl hier, als immer an Bord der Admiralitätsflagge.— Dieſer Edel⸗ mann, Doktor, iſt Seine Gnaden Kapitän Howard, von Sr. Ma⸗ jeſtät Schiff Antelope. Ich brauche mich nicht über ſeine hohen Verdienſte zu verbreiten, weil das Kommando, das er in ſeinen Jahren führt, mehr als hinreichend über ſeine Vorzüge ſpricht.“ Aus dem Angeſichte des Gottesmannes leuchtete ein Blick der Ueberraſchung und des Befremdens, als er den vorgeblichen Spröß⸗ ling hohen Adels in's Auge faßte; doch war ſeine Verwunderung minder auffallend und von kürzerer Dauer, als die des Gegenſtan⸗ des ſeines Staunens. Noch einmal verbeugte er ſich beſcheiden und mit jener tiefen Ehrfurcht, welche eine lange Uebung ſelbſt in den natürlichſten Gemüthern erzeugt, wenn ſie in Berührung mit dem eingebildeten Uebergewichte angeſtammten Ranges kommen; dennoch ———— 4— 3 170 beuter wandte ſich Geſpräch fortzuſetzen. „Kapitän Bignall,“ fuhr er mit dem anmuthigen Weſen fort, das ihm ſo wohl anſtand,„es iſt meine Pflicht, Ihren Vorſchlägen g machen werden. Ich ün⸗ ſen Gegenden en einen Plan gemein⸗ „der durch Ihre Erfahrung geläutert, zu folgen, die Sie bei unſerer Unterredun will nun auf mein Schiff zurückkehren; und wenn, wie mir bed ken will, wir Beide uns in gleicher Abſicht in die befinden, ſo können wir nach unſerm Belieb ſamen Handelns verabreden uns zu dem Ziele führen kann, das wir Beide im in ſeiner zuvorkommenden Höf⸗ , das auf eine Alle frühern Aner⸗ bieten wurden höflich abgelehnt, dieſe Einladung aber angenommen; mit der Nothwendigkeit, auf diejenigen ſeiner Offiziere zu ur Theilnahme an den Freu⸗ etreff ſeiner ſauer ver⸗ dienten und lange verzögerten Beförderung hätte fühlen ſollen. Er behielt demnach bei ſeiner angeborenen und männlichen Rechtlichkeit die Mittel zur Erreichung dieſes Hauptzweckes im Auge. Es wird am Hofe viel ein Zuſammentreffen mit ihm. Der mplimentirt, zurückkehrender Herzlichkeit. Als er chen und vielleicht die ſich um den ——— ſchien ihm dieſes Zuſammentreffen keine Veranlaſſung zu einem Worte mehr als den gebräuchlichen Begrüßungsformeln. Der Frei⸗ ruhig zu ſeinem bejahrten Kollegen, um das 16 Weg, den er gehen mußte, gruppirt hatten; der Ausdruck aber ſeiner Miene wurde wieder ruhig und außerdem etwas kühn, um dieſem Theile der Komödie, die er zu ſpielen die Laune hatte, keinen Ein⸗ trag zu thun. Dann ſchüttelte er dem würdigen völlig getäuſchten alten Seemann herzlich die Hand, und berührte ſeinen Hut vor den Untergebenen deſſelben, halb ſtolz und halb herablaſſend. Er war am Einſteigen in ſein Boot begriffen, als der Kaplan ſeinem Ka⸗ pitän angelegentlich etwas ins Ohr flüſterte. Dieſer beeilte ſich, ſeinen abgehenden Gaſt zurückzurufen, und ihn mit überraſchender Gravität um einen Augenblick beſonderer Aufmerkſamkeit zu bitten. Er ließ ſich von den Beiden bei Seite führen und ſtand, in Er⸗ wartung deſſen, was ſie ihm zu eröffnen haben würden, mit ſo ruhiger Haltung da, daß dieſes Beherrſchen ſeiner Nerven ihm zum Ruhme gereichte. „Kapitän Howard,“ begann der heißfühlende Bignall,„haben Sie einen Geiſtlichen auf Ihrem Schiffe?“ „Zwei Sir;“ war die ſchnelle Antwort. „Zwei! Ein überzähliger Prieſter iſt auf einem Kriegsſchiffe eine Seltenheit! Doch,“ brummte er vor ſich hin,„der Einfluß bei Hofe könnte ihm einen Biſchoff verſchaffen!— Sie ſind glück⸗ lich in dieſem Punkte, junger, gnädiger Herr, indeß ich mehr der Neigung als der Gewohnheit meinen würdigen Freund hier ver⸗ danke. Er hat mir jedoch angelegen, daß ich den— ich wollte ſagen, die— ehrwürdigen Herren in der Einladung mit begriffe.“ „Sie ſollen alle Gottesgelahrheit haben, die auf meinem Schiffe hauſt, auf meine Ehre.“ „Ich glaube, ich habe Ihnen noch beſonders Ihren erſten Lieutenant genannt.“ „DOhl todt oder lebendig, zählen Sie darauf, er ſoll von Ihrer Parthie ſein;“ rief der Freibeuter mit einer Schnelligkeit und Heftigkeit der Stimme, daß ſeine beiden Zuhörer vor Staunen erſtarrten.„Er iſt nicht gerade eine Arche, auf der Sie Ihren müden Fuß aufſetzen können, um zu ruhen, wie er aber iſt, ſo ſteht er Ihnen ganz zu Dienſten. Und nun noch einmal grüße ich Sie.“ Mit einer wiederholten Verbeugung und ſeiner vorigen feſten Haltung ſchritt er über das Deck weg und faßte beim Herabſteigen die hohe Takellage des Schiffes in's Auge, mit demſelben kritiſchen 162 Scharfblick, mit welchem der Stutzer der Hauptſtadt die Ausſtaffi⸗ rung des Kleinſtädters muſtert, der zum erſten Male vor ihm er⸗ ſcheint. Sein Oberer wiederholte ſeine Einladung mit Wärme, winkte mit ſeiner Hand einen freimüthigen, langen Abſchiedsgruß zu, und ließ ſo in ſeiner Unwiſſenheit den Mann entwiſchen, deſſen Fang ihm die lange hinausgeſetzten und noch entfernten Vortheile erworben hätte, um deren Beſitz er ſich mit der quälenden Sehn⸗ ſucht einer grauſam immer von Neuem ſich verſchiebenden Hoffnung innerlich abhärmte. Vierzehntes Kapitel. „Ja!“ brummte der Freibeuter, als ſein Boot unter dem Spiegel des Kreuzers der Krone wegglitt,„ja! ich und meine Offi⸗ ziere, wir wollen bei euerm Bankett ſein! Die Speiſen aber ſollen dieſen Miethlingen des Königs nicht behagen!— Stoßt kräftig zu, Leutchen ſtoßt! in einer Stunde ſollt ihr zur Belohnung die Schiffsräume dieſes Gecken durchſtöbern.“ Die gierigen Freibeuter, welche die Ruder führten, vermochten kaum ihr Freudengeſchrei zurückzuhalten, was doch die Klugheit noch zu vermeiden gebot, ſie machten indeſſen ihren erregten Gefühlen in erhöhten Anſtrengungen Luft, in deren Folge die Pinnaſſe pfeil⸗ ſchnell über die Fluthen eilte, und in der nächſten Minute befan⸗ den ſich die ſämmtlichen Abentheurer wieder unter den ſchirmenden Kanonen ihres Delphin. Aus den kühnen Blitzen, die in dem Auge des Freibeuters leuchteten, als ſein Fuß wieder das Deck ſeines eigenen Schiffes betrat, erſah die Mannſchaft, daß der Moment eines entſcheidenden Schrittes eingetreten war. Einen Augenblick verweilte er und über⸗ blickte mit ſchrecklichem Behagen das ganze Gebäude, das er, der verwegene Uebertreter des Geſetzes, befehligte; dann trat er raſch, ohne ein Wort zu ſprechen, in ſeine eigene Kajüte. Entweder hatte er vergeſſen, daß er ſie Andern zum Gebrauche überlaſſen, oder war es ihm in der gegenwärtigen aufgeregten Stimmung ſeines Innern voöllig gleichgültig. Ein raſcher und betäubender Schlag an die Glocke verkündigte ſeinen beunruhigten weiblichen Gäſten, welche das gegenwärtige freundliche Verhältniß der beiden Schiffe ermuthigt hatte, ihren geheimen Verſteck gegen die Kajüte zu ver⸗ tauſchen,— nicht nur ſeine Gegenwart, ſondern auch ſeine Stim⸗ mung. „Laßt den erſten Lieutenant wiſſen, daß ich ihn erwarte!“ lautete der gemeſſene Befehl an den Diener, den der Schlag an die Glocke herbeigerufen hatte. In dem kurzen Zeitraum zwiſchen Befehl und Vollziehung ſchien der Freibeuter mit einer Bewegung zu kämpfen, welche ſein ganzes Weſen ergriffen hatte. Als aber die Thüre der Kajüte ſich öffnete und Wilder vor ihm ſtand, hätte das argwöhniſchſte und ſchärfſte Auge nicht einen Schein der wilden Leidenſchaft, die wirk⸗ lich in ſeinem Innern tobte, zu entdecken vermocht. Mit ſeiner Faſſung kehrte auch die Erinnerung an die Art ſeines Eintritts in einen Raum, den er ſelbſt heilig geſprochen hatte, zurück. Jetzt erſt ſuchte er die entſetzten weiblichen Geſtalten, und eilte, den Schrecken, der aus ihrem ganzen Weſen ſprach, durch Worte der Beſänftigung und Erläuterung zu verſcheuchen. .„In der Erregung,“ ſagte er,„die das Zuſammentreffen mit einem Freunde in mir hervorbringt, habe ich vielleicht vergeſſen, daß ich das Glück habe, Ihnen, meine Damen, als Wirth gegenüber zu ſtehen, und daß ich nur zu ſehr der Nachſicht von Ihrer Seite bedarf..— „Bemühen Sie ſich nicht mit Ihren Höflichkeiten, Sir,“ ſprach Mrs. Wyllys mit Würde;„um uns jedes Eintreten der Art min⸗ der empfindlich zu machen, gefalle es Ihnen immerhin, den Herrn zu ſpielen.“ Der Freibeuter ließ die Damen ſitzen, und als ob er dächte, die gegenwärtige Veranlaſſung entſchuldige ein kleines Abweichen von gebräuchlichen Formen, bedeutete er ſeinen erſten Lieutenant mit einem Lächeln der verbindlichſten Höflichkeit, ein Gleiches zu thun. „Die Schiffsbauer Sr. Majeſtät haben ſchon ſchlechtere Schiffe als den Dart vom Stapel gelaſſen, Mr. Wilder,“ begann er mit einem bedeutenden Blicke, als wolle er daraus ſeinen Lieutenant 174 alles dasjenige errathen laſſen, was er nicht ausſprach;„ſeine Mi⸗ niſter aber hätten ein umſichtigeres Subjekt zu deſſen Kommando wählen können.“ 8 „Kapitän Bignall iſt als wackerer und rechtſchaffener Mann bekannt.“ „Nun, der Ruhm mag ihm bleiben! rechnen Sie das aber ab, ſo bleibt ihm auch nichts übrig. Er giebt mir zu verſtehen, daß er ausdrücklich in dieſe Breite beordert iſt, ein gewiſſes Schiff aufzuſuchen, von dem wir Alle entweder in guter oder ſchlechter Beziehung gehört haben, ich meine den rothen Freibeuter.“ Das unwillkührliche Entſetzen der Gouvernante und die raſche Bewegung, welche Gertrude machte, um ihrer theuren Wyllys Arm zu ergreifen, waren gewiß dem Sprecher nicht entgangen, aber in keiner Weiſe verrieth ſein Weſen, daß er es bemerkt. Dieſe Beſon⸗ nenheit ahmte ſein männlicher Geſellſchafter bewundernswürdig nach, welcher mit einer Ruhe, die auch der durchdringendſte Scharf⸗ blick nicht für erheuchelt halten konnte, antwortete: „Sein Kreuzen iſt gewagt, wenn ich nicht gar ſagen ſoll, er⸗ folglos.“ „ Wohl Beides. Und doch hegt er hohe Erwartungen von dem glücklichen Ausgang.“ „Er theilt wahrſcheinlich mit dem gemeinen Volke den Irr⸗ thum in Betreff des Charakters desjenigen, den er ſucht.“ „Worin irrt er ſich?“ „Ich meine, er erwartet einen gewöhnlichen Seeräuber zu tref⸗ fen,— einen rohen, raubſüchtigen, unwiſſenden und unbarmherzigen Mann, wie Andere ſeines——“ „Seines, was, Sir?“ Ich wollte ſagen, ſeines Schlages, aber ein Seemann, wie der, von dem wir ſprechen, ſteht an der Spitze einer eigenen Rubrik.“ „Nun, wir wollen ihn bei ſeinem gewöhnlichen Namen nen⸗ nen— Seeräuber. Doch ſagen Sie ſelbſt, iſt es nicht ſehr merk⸗ würdig, daß ein ſo bejahrter und erfahrener Seemann, wie Bignall, in dieſe wenig beſuchte Seegegend kommt, um ein Schiff aufzuſuchen, deſſen Gewerbe es in lebendigere Gegend locken muß.“ „Er kann ihm durch die engere See zwiſchen den Inſeln nach⸗ —-—-— gefolgt und dem Cours nachgeſegelt ſein, in dem jener zuletzt ge⸗ ſteuert hat.“ „Das kann er, in der That,“ entgegnete der Freibeuter ſtill⸗ ſinnend.„Ihr ſo tüchtiger Seemann verſteht ſich auf die Berech⸗ nung des Wechſels von Wind und Strom, wie der Vogel auf die Wege in der Luft. Nur noch die Beſchreibung des Schiffes fehlte ihm, und er hätte den Leitfaden gehabt.“ Wilder erwiederte:„Vielleicht beſitzt er auch dieſe Kunde!“ Sein Auge ſenkte ſich bei dieſen Worten, ungeachtet ſeiner Anſtren⸗ gung es ſeſt zu halten, vor dem durchbohrenden Blicke, dem es begegnete, nieder. „Vielleicht nicht. Wirklich er gab mir Urſache zu glauben, daß er einen Agenten hat, der um ſeines Feindes Geheimniſſe weiß. Noch mehr, er geſtand mir das ausdrücklich, und vertraute mir, daß der glückliche Erfolg ſeines Vorhabens von dem Verſtande und den Nachrichten jenes Einen abhinge, welcher ohne Zweifel ſeine geheimen Mittel hat, alles das, was er über die Bewegungen ſeines nunmehrigen Kommandeurs erfährt, ihm mitzutheilen.“ „Hat er ihn namhaft gemacht?“ „Ja wohl.“ „Und— wer iſt's?“ „Henry— Arche, ſonſt auch Wilder genannt.“ „Der Verſuch, es zu läugnen, wäre vergeblich;“ ſprach unſer Abentheurer, ſich mit Würde und hohem Stolze erhebend, worunter er jedoch das peinliche Gefühl zu verbergen ſich bemühte, das in der That ſich ſeiner bemächtigt hatte;„ich ſehe, Sie haben mich erkannt.“ „Als einen falſchen Verräther, Sir.“ „Kapitän Heidegger, Sie ſind hier in Sicherheit, darum mögen Sie dieſe Worte des Vorwurfs gebrauchen.“ Der Freibeuter kämpfte gegen ſeine auflodernde Hitze, und dämpfte ſie glücklich nieder; die Anſtrengung aber lieh ſeiner Miene die Züge herben und bittern Unmuths. „Auch dieſes mögen Sie Ihrem hohen Vorgeſetzten berichten,“ entgegnete er mit höhniſchem Spotte.„Das Seeungeheuer, das wehrloſe Fiſcher plündert, argloſe Küſtengegenden verheert und die Flaggen des Königs Georg zertrümmert, das ſich, wie andere 176 Schlangen, unter dem Fußtritt eines Mannes in ſeine Höhlen ſtiehlt, befindet ſich in Sicherheit, und ſpricht, an der Spitze von Hundert und fünfzig Freibeutern, und hinter den Schutzwänden ſei⸗ ner Kajüte die Meinung ſeines Herzens aus. Vielleicht weiß er auch, daß er in der Atmoſpähre ſanfter und beſänftigender Frauen athmet.“ Die erſte Ueberraſchung aber war bei dem Gegenſtande ſeines Unmuthes vorüber und er konnte nicht weiter weder zu Gegen⸗ ſtichen gereizt, noch durch Vorwürfe außer Faſſung gebracht werden. Ruhig ſeine Arme übereinander legend, antwortete Wilder kaltblütig: „Ich habe dieſes Wagſtück unternommen, um den Occean von einer Geißel zu befreien, welche alle bisherigen Verſuche zu ihrer Vernichtung zu vereiteln wußte. Ich kannte die Gefahr und werde vor ihren Folgen nicht erbeben.“ „Sie werden nicht, nein, Sir!“ antwortete der Freibeuter, und berührte abermals die Glocke, mit einem Finger, der mit dem Gewicht einer Rieſenhand zu wirken ſchien.„Man lege den Ne⸗ ger und den Topgaſt, ſeinen Kammeraden in Ketten und bringe. ſie in Gewahrſam; man verhüte, daß ſie auf irgend eine Weiſe durch Worte oder Zeichen mit dem andern Schiffe Sprache halten.“ — Als der Mann, welchen der wohlbekannte Klang herbeigerufen, ſich wieder zurückgezogen hatte, wandte er ſich abermals zu der feſten und unbeweglichen Geſtalt, die vor ihm ſtand, und fuhr fort: „Mr. Wilder, es beſteht ein Geſetz, welches die Gemeinſchaft, in welche Sie ſich verrätheriſch eingeſchlichen haben, zuſammen ket⸗ tet, ein Geſetz, das Sie und Ihre elenden Wichte zu der Raa⸗ Nocke verweiſen würde, wenn Ihr wahrer Charakter meinen Leuten bekannt würde. Ich darf nur dieſe Thüre öffnen und Ihre Ver⸗ rätherei verkündigen, ſo ſind Sie der zärtlichen Gnade meiner Mann⸗ ſchaft Preis gegeben.“ „Sie werden nicht!“ nein! das werden Sie nicht!“ rief eine Stimme neben ihm, die ihm durch alle ſeinen ehernen Nerven bebte. „Sie haben die Bande aufgegeben, die den Mitmenſchen binden, aber Grauſamkeit iſt Ihrem Herzen fremd. Ich beſchwöre Sie bei den Erinnerungen aller Ihrer früheſten und glücklichſten Lebens⸗ tage; bei der Zärtlichkeit und Liebe, die über Ihre Kindheit wachte; bei jenem heiligen und allwiſſenden Weſen, das nimmer erlaubt, 5 4ʃ daß dem Unſchuldigen ohne Strafe ein Haar gekrümmt werde; ich beſchwöre Sie, halten Sie inne, und vergeſſen Sie Ihre eigene ſchreckliche Verantwortlichkeit nicht! Nein! Sie wollen nicht! Sie können— Sie dürfen nicht ſo unbarmherzig ſein!“ „Welches Schickſal dachte er mir und meinen Gefährten zu, als er ſich an ſein hinterliſtiges Werk begab?“ fragte heiſer der Freibeuter. „Die göttlichen und menſchlichen Geſetze ſind mit ihm,“ fuhr die Gouvernante fort, und zitterte nicht, als ihr Auge dem finſtern Blicke begegnete,„Vernunft ſpricht aus meinen Worten zu Ihnen, und Gnade, weiß ich, ſpricht in Ihrem Herzen. Zweck, Beweggrund heiligen ſein Beginnen; Ihr Leben aber findet Rechtfertigung vor keinem Richterſtuhl, weder des Himmels noch der Erde.“ „Das iſt eine verwegene Sprache für die Ohren eines blut⸗ dürſtigen, wilden Piraten!“ ſagte der Freibeuter und blickte mit einem ſo ſtolzen und ſichern Lächeln um ſich, daß dieſes allein hin⸗ reichte, zu zeigen, wie ſehr der Sprechende gerade das Gegentheil der genannten Eigenſchaften im Sinne hatte. „Es iſt die Sprache der Wahrheit, und Ohren, wie die Ih⸗ rigen, können ſie vernehmen. Wenn——“ „Lady, genug; unterbrach ſie der Freibeuter und erhob ſeinen Arm mit Ruhe und Würde gegen ſie;„mein Entſchluß war gleich gefaßt, und keine Vorſtellung, noch Furcht vor den Folgen vermag ihn zu ändern. Mr. Wilder, Sie ſind frei. Wenn Sie mir nicht ſo treu gedient haben, als ich einmal erwartete, ſo haben Sie mir doch eine Lektion in der Kunſt der Phyſiognomie gegeben, die mich für mein ganzes künftiges Leben weiſer zu ſein lehren wird.“ Wilder ſtand betroffen und demüthig wie ein Selbſtverurtheil⸗ ter. Der Kampf, der in ſeinem innerſten Weſen ſtürmte, war leicht in dem Mienenwechſel eines Geſichts zu leſen, das ſich nicht länger argliſtig verbarg, ſondern von Scham und Betrübniß tief durch⸗ furcht war. Der Streit dauerte aber nur wenige Augenblicke. „Vielleicht, Kapitän Heidegger,“ ſagte er,„kennen Sie meinen Plan nicht in ſeiner ganzen Ausdehnung; er umfaßte Strafe für Ihr Leben, und Tödtung oder Verſprengen Ihrer Mannſchaft.“ „Nach den Gebräuchen, die in jenen Theilen der Welt gelten, welche die Macht haben und den Schwächern unterdrücken, mochte Seeräuber.. 12 178 es der Fall ſein. Aber gehen Sie, Sir, kehren Sie auf Ihr eige⸗ nes Schiff zurück; ich wiederhole Ihnen, Sie ſind frei.“ „Ich kann Sie, Kapitän Heidegger, nicht verlaſſen, ohne ein Wort zu meiner Rechtfertigung vorgebracht zu haben.“ „Wie! Kann der verfolgte, verklagte und verurtheilte Frei⸗ beuter über eine Rechtfertigung gebieten! Iſt ſein Beifall ſogar einem tugendhaften Diener der Krone nöthig?“ „Bedienen Sie ſich zu Ihrem Triumphe aller Ausdrücke, die Ihnen Freude machen, Sir,“ erwiederte Wilder und erröthete bis zu den Schläfen; mich kann jetzt Ihre Sprache nicht beleidigen; und doch möchte ich Sie nicht verlaſſen, ohne einen Theil des Haſſes, den ich in Ihren Augen verdiene, gehoben zu haben.“ „Sprechen Sie frei, Sie ſind mein Gaſt.“ Obgleich die ſchneidendſten Schmähungen den reuigen Wilder nicht ſo tief verwunden konnten, als dieſes großmüthige Benehmen, ſo unterdrückte er dennoch ſeine Gefühle, und fuhr fort: „Ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, daß die öffentliche Mei⸗ nung Ihrem Betragen und Charakter eine Farbe gibt, welche nicht dazu geeignet iſt, die Achtung der Menſchen zu erwerben.“ „Sie mögen Veranlaſſung finden, die Farben ein wenig höher aufzutragen!“ unterbrach haſtig ſein Zuhörer, obgleich die Bewegung ſeiner zitternden Stimme genugſam kundgab, wie tief ihn die Wunde ſchmerzte, welche ihm eine Welt verſetzte, die er zu verachten ſcheinen wollte. „Wenn ich überhaupt ſprechen darf, Kapitän Heidegger, ſo ſollen meine Worte Wahrheit ſein. Iſt es wohl zu verwundern, daß, von Eifer für einen Dienſt beſeelt, den Sie ſelbſt einſt ehren⸗ voll fanden, ich mich willig zeigte, mein Leben zu wagen, und ſogar den Heuchler zu ſpielen, um einen Plan auszuführen, der, wenn er gelang, nicht nur wohl belohnt, ſondern auch gebilligt und geprieſen worden wäre? Mit ſolchen Gefühlen ging ich an das Unterneh⸗ men; aber, ſo wahr der Himmel mein Richter iſt, Ihr männliches Vertrauen hatte mich halb entwaffnet, ehe noch mein Fuß recht Ihre Schwelle betreten.“ „Und doch kehrten Sie nicht um?“ 5 „Es mochten wohl mächtige Gründe mich für das Gegentheil beſtimmt haben,“ erwiederte der ſich Vertheidigende, und ſein Auge 179 ſtreifte unwillkührlich nach den Frauen.„Zu Newport blieb ich meinem Worte treu, und wären meine beiden Begleiter von Ihrem Schiffe los geweſen, ſo hätte es mein Fuß nimmer betreten.“ „Junger Mann, ich bin geneigt, Ihnen zu glauben. Ich glaube Ihre Beweggründe ganz zu durchſchauen. Sie haben ein gewagtes Spiel geſpielt; jetzt murren Sie vielleicht; dereinſt aber werden Sie ſich darüber freuen, daß Alles fruchtlos war. Gehen Sie, Sir; ein Boot ſoll Sie nach dem Dart bringen.“ „Täuſchen Sie ſich nicht ſelbſt, Kapitän Heidegger; glauben Sie ja nicht, daß irgend eine Großmuth von Ihrer Seite mein Auge für meine Pflichten blenden könne. In demſelben Augenblick, in dem mich der Kommandeur des ebengenannten Schiffes erblickt, iſt Ihr Charakter verrathen.“ „Ich erwarte es.“ „Auch wird meine Hand in dem Kampfo, der erfolgen wird, nicht unthätig ſein. Wenn es Ihr Wille iſt, ſo kann ich hier, ein Opfer meines Mißgriffes, fallen, aber von demſelben Momente, da Sie mich entlaſſen, bin ich Ihr Feind.“ „Wilder!“ rief der Freibeuter und ergriff ſeine Hand mit einem Blicke, deſſen Ausdruck die wunderbare Eigenheit der Scene abſpiegelte;„Wilder, wir hätten uns früher kennen müſſen! Doch was hilft das Bedauern! Gehen Sie; ſollte meine Mannſchaft das Gegentheil erfahren, ſo wären alle meine Vorſtellungen ein Flüſtern in den Wind!“ „Als ich an Bord des Delphin kam, war ich nicht allein.“ „Wie?“ rief der Freibeuter und trat kalt einen Schritt zurück, „iſt es nicht genug, daß ich Ihnen Freiheit und Leben anbiete?“ „Was kann ein ſchönes, hülfloſes und unglückliches Weſen, wie dieſes, an Bord eines Schiffes nützen, das einem Gewerbe ge⸗ weiht iſt, wie es der Delphin treibt?“ „Muß ich für immer auch der Gemeinſchaft der Beſten meiner Mitgeſchöpfe entſagen? Gehen Sie, Sir; laſſen Sie mir wenig⸗ ſtens das Bild der Tugend, wenn mir denn ihr Weſen fehlt.“ „Kapitän Heidegger! Einmal, unter dem Einfluſſe Ihrer beſſern Gefühle, ſprachen Sie ein Gelübde aus zu Gunſten dieſer Frauen, welches tief aus dem Herzen kam, wie ich hoffe.“ „Ich verſtehe Sie, Sir. Was ich damals ſagte, iſt nicht ver⸗ 12* 180 geſſen und ſoll nicht vergeſſen werden. Wohin aber wollen Sie Ihre Gefährtinnen bringen? Iſt auf der hohen See nicht ein Schiff ſo ſicher als das andere? Muß ich denn aller Mittel be⸗ raubt werden, mir Freunde zu erwerben? Verlaſſen Sie mich, Sir — gehen Sie,— Sie werden zaudern, bis die Erlaubniß, zu gehen, Ihnen nichts mehr nützen kann.“ „Ich werde nie eine Verpflichtung verlaſſen,“ ſagte Wilder feſt. „Mr. Wilder, oder Lieutenant Arche, wie ich Sie vielmehr nennen muß,“ erwiederte der Freibeuter,„Sie werden auf meine Gutmüthigkeit pochen, bis der Augenblick Ihrer eigenen Sicherheit vorüber iſt.“ „Thun Sie nach Ihrem Willen mit mir; ich ſterbe auf meiner Stelle, oder ich gehe weg in Begleitung derjenigen, mit welchen ich kam.“ „Sir, die Bekanntſchaft, auf welche Sie fußen, iſt nicht älter, als die meinige. Woher wiſſen Sie, daß man ſich vorzugsweiſe gerade Ihrem Schutze übergeben werde? Wenn die Damen, ſeit ihr Glück und Wohlſein meinen Händen anvertraut war, Urſache zur Unzufriedenheit gefunden haben, ſo habe ich mich ſelbſt betrogen und meine eigenen Abſichten vereitelt. Sprechen Sie, meine Da⸗ men, weſſen Schutze wollen Sie ſich übergeben?“ „Entlaſſen Sie mich! o, entlaſſen Sie mich!“ rief Gertrude und wandte ihr entſetztes Auge von dem tückiſchen Lächeln ab, mit welchem der Freibeuter ſich näherte, als ob ſie dem bezaubernden Blicke eines Baſilisken entfliehen wollte:„oh, wenn das Mitleid in Ihrem Herzen nicht erſtorben iſt, ſo erlauben Sie, daß wir Ihr Schiff verlaſſen!“ Ungeachtet der großen Gewalt, welche dieſer Mann, den ſie ſo völlig ſelbſtvergeſſen und unwillkührlich zurückgeſtoßen, immer über ſeine Gefühle ausübte, ſo vermochte doch keine Bemühung den Blick tiefer, demüthigender Kränkung zu unterdrücken, mit dem er ſie anhörte. Ein kaltes und wildes Lächeln fuhr über ſeine Züge; er murmelte mit einer Stimme, die er vergebens zu dämpfen ver⸗ ſuchte: „Ich habe dieſe Scheu vor mir erkauft, und theuer, theuer muß ich die Strafe bezahlen!— Mylady, Sie und Ihre liebens⸗ würdige Pflegetochter gebieten über Ihr Schickſal. Dieſes Schiff 181 und dieſe Kajüte ſtehen zu Ihrem Befehl, aber wenn Sie vorziehen, beide zu verlaſſen, ſo werden Andere Sie aufnehmen.“ „Sicherheit für unſer Geſchlecht,“ ſprach Mrß. Wyllys,„fin⸗ den wir allein unter der ſchimmernden Hut der Geſetze! Wollte der gütige Gott!“— „Genug,“ unterbrach er,„Sie ſollen Ihren Freund be⸗ gleiten.“ Jetzt, als ob es ihm gelte, die Scene ſo raſch wie möglich zu beendigen, gab er abermals ein Zeichen mit der Glocke und befahl, Fid und den Schwarzen in ein Boot zu bringen, wohin er auch das wenige Gepäcke ſeiner weiblichen Gäſte ſandte. Sobald dieſe kurzen Einrichtungen getroffen waren, geleitete er die Gouvernante mit ſteifer Höflichkeit zur Schiffsſeite, und ſah ſie dann wohlbe⸗ halten mit ihrer Pflegbefohlenen und Wilder der Pinaſſe übergeben. Die Ruder wurden von den beiden Matroſen gehandhabt, und ein ſchweigendes Lebewohl von des Freibeuters Hand nachgewinkt; dann verſchwand er den Augen derer, welchen ihre Entlaſſung eben ſo außer den Grenzen der Wirklichkeit erſchien, als ihre bisherige Ge⸗ fangenſchaft. Das angedrohte Dazwiſchentreten der Mannſchaft des Delphin ſummte noch in Wilders Ohren. Er gab ſeinen beiden Unterge⸗ benen einen Wink, die Ruder emſig zu regen, und ſteuerte das Boot vorſichtig in dem Curs, nach welchem es am ſchnellſten aus der Schußweite der Kanonen des Freibeuters kommen mußte. Als ſie unter dem Spiegel des Delphin vorbeiſteuerten, ſchallte ein hei⸗ ſerer Gruß über die Wogen, und die Stimme des Freibeuters ließ den Kommandeur des Pfeiles folgende Worte hören: „Ich ſende Ihnen einen Theil Ihrer Gäſte, und unter den⸗ ſelben alles Göttliche von meinem Schiffe!“ Die Ueberfahrt war kurz; Niemand von den Befreiten hatte Zeit gehabt, ſeine Gedanken nur zu ordnen, als man auch ſchon die Strickleiter des königlichen Kreuzers beſteigen mußte. „Der Himmel ſei uns gnädig!“ rief Bignall aus, als er durch eine Luke das Geſchlecht ſeiner Gäſte gewahr wurde;„der Himmel ſei uns Beiden gnädig, Pfarrer! Der junge Leichtſinn hat uns ein Paar Unterröcke an Bord geſchickt.“ Als aber Gertrude, noch von der Erregung der zuleetzt erleb⸗ 182 ten Scene mit warmer Röthe übergoſſen und von einer Lieblichkeit ſtrahlend, die meiſt der Ausdruck ihrer kindlichen Unſchuld war, auf ſeinem Deck erſchien, rieb der alte Veteran mit einem Erſtaunen ſeine Augen, das nicht größer hätte ſein können, wenn wirklich eines jener Weſen, von denen der Freibeuter geſprochen hatte, von dem Firmament herab ihm zu Füßen gefallen wäre! „Der herzloſe Schurke!“ rief der würdige alte Matroſe,„eine ſo liebenswürdige Jugend zu entführen! Ha! bei meinem Leben! mein eigener Lieutenant! Was iſt das? Mr. Arche! Iſt denn heute der Tag der Wunder?“ Ein Ausruf der Gouvernante aus der Tiefe ihres Herzens, und eine leiſere und klagende Antwort des Geiſtlichen unterbrachen die Fortſetzung ſeiner Ausdrücke von Unwillen und Verwunderung. „Kapitän Bignall,“ bemerkte Erſterer, und deutete auf die wankende Geſtalt, die ſich auf Wilder ſtützte,„bei meinem Leben, Sie irren ſich in dem Charakter dieſer Damen. Es iſt länger, als zwanzig Jahre, daß wir uns zum letzten Male geſehen haben, aber ich bürge mit meinem eigenen Charakter für die Reinheit des ihrigen.“—. „Führen Sie mich in die Kajüte,“ bat leiſe Mrß. Wyllys. „Gertrude, liebe Gertrude, wo ſind wir? Bringen Sie mich an einen einſamen Ort.“ Ihrem Verlangen ward willfahrt; die ganze Gruppe begab ſich zuſammen aus dem Geſichtskreiſe der Zuſchauer, die ſich auf dem Decke zuſammengedrängt hatten. Unten erlangte die tiefbe⸗ wegte Gouvernante ihre Faſſung wieder, und dann ſuchte ihr un⸗ ruhiges Auge das beſcheidene, von reger Theilnahme etwas ſchmerz⸗ lich verzogene Antlitz des Kaplaus. „Ol welch ein ſpätes und herzzerreißendes Wiederſehen,“ ſagte ſie, und preßte ſeine Hand an ihre Lippen.„Gertrude, in dieſem Herrn ſehen Sie den Prieſter, der mich mit dem Manne vereinigte, welcher einſt das Glück und der Stolz meines Lebens war.“ „Betrauern Sie nicht ſeinen Verluſt!“ flüſterte der ehrwürdige Prieſter, über ihren Stuhl gebeugt, mit dem herzlichen Antheile eines Vaters,„er ward in früher Zeit von Ihnen genommen; er ſtarb aber ſo, wie es Alle, die ihn kannten, nur wünſchen mochten.“ 183 „Und Keiner ward hinterlaſſen zum Andenken an ſeine hohen Eigenſchaften, ſeinen ſtolzen Namen auf die Nachwelt zu tragen. Sagen Sie, lieber Merton, iſt nicht die Hand der Vorſehung in dieſer Anordnung? Mußte ich mich nicht vor ihr beugen, als einer gerechten Strafe für meinen Ungehorſam gegen einen liebenden, obſchon zu harten, aber dennoch liebenden Vater?“ „Niemand darf es wagen, in die unerforſchlichen Geheimniſſe jener gerechten Allmacht, die alle Dinge lenkt, einzudringen. Genug für uns, daß wir uns dem Willen deſſen, der regiert, zu unter⸗ werfen lernen, ohne ſeinen Rathſchluß zu erforſchen.“ „Aber,“ fuhr die Gouvernante ſo ſchnell fort, daß ſie deut⸗ lich verrieth, wie mächtig die Verſuchung, ſeine Ermahnung zu ver⸗ geſſen, in ihr kämpfe;„war nicht Ein Leben genug? Mußte ich Aller, Aller beraubt werden?“ „Madame, überlegen Sie! Was geſchehen iſt, iſt in Weis⸗ heit geſchehen, ja aus Gnade.“ „Wahr, ſehr wahr. Ich will Alles vergeſſen, was mich an jene ſchrecklichen Begebenheiten erinnern kann, nur nicht, was Sie mich gelehrt haben. Und Sie, würdiger und edeldenkender Merton, wie und wo haben Sie die Zeit zugebracht, in der wir uns nicht geſehen?“ „Ich bin immer nur der beſcheidene und demüthige Hirte einer wandernden Heerde geweſen,“ antwortete der ſanfte Kaplan mit einem Seufzer.„Manche entfernte See habe ich beſucht, und manches fremde Geſicht, manches fremde Weſen war mir beſchieden auf meiner Pilgerfahrt zu erblicken. Endlich bin ich aus dem Oſten in die Hemiſphäre zurückgekehrt, wo ich zuerſt athmete, und kam mit Erlaubniß unſerer Obern hier auf das Schiff, um einen Mo⸗ nat mit einem Gefährten zuzubringen, deſſen Freundſchaft aus noch früheren Zeiten, als die unſrige, ſtammt.“ „Ja, ja, Madame,“ ſprach der würdige Bignall, deſſen Ge⸗ fühle durch die vorgehende Scene nicht wenig aufgeregt worden; „es iſt ſo ziemlich ein halbes Säkulum, daß der Pfarrer und ich Knaben zuſammen waren, und auf dieſem Kreuzzuge haben wir alte Erinnerungen erweckt. Ich ſchätze mich glücklich, daß eine Dame von ſo hohen, empfehlenden Eigenſchaften uns Geſellſchaft leiſten will.“ „In dieſer Dame ſehen Sie die Tochter des weiland Kapi⸗ tän——, und die Wittwe des Sohnes unſers alten Komman⸗ deurs, des Contre⸗Admirals de Lacey,“ nahm ſchnell der Geiſtliche das Wort, wohl wiſſend, daß der wohlmeinenden Redlichkeit ſeines Freundes mehr zu trauen war, als ſeiner Klugheit. „Ich kannte Beide; es waren ein Paar wackere und geſchickte Seemänner. Dieſe Dame war mir als Ihre Freundin ſchon will⸗ kommen, doppelt aber als die Wittwe und Tochter der Edeln, die Sie genannt haben.“ „De Lacey!“ flüſterte eine bewegte Stimme der Gouvernante in's Ohr. „Die Geſetze geben mir ein Recht auf dieſen Namen,“ erwie⸗ derte ſie, die wir fortan noch bei ihrem angenommenen Namen nennen wollen, und ſenkte ihre Wimper.„Der Schleier iſt uner⸗ wartet weggezogen, meine Liebe, und nun ſoll auch kein Geheimniß mehr ſtattfinden. Mein Vater war Kapitän des Flaggenſchiffes. Die Umſtände nöthigten ihn, mich mehr und länger in der Geſell⸗ ſchaft Ihres jungen Verwandten zu laſſen, als geſchehen wäre, wenn er die Folgen hätte vorausſehen können. Sein Stolz aber und ſeine Armuth, beides war mir zu wohl bekannt, als daß ich hätte wagen dürfen, ihn über mein Schickſal entſcheiden zu laſſen; da meiner unerfahrenen Einbildungskraft die Wahl ſchwerer fiel, als ſein Zorn. Wir wurden insgeheim von dieſem Herrn getraut, und Niemand wußte um dieſe Verbindung. Der Tod——“ Die Stimme verſagte der Wittwe, ſie gab dem Kaplan ein Zeichen, als erſuchte ſie ihn, in der Erzählung fortzufahren. „Mr. de Lacey und ſein Schwiegervater fielen in einem und demſelben Treffen, bald nach der Einſegnung;“ ſetzte die gedämpfte Stimme Mertons hinzu.„Sie ſelbſt, theure Freundin, erfuhren nie die nähern traurigen Umſtände ihres Endes. Ich war ein ein⸗ ſamer Zeuge ihres Todes; denn mir waren Beide anvertraut, mit⸗ ten unter dem Gewühl der Schlacht. Ihr Blut vermiſchte ſich, und Ihr Vater ſegnete den jungen Helden, und wußte nicht, daß er ſeinen Sohn ſegnete.“* „Ohl ich betrog den edlen Mann, und theuer büßte ich das Vergehen!“ rief die Wittwe aus, die ſich ſelber demüthigte.„Sagen Sie mir, Merton, erfuhr er jemals meine Ehe?“ * „Nein! Mr. de Lacey ſtarb zuerſt und an ſeiner Bruſt, denn von jeher hatte er ihn kindlich geliebt; andere Gedanken aber, als unnütze Erklärungen, hatten die Oberhand in ihrem Gemüthe.“ „Gertrude,“ ſagte die Gouvernante in dem dumpfen Tone bitterer Reue;„es gibt keine Ruhe für unſer ſchwaches Geſchlecht, als in der Unterwerfung; kein Glück, als im Gehorſam.“ „Es iſt nun vorüber,“ flüſterte das weinende Mädchen,„Alles vorüber und vergeſſen. Ich bin nun Ihr Kind— Ihre eigene Gertrude,— das Geſchöpf Ihrer bildenden Hand.“—— „Harry Arche!“ rief jetzt Bignall aus, und erweiterte ſeine Kehle mit einer ſo kräftigen Stimme, als hätte er auf dem Außen⸗ deck gehört ſein wollen; zugleich ergriff er ſeinen Lieutenant am Arm und zog ihn bei Seite.„Was für ein Teufel hält dich be⸗ ſeſſen? Du vergiſſeſt, daß ich noch immer von deinen Abentheuern ſo wenig weiß, als der erſte Miniſter Sr. Majeſtät von der Schiff⸗ fahrt. Wie kommt's, daß ich dich hier ſehe, als Beſuch von einem königlichen Kreuzer her; während ich dachte, daß du den hohnnecken⸗ den Piraten in's Garn lockteſt? Und wie kam denn der Hans⸗ wurſt von Adelsſchößling zu einer ſo guten Geſellſchaft und einem ſo tüchtigen Schiff?“ Wilder holte einen langen und tiefen Athemzug, wie aus freundlichem Traume erwachend, und ließ ſich nur ungern von einer Stelle wegziehen, wo er ohne Ermüdung ewig hätte bleiben können. Fünfzehntes Kapitel. Schweigend hatten der Befehlshaber des Pfeil und ſein Lieu⸗ tenant das Hinterdeck erreicht. Das Erſte, was Wilders Augen ſuchten, war das benachbarte Schiff; ſein Blick aber bewegte ſich ſo unſtät und verwirrt, daß man daraus auf eine momentane Ab⸗ weichung ſeiner Verſtandesfähigkeiten hätte ſchließen können. Des Freibeuters Schiff aber lag drüben mit dem ganzen ſchö⸗ nen und bewundernswerthen Ebenmaaß ſeines Baues. Es ſtand 186 nicht mehr raſtend, wie er es verlaſſen, ſondern ſeine Bramraaen waren gehißt, eine Kühlte hatte ſich in die Tücher gelegt, und der großartige Bau begann ſich ohne ſonderliche Eile vorwärts über die Gewäſſer zu bewegen. In ſeinen Bewegungen war jedoch nicht die mindeſte Andeutung eines Verſuchs zur Flucht zu finden. Im Gegentheile, die höhern und leichtern Segel waren alle beſchlagen worden, und einige Matroſen waren in dieſem Augenblicke ſehr emſig damit beſchäftigt, jene dünnern Spieren auf das Deck herab⸗ zulaſſen, welche durchaus nöthig geweſen wären, zur Entfaltung einer ſolchen Maſſe von Segeltuch, wie ſie zur Beſchleunigung ihrer Flucht gebraucht hätten. Wilder wandte ſich ab von dieſem Anblick mit einem leiſen Beben; er wußte nur zu gut, daß dieß die Vor⸗ kehrungen ſind, die der verſtändige Seemann trifft, wenn es zu einem verzweifelten Kampfe kommt. „Ei, dort geht ja dein St. James⸗Seemann mit ſeinen drei Topſegeln voll und dem Beſan heraus, als ob er bereits vergeſſen hätte, daß er bei mir zu Mittag ſpeiſen ſoll, und daß ſein Name an dem einen Ende der Kommandeurs⸗Liſte ſteht, und der meinige an dem andern;“ brummte der unmuthige Bignall.„Doch denk' ich, ſoll er noch bei guter Zeit Kehr⸗ um! machen, wenn ihm ſein Appetit ſagt, daß die Eſſenszeit da iſt. Er könnte wohl in Gegen⸗ wart eines älteren Kapitäns ſeine Flaggen aufziehen, es würde ſei⸗ nem Adel keinen Abbruch thun. Bei Gott, Harry Arche, er hand⸗ habt ſeine Ragen unvergleichlich! Ich bin Ihnen gut dafür, irgend eines tüchtigen Mannes Sohn iſt als Wärterin mit ihm an Bord gegangen in der Uniform des Erſten Lieutenants, und nun wird er, während des Mittagseſſens und mit:„das mache ich auf meinem Schiffe ſo und ‚bei mir darf das nie ſein regaliren. Nicht ſo, Sir? Haha! Er hat einen tüchtigen Seemann als Erſten bei ſich 2 u „Wenige Männer,“ entgegnete Wilder,„verſtehen ihr Geſchäft beſſer, als der Kapitän jenes Schiffes ſelbſt.“ „Den Teufel verſteht er! Sie haben mit ihm über dieſe Materie hin und wieder geſprochen, Mr. Arche, und ſo hat er et⸗ was von dem Pfeil erhaſcht. So ſchnell wie jeder Andere riech' ich auch die Lunte.“ „Ich verſichere Sie, Kapitän Bignall, Sie ſetzen Ihr irdiſches Heil auf's Spiel, wenn Sie auf die Unwiſſenheit jenes außerordent⸗ lichen Mannes rechnen.“ „Aha! Ich beginne ſeinen Charakter zu durchblicken. Der junge Hund iſt ein neckiſcher Patron, und hat ſich mit einem See⸗ mann der alten Schule ein Späßchen gemacht. Habe ich Recht, Sir? Er hat das Salzwaſſer ſchon früher geſehen?“ „Es iſt beinahe ein Seegeborner; denn mehr als dreißig Jahre hat er auf demſelben zugebracht.“ „Da hat er Ihnen etwas aufgebunden, Harry Arche; ich habe aus ſeinem Munde die Verſicherung erhalten, daß er bis morgen 23 Jahre alt iſt.“ „Auf mein Wort, Sir, Er hat Sie hintergangen.“ „Ich weiß nicht, Mr. Arche, das iſt ein Ding, das man leichter ſich vornimmt, als ausführt. Ein Schock Jahre und noch viere darüber wiegen ſchwer in den Füßen, aber auch im Verſtande. Des jungen Herrn Einſicht mag ich zu gering taxirt haben; in Betreff ſeines Alters aber kann der Irrthum nicht beträchtlich ſein. Wohin ſteuert denn der— daß dich der Teufel! Braucht er viel⸗ leicht ein Vorbindtüchelchen von ſeiner Frau Mama, um am Bord eines Kreuzers zum Mittag zu eſſen?“ „Sehen Sie! Er ſteht wahrlich ſeewärts!“ rief Wilder mit einer Schnelligkeit und einem Vergnügen, die bei jedem aufmerk⸗ ſameren Manne, als ſein Kommandant war, Argwohn erregt hätten. „Wenn ich noch Hintertheil vom Bug zu unterſcheiden ver⸗ mag, ſo iſt wahr, was Sie ſagen,“ erwiederte der Andere etwas verdrießlich.„Hören Sie, Mr. Arche, ich gedenke dem Gecken eine Lection im Reſpekt vor ſeinem Vorgeſetzten mit einer Lage zu geben, um ſeinen Appetit zu wetzen. Bei Gott! ich thue es; und auch von dieſem Manöver mag er mit der nächſten Depeſche einen Be⸗ richt nach Hauſe ſenden. Braſſen Sie die Hinterraaen voll; braſ⸗ ſen Sie, Sir; da dem gnädigen jungen Herrn ein Segelwettrennen beliebt, ſo kann er's Andern nicht übel nehmen, wenn ſie dieſelbe Laune haben.“ Der Lieutenant der Wache, an den der Befehl gerichtet war, gehorchte; und in der folgenden Minute bewegte ſich der Pfeil eben⸗ falls nach vorne, doch in einer von der des Delphin verſchiedenen Richtung. Der alte Mann genoß über ſeinen Entſchluß hohe 188 Freude, der er in herzlichem, endloſem Lachen und Kichern Luft machte. Er war mit dem eben angeordneten Manöver viel zu an⸗ gelegentlich beſchäftigt, als daß er unmittelbar zu dem Gegenſtande hätte zurückkehren können, der ihn vorher noch ſo innig erfüllt hatte; der Gedanke an die Fortſetzung des Geſprächs kehrte auch nicht eher bei ihm ein, als bis die beiden Schiffe ein weites Waſſerfeld zwi⸗ ſchen ſich gelaſſen hatten, und jedes ſich in ſeinem eigenen Curſe leicht und ſicher bewegte. „Mag er ſich das in ſein Logbuch ſchreiben, Mr. Arche,“ ſagte der reizbare alte Seemann, und kehrte zum Platze zurück, den Wilder in der Zwiſchenzeit nicht verlaſſen hatte.„Obgleich nun mein Koch einem Froſch keinen großen Geſchmack abgewinnen kann, ſo müſſen die, welche ihn kennen lernen wollen, zu ihm kommen. Bei Gott, es wird ihn Mühe koſten, wenn er zu rechter Zeit an⸗ kommen will.— Nun aber, wie gelangten Sie denn auf das Schiff? Dieſer ganze Theil Ihres Kreuzzugs bleibt unberührt!“ „Seit Sie meinen letzten Brief erhielten, habe ich Schiffbruch gelitten.“ 3 „Wie? hat der Teufel endlich den rothen Gentleman geholt?“. .„Das Unglück widerfuhr mir auf einem Briſtoler Schiff, an deſſen Bord ich mich als eine Art Priſenmeiſter befand.— Er bleibt wahrlich in aller Gemächlichkeit nordwärts!“ „Laſſen Sie den jungen Laffen geh'n! Er wird mit beſſer'm Appetit zum Abendeſſen kommen.— Und ſo wurden Sie von Sr. Majeſtät Schiff, der Antelope, aufgefangen. Ahal ich ſehe das Ganze. Einem alten Seethier brauchen Sie nur Curs und Kom⸗ paß zu geben, und er findet ſeinen Hafen in der finſterſten Nacht. Wie kam es, Sir, daß dieſer Mr. Howard that, als kenne er Ihren Namen nicht, da er ihn auf meiner Schiffsliſte erblickte?“ „Als kenne er ihn nicht? That er das? Vielleicht——“ „Genug, wackerer Junge, genug!“ unterbrach ihn Wilders vorſichtiger, aber heftiger Kommandeur.„Ich habe ſolcher Ver⸗ läugnungen genug erlebt; wir ſteh'n aber über ihnen, Sir, hoch über ihnen und ihren Frechheiten. Niemand braucht ſich zu ſchä⸗ men, menn er ſeinen Stand, wie Sie und ich, durch Arbeit und Mühſeligkeiten bei ſchönem Wetter und Stürmen erworben hat. Sturm und Bö! Herr, ich habe einmal einen von dieſen Glücks⸗ pilzen eine Woche lang gefüttert, und dann,— als ich in einer Straße von London ihm vor den Vorderſteven kam, ſo ſtarrte er querüber eine Kirche an, ſo natürlich, daß ein ehrlicher Mann ge⸗ dacht hätte, der Gelbſchnabel müßte wohl wiſſen, wofür ſie gebaut worden. Denken Sie nicht mehr daran, Harry; ſchlimmere Dinge ſind mir ſelbſt widerfahren, das verſichere ich Sie!“ „Ich kam unter meinem angenommenen Namen auf jenes Schiff,“ ſetzte Wilder, ſich ſelbſt zu dieſer Erklärung zwingend, hinzu.„Sogar die Damen, die mit mir Schiffbruch gelitten haben, kennen mich unter keinem andern.“ „Aha! das war klug; nun, ſo hat doch das junge Adelsweib wenigſtens keine vornehme Unwiſſenheit erheuchelt! Ei, ei, Mr. Fid, ſeid willkommen auf dem Pfeil.“ „Ich war bereits ſo frei, mich ſelbſt willkommen zu heißen, Ew. Gnaden,“ antwortete der Topgaſt, der ſich in der Nähe der beiden Offiziere allerlei Geſchäfte gemacht hatte, wahrſcheinlich um ihre Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen;„es iſt ein freundliches Schiff, das dort, und kühn kommandirt und gewaltig bemannt; was mich aber anbelangen thut, ſo habe ich einen Charakter zu verlieren, und demnach iſt es mehr nach meinem Geſchmacke, mit einem Schiffe zu ſegeln, das ſeine Patente vorzeigen kann, wenn es dazu aufgefordert wird.“ Die Farbe auf Wilders Wangen wechſelte, wie die Tinten der Abendröthe, und ſein Auge irrte nach allen Richtungen, nur nicht nach der, worin er dem höchlich erſtaunten Blicke ſeines alten Freundes begegnen konnte. „Ich bin noch nicht ganz gewiß, Mr. Arche, ob ich den Bur⸗ ſchen recht verſtehe. Jeder Offizier in der königlichen Flotte, vom Kapitän bis zum Hochbootsmann, das heißt, jeder Mann von ge⸗ ſundem Menſchenverſtande, führt ſeine ſchriftlichen Ausweiſe für ſeine und ſeiner Mannſchaft Geſchäfte, ſonſt möchte er leicht in die Lage kommen, einem Piraten gleich behandelt zu werden.“ „So meinte ich's juſt, Sir; aber Ihre Schule und lange Uebung haben Ew. Gnaden ein beſſer Mundwerk verſchafft. Guinea und ich haben oft über das Ding zuſammen geſprochen, und mehr als Einmal, Kapitän Bignall, hat's ernſthafte Gedanken in uns erweckt. Den Fall geſetzt, ſagt' ich zu dem Schwarzen, den Fall ——— 2 7 1 —. 4199 angenommen, ein Schiff Sr. Majeſtät käme mit dem Fahrzeug hier zuſammen, und es ſollte zu Händeln kommen, ſo daß wir uns bei den Köpfen kriegten, ſagt' ich, was thäten wir Zwei bei einem ſolchen Schickſal thun?— Nun, ſagt' der Schwarze, wir ſtänden bei unſerer Kanone auf Mr. Harry's Seite, ſagt' er, auch that ich darin nicht widerſprechen; aber, ſeine und Ew. Gnaden Gegenwart in Ehren, nahm ich mir gerade die Freiheit, hinzuzufügen, daß in meinem armen Kopfe die Meinung ſtecke, es wäre doch viel—— viel paſſender, auf einem ehrlichen Schiffe getödtet zu werden, als auf einem Bukkanier!“ „Bukkanier!“ rief der Kommandeur aus, und riß Mund und Augen auf. „Kapitän Bignall,“ ſprach Wilder,„vielleicht habe ich Ihre Nachſicht durch mein langes Schweigen gemißbraucht, wenn Sie aber meine Erzählung anhören, ſo werden Sie einige Stellen fin⸗ den, die zu meinen Gunſten ſprechen. Das Schiff vor unſern Augen iſt das des berüchtigten— rothen Freibeuters— nein, hören Sie nur; ich beſchwöre Sie bei der Güte, die Sie ſo lange Zeit hindurch gegen mich bewieſen, hören Sie mich an, und dann richten Sie nach Gutdünken.“ Wilders Worte, von ſeinem ernſten und männlichen Benehmen unterſtützt, hielten den aufſteigenden Unwillen des alten Seemannes zurück. Er horchte ernſt und geſpannt der raſchen und klaren Er⸗ zählung ſeines Lieutenants; und ehe Letzterer geendigt hatte, war er beinahe völlig in jene liebevollen und wahrhaft großmüthigen Gefühle eingegangen, welche ſeinen jungen Freund bewogen hatten, den gefährlichen Charakter eines Mannes nicht zu verrathen, der ſo edel an ihm gehandelt hatte. Wenige heftige, abgebrochene Aus⸗ drücke des Erſtaunens und der Bewunderung, unterbrachen gelegent⸗ lich den Bericht, im Ganzen aber hielt er ſeine Ungeduld und ſeine Gefühle im Zaum. „Das iſt in der That höchſt wunderbar!“ rief er aus, als der Andere fertig war;„und viel Tauſendmal Schade iſt es, daß ein ſo ehrlicher Kerl ein erzdurchtriebener Spitzbube iſt. Aber Harry, dem Allem mag ſein, wie ihm wolle, wir können und dür⸗ fen ihn nimmermehr das Weite gewinnen laſſen; unſere Rechtlich⸗ keit, unſere Religion verbieten es uns. Wir müſſen wenden und 191 hinter ihm drein kommen; wenn dann freundliche Worte ihn nicht zur Raiſon bringen, ſo weiß ich kein ander Mittel, als Schläge.“ „Es iſt nicht mehr als unſere Pflicht, Sir, befürchte ich,“ erwiederte der junge Mann mit einem tiefen Seußzer. „Es iſt eine Gewiſſensſache.— Und dann, das plappernde Püppchen, das er mir an Bord geſendet hat, iſt nicht der Kapitän! Doch iſt es unmöglich, daß ich mich in ſeinen adelichen Manieren und Weſen betrogen haben ſollte. Ich ſtehe dafür, es war ein junger Wüſtling aus guter Familie, denn ſonſt hätte er den adeli⸗ gen Sprößling nicht ſo gut ſpielen können. Wir müſſen doch ſuchen, ſeinen Namen zu verſchweigen, Mr. Arche, damit kein Mackel auf ſeine Familie falle.“ „Der Mann, der den Pfeil beſuchte, war kein Anderer, als der Freibeuter ſelbſt.“ „Wie? was? Der rothe Freibeuter auf meinem Schiffe, wie? In meiner Gegenwart? Bei mir?“ rief der alte Matroſe in einer Art ehrbaren Schreckens aus.„Sie wollen jetzt aber wohl mit meiner Gutmüthigkeit ſpaßen, Sir?“ „Eher wollt' ich doch Tauſend Wohlthaten mit Undank be⸗ lohnen, ehe ich ſolche Frechheit beginge. Auf meine feierlichſte Be⸗ theurung! es war kein Anderer.“ „Das iſt unerklärlich! Das iſt ein außerordentliches Wun⸗ der! Seine Verſtellung war völlig, ich muß geſtehen, daß es ihm gelang, einen Mann zu täuſchen, der ſich auf das Aeußere der Menſchen ſo wohl verſteht. Ich ſah doch gar nichts von ſeinem zottigen Schnurr⸗ und Backenbart, hörte nichts von ſeiner Löwen⸗ ſtimme, bemerkte überhaupt nichts von jenen Verunſtaltungen, die den Mann nach der allgemeinen Sage auszeichnen ſollen.“ „Alles das iſt nichts als die Verzierungen der Fama. Ich beſorge ſehr, Sir, daß gerade die furchtbarſten und gefährlichſten von allen unſern Laſtern ſich hinter das freundlichſte Aeußere ſtecken.“ „Der Mann mißt ja nicht einmal die gehörigen Zolle!“ „Sein Körper iſt klein, es wohnt aber ein Rieſengeiſt darin.“ „Glauben Sie denn, Mr. Arche, daß jenes Schiff daſſelbe ſei, was in dem März⸗Aequinoktium mit uns kämpfte?“ „Ich weiß, daß es daſſelbe iſt.“ „Hören Sie, Harry, Ihretwegen will ich ſchonend mit dem Burſchen umgehen. Einmal entwiſchte er mir; daran war der Verluſt meines Topmaſtes und das Ungeſtüm des Wetters Schuld. Wir haben aber hier eine günſtige Kühlte, worauf man ſich völlig verlaſſen kann, und die das ihrige thun wird, außerdem noch ſchöne ruhige See. Er iſt demnach mein, wenn ich ihn nur will, denn ich ſollte doch nicht denken, daß er im Ernſte die Abſicht hegt, zu entfliehen.“ „Ich fürchte, nein!“ entgegnete Wilder, und verrieth durch dieſes Wort die Wünſche ſeines Herzens. „Sich in einen Kampf einlaſſen, das kann er nicht, denn es iſt keine Hoffnung eines glücklichen Erfolges vorhanden; und da er doch eine ganz andere Gattung von Menſch zu ſein ſcheint, als ich hinter ihm geſucht, ſo wollen wir den Weg der Unterhandlung ein⸗ ſchlagen. Wollen Sie es unternehmen, meine Vorſchläge zu über⸗ bringen?— oder möchte er vielleicht die Mäßigung, die er gegen Sie bewieſen, bereuen?“ „Ich bürge mit Leib und Leben für ihn, als Mann von Wort,“ rief Wilder haſtig.„Laſſen Sie eine Kanone leewärts ab⸗ feuern. Bemerken Sie aber wohl, Sir, Alles muß ein freundſchaft⸗ liches Anſehen haben— eine Waffenſtillſtandsflagge muß von dem Hauptmaſt wehen; dann will ich Alles unternehmen, um ihn wie⸗ der in den Schooß der menſchlichen Geſellſchaft zurückzuführen.“ „Beim Georg! das wäre wenigſtens noch eine chriſtliche Hand⸗ lung,“ erwiederte nach einem Momente Nachdenkens der Komman⸗ deur;„und wenn uns auch die Ritterſchaft hienieden entgeht, Junge, ſo eröffnen ſich uns, wenn wir unſern Zweck erreichen, da oben deſto ſchönere Ausſichten. Nicht ſo bald hatten der warmfühlende und vielleicht etwas phantaſtiſche Kapitän des Dart und ſein Lieutenant dieſe Maßregel beſchloſſen, als ſie auch Beide die Mittel anordneten, von welchen der glückliche Erfolg abhing. Das Steuer des Schiffes ward lee⸗ wärts gelenkt; und als das Vorderkaſtell ſich dem Winde zuwandte, blitzte aus der Bugpforte leewärts eine Flamme, und brachte ſomit die gebräuchliche freundſchaftliche Anzeige über das Waſſer hin, daß der Befehlshaber mit dem Beſitzer des Segels gegenüber Sprache zu halten wünſchte. Zugleich wehte ein kleiner weißer Wimpel an 193 der Topſtenge über den Spieren, indeſſen die engliſche Flagge auf dem Heckbalken flatterte. Dieſe Zeichen begleitete eine halbe Mi⸗ nute höchſter Unruhe in dem Buſen derer, die ſie angeordnet hat⸗ ten. Sie ſollten jedoch bald beruhigt werden. Aus dem andern Schiffe erhob ſich eine Rauchwolke vor dem Winde; ihr folgte der dumpfe Schall des antwortenden Geſchützes. Ein Wimpel, wie er auf dem Pfeil ſichtbar war, wehte auch hoch über ſeiner Bram⸗ ſtenge, ſanft wie die Taube mit ihrem Fittig fächelt; aber keinerlei Zeichen war auf dem Hinterkaſtell zu ſehen, wo gewöhnlich die Na⸗ tionalfarben der Kreuzer erſcheinen. „Der Burſche iſt doch ſo beſcheiden, in unſerer Gegenwart einen nackten Heckbalken zu führen,“ ſprach der Kapitän, indem er ſeinen Gefährten auf den ſo eben erwähnten Umſtand als eine gün⸗ ſtige Vorbedeutung aufmerkſam machte; wir wollen ihm bis auf gehörige Entfernung nahe rücken, und dann beſteigen Sie das Boot.“ Zufolge dieſes Beſchluſſes machte der Pfeil einen Schlag auf die andere Seite, und verſchiedene Segel wurden beigeſetzt, um die Fahrt zu beſchleunigen. In halber Kanonenſchußweite ward nach Wilders Vorſchlag inne gehalten, um allen Anſchein von feindſeliger Abſicht zu vermeiden. Das Boot ward ſogleich in die See gelaſſen und bemannt; eine Parlamentärflagge auf ſeinem Vorderbug auf⸗ geſteckt, und dann die Bereitſchaft deſſelben zur Aufnahme des Bot⸗ ſchafters rapportirt. Nachdem der Kapitän ſeine vielfältigen und oft wiederholten Inſtructionen gegeben, ſagte er endlich: „Sie können ihm dieſen Bericht über den Stand unſerer Kräfte einhändigen, Mr. Arche; da er ein Mann von Einſicht iſt, werden Sie ihm wohl nicht zu ſagen brauchen, daß wir den Vortheil ha⸗ ben; ich denke, Sie können ihm Verzeihung für das Vergangene verſprechen, vorausgeſetzt, daß er alle meine Bedingungen erfüllt; auf jeden Fall können Sie ihm ſagen, daß nichts verſäumt werden ſoll, für ihn wenigſtens gänzliche Reinigung zu erhalten. Gott ſei mit dir, Junge! Ja Achtung gegeben, daß er nichts von dem Schaden erfährt, den wir in der Affaire vom vorigen März durch ihn erlitten; den— ja— das Aequinoktium hat uns damals hart mitgeſpielt, Sie wiſſen! Lebewohl! Glückliche Reiſe!“ Seeräuber. 13 194 Jetzt ſtieß das Boot von der Schiffsſeite ab, und in wenig Minuten fand ſich der lauſchende Wilder fern, und dem Gehör⸗ kreiſe jeglichen weiteren Rathes entrückt. Während des Ruderns nach dem noch entfernten Schiffe hatte unſer Abentheurer mehr als hinreichend Muße, über die außerordent⸗ liche Lage, in der er ſich befand, nachzudenken. Einige Male blitzte wohl ein leichter und unfreundlicher Schimmer von Argwohn, in Betreff des begonnenen Unternehmens, durch ſein Gemüth; doch bot ſich jedesmal noch zu rechter Zeit der Gedanke an die hohe Geſin⸗ nung des Mannes, dem er ſich anvertrauen wollte, dar, ſo daß keine ernſtliche Beſorgniß die Oberhand gewinnen konnte. Bald gelangte das Boot an die Seite des Schiffes. Die fin⸗ ſtern, drohenden Blicke, denen Wilder begegnete, als er den Fuß auf die Planke ſetzte, machten ihn einen Augenblick ſtutzig, dann aber ging er mitten durch die Mannſchaft, denn die Gegenwart des Freibeuters ſelbſt, der mit dem Blick hoher und gebietender Würde auf dem Hinterdeck ſtand, ermuthigte ihn. Wilder trat auf ihn zu, und öffnete eben ſeine Lippen zum Sprechen; Dieſer aber gab ihm ein Zeichen, und ſchweigend ſtiegen Beide in die Kajüte. „Mr. Arche,“ begann der Freibeuter, als ſie ſich allein be⸗ fanden, und legte einen bedeutenden und gewichtigen Nachdruck auf dieſen Namen;—„Mr. Arche, Argwohn iſt unter meinen Leuten erwacht, allein ſchwerlich wiſſen ſie noch bis jetzt, was ſie glauben ſollen. Die Bewegungen der beiden Schiffe waren nicht ſo, wie ſie ſie zu ſehen gewohnt ſind, auch fehlte es nicht an Stimmen, die ihnen mancherlei in's Ohr raunten, was ſehr zu Ihrem Nachtheil ſpricht, Sir; Sie haben nicht wohl daran gethan, daß Sie zu uns zurückkehrten.“ „Ich kam auf Befehl meines Kommandeurs, und unter dem Schutze einer Parlamentärflagge.“ „Wir pflegen die geſetzlichen Bräuche der Welt keiner gründ⸗ lichen Unterſuchung zu unterwerfen, und dürften leicht die Rechte Ihres neuen Charakters verkennen. Doch,“ ſetzte er mit Würde hinzu,—„wenn Sie eine Botſchaft bringen, ſo vermuthe ich, daß ſie für mein Ohr geſchaffen iſt.“ „Für das Ihrige allein. „Der Befehlshaber jenes Schiffes, in Dienſten unſers könig⸗ 195 lichen Herrn Georg des Zweiten, hat mich beordert, Ihnen zur Nachachtung Folgendes zu eröffnen: Unter der Bedingung, daß Sie dieſes Schiff mit allen ſeinen Schätzen, Waffen und Kriegsmunition unverletzt übergeben, will er ſich damit begnügen, zehn durch's Loos erwählte Geißeln aus Ihrer Mannſchaft, Sie ſelbſt, und einen oder den andern Ihrer Offiziere aufzunehmen; ſodann den Reſt Ihrer Leute entweder für königliche Dienſte zu verwenden, oder zu erlau⸗ ben, daß ſie ſich trennen, um einen anſtändigen und, allem An⸗ ſcheine nach, zugleich ſichrern Beruf zu erwählen.“ „Das iſt königliche Großmuth! Ich ſollte eigentlich nieder⸗ knieen und den Staub küſſen vor dem, der ſolche Worte der Gnade ausſpricht!“ „Ich wiederhole nur die Worte meines Vorgeſetzten,“ fuhr Wilder fort.„Was Sie ſelbſt betrifft, ſo verſpricht er, daß er ſeinen ganzen Einfluß geltend machen wird, unter der Bedingung, daß Sie für immer die See verlaſſen, und dem Namen eines Eng⸗ länders entſagen.“ „Das Letztere iſt bereits geſchehen, darf ich aber wohl die Urſache wiſſen, warum man gegen einen Mann ſolche Milde zeigt, deſſen Name ſo lang unter den Menſchen mit dem Bannfluch be⸗ legt ward?“ „Kapitän Bignall hat Ihr großmüthiges Benehmen gegen ſeinen Offizier vernommen, und die zarte Behandlung, deren ſich die Tochter und die Wittwe zweier ſeiner ehemaligen Waffenbrüder von Ihrer Seite zu erfreuen hatten. Er geſteht, daß das Gerücht Ihrem Charakter nicht die gehörige Gerechtigkeit hat widerfahren laſſen.“ 1 Wilders Zuhörer kämpfte eine mächtige Freude nieder, welche auf ſeinen Geſichtszügen emporflammte, blieb aber äußerlich ruhig und unbeweglich. „Er iſt getäuſcht worden, Sir,“— ſprach er kaltblütig, und gab Wildern einen Wink fortzufahren. „So viel darf er in Folge ſeiner Inſtructionen für ſich thun. Eine Darſtellung dieſer allgemeinen irrigen Anſicht bei den betref⸗ fenden Behörden wird großes Gewicht haben, und viel dazu bei⸗ tragen, Ihnen die verſprochene Amneſtie für das Vergangene und, wie er hofft, noch angenehmere Ausſichten für die Zukunft zu ſichern.“ 13* 196 „Und weiß er keinen andern triftigern Grund anzugeben, warum ich dieſe beſchwerliche Veränderung meiner ganzen Lebens⸗ weiſe vornehmen, warum ich einem Elemente entſagen ſoll, das mir ſo unentbehrlich geworden, als die Luft, die ich athme, warum ich endlich den ſo hoch gerühmten Vorzug aufgeben ſoll, mich einen Britten zu nennen?“ „O, ja! Dieſe Ausrüſtungsliſte, welche Sie, wenn es Ihnen genehm iſt, mit eigenen Augen unterſuchen können, muß Sie über⸗ zeugen, wie wenig Sie im Falle des Widerſtandes ein glückliches Reſultat hoffen dürfen, und ſoll Sie, denkt er, bewegen, ſein An⸗ erbieten anzunehmen.“ „Und welches iſt Ihre Meinung?“ fragte der Freibeuter mit bedeutſamem Lächeln und beſonderem Nachdruck, und ſtreckte die Hand aus nach der ſchriftlichen Ausrüſtungsliſte.„Doch, ich bitte um Vergebung,“ ſetzte er ſchnell hinzu, als er den ernſten Blick Wilders gewahrte,—„ich ſcherze in einem Augenblicke, der unſern höchſten Ernſt in Anſpruch nimmt.“ Schnell lief ſein Auge über die Schrift, und hielt nur einige Male, nach einer oberflächlichen Auffaſſung der übrigen Theile, bei beſondern Punkten, welche ſeine Aufmerkſamkeit vorzugsweiſe in Anſpruch zu nehmen ſchienen, inne. „Sie finden die Uebermacht wohl ſo, wie ich ſie Ihnen be⸗ reits geſchildert habe?“ fragte Wilder, als ſeines Wirthes Auge ſich vom Papiere abwandte. „Ja wohl.“ „Und darf ich Sie jetzt um die Mittheilung Ihres Entſchluſſes bitten?“ „Erſt ſagen Sie mir die Meinung Ihres eigenen Herzens; bisher ſprachen Sie nur in eines Andern Namen.“ „Kapitän Heidegger,“ ſprach Wilder erröthend,„ich will gar nicht läugnen, daß, hätte dieſe Botſchaft von mir allein abgehangen, dieſelbe anders gelautet haben würde; aber dennoch rathe ich, als Einer, dem das Andenken an Ihre Großmuth mit unauslöſchlichen Zügen in's Herz gegraben iſt, als ein Mann, der ſelbſt ſeinen Feind nie zu einer entehrenden Handlung bewegen würde,— zur Annahme derſelben. Sie werden mir verzeihen, wenn ich Ihnen geſtehe, daß ich bei meinem Verkehr mit Ihnen bemerkt, daß Sie 5 ſelbſt einſehen, wie in Ihrer gegenwärtigen Laufbahn weder der Ruhm, nach dem Sie ſtreben, noch die Zufriedenheit, das letzte Ziel, wornach wir Alle ringen, zu erreichen iſt.“ „Ich hätte nicht geglaubt, in der Perſon des Mr. Harry Wilder einen ſo ſtrengen Gewiſſensrath an Bord zu haben. Haben Sie noch mehr zu bemerken, Sir?“ „Nichts mehr,“ entgegnete der getäuſchte und unmuthige Bot⸗ ſchafter des Pfeiles.„Doch da ich als eines Andern Geſandter gekommen bin, Kapitän Heidegger, ſo erbitte ich mir auf die Ihnen überbrachten Vorſchläge eine beſtimmte Antwort.“ Der Freibeuter ergriff ihn beim Arme, und führte ihn auf eine Stelle, von wo ſie die ganze Scene auf dem Decke überblicken konnten. Dann deutete er aufwärts auf ſeine Spieren, machte ſeinen Begleiter auf die geringe Zahl der beigeſetzten Segel aufmerk⸗ ſam, und ſagte: „Sir, Sie ſind ein Seemann und können hieraus meine Ab⸗ ſichten zur Genüge erkennen. Ich werde ihren gerühmten Kreuzer des Königs Georg weder ſuchen noch vermeiden!“ Sechszehntes Kapitel. „Sie bringen mir die freudige Unterwerfung des Seeräubers unter meine Bedingungen!“ rief der Kommandeur des Pfeiles im höchſten Eifer ſeinem Botſchafter zu, als dieſer ſein Deck wieder betrat. „Ich bringe nichts als Trotz!“ lautete die unerwartete Ant⸗ wort.— „Sie haben doch meine Ausrüſtungsliſte vorgewieſen? Ge⸗ wiß, Mr. Arche, ein ſolches Dokument ward nicht vergeſſen!“ „Nichts ward von meiner Seite vergeſſen, Kapitän Bignall, nichts von Allem, was das wärmſte Intereſſe für ſein Wohl mir eingeben konnte. Dennoch beharrt der Befehlshaber jenes Fahr⸗ zeugs darauf, Ihr Anerbieten auszuſchlagen.“ „Er denkt vielleicht, Sir, des Pfeiles Spieren ſeien nicht alle in Ordnung,“ entgegnete der hitzige alte Seeoffizier,„und hofft, wenn er ſeinem leichtfüßigen Schiffe alle Segel beiſetzt, zu ent⸗ wiſchen?“. Wilder deutete auf die beinahe nackten Spieren, und den regungsloſen Rumpf des andern Schiffes, und ſagte: „Sieht das aus wie Flucht?— Alles, was ich von ihm erhalten konnte, war das Verſprechen, nicht der angreifende Theil zu ſein.“ „Bei dem heiligen Georg! Er iſt ein großmüthiger Junge, und verdient für ſeine Mäßigung geprieſen zu werden! Er will ſein wüſtes Räubergeſindel nicht unter die Kanonen eines brittiſchen Kriegsſchiffes führen, weil er der Flagge ſeines Herrn Ehrfurcht ſchuldig iſt. Beordern Sie die Mannſchaft an das Geſchütz und halſen Sie das Schiff, um dieſen Poſſen ein Ende zu machen, ſonſt ſchickt er uns noch ein Boot auf den Hals, um unſere Papiere zu unterſuchen.“ „Kapitän Bignall,“ ſagte Wilder und führte ſeinen Komman⸗ danten an eine Stelle, wo er von den Subalternen nicht gehört werden konnte,—„wenn ich durch Dienſte, die ich Ihren Befehlen gehorſam und vor Ihren Augen ausführte, mir einigen Vorzug erworben; wenn mein bisheriges Verhalten mir ein Recht gibt, gegen einen Mann von Ihrer reifen Erfahrung einen Rath auszuſprechen, ſo erlauben Sie mir, einen kurzen Verzug vorzuſchlagen.“ „Verzug! Kann Henry Arche von Verzug ſprechen, wenn die Feinde ſeines Königs, mehr noch, die Feinde der menſchlichen Geſellſchaft ihn zu ſeiner Pflicht rufen?“ „Sir, Sie mißverſtehen mich. Ich zaudere, nicht um den Kampf zu vermeiden, ſondern um das Letzte zu thun, was geſchehen muß, damit die Flagge, unter der wir ſegeln, frei von allem Makel ſei. Unſer Feind, mein Feind, weiß, daß er nun für ſeine mir bewieſene Großmuth nichts mehr zu erwarten hat, als ein menſchliches Betragen, wenn er in unſere Hände fallen ſollte. Aber ich verlange einen kleinen Verzug, um den Pfeil zu einem Treffen gehörig vorzubereiten, in welchem ſeine ganze gerühmte Macht verſucht werden wird, und um uns einen Sieg zu ſichern, der nicht ohne einen hohen Preis erkämpft werden kann.“ — 199 „Wenn er aber entwiſchte,——“ „Ich ſetze mein Leben zum Pfande, er verſucht es nicht. Ich kenne nicht nur den Mann, ich kenne auch die furchtbaren Mittel, die er in's Werk ſetzen kann, um uns Widerſtand zu leiſten. Ein Halbſtündchen reicht hin, unſere Vorſichtsmaßregeln zu treffen, welche weder unſerem Muthe noch unſerer Klugheit Eintrag thun ſollen.“ Der Veteran gab nur ungerne nach, und nicht ohne Murren über die Schmach, womit ſich ein brittiſcher Kreuzer bedecke, wenn er nicht dem verwegenſten Piraten aller Meere an die Seite liefe, und ihn mit einer Lunte in die Luft blieſe. Wilder, an die zunft⸗ mäßigen, gemüthlichen Großſprechereien gewöhnt, ließ ihn nach ſei⸗ nem Belieben murren, und beſchäftigte ſich indeſſen mit Gegenſtän⸗ den, welche ihm, ſeiner Stellung gemäß, vorzugsweiſe anvertraut waren. Die Ordre: Alle zu Hauf! Das Schiff zum Kampfe ge⸗ rüſtet! ward wieder gegeben, und mit jener erfreuten Stimmung empfangen, mit welcher Seeleute jeden bedeutendern Wechſel in ihrem manchfaltig ergreifenden Leben willkommen heißen. Wenig blieb jedoch zu thun übrig; denn die meiſten der frühern Vorbereitungen waren noch in dem Stande, in welchen ſie bei dem erſten Zuſammen⸗ treffen der Schiffe geſetzt worden. Nun folgte der Trommelſchlag auf die Poſten, und die ern⸗ ſtern und furchtbaren Vorbereitungen zum gewiſſen Kampfe. Nach⸗ dem dieſe verſchiedenen Zurüſtungen beendigt waren, die Mannſchaft an ihren Kanonen, die Segelgaſten auf ihren Raaen, und die Offi⸗ ziere auf ihren verſchiedenen Batterien ſich befanden, wurden die Hinterſegel gehißt, und das Schiff wieder in Bewegung geſetzt. Während dieſes kurzen Zwiſchenraums lag das Schiff des Frei⸗ beuters, eine halbe Seemeile weit, in einem Zuſtande völliger Ruhe, ohne auch nur das kleinſte Intereſſe für die feindlichen Bewegungen ihres nahen Gegners zu verrathen. Als jedoch der Dart oder Pfeil ſolchergeſtalt der Kühlte nachgab, und die Raſchheit ſeiner Bewegung zuſehends wuchs, bis das Waſſer unter ſeinem Vordertheil in kleinen rollenden Schaumwogen ſich ſammelte, fiel auch der Vorderbug des andern Schiffes von der Richtung des Windes ab, ſein Bramſegel füllte ſich, und nun ward es ebenfalls durch die Kraft der Bewegung zum Manöveriren bereit gehalten. Der Pfeil zeigte nun wieder auf ſeinem 200 Heckbalken jenes weite Feld, das während der Conferenz verſchwun⸗ den war, und das triumphirend in den Gefahren von tauſend Käm⸗ pfen geweht hatte. Auf dem Gipfel ſeines Gegners war jedoch kein aantwortendes Embleme zu erblicken. So gewannen die beiden Schiffe Raum, und betrachteten ein⸗ ander mit dem Blicke des Mißtrauens, wie zwei Ungeheuer der un⸗ endlichen Tiefe, die mit grimmigem Auge der Eiferſucht ihre Be⸗ wegungen gegenſeitig bewachen, und deren jedes die nächſte Wen⸗ dung dem Gegner zu verbergen ſucht. Das ernſte, beſonnene Weſen Wilders verfehlte nicht auf den geraden Sinn des Mannes ſeinen Einfluß zu äußern, der den Pfeil befehligte, denn nun war er eben ſo geneigt, wie ſein Lieutenant, das Treffen mit gehöriger Vorbe⸗ reitung und Umſicht zu beginnen. Bis jetzt war der Tag heiter und wolkenlos geweſen, nie hatte ein reineres Blau die Waſſerwüſte überwölbt, als die Himmelsdecke, die ſich noch kurze Zeit vorher über unſern See⸗Abentheurern aus⸗ dehnte. Jetzt aber, als wenn die Natur ihnen zürnte wegen ihres blutigen Beginnens, zeigte ſich eine finſtere, drohende Dunſtmaſſe über dem Ocean. Dieſe wohlbekannten und düſtern Vorboten entgingen nicht der Wachſamkeit beider Mannſchaften der feindlichen Schiffe, doch wurde die Gefahr für noch zu fern gehalten, als daß ſie das höhere Intereſſe für den bevorſtehenden Kampf vermindern konnte. „Eine Bö braut dort im Weſten,“ ſagte der erfahrene und bedachtſame Bignall, und deutete auf die finſtern Wolken;„wir können aber den Piraten dran kriegen, und Alles in's Reine brin⸗ gen, ehe ſie ſich ganz heraufgearbeitet hat.“ Wilder bejahte; denn jetzt hatte der hohe Muth des Seemannes ſeine Bruſt geſchwellt, und ein hochſinniger Eifer hatte über Ge⸗ fühle die Oberhand gewonnen, welche vielleicht ſeiner Pflicht fremd waren, ſo natürlich ſie übrigens auch einem Herzen ſein mochten, das der Güte ſo zugänglich war. „Der Freibeuter läßt auch die leichten Stengen herab!“ rief er aus;„er ſcheint dem Wetter wenig zu trauen.“ „Wir wollen ſeinem Beiſpiel nicht folgen; denn er dürfte leicht wünſchen, daß ſie wieder oben wären, wenn wir ihn hübſch unter unſere Kanonen bringen. So wahr unſer König Georg lebt! er hat ein ſchönes, leichtbewegliches Schiff unter ſich! Laſſen Sie das 201 Schönfahrſegel fallen, Sir, herunter damit; ſonſt haben wir Nacht, ehe wir an den Hallunken kommen!“ Die Ordre ward vollzogen, und jetzt beſchleunigte der Dart unter dem mächtigen Drucke ſeine Bewegung, wie ein lebendiges Geſchöpf, welches Furcht oder Wünſche antreiben. Bald hatte er eine Stellung an der Windſeite ſeines Gegners genommen, der auch nicht das mindeſte Verlangen bezeigte, ihm einen ſo weſentlichen Vorzug ſtreitig zu machen. Im Gegentheil breitete der Delphin dieſelbe Segelmenge aus, und fuhr fort, ſeine Bramſtengen zu er⸗ leichtern, indem er ſo viel Maſſe, als nur möglich war, von der ſchwindelnden Höhe der Maſtſpitzen auf das ſichere Deck herabbrachte. Doch war, nach Bignalls Meinung, die Entfernung noch zu groß zur Eröffnung des Kampfes, indeß die Leichtigkeit, womit der Geg⸗ ner ſich fortbewegte, den wichtigen Augenblick ungebührlich zu ver⸗ zögern drohte, oder ihn nöthigte, eine Laſt von Segeln beizuſetzen, welche in der Hitze des Gefechtes, und in der dunſtigen Atmoſphäre leicht hinderlich werden konnte. „Wir wollen ihn bei ſeinem Stolze faſſen, Sir,“ ſagte der Veteran zu ſeinem getreuen Gehülfen,„weil Sie glauben, daß er ein Mann von Verſtand iſt.„Löſen Sie eine Kanone von der Ludſeite, und zeigen Sie ihm ein anderes Signal ſeines Herrn.“ Das Krachen der Kanone und das raſche Entfalten drei neuer Flaggen Englands auf verſchiedenen Punkten des Pfeiles brachten nicht die leiſeſte Bewegung an Bord des anſcheinend völlig gefühl⸗ loſen Nachbars hervor, ja ſie ſchienen nicht einmal bemerkt worden zu ſein. Noch ſetzte der Delphin ſeinen Weg fort, jezuweilen an⸗ muthig auftauchend, um die Kühlte zu faſſen, und dann wieder leewärts von ſeinem Curſe abſpringend, wie das Meerſchwein öfters ſeitwärts ſich wendet, um zu athmen, wenn es träge ſeinen ſalzigen Pfad entlang plätſchert. „Keiner von unſern geſetzlichen und kriegsgebräuchlichen An⸗ ſchlägen kann ihn rühren,“ ſprach Wilder, als er die Gleichgültig⸗ keit, womit der Freibeuter ihre Aufforderung aufgenommen, eine Zeitlang mit angeſehen hatte. „Nun, ſo kitzeln Sie ihn mit einem Schuß.“ Eine Kanone ward nun von der Leeſeite abgefeuert. Der eherne Bote jagte über die Wogenfläche hin, von Welle zu Welle 202 hüpfend, warf endlich ein Wölkchen von Waſſerſtaub auf das feind⸗ liche Deck, und brauste unſchädlich vorbei. Eine andere und eine dritte folgten, ohne ein Signal oder eine Antwort von Seiten des Freibeuters zu erlangen. „Was iſt das?“ rief Bignall unzufrieden aus,„iſt ſein Schiff feſt, daß alle unſere Schüſſe bei ihm zu Regen werden? Maſter Fid, könnt Ihr nichts für den guten Ruf einer ehrlichen Schiffs⸗ mannſchaft und die Ehre einer königlichen Flagge thun? Laßt uns etwas von Eurem alten Liebchen hören; in vergangenen Zeiten wenigſtens verſtand es beſſer zu ſprechen.“ „Ja, ja, Sir,“ erwiederte Fid behaglich.„Nun, Burſchen, bei Seite getreten, und laßt die Donner⸗Käthe ein Wörtchen mit in das Geſpräch reden.“ Richard, der bei dieſen Worten ganz kaltblütig viſirt hatte, legte nun bedächtig mit eigener Hand die Lunte auf, und mit einer Ruhe, die bei einem Söldling höchſt preiswürdig iſt, ſandte er den, wie er ihn keck nannte, perfekten Gradaus über die Waſſerfläche hin nach ſeinen ehemaligen Genoſſen. Eine erwartungsvolle Pauſe folgte, wie gewöhnlich; gleich darauf aber ſah man an den Split⸗ tern, welche in die Luft flogen, daß der Schuß durch die Takelage des Delphin gegangen war. Der Effekt auf dem Freibeuter⸗Schiffe war ſchnell, wie der Blitz, und beinahe wie von Zauber⸗Hand. Ein langer, milchweißer Segelſtreif, welcher künſtlich vom Vorder⸗ bis zum Hintertheil des Schiffes in einer Linie mit dem Geſchütze auf⸗ geſpannt geweſen, verſchwand vor den Augen, ſchnell wie der Flügel⸗ ſchlag eines Vogels, und hinterließ einen breiten, blutigrothen Gürtel, unter dem die Kanonenſchlünde hervorgähnten. Zugleich erhob ſich ein Zeichen von derſelben ominöſen Farbe auf dem Hinterdeck und ward auf dem Heckbalken aufgepflanzt. „Jetzt erkenne ich den Schurken für das, was er iſt!“ rief Bignall aufgeregt;„ſeht! er hat ſeine falſche Farbe abgethan, und zeigt die wohlbekannte blutige Seide, von der er ſeinen Namen entlehnt. Steht feſt bei euren Kanonen, Leute, der Pirate macht Ernſt.“ Noch hatte er nicht geendigt, als ein blendender Flammenſtreif aus jenem rothen Gürtel herausfuhr, deſſen Anblick in den gemeinen Matroſen abergläubiſche Scheu erweckte; in demſelben Momente erfolgte die Exploſion von beinahe einem Dutzend weitmündiger Kanonen. Der furchtbare Uebergang von Achtloſigkeit und Gleich⸗ gültigkeit zu dieſem kühnen Ausbruch entſchiedener Feindſeligkeit ſtreute Entſetzen in die beherzteſten Gemüther an Bord des könig⸗ lichen Kreuzers. Der augenblicklichen Pauſe der Erwartung folgten Erſtarrung und Blicke der geſpannteſten Aufmerkſamkeit; ſie hörten das brauſende Klirren des ehernen Sturmes durch die Lüfte, wie er daher fuhr. Das Krachen, das jetzt erfolgte, vermiſcht mit dem Stöhnen menſch⸗ licher Stimmen, begleitet von dem Sauſen zerriſſener Planken, hoch umherfliegender Splitter von Tauen, Pflöcken und Kriegswerkzeugen zeugte für die unheilbringende Sicherheit der erhaltenen Lage. Das Erſtaunen aber und die Beſtürzung dauerten nur einen Augenblick. Die Engländer erhoben ein lautes Hurrahgeſchrei, und ſandten eine Erwiederung des Verderben ſprühenden Sturmes zurück, von deſſen Erſchütterung ſie ſo eben raſch und mannhaft ſich erholt hatten. Jetzt erfolgte die gewöhnliche und regelmäßige Kanonade der Seegefechte. Voll Begierde, den Ausgang des Kampfes zu be⸗ ſchleunigen, rückten beide Schiffe einander näher und näher; ſchon zerfloſſen die Wolken weißlichen Dampfes, ſich an den Schiffen empor um die Maſten kräuſelnd, in eine Maſſe, und bezeichneten mitten in der weiten Oede des ruhig ſchimmernden Oceans den einzelnen Punkt des Kampfes auf Leben und Tod. Das Feuer des Geſchützes war heiß, raſch und unaufhörlich. Obgleich aber α die feindlichen Partheien mit einander in der Wuth, Tod und Ver⸗ derben zu verbreiten, wetteiferten, ſo bezeichnete doch ein beſonderer Umſtand die Charakter⸗Verſchiedenheit der Mannſchaft beider Schiffe. Lautes jauchzendes Hurrah! begleitete jede Lage der rechtmäßigen Kreuzer, indeſſen des Freibeuters Haufen ihre Mordgeſchäfte mit dem tiefen Schweigen der Verzweiflung betrieben. Das Ergreifende und Hinreißende der Scene jagte bald in den Adern des Veteranen Bignall ſein Blut umher, welches, durch den Einfluß der Jahre abgekühlt, bereits etwas langſam zu kreiſen be⸗ gonnen hatte. „Der Kerl hat ſeine Kunſt nicht vergeſſen!“ rief er aus, als die Wirkungen der hohen Sachkenntniß ſeines Feindes in den zer⸗ riſſenen Segeln, zerſplitterten Spieren und wankenden Maſten ſeines —— 2 — 204 eigenen Schiffes nur allzu ſichtbar waren.„Hätte er nur die könig⸗ lichen Patente in der Taſche, ſo verdiente er den Namen Held!“ Die Augenblicke waren für bloße Worte zu koſtbar. Wilder antwortete nur mit einem ermunternden Zuruf an ſeine Leute, um ſie zu ihrem großen und beſchwerlichen Werke anzufeuern. Die Schiffe waren von dem Winde abgefallen, und glitten parallel neben einander her, unaufhörlich Flammenſtröme ſpeiend, welche durch die qualmende Nacht hindurchblitzten. In ganz kurzen und ſeltenen Zwiſchenräumen wurden nur ihre Spieren ſichtbar. Eine geraume Zeit, welche den Streitenden nur kurz ſchien, war ſo verſtrichen, als die Matroſen des Pfeil bemerkten, daß ſie ihr Schiff nicht mehr ſo in völliger Gewalt hatten, wie es ihre Lage doch im höchſten Grade erforderte. Dieſen wichtigen Umſtand rapportirte ſogleich der Quartiermeiſter an Wilder, und dieſer an ſeinen Vorgeſetzten. Der unmittelbare und ſehr natürliche Erfolg war eine haſtige Berath⸗ ſchlagung über Urſache und Wirkungen dieſes unerwarteten Ereig⸗ niſſes. 4 „Seht!“ rief Wilder,„die Segel liegen ſchon wie Lappen an den Maſten; die Exploſionen der Artillerie haben den Wind geſtellt.“ „Horcht!“ antwortete der erfahrene Bignall;„die Artillerie des Himmels geht auch los.— Der Sturm iſt bereits über uns; — Backbard das Steuer, Sir, gieren Sie das Schiff aus dem Rauche; hart an Backbord das Steuer, Sir, immer zu!— Noch mehr! Hart an Backbord, ſag' ich!“ Die träge Bewegung des Schiffes entſprach nicht der Unge⸗ duld derer, welche es lenkten, trotz dem Drange des gegenwärtigen Augenblicks. Indeſſen Bignall und die Offiziere, welche ihren Po⸗ ſten in ſeiner Nähe hatten, mit den Segelgaſten ſich beſchäftigten, fuhr die Mannſchaft auf den Batterien in ihrem Mordgeſchäfte fort. Das Toben des Geſchützes dauerte noch beſtändig an, und beinahe überwiegend, obgleich es Augenblicke gab, wo das dumpfe verhängnißvolle Rollen in der Atmoſphäre zu deutlich war, als daß man es nicht hätte hören ſollen. Ein klares Urtheil war aber den Seeleuten unmöglich, weil das Ohr noch nicht durch das Auge unterſtützt werden konnte. Rumpf, Spieren und Segel waren alle in den wirbelnden Qualm verhüllt, welcher ſich auf Firmament, 205 Luft, Schiffe und Ocean als eine einzige düſterweiße Nebelhülle lagerte. Sogar die an den Kanonen thätigen Geſtalten waren nur in einzelnen Momenten durch wankende Lücken der Atmoſphäre ſichtbar. „Noch nie ſah ich bisher den Dampf ſo auf dem Verdeck eines Schiffes laſten!“ ſprach Bignall mit einer Beſorgniß, welche er aller Vorſicht ungeachtet nicht verbergen konnte.„Backbord das Steuer— hart an! Sir. Beim Himmel, Mr. Wilder, dieſe Spitzbuben wiſſen nur zu gut, daß ſie für ihr armes Leben kämpfen!“ „Wir feuern ſchon allein!“ rief jubelnd der zweite Lieutenant vom Geſchütze her, und ſtillte das Blut im Geſichte, das ihm aus mehreren von Splittern geſchlagenen Wunden hervorquoll; zu ſehr mit ſeinen eigenen Pflichten beſchäftigt, hatte er die Veränderungen in der Atmoſphäre gar nicht bemerkt.„Seit einer Minute unge⸗ fähr hat er keinen einzigen Schuß erwiedert.“ „Beim König Georg! die Schurken haben genug!“ rief Big⸗ nall hocherfreut.„Ruft dreimal Hurrah! dem Sie—“ „Halten Sie ein, Sir!“ rief Wilder ſo entſchieden dazwiſchen, daß ſeines Kommandeurs voreilige Freude augenblicklich gehemmt ward;„bei meinem Leben, unſer Werk iſt ſo ſchnell nicht beendigt. Mag ſein, daß ſein Geſchütz ſchweigt,— doch, gebt Achtung! Der Dampf fängt an ſich zu heben. Noch wenige Minuten, und wir haben, wenn unſere Kanonen ruhen, hellere Luft und freiere Aus⸗ ſicht.“ Ein Jubelgeſchrei ertönte in dieſem Augenblick von den Bat⸗ terien her, worauf der allgemeine Ruf ertönte:„Die Piraten ma⸗ chen ſich aus dem Staube!“ Der Triumph über ihren vermeintlichen Sieg ſollte aber bald und ſchrecklich unterbrochen werden. Eine glänzende, lebendige Maſſe ätheriſchen Feuers durchblitzte die dichten Dunſtwolken, die wunderbar noch über ihrem Haupte hingen, und nun folgte ein Krachen des Firmaments, gegen welches die gleichzeitige Erploſion des ſämmtlichen Geſchützes der beiden Schiffe ſchwach geſchienen hätte. „Rufen Sie die Mannſchaft von ihren Kanonen ab!“ ſprach Bignall in jenem gedämpften Tone, der durch die erzwungene und —— —— ————— unnatürliche Ruhe nur noch furchtbarer wird;„rufen Sie ſie Alle ab, Sir, und holen Sie die Segel an!“ Wilder, mehr erſchrocken über die Nähe und die drohende Wucht des Sturmes, als über Worte, an die er ſeit langer Zeit gewöhnt war, ſäumte keinen Augenblick, einen allem Anſcheine nach ſo dringenden Befehl zu ertheilen. Die Matroſen zogen ſich von den Batterieen zurück, wie Athleten von der Arena, Einige blutend und matt, Andere noch ſtolz und muthig, und Alle noch mehr oder weniger von der Scene der Wuth, bei der ſie handelnde Perſonen geweſen waren, in hohem Grade aufgeregt. Dieſer ſprang an die wohlbekannten Taue, Jener ſtieg in das noch hängende Segelwerk und verlor ſich in dem Gewebe. Wilder hatte das Sprachrohr ergriffen, um es an den Mund zu ſetzen, und den Topgaſten die nöthige Ordre zuzurufen; er fragte haſtig: „Soll ich reefen oder beſchlagen?“. „Halt, halt, Sir! Noch eine Minute warten, und es wird ſich entſcheiden.“ Der Lieutenant hielt inne; wohl bemerkte auch er, daß der Schleier, der ihre ganze Lage bedeckte, ſich zu heben beginne. Der Dampf, der in der That auf dem Decke gelegen hatte, niedergehal⸗ ten von dem drückenden Gewichte der Atmoſphäre, begann erſt in ſich ſelbſt zu kreiſen, krümmte ſich dann an den Maſten empor, und wirbelte oben in einen heftigen Luftſtrom hinein, der ihn fortriß. Jetzt hatten ſie freie Ausſicht. Das herrliche Sonnenlicht und glänzende Blau der unend⸗ lichen Halbkugel über ihnen hatte ſich binnen weniger als einer halben Stunde in einen einzigen weiten Mantel, ſchwarz wie das Grab, gehüllt. Die See ſpiegelte düſter und trübe die graſſen Tinten zurück. Schon ſah man die Wellen nicht mehr regelmäßig fallen und wieder ſteigen, regellos trieben ſie ſich hin und her, als harrten ſie der Gewalt, welche ihnen Richtung und höhere Kraft geben ſollte. Nicht raſch auf einander folgten die Flammen des Firmaments, ſondern nach gemeſſenen Zwiſchenräumen; majeſtätiſch und mit blendendem Glanze fuhren ſie über die Düſterkeit der Scene, begleitet von dem furchtbaren Donner der Tropen, deſſen mächtige Schläge der Menſch, ohne zu läſtern, die Stimme jenes Weſens nennen könnte, welches das ganze Weltall geſchaffen, und nun zu den Geſchöpfen ſeiner Hand ſpricht. Rundum überall bereitete ſich ein furchtbarer verderbenſchwangerer Kampf der Elemente. Des Freibeuters Schiff glitt leicht vor einer Kühlte einher, welche friſch und in einzelnen Stößen aus den Wolken hervorſtrich; ſeine Segel waren eingezogen und ſeine Mannſchaft kaltblütig aber thätig mit Ausbeſſerung der Schäden beſchäftigt, die das Gefecht verurſacht hatte. Nicht einen Augenblick ward mit der Nachahmung des vor⸗ ſichtigen Freibeuters geſäumt. Der Vorderſtern des Dart ward ſchnell und glücklich in eine, der Kühlte entgegengeſetzte Richtung gebracht; und als er nun demſelben Kurſe wie der Delphin folgte, ward ein Verſuch gemacht, die zerriſſenen und beinahe unnützen Se⸗ geltücher an die Naaen zu bringen. Koſtbare, unwiderbringliche Augenblicke waren aber in der Finſterniß des Dampfes verloren gegangen. Jetzt verblaßte das finſtere Grün der Wogenfläche zu einem ſchillernden Weiß; dann aber raſte die entfeſſelte Furie des Sturms mit ſchrecklichem hohlen Brauſen, und unwiderſtehlicher Heftigkeit über die Waſſerwelt einher. „Muth! Kinder, Muth!“ rief Bignall in dieſer Noth ſeines Schiffes.„Beſchlagt die Segel! alle miteinander, laßt der Bö kei⸗ nen Lappen! Bei dem König Georg, Mr. Wilder, der Sturmwind ſpielt nicht mit uns; ermuntern Sie die Leute zur Arbeit; ſprechen Sie liebevoll mit ihnen, Sir!“ „Beſchlagt die Segel! hinweg damit!“ rief Wilder.„Kappt ſie, wenn's zu langſam geht; weg damit, nehmt Meſſer und Zähne zu Hülfe— herunter mit euch Allen! Herunter, bei eurem Leben! Kommt herunter, Alle!“ In der Stimme des Lieutenants lag etwas, was in den Ohren ſeiner Mannſchaft wie übernatürlich klang. Vielleicht war es die Erinnerung an das vor ſo kurzer Zeit erlebte, ihm nun von Neuem drohende Schreckniß, das in Tönen heimlichen Entſetzens redete. Ein Schwarm von Geſtalten eilte an der Takelage herab, eine Luft gleichſam durchbrechend, welche zum Greifen dicht war. Ihr Entrinnen, das der Haſt der Vögel verglichen werden kann, wenn ſie ihren Neſtern im Momente der Gefahr zuſtürzen, war auch nichts weniger als übereilt. Ihrer Taue beraubt, und von —— ——— 298 zahlloſen Wunden verletzt, gaben die hohen und überladenen Spie⸗ ren der Macht des Sturmes nach, hintereinander auf's Deck her⸗ unterſtürzend, bis nichts mehr ſtand, als die drei feſtern, aber kahlen und faſt unnützen Unter⸗Maſte. Bei weitem der größte Theil der Mannſchaft oben erreichte das Deck noch zu rechter Zeit; Einige aber waren zu ſtandhaft, und zu tief im Sturm der Elemente ſelbſt, als daß ſie die Worte der Warnung hätten vernehmen können. Dieſe Opfer eigener Feſtigkeit erblickte das Auge des Gefährten an die zerſplitterten Stücke der Spieren ſich anklammernd; dann ſchoß der Pfeil in einer Schaumwolke bei der Stelle, wo ſie mit den Wogen kämpften, vorüber, und ſie und ihr entſetzliches Schickſal wurden von der fernen Oede verſchlungen. „Es iſt Gottes Hand!“ rief Bignall heiſer, und verſchlang mit ſeinen krampfhaft ſtieren Augen die Scene der Zerſtörung. „Hören Sie wohl! Henry Arche! Ein für allemal bezeuge, be⸗ ſchwöre ich, daß nicht das Geſchütz des Piraten uns dahin ge⸗ bracht hat.“ Nicht ſehr aufgelegt, mit dem Troſte ſeines Kommandeurs vorlieb zu nehmen, ergriff Wilder alle möglichen Maßregeln, von denen noch etwas zu hoffen ſtand. Unter dem Geheule des Sturmes und den furchtbaren Schlä⸗ gen des Donners, in einer Atmoſphäre, die jetzt taghell von den Blitzen erleuchtet, dann wieder von den Dunſtmaſſen in tiefe Nacht verſenkt ward; unter dem erſchreckenden Anblicke der Gegenſtände einer noch vor Augen dampfenden grauſigen Schlacht, erwies die Bemannung des brittiſchen Kreuzers ſich ſelbſt und ihrem alten Ruhme treu. Bignalls und ſeines Lieutenants Stimme wurden zuweilen im Sturme gehört, Befehle rufend, welche ein langer Ge⸗ brauch ihnen geläufig gemacht hatte, oder das Schiffsvolk ermun⸗ ternd. Der Kampf der Elemente aber war glücklicher Weiſe nur von kurzer Dauer. Der Sturm tobte bald über dieſe Gegend hin⸗ weg und ließ die Paſſatwinde wieder in ihrer alten Richtung ſtrei⸗ chen, die See hinter ihm war, durch den entgegenwirkenden Ein⸗ fluß der Winde, eher ruhig als bewegt zu nennen.. Als aber dieſe eine Gefahr dem Auge der Seemänner auf dem Pfeil entſchwunden war, zog eine andere nicht minder furcht⸗ bare, ihre Aufmerkſamkeit auf ſich. Alle Erinnerung an vordem 209 bezeigte Gunſt, jedes Gefühl von Dankbarkeit, war in Wilders Gemüthe unter dem Einfluſſe eines mächtigen Selbſtbewußtſeins, und jener Liebe zum Ruhm, welche in dem Krieger feſtwurzelt, er⸗ loſchen; nichts dergleichen regte ſich in ihm, als er die unberührte und herrlichſchöne Symmetrie der Spieren des Delphin und die ganze vollkommene und wohlerhaltene Ordnung ihrer Takelage be⸗ trachtete. Es ſchien, als trüge dieſer ein Zaubermittel, oder wenig⸗ ſtens, als wäre ein höheres Weſen mit ſeinem ſchützenden Fittig thätig geweſen, um es durch die Gefahren dieſes zweiten Sturmes unverſehrt hindurch zu führen. Doch reifere Ueberlegung und küh⸗ leres Nachdenken mußten ſogleich für die richtigere, natürlichere Meinung ſprechen, daß die Wachſamkeit und weiſe Vorſicht jenes merkwürdigen Weſens, welches nicht nur des Schiffes Bewegungen, ſondern auch den Lauf ſeines Glücksſternes zu beſtimmen ſchien, die Hauptgrundlage aller vorhandenen Erſcheinungen ſei. Es war ihm aber zu wenig Muße gegönnt, um über dieſen Wechſel nachzuſinnen, oder mißgünſtigen Ideen über des Feindes Vortheil ſich hinzugeben. Des Freibeuters Schiff hatte manches breite Stück Leinwand geöffnet; die regelmäßige Kühlte, die ſich einſtellte, ward benutzt, und nun näherte er ſich raſch und unver⸗ meidlich. „Bei Georg, dem König! Mr. Arche, alles Glück liegt heute in den Segeln des Gottloſen,“ ſagte der Veteran, als er aus der Richtung des Delphin ſchloß, daß das Zuſammentreffen leicht erneuert werden dürfte.„Schicken Sie die Leute auf ihre Poſten, laſſen Sie die Kanonen löſen; denn wahrſcheinlich haben wir mit dem Schurken noch einen Strauß zu beſtehen.“ „Könnte ich nicht einen Augenblick Verzug erhalten?“ fragte Wilder dringend, als er ſeines Kommandeurs Befehl hörte, die Ar⸗ beit am Geſchütze in einem Augenblick zu erneuern, als der Feind im Begriff ſtand, eine günſtige Stellung einzunehmen;„erlauben Sie mir auf den Verzug eines Augenblickes anzutragen, wir kön⸗ nen noch nicht wiſſen, welche Abſichten er jetzt hegt.“ „Keiner,“ erwiederte der ſtrenge alte Matroſe,„keiner ſetzt einen Fuß auf das Deck des Dart, ohne ſich dem Willen ſeines königlichen Herrn unterworfen zu haben! Drauf! Feuert! Donnert Seeräuber. 14 210 die Hallunken von ihren Kanonen hinweg! Zeigt ihnen, was es heißt, einem Löwen zu nahen, und wenn er nur ein Krüppel wäre!“ Wilder ſah, daß eine Gegenvorſtellung zu ſpät kommen würde, denn eine friſche Lage heulte vom Dart und zernichtete gewiß jede großmüthige Abſicht, die der Freibeuter etwa hegen konnte. Des letzteren Schiff empfing den ehernen Sturm, indem es vorrückte, und wich ſogleich anmuthig von ſeinem Kurſe ab, als wolle es einer Wiederholung zuvorkommen. Jetzt ſtürmte es auf das Vor⸗ dertheil des beinahe erſchöpften königlichen Kreuzers ein, und eine dumpfe Aufforderung ſeine Flaggen zu ſtreichen ward gehört. „Kommt heran, ihr Schurken!“ ſchrie der höchſt aufgebrachte Bignall.„Kommt heran, und verſucht es mit eigener Hand.“ Als fühlte es ſelbſt den Hohn ſeines Feindes, fiel des Frei⸗ beuters Schiff etwas mehr in den Wind und ſchoß auf den Vor⸗ derſteven des Feindes los; zugleich ging ſein Feuer, eine Kanone nach der andern, mit wohlberechneter und todtbringender Sicherheit voll auf dieſen unverwahrten Theil des Gegners los. Jetzt hörte man einen Stoß, wie zweier Körper, die ſich treffen, und fünf grimmige Geſtalten erſchienen auf dem Decke ſelbſt, eine blutige Scene zu eröffnen, mit den tödtlichen Waffen verſehen, zum Kampfe Mann gegen Mann. Ein ſo unheilbringender und raſcher Angriff hatte für einen Augenblick die Kräfte der Beſtürmten gelähmt; nicht ſobald aber hatten Bignall und ſein Lieutenant die Höllengeſtalten aus dem Rauche ihres eigenen Schiffes heraufſteigen ſehen, als jeder mit kräftiger Stimme, die ſelbſt in dieſem Momente des Entſetzens ihre Wirkung nicht verfehlte, einen Trupp Begleiter zuſammenrief, und von ihnen unterſtützt, tapfer dem Feinde entgegenſtürmte, um den Strom zu hemmen. Das erſte Zuſammentreffen war wüthend und ſprühte Tod und Verderben; beide Theile hielten einen Augenblick inne, um Sukkurs zu erwarten und Athem zu ſchöpfen. „Kommt heran, ihr Mörder und Diebe!“ rief an der Spitze ſeines Trupps der unerſchrockene Veteran, leicht erkenntlich an den grauen Locken, welche um ſeinen kahlen Scheitel flatterten,„ihr wißt wohl, daß der Himmel mit dem Gerechten kämpft!“ Die grimmige Bande gegenüber wich zurück, und theilte ſich; da aber kam ein Flammenblitz von der Seite des Delphin her, ——— zu ſpießen haben wollt!“ 211 durch eine leere Pforte ſeines Gegners, und trug in ſeinem Schooße hundert tödtliche Geſchoße. Bignalls Degen flog klirrend und grau⸗ ſenerregend über ſeinem Haupte hinweg; er ſelbſt rief laut: „Kommt heran! Heran, ihr Schurken;— Harry— Harry Arche!— O Gott!— Hurrah!“ Noch röchelte er einige unverſtändliche Töne, dann ſtürzte er zuſammen, wie ein gefällter Baum, und ſtarb, unbewußt jetzt erſt im Beſitze jenes Patentes, um das er ſich durch ein Leben voll Mühſeligkeiten und Gefahren hindurch gearbeitet hatte. Bis jetzt hatte Wilder, obgleich von einer Bande bedrängt, tapfer und verwegen, wie ſeine eigene, ſeinen Stand auf dem Deck behauptet; nun aber, in dieſem furchtbaren Momente der Entſchei⸗ dung hörte er eine Stimme im Gedränge, die ihm durch alle Ner⸗ ven dröhnte, und ſogar auf ſeine eigenen Leute jene furchtbare Ge⸗ walt auszuüben ſchien. „Hinweg da! macht Platz!“ ſprach dieſe Stimme, in klaren, tiefen, und Gehorſam heiſchenden Tönen;„macht Platz, und folgt mir! Keine andere Hand als die meinige, darf die prahlende Flagge dort demüthigen!“ „Haltet Stand, meine Leute, haltet Stand!“ rief Wilder als Antwort. Wildes Geſchrei, Flüche, Verwünſchungen und hohles Stöh⸗ nen begleiteten in gräßlichem Gemiſche die ſchreckliche Scene, welche aber viel zu heftig war, als daß ſie lange hätte dauern können. Wilder ſah, daß Uebermacht und Raſerei die Stützen um ihn her niedermäheten. Wieder und wieder rief er ſie zu Hülfe, oder er⸗ muthigte ſie zum verwegenen Kampfe nach ſeinem Beiſpiel. Freund auf Freund aber ſtürzte zu ſeinen Füßen, bis er auf den äußerſten Punkt des Deckes getrieben wurde. Hier ſammelte er noch einmal eine kleine Bande, gegen welche vergebens einige heftige Angriffe unternommen wurden. „Ha!“ ſchrie eine Stimme,„Tod allen Verräthern! Spießt den Spion, wie einen Hund! Dringt durch, meine Bären! Eine Hellebarde dem Helden, der ſein Herz trifft!“ „Halt! ihr Flegel!“ erwiederten die kräftigen Töne des wackern Richard;„hier iſt ein Weißer und ein Schwarzer, wenn ihr was 212 „Zwei mehr von der ſaubern Rotte!“ fuhr der Andere fort, und führte bei dieſen Worten einen Hieb nach dem Topgaſten, der ihn zerſchmettern ſollte. Eine ſchwarze, halbnackte Geſtalt ſprang dazwiſchen, um die herabfallende Klinge aufzufangen, welche den Schaft eines Halbge⸗ wehrs trennte, als wäre es ein Rohr geweſen. Nicht im Minde⸗ ſten über ſeinen jetzt unbewehrten Zuſtand erſchrocken, ſchritt Scipio bis vor Wilder, wo er, unbekleidet bis zum Unterleib, mit leeren Händen und nervigen Armen kämpfte, wie wenn er die hundertfäl⸗ tigen Hiebe, Stöße und Angriffe, welchen ſeine athletiſche Geſtalt jetzt völlig Preis gegeben war, verachtete. „Gib es ihnen rechts und links, Guinea,“ ſchrie Fid;„hier iſt einer, der hilft Dir, wenn er erſt dem Soldaten hier den Gar⸗ aus fertig gemacht hat.“ 3 Den Finten und dem Pariren des Angreifers ward nun auf einmal ein Ende gemacht, durch einen Streich von Richards Hand, der ihm durch die Mütze und Schädel hindurch bis auf die Kinn⸗ backen fuhr. „Haltet! o ihr Mörder!“ rief indeß Wilder empört, als er ſah, wie zahlloſe Hiebe auf den noch unbedeckten Körper des uner⸗ ſchrockenen Schwarzen fielen; hierher haut und ſchonet einen unbe⸗ waffneten Mann!“ Jetzt ward es unſerm Abentheurer düſter vor den Augen, denn er ſah ſeinen Neger fallen, und ſah, wie er zwei ſeiner An⸗ greifer mit ſich nieder auf das Deck rieß; in dieſem Momente er⸗ ſchallte eine Stimme, tief, wie in der Bewegung geſprochen, welche eine ſolche Scene hervorzubringen vermag, anſcheinend dicht vor ſei⸗ nem Ohre: „Unſer Werk iſt vollbracht! Wer noch einen Arm aufhebt, hat es mit mir zu thun!“ — —r —— 4 Siebzehntes Kapitel. Der letzte Sturm war nicht ſchneller, aber auch nicht furcht⸗ barer und ſchrecklicher über das Schiff hinweggegangen, als die eben geſchilderten Scenen. Aber der lächelnde Anblick des ruhigen Fir⸗ mamentes und die glänzende Sonne der Karaiben⸗See, ließen ſich mit den Greueln nicht vergleichen, welche dem Kampfe folgten. Die augenblickliche Verwirrung, welche Scipio's Fall folgte, war bald gehoben, und Wilder allein gelaſſen, der nun auf das Wrack aller gerühmten Größe ſeines Kreuzers, und auf dieſe Verwüſtung und Zernichtung von Menſchenleben, die Folgen des Kampfes, herab⸗ blickte. Dieſer iſt hinreichend geſchildert worden; aber eine kurze Darſtellung des gegenwärtigen Standpunktes der handelnden Per⸗ ſonen dürfte zum Verſtändniß der folgenden Handlung dienen. Wenige Schritte von der Stelle, die ihm ſelbſt gegönnt wor⸗ den, ſtand des Freibeuters regungsloſe Geſtalt. Indeſſen bedurfte es eines wiederholten forſchenden Blickes, um in dem von der er⸗ wähnten Sturmhaube bis zur Wildheit entſtellten grimmigen Ge⸗ ſichte die gewöhnlich lieblichen Züge zu erkennen. Als Wilders Auge über die gerade, triumphirende Figur hinwegglitt, ward es ihm ſchwer, ſich zu überreden, daß auch des Mannes Körper nicht raſch und auf unerklärliche Weiſe größer geworden. Die eine Hand ruhte auf einem Yattayan, welcher, nach den karminrothen Tropfen, die an demſelben hinunterrannen, zu urtheilen, in dem Kampfe Dienſte gethan haben mußte; der eine Fuß ſtand, anſcheinend mit beſonderem Drucke, auf jener Nationalflagge, deren Erniedrigung ſeine höchſte Luſt, ſein Stolz war. Sein Auge glitt ernſt und aufmerkſam über die Scene, doch entfloh ſeinen Lippen keine Sylbe, noch verrieth er auf irgend eine Weiſe das hohe Intereſſe, das er für das Vorgegangene fühlte. Hier und da lagen auf dem Deck umher verwundete Gefan⸗ gene, noch trotzig und unbeſiegt in ihrem Geiſte; unter ihnen manche ihrer kaum minder glücklichen Feinde, im Blute ſchwimmend; die wilden Züge, welche noch in ihren Mienen aufblitzten, bezeugten ——— — — —— 214 hinlänglich, daß ihre Gedanken einzig und allein auf Rache gerich⸗ tet waren. Die völlig Unverletzten, und die nur leicht Verwundeten beider Partheien, waren ſchon mit Plündern oder mit Entfernen und Ab⸗ ſondern ihrer Perſon oder Habe beſchäftigt. So kräftig und vollkommen war aber die von dem Haupte der Freibeuter gehandhabte Mannszucht, ſo unumſchränkt ſeine Macht, daß von dem Augenblicke an, da ſein Verbot erſchollen, kein Hieb mehr geführt, kein Tropfen Bluts mehr vergoſſen ward. Wäre Menſchenleben allein der Preis des Kampfes geweſen, ol da gab es genug, genug, um die ſchrecklichſte Blutgier zu ſättigen. Manchen Todesſtreich fühlte Wilder in ſeinem Herzen, als er ſo die marmorbleichen Züge ergebener Freunde oder treuer Diener nach einander muſterte, am meiſten aber erſchütterte ihn der Anblick des ſtarren, ernſten Antlitzes ſeines alten Kommandeurs. „Kapitän Heidegger,“ ſprach er, innerlich um die Erhaltung der in dieſem Momente nöthigen Kraft kämpfend;„das Glück des Tages hat für Sie entſchieden; ich bitte um Gnade und Milde für die Ueberlebenden.“. „Gnade und Milde ſollen denen gewährt werden, welche ge⸗ rechte Anſprüche darauf haben; ich hoffe, es werden Alle in dieſem Verſprechen begriffen ſein!“ Des Freibeuters Stimme war feierlich, der Ausdruck ſeiner Worte bedeutungsvoll; er ſchien damit mehr ſagen zu wollen, als ſich aus dem natürlichen Sinne ſeiner Rede abnehmen ließ. Viillder hätte über dieſe in jeder Beziehung vieldeutige Ant⸗ wort lange vergeblich nachſinnen können; die Annäherung aber eines Individuums aus dem feindlichen Haufen, in welchem er augen⸗ blicklich den keckſten Rädelsführer und Anſtifter der unlängſt auf dem Delphin erlebten Meuterei, erkannte, ſollte augenblickliches und ſchreckliches Licht über die verborgene Meinung ihres Anführers verbreiten. „Wir fordern die Erfüllung unſers alten Geſetzes!“ redete in trotzigen Tönen der Erſte der Bande ſeinen Chef an, mit einer Kürze und Keckheit, welche allein das eben erſt überſtandene Ge⸗ fecht entſchuldigen konnte. „Was verlangt ihr?“ 4 245 „Das Leben der Verräther!“ lautete die barſche Antwort. „Ihr kennt die Bedingniſſe unſers Dienſtes. Sind ſolche in unſerer Gewalt, ſo übergebt ſie ihrem Schickſal.“ Hätte in Wilders Gemüthe über die wahre Bedeutung dieſes furchtbaren Anſpruchs auf Genugthuung noch ein Zweifel obwalten können, ſo mußte er bei der empörenden und unglückverheißenden Art, womit er und ſeine Begleiter unmittelbar vor das Freibeuter⸗ Haupt geriſſen wurden, verſchwinden. Wiewohl die Liebe zum Le⸗ ben ſtark und lebendig in ſeiner Bruſt athmete, ſo äußerte ſie ſich, ſelbſt in dieſem furchtbaren Momente, keineswegs in Bitten, oder ſonſt unmännlichen Beginnen. Nicht einen Augenblick bebte ſein Gemüth, kein Gedanke an eine Ausflucht, die ſeines Standes und der bisher behaupteten Würde nicht angemeſſen geweſen wäre, ward in ihm rege. Einen ängſtlich fragenden Blick heftete er auf das Auge deſſen, der allein die Macht beſaß, ihn zu retten, und be⸗ merkte den kurzen, ſchmerzlichen Kampf des höchſten Bedauerns, welches den ſtarren Muskeln in dem Geſichte des Freibeuters einen ſanftern Ausdruck verlieh. Dann ſah er die raſche, kalt⸗ruhige Faſſung, welche ſich über ſeine Züge verbreitete, und erkannte dar⸗ aus, daß die Gefühle des Menſchen in ihm von ſeinen ſtrengen Pflichten als Anführer erſtickt wurden. Mehr bedurfte es nicht, ihn von der äußerſten Hoffnungsloſigkeit ſeiner Lage zu überzeu⸗ gen. Der junge Mann verſchmähte es, durch fruchtloſe Vorſtellun⸗ gen ſich zu erniedrigen; feſt, regungslos und ſchweigend blieb er auf dem Punkte ſtehen, wo ihn ſeine Ankläger hingezerrt hatten. „Was wollt ihr?“ fragte endlich der Freibeuter mit einer Stimme, die ſogar ſeine ehernen Nerven nicht tief und volltönend wie gewöhnlich zu machen vermochten.„Was iſt euer Begehr?“ „Ihr Leben.“ „Ich verſtehe euch; geht! ſie ſind eucer Willkühr übergeben!“ Ungeachtet der Schreckniſſe der eben überſtandenen Scene, der hohen und unbeſchreiblichen Erregung während des Gefechtes, er⸗ ſchütterten dennoch die feierlichen Töne der ruhigen Ueberlegung, in welchen ſein Richter einen Spruch fällte, der ihn einem plötzli⸗ chen und ſchimpflichen Tode beſtimmte, Wilders ganzes Weſen bei⸗ nahe bis zur Bewußtloſigkeit. Das Blut ſtrömte zurück zu ſeinem Herzen, und eine krankhafte Empfindung ſeines Gehirns drohte ſeine —4——— E 216 Vernunft zu verwirren. Es war aber bald vorüber, und aufrecht, ſtolz und feſt wie immer, ſtand er da, und kein menſchliches Auge hätte eine Spur menſchlicher Schwäche an ihm zu entdecken ver⸗ mocht. Mit bewundernswürdiger Standhaftigkeit ſprach er: „Für mich ſelbſt bitte ich um nichts. Ich kenne eure ſelbſt⸗ geſchaffenen Geſetze; ſie verurtheilen mich zu einem elenden Ende; aber für dieſe, die nicht wußten, was ſie thaten, für dieſe zutrau⸗ ensvollen, treuen Begleiter, rufe ich,— nein! bitte, flehe, beſchwöre ich Ihre Gnade; ſie ſelbſt—“* „Sprechen Sie mit dieſen!“ ſagte der Freibeuter, und deutete mit weggewandtem Geſichte auf die Rotte, die ihn umgab;„dieſe ſind ihre Richter und die einzigen Gnadenſpender.“ Ein heftiger und beinahe unüberwindlicher Eckel ſprach deut⸗ lich aus dem ganzen Weſen des jungen Mannes; doch unterdrückte er ihn mit Macht, wandte ſich zu der Mannſchaft, und fuhr ort:— 3 „Nun, auch dieſen gegenüber will ich mich demüthigen, zu Bitten erniedrigen. Ihr ſeid Männer, ihr ſeid Seeleute—“ „Hinweg mit ihm!“ krächzte einer aus der Menge; er will predigen; fort mit ihm an die Raanocke!“ Dieſer ſchrillende, langgedehnte Ruf ward in ſchreienden Miß⸗ klängen mit einem Echo von zwanzig Stimmen aus beinahe eben⸗ ſoviel Nationen beantwortet;— „An die Raanocke! fort mit allen Dreien! fort!“ Wilder ſandte dem Freibeuter den letzten hülferufenden Blick zu, konnte aber keine Antwort erlangen, da Jener abſichtlich ſich weggewendet hatte. Jetzt fühlte er ſich mit Gluth im Gehirne, unter Mißhandlungen von der Schanze auf den Mittelpunkt und den weniger Schutz gewährenden Theil des Deckes geſchleppt!“ Die Heftigkeit des Fortzerrens, das ſchleunige Schießen der Taue, und alle die ſchrecklichen Vorbereitungen einer Hinrichtung zur See, erſchienen ihm, der an den Grenzlinien der Zeit ſtand, das Werk nur eines Augenblickes. „Eine gelbe Flagge! Eine Exekutionsflagge! brüllte ein rach⸗ ſüchtiger Vormann des Vorderkaſtells; der Gentlemann ſoll unter der Schurkenflagge ſeinen letzten Kreuzzug beginnen!“ „Eine gelbe Flagge! Eine gelbe Flagge!“ ſchrien zwanzig Stimmen nach.„Herunter mit der Freibeuterflagge; hinauf die Farbe des Ober⸗Profoſſes! Eine gelbe Flagge!“ Das rohe Gelächter, die höhniſche Schadenfreude, womit die⸗ ſer niedrige Anſchlag aufgenommen wurde, erregte Fid's Zorn, der ſich bis hierher der grauſamen Behandlung, die er erleiden mußte, aus keinem andern Grunde geduldig unterworfen hatte, als weil er dachte, ſein Vorgeſetzter müſſe am beſten wiſſen, wie das Bis⸗ chen, was etwa zu ſagen nöthig ſein könnte, anzubringen ſei. Jetzt aber verließen ihn Klugheit und Mäßigung, und machten einem zornigen Unwillen Raum. „Halt! ihr Schurken!“ rief er hitzig aus,„ihr Halsabſchnei⸗ der, ihr ungehobelten Lümmel! Daß ihr Schurken ſeid, läßt ſich euch unter die Naſe beweiſen, da ihr eure Schiffspatente vom Teu⸗ fel habt! und das ihr Lümmel ſeid, kann jeder aus der Art ab⸗ nehmen, wie ihr mir dieſes Tau um den Hals geſchloſſen habt. Ihr ſollt aber alle ſehen, ihr Schufte! Ihr werdet es einmal alle richtig aus eigener Erfahrung kennen lernen, zu ſeiner Zeit, ja, ja!“ „Fein gedreht, und aufgehißt, hinauf mit ihm!“ ſchrieen eine, zwei, drei Stimmen raſch hinter einander,„einen klaren Klapläu⸗ fer und ſchnelle Reiſe in den Himmel!“ Glücklicher Weiſe unterbrach ſie ein neuer Ausbruch tobenden Lärms von einem der Verdeckgänge her, wo das Geſchrei erſcholl: „Ein Pfaff! ein Pfaff! Pfeift den Hallunken zum Gebete, ehe ſie ihren Tanz in der leeren Luft beginnen!“ Als ob jenes erhabene Weſen, von dem Gnadenſtuhl herab, deſſen Allmacht ſie ſo gottesläſterlich trotzten, ihrem Spotte ant⸗ worte, verſtummte das wilde Gelächter, mit dem die Freibeuter den höhnenden Vorſchlag aufgenommen hatten, als eine tiefe, dro⸗ hende Stimme in ihrer Mitte ſich hören ließ, welche ihnen zurief: „Bei dem Himmel! wenn ein Finger, ein Blick einen Gefan⸗ genen auf dieſem Schiffe kränkt, ſo thäte der Beleidiger beſſer, er bäte um das Loos, das ihr dieſen Elenden beſtimmt habt, als daß er meinen Zorn wagte. Steht auf, ich ſag es euch, und laßt den Kaplan herbeitreten!“ Jede gehobene Hand war ſchnell und ſtill herabgeſunken, jede unheilige Lippe ſchloß ſich in zitternder Stille; ſie wichen und mach⸗ 218 ten dem erſchreckten und mit Entſetzen erfüllten Gegenſtande ihres Spottes Platz und Gelegenheit zu der Hinrichtungs⸗Scene heran⸗ zutreten. „Sehen Sie,“ ſprach der Freibeuter, in ruhigerm aber nicht minder gebieteriſchem Tone,„Sie ſind ein Diener Gottes, und Ihr Amt iſt heilige Liebe; können Sie dieſen Sterbenden einen Troſt geben, der Ihnen den Uebergang verſüßen kann, ſo beeilen Sie ſich, ihnen denſelben mitzutheilen.“. „Was haben ſie verbrochen?“ fragte der Diener des göttlichen Wortes. „Das kümmere Sie nicht! Genug, ihre Stunde iſt gekommen. Wollen Sie Ihre Stimme zum Gebet erheben, befürchten Sie nichts. Auch hier ſollen dieſe ungewöhnlichen Töne willkommen ſein. Ja, noch mehr, dieſe Ungläubigen, welche Sie ſo kühn umſtehen, ſollen knieen und ſtumm ſein, als wären ihre Herzen gexührt von der heiligen Ceremonie. Der Spötter ſoll auf meinen Wink ſtumm, und der Abtrünnige ehrfurchtsvoll ſcheinen. Sprechen Sie frei.“ „Zuchtruthe der Meere!“ begann der Kaplan, über deſſen blaſſe Züge ein heiliger Eifer ſeine Flammengluth ausgegoſſen hatte;— frevelhafter Verletzer menſchlicher Geſetze! verwegener, frecher Ver⸗ ächter der Gebote Deines Gottes! Schreckliche Vergeltung müſſe dieſer ſchwarzen That folgen! Iſt es nicht genug, daß du heute ſo viele einem ſo plötzlichen Ende übergeben, bedarf deine Rache noch mehr Blut zu ihrer Sättigung? Scheue die Stunde dereinſt, da dieſe Werke von der Allmacht unterſucht werden über deinem eigenen der Strafe verfallenen Haupte!“ „Siehe!“ ſagte der Freibeuter mit einem Ausdrucke lächelnd, im Widerſpruch mit einem Zuge unnatürlichen Triumphes, der um ſeine zuckenden Lippen kämpfte;„ſiehe, hier haſt du's deutlich vor Augen, wie der Himmel den Gerechten beſchützt!“ „Und iſt ſeine hohe Gerechtigkeit auch eine Zeitlang in uner⸗ forſchliche Weisheit gehüllt, irre dich nicht; die Stunde iſt da, wo ſie offenbar wird in ihrer Majeſtät.“ Plötzlich ſtockte die Stimme des Kaplans, ſein Auge war auf die ernſten, ſtarren Geſichtszüge Bignall's gefallen, welcher, ein Schreckensbild des Todes, halbbedeckt von der Flagge, die der Frei⸗ beuter ſelbſt auf den Leichnam geworfen, dalag. Dann aber bot — — ——* —— .— der Geiſtliche alle ſeine Kraft auf, und fuhr in dem hohen war⸗ nenden Tone fort, der ſeinem Berufe zukam:— „Mannl! ſie ſagen, du ſeieſt den Gefühlen für deine Mitmen⸗ ſchen noch nicht abgeſtorben; und wenn auch die Saat beſſerer Grund⸗ ſätze, beſſerer Tage, in deinem Herzen erſtickt iſt, ſo ſoll ſie doch noch vorhanden ſein, und fröhlich erweckt werden können zu—“ „Still! Sie ſprechen in den Wind. Erfüllen Sie Ihre Pflicht gegen dieſe Leute, oder treten Sie ab.“ „Iſt das Urtheil über ſie geſprochen?“ „Ja.“ „Wer ſagt dies?“ fragte eine ſanfte Stimme an der Seite des Freibeuters; ſie berührte ſein Ohr, und er bebte in der geheim⸗ ſten Nerve, ſein Blut trat in die innerſten Gefäße zuſammen, und hinterließ todtenbleiche Wangen. Mit dem Erſtaunen war aber auch die Schwäche vorüber; ruhig und beinahe in demſelben Augen⸗ blick antwortete er: 3 „Das Geſetz.“ „Das Geſetz!“ wiederholte die Gouvernante.„Können die⸗ jenigen, die aller Ordnung Trotz bieten, die jede menſchliche Ein⸗ richtung verachten, von Geſetz ſprechen! Sagen Sie unmenſchliche, blutgierige Rache, wenn Sie es benennen wollen, geben Sie ihm aber nicht den geheiligten Namen: Geſetz.— Doch ich verirre mich! Man hat mir von dieſer entſetzlichen Scene geſagt, und ich komme Löſegeld für die Miſſethäter anzubieten. Nennt den Preis und laßt ihn der Perſon würdig ſein, die wir loskaufen; ein dank⸗ barer Vater giebt gern Alles für den Retter ſeiner Tochter.“ „Wenn Gold das Leben erkaufen kann, das ihr verlangt,“ unterbrach ſie der Freibeuter mit der Blitzesſchnelle des Gedankens, „ſo iſt es hier in Fülle, und augenblicklich bereit, in Empfang ge⸗ nommen zu werden. Was ſagen meine Leute? Wollen Sie Löſe⸗ geld annehmen?“ Eine kurze, brütende Pauſe folgte; dann erhob ſich in dem Haufen ein dumpfes, unglückſchwangeres Gemurmel, die verneinende Antwort. Ein unwilliger Blick ſchoß aus des Freibeuters blitzen⸗ dem Auge auf die ihn umringenden, verwegenen Geſellen; ſeine Lippen bebten heftig, doch hielt er jeden Ton zurück, als dünke ihm jede fernere Einmiſchung herabwürdigend. Er wandte ſich zum 220 Kaplan und ſprach mit ſeiner frühern bewundernswerthen Ge⸗ müthsruhe: „Vergeſſen Sie nicht Ihr heiliges Amt zu verſehen, die Zeit verrinnt.“ Eben wollte er langſamen Schrittes der Gouvernante folgen, welche bereits ihr Geſicht verhüllt und ſich von der empörenden Scene weggewendet hatte, als Wilder ihn anredete: „Für die Freundſchaft, die Sie mir erzeigen wollten, danke ich Ihnen von ganzem Herzen. Wollen Sie, daß ich im Frieden von Ihnen ſcheide, ſo geben Sie mir, ehe ich ſterbe, Eine feierliche Verſicherung. „Welche?“ „Verſprechen Sie mir, daß die, welche mit mir auf Ihr Schiff gekommen ſind, es ungekränkt und bald verlaſſen ſollen.“ „Es ſei ſo.“ „Mehr verlange ich nicht.— Nun, verehrungswürdiger Die⸗ ner Gottes, verrichten Sie bei meinen Gefährten, was Ihres Am⸗ tes iſt. Ihrer Unwiſſenheit können Sie nützlich ſein. Wenn ich dieſe ſchöne, dieſe herrliche Welt gedankenlos, und undankbar gegen jenes Weſen, das mich, ich bekenne es in Demuth, zum Erben viel höherer Güter eingeſetzt hat, verlaſſe, ſo ſündige ich mit Wiſſen und Willen, und ohne Hoffnung auf Vergebung. Dieſe aber un⸗ terſtützen Sie mit ihrem Gebete, dieſe tröſten Sie.“ Unter tiefem, ſchauerlichem Schweigen näherte ſich der Kaplan den Gefährten Wilders, die dem Tode geweiht waren. Sie waren über den wichtigern Punkten der eben geſchilderten Scene vergeſſen worden, und größtentheils unbeachtet geblieben; eine weſentliche Veränderung, war aber mittlerweile in ihrer Lage vorgegangen. Fid ſaß mit ungeknöpfter Halsbinde, ſeine Kehle in den unglückſeligen Strick eingeknebelt, und ſtützte das Haupt des ſterbenden Schwarzen, das er mit beſonderer Sorgfalt und Zärt⸗ lichkeit ſich auf den Schooß gelegt hatte. „Dieſer Mann wenigſtens wird die Bosheit ſeiner Feinde täuſchen,“ ſagte der Kaplan, und ſchloß die rauhe Hand des Negers in die ſeinigen;„das Ende ſeiner Mühſeligkeiten und ſein Erblaſſen iſt nahe; bald wird er dem Arme menſchlicher Ungerechtigkeit ent⸗ ronnen ſein.— Guter Freund, wie heißt dein Gefährte hier?“ 221 „Daran liegt wenig, wie Sie einen ſterbenden Mann nennen,“ erwiederte Richard, indem er trübſelig den Kopf ſchüttelte.„In den Schiffsliſten war er immer als Scipio Afrika eingeſchrieben, weil er von der Küſte von Guinea kommt; wenn Sie ihn aber S'ip nennen, ſo verſteht er Sie gleich.“ „Hat er die heilige Taufe erhalten? Iſt er ein Chriſt?“ „Wenn er's nicht iſt, ſo weiß ich nicht, was er ſonſt ſein ſoll!“ antwortete Richard, mit einer Rohheit, die nicht ganz am Platze war. Einen Mann, der ſeinem Vaterlande dient, ſeinem Schüſſelkammeraden treu iſt, und nicht heuchelt, nenne ich einen Heiligen; ſo fern es die bloße Religion anbelangt. Guinea, ſag' ich, lieber Junge, gieb dem Kaplan einen Druck mit deiner Fauſt, ob du ein Chriſt biſt. Eine eiſerne Schraube kann nicht feſter packen, als die Gelenke dieſes Schwarzen noch vor einer Stunde konnten; und jetzt,— nun, da ſeh' Einer, wohin ein Rieſe ge⸗ bracht werden kann!“ „Sein letzter Augenblick iſt in der That nahe. Soll ich für das Wohl der ſcheidenden Seele ein Gebet beginnen?“ „Ich weiß nicht! ich weiß nicht!“ antwortete Fid, und ſtieß dann ein Hm! hervor, ſo tief und mächtig, wie in ſeinen glänzend⸗ ſten und glücklichſten Tagen.„Wenn einem armen Kerl die Zeit ſo karg zugemeſſen wird, um ſein Herz und ſeine Gedanken von ſich zu geben, ſo möchte es doch wirklich zweckmäßig ſein, wenn man ihn die Hauptperſon im Geſpräch ſein ließe. „Still,“ ſprach Wilder,„der Schwarze will mit mir ſprechen.“ „Das Halsband,“ murmelte der Neger mit letzter Anſtren⸗ gung. Er hatte ſein Auge nach ſeinem Offizier gewendet, ſchwach ſtreckte er ſeinen Arm aus. Als Wilder ſeine Hand mit der des ſterbenden Negers vereinigte, führte ſie dieſer an ſeine Lippen; dann hob er mit einer konvulſiviſchen Bewegung jenen herkuliſchen Arm, dem er vor Kurzem noch zur Vertheidigung ſeines Herrn ſo ſieg⸗ reich geſchwungen hatte; der Arm aber erſtarrte und fiel; noch ruhte das glänzende und von Hingebung ſprechende Auge auf dem Antlitz, das er ſo lange geliebt hatte, und das in ſeinen langen Kämpfen ſeinem liebevollen Blicke nie anders als mit Liebe entge⸗ gengeſehen. Ein leiſes Gemurmel beendigte dieſe Scene; ihm folgten lautere 222 Klagen; bis endlich mehr als eine Stimme offen murrend ihr Mißfallen über dieſe Verzögerung der Rache zu erkennen gab. „Fort mit ihnen!“ ſchrie eine krächzende Stimme aus dem Haufen hervor;—„in die See mit dem Aas! Hinauf die Le⸗ benden!“ „Halt!“ donnerte Fid mit furchtbar ernſter Stimme, welche ſelbſt das verwegene Thun des ruchloſen Haufens hemmte;„wer wagt es, einen Seemann in das Waſſer zu ſchleudern, ſo lange noch der letzte Blick im brechenden Auge glänzt, ſein letztes Wort noch in ſeines Schüſſelmaaten Ohr tönt? Ihr Tröpfe! Schnürt ihr nicht einem Manne die Floßfedern zuſammen, als wären es die Federn eines Taſchenkrebſes? Nehmt das für euer Beſchlagen und eure Knoten alleſammt hin!“ Bei dieſen Worten riß der auf⸗ geregte Topgaſt die Leine in Stücken, mit welcher ſeine Ellenbogen nur ſchwach gehalten waren, und band ſogleich den Körper des Schwarzen an ſich feſt. Weder ſeine Rede noch das darauf fol⸗ gende Thun, wobei er ſeemänniſche Gewandtheit im höchſten Grade entwickelte, ward im mindeſten unterbrochen.—„Wo iſt der Mann unter eurem ſchlechten Schiffsvolk, der es dieſem Schwarzen hier zuvor gethan hätte im Liegen auf der Rage; oder der, wie er, die Wetterleine halten konnte? Hat ein Einziger von euch Allen je ſeine Portion hergegeben, damit ſie einem kranken Schüſſelmaaten zu Gute komme? Oder doppelte Arbeit übernommen, um eines Freundes ſchwachen Arm zu ſchonen? Zeigt mir Einen, der im Feuer ſo wenig wankt, wie ein geſunder Hauptmaſt, und ich will euch Allen Einen zeigen, der ihn weit hinter ſich zurückläßt! Und jetzt hißt euern Klappläufer, ſo viel ihr wollt, und dankt Gott, daß das rechtſchaffene Ende in die Höhe geht, und die Spitzbuben noch eine Zeitlang Bretter unter den Füßen behalten dürfen!“ „Aufgehißt!“ ſchrie ein Bootsmann, und begleitete die Töne ſeiner graſſen Stimme mit dem Gellen ſeiner Pfeife;„hinauf mit ihnen gen Himmel!“ „Halt!“ rief der Kaplan, und erhaſchte glücklich noch das Tau, ehe es ſeinen gräßlichen Dienſt gethan;„um jenes Weſens willen, deſſen Gnade die Kühnſten und Verwegenſten unter euch dereinſt bedürfen, haltet noch einen Augenblick! Was bedeuten dieſe Worte? Leſe ich recht? Arche von Lynnhaven?“ —y—— — enn — ——————————