Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Eduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und eſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſfelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurü⸗ gabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: icher auf 1 Monat: 4 M.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 1 u7 11— u. 17—„ 7*— 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer tun Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bucher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— — —— Der Lootse oder Abenteuer an Englands Kiiste. Ein Seegemaͤlde 8 aus dem Engliſchen des Amerikaners Cooper * von r. 4 — Partei wird Alles, wenn das Zeichen Des Bürgerkrieges ausgehangen iſt!— Schiller. Zweiter Dheil. Leipzig, bei Adolph Wienbrack. — 1824. e,—— 33 — —— ipzig. 65. H. Maret in Le Gedruckt bei Der Lootſe. 1. Soll ich in ſchoͤnen Traͤumen mich ergehn? Und mich in Liebe endlich ſelbſt verlieren? 4½ 1 Addiſon. Der Leſer wird ſchon daran denken, daß die Welt, waͤhrend der Auftritte, die wir erzaͤhlten, nicht ſtill ſtand. Als die drei Seeleute in eben ſoviel verſchiedene Gemaͤcher gebracht waren, die eine auf der zu allen fuͤhrenden Gallerie geſtellte Schildwache im Auge behielt, war bereits die Nacht weit vorgeruͤckt. Kapitain Borrougheliffe gab der Einladung des Oberſten Howard gern Gehoͤr, als dieſer viel zur Entſchuldigung des geſtoͤrten Thee's vorbrachte, und dagegen zu einem neuen Sturme auf ein Paar Maderaflaſchen auffoderte. Dies war ein zu angenehmer Gegenſtand fuͤr den Erſtern, um viel daruͤber zu ſtreiten, und die Glocke in der Abtei hatte ſchon manchmal duͤſter an die Ver⸗ 1ne erinnert, ehe ſie ſich trennten. Dillon war waͤhrend der Zeit unſichtbar ge⸗ worden. Der Oberſt hatte einen Diener deshalb 1I. A“ gefragt, und zur Antwort erhalten, Herr Chriſtoph ſey nach einem benachbarten Schloſſe geritten, um mit Tagesanbruch der Jagd daſelbſt beizu⸗ wohnen. Waͤhrend indeſſen die beiden Herren im Speiſezimmer der Flaſche zuſprachen, und uͤber aͤltere Zeiten, ſo wie manche Strapazen wacker lachten, fielen in den uͤbrigen Theilen des Hauſes zwei beſondere Auftritte vor. 6 4 Alles war bereits ſtill und ruhig in der Abtei. Nur der Wind heulte manchmal, oder das lange, laute Lachen der beiden Trinkgenoſſen haallte durch die Gaͤnge wieder. Da oͤffnete ſich leiſe eine Thuͤre in einer der Gallerieen des „Kloſters“. Katharine Plowden ſchluͤpfte, in einen Mantel gehuͤllt, mit einer Lampe heraus, die ihr mattes Licht auf die duͤſtern Waͤnde warf * und hinter ihr Alles finſter ließ. Bald fol gten ihr zwei andere weibliche Geſtalten, auf gleiche Weiſe gekleidet⸗ auf gleiche Weiſe mit Licht ver⸗ ſehn. Als Alle im ds wen⸗ ſchloß Ka⸗ thari e Thuͤre ohne Geraͤuſch zu, und ſtellte 4 die Spitze, um ſie zu leiten. Still!“ ſagte Cecilie leiſe und mit zittern⸗ der Seth me.„Noch ſind ſie im andern Fluͤgel 1 muunter und waͤre Deine Meinung as wͤrde unſer Beſuch Alles verrathen und 3 ſehirr Verderben herbeifuͤhren.“ 8 8½ — — „Iſt es denn ſo ſelten, ſo ſonderbar, den Oberſten bei der Flaſche lachen zu hoͤren, daß Du daran nicht denkſt?“ verſetzte Katharine et⸗ was hitzig.„Oder vergißt Du, daß ihm bei ſolchen Gelegenheiten ſelten Ohren zu hoͤren und Augen zu ſehen bleiben? Komm! Wie ich ver⸗ muthe, ſo iſt es. Es iſt unmoͤglich, daß dem nicht ſo ſey. Und wenn wir nichts thun, ſie zu retten; ſo ſind ſie verloren, vorausgeſetzt, daß ſie keinen tiefern Plan haben, als wir ſehen.“ „Einen gefaͤhrlichen Gang. wagt Ihr Bei⸗ de!“ ſetzte Alix Dunscombe in ſanftem Tone hinzu.„Doch Ihr ſeid jung und darum dthe glaͤubig.“ „W Wenn Du unſern Beſuch mißbilligſt;“ ſagte . Cecilie,,„ſo taugt er nichts, und wir khun beſ⸗ ſer, umzukehren.“ „Nein, nein; ich habe nichts geſagt, um Euch Euer Abenteuer abzurathen. Hat Gott das Leben der Maͤnner in Eure Haͤnde gelegt, die Ihr zu lieben und zu achten gelernt habt, wie das Weib einem Manne zugethan ſeyn ſoll, ſo that er es nicht ohne Urſache. Bring' uns an ihre Thuͤren, Katharine. Wir wollen min⸗ 2ee unſere Zweifel loͤſen.“ 8 Das muthige Maͤdchen wartete auf keine zweite Aufforderung. Sie hhn ſe tgit ſchnel⸗ 4 lem, fluͤchtigem Schritte uͤber den Corridor bis zu Ende deſſelben, wo ſie auf einer engen Wen deltreppe in eine Halle hinabſtiegen. Hier ward eine kleine Thuͤr geoͤffnet, und ſie traten ins Freie, auf einen Raſenplatz, der zwiſchen dem Gebaͤude und ſeinem Luſtgarten lag. Raſch eilten ſie dar⸗ uͤber hin, die Lampen verbergend und ſich zu⸗ ſammenhuͤllend, da der Wind von der See ſchnei⸗ dend daher blies. Bald kamen ſie an ein un⸗ ſcheinbares Nebengebaͤude, deſſen unbedeutendes Aeußere nur durch die vollendetern Theile des Hauptgebaͤndes verdeckt war, und in dieſes gin⸗ gen ſie ein, indem ein Thor halb offen ſtand, als ſey es abſichtlich. „Chloe hat meinen Befehlen gehorcht!“ lis⸗ pelte Katharine, als ſie aus der kalten Luft kamen. 2 „Wenn alle Bedienten ſchlafen, wird unſere Hoff⸗ nung, unentdeckt zu bleiben, zur Gewißheit.“ Sie mußten nun durch die Vorhalle gehen, und es geſchah, ohne geſehn zu werden, da hier nur ein alter Neger, zwei Schritte von der Klin⸗ gel entfernt, im feſten Schlafe lag. Von nun an ging es durch ein Labyrinth von Gallerieen, die Katharinen eben ſo bekannt, als ihren Freun⸗ dinnen fremd waren, bis ſie endlich eine andere Treppe fanden, welche erſtiegen wurde. Jetzt ſtanden ſie den Gefaͤngniſſen nahe, und ſchauten 4 A umher, ob und welche Schwierigkeit ihrem fer⸗ nern Beginnen im Wege ſtehe. 82„ Ach, jetzt ſcheint die Sache verloren!“ ſagte Katharine leiſe, als ſie ſo am Ende des . ungeheuer langen, engen Ganges in Finſterniß gehuͤllt, da ſtanden.„Hier iſt eine Schildwache auf dem Gange, ſtatt daß ſie, wie ich glaubte, unter den Fenſtern ſeyn ſollte.“ „Wir wollen lieber wieder umkehren!“ ent⸗ gegnete Cecilie eben ſo leiſe.„Ich habe vielen Einfluß auf den Onkel, wenn er anch manchmal p oͤſe auf uns ſcheint. Morgen werde ich Alles a ufbieten, ihn zu bereden, die Leute freizulaſſen, und ſie nur zum Verſprechen anzuhalten, ſolche treiche nicht wieder zu machen.“ „Morgen fruͤh iſt's zu ſpaͤt!“ entgegnete tharine.„Der Satan, Chriſtoph Dillon, iſt unter dem Vorwande, der großen Jagd beizuwohnen, fortgeritten. Aber ich verſtehe mich auf ſeinen boshaften Blick zu gut, um daruͤber getaͤuſcht zu werden. Er ſchweigt, um ganz ſicher zu gehn. Wenn der Morgen tagt, und Griffith 4 noch hier iſt, bringt man ihn auf's Schaffot!“ „Schweig! unterbrach ſie Alir Dunscombe mit ſonderbarer Unruhe.„Vielleicht ſind wir mit der Schildwache gluͤcklich!“ — 6— Und mit dieſen Worten ging ſie vorwaͤrts. Kaum hatten ſie einige Schritte gethan, als der Soldat gellend anrief. „Jetzt iſt keine Zeit zu verlieren;“ lispelte Katharine den Freundinnen zu. „Wir ſind die Damen von der Abtei, und wollen ſehen, ob Alles in Ordnung iſt!“ ſagte ſie zum Soldaten.„Sonderbar iſt es, daß wir, indem wir in unſern Wohngebaͤuden wandern, auf bewaffnete Leute ſtoßen!“ Der Soldat zog achtungsvoll ſein Gewehr an, und erwiederte: „Ich habe Befehl, die Thuͤren der drei Stuben zu bewachen. Wir haben Gefangene darin. Außerdem werde ich nach allen meinen Kraͤften zu Dienſten ſtehen.“ „Gefangene?“ rief Katharine, und ſtellte ſich, als ſtaune ſie.„Wie? Macht Kapitain Borrougheliffe aus St. Ruth's Abtei ein Ge⸗ faͤngniß? Was haben denn die armen Leute ge⸗ than?“— „Ich weiß es nicht, Mylady; aber da ſie Matroſen ſind, vermuthe ich, ſie ſeien aus dem Dienſte Sr. Majeſtaͤt entwichen.“ „Sonderbar, wahrhaftig! Nun, warum ſind ſie denn nicht in das gewoͤhnliche Gefaͤngniß der Grafſchaft geſchickt worden?“ —,— 2 — 2 8 „Das muß doch naͤher unterſucht werden!“ nahm Cecilie das Wort, und ſchlug den Mantel zuruͤck.„Als Herrinn vom Hauſe muß ich wiſ⸗ ſen, wen ſeine Mauern beherbergen. Ihr wer⸗ det mir einen Gefallen thun, wenn Ihr auf⸗ ſchließt: denn ich ſehe, die Schluͤſſel haͤngen an Eurem Guͤrtel.“ 4 Die Schildwache zauderte. Die Schoͤn⸗ heit und Rede der Sprecherinn hatten ihn ſehr eingeſchuͤchtert. Aber eine innere Stimme erin⸗ nerte ihn an ſeine Schuldigkeit. Indeſſen ein gluͤcklicher Gedanke brachte ihn aus der zweifel⸗ haften Lage heraus. Er konnte der Dienſtpflicht und dem Wunſche, oder beſſer dem Befehle der Lady gehorchen. „Hier ſind die Schluͤſſel!“ erwiederte er. „Mein Befehl lautet, die Gefangenen nicht her⸗ auslaſſen, aber Keinen abzuhalten, der hinein will. Wenn Ihr mit ihnen geſprochen habt; ſo ſeid ſo gut, die Schluͤſſel mir wieder zuzuſtellen, waͤr⸗ es auch nur, die Augen eines armen Burſchen zu ſchonen: denn bis die Thuͤre wieder verſchloſſen iſt, darf ich nicht einen Augenblick davog wegſehen!“ Cecilie verſprach das gern, und als ſie mit zitternder Hand den einen Schluͤſſel verſuchte, hielt ſie Alix zuruͤck, um ſelbſt mit der Wache zu reden. 3 „Nicht wahr, es ſind Drei?“ fragte ſie. „Sind ſie bejahrt?“. „Nein, Milady, lauter dienſtfaͤhige Bur⸗ ſche, die nichts Beſſeres thun konnten, als Sr. Majeſtaͤt dienen, oder vielmehr nichts Schlechte⸗ res, als ihrer Fahne entlaufen.“ „Nun, ſind ſie ſich denn an Jahren und Geſtalt gleich? Ich frage blos, weil ich einen Freund habe, der manche Knabenpoſſen gemacht hat, und unter andern auch zu Schiffe gegan⸗ gen iſt.“ „Ein Knabe iſt nicht darunter. In der dritten Stube da hinten iſt ein derber Kerl, der wie ein Soldat ausſieht und ein Dreißiger ſeyn kann. Der Kapitain meint, er habe ſchon die Muskete getragen. Auf ihn ſoll ich ein beſonde⸗ res Auge haben. Dann daneben iſt ein ſo huͤb⸗ ſcher, junger Menſch, wie man ihn nur gern ſehn mag, und mich macht's traurig, wenn ich an ſein Geſchick denke, falls er vom Schiffe deſertirt iſt. Hier gleich iſt ein kleiner untergeſetzter Mann. Er paßte beſſer zum Prediger, als zum Matro⸗ ſen oder Soldaten, denn er hat ſo einen gewiſ⸗ ſen Anſtand.“ Alix hielt einen Augenblick die Hand vor die Augen. Dann hatte ſie ſich gefaßt. — A „Guͤte vermag bei den Menſchen, die un⸗ gluͤcklich ſind, oft mehr, als Furcht!“ ſagte ſie. „Hier iſt eine Guinee. Geht an's Ende des Gangs, wo Ihr, wie hier, Alles ſehn koͤnnt. Wir wollen hineingehen, und ſie zu bereden ſu⸗ chen, Alles zu geſtehen.“ 1 Der Soldat nahm das Goldſtuͤck, und ſah erſt etwas ungewiß herum. Dann aber willigte er doch ein. Es war ihm klar, daß eine Flucht anders, als die Treppe hinab, unmoͤglich ſey. Als er zu weit war, um die Maͤdchen verſtehn zu koͤnnen, drehte ſich Alix zu ihren Freundinnen. Eine leichte ſieberhafte Roͤthe uͤberzog ihre Wan⸗ gen, als ſie ſprach:— „Es waͤre Thorheit, wollte ich's Euch ver⸗ bergen, daß ich hier den Mann zu finden er⸗ warte, deſſen Stimme ich geſtern Abend in der That gehoͤrt haben muß. Nicht eingebildete Toͤne waren es, wie ich thoͤricht, wenn auch nicht ſuͤndlich, vermuthete. Ich hielt ihn fuͤr todt. Jetzt glaub' ich, er ſey in dieſem unnatuͤrlichen Kriege ein Streit⸗ genoſſe der rebelliſchen Amerikaner. O! ſchilt nicht, Katharine. Bedenke, daß ich auf dieſer Inſel ge⸗ boren bin. Ich komme nicht hieher, meinem eitlen, ſchwachen Herzen zu froͤhnen, liebe Cecilie, ſondern nur Menſchenblut zu ſparen. 44 Sie hielt inne. — 10— „Gott allein kann wiſſen, wie dieſe Zuſam⸗ menkunft endigen wird!“ ſetzte ſie dann leiſe hinzu. „Geh, geh!“ munterte Katharine ſie auf, die im Stillen eine Freude uͤber den Entſchluß der Freundinn hatte.„Wir wollen indeſſen das Verhaͤltniß der andern erforſchen.“ Alix drehte den Schluͤſſel um, und oͤffnete ſacht die Thuͤre. Sie bat die Freundinnen, beim Fortgehn anzupochen, und verſchwand in das Zimmer. 3 4 Cecilie und ihre Baſe gingen an die naͤchſte Thuͤre, die ſie ſchweigend oͤffneten, und dann ebenfalls eintraten. Katharine Plowden hatte die Vorkehrung des Oberſten Howard ſo weit ausgeforſcht, daß ſie wußte, es ſeyen fuͤr die Gefangenen Decken bereitet worden. Andere Bequemlichkeiten hielt er bei Leuten, die gewohnt ſchienen, meiſtens Bett und Pfuͤhl auf dem Boden eines Schiffes zu finden, fuͤr unnoͤthig.. Die Maͤdchen fanden daher den jungen See⸗ mann, den ſie ſuchten, in eine rauhe Decke ge⸗ huͤllt, auf einem nackten Brete ausgeſtreckt, und in tiefen Schlaf verſunken. Sie traten ſo furchtſam auf, hatten beim Anſſchließen ſo we⸗ nig Geraͤuſch gemacht, daß ſie an ſeiner Seite — — —-— 11— ſtanden, ohne ſeinen Schlummer geſtoͤrt zu ha⸗ ben. Sein Kopf ruhte auf einem Klotze. Die eine Hand ſchuͤtzte ihn gegen die rauhe Flaͤche deſſelben, und die andere war im Buſen, wo ſie einen Dolch halb umſchloſſen hielt. So feſt er aber auch ſchlief; doch war darin etwas Unna⸗ tuͤrlicches und Unruhiges. Sein Athem ging aͤngſtlich und ſchnell. Manchmal ließ er undeut⸗ liche Worte ohne Zuſammenhang hoͤren. Der Augenblick war da, wo Ceciliens Charakter ganz umgewandelt zu ſeyn ſchien. Bis jetzt hatte ſie ſich von ihrer Baſe leiten laſſen, deren Thaͤtigkeit und Muth ſo trefflich zu einer Fuͤhrerinn paßte. Jetzt eilte ſie Katharinen voraus, und hielt die Lampe, daß ſie das Geſicht des Schlafenden beleuchtete, indeß ſie ſich beugte, und mit forſchendem Blicke ſeine Zuͤge muſterte. „Hab' ich recht?“ lispelte Katharine zu ihr. „Gott ſchuͤtze ihn nach ſeiner unendlichen Barmherzigkeit, und habe Mitleiden mit ihm!“ erwiederte Cecilie leiſe, und am ganzen Koͤrper zitternd, als die Gewißheit, Griffith ſey hier, ihre Seele ergriff.—„Ja, Katharine, er iſt es. Blinde Unbeſonnenheit hat ihn herge⸗ bracht.— Doch die Zeit iſt dringend. Er muß aufgeweckt und ſeine Flucht um jeden Preis bewirkt werden.“ — 12— „Nun, ſo ſteh nicht laͤnger an. Mache ihn munter!“ „Grifſith! Eduard Griffith!“ rief Cecilie ſanft.„Griffith wach' auf!“.K „Du rufſt umſonſt ſo. Sie ſchlafen un⸗ ter Stuͤrmen und beim Brauſen des Meeres. Aber ich habe gehoͤrt, die leiſeſte Beruͤhrung bringt ſie zur Beſinnung!“ „Griffith!“ wiederholte Cecilie, und legte zagend ihre kleine Hand auf die ſeinige. Der Blitz faͤhrt nicht ſchneller herab, als der junge Mann auf den Beinen ſtand. Und kaum war er das, als auch ſein Dolch beim Schein der Lampe funkelte, indem er ihn mit der einen Hand heraus zog. Die andere ſtreckte drohend nach ſeinen Umgebungen ein Piſtol aus. „Zuruͤck!“ rief er.„Nur meinen Leichnam koͤnnt Ihr gefangen behalten!“ Sein wilder Blick, ſein rollendes Auge, welches Feuer ſpruͤhte, ſchreckten Cecilie, daß ſie einige Schritte furchtſam zuruͤcktrat. Endlich warf ſie den Mantel weg, und ſah ihn mit dem ſanften Auge ſo vertrauensvoll an, wie ſie vor⸗ her aͤngſtlich geweſen war. „Eduard!“ ſagte ſie,„ich bin es. Cecilie Howard koͤmmt, Dich vom Verderben zu retten — 13— Wir haben Dich, trotz Deiner Verkleidung, er⸗ kannt.“ Dolch und Piſtol entſanken dem jungen Seemann. Sein Blick verlaͤugnete jede Furcht und ſprach nur Freude. „So will mir endlich das Gluͤck wohl!“ rief er.„Das iſt viel, gute Cecilie, mehr als ich verdiene und erwartete. Doch— Du biſt nicht allein?“ „Es iſt meine Baſe Kaͤthchen mit hier. Ihrem durchdringenden Blick verdankſt Du es, daß wir Dich erkannten, und gern willigte ſie ein, mich zu begleiten, um Deine Flucht in dieſer Nacht noch, wenn es noͤthig iſt, zu bewerkſtelligen. Aber es iſt grauſame Thorheit, Griffith, ſo das Schickſal zu verſuchen.“ „Hab' ich es denn umſonſt verſucht?— Miß Plowden, ich muß an Euch appelliren. Antwortet, rechtfertigt mich!“ Katharine ſchien unwillig. Sie antwortete nicht gleich. „Ganz zu Befehl, Sir Griffith!“ ſagte ſie endlich.„Ich ſehe, der gelehrte Kapitain Barnſtable hat nicht nur mein Gekritzel heraus buchſtabirt, ſondern es auch Andern zum Gebrauch mitge⸗ theilt.“ „O! thut nicht mir und ihm Unrecht!“ bat — 14— Griffith.„Es war kein Verrath, mich mit ci⸗ nem Plane bekannt zu machen, bei dem ich die Hauptrolle ſpielen ſollte. 44. „Ei freilich! Entſchuldigungen habt Ihr ſo geſchwind bei der Hand, als Eure Mannſchaft;“ erwiederte das junge Maͤdchen.„ Aber, wie kommt's denn, daß der Held des Ariel einen Stellvertreter ſendet, eine ihm ganz eigenthuͤm⸗ lich obliogende Pflicht zu erfuͤllen? Iſt er ge⸗ wohnt, bei ſolchen Dingen die zweite Rolle zu 4 uͤbernehmen?“ 3 „Der Himmel verhuͤte es, daß Ihr von ihm 4 nur einen Augenblick ſo gering daͤchtet! Wir ſind Euch viel ſchuldig, aber haben auch noch andere Pflichten. Wir dienen, wißt Ihr, unſerm ge⸗ 8 meinſchaftlichen Vaterlande, und ein Hoͤherer. ſteht uͤber uns, deſſen Wink Befehl iſt.“ „Eile alſo, Griffith! da Du noch kannſt, dem blutenden Vaterlande zu dienen;“ ſprach Cecilie,„und haben die vereinten Anſtrengungen ſeiner tapfern Kinder die Fremdlinge von ſeinem Boden verjagt: dann laß uns hoffen, es komme bald die Zeit, wo Katharine und ich, dem hei⸗ miſchen Herde zuruͤckgegeben werden.“ „Weißt Du auch, wie lange hin Britan⸗ niens maͤchtiger Arm dieſen Augenblick hinaus⸗ draͤngen kann? Wir werden ſiegen. Ein Volk, — — 15— das fuͤr die theuerſten Rechte kaͤmpft, muß ſtets ſiegen. Aber fuͤr ein armes, zerſtreutes, von Allem entbloͤſetes Volk iſt es nicht das Werk eines Tages, eine Macht, wie die Englands iſt, niederzu⸗ ſtrecken. Du vergißt, daß Dein Verlangen, Dich mit ſolcher Ausſicht zu verlaſſen, nichts als Ver⸗ urtheilung zur hoffnungsloſeſten Verbannung iſt.“ „Wir muͤſſen Gott vertrauen! Wenn er will, Amerika ſoll nur nach Jahre langen Leiden frei ſey, ſo kann ich nur mit meinen Gebeten helfm; Du aber, Griffith, haſt einen Arm und Erfchrung, die beſſere Dienſte thun koͤnnen. Ge⸗ bbrauche beide nicht unnuͤtz, in eingebildeten Plaͤ⸗ nam; ſondern nimm den Augenblick wahr, wie e: Dir geboten wird. Eile auf Dein Schiff zu⸗ wͤck, wenn es jetzt in micheihen liegt. Be⸗ nuͤhe Dich, Deine Unbeſonne heit, und fuͤr eine Zeitlang das Maͤdchen zu vergeſſen, das Dich zu dem Abenteuer verleitete.“ „Auf einen ſolchen Empfang war ich nicht bereitet!“ rief Griffith.„Zwar brachte mich nur der ar ieich bedachter Plan, dieſen Abend hierher. Aber doch hoffte ich, nur in Deiner Geeſellſchaft die Fregatte wieder zu ſehn.“ „Mir darfſt Du gerechter Weiſe keinen Vorwurf machen, wenn Du getaͤuſcht biſt. Ich habe nicht eine Sylbe geaͤußert und aͤußern laſ⸗ — — — 16— ſen, die Dich oder ſonſt Jemand uͤberreden koͤnn⸗ te, ich werde meinen Onkel verlaſſen.“ „Und wirſt Du mich fuͤr anmaßend halten, wenn ich Dich an die Stunden erinnere, wo Du mich nicht fuͤr unwerth hielteſt, mir Dich ſelbſt und Dein Gluͤck anzuvertrauen?“ Eine hohe Roͤthe uͤberflog Ceciliens Antlitz. „Wohl weiß ich das!“ war ihre Antwort. „Aber Du erinnerſt mich mit Recht an neine Schwaͤche. Der Gedanke an jene Thorheit und Unbeſonnenheit kann mich jetzt nur in meinem feſten Entſchluſſe beſtaͤrken.“ „Nicht doch!“ ſiel der Liebende ihr ſchnell in's Wort.„Wenn ich einen Vorwurf becb⸗ ſichtigte, oder einen anmaßenden Gedanken waz⸗ te; ſo verbanne mich, als Deiner Gunſt unwuͤr⸗ dig, auf ewig aus Deinen Augen.“ „Beides ſuch' ich weniger in Dir, als ich mich ſelbſt von dem Vorwurf der Schwaͤche und Thorheit freimachen kann. Indeſſen es ſind manche Dinge ſeit unſerm letzten Beiſammen⸗ ſeyn vorgefallen, die wohl eine Wiederholung von unuͤberlegter Haſt auf meiner Seite verhuͤten koͤn⸗ nen. Eines davon iſt“— ſie laͤchelte dabei zaͤrt⸗ lich—„ich zaͤhle zwoͤlf Monate mehr, in Betreff des Alters, und hundert mehr in Hinſicht auf Verſtand. Dann, und das iſt vielleicht noch lebt er als Fremdling. Zwar findet er einigen gruͤndet ſich auf unſere Liebe. Er iſt mein gu⸗ — 4z— wichtiger! war mein Onkel damals unter den Freunden ſeiner Jugend, von Allen umgeben, deren Blut mit dem ſeinigen vermiſcht iſt. Hier Troſt darin, daß er ein Gebaͤnde bewohnt, wor⸗ in ſeine Ahnen hauſeten. Aber immer wan⸗ delt er, wie nicht heimiſch, durch die duͤſtern Gaͤnge; und fuͤr die Liebe, die Theilnahme Al⸗ ler, die er von Kindheit an liebte und achtete, findet er in dieſer eitlen, aͤußern Ehre nur duͤrf⸗ tigen Erſatz.“ „Und doch iſt er den Wuͤnſchen Deines Herzens entgegen, Cecilie, inſofern mich meine thoͤrichte Eitelkeit glauben laͤßt, was mich zum Wahnſinn bringen koͤnnte, hoͤrte ich, es ſey falſch. In Euern Meinungen uͤber den Staat ſeyd Ihr nun vollends ganz verſchieden. Ich ſollte denken, bei einer Verbindung, wo kein einziges Gefuͤhl gemein iſt, koͤnne nur wenig Gluͤck genoſſen werden.“ „ Und doch! Und zwar viel Gluͤck! Es ter, theilnehmender, und— reizt ihn nichts Unan⸗ genehmes,— nachſichtiger Onkel und Vormund. Ich bin ſeines Bruders Harry Kind. Dies Band iſt nicht leicht zu zerreißen, Griffith, ob II. B 4 ich ſchon, um Dich nicht ganz aͤngſtlich zu ma— chen, nicht ſagen mag, Deine thoͤrichte Eitelkeit habe Dich irre gefuͤhrt. Aber wahrlich, Eduard, es iſt moͤglich, doppelte Bande zu fuͤhlen, und den Pflichten gegen beide getreu zu bleiben. Ich kann und will nicht einwilligen, meinen Onkel zu verlaſſen, ihn, der ein Fremdling in dem Lande iſt, deſſen Rechte er ſo blind verthei⸗ digt. Du kennſt dies England nicht, Gelieb⸗ ter! Es nimmt ſeine Kinder aus den Kolonieen kalt und mit ſtolzem Mißtrauen, gleich einer ei⸗ ſerſuͤchtigen Stiefmutter auf, die gegen die Kin⸗ der der ihr verhaßten Abkunft mit jeder Gunſt⸗ bezeugung geizt.“ „Ich kenne England im Frieden und im Kriege!“ ſagte der junge Seemann auffahrend, „und kann wohl ſagen, es iſt ein ſtolzer Freund, ein unverſoͤhnlicher Feind! Aber jetzt kaͤmpft es mit Maͤnnern, die nichts von ihm verlangen, als die Gelegenheit und den Kampf auf Leben und Tod.— Doch dieſer Entſchluß wird Barn⸗ ſtable eine traurige Nachricht ſeyn.“ „Nein!“ ſagte Cecilie laͤchelnd,„fuͤr Maͤd⸗ chen, die keinen Onkel haben, wohl aber ein uͤbergroßes Maaß von Haß und Widerwillen ge⸗ gen dieſes Land, dies Volk und ſeine Sitten be ſitzen, ob ſie gleich von Allem nichts wiſſen, mag ich nicht Buͤrge ſeyn.“ „Iſt Miß Howard es uͤberdruͤßig, mich un⸗ ter dem Dache von St. Ruth zu ſehn?“ fragte Katharine ſchnell.—„Doch horcht! ſind das nicht Fußtritte, die auf der Gallerie ertoͤnen?“ Sie lauſchten, ohne Athem zu holen, und hoͤrten ganz deutlich Jemanden kommen. Meh⸗ rere Stimmen wurden vernehmlich. Bevor ſie noch Zeit hatten, zu uͤberlegen, was das Beſte ſey, toͤnten die Worte der Sprechenden vollkom⸗ men deutlich außen vor der Thuͤre des Zimmers: „Hoͤre, er hat ein militairiſches Anſehn, Peter, und das macht ihn was werth. Komm, mach' einmal die Thuͤre auf!“ „Das iſt gar nicht die Stube;“ verſetzte der Soldat unruhig.„Sein Quartier iſt da unten auf der Gallerie.“ „Woher weißt Du denn das, Peter? Komm! Gieb den Schluͤſſel her und mache auf. Ich kuͤmmere mich nicht darum, wer hier ſchlaͤft. Wer weiß denn, ob ich ſie nicht alle Drei an⸗ werben kann.“ Ein Augenblick von ſchrecklicher Ungewißheit folgte, als man die Wache endlich auf dieſen nausweichlichen Befehl antworten hoͤrte: B 2 ☛ 29— „Ich dachte, der Herr Kapitain wollte nur etwa den mit der ſchwarzen Halsbinde ſehn, und ſo ließ ich die andern Schluͤſſel am andern Ende der Gallerie haͤngen.“ 1 „Ci, das iſt nichts, Schlingell Eine Wache muß immer die Schluͤſſel bei ſich haben, wie ein Gefaͤngnißwaͤrter. Komm und laß mich den Kerl ſehen, der ſo gut rechtsum macht.“ Katharinens Herz klopfte endlich ſchwaͤcher. „Das iſt Borrougheliffe!“ ſagte ſie.„Er hat zu viel getrunken, um den Schluͤſſel an un⸗ ſerer Thuͤre zu ſehn. Aber was iſt nun zu thun? Wir haben nur einen Augenblick zu uͤber⸗ legen?“ nin da4 4 „Wenn der Tag graut,“ ſagte Cecilie, „ſende ich, unter dem Vorwande, daß Ihr Fruͤhſtuͤck bekommt, meine Waͤrterinn ſelbſt zu Euch.“—.I 8 „Wegen meiner Sicherheit,“ bemerkte Grif⸗ ſith,„ſeyd unbeſorgt. Ich denke kaum, daß man uns feſthalten wird. Waͤr' es aber; ſo iſt Barnſtable mit einer Mannſchaft bei der Hand, die dieſe Rekruten nach allen vier Winden zer⸗ ſtreuen wuͤrde.“ e n „Ach das wuͤrde zu blutigen Auftritten fuͤh⸗ ren!“ rief Cecilie bebend. 1 3 — A —— „Horch!“ lispelte Katharine.„Sie kom⸗ men wieder!“ Ein Mann kam in der That gegen die Thuͤre, die leiſe aufgemacht wurde. Die Schild⸗ wache guckte herein. „Kapitain Borrougheliffe macht die Runde,“ ſagte der letztere,„und fuͤr funfzig Guineen moͤcht⸗ ich Euch keine Minute laͤnger hier laſſen!“ „Nur noch ein Wort!“ ſagte Cecilie. „Nicht eine Sylbe, Mylady: es gilt mein Leben!“ entgegnete die Wache.„Die Dame aus dem andern Zimmer wartet ſchon Eurer. Einem armen Kerl zu gefallen, geht, woher Ihr gekommen ſeyd!“ So einer Aufſorderung war nicht zu wider⸗ ſtehen, und ſie fuͤgten ſich. „Ich werde Euch Morgen fruͤh zu eſſen ſchicken, junger Mann,“ ſprach Cecilie, als ſie aus dem Zimmer trat,„und dann ſagen laſſen, was ihr fuͤr Eure Geſundheit zu thun habt.“ Auf der Gallerie fanden ſie Alix Dunscombe, die ſich in ihren Mantel gehuͤllt hatte. Sie ſeufzte tief, und ſchien durch die gehabte Zuſam⸗ menkunft auf's Aeußerſte beunruhigt. Wahrſcheinlich wird der Leſer gern wiſſen wollen, was das gutmuͤthige Maͤdchen ſo ver⸗ ſtimmen konnte. Wir wollen daher den Gang der Geſchichte etwas unterbrechen, um dem We⸗ ſentlichen nach mitzutheilen, was ſich zwiſchen ihr und dem Manne ereignete, den ſie auf⸗ ſuchte. 3 ——j II. Wie der Loͤw' aus ſeiner Hoͤhle Stets dem Feind' entgegeneilt, Fliegt auch Douglas, daß als Sieger Keiner laͤnger vor ihm weilt. Perey. Alix Dunscombe fand den Gefangenen, welchen ſie aufſuchte, nicht, wie Griffith, in Schlaf ver⸗ ſunken. Er ſaß auf einem der alten Stuͤhle, die in dem Gemache waren, den Ruͤcken nach der Thuͤre zu, und ſchaute durch das kleine Fenſter in die finſtere, duͤſtere Landſchaft hinaus, uͤber welche der Sturm noch immer hin wuͤthete. Ihr Eintreten blieb ihm unbemerkt, bis das Licht ihrer Lampe ſein Auge traf. Da ſtand er auf, als erwache er aus ſeinem Nachſinnen, und ging ihr entgegen. Er ſprach zuerſt. „Ich erwartete dieſen Beſuch!“ ſagte er, „als ich bemerkte, daß Ihr meine Stimme kann⸗ tet, und fuͤhlte es tief in meiner Bruſt: Alix Dunscombe wird nicht mich verrathen!“ Zwar hatte Alix nur erwartet, ihre Ver⸗ muthung beſtaͤtigt zu ſehn. Aber doch war ſie — 5 außer Stande, gleich darauf zu antworten. Sie ſank auf den Stuhl, den er verlaſſen hatte, und bedurfte einiger Augenblicke, um ihre Kraͤfte wie⸗ der zu erhalten. 3 „So war es denn keine Schoͤpfung meiner Phantaſie!“ rief ſie endlich.„Keine leere Stim⸗ me taͤuſchte mich! Es iſt ſchreckliche Wirklichkeit! Warum haſt Du ſo der Rache der Geſetze un⸗ ſers Vaterlandes Trotz geboten? Zu welchem wilden Unternehmen hat Dich Dein unbeugſames Herz wieder jetzt hingeriſſen?“ „Seltſam und grauſam iſt die Sprache, die mir aus dem Munde meiner Alix Dunscombe entgegentoͤnt!“ erwiederte der Fremde kalt und rauh.„Ich weiß die Zeit, wo ich mit freund⸗ licheren Worten nach kuͤrzerer Abweſenheit em⸗ pfangen wurde.“ 4 „Das laͤugne ich nicht. Ich kann, wenn ich auch wollte, meine Schwaͤche nicht mir, nicht Dir verbergen. Kaum wuͤnſche ich, daß ſie der Welt unbekannt bleibe. Wenn ich Dich einſt achtete, wenn ich Dir meine Treue verpfaͤndete, und in meinem thoͤrichten Vertrauen hoͤhere Pflich⸗ ten vergaß, ſo hat mich Gott fuͤr meine Schwaͤ⸗ che durch Deine eignen boͤſen Thaten hart be⸗ ſtraft.“ „O laß doch unſer Wiederſehn nicht durch * unnuͤtze und bittere Erinnerungen geſtoͤrt werden!“ unterbrach der Andere.„Wir haben ja uns viel zu ſagen, bevor Du mir den Grund zu dem Wagſtuͤcke mittheilſt, das Dich hierher fuͤhrt. Ich kenne Dich zu gut, Alix, als daß ich nicht einſehe, Du fuͤhlteſt, in welcher Gefahr ich ſey, und ſo wollteſt Du etwas fuͤr meine Rettung wagen. Deine Mutter— Lebt ſie noch?“ „Sie iſt hin, wiedervereinigt mit meinem Vater!“ war die Antwort von Alix, die ihr blaſſes Geſicht mit beiden Haͤnden bedeckte.„Mich haben ſie allein gelaſſen. Ja, allein! Denn der, der mir Alles ſeyn ſollte, ward erſt ſeinem Worte untreu, und iſt ſeitdem meines Herzens unwerth geworden.“ Der Fremde ward ungemein unruhig. Sein gewoͤhnlich ſanfter Blick, der vorher zur Erde ge⸗ richtet war, heftete ſich jetzt auf Alix. Mit ſchnellen Schritten maß er das Zimmer. „ Es ließ ſich daruͤber viel ſagen!“ brach er endlich aus.„Viel und was Dn noch nicht weißt! Ich verließ dies Land, weil ich nichts, als T Tyrannei und Ungerechtigkeit, darin fand, und Dich konnte ich nicht einladen, die Braut eines Fluſchtlings zu werden, der weder Namen noch Vermoͤgen hatte. Doch jetzt iſt die Gelegenheit gekommen, Dir meine Treue zu beweiſen. Allein — 26— biſt Du, hoͤrte ich ſo eben. Sey nicht laͤnger allein! Verſuche, wie weit Du vom Wege ab⸗ kommſt, wenn Du glaubſt, ich koͤnne Dir eines Tages Vater und Mutter erſetzen!“ So eine Aeußerung, ſelbſt, wenn ſie ſpaͤt Statt findet, hat fuͤr das weibliche Ohr etwas Wohlthuendes. Auch Alix ſprach nun minde⸗ ſtens weniger bitter, wenn auch nicht weniger ernſthaft. „Du redeſt nicht gleich dem Manne, deſſen Leben an einem Faden haͤngt, welcher in der naͤch⸗ ſten Minute reißen kann!“ erwiederte ſie.„Wo⸗ hin wollteſt Du mich fuͤhren? In den Tower nach London?“ „Glaubſt Du, ich habe mein Leben unbe⸗ ſonnen ohne hinreichenden Schutz gewagt?“ fragte der Fremde mit kalter Gleichguͤltigkeit. „Es ſind gar viele wackere Maͤnner, welche nur auf meinen Wink warten, die erbaͤrmlichen Wichte dieſes Offiziers hier wie Wuͤrmer mit Fuͤßen zu treten.“ „So iſt alſo die Vermuthung des Oberſten Howard doch gegruͤndet, und die Art, wie des Feindes Schiffe durch dieſe Klippen gekommen ſind, iſt kein Geheimniß mehr. Du biſt ihr Lootſe geweſen!“ „Ich war's!“ —— — 27— „Wie! die Kenntniß, die Du in Deiner ſchuldloſen Jugend erworben haſt, willſt Du opfern, die Zerſtoͤrung uͤber die Huͤtten Derer zu bringen, welche Du einſt kannteſt und achte⸗ teſt? John! John! Iſt das Bild des Maͤdchens, als es in dem Lenze ſeiner Schoͤnheit und Un⸗ ſchuld glaubte, von Dir geliebt zu werden, ſo ſchwach in Deinem Herzen abgedruͤckt, daß es Dich nicht zum Mitleid gegen Die ſtimmen kann, unter denen es geboren iſt, und die ſeine kleine Welt ausmachen?“ „Nicht ein Haar ſoll ihnen gekruͤmmt wer⸗ den, nicht ein Rohrdach abbrennen, nicht eine ſchlafloſe Nacht ſoll die Geringſten derſelben heim⸗ ſuchen, und das Alles Deinetwegen, Alix! Eng⸗ land geht in dieſen Streit mit einem boͤſen Ge⸗ wiſſen und blutigen Haͤnden. Aber Alles ſoll vergeſſen ſeyn fuͤr jetzt, wenn ſich Gelegenheit und Kraft zeigt, ihm unſere Rache in ſeinen eignen Eingeweiden fuͤhlen zu laſſen. Ein ſolches Abenteuer fuͤhrt mich aber jetzt nicht her.“ „Wer brachte Dich denn blindlings in das Netz, aus dem Dich alle die Huͤlfe, auf die Du pochſt, nicht retten mag? Denn wenn ich ſelbſt hier, in den duͤſtern, ſchweigenden Gaͤngen dieſes finſtern Gebaͤudes Deinen Namen nennen wollte, der Ruf davon wuͤrde im ganzen Lande wieder⸗ —— — 28— hallen, und ein ganzes Volk in Waffen aufſtehn, Deine Kuͤhnheit zu beſtrafen.“ „Mein Name hat getoͤnt und auf keine an⸗ genehme Weiſe!“ erwiederte der Lootſe ſpoͤttiſch. „Ein ganzes Volk war beſtuͤrzt daruͤber. Aber die feigen, erbaͤrmlichen Wichte flohen vor dem Manne, den ſie beleidigt hatten. Ich habe ge⸗ lobt, die Paniere der neuen Republik ſtolz, im Angeſichte dreier Koͤnigreiche, aufzupflanzen, wo Kunſt und Erfahrung und Macht ſich umſonſt anſtrengten, ſie umzuſtuͤrzen. Ach, Alix! Der Donner meines Geſchuͤtzes hallet noch an ihren oͤſtlichen Geſtaden wieder, und wird ihre ſchla⸗ fenden Landmilizen eher einſchuͤchtern, als zum Kampfe locken.“ 3 „O blaͤhe Dich nicht mit dem Erfolge des Augenblickes auf, nicht damit, daß der Himmel Deinem heiloſen Beginnen Segen gab!“ ſagte Alix.„Es muß ein Tag ſchweren und ſtrenger Vergeltung kommen. Schmeichle Dich nicht mit der leeren Hoffnung, daß Dein Name, ſo ſchreck⸗ lich er den Tugendhaften ſeyn mag, allein hin⸗ reiche, den Gedanken an Weib und Kind, an Vaterland und Verwandte, bei Allen, die ihn hoͤren, zu verbannen. Ja, ich weiß nicht, ob ich nicht in dieſem Augenblicke ſelbſt, wo ich Dich hoͤre, eine feierliche Pflicht vergeſſe, ſie, die mir ſagt, daß ich Dein Daſein kund thun muͤſſe, damit das Land erfahre, ſein unnatuͤrliches Kind ſey eine gefaͤhrliche Buͤrde im eignen Buſen ge⸗ worden!“ Der Lootſe wandelte auf und ab. Er ſah ihr forſchend ins Auge. „Das koͤnnte Alix Dunscombe thun?“ ſagte er mit dem ſanften Ton eines Mannes, der ſich vor Verrath geſichert haͤlt.„Das ſollte dem ſanften, edlen Maͤdchen gleichen, wie ich es in meiner Jugend gekannt habe?— Doch, noch einmal! Die Drohung koͤnnte bei mir ihren Zweck nicht erreichen; ſelbſt, wenn Du im Stande waͤrſt, ſie auszufuͤhren. Ich ſage Dir, nur eines Zeichens bedarf es, rings um mich ſoviel zu ver⸗ ſammeln, daß alle dieſe Soldatenhunde nach den vier Winden verjagt werden.“ „Haſt Du auch Deine Kraͤfte genau be⸗ rechnet, John?“ fragte Alix, und verrieth, ſich ſelbſt unbewußt, den großen Antheil, den ſie an ſeiner Sicherheit nahm.„Haſt Du be⸗ rechnet, wie wahrſcheinlich es iſt, daß Dillon mit einer Reuterſchaar zuruͤckkehrt, ſo bald die Sonne am Himmel glaͤnzt? Denn in der Abtei iſt es kein Geheimniß, er ſey nach dieſer Ver⸗ ſtaͤrkung ausgeritten.“ 30— „Dillon!“ rief der Lootſe ſtaunend.„Wo iſt er? Welche Vermuthung bewog ihn, die Wache hier ſo zu vermehren?“ „O, John, blicke nicht ſo auf mich, als wollteſt Du die Geheimniſſe meines Herzens durch⸗ ſchauen. Ich habe ihn nicht zu dieſem Ritte beſtimmt. Ach und Du kannſt auch nicht einen Augenblick glauben, daß ich Dich verrathen wuͤr⸗ de. Aber fort iſt er! das ſteht leider nur zu feſt, und Du mußt die Stunde der Gnade wohl benutzen, um Deine Sicherheit zu bewerkſtelligen: denn die Nacht geht ſchnell dahin.“ „Fuͤr mich fuͤrchte nichts, gute Alix;“ er⸗ wiederte hierauf der Lootſe ſtolz, waͤhrend ein erzwungenes Laͤcheln um die Lippen ſpielte.„Und doch— gefaͤllt mir dieſe Vorkehrung nicht. Wie heißt er? Dillon? Iſt er nicht ein, Liebling des Koͤnigs Georg?“ 1 „Er iſt, was Du nicht biſt, ein treuer und loyaler Unterthan ſeines hoͤchſten Gebieters, des Koͤnigs, und ob er gleich in den empoͤrten Kolonicen geboren ward; hat er doch dieſe Tu⸗ gend, mitten unter den Verderbniſſen und Verſu⸗ chungen ſeiner Zeit, unbefleckt erhalten.“ „Ein Amerikaner, und ungetreu der Frei⸗ heit des Menſchengeſchlechts! Beim Himmel! ihm waͤre zu rathen, daß er mir nicht in den 3 31— Weg kommt: denn erreicht ihn mein Arm; ſo ſoll er ihn der Welt als ein Schauſpiel zeigen, wie Verraͤtherei beſtraft wird?“ „Wie?“ rief Alix,„hat die Welt dies Schauſpiel nicht an Dir ſelbſt? Biſt Du nicht jetzt, in dem Augenblicke, wo Du die Luft des vaterlaͤndiſchen Bodens athmeſt, mit verzweifelten Plaͤnen gegen ſeinen Frieden und ſein Gluͤck hierher gekommen, und ſpaͤhſt darum in der Fin⸗ ſterniß des Nebels umher, der ſich auf das Ei⸗ land lagert?“ Ein finſterer, zorniger Blick ſamute im Auge des Lootſen, und ſein ganzes Weſen ſchien ergriffen. „Stellſt Du,“ ſagte er,„ſeine feige und ſelbſtſuͤchtige Verraͤtherei, die nur Einige auf Koſten von Millionen groß machen will, in Eine Linie mit dem edlen Feuer, das den Mann zum Kampfe treibt, wenn es gilt, die heilige Freiheit zu vertheidigen? Ich koͤnnte Dir ſagen, daß ich auch fuͤr die gemeinſchaftliche Sache mei⸗ ner Freunde und Landsleute bewaffnet bin; daß wir, obſchon ein Meer uns ſcheidet, ein Volk von gleichem Blute ſind; daß wir Kinder deſſel⸗ ben Stammes waren; daß die Hand, welche Eines dieſer Kinder unterdruͤckt, auch den Andern ſchadet. Aber alle ſolche engherzige Gruͤnde ver⸗ achte ich. Auf dem Erdball geboxen, will ich ein Buͤrger von dieſem ſeyn: ein Mann, deſſen Geiſt keine willkuͤhrlichen Schranken der Tyrannen und ihrer Miethlinge anerkennt, wohl aber das Recht und den Willen hat, mit der Unterdruͤckung zu kaͤmpfen, ſie werde geuͤbt, in weſſen Namen ſie wolle; ſie nehme eine leere, und glaͤnzende Geſtalt an, welche ſie wolle, ihre Tyrannei gegen das Geſchlecht der Menſchen zu rechtfertigen!“ „John! John! Wohl mag dies dem Ohre eines Rebellen angenehm toͤnen; mir erſcheint es nur als Ausbruch des Wahnſinns! Umſonſt baut Ihr Eure neuen Geſetze, oder beſſer Eure Geſetz⸗ loſigkeit auf. Sie zerſtoͤren Alles. Sie ſind Allem entgegen, was die Welt immer that, und zu ihrem Frieden, ihrem Gluͤck gethan ſehn wird. Was vermag Deine kuͤnſtliche, truͤgende Darſtel⸗ lung gegen das Herz? Es ſagt das Herz uns, wo unſere Heimath iſt, und wie wir ſie lieben ſollen!“ 3 „Du ſprichſt gleich einem ſchwachen, mit Vorurtheilen erfuͤllten Weibe!“ entgegnete ihr der Lootſe ruhiger;„wie ein Weib, das ganze Voͤlker durch die Bande halten moͤchte, mit wel⸗ chen die Jugend und Schwaͤche ihres Geſchlechts gegaͤngelt wird.“ —* —* „O welche heiligere, beſſere Bande koͤnnten ſie vereinigen! Sind nicht die Verhaͤltniſſe des haͤuslichen Lebens von Cioott ſelbſt gegruͤndet? Entſtanden nicht Voͤlker aus Familien, wie der Zweig aus dem Stamme entſpringt, bis der Baum das Land uͤberſchattet? Ein altes, heiliges Band feſſelt den Menſchen an ſein Volk, und Niemand kann daſſelbe ohne Brandmarkung zer⸗ reißen!“ Der Lootſe laͤchelte mitleidig, und knoͤpfte ſeine grobe Jacke auf, um mit ſtolzem Anſtande nach und nach mehrere Papiere herauszuziehen, die er ihr hinreichte. „Sieh', Alix,“ ſagte er,„da hekommſt Du das Brandmahl! Dies große Pergament iſt mit einem nicht geringen Siegel verſehn, und traͤgt den koͤniglichen Namen Ludwig's. Sieh' dieſes Kreuz, geſchmuͤckt mit Juwelen, ein Geſchenk von derſelben maͤchtigen Hand; dies kann nicht den Kindern der Ehrloſigkeit gegeben werden. Es iſt unweiſe, nicht ſchicklich, einen Mann, den man ſelbſt nicht unwuͤrdig fand, ihn in die Geſellſchaft der Prinzen und Großen aufzunehmen, mit dem beſchimpfenden Namen des„Schot⸗ tiſchen Seeraͤubers“ zu bezeichnen.“ „Und ward Dir dieſer Name nicht durch unbarmherzige Thaten bitterer Nache? Ich koͤnnte II. C — 34— dieſe Ehrenzeichen kuͤſſen, und waren ſie tauſend Mal minder glaͤnzend, wenn Dir die Hand Dei⸗ nes angeſtammten Koͤnigs die Bruſt damit ge⸗ 2 ſchmuͤckt haͤtte. Was Deinen Umgang mit Großen anbetrifft:— ich habe davon gehoͤrt, und mir ſcheint es, wohl koͤnne eine Koͤniginn beſſer han⸗ deln, als daß ſie durch ihr Laͤcheln die ungehor⸗ ſamen Unterthanen anderer Monarchen, ſelbſt wenn ſie ihre Feinde ſind, aufreizt. Gott allein weiß, wenn es ihm gefaͤllig iſt, den Geiſt des Ungehorſams auch in ihrem eigenen Volke zu 1 erwecken, und dann wird der Gedanke, daß ſie ſelbſt die Rebellion gefoͤrdert habe, ihr bitter und unwillkommen zugleich ſeyn! „ Daß die liebenswuͤrdige Koͤniginn Antoinette meine Dienſte mit einem kleinen Beweiſe ihrer Gnade und Zuſriedenheit belohnte, iſt nicht mein geringſter Ruhm!“ bemerkte der Lootſe mit er⸗ kuͤnſtelter Demuth, indeß ſich innerer Stolz in 3 der kecken Stellung ausſprach.„Sag' kein Wort zu ihrem Nachtheil! Du kennſt die Herrliche nicht, die Du verunglimpfſt. Ihre hohe Ge⸗ burt, ihre hohe Stellung, zeichnen ſie weniger aus, als ihre Tugend, ihre Liebenswuͤrdigkeit.— Sie lebt als die erſte ihres Geſchlechts in Europa; als die Tochter eines Kaiſers, die Gemahlinn des maͤchtigſten Koͤnigs, als die laͤchelnde, ge⸗ 2 — 35— liebte Schuͤtzerinn eines Volks, das zu ihren Fuͤßen liegt und anbetet. Ihr Leben iſt uͤber jeden Tadel, wie uͤber jede irdiſche Ahndung, wenn ſie jemals ſolche verdienen ſollte, erhaben, und die Vorſehung hat ſie ſo hoch geſtellt, daß kein menſch⸗ liches Ungluͤck ſie erreichen kann!“ „Hat ſie ſie uͤber alle menſchliche Mißgriffe erhoben? John! Strafe iſt die natuͤrliche und unvermeidliche Folge der Suͤnde, und wenn die Koͤniginn nicht ganz dem Kreiſe der Menſchen entruͤckt iſt: wohl mag ſie dann auch ein Mal die ſtrafende Hand Deſſen fuͤhlen, fuͤr welchen alle ihre Macht und Herr⸗ lichkeit ſo nichtig ſind, als die Luft, wel⸗ che ſie athmet. So unbedeutend ſcheint dies Alles, mit Seinen gerechten Geſetzen verglichen!— Doch Du ruͤhmſt Dich, den Saum des Ge⸗ wandes von Frankreichs Koͤniginn gekuͤßt zu ha⸗ ben, in Geſellſchaft der hohen, ſtolzen Damen in ihrer vollen Pracht geweſen zu ſeyn: kannſt Du denn Dir ſelbſt wohl ſagen, daß Du unter ihnen Allen ein Weſen gefunden haſt, welches Wahrheit ſprach, deſſen Herz aufrichtig mit dem Munde uͤbereinſtimmte?“ „Nun, keine hat mir ſoviel Vorwuͤrfe ge⸗ macht, als ich dieſe Nacht von Alix Dunscombe, .2 — 36— nach einer Trennung von ſechs langen Jahren hoͤre!“ „Wenn ich mit Dir Worte der Wahrheit rede, John, laß ſie Dir darum nicht ſo unwill⸗ kommen ſeyn, als ſie Deinem Ohre fremd ſind! O denke, daß die, welche ſo im Tone des Tadels mit einem Manne ſpricht, deſſen Name allen Lebenden auf dieſer Inſel ſchrecklich iſt, durch keine andere Urſache bewogen werde, dieſen raſchen Schritt zu thun, als Deine Seele zu retten!“ „Alix! Alixr! Du machſt mich wahnſinnig durch ſolche Worte! Bin ich denn ein Ungeheuer, das ſchutzloſe Weiber, huͤlfloſe Kinder in Schrek⸗ ken ſetzt?— Was ſollen dieſe Beinamen, wo⸗ mit man meinen Namen begleitet? Haſt Du auch ein leichtglaͤubiges Ohr den veraͤchtlichen Ver⸗ laͤumdungen geliehen, womit die Politik Eurer Großen jeden Ruhm derer zu vernichten ſucht, die ihnen Widerſtand leiſten, beſonders wenn ſie dies mit Erfolg thun? Schrecklich mag mein Name den Offtzieren der koͤniglichen Flotte ſeyn. Aber wo und wenn hab' ich Gelegenheit gegeben, den Huͤlfloſen und Schwachen furchtbar zu er⸗ ſcheinen?“ 3* Alix warf auf den Lootſen einen furchtſa⸗ men, verſtohlnen Blick. Er ſprach mehr als ihre Worte. — 37— „Ich weiß nicht,“ ſagte ſie,„ob alles wahr iſt, was man von Dir und Deinen Thaten ſagt. Oft habe ich in meinem Unmuthe, meiner Sorge gebetet, daß nur der zehnte Theil alles deſſen, was man Dir Schuld giebt, bei der letzten großen Rechnung nicht auf Dein verfallenes Haupt gehaͤuft werde. John! ich kenne Dich lange und hin⸗ laͤnglich, und der Himmel verhuͤte es, daß ich bei dieſer Zuſammenkunft, die vielleicht die letzte in unſerm Leben iſt, die Pflicht der Chriſtinn uͤber die Schwaͤche des Weibes vergeſſen ſollte! Aber, John, ſo ruhig Du manchmal, ja, ich ſage meiſtentheils, ſo ſanft Du, gleich der ſpiegelglat⸗ ten See, biſt, welche Du je befahren haſt: doch hat Gott in Dein Herz eine furchtbare Miſchung von Leidenſchaften gelegt, die, einmal erwacht, gleich dem Suͤd⸗Meer brauſen, wenn es ein Orkan erregt hat. Ich vermag nicht zu ſagen, wie weit dieſer boͤſe Sinn einen Mann treiben kann, den erlittenes Unrecht dahin bringt, daß er Heimath und Vaterland vergißt, und dem die Macht zufiel, ſeine Rache zu ſaͤttigen.“ Aufmerkſam hoͤrte der Lootſe zu. Sein feu⸗ riges Auge ſchien die innerſten Gedanken zu leſen, die ſie nur halb andeutete. Doch er blieb ſeiner maͤchtig. Mehr theilnehmend, als tadelnd, be⸗ merkte er: „Koͤnnte irgend etwas mich zu Deinen fried⸗ lichen, ſanften Anſichten ſtimmen, Alix; ſo waͤre es der Gedanke, daß nuch Du durch die ver⸗ 4 laͤumderiſche Zunge meiner feigen Feinde verleitet warſt, meine Ehre, mein Benehmen in Zweifel zu ziehen. Wasyiſt der Ruhm, wenn ein Mann ſelbſt in den Augen ſeiner naͤchſten Freunde ver⸗ unglimpft ſteht? Doch weg mit dieſen kindiſchen Poſſen! Sie ſind unwuͤrdig meiner ſelbſt, mei⸗ nes Poſtens, der geheiligten Sache. rünlchen ich mich gewidmete habel“. „Ach, John, ſtoße ſte nicht don Die, dieſe Gedanken!“ flehte Alix mit inniger Theilnahme, und, ohne es ſelbſt zu bemerken, ihren Hand auf ſeinen Arm legend.„Sie gleichen dem Thau auf der duͤrren Weide, und moͤgen die Gefuͤhle Deiner Jugend erwecken, Dein⸗ Herz erweichen, das hart geworden iſt, weil es mehr unnatuͤr⸗ liche Nachſicht, als eigne niedrige Deeiaung ver⸗ haͤrtete ig ⸗ „Hoͤre, Alix!“ erwiederte der Lootſe mit feierlichem Ernſt,„ich habe dieſe Nacht viel ge⸗ lernt, ob ich ſchon nicht kam, ſolche Kenntniß zu ſuchen. Du haſt mir gezeigt, wie maͤchtig der Athem eines Verlaͤumders, und wie duͤnn „ das Band iſt, an welchem unſer guter Name haͤngt. Wohl zwanzig Mal hab' ich den Mieth⸗ — 39— lingen unſers Koͤnigs in offener Schlacht Trotz geboten, und immer kaͤmpfte ich maͤnnlich unter der Fahne, die ich zuerſt hoch aufpflanzte, und nie, Gott ſey gedankt dafuͤr! einen Zoll tief er⸗ niedrigt ſah. Keine Handlung der Feigheit, des erlittenen Unrechts, kann ich mir bei allen dieſen Thaten vorwerfen, und doch— wie werde ich belohnt? Die Zunge eines niedrigen Verlaͤum⸗ ders vermag mehr, als das Schwert des Krie⸗ gers, und hinterlaͤßt unheilbarere Wunden!“ „Wahrer haſt Du nie gefuͤhlt, John! und Gott gebe, daß Du dieſe Gedanken zu D Dei⸗ nem ewigen Wohl immer waͤrmer und waͤrmer pflegſt!“ ſeufzte Alix.—„Du ſagſt, in zwanzig Schlachten habeſt Du Dein theures Leben Preis gegeben. Nun ſieh', wie wenig Gunſt hat der Himmel gegen die Haͤupter der Rebellion bewie⸗ ſen? Niemals, ſagt man, hat die Welt einen verzweifeltern, blutigern Kampf geſehn, als den letzten, der Deinen Namen bis in die aͤußerſten Winkel der Inſel gebracht hat.“ „Wo man von Seeſchlachten redet, wird man ihn nennen!“ unterbrach ſie der Lootſe, deſſen Duͤſterheit einem ſtolzen Blicke gewichen war. „Und doch kann Dein eingebildeter Ruhm nicht Deinen Namen gegen Verlaͤumdung ſchuͤz⸗ zen! Der Lohn des Siegers kommt, ſelbſt auf dieſer Erde, nicht dem gleich, den der Beſiegte empfing. Weißt Du, daß unſer gnaͤdiger Fuͤrſt Deines Feindes Sache fuͤr ſo heilig hielt, ihn ſeiner koͤniglichen Gunſt zu wuͤrdigen?“ „Ja, er hat ihn zum Ritter geſchlagen!“ rief der Lootſe hohnlachend und ſpoͤttiſch aus. „Aber er ſoll nur wieder ein Schiff fuͤhren und mir begegnen? Ich verſpreche ihm eine Graf⸗ ſchaft, wenn es nur darauf beruht, daß er be⸗ ſiegt wird.“"„) 1t 33,1 1 11, gn. „Sprich nicht ſo raſch! Ruͤhme Dich nicht, als beſaͤßeſt Du eine Macht, die Dich ſchuͤtzt! Sie kann Dich verlaſſen, wo Du ihrer am Mei⸗ ſten noͤthig haſt, und den Unfall am Wenigſten erwarteſt! Nicht immer gewinnt der Starke die Schlacht, und der ſchnellſte Laͤufer erreicht keines⸗ wegs ſtets das Ziel!“ „Vergiß nicht, gute Alir, daß Deine Worte einer doppelten Deutung faͤhig ſind. Iſt in jener Schlacht der Sieg dem Starken geblieben? Zwar will ich nicht laͤugnen, oft und mehrmals ſind mir die Feigen durch ihre Gewandtheit entflohen: — Alir, Du kennſt nur den tauſendſten Theil der Qualen, die ich unter hochgebornen Schur⸗ ken fuͤhlen muß, welche mir jedes Verdienſt be⸗ neiden, das ſie nicht auch haben, jede ruhmvolle Handlung beſchneiden, die ſie nicht nachzuahmen 2* — ᷣ = ₰ — — — wagen. Bin ich nicht auf den Ozean geſchleu⸗ dert, wie ein werthloſes Schiff, das zu einem verzweifelten Verſuche beſtimmt iſt, und danu unter den Truͤmmern, die es ſchuf, verloren gehn kann? Wie manches boshafte Herz trium⸗ phirte im Stillen, wenn es meine Segel aufge⸗ blaͤht ſah, und glaubte, ſie wuͤrden mich zum Galgen leiten oder ins Grab des Meeres ver⸗ ſenken! Doch immer taͤuſchte ich ſie 4 Das Auge des Lootſen ließ nichts mehr von ſeinem gefaßten, ruhigen Weſen ſpuͤren. Wild und ungeſtuͤm blitzte es umher. „Ja, bitterlich habe ich ſie getauſcht!“ fuhr er fort.„Der Sieg uͤber meine niedergeſchmet⸗ terten Feinde iſt nichts gegen die innige Freude, die mich ohne Maaß uͤber dieſe falſchen und fei⸗ gen Heuchler erhob! Ich bat, ich flehte die Franzoſen, mir das kleinſte ihrer Schiffe zu ge⸗ ben, wenn es nur vom Fernſten einem Kriegsſchiffe aͤhnlich ſey. Ich ſtellte vor, die Klugheit und das Beduͤrfniß heiſche, mir ſolche Unterſtuͤtzung zu ge⸗ waͤhren. Aber Neid und Eiferſucht raubten mir, was mir gebuͤhrt, und mehr als die Haͤlfte meines Ruhmes. Seeraͤuber heiße ich! Kommt mir dieſer Name zu; ſo ward er mehr durch die ſchmutzige Knickerei meiner Freunde, als durch irgend eine Handlung gegen meine Feinde begruͤndet!“ — 2— „Und ſollte denn ſolche Erinnerung Dich nicht treiben, zur Pflicht zu kehren, die Du Deinem Fuͤrſten, Deinem Vaterlande ſchuldig biſt?“ fragte Alix ſanft. 11,415 1. „Fort mit ſolchem niedrigen Gedanken!“ ſiel der Lootſe ſchnell ein, als fuͤhle er die Schwaͤ⸗ che, die er verrathen habe.„In ſeinen Werken zeigt ſich der Mann! Doch zu Deinem Be⸗ ſuche! Ich habe die Macht, mich und meine Gefaͤhrten aus dieſem ekelhaften Gewahrſam zu befreien, moͤchte es aber Deinetwegen nicht ge⸗ waltſam thun. Weißt Du Mittel, es in Ruhe zu bewirken?“ 1 nde el n „Wenn der Morgen kommtt, ſollt Ihr Alle in das Zimmer gefuͤhrt werden, wo wir zuerſt uns ſahen. Miß Howard's Bitten werden dies un⸗ ter dem Schein des Mitleids, der Gerechtigkeit, dem Vorgeben bewirken, mit Eurer Lage bekannt zu werden. Man wird ihren Wunſch nicht ab⸗ ſchlagen, und indeſſen Eure Wache außen ſteht, wollen wir Euch durch die Gemaͤcher des Fluͤ⸗ gels an ein Fenſter bringen, aus dem Ihr leicht herabſteigen koͤnnt. Ein Waͤldchen iſt in der Naͤhe. Von da aus muͤßt Ihr Eure Sicherheit ſelbſt zu finden wiſſen.“ „Und wenn Dillon, von dem Du ſprachſt, die Sache durchſchauen ſollte: wie willſt Du „—— — 43— denn vor dem Geſetze die Beguͤnſtigung unſſrer Flucht verantworten?“ „Ich glaube, er laͤßt ſich nicht taͤumen, wer unter den Gefangenen iſt;“ ſagte Alix ſin⸗ nend,„ob er ſchon einen Deiner Gefaͤhrten er⸗ kannt hat. Es treibt ihn mehr in Privatver⸗ haͤltniß, als die Sache des Staats.* „Ich glaube, etwas davon bemerkt zu ha⸗ ben!“ erwiederte der Lootſe mit einem Laͤcheln, das die Zuͤge, die ſeine unbezaͤhmbare Leidenſchaft ausdruͤckten, in einer Art uͤberflog, wie wenn das letzte Aufflackern eines Brandes die zuſammen⸗ ſtuͤrzenden Ruinen wahrnehmen laͤßt. Der junge Griffith hat mich durch ſeine thoͤrichte Unbeſonnen⸗ heit von meinem geraden Pfade abgebracht, und es iſt ſeine Schuld, daß ſeine Geliebte einige Gefahr laͤuft. Mit Dir aber, liebe Alix, ſteht die Sache anders. Du biſt hier nur ein Gaſt. Esiſt nicht noͤthig, daß Du an der ungluͤckli⸗ chen Begebenheit Antheil nimmſt. Sollte mein Name bekannt werden; ſo wuͤrde dieſer Aus⸗ wurf von Amerika, der Oberſt Howard, alle die Gunſt, die er durch Vertheidigung der Tyrannei und ihrer Sache erwarb, vonnoͤthen haben, um gegen das Mißfallen der Miniſter geſchuͤtt zu ſeyn. „ Ich fuͤrchte mich nur, der Beurtheilung — 4æ meiner Freundinn ſo eine kitzliche Sache allein zu uͤberlaſſen!“ bemerkte Alix, den Kopf ſchuͤttelnd. „Vergiß nicht; ſie hat zu ihrer Rechtferti⸗ gung die Liebe. Wollteſt Du aber der Welt wohl ſagen, daß Du noch mit Zaͤrtlichkeit des Mannes gedenkſt, den man mit falſchen enteh⸗ renden Beinahmen belegt?“ Eine fluͤchtige Noͤthe uͤberffog die blaſſe Wange der ſanften Alix. „Ich wuͤßte nicht,“ ſagte ſie mit kaum hoͤr⸗ barer Stimme,„warum der Welt eine ſolche Schwaͤche Geheimniß bleiben ſollte, wenn ſie auch ſelbſt nicht mehr vorhanden iſt.“ Sie ward wieder bleich, wie der Tod; aber ihr Auge glaͤnzte noch ungewoͤhnlich. „ Sie koͤnnen mir,“ fuhr ſie fort,„nur das Leben nehmen, und das geb' ich Deinetwe⸗ gen gern hin.“ „Alix!“ rief der Lootſe weich,„meine gute, edle Alix!“ Man hoͤrte in dieſem entſcheidenden Augen⸗ blicke das Pochen der Wache. Ohne auf Antwort zu warten, trat der Soldat herein, und erklaͤrte in zwei Worten, wie nothwendig es fuͤr die Dame ſey, das Zimmer zu verlaſſen. Alix und der Lootſe machten etliche Vorſtellungen. Sie wuͤnſchten gern noch Einiges uͤber die beabſichtigte Flucht zu ver⸗ —„—— — 45— abreden. Aber die Furcht, ſelbſt in Strafe zu kommen, machte den Soldaten unbeugſam, und die Beſorgniß, uͤberraſcht zu werden, beſtimmte Alix, ſich zu fuͤgen. Sie ſtand auf, und ging langſamer aus dem Gemache. Der Lootſe kuͤßte ihre Hand. „Ehe ich die Inſel fuͤr immer verlaſſe, ſehen wir uns wieder!“ raunte er ihr in's Ohr. „Morgen fruͤh; im Zimmer von Miß Ho⸗ ward!“ entgegnete ſie in gleicher Weiſe. Noch ein Druck der Hand, und ſie ſchwand aus dem Zimmer. Die ungeduldige Wache ſchloß zu und ſteckte den Schluͤſſel ein. Der Gefan⸗ gene lauſchte erſt, bis er keinen Fußtritt mehr hoͤrte: dann ſchritt er unruhig auf und ab. Bisweilen hielt er ein, und ſah, wie die Wol⸗ ken dahin trieben, wie die ſauſenden Eichen ſchwankten, und im Sturme ihre breiten Aeſte wogten. Nach wenig Minuten hatte der Sturm ſeiner Leidenſchaft der verzweiflungsvollen ſtillen Ruhe Raum gemacht, die ihn zu dem Manne ſtempelte, der er war. Er ſetzte ſich wieder, wie ihn Alix gefunden hatte, und uͤberdachte die Er⸗ eigniſſe der fruͤhern Zeit, wovon der Uebergang zu neuen kuͤhnen Plaͤnen von gewaltigen Folgen nur eine gewoͤhnliche Beſchaͤftigung ſeines raſtloſen, thaͤtigen Geiſtes war. d Ich habe keinen beſondern Grund dazu, aber ich habe doch Grund genug. Shakeſpeare. Kapitain Borrougheliffe war, als ihm die Wa⸗ che das bezeichnete Gemach geoͤffnet hatte, in ei⸗ ner Art betrunken, daß Liſt und Phlegma ſich einander die Wage hielten, und, wie an einem Apriltage, auf ſeinem Geſichte Laͤcheln und Wohl⸗ wollen mit Mißtrauen und Derbheit wechſelten. Es ſprang in die Augen, daß er bei ſeinem unver⸗ mutheten Beſuche einen Zweck hatte. Dafuͤr ſprach ſeine wichtige Miene, ſein feierliches Weſen, wo⸗ mit er an's Werk ging. Er winkte der Wache, mit ſtolzer Wuͤrde, ſich zuruͤckzuziehn, wiegte ſeinen Koͤrper in gehoͤriger Art, als er die Thuͤre ver⸗ ſchloß, und weil ſeinen etwas verſtoͤrten Sinnen ein Geraͤuſch hoͤrbar wurde; ſo drehte er ſich ſo⸗ gleich mit der bedaͤchtigen Miene dahin, die man⸗ chen Leuten die beſſere Klugheit erſetzen muß. Als er vor Stoͤrung ſicher zu ſeyn glaubte, machte er im Zimmer die Runde, um ſeinen Mann vor Augen zu bekommen. Griffith war von ſeinem Maͤdchen, wenn auch unruhig und aͤngſtlich, ſchlafend gefunden worden. Der Lootſe hatte, ſcheint es, einen fruͤher vermutleten Beſuch ruhig erwartet. Allein ihr Genoſſe, der Kapitain Manuel, befand ſich in einer ganz andern Lage. Die Witterung war friſch; die Nacht ſtuͤrmiſch. Und doch hatte er ſeine braune Jacke, nebſt den andern Theilen ſeiner Verkleidung abgeworfen, und ſaß traurig auf der Bank. Die eine Hand wiſchte große Schweißtropfen von der Stirn, und griff gele⸗ gentlich nach der Gurgel halb krampfhaft, halb mechaniſch. Wild ſah er ſeinen Beſuch an, ohne in ſeinem Benehmen eine Aenderung eintreten zu laſſen, als daß er das Halstuch feſter zuzog, und die Gurgel ſtaͤrker zuſammenſchnuͤrte, um gleich⸗ ſam aus Erfah ung zu lernen, wie weit ein ſol⸗ ches Zuſammenſchnuͤren gehn koͤnne, ohne zu un⸗ bequem zu werden.“ „Kamerad, Gott gruͤß' Euch!“ ſagte Bor⸗ rougheliffe, und taumelte neben ſeinem Gefange⸗ nen hin, um ohne weitere Umſtaͤnde Platz zu nehmen.„Kamerad, Gott gruͤß Euch! Iſt denn das Koͤnigreich in Gefahr, daß Leute in der Uniform vom Regiment incognitus, incogniti, incognitorum— Hol' der Teufel mein Latein— wie vergeſſ' ich das!— die Inſel durchſtreifen? — 48— Sagt mir, Freundchen, ſeyd Ihr nicht auch einer von dem Torum?“ Manuel athmete muͤhſam, eine natuͤrliche Folge von der Art, wie er ſeine Gurgel behan⸗ delt hatte. Indeſſen beſiegte er die Furcht, und ſcharfſinniger, als ſeine Lage raͤthlich machte oder die Noth erforderte, antwortete er: „Sagt, was Ihr wollt, und behandelt mich, wie Ihr wollt; der ſoll auftreten, der mir beweiſet, daß ich ein To ry bin.“ „Ihr ſeyd kein torum? Nun? Hat die Kriegsverwaltung eine neue Montur aufgebracht? Euer Regiment muß eine ſchwimmende Batterie genommen haben, oder Ihr ſeyd bei den Sol⸗ daten geweſen? Hab' ich Recht?“ „Das will ich nicht laͤugnen!“ erwiederte Manuel kecker.„Ich habe zwei Jahre bei der Marine gedient, ſeitdem ich von der Linie weg bin, in der ich bei den— „Von der Landarmee,“ unterbrach ihn der Andere noch zu rechter Zeit: denn Manuel wollte eben noch„vereinigten Staaten“ hinzuſetzen.“ „Ich habe auch an Bord gedient, auf der Flotte von Lord Howe. Aber ich beneide Nie⸗ manden um den Dienſt. Unſere Nachmittags⸗ paraden waren immer hoͤchſt unſicher: denn zu der Zeit braucht ein Mann, wie Ihr wißt, feſten * 8 -— 49— Grund und Boden. Nun, ich kaufte denn mit 3 einigen Priſengeldern, die mir in den Weg lie⸗ fen, meine Kompagnie, und inſoſern denke ich immer mit Freuden an den Seedienſt. Aber das iſt trockne Arbeit. Hier hab' ich eine Flaſche perlenden Madera mitgebracht, und zwei Glaͤ⸗ ſer dazu; mit der wollen wir reden, indem wir von wichtigeren Dingen ſprechen. Steckt ein⸗ mal die Hand in meine rechte Taſche. Seitdem was aus mir geworden iſt, kommt es mir, wenn ich ruͤckwaͤrts greifen ſoll, ſo vor, als langte ich in die Patrontaſche.“ Manuel wußte ſich das Benehmen und die Worte des Andern gar nicht zu deuten. Aber die letztern Redensarten verſtand er doch gerade hin⸗ laͤnglich, um eine von den ſtaubigen Flaſchen mit einer Gewandtheit hervorzuziehn, die ſeinem ern⸗ ſten Vorhaben Ehre machte. Borrougheliffe wußte geſchickt den Pfropf zu heben, und reichte nun ſeinem Kameraden einen tuͤchtigen Becher, bevor weiter eine Sylbe gewechſelt wurde. Ein kraͤfti⸗ ges Schmatzen folgte dem Zuge; es hallte im Gemache, wie der Knall von den Piſtolen zweier geuͤbten Kaͤmpfer wieder. Dann nahm Bor⸗ rougheliffe wieder das Wort: „Ich habe die Flaſchen gern, die ſo ſchmu⸗ zig ausſehen, und mit Staub und Spinneweben II.. D 7 * bedeckt ſind, zumal wenn ſie ſo eine gute ſuͤdliche Lederfarbe haben!“ ſagte er.„S olcher Trank bleibt gar nicht im Magen. Der geht in's Herz, und wird in der Minute zu Blut.— Aber, Bruͤ⸗ derchen, ich habe Dich doch bald weggehabt! Das iſt die wahre Maurerei bei Leuten von un⸗ ſerer Art. Ich wußte, daß Du der Mann warſt, der Du biſt, wie ich Dich in unſerer Wache nur geſehn hatte. Aber ich dachte: du willſt den alten Soldaten, der hier Herr iſt, gehen laſſen, und erlaubte ihm, ſein Examen zu machen. Er iſt alt, und hat Oberſten Rang. Ich kannte Dich gleich, wie ich Dich ſah!— Ich habe Euch ſchon fruͤher geſehn!“ Borrougaheliffe's Meinung von der Art, wie Wein und Blut Eines wuͤrde, mußte ſich beim Kapitain Manuel beſtaͤtigen: denn deſſen Antlitz ward mit jedem wiederholten Verſuche, zu trinken, woran es Beide nicht fehlen ließen, ſo lange ein Tropfen in der Flaſche war, wunderbar veraͤn⸗ dert. Es ſloß kein Schweiß mehr von der Stirn. Die Gurgel ſchien keiner ſolchen Handleiſtung noͤthig zu haben, wie fruͤher Statt gefunden hatte. Er ſaß im Gegentheil ruhig und neugie⸗ rig, und ſo aufmerkſam da, wie es ſeine Lage zu heiſchen ſchien. „Ja, ja!“ erwiederte er,„wir koͤnnen — 51— ſchon einmal zuſammengekommen ſeyn. Aber ich wuͤßte doch nicht, wo ich Euch geſehn haͤtte. Waret Ihr einmal Kriegsgefangener?“ „Nun, ſo recht eigentlich bin ich ſo ein ar⸗ mer Teufel nicht geweſen. Ich theilte die Be⸗ ſchwerden, den Ruhm, die zweideutigen Siege, (wo wir zahlloſe Haufen von Rebellen ſchlugen und zuſammenhauten, die zwar nicht da waren,) endlich auch leider die Kapitulation von Bour⸗ goyne. Aber laßt das gut ſeyn; es war mehr, als die Yankees mochten erwartet haben. Ihr wißt nicht, wo wir uns geſehn haben? Ich habe Euch auf der Parade und im Felde, in der Schlacht und nach der Schlacht, im Lager, in der Kaſerne, kurz uͤberall, nur nicht in Ge⸗ ſellſchaften, geſehen. Wirklich, geſtern Abend war dies das erſte Mal.“ Manuel war nicht wenig verwundert, und fuͤhlte ſich bei dieſen vertraulichen Aeußerungen etwas unbehaglich. Sie ſchienen ſein Leben wie⸗ der in Gefahr zu bringen. Das eigene Gefuͤhl an der Gurgel mochte ſchon wieder erwachen, als er erſt einen tuͤchtigen Zug that und dann ſagte: „Koͤnnt Ihr das beſchwoͤren?— Wißt Ihr meinen Namen?“ „Das will ich bei jedem Gerichtshofe in O 2 2 — 32— der Chriſtenheit beſchwoͤren. Euer Name iſt— iſt Fuglemann.“ „Da will ich verdammt ſeyn!“ rief der Andere mit Jauchzen. „Flucht nicht ſo!“ bemerkte Borrougheliffe ernſthaft.„Was macht denn der Name aus? Du magſt heißen, wie Du willſt; ich kenne Dich. Auf Deiner Stirn ſteht ein tuͤchtiger Soldat ge⸗ ſchrieben. Deine Kniee ſind ſteif im Schritte. Ich glaube, die ſind rebelliſch, wenn ſie beim Beten knieen ſollen.“ 1 „Hoͤrt einmal,“ unterbrach ihn Manuel etwas ernſt,„ſcherzt nun nicht weiter, ſondern ſprecht deutlich. Rebelliſch! Die Kniee rebelliſch! Ich glaube, die Leute hier nennen noch am Ende den Himmel in Amerika auch rebelliſch.“ „So ein Einfall gefaͤllt mir, Freundchen!“ entgegnete der Englaͤnder ganz unbefangen.„Er ſteht einem Soldaten gleich gut an, als die Patro⸗ nentaſche und das Degenkoppel. Aber bei einer alten Kriegsgurgel iſt er verloren. Ich wundere mich indeſſen doch, daß Du gleich meinen Hieb auf Deine Orthodoxie ſo hoch aufnimmſt. Eine Feſtung iſt gewiß nicht ſtark, wo die Außen⸗ werke mit ſolchem Aufwand vertheidigt werden!“ „Ich weiß nicht, warum und woher Ihr kommt, Kapitain!“ ſagte Manuel wieder mit lobenswerther Vorſicht, um ſeines Gegners Ab⸗ ſichten zu erforſchen, ehe er mit ſeiner Erklaͤrung herausruͤckte.„Ihr ſeyd Kapitain, und heißt Borrougheliffe; aber das weiß ich, wenn Ihr nur herkommt, mich in meiner Lage zu ver⸗ ſpotten; ſo iſt das weder Soldaten⸗Art, noch gut gehandelt, und koͤnnte Euch unter andern Umſtaͤnden, in Gefahr bringen.“ „Hm,“ verſetzte der Andere, in unveraͤn⸗ derter Ruhe,„ich ſehe, Ihr rechnet den Wein fuͤr nichts, obſchon der Koͤnig keinen beſſern trinkt, blos aus dem Grunde, daß in England die Sonne den Weg nicht ſo leicht durch die Mauern von Windſorcaſtle findet, wie in Carolina, wenn ſie einen Keller, mit Planken bedeckt, durch⸗ waͤrmt. Aber Deine Hitze gefaͤllt mir immer mehr und mehr. Alſo trink! Greif zu und laß uns einen Sturm auf die andere Flaſche ma⸗ chen. Dann will ich Dir den Plan zum ganzen Feldzuge mittheilen.“ Manuel muſterte ſeinen Geſellſchafter auf⸗ merkſam; aber er konnte keinen Zug von Liſt und Tuͤcke wegbekommen. Im Gegentheil ſchien jeder einer Art immer ſichtbarer werdender Trunkenheit Platz zu machen. Ruhig ſetzte er ſich alſo wieder zur Flaſche. „Ohr ſeyd Soldat und ich bin Soldat,“ be⸗ aA— gann der Englaͤnder.„Daß Ihr Soldat ſeyd, kann mein Korporal weghaben: denn der Hund hat eine Kampagne mitgemacht, und Pulver gero⸗ chen. Aber nur ein Offizier kann den Offizier wegbekommen. Gemeine tragen nicht ſo ein Hemd, ſolche Sammetbinde mit ſilberner Schnalle, und in den Locken riecht es auch nicht nach ſo ſchoͤner Pomade. Kurz, Beüderchen⸗ Du biſt Soldat und Offſtzier.“ „Das raͤum' ich ein. Ich habe Negleins, rang, und hoffe, als ſolcher ehandei zu werden.“ „Nun, ich denke, ich habe Dir ein Wein⸗ chen vorgeſetzt, wie es fuͤr einen General paßt. Aber wie Du willſt! Leute ſogar, deren Kopf nicht durch ſo eine Herzſtaͤrkung aufgehellt iſt, wie ſie dies Haus im Ueberfluß darbietet, muͤßten ja einſehn, daß, wenn ihr Herren die Inſel in der Uniform vom Incognitorum⸗Re⸗ giment durchzieht, was bei Dir heißt, als Matroſe,— der Wind aus einer ganz beſondern Ecke pfeifen muͤſſe. Der Soldat muß ſeinem Fuͤrſten treu ſeyn, und dann ſich ſelbſt, dem Kriege, den Weibern, dem Weine. Krieg iſt nicht im Lande. Weiber, die ſind in Menge da; Wein, guter Wein aber, der iſt hier ſelten und — 55— 2 theuer. Nun, Kamerad, geh ich gerade auf den t Fleck los?“ —„Immer vorwaͤrts!“ verſetzte Manuel, der — mit Augen und Ohreu forſchte, ob ſein eigentli⸗ 3 ches Verhaͤltniß entdeckt ſey. „„En avant! Oder, in gutem Deutſch: 0 Vorwaͤrts! Marſch! Siehſt Du, die Schwierig⸗ t keit liegt zwiſchen Weibern und Weine. Ja, wenn die Weiber reich und huͤbſch ſind; ſo iſt das eine huͤbſche Abwechſelung. Nun, nach Weine geht Ihr nicht, Kapitain Kamerad, oder wenigſtens wuͤrdet Ihr nicht in ſo einem ſchaͤbi⸗ gen Anzuge darnach ausgehn: denn, nehmt's . nicht uͤbel, wer wuͤrde einem Manne in ſol⸗ chen theerbedeckten Hoſen etwas Anderes, als 1 Porter vorſetzen? Nein! Ein Glas Genever, t gruͤner und gelber Genever waͤre fuͤr ſo einen, wie Ihr geht, gut genug!“ „ und doch habe ich Jemanden gefunden, der mir den ſchoͤnſten Drymadera von der Suͤd⸗ V ſeite vorgeſetzt hat.“ „Kennſt Du die Seite, wo der beſte Wein waͤchſt? Nun, das ſieht aus, als gingſt Du nach Weine. Aber nein! Ein Weib, ein Weib voll tauſend Einfaͤlle, die den Helden in der Uni⸗ 6 form, dann wieder einen Heiligen in der Kutte 4 und den Geliebten in jedem Rocke bewunderns⸗ . — — 56— werth findet, er mag in blauer oder gelber Lein⸗ wand kommen:— Kurz, ein Weib hat Dich in den Anzug gebracht. Hab' ich Recht, Ka⸗ merad?“ 3 Jetzt hatte Manuel begriffen, daß er in Sicherheit ſey, und ließ nun allen ſeinen Witz ſpielen, der vorher durch die Bearbeitung der Gurgel ſchrecklich gelaͤhmt geweſen war. Erſt warf er einen liſtigen Blick auf ſeinen Kamera⸗ den. Dann ſagte er mit einer Miene, die Sa⸗ lomo's Weisheit uͤbertroffen haben wuͤrde: „Ach! die Weiber haben viel zu verant⸗ worten!“ „Das weiß ich!“ entgegnete der Englaͤnder, „und Dein Geſtaͤndniß beſtaͤtigt mir die gute Meinung, die ich von mir habe. Wenn Se. Majeſtaͤt der Koͤnig, die Sache mit den Amerikanern zu Ende bringen will; ſo ſoll er nur die Conven⸗ tion von Bourgoyne verbrennen und einen ge⸗ wiſſen Jemand hinſchicken, da wollen wir ein⸗ mal ſehen!— Aber ſprich aufrichtig. Iſt es denn auf Heirath abgeſehn oder bloße Taͤndelei mit Cupido?“ „Ehrbare Heirath!“ verſetzte Manuel mit einer Miene, als habe ihn ſchon Hymen ganz in ſeinen Banden. I He un — 357— „Das iſt brav gedacht!— Hat das Maͤd⸗ chen Geld!“ „Geld?“ wiederholte Manuel mit einer Art veraͤchtlichen Tones.„Wuͤrde ein Soldat ſeine Freiheit verkaufen, und wenn die Ketten von Gold waͤren?“ „Das iſt Soldatenſprache!“ rief der Andere. „Hoͤre, Bruͤderchen, ich merke, Du haſt in Deiner doppelthierartigen Natur doch auch ein bischen Verſtand! Aber nun— warum haſt Du Dich ſo vermummt? Sind die Eltern groß, vornehm, maͤchtig? He?“ „Warum ſo verkleidet,“ wiederholte Ma⸗ nuel kalt.„Iſt denn Liebe je ohne Verkleidung? In unſerem Regimente gewiß nicht. Bei uns iſt dies das gewoͤhnliche Symptom vom Liebes⸗ fieber.“ „Eine ſchoͤne Beſchreibung von der Lie⸗ be, mein lieber Kamerad Doppelthier! Bei Dir haben ſich aber haͤßliche Geruͤche dazu geſellt. Riecht denn Dein Märchen ſo gern Theer?“ „Das nicht, aber ſie liebt mich, und folg⸗ lich jede Maske, in der ich erſcheine.“ „Klug und vernuͤnftig, und eine huͤbſche Finte, um mich auszupariren.— Aber ei⸗ — 58— nen alten Kriegskameraden hintergeht man d niche Alſo Ihr ſeyd verliebt?“ 2„Das laͤngne ich nicht.“ „Euer Maͤdchen will; Geld iſt da: we die Alten ſagen: Halt!“ „Ich bin ſtumm.“ „Und Du willſt mit ihr durchgehn?— Zu Waſſer?“ „Wenn ich nicht zu Waſſer mit ihr ſot. kann, werde ich gar nicht fortkommen;“ ver⸗ ſetzte Manuel, und griff mechaniſch an die Gurgel. „Mir brauchſt Du nichts zu ſaaen. Ich weiß Alles, Bruͤderchen. Rede Du nur weiter. Ich ſehe jedes Geheimniß durch, und waͤr' es dunkel, wie die Nacht. Deine Kameraden ſind alſo Gehuͤlfen: wahrſcheinlich Matroſen oder Lootſen auf der Fahrt?“ „Der Eine ſoll den Weg zeigen, und der Andere iſt Matroſe.“ „Haſt Dich gut eingerichtet. Noch Eins, und dann red' ich weiter nicht. Liegt Dein Maͤdchen hier im Hauſe?“ „Das nicht. Aber auch nicht fern von hier, und ich waͤre ganz gluͤcklich, wenn—“ „Du einmal hinguken koͤnnteſt? Nun hoͤre. Du ſollſt Deinen Wunſch erfuͤllt ſehn. Du ſtehſt — —-— 59— noch feſt genug auf den Beinen, was bei der ſpaͤten Zeit jetzt viel ſagen will. Mach' einmal dies Fenſter auf.— Kannſt Du hinabſpringen?“ Manuel ſah geſchwind hinaus, kam aber gleich zuruͤck. „Wer den Sprung thaͤte, waͤr' des Todes gewiß. Der Teufel kann da hinunterkommen!“ rief er. „Das denk' ich auch!“ erwiederte Borrough⸗ cliffe lallend.„Nun, Du mußt Dich doch dazu entſchließen, fuͤr den Ehrenmann zu paſſiren, ſo⸗ lange Ruth's Abtei ſteht. Durch die Oeffnung mußt Du auf den Fluͤgeln der Liebe entfliehn!“ „Aber wie? Das iſt ja unmoͤglich.“ „In Gedanken, Bruͤderchen. Unter man⸗ chen Bewohnern im Hauſe ſind uͤber Euch wun⸗ derliche Gedanken im Umlaufe. Sie reden von Rebellen. Ach, die haben genug zu Hauſe zu thun, und denken gewiß nicht daran, hierher zu kommen! Ich wuͤnſche einem Kameraden in der Noth zu dienen. Die Leute ſollen alſo denken, Du biſt zum Fenſter herausgekommen, waͤhrend Du mit mir vor der Wache vorbeigehſt, und ſo ruhig fortkommſt, wie jeder Menſch auf zwei ge⸗ ſunden Beinen.“ Dies hatte ſich Manuel bei der freundſchaft⸗ lichen, aber wunderlichen Unterhaltung nicht ge⸗ — 60— dacht. Kaum aber war der Wink gegeben, und gleich auch die Kleidung uͤbergeworfen, die ihm die Angſt fruͤher zu laͤſtig machte. In einem Augenblick ſtand er fertig da. Kapitain Bor⸗ rougheliffe brachte ſich derweilen in gerade Rich⸗ tung, die er wie ein Exerciermeiſter zu behaupten ſuchte, und als er merkte, er ſtehe wuͤrklich feſt, ſagte er dem Gefangenen, es koͤnne fortgehen. Manuel machte gleich die Thuͤre auf. Sie be⸗ traten die Gallerie. 1 „Wer da?“ rief die Wache mit einer Kraft und Munterkeit, die die fruͤhere Nachſicht aus⸗ gleichen ſollte. „Geh' huͤbſch gerade, daß er Dich ſehen kann!“ ſagte Borrougheliffe ganz ruhig zu Manuel. „ Wer da?“ wiederholte die Wache, und ſchlug ans Gewehr, daß es laͤngs der ganzen ſteinernen Wand wiederhallte. „Huͤbſch im Zickzack! Wenn er feuert, trifft er nicht!“ lallte Borrougheliffe wieder. „Mit den Poſſen ſchießt er uns noch uͤber den Haufen!“ murmelte Manuel, und rief der Wache zu:„Gut Freund, in Geſellſchaft Eures Kapitains!“. „Halt! Parole gegeben!“ rief die Wache anlegend. — —.—— — 61— „Ja, das iſt leichter geſagt, als gethan!“ ſagte der Kapitain.„Vorwaͤrts, Kamerad Dop⸗ pelthier. Du kannſt noch, wie ein Brieftraͤger, laufen. Stell' Dich an die Fronte und ſage das Zauberwort:„Loyalitaͤt.“ Das iſt die ſtehende Parole, die mir immer mein Wirth, der Oberſt, giebt. Siehſt Du, nun iſt der Weg frei.— Wa—was bleibſt Du denn ſtehen? Wo willſt Du denn hin?“ Manuel hatte ſich beſonnen, wer ſein Schick⸗ ſal theile. „Meine Gehuͤlfen, die Seeleute! Ohne ſie kann ich ja nichts thun!“ ſagte er. „Ja ſo!— Die Schluͤſſel ſtecken an der Thuͤre. Drehe um, und bringe die Reſerven heraus!“ verſetzte der Kapitain. Im Augenblicke war Manuel in Griffith's Zimmer, und ſchilderte ihm mit zwei Worten den Stand der Sache? Dann kam er wieder, eben ſo den Lootſen zu unterrichten. „Sprecht kein Wort, benehmt Euch nur, wie vorher, und vertraut mir!“ ſagte er zu die⸗ ſem, welcher aufſtand, und ohne ein Wort zu ſagen, mit bewundernswerther Kaͤlte nachfolgte. „Nun bin ich fertig!“ ſagte Manuel, als ſie bei Borrougheliffe ſtanden. Waͤhrend dieſer kurzen Zeit hatte die Wache und der Kapitain einander ganz dem Dienſte ge⸗ maͤß angeſehn. Der Soldat wollte ſeiner Wach⸗ ſamkeit Ehre machen, und der Letztere wartete auf die Seeleute. Jetzt kamen ſie, und er winkte Manuel, die Parole zu geben. „Loyalitaͤt!“ ſagte Manuel, als ſie der Schildwache nahe kamen. Allein die Wache hatte Zeit gehabt, ſich die Sache zu uͤberlegen. Sie ſah recht gut, in wel⸗ chem Zuſtande der engliſche Kapitain ſey, und machte gegen das Weitergehn Einwendungen. Sein Gewehr quer vorgehalten, ſprach der Sol⸗ dat zu ſeinem Obern:„Die Parole haben ſie gegeben, aber ich wage es nicht, ſie gehn zu laſſen!“ „Warum denn nicht? Bin ich nicht da? Kennſt Du mich nicht?“ fragte der Kapitain. „Ich kenne Euch wohl und habe allen ſchuldigen Gehorſam. Aber der Sergeant fuͤhrte mich auf den Poſten und befahl mir, die Leute in keiner Art herauszulaſſen.“ „Das heißt Diſciplin!“ rief Borrougheliffe laut lachend.„Ich glaube, der Burſche giebt ſo wenig auf Euch, als auf die Lampe hier. Richtet Ihr denn Eure Soldaten auch zu lolchen Dingen ab, Bruder D Doppelthier?“ — — 63— „Was ſoll der Spaß?“ fragte der Lootſe ernſtlich. 8 „Ich ſollte jetzt auf Eure Koſten lachen!“ ſiel Manuel ein, und that, als ob er mitlache. „Ach, wir machen das Alles auch in unſerm Corps! Aber da die Wache Euch nicht anerken⸗ nen will, ſo wird es ſchon der Sergeant thun. Wir wollen ihn rufen, daß er dem Manne hier Befehl giebt, uns gehn zu laſſen.“ 4 „Ich hoͤre ſchon, Deine Kehle wird trocken, Du brauchſt wieder eine Flaſche von veredeltem Naß!“ ſagte der Englaͤnder.„Ja, das ſoll geſchehn. Wache! Du kannſt das Fenſter auf⸗ machen und den Sergeanten rufen!“ „Dann ſind wir verloren!“ raunte der Lootſe Griffith ins Ohr. „Folgt meinem Beiſpiel!“ ſagte der junge Seemann leiſe. Die Wache drehte ſich nach dem Fenſter, dem Willen des Kapitains zu genuͤgen. Im Au⸗ genblick ſprang Griffith zu, und riß ihr die Flinte aus der Hand. Ein tuͤchtiger Kolbenſchlag ſtuͤrzte den uͤberraſchten Soldaten zu Boden. Dann zog Griffith den Dolch, und rief:„Vorwaͤrts! Wir werden den Weg ſchon finden!“ „Vorwaͤrts!“ wiederholte der Lootſe, und ſprang uͤber den Soldaten fluͤchtig weg, einen — 64— Dolch in der einen, ein Piſtol in der andern Hand.— Mannuel war im Augenblicke eben ſo bewaff⸗ net an ſeiner Seite. Ohne Einen zu treffen, der ſie aufgehalten haͤtte, kamen ſie aus dem Gebaͤude heraus. Borrougheliffe war gar nicht im Stande, zu folgen, und durch den ſchnellen Auftritt ſo be⸗ taͤubt, daß mehrere Minuten hingingen, bevor er den Gebrauch der Sprache wieder bekam, welche ihn doch ſelten verließ. Der Soldat bekam die Beſinnung wieder. Er ſtand auf den Beinen. Beide fahen einander ſchweigend und bedauernd an. Endlich brach die Wache zuerſt das Stillſchweigen. „Soll ich Laͤrm machen, Herr Kapitain?“ fragte ſie. „Ich denke nicht, Peters; ich ſehe ſchon, von Dankbarkeit iſt beim Marinecorps ſo wenig, wie von Hoͤflichkeit zu ſpuͤren.“ „Ich denke doch, Herr Kapitain, Ihr wer⸗ det mir bezeugen, daß ich meine Schuldigkeit that, und entwaffnet wurde, als ich Euern Be⸗ fehl ausfuͤhrte?“ „Ich kann mich gar nicht auf etwas beſin⸗ nen, als daß es eine ſchlechte Behandlung war, fuͤr die ich das Doppelthier noch zur Rede und —,— — 66— Antwort ziehn will. Aber— ſchließ die Thuͤren zu. Thu', als ob gar nichts vorgefallen waͤre, und— „Ja, Herr Kapitain, das iſt nicht ſo leicht gethan, als es gedacht wird. Ich weiß, auf mei⸗ nen Schultern iſt die Muskete ſo abgedruͤckt, daß man ſie im Finſtern wieder erkennen kann.“ „Mach's, wie Du willſt, Burſche; aber halt' nur's Maul. Hier haſt Du eine Krone. Kauf Dir ein Pflaſter. Ich hoͤrte, der Seehund warf Deine Flinte auf die Treppe hin. Geh', ſuch' ſie, und komm wieder auf den Poſten. Wenn Du abgeloͤſt wirſt, thuſt Du, als waͤre gar nichts vorgefallen. Ich nehme die Verantwortuchkeit auf mich.“ Der Soldat gehorchte, und als er ſein Gewehr wieder hatte, ging Borrougkeliffe, durch die Ueberraſchung etwas nuͤchtern geworden, auf ſein Zimmer, immer fluchend und tobend gegen das„Marinecorps und die ganze Rage der Waſſeramphibien,“ wie er ſich ausdruͤckte. Bald ſiehſt Du die Rebhuͤhnervoͤlkchen entfliehn. Die Hunde laß los und die Falken hinziehn, Laß toͤnen die Hoͤrner zur luſtigen Jagd, Hinaus in die Haide, der Morgen ſchon tagt! Der Kapitain Borrougheliffe brachte die Nacht in feſtem Rauſche hin, und erwachte erſt ſpaͤt am Morgen, als ſein Diener hereintrat. Die gewoͤhnliche Reveille hatte ihn ermuntert. Er richtete ſich im Bette auf, rieb fleißig ſein Seh⸗ organ, und kehrte ſich dann mit einer uͤblen Laune, die dem unſchuldigen Diener auſbuͤrden zu wollen ſchien, was der Herr gethan hatte, gegen dieſen. „Hoͤr' ein Mal,“ ſagte er,„ich daͤchte, ich haͤtte dem Sergeanten befohlen, er ſolle keinen Kloͤp⸗ pel aufs Schaffell kommen laſſen, ſo lange wir bei dem alten Oberſten einquartirt ſind? Folgt der Kerl meinen Befehlen ſo? Oder denkt er, wenn getrommelt wird, klingt es in den alten Gaͤngen hier ſo ſchoͤn?“ „Ich glaube, der Oberſt Howard hat es ſelbſt gewuͤnſcht, daß dies Mal der Sergeant die Reveille ſchlagen laſſen moͤchte!“ erwiederte der Diener. — 67— „Der Teufel ſitzt darin! Ich ſehe, der Alte laͤßt ſich gern was vortrommeln, weil's ihm ſonſt alltaͤglich war. Aber— wird denn hier das Rindvieh gemuſtert, wie meine Mannſchaft? Ich hoͤre ja auftreten, als ob die alte Abtei eine andere Noahs⸗Arche waͤre, und uns alles Rindvieh auf den Hals kaͤme!“ „Es iſt blos ein Detaſchement Dragoner. Sie reiten in den Hof ein, wo ſie der Oberſt bewillkommt.“ „Dragoner? In den Hof?“ wiederholte der Kapitain ſtaunend.„Nun, iſt es denn ſoweit gekommen, daß zwanzig derbe Burſche von mei⸗ ner Compagnie nicht mehr das Rabenneſt von Abtei gegen die Geiſter und Stuͤrme vertheidigen koͤnnen? Daß wir noch Reuterei haben muͤſſen? Hm Ich denke, Einige von den geſtiefelten Her⸗ ren haben von dem Suͤd⸗Carolina⸗Madera gehoͤrt.“ „Nein, nein, Herr Kapitain!“ berichtigte ihn der Diener.„Es iſt die Mannſchaft, die Herr Dillon geſtarn Abend aufſuchte, als er Euch geſtimmt ſah, die drei Seeraͤnber feſſeln zu laſſen.“ „Seeraͤuber feſſeln laſſen?“ wiederholte Bor⸗ rongheliffe, und ſtrich ſich mit der Hand uͤber die Augen, obſchon nachdenkender, wie vorher. „Ach, jal ich erinnere mich, drei verdaͤchtig ſehende Burſche in die ſchwarze Hoͤhle oder ſonſt . E 2 8 — 8s— wohin verſetzt zu haben.— Nun aber, was hat denn Dillon und das leichte Dragonerregi⸗ ment mit den Leuten zu thun?“* „Das weiß ich nicht, Herr Kapitain. Aber man ſagt unten, es ſeien dieſelben verdaͤchtig. Sie moͤchten wohl Verſchworne und Rebellen aus den Kolonieen ſeyn. Es waͤren große ver⸗ kleidete Offiziers und Tory's. Einer ſoll General Waſhington ſeyn und die Andern Mitglieder vom Nankee⸗Parlament, hergekommen, Etwas von guter, alter, engliſcher Sitte zu erlernen und ſich dann darnach einzurichten.“ „Waſhington? Mitglieder vom Congreſſe? Geh', Einfaltspinſel! Geh', und ſieh', wie viel Mann angekommen ſind und wie ſie ausſehn.— Doch, warte noch, leg' mir erſt die Kleider her. Nun, jetzt thu', wie ich ſagte, und wenn der Drago⸗ neroffizier nach mir fragt; ſo empfiehl mich, und ſag', ich wuͤrde gleich bei ihm erſcheinen.“ Der Diener ging; der Kapitain kleidete ſich an, und gab auch wohl ſeinen Gedanken in Ge⸗ ſtalt eines Selbſtgeſpraͤchs Gehoͤr. „Ich ſetze mein Kommando gegen eine halbe Faͤhndrichsgage, wenn nicht Einige von den fan⸗ len Kerlen, die ein vierbeiniges Thier haben muͤſ⸗ ſen, um fortzukommen, von dem Madera ge⸗ hoͤrt haben!— Madera! Ja, ich muß nur in — 6o— die Londoner Zeitungen ein Avertiſſement einruͤk⸗ ken, und das Doppelthier von Soldaten zur Re⸗ chenſchaft fordern. Iſt er ein braver Kerl; ſo wird er ſich nicht unter ſeinem Incognito ver⸗ ſteckt halten, ſondern gegen mich ſtellen. Schlaͤgt das aber Fehl; ſo reite ich nach Yarmouth, und fodre den erſten beſten Mulatten, der mir in den Weg kommt. Tod und Teufel! Iſt je ein Kriegsmann ſo beleidigt worden? Wenn ich nur den Namen wuͤßte!— Sollte das Ding bekannt werden, ich waͤre die ſtete Zielſcheibe an jedem Zelttiſche, bis ein noch groͤßerer Narr nach mir kaͤme. Sechs Duelle wenigſtens koſtete es mir, davon zu kommen. Nein, nein! In mei⸗ nem Regiment will ich keinen Schuß Pulver deshalb abbrennen. Aber einen Seeſoldaten ſchieß' ich nieder! Das iſt nicht mehr, als vernuͤnftig. Der Peter! Wenn der Schurke ein Woͤrtchen laut werden laͤßt, wie er mit der Muskete ge⸗ ſtampft worden iſt! Ich koͤnnte ihn nicht des⸗ wegen Gaſſen laufen laſſen, aber in Rechnung bringe ich's ihm bei der erſten Gelegenheit, oder ich muͤßte gar nicht wiſſen, wie Regimentsſachen einzurichten ſind.“ Der Kapitain endete ſein Selbſtgeſpraͤch, und machte ſich nun fertig, die neuen Gaͤſte zu be⸗ willkommnen, weshalb er dann in den Hof hin⸗ — 76— abſtieg. Er fand hier ſeinen Wirth in lebhaftem Geſpraͤche mit einem jungen Manne, der als Dragoner gekleidet war. Beide ſtanden unter dem Hauptthor der Abtei. Der Oberſte empfing ihn freundlich. „Einen guten Morgen, mein wuͤrdiger Schuͤtzer und Retter!“ rief er ihm ſchon von Ferne zu.„Hier giebt es fuͤr Euer loyales Ohr ſeltſame Neuigkeiten. Es ſcheint, als ob unſere Gefangenen verkleidete Feinde des Koͤnigs ſind. Cornet Fitzgerald, den ich Euch hier vorzuſtellen ſo gluͤcklich bin, indeſſen er ſich freut, den Kapitain Borrougheliffe kennen zu lernen!“,— Die beiden Herren begruͤßten ſich, und der Alte fuhr fort:— „Cornet Fitzgerald iſt ſo gut geweſen, ein De⸗ kaſchement herzubringen, um die Schurken nach London oder ſonſt wohin transportiren zu laſſen, wo ſie gute, loyale Offiziere finden, um ein Kriegs⸗ gericht zu bilden, das dann ihnen das Urtheil als Spionen ſprechen kann. Chriſtoph Dillon, mein wurdiger Vetter, ſah gleich mit Einem Blick ihren ſchwarzen Charakter, waͤhrend Ihr und ich, gleich zwei argloſen Knaben, die Schurken fuͤr den Dienſt des Koͤnigs geeignet hielten. Aber Dillon hat ein Auge und einen Kopf, wie Wenige ha⸗ ben, und ich wollte, er naͤhme einen gehoͤrigen Poſten auf Englands Gerichtsbank ein.“ 1 „Waͤr' zu wuͤnſchen!“ ſagte Borrougheliffe ernſthaft, theils den Spott zu verbergen, theils der Dinge gedenkend, die nun ſolgen mußten. „Aber was bewegt denn eigentlich den Herrn Chriſtoph Dillon zu glauben, daß die drei See⸗ leute mehr oder weniger ſind, als ſie ſcheinen?““ „Das kann ich nicht ſagen; aber hinreichen⸗ den und wichtigen Grund hat er, darauf wett ich mein Leben!“ rief der Oberſte.„Dillon iſt ein Mann, der immer Gruͤnde hat: denn dieſe machen den Grund und Boden ſeiner Kunſt aus, und wie er ſie gehoͤrigen Ortes anbeingen ſoll, verſteht er auch vortrefflich. Aber freilich kann der Rechtsgelehrte nicht immer ſo keck und frei mit der Sprache herausgehen, wie der Soldat, wenn er nicht die Sache, wohin ſie gehoͤrt, in Gefahr ſetzen will. Kurz und gut, Dillon hat ſeine guten Gruͤnde, und wird ſie zu ſeiner Zeit mittheilen.“ „Nun, da will ich nur hoffen,“ bemerkte der Kapitain gleichguͤltig,„daß wir die Leute gehoͤrig bewacht haben, Herr Wirth. Ich daͤch⸗ te, Ihr haͤttet mir geſagt, die Fenſter ſeien zu hoch, um daraus zu entkommen, und darum hab⸗ ich keine Wache außen und unten hingeſtellt.“ „Seid unbeſorgt, mein wuͤrdiger Fren rief der Oberſte.„Wenn Eurf Leute, ſtats 39 — — 2— wachen, nicht geſchlafen haben; ſo halten wir ſie alle Drei noch feſt. Allein wir werden ſie doch fortſchaffen muͤſſen, ehe ſich der Friedensrichter hineinmiſcht, und ſo wollen wir die Hunde her⸗ auslaſſen. Eine Abtheilung Dragoner kann ſie waͤhrend unſers Fruͤhſtuͤckens fortſchaffen. Es waͤre doch nicht klug, die gewoͤhnliche Behoͤrde einſchreiten zu laſſen: denn dieſe hat ſelten fuͤr ſo ein Verbrechen den gehoͤrigen Sinn.“ „Ei, ei!“ fiel der Dragonkrofftzier ein. „Herr Dillon ließ mich glauben, wir wuͤrden hier auf eine feindliche Streifparthie ſtoßen, und jetzt ſoll ich den Dienſt eines Konſtablers ver⸗ ſehen? Uebrigens ſichern die Staatsgeſetze jedem ein Gericht von ſeines Gleichen zu, und ich wage es nicht, ſie in's Gefaͤngniß zu bringen, bevor ſie nicht vom Friedensrichter vernommen wurden.“ 1 S „Ach, da ſprecht Ihr von treuen, loyalen Unterthanen!“ erwiederte der Oberſt,„und in Betreff ihrer habt Ihr vollkommen Recht. Indeß Feinde und Verraͤther ſind von ſolchen Vorrech⸗ ten ausgeſchloſſen.“ „Aber erſt muß doch erwieſen werden, daß ſie das ſind, um dann als ſolche behandelt und beſtraft zu werden!“ rief der Dragoner etwas rechthaberiſch, indem er ſelbſt erſt vor Einem N 1 ——— N Jahre der Rechtsſchule entlaufen war.„Ich will mich wohl mit der Bewachung der Leute befaſſen, aber nur ſie ſicher vor den gewoͤhnli⸗ chen Richter zu bringen.“ „Wir wollen doch die Gefangenen nur ſelbſt ſehen!“ ſprach Borrougheliffe dazwiſchen, in der Abſicht, eine Unterredung zu beendigen, die ihm warm zu machen ſchien, und, wie er wohl wußte, umſonſt war.„Vielleicht nehmen ſie ganz ruhig Dienſte unter den Fahnen unſers Koͤnigs, und dann iſt alle weitere Ruͤckſicht, eine heilſame Kriegszucht abgerechnet, unnoͤthig.“ „Ja, wenn es Leute von gewoͤhnlichem Stande ſind, die einen ſolchen Schritt wahrſchein⸗ lich machen;“ entgegnete der Cornet,„ſo bin ich's gern zufrieden, daß die Sache ſo abgemacht wird. Ich hoffe aber doch, Kapitain, daß Ihr dann in Erwaͤgung zieht, wie die leichten Dra⸗ groner dabei ebenfalls bemuͤht waren, und in der zweiten Schwadron jetzt auch Luͤcken haben.“ „Wir wollen uns da ſchon vergleichen,“— ver⸗ ſetzte jener.—„Jeder bekommt einen Mann, und eine Guince in die Luft geworfen, entſcheidet uͤber den Dritten.— Sergeant komm! Du ſollſt Deine Wache abloͤſen, und die Gefangenen herauslaſſen!“ Indem ſie alle dem Gebaͤude zugingen, wo dieſe ſeyn ſollten, bemerkte der Oberſt: „Ich beſtreite Kapitains Borrongheliffe Ein⸗ ſichten nicht, meine aber mit meinem Vetter Dillon: es ſind Gruͤnde da, wenigſtens einen von den Leuten fuͤr mehr zu halten, als daß er ein gemeiner Soldat werden koͤnnte. In dem Falle waͤre Euer Plan umſonſt gemacht.“ „Nun fuͤr wen haͤlt er denn den Einen?“ fragte der Kapitain.„Soll's denn ein verklei⸗ deter Bourbon oder ein geheimer Repraͤſentant des rebelliſchen Congreſſes ſeyn?“ „Mehr ſagte mir mein Vetter nicht: denn er hat verſchloſſenen Mund, wenn die Gerech⸗ tigkeit ihre Wage beſchaut. Es giebt Leute, die man geborne Soldaten nennen kann, wie z. B. den Grafen von Cornwallis, der in den beiden Carolina's den Rebellen kraͤftig die Spitze bietet. Andere ſcheinen von Natur zu Geiſtlichen, zu Heiligen auf Erden beſtimmt, aber Manche ſchei⸗ nen gar nicht im Stande zu ſeyn, eine Sache anders, als mit unparteiiſchen, ſcharfſichtigen und uneigennuͤtzigen Blicken unterſuchen zu koͤn⸗ nen, und dazu gehoͤrt namentlich auch mein Vetter, Chriſtoph Dillon. Ich ſage Euch, Ihr Herren, wenn die koͤniglichen Waffen erſt dieſe Rebellion vertilgt haben; ſo werden die Miniſter Sr. Majeſtaͤt einſehen, wie die Wuͤrde eines Pairs auf die Kolonieen auszudehnen ſey, um loyale*) Unterthanen zu belohnen und ruͤnftige Treuloſigkeit zu verhuͤten, und in dem Falle hoffe ich, ihn mit dem Hermelinmantel uͤber dem eines Pairs bekleidet zu ſehn Der Kapitain Borrougheliffe wechſelte mit dem Dragoner⸗Offizier gar manchen ſpottenden Seitenblick, den aber der Oberſt viel zu wenig bemerkte, da er den Kopf zu voll mit den Ge⸗ fangenen und dem Kriege hatte. „Ja, ja!“ ſagte der Kapitain,„wir wer⸗ den durch die Erhoͤhung des Herrn Dillon's ge⸗ waltig erhoͤht und erbaut werden, ob ich ſchon noch nicht weiß, wolchen Titel er dann anneh⸗ men wird.“ „Daruͤber hab' ich ſchon viel nachgedacht,“ bemerkte ſein Wirth,„und bin endlich auf den Gedanken gekommen, er ſoll die kleine Beſitzung, welche er am Pedeecluſße hat, alsdann die Baro⸗ nie von Pedee nennen.“ „Alſo Baron dann! Ach,“ fuhr Borrough⸗ ctiffe ſpoͤttiſch fort.„Der wenige Adel in der 1**) Beilaͤuſig bemerken wir, daß damals mit dem Worte Loyal ſo viel Mißbrauch getrieben wur⸗ de, wie mit manchem andern jetzt. Je ſchaͤndlicher Einer in jener Zeit gegen die Amerikaner handel⸗ te, fuͤr deſto loyaler galt er an Georg's III. Hofe.. D. Ueb. 4 — 76— neuen Welt wird dann die altmodiſchen Titel der abgelebten alten Welt verachten, und alle Ba⸗ rone, Grafen und Herzoge zum Teufel jagen. Der unſterbliche Locke hat ſich viel Muͤhe ge⸗ geben, Euch mit Titeln nach Maßgabe Eures Landes und Eurer Verhaͤltniſſe zu verſorgen.*) Nun— da iſt er ja, der— Cazique von Pedee in eigner hoher Perſon!“ Waͤhrend ſie ſo ſprachen, ging es immer die Treppe hinauf, die zu den Gemaͤchern fuͤhrte, worin man die Gefangenen zu haben waͤhnte, und Dillon's nichtsſagendes Geſicht ſchien mit . jedem Schritte, daß es weiter ging, von boshaf⸗ ter Freude, dem Abdruck ſeiner innigen Zufrie⸗„ denheit, mehr erhellt zu werden. Da mehrere Stunden hingegangen waren; ſo hatte der Mann,* welcher um Griffith's und ſeiner Freunde Flucht wußte, wiederum die Wache auf dem Saale. Mit dem eigentlichen Verhaͤltniſſe recht gut be⸗ kanut, lehnte er richtig an der Mauer, und be⸗ muͤhte ſich, die geſtoͤrte Nachtruhe etwas auszu⸗ gleichen, indeß ihn die ſchallenden Fußtritte er⸗ innerten, als aufmerkſamer Soldat zu er⸗ ſcheinen. 1. ——ꝑ— * *) Locke hatte in der That fuͤr Carolina eine Ver⸗ aaſſung entworfen, die lange gegolten hat. 3 D. Ueb. b „Nun, Burſche!“ fragte ihn ſein Kapitain, „was machen denn Deine Gefangenen?“ „Ich denke, ſie chlafen: denn ſeitdem ich auf den Poſten geko bin, hab' ich kein Ge⸗ raͤuſch in dieſen Stuben gehort.“ 1 „Die Burſche ſind muͤde, und thun recht, wenn ſie in ihren huͤbſchen Quartieren ein Bis⸗ ſchen ausruhen. Zieh's Gewehr an, Burſche, und ſtell' Dich huͤbſch ordentlich. Marſchire nicht, wie ein Krebs, oder ein Korporal von der Landmiliz. Sieheſt Du nicht einen Cavallerie⸗ offizier herauffommen? Willſt Du Deinem Re⸗ gimente Schande machen?“ „Ach, Herr Hauptmann!“ erwiederte der Soldat leiſe,„wer weiß, ob ich je wieder ge⸗ rade ſtehn kann!“ „Dal kauf' Dir ein neues Pflaſter!“ er⸗ wiederte dieſer eben ſo leiſe, und ſteckte ihm einen Schilling in die Hand.„Du haſt blos Deine Pflicht zu beobachten!“ „Und die iſt, Herr Hauptmann?“ „Zu hoͤren und zu ſchweigen.— Da kommt der Sergeant. Er wird Dich abloͤſen!“ Der Haupttrupp blieb an der Treppe. Ein Paar Mann wurden vom Korporal vorgefuͤhrt,— bis an die Thuͤre der Gefaͤngniſſe, wo die We che in gehoͤriger Ordnung abgeloͤſet ward. Jetzt legte Dillon die Hand auf eine der Thuͤren. „Schließt hier einmal auf, Sergeant,“ ſagte er mit boshaftem Ausdrucke.„Der Bauer hier enthaͤlt den Vogel, den wir brauchen.“ „Sachte, ſachte, Mylord Juſtizminiſter und allmaͤchtiger Cazique von Pedee et cetera und ſo weiter!“ ſiel der Rapitain ein.„ Noch iſt die Stunde nicht, wo Ihr bei einem Geſchwor⸗ nengericht von dicken Freiſaſſen den Vorſitz fuͤhrt. Mit meinen Leuten hat Riemand zu reden, als ich!“ „Der Verweis war derb, das muß ich ge⸗ ſtehen!“ bemerkte der Oberſt,„aber weil es in der Ordnung, und dem Dienſte gemaͤß iſt, habe ich nichts dagegen.— Ja, lieber Dillon, das iſt ſo beim Regimente. Sey nicht ungeduldig. Ich hoffe, es kommt die Zeit, wo Du die Wage der Juſtiz bei manchem Verraͤther halten, und Deine gerechten Haͤnde an ihn legen wirſt. Ja, wahrlich, in ſo einem Falle koͤnnte ich ſelbſt den Henker machen!“ „Ich kann meine Ungeduld zaͤhmen!“ erwie⸗ derte Dillon mit heuchleriſcher Freundlichkeit und Selbſtbeherrſchung, obſchon in ſeinem Auge wilde Frende ſpruͤhte.„ Vexzeiht, Herr Kapitain, wenn ich in meinem Beſtreben, die buͤrgerliche 4.* „—— — Behoͤrde in ihre Rechte zu ſetzen, in die Euri⸗ gen griff.“ „Ja ſeht, Borrougheliffe,*¹ rief der Oberſt freudenvoll,„der Burſche iſt mit Allem bekannt, was Geſetz und Gerechtigkeit anbelangt. Ein Mann, wie er, kann, denke ich, gar nicht ge⸗ gen ſeinen Koͤnig unloyal werden. Aber das Fruͤhſtuͤk wartet. Der Herr Cornet iſt dieſen Morgen ſchon tuͤchtig zugeritten. Laſſen wir die Leute vortreten.“ Borrougheliffe winkte dem Sergeanten. Die⸗ ſer ſchloß auf. Alle traten in das leere Gemach. „Euer Gefangener iſt fort!“ rief der Cor⸗ net, nachdem er nur einen Augenblick gebraucht hatte, ſich davon zu uͤberzeugen. „Ach, nicht doch! Um's Himmelswillen nicht!“ ſchrie Dillon, und zitterte vor Wuth, indeß er ſein Auge ringsherum gehen ließ. „Hier iſt Verrath! Hochverrath gegen den Koͤnig!“ „Und wem faͤllt der zur Laſt, Herr Chri⸗ ſtoph Dillon?“ bemerkte Borrougheliffe mit ge⸗ runzelter Stirn, im derben Tone.„Ihr wagt doch nicht, mir oder einem meiner Leute Hoch⸗ verrath Schuld zu geben?“ Die wilde Hitze des kuͤnftigen Pairs ſchien jetzt von einem der Wuth ganz fremden Gefuͤhl 5 — 80— verdraͤngt zu werden. Er ſah die Nothwendig⸗ keit ein, ſich zu beherrſchen. Ganz umgewan⸗ delt war er wieder der vorige, gefaͤllige, ein⸗ ſchmeichelnde Patron, um zu antworten! „Der Oberſt Howard wird meine Aufwal⸗ lung zu wuͤrdigen wiſſen, wenn ich ihm ſage, daß dieſes Zimmer hier in der vorigen Nacht den Lieutnant Eduard Griffith von der Flotte der Rebellen enthielt, welcher ſeinen Namen und ſein Vaterland ſchaͤndet, und ein Verraͤther an dem Koͤnige iſt.“ „Wie?“ rief der Oberſt ſrennend,„Der tolle Juͤngling hat es gewagt, St. Ruth's Abtei mit ſeinen Fußtapfen zu entheiligen? Du traͤumſt, Dillon; zu ſo Etwas gehoͤrt gar zu viel Keckheit!“ „Es ſcheint doch nicht!“ entgegnete der An⸗ dere,„denn ob er ſchon in dieſem Zimmer ge⸗ wiß und wahrhaftig war; ſo findet er ſich doch nicht mehr darin, und aus dieſem Fenſter, das zwar offen ſteht, wuͤrde er ſelbſt mit Huͤlfe eines Andern nicht entkommen ſeyn.“ „Nun, wenn ich glauben koͤnnte,“ rief der Oberſt auf's Neue,„daß der ſchaͤndliche Bube ſich ſolcher groben Unverſchaͤmtheit ſchuldig mach⸗ te: ich fuͤhlte mich verſucht in meinen alten Ta⸗ gen, die Waffen wieder zu ergreifen und ſeine Schamloſigkeit zu beſtrafen. Was? Nicht genug, — 81— daß er in meine Behauſung in der Kolonie eindrang, und die unruhige Zeit benutzte, um mich des koſtbarſten Edelſteins,— ja, Freunde, mich meines Bruders Harry's Tochter zu be⸗ rauben! Er muß auch dieſes geheiligte Eiland mit gleichem Vorſatze betreten, und ſo als Verraͤther vor dem Auge ſeines hintergangenen Koͤnigs ſelbſt erſcheinen? Nein, Dillon, nein! Deine Loyalitaͤt gegen den Koͤnig hat Dich irre geleitet. Dies zu thun, hat er nicht gewagt!“ „So hoͤrt und laßt Euch uͤberzeugen!“ er⸗ wiederte der gefaͤllige Vetter.„Ich wundere mich nicht, daß Ihr ſo wenig glaubt: aber ein guter Zeuge iſt die Seele aller Juſtiz. Ich kann deſſen Werth nicht ablaͤugnen. Ihr wißt, daß zwei Schiffe der Rebellen ſeit mehreren Ta⸗ gen an der Kuͤſte ſignaliſirt worden ſind. Ih⸗ rentwegen haben wir den Kapitain Borrough⸗ cliffe um ſeinen Schutz gebeten. Die Beſchrei⸗ bung ſtimmt zu denen, welche uns in Carolina ſo beunruhigten. Tags darauf, wo wir die erſte Nachricht haben, daß ſie in die Bai und Klip⸗ pen vom Teufelskanal gelaufen ſind, werden drei Maͤnner geſunden, die ſich in Matroſenkleidung durch die Umgegend ſchleichen. Man haͤlt ſie feſt, und ich erkenne an der Stimme des einen gleich auf der Stelle den Verraͤther Griffith. fI. F ——— — — 82— Er war verkleidet, und in der That recht gut. Aber ein Mann, der ſein ganzes Leben der Er⸗ forſchung der Wahrheit widmet, iſt ſchwer zu blenden, und wenn die Verkleidung noch ſo kuͤnſt⸗ lich iſt.“ Auf dem Oberſt Howard machte das Letztere, mit verſtellter Beſcheidenheit vorgetragen, großen Eindruck. Die Schlußbemerkung beſtaͤtigte ihm die Wahrheit vollkommen. Borrougheliffe horch⸗ te aufmerkſam, und biß ſich mehr als ein Mal unruhig in die Lippen. „Ich wollte ſchwoͤren,“ ſagte er,„der Eine von den Gefangenen wußte mit der Muskete umzugehn.“ „ Nichts iſt waßrſcheinlicher, mein würdiger Freund!“ bemerkte Dillon.„Da die Landung doch ſicher nicht ohne boͤſe Abſicht geſchah, kam er auch gewiß nicht ohne Schutz und Wache. Ich behaupte ſogar, alle Drei waren Offtziers, und Einer darunter ein Marineoffizier. Daß ſie Unterſtuͤtzung hatten, iſt gewiß, und eben weil ich uͤberzeugt war, daß noch geheime Huͤlfe vorhanden ſey, eilte ich nach Verſtaͤrkung.“ Dies Alles klang ſo wahrſcheinlich, daß ſelbſt Borrongheliffe uͤberzeugt wurde, und ein Wenig ſeitwaͤrts ging, ſeine Unruhe zu verber⸗ gen. So nichtsſagend ſonſt auch ſein Geſicht — —ꝑ 3 — 83— war, jetzt fuͤhlte er doch eine gewiſſe Verlegen⸗ heit aufſteigen.“— „Das verdammte Doppelthier!“ brummte er fuͤr ſich.„Er war Soldat, aber auch ein Verraͤther, ein Feind! Nun, der wird eine ver⸗ fluchte Freude haben, wenn er die rebelliſchen Ohren ſeiner Kameraden mit der Erzaͤhlung kiz⸗ zelt, wie er uͤber den Ruͤcken eines Borrough⸗ cliffe kalt Waſſer geſchuͤttet hat, der ihm ſo gu⸗ ten, herrlichen Madera⸗Wein in die rebelliſche Gurgel goß! Ich moͤchte bald meinen rothen Nock mit einer blauen Jacke vertauſchen, blos um den Schurken auf dem Waſſer anzutreffen, und dann in's Reine mit ihm zu kommen.— Nun, Sergeant, ſind denn die andern Zwei da?“. „Sie ſind auch fort, Herr Hauptmann!“ antwortete der Korporal, der eben aus den an⸗ dern, von ihm viſitirten Gemaͤchern zuruͤckkam. „Wenn der Teufel dabei nicht im Spiele war, verſtehe ich den Handel nicht.“ „Mein Oberſt„“' ſagte Borrougheliffe feier⸗ lich,„Euer koͤſtlicher Madera⸗Wein muß von der Tafel verbannt ſeyn, bis ich volle Rache habe. Denn mir kommt es zu, fuͤr dieſen Schimpf Genugthuung zu fordern, und ich will ſie augenblicklich ſuchen. Drill, geh'! Eine Wa⸗ F 2 — 84— che ſuche fuͤr's Haus hier heraus. Die andere Mannſchaft ſoll fruͤhſtuͤcken, und dann laß Ge⸗ neralmarſch ſchlagen. Wir wollen in's Feld ruͤcken. Ja, mein wuͤrdiger Oberſt, zum erſten Male ſeit dem Tage des ungluͤcklichen Karl Stuart ſoll wieder im Herzen von England ein Feldzug eroͤffnet werden!“ „RNebellion, Rebellion, grauſame, unna⸗ tuͤrliche, unheilige Rebellion verurſachte damals das Elend, und jetzt!“ rief der Oberſt. „Waͤr' es nicht beſſer, ich ließ meine Leute und Pferde ein Wenig abfuͤttern, und dann ei⸗ nen Stroifßug an der Kuͤſte machen?“ fragte der Cornet.„Vielleicht bin ich ſo gluͤcklich, auf ei⸗ nige der Fluͤchtlinge, eber einen Theil ihrer Par⸗ tei zu treffen. 1 8Ihr habt meine Geedateken rrathen 17* er⸗ wiederte Borrougheliffe.„Der Cazique von Pe⸗ dee kann die Thore von St. Ruth zuſechließen. Wenn er die Fenſter verrammelt, die Bedienten bewaffnet, kann er ſich gegen jeden Angriff gut vertheidigen, falls ſie etwa einen Sturm auf unſer Schloß beabſichtigen ſollten. Hat er ſi e zuruͤckgeſchlagen; ſo ſoll es meine Sache ſeyn, ihnen den Ruͤckzug abzuſchneiden.“ Dillon wollte von dem Vorſchlage nicht viel hoͤren: denn er meinte, ein Angriff auf die Ab⸗ 92 — 85— tei wuͤrde wahrſcheinlich von Grriffith ſelbſt un⸗ ternommen, um ſeine Geliebte zu entfuͤhren, und der Mylord Juſtizminiſter hatte nicht viel kriege⸗ riſches Blut. In der That konnte blos die⸗ ſer Mangel ihn beſtimmen, in der vorigen Nacht ſelbſt fortzueilen. ſtatt zu dem Zwecke einen Boten zu ſenden. Indeſſen eine Entſchul⸗ digung, um die gefaͤhrliche Beſtimmung abzuaͤn⸗ dern, wurde gluͤcklich durch den Oberſt Howard unnothig gemacht: denn dieſer rief gleich aus, als Borroungheliffe ſeinen Plan mitgetheilt hatte: „Mir kommt es zu, Kapitain, mir liegt es ob, St. Ruth zu vertheidigen? und dieſe Werke zu erobern, ſoll kein Kinderſpiel ſeyn! Dillon wird ſich lieber im offenen Felde verſu⸗ chen. Ich kenne ihn. Kommt, laßt uns fruͤh⸗ ſtuͤcken, und dann ſoll er aufſitzen, die Drago⸗ ner auf den ſchwierigen Kuͤſtenpfaden zu fuͤhren 14- „Alſo gefruͤhſtuͤckt!“ jubelte der Haupt⸗ mann.„Dem Herrn Kommendanten von der Feſtung trau' ich Alles zu, und im Felde lebe der Kapitain hoch! Nun voran, mein werther Oberſt!“ Die Anordnungen zum Eſſen waren ſchnell getroffen; nicht weniger ſchnell ward abgetafelt. Jetzt war in der Abtei ein Leben ohne Gleichen. Die Truppen wurden geinſtert, anfgeſtellt. — 86— Borrougheliffe kommandirte einen Theil als Wa⸗ che fuͤr das Haus; an die Spitze der Uebrigen ſtellte er ſich ſelbſt; und dann ging es im Dop⸗ pelſchritt hinaus in's Freie. Dillon ſchwang ſich freudig auf eins von den beſten Jagdpferden des Oberſten, bei deſſen Wahl er ſeine Sicherheit auf gehoͤrige Art berechnet hatte. Sein Buſen brannte von maͤchtigem Verlangen, Griffith zu vernichten: aber er wuͤnſchte auch gewaltig, dies zu bewirken, ohne ſeine Perſon auf's Spiel zu ſetzen. n Neben ihm hielt der junge Cornet, in ge⸗ wohnter Anmuth ſich im Sattel wiegend. Er ließ zuerſt das Fußvolk abmarſchiren, warf noch einen Blick auf ſeine kleine Mannſchaft, und kommandirte dann: Marſch! Die Reiter for⸗ mirten ſchnell einen Zug. Der Offizier begruͤßte den Oberſten; fort ging es, im kleinen Gallop, durch das offene Thor nach der Kuͤſte hin. Der alte Oberſt weilte einige Minuten, ſo⸗ lange die Hufſchlaͤge zu hoͤren und die funkelnden Waffen zu ſehen waren, um den von ihm ſo oft gehoͤrten Toͤnen, den immer gern geſehenen Bildern zu lauſchen. Dann ging er nicht ohne inneres Wohlbehagen und freudig an das Ver⸗ rammeln der Fenſter und Thuͤren; feſt und muthig entſchloſſen, im Mothfal die Abtei zu vertheidigen. 4 4 ℳ 16 „ — 87— Nur eine kleine Stunde lag dieſe vom Meer entfernt, und unzaͤhlige Wege fuͤhrten durch das Gebiet derſelben dahin, welches ſich bis an die Kuͤſte ausdehnte. Dillon fuͤhrte ſeine Par⸗ tei, bis ſie nach einem ſcharfen Ritte von eini⸗ gen Minuten den Klippen nahe waren. Hier legte der Cornet ſeine Reuterei in ein kleines Gehoͤlz. Er ſelbſt ritt mit Dillon vor auf den Rand der ſteilen, ſenkrechten Felſen, deren Fuß vom Schaum beſpuͤlt wurde, obſchon die Bran⸗ dung des Meeres ungleich ruhiger geworden war. Der Sturm hatte nachgelaſſen, ehe die Ge⸗ fangenen entflohen, und wie die Gewalt deſſel⸗ ben in Oſten allmaͤhlich aufhoͤrte, trat ein maͤßi⸗ ger Suͤdwind ein, der laͤngs der Kuͤſte wehte. Noch rollte der Ozean mit furchtbaren Wogen. Aber ihre Flaͤche war glatt; mit jedem Augen⸗ blick wurden ſie minder hoch und minder ſchrek⸗ kend. Umſonſt ſchauten die zwei Reiter in die unermeßliche Waſſerflaͤhe, die von dem Glanz der Sonne hell beleuchtet wurde. So eben tauchte dieſe aus dem Meere herauf. Sie wuͤnſchten irgend Etwas, namentlich ein Segel, in der Ferne zu entdecken, um ihren Verdacht beſtaͤtigt oder ihren Zweifel gehoben zu ſehn. Allein Al⸗ les ſchien waͤhrend des juͤngſten Sturmes die ge⸗ fährliche Fahrt hier vermieden zu haben, und ———ͤ 5 Dillon wollte eben das Auge von dem leeren Schauplatze abwenden, als ſein Blick ſenkrecht hinabfiel, und er unten an der Kuͤſte etwas ſah, was ihn ausrufen ließ: 4 „Dal da fahren ſie! Beim Himmel, ſie kommen fort!“ Der Cornet blickte in der Richtung, die ihm des Andern Finger andeutete, und ſah, in einer kleinen Entfernung vom Lande, dem Schein nach unter ſeinen Fuͤßen, ein kleines Boot, gleich einer ſchwarzen Muſchel, auf dem Waſſer in den Wellen ſteigend und fallend. Die Leute darin ſchienen auf ihren Rudern zu ruhen, und Etwas zu erwarten. „Das ſind ſie!“ fuhr Dillon port,„oder, was noch wahrſcheinlicher iſt, es iſt ihr Boot, das ſie erwarten, und an's Schiff zuruͤckbringen ſoll. Eine gewoͤhnliche Veranlaſſung wuͤrde kei⸗ nen Seemann beſtimmen, in ſo kleiner Entfer⸗ nung von der Brandung ſo unbeſorgt zu halten.“ „Ja, was iſt da zu machen?“ fragte der Cornet.„Meine Pferde holen ſie da nicht, und ein Musketenſchuß erreicht ſie auch nicht. Ein keichter Dreipfuͤnder wuͤrde ſie recht ſchon be⸗ gruͤßen.“— Dillon's heißer Wunſch, ſeinen Feind zu fangen, oder zu verderben, ließ ihn ſchnell Et⸗ ;—— ͤ—,,—— ad 89— was erſinnen. Nach einem augenblicklichen Nach⸗ denken erwiederte er: „Die Fluͤchtlinge ſind noch am Lande. Bewahren wir die Kuͤſte, ſtellen wir an gehoͤri⸗ gen Orten Wachen aus; ſo iſt ihre Flucht leicht zu verhuͤten. In der Zwiſchenzeit reit' ich in geſtrecktem Gallop dem naͤchſten Hafen zu, wo einer von Sr. Majeſtaͤt Kuttern liegt. In einer halben Stunde kann ich dort und an Bord ſeyn. Der Wind iſt der Richtung guͤnſtig. Koͤnnen wir ihn um jenen Vorſprung herumbringen; ſo ſchneiden wir dieſe Raͤuber ab, oder ſegeln ſie in den Grund.“ „Nun, fort dann!“ rief der Cornet, deſſen jugendliches Blut nach Kampf lechzte.„Zum Mindeſten treibt Ihr ſie nach der Kuͤſte zu, und dann will ich mit ihnen anbinden.“ Err hatte noch nicht das letzte Wort geſpro⸗ chen, und ſchon war ihm Dillon, der wuͤthend laͤngs den Kuͤſten hinjagte, aus dem Geſichte. Er verſchwand in einem dicken Gehoͤlz am We⸗ ge. Die Loyalitaͤt, mit der der junge Mann dem Koͤnige zugethan war, hatte auch Etwas von der Rechenkunſt aufgenommen. Sie ſtand in genauer Verbindung mit dem, was er„ſich ſelbſt gerecht werden“ nannte. Der Beſitz von Cecilie Howard und ihrem Vermoͤgen duͤnkte ihm ein — 90— Gewinn, der jeder ſpaͤtern Erhoͤhung in den wie⸗ der beſiegten Kolonieen die Waage halten konnte. Griffith ſchien ihm dabei das einzige Hinderniß im Wege zu ſeyn, und ſo trieb er das Pferd mit dem verzweiflungsvollen Entſchluſſe an, den jungen Seemann zu vernichten, ehe noch einmal die Sonne wieder aufgegangen ſey. Wenn ein Mann auf Boͤſes mit ſolchem Gefuͤhl, ſolchen Beweggruͤnden ſinnt, wird er ſelten hinter ſei⸗ nem Ziele zuruͤckbleiben und zu ſpaͤt kommen. Dillon war daher noch einige Minuten fruͤher, als er den Zwiſchenraum zu durcheilen verſpro⸗ chen hatte, an Bord der Alacrity.. Der ſchlichte alte Seemann, welcher dieſen Kutter befehligte, hoͤrte mit Ernſt ſeinem Be⸗ richte zu. Er beſah ſich das Wetter, und ver⸗ glich alles Andere, was mit ſeiner Pflicht zu⸗ ſammenhieng, wie ein Mann, der nie ſo viel gethan hatte, um großes Vertrauen zu ſich ſelbſt zu faſſen, und fuͤr das Wenige, was er leſſe, nur kaͤrglich belohnt worden war. Indeſſen Dillon trieb. Das Wetter ſchien gut. Endlich willigte er ein, und der Kutter ward in Gang gebracht.. 2 Ein funfzig Mann Beſatzung, nicht ehme die Langſamkeit ihres Befehlshabers zu theilen, kamen in Thaͤtigkeit. Als das kleine Schiff die —— — — — 9— — Landſpitze umſegelte, hinter der es vor Anker ge⸗ legen hatte, wurden die Kanonen gerichtet, und die gewoͤhnliche Vorbereitung zum etwa noth⸗ wendigen Kampfe getroffen. Dillon war wider ſeinen Willen genoͤthigt worden, an Bord zu bleiben. Er ſollte den Punkt zeigen, wo die verdaͤchtigen Leute mit ih⸗ rem Boote hielten. Als der Kutter in gehoͤriger Entfernung vom Lande war, ſegelte er mit fri⸗ ſchem Winde laͤngs der Kuͤſte ſo ſchuell und flink dahin, daß die Unternehmung, fuͤr welche er ausgelegt hatte, den beſten Erfolg verſprach. * V. Das Ding ſteht aus, wie ein Wallfiſch! Shakeſpeare. Zwar war der Gegenſtand, welcher Griffith und Barnſtable beſtimmte, dem Lootſen zu folgen, ganz Sache des Staates; aber was ſie veranlaßte, es ſo willig zu thun, wurde, wie man leicht ſehen kann, Gefuͤhl ihres Herzens. Die kurze Unter⸗ haltung, die der Lootſe mit ſeinen Genoſſen hatte, machte dieſen geheimnißvollen Fuͤhrer gar bald mit den Verhaͤltniſſen der zwei Vorzuͤglichſten ſo genau bekannt, daß er ſich nach der Landung be⸗ ſtimmt fuͤhlte, blos mit Griffith und Manuel zu erforſchen, ob die Gegenſtaͤnde ſeiner Verfolgung noch um die beſtimmte Zeit zuſammentreffen wuͤr⸗ den, waͤhrend er Barnſtable im Fahrzeuge zu⸗ ruͤckließ, ihrer Nuͤckkunft zu warten und ihre Entfernung zu ſichern. Nur gewichtige Gruͤnde und ein derbes Wort von ſeinem hoͤhern Offizier waren noͤthig, um Barnſtable mit dieſer Anord⸗ nung zufrieden zu ſtellen. Allein ſein Verſtand ſagte ihm dann bald, daß nichts unnoͤthiger Weiſe gewagt ſeyn duͤrfte, bis der Angenblick da ſey, — 93— vollfuͤhrt werden ſollte, und ſo wurde er allmaͤlig ruhiger, indem er nur Griffith ins Ohr raunte, waͤhrend der Zeit, wo jenes Landhaus recognoſcirt wuͤrde, auch die Ab⸗ tei ins Auge zu nehmen. Der Letztere hatte nichts Angelegentlicheres, als dieſem Wunſche zu genuͤgen. Dies brachte ihn und ſeine Gefaͤhrten e ab und in die Verlegen⸗ vom eigentlichen Pfad heiten, welche wir zum Theil ſchon erzaͤhlt haben. Der Lootſe hatte den naͤchſten Abend dazu beſtimmt, ſein Unternehmen auszufuͤhren. Er glaubte, ſeiner Leute waͤhrend der geſellſchaft⸗ lichen Freuden habhaft zu werden, die gewoͤhn⸗ lich ihren Jagden folgen. Am fruͤhen Morgen ſollte Barnſtable ſo nahe, als moͤglich, bei der Abtei halten, ſeine Landsleute einzunehmen, um ſie, ſoviel wie thunlich, dem Blicke ih⸗ rer Feinde am Tage zu entziehn. Kaͤmen ſie um die beſtimmte Zeit nicht an; ſo ſollte er, dies war die Verabredung, nach dem Schooner zuruͤckfahren, der ruhig vor Anker in einer ver⸗ borgenen, entfernten Bucht lag, wohin zu Waſſer und zu Lande nicht leicht Jemand zu kommen pflegte.. Der junge Cornet ſchaute noch immer nach der Barke, die zum Schooner gehoͤrte,— denn ſo ver⸗ hielt es ſich,— waͤhrend bereits die Stunde um wo der Hauptſtreich — 94 war, wo Griffith und ſeine Gefaͤhrten ſpaͤteſtens erſcheinen mußten. Verdrießlich entſchloß ſich Barnſtable, dem Buchſtaben ſeiner Inſtruction zu folgen, und es nun ihrer eignen Einſicht und Gewandtheit zu uͤberlaſſen, wieder auf den Ariel zu kommen. Seit Sonnenaufgang hatte die Barke ohnfern der Brandung gehalten, und im⸗ mer hefteten ſich die Augen der Matroſen un⸗ ruhig auf die Klippen, das Zeichen zu ſehen, das ſie zu landen rufen ſollte. Wohl zwanzig Mal nach der Uhr ſchauend, und oft einen ver⸗ drießlichen Blick auf die Kuͤſte werfend, rief Barnſtable endlich aus: „Eine huͤbſche Ausſicht, Maſter Coffin! Es iſt nur zu viel Phantaſie fuͤr Deinen Geſchmack dabei! Ich glaube, Dir macht kein Land Freude, das haͤrter iſt, als Waſſer!’"“, „Ich bin auf dem Waſſer geboren,“ ant⸗ wortete der Beiſchiffsfuͤhrer auf ſeinem niedrigen Sitze, wo er ſich, wie gewoͤhnlich, eng zuſam⸗ menhielt.„Das iſt wie bei allen Dingen. Wo der Menſch geboren iſt, den Ort liebt er. Laͤug⸗ nen will ichs nicht, ich laſſe lieber den Anker fallen, wo das Waſſer einen Kiel traͤgt. Aber nun gerade einen Haß gegen trocknes Land habe ich auch nicht.“ „Dch kann es mir nie verzeihen, wenn —— — 2— ⏑ -— Griffith ein Ungluͤck bei dem Ausfluge gehabt hat!“ bemerkte der Lieutnant.„Sein Lootſe mag auf dem Waſſer beſſer ſeyn, als zu Lande, langer Tom!“ Der Beiſchiſſsfuͤhrer ſah ſich mit wichtiger Miene um, als habe er ſeinem Kommendanten etwas zu ſagen⸗.— „ Ja, erwiederte er endlich,„ſo lange ich auf dem Waſſer bin, und das heißt, ſeitdem ich zum erſten Mal gefuͤttert wurde,— denn ich bin geboren, wie wir an der Kuͤſte von Nantucket kreuzten,— ja, da habe ich doch keinen Lootſen ſo zur rechten Zeit kommen ſehn, als den, der bei uns eintraf, als wir ſo ein Paar Laͤngen an der Kuͤſte vorgeſtern hinliefen. „Ei ja, der Burſche hat ſeine Sache gut gemacht, wie ein Mann. Es war da Gelegen⸗ heit, ſich zu zeigen, und es ſcheint, er paßt zu dem, was er verſpricht.“ „Die Leute uf der Fregatte ſagten mir, er ſey mit dem S iffe wie mit einem Kreiſel umgegangen. Nun aber, es iſt wahr, das Schiff hat von Natur einen Widerwillen gegen alles Strand⸗Laufen.“ „Kannſt Du das von der Barke hier auch ſagen, Coffin?“ fragte Barnſtable haſtig.„Zieh ſie ans der Brandung zuruͤck, oder wir laufen — 96— im Augenblick gegen die Kuͤſte, wie eine leere Waſ⸗ ſertonne. Du mußt huͤbſch daran denken, daß wir nicht Alle, wie Du, in zwei Faden Waſler hinſtapeln koͤnnen.“ Der Beiſchiffsfuͤhrer ſah gelaſſen auf den Schaum, der ſich einige Ellen von der Barke auf den Wogen thuͤrmte, und rief den Leuten in der Barke zu: „Thut doch einen oder zwei Schlaͤge, und bringt ſie in klares Waſſer!“ Die Schlaͤge der Ruder toͤnten wie die Hebel einer wohl berechneten Maſchine, und das leichte Boot ging uͤber das Waſſer, gleich einer Ente, dahin, die ſich dicht einer drohenden Woge naht, aber im entſcheidenden Augenblick ohne ſcheinbare An⸗ ſtrengung entfernt. Barnſtable ſtand, waͤhrend dieſe Bewegung gemacht wurde, auf, und ſchaute mit unverwandten Augen nach den Klippen. Noch verdrießlicher ſagte er endlich: „Nun, ſtoß vollends ab, und laß ſie ſachte nach dem Schooner gehn!— Seht immer nach den Klippen, Jungens! Es iſt moͤglich, daß ſie in einer Felſenhoͤhle ſtecken; denn Tageslicht iſt gerade ihr Freund nicht.“ Schnell wurde dem Befehl gehorcht, und in tiefem Schweigen wohl eine Viertelſtunde fort⸗ gerudert, als die Stille ploͤtzlich durch ein dumpfes * ꝛm 1 *☛—— — 9g7— Geraͤuſch in der Luft und ein Schlagen des Waſ⸗ ſers unterbrochen ward, das gar nicht weit von ihnen ſchien. „Beim Himmel!“ rief Barnſtable uͤber⸗ raſcht,„das iſt ein Wallfiſch, Tom!“ „Ja freilich!“ erwiederte dieſer mit unver⸗ anderter Gleichguͤltigkeit.„Dort zieht er. Nicht eine halbe Viertelſtunde ſeewaͤrts. Der Sturm aus Oſten hat dieſe Creatur hergetrieben, und er faͤhlt allmaͤlig, daß er auf Untiefen iſt. Er ſchlaͤft, ſtatt daß er ſuchen ſollte, ins weite Meer zu kommen.“ „ Darum ſcheint er ſich eben nicht zu kuͤm⸗ mern! Er macht nicht viel Anſtalt!“. „Ich denke vielmehr,“ ſagte der Beiſchiffs⸗ fuͤhrer, und rollte ſeinen Tabak im Munde hin und her, waͤhrend das. kleine, tiefliegende Auge freudig blitzte,„der Ehrenmann hat ſeinen Kom⸗ paß vergeſſen, und weiß nun nicht den Weg zu finden, um ins klare Waſſer zu kommen.“ „Es iſt ein Kachelot!“ rief der Lieutnant, „und wird bald den Weg finden!“ *„Nein, es iſt ein ordentlicher Wallfiſch. Ich ſah, wie er ſpruͤtzte. Er warf ein Paar Bogen in die Luft, wie nur ein Chriſtenmenſch wuͤnſchen kann. Eine wahre Thrantonne iſt es 14 II. G — — Barnſtable lachte und drehte ſich um, den verfuͤhreriſchen Gegenſtand nicht zu ſehen, und nach den Klippen zu ſchauen. Aber ohne daß er es ſelbſt wußte, fiel doch das Auge wieder auf das unfoͤrmliche Geſchoͤpf, das manchmal ſeine ungeheure Maſſe mehrere Fuß in fluͤchtigen Spruͤngen aus dem Waſſer emporhob. Die Ver⸗ ſuchung, hier eine Freude zu haben, und die Erin⸗ nerung an aͤltere Gewohnheiten, gewannen end⸗ lich uͤber eun e in Betreff ſeiner Freunde die Oberhand, und der junge Licutnant fragte ſeinen Beiſchiffsfuͤhrer: „Iſt denn ein Wallfiſchtau in der Barke, um die Harpune daran zu ſchlingen, die Du immer bei Dir haſt, es mag gut oder ſchlecht Wetter ſeyn?“ „Ich ſtoße nie vom Schooner ab, ohne mitzunehmen, was zum Wallfiſch gehoͤrt!“ er⸗ wiederte der lange Tom.„Es iſt eine wahre Freude fuͤr mich, ſo eine Tonne zu ſehn.“ Barnſtable ſah nach der Uhr— nach den Klippen. Dann rief er in luſtigem Tone aus: „Fahrt zu, Burſchen! Wir haben ja wei⸗ ter nichts zu thun! Wir wollen dem Schurken eine Harpune in den Leib jagen!“ Und alle Matroſen jauchzten. Selbſt der alte Beiſchiffsfuͤhrer ließ auf ſeinem ernſten Ge⸗ — — ſichte ein Laͤcheln ſichtdar werden, waͤhrend die Barke, wie ein Wettrenner in den Schranken, hinſchoß. In wenig Minuten waren ſie ihrer Beute nahe. Der lange Tom ſtand aus ſeinem Winkel im Sterne auf, und ſchritt in der Barke dahin, um die Vorbereitungen zu machen, den Wallfiſch, wenn ſich die Gelegenheit ergaͤbe, auf's Korn zu nehmen. Das Tau, das die Haͤlfte der gewoͤhnlichen Laͤnge zu einem ſolchen Fange hatte, ward zu Barnſtable's Fuͤßen gelegt, der, ahſtatt Tom's, ein Ruder nahm, um zu ſteuern und zu wenden, falls dies etwa waͤhrend des Haltens hier noͤthig werden koͤnnte. Das Ungeheuer der Tiefe bemerkte ihre Naͤhe⸗ rung in keiner Art. Es ergoͤtzte ſich fortwaͤhrend, Waſſer auszuſpruͤtzen, oder mit dem Schweife hals furchtbare, halb ſchoͤn anzuſehende Schlaͤge auf dem Waſſer zu thun, bis die kuͤhnen See⸗ leute nur noch einige hundert Fuß entfernt wa⸗ ren. Ploͤtzlich ragte es mit dem Kopfe hervor, und brachte den ungeheuern Koͤrper mehrere Fuß uͤber das Waſſer, woͤhrend der Schweif heftig arbeitete, und ein Geraͤuſch, ein Sauſen her⸗ vorbrachte, das gleich dem Sauſen des Windes tobte. Der Beiſchiffsfuͤhrer ſtand mit ſeiner Har⸗ pune bereit, ſie nach ihm zu werfen. Als er G 2 8 —õ— — — 100— aber ſah, wie das Ungeheuer die furchtbare Stel⸗ lung annahm, winkte er ſeinem Kommendanten, und dieſer den Matroſen, daß ſie mit Rudern inne hielten. So blieben ſie einige Minuten ruhig. Der Wallfiſch that indeſſen in ſchneller Folge verſchiedene Schlaͤge auf das Waſſer, und das Geraͤuſch davon hallte laͤngs den Klippen, gleich einem dumpfen Kanonendonner, wieder. Nachdem das Thier dieſe vergeblichen Anſtrengun⸗ gen ſeiner ſchrecklichen Kraͤfte gemacht hatte, verſank es wieder in ſein ihm eigenthuͤmliches Element, unnd entſchwand lan am den Augen ſeiner Ver⸗ folger. „Welchen Weg nahm er denn, Tom?“ fragte Barnſtable in dem Augenblick, wo er aus dem Geſichte war. „Er iſt wohl nur ein Bischen in die Tiefe gegangen!“ erwiederte dieſer, indeſſen ſein Auge immer feuriger wurde.„Er will ſich ein we⸗ nig die Naſe unten abreiben. Falls er lange hinſtreicht, wird er froh ſeyn, wenn er wieder ein Paar Zuͤge freie Luft ſchlucken kann. Laßt nur ein Paar Knoten Steuerbord fahren, und ich bin gut dafuͤr, wir ſind ihm auf: der Faͤhrte. 7 Dceer alte Seemann hatte recht vermuthet. In wenig Minuten that ſich das Waſſer in ihrer 3 Naͤhe wieder auf. Vom Neuen ſtieg ſein Straßt 1 — 101— deſſelben in die Luft, und das große Thier ſchoß, ſo lang es war, dahin, auf der See einen Schaum verbreitend, wie ein Schiff, das, zum erſten Mal ins Meer gehend, vom Stapel laͤuft. Dann trieb er wieder ruhig dahin, und ſchien von den fruͤhern Anſtrengungen auszuruhen. Barnſtable und ſein Beiſchiffsfuͤhrer beobach⸗ teten jede der kleinſten Bewegungen, und als er gegen fruͤherhin in Ruhe war, gab der Erſtere nochmals das Zeichen, darauf hinzurudern. Ein Paar kraͤftige Schlaͤge brachten das Boot ihm zur Seite, indem die Spitze deſſelben nach einer ſeiner Finnen gerichtet war, die manch Mal, ließ das Thier ſich traͤge vom Waſſer leiten, zum Vorſchein kam. Mit vieler Aufmerkſamkeit zielte erſt der lange Tom, und dann ſchleuderte er die Harpune mit einer Gewalt, daß das Eiſen tief in die Fettmaſſe ſeines Feindes hineinfuhr. Kaum war der Wurf vollbracht, als er mit gewichtigem Eifer ausrief: „Zuruͤck! Zuruͤck!“ 7 „Zuruͤck!“ nia od Barnſtable, und die willigen Bootsleute achten das Fahrzeug mit jedem Ruderſchlage mehr aus der Naͤhe ihres ſchrecklichen Gegners. Das furchtbare, verwun⸗ dete Thier dachte indeſſen, ſeine Kraͤfte nicht kennend und den Feind nicht achtend, an keinen — 102— Kampf. Es ſuchte ſich durch die Flucht zu ret⸗ ten. Ein Augenblick von Betaͤubung und Ueber⸗ raſchung war das Erſte, als es das eingedrungene Eiſen fuͤhlte. Dann ſchlug es mit dem Schwanze in die Hoͤhe, daß das Meer in großen Kreiſen herumwogte, und endlich verſchwand es ſchnell, wie der Blitz, mitten in einer Wolke von Schaum. „Gieb Acht, Tom! Paß auf! Er kommt wieder herauf!“ ſchrie Barnſtable. „Ja, jal⸗ verſetzte dieſer ganz ruhig, und nahm das Tau, das aus dem Boote mit einer Schnelligkeit ſchoß, welche Gefahr drohte, um es um einen Block gehn zu laſſen, der zu dem Zweck vorn in der Barke ſtand. Die Schnellig⸗ keit war dadurch gemindert. Das Tau lief im⸗ mer hin, und indem es auf der Oberflaͤche des Waſſers wogte, zeigte es die Richtung, in der das Thier wieder zu erwarten war. Barnſtable hatte die Spitze des Bootes nach dieſem Punkte hin gerichtet, bevor das verwundete Ungeheuer wieder heraufkam. Doch dieſes dachte jetzt an nichts, als an die ſchnellſte Flucht. Es ſchoß mit ungeheurer Schnelligkeit dahin, als es wie⸗ der die Waſſerflaͤche beruͤhrte.— Gewaltſam ward das Boot mit fortgeriſſen. Es zerſchnitt die Fluthen ſo ſchnell, daß es manch Mal gauz Faßt einmal an, Burſche!“ — 103— darin begraben zu werden ſchien. Als der lange Tom ſah, wie ſein Opfer wieder Stroͤme in die Luft ſandte, jauchzte er laut: denn das Waſſer war mit dunkelm Blute gefaͤrbt. „Ich bin dem Burſchen ans Leben gekom⸗ men!“ ſchrie er.„Es muß mehr als zwei Fuß Fett da ſeyn, wenn mein Eiſen nicht jedem Wallſiſch das Herzblut abzapft, der im Ozean kreuzt!“ „Nun, das Bajonett, das Du Dir zur Lanze umgearbeitet haſt, brauchſt Du hierbei nicht mehr!“ bemerkte Barnſtable, die Freude mit allem Feuer theilend, das ein junger Mann fuͤhlt, der in ſolchen Abenteuern beinahe aufge⸗ wachſen iſt.„uͤhle doch einmal nach dem Tan. Koͤnnen wir ihn denn ins Schlepptau nehmen? Der Kurs, den er einſchlaͤgt, gefaͤllt mir nicht. Er fuͤhrt uns zu weit vom Schooner ab.“ „Das machen die Kreaturen ſo!“ antwor⸗ tete Tom.„Sie muͤſſen ſo gut Athem holen, wie der Menſch. Aber wir wollen ſehn.— Die Bootsleute ergriffen das Tau. Lang⸗ ſam kam das Boot bis wenige Fuß vom Schwanze des Fiſches, der in dem Maaße, als er vom Blutverluſt ſchwaͤcher ward, minder raſch hinzog. In wenig Minuten ſchien er gar nicht mehr — 104— — fortzueilen, ſondern unthaͤtig, als kaͤmpfe er mit dem Tode, auf den Wogen hinzutreiben. „Nun? Noch vorwaͤrts und den Reſt gege⸗ ben? Ein Paar Stiche von Deinem Bajonette machen das Garaus!“ rief Barnſtable. Der Bootsfuͤhrex ſah pruͤfend auf ſeine Beute. „Nein!“ erwiederte er, ruhig uͤberlegend. „Nein; es kommt das Letzte. Wir muͤſſen uns nicht die Schande machen, und die Waffen eines Soldaten gegen einen Wallfiſch anwenden. Zu⸗ ruͤck! Das Thier iſt im Ausmachen! Zuruͤck!“ Schnell ward dem klugen Tom gehorcht. Die Mannſchaft ruderte ein groß Stuͤck hinweg, und ließ dem ſterbenden Ungehener freies Feld zu ſeinem Todeskampfe. Nach vollkommner Ruhe ſchlug es mit dem Schwanze hoch in die Luft, als ſcherze es. Aber die Schlaͤge wiederholten ſich ſo ſchnell und heftig, bis es ganz in einer Pyramide von Schaum und Blut gehuͤllt zu ſeyn ſchien. Gleich dem Bruͤllen einer Heerde Ochſen toͤnte ſein Geſchrei. Wer mit der Sache unbe⸗ kannt war, haͤtte geglaubt, tauſend Meerunge⸗ hener beſtuͤnden einen toͤrtlichen Kampf hinter dem Schaume, der die Ausſicht hemmte. Doch allmaͤlig hoͤrte dies alles auf. Das rothe Ge⸗ waͤſſer ſank wieder auf die Flaͤche des Meeres 8K — 105— zuruͤck. Der Wallſiſch war erſchoͤpft, und ergab ſich leidend ſeinem Geſchick. Als das Leben da⸗ hin war, drehte ſich die große, ſchwarze Maſſe auf die Seite, und es kam die weiße glaͤnzende Haut des Unterleibes zum Vorſchein, was den Matroſen nun ſagte, ihr Opfer habe vollendet. „Was machen wir aber nun?“ fragte Barnſtable, als er mit verminderter Luſt nach der Beute hinſchaute,„Zu eſſen gewaͤhrt er nichts. Die Maſſe wird nach dem Lande trei⸗ ben, und unſern Feinden eine Portion Thran geben. 27 4 „Ja, wenn i9 das Geſchopf in Boſton Bai haͤtte!“ ſagte der Bootsfuͤhrer,„da wuͤrde es mich zu einem reichen Manne machen. Aber ſolch' Gluͤck hab' ich nicht!— Rudert nur hin. Ich muß doch meine Harpune und das Tau wieder haben. Die ſollen die Englaͤnder doch nicht bekommen, ſo lange der alte Tom Coffin Athem holen kann.“ „Nun rede nur nicht ſo,“ bemerkte der erſte Matroſe.„Er mag nun Dein Eiſen fin⸗ den oder nicht, genug, da kommt er, und macht Jagd. „Was willſt Du, vuri rief Barn⸗ ſtable. 1 — 106— V „Kapitain Barnſtable ſoll ſelbſt hingucken, und ſehn, ob ich recht habe.“ Der junge Seemann drehte ſich um, und ſah die Alacrity mit vollen Segeln um den Vor⸗ ſprung kommen. Sie war eine kleine Seemeile etwa von der Barke entfernt.“ — „Gieb einmal das Glas her!“ ſagte er ru⸗ hig.„Das giebt uns auf zweierlei Art zu thun: ſind ſie bewaffnet; ſo muͤſſen wir das Weite ſu⸗ chen. Wo nicht; ſo ſind wir ſtark genug, eine Priſe zu machen.“ Ein Blick nach dem Fahrzeuge machte ihn, den Bewanderten, mit der Beſchaffenheit deſſel⸗ ben ſogleich bekannt. Er legte das Fernrohr 1 kaltbluͤtig hin. „Der Burſche hat lange Haͤnde,“ ſagte er,„und zehn tuͤchtige Zaͤhne obendrein. Auf dem Topmaſt weht Koͤnig Georg's Flagge. Nun en Ihr Leute, jetzt rudert zu, was Ihr koͤnnt. Maſter Coffin mag ſeine Harpune lieb haben, wie er will. Ich will mir darum von John Bull kein Geſchmeide anlegen laſſen, und wenn Se. Majeſtaͤt ſelbſt die Gnade haͤtten, nnich an⸗ züſchliclen⸗ 71 Die Matroſen wußten, wie ihr Aotunen⸗ dant ſprach und dachte. Sie warfen die Jacken —,— — — 107— ab, und gingen ernſtlich an die Arbeit. Eine halbe Stunde ward in der Barke kein Wort ge⸗ ſprochen. Sie machten unglaubliche Fortſchritte. Aber manche Umſtaͤnde beguͤnſtigten auch den Kutter. Er hatte friſchen Wind, ruhige See, gute Segel. Nach Verlauf der genannten Zeit ſah man nur zu deutlich, daß der Raum zwi⸗ ſchen ihm und der Barke um faſt die Haͤlfte vermindert war. Barnſtable blieb immer feſt, doch ſeine Braunen wurden von einer Unruhe be⸗ ſchattet, die wohl zeigte, daß er die wachſende Gefahr ſeiner Lage kenne. „Hoͤre, Tom,“ ſagte er halb ſcherzend,„der Burſche hat lange Beine. Dein Tau muß uͤber Bord; um das Boot leicht zu machen, und das fuͤnfte Ruder von Deiner zarten Hand gehand⸗ habt werden.“ Tom op ließ ſein Plaͤtzchen, und ging vor. Er warf die Tonne mit dem Tau in's Meer, um ſich an's Vorderruder zu ſetzen, wo er nun mit ſeiner Rieſenkraft Hand an's Werk legte. „Du fuͤhrſt einen geſcheuten Schlag, Tom!“ rief ihm der Kommendant aus dem Sterne zu.„Nun, ſriſch zu, Jungens! Wenn wir nichts gewinnen, bekommen wir doch Zeit zum Ueberlegen. Tom, was meinſt Du 2 Wir — — 408— haben drei Auswege. Laß uns einmal hoͤren, welchen Du waͤhlen wuͤrdeſt? Erſtlich koͤnnen wir umkehren und fechten, bis wir in den Grund geſegelt ſind. Dann koͤnnen wir nach dem Lande hinhalten, auf der Kuͤſte in guter Art nach dem Schooner unſern Ruͤckzug zu nehmen; und endlich koͤnnen wir nach der Kuͤſte fahren, vielleicht unter den Kanonen dieſes Burſchen ihm den Wind abgewinnen, und ſo wieder fri⸗ ſchen Athem ſchoͤpfen, wie unſer Wallſiſch. Der Teufel hole den Wallſiſch! Waͤr' der Kerl nicht geweſen, ſo waͤren wir dem Korſaren laͤngſt aus dem Geſichte!“ „ Wenn wir fechten;“ antwortete Tom ſo gelaſſen, wie ſein Befehlshaber,„ſo werden wir genommen oder in den Grund gebohrt. Landen wir; ſo werde ich fuͤr meine Perſon genommen: denn ich habe auf trocknem Boden immer nie. meinen Curs finden koͤnnen. Gewnen wir ih aber den Wind ab, indem wir unter den Klip⸗ pen hinfahren; ſo werden wir von den Schuf⸗ ten niedergeſchoſſen, die ich da laͤngs den Felſen hinſchleichen ſehe, und die ſchon gewiſſe Rech⸗ nung machen, auf eines ehrlichen Seemanns Boot eine Kugel ſenden zu koͤnnen. „Du ſprichſt ut und wa nete Barnſtable, i entgeg⸗ geringe Hoffnung — 109— durch die auf den Klippen erſcheinenden Neiter und Soldaten zu Fuß vernichtet ſah.„Die Eng⸗ laͤnder haben in der letzten Nacht nicht geſchla⸗ fen. Ich fuͤrchte, Griffith und Manuel haben ein Ungluͤck gehabt.— Daß Dich! Der Kerl hat die ganze Muͤtze voll Wind! Gerade wie er ihn braucht! Und er laͤuft, wie ein Wett⸗ renner. Ha, ha, jetzt ſpricht er deutlich!“ Waͤhrend Barnſtable ſo ſeine Bemerkungen machte, ſtieg aus dem Vordertheil des Kutters I eine weiße Wolke auf, und man hoͤrte den Don⸗ ner einer Kanone. Die Kugel huͤpfte von Woge zu Woge, und das Waſſer ſpruͤtzte nach allen Seiten. In bedeutender Entfernung ſiel ſie nie⸗ der. Die Matroſen ſahen neugierig ihrem Laufe 1 nach, ohne aber in Mienen oder im Arbeiten eine Aenderung wahrnehmen zu laſſen. Der lange Tom berechnete das Kaliber mit groͤßerm Kennerblick, als die Andern. „ Das Ding iſt recht lebendig, und ſpricht wenn ſie's auf dem Ariel hoͤren; ſo wird der Mann, der dort geſchoſſen hat, es bereuen, daß er nicht ſtumm geblieben iſt.“— 32„Du biſt ein geborner Philoſoph!“ rief ihm Barnſtable entgegen.„Ja, darauf laͤßt ſich * — 2 1 klar und vernehmlich,“ ſagte er endlich.„Aber —— — 110— bauen! Die Englaͤnder ſollen ſchwitzen. Wahr⸗ haftig, fuͤr Donner halten ſie es auf dem Ariel nicht. Gieb einmal die Muskete her. Ich will auch einmal abdruͤcken!“ Barnſtable that verſchiedene Schuͤſſe, als mache er ſich uͤber den Feind luſtig, und ſeine Abſicht gelang vollkommen. Durch den Schimpf aufgebracht, ſandte der Kutter dem kleinen Fahr⸗ zeuge Schuß auf Schuß zu. Manche Kugel ging ſo nahe weg, daß ſie die Matroſen mit gen. Da alle dieſe Schuͤſſe Fehl gingen; ſo wurden die kecken Seeleute nur luſtiger, ſtatt daß ſie Furcht bekommen haͤtten. Kam manch⸗ mal eine Kugel naͤher vorbei, als gewoͤhnlich; ſo machte der Bootsfuͤhrer die Bemerkung:„Weit Schuß umſonſt huͤbſch ſeyn!“ oder:„Ein Mann muß recht aufpaſſen, wenn er ein Boot treffen will.“ Trotz des unnützen Schießens aber hatte der Kutter doch immer Vorſprung erhalten, und es war ein baldiges Ende der Jagd abzuſehn, als eine Kugel die engliſche Ladung wie ein Echo beantwortete, und Barnſtable mit ſeinen Kame⸗ raden die Freude hatte, den Ariel aus der klei⸗ nen Bai herauskommen zu ſehn, wo er in der 4 * 1 vom Schuß und ein Bischen klein, laͤßt ſo'nen Schaum beſpruͤtzte, aber ohne Schaden zuzufuͤ⸗ — — 141— Nacht vor Anker gelegen hatte. Noch kraͤuſelte ſich der Rauch von dem Schuſſe, der zum Kampf herausfoderte, uͤber den Maſten empor. Alle im Boote jauchzten laut und zu glei⸗ cher Zeit, der Lieutenant ſo gut, als die Ma⸗ troſen, indem dieſer rettende Engel erſchien. Der Kutter aber ſetzte auch alle ſeine kleinen Segel auf, um deſto ſchneller herankommen zu koͤnnen, und ſchickte den Fluͤchtlingen noch eine volle Lage nach. Eine Menge Kartaͤtſchenhagel flog um die Barke in's Waſſer, ließ dies aufſchaͤumen, aber ſchadete Niemandem. Das war das Letzte! Wie beim Wallſi⸗ 7— ſche vorhin!“ ſagte Tom trocken, indem er in den kleinen Kreis ſchaute, der ſich um's Boot bildete. „Nnun, wenn der Kommendant vom Kutter ein honetter Mann iſt;“ rief Barnſtable,„ſo wird er ſich nicht auf ſo kurze Bekanntſchaft be⸗ ſchraͤnken. Macht fort, Kinder! Haltet Euch dazu! Ich moͤchte dem geſchwaͤtzigen Burſchen gern naͤher in's Geſicht ſehn!“ Die Matroſen ſahen ein, daß noch alle Kraft vonnoͤthen war, und ließen es nicht unbe⸗ achtet. In wenig Minuten legten ſie beim — 142— Schooner an, deſſen Beſatzung ſie und ihren Be⸗ fehlshaber mit Jubel und Freude empfing. Ueber das Meer hinuͤber drang das Jauchzen zum Ohre derer, die getaͤuſcht auf den ſteilen Klippen zu⸗ — ſahen. — 2 VI Die rauſchenden Fluthen durchſchneidet das Schiff, Jetzt ankert es froͤhlich auf felſigem Riff. und jubelnd ertoͤnet der Maͤnner Freude. Sie jauchzen und fragen:„Geht's bald wieder in's Weite?“ W. Scott. 2 Noch dauerte es einige Minuten, ehe das Jauchzen und Jubeln auf dem Ariel nachließ, als ſein Befehlshaber wieder an Bord war. Barnſtable beantwortete die Gluͤckwuͤnſche der Offiziere mit einem herzlichen Drucke der Hand, und ließ die Freude der Mannſchaft ein Wenig austoben. Dann winkte er gebietend Ruhe. „Ich danke Euch, Kinder, fuͤr Euren gu⸗ ten Willen,“ ſagte er, als Alle um ihn in tie⸗ fer Aufmerkſamkeit herum ſtanden.„Sie haben uns derb gejagt, und haͤttet Ihr uns eine Vier⸗ telſtunde noch gehn laſſen, ſo. waren wir hin. Der Burſche iſt ein koͤniglicher Kutter. Er hat jetzt ein Bischen nachgelaſſen, mit dem Winde zu gehn: allein Luſt zum Fechten zeigt er doch. Mindeſtens zieht er die Segel ein, und das II. H * — 114—. deutet darauf hin. Zum Gluͤck fuͤr uns hat „Manuel alle ſeine Soldaten an der Kuͤſte mit, ohne daß ich uͤbrigens weiß, was er damit ge⸗ than hat; ſonſt waͤre unſer Verdeck wie mit Rindvieh beſetzt. Jetzt aber haben wir freie Hand, guten Wind und paſſables Waſſer. Ge⸗ wiſſermaßen heiſcht es die National⸗Ehre, dem Patron Eines anzuhaͤngen, und darum alſo kein Wort weiter daruͤber! Wir muͤſſen an ihn, und ſehen, ob wir unſer Fruͤhſtuͤck verdienen koͤnnen.“ Dieſer kurzen ſeemaͤnniſchen Anrede jauchzte das Schiffsvolk voͤlligen Beifall zu. Die juͤngern Matroſen brannten vor Begierde, zu kaͤmpfen. Einige aͤltere meinten, mit außerordentlicher Freu⸗ de, und unter tauſend Fluͤchen, daß ihr Kapi⸗ tain, wenn ſo etwas vonnoͤthen waͤre, reden koͤnnte, wie ein Lexikon, das je das Meer paſ⸗ ſirt haͤtte. Waͤhrend deſſen war der Ariel mit allen Segeln ſo weit gegangen, als moͤglich, um den Wind zu faſſen. Als er im vollen Laufe war, ſah man auf der Kuͤſte hin die Englaͤnder. Barn⸗ ſtable ſchaute mit dem Glaſe bald nach dem Kut⸗ ter, bald nach der Kuͤſte.. „Wenn Griffith in den Felſen da ſteckt;7 ſagte er endlich,„ſo ſoll er eine Unterhaltung mit ſo wenig Worten abgemacht ſehn, als moͤg⸗ „ — lich iſt; der Kutter muͤßte denn andern Sinnes geworden ſeyn, und einen andern Weg nehmen wollen. Was denkſt Du, Merry?“ „Ich wuͤnſchte von Herzen,“ erwiederte der furchtloſe Kadet, daß der Lieutnant an Bord waͤre. Es ſcheint, als waͤre die Kuͤſte in Aufſtand, und Gott weiß, wie es ihm geht, wenn er gefangen wird.*) Was den Burſchen unter'm Winde dort anbelangt; ſo wird er wohl begreifen ler⸗ nen, daß mit dem Boote vom Ariel leichter an⸗ zubinden war, als mit dem Papa ſelbſt. Aber er iſt ein guter Segler. Es iſt die Frage, ob er Stand haͤlt!“ „Kein Zweifel daran!“ ſagte Barnſtable. „Er ſucht von der Kuͤſte wegzukommen, und das zeigt, daß er Gruͤtze im Kopfe hat. Uebrigens hat er ja eine Brille aufgeſetzt, und geſehn, zu welchem Stamm der wilden Yankees wir gehoͤ⸗ ren. Gieb Acht! Er wird gleich mit dem Win⸗ Die Behandlung, welche die gefangenen Amerika⸗ ner von den hochgebildeten Englaͤndern ertragen mußten, war unbeſchreiblich furchtbar, ohngefäͤhr wie die der Griechen, wenn ſie den Tuͤrken in die Haͤnde fallen. Sie hießen ja, wie dieſe, Rebel⸗ len; und war einer legitimen, oder, wie damals der Kunſtausdruck war, loyalen Gewalt, nicht Alles gegen ſolche erlaubt? D. Ueb. H 2 C — 116— de vorkommen, und ein Paar Stuͤcke Eiſen her⸗ ſchicken, damit wir wiſſen, wo er ſteckt! Ja, Dein erſter Lieutnant iſt mein Buſenfreund, aber, „Merry, es iſt uns doch lieber, daß er heut' auf dem Lande iſt, als wenn er hier auf dem Ver⸗ decke waͤre. Ich moͤchte nicht, daß ein Anderer auf dem Ariel kommandirte. Doch jetzt, Kadet, laßt die Trommel toͤnen. Alles fertig! All' auf's Verdeck!“ 1 Der Burſche, welcher unter dem Gewichte ſeines melodienreichen Inſtrumentes faſt kaum fortkonnte, haͤtte dies Kommando ſchon lange erwartet, und ließ ſich die Ordre vom Ka⸗ det nicht erſt wiederholen. Sein Drum⸗da⸗ da, drum⸗drum wirbelte ſo kraͤftig, daß es tauſend Leute aus dem tieſſten Schlafe haͤtte wecken, und zum Ergreifen der Waffen mit Ei⸗ nem Male rufen koͤnnen. Die Mannſchaft des begukte das feindliche Schiff, gegenſeitig ſcher⸗ zend. Alles wartete nun auf den gewoͤhnlichen Befehl, zu den Kanonen zu eilen. Kaum hoͤr⸗ ten ſie den erſten Trommelſchlag, als Alles zu den verſchiedenen Poſten ſchritt, wohin der Dienſt einen Jeden rief. Die Kanonen wurden von jungen, kraͤftigen Leuten umzingelt; einige Ma⸗ troſen ſtellten ſich mit Musketen auf; die Offi⸗ —— 4 — 117— ziere hatten den Saͤbel in der Hand, Piſtolen im Guͤrtel. Barnſtable ging feſten Schrittes auf dem kleinen Hinterdeck auf und ab. Sein Sprachrohr hing am kleinen Finger. Gelegent⸗ 8 lich nahm er das Fernrohr vor die Augen, das er gewoͤhnlich unter dem Arme hatte. Am Haupt⸗ maſte befand ſich ſein Saͤbel. Ein Paar derbe Piſtolen hatte er im Guͤrtel. Musketen, Enter⸗ Piken, bloße Saͤbel waren auf verſchiedenen Orten des Verdecks geordnet. Jetzt lachte kein Ma⸗ troſe mehr. Wer ſprach, that es nur leiſe ge⸗ gen das Ohr des Andern hin. 14 Der feindliche Kutter ſuchte immer weiter K von der Kuͤſte fortzukommen, bis er wohl eine U halbe Stunde davon war. Dann zog er mehrere Segel ein, und als er den Wind gewonnen 1 hatte, feuerte er eine Kugel in der dem Ariel entgegengeſetzten Linie ab. 1 „Da wollt' ich doch einen Centner Stockfiſch gegen die beſte Tonne Porter wetten, wie er je in England gebraut wurde,“ rief Barnſtable ſei⸗ nem Tom zu,„daß der Burſche glaubt, ein Yankeeſchooner koͤnne fliehen, falls er nicht mehr A den Wind hat! Wenn er mit uns reden will— warum kommt er denn nicht ein Bischen naͤher?“ Der Beiſchiffsfuͤhrer hatte ſeine Vorberei⸗ tung zum Kampfe mit mehr Umſicht und Vor⸗ ſicht getroffen, als irgend ein Mann im Schiffe. Wie die Trommel geruͤhrt wurde, warf er Jacke, Weſte und Hemde vom Leibe, als ſey er unter Amerika's Sonne, und ſehe voraus, daß es hier einem Unternehmen gelte, zu dem alle Kraͤfte noͤthig waͤren. Es war bekannt, daß er ein Vorrecht auf dem Ariel habe. Die Mannſchaft betrachtete ſeine Meinung wie ein Orakel, und ſein Kommendant hoͤrte ſie ſtets mit nicht wenig Achtung an. Sein Benehmen erregte daher kein Erſtaunen. Jetzt ſtand er an ſeinem langen Feuerrohr, die braunen Arme auf der Bruſt ge⸗ kreuzt, die von der Sonne ganz blutroth gefaͤrbt waren. Sein graues Haar flatterte im Winde. Hoch ragte die kraͤftige Geſtalt uͤber die Koͤpfe aller Andern dahin. „Er geht mit dem Winde, als waͤr's ſein Schooßhund!“ gab er ſeinem Lieutnant zur Ant⸗ wort.„Allein er wird's bald bleiben laſſen! Und wenn er nicht will; ſo wollen wir's ſchon ma⸗ chen, daß er ein Bischen abkommt.“ „Gerade drauf!“ rief jetzt donnernd Barn⸗ ſtable.„Immer dicht hinterdrein! Der Bur⸗ ſche laͤuft gut, langer Tom. Wir ſind ihm noch nicht nahe genug. Wenn er ſo fortmacht, kommt die Nacht heran, bevor wir uns ihm an Bord legen koͤnnen.“ 6 — 119— „Ja, ja!“ ſagte Tom,„Die Kutter haben eine große Menge Segel, wenn es auch aus⸗ ſieht, als haͤtten ſie nicht viele. Sie koͤnnen immer ein Beſanſegel nach dem andern auf das Hauptſegel ſetzen. Aber es haͤlt nicht ſchwer, ein Paar Loͤcher hinein zu machen: dann wird er ſchon mit Laufen nachlaſſen.“ „Der Gedanke iſt gut!“ meinte Barnſtable. „Ich bin freilich in Angſt, daß die Fregatte dazu kommt, und moͤchte darum nicht gern viel Laͤrm machen. Aber rede doch ein Woͤrtchen mit ihm. Wir wollen ſehen, was er zur Ant⸗ wort giebt.“ „Ja, ja!“ war Tom's Gegenrede, als er ſich zu Boden warf, daß der Kopf mit ſei⸗ ner Kanone ganz gleich ſtand. Nach mehrern Befehlen und ſchnellen Bewegungen, um jene zu ſtellen, legte er raſch die Lunte auf's Zuͤndloch. Ein ungeheuer Qualm fuhr aus der Muͤndung heraus. Ihm folgte ein Feuerſtrom, bis endlich jener dem Winde wich, und wie eine Wolke durch die Maſten hinauf, hinaus in die Luft trieb, wo er ſich mit den Duͤnſten miſchte, die vor dem friſchen Seewinde hintrieben. Zwar beobachtete manches neugierige Auge das ſchoͤne Schauſpiel auf den Klippen: aber auf dem Ariel hatte es zu wenig den Reiz der —— . Neuheit, um den Blick eines einzigen Matroſen von der viel wichtigern Frage abzuziehn, welche Wirkung der Schuß auf den Kutter aͤußern wuͤrde. Barnſtable ſprang ſchnell auf eine Ka⸗ none und ſchaute mit Eifer hin, als die Kugel fortging. Der lange Tom ſelbſt zog ſich in glei⸗ cher Abſicht aus dem Bereich des Dampfes, legte den einen langen Arm auf ſeinen Namenssvetter, und ſtuͤtzte ſich mit der andern Hand auf's Ver⸗ deck, wo er durch eine entgegengeſetzte Stuͤck⸗ pforte in einer Lage ſchaute, deren Nachahmung Mancher fuͤr unmoͤglich gehalten haͤtte. „Nun da fliegen die Lumpen!“ ſchrie Barn⸗ ſtable.„Bravo, Maſter Cofſin! So richtig haſt Du noch kein Stuͤck Eiſen den Englaͤndern in die Rippen gejagt; gieb ihm noch einen Biſſen! Wenn er Luſt hat, wollen wir eine Partie à la Boule mit ihm ſpielen.“ „Ja, ja!“ entgegnete der Bootsfuͤhrer, der, ſo wie er die Wirkung dieſes Schuſſes wahrnahm, wieder bei der Hand war, ein Stuͤck aufs Neue zu laden.„Wenn er noch eine halbe Stunde Stich haͤlt; ſo will ich ihn ſo herunter bringen, daß wir darauf kommen, und mit jedem einzel⸗ nen Manne reden koͤnnen.“ „ Jetzt hoͤrte man zum erſten Male die Trommel auf dem engliſchen Schiffe uͤber das —— — —— — — 121— Waſſer heruͤber die Toͤne wiederholen, die auf dem Ariel ſchon laͤngſt Alles auf's Verdeck ge⸗ bracht hatten.“ „Ah, Du haſt ihn munter gemacht!“ ju⸗ belte Barnſtable.„Nun wird er mehr von ſich hoͤren laſſen. Immer ruͤttele ihn vollends auf, Tom!“ „Wir wollen ihn ſchon aufruͤtteln, oder ganz einſchlaͤfern,“ entgegnete der bedaͤchtige Bootsfuͤhrer, der ſich nie zu uͤbereilen gewohnt war, und wenn auch ſein Kommendant trieb. „Meine Schuͤſſe ſind wie die Meerſchweine. Es kommt immer einer hinter dem andern.— Ein Bischen ſeitwaͤrts! Sie prellt Euch ſonſt auf die Schienbeine zuruͤck.— Je, Du verdammter Satan, willſt Du gleich meine Harpune laſſen?“ „Was haſt Du denn, Tom,“ rief Barn⸗ ſtable;„iſt denn Dein Tom ſtumm geworden?“ „Je, da ſpielt die Heidelerche mit mei⸗ ner Harpune in den Waſſerloͤchern mir nichts dir nichts, und wenn ich ſie nachher brauche; ſo iſt ſie keinen Schuß Pulver werth!“ „Ei, laß den Jungen! Sende ihn nachher zu mir, und ich will ihn ſchon abputzen. Schicke nur den Englaͤndern ein Stuͤckchen Eiſen!“ „Ich brauche den Jungen, er muß mir die Patronen zulangen!“ verſetzte brummend der alte Seemann.„Aber ſeyd ſo gut und reibt ihm ſo dann und wann die Ohren, wenn er fuͤr Euch in's Magazin geht. Er wird dann doch etwas lernen, und der Schooner hernach um ſo beſſer gehn. So ein junges Haͤringsgeſicht! Sich mit Dingen abzugeben, die er nicht ver⸗ ſteht! Wenn Deine Eltern doch mehr Geld auf Deine Erziehung gewandt, und weniger fuͤr Dei⸗ nen Putz weggegeben haͤtten! Dann waͤreſt Du doch ein Ehrenmann neben unſer Einem gewor⸗ den!“ „Hurrah, Tom! Hurrahl“ rief Barnſtahle ungeduldig.„Will denn Dein Namenssvetter nicht das Maul aufthun?“ „Ja doch, ja!'s iſt Alles ſchon fertig!“ brummte der Alte.—„Ein Bischen nach un⸗ ten!— So.— So ein verdammter, ſaperment⸗ ſcher Pavian!— Immer noch ein Bischen her⸗ unter!— Gieb die Lunte her! Jetzt will ich ihn bezahlen!— Feuer!“ Dies war das Zeichen zum Kampf! Denn da der Schuß, wie Tom beabſichtigt hatte, faſt in derſelben Richtung ging; ſo fand ihn der Feind doch zu derb, um ihn ſo ohne Ant⸗ wort hinzunehmen, und ſo wurde der zweite Schuß des Ariel's von der Alacrity mit einer vollen Lage erwiedert. Sie ging in einer guten —,— nehmen, und ſteuerte muthig in der Richtung, die — 123— Richtung. Aber das Geſchuͤtz des Kutters war zu leicht, um in ſolcher Ferne wirkſam zu ſeyn; und als ein oder zwei matte Kugeln an den Waͤnden des Schooners anprallten, um dann, ohne Schaden zu thun, in's Waſſer zu fallen; bemerkte der Beiſchiffsfuͤhrer, deſſen gute Laune in dem Maße wiederkehrte, als der Kampf leb⸗ hafter wurde, mit der gewoͤhnlichen Gleichguͤl⸗ tigkeit: „Das ſind freundſchaftliche Klaͤpſe““ Denkt der Englaͤnder denn, daß wir ihn ſalutiren wollen?“ „Mache ihn nur vollends munter, Tom! Jeder Schuß traͤgt dazu bei, daß er mehr die Augen aufreibt!“ rief Barnſtable, und rieb ſich ſelbſt freudig die Haͤnde, als waͤre ihm der Er⸗ folg ſchon ausgemacht. Bis jetzt hatte der Bootsfuͤhrer ſamt ſeinen Leuten auf dem Ariel allein zu thun gehabt. Die Leute an den kleinern Stuͤcken ſtanden als ruhige Beobachter. Allein nach zehn oder funfzehn Mi⸗ nuten ſah der Kommendant der Alacrity, den der gewichtige Schuß gewitzigt hatte, wohl ein, daß es ihm nicht laͤnger moͤglich war, dem Kampf auszuweichen, wenn er es auch ſelbſt wuͤnſchte. Er entſchloß ſich alſo, ihn als Ehrenmann anzu⸗ ihn am Geſchwindeſten mit ſeinem Feinde zuſam⸗ men brachte, ohne ſein Schiff der Gefahr aus⸗ zuſetzen, vom Feuer beſtrichen zu werden. Barn⸗ ſtable's Adlerauge beobachtete mit dem Fernrohre jede Bewegung. Als beide Fahrzeuge einander naͤher waren, befahl er, eine volle Lage zu ge⸗ ben. Jetzt wurde der Kampf auf beiden Seiten hitziger. Der Wind vermochte nicht, die Rauch⸗ wolken wegzufuͤhren, die den Kanonen entſtie⸗ gen, und ſich uͤber des Ariels Maſten haͤuf⸗ ten und den Pfad bezeichneten, den er nahm, um dem Feind unmittelbar die Spitze zu bieten. Das Geſchrei der jungen Matroſen, waͤhrend ſie ihre Werkzeuge des Todes bedienten, wurde im⸗ mer heftiger und wilder. Nur der Bootsfuͤhrer fuhr immer ſo ſtill und ruhig fort, als arbeite er in ſeinem gewoͤhnlichen Berufe. Barnſtable war ungewoͤhnlich feſt und gelaſſen. Er be⸗ hauptete den Ernſt eines Mannes, von dem der Ausgang des Kampfes abhaͤngt, waͤhrend ſein ſchwarzes Auge Feuer ſpruͤhte. „Zielt gut!“ donnerte er gelegentlich, daß man es durch alle Kanonenſchuͤſſe hindurch hoͤrte. „Denkt nicht an ihre Segel! Haltet auf die Maſten und Waͤnde!“ Der Englaͤnder benahm ſich indeſſen ais braver Mann. Er hatte durch die bisherige Ka⸗ 4 4 4 nonade bedeutenden Verluſt erlitten: denn ſein kleineres Geſchuͤtz erlaubte ihm nicht, dem Feinde zu antworten. Allein jetzt bemuͤhte er ſich, den Fehler, den er begangen hatte, indem er den Kampf annahm, auf die beſte Weiſe gut zu machen. Allmaͤlig waren beide Schiffe einander ſo nahe, daß ſie von Einer Rauchwolke umſchat⸗ tet wurden. Sie verhuͤllte ſie dermaaßen, daß die neugierigen, ſo theilnehmenden Beobachter des Kampfes auf den Klippen keines mehr ſehn konn⸗ ten. Der Donner der Kanonen miſchte ſich nun mit dem Knattern der Piſtolen und Musketen. Was die Soldaten auf der Kuͤſte mit pochenden Herzen wahrnahmen, waren die Blitze, die aus den Kanonen durch die grauen Wolken fuhren, welche die Streiter verbargen. Mehrere Minuten voll peinlicher Ungewißheit ſchwanden, ohne daß man dort die Fahne zu ſehen vermochte, welcher der Sieg verblieben war. Das Feuer des Ariel's war lebhafter und ſtaͤrker, weil er weniger gelitten hatte und ſeine Leute minder angeſtrengt waren. Der Kutter entſchloß ſich darum verzweiflungsvoll zum Entern, und Mann gegen Mann zu kaͤmpfen. Barnſtable hatte dieſen Gedanken geahnet, und begriff recht gut, was den feindlichen Kommendanten dazu beſtimmen mußte. Allein auch er war nicht der Mann, der alle Vortheile kaltbluͤtig berechnete, wenn Stolz und Tapferkeit ihn zu einem Wag⸗ ſtuͤck verleiteten. So kam er alſo ſeinem Feinde auf halbem Wege entgegen, und als die Schiffe gegeneinander liefen, hing der Stern des Schoo⸗ ners mit dem Vordertheil des Kutters durch die vereinten Bemuͤhungen beider Parteien in einem Augenblick an einander. Die Stimme des engli⸗ ſchen Kommendanten ward nun deutlich durch den Laͤrm hindurch gehoͤrt. Er ſchrie ſeine Leute an, ihm zu folgen. „Hierher!“ rief Barnſtable den Seinigen durch ſein Sprachrohr zu.„„Hierher! Immer nach dem Steuerbord zu!“ 4 Es war der letzte Befehl, den der tapſere, junge Seemann mit dieſem Inſtrument gab, denn in dem naͤmlichen Augenblick warf er es weit von ſich hin und griff nach dem Saͤbel, um nach dem Punkte hinzufliegen, wo der Feind ſeine Hauptanſtrengung machte. Fluͤche, Schimpf⸗ reden wechſelten nun auf beiden Seiten. Die Kanonen ſchwiegen; ſie konnten nicht mehr ent⸗ ſcheiden. Aber deſto mehr hoͤrte man die Flin⸗ ten⸗ und Piſtolenſchuͤſſe.. „Werſt ſie von ihrem Verdeck herab!“ ſcchrie der Englaͤnder, als er auf ſeinem Vorder⸗ f deck mit einem Dutzend Tapferer erſchien.„Wer⸗ fet die Hunde von Rebellen in die See!“ „Hierher, Matroſen!“ donnerte Barnſtable, und feuerte ſein Piſtol auf den Feind ab.„Laßt nicht Einen uͤbrig, der wieder Grog trinken kann!“ Eine furchtbare, allgemeine Salve, die die⸗ ſem Aufruf folgte, vollzog Barnſtable's Befehl faſt woͤrtlich. Der Kommendant der Alacrity ſah, daß er allein ſtand. Wild flog er auf ſein Deck zuruͤck, um ſeine Leute wieder heran zu bringen. 1 „Hinuͤber! Alles hinuͤber! Jung und Alt! All' mit einander!“ hallte Barnſtable's Stimme, und er ſprang ſeinen Leuten voraus, als ein 4 kraͤftiger Arm die Eile des unerſchrockenen See⸗ manns durchkreuzte. Bevor er ſich losmachen konnte, war er von der unwiderſtehlichen Kraft ſeines Beiſchiffsfuͤhrers gewaltſam auf ſein Schiff zuruͤckgebracht.. „Das Fiſchlein will's ausmachen!“ ſagte Tom.„Es waͤre nicht geſcheidt von Euch gehan⸗ delt, in den Bereich von ſeinem Schweife zu kommen. Aber ich will der Sache gleich ein Ende machen, und ihm Eins mit meiner Har⸗ pune verſetzen.“* und ohne eine Antwort zu erwarten, ſchritt . — er dahin, ſetzte an, und wollte eben an den feind⸗ — — —õn — 128— lichen Bord ſpringen, als eine Welle beide Schiffe etwas von einander riß, und er mit großem Ge⸗ raͤuſch ins Waſſer ſtuͤrzte. Da in dem Augen⸗ blicke wohl zwanzig Flinten⸗ und Piſtolenſchuͤſſe fielen, glaubte Alles auf dem Ariel, ſein Fall ſey Folge von einer Wunde, und Barnſtable's wildes Auge, ſein Zuruf machte ſie doppelt wuͤthend. „Rache fuͤr den langen Tom!“ ſchrie er. „Der lange Tom iſt todt!“ Und unwiderſtehlich waͤlzte ſich der Haufen vorwaͤrts, und bahnte ſich mit vielem Blutver⸗ gießen einen Weg auf das Vorderdeck der Ala⸗ crity. Der Englaͤnder wurde uͤberwaͤltigt; noch acber war er unerſchrocken. Er raffte ſein Volk auf's Neue zuſammen. Pikenſtoͤße und Saͤbel⸗ hiebe ſielen gegenſeitig, und wer entfernter ſtand, ſchoß mit ſeiner Flinte oder Piſtole d'rein. 3 Barnſtable drang mit ſeinen Leuten immer vor, und wurde, ſelbſt immer der Erſte, ein Ziel ſeiner Feinde, die langſam vor ſeinem An⸗ ſtuͤrmen zuruͤckwichen. Der Zufall hatte beide Kommendanten auf die entgegengeſetzten Seiten des Kutters gebracht, und der Sieg ſchien jeder Partei, wo dieſe zwei Kaͤmpfer den Streit in Perſon beſtanden. Allein der Englaͤnder ſah, daß er ſich zwar behaupte, aber ſonſt Alles verloren ——’ — 129— ging, und bemuͤhte ſich daher, den Kampf wie⸗ der herzuſtellen, indem er, von einem oder zweien ſeiner beſten Leute begleitet, den Platz veraͤnderte. Ein Matroſe draͤngte voraus, und legte bereits auf Barnſtable's Kopf an. Da ſchoß Merry unter den Streitern hin, und ſtieß ihm den Saͤbel in den Leib, daß er zu Boden ſtuͤrzte. Mit ſchrecklichen Fluͤchen ſuchte der verwundete Soldat noch an dem jungen Kaͤmpfer Rache zu nehmen. Doch furchtlos wich dieſer ſeinem Kolbenſchlage aus, und fuhr ihm mit dem Saͤbel durch die Bruſt. „Hurrah!“ rief Barnſtable, ohne auf Wei⸗ teres zu achten, und nur vorwaͤrts dringend, in⸗ dem er vom Rande des Hinterdecks, von wenig Leuten unterſtuͤtzt, Alles vor ſich hertrieb.„Nache dem langen Tom, und Sieg!“ „Wir haben ſie!“ rief der Englaͤnder. „Braucht Eure Piken! Wir haben ſie zwiſchen zwei Feuern!“ Wahrſcheinlich haͤtte der Kampf einen ganz andern Ausgang genommen, als die Umſtaͤnde bis⸗ her erwarten ließen, waͤre nicht in dem Augenblick eine wildausſehende Geſtalt innerhalb der Waͤnde des Kutters zum Vorſchein gekommen, die aus der See heraufkletterte, und in der naͤchſten Mi⸗ nute auf dem Verdecke ſtand. Es war der lange Tom, deſſen ſchwarzbraunes Geſicht durch ſeinen II. 3 — 130— vorigen Unfall noch wilder ausſah. Seine grauen Locken trieften von dem naſſen Elemente, dem er entſtiegen war. Er glich dem Neptun mit dem Dreizacke. Ohne zu reden, ſchwang er ſeine Harpune, und mit gewaltiger Kraft ſpießte er den ungluͤcklichen Englaͤnder an den Maſtbaum ſeines eignen Schiffes.. „Alles zuruͤck!“ donnerte er mit einer Art Inſtinct, als der Streich vollfuͤhrt war, und, indem er die Muskete eines gefallnen Matroſen ergriff, theilte er ſchreckliche und toͤdtliche Schlaͤge mit dem Kolben gegen Alle aus, die ihm nahe kamen. Daß ein Bajonett an ſeiner Waffe war, beachtete er gar nicht. Der ungluͤckliche Befehls⸗ haber der Alacrity ſchwang den Saͤbel mit wahn⸗ ſinniger Geberde. Sein Auge rollte furchtbar wild, von Todesangſt ergriffen. Dann ſank ſein Haupt leblos auf die blutige Bruſt herab und neigte ſich auf die Harpune: ein Schauſpiel, das alle ſeine Leute muthlos machte. Einige Eng⸗ laͤnder ſtanden in ſchweigendem Entſetzen als Zu⸗ ſchauer, wie auf denſelben Punkt gefeſſelt. Die Meiſten aber flohen unter's Verdeck, oder eilten, ſich in den unterſten Theilen des Schiffes zu ver⸗ bergen, und ließen die Amerikaner im unbeſtrit⸗ tenen Beſitz ihres Schiffes. Zwei Drittheile von der Beſatzung deſſelben 2 8 —— — 131— waren nach dem kurzen Gemetzel todt oder ver⸗ wundet. Auch Barnſtable hatte ſeinen Sieg nur mit dem Verluſte mehrerer Tapfern erkauft. Die erſte Freude uͤber ſeine Priſe war indeſſen nicht der Augenblick, wo ſo ein Opfer gewuͤrdigt wur⸗ de! Lautes, wiederholtes Geſchrei verkuͤndigte den Jubel der Sieger. Als jedoch der Rauſch nachließ, und die Beſinnung zuruͤckkehrte, gab Barnſtable ſogleich die Befehle, welche Menſch⸗ lichkeit und ſeine Pflicht nothwendig machten. Die Schiffe wurden auseinander gebracht, die Todten und Verwundeten fortgeſchafft. Der Sie⸗ ger ging auf dem Deck der Priſe in tiefes Nach⸗ denken verſunken aaf und ab. Oft ſtrich die Hand uͤber die von Pulver geſchwaͤrzte und mit Blut gefaͤrbte Stirn, waͤhrend ſein Auge die dichte Huͤlle von Rauch verfolgte, der uͤber den Schiffen wie ein dunkler, dem Meere entſteigen⸗ der Nebel ſchwebte. Bald ward der Mannſchaft das Reſultat ſeines Sinnens mitgetheilt. „Zieht alle Eure Flaggen ein!“ rief er. „Pflanzt die der Englaͤnder wieder auf! Die Flagge des Feindes muß uͤber der des Ariels flattern!“ 1 Wenn die ganze engliſche Kanalflotte in hal⸗ ber Schußweite erſchienen waͤre, ſoviel Erſtaunen haͤtte ſie nicht erregt, als dieſer außerordentliche 885 — — 132— Befehl. Die ſich wundernden Seeleute hielten mit ihren mancherlei Arbeiten ein, um nach der ſonderbaren Veraͤnderung der Flaggen zu ſchauen, den Sinnbildern, die ſie mit einer Art Ehrfurcht zu betrachten gewohnt waren. Gerade wagte aber doch Niemand das Verfahren zu tadeln, als der lange Tom, der auf dem Hinterdeck der Priſe ſtand, und eben ſein biegſames, wieder herausgezogenes Harpuneneiſen mit einer Sorg⸗ falt und Arbeitſamkeit gerade machte, als ſey es zur Behauptung des Schiffes vonnoͤthen. Gleich Andern, hoͤrte auch er zu klopfen auf, als er dieſen Befehl hoͤrte, und nahm keinen Anſtand, ſeinen Verdruß kund zu thun. „Wenn die Englaͤnder noch nicht genug haben, und denken, die Sache iſt noch nicht ausgemacht:“ brummte er,„ſo wollen wir noch einmal anfangen. Da ſie ein Paar Arme we⸗ niger haben, koͤnnen ſie ein Boot an's Land ſchik⸗ ken und eine Ladung von dein faulen Gewuͤrme, den Soldaten, einnehmen, die dort, wie die rothen Eidechſen an der Kuͤſte hinkriechen und immer herguken nach uns. Wir wollen nochmals mit ihnen anbinden. Aber, Gott verdamm' mich! wenn ich einſehe, wozu es nuͤtzt, daß ſie ſo ab⸗ getrumpft ſind, und dies nun das Ende vom ganzen Liede iſt.“ — 133— „Was hilft nun Dein Brummen, Du alter Seeteufel!“ rief ihm Barnſtable zu.„Wo ſind denn unſere Freunde und Landsleute? Am Lande! Sollen wir ſie am Galgen baumeln oder in Loͤ⸗ chern verfaulen laſſen?“ Der Beiſchiffsfuͤhrer horchte mit großem Ernſte zu. Als ſein Kommendant fertig war, ſchlug er mit der breiten Hand auf den kraͤftigen Schenkel, daß es wie ein Piſtolenſchuß ſchallte. „Ich ſehe, wie das ſteht!“ ſagte er.„Ihr denkt, die Rothroͤcke haben unſern Herrn Griffith im Schlepptau. Nun, laßt den Schooner an die Kuͤſte gehn, Kapitain, und vor Anker legen, daß ſie die lange Kanone erreichen kann. Mir gebt die Barke und fuͤnf oder ſechs Mann zum Ruͤckenhalte. Die dorten muͤſſen lange Beine haben, wenn ſie in die weite See kommen, ehe ich ſie in den Grund bohre.“ „ Narr! denkſt Du denn, die Paar Leute vom Boote koͤnnen es mit funfzig Soldaten auf⸗ nehmen?“ „Soldaten?“ wiederholte Tom, deſſen Leb⸗ haftigkeit durch den Kampf gewaltig geſteigert war, und ſchlug ein Schnippchen mit nicht zu beſchreibender Verachtung.„Soviel geb' ich fuͤr alle die geputzten Maͤnnerchen. Ein Wallfiſch koͤnnte tauſend ſolche Leute toͤdten, und hier 7 — 134— ſteht der Mann, der wohl ſeine hundert Wall⸗ ſiſche todt gemacht hat!“ „Pah! Du Spritzfiſch! Wirſt Du noch ein Prahlhanns in Deinen alten Tagen?“ „Ei, Wahrheit reden, wie ein Logbuch, iſt keine Prahlerei. Aber wenn Kapitain Barn⸗ ſtable glaubt, der alte Tom Coffin ſey ein bloßes Sprachrohr; ſo laßt ihn nur ſagen: Marſch ins Boot!“ A. „Nein, nein, mein alter Harpunenmann!“ redete ihm Barnſtable freundlich zu.„Ich kenne Dich zu gut, Du Bruder vom Neptun! Aber warum ſollen wir denn nicht den Englaͤndern Staub in die Augen ſtreuen, indem wir ihre Flagge annehmen, bis uns ein Umſtand zur Be⸗ freiung unſerer gefangenen Landsleute gefuͤhrt hat? 8 Der Bootsfuͤhrer ſchuͤttelte den Kopf und dachte einen Augenblick nach, als kaͤm' ihm ein neuer Gedanke in den Kopf. „Ja, ja!“ ſagte er dann,„das iſt See⸗ mannsverſtand; ſo tief wie die See! Laßt die Eidechſen die Maͤuler bis zu den Augenbraunen aufſperren! Wenn ſie endlich hoͤren, daß die Nankees die Herren ſind, werden ſie ſie ſchon wieder bis zu ihrer ledernen Halsbinde herun⸗ terziehn!“ Mit dieſer Bemerkung war der Bootsfuͤhrer ziemlich zufrieden geſtellt, und die Wiederherſtel⸗ lung des ſchadhaft Gewordenen, die Sicherung der Priſe, ging nun von ſeiner Seite ohne Un⸗ terbrechung fort. Die wenigen, nicht verwunde⸗ ten Gefangenen wurden ſchnell auf den Ariel geſchafft. Barnſtable war eben damit beſchaͤftigt, als ein ungewoͤhnlicher Laͤrm ſeinen Blick nach einem der Gaͤnge zog, wo ein Paar ſeiner Ma⸗ troſen einen Mann vor ſich hertrieben, deſſen Benehmen und Geſtalt den furchtbarſten Schrek⸗ ken verriethen. Er faßte die außerordentliche Er⸗ ſcheinung ſchweigend und ſtaunend einen Augen⸗ blick naͤher ins Auge und rief dann: „Wen haben wir denn da? Einen Dilet⸗ tanten in dem Kampfe, einen Wunder ſuchenden Nichtſtreiter, der gern ſeinem Koͤnig dienen und vielleicht ein Gemaͤlde entwerfen, oder ein Buch ſchreiben wollte, um ſich ſelbſt zu dienen? Wer ſeid Ihr denn? In welcher Eigenſchaft dient Ihr auf dem Schiffe?“.. Der Gefangene wagte kaum auf den Fragenden einen Seitenblick zu werfen. Er fuͤrchtete, Grif⸗ fith vor ſich zu haben. Als er indeſſen ſah, daß er dies Geſicht nicht kannte, fuͤhlte er ſein Ver⸗ trauen wieder belebt, und war im Stande, zu antworten: 84 8—— — 136— „Ich komme durch Zufall hierher, weil ich am Bord des Kutters war, als ſein Kommen⸗ dant eben beſchloß, mit Euch anzubinden. Er war außer Stand, mich an's Land zu ſetzen: aber ich hoffe, daß Ihr damit nicht anſtehn werdet, da Eure Vermuthung, ich ſey kein Streiter—“ „Vollkommen begruͤndet iſt!“ unterbrach ihn Barnſtable.„Es gehoͤrt kein Teleſcop dazu, Euch als ſolchen zu erkennen, und wenn man in dem Maſtkorbe wäͤre. Allein aus gewiſſen wichtigen Gruͤnden—“ Er hielt inne, um ſich, auf ein Zeichen, das ihm Merry gab, zu dieſem zu wenden. „Das iſt Dillon, der Vetter vom Oberſt Howard; ich habe ihn oft geſehen, wenn er mei⸗ ner Baſe Cecilie nachſegelte!“ ziſchelte ihm Merry ins Ohr. „Dillon!“ rief Barnſtable leiſe, und rieb vor Freuden die Haͤnde.„Wie? Kit Dillon? Er mit dem Savannahgeſicht, den ſchwarzen Augen, der ſchwarzen Haut? Aus Furcht iſt er etwas weißer geworden. Nun das iſt eine Priſe, die in dem Ausenblicke zwanzig Alacxith's auf⸗ wiegt!“ Der Gefangene war, als Barnſtable ſo im Stillen jauchzte, in einiger Entfernung. Jetzt ging der Lientnant auf ihn zu. „Klugheit, und folglich meine Schuldigkeit, machen es noͤthig, daß ich Euch eine kurze Zeit hier zuruͤckhalte. Allein ſeid verſichert, auf See⸗ mannswort! was wir koͤnnen, geſchieht, Eure Gefangenſchaft zu erleichtern.“ Einer Antwort kam er zuvor, indem er eine Verbeugung machte, und wieder die noͤthigen Befehle fuͤr die Ordnung auf ſeinem Schiffe traf. In Kurzem ward ihm gemeldet, daß beide fort⸗ ſegeln koͤnnten, und vor den Wind gebracht ſeien. Langſam fuhren ſie laͤngs der Kuͤſte hin, als wollte der Kutter wieder in der Bai einlaufen, welche er dieſen Morgen verlaſſen hatte. Indem man an die Kuͤſte kam, fuͤllten die Soldaten oben auf den Klippen die Luft mit Freudenge⸗ ſchrei und Jauchzen. Barnſtable zeigte auf die vom Winde bewegten Flaggen ſeiner Maſten, und ließ ſeine Mannſchaft auf's Freundſchaftlichſte antworten. Da die Entfernung bedeutend und, beim Mangel an Booten, keine weitere Mitthei⸗ lung moͤglich war; ſo ſahen erſt die Soldaten einige Zeit den Schiffen zu, und verſchwanden dann von den Klippen, ohne weiter von den kuͤhnen Seeleuten geſehn zu werden. Stunde fuͤr Stunde ging waͤhrend der beſchwerlichen Fahrt gegen die entgegenſtrebende Ebbe hin. Der furze Tag neigte ſich zu Ende, bevor ſie in die — 138— beſtimmte Bucht einliefen. Waͤhrend ſo manch⸗ mal lavirt wurde, kam der Kutter, auf wel⸗ chem Barnſtable blieb, vor dem Wallfiſch vor⸗ bei, der am Morgen getoͤdtet worden war. Dieſer trieb auf dem Waſſer hin. Die Wogen ſpielten um die Fleiſchmaſſe, wie an einem Felſen. Manche ſchmarotzende Hayfiſche umringten ſie bereits, um ſich in den ſchutzloſen Koͤrper zu theilen.“ „Sieh' einmal, Coffin!“ rief der Lieut⸗ nant, und zeigte darauf im Vorbeifahren.„Hier die breitnaſigen Herren halten ein koͤſtliches Mal. Du haſt die Chriſtenpflicht verſaͤumt, den Todten zu begraben!“ Der alte Seemann warf einen finſtern Blick auf den todten Wallfiſch. „ Haͤtte ich die Kreatur,“ ſagte er,„in Boſtonbay, und auf der Sandy Point von Munny⸗Moy, da koͤnnte ſie mich zum Manne machen! Aber Reichthum und Ehre ſind nur fuͤr die großen und gelehrten Leute, und fuͤr den armen Tom Coffin giebt es nichts, als rechts und links ſeine Segel zu ſtellen, und den noch uͤbrigen Stuͤrmen des Lebens auszuweichen, ohne daß ſeine alten Raaen brechen.“ 4 „Nun, nun, langer Tom,“ bemerkte der 8 3 Lieutnant,„dieſe Felſen und Klippen koͤnnen noch Deine Poeſie Schifſbruch leiden laſſen. Du wirſt empfindſam!“ „Die Felſen koͤnnen jedes Schiff vornich⸗ ten, das gegen ſie anlaͤuft;“ entgegnete Tom. „Was Poeſie anbetrifft; ſo weiß ich nichts, als das alte gute Lied vom Kapitain Dillon. Es kann einem aber wohl ſchwermuͤthige Gedanken erregen, wenn man ſo einen Wallſiſch von acht⸗ zig Tonnen Thran durch Hayfiſche verzehrt ſieht. 's iſt eine ſchreckliche Verſchwendung! Ich habe wohl zweihundert ſolcher Kreaturen ſterben ſehen: aber die Portionen des armen, alten, langen Tom blieben immer ſo klein, wie ſonſt.“ Der Bootsfuͤhrer ging auf's Hinterdeck, in⸗ deſſen das Schiff beim Wallfiſch vorbeiſtrich, und ſetzte ſich auf den Bord. Sein Geſicht ruhte finſter auf der knochichten Hand, und das Auge ſah feſt auf den Gegenſtand ſeiner Wuͤnſche, ſo lange, als er noch in der Abendſonne glaͤnzte. Bald ſpiegelte ſich dieſe auf dem weißen Bauche; bald wurden ihre Strahlen von dem ſchwarzen, haarigen Ruͤcken des Ungeheuers aufgenommen. Das Schiff ſteuerte indeſſen immer kraͤftig dem Hafen zu, wo man dem Scheine nach als un⸗ beſo rgter Freund, und im frendigen Gefuͤhl des Siegers vor Anker ging. — 140— Einige froͤhliche und zufriedene Zuſchauer waren oben auf dem Klippenrande. Barnſtable brachte ſeine Vorkehrungen, jeden Feind zu taͤu⸗ ſchen, zu Ende, und bemerkte gegen ſeine Leute, ſie nun darauf gefaßt ſeyn muͤßten, die groͤßte Uinerſchrockenheit und Thaͤtigkeit zu aͤußern. d VII. Unſere Trompete rufet Euch zu dieſer Friedens⸗Unterhandlung! Shakeſpeare⸗ Als Griffith und ſeine Gefaͤhrten aus den Ge⸗ maͤchern von St. Ruth in das Freie kamen, ſtießen ſie auf Niemanden, der ihre Flucht ge⸗ hindert oder Laͤrm gemacht haͤtte. Durch die Erfahrung gewitzigt, mieden ſie die Punkte, wo ſie wußten, daß Wachen ſtanden, ob ſie ſchon gehoͤrig eingerichtet waren, jeden Widerſtand zu bekaͤmpfen. Bald war keine Wahrſcheinlichkeit mehr vorhanden, daß ſie gleich entdeckt werden konnten. Raſch gingen ſie wohl eine Viertel⸗ ſtunde finſter und duͤſter und ſchweigend fort, darauf gefaßt, jeder Gefahr Trotz zu bieten, wenn ſie in den Fall kommen ſollten. Allein als ſie nun in ein Gehoͤlz kamen, das die von uns ſchon genannten Ruinen einſchloß, maͤßigten ſie ihre eiligen Schritte, und es entſpann ſich folgen⸗ des Geſpraͤch: „Wir ſind noch zur rechten Zeit entkom⸗ men!“ ſagte Griffith.„Lieber haͤtte ich wollen — 141— gefangen ſeyn, als Veranlaſſung Blutvergießen in Oberſten geben.“ „Ich wollte, daß Ihr ſo einige Stunden fruͤher gedacht haͤttet!“ bemerkte darauf der Lootſe mit einem Ernſte, der noch mehr ſagte, als ſeine Worte. „Wohl mag ich in der An aus den Augen geſetzt haben,“ ſith, und Stolz zu Unruhe und der friedlichen Wohnung des gſt meine Pflicht erwiederte Grif⸗ kaͤmpfte augenſcheinlich mit Achtung gegen den Unbekannten,—„um die Lage einer Familie kennen zu lernen, fuͤr welche ich ſo viel Theilnahme empfinde. Indeſſen iſt jetzt keine Zeit zur Zurechtweiſung. Ich ſehe, wir folgen Euch bei einem Unternehmen, wo die Handlung mehr ſagen muß, als jedes Wort. Was denkt Ihr jetzt zu beginnen?“ „Ich fuͤrchte, unſer Plan wird gen ſeyn!“ war die Antwo verdruͤßlichem Tone gegeben. roͤthe wird man L zuſammentrommeln. thung ziehen: alle fehlgeſchla⸗ rt des Lootſen, in „Mit der Morgen⸗ aͤrm machen, die Landmiliz und den Adel zur Bera⸗ Gedanken von Jagd und Ta⸗ ruͤcht, wir zum Mindeſten rſcheuchen.“. Ihr habt gewiß ſchon fel werden verſchwinden. Das Ge ſeyen gelandet, wird den Schlaf zehn Meilen an der Kuͤſte hin ve „Li, Herr Lootſe! — 142— ein Paar huͤbſche Naͤchte mit offenen Augen un⸗ ter ihnen zugebracht!“ ſagte Manuel.„ Sie moͤgen ſich dafuͤr bei dem Franzoſen Thurot im der alten Geſchichte von 56 und unſerm See⸗ teufel, dem ſchottiſchen Seeraͤuber, bedanken, die ſie oft in Unruhe gebracht haben. Nun, Thurot machte ihnen mit ſeiner Flotte blos den Kopf ein Bischen warm, und der arme Teufel erſtickte am Ende zwiſchen ein Paar Kreuzern, wie ein Kind mit der Trommel, wenn man ihm eine Grenadiermuͤtze aufſetzt. Aber der eh⸗ renwerthe Paul ſang ihnen ein anderes Liedchen vor, daß ſie darnach tanzen konnten und—“ „Ich glaube, Ihr werdet bald ſelbſt tan⸗ zen,“ unterbrach ihn Griffith,„vor lauter Freu⸗ de, daß Ihr aus dem Gefaͤngniß entkommen ſeyd.“ „Sagt lieber, vom Galgen losgekommen!“ erwiederte der Seeſoldat.„Haͤtte ein Kriegsge⸗ richt, oder ſonſt eine Behoͤrde, die Art unter⸗ ſucht, wie wir in's Land gekommen ſind; ich glaube, wir waͤren nicht beſſer weggekommen, als der kuͤhne Seeteufel, der ehrliche Paul—“ „Still!“ rief Griſſith ungeduldig.„Ihr habt nun genug Unſinn geſchwatzt. Jetzt giebt's andere Dinge zu bereden.— Welchen Curs denkt Ihr denn nun einzuſchlagen, Herr Gray?“ Der Lootſe ſah bei der Frage auf, wie ein Mann, der aus tiefem Nachdenken erwachte. Nach einem augenblicklichen Schweigen erwiederte er mit langſamem Tone, als druͤcke ihn ein duͤ⸗ ſteres, laſtendes Gefuͤhl: „Die Nacht iſt bald in die Morgenwacht uͤbergegangen: aber noch eilt die Sonne nicht, ſich in dieſer Breite, in der Mitte des Winters, zu zeigen. Ich muß Euch verlaſſen, Freunde, um etwa in einigen Stunden wieder zuruͤckzu⸗ kommen. Erſt muß man die Dinge genauer un⸗ terſuchen, bevor wir Etwas unternehmen, und dazu paßt Niemand beſſer, als ich.— Wo tref⸗ fen wir wieder zuſammen?“ „Ich habe zu der Vermuthung Grund, daß hier in der Naͤhe eine einſame Ruine ſteht;“ ſagte Griffith.„Vielleicht finden wir in ihren Mauern Schutz und Sicherheit.“ „ Der Einfall iſt gut,“ meinte der Lootſe. „Es wird dies einem doppelten Zwecke genuͤgen. Koͤnnt Ihr ein Plaͤtzchen finden, Eure Solda⸗ ten in Hinterhalt zu legen, Kapitain Manuel?“ „Das heißt fragen, ob der Hund eine Naſe hat und die Faͤhrte finden kann!“ rief dieſer aus. „Denkt Ihr denn, Signor Pilota, daß ein Ge⸗ neral ſeine Soldaten in Hinterhalt legen wird, wo er ſie ſelbſt nicht zu finden weiß? Wahrhaſtig, — — vor einer halben Stunde wußte ich wohl, wo die Schufte auf ihren Torniſtern ſchnarchten, und haͤtte die erſte Majorsſtelle in Waſhington's Armee dafuͤr gegeben, wenn ich ihnen ein Woͤrtchen ſagen konnte, ſie zum Feuern zu bringen. Ich weiß nicht, was Ihr denkt, Freunde, gher mir haͤtte der Anblick von zwan⸗ zig ſolchen Landlaͤufern viel Freude gemacht. Wir haͤtten den Kapitain Borrongheliffe und ſeine Rekruten aufs Bajonett geſpießt„ wie der See⸗ teufel „Kommt, kommt, Manxel. 2 unferbeach ihn Griffith aͤrgerlich.„Ihr vergeßt immer un⸗ ſere Lage, unſer Abenteuer. Koͤnnt Ihr Eure Leute, ohne bemerkt zu vnnen hhrbeingon⸗ ehe es tagt, 2 m „Ich brauche dazu die allerkürzeſte halbe Stunde, und die Sache iſt gemacht.“ „Dann kommt! Ich will den Platz, wo wir uns ſtill vereinigen, bezeichnen;“ fuhr Griffith fort.„Herr Gray kann zugleich unſern Aufent⸗ halt kennen lernen.“ Der Lootſe gab in der Dunkelheit das Zei⸗ chen zum Fortgehen, und mit vorſichtigen Schrit⸗ ten ging es nach der gewuͤnſchten Zufluchtsſtaͤtte. Nach kurzem Suchen waren ſie bei einer ver⸗ fallenen Mauer, die ein ziemliches Stuͤck hulzer II. K — 146— Hier und da erhoben ſich ſchwarze Ruinen in die Hoͤhe, und machten das einſame wilde Ge⸗ hoͤlz noch dunkler. „Das wird ſich thun laſſen!“ ſagte Griffith, als ſie das morſche Gebaͤude zum Theile um⸗ kreiſet hatten.„Fuͤhrt Eure Leute hierher. Ich will ſie erwarten, und dann an den Ort brin⸗ gen, den ich waͤhrend Eurer Abweſenheit ausſuche.“ „Ein wahres Paradies nach dem Quartier auf dem Ariel!“ rief Manuel.„Ich denke, hier iſt gewiß unter den Baͤumen ein guter Exercierplatz. Darnach habe ich mich wahrhaftig ſeit ſechs Monaten geſehnt!“ „ Marſch, Marſch!“ ſagte Griffith.„Hier iſt keine Zeit zu Wachparaden. Wenn wir vor Entdeckung und Gefangennehmung ſicher ſind, bis Ihr Eure Leute zum ernſten Kampfe gebrauchen koͤnnt; ſo iſt es vollkommen gut.“ Manuel ging langſam aus dem Gebüſch, als er ploͤtzlich umkehrte und fragte: 6 „ Soll ich denn ein kleines Piket, blos ei⸗ nen Korporal mit vier Mann, in's freie Feld ſtellen, und eine Poſtenkette um unſere Werke anlegen?“ „ Wir haben keine Außenwerke, und brau⸗ chen keine Wachen!“ erwiederte der ungeduldige Lieutnant.„Unſere Sicherheit beruht darauf, „ 2— — 147— daß uns Niemand bemerkt. Bringt Eure Leute nur unter das Dach dieſer Baͤume, und laßt Euch die drei glaͤnzenden Sterne dort Wegweiſer ſeyn. Haltet nur mit dem noͤrdlichen Winkel vom Walde gleiche Linie!“ „Genug, Herr Griffith,“ unterbrach ihn Manuel,„eine Mannſchaft kann man nicht nach dem Kompaß und mit dem Steuerruder und dem Logg leiten, wie ein Schiff. Verlaßt Euch darauf. Ich werde ſie mit gehoͤriger Umſicht, aber auch in gehoͤriger Kriegsmanier herbeiziehn.“ Einne weitere Bemerkung ward durch die ſchnelle Eutfernung des Kapitains unmoͤglich ge⸗ macht. Einige Augenblicke hoͤrte man noch ſeine Schritte, da er bedaͤchtig durch den Wald ging. Waͤhrend dieſer Pauſe lehnte der Lootſe gegen die Ruinen in tiefem Nachdenken verſunken. Jetzt hoͤrte man nichts von Manuel. Der Lootſe kam laͤngs der dunkeln Mauer zu ſeinem jungen Gefaͤhrten vor.„Wir ſind dem Kapitain unſere Befreiung ſchuldig,“ ſagte er.„Aber hoffent⸗ lich wird uns doch ſeine Marrheit nicht in Nach⸗ theil bringen?“ „Er iſt ein rechtwinklichter Mann, wie ihn Barnſtable nennt;“ verſetzte Griffith.„Was ſei⸗ nen Wirkungskreis anbetrifft, will er Alles auf's Haar haben. Wo es aber einer gefäͤhrlichen Un⸗ K 2 ternehmung gilt, iſt er ein muthiger Gefaͤhrte. Wenn wir ihn abhalten, uns nicht durch ſeine alberne Parade in Verlegenheit zu bringen; ſo koͤnnen wir darauf rechnen, daß er im Falle. der Roth ſeine Pflicht als Soldat thut.” a9 „Das will ich nur wiſſen. Den aͤußerſten Fall ausgenommen, muß er und ſein Kommando ganz ruhig ſeyn. Wuͤrden wir entdeckt, ſo iſt jeder Verſuch von unſerer Seite mit einigen zwanzig Baſonetten und ein Paar Piken gegen die Maſſe, die auf uns dann anruͤckt, Inußläs. n Das leuchtet nur zu ſehr ein. Dieſe Burſchen ſchlafen beim Seeſturm eine Woche lang. Allein die Luft vom feſten Lande macht ſie munter, und ich fuͤrchte, es wird Muͤhe ko⸗ ſten, ſie einen Tag ruhig zu halten. 7, „Und doch muß das ſeyn, und alenfalle mit Gewalt,“ bemerkte der Lootſe ernſt,„wenn Warnung nicht helfen will. Haͤtten wir blos mit den Rekruten von der betrunkenen Kriegs⸗ gurgel an zu binden; ſo wuͤrde es keine große Sa⸗ che ſeyn, ſie in's Meer zu jagen; gaber ich er⸗ fuhr in meinem Gefaͤngniſſe, adahn man mit Ta⸗ gesanbruch Reuterei erwartet.. Ein gewiſſer Dillon iſt im Spiele, uns iu’s Verderben zu bringen!“* — 149— „Der Schurke!“ brummte Griffith. „Alſo habt Ihr mit den Benhohnarn der ut verkehrt?“ mn. „Ein Mann, der ſich zu gefaͤhrlichen Un⸗ ternehmungen einſchifft, muß jede Gelegenheit ergreifen, ſich uͤber ſeine Lage aufzuklaͤren;“ er⸗ wiederte der Lootſe ausweichend.„Iſt meine Nach⸗ richt gegruͤndet; ſo fuͤrchte ich, wir haban fſui unſere Abſichten nicht viel Hoffnung uͤbrig.” „Nun, ſo wollen wir doch den Vortheil, den uns die Finſterniß gewaͤhrt, benutzen, um nach dem Schooner zuruͤckzukehren. Feindliche Kreuzer ſchwaͤrmen an der Kuͤſte herum. Der reiche Handel mit vier Welttheilen fuͤhrt Alles auf dies Eiland. Lange werden wir nicht zu ſuchen haben, um auf einen Feind zu ſtoßen, mit dem wir kaͤmpfen koͤnnen, oder Gelegenheit zu finden, dem Englaͤnder an ſeinen Sehnen zu ſchaden: am Gelde.“ „Griffith!“ erwiederte ernſt und ruhig der Lootſe, wie ein Mann, dem Ehrgeiz und jede an⸗ dere Leidenſchaft fremd iſt;„ich kann dieſen Streit zwiſchen Verdienſt und privilegirtem Stand nicht ertragen. Umſonſt pluͤndere ich die Gewaͤſſer, die der Koͤnig von England prahleriſch Sein nennt, und nehme ſeine Schiffe vor den Haͤfen weg, wenn mein Lohn dafuͤr nur in nicht gehaltenen Ver⸗ — 150— ſprechungen und hohlen Worten beſteht. Euer Vorſchlag nuͤtzt mir nicht. Ich habe endlich ein Schiff erhalten, groß genug, mich nach den Kuͤſten des herrlichen, edlen Amerika's zu brin⸗ gen. Aber ich moͤchte doch gern in die Ver⸗ ſammlung des Kongreſſes mit einigen Geſetzge⸗ bern dieſer gelehrten Inſel kommen. Hier glau⸗ ben ſie ja allein das ausſchließliche Recht zu ha⸗ ben, weiſe, groß und tugendhaft zu ſeyn.“ „So eine Geſellſchaft moͤchte freilich Euch und denen angenehm ſeyn, die ſie bewillkomm⸗ ten!“ verſetzte Griffith beſcheiden.„Aber wuͤrde es denn wohl den großen Zweck unſers Kampfes beſchleunigen, oder iſt es, falls Ihr es durchſetzt, der Gefahr werth, die Ihr dabei lauft?“ Griffith fuͤhlte die Hand des Lootſen, der ihn krampfhaft faßte, und dann wo moͤglich mit noch ernſtererm Tone ſprach: 5 „Ja, junger Mann, hier iſt Ruhm zu aͤrndten! Mit Gefahr wird es errungen, mit Ehre belohnt! Wahr iſt es; ich trage die Farbe Eures Landes, und nenne die Amerikaner meine Bruͤder, weil Euer Kampf den Rechten der Menſch⸗ heit gilt. Waͤr Eure Sache minder heilig; ich. woaurde nicht den kleinſten Tropfen Blut vergie⸗ ßen, das in engliſchen Adern fließt, um ſie zu foͤrdern. Jetzt aber iſt jede Unternehmung geheiligt, 5 vxxv — 151— die deshalb geſchieht. Die Namen aller, welche dafuͤr ſtreiten, gehoͤren der Nachwelt an. Iſt es kein Verdienſt, dieſen ſtolzen Englaͤndern zu zeigen, daß ſie der Arm der Freiheit ſelbſt in dem Reiche ihrer Tyrannei und Bosheit erreichen kann?“ „So laßt mich gehn, und erforſchen, was wir am Meiſten zu wiſſen wuͤnſchen. Man hat Euch hier geſehn: Ihr koͤnntet— „Da kennt Ihr mich wenig!“ unterbrach ihn der Lootſe.„Die That iſt mein! Wenn ich ſie vollbringe, gehoͤrt mir die Ehre; und ſo iſt es billig, daß ich die Gefahr beſtehe. Miß⸗ lingt es mir, ſo wird es in Vergeſſenheit be⸗ graben, wie funfzig andere meiner Plaͤne, die, hatte ich Kraͤfte im Hinterhalt, Alles in dieſem Koͤnigreiche vom aͤußerſten Wachtthurme an ſei⸗ nen Kuͤſten bis zu den Mauern von Windſor⸗ caſtle, in Beſtuͤrzung geſetzt haͤtten. Doch ich bin ein Mann, dem nicht der Adel von zwanzig Generationen das Blut vergiftet, und die Seele vernichtet hat, und ſo trauten die entarteten Schurken mir nicht, die Frankreichs Seemacht in Haͤnden haben.“ „Man ſagt, es werden Zweidecker auf un⸗ ſern Werften erbaut,“ ſagte Griffith.„Ihr duͤrft nur nach Amerika kommen, um ſogleich auf’s Ehrenvollſte angeſtellt zu werden.“ „Ja, der Freiſtaat kann dem Manne nicht mißtrauen, der ſeine Flagge aufpflanzte, und in ſo manchem blutigen Kampfe ſie nicht um einen Zoll fallen ließ. Ich gehe dahin, Griffith; aber mit dieſem Wege entſcheidet ſich's. Meine angeblichen Freunde haben mir oft die Haͤnde gebunden. Meinen Feinden— ihnen ſoll es nie gelingen! Einige Stunden werden hinreichen, mich Alles wiſſen zu laſſen, und bis zu meiner Ruͤckkehr laſſ' ich Euch fuͤr unſere Si⸗ cherheit ſorgen. Seyd wachſam und vorſichtig!“ „Wenn Ihr nun zur bezeichneten Stunde nicht wiederkehrt,“ ſagte Griffith, da er ihn im Begriff zu gehn ſah,„wo ſoll ich Euch dann ſuchen? Wie kann ich Euch dann nuͤtzen?“ „Ihr ſucht mich nicht, ſondern eilt auf Euer Schiff. Meine Jugend habe ich auf dieſer Kuͤſte verlebt. Ich kann dies Eiland, im Fall der Noth, von meiner Verkleidung und meiner Kennt⸗ niß des Landes unterſtuͤtzt, verlaſſen, wie ich es betreten habe. In dieſem Fall denkt an Euch und laßt mich ganz aus den Augen. 2 Griffith ſah, wie er ihm ſchweigend winkte, als er ging. Im naͤchſten Augenblicke ſtand er allein. Einige Minuten blieb er auf ſäten 8 — B8 0 — 99 u ⏑ ⏑— — 153— Stelle im Nachdenken uͤber die ſonderbaren Ei⸗ genheiten, den raſtloſen kuͤhnen Geiſt des Man⸗ nes, mit dem ihn das Schickſal ſo unerwar⸗ tet in Beruͤhrung gebracht hatte; mit deſſen Geſchick ſeine eigne Hoffnung, im Fall un⸗ vorhergeſehener Umſtaͤnde ſo genau verbunden war. Die Vorfalle der Nacht beſchaͤftigten ihn ebenfalls. Endlich ging er in das Innere der verfallenen Mauern, und nach einer fluͤchtigen Unterſuchung des zerſtoͤrten Gebaͤudes, ſah er mit Vergnuͤgen, daß es verborgene Hallen in hin⸗ reichender Menge enthielt, alle ſeine Leute auf⸗ zunehmen, bis die Ruͤckkehr des Lootſen ſagen wuͤrde: die Stunde ſey da, die bezeichneten Jaͤ⸗ ger aufzuheben, oder die Finſterniß erlaube eine Ruͤckkehr auf den Ariel.. Es war jetzt um die Zeit, welche der See⸗ mann als Morgenwache bezeichnet. Griffith wagte ſich an den Saum des Waldes, um zu hoͤren, ob irgendwo Laͤrm und Geraͤuſch eine Verſolgung wahrnehmen laſſe. Als er auf eine Stelle kam, wo er leidlich die entferntern Ge⸗ genſtaͤnde ſehen konnte, blieb er ſtehen, und muſterte mit Sorgfalt alle ihm in die Augen fallenden Dinge. 3 Der Sturm hatte ſich bedeutend gemindert: allein ein lebhafter Seewind rauſchte immer noch durch die kahlen Eichen, und miſchte ſeine duͤ⸗ ſtern melancholiſchen Toͤne mit der dunkeln, fin⸗ ſtern Ausſicht. Eine Viertelſtunde entfernt, er⸗ hellte ein Lichtſtreifen, der uͤber den Ozean herauf ſtieg, die noch undeutlich umgraͤnzte Ab⸗ tei. Schon gab es Augenblicke, wo der junge Seemann den glaͤnzenden Schaum auf den Wel⸗ len des Meeres zu ſehen glaubte. Das dumpfe Brauſen der Fluth, die ſich gegen die Kuͤſte waͤlzte, oder mit unerſchuͤtterlicher Heftigkeit an dem feſten Felſen brach, war ihm im Winde vollkommen hoͤrbar. Zeit und Verhaͤltniß ließen den Kuͤhnen wohl uͤber den Wechſel und das Geſchick nachdenken, die mit ſeinem Stande ver⸗ bunden waren. Erſt vor wenig Stunden hatte er alle Kunſt, die angeſtrengteſte Kraft noͤthig ge⸗ habt, um das große Gebaͤude zu leiten, an deſſen Bord ſo manche ſeiner Kameraden fern von der Kuͤſte ſchliefen, auf welcher er jetzt kaltbluͤtig den Ge⸗ fahren trotzte. Die Erinnerungen an die Heimath, an Amerika, an ſeine Geliebte, wechſelten raſch, obſchon nicht ohne innere Freude des Herzens; und langſam ging er, Schritt fuͤr Schritt, naͤher der Abtei zu, als er ein Geraͤuſch vernahm, das augenſcheinlich vom gemeſſenen Schritte mehrerer Krieger herruͤhrte. Augenblicklich wachte er aus ſeinen Traͤumereien auf. In kurzer Zeit konnte ,— —— — 2ͤ2 — 155— er einen Zug unterſcheiden, der geordnet nach dem Rande des Waldes marſchirte, aus dem er eben gekommen war. Schnell zog er ſich in deſ⸗ ſen Dickicht zuruͤck, und wartete, bis es klar war, daß die Mannſchaft ſich darin bergen wolle. Dann rief er ſie an. „Wer kommt? Wohin?“ fragte er. „Ein Schleicher, um ein Loch zu ſuchen, wie ein Kaninchen, eine Ratte, die ſich verkrie⸗ chen!“ erwiederte Manuel aͤrgerlich.„Hier bin ich in halber Flintenſchußweite beim Feinde vor⸗ bei paſſirt, ohne auf ſeine Außenpoſten einen Schuß zu thun, weil alle Gewehre mit dem Generalpflaſter verſtopft ſind, Vorſicht genannt. Weiß es Gott, Griffith, ich wuͤnſche, daß Ihr nie in die Verſuchung kommen moͤgt, Boͤſes zu thun, die ich fuͤhlte, einmal auf das Hundeneſt loszubrennen, und waͤre es nur geweſen, die Fenſter zu zertruͤmmern und auf den ſchlafenden Narrn, der ſo den ſchoͤnen, alten Maderawein einſchluͤrſt, die kalte Luft der Nacht eindringen zu laſſen. Hoͤrt, Griffith, ein Wort im Ver⸗ trauen!“ 88 Beide Offiziere beſprachen ſich in einiger Entfernung von der Mannſchaft. Manuel haͤtte ſeinen Kameraden gar gern beredet. „Ich koͤnnte den alten Steinhaufen weg⸗ — 156— nehmen,“ ſagte er,„ohne einen der Schnarcher zu wecken, und denkt einmal, welches Fuder Herzſtaͤrkung koͤnnten wir da erbeuten! wie ſie nur je die Kehle eines Ehrenmannes be⸗ feuchtete!“— „ Das iſt Alles Thorheit!“ war aber des ungeduldigen Griffith Antwort.„Wir ſind weder Wegelagerer, noch Zolljaͤger, um im Kel⸗ ler eines engliſchen Edelmanns zu pluͤndern. Maͤnner von Ehre ſind wir, angewieſen auf die heilige Sache der Freiheit und des Vaterlandes! Fuͤhrt Eure Leute in die Ruine, und laßt ſie ruhen. Wenn der Tag da iſt, moͤchte es fuͤr ſie zu thun geben!“ „Verwuͤnſcht ſey die Stunde, wo ich die Li⸗ nienarmee verließ, um unter dem Kommando von ſolchen haͤßlichen Pechjacken zu dienen!“ brummte Manuel fuͤr ſich, als er daran ging, den Befehl auszufuͤhren. Er war in einem Tone gegeben, welcher, wie er wohl wußte, Gehorſam verlangte. „Das heißt die Gelegenheit zu einem Ueberfalle und einer Pluͤnderung wegweiſen, wie ſie je ei⸗ nem Parteigaͤnger in den Weg kam! Aber bei Allem, was recht iſt, die Leute ſollen ſich doch in einiger Ordnung lagern! He, Sergeant, de⸗ taſchirt einmal einen Korporal und drei Mann als Piket, und ſtellt es im Walde auf. Eine , — 157— Schildwache muß vorgeſchoben werden, und Alles in gehoͤriger Orduung gehn!“ Griffith hoͤrte mit Verdruß dieſen Befehl⸗ Allein er hoffte, der Lootſe werde wieder da ſeyn, ehe der helle Tag ihren Aufenthalt kund thun koͤnne, und ſo verzichtete er darauf, ſein Anſehn geltend zu machen, die Anordnung zu aͤndern. Mannel hatte daher die Freude, ſeine Leute nach militairiſcher Art aufgeſtellt zu ſehn, wie er es nannte, bevor er mit Griffith und dem Reſte in eine der Hallen ging, die durch ihre offenen, zertruͤmmerten Pforten dazu einlud. Hier legten ſich die Soldaten ſchlafen. Die Offiziere brach⸗ ten die Zeit langweilig genug in Geſpraͤchen zu, oder ließen ihrer Phantaſie freien Lauf, ohne die noͤthige Wachſamkeit zu vergeſſen. 1 Eine Stunde nach der andern ging hin zwiſchen Ruhe und Unruhe und Erwartung der Dinge, bis es endlich Tag, und damit gefaͤhrlich wurde, Wache und Piket ſo offen ſtehn zu laſ⸗ ſen, wo ſie jedem, am Walde Vorbeigehenden, in die Augen fallen konnten. Manuel proteſtirte freilich gegen jede Abaͤnderung, weil ſie durchaus unmilitairiſch ſey: denn ſo oft er mit einem Schiffsoffizier zuſammenkam, trieb er gern ſeine Vorſtellungen von Taktik aufs Aeußerſte. Allein Griffith blieb feſt, und Alles, was der Kapitain erhalten konnte, war die Einwilligung, eine Schildwache einige Schritte vor die Halle unter dem verfallenen Gemaͤuer des Gebaͤudes ſelbſt zu poſtiren. Nach dieſer geringen Abaͤnderung in der Dispoſition ihrer Kraͤfte gingen wieder einige Stunden in ungeduldiger Erwartung des Augen⸗ blicks hin, wo ſie aufzubrechen hofften. Die erſten Schuͤſſe von der Alacrity waren deutlich gehoͤrt worden. Griffith's geuͤbtes Ohr berechnete gleich, von welchem Kaliber das Ge⸗ ſchuͤtz war, und ſagte, ſie kaͤmen nicht vom Ariel. Als der raſche, wenn auch ferne Donner der lebhaften Kanonade immer hoͤrbar blieb, konnte Griffith nur mit Muͤhe ſeine Gefuͤhle und die aller ſeiner Umgebungen in den Schranken hal⸗ ten, welche Klugheit und ihre Lage noͤthig mach⸗ ten. Indeſſen der letzte Schuß war gefallen, und kein Mann hatte die Halle verlaſſen. Man⸗ cherlei Vermuthungen uͤber den Ausgang des Kampfes wechſelten nun mit denen, die waͤhrend des Kampfes ſelbſt gewagt worden waren. Einige Solldaten hatten ſich von dem Geſtein erhoben, das ihnen als Kopfkiſſen diente, einige unruhige, geſtohlne Augenblicke zu verſchlafen,— um die Kanonade zu hoͤren, und wollten jetzt wieder ſchla⸗ fen. Sie wußten, es gab hier etwas zu thun, woran ſie nicht Antheil nehmen konnten. Andere,. — 150— Lebendigere, machten manche Spaͤßchen uͤber den fernen Kampf, oder ſuchten nach dem fernen Donner den Gang deſſelben zu beſtimmen. Als das Treffen zu Ende ſchien, brach Manuel's uͤble Laune aus. „Eine Stunde von uns hat es einen Spaß gegeben,“ ſagte er.„ Statt hier in dem Loche unter der Erde zu ſeyn, haͤtten wir uns zu Gaſte laden ſollen, und dann koͤnnten wir auch auf die Ehre des Siegs Anſpruch machen. Aber es iſt noch nicht zu ſpaͤt, um bis auf die Klippen vor⸗ zuruͤcken. Da koͤnnen wir vom Schiffe aus ge⸗ ſehen werden und unſern Anſpruch auf die Pri⸗ ſengelder machen.“ 1 „Ei, wenn ein koͤniglicher Kutter genommen wird, iſt nicht viel Fett abzuſchoͤpfen!“ erwie⸗ derte Griffith.„Es waͤre nicht ſehr ehrenvoll fuͤr uns, falls wir Barnſtable mit ſoviel unnuͤtzen Leuten uͤberfielen.“ „ unnuͤtzen?“ wiederholte Manuel.„Nun zweiundzwanzig ausgeſuchte, gut exercirte Sol⸗ daten thun gar gute Dienſte. Seht einmal die Jungens an, Griffith, und dann ſagt mir, ob Ihr glaubt, daß ſie im Fall der Noth eine Noth ſind?““ Griffith laͤchelte und ſah uͤber die Schlafen⸗ den hin: denn ſeitdem das Feuer aufgehoͤrt hatte, — 460— ſuchten Alle wieder die Ruhe. Er mußte die kraͤftigen, ſehnigen Geſtalten bewundern, die in jeder denkbaren Lage in dem finſtern Kellerge⸗ woͤlbe herumlagen, wie es der Zufall gefuͤgt hatte. Dann fiel ſein Blick auf die Gewehrpyramide, auf deren glaͤnzenden Roͤhren und Bajonetten ſelbſt in dieſer Dunkelheit ſeder Lichtſtrahl abprallte. Manuel folgte jedem ſeiner Blicke und beobach⸗ tete ſeine Zuͤge mit innerer⸗ Selbſtzufriedenheit; doch hatte er Geduld, erſt eine Antwort zu er⸗ warten, bevor er ſelbſt wieder ſprach. „Ich weiß, es ſind brave Leute, wenn es gilt!“ ſagte endlich Griffith.—„Aber ſtill!— Hoͤrt!— Was ſagt der?“ 196 „„Wer da?„Wer da?“ wiederholte die Wache noch einmal, die oben vorm Eingang der Halle ſtand.— 2 M Manuel und Griffith ſprangen beide von ihrem Ruheplaͤtzchen auf und horchten, ohne das geringſte Geraͤuſch zu machen, mit der geſpann⸗ teſten Unruhe, um naͤher zu erfahren, was die Aufmerkſamkeit der Wache erregt habe. Eine kurze Stille, wie die des Grabes, folgte. ten Es iſt der Lootſe!“ ſagte Griffith ganz leiſe.„Die beſtimmte Stunde iſt lange vorbei.“ Kaum aber war das geſprochen, als Waf⸗ fengeklirre in wildem, ſchnellem Wechſel gehoͤrt — 161— wurde. Im naͤchſten Augenblicke ſtuͤrzte der Sol⸗ dat die ſteinernen Stufen hinab, die zur freien Luft fuͤhrten, und rollte leblos zu ihren Fuͤßen mit dem Baſonett in der Bruſt, das ihm die tiefe, toͤbtliche Wunde beigebracht hatke. 8 „Auf! Ihr Schlaͤfer! Auf!“ ſchrie Griffith. „Gewehr in Arm!“ rief Manuel's Donner⸗ ſiimmc. i mne z iiun 2 Die aufgeſchreckten Marineſoldaten ſprangen bei dem Rufe ſchnell aus dem Schlafe auf, und bildeten einen unordentlichen Haufen. In dieſem ungluͤcklichen Augenblicke kam eine ganze Gewehr⸗ ſalve in das Gewoͤlbe, das von zwanzig Flinten⸗ ſchuͤſſen zugleich—wiederhallte⸗ Der Laͤrm, der Rauch, das Wimmern von mehrern Verwunde⸗ ten, nichts konnte Griffith einen Moment laͤn⸗ ger aufhalten. Er feuerte ein Piſtol durch die dicke Wolke, welche den Eingang verhuͤllte, und folgte ihrem Scheine mit entbloͤßtem Degen, in⸗ dem er ſeiner Mannſchaft zurief; 8. „ Vorwaͤrts! Kameraden! Mir nach! Es ſind nichts als Soldaten! ee Der kuͤhne Scemann ſprang, waͤhrend er ſo ſprach, die enge Stiege hinan. Als er aber den offenen Raum zu gewinnen in Begriff war, ſtrauchelte ſein Fuß auf der oberſten Stufe an dem Opfer, das ſein Schuß niedergeſtreckt hatte, II. 2 und er ſtuͤrzte der Laͤnge nach in einen Haufen bewaffneter Krieger. „Feuer, Manuel!“ rief der wuͤthende Ge⸗ fangene.„Feuer! Sie machen jetzt nur eine Maſſe!“ „Ja, gebt Feuer! Herr Manuel!“ ſagte Borrougheliffe mit groͤßter Kaltbluͤtigkeit,„und ſchießt Euren Offizier nieder!— Burſche, ſtellt ihn vor! Nehmt ihn vor die Fronte. Wer ihm am Naͤchſten ſteht, ſteht am Sicherſten!“ „Feuer!“ wiederholte Griffith auf's Neue, und machte verzweifelnde Anſtrengungen, ſich den Armen von fuͤnf oder ſechs Soldaten zu ent⸗ winden.„Feuer! An mich denkt nicht!“ „ Wenn er Feuer geben laͤßt, verdient er gehangen zu werden!“ ſagte Borrougheliffe wie⸗ der.„Leutchen Eurer Art finden ſich ja nicht ſo haͤufig, daß man ſie wie wilde Enten nieder⸗ ſchießt.— Nehmt ihn von der Thuͤre weg, Burſchen, und macht Euch ſelbſt ſchußfertig.“ Waͤhrend Griffith aus dem Keller ſtuͤrzte, war Manuel inſtinctinaͤßig beſchaͤftigt geweſen, ſeine Leute zu ordnen, und die Seeſoldaten, ge⸗ wohnt, Alles regelrecht und in Uebereinſtimmun zu thun, verloren den vortheilhaften Augenblick, wo ein Angriff moͤglich war. Borrougheliffe's — 163— en Soldaten ladeten wieder und ſtellten ſich hinter einigen Truͤmmern der Mauer auf, wo ſie mit 1t e⸗ ihrem Feuer den ganzen Eingang des Gewoͤlbes ne beſtreichen konnten, ohne ſelbſt viel fuͤrchten zu muͤſſen. Manuel recognoscirte dieſe Poſition ſelbſt ſehr kaltbluͤtig durch einige Riſſe in der Mauer, d und trug Bedenken, gegen die ſo gut aufgeſtell⸗ lt ten Gegner vorzuruͤcken. Von beiden Seiten n wechſelte man in dieſer Lage der Dinge einige Schuͤſſe ohne Nutzen, bis Borrougheliffe das . Zweckloſe ſeines Verfahrens einſah, und die Be⸗ 4 ſatzung im Keller zu kapituliren aufforderte. 3„Ergebt Euch den Truppen Sr. Majeſtaͤt, des Koͤnigs Georg des Dritten! Ich verſpreche Euch Pardon!“ rief er ihnen zu. „Wollt Ihr Euern Gefangenen herausgeben, und uns freien Abzug nach unſern Schiffen laſ⸗ ſen?“ fragte Manuel.„Die Garniſon muß mit Kriegsehren ausmarſchiren, und die Offiziere be⸗ halten ihre Seitengewehre!“ „ Kann nicht zugeſtanden werden!“ erwie⸗ derte Borrougheliffe mit großem Ernſte.„Die Ehre der Waffen Sr. Majeſtaͤt, die Wohlfarth des Staates, verbieten einen ſolchen Accord. Al⸗ lein ich verſpreche Euch Sicherheit der Perſon und gute Behandlung!“ 9 2 — 164— „Die Offtziere behalten ihre Seitengewehre; Euer Gefangener wir erausgegeben, und die ganze Mannſchaft geht nach Amexrika, mit dem Verſprechen, bis zur Auswechſelung nicht weiter zu dienen!“ „Abgeſchlagen!“ ſagte Borrougheliffe.„Das Aeußerſte, was ich bewilligen kann, iſt ein tuͤch⸗ tiger Trunk vom edlen Madera, und wenn Ihr der Mann ſeid, fuͤr den ich Euch halte; ſo wer⸗ det Ihr wiſſen, was das ſagen will.“ „In welcher Art ſollen wir uns ergeben? Als Maͤnner, die nach Kriegsmanier behandelt werden, oder als Rebellen gegen Euren Koͤnig?“ „Ihr ſeid Rebellen! das verſteht ſich!“ ver⸗ ſetzte der bedaͤchtige Borrougheliffe,„und als ſolche muͤßt Ihr Ench ergeben. Was aber von mir abhaͤngt, da koͤnnt Ihr auf jede gute Be⸗ handlung und die beſte Koſt rechnen. In allem Andern muͤßt Ihr Euch der Gnade unſers aller⸗ gnaͤdigſten Koͤnigs vertrauen.“ e 24 „Nun ſo ſoll Se. Maj. uns Dero allergnaͤ⸗ digſtes Angeſicht zeigen, und herkommen, und uns geſangen nehmen: denn ich will verdammt—“ Griffith ließ ſeinen Waffenbruder den Fluch nicht ausſprechen. Sein Blut hatte ſich merklich abgekuͤhlt. Das edlere Gefuͤhl war wieder er⸗ * * — 165— wacht. Er dachte nur an ſeine Kameraden. Sein Schickſal ſchien entſchieden. „Halt, Manuel!“ rief er.„Schwoͤrt nicht zu fruͤh. Kapitain Borrougheliffe, ich bin Eduard Griffith, Lieutnant in der Marine der Vereinig⸗ ten Staaten Nordamerika's, und gebe Euch mein Ehrenwort. Laßt mich parlamentiren.“ „Laßt ihn los!“ befahl der Englaͤnder. Griffith ging zwiſchen beiden Parteien vor, und ſprach ſo laut, daß ihn beide verſtehen konnten: „Ich thue den Vorſchlag, in's Gewoͤlbe zu gehen, und den Verluſt, die vorhandenen Streit⸗ kraͤfte des Kapitains Mannel zu unterſuchen. Sind letztere nicht groͤßer, als ich fuͤrchte; ſo werde ich bei ihm darauf antragen, ſich auf Be⸗ dingungen zu uͤbergeben, wie ſie unter geſitteten Voͤlkern gewoͤhnlich ſind.“ „Gut!“ war Borrongheliffe's Antwort. „Doch halt— iſt der Kapitain nicht ſo ein Halb und Halbding? So ein Doppelthier? Ich meine, ein Seeſoldat?“ „Allerdings; er iſt— „Derſelbe!“ ſiel ihm Jener ins Wort. „Ich glaubte ihn gleich an der Stimme wieder zu erkennen. Da wird's gut ſeyn, wenn Ihr ihn an das herrliche Leben in St. Ruth crin⸗ A — 166— nert. Sagt nur, ich kenne meinen Mann. Statt zu ſtuͤrmen, wuͤrde ich ihn blokiren, und waͤre uͤberzeugt, er ergaͤbe ſich, wenn die Flaſche leer waͤre. Der Keller, worin er ſteckt, hat nicht ſo einen Wein, wie der in der Abtei.“ Griffith laͤchelte, ſo unangenehm auch ſeine Lage, ſo verdrießlich er war. Er eilte ins Ge⸗ woͤlbe und gab ſich ſeinen Freunden zurufend zu erkennen, um ſie von ſeiner Annaͤherung zu un⸗ terrichten.— Sechs Soldaten, mit Einſchluß der Wache, lagen todt auf dem ſteinichten Boden. Vier An⸗ dere, verwundet, erſtickten ihre Seufzer, dem Befehl des Kapitains gemaͤß, damit ſie nicht den Feind von ihrer Schwaͤche unterrichteten. Der Ueberreſt des Kommando's hatte ſich hinter einer Mauer aufgeſtellt, die das Gewoͤlbe durchſchnitt, und ohne auf die entmuthigenden Gegenſtaͤnde, die vor ihm lagen, zu achten, ſtand Manuel ſo keck und muthig an ihrer Spitze, als ob von ſeinem Eifer, ſeiner Entſchloſſenheit das Schick⸗ ſal einer belagerten Feſtung abhaͤngig waͤre. „Ihr ſeht, Griffith,“ ſagte er, als der junge Seemann ſich dem duͤſtern, aber wirklich. furchtbaren Walle naͤherte,„daß mich hier nichtt, als Geſchuͤtz delogiren kann. Was den beſoffenen Englaͤnder anbetrifft; ſo ſoll er nur ſeine Leute — ———— — 14167— 8 pelotonweiſe, acht oder zehn Mann ſtark, herun⸗ terſchicken, ich will ſie auf's Bajonet ſpießen laſ⸗ ſen, hier auf den Stufen, Vier und Fuͤnf auf einmal.”“. „Aber Artillerie kann und wird angefahren kommen, wenn es noͤthig waͤre!“ fuͤhrte ihm Griffith zu Gemuͤthe,„und es iſt nicht die min⸗ deſte Ausſicht zur Rettung. Moͤglich, daß Ihr ein Paar Feinde erlegt, aber Ihr habt zuviel Gefuͤhl, um dies ohne Noth thun zu wollen.“ „Freilich!“ erwiederte Manuel mit muͤr⸗ riſchem Laͤcheln.„Aber ich ſage doch, ſo ein Sieben von ihnen nieder zu ſchießen, koͤnnte mir Freude machen. Das waͤre Einen mehr, als ſie mir von der Stange geſchoſſen haben.“ „Vergeßt Eure Bleſſirten nicht!“ fuhr Grif⸗ fith fort.„Sie muͤſſen umkommen, wenn Ihr Eure Vertheidigung nutzlos fortſetzt.“ Ein halb vernehmbares Stoͤhnen der Ver⸗ wundeten unterſtuͤtzte dieſen Grund, und Manuel gab mit einem grießgramigen Geſichte der Noth⸗ wendigkeit nach. „Nun, ſo geht!“ ſagte er.„Schlagt ihm vor, wir wollen uns als Kriegsgefangene erge⸗ ben, unter der Bedingung, daß ich mein Sei⸗ tengewehr behalte, und fuͤr die Kranken gehoͤrig geſorgt wird. Vergeßt's nicht: Kranke muͤßt 1 1 — 168—„ Ihr ſie nennen: denn es koͤnnte ſich noch ein gluͤckliches Ungefaͤhr ereignen, ehe die Kapitulation geſchloſſen wird, und ich moͤchte doch nicht, daß er unſern Verluſt jetzt kennen lernte.“ Grifſith wartete keine weitere Bedingung ab, und eilte zu Borrvugheliffe, um zu berichten. „Sein Seitengewehr?“ wiederholte dieſer, als er zu Ende war.„Was iſt denn das fuͤr ein Ding? Eine Froſchpike! Wenn ſeine Ar⸗ matur nicht beſſer iſt, als Deine, mein wuͤrdiger Gefangener, ſo wird ihm den Beſitz davon kein Menſch ſtreitig machen.“*).n. „Haͤtte ich zehn der Geringſten meiner Leute mit ſolchen Froſchpiken, und Kapitain Borrough⸗ cliffe ſtuͤnd' uns Mann fuͤr Mann gegenuͤber;“ verſetzte Griffith,„er ſollte bald Gelegenheit ha⸗ ben, unſere Waffen hoͤher anzuſchlagen.“ „ Vier ſolcher tapfern Maͤnner, wie Ihr ſeid, haͤtten mein ganzes Kommando uͤber den Haufen geworfen!“ ſagte der Englaͤnder mit un⸗ veraͤnderter Miene.„Ich zitterte fuͤr meine Leu⸗ te, als ich Euch aus dem Rauche, wie einen glaͤnzenden Kometen aus einer Wolke ſtuͤrzen ſah, und werde nie an einen Purzelbaum ohne ſtik⸗ *) Die Degen der Schiffsoffiziere find wenig laͤnger, als ein Hirſchfaͤnger. D. Ueberſ. 4— 169— ein len Dank gegen den denken, der ſie erfunden hat. on Doch unſer Handel iſt abgemacht. Laßt Eure Ka⸗ aß meraden herauskommen, und die Gewehre zuſam⸗ menſtellen.“ 17 ng GSriffith theilte den Erfolg ſeiner Unterhand⸗ n. lung dem Kapitain der Seeſoldaten mit, und er, dieſer fuͤhrte den Reſt ſeiner Mannſchaft aus der ur unterirdiſchen Feſtung in die freie Luſft. ſr⸗„ Seine Soldaten hatten waͤhrend des ganzen er Vorfalls das kalte Blut, die ruhige Faſſung und in den unerſchuͤtterlichen Muth behalren, der dies Corps, zu dem ſie gehoͤrten, noch jelzt auszeich⸗ te net. Sie folgten ſchweigend ihrem Befehlshaber, h⸗ und ſtellten die Gewehre ſo regelmaͤßig und or⸗ 4⸗ dentlich zuſammen, als waͤre der Befehl dazu nach einem Marſche gegeben worden. Als dieſer 3⸗ vorlaͤufige Schritt geſchehen war, ließ Borrough⸗ r cliffe ſeine Leute vorkommen, und unſere Aben⸗ n teurer ſahen ſich nun von Neuem in der Gewalt r des Feindes unter Umſtaͤnden, die eine ſchnelle . Befreiung faſt durchaus nicht hoffen ließen.. 4 8 1 4. 3 5 nit. 4. 7 n Ses„ A— 2 1* VIII. Wenn mir euer Vater eine Ehre erzeigen will; ja! Wo nicht; ſo mag er den naͤchſten Perry ſelbſt todt ſchlagen. Ich will Graf oder Herzog werden. Jaz das will ich! Shakeſpeare. Manuel ſah aͤrgerlich bald auf ſeine Sieger und bald auf ſeine wenige Mannſchaft; waͤhrend dieſe unter Anordnung des Sergeanten Drill, obſchon mit vieler Schonung, gefeſſelt wurde. Einmal begegnete auch ſein verdruͤßlicher Blick den blaſ⸗ ſen, verſtoͤrten Zuͤgen Griffith's, und nun ließ er ſeinem Unmuthe folgender Geſtalt freien Lauf: „Das iſt die Folge, wenn man die mi⸗ litairiſchen Regeln verſaͤumt! Haͤtte ich zu befehlen gehabt, ich, der ich, ohne mich zu ruͤhmen, weiß, was man im Felde zu thun hat; ſo waͤren Pikets ausgeſtellt werden, ſtatt daß die Leute, wie eben ſo viele Kaninchen, in ein Loch geſteckt waren, wo ſie mit Schwefel⸗ dampf herausgetrieben wurden. Wir haͤtten ein freies Feld zum Kampf gehabt, oder haͤtten uns dann hinter den Mauern verſchanzt, was ich in 1; bg — 171— zwei Stunden laͤngſtens bewirkt haͤtte, und wenn das beſte Regiment dagegen geweſen waͤre, das je Koͤnigs Georg Uniform trug.“ „Erſt die Außenwerke vertheidigt, ehe man ſich in die Citadelle wirft!“ rief Borrougheliffe beifaͤllig.„So iſt's Kriegsregel, und da zeigt ſich's, daß man's Handwerk verſteht! Aber haͤt⸗ tet Ihr Euch beſſer verſteckt gehalten; ſo koͤnn⸗ ten Eure Kaninchen in dem huͤbſchen Loche noch wuͤhlen. Ein haſenherziger Bauer ging heute Morgen vor dem Walde vorbei, als ſeine Augen von dem ſchoͤnen Anblick der Soldaten in fremder Montur begruͤßt wurden. Er riß aus, und wollte ſich in's Waſſer ſtuͤrzen, weil die Furcht manchmal auf Leute ſeiner Art ſchrecklich einwirkt. Zum Gluͤck ſiel er auf den Klippen mir in die Haͤnde, und ich erhielt ihm menſchenfreundlich das Leben, indem ich ihn noͤthigte, uns herzu⸗ fuͤhren. Es iſt manchmal gut, wenn man Et⸗ was weiß, mein wuͤrdiger Waffenbruder; manch⸗ mal iſt es noch beſſer, Nichts zu wiſſen.“ „Ihr habt geſiegt, und koͤnnt nun ſpotten!“ erwiederte Manuel, indem er ſich duͤſter auf ein Stuͤck Mauerwerk ſetzte, und ſein Auge auf die lebloſen Koͤrper heftete, die man allmaͤhlig aus dem Gewoͤlbe brachte, um ſie ihm zu Fuͤßen zu legen.„Aber dieſe Leute hier waren meine Kin⸗ — 172— der, und Ihr ſeyd nicht boͤe, wenn ich Euren Scherz nicht beantworten kann. Ihr ſeyd Sol⸗ dat, Kapitain, und wißt alſo Verdienſte zu ſchaͤzen. Aus den Haͤnden der rohen Natur em⸗ pfing ich dieſe Burſchen, die jetzt ruhig den To⸗ desſchlummer ſchlafen, und machte ſie zum Stolze unſerer Kunſt. Sie waren nicht Menſchen mehr, ſondern aßen und tranken, gingen und ſtanden, kadeten und feuerten, lachten und jammerten, ſprachen und ſchwiegen, wie ich's wollte. Was ihre Seele. anbetraf;— ſo hatten alle nur Eine, und dieſe war ich.— Heult, Kinderchen, heult jetzt in Gottes Namen! Jetzt braucht Ihr nicht laͤnger ſtill zu ſeyn!— Ich habe geſehn, wie ein einziger Flintenſchuß fuͤnfen meiner Leute in der Linie die Knoͤpfe ihrer Roͤcke wegnahm, ohne die Haut eines einzigen zu ſtreifen. Wie viel ich bei einer regnlaͤren Affaire verlor, konnte ich allemal mit Gewißheit berechnen. Aber dies verfluchte Ban⸗ ditengefecht hat mir meine beſte Mannſchaft ge⸗ raubt. Ihr habt jetzt die Erlaubniß, Kinder⸗ chen! Heult, immer heult! Das wird Eure Pein mindern!”“. Borrougheliffe ſchien einigermaßen die Ge⸗ fuͤhle ſeines Gefangenen zu theilen, und er machte einige geeignete troͤſtende Bemerkungen, waͤhrend er aber doch die Anordnungen zum Aufbruche — — 173— ſeiner Leute beachtete. Endlich kuͤndigte der Kor⸗ poral an, daß eine Art von Bahre zum Trans⸗ port der Verwundeten gefertigt ſey, und forſchte, ob es fortgehn ſolle? 2 „Wer hat die Dragoner geſehn?“ fragte der Kapitain.„Welchen Weg haben ſie einge⸗ ſchlagen? Haben ſie von dieſer feindlichen Streif⸗ parthei Kunde bekommen?“ 121 11 „Von uns nicht, Herr Kapitain!“ erwie⸗ derte der Sergeant.„Sie ſind laͤngs der Kuͤſte hingeritten, ehe wir noch von den Klippen ab⸗ marſchirten, und ihr Offizier, hieß es, wollte an ihr hinunter einige Stunden recognoſciren und Laͤrm machen.“ 1, iat „Laß ihn gehn. Dazu ſind die Maͤnner⸗ chen allein gut. Drill, es iſt jetzt bei dem Kriegshandwerke ſo ſchwer, Ehre zu gewinnen, als zu avanciren. Es iſt, als ob wir ausgear⸗ tete Kinder der Helden von Poitiers waͤren. Verſtehſt Du mich, Sergeant?“ 9 n „Das war eine Schlacht, die die Truppen Sr. ⸗Majeſtaͤt gegen die Franzoſen lieferten?“ antwortete Drill; mit dem, was eigentlich ſein Kapitain wollte, nicht im Klaren. e „Burſche, Du wirſt einfaͤltig nach dem Siege!“ rief Borrougheliffe.„Komm her! Ich will Dir meine Befehle geben. Glaubſt Du, — 174— Drill, daß bei der Affaire von heut; Morgen mehr Ehre, und vielleicht mehr Gewinn iſt, als Du und ich vertragen koͤnnen?“ „Nein, Kapitain, wir haben breite Schul⸗ kern.“ „Die durch zu große Buͤrde von der Art nicht erdruͤckt werden,“ unterbrach ihn ſein Obe⸗ rer mit wichtiger Miene.„Wenn wir die Nach⸗ richt von der Aktion zu den Ohren dieſer hungri⸗ gen Dragoner kommen laſſen, fallen ſie uͤber uns her, wie eine Kuppel ausgehungerter Jagdhunde mit offenem Rachen, und wollen mindeſtens den halben Antheil von Ehre, gewißlich aber allen Gewinn haben.“ „Aber, Herr Kapitain, es war ja nicht ein Mann von ihnen—“ „Halt's Maul, Drill! Ich habe Truppen geſehn, die tuͤchtig im Feuer waren, und durch einen falſchen Bericht um den ganzen Antheil vom Siege geprellt wurden. Du weißt doch, daß man im Pulverdampfe und Schlachtgewuͤhle nur ſehen kann, was gerade um einen vorgeht, dagegen Sache der gemeinen Klugheit iſt, nur offiziell zu berichten, was nicht leicht wider⸗ ſprochen werden kann? Ich frage Dich, haſt Du von einer Schlacht bei Blenheim gehoͤrt?“ „Daß Dich! Die iſt die Perle der britti⸗ — 15— ſchen Armee! Die und die Schlacht bei Cullo⸗ den! Es war die, wo der große Korporal John den Koͤnig von Frankreich und ſeinen Adel, ſeine Großen und das halbe franzoͤſiſche Volk ſchlug, das in Waffen aufgeſtanden war!“ „ Dies ſchmeckt ein Bischen nach einem al⸗ ten Buche aus der Wachtſtube; aber in der Hauptſache iſt es richtig! Weißt Du, wie viel Franzoſen damals im Felde ſtanden?“ „Die Regimentsliſten hab“ ich nicht ge⸗ druckt geleſen: aber nach dem Unterſchiede zwi⸗ ſchen beiden Voͤlkern ſollte ich doch denken— ſo— einige Hunderttauſend! 4123 „Nun, und der Herzog hatte dieſer großen Armee nur zehn⸗ oder zwoͤlftauſend gutgefuͤtterte Englaͤnder entgegen zu ſetzen! Du biſt ganz ver⸗ ſteinert, Sergeant?“ „Ei ja, Herr Kapitain, das ſcheint doch fuͤr einen alten Soldaten ein zu derber Schluck. Ein Schuß auf's Gerathewohl wuͤrde ſe eine Handvoll Leute wegblaſen!“ „Und doch wurde die Schlacht geüiefert und gewonnen! Aber Herzog von Marlbo⸗ rough hatte einen gewiſſen Eugen mit funfzig oder ſechzigtauſend Deutſchen im Ruͤcken. Haſt Du nichts vom Herrn Eugen gehoͤrt?“ — 176— „Nicht eine Sylbe. Ich dachte immer, daß Korporal John—“ 135 a, Ja, das war ein tuͤchtiger General, ein großer General. Da haſt Du recht, Drill. So waͤre ein gewiſſer Jemand auch, den ich nicht nennen will, wenn ihm nur Se. Majeſtaͤt einen Poſten anvertrauen wollte. Indeſſen, Ahnen ge⸗ hoͤren dazu, wenn man ein Regiment haben ſoll, und blos mit einem Regimente laͤßt ſich Etwas anfangen. Kurz, rein von der Leber weggeſpro⸗ chen: Wir muͤſſen unſere Gefangenen ſo ſtill, wie moͤglich, in die Abtei bringen, daß die Dra⸗ goner immer an der Kuͤſte forttraben, ohne uns das Brod von dem Maule wegzunehmen. Beim Kriegsminiſter muß dann Laͤrm geſchlagen werden. Dafuͤr laß Du mich nur ſorgen, Drill! Ich kenne Jemanden, der ſeine Feder ſo gut zu fuͤh⸗ ren weiß, wie den Degen. Drill iſt ein kurzer Name, und kann in einem Bericht gut mit ein⸗ geſchoben werden.“* 1 ,„Herr Kapitain? Wirklich Herr Kapitain?“ rief der entzuͤckte Korporal.„Wahrlich, ſolche Ehre iſt mehr— Aber Ihr koͤnnt“ uͤber mich gebieten in Zeitlichkeit und Ewigkeit!"„ „Das weiß ich, Drill, und um kurz zu ſeyn, ſag' ich Dir, ſchweigen mußt Du, und ſehen, daß Deine Leute ſchweigen, bis es Zeit 2 5 iſt, zu reden. Dann geb' ich Dir mein Wort darauf, es ſoll Laͤ ͤrm genug geben!“— Borrougheliffe ſchuͤttelte bedaͤchtig den Kopf. „Hoͤre, Drill,“ fuhr er ernſthaft fort,„das war ein Satansgefecht! Das hat Blut gekoſtet! Sieh' einmal die Todten und Bleſſirten! Auf jeder Flanke ein Wald. Der Mittelpunkt— von einer alten Ruine unterſtuͤtzt! Dinte! das koſtet Dinte, wenn man die Details ſchildern will!— Nun geh, Drill, und kommandire den Ab⸗ marſch!“ Der Korporal von den eigentlichen Abſich⸗ ten ſeines Befehlshabers in Kenntniß geſetzt, theilte das Noͤthige der Mannſchaft mit, und ließ Alles zum Aufbruch fertig machen, was in kurzer Zeit geſchehen konnte. Die Leichname blieben unbeerdigt liegen. In den alten Mauern ſchienen ſie gegen jede Entdeckung geſichert genug, bis die Dunkelheit ihr Vergraben erlaubte, um Borrougheliffe's Plan zu foͤrdern, die Ehre allein zu aͤrndten. Die Verwundeten wurden auf ei⸗ nige von Gewehren und Roͤcken der Gefangenen verfertigte Bahren gebracht, und Sieger und Beſiegte zogen nun in einer Kolonne aus den Ruinen in einer Art, daß die erſtern die letztern umgaben, um ſie dem neugierigen Blicke der etwa Voruͤbergehenden zu entziehen. Indeſſen — II. M — 178— davon war eben nichts zu fuͤrchten: denn der Laͤrm, der Schrecken, den das uͤbertriebene Ge⸗ ruͤcht von dem geſtern Abend Vorgefallenen, im Lande verbreitet hatte, hielt jeden ab, ſich der gewoͤhnlich ſtillen und einſamen Abtei von St. Ruth zu naͤhern. Kaum kam jedoch der Zug aus dem Walde heraus, als es im Gebuͤſch unruhig ward, und im duͤrren Laube rauſchte, und eine Stoͤrung Statt zu finden ſchien. „Waͤr' denn das eine von ihren verwuͤnſch⸗ ten Patrouillen!“ rief Borrougheliffe aͤrgerlich. „Die tritt ja auf, wie ein Regiment Kavalle⸗ rie!— Hoͤrt, Kinder, Ihr werdet ſelbſt ein⸗ ſehn, daß wir vom Schlachtfelde abzogen, ehe die Verſtaͤrkung kam, wenn es ja etwa eine iſt.“ „Wir denken gar nicht daran, Euch die alleinige Ehre des Sieges ſtreitig machen zu wollen!“ ſagte Griffith, und ſah unruhig nach der Gegend, wo das Geraͤuſch herkam, weil er vermuthete, ſtatt eines feindlichen Trupps den Lootſen kommen zu ſehn, der im Gebuͤſche ſeyn konnte. „Mach' den Weg frei! Caͤſar!“ rief eine Stimme in nicht großer Entfernung.„Brich in der rechten Flanke durch die verwuͤnſchten Dornen, Pompejus! Immer vorwaͤrts, tapfere — 1— er Burſchen; ſonſt kommen wir zu ſpaͤt, um noch ze⸗ ein Bischen Pulverdampf vom Treffen zu riechen!“ Im„Hm,“ aͤußerte der Kapitain, der ſeine e fruͤhere Kaltbluͤtigkeit wieder erhalten hatte,„das ;t. muß eine roͤmiſche Legion ſeyn, die gerade nach ſiebzehnhundert Jahren aufgeſtanden iſt. Das de war die Stimme eines Centurionen! Wir wol⸗ d len Halt machen, Drill, und einmal eine alte g Marſchordnung ſehen!“ — Waͤhrend der Kapitain ſo ſprach, machte 1 eendlich eine kraͤftige Anſtrengung die vordringende 3 Partei im Gebuͤſch, worin ſie ſich eingeſchloſſen ſah, frei. Zwei Schwarze, deren jeder unter 6 einer Laſt von Gewehren faſt erlag, eiltem dem 6 Oberſten Howard voraus, und kamen auf den offenen Raum, wo Borrougheliffe ſeine Mann⸗ 3 ſchaft hatte Halt machen laſſen. Einige Augen⸗ . blicke vergingen, ehe der Veteran ſeinen in Un⸗ ordnung gebrachten Anzug aufputzte, und den Schweiß, die Frucht der ungewohnten Anſtren⸗ gung, abtrocknete. Dann erſt ſah er, wie Bor⸗ rougheliffe's Leute ſo ſehr vermehrt worden waren. „Wir hoͤrten Euer Feuern,“ rief der alte 4 Soldat, immer noch fleißig das Taſchentuch be⸗ nutzend,„und ich entſchloß mich, Euch durch ei⸗ nen Ausfall zu unterſtuͤtzen. Wenn er recht ge⸗ leitet wird, dient er manchmal, eine Belagerung M 2 — 480— aufzuheben. Indeſſen, haͤtte ſich Montcalm frei⸗ lich ruhig in ſeinen Mauern gehalten, die Ebe⸗ nen von Abraham waͤren dann nicht mit ſeinem Blut getraͤnkt worden.“*) „Ei, ſein Entſchluß war eines braven Sol⸗ daten wuͤrdig, und allen Regeln der Kriegskunſt gemaͤß!“ ſeufzte Manuel.„Haͤtte ich ſeinem Beiſpiele nachgeahmt, der Tag haͤtte einen an⸗ dern Erfolg geſehn!“ „Was? Wen habt Ihr denn da?“ fragte der Oberſt ſtaunend.„Wer iſt denn der Mann, der ſich anmaßt, Schlachten und Belagerungen zu beurtheilen, und ſo einen Rock traͤgt?“ „Das iſt ein Dux incognitorum! mein wuͤrdiger Freund,“ erwiederte Borrougheliffe. „Das heißt in unſerer Sprache, ein Kapitain der Seeſoldaten vom Dienſte des Congreſſes!“ „Wie? Ihr ſeyd alſo wirklich auf den Feind geſtoßen, und, beim Ruhme des unſterblichen Wolf's, Ihr habt ihn gefangen genommen!“ rief der erfreute Howard.„Ich ruͤckte mit einem Theile meiner Garniſon zu Euerm Beiſtande aus: denn ich hatte geſehn, Ihr marſchirtet in *) Daß hier auf eine Begebenheit im Kriege zwiſchen Frankreich und England 1756— 1763 angeſpielt wird, iſt kaum zu verkennen. D. Ueb. — — — 181— dieſer Richtung, und hoͤrte ſelbſt ein Paar Musketenſchuͤſſe.“ 1 „Ein Paar?“ ſiel der Sieger ein.„Ich weiß nicht, was Ihr Feuern nennt, mein tapfe⸗ rer, alter Waffenfreund; denn wie Wolf und Abercrombie und Braddock kaͤmpfte, moͤgt Ihr wohl alle Wochen ein Scharmuͤtzel gehabt haben. Allein ich habe lebhaftes Feuer geſehn, und kann alſo uͤber ſolche Dinge ein Urtheil faͤllen. Im Treffen von Hudſon war ein tuͤchtiges Geknatter hintereinander, wie wenn eine Trommel geht. Nun, das iſt vorbei. Es koͤnnen aber noch manche Leute reden, die dabei waren. Jedoch, auch das hier war, im Verhaͤltniß meiner Mann⸗ ſchaft, ein verzweifeltes Ding. Ich ſpreche, im Verhaͤltniß meiner Mannſchaft. Der Wald liegt ziemlich voller Todten, und hier haben wir doch, wie Ihr ſeht, ein Paar ſchwer Verwundete mit⸗ genommen!“ „Hilf Himmel!“ rief der uͤberraſchte Vete⸗ ran aus.„So ein Treffen mußte in Musketen⸗ ſchußweite von der Abtei vorfallen, und ich wußte ſo wenig davon! Ich werde doch ſchwach, fuͤrcht' ich. Es gab eine Zeit, wo eine einzige Salve mich aus dem tieſſten Schlafe geweckt haͤtte!“ „Das Bajonnet iſt eine Waffe, die keinen — 182— Laͤrm macht!“ erwiederte der Kapitain mit be⸗ deutungsvoller Geberde.„Es iſt der Stolz der Englaͤnder, und jeder erfahrne Offizier weiß, daß ein Angriff damit mehr werth iſt, als eine ganze Pelotonſalve.“ „Was? Ihr kam't zum Handgemenge?“ rief der Oberſt auf's Neue.„Beim Himmel! Borrougheliffe, mein tapferer Streitgefaͤhrte, ich haͤtte zwanzig Tonnen Reis und zwei tuͤchtige Negern dafuͤr gegeben, wenn ich die Affaire haͤtte ſehn koͤnnen!“ 1 „Waͤre eine ſchoͤne Sache geweſen, den Strauß mit anzuſehn ohne Widerrede!“ erwie⸗ derte jener.„Allein der Sieg iſt diesmal unſer geblieben, ohne daß Achilles dazu kam. Was nicht in's Gras gebiſſen hat, hab' ich hier ge⸗ fangen; Alles, was Englands Boden betre⸗ ten hat!“— „Ei, und der Kutter Sr. Majeſtaͤt hat den Schooner aufgebracht!“ bemerkte der Oberſt. „So muͤſſe die Rebellion uͤberall vertilgt werden! Wo iſt denn Kit? Mein Vetter Chriſtoph Dillon? Ich wollte ihn gern fragen, was die Geſetze des Staates zunaͤchſt den treuen Unterthanen vor⸗ ſchreiben. Hier wird es Etwas fuͤr die Ge⸗ ſchwornen von Middleſex zu thun geben, Bor⸗ rougheliffe, wenn nicht gar fuͤr den Staatsſekre⸗ a. — 183— tair! Wo iſt nur Dillon? Mein Vetter, der gelehrte, forſchende, loyale Chriſtoph?“ „Der Kazike? non adest! So wenig, wie mancher von unſern Burſchen im Regimente, wenn es was zu thun giebt!“ ſagte der Kapi⸗ tain.„Aber der Kornet von den Dragonern raunte mir in's Ohr, daß der Hochgelahrte an Bord des Kutters gehn wollte, um ihm die An⸗ weſenheit des Feindes kund zu thun, und da blieb er wahrſcheinlich, um die Gefahr und Ehre eines Seetreffens zu theilen!“ „Ja, das ſieht ihm aͤhnlich!“ rief der Oberſt, und rieb die Haͤnde vor Freuden.„Er hat die Rechte und ſeine friedlichen Beſchaͤftigun⸗ gen vergeſſen, als der Laͤrm der Waffenruͤſtung ſein Ohr traf, und iſt, ein Mann fuͤr den Staat, in den Kampf gegangen, mit dem Feuer und der Ruͤckſichtsloſigkeit eines Juͤnglings!“ „Der Kazike iſt ein vorſichtiger Mann!“ bemerkte der Kapitain mit ſeiner gewoͤhnlichen Trockenheit.„Er wird immer daran denken, was er ſich und der Nachwelt ſchuldig iſt, waͤre er ſelbſt im Gewuͤhl des Kampfes. Ich wun⸗ dere mich aber, daß er noch nicht zuruͤck iſt: denn der Schooner hat ſchon vor einiger Zeit die Segel geſtrichen, wie meine eigenen Augen geſehn haben.“ „Mit Erlaubniß, Ihr Herren!“ ſagte Grif⸗ fith, und trat, mit unverholner Unruhe, naͤher zu ihnen.„Ich habe ohne meinen Willen Euerm Geſpraͤche zugehoͤrt, und glaube nicht, daß Ihr es fuͤr noͤthig erachtet, einem entwaff⸗ neten Gefangenen die Wahrheit im ganzen Umfange zu verſchweigen. Sagt ihr, daß der Schooner dieſen Morgen genommen worden iſt?⸗ „s iſt wahrhaftig ſo;“ war Borrough⸗ cliffe's Antwort, die er mit einer Art von Theil⸗ nahme gab, welche ſeinem Herzen Ehre machte. „Ich wollte es Euch nicht ſagen: denn ich dach⸗ te, Euer Ungluͤck laſtete ſo ſchon ſchwer genug auf Euch. Herr Griffith, das iſt der Oberſt Howard, deſſen Gaſtfreundſchaft wahrſcheinlich, bevor wir uns trennen, in einiger Art Euch ent⸗ gegenkommen wird.“. „Griffith?“ wiederholte der Oberſt raſch. „Griffith? O was muͤſſen meine alten Augen ſchauen! Der Sohn des tapfern, braven, loya⸗ len Hugo Griffith iſt gefangen! Mit den Waf⸗ fen in der Hand gegen ſeinen Koͤnig! Junger Mann, junger Mann! Was wuͤrde Dein guter Vater, was wuͤrde ſein Buſenfreund, mein ar⸗ mer Bruder Harry geſagt haben, haͤtte ſie Gott leben laſſen, daß ſie dieſe ewige Schande, dieſes —-— 185— unverloͤſchliche Brandmal ihres geachteten Na⸗ mens geſehn haͤtten!“ „Lebte mein Vater noch, er wuͤrde die Freiheit ſeines Vaterlandes vertheidigt haben!“ erwiederte der Juͤngling ſtolz.„Ich wuͤnſchte ſelbſt den Vorurtheilen des Oberſten Howard Achtung zu bezeugen, und bitte daher, keinen Gegenſtand zu beruͤhren, uͤber welchen wir wohl nicht einerlei Meinung haben moͤchten.“ „Niemals, ſo lange Du in den Reihen der Rebellen ſeyn wirſt!“ rief der Oberſt.„O Juͤng⸗ ling! Juͤngling! Wie koͤnnt ich Dich ſchaͤtzen und lieben, wenn Deine Kenntniß, Deine Er⸗ fahrung, die Du im Dienſte Deines Koͤnigs ſammelteſt, jetzt der Behauptung ſeiner unver⸗ aͤußerlichen Rechte geweiht waͤren! Deinen Va⸗ ter liebte ich, den wuͤrdigen Hugo, wie meinen eigenen Bruder, Harry!“ „Und ſo muß Euch auch ſein Sohn theuer ſeyn!“ ſagte Griffith, die ſtraͤubende Rechte des Oberſten mit ſeinen beiden Haͤnden ergreifend. „Ach, Eduard! Eduard!“ fuhr der Oberſt erweicht fort.„Wie manche meiner ſuͤßen Traͤu⸗ me ſind durch Deine Verkehrtheit vernichtet wor⸗ den! Wahrlich, ich weiß nicht, ob Dillon, ſo umſichtig und loyal er iſt, je vor meinen Au⸗ gen ſolche Gunſt gefunden haben wuͤrde, wie 1 3 — 186— Du! In Deinem Laͤcheln und Auge iſt ein Zug von Deinem Vater, das mich fuͤr alle Deine Wuͤnſche gewonnen haͤtte, und dann waͤre Cecilie, die naͤrriſche und zaͤrtliche, trotzige und ſanfte, die ſchwaͤrmende, gute Cecilie, ein Band geweſen, das uns fuͤr immer vereinte!“ Der junge Mann warf einen Blick auf den bedachtſamen Borrougheliffe. Er wuͤnſchte es gar zu gern, daß dieſer ſich an die Leute an⸗ ſchloß, welche die Verwundeten geleiteten. End⸗ lich gab er doch ſeinem Gefuͤhle nach. „Nun,“ ſprach er,„laßt doch das Mißver⸗ ſtaͤndniß unter uns aufhoͤren!— Eure liebens⸗ wuͤrdige Nichte ſoll das Band ſeyn; Ihr ſeyd mir dann, was mir Euer Freund Hugo waͤre, wenn er noch lebte, mein und Ceciliens zweiter Vater!“ „Juͤngling!“ verſetzte der Veteran, und drehte ſich um, ſeine Unruhe zu verbergen.„Du redeſt Thorheit! Mein Wort iſt jetzt meinem Vetter Dillon gegeben und Dein Plan unaus⸗ fuͤhrbar!“ „Der Jugend und dem Muthe iſt nichts unausfuͤhrbar, wenn Alter und Erfahrung eines Mannes Eurer Art ſie unterſtuͤtzen!“ bemerkte Griffith.„Bald muß dieſer Krieg zu Ende ſeyte!“⸗ — 187— „Dieſer Krieg?“ erwiederte der Oberſt, und machte ſich von Griffith's Hand los, die ſeinen Arm hielt.„Was ſprichſt Du von dieſem Krie⸗ ge? Iſt es nicht ein verfluchtes Beginnen, die Rechte unſers gnaͤdigen Koͤnigs zu leugnen, und auf den Thron von Fuͤrſten Tyrannen zu ſetzen, die in den Huͤtten heranwuchſen? Die Boͤſen auf Koſten der Guten zu erheben? Einem ſtraf⸗ baren Ehrgeiz zu huldigen, indem man die Maske der heiligen Freiheit und des Volksgeſchreis nach Gleichheit vornimmt? Als ob Freiheit ohne Ord⸗ nung, Gleichheit der Rechte, da ſeyn koͤnnte, wo die Vorrechte des Fuͤrſten nicht ſo geachtet werden, wie die des Volkes!“ „Ihr richtet ſtreng uͤber uns, Oberſt Ho⸗ ward—“ ſagte Griffith, aber der Oberſte un⸗ terbrach ihn: „Ich? richten?“ rief er und glaubte gar keinen Zug von ſeinem Freunde Hugo mehr in ihm zu finden.„Mein Amt iſt es nicht, uͤber Euch zu richten. O daß dies waͤre! Aber die Zeit wird kommen! Gewiß wird ſie kommen! Ich habe viel Geduld und kann den Ausgang der Dinge erwarten. Ja, ja! Alter kuͤhlt das Blut ab. Wir lernen die Leidenſchaft, die Un⸗ geduld der Jugend zuͤgeln. Aber wenn der Mi⸗ niſter einen Gerichtshof fuͤr die Kolonieen nieder⸗ — 488— ſetzte, und den alten Georg Howard mit ernenn⸗ te, ich will ein Hund ſeyn, waͤr' noch nach zwoͤlf Monaten ein Rebell am Leben.“—„Ja, Kapi⸗ tain,“ ſagte er, ſich an Borrougheliffe wendend, „in ſo einem Falle koͤnnte ich wie ein Roͤmer handeln, und— wahrlich, ich wage den Ge⸗ danken! meinen Vetter, Chriſtoph Dillon, haͤn⸗ gen ſehen!“ „Erlaßt dem Kaziken ſo eine unnatuͤrliche Erhoͤhung, bevor die Zeit da iſt!“ erwiederte dieſer mit einer bezeichnenden Pantomime.„Aber da,“ fuhr er fort, und zeigte nach dem Walde, „da iſt Einer, der gut an den Galgen paßt! Herr Griffith, der Mann iſt wohl ein Kamerad von Euch?“ Howard's und Griffith's Auge folgte ſeinem Fingerzeig. Der Letztere erkannte ſogleich den Lootſen, der am Saum des Gehoͤlzes mit ge⸗ kreuzten Armen ſtand, und die Lage ſeiner Freunde zu betrachten ſchien. 4 „Der Mann,“ ſagte Griffith mit Unruhe, und indem er ſelbſt Anſtand nahm, dieſe doppel⸗ ſinnige Anmerkung zu machen, welche ſich von ſelbſt anbot,„der Mann gehoͤrt nicht zu unſerer Schiffsequipage.“. 3 „ Aber doch wurde er in Eurer Geſellſchaft getroffen?“ erwiederte der unglaͤubige Borrough⸗ 8—pi A — 189— cliffe.—„Wißt Ihr, Oberſt, er war der Spre⸗ cher geſtern Abend, als ſie im Verhoͤr ſtanden, und wahrſcheinlich kommandirt er die Arrieregarde der Rebellen!“ „Da habt Ihr wahrlich Recht!“ rief der Oberſte.„Pompejus! Caͤſar! Achtung! Feuer 144 Die Schwarzen ſahen beim ploͤtzlichen Kom⸗ mando ihres Herrn, neben welchem ſie in der groͤßten Angſt ſtanden, ſtaunend auf. Sie ſchul⸗ terten erſt, drehten ſich dann um, machten die Augen zu, und ſchoſſen— ab. „Sturm gelaufen!“ donnerte der Oberſt wieder, und zog den alten Degen, welchen er umgethan hatte, indem es nun ſo raſch vorwaͤrts ging, als ein Anfall von Podagra, das vor Kur⸗ zem eingetreten war, es moͤglich machte.„Sturm gelaufen! Stoßt die Hunde mit dem Bajonett nieder! Immer drauf los, Pompejus! Vor⸗ waͤrts, Caͤſar!“. „Wenn Euer Freund den Angriff mit un⸗ geſtoͤrter Faſſung aushaͤlt;“ machte Borrougheliffe ſeinem Gefangenen bemerklich,„ſo ſind ſeine Nerven von Eiſen gemacht. So ein Sturm⸗ angriff wuͤrde die Goldmaͤnnerchen von der Garde niederwerfen, und wenn Pompejus ſelbſt in Reih und Glied ſtuͤnde!“ „Ich hoffe zu Gott,“ antwortete Griffith, ₰ 2- — 490— ner wird Einſicht genug haben, die Schwaͤche des alten Mannes zu ſchonen.— Er ſtreckt ein Piſtol aus!“ „Wird aber nicht abfeuern! Die Roͤmer ſind ſo klug, und machen Halt! Ach, weiß Gott, ſie ziehen ſich auf die Arieregarde zuruͤck! Heda! Oberſt Howard, mein wuͤrdiger Herr Wirth, ruͤckt wieder dem Hauptkorps nahe! Der Wald iſt voll von Feinden! Sie koͤnnen nicht entwi⸗ ſchen. Ich warte nur auf die Dragoner, um ihnen den Ruͤckzug abzuſchneiden!“— ſagte Bor⸗ rougheliffe.— 4 Der Veteran aber, welcher ſeinem Gegner ziemlich nahe gekommen war, und dieſen abſicht⸗ lich ſeinen Angriff erwarten ſah, machte bei ſol⸗ chem Zuruf halt, und ſah mit einem Blicke, er ſey— allein. Borrougcliffe's Worte hielt er fuͤr wahr. Langſam zog er ſich daher zuruͤck, immer das Antlitz maͤnnlich ſeinem Feinde zugerichtet, und kam endlich wieder zum Kapitain. „Rehmt Eure Leute!“ ſagte er zu ihm, „und laßt uns den Wald ſtuͤrmen. Sie werden vor den Waffen Sr. Majeſtaͤt fliehen, gleich ſchul⸗ digen Schurken, was ſie ſind. Die eger aber— die ſchwarzen Hunde, will ich 3 ihren Herrn in ſolchem Augenblick zu verlaſſen! Man ſagt, die Furcht ſey blaß; ich will ver⸗ “ „„„—,—— 8ͤe AZ — 191— dammt ſeyn, Borrougheliffe, wenn ich nicht glau⸗ be, ſie habe eine ſchwarze Haut!“ „Ich habe ſie in allen Farben, in blau, weiß, ſchwarz und gemiſcht geſehn!“ erwiederte der Kapitain.„Jetzt muß ich nur das Kom⸗ mando ſelbſt uͤbernehmen, mein trefflicher Wirth. Zunaͤchſt ziehn wir in die Abtei. Alsdann ſey es meine Sorge, den Reſt von den Rebellen ab⸗ zuſchneiden.“ Der Oberſt ergab ſich aͤrgerlich in dieſe An⸗ ordnung, und alle Drei folgten dem Alten in einem Schritte, der ſeinem Podagra Ehre an⸗ that. Der Angriff hatte ihn indeſſen wild ge⸗ macht. Es waren manche Vorſtellungen rege ge⸗ worden. Und ſo ſchien jeder wohlwollende Ge⸗ danke aus ſeiner Bruſt gewichen. Er betrat die Abtei mit dem feſten Entſchluſſe, daß Griffith und ſeine Gefaͤhrten vollkommen die Gerechtigkeit fuͤhlen ſollten, wuͤrde ſie ſie auch ſelbſt an den Fuß des Galgens bringen. Der Zug verſchwand im Parke, der die Abtei umgab. Der Lootſe ſteckte ſein Piſtol in den Guͤrtel, als er ſie nicht mehr ſah, und ging nachdenkend, finſter in das Dickicht des Waldes. IX. —— Wenn ſolche Wunder 3 So zuſammentreffen, dann mag Niemand ſagen: „Das iſt der Grund davon,'s geht ganz natuͤr⸗ lich zu!“ Es ſind, ſo meine ich, bedeutungsvolle Zeichen Fuͤr jedes Land, wo ſie ſich immer zeigen! Shakeſpeare. Wenn der Leſer die Zeit berechnet, die waͤhrend der vorigen Auftritte verging; ſo wird er wohl bemerken, daß der Ariel mit ſeiner Priſe in der von uns bezeichneten Bai nicht eher vor Anker ging, als bis bereits Griffith und ſeine Leute mehrere Stunden in der Gewalt ihrer Feinde waren. Daß der amerikaniſche Schooner angebe: 1 lich genommen war, galt bei einem Volke, ge⸗ wohnt, zur See unbeſiegbar zu ſeyn, fuͤr unbe⸗ deutend, und erregte keine Verwunderung. Es koſtete alſo Barnſtable wenig Muͤhe, die Paar Landleute zu taͤuſchen, welche aus Neugier den Schiffen, waͤhrend der Daͤmmerung, nahe ge⸗ kommen waren. Der Abendnebel ſtieg allmaͤh⸗ lig auf der Flaͤche des engen Waſſerbeckens auf. Die Kruͤmmungen der Bucht ſchwanden „ „—r-—„————H—, r⸗ — 193— in finſtern, duͤſtern Umriſſen. Der junge See⸗ mann dachte nun ernſtlich darun ſeine Schulbig⸗ keit zu thun. Die Alacrity ward mit ihren Leuten und den Verwundeten des Ariels unter der gehoͤrigen Bedeckung flott gemacht. Ganz im Stillen lich⸗ tete ſie die Anker, und ging langſam mit dem Landwinde aus der Bucht, bis ſie die offene See hatte, und nun alle Segel aufgeſetzt wurden, die Fregatte zu ſuchen. Barnſtable erwartete dieſen Augenblick mit namenloſert Unruhe: denn auf einer Felſenhoͤhe, welche das Meer in einem be⸗ deutenden Umkreiſe beſtrich, ſtand eine kleine, aber gute Batterie, um den Hafen gegen das Landen und Pluͤndern der feindlichen kleinen Kor⸗ ſaren zu ſchuͤtzen. Sie hatte Mannſchaft genug, ihre zwei Kanonen von ſchwerem Kaliber jeden Augenblick zu bedienen. Wie weit ihm ſeine Liſt: gluͤcken wuͤrde, wußte er nicht. Erſt, als er die Segel der Alacrity ſich entfalten und vom Winde ſchwellen ſah, fuͤhlte er, jest ſey er dem Ziel 8 nahe. 9— „Das muß doch wohl die engtſchen Ohren eteften ſagte Merry, der Kadet, welcher auf dem Vorderkaſtell des Ariels neben ſeinem Kom⸗ mendanten ſtand, und faſt ohne Athem zu holen dem Flattern der Segel zuhoͤrte.„Als die Sonne II. RN — 4194— unterging, ſtellten ſie eine Schildwache auf die aͤußerſte Klippe, und wenn die nicht todt oder im tiefen Schlafe iſt; ſo muß ſie Verdacht ſchoͤpfen.“ „Niemals!“ ſagte Barnſtable, und holte ſo freien Athem, daß Merry wohl ſah, alle Furcht ſey beſeitigt.„Der Burſche wird eher denken, daß ſich eine Seejungfer am kuͤhlen Abend faͤchle, als das wahre Verhaͤltniß vermuthen.— Hoͤre, Coffin, was meinſt Du? Wird die Wache die Sache riechen? „'s iſt ein dummes Volk, die Soldaten,“ erwiederte er, indem er erſt ſich umſah, um zu wiſſen, daß keiner von Manuel's Seeſoldaten in der Naͤhe ſey.„Da war z. B. unſer Sergeant. Der konnte nun etwas wiſſen: denn er hatte vier Jahre an Bord gelebt. Er behauptete aber doch gerade ins Geſicht von Jedem, der um's Cap⸗ von der guten Hoffnung ſegelte, es waͤre dort kein Schiff zu ſehen, wie der fliegende Hol⸗ lander iſt.*) Nun ſagte chme. er reſen ein 5) Der ſtegende Hollaͤnder ſſt eine Ergennug in den Ge⸗ waͤſſern des Caps der guten,Hoffnung, welche der aber⸗ glaubiſche Seeman zu einer Zeit wahrzunehmen glaubt, dbo es heftigen Bne n giebt, wo er kein Segel auf⸗ zuſtscken wagt, und dieſes Meteyr, ſeiner Phantafie e azufolge, mit vollen Segelu hinſchießen ſieht 11en mnias, 25 21„Au. 1280215 424 S. Ueb. 11 3 11 Dummkopf, und fragte auch, ob denn es nicht wahrſcheinlicher ſey, daß ſo ein Hollaͤnder lebe, als daß es Orte gaͤbe, wo die Einwohner nur zwei Wochen im Jahre haben, naͤmlich ſechs Monate Tag und ſechs Monate Nacht. Da lachte mich der Gelbſchnabel aus, und ich glaube, er haͤtte geſagt, ich loͤge, wenn nicht etwas darein gekommen waͤre.“ „Was kam denn darein?“ fragte Barn⸗ ſtable. „ Je nun!“ ſagte Tom, und ſtrekte die tnochichten Finger aus, indem er beim Schim⸗ mer die breite Hand beſchaute.„Ich bin ſonſt ein friedfertiger Mann, aber in die Hitze kann ich doch kommen.“ „Haſt Du denn den fliegenden Hollaͤnder geſehn?“ „Ich bin nicht um das Vorgebuͤrge gekbm⸗ men: aber durch den Kanal kann ich mich in der finſterſten Nacht ſinden, die je vom Himmel herabkam, und habe mit manchem Seemanne geſprochen, der ihn geſehn und angerufen hat.“ „Nun immer hin! Dieſe Nacht mußt Du ſelbſt dnn fliegender Yankee werden, Coffin. Mach Dein Boot fertig, und laß alle Leute Waffen ehmen.“ Der Bootsfuͤhrer ſtand einen n Augenslic an, 2 — 196— ehe er daran ging, dem unerwarteten Befehle nachzukommen. Er zeigte nach der Batterie, und fragte mit unglaublichem Phlegma: „Nach der Kuͤſte? Sollen wir Saͤbel und Piſtolen mitnehmen, oder brauchen wir Piken?* „Es koͤnnten Euch Soldaten mitn Bajonet⸗ ten in den Weg kommen!“ erwiederte Barnſtable nachdenkend.„Alſo Waffen, wie gewoͤhnlich ge⸗ geben! Aber lege ein Paar lange Piken mit in's Boot, und wirf Deine Tonne mit der Harpu⸗ nenleine aus: denn ich ſehe ſchon, Du haſt Dich wieder ganz neu damit eingerichtet.“ 2 Der Beiſchiffsfuͤhrer wollte ſchon das Vor⸗ derkaſtell verlaſſen, aber bei der neuen Weiſung kehrte er wieder um, und wagte deshalb eine Vorſtellung zu thun. „ Hoͤrt einmal einen alten Wallfiſchjaͤger,“ san. er,„„der zeitlebens an ſein Schiff gewoͤhnt iſt. Ein Wallfiſchboot muß mit Tonne und Tau gehn, wie ein Schiff mit Ballaſt, und— „Heraus damit! Alter Wallfiſchjaͤger!“ rief aber der ungeduldige Barnſtable in einer Art, die ſeinem Bootsfuͤhrer ſchon fuͤr unwiderruflich galt. Er holte alſo einen tiefen Seufzer die Vorurtheile ſeines Befehlshabers, wie nannte, und ging dann ohne weitern Au⸗ an die Vollziehung des Befehls. 2 — 197— Barnſtable legte vertraulich die Hand auf Merry's Schulter, und fuͤhrte ihn auf's Hinter⸗ deck des kleinen Schiffs, ohne ein Wort zu ſagen. Der Vorhang, der den Eintritt in die Kajuͤte verbarg, war zum Theil zuruͤckgeſchlagen. Eine Lampe brannte im kleinen Gemach. Vom Deck herab konnte man wohl ſehen, was darin vor⸗ ging. Dillon ſtuͤtzte das Haupt mit beiden Haͤn⸗ den, daß man ſein Antlitz nicht wahrnahm; ſaß aber in tiefem Nachdenken, ganz in ſich ver⸗ loren da. „Ich wollte, ich koͤnnte meinen Gefangenen von Angeſicht ſehen!“ raunte Barnſtable dem Kadet kaum vernehmlich ins Ohr.„Das Ange des Men⸗ ſchen iſt eine Art Leuchtthurm, der uns ſagt, wie man in den Hafen ſeines Vertrauens ſegeln kann.“ „Und manchmal ein Leuchtthurm, der uns warnt, hier keinen ſichern Ankerplatz zu ſuchen!“ erwiederte der Kadet raſch. „Spitzbube!“ brummte Barnſtable.„Da ſpricht Deine Baſe Kaͤthchen aus Dir!“ „Wenn meine Baſe Plowden hier waͤre; ſo wette ich darauf, ihre Anſicht von dem Ehren⸗ manne waͤre um kein Haar beſſer!“ „Und doch bin ich entſchloſſen, ihm zu trauen. Hoͤre, Burſche, ſag' einmal, ob ich Unrecht habe? Du haſt einen ſchnellen Blick, wie noch Jemand in — 198— Deiner Familie. Manchmal kannſt Du einen Einfall mittheilen, der etwas werth iſt.“ Der Kadet fuͤhlte ſich vom Vertrauen ſeines Kommendanten geſchmeichelt, und folgte dieſem zur Gallerie, uͤber die ſich Barnſtable hinlehnte, als er ihm ſeinen Plan eroͤffnete. „Ich habe von den langen Narren, die heut Abend kamen, um die Augen uͤber das Schiff aufzuſperren, welches die Rebellen bauen konn⸗ ten, erfahren, daß heute fruͤh in den alten Rui— nen bei der Abtei St. Ruth eine Menge See⸗ ſoldaten und Matroſen aufgehoben worden iſt.⸗⸗ „Das iſt Griffith!“ rief der Kadet aus. „Ei, um das heraus zu bekommen, bedarf es nicht erſt der Weisheit Deiner Baſe Kaͤthchen. Nun, jetzt hab' ich dem Ehrenmann mit dem Savannahgeſichte den Vorſchlag gethan, er ſoll nach der Abtei gehn, und eine Auswechſelung anbieten. Ihn will ich fuͤr Griffith, und die Mannſchaft vom Kutter fuͤr Manuel's Leute und die Tiger geben!“ 2„Die Tiger?“ jammerte Merry.„Meine Tiger haben ſie auch? Ach, wollte Gott! Herr Griffith haͤtte mich mit an's Land gehen laſſen.“ „Nun, fuͤr ein ſolches Buͤrſchchen war das keine Sache, und an uͤberfluͤſſigen Leuten fehlte es in der Schaluppe nicht, wohl aber an Platze!— — 199— Kurz, der Herr Dillon hat meinen Vorſchlag an⸗ genommen, und mir ſein Wort gegeben. Griffith iſt in einer Stunde bei uns, ſobald er ſelbſt in der Abtei iſt. Wird Jener denn ſein Wort halten?“ „Ich daͤchte doch!“ antwortete Merry, als er einen Augenblick nachgeſonnen hatte,„denn ich meine, er wird Griffith nicht gern mit Miß Howard unter Einem Dache ſehn, ſo weit dies von ihm abhaͤngt. Diesmal alſo mag er wohl wahr reden, ob er ſchon uͤbrigens einen falſchen Blick hat.“ „Seine Leuchtthuͤrme ſehn verdaͤchtig aus; das geſteh' ich gern;“ bemerkte Barnſtable.„In⸗ deſſen iſt er doch Mann vom Stande, und ver⸗ pfaͤndet ſein Wort. Ihm in ſo etwas nicht zu trauen, waͤre unedel, und ich will es darauf an⸗ kommen laſſen. Jetzt hoͤr' weiter! Die Abwe⸗ ſenheit aͤlterer Offiziere legt auf Deine jungen Schultern große Verantwortlichkeit. Gieb mir auf die Batterie hier Acht, als ſaͤßeſt Du auf dem Maſtkorbe Deiner Fregatte, um den Feind zu beobachten. So wie Du ſiehſt, daß ſich ei⸗ nige Unruhe oben zeigt— gleich die Anker ge⸗ kappt, und hinaus ins offene Fahrwaſſer! Mich findeſt Du laͤngs den Klippen, und ſegelſt alſo nur hin und her, immer die Abtei im Geſicht, bis wir wieder zuſammentreffon.“ Merry horchte dieſen und mehrern andern wichtigen Vorſchriften, die ſein Kommendant gab, aufmerkſam zu. Der Letztere mußte ſeinen geliebten Schooner der Wachſamkeit eines Kna⸗ ben anvertrauen, deſſen Jahre durchaus nicht die Umſicht und Kenntniſſe verſprachen, welche er wirklich leiſtete. Der eine Offizier vom Ariel war naͤmlich mit der Priſe fort, und der andere lag verwundet darnieder.. Als Barnſtable ſeine Weiſungen beendigt hatte, ging er wieder nach der offenen Kajuͤten⸗ thuͤre, und pruͤfte nochmals mit ſcharfen Augen, ehe er ſprach, einen Augenblick die Zuͤge ſeines Ge⸗ fangenen. Dillon hatte die Haͤnde weggenommen, die ſein gelbes Geſicht bedeckten, und, als wuͤßte er, daß man ſeine Phyſiognomie muſtern wollte, den ganzen Ausdruck ſeines verſcheuchenden Aeu⸗ ßern zu voͤlliger Ergebung in ſein Schickſal zu ſtempeln geſucht. So las wenigſtens ſein Sie⸗ ger, und dieſe Vorſtellung regte in der Bruſt des Edlen einige zaͤrtere Gefuͤhle auf. Jeder Verdacht in das Ehrenwort des Gefangenen ſchien ihm fuͤr den Angenblick unwerth. Er rief ihm freundlich zu, in's Boot zu ſteigen. Ein ganz eigner Ausdruck uͤberſlog dabei Dillon's Zuͤge, ſo, daß der Seemann wieder ſtutzig wurde. Allein er ing bald voruͤber, und ließ ſich auch ſo leicht — 201— als Freude uͤber die verſprochene Freiheit doll⸗ metſchen, daß der eben entſtandene Zweifel ſo ſchnell verſchwand, als die zweideutige Miene ſelbſt. Barnſtable war eben im Begriff, ſeinem Gefangenen in's Boot zu folgen, als er ſich ſanft beim Arme gehalten fuͤhlte. „Was willſt Du denn?“ fragte er den Ka⸗ det, von dem dies Zeichen herkam. „Traut dem Dillon nicht zu viel!“ be⸗ merkte dieſer aͤngſtlich.„Wenn Ihr ſein Ge⸗ ſicht geſehn haͤttet, als er die Kajuͤtentreppe her⸗ auf kam, und das Licht aus der Laterne auf ihn fiel, Ihr wuͤrdet erſtaunt ſeyn.“ „Nun, eine Schoͤnheit wuͤrde ich nicht ge⸗ ſehn haben“ erwiederte der edle Lieutnant la⸗ chend.„Laß gut ſeyn. Wir haben den langen Tom hier. Der iſt ſo derb gezeichnet, wie nur irgend ein Juͤngling von funfzig Jahren, den Salzwaſſer gewaſchen hat, und doch hat er ein Herz— ein Herz, ſo groß, wie der Kraaken. Nun wuͤnſche ich Dir eine gute Nacht, Merry. 3 Vergiß nicht! Immer die Batterie im Auge! 1„ Noch ſo ſprechend, ging er uͤber das Ver⸗ deck ſeines kleinen Schiffs.— Als er neben ſei⸗ nem Gefangenen Platz genommen hatte, nei er noch dem Kadet zu: „Laß alle Raabaͤnder aufknuͤpfen, und dlks — 202— zurecht machen, um gleich auszulegen. Vergiß es nicht! Du haſt nicht viel Haͤnde! Gott befohlen! Ja, und hoͤr', wenn einer an Bord in der Zeit, bis ich wieder komme, ein Auge zuthut; ſo will ich ſie ihm dann weiter machen, als wenn Tom Coffin's Freund, der fliegende Hollaͤnder, uber ihn gekommen waͤre. Leb wohl, recht wohl, mein guter Merry! Wenn der Landwind ſo fortgeht; ſo ſetze ein Sturmſegel auf!— Abgeſtoßen!“ Bei dieſer letzten Weiſung ſank er auf ſei⸗ nen Sitz, und zog den Mantel feſter zuſammen, ohne ein Wort zu ſprechen, bis die zwei kleinen Landſpitzen umfahren waren, welche den Eingang der Bai bildeten. Jetzt waren ſie in offener See, und hielten nur nach der Kuͤſte zu. Der Bootsfuͤhrer glaubte, unter dem Dunkel der Klippen ſey es nicht laͤnger vonnoͤthen, zu ſchwei⸗ gen, und bemerkte daher: Khkeres „Ein Sturmſegel iſt ein ſchoͤnes Ding, ein Schiff bei gutem Winde und tiefem Fahrwaſſer fortzubringen. Aber wenn funfzig Jahre einem Menſchen ſagen koͤnnen, wie's Wetter wird; ſo iſt meine Meinung, daß, falls der Ariel morgen fruͤh um acht Uhr den Anker lichtet, er das Hauptſegel braucht, um nicht den Curs zu ver⸗ lieren.“ 3 — 203— Der Lieutnant ward durch dieſe unvermu⸗ thete Bemerkung aus ſeinem Nachſinnen geweckt. Er warf den Mantel ab, und ſchaute uͤber das Meer hin, als ſuche er die boͤſen Wetterzeichen, welche die Phantaſie ſeines Bootsfuͤhrers beun⸗ ruhigten. „Biſt Du denn in Deinen alten Tagen eine Wetterkraͤhe geworden, Tom?“ fragte er aͤrger⸗ lich.„Was ſiehſt Du denn, um ſo eine alte Weiberlitannei anzuſtimmen?“ „Das iſt keine Weiberlitannei!“ verſetzte Tom mit großem Ernſte.„Es iſt die Warnung eines alten Mannes, der ſeine Tage verlebt hat, wo kein Huͤgel die gegen ihn ſtuͤrmenden Winde ab⸗ hielt; es muͤßten denn Huͤgel von Schaum und Salzwaſſer geweſen ſeyn. Ich denke, wir wer⸗ den einen Sturm aus Nordoſten haben, ehe noch die Morgenwache abgerufen wird.“ 3 Barnſtable kannte die Erfahrung ſeines al⸗ ten Bootsmannes zu gut, um nicht bei ſo einer Anſicht, in ſo bedenklicher Art geaͤußert, unruhig zu werden. Er muſterte indeſſen noch einmal den Horizont, den Himmel, das Meer, und dann ſagte er ſtreng: 3 „Dieſes Mal iſt Deine Prophezeihung nichts, Tom! Alles iſt ja ruhig, wie im Schlafe. Die See geht noch etwas hohl. Das iſt aber — 204— die Folge vom letzten Sturme. Der Nebel uͤber dem Waſſer iſt Nachtnebel. Du kannſt es mit eigenen Augen ſehn, wie er ſeewaͤrts treibt. Selbſt das Bischen Sturm von der Kuͤſte her, iſt nichts als Landwind, der mit dem Seewinde zuſammenkommt: Er geht ſtark mit Thau und Rebel, iſt aber ſo traͤge, wie ein hollaͤndiſcher Oſtindienfahrer. 4 „Ja, ja, der Landwind iſt feucht und nicht Kark. Er kommt blos von der Kuͤſte und geht nicht weit in's Waſſer. Es iſt nicht leicht, das Wetter recht kennen zu lernen, und keiner be⸗ kommt es weg, als der, welcher weiter nichts thut und treibt, als dies. Es giebt nur Einen, der die Winde des Himmels ſchaut, und ſagen kann, wo ein Orkan anfaͤngt, und wo er endi⸗ gen wird. Indeſſen, der Menſch iſt ja nicht einem Wallfiſche oder Meerſchweine gleich, welche die Luft mit der Naſe auffangen, und nie wiſ⸗ ſen, ob ſie Suͤdoſt oder Nordweſt fuͤhlen. Gukt einmal da unten auf dem Waſſer, und ſeht den Streifen von hellen Wolken hinter dem Nebel. Das Wort eines alten Seemannes darauf: wo ſo ein lichter Schein am Himmel ſteht, Kapi⸗ tain; da geſchieht's nicht umſonſt! Außerdem la⸗ gerte ſich die Sonne beim Untergehn auf einer großen ſchwarzen Wolkenſchicht, und das Bis⸗ e dG& a ͤ —— —+ a 2 — 2⁰5— chen Mondſchein, das wir haben, zereandeit ei⸗ nen Sturm ohne Regen.“ Barnſtable horchte aufmerkſam, und mit ſteigender Theilnahme: denn er wußte, ſein Beiſchiffsfuͤhrer habe einen ſichern und ſchnellen Kennerblick vom Wetter, trotz der mancherlei aber⸗ glaͤubiſchen Anzeichen und Bedenklichkeiten, mit denen ſeine Kenntniß gemiſcht war. Er zog ſich indeſſen wieder auf ſriten Sitz zunn. und murmelte. „Nun, ſo laß es blaſen. Griffth iſt wohl ein groͤßeres Wagſtuͤck werth. Koͤnnen wir die Batterie hinter's Licht fuͤhren; ſo iſt er geborgen.“ Mehr wurde daruͤber nicht geſprochen. Dil⸗ lon hatte ſich nicht eine Bemerkung zu machen erlaubt, ſeitdem er im Boote war, und Tom Coffin hatte Verſtand genug, um zu begreifen, ſein Offizier wolle ihn den eigenen Gedanken uͤberlaſſen. Die kraͤftigen Seeleute hatten nun ſchon eine Stunde gearbeitet, und laͤngs der Kuͤſte ging die Barke mit unermuͤdeter Geſchwindigkeit vorwaͤrts. Gelegentlich warf Barnſtable einen pruͤfenden Blick auf die kleinen Buchten, die ſie vorbei fuhren, und beachtete mit Seemanns Auge die kleinen Landungsplaͤtze, die hier und da auf den ſteilen Kuͤſten zuruͤcktraten. Eine Bucht, tiefer als gewoͤhnlich hineingehend, in — 296— der man das Rauſchen eines ſich hinein ergie⸗ ßenden Baches hoͤrte, machte er durch eine Be⸗ wegung mit dem Finger ſeinem Bootsfuͤhrer be⸗ ſonders bemerklich. Tom verſtand den Wink, der ihm allein gegeben ward, und ſtellte ſeine Be⸗ obachtungen, ebenfalls ohne ein Wort zu ſagen, aber mit der Genauigkeit eines Seemannes an, der ſeinen Weg zu Lande und zu Waſſer durch Geſtalt und Lage der Gegenſtaͤnde zu ſinden weiß. Bald nach der wortloſen Unterhaltung zwiſchen dem Lieutnant und ſeinem Bootsfuͤhrer ward die Barke ſchnell gewendet, und wollte eben auf eine Landſpitze laufen, als Barnſtable aufſprang. „Halt!“ rief er.„Halt an! Ich hoͤre Ru⸗ derſchlaͤge.“ 116 te) Die Matroſen brachten die Barke ſogleich in Ruhe, und Alles horchte ſtill dem Geraͤuſch, das ihren Kommendanten aufgeſcheucht hatte. „Da gukt einmal!“ ſagte der Bootsfuͤhrer, und zeigte nach Morgen.„Es kommt gerade in dem hellen Streifen dort ſeewaͤrts; da faͤhrt es in zwei Wogen hin! Jetzt iſt es heraus!“ „Wahrhaftig! Das iſt ein bemannter Kuͤ⸗ ſtenfahrer!“ rief Barnſtable.„ Ich hoͤrte es gleich an den Ruderſchlaͤgen; horch einmal auf den Schlag! So einen Ruderſchlag hat weder ein Fiſcher noch ein Schmuggler!"4 —— dA 2 — —— ——— Tom legte ſeinen Kopf faſt auf's Waſſer, um zu lauſchen. Dann ſprang er auf. „Das iſt der Tiger!“ rief er mit Sicher⸗ heit.„Ich kenne ſeine Leute, wie meine eige⸗ nen. Herr Merry hat ſie einen neuen Schlag gelehrt, und da thun ſie ſich etwas zu Gute darauf. Auf den Schlag kann ich einen Eid ablegen!“ „Gieb einmal das Sehrohr her!“ ſagte der ungeduldige Befehlshaber.„Ich kann ſie wahr⸗ nehmen, wenn ſie in den hellen Streifen kom⸗ men.— Du haſt recht. Aber es ſitzt nur ein Mann hinten. Bei meinen guten Augen! Ich glaube, das iſt der verfluchte Lootſe! Er iſt vom Lande entwiſcht, ohne zu fragen, ob Manuel und Griffith in engliſchen Gefaͤngniſſen ſterben! Macht fort! Legt an!“— 3 Der Befehl war nicht ſo bald gegehen, als er auch, ſchon vollzogen wurde. In weniger, als zwei Minuten ſtand der ungeduldige Barn⸗ ſtable, Dillon und der Veiſsziſührer auf dem Sande. Dot Gedanke, der ſ ch Farner bemaͤchtigt hatte, ſeine Freunde ſeien vom Lootſen ihrem Schickſale uͤberlaſſen worden, trieb den edlen jungen Mannum ſo mehr, die Sendung ſeings Gefangenen zu beſchleunigen, Er fuͤrchtete, je⸗ der Augenblick koͤnnte ein neues Hinderniß her⸗ beifuͤhren, und ſeinen Plan durchkreuzen. „Herr Dillon,“ ſagte er im naͤchſten Au⸗ genblick nach dem Ausſteigen, hich fordere nicht noch einmal ein Verſprechen. Ihr habt das Eh⸗ renwort bereits gegeben— 4u „Wenn es ein Eid noch bekraͤftigen kann;“ ſiel Dillon ein,„ſo will ich dieſen ablegen!“ „Nichts von Eiden! Das Ehrenwort ei⸗ nes braven Mannes war jederzeit genug! Ich werde meinen Beiſchiffsfuͤhrer mit in die Abtei ſenden, und Ihr kehrt entweder mit ihm bin⸗ nen zwei Stunden in Perſon zuruͤck, oder gebt ihm Griffith und Manuel als Begleiter. Und ſo macht fort. Ihr ſeyd unter der Bedingung frei. Hier iſt ein Pfad, auf dem ſich der Fel⸗ ſen leicht erſteigen laͤßt.“ 1— 3 Dillon dankte nochmals ſeinem edlen Sie⸗ ger, und eilte dann die rauhen Klippen zu er⸗ klimmen. 4834 gun 1 zudts „Geh' mit und gehorche dem, was ich ge⸗ ſagt habe!“ ſagte Barnſtable zu ſeinem Bei⸗ ſchiffsfuͤhrer laut. Tom, ſo lange an ſtrengen Gehorſam ge⸗ woͤhnt, nahm ſeine Harpune, und folgte ge⸗ laſſen dem neuen Fuͤhrer, als ihn der Lieut⸗ nant nochmals bei der Schulter anhm. — 209— „Du ſaheſt doch die Bucht, wo der Bach hineinfiel?“ fragte ihn Barnſtable, leiſe ins Ohr redend. Tom nickte. „Da wirſt Du uns finden, außerhalb der Brandung. Man muß einem Peinde nicht zu viel trauen.“ Der Bootsfuͤhrer machte mit ſeiner Waffe eine bedeutungsvolle Bewegung. Sie zeigte an, welcher Gefahr der Gefangene ausgeſetzt ſey, wenn er treulos handeln ſollte. Jetzt ſtuͤtzte er den Schaft auf die Felſen, und ſchwang ſich ſo ſchnell auf die Flaͤche derſelben hinauf, daß er im naͤchſten Augenblicke ſeinem Gefaͤhrten zur Seite ſtand..eer II. O Ei, laßt mich mit ihm zuſammen ſitzen. Er ſcheint ein guter Soldat zu werden. Shakeſpeare. Barnſtable wartete auf der Sandbank ſo lange, bis Dillon's und Coffin's Tritte nicht mehr ge⸗ hoͤrt wurden, und dann befahl er ſeinen Leuten, wieder abzuſtoßen. Sie ruderten langſam der bezeichneten Bucht zu, wo Tom's Ruͤckkehr er⸗ wartet werden ſollte, und waͤhrend deſſen ſtiegen dem Lieutnant uͤber die Rechtlichkeit ſeines Ge⸗ fangenen die erſten Zweifel auf. Jetzt war Dillon nicht mehr in ſeiner Ge⸗ walt. Die Einbildungskraft fuͤhrte ihm aus dem Benehmen deſſelben in den lebhafteſten Farben mehrere kleine Umſtaͤnde vor. Wohl ließen dieſe in ſein Wort Zweifel ſetzen. Man langte in⸗ deſſen auf dem verabredeten Punkte an, und warf einen leichten Anker aus. Die Stimmung Barnſtable's war, in Folge dieſer Gedanken, aͤu⸗ ßerſt muͤrriſch. Wir wollen ihn uͤber ſeinen un⸗ angenehmen Gegenſtand weiter nachdenken laſſen, 8 Er 2 -— 211— und jetzt Herrn Dillon, ſo wie ſeinem furchtloſen, nichts Boͤſes ahnenden Gefaͤhrten auf ihrem Wege nach St. Ruth folgen. Die Duͤnſte, auf welche Tom aufmerkſam gemacht hatte, als er mit ſeinem Befehlshaber das Wetter beſprach, ſchienen ſich tiefer auf die Erde herabgeſenkt zu haben, und erſchienen nun mehr, als dichter Nebel, der in dicken Maſſen nur von wenig Wind getrieben, uͤber ihren Haͤuptern hing. Die dadurch entſtandene Dun⸗ kelheit mehrte die naͤchtliche Finſterniß, und fuͤr einen, der mit der Umgegend weniger bekannt geweſen waͤre, haͤtte es eine ſchwierige Aufgabe werden ſollen, den Weg nach der Behauſung des Oberſten Howard zu finden. Nach einigem Suchen ward dies aber gluͤcklich bewerkſtelligt, und mit raſchen Schritten eilte der Juriſt nach der Abtei. „Ei, ei!“ ſagte Tom, der ihm nachging, und ohne ſonderliche Anſtrengung gleichen Schritt hielt;„Ihr Kuͤſtenmenſchen habt es doch recht weg, Euern Curs zu halten, wenn Ihr einmal nach der Rhede geſteuert ſeyd. Ich wurde ein⸗ mal von einem Schiffe, zu dem ich gehoͤrt hatte, in Boſton ausgeſetzt, und ſollte mich nach Plymouth*) *) Ein Hafen in Maſaachuſetts. D. Ueberſ. 1 9 2 — 2412— finden. Das iſt eine Sache von funfzehn See⸗ meilen, oder ſo ungefaͤhr. Nun ich fand in der Bai nichts, um hin zu fahren, und weil ich ſchon eine Woche ſtill gelegen hatte, beſchloß ich endlich, mich zu Lande einzuſchiffen. Ich brauchte wohl ziemlich wieder eine Woche, um ein Boot zu ſuchen, wo ich die Ueberfahrt abverdienen konnte: denn Geld war bei dem alten Tom Coffin da⸗ mals rar, wie jetzt, und wird es auch wohl bleiben, bis die Fiſcherei mehr abwirſt. Aber es ſcheint, als haͤtte blos Euer Pferdefleiſch und Euer Hornvieh und Eure Eſelei das Recht, die Kuͤſtenboote uͤber's Land zu ſchaffen. Kurz, ich mußte eine Wochenloͤhnung fuͤr einen Platz hin⸗ geben, und von der Zeit an, wo wir in Boſton lichteten, bis als wir in Plymouth einliefen, mit Brod und Kaͤſe verlieb nehmen.“ „Das war freilich eine unbillige Forde⸗ rung bei einem Manne in Eurer Lage!“ be⸗ merkte Dillon in einem freundlichen, einſchmei⸗ chelnden Tone, der wohl zeigte, daß er recht gern bereit ſey, ſich weiter zu unterhalten. „Na ich war da ſo wie Paſſagier in der Kajuͤte!“ fuhr Tom fort;„denn außer dem lie⸗ ben Vieh, das ich erwaͤhnte, gab's keinen Men⸗ ſchen, als den Steuermann. Der hielt aber auch guten Curs, und ſteuerte immer gerade darauf los; und um das Logbuch zu fuͤhren, waren immer Steine hingeſetzt, die jede halbe Meile angaben. Uebrigens waren aber auch viele andere Marken da, daß ein Mann mit halbem Auge das Boot ſteuern und nicht gerade auf den Strand laufen konnte. 448 „Ihr muͤßt Euch da, wie in einer neuen Welt gefuͤhlt haben!“ ſagte Dillon. 4 „Ja, es war ungefaͤhr ſo, als ſegelte ich in einem unbekannten Meere, ob ich ſchon ei⸗ gentlich dort zu Hauſe war: denn ich bin an der Kuͤſte da geboren. Ich habe die Kuͤſten⸗ menſchen oft ſagen hoͤren:'s ſey ſo viel Erde, als Waſſer in der Welt. Das iſt aber, halt' ich dafuͤr, eine blanke Luͤge: denn ich bin mit vollen Segeln Monate lang gefahren, ohne ſo viel Land zu treffen, daß eine Moͤwe haͤtte ihre Eier darauf legen koͤnnen. Aber das muß ich ſagen, ſo zwiſchen Boſton und Plymouth, hatten wir doch ſo ein Paar Schiffswachen lang keinen Tropfen Waſſer.“ 4 „‚Dillon unterhielt das Geſpraͤch ſorgſam, bis ſie an die Mauer kamen, welche den großen Park der Abtei einſchloß. Der Bootsfuͤhrer hatte ihm indeſſen demonſtrirt, wie das Verhaͤlt⸗ niß des atlantiſchen Ozeans zum feſten Lande Amerika's ſey. — 2414— Dillon wollte nicht durch den Haupteingang gehen, deſſen große Pforten gleich da lagen. Lieber folgte er den Kruͤmmungen der Mauer nach einem Pfoͤrtchen, das, wie er wußte, Abends ſelten eher geſchloſſen wurde, bevor nicht die allgemeine Ruhezeit kam. Es fuͤhrte der Weg hinter das Hauptgebaͤude zu den Seitenfluͤgeln, und der Bootsfuͤhrer folgte immer mit vertrauungs⸗ voller Sicherheit, daß ſein Gefaͤhrte den Weg kenne, es redlich meine. Die ungezwungene Unterhaltung, welche von der Kuͤſte bisher Statt gefunden hatte, war ohnedies ſeiner Dreuſtigkeit zu Huͤlfe gekommen. Als der Andere in einer Stube Halt machte, welche zu einer Kaſerne fuͤr Borrougheliffe's Soldaten eingerichtet war, fand er darin gar nichts Beſonderes. Dillon und der Sergeant ſprachen Mehreres mit ein⸗ ander: doch dauerte es nur kurze Zeit, und dann bekam der Bootsfuͤhrer von Dillon einen Wink, wieder mit ihm zu gehen. Endlich kamen ſie durch die Thuͤre, welche ſich den Maͤdchen ge⸗ oͤffnet hatte, als ſie die Gefangenen aufſuchten, in die Abtei ſelbſt. Es ging durch verſchiedene enge Gaͤnge derſelben, und Tom ward in ſeiner Meinung, daß die Schifffahrt zu Lande ſo leicht ſey, bereits ein Wenig irre. Bald gelangte er mit Dillon in eine lange, finſtere Gallerie, die ſie daß ſie in jedem Augenblicke leichter wurde. — 215— an eine halbgedffnete Thuͤr brachte, welche in ein ſchoͤn erleuchtetes, bequemes Zimmer zu blicken erlaubte. Fne Raſch ſchritt Dillon darauf zu, und der Bootsfuͤhrer hatte nun die ganze Anſicht von dem, was wir ſchilderten, als wir den Oberſten Howard dem Leſer unter gleichen Umſtaͤnden vor⸗ fuͤhrten. Das Kohlenfeuer brannte hell, die gro⸗ ßen Kerzen leuchteten, die Mahagony⸗Moͤbeln glaͤnzten, und der Maderg funkelte, wie in je⸗ ner Scene: nur war die Zahl der Theilnehmer am Mahle verſchieden. Der Hausherr und Borrougheliffe ſaßen einander gegenuͤber, und ſprachen uͤber die Vorfaͤlle des Tages, indem ſie ſich die glaͤnzende Flaſche, welche das von beiden ſo geſchaͤtzte Naß enthielt, hin und her zuſchoben, 14 ¹ „Wenn nur Dillon zuruͤckkommen wollte!“ rief der Oberſt, der mit dem Ruͤcken nach der Thuͤre ſaß;„ſeine Stirn, wie es der Fall ſeyn wird, oder ſeyn ſollte, mit Lorbeer geſchmuͤckt! Ich waͤre der gluͤckichſte alte Narr in dem Staate Sr. Majeſtaͤt!“ Der Kapitain, der wohl eingeſehen hatte, ein unnatuͤrliches Geluͤbde, das er fruͤh ſeinem Durſte auflegte, ſey durch die Gefangennehmung aller Feinde geloͤſt, zeigte mit der einen Hand — 216— nach der Thuͤre, indem die andere nach der Fla⸗ ſche mit dem edlen⸗ Trank„von der Suͤdſeite/ griff.. 224 6,Da!u“ rief er,„da iſt der Kazike, und ſeine Stirn, die das Diadein erwartet! Und wen hat er in ſeinem Gefolge? Weiß Gokt, wenn Ihr eine ſolche Grenadierkompägnie zuſam⸗ menbringt, beneidet Euch der alte Friedrich von Preußen darttn. Ein aͤchter Sechsfuͤßler in Struͤmpfen, wie ſie die Natur gegeben hat, und die Arme ſo einzig, wie die Waffe, die ſie fuͤhren!“ 6— Der Oberſt hoͤrte kaum die Haͤlfte von dem Allen, ſondern drehte ſich gleich um, und ſah den ſo ſehnlich Erwuͤnſchten, der nun mit einer Freude empfangen wurde, die um ſo groͤßer war, je unverhoffter er erſchien. Mehrere Minuten mußte Dillon nun eine Menge Fragen anhoͤren, die der Alte an ihn that, und welche er mit kluger Umſicht beantwortete. Sie wurde allerdings zum Theil von der Gegenwart des Beiſchiffsfuͤhrers bedingt. Tom ſtand mit der groͤßten Kaltbluͤtigkeit, auf ſeine Harpune geſtuͤtzt, an der Thuͤre, und muſterte Alles, was er ſah, mit einer Miene, worin ſich Verwunderung mit Verachtung ſonderbar ——* — 217— * zu einander geſellte. Allerdings hatte er ſo koſt⸗ bare Geraͤthe und Waͤnde noch nicht geſehn. Borrougheliffe kuͤmmerte es gar nicht, was Dillon und ſein Wirth mit einander heim⸗ lich ſprachen. Beider Unterhaltung wurde immer lebhafter, und zog ſie endlich in eine Ecke des Zimmers. Er machte ſich endlich die Abweſenheit des Oberſten ungebuͤhrlich zu Nutze, und ſchuͤt⸗ tete ein Glas nach dem andern hinter, als habe die Pflicht zu trinken, bei der Entfernung des andern, doppelt auf ihm gelegen. Sah er ja einmal von dem Rubinroth des Glaſes weg, das er immer mit unvethohlner Bewunderung anſtaunte; ſo geſchah es nur um den kangen Bootsmann anzuſchauen, deſſen Laͤnge und Staͤrke wohl den Blick eines Werbeoffiziers feſſeln konn⸗ te. Endlich ward er doch von ſeinen Freunden aufgefordert, auf das doppelte Wohlbehagen zu verzichten, und an ihrem Kriegsrathe Theil zu nehmen. 1 Dillon hatte nicht noͤthig, ihm das Maͤhr⸗ chen zu erzaͤhlen, womit er den Oberſten zu taͤuſchen wußte. Der Alte war voll Freuden, als ihm die ganze beabſichtigte Verraͤtherei in ei⸗ ner Art mitgetheilt wurde, wo ſie im Lichte ei⸗ ner zu rechtfertigenden Kriegsliſt und eines un⸗ erſchuͤtterten Eifers fuͤr die Sache Sr. Majeſtaͤt — 2418— * erſchien. Kurz, Tom ſollte als Gefangener zu⸗ ruͤckbehalten, Barnſtable's Mannſchaft uͤberfallen werden, und dann daſſelbe Geſchick theilen. Freilich ſchlug Dillon die Augen nieder, als ihn Borrougheliffe feſt anſah, indem er Lob⸗ preiſungen hoͤrte, womit der Oberſt ſeines Vet⸗ ters Thaͤtigkeit erhob. Indeſſen auch des Ka⸗ pitains Gewiſſen beſchwichtigte ſich bald, da er wieder den gar nichts Arges denkenden Gefangenen muſterte, welcher immer noch im Zimmer um⸗ her gukte, und in ſeiner Unſchuld dachte: Alles, was hier gefluͤſtert wurde, ſey nichts, als die Vorkehrung und Verabredung, ihn mit Griffith zuſammen brit gen. 3 „Drill!“ ſagte endlich Borrougheliffe laut, „tritt vor und parire Ordre.“ Der Beiſchiffsfuͤhrer drehte ſich ſchaell bei dem unvermutheten Aufrufe um, und ſah jetzt zum erſten Male, daß ihm auf der Gallerie ein Unteroffizier mit vier Mann gefolgt war. „Nimm den Mann in die Wachſtube!“ lautete der Befehl des Kapitains,„und fuͤttere ihn gut, und gieb Acht, daß er nicht vor Durſt. umkommt!“ In der Weiſung war nichts, was bedenk⸗ lich lautete. Tom folgte den Soldaten auf einen 4 — brachte Alle wieder zum Stehen. — 219— Wink des Kapitains. Allein der Zuruf:„Halt!“ „Alles wohlbedacht!“ ſagte Borrough wieder zu ſeinem Korporal, indem jeder be⸗ haberiſche Ton vergeſſen war,“ ſo iſt es beſſer, wenn Du den Ehrenmann auf mein Zimmer bringſt, und ſorgeſt, daß er da Alles bekommt.“ Der Korporal zeigte durch eine pfiffige Miene, wie er die Meinung ſeines Offiziers wohl ver⸗ ſtanden habe. Der Letztere war mit dieſer ſtum⸗ men Sprache vertraut. Indem er zur Flaſche wieder zuruͤckkehrte, folgte der alte Tom ſeinem Fuͤhrer willig und raſch, beſonders da ihm im⸗ rde, die mer wieder von der Mahlzeit ge ihn dort erwarten ſollte. Zum Gluͤck fuͤr ſeine Ungeduld waren auch die Zin ner des Kapitains ziemlich in der Naͤhe, und die verſprochene Mahlzeit blieb keineswegs lange aus.—us Zimmer, wohin man ihn ge⸗ bracht hatte, ging auf eine kleine Gallerie, welche wieder mit der erwaͤhnten großen zuſammenhing. Die Mahlzeit aber beſtand aus einem zwar kalten, doch trefflichen Stuͤck Roſtbeef, dem Lieblingsgerichte der Englaͤnder, mit welchem die Kuͤche des Ober⸗ ſten immer verſehen war. Der Sergeant hatte den Wink ſeines Kapitains, auf das Gehirn des Bootsmanns einen Sturm zu wagen, recht gut 5— 220— verſtanden, und miſchte mit eigner Hand ein Getraͤnk, das er Grog nannte, in einer Menge, welche, ſeiner Meinung nach, das Thier, welches j t unter Tom's Zaͤhnen endete, lebte es, und waͤr' es noch in ſeiner Kraft geweſen, ſelbſt niedergeworfen haͤtte. Doch jede Berechnung, die auf die Gebrechlichkeit von Toms Gehirn im Verhaͤltniß zum Jamaica⸗Reiz begruͤndet war, er⸗ wies ſich als thoͤricht. Er ſchluckte Glas fuͤr G mit außerordentlichem Wohlbehagen hinunter, a 3 ohne im Mindeſten aus dem Zirkel zu kom. men. Dagegen wurden die Augen des Sergean⸗ 8 ken, der doch auch fuͤhlte, ſeine Pflicht heiſche, dem Tr dre anzuthun, bereits truͤbe, als zum Gluͤck fuͤr ſein Talent, ein Tappen an der Thuͤre ihm die Ankunft des Kapitains sent und ihm den Verdruß erſpan„ von einem eruten niedergetrunken zu ſen. 3 Borrougheliffe befahl gleich ſeinem Korporal, ſich zu entfernen, und bemerkte: 3 „Herr Dillon wird Dir ſagen, was Du zu thun haſt, und dem gehorchſt Du blindlings!“ Drrill hatte noch genug Einſicht behalten, um wohl zu merken, wie zornig der Offizier wuͤr⸗ de, ſollte er ſeinen Zuſtand entdecken. Er eilte alſo gleich hinaus, und der Beiſchiffsfuͤhrer war nun mit dem Kapitain allein. — — 221— Die kraͤftigen Angriffe auf den Reſt von Roſtbeef, machten allmaͤlig dem Wohlbehagen. Platz, das noch im Gaum vorwaltet, wenn der Trieb des Hungers ſelbſt geſtillt iſt. Er ſaß auf einem Koffer von Borrougheliffe, da ihm der Gebrauch eines Stuhles ganz zuwider war, den Teller auf dem Schooß. Sein Taſchenmeſſer arbei⸗ tete in den Fragmenten des Ochſens faſt ſo niedlich, wie das Maͤdchen in der Tauſend und Einen Nacht ihren Reis mit der Nadel aufgeſtochert haben mag. Der Kapitain ſetzte ſich zu ihm, und knuͤpfte ein Geſpraͤch in einer Art an, die, zieht man den Unterſchied des Standes in Betracht, unendliche Herablaſſung und Vertraulichkeit verrieth. „Nun, ich hoffe doch,“ ſagte er,„Du biſt zu Deiner Zufriedenheit bewirthet worden, Lie⸗ ber—— ja, ich muß ſagen, wie Du heißt⸗ weiß ich nicht.“ „Tom,“ half der Bootsmann nach, und ſtellte ſchmatzend eine Muſterung der Reſte auf dem Teller an.„Die Matroſen nennen mich immer den langen Tom.“ ane mit tuͤchtigen Leuten gefahren, mit guten Seeleuten, ſie verſtehen ſich auf die Breite ſehr gut. Aber Du— haſt doch auch einen Familiennamen, ich meine, einen andern Namen noch?“ — 222— „O ja, Coffin. Tom nennen ſie mich halt immer, wenn es Etwas zu thun giebt, als z. B. aufzuhiſſen, einzureffen; langer Tom, ſagen ſie, wenn ſie Spaß machen wollen, und Wind und Wetter dient; der lange Tom Coffin heiß' ich, wenn ſie mich anrufen wollen, daß Keiner von meinen Vettern, die etwa da ſind, antwortet: denn ich denke immer, daß Keiner von ihnen uͤber einen Faden*) haͤlt, und wenn man auch vom Maſte bis zum Kiele mißt.“ „Du biſt ein braver Kerl!“ rief der Kapi⸗ tain.„Es thut mir wehe, wenn ich denke, zu welchem Schickſal Dich die Verraͤtherei des Herrn Dillon conſignirt hat!“ 6 Hatte Tom ja irgend einen Verdacht gehabt,— durch die Art, wie man ihn bewirthete, war er verſcheucht. Allein dieſe zweideutige Bemerkung machte ihn doch wieder rege. Er knuͤpfte erſt wieder die Bekanntſchaft mit dem Kruge Grog an, und dann erwiederte er ganz einfaͤltig: „Ich bin an Niemanden conſignirt. Denn ich fuͤhre hier keine Fracht als den Herrn Dillon, der mir entweder den Lieutnant Griffith heraus⸗ geben oder als mein Gefangner wieder auf den Ariel gehn muß.“ *) Drei Ellen. D. Ueb. alt — 223— „Ach, guter Freund, ich fuͤrchte, wenn es zum Herausgeben kommt, wird er weder das Eine noch das Andere thun!“ „Aber ich will verdammt ſeyn, wenn er nicht Eins von beiden thut. Mein Befehl lautet, darauf zu ſehn, daß er entweder wieder mitgeht, oder Herr Griffith, der fuͤr ſeine Jahre ein See⸗ mann iſt, wie je Einer das Verdeck betrat, die Anker lichtet, um von dem Platze wegzukommen.“ Borrougheliffe that, als ſaͤh' er den guten Tom mit vieler Theilnahme an; eine Muͤhe, die aber bei dem Bootsfuͤhrer, deſſen Nerven durch das fleißige Nachtrinken ihre gluͤcklichſte Stim⸗ mung erreichen, ganz verloren ging. Derſelbe Genuß hatte ſeine gute Laune erhoͤht, ob⸗ ſchon ſein Mangel an aller Falſchheit ihn auch nicht leicht dieſelbe bei Andern vermuthen ließ. Der Kapitain merkte wohl, er muͤſſe deutlich ſprechen— und erneuerte daher den Angriff in kraͤftiger Art. „Es thut mir leid, daß ich Dir ſagen muß, auf den Ariel darfſt Du nicht zuruͤck, und Dein Kommendant wird, ehe eine Stunde um iſt, hier als Gefangener eingebracht. Wirklich Dein Schooner iſt genommen, ehe der Morgen an⸗ bricht!“— „Wer ſoll ihn denn nehmen?“ fragte der — 224— Beiſchiffsfuͤhrer mit einem ſpoͤttiſchen Laͤcheln, das aber doch ſchon vor dem angedrohten Ungluͤck zu weichen begann. „Du wirſt wiſſen, er liegt gleich unter dem ſchweren Geſchuͤtz einer Batterie, die ihn in zwei Minuten in den Grund bohren kann. Ein Bote iſt gleich abgeſchickt, den Kommendanten der Bat⸗ terie mit dem wahren Charakter des Ariel be⸗ kannt zu machen, und da der Wind bereits von der See herkommt, iſt ſeine Flucht nicht moͤglich.“ Die Wahrheit mit ihren ſchrecklichen Folge⸗ rungen, leuchtete bereits allmaͤlig den Sinnen des langen Tom ein. Er erinnerte ſich an ſeine eignen Prophezeiungen von dem Wetter und der huͤlfloſen Lage des Schooners, der kaum die Haͤlfte ſeiner Mannſchaft hatte und der Obhut eines— Knaben uͤberlaſſen war, waͤhrend der Kommen⸗ dant ſelbſt in der Gefahr ſchwebte, Gefangener zu werden. Der Teller ſiel ihm vom Schooß auf die Erde herab. Sein Haupt ſank auf die Knie. In den beiden großen Haͤnden verhuͤllte er ſein Antlitz, und trotz allen Gegenbeſtrebungen, ſeine Erſchuͤtterung zu verbergen, heulte er am Ende laut auf. Fuͤr einen Augenblick waltete Borrougheliffe's beſſeres Gefuͤhl vor, als er ein Zeuge von dem Jammer eines Mannes war, auf welchen die ———, 2u e s ͤß———, 2———;, ———·,— Zeit bereits ihr Recht geltend machte. Doch die Gewohnheit ſeit Jahren, Opfer fuͤr den Krieg zuſammen zu treiben, gewann bald die Oberhand, und der Werbeoffizier dachte jetzt nur an ſeinen Vortheil. „Ich nehme wirklich von Herzen an den armen Teufeln Antheil. Sie ſind durch Liſt oder mißverſtandenen Pflichteifer auf boͤſe Wege ge⸗ rathen, und werden nun ſo, mit den Waffen in der Hand gegen ihren Herrn, gefangen. Und da das auf der Inſel von Großbritannien ſelbſt ge⸗ ſchieht; ſo muß ein Beiſpiel gegeben werden, Andere abzuſchrecken. Ich fuͤrchte, wenn ſie nicht mit dem Koͤnig Frieden ſchließen; ſo werden ſie Alle zum Tode verurtheilt!“ „Sie ſollen mit Gott Frieden ſchließen! Euer Koͤnig kann nur wenig thun, das Logbuch eines Mannes in Richtigkeit zu bringen, wenn er von der Wache hier auf der Welt abgerufen wird!“ 6 „Wenn ſie ſich aber mit denen verſtehen, die die Gewalt in Haͤnden haben; ſo koͤnnen ſie doch begnadigt werden?“ erinnerte der Kapitain, und beobachtete mit ſcharfem Blicke, welchen Ein⸗ druck wohl dieſe Worte auf ſeinen Mann machen wuͤrden. 1 II. P — 226— „Es iſt ziemlich gleich, wenn man des Boots⸗ manns Pfeife hoͤrt, die das Zeichen zum Weg⸗ nehmen der Haͤngematte fuͤr's letzte Mal im Leben giebt. Man tritt ſeine Wache in einer andern Welt an, wenn es hier nicht mehr geht. Aber Holz und Eiſen, das ſo gebaut iſt, wie der Ariel, in fremde Haͤnde kommen zu ſehn, das kann einen Menſchen lange peinigen, falls auch ſein Name laͤngſt aus der Schiffsliſte geſtrichen wurde. Lieber wollt' ich, zwanzig Schuͤſſe haͤtten mein altes Wrak zertruͤmmert, als daß nur einer in den Rumpf des Schooners ginge.“ „ Nun, ich kann mich auch irren,“ be⸗ merkte Borrougheliffe, dem Scheine nach gleich⸗ guͤltig.„Anſtatt Euch zum Tode zu verurtheilen, ſteckt man Euch vielleicht auf ein Gefangenſchiff; da koͤnnt ihr Euch denn ein zehn oder funfzehn Jahre luſtig machen!“ „ Was? Kamerad!“ ſchrie Tom mit Schrek⸗ ken.„Ein Gefangenſchiff, ſagt Ihr? Nun, da koͤnnt Ihr melden, daß ſie ſich die Ausgabe fuͤr die Ration eines Mannes erſparen koͤnnen, wenn ſie ihn niederſchießen laſſen. Der iſt der alte Tom Coffin.“ „ Ja, wer kann fuͤr ihre Launen ſtehn? Sie koͤnnen heute ein Dutzend von Euch als Re⸗ bellen niederſchießen laſſen. Morgen ſehen ſie — 222— Euch dagegen als Kriegsgefangene an, und ſen⸗ den Euch auf die Pontons fuͤr zwoͤlf Jahre.“ „Nun, ſo ſag' ihnen, Bruder, daß ich ein Rebelle bin. Du wirſt keine Luͤge ſagen. Sag' ihnen, daß ich ſeit Manly's*) Zeit in Boſtonbai bis jetzt fuͤr Amerika's Sache gefochten habe! Ich hoffe, der Kadet wird den Ariel in die Luft ſprengen. Das waͤr' der Tod fuͤr den armen Richard Barnſtable, wenn er ihn in den Haͤn⸗ den der Englaͤnder ſaͤhe.“ „Ich weiß nur ein Mittel;“ rief Bor⸗ rougheliffe, und ſchien nachzudenken,„aber nur eines. Es kann Euch von der Gefangenſchaft auf dem Schiffe retten. Denn, bei Lichte beſehn — zum Tode werden ſie Euch nicht verdammen!“ „Und das iſt?“ fragte der Bootsfuͤhrer und ſtand in angenſcheinlicher Unruhe auf.„Liegt es in Menſchenhand; ſo ſoll es verſucht werden!“ „Nun,“ ſagte der Kapitain, und legte ver⸗ traulich die Hand auf Tom's Schulter, der ihm mit der geſpannteſten Erwartung zuhoͤrte;„es iſt leicht zu brauchen, und an ſich gar nicht etwa abſchreckend. Pulver zu riechen, haſt Du gelernt, und weißt, nach Roſeneſſenz ſchmeckt es nicht?“ *) Manly war einer der erſten und beſten Heerfuͤhrer in N. A's Heeren. D. Ueb. P 2 — 228— „Ja, doch, ja!“ rief der ungeduldige See⸗ mann.„Ich habe es vor der Naſe gehabt, es iſt kaum ein Paar Stunden her!“— „Was ich Dir vorſchlage, iſt alſo fuͤr einen Mann, wie Du, nichts, gar nichts. Nicht wahr, Du findeſt den Roſtbeef gut und den Grog ſuͤß?“ 5 „Ja doch; Alles iſt gut! Aber was gilt das einem alten Seemann!“ rief der Bootsfuͤh⸗ rer aus, und faßte, ohne es ſelbſt zu wiſſen, in ſeiner Angſt Borrougheliffe am Kragen.„Was ſoll denn eigentlich geſchehen?“ Der Kapitain zeigte bei der unerwarteten Vertraulichkeit keinen Verdruß. Er laͤchelte freund⸗ lich, als er die Batterie demaſkirte, hinter der er ſich bis jetzt verborgen gehalten hatte. „Sieh,“ ſagte er,„Du darfſt nur unſerm Koͤnig dienen, wie Du bisher dem Kongreß ge⸗ dient haſt; und mich laß den Mann ſeyn, der Dir die rechte Fahne zeigt.“ Der Bootsfuͤhrer ſtarrte den Sprecher mit großen Augen an: allein es war klar, er ver⸗ ſtand nicht vollkommen, was ihm eigentlich vor⸗ geſchlagen wurde, und darum fuhr der Kapitain fort: 3 „Rein herausgeſprochen, laß Dich in meiner Kompagnie anwerben, huͤbſcher Bur⸗ 9 ſche! und Leben und Freiheit ſollen Dir gewaͤhrt ſeyn!“ Tom lachte daruͤber nicht laut auf: denn ſo weit ließ er ſeiner Laune ſelten den Zuͤgel ſchießen; aber jeder Zug ſeines verbrannten Ge⸗ ſichts ſprach bittern Spott und Verachtung aus. Borrougheliffe fuͤhlte, wie die eiſernen Fin⸗ ger, die ſeinen Halskragen hielten, allmaͤlig die Gurgel, gleich einem Bande, zuſchnuͤrten. Mit einer Kraft des Armes, der nicht zu widerſtehn war, ſah er ſich langſam zum Seemann hinge⸗ zogen, und als Beider Geſichter nur noch eine halbe Elle von einander waren, machte der Letz⸗ tere ſeinen Gefuͤhlen Luft. „Erſt kommt ein Bootsmann!“ rief er, „und dann ein Matroſe! Erſt kommt der Ma⸗ troſe und dann der Paſſagier! Erſt kommt der Paſſagier und dann der Hund! Aber ein Hund iſt beſſer, als Einer von Euren Soldaten!“ Und als dieſe Worte geſprochen waren, ſtreck⸗ te er den kraͤftigen Arm in einer Art aus, daß, indem nun zugleich ſeine Finger ihre Beute fah⸗ ren ließen, Borrougheliffe in einem fernen Win⸗ kel, unter einer Maſſe von Stuͤhlen, Tiſchen und anderm Geraͤthe lag, wo er wieder allmaͤlig zur Beſinnung kam. Wie er aber aus dieſer be⸗ ſchaͤnenden Lage empor zu kommen ſuchte, fiel ſeine Hand auf's Degengefaͤß, und raſch war die Klinge heraus.. „Warte, Schurke!“ rief er, die blanke Waffe ſchwingend, und feſt auf den Fuͤßen wie⸗ der,„Du mußt lernen, wer Du biſt!“ Der Bootsfuͤhrer aber ergriff ſeine Harpune, die an der Wand lehnte, und hielt die eiſerne Spitze kaum zwoͤlf Zoll von der Bruſt ſeinem Gegner mit einem Ausdrucke entgegen, der die⸗ ſem wohl die große Gefahr begreiflich machte. An Muth fehlte es ihm jedoch nicht. Die erfahrne Beleidigung hatte ihn aufgeregt. Er verſuchte es, die fremde Waffe ſeines Feindes zu beſeitigen. Aber dem leichten Schlage ſeines Degens folgte gleich eine raſche Bewegung der Harpune, durch die ſich Borrougheliffe außer Stand zu fechten geſetzt, und ganz der Gnade ſeines Feindes Preis gegeben ſah. Tom's Blut⸗ gier ſchwand mit dem errungenen Vortheil. Er lehnte die Waffe hin, ging auf ſeinen Gegner los, und packte ihn mit der einen Hand. Ein einziger Griff, bei dem der Kapitain gleich fuͤhl⸗ te, gegen die Kraft eines Mannes, welcher ihn wie ein Kind ſchuͤttelte, ſey nicht aufzukommen, entſchied die Sache. Er ergab ſich alſo geduldig in's Schickſal, und jetzt brachte der Beiſchiffs⸗ fuͤhrer Klafterſchnure, aufgedrechſelte Tan⸗Endchen En. 2ͤ— — ERsAene — 231— und dicken Bindfaden in einer Menge heraus, als ob er ein ganzes Fahrzeug auszuruͤſten ge⸗ daͤchte. Das Naͤchſte war, damit den Beſiegten an die Bettpfoſten zu binden, und dies geſchah mit der Kaltbluͤtigkeit, die ſeit dem Anbeginn der Feindſeligkeiten nicht geſtoͤrt worden war, mit einem Stillſchweigen, das durch kein Woͤrtchen unterbrochen wurde, mit einer Geſchicklichkeit, der nur ein Seemann gewachſen ſeyn konnte. Als die Operation vorbei war, hielt Tom einen Augenblick an, und ſchaute ringsherum, als ſuche er etwas. Der entbloͤßte Degen ſiel ihm zuerſt in's Auge. Er nahm ihn auf, und ging nun bedaͤchtig damit auf ſeinen Gefangenen los, der in der Angſt nicht wahrnahm, wie der Bootsmann die Klinge am Gefaͤß abgebrochen und dies bereits mit etwas Klafterſchnure durch⸗ zogen hatte, „Um Gotteswillen!“ flehte der Kapitain. „Morde mich nicht ſo mit kaltem Blute!“ Allein das ſilberne Gefaͤß ging in den Mund, aus dem dieſe Worte gekommen waren, und der Kapitain fuͤhlte bald, als der duͤnne Strick uͤber den Nacken ein Paar Mal hin⸗ und herging, er ſey jetzt gerade in der Lage, zu welcher er manchmal ſeine Leute verurtheilte, wenn ſie dienſt⸗ — 232— widrig handelten. Er war mit Einem Worte— geknebelt. Tom ſchien jetzt auf alle Rechte eines Sie⸗ gers Anſpruch zu machen. Er nahm das Licht und unterſuchte auf's Genaueſte alle die koſtbaren Dinge, welche ſeiner Willkuͤr Preis gegeben wa⸗ ren. Vieles, was zur Equipage eines Offiziers gehoͤrte, wurde beſehen und mit großer Verach⸗ tung weggeworfen. Manche einfachere Gegen⸗ ſtaͤnde ſchienen dem Sieger nicht Werth genug zn haben. Zwei Dinge von einem gewiſſen Me⸗ tall, das Jedermann kennt, fand er endlich, wo ihn die Ungewißheit, was damit bezweckt wuͤrde, augenſcheinlich in Verlegenheit ſetzte. Die Ga⸗ belgeſtalt dieſer ſeltenen Sache wurde an's Hand⸗ gelenke, an die Knoͤchel, ſelbſt an die Naſe ge⸗ bracht, die kleinen Raͤder dahinter wurden neu⸗ gierig und ſorgfaͤltig in Bewegung geſetzt, wie ein Wilder etwa eine Uhr handhaben wuͤrde. Endlich ſchien doch bei dem ehrlichen Seemann der Gedanke aufzukommen, die Dinge gehoͤrten wohl zu den unnuͤtzen Lappalien von einem Sol⸗ daten, und ſo warf er ſie als ganz werthlos hin. Borrougheliffe beobachtete jede Bewegung ſeines Gegners, und freute ſich ſo daruͤber, daß Beide bald vollkommen einig geworden ſeyn wuͤr⸗ den, haͤtte er nur die Haͤlfte ſeiner Gefuͤhle aus⸗ — 233— ſprechen koͤnnen. Mit Vergnuͤgen ſah er dann auch, daß ſeine Lieblingsſporen gerettet waren. Er haͤtte gern gelacht: allein der Verſuch dazu erregte beinahe Erſticken. Endlich fand der Seemann ein Paar huͤb⸗ ſche Piſtolen: eine Waffe, mit der er vollkom⸗ men vertraut war. Sie waren geladen, und das erinnerte ihn, wie er an den Abzug denken muͤſſe, und in welchen Gefahren der Ariel und ſein Kommendant ſchwebte. Raſch wurden ſie in den leinwandnen Guͤrtel geſteckt. Er nahm die Har⸗ pune und naͤherte ſich dem Bette, an welches Borrougheliffe gefeſſelt war. „Hoͤre, Freund,“ ſagte er,„der liebe Gott moͤge es Dir verzeihen, wie ich es thue, daß Du einen Seemann, einen Mann, der auf dem Waſſer ſchwamm, als er eine Stunde alt war, und der darauf zu ſterben, und darin ſein Grab zu finden hoffte, zum Soldaten machen wollteſt. Ich wuͤnſche Dir nichts Boͤſes, Freund, aber den Pfropf mußt Du ſchon in der Kehle behalten, bis einer von Deinen Bootsleuten kommt; das wird aber wohl nicht eher ſeyn, als bis ich in die See geſtochen bin!“ Mit dieſem freundſchaftlichen Wunſche ging Tom fort, und ließ dem Kapitain das Licht, und den ungeſtoͤrten Beſitz der Stube, obſchon die Lage — 234— deſſelben nichts weniger, als beneidenswerth war. Er hoͤrte das Schloß abſchnappen, und den Schluͤſſel raſſeln, den Tom abzog: zwei Vor⸗ ſichtsmaßregeln, die wohl zeigten, der Sieger denke kluͤglich darauf, ſeinen Ruͤckzug zu ſichern, indem der Beſiegte wenigſtens einige Zeit lang feſtgehalten wurde. XI. Die Rache ihren Arm erhebt, und jeder, der es ſieht, erbebt! Collins. Aleerdings hatte Tom Coffin keinen ordentlichen Plan entworfen, als er aus des Kapitains Zim⸗ mer ging, man muͤßte denn den feſten Entſchluß dafuͤr nehmen, auf's Schnellſte auf den Ariel zu kommen, und ſein Geſchick zu theilen, er moͤchte ſinken oder flott bleiben. Allein, der ehrliche Seemann ſah bald, daß dies in ſeiner Lage leich⸗ ter ausgedacht, als auszufuͤhren ſey. Er wuͤrde minder Noth gehabt haben, ein Schiff aus den gefaͤhrlichen Klippen des Teufelskanals herauszu⸗ bringen, als aus dem großen Labyrinth von Gaͤn⸗ gen, Gallerien und Zimmern zu kommen, in das er hineingerathen war. Er erinnerte ſich wohl, wie er ſich in ſeinem ſtillen Selbſtgeſpraͤch ausdruͤckte, aus dem Hauptkanale in einen Ne⸗ benkanal gekommen zu ſeyn, aber ob er nun „Steuerbord oder Backbord gehalten habe,“ das war ſeinem Gedaͤchtniß gaͤnzlich entfallen. Er war wirklich in dem Theile der Abtei, den der — 236— Oberſte das Kloſter nannte, und wo er, zum Gluͤck fuͤr ihn, eben nicht auf Feinde ſtoßen konnte. Borrougheliffe's Zimmer war im gan⸗ zen Fluͤgel das einzige, nicht zum Gebrauche der Maͤdchen beſtimmte, und daß der Kapitain die Erlaubniß bekommen hatte, dies Heiligthum zu beziehen, gruͤndete ſich auf die Wahl, entwe⸗ der ihn, oder Griffith nebſt Manuel in die Naͤhe ſeiner Muͤndel zu bringen, falls er ſeine Gefan⸗ genen nicht auf eine Art einquartieren wollte, die er ſeines Namens unwerth geachtet haͤtte. Dieſe Verlegung des Hauptquartiers hatte fuͤr Tom einen doppelten Vortheil. Es verhinderte die ſchnelle Befreiung des geplagten Kapitains, und minderte die Gefahr fuͤr ihn ſelbſt. An das Erſtere dachte er indeſſen nicht, und der Gedanke an dieſe war Etwas, womit ſich Tom's Kopf in keiner Art beſchaͤftigte. Indem er nothwendig laͤngs der Mauer hintappte, kam er bald aus dem engen, finſtern Gange in die Hauptgallerie, welche mit allen Zimmern des Hauptgebaͤudes in Verbindung ſtand. In einem fernen Winkel zog ihn eine offene Thuͤre an, aus der ein helles Licht ſchim⸗ merte, und der alte Seemann war eben nicht weit gegangen, als er entdeckte, daß er dem Zimmer nahe, welches zuerſt ſeine Neugierde ſo be⸗ * ſchaͤftigte, und daß er auf dem naͤmlichen Wege ſey, auf dem er in die Abtei gekommen war. Ein Mann, der nur aͤngſtlich an die Flucht gedacht haͤtte, wuͤrde gleich umgekehrt ſeyn, um auf einem andern Wege zu entkommen. Allein Tom hoͤrte luſtig den Ton der Glaͤſer heraus⸗ dringen, und glaubte, auch Griffith's Namen vernommen zu haben. Dies beſtimmte ihn, wei⸗ ter zu gehn und zu lauſchen. Der Leſer wird wohl ſchon vermuthen, daß der alte Seemann gerade in der Naͤhe des Zimmers war, aus dem er auf Borrougheliffe's Stube gebracht wurde. Den Platz des Letztern hatte Dillon eingenom⸗ men. Oberſt Howard ſaß am gewohnten Ende der Tafel. Tom ſtand ſo, daß ihn das Licht nicht traf, hinter der offenen Thuͤre. Der Oberſt redete am Meiſten. Er hatte augenſcheinlich die Freude gehabt, von ſeinem Vetter einen genauern Bericht zu erhalten, wie der unbeſorgte Feind uͤberliſtet worden ſey⸗ „Eine feine Kriegsliſt!“ jubelte er eben, als Tom ſein Plaͤtzchen einnahm.„Eine feine, edle Kriegsliſt! Sie haͤtte einen Caͤſar in die Dinte gebracht! Der Caͤſar muß ein geſcheidter Kerl geweſen ſeyn; aber ich denke, Ihr waͤret ihm doch uͤber den Hals gekommen! Haͤngen wil! ich, Vetter, Ihr haͤttet den General Wolf zu⸗ — 238— ruͤckgeſchlagen, waͤret Ihr, ſtatt Montcalm, in Quebek geweſen! Ach, Vetterchen, wir brau⸗ chen Euch in den Kolonieen mit dem Hermelin⸗ mantel uͤber den Schultern! Leute, wie Du, Vetter Chriſtoph, ſind dort leider gar zu rar, um die Rechte Sr. Maͤjeſtaͤt zu vertheidigen!“ „Ach, wirklich, Eure Vorliebe traut mir Talente zu, die ich nicht beſitze!“ liſpelte Dillon, und ſchlug die Augen nieder, weil ihm vielleicht das Bewußtſeyn ſagte: er ſey ſolcher Theilnahme unwerth. Zum Mindeſten heuchelte er große Demuth.„Die kleine ganz gerechte Liſt—8 „Ei, darin liegt eben das Verdienſtliche der ganzen. Sache!“— fiel der Oberſte mit dem freien offenen Weſen eines Mannes ein, der al⸗ ler Berſtellung und Hinterliſt feind iſt, und ſchob ihm die Bouteille zu.„Ihr wolltet nicht zu Luͤgen Eure Zuflucht nehmen; zu keinem Betrug, wie ihn jeder gemeine, ſchlechte Hund erdenken konnte. Ihr habt Euerm Feinde blos eine feine militairiſche, eine wahre klaſſiſche, ja— klaſſi⸗ ſche Falle gelegt! Das iſt der rechte Ausdruck dafuͤr! Eine Falle, wie Pompejus, oder Mar⸗ kus Antonius, oder— oder— ach, Duzweißt die Namen der alten Patrone beſſer zu nennen, als ich! Allein wenn Du den Wackerſten nimmſt, der je in Griechenland oder Rom lebte; ich ſage — 239— doch, er war, im Vergleiche mit Dir, ein Dumm⸗ kopf! Das iſt ein wahrer ſpartaniſcher Zug! Einfach und rechtlich!“ Es war ein Gluͤck fuͤr Dillon, daß die Lebhaftigkeit des alten Mannes den Kopf und Koͤrper deſſelben in ſtete Bewegung brachte: denn es hielt den alten Tom ab, ſeinen, ihm in den Kopf aufgeſtiegenen Gedanken auszufuͤhren, mit einer Piſtole von Borrougheliffe den Schurken niederzuſchießen. Vielleicht rettete dieſen auch der Umſtand, daß er ſich vor Schaam ſo nieder⸗ beugte. Kurz, Tom erhielt Zeit, es ſich zu uͤberlegen. „Ihr habt mir ja nichts von unſern Da⸗ men geſagt;“ ſprach Dillon nach einer kleinen Pauſe.„Sie haben doch die Unruhe des Tages auf eine des Namens Howard wuͤrdige Weiſe ge⸗ tragen?“ Der Oberſt ſah ſich ringsum, als wollte er erſt ſicher ſeyn, daß er nicht belauſcht wuͤrde. Dann erwiederte er leiſe: 5 „Ach, Dillon, ſie kamen zu mir, gleich wie der rebelliſche Schurke Griffith in die Abtei eingebracht war! Wir hatten heute die Ehre, Miß Howard ſelbſt im Speiſezimmer zu ſehn. Da war denn mein„lieber Onkel!“ gar oft zu hoͤren, und die Beſorgniß geaͤußert,„daß ich — 240— mein Leben bei den Kaͤmpfen und Scharmuͤtzeln der verzweifelten Menſchen ausſetzen koͤnnte, wel⸗ che gelandet ſeyen;“ als ob ein alter Knabe, der den ganzen Krieg von 1756 bis 63 mitgemacht hat, ſich vor ein Bischen Pulverdampf mehr, wie vor einer Priſe Schnupftabak fuͤrchtete. Al⸗ lein einen alten Soldaten von ſeiner Pflicht ab⸗ zubringen, ſoll ſchwer halten. Der Herr Grif⸗ fith muß zum mindeſten in den Tower! Nicht wahr, Dillon?“ „Es waͤre wohl raͤthlich, ihn der buͤrgerli⸗ chen Behoͤrde ohne Aufſchub zu uͤbergeben!“ „Dem Konſtabler im Tower, dem Grafen Cornwallis, einem guten, loyalen Edelmann, der jetzt die Rebellen in meinem Geburtslande bekaͤmpft!“ rief der Oberſt.„Das waͤren Re⸗ preſſalien, wie ſie ſich gehoͤren!“ 42 Damit ſprang er auf. „Doch,“ ſetzte er mit vollem Gefuͤhl des edlen Herzens hinzu, ich will nicht, daß ſelbſt der Großkonſtabler von Tower in London den Beſitzer von St. Ruth an Gaſtfreundſchaft und Wohlwollen gegen ſeine Gefangenen uͤbertreffe. Meine Befehle lauteten, ihnen auf ihr Zimmer die noͤthigen Beduͤrfniſſe zu liefern, und es iſt nun meine Pflicht, zu ſehen, wie meine Wei⸗ ſung befolgt worden iſt. Auch muß das Zimmer — — 241— fuͤr den Lieutnant Barnſtable einzurichten. Er muß wohl bald eingebracht werden.“ „In einer Stunde ſpaͤteſtens!“ ſagte Dil⸗ lon, und ſah unruhig nach der Uhr. „So laß uns aufbrechen, Vetter,“ fuhr der Oberſt fort, und ging nach der Thuͤre, die zu dem Zimmer der Gefangenen fuͤhrte.„Wir haben indeſſen Pflichten der Artigkeit gegen die Damen, wie gegen die Ungluͤcklichen, die dem Geſetze nicht gehorſam waren. Alſo, Chriſtoph, geh' zu Cecilia, gruͤße ſie freundlich von mir. Sie verdient es nicht, die trotzige Hexe. Allein ſie iſt meines Bruders Harry Kind; und bei der Gelegenheit ſprich gleich fuͤr Deine eigene Sache. Markus Antonius war ein Peter gegen Dich in der Kriegskunſt, und doch war er in der Liebe gluͤcklich. Da war eine Koͤniginn der Pyra⸗ miden—“ Die Thuͤre ſchloß ſich hinter dem Oberſten, und Dillon ſtand nun am Tiſche nachdenkend, ob er den ihm vom Vetter gegebenen Auftrag vollziehen ſollte oder nicht. Was ſo vorher zwiſchen Beiden geſprochen worden war, hatte Tom groͤßtentheils nicht ver⸗ ſtanden. Er wartete nur immer mit außeror⸗ dentlicher Ungeduld, Etwas zu vernehmen, wo⸗ durch er in den Stand geſetzt wuͤrde, ſeinem ge⸗ II. O — 242— fangenen Offizier zu nuͤtzen. Bevor er noch Zeit hatte, zu entſcheiden, was unn am Beſten zu thun ſey, beſchloß Dillon ploͤtzlich, ſein Gluͤck im Kloſter zu verſuchen. Er ſtuͤrzte in zwei Zuͤgen ein Paar Glaͤſer Wein hinunter, ging vor dem lauernden Tom ſo dicht vorbei, daß er faſt an ihn anſtrich, und eilte nun raſchen Schrit⸗ tes die Gallerie hin, als ein Mann, den ein ſtarker Entſchluß beſeelt, der aber ſich ſelbſt die eigne Schwaͤche verbergen will. Tom beſann ſich nicht mehr. Er machte die Thuͤre, die Dillon hinter ſich zuruͤckwarf, vol⸗ lends zu, um den Weg noch finſterer zu machen, und folgte dem Schalle von des Erſtern Fuß⸗ tritte, der auf dem ſteinernen Pflaſter wieder⸗ hallte. Beim, Gange, der zu dem Zimmer von Borrougheliffe fuͤhrte, machte Dillon einen Augen⸗ blick Halt, entweder, weil er unentſchloſſen war, welchen Weg er einſchlagen ſollte, oder weil er den ſchweren Tritt des unvorſichtigen Bootsman⸗ nes hoͤrte. War das Letztere der Fall, ſo nahm er ihn wahrſcheinlich fuͤr das Echo des ſeinigen: denn er eilte endlich, ohne Etwas zu merken, weiter. 3 Das leichte Anklopfen Dillon's an der Thuͤre des Geſellſchaftszimmers im Kloſter ward durch die ſanfte Stimme von Cecilia Howard erwiedert, die ein: Herein! rief. Nicht ohne einen Anſtrich von Verlegenheit oͤffnete er, und ließ einen Augenblick die Thuͤre offen. „Ich komme, Miß Howard,“ begann er, „auf Befehl des Herrn Onkels, und, mit Eurer Erlaubniß, dem Wunſche— „Guͤtiger Himmel! Schuͤtze uns!“ ſchrie Cecilia, und ſprang mit Entſetzen auf.„Sollen wir eingekerkert und gemordet werden?“ „Miß Howard wird mir doch nicht zu⸗ trauen—“ ſagte Dillon, ſah indeß, daß nicht blos die verſtoͤrten Blicke von Cecilien, ſondern auch von Katharinen und Alix Dunscombe auf einen andern Gegenſtand gerichtet waren. Er drehte ſich daher um, und gewahrte zu ſeinem großen Schrecken die Rieſengeſtalt des Bootsfuͤh⸗ rers hinter ſich, der mit einem furchtbaren Blicke in feindlicher Stellung den einzigen Ein⸗ und Ausgang beſetzt hielt. „Wenn hier gemordet werden ſoll;“ nahm Tom das Wort, als er kaltbluͤtig das erſchrockene Haͤuflein gemuſtert hatte,„ſo muß es durch den Luͤgner hier ſeyn, ſonſt giebt's keinen Moͤrder hier. Von einem Manne, der ſo lange die See befahren, und mit ſo manchem Ungeheuer, Fiſch und vierbeinig, angebunden hat, habt Ihr nicht zu fuͤrchten, daß ihm unbekannt waͤre, wie ein 9. 2 — 244— huͤlffoſes Weib zu behandeln ſey. Wer ihn kennt, wird allemal ſagen, daß ſich Tom Coffin gegen kein Weibsbild ein unhoͤfliches, und einem See⸗ mann unanſtaͤndiges Wort erlaubt hat.“ „offin?“ rief Katharine aus, und ſprang mit Vertrauen aus dem Winkel hervor, wohin der Schrecken ſie nnd ihre Froundinnen getrie⸗ ben hatte. „Ja, Coffin,“ fuhr der alte Bootsfuͤhrer fort; indem ſein finſteres Geſicht allmaͤhlig freund⸗ licher wurde, als er in ihr klares Auge ſchaute. „Das iſt ein feierlicher Name*), der an den Klippen, auf den Inſeln, und uͤberall gehoͤrt wird. Mein Vater war ein Coffin, und meine G Mutter eine geborne Joy, und beide koͤnnen— mehr Plattfiſche zaͤhlen, als alle Leute auf un⸗ ſerer Inſel, obſchon die Worths, die Gar'ners, und Swaines ihre Harpune und Lanze beſſer werfen und handhaben, wie irgend einer auf der andern Seite vom Ozean. Katharine hoͤrte dieſe Mittheilung von den Wallſiſchfaͤngern in Nantucket freundlich an. „Coffin!“ rief ſie dann wieder⸗„Du biſt alſo der lange Tom?“ „i ja freilich, der lange Tom! Ich ſchaͤme *) Coffin heißt eigentlich ein Sarg. D. Ueb. . mich des Namens auch nicht!“ verſetzte der Bootsmann, und ſein wildes Geſicht ward im⸗ mer freundlicher, als er das lebhafte Maͤdchen vor ſich ſah.„Der Himmel ſegne Euer ſchoͤnes Antlitz und Euer ſchwarzes Auge, junges Frauens⸗ bild! Ihr habt alſo vom alten langen Tom ge⸗ hoͤrt? Gewiß ſo uͤber die Art, wie er einen Wallfiſch trifft? Ja, jetzt bin ich alt und ſteif, Weibchen: aber wie ich ſo neunzehn Jahr zaͤhlte, fuͤhrte ich den Reihtanz an, als einmal am Cap Cod ſo etwas los war; da hatt' ich auch ein Maͤdchen, faſt ſo ſchoͤn, als Ihr. Ja und das war, wie ich ſchon drei Wallfiſche harpunirt hatte.“ „Nein!“ ſagte Katharine, und trat dem betheerten Alten noch naͤher, waͤhrend ihre Wan⸗ gen hoͤher gluͤhten;„ich habe von Dir gehoͤrt, wie Du ein treuer Beiſchiffsfuͤhrer biſt; wie Du in allem unterrichteſt, was ein Seemann wiſſen muß, wie Du der treue Gefaͤhrte und Freund von Richard Barnſtable biſt— ach! vielleicht kommſt Du als Bote, oder bringſt einen Brief von dem guten Mann!“ Der Name ſeines Befehlshabers drang kaum in Coffin's Ohr, und gleich war ſein ganzes wil⸗ des Weſen mit der Erinnerung an denſelben zu⸗ ruͤckgebracht. Er blickte den in ſich zuſammen⸗ gekrochenen Dillon feſt an. Mit einem rauhen, tiefen Tone, wie er dem Manne eigen iſt, der den Elementen Trotz bot, bis er ſich ſelbſt ihre Wildheit zum Theil aneignete, fragte er ihn: „Nun, Luͤgner! Sprich! Was brachte den alten Tom in dieſe Klippen und engen Kanaͤle? War es ein Brief?— Aber bei dem Herrn, der die Stuͤrme blaſen laͤßt, und dem armen Seemann lehrt, wie er uͤber die weiten Ge⸗ waͤſſer dahin ſteuern ſoll, dieſe Nacht, Schurke, mußt Du auf den Planken des Ariels liegen! Und, iſt es Gottes Wille, daß dies ſchoͤne Schiff vor Anker, wie ein altes Gerippe ſinken, ſoll; ſo ſollſt Du in ihm ſchlafen, und zwar einen Schlaf, der kein Ende hat, bis alle Haͤnde und Beine zum Tagewerke am juͤngſten Gericht aufgerufen werden, wenn die laͤngſte Reiſe uͤberſtanden iſt!“ Die außerordentliche Heftigkeit, die Spra⸗ che, die Geberde des alten Scemannes, die Kraft in ſeinem Befehle, der edle Zorn, der aus jedem Blicke des feurigen Auges ſprach, und der Inhalt deſſen, was er ſprach; die laͤhmende Kraft, die das Alles auf Dillon aͤußerte, welcher ſich wie ein verwundetes Weidthier kruͤmmte machten, daß die Maͤdchen einige Augenblick kein Wort wagten, und ſtill und ſtaunend zuſchauten. Tom ging waͤhrend dieſer Pauſe auf ſein zittern⸗ 247— des Opfer los, und indem er ihm die Arme auf den Nuͤcken drehte, band er ihn mit einem Stricke an den breiten Guͤrtel, den er beſtaͤndig um den Leib trug, ſo daß er den freien Ge⸗ brauch ſeiner Arme, ſeiner Waffe hatte, und doch Herr des Gefangenen blieb. „Sicher hat Dir doch Barnſtable nicht be⸗ fohlen, gegen den Vetter meines Onkels, und unter deſſen Dache ſolche Barbarei zu uͤben?“ ſagte Cecilie, die zuerſt unter den Betaͤubten zur Beſinnung kam.„Wirklich, Miß Plowden,“ wendete ſie ſich bitter an Katharina,„Euer Freund hat ſich auf ſonderbare Art vergeſſen, wenn dieſer Mann nach ſeinen Befehlen handelt.“ „Mein Freund wuͤrde weder ſeinem Boots⸗ manne noch ſonſt Jemandem den Auftrag geben, Etwas ſeiner Unwuͤrdiges zu thun, Couſine Ho⸗ ward!“ verſetzte jene eben ſo empfindlich.— „Sprich, ehrlicher Seemann, warum behandelſt Du den wuͤrdigen Herrn Dillon, den Vetter vom Oberſten Howard, und ehrſamen Inwohner der Abtei von St. Ruth auf ſo empoͤrende Weiſe?“ „Aber, Katharine—“ ſiel Miß Ho⸗ ward ein. „Aber Cecilia!“ unterbrach ſie jene wieder, — 248— „habe doch nur Geduld und laß den Mann re⸗ den. Er wird das ganze Raͤthſel loͤſen!“ Der Barkenfuͤhrer begriff wohl, daß man eine Aufflaͤrung uͤber das, was er that, von ihm erwartete, und dieſem Verlangen entſprach er mit einer Beredſamkeit, wie ſie dem Gegenſtande und ſeinen Gefuͤhlen angemeſſen war. In we⸗ nig Worten, die nur durch ſeine Schiffsſprache etwas dunkel wurden, ſchilderte er das Vertrauen, welches Barnſtable auf Dillon geſetzt, und wie es der Letztere gemißbraucht hatte. Mit ſteigendem Erſtaunen hoͤrten alle zu. Cecilie konnte ihn kaum ausreden laſſen, als ſie rief: „Und Oberſt Howard! konnte Oberſt Ho⸗ ward ſeinem verraͤtheriſchen Plane Gehoͤr ge⸗ ben?“ „Ach, ſie hielten gleichen Strich,“ erwie⸗ derte Tom;„obſchon der eine von den beiden Kreuzern ſchlecht wegkommen ſoll.“ „Selbſt Borrougheliffe, roh und abgehaͤr⸗ tet, wie ihn die Gewohnheit geſtempelt zu ha⸗ ben ſcheint, wuͤrde uͤber ſolche Schurkerei er⸗ grimmen!“ bemerkte Cecilia. 3 „Aber Barnſtable!“ konnte endlich Katha⸗ rine fragen, als ihre Angſt ſich etwas minderte, „ſagteſt Du nicht, guter Tom, daß ihn Solda⸗ ten aufſuchten?“ — 2 — — 249— „Freilich, freilich junges Frauensbild!“ war des Bootsfuͤhrers Antwort, mit wildem Blick auf Dillon.„Sie machen Jagd auf ihn. Allein er hat den Ankerplatz veraͤndert, und wenn ſie ihn auch finden ſollten, ſeine langen Piken werden mit einem Dutzend Roth⸗ roͤcke bald fertig; ſey nur der Herr der Stuͤrme und der ruhigen See dem Schooner gnaͤdig! Ach, junges Frauchen, er iſt in den Augen ei⸗ nes alten Seemannes ſo holdſelig zu ſchauen, als irgend ein Geſchoͤpf von Eurer Art fuͤr ei⸗ nen jungen Mann ſeyn kann.“ „Nun, warum zoͤgerſt Du denn ſo? Mach' doch fort, ehrlicher Tom, und entdecke die Schur⸗ kerei Deinem Befehlshaber. Jetzt moͤchte es doch noch nicht zu ſpaͤt ſeyn! Warum ſtehſt Du noch einen Augenblick an?“ „Ach, Gott, mein Schiff hat keinen Loot⸗ ſen! Drei Faden tief wuͤrde ich in der dun⸗ kelſten Nacht uͤber die Klippen von Nantucket durchkommen. Allein auf den Sandbaͤnken bei dieſer Fahrt blieb' ich ſitzen. Ich muß ja Je⸗ manden haben, der mir das Steuerruder fuͤhrt.“ „Wenn es weiter nichts iſt; ſo folge mir!“ rief die ungeſtuͤme Katharine.„Ich will Dich auf einen Pfad bringen, der nach der See fuͤhrt, ohne daß Du einer Wache zu nahe kommſt!“ Bis zu dieſem Augenblick hatte Dillon im⸗ mer noch die geheime Hoffnung genaͤhrt, er wer⸗ de befreit werden. Als er aber den Vorſchlag vernahm; ſo fuͤhlte er das Blut aus jedem Theile ſeiner zitternden Maſchine nach dem Herzen zu⸗ ruͤcktreten. Es war ihm, als werde die letzte Hoffnung abgeſchnitten. Er raffte ſich aus der gebuͤckten, zuſammengedukten Stellung auf, die er vor Schaam und Furcht bis jetzt behauptet 9 t hatte, als ſey er an den Ort gefeſſelt; naͤherte ſich Cecilien, und rief mit allem Ausdrucke des Schreckens:— „O, willigt nicht ein, Miß Howard! Laßt mich nicht ein Opfer von dem wuͤthenden Manne werden! Euer Onkel, Euer wuͤrdiger Onkel hat ja mein Verfahren gebilligt, und iſt dabei ſelbſt thaͤtig geweſen! Es war ja nichts, als eine ge⸗ woͤhnliche Kriegsliſt!“ „Mein Onkel kann ſich unmoͤglich zu einem kalten uͤberlegten Verrathe geſellt haben, wie der iſt!“ entgegnete ihm Cecilie kalt. „Er hat's aber gethan!“ winſelte Dillon. „Ich ſchwoͤre beim—“ „Luͤgner!“ donnerte ihm der Bootsfuͤhrer im dumpfen Tone zu. —— —— fuͤhrer. — 251— Dillon zitterte vor Angſt und Schrecken, als die furchtbare Stimme in ſein innerſtes Herz drang. Doch die Finſterniß der Nacht, die ein⸗ ſamen Pfade der wilden Klippen, das ſtuͤrmiſche Meer, kreuzten ſich in ſeiner Phantaſie. Die Furcht vor den Gefahren, denen er entgegen ge⸗ hen ſollte, indem er ſeinem kraͤftigen Feinde auf Gnade und Ungnade Preis gegeben war, bekam wieder die Oberhand. „Hoͤrt mich einmal,“ jammerte er,„hoͤrt mich einmal an, ich flehe darum, hoͤrt, Miß Howard! Bin ich denn nicht von Eurem Blute und aus Eurem Vaterlande? Wollt Ihr mich der wilden Wuth, der Bosheit, der Unbarmher⸗ zigkeit dieſes Mannes Preis gegeben ſehn, der mich mit dem Dinge da— ach Gott!— durch⸗ boren wird! O, wenn Ihr den Anblick gehabt haͤttet, den ich auf der Alacrity hatte! Ach, Miß Howard, hoͤrt mich! Bei der Liebe, die Ihr zu Eurem Schoͤpfer habt, bittet fuͤr mich! Herr Griffith ſoll frei werden— ſoll—“ „Luͤgner!“ unterbrach ihn der Beiſchiffs⸗ „Was verſpricht er?“ fragte Cecilia und drehte ſich nochmals nach dem elenden, gefange⸗ nen Wicht um. „Nichts, was er halten will!“ ſiel Katha⸗ 8 rine ein.„Komm, ehrlicher Tom! Zum Min⸗ deſten will ich ein Fuͤhrer ſeyn, dem Du trauen kannſt!“ „Grauſame, hartherzige Miß Plowden!“ heulte der Gefeſſelte wieder.„Edle, ſanſte Alix, wollt Ihr denn Eure Stimme nicht zu meinem Gunſten erheben? Ener Herz iſt ja nicht durch eingebildete Gefahren derer, die Ihr liebt, ab⸗ gehaͤrtet!“ „An mich wendet Euch nicht!“ entgegnete Alix, und ihr fanftes Auge heftete ſich auf den Boden.„Euer Leben wird, hoffe ich, in keiner Gefahr ſeyn. Dem die Gewalt gegeben iſt, bitte ich, daß er barmherzig ſey, und Euch verſchonen moͤge.“ „Fort!“ ſprach jetzt Tom und ergriff Dil⸗ lon, den Huͤlfloſen, beim Kragen, indem er ihn die Gallerie hinaus mehr trug, als fuͤhrte.„Kommt ein Ton von Dir heraus, um den vierten Theil ſo ſtark, wie ihn ein junges Meerſchwein hoͤren laͤßt, wenn es zum erſten Mal Athem holt; ſo ſollſt Du, Schurke, noch einmal ſehn, was auf der Alacrity vorgegangen iſt. Meine Harpune hat eine gute Spitze, und der alte Arm weiß ſie noch weit hinein zu treiben!“ Dieſe Drohung machte Dillon ſo ſtill, daß er kaum Athem zu holen wagte. Er folgte mit —— 8 — — ſeinem Fuͤhrer Katharinen, die mit fluͤchtigem Schritte durch mehrere geheime Gaͤnge voraus eilte, bis ſie in wenig Minuten durch eine kleine Pforte in die freie Luft kamen. Ohne viel zu uͤberlegen, fuͤhrte ſie den Bootsmann d durch den Park zu einer andern Pforte, als ihn hereinge⸗ bracht hatte, zeigte ihm den Pfad, der auf einer Wieſe hinlief, und wuͤnſchte ihm ein Lebewohl mit einem Tone, der wohl zeigte, wie viel ihr an ſeiner Rettung gelegen ſey. Wie ein aͤtheri⸗ ſches Weſen entſchwand ſie ſeinen Augen. Einer Aufmunterung zur Eile bedurfte es fuͤr Tom jest nicht. Sein Weg lag klar und deutlich vor ihm. Er machte die Piſtolen im Guͤrtel locker, warf die Harpune auf die Schul⸗ ter, und ſchritt nun mit einer Haſtigkeit dahin, daß ſein Weggenoſſe alle Kraͤfte aufbieten mußte, um gleich zu kommen. Ein oder zwei Mal wagte dieſer ein oder ein Paar Worte, Allein ein donnerndes„Still!“ des Bootsfuͤhrers lehrte ihn einzuhalten, bis er ſah, ſie ſeyen den Klippen nahe. Hier machte er endlich den Verſuch, die Freiheit zu erhalten, indem er ein großes Geſchenk bot. Der alte Tom antwortete darauf nicht. Dies ließ den Gefangenen im Stillen glauben, ſolch' Anerbieten werde die verhoffte Wirkung thun. Allein ganz — 254— unerwartet fuͤhlte er das ſpitzige, kalte Eiſen der Harpune auf ſeiner Bruſt, zu der es ſchon durch die Weſte gedrungen war. „Luͤgner!“ rief Tom.„Sprich noch ein Wort, und ich ſtoße ſie Dir in's Herz!“ Von dem Augenblicke an war Dillon ſtill, wie das Grab. Sie gelangten auf den Nand der Klippen, ohne auf die Soldaten zu ſtoßen, welche, um Barnſtable aufzuheben, ausgeſchickt waren, und der Ort, wo ſie gelandet hatten, lag nicht mehr fern. Der alte Seemann hielt auf einer Klippe einen Augenblick an, und ſein ſach⸗ kundiges Auge ſchaute uͤber die Flaͤche der vor ihm liegenden Gewaͤſſer. Die See ſchlummerte nicht mehr. Sie war ſchon in vollem Hohlgehn. Ihre brauſenden Wogen rollten gegen den Fuß des Felſens, worauf er ſtand. Der weiße Schaum kraͤnzte bereits die Wellen. Als Tom den gan⸗ zen oͤſtlichen Himmel gemuſtert hatte, ſeufzte er laut und tief. Er ſtieß den Schaft der Har⸗ pune heftig gegen die Erde; wandelte auf den Klippen fort, und ließ ſchreckliche Drohnngen hoͤ⸗ ren, die das Gewiſſen ſeines bleichen Begleiters gar wohl zu deuten wußte. Es beduͤnkte den Letz⸗ tern, daß ſein wilder, zorniger Fuͤhrer mit einer Art Sorgloſigkeit den ſteilſten Rand des Abgrun⸗ des waͤhle. So gewagt war der Pfad, den er ————— F — 255— laͤngs den Klippen, trotz der um dieſe Stunde herrſchenden Finſterniß und des rauſchenden Stur⸗ mes, dahin wandelte. Mehr als einmal kam das Leben des angebundenen Gefangenen in augen⸗ ſcheinliche Gefahr. Allein es war klar, der be⸗ ſorgte Bootsmann habe einen Grund, ſo an⸗ ſcheinend unbeſonnen zu ſeyn. Als ſie die reichliche Haͤlfte von dem Punkte, wo Barnſtable gelandet war, bis zu dem zuruͤck⸗ gelegt hatten, auf welchem er Tom zu erwarten verabredete, ließen ſich undeutliche Stimmen von ferne hoͤren, wenn manchmal der Wind zu brau⸗ ſen einen Augenblick Anſtand nahm. Der Bei⸗ ſchiffsfuͤhrer machte ebenfalls eine Pauſe. Er horchte eine Minute aufmerkſam. Dann ſchien ſein Entſchluß gefaßt. Er wandte ſich an Dil⸗ lon. Gedaͤmpft, aber feſt und entſchloſſen, ſagte er ihm: „Ein Wort, und Du mußt ſterben! Jetzt aber die Klippen hinab! Du mußt eine See⸗ mannsleiter nehmen. Hier iſt Platz zum Treten, und da zum Anklammern. Ich bitte Dich, klet⸗ tere hinunter, oder ich werfe Dich in's Meer, wie einen todten Hund!“. †„Gnade! Gnade!“ ſlehte Dillon.„Das koͤnnte ich am Tage liicht. In der Finſterniß waͤr' es mein Tod!“ „Hinunter oder ich—“ ſagte Tom noch einmal und nun wartete Dillon nicht laͤnger, ſondern ſtieg mit zitternden Beinen den gefaͤhr⸗ lichen, vor ihm liegenden Abgrund nieder. Der Bootsmann folgte mit einer Eile, die den Ge⸗ fangenen ohne weiteres von dem Plaͤtzchen weg⸗ draͤngte, das er auf einer Klippe eingenommen hatte. Zu ſeinem Todesſchrecken ſchwebte er jetzt in der Luft. Sein Koͤrper hing uͤber der wo⸗ genden Fluth, die ſich mit Gewalt gegen den Fuß der Felſen brach. Ein unwillkuͤhrlicher Schrei entfuhr Dillon, als er ſich ſo von der kleinen Klippe geſchoben ſah. Es toͤnte durch das Brau⸗ ſen der Luft wie das Geheul eines Geiſtes im Sturme. „Noch einmal ſchrei' ſo, und ich ſchneide Dein Tau durch!“ ſagte der Seemann entſchloſ⸗ ſen.„Dann bringt Dich vor dem juͤngſten Tag nichts wieder in die Hoͤhe!“ Stimmen und Fußtritte waren jetzt deutlich zu hoͤren. Ein Haufen Bewaffneter erſchien auf dem Rande des Felſens, der gerade uͤber ihren Haͤuptern war. „Ich hoͤrte doch eine menſchliche Stimme, wie wenn Einer in Gefahr iſt!“ ſagte ein Soidat. „Die Leute, welche wir auſſuchen ſollen,“ bemerkte der Sergeant Drill,„ſind es unmoͤglich. ——— — 257— Kein Anruf, wie ich ihn je gehoͤrt habe, glich dieſem Schrei.”“ „Sie ſagen immer,“ erinnerte eine Stim⸗ me, welche minder kriegeriſchen Geiſt verrieth, als die des erſten Sprechenden,„ſolcher Schrei werde im Sturm oft an der Kuͤſte gehoͤrt. Er ſoll von ertrunkenen Seelenten herkommen.“ Einige der Soldaten, die es hoͤrten, lachten, und auf Koſten ihres aberglaͤubiſchen Kameraden wurden einige Spaͤßchen gemacht. Allein wun⸗ derbare Wirkung that die Bemerkung doch ſelbſt auf die unglaͤubigen Starkgeiſter: denn als noch ein Paar aͤhnliche Worte geaͤußert worden waren, entſernte ſich die ganze Partei mit einer Eile, welche wohl aus dieſer Anſicht entſprungen ſeyn mußte. Der Bootsfuͤhrer ſtand waͤhrend der ganzen Zeit feſt, wie das Felſenſtuͤck, das ihn trug, und bog ſich, trotz dem, daß er Dillon in der Schwebe halten mußte, uͤber den Felſen hinaus, um zu ſehen, ob und wohin ſie ſich wendeten. Kaum hatte er dies erforſcht; ſo zog er Dillon, der faſt halbtodt war, wieder auf die Klippe, und trieb ihn vorwaͤrts. Kein Wort ward in leeren Er⸗ oͤrterungen vergeudet. In wenigen Minuten ſtan⸗ den ſie auf dem erwuͤnſchten Punkte, von dem Tom mit Seemannes Kraft hinabeilte, immer ſeinen Gefangenen nach ſiche ziehend. Jetzt ſpielten II. 8 R — 258— 2³ die Wogen zu ihren Fuͤßen und deckten den Sand mit weißem Schaum. Tom hielt an und lugte in einer Linie uͤber die Wellen nach dem Hori⸗ zonte hin. Da ſah er die Barke im Finſtern außer dem Bereich der Brandung ſchaukeln. „He da! ho ha! Ariel hier?“ rief er mit einer Kraft, daß der wachſende Sturm den Ton den Ohren der ſchon weit entfernten Soldaten zu⸗ fuͤhrte, und dieſe, ſich vor ihm, weil ſie ihn fuͤr uͤbernatuͤrlich hielten, fuͤrchtend, um ſo raſcher davon eilten.. „Wer ruft an?“ ließ ſich Barnſtable's wohlbekanntes Rohr vernehmen. „Einſt Euer Meiſter, jetzt Euer Knecht!“ antwortete der Beiſchiffsfüͤhrer in ſelbſterfundener Parole. „Er iſt es!“ rief der Lieutnant.„Macht hin, Jungens! Ihr muͤßt in die Brandung hinein!“ Tom nahm Dillon auf den Arm, und warf ihn wie einen Sack uͤber die Schulter; dann watete er in den Schaum hinein, der vor der Barke hertrieb, und bevor Dillon ein Woͤrtchen haͤtte ſagen koͤnnen, ſah er ſich wieder an Barn⸗ ſtable's Seite. „Wen bringſt Du denn da?“ fragte dieſer den langen Tom.„Das iſt nicht Griffith?“ ⁸— 8— — „ Hebt Euern Anker und ſtoßt ab!“ befahl der Beiſchiffsfuͤhrer ſeinen Matroſen.„Und wenn Ihr den Ariel lieb habt, Ihr Jungens; ſo ru⸗ dert zu, ſolange Leben und Kraͤfte aushalten.“ Barnſtable kannte ſeinen Tom. Er fragte weiter nicht, bis das Boot aus den Klippen war, und bald uͤber die hohen Berge der Wel⸗ len, bald zwiſchen ihnen dahinglitt. Immer aber flog es mit Staunen erregender Geſchwindig⸗ keit dem Hafen zu, wo man den Arielwor Anker gelaſſen hatte. Auf der kurzen Fahrt erzaͤhlte der Seemann ſeinem Befehlshaber mit wenigen, aber bittern Worten Dillon's Verraͤtherei und die Gefahr des Ariel. „Die Soldaten ſind nicht ſo raſch, wenn in der Nacht Appel geſchlagen wird,“ ſchloß er, „und wie ich ſo obenhin gehoͤrt habe, muß der Bote einen Umweg machen, um die Bucht zu umſegeln, aus der wir eben gekommen ſind. Ohne den Nordoſt koͤnnten wir wohl mit dem Ariel gluͤcklich fortkommen. Nun, das iſt eine Sache, die blos in Gottes Hand liegt!— Ru⸗ dert nur zu, meine Kinder; rudert! In der Nacht haͤngt Alles von Euren Rudern ab!“ In tieſem Schweigen verſunken, hoͤrte Barn⸗ ſtable die unerwartete Erzaͤhlung an, die in Dillon's Ohr wie Grabgelaͤute toͤnte. Endlich R 2 ————⏑— — 260— machte ſich die gepreßte Bruſt des Lieutnants Luft. 1 „Schurke!“ rief er,„wenn ich Dich in die See wuͤrfe, zum Futter fuͤr die Fiſche, wer koͤnnte mich tadeln? Doch geht mein Schooner unter; ſo ſoll er Dein Sarg ſeyn!“ XII. — Waͤr' ich ein maͤcht'’ger Gott geweſen, Ehr haͤtte ſich das Meer verlaufen muͤſſen, Als daß es dieſes gute Schiff verſchlang. Shakeſpeare. Dilon's Arme wurden jetzt ihrer Banden ent⸗ ledigt, ſo wie Tom mit ihm die Barke beſtiegen hatte, damit er gegen einen ungluͤcklichen Zufall ſich ſelbſt helfen oͤnne. Der Gefangene benutzte dieſe Gunſt, ſich in einen Winkel zu druͤcken, wo er in boshafter Wuth und kleinmuͤthiger Furcht vor der Zukunft uͤber die vorgefallenen Dinge bruͤtete. Weder Barnſtable noch Tom ſchienen die Abſicht zu haben, ihn in ſeinen Betrachtungen zu ſtoͤren. Beide hatten zu viel mit ihren duͤ⸗ ſtern Beſorgniſſen zu thun, als daß ſie unnoͤ⸗ thige Worte gewechſelt haͤtten. Der Eine ſprach manchmal Einiges, als wollte er den Geiſt des Sturmes beſchwoͤren, wenn er ſo auf die Elemente ſchaute, die immer unruhiger wurden. Der Andere munterte von Zeit zu Zeit ſeine Leute auf. Sonſt hoͤrte man nichts, waͤhrend 1 — 262— die Wogen ſauſten, und der Wind duͤſter heulte, der von dem großen deutſchen Meere heruͤber kam.. Wohl mochte eine Stunde im Kampfe der kraͤftigen Matroſen gegen die wachſenden Wellen vergangen ſeyn, als die Barke die noͤrdliche Zunge des gewuͤnſchten Hafens erreicht hatte, und nun aus dem ſtuͤrmiſchen Meere laͤngs ihren innern Ufern in die ſtillen Fluthen der Bai hinſchoß. Hier hoͤrte man noch das Pfeifen des Sturmes in den die Bai umgebenden Felſen, die dies Becken bildeten. Aber die tiefe Stille der Nacht deckte die glatte Flaͤche des Meeres uͤberall. Die Schatten von den Bergen ſchienen ſich wie ein dicker Nebel im Mittelpunkt der Bai zu verei⸗ nigen. Jedes Auge ſchaute unwillkuͤhrlich umher. „Doch umſonſt ſuchten die unruhigen Seeleute im dichten Dunkel das kleine Schiff zu entdecken. „Alles iſt hier ſtill, wie der Tod!“ ſagte Barnſtable, als ſeine Barke die ſtillen Fluthen durchſchnitt. „Gott gebe, daß es nicht die Stille des Todes iſt!“ ſeufzte der Bootsfuͤhrer.—„Hier, hier liegt er!“ ſetzte er gleich hinzu, aber leiſer, als fuͤrchte er, belauſcht zu werden.„Hier liegt er, mehr Backbord hin. Seht nur in den lich⸗ ten Streif links vom Rebel da; der Wald hier —-— 263— bleibt auf Steuerbords Seite. Da die große, ſchwarze Linie iſt ſein großer Maſt; ich kenne ihn auf's Haar. Dort iſt ſeine Nacht⸗Flagge; ſie weht unter dem glaͤnzenden Sterne. Ja, ja, Herr, unſere Sterne*) glaͤnzen noch, und tanzen mit den Sternen des Himmels! Gott ſegne den Ariel! Gott ſegne ihn! Er wogt ſo leicht und ruhig, wie eine Moͤwe, die ſchlafen will!“ „Ich glaube, es ſchlaͤft Alles“ entgegnete Barnſtable.—„Ha! beim Himmel! Wir kom⸗ men gerade zur rechten Zeit! Die Soldaten werden lebendig!“ Sein ſcharfes Auge hatte das Flimmern vorbeigehender Laternen entdeckt, und wie ſie in der Batterie hin⸗ und hergingen. Im naͤchſten Augenblicke hoͤrte man auch ſchwach, aber deut⸗ lich auf dem Schooner lebendig werden. Der Lieutnant rieb ſich die Haͤnde mit einer Begei⸗ ſterung, welche die meiſten Leſer nicht verſtehen werden. Der lange Tom aber laͤchelte, ſo weit dies bei ſeinem Phlegma moͤglich ſeyn konnte. Es war Beiden die Gewißheit geworden, der Ariel ſey noch in Sicherheit, und ſeine Mann⸗ *) Die amerikaniſche Flagge fuͤhrte 13 Sterne als Symbol der 13 vereinigten Provinzen. D. Ueb. ſchaft wachſam. Auf einmal trat der ganze Rumpf und alles Takelwerk des Schiffes uner⸗ wartet vor ihre Augen. Der Himmel, das ſtille Waſſerbecken, die Huͤgel rings herum, wurden durch ein Licht erhellt, das ſchnell und lebhaft wie der ſtaͤrkſte Blitz kam. Barnſtable und ſein Beiſchiffsfuͤhrer ſchienen mit uͤbernatuͤrlicher Kraft nach dem Schooner zu blicken. Doch ehe der Donner des ſchweren Geſchuͤtzes von den Ber⸗ gen wiederhallte, pfiff ſchon eine Kugel ſauſend uͤber ihren Koͤpfen, gleich dem heulenden Orkane, dahin. Bald eilte ſie uͤber die Flaͤche des plaͤt⸗ ſchernden Waſſers, und krachte endlich von Fel⸗ ſen an Felſen an, große Stuͤcke derſelben hier und da wegreißend. „Der erſte Schuß war ſchlecht gezielt, und das iſt fuͤr den Angegriffenen immer ein gutes Zeichen!“ ſagte der alte Tom mit ſeiner philo⸗ ſophiſchen Kaltbluͤtigkeit.„Der Rauch macht eine ſchlechte Brille, und die Nacht wird auch finſter, wenn die Morgenwacht angeht.“ „Der Junge iſt ein Wunder fuͤr ſeine Jahre!“ rief der Lieutnant froͤhlich.„Sieh, Tom, er iſt in der Finſterniß auf einer andern Stelle vor Anker gegangen. Die Englaͤnder ha⸗ ben in der Richtung gefeuert, wo er noch Abends lag. Wir ließen ihn in gerader Linie „—2s d — 265— zwiſchen der Batterie in jenem Felſen da. Was waͤre aus dem Ariel geworden, wenn die Ku⸗ gel in unſer Verdeck getroffen haͤtte, und unter dem Waſſer wieder herausgekommen waͤre?“ „So waͤren wir in engliſchem Schlamm auf ewig verſunken. Ein ſolcher Burſche haͤtte gleich eine ganze O'eihe von unſern Rippen mit⸗ genommen, und den Matroſen nicht Zeit ge⸗ laſſen, ein Vaterunſer zu beten.— Legt an, Jungens!“ Es verſteht ſich, daß die Mannſchaft der Barke waͤhrend dieſes Geſpraͤchs nicht muͤſſig geweſen war. Im Gegentheil wirkte der Anblick ihres Schiffs wie ein Zauberbild auf ſie. Sie glaub⸗ ten, alle Behutſamkeit ſey nun unnoͤthig, und ſtrengten die aͤußerſte Kraft an, die ſie denn auch, wie uns Tom's letzte Worte ſagten, an des Ariels Seite brachte. Jeder Nerve von Barnſtable war geſpannt; die groͤßte Furcht war der begruͤndeten, lebhaften Hoffnung gewichen, gluͤcklich zu entkommen. Indeſſen ſo berauſchend das Gefuͤhl war, doch uͤbernahm er das Kom⸗ mando ſogleich mit der Ruhe und dem Ernſte, die der Seemann im Augenblicke der groͤßten Gefahr fuͤr das Nothwendigſte haͤlt. Er ſah recht gut, daß jede der ſchweren Kugeln, die der Feind von dem Felſen in die — 266— finſtere Nacht hinſandte, den Untergang des leichtgebauten Ariels herbeifuͤhren muͤßte, indem ſie dem Waſſer eine freie Bahn oͤffnete, der er nicht zu begegnen wußte. Seine Befehle ent⸗ ſprachen daher ganz der bedenklichen Lage, in der er ſich befand, wurden aber ſo kaltbluͤtig und feſt gegeben, wie ſie ſchnellen und lebhaften Ge⸗ horſam am Sicherſten foͤrdern. Bald ward von der Mannſchaft der Anker in die Hoͤhe gebracht. Mit Huͤlfe der langen Ruder kam der Ariel der Batterie gegenuͤber an's andere Ufer, das mit einer dicken Rauchwolke uͤberzogen war. Jeder neue Schuß faͤrbte dieſe mit matt erleuchtenden Strahlen, wie ſie ſich in den Duͤnſten bei der untergehenden Sonne abſpiegeln. So lange ſich der Ariel unter dem Schutze der Kuͤſte halten konnte, war keine Gefahr zu fuͤrchten. Aber Barnſtable merkte wohl, daß außer dem Bereiche der Finſterniß, naͤher nach dem Kanale, der in den Ozean hinausleitete, die Kraft der Ruder nicht ausreiche, dem hefti⸗ gen Winde zu begegnen, und die Finſterniß dort nicht ſtark genug ſey, die Bewegung vor dem Feinde zu verbergen. Der letztere hatte bereits auf der Kuͤſte laͤngs hin einige Leute geſandt, die Lage des Schooners naͤher auszumitteln. Mit Einem Male verzichtete er daher auf alle Liſt und ͤſ Verborgenheit. Er gab Befehl, alle Segel auf⸗ zuſetzen.. „Jetzt moͤgen ſie das Aergſte verſuchen, Merry!“ ſagte er zu dieſem in ſeiner luſtigen Weiſe.„Wir ſind nun weit genug von ihnen, daß ich denke, ihr altes Eiſen wird uͤber dem Waſſer hinfahren. Und Narren haben wir ja nicht, hier auf dem Ariel!“ „Da muͤßten hinter der Batterie andere Ar⸗ tilleriſten ſeyn, als die ſaubere Miliz, Rekruten und Volontairs;“ erwiederte der furchtloſe Kadet,„wenn ſie dem muntern Ariel den Wind abſchneiden woll⸗ ten. Aber wozu habt Ihr uns denn wieder den Jonas an Bord gebracht? Seht einmal, wie er beim Lichte der Kajuͤtenlampe da ſitzt! Er blinzelt bei jedem Schuſſe, als erwartete er, daß die Kugel in ſein eigenes haͤßliches, gelbes Ge⸗ ſicht einſchluͤge. Was haben wir denn fuͤr Nach⸗ richt von Herrn Griffith und dem Kapitain der Marine?“ „Nenne mir nicht den Schurken dort!“ rief Barnſtable, und griff ſo krampfhaft in Merry's Schulter, an der er erſt vertraulich gelehnt hatte, daß dieſer davon Schmerz fuͤhlte. „Nenne mir ihn nicht, Merry! Ich muß jetzt alle Kraͤfte, alle Einſicht zuſammen halten, und denke ich an dieſen Schurken; ſo macht mich — 268— das fuͤr den Dienſt unfaͤhig. Allein— es wird eine Zeit kommen!— Jetzt macht fort, Jun⸗ ker; ich fuͤhle, der Wind iſt gut. Aber wir ha⸗ ben auch einen engen Weg zu durchſchneiden!“ Der Kadet gehorchte dem Befehle, der in dem barſchen, raſchen Tone des Seemanns ge⸗ geben war, und er wußte wohl, daß der Ab⸗ ſtand, welchen Alter und Rang zwiſchen ihm und Barnſtable ſchufen, den der Letztere aber im Um⸗ gange ſo gern vergaß, jetzt wieder in ſeine Rechte geſetzt ſeyn ſollte. Die Segel waren losgebun⸗ den und geſtellt. Das Schiff naͤherte ſich dem Kanal. Der Wind blies immer heftiger, und machte jetzt auf die Segel ſeine Kraft merkbar geltend. Der Bootsfuͤhrer hatte bei der Abwe⸗ ſenheit der meiſten Subalternoffiziere auf dem Vorderkaſtell die Rolle eines Mannes geſpielt, der im Gefuͤhl ſeines Alters, ſeiner Erfahrung, wohl weiß, er hat einiges Recht, bei ſolchen Umſtaͤnden einen guten Rath zu geben, wenn auch nicht zu befehlen. So kam er jetzt hin⸗ ter an's Steuerruder, wo ſein Kommendant ſtand, und ſchien es darauf anzulegen, von ihm geſehn zu werden. 1 „Nun, Maſter Coffin,“ fragte dieſer, der wohl wußte, wie gern ſein alter Beiſchiffsfuͤhrer bei jeder wichtigen Gelegenheit mit ihm ein — Woͤrtchen ſprach; was denkſt Du denn von un⸗ ſerm Kreuzen hier? Die Leutchen dorten auf dem Berge machen viel Laͤrm: aber ich hoͤre nicht einmal mehr ihre Kugeln pfeifen. Man ſollte denken, ſie koͤnnten jetzt unſere Segel am breiten hellen Streife da ſeewaͤrts hinein ſchim⸗ mern ſehn.“ „Ei nun ja!“ war ſeine Antwort,„ſie ſehn uns, und denken auch uns immer zu treffen. Aber wir kamen quer vorbei, bis jetzt zehn Knoten in der Minute. Sind wir erſt gegen⸗ uͤber in einer Linie mit ihren Kanonen, da wol⸗ len wir ſehen. Wer weiß, wir fuͤhlen da mehr, als jetzt. Ein Zweiunddreißig⸗Pfuͤnder vertraͤgt ſich nicht ſo leicht, als der Schuß aus einer Entenflinte oder Jagdbuͤchſe.“ Barnſtable ward uͤber die Wahrheit dieſer Bemerkung betroffen. Und doch war es unum⸗ gaͤnglich noͤthig, den Schooner in die Linie zu bringen, von welcher Tom geſprochen hatte. Er gab die Befehle dazu; das Schiff ſchoß nach der See ſo ſchnell hin, als wir es nur ſagen konnten. „Jetzt haben ſie uns, oder nie!“ rief er, als das Manoͤver vollendet war.„Gewinnen wir die noͤrdliche Spitze vom Eingange; ſo ſind wir im Freien, und in zehn Minuten koͤnnen wir dann uͤber der Koͤniginn Anna Taſchenkanone lachen, die, Du weißt es ja, alter Tom, eine Kugel von Dover nach Calais ſchickt.“ „Ich hab' halt von der Kanone gehoͤrt!“ erwiederte der alte Burſche.„Es muß ein huͤb⸗ ſches Stuͤck geweſen ſeyn, wenn der Kanal ſonſt auch immer ſo breit war, wie jetzt. Aber, Ka⸗ pitain, ich ſehe jetzt etwas, das gefaͤhrlicher iſt, als ein halbes Dutzend der ſchwerſten Stuͤckku⸗ geln, die je eine halbe Meile weit gingen. Das Waſſer fuͤllt bereits unſere Speygatten an!“ „Nun, was iſt da weiter? Hat es nicht oft genug die Kanonen beſpuͤlt? Iſt darum dem Ariel ein Raa geknickt, oder ein Riß Kiele beigebracht worden?“ „Ja, ja, da habt Ihr Recht, wenn offene See da iſt, die ein Menſch in dem Leben, um zu beſtehen, allein braucht. Aber wenn wir den Fleiſchhackern entkommen ſind, packt uns ein ar⸗ ger Nordoſt an, der jetzt ganz ſtill ſeitwaͤrts lauert; und den fuͤrchte ich mehr, als alles Pul⸗ ver und Blei auf der ganzen Inſel.“ „Hoͤre, Tom, die Kugeln ſind gar nicht zu uͤberſehen! Daß Dich! Die Kerls haben die Linie gefunden! Sie ſchicken ihr Eiſen, daß es rings herum pfeift. Wir fahren tuͤchtig zu, aber — ein Zweiunddreißig⸗Pfuͤnder kann mit dem beſten Winde, der je wehte, gleichen Schritt halten.““ Tom warf einen beobachtenden Blick nach der Batterie. Dieſe hatte ihr Feuer mit einer Heftigkeit eroͤffnet, daß man wohl ſah, ſie nehme ihr Ziel wahr. „Es verlohnt ſich nicht der Muͤhe, einer Kugel ausweichen zu wollen;“ bemerkte er trok⸗ ken.„Jede Kugel hat ihr Ziel, gerade wie ein Schiff beſtimmt iſt, unter einer gewiſſen Breite zu kreuzen. Aber vor Wind und Wetter muß ſich der Seemann huͤten. Dazu ſind ſie da. Da kann er Segel aufſtecken und einziehen, wie der Fall nun iſt. Die Landzunge dort ſuͤdlich geht drei Meilen ins Meor hinaus. Dort noͤrd⸗ lich liegen Klippen. Gegen ſie mit dem Schiffe anzufahren, davor bewahre uns Gott!“ „Wir wollen den Ariel ſchon herausbringen, alter Knabe!“ rief Barnſtable.„Wozu haben wir denn Drei⸗Meilenſtiefeln angezogen?“ „Ich habe Segler mit andern Stiefeln zu ſpaͤt kommen ſehn!“ ſagte der alte Tom tief ſeufzend.„Geht die See hohl und kommt die Fluth: wenn man mit dem Wind' an der Kuͤſte treibt, iſt das nicht gut!“ Der Lieutnant wollte uͤber dies Seemanns⸗ ſpruͤchlein eben recht herzlich lachen, als eine — — 272— Kugel erſt pfeifend dahinſtrich, und dann ſogleich im Holze krachte. Der naͤchſte Augenblick brachte den Obertheil des Maſtbaumes auf's Verdeck herab. Er ſchwebte mit dem Hauptſegel und dem langen Wimpel, das, wie der alte Tom ſagte, Amerika's Sinnbild zu den Sternen des Himmels geſellte, erſt einen Augenblick hoch in der Luft. „Das war ein boͤſer Schuß!“ ſagte Barn⸗ ſtable in der erſten Unruhe. Doch augenblicklich war Stimme und Benehmen gleich wieder ge⸗ faßt. Er gab Befehl, das Verdeck zu raͤumen und das flatternde Segel zu ſichern. Toms traurige Ahnungen ſchienen zu ſchwin⸗ den, ſo wie er ſah, daß es zu arbeiten gab. Er war der Erſte von der Mannſchaft, der dem Befehle Barnſtable's nachkam. Der Verluſt des ganzen Segelwerks vom Hauptmaſte machte, daß der Ariel langſamer fuhr, daher es um ſo mehr Muͤhe koſtete, den Punkt zu umſegeln, wo es, in einiger Entfernung, in's offene Meer hinaus⸗ ging. Endlich war dies Ziel durch ſeinen Muth, die Gelenkigkeit des Schiffes erreicht. Der Schoo⸗ ner flog mit dem Sturme, gegen den ihn nichts mehr ſchuͤtzte, dahin, und ſuchte, 4 nur ſoweit wie moͤglich von den Klippen entfernt zu halten. Was ſich vom Segelwerk am Rumpfe des Haupt⸗ — geſetzt. maſtes noch aufſpannen ließ, ward in Bewegung In dem Augenblicke, wo der Ariel das kleine Vorgebuͤrge im Ruͤcken ſah, ſchwieg die Batterie. Barnſtable hatte jetzt blos den Blick auf den Horizont gerichtet. Bald merkte er, mit den Elementen ſey, ganz wie es Tom prophezeit hatte, ein noch haͤrterer Kampf zu beſtehen. Als er den Schaden im Takelwerk, ſoweit es moͤglich war, wieder ausgebeſſert ſah, nahm der Bei⸗ ſchiffsfuͤhrer wieder ſein Plaͤtzchen beim Lieutnant ein. Nach einer kleinen Pauſe, waͤhrend der er mit Seemannsblicke das Tauwerk uͤberſchaute, knuͤpfte er das Geſpraͤch wieder auf folgende Art an: G „Ja, ich ſage, es waͤre beſſer fuͤr uns, wenn die Kugel dem beſten Mann auf dem Ariel das Bein genommen haͤtte, ſtatt daß der Ariel das beſte Bein verloren hat. Ein gut eingereff⸗ tes Topſegel kann zu ſeiner Zeit gut ſeyn, aber i*ſt ein jaͤmmerlich Ding, wenn das Schiff mit dem Winde gehn ſoll.“ „Aber was haſt Du denn, Alter?“ fragte der Kapitain aͤrgerlich.„Du ſiehſt ja, daß der Ariel von der Kuͤſte fortkommt? Willſt Du denn dem Sturm ſtraks in den Rachen fahren, oder ſoll ich wenden und gerade auf den Strand laufen?“ II. S —— . — 274— „Ich will ja gar nichts; nichts, Kapitain Barnſtable;“ ſagte der alte Seemann, traurig, daß ſein Befehlshaber unwillig ſey.„Ihr ſeyd ein wackerer Patron, wie je einer auf dem Decke war, wenn es galt, in die See zu ſtechen. Aber, als mir der Rothrock erzaͤhlte, daß der Ariel, vor ſeinem Anker liegend, ſinken ſollte; da ergriff mich ein Gefuͤhl, wie ich es noch nie ge⸗ habt habe. Ich dachte, ich ſaͤhe ihn als Wrak; ja, und ſo deutlich ſtand er vor meinen Augen, wie der Stumpf von dem Maſte da! Ach, ich bekenne es gern,— denn man kann ja eben ſo gut das Schiff, auf dem man lebt, als das Leben ſelbſt lieben,— daß durch den Anblick mein ganzer Muth zu Waſſer geworden iſt.“ „Ei, ſo ſey ſtill, alter Seerabe!“ rief Barnſtable, mehr theilnehmend, als boͤſe.„Mach nach vorn und ſieh, daß Alles ordentlich gethan wird.— Doch halt, komm' einmal her, Tom! Wenn Du Geſichte von Wraks und Hayfiſchen und andern ſolchen allerliebſten Dingen haſt; ſo behalt' ſie huͤbſch in Deinem eignen dicken Hirn⸗ kaſten, und laß keine Geiſterſtimme auf dem Vor⸗ derkaſtell laut werden. Die Jungens ſehen ſo oͤfter nach dem Himmel, als mir recht iſt. Da, nimm Dir ein Beiſpiel an dem muntern Merry, der ſitzt auf Deinem Namensvetter, und —— — 275— ſingt, als waͤre er der Diſrantiſt in ſeines Va⸗ ters Kirche!“ „Ach, Kapitain, Herr Merry iſt ein Knabe. Er weiß nichts; er fuͤrchtet alſo auch nichts. Doch ich will Euern Befehlen nachkommen und wenn die Leute wegen des Sturmes unruhig wer⸗ den; ſo ſoll es nicht geſchehen, weil ſie den alten Tom davon reden hoͤrten.“ Er zoͤgerte aber doch einen Augenblick, ehe er ans Werk ging. Dann wagte er die Bitte: „Kapitain Barnſtable koͤnnte mir den Ge⸗ fallen thun, und den Kadet von der Kanone wegrufen. Ich habe nun die See befahren, ſo lange ich lebe, und weiß es daher, daß, wenn einer im Sturme ſingt, der Sturm dann um ſo heftiger gegen das Schiff wuͤthet: denn Er, welcher im Sturme dahinfaͤhrt, iſt erzuͤrnt, daß des Menſchen Stimme gehoͤrt wird, wenn Er ſeinen Athem uͤber das Waſſer ſendet.“ Barnſtable war wirklich zweifelhaft, ſollte er uͤber ſeines Bootsmanns Aberglauben lachen, oder dem Eindrucke nachgeben, welchen der Ernſt und das Feierliche, womit er ſprach, in der jetzigen Lage auf ihn mit aller Kraft machten. Er be⸗ muͤhte ſich, die aberglaͤubiſchen Ahnungen, welche, (er fuͤhlte das wohl,) ſein eignes Herz ergriffen, los zu werden, und genuͤgte dem braven See⸗ S 2 mann inſoweit, daß er den ſorgloſen Kadet von der Lavette zu ſich hinrief. Die Achtung, die dem Hinterverdecke gezollt werden mußte, machte dem luſtigen Liede, das dieſer fuͤr ſich ſang, gleich ein Ende. Tom ging langſam nach dem Vor⸗ derkaſtell. Wie es ſchien, hatte ihn der Gedanke, ſo eine wichtige Sache durchgeſeßt zu haben, ſehr erheitert. Der Ariel kaͤmpfte fortmaͤhrend in den naͤch⸗ ſten Stunden mit Sturm und Wetter. Sens brach der Tag an, und erhellte die duͤſtere Scen Die unruhige Mannſchaft konnte nun die eig liche Gefahr beſſer durchſchauen. So wie die Heftigkeit des Sturmes wuchs, hatte man imme mehr und mehr die Menge der Segel vermin⸗ dert, bis am Ende nur ſoviel blieben, als un⸗ ablaͤſſig noͤthig waren, nicht gerade huͤlflos ans Land getrieben zu werden. Barnſtable ſchaute nach dem Wetter mit einer geſpannten Unruhe, die wohl zeigte, daß die Beſorgniß des alten Beiſchiffsfuͤhrers nicht laͤnger fuͤr thoͤricht zu halten ſey. In die See hinausſehend, gewahrte er gruͤne Waſſermaſſen, von Schaum bekraͤnzt, die ſich mit einer dem Scheine nach unwiderſtehlichen Gewalt dem Lande zuwaͤlzten. Bisweilen ſchien die Luft von Edelſteinen geſchmuͤckt, wenn die Stralen der Morgenſonne auf die Tauſende von Tropfen fielen, die eine Woge der — ———— — 211— andern zuſpruͤtzte. Blickte er auf's Land; ſo war die Ausſicht noch niederſchlagender. Die Klip⸗ pen, kaum eine halbe Seemeile fern, wurden bisweilen von den großen Waſſermaſſen bedeckt, die der wuͤthende Ozean, bis auf den Grund be⸗ wegt, in die Luft warf, als wollte er die Graͤn⸗ zen uͤberſteigen, welche die Natur ſeiner Herr⸗ ſchaft geſetzt hat. Die ganze Kuͤſte von dem fer⸗ nen Vorgebuͤrge im Suͤden bis zu den wohlbekann⸗ ten Klippen, welche ſich in entgegengeſetzter Rich⸗ tung zeigten, bildete ein ungeheures Becken von Schaum, und das ſtolzeſte Schiff, das je auf dem Meere ſchwamm, mußte, gerieth es in dieſe Brandung, ſeine Beute werden. Indeſſen noch ging der Ariel leicht und ſicher uͤber die Fluthen, von ihnen getrieben, da⸗ hin. Oefters ſchien er in dem gaͤhnenden Schlund zu verſinken, der ſich unter ihm aufthat, das kleine Fahrzeug zu empfangen. Das Geruͤcht, Gefahr ſey wirklich da, hatte ſich auf dem ganzen Schooner verbreitet. Die Mannſchaft richtete den hoffnungsloſen Blick auf die wenigen Segel, die der Sturm aufzuſetzen erlaubte, und ſchaute dann wieder nach der dunkeln Kuͤſte, welche nur eine ſo traurige Wahl zu laſſen ſchien. Selbſt Dillon, zu welchem die Nachricht von der Gefahr ihren Weg gefunden hatte, rafftt ſe — 278— aus ſeinem verborgenen Winkel in der Kajuͤte auf, und ging ſchnell auf's Verdeck, mit gierigem Ohre jedes Wort belauſchend, das den Lippen der beſtuͤrzten Seeleute entſchluͤpfte. In dieſem Augenblicke der drohenden Ge⸗ fahr zeigte indeſſen der Beiſchiffsfuͤhrer die groͤßte Kaltbluͤtigkeit und Ruhe. Was in Menſchen⸗ kraͤften lag, das kleine Schiff vom Lande wegzu⸗ bringen, war gethan, das wußte er. Seinem erfahrnen Auge war es auch klar, daß es um⸗ ſonſt gethan ſey. Alleein er ſah ſich ſelbſt fuͤr eine Art von Beſtandtheil des Schooners an, und war vollkommen vorbereitet, deſſen Schickſal zu theilen, mochte es gut oder boͤſe ſeyn. Barnſtable's ſonſt offene Stirn runzelte ſich in duͤſtere Falten. Aber nicht die Beſorgniß fuͤr ſein Schickſal brachte ſie hervor; ſie waren Fol⸗ ge der vaͤterlichen Theilnahme, von der kein Befehlshaber eines Schiffes frei iſt. Der Dienſt der Mannſchaft ging noch gleich ruhig und feſt. Zwei der aͤlteſten Seeleute hatten allerdings einen kleinen Verſuch gemacht, die Angſt im Innern hinunter zu trinken. Aber Barnſtable forderte ſeine Piſtolen in einem Tone, der ihrem Benehmen im Augenblick ein Ende machte. Das toͤdtliche Gewehr ward zwar nicht angeruͤhrt. Es blieb aber auf dem Orte liegen, wo es ſein —— p 3 n x L — 279— Burſche hingelegt hatte, und kein Zeichen von Inſubordination kam noch weiter zum Vorſchein. Einem Bewohner des feſten Landes wuͤrde es ſchrecklich geweſen ſeyn, haͤtte er geſehn, welche Aufmerkſamkeit dem kleinſten Dienſte gewidmet blieb. Die Leute, welche, ſo ſchien es, an nichts zu denken hatten, als wie ſie die wenigen Au⸗ genblicke ihres Daſeyns dem Himmel weihen moͤchten, wurden unaufhoͤrlich beordert, die un⸗ bedeutendſten Geſchaͤfte zu verrichten. Taue wur⸗ den aufgerollt. Der kleinſte Schaden, den ge⸗ legentlich eine Welle machte, wenn ſie den nie⸗ drigen Bord des Ariel uͤberſtieg, ward ausge⸗ beſſert, und das Alles ſo puͤnktlich und ordentlich, als laͤg' er in der Bay, die er eben verlaſſen hatte. Auf ſolche Weiſe behauptete die Herr⸗ ſchaft ihr Recht uͤber die ſchweigende Mannſchaft, nicht in der leeren Abſicht, die erſterbende Macht noch einige Zeit laͤnger zu uͤben; wohl aber die Einigkeit der Kraͤfte zu erhalten, die allein noch einen Stral der Hoffnung gewaͤhren konnte. „Gegen die See kann er unter den Lum⸗ penſegeln nicht halten!“ ſagte Barnſtable duͤſter zu ſeinem Bootsfuͤhrer, der mit gekreuzten Ar⸗ men, und einer kalten Ergebung ſich auf der Gallerie des Hinterverdecks wiegte, waͤhrend der Schooner vorn in die Fluthen tauchte, daß ſie — — 280— ihn bald in ihrem Buſen begruben.„Der arme Kerl zittert, wie ein Kind, das in's Waſſer ge⸗ fallen iſt!“ 1 Tom ſeufzte tief und ſchuͤttelte das Haupt. „Wenn wir,“ bemerkte er endlich,„den Hauptmaſt eine Stunde laͤnger behalten haͤtten, ſo kamen wir in's offene Meer, und gewannen den Wind. Aber ſo wie das jetzt iſt, kann kein ſterblicher Menſch das Schiff gegen den Wind bringen. Er treibt derb dem Lande zu. Ehe eine Stunde vergeht, hat er geſtrandet, wenn es nicht Gottes Wille iſt, daß die Winde zu blaſen aufhoͤren.“ Hei. „Es iſt keine Hoffnung uͤbrig, als der An⸗ ker. Unſer Grundanker kann noch Rettung ſchaf⸗ fen!“ Tom erwiederte mit feierlichem Ernſte, wie ihn nur lange Erfahrung im Augenblicke großer Gefahr geben kann:. „Wenn unſer erſtes Kabeltau an den ſchwer⸗ ſten Anker geſchlungen wuͤrde, dieſes Meer wuͤrde ihn zerreißen, und ſollte blos das leere Schiff davor liegen. Ein Nordoſt im deutſchen Meere muß austoben. Wir haben den Sturm erſt uͤberſtanden, wenn die Sonne hoch oben ſteht. Dann kann er nachlaſſen: denn die Winde ſchei⸗ nen oft der Herrlichkeit des Himmels ihre Ehr⸗ — N ngn=SnX F 2 S furcht zu beweiſen, und toben nicht, ſobald die Sonne in ihrer Pracht leuchtet.“ „Wir muͤſſen unſere Pflicht gegen uns und das Vaterland uͤben!“ ſagte Barnſtable.„Geh, laß zwei Taue zuſammenſplitzen. Wir wollen beide Anker zuſammen auswerfen, und ſollten wir auch zweihundert und vierzig Faden haben. Vielleicht rettet dies doch. Sieh zu, daß Alles dazu in den Stand geſetzt wird. Laß die Ma⸗ ſten kappen. Wir wollen dem Winde nichts, als das nackte Schiff laſſen, daruͤber mag er wegraſen!“ „Ach, wenn wir blozamit dem Winde zu thun haͤtten:“ rief der Alte,„dann moͤchten wir wohl die Sonne hinter jenem Berge ſinken ſe⸗ hen. Aber was kann aller Hanf bei einem Schiffe helfen, das bis an den Vordermaſt ſchon Waſſer zieht?“. Indeſſen ward der Befehl mit einer Art Verzweiflung ausgefuͤhrt, und als alle Vorberei⸗ tungen getroffen waren, ſank der eigentliche, wie der Noth⸗Anker, in die Tiefe; die Art arbeitete an dem, was noch von langen Maſten da war. Die Spaͤne, die Raaen bedeckten das Schiff: aber in dieſer Scene der Gefahr machten ſie kei⸗ nen Eindruck. Schweigend warf der Matroſe ſie hoffnungslos, nur ſeiner Pflicht getreu, uͤber — 282— Bord. Jedes Auge folgte den dahin ſchwim⸗ menden Maſten, als ſie die Wogen fortfuͤhrten. Wie in der Fieberhitze wollte Jeder ſehen, was ſich bei ihrem Anprallen an den Felſen, die ſo drohend entgegen traten, ereignen wuͤrde. Doch lange zuvor, ehe das Holz in die ſchaͤumende Brandung kam, wurde es vom wuͤthenden Ele⸗ mente dem Blick entzogen! Die ganze Mannſchaft fuͤhlte, daß dies das letzte Mittel geweſen ſey. Mit jedem neuen tie⸗ fen Eintauchen des Ariel in's Meer, das gegen ſein Vorderkaſtell anſtuͤrmte, mußte man fuͤrch⸗ ten, der Anker werde den Grund verlaſſen, oder ſein Tau zerreißen. Waͤhrend die getaͤuſchte Hoffnung ſie ſo noch hinhielt, ging Dillon ungehindert und unbemerkt im Schiffe auf und ab. Sein rollendes Auge, ſeine keuchende Bruſt, ſeine gewundenen Haͤnde, konnten unmoͤglich den Blick von Menſchen auf ſich ziehn, deren Gedanken nur mit Rettungs⸗ mitteln beſchaͤftigt waren. Jetzt verfolgte er in wahrer, innerer Verzweiflung die Wogen, die uͤber's Verdeck hinrollten. Er wagte ſich in die Gruppe, die um Tom's Kanone verſammelt war. Wilde Blicke, Rache drohend, fielen von allen Seiten auf ihn: allein er war zu beſtuͤrzt, um ſie zu bemerken. 1 — — 283— „Wenn Du der Welt uͤberdruͤßig biſt;“ ſagte Tom zu ihm,„ſo brauchſt Du nur zu den Matroſen zu gehn; die machen Dich bald todt. Nun, lange wird's mit Dir ſo nicht dauern, ſo wenig, wie mit mir. Brauchſt Du aber noch ein Paar Augenblicke, die Rechnung von Dei⸗ nem Leben abzumachen, ehe Du vor unſern Sehoͤpfer gebracht wirſt, und das Loggbuch dort ableſen hoͤrſt: ſo wuͤrde ich Dir rathen, Dich ſo dicht an Barnſtable und an mich anzuſchließen, als moͤglich.“ „Wollt Ihr mir verſprechen, daß ich ge⸗ rettet werde?“ rief Dillon, der jetzt zum erſten Male, ſeit ſeiner neuen Gefangennehmung, einen theilnehmenden, freundlichen Ton zu hoͤren glaub⸗ te.—„Ach, wenn Ihr das wolltet! Ich will Euch eine ſorgenloſe Zukunft bereiten! Ein rei⸗ cher Mann ſollt Ihr ſeyn, ſo lang' Ihr lebt!“ „Ja, leider habt Ihr nur, zum Nachtheile Eurer Seele, Ener Wort erſt nicht gehalten!“ verſetzte Tom ernſt und trocken, aber ohne Bit⸗ terkeit.„Ich kann jedoch ſelbſt einem Wallfiſch nicht mehr zu Leibe gehn, wenn er bereits ſein Blut verliert. 2 Dillon's Flehen wurde durch ein Schreckens⸗ geſchrei unterbrochen, das vom Vorderkaſtell aus⸗ ging, und mit ſteigendem Entſetzen das Bruͤllen des Sturmes uͤbertraf. Der Schooner ſtieg auf einer ungeheuern Welle hoch empor, dann bot er ſeine breite Seite der See dar, und trieb, wie eine Nußſchaale auf dem Schaume eines Waſſerfalls, nach den Klippen hin. „Unſer Grundanker iſt hin;“ ſagte Tom mit ſeiner ruhigen, durch nichts mehr geſtoͤrten Weiſe.„Der Tod ſoll dem Ariel ſo leicht ge⸗ macht werden, wie es Menſchenmoͤglich iſt.“ Damit ergriff er das Steuerruder, und gab ihm eine Richtung, daß er wahrſcheinlich mit dem Vordertheile zuerſt gegen die Klippen kam. Einen Augenblick lang verrieth Barnſtable's finſtere Miene die ihn quaͤlende Unruhe. Doch ſchnell war ſie voruͤber. Heiter rief er ſeinen Leuten zu: „Friſch auf, Jungens! Fuͤr Euch iſt noch Ausſicht zur Rettung da! Das leichte Schiff wird uns dicht an die Klippen tragen. Es iſt noch Ebbe da. Macht die Boote fertig, und paßt auf!“. Die zum Wallſiſchboote von Tom gehoͤ⸗ rige Mannſchaft erwachte bei dieſen Worten wie aus einem Traum. Schnell ward das kleine Fahrzeug heruntergelaſſen; Alle ſprangen hinein, und hielten es durch kraͤftige Anſtrengung in ge⸗ hoͤriger Entfernung vom Schooner.„Der Bei⸗ — ſchiffsfuͤhrer ſoll kommen! Der alte Tom ſoll kommen!“ ward von allen Seiten gerufen. Aber Tom ſchuͤttelte den Kopf und ſagte kein Wort. Immer hielt er das Steuerruder feſt, und ſah nach der Brandung, gegen welche der Ariel hin⸗ trieb. Das andere groͤßere Boot auf dem Ariel ward von den Wellen in dem Augenblicke mitge⸗ nommen, wo man es eben hinablaſſen wollte. Die Anſtrengung, die Thaͤtigkeit der Matroſen machte dieſe fuͤr die Schreckniſſe unempfindlich, die ſich auf allen Seiten haͤuften.. 6 Da laͤhmte der laute durchdringende Zuruf des Beiſchiffsfuͤhrers:„Seht Euch vor! Rettet Euch!“ alle Anſtrengungen. Im naͤmlichen Augenblick ward der Ariel von einer Welle hoch emporgehoben, und auf einen Felſen geſchleudert. Der Stoß war ſo heftig, daß er alle zu Boden warf, die den warnenden Zuruf nicht beachtet hatten. Allgemeiner Schrecken war die Folge davon. Einen Augenblick ſpaͤter glaubten die minder erfahrnen Seeleute, die Gefahr ſey vor⸗ uͤber. Allein eine neue groͤßere Welle hob das Schiff, um es noch ungeſtuͤmer auf das Felſenriff fallen zu laſſen. Sie ergoß ſich uͤber das Verdeck, und ſtuͤrtnte mit unwiderſtehlicher Wuth daruͤber hin. Mit Entſetzen ſahen die Matroſen ihr verlornes, aus den Haͤnden ge⸗ — 286— riſſenes Boot gegen eine Klippe hinſchießen, und als das Waſſer ſich einen Augenblick theilte, auch keinen Span davon uͤbrig. Die letzte Woge hatte indeſſen den Ariel in eine Lage gebracht, wo ſein Verdeck etwas geſicherter gegen die nach⸗ folgenden war. „Geht, meine Kinder, geht!“ ſagte Barn⸗ ſtable, als der ſchreckliche Augenblick der Unge⸗ wißheit voruͤber war.„Ihr habt noch die Barke. Sie wird Euch doch bis an die Kuͤſte bringen. Stoßt ab! Gott ſegne Euch! Gott ſchuͤtze Euch Alle! Ihr habt treu und redlich gedient, und ich denke, er wird Euch jetzt nicht verlaſſen. Stoßt ab, Freunde, weil noch ein ruhiger Au⸗ genblick iſt!“ Die Matroſen warfen ſich mit Einem Male in das kleine Fahrzeug, das unter der unge⸗ woͤhnlichen Buͤrde faſt ſinken wollte. Doch, als ſie ſich ordneten, ſahen ſie Barnſtable, Dillon, Merry und ihren Beiſchiffsfuͤhrer noch auf dem Verdeck des Ariels. Barnſtable ging ernſt und duͤſter auf den naſſen Planken hin und her, waͤhrend der Knabe unbeachtet an ſeinem Arme hing und umſonſt flehte, daß er doch das Wrak verlaſſen moͤchte. Dillon naͤherte ſich von Zeit zu Zeit der Seite, wo das Boot lag: allein die drohenden Blicke der Matroſen trieben den Ver⸗ 74— zweifelnden ſtets zuruͤck. Tom ſaß auf dem Fuße des Boogſpriets, und blieb immer gleich ruhig und ergeben. Jeden lauten wiederholten Zuruf der Mannſchaft beantwortete er blos mit einer Bewegung der Hand nach dem Ufer. „So hoͤrt mich doch!“ flehte der Knabe, in Thraͤnen ausbrechend.„Thut es Eurentwe⸗ gen, wenn Ihr es nicht meinetwegen thun wollt! Thut es in der Hoffnung auf Gottes Huͤlfe! Steigt in's Boot aus Liebe zu meiner Baſe Ka⸗ tharine!“ Der junge Lientnant hielt mit Gehen inne. Er warf einen Blick auf die Klippen. Doch im naͤchſten Augenblicke ſah er wieder die Truͤm⸗ mern ſeines Schiffes. „Nein, Kind!“ rief er,„wenn meine Stunde gekommen iſt, will ich vor dem Schick⸗ ſale nicht erbeben.“ „So hoͤrt doch auf die Leute, theurer Herr! Das Boot treibt laͤngs dem Wrack, und ſie ſchreien, daß ſie ohne Euch nicht abſtoßen wollen!“ Barnſtable rief hinab, ſie moͤchten den Kna⸗ ben einnehmen, und verſank dann wieder in Stillſchweigen. „Nun gut,“ ſagte Merry feſt,„wenn es Pflicht iſt, daß der Lieutnant auf dem Wracke — 288— bleibt; ſo muß es auch Pflicht fuͤr den Kadet ſeyn.— Stoßt ab! Weder Herr Barnſtable, noocch ich, verlaſſen das Schiff!“ „Knabe, Dein Leben iſt meiner Wachſam⸗ keit anvertraut!“ rief der Lieutnant.„Von mei⸗ nen Haͤnden wirſt Du zuruͤckgefodert!“ Und damit ergriff er den Widerſtraͤubenden, um ihn den auffangenden Matroſen hinabzugeben.„Fort mit Euch! Gott ſey mit Euch! Ihr habt nur zu viel an Bord, um gluͤcklich an's Land zu kommen!“ Noch zoͤgerten die Matroſen: denn ſie ſahen den alten Tom feſten Schrittes auf dem Ver⸗ decke hinwandeln, und hofften, er habe ſich an⸗ ders beſonnen, und wollte auch den Lieutnant bereden, ſich mit ſeinen Leuten zu vereinigen. Doch Tom machte es nun, wie Barnſtable es gemacht hatte. Unvermuthet ergriff er den Lieutnant mit gewaltigem Arm, und warf ihn mit unwiderſteh⸗ licher Kraft uͤber das Wrak hinab. Im naͤm⸗ lichen Augenblicke kappte er das Tau des Boo⸗ tes, womit es am Ariel hing. Er erhob die breiten Haͤnde gegen den Himmel. Mitten durch das Bruͤllen des Sturmes hoͤrte man ihn rufen: 3 „Gottes Wille geſchehe mit mir! Ich ſah die erſte Rippe zum Ariel legen, und werde ſo * ſer — 5 8—— ——— ———— 4*— 5 —