W „ — 1 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 4 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1I n e e auf 1 Monat: 1 Mk.— Tf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „3 5 35— Auswärtige Abonnenten vhaſs n für Hin⸗ und Zurückſendung der Büch er auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Bahadenersats. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Vuslunosend. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bucher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche„dis⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— —-———-——-—-— 16 A —— Der Vootse oder Aavbenteuer an Englands Wilste. Ein Seegemaͤlde aus dem Engliſchen des Amerikaners Cooper 3 von Fr. — f .— Der Krieg läßt die Kraft erſcheinen; Alles erhebt er zum Ungemeinen; Selbſt dem Feigen erzeugt er den Muth! „ Schiller. 4 8 4 3 Dritter Theil. Leipzig, f 3 bei Adolph Wienbrack. 182 4. Maret in Leipzig. S — — — — 2 — S r wort. „Wer war er denn?“ So moͤchte wohl manche Leſerinn, mancher Leſer mit der holden Cecilie(III. S. 267) fragen. Wer war der Lootſe, der Seeheld Paul Jones? So frage ich ſelbſt. So weit meine kleine Buͤcherkunde geht, hab' ich nach ihm geforſcht, aber faſt nichts gefun⸗ den, als was ich in einigen kleinen Anmer⸗ kungen mitgetheilt habe. Das Converſations⸗ Lexicon erwaͤhnt ſeiner nicht. Was hiſtoriſche Darſtellungen des amerikaniſchen Freiheitskrie⸗ ges anbelangt, die in dem Zeitraume von 1784 bis 1790 erſchienen ſind; ſo gedenken ſie ſei⸗ ner nur oberflaͤchlich, auch wohl gar nicht. Vielleicht ging es Cooper ſo, wie mir, und das geheimnißvolle Dunkel, in welchem er den Lootſen auftreten, handeln und verſchwinden laͤßt, war dann zum Theil Mangel an genauern Nachrichten uͤber einzelne Verhaͤltniſſe ſeines Lebens. Vielleicht will er aber auch— und dies hofft der Ueberſetzer— uns naͤchſtens mit A ——————— einem Seitenſtuͤcke uͤberraſchen, wo der Lootſe mit Alix Dunscombe die Hauptrollen ſpielen. Der Ueberſetzer fuͤhrt dies alles nur an, um dem Vorwurfe zu entgehen, daß er den deutſchen Leſer nicht mehr aufklaͤrte, als viel⸗ leicht hier und da zu wuͤnſchen ſeyn moͤchte, und als es vielleicht auch der amerikaniſche ſeyn mag. Bemerkt ſey noch: Die Fregatte, deren Kreuzzug wir hier im Geiſte mitgemacht haben, hieß le bon homme Richard, und hatte etwa 370 Mann an Bord.*) Was uͤbrigens die in der E. Klein'ſchen Buchhandlung allhier veranſtaltete Ueberſetzung des Spions anbetrifft; ſo iſt es wohl noͤthig, zu bemerken, daß im Kurzen eine Ueberſetzung deſſelben von mir erſcheint, und zwar aus dem engliſchen Originale, nicht aus der ſehr verſtuͤmmelten franzoͤſiſchen Ueberſetzung, nach welcher jene andere— gefertigt iſt. Leipzig, den 31. Aug. 1824. * r. *). S. uͤbrigens(Spener's) hiſtoriſch⸗generalogiſchen Kalender fuͤr 1784(S. 177 f.), wo auch Joͤnes Bildniß anzutreffen iſt. Der Lootſe. I. O denk' an ſie, die, in dem Schooß des Meeres, Viel Faden tief des Todes Nacht verſchlafen! Campbell. Langſam und traurig ſchlichen die Stunden un⸗ ſerm Barnſtable dahin, bevor die voͤllig eingetretene Ebbe den Sand ſoweit entbloͤßt hatte, daß er die Leichname ſeiner verlornen Mannſchaft aufſuchen konnte. Mehrere derſelben waren von den wilden Fluthen ſelbſt hoch hinauf getrieben, und ſo wie man die duͤſtere Ueberzeugung bekam, daß ihr Le⸗ ben dahin ſey, wurden ſie am Rande der Kuͤſte begraben, wo ſie das Leben eingebuͤßt hatten. Doch die gekannteſte, von ihm geliebteſte Geſtalt fehlte noch. Auf dem breiten Raume, der jetzt zwiſchen dem Felſenriffe und dem Ozean lag, ging der Lieutnant mit großen Schritten auf und ab, und ſah mit unruhigem Blicke auf alle Truͤm⸗ mern, die das Meer vom Ariel immerfort heran⸗ ſpuͤlte. Von Allen, die auf dieſem geweſen waren, fehlten, Lebende und Todte zuſammengezaͤhlt, nur Zwei. Der Lebenden konnte er, ſich und Merry III. A — 2— ungerechnet, Zwoͤlfe zͤhlen. Mehr als die Haͤlfte der uͤbrigen Todten war bereits eingeſcharrt. Sie hatten Alle zu denen gehoͤrt, die ihr Leben dem ſchwachen Gehaͤuſe der Barke anvertrauten. „Sag' mir nicht, Merry,“ rief Barnſtable aͤußerſt unruhig,„es ſey unmoͤglich, daß er ſich gerettet habe!“— Er wollte dem beſorgten Blicke des Kadeten ſo gern den Kampf in ſeiner Bruſt verbergen. Umſonſt! Dieſer bewachte jeden Schritt, jede Miene ſeines Obern. „Wie oft,“ fuhr er fort, ſich ſelbſt zu be⸗ reden bemuͤht,„ſah man Menſchen Tage lang nach dem Schiffbruche auf einer Planke ſchwim⸗ men? Du kannſt ja mit eignen Augen ſehen, daß die Wellen ſo manche Truͤmmer hergefuͤhrt haben, und doch lag der Ariel wohl eine halbe Meile davon.— Macht die Wache auf jenem Felſen noch kein Signal, daß ſie ihn ſieht?“ „Nein, nein! Wir werden ihn nicht wie⸗ der ſehen! Unſere Leute ſagen, er habe es im⸗ mer fuͤr ſuͤndlich gehalten, ein Wrack zu verlaſ⸗ ſen, und habe geſagt, wenn es einmal zum Scheitern kaͤme, wuͤrde er das nicht thun; ob er gleich eine Stunde lang ſchwimmen konnte, als einmal ein Wallfiſch ſeine Barke umwarf. Gott weiß es,“ rief der Juͤngling noch aus, und 1 — — 1σᷣ nd „& 3 wiſchte ſich verſtohlen eine Thraͤne ab, daß man nicht an ſeine Jugend denken ſollte,„ich habe Tom Coffin lieber gehabt, als irgend einen Ma⸗ troſen auf beiden Schiffen! Ihr kamt ſelten an Bord der Fregatte, ohne daß wir ihn gleich in den Stern mitnahmen, und dann mußte er uns ſeine Geſchichten erzaͤhlen, und mit uns eſſen! Wir waren ihm Alle ſo gut. Ach, Herr Barn⸗ ſtable, Liebe bringt die Todten nicht in's Leben zuruͤck!“ „Das weiß ich! das weiß ich!“ ſagte die⸗ ſer in einem gepreßten Tone, der ſeine tiefe Ruͤh⸗ rung verrieth.„Ach, ich bin nicht ſo thoͤricht, daß ich an das Unmoͤgliche glaube. Aber ſo lange Hoffnung da iſt, er lebe, will ich nicht denken, Tom Coffin ſey einem ſo traurigen Geſchicke verfal⸗ len.— Glaube mir, Knabe, in dieſem Augenblicke ſchaut er vielleicht auf uns herab, und bittet den Schoͤpfer, ſein Auge auf uns zu wenden; ja, er bittet ihn! Tom betete oft; ob er ſchon es immer auf der Wache, ſchweigend, unter der Arbeit that!“ .„Haͤtte er ſo feſt am Leben gehangen; ſo wuͤrde er mehrff r ſeine Rettung gekaͤmpft Pben ſetzte Merry hinzu.. Barnſtable hielt in ſeinem raſchen Auf⸗ und Niedergehen ein. Er ſah ſeinen jungen Geſühe 3 2 2 — 4—. ten mit einem Blicke an, der wohl zeigte, daß er deſſen Ueberzeugung theilte. Doch in dem Augenblick, wo er ſprechen wollte, hoͤrte er den verwirrten Ruf der Matroſen.— Er drehte ſich um. Alles ſtuͤrzte laͤngs der Kuͤſte hin, und zeigte mit heftiger Geberde auf einen Punkt im Meere. Der Lieutnant und Merry eilten eben⸗ falls hinzu, und ſahen eine menſchliche Geſtalt bald von den Wogen getragen, bald von ihnen bedeckt, bereits aber dieſſeits der letzten Linie von der Brandung. Kaum hatten ſie ſo viel erforſcht, als eine groͤßere Welle den lebloſen Koͤrper hoch auf dem Sande abſetzte, wo ihn das zuruͤckkeh⸗ rende Waſſer liegen ließ. „Das iſt mein alter Tom!“ rief Barnſta⸗ ble, hinſpringend. Doch ploͤtzlich ſtand er ſtill. Er ſah nun die Zuͤge des Todten, und es bedurfte einiger Minuten, ehe er ſeine Faſſung genug beiſammen hatte, um mit allen Zeichen des Abſcheus ſagen zu koͤnnen:„Wer iſt der Ungluͤckliche? Seine Geſtalt iſt nicht verſtuͤmmelt! Sieh ſeine Augen an, Merry! Beide ſcheinen nicht Raum in ih⸗ ren Hoͤlen zu haben, und blicken wild, als haͤtte dieſer Todte noch Leben! Die Haͤnde ſind offen und ausgeſpreitzt, als wollten ſie noch mit den Fluthen kaͤmpfen!“ — 5 „Das iſt der Jonas, der Jonas!“ ſchrie mit wildem Jubel die Mannſchaft, wie ſie nun den Todten naͤher ſah.„Werft das Aas wieder in's Meer! Gebt ihn den Hayfiſchen! Laßt ihn ſeine Luͤgen den Seekrebſen erzaͤhlen!“ Barnſtable wandte ſich mißmuthig vom em⸗ poͤrenden Anblick zuruͤck. Doch als er dieſe Aus⸗ bruͤche von wilder Rachſucht hoͤrte, ſagte er in einer Art, die Allen Achtung und Gehorſam ein⸗ floͤßte:. „Weg damit, weg damit, Burſche! Wollt Ihr Seemannspflicht und Menſchenpflicht ent⸗ ehren, indem Ihr Euch an dem richt⸗ den Gott bereits gezuͤchtigt hat?“ Ein ſchweigender, aber bodeutungeno ller Wink nach der Erde folgte dieſen Worten. Er ging langſam fort. „Verſcharrt ihn in den Sand, Burſche!“ ſagte noch Merry leiſe, als der Lieutnant etwas entfernt war.„Die naͤchſte Fluth wird ihn ſchon wieder ausſpuͤlen!“ Die Matroſen gehorchten, waͤhrend der Ka⸗ det wieder zu ſeinem Kommendanten flog. Die⸗ ſer ging immer auf und ab. Manchmal machte er Halt, und warf einen forſchenden, traurigen Blick hinaus auf's Meer. Dann eilte er wie⸗ der, daß der junge Begleiter alle Kraft auſbieten 7 mußte, gleichen Schritt zu halten. Indeſſen jede Anſtrengung, etwas vom alten Tom gewahr zu werden, zeigte ſich nach zwei Stunden als frucht⸗ los. Die See ſchien nicht den Todten wieder⸗ geben zu wollen, der ihr mehr als ein Anderer gehoͤrte. „Die Sonne geß bereits ginber die Klip⸗ pen hinab!“ ſagte Barnſtable und ſetzte ſich auf ein Felſenſtuͤck.„Bald iſt die Stunde da, wo die Abendwache auszuſetzen iſt. Aber wir haben nichts mehr zu bewachen. Nicht eine Planke haben uns Brandung und Felſen gelaſſen, dieſe Nacht unſer Haupt darauf zu legen!“ „Die Matroſen haben manche Dinge auf eine Felſenbank zuſammengebracht!“ bemerkte troͤftend der Kadet.„Sie haben Waffen gefun⸗ den, daß wir uns vertheidigen koͤnnen, und Nah⸗ rungsmittel, um uns zu ihrem Gebrauch zu ſtaͤrken!“ „Und wo ſollen denn unſere Feinde ſeyn?“ fragte Barnſtable bitter lachend.„Sollen wir unſer Dutzend Piken in die Sanſt nehmen und England angreifen?“ „Wir werden nicht die ganze Inſel in Con⸗ tribution ſetzen!“ ſagte jener wieder beruhigend; und jeden Blick ſeines Obern beachtend.„Aber etwas zu thun koͤnnten wir doch bekommen, bis ⏑ᷣ—9 N 7 der Cutter von der Fregatte anlangt. Ich hoffe doch, Ihr haltet unſere Lage nicht fuͤr ſo ver⸗ zweiſlungsvoll, daß Ihr Euch wollt gefangen nehmen laſſen?“ „Gefangen?“ rief der Lieutnant.„Nein, nein Knabe, ſo weit iſt es noch nicht! England konnte mein Schiff zertrwummern! Das iſt wahr! Aber einen andern Vortheil hat es uͤber uns nicht gewonnen! O es war ein herrliches Ge⸗ baͤnde, Merry! Der ſchnellſte und beſte Segler, den je die Art und Menſchenhand zu Stande brachte! Weißt Du noch, Junker, wie ich der Fregatte meine Topſegel lieh, um aus der Che⸗ ſapeake⸗Bai herauszukommen? Ich konnte bei gu⸗ tem Waſſer immer ohne dieſelben den Weg ſin⸗ den. Aber freilich ein ſchwaches Fahrzeug blieb der Ariel! Er konnte nicht viel aushalten!“ „Ein Bombardierſchiff waͤre da zertruͤm⸗ mert worden, wo er lag!“ entgegnete Merry. „Ja, es war zu viel von ihm verlangt, daß er auf ſo einem Felſenbette zuſammenhalten ſollte! Merry,— ich liebte ihn! Zaͤrtlich liebte ich ihn! Es war mein erſtes Kommando! Ich kannte jede Rippe, jeden Nagel in dem ſchoͤnen Bau!“ „Ich glaube es gern, daß der Seemann das Holz und Eiſen liebt, worauf er ſo manchen Tag, ſo manche Nacht uͤber die Tiefen des Ozeans — gefahren iſt!“ ſagte jener.„Es iſt— wie wenn ein Vater die Kinder ſeines Hauſes liebt!“ „Gerade, gerade ſo, und noch mehr!“ rief Barnſtable faſt weinend. Merry fuͤhlte den krampfhaften Druck deſ⸗ ſelben auf ſeinem ſchwachen Arm. Mit maͤchtiger Stimme fuhr der Lieutnant fort: „Und doch, Knabe, kann der Menſch die Arbeit ſeiner Haͤnde nicht ſo lieben, wie die Ge⸗ ſchoͤpfe ſeines Gottes: Das Schiff kann ein Menſch nicht ſo achten, wie die Matroſen! Ich ſegelte mit Tom, wo mir, wie in Deinen Jah⸗ ren, jedes Ding hell und glaͤnzend erſchien, wo, wie Tom oft ſagte, ich nichts wußte und nichts fuͤrchtete. Ich hatte damals einen alten Vater und eine gute Mutter verlaſſen, und Er that fuͤr mich, was keine Eltern in ſolcher Lage thun konnten. Er war mir Vater und Mutter auf der Tiefe des Meeres! Stunden, Tage, ſelbſt Monate brachte er zu, als er mich in ſeiner Kunſt unterrichtete. Jetzt folgte er mir von Schiff zu Schiff, von Meer zu Meer, und hat mich nun verlaſſen, um zu ſterben, wo ich haͤtte ſterben ſollen; als ſchaͤme er ſich, den armen Ariel ſei⸗ nem Schickſal hinzugeben!“ „Nein! nein! das war Aberglaube und Stolz!“ ſiel Merry ihm ins Wort. Aber er e. △ — 55 10 — S —2· p.„» N —2— 6& d8 — — 2 N8 ſah, daß Barnſtable mit beiden Haͤnden das Ge⸗ ſicht bedeckte, als wollte er ſeine Bewegung ver⸗ bergen, und ſo ſagte er nichts mehr, ehrfurchts⸗ voll den Schmerz ſchonend, den ſein Offizier umſonſt zu beherrſchen ſtrebte. Auch er fuͤhlte ſich von den Gefuͤhlen ergriffen, die Barnſtable's Herz erſchuͤtterten. Heiße Thraͤnen befeuchteten die Wangen des letztern, und fielen auf dem Sand zu ſeinen Fuͤßen. Aber ſie machten dem Schmerze Luft. Merry's Bruſt ward auf gleiche Weiſe leichter.. So oft hatte er ſeinen Befehlshaber in Augenblicken der Gefahr bewundert, und ſeinen Ernſt mit hoher Achtung kennen gelernt. So oft hatte ihn die Guͤte und Theilnahme in Stun⸗ den der Froͤhlichkeit und Geſellſchaft gefeſſelt. Jetzt ſaß der Juͤngling ſchweigend da, und be⸗ trachtete ſeinen Obern mit einer Art Ehrfurcht. Lange und heftig tobte in Barnſtable's Bruſt der Kampf. Doch am Ende beſchwichtigte ſich bei dieſem der Sturm der Gefuͤhle. Groͤßere Ruhe kehrte wieder. Er ſtand vom Felſen auf. Das Auge blickte, als die, ſein Antlitz verhuͤllenden Haͤnde herabfielen, ſtolz und kuͤhn. Die Braunen waren ein wenig zuſammengezogen, und ſein Ge⸗ faͤhrte ſtaunte uͤber den barſchen Ton, mit dem er jetzt befahl: 2 „Kommt Kadet; warum ſind wir hier und ſo muͤßig? Erwarten jene armen Schiffbruͤchigen nicht von uns Rath und Vorſchriften, wie ſie in dieſem Jammer ſich benehmen ſollen? Marſch, Marſch! Jetzt iſt nicht Zeit, mit dem Pallaſch in den Sand Figuren zu zeichnen. Bald kommt die Fluth zuruͤck, und wir muͤſſen dann froh ſeyn, wenn wir unſer Haupt in einer Hoͤhle un⸗ ter dieſen Felſen bergen koͤnnen. Laßt uns thaͤtig ſeyn. Noch iſt die Sonne am Himmel. Sehen wir nach, ob Nahrungsmittel und Waffen genug vorhanden ſind, zu leben und den Feind vom Leibe abzuhalten, bis wir wieder flott werden koͤnnen!“ Der Kadet hatte noch nicht gelernt, wie Leidenſchaften einander bekaͤmpfen, und war uͤber dieſen Befehl verwundert. Aber er folgte Barn⸗ ſtable nach dem Haͤuflein der entfernter ſtehenden Matroſen. Barnſtable fuͤhlte, das Ungluͤck habe ihn rauh gemacht. Er maͤßigte den raſchen Schritt, ſprach ſanfter, und war bald wieder in dem freundſchaftlichen Tone, welchen nur etwas duͤſtere Schwermuth bezeichnete. „Ja, Merry,“ ſagte er,„wir ſind un⸗ gluͤcklich geweſen. Aber verzweifeln duͤrfen wir noch nicht. Die Burſchen haben dort eine Menge Vorraͤthe zuſammengefiſcht, wie ich ſehe. Unſere 1 — 1 Arme koͤnnen uns leicht zum Herrn eines kleinen feindlichen Fahrzeuges machen, und dann wollen wir ſchon, wenn der Sturm ausgeblaſen hat, den Weg zur Fregatte ſinden. Wir muͤſſen nur huͤbſch verborgen bleiben, ſonſt haben wir die Rothroͤcke auf dem Halſe, wie ein Wrack die Haifiſche. Der arme Ariel! Man ſieht doch 4 auch auf der ganzen Kuͤſte nicht zwei Planken von ihm, die an einander haͤngen.”“ Der Kadet achtete nicht dieſer unerwarteten Anſpielung auf ihr Schiff. Er ging im Gegen⸗ theil kluͤglich in der angeſponnenen Vorſtellung fort. .„Nicht weit von hier, etwas ſuͤdlich, muͤn⸗ 5 det ſich ein Bach in's Meer. Da finden wir gewiß eine Hoͤhle, oder es iſt ſolche in dem Walde, den Ihr da oben ſeht. Von da haben wir die Kuͤſte vor uns liegen, und koͤnnen be⸗ ſtimmt ein Fahrzeug wegnehmen.“ 1 „Lieber waͤre es mir, wenn wir bis zur 4 Morgenwache warteten, und dann die Batterie wegnaͤhmen, die dem Ariel das beſte Bein weg⸗ ſchoß;“ entgegnete Barnſtable.„Das Ding ließe ſich machen, Burſche! Wir koͤnnen uns darin hal⸗ ten, bis die Alacrity und die Fregatte an die Kuͤſte kommt.“ 88 „Wenn Ihr lieber ein Fort ſtuͤrmen, als — 2— ein Fahrzeug kapern wollt; ſo liegt dorten gerade vor dem Boogſpriet ein ſteinernes Gebaͤude!“ bemerkte der Kadet.„Ich habe es durch den Nebel geſehn, als ich die Wache ausſetzte.“ „Nun weiter? Sprich ohne Furcht, Knabe! Jetzt koͤnnen wir ohne Umſtaͤnde reden!“ „Nun weiter!— Die Beſatzung wuͤrde nicht aus lauter Feinden beſtehen. Wir koͤnnten Griffith und den Kapitain von der Marine be⸗ freien. Außerdem—“ „Außerdem?— Was?“ „Haͤtte ich vielleicht Gelegenheit, meine Baſe Cecilia und mein gutes Muͤhmchen Katha⸗ rine zu ſehn!“ Barnſtable's Zuͤge wurden bei jedem Worte lebhafter. In ſeiner luſtigen Weiſe beinahe ant⸗ wortete er: „Ja, wahrlich; das waͤre eine Sache, die ſich hoͤren ließe! Unſere Leute und die Seeſolda⸗ ten zu befreien, wuͤrde ein Wagſtuͤck ſeyn, das uns Ehre machte!— Hoͤre, Burſche, das Ue⸗ brige ergaͤbe ſich Alles von ſelbſt, wie man eine Kauffartheiflotte nimmt, wenn das Convoy die Segel geſtrichen hat!““ „Ich daͤchte, wenn die Abtei genommen wuͤrde, muͤßte ſich der Oberſt Howard zum Kriegsgefangenen ergeben?“ — 13— „Und die Muͤndel des Oberſten! Sieh, Merry, Dein Plan iſt herrlich. Ich will wei⸗ ter daruͤber nachdenken!— Aber hier ſind wir bei der Mannſchaft! Sprich freundlich mit den armen Burſchen, daß wir ſie in guter Laune erhalten, wenn es zum Abmarſch geht!“ Barnſtable und der Kadet geſellten ſich zu den Schiffbruͤchigen mit dem Gewicht, das der Obere gegen den Untern auf dem Schiffe ſelten fehlen laͤßt; aber doch in Blick und Rede ſo zu⸗ traulich, daß die jetzige bedenkliche Lage dabei ihr Recht behauptete. Es wurde gegeſſen, indem an der Kuͤſte, eine Stunde laͤngs hin, viel an⸗ geſchwommen war; dann befahl der Lieutnant, ſich zu bewaffnen, ſo gut es geſchehen konnte, und aus den geſammelten Vorraͤthen fuͤr vier und zwanzig Stunden mitzunehmen. Bald war das in Ordnung. Die ganze Mannſchaft unter Barn⸗ ſtable's und Merry's Anfuͤhrung zog laͤngs dem Fuße der Klippen hin, die Einmuͤndung jenes Baches zu ſuchen, der aus den Felſen in's Meer ging. Das winterliche Wetter, wie die Abgeſchie⸗ denheit dieſer Gegend, verhinderten jede Entdek⸗ kung der kleinen Partei, die uͤbrigens ihr Ziel mit einer Argloſigkeit verfolgte, welche unter andern Umſtaͤnden leicht haͤtte gefaͤhrlich werden koͤnnen. Als ſie in das Thal vom Bache kamen, — 14— ließ Barnſtable Halt machen, und ſtieg bis faſt auf die jaͤhe Felſenwand hinauf, die eine ſei⸗ ner Seiten bildete. Er wollte noch einmal die Lage der Kuͤſte und die See in's Auge faſſen. Doch ſeiner Miene nach ſchien er, als er langſam den Horizont von Suͤden nach Norden verfolgte, alle Hoffnung aufzugeben, und er beſchloß, obſchon ungern, den Bach hinauf zu gehen, als der Ka⸗ det, der an ſeinen Arm ſich ſchmiegte, ausrief: „Ein Segel! Das muß die Fregatte ſeyn!“ „Ein Segel?“ wiederholte ſein Oberer. „Wie kannſt Du in dem Sturme ein Segel ſehn! Sollte noch ein Schiff ſo keck und un⸗ gluͤcklich ſeyn, wie wir?“ „Seht doch nur Steuerbord von jener Fel⸗ ſenſpitze unter dem Winde gelegen!“ rief Mer⸗ ry.—„Seht Ihr's noch nicht?— Ach, jetzt fallen die Sonnenſtralen darauf! Es iſt ein Segel, ſo gewiß, als daß in ſolchem Sturme Segel aufgeſetzt werden koͤnnen!“ „Ich ſehe, was Du meinſt;“ gab der An⸗ dere zu.„Man ſollte aber denken, es ſey eine Moͤwe, die uͤber's Meer hineilt. Ja, jetzt kommt es heraus! Wahrhaftig! Es fuͤhrt, wie es ſcheint, das Topſegel! Gieb einmal das Glas her! Der Burſche im Meere kann es mit uns gut meinen!“ Merry erwartete mit jugendlicher Ungeduld, was ſeines Lieutnants Auge erſpaͤhen wuͤrde. Gleich fragte er:„Nun, koͤnnt Ihr es wegbekommen? Iſt es die Fregatte oder der Kutter?“ 3„Komm! Hier ſcheint einige Hoffuung fuͤr uns aufzugehn!“ ſagte Weſad e, und ſchob das Sehrohr zuſammen.„ Es iſt ein Schiff, das mit dem großen Schoͤnfahrſegel vor dem Winde hingeht. Wenn ſich Einer auf dieſe Felſenſpitze wagen duͤrfte; ſo koͤnnte man die Geſtalt beſſer wegbekommen, und ſehen, welche Flagge es fuͤhrt. Aber ich denke, ich kenne die Raaen. Es verſchwindet freilich manchmal das Haupt⸗ ſegel hinter den Wogen, daß man nichts ſehen kann, als die bloßen Maſtenſpitzen, und von dieſen ſüi obendrein die Wramſlahgon abge⸗ nommen.“ „Man ſollte ſchwoͤren,“ ſagte Th la⸗ chend, da ihn dieſe Nachricht freudig ergriff, „Kapitain Munſon wolle nie Holz aufſetzen, wenn er nicht auch Segel aufſetzen kann*). Ich weiß *) Um die Maſten zu verlaͤngern, werden noch beſon⸗ ders Stangen aufgeſetzt,(Bramſtangen) an de⸗ nen man Segel befeſtigt(Bramſegel). Beide waren hier abgenommen. D. Ueb. noch, daß eines Abends Herr Griffith ein wenig uͤbler Laune war, und an der Spille ſagte: „Nun der naͤchſte Befehl wird wohl lauten, den Boogſpriet einzunehmen, und die Untermaſten umzulegen.“ „Ja, Griffith iſt ein Sorgenlos! Manchmal aber laͤßt er Alles, wie im Traume gehn!“ ſagte Barnſtable.„Vermuthlich hat der alte Herr Bedachtſam friſchen Wind. Nun fuͤrwahr— das ſcheint doch Ernſt zu werden. Er muß im offe⸗ nen Meere gekreuzt haben: denn wo er jetzt iſt, haͤtte er nicht bleiben koͤnnen. Ich glaube wirk⸗ 3 lich, der alte Ehrenmann erinnert ſich, daß er ein Paar von ſeinen Offizieren und Soldaten. auf der verfluchten Inſel hat. Das iſt gut, Merry. Denn ſollten wir die Abtei nehmen; ſo haben wir doch gleich ein Plaͤtzchen, wo wir unſere Gefangenen hinbringen!“ „Bis Morgen fruͤh muͤſſen wir Geduld ha⸗ ben!“ bemerkte der Kadct.„Bei ſolchem Hohl⸗ gehen der See koͤnnte ſich kein Boot an's Land wagen!“ „Keines koͤnnte es wagen! Ach das beſte Schiff, das je ſlott war, iſt in dieſen Klippen geſunken!— Doch der Sturm laͤßt nach. Be⸗ vor es tagt, wird die See ruhig werden! Laß nur forkgehn und ein Plaͤtzchen fuͤr unſere armen Jungen ſuchen, wo ſie ſich etholen koͤnnen!“ Beide ſtiegen von der Hoͤhe herab, und gin⸗ gen im tiefen engen Thal dahin, bis ſie all⸗ maͤlig hoͤher kamen und ſich in einem dichten Ge⸗ hoͤlze befanden, das mit der ganzen Gegend her⸗ um in gleicher Hoͤhe lag.. nn 4 „Hier muß eine Ruine in der Naͤhe ſeyn, wenn ich richtig gerechnet und den Curs und alle Entfernungen im Kopfe behalten habe!“ ſagte Barnſtable.„„Ich habe eine Karte bei mir, die von ſo einem Situationspunkte ſpricht! Der Lieutnant drehte ſich ekwas ſeitwaͤrts: denn er ſah, daß der Kadet laͤchelte. „Iſt die Karte von Jemandem gezeichnet, der die Kuͤſte gut kennt?“ fragte er ſpitzig,„oder hat ſie ein Schuͤler nach einem Muſter entwor⸗ fen, wie die Maͤdchen nach einem Muſter ſticken?“— 215 5 „Komm, Junker, ſey kein Muſter von Drei⸗ ſtigkeit!— Sieh Dich einmal um! Kannſt Du irgendwo eine verlaſſene Wohnung wahr⸗ nehmen?“ „Ei ja, da liegt ein Gemaͤuer vor uns, das ſieht ſchwarz und verfallen aus, wie eine Kaſerne. Sucht Ihr das vielleicht?“ „Weiß Gott, das war einmal ein ganzer III. B * 48— Markflecken! In Amerika nennten wir's eine Stadt, und ſetzten einen Frirdenorichter, Alder⸗ man und Syndikus hin!“. So ſorglos ſcherzend, zum Theil, um ſei⸗ nen Leuten keinen Anlaß zu Vermuthungen zu geben, naͤherten ſie ſich den zerfallenen Mauern, die Griffith's Mannſchaft ſo wenig Schus ge⸗ waͤhrt hatten. Einige Zeit ward zur Unterſuchung des Gebaͤudes verwendet. Die erſchoͤpften Seeleute quartierten ſich in einem der verſallenen Gemaͤ⸗ cher ein, und ſuchten die Ruhe, welche ihnen die Ereigniſſe der juͤngſten Nacht geraubt hatten. Barnſtable wartete, bis ihr lautes Schnar⸗ chen ihm ſagte, ſie ſchliefen; dann weckte er auch den Kadet, der ebenfalls eingenickt war, und bedeutete ihn, zu folgen. Merry ſtand auf. Sie gingen leiſe aus dem Gemach und verlopen ſich tiefer im Innern des Gebaͤudes. eine Ulder⸗ ſei⸗ zu iern, ge⸗ des leute maͤ⸗ onen tten. nar⸗ er var, auf. dren I. 3 Jetzt erlaube ich dir, wieder Soſtas — zu ſeyn. Dryden. Wir muͤſſen unſere beiden Abenteuerer ſchon ih⸗ ren Weg durch das verfallene Gemaͤuer ſelbſt ſuchen, und in den Einſturz drohenden Gewoͤl⸗ ben herumtappen laſſen, um den Leſer waͤhrend der Zeit, wo ſie dort ſind, in die angenehmern Zimmer der Abtei zu verſetzen, wo wir, wie er ſich erinnern wird, den Kapitain Borrougheliffe in einer ſehr unangenehmen Lage zuruͤckließen. Die Erde hatte bereits ſeitdem ihren Lauf um die Sonne vollendet, und ein guͤnſtiger Umſtand den Kapitain frei gemacht. Wer die Sache nicht wußte, haͤtte nie geahnet, daß die Fourierſchuͤtzen der Verdauung bei dem Manne, der jetzt an der gaſtfreundlichen Ta⸗ fel des Oberſten Howard ſaß, und mit ſo viel Gewandtheit die Kraͤfte ſeiner Kaumuskeln bei der Tafel geltend machte, vier volle Stun⸗ den verdammt geweſen ſeyen, am Degenge⸗ faͤße zu kauen. Sorglos und lͤchelnd ſaß Bor⸗ rougheliffe da. Er haltte ſeinen gewoͤhnlichen B 2 Platz und ſpielte ſeine alte Rolle mit gewoͤhnlicher Kaltbluͤtigkeit. Nur manchmal kam ein Laͤcheln zum Vorſchein, und zeigte, daß das, was ihn beſchaͤftigte, beſonders ſpashaft ſeyn muͤſſe. Der junge Mann, welcher den Stuhl ne⸗ ben ihm inne hatte, trug eine dunkelblaue Ma⸗ troſenjacke. Allein der weiße, feine Hemdenkra⸗ gen ſtach gewaltig gegen das ſchwarze, ſeidene Halstuch ab, welches nachlaͤſſig um den Hals her⸗ umging. Das unbefangene Weſen deſſelben wi⸗ derſprach dem gemeinen Anzuge noch mehr; und der Leſer wird gleich auf Griffith rathen. Der Gefangene achtete viel weniger auf's Eſſen, als ſein Nachbar, und ſchien mehr der Mahlzeit Ehre anthun zu wollen, als daß er wirklich zulangte. Er wußte wohl, dies Letztere wuͤrde dem errdͤ⸗ thenden Maͤdchen Kummer Jdeſpcdehln, das oben an der Tafel ſaß. Das feurige Auge Katharinens htr, indeß ſie ſelbſt neben der ſanften Alixr Dunscombe ſaß, manchmal mit drolligem Ernſt auf der ſteifen und geraden Geſtalt des Kapitains Manuel, der ihr gegenuͤber ſein Plaͤtzchen hatte. Auch fuͤr Dillon war ein Stuhl da: allein natuͤrlich ſtand er leer. „Alſo,“ nahm der Oberſt ungeſtoͤrt und luſtig das Wort in einer Art, daß man wohl ſah, die Tafelfreude ſey in ſtetem Zunehmen:„Alſo der heln ihn ne⸗ Ma⸗ rkra⸗ dene her⸗ wi⸗ und Der als Ehre ate. erroͤ⸗ oben neß ſaß/ und ihr llon eer. iſtig die Seehund ließ Euch nichts, als den Zuͤgel kauen, der Eurer Rache Schranken ſetzte?“ „Ja, mein Degengefaͤß!“ war des Kapi⸗ tains Antwort.„Kameraden,“ wendete er ſich an die Gefangenen,„ich weiß nicht, wie Euer Congreß militairiſche Kuͤhnheit belohnt. Allein waͤre der brave Kerl in meiner Kompagnie, er muͤßte Korporal werden, ehe eine Woche ver⸗ ginge. Sporen zu tragen, wuͤrde ich ihm jedoch nicht anbieten: denn es ſcheint, als ob er ſich nichts daraus machte.“ 4 Griffith laͤchelte und verbeugte ſich hoͤflich, dem offenen Geſtaͤndniſſe des Englaͤnders zu dan⸗ ken. Manuel aber erwiederte pedantiſch: „In Betracht, wie der Mann iſt zugeſtutzt worden, hat er ſich gut genug benommen. Frei⸗ lich, ein regulaͤr exercirter Soldat haͤtte nicht nur Gefangene gemacht, ſondern die von ſeiner Par⸗ tei auch befreit!“ „Ich verſtehe, guter Kamerad;“ rief Bor⸗ rougheliffe luſtig.„Ich verſtehe! Eure Gedan⸗ ken beziehen ſich auf die Auswechſelung! Wir wollen einſchenken, und mit Erlaubniß der Da⸗ men auf baldige Ausgleichung der Rechte von beiden Parteien, den Status quo ante bellum trinken!“ „Von ganzem Herzen!“ ſtimmte der Oberſt — 22— ein.„Cecilie und Miß Katharine wird auch bei dieſem Toaſt mitnippen. Wollt Ihr nicht, ſchoͤne Muͤndel? Griffith, ich nehme Euern Vorſchlag an. Er giebt nicht blos Euch die Freiheit wieder, ſondern wird uns auch den Vetter Dillon zuruͤckbringen.— Dillon hatte die Sache ſchoͤn eingefaͤdelt, Borrougheliffe; das Ding war herrlich angelegt. Aber das Gluͤck hat ſich dazwiſchen gelegt, und es iſt immer noch fuͤr mich ein undurchdringliches, unerklaͤrliches Geheimniß, wie er, bei ſo wenig Laͤrm, und ohne zu ſchreien, aus der Abtei weggefuͤhrt wer⸗ den konnte.“ „Ehrn Chriſtoph verſteht zu ſchweigen, wie ein Weltweiſer, und zu reden, wie ein Advo⸗ kat!“ erwiederte der Recrutenoffizier.„Er muß im Collegium gelernt haben, daß man manch⸗ mal die Dinge sub silentio abmacht. Ihr lacht, Miß Plowden, zu meinem Latein? Wißt, ſeit⸗ dem ich ein Bewohner von dem Kloſter gewor⸗ den bin, iſt mein Bischen Gelehrſamkeit wun⸗ derbar aufgeregt.— Ihr lacht noch mehr? Ja, ich brauchte das Wort sub silentio, weil „Schweigen“ eben keine Sache iſt, die den Damen Frende macht!“ Katharine achtete nicht die kleine Bosheit, welche des Kapitains Miene zeigte. Sie ließ ihren Gedanken einen Augenblick freien Lauf, und lachte endlich, daß ihr ſchwarzes Auge von neuem Feuer glaͤnzte. Cecilie bewies nicht den geſetzten Ernſt, womit ſie ſonſt die ausgelaſſene, nicht zeitgemaͤße Luſtigkeit ihrer Baſe zurecht zu weiſen ſuchte. Griffith wunderte ſich. Er ſah Eine nach der Andern an, und glaubte, ſelbſt auf den ſanften Zuͤgen von Alix ein Laͤcheln un⸗ terdruͤckt zu finden. Katharinens luſtige Lanne ging endlich zu Ende. Mit unendlich komiſcher Laune erwiederte ſie dem Soldaten: „Ich daͤchte, ich haͤtte einmal von einem Maneuver auf den Schiffen gehoͤrt, das man, „ins Schlepptau nehmen,“ nennt; doch muß ich den Vetter Griffith bitten, meinen Ausdruck u verbeſſern.“ „Ihr haͤttet ihn nicht beſſer waͤhlen koͤn⸗ nen!“ erwiederte der junge Seemann mit einem Blick, welcher den ſich Bewußten das Blut in die Wange jagte.„Nicht beſſer, ſag' ich, und wenn Ihr die Ausdruͤcke der Schiffer ſtudiert haͤttet.“ „Zu dem Studieren gehoͤrt am Ende we⸗ niger Nachdenken, als Ihr vielleicht glaubt. Nun aber, wird das Ins⸗Schlepptau⸗nehmen, oft ſo ausgefuͤhrt, wie Kapitain Borrougheliffe ſagt, daß es die Moͤnche thaͤten: sub silentio!“ — 24— „Pardon! ſchoͤne Dame!“ rief der Kapitain ihr zu.„Wir wollen gegenſeitig aufheben. Ihr vergebt mir mein Latein, und ich will meinen Verdacht fortſchicken.“ „Verdacht? Dies Wort muß einem Maͤd⸗ chen Herausforderung ſeyn!“ „Ein Soldat darf eine Herausforderung nie Lerweigern. Nun, da muß ich doch ſchon gerade herausreden, und wenn alle Kirchenvaͤter mit am Tiſche ſaͤßen. Alſo, ich vermuthe, daß Miß Plowden wohl im Stande waͤre, uns die Art mitzutheilen, wie Ehriſtoph Dillon fort⸗ getoum iun iſt.”4 t Katharine ſagte nichts. Aber cin zweites Lachen folgte, ſo lebhaft und anhaltend, als das erſte. „Wie iſt das?“ fragte der Oberſt.„Mit Enrer Erlaubniß, dieſe Luſtigkeit finde ich ſehr ſeltſam. Ich denke doch, meinem Vetter wird nicht zu nahe getreten worden ſeyn? Herr Grif⸗ fith, unſeré Bedingung iſt, daß eine Auswechſe⸗ lung Statt findet, wenn beide Parteien gegen⸗ ſeitig gut behandelt waren.“ „Wenn Herr Dillon uͤber kein groͤßeres Un⸗ gluͤck zu klagen hat, als das Miß Plowden uͤber ihn lacht; ſo hab er lrſache⸗ ſich Küclich zu preiſen!“ 1 25⁵ „Ich weiß es nicht. Gott verhuͤte, daß ich vergaͤß, was ich meinen Gaͤſten ſchuldig bin. Allein Ihr ſeyd als Feinde meines Koͤnigs her⸗ eingekommen—“ „Doch nicht als Feinde des Oberſten Ho⸗ ward?“— „Da kenne ich keinen Unterſchied, Herr Griffith! Koͤnig Georg oder Oberſt Howard;— Oberſt Howard oder Koͤnig Georg! Unſere Ge⸗ fuͤhle, unſere Schaͤtze, unſere Schickſale ſind Eins, blos mit dem maͤchtigen Unterſchiede, den die Vorſicht zwiſchen Fuͤrſten und Volk ſetzte. Ich wuͤnſche kein anderes Gluͤck, als in meiner de⸗ muͤthigen Ferne Wohl und Wehe mit meinem Fuͤrſten zu theilen.“ „Durch die Unbedachtſamkeit von uns Maͤd⸗ chen werdet Ihr nicht darum gebracht werden!“ ſiet Cecilie ein, und ſtand auf.„Doch hier kommt Jemand, der unſere Gedanken auf einen wich⸗ tigern Gegenſtand lenkt, auf unſern Putz!“ Die Hoͤflichkeit beſtimmte den Oberſten, ſeine Bemerkungen fuͤr eine andere Zeit zu ſparen. Er ehrte und liebte ſeine Nichte. Katharine ſprang in luſtiger Eile auf, und flog zu ihrer Baſe, welche eben einem Kammermaͤdchen Be⸗ ſcheid gab. Das letztere hatte gemeldet, es ſey einer der wandernden Kraͤmer angekommen, die — 26— in entferntern Theilen des Landes den regelmaͤßi⸗ gen Markt erſetzen. Er ſollte hereingefuͤhrt wer⸗ den: denn die Tafel war ſo weit geendet, daß ſein Daſein wenig ſtoͤrte, wohl aber Katharinens Zweck foͤrderte, die gern die Harmonie wieder hergeſtellt wiſſen wollte. Ohne Anſtand ward er eingelaſſen. Sein kleiner Kaſten enthielt hauptſaͤchlich Eſſenzen, kleine weibliche Geraͤthſchaften und der⸗ gleichen. Sie wurden gleich von Katharinen luſtig auf dem Tiſch ausgebreitet. Dieſe erklaͤrte ſich zur Beſchuͤtzerin des wandernden Knaben, und appel⸗ lirte lachend an die Freigebigkeit der Maͤnner zu Gunſten ihres Schuͤtzlings. „Ihr ſeht, theurer Vormund,“ ſagte ſie erſt zu dieſem,„der Burſche muß ganz loyal ſeyn. Er hat hier wohlriechende Glaͤschen, die alle das Wappen von zwei Herzogen aus dem koͤ⸗ niglichen Hauſe tragen. Ihr erlaubt doch, eine Schachtel Raͤncherpulver fuͤr Euch wegzuſtellen? Ach, ja, ich ſeh' es Euch ſchon an. Und Ihr, Kapitain Borrougheliffe, da es ſcheint, als woll⸗ tet Ihr in Zukunft das Engliſche gegen das La⸗ teiniſche vergeſſen; ſo kauft Euch hier das ABC⸗ Buch. Ei, wie iſt der huͤbſche Junge ſortirt! Du mußt St. Ruth gleich im Auge gehabt ha⸗ ben, als Du einpacktetſt. Nicht wahr, Knabe?“ 9 ——,— — 27— „Freilich, Mylady,“ entgegnete der kleine Tabuletkraͤmer, und machte eine abſichtlich lin⸗ kiſche Verbeugung.„Ich hatte oft von den vor⸗ nehmen Frauenzimmern gehoͤrt, die in der alten Abtei wohnen, und habe einige Meilen außer meinem Striche gemacht, um ihre Kundſchaft zu bekommen.“ 3 „Und Du ſollſt Dich nicht getaͤuſcht haben! Baſe Howard, das iſt ein Angriff auf Deine Boͤrſe; ich weiß nicht, ob ſelbſt Miß Alix in den unruhigen Zeiten einer Contribution entgehen kann. Komm, Knabe, hilf mir! Was kannſt Du denn beſonders empfehlen, das den Damen gefallen wird?“ Der Burſche kam naͤher. Er ſtoͤrte Alles einen Augenblick durch, und ſchien ganz mit ſei⸗ nem Vortheil beſchaͤftigt. Endlich, ohne die Hand zuruͤck zu ziehn, ſagte er, auf etwas zeigend: „Dies da, Mylady!“ „Katharine erſchrak. Sie ſah ihm ſcharf in's Auge, und dann blickte ſie unruhig Einen nach dem Andern im Zimmer an. Das Herz klopfte ihr. Cecilie hatte ihren Zweck erreicht, und darum wieder ſchweigend ihren Sitz einge⸗ nommen. Alix hoͤrte nur das, was Kapitain Manuel dem Oberſten von manchen militairiſchen Gewohnheiten ſagte. Grifſith ſchien ſeiner Ge⸗ liebten nachzuahmen. Er ſchwieg gleich ihr. Nur Katharine begegnete dem forſchenden Blick von Borrougheliffe, und ſah, daß er ſie auf's Korn nehme. An weitere Beobachtung war nicht zu denken. „Komm, Cecilie,“ rief ſie nach einer Pau⸗ ſe,„wir muͤſſen die Geduld der Maͤnner nicht zu ſehr auf's Spiel ſetzen. Erſt behalten wir unſern Platz inne, nachdem ſchon zehn Minuten lang das Tiſchtuch weggenommen iſt, und dann bringen wir gar noch Eſſenzen, Nadeln und Baͤnder mitten unter die Maderaflaſchen hinein, und— ſoll ich noch ſagen, unter die Cigarren, Oberſt?“ „So lange wir das Vergnuͤgen haben, Miß Plowden in unſerer Mitte zu ſehen, ge⸗ wiß nicht!“ „Komm, Muͤhnchen, ich ſehe, der Oberſt wird zugferordentl ich hoͤflich, und das iſt ein un⸗ truͤgliches Zeichen, daß ihm unſere Geſellſchaft Langeweile macht.“ Cecilie ſtand auf und ging nach der Thuͤre. Katharine wandte ſich an den kleinen Kraͤmer, und ſagte: 4„Du kannſt mit in den großen Saal kom⸗ men, Kleiner: da wollen wir Dir abkaufen, ohne daß wir unſer Geheimniß vom guten Ge⸗ ſchmack verrathen!“ „Miß Plowden hat mein ABC⸗Buch ver⸗ geſſen!“ machte jetzt Borrougheliffe bemerklich, und ging nach dem Orte, wo noch Alles in Un⸗ ordnung lag.„Vielleicht kann ich im Kaſten des kleinen Kraͤmers finden, was fuͤr einen etwas erwachſenen Burſchen noch beſſer paßt!“ Ceeilie ſah, wie er ihm den Kaſten abnahm, und ſetzte ſich wieder. Katharine mußte nothge⸗ drungen ihrem Beiſpiele folgen, obſchon ihre Un⸗ ruhe deutlich zu merken war. 2 2 „Komm her, Burſche, und erklaͤre mir, wozu jedes Stuͤck hier gut iſt!“ ſagte der eng⸗ liſche Kapitain.„Das hier iſt Seife, und dies ein Federmeſſer. Das weiß ich. Aber dirlchen Namen haſt Du denn dafuͤr?“ „Dafuͤr? Das iſt— Band!“ derſozte der Knabe mit einer Ungeduld, die wohl auf Rechnung deſſen geſetzt werden konnte, Daß ſein Handel unterbrochen wurde. „ und dies heißt?“ „Dies?“ wiederholte er zaudernd, Anſtand nehmend, halb ungeduldig, halb ſtotternd.— „Dies? „Ach, komm!“ unterbrach ſie Katharine. „Das iſt ein kleiner unartiger Mann, der Ka⸗ pitain! Drei Maͤdchen vor Ungeduld ſterben zu laſſen, alle dieſe Raritaͤten zu beſitzen, und den armen Knaben mit dem Fragen nach einer Tam⸗ bourinnadel zu quaͤlen!“ „ Ich ſollte wohl um Verzeihung bitten, daß ich ſo leicht zu beantwortende Fragen auf⸗ werfe!“ entgegnete Borrougheliffe.„Allein viel⸗ leicht hat er bei der naͤchſten etwas mehr Muͤhe!“ Damit nahm er etwas in die Hand, daß es Niemand, als der Burſche ſehn konnte. „Das Ding hat einen Namen! Wie hoiſt es?⸗ rief er. „Das heißt manchmal weißes Knopfholz!“ „Willſt Du vielleicht ſagen: eine Lüͤge, weiß wie die Sonne?“ „Luͤge?“ rief jener etwas aufgebracht.„Wie, eine Luͦge? 2*⸗ „Nun, eine ganz unſchuldige?— Wie nennt Ihr denn das, Miß Dunscombe?“ „Wir in unſrer Gegend nennen es ein Knoͤ⸗ pfelholz in der Regel;“ war die Antwort dieſer. „Ja, ein Knopfelholz, ein: weiß Knopfholz, das iſt ein und daſſe elbe!“ ſetzte der junge Kraͤ⸗ mer hinzu. „Sieh' einmal! 369 denke, fuͤr Dein Hand⸗ werk biſt Du mit den Kunſtausdruͤcken noch nicht genug zu Hauſe!“ bemerkte Borrougheliffe 7 Spott.„Ich habe Deines Gleichen in dem Alter noch nicht ſo unwiſſend geſehn.— Sag' einmal, wie wuͤrdeſt Du denn das nennen? Und das? Und dies?“ „Bei dieſen Worten zog er aus den Taſchen die verſchiedenen Banden heraus, mittelſt welchen der lange Tom ſeinen Gefangenen feſtzuhalten beſorgt geweſen war. „Das,“ entgegnete raſch der Burſche, als wolle er ſeine Ehre retten,„iſt Klafterſchnure; dies da Raaband, und das ind auſgedwehte Tau⸗ faͤden.“ „Schoͤn, ſchoͤn! Du haſt genug Kenntniß an den Tag gelegt, und mich uͤberzeugt: Dein Handwerk verſtehſt Du ein Bischen, aber von dieſen Artikeln weißt Du nichts.— Herr Griffith, kennt Ihr den Burſchen?“ „Ich glaube wohl!“ antwortete der junge Seemann, der das ganze Examen aufmerkſam verfolgt hatte.—„Was fuͤr ein Abenteuer hat Euch hergebracht, Kadet Merry? Es waͤre ja thoͤricht, noch laͤnger hinter dem Berge zu halten!“ „Merry!“ rief Cecilie Howard.„Merry! Biſt Du es? Mein Vetter! Du? Du biſt in die Haͤnde Deiner Feinde gefallen? War es denn nicht genug, daß— Sie beſann ſich noch zeitig genug, den Nach⸗ H ſatz zu verſchweigen, obſchon Grifſith's dankender Blick hinlaͤnglich zeigte, daß ſein Kopf denſelben mit allen Ausdruͤcken, die ſeinem Hesß en ſchmei⸗ chelten, ergaͤnzt hatte. G Oberſt.„Wie? Meine beiden Muͤndel umarmen einen Landſtreicher, und erſticken einen Bettler mit Kuͤſſen? Iſt das Verraͤtherei, Herr Grif⸗ fich, oder was ſoll das außerordentliche Erſchei⸗ nen des jungen Menſchen ſagen?“ „Iſo's denn etwas Außerordentliches,“ nahm nun auch Merry das Wort, und verzichtete auf das bisherige linkiſche Weſen, um mit dem ge⸗ wandten, vertrauungssollen Benehmen aufzutre⸗ ten, das ihm ſonſt eigen war;„iſt es denn außerordentlich, daß ein junger Menſch, wie ich, ohne Mutter und Schweſter, etwas wagt, um die zwei weiblichen Verwandten zu beſuchen, die er noch allein auf der Welt hat?“ „Warum denn die Verkleidung?“ fuhr ihn der Sberſt barſch an.„Wahrlich es war nicht noͤthig, ſich in die Wohnung des alten Georg Howard auf ſo abenteuerliche Weiſe, heiml ich, benutzt worden ſind, Dich die Treue eines Un⸗ terthanen ergeſſen zu laſſen. Herr Griffith— Herr Kapirain Manuel— Ihr muͤßt verzeihen, „Was iſt das wieder?“ rief aber auch der einzuſchleichen, obſchon auch Deine zarten Jahre — 33— wenn ich meine Gefuͤhle in meinen vier Mauern ſo ausſpreche, daß ſie Euch unangenehm ſeyn koͤnnen. Die Sache hier verlangt runde Er⸗ klaͤrung.“* „Die Gaſtfveundſchaft des Oberſten Howard kann nicht in Zweifel gezogen werden!“ erwie⸗ derte der Kadet,„und eben ſo bekannt iſt ſein loyaler Sinn gegen Englands Koͤnig!“ „Alſo, junger Mann! Und ich denke, das wird nicht ohne Grund geſagt!“ „Aber waͤre es denn nur klug geweſen, mich den Haͤnden eines Mannes anzuvertrauen, der am Ende glauben konnte, es ſey ihm Pflicht, mich feſtzuhalten?“ „Das laͤßt ſich gut hoͤren, Kapitain Bor⸗ rougheliffe!“ wendete ſich Howard an dieſen; „und ich denke doch, der Burſche redet Wahr⸗ heit! Ja, jetzt wollt' ich, daß mein Vetter Chri⸗ ſtoph Dillon da waͤre. Ich koͤnnte da doch hoͤ⸗ ren, ob es wohl als Hochverrath gedeutet wer⸗ den koͤnnte, wenn ich dem jungen Menſchen un⸗ angetaſtet, unausgewechſelt fortzugehn erlaube?“ „Fragt doch den Kadek nach dem Kaziken!“ entgegnete der Werbeoffizier, der, als er Merry's Verkleidung herausgebracht hatte, wieder ruhig bei der Flaſche ſaß.„Vielleicht iſt er gar ein III. C — 34 Abgeſandter, und hat Vollmacht, zu Gunſten Sr. Hoheit Unterhandlungen anzuknuͤpfen!“ „Was ſagſt Du, Vetter?“ fragte der Oberſt. Weißt Du etwas von meinem Dillon?“ Aengſtlich ſahen Alle auf den jungen Men⸗ ſchen, und waren einige Augenblicke lang Zeugen, wie ſich ſein ſorgenloſes Aeußere ploͤtzlich mit blei⸗ chem Schrecken uͤberzog. Endlich theilte er mit kaum vernehmbarer Stimme Dillon's Schick⸗ ſal mit: „Er iſt todt!“ „Todt?“ wiederholte Alles im Zimmer. „Ja, todt!“ ſagte Merry nochmals, und ſah, wie blaß Alle um ihn herum ſtanden. Ein langes, grauſendes Schweigen folgte dieſer Nachricht. Erſt Griffith unterbrach es: „Erklaͤre doch, wie kam er um? Wo lizgt ſein Leichnam?“ „Er iſt im Sande an der Kuͤſte verſcharrt! 12 verſetzte Merry, der wohl einſah, er koͤnne zu viel verrathen, und dann auch den Verluſt des Ariel kund thun, was folglich Barnſtable's Frei⸗ heit gefaͤhrden mußte. „Im Sande an der Kuͤſte!“ wiederholte Dedermann im Zimmer. „ Ja! Aber wie er ſtarb, kann ich nicht wuhul⸗ . —„ ,— „Er iſt ermordet worden!“ jammerte Ho⸗ ward, der jetzt erſt wieder der Sprache maͤchtig war.„Hinterliſtig und buͤbiſch und niedertraͤch⸗ tig ermordet worden!“ „Er iſt nicht ermordet worden!“ verſetzte der Kadet mit feſtem Tone;„auch traf ihn der Tod nicht unter Leuten, die den Namen eines Buben oder Niedertraͤchtigen verdienen!“ „Sagteſt Du nicht, todt ſey er? Im Sande an der Kuͤſte ſey mein Vetter begrahen. worden?“ „Beides iſt wahr!“ „Und Du willſt nicht Aufſchluß geben, wie er ſtarb? warum er ſo ſchimpflich eingeſcharrt wurde?“ „Er wurde auf meinen Befehl beerdigt, und wenn etwas Schimpfliches darauf haftet; ſo haben dies ihm ſeine eignen Handlungen zuwege gebracht. Was die Art anbetrifft, wie er ſarh; ſo rann und will ich nicht ſprechen.“ „Sey ruhig, Vetter!“ fiel Cecilie grend ein.„Habe Achtung fuͤr meinen Onkel, und denke, wie ſehr ſein Herz an Herrn Dillon hing!“ Der Oberſt hatte doch ſeine Faſſung wieder ſo weit gewonnen, daß er ruhiger fortſprechen konnte. — 36 „Herr Grifſith,“ ſagte er,„ich will nicht vorſchnell handeln. Begebt Euch mit Eurem Kameraden auf Euer Zimmer. Der Sohn meines Bruders Harry 15 bei mir noch ſoweit in Achtung, daß ich glaube, ſein Ehrenwort wird ihm heilig ſeyn. Geht; Ihr ſeyd ohne Wache!“ 4 Die beiden Gefangenen entfernten ſich mit einer tiefen Verbeugung gegen die Damen und ihren Wirth. Griffith aber verweilte doch noch einen Augenblick, um zu ſagen: „Ich vertraue den Juͤngling hier Eurer Guͤte, Eurem Herzen, und bin uͤberzeugt, Oberſt, daß Ihr es nie vergeßt, ſein Blut iſt mit dem eines Maͤdchens vermiſcht, das Euch das Theuer⸗ ſte auf Erden bleibt!“ „Genug! genug! Lieutnant!“ erwiederte der Alte, und winkte ihm, abzutreten.„Fuͤr Euch, Lady's, iſt hier kein Aufenthalt mehr!“ lagte er zu den Frauen. „Das Kind laſſ' ich nicht,“ rief Katharine, „ſolange eine ſolche ſchreckliche Beſchuldigung ge⸗ gen daſſelbe obwaltet. Macht mit uns, was Ihr wollt, Oberſt: denn ich denke, dazn habt Ihr die Macht. Aber ſein Schickſal iſt das meinige.“ „Ei, ich wette, hier liegt ein Mißverſtaͤnd⸗ niß zum Grunde!“ ſprach Borrougheliffe dazwi⸗ ſchen; und trat in die Mitte der unruhigen —— N — 37— Gruppe.„Mit Gelaſſenheit und Maͤßigung laͤßt ſich, wie ich hoffe, Alles aufloͤſen. Hoͤrt, junger Mann, Ihr habt die Waffen gefuͤhrt. So jung Ihr auch ſeyd, wiſſen muͤßt Ihr doch, was es heißt, ſich in der Gewalt ſeiner Feinde zu be⸗ finden?“ 4 „Das weiß ich nicht;“ verſetzte Merry ſtolz. „Ich bin zum erſten Mal Gefangener.“ „Ich meine, in Hinſicht unſerer Rechte uͤber Ener Leben und Tod?““ „Ihr koͤnnt mich in einen Kerker werfen, oder, da ich verkleidet in die Abtei gekommen bin, am Galgen aufknuͤpfen laſſen!“ „Und in Euern Jahren iſt Euch dies Ge⸗ ſchick ſo gleichguͤltig?“ „unterſteht es Euch, Kapitain Borrough⸗ eliffe!“ ſchrie Katharine, und ſchlang unwillkuͤhr⸗ lich den Arm um den Knaben, als wollte ſie ihn gegen jeden Angriff ſchuͤtzen.„Doch Ihr wuͤrdet Ench ſchaͤmen, mit kaltem Blute an ſo eine blutige Rache zu denken, Oberſt Howard!“ „„Wenn wir den Kadet examiniren koͤnnten,“ raunte der Kapitain Howarden in's Ohr,„ wo die Leidenſchaft, die in den Lady's ſpricht, nicht aufgeregt wuͤrde; ſo duͤrften wir wohl wichtige Dinge erfahren.“ — 38— „Miß Howard, und Miß Plowden,“ ſagte der Veteran in einer Art, die durch langen Umgang ſeine Muͤndel Achtung gelehrt hatte, „Euer junger Vetter iſt in keiner Behauſung von Wilden, und Ihr koͤnnt ihn ruhig mei⸗ ner Hut uͤberlaſſen. Ich bedaure, daß Miß Alix ſolange ſtehen mußte, doch auf dem Sopha in Deinem Zimmer, Cecilie, wird ſie ſich ſchon erholen koͤnnen!”“ Cecilie und Katharine ließen ſich von ihrem artigen, aber feſten Vormund, an die Thuͤre ge⸗ leiten, wo er ihnen einen tiefen Buͤckling mit aller der Hoͤflichkeit machte, die ihm zweite Ge⸗ wohnheit ſchien, wenn er etwas aufgebracht war. „Ihr ſcheint Eure Gefahr zu kennen,“ fing Borrougheliffe wieder an, als die Thuͤre ſich zu⸗ gethan hatte.„Ich ſetze alſo voraus, daß Ihr auch einſeht, was der Dienſt einem Manne in meinem Verhaͤltniß vorſchreibt.“ „Thut Eure Pflicht!“ entgegnete Merry. „Ihr ſeyd einem Koͤnige Verantwortung ſchuldig, und ich habe ein Vaterland.“ „Das habe auch ich,“ fuhr der Kapi⸗ tain ruhig fort, ohne ſich von dem kecken Be⸗ nehmen des jungen Menſchen ſtoͤren zu laſſen, worin dieſer glaͤnzen zu wollen ſchien.„Indeſ⸗ ſen es ſteht in meiner Macht, nachſichtig, ſelbſt — 8 A— mitleidig zu ſeyn, wenn der Vortheil des Fuͤr⸗ e 5 98; ſten, den Ihr nanntet, gefoͤrdert wird.— Ihr . kommt nicht allein, dies Abentener zu beſtehn?““ .„Haͤtte ich mehr Begleiter gehabt, Kapitain Borrougheliffe wuͤrde ſolche Fragen, ſtatt an 6 mich zu thun, jetzt ſelbſt beantworten muͤſſen!“ „Wohl mir, daß Eure Begleitung ſo ſchwach n war. Indeſſen der Schooner der Rebellen, der Ariel, haͤtte Euch wohl eine gehoͤrige Bedeckung h geben koͤnnen, und ich muß annehmen, Eure Freunde ſind nicht gar zu weit von hier verſteckt!“ it„Sein Feind iſt ihm auf den Ferſen, Herr Kapitain!“ rgpportirte der Korporal Drill, der, e⸗ r 1 ohne bemerkt zu werden, eingetreten war,„Hier 1g 5 iſt ein Burſche, der uns meldet, er ſey in der 8 alten Ruine aufgegriffen, und ſeiner Wajaren und hr Kleider beraubt worden. Nach der Wuſchrkibenng muß das der Dieb ſeyn!“ in Borrougheliffe winkte dem Burſchon, der entfernt ſtand, vorzutreten, und dieſer gehorchte 4 mit aller Eile, welche das erlittene Unrecht be⸗ wirken konnte. Seine Erzaͤhlung war bald be⸗ i⸗ 7 endet, und lief im Weſentlichen auf Folgendes 0, 1 hinaus: n, Er war von einem Manne, und einem ef⸗(dem gegenwaͤrtigen) Knaben, als er ſeinen Kram ordnete, um ihn den Damen in der Ab⸗ tei vorzulegen, angepackt, und außer den Klei⸗ dungsſtuͤcken, die zur Verwandlung dienen konn⸗ ten, ſeines Kaſtens beraubt worden. Der Mann hatte ihn dann in ein Gemach des alten Thur⸗ mes geſteckt, um ſeiner verſichert zu ſeyn. Allein der Mann ſtieg oft in die Hoͤhe, um die Ge⸗ gend zu beſchauen, und er benutzte die Unacht⸗ ſamkeit, um zu fliehen. Er forderte nun ſein Eigenthum zuruͤck, und Strafe fuͤr dieſen Angriff. Merry hoͤrte den ſchreienden, hitzigen Er⸗ zaͤhler mit Verachtung an, und ehe der beleidigte Kraͤmerburſche zu Ende war, hatte er ſich ſchon der angeeigneten Kleidungsſtuͤcke entledigt, die er ihm mit Hohn zuwarf.. „Wir ſind belagert, mein wuͤrdiger Freund, blokirt und umzingelt!“ rief Borrougheliffe, als der Fremde ſchwieg.„Hier liegt ein Plan ver⸗ borgen, der uns unſere Lorbeeren entreißen ſoll; ja, und unſere Belohnungen! Hoͤre, Drill, ſie haben es aber mit alten Soldaten zu thun, und wir wollen die Sache ſchon in's Klare bringen! Man moͤchte gern die Infanterie zu Schanden machen; Du verſtehſt mich. Die Dragoner ha⸗ ben nicht eingehauen! Geh, Drill, ich ſehe, Du wirſt immer kluͤger. Nimm den Kadet mit! Vergiß nicht, er iſt von Familie. Aber —— ☛ verwahr; ihn gut. Daß er ja alies bouut, was er braucht!“ Borrougheliffe buͤckte ſich tief, indeß Werxy ſtolz mit dem Kopfe nickend dem Korporal folgte. Schon ſah er ſich fuͤr einen Maͤrtyrer der ame⸗ rikaniſchen Freiheit an. „Der Burſche hat Feuer!“ ſagte der Ka⸗ pitain.„Wenn er erſt alt genug iſt, einen Bart zu bekommen, wird er Haare auf den Zaͤhnen haben! Ich freue mich, mein wuͤrdiger Freund, daß der wandernde Jude gekommen iſt, um den kleinen armen Teufel aus der Verlegenheit zu ziehn. Ich mag nicht gerne mit ſo einem mu⸗ thigen Spring⸗Ins⸗Feld zu thun haben. Ich ſah es gleich auf den erſten Augenblick, daß er oͤfter eine Kanone angegukt, als durch ein Na⸗ deloͤhr geſehn hat!“ „Aber ſie haben meinen Vetter gemordet! den loyalen, gelehrten, ſcharfſinnigen Ehriſtoyh klagte Howard. „Haben ſie ihn gemordet; ſo werden ſie dafuͤr Rechenſchaft geben muͤſſen!“ beruhigte ihn der Kapitain, und ſetzte ſich wieder mit einer Kaltbluͤtigkeit an den Tiſch, die fuͤr ſeine Un⸗ parteilichkeit am beſten Zeugniß gab.„Erſt muͤſ⸗ ſen wir die Umſtaͤnde wiſſen, ehe wir raſch ein⸗ ſchreiten.“ — 42— Der Oberſt Howard ergab ſich in eine ſo vernuͤnftige Anſicht, und nahm ebenfalls wieder ſeinen Platz ein, als der Kapitain den Kraͤmer⸗ burſchen auf's Neue examinirte. 3 Was er herausfragte, wollen wir zu ei⸗ ner andern Zeit mittheilen. Hier blos, die Neugier zu befriedigen, ſoviel, daß der Ka⸗ pitain genug erfuhr, um uͤberzeugt zu ſeyn, es ſey auf einen ernſthaften Angriff gegen die Abtei V C angeſehn; daß er aber auch genug zu wiſſen glaubte, um jede Gefahr abwenden zu koͤnnen III. — Nie ſah ich Einen beſſern Liebesboten. Shakeſpearce. Cecilie und Katharine trennten ſich von Alix in der Gallerie. Die beiden Maͤdchen gingen in das ihnen beſtimmte Putzzimmer. Die Gefuͤhle, welche mit jedem Augenblicke ihr Herz um ſo mehr beſtuͤrmten, je mehr die Umſtaͤnde Alle, die ihnen am Theuerſten waren, in eine aͤußerſt zweideutige, wo nicht wirklich gefaͤhrliche Lage brachten,— er⸗ ſparten ihnen vielleicht die Unruhe, welche außer⸗ dem Merry's Entdeckung und Gefangennehmung erregt haben wuͤrde. Wie ſie, war der Knabe das einzige Kind von einer der drei Schweſtern, welche das enge Band zwiſchen ſo manchen Hauptperſonen unſe⸗ rer Erzaͤhlung knuͤpften, und ſeine Jugend floͤßte den Maͤdchen fuͤr ihn eine Liebe ein, welche die gewoͤhnliche Theilnahme der Verwandtſchaft bei Weitem uͤbertraf. Indeſſen ſie wußten, wenn auch ſeine Freiheit gefaͤhrdet ſey, das Leben war ihm in Howard's Handen geſichert. Als daher — 44— die erſte Unruhe, eine Folge ſeiner unvermuthe⸗ ten Erſcheinung nach ſo langer Abweſenheit, vor⸗ uͤber war, beſchaͤftigten ſie ſich mehr mit dem, was aus ſeinem Arreſte fuͤr die Andern folgen koͤnne, als daß ſie an ſeine Lage ſelbſt ſehr ge⸗ dacht haͤtten. Katharine ging, wie von Fieber⸗ hitze ergriffen, im Zimmer auf und ab, und Miß Howard verbarg ihr niedliches Geſicht, von den ſchwarzen Locken beſchattet, in der ſchoͤnen Hand, um ihren Gedanken im Stillen nach⸗ zuhaͤngen. .„Barnſtable kann nicht weit von hier ſeyn! 17 ſagte endlich jene nach einigen Minuten.„Er wuͤrde den Knaben ſonſt gewiß nicht auf ein ſol⸗ ches Abenteuer allein geſandt haben.“ 1 Cecilie hob ihr ſanftes, blaues Auge auf, und ſah Katharinen feſt an. „Alle Gedanken an eine Auswechſelun g muͤſſen nun aufgegeben werden,“ ſagte ſie;„viel⸗ leicht behaͤlt man die Gefangenen gar als Geiſ⸗ ſeln fuͤr Dillon's Leben zuruͤck.“ „ Sollte der Schurke todt ſeyn? Oder iſt es blos eine Drohung, eine Liſt des kleinen Unbe⸗ ſonnenen geweſen? Es iſt ein verdammter Bur⸗ ſche. Im Nothfalle wuͤrde er keck und kuͤhn reden und handeln!“ „Er iſt todt!“ erwiederte Cecilie, und be⸗ jede Miene Merry's ward uns Buͤrge dafuͤr. Ich fuͤrchte, Katharine! Barnſtable hat ſeiner Hitze auf Koſten des Verſtandes nachgegeben, als er Dillon's Verraͤtherei erfahren hat. Der harte Gebrauch des Kriegsrechts mag ſolche furchtbare Rache am Ende gutheißen, aber es war gewiß nicht huͤbſch, die Lage zu vergeſſen, in der ſich ſeine Freunde befinden.“ „Barnſtable hat weder Jenes gethan, noch dieſe vergeſſen!“ rief Katharine, mit dem nied⸗ lichen Fuße aufſtampfend und ſich trotzig in die Bruſt werfend.„Barnſtable iſt nicht im Stan⸗ de, einen Mord zu begehen, und eben ſo wenig einen Freund zu verlaſſen!“ „Aber im Kriege wird Wiedervergeltung fuͤr keinen Mord genommen!“ „Denkt, was Ihr wollt; nennt es, wie Ihr wollt; ich ſetze mein Leben zum Pfande, daß Richard Barnſtable kein Blut zu verantwor⸗ ten hat, als das der Feinde von ſeinem Va⸗ terlande!“ „Der Ungluͤckliche kann auch als Opfer der Wuth von dem ſchrecklichen Seemann gefallen ſeyn, der ihn hier gefangen mit fortnahm.“ „Der ſchreckliche Seemann, Miß Cecilie deckte ſich ſchaudernd das Geſicht.„Das Auge, Howard! hat ein Herz, ſo zaͤrtlich, als das Eu⸗ rige. Er iſt—“ „O Katharine!“ unterbrach ſie Cecilie, „Du wirſt unfreundlich gegen mich! Laß uns das unvermeidliche Ungluͤck nicht noch durch ſol⸗ chen bittern Streit erhoͤhen 1 „Ich zanke und ſtreite ja nicht mit Dir; ich vertheidige nur den Abweſenden und Unſchul⸗ digen gegen den haͤßlichen Verdacht meiner guten Baſe.“ „Sage lieber Deiner Schweſter!“ ſetzte Miß Howard hinzu, als Beider Haͤnde ſich un⸗ willkuͤrlich begegneten.„Aber laß uns doch, wo moͤglich, an etwas minder Schreckliches denken! Armer, armer Dillon! Jetzt, wo ihn ein ſo ſchreckliches Geſchick ereilte, kann ich ihn fuͤr minder hinterliſtig und fuͤr redlicher halten, als er uns erſt vorkam! Du meinſt, wie ich, Katharine? Ich ſehe es Dir an. Wir wollen nicht laͤnger daruͤber ſprechen.— Katha⸗ rine! liebe Baſe, was ſiehſt Du denn?“ Miß Plowden hatte kaum ihre Hand aus der Ceciliens zuruͤckgezogen, als ſie wieder ob⸗ ſchon ruhiger, auf⸗ und abging. Sie war indeſſen kaum wieder uͤber's Zimmer gegangen, ſo fiel ihr Auge auf das entgegengeſetzte Fen⸗ ſter, und ihre ganze Geſtalt ſchien von Stau⸗ — 47— nen ergriffen. Durch die Strahlen der Abend⸗ ſonne ſpaͤhte ihr feuriger Blick auf einen fernen Gegenſtand, und ihre Wange ward von einer Purpurroͤthe bedeckt, die ſelbſt bis zu den Schlaͤfen hinauf ſtieg. So eine ſchnelle Veraͤn⸗ derung, ſo ein Blick bei ihrer Freundinn hatte wohl die Aufmerkſamkeit Ceciliens rege machen muͤſ⸗ ſen, welche daher ſich durch die vorige aͤngſtliche Frage ſelbſt unterbrach. Katharine winkte ihr, naͤher zu ihr zu treten. Sie wies nach dem gerade vor Augen liegenden Gehoͤlze. „Siehſt Du den Thurm in den Rninen?“ fragte ſie.„Siehſt Du die kleinen, rothen und gelben Fahnen, die auf ſeinen Mauern wehen?“ „Ja, das ſind noch etliche abgefallene Blaͤt⸗ ter, die zuruͤckblieben. Es fehlt ihnen die leb⸗ hafte Farbe, die den Herbſt in unſerm Amerika ſo gluͤcklich macht.“ „Das kommt daher, weil Du von Etwas ſprichſt, das Gott geſchaffen hat, und hier iſt nur Menſchenwerk! Nein, Cecilie, das ſind keine Blaͤtter, es ſind meine kindiſchen Signale, und ganz gewiß iſt Barnſtable in dem verfalle⸗ nen Thurme. Merry wird ihn doch nicht— nein, er kann ihn nicht verrathen!“ „Mein Leben ſoll fuͤr ſeine Ehre haften!“ troͤſtete ſie Cecilie.„Allein Du haſt ja meines — 48— Onkels Telescop bei der Hand. Das paßt ja herrlich zu der Sache. Ein Blick hindurch muß ſie gleich ausmitteln!“ 3 Katharine ſprang hin, es zu holen. Mit geſchaͤftiger Hand ward es zur Beobachtung ⸗ gerichtet. „Er iſt es!“ rief ſie im Augenblick, wo ſie es vor das Auge brachte.„Ich ſah ſeinen Kopf uͤber dem Gemaͤuer. Wie unbedachtſam, ſich ſo ohne Noth der Gefahr Preis zu geben!! „Aber was ſagt er denn, Katharine?“ fragte die Andere.„Du kannſt allein ſeine Sprache leſen!“ Gleich ward das Buch herbeigeholt, das Miß Plowden's Signale erklaͤrte, und haſtig wurden die Blaͤtter umgeſchlagen, die noͤthige Numer zu finden. „Es iſt blos ein Zeichen, meine Aufmerk⸗ ſamkeit rege zu machen. Ich muß ihm ſagen, Daß er beobachtet wird!“ 3 „Als Katharine eben ſo ſehr ihren gehei⸗ men Wuͤnſchen, als der Hoffnung entſprechend, daß die Sammlung von Nutzen ſeyn koͤnne, den Plan entwarf, mit Barnſtable zu verkehren, ver⸗ gaß ſie auch gluͤcklicherweiſe keinesweges die noͤ⸗ thigen Mittel, ſeinen Fragen zu begegnen. Sie hatte nur einige Schnuren von den Vorhaͤngen ſie dopf 22* ſeine das aſtig thige nerk⸗ igen, ehei⸗ hend, den ver⸗ no⸗ Sie ngen abzuknuͤpfen, und bald waren unter ihren nied⸗ lichen Fingern einige ſeidene Faͤhnchen an der Schnure feſtgemacht, die nun hinausgehangen wurden, und im Winde ſaatterten. „Er ſieht es!“ ſchrie Cecilie,„und aͤndert ſeine Flaggen um!“ „Sieh' ja immer feſt darauf, und ſage mir, was fuͤr Farben in die Hoͤhe kommen; immer in ihrer Ordnung; ich will ſehen, ob ich es her⸗ ausfinden kann!“ „O, er iſt ſo bewandert darin, wie Du! Es flattern ſchon wieder zwei Faͤhnchen uͤber dem Gemaͤuer. Oben iſt eine weiße, und darunter eine ſchwarze!“ „Weiß uͤber Schwarz?“ wiederholte ſich Katharine, haſtig in dem Buche blaͤtternd.„Iſt mein Botſchafter geſehen worden?“— Darauf muͤſſen wir ihm melden, wie es un⸗ gluͤcklicherweiſe ſteht. Hier, da iſt gelb, weiß und roth!—„Er iſt Gefangener!“— Wie gluͤcklich bin ich, ſo Frage und Antwort vorbereitet zu haben! Was ſagt er denn, Ce⸗ cilie, zu der Nachricht?“ „Er zieht ſchnell ein! Ach Katharine, Du zitterſt ja, daß ſich das Glas hin⸗ und herbe⸗ wegt! Jetzt iſt er fertig! Dies Mal ſteht Gelb uͤber Schwarz!“ 8 III. D „Griffith oder wer?“ Er verſteht uns nicht. Allein ich hatte ja nicht an den armen Jungen gedacht, als ich die Numern entwarf. Da, hier kommt es, Gelb, Gruͤn und Roth. „Mein Vetter Merry.“ Jetzt muß er es verſtehen!? 1 „Er hat ſchon wieder weggenommen.— Die Nachricht ſcheint ihn zu beunruhigen. Er arbeitet nicht ſo ſchnell, wie vorhin.— Jetzt zeigt er ſich— Gruͤn, Roth und Gelb!“ „Die Frage heißt:„Bin ich ſicher?“ Sie hat ihn langſam gemacht; Cecilie, Barnſtable geht immer langſam daran, wenn es ſeine Si⸗ cherheit gilt! Ja, wie ſoll ich ihm darauf ant⸗ worten? Sollten wir ihn zu einem Mißgriff verleiten, wir wuͤrden es uns im Leben nicht verzeihan koͤnnen!“ 5 „Daß Merry plaudert, iſt nicht zu fuͤrchten, und ich denke, wenn Kapitain Borrougheliffe eine Ahnung haͤtte, daß ſeine Feinde ſo nahe ſeyen, wuͤrde er nicht bei Tafel bleiben.“ „Ach, ſo lange der Wein blinkt und er nach ſchlucken kann, bleibt er ſitzen! Allein wir wiſſen aus Erfahrung leider, daß er, wenn es gilt, ein tuͤchtiger Soldat iſt. Nun, ich will diesmal auf Hier iſt die Antwort: ſeine Unwiſſenheit bauen! „Ihr ſeyd ſicher, aber nehmt euch in Achat!“„ „Er lieſt mit ſchnellem B licke Deine Mei⸗ nung, und iſt mit der Antwort gleich fertig: Gruͤn uͤber Weiß, iſt diesmal.— Nun, hoͤrſt Du mich denn nicht? Es iſt Gruͤn uͤber Weiß! — Biſt Du denn ſtumm geworden? Was ſagt er denn, Maͤdchen?““ Katharine antwortete immer noch nicht, und ihre Baſe ſah vom Glaſe weg, um ſie in's Auge zu faſſen. Katharine ſtarrte nur nieder auf das offene Blatt, und ihre Wana Mühis lebhafter als vorher. „Ich will nicht Färchge, daß Deine Roͤthe und ſein Signal etwas Boͤſes zu bedeuten hat! Zeigt etwa Gruͤn an, daß er eiferſuͤchtig iſt, wie Weiß das Bild von Deiner Unſchuld ſeyn kann?“ „Er ſpricht Unſinn wie Du!“ erwiederte Katharine, und wuͤhlte zornig in ihren Flaggen, was zu ihrer froͤhlichen Miene wunderlich abſtach. „Aber ich muß mit Barnſtable ordentlich reden; die Lage der Dinge erfordert das durchaus!“. „Ich kann abtreten!“ ſagte Cecilie mit Eruſt und ſtand auf. „Nein, Cecilie, ſo einen Blick verdien⸗ ich nicht: ſonſt ſag ich gleich, Du zankſt mit mir! Aber das ſiehſt Du doch wohl ein, daß nun. d 2 Sonne untergeht, und alſo wohl eine andere Sprache, als die mit Signalen, eintreten muß? Hier iſt ein Sienal, das ſagt ihm:„Wenn die Abtei Neun Uhr ſchlaͤgt; ſo komm' vorſichtig an die Pforte, die nach Mor⸗ gen aus dem Parke auf die Landſtraße fuͤhrt. Halte dich dort verborgen!“ „Ah, er ſieht es!“ entgegnete Cecilie, die wieder ihren Pfatz vor dem Teleskop eingenommen hatte,„Er ſcheint Dir gehorchen zu wollen: denn ich ſehe weder weiter von ihm, noch von ſeiner Fahne etwas!“ Sie ſtand auf. Ihre Beobachtung war zu Ende. Katharine ſtellte indeſſen das Inſtrument noch nicht in den Winkel. Sie ſah lange un⸗ ruhig hindurch nach dem, wie es ſchien, nun ver⸗ laſſenen Thurme. Die kurze, unvollkommene Unterredung Katharinens mit ihrem Geliebten, mußte nothwendig die beiden Maͤdchen unruhig gemacht haben, und bot ihnen Stoff zu ernſtli⸗ chen Geſpraͤchen, bis Alix Dunscombe eintrat, und ſie nun merkten, es werde ihre Gegenwart im Geſellſchaftsſaale noͤthig. Selbſt ſie, die an nichts dachte, bemerkte gleich in den Mienen und dem Benehmen beider Maͤdchen Etwas, das wohl darthat, ſie haͤtten einen kleinen Streit mit ein⸗ ander gehabt.— Cecilie ſchien unruhig und ver⸗ — 53— ſtoͤrt, ja ſelbſt niedergeſchlagen. Das ſchwarze, blitzende Auge, die gluͤhende Wange, der ſtolze, feſte Gang Katharinens ſprach noch ſtaͤrker fuͤr ein entgegengeſetztes Gefuͤhl. Indeſſen beide wechſelten uͤber das, was ſie beunruhigte, nicht ein Wort, als Alix da war, und ſo fuͤhrte ſie ſie ſchweigend in das Geſellſchaftszimmer. Der Oberſte und der Kapitain Borrough⸗ cliffe bewillkommten ſie mit ausgezeichneter Auf⸗ merkſamkeit. Bei dem erſtern kam bisweilen auf der freien, offenen Stirn ein truͤber, duͤſtrer Blick zum Vorſchein, trotz dem, daß er das Gegen⸗ theil zu zeigen ſich bemuͤhte; der Werbeoffizier be⸗ hauptete dagegen immer gleiche Ruhe und Kalt⸗ bluͤtigkeit. Zwanzig Mal ſah er, wie Katharinens forſchendes Auge auf ihm in einer Art ruhte, welche ein minder umſichtiger Mann, wenn er eitel war, wohl falſch deuten konnte. Aber ſelbſt dieſer ſchmeichelhafte Beweis von ſeinem Talente, die Aufmerkſamkeit eines Maͤdchens zu feſſeln, vermochte nicht, ſeine Selbſtbeherrſchung zu ſtoͤren. Umſonſt ſuchte Katharine in ſeinen Zuͤ⸗ gen zu leſen. Alles ſprach maͤnnlichen Ernſt, obſchon ſein Benehmen ungezwungener und na⸗ tuͤrlicher, als gewoͤhnlich, war. Endlich ſah das Maͤdchen, verdruͤßlich uͤber die nutzloſe Beobach⸗ tung, nach der Uhr. Zu ihrem Erſtaunen ent⸗ —— deckte ſie, daß es gleich neun Uhr ſey, und ohne den bittenden Blick ihrer Baſe zu beachten, ſprang ſie auf, und eilte nach der Thuͤre. Borrough⸗ cliffe oͤffnete hoͤflich, und waͤhrend ſie, dankbar fuͤr die Aufmerkſamkeit, nickte, traf ihr Auge noch einmal auf das ſeinige: doch ſchnell flog ſie hinaus. Sie war in der Gallerie allein. Laͤnger als eine Minute ſtand ſie an; ſie glaubte in ſeiner Miene Awas geleſen zu haben, das volles Gefuͤhl der Sicherheit, aber auch einen geheimen Plan aus⸗ ſprach. Indeſſen Zoͤgern lag nicht in ihrem Charakter, wo die Umſtaͤnde forderten, daß raſch und kraͤftig gehandelt werden mußte. Schnell warf ſie uͤber ihre kleine Geſtalt einen weiten, zu dem Behuf in Bereitſchaft gehaltenen, Mantel, und ſchlich ſich aus dem Gebaͤude hinaus. ſtann Zwar vermuthete ſie nicht ohne Angſt, Bor⸗ rougheliffe koͤnne etwas erfahren haben, wodurch ihr Geliebter in Gefahr kaͤme. Aber als ſie im Freien war, ſah ſie ſich uͤberall um, eine Abaͤnderung in den Maaßregeln wahrzunehmen, die zur Sicherung der Abtei getroffen waren, und ſo etwas zu finden, was ihren Verdacht beſtaͤr⸗ ken, oder ihr ſagen koͤnnte, wie ſie Barnſtable unterrichten muͤſſe, um einer Falle zu entgehen. Alles aber war noch ſo, wie es ſeit der Gefan⸗ — — 25— gennehmung von Griffith und ſeinem Kameraden Statt gefunden hatte. Sie hoͤrte die ſchnellen, ſchweren Tritte der Wache, die unter ihren Fen⸗ ſtern ſtand, und ſich auf dem kleinen Raume zu erwaͤrmen ſuchte. Als ſie ein wenig lauſchte, ver⸗ nahm ſie auch das Geraͤuſch, das der Soldat mit dem Gewehre machte, welcher vor dem ſeinen Ka⸗ meraden zur Kaſerne angewieſenen Fluͤgel ſtand. Ddie Nacht war finſter und wolkig. Obſchon der Sturm gegen Abend groͤßtentheils aufgehoͤrt hatte, ging der Wind doch noch immer ſtark, und manchmal durehſtrich er heulend die wunderlichen Gaͤnge der Abtei. Es gehoͤrte ein feines Ohr dazu, unter ſolchem Getoͤſe die Schritte der auf⸗ und niedergehenden Wache beſtimmt wahrzuneh⸗ men. Als indeſſen das Maͤdchen ſicher war, daß ſich ihr Ohr nicht taͤuſche, ſchaute ihr Auge aͤngſtlich nach dem, was Borrougheliffe ſeine Kaſerne nannte, ſelbſt. Alles ſchien nach dieſer Seite hin ſo finſter und ſtill, daß die Ruhe darin ſelbſt aͤngſtlich machte. Es konnte in der gewoͤhnlich geraͤuſchvollen Zelle luſtiger Soldaten das Schweigen des Schlafes herrſchen; es konnte aber auch die Stille ſeyn, die einer drohenden Unternehmung vorausging! Indeeſſen laͤnger zu ſäumen war nicht Zeit. Sie zog den Mantel feſter zuſammen, und eilte 1 — 56— mit leiſen, fluͤchtigen Schritten nach dem verab⸗ redeten Orte. Als ſie an der Pforte war, ſchlug es neun Uhr, und ſie hielt wieder an. Duͤſter trug der Wind die Toͤne zu ihrem Ohre. Bei jedem glaubte ſie, er ſey das Signal, wo ſich ein verborgner Plan von Borrougheliffe entwik⸗ keln werde. Aber der letzte Schlag war verhallt. Sie oͤffnete die kleine Thuͤre und huſch! ſtand ſie auf der Landſtraße. Eine maͤnnliche Geſtalt ſprang hinter der Ecke der Mauer hervor, als ſie erſchien. Noch ſchlug ihr Herz hoͤrbar vor Unruhe, als ſie ſich in Barnſtable's Armen ſah. Kaum waren die erſten Worte des Wiederſehens und der Freude daruͤber geſprochen, als Barn⸗ ſtable ſeine Geliebte mit dem Verluſte ſeines Schooners und der Lage ſeiner Gefaͤhrten be⸗ kannt machte. „Und nun, Katharine,“ endigte er,„Du biſt doch gekommen, hoffe ich, mich nie wieder zu verlaſſen, oder wenigſtens nicht in die Abtei zu⸗ ruͤck zu kehren, als um mir zu helfen, Griffith's Freiheit zu bewirken, und dann Dich fuͤr ewig an mich anzuſchließen?—“ „Wahrlich, wie Du mir Deine Lage ge⸗ ſchildert haſt, iſt es eine ſtarke Verſuchung fuͤr ein Maͤdchen, Freunde und Vaterhaus zu ver⸗ laſſen. Kaum weiß ich, wie ich Deinem Ver⸗ n — 2 44 — 5— ab⸗ langen entgegen ſeyn ſoll! Du haſt Dich in der 3 lug alten Ruine gut mit Lebensmitteln verſorgt, und ſter 1 Deine Streifzuͤge werden ſchon berechnet ſeyn, Bei 4 eine huͤbſche Wohnung dort zu verſchaffen. St. ſich Ruinth iſt mit allen nothwendigen Moͤbeln verſehn. 3 vik⸗ Freilich wuͤrde ich es Deinem Scharfſinne uͤber⸗ allt. laſſen, ob wir vielleicht lieber nach Vork oder New⸗ ſie caſtle ins Gefaͤngniß gebracht werden ſollten!“ talt„Wie kannſt Du von ſolchen thoͤrichten Din⸗ als gen ſprechen, liebenswuͤrdige Schwaͤtzerinn! Zeit vor 4 und Umſtaͤnde verlangen, daß wir ernſthaft ſeyn ſah. muͤſſen!“ dens„Ja, ſiehſt Du, eine Frau muß huͤbſch arn⸗ wirthſchaftlich ſeyn, und ſehen, wie es um die nes f Bequemlichkeiten im Hausweſen ſteht. Ich be⸗ moͤchte doch gerne meine Pflicht mit Ehren er⸗ fuͤllen. Aber ich hoͤre, Du wirſt ungeduldig: denn Du in ſo einer Nacht Dein ſchwarzes Geſicht zu r zu ſehen iſt unmoͤglich. Alſo nun: wenn denkſt Du zux.. denn Dein Hausweſen anzufangen, falls ich auf th's Dein Plaͤnchen eingehe?“ wig„Ich bin noch nicht zu Ende und Dein Witz quaͤlt mich ſchon zur unrechten Zeit!— ge⸗ Das Schiff, das ich genommen habe, kommt, fuͤr dies iſt keine Frage, an die Kuͤſte, ſo wie ſich ver⸗ der Sturm legt, und ich denke damit fortzuſegeln, ſobald ich dieſen Englaͤndern die Koͤpfe gewaſchen, und Dich nebſt Cecilien in Freiheit geſetzt habe. Ich ſahe die Fregatte auf dem Meere, ehe ich von der Kuͤſte wegging.“ 44 „ Ei dies klingt freilich beſſer,“ bemerkte Katharine ſauf eine Art, die wohl verrieth, ſie ſinne uͤber dieſe Ausſichten nach.—„Aber einige Schwierigkeiten moͤchten doch da ſeyn, wo Dn ſie am wenigſten ſuchen wirſt.“ „Schwierigkeiten? Ich kenne keine! Es giebt keine!“ 4½ „Sprich nicht ohne Reſpekt von den Irr⸗ gaͤngen der Liebe, Barnſtable! Wenn haͤtte dieſe ſich wohl je ungeneckt und ungehindert gezeigt? Auch ich habe ein Huͤhnchen mit Dir zu pſuüͦcken, deſſen ich gar zu gern uͤberhoben waͤre.“ „Mit mir? frage was Du willſt und wie Du willſt! Ich bin ganz der ſorgenloſe, nichts ahnende Geſelle, der fuͤr nichts Red' und Ant⸗ wort zu geben hat, als daß er bis zum Näar⸗ riſchwerden in Dich und Deine Verdienſte ver⸗ liebt iſt.“ Barnſtable fuͤhlte den Druck der kleinen Hand, die ſeinen Arm feſter ergriff, als Katha⸗ rine in einem Tone fortfuhr, der von der vorigen Neckerei ganz der Gegenſatz war. Er erſchrat⸗ als er die erſten Worte vernahm: 1 „Merry hat uns eine furchtbare Nachricht 3 — 8 ι * „—— — ³j. — 59— gegeben; ich wollte, daß ich ſie fuͤr erdichtet hal⸗ ten koͤnnte: allein ſein Blick und Dillon's Abwe⸗ ſenheit beſtaͤtigen ſie!“ „Armer Merry, biſt Du in die Falle gera⸗ then! Doch ſie ſollen einen finden, der ihnen zu klug iſt!— Alſo auf Dillon's S Schickſal bezieht ſich Deine Frage?“ „Er war ein Schurke,“ fuhr Katharine gleich ernſt fort,„und verdiente hart von Dir gezuͤchtigt zu werden, Barnſtable. Aber das Le⸗ ben kommt aus Gottes Hand, und muß nicht vernichtet werden, wenn menſchliche ache ein Opfer zu heiſchen ſcheint! 77 9 „Sein Leben nahm ihm der, von welchem er es hatte! Kann Katharine Plowden mich einer ſolchen abſcheulichen That faͤhig achten?“ „Ich nicht— ich wahrlich nicht! Nie werde ich ſo boͤſe von Dir denken! Du zuͤrneſt nicht auf mich; Du kannſt mir auch nicht zuͤrnen: nicht wahr, Barnſtable? Ach aber, haͤtteſt Du den grauſamen Verdacht meiner Baſe Cecilie gehoͤrt, und haͤtte Deine Phantaſie Dir ſo ge⸗ ſchaͤftig das Unrecht vorfuͤhren koͤnnen, das der meinigen vorſchwebte, ſamt der Verſuchung hart zu ſeyn, waͤhrend meine Zunge Deine Shuld sleugnete, Du haͤtteſt dann erfahren, daß wir die Geliebten leichter gegen die offenen — 60— Angriffe Anderer, als gegen unſere eigene Furcht ab wohl moͤglicher Verſchuldung vertheidigen koͤnnen!“ we „Die Worte: Geliebte und Schuldig 1. die moͤgen bei Dir gleich in Einklang kommen!“ Er troͤſtete Katharinen mit zwei Worten: 6 denn das arme Maͤdchen war ſo ergriffen, daß ſie in Thraͤnen zerfloß. Dann erzaͤhlte er in der Kuͤrze, wie Dillon geſtorben ſey. wi „Ich haͤtte aber gedacht,“ ſagte er, indem nie ſeine Erzaͤhlung zu Ende ging,„daß ich bei Miß ſich Howard in beſſerm Andenken ſtuͤnde. Griffith bei macht unſerm Handwerk keine Ehre, wenn er ſo eine Meinung hat durchgehen laſſen!”“ the „Ich weiß nicht, ob Griffith meinem Ver⸗ 1 dachte entgangen ſeyn wuͤrde, waͤre er der be, trogene Kommendant, und Du der Gefangene Lei geweſen. Du glaubſt nicht, wie ſehr wir beide pa den Kriegsgebrauch ſtudirt haben, wie unſer Kopf Lal mit ſchrecklichen Bildern von Geißeln, Wieder⸗ vergeltung, Standrecht, angefuͤllt iſt! Jetzt iſt daf mir aber ein Berg vom Herzen gewaͤlzt, und ich zier moͤchte faſt ſagen, nun bin ich bereit, an Deiner ich Hand in das Thal des Lebens hinabzuſteigen.“ ant „Ein ſchoͤner Gedanke, meine Katharine, f ſih Gott ſegne Dich dafuͤr! Dein Reiſegefaͤhrte mag abe vielleicht nicht ſo gut ſeyn, als Du verdienſt, ——ͤ 64— aber Du wirſt immer ſehen, daß er Deiner werth zu ſeyn ſuchen wird!— Jetzt laß uns auf die Mittel ſinnen, wie wir zum Ziele kommen.“ „Darin liegt wieder eine Schwierigkeit! Griffith fuͤrcht' ich, wird Cecilien zu keiner Flucht beſtimmen koͤnnen. Es iſt gegen ihre— ihre — ja wie ſoll ich's nennen, Barnſtable,— Laune oder Grundſaͤtze? Kurz, Cecilie wird nie ein⸗ willigen, ihren Onkel zu verlaſſen, und ich habe nicht den Muth, mich von meiner Baſe im Ange⸗ ſicht der ganzen Welt zu trennen, ſollte ich ſelbſt bei Richard Barnſtable ein Plaͤtzchen finden.“ „Sprichſt Du, wie Du es meinſt, Ka⸗ tharine?“ „Wenn nicht ganz, doch— beinahe!“ „Dann habe ich mich grauſam getaͤuſcht! Leichter iſt es, einen Weg ohne Charte und Kom⸗ paß auf dem ſpurloſen Ozean zu finden, als das Labyrinth des weiblichen Herzens zu kennen!“ „Nun, nun, wunderlicher Mann, Du vergißt, daß ich eine kleine Perſon bin, und den Kopf ziemlich nahe am Herzen habe; zu nahe! fuͤrchte ich, wenn es auf Vorſicht bei einem Maͤdchen ankommt!— Giebt es denn kein Mittel, Grif⸗ fith und Cecilie zu ihrem Beſten zu zwingen, aber ohne— offenbare Gewalt anzuwenden?“ „Keines; er iſt mein Oberer! Im Augen⸗ blick, wo ich ihn in Freiheit ſetze, wird er das Kommando uͤbernehmen wollen. In einem muͤßigen Stuͤndchen koͤnnte uͤber das Recht zu einer ſolchen Anmaßung geſtritten werden. Al⸗ lein meine Leute ſelbſt ſind vom Volke der Fre⸗ gatte ausgehoben, und gehorchen dem Befehle des erſten Lieutnants, der in Allem, was den Dienſt angeht, nicht mit ſich ſpaßen laͤßt.“ „Das iſt doch aͤrgerlich! Alle meine ſo gut ausgedachten Plaͤnchen zum Beſten des wunderli⸗ chen Paares werden durch den Staerſinn Bei⸗ der zu Waſſer gemacht!— Indeſſen haſt Du denn auch uͤbrigens Deine Kraͤfte berechnet, Barn⸗ ſtable? Biſt Du uͤberzeugt, daß Du zum Ziele kommſt, ohne zu wagen, zumal wenn Du an⸗ greifen mußt?“ „Moraliſch und was 3 noch beſſer iſt, phyſiſch habe ich die Oberhand! Meine Leute ſind dem Feinde auf dem Nacken, wo ſie keiner vermuthet. Sie brennen auf den Kampf, und das Unver⸗ muthete deſſelben wird den Sieg nicht allein ver⸗ buͤrgen, ſondern auch blutlos machen. Du wirſt uns den Weg oͤffnen, Katharine, und ich bringe erſt den Werbeoffizier auf die Seite. Seine Mannſchaft wird ſich dann ergeben, ohne einen Schuß zu thun. Vielleicht nimmt Griffith doch Vernunft an. Thut er es nicht; ſo werde ich das nem zu Al⸗ Fre⸗ ehle den gut erli⸗ Bei⸗ Du arn⸗ Ziele an⸗ ſiſch dem thet. ver⸗ ver⸗ virſt inge deine inen doch ich — 63— mein Kommando nicht ohne einen derben kraͤfti⸗ gen Widerſpruch abtreten. „Gott gebe, daß dabei kein Rampfs vorfaͤllt!“* ſeufzte leiſe Katharine, und ward bei den Bil⸗ dern, die ihr die Phantaſie vorfuͤhrte, ganz bleich. —„Aber Barnſtable! Feierlich, bei aller Deiner Liebe zu mir, bei Allem, was Du heilig achteſt, beſchwoͤre ich Dich, ſchuͤtze um jeden Preis den Oberſten Howard! Keine Entſchuldigung, keine Urſache laſſe ich gelten, daß mein alter, leiden⸗ ſchaftlicher, guter, ſtarrkoͤpfiger Vormund in Ge⸗ fahr komme. Ich glaube, daß ich ihm bereits ſo mehr Sorgen gemacht habe, als recht iſt, und, der Himmel verhuͤte es, daß ich Veranlaſſung zu einem ornſtlichen Ungluͤck fuͤr ihn werde.“ 3 4„Er ſoll ſicher ſeyn, und nicht blos er! Je⸗ der, der bei ihm iſt! Wenn Du meinen Plan hoͤrſt, Katharine; ſo wirſt D Du es gleich begreifen. Drei Stunden ſollen noch nicht uͤber meinem Haupte hingegangen ſeyn; ſo ſiehſt Du mich im Beſitz der alten Abtei, und Griffith, ja Griffith muß ſich ſchon bequemen, mein Untergebener zu ſeyn, bis wir wieder an Bord gehn. 2 „ Verſuche nichts, wenn Du Dich nicht ſicher fuͤhlſt, nicht blos gegen Deine Feinde den Vortheil zu behaupten, ſondern ſelbſt gegen die —— — 64— Freunde! Feſt verlaß Dich darauf, Cecilie und Griffith ſind zu zart und fein fuͤhlend, als daß ſie ſich an Deine Plaͤne anſchließen ſollten.“ „Ja, da ſieht man die Folge davon, daß er vier der beſten Lebensjahre in den ſteinernen Mauern zubrachte, und uͤber lateiniſcher Gram⸗ matik, Syntax und anderm ſolchen Unſinn ſchwitzte, ſtatt ſich in einer guten eichenholzenen Nußſchaale einzuſchiffen, und hoͤchſtens zu lernen, wie ein Tagebuch gefuͤhrt wird, und wo man nach einem Windſtoß hingerathen iſt. Eure gelehrten Schulanſtalten moͤgen ganz gut fuͤr ſolche ſeyn, die von ihrem Kopfe leben ſollen; aber ein Mann, der ſich nie ſcheut, den Men⸗ ſchen auf's Korn zu nehmen, indem er ihm ge⸗ rade in's Geſicht ſchaut, und der eben ſo fer⸗ tig mit der Hand, als mit der Zunge iſt, hat nicht viel Vortheil davon. Ich habe meine Lebtage geſehn, daß, wenn Jemand gut Latein las, er den Kompaß nicht recht verſtand, und bei einem Windſtoße in der Nacht ſich nicht zu helfen wußte. Grifſith macht eine Ausnahme. Er iſt ein Seemann, ob er gleich ſein neues griechiſches Teſtament lieſ't. Gott ſey Dank, ich war geſcheidt genug, gleich den zweiten Tag aus der Schule zu lanfen, als ſie mir eine fremde Sprache beibringen wollten, und ich — 685— ilie glaube, bei aller meiner Unwiſſenheit bin ich ein als eben ſo guter, wo nicht ein beſſerer Seemann!“ 4- .“ 4„Wir wollen nicht davon reden, was man aß aus Dir, unter andern Umſtaͤnden, gemacht den haͤtte, Barnſtable!“ bemerkte ſein Maͤdchen hier⸗ bei mit kleinen Bosheit, die ſie nicht immer unterdruͤcken konnte, und wenn ſie auch auf Ko⸗ ſten deſſen geuͤbt werden ſollte, den ſie am Meiſten en, liebte.„Aber ich denke, bei gehoͤriger Leitung ran waͤre doch wohl ein ziemlich guter Prediger aus urc Dir geworden!“ 44„Ach, weil Du von dem ſprichſt; ſo muß en⸗ ich Dir doch ſagen, daß wir Einen im Schiffe ge⸗ bei uns haben! Aber hoͤre jetzt meinen Plan! fer⸗ Vom Prieſter wollen wir reden, wenn ſich wie⸗— hat der die Zeit dazu ſindet.“ ine Er theilte ihr nun die Art mit, welche er tein ſich ausgedacht hatte, um die Abtei in der Nacht und wegzunehmen. Alles war ſo klar, daß Katha⸗ zu rine, trotz ihrer Furcht, Borrougheliffe werde me. einen Wink erhalten haben, allmaͤhlig glaubte, ues es koͤnne gluͤcken. Der jungg Seemann loͤſete je⸗ ink, den ihrer Zweifel raſch und feurig, wie ein Tag. Mann, der nur auf Vollziehung ſeines Planes 4 ine oedacht iſt. Hundert Huͤlſsmittel wußte er, die ich woohl zeigten, daß er bei Unternehmungen, III. E — 66— welche Geiſtesgegenwart erfoderten, kein zu verach⸗ tender Feind war. Daß Merry feſt bleiben und ſchweigen wuͤrde, war ihm ausgemachte Sache. Die Flucht des Tabuletkraͤmers wußte er. Al⸗ lein er bemerkte, daß jener Niemanden von ſei⸗ nen Leuten geſehn, ihn ſelbſt aber gewiß fuͤr einen Strauchdieb gehalten haͤtte. Kleine Abſpruͤnge unterbrachen freilich oͤfters die Mittheilung des Planes. Sie hingen mit der eigenen Stimmung der Liebenden zuſammen. Mehr als eine Stunde war dahin, als ſie ſich trennten. Endlich erinnerte Katharine, wie ge⸗ ſchwind die Zeit hingehe, wie viel zu thun ſey. Widerſtrebend willigte er ein, ſie nach der Pforte zu geleiten, und hier ſchieden ſie. Miß Plowden nahm bei der Ruͤckkehr die⸗ ſelben Vorſichtsmaßregeln, die ſie beim Her⸗ ausgehen beobachtete. Sie wuͤnſchte ſich ſelbſt Gluͤck, daß Alles ſo gut abgelaufen ſey. Da ſah ſie im Dunkel eine maͤnnliche Geſtalt, die dem Scheine nach, in einiger Entfernung zu folgen, und jede ihrer Bewegungen zu beobach⸗ ten ſchien. Die Geſtalt hielt indeſſen an, als ſie ſtehen blieb, um einen pruͤfenden, unruhigen Blick darauf zu werfen. Dann zog ſie ſich in — 62— den Hintergrund des Parkes zuruͤck. Katharine glaubte, es ſey Barnſtable, der von ferne fuͤr ihre Sicherheit wachen wolle. Sie langte da⸗ her, voller Freude uͤber des Geliebten Beſorg⸗ niß, ohne alle Furcht an. — Er ſchaut ſich um, und ſieht von Speeren Sich jeden Ausweg abgeſchnitten. W. Scott. Schon lautete die kleine Eßglocke in der Galle⸗ rie, als Miß Plowden in den duͤſtern Gang eintrat, und ihre Schritte beſchleunigte, um zu ihren Freundinnen zu gelangen, und durch ihre Abweſenheit nicht laͤnger Verdacht zu erregen. Alix Dunscombe war bereits nach dem Speiſezimmer gegangen, als Katharine die Thuͤre des Geſell⸗ ſchaftſaales oͤffnete. Cecilie hatte noch gezoͤgert. Sie waren beide allein. „Du haſt es alſo wirklich gewagt, ſo her⸗ umzuſchwaͤrmen?“ rief Cecilie. „Ja,“ antwortete Katharine, und warf ſich in einen Seſſel, um Athem zu ſchoͤpfen. „Ich habe es gewagt, Cecilie. Ich ſprach mit Barnſtable. Bald wird er in der Abtei und Sieger ſeyn!“— Das Blut, das erſt in Ceciliens Wangen ſtieg, als ſie ihre Baſe ſah, ſloh wieder nach dem Herzen zuruͤck. Sie ward bleich, wie ein Marmorbild. ren Damen, und beobachteten die Pflicht, welche — 69— „Wir ſollen alſo eine blutige Nacht haben?“ begann ſie wieder. „Wir werden die Freiheit in dieſer Nacht erringen! Ich und Du, Merry und Griffith und ſein Kamerad!“ Was beduͤrfen Maͤdchen, wie wir, einer groͤßern Freiheit? Glaubſt Du, ich werde ſchwei⸗ gen und ſehen koͤnnen, wie mein Onkel vor meinen Augen verrathen wird, wie vielleicht ſein Leben in Gefahr kommt?“ „Dein Leben, Deine Perſon ſoll nicht hei⸗ liger ſeyn, als das Leben Deines Onkels! Wenn Du Grifſith in's Gefaͤngniß und an den Gal⸗ gen gebracht ſehn, Barnſtable verrathen willſt, wie Du jetzt drohteſt,— an Gelegenheit dazu wird Dir's beim Eſſen nicht fehlen. Ich will Dich hinbringen. Die Herrinn des Hauſes ſcheint ihre Schuldigkeit zu vergeſſen.“ Katharine ſtand auf. Mit feſtem Schritte, ſtolzem Blicke, ging ſie in der Gallerie nach dem Zimmer hin, wo ihre Gegenwart von den uͤbrigen Mitgliedern der Familie erwartet wurde. Cecilie folgte ſchweigend. Die ganze Geſellſchaft nahm ihre Plaͤtze an der Tafel ein. Die erſten Augenblicke vergingen, ohne daß geſprochen wurde. Die Herren bedienten ihre die Tafel auflegte. Katharine hatte die Herr⸗ ſchaft uͤber ihre Unruhe ſo weit wieder erlangt, daß ſie jeden Blick, jedes Benehmen des Vor⸗ mundes und Borroughcliffe's beobachten konnte. Sie achtete immerfort darauf, bis die gefuͤrch⸗ tete Stunde da war, wo Barnſtable auftreten ſollte. Der Oberſt Howard beherrſchte ſich bereits, wieder zu ſehr, um nicht ſo ernſt zu ſeyn, wie fruͤher. Manchmal glaubte Katharine zu bemer⸗ ken, er fuͤhle ſich vollkommen ſicher, zeige aber auch den ſtrengen, entſchloſſenen Blick, den ſie als ſicheres Merkmal ſeines Zornes kannte, wenn er gegruͤndete Urſache dazu hatte. Borrougheliffe ſeinerſeits war kalt, hoͤflich, und langte, wie gewoͤhnlich, zu, nur mit dem Unterſchiede, daß man weniger ſeine Lieblingsneigung zur Flaſche bemerkte, als ſonſt bei ſolcher Gelegenheit der Fall war. So ging das Abendeſſen zu Ende.— Das Tiſchtuch ward weggenommen, obſchon die Da⸗ men laͤnger als gewoͤhnlich, zu bleiben, Miene machten.*) Der Oberſt ſchenkte ſich und der *) Wir erinnern an die engliſche Sitte, zufolge welcher das Wegnehmen des Tiſchtuches das Zeichen zum Trinken iſt, indem die Frauen abgehen. D. Ueb. - ͤ, — —,— 71 Alix Dunscombe ein, ſchob dann dem Kapitain die Flaſche zu, und rief mit einer Art von Zwang, darauf berechnet, die ſchlummernde Froͤhlichkeit der Gaͤſte zu wecken: „Stoßt an, Borrougheliffe! die Rubinlip⸗ pen Eurer Nachbarinn wuͤrden noch ſchoͤner wer⸗ den, waͤren ſie mit dieſer kraͤftigen Herzſtaͤrkung befeuchtet, und von etwas loyalern Geſinnungen belebt! Miß Alix iſt immer bereit, ihre Treue gegen den Koͤnig an den Tag zu legen. In ih⸗ rem Namen trinke ich auf das Wohl Sr. ge⸗ heiligten Majeſtaͤt. Tod und Verderben allen Verraͤthern!“ „Wenn das Gebet eines demuͤthigen Unter⸗ thanen, eines Maͤdchens, die mit den Haͤndeln der Welt wenig zu thun hat, und noch weniger . darauf Anſpruch machen darf, die Weisheit ei⸗ nes Staatsmannes zu beurtheilen, einem maͤch⸗ tigen, großen Fuͤrſten nuͤtzen kann, wie dem, wel⸗ cher auf unſerm Throne ſitzt; ſo ſoll er nie die Leiden dieſer Welt kennen lernen!“ entgegnete Alix ſanft.„Aber ich kann Niemandem den Tod wuͤnſchen. Auch meinen Feinden nicht, wenn ich ſolche haͤtte; und noch vielweniger ei⸗ nem Volke, das mit den Kindern des meinigen Eine Familie macht!“ „Eine Familie?“ wiederholte der Oberſt — 2— langſam und bitter, in einer Art, daß er Ka⸗ a tharinen ganz aͤngſtlich machte.„Kinder einer ir Familie! Ach ja, Abſalon war auch der Sohn m David's, und Judas gehoͤrte zur Geſellſchaft der ſ kr heiligen Apoſtel! Doch laſſen wir das jetzt an ſt ſeinen Ort geſtellt! Der unſelige Daͤmon der . Rebellion iſt in mein Haus gedrungen, und ich v weiß nicht, wo ich rings herum unter den Mei⸗ al nigen Einen finden ſoll, der nicht von ſeinem cch boͤſen Einfluß beſtuͤrmt waͤre.“ „Beſtuͤrmt mag ich ſeyn, gleich den An⸗ pi dern,“ erwiederte Alix,„aber nicht verdorben, in wenn Reinheit der Geſinnung in dieſem Augen⸗ fe blicke ſtatt Loyalitaͤt gelten kann!“—— „Was iſt das fuͤr Geraͤuſch?“ unterbrach di ſie der Oberſt, und ſprang erſchrocken auf.„War es es nicht, als braͤche Etwas zuſammen, Bor⸗ ih rougheliffe?“ ge „Es war vielleicht einer von meinen Bur⸗ al ſchen, der die Treppe heruntergefallen iſt, indem er von Tiſche ging. Ihr wißt ja, ich hab' ihnen B heut; Abend ein Feſt zu Ehren unſeres Sieges 3 ve bereiten laſſen!“— verſetzte der Kapitain mit 9 bewundernswerther Gleichguͤltigkeit.„Vielleicht G iſt es aber auch gerade der Daͤmon, von dem ſer Ihr jetzt ſo offen ſpracht. Eure Worte koͤnnen ge ihn verdroſſen haben, und er eilt alſo vielleicht den, gen⸗ ach Bar vor⸗ zur⸗ dem nen ges mit icht dem nen icht aus den gaſtfreundlichen Mauern von St. Ruth in das Freie, ohne ſich erſt die kleine Muͤhe zu machen, das Thor zu ſuchen. Im letztern Falle koſtet es morgen einige Dutzend Ellen Mauer⸗ ſteine einzuſetzen!“ Der Oberſt ſtand noch immer. Er blickte verlegen nach der Thuͤre. Man ſah ihm offenbar an, daß er gar nicht geſtimmt war, in die Spaͤs⸗ chen ſeines Gaſtes einzugehn. „Das iſt ein ungewoͤhnliches Geräuſch, Ka⸗ pitain, entweder in der Naͤhe der Abtei oder gar im Innern!“ ſagte er endlich, und ging mit feſtem militairiſchen Schritte von der Tafel vor. —„Als Herr vom Hauſe muß ich ſehen, was dieſe Wohnungen ſo zur Unzeit beunruhigt. Sind es Freunde; ſollen ſie willkommen ſeyn, obſchon ihr Beſuch ganz unerwartet iſt. Als Feinde moͤ⸗ gen ſie auf einen Empfang rechnen, wie er einem alten Soldaten zukommt!“ „Rein! Nein!“ ſchrie Cecilie, ſich bei dem Benehmen, der Rede des Oberſten ganz ſelbſt vergeſſend, und in ſeine Arme ſtuͤrzend.„Guter Onkel, geht nicht; geht nicht der ſchrecklichen Gefahr entgegen, mein lieber, theurer Onkel! Ihr ſeyd alt. Ihr habt ſchon mehr als Eure Pflicht gethan. Warum wolltet Ihr Euch ſo der Ge⸗ fahr Preis geben?“ „Das Maͤdchen iſt irre geworden— vor Schrecken, Borrougheliffe!“ rief der Oberſt, und heftete den feurigen Blick auf ſie.—„Ihr muͤßt ſchon einem alten Podagriſten, der nichts mehr werth iſt, einen Korporal mit vier Mann geben, um die Nachtmuͤtze zu bewachen,“ fuhr er ſcher⸗ zend zum Kapitain fort,„ſonſt wirft ſich das arme Maͤdchen im Bette herum, bis die Sonne aufgeht.— Aber ſteht Ihr denn nicht auf?“ „Wozu?“ antwortete jener kalt.„Miß Plowden leiſtet mir noch Geſellſchaft, und mein Regiment iſt nicht daran gewoͤhnt, Fahne und Bouteille zuſammen zu verlaſſen. Fuͤr einen braven Soldaten gilt im Geſellſchaftszimmer das Laͤcheln einer Dame ſo viel, als das Flattern ſeiner Fahne im Felde.“ „Ich bin ganz ruhig, Kapitain,“ ſagte Katharine,„weil ich in St. Ruth lange genug gelebt, und gelernt habe, wie mancherlei wun⸗ derliches Geraͤuſch der Wind in den alten Eſſen und Gallerien hervorbringt. Der Laͤrm, welcher den Oberſten aus ſeinem Seſſel aufjagte, und der meine Baſe Cecilie ſo unndͤthig erſchreckte, iſt nichts als die Acolsharfe der Abtei, die im Grundton anſtimmt.“ Der Kapitain ſah ſie, als ſie ſo redete, ka ———— durchdringend an. So ruhig ſie auch war, jetzt kam dadurch das Blut doch in ihre Wangen. Ungemein zweideutig in Wort und Ton, ſetzte der Kapitain hinzu: „Ich habe meine Ergebenheit erklaͤrt und will dabei verharren. So iange Miß Plowden mir die Ehre ihrer Geſellſchaft gewaͤhrt, ſoll ſie mich als ihren treueſten und ſtandhafteſten Ver⸗ ehrer finden, mag kommen, wer und was da will!“ „Ihr noͤthigt mich, fortzugehn!“ bemerkte dieſe aufſtehend.„Mag meine Abſicht in dem Betracht noch ſo unſchuldig geweſen ſeyn; ſo muß doch ſelbſt die weibliche Eitelkeit erroͤthen, wenn ſie einen Kapitain Borrougheliffe nach dem Eſſen an die Tafel gefeſſelt und ſo huldigen ſieht.— Da Dein Schreck nachgelaſſen hat, liebe Couſine, willſt Du wohl den Anfang machen? Miß Alix und ich warten nur auf Dich!“. „Nur nicht in dem Park gegangen!“ rief der Kapitain.„Die Thuͤre, die Ihr eben geoͤffnet habt, geht in die Vorhalle. Dieſe fuͤhrt in das Geſellſchaftszimmer!“ Katharine laͤchelte ein wenig, als ob ſie in der That zerſtreut geweſen waͤre. Sie machte eine Verbeugung, und wollte nach der andern Thuͤre gehn. „Ich glaube,“ ſagte ſie gezwungen ſcherzend, „die Angſt hat auch Leute gepackt, welche ſie nur beſſer zu verſtecken wußten, als meine Cou⸗ ſine!“ „Meint Ihr die gegenwaͤrtige Gefahr oder die noch im Hinterhalte lauſchende?“ fragte der Kapitain.„Nun, da Ihr ſo edelmuͤthig zu Gunſten meines wuͤrdigen Wirths und noch von Jemanden, den ich nicht nennen will, weil er ſolche Freundſchaft von Euch nicht erwarten durfte, ſtipulirt habt; ſo ſoll Eure Beſchuͤtzung in ſolcher Zeit eine meiner beſondern Pflichten ſeyn!“ „Hier iſt Gefahr!“ rief Cecilie auf's Neue. „Euer Blick ſagt es, Kapitain! Die blaſſe Wange meiner Baſe verkuͤndet mir, daß meine Furcht nur zu gegruͤndet iſt!“ Der Soldat war jetzt auch aufgeſtanden. Er entſagte dem Tone des Scherzes, welchen er ſo gern annahm. Wie ein Mann, der wohl fuͤhlt, es ſey jetzt Zeit, ernſthaft zu ſeyn, trat er mitten hin. „Ein Soldat iſt immer in Gefahr, wenn die Feinde ſeines Koͤnigs in der Naͤhe ſind!“ ſprach er.„Und dies iſt jetzt der Fall. Miß Plowden kann mir dies bezeugen, wenn ſie ſonſt will. Doch Ihr ſeyd mit beiden Parteien im Bunde, Mylady's, alſo geht auf Euer Zimmer, und wartet da den Ausgang des Kampfes ab, der gleich beginnen wird!“ „Ihr ſprecht von Gefahr und verborgenen Feinden?“ ſiel Alix ein.„Wißt Ihr denn Et⸗ was, das ſolche Furcht rechtfertigt?“ „Ich weiß Alles!“ erwiederte Borrougheliffe kalt. „Alles?“ ſchrie Katharine. „Alles?“ wiederholte Alix voller Entſetzen. „Nun dann, wenn Ihr Alles wißt; ſo muͤßt Ihr auch ſeinen verzweifelten Muth, ſeinen furchtbaren Arm kennen, falls er Widerſtand fin⸗ det! Laßt ihn in Ruhe, und er thut Euch nichts. Zlaubt mir, glaubt einem Weibe, das ihn ganz kennt: kein Lamm iſt ſanfter, als er, wenn er auf ein ſchwaches Weib trifft. Aber kein Loͤwe tobt auch aͤrger gegen ſeine Feinde!“ „Ja, da wir nicht zum weiblichen Ge⸗ ſchlechte gehoͤren;“ verſetzte Borrougheliffe etwas finſter;„ſo muͤſſen wir ſchon den Klauen des Koͤnigs der Thiere Trotz bieten. Roch hat er h 6 die Tatze außer der Thuͤre. Sind meine Befehle gehoͤrig beachtet; ſo wird er aber noch leichter den Eingang finden, als der Wolf bei der Groß⸗ mutter von Rothkaͤppchen, reſpektabeln Anden⸗ kens!“ „ Nur einen Augenblick!“ flehte Katharine faſt ohne Athem.„Ihr wißt um mein Geheim⸗ niß? Blutvergießen koͤnnte nur die Folge ſeyn. Noch kann ich hinauseilen und vielleicht das un⸗ ſchaͤtzbare Leben von Vielen retten. Gebt mir Euer Ehrenwort, daß die, welche in dieſer Nacht als Feinde kommen, ruhig abziehen duͤrfen, und ich ſtehe Euch mit meinem Leben dafuͤr, daß die Abtei geborgen iſt!“ „O hoͤrt auf ſie! Vergießt kein Blut!“ flehte auch Cecilie. Ein lautes Krachen unterbrach alles Ge⸗ ſpraͤch. Im nahen Vorgemach hoͤrte man die ſchweren Tritte, als liefen viele Maͤnner uͤber den ſteinernen Boden herbei. Borrougheliffe zog ſich gelaſſen auf die andere Seite des Zimmers, nahm einen Degen von der Tafel, der ſchon darauf gelegen hatte, und im naͤmlichen Augen⸗ blicke flog die Thuͤre auf. Barnſtable trat allein, aber mit entbloͤßtem Saͤbel ein. „Ihr ſeyd meine Gefangenen!“ rief er beim Vorwaͤrtsgehen dem Kapitain und Oberſten zu. „Widerſtand iſt unnuͤtz, und uͤbrigens ſollt Ihr gut behandelt werden.— Ha! Miß Plowden! — Meine Meinung war, Du ſollteſt bei dem Auftritt nicht gegenwaͤrtig ſeyn!“ „Barnſtable, wir ſind verrathen!“ jam⸗ merte die Arme.„Aber noch iſt es nicht zu paͤ kan mit and tain ein Gel Die Ihr ſtan drau gege der Rat Kan Ger⸗ Fein Here griffe ſen den und Fein —r — 79— ſpaͤt. Noch iſt kein Blut gefloſſen, und Du kannſt, ohne daß es zu dieſem Schrecklichen kommt, mit Ehren zuruͤck. Geh, verſchiebe es auf ein ander Mal; denn eilen die Soldaten des Kapi⸗ tains Borrougheliffe herbei; ſo wird die Abtei ein Schauplatz des Entſetzens!“ „Geh fort Katharina! Geh!“ ſagte ihr Geliebter ungeduldig,„dies iſt nicht der Ort fuͤr Dich.— Aber Kapitain Borrougheliffe, wenn Ihr ſo heißt, Ihr muͤßt doch einſehen, daß Wider⸗ ſtand umſonſt iſt. Ich habe zehn gute Piken draußen in zwanzig noch beſſern Haͤnden, und gegen ſolche Uebermacht iſt nicht aufzukommen!“ „Zeigt mir Eure Mannſchaft,“ entgegnete der Englaͤnder,„daß ich mit meiner Ehre zu Rathe gehn kann.“ „Eure Ehre ſoll beruhigt werden, braver Kamerad: denn ich laſſe Eurem Muthe gern Gerechtigkeit widerfahren, ob Ihr gleich mein Feind ſeyd, und Eure Sache nicht gerecht iſt.— Herein, Burſche, aber niet ohne Befehl ange⸗ griffen!“ Die wilden Matroſen draͤngten ſich auf die⸗ ſen Zuruf in's Zimmer: doch trotz ihrer drohen⸗ den Blicke und des rauhen Aeußern in Kleidung und Ausruͤſtung machten ſie keine Miene, eine Feindſeligkeit zu veruͤben. Die Maͤdchen verkro⸗ —— — 280— chen ſich bleich wie der Tod, als die kleine Schreckensbande das Zimmer fuͤllte, und ſelbſt Borrougheliffe zog ſich nach einer Thuͤre, die in gewiſſer Art ſeinen Nuͤckzug decken konnte. Noch war die Ruhe nach dieſem Auftritte nicht wieder hergeſtellt, als ſich großer Laͤrm von einer andern Seite des Gebaͤudes her hoͤren ließ, der ungemein ſchnell naͤher kam. Mit Einem Male that ſich eine Thuͤre des Zimmers auf, und zwei Soldaten von der Garniſon in der Abtei traten, durch doppelt ſo viel Matroſen kraͤftig vor⸗ waͤrts gedraͤngt, herein, indem Griffith, Manuel, Merry an der Spitze ſtanden. Dieſe hatten ſich mit Allem bewaffnet, was gerade zur Hand war, als ſie ſo unvermuthet in Freiheit geſetzt wurden. Von Seiten der Matroſen, die bereits das Zimmer beſetzt hielten, war eine allgemeine Be⸗ wegung. Sie drohte den Soldaten gefaͤhrlich zu werden; doch Barnſtable ſchlug mit dem Saͤ⸗ bel die Piken ſeiner Leute herunter, und befahl ihnen ſtreng, ſich zuruͤck zu ziehen. Die gegen⸗ ſeitige Ueberraſchung bewirkte unter allen Strei⸗ tern einen Augenblick Ruhe. Die Soldaten ſuchten haſtig hinter dem Ruͤcken ihres Kapitains Schutz zu ſinden. Die beſreiten Gefangenen reihten ſich Barnſtable und ihren Kameraden an. in laͤn wa me ſcha Leu in die vert Eut Me mer wer einn Auf Ver gen deſſe eine drel heft End gebe leine ſelbſt e in ritte von ließ, nem und Ebtei vor⸗ zuel, ſich var, den. das Be⸗ lich — e Paä⸗ fahl gen⸗ rei⸗ aen nins nen den — 81— an. Bald ſchien in der Halle, die ſo ploͤtzlich in Aufruhr gerathen war, Alles ſtill geworden. „Ihr ſeht,“ ſprach Barnſtable zum Eng⸗ laͤnder, als Griffith's und Manuel's Haͤndedruck warm und herzlich erwiedert war,„ihr ſeht, mein Plan iſt vollkommen gelungen. Eure Mann⸗ ſchaft liegt im Schlafe, und ein Theil meiner Leute bewacht ihre Kaſerne. Unſere Offiziere ſind in Freiheit geſetzt. Hier ſtehen die Schildwachen, die Ihr hingeſtellt hattet. Ich habe mich der Abtei verſichert, und bin im eigentlichen Sinne Herr Eurer Perſon. In Betracht von dem, was die Menſchheit fordert und die Gegenwart dieſer Da⸗ men heiſcht, laßt keinen Kampf Statt finden. Ich werde keine harten Bedingungen machen, nicht einmal lange Kriegsgefangenſchaft verlangen.“ Der Englaͤnder bewies waͤhrend des ganzen Auftritts eine Gelaſſenheit, die bei einem Feinde Verdacht haͤtte erregen muͤſſen, waͤre zu einer genauern Beobachtung nur Zeit geweſen. In⸗ deſſen allmaͤhlig zeigte ſich auf ſeinem Geſicht eine Unruhe, die immer groͤßer wurde. Er drehte ſich oft um, als horchte er, ob nicht neuer, heftigerer Laͤrm die Scene unterbrechen wuͤrde. Endlich antwortete er auf den Antrag ſich zu er⸗ geben, mit ſeiner gewoͤhnlichen Umſicht: „Ihr ſprecht vom Siege, bevor er erfochten III. S 9 5 4 iſt. Mein wuͤrdiger Herr Wirth und ich ſind nicht ſo ohne Schutz, als Ihr wohl denken moͤgt!“ Indem er ſo ſprach, nahm er von einem Seitentiſche den Teppich weg, und er, wie der Oberſte, hatten ſich mit ein Paar Piſtolen in ei⸗ nem Augenblick bewaffnet. Hier ſind fuͤr vier von Euch die Buͤrgen des Todes!“ rief er.„Die braven Burſche hinter mir koͤnnen noch zwei andern von Euch die Rechnung machen. Ich glaube, mein tapferer Kamerad vom atlantiſchen Meere jenſeits, daß wir uns ungefaͤhr ſo gegenuͤberſtehen, wie Cortez und die Mexikaner, als dieſer Euer Land eroberte. Ich bin Cortez, bewaffnet mit kuͤnſtlichem Don⸗ ner und Blitz. Ihr ſeyd die Indianer, mit nichts als Piken und Stoͤcken und ſolchen Din⸗ gen, die vor der Suͤndfluth Mode waren. Schiff⸗ bruch und Seewaſſer loͤſchen das beſte Schieß⸗ pulver!“ „Ich laͤugne es nicht, Gewehre gehn uns ab!“ verſetzte Barnſtable.„Aber wir ſind Maͤn⸗ ner, die von Jugend auf ihren Arm brauchen lernten, um Leben und Freiheit zu vertheidigen, und wiſſen ſie zu fuͤhren, ſollten wir auch mit dem Tode kaͤmpfen! Was die Spielerei in Euern Haͤn⸗ den anbetrifft; ſo werdet Ihr doch nicht glauben, ſind rken nem der — — 83— daß ſich Leute davor fuͤrchten ſollen, die einem Zwei⸗ und⸗ dreißig⸗Pfuͤnder in's Auge ſahen, der mit Kartaͤtſchen geladen war, als die Lunte auf⸗ gelegt wurde. Und wenn Ihr Funßzig dergleichen haͤttet! Was ſagt Ihr, Kameraden? Iſt ein Pi⸗ ſtol eine Waffe, die Euch vom Entern abhaͤlt?“ Das gellende, veraͤchtliche Lachen unter den Matroſen war ein ſicherer Beweis, wie gleich⸗ gultig ſie bei ſo einer unbedeutenden Gefahr wa⸗ ren. Borrougheliffe bemerkte wohl, wie keck und kuͤhn ſie um ſich blickten. Er griff nach der Tiſchglocke, und laͤutete eine Minute aus allen Kraͤften. Schwere Tritte von einem Zuge Men⸗ ſchen folgten dem ungewoͤhnlichen Tone. Meh⸗ rere Thuͤren des Zimmers gingen mit Einem Male auf, und eine Menge Soldaten in Englands Uniform fuͤllten das Zimmer. „Wenn Ihr dieſe kleine Waffe ſo ſehr ver⸗ achtet;“ rief Borrougheliffe, als er wahrnahm, alle Zugaͤnge ſeyen von ſeinen Leuten beſetzt,„ſo ſteht es bei mir, eine furchtbarere zu verſu⸗ chen. Ihr habt nun meine Streitkraͤfte geſehn, und ich denke, Ihr nehmt jetzt keinen Anſtand, Euch gefangen zu geben!“ Die Matroſen hatten ſich waͤhrend deſſen durch Manuel's Huͤlfe in einer gewiſſen Ordnung aufgeſtellt, und als die verſchiedenen Thuͤren die 5 5 2 * nene Verſtaͤrkung ihrer Feinde darthaten, bildete der Seeſoldatenoffizior ſorgfaͤltig ſo lange eine Fronte nach der andern, bis die ganze kleine 8 Partei in einem Viereck ſtand, das mit den ſcharfen Piken vom Ariel bewaffnet nach allen Seiten die Spitze bot.“ 4. „Hier iſt wohl ein Mißverſtaͤndniß,“ ſagte Griffith, als er auf die furchtbare Linie der Soldaten ſah.„Ich habe hoͤhern Rang, als Barnſtable, und will Euch daher einige Bedin⸗ gungen vorſchlagen, Kapitain Borrougheliffe, um dieſem Auftritt des Schreckens in der Wohnung des Oberſten Howard ein Ende zu machen.“ „Die Wohnung des Oberſten Howard,“ rief dieſer,„iſt die des Koͤnigs, und jetzt des gen verſchont nicht die Verraͤther! Geht keinen Vertrag ein, der nicht unbedingte Unterwerfung feſtſetzt, wie ſie Unterthanen gebuͤhrt, die ge⸗ gen den Geſalbten des Herrn rebellirten!“ Waͤhrend Griffith ſprach, kreuzte Barnſtable mit erzwungener Ruhe die Arme, und heftete den Blick auf die bebende Katharine, die mit ihren Freundinnen noch immer aͤngſtliche Zu⸗ ſchauerinn des ganzen Auftritts war, und wie durch die Furcht gefeſſelt in einem Winkel mit geringſten Dieners Seiner Krone. Meinetwe⸗ ihnen unverandert ſtand. Allein dieſer furcht⸗ ſ. ldete eine leine den allen agte der als din⸗ rougheliffe, an Euch, den Erſtern, wende ich — 85— baren Aufforderung des Veterans glaubte er doch begegnen zu muͤſſen. „So gewiß ich hoffe, alter Mann! wieder auf Salzwaſſer zu ſchlafen:“ donnerte er ihm entgegen, „ſo gewiß wuͤrde ich mich verſucht fuͤhlen, Euch den Titel Eures Koͤnigs ſtreitig zu machen, waͤren nicht dieſe zitternden Frauen da! Moͤgt Ihr ein Abkommen mit Herrn Grifſith treffen, welches Ihr wollt! So bald es eine Sylbe von Unter⸗, werfung gegen Euern Koͤnig, oder ſonſt einen andern Punkt enthaͤlt, dem meine Pflicht gegen den Congreß und den Staat von Maſeachuſets entgegenlaͤuft; ſo denkt nur, es ſey im Voraus gebrochen. Ich werde einen ſolchen Artikel we⸗. der fuͤr mich noch die, ſo mir folgen, als ver⸗ bindend anerkennen!“. 4 „Hier giebt es nur Zwei, die zu befehlen haben, Lientnant!“ unterbrach ihn Griffith ſtolz; „der Eine auf feindlicher Seite, der Andere an der Spitze von Amerikanern!— Kapitain Bor⸗ mich. Der große Kampf, der ungluͤcklicher Weiſe England mit ſeinen alten Kolonieen entzweit, kann durch die Ereigniſſe dieſer Nacht nicht ausgeglichen werden. Auf der andern Seite wuͤrde treue Befolgung militairiſcher Grundſaͤtze* viel Elend und Piusliches Ungluͤck erzeugen, ſo⸗ * 4 — 86— bald es in dieſen Wohnungen zum Kampfe kaͤme. Wir duͤrfen nur ein Wort ſagen, und dieſe rohen Menſchen, die ſchon ihre Tod brin⸗ genden Waffen ſchuͤtteln, trachten einander nach dem Leben. Wer will behaupten, er ſey im Stande, zu beſtimmen, wenn und wie er ihrem Arme Einhalt zu thun vermoͤge? Ich kenne Euch als tapfern Krieger, und als Mann, der wohl weiß, es ſey viel leichter, zum Blutvergießen zu reizen, als die Rache zu zaͤhmen!“ Borrougheliffe war nicht gewohnt, ſich von heftiger Leidenſchaft hinreißen zu laſſen. Er wußte wohl, daß er mehr und beſſer ausgeruͤſtete Mannſchaft habe. Mit der groͤßten Kaͤlte ließ er Griffith ausreden, und dann erwiederte er mit aller Ruhe: „Volle Achtung fuͤr Eure Logik! Die Vor⸗ derſaͤtze ſind unbeſtreitbar, und die Schlußfolge ergiebt ſich von ſelbſt. Uebergebt die braven be⸗ theerten Leutchen dem ehrlichen Drill. Er wird ſchon ſorgen, daß ihr ausgehungerter Magen mit verſchiedenen eßbaren Dingen und einer ge⸗ 4 doͤrigen Portion Fluͤſſigkeit verſorgt wird. Dann woollen wir bei einer Flaſche aͤchten Madera von der Suͤdſeite, die Art und Weiſe beſprechen, wie Ihr in die Kolonieen heimkehren koͤnnt! Bei meinem Gaume! Die Irende lacht den Bur⸗ — 87— ſchen aus den Augen bei dem Gedanken! Der Inſtinkt ſagt's ihnen, daß ein armer ſchiff⸗ bruͤchiger Matroſe beſſer zu einer Portion Rind⸗ fleiſch und einem Krug Porter paßt, als zu ſol⸗ chen haͤßlichen Dingen, wie Bajonette und Pi⸗ ken ſind.“ „Scherzt nicht zur Unzeit!“ rief der unge⸗ duldige Griffith.„Ihr pocht auf die Ueber⸗ macht! Aber ob Ihr Euch in einem toͤdtlichen Kampfe von Mann gegen Mann verſuchen duͤrft, iſt eine Frage, die ich Eurer Klugheit anheim⸗ ſtelle. Wir ſind hier, Bedingungen zu machen, nicht anzunehmen. Faßt Euch kurz: denn die Umſtaͤnde laſſen keine Zeit uͤbrig.“ „Ich habe Euch gezeigt, wie Ihr die drei aͤlteſten Stuͤcke der zahlreichen Familie aller Kuͤnſte: Eſſen, Trinken, Schlafen, in der vol⸗ kommenſten Weiſe erhalten koͤnnt. Was wollt Ihr noch mehr?“ „Ihr befehlt, den Leuten, welche die Thuͤre zur Gallerie hier beſetzen, abzutreten und uns durchzulaſſen! Ich moͤchte gar zu gern in Frie⸗ den dieſe bewaffneten Maͤnner den Angen derer entziehen, die an ſolches Schauſpiel nicht ge⸗ woͤhnt ſind. Bevor Ihr dieſer Forderung ent⸗ gegen ſeyd, uͤberlegt, wie leicht dieſe tapfern — 83— Burſchen ſich einen Weg durch Eure getheilten Kraͤfte bahnen koͤnnen!“ „Euer Kamerad, der wohlerfahrne Kapi⸗ tain Manuel, wird Euch ſagen, daß ſo ein Ma⸗ noeuvre gegen alle Regeln waͤre, ſobald im Ruͤcken eine bedeutende Maſſe ſteht!“ „Ich habe nicht Zeit, ſolche Poſſen mehr anzuhoͤren!“ rief Griffith erzuͤrnt.„Bewilligt Ihr keinen Abzug aus der Abtei?“ „Niemals!“ Griffith ſah nach den Frauen. Er war außer ſich. Unfaͤhig, ein Wort zu ſprechen, bedeutete er ſie durch ein Zeichen, ſich zu ent⸗ fernen. Nach einem Augenblicke, waͤhrend deſſen tiefes Schweigen herrſchte, redete er, im Tone der Verſoͤhnung, Borrougheliffe nochmals an. „Wenn Manuel und ich,“ ſagte er,„wie⸗ der in's Gefaͤngniß zuruͤckkehren, und wir beide uns dem Willen Eurer Regierung Preis geben; kann dann die uͤbrige Mannſchaft ungehindert nach der Fregatte abziehn?“ „Niemals!“ rief der Englaͤnder, der nun den entſcheidenden Angenblick vor der Thuͤre ſah, und mit der zunehmenden Spannung des Augen⸗ blicks ſeine erkuͤnſtelte Ruhe ablegte.„Ihr und alle, die Ihr ſo gern den Frieden hier im Lande ſtoͤrtet, muͤßt nun auch den Ausgang abwarten!“ „— 7 t „— —.— Se — 89— „Dann ſchuͤtze Gott die Unſchuld und ver⸗ theidige das Recht!“ „Amen!“ ſetzte ſpoͤttiſch der Kapitain hinzu. „Macht Platz, Schurken!“ ſchrie Griffith wieder, und drang gegen die Soldaten vor, welche die Thuͤre zur Gallerie beſetzt hielten. „Macht Platz, oder Ihr werdet mit unſern Pi⸗ ken an die Wand genagelt!“ „Zeigt ihnen nur Euren Flintenlauf, Bur⸗ ſche!“ bruͤllte ihnen Borrougheliffe zu;„aber druͤckt nicht ab, bis ſie hinaus wollen!“ Es war nun ein Augenblick der Verwir⸗ rung; Alles griff zu den Waffen. Die Gewehre klirrten. Halb unterdruͤckte Fluͤche und Verwuͤn⸗ ſchungen hoͤrte man von beiden Seiten der ſich ruͤſtenden Kaͤmpfer. Cecilie und Katharine ver⸗ huͤllten das Antlitz, um das ſchreckliche Schau⸗ ſpiel nicht zu ſehn, das mit jedem Athemzuge zu erwarten ſtand. Da ging Alix Dunscombe ruhig zwiſchen die drohenden Piken und Bajo⸗ nettſpitzen hinein, und ſprach in einer Weiſe, die jede bereits gezuͤckte Hand laͤhmte: „Hoͤrt mich, Ihr Menſchen! wenn Ihr Menſchen und nicht Teufel ſeyd, die nach dem Blute gegenſeitig duͤrſten, ob Ihr 1 2 — 90— ſchon im Aeußern Dem gleicht, welcher ſtarb, daß Ihr zu Engeln werden moͤchtet! Nennt Ihr dies Krieg? Iſt dies der Ruhm, der ſelbſt das Herz eines raſchen und keine Gefahr fuͤrch⸗ tenden Weibes ergreifen ſoll? Soll der Friede einer Familie zerſtoͤrt werden, um Eure ſuͤndliche Luſt zum Kampfe zu befriedigen? Sollen Men⸗ ſchen umkommen, nur damit Ihr in Euren boͤ⸗ ſen Gelagen der boͤſen That Euch ruͤhmen koͤnnt? Weicht zuruͤck, Britanniens Krieger, wenn Ihr dieſes Namens werth ſeyd, und laßt ein Weib hindurch! Vergeßt es nicht, der erſte Schuß, welcher losgeht, findet ſein Grab in ihrem Buſen!“ Die Soldaten, von ihrem befehlshaberiſchen Blick eingeſchuͤchtert, oͤffneten eine Bahn fuͤr ſie in der Thuͤre, deren Oeffnung Griffith fuͤr ſich und ſeine Mannſchaft umſonſt verlangt hatte. Doch Alix, ſtatt vorzugehn, ſchien ploͤtzlich alle die Kraft verloren zu haben, welche jetzt ſo viel gewirkt hatte. Ihre Geſtalt ſchien auf der Stelle, wo ſie geſprochen hatte, eingewurzelt. Ihr Auge ſtarrte in gleicher Richtung, als ſey es von ei⸗ nem ſchrecklichen Anblick ergriffen. Waͤhrend ſie ſo bewußtlos und ohne Kraft da ſtand, that ſich die Thuͤre wieder zu. Die — — 94 Geſtalt des Lootſen erſchien auf der Schwelle. Er war, wie gewoͤhnlich, in die duͤrftige Klei⸗ dung ſeines Handwerks géhuͤllt, aber mit Waf⸗ fen reichlich verſehen. Einen Augenblick ſtand er ſchweigend da, und ſchaute ruhig zu. Dann ſchritt er unerſchrocken und kaltbluͤtig vor. 8 7—2,⸗ “ 2 ‿ Me ueee 92 V. „Willkommen, Signor, Ihr tretet gerade ein, dem Kampf ein Ende zu machen! Shakeſpeare. 4 „ Streckt das Gewehr, Englaͤnder!“ war das erſte Wort des kuͤhnen Fremdlings.„Ihr, die Ihr fuͤr die Sache der geheiligten Freiheit fechtet, haltet an, daß kein unnoͤthiges Blut fließt! Er⸗ gebt Euch, ſtolzer Britte, der Macht der dreizehn Staaten!“ „Ha!“ rief Borrougheliffe aus und ergriff entſchloſſen ein Piſtol.„Die Sache wird ver⸗ wickelt! Den Mann hatte ich in meine Be⸗ rechnung nicht mit aufgenommen. Iſt er ein Simſon, daß allein ſein Arm die Geſtalt der Dinge ſo ſchnell umaͤndern kann? Wirf Deine Waffen hin, Du Verkappter! Beim erſten Schuß aus dieſer Piſtole wird Dein Koͤrper zum Ziel von zwanzig Musketen!“ „Und der Deinige von hunderten!“ erwie⸗ derte der Lootſe.—„Auf denn! Gieb das Zeichen, Burſche! Bring unſere Mannſchaft herein! Wir wollen den zu vorſichtigen Ehrenmann ſeine Schwaͤ⸗ che fuͤhlen laſſen!“ V — ———— „— *—,— .— 93— Noch hatte er das letzte Wort nicht ausge⸗ ſprochen, da droͤhnte ſchon die gellende Pfeife eines Bootsmanns in die Ohren aller Anweſen⸗ den, bis der Ton allmaͤlig, obſchon nur unvoll⸗ kommen, von dem Bogengewoͤlbe der Halle ver⸗ ſchlungen und in die entfernteſten Theile der Ab⸗ tei getragen wurde. Ungeſtuͤm ſtuͤrzte ſich eine Menge Maͤnner herein, die Borrougheliffe's zit⸗ ternde, in der Halle gefundene Soldaten vor ſich her trieben. Draußen fuͤllte ſich Alles mit einer ſchwarzen Maſſe von Menſchen. „Laßt hoͤren, Burſche,“ rief ihnen der Fuͤh⸗ rer zu,„daß die Abtei Euer iſt!“ Der Sturm haͤtte weniger laut bruͤllen koͤn⸗ nen, als jetzt das Geſchrei aller Matroſen und Soldaten toͤnte. Von Mann zu Mann lief es, und alle Hallen des Gebaͤudes ſchienen zu beben. Mannigfach bedeckte Koͤpfe wogten am Eingang zahlreich hin und her. Einige hatten Matroſen⸗ muͤtzen, Andere trugen den gelbbordirten Hut der Seeſoldaten. Der letztere Anblick feſſelte gleich Manuel's Aufmerkſamkeit, und im Nu war er mitten in den dicken Haufen. In zwei Augenblicken kehrte er mit einem Trupp ſeiner Leute zuruͤck, und nahm gleich die Poſten ein, welche Borrougheliffe's Soldaten beſetzt gehalten hatten. Die Verhandlung zwiſchen den Befehlshabern ——-—;— — 94— beider Parteien ging inzwiſchen fort. Bis jetzt hatte der Oberſt Howard, aus Ehrfurcht vor krie⸗ geriſchem Gehorſam, das Kommando ſeinem Gaſt unbedingt gelaſſen. Jetzt ſchien die Sache weſentlich veraͤndert. Er glaubte daher wohl berechtigt zu ſeyn, die neuen Feinde in'’s Verhoͤr zu nehmen. „Auf weſſen Geheiß,“ fragte er den Loot⸗ ſen,„wagt Ihr es, in das Schloß eines Un⸗ terthanen von dieſem Lande zu dringen? Kommt Ihr in Auftrag des Lord Lieutnant dieſer Graf⸗ ſchaft, oder hat Euer Befehl das Siegel von Sr. Majeſtaͤt Secretair fuͤr das innere Departement?“ „Mein Auftrag iſt von Beiden nicht!“ er⸗ wiederte der Lootſe.„Ich bin blos ein armer Anhaͤnger von Amerika's Sache. Durch mich waren dieſe Maͤnner in Gefahr gekommen, und ſo hielt ich es fuͤr meine Pflicht, ſie wieder her⸗ auszubringen. Jetzt ſind ſie gerettet, und alle meine Anſpruͤche auf das Kommando gehn nun auf Herrn Griffith uͤber, der vom Kongreß dazu beſtellt iſt.“ Damit zog er ſich aus der Mitte des Saa⸗ les in eine Ecke, lehnte ſich an's Getaͤfel, und wurde ein ſchweigender Zuſchauer der fernern Begebenheiten. „Es ſcheint, als muͤßte ich an Euch, den ausgearteten Sohn des wuͤrdigſten Vaters, meine —— roh den 4 daß daß iſt, habe will ſage Maͤ geor dies Wir zuge Mat Alles Mat Tum gen des zen, wie Barn meral Frage richten!“ nahm Howard wieder das Wort. „Mit welchem Rechte wird meine Wohnung ſo roh beſtuͤrmt? Warum die Ruhe, der Friede, den ich ſchaͤtze, ſo keck geſtoͤrt?“ „Ich koͤnnte Euch blos antworten, Oberſt, daß es nach dem Rechte des Staͤrkern geſchieht, daß es eine Vergeltung des tauſendfachen Elends iſt, was engliſche Truppen auf Amerika gehaͤuft haben, ſo weit ſeine Graͤnzen gehn. Aber ich will nicht das Bittere dieſes Auftritts erhoͤhen, und ſage daher weiter nichts, als unſer Vortheil ſoll mit Maͤßigung benutzt werden. So wie unſere Leute geordnet, unſere Gefangenen geſichert ſind, wird dies Gebaͤude Eurer Verfuͤgung zuruͤck gegeben. Wir ſind keine Seeraͤuber. Nach unſerm Ab⸗ zuge werdet Ihr das wahrnehmen.— Kapitain Manuel, Ihr fuͤhrt die Gefangenen ab. Ordnet Alles zum Nuͤckzuge nach den Boten! Laßt die Matroſen abtreten. Marſch! Fort! Raſch! Tummelt Euch, Ihr Wichte!“ Der freundſchaftliche Befehl ward vom jun⸗ gen Lieutnant mit dem kurzen, ſtrengen Tone des Dienſtes gegeben, und wuͤrkte auf die ſchwar⸗ zen, gedraͤngten Geſtalten an und vor der Thuͤre wie ein Talisman. Auch die Matroſen, welche Barnſtable herbeigefuͤhrt hatte, folgten ihren Ka⸗ meraden in den Hofraum. Das ganze Zimmer —— — 96— war nun zur Verfuͤgung der Offiziere von beiden Theilen und der Familie Howard geſtellt. Barnſtable hatte, ſeitdem ſein Oberer das Kommando uͤbernahm, ſchweigend jeder yl⸗ be gelauſcht, die von beiden Seiten geſpro⸗ chen wurde. Jetzt waren ſo wenig da. Der Augenblick duͤnkte ihm wichtig. Er redete nun alſo auch: „Wenn wir ſo geſchwind uns wieder ein⸗ ſchiffen wollen, Griffith;““ ſprach er,„ſo daͤchte ich, machten wir auch Anſtalt, die Damen auf⸗ zunehmen, die uns mit ihrer Gegenwart beehren werden. Soll ich dies Geſchaͤft betreiben?“ Der unerwartete Antrag brachte allgemeine Ueberraſchung hervor. Nur Katharinens Ver⸗ wirrung, ihr Erroͤthen, zeigte deutlich, daß er ihr nicht ganz fremd war. Lange hoͤrte man kein Wort. Endlich unterbrach der Oberſt die Stille. „Ihr habt hier zu befehlen! Verfuͤgt uͤber Alles, was Euch am Meiſten gefaͤllt! Meine Wohnung, meine Habe, mein Muͤndel— es ſteht Euch Alles zu Dienſten. be, dem Geſchmacke von Einem oder dem An⸗ dern unter Euch zu! Ach Grifſtht Eduard Griffith! Nie e hitfe ich gedacht— Vielleicht ſagt auch Miß Alix, die gute, ſanfte Miß Alix Dunscom⸗ -——y leic die ſich 4 will mer ſcho gen arbe eine zeug Baf bebt Naͤn man will ihm Zeit „Hie mach wem ſagſt eiden das yl⸗ ro⸗ Der nun ein⸗ achte auf⸗ hren 1 keine Ver⸗ ß er man die uͤber eine ſteht auch om⸗ An⸗ lard — 97 „Sprecht nicht den Namen noch einmal tahtee aus, Spoͤtter! Sonſt moͤchten Euch die Jahre ſelbſt wenig Schutz verleihen!“ ließ ſich eine zuͤrnend auffahrende Stimme aus dem Hin⸗ hns vernehmen. Aller Augen ſchauten un⸗ willkuͤrlich nach dem Punkte, wo ſie hergekom⸗ men war. Die kraͤftige Geſtalt des Lootſen hatte ſchon wieder die ruhige Lage an der Wand ein⸗ genommen; allein jede Muskel ſeines Antlitzes arbeitete, und ſuchte Herr des Zornes zu werden. Griffith ſah ſtaunend auf den Mann, der eine ſo ungewoͤhnliche Theilnahme an ihm be⸗ zeugte. Dann blickte er bittend ſeine ſchoͤnen Baſen an, die immer noch im fernen Winkel bebten, wohin ſtie die Flucht getrieben hatte. „Ich habe es ſchon geſagt, daß wir keine Naͤuber ſind,“ ſagte er endlich.„Iſt aber Je⸗ mand hier, der ſich unſerm Schutze anvertrauen will; ſo denke ich, es wird wohl unnoͤthig ſeyn, ihm zu ſagen, wie er aufgenommen wird.“ „Zu unnüuͤtzen Komplimenten iſt jetzt keine Zeit,“ fiel Barnſtable ungeduldig in's Wort. „Hier iſt Merry. Jahre und Verwandtſchaft machen ihn zum beſten Gehuͤlfen der Damen, wenn ſie ihr kleines Gepaͤck ordnen.— Was ſagſt Du Kleiner? Kannſt Du im Nothfall ein Kammermaͤdchen ſpielen?“ III. G — 98— „O ja, und beſſer, als den Kraͤmerjun⸗ gen!“ verſetzte der muntere Kadet.„Um meine luſtige Baſe Kaͤthchen und meine gute Baſe Cecilie zu Kameraden zu bekommen, koͤnnte ich die Rolle unſerer gemeinſchaftlichen Gicßtse ter uͤbernehmen! Kommt, Muͤhmchen, laßt uns gehn. Ihr muͤßt ſchon manchmal Nachſicht ha⸗ ben, wenn ich ein wenig ungeſchickt bin!“ „Zuruͤck, junger Freund!“ rief ihm Miß Howard zu, und wehrte dem vertrauten Verſuch, ihr den Arm zu bieten. Dann ging ſie mit jungfraͤulicher Wuͤrde zu ihrem Vor⸗ mund hin: „Ich kann nicht wiſſen, welche Verabredun⸗ gen mit meiner Baſe Plowden ſtatt geſfunden haben, als ſie und Herr Barnſtable am Abend zuſammen ſprachen. Fuͤr mich nur ſoviel, daß ich als Tochter von Eurem Bruder hier Euer Zutrauen in Anſpruch nehme, wenn ich ſage, mir ſeyen die Ereigniſſe dieſer Stunde ſo unerwartet, als Euch ſelbſt.“ Der Alte ſah ſie einen Augenblick an. Es ſchien, als ob ſeine Zaͤrtlichkeit neu auflebe. Doch bald kehrte duͤſteres Mißtrauen auf ſeine Stiru zuruͤck. Er ſchuͤttelte das Haupt, und giug ſtolz von ihr weg. „Nun,“ ſetzte Cecilie hinzu, auh ließ ihr 4 1 2 8 erjun⸗ „Um gute 8 nte uns öt ha⸗ ihm auten ging Vor⸗ edun⸗ inden Abend daß Euer mir artet, Es Doch Stirn ſolz ß ihr * — — 99— Koͤpfchen herabſinken,„mag mir auch mein On⸗ kel nicht trauen! Ich kann nur durch eine Hand⸗ lung des eignen Willens entehrt werden!“ ge faßte wieder Muth und blickte ſar auf den Geliebten. Eine plötzliche Noͤthe uͤber⸗ flog das liebliche Antlitz. „Eduard,“ bemerkte ſie ſanft,„ich kar nicht ſagen, wie demuͤthigend der Gedanke iſt, Dn koͤnnteſt einen Angenblick glauben, ich moͤchte mich ſoweit vergeſſen, den Mann, den mir Gott zum Schuͤtzer gab, gegen den vertauſchen zu wollen, welchen mein irrendes Herz waͤhlte. Du, Merry, lerne die Tochter von Deiner Mutter Schweſter achten, wenn Du ſie nicht ſelbſt achten willſt, die Deine Wiege bewachte!“ „Hier ſcheint ein Mißverſtaͤndniß zu wa ten!“ trat Barnſtable dazwiſchen, der in nicht geringem Grade an der Verwirrung des beſchaͤm⸗ ten Knaben Antheil nahm.„Wie jedes ſolches Mißverſtaͤndniß wird es ja wohl, denk' ich, 3 loͤſen ſeyn.— Griffith, an Dir iſt die Reihe, zu ſprechen! Zum Guckuck!“ rannte er ihm in's Ohr,„biſt Du denn ſtumm, wie ein Fiſch Ich daͤchte doch, ein ſo huͤbſches Maͤdchen waͤr nft nn l⸗ u 2 e ein paar ſuͤßer Worte werth? Du biſt ja ſtum⸗ mer, als eine vierfuͤßige Beſtie!“ „Wir muͤſſen mit dem Abzuge eilen, Barn G 2 7 - — 109— ſtable!“ erwiederte dieſer tiefſeufzend, und wie aus einem ſchweren Traume erwachend.„So ein wilder Auftritt muß den Frauen ſchrecklich ſeyn. Gebt Befehl zum Abmarſch nach der Kuͤ Kapitain Manuel hat die Gefangeuen zu beiha⸗ chen; ſie muͤſſen Alle mitgenommen werden, um fuͤr gleich viel unſerer Landsmaͤnner zu haften!“ „Ja, und unſere Landsmaͤnninnen!“ ſetzten Barnſtable hinzu.„Sollen ſie bei dem Gedan⸗ ken fuͤr unſere Sicherheit vergeſſen werden?“ „Mit ihnen haben wir nichts zu thun, als wenn ſie ſelbſt darauf dringen!“ „Beim Himmel, Griffith! das klingt ſehr gelehrt, und es koͤnnen deine Buͤcher ſolche Dinge ſagen; aber ich muß Dir auch erklaͤren, wie ei⸗ nes Seemanns Liebe ſieht das nicht aus!“ „Iſt es einem Seemanne, einem Ehren⸗ manne verwehrt, das Weib, welches er Gebie⸗ terinn heißt, nicht auch alo Gebieterinn han⸗ deln zu laſſen? e „Ich bedaure Dich von Herzen, Griffth! Lieber wollte ich das Gluͤck, das mir ſo leichten Kauſs wird, durch einen harten Kampf erringen, als Dich ſo hart getaͤuſcht ſehn. Mich darfſt Du nicht tadeln, Freund, wenn ich Fortung's Wink benutze! Miß Plowden, gebt mir Eure ſchöͤne Hand! Oberſt Howard, tauſend Dank fuͤr die .,— — 101— Sorge, die Ihr bis jetzt fuͤr dieſe koſtbare Beute trugt. Glaubt mir, ich rede ehrlich, wenn ich ſage, naͤchſt mir wuͤrde ich ſie Keinem lieber an⸗ vertrauen, als Euch!“ Der Oberſt ſah ſich um, verbeugte ſich, und erwiederte mit ſteifer Foͤrmlichkeit: „Ihr bezahlt meine geringen Dienſte mit zu großem Danke. Wenn Miß Katharine unter meiner Obhut nicht Alles geworden iſt, was ihr guter Vater, Kapitain Plowden in der koͤniglichen Marine, von ſeiner Tochter wuͤnſchen konnte; ſo muß der Fehler ohne Frage meiner mangelhaften Leitung, und nicht ihrem Mangel an Talent zugeſchrieben werden. Ich will nicht ſagen: nehmt ſie! Denn Ihr ſeyd ſchon im Beſitz des Maͤdchens, und es laͤg' außer dem Bereiche meiner Kraft, dieſen Schritt zu hem⸗ men. So wuͤnſch' ich alſo: daß ſie Euch immer ſo treu als Weib ſeyn moͤge, wie ſie bisher als Muͤndel und Untergebene war!“ 8 Katharine hatte leidend ihre Hand in der des Geliebten gelaſſen, und war ihm mehr in die Mitte des Saales gefolgt. Jetzt aber machte ſie ſich los, und ſchuͤttelte die ſchwarzen Locken, die unordentlich uͤber die Stirn herabgefloſſen waren. Stolz ſchaute ſie auf. Ihr Auge war — 102— voll Feuer. Die Wange aber ward, wie ihre Unruhe zunahm, immer blaͤſſer. „Wohl mag der Eine mich ſo gern ver⸗ ſtoßen wollen,“ ſagte ſie,„als der Andere mich aufnehmen will. Aber hat denn die Tochter von John Plomden keine Stimme bei ſolcher gleich⸗ guͤltigen Verfuͤgung? Wenn ihr Vormund ihrer Gegenwart uͤberdruͤſſig iſt; ſo findet ſich ja wohl ein anderer Aufenthalt, ohne dieſem Manne die harte Strafe aufzulegen, ſie in einem Schiffe aufzunehmen, wo der Raum bereits enge genng ſeyn muß!“ Sie zog ſich zu ihrer Baſe zuruͤck, ſo er⸗ zuͤrnt, wie es nur immer ein Maͤdchen ſeyn kann, das ſich in die Bande der Ehe fuͤgen ſoll, ohne ihr eignes Herz befragt zu ſehn. Barnſtable war mit den geheimen Falten des weiblichen Herzens ſo wenig vertraut, als er wußte, wie trotz ihrer fruͤhern Erklaͤrung, Katharine die Zuſtimmung Ceciliens unentbehrlich noͤthig hatte. Er konnte nicht begreifen, wie ein Maͤdchen ſich ſo weit in ein Geheimniß zu ſeinem Gunſten verſtricken, ſo oft ihre Schwaͤche ge⸗ ſtehn, und dann in ſolchem entſcheidenden Au⸗ genblicke anſtehen konnte, ſollte auch die ganze Welt Zeuge ſeyn! Bald ſah er dieſe, bald jene an. Auf jeder Miene las er beſorgte Zuruͤckhal⸗ 1 * -9„- 1 2 — 103= tung: nur der Vormund ſeiner Geliebten und Borrougheliffe machten eine Ausnahme. Der erſtere warf ihr wieder einen Blick des ruͤckkehrenden Wohlwollens zu. Er ſah in ihr ſeine reuige Muͤndel. Der letztere aber, uͤberliſtet, blickte noch immer halblachend, halbwild um ſich, wie ſeit dem Aungenblicke, da er an ſeinem Un⸗ gluͤcke nicht zweifeln konnte. „Vielleicht nehmt Ihr in der Dame etwas wahr, das Euch Spaß und zur Unzeit luſtig macht!“ redete ihn Barnſtable derb an.„Wir ſind aber nicht gewohnt, unſere Weiber in Ame⸗ rika ſo behandeln zu laſſen!“ „Und wir in England zanken uns nicht im Angeſicht der Unſrigen!“ erwiederte jener eben ſo trotzig.„Allein ich verſichere Euch, meine ganzen Gedanken waren mit nichts als der ſchnel⸗ len Veraͤnderung beſchaͤftigt, die ein Augenblick herbeifuͤhren kann. Vor noch keiner halben Stunde dacht' ich, der gluͤcklichſte Menſch zu ſeyn; meinen Plan, Euch zu uͤberrumpeln, als Ihr mich uͤber⸗ fallen wolltet, ganz ſicher entworfen zu haben; und jetzt bin ich ſo ein erbaͤrmlicher Hund, wie nur einer mit einer Epaulette ſeyn kann, der nie Hoffnung hat, die zweite zu ſehn.*) *) Bekanntlich hatten ſonſt die Subalternoffiziere nur eine Epaulette. D. Uebf. —— „Und in welcher Art geht denn dieſe ſchnelle Veraͤnderung mich an?“ fragte Katharine außerſt lebhaft. „O, ich werde das nicht dem Eifer zuſchrei⸗ ben, mit dem Ihr meinem Feinde die Hand botet!“ verſetzte jener mit ſpoͤttiſcher Hoͤflichkeit. „Eben ſo wenig traͤgt Euer Feuer, daß Alles gluͤcklich ablief, Eure meiſterhaft geheuchelte Kaͤlte beim Abendeſſen die Schuld davon!— Doch ich ſehe— es iſt Zeit, daß ich in Penſions⸗ zuſtand komme. Mit Ehren kann ich nicht mehr dem Koͤnige dienen, und ſo muß ich ſchon meinem Gott dienen, wie Alle, die außer den Dienſt der Welt kommen! Mein Gehoͤr iſt mir untreu geworden, oder eine Gartenmauer hat die Zauberkraft, das Ohr zu taͤuſchen.“ Katharine wartete nicht, bis er zu Ende war. Sie ging in einen entferntern Theil des Zimmers, um die Roͤthe zu verbergen, die bren⸗ nend ihre Wange uͤberzog. Die Art, wie Bor⸗ rougheliffe den Plan ſeines Feindes kennen ge⸗ lernt hatte, war nun kein Geheimniß mehr. Ihr Gewiſſen warf ihr eine kleine Koketterie vor. Sie erinnerte ſich, daß die halbe Unterre⸗ dung mit dem Geliebten am Fuße der Mauer, von welcher der Kapitain ſprach, ganz andere Dinge betroffen habe, als Kampf und Streit. — 105— Barnſtable's Gefuͤhl war keinesweges ſo zart, wie das des Maͤdchens. Seine Gedanken blie⸗ ben nur mit der Art beſchaͤftigt, wie er zum Zweck kaͤme. Kaum hatte er daher die Anſpie⸗ lung des Englaͤnders gehoͤrt, als er ſich ſchuell an Griffith wandte, und ernſthaft aͤußerte: „Ich fuͤhle, daß es mir Pflicht iſt, Herr Lientnant, an die Weiſung zu erinnern, alle Feinde Amerika's aufzuheben, wir moͤgen ſie ſin⸗ den, wo wir wollen. Ihr werdet daran denken, daß die vereinigten Staaten nicht anſtanden, bei mehrern Gelegenheiten Frauen aufzuheben.“ „Bravo!“ ſchrie Borrougheliffe.„Wenn die Damen nicht als Geliebten mitgehn; ſo nehmt Ihr ſie als Gefangene fort!“ „Dankt Gott, daß Ihr ſelbſt Gefangener ſeyd; ſonſt ſolltet Ihr fuͤr dies Wort Rede ſtehn muͤſſen!“ brauſete ihm Barnſtable zornig entge⸗ gen.—„Die Verantwortung faͤllt auf Euch, Griffith, und darf nicht in den Wind geſchla⸗ gen werden!“ „Geht an Euer Werk, Barnſtable!“ war Griffith's Gegenrede, als er wieder wie aus ei⸗ nem tiefen Traume erwachte.„Ihr habt Eure Ordres! Daß ſie gleich ausgefuͤhrt werden!“ „Ich habe auch meine Befehle von unſerm gemeinſchaftlichen Obern, dem Kapitain Munſon,“ — 106— verſetzte Jener feſt,„und ſage Euch, daß, als er mir meine Inſtruktion fuͤr den Ariel mitgab — ach der arme Burſche! Nicht zwei ſeiner Planken haͤngen an einander!— dieſe Inſtru⸗ ktionen ganz beſonders darauf gerichtet waren!“ „Jetzt gelten meine Befehle zuerſt!“ „Bin ich denn gerechtfertigt, wenn ich der muͤndlichen Ordre eines Subalternen gehorche, die der ſchriftlichen vom hoͤhern Offizier gerade entgegen iſt?“ Bis jetzt hatte Griffith nur eine kalte Ent⸗ ſchloſſenheit geaͤußert. Allein nun drang das Blut in jede Ader ſeiner Wangen. Sein ſchwar⸗ zes Auge ſpruͤhte Feuer. „Wie?“ rief er mit aller Wuͤrde des Dien⸗ ſtes;„Ihr nehmt Anſtand zu gehorchen? „Beim Himmel! Ich wuͤrde die Ordre des Congreſſes ſelbſt in Zweifel ziehn, wenn er mir befehlen wollte, meine Pflicht gegen— gegen“ „Sagt: gegen Euch ſelbſt!“ ergaͤnzte Grif⸗ ſith.„Laßt dies das letzte Wort ſeyn, und thut Eure Schuldigkeit!“ „Dieſe ruft mich hierher!“ „So muß ich denn handeln, oder mir von meinen eignen Ofſtzieren widerſprechen laſſen!— Kadet Merry, ſagt dem Kapitain Manuel, daß er ſchic ſchri zum ſcha kom melt Sch des! Saͤl ihre geſel erſp nen ſoll! den Leide ten wirk Stre ſchne ausp — 107— er einen Korporal und vier Mann herein⸗ ſchicke!„ „O, ſagt ihm, er ſoll ſelbſt kommen!“ ſchrie Barnſtable, durch den Widerſpruch ganz zum Wahnſinn gebracht.„Seine ganze Mann⸗ ſchaft kann mich nicht entwaffnen! Sie ſollen kommen! Hierher, Burſche, vom Arzel! Sam⸗ melt Euch um Euern Kapitain!“ „Wer es wagt, ohne meine Duoe⸗ dieſe Schwelle zu uͤberſchreiten, iſt ein Kind des To⸗ des!“ rief Griffith den Matroſen mit entbloͤßtem Saͤbel drohend zu. Sie hatten ſich auf den Zuruf ihres alten Kommendanten gleich in Bewegung geſetzt.„Gebt Eure Waffen ab, Lieutnant, und erſpart Euch, ſie mit Gewalt von einem gemei⸗ nen Soldaten entriſſen zu ſehn!“ 4 „Den Hund will ich ſehn, der das wagen ſoll!“ donnerte Jener, und zog in wildem Zorn den Degen. Griffith hatte den ſeinigen in der Hitze der Leidenſchaft entgegenſtreckt. Die Klingen kreuz⸗ ten ſich mit einander. Das Klirren des Stahls wirkte wie die ſchmetternde Trompete auf ein Streitroß. Hieb auf Hieb wechſelte wie Blitzes⸗ ſchnelle, und ward mit gleicher Gewandtheit ausparirt. „Barnſtable, Barnſable!“ ſchrie Katharine, —— 8“ 4— — — 108— und ſtuͤrzte ſich zwiſchen die Kaͤmpfenden.„Ich gehe mit Dir bis ans Ende der Welt:“ Cceeilie ſprach nicht. Aber als Griffith wie⸗ der zur Beſinnung kam, ſah er die ſchoͤne Ge⸗ ſtalt vor ſich auf den Knieen liegen, und ihr blaſſes Antlitz heftete ſich flehend auf ſeine zer⸗ ſtoͤrten Zuͤge. Miß Plowden's Schreckensruf hatte die Kaͤmpfenden getrennt, ehe noch Blut geſloſſen war. Aber die jungen Maͤnner wechſelten noch wilde Blicke mit einander, trotz dem, daß die Maͤdchen ſich in's Spiel gemiſcht hatten. In dieſem Augenblicke trat der Oberſt Howard vor, und hob ſeine Nichte von der Erde. 34 „Dieſe Stellung paßt nicht fuͤr eine Toch⸗ ter des Harry Howard,“ ſagte er mit Wuͤrde. „Mag ſie in Gegenwart und vor dem Throne ihres Koͤnigs knieen! Siehe, meine theure Ce⸗ cilie, die natuͤrlichen Folgen dieſer Rebellion. Sie ſaͤet die Zwietracht in ihren eignen Reihen, und durch ihre verdammten, Alles gleichmachen⸗ den Grundſaͤtze hebt ſie jeden Unterſchied des Ranges auf. Selbſt dieſe jungen Thoren wiſſen nicht, wem ſie Gehorſam ſchuldig ſind.“ „Nein!“ ſagte der Lootſe, und trat mitten in den Kreis.„Es iſt Zeit, ihn geltend zu machen:— Herr Grifſith ſteckt den Degen ein! Ihr, Herr Barnſtable, habt Eurem obern Offi⸗ zier die Stirn geboten, die Pflicht verlaſſen, die Euch Euer Eid auflegte. Fuͤgt Euch und kehrt zu Eurer Schuldigkeit zuruͤck!“ Griffith ſtaunte, als er die ruhige Stim⸗ me hoͤrte. Schnell ſchien er ſich zu beſinnen. Er verbengte ſich tief, und ſenkte den Degen. Barnſtable hingegen hielt noch ſein ſchlankes Maͤdchen mit der einen Hand umſchloſſen, waͤh⸗ rend die andere den Saͤbel ſchwang, indem er hoͤhniſch dieſe Aißeri dundhiho Ainitun. ver⸗ lachte. „Wer iſt es denn, der mir ſo einen Le⸗ fehl zu geben wagt?“ fragte er. 3 Das Auge des Lootſen ſpruͤhte Feucr. Gluͤhender Zorn ſchien ſeine ganze Geſtalt zu er⸗ greifen. Er bebte vor Leidenſchaft. Doch end⸗ lich ward er durch kraͤftige, ploͤtzliche Anſtren⸗ gung Herr ſeiner weſähſe Mit Nachdrn ant⸗ wortete er: „Einer, der das Necht hat, zu befehlen und Gehorſam verlangt!“ Die außerordentliche Art, in der er ſich zeigte, und die Verſicherung ſelbſt bewogen Barn⸗ ſtable gleich ſehr, mitten in ſeiner Ueberraſchung, die Waffe zu ſenken. Er that es in einer Art, die wohl fuͤr Nachgiebigkeit gelten konnte. Der — 110— Lootſe ſah ihn einen Augenblick mit feuerſpruͤ⸗ hendem Auge an, und dann fuhr er, zu Allen im Kreiſe gewendet, ſanfter fort: „Es iſt wahr, wir kamen nicht als Raͤu⸗ ber her. Unſer Wunſch iſt, Alten und Huͤlflo⸗ ſen ſo wenig Leides zu thun, als moͤglich. Aber dieſer Offizier der Krone, dieſer muͤſſige Ameri⸗ kaner insbeſondere, ſind gute Kriegsgefangene. Als ſolche muͤſſen ſie an Bord der Fregatte ge⸗ bracht werden.“ „Aber der Hauptzwock unſeter Expedition?“ — fragte Griffith. „Iſt dahin!“ verſetzte der Lootſe haſtig. „Iſt einem Privat⸗Intereſſe aufgoopfert worden. Wie hundert andere endet ſie mit Taͤuſchung, und wird in ewiger Vergeſſenheit begraben. Der Vortheil der Republik darf darunter nicht leiden. Wir durften nicht thoͤricht das Leben dieſer tapfern Leute auf's Spiel ſetzen, um ein Laͤcheln der Liebe von einem dieſer ſchoͤnen Maͤdchen zu er⸗ beuten. Aber wir duͤrfen auch nicht die moͤgli⸗ chen Vortheile vergeſſen, um den Beifall der an⸗ dern zu erhalten. Dieſer Oberſt Howard wird als ein Liebling der Krone gut zur Auswechſe⸗ lung dienen, und die Freiheit eines Patrioten erkaufen koͤnnen, der dieſe wohl verdient.— Nein, nein, entſagt dieſem ſtolzen Blicke, wendet — ihr geh ger cili On St mit ſeyn ter ſie nen 1 Cet lich Ma ſein geſſ zen ung ſagt Sie Ma als leie — 111— ihn auf jeden Andern, nur nicht auf mich! Er geht an Bord der Fregatte und das im Au⸗ genblick!“ „Dann will ich mit ihm gehn!“ ſagte Ce⸗ cilie, furchtſam ſich dem Oxte naͤhernd, wo ihr Onkel ſtand, und mit veraͤchtlichem Blicke dem Streite zugeſchaut hatte.—„Dann will ich mit! Er ſoll nicht unter ſeinen Feinden allein ſeyn!“ „Es waͤre edler, und meines Bruders Toch⸗ ter wuͤrdiger!“ bemerkte der Veteran kalt,„wenn ſie ihre Bereitwilligkeit mit zu gehen, ihrem eig⸗ nen Herzen zuſchriebe!“ Den Blick tiefen Schmerzens, mit welchem Cerilie dieſe kraͤnkende Zuruͤckweiſung ihrer Zaͤrt⸗ lichkeit dem Onkel erwiedeyte, beachtete der alte Mann nicht. Er ging zu Borrougheliffe, der an ſeinem Degengefaͤß kaute, weil er es nicht ver⸗ geſſen konnte, wie mit Einem Male alle ſeine ſtol⸗ zen Hoffnungen nichtig geworden waren. Mit ungemeiner Wuͤrde ſich in das Geſchick ergebend, ſagte der Veteran zu den Amerikanern: „Handelt nach Belieben! Ihr ſeyd die Sieger, wir muͤſſen uns fuͤgen. Ein braver Mann weiß eben ſo mit Wuͤrden zu unterliegen, als ſich tapfer zu vertheidigen, wenn er nicht, gleich uns uüberfallen wird.— Sollte ſich aber — die Gelegenheit finden!—— Ganz nach Be⸗ lieben Ihr Herren! Nicht zwei Laͤmmer ſol⸗ len halb ſo ſanft ſeyn, als ich und Kapitain Borrougheliffe. 71 1 Er ſetzte ſich neben ihm nieder. Sein erzwungenes, aber bitteres Laͤcheln, ward von dieſem auf eine Art erwiedert, daß die Unruhe, die ihn peinigte, nur deſto deutlicher war. Beide wußten indeſſen ſich ſoweit zu beherrſchen, daß ſie mit hinlaͤnglicher Ruhe, die ſernern Anord⸗ nungen der Sieger beobachten konnten. Der Oberſt wies feſt und kalt das entgegen⸗ kommende Benehmen ſeiner Nichte von ſich. Sie fuͤgte ſich endlich ſauft in ſeinen Willen, und gab fuͤr den Augenblick die Hoffnung auf, daß er ſeine Ungerechtigkeit einſehen werde. Dagegen bemuͤhte ſie ſich ernſtlich, alle Anordnungen zu treffen, die zur Ausfuͤhrung ihres Entſchluſſes noͤthig waren. Ihre Baſe war bei dieſem uner⸗ warteten Geſchaͤft eine treue, raſche Gehuͤlfinn. Ohne daß Cecilie etwas davon wußte, hatte Ka⸗ tharine ſchon, ein ſolches Ereigniß ahnend, im Stillen alle Maaßregeln getroffen, die bei einer ploͤtzlichen Flucht aus der Abtei nothwendig wer⸗ den konnten. Mit dem Geliebten in Uebereinſtimmung eilte ſie, Alles aufzubieten, um die Dinge fortzu⸗ Be⸗ ſol⸗ itain Sein von ruhe, Beide daß nord⸗ egen⸗ ſich. und iß er gegen n zu uſſes uner⸗ ſinn. Ka⸗ im einer wer⸗ nung rtzu⸗ — 113— ſchaffen, die ſchon eingepackt waren. Barnſtable hatte gleich geſehen, daß der Plan des Lootſen ſeine Abſicht foͤrderte, und daher weislich dar⸗ auf verzichtet mit ihm noch ferner zu hadern. Mit Merry folgte er ihrem fluͤchtigen Fuße durch die engen dunkeln Irrgaͤnge der Abtei, vor Freude außer ſich. Immer pries er ihren Witz, ihre Schoͤnheit und alle andre Verdienſte, waͤh⸗ rend Merry lachte, und alles Feuer geltend machte, das ein junger Menſch von ſeinen Jahren, ſei⸗ nen Anſichten, in ſo einem Augenblicke, unter ſol⸗ chen Umſtaͤnden fuͤhlen konnte. Es war gut fuͤr Cecilien, daß Katharine da vorher geſorgt hatte: denn jene achtete doch mehr darauf, ihren Onkel zu troͤſten, als auf das, was ſie ſelbſt noͤthig hatte. Von Alix Dunscombe begleitet, ging ſie durch die einſamen Zimmer der Abtei, und hoͤrte ſchweigend den ſanften Troſt ih⸗ rer frommien Freundinn. Manchmal erwachte das Gefuͤhl der eben erlittenen Kraͤnkung; dann aber gab ſie wieder den Dienerinnen ſo ruhig ihre Befehle, als ob von einem gewoͤhnlichen Geſchaͤft die Rede ſey. Die ganze Zeit uͤber blieben alle andere in dem Speiſezimmer. Der Lodtſe, zufrieden mit dem was er gethan hatte, nahm wieder ſeine Stellung an der Wand ein, obſchon ſein Auge III. H 8 jede Zuruͤſtung ſcharf und einzeln beobachtete, und als die Seele des Ganzen galt. Griffith hatte dem Scheine nach indeſſen wieder das Kommando uͤbernommen. Alle Matroſen und Soldaten hol⸗ ten bei ihm allein die Befehle ein. So war eine Stunde vergangen, als Cecilie und Katharine in Reiſekleidern erſchienen. Das ganze Gepaͤck war bereits einem Korporal und deſſen Mannſchaft uͤbergeben. Griffith gab die Ordre, daß ſich Alles in Marſch ſetzen ſollte. Die gellende, durchdringende Pfeife des Boots⸗ manns drang noch einmal durch alle Gallerien und Zellen der Abtei, und eine rauhe Stimme: „Macht Euch fertig, Ihr Seehunde! Fort, an Bord! Piken in die Fauſt genommen, Ihr Kuͤ⸗ ſtenkrebſe!“ ließ ſich unmittelbar darauf hoͤren. Dem wunderlichen Aufrufe folgte das Wir⸗ beln der Trommeln, und das Gequike der Querpfeifen, worauf das Ganze ſich aus der, Abtei in Bewegung ſetzte. Kapitain Manuel machte bei der Gelegenheit den Generalfeldmar⸗ ſchall, und von ihm war der Zug im Voraus geordnet. 3 Der Lootſe hatte ſeinen Ueberfall mit ſo viel Gewandtheit und Stille ausgefuͤhrt, daß jeder in der Naͤhe der Abtei, Mann und Weib, Soldat⸗ = 173= und wer nur ſonſt, feſt genommen wurde. Es konnte gefaͤhrlich ſeyn, irgend jemand im Ruͤcken zu laſſen, der im Lande Laͤrm machte. Griffith befahl jetzt jeden Bewohner der Abtei mit an den Strand zu nehmen, und ihn dort mindeſtens ſo lange feſtzuhalten, bis das letzte Boot nach dem Kutter abginge, der, wie er erfahren hatte, dicht am Ufer lag, und auf die Wiedereinſchtffung wartete. 3 Die Eile, mit wel cher der Abmarſch betrie⸗ ben wurde, hatte das Anzuͤnden einer Menge Lichter veranlaßt. Sie leuchteten hell im In⸗ nern es ſo finſter. Dieſer Kontraſt fiel den Frauen, wenn ſie das Herz ergreifen m großen Thore Halt zu machen. Sie ſah nach der Abtei zuruͤck, und ihr Herz ſagte ihr daß ſie ſie zum letzten Male ſchaue. Die dunkeln Mauern zeigten ſich nach Norden hin in allen Umriſſen, und die offe⸗ nen Fenſter, die unverſchloſſenen Thuͤren, ließen die Einſamkeit darin wahrnehmen. Zwanzig Kerzen warfen ihren Schein umſonſt in den lee⸗ ren Gemaͤchern umher, als ſpotteten ſie der ver⸗ laſſenen Mauern. Cecilie wandte ſich furchtſam ch dichter an ihren erzuͤrnten H 9 2 um, und ſchmiegte ſi Onkel. Wohl fuͤhlte ſie im Stillen, daß ihre Ge⸗ genwart ihm bald noͤthiger, als je ſeyn werde. Das dumpfe Geraͤuſch der Vorausziehenden, bisweilen von der Pfeife, oder von den ernſten Weiſungen der Offiziere unterbrochen, verſetzte ſie indeſſen bald aus ihren Traͤumereien in die Wirk⸗ lichkeit, waͤhrend der ganze Zug eilig den Weg nach der Kuͤſte verfolgte.. VI. Ein Haͤuptling in dem Hochland oben Rief: Burſche, ſaͤumet nicht! Gerettet will ich Euch ſtets loben, Ich geb' Euch Alles, ſaͤumet nicht! W. Scolt. Der Himmel war den ganzen Tag vorher ohne Woolken geweſen; trocken und ſchneidend kalt ging der Wind. Tauſend Sterne glaͤnzten durch die eiſige Luft. Als ſich das Auge mehr an die halb⸗ helle Nacht gewoͤhnt hatte, traten alle Umgebun⸗ gen deutlicher entgegen. Die Spitze des Zuges, der den engen Pfad verfolgte, bildete ein Pelo⸗ ton Seeſoldaten, die den feſten Marſch geuͤbter Krieger beobachteten. In geringer Entfernung folgten ihnen ein dichter, unordentlicher Haufen Matroſen, tuͤchtig bewaffnet. Ihre Neigung zu Unordnung und ausgelaſſener Luſtigkeit, die, ſo wie ſie feſten Grund und Boden unter ſich hat⸗ ten, beſonders erwacht war, wurde mit Muͤhe durch die Gegenwart und ſtrengen Verweiſe ihrer Offiziere in Sthranken gehalten. In der Mitte dieſer verwirrten Maſſe waren die gemeinen Ge⸗ fangenen untergebracht, die von ihrer Bedeckung — ———— ——— — 118— aber nur in ſofern beachtet wurden, als ſie ihnen Stoff zu Spaͤßen und groben Scherzen gaben. In einiger Entfernung folgte, Arm in Arm, der Oberſt Howard und Borrougheliffe. Beide beobachteten ein ernſtes, wuͤrdevolles Schweigen, ſo bittere Gefuͤhle auch ihren Buſen beſtuͤrmten. Miß Howard war ſo dicht als moͤglich hinter ihrem Onkel. Alix Dunscombe fuͤhrte ſie, alle ihre Dienerinnen waren rings um ſie herum. Katharine ſchritt neben der Gruppe fluͤchtig al⸗ lein dahin, mit kraͤftigem Schritt, aber jungfraͤuli⸗ cher Zuruͤckhaltung, die ihr ſagte, ſie muͤſſe ihre Freude, ſo dem Scheine nach gefangen zu ſeyn, wohl verbergen. Barnſtable bewachte jede ihrer Bewegungen. Er war keine ſechs Fuß von ihr entfernt: allein er fuͤgte ſich gern in die Laune des Maͤdchens, das ihm zu gebieten ſchien, ja nicht naͤher zu kommen. Griffith vermied es, in ge⸗ rader Linie mit ihnen zuſammen zu treffen. Er ging auf der Flanke, ſo, daß ſein Auge die ganze Schaar uͤberſehen und im Nothfalle ihre Bewe⸗ gungen leiten konnte. Ein Haufe Matroſen deckte dieſen Zug, und Manuel fuͤhrte den Nach⸗ trab. Auf ſeinen Befehl ſchwieg Pfeife und Trommel, und man hoͤrte nichts, als den gemeſ⸗ ſenen Schritt der Soldaten mit dem letzten Heu⸗ len des erſterbenden Sturmes, nur daß manch⸗ — — 119— n mal der Ruf eines Offiziers oder das Summen * eines halblauten Geſpraͤchs dazwiſchen kam. —, 8„Wir haben eine ſchottiſche Priſe genom⸗ e men!“ brummte ein alter Matroſe.„Ein 1, Schiff ohne Geld und Ladung!'s war Zeug 1. genug in dem alten Neſte, um jedem von uns r auf der Fregatte ein paar ſilberne Schnallen oder e ſonſt was zu geben. Aber nein!'s Waſſer kann einem ehrlichen Manne im Maule zuſammen ⸗ laufen. Weiß es Gott, wenn die Offiziere nur ⸗ erlanbt haͤtten, eine kleine Bibel zu nehmen.“ e„Du kannſt das Alles ſagen, und dann haſt 1 Du doch nichts geſagt als die Wahrheit!“ meinte r der, ihm zur Seite gehende Matroſe.„Und r wenn ſich ein Ding gefunden haͤtte, wie ein 8 Gebetbuͤchelchen iſt, ſie haͤtten's ſo einem armen t Kerle, wie wir ſind, abgejagt. Ich ſage Dir, . Benjamin, ich will Dir ſagen, meine Meinung r iſt, wenn der Matroſe ſoll Soldat werden, und 6 den Schießpruͤgel ſchleppen; ſo muß er es auch wie 3 ein Soldat treiben, und ein bischen pluͤndern 1 duͤrfen. Jetzt ſoll mich der Teufel holen, wenn 3 ich meine Haͤnde an etwas Anderes gelegt habe, 1 . als an den Schießpruͤgel und mein Bootsmeſſer, Du muͤßteſt denn den Fetzen von Tiſchtuch fuͤr einen Gluͤcksfall nehmen!“ „Ei, da haſt Du ein ſchoͤnes Segel erwiſcht, 1 4 — wie ich ſehe!“ rief der Andere, und bewunderte das feine Gewebe von der Priſe ſeines Kamera⸗ den.„Wahrlich, das iſt ſo breit wie's Beſam⸗ ſegel, wenn es mit dem vollen Winde geht: ſieh' einmal! Ja, Dein Gluͤck hat nicht Jeder⸗ mann!— Ich fuͤr meinen Theil denke, der Hut hier muß fuͤr Jemandes große Fußzehe ge⸗ macht geweſen ſeyn. Ich habe ihn auf meinem Hirnkaſten vor⸗ und ruͤckwaͤrts geſchoben, und mit dem Kiele gerichtet, aber hol mich der Teufel, ich kann ihn nicht einen Zoll herunter⸗ druͤcken. Ich ſage Dir, Samuel, ein Hemde mußt Du mir von Deinem Tiſchtuche ablaſſen!“ „Ja, ja, Du kannſt einen Zipfel davon be⸗ kommen, die Haͤlfte ſollſt Du haben! Aber ich ſehe ſchon, wenn wir nicht die Heerde von Weibern in unſere Priſengelder hinein bekom⸗ men, geh'n wir nicht reicher an Bord, als wir waren!“ „Nicht reicher?“ unterbrach ein junger, luſtiger Matroſe die beiden. Er hatte bisher die alten, eigennuͤtzigen Kameraden ſchweigend be⸗ lauſcht.„Ich denke, wir ſollen in der See kren⸗ zen, wo die Tagwache ſechs Monate waͤhrt? Sehr Ihr denn nicht, daß wir ſchon doppelt Nachtwache haben?“ Waͤhrend er ſo ſprach, legte er die Haͤnde ₰ —————-——. +— — 21— auf die unbedeckten, wolligen Koͤpfe von den zwei Negern des Oberſten, die gerade neben ihm gin⸗ gen, und in tauſend Aengſten uͤber die Folgen der unerwartet verlornen Freiheit waren. „Dreht Euch doch nur um!“ ſagte er dabei, „die Finſterniß koͤnnt Ihr doch ſehn?“ „Laß doch die Schwarzen gehen!“ ſchalt ihn einer der Aeltern.„Was wollt Ihr denn mit den Nachtvoͤgeln machen? Sie werden gleich ſchreien, und dann habt Ihr einen der Offiziere auf dem Halſe!— Ja, ich kann nicht wegbekommen, Nickel, warum wir ſo lange hier an der Kuͤſte halten, wo wir nicht zehn Faden haben. Wenn wir in das atlantiſche Meer giengen, ſtießen wir alle ein oder zwei Tage auf einen Jamaikafahrer, und haͤtten dann Zuckerbrode und Rum in ſolcher Menge, wie es jetzt knapp damit hergeht.“ „An dem Allen iſt der Lootſe Schuld!“ er⸗ wiederte der Andere. Denn ſeht Ihr, wenn das Meer keinen Grund haͤtte, da brauchte man keine Lootſen. Das iſt hier ein gefaͤhrlicher Grund zum Kreuzen! Fuͤnf Faden Tiefe, und, wo man s Blei auswirft, eine Sandbank oder ein Felſen. Und, noch dazu Alles in der Nacht! Wenn wir vierzehn Stunden Tag haͤtten, ſtatt ſieben,— nun da koͤnnte ein ehrlicher Mann gleich 5 3 — 122— ſeinen Weg fuͤr die uͤbrigen zehn Stunden her⸗ ausſondiren!“ „Ja, Ihr ſeid doch ein Paar recht alte Seehunde!“ kam wieder der junge Matroſe da⸗ zwiſchen.„Seht Ihr denn nicht, daß der Con⸗ greß John Bull's Kuͤſtenfahrer in den Grund ſegeln laſſen will, und der alte Blaſius die Tage dazu zu kurz fand? So mußten wir landen, und die Nacht mit dazu nehmen. Nun haben wir ſie, und wenn wir erſt am Bord ſind; ſo ſtecken wir ſie in den Schiffsraum, und dann werden wir ſchon wieder Sonnenſchein bekom⸗ men.— Kommt, Ihr Lilien! laßt einmal meine alten Kameraden in Eure Kajuͤtenfenſter gucken! Was? Ihr wollt nicht? Denn muß ich wohl Eure wollne Nachtmuͤtze zerkratzen?“ Die Neger hatten ſich ſeinen Spaͤßen mit der gewoͤhnlichen ſclaviſchen Demuth unterworfen; aber jetzt, als der Peiniger auch in den Haaren wuͤhlte, ließen ſie e⸗ doch ein Bischen hoͤren, daß er ihnen wehe thaͤte.— „Was iſt das?“ rief eine verweiſende Stimme, deren heller Ton aber das Anſehn, das ſich der Sprecher gab, zu verſpotten ſchien. „Wer verurſacht das Geſchrei unter Euch?“ Der Matroſe ließ geſchwind das wollige Haar der Neger fahren. Als er aber laͤngs den ———— 2 — ——— te — a⸗ 1⸗ d b e „ 1 .8 1 ſchwarzen Backen aͤrgerlich herunter fuhr, kniff er den einen ſo derb in's Ohr, daß er noch ein⸗ mal, und zwar viel lauter ſchrie, da er jetzt un⸗ gleich mehr auf Huͤlfe rechnete, als vorher.“ „Hoͤrt Ihr dorten!“ wiederholte Merry. „Wer ſpaßt mit den Negern?“ „Kein Menſch!“ antwortete der junge Ma⸗ troſe ganz ernſthaft.„Eines von den blaſſen Geſichtern ſtieß mit dem Beine gegen ein Spin⸗ nengewebe, und hat deshalb gleich Zeter ge⸗ ſchrieen!“ „Hoͤre, Hanswurſt, wie kamſt Du denn unter die Gefangenen? Befahl ich Dir nicht, die Pike auf die Schulter zu nehmen, und den Zug in der Flanke zu decken?“ „Ja, ja, Herr Kadet, und ich that's auch, ſo lange ich konnte. Aber die Schwarzen mach⸗ ten die Nacht ſo finſter, daß ich aus dem Wege kam!“ Der ganze unordentliche Haufe lachte im Stillen, und ſelbſt der Kadet haͤtte gern den luſtigen Witz in gleicher Art aufgenommen. Der Matroſe galt fuͤr einen der Privilegirten, wie man ſie auf jedem Schiffe findet. Endlich rief er ihm zu:„'s iſt Zeit; Du haſt einen falſchen Strich gehalten. Nun, jetzt mach' aber auf den rechten zuruͤck, wo ich Dich hingewieſen habe.“ „Ich gehe ſchon, Kadet, ich gehe. Bei allen falſchen Rechnungen des Proviantmeiſters, das Spinnengewebe hat einem von den Schwar⸗ zen Thraͤnen ausgepreßt. Laßt mich doch ein Bischen hier! Ich will ein Glaͤschen Dinte auf⸗ fangen, um einen Brief an meine arme alte Mutter ſchreiben zu koͤnnen. Der Teufel hol' die Zeile, die ſie von mir bekommen hat, ſeit dem wir aus der Cheſapeak⸗Bai ſind.“ „Wenn Du nicht gleich hoͤrſt, Hanswurſt; ſo ſoll Dir die Klinge uͤber den Kopf fahren!“ rief Merry, und ſein Ton zeigte, daß er an den Leiden der Schwarzen Antheil nahm, die, noch jetzt verachtet, es damals viel mehr waren, und ſomit das Ziel aller gedankenloſen und unbeſon⸗ nenen Amerikaner wurden.„Dann kanuſt Du Deiner Mutter einen Brief mit rother Dinte ſchreiben, wenn Du Luſt haſt!“ „Das moͤcht' ich um Alles in der Welt nicht!“ erwiederte der Spaßmacher, und ſchlich ſich nach ſeinem Poſten hin.„Die alte Frau hat meine Hand noch nicht vergeſſen, und koͤnnte dann ſchwoͤren ſie ſey nachgemacht!— Ich moͤchte doch wiſſen, ob das Waſſer an der Guineakuͤſte ſchwarz iſt? Von alten Sceleuten, die in der Breite gekreuzt haben, hoͤrte ich ſo Etwas!“ Seine Spaͤßchen wurden jetzt durch eine Stimme unterbrochen, die ernſt und ſtrenge ſo 4 laut toͤnte, daß ſie mit einem Worte den groͤßten 3 Ausbruch des Jubels in der Mannſchaft beſchwich⸗ tigen konnte. Das leiſe Fluͤſtern:„Ja, dort geht der Lieutnant Griffith!“ und:„Jack hat den erſten. Lieutnant aufmerkſam gemacht!“ hoͤrte man bald hier, bald da. Allein dieſe Mittheilungen ließen bald nach. Jack, der Spaßmacher ſelbſt, ging am Ende laͤngs der Flanke ſo ſtumm dahin, als ob die Sprache gar nicht zu ſeiner Organiſation gehoͤre. 55 Der Leſer hat uns aus der Abtei zu oft, nach dem Meere begleitet, um einer Beſchreibung des Weges zu beduͤrſen, den der Zug waͤhrend jenes Geſpraͤchs eingeſchlagen hatte. Wir gehen daher gleich zu den Ereigniſſen uͤber, die nach dem Eintreffen deſſelben auf den Klippen Statt fanden. Der Mann, welcher ſo unerwartet in St. Ruth einen Augenblick an der Spitze ge⸗ ſtanden hatte, war verſchwunden, ohne daß Je⸗ mand etwas davon wußte. Griffith fuͤhrte daher den Oberbefehl, ohne irgend Einen weiter zu Rathe zu ziehen. An Barnſtable wendete er — 126— ſich nicht. Es war klar, daß die beiden ſtolzen, jungen Maͤnner fuͤhlten, ein Band, wodurch ſie bis jetzt ſo eng vereint geweſen waren, ſey, we⸗ nigſtens fuͤr den Augenblick, gaͤnzlich zerriſſen. Wirklich wurde Griffith nur durch Ceciliens und Katharinens Gegenwart abgehalten, ſeinen wi⸗ derſpenſtigen, ihm untergeordneten Gegner auf der Stelle zu arretiren. Barnſtable fuͤhlte vollkom⸗ men, daß er gefehlt habe. Aber er bereuete es keinesweges. Mit Muͤhe unterdruͤckte er ſeine Gefuͤhle ſo weit, daß er ſie nicht in Gegenwart der Geliebten laut werden ließ, was ihn ſeine beleidigte Eitelkeit als nothwendig zeigte, um Genugthuung zu erhalten. Beide waren indeſſen, obſchon ohne Verabredung, in Einer Sache ein⸗ verſtanden: ſie ſorgten fuͤr die Einſchiffung der beiden ſchoͤnen Baſen. Barnſtable eilte gleich nach den Booten, die Vorbereitungen zur Aufnahine dieſer unerwarte⸗ ten Gefangenen zu treffen. Der Lootſe war mit ſo ſtarker Mannſchaft gelandet, daß alle Boote der Fregatte gebraucht worden waren. Sie harr⸗ ten ohnweit des Ufers der Ruͤckkehr. Ein lau⸗ ter Zuruf von Barnſtable gab dem kommandiren⸗ den Offizier Nachricht. In wenig Augenblicken wimmelte es an der Kuͤſte von den geſchaͤftigen, thaͤigen Matroſen der Schaluppen, Barken, — Boo die ſes zu. d Sch meiſ Wal befal Mut ſie b griffe und zeug auf Poſt Wac ſpra⸗ zu g cken. der wurd feſtg⸗ Gefe chen hina bis wart —— 127 Boote, Pinnaſſen, und wie man ſonſt damals die verſchiedenen Beifahrzeuge eines Kriegsſchif⸗ fes nannte. Haͤtte man die Furcht der Maͤdchen zu Rathe gezogen; ſo wuͤrde man fuͤr ſie die Schaluppe gewaͤhlt haben. Sie gewaͤhrte den meiſten Raum. Aber Barnſtable hielt ſo eine Wahl der Ehre ſeiner Gaͤſte fuͤr nachtheilig. Er befahl die lange niedrige Barke des Kapitains Munſon auf den Sand laufen zu laſſen, weil ſie beſonders als Ehrenboot galt. Funfzig Haͤnde griffen an. Bald ward dem Oberſten Howard und ſeinen Muͤndeln gemeldet: das kleine Fahr⸗ zeug ſey, ſie einzunehmen, bereit. Manuel hatte auf einer Klippe mit ſeiner ganzen Mannſchaft Poſto gefaßt, und war geſchaͤftig, Pikets und Wachen auszuſtellen, wie er es in der Kunſt⸗ ſprache nannte, den Leuten die noͤthigen Befehle zu geben, die Einſchiffung der Seeleute zu de⸗ cken. Die gemeinen Gefangenen, mit Einſchluß der Dienerſchaft, und Borrougheliffe's Soldaten wurden ebenfalls hier unter gehoͤriger Bedeckung feſtgehalten, waͤhrend Oberſt Howard und ſein Gefaͤhrte, von ſeinen Muͤndeln und deren Maͤd⸗ chen begleitet, den ſteilen Pfad nach der Kuͤſte hinabſtiegen, und geduldig am Strande harrten, bis die Meldung kaun⸗ daß die Döole ihrer warteton. 7 * — 128— „Wo iſt er?“ fragte Alix Dunscombe, und drehte ſich um, als ſuche ſie noch Jemand, au⸗ ßer denen, die da ſtanden. „Wer?“ fragte Barnſtable.„Wir ſind Alle hier, und das Boot wartet.“ „Und er will mich— mich aus dem Lande meiner Kindheit mitnehmen? Dem Lande mei⸗ ner Geburt und meiner Liebe?“ „Ich weiß nicht, von wem Ihr ſprecht; aber wenn es Herrn Griffith gilt, ſo ſteht er da, dorten hinter dem Haufen Matroſen;“ ver⸗ 3 ſetzte Barnſtable. 18 Griffith hoͤrte ſeinen Namen. Er naͤherte ſich den Frauen, und zum erſten Mal ſprach er mit ihnen; ſeitdem es aus der Abtei fortgegan⸗ gen war. „Ich hoffe,“ bemerkte er,„daß ich bereits verſtanden worden bin; daß ich nicht noͤthig zu ſagen habe, keine Dame ſey hier gefangen. Sollte aber eine es vorzichen, ſich an Bord un⸗ ſerer Schiffe zu wagen; ſo gebe ich mein Ehren⸗ wort als Offizier, ſie wird Schutz und Sicher⸗ heit finden. „So will ich nicht mitgehn ¹ ſagte Alix. „Von Dir hat man es nicht erwartet!“ ſprach Cecilie.„Du biſt durch keine Banden an Jemanden hier gefeſſelt!—(Aber die Au⸗ und au⸗ ſind unde mei⸗ echt; t er ver⸗ herte th er gan⸗ rreits ig zu ngen. Hun⸗ hren⸗ icher⸗ lix. anden Au⸗ tet!“* — 129— gen der fanften Alix irrten uͤbeall herum!) Geh, gute Alix; ſey Herrinn in St. Ruth, bis ich wieder komme, oder bis mein Dufel ſeinen Willen kund thut!“ nſj Sie ſchlug dabei furcheſama die Augen nieder. „Ich gehorche Dir, Theure; aber der Agent des Herrn Oberſten in London wird wohl Befehl haben, ſeine Beſitzungen zu verwalten?“ So lange nur ſoine Nichte ſprach, glaubte der erbitterte Beſitzer von St. Ruth immer⸗ gleich berechtigt zu ſeyn, in ſeinem finſtern Schweigen zu beharren. Aber er hatte zu viel⸗ Artigkeit, eine ſo beſcheidene Acußerung von einer ſolchen ſchoͤnen, loyalen Unterthaninn, wie Alix Dunscombe, ſchiwoi zenn hinarhn zu laſfen 2 zun „Aus Ruͤckſicht von Euch, aber aus keinen. andern Grunde, will ich daruͤber ſprechen,“ nahm er das Wort.„Sonſt haͤtte ich Thore und Fenſter von St. Ruth offen gelaſſen, ein trauriges Denkmal der Rebellion! Ich haͤtte meinen Erſatz kuͤnftig bei der Krone geſucht, wenn die konfiſcirten Guͤter der Aufuͤhrer dieſes Eingriffs in alle Fuͤrſtenrechte zur Verſteigerung kommen werden! Aber Ihr, Miß Alix, habt auf jede Ruͤckſicht ein Recht, wie es eine Dame von einem gebildeten Mann erwarten kann! III. J ——— — 130— Habt daher die Guͤte, an meinen Agenten zu ſchreiben. Er ſoll meine Papiere verſiegeln, und⸗ ſie in die Kanzlei des Miniſter⸗Staatsſekretairsi Sr. Majeſtaͤt einliefern. Sie athmen keinen Verrath, und haben ein Recht auf den oͤffentli⸗ chen Schutz. Haus und die meiſten Moͤbeln ſind, wie Ihr wißt, Eigenthum meines Pach⸗ ters, und dieſer wird ſeiner Zeit, ohne Zweifel, den eignen Vortheil wahrnehmen. Ich kuͤſſe Euch die Hand, Miß, und hoffe, wir wollen uns in St. James Pallaſt wiederſehn. Verlaßt Euch darauf, die Koͤniginn Charlotte ſoll Eure Verdienſte belohnen. Ich weiß, ſie kann Eure Loyalitaͤt nur ſchaͤtzen!“ 1 „Ich war in demuͤthiger Dunkelheit gebo⸗ ren, hier habe ich gelebt, und hoffe in Ruhe zu ſterben!“ erwiederte die ſanfte Alixr.„Hab' ich in den letzten Jahren außer den Freuden, die jeder Chriſt in der taͤglichen Ausuͤbung ſeiner Pflichten findet, irgend eine gehabt; ſo war es in Eurer Geſellſchaft, ſuͤße Freundinnen! Sol⸗ che Gefaͤhrtinnen, in einem ſo entfernten Theile des Koͤnigreichs, ſind ein zu koſtbares Gut, um ungeſtoͤrt genoſſen zu werden, und ich, ſo ſcheint es, ſoll nun empfundene Freuden mit gegenwaͤrtigem Schmerz bezahlen! Lebt wohl, junge Freundinnen! Vertraut auf Ihn, in deſſen wohl, deſſen — — 131— Augen der Fuͤrſt und der Landmann, der Enro⸗ paͤer und Amerikaner gleich iſt, und wir werden uns wieder ſehn, ſollte es auch weder auf Bri⸗ tanniens Inſel, noch auf Eurem weiten Contis nente ſeyn!“ Der Oberſt druͤckte zäetlich ihre Hand. „Das iſt die erſte, nicht loyale Aeußerung, die ich je uͤber Miß Alix's Lippen kommen hoͤrte!“ ſagte er.„Wir muͤſſen annehmen, der Himmel habe ebenfalls verſchiedene Klaſſen unter den Menſchen geordnet, und er ſollte alſo nicht die Ordnung ſeiner Werke beachten? Doch, lebt wohl! Ohne Zweifel wuͤrden wir uͤber dieſen Gegenſtand wenig oder gar nicht verſchiedener Meinung ſeyn, wenn ſonſt die Zeit zur gehar oen Auseinanderſetzung deſſelben da waͤre.“ Alix ſchien in ſolchem Augenblicke die Sache keiner weitern Unterſuchung werth zu achten. Sie erwiederte freundlich des Oberſten Abſchied, und dann war ſie ganz fuͤr ihre Freundinnen. Cecilie weinte bitterlich. Sie hatte ihr Koͤpfchen auf die Schulter der geachteten Freundinn gelegt, und ließ dem Schmerz des Abſchiedes, dem auf⸗ geregten Gefuͤhl freien Lauf. Katharine draͤngte ſich mit fuͤhlendem und doch— Trennnung wuͤn⸗ ſchendem Herzen dicht an ſie. Schweigend um⸗ armte Eine die Andere. Die jungen Maͤdchen J 2 —— —— gingen dem Boote zu, als ſie ſich aus den Ar⸗ men von Alix losgemacht hatten. Oberſt Ho⸗ ward wollte weder den Vortritt vor ſeiner Nichte haben, noch ihr in die Barke helfen. Barnſtable bewies ihnen dieſe Aufmerkſamkeit. Als er ſah, daß Beide mit ihren Dienerinnen im Boote Platz genommen hatten, meldete er den Gefangenen, daß ſie erwartet wuͤrden. „Nun, Miß Alix,“ ſagte Borrougheliffe mit bitterm Spotte,„Ihr ſeyd von unſerm treff⸗ lichen Wirthe mit einer Meldung an ſeinen Agen⸗ ten beauftragt. Uebernehmt doch gefaͤlligſt von mir ein gleiches Geſchaͤft. Rapportirt an den Diſtriktskommendanten, was ein Dummkopf— ja, ſprecht nur gerade aus, ſagt, was ein Eſel, ein Borrougheliffe, bei der Gelegenheit gemacht hat. Ihr koͤnnt ſo nebenbei mit melden, ich haͤtte mit einem juugen Rebellenmaͤdchen aus den Kolonieen blinde Kuh geſpielt, und ſey wie ein großer Junge vor lauter Arbeit auf die Naſe gefallen!— Kommt, mein wuͤrdiger Herr Wirth! oder beſſer, mitgefangener Kamerad! Ich folge Euch, wie ſich's gehoͤrt.“„ nl a. „Halt!“ rief Griffith.„Kapitain Bor⸗ rougheliffe beſteigt nicht das Boot.“ „Was? Soll ich mit den Gemeinen zuſam⸗ men in eine Horde kommen? Vergeßt Ihr, daß ich die Ehre habe, Sr. Majeſtaͤt von Großbrit⸗ tannien Uniform zu tragen?“ 3 „Ich vergeſſe nichts, was ein Ehrenmann dem andern ſchuldig iſt, Kapitain, und erinnere mich, wie liebevoll Ihr mich behandeltet, als ich Ener Gefangener war. Den Augenblick, wo die Sicherheit meiner Mannſchaft es zu thun erlaubt, ſollt nicht nur Ihr, ſondern auch Eure Mannſchaft ſoll in Freiheit geſetzt werden!“ Borrougheliffe war uͤberraſcht, allein ſein Gefuͤhl doch zu aufgeregt. Die Traͤume von Ehre, denen er ſich einen bis zwei Tage lang ſo ganz hingegeben hatte, waren ja alle dahin. Er konnte nicht antworten, wie es einem Manne jetzt geziemte, und ſuchte nur Herr ſeiner Un⸗ ruhe zu werden, indem er an der Kuͤſte auf⸗ und abging, und halb vor ſich hin ein luſtiges Liedchen zu pfeifen ſtrebte. „Nun, gut! Alle Gefangenen ſind einge⸗ ſchifft!“ rief Barnſtable.„Das Boot wartet nur auf ſeine Offtziere.“ Griffith ging mit ſtolzem Stillſchweigen fort, als ſey es ihm zu gering, mit ſeinem ſonſtigen Freunde ein Wort zu wechſeln. Einen Augenblick hielt Barnſtable in Folge der Auf⸗ merkſamkeit an, welche lange Gewohnheit gegen den hoͤhern Offizier erzengt hatte, und die nicht — —- 134— durch jeden Ausbruch von Unwillen verſcheucht werden konnte. Allein er ſah, daß der Andere keine Luſt zur Nuͤckkehr hatte, und befahl daher den Matroſen, die Barke abzuſtoßen, und in's Waſ⸗ ſer zu bringen. Augenblicklich ward dem Gehor⸗ ſam geleiſtet. Der junge Mann nahm ſeinen Platz ein, als die Barke die noch bedeutende, aber nicht mehr gefaͤhrliche Brandung durchſchnitt, und die Matroſen ſprangen an ihre Plaͤtze. „Immer macht fort! rudert zu, Jungens!“ rief er:„Wenn auch die Jacke naß wird! Ich habe manchen Burſchen hier anlanden ſehen, wo das Wetter ſchlimmer war!— Nun, jetzt habt Ihr ſie herum! Schlagt zu! Immer zu, Kinder.“ Die Matroſen handhabten in gleichem Schlage ihre Ruder, und wurden mit vereinter Kraft bald Herren des Bootes. Als es einige Wogen, und eben ſo einig Berge der Brandung uͤberſtiegen hatte, war es im ruhigen Fahrwaſſer des Ozean's, und zerſchnitt deſſen Fluthen, nach dem Orte hineilend, wo man die wartende Alacrity ver⸗ muthete. arn ⸗ Er hatte nur ein Ziel, das ihn vor Allem zog. n Den Arm hob er voll Rache gegen's Vaterland. 1882 1 Thomſon. Alir Dunscombe blieb am Strande, und ſah nach dem dunkeln Punkte, der bald in der duͤſtern Nacht auf den Wogen verſchwunden war. Trau⸗ h rig und theilnehmend lauſchte ſie dem regelmaͤßi⸗ 3 gen Schlage der Ruder, die noch lange hoͤrbar blieben, als das Boot ſchon lange in der finſtern Ferne auf dem oͤſtlichen Ozean verſchwunden war. Nachdem alle Spuren der abgeſchiedenen ‿ .ᷣ —jy— d Freundinnen nur blos in ihrer Phantaſie auf⸗ 18 tauchten, entfernte ſie ſich langſam vom Meere, n und ſuchte dann eilig durch das Gewirr zu kom⸗ 5 men, das die noch einzuſchiffende Mannſchaft ver⸗ urſachte. Sie ſtieg den Pfad hinauf, welcher ſie wieder auf die Klippen⸗Ebene fuͤhrte, auf der ſie ſo oft gewandert war, um nach dem graͤnzenloſen 1 Elemente zu ſchauen, das an dem ausgewaſche⸗ nen Fuße derſelben ſpielte. Ihre Gefuͤhle ent⸗ ſprachen ganz der ſonderbaren Lage. Borrougheliffe's Soldaten ſtanden oben am Ausgange des Pfades. Sie machten ehrerbietig — 2 7 136— Platz. Auch von Manuel's Wachen hielt keine die Zuruͤckgehende auf, bis ſie der Nachhut ſich naͤherte. Dieſe ward von ihrem wackern Kapi⸗ tain ſelbſt kommandirt. „Wer da?“ rief dieſer gleich, und ging aus der duͤſtern Gruppe der Soldaten der Naͤher⸗ kommenden entgegen. „Jemand, der weder Macht noch Willen hat, Euch Schaden zu thun!“ antwortete die einſame Wanderinn.„Ich bin Alix Dunscombe, und gehe mit Erlaubniß Eures Chefs nach dem DOrte meiner Kindheit zuruͤck!“ „Ei!“ brummte Manuel,„das iſt wieder eines von Griffith's Komplimenten, das mit allen militairiſchen Regeln ſtreitet! Denkt er denn, daß je eine Frau ohne Zunge war?— Habt Ihr denn die Parole, daß ich auch weiß, Ihr ſeyd berechtigt, die Vorpoſtenlinie zu paſſiren?“ „Ich habe keine, als mein Geſchlecht und meine Schwaͤche, es muͤßte denn Herrn Griffith's Zuſtimmung, daß ich gehen koͤnne, ſo gedeutet werden!“ „Die beiden erſtern ſind genug,“ ſagte eine. Stimme. Sie kam von einer Geſtalt, die man bisher nicht geſehen hatte, weil ſie von einem Baume bedeckt war, der ſeine großen nackten 4 — — 137— Aeſte faſt uͤber den ganzen Ort„verbtrittir⸗ wo die Nachhut ſtand. „Wer da!“ rief M anuel wiedere Mant Euch, oder es wird Feuer gegeben!“ „Was? Der tapfere Kapitain Manuel wilt eden eignen Befreier niederſchießen?“ ſagte der Lootſe kalt und veraͤchtlich, als er aus dem Dun⸗ kel heraustrat.„Er⸗ thut wohl beſſer, die Ku⸗ „geln fuͤr den Feind zu ſparen, als ſie gegen leine Freunde zu verſchwenden!“. „Ei, Freundchen, das war ſehr uinefunen von Euch gehandelt! So heimlich einer Wache von Seeſoldaten zu nahen! Wirklich mich wun⸗ dert's, daß ein Mann, der in der Nacht wohl zeigte, er verſtehe etwas von Taktik,— denn Ihr habt den Ueberfall ſchoͤn ausgefuͤhrt;— doch ſo viel Unwiſſenheit in der Art zu Tage legt, wie man ſich einem Piket naͤhern muß!“ „Das thut jetzt wenig!“ erwiederte der Lootſe.„Meine Kenntniß und meine Unwiſſen⸗ heit ſind jetzt gleich viel werth. Der Oberbefehl iſt nun an einen andern uͤbergegangen, und da wohl in beſſern Haͤnden. Doch ich moͤchte gern mit der Dame allein ſprechen. Sie iſt eine Freun⸗ dinn meiner Jugend, und ſo werde ich ſie nach der Abtei begleiten.“ Das waͤre gegen alle militairiſchen Regeln, ——— — — 438— und ihr nehmt es nicht uͤbel, Herr Lootſe, wenn ich gegen jeden Gang proteſtire, der uͤber den Bereich meiner Poſten hinaus geht. Wenn Ihr Eure Unterhaltung hier pflegen wollt, will ich das Piket ſoweit zuruͤckſchieben, daß es nichts hoͤren kann. Aber freilich muß ich bekennen, ich ſehe keinen beſſern Platz, um es aufzuſtellen, wenn ich es als Militair betrachte. Ihr begreift doch, wenn ich uͤberfallen werde; ſo habe ich hier ein Plateau zum Ruͤckzuge. Die Klippe deckt meine rechte Flanke, und die große Eiche meine linke. Im Nothfall kann man hier eine aller⸗ liebſte Poſition nehmen: denn auch der aͤlteſte Soldat ſchlaͤgt noch ein Mal ſo getroſt, wenn ſeine Flanke gut gedeckt iſt, und er den Vurs zum Ruͤckzuge hinter ſich frei weiß.“ „Nichts weiter, Kapitain. Ich moͤchte um keinen Preis ſo eine Poſition aufgegeben ſehen!“ verſetzte der Loolſe laͤchelnd.„Miß Dunscombe iſt ſo gut ein Paar Schritte mit Faäs zu kehren!“ Alix folgte ſeiner Aufforderung, bis er ſe an einen Ort brachte, wo in einiger Entfernung von der Wache, durch den letzten Sturm eine alte Eiche niedergeworfen lag. Sie ſetzte ſich ſtill auf den Stamm, und ſchien ungeduldig zu war⸗ ten, daß er ihr die Gruͤnde mittheilte, welche — ——ͤ u 8—2 — 18 174 . be 139 ihn zu dieſer Unterredung beſtimmt hatten. Der Lootſe ging einige Minuten vor ihr in tiefem Schweigen auf und ab, als unterhandle er mit ſich ſelbſt. Ploͤtzlich kam er aus ſeiner Zer⸗ ſtreuung zu ſich, und ſetzte ſich an ihre Seite. „Die Stunde iſt da, Alix, wo wir ſcheiden muͤſſen!“ begann er moüich„Es ſteht bei Dir, ob auf immer!“ „So laß es auf ewig ſeyn!“ entgegnete jene mit etwas zitternder Stimme. „Dies Wort wuͤrde weniger Schrecken er⸗ regen, faͤnde nicht dieſe unerwartete Zuſammen⸗ kunft ſtatt.— Und doch mag Dein Entſchluß von der Klugheit geleitet werden; denn was in meinem Schickſale kann ein Weib zu dem Wun⸗ ſche verleiten, es mit ihm zu theilen?“ „Wenn Du meinſt, Dein Loos ſey das ei⸗ nes Mannes, der nur kaum einen, vielleicht Niemand findet, welcher alle Freuden, ſo wie den Kummer deſſelben theilen mag, weil ſein Leben eine ſtete Reihe von Gefahren und Un⸗ gluͤcksfaͤllen, Taͤuſchungen und Mißgriffen iſtz; ſo kennſt Du das Herz eines Weibes nur wenig, ſobald Du an deſſen Willen und Kraft zweifelſt, ſie mit dem Manne ihrer Wahl zu theilen.“ „Wenn Du ſo ſprichſt, Alix; ſo habe ich Deine Meinung falſch verſtanden, oder Deine — — 140— Handlungen falſch gedentet! Mein Loos iſt alſo nicht ganz das eines unbeachteten Mannes, der trotz der Gunſt von Fuͤrſten, des Laͤchelns von Koͤniginnen, verlaſſen genannt werden kann! Wohl iſt nein Leben voller ſchrecklichen Gefahren; aber doch iſt es nicht blos mit Ungluͤck und Taͤu⸗ ſchung erfuͤllt. Iſt es, Alix?“ Er ſchwieg einen Augenblick, aber vergeblich ihre Antwort erwartend; fuhr er dann fort: „Nun, ſo hab' ich mich denn in der Be⸗ wunderung getaͤuſcht, welche die Welt meinen Kaͤmpfen und Unternehmungen zollt! Ich bin nicht der Mann, der ich ſeyn wollte; nicht der, wofuͤr ich mich ſelbſt hielt!“ „Du haſt Dir unter den Kriegern unſerer Zeit einen Namen erworben;“ antwortete ſie endlich mit leiſer Stimme.„Es iſt ein Name mit Blut geſchrieben, moͤchte man ſagen!“ „Mit dem Blute meiner Feinde, Alix!“ „Mit dem Blute der Unterthanen Deines angeſtammten Koͤnigs! mit dem Blute derer, welche die Luft athmen, die Du zuerſt einſogſt, welche dieſelben heiligen Lehren erhielten, die man Dir gab, um ſie, fuͤrchte ich, nur zu bald vergeſſen zu haben.“ „Mit dem Blute der Sklaven des Despotis⸗ mus!“ unterbrach er ſie ernſt.„Mit dem Blute der —— Feit ſer theit woh wele glau We lung ich ſter! ſcha die Na Mu die Gef Stu muß ſpro Vu Her als gen — 141— Feinde aller Freiheit! Du haſt ſo lange in die⸗ ſer duͤſtern Zuruͤckgezogenheit gelebt, die Vorur⸗ theile Deiner Jugend ſo lieb gewonnen, daß ich wohl fuͤhle, wie die Hoffnung, jene edlen Gefuͤhle, welche ich einſt in Dir aufkeimen zu ſehen glaubte, nicht in Erfuͤllung geht!“, „Ich habe nur gelebt und gefuͤhlt. wie ein Weib, wie es meinem Geſchlecht, meiner Stel⸗ lung gebuͤhrt!“ erwiederte Alix ſanft.„Muͤßte ich anders leben und denken; ſo wollte ich liober⸗ ſterben!“.— „ Ja, darin liegt der erſte Keim der Knecht⸗ ſchaft! Ein Weib, abhaͤngig lebend, wird ſicher die Mutter feiger, verworfener Buben, die den Ramen des Mannes entehren! „Ich werde weder guten noch boͤſen Kindern Mutter ſeyn!“ verſetzte Alir mit der Ergebung, die wohl zeigte, daß ſie auf jede Hoffnung ihres Geſchlechts Verzicht gethan habe.„Einſam ohne Stuͤtze habe ich gelebt; allein und unbeweint muß ich zu Grabe getragen werden!“ Das vorwaltende Gefuͤhl, mit der ſie dies ſoruch, verbunden mit der ſanften und ſtillen Wuͤrde des jungfraͤnlichen Stolzes, ruͤhrte das Herz des Lootſen. Er ſchwieg einige Augenblicke, als verehre er ihren Entſchluß. Ihre Aeußerun⸗ gen weckten auch in ſeiner Bruſt das Gefuͤhl —— N 3— 142— des Edelmuths, der Uneigennuͤtzigkeit, das in raſtloſem Ehrgeize, im Stolze uͤber ſeine Thaten beinahe untergegangen war. Sanfter knuͤpfte er das Geſpraͤch wieder an. Inniger ſchloß ſich ſein Herz auf. Minder heftig war ſeine Leidenſchaft. „Ich weiß nicht, Alix,“ ſagte er,„ob ich in meiner Lage, wo nicht gluͤcklich, doch zufrie⸗ den, es wagen darf, in Deinem Buſen die Ge⸗ fuͤhle wieder hervorzurufen, die ich darin einſt wahrzunehmen glaubte. Es kann unmoͤglich wuͤn⸗ ſchenswerth ſeyn, das Loos eines Mannes zu theilen, der, wie ich, uͤberall und nirgends iſt; der ein Don Quixote der Freiheit heißen, der jede Stunde beſtimmt ſeyn kann, die Wahrheit ihrer Grundſaͤtze mit ſeinem Leben zu beſiegeln!“ „In meiner Bruſt lebt jedes Gefuͤhl, das Dich anging, noch, wie immer, unveraͤndert fort!“ verſetzte ſie mit ihrer eigenthuͤmlichen Of⸗ fenherzigkeit.— ai13 2G „Hoͤr' ich recht! Oder habe ich Deinen Entſchluß, in England zu bleiben, unrecht ver⸗ ſtanden? Oder hatte ich Deine fruͤhern Geſin⸗ nungen falſch begriffen?“ „Du warſt in keinem Irrthume weder jetzt, noch damals. Meine Schwaͤche iſt noch dieſelbe, John. Aber mein Beſtreben, dagegen anzukaͤm⸗ pfen, iſt mit den Jahren, Gott ſey es gedankt, werden die Bewohner dieſer Inſel ihren Kindern — 143— erſtarkt! Doch nicht von mir, von Dir wollte ich ſprechen! Ich habe wie eine von unſern ein⸗ fachen Feldblumen gelebt. Sie koͤnnen in der Bluͤthe unſer Auge feſſeln. Gleich den armen werde auch ich verwelken, wenn der Winter mei⸗ nes Lebens da iſt, und Niemand wird mich auf den Feldern vermiſſen, wo ich eine Zeitlang ge⸗ bluͤht habe. Wenn Du aber fäͤllſt, John; ſo wirſt Du der Eiche gleich ſeyn, die uns jetzt traͤgt. Die Menſchen verkuͤnden die Schoͤnheit und Groͤße des Baumes, ſo lange er ſteht, und ſeinen Nuz⸗ zen, wenn er geſtuͤrzt iſt.“ 4 17. 3 „ Laß ſie ſprechen, was ſie wollen!“ erwie⸗ derte er ſtolz.„Am Ende muß die Wahrheit an den Tag kommen, und iſt dieſe Stunde da:; ſo werden ſie ſagen: er war zu ſeiner Zeit ein tapferer und treuer Krieger! Eine hohe Lehre möͤgen Alle aus ſeinem Beiſpiele nehmen, die in der Sclaverei geboren wurden, und nach Freiheit trachten!“ 3 1 „So mag das ferne Volk ſprechen, dem Dn Dich ſtatt deſſen angeſchloſſen haſt, wo Du ſonſt Heienath und Freunde fandeſt!“ ſagte Alix, und ſah ihm furchtſam pruͤfend in's Auge, als wollte ſie ſehen, wie weit ſie wohl gehen duͤrſe, ohne ſeine Hitze rege zu machen.„Aber was — — 14— erzaͤhlen, den Kindern, die mit Dir von gleichem Blute ſind?“ 12 pet un d t,uu t G4 „Sie werden ſagen, was ihnen ihre nie⸗ drige Staatsklugheit oder ihre getaͤuſchte Eitelkeit zufluͤſtern wird! Doch das Gemaͤlde muß von den Feinden des Helden ſo gut vollendet werden, als von ſeinen Freunden! Glaubſt Du es gaͤbe in Amerika nicht ſo gut Federn als Schwerter20, rika als ein Land ruͤhmen horon, uher das Got ſeinen Segen mit freige⸗ biger Hand breitete; wo⸗ er manchen Himmels; ſtrich mit ſeinen verſchiedenen Fruͤchten ſchuf; wo ſeine Macht nicht weniger ſichtbar iſt, als ſeine Gnade, Amerika's Stroͤme ſollen ohne Anfang ſeyn, und ſeine Seen mitten im Lande dieſen deutſchen⸗ Ozean beſchaͤmen! Ebenen, mit dem ſchoͤnſten Gruͤn geſchmuͤckt, ziehn ſich uͤber den weiten Raum dahin, und an lachenden Thaͤlern, die jedes Herz feſſeln koͤnnen, fehlt es nicht. Kurz, John, ich hoͤre, es iſt ein großes Land, das jeder Leiden⸗ ſchaft Raum gewaͤhrt, und fuͤr jedes Herz ein Ziel hat.“ 8. i „So haſt Du doch in Deiner Einſamkeit „Ich habe Amcrika a⸗ Menſchen gefunden, die geneigt waren, uns Ge⸗ rechtigkeit wiederfahren zu laſſen! Es iſt ein Land, das eine Welt fuͤr ſich ſeyn kann. Warum ſeine ſeyu, ſchen nſten daum Herz , ich eiden⸗ 3 ein amkeit 8 Ge⸗ ſollten die, welche es bewohnen, Geſetze von andern Voͤlkern empfangen?“ 6 „Ich mache den Kindern ſeines Bodens nicht das Recht ſtreitig, zu thun, was ihre Wohlfarth zu foͤrdern ſcheint. Aber kann Jemand in jenem Lande geboren ſeyn, und die Gefuͤhle verkennen, die jedes menſchliche Weſen an den Ort ſeiner Geburt feſſeln?“ 3 „Und zweifelſt Du an ihrer Liebe zum Va⸗ terlande?“ rief der Lootſe mit Uleberraſchung aus. „Sprechen nicht ihre Anſtrengungen in dieſer heiligen Sache, ihr Dulden, ihre langen Ent⸗ behrungen laut dafuͤr?“ „Gut. Werden wohl jedoch ſie, welche die Liebe zum Vaterlande ſo kennen, den Namen deſſen ruͤhmen, der die unbarmherzige Hand ge⸗ gen das Land ſeiner Vaͤter zuckte?“ „Immer kommſt Du auf dies Wort zu⸗ ruͤck!“ ſagte der Lootſe, der nun wohl ſah, wo⸗ hin die furchtſame Alix mit ihrer geheim gehalt⸗ nen Meinung wolle.„Iſt denn der Mann ein Stuͤck Holz, ein Stein, daß er in's Feuer geworfen, oder vermauert werden muß, wo ihn das Schickſal auf der Erde zu erſcheinen zwang? Das Wort Heimath naͤhrt, ſagt man, den Stolz des Englaͤnders, wohin er gehn mag. Faſt aber III. K ſcheint es, als ob es fuͤr engliſche Frauen noch mehe Reize habe!“ „Es iſt der theuerſte Name für jedes Weib: denn es umfaßt die theuerſten von allen Ban⸗ den, John! Wenn die Frauen Amerika's ſei⸗ nen Zauber nicht kennen; ſo werden alle Gaben, die Gott auf ihr Land haͤufte, ihr Gruict nur wenig foͤrdern!“ „Alix!“ rief der Lootſe, unruhig aufſtehend, „ich ſehe wohl, wohin Du mit Deinen Anſpie⸗ lungen willſt. Wir koͤnnen uͤber dieſen Gegen⸗ ſtand nie einig werden. Selbſt Deine ganze Gewalt uͤber mich kann mich nicht vom Pfade der Ehre entfernen, auf dem ich wandle. Unſere Zeit iſt zugemeſſen. Laß uns von andern Din⸗ gen ſprechen. Es moͤchte das letzte Mal gewe⸗ ſen ſeyn, daß ich je auf Englands Boden mei⸗ nen Fuß ſetzte!“ Alix kaͤmpfte mit dem Gefuͤhle, das dieſe Bemerkung aufregte. Sie ſchwieg einige Au⸗ genblicke. Endlich ward ſie ihrer Schwaͤche Meiſterinn. Streng den Gedanken verfolgend, den ſie fuͤr ihre Pflicht hielt, bemerkte ſie: „War denn jetzt, wo Du landeteſt, die Geſangennehmung einer friedlichen Familie, die Gewaltthaͤtigkeit, welche Du gegen einen Greis noch Zeib: Ban⸗ ſei⸗ ben, nur dend, ſpie⸗ gen⸗ anze dfade nſere Din⸗ ewe⸗ mei⸗ dieſe Au⸗ aͤche end, die zreis die — 147— uͤbteſt, eines Mannes wuͤrdig, deſſen Ziel, wie Du ſagſt, die Ehre iſt?"„, „ Du glaubſt, ich ſey eines ſo unwuͤrdigen Zweckes wegen gelandet? habe darum mein Leben in die Haͤnde meiner Feinde gelegt? Nein, Alix, mein Plan bei dieſer Unterneh⸗ mung iſt vereitelt worden, und darum wird er der Welt auf ewi was ich meiner Pflicht ſchuldig bin, mußte den Schritt herbeifuͤhren, den Du ſo ohne Nachden⸗ ken verdammſt. Dieſer Oberſt Howard ſteht bel denen, welche hier die Macht haben, in Anſehn. Er wird dazu dienen, einen beſſern Mann aus⸗ wechſeln zu koͤnnen. Was ſeine Muͤndel anbe⸗ langt; ſo vergißt Du, daß ihre Heimath, ihr bezauberndes Vaterland, in Amerika iſt, falls ſie es nicht unter der ſtolzen Flagge der Fregatte, die ſie jetzt im Ozean erwartet, noch eher finden!“ „Von einer Fregatte ſprichſt Du?“ fiel Alix mit lebhafter Theilnahme ſchnell ein.„Iſt ſie das einzige Schiff, das Euch aus den Haͤn⸗ den Eurer Feinde retten ſoll?“ „Alix Dunscombe hat nur wenig Kenntniß von den fruͤhern Ereigniſſen, um ſo eine Frage an mich zu thun!“ erwiederte der ſtolze Lootſe. „Die Frage wuͤrde richtiger gelautet haben, ſag⸗ . K 2 4 — 148— teſt Du: Iſt ſie das einzige Schiff, dem Deine Feinde zu entfliehen ſuchen muͤſſen??? „Sieh, ich kann meine Worte in dieſem Angenblicke nicht abwaͤgen,“ fuhr Alix fort, und verrieth noch mehr Unruhe.„Ich hoͤrte zum Gluͤck einen Theil von dem Plane, der zur ſchnel⸗ len Zerſtoͤrung der Schiffe entworfen ward, welche Amerika in dieſen Gewaͤſſern hat.“ „Der Plan moͤchte ſchneller zu entwerfen, als auszufuͤhren geweſen ſeyn, meine gute Alixy!— Und wie lautet das furchtbare Vorhaben?“ „Ich weiß nicht, ob meine Pflicht gegen den Koͤnig mich nicht verbindet, die Kunde da⸗ von zu unterdruͤcken!“ erwiederte die Zoͤgernde. „Immer hin! Laß es ſeyn!“ ſagte der Lootſe kalt.„Vielleicht taugt es dazu, einige koͤnigliche Offiziere dem Tode oder der Gefan⸗ genſchaft zu entziehen!— Ich habe es ſchon ge⸗ ſagt, es wird dies mein letzter Beſuch auf dieſer Inſel, und folglich unſere ſabte Zaſammentanff geweſen ſeyn!“ „Und doch,“ lispelte Alix fuͤr ſich, als ver⸗ folge ſie ihren Ideengang,„es kann ja wohl nicht eben boͤſe ſeyn, wenn man Menſchenblut ſpart. Zum Mindeſten wenn wir die retten, welche wir ſo lange kannten und ſchaͤtzten!“ „Ja, dieſer Grundſatz iſt einfach genng, —,— ſeine Befreiung war gewiß. ie — 449— und wohl zu vechtfertigen!“ ſe Anſchein nach, ſehr gleichguͦ doch koͤnnte der Koͤnig Georg Guͤnſtlinge, gerettet ſehn. ſo lang! 711₰„ 5* 13021„In der Abtei war lange ein gewiſſer Dillon. Er iſt auf geheimnißvolle Art verſchwun⸗ den, oder beſſer, von Deinen Freunden aufge⸗ von ihm gehoͤrt, John?“ „Ich habe einen nennen hoͤren, ohne aber jenmit ihm zuſammen⸗ zu kommen. Alixr, wenn es des Himmels Wille war, daßawir uns das;letzte Mal—, „Er war Gefangener auf dem Ariel, Ste der Lootſe, dem ltig hinzu.„Und wohl einige ſeiner Die Lſſte derſolben iſt Schurken, der ſo hieß, ihm erlaubt wuͤrde, nach St. Ruth zuruͤckzukehgen, vorgaß et ſein feier⸗ liches Verſprechen⸗ ſein werpfaͤndetes Ehrenwort, um ſeinem boshaften Sinne zu folgen. Statt die Auswochſelung zu bewieken„zu der er ſich verbindlich gemacht hatte, ſpann er Verrath ge⸗ gen die, welche ihn grfangon genommen hatten. Ja, tes war der ſchaͤndlichſte Verrathe denn edel und großmuͤthig hatten ſie ihn behandelr, und 290 ₰ 97 5 „Er war ein nichtswuͤrdiger Schurke!“ „Jetzt hoͤre, John!“ ſprach ſie, mit einer Waͤrme, die immer hoͤher ſtieg, je weniger er auf die Kunde zu achten ſchien.„Ich ſollte wohl nachſichtig von ſeinem Vergehen ſprechen, weil er bereits unter den Todten iſt. Ein Theil ſeines Planes muß geſcheitert ſeyn: denn er hatte beabſichtigt, Euern Schooner, den Ariel, zu vernichten, und den jungen Barnſtable eſangen zu nehmen.“ „Beide Abſichten hat er verfehlt, Barnſtable hab' ich befreit, und der Ariel iſt durch die Hand deſſen zertruͤmmert worden, der maͤchtiger iſt, als irgend Einer auf⸗ Emdena— Der Ariel iſt geſcheitert!“— „So iſt alſo die Bregatto das einzige Ret⸗ tungsmittel fuͤr Euch?— Eile, John, ſchau nicht ſo ſtolz und unbeſorgt um Dich herum: denn die Stunde moͤchte kommen, wo alle Dein Muth nicht gegen die geheimen Umtriebe Deiner Feinde ausreichen koͤnnte. Dillon hat dafuͤr ge⸗ ſorgt, daß ſogleich ein Eilbote nach einem ſuͤdli⸗ chen Hafen mit der Meldung abgeſendet wuͤrde: Eure Schiffe ſeyen in dieſen Gewaͤſſern; ſchnell moͤchte man nige kengliſhe anslauſen laſſen und Euch auffangen.“i n ene ien Der Lootſe danrho jetzt ſeine erkuͤnſtelte ——— ner er llte en, heil atte zu gen ble die ger riel det⸗ Hau m: ein ner ge⸗ dli⸗ de⸗ rell ind elte ₰ „aber der Name eine Gleichguͤltigkeit, und bevor ſie inne ſein Auge durch die duͤſtere, Nacht jedes Wort auf ihren 3 zu erſpaͤhen. i n⸗ „Wie haſt Du das erfahren?“ fragte er raſch.„Wie heißen die Schiffe, die er angab?“ „Der Zufall ließ mich ungeſehn den Plan belauſchen, und ich weiß nicht, ob ich meine Pflicht gegen den Koͤnig vergeſſe.— Doch, John, es iſt zu viel von einem ſchwathen Weibe ver⸗ langt, daß ſie den Mann, der ſie einſt mit guͤnſtigen Augen betrachtete, geopfert ſehn ſoll, wo ein Wort der Wa zu ſeiner Zeit ge⸗ agt ten kann, der Gefahr zu entgehen.““— 1h e. 76 hielt, ſchien nur ſternenhelle uͤgen im Voraus „Einſt mit guͤnſtigen Augen anſah? Iſt dem ſo, Alir? u fiel der Lootſe etwas zerſtreut ein.„Doch, Allrx,“ fuhr er fort,„hoͤrteſt Du, wie die Schiffe hießen, von welcher Art ſie wa⸗ ren? Nenne mir ſie, und der erſte Lord von Eurer Admiralitaͤt wird nicht ſo genau uͤber ihre Staͤrke berichten koͤnnen, als ich es aus meiner Liſte zu thun vermag., G 2 „Ihrer Namen wurde Erwaͤ hnung gethan,“ verſetzte die Sanfte, mit zaͤrtlicher Schwermuth, s Mannes toͤnte meinem —— Ohr noch naͤher, und hat it au dnannan Ge⸗ dächtniß entſernt.“ iſi um„Du biſt immer die gute An, wie ich ſie ſonſt kannte! Mein Name ward erwaͤhnt? Was ſagten ſie vom Seeraͤuber? Hat ſein Arm einen Streich gefuͤhrt, der ſie in ihrer Abtei zittern ließ? Nannten ſie ihn einen Feigen?“ „Exr ward in einer Art be zeichnet, die mix wehe that. Daß Jahre vergingen, vergißt man nur gar zu leicht; aber nicht ſo leicht werden die Gefuͤhle der⸗ Jugend ausgerottet!““ „O es iſt Wonne, wenn man hoͤrt, daß die Sklaven thun, als verachteten ſie mich, und ſich doch in ihren geheimen Bexathſchlagungen vor mir fuͤrchten,“ rief der Lootſe, raſchen Schrittes vor ſeiner. Freundinn auf⸗ und abgehend. „Bei Leuten, die wie Du denken, iſt das merk⸗ wuͤrdig! Ich. hoffe noch den Tag zu ſehn, wo Georg der Dritte, wenn er meinen Namen hoͤrt, ſelbſt in den Mauern ſeines Pallaſtes zit⸗ tern ſoll!“ Alix hoͤrte ihn ſchweigend und betruͤbt an. Es war zu klar, daß ein Glied der Kette, die ſie verband, zerriſſen war, daß die Schwaͤche, der 3 ſich ſelſt unberwußt hingegeben hatts, von wiedert wurde. Sie ließ ihr Haupt auf den G ͤ —yÿÿ.˖̃———-— — 453— Buſen ſinken. Dann ſtand ſie ſanft auf, wie ihre Art war, und erinnerte wieder den Lootſen daran, daß ſie da war. Mit noch ſanfterin Tone ſagte ſie ihm naͤmlich: ler in „„Was Dir zu wiſſen nuͤtzlich ſeyn kann, habe ich Dir nun alles mitgetheilt. Jetzt iſt es wohl Zeit, daß wir ſcheiden!„. 4 N7 in„Wie? ſo geſchwind?“ rief jener zuſatn⸗ menfahrend und ihre Hand ergreifend.„O eine kurze Zuſammenkunft„Alix, und ſie ſoll ſo einer langen Trennung voraus gehn!“ n ele Kurz oder lang— es muß nnn beendigt werden!“ erwiederte ſie.—„Deine Gefaͤhrten ſind zur Abfahrt bereit, Du wirſt nicht der Letzte zu ſeyn wuͤnſchen, der auf Englands Kuͤſte zu⸗ ruͤck blieb. Kommſt Du wieder an dieſelbe; ſo hoffe ich, es ſoll mit andern Geſinnungen gegen Dein Vaterland ſeyn. Leb' wohl, John; Gottes Segen begleite Dich!„Magſt Du ſeiner werth gefunden werden!/).. dn ahg Gt. 1128,, Ich frage nicht darnach, wenn er mir nicht durch Deine Bitten wird! Die Nacht aber iſt duͤſter, und ich will Dich ſicher nach der Abtei geleiten!“ ue 2111 01 1i3. „Dies waͤre unnoͤthig!“ erwiederte ſie mit weiblicher Zuruͤckhaltung:„Die Unſchuld kann bei mancher Gelegenheit ſo ſorglos ſeyn, als der —— —— Tapferſte bei Euch Kriegern! Allein hier iſt ja keine Veranlaſſung zur Furcht. Ich werde einen Pfad einſchlagen, der mich ganz von dem ent⸗ fernt, welchen Eure Soldaten beſetzt halten, und wo ich nur Ihn finde, der immer gegenwaͤrtig iſt, die Schwachen zu ſchuͤtzen! Noch einmal John, leb' wohl! Du wirſt das Loos aller Menſchen theilen! Stunden der Sorge und Schwaͤche werden Dir nicht fehlen. In ſolehen Angenblicken erinnere Dich derer, welche Du auf dieſem verachteten Eilande zuruͤckgelaſſen haſt. Vielleicht denkſt Du dann auch an eine, deren Theilnahme an Deinem Wohl ſtets ohne allen Eigennutz war!“ „Gott ſey mit Dir, Alix!“ ſagte er mit uͤberwaͤltigtem Herzen, in welchem alle Bilder der Eitelkeit beſſern Gefuͤhlen wichen.„Doch ich kann Dich nicht allein gehn laſſen!“. A„Hier teenneme wir uns!“ rief ſie feſt. „Und das auf ewig! Unſer Gluͤck fordert das auf beiden Seiten! Ich fuͤrchte, wir werden nicht viel mehr mit einander gemein haben!“ Sie machte ihre Hand ſanft aus der ſeini⸗ gen los, und ſagte ihm nochmals Lebewohl, aber mit einer Stimme, die kaum hoͤrbar war. Dann drehte ſie ſich um, und verſchwand langſa⸗ men Schrittes nach der Abtei hin. Hhlt — 455— Zuerſt trieb es den Lootſen, ihr zu folgen, und den Weg, den ſie nahm, zu beobachten. 4₰ Aber die Trommel der Nachhut auf der Klippe ließ jetzt ihre kriegeriſchen Toͤne hoͤren. Die Pfeife des Bootsmannes kreiſchte gellend. laͤngs den Felſen hin, und gab das wohlbekannte letzte Zeichen zum Einſchiffen. 2 1s 2 Gehorſam dem Rufe, lenkte der wunderbare 1 Mann, in deſſen Bruſt die natuͤrlichen Gefuͤhle, f welche eben im Begriff geweſen waren, ſo leb⸗ haft auszubrechen, unter getraͤumten Erwarkungen ——— des wilden Ehrgeizes oder wohl auch eeiner wil⸗ 1 den Rache geſchlummert hatten, nach den Boo⸗ ten ein. Er war in tiefem Nachdenken verſunken. t Bald traf er auf Borrougheliffe's Soldaten, die zwar ohne Waffen, aber doch unbewacht, ruhig 9 nach der Abtei zuruͤck gingen. Zum Gluͤck fuͤr ihre Freiheit hatte er ſich zu ſehr ſeinen Gedan⸗ ken hingegeben, um dieſe Handlung von Griffith's Großmuth zu bemerken. Nicht eher wachte er aus ſeinem Sinnen auf, bis er ploͤtzlich auf eine Geſtalt mitten im Pfade ſtieß. Ein leichter 2 Schlag auf die Schulter war das erſte Anzei⸗ chen, daß er erkannt fey. Borrougheliffe ſtand vor ihm. 1nr an 3 *„Es iſt klar, Sir,““ redete ihn der Englaͤn⸗ der an,„daß Ihr, nach dem, was in dieſer — 8 Nacht vorgegangen iſt, nicht ſeyd, was Ihr ſcheint. Ihr moͤgt nun ein Rebellenadmiral oder General ſeyn, was weiß ichts? Denn das Kom⸗ mando iſt unter Euch dieſe Nacht wunderlich in Anſpruch genommen worden. Doch mag das Oberkommando haben, wer da will: ich nehme mir die Freiheit, Euch in's Ohr zu raunen, daß ich von Euch ſchaͤndlich behandelt worden bin; ich ſage es noch einmal, ſchaͤndlich v von nlise und von Euch insbeſondere!““ Der Lootſe war von der weniwerlichen. Rede uͤberraſcht: denn der Kapitain brachte ſie mit aller Bitterkeit vor, die ſderbch dinem hintergan⸗ genen Manne annehmen konnte. Endlich winkte er ihm mit der Hand, zu gehn, und wich Kitſ nus, um ſeinen Weg fortzuſetzen. „ Vielleicht habt Ihr mich nicht rocht ver⸗ ſtanden!“ ſprach Borrongheliffe trotzig.„Ich ſage alſo, Ihr habt mich ſchlecht behandelt, und ich moͤchte dies keinem Ehrenmanne geſagt ha⸗ ben, ohne zu wuͤnſchen, ich gaͤb' ihms Gelegen⸗ heit dafuͤr Genugthuung zu fordern.. maſed Des Lootſen Blick fiel, als er förtging) auf Botrougheliffes Piſtolen⸗ zuEr hielt eine beim Griff und eine beim Laufe, und glaubte wirklich, der Lootſe beſchleunige darum ſeine Schritte. Er verfolgte ihn ſo lange mit den Augen, bis ſich h, — 157— der Letztere in der Dunkelheit verlor. Dann brummte er fuͤr ſich: n's riſt doch nur ein ge⸗ woͤhnlichen Lootſe! Ein aͤchter Ehrenmann wuͤrde, ſo mit der Naſe darauf gedruͤckt, nicht geſchwie⸗ gen haben!— Ach hier kommt die Mannſchaft von ineinem wuͤrdigen Freund, deſſen Gaum den Madera der Nordſeite, von dem auf der Suͤd⸗ ſeite unterſcheiden kann! Der Hund hat eine Gurgel wie ein Edelmann. Wir wollen ſehen, ob er auch ſo eine feine Anſpielung auf feine Zartheiten hinterſchlucken kann. Borrougheliffe ſtellte ſich ſeitwaͤrts, die Sol⸗ daten vorbei nach ihren Booten ziehen zu laſſen, und wartete mit Ungeduld auf ihren Befehls⸗ haber. Manuel war ſchon benachrichtigt worden, daß Griffith die Gefangenen freigelaſſen wiſſen wollte, und hatte Halt gemacht, um Acht zu ge⸗ ben, daß Niemand ins Innere abzog. Borrougheliffe Geleg Soldaten von beiden „Ich gruͤße Euch von Herzen!“ nahm der Englaͤnder das Wort. Coup de main, Kapitain Manuel!“ igt, anzubinden; aber in dem Tone des Gegners war doch etwas, das ihn antworten ließ: „Es waͤre noch viel angenehmer geweſen, haͤtte ich Gelegenheit gefunden, dem Kapitain Borrougheliffe in etwas die von ihm erfahrne Gefaͤlligkeit zu erwiedern.“ „Ei nicht doch! Ihr ſchlagt meinen guten Willen zu hoch an! Wirklich, Ihr vergeßt die Art, wie meine Gaſtfreundſchaft beiohnt wurde. Zwei Stunden lang hat man mir das Maul mit dem Degengefaͤß verſtopft; man hat mich ohne alle Komplimente in einen Winkel geſtoßen, und einem meiner Leute mit ſo einem lieben In⸗ ſtrumente, das ein Flintenkolben heißt, einen Gnadenſtoß verſetzt! Gott verdamm mich! Aber ich denke, ein Undankbarer iſt nur ein bischen beſſer, als eine Beſtie!“ „Waͤre der Gnadenſtoß dem Offizier, ſtatt dem Gemeinen zu Theil geworden;„verſetzte Manuel mit lobenswerther Kaͤlte:“ ſo waͤre er an den rechten Mann gekommen! Der Ladeſtock haͤtte auch dazu gepaßt, einen Mann niederzu⸗ werfen, der unter dem Rocke ſoviel bei ſich traͤgt, daß vier durſtige Muſikanten genug gehabt haͤtten!“ „Nun das iſt doch der groͤßte Undank fuͤr den herrlichen Madera von der Suͤdſeite! Die empoͤrendſte Beleidigung! Ich ſehe nur einen erdenklichen Weg, den Wortſtreit zu enden. W un we den En Di ſehe plal als ron« ſtere chen Zwe auch dem und ein ſagte mit wird nur j Mannt — 159— Wenn er nicht vernuͤnftig beſeitigt wird , kann er uns bis zum Morgen aufhalten!“. „Ihr duͤrſt nur waͤhlen, wie er beendigt werden ſoll! Durch Eure Menſchenkenntniß, denk ich, wird er es freilich nicht! Sie ließ Euch ja in einem Kapitain der Marine im Dienſte des Kongreſſes einen fluͤchtigen Liebhaber ſehen, der nach einem oder dem andern Raſen⸗ platze ſteuerte.“— „Eher koͤnnt Ihr mich an der Naſe zwicken, als daß ich ſo etwas hoͤren ſollte!“ rief Bor⸗ rongheliffe.„Wirklich, ich will lieber das Er⸗ ſtere. Wollt Ihr Euch eines von beiden ausſu⸗ chen? Sie ſind eigentlich zu einem ganz andern Zwecke geladen geweſen; aber ich glaube, ſie ſollen auch bei der Gelegenheit paſſen!“ „Ich trage ein Paar bei mir, die zu je⸗ dem Dienſte geeignet ſind!“ erwiederte Manuel, und zog aus dem Guͤrtel ein Piſtol, indem er ein Paar Schritte zuruͤck trat. „Ihr wollt nach Amerika; das weiß ich;“ ſagte Borrougheliffe, und ſtellte ſich ebenfalls mit der groͤßten Gleichguͤltigkeit.„Allein es wird ungleich beſſer fuͤr Euch ſeyn, Euern Abzug nur fuͤr einen Augenblick zu verzoͤgern!“ „Gebt Feuer und vertheidigt Euch!“ rief Mannel wuͤthend, indem er auf ihn losging. In einem Augenblicke hoͤrte man den Knall der beiden Piſtolen, und von dort eilten Bor⸗ rougheliffe's, von hier Manuel's Soldaten her⸗ bei. Waͤren die erſtern bewaffnet geweſen, wahr⸗ ſcheinlich haͤtte es einen blutigen Kampf gageben, als beide Theile auf dem Platze gleichzeitig an⸗ kamen, und nun ſahen, was geſchehen war. Manuel lag auf dem Ruͤcken ohne ein Zeichen des Lebens. Borrougheliffe hatte die kalte, ſtolze, gerade Stellung mit einer andern vertauſcht, die ein Mittelding von Liegen und Sitzen war. „Iſt der arme Teufel wirklich todt?“ fragte der Englaͤnder mit einer Art, die halbes Be⸗ dauern ausdruͤckte.„Nun, er hatte Soldaten⸗ blut in ſich, und war faſt ſo ein großer Narr, wie ich!“. 1 3 Zum Gluͤck fuͤr die Englaͤnder und ihren Hauptmann hatten die Seeſoldaten indeſſen bei ihrem Kapitain Zeichen des Lebens entdeckt. Es war derſelbe nur von der Kugel geſtreift, ſein Gehirn nur betaͤubt worden. Man brachte ihn auf die Beine, und er ſtand ein Paar Minuten da, indem er ſich den Kopf rieb, als wache er aus einem Traume auf. So wie er wieder zur Beſinnung kam, erinnerte er ſich an das, was vorgefallen war, und auch er fragte nun ſeiner⸗ ſeits nach dem Befinden ſeines Gegners. „Ich bin hier, mein wuͤrdiger Incognito!“ rief ihm dieſer mit vollkommener Kraft zu.„Ich liege auf dem Schooße der Mutter Erde, und befinde mich wohler, weil eine oder ein Paar Adern im rechten Beine aufgegangen ſind, ob ich ſchon glaube, ſo gut haͤtte es mir werden koͤnnen, ohne daß mein Bein ſo garſtig mitge⸗ nommen worden waͤre. Aber ich daͤchte, ich haͤtte Euch doch ebenfalls an den Buſen unſerer ge⸗ meinſchaftlichen Stammmutter ſinken ſehn? „Ja, ich glaube, ich habe ein Paar Mi⸗ nuten dagelegen;“ entgegnete Manuel.„An meinem Kopfe iſt der Gang von einer Kugel fuͤhlbar!“ „Daß Dich! Am Kopfe!“ ſagte Borrough⸗ cliffe trocken.„Ich ſehe ſchon, die Sache iſt nicht toͤdtlich!„Nun, dem erſten armen Teu⸗ fel, der mir nur mit einem guten Beine ent⸗ gegen kommt, will ich anbieten, mit mir uͤber das meinige zu wuͤrfeln. Dann hat er zwei. Das macht einen Bettler oder Edelmann! Ma⸗ nuel, gebt mir Eure Hand! Wir haben zuſam⸗ men gezecht und gefochten! Jetzt kann uns nichts mehr abhalten, geſchworne Freunde zu ſeyn 1⁷ 2 „ Meiner Treu!“ verſetzte dieſer, und rieb ſich immer den Kopf,„Ich wuͤßte nichts, was . L ————— — 162— dem im Wege ſtuͤnde! Aber— Ihr braucht wohl einen Wundarzt? Kann ich etwas fuͤr Euch thun?— Da ͤnt es wieder zum Einſchif⸗ ſen. Macht fort im Dupplirſchritt, Sergeant! Meine Ordonnanz mag da bleiben; oder— ich kann auch ohne Beiſtand nachkommen!“ „Ach, Ihr ſeyd ein braver Mann, wie er ſein muß, mein theurer Freund!“ rief Borrough⸗ cliffe.„An Euch iſt kein Fehl! So ein Mann verdient das Haupt eines ganzen Corps zu ſeyn, ſtatt blos eine Kompagnie zu kommandiren.— Sachte, Drill! Sachte! Du mußt mit mir umgehen, wie mit einem alten Topfe!— Ich will Euch nicht laͤnger aufhalten, Freund Ma⸗ nuel! Ich hoͤre Signal auf Signal! Sie muͤſ⸗ ſen ein Bischen Euren erſtaunlichen Kopf noͤthig haben, um flott zu werden!“ Manuel haͤtte vielleicht die handgreiflichen Anſpielungen, die der neue Freund auf ſeinen feſten Schaͤdel machte, uͤbel genommen, aber ſeine Gedanken waren etwas in Unordnung. Es brummte ihm noch immer etwas in der Gegend, wo ſie ihren Sitz hatten. Er erwiederte alſo die guten Wuͤnſche des Englaͤnders, druͤckte ihm herz⸗ lich die Hand, und erneuerte noch einmal das Anerbieten, ihm zu dienen, nachdem manch' krrund liches Wort gewechſelt war. ucht fuͤr chif⸗ ant! ich 2 er igh⸗ ann yn, mir Ich Ma⸗ nuͤſ⸗ thig „Ich danke Euch von Herzen,“ vergeßt nicht, mich aufzuſuchen, wenn lich Euern trefflichen Kopf vonnoͤthen worin es klopfte, daß er es Pylades beſchaͤmt haͤtte! — 22 —,———— Englaͤnder,„ganz ſo, als waͤre ich Euch nicht fuͤr . die Aderlaß verbunden, die mir vielleicht einen 4 Anfall von Schlagfluß erſpart hat. Drill hat be⸗ reits nach einem Wundarzt geſchickt und der Kerl koͤnnte vielleicht in der Stadt das ganze Depot in Alarm bringen. Alſo gehabt Euch wohl, und wieder Englands Kuͤſte als Freund betretet.“ „Das thue ich; darauf verlaßt Euch! und ich nehme daſſelbe Verſprechen von Euch wenn Ihr einmal nach Amerika kommen ſolltet!“ „Des ſeyd gewiß! Ich werde dann war⸗ durch die dicken Waͤlder fortzukommen.— wohl, behaltet mich immer in Euerm Andenken!“ „Ich werde immer an Euch denken, guter Freund!“ ſchied Manuel, und kratzte im Kopfe, zu hoͤren glaubte. Noch einmal ſchuͤttelten die Tapfern ſich die Hand, und erneuerten das Verſprechen, ſich einmal wie⸗ der aufzuſuchen. Dann trennten ſie ſich, wie zwei Liebende, mit ſchwerem Herzen, in einer Art, die das Freundſchaftsband des Oreſtes und 8 VIII. Antworte mir! Steh' und enthuͤlle dich!— 4 Shakeſpeare. Waͤhrend der Vorfaͤlle, die der Lootſe in der Zeit ſeiner Landung erfuhr, war die Ala⸗ crity, unter dem Befehle des erſten Beiſchiffs⸗ fuͤhrers von der Fregatte, Maſter Boltrope, laͤngs der Kuͤſte hin⸗ und hergeſegelt, um die Gelan⸗ deten, nach Erreichung ihres Zwecks, wieder ein⸗ nehmen zu koͤnnen. Der Wind war gegen Abend aus Nordoſten nach Suͤd gegangen, und lange zuvor, ehe die Nachtwache begann, befahl der alte beſorgte Seemann, der, wie wir wiſſen, im Kriegsrathe*) ſo einen entſchiedenen Wider⸗ willen geaͤußert hatte, wenn er ſeine Perſon der brittiſchen Kuͤſte anvertrauen ſollte, dem Steuer⸗ manne, dicht an der Kuͤſte zu halten. Sagte ihm das Senkblei, es ſey nicht gerathen, zu verweilen; ſo ward eine andere Wendung ge⸗ macht, und auf ſolche Art brachte er geduldig, die Abenteuerer erwartend, ſeine Stunden hin. *) Siehe erſten Theil, S. 122 ff. — 7— 1 ——, fe —,.— 7— pv Boltrope hatte ſeine Jugend als Kommen⸗ dant verſchiedener Kauffartheiſchiffe verlebt. Wie Viele ſeines Gleichen, hielt er den Mangel an aller feiner Sitte fuͤr den ſicherſten Beweis, daß man ein tuͤchtiger Seemann ſey. Aus dem Grunde verachtete er auch die Artigkeit und den puͤnki⸗ lichen Dienſt, die auf einem Kriegsſchiffe herrſch⸗ Seine Pflicht, auf die Vertheilung der Schiffsvorraͤthe nach allen ihren Zweigen zu ach⸗ ten, das Logbuch zu fuͤhren, das Tauwerk und die Segel taͤglich zu viſitiren, brachten ihn ſo wenig mit den luſtigen, jungen, ſorgloſen Offi⸗ zieren in Beruͤhrung, daß man ſagen konnte, er ſey ein ganz eignes, von ihnen, den gebildeten Kameraden, verſchiedenes Weſen. Wenn es ſich fuͤgte, daß er einmal aus dem gewoͤhnlichen Kreiſe heraustreten konnte, machte er es ſich zum Ge⸗ ſetz, ſich an ſolche von der Mannſchaft anzu⸗ die in Gewohnheiten und Anſichten von ihm am Wenigſten verſchieden waren Durch einen ſonderbaren Zufall war der Kaplan der Fregatte, was den Umgang anbetraf, mit dem alten Seemann in ziemlich gleicher Lage. Das ernſte Beſtreben, am Heile derer zu arbeiten, die beſtimmt waren, den Tod auf dem weiten Meere zu finden, hatte ihn, einen uner⸗ fahrnen, beſchraͤnkten Geiſtlichen, bewogen, dieſe — 465— ⸗ —— — 166— Stelle in der ſuͤßen Hoffnung anzunehmen, er moͤchte wohl das beguͤnſtigte Werkzeug zur Ret⸗ tung von Vielen ſeyn, die in voͤlliger Selbſtver⸗ geſſenheit dahin lebten. Unſere Erzaͤhlung und die dadurch angewieſenen Schranken erlauben uns nicht, die mancherlei Veranlaſſungen mitzutheilen, welche nicht blos alle ſeine getraͤumten Erfahrun⸗ gen zu Nichte machten, ſondern auch den armen Mann in einen Kampf mit ſich ſelbſt verwickelten, der eben ſo zweideutig als gefaͤhrlich war, falls er ſeine Anſpruͤche auf die dem Amte gebuͤhrenden Auszeichnungen fortwaͤhrend geltend machen wollte. Das Gefuͤhl, er ſey ruͤckwaͤrts gegangen, hatte den irdiſchen, wo nicht den geiſtlichen Stolz des Kapellans ſoweit gebracht, daß er die Geſellſchaft des rohen Boltrope aufſuchte, der bei ſeinem Alter doch ſo manchmal einen Gedanken an die Ewigkeit hatte. Freilich ward er immer nach der eigenthuͤmlichen Weiſe des Mannes geaͤußert. Vielleicht aber fanden ſich Beide nicht recht an ihrem Platze. Vielleicht war ſonſt eine geheime Sympathie zwiſchen Bei⸗ den. Kurz, ſie befanden ſich zuſammen allemal ſehr wohl. Waͤhrend der Nacht, von welcher wir hier ſprechen, hatte Boltrope den Kapellan eingeladen, doch mit an Bord der Alacrity zu gehn.„Da es an der Kuͤſte etwas zuzuſchlagen gaͤbe;“ ſetzte —— — — ——õ—jjj — 167— er er in ſeiner groben Sprache hinzu,„ſo koͤnnte tet⸗ der Kapellan doch etwas mit einem oder dem er⸗ andern armen Teufel zu thun haben.“ Die ſon⸗ nd„ derbare Einladung war vom Kapellan angenom⸗ ns men worden, um theils ein wenig Abwechſelung en, in das Leben auf der Fregatte zu bringen, theils in⸗ auch wohl dem innern Wunſche zu genuͤgen, der den Terra firma einmal ſo nahe als moͤglich zu ſeyn. en, Als der Lootſe und ſeine laͤrmende Mann⸗ lls ſchaft an's Land gegangen waren, blieben der den Segelmeiſter und der Kapellan mit einem Unter⸗ te. beiſchiffsfuͤhrer und zehn oder zwoͤlf Matroſen een allein auf dem Kutter. Die erſten Stunden wur⸗ ns 3 den von den wuͤrdigen Leutchen, die an der Spitze en„ ſtanden, in der kleinen Kajuͤte bei einer Kanne ſo Grog verlebt. Das wohlſchmeckende Getraͤnk te. 1 mundete um ſo angenehmer, da mancherlei ſtrei⸗ en ige Gegenſtaͤnde verhandelt wurden. Die Leſer en werden es ſehr bedauern, daß wir jetzt gar nicht cht bei Laune ſind, ſie zu erzaͤhlen. Indeſſen der ei⸗ Wind erlaubte naͤher nach der Kuͤſte hinzuſteuern. al Der vorſichtige Hochbootsmant ſchob daher die Unterſuchung bis zu einer andern gelegenen Zeit jer auf, und verpflanzte ſich mit ſeiner Kanne gleich⸗ n, † zeitig auf das Hinterkaſtell. 3„ Ja,“ rief die honette Pechjacke, und ſetzte die hoͤlzerne Kanne mit großer Selbſtzufriedenheit neben ſich auf's Verdeck hin,„ja, das iſt See⸗ manns Labſal!— Wißt Ihr wohl, Paſtor, daß da an Bord eines Schiffes, ich will es nicht nennen, aber es liegt drei Seemeilen im Ozenn hinein und ſtill, und hat das Marsſegel, Vorder⸗ topſegel und Fockſegel eingerefft, ja, daß da viel geſchwazt wird, wie bei Leuten auf ſuͤßem Waſ⸗ ſer?— Ich kann's ſagen, daß ich's verſtehe, wie Grog gemacht werden muß!— Zieht doch die Hißtaue vom Fockſegel an, Ihr Jungens!— Der Grog wird Euern Augen Feuer geben, Paſtor, daß ſie nachher im Finſtern wie ein Leuchtthurm glaͤnzen.— Ihr wollt nicht trin⸗ ken? Ach, dem Rum muͤßt Ihr keine Schande anthun! Er kommt aus engliſchen Mngazinen!“ Ein tuͤchtiger Zug folgte der gehoͤrigen Er⸗ laͤuterung. 4 „Ihr ſeyd faſt wie unſer erſter Lieutnant, Paſtor,“ fuhr der Segelmeiſter fort,„der trinkt auch nichts, als, wie ich's nenne, die Elemente; das heißt, Waſſer mit Luft gemiſcht!“ „Ja, Herr Griffith mag wohl als ein er⸗ ſprießliches Exempel fuͤr das ganze Schiffsvolk aufgeſtellt werden!“ erwiederte der Kapellan, und das Gewiſſen mochte ihm wohl ſagen, er ſelbſt ſey nicht auf dem rechten Wege geblieben. — 169= bee⸗„Erſprießliches Beiſpiel?“ wiederholte Bol⸗ daß trope:„hoͤrt, laßt Euch'n Mal dienen, wuͤrdi⸗ icht ger Seelenhirte. Daß Ihr ſo eine luftige Diaͤt an erſprießlich nennt, kommt blos daher, weil ihr mit er⸗ Salzwaſſer und Seenebel ſo wenig bekannt ſeyd! viel Indeſſen Herr Griffith iſt ein tuͤchtiger Seemann, aſ⸗ und wenn er nicht ſo viel auf Narrenspoſſen he, und Lumpereien hielte; ſo koͤnnte er wohl in mei⸗ 1 och nen Jahren ein recht ordentlicher Kamerad — werden. Aber— ſeht Ihr, Paſtor, jetzt hat er en, noch ſo viel Narrenspoſſen im Kopfe, was ſie ein Disciplin auf den Kriegsſchiffen nennen. Das in⸗ verſteht ſich, alte Taue muͤſſen in duͤnnere neue 4 nde aufgedrechſelt werden, und man muß huͤbſch nach 3 4 dden Haͤngematten ſehen, oder auch's Verdeck Er⸗ ſcheuern laſſen. Aber, der und jener hole mich, Prieſter, wenn ich ſo einen Laͤrm— ei ſo haltet doch Backbord, ihr Seckaͤlber!— wenn d iich ſo viel Laͤrm machen hoͤre, daß jeder zu der⸗ 4. ſelben Zeit ein Hemd anzieht. Je, ob das nun* 3 in dieſer oder in der andern Woche geſchieht, zu⸗ mal wenn ſcylecht Wetter iſt! Ich bin manchmal er⸗⸗ aͤrgerlFich, wenn ich nachſehen muß. Und ich olk denke, ich denke, es darf mir niemand was Boͤ⸗ n,. ſes nachſagen, es muͤßte denn ſeyn, daß ich mei⸗ er nen Tabak rechts kaue, ſtatt links!“ „Ich habe ſelbſt manchmal geglaubt, das 8 ſey ein bischen zu weit getrieben. Es iſt auch fuͤr den Geiſt gar angreifend, beſonders wenn der Koͤrper von der Seekrankheit mitgenommen wird.“ „Ei ja, in den erſten vier Wochen, und ſo darum konntet ihr's gar nicht laſſen, haͤßliche Geſichter zu ſchneiden. Ich weiß noch, ihr be⸗ kamt ein Donnerwetter vom Kapitain der See⸗ ſoldaten auf den Hals, weil Ihr ſo geſchwind mit der Leichenpredigt fertig wurdet! Ihr ſaht einmal gar nicht aus, als ob ihr auf's Schiff gehoͤr⸗ tet So lange Ihr die verwuͤnſchten ſchwarzen, kurzen Hoſen trugt, war nichts mit Euch! Wenn ich Euch ſo die Treppe vom Hinterdeck herauf kommen ſah, dachte ich immer: Nun, wenn wer⸗ den denn die Schienbeine unter dem ſchwarzen Mantel wegrutſchen? Ein Mann ſieht aus, wie der Teufel, Prieſter, wenn er in ſolchen Hoſen auf dem Verdeck hinſegelt. Nun, der Schneider hat doch eingeſehen, daß das nicht Seemannsart iſt, und wir haben Eure Unterſtuͤtzen in ein Paar lange Hoſen geſteckt, daß ich manchmal Noth habe, Eure Beine von denen eines Bootsmanns zu unterſcheiden. „Ich glaube, ich bin der Verzederang Dank ſchuldig, wenn wuͤrklich die Aehnlichkeit, deren Ihr erwaͤhntet, Statt fand, als ich in der ge⸗ woͤhnlichen Kleidung meines Berufs ging.“ — 171— „Was iſt Beruf!“ entgegnete Boltrope, als er nach einem tuͤchtigen Zuge Athem ſchoͤpfte, „die Beine eines Mannes ſind ſeine Beine, und der Oberkoͤrper mag dienen, wozu er will. Ich habe gleich von Jugend auf einen Widerwillen gegen die kurzen Hoſen gehabt, weil ich mir ein⸗ gebildet habe, der Teufel traͤgt ſolche. Ihr wißt doch, Paſtor, man hoͤrt woh! nicht leicht von Je⸗ mandem reden, ohne daß man ſich gleich vorſtellt, wie ſein Schiff und Takelwerk beſchaffen iſt, und da ich mir doch eben nicht einbilden kann, daß der Satan nackend geht— Bleibt doch im Striche Ihr Jungens! Ihr kommt ja ganz aus dem Winde, verdammte Seehunde!— Alſo, ja wie ich ſagte, da ſtellte ich mir immer vor, der Teufel truͤge kurze Hoſen und einen dreieckichten Hut. Da ſind meine Lieutenants, die halten Sonntags die Muſterung in dreieckigen Lampen, gerade wie die Soldatenoffiziere. Aber, ſeht Ihr, Paſtor, lieber will ich meine Naſe unter eine Nachtmuͤtze, als ſo eine Lampe ſtecken.“ „Ich hoͤre Ruderſchlag!“ rief der Kapellan, der die Vorſtellung vom Vater alles Boͤſen viel lebendiger fand, als ſie ihm die eigne Phantaſic geſchaffen hatte, und gern ſeine Schwaͤche durch ein anderes Geſpraͤch bemaͤnteln wollte.—„Iſt es etwa eines unſerer zuruͤckkehrenden Boote?“ 22 „Ei ja, ja, das wird's wohl ſeyn! Wenn ich's waͤre, ich waͤre laͤngſt landkrank geworden! Macht eine Wendung, Jungen's!“ Der Kutter gehorchte dem Steuerruder, faßte den vollen Wind und indem er erſt einen Augen⸗ blick im Meere hinſchoß, legte er ſich dann mit dem Vorderkaſtell nach der Kuͤſte hin, bis er, als ein Segel nach dem andern das Gleichgewicht hielt, gaͤnzlich ſtill ſtand. Waͤhrend dieſes Manoͤ⸗ ver ausgefuͤhrt wurde, ſahe man ein Boot aus der Finſterniß laͤngs der Kuͤſte herauf, und als die Alacrity in Ruhe war, ſo nahe kommen, daß es angerufen werden konnte. „Wer da!“ donnerte Woltesh mit dem Sprachrohr, daß es, von ſeiner Lunge unterſtuͤtzt, einen, dem Bruͤllen eines Ochſen nicht ungleichen Ton hervorbrachte. „Hoha! Hoha! Wir ſind's,“ entgegnete eine klare Stimme, die uͤber das Waſſer ſtark genug herkam, um jede kuͤnſtliche Unterſtuͤtzung entbehr⸗ lich zu machen. „Ah! da kommt einer von den geentenants! Ich kenne ihn an ſeinem klaren Hoha! He he Pfeift einmal, Bootsmann!— Ach, da hoͤr auch Laͤrm am Steuerbord! Wer da?1.⸗ „Alacrity!“ erwiederte eine andere Stimun. in einer andern Richtung. 68 69 S „Alacrity! Da geht mein Kommando in die Pilze! Das heißt ſo viel, als hier kommt einer, der nun ſelbſt kommandirt, wenn er an Bord iſt! Ja, ja,'s iſt Herr Griffith. Trotz dem, daß er gern Schuhſchnallen und kurze Ho⸗ ſen traͤgt, bin ich doch froh, ihn aus den Haͤnden der Englaͤnder befreit zu ſehn!— Ei, da kommen ſie ja alle mit Einem Male! Da iſt ſchon wie⸗ der ein Burſche! Der trabt, wie ein Fiſcher⸗ boot von der Windſeite her. Wir wollen ſehn, ob er ſchlaͤft! Hehe, heda, Barke!“ „Flagge aufgehißt!“ rief es aus dem klei⸗ nen Lichter, der dem Kutter, ohne geſehn wor⸗ den zu ſeyn, dicht auf den Hals gekommen war. „Flagge!“ ſpottete Baltrope nach, und ließ verwundernd das Sprachrohr ſinken.„Das iſt ja ein Grobian von Lumpenboot. John Bull haͤtte nicht das Maul ſo voll genommen. Ich muß doch wiſſen, wer dieſe Sprache gegen eine Yankee's⸗Priſe fuͤhrt!— Barke! He! He!“ Dieſer Zuruf ward in dem drohenden, kur⸗ zen Tone gegeben, welcher der angerufenen Mann⸗ ſchaft ſagte, er ſey ernſtlich gemeint. Sie be⸗ wog die Ruderer, als ſie dicht am Kutter wa⸗ ren, gleichzeitig anzuhalten, als fuͤrchteten ſie, es koͤnne eine ernſtlichere Mahnung auf dem 1 Fuße folgen. Die Geſtalt, welche im Hinter⸗ theil des Bootes ſaß, ſtand bei dem Zuruf auf, und ſagte, als habe ſie es ſich uͤberlegt, ganz ruhig: „Nein, nein!“ „Nein, Nein und Flagge— das ſind ganz verſchiedene Dinge!“ brummte Boltrope. „Wer iſt denn der Dummkopf da unten?“ Er murmelte noch immer, hoͤchſt unzufrie⸗ den uͤber den Mann, der nichts wußte, und ſo nahe kam. Endlich legte ſich die Barke an, und der Lootſe ſprang aus dem Stern hervor auf das Verdeck der Priſe. „Ihr ſeyd's, Herr Lootſe?“ rief der Se⸗ gelmeiſter, und hob eine Handlaterne in die Hoͤhe, um ihm in's Geſicht zu ſchauen. Aber er wunderte ſich nicht wenig, als er ſeinen ſtol⸗ zen, zornigen Blick gewahr ward.—„Ihr ſeyd's? Nun, ich haͤtte mehr Erfahrung bei ei⸗ nem Manne von Eurer Art geſucht, als daß Ihr mit ſolchen groben Redensarten gegen ein Kriegsfahrzeug kommen ſolltet. Das weiß jeder Schiffsjunge, daß wir keine Lappen von Schwal⸗ benſchwanz fuͤhren! Flagge!— Ihr haͤttet eine tuͤchtige Ladung auf die Jacke bekommen, wenn Soldaten am Bord waren!“ Der Lootſe ſah ihn veraͤchtlich an, und ließ — 4 ihn mit er ein An als dah muͤt lich er Obe gan. war von nigt. daß aber zu r chen ten, gerat Benn wollt den dem ihn i Laun⸗ ihn ſtehen, um auf's Hinterdeck in den Stern mit ſtolzem Schweigen zu gehen, als wuͤrdige er ihn keiner Antwort. Boltrope ſah ihm noch einen Augenblick halb ſpoͤttiſch nach; allein das Anlegen des zuerſt angerufenen Bootes, was ſich als die Barke auswies, zog ſeine Aufmerkſamkeit dahin. Barnſtable hatte lange herumrudern muͤſſen, den Kutter zu finden, und da er end⸗ lich der Meinung der Andern folgen mußte, kam er eben in keiner guten Stimmung an Bord. Oberſt Howard und ſeine Nichte beobachteten die ganze Zeit hartnaͤckiges Stillſchweigen. Jener war zu ſtolz, um zu reden, und dieſe wurde von dem offenbaren Unwillen des Onkels gepei⸗ nigt. Katharine freute ſich wohl im Stillen, daß ihre Plaͤne ſo gluͤcklich ausgefuͤhrt waren; aber ſchwieg doch gleich beiden, um den Schein zu retten. Baynſtable hatte manchmal ein Woͤrt⸗ chen gewagt, aber keine andere Antwort erhal⸗ ten, als nothwendig war, den Geliebten nicht geradezu zu beleidigen, und ihm doch durch ihr Benehmen kund zu thun, daß ſie gern ſchweigen wollte. Als daher der Lieutnant den Damen in den Kutter hinaufgeholfen, und denſelben Dienſt dem Oberſt Howard zu leiſten geſucht hatte, der ihn indeſſen kalt ablehnte; war er ganz in der Laune, die auf Kriegsſchiffen ſo gewoͤhnlich iſt, wie bei andern Menſchen, und wo ſich Gelegen⸗ heit ergab, machte er ihr Luft. „Was iſt das?“ rief er.„Hier legen Boote mit Damen an, und Ihr habt die Raaen aufgezogen, daß die Taue geſpannt ſind, wie die Fidelbogen! Laßt doch oben los, Boltrope!“ „Ja, ja!“ brummte dieſer.„Laß los! Da wuͤrde das Schiff in vier Wochen nicht einen Knoten haben!“ Er ging verdruͤßlich zu den Matroſen, und der gute Kapellan folgte ihm. „Ich wollte lieber,“ ſagte Boltrope zu die⸗ ſem,„der Lieutnant waͤr' mit einem Ochſen im Boote zuruͤckgekommen, als mit den Unterroͤkken! Der liebe Gott weiß es am Beſten, was aus dem Schiffe werden mag, Paſtor. Bei den vielen dreieckichten Huͤten und Epauletten, und ſolchen kurzen Hoſen, wußte man ſchon ohnedieß nicht, was die Fregatte fuͤr ein Ding war. Nun, jetzt kommen gar die Weiber und ihr Plunder! Nun machen ſie eine Arche Noah daraus! Ich wun⸗ dere mich nur, daß ſie nicht in einer Kutſche mit Sechſen, oder in einem Poſtwagen, ange⸗ fahren kommen!“ Barnſtable that es wohl, daß er ſeiner uͤb⸗ len Laune Luft machen konnte, indem er raſch und lebhaft eine Menge kleiner Anordnungen in eine er d gen ten: der The an cher wier Obe Die hint rer Seg ten. Kutt zend ſanft Buͤr lich ruhig ſehen demt funf; geban gen⸗ egen aaen wie de ³ Da inen und die⸗ im ken! aus ielen chen icht, jetzt Nun pun⸗ tſche nge⸗ uͤb⸗ aſch in — 177— einer Art traf, die wohl zeigte, welches Gewicht er darauf legte, von welchem Geiſte ſie ausgin⸗ gen. Indeſſen dauerte dies nur wenige Minu⸗ ten: denn da kam Griffith im groͤßten Fahrzenge der Fregatte, dem Tiger, welcher den zahlreichern Theil der zur Expedition verwendeten Mannſchaft an Bord hatte. Boot an Boot folgte in glei⸗ cher Art ſchnell nach, und Alles wurde gluͤcklich wiederum an Bord genommen. Die kleine Kajuͤte der Alacrity) ward dem Oberſt Howard und ſeinen Muͤndeln mit ihren Dienerinnen eingeraͤumt. Die Boote wurden hinter in's Schlepptau genommen, und von ih⸗ rer Bedeckung geleitet. Griffith befahl, unter Segel zu gehn, und nach dem Ozean hinzuhal⸗ ten. Laͤnger als eine halbe Stunde verfolgte der Kutter dieſe Bahn, und durchſchnitt die glaͤn⸗ zende Waſſerflaͤche, die langen, glatten Wellen ſanft uͤberwaͤltigend, als fuͤhle er die ungewohnte Buͤrde, die er zu tragen genoͤthigt wurde. End⸗ lich ward er unter den Wind gebracht, und blieb ruhig liegen, bis der Tag anbrach, um dann zu ſehen, wo die ſtolze Fregatte lag, von der er demuͤthiger Begleiter war. Mehr als hundert funfzig Menſchen waren auf den engen Raum gebannt, und das Verdeck zeigte in der Duͤſtern⸗ . III. M — 178— heit nur ein Gemaͤlde, wo Kohſ an Kapi ge⸗ reiht ſchien. Die Expedition war ja glürklich von Stat⸗ ten gegangen, und ſo geſtattete dies lauten Scherz. Groͤßere Luſtigkeit toͤnte auf den ſtillen Gewaͤſ⸗ ſern unter den kuͤhnen Seeleuten. Die erhei⸗ ternde Kanne mit Grog ging von Hand zu Hand. Dort fluchte man, und hier verwuͤnſch⸗ ten die aufgeregten Matroſen den Feind. End⸗ lich ließ der Laͤrm allmaͤhlig nach. Viele ſtiegen in den Naum, ein Plaͤtzchen fuͤr ihre muͤden Gliedmaßen zu ſuchen; waͤhrend Andere uͤb elr dem Raume ein Lied ſangen, wie es der See⸗ mann gern hoͤren mochte. Eines folgte dem Andern. Endlich aber wich der Geiſt, welcher die Lieder eingab, der Muͤdigkeit. Bald war das Verdeck mit Menſchen bedeckt, die alle un⸗ ter freiem Himmel eingeſchlafen waren, und waͤh⸗ rend der. Koͤrper auf dem harten Boden lagerte, vielleicht von ganz andern Scenen ihrer eigenen Hemiſphaͤre traͤumten. Das ſchwarze Auge Katha⸗ rinens barg ſich hinter den ſinkenden Lidern, und ſelbſt Cecilie, auf der Freundin Schulter gelehnt, ſchlief ſanft in Unſchuld und Frieden. Boltrope ſuchte ſich ein Plaͤtzchen im Raume unter den Matroſen, und ſtieß einen, der am bequemſten gelagert war, ſtatt ſeiner ſich hinzuſtrecken, mit 3 ge⸗ Stat⸗ herz. waͤſ⸗ rhei⸗ 8 zu nſch⸗ End⸗ jegen uͤden b elr See⸗ dem lcher war un⸗ waͤh⸗ eerte, eenen atha⸗ und ehnt, trope den nſten mit Andern gelten, anlaſſen konnte. — 19— aller der Gleichguͤltigke Zeit eigen geworden w hoͤflich behandelt hatte. auf den Planken, Kanon Kopfkiſſen diente; bis auf dem hintern Verde verſunken, allein auf⸗ un So lang war de Morgenwache nie Stolz hatte ihnen d haltung abgeſchnitten, mit der ſie ſo manches Mal die ſchleichenden Stunden des langen, und auch wohl verdruͤßlichen Um das Unan ſuchten, um die Zeit, it weg, die ihm ſeit der ar, wo man ihn eben ſo So lag Kopf an Kopf en, und was ſonſt als Griffith und Barnſtable ck, beide in Schweigen nd abgingen. n jungen Maͤnnern die vorgekommen. Zorn und inlichen Lage, in wel⸗ cher die Geliebten waren. Dies veranlaßte ſie aber, jeden Beick, jeden Wink zu beachten, der als Aufmunterung des Einen auf Koſten des und ihn naͤher zu kommen, vet⸗ * ungeduldige Zwanzig Mal fuͤhlte ſich der . 2 — — 10— Barnſtable getrieben, die aͤngſtliche Zuruͤckhaltung aufzugeben und den Geliebten naͤher zu treten. Aber immer hielt ihn ſein Gefuͤhl, unrecht ge⸗ handelt zu haben, und die zur andern Natur gewordene Achtung ab, welche der niedere Offi⸗ zier dem hoͤhern Offizier ſchuldig iſt. Auf der andern Seite zeigte auch Griffith nicht, daß er dieſe ſtille Nachgiebigkeit zu ſeinem Vortheil be⸗ nutzen wolle. Er ging auf dem kleinen Hinter⸗ deck fortwaͤhrend raſcher auf und ab, als vorher, und warf gar manchen ungeduldigen Blick hin⸗ aus nach dem Theile des Himmels, wo die erſten Spuren des daͤmmernden Tages erwartet werden konnten. Endlich entſchloß ſich Katharine mit bereitwilliger Dreiſtigkeit, vielleicht nicht ohne geheime Neckerei, der Verlegenheit beider ein Ende zu machen. Sie redete den Geliebten ihrer Baſe zuerſt an. „Wie lange ſind wir denn zu dieſem engen Aufenthalte verurtheilt, Herr Griffith?“ fragte ſie.„Wahrhaftig, auf Euern Schiffen geht es ſo zwanglos zu, daß es wenigſtens uns ganz neu iſt. Wir ſind daran gewoͤhnt, gern allein zu hauſen.“. „So wie der Tag anbricht, und uns die Fregatte wahrnehmen laͤßt, werdet Ihr aus einem Fahrzeuge von hundert Tonnen auf eines „„ ren glo lac An Si end Stu gefuͤ ſonn ſchoͤn ung ten. ge⸗ tur ffi⸗ der er be⸗ ter⸗ her, hin⸗ ſten den mit hne nde hrer gen agte es anz lein die aus nes „ 5 — — 181— von zwoͤlf hundert gebracht!“ „Iſt Euer Aufenthalt hier als in den Manern von St. Ruth; ſo vergeßt nicht, daß, wer auf dem Ozean lebt, ſich's zum Verdienſte anrechnet, die Genuͤſſe des feſten Lan⸗ des zu verachten.“ „Zum Mindeſten 2** mit holder Freundlichkeit, Falls ſo gut anzunehmen wußte,„werden wir Alles, was uns hier geboten wird, von der Freiheit gewuͤrzt, und von Seemanns Gaſt⸗ freundſchaft verſchoͤnert ſehn! Mir, Cecilie, iſt die Luft hier auf dem offenen Meere ſo erfri⸗ ſchend, ſo ſtaͤrkend, als wehe ſie uns aus un⸗ ſerm fernen Amerika entgegen.“ „Koͤnnt Ihr auch nicht die Waffen fuͤh⸗ ren, wie ein Patriot; wenigſtens habt Ihr doch gleiche vaterlaͤndiſche Geſinnung!“ rief Griffith lachend.„ Dieſe friſche Luft kommt, ſtatt von Amerika's großen Ebenen, gerade aus Holland's Suͤmpfen her.— Gott ſey Dank! endlich die erſte Spur vom Tage! Stroͤmung die Fregatte nicht zu gefuͤhrt hat; ſo werden wir ſonne zugleich ſehn!“ Die erfreuliche erwiederte er artig. minder angenehm, bemerkte das Maͤdchen die ſie erforderlichen Da kommt Wenn die weit noͤrdlich ſie mit der Morgen⸗ Kunde zog die Blicke der Lange weidete ſich ſchoͤnen Maͤdchen nach Oſten. — 182— ihr Auge an dem Schauſpiele der uͤber den Ge⸗ waͤſſern auftauchenden Sonne. Gegen Morgen hin hatte ſich dickere Finſterniß uͤber den Ozean verbreitet. Die Sterne funkelten gleich glaͤnzen⸗ den Feuerkugeln. Jetzt zog ein blaſſer Streifen laͤngs dem Horizont auf. Er wurde immer glaͤnzender, mit jedem Augenblicke nahm er an Umfange zu. Endlich bemerkte man lange Wol⸗ kenzuͤge, wo vorher nur das duͤſtere Gewoͤlbe des Himmels auf dem dunkeln Waſſer gelagert hatte. Wohl mochte man dies Licht mit einem Silber⸗ ſtreifen vergleichen. Bald aber faͤrbte ihn ein ro⸗ ſenrother Schimmer, und ſchnell ging er in eine feurige Farbe uͤber, bis endlich ein Guͤrtel von hellen Flammen das Waſſer begraͤnzte, und ſich am Gewoͤlke des Himmels mit dem Azurblau deſſelben vermiſchte, oder in perlenfarbigen Woͤlk⸗ chen verfloß, die in wunderlichen Nebelgeſtalten mit wechſelndem Glanze um andere groͤßere ſpielten.. Waͤhrend das ſchoͤne Schauſpiel von den Maͤdchen bewundert wurde, rief eine Stimme, gerade uͤber ihnen, als kaͤme ſie vom Himmel herab: „Ein Segel! Hohe! die Fregatte liegt ge⸗ rade aus unter dem Winde!“ „Ja, ja! Du haſt mit halboffenen Augen —.,——-— 3 d an Vol⸗ des atte. ber⸗ ro⸗ eine von ſich blau zoͤlk⸗ alten ßere den ime, amel ge⸗ ugen ———— V 4 gewacht, Burſche!“ rief Griffith hinauf. haͤtteſt Du ſchon eher gemeldet! ein wenig noͤrdlich von Aufgang de gerechnet und ſeht, ob ihr trefliche Fregatte wahrzunehmen.“ Ein unwillkuͤhrlicher Freudenruf entſchluͤpfte „Sonſt Schaut einmal r Sonne an im Stande ſeid unſere ihren Lippen, als ſie ſeinem Finger folgten, und zum Erſten Mal die Fregatte durch die wechſeln⸗ den Farben der Morgenroͤthe erblickten. Die wogende aͤußerſte Linie des ruhigen Ozeans ſtieg gegen die glaͤnzenden Schranken des Him⸗ ud ſank wieder herab. Dies konnte das Auge nicht beſchaͤftigen, und ſo ruhete es begierig auf dem Bilde des allein anziehen⸗ den Schiffes. Langſam fuhr es auf den ruhigen Wellen blos mit einigen Unter⸗ und kleinen Se⸗ geln dahin, welche es in der Richtung hielten. Aber die ſchlanken Maſten und ſchweren Raaen traten in der Luft deutlich und dunkelſchwarz hervor, waͤhrend die kleinſten Taue des Seegel⸗ werks von Stange zu Stange ſo Fart und deut⸗ lich, wie in einem Gemaͤhlde hinliefen. Manch⸗ mal ſtieg das große Gebaͤude auf einer Welle hoch empor; es ſchien ſich gegen den Himmel zu ſtuͤtzen, und ſeine Groͤße, ſein Umfang ſprang dann deutlich in die Augen. Aber bald war ſol⸗ cher Anblick dahin. Die Naaen neigten ſich — 184— dann ſchnell wieder gegen die Fluthen, als woll⸗ ten ſie dem Schiffe in den Buſen des Meeres folgen. Der Tag war vollkommen angebrochen. Keine Ferne, keine Morgenroͤthe vermochte mehr zu taͤuſchen. Als die Sonne ſo eben in voller Pracht da ſtand, wurde das Schiff in allen Punkten ſichtbar. Es lag ohngefaͤhr eine halbe Stunde vom Kutter entfernt. Jede Stuͤckpforte, jeder Maſt war nun deutlich zu unterſcheiden. Beim erſten Zuruf:„Ein Segel!“ war die Mannſchaft der Alacrity durch die gellende Pfeife des Bootsmanns aus dem Schlaſe geweckt wor⸗ den. Noch weilten die bewundernden Blicke der Maͤdchen unverwandt auf dem ſchoͤnen Schau⸗ ſpiel, wie der Morgen die Nacht am Himmel vor ſich herjagte, als der Kutter bereits in Thaͤ⸗ tigkeit war, ſich mit ſeiner Gefaͤhrtinn zu verei⸗ nen. Kaum einen Augenblick dauerte es, und das kleine Schiff war der Fregatte ſo nahe, daß die furchtſamen Maͤdchen daruͤber erſchraken. Langſam ſtrich er an der von dem Winde ge⸗ ſicherten Seite laͤngs der Fregatte hin, und er⸗ laubte die folgende Begruͤßung zwiſchen dem Kom⸗ mendanten der letztern und Griffith. „Ich freue mich, Euch wieder zu ſehen, Herr Griffith!“ rief der Kapitain, der auf der Gallerie ſtand, und den Hut mit herzlicher Freude — ——;— —ͤͤͤͤ ——;— — — 185— ſchwenkte.„ Willkommen, Kapitain Manuel! willkommen, willkommen, ihr Kinder! Will⸗ kommen wie ein Luͤftchen in der Seeſtille unter dem Aequator!“ Als indeſſen ſein Auge laͤngs dem Verdeck der Alacrity hinſchaute, und auf die verlegen da⸗ ſtehenden Geſtalten Katharinens und Ceciliens traf, uͤberzog eine duͤſtere Wolke des Mißvergnuͤ⸗ gens die freundlichen Zuͤge. „Was iſt das? ihr Herren!“ rief er hinab. Die Fregatte des Congreſſes iſt weder ein Ball⸗ ſall, noch eine Kirche, um Weiber auf dieſelbe mitzubringen!“ „Ja, ja,“ ſummte Boltrope dem Kapellan, ſeinem guten Freunde, ins Ohr, nnun hat der Alte ſeinen Befansmaſt gekappt, und nun wird ein Donnerwetter kommen: denn dazu braucht er ſoviel Zeit, wie ein Oſtindienfahrer, der mit den Paſſatwinden ums Vorgebirge faͤhrt, das heißt, allemal ſechs Monate; wenn aber ſo eine Zeit⸗ lang Windſtille bei ihm geweſen iſt, dann koͤnnt ihr ſicher darauf rechnen, daß nun der Orcan in voller Wuth ausbricht.— Wir wollen einmal hoͤren, was der erſte Lieutenant fuͤr die Unterroͤck⸗ chen ſagen kann?“— Die Morgenroͤthe konnte unmoͤglich ſo glaͤn⸗ zen, als Griffith's zarte Wange bei des Kapitains — 186— Zuruf im erſten Augenblicke brannte. Er kaͤmpfte mit dem Verdruß in ſeiner Bruſt. Endlich ant⸗ wortete er mit bitterm Nachdrucke: „Herr Gray wollte, daß wir dieſe Gefan⸗ genen mitnaͤhmen!“ „Herr Gray?“ wiederholte der Kapitain in einem Tone, der ſtoct der vorigen Unzufriedenheit vollkommene Billigung ausſprach.„Nur naͤher, Herr Griffith! haltet gleichen Strich mit uns! Ich will gleich die Treppe in Ordnung bringen laſſen, unſere Gaͤſte zu empfangen!“ Boltrope hoͤrte mit Staunen, wie ſchnell der Kommendant ſeinen Ton umſtimmte. Er ſchuͤttelte mehr als Ein Mal den Kopf, gleich einem Mann, der tiefer als die Nachbarn das Ge⸗ heimniß durchſchauete.— Nur gar zu gern haͤtte er es ergruͤndet. 1 „Hoͤrt, Paſtor,“ ſagte er dann,„ich denke, wenn Ihr einen Kalender in der Fauſt haͤttet, da daͤchtet Ihr, Ihr koͤnntet ſagen, wo morgen der Wind herkommt! Aber hol' mich der und jener, Prieſter, wenn ſich nicht Leute geirrt ha⸗ ben, die beſſer rechnen konnten, wie Ihr! Weil — einem Suͤßwaſſermann— er iſt ein guter See⸗ mann, der Lootſe, das muß ich ihm nachſagen! — kurz, weil's dem Lootſen zu ſagen beliebt: „bringt einmal die Weiber mit hin!“ ſo muß —,j—8 der lan Sc an laut den ——— N ᷣ —MRm—,—— 3 das Schiff mit Weibsbild daß ein Mann nur den halben Tag hinbringen muß, blos Buͤcklinge zu machen.— Nun, denkt daran, was ich Euch ſage, Paſtor, die Narrens⸗ poſſe koſtet dem Congreß eine Jahresloͤhnung, wie ſie ein tuͤchtiger Seemann bekommt, und das blos in Tau und Segelwerk, um Sonnen⸗ ſchirme daraus zu machen, ohne was drauf und drunter gehn wird, um die Segel einzuziehn, daß die Weiberchen nicht erſchrecken, wenn der Wind geht!“. Boltrope ward jetzt kommandirt, den Kut⸗ ter manoͤuvriren zu laſſen, und der Geiſtliche hatte demnach keine Gelegenheit, dem rohen Ge⸗ faͤhrten ſeine abweichende Meinung kund zu thun. Die Liebenswuͤrdigkeit der beiden Maͤdchen hatte naͤmlich nicht verfehlt, den vollkommenſten Ein⸗ druck auf Alle im Kutter zu machen, die nicht gegen das weibliche Geſchlecht ganz unempfind⸗ lich waren. Waͤhrend deſſen hatte ſich die Alacrity mit dem Vordertheil an die Fregatte gelegt. Die lange Reihe von Boͤten, die in der Nacht am Schlepptau gefolgt waren, legte an der Seite an und fuͤllte ſich. Ungezuͤgeltes Jauchzen und lauter Jubel tobten unter den Matroſen, welche den engen Aufenthalt am Bord der Priſe mit ern vollgeſtopft werden, dem gewohnten Fleckchen auf der Fregatte ver⸗ tauſchten. Die Zuͤgel der Mannszucht waren fuͤr einen Augenblick nachgelaſſen. Lautes Lachen hallte von Boot zu Boot wieder, als eines hin⸗ ter dem andern hinruderte. Rohe Scherze, grobe Spaͤße und derbe Fluͤche wanderten von Mund zu Mund. Doch allmaͤhlig legte ſich der Laͤrm. Der Oberſt Howard und ſeine Muͤndel wurden minder eilig und mit gehoͤrigem Anſtande uͤber⸗ geſetzt. Kapitain Munſon hatte eine geheime Unter⸗ redung mit dem Lootſen und Griffith. Er em⸗ pfing die unerwarteten Gaͤſte mit edler Gaſt⸗ freundſchaft, und offen ausgeſprochener Artigkeit. Zuvorkommend raͤumte er ihnen zwei kleine Ka⸗ juͤten ein, und bat ſie, mit ihm ſelbſt die Be⸗ quemlichkeit der großen in jeder Art zu theilen. ] ——. — 55˙ 22 & —y IX. Ganz wuͤthend dringt er in die Feinde, Treibt ihren Angriff bald zuruͤck. Doch blutend finden ihn die Freunde, Und bald verlaͤßt ihn falſch das Gluͤck! Spaniſches Lied. Wir koͤnnen unſere Erzaͤhlung nicht mit der Schilderung des Staunens aufhalten, welches die gluͤcklichen Matroſen, die mit Ruhm bedeckt von ihrer Expedition zuruͤckgekehrt waren, bei ihren an Bord gebliebenen Kameraden rege mach⸗ ten. Faſt eine Stunde war ſelbſt in den ent⸗ fernteſten tiefern Theilen des Schiffes allgemeiner Laͤrm. Geduldig ließen die Offiziere dem lauten Jubel freien Lauf. Doch als das Fruͤhſtuͤck vor⸗ bei war, wurde der ungezuͤgelten Freude ein Ende gemacht. Die gewoͤhnliche Wache zog auf. Der groͤßere Theil derer, die nicht im Dienſte noͤthig waren, benutzte die Gelegenheit, den Schlaf, deſſen ſie in der vorigen Nacht entbehrt hatten, nachzuholen. Doch wurde noch keine Anſtalt getroffen, die Schiffe in Gang zu bringen. Die juͤngern — 190— Offiziere ſahen nur, daß zwiſchen dem Kapitain, dem erſten Lieutnant und dem wunderbaren Loot⸗ ſen, lange und ernſte Berathung Statt fand, die, wie ſie meinten, die fernere Beſtimmung der Fregatte zum Ziel hatte. Der Lootſe ſah manch⸗ mal unruhig nach Oſten hin, und ſpaͤhte ſorglich mit dem Fernrohr. Dann ſchaute er wieder un⸗ geduldig auf den niedrig hinziehenden, dichten Nebel, der laͤngs dem Ozean wie eine Wolken⸗ ſchicht lag und nach Suͤden dem Blicke eine un⸗ durchdringliche Scheidewand entgegenſtellte. Nach Norden, laͤngs der Kuͤſte hin, war der Himmel rein, und auf dem ganzen Meer kein Gegenſtand wahrzunehmen. Aber in Oſten ſah man von Zeit zu Zeit, ſeitdem es Tag ge⸗ worden war, ein kleines weißes Segel. Nach und nach tauchte es auf den Fluthen auf und erſchien als bedeutendes Fahrzeug. Jeder Offizier auf dem Hinterdeck muſterte das ferne Schiff und aͤußerte ſeine Meinung uͤber Beſtimmung und Art deſſelben. Selbſt Katharine, die mit ihrer Baſe die freie Luft einathmete, und ſich an den neuen Schoͤnheiten des Meores ergoͤtzte, nahm das Fernrohr vor die Augen, nach dem Fremd⸗ ling zu ſpaͤhen. „Es iſt ein Kohlenſchiff!“ ſagte Griffith. „Der juͤngſte Sturm hat es vom Lande verſchlagen. —— ame ſen mit nern — 191— Es ſucht nun wieder die Kuͤſte zu Wenn der Wind fuͤdlich bleibt, wenn es nicht in dem Nebel verſchwindet, koͤnnen wir Jagd darauf machen, und ehe es Acht ſchlaͤgt, unſer Brennmaterial ergaͤnzen!“ „Ich glaube, es ſteuert nach Norden, und zwar mit dem Winde!“ bemerkte der Lootſe ſin⸗ nend.„Wenn es dem Dillon gluͤckte, ſeinen Boten weit genug nach der Kuͤſte hinab zu ſen⸗ den; ſo iſt Laͤrm gemacht worden, und wir muͤſ⸗ ſen auf unſerer Hut ſeyn. Die Bedeckung der Oſtſeeflotte iſt in der Nordſee. Nachricht von unſerm Kreuzen kann ſie leicht durch einige Kut⸗ ter erhalten haben, die an der Kuͤſte liegen. wollte, wir koͤnnten winnen!“ gewinnen. die Hoͤhe vom Helder ge⸗ „Dann kommen wir aus unſerm Striche!“ entgegnete der ungeduldige Griffith.„Uebrigens haben wir den Kutter als Wachſchiff. Geht das feindliche Schiff dem Nebel zu, vorausgeſetzt, das es feindlich iſt; ſo kommen wir ihm ſo aus dem Geſicht. Und ſchickt es ſich denn fuͤr eine amerikaniſche Fregatte, vor dem Feinde zu fliehen?“ Der zornige Blick, der im Auge des Loot⸗ ſen funkelte, ging bald voruͤber. Doch ſtand er mit der Antwort an. Er ſchien mit ſeinem in⸗ nern Gefuͤhl zu kaͤmpfen. b Ich — 192— „Wenn die Klugheit, der Vortheil der drei⸗ zehn Staaten es erfodert, muß dieſe ſtolze Fre⸗ gatte dem geringſten ihrer Feinde ausweichen und ſich entfernen!“ rief er endlich.„Mein Rath, Kapitain Munſon, iſt, Ihr ſteckt Segel auf, und haltet nach dem Winde zu, ganz Herrn Griffith's Meinung gemaͤß. Den Kutter laßt vorausſegeln und mehr nach der Kuͤſte hingehn!“ Der betagte Seemann hatte offenbar mit ſeinen Befehlen zuruͤckgehalten, um erſt die An⸗ ſicht des Lootſen zu hoͤren. Jetzt befahl er dem jungen Gefaͤhrten ſogleich, das Noͤthige anzuord⸗ nen, dieſe Maaßregel in Ausfuͤhrung zu bringen. Die Alacrity, unter dem Befehl des juͤngſten Lieutnants, eilte ſchnell dahin. Sie lavirte einige Mal, kam dann in den Nebel, und war außer dem Geſichte. Waͤhrend deſſen wurden allmaͤhlig die Segel losgebunden, ohne daß die ſchlafende Mannſchaft geweckt wurde. Langſam folgte die Fregatte in der Richtung des Kutters, gegen den ſchwachen Wind hinſegelnd. Die Segel waren in Ordnung. Die Ruhe des gewoͤhnlichen Dienſtes folgte dem Geraͤuſch, das beim Aufziehen der erſtern herrſchte. Die entgegen liegende Kuͤſte wurde von der Sonne erhellt. Griffith unterhielt ſich, indem er hoͤrte, wie Cecilie und Katharine ſich vergebliche Muͤhe rei⸗ Fre⸗ und ath, auf, errn laßt n!“ mit An⸗ dem ord⸗ gen. ſten nige ußer hlig ende die den tuhe iſch, Die onne örte, tuͤhe 193 gaben, jeden der Naͤhe der verl zu ſehn glaubten. Poſten, als zweite wieder angetreten. des Hinterdecks auf das Sprachrohr Mandoͤvres zu leit er den Zwang, chen Er ging haltend, en. der ihn zu bleiben noͤthigte.. In dieſem Augenblick wo das leiſe vaſ ic kaum der Wellen unter und ab — Punkt zu bezeichnen, den ſie in aſſenen Abtei von St. Nuth Barnſtable r Lieutnant hatte ſeinen fruͤhern auf der Fregatte, auf der andern Seite „ unter dem Arm den Dienſt bei den Im Stillen verwuͤnſchte fern von ſeinem Maͤd⸗ allgemeiner Ruhe, durch das Geraͤuſch Gewalt an dem blitzte auf einmal im Nebel ei uͤber den ſteigenden und der Donner derſelben dahin. 2 iſt der Kutter!“ wie er d Schuß hoͤrte. „Ganz ge Lieutnant Somers auf tig, ſeine Kanonen zu ve Weiſung erhalten hat.“ Kanonade bemerkte der umſonſt, III. obſchon rochen war, wiß!“ ſagte der Kapitain. rief Griffith, ſo „Der ihm iſt nicht ſo einfaͤl⸗ rnageln, wenn er ſolche„ „ und ſuchte, durchſpaͤhen. N — 194— Verdrießlich, daß ihm dies nicht gelang, ſetzte er hinzu: „Die Kanone war geladen, und wurde, um ſchnell ein Signal zu geben, abgefeuert.— Kann man nichts im Maſtkorbe ſehn, Lieutnant Barnſtable?“ Barnſtable, welcher die Wache hatte, rief den Mann oben an, und fragte, ob etwas in der Richtung mit dem Winde wahrnehmbar ſey. — Die Antwort lautete, der Nebel hindere jede Ausſicht nach dieſem Punkte hin, dagegen ſegle das Schiff im Oſten mit vollem Winde heran. Der Lootſe ſchuͤttelte zweifelnd mit dem Kopfe bei dieſer Meldung, und dachte um ſo we⸗ niger daran, die Richtung nach Suͤden aufzuge⸗ ben. Er beſprach ſich, fern von Allen, mit dem Kommendanten, und waͤhrend Beide noch rede⸗ ten, fiel ein zweiter Schuß. Es war außer Zwei⸗ fel, daß die Alacrity die Aufmerkſamkeit der Fre⸗ gatte rege machen wollte. „Vielleicht,“ bemerkte Griffith,„will ſie uns ſagen, wo ſie iſt, oder wiſſen, wo wir ſind. Wir ſtecken, denkt ſie, im Nebel, wie ſie ſelbſt.“ „Wir haben ja unſern Compaß!“ erwie⸗ derte der Kapitain hſ.„Lieutnant So⸗ mers weiß, was er ſagt!“ „Sieh' einmal!“ rief Katharine mit kind⸗ ,— — 195— licher Freude,„liebe Cecilie; Barnſtable, ſieh ein⸗ mal, wie herrlich dort uͤber dem Nebel dieſe Dunſtmaſſe guirlandenfoͤrmig in die Hoͤhe ſteigt! Sie reicht faſt bis in den Himmel, wie eine ſtolze Pyramide!“ Barnſtable ſprang fluͤchtig auf eine Kanone. „Pyramiden von Nebel und guirlandenfoͤr⸗ miges Gewoͤlke!“ rief er wiederholend.„Beim Himmel! das iſt ein ſchmuckes Schiff. Alle Segel ſind aufgezogen! Eine halbe Stunde von uns ſteuert es wie ein Wettrenner mit vollem Winde gegen uns herauf! Nun wiſſen wir, was Somers im Nebel zu ſagen hatte!“ „Ach,“ ſchrie Griffith,„da kommt die Ala⸗ crity aus dem Nebel heraus und haͤlt nach dem Lande hin!“ „Das iſt ein großes Gebaͤude unter der großen Maſſe von Segeln!“ ſagte der Lootſe beobachtend, aber ruhig.„Jetzt wird es Zeit, Ihr Herren, den Wind zu gewinnen!“ „Was? Bevor wir wiſſen, wer uns jagt?“ entgegnete Griffith.„Mein Leben ſetz' ich ein, Koͤnig Georg hat kein Schiff, das nicht des Spaßes uͤberdruͤſſig wuͤrde, bevor es ſeine Par⸗ thie à la Boule mit uns geendigt hat!“ Der ſtolze Blick des jungen Mannes ward durch den Ernſt in Schranken gehalten, der ſich N 2 — — 196— im Auge des Lootſen zeigte. Griffith ſchwieg ploͤtzlich. Innerlich aͤrgerte er rrſich voll ungedul⸗ digen Stolzes. „Das Auge, welches dieſe Segelmaſſe im Nebel entdeckte, haͤtte auch uͤber der letztern die Vizeadmiralsflagge ſehn koͤnnen!“ ſagte der be⸗ ſonnene Lootſe.„England begehe Fehler, wie es wolle; doch denkt es zu edel, einem Flaggen⸗ offizier in der Zeit des Krieges das Kommando einer Fregatte, oder einem Kapitain das einer Flotte anzuvertrauen. Es kennt den Werth derer, die zu ſeinem Beſten ihr Blut verſpruͤtzen, und darum wird ihm treu gedient. Glaubt mir, Kapitain Munſon, unter dieſem Zeichen des Ranges, mit dieſen breiten Segeln, haben wir nichts weniger, als ein Schiff von der Linie vor uns!“ „Wir werden's ſehn! Wir werden's ſehn!“ antwortete der alte Kapitain ganz turzß den ſo wie die Gefahr groͤßer wurde, nahm auch ſeine Entſchloſſenheit zu.— „Laßt Laͤrm ſchlagen, Herr Griffith! An dieſer Kuͤſte ſind uͤberall nur Feinde zu er⸗ warten!“ Kaum war der Befehl gegeben, als Grif⸗ ſith kaltbluͤtiger bemerkte: Wenn⸗ Herr Grah Recht hat, muͤſſen wir — 197— 4 ja Gott danken, daß wir ſo fluͤchtigen Kiel haben!“„ 7 Das Geſchrei: nein feindliches Schiff nicht weit von der Fregatte!“ war bereits durch jede Luͤcke gedrungen, und beim erſten Trommel⸗ ſchlage kam Alles in Aufruhr. Die Matroſen ſprangen aus ihren Hangematten, und banden ſie lang und feſt zuſammen. Raſch ging es da⸗ mit) auf's Verdeck hin, wo ſie mit gewandter Hand unten in's Takelwerk gelegt wurden, um den Bord des Schiffes leichter vertheidigen zu koͤnnen. Waͤhrend des unruhigen Auftritts gab Griffith Merry einen geheimen Befehl. Er ver⸗ ſchwand, um ſeine zitternden Baſen in dem in⸗ nerſten Naume des Schiffes in Sicherheit zu bringen. li s. S. e Die Kanonen wurden in den gehoͤrigen Stand geſetzt, 82 gerichtet, die Verſchlaͤge ſan⸗ ken nieder;, aus der Kajuͤte wurden die Moͤ⸗ beln herausgeſchafft; das große Verdeck zeigte eine ununterbrochene Reihe von Kanonen, die vollkommen zu iner Schiffsbatterie geordnet war, und jed ugenblick losdonnern konnte. Gewehrkiſten ſtanden offen da.„Piken, Saͤbel, Piſtolen, und alle verſchiedenen Waffen zun En⸗ kern ſchichtete man auf dem Verdecke.— Kurz, . jede Vorbereitung war ſo ſchnell und gewandt „ — 198— getroffen. daß ſie ans Wundervolle graͤnzte, da Alles den Schein der Unordnng und Verwirrung an ſich trug, und das Schiff waͤhrend dieſer Maßre⸗ geln ein anderes Babel zu ſeyn ſchien. In wenig Augenblicken war jedes Ding vollendet, und ſelbſt die Stimmen verhallten, die man bis jetzt, als ſie auf ihren Poſten von den Offizieren beim Apell verleſen wurden, ihre Namen beantworten hoͤrte. Allmaͤhlig ward es auf dem Schiffe ſtill, wie im Grabe, und ſelbſt wenn Griffith oder ſein Kapitain etwas zu ſprechen hatte, geſchah es in ruhigem, milderem Tone, als gewoͤhnlich. Der Lauf des Schiffes war in einer ſchiefen Linie abgeaͤndert, ſo daß es ſich nicht mehr dem Feinde naͤherte, obſchon jeder Schein der Flucht bis zum letzen Augenblick vermieden war. Als aber nichts mehr uͤbrig blieb, betrachtete jeder das ungeheure Gebaͤu mit de ſhwrleren Se⸗ geln, die ſich gleich Wolken uͤber Wolken thuͤrm⸗ ten, und aus dem Nebel heraustraten, und wie ein Gebild deſſelben ſchnell nach Norden hinzo⸗ gen. Die dicken, grauen Duͤnſte, die noch auf dem Waſſer lagen, wurden a großen Maſ⸗ ſen verjagt. Die langen Raaen, welche vom Boogſpriet hinliefen, traten aus der Dunkelheit heraus, und ſchnell folgte ihnen der ganze große Koloß, wovon dies Alles ntedeitendes Ne⸗ — 2 4 ͤßſ——,, — 199— bending war. Einen Augenblick hefteten ſich noch gleichſam kaͤmpfend manchen Wolken an das ſchwimmende Gebaͤude. Aber der ſchnelle Lauf deſſelben ſchuͤttelte ſie bald„ und das Rieſen⸗ gebaͤude war nun dem Auge voͤllig Preis ge⸗ geben. 1 „Eine, zwei, drei Reihen Zaͤhne!“ ſagte Bol⸗ trope, und zaͤhlte bedaͤchtig die drei Kanonenreihen die an beiden Seiten herausguckten.„Ein Drei⸗ decker! Vor dem Burſchen riſſ' ein Anderer aus, und ſelbſt der blutgierige Schotte*) wuͤrde das Weite hen 14*. „Ganz mit dem Winde, Hochbootsmann!“ ſchrie Kapitain Munſon.„Hier iſt keine Zeit zum Beſinnen. Ein ſolcher Feind, und kaum eine Viertelſtunde auseinander! Laßt alle Haͤnde angreifen, Herr Griffith! Alle Segel, vom groͤßten bis 4 nni aufgeſetzt! Friſch und munter! Mit vollem Winde! Greiſt an! Daß Euch der Teufel!“ Das ungewoͤhnliche Feuer des alten Kapi⸗ tains wirkte bei der ſtaunenden Mannſchaft, wie eine Stimme der Tiefe des Meeres. Sie wartete nicht f. das gewoͤhnliche Signal des 4 *) Paul Jones. Daß er an Bord iſt, weiß der ehr⸗ liche Boltrope nicht. D. Ueb. 84* * — 200— Bootsmannes oder Tambours, bevor ſie von ih⸗ ren Kanonen eilte, und in gedraͤngten Haufen die Leitern hinauf kletterte, alle Segel aufzu⸗ binden. Ein Augenblick der aͤngſtlichſten Unruhe ſchien jetzt gekommen. Das damit nicht bekannte Auge wuͤrde die Zerſtoͤrung des Schiffes daraus geſchloſſen haben. Jede Hand, jede Zunge ſchien in Bewegung. Allein es endete damit, daß eine unendliche Men ge von kleinen Segeln laͤngs der ganzen Hoͤhe der Maſten herabſank, und weit uͤber den Bord des Schiffes hinaus auf beiden Seiten die Fluthen beſchattete. Ein Moment der Unthaͤtigkeit folgte. Der Wind, welcher den Dreidecker herbeigefuͤhrt hatte, griff auch friſcher in die Segel der Fregatte ein. Sie ſchoß vor dem gefaͤhrlichen Feinde mit einer Geſchwindig⸗ keit hin, die den Vortheil des Schnellerſegelns offenbar darthat. 4 8. 6 „Der Rebel ſteigt!“ ſchrie Griffith.„Wenn 1 wir eine Stunde den Wind haben, ſind wir aus dem Bereich ihrer feindlichen Kanonen. „Die Neunziger*) tragem weit!“ entgeg⸗ nete der Kapitain ganz leiſe, daß es nur der erſte Lieutnant und der Lootſe vernahm.„Wir werden wohl zu thun bekommen!“ *) Schiff mit 90 Kanonen. d. Ueb. 4 4 4 Der Fremde muſterte mit ſchnellem Ueber⸗ blicke die Manoeuvres des Feindes. „Er merkt es bereits,“ ſagte der Lootſe, „daß wir uns fortmachen, und wenn wir einer vollen Lage entgehn, wollen wir uns luͤcklich preiſen. Laßt die Fregatte ein Wenig wechſeln, und das Steuerruder Seitenlage geben. Wenn wir volle Ladung bekommen, ſind wir verloren.“ Der Kapitain ſprang auf den Bord, kraͤf⸗ tig, wie ein Juͤngling, und im Augenblick ſah er ein, der Fremdling habe recht. tt Beide Schiffe ſchoſſen einige Minuten lang hin, und beobachteten kuͤhn die gegenſeitigen Be⸗ wegungen, wie zwei gewandte Kaͤmpfer. Der Englaͤnder bog manchmal ein Wenig aus dem Striche. Kaum aber errieth die Fregatte ſeine Bewegungen, ſo nahm er wieder die entgegen⸗ geſetzte, bis endlich eine entſcheidende Wendung den Amerikanern deutlich ſagte, von welcher Seite her der Streich treffen ſollte. Kapitain Munſon machte mit dem Arme eine weigende, aber ſprechende Bewegung, gleichſam, als ſey der Augenblick zu entſcheidend, um zu nwelgen r wachſame Griffith erſah daraus, welchen leg er die Fregatte nehmen laſſen ſollte, um die drohende Gefahr etwas zu mindern. Doch beide Schiffe flogen pfeilſchnell * *— 202— aus dem Winde Landeinwaͤrts hin, und als die ſchwarze Seitenwand des Dreideckers gegenuͤber lag, ſpie er aus ſeinen Schluͤnden eine Fluth von Feuer und Rauch unter donnerndem Kra⸗ chen, als verſpotte er das dumpfe Brauſen des ſchlafenden Ozeans. Die Nerven der tapferſten Maͤnner auf der Fregatte fuhren zuſammen, als der Donner ſo bruͤllte. Jedes Auge ſchien mit ſtummen Staunen den Lauf der ſchnellen Zer⸗ ſtoͤrungsmittel erſpaͤhen zu wollen. Doch mitten im Aufruhre ward die Stimme des Kapitain Munſon gehoͤrt. Er winkte zugleich mit dem Hute in der naͤmlichen Richtung: „Gewendet! Gewendet! Geſchwind, Herr Griffith, an's Steuerruder!“ GSriffith hatte dieſe Bewegung ſchon ſo weit voraus geſehn, daß er bereits das Vordertheil des Schiffes in die fruͤhere Linie gebracht hatte. Da verſtummten abgebrochen die letzten Worte ſeines Kommendanten. Er ſah in die Hoͤhe. Der ehrwuͤrdige Scemann flog in der Luft hin. Noch immer ſchwenkte er den Hut. Sein graues Haar flarterte im Winde. Dazſg Auge brach vom Tode ergriffen. „Großer Gott!“ rief der jnnge Mann ans, und ſprang nach der Seite des Schiffes hin, wo er gerade noch den lebloſen Leichnam in 8 — 203— 8 den Fluthen, welche ſein Blut faͤrbte, verſchwin⸗ den ſah.„Eine Kugel hat ihn getroffen! Setzt ein Boot aus! Die Barke, den Tiger hinab!“ „Es waͤr' umſonſt!“ unterbrach ihn der Lootſe ruhig.„Er hat den Tod des Kriegers gefunden, und ſchlaͤft im Grabe eines Seemanns. Das Schiff geht ſchon wieder mit dem Winde, und der Feind bleibt zuruck!“ Der junge Lieutnant ward durch dieſe Be⸗ merkung zu ſeiner Pflicht zuruͤckgebracht. Mit Schmerzen wandte er das Auge von der blutigen Spur des dunkeln Gewaͤſſers weg. Schon hatte die ſchnelle Fregatte ſie durchſchnitten. Er uͤber⸗ nahm mit erzwungener Faſſung das Kommando derſelben aufs Neaue. 2 „Der Feind hat uns ein Bischen Takelwerk zerſchoſſen!“ rapportirte der Segelmeiſter, deſſen Auge immer jede Sparre, jedes Tau verfolgt hatte,„und da iſt auch ein Splitter vom großen Maſte. Er iſt dick genug zu einem Splitzholm*). Hier in den Segeln, da ſcheint ein bischen Licht durch. Aber im Ganzen genommen iſt der Brodel daruͤber hingegangen und hat nicht viel Schaden gethan. Ich hoͤrte, daͤcht' ich, der *) Ein Werkzeug, zwei Tauwerke zuſammen zu flechten. D. Ueb. . kommen?“ 4 4„Er iſt erſchoſſen!“ erwiederte Griffith, und ſein Ton war Wiederhall des erſchuͤtterten Her⸗ zens.„Er iſt erſchoſſen uͤber Bord geſchleudert worden! Um ſo mehr duͤrfen wir uns bei dieſer ſchrecklichen Lage nicht vergeſſen.“ „Todt?“ wiederholte Boltrope, und ſeine Kinnladen, welche tuͤchtig Tabak kauten, hielten mit der Arbeit inne.„Todt, und in einer naſſen * Jacke begraben! Nun, es iſt nur ein Gluͤck, daß es nicht noch ſchlimmer gekommen iſt. Ich dachte ja, hohl mich der und jener, jede Nippe vom Schiff waͤr' auseinander getrennt!“ Mit dieſen troͤſtenden Bemerkungen ging der Sagelmeiſter langſam hin, und gab fortwaͤhrend ſeine Befehle, den Schaden auszubeſſern, mit al⸗ ler der Kaltbluͤtigkeit, die ihn, ſo unvollkommener Freund er dadurch war, doch unſchäͤßzbar auf ſei⸗ nem Poſten machte. Nooch hatte Griffith nicht wieder die Ruhe erlangen koͤnnen, die ihm weſentlich zur Erfuͤllung ſo ploͤtzlich, ſo ſchrecklich zugefallener Pflichten nothwendig war, als der Lootſe leiſe ſeinen Ellbo⸗ gen beruͤhrte, und ihn bei Seite zog. „Der Feind,“ ſagte er ihm ins Ohr,„ſcheint ſich mit dem Verſuche zu begnuͤgen, und da wir 2 Kapitain Munſon haͤtte eine Schramme be⸗ — 205— br⸗ 3 ſchneller ſegeln; ſo hat er als guter Seemann, 4. keine Urſache die Lage zu wiederholen.“ „Allein da wir ihm ſo ſchnell aus den Au⸗ gen kommen,“ bemerkte Griffith, muß er doch 18 ſehen, daß alle ſeine Hoffnung nur auf Vernich⸗ 3 tung unſers Takelwerks beruht? Ich fuͤrchte, er ſer wird wieder im Augenblick mit dem Winde da — ſeyn, und uns eine Seitenladung geben. Wir nie muͤſſen eine Viertelſtunde haben, um aus der 4 len*— Schußweite zu kommen, und wenn er ſelbſt vor 4 ſen Anker laͤge!“ 9* aß„Er ſpielt ein ſicheres Spiel. Seht Ihr h mcht das Schif, welches wir in Oſte anſichtig en wurden? Es iſt eine Fregatte. Ohne Zweifel 1 gehoͤren ſie zu einem Geſchwader, zu dem, das man unſertwegen aufgeboten hat. Der engliſche 6 id Admiral hat zuerſt Jagd gemacht, und da er nun hinter uns bleibt, ſieht er, daß ſein Plan gelun⸗ gen iſt.“ Griffith's Kopf war zu ſehr mit dem nach⸗ 4 jagenden Dreidecker beſchaͤftigt geweſen, um auf he den Ozean hinaus zu ſchauen. Allein durch des ng Lootſen Angabe, der ſo kaltbluͤtig wie ein Mann en ſprach, welcher die ſich naͤhernde Gefahr kennt, 59 aufgeregt, nahm er das Glas von ihm, und pruͤfte mitt eignen Augen die verſchiedenen Schiffe, die auf dem Meere ſichtbar waren. Es war deutlich, daß der erfahrne Offizier, deſſen Flagge uͤber den kleinen Ober⸗Segeln des Dreideckers wehte, die gefaͤhrliche Lage der von ihm gejagten Fregatte ſehen und alſo in der Art urtheilen muͤßte, wie der Lootſe meinte: ſonſt wuͤrde das geſaͤhrliche Experiment, welches Griffith fuͤrchtete, wieder⸗ hohlt worden ſeyn. Die Klugheit aber ſagte ihm, daß er ſeinem Feinde den Ruͤckzug abſchneiden, und ſich ſo dicht hinter ihm drein zu halten ſu⸗ chen muͤſſe, als moͤglich, um ihn den Weg zwi⸗ ſchen ſeinem Schiffe und der naͤchſten Fregatte von ſeinem Geſchwader zu verwehren, weil er dann die offene See haͤtte gewinnen koͤnnen. Der mit ſolchen Verhaͤltniſſen nicht vertraute Leſer wird das Ganze beſſer verſtehen, wenn er dem forſchenden Blick Griffith's folgt, wie dieſer von Punkt zu Punkt laͤngs dem ganzen Hori⸗ zonte hinſchweift. Nach Abend lag die Kuͤſte. Laͤngs ihr ſegelte die Alacrity, ſorglich bemuͤht mit der Fregatte gleichen Strich zu halten, und die gefaͤhrliche Naͤhe des gewaltigen Feind es zu meiden. Nach Oſten vom Steuerbord der ame⸗ rikaniſchen Fregatte war das zuerſt geſehene Schiff, aber jetzt erſt ſich als feindlic auswies, nden zu mit aller Eile heraufſ Nordoſt dagegen ſah man ein wahrnehmbares, nur konnten eine Bewe⸗ — 207— gungen bei einem, der den Seekrieg kannte, nicht falſch gedeutet werden. „Wir ſind wirklich abgeſchnitten!“ ſagte Grif⸗ fith, und that das Glas weg.„Ich weiß nicht, ob es nicht das Beſte waͤre, nach der Kuͤſte hin zu halten, und auf's Gerathewohl neben der Flanke des Flaggenſchiffes vorbei zu gehn?“ „Es iſt die Frage, ob uns ein Lappen vom ganzen Segelwerk bliebe!“ erwiederte der Lootſe. —„Das iſt eine thoͤrichte Hoffnung! In zehn Minuten waͤr' unſer Schiff bis auf die Plan⸗ ken entkleidet. Waͤren wir nicht ſo gluͤcklich geweſen, die meiſten feindlichen Kugeln uͤber uns weggehn zu ſehn; ſo duͤrften wir ſchon jetzt nicht ſagen, daß uns nach der erſten Lage etwas uͤbrig geblieben waͤre. Wir muͤſſen fort, und dem Dreidecker ſo weit ausweichen, als moͤllich.“ „Aber die Fregatten!“ bemerkte Griffith. „Was thun wir mit den Fregatten?“ W „Wir greifen ſie an!“ verſetzte der Lootſe „ 9 5 entſchloſſen, aber leiſe.„Wir greifen ſie an! Junger Mann, ich habe Amerika's dreizehn Sterne im heftigen Kampfe, und immer mit Ehren aufgepflanzt! Furchtet nicht, daß mich jetzt mein Gluͤck verlaſſen wird!“ „Es wird einen verzweifelten Kampf geben!“ „Darauf muͤſſen wir gefaßt ſeyn! Doch ich habe manchen blutigen Tag durchlebt. Ihr ſeht einen Mann, der nicht vor dem Feinde zittert!“ „Laßt mich Euern Namen den Leuten nen⸗ nen! Er wird ihr Blut raſcher umtreiben und in dieſem Augenblick neue Huͤlfe gewaͤhren!“ „Dies iſt unnoͤthig!“ entgegnete der Lootſe, Griffith's Feuereifer durch eine Geberde beſchwich⸗ tigend.„Ich will nicht bemerkt ſeyn, bis ich mich zeige, wie ſich's fuͤr mich gehoͤrt! Eure Gefahren theile ich. Den Anſpruch auf den Ruhm will ich Euch nicht rauben!“—„Kommen wir zum Handgemenge;“ fuhr er laͤchelnd fort, und es ſchien, als lagere ſich das Bewußtſein des Stolzes auf ſeinen Zuͤgen,„ſo will ich mei⸗ nen Namen zum Kriegsgeſchrei geben, und glaubt mir, dieſe Englaͤnder werden vor ihm zittern!“ Griffith fuͤgte ſich in des Fremden Willen. Beide berathſchlagten uͤber die noch noͤthigen Be⸗ wegungen. Dann ſah der Erſtere auf die Lei⸗ tung der Fregatte. Als er den Lootſen verließ, ſtieß er zuerſt auf den Oberſt Howard, der auf dem Hinterkaſtelle mit ſtolzem Blicke und Ent⸗ ſchloſſenheit auf⸗ und abging, als genoͤſſe er ſchon den Sieg, welcher ihm ganz gewiß ſchien. „Ich fuͤrchte,“ redete ihn Griffith ehrerbie⸗ tig an,„Ihr werdet das Verdeck bald gefaͤhrlich und bedenklich ſinden. Eure Muͤndel ſind—“ — 209— „Kein ſolches, mich entehrendes unterbrach ihn Howard.„Kann es fuͤr mich als die Luft einzuath⸗ men, welche von jenem Bilde der Loyalitaͤt Ihr kennt den alten Georg Ho⸗ ward noch zu wenig, junger Mann, wenn Ihr meint, daß er fuͤr Tauſende den Anblick der Flagge entbehren moͤchte, welche jetzt, ein Zeichen der Rebellion, vor der Sr. Majeſtaͤt geſtrichen werden muß!“ „Wenn das Euer W Griffith, und biß ſich in Matroſen erſtaunend in „ſo werdet Ihr lange warten koͤnnen!— Doch mein Wort darauf! falls der Augenblick kommen ſollte; ſo werde ich es Euch melden, und Eure Hand ſelbſt ſoll die unwuͤrdige That vollbringen 457 „Eduard Griffith! Warum thuſt Du es nicht gleich jetzt? Dies iſt der Augenblick der Reue! Unterwirf Dich d unſch iſt;“ entgegnete die Lippen, indeſſen die Menge herumſtanden; en Sohn vom Freunde Harry nicht vergeſſen! Glaube mir, die Miniſter kennen meinen Namen!— Und Ihr, irregeleitete, unwiſſende Werkzeuge der Rebellion! Werft die Waffen weg, die Euch nichts nuͤtzen, oder bereitet Euch, die Nache je⸗ III. Wort!“ —— nes maͤchtigen und ſiegreichen Dieners von Eurem Koͤnig zu fuͤhlen!“ „Zuruͤck! Zuruͤck! Ihr Jungens!“ rief Griffith zornig den Matroſen zu, welche den Oberſten mit wuͤthenden Blicken umzingelten. „Wer Hand an ihn legt, wird gleich uͤber Bord geworfen!“ Die Matwroſen wichen auf dieſen Befehl zuruͤck. Der ſtolze Veteran ging noch einige Minuten auf und ab. Dann zogen Dinge von groͤßerer Wichtigkeit die Augen Aller auf ſich. Obſchon das Linienſchiff allmaͤhlig ganz hin⸗ ter den Wogen verſchwand, und nach einer hal⸗ ben Stunde, ſeitdem es die Lage gegeben hatte, vom Verdecke der Fregatte aus nur noch eine Reihe ſeiner Stuͤckpforten zu ſehn war, immer machte es doch jeden Ruͤckzug nach Suͤden hin unmoͤg⸗ lich. Auf der andern Seite kam das zuerſt ge⸗ ſehene Schiff ſo nahe herbei, daß nun kein Fern⸗ rohr mehr noͤthig war, um jedes ſeiner Manoͤu⸗ vres zu beurtheilen. Es wies ſich als eine Fre⸗ gatte aus, die indeſſen kleiner als die ame⸗ rikaniſche, und deren Eroberung ſehr leicht war, wenn nicht die beiden andern Schiffe eebenfalls geeilt haͤtten, auf dem Kampfplatz ein⸗ zutreffen. Waͤhrend der Jagd, welche die Fregatte —+— arem rief den elten. Bord efehl inige von 5. hin⸗ hal⸗ zatte, Reihe achte moͤg⸗ ſt ge⸗ Fern⸗ moͤu⸗ Fre⸗ ame⸗ leicht chiffe ein⸗ egatte — 241— aushielt, war ſie der St. Ruth gegenuͤber lie⸗ genden Landſpitze oder Klippenreihe nahe gekom⸗ men, wo unſere Erzaͤhlung begann. Kaum traf ſie auf dieſem Punkte ein, als das kleinſte der engliſchen Schiffe ſo dicht heran war, daß der Kampf unvermeidlich blieb. Griffith und ſeine Mannſchaft waren in der Zwiſchenzeit nicht muͤßig geweſen. Sie hatten alle gewoͤhnlichen Vorbe⸗ reitungen zum Streite in gehoͤriger Art getroffen. Die Troimmel rief jeden auf ſeinen Poſten. Mit Umſicht war jedes unnoͤthige Segel einge⸗ zogen, wie ein Kaͤmpfer, der in den Kreis tre⸗ ten will, die Laſt der Kleider von ſich wirft. Im naͤmlichen Augenblick, wo die Fregatte ſich bereit zeigte, auf die Flucht zu verzichten, und es auf den Ausgang des Streites ankommen zu laſſen ſchien, zog auch der Englaͤnder die leichten Segel ein, zum Zeichen, daß er die Ausforde⸗ rung annahm. 8 „Das Ding ſieht nur aus, wie eine Fre⸗ gatte!“ ſagte Griffith zum Lootſen, der, auf den Elbogen geſtuͤtzt, gleich einem Vater theilnehmend ſein Benehmen beobachtete.„Aber der Burſche zeigt Courage!“ „Wir muͤſſen ihn mit Einem Schlage nie⸗ derwerfen. Nicht ein Schuß muß fallen, bis 1 2 inſere Raaen mit den ſeinigen zuſammenklap⸗ pern!“ entgegnete der Lootſe. „Ich ſehe, er richtet ſchon ſeine Zwoͤlfpfuͤn⸗ der. Jeden Augenblick koͤnnen wir auf eine Lage gefaßt ſeyn!“ „Wer das Feuer von einem Dreidecker mit neunzig Kanonen ausgehalten hat,“ bemerkte der Lootſe gelaſſen,„wird ſich nicht vor der Seiten⸗ lage eines Zweiunddreißigers fuͤrchten!“ „Jeder an die Kanonen!“ donnerte Grif⸗ fith durch's Sprachrohr zu.„Nicht ein Schuß faͤllt ohne Ordre!“ Kaum war dieſer Befehl, der, um die Un⸗ geduld der Mannſchaft zu zuͤgeln, wirklich noth⸗ wendig wurde, gegeben; als der Feind in einer Wolke von Feuer und Rauch verſchwand, indem bei ihm Schuß auf Schuß ſeine Eiſenmaſſen in ſchneller Folge zuſchleuderte. Zehn Minuten ver⸗ ſtrichen ſo. Mit jedem Knoten vorwaͤrts trafen beide Schiffe dichter auf einander, und Griffith mußte ſeine Mannſchaft nur immer aufmuntern, das Feuer ihres Gegners zu dulden, ohne einen Schuß zu erwiedern. Die kurze Zeit ſchien der Beſatzung eine Ewigkeit, und ward von einem. tiefen Stillſchweigen bezeichnet. Selbſt Verwun⸗ dete und Sterbende, deren es auf allen Punkten gab, unterdruͤckten ihre Seufzer, weil es der —,— te — 2413,— ſtrenge Zwang des Dienſtes verlangte, der jeden Mann, jede Bewegung des Schiffes beherrſchte. Alle Offiziere, die zu ſprechen hatten, thaten es mit leiſer Stimme, und mit ſo wenig Worten, als moͤglich. Endlich kam die Fregatte in die Rauchwolken, die den Feind verhuͤllten, und Grif⸗ fith hoͤrte den Fremden, der ihm nahe ſtand, zuraunen: „Jeßt „Feuer!“ hallte nun des Lieutnants Sprach⸗ rohr, welches in den fernſten Theilen des Schif⸗ fes gehoͤrt wurde. Und ein Geſchrei ertoͤnte von der Mann⸗ ſchaft, daß es die Verdecke der Fregatte zu heben, und dieſe erſchrocken wie Espenlaub zu zittern ſchien, als nun alle ihre ſchweren Geſchuͤtze zu⸗ ruͤckprallten. Eine einzige Flamme ſchienen dieſe auszuſpeien. Die Kanoniere hatten in ihrer Ungeduld die gewoͤhnliche Art des Feuerns ver⸗ geſſen. Die Wirkung, welche aber dieſe Lage auf dem Feinde hatte, war noch graͤßlicher. Ein todtenaͤhnliches Schweigen folgte dem furchtbaren Kanonendonner, und nur das Geſchrei, das Fluchen toͤnte gleich dem Bruͤllen der Verdamm⸗ ten dazwiſchen. Waͤhrend der wenigen Augenblicke, wo die Amerikaner wieder ladeten, und die Englaͤnder von ihrer Beſtuͤrzung zuruͤckkamen, ging lang⸗ ſam die Fregatte neben ihrem Feinde hin, und war eben im Begriff, ihn zu umſegeln, als der letztere ploͤtzlich, und in Betracht der Ungleich⸗ heit von den beiderſeitigen Kraͤften in wahrer Werzweiflung, gerade auf die Fregatte losſteuerte. Beide Schiffe hingen aneinander. Der unver⸗ muthete und wuͤthende Angriff der Englaͤnder, als die Kuͤhnen uͤber den Boogſpriet und vom Werdeck heranſtuͤrzten, haͤtte Griffith bald außer Faſſung gebracht. Aber Manuel that hier herr⸗ liche Dienſte. Er ließ erſt eine Lage mit dem Geſchuͤtz geben, und dann durch ſeine Leute auf die Angreifenden ein anhaltendes Pelotonfeuer machen; ſelbſt der beſor e Lootſe ließ nun jeden andern Feind außer Acht, als die groͤßte Gefahr vorhanden war, und wechſelte mit Griffith einen freundlichen Blick, wie ſie beide mabenazänen, die Sache gehe gut. „Kettet ihre Boogſpriet an unſern Be⸗ ſaansmaſt!“ rief der Lieutnant.„Wir wollen ihr Verdeck abkehren mit Allem, was darauf iſt!“ 4 Zwanzig Matroſen ſprangen hin, den Be⸗ fehl auszufuͤhren*), und Boltrope nebſt dem Fremden, waren die Erſten darunter. *) Die ganze Begebenheit iſt in der That zur Haͤlfte hiſtoriſch begruͤndet. Sie ſiel 1779 an Englands — „— — ——„ 1 88 2 — — — 215— „Jetzt iſt ſie unſer!“ ſchrie der geſchaͤf⸗ tige Segelmeiſter.„Wir wollen nun thun, als haͤtten wir ſie ausgeruͤſtet, und Alles in Stuͤcke hacken! So wahr Gott—“ „Ruhig! Unbeſonnener!“ ſagte der Lootſe mit feierlichem Ernſte zu ihm.„Der naͤchſte Augenblick kann Dich vor Gott rufen, und dar⸗ um treibe keinen Frevel mit ſeinem furchtbaren Namen!“ 3 Der Segelmeiſter hatte, ehe er von den Raaen auf's Verdeck ſprang, doch noch Zeit, einen Blick des Staunens auf den Lootſen zu werfen. Dieſer ſtand beſonnen da. Aber das Feuer des Kriegers brannte in ſeinem Auge. Er ſah den Kampf, der um ihn wuͤthete, wie ein Mann an, welcher den Erfolg in ſein Tagebuch ſchrei⸗ ben will. Mit Geſchrei und furchtbaren Drohungen drangen die Englaͤnder heruͤber. Dies Schau⸗ ſpiel machte das Blut des Oberſt Howard warm. Er ſtand an der Seite der Fregatte, und er⸗ munterte ſeine Freunde durch Geberden und Worte, herbeizukommen. 1n 5 Kuͤſte vor. Die engliſche Fregatte ward genom⸗ men; aber die Amerikaniſche ſank wenig Stunden darauf, und Alles mußte an Bord der Priſe, wel⸗ che gluͤcklich in Holland einlik. D. Ueb. 4 — — 216— „Ei Du alter Ungluͤcksvogel, willſt Du fort!“ rief der Segelmeiſter, und ergriff ihn bei dem Kragen.„Willſt Du gleich in den Raum hin⸗ unter, oder ich laſſe Dich vor eine Kanone an⸗ binden!“ „Nieder mit den Waffen, Ihr rebelliſchen Hunde!“ ſchrie der Oberſt, der vom Toben des Kampfes ganz außer ſich war.„Nieder in den Staub! und fleht die Gnade eines erzuͤrnten Koͤ⸗ nigs an!“—— Von dem Feuer des Augenblickes erſtarkt, kaͤmpfte der Alte mit ſeinem kraͤftigen Gegner, dem Hochbootsmann; aber der Ausgang des kleinen Fauſtkampfes war noch nicht entſchieden, als die Englaͤnder von Manuel's Pelotonfeuer zuruͤckge⸗ trieben, von Griffith's wuͤthendem Blicke, der ſeine Matroſen zum Entern anfuͤhrte, einge⸗ ſchuͤchtert, auf das Vorderkaſtell ihres Schiffes zu⸗ ruͤckwichen, und nur die toͤdtlichen Geſchoſſe zu erwiedern ſuchten, die Barnſtable in den Rumpf ihres Schiffes hinein jagte. Sie vermochten nur ein einziges Geſchuͤtz zu richten. Aber es war mit Kartaͤtſchen geladen, und bei dieſer Naͤhe ſchien es die ſpruͤhenden Flammen dem Feinde in's Geſicht zu ſpeien. Der Oberſt fuͤhlte be⸗ reits, daß er dem Arme ſeines Feindes unterlie⸗ gen muͤſſe, als dieſer mit einem Male ſeine —— al —— Gurgel fahren ließ. Beide ſanken kraftlos auf die Knie und— ſahen einander an. 7 „Nun, Bruͤderchen? Wie ſteht's denn nun!“ rief Boltrope mit grimmigem Laͤcheln.„Haſt Du auch ein Saͤckchen ſolch' Mehl in Deine Muͤhle bekommen?“ Ehe noch eine Antwort erfolgte, ſanken beide auf’s Verdeck hin, und blieben hier huͤlflos in dem Gewuͤhl des Kampfes, der wilden Verwir⸗ rung liegen! Waͤhrend ſie Zeugen des wuͤthenden Ge⸗ fechts waren, hatten die Elemente nicht geraſtet. Vom friſchen Winde getrieben, von einer Welle gehoben, fuhr die Fregatte vor dem Englaͤnder hin. Die ſchwachen Banden von Hanf und Ei⸗ ſen, welche beide Schiffe zuſammen feſſelten, riſſen wie Bindfaden, und Griffith ſah in dem⸗ ſelben Augenblicke ſich von ſeinem Feinde ge⸗ trennt, Enls der Boogſpriet des letztern vom Be⸗ ſaansmaſt der Fregatte losriß, und in's Meer ſuͤrzte. Stange auf Stange folgte nach. Vom ganzen ſtolzen Takelwerk blieb nichts, als die wenigen, nutzloſen Naaen am Stumpfe der Untermaſten. Wie aber ſein Schiff ſiegreich aus dem Kreiſe der Verwirrung forteilte, die es angerichtet hatte, als er aus der dicken Rauchwolke heraus war, 4 — 218— in welcher der Gegner huͤlflos liegen blieb, ſah das Auge des jungen Mannes unruhig nach dem Horizont hinaus. Wohl wußte er, daß ihn dort noch neue Feinde erwarteten. „Den Zweinnddreißiger ſind wir gluͤcklich losgeworden!“ ſagte er zum Lootſen, der jede ſeiner Mienen mit Intereſſe beobachtete.„Aber da kommt ein anderer Burſche heran. Er zeigt ſo viel Pforten, als wir ſelbſt haben, und ſcheint zu einem Geſpraͤch ganz in der Naͤhe auſgelegt. Auch ſteigt das Linienſchiff dort unten wieder herauf. Ich fuͤrchte, es iſt da, ehe wir es uns verſehn!“ „Jetzt alle Segel aufgezogen!“ angeaneic der Lootſe.„Um keinen Preis Bord an Bord mit der Fregatte! Wir muͤſſen ein doppeltes Spiel ſpielen. Der neue Feind muß mit Schnel⸗ ligkeit und Kanonen zugleich bekaͤmpft werden!“ „Es wird Zeit, zu thun, was Noth iſt. Schon zieht er die Segel ein, und er kommt ſo dicht heran, daß wir ihn jede Minute reden bd⸗ ren koͤnnen. Was meint Ihr jetzt?“ „Laßt den Feind immer fort einreffen!“ er⸗ wiederte der Lootſe.„Und wenn er glaubt, uns ſicher zu packen; ſo werft ein Hundert Matroſen mit Einem Male auf Eure Segelſtangen, und laßt unten und oben Alles aufſetzen, was Wind — — 219— faſſen kann. Dann bekommen wir, ehe er ſich von der Ueberraſchung erholt, den Vorſprung, und wenn wir ihn einmal im naͤmlichen Strich haben, trage ich keine Sorge, ſie Alle zu taͤuſchen!“ „Eine Jagd im Nuͤcken des Feindes iſt eine lange Jagd!“ rief Griffith zufrieden.„Das Ding kann gehn.“—„Das Verdeck wird rein⸗ gemacht! Die Verwundeten kommen in den Raum! Da alle Haͤnde beſchaͤftigt ſind, werden die armen Burſchen, welche ausgemacht haben, uͤber Bord geworfen!“ kommandirte zugleich ſein Sprachrohr. Die traurige Pflicht war augenblicklich voll⸗ zogen, und der junge Befehlshaber ging nun wie⸗ der an die Erfuͤllung der ſeinigen mit der ernſten Miene eines Mannes, der all' ſeine Verautwort. lichkeit fuͤhlt. Indeſſen Alles, was ihn beſchaͤf⸗ tigte, hinderte ihn doch nicht, Barnſtable's Stimme zu hoͤren. Es ſprach dieſer mit dem jungen Merry. Grifſith beugte ſich nach dem Tone hinab. Er beobachtete, wie ſein Freund aͤngſtlich durch die große Luͤcke herauf ſah. Sein ganzes Geſicht war von Pulver ſchwarz gefaͤrbt; der Rock abgeworfen, das Hemde mit Blut be⸗ ſpruͤtzt.„Sag' mir einmal, Merry,“ rief er ihm leiſe zu,„iſt Griffith unverletzt? Ich hoͤrte, — —*——— — — — ein Schuß habe auf dem Hinterdeck ein halb Dutzend Menſchen weggerafft?“ Ehe noch Merry antworten konnte, begeg⸗ nete aber Barnſtable's Auge, der auch zugleich das Segelwerk ſchnell uͤberblicken wollte, Grif⸗ fith's freundlichem Geſichte, und von dem Augen⸗ blicke an, war die alte Freundſchaft zwiſchen beiden vollkommen hergeſtellt. „Ach, da biſt Du ja, Griffith! Und mit ganzer Haut, wie ich ſehe!“ rief Barnſtable freu⸗ dig.„Den armen Boltrope haben ſie herunter⸗ gebracht.— Wenn der Boogſpriet des Englaͤn⸗ ders nur noch zehn Minuten laͤnger gehalten haͤtte, wie haͤtte ich ihm Geſicht und Augen zeichnen wollen!“ „Es iſt vielleicht am beſten ſo!“ erwiederte Griffith freundlich.„Aber was haſt Du denn mit den Leutchen gemacht, die Du zu beſchuͤtzen haſt? A. Barnſtable machte eine bedeutende Geberde. Er zeigte auf die Tiefe des Schiffes. „Sie ſind im unterſten Schiffsraume,“ ſagte er,„ſo ſicher, als es in Holz, Eiſen und Waſſer ſeyn kann. Aber Katharine— ja, drei Mal hat ſie ihr Koͤpfchen in die Hoͤhe geſteckt!“ Der Lootſe rief Griffith herbei. Die jun⸗ 4 ge! wif gar hun Tre de eine kom wert ner auf ſtang ſo ſa 4 gen Maͤnner mußten, da die Pflicht des Dien⸗ ſtes draͤngte, die Gefuͤhle des Herzens vergeſſen. Das Schiff, dem die Amerikaniſche Fre⸗ gatte jetzt die Spitze bieten ſollte, hatte gleiche Groͤße und Bemannung. Griffith muſterte es noch einmal. Er ſah, daß Alles bereitet war, den Kampf zum Mindeſten mit gleichem Vor⸗ theil zu beginnen.. Es hatte ſeine Segel bereits bis auf die gewoͤhnliche Art vermindert. Der Lieutnant und ſein treuer Gefaͤhrte, der Looſe, ſahen aus ge⸗ wiſſen Bewegungen auf dem feindlichen Verdecke gar wohl, daß man dort nur noch ein Paar hundert Fuß durchſegeln wollte, um dann das Treffen zu eroͤffnen. „Jetzt Alles aufgeſpannt!“ raunte der Frem⸗ de ihm zu. Griffith legte das Sprachrohr an. Mit einer Staͤrke, die ſelbſt zum Feind hinuͤberdrang, kommandirte er: „Laßt alle Segel fallen! Was aufgeſetzt werden kann, ſetzt auf!“. Der begeiſternde Zuruf ward mit allgemei⸗ ner Thaͤtigkeit erwiedert. Funfzig Mann flogen auf die ſchwindlichten Hoͤhen der vielen Segel⸗ ſtangen, waͤhrend die breiten Waͤnde der Segel ſo ſchnell an den Maſten herabſanken, wie ein Vogel ſeine Fittige ausbreitet. Die Englaͤnder ſahen ihren Mißgriff im Augenblick ein, und be⸗ antworteten die Liſt mit einer Salve des ganzen Geſchuͤtzes. Griffith wartete den Erfolg der Lage, ſie unruhig beobachtend, ab. Allein die La⸗ dung rauſchte uͤber ſeinem Haupte dahin, und ſeine Maſten ſah er nicht getroffen; nur einige unbedeutende Sparren waren abgeſchoſſen, und lautes Jauchzen folgte dem Donner nun unmit⸗ telbar. Freilich ſah man einige Matroſen in Todeskampf von Tau zu Tau klettern, wie ver⸗ wundete Voͤgel auf einem Baume herumflattern, bis ſie endlich in den Ozean ſtuͤrzten. Das Schiff ſegelte gefuͤhllos uͤber ſie hin. Im naͤch⸗ ſten Augenblicke aber zeigten Takelwerk und Maſten des Feindes ein aͤhnliches Schauſpiel: denn Griffith's Sprachtrompete rief laut: „Gebt Feuer! Stuͤrzt ſie von ihren Segel⸗ ſtangen herab! Behagelt ſie mit Kartaͤtſchen! macht ihr Verdeck leer!“ Seine Mannſchaft bedurfte nur ein Paar ſolcher Worte, um willig und froͤhlichen Herzens den Verſuch zu machen. Das letzte Wort ver⸗ hallte unter dem betaͤubenden Donner der Kano⸗ nen. Der Lootſe hatte ſich indeſſen doch in der Kuͤhnheit und Gewandtheit des Feindes verrech⸗. net. Trotz den ſchlechten Umſtaͤnden, in welchen — 223— das ganze Segelwerk des Englaͤnders gerathen war, ging der Dienſt auf ſeinem Schiffe immer ordentlich und gewandt von Statten. Beide Schiffe ſchoſſen nnn in gleicher Linie hinter einander fort. Mit wuͤthender Gewandt⸗ heit ſchleuderte eines dem andern Tod und Ver⸗ derben zu. Beide hatten Verluſt und Nachtheil, ohne daß eines oder das andere dadurch die Ober⸗ hand bekommen haͤtte. Griffith und der Lootſe ſahen mit großer Beſorgniß, wie ſehr ihre Hoff⸗ nung getaͤuſcht worden war. Sie konnten es ſich nicht verbergen, daß mit jedem Augenblicke die Fregatte langſamer hinſchoß: denn das feind⸗ liche Feuer nahm aus ſchrecklicher Weite immer mehr Segel weg, oder zerſchmetterte die leichtern Stangen. „Hier finden wir unſern Mann!“ ſagte Griffith zum Lootſen. Der Dreidecker ſteigt wie ein hoher Berg herauf. Wenn noch einige Se⸗ gel hin ſind, haben wir ihn auf dem Halſe!“ „Das iſt wahr!“ entgegnete der Lootſe ſinnend. Der Feind hat Muth und weiß was er thut! Aber—“ Merry unterbrach ihn. Er kam vom Vor⸗ derkaſtell herbeigeſtuͤrzt. Seine ganze Phyſiogno⸗ mie zeigte, wie aͤngſtlich er, wie wichtig ſeine Meldung war! 8 — 224— „Klippen! Klippen!“ rief er, als er nahe genng war, im Laͤrm verſtanden zu werden. „Wir ſind von einer Stroͤmung fortgeriſſen! Zwei hundert Fuß hinaus iſt Alles weißer Schaum!“ Der Lootſe lagerte ſich auf eine Kanone. Er ſuchte durch den dicken Pulverdampf hindurch⸗ zuſpaͤhen. Dann rief er mit dem ſtarken, Allen verſtaͤndlichen Tone, daß es jedem unter dem Donner des Geſchuͤtzes vernehmlich blieb: „Haltet Backbord! Wir ſind im Teufels⸗ kanal!— Gebt mir das Sprachrohr, Griffith!— Steuermann, halt Backbord! Macht Feuer, Jungens! Donnert auf die ſtolzen Hunde Eng⸗ lands!“ Ohne Bedenken warf ihm Griffith das Zeichen ſeiner Wuͤrde zu, und ſah den raſchen, aber doch ruhigen Blick des Lootſen. Das Ver⸗ trauen, das er in jedem ſeiner Zuͤge las, belebte ihm die Bruſt. Die Mannſchaft war mit dem Geſchuͤtze, dem Segelwerk zu ſehr beſchaͤftigt, um eine neue Gefahr zu beachten. Die Fregatte ging in die gefaͤhrlichen Klippen, waͤhrend der Kampf am Hitzigſten tobte. Verwundernd ſahen die wenigen alten Seeleute die Maſſen von Schaum, die vor ihnen herfloſſen, und mußten nicht, ob die wilden Wogen von den Schuͤſſen — 225— des Feindes herruͤhrten, als ploͤtzlich ſtatt des Donners vom Geſchuͤtz, das dumpfe Bruͤllen des brauſenden Elements vernehmbar war, da das Schiff aus den Wolken von Rauch heraustrat, um kuͤhn mitten in dem engen Fahrwaſſer hinzueilen. Zehn Minuten lang, waͤhrend der Lootſe unun⸗ terbrochen gleiche Aufmerkſamkeit zeigte, wagte es faſt kein Menſch, Athem zu holen. Das Schiff jagte zwiſchen Klippen und Schollen, zwiſchen Schaum und ſchwarzem Gewaͤſſer dahin. Dann ſetzte der Fremdling das Rohr an den Mund: „Was uns Verderben drohte,“ rief er,„iſt zu unſerm Heil gediehen! Faßt jenen waldgekroͤn⸗ ten Huͤgel ins Auge; an ſeinem Fuße ſteht ein Kirchthurm. Steuert Oſt⸗ Nord⸗Oſt! Eine Stunde lang muͤſſen wir durch dieſe Klippen hin. Dadurch gewinnen wir fuͤnf Seemeilen Vorſprung, wenn der Feind das Riff umſe⸗ geln will.“ 45 In dem Augenblick, wo er von der Kanone aufſtand, verzichtete er auf den ganzen Herrſcher⸗ ton, der ihn ſo beſonders auszeichnete. Selbſt die warme Theilnahme, die er bei den Ereigniſſen des Tages gezeigt hatte, ging nun in das kalte, zuruͤckhaltende Weſen uͤber, das er. gegen ſeine Umgebungen anzunehmen pflegte. 4 Jeder Offizier eilte, als der peinliche Au⸗ III. P genonit der Ungewißheit voruͤber war, auf ein Plaͤtzchen, wo er den Feind wahrnehmen konnte. Der Dreidecker ſegelte noch kuͤhn herauf. Schon war er bei dem Zweiunddreißiger, der auf der wogenden See wie ein huͤlfloſes Wrack hin⸗ ging, indeſſen die Wellen ſtuͤrmiſch dagegen an⸗ trieben. Die zuletzt bekaͤmpfte Fregatte lief laͤngs des aͤußern Randes der Klippen. Zerſchoſſen flatterten ihre Segel in der Luft. Zerſplittert hingen die Stangen derſelben herab. Alles zeugte von einer Verwirrung, welche die Folge der unvorhergeſehenen falſchen Rechnung war. Das laͤrmende Jauchzen der Matroſen, die ſich freu⸗ dig einander Gluͤck wuͤnſchten, als ſie die Englaͤnder ſo zugerichtet ſahen, ließ indeſſen bald nach, da ſie nun angewieſen wurden, auch ihr Schiff wieder in Stand zu ſetzen. Die Trommel gab das Zeichen, das Verdeck zu raͤumen. Die Kanonen wurden gereinigt, die Ver⸗ wundeten weggeſchaft; was Hand anlegen konnte, mußte das Tatelwerk ausbeſſern und die Mäſted ſichern. In der dazu erforderlichen Stunde war die Fregatte, wie der Lootſe perſprochen hatte, außer aller Gefahr. Das Licht des Tages hatte dieſe ohnehin ſehr vermindert. Die Sonne ſank be⸗ reits. Griffith hatte den ganzen Tag uͤber nicht — 227— das Verdeck verlaſſen. Jede Spur vom Treffen war auf ſeinem Schiffe wieder verſchwunden. Es ſchien bereit, gleich wieder die Spitze zu bieten. In dem naͤmlichen Augenblick wurde er von Sei⸗ ten des Schiffs⸗Kapellans in die Kajuͤte gerufen. Er uͤbergab Barnſtable das Kommando, der waͤh⸗ rend des Kampfes und nach demſelben ſein treuer Gefaͤhrte geweſen war. Schnell warf er Alles ab, was an die blutigen Auftritte erinnern konnte, und eilte der ernſten, wiederholten Aufforderung Genuͤge zu leiſten. XII. Es leuchtet der Sonne Abendſtrahl, Und ruhig iſt's hier, wie uͤberall. Der Thau ſinkt nieder, der Mond ſteigt herauf, und du— wohin nimmſt du den einſamen Lauf! Bruyant. Als der junge Seemann, der jetzt Befehlshaber der Fregatte war, vom Hinterdecke hinabſtieg, um der erhaltenen Aufforderung zu genuͤgen, fand er das Schiff ſo reinlich, als ob gar nichts vor⸗ gefallen waͤre, was den gewoͤhnlichen Gang der Dinge geſtoͤrt haͤtte. Von den blutigen Spuren war jedes Verdeck gereinigt; der Pulverdampf ſchon lange zu allen Luͤcken hinausgezogen, um ſich den uͤber die Fregatte hineilenden Wolken zuzu⸗ geſellen. Waͤhrend Griffith durch die ſchweigenden Batterien hinſchritt, konnte er ſich doch nicht enthalten, trotz dem ſo nothwendigen Beſuche, nach den zerſchoſſenen Planken, den ſchrecklichen Spuren zu ſchauen, durch welche die feindlichen Kugeln gegangen waren, und ehe er noch leiſe an die Kajuͤtenthuͤre anpochte, hatte ſein ſchnel⸗ ler Blick jeden Schaden, der der Fregatte in der Hauptſache zugefuͤgt war, vollkommen aufgefaßt. „„ —*—— Der Wundarzt der Fregatte oͤffnete die Thuͤre, und indem er ſich an die Seite ſtellte, Griffith herein zu laſſen, ſchuͤttelte er mit der Miene ei⸗ nes Mannes, der ſeine Kunſt verſteht, bedeu⸗ tungsvoll mit dem Kopfe. Er gab zu verſtehen, daß hier alle Hoffnung verloren ſey, und ging dann fort, um andere, ſeiner Huͤlfe Beduͤrftige, aufzuſuchen. Man glaube ja nicht, daß Griffith Cecilien und ihre Baſe bei den Ereigniſſen des verhaͤng⸗ nißvollen Tages außer Acht gelaſſen habe. Seine geſchaͤftige Phantaſie zeigte ihm den Schrecken, die Angſt der beiden Maͤdchen, auch im heißeſten Toben des Kampfes, und in demſelben Augen⸗ blicke, wo die Mannſchaft von den Kanonen weg⸗ genommen wurde, ließ er auch gleich wieder die Kajuͤtenwaͤnde auſſetzen, und die noͤthigen Geraͤthe hineinbringen, ob ihn ſchon hoͤhere und wichtigere Pflichten abhielten, perſoͤnlich Muth einzuſprechen. Er wartete allerdings darauf, daß man ihn ru⸗ fen wuͤrde, wenn Alles wieder in Ordnung ſey: allein in keiner Weiſe war er auf den Auftritt gefaßt, von dem er jetzt Zeuge ſeyn ſollte. Zwiſchen zwei großen Kanonen, deren ab⸗ ſchreckendes Aeußere zu den uͤbrigen Bequemlich⸗ keiten der Kajuͤte wunderlich abſtach, ſtand ein großes Sopha, und auf ihm lag der Oberſt Howard, offenbar ſeinem Ende nahe. Cecilie weinte an ſeiner Seite. Ihre ſchwarzen Locken ſpielten unbeachtet, verwirrt um das bleiche Ant⸗ litz, und die langen Flechten kuͤßten in uͤppiger Fuͤlle den Boden, worauf ſie kniete. Zaͤrtlich beugte ſich Katharine uͤber den Sterbenden, waͤh⸗ rend ihr ſchwarzes Auge, voller Thraͤnen, tiefes Mitleiden und innere Vorwuͤrfe auszuſprechen ſchien. Einige Diener und Dienerinnen waren Zeugen des feierlichen Auftrittes. Alle ſchienen zu wiſſen, daß hier keine Hoffnung ſey, gleich wie der Wundarzt geaͤußert hatte. Das ganze Geraͤthe der Kajuͤte war ſo ge⸗ ordnet, daß es dem furchtbaren Kampfe, welcher eben die wie zum Theezimmer eingerichtete Kajuͤte verunſtaltet hatte, Hohn zu ſprechen ſchien. Der wackere Boltrope lag auf der andern Seite, dem Rechnungsfuͤhrer im Schooße. Seine Hand ruhte in der ſeines Freundes, des Kapellans. Griffith hatte von ſeiner Verwundung gehoͤrt. Allein erſt jetzt erhielt er Kunde von dem Ge⸗ ſchick des Oberſten.. 1 Als die erſte Ueberraſchung vorbei war, naͤherte ſich der junge Mann dem Lager deſſel⸗ ben, und bemuͤhte ſich, ſein Bedauern, ſeine Theilnahme auszudruͤcken. Er that es, daß man wohl hoͤrte, wie er es redlich meine. „Sprecht nicht weiter, Eduard Griffith!“ unterbrach ihn ſchwach der Oberſte.„Es ſcheint, als ſey es Gottes Wille, daß dieſe Rebellion ſiege, und thoͤrichten Menſchen geziemt es nicht, was der Allmaͤchtige will, zu tadeln. Meinem ſchwachen Verſtande iſt es ein großes Wunder. Doch vielleicht ſoll auch dies den Zweck ſeiner unerforſchlichen Weisheit darthun!— Ich habe Dich holen laſſen, Eduard., Es gilt einer Sache, die ich noch gern beendigt ſaͤhe, ehe ich ſterbe, damit man nicht ſage, der alte Georg Howard habe ſeine Pflicht vernachlaͤſſigt; ſey es auch erſt im letzten Augenblicke geſchehen! Du ſiehſt dies weinende Maͤdchen an meiner Seite. Sage mir, junger Mann, liebſt Du ſie?“ „Und kann dieſe Frage an mich gethan werden?“ rief Griffith.. „Wirſt Du ſie lieben— wirſt Du ihr Vater und Mutter vertreten, der ſtete Schuͤtzer ihrer Unſchuld und Schwaͤche ſeyn?“? Griffith konnte nur durch einen krampfhaf⸗ ten Druck der Hand antworten. „Ich glaube Dir!“ fuhr der Sterbende fort.„Der brave Hugo Griffith mag vergeſſen haben, dem Sohne ſeine eigne Loyalitaͤt einzu⸗ impfen; aber zum Mann der Ehre erzog er ihn gewiß. Ich war, was meinen ungluͤcklichen Vetter — 232— Chriſtoph Dillon, anbetraf, ſehr ſchwach; naͤhrte vielleicht boͤſe Wuͤnſche. Aber man hat mir ge⸗ ſagt, wie er wortbruͤchig geworden iſt, und ſo wuͤrde ich ihm die Hand des Maͤdchens verwei⸗ gern, wenn er gleich ſeine Treue gegen Britan⸗ nien in Anrechnung braͤchte. Doch er iſt dahin, und ich ſtehe auf dem Punkte, in eine Welt zu gehen, wo wir nur einem Herrn dienen wer⸗ den. Es waͤrve beſſer fuͤr uns Beide, haͤtten wir unſere Pflichten gegen Ihn erfuͤllt, als den Fuͤr⸗ ſten dieſer Erde gedient!— Noch Etwas! Kennſt Du den Offizier vom Kongreſſe— den Barn⸗ ſtable, genau?“ „Ich ſegelte manches Jahr mit ihm, und kann fuͤr ihn, wie fuͤr mich ſelbſt buͤrgen!“ Deer Veteran machte eine Bewegung, um ſich aufzurichten. Es gelang ihm zum Theil. Er ſah dem jungen Mann pruͤfend in's Auge. Seine blaſſen Zuͤge nahmen einen feierlichen Aus⸗ druck an. 4 „Sprich jetzt nicht von ihm,“ ſagte er, „weil er der Gefaͤhrte Deiner thoͤrichten Freuden war; lege kein Zeugniß von ihm, wie ein Un⸗ bedachtſamer, der ſein Kameraden empfiehlt, ab. Denke, daß Du Deine Meinung einem ſterbenden Manne eroͤffneſt, der auf Deinen Ausſpruch baut und Rath ſucht!— Die Tochter von John 28f Plowden iſt ein Schatz, den ich nicht vergeuden darf, und mein Tod wuͤrde mir ſchwer werden, wuͤßte ich nicht ganz gewiß, daß ſie einem Wuͤr⸗ digen zu Theil geworden waͤre!“ 48 7 „Er iſt ein Ehrenmann! Ein Mann, deſ⸗ ſen Herz ſo gut als tapfer iſt. Er liebt Eure Muͤndel. So groß auch ihre Verdienſte ſind: ſo ſehr verdient er ſie doch! Gleich mir, liebte er das Land, wo er geboren war, mehr, als das, wo ſeine Ahnen lebten. Aber—"„ „Dies iſt vorbei! Nach dem, was ich heute geſehen habe, muß ich glauben, des Himmels Wille ſey, Ihr ſollt ſiegen. Doch, ein Subal⸗ tern, der nicht gehorcht, wird leicht ein Befehls⸗ haber ohne Vernunft. Nach dem, was ich ge⸗ ſehn habe—“ „O ſprecht davon nicht, Theurer!“ rief Griffith mit edlem Feuer.„Er war haͤßlich ge⸗ reizt worden! Es iſt bereits vergeben und ver⸗ geſſen! Den ganzen Tag uͤber hat er mir edel beigeſtanden. Mein Leben darauf! Er weiß, wie ein braver Mann ſein Weib zu behandeln hat!“ „So bin ich zufrieden!“ ſagte der Alte, und ſank auf das Kiſſen zuruͤck.„Laßt ihn rufen!“ 1 Griffith gab leiſe den Befehl, Barnſtable herbeizuholen, und ſah ihn ſchnell ausgefuͤhrt. — 234— Ehe er noch es fuͤr gemeſſen hielt, den Gang der Vorſtellungen des Oberſten durch ein Paar andere Worte zu durchkreuzen, ſtand der Freund ſchon da. Kaum ſagte man es dem Alten, als er ſich wieder aufrichtete und den Staunenden in einer Art anredete, welche allerdings minder vertrauungsvoll und freundlich war, als gegen Griffith Statt gefunden hatte. „Was Ihr in der vorigen Nacht, in Hin⸗ ſicht meiner Muͤndel, der Tochter des Kapitain John Plowden, geaͤußert dabt,“ begann er,„hat mir Eure Wuͤnſche in dem Betracht vollkommen kund gethan!— Empfangt Beide den Lohn fuͤr Eure Liebe! Laßt den wuͤrdigen Geiſtlichen das Wort Euch abnehmen, daß Ihr treu ſeyn wollt, weil ich noch Kraft habe, es zu hoͤren, und da⸗ mit ich gegen Euch im Himmel zeugen kann, wenn Ihr den Schwur vergeßt!“ „Jetzt nicht! Jetzt nicht!“ ſchluchzte Ce⸗ cilie.„Nur jetzt verlangt das nicht, mein guter Onkel!“ Katharine ſprach nicht. Aber tief ruͤhrte ſie die zaͤrtliche Fuͤrſorge ihres Vormunds. Sie ließ das Koͤpfchen auf den Buſen herabſinken, und die Thraͤnen ſloſſen uͤber ihre Wangen in großen Tropfen, daß ſie den Boden netzten. „ Jetzt! Jetzt, meine gute Cecilie, muß es —— — 7 — 235— ſeyn!“ erwiederte treibend der Onkel.„Sonſt fehl ich in meiner Pflicht. Bald ſtehe ich Euren Eltern gegenuͤber, meine Kinder. Denn der Mann, der, im Sterben liegend, nicht erwartet, mit Hugo Griffith und John Plowden im Himmel zuſam⸗ men zu kommen, muß nicht uͤber den Lohn im Klaren ſeyn, welcher dem Leben, das dem treuen Dienſte fuͤr das Vaterland und der edlen Loyali⸗ taͤt fuͤr den Koͤnig gewidmet wurde, gebuͤhrt! Nie vergaß ich die zarte Ruͤckſicht, die Eurem Geſchlecht zu zollen iſt. Doch jetzt iſt nicht die Zeit, anzuſtehen. Sie iſt nur auf Minuten be⸗ ſchraͤnkt, und ſchwere Pflichten muͤſſen noch er⸗ fuͤllt werden. Ich koͤnnte nicht im Frieden ſter⸗ ben, muͤßte ich Euch hier auf dem weiten Meere, faſt haͤtte ich geſagt, auf der weiten Erde, ohne den Schutz laſſen, den Eure Iugend, Euer ſanf⸗ ter Charakter heiſcht. Gottes Wille nimmt Euch Euren Vormund. Laßt ſeinen Platz von denen einnehmen, die er dazu erwaͤhlt hat!“ Cecilie ſtand nicht laͤnger an. Sie richtete ſich langſam auf, und reichte, mit einer gezwun⸗ genen Verleugnung ihrer ſelbſt, Griffith die Hand. Katharine ließ ſich von Barnſtable an ihre Seite fuͤhren. Der Kapellan hatte Alles aufmerkſam mit angehoͤrt. Einem Winke von Griffith ge⸗ horſam, ſchlug er die Agende auf, aus der er dem ſterbenden Hochbootsmann vorgeleſen hatte, formular vorzutragen. Die weinenden Braͤute ſagten ihr Ja lauter und vernehmlicher, als es unter den froͤhlichen Zeugen geſchehen waͤre, die gewoͤhnlich ein hochzeitliches Paar umringen. Zwar wußten ſie wohl, daß dies Wort ſie auf immer an den Mann feſſelte, deſſen Herrſchaft uͤber ihr Herz ſie der Welt ſo feierlich verkuͤnde⸗ ten. Allein die weibliche Schuͤchternheit wich hier der ſeierlichen Stunde, der Gegenwart deſ⸗ ſen, vor welchem ſie jetzt ſtanden. Der Segen war gegeben. Ceciliens Hanpt ſaͤnk auf Griffith's Schulter. Sie weinte einen Augenblick lang heiße Thraͤnen. Dann eilte ſie wieder zum Sopha, und kniete neben dem On⸗ kel. Katharine empfing den Kuß des zerſtreuten Barnſtable. Langſam ging ſie wieder auf bbren fruͤhern Platz hin. Der Oberſt Howard hatte ſitzend der ere⸗ monie zuſehen koͤnnen. Mit einem nuiß Amen hatte er jedes Gebet begleitet. Bei den letzten Worten ſank er aber zuruͤck. Ein Blick der Freude ſprach aus ſeinen blaſſen Zuͤgen. Er zeigte, welche Theilnahme er dabei gehabt hatte. „Ich danke Euch, meine Kinder;“ ſagte er endlich ſchwach.„Ich danke Euch, denn ich und begann mit zitternder Stimme das Trauungs⸗ 2— 237— weiß, wie viel ihr meinen Wuͤnſchen geopfert habt.— Alle Papiere, in Hinſicht des Vermoͤgens meiner Muͤndel, findet Ihr, theure Freunde, bei meinem Wechsler in London. Dort iſt auch mein Teſtament. Eduard, Du wirſt daraus lernen, daß Cecilie nicht ohne Ausſteuer in Deine Arme kommt. Was meine Muͤndel geworden ſind, weiß Euer Auge und Herz. Meine Papiere werden auch darthun, daß ich kein treuloſer Ver⸗ walter ihrer Habe war. „Sprecht nicht ſo, Ihr brecht mir das Herz!“ rief Katharine ſchluchzend,(denn ĩhr ſagte das Herz, ſie habe dem ſo aufrichtigen Vormunde manche Noth gemacht.)—„Denkt doch nur an — Euch, nicht an uns! Wir verdienen es nicht. Ich wenigſtens bin es nicht werth!“ une i Der Sterbende reichte ihr freundlich de Hand hin. Seine Stimme ward ſchwaͤcher. „Was mich anbetrifft,— ich,“ ſagte er, „wuͤnſchte, wie meine Vorfahren, im Schooße der Erde, in geheiligtem Boden zu ruhn!“ „Das ſoll geſchehn!“ lispelte Griffith. 72) ſelbſt will dafuͤr ſorgen!“ 5 —„Ich danke Dir, mein Sohn!“ fuhr der * Veteran fort.„Seit Du Ceciliens Gatte biſt, nenne ich Dich ſo!: In meinem letzten Willen wirſt Du finden, daß ich alle meine Sklaven Schurken ausgenommen, welche ihren Herrn verließen. Sie nahmen ſich die Freiheit ſelbſt, und ſind mir alſo dafuͤr nicht verbindlich. Auch fuͤr den Koͤnig iſt ein unwuͤrdiges Vermaͤchtniß gemacht, falls Se. Majeſtaͤt es von einem alten treuen Diener anzunehmen werth findet. Du wirſt die Kleinigkeit nicht vermiſſen.“ Eine lange Pauſe folgte. Es war, als ſchließe er ſeine Rechnung mit der Erde ab, und finde Alles richtig. Dann ſetzte er hinzu: „Kuͤſſe mich, Ceciliel— Und Du Katha⸗ rine! Ich ſehe, Du biſt gut, wie Dein bra⸗ ver Vater!— Mein Auge wird truͤbe. Wo iſt denn Grifſith's Hand?— Junger Mann, ich habe Dir Alles gegeben, was ein guter alter 2 Mann geben mag. Theile es redlich mit dem guten Kinde.— Wir haben einander nicht recht verſtanden. Ich habe mich in Dir und Chriſtoph Dillon geirrt.— Vielleicht hab' ich auch meine Pflicht gegen Amerika nicht eingeſehen. Doch, es war zu ſpaͤt, meine Grundſaͤtze oder meine Religion zu aͤndern. Ich— liebte den Koͤnig! Gott ſegne ihn!“— 1. Seine Sprache wurde immer ſchwaͤcher und ſchwaͤcher, und der Athem war uͤber die blaͤuli⸗ * freigelaſſen und verſorgt habe, die undankbaren — — 239— chen Lippen mit dem Segen entflogen, auf den der ſtolzeſte Monarch gern gehoͤrt haben wuͤrde. Man trug den Leichnam ſogleich in den großen Raum, und Griffith fuͤhrte nebſt Barn⸗ ſtable die Braͤute in die Hinterkajuͤte, wo ſte ſie, einander in den Armen liegend, in bittern Thraͤ⸗ nen verließen! 1 Boltrope hatte den ganzen Auftritt mit an⸗ geſehn. Sein lebhaftes Auge winkte den jungen Maͤnnern, als ſie wieder zuruͤckkamen. Sie tra⸗ ten zu ſeinem Lager hin, und entſchuldigten ihre anſcheinende Vernachlaͤſſigung. „Ich hoͤrte wohl, daß Ihr verwundet waͤr't, Boltrope,“ ſagte Griffith, und nahm wohlwol⸗ lend ſeine Hand.„Allein ich weiß, Ihr ſeyd ſchon daran gewoͤhnt, eine Kugel mitzunehmen, und ſo hoffe ich denn, wir wollen uns bald wie der auf dem Verdeck ſehn.“ „Ja, ja!“ antwortete der Segelmeiſter. „Ihr werdet kein Fernrohr brauchen, wenn das alte Wrack uͤber Bord geworfen wird. Ja, ich habe wohl ſonſt auch eine Kugel bekommen. Die nahm ein Tauendchen mit, oder riß einen Splitter in einem Maſte von mir ab. Aber der Burſche hat den Weg in den Raum gefunden, und nun hat es mit dem Kreuzen des Lebens ein Ende!“ „Ach, ſo ſchlimm iſt es nicht, ehrlicher ** 8 — 240— David!“ troͤſtete Barnſtable.„Du biſt bei ſchlimmern Wunden wieder flott geworden, als Du ungluͤcklicherweiſe jetzt bekommen haſt!“ „ Ja, ja!“ verſetzte Boltrope;„aber das war im Takelwerke, wo der Doktor mit dem Meſſer dazu konnte. Die Kugel aber hat den halben Bord weggeriſſen, und ich fuͤhle, daß die ganze Ladung ſort geht. Ihr muͤßt nur wiſſen, daß der Doktor mich ſchon als todten Mann an⸗ nahm. Er ſah nach dem Schuſſe, und dann verwies er mich an den Paſtor, wie ein Stuͤck altes Tau, das nur zu duͤnnen Neuen umgeſpon⸗ nen werden kann. Kapitain Munſon iſt beſſer weggekommen. Ich daͤchte, Ihr haͤttet geſagt, Herr Lieutnant Griffith, er waͤre uͤber Bord ge⸗ worfen worden, wie er ging und ſtand? Der Tod hat nur einmal bei ihm angeklopft, und da hat er ſich gleich empfohlen.“ „Ja, ſein Ende war ſchnell! In der That! Aber ein Seemann muß darauf gefaßt ſeyn!“ erwiederte Grifſith. „und darum muß man ſich um ſo mehr darauf vorbereiten!“ wagte der Kapellan demuͤ⸗„ tiig⸗ ganz leiſe, faſt furchtſam zu bemerken. Der Hochbootsmann ſah munter einen nach dem andern an. Nach einer kurzen Pauſe ſprach er wieder, als ergaͤb' er ſich in ſein Schickſal: 8* iſt gebr tung Eur iſt j deſte ſpar muß es n zurie geme ſo m vielle Amt verdr Man friede das brech Wor Beſch ſtimu Maſt wider bei als das dem den die ſeen, an⸗ ann tuͤck pon⸗ eſſer ſagt, ge⸗ Der und der efaßt nehr emuͤ⸗ nach prach al: „Nun das Gluͤck hatte er. Ich denke es iſt Suͤnde, wenn man einem Manne das ihm gebuͤhrende Gluͤck beneidet.— Ja die Vorberci⸗ tung zum Tode! Nun hoͤrt, Paſtor, das iſt Eure Sache, und nicht die meinige. Viel Zeit iſt jedoch nicht mehr uͤbrig. Je eher Ihr anſetzt, deſto beſſer. Damit wir aber unnuͤtze Muͤhe ſparen, ſo macht es mit mir nur ganz kurz. Ich muß Euch zu meiner Schande ſagen, ich habe es nicht weit gebracht. Wenn Ihr mich ſo weit zurichtet, daß ich in der andern Welt eine Haͤn⸗ gematte habe, wie die hier auf dem Schiffe war; ſo will ich ſchon vollkommen zufrieden ſeyn, und vielleicht paßt das fuͤr uns Alle am Beſten.“ Der Geiſtliche war uͤber die Art, wie ſeine Amtspflicht hier beſchraͤnkt werden ſollte, etwas verdruͤßlich. Indeſſen er ſah, wie einfaͤltig der Mann ſeine Meinung aͤußerte, und gab ſich zu⸗ frieden. Nach einem langen, duͤſtern Schweigen, das weder Griffith noch ſein Freund zu unter⸗ brechen wagte, nahm der Kapellan wieder das Wort: „Es iſt nicht des Menſchen Sache, uͤber die Beſchluͤſſe der goͤttlichen Barmherzigkeit zu be⸗ ſtimmen, und auch ich vermag nichts zu thun, Maſter Boltrope, um den maͤchtigen und un⸗ widerruflichen Beſchluß zu beugen. Was ich III. O. Euch daruͤber in der letzten Nacht ſagte, muß noch friſch in Eurem Gedaͤchtniß ſeyn, und ſo iſt kein Grund da, jetzt mit Euch anders zu reden!“ 39. koͤnnte nicht ſagen, daß ich Alles in's Loggbuch eingetragen haͤtte, was ſo vorfaͤllt!“ meinte der Segelmeiſter.„Am Beſten merke ich immer, was ich mit mir ſelbſt rede. War⸗ um? Darum, daß ein Menſch ſich an ſeine Gedanken eher erinnert, als an fremde. Ja, dabei faͤllt mir doch ein, Herr Lieutnant Grif⸗ fith, daß ein Zweiundvierzig⸗ Pfuͤnder vom Drei⸗ decker uͤber's Vorderkaſtell weggegangen iſt, und den zweiten Anker einen Faden tief unter dem Tau ſo geſchickt weggenommen hat, wie eine alte Frau den Zwirnfaden mit der Scheere weg⸗ ſchneidet. Wenn Ihr doch ſo gut waͤrt, und ließt einen Matroſen das Tau ſplitzen, und einen neuen Knoten hinein bringen.„8ch will es ein anderes Mal wieder gut machen!“ „Sprich nicht weiter davon,“ redete ihm Griffith zu.„Sey verſichert, es wird fuͤr die Sicherheit unſeres Schiffes, was Dein Amt an⸗ betrifft, Alles gethan werden.— Ich werde ſelbſt Deinen ganzen Dienſt uͤbernehmen, und moͤchte gern, daß Dein Herz von aller Unruhe in der muß d ſo 3 zu in's llt!“ nerke War⸗ ſeine Ja, Grif⸗ Drei⸗ und dem eine weg⸗ und einen 's ein ihm ur die it an⸗ ſelbſt noͤchte nder Art frei waͤre, daß Du Dich blos mit andern wichtigen Gegenſtaͤnden beſchaͤftigen koͤnnteſt.“ „Ei,“ entgegnete Boltrope etwas hartnaͤk⸗ kig,„ich denke immer, je reiner man ſeine Haͤnde in der andern Welt aufheben und ſagen kann: ich habe meine Pflicht unten gethan! deſto beſſer paßt man dazu, dort oben etwas Anderes anzugreiſen! Der Paſtor hier ſagte mir geſtern Abend ſeine Lehre, daß es naͤmlich gleichviel waͤre, ob der Menſch gut oder ſchlecht lebe, wenn er nur mit vollem Gewiſſensſegel gut durch's Glaubensmeer ſchiffe. Ich denke aber, das iſt ein Ding, was an Bord nicht gepredigt werden darf. Da gienge der Teufel bei der beſten Equi⸗ page los, die je gemuſtert worden iſt.“ „Ei nicht doch! O nein, theurer Boltrope! Ihr habt mich und meinen Satz nicht begriffen! Zum Mindeſten falſch begriffen!“ rief der Ka⸗ pellan aͤngſtlich. „Vielleicht gienge das unſerm guten Freunde jetzt nicht beſſer!“ unterbrach ihn Griffith, und wendete ſich dann an Boltrope. „Laſtet noch Etwas auf Deinem Herzen?“ fragte er ihn theilnehmend.„Wuͤnſcheſt Du au Jemanden erinnert zu werden, eine Anordnung uͤber Deine Habe zu treffen?“ „Er hat eine Mutter!“ ſiel Barnſtable leiſe 9A 2 ein.„Oft ſprach er von ihr, wenn wir in der Nacht die Wache hatten. Ich glaube, ſie lebt noch!“ Der Hochbootsmann hoͤrte deutlich, was ſeine Obern ſprachen. Er bewegte wohl eine Minute lang ſeinen Tabak im Munde von einer Seite zur andern, weil ihn eine ſonderbare Un⸗ ruhe ergriff. Dann hob er eine ſeiner großen Haͤnde auf, deren braune Farbe bereits in die ddes Todes uͤberging. Endlich antwortete er ſchwaͤcher: „Ja, die alte Frau ſegelt noch in den Klippe des Lebens herum, und das iſt mehr, als von ihrem Sohne David geſagt werden kann. Mein Vater kam um, als die Suſanna und Dorothea am Vorgebuͤrge Cod ſcheiterte. Ihr wißt das doch noch, Herr Barnſtable! Ihr damals ein Burſche, der auf den Wall⸗ g ausfuhr. Nun, ſeit dem Windſtoß habe ich fuͤr die alte Frau immer gutes Fahr⸗ waſſer zu ſchaffen geſucht. Aber freilich,'s iſt ſtets eine boͤſe Fahrt fuͤr ſie geweſen! Schlech⸗ tes Wetter und halbe Rationen haben ihr meiſt das Bischen Reiſe durch's Leben verdorben!“ „Und Du willſt uns einen Auftrag fuͤr ſie geben?“ fragte Griffith zaͤrtlich. „ Je nun,“ antwortete Boltrope, deſſen — iſſen —— Stimme aber ſchnell ſchwaͤcher wurde, und ab⸗ brach.*„Komplimente hat es zwiſchen uns nie viel gegeben. Warum? Darum, ſie iſt nicht ge⸗ wohnt, dergleichen zu hoͤren, und ich nicht, der⸗ gleichen zu machen.— Will aber Einer von Euch das Schiffsbuch durchgehn und ſehen, was auf meiner Seite gutgemacht iſt, und die kleine Muͤhe uͤbernehmen, es der alten Frau zu geben; ſo wird er ſie unter der Windſeite von einem Hauſe vor Anker finden:— Ja, richtig, ſo wird's ſeyn, Numero 10. Cornhillſtraße in Boſton. Ich trug doch Sorge, daß ſie ein gutes, ſicheres Ankerplaͤtzchen unter einer warmen Zone haͤtte; denn eine Frau von achtzig Jahren braucht 4 eins, ſo lange ſie noch lebt.“ „Ich will das beſorgen!“ rief Barnſtabl, von Schmerz ergriffen.„Ich werde es ihr ein⸗ haͤndigen, ſo wie wir in Boſton vor Anker gehn, und da Dein Guthaben nicht groß ſeyn wird; ſo ſoll ſie meine halbe Boͤrſe dazu bekommen!“ Der Segelmeiſter war von dieſem freund⸗ ſchaftlichen Verſprechen lebhaft geruͤhrt. Seine ranhen Zuͤge bewegten ſich krampfhaft. Es ver⸗ ging einige Zeit, ehe er wieder ſprechen konnte. „Ich wußte das wohl, Richard, ich wußte das wohl!“ ſagte er endlich, und griff nach Barnſtable's Hand.„Ich weiß, Ihr gaͤbt der alten Frau eines von euern Gliedern, wenn es darauf ankaͤme, der Mutter von einem alten Kameraden zu helfen. Das huͤlf' aber freilich nichts: denn ich bin ja nicht der Sohn eines Kan⸗ nibalen! Aber Ihr ſeyd mit Eures Vaters Buche auch quitt. In Eurem Beutel iſt auch immer Ebbe, und beſonders, ſeitdem Ihr nun damit angefangen habt, Euch ein Beiſchiff zuzulegen. Da werdet Ihr alle Sparpfennige brauchen 1 „Doch ich bin Herr meines Vermoͤgens, und das iſt nicht klein!“ unterbrach ihn Griffith. „Ach ja, ja! Ich habe gehoͤrt, Ihr koͤnntet eine Fregatte kanfen, und mit Allem ausruͤſten, ohne die Hand in einen andern, als Euren Beu⸗ tel zu ſtecken!“ „und ich gebe Dir das Wort eines See⸗ offiziers!“ fuhr Grifſith fort,„ſie ſoll an nichts Mangel leiden. Selbſt die Sorge und Zaͤrtlichkeit eines treuen Sohnes ſoll ſie uicht vermiſſen!““ Boltrope ſchien hin zu ſeyn. Er verſuchte, den erſchoͤpften Koͤrper noch einmal aufzurichten. Aber kraftlos ſterbend, ſank er zuruͤck, vielleicht einige Minuten ſruͤher, als es ſonſt der Fall geweſen waͤre, weil er ungewoͤhnliche heftige An⸗ ſtrengungen zu ſprechen machte. 26„ „Gott vergieb mir alle meine Suͤnde!“ tammelte er endlich,„und beſonders, daß ich— — -—— ———,. 2,,ͤ—,, — — .— zwiſchen ihnen und der Fregatte. Die Ameri⸗ — 247— manchmal gegen Eure Diſciplin geſprochen habe.— Vergeßt den zweiten Anker nicht, und daß die Taue an dem Unter⸗Raaen geknuͤpft werden.— Ja, das wird Richard thun!— Ich ſegle aus dem Leben ab! Gott ſegne Euch Alle, und geb' Euch eine gute Fahrt, Ihr moͤgt nun mit vol⸗ lem Winde fahren, oder— oder laviren muͤſſen!“ Hin war die Sprache. Aber ein Blick voll herzlicher Zufriedenheit glaͤnzte durch die groben Zuͤge. Ploͤtzlich zuckte das Antlitz. Die matten Maskeln deſſelben fuͤgten ſich in die blaſſen, ſtarren Falten des Todes. Griffith ließ ihn in ſeine Kote bringen, und ging dann mit ſchwerem Herzen anf das Verdeck. Waͤhrend die Fregatte ſo gejagt ward, war die Alacrity gar nicht beachtet worden. Allein das beguͤnſtigende Licht des Tages, wie ihr leichter Kiel, hatten die Flucht laͤngs den ſich haͤu⸗ fenden Klippen zum Spielwerk gemacht. Jetzt gab die Fregatte ihr das Signal zum Nacheilen, und dann die noͤthigen Weiſungen, wie waͤhrend der Nacht zu ſteuern ſey. Nur in großer Ferne, gleich weißen Punkten auf dem ſchwarzen Meere, waren die brittiſchen Schiffe zu ſchauen. Ein großes Klippenriff, das wußte man wohl, lag 3 1 kaner hielten das Daſeyn des Feindes fuͤr nicht mehr gefaͤhrlich. Als die noͤthigen Anordnungen getroffen t waren, und die Schiffe gehoͤrig ſich verſtaͤndigt hat⸗ ten, gewannen ſie wieder den Wind, und ſteuer⸗ ten nach Hollands Kuͤſte. Der Wind hatte mit dem Sinken der Sonne nachgelaſſen. Am Mor⸗ gen aber kehrte er wieder, und beſchleunigte nach und nach den Lauf der Amerikaner ſo ſehr, daß, ehe am naͤchſten Abend das Geſtirn des Him⸗ mels ſank, Englands Kuͤſte dem Blicke laͤngſt entzogen war. Duͤſteres Schweigen herrſchte auf der Fregatte, als ſie die See durchſchnitt. Ceciliens und Katharinens trauerndes Herz fand darin Erleichterung. Beide hatten noch kein Auge geſchloſſen. Außer dem Auftritte, dem ſie beige⸗ wohnt hatten, wurde ihr Schmerz noch durch einen Umſtand erhoͤht. Sie wußten, daß, in Folge Griffith's neuerwachſener Verpflichtungen am naͤchſten Morgen Trennung fuͤr lange Zeit, viel⸗ leicht fuͤr immer, unvermeidlich war! Es tagte, der Bootsmann ließ die rauhen Toͤne im Schiffe erſchallen. Still und ſchwei⸗ gend ſammelten ſich die Leute auf dem Verdeck, die Todten zu begraben. Boltrope's Leichnam, diejenigen von zwei Subalternoffizieren und mehre⸗ ren Matroſen, welche in der Nacht an ihren Wun⸗ Z„ͤ 2ù — — Q 186— 122 —4 den geſtorben waren, wurden mit den gewoͤhnli⸗ chen Feierlichkeiten den Wellen uͤbergeben. Dann nahmen die Segel wieder den vollen Wind! Immer ſchnitt die Fregatte durch die weite Ebene, und kein Denkmal bezeichnete den Platz, wo die Todten in den rollenden Fluthen ihre Staͤtte gefunden hatten. Die Sonne zeigte bereits den Mittag an. Beide Schiffe legten bei, und machten Anſtalt zur endlichen Trennung. Oberſt Howard's Leich⸗ nam ward auf die Alacrity gebracht, wohin ihm Griffith und ſeine jammernde Gattin folgte, waͤh⸗ rend Katharine an einem Fenſter der Kajuͤte troſtlos ſtand, und ihre Thraͤnen mit der ſalzigen Fluth des Ozeans miſchte. Als Alles vorbereitet war, winkte er Barnſtable nochmals Lebewohl, welcher das Kommando der Fregatte uͤbernahm. Der Letztere ſpannte alle Segel auf, den gefaͤhr⸗ lichen Weg nach Amerika durch den Kanal, durch die engliſche Flotte daſelbſt, einzuſchlagen: ein Wagſtuͤck, das bereits von der Fregatte Alliance einige Monate fruͤher verſucht worden war. Auch ſie hatte ja gluͤcklich die Sterne Amerika’s durch den gefaͤhrlichen Pfad getragen. Waͤhrend deſſen ſteuerte die Alacrity raſch nach Holland's Kuͤſte, und ehe der Abend da war, kam ſie ihr ſo nahe, daß Griffith's Be⸗ —— 8 —= „ —- 250— fehle zufolge nochmals beigelegt wurde. Ein klei⸗ nes Boot ward ausgeſetzt. Der junge Seemann und der Lootſe, der faſt ungeſehn und unbeach⸗ tet auf den Kutter gekommen war, ſtiegen auf's Verdeck. Der Fremde beobachtete die ganze Kuͤſte, als wollte er die Lage des Schiffes berechnen. Dann ſah er wieder auf's Meer und nach Abend, um das Wetter zu beurtheilen. Er ſah nichts, was ſeinen Entſchluß haͤtte umaͤndern koͤnnen, und ſo gab er Griffith die Hand. „Hier ſcheiden wir!“ ſagte er.„Da un⸗ ſere Bekanntſchaft nicht Alles herbeifuͤhrte, was wir wuͤnſchten; ſo wollen wir uns bemuͤhen, es zu vergeſſen, wie wir je zuſammenkamen!“ Griffith verboogte ſich achtungsvoll, ohne ein Wort zu ſprechen. Der Lootſe zeigte mit veraͤchtlicher Geberde nach dem Lande. „Haͤtte ich die Haͤlfte der Marine von die⸗ ſer entarteten Republik,— der Stolzeſte jener hochfahrenden Englaͤnder ſollte in ſeinem Schloſſe zittern und fuͤhlen: gegen einen Feind, der ſeiner Kraft vertraut, die Schwaͤche ſeiner Gegner kennt, ſey nicht zu kaͤmpfen.— Aber“— hier ſprach er leiſer und raſcher—„es iſt mir jetzt gegangen, wie bei Liverpool, Whitehaven und Edinburg, und bei funfzig andern Gelegenheiten. Es iſt vorbei, und denken wir nicht mehr daran!“ * — 251— Ohne auf die ſtannende Mannſchaft zu ach⸗ ten, die ſich, ſeine Abfahrt zu ſehen, neugierig verſammelt hatte, nahm er noch fluͤchtig von Grif⸗ ſith Abſchied, ſprang in ſein Boot, und ſpannte das kleine Segel ſo raſch auf, wie ein Mann, der auch in den kleinſten Dingen, die zu ſeinem kuͤhnen Gewerbe gehoͤren, vollkommener Meiſter iſt. Noch einmal, indeß das Boot raſch vom Kutter wegeilte, winkte er Griffith Lebewohl zu, und dieſer glaubte noch in der Ferne das bittere Laͤcheln der erzwungenen Ruhe wahrzunehmen, die fuͤr einen Augenblick ſeine Zuͤge beherrſchte. Lange ſah der junge Mann in ſtiller Verwunde⸗ rung auf dem Verdeck dem im offenen Meere hineilenden Boote nach. Dann, als der ſchwarze Punkt im hellen Glanze der untergehenden Sonne verſchwand, ließ er die Segel der Alacrity anders ſtellen, um wieder fortzueilen. Manche ſonderbare und ungewoͤhnliche Ver⸗ muthungen aͤußerten die Matroſen gegen einan⸗ der, uͤber die Erſcheinung des geheimnißvollen Lootſen waͤhrend ihrer gefaͤhrlichen Fahrt an Englands Kuͤſte, und uͤber ſein noch außerordent⸗ licheres Verſchwinden in den ſtuͤrmiſchen Fluthen der Nordſee. Griffith ſchien ihren Geſpraͤchen nicht die geringſte Aufmerkſamkeit zu zollen, bis man ihm meldete, daß ein kleines Boot gerade — 252— vor dem Kutter mit einem bloßen Sturmſegel in den Hafen einfahre. Dann konnte der freu⸗ dige Blick ſeines Auges dem genauern Beobach⸗ ter wohl verrathen, wie leicht es ihm durch die Gewißheit, der Lootſe waͤre gluͤcklich an's Land gekommen, um's Herz geworden ſey! 1 XIII. Kommt All', ihr Helden, in dem Meer entſchlafen, Kommt Alle, eine große Schaar, herbei! Verſammelt Euch um dieſen todten Helden, Und ſchaut den Lorber, der das Haupt ihm ſchmuͤckt! 4 Elegie. Hier koͤnnten wir nun wohl kluͤglich den Vor⸗ hang vor unſerm unvollkommenen Schauſpiel fallen laſſen. Jeder Leſer koͤnnte nun ſelbſt nach ſeiner Phantaſie auf die verſchiedenen, darin auſ⸗ getretenen Perſonen ſo viel Gluͤck, Reichthum und Wohlſeyn haͤufen, als die ſtrengen Regeln der poetiſchen Gerechtigkeit verleihen moͤchten. Allein wir ſind nicht geneigt, von den, mit welchen wir ſo lange freundſchaftlichen Umgang hatten, kalt zu ſcheiden, und da Alles, was wir noch ſagen koͤnnen, ſo wahr iſt, als das bereits Erzaͤhlte; ſo ſehen wir keinen hinreichenden Grund dazu, die Hauptperſonen des Stuͤcks mit Einem Male zu verlaſſen. Wir wollen daher in der Kuͤrze die Umriſſe deſſen, was ihnen noch begeg⸗ nete, mittheilen, und bedauern, wie die Graͤn⸗ zen einer Erzaͤhlung nicht alle die froͤhlichen und aͤberraſchenden Scenen ſo auszufuͤhren erlauben, daß ſie von einem geſchicktern Maler in's Leben ſelbſt gerufen werden koͤnnten. Wir folgen zuerſt der Fregatte nach der Kuͤſte hin, von welcher wir vielleicht die Feder gar nicht haͤtten wegnehmen ſollen, und beginnen die kleine Skizze mit Barnſtable und ſeinem bald lachenden, bald weinenden, bald luſtigen, bald zaͤrtlichen, ſchwarzaͤugichten Kaͤthchen. Das Schiff bahnte ſich keck den Weg durch die herumſchwaͤr⸗ menden ſeindlichen Kreuzer nach Boſton's Hafen, wo Barnſtable fuͤr ſeine Dienſte durch hoͤhern Rang und gehoͤrige Ernennung zum Befehlshaber der Fregatte belohnt wurde. Mit Geſchicklichkeit und Eifer blieb er, ſo lange der Krieg noch dauerte, auf ſeinem Poſten. Nicht eher kehrte er in die bald ererbte Woh⸗ nung ſeiner Vaͤter zuruͤck, bis der Friede ſeinem Vaterlande die Unabhaͤngigkeit und ihm den Na⸗ men eines tapfern, gluͤcklichen Seeoffiziers ge⸗ ſichert hatte. Als die vereinigten Staaten den Grund zur jetzigen Seemacht legten, ließ ſich der Kapitain Barnſtable leicht beſtimmen, die Hei⸗ math wieder aufzugeben. Viele Jahre diente er in dem tapfern Vereineé der Maͤnner, die in der Zeit des Kampfes und der Gefahren ihrem Va⸗ terlande ſo treu ergeben waren. Gluͤcklicher Weiſe 2—· ,.—,.—f–“ †—-— 255— 6 ſtes in Begleitung ſeiner Katharine verleben zu koͤnnen. Sie gebar ihm keine Kinder, und be⸗ nutzte gern ſeine Erlaubniß, alle Beſchwerden und Entbehrungen auf dem Ozean mit ihm zu theilen. So wandelten ſie froͤhlich und gluͤcklich im Thale des Lebens dahin, und Katharine machte die ſcherzende Prophezeiung ihres Vormunds ganz zu Schanden: denn ſie war ſtets ein gehorſames und zaͤrtliches, ihrem Manne treu zugethanes Weib. Der junge Merry hing an Barnſtable und Katharinen, ſo lange er einer Aufſicht bedurfte. Ein Mann geworden, ruͤckte er auch hoͤher, und 4 ſein erſtes Kommando war unter dem Schatten des großen Segels von ſeinem Vetter. Er zeigte ſich dann, was er als Knabe ſo kraͤftig bewieſen hatte, als furchtloſen, thaͤtigen, unverdroſſenen Seemann, und wuͤrde es noch jetzt, wenn er nicht fruͤhzeittg im Duell mit einem fremden Offizier geblieben waͤre. . Das Erſte, was Kapitain Manuel that, als er den heimathlichen Boden wieder betrat, war, eine Anſtellung in der Linienarmee zu ſuchen. Er fand hierbei nur wenig Schwierigkeit, und bald ſah er ſich im Beſitz deſſen, was ihm die groͤßte Freude machte, wonach er ſo lange geſtrebt e war er im Stande, einen großen Theil des Dien⸗ ——— — hatte— er hatte einen„feſten Ex an den gluͤcklichen Ereigniſſen zu nehmen, welche den Krieg beendigten, aber auch alle die Leiden der Armee zu theilen. Sein Verdienſt ward in⸗ deſſen bei der erfolgenden Wiederherſtellung des Heeres nicht vergeſſen, und er machte den Feld⸗ zug unter St. Clair und dem gluͤcklicheren Wayne in den weſtlichen Provinzen mit. Gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts gaben die Englaͤnder endlich die Poſten laͤngs der Graͤnze auf. Kapitain Manuel erhielt Befehl, ein kleines Fort am Ufer von einem der großen Stroͤme zu beſetzen, welche die Republik im Norden einſchließen. Die brittiſche Flagge wehte dafuͤr auf einem neuangelegten Fort, gegenuͤber innerhalb der Linien von Canada Manuel war nicht der Mann, welcher militairiſche Etikette vernachlaͤſſigte. Er erfuhr, der dort kommandirende Offizier gehoͤre zum Stabe, und ſo ermangelte er nicht, ihm zu gehoͤriger Zeit ſeine Aufwartung zu machen, wobei er noch die Abſicht hatte, eine Bekannt⸗ ſchaft anzuknuͤpfen, welche unter ſolchen Umſtaͤn⸗ den eben ſo viel Lebensgenuß, als Vortheile ge⸗ waͤhren konnte. Nur beſorgt, ſich uͤber den Rang des Englaͤnders zu unterrichten, hatte er es nicht fuͤr note ig gehalten, nach dem Namen 4 ercierplatz.* Gerade noch Zeit genug war es, um Antheil — 257— zu fragen. Als ſich aber der rothnaſige, luſtige Offizier mit Einem Beine als Major— Bor⸗ rougheliffe zeigte, erinnerte er ſich ohne Muͤhe an den alten Bekannten von St. Ruth. Die beiden werthen Ehrenmaͤnner fanden gleich ungemeinen Geſchmack an einander, und vereinigten ſich, ein Haͤuschen auf einer Inſel im Fluſſe bauen zu laſſen. Es. ſollte daſſelbe fuͤr neutral gelten, wo ſie, ohne der Disciplin in der Garniſon einen Anſtoß zu geben, mit ein⸗ ander ihre Trinkgelage und Schmauſereien halten koͤnnten. Hier wurde nun gar Manches uͤber das koͤſtliche Wildpret, das herrliche Gefluͤgel, endlich uͤber die Baͤren debattirt, welche in jenen abendlichen Waͤldern hauſeten, waͤhrend auch jede Tiefe des breiten Stromes ergruͤndet ward, damit es an nichts fehle, was die Freuden des Mahles er⸗ hoͤhen koͤnnte. Jeder gab regelmaͤßig den noͤthigen Beitrag aus ſeiner Taſche, die fremden Erzeugniſſe dazu herbeizuſchaffen. Beide arbeiteten gleich un⸗ verdroſſen, jedes Labſal von daher aufzutreiben, wo die Kunſt des Menſchen mit der Natur im inni⸗ gern Bunde war, als in der Nachbarſchaft ihrer Feſtungswerke. Jedes Getraͤnke, bei dem Malz einen Beſtandtheil bildete, ſo gut wie die dun⸗ keln Oportoweine, fuhren in den Lorenzobuſen 5 und fanden unter Borrougheliffe's Leitung den III. X 4 öͤͤͤſͤſſſ — 258— Weg in den beſtimmten Keller, waͤhrend Manuel nur mit dem noch wichtigern Geſchaͤft beauftragt war, den edlen Maderaſaft herbeizuſchaffen. Es blieb dieſes ganz ſeinem Scharfſinn anheimge⸗ ſtellt. Nur gelegentlich bemerkte der wuͤrdige Waffenbruder, ja daran zu denken, daß er Pro⸗ dukt von der„Suͤdſeite“ kommen ließe. Die juͤngern Offiziere von beiden Garniſonen pflegten nicht ſelten auf den Kampf hinzudeuten, in welchem Major Borrongheliffe das Bein verloren hatte. Die Engliſchen fluͤſterten gewoͤhnlich den Amerikaniſchen bei der Gelegenheit in's Ohr, es ſey beim letzten Kriege in einer verzweiſelten Af⸗ faire an der nord⸗oͤſtlichen Kuͤſte ihres Vaterlan⸗ des geſchehen. Der Major habe mit ausgezeich⸗ netem Erfolge und allgemeinem Vertrauen dabei kommandirt, ja ſogar ſeinen jetzigen Poſten„un⸗ gekauft“ erhalten. Dagegen huͤteten ſich, in Folge von einer gewiſſen nationalen Hoͤflichkeit, die Ve⸗ terane— denn ſolchen ehrwuͤrdigen Titel hatten allmaͤhlig Beide verdient— bei dieſem delikaten Gegenſtand mitzuſprechen. Kam ja einmal durch Zufall die Rede darauf, wenn die Tafel zu Ende ging; ſo ſuchte Borrougheliffe ſein Gewiſſen ein⸗ zuſchlaͤfern, indem er dem amerikaniſchen Freunde einen bedeutungsvollen Wink gab. Dieſer machte dann bei den Andern ſo eine dunkele Erinnerung 7 anuel ftragt Es imge⸗ erdige Pro⸗ ſonen uten, loren den „ es Af⸗ rlan⸗ eich⸗ dabei „un⸗ Folge Ve⸗ atten aten urch Ende ein⸗ inde chte ung rege, welche der Maler und Schauſpieler mit „im Kopfe kratzen“ darſtellt. So ging Jahr nach Jahr hin, und die voll⸗ kommenſte Einigkeit war zwiſchen beiden Poſten, trotz dem, daß mancher Zwiſt die Graͤnze an andern Orten beunruhigte, als Manuel's ploͤtz⸗ licher Tod der Freude auf einmal ein Ende machte. Er, der ſtrenge Verfechter von Diseiplin, hatte naͤmlich ſeine theure Perſon niemals auf die neutrale Inſel uͤberſetzen laſſen, ohne von einer Abtheilung Soldaten begleitet zu ſeyn. Sie wur⸗ den als regelmaͤßiges Piket aufgeſtellt, und dies ſchob dann in gehoͤriger Art ſeine Beobachtungs⸗ poſten vor. Dem werthen Freunde empfahl er gar ſehr das gleiche Verfahren. Es foͤrdere außer⸗ ordentlich, ſagte er, die Disciplin, und ſey doch ein herrliches Sicherungsmittel gegen jeden Ueber⸗ fall von der einen oder der andern Garniſon. Der Major wollte indeſſen fuͤr ſeine Perſon da⸗ von nichts wiſſen, ob er ſchon wieder viel zu gutmuͤthig war, den Mangel an Vertrauen in ſeinem alten Kameraden zu beachten. Ungluͤcklicher Weiſe hatten einmal die Berath⸗ ſchlagungen uͤber eine neue Zuſendung von Ma⸗ derawein bis tief in die Nacht gedauert. Manuel verließ die Huͤtte, und ging nach ſeinem Piket, ſo gaͤnzlich ſeiner ſelbſt vergeſſen, daß er, als die R 2 — 260— Schildwache anrief, nicht die Parole gab; und, traurige Begebenheit! er fand dadurch, vom Soldaten niedergeſchoſſen, ſeinen Tod! Der Mann war von Manuel ſo trefflich aus⸗ und einexercirt, daß es ihm ganz gleich galt, ob er Freund oder Feind niederſchoß, ſo lange es nach den Regeln des Kriegsgebrauchs und innerhalb der von den Kriegsartikeln gegebenen Graͤnzen geſchah. In⸗ deſſen Manuel lebte doch noch lange genug, den Burſchen fuͤr ſeine That zu beloben, und gegen Borrougheliffe eine Rede uͤber die hohe Vollkom⸗ menheit halten zu koͤnnen, in welcher ſein Kom⸗ mando gefuͤhrt worden ſey. Etwa ein Jahr vor dieſem traurigen Ereig⸗ niſſe war, wie ſich's gehoͤrte, ein Stuͤckfaß Wein von Madera's„Suͤdſeite“ verſchrieben worden, und bei Manuel's Tode kam es gerade den be⸗ ſchwerlichen Weg auf dem Miſſiſſippi⸗ und Ohio⸗ ſtrom herauf, indem es nach Neu⸗Orleans con⸗ ſignirt worden war, um ſo lange als moͤglich— unter der ihm heimathlichen Sonne zu verweilen. Der unzeitige Todesfall des Freundes legte nun Borrougheliffe die Pflicht auf, die koͤſtliche Re⸗ liquie des beiderſeitigen Geſchmacks in Empfang zu nehmen. Er wirkte ſich von ſeinen Obern Urlaub aus, mit dem lobenswerthen Vorſatze, den Strom hinabzufahren, und den fernern Trans⸗ ner tun eilte Bil nd, om ann eirt, der geln den In⸗ den gen om⸗ om⸗ len. nun Re⸗ ang dern atze, ans⸗ port in Perſon zu leiten. Die Frucht von der Anſtrengung war ein heftiges Fieber, das gleich den Tag nach Bewillkommnung des Schatzes ein⸗ trat. Der Arzt und der Major waren uͤber die Behandlung der im dortigen Klima ſo gefaͤhr⸗ lichen Krankheit ganz verſchiedener Meinung. Jener verlangte ſtrenge Diaͤt, und dieſer wieder⸗ holten Genuß des Herzlabſals, das ſoweit von der Heimath herbeigeholt war. Die Krankheit konnte daher nach Belieben fortgehen. In drei Tagen war Borrougheliffe todt, und zuruͤckgebracht, um an der Seite ſeines Freundes in der Huͤtte begraben zu werden, die ſo oft bei ihren Gelagen und Schmaͤuſen Zeuge geweſen war. Der Kapellan gab das Leben auf dem Schiffe bei Zeiten auf, um wieder ſeine kurzen Hoſen anziehen zu koͤnnen, eine Sache, die Katharinen unendliche Freude machte. Gelegentlich quaͤlte ſie ihren guten Mann mit der Frage, ob denn auch ihre Ehe, welche er mit langen Hoſen ein⸗ geſegnet haͤtte, guͤltig ſey? Griffith und ſeine trauernde Gattinn brach⸗ ten den Leichnam des Oberſten Howard nach ei⸗ ner von Holland's Staͤdten, wo man ihn ach⸗ tungsvoll und ſtandesgemaͤß beerdigte. Dann eilte der junge Mann nach Paris, die duͤſtern Bilder zu verſcheuchen, welche die Ereigniſſe der 262— juͤngſten Tage im Herzen der liebenswuͤrdigen Gefaͤhrtinn zuruͤckgelaſſen hatten. Cocilie unter⸗ hielt hier mit ihrer Freundinn, Alix Dunscombe, einen ſteten Briefwechſel, und die Angelegenhei⸗ ten in England wurden zu Ende gebracht, ſo gut es die Zeitumſtaͤnde zuließen. Er nahm nach⸗ her das Kommando an, das ihm, bevor er an Englands Kuͤſte kreuzte, angeboten wurde 2), und ſie kehrten nach Amerika zuruͤck. Bis zu Ende des Kriegs blieb er in Dienſten. Dann zog er ſich zuruͤck, und lebte blos den Pflichten des Gatten und guten Buͤrgers. Die Guͤter des Oberſten waren leicht wie⸗ der zu erhalten. Er hatte Amerika mehr aus Stolz, als durch Nothwendigkeit getrieben, ver⸗ laſſen, und ſie waren nicht eingezogen worden. Beide beſaßen auf dieſe Art ein bedeutendes Ver⸗ moͤgen. Wir bemerken bei der Gelegenheit, wie Griffith das dem verſtorbenen Hochbootsmann gegebene Verſprechen nicht vergaß, und deſſen kinderloſe Mutter ſo gut verſorgte, als ihre Lage und ſein Beutel nur immer zuließen. Etwa zwoͤlf Jahre mochten nach dem Kreuz⸗ zuge, der der Gegenſtand unſerer Erzaͤhlung war, wohl hingegangen ſeyn, als Grifſith ein Zeitungs⸗ *) Siehe erſten Theil, S. 114. 4 ———— ——4,—— igen ater⸗ wie nann eſſen Lage reuz⸗ war, ungs⸗ — 263— heft ſluͤchtig durchblaͤtterte. Auf einmal bemerkte Cecilie, daß er es wegſchob, und mit der Hand uͤber die Stirn fuhr, wie ein Mann, dem ſchnell eine ehemalige Begebenheit einfaͤllt, und der jetzt die Bilder, welche ihm lange entfallen ſind, wieder in's Gedaͤchtniß rufen will. „Findeſt Du Etwas in dem Blatte, das Dich beunruhigt, Griffith?“ fragte die noch immer Liebenswuͤrdige.„Ich hoffe, wir werden bei der nun feſtgeordneten Regierung, unſern Verluſt des Landes bald wieder ausgeglichen ſehn.— Ach, gewiß iſt einer von den Plaͤnen Dir aufgefallen, wie eine neue Marine gegruͤn⸗ det werden ſoll! Mein Gott! Du ſeufzeſt wohl gar darnach, wieder auf dem geliebten Ozean herum zu irren?“ „Seitdem Du mir laͤchelteſt, hat es mit dem Seufzen darnach ein Ende!“ antwortete er zerſtreut. „Iſt die neue Ordnung der Dinge nicht leicht zu verdauen? Liegt der Kongreß mit dem Praͤſidenten im Streite?“ „Waſhington's Name und Weisheit wird den Weg der Erfahrung ebnen, bis die Zeit das neue Syſtem vollkommen macht.— Cecilie, erinnerſt Du Dich noch des Mannes, der —— Manuel und mich nach St. Ruth in der Nacht begleitete, wo wir Gefangene Deines Onkels waren? Der nachher die Mannſchaft an⸗ fuͤhrte, welche mich und Barnſtable in Freiheit ſetzte?“ „Ei freilich; es war der Lootſe von Eu⸗ rem Schiffe, ſagte man. Ich erinnere mich noch, wie der ſuperkluge Offizier, den wir da⸗ mals im Quartiere hatten, ſelbſt vermuthete, er ſey mehr, als er ſcheine.“ „Der Englaͤnder hatte Recht. Allein Du ſaheſt ihn nicht in jener Nacht, wo er uns durch die Klippen leitete! Du konnteſt nicht Zeuge der Ruhe und des Muthes ſeyn, mit welchem er wieder das Schiff durch den naͤmlichen Kanal fuͤhrte, als das Getuͤmmel der Schlacht um uns tobte!“ 1 „Ich hoͤrte den furchtbaren Aufruhr, und kann mir die ſchreckliche Scene denken!“ erwie⸗ derte ſeine Gattinn, welcher die Erinnerung, ſo lange es auch her war, das Blut aus den Wan⸗ gen jagte.„Nun aber, was iſt denn mit ihm? Steht ſein Name in der Zeitung.— Ach, es ſind engliſche Blaͤtter. Gray hieß er, wenn ich mich recht beſinne.“ „Dieſen Namen fuͤhrte er bei uns. Er war ein Mann, der ſich von der Ehre ſchwaͤr⸗ 8 4 8 ———ẽõüy ä — 265— meriſche Begriffe gebildet hatte. Der jedes Ding verborgen wiſſen wollte, wo er eine Rolle ſpielte, die ſeinen Ruhm nicht erhoͤhte. Meinem ihm da⸗ mals feierlich gegebenen Worte zufolge, habe ich es ſtets vermieden, ſeinen Namen zu erwaͤh⸗ nen.— Er iſt nun todt!“ „Stand er denn wohl mit Alix Dunscombe in Verbindung?“ fragte Cecilie, und ließ nach⸗ denkend ihre Naͤtherei auf den Schooß ſinken. „Sie ging, dringend darnach verlangend, allein zu ihm, als ich und Katharine Dein Gefaͤng⸗ niß oͤffneten, und meine Baſe ſagte mir damals im Vyrtrauen, daß ſie einander kennten. Ge⸗ ſtern bekam ich einen Brief von Alix. Er war ſchwarz geſiegelt. Ich ward ganz von der duͤ⸗ ſtern, aber edeln Art ergriffen, mit der ſie mir vom Hinuͤberſcheiden in eine andere Welt ſchrieb.“ Griffith ſah ſie an, als verſtehe er nun ploͤtzlich die ganze Saͤche. „Wahrlich!“ ſagte er,„Du haſt recht, Cecilie. Funßzig Gegenſtaͤnde fallen mir mit dem Einen Gedanken bei! Seine Bekanntſchaft mit jenem Punkte der Kuͤſte— ſein fruͤheres Le⸗ ben— ſeine Abenteuer ſelbſt— die Kenntniß von der Abtei— Alles beſtaͤtigt mir dies! Er war ein Mann von ausgezeichnetem Charakter!“ — 266— „Warum blieb er aber nicht in Amerika? Er ſchien ja deſſen Sache zu vertheidigen?“ „Sie vertheidigte er, weil er ſtrebte, ſich aus⸗ zuzeichnen, getreu ſeiner herrſchenden Leidenſchaft; vielleicht auch, um einer kleinen Ungerechtigkeit willen. Man ſagt, dieſe hatte er in England er⸗ duldet. Er war ein Menſch, und darum nicht ohne Fehler. Zu dieſen konnte man wohl rechnen, daß er ſeine Thaten hoch anſchlug. Aber die meiſten waren kuͤhn und ruͤhmenswerth; auch verdient er nicht halb den Tadel, den ſeine Feinde auf ihn haͤufen. Die Liebe zur Freiheit mag bei ihm ſehr in Zweifel gezogen werden! Er begann ſeine Laufbahn im Dienſte dieſer freien Staaten, und endigte ſie in dem eines Despoten!*) Jetzt iſt er todt! Haͤtte er zu einer Zeit, unter Umſtaͤnden gelebt, wo die voll⸗ endete Kenntniß ſeiner Kunſt, ſein kalter, uͤber⸗ legender, und doch verzweifelnder Muth von einer ordentlichen und gut ausgeruͤſteten Flotte unter⸗ ſtuͤßt worden waͤre; haͤtte ihn die Erziehung fruͤherer Jugend beſſer in den Stand geſetzt, die Ehre, die er als Mann erkaͤmpfte, ſanfter zu *) Wer damit gemeint iſt, vermag ich, aus Mangel an biograghiſchen Nachrichten uͤber Paul Jones nicht zu ſagen.. D. Ueb. tragen; ſo wuͤrde kein Name unter ſeinen er⸗ waͤhlten Landsleuten mit groͤßerm Ruhme auf die Nachwelt gekommen ſeyn.“— „Ei, Griffith,“ rief Cecilie,„du wirſt jaf, ganz warm ſeinetwegen. Wer war er denn?“ „Ein Mann, dem ich verſprach, zu ſchwei⸗ gen, ſo lange er lebte, und noch iſt durch ſeinen Tod das Wort nicht geloͤſet. Wiſſe, und das genuͤgt Dir, er war ein großes Werkzeug, un⸗ ſere ſchnelle Vereinigung herbeizufuͤhren, und unſer Gluͤck haͤtte wohl Schiffbruch leiden koͤn⸗ nen, wenn wir im deutſchen Meere nicht auf den unbekannten Lootſen ſtießen.“ Cecilie ſah, daß ihr Mann aufſtand, und bevor er aus dem Zimmer ging, alle Papiere zuſammennahm! Sie fragte nicht weiter. Auch in der Folge kam die Rede nie, wieder auf den unbekannten— Lootſen