Leihbibliothek 3 dentſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ Tag von Morgens g pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurücke tet 59 wird. 3 4. Aonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt wer 3 beträgt: 4 fuͤr wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: G auf 1 Monat: 1 WMer.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Wer.— Pf. „—„ 3„„ 4„=„» nnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung d Gefahr ſelbſt zu ſorgen. zerriſſene, verlorene und 1 1. 5. Auswürtige Abo der Bücher auf ihre eigenen Koſten un 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zer defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ 1 e oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt rLeſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 7. Ausleihe. Dieſelbe 85 auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird heſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. oder abenteuer an Endlands Miiste. 9 3 Ein Seegemaͤlde 4. aus 3 dem Engliſchen 4 des Amerikaners Cooper 8 8 5 4 von r. Zum letzten Mittel, wenn kein anderes mehr Verfangen will, iſt— das Schwert gegeben! Schiller. Erſter Thei l. Leipzig, 1824, bvei Adolph Wienbrack. . deutſcher,. Edn— Vei SrS 1858 taſie zu 2— und B Scott, rikaner ſo gerr den. rikaniſt Leben werden malers machen chen, 3 barſter 8— der Ki eſond⸗ der Bücher lelben von Vorrede. Verſteht es Jemand, den Kindern der Phan⸗ taſie zu ihren Spielen einen hiſtoriſchen Grund und Boden zu geben; ſo iſt es, außer Walter Scott, irrt ſich der Ueberſetzer nicht, der Ame⸗ rikaner Cooper, deſſen„Anſiedler“ bereits ſo gern geleſen werden, ſo gut beurtheilt wur⸗ den. Dort wird der Leſer in eine junge ame⸗ eikaniſche Kolonie verſetzt. Die Natur und das Leben des Menſchen, wie beide in Amerika ſind, werden mit der geuͤbten Hand eines Landſchaft⸗ malers gezeichnet. Hier, in dem Lootſen), chen, ſteilen Klippen, und ſchauen die furcht⸗ barſten Abentheuer auf dem ſtuͤrmiſchen Meere, der Kuͤſte ſelbſt. Nicht bloße Phantaſie malt uns hier die Geſtalten eines Barnſtable, eines Griffith, des geheimnißvollen Lootſen. Der Name des letztern wenigſtens ſteht in den An⸗ nalen des amerikaniſchen Freiheitskrieges mit *) Der Titel des Originals iſt: The pilotz a Tale ofthesca. In three Vol. Lond. 1824. 8. machen wir die Fahrt laͤngs Englands noͤrdli⸗ unausloͤſchlichen Zuͤgen eingegraben. Wohl zit⸗ terte Englands Volk vor dem furchtbaren Paul Jones, der mit ſeinem kleinen Geſchwader an Englands Kuͤſte vor Scarboroug's Hafen ein engliſches viel groͤßeres die Seegel zu ſtreichen noͤthigte. Der Ueberſetzer bemerkt nur noch, daß er bei ſeiner Arbeit eine dop⸗ pelte Klippe zu umſchiffen hatte. Die große Menge Woͤrter aus der Schiffsterminologie wa⸗ ren im Deutſchen von einem Manne, der nur immer„ſuͤßes Waſſer“ ſah, mit Muͤhe wiederzugeben; ſie mußten aber, auch ſo wie⸗ dergegeben werden, daß ſie Andern, welche gleich ihm nie das feſte Land verließen, nicht lang⸗ weilig und unverſtaͤndlich wurden. Ob er zwi⸗ ſchen dieſen Klippen gluͤcklich durchgekommen iſt, wird ihm die billige Kritik eines ſeemaͤnniſchen Rezenſenten ſagen. Daß er ſtatt einiger aus engliſchen Dichtern genommenen Rubriken hoffentlich paſſende aus deutſchen unterſchob, wird wohl keiner Vertheidigung beduͤrfen. Das Motto auf dem Titel: List! Ye Landsmen all, to me! haͤtte ſich fuͤr uns am Wenigſten geeignet. Leipzig, den 20. Junius 1824. 4 3 1 ——„=— —“ * * — Der Lootſe. J. Drohend kommt das Meer gezogen, Bricht ſich an des Schiſſes Bauch. Lied. Ein Blick auf die Landkarte wird den Leſer ſo⸗ gleich mit der oöſtlichen Kuͤſte der Inſel von Groß⸗ britannien in Hinſicht ihrer Lage bekannt machen. Die Geſtade des feſten Landes ſind ihr gegenuͤber. Zwiſchen beiden findet ſich die Graͤnze des klei⸗ nen Meeres, das ſeit Menſchenaltern der ganzen Welt als die Buͤhne von ſo vielen Thaten zur See, als der große Kanal bekannt war, auf welchem Krieg und Handel die Flotten der noͤrd⸗ lichen Voͤller Europas leiteten. Die Inſelbe⸗ wohner machten lange ſpruch, den die geſunde Vernunſt auf die Heer⸗ ſtraße aller Voͤlker keiner Macht einraͤumen kann und welcher haͤufig zu Streitigkeiten fuͤhrte, die mit einem Blutvergießen, einem Aufwande ende⸗ ten, daß beides mit dem Gewinne, der je aus der Behauptung ſolcher nutzloſen und unſichern I. Zeit darauf einen An⸗ ſchien, 5. wa⸗ Bauart keinem e leich⸗ Ende ſchien, ſchwa⸗ Breite 1 ihre waͤſſer 4 . zogen nausloͤſch rte Engla ones, Englar a engliſ eeichen ur noch, lte Klip tenge Wu n im D umer„ſ iederzuge ergegeben m nie d 8 bekannte Thatſache, Rechte entſpringen kann, in keinem Verhaͤltniß ſtand. Auf die Gewaͤſſer dieſes in Anſpruch ge⸗ nommenen Ozeans wollen wir unſere Leſer in Gedanken zu verſetzen ſuchen, indem wir einen Zeitraum fuͤr unſere Abentheuer waͤhlen, der na⸗ mentlich fuͤr jeden Amerikaner theuer iſt. Er wurde der Geburtstag dieſes Volkes. Er war der Augenblick, wo Vernunft und Gemeinſinn an die Stelle der Gewohnheit und des Feudal⸗ rechts bei den Angelegenheiten der Voͤlker traten. Bald nachdem die Ereigniſſe der amerika⸗ niſchen Revolution die Koͤnigreiche Frankreich und Spanien und die Republik Holland in dieſen Krieg verwickelt hatten, war eine Zahl von Land⸗ leuten auf einem Felde beiſammen, das dem Winde des Ozeans an der Nordoſtkuͤſte Englands offen gegenuͤber lag. Sie ſuchten ſich ihre muͤh⸗ ſelige Arbeit, die traurige Dunkelheit eines De⸗ cembertages durch Mittheilung ihrer ſchlichten Meinungen uͤber Politik und die Ausſichten der Zeit zu erleichtern, aufzuhellen. Daß England mit einigen ſeiner Staaten auf der andern Seite des Ozeans im Kriege war, galt ihnen als lang inſowei das Geruͤcht von entfernten, ſie wenig angehenden Dingen ihre Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahm. Allein jetzt hatten ſich auch Voͤlker, mit denen England in — ſich ſnſt unter die — Streit zu nliegen ineingemiſcht, und das Geraͤuſch de 5 Rahe dieſer einſam Latdleute. Die hei waren e d ungebildeten dieſer Gelegen⸗ — in ſchottiſcher Viehtreiber, und ein irlandiſcher Feldarbeiter, der den Weg uͤber den emal und ſo weiter ins Innere der Inſel, in⸗ 3 P den er dem Tagelohn na chging, gefunden hatte. Die Schwarzen*) wuͤ Alt England ſeyn, zu rechnen,“ ſagt der Letztere,„ wenn die Franzoſen und Spnier ſich nicht in die Sache gemengt haͤtten. Ich denke, wir ſind ihnen dafuͤr nicht viel Danr ſchwig, wenn ein Menſch ſo nuͤchtern ſeyn muß, wie ein Prieſter in der Meſſe, bloß aus Furcht, Soldaten genommen zu ſehen, 3 zehe e daran nur gedacht hat.“ 6 Bah, bah! Ihr wißt viel, wie geworben werde muß, ihr in Irland, wenn ihr nicht eine Tronmel auf eine Tonne mit Whiskey n) ſtellt,“ bemekte der andere und winkte den uͤbrigen Land⸗ leuten„ Ja, da hier im Norden duͤrfen wir Aur pfifen, und dann folgen ſie dem Dudelſack ſo 3 — ) gpottname fuͤr di 1*) Sranntwein. e Amerikauer. H N * 4 4 7 A unaus terte E Jone an E ein e ſtreich nur n pelte Meng ren in imme wiede —— * 4 willig, als wenn es am Sonntageſin die Kihe geht. Ich habe die Liſte von eiireni ganz hch⸗ ſchottiſchen Regimente auf einem Papierchen ge⸗ ſehen, das eines Maͤdchens Hand bedecken komte. Es waren blos Camerons und MDonalds und doch Paradirten 600 Mann.—— Aber vas giebts denn da? Der Burſchen ſcheint mir ur einen Seemann zuviel Appetit zum feſten Lnre zu haben und wenn der Grund ſo iſt, un die Oberflaͤche der See, kann er leicht Schiffleuch kleiden.““ e Die unerwartete Wendung in der Redt zog aller Augen auf den Gegenſtand, den ihnen der Stab des Sprechenden bemerklich machte. Zum großen Erſtaunen aller Anweſenden umſegelle ein kleines Fahrzeug die Landſpitze, welche eine die beiden Seiten der kleinen Bai bildeten, auf de⸗ ren andern das Feld der Landleute lag. In dem Aeußern des ungewoͤhnlichen Zuſpruches war etwas ganz Beſonderes, und dies trug zu dem Staunen, das ſeine Erſcheinung in dieſer fernen Gegend erregte, nicht wenig bei. Nur die klein ſten Fahrzeuge, aber auch dieſe ſelten, und in tan 411 gen Zwiſchenraͤumen ein verzweifelnder— ler, waren dafuͤr bekannt, daß ſie ſich unter d Sandbaͤnken und verborgenen Klippen, die dieſer Kuͤſte in ſo großer Menge liegen, ſo n e Kihe ans Land wagten. Die kuͤhnen Seeleute, wel⸗ che jetzt dieſe gefaͤhrliche und, wie es ſchien, rchen ze⸗ ohne allen Kopf begonnene Fahrt wagten, wa. n komnte. ren auf einem kleinen Schooner, deſſen Bauart 5 alds und mit den hochaufſtrebenden Maſſen in gar keinem 5 Verhaͤltniſſe ſtand. Die letztern trugen eine leich⸗ tern aufgeſetzte Spitze, die am aͤußerſten Ende in; heh⸗ Aher vas mir ux en Lnre ſogduͤnn ausging, daß ſie nicht ſtaͤrker erſchien, un die als der traͤge Wimpel, der ſich bei dem ſchwa⸗ zchiffleuch chen Winde umſonſt zu entwickeln ſuchte. 5 Der kurze Tag in jener noͤrdlichen Breite Red zog ging bereits zu Ende, die Sonne warf ſchon ihre ihnet der ſcheidenden Strahlen ſchief uͤber das Gewaͤſſer te. Zum und verſilberte hier und da die duͤſtern Wogen ſegell ein mit ihrem blaſſen Lichte. Dem Scheine nach war nnn ſtuͤrmiſche Wind des deutſchen Ozeans ein⸗ eine di auf de⸗ geſchlaͤfert. Zwar rollten die Wogen an der 15 deße Sr.„ 3 8.* lag. In Kuͤſte unaufhoͤrlich, und machten den Anblick, uches war die duͤſtere Stunde noch grauſender. Allein eit. zu dem ſanfter vom Land her wehender Wind zerſchnitt 3 5 1 doch die Fluthen. Nur in dem dumpfen, hohlen Murmeln, dem eines Vulkans am Abend, ehe er ausbricht, aͤhnlich, war trotz des letztern guͤn⸗ eſer fernen .„2 r die den und in lanf Schmug 1 ſtigen Umſtandes, etwas, das die Unruhe, die niter 3 Furcht ſteigerte, mit welcher die Landleute dieſe n, die ungewoͤhnliche Stoͤrung der Ruhe in ihrer klei⸗ nen Bal wahrnahmen. Das große Segel war n, ſo nc— auf dem Fahrzeuge allein in Thaͤtigkeit, ein leich⸗ tes Fockſegel abgerechnet, das weit uͤber den Vorderbord hinaus leicht und luftig flatterte und den Zuſchauern ganz wie ein Zauberbild vorkam. Sie wendeten den verwundernden Blick in ſtil⸗ lem Staunen auf einander ſelbſt. Endlich meinte der Viehtreiber ganz ernſtlich: „Der das Steuerruder hat, muß ein kecker Burſche ſeyn. Und wenn ſein Schiff im Kiel mit Holz ausgefuͤttert iſt, wie die Brigantinen, die zwiſchen London und dem Frith bei Leith hin⸗ und herfahren, er iſt doch in groͤßern Gefahren, als ein kluger Mann es wuͤnſchen moͤchte. Jetzt iſt er bei dem Felſen, der ſich in die Hoͤhe hebt, wenn die Fluth verlaufen iſt. Er iſt gluͤcklich herum. Aber lange kann kein Menſch an einer ſolchen Kuͤſte ſteuern, ohne bald Waſſer uͤber dem Land zuſammenzutreffen.“ Der kleine Schooner aber ſteuerte immer zwiſchen Klippen und Sandbaͤnken dahin und machte ſo leichte Wendungen daß man wohl ſah, er ſey unter der Leitung eines Mannes, der ſeine Lage kenne. Nachdem er endlich ſo⸗ weit in die Bai gefahren war, als die Klug⸗ heit geſtatten konnte, wurde das Segel eingerefft, ohne daß eine Hand dabei thaͤtig zu ſeyn ſchien. Das Schiff fuhr einige Laͤngen uͤber die Wogen 7 daher, die der Ozean hereinſtroͤmen ließ, ſchwank⸗ te in der Fluth noch hin und her und lag end⸗ lich ruhig an ſeinem Anker. Die Bauern machten nun manche kuͤhnere Bemerkungen uͤber das, was der Beſuch wolle, wer er ſey. Einige meinten, er waͤre wohl mit Contrebande beladen. Andere, es ſeien hier feind⸗ liche Abſichten und Krieg dahinter. Es kam ſo⸗ gar von ferne der Zweiſel zur Sprache, ob hier ein wirkliches Schiff zu ſehen ſey; denn, meinte einer und der andere, kein von Menſchen be⸗ manntes Fahrzeug wuͤrde es wagen, an einer ſo gefaͤhrlichen Kuͤſte zu einer Zeit zu ſteuern, wo der unerfahrenſte Landmann den bevorſtehen⸗ den Sturm vorausſagen koͤnne. Der Schotte hatte bei aller Thaͤtigkeit, die ſeinen Landsleuten eigen iſt, doch auch keinen kleinen Theil von ihrem Aberglauben. Er neigte ſich daher gar ſehr zu der letztern Meinung hin und fing eben an, ſeine Gedanken mit Bedachtſamkeit und Um⸗ ſicht auszuſprechen, als der Irlaͤnder, der mit ſeiner Anſicht nicht voͤllig in Richtigkeit war, ihn unterbrach. „Meiner Treu!“ rief er.„Ein großes unnd ein kleines! Wenn das Secgeiſter ſind, ſo ſeben ſie Geſellſchaft wie andere Chriſtenmen⸗ „Zwei?“ wiederholte der andere.„Zwei? Das bedeutet fuͤr einen von uns ein Ungluͤck. Zwei Schiffe, die Niemand fuͤhrt, an einer ſo gefaͤhrlichen Stelle, und wo keines Menſchen Auge hinreicht, die Gefahr alle zu zeigen, droht dem, der hingukt, Gefahr. Ei! ein Jaͤhrling iſt das nicht, der da ankommt. Seht; ſeht! das iſt ein ſchoͤnes Schiff; ein großes!“ Er hielt inne, nahm ſein Buͤndel vom Bo⸗ den auf, warf noch einen forſchenden Blick auf die Gegenſtaͤnde ſeines Verdachts, ſah dann be⸗ daͤchtig ſeine Umgebungen an und nahm dann langſam den Weg tiefer ins Land, indem er meinte:„Ich wundere mich gar nicht, wenn das große Schiff einen Befehl vom Koͤnig Georg am Bord hat. Nun, ich gehe nach der Stadt. Mir ahnet etwas. Die zwei Schiffe ſind mir verdaͤchtig. Das kleine nimmt einen Menſchen weg, mir nichts, dir nichts, und das große ver⸗ ſchluckt uns alle und noch zweimal ſoviel, wie wir hier ſind.“— Dieſer heilſame Rath machte eine allgemeine Bewegung rege, denn eine tuͤchtige Matroſen⸗ preſſe war bereits ein Geruͤcht des Tages gewor⸗ den. Die Maͤnner rafften ihr Arbeitsgeraͤthe zu⸗ ſammen und gingen heim. Zwar warfen man⸗ che einen neugierigen Blick auf die Bewegungen der Schiffe von den fernen Huͤgeln, aber wenige von ihnen wagten es, ſich den Klippen zu naͤhern, die die Bai ſelbſt umguͤrteten. Hatten ſie doch nichts unmittelbar mit den geheimnißvollen Fremd⸗ lingen zu thun. Das Schiff, das alle dieſe Unruhe erregte, war ein großes Gebaͤude. Seine hohen Maſten, ſeine viereckigen Raaen, ließen es in der Abend⸗ daͤmmerung uͤber das Meer wie einen aus der Tiefe emporſteigenden Berg anſchauen. Es fuͤhrte nur wenig Segel und ob es ſchon ſorgfaͤltig ver⸗ mied, ſich mehr dem Lande zu naͤhern, das der Schooner bereits erreicht hatte, ſo war doch die Uebereinſtimmung aller Bewegungen von bei⸗ den groß genug, auf die Vermuthung zu kom⸗ men, beide ſeien mit Einem Zwecke beſchaͤftigt. Die Fregatte,— denn zu dieſer Ordnung gehoͤrte das Schiff,— lief bis an den Eingang der Bai majeſtaͤtiſch hin und mandͤvrirte nicht mehr als noͤthig war, um dem Gefaͤhrten gegenuͤber die Segelſtangen gerade zu ſtellen und ruhig zu hal⸗ ten. Indeſſen der Wind, der bis jetzt ihre Se⸗ gel geſchwellt hatte, ließ nach. Die Landluft hoͤrte ebenfalls auf. Die Wogen, vom deutſchen Meere heranwaͤlzend, fanden keinen Widerſtand. mehr, und ſo trieben ſie die Fregatte mit der Stroͤmung vereinigt nach einer der Spitzen von — 10— der Bai, wo die ſchwarzen Haͤupter der Felſen aus dem Meere herauftauchten. Die Mannſchaft warf hier einen Anker und reffte alle Segel ein. Waͤhrend das Schiff am Tau ſchwankte, ward eine große Flagge aufgehißt und ein ſcharfes Luͤft⸗ chen entfaltete bald das weiße Feld und rothe Kreuz, das Englands Wappen ſchmuͤckt, in dem Maaße, daß ſelbſt der bedaͤchtige Viehtrei⸗ ber in der Freie ſtehen geblieben war, hinzu⸗ ſchauen. Als indeſſen ein Boot aus dem einen und dem andern Schiffe herabgelaſſen war, ſo beſchleunigte er ſeine Schritte und machte ſeinen ſich wundernden Gefaͤhrten bemerklich:„Die Schiffe waͤren eines wie das andere; aber weit davon zu ſein, bliebe am beſten! Eine ſtarke Mannſchaft ſtieg in die Scha⸗ luppe, die von der Fregatte herabgelaſſen war. Sie nahm einen Offizier und einen jungen, unter ſeinem Beſehl ſtehenden Mann ein und ging dann mit abgemeſſenem Ruderſchlag gerade in das Innere der Bai. Als ſie nicht fern vom Schooner war, ſtieß eine kleine Barke, von vier kraͤftigen Maͤnnern gefuͤhrt, auch von die⸗ ſem ab, uͤber die Fluthen mehr hintanzend, als ſie durchſchneidend, und mit wundervoller Schnel⸗ ligkeit auf ſie zueilend. Kaum waren die Fahr⸗ zeuge einander nahe, als die Mannſchaft, den ruhe verrieth. von den Offizieren gegebenen Signalen zufolge, das Rudern einſtellte und beide einige Augen⸗ blicke anhielten. Waͤhrend deſſen fand folgendes Geſpraͤch ſtatt. „Iſt denn der alte Mann naͤrriſch?“ rief der junge Offizier in der Barke, als ſeine Leute mit Rudern inne gehalten hatten.„Denkt er denn, der Kiel des Ariels iſt von Eiſen und ein Felſen kann ihm keinen Leck beibringen? Oder glaubt er, wir ſind Alligators, die nicht erſau⸗ fen koͤnnen?“ Ein bedaͤchtiges Laͤcheln ſpielte einen Augen⸗ blick in den Zuͤgen des jungen Mannes, der hinten in der Schaluppe mehr lag, als ſaß. Dann bemerkte er: 2 „Er kennt eure Klugheit viel zu gut, Ka⸗ pitain Barnſtable, als daß er fuͤrchten ſollte, euer Schiff koͤnnte untergehen oder eure Mannſchaft erſaufen. Wie viel Faden habt ihr?“ „Ich mag gar nicht ſondiren,“ erwiederte Barnſtable.„Wenn ich die Klippen ſo wie die Meerſchweine herausguken ſehe, fuͤrchte ich mich die Hand ans Senkblei zu logen.“ „Nun ihr ſeid doch noch flott!“ rief der andere mit einer Heftigkeit, die eine innere Un⸗ „Flott?“ wiederholte ſein Freund.„Ja, der Ariel wuͤrde in der Luft flott ſeyn!“ Waͤhrend er ſo ſprach,⸗ ſprang er auf, nahm die lederne Schiffsmuͤtze ab und ſtrich das ſchwarze lockige Haar aus dem von der Sonne gebraͤun⸗ ten Geſichte zuruͤck, waͤhrend er nach ſeinem klei⸗ nen Schiff mit dem Wohlgefallen eines See⸗ mannes ſchaute, der auf die Eigenſchaſten deſſel⸗ ben ſtolz iſt. „'s iſt aber doch ein boͤſes Stuͤck Arbeit, Griffith, auf einem ſolchen Orte und in ſo einer Nacht und mit einem Anker liegen zu bleiben. Nun, wie lauten denn die Befehle?“ „Ich ſoll ſo weit vordringen, als ich kann, und dann anlegen; ihr ſollt Merry an Bord nehmen und das Ufer zu gewinnen ſuchen.“ „Ufer?“ erwiederte Barnſtable.„Nennt ihr einen ſenkrechten Felſen von hundert Fuß Hoͤhe ein Ufer?“ „Wir wollen nicht uͤber Ausdruͤcke ſtreiten!“ verſetzte Griffith laͤchelnd.„Aber ihr muͤßt ſchon ſo mandvriren, daß ihr das Land gewinnt. Wir haben das Signal vom Lande und wiſſen, der ſchon ſo lange erwartete Lootſe iſt da, an Bord bei uns zu gehen.“ — 43— Barnſtable ſchuͤttelte den Kopf mit bedenk⸗ licher Miene. Iäkii e „Das iſt eine wunderliche Fahrt,“ brummte er fuͤr ſichz„erſt laufen wir in eine unbekannte Bai ein, die voller Klippen, Sandbaͤnke und Untiefen iſt, und dann bekommen wir unſern Lootſen.— Da, aber wie ſoll ich ihn denn er⸗ kennen?“ elns „Merry wird euch die Parole geben und ſagen, wie ihr ihn zu ſuchen habt. Ich wuͤrde ſelbſt ans Land gehen, aber meine Weiſung ver⸗ bietet dies. Trefft ihr auf Schwierigkeiten, ſo laßt nur drei Ruder in die Hoͤhe heben, und ich komme euch zu Huͤlſe. Drei Ruder in die Hoͤhe gehalten und ein Piſtolenſchuß bringen meine Gewehre zum Schuß, und ſo wie die Schaluppe das Signal wiederholt, giebt die Fregatte Feuer.. „Großen Dank!“ rief Barnſtable ſorglos, „großen Dank! Ich denke, auf der Kuͤſte will ich meine Feinde, die etwa hier zu treffen waͤ⸗ ren, ganz allein bekaͤmpfen. Der alte Mann iſt aber wahrlich naͤrriſch. Ich wuͤrde“— „Ihr wuͤrdet ſeinem Befehl gehorchen, wenn er hier waͤre, und werdet jetzt ſo gut ſeyn, dem meinigen zu gehorchen!“ war Griffiths Gegen⸗ rede, in einem Tone, dem der freundliche Blick 5 — 14— X des Auges widerſprach.—„Macht fort und ſucht einen kleinen Mann in dunkelgruͤner Jacke auf. Merry wird euch die Parole geben. Ant⸗ wortet er darauf, ſo bringt ihr ihn an Bord.“ Die beiden jungen Maͤnner gruͤßten einan⸗ der, freundlich mit dem Kopfe nickend, und der junge Mann, Namens Merry, eilte aus der Schaluppe in die andere Barke. Barnſtable nahm ſeinen Platz wieder ein und winkte mit der Hand. Die Matroſen legten aufs neue Hand an ihre Ruder. Das leichte Fahrzeug entfernte ſich geſchwind von ſeinem Gefaͤhrten und eilte dem felſigen Geſtade zu. Es fuhr erſt eine Strecke laͤngs demfelben hin, um einen beque⸗ men Landungsplatz zu ſuchen, und endlich bot ſich, als es die Fluthen durchſchnitten hatte, ein Punkt dar, wo bequem ausgeſtiegen werden konnte.— Die Schaluppe folgte waͤhrend deſſen in ei⸗ niger Entfernung langſamer und vorſichtig, und als ſie ſah, die Barke habe an der Seite des Felſens angelegt, warf ſie einen Anker aus, waͤh⸗ rend die Mannſchaft zum Gewehr griff, beim erſten Zeichen feuern zu koͤnnen. Jedermann ſchien ſtrengen Befehlen zu gehorchen, die ſchon vorher gegeben ſeyn mußten, denn der junge Mann, den unſere Leſer bereits unter dem Na⸗ „ 18———+——, –— ——— ganz fremd zu ſeyn ſchienen. Manchmal ſtand ſteckt, das Auge immer ernſtlich auf alle Wolken men Griffith kennen gelernt haben, ſprach nur wenig und dann blos in kraͤftigen Ausdruͤk⸗ ken, wie man ſie von Leuten hoͤrt, die wohl wiſſen, daß man ihnen gehorchen muß. Als die Schaluppe vor Anker lag, warf er ſich auf ſeine gepolſterte Bank und zog nachlaͤſſig den Hut uͤber das Auge. Dann ſchien er einige Minuten in Gedanken vertieft, die ſeiner gegenwaͤrtigen Lage er auch auf und warf einen Blick auf die Kuͤ⸗ ſten, als wolle er ſeine Kameraden ausſpaͤhen Dann blickte er wieder ausdrucksvoll nach dem Ozean, und ſein zerſtreutes, gleichguͤltiges Weſen machte dann dem beſorgten, verſtaͤndigen Blick eines Seemannes Platz, deſſen Erfahrung den Jahren vorausgeeilt iſt. Seine au Beſchwerden gewoͤhnten kraͤftigen Leute ſaßen, als ſie ſich in Vertheidigungszuſtand geſetzt hatten, in tiefem Stillſchweigen, die eine Hand in die Jacken ge⸗* gerichtet, die in der drohenden Atmoſphaͤre zer⸗ ſtreut waren. So oft ſich die Schaluppe hoͤher als gewoͤhnlich hob, wenn eine Woge vom Ozean in die Bai mit ſteigender Schnelligkeit und Groͤße eindrang, warfen ſie ſich gar bedenkliche Blicke zu. 1— 7 “ geben.“ Ein Reuterwamms muß deine Schoͤnheit bergen. Tritt kuͤhner auf, verbirg des Maͤdchens Schein, Bei Maͤnnern wirſt du dann ein kecker Mann auch ſeyn. 3 Prior. Als die Barke die oben beſchriebene Stellung 4 eingenommen, ſprang der junge Lieutnant, den man, weil er einen Schooner kommandirte, ge⸗ woͤhnlich Kapitain nannte, auf das Ufer und ihm folgte der junge Kadet, der, wie wir im vorigen Capitel ſahen, die Schaluppe verließ, um an der gefaͤhrlichen Fahrt Antheil zu nehmen. „Hier giebts, wenns hoch kommt, eine Art Jacobsleiter zu erſteigen,“ bemerkte Barnſtable und warf einen Blick in die Hoͤhe auf die zu erklimmende Felſenmaſſe:„Und wenn wir oben ſind, wiſſen wir noch gar nicht, daß wir gut aufgenommen werden.“ „Wir ſind ja unter den Kanonen der Fre⸗ gatte!“ erwiederte der Kadet.„Erinnert euch daran, Sir, drei Ruder und ein Piſtolenſchuß, den die Schaluppe wiederholt, laͤßt ſie Feuer „Ja, auf euren Kopf. Burſche, trauel ja nicht ſo einem fernen Schuſſe. Er macht viel Qualm und ein bischen Laͤrm, aber es iſt ein entſetzlich ungewiſſes Weſen, wenn ſolch alt Ei⸗ ſen umhergeworfen wird. Bei ſo einer Geſchich⸗ te, wie dieſe iſt, traue ich Tom Coffin und ſei⸗ ner Harpune, wenn ich ſie im Hinterhalte weiß, mehr, als der beſten Lage von allen drei Decken eines Schiffes mit neunzig Kanonen.— Friſch! nimm die Knochen zuſammen, ſieh, ob du auf dem feſten Lande fortkommen kannſt, Maſter Coffin.“ Der Bootsmann, der auf ſolche eben nicht troͤſtliche Art angeredet wurde, ſtand langſam von dem Platze auf, wo er als Beiſchiffsfuͤhrer der Barke geſeſſen hatte, und ſchien in eben dem Maaße hoͤher zu werden, als er ſeinen mehrfach zuſammengebeugten Koͤrper auseinanderſtreckte. Wie er da ſtand, hielt er reichliche ſechs Fuß und eben ſoviel Zoll, und doch war er, ſelbſt wenn er moͤglichſt ſenkrecht ſtand, immer mit Kopf und Schultern vorwaͤrts geneigt,— eine Folge ſeines gewoͤhnlichen Aufenthaltes in niedrigen Wohnungen. Seinem Aeußern fehlte die runde Linie eines wohlgebildeten Mannes. Aber die ungeheuern Haͤnde ließen ſoviel Knochen und Sehnen ſehen, daß ſie wohl einen Vorſchmack — — —— ——— — von ſeiner Rieſenkraft gaben. Ein kleiner brau⸗ ner Hut mit krummer Spitze, gab ſeinen rauhen Zuͤgen noch mehr Ausdruck und unterſtuͤtzte darin den ſchwarzen Backenbart, den bereits das Al⸗ ter ein wenig grau zu faͤrben begann. Eine ſeiner Haͤnde griff mechaniſch gleichſam nach dem Schaft einer Harpune, deren Spitze feſt auf den Felſen eingeſetzt wurde, und ſo verließ er, dem Befehle ſeines Fuͤhrers zufolge, das Plaͤtz⸗ chen, das er, ob es ſchon, in Betreff ſeines großen Umfanges, einen ungemein kleinen Raum gewaͤhrte, bis jetzt eingenommen hatte. Als Kapitain Barnſtable ſeine Kraͤfte ſo geſteigert ſah, gab er erſt der Mannſchaft in der Barke noch einige vorlaͤuſige Weiſungen und be⸗ gann den ſchwierigen Verſuch, auf den Felſen zu klettern. Trotz ſeiner Kuͤhnheit und Gelen⸗ kigkeit würde er dabei geſcheitert ſeyn. Allein von Zeit zu Zeit ſtand ihm der Beiſchiffsfuͤhrer bei, dem ſeine ungehenre Staͤrke, ſeine unge⸗ mein langen Glieder Anſtrengungen erlaubten, die die meiſten vergeblich machen wuͤrden. Als nur noch einige Schritte zu erklimmen waren, machten ſie auf einem Vorſprunge Halt, theils um Athem zu ſchoͤpfen, theils um Rath zu hal⸗ ten. Beides ſchien fuͤr das, was feruer geſche⸗ hen ſollte, gleich ſehr noͤthig. — Se; Theit gekon brau⸗ auhen darin 8 Al⸗ Eine dem eines aum e ſo der — be⸗ elſen elen⸗ llein hrer nge⸗ bten, Als ren, heils hal⸗ ſche⸗ gekommen „„Das iſt ein boͤſer Platz zum Nuͤckn czuge, wenn wir auf Feinde ſtoßen!“ ſagte Barnſtable. „Wo ſollen wir denn aber den Lootſen ſinden, Merry, und wie ihn kennen? Sei ihr auch ge⸗ wiß, daß er uns nicht hintergehen wird?“ „Die Frage, die ihr ihm vorzulegen habt, ſteht auf dem Papier da,“ verſetzte der Kadet, und reichte Barnſtable die Parole hin.„Wir bekamen von der Felſenſpitze jenes Hornes von der Bai das Signal, und da er geſehen haben muß, ſo wird er KA. 24 1n 4 kommen. Trauen muͤſſen w unſere Barke wohl hierher ir ihm, denn er hat us Munſon, der nicht aufgehoͤrt hat, nach dem S bald wir Land ſahen.“ „Ei,““ brummte der Lieutnant,„ich kann nun lange nach ihm ſchauen, jetzt da wir am Lande ſind. Ich fahre nicht gern ſo dicht an der Kuͤſte und habe zu einem Verruͤther kein Vertrauen. Was meinſt du, Maſter Coffin?“ Der rauhe, alte Seemann drehte ſieh, ſo angeredet, gegen ſeinen Befehlshaber. „Gebt mir nur Fahrwaſſer und gut Ta⸗ kelwerk,“ ſagte er mit geziemendem Ernſte,„und wir brauchen keinen Lootſen. Ich fuͤr mainen Theil bin am Bord einer Schebecke zur Welt und habe nie einſohen lernen, wozu das Vertrauen des Kapitait gnal zu ſchauen, ſo man mehr Land braucht, als etwa eine kleine Inſel iſt, um ein Paar Rettige mitzunehmen 5 oder einen Fiſch zu trocknen. Ich darf nur Land ſehen, ſo wird mir ſchon uͤbel, wenn nicht ein friſcher Wind von daher weht.“ „Biſt ein geſcheuter Burſche, Tom!“ rief Barnſtable, halb ernſt, halb luſtig.„Aber wir 3 muͤſſen machen. Die Sonne will ſchon da hinter Er legte die Hand auf den Vorſprung und ſchwang ſich hoͤher. Zwei⸗ oder dreimal den ver⸗ zweifelten Satz wiederhohlend, ſtand er endlich auf der Klippe. Der Bootsmann ſchob bedacht⸗ ſam den Kadeten ſeinem Lieutnant nach, und vorſichtiger, ohne ſo große Anſtrengung, war er bald ſelbſt an der Seite des Letztern. Als ſie auf der Flaͤche ſtanden, die oberhalb der Klippen lag, und nun ſo mit neugierig forſchendem Blick die Umgebung uͤberſchauten, den Wolken am Horizonte verſinken, und Gott bewahre uns davor, auf einem ſolchen Platze in 4 der Nacht vor Anker liegen zu muͤſſen.“ 3 1 von einer Meile nur eine einzelne Wohnung und auch dieſe war halb verfallen. Die meiſten Ge⸗ ſahen unſere Abenteurer ein angebautes Land, das in gewoͤhnlicher Weiſe durch Mauern und Hecken getrennt war. Indeſſen ſtand im Umkreiſe man Wit friſch eine Arie Gege fuͤhre ruhig wiede am 2 wuͤrde Zeit toͤdten / Tom, ziehen eine men Land ein rief wir inter Gott e in und ver⸗ dlich dacht⸗ und gar er erhalb gierig auten, 1 Land, und nkreiſe ig und n Ge⸗ baͤude lagen den Seenebeln und Duͤnſten ſo weit entfernt, als moͤglich. „Hier iſt nichts zu fuͤrchten, aber auch nicht zu ſinden, was wir ſuchen;“ bemerkte Barnſta⸗ ble, als er das Ganze in Augenſchein genommen hatte.„Ich fuͤrchte, wir ſind umſonſt ausge⸗ ſtiegen, Merry.— Was ſagſt du, langer Tom? Siehſt du, was wir noͤthig haben?“ .„Einen Lootſen nicht,“ war des Boots⸗ mannes Antwort,„aber das waͤr' ein ſchlechter Wind, der keinem zuſagte; da iſt ein Maul voll friſches Fleiſch hinter der Hecke dort, das wohl eine doppelte Portion fuͤr alle Leute auf dem Ariel hergaͤbe.“ 3 Der Kadet lachte, als er Barnſtable den Gegenſtand von der Sorgſamkeit des Beiſchiffs⸗ fuͤhrers zeigte. Es war ein fetter Ochſe, der ruhig hinter einer Hecke, ohnfern von ihnen, wiederkaͤute. 17 1 „Wir haben manchen hungrigen Patron am Bord, der Toms Motion gern unterſtuͤtzen wuͤrde,“ bemerkte Merry lachend,„wenn nur Zeit und Umſtaͤnde uns erlaubten, das Thier zu toͤdten.“ „Dazu gehoͤrt ein Augenblick,“ verſetzte Tom, ohne eine Muskel ſeines Geſichts zu ver⸗ ziehen, indem er mit dem Harpunenſchafte derb * 9 0 auf die Erde ſtieß, und dann eine Bewegung machte, als werfe er die Waffe.„Laßt den Kapitain Barnſtable ein Wort ſagen, und ich treibe ihm das Eiſen, mir nichts dir nichts, durch den Leib. Das iſt ſchon in manchen Wallſiſch gegangen, der nicht ſo eine Fettjacke anhatte, wie dieſer Burſche.“ „ Still! Hier biſt du nicht auf der Wall⸗ ſiſchjagd, wo Alles, was aufſtoͤßt, gute Priſe iſt;“ rief Barnſtable, ſah aber nach einem an⸗ dern Orte hin, als fuͤrchte er ſich ſelbſt vor der Verſuchung.—„Seid ruhig! Ich ſehe jeman⸗ den hinter der Hecke kommen. Macht euch fer⸗ tig, Merry; das Erſte, was wir hoͤren, iſt viel⸗ leicht ein Schuß.“ „Von dem Kreuzer nicht!“ bemerkte der Andere.„Der iſt ja noch juͤnger als ich, und wuͤrde nicht gegen eine ſo furchtbare Macht an⸗ ruͤcken, wie wir auſſtellen.“ „Habt recht, Kadet!“ ſtimmte Barnſtable bei, und zog die Hand zuruͤck, die er ans Piſtol gelegt hatte.„Er naͤhert ſich bedaͤchtig, als fuͤrchte er ſich. Groß iſt er nicht. Sein Rock iſt braun. Eine Jacke iſt das kaum zu nennen. Sollte das unſer Patron ſeyn? Bleibt beide hier. Ich will ihn aureden.“ 3 9 tron dich nen beun dreh ſicht te, nnen. beide Barnſtable ging raſch uach der Hecke hin 4 9 i. d 7 die den Fremden zum Theil verbarg. Der Letz⸗ tere blieb ploͤtzlich ſtehen, und ſchien in Zweifel, ob er weiter gehen ſollte oder nicht. Bevor er ſich zu dem einen entſchloſſen hatte, ſtand der Seemann nur wenig Fuß vor ihm. „Mit Vergunſt,“ ſagte der Letztere,„was fuͤr Waſſer haben wir in dieſer Bai?“ Eine ungewoͤhnliche Bewegung ergriff den Fremden bei dieſer Frage. Er drehte ſich un⸗ willkuͤhrlich ſeitwaͤrts, als wolle er ſein Geſicht verbergen, bevor er mit kaum hoͤrbarer Stimme antwortete: 4 „Ich ſollte meinen, das waͤre Waſſer aus dem deutſchen Meere.“ „Wirklich? Du mußt nicht wenig Zeit ge⸗ braucht haben, um in der Geographie ſoweit zu kommen!“ perſetzte der Lieutnant.„Nun, viel⸗ leicht biſt du auch ſo klug und ſagſt mir, Pa⸗ tron, wie lange wir dich feſthalten, wenn wir dich als Gefangenen mitnehmen, um uͤber dei⸗ nen Witz zu lachen.“ Der ſo angeredete Juͤngling gab auf dieſe beunruhigende Bemerkung keine Antwort. Er drehte ſich nur immer um und verhuͤllte das Ge⸗ ſicht mit beiden Haͤnden. Der Scemann glaub⸗ te, bei ſeinem Zuhoͤrer einen heilſamen Eindruck n mnendant des Schooners dem Fremden e9 hae rege gemacht zu haben, und wollte mit neuen Fragen beginnen. Die wunderliche Unruhe bei dem jungen Manne beſtimmte ihn aber doch, noch einige Augenblicke laͤnger zu ſchweigen, als er zu ſeinem großen Erſtaunen entdeckte, daß das, was er fuͤr Unruhe genommen hatte, nur Folge des Beſtrebens war, ein recht lautes La⸗ chen zu unterdruͤcken.— „Nun, bei allen Wallfiſchen im Meere!“ rief Barnſtable,„jetzt iſt nicht die Zeit zum Lachen. Es iſt ſchlimm, in ſo einer Bucht, wie dieſe, ankern zu muͤſſen, wenn der Sturm vor ſichtlichen Augen im Anzuge iſt, ohne landen zu duͤrfen, um dann von einem Naſeweis aus⸗ gelacht zu werden, der nicht Kraft genug hat, einen Bart zu tragen, wenn er einen haͤtte. Eigentlich ſollte ich das offene Meer ſuchen, um Leib und Seele zu retten. Indeſſen ich werde wohl mehr von Euch und euern Spaͤßen erfah⸗ ren, wenn ich euch ſelbſt ins Gebet nehme und an Bord bringe, daß ihr mich munter erhaltet, ſolange ich hier kreuze.“ Mit dieſen Worten naͤherte ſich der Com⸗ den Schein, ein wenig derb Hand an ihn zu legen. Der Letztere ſprang vor ſeinem ausge⸗ ſtreckten Arme zuruͤck. —,.— „Barnſtable!“ rief er, mit einem Tone, in welchem der wirkliche Schreck die Freude zu verdraͤngen ſchien,„guter Barnſtable, willſt du mir was zu Leide thun?“ Der Seemann fuhr einige Schritte bei die⸗ ſem unerwartetem Zurufe zuruͤck. Er rieb ſich die Augen und zog die Muͤtze herab. „Was hoͤr' ich, was ſeh' ich?“ rief er. „Hier liegt der Ariel und dort iſt die Fregatte. Kann dies Katharina Plowden ſeyn?“ Seine Zweifel, wenn noch einige da wa⸗ ren, ſchwanden bald, denn der Frende ſetzte ſich an den Rand eines Grabens in einer Art, wo weibliche Verſchaͤmtheit lieblich gegen die maͤnn⸗ liche Kleidung abſtach, und ließ die Freude end⸗ lich ohne Zwang in lautes Lachen uͤbergehen. Von dem Augenblicke an waren, wie es ſchien, alle Gedanken an ſeinen Dienſt, an den Lootſen, ſelbſt an den Ariel, aus der Bruſt des Seemanns entfernt. Er ſprang zu dem Maͤd⸗ chen hin, und lachte mit ihm um die Wette, ob er ſchon nicht wußte, wneun es lachte. Als das luſtige Maͤdchen allmaͤhlig ein we⸗ nig ruhiger geworden war, wandte ſie ſich an ihren Gefaͤhrten, der ganz unſchuldig neben ihr ſaß und ſie immerhin lachen ließ. „Das Lachen iſt aber nicht blos einfaͤltig; es iſt grauſam gegen Andere;“ ſagte ſie.„Ich bin euch eine Erklaͤrung von meinem unerwarteten Erſcheinen und vielleicht auch von meinem un⸗ gewoͤhnlichen Anzuge ſchuldig.“ „Ich kann mir alles im Voraus denken;“ verſetzte Barnſtable.„Du hoͤrteſt, wir waͤren an der Kuͤſte und eilteſt herbei, dein mir in Amerika gegebenes Wort zu loͤſen. Ich frage weiter gar nicht. Der Kapellan auf der Fre⸗ gatte— „Kann predigen wie gewoͤhnlich, und mit eben ſo wenigem Nutzen,“ unterbrach ihn die verkleidete Katharine,„allein ſeinen Eheſegen ſoll er uͤber mich nicht ausſprechen, bis ich den Zweck meines gewagten Unternehmens geaͤrndtet habe. Du biſt ja ſonſt nicht ſo eigennuͤtzig, Barn⸗ ſtable; willſt du denn, daß ich das Wohl Ande⸗ rer aus den Augen ſetzen ſoll?“ „Von wem ſprichſt du denn?“ 3 „Von meiner Baſe, meiner armen Baſe. Ich hoͤrte, daß zwei Schiffe, die der Beſchkei⸗ bung von Ariel und der Fregatte entſprechen, laͤngs der Kuͤſte ſegelten, und beſchloß gleich, mit dir zuſammen zu kommen. Ich folgte euren Diad auen wohl eine ganze Woche lang, im⸗ er ſo gekleidet, ohne aber eher als jetzt gluͤck⸗ —— en ſta me auf bet erk rer: nu⸗ te, chu es bin ten un⸗ lich zu ſeyn. Hent ſah ich euch der Kuͤſte duhe kommen, als gewoͤhnlich, und gluͤckl ich iſt mei Wagſtuͤck belohnt worden.“ „Ja, Gott weiß, nahe genug dem Lande ſind wir! Weiß denn aber Kapitain Munſon, daß du bereit biſt, bei ihm an Bord zu gehen?“ „Gewiß nicht. Niemand weiß das, als du. Ich glaubte, wenn du und Gri fith unſere Lage kennen lernteſt, ſo wuͤrdeſt du verſucht wer⸗ den, uns aus unſerer Noth zu befreien. Da haſt du ein Papier. Ich habe eine Schildernng entworfen, die alle eure ritterliche Tapferkeit rege machen wird. Danach koͤnnt ihr eure Mandvres einrichten.“ 3 „Uuſere Manoͤvres?“ unterbrach ſie Barn⸗ ſtable.„Ach du mußt ſel bſt der Lootſe ſeyn!“ „Dann waͤren zwei da!“ ſagte eine Stim⸗ me hinter ihnen.* Das erſchrockene M aͤdchen ſchrie und ſprang auf, indem ſie ſich doch, wie von Natur getrie⸗ ben, feſt an ihren Geliebten ſchloß. Dendigfalle erkannte gleich die Stimme ſeines Beiſchiſſsfuͤh⸗ rers. Er warf einen zornigen Blick auf das nuͤchterne Geſicht, das uͤber die Hecke hervorrag⸗ te, und fragte nach der Urſache dieſer Unterbre⸗ chung. — 28— „Nun, Sir Merry ſah euch an der Kuͤſte hinſtreichen, und da er fuͤrchtete, ihr koͤnntet auf den Strand laufen, hielt ers fuͤrs Beſte, euch ein Rettungsboot zu ſenden. Ich ſagte ihm, ihr wuͤrdet wohl blos wegzubekommen ſuchen, was fuͤr Flagge das Schiff fuͤhre, worauf ihr Jagd machtet. Allein er war Offizier und ich konnte alſo blos Ordre pariren.“ „Geht, geht dahin, wo ich ſagte, daß ihr bleiben ſolltet, und Sir Merry ſoll erwarten, was mir gutduͤnkt!“ erwiederte Barnſtable. Der Beiſchiffsfuͤhrer gruͤßte ſubordinations⸗ maͤßig in gewoͤhnlicher Secemannsart. Bevor er aber die Hecke verließ, ſtreckte er doch einen ſei⸗ ner kraͤftigen Arme nach dem Meere aus. „Kapitain Barnſtabe,“ ſagte er in einem Tone, deſſen Ernſt ſeiner Miene, ſeiner Be⸗ denklichkeit entſprach,„ich habe euch den er⸗ ſten Knoten knuͤpfen und die Raabaͤnder zuſam⸗ menziehen gelehrt, denn ich glaube nicht, daß ihr ſo ein Ding verſtandet, als ihr an Bord der Spalmacitty kamt, So etwas kann der Menſch bald lernen. Aber das ganze Leben ge⸗ hoͤrt dazu, das Wetter wegzubekommen. Dort ſtreichen Windgallen uͤbers Waſſer hin, die ſpre⸗ chen ſo deutlich zu allen, welche ſich auf Got⸗ tes Wolken verſtehen, als ihr es je mit eurem — 1 8 Sprachrohr koͤnnt, wenn die Segel eingerefft werden ſollen. Außerdem— hoͤrt ihr nicht die See brauſen, als wuͤßte ſie, die Stunde ſey da, wo ſie aus dem Schlafe erwachen ſoll?“ „Ja, Tom,“ bemerkte der Offizier, und ging nach dem Felſenrande, indem er mit See⸗ mannsauge den Ozean und den Himmel muſter⸗ te,„die Nacht wird wirklich fuͤrchterlich. Al⸗ lein der Lootſe muß doch— und“ „Iſt er das vielleicht?“ unterbrach ihn Tom. Er zeigte auf einen Mann, der nicht weit von ihnen ſtand, und, indem er aufmerkſam auf ihr Benehmen Acht gab, wieder ſeinerſeits vom jun⸗ gen Seckadeten beobachtet wurde.—„Nun, wenn er es iſt, ſo gebe Gott, daß er ſein Hand⸗ werk verſteht, denn der Kiel braucht aute Au⸗ gen, falls er den Weg aus dieſem Grunde fin⸗ den ſoll.“ „Das muß der Mann ſeyn!“ rief Barn⸗ ſtable, auf einmal ſeiner Pflicht wiedereingedenk. Er ſprach einige Worte mit ſeinem weiblichen Gefaͤhrten, den er hinter der Herke ließ und ging vor, den Fremden anzureden. Als er nahe ge⸗ nug war, um verſtanden zu werden, fragte er ihn: 8 3 „Was fuͤr Waſſer haben wir in dieſer Bai? Ich wollte gleich die — 30—. Der Fremde ſchien dieſe Frage erwartet zu haben. „Genug,“ antwortete er, ohne Anſtand, „um alle in Sicherheit herauszubringen, die mit Vertrauen eingelauſen ſind.“ „Ihr ſeid der Mann, den ich ſuche,“ rief Barnſtable.„Und ihr wollt mitgehn?“ „Mitgehn, von Herzen gern!“ war des Lootſens Gegenrede.„Und zwar iſt Eile noͤthig. ſchoͤnſten hundert Guineen in wurden, wenn ich die Sonne, welche uns verlaͤßt, zwei Stunden laͤn⸗ ger haben koͤnnte, und waͤr' es auch nur eine Stunde von ihrem noch vorhandenen Daͤmmer⸗ lichte.“ „Denkt ihr denn, unſere Lage ſey ſo ſchlech feagte der Lieutnant.„Folgt, wenn das iſt, dem jungen Mann ins Boot. Ich werde gleich bei euch ſeyn; indeß ihr hinabklimmt, hoffe ich noch einen Mann mehr anzuwerben.“ „‚Die Zeit iſt edler, als die Menge von Haͤnden!“ verſetzte der Lootſe und ſchaute unter den dicken Braunen ungeduldig hervor.„Wer den Aufſchub verurſacht, mag auch 111 1 geben, die je geſchlage 12 davon tragen „Und dieſe werd' nehmen, welche ein Recht ich bei allen auf mich haben, nach meinem die Folge 8 — 314— Benehmen zu fragen!“ entgegnete Baruſtabi mit Wuͤrde. Mit jener Warnung und dieſem Verweiſe trennten ſie ſich. Der junge Offizier eilte unge⸗ duldig nach dem Orte, wo er ſein Maͤdchen ge⸗ laſſen hatte, und machte ſeinem Verdruß in halb⸗ lauten Fluͤchen Luft, waͤhrend der Lootſe mecha⸗ niſch den ledernen Guͤrtel ſeiner Jacke um den Leib zuſammenzog, und mit duͤſtern Schweigen dem Bootsmann und Seckadeten ins Boot folgte. Barnſtable eilte zu dem verkleideten weiblichen Weſen, das ſich ſelbſt als Katharina Plowden ver⸗ rathen hatte; aber in jedem Zuge ihres ſinnigen Antlitzes malte ſich die heſtigſte Unruhe. Er fuͤhlte ganz, wie ſehr er in ſeiner Lage verant⸗ wortlich ſey, ſo kalt er auch dem Lootſen geant⸗ wortet hatte. So nahm er haſtig Katharinens Arm, ohne weiter an ihre Verkleidung zu den⸗ ken, und fuͤhrte ſie vorwaͤrts. 1 „Komm, Katharine,“ ſagte er,„die Zeit draͤngt.“ „Was treibt euch denn ſo zur unmittelbaren Abfahrt?“ fragte ſie, ſih ſauft von ſeinem Arme losmachend. „Haſt du nicht die bedenkliche Wetter⸗Pro⸗ phezeiung meines Bootsmannes gehoͤrt? Ich muß ſeiner Meinung beiſtimmen. Eine ſtuͤrmiſche Nacht — 32— bedroht nns, ob ich ſchon nicht boͤſe bin, in die Bai hier gekommen zu ſeyn, da ich dich hier getroffen habe.“ „Gott bewahre uns, daß einer von uns Urſache faͤnde, dies zu bereuen!“ rief Katharine, indem die blaſſe Furcht die Purpurroͤthe verjagte, welche die friſchen Wangen des Maͤdchens ſchmuͤckte. —„Indeſſen du haſt das Papier. Folge ſei⸗ nen Weiſungen und komm zu unſerer Rettung. Du wirſt uns als willige Gefangene ſinden, wenn Griffith und du unſere Sieger ſind.“ „Was meinſt du, Rarharineae fragte ihe Geliebter.„Zum Mindeſten ſollſt du jetzt i Sicherheit kommen. Es waͤre Thorheit, d Schickſal noch einmal zu verſuchen. Mein Schiff kann und ſoll dich ſchuͤtzen, bis deine Baſe ge⸗ rettet iſt, und dann erinnere dich⸗ ich habe e ein Recht auf dich, ſo lange ich lebe.“ „Und was wollteſt du denn in der Zwi⸗ ſchenzeit mit mir anfangen?“ ſagte das Maͤd⸗ chen, indem es ſich vor ſeiner Haſtigkeit zu⸗ ruͤckzog. „Auf dem Ariel ollſt du Commendant ſeyn — beim Himmel! Ich will blos dem Namen nach commandiren.“ „Schoͤnen Dank, ſchoͤnen Dank, Barnſta⸗ ble; ich habe nur ein wenig Mißtrauen in meine ͤe 2 E& zS 2 .,„ ——2—2— ſ — uns rine, agte, ickte. ſei⸗ ung. venn e ihr st in das Schiff e ge⸗ e ein Zwi⸗ Maͤd⸗ t zu⸗ ſeyn amen unſta⸗ meine . es— 4 Faͤhigkeit fuͤr ſolchen Poſten!“ war Katharinens Antwort, die ſie mit Lachen gab, obſchon die Farbe, die wieder ihr jugendliches Antlitz ͤberzog, nur dem Strahl der Abendſonne glich.„Verſteh mich nicht falſch, Hitzkopf! Wenn ich mehr that, als mein Geſchlecht geſtatten will, ſo erinnere dich, es geſchah aus einer reinen Abſicht. Wagte ich mehr, als ein Weib thun darf, ſo geſchah 74 „Um dich uͤber die Schwaͤche deines Ge⸗ ſchlechts zu erheben und dir ſo Gelegenheit zu geben, mir dein edles Vertrauen zu beweiſen.“ „Um mich darau vorzubereiten, und wuͤr⸗ dig zu ſeyn, eines Tages dein Weib zu heißen!“ rief ſie, fortſpringend, und ſo geſchwind hinter eine nahe Hecke verſchwindend, daß ſie ſeine Verſuche, ſie zuruͤckzuhalten, vereitelte. Einen Augenblick ſtand Barnſtable vor Staunen ganz bewegungslos. Dann eilte er ihr nach. Allein er ſah nur im Zwielicht den Umriß ihrer ſchlan⸗ ken Geſtalt und aufs Neue verſchwand ſie in ei⸗ nem etwas fernen dicken Geſtraͤuche. Noch wollte er ihr nachfolgen, als ein Blitz ploͤtzlich durch die Luft leuchtete und ein Kano⸗ nenſchuß laͤngs den Klippen donnernd hinrollte, von allen Bergen im Innern wiederhallend. I. C 2ℳ 34 „Ja doch, alter Schwaͤtzer, ich verſtehe!“ 3 brummte der junge Seemann fuͤr ſich, dem Signal voller Verdruß Gehorſam leiſtend.„Du gehſt 1 eben ſo geſchwind daran, aus der Gefahr her⸗ 5 auszukommen, wie du hineinzukommen wußteſt.“ Drei Musketenſchuͤſſe aus der Schaluppe zu ſeinen Fuͤßen trieben zu groͤßerer Eile. Sorglos ſprang er die rauhen, gefaͤhrlichen Klippen herab, und behielt immer das wohlbekannte Licht, auf der Fregatte ſcheinend, im Auge, die damit die beiden Barken zuruͤckrief. 21 III.. 7 — In ſolcher Zeit, wie dieſe, Darf uns ein boͤſes Woͤrtchen nicht entzweien. Shakeſpeare. Die Klippen warfen ihre dunkeln Schatten uͤber das Waſſer und die Abenddaͤmmerung war ſo weit vorgeruͤckt, daß man nicht wahrnahm, wie die gewoͤhnlich offene Stirn Barnſtable's jetzt ſehr ſinſter war, als er vom Felſen ins Boot ſprang und ſeinen Platz neben dem ſchweigenden Loot⸗ ſen nahm. „Stoßt ab!“ rief der Lieutnant, in einem Tone, den ſeine Leute recht gut verſtanden, um ihm zu gehorchen.„Eines Seemanns Fluch komme auf die Narrheit, die ſolcher Fahrt Plan⸗ ken und Leben Preis giebt, um ein paar alte Wraks mit Zimmerholz zu verbrennen oder ein ſolches Schiff wegzunehmen.— Friſch drauf los, friſch!“— Trotz der ſtarken und gefaͤhrlichen Bran⸗ dung, die an den Felſen auf eine beunruhigende Weiſe brach, trieben die Matroſen doch gluͤck⸗ lich das leichte Fahrzeug uͤber die Wellen hin. 4 C 2 — 36— In wenig Augenblicken waren ſie von dem Pun⸗ kte, wo die groͤßte Gefahr war, entfernt. Barn⸗ ſtable hatte, wie es ſchien, die bedenkliche Lage unbeachtet gelaſſen. Er ſah, zerſtreut auf den Schaum, den Welle fuͤr Welle hervorbrachte, bis die Barke auf den großen Wogen regelmaͤßig da⸗ hinglitt und er nun rings in der Bai herum⸗ ſchaute, um die Schaluppe wahrzunehmen. „Ah,“ brummte er,„Griffith iſt's muͤde geworden, ſich auf ſeinem Kiſſen zu wiegen, und will uns nach der Fregatte hinlocken, ſtatt daß wir daran gehen ſollten, den Schooner aus dem verteufelten Loche wegzufuͤhren. Das iſt ein Plaͤtz⸗ chen, wie es ein ſchmachtender Liebhaber wuͤn⸗ ſchen kann! Ein bischen Waſſer, ein bischen Land, und Felſen vollauf. Hoͤre, Tom, ich bin beinahe deiner Meinung, daß ein Seemann wei⸗ ter kein feſtes Land braucht, als manchmal eine Inſel.“ „Das heißt Verſtand haben und vernuͤnftig ſprechen!“ erwiederte der ernſte Bootsmann; „und was das bischen Land anbetrifft, das man braucht, ſo muͤßte es immer weichen Grund oder Sand haben, daß der Anker gut faßte und das Sondiren richtig vor ſich ginge. Ich habe auf Felſengrunde manch großes Senkblei eingebuͤßt, ohne die Dutzende von kleinen zu rechnen. Aber — —,————,, ———,— ————— — 37— ich lobe mir eine Rhede, wo ein Senkblei leicht und ein Anker ſchwer auffaͤllt.— Da unten iſt eine Barke, gegenuͤber dem Vorderſteven; Kapi⸗ tain, ſoll ich darauff zufahren oder ausbeugen?“ „Das iſt die Schaluppe!“ rief der Offtzier. „Sie hat mich doch nicht verlaſſen, bei alle⸗ dem!⸗ 5 Ein lauter Zuruf aus dem ſich naͤhernden Fahrzeuge beſtaͤtigte dieſe Meinung. In wenig Augenblicken waren die Barke und Schaluppe vollkommen neben einander. Griffith blieb nicht laͤnger auf ſeinem Kiſſen. Er ſprach ernſtlich mit einem Anſtrich des Verweiſes in ſeiner Art. „Wie habt ihr ſo viele Augenblicke vorbei⸗ gehen laſſen koͤnnen, wo jede Minute uns mit neuen Gefahren bedroht?“ fragte er.—„Ich gehorchte eben dem Signal, als ich eure Ruder hoͤrte und ruͤckwaͤrts eilte, den Lootſen einzuneh⸗ men. Seid ihr gluͤcklich geweſen?“ „Da iſt er; und wenn er ſeinen Weg durch die Klippen herausfindet, wird er ſeinen Namen mit Recht fuͤhren. Das ſcheint eine Racht zu werden, wo man eine Brille aufſetzen kann, wenn man den Mond ſehen will. Wenn ihr aber er⸗ fahrt, was ich auf dem verwuͤnſchten Felſen ge⸗ ſehen habe, werdet ihr mein Ausbleiben gewiß eutſchuldigen!“ — 38— „Nun ihr habt den rechten Mann geſehen, hoff' ich, denn ſonſt haben wir uns in dieſe Ge⸗ fahr ohne Nutzen begeben.“ „Nun ja, ich habe den rechten Mann ge⸗ ſehen, aber auch Jemanden, der's nicht iſt;“ erwiederte Barnſtable empfindlich.„Ihr habt ja den Kadet hier, fragt nachher, was des jun⸗ h hh gen Mannes Auge beobachtet hat?“ „Soll ich reden?“ rief der Kadet lachend. „Nun, ich ſah ein kleines Fahrzeug unter fal⸗ ſcher Flagge ein tuͤchtiges Kriegsſchiff uͤberſegeln, das gewaltige Jagd darauf machte; einen leichten Korſaren mit falſcher Flagge, der meinem Muͤhm⸗ chen glich.“ „Still, Schwaͤtzer!“ rief Barnſtable mit einer Donnerſtimme.„Wollt ihr die Fahrt mit eurem thoͤrichten Unſinne in einem Augenblicke, wie dieſer, aufhalten? Fort in die Schaluppe, und wenn ihr Grifſith dazu bereit ſindet, ſo er⸗ zaͤhlt ihm eure Vermuthungen, wie's euch ge⸗ faͤllt.“ - Merry ſprang gewandt aus der Barke in die Schaluppe, wohin bereits der Lootſe vorher geſtiegen war, und als er ſich etwas aͤrgerlich an Griffith's Seite geſetzt hatte, ſagte er: „Nun, das wird ſolange nicht dauern. Ich weiß, Herr Griffith denkt und fuͤhlt an Eng⸗ — H, 84 5 4 1 — 39— ands Kuͤſte, wie er dachte und fuͤhlte, als er in der Heimath war.“ Ein Druck der Hand, mit dem dies der junge Lieutnant ſch end erwiederte, bevor er Barn⸗ ſtable's Abſthiedsruß zuruͤckgab, war die ganze Antwort. Seine Ruderer erhielten Befehl, nach dem Schiffe hinzufahren. Die Fahrzeuge trennten ſich. Das Rau⸗ ſchen der Ruder ließ ſich bereits hoͤren, als die Stimme des Lootſen jetzt zum erſtenmale laut wurde. „Halt!“ rief er.„Nuͤckwaͤrts gerudert, ich bitte euch!“ Die Matroſen befolgten ſeine Weiſung. Sie wandten nach der Barke um. „Ihr ſetzt gleich die Segel auf, Kapitain Barnſtable,“ rief er dieſem mit gleichem feſten Tone zu,„und ſucht aufs offene Meer zu kom⸗ men, ſo geſchwind es ſeyn kann. Nehmt euch in Acht vor der noͤrdlichen Landſpitze, und paſſirt bei uns vorbei, daß man euch anrufen kann.“ „Nun die Karte iſt deutlich genug, Herr Lootſe,“ war Barnſtable's Erwiederung.„Al⸗ lein wer ſoll denn meine Abfahrt ohne Ordre beim Kapitain Munſon rechtfertigen? Ich habe es ſchwarz auf weiß, den Ariel auf dies Flau⸗ menbett zu bringen, und muß mindeſtens ein aͤrger, anderes Signal, ein Wort von meinen Obern haben, bevor der Schooner eine Welle anders durchſchneidet. Der Weg heraus mag wohl ſo ſchwer ſeyn, as der hinein. Ja, wenn ich den Tag ſo vor mir haͤtte, und eure Weiſungen zu Papiere gebracht. 1 1 8 Wollt ihr denn hier liegen gketben, um in ſo einer Nacht uͤmzukommen?“ fragte der Lootſe ernſt.„Noch zwei Stunden und dieſe wilden Wogen toben dann an demſelben Punkte, wo jetzt euer Schiff ruhig vor Anker liegt.“ „Wir denken beide gleich. Allein ſink' ich, ſo ſink' ich laut Ordre. Geht aber eine Planke am Schooner hin, weil ich eurer Weiſung gehorchte; ſo iſt das ein Leck, der nicht blos Seewaſſer hereinlaͤßt, ſondern auch nach Inſub⸗ ordination ſchmeckt.“ „Das heißt vernuͤnftig ſeyn!“ brummte der Beiſchiffsfuͤhrer des Schooners mit vernehmlicher Stimme,„allein's iſt immer hart fuͤr einen ehrlichen Mann, auf ſo einem Flecke liegen zu muͤſſen.“ „Nun ſo laßt euren Anker und polgt ihm ſelbſt nach!“ ſagte der Lootſe uͤbellaunig fuͤr ſich ſelbſt.„Mit einem Narren zu ſtreiten, iſt noch als mit dem Sturme. Aber wenn—“ 7 der her nen zu hm ſich och 77 Nicht doch, nicht; nichts von Narren!“ 77 Barnſtable verdient den unterbrach ihn Griffith.„ Namen nicht, ob er ſchon im Dienſte bis zum Aeußerſten geht.— Lichtet ihr nur, Barnſtable, und verlaßt die Bai ſo geſchwind, als moͤglich!“ „Ei, ihr koͤnnt mir den Befehl nicht halb ausfuͤhren werde!— ſoll ſeine Knochen ſo lange 8 ſo gern geben, als ich ihn Friſch zu, Kinder! Der Ariel nicht auf ſo einem harten Bette laſſen, ich dabei helfen kann.“ Der Kommandant vom Scho dieſe Bemerkung mit ſeinem launigen Tone, und ſeine Leute brachen von ſelbſt in ein Freudenge⸗ ſchrei aus. Die Barke eilte ſchnell aus dem Be⸗ reich der Schaluppe und bald ſchwand ſie in den duͤſtern Schatten, den die Klippen heruͤberwarfen. Waͤhrend deſſen blieben die Ruderer in der Schaluppe nicht muͤßig. Ihre kraͤftigen Arme fuͤhrten das Fahrzeug raſch durch die Fluthen. In wenig Minuten hielt ſie zur Seite der Fre⸗ oner machte gatte. 5 Der Lootſe hatte itzwiſchen in einer Art, die von dem befehlshaberiſchen, ſtolzen Weſen, das ſich in dem kurzen Geſpraͤch mit Barnſtable zußerte, keine Spur mehr zeigte, Griffith er⸗ ſucht, ihm die Namen der auf dem Schiffe be⸗ findlichen Offiziere zu nennen. Der junge Lieut⸗ nant war bereit dazu. "'s ſind lauter brave, rechtliche Maͤnner, lieber Lootſe,“ bemerkte er, als er zu Ende war. „Fuͤr einen Englaͤnder mag das, was ihr jetzt thut, gefaͤhrlich ſeyn, aber unter uns verraͤth euch keiner. Wir haben euch noͤthig und erwar⸗ ten von euch Treu' und Glauben. Die ſollt ihr aber aber auch bei uns ſinden.“ „ Und warum denkt ihr denn, daß ich dar⸗ auf rechnen muß?“ fragte der Lootſe in einer Art, die ſeine voͤllige Gleichguͤltigkeit dafuͤr be⸗ zeichnete. „Ihr ſprecht zwar gut Engliſch, wie Ein⸗ geborne,“ unterbrach ihn Griffith,„aber habt doch einen gewiſſen Accent, der nach der Zunge von unſer einem auf der andern Seite des Ozeans in Bewegung ſchmeckt.“ „Wo der Menſch geboren iſt und wie er ſpricht, darauf kommt wenig an;“ erwiederte der 2 Lootſe kalt.„Wenn er nur ſeine Schuldigkeit ordentlich und redlich thut!“ Vielleicht war es, um das Geſpraͤch nicht zu ſtoͤren, gut, daß die Duͤſterheit, welche jetzt zur vollkommnen Finſterniß wurde, den ſpoͤtti⸗ ſchen Blick verbarg, welcher die huͤbſchen Zuͤge des jungen Seemanns durchkreuzte. — „Ja, ja,“ wiederholte er dabei,„wenn er nur ſeine Schuldigkeit ordentlich und redlich thut. Aber wie Barnſtable ſagte, muͤßt ihr den Weg durch die Klippen bei einer ſolchen Nacht gut zu finden wiſſen. Wie viel Waſſer haben wir denn?“ „Genug fuͤr eine Fregatte, und ich werde euch immer vier Faden zu halten ſuchen. We⸗ niger waͤre gefaͤhrlich.“ „s iſt ein ſchoͤnes Schiff!“ bemerkte Grif⸗ ſith,„und gehorcht dem Steuerrnder, wie ein Seeſoldat dem Korporal beim Exerziren. Aber 3654 Raum muͤßt ihr dafuͤr ſchaffen, denn es ſchießt dahin, als wollte es den Wind uͤbereilen.“ Der Lootſe hoͤrte mit geuͤbtem Ohre die Be⸗ ſchreibung der Eigenheiten, die das Schiff beſaß, das er aus einer außerordentlich gefahrvollen Lage leiten ſollte. Nicht ein Wort ging bei ihm verloren. Als Griffith ſchwieg, bemerkte er mit der ihm eigenen, ſein ganzes Weſen bezeichnen⸗ den Kaͤlte: „In ſo einem engen Fahrwaſſer iſt das eine eben ſo vortheilhafte als nachtheilige Eigen⸗ ſchaft. Fuͤr die Nacht, wo wir das Schiff her⸗ ausbringen ſollen, iſt die letztere, fuͤrchte ich, uͤberwiegend.“ 4 „Ich denke, wir werden unſern Weg mit dem Senkblei herausſuchen muͤſſen,“ ſagte Griffith. 7 „Augen und Senkblei— belde ſind noͤ⸗ thig;“ erwiederte der Lootſe und kam wieder unmerklich auf ſein einſylbiges Weſen zuruͤck. „Ich bin in dunklern Naͤchten, als dieſe iſt, hier ein⸗ und ausgefahren, allein nur mit Schiffen, die blos zwei und einen halben Faden brauchten.“ „Dann, beim Himmel, koͤnnt ihr nicht unſer Schiff durch die Felſen und Klippen durch⸗ bringen. Eure Fahrzeuge, die nicht tief gehen, wiſſen gar nicht, wie viel Waſſer unter ihnen iſt. Nur der tiefer gehende K K iel ſucht ein tiefes Fahrwaſſer.— Lootſe! Lootſe! Nimm dich in Acht, mit uns ein Spiel der Unwiſſenheit zu treiben. Unter Feinden iſt ſo etwas ein gewag⸗ tes Ding!“ „Junger Mann, ihr wißt nicht, was und wem ihr droht!“ bemerkte der Lootſe finſter, obſchon ſein ruhiges Weſen immer ungeſtoͤrt blieb. —„Ihr vergeßt, daß uͤber euch Jemand iſt und uͤber mir Niemand.“ „Das haͤngt von der Treue ab, mit der ihr eurer„Pllicht nachkommt!“ rief Grifſith, n„denn— „Ruhig!“ unterbrach ihn der Lootſe.„Wir ſind dem Schiffe nahe. Laßt uns ruhin zuſatn⸗— nſyn 74 r zog ſich auf ſeinen Sitz znräck, indem r ſo Sr zn und Griffith war zwar nichts we⸗ niger als ruhig, weil er die Folgen uͤberdachte, die die Unwiſſenheit oder Verraͤtherei des Loot⸗ ſen haben moͤchte, allein er bekaͤmpfte doch ſeine Gefuͤhle ſo weit, daß er ſchweigen konnte. Beide beſtiegen die Fregatte, dem Scheine nach im beſten Einverſtaͤndniß. Die Fregatte trieb bereits immer auf den hohen Wellen, die vom Ozean mit groͤßerer Ge⸗ walt hereinſtuͤrmten. Indeſſen hing das groß und kleine Topſegel an den Raaen ganz ſchlaff da. Die Luft kam zwar noch dann und wann vom Lande her, ohne aber im Stande zu ſeyn, die ſchwere Leinwand aufzublaͤhen. Wie Griffith und der Lootſe die Treppe hin⸗ aufſtiegen, hoͤrte man nichts, als das dumpfe Geraͤuſch der gegen die Seiten des Schiffes an⸗ prallenden See und die gellende Pfeife des Boots⸗ manns, der die Mannſchaft auf die Treppenſeite rief, dem erſten Lieutnant und ſeinem Gefaͤhrten die ſchuldige Ehre zu bezeugen, indem ſie eine doppelte Reihe bildeten. Stillſchweigen herrſchte unter den Hun⸗ derten, die auf dem großen Gebaͤnde hauſten. Das Licht von einem Dutzend Laternen, die auf den verſchiedenen Theilen der Verdecke angezuͤn⸗ det waren, brachte ſoviel Helligkeit hervor, daß man nicht nur ziemlich deutlich jeden einzelnen Mann im großen Gedraͤnge, ſondern ſelbſt die Miſchung von Neugier und Unruhe wahrnehmen konnte, die ſich auf den meiſten Geſichtern ab⸗ ſpiegelte. Auf den Gaͤngen, um die Maſten herum und auf den Segelſtangen, waren zahlreiche Grup⸗ pen. Nicht weniger lagen auf den Unterraaen, oder gukten aus den Maſtkoͤrben und machten den Hintergrund des Gemaͤldes. Alle aber zeig⸗ ten in ihren Mienen, wieviel Antheil ſie an der Nuͤckkehr der Schaluppe nahmen. Soviel Haufen jedoch auch auf allen andern Punkten verſammelt waren, immer blieb doch das Hinterdeck blos von den Offizieren einge⸗ nommen, die nach ihrem verſchiedenen Range herumſtanden, und uͤbrigens ſo ſtill und aufmerk⸗ ſam, als die uͤbrige Mannſchaft waren. Vorn erblickte man eine Geſellſchaft von jungen Leuten, die, in gleicher Uniform, Kameraden von Grif⸗ ſith und mit ihm vom naͤmlichen Grade, ob⸗ ſchon die juͤngſten Lieutnants waren. Auf der andern Seite ſah man eine groͤßere Gruppe, an 1 8 4 deren E ditze Herr Merry ſtand. de waren Drei oder Vier, deren Ein einen 41 Rock mit ſcharlachrothen Auſſchlaͤgen und d der An⸗ dere die ſchwarze Kleidung eines Schiffskaplans trug.— Hinter ihnen, dicht an der Treppe, die zu der Kajuͤte fuͤhrte, aus der er eben ge⸗ kommen war, ſtand die lange, hagere Geſtalt des Kommendanten vom Schiffe. Griffith gruͤßte fluͤchtig ſeine Kameraden. Der Lootſe folgte ihm langſam nach d dem Orte hin, wo der alte Befehlshaber beide erwartete. Der junge Mann zog haſtig den Hut und gruͤßte nſnduie, als gewoͤhnlich ſeine Art war. Alles iſt in Ordnung gebracht! Sir,“ ſagten er,„obſchon mit mehr Zeit und Aufent⸗ halt, als wir erwartet hatten.“ „Aber den Lootſen habt ihr ja nicht?“ ent⸗ gegnete der Kapitain zweifelhaft.—„Ohne ihn iſt alle unſere Gefahr und Unruhe umſonſt.“ „Hier iſt er!“ verſetzte Griffith, ſeitwaͤrts tretend, und ſtrekte ſeinen Arm nach dem Manne aus, der hinter ihm ſtand und in ſeine rauhe Jacke bis ans Kinn eingewickelt war. Die her⸗ abfallenden Kraͤmpen eines breiten Hutes, der ſchon lange und ſaure Dienſte geleiſtet hatte, bo⸗ ſchatteten ſein Geſicht. „Das iſt er?“ rief der Kapitain.„O welch ein haͤßlicher Mißgriff!— Das iſt nicht der Mann, den ich haben wollte, und den auch kein Anderer erſetzen kann!“ „Ich weiß nicht, wen ihr erwartet, Ka⸗ pitain Munſon!“ ſagte der Fremde ruhig und kaum vernehml lich.„Aber wenn ihr nicht den Tag vergeſſen habt, wo eine andere Flagge als dieſes Bild der Tyrannei, das jetzt auf eurem Rahme weht, zum erſtenmale im Winde ſaatter⸗ te, ſo werdet ihr auch der Hand gedenken koͤn⸗ nen, die ſie aufpflanzte.“ „Licht her!“ rief der Kommendant haſtig. Eine Laterne ward nach dem Lootſen hin⸗ gehalten. Der Schein ſiel auf ſeine Zuͤge. Ka⸗ pitain Munſon ſtaunte, als er das durchdringende blaue Auge und das blaſſe, aber ruhige Antlitz ſah. Unwillkuͤhrlich zog der Veteran den Hut und entbloͤßte ſein Silberhaar. 3 „Er iſt es!“ brach er aus.—„Aber ſo veraͤndert!“ „Daß ihn ſeine Feinde nicht erkennen!“ unterbrach ihn der Lootſe ſchnell. Dann nahm er den Kapitain bei dem Arme und fuͤhrte ihn auf die Seite. „Auch ſeine Freunde duͤrfen ihn nicht ken⸗ nen,“ ſetzte er leiſer hinzu, nbis Zeit und Stunde gekommen iſt.“ gen K ſpt — 49— Griffith war zuruͤckgegangen, um den drin⸗ genden Fragen ſeiner Kameraden Rede zu ſtehen. Keiner der Offiziere hoͤrte daher das kleine Ge⸗ ſpraͤch, ob ſie ſchon bald wahrnahmen, daß ihr Befehlshaber ſeinen Irrthum eingeſehen habe und froh ſey, den rechten Mann an Bord gebracht zu ſehn. Beide blieben einige Minuten, in ein ernſtes Geſpraͤch vertieft, auf einer Ecke des Hin⸗ terdecks beiſammen. Griffith hatte nicht viel zu erzaͤhlen. Die Neugier ſeiner Zuhoͤrer war bald geſtillt und al⸗ ler Augen richteten ſich nun auf den geheimniß⸗ vollen Fuͤhrer, der ſie aus Gefahren bringen ſollte, die bereits groß waren und jeden Augen⸗ blick in der That zunahmen. 4 IV. — Da ſieh die Segel! Ein Wind treibt ſie, den Niemand merkt, dahin. Und lange Furchen zieht der Kiel im Meere, trotzend Allen Wogen.— 4 . Shakeſpeare. Es iſt bereits von uns angedeutet worden, daß in der Atmoſphaͤre ſo Manches da war, was in der Bruſt des Seemanns ernſte Unruhe rege machen konnte. Sah man von den Felſenſchat⸗ ten hinweg, ſo war die Nacht keinesweges ſo finſter, um nicht in maͤßiger Ferne alle Gegen⸗ ſtaͤnde zu entdecken. Am oͤſtlichen Himmel zog ſich aber im dunkeln Gewaͤſſer ein heller Strei⸗ fen bedenklicher Art dahin. Das Brauſen des hohlgehenden Meeres ward mit jedem Augenblick ſtaͤrker und damit bennruhigender. Mehrere dicke Wolken hingen uͤber dem Schiffe, und die thurm⸗ hohen Maſten deſſelben ſchienen die ſchwarzen Duͤnſte zu tragen, waͤhrend nur wenige Sterne mit mattem Lichte in dem hellern Streife blink⸗ ten, der den Ozean umguͤrtete. Noch wehte ge⸗ legentlich ein ſanfter Landwind, mit den friſchen 3 en Duͤnſten der Kuͤſte geſchwaͤngert, allein zu leicht, zu unregelmaͤßig, um nicht ſein gaͤnzliches Er⸗ ſterben ſicher prophezeihen zu koͤnnen. Das Brau⸗ ſen der Wogen an der Kuͤſte brachte ein einfoͤr⸗ miges Geraͤuſch hervor, das nur dann und wann von einem noch ſtaͤrkern Bruͤllen unterbrochen ward, wenn eine Welle, groͤßer als gewoͤhnlich, heftig gegen eine Hoͤhle im Felſen anſchlug. Kurz alles vereinte ſich, die Scene duͤſter und bedenk⸗ lich erſcheinen zu laſſen, obſchon keine Furcht fuͤr den Augenblick da war: denn noch ſchwebte das Schiff leicht auf den Wogen, ohne ſelbſt das ſchwere Tau anzuziehen, das es an ſeinem An⸗ ker hielt Die Ober⸗Offiziere waren alle bei der Spille verſammelt, und in ernſte Geſpraͤche uͤber ihre Lage, ihre Ausſichten vertieft, indeſſen einige der aͤlteſten und beguͤnſtigteſten Matroſen ihren kurzen Weg bis zu den diſ nunien Schran⸗ ken des Hinterdecks ausdehnten, um mit begie⸗ rigem Ohre die Vermuthungen aufzuſchnappen, die hier von ihren Obern fielen. Zahllos waren die ungeduldigen Blicke, welche die Offiziere, wie die Matroſen, auf den Kommendanten und den Lootſen warſen. Beide ſtanden immer noch in einem entfernteren Theile des Schiffes im geheimen Geſpraͤche begriffen. Einen der jungen Kadeten D 2 — fuͤhrte entweder unbeſiegbare Neugier oder die Unbeſonnenheit ſeiner Jahre dahin. Allein ein derber Verweis vom Kapitain ſchickte den Juͤng⸗ ling beſchaͤmt und verwirrt zuruͤck, ſeinen Ver⸗ druß unter den Kameraden zu verbergen. Die aͤltern Ofſiziere nahmen dies als Weiſung an, daß die Berathung, welche Beide mit einander hielten, durchaus unverletzlich ſeyn ſolle. In keiner Art unterdruͤckten ſie freilich die wieder⸗ holten Ausbruͤche ihrer Ungeduld. Aber ſie wag⸗ ten doch nicht, das Geſpraͤch unmittelbar zu ſtoͤ⸗ ren, ſo ſehr es auch alle als unzeitig und uͤber die Maaßen lang gedehnt erklaͤrten. „Jetzt iſt nicht die Zeit, uͤber Lage und Entfernung zu ſprechen,“ bemerkte der Offtzier, welcher Griffith im Range am Naͤchſten war. „Wir muͤſſen Alle Hand ans Werk legen und die Fregatte herauszubugſiren ſuchen, ſo lange noch das Meer ein Boot tragen will.“ „Das waͤre eine eben ſo unnuͤtze als be⸗ ſchwerliche Arbeit!“ erwiederte Griffith.„Ein Schiff meilenweit zu bugſiren, wenn das Meer gegen den Boogſpriet anſtoͤßt! Allein der Land⸗ wind geht noch in der Oberluft friſch, und wenn ihn unſere leichten Segel annehmen und die Ebbe mithilft, ſo koͤnnen wir dann wohl von der Kuüſß⸗ wegkommen. 8 * ſa⸗ — 53— „Ruft doch die Wache im Korbe an!“ ſagte der Andere„Fragt, ob ſie Wind bemerkt. Es wird zum Mindeſten ein Wink ſeyn, den al⸗ ten Mann und ſeinen Hans von Lootſen in Be⸗ wegung zu bringen.“ Griffith lachte, indem er dem Begehren Genuͤge that. Als er die gewoͤhnliche Antwort auf den Ruf bekam, fragte er mit lauter Stimme: „ Von welcher Seite her kommt der Wind da oben?“ „Von Zeit zu Zeit tomme ein Windzug vom Lande her!“ erwiederte der muntere Boots⸗ mann;„allein unſer Bramſegel haͤngt ſteif her⸗ unter und ruͤhrt ſich nicht.“ Kapitain Munſon und ſein Gefaͤhrte mach⸗ ten eine Pauſe, waͤhrend Frage und Antwort hier mit einander wechſelten. Dann aber fuh⸗ ren ſie im Geſpraͤch ſo eifrie fort, als haͤtte keine Unterbrechung Statt gefunden „Das Bramſegel koͤnnte gehn wie es woll⸗ te, bei unſerm Herrn huͤlf' es doch nichts!“ be⸗ merkte der erſte Offizier von den Seeſoldaten, deſſen Unwiſſenheit im Seeweſen ihm die Ge⸗ fahr noch groͤßer erſcheinen ließ. Indeſſen der Muͤßiggang ließ ihn mehr Scherz zu Tage foͤr⸗ dern, als jeden Andern auf dem Schiffe„Der Lootſe,“ fuhr er fort,„ will mit den Ohren ei⸗ — 34— nen feinen Wink nicht wahrnehmen,— Herr Griffith, ich daͤchte, ihr naͤhmt ihn einmal bei der Naſe.“ „Ach, wir hatten in der Schaluppe ein Lauffeuer!“ erwiederte der erſte Lieutnant,„und er ſcheint nicht der Mann, der ſolche Winke, wie ihr meint, verdauen kann. So ſieht er ſanft und ſtille, allein ich zweifle doch, daß er ſich mit dem Buche Hiob viel zu ſchaffen macht.“ „Wozu ſollte er denn das?“ fragte der Kapellan, deſſen Furcht zum Mindeſten der des Offiziers von den Seeſoldaten gleich kam.„Ich weiß gewiß, es waͤre das großer Zeitverluſt. Hier ſind ſo manche Seekarten und Buͤcher uͤber die Kuͤſtenſchiffahrt zu ſtudieren, daß er gewiß ſeine Zeit beſſer anwenden kann.“ Allgemeines Lachen war die Folge von die⸗ ſer Bemerkung bei Allen, die ſie hoͤrten, und wie es ſchien, hatte ſie die ſo ſehnlich erwartete Folge. Sie machte der geheimnißvollen Unter⸗ haltung des Kapitains mit dem Lootſen ein Ende. Der Letztere kam auf die erwartungsvolle Men⸗ ge zu. „Laßt den Anker einziehen und die Segel ſtellen!“ ſagte er zum Lieutnant Grifſith mit der ruhigen und feſten Haltung, die den Haupi⸗ 4 4 34 zug ſeines Charakters bildete.„Die Stunde iſt da, wo wir fort muͤſſen!“ Das freudige:„Ja! Jal Sir!“ des jun⸗ gen Lieutnants war kaum heraus, als das Ge⸗ ſchrei von einem Halbdutzend Kadeten ertoͤnte, die jeden Bootsmann und ſeine Matroſen zum Dienſte riefen. Eine allgemeine Bewegung kam nun in die lebenden Maſſen, die um den Hauptmaſt, auf den Raaen, den Leitern herum wogte, obſchoͤn die gewohnte Mannszucht alle einen Augenblick in Erwartung hielt. Das Stillſchweigen un⸗ terbrach zuerſt die Pfeife des Bootsmanns. Ihr folgte das rauhe Geſchrei:„Jedermann an den Anker! friſch dabei!“ Der tieſe Ton der Pfeife wechſelte in der Dunkelheit mit einem gellenden, der wieder uͤber dem Waſſer hinſchwand. Das Geſchrei hallte im ganzen Schiffe wieder, wie das dumpfe Rollen eines fernen Donners. Wunderbar war die Veraͤnderung, die dieſe gewoͤhnlichen Zeichen zu Wege brachten. Menſch⸗ liche Geſtalten ſprangen unter den Kanonen her⸗ vor, huſchten aus den Luken heraus, ſchwangen ſich mit ſorgloſer Eile von den Raaen herab, und kamen aus jedem Winkel ſo ſchnell herbei, daß das ganze Verdeck der Fregatte mit Men⸗ ſchen bedeckt war. Das tiefe Schweigen, das ————— — 4. — 56— bisher blos von dem leiſen Geſpraͤch der Offtziere unterbrochen ward, wich nun den ernſten Be⸗ fehlen der Lieutnants, die das lautere Geſchrei der Kadeten, die Donnerſtimme des Bootsmanns und ſeiner Gefaͤhrten wiederholte. Die Stimme der Letztern war ſtaͤrker als jeder Laͤrm und alle dieſe Vorbereitungen. Der Kapitain und der Lootſe blieben bei der allgemeinen Anſtrengung allein unthaͤtig. Die Furcht hatte ſelbſt die Offiziere in Thaͤtigkeit ge⸗ ſetzt, welche nur die Muͤßiggaͤnger heißen. Frei⸗ lich wurden ſie haͤufig von ihren erfahrnern Ka⸗ meraden mit der Bemerkung zuruͤckgewieſen, daß ſie die Arbeit mehr hinderten als foͤrderten. In⸗ deſſen ließ der Laͤrm allmaͤlig nach. In wenig Minuten war dieſelbe Stille auf dem Schiffe, wie vorher. „Wir haben beigelegt!“ ſagte Griffith, in⸗ dem er das Ganze uͤberſchaute und in der einen Hand ein kleines Sprachrohr hatte, waͤhrend die aandere ein Segel faßte, um ſich in der Stellung zu erhalten, die er auf einer Kanone genommen hatte. „Anker gelichtet!“ war die ruhige Antwort des Lootſen.— „Anker gelichtet!“ hallten ein Dutzend Stimmen nach, und das muntere Stuͤckchen eines — — 57— Pfeifers drang durch die Luft, den duͤſtern Auftritt zu beleben. Die Ankerwinde ward unmittelbar in Bewegung geſetzt. Der abgemeſſene Tritt der Matroſen hallte auf dem Verdeck wieder, als ſie im Kreiſe darauf herumtrabten. Einige Minu⸗ ten ward außerdem kein anderer Ton gehoͤrt, als die Stimme eines Offiziers, der gelegentlich die Matroſen anſpornte, wenn ſie meldeten, das Tau ſey kurz, d. h. das Schiff faſt ſenkrecht uͤber dem Anker. „Nun, was ſoll nun geſchehen?“ fragte Griffith.„Sollen wir den Ankergrun verlaſ⸗ ſen? Es ſcheint ſich kein Luͤftchen— und da die Ebbe ſchwach geht, ſo fuͤrcht' ich, daß die See uns nach der Kuͤſte treibt.“ Es lag ſoviel Wahrſcheinliches in der Ver⸗ muthung, daß alle von der Arbeit auf dem Ver⸗ decke jetzt auf die Wogen hinausſchauten, als wollten ſie die Finſterniß durchdringen und das Geſchick, dem ihr Schiff geweiht zu ſeyn ſchien, in den Fluthen leſen. „Ich uͤberlaſſe alles dem Lootſen!“ erwie⸗ derte der Kapitain, als er einige Zeit neben Griffith geſtanden und ſorglich Himmel und Meer beobachtet hatte.„Was ſagt ihr, lieber Gray?“ Der Mann, deſſen Name jetzt zum erſten Male genannt war, lehnte ſich uͤber die Gallerie. Sein Auge ſchaute gleich dem der Andern hinaus. Doch als er antwortete, drehte er ſich nach dem Kommendanten um. Das Licht auf dem Ver⸗ decke fiel auf ſeine ruhigen Zuͤge. Sie zeigten eine Feſtigkeit, die faſt an etwas Uebernatuͤrliches graͤnzte, wenn man ſeine Lage und Verantwort⸗ lichkeit bedachte. „Von dem ſtarken Hohlgehen iſt viel zu fuͤrchten;“ ſagte er in demſelben unerſchuͤtterten Tone wie vorher.„Allein unſer Untergang iſt gewiß, wenn der Sturm, der von Oſten her im Entſtehen iſt, uns auf dieſem Ankerplatze fin⸗ det. Aller Hauf, der je zu Tauwerk geſponnen iſt, wuͤrde das Schiff hior nicht eine Stunde halten koͤnnen. Es muͤßte, ſtuͤrmte der Orkan aus Norden dagegen, an jenen Riffen ſcheitern. Wenn Menſchenhaͤnde zureichen, muͤſſen wir ins offene Meer hinaus und das ſchnell.“ „Nichts weiter?“ ſagte der Lieutnant.„Der juͤngſte Kadet hat ja das weg. Ha, da kommt der Schooner!“ Rauſchend durchſchnitten die langen Ruder des Ariels die Fluthen. Bald ſah man das kleine Schiff muͤhſam unter ihren ungleichen Schlaͤgen herankommen. Als es langſam hinter der Fre⸗ gatte weg fuhr, ließ ſich Barnſtable's luſtige Stim⸗ me zuerſt hoͤren. Er knuͤpfte die Unterhaltung an, 3 — 59—. „In der Nacht kann man gut eine Brille brauchen, Kapitain Munſon!“ rief er hinauf. „Allein ich daͤchte, ich haͤtte eure Pfeife gehoͤrt, und hoffe zu Gott, ihr werdet doch nicht bis morgen fruͤh hier liegen bleiben wollen.“ „So ein Ankerplatz gilt mir nicht mehr, als euch, Barnſtable!“ erwiederte der alte See⸗ mann in ſeiner ruhigen Weiſe, bei der aber die Sorge doch allmaͤlig das Uebergewicht augenſchein⸗ lich bekam.„Fertig ſind wir ſoweit, wir fuͤrch⸗ ten aber, den letzten Anker zu lichten, um nicht an die Kuͤſte zu gerathen. Was habt ihr fuͤr Wind?“ „Wind?“ wiederholte dieſer.„Nicht ſoviel, um eines Maͤdchens Locke auf die Seite zu trei⸗ ben. Wenn ihr warten wollt, bis die Landluft in die Segel ſtoͤßt, koͤnnt ihr einen Monat noch liegen bleiben, denk' ich. Meine Eierſchale hab' ich aus dem Felſenneſte losgemacht; wie es aber in der Finſterniß moͤglich war, mag ein Anderer beſſer erklaͤren.“ „Laßt euch vom Lootſen eure Weiſung ge⸗ ben, Barnſtable,“ bemerkte der Kommendant. „Befolgt ſie genau und buchſtaͤblich.“ 54 Eine Todtenſtille folgte dieſem Befehle auf beiden Schiffen. Alle ſchienen begierig die Worte auffangen zu wollen, die von dem Manne ka⸗ — 60— men, auf welchem, das fuͤhlte Jeder, ſeine Hoff⸗ nung, in Sicherheit zu kommen, beruhte. Es vergingen einige Augenblicke, bevor man ſeine Stimme hoͤrte. „Die Ruder werden euch gegen das ſich aufthuͤrmende Meer nicht mehr lange nuͤtzen;“ ſagte er ganz ruhig, aber ſehr vernehmlich,„doch eure kleinen Segel bringen euch gewiß heraus. So lange als ihr Oſt⸗ nord-oſt halten koͤnnt, iſts gut. Ihr koͤnnt dabei bleiben, bis ihr auf der Hoͤhe von der Felſenſpitze ſeid, die dort noͤrdlich iſt. Da moͤgt ihr beilegen und eine Kanone ab⸗ feuern. Wuͤrdet ihr aber aus dem Strich ge⸗ bracht, bevor ihr da ſeid, ſo ſondirt nur auf der Bakbordſeite jede Schiffslaͤnge und nehmt euch in Acht, ſuͤdlich zu wenden, denn ſonſt hilft kein Senkblei mehr.“ „Ich kann auf gleichem Grunde Bakbord und Steuerbord laufen und eines ſolange wie's andere;“ ſagte Barnſtable. „Das thut ja nicht!“ erwiederte der Lootſe. „Wenn ihr nur um einett Strich Steuerbord lauft, um aufs hohe Meer zu kommen, ſo ſtoßt ihr auf Klippen und Untiefen, wo ihr ſitzen bleibt. Alſo noch einmal, huͤtet euch davor!“ „ Und wie ſoll ich das Fahrwaſſer finden. Mit Senkblei, Compaß, Loth— 2„ 4 off⸗ ſeine ſich n.4* doch aus. iſts der dlich ab⸗ ge⸗ auf hmt hilft vord ie's zötſe. vord koßt tzen 7 den. — 61— „Ihr muͤßt dem raſchen Blick, der feſten Hand vertrauen. Die Brandung wird euch die Gefahr zeigen, wenn ihr nicht die Lage der Kuͤſte ſehen koͤnnt. Nur nicht das Sondiren unterlaſ⸗ ſen und immer Bakbord gelaufen!“ „Ja, ja!“ erwiederte Barnſtable brum⸗ mend.„Das nennt man im Finſtern tappen; und zwar alles ohne Zweck, ſoviel ich ſehen kann.— Sehen?— Gott verdamm mich! Sehen hilft einem hier ſo viel, als die Naſe, wenn man in der Bibel lieſt.“ „Still, ſtill! Herr Lieutnant!“ unterbrach ihn ſein Kommendant: denn die Beſorgniß ließ Jeden auf beiden Schiffen ſchweigen, daß man ſelbſt die Bewegung des Takelwerks vernahm, als der Schooner dahin fuhr.„Die Beſehle des Congreſſes muͤſſen auf Koſten des Lebens er⸗ fuͤllt werden!“ rief er ihm noch zu. „Ach, mein Leben bring' ich nicht in An⸗ ſchlag, Kapitain!“ war Barnſtable's Antwort. „Aber wer ein Schiff auf ſo ein Fleckchen ſchickt, wie dies, hat kein Gewiſſen. Doch jetzt gilt es zu handeln, nicht zu ſchwatzen. Iſt indeſſen ſchon fuͤr ein Fahrzeug ſolche Gefahr, das nicht tief geht, was ſoll dann aus der Fregatte wer⸗ den? Waͤr' es nicht beſſer, ich ſpielte den Jackal, und lief euch voraus, den Weg ausſpaͤhend?“ „Ich danke!“ erwiederte der Lootſe.„Euer Anerbieten iſt edelmuͤthig, wuͤrde uns aber nichts helfen. Ich habe den Vortheil auf meiner Seite, zeden Punkt genau zu kennen, und muß meinem Gedaͤchtniß, wie dem guten Gluͤck des Himmels trauen.— Setzt die Segel auf, Sir! Setzt auf! wenn ihr fortkommt, wollen wir es auch wagen, zu lichten.“ Dem Befehle ward ſchnell gehorcht. In wenig Augenblicken war der Ariel mit Segeln bedeckt. Zwar ließ ſich auf dem Verdeck der Fregatte kein Luͤftchen ſpuͤren, allein der kleine Schooner war ſo leicht, daß er mit Huͤlfe der Ebbe und ein wenig Landwind in der obern Ge⸗ gend der Atmoſphaͤre ſich luͤcklich einen Weg durch die Fluthen bahnte. In wenig Minuten war ſein Bord kaum noch mit Huͤlfe des ichten Streifes zu ſehen, der unten am wurdanthnr zog. Die duͤſtern Umriſſe ſeiner Segel ſtie⸗ gen uͤber das Gewaͤſſer herauf, bis auch dieſe wunderlichen Formen in den ſinſtern Wolken ſchwanden. Grifſith hatte das vorhergehende Geſpraͤch, gleich den andern juͤngern Ofſizieren gehoͤrt, aber kein Wort geaͤußert. Jetzt blieb allmaͤlig der Ariel dem Auge kaum wahrnehmbar. Fluͤchtig ſprang er von der Kanone aufs Verdeck herab⸗ . der chts ite, nem nels etzt nuch In geln der eine der Ge⸗ Beg iten öten hin⸗ ſtie⸗ dieſe lken aͤch, nber der htig b. „Es ſchießt hin;“ rief er,„wie ein Schiff, das vom Stapel laͤuft. Soll ich lichten laſſen, Kapitain, und nachſegeln?“. 2 „Wir haben keine Wahl!“ erwiederte die⸗ ſer.„Habt ihr die Frage gehoͤrt, Maſter Gray? ſollen wir es wagen?“ „Es muß ſeyn, Kapitain Munſon; wir„* brauchen mehr, als das Reſtchen von Ebbe, um in Sicherheit zu kommen!“ war des Lootſen Antwort.„JFuͤnf Jahre meines Lebens gaͤb' ich darum, ob ich ſchon weiß, daß es kurz genug iſt, wenn das Schiff eine Meile weiter ſeewaͤrts laͤge.“ Niemand hoͤrte dieſe Bemerkung, als der Kommendant der Fregatte, der ſich wieder mit dem Lootſen zuruͤckgezogen und ſein geheimniß⸗ volles Geſpraͤch angeknuͤpft hatte. Kaum war indeſſen die obige Weiſung gegeben worden, als Grifſith mit dem Sprachrohr befahl:„die Anker 1 gelichtet!“ Den ſchneidenden Toͤnen der Pfeife 3 folgte nun das Treten der Matroſen an der An⸗ kerwinde. Waͤhrend der Anker in die Hoͤhe ging,— wurden die Segel losgebunden, um den Land; wind zu faſſen. Das Sprachrohr des Lieutnants donnerte Befehle auf Befehle zu, die mit der Geſchwindigkeit des Gedankens vollzogen wurden. Im daͤmmernden Lichte der Nacht ſah man auf 8 — 64— jedem Raa die Matroſen wie einzelne Punkte, in der Luft ſchweben, waͤhrend wunderbares Ge⸗ ſchrei von jedem Theile des Tauwerks und jeder Stange wiederhallte. „Das Vorderſegel iſt fertig!“ ſchrie eine gellende Stimme, als kaͤme ſie aus den Wolken. „Das Bramſegel ſteht!“ donnerte die rauhe Stimme eines Matroſen dahinter. „Alles fertig!“ ließ ſich die dritte aus ei⸗ nem andern Punkte vernehmen, und in wenig Minuten ward der Befehl gegeben, die Segel herunterzulaſſen. Das wenige Licht, das von dem Himmel herabſiel, ward nun von den herabgelaſſenen Se⸗ geln ausgeſchloſſen. Staͤrkere Finſterniß lag auf dem Verdeck, und ließ um ſo mehr die Laternen funkeln, waͤhrend alles, See und Himmel, nur ein duͤſteres, furchtbareres Anſehn bekam. Jedermann, den Kapitain und ſeinen Ge⸗ faͤhrten ausgenommen, war nun ernſtlich bemuͤht, das Schiff in Bewegung zu ſetzen. Der Schrei: „Wir ſind fertig!“ von funfzig Stimmen wie⸗ derholt und die ſchnellen Bewegungen des Anker⸗ taues zeigten, daß der Anker uͤber dem Waſſer ſey. Das Tauwerk ſchnarrte, die Kloben pfif⸗ fen, und alles uͤbertoͤnte das Geſchrei des Boots⸗ manns und ſeiner Matroſen. Ein Bewohner kkte, des feſten Landes haͤtte hier lauter Unruhe und Ge⸗ Verwirrung geſehen. Allein lange Erfahrung und eder ſtrenge Mannszucht ſetzte dieſe Leute in den Stand, ihr Schiff von oben bis unten in wenigerer Zeit eine mit Segeln zu bedecken, als wir noͤthig haben, ken. es zu erzaͤhlen. auhe Einige Minuten lang waren die Offiziere mit dem Erfolge nicht unzufrieden. Zwar hin⸗ ei⸗ gen die ſchweren Segel feſt an den Maſten herun⸗ enig ter. Aber die leichtern Oberſegel blaͤhten ſich begel auf, und das Schiff begann offenbar ihrem Ein⸗ fluß zu gehorchen. mel„Sie arbeitet! ſie arbeitet!“ rief Griffith Se⸗ froͤhlich.„Ach, die gute Gevatterinn! Sie hat auf eine Antipathie gegen das Land, wie ein Fiſch enen im Ozean!'s iſt doch ein bischen Luft da oben!“ nur„ Das letzte Reſtchen davon üblen umn . ſprach der Lootſe ſtill und leiſe fuͤr ſich aber d och Ge⸗ in einer Art, daß Griffith daruͤber erhec, als uͤht, dies neben ihm geſagt wurde.„Junger Mann,“ rei: bemerkte der Lootſe,„wir wollen heut Alles wie⸗ vergeſſen, nur nicht, wie viel Menſchenleben dieſe rker⸗ Nacht von eurer Thaͤtigkeit und meiner Kennt⸗ aſſer niß abhaͤngt!“ pfif⸗„Wenn ihr halb ſoviel von der letztern dar⸗ ots⸗ thun koͤnnt, als ich zur erſtern bereit bin; ſo hner geht Alles gut;“ erwiederte der Lieutnant.„Was 4 4 E Was — ihr auch im Sinne haben moͤgt, immer erin⸗ nert euch, daß wir an feindlicher Kuͤſte ſind, und ſie nicht etwa ſo ſehr lieben, unſere Knochen dort begraben zu wiſſen.“ Mit dieſen Worten ſchieden ſie, denn die Bewegungen des Schiffes erforderten jetzt die 1 ſtaͤte und ſorgfaͤltige Aufmerkſamkeit des Lieut⸗ nants. 18 Die Freude der Mannſchaft uͤber das Schiff, als es die Fluthen durchſchnitt, dauerte nicht lange. Der Landwind, der ſeinen Fortgang etwa eine Viertelmeile zu beguͤnſtigen ſchien, blaͤhte einige Minuten lang die Segel auf, und ließ dann gaͤnzlich nach. Vom Steuerruder her ward gemeldet, daß jede Wendung des Schiffes unmoͤglich waͤre; es gehorche dem Steuerruder nicht. Schnell wurde die unwillkommene Bot⸗ ſchaft dem Kapitain von Griffith gemeldet. Der Letztere ſchlug vor, wieder einen Anker auszu⸗ werfen.. „Ich verweiſe euch an unſern Gray!“ verſetzte der Kapitain.„Er iſt der Lootſe, und von ihm haͤngt Wohl und Weh des Schif⸗ fes ab.“ „Lootſen verlieren eben ſo oft die Schiffe, als ſie ſie retten!“ bemerkte Griffith.„Kennt ihr den Mann ſo gzut, Kapitain, der the —e —nrr—éqn ——— i— 6— Leben in ſeiner Hand hat und kaltbluͤtig iſt, als waͤre ihm die ganze Sache einerlei?“ 8„Freilich kenne ich ihn; er iſt, meiner Ein⸗ ſicht nach, eben ſo treu als erfahren. Soviel 1 k ſag' ich euch, eure Bedenklichkeit zu mindern. 7 Mehr duͤrft ihr nicht fragen.— Doch war das. 3 nicht ein Wind von der Seite her?“ —„Gott bewahre uns!“ rief der Lieutnant. „.„Wenn uns der Nordoſt in dieſen Riffen hier. f packt, ſo iſt unſer Schickſal in der That verzweif⸗ 3 lungsvoll!“ d Das raſche Wanken des Schiffes bewirkte ein augenblickliches Aufſchwellen der Segel, aber 4 4 auch ein ſo ſchnelles Nachlaſſen derſelben, daß 2r der aͤlteſte Seemann in Zweifel blieb, woher * der Luftzug kam; ob er nicht vielleicht blos die er Folge des Schwankens von den Segeln ſelbſt u. geweſen ſey. Das Schiff ſelbſt kam bereits mit der Spitze aus der gehoͤrigen Richtung, und 247 trotz der Finſterniß war es augenſcheinlich, daß. nd die Fregatte nach der Kuͤſte hintrieb. 1 1 if Waͤhrend dieſer wenigen, hoͤchſt unruhigen Augenblicke verlor Griffith, in Folge von den 1 fe 1. ploͤtzlichen Gemuͤthsveraͤnderungen, die oft ganz unt entgegengeſetzte Gefuͤhle verbinden, auf einmal ſer ſeine haſtige Unruhe, und verſank in die gedan⸗ kenloſe Sorgloſigkeit, die ihn oft in den ſchwie⸗ rigſten und bedenklichſten Lagen beherrſchte. Er ſtand, mit dem Ellbogen auf die Ankerwinde ge⸗ lehnt, und ſchuͤtzte die Augen mit der einen Hand gegen das Licht einer neben ihm brennenden Laterne, als er an der andern einen ſanften Druck fuͤhlte, der ihn aus ſeinem Traume weckte. Freundlich, obſchon noch immer zerſtreut, ſah er den Kadet an, der neben ihm ſtand. 4 „Garſtige Muſik, Merry! 11 ſagte er. „So garſtig, daß ich nicht danach tanzen moͤchte!“ erwiederte der Kadet.„Ich denke, es giebt wohl keinen hier im Schiffe, der nicht lieber:„Mein Maͤdchen ich zu Hauſe ließ!“ hoͤren wuͤrde, als dieſes verwuͤnſchte Geheul!“ „Geheul? Das Schiff iſt ja ſo ſtill, als eine Quaͤkerverſammlung in Jerſey, bevor euer Groß⸗ vater das ergoͤtzliche Schweigen mit ſeiner wohl⸗ toͤnenden Stimme unterhrach.⸗ „Ach, lacht ihr immer uͤber meine fried⸗ fertige Abſtammung; lacht wie ihr wollt, Herr Lieutnant,“ verſetzte der erſte Kadet.„In an⸗ dern Leuten iſt ja auch ſo eine Miſchung von Blut. Ich wollte, ich hoͤrte jetzt den alten Mann intoniren. Da koͤnnte ich ſchlafen wie eine Moͤwe innerhalb der Klippen. Aber wer in der Nacht ſchlaͤft bei dem Wiegenliede, der haͤlt gewiß ein gutes Schlaͤfchen.“ 3 — — 69— „Geheul? Ich hoͤre nichts, Kadet, als das Aneinanderſchlagen der Segel. Selbſt der Lootſe, der auf dem Hinterdeck wie ein Admiral auf und ab ſtolzirt, ſcheint nichts zu bemerken.“ „Wie? hoͤrt ihr denn nicht, was jedem Seemann ins Ohr koͤnen muß?““ „Nun ja, das iſt das dumpfe Geraͤuſch von der Brandung. Die Nacht macht ſie auf⸗ — Mann?“ „Ei warum nich Herr Lieutnant, und ich mag ſie gar nicht beſſer kennen. Wie nahe ſind wir denn wohl der Kuͤſte?“ „Weit weggekommen ſind wir wohl nicht, ob wir ſchon beſſer lagen.— Halt doch gegen Steuerbord! Ihr gebt ja die ganze Seite dem Winde Preis!“— Der Mann am Ruder wiederholte ſeine vo⸗ rige Bemerkung, und ſetzte noch hinzu, ihm ſchiene das Schiff blindlings zu treiben. 4„Setzt das große Segel auf, Lieutnant!“ rief Kapitain Munſon.„Wir wollen ſehen, wie 3 der Wind iſt!“ Bald hoͤrte man das Raſſeln der Kloben, ’ und die ungeheuern Taue, die von den untern baͤnder gebracht. Als das Mandover vollendet war, fallender. Wißt ihr das noch nicht, junger Raaen herabhingen, wurden ſogleich in die Ver⸗ — 70— ſtand alles am Bord ſchweigend und kaum Athem holend, als erwartete man, das Schickſal des Schiffes durch den Erfolg davon entſchieden zu ſehn. Mancherlei widerſprechende Anſichten aͤu⸗ ßerten ſich endlich unter den Offizieren, indeß Grif⸗ ſith eine Kerze aus der Laterne nahm und auf eine Kanone ſprang. Hoch hob er das Licht, es der Wirkung der Luft Preis gebend. Die Flamme bewegte ſich erſt ungewiß brennend; dann ſtand ſie gerade, wie der Maſt. Eben wollte er den ausgeſtreckten Arm ſinken laſſen, als er eine maͤßige Kaͤlte an der Hand ſpuͤrte. Er zoͤgerte. Das Licht wandte ſich nach der Kuͤſte hin, flak⸗ kerte und loͤſchte endlich aus. „Keinen Augenblick verloren!“ rief der Lootſe.„Zieht alle Segel ein, die drei Topfe⸗ gel ausgenommen, und Alles doppelt eingebunden! Jetzt iſt die Stunde, wo ihr euer Wort zu loͤſen habt!“ Der junge Mann weilte einen Augenblic voll Staunen, als ſo deutliche, vernehmbare Worte des Fremden ſo unerwartet ſein Ohr tra⸗ fen; dann ſah er nach der See hinaus, ſprang aufs Verdeck herab, und eilte, ſeiner Weiſung zu gehorchen als ob Tod und Leben davon ab⸗ haͤnge. V. Flott iſt ſte! Kuͤſte lebe wohl! 1 Lied. Die zuhetordenffhe Thaͤtigkeit Griffith's, welche ſich auch der Eile der Matroſen wieder mittheilte, war eine Folge von der ſchnellen Veraͤnderung in der Atmoſphaͤre. Statt des deutlich wahr⸗ nehmbaren hellen Streifens laͤngs dem Horizonte, ſchien ein ungeheurer hell leuchtender Nebel eilig aus dem Ozean heraufzutauchen, waͤhrend ein deutliches, obſchon fernes Brauſen die ſichere Naͤhe des Sturmes verkuͤndete, der die Gewaͤſſer ſo lange ſchon bewegt hatte. Selbſt Griffith machte dann und wann, waͤhrend er durch das Sprachrohr die Befehle zur Arbeit zudonnerte, eine Pauſe, um einen beſorgten Blick in der Richtung des drohenden Sturmes zu thun. Auch die Matroſen auf den Raaen ſtarrten, waͤhrend ſie die Raabaͤnder knuͤpften und durchzogen, um die Segel in den befohlenen Schranken zu hal⸗ ten, unwillkuͤhrlich hinaus. 4 Der Lootſe allein erſchien in dieſer verwirr⸗ ten, geſchaͤftigen Menge, wo eine Stimme die andere uͤberſchrie, ein Schrei den andern im ſchnellen Wechſel wiederhallte, ſo ruhig, als naͤh⸗ me er an der wichtigen Sache gar keinen An⸗ theil. Immer heftete ſich ſein Blick auf die heraufziehenden Wolken, und mit zuſammenge⸗ ſchlagenen Armen ſtand er gelaſſen da, den Erfolg erwartend. Das Schiff hatte ſich auf die Seite gelegt und war nicht zu leiten. Die Segel hatte man gehoͤrig eingerefft, um es zu ſichern. Es rauſchte das Tauwerk klappernd und raſſelnd uͤber die Fluthen dahin, und unwillkuͤhrliches Schaudern brachte dies Geraͤuſch hervor, wie immer, wenn Finſterniß und Gefahr des Seemanns Wange bleicht. „Der Schooner hat ſeinen Theil!“ rief Griffith.„Barnſtable aber iſt immer der Alte. Er haͤlt bis zum letzten Augenblicke aus, wenn ihm der Orkan nur Segel genug laͤßt, von der Kuͤſte wegzukommen.“ „Seine Segel ſind leicht zu ſtellen!“ be⸗ merkte der Kommendant.„Er muß aus der groͤß ten Gefahr heraus ſeyn. Mit uns ſteht es nicht 6 ſo. Soll ich einmal ſondiren laſſen, Gray?“ Der Lootſe gab ſeine nachdenkende Stellung auf. Langſam ging er uͤber das Verdeck, bevor er auf die Frage antwortete. Er ſchien ein Mann —— — zu ſeyn, der nicht blos fuͤhlte, wie Alles von ihm abhinge, ſondern auch im Stande war, dem zu entſprechen.. „Es iſt nicht noͤthig!“ antwortete er end⸗ lich.„NRuͤckwaͤrts zu ſteuern waͤre ſicherer Tod. Woher der Wind kommen kann, iſt ſchwer zu beſtimmen.“ „Nicht ſchwer!“ rief Griffith,„denn da kommt er, und in vollem Ernſte!“ In der That hoͤrte man nun das Brauſen des Windes in der Naͤhe, und kaum war das letzte Wort uͤber die Lippen des Lieutnants ge⸗ gangen, als das Schiff, das ſich vorher auf die Seite gelegt hatte, majeſtaͤtiſch auftauchte und in Gang kam. Es ſchien wie ein hoͤflicher Kaͤmpe den maͤchtigen Feind zu begruͤßen, mit dem es jetzt den Strauß beginnen ſollte. Nicht eine Minute ver⸗ ging, und das Schiff durchſchnitt das Waſſer in lebendiger Bewegung, gehorſam dem Steuermann, und in der gewuͤnſchten Richtung, ſo weit es die Gewalt des Windes erlaubte. Das Laͤrmen und Treiben auf den Raaen ließ allmaͤlig nach. Ein Matroſe nach dem andern ſtieg aufs Verdeck herab, und ſtrengte das Auge an, die Alle umhuͤllende Finſterniß zu durchdringen. Mancher ſchuͤttelte, duͤſtern Zweifels voll, das Haupt, und wagte es nicht, die Furcht, welche er in der That naͤhrte, * zu entdecken. Alles wartete aͤngſtlich auf die Wuth des Sturmes: denn ſo unwiſſend und un⸗ erfahren war Keiner auf dem herrlichen Schiffe, daß er nicht gewußt haͤtte, wie man jetzt nur die erſten Spuren deſſelben fuͤhle. Mit jedem Augenblicke nahm er zu; indeſſen ging es doch ſo allmaͤlig, daß die Matroſen Muth faßten und gkaubten, nicht jede ihrer duͤſtern Ahnungen werde in Erfuͤllung gehn. Waͤhrend des kurzen Zeitraums, wo dieſe Ungewißheit herrſchte, hoͤrte man nichts, als das Brauſen des Windes, wenn er ſchnell durch die Menge von Takelwerk eilte, und das Anſchlagen der Wogen, die von dem Bauche des Schiffes, wie der Schaum eines Waſ⸗ ferfalles, zuruͤckprallten. „Es blaͤſet derb!“ rief Griffith, der in die⸗ ſer Stunde der Unruhe und Furcht zuerſt wieder die Sprache bekam.„Indeſſen iſt es am Ende doch nur eine Muͤtze voll. Laßt uns nur die Arme frei, Lootſe, und Segel genug aufſetzen, und ich mache eine Luſtjacht aus dem Schiffe, trotz dem Winde!“ 3 „Wird ſie denn bei den Segeln ſtehen blei⸗ ben?“ fragte der Fremde gelaſſen.— „Ach, ſie wird Alles thun, was ein Menſch vernuͤnftiger Weiſe von Eiſer und Holz verlan⸗ gen kann. Aber freilich gievts auf dem ganzen / Meere kein Schiff, das gegen die hohle See geht, wenn es blos die Topſegel hat und alle — andern doppelt eingebunden ſind. Gebt der Fre⸗ 4 gatte die Hauptſegel, und ihr ſollt ſie wie einen Tanzmeiſter hinfliegen ſehn.“ 1 „Erſt laßt uns ſehen, wie ſtark der Wind iſt!“ verſetzte der Lootſe, und ging von Grifſith nach der Windſeite des Schiffes. Hier ſah er uͤber daſſelbe ungemein kaltbluͤtig hinaus. Alle Laternen auf dem Verdeck hatte man ausgeloͤſcht, als der Anker in Ordnung war. Dem Nebel, welcher dem Sturm vorherging, folgte eine ſchwache Daͤmmerung, die der ſchim⸗ mernde Schaum der Wogen, welche ſich in jeder * Richtung am Schiffe brachen, bedeutend mehrte. Das Land ſah man nur nothduͤrftig, wie eine dicke Schicht von ſchwarzen Duͤnſten, die uͤber der Waſ⸗ ſerlinie hinzogen und ſich vom Himmel durch groͤßere Dunkelheit und Tiefe von Schatten un⸗ terſchieden. Die Seeleute hatten das letzte Tau aufgerollt und an ſeinen Ort gebracht. Mehrere Minuten lang herrſchte jetzt auf dem bevoͤlkerten Verdeck eine Todtenſtille. Jedem war es klar, daß die Fregatte mit wunderbarer Schnelligkeit durch 5 die Gewaͤſſer hinſchoß, und als ſie nun mit ſol⸗ chem Fluge dahin eilte, wo, wie Jeder wußte, die Riffe und Untiefen waren, konnte nur di zur Gewohnheit gewordene ſtrenge Mannszucht bei Offizieren und Matroſen den Ausbruch der Unzufriedenheit unterdruͤcken. Endlich hoͤrte man den Kapitain Munſon. Er ſprach zum Lootſen. „Soll ich denn etwa die Tiefe des Waſſers erforſchen laſſen?“ fragte er. Laut genug hatte er geſprochen, und der An⸗ theil, den jeder dabei empfand, zog mehrere Of⸗ fiziere und Matroſen hin, die ungeduldig auf die Antwort warteten. Allein der Mann, der ſo gefragt war, erwiederte nichts. Sein Haupt ruhte in der Hand, als er uͤber die Gallerie des Schiffes ſich hinlehnte, und ſein ganzes Beneh⸗ men war, als habe er mit der dringenden Ge⸗ fahr des Schiffes nichts zu thun. Griffith ſtand auch unter denen, die ſich dem Lootſen genaͤhert hatten. Er wartete aus Achtung einen Augen⸗ blick auf die Antwort, die ſein Kommendant er⸗ halten wuͤrde. Dann wagte er es, im Vertrauen auf ſeinen Rang, aus dem Kreiſe der Uebrigen herauszutreten und ſich neben den geheimnißvol⸗ len Schuͤtzer ihres Lebens zu ſtellen.„ „Kapitain Munſon wuͤnſcht zu wiſſen, ob ihr etwa das Senkblei gebraucht ſehn wollt?“ ſagte der junge Offizier mit etwas Ungeduld. Keine Antwort folgte unmittelbar auf dieſe neue Frage. Grifſith legte ohne Umſtaͤnde die 8 —22— e. —9 2— ————.— 8 Hand auf des Lootſens Schultern, in der Ab⸗ ſicht, ihn aufmerkſam zu machen, ehe er die Frage wiederholte. Allein das Zuſammenfahren des Lootſen erlaubte dem Lieutnant einige Augen⸗ blicke lang nicht ein Wort zu ſagen. „Zuruͤck!“ rief endlich Grifſith mit Ernſt der Mannſchaft zu, die ſich in einen dichten Kreis geſammelt hatte.„Jeder auf ſeinen Po⸗ ſten und aufgepaßt fuͤr die Wendung!“ Die dicke Maſſe von Koͤpfen loͤſete ſich bei dieſem Befehl auf, wie das Waſſer einer Woge, die in dem Ozean untergeht, und der Lieutnant war mit ſeinem Gefaͤhrten allein. „Jetzt iſt nicht die Zeit, lange zu ſinnen!“ ſagte Griffith wieder.„Gedenkt eures Wortes, und ſeht auf eure Pflicht. Iſt es nicht Zeit, eine Wendung zu machen? Was traͤumt ihr denn?“ Der Lootſe legte ſeine Hand auf den aus⸗ geſtreckten Arm des Lieutnants und ergriff dieſen, ihn krampfhaft zuſammendruͤckend. „Mein Traum iſt Wirklichkeit!“ rief er. „Ihr ſeid noch jung. Auch ich ſtehe noch nicht im Herbſte meines Lebens. Aber ſolltet ihr auch noch funfzig Jahre leben; das werdet ihr nie ſehen und erfahren, was mir in der kleinen Pe⸗ riode von dreiunddreißig wiederfahren iſt!““ ————x Der junge Lieutnant war von der ſchnellen Aeußernug eines in dieſem Augenblicke ſo ſon⸗ derbaren Gefuͤhles betroffen, daß er nichts er⸗ wiedern konnte. Endlich bekam ſeine Pflicht die Oberhand wieder, und er ſprach wieder von dem, was ihn jetzt am Meiſten beſchaͤftigte. „Ich hoffe viel von eurer Erfahrung, die ihr an der Kuͤſte hier geſammelt habt: denn die Fregatte ſegelt gut. Allein wir haben bei Tage ſchon ſoviel Gefahren geſehen, daß wir in der Nacht keiner Windbeuteleien beduͤrfen. Wie lange ſollen wir denn noch in der Richtung bleiben?“— Der Lootſe ging langſam fort zum Kom⸗ mendanten des Schiffs. „Euer Wunſch iſt erfuͤllt;“ ſagte er endlich in einem Tone, der von duͤſtern Gedanken zeug⸗ te. Ja, einen großen Theil meiner Jugend habe ich an dieſer gefuͤrchteten Kuͤſte verlebt. Was fuͤr euch Dunkelheit und Finſterniß iſt, wird mir klar, wie der Tag, wenn die Sonne ſcheint. Aber wendet jetzt, wendet das Schiff. Ich wollte erſt ſehen, wie die Fregatte arbeitet, bevor wir an den Ort kommen, wo ſie ſich gut benehmen muß, oder wo wir verloren ſind.“ Griffith ſah ihn ſtaunend an. Der Lootſe ging langſam nach dem Hinterdeck, und Jener, von ſeiner Verwunderung zuruͤckkommend, gab 1 9 1 eilig den Befehl, der Jeden an ſeinen Platz rief, das verlangte Manoͤvre zu machen. Die Ver⸗ ſicherungen, welche Griffith dem Lootſen in Hin⸗ ſicht der Tuͤchtigkeit des Schiffs und ſeiner eig⸗ nen Gewandtheit in der Behandlung deſſelben gegeben hatte, wurden durch den Erfolg vollkom⸗ men gerechtfertigt. Kaum war das Steuerruder unter dem Winde, als das majeſtaͤtiſche Gebaͤnde kraftvoll gegen denſelben hinſegelte und die ⸗ gen durchſchnitt, daß der Schaum hoch in die Luft ſpruͤtzte, als ſchaue er kuͤhn dem Sturm ins Auge. Dann wich die Fregatte gelenkig der Ge⸗ walt deſſelben, und bot ihm die Seite dar, ſich von den gefaͤhrlichen Klippen entfernend, auf die ſie bisher mit, Schrecken erregender, Schnelligkeit zuſteuerte. Die ſchweren Raaen flatterten herum, als ſeien es Faͤhnlein, die Richtung des Windes anzuzeigen, und in wenig Augenblicken eilte ſie ſicher durch die Fluthen dahin, auf der einen Seite den Riffen und Untiefen entfliehend, aber ſich denen naͤhernd, die ſie in gleicher Art auf der andern erwarteten. Waͤhrend der Zeit war die See immer un⸗ ruhiger und der Sturm allmaͤlig heftiger gewor⸗ den. Der letztere pfiff nicht mehr im Tauwerke des Schiffes, wohl aber ſchien er ſtuͤrmend zu heulen, ſo oft er durch die mannigfaltigen Waͤnde — 89— dahin eilte, die ſich ſeiner Wuth entgegenſtellten. In endloſer Reihe wogten weiß ſchaͤumende Wel⸗ len heran, und ſelbſt die Luft ward von dem Scheine erhellt, den das Meer zuruͤckwarf. Mehr und mehr gab das Schiff der Gewalt des Stur⸗ mes nach. Nach weniger als einer halben Stunde von dem Augenblicke an, wo der Anker gelichtet wurde, ward es mit, Entſetzen erregender, Schnel⸗ ligkeit von der vollen Wuth deſſelben dahin ge⸗ trieben. Indeſſen die muthigen und erfahrnen Seeleute, die ſeine Bewegungen leiteten, wußten es doch in der Richtung zu erhalten, die zur Sicherheit nothwendig war, und Griffith wie⸗ derholte fortwaͤhrend die Befehle, die vom un⸗ bekannten Lootſen ausgingen, um die Fregatte in den engen Kanal zu bringen, wo allein die fernere Fahrt moͤglich war. 4 Bis jetzt ſchien der Lootſe ſeiner Pflicht ge⸗ treulich und ohne Muͤhe nachzukommen. Alle Weiſungen, die noͤthig waren, gab er in der ſtillen, ruhigen Weiſe, welche mit der Verant⸗ wortlichkeit, die auf ihn laſtete, im auffallenden Gegenſatze ſtand. Als indeſſen das Land immer undeutlicher, dunkler und weiter in die Ferne zu⸗ ruͤcktrat; als die unruhige See weit und breit nur mit Schaum bedeckt daher brauſete: donnerte ſeine Stimme lauter, als das einfoͤrmige Geheul —y, — 81— des Sturmes. Er ſchien jetzt ſeiner Gleichguͤl⸗ tigkeit zu entſagen und ſich ſelbſt anzuſpornen. „Jetzt iſt es Zeit, genau auf ſie zu achten, Herr Griffith!“ rief er.„Hier kommt das rechte Fahrwaſſer, aber auch die rechte Gefahr! Den beſten Bootsmann vom Schiffe ans Log geſetzt und einen Offizier zur Seite, dem er an⸗ giebt, wie viel Faden wir haben!“ „Das will ich ſelbſt auf mich nehmen!“ ſagte der Kapitain.„Setzt eine Laterne ans Log auf der Windſeite!“. „Das Blei zur Hand!“ rief der Lootſe mit unruhiger Eile.„Genau die Faden angegeben!“ Dieſe Einleitung ſagte der Mannſchaft, der entſcheidende Augenblick ſey gekommen. Jeder⸗ mann, Offizier und Matroſe, ſtand furchtſam ſchweigend auf ſeinem angewieſenen Poſten, den Ausgang erwartend. Selbſt der Steuermann gab den Leuten am Rade ſeine Befehle in tie⸗ ferm und leiſerm Tone, als fuͤrchte er, die Ruhe und Ordnung des Schiffes zu ſtoͤren. Waͤhrend ſo allgemeine Erwartung im gan⸗ zen Schiffe herrſchte, ließ ſich der durchdringende Ruf des Matroſen am Senkblei hoͤren.„Sie⸗ ben Faden!“ toͤnte es mitten durch den Sturm durch, uͤber das Verdeck weg, und ſchien, vom J. F — 82— Wind getragen, auf der andern Seite des Schif⸗ fes, wie eine Geiſterſtimme zu verhallen. „Gut!“ entgegnete der Lootſe ruhig.„Im⸗. f mer fort! Noch ein Mal!“ 2 3 Der kurzen Pauſe folgte ein zweiter Ruf: d „Fuͤnf und ein halber Faden!“ „Sie bleibt ſizen! ſie bleibt ſitzen!“ rief G Griffith. „Ach, ihr muͤßt jetzt nur das Kommando J fuͤhren!“ bemerkte der Lootſe mit dem kalten H Tone, der am Meiſten erſchuͤttert, weil er zeigt, daß man auf Alles gefaßt iſt. Dem dritten Rufe:„Vier Faden!“ folgte a ſogleich die Weiſung des Fremden, zu wenden. Griffith ſchien mit dem Lootſen an Kalt⸗ ö 3 bluͤtigkeit zu wetteifern, als er die noͤthigen Be⸗ 3 fehle gab, dies Manoͤvre auszufuͤhren.— al Das Schiff hob ſich langſam aus der Sei⸗ 5 tenlage, in die es der Sturm webracht hatte. Sein Takelwerk raſſelte, als wollte es ſeine Ban⸗ pt den zerſprengen, und die Wogen wurden zuruͤck⸗ te gedraͤngt, als ſich die wohlbekannte Stimme des di Oberbootsmanns vom Vorderdeck hoͤren ließ: ze .„Riffe! Riffe! gerade aus!“ 8 b 3 ka Der, Schrecken erregende, Zuruf ſchien eben 3 auf dem Schiffe zu verhallen, als eine zweite f Stimme rief: — ———— 3— 83— hif⸗„Niiſe rrbord 1u „Wir fahren auf einer Bank hin, Gray,“ zm⸗ 1 ſiel der Kommendant ein.„Sie kommt vom Wege ab. Vielleicht bringt uns ein Anker aus uf: der Gefahr?“ „Laßt den zweiten Anker auswerfen!“ ſchrie rief Griffith durchs Sprachrohr. „Nichts da!“ donnerte der Lootſe, daß es ndo Mark und Bein erſchuͤtterte.„Keiner ruͤhrt lten Hand an!“— eigt, Der junge Mann drehte ſich wild nach dem heuͤhnen Fremden um, der ſo jeder Mannszucht lgte auf dem Schiffe Trotz bot. en..„Wer wagt es, meinen Befehlen entgegen Lalt⸗— zu ſeyn?“ rief er.„Iſt es nicht genug, daß Be⸗ Ihr das Schiff in Gefahr bringt? Muͤßt Ihr auch noch darauf hinarbeiten, es darin zu er⸗ Sei⸗ halten? Wenn Ihr noch ein Wort—— atte.„Ruhig, Griffith!“ unterbrach ihn der Ka⸗ San⸗-⸗ pitain, ſich vorbeugend. Sein graues Haar flat⸗ ruͤck⸗ terte im Sturme, und erhoͤhte die wilde Unruhe, des die das Licht der Laterne auf ſeinem Antlitz zeigte.„Gebt Gray das Sprachrohr; er allein 4 kann uns retten!“ eben Griffith warf es aufs Verdeck, und ging ſtolz, veite fuͤr ſich in bitterm Unmuthe murrend fort. 3„So iſt denn wahrlich Alles verloren!“ 5 5 2 — 84— ſagte er,„und außer Allem aach noch die thoͤ⸗ richte Hoffnung, mit der ich dieſe Kuͤſte betrat!“ Zeit zu antworten war hier nicht. Das Schiff ſchoß heſtig mit dem Winde hin. Alle Bemuͤhungen der Mannſchaft waren durch die erhaltenen widerſprechenden Befehle gelaͤhmt. All⸗ maͤlig kam die Fregatte ganz aus dem Winde, und alle Segel hingen gerade herab. Bevor indeſſen die Mannſchaft ihre Lage begriff, hatte der Lootſe das Sprachrohr ange⸗ ſetzt, und mit einer Stimme, die den Sturm uͤbertraf, donnerte er ſeine Befehle zu. Jeder ward puͤnktlich und mit einer Genauigkeit gege⸗ ben, die ihn als Meiſter in ſeiner Kunſt bewaͤhrte. Das Steuerruder war in feſter Hand. Die Vor⸗ derſegel boten die ganze Flaͤche dar; bald drehte ſich das Schiff auf ſeinem Kiel herum und machte eine Bewegung ruͤckwaͤrts. Griffith war zu guter Seemann, als daß er nicht geſehen haͤtte, wie der Lootſe mit dem groͤßten Scharfblick das einzige Mittel ergriffen hatte, das Schiff aus ſeiner gefaͤhrlichen Lage zu retten. Er war jung und heftig und ſtolz, aber auch edelgeſinnt. Seinen Verdruß, ſeine Kraͤnkung vergeſſend, eilte er vorwaͤrts unter die Matroſen, und ſeine Gegenwart, ſein Beiſpiel ſicherte dem Mandͤvre vollends den Erfolg. Das —— — 85— Schiff trieb wieder ſanft mit dem Winde. Seine Raaen beruͤhrten faſt die Fluthen, als der Sturm die ganze Wuth gegen den Bakbord geltend mach⸗ te, waͤhrend hinten die Wogen anbrauſeten, als wollten ſie die ungewoͤhnliche Bewegung ruͤgen. Die Stimme des Lootſen toͤnte indeß immer feſt und ruhig, aber doch ſo deutlich und ſtark, daß ſie jedes Ohr erreichte. Auf ſein Geheiß drehten die Matroſen gehorſam die Raaen, trotz des Sturmes, als ſeien ſie ein Spielwerk der Kindheit. Als das Schiff weit genug zuruͤckge⸗ gangen war, wurden die Vorderſegel losgebun⸗ den, die Hinterraaen in Ordnung gebracht, und das Steuerruder gerichtet, bevor die Fregatte Zeit hatte, aufs Neue den Gefahren entgegen zu gehen, die ſie vorn und von Bakbord her bedroht hat⸗ ten. Das ſchoͤne Gebaͤude, gehorſam ſeinem Fuͤhrer, faßte wieder den Wind. Als die Segel geſtellt waxen, eilte es mitten aus den gefaͤhr⸗ lichen Klippen ſo ſchnell und ſicher heraus, wie es hineingekommen war. Ein Augenblick von ſprachloſer Bewunderung folgte dem vollbrachten trefflichen Manoͤvre. Die Ueberraſchung ſelbſt mit Worten auszudruͤcken, dazu war noch keine Zeit. Der Fremde hatte noch immer das Sprachrohr zur Hand, und ließ ſeine Stimme durch das Geheul des Sturmes — 86— erſchallen, wenn Vorſicht und Gewandtheit eine Veraͤnderung im Gange des Schiffes heiſchten. Wohl eine Stunde lang galt es noch immer, fuͤr die Selbſterhaltung zu kaͤmpfen: denn, bei jedem Schritte vorwaͤrts, ward das Fahrwaſſer unſiche⸗ rer, und auf jeder Seite draͤngten ſich die Klip⸗ pen naͤher zuſammen. Immer ward das Senk⸗ blei ausgeworfen. Das lebhafte Auge des Loot⸗ ſen ſchien die Finſterniß mit einer Sicherheit des Blickes zu durchſchauen, die alle menſchliche Kraft uͤberſtieg. Es war allen auf dem Schiffe ein⸗ leuchtend, daß ſie unter der Leitung eines Man⸗ nes ſtuͤnden, der mit der Schiffahrt aufs Ge⸗ naueſte bekannt war. Die Anſtrengung eines Jeden hielt nur mit dem erwachten Vertrauen Schritt. Immer ſchien die Fregatte blindhin trei⸗ bend auf Untiefen ſitzen zu bleiben, wo die See mit Schaum bedeckt war, und ihre Zerſtoͤrung eben ſo ſchnell als ſicher erfolgen mußte. Allein die Donnerſtimme des Fremden warnte ſtets vor der Gefahr, und trieb Jeden zu ſeiner Pflicht an. Das Schiff ſtand ohne alle Einſchraͤnkung unter ſeinem Befehle, und waͤhrend der Augen⸗ blicke, wo die Fluthen dagegen anbrauſten, wo der Schaum hoch uͤber die Raaen emporſpruͤtzte, horchte Jeder den Worten des Mannes, der uͤber die Mannſchaft eine Gewalt uͤbte, vvie ſie 5 1 „ — — 85— eine unter ſolchen Umſtaͤnden nur Feſtigkeit und voll⸗ ten. endete Kunſt gewaͤhren kann. fuͤr 2 Die Fregatte hatte auf einem dieſer gefaͤhr⸗ dem lichen Punkte eben wieder eine Wendung ge⸗ che⸗ macht, wie ſie deren jetzt ſo viele beſtehen muß⸗ lip⸗ te, und fuhr nun wieder raſch dahin, als der enk⸗ Lootſe jetzt zum erſten Male den Kommendanten vot⸗ anredete, der noch immer bei dem das Senkblei des fuͤhrenden Matroſen ſtand. raft„JIetzt iſt der Augenblick!“ ſagte er.„Ar⸗ ein⸗ beitet das Schiff hier gut, ſo ſind wir gerettet. dan⸗ Auſzerdem war alle Muͤhe umſonſt!“ Ge⸗ Der alte Seemann, zu dem er ſprach, ließ ines. bei dieſer wichtigen Nachricht Alles bei Seite. Er rief nach dem erſten Lieutnant, und verlangte en trei⸗ vom Fremden eine naͤhere Erklaͤrung. See„ Seht ihr das Licht da unten am ſuͤdlichen ung Felſenvorſprung?“ entgegnete der Lootſe.„Ihr llein koͤnnt es am Stern erkennen, der nahe daruͤber vor ſteht. Jetzt beachtet den Fleck, der ein wenig licht noͤrdlich davon iſt, und einem Schatten am Ho⸗ ung rizonte gleicht. Dies iſt ein Huͤgel landeinwaͤrts. gen⸗ Wenn wir das Licht von dieſem Huͤgel nicht ge⸗ wo b. hindert ſehen, ſo iſt Alles gut. Außerdem geht tzte, Alles in Truͤmmern.“ der„Laßt uns aufs Neue wenden!“ rief der 1 ſie Lieutnant. Der Lootſe aber ſchuͤttelte den Kopf.— „Vom Wenden und guten Nachwinde iſt dieſe Nacht nicht mehr die Rede;“ ſagte er. „Der Kanal, durch den wir fahren, iſt kaum weit genug, um aus den Klippen herauszukom⸗ men. Koͤnnen wir den Teufelskanal paſſi⸗ ren, ſo ſind die aͤußerſten Klippen umſchifft; wo nicht, ſo iſt kein Mittel da.“ „Es waͤre beſſer geweſen auszuweichen, als hier einzufahren!“ rief Griffith. „Richtig, wenn es uns nur die Stroͤmung erlaubt haͤtte!“ war des Lootſens ruhige Ant⸗ wort.„Jetzt, Leute! gilt es Puͤnktlichkeit. Wir haben noch eine Meile vor nus, und das Schiff ſcheint zu fliegen. Das Topſegel kann nicht allen Wind faſſen. Wir muͤſſen noch Fock⸗ und Bram⸗ ſegel aufſetzen.“ „Es iſt ein gefaͤhrlich Ding, bei ſolchem Sturme Segel aufzuſetzen!“ bemerkte der Ka⸗ pitain bedenklich. „Muß aber geſchehn!“ erwiederte der Lootſe kalt.„Wir ſind ſonſt verloren. Schon beruͤhrt das Licht den Rand jenes dunkeln Fleckens.“ „Alles ſoll gleich gethan ſeyn!“ rief Grif⸗ fith, und nahm dem Lootſen das Srracheohr aus der Hand. — — 89— Seine Befehle wurden ausgefuͤhrt, wie ſie gegeben wurden. Alles war bereit. Die unge⸗ heure Laſt des Bramſegels war losgebunden und dem Sturm Preis gegeben. Einen Augenblick war der Erfolg zweifelhaft. Die ſchweren Segel ſchlugen ſo heftig gegen die Maſten, daß das Schiff bis in den unterſten Raum erſchuͤttert wurde. Doch Kunſt und Arbeit ſiegte. Allmaͤlig blaͤhte ſich die Leinwand auf, und in dem Maaße, als ſie ſich dehnte, ward ſie durch die Kraft von hundert Menſchen an ihrer gewoͤhnlichen Stelle befeſtigt. Die Fregatte gehorchte der ſo unge⸗ heuer vermehrten Kraft, wie ein Rohr, das ſich vor dem Winde beugt. Der gluͤckliche Er⸗ folg ward durch einen freudigen Ausruf des Lootſen bezeichnet. Er ſchien ihm aus dem In⸗ nerſten des Herzens zu entſpringen. „Sie fuͤhlt's! ſie faßt den Wind! Seht!“ rief er.„Schon ſteigt das Licht auf dem Berge empor. Wenn ſie die Segel aushaͤlt, kommen wir heraus!“ Ein Schall, wie von einer Kanone, unter⸗ brach dieſe Ausrufungen. Einer weißen Wolke gleich, ſchien etwas vor dem Winde oben vom Schiffe aus dahin zu ſchweben, bis es endlich zu weit in die Finſterniß getrieben war. „Das iſt das Fockſegel! Es iſt aus den Saumtauen geriſſen!“ ſagte der Kommendant: „Leichte Segel halten gegen ſolchen Sturm nicht aus:— aber das Bramſegel ſteht feſt.“ „Das wuͤrde einem Wirbelwinde trotzen!“ bemerkte der Lieutnant.„Aber der Maſt ſpringt, wie ein Stuͤck Stahl.“ „Ruhig Alle!“ rief der Lootſe dazwiſchen; „Jetzt, Freunde, werden wir unſer Schickſal bald wiſſen.— Laßt ſie mit dem Winde gehn! — Laßt ſie gehn!“ Dieſe Bemerkung machte allem Geſpraͤche ein Ende. Die kuͤhnen Seeleute, wiſſend, wie ſie Alles gethan hatten, was Menſchen thun koͤn⸗ nen, ſtanden unruhig, ohne einen Athemzug zu thun, und erwarteten den Ausgang. In gerin⸗ ger Entfernung von ihnen war der Ozean mit weißem Schaum bedeckt, und die Wogen, ſtatt in regelmaͤßiger Ordnung zu kommen, ſchienen ſich in ungehenern Kreiſen zu drehen. Ein einzelner Streif von ſchwarzem Gewaͤſſer war in dieſem Chaos zu ſchauen; allein er hatte kaum die Laͤnge eines Kabeltanes, und oft entzog er ſich dem Blicke unter den ſich bekaͤmpfenden Fluthen. Auf die⸗ ſem ſchmalen Pfade ſchoß das Schiff, aber muͤh⸗ ſamer als vorher, hin, doch nahe g genug vor dem Winde, um ihn mit den Segeln faſſen zu koͤn⸗ nen. Schweigend ging der Lootſe zum Rade ,— — 91— des Steuerruders, und leitete das Schiff mit eig⸗ ner Hand.. Kein Laut ließ ſich auf der Fregatte hoͤren, den ſchrecklichen Aufruhr im Meere zu unterbre⸗ chen, und mit dem Schweigen der verzweifeln⸗ den Ergebung fuhr ſie zwiſchen den Riffen hin. Zwanzigmal, wenn der Schaum ſeitwaͤrts dahin flog, war die Mannſchaft auf dem Punkte, ih⸗ rer Freude freien Lauf zu laſſen. Sie glaubte, die Gefahr ſey voruͤber. Aber immer kamen Klippen nach Klippen und Wogen auf Wogen, um ihren Jubel zu hemmen. Manchmal hoͤrte man auch das Geheul des Windes im Takelwerk, und wenn die Matroſen den Blick nach dem Rade des Steuerruders richteten, ſahen ſie, wie der Lootſe in deſſen Speichen griff, und von den Fluthen hinauf zu den Segeln ſchaute. Endlich kam das Schiff auf einen Punkt, wo es gerade⸗ zu der Zerſtoͤrung in den Rachen zu laufen ſchien, als es mit einem Male einen andern Weg an⸗ nahm und mit dem Vorderdeck aus der Linie des Windes heraus war. Im naͤmlichen Augen⸗ blicke hoͤrte man die Stimme des Lootſen. „Die Raae in die Quere geſtellt! die Bram⸗ ſegel eingezogen!“ donnerte ſie. 1 Ein allgemeines Geſchrei der Mannſchaft wiederholte das:„Die Raae in die Quere ge⸗ — 92— ſtellt!“ und ſchnell wie der Blitz ſah man die Fregatte aus dem engen Fahrwaſſer herauskom⸗ men. Sie eilte vor dem Winde dahin. Kaum hatte das Auge Zeit, den Schaum zu beachten, den ſie gleich Wolken zum Himmel emportrieb. Aus allen Gefahren war die herrliche, und aus den ungluͤcksſchwangern Wogen in ein offenes, ſicheres Meer gekommen! Jetzt athmeten die Matroſen frei und ſchau⸗ ten ſich einander an, als ſeien ſie aus einem ſchweren Traum erwacht. Griffith aber naͤherte ſich dem Manne, der ſie Alle mit ſolchem Er⸗ folge durch die Gefahren geleitet hatte. Er nahm ihn bei der Hand. „Ihr habt Euch dieſe Nacht als treuen Lootſen bewaͤhrt, und als einen Seemann, wie die Welt keinen aufweiſen kann!“ ſagte er zu ihm. 8 Der Unbekannte erwiederte traulich den Haͤn⸗ dedruck. „Wohl bin ich nicht fremd auf der See!“ verſetzte er,„und werde wahrſcheinlich mein Grab in ihr finden. Aber in Euch— ja in Euch habe ich mich geirrt. Ihr habt brav ge⸗ handelt, junger Mann, und der Congreß—“ p„ Was iſt mit dem Congreß?“ fragte Grif⸗ fith, als er ihn einhalten ſah. 8. — — „—,— —△ 2 22ꝗꝗA — —„—— — 93— „Nun— der Congreß iſt gluͤcklich, wenn er viel ſolcher Schiffe hat!“ endigte der Fremde kalt, indem er zum Kommendanten ging. Griffith ſah ihm einen Augenblick voll Ueber⸗ raſchung nach. Doch der Dienſt nahm ſeine Aufmerkſamkeit in Anſpruch. Bald beſchaͤftigten ihn andere Gedanken. Die Fregatte galt nun fuͤr außer Gefahr. Der Sturm war heftig und nahm noch zu. Aber offen lag das Meer da, und wie ſie in den Bu⸗ ſen des Ozeans hineilte, konnten nun die noͤthigen Vorkehrungen zur Sicherſtellung waͤhrend des Sturmes getroffen werden. Noch vor Mitter⸗ nacht war Alles in Ordnung. Ein Kanonenſchuß auf dem Ariel verkuͤndete, daß auch der Schoo⸗ ner in Sicherheit ſey, der einen andern und minder gefaͤhrlichen Weg gehabt hatte, auf wel⸗ chem aber die Fregatte nicht zu ſegeln wagen durfte. Der Kommendant ließ die noͤthigen Wa⸗ chen ausſetzen, und die uͤbrige Mannſchaft ſuchte die Ruheſtaͤtte. Er ſelbſt zog ſich mit dem geheimnißvollen Lootſen in ſeine Kajuͤte. Griffith gab den letz⸗ ten Befehl, und uͤbertrug dann das Kommando dem Offizier, der die Wache hatte. Gute Nacht ihm wuͤnſchend, ſuchte auch er Erhohlung in ſeiner Haͤngematte. Eine Stunde wohl lag — 94— der junge Lientnant und ſann uͤber die Ereigniſſe des Tages nach. Barnſtable's Bemerkung fiel ihm, in Verbindung der ſonderbaren Aeußerung des Kadeten, ein. Dann kamen ſeine Gedanken wie⸗ der auf den Lootſen, der erſt von der feindlichen Kuͤſte Britanniens eingenommen werden mußte, und, mit der Sprache dieſer Inſel, ihnen ſo treu und trefflich gedient hatte. Er erinnerte ſich der Unruhe des Kapitains Munſon, mit der dieſer den Fremden herbeigeſchafft wiſſen wollte, trotz allen Gefahren, denen ſie eben erſt entgangen waren, und verlor ſich ganz in Muthmaßungen, warum wohl ein Lootſe mit ſolchen Gefahren aufgeſucht worden ſey. Nun bekamen die Din⸗ ge, welche ihn angingen, den Vorzug. Die Er⸗ innerung an Amerika, an ſein Maͤdchen, an die Heimath, vereinte ſich mit den verwirrten Bil⸗ dern der Jugend. Endlich ward das Rauſchen der Wogen gegen die Waͤnde des Schiffes, das Heulen des Sturmes, das Knarren der Plan⸗ ken und Kanonen ſeinem Ohre immer undeut⸗ licher, bis die Natur der Nothwendigkeit nach⸗ gab, und der junge Mann, in den tiefen Schlaf eines Seemannes verſunken, ſelbſt die ſuͤßen Vit⸗ der ſeiner Liebe vergaß. — — 95— 4 VI. Briefe leben, athmen warm und ſagen Muthig, was das arme Herz gebeut! 4 Was die Lippen nicht zu ſtammeln wagen, 4 6 Das geſtehn ſie ohne Schuͤchternheit. 8 Buͤrger. . 3 Griffith ſchlief weit in den Morgen hinein, als ihn ein Kanonenſchuß weckte, der auf dem Ver⸗ deck uͤber ihn abgebrannt wurde. Er ſtieg ſorg⸗ . los aus ſeiner Kote heraus, und als ſein Bur⸗ ſche die Thuͤre oͤffnete, ſah er den Offizier der 4 Marineſoldaten. Mit einiger Theilnahme fragte er, ob das Schiff auf ein Fahrzeug Jagd mache, da ein Schuß gefallen ſey? „' iſt blos ein Zeichen fuͤr den Ariel,“ erwiederte der Seeſoldat,„daß ein Signal fuͤr ihn zu leſen iſt. Es ſcheint, als ſchlaͤft dort Jedermann am Bord: denn wir haben das Si⸗ gnal ſchon zehn Minuten aufgeſteckt, und nach dem Reſpekt, den er dafuͤr hat, muß er uns fuͤr ein 1 Kohlenſchiff anſehn.“ „Sagt lieber, fuͤr ein feindliches Schiff, und daß er darum beſorgt iſt!“ erwiederte Grif⸗ —— 4 f — 36— fith.„Brown Dick hat den Englaͤndern ſo man⸗ chen Streich geſpielt, daß er ſich ſelbſt huͤbſch in Acht nimmt.“ „Nun, wir haben ihm eine gelbe Flagge uͤber der blauen und mit einer Commodorsflagge aufgeſteckt und dies heißt in jedem Signalbuche, das wir haben, Ariel. Er kann doch nicht denken, daß die Englaͤnder unſer Amerikaniſch leſen koͤnnen?“ „Ach, ich habe Yankees*) gekannt, die wohl ſchwereres Engliſch leſen!“ erwiederte Grif⸗ ſith laͤchelnd.„Aber, im Ernſte, ich denke, Barnſtable iſt, wie ich, feſt eingeſchlafen, und ſeine Leute haben die Gelegenheit benutzt. Sein Schooner hat beigelegt, ich wette.“ 1 „Ja, wie ein Kork im Muͤhlteiche! Ja, das glaub ich, da habt ihr Recht. Gebt Barn⸗ ſtable offenes Fahrwaſſer, guten Wind und ein Paar Segel, ſo ſchickt er ſeine Leute unter's Deck, ſetzt den Kerl, den langen Tom, wie er heißt, ans Steuerruder, und ſchlaͤft dann ſelbſt ſo feſt, wie ich in der Kirche!“. „Ach, Eure Orthodoxie ſchlaͤft freilich leicht ein, Kapitain Manuel!“ bemerkte der junge See⸗ *) Spitzname, den die Englaͤnder den Amerikanern ga⸗ ben, und welchen dieſe ſich dann zur Ehre rechneten 4 an⸗ gge gge icht ſch die rif⸗ wann lachend, waͤhrend ſeine Arme in einen Morgenuͤberrock fuhren, der mit dem goldnen Abzeichen ſeines Standes geſchmuͤckt war.„Na, Ihr habt nichts zu thun, da kommt der Schlaf wohl von ſelbſt. Aber laßt mich durch. Ich will aufs Verdeck und den Schooner herrufen, ehe man die Sanduhr umwendet.“ 3 Der ſorglos an der Thuͤr lehnende Offlzier machte Raum und Griffith eilte durch die dunkle, große Kajuͤte die enge Treppe hinauf, welche ihn zur Hauptbatterie fuͤhrte. Auf einer andern brei⸗ ten Treppe gelangte er auf's Verdeck. Der Sturm blies noch ſtark, aber regel⸗ maͤßig. Die blauen Fluth ildeten ſich noch zu kleinen ſchaumbedeckten Bergen, und der Wind riß oft den Schaum von ſeinem verwandten Ele⸗ mente ab, ihn in Nebel verwandelt von einem Waſſerhuͤgel zum andern zu tragen. Aber leicht und ſicher fuhr die Fregatte uͤber dieſe unruhigen Wo⸗ gen dahin; ein Beweis fuͤr die Kenntniß derer, die ihren Lauf leiteten. Heiter und rein war der Tag angebrochen. Die Sonne ſchien zu traͤ⸗ ge, die Mittagslinie zu durchlaufen, und ging in ſuͤdlicher Richtung am Himmel hin, ſo, daß ſie kaum durch ihre Strahlen die dicke Nebelluft des Meeres erwaͤrmen konnte. Eine halbe Meile fern, gerade aus, lag der Ariel und erwiederte das I. G 2 8 . * Signal, das zu dem eben mitgetheilten Geſpraͤch „Gelegenheit gegeben hatte. Der niedrige Rumpf war manchmal kaum zu erkennen, wenn er ſich auf dem Ruͤcken einer Welle erhob, die hoͤher als gewoͤhnlich war. Allein die Segel, die er dem Winde darbot, ſielen deutlich ins Auge. Sie ſchienen auf beiden Seiten das Waſſer zu beruͤhren, je nachdem er ſich bald rechts bald links neigte. Manchmal ward er dem Auge ganz ent⸗ zogen. Kaum die taͤuſchenden Linien ſeiner Maſten tauchten dann wieder aus dem Waſſer herauf und kamen immer hoͤher, bis nun das Schiff⸗ lein ſelbſt wieder ſichtbar war, dem Winde Trotz bot und, vom aum umringt, in ein anderes Element zu flieh ſchien. Griffith weilte einen Angenblick auf dem ſchoͤnen Bilde, das wir eben zu ſchildern ſuch⸗ ten, dann ſah er nach dem Himmel, um mit dem Kennerblick eines Seemannes das Wetter zu beurtheilen. Zuletzt beſchaͤftigte ſich ſeine Auf⸗ merkſamkeit mit den Umgebungen auf dem Verdeck. ir Sein Kommendant warkate mit eruihider, n fehle vom Ariel. vollzogen windenes Neben ihm ſtand der: Fremde, der an der Leitung des Schif⸗ fes einen ſo großen Antheil⸗ gehabt. und dabei die roͤßte Kenntniß bewieſen hatte. Griffith benutzte * * — 99— das Licht des Tages und ſeine Stellung, das Aeußere des ſonderbaren Mannes genauer zu un⸗ terſuchen, als dies die Finſterniß und Unruhe in der vorigen Nacht erlaubten. Es war ein Mann von kaum mittlerer Grö⸗ ße, aber muskuloͤs und kraͤftig gebaut, ein Ab⸗ bild maͤnnlicher Schoͤnheit. Sein Aeußeres ſchien mehr einen Ernſt, einen duͤſtern Sinn, als die Feſtigkeit, die Entſchloſſenheit anzudeuten, welche er in den Augenblicken der groͤßten Gefahr ge⸗ zeigt hatte. Griffith wußte indeſſen auch recht gut, wie er die wildeſte Ungeduld geltend machen konnte. In dieſem Augenblicke ſchien er dem pruͤfenden Juͤnglinge— 2 er ihn mit dem Bilde, das die Laterne von ihm gegeben hatte— der Ozean zu ſeyn, wenn dieſer in R im Gegenſatz zu dem Brauſen deſſelben. Auge des Lootſen ruhte auf dem Verdeck, und wenn es wo anders hinſah, geſchah es mit Un⸗ ruhe und ſchnellen Blicken. Die dunkelgruͤne Jacke, welche den groͤßten Theil ſeiner uͤbrigen Kleidung verhuͤllte, war ſo grob gearbeitet, be⸗ ſtand aus ſo gewoͤhnlichen Stoffen, wie man nur beim gemeinſten Matroſen ſah. Und doch eentging es dem pruͤfenden Blicke des Lieutnants keinesweges, daß er ſich darin mit einer Ge⸗ wandtheit bewegte, daß ſie eine Sauberkeit habe, G 2 8 — 100— die bei Leuten ſeines Gewerbes gleich ungewoͤhn⸗ lich war. Griffith's Pruͤfung hatte hier ein Ende. Der Ariel kam naͤmlich herbei und zog die Auf⸗ merkſamkeit Aller auf ſich, die auf dem Verdecke waren, denn es fand ein Geſpraͤch üibiſchen bei⸗ den Befehlshabern ſtatt. Der kleine Schooner ſtrich hinter dem Stern der Fregatte hin, und Kapitain Munſon befahl ſeinem Untergebnen, auf ſein Schiff an Bord zu kommen. Kaum war die Ordre gegeben, als der Ariel um die Fregatte herumging und ſich, von dem hohen Gebaͤnde derſelben gaſchüßt, 9 gen den Wind ſicherte. Die Barke ward v Verdecke ins Meer gelaſſen und von denſelben atroſen beſetzt, die an der Kuͤſte gelandet wa⸗ Jetzt konnte die letztere in der Ferne kaum noch geſehen werden. Sie ſchien ein blauer Wolkenſtreif am iubrſte Nande des Ozeans 3u ſeyn. 3 Als Barmſtable das Boot beſtiegen hatte, brachten es einige Ruderſchlaͤge, wie im Tanze, an die Seite des Schiffes. Der Schooner ſegelte dann ein Stuͤck weiter, wo er r in Sicherheit lag, und der Offtzier mit ſeiner Mannſchaſt ſtie an Bord der ſtotzen Fregatte. 3 Jüvem er eerdeck betrat, wurden die Eeew angsceremonien von Griſeh 8 — 101— und ſeinen Kameraden puͤnktlich beobachtet. Ob⸗ ſchon ſich jede Hand gegen den kuͤhnen Seemann ausſtreckte, ſo wagte es doch Niemand, uͤber die Linie der ſubordinationsmaͤßigen Hoͤflichkeit eher hinauszugehen, bis eine kurze und geheime Un⸗ terredung zwiſchen ihm und dem dopitain Statt gefunden hatte. In der Zwiſchenzeit hatte ſich die Mann⸗ ſchaft von der Barke aufs Verdeck begeben und wi der von der Fregatte gemiſcht, den einzigen iffsfuͤhrer abgerechnet, der an einer Strick⸗ 5 lehnte und gerade auf in die Hoͤhe ſah, lidem er mit offenbarer Unzufriedenheit den Kopf ſchuͤttelte, waͤhrend er die kuͤnſtlichgeordnete Menge des Takelwerks uͤber ſeinem Haupte muſterte. Bald zog dies Schauſpiel ein halb Dutzend Ka⸗ deten hin, unter denen auch Merry war. Sie wollten den Gaſt in einer Art unterhalten, die ihren luſtigen Einfaͤllen Nahrung ſchaffte. Barnſtable's Unterredung mit dem Kapitain hatte ein Ende erreicht. Der erſtere winkte Grif⸗ ſith, raſch durch die ſich wundernde Menge ſchrei⸗ tend, die an der Ankerwinde ſtand und nur den Augenblick erwartete, wo ſie ihn herzlicher be⸗ willkommen konnte. Er nahm den Weg in die e Kajuͤte, mit der Sicherheit eines Man⸗ 8, der ſich hier nicht fremd ſuͤhlte. Dies eben nicht freundſchaftliche Benehmen war ſonſt nicht Barnſtable's Art, und alle Offiziere ließen Grif⸗ fith mit ihm in der Meinung gehn, der Dienſt erfordere eine Unterredung zwiſchen Beiden allein. Barnſtable hatte freilich die Abſicht, daß dies ſo ſeyn ſollte. Er nahm eine Lampe vom Tiſche in der großen Kajuͤte und ging in die Kajuͤte ſeines Freundes mit dieſem, wo er die Thuͤr hinter ſich zumachte und den Schluͤſſel um⸗ drehte. Kaum waren ſie in dem kleinen Ge⸗ mache, ſo zeigte er, mit einer Art blinden Re⸗ ſpekts fuͤr ſeines Kameraden Rang, auf den ein⸗ zigen Stuhl darin. Er ſelbſt ſetzte ſich auf eine Kuͤſte und ſtellte die Lampe auf den Tiſch. .„ Was war das fuͤr eine Nacht!“ begann er.„Wohl zwanzig Mal dachte ich, die See wuͤrde uͤber Euch zuſammenſchlagen, und glaubte, Ihr muͤßtet im Waſſer umkommen, oder, was noch ſchlimmer iſt, an der Kuͤſte geſcheitert ſeyn, um dann auf die Gefangenſchiffe dieſer Englaͤnder zu kommen, bis ich Eure Laternen meinen Ka⸗ nonenſchuß beantworten ſah. Haͤttet Ihr einen Moͤrder von ſeinem Gewiſſen befreit, Ihr haͤttet ihm keine groͤßere Beruhigung verſchafft, als ich empfand, da ich das Stuͤckchen Talg und Tocht von Kieſel und Stahl belebt ſah.— Doch Gri — 103— ich habe noch eine beſondere Sache mit Dir zu beſprechen.—“ „Ja, gewiß, wie Du ſchlaͤfft, wenn Du freies Waſſer haſt, und wie Deine Jungen ſich bemuͤhen, ihren Beſehlshaber zu uͤbertreffen, und wie Alles ſo gut ablaͤuft, daß hier ein graues Haupt am Bord bereits mißfaͤllig zu ſchuͤtteln anfing;“ unterbrach ihn Grifſith.„Hoͤre, Richard, Du nimmſt an Bord der⸗Nußſchaale, auf der Du jetzt herumſchwimmſk, ein lumpiges Weſen an. Ihr geht ja da ſo regelmaͤßig zu Bette, wie die Bewohner eines Huͤhnerhofes in ihren Stall.“ „Nein, ſo ſchlimm iſes nicht, nicht halb ſo ſchlimm, Eduard!“ erwiederte der Andere lachend. „Ich halte ſo ſtrenge Mannszucht, als fuͤhrten wir Admiralsflagge. Hoͤre nur, vierzig Mann koͤnnen freilich nicht ſoviel Parade machen, als vierhundert; aber wenn es gilt, Segel aufzu⸗ ſetzen und einzureffen, Da gehe ich mit Dir eine Wette ein!“ 5 „Natuͤrlich; ein Taſchentuch iſt leichter auf⸗ gehangen, wie ein Tafeltuch. Aber, ich halte es nicht fuͤr ſeemaͤnniſch, das Schiff ſo ohne alle Aufſicht zu laſſen und ohne nachzuſehen, ob der Wind aus Oſt oder Weſt, Nord oder Suͤd — 104— „Ei wer macht ſich denn eines ſolchen Tod⸗ tenſchlafs ſchuldig?“. „Nun, bei uns hier an Bord heißt es wenn Ihr offenes Waſſer habt, ſo ſetzt Ihr den langen Tom an's Steuerruder, ſagt ihm, er ſolle Acht geben, und dann wird Allen gepfiffen, daß ſie zur Nachtmuͤtze greifen, worauf dann Jeder in ſeiner Matte bleibt, bis das Schnar⸗ chen des Steuermanns Alle wieder munter macht.“ „Das iſt eine verdammt ſchaͤndliche Luͤge!“ rief Barnſtable mit Unwillen, den er umſonſt zu verbergen ſtrebte.„Wer bringt ſolche Nach⸗ rede in Umlauf, Grifſith?“. „Ich habe es vom Kapitain der Seeſolda⸗ ten!“ ſagte dieſer, verlor aber doch die Luſt, ſeinen Freund noch ferner zu ſchrauben.„Ich glaube ſelbſt nicht die Haͤlfte davon!“ ſetzte er, mit einem, dem Scheine nach, ſorgloſen Blicke, hinzu.„In der letzten Nacht habt Ihr gewiß alle Augen anfgeſperrt, mag es auch am Mor⸗ gen geweſen ſeyn, wie ihm will.“ „Ach, heut Morgen! Das war eine Zer⸗ ſtreuung! wahrhaftig. Aber ich ſtudirte ein neues Signalbuch, das tauſendmal anziehender fuͤr mich iſt, als alle Flaggen, die Ihr aufſtecken koͤnnt, und wenn ſie von der Spitze bis zum Fuße euxer Maſten wehen.““ — — †— n———— ͤ— ————³—, ——,,—,,— — — 105— „Was? Haſt Du etwa die Signale der Eng⸗ laͤnder bekommen.“ „Nein, nein!“ ſagte der Andere, und ſtrekte die Hand aus, ſeines Freundes Arm zu nehmen.„Ich traf geſtern Abend ein Maͤdchen auf jenen Klippen, das wohl zeigte, es ſey, wofuͤr ich es immer hielt, und deshalb liebte, ein Maͤdchen von lebhaftem Geiſt und kuͤhnem Muthe.“ „Von wem redeſt Du denn?“— „Von Katharina—“ Griffith ſprang unmiltürlich auf, als er dieſen Namen hoͤrte. Das Blut trieb ſchnell in ſeine Wangen, die jetzt bleich, wie der Tod, wa⸗ ren, und dann wieder brannten, als wenn ein Strom von Blut aus dem Herzen hereinſtroͤmte. Er bemuͤhte ſich, einer Bewegung Herr zu wer⸗ den, welche er ſelbſt dem vertrauteſten Freund zu geſtehen Anſtand nahm. Bald gelang ihm dies wenigſtens ſoweit, daß er wieder Platz neh⸗ men konnte. „War ſie allein?“ fragte er duͤſter. „Allerdings. Sie ließ mir dies Papier und ein unſchaͤtzbares Buch zuruͤck. Das iſt ſoviel werth, wie eine Bibliothek von al andern Buͤchern.“ 3 Griffith's Auge heftete ſich auf den Schatz, den der Andere ſo hoch anſchlug, aber haſtig griff zugleich die Hand nach dem Brieſe, der auf den Tiſch zu ſeiner Verfuͤgung hingebreitet wurde. Der Leſer wird wohl errathen, daß es der Brief eines Maͤdchens war, daß es die Gabe war, die Barnſtable von ſeiner Trauten auf den Klippen erhalten hatte. Sein Inhalt lautete: „Ich glaube, die Vorſehung leitet mich da⸗ hin, wo wir mit einander zuſammenkommen oder von wo aus ich Euch dieſe Schilderung ſenden kann. In jedem Falle habe ich eine kurze Darſtellung von der Lage entworfen, in welcher Cecilia Ho⸗ waͤrd und meine kleine Perſon iſt: nicht, um Euch und Griffith zu einem unbedachten, thoͤrich⸗ ten Wagſtuͤck zu verleiten, ſondern daß Ihr Beide ans Werk gehn, genau uͤberlegen und dann be⸗ ſtimmen moͤgt, was zu unſerer Befreiung dien⸗ lich iſt.“ „Anjetzt muͤßt Ihr den Charakter des Oberſten Howard doch wohl zu gut durchſchaut haben, als daß Ihr erwarten koͤnntet, er werde je ſeine Nichte einem Rebellen geben. Er hat bereits ſeiner Unterthanenpflicht, wie er es nennt, (Cecilien aber raun' ich ins Ohr, es ſey Verrath!) nicht blos das Vaterland, ſondern ſelbſt einen nicht kleinen Theil ſeines Vermoͤgens geopfert. —,— —,— — 107— Mein offenes Herz— Du kennſt ja meine Of⸗ fenheit, Barnſtable, nur gar zu gut!— ſagte ihm, als Griffith's toller Verſuch, Cecilien in Carolina zu entfuͤhren, Statt gefunden hatte, gerade ins Geſicht, ich waͤre thoͤricht genug gewe⸗ ſen, dem Waffenbruder des jungen Seemanns, der ihn bei ſeinen Beſuchen auf unſerer Plan⸗ tage begleitet habe, ein Woͤrtchen der Treue zu geben. Ei! wie oft denk' ich, es waͤre fuͤr uns Alle beſſer, wenn Euer Schiff nie in den Fluß eingelaufen waͤre, oder Griffith doch nicht den Verſuch gemacht haͤtte, mit meiner Baſe wieder zuſammenzukommen! Der Oberſte nahm dieſe Aeußerung wie ein Vormund auf, der erfaͤhrt, ſeine Muͤndel will ſich und ihre dreißigtauſend Dollars an einen Verraͤther von Koͤnig und Vaterland hingeben. Ich vertheidigte Euch ſtand⸗ haft. Ich ſagte, Ihr haͤttet keinen Koͤnig; dies Band ſey zerriſſen. Amerika ſey Euer Vater⸗ land und Euer Beruf ehrenvoll. Aber das zog alles nicht. Er nannte Euch einen Rebellen, daran war ich gewoͤhnt. Er ſagte, Ihr waͤret ein Ver⸗ raͤther, was in ſeiner Sprache daſſelbe bedeutet. Er meinte ſelbſt, Ihr waͤret ein Betruͤger. Das wußte ich, es ſey falſch, und ich ſtand nicht an, ihm dies zu ſagen. Er ließ funfzig haͤßliche Worte hoͤren, die ich nicht wieder ins Gedaͤchtniß rufen — 108— kann. Allerdings waren die ſchoͤnen Beiwoͤrter, von„Zerſtoͤrer,“„Aufruͤhrer,“„Glo ich⸗ macher,“ Demokrat,“„Jacobiner,“(ich hoffe doch, daß er damit keinen Moͤnch meint) darunter. Kurz, er ſpielte den Obriſten Howard in vollem Zorne. Da indeſſen ſeine Herrſchaft nicht, wie die ſeines Liehlingskoͤnigs, von Ge⸗ ſchlecht zu Geſchlecht fortgeht und ein kurzes Jahr mich von ſeiner Gewalt befreit, wo ich dann Herrinn meiner Handlungen werde, wenn ich an⸗ ders Euern ſchoͤnen Verſprechungen glauben kann, ſo will ich, das Maͤrtyrerthum ausgenommen, Alles dulden, nur nicht Cecilien verlaſſen.“ „Das theure Maͤdchen hat noch mehr zu leiden als ich, denn ſie iſt nicht blos Muͤndel von Oberſt Howard, ſondern ſeine Nichte, ſeine einzige Erbinn. Ich bin uͤberzeugt, der letztere Umſtand macht in ihrem Benehmen, ihren Ge⸗ fuͤhlen keinen Unterſchied. Aber er ſcheint zu glauben, dadurch das Recht zu haben, ſie bei allen Gelegenheiten zu tyranniſiren. So iſt der Oberſt Howard ein braver Mann, wenn Ihr ihn nicht in Leidenſchaft bringt, und ich halte ihn fuͤr durchaus rechtlich; Cecilie ſelbſt liebt ihn. Aber freilich ein Mann, der im ſechzigſten Jahre aus der Heimath getrieben wird und das halbe Vermoͤgen einbußt, iſt nicht geneigt, die, welche — 109— ſo eine Veraͤnderung herbeifuͤhrten, ſelig zu ſpre⸗ chen.“ 8 „Es ſcheint, daß, als die Howard's auf dieſer Inſel lebten, ſie in der Grafſchaft Nort⸗ humberland hauſeten. Hieher brachte er uns dann, als die politiſchen Ereigniſſe und ſeine Furcht, der Onkel eines Rebellen zu werden, ihn be⸗ ſtimmten, Amerika, wie er ſich ausdruͤckte, fuͤr immer zu verlaſſen. Wir ſind nun drei Monate hier. Zwei Drittheile dieſer Zeit haben wir in ertraͤglichem Zuſtande verlebt. Allein vor Kurzem meldeten uns Zeitungen, es ſey Euer Schiff und Euer Schooner in Frankreich angekommen, und von dem Augenblicke an wurden wir unter ſo ſtrenge Wachſamkeit geſetzt, als haͤtten wir an eine Wie⸗ derholung der Scene in Carolina gedacht. Der Oberſte miethete, als er hier ankam, ein altes Gebaͤnde, das theils gewoͤhnliches Wohnhaus, theils Abtey, theils Schloß, und in jedem Be⸗ trachte ein Gefaͤngniß iſt. Es beſtimmte ihn der Umſtand dazu, daß es einmal ſeinen Vorfahren gehoͤrt haben ſoll. In dieſem bezaubernden Auf⸗ enthalte ſind manche Kaͤfige, die wohl wildere Voͤgel bannen koͤnnten, als wir ſind. Seit vier⸗ zehn Tagen ward in einem nahen, an der Kuͤſte, liegenden Dorfe das Geruͤcht verbreitet, man habe laͤngs der Kuͤſte zwei amerikaniſche Schiffe 5 4 3 4140— wahrgenommen. Die Beſchreibung entſprach den Eurigen, und da das Volk in der Umgegend von nichts als dem ſchrecklichen Paul Jones traͤumt, ſo ſagte man, er ſey am Bord derſelben. Allein ich glaube, Oberſt Howard vermuthete, wer ihr wirklich ſeid. Er ſtellte die genaueſten Nachfor⸗ ſchungen an, wie ich hoͤrte, und hat ſeitdem in ſein Haus eine Art von Beſatzung eingenommen. Der Vorwand dazu iſt, daß ſie ihn gegen Ma⸗ randeurs vertheidigen ſolle, wie die waren, die Lady Selkirk*) brandſchatzten.“ „ Jetzt, Barnſtable, verſtehſt du mich. Ich will um keinen Preis, daß Ihr Euch Gefahren ausſetzt; es muß, ſo gewiß Du mich liebſt, kein Blut vergoſſen werden. Damit Du doch aber weißt, wie der Platz beſchaffen iſt und wer ihn inne hat, ſo will ich Dir ſowohl das Gefaͤngniß, als die Beſatzung ſchildern.““ 33 3 „Das Ganze iſt ein ſteinernes Gebaͤnde, und nicht ſo im erſten Anfluge zu nehmen. Es 3384 4* *⁴) Wahrſcheinlich die Gemahlinn des Lords Selkirk, in deſſen Dienſten der beruͤhmte Freibeuter Paul Jones ſtand, und die er, von dieſem beleidigt, verließ, ſich aam Vaterlande, das ihm kein Recht gegen den Lord iihaſfte ſeldſt zu Ihchen. 3 D. Ueberſ 1 7 ————— — 1114— hat Gaͤnge und Wege, ſowohl im Innern, wie von außen herein, daß ich gewandter ſeyn muͤß⸗ te, als ich bin, wenn ich ein Bild davon geben koͤnnte. Allein die Zimmer, die wir bewohnen, ſind in dem obern oder dritten Stockwerke eines Fluͤgels, den man, iſt man in ſchwaͤrmeriſcher Stimmung, einen Thurm nennen koͤnnte. In der That iſt es aber nur ein Fluͤgelgebaͤude. Wollte Gott, ich koͤnnte damit fortfliegen. Wenn Ihr etwa zufaͤllig unſere Wohnung zu Geſicht bekom⸗ men ſolltet, ſo erkennt Ihr unſere Zimmer an drei rauchrichten Fahnen, die uͤber den ſpitzigen Eſſen ſtehen, und dann an den faſt immer offen⸗ gelaſſenen Fenſtern. Unſern Fenſtern gegenuͤber, etwa eine Viertelſtunde davon, iſt eine einſame, unbewohnte Ruine, die zum großen Theil dem Blicke durch einen Wald entzogen wird. Den beſten Aufenthalt gewaͤhrt ſie nicht, das iſt wahr, aber eine Zuflucht kann man in ihren Gewoͤlben und Gemaͤchern wohl finden. Ich habe nach der Anweiſung, die Du mir einmal daruͤber ge⸗ geben haſt, eine kleine Zahl von Signalen aus verſchiedenen ſeidenen Fleckchen und ein kleines Woͤrterbuch von allen den Redensarten gemacht, die ich fuͤr paſſend hielt. Sie ſind alle mit Zif⸗ fern verſehen, um dem Schluͤſſel und den Flag⸗ gen zu entſprechen. Beides ſende ich Dir mit hoffe dort noch zu erleben, wie dann durch ihn — 112— gen in Ordnung bringen, ich habe die meinigen, nebſt einer Kopie vom Buch und den Schluͤſſel. Giebts die Gelegenheit, ſo koͤnnen wie eine huͤb⸗ ſche Unterredung mit einander haben. Ihr oben von dem alten Thurme in den Ruinen herab und ich aus dem oͤſtlichen Fenſter in meiner Woh⸗ nung.“ 1 „Nun aber von der Beſatzung. Außer dem Oberſten Howard, der noch allen Stolz ſeines ehemaligen Soldatenſtandes behauptet, iſt als der Unterbefehlshaber der boͤſe Genius von Cecilia's Freuden, Kit Dillon, mit ſeinem Savannah⸗ Geſicht, ſeinen ſchwarzen haͤmiſchen Augen und eben ſo verbranntem Kinn anzuſehn. Der Ehren⸗ mann iſt, wie Du weißt, ein naher Verwandter der Howard's und moͤchte gern naͤher mit ihnen verwandt ſeyn. Arm iſt er, das iſt wahr, aber wie der Oberſte taͤglich bemerkt, ein guter und loyaler Unterthan, kein Rebell. Als ich ihn frag⸗ te, warum er in ſo wirriſchen Zeiten nicht zu den Waffen gegriffen und fuͤr den ſo geliebten Fuͤr⸗ ſten gekaͤmpft haͤtte, meinte der Ober e, das ſer h 9 nicht ſein Geſchaͤft. Er ſey fuͤr den Gerichts⸗ ſtuhl erzogen, und beſtimmt, einmal eine der er⸗ ſten Stellen in der Colonie zu bekleiden. Er dieſem Briefe. Du darſſt alſo nur Deine Flag⸗ — 113— manche Leute zur gerechten Strafe gezogen wer⸗ den wuͤrden, die— ich nicht nennen will. Fuͤr mich war das ein ſchoͤner Troſt, ich geſtehe es; doch ſagte ich nichts dazu. Genug, er verließ Carolina mit uns, und iſt hier, und wird auch wohl hier bleiben, wenn Ihr ihn nicht etwa auf⸗ fangen und ſein Urtheil gleich im Voraus an ihm ſelbſt vollſtrecken koͤnnt.“ „Der Oberſte hat ſchon lange gewuͤnſcht, den Ehrenmann als Ceciliens Gatten zu ſehn, und ſeitdem man hoͤrt, Ihr ſeid an der Kuͤſte; iſt die Belagerung zum Sturm geworden. Die Folgen davon ſind, daß meine Baſe ſich erſt auf ihr Zimmer zuruͤckzog, daß ſie dann der Oberſte dahin verwies, und ſie nun jetzt gar der Freiheit beraubt iſt, den Fluͤgel zu verlaſſen, wo wir wohnen.“ „Außer dieſen beiden erſten Kerkermeiſtern haben wir noch vier Diener, zwei weiße und zwei ſchwarze. Ein Offizier und zwanzig Mann aus der naͤchſten Stadt ſind bei uns einquartiert, bis die Kuͤſte nicht mehr von Seeraͤubern bedroht iſt: denn dieſen wohltoͤnenden Namen geben Euch hier die Englaͤnder. Landen ſie aber im eignen Lande, pluͤndern und rauben ſie, morden ſie die Maͤnner, mißhandeln ſie Frauen: dann heißen ſie Helden.— Es iſt doch eine huͤbſche Sache, I. H Woͤrterbuͤcher zu machen, Namen zu erfinden. Der Fehler muß an Euch liegen, wenn meines ohne Nutzen zuſammengetragen iſt. Offen ge⸗ ſtehe ich's, wenn ich mich aller der Beleidigun⸗ gen, der Grauſamkeiten erinnere, die ſie, wie ich hoͤre, an meinem und ihrem Volke begangen haben; dann laͤßt mich dies die Maͤßigung und mein Geſchlecht vergeſſen! Doch laß Dich nicht von meinem Unwillen zu einer raſchen That ver⸗ leiten. Nimm Dein Leben in Acht; denk' an ihre Gefaͤngniſſe, an Deinen Ruhm; aber nie, vergiß nie Deine Katharine Plowden.“ 4„N. S. Ich haͤtte beinahe vergeſſen, daß Du in dem Signalbuche eine ausfuͤhrlichere Be⸗ ſchreibung von unſerm Gefaͤngniſſe und ſeiner Lage, nebſt einer Zeichnung vom Ganzen ſinden wirſt.“ Als Griffith mit dem Briefe zu Ende war, gab er ihn Barnſtable wieder, und ſank in tiefes Nachdenken. „Ich wußte, daß ſie hier ſey; ſonſt haͤtte ich das Kommando angenommen, das mir die Bevollmaͤchtigten in Paris uͤbertragen wollten!“ ſagte er endlich.„Aber ich glaubte, ein gluͤck⸗ liches Ungefaͤhr koͤnnte mich mit ihr zuſammen⸗ — * Se — bringen. Und nahe genug iſt dies, wahrhaftig! Dieſes Einverſtaͤndniß muß benutzt werden und das ſchnell. Armes Maͤdchen, was mußt du in ſolcher Lage dulden?“ „Welche ſchoͤne Hand ſie ſchreibt!“ rief Barnſtable.„Sie iſt ſo deutlich und niedlich und klein, wie ihre, zarten Finger. Ei, Grif⸗ fith, was fuͤr ein Tagebuch wuͤrde die auf dem Schiffe fuͤhren!“ „Cecilie Howard das grobe Papier ſo eines Buches anruͤhren?“ entgegnete der Andere, ſich verwundernd. Allein er ſah, wie Barnſtable nur mit dem Briefe ſeiner Geliebten beſchaͤftigt war, und laͤchelte uͤber die eigene Thorheit, wie uͤber die des Freundes. Schweigend ſaß er da. Nach einer kurzen, ruhigen Ueberlegung ließ ſich Grif⸗ fith von ſeinem Freunde die Zuſammenkunft mit Katharine Plowden, der Sache und den Um⸗ ſtaͤnden nach, ſchildern. Barnſtable ſagte alles, was wir ſchon wiſſen. „Nun,“ meinte Griffith,„Merry iſt alſo, außer uns, der Einzige, der von der Zuſammen⸗ kunſt weiß, und er haͤlt zu viel auf die Ehre ſeiner Verwandten, um davon zu reden.“ „Katharinens Ehre bedarf keines Schil⸗ des!“ rief Baruſtable.„Sie iſt fleckenlos, wie das Segel uͤber unſerm Haupte, und—“ H 2 — 116— „ Sey ſtill, Richard, ich bitte Dich! Meine Worte haben Dir wohl mehr bedeutet, als ich meinte. Aber es iſt von Wichtigkeit, daß unſere Maaßregeln geheim bleiben und kluͤglich berech⸗ net werden.“ „Wir muͤſſen beide Maͤdchen aufheben!“ entgegnete Barnſtable, ſeine eben geaͤußerte Auf⸗ wallung gleich vergeſſend,„ und zwar eher, als es unſerm alten Patron in den Sinn kommt, die Kuͤſte zu verlaſſen. Haſt Du denn einen Blich n ſeine Inſtructionen gethan, oder haͤlt er ſie geheim?“ „Wie das Grab. Seitdem wir Amerika verlaſſen haben, iſt es das erſte Mal, daß er nicht offen mit mir uͤber das Verhaͤltniß von dem Kreuzzuge ſpricht. Von Breſt aus hatten wir uͤber dieſen Gegenſtand nicht eine Sylbe ge⸗ wechſelt.“. „Ach, da iſt Deine Bloͤdigkeit Schuld dar⸗ an! Warte, bis ich mit meiner N keugier, aus Oſten angeruͤckt komme. Ich gebe Dir mein Wort, in einer Stunde habe ich Alles aus ihm. mant ſchneiden!“ rief 4, ſhn Ahen.„Du findeſt ihn gewiß ſo klug, wenn er ausweichen — 1 ——j u † 144 — 117— ℳ u will, als Du beim Hin⸗ und Herfragen ſeyn kannſt.“ 1 3 „In jedem Falle giebt er mir Gelegenheit. Du weißt wohl, daß er mich) hat holen laſſen, einer Berathung der Offiziere ber einen gewich⸗ tigen Gegenſtand beizuwohnen?“ „Mit nichten!“ erwiederte Griffith, und ſah mit geſpanntem Blicke ſeinen Freund an. „Was hat er denn mitzutheilen?“ „ Ja, da mußt Du den Lootſen fragen: denn waͤhrend ich mit ihm ſprach, drehte ſich der alte Patron immer nach ihm um, und ſah jede Mi— nute nach ihm, als warte er auſs Zeichen, wie er feuern ſollte.“ „Ein Geheimniß waltet uͤber dem Mann und unſer Verhaͤltniß zu ihm, das ich nicht er⸗ gruͤnden kann!“ ſagte Griffith.„Aber ich hoͤre Manuel'’s Stimme. Er ruft mich. Wir ſollen in die Kajuͤte kommen. Verlaß das Schiff nicht, ohne noch erſt mit mir geſprochen zu haben!“ „Nein, nein, theurer Kamerad! So wie die offentliche Berathung vorbei iſt, muß die ge⸗ heime unter uns beginnen!“ Der junge Mann ſtand auf, und Griffith legte den Oberrock ab, in welchem er auf dem — — 118— Verdeck geweſen war, um eine beſſere Uniform anzuziehen. Den Saͤbel ſogleich in die Hand nehmend, ſtiegen ſie zuſammen aufs Verdeck der Hauptbatterie und dann mit gehoͤriger Ceremonie in die große Kajuͤte. VII. . Sempronius, ſprich! Addiſon. Die Einleitungen zu der Berathſchlagung waren kurz und einfach. Der alte Kommendant der Fregatte empfing ſeine Offiziere mit puͤnktlicher Ruͤckſicht, und wies ihnen die Stuͤhle an, die um eine, in der Mitte ſtehende Tafel ſtanden. Er ſelbſt ſetzte ſich ſchweigend, und ſeinem Bei⸗ ſpiele folgten dann Alle, ohne weitere Umſtaͤnde. Indem aber jeder ſeinen Platz einnahm, fand doch eine ſtrenge Beobachtung von Rang und Anciennetaͤt Statt. Rechts vom Kapitain ſaß Griffith, als der Naͤchſte im Kommando; ihm gegenuͤber der Befehlshaber des Schooners. Der Seeſo latenofſizia, der ebenfalls mit herberufen war, ſaß als Naͤchſtfolgender, und ſo ging es bis ans Ende des Tiſches, das ein viereckig athle⸗ tiſch gebanter Mann einnahm, der die Stelle des erſten Bootsmanns bekleidete. Als Alles ruhig war, theilte der Kommendant, der die Meinung ſeiner Untergebnen hoͤren wollte, den Gegen⸗ ſtand mit. — 120— „Meine Inſtructionen,“ begann er,„ver⸗ anlaſſen mich, meine Herren, erſt eine Landung in England zu machen und dann—“ Griffith's Hand ward achtungsvoll in die Hoͤhe gehoben. Der Veteran hielt ein. Er ſah den Lieutnant an, als wolle er wiſſen, warum er ihn ſo un⸗ terbrach. „Wir ſind nicht allein!“ bemerkte der Lieut⸗ nant, und winkte nach der Kajuͤtenthuͤre, wo der Lootſe an einer Kanone lehnte, als bekuͤm⸗ mere er ſich um nichts. Der Fremde ruͤhrte ſich bei dieſem Winke nicht von der Stelle. Eben ſo wenig verwendete er das Auge von der Karte, die vor ihm aus⸗ gebreitet lag. Der Kapitain bemerkte ungemein ehrfurchtsvoll: „Das iſt Herr Gray! Sein Dienſt wird bei der Gelegenheit nothwendig ſeyn, und deshalb hat man vor ihm nichts geheim zu halten.“ Alle die jungen Maͤnner ſahen ſich einander verwundernd an. Griffith verbeugte ſich ſchwei⸗ gend bei der Entſcheidung ſeines Obern. Dieſer inhe n 4 „ Ich erhielt Befehl, auf gewiſſe Signale an der Kuͤſte Acht zu haben, die auch gegeben wurden, und bekam die beſten Karten, um in die Bai einzulaufen, wo wir in der letzten — „— en Nacht geweſen ſind. Wir haben nun einen Loot⸗ ſen, der uns Beweiſe von Gewandtheit gegeben hat, daß wir Alle unbedingt auf ſeine Kenntniß, wie auf ſeine Rechtlichkeit, rechnen koͤnnen.“ Er hielt wieder inne, und muſterte die Mie⸗ nen ſeiner Zuhoͤrer, als wolle er ihre Meinung uͤber dieſen wichtigen Punkt ausforſchen. Da er keine andere Antwort erhielt, als ein ſchweigen⸗ des Kopfnicken aller Anweſenden, fuhr er in ſei⸗ nem Vortrage weiter fort, von Zeit zu Zeit einen Blick auf ein vor ſich liegendes Papier werfend: „Wir wiſſen Alle, meine Herren, daß die ungluͤckliche Frage vom Wiedervergeltungsrechte zwiſchen beiden Regierungen, der unſrigen und der feindlichen, lebhaft verhandelt worden iſt. Aus dieſem Grunde und aus politiſchen Gruͤnden iſt auch von unſeren Bevollmaͤchtigten in Paris fuͤr noͤthig erachtet worden, einige Maͤnner von Be⸗ deutung bei dem Feinde aufzuheben, welche als Geißeln fuͤr ſein Verfahren dienen koͤnnen, was zugleich die Leiden des Krieges von unſern Kuͤſten ſolche daheim fuͤhlen laͤßt, die ſie verurſacht haben. Jetzt bietet ſich eine Gelegenheit dar, den Plan auszufuͤhren, und ich habe die Herren ver⸗ ſammelt, um uͤber die Mittel zu berathſchlagen.“ Ein allgemeines Stillſchweigen folgte dieſer unerwarteten Mittheilung uͤber den Zweck ihres Kreuzzuges. Nach einer kleinen Pauſe wandte ſich der Kapitain an den erſten Bootsmann. „Welchen Weg wuͤrdet Ihr dabei zu neh⸗ men rathen, Maſter Boltrope?“ fragte er ihn. Der alte Seemann, welcher jetzt aufgefor⸗ dert war, durch ſeine Meinung dieſen ſchwierigen Gegenſtand ins Klare zu bringen, legte die eine von ſeinen knochigen Haͤnden auf den Tiſch, und drehte ein Dintenfaß mit gar ſonderlichem Fleiß herum, waͤhrend die andere eine Feder in den Mund brachte, die er ſo emſig kaute, als ſey es ein Blatt von virginiſchem Kraute. Indeß er ſah, man wartete auf Antwort von ihm. So blickte er erſt rechts, dann links den Nach⸗ bar an, und ließ endlich ſeine Stimme ſo rauh und derb ertoͤnen, daß es ſchien, als haͤtten alle Duͤnſte des Ozeans ſich mit den kalten Nebeln deſſelben vereint, ihr lede Spur von Wohlklang zu rauben. „Wenn die Sache befohlen iſt,“ ſagte er, „nun; ſo mein' ich, ſie muß auch vollbracht werden: denn die alte Regel lautet: Parire Ordre, und wenn auch der Rheder zu Grunde geht. Allein die andere Regel: eine Hand fuͤr den Rheder und eine fuͤr dich— iſt eben ſo gut, und hat manchen uͤchtigen Fahrer erhalten, deſſen Untergang die Neahnang, vom Proviantmeiſter — ———:-—— 123— quittirt haͤtte. Ich meine damit nicht, daß die Rechnungen vom Proviantmeiſter nicht auch gute Rechnungen waͤren: aber wenn ein Mann todt iſt, muß die Rechnung geſchloſſen werden, oder es iſt Alles blos Scheinrechnung.— Gut, wenn die Sache geſchehen muß; ſo fragt ſichs, wie muß ſie geſchehen? Da iſt mancher Mann auf dem Schiffe. Er weiß, es ſind zu viel Segel da, aber welche einzureffen ſind, verſteht er darum nicht. Nun aber, wenn die Sache alſo geſchehen ſoll; ſo muͤſſen wir entweder landen und ſie weg⸗ nehmen oder falſche Signale machen und andere Flaggen aufſtecken, um ſie an Bord zu locken. Na, was das Landen anbetrifft, Kapitain, kann ich nur von Einem Manne reden, naͤmlich von mir, das heißt: wenn ihr mit dem Bogſpriet in des Koͤnigs von England Speiſezimmer hinein⸗ rennt, ja, da bin ich dabei, und frage nicht dar⸗ nach, wie viel Glastafeln zerbrochen werden. Aber ehe ich einen Fuß auf die Sandſchollen hier herum ſetze, das heißt, ich ſpreche immer nur von Einem Mann, und das bin ich, mit Eurer Er⸗ laubniß, wollt' ich lieber verdammt ſeyn.“ Die jungen Offiziere laͤchelten, als der alte Knabe ſeine Meinung ſo offen mittheilte, indeß ſeine Beredſamkeit mit jedem Satze lebhafter ge⸗ worden war. Der Kommendant indeſſen, ein ₰ 7 — 124— gewiegter Schuͤler aus derſelben derben Schule, ſchien die Gruͤnde des Bootsmanns vollkommen zu verſtehen. Ohne einen Muskel ſeiner ernſten Miene zu verziehen, verlangte er die Meinung des uuͤngſten Lieutnants. Es antwortete dieſer feſt, aber beſcheiden, und erklaͤrte ſich, obſchon in deutlicherer Art, fuͤr die Meinung des erſten Bootsmanns, nur mit dem Unterſchiede, daß er eben keinen perſoͤnlichen Widerwillen hatte, aufs Land zu gehen. Die Stimmen der Andern wurden immer deutlicher und offener abgegeben, wie die Auf⸗ gerufenen im Range ſtiegen, bis auch die Reihe an den Kapitain der Seeſoldaten kam. Fuͤr ihn war eine huͤbſche Gelegenheit da, ſeinen Solda⸗ tenſtolz geltend zu machen. Er mußte ja ſeine Meinung uͤber einen Gegenſtand abgeben, der ſeine Pflicht ungleich mehr in Anſpruch nahm, als das gewoͤhnliche Verhaͤltniß zur Fregatte noͤthig machte. „Mir ſcheints,“ begann er,„als Here der Erfolg dieſer Unternehmung von der Art ab, wie ſie ausgefuͤhrt wird.“ Nach dieſer lichtvollen Einleitung hielt er an, als ſammle er ſeine Gedanke ar einen Vorſchlag, der jedem Einmurj unzugaͤt glich ſey. — 125— „Die Landung,“ fuhr er endlich fort,„muß an einem bequemen Punkte der Kuͤſte, unter dem Schutze der Kanonen von der Fregatte, geſchehen. Wo moͤglich geht der Schooner vor Anker, daß er beim Ausſchiffen der Truppen ein Flanken⸗ feuer machen kann. Die Dispoſition zum Mar⸗ ſche haͤngt zum großen Theile von dem Raume ab, der zu durchlaufen iſt, ob ich ſchon denke, es iſt am Beſten, wenn ein Vortrab von Ma⸗ troſen der Colonne als Pioniers vorausgeht, waͤhrend das Gepaͤck mit ſeiner Mannſchaft am Bord der Fregatte bleibt, bis der F Feind ins In⸗ 1 nere gejagt iſt, wo dann letzteres ohne Gefahr nachruͤcken kann. Uebrigens muͤſſen noch ein Paar Flankenpoſten da ſeyn, die von Seekadeten befehligt werden, und ein fliegendes Corps kann man aus den Schiffsjungen bilden und mit den Matroſen gemeinſchaftlich operiren laſſen. Herr Lieutnant Griffith wird die Matroſen, mit Mus⸗ keten und Piken bewaffnet, anfuͤhren und in Reſerve aufſtellen, da ich denke, meine militai⸗ riſche Wuͤrde und Erfahrung berechtigt zum Kom⸗„ mando uͤber das Hauptkorps.“ „Schoͤn, Herr Feldmarſchall!“ rief Barn⸗ ſtable mit einer Laune, die felten Zeit und Ort in Acht nahm.„Ihr ſolltet Eure Knoͤpfe nicht von Sal daſſer anfreſſen laſſen! Im Lager von Waſhington, ach, in Waſhington's Zelt muͤßt Ihr in Zukunſt Eure Haͤngematte aufſchlagen! Ha! ha! ha! Denkt Ihr denn, wir wollen ei⸗ nen Einfall in England machen?“ „Ich weiß nur, daß jede militairiſche Un⸗ ternehmung mit Genauigkeit ausgefuͤhrt werden muß!“ entgegnete der Andere.„Leider bin ich ſchon zu ſehr daran gewoͤhnt, den Spott der Seeleute zu hoͤren, um das zu achten, was ihre nwiſſenheit zu Tage foͤrdert. Iſt Kapitain Mun⸗ ſon geneigt, mich und meine Leute bei dieſer Ex⸗ hedition zu gebrauchen, ſo denk ich, er ſoll ſehen, daß Seeſoldaten auch wohl zu etwas Anderm tau⸗ gen, als die Wache zu beziehen und das Gewehr zu praͤſentiren.“ Stolz wandte er den Blick von ſeinem Geg⸗ ner ab, und ſprach blos noch mit dem Kapitain. Es ſchien, als wollte er mit dem Manne nichts weiter zu thun haben, der bei dieſer Lage der Dinge gar nicht im Stande ſey, ſeine Gruͤnde zu faſſen. 1 „Gut wird es ſeyn, Kapitain Munſon,“ ſagte er,„noch eine Streiſparthie zum Recogno⸗ ſciren auszuſenden, ehe wir ſelbſt uns in Marſch ſetzen, und da wir doch auf die Defenſive ge⸗ bracht werden koͤnnten, wenn wir zuruͤckziehen muͤßten, ſo moͤchte ich wohl bitten, ein n Korps — ͤͤ——, e„ —9— 2 —,— —— mit Schanzzeug beizugeben, das die Expedition begleiten kann. Es waͤre das ſehr gut, um ſchnell ein Paar Feldſchanzen aufzuwerfen, ob ich ſchon glaube, Handwerkszeug dazu ſinde ſich im Lande, uͤberfluͤſſig, und im Falle der Noth konne man 8 die Bauern zu der Arbeit requiriren.“ Das war fuͤr Barnſtable's froͤhliche Laune zu viel. Er brach in volles Lachen aus, das Niemand zu unterbrechen Luſt hatte, obſchon Griffith, der ſich umdrehte, ſelbſt ſein, das ganze Geſicht ergreifendes Lachen zu verbergen, wohl merkte, wie der Lootſe einen ernſten Blick auf den luſtigen Seemann warf und viel Ungeduld aͤußerte. Der Kapitain Munſon wartete gelaſ⸗ ſen, bis er glaubte, die gute Laune des Lieut⸗ nants ſey nun zufrieden geſtellt. Dann fragte er ihn freundlich nach der Urſache, die ihm bei dem Plane des Seeſoldatenoffiziers ſoviel Spaß mache. „Das iſt ja ein Plan zu einem Feldzuge,“ rief Barnſtable;„der ſollte dem Congreß vor⸗ gelegt werden ehe die Franzoſen ins Feld ruͤcken./... „Habt r einen beſſern mitzutheilen, Herr Lieutnant?“ fragte der geduldige Kommendant. „Freilich,“ war die Antwort des Andern, „einen Plan, der weder Zeit noch Muͤhe er⸗ fodert; ein bloſſer Seemannsſtreich und der blos von Seemannskraͤften ausgefuͤhrt werden kann.“ „Ich bitte zu betrachten, Kapitain Barn⸗ ſtable,“ fiel der Marineſoldat ein, deſſen Luſt zum Scherzen durch ſeinen Soldatenſtolz ganz verſcheucht war,„wenn es an der Kuͤſte zu thun giebt; ſo mache ich mein Recht geltend und 4 verlange, in Thaͤtigkeit geſetzt zu werden.“ „Verlangt, was Ihr wollt, aber was wollt Ihr denn mit einer Hand voll Menſchen machen, die nicht das eine Ende eines Bootes vom an⸗ dern unterſcheiden koͤnnen?“ entgegnete der ruͤck⸗ Barke kann ſo aufs Kommandowort anlanden, wie Ihr Feuer geben laßt? Nein, nein, Kapit in Manuel, ich ſpreche Euch nicht die Courage ab, denn ich habe ſie würaür geſehn, aber mich hole der Teufel, wenn— „Ihr vergeßt, daß wir auf Euren Plan begierig ſind!“ fiel der Veteran ein. „Ich bitte um Entſchuldigun Ein Plan iſt nicht noͤthig. J und Entfernung des Ortes, wo wir brauchen, gefunden werden. kauhen die eile wie daß die Kuͤſte nicht felſig und das Meer ruhig iſt. Ihr, Lootſe, begleitet mich, denn Ihr habt ſichtsloſe Barnſtable.„Denkt Ihr denn, eine 5 ₰ der Wind, und gehe ans Land: vorausgeſetzt, * gewiß eine Karte von der Seekuͤſte im Kopfe, als waͤre ſie auf dem feſten Lande gemacht. Ei⸗ nen guten Ankerplatz will ich ſchon auffinden. Haͤtten wir indeſſen Landwind; ſo laſſ' ich den Schooner laviren, bis wir wieder von der Kuͤſte fortkoͤnnen. Ich nehme dann meine Barke mit dem langen Tom und der Mannſchaft dazu. Ha⸗ ben wir den angezeigten Ort ausfindig gemacht; ſo gehts hin, und die Leutchen, die Ihr braucht, werden an Bord gebracht. So iſt's ordentliche Seemannsſache. Da aber die Kuͤſte ſtark bevoͤl⸗ kert iſt, ſo muͤſſen wir den Kuͤſtenbeſuch ſchon in der Nacht machen.“ „Herr Griffith, wir warten noch auf Eure Anſicht!““ ſprach der Kapitain,„um dann durch gegenſeitige Vergleichung uͤber die beſte Maaß⸗ regel entſcheiden zu koͤnnen!“ Der erſte Lieutnant hatte waͤhrend der Be⸗ rathſchlagung nachgedacht und konnte alſo ſeine Meinung leichter vorbringen. Er zeigte auf den Lootſen, der noch, an einer Kanone gelehnt, hin⸗ ter ihm ſtand. „Iſt es Eure Abſicht, daß der Mann die Erpedition mitmachen ſoll?“ fragte er den Ka⸗ pitain. „„Allerdings!“ 130— „Und von ihm erwartet Ihr die noͤthige Weiſung, unſere Bewegungen zu leiten? 2 „Ganz richtig!“ tun, wenn er halb ſoviel Gewandtheit zu Lande beſitzt, als er auf dem Waſſer hat; ſo bin ich fuͤr den Erfolg gut!“ ſagte der Lieut⸗ nant, ſich gegen den Fremden fluͤchtig verbeugend, der dies mit einem Kopfnicken erwiederte.„Ich muß ſowohl Herrn Barnſtable als Herrn Ma⸗ nuel um Nachſicht bitten,“ fuhr er fort,„indem ich das Kommando als ein, meinem Range ge⸗ buͤhrendes Recht in Anſpruch nehme.“ „Ei, das kommt ja dem Schooner zu!“ rief Barnſtable ungeduldig.. „ Es wird fuͤr uns Alle zu thun geben!“ bemerkte Griffith, und hob den Finger in die Hoͤhe, indem er einen bedeutenden Blick auf ihn warf, den Jener voͤllig verſtand.„Ich bin mit keinem der beiden Herren vollkommen ei⸗ nig. Man ſagt, ſeit unſerm Erſcheinen an der Kuͤſte ſind mehrere Landhaͤuſer der Vornehmen mit kleinen Truppenabtheilungen aus den benach⸗ barten Staͤdten beſetzt!“ „Wer ſagt das?“ fragte der Lootſe, vor⸗ gehend, und ſo unvermuthet, daß Alles ſchwieg. „Ich ſage es!“ erwiederte Griffith, als ſeine augenblickliche Ueberraſchung verſchwunden war. ige „Koͤnnt Ihr dafuͤr buͤrgen?“ „Ich kann es!“ „Nennt ein Haus, einen Mann, der ſolche Wache hat?“. Griffith ſah den Fremden an, der ſich mit⸗ ten in einer ſolchen Verſammlung ſo vergaß, und ſeinem angeborenen Stolze huldigend, eilte er nicht zu antworten. Indeſſen er erinnerte ſich der Winke des Kapitains und der vom Lootſen geleiſteten Dienſte. „Ich weiß,“ ſagte er endlich, mit einem Anſtrich von Verlegenheit,„daß dies im Hauſe des Oberſten Howard der Fall iſt. Er wohnt um einige Meilen noͤrdlich hinauf.“ 8 Der Fremde ſtaunte, als er den Namen hoͤrte. Er ſah den jungen Mann feſt an, und ſchien ſeine Gedanken erſpaͤhen zu wollen. In⸗ deſſen war dies alles nur Sache eines Augen⸗ blicks. Er biß ſich,— mochte es Zorn oder Spott ſeyn, denn dies war nicht leicht zu entſcheiden,— in die Lippen, und ging dann wieder ruhig an ſeine Kanone. „Es iſt mehr als wahrſcheinlich, daß Ihr Recht habt,“ bemerkte er,„und ich moͤchte dem Kapitain Munſon den Rath geben, auf Eure Meinung viel Gewicht zu legen.“ — 132— Griffith deehte um. Er wollte gern ſehen, ob der Fremde es auch ſo meine, wie er ſage. Allein dieſer hatte die Hand uͤbers Geſicht, und ſtarrte wieder mit ſeiner, ſich um nichts be⸗ kuͤmmernden Aufmerkſamkeit die Karte an. „Ich habe ſchon geſagt,„ fuhr daher der Lieutnant fort,„ daß ich weder Barnſtable, noch dem Bauptmann Manuel vollkommen bei⸗ ſtimme. Das Kommando des Streifzugs ge⸗ hoͤrt mir, als aͤlteſtem Offizier, zu, und ich muß ſchon bitten, mein Recht darauf geltend zu machen. Die Vorkehrungen, welche Kapitain Mannel empfiehlt, halte ich nicht fuͤr noͤthig. Aber ich moͤchte auch nicht die Sache fuͤr ſo leicht nehmen, wie Freund Barnſtable vorſchlaͤgt. Soll⸗ ten wir auf Soldaten ſtoßen; ſo muͤſſen wir ihnen auch dergleichen entgegenſtellen koͤnnen. Al⸗ lein es iſt ein Handſtreich von Seemaͤnnern; große Mandͤvres muͤſſen hier einem Matroſen⸗ marſche weichen. Ein Seeoffizier muß alſo kom⸗ mandiren. Iſt mein Miunli erkcht⸗ Kapitain Munſon?“ „Vollkommen!“ erwisderke d er alte Befehls⸗ haber ohne Anſtand.„Es war ſo meine Anſicht, Euch das Kommando anzubieten, und ich freue mich, daß Ihr es ſo gern uͤbernehmt.“ Griffith hatte Muͤhe, die Freude zu ver⸗ = — ⏑ A bergen, mit der er dieſe Aeußerung hoͤrte. Sie glaͤnzte laͤchelnd auf ſeinen Zuͤgen. „Fuͤr alles Uebrige laßt mich buͤrgen!“ ſagte er.„Ich verlange, daß Kapitain Manuel mit zwanzig Mann unter meinem B Befehle ſteht, wenn es ihm nicht mißfaͤllig iſt.“ Der Marineoffizier verbeugte ſich, und warf einen triumphirenden Blick auf Barnſtable. „Ich nehme unſere Schaluppe!“ fuhr Griffith fort,„mit ihrer erprobten Mannſchaft, gehe an Bord des Schooners, und ſo wie der Wind ſich legt, ans Land, wo dann die Umſtaͤnde das Uebrige an die Hand geben muͤſſen.“ Der Kommendant des Schooners warf nun ſeinerſeits einen triumphirenden Blick auf den Kapitain der Seeſoldaten. „Das iſt ein guter Plan!“ rief er in ſeiner 1. luſtigen Weiſe, aus—„und wie er ſich fuͤr einen Seeſoldaten gehoͤrt, Griffith! Ja, ja, laßt den Schooner flott werden, und wenn es noͤthig iſt: ſo ſollt Ihr ihn in einer Entenpfütze vor Anker gehn und eine Seitenlage geben ſehn, daß die Fenſter im Zimmer vom beſten Hauſe auf der Inſel in Truͤmmer ſpringen. Aber zwanzig See⸗ ſoldaten! hu! die werden auf meinem Schiſſchen eine ſchoͤne inordnung machen!“ 8 — 134— „Ein Mann weniger als zwanzig, waͤre Unbeſonnenheit!“ entgegnete Griffith.„Es kann mehr zu thun geben, als wir ſuchen.“— Barnſtable verſtand recht gut, worauf er anſpielte. 6 „Ja, wenn es Matroſen waͤren!“ bemerkte er ſerner ſcherzend,„da haͤtte ich Raum fuͤr ig. Aber die Soldaten wiſſen nie, naſe 5 dreißis ſie Arm und Beine thun ſollen, als wenn zum Exerciren geht. Einer braucht ſoviel Platz, wie zwei Matroſen. Sie haͤngen ihre Haͤnge⸗ matten das Unterſte zu Oberſt an, und bringen Alles in Unordnung, wenn es zum Appel geht. Wahrhaftig, zwanzig gepuderte Seeſoldaten wer⸗ den meine Jungen gewaltig plagen!“ „ Gebt mir die Schaluppe, Kapitain Mun⸗ lich aus.„Wir wollen Herrn Griffith lieber in dem offenen Fahrzeuge folgen, als dem Kapitain Barnſtable ſoviel Ungelegenheit machen!”“ „Nein, Manuel, nicht doch!“ unterbrach ihn der Andere, und ſtreckte den kraͤftigen Arm uͤber den Tiſch, ihm die Hand reichend.„Ihr koͤnntet ja Alle ſoviel Jonas in Uniform werden, nnd ich zweiſle, daß der Wallfiſch dann Eure Patronentaſchen und Bajonette verdauen koͤnnte. Ihr geht mit mir, und ſeht mit eignen Augen, ſon!“ rief der Kapitain der Seeſoldaten aͤrger⸗ ob wir auf dem Ariel die Schiffswache verſchla⸗ fen, wie Ihr gemeint habt.“ „ Das Lachen ward auf Koſten des Seeſol⸗ daten allgemein; nur der Lootſe und Kommen⸗ dant der Fregatte machten eine Ausnahme. Der erſtere ſchwieg. Er ſchien in Nachdenken ver⸗ ſunken. An ſich aber lauſchte er dem Geſpraͤch ſehr theilnehmend zu. Es gab Augenblicke, wo er auf die Sprecher den Blick heſtete, und in ihrem Charakter ungleich mehr ſuchte, als der luſtige Scherz des Augenblicks zu verrathen ſchien. Kapitain Munſon's von Alter gefurchte 4 Phyſiognomie ließ ſelten eine Veraͤnderung wa ahr⸗ X nehinen. Er hatte nicht Anſehn genug, die un⸗ zeitigen Scherze ſeiner Offiziere zuruͤck zu weiſen, aber zuviel Gutmuͤthigkeit, ihre unſchuldige Hei⸗ terkeit zu ſtoͤren. Mit den vorgeſchlagenen Maaß⸗ regeln war er vollkommen zufrieden, und ſo winkte er dem Kajuͤtenjungen, das gewoͤhnli liche Getraͤnk aufzutragen, daͤs nach der Bera thſchla zung ge⸗ reicht werden ſollte.“ Der erſte Bootsmann glaubte, uicster.. 3 4 beim Trinken herrſche dieſelbe Ordnung, wie beim Abſtimmen. Er verhalf ſich alſo gleich⸗ zu einer— guten Portion, die, auch bei de Verduͤnunng mit Waſſer, ihre vorige Farbe behielt. „Ja,“ ſagte er, und hielt das Glas gegen das Licht,„unſer Trinkwaſſer ſieht gerade ſo aus, wie der Rum, aber wenn es nur auch den Ge⸗ ſchmack haͤtte! Ei, was fuͤr Seehunde waͤren wir dann! Herr Lieutnant Griffith, ich merke, Ihr wollt nach dem Lande ſteuern. Nun ja, fuͤr einen jungen Mann paßt es, daß er gern am Lande iſt. Doch hier iſt Jemand, ich, der erſte Bootsmann, der hat in der letzten Nacht ſoviel Land geſehen, daß er nun fuͤr ein Jahr genug daran hat. Aber wenn Ihr hinwollt, nun ſo er laubt:— Auf eine gute Landung und einen beſſern aß!— Kapitain Munſon, mei⸗ nen Reſpekt!— Ich ſage immer, wenn wir ein bischen ſuͤdlich halten;— das iſt aber ne Meinung, naͤmlich, ſo zu ſagen, die von einem einzigen Manne,— ſo treffen wir auf ein paar heimkehrende Weſtindienfahrer, und finden da ſo etwas, das rechte Courage giebt, wenn es nun ans Land gehn ſoll!“ Der alte Bootsmann brachte dabei fleißig das Glas an den Mund, indeſſen die andere Hand die Flaſche feſt hielt. Seine Gefaͤhrten konnten ſo zwar ſeine Beredſamkeit bewundern, aber ihren Durſt nicht loͤſchen. Indeſſen Barn⸗ ſtable ſetzte ihn endlich ganz kaltbluͤtig außer den Woſh der Flaſche, und miſchte ſich iuſ ſeinen Wrog auf gleichfoͤrmige Art. —————— —„— ʒ„— ——— „Du haſt ein merkwuͤrdiges Glas Grog, Boltrope,“ ſagte er zum Bootsmann.„So eines hab' ich auf meinen ſährten noch nicht geſehen. Es zieht ſo wenig Waſſer, als der Ariel, und wird faſt nie leer. Wenn Deine Rumkam⸗ mer auch ſo eine Maſchine hat, die immer voll macht, falls du den Rum auspumpſt; ſo hat der Congreß fuͤr die Fregatte nicht viel auszugeben.“ Auch die andern Offiziere bedienten ſich, obſchon noch maͤßiger miſchend. Griffith benetzte kaum die Lippen; der Lootſe wies das Glas ganz zuruͤck. Kapitain Munſon ſtand auf. Es war dies ein Zeichen fuͤr Alle, daß ihre Gegenwart nich ferner noͤthig ſey. Alle empfahlen ſich. Griffith ging zuletzt. Er fuͤhlte eine Hand auf ſeiner Schulter; ſich umdrehend ſah er den Lootſen. „Herr Griffith,“ redete ihn der letztere an, als ſie mit dem Kommendanten ganz allein wa⸗ ren„die Vorfaͤlle der letzten Nacht muͤſſen uns geleyrt haben, einer dem andern zu vertrauen. Außerdem beſtehen wir ein unnuͤtzes und gefaͤhr⸗ liches Abenteuer.“ „Iſt die Gefahr hierbei gleich groß?“ erwiederte der junge Mann.„Mich kennen Alle als den, der ich ſcheine; ſie wiſſen, ich ſtehe im Dienſte des Vaterlandes, und ſtamme aus einer Familie, deren Namen meine Treue der Sache Ame⸗ rika's verbuͤrgt. Und ich ſoll mich Euch auf feindlichem Gebiete, mitten unter Feinden, mit einer ſchwachen Mannſchaft, unter Umſtaͤnden hingeben, wo Verrath meinen Untergang herbei⸗ ziehn wuͤrde?— Wer iſt der Mann, Kapitain Munſon, der ſo Euer Vertrauen beſitzt? Ich thue dieſe Frage nicht ſowohl um meinetwillen, als wegen der braven Leute, die mir furchtlos folgen, wohin ich ſie fuͤhre.“ Ein Schatten von duͤſterm Unwillen flog uͤber das Antlitz des Fremden. Dann verſank er in tiefes Nachdenken.. „Es iſt nicht ohne Grund, daß 4 ſo fragt;“ erwiederte der Kapitain.„Allein Ihr ſeyd auch nicht der Mann, dem ich ſagen muß, daß ich auf unbedingten Gehorſam bei Euch zu rechnen habe. Durch Geburt und Erziehung ſind mir keine Anſpruͤche geworden. Aber der Congreß hat meine Jahre und Dienſte nicht uͤberſehn wollen, und als Kommendant der Fre⸗ gatte“— „Nichts weiter!“ ſiel der Lootſe ins Wort. „Er hat Urſache zum Mißtrauen. Es ſoll bald ſchwinden. Mir gefaͤllt ſein ſtolzer, furchtloſer Blick; und da er fuͤrchtet, ich will ihm eine Falle ir —y ſtellen; ſo ſoll er bald ein Beiſpiel edlen Ver⸗ trauens haben. Leſet, junger Mann, und ſagt mir dann, ob ihr noch Mißtrauen gegen mich fuͤhlt?“ 5 Waͤhrend der Fremde ſprach, zog er aus dem Buſen ein Pergament mit Baͤndern und einer daran haͤngenden Siegelkapſel heraus. Er ofnete es, und legte es auf den Tiſch vor Griffith hin. Als er mit dem Finger auf verſchiedene Punkte der Schrift zeigte, um ſie bemerkbar zu machen, glaͤnzte ſein Auge von ungewoͤhnlichem Feuer, und ſeine blaſſe Wange roͤthete ſich merkbar. „Seht,“ ſagte er,„ ein Koͤnig ſelbſt ſteht nicht an, zu meinem Gunſten ein Zeugniß abzu⸗ geben, und ſein Name darf wohl keinem Ame⸗ rikaner Furcht einfloͤßen.“ Griffith blickte ſtaunend auf die ſchoͤne Hand⸗ ſchrift des ungluͤcklichen Ludwig's, die den untern Theil des Pergaments zierte. Doch als ſein Auge dem Zeigefinger des Fremden folgte und in der Schrift las, trat er zuruͤck, und ſah den Lootſen mit ungewoͤhnlichem Feuer an. „Seyd mir Fuͤhrer! Ich folge Euch ſelbſt in den Tod!“ rief er. Freude und Genugthnung laͤchelte auf den Lip⸗ — 140— pen des Fremden. Er nahm den jungen Mann bei dem Arme, und fuͤhrte ihn in eine Kajuͤte. Der Kommendant der Fregatte blieb ein unbe⸗ weglicher und ruhiger Zuſchauer, wenn anch nicht Theilnehmer des Auftritts. Vn VIII — Vorwaͤrts ſegelte das Schiff. Gleichwie der Windhund auf den Haaſen ſtoͤßk, Und ſeine Beut' ergreift. W. Scott. 6 Zwar blieb der Gegenſtand der Berathung als ein Geheimniß blos unter denen, welche zur Theilnahme eingeladen waren. Allein unter den untergeordneten Offizieren ward doch immer genug — davon geplaudert, um die ganze Beſatzung in groͤßere Thaͤtigkeit zu bringen. Auf dem ganzen Verdeck der Fregatte ging die Rede ſchnell wie ein Laͤrmfeuer, es ſey eine Landung vom Con⸗ greß ſelbſt angeordnet, um einen geheimen Zweck zu verfolgeu. Der Vermuthungen uͤber die zu 4 verwendenden Kraͤfte und ihre Beſtimmung, waren mancherlei. Wie viel Antheil dabei unter 5 Allen Statt fand, kann man ſich denken. Es muß⸗ ten ja Alle ihr Leben, ihre Freiheit daran ſetzen. 1 Indeſſen ein kuͤhner, unbeſorgter Muth, der Wunſch nach etwas Neuem, war die vorherr⸗ ſchende Empfindung unter Allen. Sie wuͤrden mit Freuden erfahren haben, ihr Schiff ſey be⸗ — — 142— ſtimmt, einen Weg mitten durch Britanniens Flotten zu ſuchen. Manche alte und erfahrnere Matroſen machten freilich gegen ſo unbeſonnene Keckheit ihre Einwuͤrfe. Einer oder zwei, wor⸗ unter auch der Beiſchiffsfuͤhrer von der Scha⸗ luppe ſich beſonders bedaͤchtig aͤußerte, wagten ſogar, jede Art von Landdienſt in Zweifel zu ziehn und zu meinen, er muͤſſe Seeleuten nie zugemuthet werden. Kapitain Manuel hatte ſeine Leute auf dem Verdeck in Parade geſtellt, und hielt eine kurze Rede an ſie, um ihren kriegeriſchen Muth, ihre Vaterlandsliebe zu entflammen. Dann machte er ſie damit bekannt, daß er zwanzig Freiwillige zu einem gefaͤhrlichen Unternehmen verlange. Es war in der That gerade die Haͤlfte der ganzen Mannſchaft. Nach einigen Augenblicken trat die ganze Compagnie, wie Ein Mann, vorwaͤrts, und meldete ſich als bereit, ihm bis ans Ende der Welt zu folgen. Der Seeſoldatenoffizier drehte ſich bei dieſer frohen Erklaͤrung um, Barnſtable wahr⸗ zunehmen. Allein er ſah ihn mit Papieren auf einem entfernten Theile des Verdecks beſchaͤftigt, und ſo machte er denn die moͤglichſt unpartheiiſche Sonderung unter den Leuten, die nur nach Ruhm trachteten; indem er aber doch dabei Ruͤck⸗ ſicht nahm, blos die Bluͤthe der Mannſchaft aus⸗ 0 052— 8 iens nere nene vor⸗ cha⸗ gten zu nie dem —jj,—— * zuwaͤhlen, und den Ausſchuß auf dem Schifſe zu laſſen Waͤhrend dieſe Muſterung Statt fand, und die Mannſchaft von der groͤßten Neugier beherrſcht wurde, ſtieg Griffith aufs Verdeck. Sein Ant⸗ litz zeugte von ungewoͤhnlichem Fener, und ſeine Heiterkeit, wie ſie ihm lange nicht eigen geweſen war, glaͤnzte in ſeinem Auge. Er gab die noͤthi⸗ gen Befehle an die, welche er mitnehmen wollte. Dann winkte ihm Barnſtable wieder, zu folgen, und fuͤhrte ihn nochmals in die Kajuͤte. 5 „Laß den Wind„Muiaüne ſagte der Kom⸗ mendant vom Ariel, als ſie ſaßen. Wir koͤnnen erſt landen, wenn 4 Meer nicht mehr hohl geht. Aber hoͤre, die Kaͤthe iſt zur Fran eines Seemannes geſchaffen. Sieh einmal Griffith, was ſie da fuͤr ein Signalbuch gemacht hat, und Alles von ihrem geſcheuten Koͤpfchen erdacht!“ „Ich bin ganz Deiner Meinung und Du wirſt ein gluͤcklicher Patron, wann Du ſie dein nennen kannſt!“ verſetzte der Andere.„Das Maͤdchen hat wahrlich in der Art erſtaunliche Gewandtheit. Wie hat ſie die Sache und das Verfahren dabei ſo wegbekommen?“ „Bah! Sie hat wohl ſchwerere Dinge gelernt: dun Beiſpiel, ein ungetheiltes Sec⸗ manns⸗Herz zu ſchaͤtzen, wie ſichs gehoͤrt. Denkſt — 144— Du, meine Zunge war im Munde angenagelt, ſo lange wir am Carolinafluſſe zuſammen ſaßen, und wir haͤtten nichts daruͤber geſprochen?“ „Alſo umerhielteſt Du dein Maͤdchen mit Abhandlungen aus der Schiffarthskunde und der Signallehre?“ fragte Griffith laͤchelnd. „Ich Heantwortete ihre Fragen,“ bemerkte Jener,„wie ein artiger Mann bei jedem Weibe antworten wuͤrde, das er liebt. Das Maͤdchen war neugierig, wie eine meiner Landsmaͤnnin⸗ nen, die das Cap von vierzig Jahren um⸗ ſchifft hat, ohne einen Mann zu finden. Ihre Zunge ging wie eine Wetterfahne, die die ganze Windroſe durchlaͤuft. Allein hier iſt ihr Woͤrter⸗ buch. Gieb nur zu, Griffith: trotz Deiner Schul⸗ wgisheit, und Deiner hohen Gedanken, iſt ein Weib von Kopf und Gewandtheit, fuͤr einen See⸗ mann gar eine treffliche Gefaͤhrtinn.“ „Ich habe an dem Verdienſte der Miß Plowden nie gezweifelt!“ erwiederte der Andere mit komiſchem Ernſte, der ſich indeſſen mit inni⸗ gem Gefuͤhle paarte.— Es ſprach ſich darin der angeborne Charakter un das Leben des See⸗ manns aus.—„Doch in der That, das uͤber⸗ ſteigt alle meine Erwartung. Wirklich, ſie hat eine treffliche Wahl getroffen:—„Nr. 168.*** „nicht zu vertilgen;“„4169.** endigt blos mit —— „dem Leben;“ 170. er ich fuͤrchte ihr taͤuſcht „mich;“ 171.— „Ach!“ rief Barnſtable, und nahm dem lachenden Griffith das Buch weg. Das waͤre ja Thorheit, unſere Zeit jetzt ſo zu vergenden.— Sage, was denkſt Du von der Landung?“ „Daß ſie nicht etwa gemacht wird, die Maͤd⸗ chen zu entfuͤhren, wenn wir ſelbſt die Leutchen nicht bekaͤmen, auf die wir Jagd machen.“ „Aber der Lootſe! Weißt Du wie er uns beim Nacken haͤlt, und daß er uns alle den Raagen*) der Englaͤnder uͤberliefern kann, wenn er bedroht oder beſtochen gegen ſie den Mund aufthut?“ „Er haͤtte ja dabei leichteres Spiel gehabt, wenn er das Schiff in der Nacht ſcheitern ließ, als er uns in die Klippen geleitet hatte. Wir . wuͤrden dann zu allerletzt daran gedacht haben, daß wir ihn als Verraͤther betrachten muͤßten. Ich folge ihm mit Vertrauen, und muß glauben, mit ihm ſind wir ſo ſicher, als ohne ihn.?“ „Nun ſo laß ihn uns zu dem Landhauſe der fuchsjagenden Staatsminiſter bringen!“ rief Barnſtable, und ſteckte das Signalbuch in den Buſen.„Hier iſt eine Karte. Sie wird uns den Weg nach dem gewuͤnſchten Hafen zeigen. 9 Um aufgeknuͤpft zu werden. d. Ueb. J. — 446— Laß mich nur erſt die Terra Pirma betreten, und dann nenne mich einen Hundsfott, wenn die luſtige Hexe mir wieder entſchluͤpft, und im Au⸗ genblicke verſchwindet; wie ein ſliegender Fiſch, den ein Delphin jagt.— Hoͤre Grifſith, den Kapian muͤſſen wir mit ans Land nehmen! „Deine thoͤrichte Liebe laͤßt Dich den Dienſt 4 Willſt Du Predigten Halen laſſenn vedgoſß en. 244 1. 218 wo es einem Streifzuge gilt⸗ dnn 9 nicht doch! Wir duͤrfen Kfaeiteh nicht muͤſſig an den Kuͤſten liegen. 8* Abet es giebt be ſo einer Sache doch manche mnuͤfſige Augenbli ich wo man einmal verſchnaufen, eund es uns dann wohl angenehm ſeyn kann, das Maͤnt chen bei uüs zu⸗ haben, um mit eitander verhei⸗ rathet zu werden. Er weiß gut mit der Agetide umzugehn, und kann manche Knoten zuß ſammen knuͤpſen, ſo gut, wie ein Biſchof. Ich mdchte doch gern, daß die naſeweiſen Namen, die un er dem Briefe hier ſtehen, in zuttinft nicht mehr in Compagnie zuſammenſegelten.““. 4 „Unmoͤglich!“ ſagte Grifſtth kopſſchuͤttelnd, und bemuhte ſich, ein Laͤcheln zu erhencheln, dem ſein e widerſtrebte.„Nicht moͤglich, Ri⸗ chard; wir muͤſſen unſr er N eigung dem Dienſte fuͤr 38n Vaterland opfein. muh it der Toonſ — ‚And, dem Ri⸗ anſte votſe — 447— nicht d der Mann, der ſich von ſeinem Vorhaben abbringen laͤßt.“ „Ei, ſo laß ihn ſeinen Plan verfolgen!“ rief Barnſtable.„Die Macht ſoll noch gefunden werden, wenn ich meinen Kommendanten aus⸗ nehme, welche mich verhindert, die kleinen Si⸗ gnale aufzuſtecken, und mit meiner ſchwarzaͤugig⸗ ten Kaͤthe zu ſprechen. Aber mit Deinem albernen Lootſen! Er mag mit dem Winde ſegeln oder anhalten, wie er will, mich zieht die alte Ruine, wie ſich eine Magnetnadel nach dem Nordpol richtet. Da kann mein Auge auf den romanti⸗ ſchen Fluͤgel und ſeine drei rauchrichten Fahnen ſchauen Meine Schuldigkeit vergeſſe ich darum doch nicht. Ich helfe auch die Englaͤnderchen wegſangen. Iſt dies aber geſchehen, dann gilt es Katharinen Plowden und meiner treuen Liebe!“ d „Ei ſo ſchwatze! Die Waͤnde haben lange Ohren und die Waͤnde auf unſerm Schiffe ſind obendrein ſehr duͤnn! Ich muß Dich und mich huͤbſch auf unſere Pflicht verweiſen. Wir ſpielen wahrlich kein Kinderſpiel. Es ſcheint, als ob die Bevollmaͤchtigten in Paris fuͤr die Sache eine Fregatte beſtimmt haͤtten.“ Barnſtable's Heiterkeit wurde durch das ernſte Benehmen ſeines Waffenbruders ein wenig K 2 — 148— herabgeſtimmt. Er ſann einen Augenblick nach⸗ Dann ſprang er auf, und wollte fort. „Wohin?“ fragte Griffith, und hielt den Ungeduldigen ſanft zuruͤck. „Zu dem alten Bedachtſamen. Ich will ihm einen Vorſchlag thun, der alle Schwierig⸗ keiten beſeitigen ſoll.“ „Theile mir ihn mit. Ich bin ſeine rechte Hand. Du erſparſt Dir die Muͤhe, und darſſt keine abſchlaͤgliche Antwort fuͤrchten.) „Wie viel Leutchen will er denn in ſeine Kajuͤte einſtellen?“ „Der Lootſe hat mir nicht weniger als ſechs genannt; Alles Maͤnner von Rang und Bedeutung bei dem Feinde. Zwei von ihnen ſind Pairs, zwei von ihnen gehoͤren in das Haus der Gemeinen, einer iſt General und der Sechſte wie wir, ein Seemann, der Kapitainsrang hat. Sie treffen auf einem Jagdſchloſſe zuſammen, das an der Kuͤſte liegt, und der Plan, ſie auf⸗ zuheben, hat, glaube mir, viel Wahrſcheinliches fuͤr ſich.“ „Nun gut, da kommen zwei Stuͤck auf den Mann. Du gehſt mit dem Lootſen, wenn's Dir recht iſt. Mich aber laß nach dem Sitze des Oberſten Howard eilen. Meinen erſten Boots⸗ mann und die Mannſchaft vom Boote nehme — —-— den Dienſt mit ihrer Liebe in Einklang zu bringen. ich mit. Das Haus wird uͤberfallen. Die Maͤd⸗ chen mach' ich frei, und auf dem Ruͤckwege packe ich die zwei erſten, beſten Lords an. Ich denke, fuͤr unſern Zweck iſt Einer ſo gut, als der Andere.“ Griffith konnte ſich des Lachens nicht er⸗ wehren. „Es heißt freilich Jeder Pair,“ unterbrach er den Kameraden.„Aber ein Unterſchied iſt doch zwiſchen den Herren. England moͤchte es uns Dank wiſſen, wenn wir den einen und den andern mit wegnaͤhmen⸗ Uebrigens liegen ſie doch nicht auch hi Strauche, wie die Bettelleute. Nein,„ die Maͤnner, welche wir ſuchen, haben noch etwas Beſſeres, als ihren Adel, um uns willkommen zu ſeyn. Aber laß uns doch einmal den Plan und die Zeichnungen von Miß Plowden naͤ achſehen. Vielleicht ſtoßen wir f etwas den Platz in unſere Operationsl n bei unſerm Kreuz⸗ zuge eine Z 1 Barnſtable derzichtete nicht ohne Mißmuth auf ſeinen Anſchlag, um den nuͤchternden Anſich⸗ ten des Freundes zu huldigen. Sie brachten noch ein Stuͤndchen mit einander zu, und berath⸗ ſchlagten uͤber die Moͤglichkeit, uͤber die Mittel, Der Wind blies noch immer den ganzen Morgen uͤber. Mittags indeſſen zeigten ſich Vor⸗ boten des beſſern Wetters. Waͤhrend die Fre⸗ gatte dieſe wenigen Stunden uͤber vor Anker lag, tobten die Soldaten, die zur Landung beſtimmt wa⸗ ren, geſchaͤftig und eilig hin und her. Es ſchien, als naͤhmen Alle an der Gefahr und der Ehre Antheil, die der, von ihrem Anfuͤhrer entworfene Feldzugsplan im Hintergrunde zeigte.— Die wenigen, zu ihrer Begleitung beſtimmten Matro⸗ ſen, gingen ruhig auf dem Verdecke ab und auf, die Hand in die ſaubern, blauen Jacken geſteckt, nel ſchauend, um den oder einmal nach dem 1 minder erfahrnen aden die Zeichen des bald nachlaſſenden Sturmes aus den dahin trei⸗ benden Wolken zu deuten. Der letzte Ankoͤmm⸗ ling von den Soldaten war jetzt ebenfalls mit ſeinem Torniſter auf dem Verdeck erſchienen. Alle ſtanden in Re Gliod, bewafnet, und bereit zum Kampfe,. dem Fremden und ſeinen erſten Lieutenant auf dem Hinterdecke erſchien. Ein Wort, von Grif⸗ fith leiſe dem Kadeten geſagt, ließ dieſen ſchnell laͤngs der Gallerie hinlaufen, und faſt im naͤmli⸗ chen Augenblick rief eine rauhe Suhame, der Pfeiſe folgende:.. a6 1. 9 1 an „Die Diger berbei! die Tiger!“„ Ddie Trommel wirbelte im naͤmlichen Augen⸗ llicke. Die Seeſoldaten paradirten. Die ſechs Ma⸗ oſen, welche zu dem Fahrzeuge gehoͤrten, das den furchtbaren Namen des Tigers fuͤhrte, trafen alle Vorbereitungen, das kleine Fahezeng vom Verdeck der Fregatte in die unruhige See herab⸗ zulaſſen⸗ Alles ging in der genaueſten Ordnung zu, mit einer Ruhe, einer Gewandtheit, vor ſich; die das ſtuͤrmiſche Element zum Kampfe aufzu⸗ fordern ſchien. Gluͤcklich wurden die Soldaten von der Fregatte an Bord des Schooners ge⸗ bracht, obſchon das Boot manchmal in den Wel⸗ len vergraben zu)werden, und dann wieder nach den Wolken zzu eilen ſchien, waͤhrend es von einem Schiffe zum andern trieb. Endlich ward gemeldet, die Schaluppe u odreit, die Offiziere aufzunehmen. Der Lootſe ging ſeitwaͤrts. Er ſprach im Stillen einige Worte mit dom Kommendanten, der ſeinen Be⸗ merkungen mit ausgezeichneter,—anz beſonderer Aufmerkſamkeit folgte. Als ihr Geſpraͤch zu Ende warz entbloͤßte der Greis ſein grauos Haupt, trolz des Windes, und reichte ihm mit der Biederkeit eines Scemanns, mit dem ſchuldigen Ausdruck der Ehrfurcht eines Untergcordneten, die Rechte. Ohne Umſtaͤnde ward der Beweis der Hoͤflichkeit vom Lootſen erwiedertt Sehnell drehte ſich der Letztere um, und leitete die Aufmerkſamkeit derer, die ihn erwarteten, durch eine ausdrucksvolle Be⸗ wegung, auf die Treppe. „Kommt, Ihr Herren!“ rief Griffith, wie aus einem Traum erwachend, und ſich gegen ſeine Waffenbruͤder ſchnell verbeugend. Als es ſchien, daß die Obern zum Einſteigen bereit ſeyen, ſprang der Kadet, Merry, der Be⸗ fehl hatte, die Expedition mitzumachen, ſchnell in das Fahrzeug hinab; der Kapitain der Seeſoldaten ſtand an, und warf einen fragenden Blick auf den Lootſen, der nun haͤtte herabſteigen ſollen, aber dieſer lehnte ſich an die Gallerie und mu⸗ ſterte den Himmel. Er ſchien von den Blicken des Kapitains gar keine Kenntniß zu nehmen. Jener gab endlich ſeiner Ungeduld nach. „Wir warten nur auf Euch! Herr Gray!“ rief er. Aufgeweckt durch den Ton ſines Namens, fah ſich der Lootſe ſchnell nach dem Rufenden um; aber anſtatt vorzugehn, verbeugte er ſich blos ein wenig, und zeigte mit der Hand nach der Schiffstreppe. Zum Erſtaunen des Seeſol⸗ datenkapitains und Aller, die dieſen Punkt der Schiffsetikette kannten, verbeugte, ſich Griffith tief, und ſtieg eben ſo ſchnell hinab, als gelt' es, einen Admiral vorauszugehn. Mochte der Fremde —, —„—— 2 —— 2ͤ— ᷣ 1 4 fuͤhlen, er ſey unhoͤflich, oder war er zu gleich⸗ guͤltig fuͤr Alles, was ihn umgab, genug er folgte unmittelbar, und ließ dem Seeſoldatenkapitain die Ehre des Nachfolgens. Der Letztere that ſich auf ſeine Erfahrung in Allem, was zur Marine⸗ 8 h 9 7 5 etikette gehoͤrte, gewaltig viel zu Gute, und machte ſich darum auf Griffith's Koſten ſpaͤterhin nicht wenig luſtig, wenn er auf den Umſtand zu ſprechen kam, daß er die Anmaaßung des ſtolzen Lootſen ſo gluͤcklich zuruͤckgewieſen habe. Barnſtable war ſchon vor einigen Stunden am Bord ſeines Schooners gegangen, wo man alles in den Stand geſetzt hatte, ſie aufzuneh⸗ men. Kaum zuund die ſchwere Schaluppe der Fregatte wieder auf dem Verdeck, als Barnſtable meldete, der Schooner ſey bereit. Wir wiſſen ſchon, wie der Ariel zu den kleinſten Kriegsſchiffen gehoͤrte, und da ſeine Bauart ſelbſt dieſe Groͤße in der aͤußern Geſtalt verſteckte, ſo war er ganz beſonders zu dem Dienſte geeignet, den man jetzt vor Augen hatte. Trotz dem, daß ſein leichter Ban ihn wie ein Stuͤck Kork hinſchwimmen ließ, und er bisweilen nur auf dem Schaume zu fliegen ſchien, wurde ſein Unterdeck doch immer von den ſchweren Wogen beſpuͤlt, die gegen ſeinen niedrigen Bord ankaͤmpf⸗ ten, und zwiſchen ihnen ſchwankte er oft auf eine — 154— Art dahin, die ſelbſt die geuͤbte Mannſchaft, welche auf ſeinem Verdeck hauſete, anhielt mit Vorſicht zu wandeln. Dabei war er aber ſo nett und richtig berechnet gebaut, daß er in allen Verhaͤltniſſen den moͤglichſt groͤßten Raum darbot. Ob er zwar nur ein Miniaturbild von Kriegs⸗ ſchiff zu ſeyn ſchien, immer trug er doch ſeine Feuerſchluͤnde ſo ſtolz, als ob das Metall, wor⸗ aus ſie gegoſſen waren, ungleich ſchrecklicher und gefaͤhrlicher ſey. Die Erfindung der moͤrderiſchen Kanonen, die ſeit jener Zeit auf allen Kriegs⸗ ſchiffen untern Ranges angebracht werden, war damals noch in der Kindheit; der Amerikaniſche Seemann kannte ſie nur dem Rufe nach unter dem furchtbaren Namen des„Donnerwet⸗ ters.“ Bei ihrem weiten, kurzen Rohre und der Leichtigkeit, mit der man ſie bewegen kann, wurden ihre Vorzuͤge eben erſt bekannt. Aber die groͤßten Schiffe ſchienen mit den Angriffsmit⸗ teln ungewoͤhnlich ausgeruͤſtet, wenn ſie zwei odon drei Kanonen der ſchrecklichen Art an Bord hut⸗ ten. Spaͤter iſt dieſes Geſchuͤtz verbeſſert, ver⸗ aͤndert worden. Man hat es auf allen Schiffen von gewiſſem Range eingefuͤhrt. Jedermann kennt es als Karronade, vom Karroufluſſe ſo genannt, an deſſen Uifern des gegoſſen vItid ſun o 1 n e ſheehae de es — 155— wird.*) Statt ihrer waren auf den Batterien— des Ariels ſechs kleine eherne Kanonen feſtge⸗ mmacht. Die See hatte ihre Schluͤnde ſchwarz gebeizt; ſo oft ging ſie uͤber die zerſtoͤrenden Maſchinen hin. Im Mittelpunkte des Schiffes, zwiſchen den zwei Maſten ſtand eine Kanone von gleichem Metalle, aber faſt zweimal ſo groß auf einer Lavette von neuer und eigenthuͤmlicher Bauart. Sie konnte nach jeder Linie gerichtet werden und ſo bei den dringendſten Faͤllen, die in Seetreffen vorkamen, Dienſte thun. Der Lootſe unterſuchte genau die ganze Aus⸗ ruͤſtung und muſterte dann das wohlgeordnete Ver⸗ deck, das zierliche, nette Takelwerk, die junge ſchoͤne Mannſchaft, mit offenbarer Zufriedenheit. Ganz im Gegenſatze mit ſeinem Benehmen, das er bis dieſen Augenblick Geobachent dnd außerte er ſeine Freude lant und gerade „Ein nettes Schiff habt Iße, Herr Barn⸗ ſtable,“ ſagte er,„und ein kuͤhnes Haͤuflein an ſeinem Bord! In der Stunde der Nothyſcheint Ihr viel zu verſprechen, und dieſe Stunde iſt wohl nicht fern.“ u „Je eher, je beſſer!“ war d 7s⸗ rock⸗ 8 3 Es werden ſähetich gegen Sco gtüc daſelbſt ge⸗ goſſen.— d. Ueb. — 5 8 — 416— nen Seemanns Antwort.„Ich habe, ſeitdem wir von Breſt weg ſind, keine Gelegenheit gee habt, meine Kanonen loszubrennen, ob wir ſchon auf mehrere feindliche Cutter ſtießen, als wir durch den Kanal ſegelten. Meine Laͤrmhunde haͤtten gern mit ihnen eine Unterhaltung angeknuͤpft. Nun, Griffith wird Euch ſagen, Meiſter Lootſe, daß meine Sechspfuͤnder bei Gelegenheit auch ſo kaut reden koͤnnen, wie die Achtzehnpfuͤnder auf der Fregatte.“ „Ja, nur nicht mit ſolcher Beredſamkeit!“ bemerkte Griffith.„Vox et praeterea nihil!“ wie wir in den Schulen ſagten.“ „Ach, ich verſtehe nichts von Eurem Grie⸗ chiſch und Lateiniſch!“ entgegnete der Kommen⸗ dant des Ariels.„Wenn Du aber damit meinſt, die ſieben metallenen Spielwerke tragen ihre Ku⸗ gel nicht ſoweit uͤbers Waſſer, wie jede andere Kanone von ihrem Kaliber, und werfen ihren Hagel und ihre Kartaͤtſchen nicht ſo gut, wie jeder andere Doppelhaken auf Eurem Schiffe, nun ſo kann ſich vielleicht Gelegenheit finden, Euch vom Gegentheil zu uͤberzeugen, ehe wir noch auseinandergehen.“ „Sie machen gute Miene!“ fiel der Lootſe ein, der mit dem guten Vernehmen zwiſchen den beiden Offizieren ganz unbekannt war, nnd ſie * 8 — 157— gern in Frieden zu erhalten wuͤnſchte.„Ich denke, ſie werden bei allen ſtreitigen Punkten den Beweis mit groͤßtem Scharſſinne fuͤhren.— Wie ich ſehe, habt Ihr ſie auch getauft. Ich — deenke doch, nach Verſchiedenheit ihrer Verdienſte. .... In der That recht bezeichnende Namen!“ —„Einfall eines muͤßigen Augenblickes!“ ent⸗ gegnete Barnſtable lachend, als der Lootſe die f Kanonen beſah, auf welchen die wunderlichen verſchiedenen Namen eines„Boxrers,“ eines „Schreiers,“ eines„Brummers,“ eines „Hatzhundes,“ eines„Todtmachers“ und „Bleihackers“ ſtanden. 3 „Nun, warum habt Ihr denn aber die Mittelkanone nicht zur Taufe gebracht?“ fragte der Lootſe.„Oder gebt Ihr ihr den gewoͤhn⸗ 88 lichen Namen: die alte Frau?“ „Nein, nein, mit einem ſolchen Unterrocks⸗ namen hab' ich hier am Bord nichts zu thun. Geht nur naͤher an Steuerbord. Da werdet Ihr deren Ehrentitel auf den Laffettenlaͤuften ſehn, und ſie braucht ſich deshalb gar nicht zu ſchaͤmen.“ „Eine ſonderbare Bezeichnung, obſchon nicht ohne Bedeutung!“ „Von mehr Bedeutung, als Ihr Euch ein⸗ fallen laßt, Maͤnnchen. Der brave Seemann, — 8—— . 4 den Ihr da am Vordermaſt gelehnt ſeht, und 3 der im Nothfall ſelbſt ſtatt Reſervemaſt dienen koͤnnte, beſorgt dieſe Kanone, und hat gar man⸗ chen warmen Streit mit John Bull durch die Art entſchieden, wie er ſie gehandhabt hat. Kein Seeſoldat kann ſeine Muskete leichter richten, als mein Beiſchiffsfuͤhrer ſeinen Neunpfuͤnder ſtellt. Weil ſie nun in ſo genauer Beruͤhrung mit ein⸗ ander ſtehen und uͤbrigens auch in der Laͤnge zwiſchen beiden einige Aehnlichkeit obwaltet, ſo hat ſie den Namen, den Ihr darauf leſet„ der lange Tom!“ Der Lootſe laͤchelte, als er dies härte. Dann aber wandte er ſich um. Die duͤſtere Wolke, die uͤber ſeine Stirn zog, zeigte zu deutlich, er ſcherze nnr in einzelnen Augenblicken. Griffith machte Barnſtable bemerklich, der Wind habe bedeutend nachgelaſſen und ſie koͤnnten nun das wageltecke Ziel verfolgen. So, auf ſeine Pficht Lerwiclen, dachto der Kommendant des Schooners nicht mehr an die Freude, die ihm die Darſtellung aller Ver⸗ dienſte ſeines Schiffes gewaͤhrte. Gleich wurden die noͤthigen Befehle gegeben, um jede Bewe⸗ gung zu leiten. Der kleine Schooner gehorchte jedem Winke, den ihm ſein Steuerruder gab. Er ging mit vollem Wimge⸗ als das große ſein naͤch los gen 8 — — — 159— Segel, obſchon kluͤglich unten noch eingerollt, der Kraſft deſſelben Preis gegeben war, und ſchoß vor der Fregatte dahin, wie ein Meteor, das uͤber die Wogen ſchwebt. Bald trat der ſchwarze Bau der Fregatte in der Ferne zuruͤck. Ehe noch die Sonne hinter Englands Huͤgeln unter⸗ ſank, erkannte man rihre ſchlanken Maſten kaum noch an dem kleinen Gewoͤlk, das die Segel bil⸗ deten, die das Schiff in Ruhe hialten. Als dies letztere ganz unſichtbar war, ſchien das Land aus der Tiefe heraufzutauchen, und der Schooner flog ſo geſchwind vorbei, daß die Wohnungen der Großen, die Huͤtten der Armen und ſelbſt die kaum bemerkbaren Hecken dem Auge der kuͤh⸗ nen Seefahrer immer mehr und mehr kennbar wurden. Endlich aber lagerte ſich das Dunkel des Abends auf Alles. Die ganze Landſchaft ſchwand in der Finſterniß, und war nur an einem ſchwachen Streifen, der die Kuͤſte bezeichnete, zu erkennen, waͤhrend auf der andern Seite die Wogen des Ozeans noch immer drohend an Bord ſchlugen. Der kleine Ariel durchlief aber immer noch ſeine Bahn, wie ein Waſſervogel, der ſeine naͤchtliche Ruheſtaͤtte ſucht, und eilte ſo furcht⸗ los nach dem Lande, als ſey er der in der vori⸗ gen Nacht uͤberſtandenen Gefahren ganz unein⸗ „ 8 — 160— gedenk. Keine Klippe, kein Felſen ſchien ſeine Bahn zu durchkreuzen. Wir muͤſſen ihn ſchon in eine enge Bucht einlaufen laſſen, die von hohen, ſteilen Felſenklippen gebildet war. Sie umkraͤnzten den gefaͤhrlichen Eingang eines Bu⸗ ſens, worin der Seemann den Gefahren des deutſchen Meeres oft zu entgehen ſuchte und ent⸗ gangen war. gewe duͤrfn ſprech ſamer den Bu⸗ des ent⸗ — Wie! dein Gerſtenbrod willſt du verlaſſen? In Waffen kommen, gegen deinen Koͤnig? Schauſpiel. Das weitlaͤufige, unregelmaͤßige Gebaͤude, das der Oberſt Howard bewohnte, entſprach der Be⸗ ſchreibung, die Katharine davon gegeben hatte, ſehr gut. Indeſſen bei aller Unordnung in der Bauart, die eine Folge der verſchiedenen Zeiten war, worinnen die einzelnen Theile entſtanden, fehlte im Innern doch nicht die Bequemlichkeit, welche im haͤuslichen Leben! der Englaͤnder eine Hauptrolle ſpielt. Die finſtern, zahlreichen Irr⸗ gaͤnge, Gallerien, Zimmer und wie die vielen Gemaͤcher ſonſt zu nennen ſeyn mochten, ent⸗ hielten gutes, dauerhaftes Hausgeraͤthe, und was auch immer etwa der Zweck ihres erſten Erbauers geweſen: jetzt waren ſie vollkommen dem Be⸗ duͤrfniß einer ſtillen, friedlichen Familie ent⸗ ſprechend. Manche ſchreckliche Erzaͤhlungen von grau⸗ ſamer Trennung ungluͤcklicher Liebender, die an den Mauern ſolcher alten Gebaͤude, wie die I. L — 162— Spinnengewebe haften, waren auch von dieſem in Umlauf, und unter geuͤbtern Haͤnden koͤnnten ſie wohl einen anziehenden und paſſenden Stoff zur Unterhaltung hergeben. Indeſſen wir be⸗ ſchraͤnken uns demuͤthig darauf, den Menſchen zu ſchildern, wie er iſt, und ſind entſchl oſſen, alles Uebernatuͤrliche zu meiden. Darum laſſen wir auch die duͤſtern, ſchwarzen Klippen, unter welchen der kleine Ariel geankert hat, mit aller Brandung, die laͤngs der Kuͤſte hintobt; um unſere Leſer ſogleich in das Speiſezimmer der St. Ruths⸗Abtey zu verſetzen, und waͤhlen gleich denſelben Abend darzu, um ſie mit einer andern Geſellſchaft von Leuten bekannt zu machen, deren Sitten und Charaktere von uns naͤher geſchi idert werden muͤſſen. Groß war das Zimmer eben nicht. Aber jeder Theil wurde von dem vereinigten Schein eines halben Dutzend Kerzen und den hellen Strahlen erleuchtet, die der ſt zurüͤckwarf, auf welchem Steinkohlen ein veßaß ndes Feuer unter⸗ hielten. Das Schnitzwerk in dem ſchwarzen Ei⸗ chengetaͤfel ſpiegelte ſich auf den Mahagonytiſchen ab, und glaͤnzte in dem funkelnden Lichte, das die Becher voll edeln Weins zuruͤckwarfen. Dunkel⸗ rothe damaſtene Vorhaͤnge, ungeheure eichene Stuͤhle mit ledernen Ruͤcken und Sitzen bildeten —. eſem uten 5toff be⸗ chen ſſen, iſſen nter aller um der leich dern eren ldert Aber —— 8 — 163 das uͤbrige Geraͤthe. Im Ganzen ſchien das Zimmer hermetiſch gegen die Welt und ihre haͤß⸗ lichen Sorgen verſchloſſen zu ſeyn. Um die Tafel, die in der Mitte ſtand, ſaßen drei Maͤnner und verzehrten froͤhlich den Nach⸗ tiſch. Das Tiſchtuch war weggenommen. Die Flaſche ging gemaͤchlich herum, als wuͤßten ſie, mit dem Genuſſe des edeln Saftes vertraut, zu⸗ gleich, daß weder Zeit noch Gelegenheit mangeln werde, dieſe Freuden in voller Bequemlichkeit zu genießen. 3 An dem einen Ende der Tafel ſaß ein aͤlt⸗ licher Mann, der jede kleine Pflicht der Hoͤflich⸗ keit uͤbte, wie ſie der Wirth den Gaͤſten ſchuldig iſt, wo Alle gleich und zu Hauſe, bei voller Un⸗ beſchraͤnktheit ſind. Er ſtand bereits im Spaͤt⸗ herbſte des Lebens, obſchon ſein gerader Gang, ſeine raſche Bewegung und feſte Hand gleich ſehr bewieſen, noch ſey ſein Alter frei von den ge⸗ woͤhnlichen Beſchwerden deſſelben. Der Kleidung nach gehoͤrte er 1 denen, die in der Mode im⸗ mer der vorigen Generation anhaͤngen, wei ſie nicht ſchnell abaͤndern moͤgen, oder eine Zeit im Kopfe haben, die ihnen durch manche Be⸗ gebenheiten und Gefuͤhle zu heilig geworden iſt, als daß ſie der kalte Abend des Lebens wieder zu⸗ ruͤckrufen oder nur ausgleichen koͤnnte. Das Alter 9 2 hatte uͤber ſein Haar einen verderblichen Reif gebracht; doch ſuchte die Kunſt die Verwuͤſtungen deſſelben mit der groͤßten Sorgfalt zu verſtecken. Eine ſorgſam gefuͤhrte Linie von Puder deckte nicht blos die Theile, wo noch das Haar geblie⸗ ben war, ſondern auch, wo die Natur will, daß es wachſen ſoll. Sein Antlitz deutete, wenn auch nicht vollkommen, im Ganzen ein edles Herz und Ehrgefuͤhl an. Offenheit und freier Sinn lagerte auf der breiten Stirn. Einige roͤthliche Streifen auf den verbrannten Wangen ſtachen gegen den uͤbrigen fleckenloſen Teint um ſo bemerkbarer ab. Dem Wirthe gegenuͤber, den man wohl gleich fuͤr den Oberſten Howard nehmen usn ſaß der duͤnnbackige, gelbſuͤchtige Chriſtoph Dil⸗ lon, der Frendenſtoͤrer ſeiner Baſe, wie er uns bereits von Miß Plowden geſchildert iſt. Zwiſchen ihnen hatte ein Mann von mitt⸗ lerm Alter ſeinen Platz. Eine rauhe Phyſiogno⸗ mie! Sie wetteiferte uͤbrigens mit dem Scharlach⸗ roth der Uniform von Koͤnig Georg, die ſeine Huͤlle deckte. Jetzt ſchien ſein Hauptaugenmerk zu ſeyn, dem guten Weine ſeines Wirthes die gehoͤrige Ehre wiederfahren zu laſſen.. Von Zeit zu Zeit kam ein Diener ins Zim⸗ mer oder verließ es ſchweigend, und ließ dann —„ nn les ier ige gen um ohl rd, il⸗ uns iitt⸗ mo⸗ ach⸗ uͤlle yn, rige bim⸗ ann Narren, der ſie kommandirt, wirklich beredet dorte, mein Geburtsland ſey durch Erdbeben un⸗ der geſtrige war, in dieſe Klippen zu wagen; ſo 8 muß ihre Lage in der That hoffnungslos ſeyn. 165— durch die offene Thuͤre den Wind hereinpfeifen, der in allen Ecken und Eſſen des Gebaͤudes tobte. Ein Mann in laͤndlicher Kleidung ſtand hin⸗ ter dem Stuhle des Oberſten. Zwiſchen ihm und jenem Pachter hatte eben folgendes Geſpraͤch Statt gefunden. Der Vorhang zwiſchen dem Leſer und dieſer Scene mag fallen, und der Ober⸗ ſte zuerſt ſprechen. „Sagt mir ein Mal, Pachter, hat der Schotte 7 die Schiffe mit eignen Augen geſehn?“„ Die Antwort war ein bloßes„Ja.“ „Gut, gut!“ fuhr der Oberſte fort,„Ihr( koͤnnt Euch entfernen.“ 3 Der Mann machte eine ungelenke Verbeu⸗ gung, die der alte Soldat mit gehoͤriger Herab⸗ laſſung erwiederte, und verließ das Zimmer. Der Oberſte wandte ſich wieder an ſeine Tiſchgenoſſen. „Wenn die wilden Jungen den einfaͤltigen „ haben, ſich am Abend vor ſolchem Sturme, wie Moͤge Rebellion und Ungehorſam immer ſo den gerechten Zorn des Himmels erfahren! Mich ſollte es nicht wundern, Ihr Herren, wenn ich * — 166— tergegangen, odor vom Ozean verſchlungen wor⸗ den. So ſchrecklich und nicht zu ehiſchuldigen iſt das Gewicht ihrer Vergehungen. Und doch iſt der zweite Ofſizier auf dem Schiffe ein ſtol⸗ zer, unternehmender Juͤngling! Ich kannte ſeinen Vater recht gut. Es war ein trefflicher Mann. Wie mein eigner Bruder, Ceciliens Vater, wollte er ſeinem Herrn lieber auf dem Meere, als auf dem Lande dienen. Der Sohn hat ſeinen hohen Geiſt, ſeine Tapferkeit, aber nicht ſeine Loyalitaͤt gegen den Koͤnig geerbt. Ich wollte doch nicht wunſchen, daß er im Meere umgekommen waͤre!“ Alles, was er ſagte, hatte, beſonders zu Ende, viel Aehnliches mit einem Selbſtgeſpraͤch, und machte alſo nicht gleich eine Antwort noͤthig. Indeſſen der Soldat hielt erſt ſein Glas gegen das Licht, um die Rubinfarbe des Inhalts zu bewundern. Dann nippte er ſo oft, daß nichts, als das klare Kryſtall zu ſehen blieb, und ſetzte ruhig das leere Gefaͤß auf den Tiſch. Der Arm ſtreckte ſich nach der rothen Flaſche aus, und in dem ſorgloſen Tone deines Mannes, deſ⸗ ſen Gedanken mit etwas Anderm beſchäͤftigt ſind, ſagte er: „Ja, das iſt wahr, gute Leute ſind ſelten, und, wie Ihr ſagt, Ihr koͤnnt ſein Schickſal beilagen/ obſchon ſein Tod chrenvoll iſt. Wirk⸗ 3 — lich, es iſt ein Verluſt fuͤr des Koͤnigs Dienſt. Ich geſtehe das offen!“ „Ein Verluſt fuͤr des Koͤnigs Dienſt?“ wiederholte der Wirth;„ſein Tod ehrenvoll? Nein, Kapitain Borrougheliffe, der Tod eines Rebellen kann nicht ehrenvoll ſeyn, und wie er ein Verluſt fuͤr des Koͤnigs Dienſt ſeyn ſoll, verſteh' ich ganz und gar nicht.“ Die Gedanken des Soldaten waren in der ſeligen Unordnung, welche die nothwendigſten mit Muͤhe zuſammenbringen laͤßt; allein eine lange Uebung hatte ihm eine wunderbare Beherr⸗ ſchung ſeines Gehirns erworben. 4 „Ich meine den Verluſt, daß ein Beiſpiel ſtatuirt worden waͤre!“ antwortete er.„Es waͤre ſo huͤbſch abſchreckend fuͤr Andere geweſen, wenn der junge Mann, ſtatt in Gefahr, er⸗ ſchoſſen zu werden, hingerichtet worden waͤre.“ „Er iſt ja ertrunken!“ 4 „Ach, das kommt gleich nach dem Haͤngen. Ja, den Umſtand hatt' ich vergeſſen!“ „Nun, gewiß iſt es noch keinesweges, daß die Fregatte und der Schooner, welche der Trei⸗ ber ſah, dieſelben Schiffe ſind, die Ihr meint,“ bemerkte Dillon in haͤßlich ſchleppendem Teue. — 168— „Ich ſollte daran zweifeln, daß ſie ſo geradezu ſich an unſere Kuͤſte wagen wuͤrden, wo unſere Kriegsſchiffe herumkreuzen.“ „Es ſind unſere Landsleute, Chriſtoph, wenn ſie auch Rebellen ſind!“ rief der Oberſt. „Sie ſind ein tapferes, kuͤhnes Volk. Kaum zwanzig Jahre vergingen, und ich fand damals mein Gluͤck darin, wenn ich dem Feinde meines Koͤnigs bei einer kleinen Gelegenheit die Spitze bieten konnte. So z. B. bei der Belagerung von Quebek; dem Kampfe vor deſſen Thoren; der Lumperei zu Ticonderoga; der ungluͤcklichen Begebenheit mit dem General Braddock und noch ſo ein Paar andern. Ich muß den Koloniſten zum Ruhme nachſagen, daß ſie ſich in allen ſol⸗ chen Faͤllen herrlich auszeichneten, und der Mann, der jetzt die Rebellen anfuͤhrt, erwarb ſich bei jener ungluͤcklichen Begebenheit einen wichtigen Namen. Es war damals ein umſichtiger, wohl⸗ gebildeter junger Mann. Immer hab' ich gehoͤrt, Waſhington ſey ein trefflicher Mann!“ „Ja,“ ſagte der Soldat gaͤhnend,„er war unter dem Heere Sr. Majeſtaͤt gebildet, und da konnte es nicht anders kommen. Aber ich bin ganz troſtlos uͤber das nungluͤckliche Ertrinken, Oberſt Howard. Mein Aufenthalt hier iſt nun zu Ende, denk“ ich, und doch leugne ich gar == dezu nſere oph, derſt. aum nals eines pitze rung ren; chen noch iſten ſol⸗ ann, bei igen ohl⸗ oͤrt, war da bin ken, nun gar — nicht, daß mir eure Gaſtfreundſchaft dieſe Quar⸗ tiere ſehr angenehm gemacht hat.“ „Ei, wir haben einander gegenſeitige Ver⸗ pflichtung!“ erinnerte der Obriſt und machte eine hoͤfliche Verbeugung.„Indeſſen Leute, die im Felde aufgewachſen ſind, haben nicht noͤthig, uͤber ſolche Kleinigkeiten Aufhebens zu machen. Wenn es meinem Vetter Dillon gaͤlte, deſſen Kopf mehr mit Coke's Kommentar uͤber Littleton,*) als mit den Freuden einer geſellſchaftlichen Tafel beſchaͤf⸗ tigt iſt: nun da moͤchte der freilich denken, ſolche Formalitaͤten ſeien ſo noͤthig, als ſeine barbari⸗ ſchen Worte in einem Contracte. Kommt her, Borrougheliffe, mein alter Kamerad; auf das Wohl von allen Gliedern der koͤniglichen Familie haben wir ja wohl ſchon Alle angeſtoßen. Gott ſegne ſie Alle! Jetzt laßt uns einen Becher dem Andenken des Generals Wolf zu Ehren trinken!““ „Ein guter Vorſchlag, edler Wirth, wie ihn ein Soldat nie zuruͤckweiſen darf!“ entgeg⸗ nete der Kapitain, der bei der Gelegenheit neues Leben bekam.„Gott ſegne ſie Alle! wiederhole ich, und wenn unſere gnaͤdigſte Koͤniginn ſo endet, wie ſie angefangen hat,, ſo wird ſie uns eine Familie von Prinzen e, wie keine Armee in Europa an ihrem Feldtiſche aufweiſen kann.“ *) Zwei beruͤhmte engliſche Rechtsgelehrte. D. Ueb. — 170— ſchrecklichen Rebellion meiner Landsleute, noch einigen Troſt. Doch ich will mich mit der un⸗ angenehmen Erinnerung nicht mehr plagen. Die Waffen meines Herrn werden das ungluͤckliche Land von ſeinen fanlen Flocken bald reinigen⸗“ „Daran iſt kein Zweifel!“ ſagte Borrough⸗ cliffe, deſſen Gedanken immer vom funkelnden Madera, welcher unter Carolina's heißer Sonne gelagert hatte, ein wenig verduͤſtert waren. „Dieſe Yankees ſliehen vor den regulaͤren Trup⸗ pen Sr. Majeſtaͤt, wie der ſchmuzige Poͤbel in einem Londoner Auflaufe, bei einem Aaguſſ der reitenden Garde.“ iim, Bitte um Entſchuldigung, Kapitain, fiel der Wirth ein, und richtete ſich hoͤher als ge⸗ woͤhnlich.„Sie moͤgen irregefuͤhrt, betrogen, hintergangen ſeyn; aber der Vergleich paßt nicht. Gebt ihnen Waffen, gebt ihnen Kriegszucht, und wer ihnen einen Zoll ihres fruchtbaren Landes abnimmt, muß es gewiß mit einem ünkinen Tage bezahlen.““ '2un Der feigſte Ehriſtenmenſch wuͤrde ja 1 ir einem Lande kaͤmpfen, wo ein Wein zu einem Herz⸗Labſal umgebraut wird, wie dieſes!“ erwiederte der Kapitain gelaſſen.—„Jch bin ein lebendes Beiſpiel, wie Ihr meine Meinung „Ja, ja, ſo ein Gedanke giebt mir, bei der mißverſtanden habt. Haben denn nicht die lufti⸗ gen Bauern von Vermont und Hampſfhire Gott gebe ihnen ſeinen Segen dafuͤr!— von meiner Compagnie zwei Drittheile zuſammenge⸗ hauen? Ich wuͤrde jetzt warlich nicht unter Eurem 8 Dache ſeyn. Statt zu rekrutiren, wuͤrde ich marſchiren laſſen. Und in eine Kapitulation, die wie das Geſetz von Moſes iſt, waͤre ich auch nicht eingeſchloſſen, haͤtte nur Bourgoyne gegen die langbeinigen Hin⸗ und Hermaͤrſche der Bauern etwas ausrichten koͤnnen. Auf ihre Geſundheit von ganzem Herzen! Mit einer Flaſche ſolchen Sonnenſcheins vor mir, will ich lieber durch ihre ganze Armee, Regiment durch Regiment mar⸗ ſchiren, als ſo einen guten Freund beleidigen. Wenn es ſeyn muß, mag es auch durch alle Kompagnieen und meinetwegen Mann vor Mann vorbeigehn!“ GI 418:.— „Ei, ſo viel wuͤrde ich Eurer Hoͤflichkeit nicht zumuthen,“ verſetzte der Oberſt, den dieſe große Nachgiebigkeit vollkommen beſaͤnftigt hatte. „Ich bin ja Euer großer Schuldner, Kapitain, weil ihr mein Haus ſo gern gegen jeden An⸗ griff meiner raͤuberiſchen, rebelliſchen Bauern und irre geleiteten Landsleute vertheidigt, und denke alſo an ſolche Nachgiebigkeit am wenigſten.“ „Da muͤſſen wir wohl ſchwerere Dienſte 27 thun, und aͤrndten weniger Lohn dafuͤr, mein ver⸗ ehrter Herr Wirth!“ rief der Soldat.„Quar⸗ tiere auf dem Lande ſind langweilige Dinge, und das Getraͤnk iſt in der Regel abſcheulich. Aber hier in dem Hauſe— o da kann ja der Menſch ſich zin einen wahren Freudenrauſch wiegen. Eines waͤre hier noch etwa zu bedauern, und wenn ich es nicht ſagte, koͤnnte es mein Regi⸗ ment uͤbel nehmen: denn es iſt meine Pflicht, als Mann und als Soldat, nicht laͤnger zu ſchweigen.“ b „Sprecht,“ rief der Oberſt etwas beſtuͤrzt. „Redet frei heraus! Die Sache ſoll gleich abge⸗ aͤndert werden!“ an „Hier ſitzen wir alle drei von fruͤh bis in die Nacht!“ fuhr der Andere fort,„wir Jung⸗ geſellen; delikate Gerichte, Wein noch beſſer, vor uns: aber wir ſind wie wahre Einſied⸗ ker auf der Maſt. Und zwei der huͤbſcheſten Maͤdchen, die es auf der ganzen Inſel giebt, ſchmachten hundert Fuß von uns in der Einſam⸗ keit, ohne unſere Seufzer zu hoͤren. Das ſchickt ſich fuͤr Euch, als einen alten Soldaten, ſo we⸗ nig, wie fuͤr mich, einen jungen Kriegsmann. Denn was unſern lebendigen Kommentar von Littleton hier anbetrifft; ſo mag er alle Chikanen verſuchen, ſeine Sache hierbei ſelbſt auszufechten. — 7„ — 73— Der Wirth runzelte hierbei ein wenig die Stirn. Dillon's gelbe Geſichtsfarbe ſchien ins Blaue uͤberzugehn. Er hatte bis jetzt immer ſtill⸗ geſchwiegen. Indeſſen, waͤhrend der Oberſt all⸗ maͤhlig wieder ſeine Stirnfalten glaͤttete, fuͤgten ſich die ſchlaffen Lippen des Andern zu einem Jeſuitiſchen Laͤcheln, das der Kapitain gaͤnzlich uͤberſah. Es war dieſer nur mit ſeinem Glaͤs⸗ chen beſchaͤftigt, und indeſſen er eine Antwort erwartete, pruͤfte er jeden Tropfen, der uͤber ſeine Zunge ſchluͤpfte. Nach einer kleinen Pauſe, wo Verlegenheit vorwaltete, brach Oberſt Howard das Schweigen. „Borrougheliffe hat nicht Unrecht;“ ſagte er. „Er giebt uns einen Wink hier.— „Keinen Wink!“ fiel der Kapitain ein; nes iſt eine Klage in optima forma!“ „Und eine gerechte Klage!“ fuhr der Oberſt fort.„Wirklich Chriſtoph, wir thun Unrecht, daß wir die Maͤdchen, wegen ihrer Furcht vor unſern ſeeraͤuberiſchen Landsleuten, ſo ganz aus unſerer Geſellſchaft geſondert laſſen. Mag es immer die Vorſicht heiſchen, daß ſie huͤbſch in ihren Zimmern bleiben. Wir ſind es der Ach⸗ tung fuͤr unſern Freund ſchuldig, ihn zum We⸗ nigſten zum Thee bei ihnen einzuladen.“ 4 — 44— „Nun das iſt meine Meinung; gerade ſo!“ ſagte der Kapitain.„Denn mit ihnen zu eſſen? Ach warum? Ich bin ja da gut ver⸗ ſorgt! Aber heißes Waſſer auf den Thee zu gieſ⸗ ſen, verſteht Niemand ſo gut, wie ein Frauen⸗ zimmerchen. Alſo vorwaͤrts, mein theurer Herr Wirthl Empfehlt Euch bei ihnen, daß ſie mich und den Herrn Coke uͤber Littleton zum Hand⸗ kuß vorlaſſen, und was ſonſt dahin gehoͤrt.“ * Dillon zog ſeine haͤßliche Miene in Etwas zuſammen, das einem ſatiriſchen Laͤcheln glich. „Ja,“ meinte er dann,„der wackere Vete⸗ ran, Oberſt Howard, und der tapfere Kapitain Borroughcliffe, duͤrſten nur leichteres Spiel haben, die Feinde Seiner Majeſtaͤt zu uͤberwinden, als die Launen der Frauenzimmer zu beſiegen. Seit drei Wochen iſt kein Tag vergangen, wo ich nicht Erkundigung bei Miß Howard eingezogen haͤtte. Nun fuͤr ihren Vetter gehoͤrt ſich das. Ich wuͤnſchte immer ihre Furcht vor den Seeraͤubern zu uͤberwaͤltigen. Aber mehr, als gerade ihr Ge⸗ ſchlecht und die Hoͤflichkeit gebieten, habe ich nicht von ihr zur Antwort bekommen.“ 7„Da ſeyd Ihr ſo weit gekommen, wie ich, und ich ſehe auch nicht ein, warum Ihr beſſer daran ſeyn ſolltet!“ bemerkte der Kapitain und warf einen etwas veraͤchtlichen Blick auf — 4 den Andern.„Furcht macht idie Wangein blaß, und die Weiber ſehen, wenn ſie ſich zeigen wol⸗ len, auf den ihrigen liober Roſen, als Lilien bluͤhen.“ „Ein Weib zieht am Meiſten an, Kapitain,“ ſiel der Oberſt ein,„wenn ſie des Mannes Kraft in Anſpruch nehmen zu muͤſſen ſcheint. Wer ſich nicht ſelbſt durch dies Vertrauen geehrt fuͤhlt, iſt eine Schande fuͤr die Menſchheit.”“ „Bravo, bravo, mein Verehrter!“ rief Je⸗ ner.—„Geſprochen und gedacht, wie es einem guten Soldaten gebuͤhrt! Ja ich habe Vieles von den liebenswuͤrdigen Maͤdchen in der Abtei gehoͤrt, ſeitdem ich hier in Quartier liege, und moͤchte gar zu gern die Schoͤnheit ſehn, die mit einer Loyalitaͤt gegen den Koͤnig im Bunde iſt, daß ſich die Guten beſtimmen ließen, lieber ihr Vaterland zu fliehen, als ihre Reize dem rohen Uebermuthe der Rebellen Preis zu geben.“ Der Oberſt ward deshalb einen Augenblick ernſthaft und ſelbſt verdrießlich. Bald kam jedoch, ſtatt deſſen, ein gezwungenes Laͤcheln zum Vorſchein. „Nun, Ihr ſollt noch dieſen Abend, gleich im Augenblick zugelaſſen werden, Kapitain;“ ſagte er freundlich und ſtand auf.„Wir ſind dies Euern Dienſten hier und im Felde ſchuldig, —. 176— und die eigenſinnigen Maͤdchen duͤrfen nicht laͤn⸗ ger auf ihren Koͤpfen beſtehen. Wahrhaftig, ſeit zwei Wochen ſchon hab' ich ſelbſt meine Muͤndel nicht geſehn, und meine Nichte iſt mir kaum zweimal vor die Augen gekommen.— Chri⸗ ſtoph, ich laſſe den Kapitain unter Deiner Obhut, und ſuche um Einlaß im Kloſter an. Wir nen⸗ nen unter uns, den Theil des Gebaͤudes das Kloſter, weil unſere Nonnen darin wohnen. Nun, verzeiht, daß ich ſo fruͤh vom Tiſche auf⸗ breche, Kapitain!“— Bitte nicht davon zu ſprechen! Ihr laßt einen trefflichen Stellvertreter zuruͤck!“ antwor⸗ tete der Andere, und warf einen fluͤchtigen Blick auf die hagere Geſtalt des Herrn Dillon, waͤh⸗ rend er dann nur die Flaſche feſt im Auge be⸗ hielt.„Macht meinen Empfehl an die Einſiedle⸗ rinnen, Oberſt, und ſagt ihnen alles, was Euch Euer trefflicher Kopf eingeben kann, meine Un⸗ geduld zu vertheidigen.— Herr Dillon, ein Glas auf ihre Geſundheit, und ihnen zur Ehre!“ Die Aufforderung ward kuͤhl angenommen, und indeß beide den Becher noch an den Lippen hatten, verließ der Oberſt das Zimmer mit tau⸗ ſend Verbeugungen und Entſchuldigungen. „Fuͤrchtet Ihr Euch denn aber in den alten Mauern, ſo ſehr?“ fragte der Kapitain, als die unte meit blos ruhit geno wie Ozea haben word ſollen Thuͤre hinter dem Wirthe zuging,„ daß Eure Maͤdchen glauben, im Zimmer bleiben zu muͤſ⸗ ſen, ehe man nur weiß, es ſey ein Feind ge⸗ landet?“ „Der Name Paul Jones iſt Allen, denk' ich, an der Kuͤſte hier ſchrecklich!“ bemerkte Dil⸗ lon kalt.„Die Frauen in der Abtei St. Ruth ſind nicht die einzigen, welche ſich fuͤrchten.“ „Ja, ſeit der Affaire bei Flamborough Head hat ſich dieſer Seeraͤuber einen großen Namen gemacht. Aber er ſoll nur noch ein Mal daran denken, ſo eine Expedition von Whitehaven zu unternehmen, waͤhrend ein Detaſchement von meinem Regimente da iſt, obſchon die Leute blos Recruten ſind!“ „Unſern letzten Nachrichten zufolge war er ruhig am Hofe Ludwig's;“ entgegnete der Tiſch⸗ genoſſe.„Allein es giebt Leute, ſo verzweifelt, wie er, die unter der Flagge der Rebellen den Ozean durchkreuzen, und von Einem oder Zweien haben wir Rache zu fuͤrchten, weil ſie getaͤuſcht worden ſind. Gerade von ihnen hoffen wir, ſie ſollen im Sturme umgekommen ſeyn.“ „Hin, ich denke, es ſind Windbeutel: denn ſonſt ſind Eure Hoffnungen eben nicht chriſtlich!“ Er haͤtte noch mehr geſprochen; aber die Thuͤre ging auf, und ſein Korporal trat ein, um 1 M 4 — — mit ſubordinationsmaͤßigem Anſtande zu melden, wie die Schildwache drei Maͤnner angehalten habe. Sie ſeien auf dem Wege laͤngs der Abtei gekommen, und ſcheinen der Kleidung nach See⸗ leute. „Nun, ſo laß ſie doch gehn!“ rief der Kapitain.„Haben wir denn nichts Beſſeres zu thun, als die Wanderer anzuhalten? Sind wir denn die Wegelagerer auf des Koͤnigs Straße? Gieb ihnen ein Mal aus der Feldflaſche zu trin⸗ ken, und dann laß die Burſche laufen. Dein Befehl lautet, Laͤrm zu machen, wenn eine feind⸗ liche Parthei an der Kuͤſte landet, aber nicht, friedliche Unterthanen in ihrem rechtlichen Thun und Laſſen anzuhalten.“ „Ich bitte zu verzeihen, Herr Kapitain,“ war des Sergeanten Antwort.„Aber die drei Maͤnner ſchienen herum zu ſpuͤren und nichts Gu⸗ tes im Schilde zu fuͤhren. Sie hielten ſich im⸗ mer ſorgfaͤltig von dem Platze entfernt, wo die Schildwache ſtand, bis es Abend wurde, und darum kam Downing das Ding verdaͤchtig vor. Er ließ ſie alſo arretiren.“ „Downing iſt ein Narr, nnd es kann ihm ſein Dienſteifer ſchlecht bekommen. Was habt Ihr denn mit den Leuten gemacht?“ — 4179— „Ich brachte ſie in die Wachſtube im oͤſt⸗ lichen Fluͤgel, Herr Hauptmann!“ „Nun, ſo gebt ihnen zu eſſen* und, hoͤre, Burſche, tuͤchtig zu trinken, daß wir keine Klage deshalb hoͤren. Dann laß ſie fort!“ „Gut, Herr Kapitain, Euer Befehl ſoll vollzogen werden. Aber da iſt ein ſchlanker Bur⸗ ſche unter ihnen, der wie ein, Soldat ausſieht. Ich ſollte meinen, den koͤnnte man, behielten wir ihn bis morgen fruͤh da, bereden, Handgeld zu nehmen. Ich vermuthe nach ſeinem Gange, er hat ſchon gedient.“ 4 5 „Hu! was ſagſt Du 2*(rief der Kapitain, und ſpitzte die Ohren, wie ein Hund, der den Haſen wittert.„ Gedient, denkſt Du, ſchon?“ „Ja, es ſind ſo manche Spuren davon da. Ein alter Soldat irrt ſich in ſolchen Dinge ſelten. Ich wollte wetten, er ſey verkleidet. Die und der Ort, wo wir ihn aufgegriffen haben, laͤßt von der Habas-Corpas-Akte uns eben nichts fuͤrchten, bis wir ihn dahin haben, daß er geſetzmaͤßig angeworben iſt.⸗ „Still, Burſche,“ ſagte Borougheliffe, und ſtand auf, in einer krummen Linie nach der Thuͤre zu wandern.„Du ſprichſt hier in Gegenwart der kuͤnftigen erſten Magiſtratsperſon, und darfſt alſo von den Geſetzen nicht ſo obenhin reden. M 2 ——— — 180— Uebrigens ſprichſt Du wie ein geſcheidter Mann. Gieb mir Deinen Arm, Sergeant, und fuͤhre mich in den Fluͤgel. Mein Geſicht taugt nichts, wwenn es ſo pechfinſter iſt. Ein Soldat muß im⸗ mer noch ein Mal ſeine Wache viſitiren, ehe er den Zapfenſtreich ſchlagen laͤßt.“ Indem er, gleich ſeinem Wirthe, ſich hoͤf⸗ lichſt empfahl, ging er nun dem patriotiſchen Dienſte nach, mit ſeinem Korporal in der ver⸗ traulichſten Art hinwandernd. Dillon blieb an der Tafel, und bemuͤhte ſich, den Unmuth, der ihn verzehrte, durch ein ver⸗ aͤchtliches Laͤcheln auszudruͤcken, das natuͤrlich fuͤr Alle, nur nicht fuͤr ihn, verloren ging: denn ein großer Spiegel warf ihm das Bild ſeiner haͤß⸗ lichen, widrigen Zuͤge zuruͤck. Indeſſen, wir muͤſſen nun ſchon dem alten Bberfen am auf ſeinem Beſuch im Kloſter folgen. ¹ 4 ſei be G Ihr Auge glaͤnzt von Zaͤrtlichkeit und Liebe, Und Liebe regt in jeder Bruſt es auf;. Wer ſie nur ſieht, fuͤhlt ſuͤße, ſuͤße Triebe, Und denkt, der Freuden Sonne ſteigt herauf. So glaͤnzet Hebe nur, wenn ſie den Nektar reicht, Kein Maͤdchen iſt wie ſie, der nicht ein Maͤdchen gleicht. Campbell. Der im Abend gelegene Fluͤgel von St. Ruth's Hauſe oder Abtei zeigte nur noch wenig Spuren von der Beſtimmung, welche er urſpruͤnglich ge⸗ habt hatte. Die obern Zimmer waren zahlreich und klein, und liefen auf beiden Seiten einer langen, dunkeln, niedrigen Gallerie hin. Sie mochten die Zellen der Schweſtern geweſen ſeyn, die ehmals in dieſem Theile der Abtei gewohnt hatten. Das Erdgeſchoß war dagegen ſchon vor hundert Jahren ganz umgewandelt, und hatte von ſeinem alten Aeußern nur gerade ſoviel uͤbrig behalten, als noͤthig war, dem, was unter Georg's III. Regierung fuͤr bequem galt, das Anſehn des Ehrwuͤrdigen zu geben. Da dieſer Fluͤgel der Wirthinn vom Hauſe in dem Augenblick eingeraͤumt worden war, wo — 182— das Gebaͤude ſeine geiſtliche Beſtimmung in eine mehr weltliche verwandelt hatte; ſo blieb auch der Oberſt Howard bei dieſer Einrichtung, als er von St. Ruth's Abtei Beſitz nahm; bis im Laufe der Dinge die Zimmer, welche zu⸗ erſt zur Bequemlichkeit ſeiner Nichte eingerich⸗ tet waren, am Ende in ihr Gefaͤngniß verwan⸗ delt wurden. Indeſſen der ſtrenge, alte Krieger zeigte eben ſoviel Tugend, als Schwaͤche, und die Einſchraͤnkung der Freiheit, wie ſeine Unzufrieden⸗ heit war Alles, woruͤber das junge Maͤdchen klagen konnte. Um unſere Leſer in den Stand zu ſetzen, uͤber die Natur ihrer Gefangenſchaft urtheilen zu koͤnnen, wollen wir ſie ohne Weiteres mit den beiden Maͤdchen zuſammenbringen, worauf ſie bereits wohl gefaßt ſeyn werden. * Das Geſellſchaftszimmer zu St. Ruth war, der alten Sage nach, einſt der Speiſeſaal des kleinen Vereins von frommen Schweſtern geweſen, die in dieſen Mauern den Verſuchungen der Welt zu entgehen ſuchten. Groß konnte ihre Zahl nicht geweſen ſeyn; eben ſo wenig war wohl ihr Mahl glaͤnzend: denn ſonſt haͤtte das beſchraͤnkte Gemach nicht Raum genug gewaͤhrt. Indeſſen war daſſelbe ſehr vortheilhaft und ungemein be⸗ quem eingerichtet, waͤhrend die dickfaltigen, blauen damaſtenen Vorhaͤnge, die ledernen Tapeten mit ſinn⸗ „ — 1s——— 2 eine nuch als bis zu⸗ ich⸗ dan⸗ ger die den⸗ gen zen, ilen den ſie der nen die Zelt ahl ihr rkte ſſen be⸗ nen nu⸗ reichen, goldnen Spruͤchen, eine ausgeſuchte Pracht verriethen, und hier die bogichten Fenſter, dort die Waͤnde bekleideten. Dauer afte Sopha's von feingearbeitetem Mahagonyholz, tuͤhle von gleicher Art und Weiſe, und mit dem reichen Stoffe bezogen, der die Fenſtervorhaͤnge hergab, auf dem getaͤfelten Fußboden ein tuͤrkiſcher Teppich, der alle Farben des Regenbogens in ungemei⸗ nem Glanze abſpiegelte, vereinten ſich, den einfoͤr⸗ migen Schmuck eines ungeheuern Kamins, der großen Frieſen und der vielen Bildhauerarbeit zu erhoͤhen, die das maſſive Holzwerk an den Waͤnden zierte. Ein lebhaftes Feuer, von Holz unterhal⸗ ten, kniſterte im Kamin. Es brannte dem Alles durchſetzenden Vorurtheil von Miß Plowden zu Gefallen. In ihrer lebhaften Weiſe behauptete ſie, Steinkohlen ſchickten ſich nur fuͤr Englaͤnder und Grobſchmiedte. Der Glanz des Feuers wurde noch von zwei Wachskerzen auf ſchweren ſilbernen Leuchtern unterſtuͤtzt, und das Zimmer war auf ſolche Art voͤllig erleuchtet. Eine Kerze warf ihr Licht auf die mannigfachen Farben des Teppichs, worauf der Leuchter ſtand, und zeigte die lebendigen Bewegungen des Weſens, das hier in fluͤchtigen und lebhaften Geberden taͤndelte. Es war ein junges Maͤdchen in der Stellung kind⸗ licher Anmuth. Wer die Beſchaͤftigung nicht 5 — 184— kannte, wuͤrde ebenfalls geglaubt haben, ſie ſpiele noch. Mehrere kleine, viereckichte ſeidene Flecken, deren jeder vom andern ſtark abſtach, lagen um ſie herum, und wurden von der beweglichen Hand in ſo mannigfacher Weiſe zuſammengeordnet, als huldige ſie den Einfaͤllen ihres Geſchlechts, oder als wolle ſie den Abglanz ihrer eignen reichen Kleidung erblicken. Das dunkle ſeidene Gewand des Maͤdchens diente trefflich, die ſchlanke Ge⸗ ſtalt in ihrem ganzen Umriſſe zu zeigen, waͤhrend das feurige, ſchwarze Auge die Farbe des italie⸗ niſchen Stoffes durch ſeinen Glanz uͤberbot. Ein Paar blaßrothe Baͤnder, halb mit Kunſt und halb ſorglos neckend angebracht, ſchienen die reiche Bluͤthe der Wange mehr zuruͤckzuſtrahlen, als zu erhoͤhen, und ließen es nicht bemerken, daß ihr Teint noch etwas ſchoͤner haͤtte ſeyn koͤnnen. Ein anderes weibliches Weſen, in jungfraͤu⸗ lichem Weiß gekleidet, lehnte in der Ecke eines So⸗ pha's. Die Einſamkeit, in der beide Maͤdchen lebten, mochte dieſes veranlaßt haben, auf ſeinen Anzug weniger zu achten, oder, was wahrſchein⸗ licher war, der Kamm hatte ſeine Buͤrde nicht mehr zu halten vermocht: denn ihre Locken, die mit dem ſchwarzen Glanz eines Raben wetteiferten, waren aus ihren Banden gewichen, und ſielen uͤber die Schultern, laͤngs des Kleides, in uͤppiger 1 Fuͤlle herab, um endlich, wie glaͤnzende Seide, auf dem damaſtenen Ueberzuge des Sopha's zu ſpielen. Eine kleine Hand, die ſich ihrer nacken⸗ den Schoͤnheit zu ſchaͤmen ſchien, ſtuͤtzte das Koͤpfchen und verlor ſich in die Fuͤlle des Haa⸗ res, wie wenn der ſchoͤnſte Alabaſter mit Eben⸗ holz belegt wird. Unter der Lockenmenge, die ihr Haupt beſchattete, trat eine kleine, makel⸗ loſe, blendendweiße Stirn hervor. Zwei Augen⸗ braunen, die ſie verſchoͤnten, ſchienen von Ra⸗ phael's Pinſel gemalt. Die Augenlieder, die ſei⸗ denen Wimper verſchloſſen das Auge. Es ſah auf den Boden, als ob das Maͤdchen in duͤſtern Gedanken ſey. Die ganze uͤbrige Geſtalt war von der Art, daß eine Beſchreibung ſchwer fallen duͤrfte. In allen einzelnen Theilen zeigte ſich nichts Vo lkommenex, nichts Regelmaͤßiged.“ Aber doch ſprach aus dem Ganzen ein vollendetes Ge⸗ maͤlde weiblicher Zartheit und Liebenswuͤrdigkeit. Ein zartes Roth wechſelte auf ihren Wangen mit jedem Athemzuge. Bald ſchien es heimlich bis uͤber die Schlaͤfe hinaufgehen zu wollen, bald machte es einer auffallenden Blaͤſſe Raum. Ihre Groͤße war, dem Sitzen nach zu urtheilen, etwas uͤber das gewoͤhnliche weibliche Maaß, und der Koͤrper mehr zart als uͤppig gebaut, obgleich der kleine Fuß auf dem vor ihr liegenden damaſtenen Kiſ⸗ 1 3 486— ſen ſo niedlich war, daß ihn jedes Maͤdchen be⸗ neidet haben wuͤrde. „Ei, ich bin bewandert, wie der Offizier, der das Signalbuch hier bein Großadmiral fuͤhrt!“ rief das Maͤdchen auf dem Teppich, und klatſchte, wie ein Kind froͤhlich, in die Haͤnde.„Hoͤre Cecilie, ich wuͤnſchte eine Gelegenheit, wo ich meine Kunſt geltend machen koͤnnte.“ Miß Howard richtete, waͤhrend ihre Baſe ſo ſprach, ein wenig laͤchelnd ihr Koͤpfchen auf. Wer ſie jetzt geſehen haͤtte, wuͤrde in ſeinen Er⸗ wartungen ſehr getaͤuſcht worden ſeyn. Statt des ſchwarzen, durchdringenden Auges, das die ͤ 3 3 uͤppigen ſchwarzen Locken erwarten ließen, haͤtte. 1 er in zwei große, ſanfte blaue geſchaut, in wel⸗ f chen Zartlichkeit und Ueberredung ſtatt des Feuers wohnten, das aus dem lebhaften Blicke ihrer 4 3 Geſpielinn ſpruͤhte. G „Weil Du mit Deiner Wanderung nach ſ dem Ufer gluͤcklich geweſen biſt,“ erwiederte Ce⸗ te cilie,„ſo biſt Du ganz zur Naͤrrinn geworden. n 3 Ich weiß nicht, wie man Dich heilen ſoll. Man ſc 6 muß Dir Seewaſſer verordnen, wie man es bei di Andern macht, die naͤrriſch geworden ſind.“ m „Ach, ich denke, das Mittel wuͤrde bei mir he nicht helfen!“ rief Katharine.„Es hat ja nicht 8 den Kopf des guten Richard Barnſtable heilen„** — 487— en, nnd der hat doch die Kur in manchem derben Sturme gebraucht. Er iſt immer noch ein guter Kandidat fuͤrs Narrenhaus. Weißt Du, Cecilie, der Tollkopf wollte mich, in den zehn Minuten, welche wir auf den Klippen mit einander verplauderten, bereden, ſeinen Schooner als Badewanne anzuſehen?“ „Ja, Deine Herzensguͤte wird ihn freilich ermuthigt haben, viel von Dir zu erwarten. Aber im Ernſt hat er den Vorſchlag doch nicht gemeint?“ 6 „Ach!— Nun, wir wollen dem armen Schelm nicht Unrecht thun. Er ſagte etwas von einem Kapellan, der das Wagſtuͤck einſegnen ſollte. Aber es war doch abſcheuliche Unverſchaͤmt⸗ heit in dem Gedanken. Ich habe es ihm nicht vergeben, und vergebe es ihm in den naͤchſten ſechs und zwanzig Jahren nicht. Was fuͤr ein ſchoͤnes Leben mag er auf ſeinem kleinen Ariel, mit⸗ ten unter den Sturmeswogen, gehabt haben, die wir geſtern Abend gegen die Kuͤſte heraufziehen ſahen. Potztauſeud! Ich hoffe, die haben ihm die Unverſchaͤmtheit abgewaſchen. Er kann, mein' ich, keinen trockuen Faden auf dem Leibe haben. Das iſt vielleicht die Strafe fuͤr ſeine Kuͤhnheit, und ich werde ihn ſchon daran erin⸗ nern. Jetzt mache ich ein halb Dutzend Signale, nung, das abenteuerliche Unternehr gleich jetzt, um mich uͤber das kalt auszulachen. 58 So ſchwaͤrmend, und voll am Ende doch von vollkommenem Erfolge ge⸗ kroͤnt werden, ſchuͤttelte das froͤhliche Maͤdchen die ſchwarzen Locken mit ausgelaſſener Luſtigkeit, und riß die wunderlichen Flaggen rings umher zuſammen, weil ſie neue bilden und ſich mit der bedenklichen Lage ihres Li bhabers beluſtigen wollte. Doch die Zuͤge ihrer Baſe verduͤſterten ſich bei den Gedanken, die durch die letzten Worte rege wurden. „Katharine!“ ſagte dieſe,„Katharine, kannſt Du ſcherzen, wo ſo viel zu fuͤrchten iſt? Ver⸗ gißt Du, was uns Alix Dunscombe heut' mor⸗ gen vom Sturme erzaͤhlte? Und daß ſie von zwei Schiffen, einer Fregatte und einem Schoo⸗ ner ſprach, die ſich mit ſchrecklicher Unbeſonnen⸗ heit in dieſe Klippen, kaum drei Stunden von der Abtei, gewagt haͤtten? Daß, wenn Gottes gnaͤdige Barmherzigkeit nicht ihnen geholfen hat, ihr Schickſal hoͤchſt wahrſcheinlich ganz ungluck⸗ lich war? Kannſt Du, die ſo gut weiß, wer die kuͤhnen Schiffer ſind, uͤber den Sturm ſcher⸗ zen, der ſie in ſolche Gefahr brachte?“ Der Verweis brachte das lachende Maͤdchen — O.——— 5 — — 189— Jede Spur von Froͤhlichkeit utlitze, auf dem eine todtenaͤhn⸗ ien. Sie faltete die Haͤnde, und das muthige Auge zerſtreut auf die glaͤn⸗ ze ſeidenen Flecke, die in Unordnung herum chen lagen. In dieſem Augenblicke ging ſachte die keit, Thuͤr auf. Der Oberſt Howard trat in einer aher Art herein, die eine komiſche Miſchung von Un⸗ der willen und zur Gewohnheit gewordener Artigkeit llte. gegen das andere Geſchlecht war. bei„Ich bitte, mich zu entſchuldigen, wenn ich ege 8 ſtoͤre;“ begann er.„Darf ich doch hoffen, daß die Gegenwart eines alten Mannes im geſell⸗ unſt ſchaftlichen Zimmer ſeiner Muͤnd el nie ganz un⸗ ker⸗ erwartet ſeyn kann.“ 1 or⸗ Indem er ſich verbengte, nahm er auch on gleich in der Ecke des Sopha's Platz, auf dem o⸗ ſeine Nichte lehnte. Sie war ihm entgegenge⸗ n⸗ gangen, und ſtand, bis ihr Onkel ſichs bequem on gemacht hatte; der letztere warf einen etwas ſelbſt⸗ es— gefaͤlligen Blick auf die angenehme Einrichtung des it, Zimmers umher. E⸗„Nun es fehlt Euch eben nichts,“ fuhr er er fort,„um jeden Gaſt hier willkommen zu heißen, und ich ſehe gar nicht ein, warum Ihr Euch im⸗ vor Jedermann ver⸗ . mer ſo, wie Ihr es thut, n ſchloſſen haltet?“ — — 190— Cecilie ſah den Onkel ſchuͤchtern un mit augenblicklicher Ueberraſchung an, „Wir verdanken Eurer za denn unſere Einſamkeit hier ſo ganz freiwillig?“ „Ei, wie anders? Seyd ihr nicht Herrin⸗ nen des Hauſes?— Daß ich den Aufenthalt waͤhlte, wo Eure, und, mit guͤtiger Erlaubniß, meine Voraͤltern ſo lange in Ehren und Anſehn hau⸗ ſeten, geſchah weniger aus einem gewiſſen natuͤr⸗ lichen Stolze, den ich bei ſolcher Gelegenheit wohl haͤtte naͤhren koͤnnen, als vielmehr um Euch bequem und angenehm unterzubringen. Meinen betagten Augen ſcheint Alles von der Art zu ſeyn, daß wir uns nicht ſchaͤmen duͤrfen, hier in dieſen Mauern Freunde aufzunehmen. Das Kloſter von St. Ruth iſt doch nicht ſo ganz entbloͤßet, und ſeine Bewohnerinnen duͤrfen ſich wohl ohne Furcht zeigen.“ „Nun ſo oͤffnet nur Eure Thore, Herr On⸗ kel, und Eure Nichte wird ſich bemuͤhen, dem gaſtfreundſchaftlichen Beſitzer Ehre zu machen!“ „Das war geſprochen, wie ſich's fuͤr Harry Howard's Tochter gehoͤrt; frei und edel!“ rief der alte Krieger, nun merklich der Nichte naͤher ruͤckend.„Wenn mein Bruder ſich ſtatt des gut ſagte Pro Ton war iſt 27 rin⸗ halt niß, au⸗ tuͤr⸗ heit uch nen yn, eſen von und rcht On⸗ dem 1 rry rief her des — 191— Seedienſtes fuͤr das Heer beſtinmt gehabt haͤtte, er w einer der tapferſten und gewandteſten Feldherren im Dienſte Sr. Majeſtaͤt geweſen!— Armer Harry! Wenn er doch jetzt noch lebte und die ſiegreichen Truppen ſeines Herrn gegen die rebellirenden Kolonieen anfuͤhren koͤnnte! Nun, er iſt hin, Cecilie, und hat Dich als ſein treues Abbild zuruͤckgelaſſen, um unſere Familie fortzu⸗ pflanzen, und das Wenige zu erben, was uns von der Wuth der Zeit gelaſſen wurde.“ „Wahrhaſtig, guter Onkel,“ ſagte Cecilie, und druͤckte ſeine Hand, die ihr, ihm unbewußt, nahe gekommen war, an ihre Lippen,„wahrhaf⸗ tig, wir haben nicht Urſache, unſern Verluſt, in Hinſicht des Vermoͤgens, zu beklagen, wohl aber bitterlich zu bedauern, daß ſo wenige von uns blieben, die es genießen koͤnnen.“ „Nein, nein, nein!“ rief Katharine haſtig und raſch.„Alix Dunscombe hat ſich geirrt; der Himmel kann ſo tapfere Leute nicht einem ſo grauſamen Geſchick Preis geben.“ „Alix Dunscombe iſt hier, den Irrthum gut zu machen, wenn ſie einen begangen hat!“ ſagte eine ſanfte Stimme, worin ein kleiner Provinzialaccent nachklang, und der jener ſilberne Ton fehlte, welcher jedem Worte der Miß Ho⸗ ward ſo etwas Wohlthuendes gab, ſo wunder⸗ lich in jeder lebhaften Anfwaͤllung 3 anſprach. Die Ueberraſchung, ueſche terbrechung hervorbrachte, erzeugte emnen gaͤnz⸗ lichen Stillſtand des Geſpraͤchs. Katharine Plowden hatte bisher noch immer, wie wir an⸗ gaben, auf der Erde geknieet. Jetzt ſtand ſie auf und ſchaute einen Augenblick beſtuͤrzt umher. Das Blut faͤrbte wieder mit friſchem Feuer ihre Wange. Die Sprecherinn, welche eingetreten war, kam jetzt vor in die Mitte, und als ſie mit angemeſſener Hoͤflichkeit die Verbeugung des Oberſten erwiedert hatte, ſetzte ſie ſich ſchweigend auf das Sopha. Die Art, wie ſie eintrat und bewillkommt wurde, ihr ganzes Aeußere, zeigte deutlich, daß man ſie hier oft und gern zu ſehn gewohnt war. Sie ging ungemein einfach, aber doch ausgeſucht ſauber, gekleidet, was den Man⸗ gel an Putz reichlich erſetzte. Ueber dreißig Jahre mochte ſie eben nicht hinaus ſeyn; indeſſen war aus ihrer ganzen Kleidung abzunehmen, daß ſie nicht boͤſe war, wenn man ſie fuͤr aͤlter hielt. Ihr blondes Haar ward von einem ſchwarzen Bande zuſammengehalten, wie man es, hoͤher nach Schottland hinauf, traͤgt. Mehrere Locken, die darunter zum Vorſchein kamen, zeigten wohl, daß nur der Wille der Beſitzerinn ihre Uep⸗ iſt d lich, Beſ Fein Dur wuͤn und went nehn beme ſie her. ihre eten ſie des dend und igte ehn ber an⸗ hre var ſie elt. zen her en, ten lep⸗ — 193— rruͤckdraͤngte. Der friſche Glanz der zar dahin; doch zeigte ſich immer noch genug, um die fruͤhere Schoͤnheit darzuthun. Ihr mildes blaues Auge, die herrlichen weißen Zaͤhne in vollkommener Reihe geordnet, das dunkelgrau⸗ ſeidene Gewand, das ihrer vollen und doch zar⸗ ten Geſtalt ſtattlich zuſagte, vollendeten das Ganze. Der Oberſt Howard ſchwieg einen Augen⸗ blick, als ſie Platz genommen hatte, und wendete ſich dann an Katharine in einer um ſo gezwun⸗ genern Weiſe, weil ſie ganz ungezwungen her⸗ auskommen ſollte. 3 iſt da,“ ſagte er,„bereit, und(ich ſage es kuͤhn⸗ lich, Miß Alix!) im Stande, ſich gegen alle Beſchuldigungen zu vertheidigen, die ihre aͤrgſten Feinde gegen ſie vorbringen koͤnnen.“ „Ich habe keine Beſchuldigung gegen Miß Dunscombe!“ ſagte Katharine verdruͤßlich,„und wuͤnſche auch nicht, daß Jemand zwiſchen mich und meine Freunde Zwietracht bringe, und wenn es der Oberſt Howard ſelbſt waͤre.“ „Oberſt Howard wird ſich kuͤnftig in Acht nehmen, wieder ſo einen Verſtoß zu machen!“ bemerkte der Veteran mit einer Verbeugung. I. N „Kaum fordert Ihr Miß maiha und ſie — — 194— „Ich unterhielt mich gerade mit Nichte,“ fuhr er, ſteif gegen die Andern gerich⸗ tet, fort,„als Ihr eintratet, Miß Alix; wir ſprachen naͤmlich davon, daß ſie ſich wie die an⸗ daͤchtigſte Nonne einſperre, die je in dieſem Klo⸗ ſter gewohnt habe. Dann ſagte ich, daß ihre Jahre, mein Vermoͤgen und ſelbſt das ihrige— denn Harry Howard's Kind iſt nicht ohne Pfennige geblieben,— uns nicht, zu leben geſtatten, als ob das Thor der Welt uns verſchloſſen oder in St. Ruth kein anderer Eingang ſey, wie durch dieſe gothiſchen Fenſter.—— Miß Plowden, ich fuͤhle, daß es meine Schuldigkeit heiſcht, eine Frage zu thun. Warum ſind denn die Stuͤcke ſeidnen Saaßs n ſolcher großen Menge und in ſo wunderlich Geſtaltung da?“ „Um ein Gallakleid zu machen fuͤr den Ball, den Ihr geben wollt!“ war Katharinens Antwort, die ſie ſchnell und mit einem boshaf⸗ ten Laͤcheln gab, dem nur der ſtrafende Blick der Baſe Einhalt that.„Ihr verſteht Euch auf den Putz der Maͤdchen, Oberſt. Wird das Hellgelb nicht herrlich meine rothe Wange erheben? Nicht dies Weiß und Schwarz ſich einander heben, und dies Roſenroth mit meinen ſchwarzen Augen abſte⸗ chen? Wird nicht das Ganze einen Turban ge⸗ ben, den eine Kaiſerin tragen koͤnnte?“ ———.ͤ— — 195— Waͤhrend das muntere Maͤdchen ſo gedan⸗ kenlos plauderte, vereinten die raſchen kleinen Finger die Fahnen in eine wunderliche Geſtalt, die ſie auf das Haupt ſetzte, indem ſie nicht un⸗ deutlich dem von ihr gemeinten Kopfputze glich. Der alte Krieger war zu artig, um mit einem Maͤdchen uͤber Geſchmack zu ſtreiten. Er knuͤpfte das Geſpraͤch von Neuem an, indem der zuerſt entſtandene kleine Verdacht von der Gewandtheit und Lebhaftigkeit Katharinens gaͤnzlich zerſtreut wurde. Ihn konnte ſie freilich uͤber ſolche Dinge leicht taͤuſchen. Anders aber ſtand die Sache mit Alix Dunscombe. Sie ſah mit fe⸗ ſtem, pruͤfendem Auge nach dem Turk n, bis Katharine zu ihr flog, und ſich bemuͤhte, durch manche Frage, die ſie ihr ins Ohr raunte, auch ihre Aufmerkſamkeit zu zerſtreuen. „Ich bemerkte noch, Miß Alix,“ fuhr der Oberſt wieder fort,„daß die Zeit zwar mein Vermoͤgen etwas geſchwaͤcht, allein uns nicht außer Stand geſetzt hat, unſere Freunde in ei⸗ ner Art zu empfangen, die den alten Beſitzern von St. Ruth keine Schande machen wuͤrde. Cecilie hier, als meines Bruders Tochter, iſt ein junges Maͤdchen, auf die jeder Onkel ſtolz zu ſeyn Urſache hat; und ich wuͤnſchte, ſie zeigte den engliſchen Damen, wir ſeyen keine unwuͤr⸗ RN 2 — 4 9 6— digen Abkoͤmmlinge des vaterlaͤndiſchen Geſchlechts auf der andern Seite des Ozeans. „Ihr habt uns blos Euren Wunſch mitzu⸗ theilen, guter Onkel, und er ſoll gleich erfuͤllt werden!“ ſagte Miß Howard ſchmeichelnd. „Immer ſagt, wie wir Euch dienen koͤn⸗ nen!“ fiel Katharine ein.„Wenn es auf eine Art geſchieht, welche die Langeweile von dieſem haͤßlichen Orte hier verſcheucht; ſo verſpreche ich Euch mindeſtens meinen ganzen Beiſtand.“ „Schoͤn geſprochen, wie es zwei verſtaͤndi⸗ gen, guten Maͤdchen geziemt!“ rief der Alte. „Nun ſo ſoll denn der Anfang damit gemacht werden, Dillon und den Kapitain zu erſuchen, eine Taſſe Thee mit zu trinken. Ich ſehe, es iſt Zeit dazu.“ Cecilie ſagte nichts. Aber ſie war getaͤuſcht, und ihr Auge ſchaute nach dem Teppich. Miß Plowden nahm es gleich auf ſich, zu antworten. .„Ei, ei!“ rief ſie.„Das ſcheint, ſie ſoll⸗ ten den erſten Schritt thun; anfangs ſchien es aber, als kaͤm' er uns zu. Wie waͤr' es denn, wenn wir in Eurem Fluͤgel den Theetiſch beſorg⸗ ten, ſtatt daß er hier iſt? Ich denke doch, Ihr habt ein Zimmer, das dazu uͤbel und boͤſe paßt? Nun, nun, der Geſchmack von unſer Einem kann nachhelfen!“ —j— 197— „Sch dachte, Miß Plowden, ich haͤtte Euch ſchon vor einiger Zeit mitgetheile, daß, ſo lange gewiſſe verdaͤchtige Schiffe an der Kuͤſte ſignali⸗ ſirt werden, mein Wunſch waͤre, ihr und Miß Howard bliebt in dieſem Fluͤgel.“ „Num ſo ſagt nur nicht, daß wir uns ein⸗ ſperren; iorsihe rein heraus: Ihr ſperrt uns ein! 4 „Bin ich denn ein Rakerneeſt, daß n mein Verfahren mit ſo einem Worte bezeichnet wird? Miß Alix muß uͤber unſer Verhaͤltniß wunderli⸗ che Vorſtellungen bekommen, wenn ſie von Enren ſehr ſonderbaren Bemerkungen bedingt werden.“ „Alle Maaßregeln, die wegen des Schiffes und des Schooners in dem Teufelskanale geſtern genommen wurden, koͤnnen nun aufhoͤren!“ un⸗ terbrach ihn Miß Alix mit theilnehmendem, trau⸗ rigem Ausdrucke.„Es ſind nicht viel Leute am Leben, welche die gefaͤhrlichen Fahrwaſſer ken⸗ nen, durch die ſelbſt nur die kleinſten Fahrzeuge am Tage und bei gutem Winde von der Kuͤſte fortzukommen vermoͤgen. Iſt nun die Nacht und der Sturm uͤberdieß eutgegen; ſo liegt die Nettung blos in Gottes Barmherzigkeit.“ „Ja es iſt ſehr wahrſcheinlich, daß ſie ver⸗ loren ſind!“ bemerkte der Oberſt, ohne jedoch ein Frende dabei zu aͤußern.— — 198— 3 „Sie ſind nicht verloren!“ rief aber auch Katharine mit muthiger Feſtigkeit, und ſprang auf, um zu ihrer Baſe zu gehn. Sie gab ſich dabei ein Anſehn, daß ihre kleine Geſtalt noch einmal ſo groß ſchien.„Gewandt ſind ſie und brav!“ fuhr ſie fort.„Was ein guter Seemann vermag, thun ſie, und mit Erfolg. Fuͤr wen ſollte denn eine gerechte Vorſehung ihre Barm⸗ herzigkeit zeigen, wenn ſie nicht die muthigen Kinder eines gemißhandelten Landes ſchuͤtzen wollte, waͤhrend dieſe gegen Tyrannei und ahllſes Un⸗ recht kaͤmpfen?“ LA Die friedliche Stirmnunger des Oberſten verließ ihn, als er dies hoͤrte. Sein ſchwarzes Auge ſunkelte mit einer in ſeinen Jahren unge⸗ woͤhnlichen Lebhaftigkeit. Kaum daß ihm die Hoͤf⸗ lichkeit erlaubte, Katharine ausreden zu laſſen! „Welche Suͤnde, welch ſchreckliches Ver⸗ brechen koͤnnte wohl eher die gerechte Rache des Himmels auf den Miſſethaͤter herabrufen,“ brach er aus,„als eine ſchaͤndliche Rebellion? Dies Verbrechen uͤberſchwemmte England mit Blut, als Karl I. regierte. Dies Verbrechen hat mehr Felder mit Blut gefaͤrbt, als alle anderen Kaͤmpfe. Das Menſchengeſchlecht iſt dafuͤr, ſeit Abſalon bis auf unſere Tage, mit gerechter Strafe heimgeſucht worden. Den Himmel ver⸗ ——— —— loren darum auf Ewig einige der erſten Engel, und wohl mag man glauben, daß dies die Suͤnde iſt, welche, wie die Schriſt ſagt, auicht vergeben werden kann.“ „Ich daͤchte doch nicht, daß Ihr mit Grunde d es Verbrechen fuͤr ſo wichtig halten duͤrftet, wie Ihr meint, Herr Oberſt?“ ſprach Alix, um Katha⸗ rinens heftige Antwort zu verhuͤten. Sie hielt dann inne, und holte einen tiefen, bangen Seufzer. „Wohl iſt es ein großes Vergehen!“ fuhr ſie mit immer ſanfter werdendem Tone fort,„ein Verbrechen, das die gewoͤhnliche Suͤnde des Le⸗ bens, ſo zu ſagen, wenn man ſie damit ver⸗ gleicht, ſchneeweiß erſcheinen laͤßt. Wie Viele ha⸗ ben die theuerſten Banden des Lebens zerriſſen, indem ſie ſich unbeſonnen im den ſuͤndl ichen Stru⸗ del ſtuͤrzten, und faſt ſollte ich denken, das Herz verhaͤrte beim Anblick des menſchlichen Elendes. Es werde zum Stein gegen den Jammer, den ein ſolcher Mann herabruft; beſonders, wo das Unrecht an Freunden und Verwundten veruͤbt wird, und wir nicht daran denken, wer und wie Mancher, der uns theuer iſt, bei ſol⸗ chein Frevel leiden muß. Uobrigens iſt es fuͤr jeden, in der Welt nicht Erfahrenen eine große Verſuchung, plötzlich in den Beſitz der Macht zu kommen. Fuͤhrt es nicht unt tdeſGe zu großen Verbrechen; ſo bahnt es doch ſicher den Weg dazu, indem es das Herz abhaͤrtet.“ „Ich hoͤrte Euch geduldig an!“ ſagte Ka⸗ tharine, und der kleine Fuß ſpielte mit er⸗ zwungener Gleichguͤltigkeit auf der Erde.„Ihr wißt ja weder von wem, noch zu wem ihr ſprecht. Oberſt Howard hat aber nicht einmal dieſe Ausflucht. Still, Cecilie! Ich muß reden! Glaube ihnen nicht, Geliebte! Es iſt kein naſſes Haar auf ihrem Haupte! Ihr, Oberſt, ſolltet Euch erinnern, daß der Sohn von der Schweſter meiner Mutter und der Eurer Nichte an Bord die⸗ ſer Fregatte iſt, und grauſam klingt es, wenn Ihr ſo ſprecht.“. „ Ich habe Mitleid mit ihm, wahrlich ich habe es!“ betheuerte der Krieger.„Er iſt ein junger Mann, und folgt dem Strome, der un⸗ ſere ungluͤcklichen Kolonieen ſeit jenem Augen⸗ blicke der Zerſtoͤrung dahin reißt. Aber es giebt noch Andere auf dem Schiffe, die keine Unwiſ⸗ ſenheit vorſchuͤtzen koͤnnen. Da iſt der Sohn eines alten Bekannten von mir, eines Buſen⸗ freundes von meinem Bruder Harry, Ceciliens Vater, Hugo Griffith, der Kuͤhne, wie wir ihn nannten. Der junge Harry und Hugo Griffith gingen zuſammen an Einem Tage an Bord der Flotte Sr. Majeſtaͤt. Der gute Harry brachte — ——C—õõõõumG es bis zum Lieutnant, und Hugo ſtarb als Kom⸗ mandant einer Fregatte. Und ſein Sohn! Er ward am Bord vom Schiffe des Vaters erzogen, und lernte von ſeines Koͤnigs Meiſtern, wie er die Waffen gegen den Koͤnig fuͤhren muͤſſe. In dem Umſtande liegt etwas Entſetzliches, Empoͤ⸗ rendes, Miß Alix. Er gleicht dem Sohne, der ſeine Eltern ſchlaͤgt. Solche Leute ſind es, Waſhington an ihrer Spitze, die in dieſer Re⸗ bellion die freche Stirn zeigen. ſind Maͤnner darunter, die Britan⸗ niens Sklavenrock nie trugen, Oberſt, und de⸗ ren Namen in Amerika ſo geachtet und geehrt ſind, als irgend einer, deſſen ſich England ruͤhmt!“ verſetzte Katharine ſtolz.„Ja, Oberſt, ſie wuͤrden keck dem tapferſten Manne au Britan⸗ niens Flotte ſtehen!“ „ Ich ſtreite nicht gegen Euern irregeleiteten Kopf!“ entgegnete der Vormund, und ſtand hoͤf⸗ lich kalt auf.„Ein junges Maͤdchen, das Re⸗ bellen mit den tapfern Maͤnnern zu vergleichen wagt, welche im Dienſt ihres rechtn aͤßigen gnaͤ⸗ digen Koͤnigs kaͤmpfen, muß fuͤr eine albe Thoͤ⸗ rinn gehalten werden. Niemand— ich ſpreche von Maͤnnern: denn bei Frauen laͤßt ſich den⸗ ken, ſie ſeyen mit dem menſchlichen Herzen min⸗ der bekannt!— Niemand, der zu den Jahren 8„ 7 1 4 gelangte, wo man ihn Mann nennen ſoll, darf es mit dieſen Verderbern halten, die jede gehei⸗ ligte Ordnung aufheben; dieſen Empoͤrern, wel⸗ che die Großen herabſtuͤrzen und die Niedrigen erhoͤhen wollen; dieſen Jatobileru⸗ welche— welche— „O, Herr Oberſt, wenn es Euch au ſchaͤn⸗ denden Beinamen fehlt;“ unterbrach ihn K Katha⸗ rine mit herausfordernder Gleichguͤltigkeit,„ſo laßt Herrn Chriſtoph Dillon zu Huͤlfe kommen; Er erwartet in der Thuͤre da den Wink dazu!“ Der Oberſt ſah ſich uͤberraſcht um, und ver⸗ gaß ſeine koſtbare Rede uͤber der unerwarteten Be⸗ merkung, weil er wirklich das gelbe Geſicht ſei⸗ nes Vetters vor ſich ſah. Es hielt dieſer noch den Druͤcker in der Hand, und ſchien uͤber ſein Hierſeyn ſo verlegen, als die Frauen es uͤber den angemhulichan Beſuch waren. ———— — Komm, Kaͤtchen, laß uns von der Seite ſtehn, und ſehen, wie der Strest ſich endet. Shakeſpearc. Waͤhrend des lebhaften Wortwechſels hatte Miß Howard die bleiche Wange aufs Sophakiſſen ge⸗ legt, und unwillig, verdrießlich dem Streite ge⸗ horcht. Jetzt trat ein Anderer auf, ein Mann, der nicht das Recht hatte, in, ihr Zimmer zu kommen, und kuͤhn machte ſie die Wuͤrde ihres Geſchlechts, wenn auch mit mehr Ruhe, gel⸗ tend, als lhrir Baſe moͤglich Laeſen waͤre. Sſe ſtand auf. „Was verſchafft uns den ſo unerwarteten Beſuch des Herrn Dillon?“ fragte ſie kalt, doch hoͤflich und zuruͤckhaltend.„Wiſſen muß er, daß uns verwehrt iſt, in den Theil der Abtei zu gehn, wo er ſein Zimmer hat; und ſo hoffe ich, der Herr Oberſt wird ihm auch geſagt haben, daß gleiche Gerechtigkeit uns die Enaubnſß gebe, fuͤr uns zu bleiben.“ „Miß Howard wird von meiner Zudring⸗ lichkeit beſſer urtheilen,“ verſetzte der Ehrenmann · F mit einer boshaften, verdrießlichen Miene, die aber gehoͤrig mit berechnender Unterwuͤrfigkeit ge⸗ miſcht war,„wenn ſie hoͤrt, daß ich wegen eines wichtigen Geſchaͤfts zu ihrem Onkel komme.“ „Ach, das laß ich gelten, Freund!“ ſagte der Oberſt.„Sonſt muß man den Damen den ihrem Geſchlechte ſchuldigen Reſpect bezeigen. Ich habe ſelbſt, Gott weiß wie, vergeſſen, mich anzumel⸗ den. Aber Borrougheliffe hat mich tiefer in die Maderaflaſchen ſehn laſſen, als ich gewohnt bin, ſeit dem mein armer Bruder Harry, und ſein wuͤrdiger Freund, Hugo Griffith— der Teufel hole Hugo Grifſith und ſein ganzes Geſchlecht!— Entſchuldigt, Miß Aürn Was bringt Ihr denn, Dillon?“ 3 „Eine Meldung vom Kapitain Borrongh⸗ eliffe. Ihr werdet Euch erinnern, daß, in Folge Eurer Weiſungen, die Wachtpoſten jede Nacht veraͤndert wurden.“ 2 „Ja, ja, wir machten das in unſerm Feld⸗ zuge gegen Montcalm ſo. Es war dies noth⸗ wendig, um dem Morden der Indianer zu ent⸗ gehen. Sie ſchoſſen, das wußten wir, jeden auf dem Poſten nieder, wenn er zwei Naͤchte hinter einander auf demſelben Orte ſtand.“ „Nun, Eure weiſen Vorſichtsmaaßregeln haben ihren Zweck nicht af 14 fhr Dillon ort, und ging naͤher im Zimmer vor, als fuͤhle 7 9 9 7 ge⸗ er, mit jedem Worte mehr werde er willkomme⸗ es 4 nerer Gaſt.„Die Folge davon iſt, daß wir bereits drei Gefangene gemacht haben.“ er„Wahrlich ein weiſer Anſchlag!“ rief Ka⸗ in tharine Plowden, mit einem unendlich veraͤcht⸗ be lichen Blick auf den Schaͤcher.„Ich denke, el⸗ da Herr Chriſtoph Dillon ſoviel Beifall ſpendet, in muß die Sache mit der Juſtiz in einiger Ver⸗ nt bindung ſtehen. Die furchtbare Beſatzung von nd St. Ruth wird nun alſo den großen Ruhm da⸗ er von tragen, die beſten Haͤſcher zu zaͤhlen.“ es Dillon's, gelbe Geſichtsfarbe ward blaͤu⸗ as 4 lich. Das ganze Maͤnnlein zitterte vor Wuth, 4 die er umſonſt zu verbergen ſuchte. h⸗„Es moͤchte naͤher mit der Iuſtiz in Ver⸗ ge bindung ſtehn, und vielleicht naͤher mit den Mi— ht niſtern ſelbſt, als Miß Plowden wuͤnſchen duͤrfte. Rebellion findet ſelten Gnade in einem chriſtlichen d⸗ Geſetzbuche!“ ſagte er. h⸗„Rebellion?“ rief der Oberſt.„Was hat t⸗ denn das Aufheben von drei Landſtreichern mit uf einer Rebellion zu thun, Dillon? Hat dies ver⸗ er dammte Gift auch den Weg uͤber den Ozean gefun⸗ 1 den?— Verzeiht, Miß Alix; aber uͤber den Ge⸗ n genſtand vermoͤgt Ihr meine Gefuͤhle zu theilen. m. Ich habe gehoͤrt, w eſinnungen Ihr uͤber . 1 * — 206— den Gehorſam hegt, den man unſerm geſalbten Koͤnige ſchuldig iſt. Sprecht, Dillon, ſind wir von einer ſolchen Bande boͤſer Geiſter umringt? Wenn das iſt; ſo muͤſſen wir ſelbſt Hand ans Werk legen, und uns um unſern Koͤnig ſammeln, denn dieſes Eiland iſt die Hauptſtuͤtze ſeines Thrones.“ „Daß gerade jetzt die Abſicht vorwaltete, die Inſel in Aufſtand zu bringen, ſcheint nicht der Fall zu ſeyn;“ ſagte Dillon mit komiſchem Ernſte; obſchon der Aufſtand in London juͤngſt alle Vorſichtsmaaßregeln von Seiten der Miniſter Sr. Majeſtaͤt, und ſelbſt die Aufhebung der Habeas-Corpus-Akte erfordern moͤchte. Aber Ihr hattet zwei gewiſſe Fahrzeuge in Verdacht, welche die Kuͤſte hier, es iſt nun einige Tage her, mit einem rauberiſchen Ueborfalle⸗ bedrohen koͤnnten.“ Katharinens niedlicher Fuß war auf dem glaͤnzenden Teppich in unaufhoͤrlicher Bewegung; doch beherrſchte ſie ſich ſoweit, daß ſie blos den veraͤchtlichſten Blick auf den Sprecher warf, ohne ihn nur eines Wortes zu wuͤrdigen. Dem Ober⸗ ſten lag dieſer Gegenſtand dagegen gerade am Meiſten nahe. „Ihr ſprecht ganz wie ein verſtaͤndiger Mann, lieber Vetter!“ antwortete er mit einem der Sache angemeſſenen Ernſte.„Die Habeas Corpus- — 207— Akte, Miß Alix, wurde unter dem Koͤnig Jo⸗ hann mit der Magna Chartà zugleich fuͤr die Sicherheit des Thrones von den Baronen Sr. Majeſtaͤt ausgewirkt. Einige aus meiner Familie waren auch unter den Baronen. Dies wuͤrde ſchon allein darthun, wie hier die Wuͤrde der Krone gehoͤrig berathen war. Was unſere ſee⸗ raͤuberiſchen Landsleute anbelangt, Chriſtoph; ſo haben wir die hoͤchſte Wahrſcheinlichkeit, daß ſie die Rache der beleidigten Vorſehung bereits er⸗ reicht hat. Wer mit der Kuͤſte gut bekannt iſt, ſagt, daß ein Schiff ohne einen Lootſen, wie ihn der Feind wohl nicht zu erhalten vermag, unmoͤglich bei finſterer Nacht und widrigem Winde aus den Klippen herauskomme, wo es einge⸗ laufen ſey. Wie der Morgen da war, hat ſie Niemand mehr geſehen.“ „Aber— aber es moͤgen Freunde oder Feinde ſeyn;“ fuhr Dillon complimentenreich fort, „ſo haben wir doch zur Vermuthung Urſache, daß in der Abtei hier jetzt Leute ſind, die uns mit der eigentlichen Beſchaffenheit naͤher bekannt machen koͤnnen. Die Leutchen, welche wir naͤm⸗ lich angehalten haben, ſehen gerade ſo aus, als waͤren ſie erſt gelandet, und haben nicht nur die Kleidung, ſondern auch das Weſen der See⸗ leute.“ — 208— „Seeleute?“ wiederholte Katharine, und eine Todtenblaͤſſe jagte das Blut aus ihren Wan⸗ gen, die bisher der Zorn geroͤthet hatte. „Ja, Seeleute, Miß Plowden!“ wieder⸗ holte auch der naͤſelnde Dillon mit boshafter Schadenfreude, die ſich aber hinter der hoͤflich⸗ ſten Hochachtung verſteckte. „Ich danke Euch fuͤr Eure Auskunft!“ er⸗ wiederte das Maͤdchen, ſich ſchnell wieder ſam⸗ melnd.„Die Einbildungskraft von Herrn Dil⸗ lon iſt allemal im Stande, das Aergſte zu be⸗ ſchwoͤren, daß wir ihn jetzt wirklich ruͤhmen muͤſ⸗ ſen. Er ſchmeichelt unſerer Furchtſamkeit, und darum ſetzt er uns nicht mit Seeraͤubern in Furcht!“. „Nicht, doch! Sie koͤnnen dieſen Namen verdienen, theuerſte Miß!“ bemerkte Jener,„aber meine Bildung hat mir geſagt, daß man erſt die Zeugen abhoͤren, und dann das Uulttheil faͤllen muͤſſe.“ „Ja, das hat der junge Mann in ſeinem Coke uͤber Littleton gefunden!“ rief der Oberſte. „Ach die Rechtsgelehrſamkeit iſt ein herrliches Mittel gegen die menſchlichen Unvollkommenheiten, liebe Miß Alix. Namentlich lehrt ſie einem vor⸗ eiligen Kopf Geduld. Ja, ohne dieſe ver⸗ wuͤnſchte, unnatuͤrliche Rebellion wuͤrde der junge Mann bereits von irgend einem Richterſtuhle herab in einer der Kolonieen Segen ſpenden, und zwar, ich wette, den Weißen, wie den Schwarzen, den rothen und braunen Indianern, und immer mit dem Unterſchiede, den die Natur zwiſchen die verſchiedenen Staͤnde gelegt hat. Nun, verliert den Muth nicht, Vetterchen! Die Zeit wird ſchon kommen! Der koͤnigliche Arm reicht weit, und nach den latzten Berichten ſteht die Sache beſſer. Doch wir wollen in die Wachtſtube gehn und die Strauchdiebe ausfragen. Es ſind Aus⸗ reißer, vermuthe ich, von einem Kreuzer Sr. Ma⸗ feſtaͤt, oder vielleicht auch ehrliche Maͤnner, die mit Matroſenpreſſen beauftragt ſind.— Komm, Dillon, wir wollen gehn und—“ „ Und wir ſollen der Gegenwart des Ober⸗ ſten Heyard ſobald beraubt werden?“ ſagte Ka⸗ tharine, indem ſie auf ihren Vormund ſchmei⸗ chelnd und ſreundlich hineilte.„Ich weiß, ey vergißt geſchwind, wenn ein raſches Woͤrtchen in unſern kleinen Streitigkeiten vorſiel, und ſo wind er gewiß nicht in Aerger fortgehen, ſondern huͤbſch den Thee bei uns trinken.“ Der Veteran drehte ſich geſchwind um und horchte aufmerkſam.. „Ja, in der That, Du boͤſes Maͤdchen, Du kennſt mich zu gut,“ entgegnete er,„um 1. 8 — 210— an meiner Vergehung zu zweifeln. Allein der Dienſt geht Allem vor, und wenn da ſelbſt das Laͤcheln eines huͤbſchen Maͤdchens mich zu bleiben verſucht. Ja, ja, Kind, Du biſt die Tochter eines braven, wuͤrdigen Seemanns. Aber Du treibſt die Liebe fuͤr dieſen Stand 3u weit,— wahrhaftig zu weit!“*- Kathariue erroͤthete ein Avenigs doch das Laͤcheln, das ſich mit der Schaam miſchte, er⸗ hoͤhte ihre Schoͤnheit. Sanft legte ſie die Hand auf des Woeinundes Achlei um nihns zauruͦckzu⸗ halten. 3 „Warum uull Ihr zuns denn vetlaſſen 2 bat ſie.„Seit ſo langer Zeit habt Ihr uns nicht im Kloſter beſucht, und wir wiſſen, Ihr kommt als Vater. Bleibt; dann koͤnnt Ihr mit dem Namen noch den eines Beichtvaters ver, nen.“ nc, Ach, Deine Suͤnden kenne ich, Madchen!“ ſagte der wuͤrdige Oberſt, und gab, ohne daß er es ſelbſt wußte, ihrem ſanften Zwange nach, als ſie ihn wieder zu dem Seſſel fuͤhrte.„Deine Suͤnden ſind: wahrhaftige Rebellion im Herzen gegen Deinen Koͤnig; eine eingewurzelte alte Liebe zum Salzwaſſar, und große Unachtſamkeit auf die Nathſchlaͤge und Wuͤnſche eines alten Knaben, den Vaters Wille und Geſetz zum Schutze Dei⸗ ner Perſon und Deines Benens machte.“ ——— — — 241— „Sagt nur das Letztere nicht!“ rief Katha⸗ rine.„Nein, theurer Vormund, von dem Al⸗ len, was Ihr mir geſaot habt, hab' ich auch nicht ein Woͤrtchen vergeſſen.— Wollt Ihr wie⸗ der Platz nehmen?— Cecilie, der Oberſt Ho⸗ ward will den Thee mit uns trinken!“ „Aber, Maͤdchen, Du vergißt den ehrſamen Dillon, und unſern achtbaren Gaſt, den Kapi⸗ tain Borrougheliffe, und die drei Arreſtanten.“ „Laßt den ehrſamen Dillon hier bleiben, und dem Kapitain koͤnnt Ihr ſagen laſſen, er ſolle an unſerer Geſellſchaft Antheil nehmen. Ich bin ſo neugierig, wie jedes Maͤdchen, den Sol⸗ daten zu ſehn, und— was die drei Leute be⸗ trifft—“ Sie hielt inne und ſtellte ſich, als ſinne ſie einen Augenblick nach. Dann ſuhr ſie fort, als waͤröe ihr ein ploͤtzlicher Einfall gekommen: „Ja, und die Leute koͤnnen hergebracht und hier befragt werden. Wer weiß, ob ſie nicht im Sturm verungluͤckt ſind, und unſern Beiſtand, unſer Mitleid noͤthig haben, ſtatt daß wir ſie in Verdacht halten.“ „Dieſe Bemerkung und Vermuthung von Miß Plomwden ſollte in der Bruſt aller Menſchen auf dieſer wilden Kuͤſte wohnen!“ bemerkte Alix Dunscombe.„Ich habe ſo manchen traurigen O 2 „ — 212— Schiffbruch an dieſen haͤßlichen Klippen geſehn, und zwar, wenn der Wind nur, gegen den Sturm in voriger Racht, ein wahrer Zephyr war. Krieg und boͤſe Zeit und die verdorbenen Leidenſchaften des Menſchen, haben die Zahl De⸗ rer ſehr vermindert, welche die Windungen der Kanaͤle in dieſen Felſenriffen kennen. Es gab ſonſt Leute, die, wie ich oft gehoͤrt habe, in einer maͤßigen Entfernung und bei der ſchwaͤrze⸗ ſten Nacht, welche je auf England ruhte, um die Teufelsklippen fahren konnten. Allein jetzt ſind ſie Alle dahin, die Kuͤhnen; der Tod hat ſie weggerafft, oder, was noch trauriger iſt, un⸗ natuͤrliche Verbannung hat ſie aus dem Reiche ihrer Vaͤter vertrieben.“ „Nun, ſo muͤſſen ſie vornehmlich im jetzigen Kriege meiſt verſchwunden ſeyn: denn Eure Er⸗ innerung kann doch nicht weit zuruͤckgehn!“ be⸗ merkte der Oberſte hier.„Je nun, Manche von ihnen trieben kein Geſchaͤft, als daß ſie die Zoͤlle Sr. Majeſtaͤt betrogen, und ſo wird dem Lande, in gewiſſer Hinſicht, durch ihre Dienſte jetzt der von ihnen verurſachte Schaden erſetzt, waͤhrend es zugleich gluͤcklicherweiſe von ihnen ſelbſt frei iſt. Ach, liebe Miß, wir haben eine herrliche Verfaſſung! Alles iſt ſo trefflich zu ein⸗ ander geordnet, daß, wie bei einem geſunden, — „ 2 — ——2 — 243— kraͤftigen Menſchen, die ſchlechtern Stoffe durch die eignen heilſamen Naturkraͤfte nach und nach von ſelbſt ausgeſchieden werden.“ Die blaſſen Wangen von Alix Dunscombe roͤtheten ſich lebhafter, als der A ſprach. „Es moͤgen wohl Manche geweſen ſeyn,“ ſagte ſie,„die den Geſetzen nicht Ahutninwee wieſen: denn an Solchen fehlt es nie. Allein es giebt auch Andere, die, in manchem Betrachte ſchuldig, doch dieſen Vorwurf nicht ve rdienen, und den Weg, der in dieſen Klippen dem ge⸗ woͤhnlichen Auge verborgen iſt, unter den hohen Wellen ſo ſicher fanden, wie Ihr ihn in den Hallen und Gaͤngen der Abtei, wenn die Nach⸗ mittagsſonne jede Fahne und Eſſe beſcheint.“ „Nun, Oberſt Howard,“ unterbrach wie⸗ der Ehrn Chriſtoph Dillon,„iſt es Euch denn gefäͤllig, die drei Leute vorzunehmen und auszu⸗ mitteln, ob ſie etwa zu der Klaſſe dieſer gewand⸗ ten Lootſen gehoͤren?“ Das gute Maͤnnchen war verdrießlich uͤber ſein Verhaͤltniß zu den Uebrigen, und hielt es kaum fuͤr noͤthig, den veraͤchtlichen Blick zu ver⸗ bergen, den er auf Miß Alix warf, als er noch hinzuſetzte: „Vielleicht koͤnnen wir genug herausbekom⸗ men, eine Karte von der Kuͤſte zu entwerfen, — 214— und damit einen Stein im Brete bei dem hohen Admiralitaͤtscollegium zu gewinnen.“ Dieſer ganz unverſchuldete Spott, welcher 1 ihre ſanfte, Niemanden beleidigende Freundinn traf, brachte das Blut der Miß Howard in Be⸗ wegung. Sie ſtand auf und redete ihren Vetter in einer Art an, die nicht leicht mißverſtanden, noch weniger gemißbilligt werden konnte. „Wenn Herr Dillon den Wuͤnſchen des Oberſten entgegenkommen will, wie ihm meine Baſe ſchon geſagt hat; ſo wollen wir uns wenig⸗ ſtens nicht den Vorwurf machen, daß wir Leute, die wahrſcheinlich mehr ungluͤcklich als ſchuldig 1 8 ſind, unnoͤthiger Weiſe aufhalten.“ Mit dieſen Worten ging ſie durch's Zimmer, und ſetzte ſich zu Alix Dunscombe, mit der ſie . ein leiſes Geſpraͤch anknuͤpfte. Ehrn Dillon machte 4 eine demuͤthige Verbengung, und als der Oberſt erklaͤrt hatte, er wolle hier gleich den Gefange⸗ nen ein Verhoͤr bewilligen, entfernte er ſich, der Anweiſung gemaͤß zu handeln. Im Stillen freute er ſich. Es mochte geſchehen, was da wollte; wmahrſcheinlich mußte es doch zu einem haͤufigern Umgange fuͤhren, als die ſtolze Schoͤnheit, hgſm 6 4 die er warb, ihm jetzt zu geſtatten geneigt war. „Es iſt ein dienſtfertiger, guter, braver jun⸗ ger Mann, der Chriſtoph!“ ſagte der Oberſt, 7 — als er zur Thuͤre hinaus war.„Ich hoff' es noch zu erleben, daß ich ihn im Hermelinmantel ſehe. Ich meine das nicht buchſtaͤblich, ſonderu figuͤrlich: denn Pelzwerk wuͤrde ſich mit Carolina's Klima nicht vertragen. Wenn fuͤr die unterwor⸗ fenen Kolonieen neue Einrichtungen getroffen wer⸗ den, hoffe ich, daß mich die Miniſter zu Rathe ziehen, und dann kann er auf meine Verwen⸗ dung zu ſeinen Gunſten rechnen. Wuͤrde er nicht ein treffliches Muſter von Unabhaͤngigkeit und Recht ſeyn?“ Katharine biß die Lippen zuſammen. „Ich muß von ſeinen weiſen Bemerkungen profitiren,“ ſagte ſie ſpoͤttiſch,„und erſt Zeugen abhoͤren, ehe ich mich beſtimme. Doch ſtill!“ Das junge liebe Maͤdchen veraͤnderte ploͤtz⸗ lich die Farbe. Ihr Auge war hochſt unruhig auf die Thuͤre gerichtet. „Zum Mindeſten iſt er thaͤtig gewe eſen!“ rief ſie aus;„ich hoͤre den ſchweren Tritt von herannahenden Maͤnnern.“ „Gewiß iſt er es. Die Gerechrigkeit muß eeben ſo ſchnell als unparteiiſch und ſicher ſeyn, wenn ſie ſich vollkommen zeigen will. Sie muß einem Kriegsgericht gleichen, das um die Trom⸗ emel herumſitzt. Das wire, nebenbei ſey es be⸗ merkt, eine Art von Iuſtiz, unter der man wohl — 216— 3 zu leben wunſchen moͤchte. Wenn die Miniſter Sr. Majeſtaͤt zu bereden waͤren, und den em⸗ poͤrten Provinzen ſo ein—“ „Still!“ unterbrach ihn Katharine, mit einem Tone, der ihre große Angſt verrieth.„Sie kommen naͤher!“ l ee aes Die Tritte ließen ſich jetzt in der That ſo deutlich hoͤren, daß der Oberſt dadurch bewogen war, ſeinen Plan zur Regierung der inſurgirten Provinzen vor der Hand nicht weiter zu entwik⸗ keln. Die lange, dunkle Gallerie mit ſteinernem Fußboden ließ bald jeden Schritt ganz deutlich wiederhallen, und endlich kuͤndigte ein leiſes Klo⸗ pfen an der Thuͤre die Ankunſt der Erwarteten an. Der Oberſte ſtand auf, und gab ſich die Miene eines Mannes, der bei der beginnenden Unterredung die Hauptrolle ſpielte. Er rief: „„herein!“ Cecilie und Alix Dunscombe ſahen kaum nach der offenen Thuͤre hin. Sie waren fur das Ganze gleichguͤltig. Aber Katharinens lebhaftes Auge uͤberſchaute mit Einem Blicke jeden Einzelnen der Eintretenden. Sie konnte kaum Athem holen, und warf ſich auf's Sopha. Doch bald nahm ihr Ange ſeinen feoͤhlichen Ausdruck an. Sie ſummte fuͤr ſich ein kleines luſtiges Lied. Kaum hoͤrbar blieben die Töͤne, und doch war ſuͤße Melodie darin. — 388&8=Z Dillon trat herein; ihm folgte der Kapitain, deſſen Haltung etwas feſter geworden war. Ein ſtrenger Blick hatte den fruͤhern nichts ſagenden verdraͤngt. Kurz er ſchien offenbar wieder zu einer groͤßern Herrſchaft ſeiner ſelbſt gekommen, wenn er auch noch nicht vollkommen nuͤchtern geworden war. Die Uebrigen blieben in der Gallerie, waͤh⸗ rend der Oberſt den Kapitain ſeinen Frauen vor⸗ ſtellte. „Miß Plowden,“ ſagte er dabei zu u dieſer, weil ſie ihm die naͤchſte war,„das iſt mein Freund, der Kapitain Borrougheliffe. Er hat ſchon lange nach der Ehre getrachtet. Ich zweifle nicht, Ihr empfangt ihn, daß es ihm nie Leid thun wird, am Ende zum Ziel gekommen zu ſeyn.“. Katharine laͤchelte und antwortete mit zwei⸗ deutigem Ausdrucke. „Ich weiß nicht, wie ich ihm genng danken ſoll,“ ſagte ſie.„Er hat ſoviel Muͤhe gehabt, uns arme Maͤdchen zu bewachen.“ Der Kapitain ſah ſie forſchend und auf eine Art an, die eine gleiche Sprache fuͤrchten ließ. 3„Ein ſolches Laͤcheln, ſchoͤne Damen,“ er⸗ wiederte er,„wuͤrde fuͤr beſſere Dienſte reiche Belohnung ſeyn. Die meinigen beſtehen blos im ounten Willen.“ Katharine machte einen freundlichern Knir, als es ſonſt ihre Art war. 5 „Dies iſt,“ ſprach der Oberſt wieder,„Miß Alix Dunscombe, die Tochter eines wuͤrdigen Geiſtlichen, der ſonſt Pfarrer hier war. Sie macht uns oft die Freude, uns ihre Gegenwart zu ſchenken; obſchon es immer ſeltner geſchieht, als wir Alle wuͤnſchten.“: Der Kapitain erwiederte die Begruͤßung, und folgte dem Oberſten zu ſeiner Nichte, der er als der wackere Beſchuͤtzer von St. Ruth bei allen bedenklichen Vorfaͤllen vorgeſtellt, und darutn zur freundſchaftlichſten Aufnahme empfohlen wurde. Cecilie empfing ihn mit aller Freundlichkeit und Anmuth. Der Kapitain vermochte kein Wort auf ihre Begruͤßung zu erwiedern. Er bewunderte ſchweigend ihre Schoͤnheit, legte die Hand auf die Bruſt, und machte einen tiefen Buͤckling.— Kaum waren die Komplimente vorbei, als der Oberſt ſeine Bereitwilligkeit erklaͤrte, die Ge⸗ fangenen zu ſehn. Dillon offnete die Fluͤgel. Katharine warf einen ſchnellen, aber ſichern Blick nach den Fremden. Der Glanz der Gewehre von den dieſe bewachenden Soldaten traf ihr 4 Ange. Doch die Seelente traten allein herein. ——— — 219— Draußen klirrten die Kolben auf dem ſteinernen Fußboden, und zeigten, daß man es fuͤr kluͤglich hielt, die bewaffnete Macht in der Naͤhe zu behalten, um die unbekannten Fremdlinge zu beobachten. * ——— ——————— Kanonenfutter! Sie fuͤllen einen Graben ſo gut, als beſſere Leute.. Shakeſpeare. Die drei eintretenden Fremden ſchienen durch die Gegenwart der Geſellſchaft, in die ſie kamen, keinesweges eingeſchuͤchtert zu werden, ob ſie ſchon nur ein grobes. vom Wetter mitgenommenes Matroſengewand trugen, dem man die eben ge⸗ leiſteten Dienſte recht gut anſah. Sie gehorch⸗ ten ſchweigend dem Fingerzeige des Kapitains, der iynen inen entferntern Winkel des Zim⸗ mers anwies, und ſchienen zu wiſſen, was dem Hoͤhern gebuͤhre, waͤhrend ſie daran gewoͤhnt waren, ſich mit allen Wechſeln des Schickſals zu verſuchen. Oberſt Howard begann jetzt ſo⸗ gleich das Examen. „Ich denke, Ihr ſeyd brave, loyale Un⸗ terthanen,“ war ſein erſtes Wort, das wohl erwogne Achtung fuͤr die Unſchuld ausfprach. „Allein die Zeiten ſind jetzt ſo, daß der ehrlichſte Menſch verdaͤchtig wird; und wenn unſere Mei⸗ nung ſich irrig erweiſen ſollte; ſo muͤßt Ihr den 8 dVe—— Mißgriff uͤberſehen, und auf Koſten der trauri⸗ gen Lage ſetzen, in welche das Reich durch Rebel⸗ lion gekommen iſt. Wir haben gerechte Vermu⸗ thung, daß der Feind einen Plan gegen unſere Kuͤſte im Schilde fuͤhrt, indem er, wie wir wiſſen, mit einem Schooner und einer Fregatte erſchienen iſt. Die Kuͤhnheit der Rebellen gleicht nur ihrer ſchamloſen, gottloſen Perachtung aller Rechte unſers Herrſchers. 4 Waͤhrend Oberſt Howard dieſe Schugrede und Einleitung machte, hefteten die Gefangenen ihre Augen lebhaft auf ihn. Kaum ſpielte er auf den gefuͤrchteten Angriff an, als ſich zwei derſelben, aufmerkſamer geworden, wie er endigte, ver⸗ ſtohlene, vielſagende Blicke; zuwarfen. ine Ant⸗. wort gaben ſie indeſſen nicht. Der ſt ſchwieg ein Weil lchen, um ſeine Worte gehoͤrig wirken zu laſſen. „Wir haben keinen Beweis,“ fuhr er fort, „ſo viel ich in Erfahrung brachte, daß Ihr im Entfernteſten mit den Feinden des Landes in Ver⸗ bindung ſteht. Aber Ihr ſeyd nicht auf der koͤ⸗ niglichen Landſtraße, oder vielmehr Ihr ſend auf einem Fußpfade betroffen worden, den die Leute in der Gegend, offen geſtehe ich das, haͤufig ein⸗ ſchlagen, der aber doch immer nur ein Fußweg iſt; und ſo wird es blos Pflicht der Selbſterhaltung, — ——õ — ͤͤͤͤͤͤͤͤ —— Euch einige Fragen vorzulegen, die Ihr hoffent⸗ lich geuuͤgend beantworten werdet. Um Eurer Schifferſprache dabei ihr Recht anzuthun, ſey die erſte: Woher ſeyd Ihr, und wohin ſeyd Ihr gemiethet? n. „Aus Sunderland und nach Whitehaven!“ erwiederte eine tieſe Baßſtimme. Kaum war dieſe einfache und klare Ant, wort mit feſtem Tone gegeben, als die Aufmerk⸗ ſamkeit aller Anweſenden auf Alir Dunscombe gelenkt wurde. Sie ſchrie auf und ſprang un⸗ willkührlich in die Hoͤhe. Ihr Auge rollte und ſchaute wild umher. „Seyd Ihr nicht wohl, Alir?“ fragte die ſuͤße, ſanfte Cecilie.„Wirklich! Ihr ſeyd nicht wohl. mt, lehnt Euch an mir an. Ich will Euch in Euer Zimmer fuͤhren.“ „Hoͤrtet ihr's, oder war's Phantaſie?“ ſagte ſie, und ihre heiße Wange ward mit Todten⸗ blaͤſſe bedeckt, ihr ganzer Koͤrper zitterte krampf⸗ haft.„Sagt, hoͤrtet Ihr's auch?“ „Ich habe weiter nichts, als die Stimme meines Onkels gehoͤrt, der hier bei Euch ſteht, und ſo aͤngſtlich, wie wir alle, darauf hofft, daß Ihr Ench wieder von dieſer ſchrecklichen Unruhe erhohlt.“— 74 hoͤflich und beſorgt kundigen, und als ordentlich und ganz unſchuldig.“ 34 „Nicht anders, mein verehrter Wirth;“ er⸗ wiederte der luſtige Kapitain.„Allein es ſcheint doch ein hartes Mißgeſchick, wenn ein Kleeblatt von ſolchem Fleiſch und Blut nirgends ſollte Ge⸗ legenheit finden, die Sehnen und Knochen in Bewegung zu ſetzen, da ſo viele Schiffe Sr. Majeſtaͤt auf dem Ozean hinter den Feinden von Altengland Jagd machen.“. „Auch wahr! ſehr wahr!“ rief der Oberſt. „Was meint Ihr, Leute, wollt ihr mit den Franzmaͤnnern und den Dons*), oder auch mit meinen rebelliſchen Landsleuten fechten? Nein beim Himmel! aus Spaß darf Se. Majeſtaͤt —Q—Q— *) Anſpielung auf den ſpaniſchen Adel. d. Ueb. p — i Helden b⸗e ger nicht des Dienſtes von ſe⸗ raubt werden. Hier iſt ein Fuͤnfguineenſtuck fuͤr tro jeden; ſo wie Ihr an Bo⸗ lUaerity geht, gu — und das kann leicht geſch eenn es liegt Bo dieſer Kutter hier in dieſe wei See⸗ meilen nach Suden hin vor Anker bekommt te Ihr es. Es iſt da eine Bucht, wo man ſo ſicher ten vor dem Sturme⸗ iſt, wie in einem Zimmer hier.“ ſtat Einer von den Leuten that, als ob er nach gat dem Gelde mit gierigem Auge ſchaute, und fragte ſeir dann, als ob er uͤber die Wedingungen der Ka⸗ fel pitulation nachdaͤchte:— wa „ Gilt denn die Alacrity fuͤr ein gutes Schiff, Lud und iſt fuͤr die Mannſchaft gut zu leben darauf?“ auf „Gut zu leben!“ wiederholte Borrougheliffe. Ge „Nun, was das anbetrifft; ſo iſt ſie der erſte ſpre Kutter in der ganzen Flotte. Ihr habt Euch in der Welt umgeſehn: ich wette darauf. Habt„w Ihr denn auch ſo einen Platz geſehn, wie das maͤl Marine⸗Arſenal zu Karthagena, in Altſpanien iſt?“ ehrt „Freilich, Herr!“ erwiederte der Seemann che gelaſſen und beſonnen. fen „Wirklich? Nun ſiehe; haſt Du auch ein⸗ wie mal ein Haus in Paris getroffen, das man die ſage Tuilerien nennt? Das iſt eine Lundehütte gegen den die Alacrity.“ Pal „Nun, ich bin auch einmal in das Haus en be⸗ ick fuͤr geht, 8 liegt i See⸗ kommt ſicher hier.“ r nach fragte er Ka⸗ Schiff, auf?“ heliffe. r erſte uch in Habt hie das iſt?“ emann ch ein⸗ an die gegen Haus gerathen, das Ihr nanntet,“ ſprach der Ma⸗ troſe,„und muß ſagen, der Kutter waͤre ein gutes Plaͤtzchen fuͤr unſer Einen, wenn er Eurer Beſchreibung entſpraͤche.“ „ ‚Der Henker hole die Blaujacken!“ brumm⸗ te Borrougheliffe, indem er ſich, darauf kaum ach⸗ tend, zu Katharinen wendete, die gerade neben ihm ſtand.„Sie laufen mit ihren Theergeſichtern in der ganzen Welt herum, und ſetzen Jedermann mit ſeinen Vergleichungen in Verlegenheit. Wer Teu⸗ fel konnte nun denken, daß der Burſche ſein ſee⸗ waſſerfarbiges Auge je auf den Palaſt Koͤnig Ludwig's gerichtet habe?“ Katharine achtete nicht auf ihn. Sie ſah unrunhig und verwirrt auf die Gefangenen, als Oberſt Howard wieder das Ge⸗ ſpraͤch anknuͤpfte. „Still, ſtill, Borrougheliffe!“ ſagte der 4 „wir muͤſſen den Leuten keine ſolche Rekruten⸗ 8 maͤhrchen vormachen, ſondern in gutem, reinen, ehrlichen Engliſch reden. Gott ſegne die Spra⸗ che und das Land, fuͤr welches ſie zuerſt geſchaf⸗ fen ward! Wir brauchen den Leuten, wenn ſie, wie es ſcheint, wirkliche Matroſen ſind, nicht zu ſagen, daß ein Kutter von zehn Kanonen nicht den Raum und die Bequemlichkeit von einem Palaſt haben kann.“. „Nun und auf engliſche Bauart und engli⸗ P 2 * 3 —————————— 11 ſche Koſt gebt Ihr nichts, Herr 3 der unbengſame Kapitain for.„K denn, mein Beſter, ich meſſe R. quemlichkeit mit Winkelmaaß und wie wenn ich den Plan zu Salon machte? Ich will damit nur ſag ſſ ein Schiff von ſonderbarer B⸗ har der anund und einen n Racht, wird ſie groͤ⸗ ßer und kleiner, je nachdem es noͤthig iſt. Nun jetzt, hol; mich der Henker! hab' ich mehr des⸗ halb geſagt, als ihr Kommendant thun wuͤrde, wenn er mir zu einem Rekruten verhelfen ſollte; und waͤre im ganzen Reiche kein Menſch, der von freien Stuͤcken probierte, wie der rothe Rock zu breiten Schultern paßt.“ Die Zeit iſt noch nicht da, und Gott ver⸗ huͤte, daß ſie je komme, ſo lange der Monarch Soldaten braucht, ſeine Rechte zu ſchuͤtzen!“ rief der Oberſt.„Aber was meint Ihr denn, Ihr guten Leutchen? Ihr habt nun gehoͤrt, was der Kapitain vom Kutter Gutes geſagt hat. Es iſt Alles vollkommen wahr, ein wenig Uebertreibung in der Sprache abgerechnet. Wollt ihr Dienſte darauf uehmen? Soll ich ein Glas Brannte⸗ wein fuͤr Jeden holen laſſen, und das Geld hin⸗ 8 legen, bis ich vom Kutter benachrichtigt werde, Ihr ſeyd unter der Fahne des beſten Koͤnigs an⸗ geſtellt?“ Katharine Plowden ſchien kaum zu athmen, ſo geſpannt und theilnehmend ſah ſie auf die Matroſen. Sie glaubte, ein heimliches Laͤcheln auf ihren Geſichtern zu bemerken. Allein, wenn auch ihre Vermuthung richtig war; ſo hielt wenigſtens die froͤhliche Stimmung der Leute nicht lange an. Der, welcher bisher das Wort gefuͤhrt hatte, erwiederte in derſelben ruhigen Weiſe: „Ihr werdet es nicht uͤbel denten, wenn wir den Dienſt auf dem Kutter abſchlagen. Wir ſind an weite Reiſen und große Schiffe gewoͤhnt. Die Alacrity aber dient blos an der Kuͤſte, und iſt nicht von der Groͤße, daß ſie ſich mit einem nen oder Franzmann, der zwei Reihen Zaͤhne „Bord an Bord legen kann.“ „Nun, wenn Ihr den Dienſt vorzieht, ſo geht nach Yarmouth. Hier werdet Ihr Schiffe finden, die mit Allem, was ſchwimmt, an⸗ binden!“ „Je nun, vielleicht wollen die Herren die Sorgen und Gofahren des Ozeans mit einem luſtigen und nichtsthnenden Leben vertauſchen?“ fiel der Kapitain ein.„Eine Hand, die lange —— mit den Kloben umgegangen iſt, kann den Hahn ſo anmuthig abdruͤcken, wie ein Maͤdchen die Taſte bei ihrem Klavierſpielen. Das Leben des Sol⸗ daten und Seemanns hat viel Aehnliches mit einander, aber auch viel Unaͤhnliches. Beim Soldaten— da giebt es keine Stuͤrme, keine hal⸗ be Portionen; kein Segel wird eingezogen; es geht kein Schiff unter. Aber immer iſt gerade ſo viel und noch mehr, guter Grog da; man ſingt, man ſchlaͤgt die Sorgen todt, indem man bei der vollen Flaſche und dem offenen Schnapp⸗ ſack ſitzt. Ich habe auch manchmal den Ozean durchkreuzt, und muß ſagen, gut Schiff und gut Wetter iſt allenfalls mit einem guten Quartier oder Lager zu vergleichen.“ „Wir zweifeln gar nicht, daß Alles wahr ſey, was Ihr ſagt!“ bemerkte der Sprecher wie⸗ der:„aber was Euch beſchwerlich duͤnkt, macht uns Freude. Wir haben zu vielen Stuͤrmen getrotzt, um eine Muͤtze voll Wind zu fuͤrchten, und wuͤrden denken, windſtill unter dem Aequator zu liegen, waͤren wir in einer von Euren Barachan, wo es nichts als Kommißbrod zu eſſen giebt, und auf einem Stuͤckchen Raſen hin und her gegangen wird. Wir wiſſen kaum die Muͤndung der Flinte von der Kolbe zu unterſcheiden.“ „Nichts damit!“ rief Borrougheliffe nach⸗ ſin kon M der den me gefe une de was pita iſt, da. Lage verſe die Aug uͤber bekot und Kapi dieſer ſinnend, und ging raſch auf ſie zu, indem er kommandirte:„Achtung!— Rechts um!“. Der Sprecher und der ihm zunaͤchſt ſtehende Matroſe ſahen ihn ſchweigend und ſich verwun⸗ dernd an. Aber der dritte, welcher etwas in den Winkel getreten war, als wuͤnſche er unbe⸗ merkt zu bleiben, und der vielleicht auch ſeine gefaͤhrliche Lage uͤberdachte, richtete ſich bei dem unerwarteten Zuruf ſo geſchwind rechts, als ſtuͤn⸗ de er auf dem Paradeplatze. „Ei, Ihr ſeyd gute Rekruten, und koͤnnt was lernen! Das ſehe ich ſchon!“ fuhr der Ka⸗ pitain fort.„Hoͤrt, Oberſt, ich denke, das Beſte iſt, wir behalten die Leute bis Morgen fruͤh da. Aber ich moͤchte ihnen doch gern eine beſſere Lagerſtaͤtte anweiſen, als die Wachtſtube hat.“ „Handelt nach Euerm Belieben, Kapitain!“ verſetzte Howard.„Ich weiß, Ihr habt blos die Pflicht gegen unſern koͤniglichen Herrn vor Augen. An Eſſen ſoll es ihnen nicht fehlen, und uͤber den Domeſtikenzimmern koͤnnen ſie Quartier bekommen.“ „Drei Stuben, Oberſt, muͤſſen wir haben, und ſollt' ich meine eigne hergeben,“ raunte der Kapitain dem Wirthe in's Ohr. „Es ſind mehrere leere Gemaͤcher da,“ gab dieſer zur Antwort,„wo ein Lager zurecht ge⸗ 7 — 232— 4 — macht werden kann. Eine Schildwache kann da⸗ vor kommen, wenn Ihr es noͤthig haltet, ob ich ſie ſchon fuͤr gute, ehrliche Matroſen halte, die ſich eine Ehre daraus machen moͤgen, ihren Koͤ⸗ nig zu dienen, und mit dem groͤßten Vergnuͤgen jeden Don oder Monſieur begruͤßen wuͤrden.“ „Morgen wollen wir mehr daruͤber ſpre⸗ chen;“ ſagte der Kapitain treibend.„Ich ſehe, Miß Plowden wird boͤſe, weil wir ihre Geduld ſo lange mißbrauchen, und kalter Thee iſt, wie die Liebe mit grauem Haar, eben nichts Ange⸗ nehmes. Kommt ihr Leute. En avant! Ihr habt die Tuilerien geſehen, und muͤßt alſo ein Bischen Franzoͤſiſch gelernt haben. Herr Chri⸗ ſtoph Dillon, wißt ihr, wo ihre drei Zimmer liegen, und wie ſie beſchaffen ſind, wie Ihr in Euern Akten ſagt?““ „O ja, mein Kapitain!“ erwiederte das gefaͤllige Rechtsmaͤnnchen.„Ich werde Euch recht gern dahin bringen. Euer Benehmen iſt ganz dem eines klugen und thaͤtigen Offiziers ent⸗ ſprechend, denn ich zweifle ſehr, ob Durham Caſtle, oder jedes andere Schloß, lange fuͤr ſie feſt genug ſeyn wird.“ Die Leute waren, waͤhrend er ſo ſprach, bereits hinaus, und auf ſie hatten dieſe Bemer⸗ kungen keinen Eindruck gemacht. Aber Katha⸗. da⸗ ich die Koͤ⸗ gen 1 pre⸗ ehe, duld wie nge⸗ Ihr ein Thri⸗ mmer r in das Euch iſt 3 ent⸗ rham aͤr ſie prach, eemer⸗ datha⸗ rine Plowden war einige Augenblicke allein. Sie dachte uͤber das, was ſie geſehn und gehoͤrt hatte, mit einem, ihrem froͤhlichen, lebendigen Geiſte ſonſt fremden Ernſte nach. Jetzt hoͤrte ſie den Fußtritt der Fortkehrenden ſchwaͤcher werden. Ihr Vormund kam allein zuruͤck, und ermahnte das Maͤdchen an ihre Schuldigkeit. Waͤhrend ſie den Theetiſch ordnete, warf ſie manch uglelägen Blick auf den Ober⸗ ſten. ſchien ernſt und nachdenkend, ohne daß aber auf ſeiner offenen Stirn Strenge oder Verdacht zu leſen war. „Das heißt, ſich recht viel unnuͤtze Muͤhe mit den wandernden Secleuten machen!“ ſagte endlich Katharine.„Es ſcheint ordentlich dem Herrn Chriſtoph Dillon eigenthuͤmlich zu ſeyn, Alles, was in ſeine Naͤhe kommt, zu quaͤlen.“ „Was hat denn Dillon mit der Verhaftung der Leute zu ſchaffen?“ „Was? Nun, hat er nicht damit angefan⸗ gen, bei ihrer Verhaftung Gevatter zu ſtehn? Bei meiner weiblichen Gelaſſenheit! Ich denke, Oberſt, dieſer Vorfall wird der Abtei St. Ruth noch neuen Ruhm erwerben. Sie heißt bereits Haus, Abtei, Palaſt, hier und da gar Schloß! Laßt Dillon nur ſein Weſen vier Wochen lang —jjjj44— 23 4— treiben; ſo wird noch der Name„Gefaͤngniß“ dazu kommen.“ „Dillon iſt nicht ſo gluͤcklich, Miß Plowden's Gunſt zu beſitzen. Aber doch iſt er ein braver junger Mann, ein guter junger Mann, und ein verſtaͤndiger junger Mann. Ja, und was noch mehr, als das Alles ſagen will, Chriſtoph Dil⸗ lon iſt auch ein getreuer und loyaler Unter⸗ than unſers Koͤnigs. Sei tter war mir Geſchwiſterkind, und wer weiß, wiz bald ich ihn meinen Neffen nennen kann. D illon's ſind von guter inlaͤndiſcher Abkunft, und h denke, ſelbſt Katharine Plowden giebt zu, daß die Ho⸗ ward's auch auf einen Namen Anſpruch machen koͤnnen.“ „Ach, das iſt es ja eben, worau ſpiele!“ verſetzte Katharine ſchnell.„Bot einer Stunde erſt waret Ihr boͤſe, lieber Vormund, daß ich Euch zu verſtehen gab, man koͤnne wohl den Kerkermeiſter hinter dem Namen Ho⸗ ward ſetzen, und jetzt laßt Ihr Euch das Amt deſſelben in Gottes Namen aufbuͤrden.“ „Ihr vergeßt, Miß, daß der Wille eines Offiziers Sr. Majeſtaͤt uͤber die Verhaftung dieſer Leute entſchied.“ „Aber ich denke, die glorreiche brittiſche Kon⸗ ſtitution, die Ihr mir ſo oft vorhaltet, giebt Je⸗ ich an⸗ de be blie der har fod Wo In wie geſch ſtan weit pfeh reich Ort, Die der iſt de delt Oft! Freil Dies Griec Da r dem, der dieſe geſegnete Kuͤſte beruͤhrt, die Frei⸗ heit? Ihr wißt ja, wie wenig von zwanzig Schwarzen, die Ihr mitbrachtet, Euch uͤbrig blieben. Die Andern flogen auf den Fluͤgeln der brittiſchen Freiheit dahin!“ Das hieß im Herzen des Oberſten eine ver⸗ harſchte Wunde aufreißen, und das ihn heraus⸗ fodernde Maͤdchen kannte die Wirkung, die ihre Worte wahrſcheinlich haben wuͤrden, recht gut. In heftigenn Zorn gerieth der Vormund nicht, wie wohlibei unbedeutenden Gelegenheiten zu geſchehen pflegte; aber mit aller Wuͤrde im Blicke ſtand er auf, und unterdruͤckte ſeine Gefuͤhle, ſo⸗ weit der Anſtand es noͤthig machte, ſich zu em⸗ pfehlen. „Die Brittiſche Conſtitution iſt wohl glor⸗ reich!“ ſagte er.„Dieſe Inſel iſt der einzige Ort, wo die Freiheit eine Staͤtte finden kann. Die Tyrannei und Unterdruͤckung des Congreſſes, der die Kolonieen in Armuth und Elend ſtuͤrzt, iſt dieſes Namens nicht werth. Rebellion beſu⸗ delt Alles, womit ſie in Beruͤhrung kommt. Oft beginnt ſie unter dem geheiligten Namen der Freiheit; aber immer endet ſie mit Despotismus. Dies zeigt die Weltgeſchichte von den Zeiten der Griechen und Roͤmer bis auf den heutigen Tag. Da war ein gewiſſer Julius Caͤſar— auch ſo — 236— ein Volksmann— der wurde endlich Tyrann. Oliver Cromwell, erſt ein Rebell, ein Demogoge, endlich ein— Tyrann. Dieſe Stufen ſind ſo unvermeidlich, wie die der Kindheit und Jugend, der Jugend und des Alters. Was die kleine Angelegenheit betrifft, die Ihr da von meinen Privatverhaͤltniſſen vorbringt:— hm, da kann ich nur bemerken, daß Staatsangelegenheiten nicht nach haͤuslichen Vorfaͤllen zu beurtheilen ſind, ſo wenig die letztern mit der Politik zuſammen⸗ fallen.“*½ Der Oberſt nahm den Gegenſatz, wie man⸗ cher Logiker, fuͤr einen Beweis ſelbſt, und ſchwieg einen Augenblick, ſeine eigne Beredſamkeit zu bewundern. Allein der Gedankenſtrom, der ſich bei ihm uͤber den Gegenſtand gebildet hatte, riß ihn in ſeinem Laufe fort. „Ja,“ ſagte er wieder,„ja, hier allein wird die wahre Freiheit gefunden. Und mit die⸗ ſer feierlichen Verſicherung, die nicht in den Wind hinein gegeben wird, ſondern die Frucht von ſechzigjaͤhriger Erfahrung iſt; empfehle ich mich, Miß Plowden. Laßt Euch das zur ſorgfaͤltigen Ueberlegung geſagt ſeyn: denn ich weiß recht gut, daß Eure politiſchen Irrthuͤmer Euch in Eurer Schwachheit beſtaͤrken. Bedenkt es, Eurer ſelbſt wegen, wenn Ihr in der Welt nicht blos gluͤck⸗ lich wo wo liſch tref beze ehe End blick mer decla Thuͤ den. ſchwe miſch als ſ einen mit aber aber heimn werden Griffi glaͤnzte verſteh rann. goge, id ſo gend, leine einen kann nicht 1 ſo nen⸗ nan⸗ wieg von nich, igen gut, nrer elbſt uͤck⸗ lich, ſondern auch geachtet und in Anſehn ſeyn wollt. Was die ſchwarzen Hunde anbelangt, wovon Ihr ſprecht; ſo gehoͤren ſie zu einer rebel⸗ liſchen, meuteriſchen, undankbaren Ragçe— und treffe ich je auf einen der verdammten— Der Oberſt hatte ſeinen Unwillen ſo weit bezaͤhmt, daß er bereits zur Thuͤr hinaus war, ehe er mit der Lobrede auf die Schwarzen zu Ende kam. Katharine ſtand noch einen Augen⸗ blick, und hielt den Finger auf den Mund, im⸗ mer noch lauſchend, was er auf dem Korridor declamirte, bis endlich die Toͤne, als eine ferne Thuͤre verſchloſſen war, nicht mehr gehoͤrt wur⸗ den. Das wilde Maͤdchen ſchuͤttelte jetzt die ſchwarzen Locken, und ein ſelbſtzufriedenes Laͤcheln miſchte ſich mit dem Ausdrucke des Bedauerns, als ſie mit geſchaͤftiger Hand das Theezeug in einen unordentlichen Haufen zuſammenſchob, und mit ſich ſelbſt ſprach:. „Das Experiment war vielleicht grauſam; aber es hat gewirkt. Wir ſind zwar Gefangene; aber doch fuͤr die uͤbrige Nacht frei. Die ge⸗ heimnißvollen Seeleute muͤſſen naͤher erforſcht werden. Wenn nicht der ſtolze Blick Eduard Griffith's unter der ſchwarzen Peruͤcke des Einen glaͤnzte, will ich mich auf kein Geſicht mehr verſtehn. Und wo muß denn der Herr Barnſtable ſein niedliches Geſichtchen verſteckt haben? Denn b unter den Andern war er nicht!— Doch jetzt h Lecjtien 144 r zu Cecilien!“ 4 Und damit ſchluͤpfte die fluͤchtige Geſtalt, 9, immer noch ſprechend, aus dem Zimmer. Sie 4„ 9 eilte durch die ſpaͤrlich erleuchteten Gaͤnge dahin, 2 und verſchwand in einer der Gallericen, die zu den verborgenſten Zimmern der Abtei fuͤhrte. A Ende des erſten Theils. 8 1 Cr 1 8 —— Don —— ten. 2 Theile mit Kupf. 8. Folgende intereſſante Romane ſind bei A. Wien⸗ handlungen zu beziehen. Wer fuͤr 25 und meh⸗ rere Thaler directe von der Verlagshandlung ge⸗ gen gleich baare Zahlung kauft, erhaͤlt einen an⸗ ſehnlichen Rabatt. Adolphino, der ſeltene Freiknecht. Ein Roman fuͤr die elegante Welt, von C. Fiſcher. 2 Aufl. 3 Thelle mit Holzſchnitten von Gubitz. 8. 3 Thlr. Althing, Ch.„Hannchens Hin⸗ und Herzuͤge, nebſt der Geſchichte dreier Hochzeitsnaͤchte. 3 Baͤnde mit Kupfern. 12. 3 Thlr. —— Doſenſtuͤcke. 2 Th. mit Kupf. 12. 2 Thlr. —— dramatiſche Taͤndeleien. 12. 12 Gr. —— das Gloͤckchen. 12. 12 Gr. Cooper, die Anſiedler, oder die Quellen des Susque⸗ hanna. Nach dem Engliſchen frei bearbeitet von *r. 3 Theile. S. 3 Thlr. Cramer, C. G.„Freuden und Leiden des edeln Ba⸗ won von Juſt Friedrich auf der Semmelburg. 2 Theile. 8 2 Thlr. oder Einer der Zwoͤlfe. 8. 20 Gr. Eduard der Schoͤne, oder die Freuden der Liebe. Mit einem Kupfer. 8. 12 Gr. Eliſa, oder das Weib, wie es ſeyn ſollte. 2 Theilé. 6 Aufl. Mit 6 Kupf. 8 Don Quixotte, der deutſche, . S. 1 Thlr. 18 Gr. Flam ma, H. C. G., Wittekind der Große und ſeine „Sachſen. Mit 3 Kupf. 8. 2 Thlr. Gerle, W. A., Schattenriſſe und Mondnachtbilder. Novellen, Maͤhrchen, Sagen und Legenden. 3 Theile. 8. 2 Thlr. 20 Gr. Gleich, Fr., Finglaſh und Maria Stormont, oder die Fluͤchtlinge. Eine Geſchichte aus den Zeiten des Praͤtendenten und der ſchottiſchen Unruhen. 8. 4 1 Thlr. 8 Gr. pſycholog. morak. Gemaͤlde der uthuſiasmus und der Leidenſchaf⸗ 2 Thlr. 12 Gr. 4 * Guſtavs III. Tod. Ein Verirrungen des E 8 rack in Leipzig verlegt und durch alle Buch⸗ ——— — —— Iſidor's ſchwaͤrmeriſche Naͤchte, oder romantiſche Dar⸗ ſrellungen aus dem Gebiete der Phantaſte und der Traͤume. Inhalt: Alboina— Das Geluͤbde im To⸗ de.— Die Prophezeihung. 8. 1 Thlr. 12 Gr. Klippen und Sandbaͤnke auf der Lebensreiſe Adolphs und ſeines Steuermanns Paul. 2 Theile mit einem Kupf. 8. 2 Thlr. 8 Gr. Kraft, der Oberfoͤrſter und ſeine Kinder. Darſtellung der Haͤuslichkeit und Liebe. Von der Verf. von Ju⸗ liens Briefe. 8, 1 Thlr. Kuͤhnemund von Thornecck. 2 Theile mit Kupfern. 12. 1 Thlr. 16 Gr. Lebensbilder. Von der Verf. der geſammelten Briefe von Julie. Enthaltend: Die literariſche Hausfrau— Helmina— Der Vaͤter Sitte— Die Wahl— Der Weiberfeind— Das Teſtament. N. A. 8. 1 Thlr. Ludwig, S., Henriette, oder das Weib, wie es ſeyn kann. N. A. 8. 1 Thlr. 8 Gr. Ludwig, S., Erzaͤhlungen von guten und fuͤr gute Seelen. 2 Bd. mit Kupf. 2 Thlr. 20 Gr. —— Lohn der Tugend. 2 Theile mit Holzſchnit⸗ ten 8. 2 Thlr. Louiſe, oder die Bauerhuͤtte in Marſchlande. N. 45 9. 1 Thlr. Naubert, Benedicke, Eudocia, Gemahlin Theodoſius des Zweiten. Eine Geſchichte des fuͤnften Jahrhun⸗ dert. N. A. 2 Theile mit Kupf. 8. 2 Thlr. — Fontanges, oder das Schickſal der Mutter and der Tochter. Eine Geſchichte aus den Zeiten Ludwigs XIV. Mit einem Kupf. 8. N. A. 1 Thlr. Roche, S. von La, ſchoͤnes Bild der Reſignation. 2 Theile mit Kupf. 8. 3 Thlr. Bulpius, C. H., Lionardo Montebello, oder der Carbonari Bund. 2 Theile mit Kupf. 8. 2 Thlr. 16 Gr. Rinaldo Rinaldini der Raͤuberhauptmann. Eine romantiſche Geſchichte des achtzehnten Jahrhun⸗ derts. 4 Theile. Fuͤnfte verb. und ganz umgearbeitete Kusgabe, mit deutſchen Lettern, fein Papier. 8. Mit 18 Kupf. 8 6 Thlr. 2 nit⸗ 4 1 hlr. . S. 3 4 hlr. 1 5 1 ſſius 3 hun⸗ 1 I ehlr. itter eiten hlr. 1. 2 ehlr. der Gr. ann. hun⸗ eitete Mit Ehlr. 3 —