2 7 & Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 1 von 1. Eduard Okkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und JCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek.„Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonem müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————-—— auf 1 Monat: 1 Mk.— 2 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 1 „ 5„ 4—— „„„= für Hin⸗ und Zurückſendung hre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. z. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der e, ver⸗ Ladenpreis erſ werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutz größeren Werkes, ſo iſt „ 2„ 3 5. Auswärtige Ahonnenten haben f der Bücher auf 6. Schadene lorene oder defecte Buch ein Theil ein der Leſer zum Erſatz d Ganzen verpfl. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 8— „. Der Lehte der Mohicans. Eine Erzaͤhlung aus dem Jahre 1757. Von Cooper, Verfaſſer des Spions, der Piloten u. a. W. — „„Verachte nicht, der dunklen Farbe wegen, Mich tief Gebräunten von der Sonne Strahl.“ Zweiter Theil. Braunſchweig, Friedrich Vieweg. Elftes Kapitel. „Verfluchet ſei mein Stamm, Wenn ich ihm je vergebe.“ Shylock. Der Indianer hatte zu dieſer erſehnten Ruhe ei⸗ nen jener ſteilen pyramidenfoͤrmigen Huͤgel ge⸗ waͤhlt, die eine große Aehnlichkeit mit kuͤnſtlichen Erdaufwuͤrfen haben, und ſo haͤufig in den Thaͤ⸗ lern der Amerikaniſchen Provinzen angetroffen werden. Der eben bemerkte war hoch und von allen Seiten von jaͤhen Abhaͤngen eingeſchloſſen, ſein Gipfel aber wie gewoͤhnlich eben und flach, doch eine Seite deſſelben von ſehr unregelmaͤßiger Beſchaffenheit. Als Ruheplatz bot er jedoch keine andere beſondere Vorzuͤge dar, als ſeine Hoͤhe und Form, welche eine Vertheidigung leicht, und ei⸗ nen Ueberfall beinah unmoͤglich machten. Da Heyward jetzt die Hoffnung auf eine Befreiung, welche Zeit und Entfernung nunmehr ſo unwahr⸗ ſcheinlich machten, aufgegeben hatte, ſo betrachtete 4 er dieſe eigenthuͤmliche Lage des Platzes mit gleich⸗ guͤltigen Augen, und bemuͤhte ſich nur allein ſei⸗ nen ſchwachen Gefaͤhrtinnen alle moͤgliche Gemaͤch⸗ lichkeit zu verſchaffen und Troſt einzuſprechen Den Narraganſets wurde Freiheit gegeben, die Zweige der auf der Oberflaͤche des Huͤgels zerſtreut ſtehenden Baͤume und Geſtraͤuche abzunagen, in⸗ deſſen der Reſt ihrer Vorraͤthe in dem Schatten einer Buche, die ihre horizontalen Aeſte wie einen Baidachin uͤber ſie hinſtreckte, ausgebreitet wurde. Einer der Indianer hatte ungeachtet der Schnelligkeit dieſer Flucht die Gelegenheit benutzt, ein voruͤberlaufendes Rehkalb mit einem Pfeile zu erlegen, und die beſten Stuͤcke des Wildes gedul⸗ dig auf ſeinen Schultern bis zu dieſem Ruhe⸗ platze getragen. Ohne nun von der Kochkunſt im geringſten Gebrauch zu machen, fiel er mit ſeinen Gefaͤhrten ſogleich daruͤber her, um ſich mit die⸗ ſer leicht verdaulichen Nahrung zu ſaͤttigen, waͤh⸗ rend Maqua ganz allein, ohne Theil an dieſem widerlichen Mahle zu nehmen, dem Anſchein nach in wichtigen Gedanken vertieft ſaß. 3 Dieſe bei einem Indianer ſo auffallende Ent⸗ haltſamkeit zog endlich Heyward's Aufmerkſamkeit auf ſich. Der junge Mann war gern zu glauben geneigt, daß der Hurone eben bei ſich uͤberlege, wie er auf die beſte Art die Wachſamkeit ſeiner Gefaͤhrten taͤuſchen und ſich dadurch in den Be⸗ ſitz der verſprochenen Belohnungen ſetzen koͤnne. In der Abſicht ihm in der Entwerfung ſeiner Plaͤne vielleicht mit einem guten Rathe ſelbſt an die Hand gehen zu koͤnnen, und den Reiz dazu wo moͤglich noch durch neue Verſprechungen zu erhoͤhen, ver⸗ ließ er die Buche und naͤherte ſich, dem Anſcheine nach abſichtslos, der Stelle wo Le Renard ſaß. „Hat Maqua ſich nun nicht die Sonne lange genug ins Geſicht ſcheinen laſſen, um wegen aller Gefahr von Seiten der Canadier unbeſorgt ſein zu koͤnnen?“ fragte er, als ob er an dem vollkom⸗ menen Einverſtaͤndniſſe zwiſchen ihnen keinen Zwei⸗ fel mehr hege;„und wird es dem Commandan⸗ ten von Fort William Henry nicht lieber ſein, ſeine Toͤchter wieder zu ſehen, ehe eine zweite Nacht vergeht, welche ſein Herz vielleicht gegen ihren Verluſt unempfindlicher und in ſeinen Be⸗ lohnungen weniger freigebig macht?“ „Lieben die weißen Geſichter ihre Kinder am Morgen weniger als am Abend?“ fragte der In⸗ dianer kalt.— „Keinesweges!“ erwiederte Heyward ſchnell, um ſein Verſehn, wenn er etwa eins begangen haͤtte, wieder gut zu machen;„der weiße Mann kann wohl zuweilen den Ort, wo ſeine Vaͤter be⸗ graben liegen, vergeſſen,— und vergiſſt ihn wirk⸗ 6 lich oft; er hoͤrt ſogar zuweilen auf, ſich derer zu erinnern, die er lieben ſollte und die er zu ehren verſprochen hat; aber die Liebe eines Vaters zu ſeinem Kinde erliſcht nie.“ „Und hat denn der graukoͤpfige Haͤuptling ein weiches Herz, und wird er an die Kinder denken, die ihm ſeine Weiber geboren haben? Er iſt hart gegen ſeine Krieger und ſeine Augen ſind von Stein.“—. „Er iſt ſtreng gegen die Nachlaͤſſigen und Boͤſen, den Verſtaͤndigen und Verdienſtvollen aber iſt er ein gerechter und menſchlicher Fuͤhrer. Ich kenne viele zaͤrtliche Eltern, aber nie habe ich ei⸗ nen Mann geſehn, der gegen ſeine Kinder ein weicheres Herz hatte. Du haſt den Graukopf nur vor ſeinen Kriegern geſehen, Magua; ich aber habe ſeine Augen in Thraͤnen ſchwimmen ſehn, wenn er von den Kindern, die jetzt in deiner Ge⸗ walt ſind, redete.“ Heyward hielt inne, denn er wuſſte nicht, wie er den auffallenden Ausdruck, der das dunkle Geſicht des aufmerkſamen Indianers belebte, aus⸗ legen ſollte. Anfangs ſchien es, daß die Erin⸗ nerung an die verheißenen Belohnungen, deren Erlangung ihm die Erwaͤhnung der vaͤterlichen Gefuͤhle noch gewiſſer machte, lebhaft in ſeinem Geiſte erwache; als aber Duncan fortfuhr zu re⸗ 7 den, verwandelte ſich die Freude in ſeinen Zuͤgen in einen ſo boshaften Ingrimm, daß es unmoͤg⸗ lich war, die Urſache davon nicht in einer noch ſchlimmern Leidenſchaft, als dem Geiz zu ſuchen. „Geh',“ ſagte der Hurone, der in einem Augenblicke wieder dieſe beunruhigende Miene un⸗ terdruͤckte, mit einer todtenaͤhnlichen Gemuͤths⸗ ruhe,„Geh', und ſage der ſchwarzharigen Toch⸗ ter, daß ſie Magua erwarte, um mit ihr zu re⸗ den. Der Vater wird ſich dann erinnern, was die Tochter verſpricht!“ Duncan, welcher glaubte daß dieſe Unterre⸗ dung nur den Zweck haben wuͤrde, von ihr noch einige neue Zuſicherungen zu erhalten, daß ihm die verſprochene Belohnung nicht vorenthalten wer⸗ den ſollte, ging langſam und zoͤgernd nach der Stelle, wo ſich die Schweſtern nach den uͤberſtan⸗ denen Beſchwerden ausruthen, um ſeinen Auftrag an Cora auszurichten. „Sie kennen die Beſchaffenheit der Wuͤnſche eines Indianers“— ſchloß er ſeine Rede, indem er ſie nach dem Orte, wo ſie erwartet wurde, fuͤhrte, „und muͤſſen beſonders Verſprechungen von Pul⸗ ver und Decken nicht ſparen; Branntwein hat bei Menſchen, wie er einer iſt, den hoͤchſten Werth; auch wuͤrde es vielleicht nicht uͤbel ſein, wenn Sie mit der Ihnen ſo eigenthuͤmlichen Anmuth, noch — — 8 ein Geſchenk von ihrer Hand hinzufuͤgen wollten. Bedenken Sie, Cora, daß von Ihrer Klugheit und Geiſtesgegenwart jetzt vielleicht ſogar Ihr Leben ſo⸗ wohl, als das Alicens abhaͤngt.“ „Und das Ihrige Heyward!“ „Das meinige iſt von geringem Werthe; es iſt bereits meinem Koͤnig verkauft und kann mir von jedem Feinde, der die Macht dazu hat, genom⸗ men werden. Ich habe keinen Vater der mich er⸗ wartet, und nur einige wenige Freunde, um ein Schickſal, das ich mit allen den unerſaͤttlichen Wuͤnſchen der Jugend nach Auszeichnung ſelbſt geſucht habe, zu beweinen. Doch ſtill! wir nahen dem Indianer. „Magua! die Dame iſt hier, mit welcher Ihr zu ſprechen wuͤnſcht.“— Langſam erhob ſich der Indianer von ſeinem Sitze und ſtand beinah eine Minute ſtumm und unbeweglich. Hierauf winkte er Heyward mit der Hand, ſich zuruͤckzuziehn, und ſagte kalt: „Wenn der Hurone zu den Weibern ſpricht, ſo muß ſein Stamm die Ohren verſchließen.“— Da Duncan noch immer zoͤgerte, als ob er dieſem 8 nicht folgen wolle, ſagte Cora ruhig laͤchelnd:. „Sie hoͤren es, Heyward; Ihr eigenes Zart⸗ gefuͤhl ſollte ſie ſchon vermoͤgen ſich zu entfernen. A * 1 7 * = — We Der Haͤuptling, der als Hurone gebo Gehen Sie zu Alice, und troͤſten Sie ſie mit un⸗ ſern von neuem erwachenden Hoffnungen.“ Sie wartete bis er fort war, und ſich dann mit der ganzen Wuͤrde ihres Geſchlechts in ihrer Stimme und Anſtand zu dem Eingebornen wen⸗ dend, ſetzte ſie hinzu: was hat Le Renard der Tochter Munro's zu ſagen?“. „Hoͤre,“ ſagte der Indianer, ſeine Hand feſt auf ihren Arm legend, als ob er ihre ganze Aufmerkſamkeit auf ſeine Rede ziehen wollte;— eine Bewegung, die Cora feſt aber ruhig, in⸗ dem ſie ihren Arm dem Griffe entwandte, zuruͤck⸗ wies;„Maqua war als Haͤupling und Krieger unter den rothen Huronen der Seen geboren; er ſah zwanzig Sommerſonnen den Schnee von zwanzig Wintern ſchmelzen und in die See flie⸗ ßend machen, ehe er ein weißes Geſicht erblickte, und er war gluͤcklich!— Drauf kamen ſeine ca⸗ nadiſchen Vaͤter in die Waͤlder und lehrten ihn das Feuerwaſſer trinken; da wurde er ein Boͤſe⸗ wicht. Die Huronen vertrieben ihn, wie einen gejagten Buͤffel, von den Graͤbern ſeiner Vaͤter. Er rannte den Ufern der Seen entlang wind folgte ihrem Ausfluſſe bis er zur Kanonen⸗ Staͤdt kam. Hier jagte und fiſchte er, bis ihn das Volk aufs Neue durch die Waͤlder in die Arme ſeiner Feinde 10 wurde, ward endlich ein Krieger unter den Mo⸗ hawks.” „Etwas dem Aehnliches hoͤrte ich ſchon fruͤ⸗ her;“ ſagte Cora, als ſie bemerkte daß er einhielt, um die heftige Leidenſchaft, die ſchon bei der Er⸗ innerung an ſein vermeintlich erlittenes Unrecht in hellen Flammen in ſeiner Bruſt aufzulodern anfing, zu unterdruͤcken. „War es Le Renard's Schuld, daß ſein Kopf nicht von Stein war? Wer gab ihm das Feuer⸗ waſſer? Wer machte ihn zum Boͤſewichte? Es waren die blaſſen Geſichter, die Leute von Eurer Farbe.“— „Und kann ich dafuͤr,“ fragte Cora ruhig den aufgebrachten Wilden,„daß es gewiſſenloſe und laſterhafte Menſchen gibt, deren Geſichtsfarbe der meinigen gleicht?“— „Nein, Maqua it ein Mann und kein Thor. Ein ſolches Weſen, wie Du biſt, oͤffnet nimmer ſeine Lippen dem brennenden Strome; der große Geiſt hat Dir Weisheit verliehen.“ „Was kann ich aber zu Deinen Ungluͤcks⸗ fäͤlen, wenn ich nicht Irrthuͤmern ſagen will, thun oder ſprechen? „So hoͤre, wiederholte der Indianer, ſeine ernſte Stellung wieder annehmend;„als ſeine engliſchen und franzoͤſiſchen Vaͤter das Beil aus. 11 4 gruben*), ſtellte ſich Le Renard in die Reihen der Krieger der Mohawks, und zog gegen ſeine eigene Nation. Die Rothhaͤutigen wurden von den blaſſen Geſichtern aus ihren Jagdrevieren vertrie⸗ ben, und wenn ſie jetzt fechten, ſo fuͤhrt ſie ein Weißer. Der alte Haͤuptling am Horikan, Dein Vater, war der große Kapitain unſers Kriegshau⸗ fens. Er ſagte zu den Mohawks, thut dies oder thut das, und es wurde ihm gehorcht. Er gab ein Geſetz, daß wenn ein Indianer von dem Feuer⸗ waſſer traͤnke und in die leinenen Huͤtten ſeiner Krieger kaͤme, es nicht ungeruͤgt hingehen ſolle. Maqua war ſo thoͤricht ſeinen Mund zu offnen, und der heiße Trank fuͤhrte ihn in Munros Huͤtte. Was that der Graukopf?— ſeine Tochter mag ſelbſt ſprechen!“ „Er vergaß ſeines Wortes nicht, und uͤbte Gerechtigkeit, indem er den Uebertreter beſtrafte,“ ſagte das unverzagte Maͤdchen. „Gerechtigkeit,“ wiederholte der Indianer, indem er einen wuͤthenden Seitenblick auf ihr un⸗ erſchrockenes Geſicht warf;„iſt es Gerechtigkeit erſt das Boͤſe zu ſchaffen, und dann dafuͤr zu ſtrafen? Magua war nicht er ſelbſt, es war das Feuerwaſ⸗ *) Die Kriegserklärung der Wilden, wovon ſchon fruher mit Bezugnahme geſprochen worden iſt. ſer, das fuͤr ihn ſprach und handelte, aber Munro glaubte es nicht. Der Huronen Haͤuptling wurde im Angeſicht aller der weißhaͤutigen Krieger ange⸗ bunden, und wie ein Hund mit Ruthen geſchlagen.“ Cora blieb ſtumm, denn ſie wuſſte nicht wie ſie dieſe unbedachtſame Strenge ihres Vaters auf eine den Begriffen eines Indianers faſſliche Weiſe rechtfertigen konnte. „Sieh!“ ſagte Magua, indem er das leichte baumwollene Gewand, welches nur unvollkommen ſeine gemalte Bruſt bedeckte, wegzog,„hier ſind Narben von Meſſerſtichen und Schuſſwunden!— mit ſolchen kann ein Krieger wohl vor ſeiner Na⸗ tion ſich bruͤſten; der Graukopf hat aber auf den Nuͤcken des Huronen⸗Haͤuptlings Narben einge⸗ graben, die er wie ein Weib mit dieſem gemalten Zeuge der Weißen verhuͤllen muß.“ „Ich glaubte,“ hub Cora an,„daß ein In⸗ dianiſcher Krieger geduldig leide und ſein Geiſt die Schmerzen des Koͤrpers weder fuͤhle noch kenne?“ „Als die Chippewas Maqua an einen Pfahl banden, und ihm dieſen Schnitt machten,“ ſagte der Andere, indem er ſeinen Finger ſtolz in eine tiefe Narbe auf ſeiner Bruſt legte;„da lachte ihnen der Hurone ins Geſicht und ſagte, daß nur Weiber ſo leichte Wunden machen koͤnnten. Sein Geiſt war da in den Wolken. Als er aber Munro's einem boshaften Lachen,„warum ſollte Le Re⸗ 13 Streiche fuͤhlte, da lag ſein Geiſt unter der Ruthe. Der Geiſt eines Huronen iſt nie trunken, er ver⸗ giſſt nie!“— „Er kann aber verſoͤhnt werden! Hat mein Vater dir ein Unrecht zugefuͤgt, ſo zeig' ihm, daß ein Indianer Beleidigungen verzeihen kann, und gib ihm ſeine Toͤchter zuruͤck. Du haſt ſchon von Major Heyward gehoͤrt—“ Maqua gab durch Kopfſchuͤtteln zu erkennen, daß er von Anerbietungen, die er ſo ſehr verachtete, nichts mehr hoͤren wolle. „Was verlangſt Du denn ſonſt?“— fuhr Cora nach einem peinlichen Stillſchweigen fort, als ſich ihr die Ueberzeugung aufdrang, daß der edelmuͤthige Duncan ſich ſeinen Hoffnungen zu leicht hingegeben und von dem liſtigen Wilden auf das grauſam ſte hintergangen worden war. „Was ein Hurone liebt— Gutes fuͤr Gutes und Boͤſes fuͤr Boͤſes!“— 1 „Du willſſt alſo die Beleidigungen, welche dir Munro angethan, an ſeinen huͤlfloſen Toͤchtern raͤchen?— Wuͤrde es nicht mehr wie ein Mann ge⸗ handelt ſeyn, vor ſein Angeſicht zu treten, um die Genugthuung eines Kriegers an ihm zu nehmen?“ „Die Arme der blaſſen Geſichter ſind lang, und ihre Meſſer ſcharf!“ erwiederte der Wilde mit 14 nard in den Schuß der Buͤchſen ihrer Krieger gehen, da er den Geiſt des Graukopfes in ſeinen Haͤnden hat?“— „Sprich Dein Vorhaben aus, Maqua,“ ſagte Cora, ſich ſelbſt bekaͤmpfend, um ihre ruhige Faſ⸗ ſung beizubehalten;„willſt Du uns als Gefan⸗ gene in die Waͤlder fuͤhren oder ſinnſt Du noch auf etwas Schlimmerers? Iſt denn keine Be⸗ lohnung, kein Mittel im Stande, die Beleidigung wieder gut zu machen, und Dein Herz zu er⸗ weichen? Schone wenigſtens meiner ſchwachen Schweſter, und ſchuͤtte Deinen ganzen Zorn uͤber mich aus. Erkaufe Dir durch ihre Befreiung Reichthum, und laß Deiner Rache an einem einzigen Opfer genuͤgen. Der Verluſt ſeiner bei⸗ den Toͤchter koͤnnte den alten Mann ins Grab ſtuͤrzen, und was haͤtte dann Le Renard fuͤr eine Rache genommen?“ 3 „So hoͤre!“ ſagte der Indianer wieder; „die hellen Augen koͤnnen zuruͤck zum Horikon gehen, und dem alten Haͤuptling erzaͤhlen was hier geſchehen iſt, wenn mir das ſchwarzhaarige. Weib beim großen Geiſte ihrer Vaͤter ſchwoͤren will, keine Luͤge zu ſagen.“ 3 „Was ſoll ich verſprechen?“— fragte Cora, die immer noch durch die behauptete weibliche Wurde in ihren Mienen einen geheimen Einfluß. 4 4 4 4 t d 3 1 4 di ſ A 15 auf die wilden Leidenſchaften des Eingeborenen ausuͤbte. „Als Maqua ſein Volk verließ, wurde ſein Weib einem andern Haͤuptling gegeben; er iſt nun wieder ein Freund der Huronen geworden, und will zu den Graͤbern ſeiner Vaͤter an dem großen See zuruͤckkehren. Laß die Tochter des engliſchen Haͤuptlings ihm folgen und fuͤr immer in ſeiner Huͤtte mit ihm leben.“ So empoͤrend ein Vorſchlag dieſer Art auch immer fuͤr Cora war, ſo behielt ſie, ungeachtet ihres dadurch erregten Abſcheu's, doch hinlaͤngliche Selbſtbeherrſchung, um, ohne die geringſte Schwaͤche zu verrathen, zu erwiedern: „Und welches Vergnuͤgen koͤnnte es Maqua gewaͤhren, ſeine Huͤtte mit einem Weibe zu thei⸗ len, die er nicht liebt, die nicht von ſeiner Na⸗ tion iſt und eine von der ſeinigen verſchiedene Farbe traͤgt? Waͤre es nicht beſſer Munro's Geld zu nehmen, und mit ſeinen großmuͤthigen Ge⸗ ſchenken Dir ein Huronen⸗Maͤdchen zu er⸗ kaufen?“— „Beinah eine Minute lang ſchwieg der 2 in⸗ dianer, heftete aber ſeine wilden Blicke mit ei ſo frechen Begierde auf Cora's Antlitz, daß ihre 4 Augen, die hier zum erſtenmal einem ſo begeh⸗ enden Ausdrucke begegneten, den kein tugendhaf 8 16 tes Frauenzimmer zu ertragen im Stande iſt, ſich ſchamvoll niederſenkten. Waͤhrend ſie vor Entſetzen ſchauderte und in der Beſorgniß ſtand, ihre Ohren von noch ſchrecklichern Vorſchlaͤgen, als der letztere war, verwundet zu fuͤhlen, ant⸗ wortete Maqua's Stimme in ihren tiefſten, bos⸗ hafteſten Toͤnen: „Wenn dann der Nuͤcken des Huronen von Streichen zerfleiſcht wuͤrde, ſo wuͤſſte er ein Weib zu finden, die ſeine Schmerzen mitfuͤhlte. Die Tochter Munro's wuͤrde ihm ſein Waſſer ſchoͤpfen, ſeinen Mais behacken und ſein Wildpret kochen. Der Leib des Graukopfs wuͤrde zwiſchen ſeinen Kanonen ſchlafen, ſein Herz aber in dem Be⸗ reiche von le Subtil's Meſſer liegen.“— „Scheuſal! mit Recht verdienſt Du Deinen verraͤtheriſchen Namen!“— rief Cora in einem unbezaͤhmbaren Ausbruche kindlichen Unwillens; „nur ein Teufel konnte eine ſolche Rache erden⸗ ken! Du uͤberſchaͤtzeſt aber Deine Macht! Du ſollſt finden, daß es wirklich Munro's Herz iſt, was in Deiner Gewalt iſt, daß es aber Deiner aͤußer⸗ ſten Bosheit Trotz bieten wird.“ 1 Deer Indianer beantwortete dieſe kuͤhne Auf⸗ forderung mit einem graͤßlichen Laͤcheln, welches die Unveraͤnderlichkeit ſeines Entſchluſſes anzeigte, und winkte ihr ſich zu entfernen, als ob er dieſe —)q)q, ù——-————— unterhaltung fuͤr immer beendigen wolle. Cora, die ſchon ihre Uebereilung bereute, war im Be⸗ griff Folge zu leiſten, denn auch Maqua hatte ſich ſogleich entfernt und war zu ſeinen gefraͤßi⸗ gen Kameraden gegangen, als Heyward zu dem bewegten Maͤdchen eilte und ſie um den Erfolg der Unterredung befragte, die er in einiger Entfer⸗ nung mit ſo vielem Antheile abgewartet hatte. Je⸗ doch entſchloſſen Alicens Furcht nicht zu vermehren, umging ſie eine beſtimmte Antwort, und ließ nur durch ihre verſtoͤrten Geſichtszuͤge und die aͤngſtli⸗ chen Blicke, mit denen ſie die geringſten Bewe⸗ gungen ihrer Sieger beobachtete, die gaͤnzliche Vereitlung ihrer Hoffnungen errathen. Auf die wiederholten und aͤngſtlichen Fragen ihrer Schwe⸗ ſter uͤber ihr wahrſcheinliches kuͤnftiges Schickſal gab ſie keine auldere Antwort, als daß ſie mit ei⸗ ner Gemuͤthsbewegung, welche ſie nicht zu beherr⸗ ſchen im Stande war, Auf die finſtere Gruppe hindeutete und, Alicen an ihre Bruſt preſſend, ſtammelte: „Da, da! lies unſer Schickſal in ihren Mienen; wir werden ſehn! wir werden ſehn!“— Dies Benehmen und der halberſtickte Aus⸗ ruf Cora's machte einen tiefern Eindruck als ihre Worte, und zog die Aufmerkſamkeit ihrer Gefaͤhr⸗ ſchnell nach dem Orte hin, auf welche ihre mit oͤftern Beifallsbezeugungen, riefen das beß 18 eigene in einem ſo hohen Geade gerichtet war, als nur die Wichtigkeit eines ſolchen Augenblicks zu erregen im Stande war. Als Maqua an den Trupp traͤger Wilden, die, von ihrem ekelhaften Mahl uͤberſaͤttigt, in einer Art von viehiſcher Schwelgerei ſich auf die Erde hingeſtreckt hatten, herangekommen war, fing er mit der ganzen Wuͤrde eines Indianer⸗ Haͤuptlings zu ſprechen an. Seine erſten Worte bewirkten, daß die Zuhoͤrer ſich aufrichteten und mit ehrerbietiger Aufmerkſamkeit ihn anhoͤrten. Da der Hurone aber in ſeiner eigenen Sprache redete, ſo konnten die Gefangenen, ungeachtet die Vorſicht der Eingeborenen ſie ſtets im Bereich ihrer Tomahawks hielt, doch nur aus den aus⸗ drucksvollen Gebehrden, durch welche ein India⸗ ner immer ſeinen Worten Nachdruck zu geben ſucht, den Inhalt ſeiner Anrede muthmaßen. Anfangs ſchien Maqua's Sprache ſo wie ſein Ausdruck ruhig und bedaͤchtig. Als es ihm ge⸗ lungen war, die Aufmerkſamkeit ſeiner Gefaͤhrten in einem hinlaͤnglichen Grade erregt zu haben, glaubte Heyward aus ſeinem haͤufigen Hindeuten nach den großen Seeen ſchließen zu koͤnnen, daß er von dem Lande ihrer Vaͤter und ihrem fernen Stamme redete. Die Zuhoͤrer uͤberhaͤuften in 22——. 8—— ſie umgebenden Stroͤmungen und Strudeln; er tungsvolle Wort„Hugh“ und warfen ſich einan⸗ der Blicke zu, die das unverhehlte Lob des Red⸗ ners verkuͤndeten. Le Renard war zu ſchlau, um von dieſem erlangten Vortheil keinen Nutzen zu ziehen. Er ſprach nun von dem langen und muͤhſamen Wege, den ſie, ſeit ſie ihre ausgedehn⸗ ten Jagdreviere und gluͤcklichen Doͤrfer verließen, zuruͤckgelegt hatten, um hierher zu kommen und gegen die Feinde ihrer canadiſchen Vaͤter zu fech⸗ ten. Er zaͤhlte ihnen die Krieger ihres Trupps vor, ihre verſchiedenen Verdienſte, ihre vielfachen der Nation geleiſteten Dienſte, ihre Wunden und die Anzahl der Skalps, die ſie erbeutet hatten. So oft er von einem der gegenwärtigen ſprach:(und der verſchmitzte Indianer vergaß keinen), ſo glaͤnz⸗ te nicht nur das dunkle Geſicht des geſchmeichel⸗ ten Individuums von Freude, ſondern er nahm auch keinen Anſtand, die Wahrheit dieſer Worte durch Zeichen des Beifalls und der Beſtaͤtigung zu bezeugen. Der Redner ließ hierauf ſeine Stimme, die bisher bei der Aufzaͤhlung ihrer glorreichen Waffenthaten und erfochtenen Siege einen ſtarken, belebten und triumphirenden Ton angenommen hatte, ſinken. Er beſchrieb den Waſſerfall des Glenn's, die unuͤberwindliche Lage ſeiner felſigen Inſel, mit ihren Hoͤhlen und den 2* 20 nannte den Namen la longue Carabine— und hielt dann inne bis das letzte Echo des lau⸗ ten anhaltenden Geſchrei's, mit welchem dieſer „verhaſſte Name aufgenom men wurde, Walde unter ihnen verklungen war. dann auf den jungen gefangenen Soldaten und beſchrieb den Tod eines vorzuͤglich geſchaͤtzten Krie⸗ gers, der durch ſeine Hand in den tiefen Abgrund geſtuͤrzt worden war. Er erzaͤhlte nicht bloß mit Worten das Schickſal jenes Gefaͤhrten, der, zwi⸗ ſchen Himmel und Erde haͤngend in dem verfehlte, ihres Muthes, und ihrer anerkannten Vorzuͤge Erwaͤhnung zu thun. Als er die Be⸗ ſchreibung dieſer Erei nun von den Weibern und Kindern de genen, von i 21 und moraliſchen Elende, von ihrer weiten Ent⸗ fernung und zuletzt von der ihnen zugefuͤgten noch ungeraͤchten Schmach.— Hierauf erhob er mit der fuͤrchterlichſten Kraftaͤußerung ploͤtzlich ſine Stimme bis zum hoͤchſten Grade und ſchloß mit der Frage: „Sind die Huronen Hunde, daß ſie das ru⸗ hig ertragen ſollen?— Wer ſoll dem Weibe des Menowgua ſagen, daß die Fiſche ſeinen Skalp haben und daß ihn ſeine Nation nicht geraͤcht hat! Wer wird der Mutter des Waſſawattimie, dieſem zornigen Weibe, mit nicht von Blute ge⸗ roͤtheten Haͤnden unter die Augen zu treten wa⸗ gen?— Was ſollen wir den alten Maͤnnern ſa⸗ gen, wenn ſie nach Skalps fragen und wir ihnen nicht einmal ein Haar von einem weißen Manne zu geben haben! Die Weiber werden mit Fingern auf uns zeigen. Ein dunkler Flecken klebt auf den Na⸗ men der Huronen und er muß mit Blut abge⸗ waſchen werden!“— Seine Stimme konnte nicht mehr vor den Ausbruͤchen der Wuth gehoͤrt werden, die jetzt ſo laut in der Luft erſchollen, als wenn ſtatt dieſes kleinen Trupps der Wald ihre ganze Nation in ſich faſſte. Waͤhrend der vorherge⸗ henden Anrede konnten die, deren Schickſal von dem Erfolge derſelben allein abhing, den Eindruck, welchen der Sprecher machte, nur zu deutlich auf den Geſichtern ſeiner Zuhoͤrer leſen. Seine Klagen und Trauer hatten ſie durch Theil⸗ nahme und Schmerz, ſeine Behauptungen durch beſtaͤtigende Gebehrden, ſeine Prahlereien mit wilden Freudensbezeugungen beantwortet. Als er von Tapferkeit ſprach, waren ihre Blicke feſt und muthig; als er der ihnen zugefuͤgten Beleidigun⸗ gen und Schmach erwaͤhnte, blitzten ihre Augen von Wuth; als er ihnen mit dem Spott der Weiber drohte, ließen ſie ſchaamvoll ihren Kopf ſinken; als er ihnen aber die Mittel ſich zu raͤ⸗ chen zeigte, beruͤhrte er eine Saite, die in der Bruſt eines Indianers nie zu klingen verfehlen wird. Bei der erſten Andeutung, daß dieſe Mit⸗ tel in ihrer Gewalt waͤren, ſprang der ganze Trupp zugleich, als wenn es nur ein Mann waͤre, auf, und alle ſtuͤrzten ſich, nachdem ſie einen Augenblick ihrer Wuth durch ein wildes graͤſſliches Geheul Luft gemacht hatten, mit gezogenen Meſ⸗ ſern und aufgehobenen Tomahawks auf ihre Ge⸗ fangenen. Heyward warf ſich zwiſchen die Schwe⸗ ſtern und ihre Feinde, und packte den vorderſten mit einer ſolchen verzweiflungsvollen Kraft an, daß er ſeinen Ungeſtuͤm fuͤr einen Augenblick hemmte. Dieſer unerwartete Widerſtand gab Ma⸗ aua Zeit ſich dazwiſchen zu legen, und ſie durch ſeine ſchnelle ausdrucksvolle Art und lebhaften Ge⸗ A³ ches Schickſal bevorſtehe.— 3u ſeiner Nächten 23 behrden wieder um ſich zu ſammeln. Durch jene Ueberredungskunſt, die er ſo gut zu benutzen ver⸗ ſtand, brachte er ſeine Gefaͤhrten von ihrem un⸗ geſtuͤmen Vorhaben ab, und forderte ſie auf, die Todesangſt und Leiden ihrer Schlachtopfer zu ver⸗ laͤngern. Sein Vorſchlag wurde mit lautem Bei⸗ fall angenommen und mit der Schnelligkeit des Gedankens vollzogen. Zwei kraͤftige Krieger warfen ſich gemein⸗ ſchaftlich auf Heyward, waͤhrend ein dritter be⸗ ſchaͤftigt war, ſich des weniger gewandten Sing⸗ meiſters zu bemaͤchtigen. Keiner der beiden Ge⸗ fangenen ward jedoch bezwungen, ohne noch vor⸗ her einen verzweifelten, wenn gleich fruchtloſen Kampf zu verſuchen. Selbſt David ſchleuderte den, der ihn angriff, auf den Boden nieder; und eben ſo wurde Heyward nicht eher bezwungen, bis die Niederlage ſeines Gefaͤhrten den Indianern geſtattete, ihre vereinigten Kraͤfte gegen ihn an⸗ zuwenden. Er wurde hierauf gebunden und an den Stamm deſſelben Baums befeſtigt, an wel⸗ chem vorher Maqua durch Pantomimen das Ende des heruntergeſtuͤrzten Huronen vorgeſtellt hatte. Als der junge Soldat ſeine Beſinnung wieder er⸗ langt hatte, drang ſich ihm die peinliche Ueber⸗ zeugung auf, daß der ganzen Geſellſchaft ein glei⸗ 24 ſtand Cora, auf aͤhnliche Art gebunden und be⸗ feſtigt, blaß und zwar erſchuͤttert, doch mit Au— gen, deren feſter Blick dem Verfahren ihrer Feinde mit Faſſung entgegenſah. Zu ſeiner Linken lei⸗ ſteten die Zweige, womit ſie an eine Fichte ge⸗ bunden war, Alicen einen Dienſt, den ihre zit⸗ ternden Glieder ihr verſagten und verhinderten, daß ihr reizender aber kraftloſer Koͤrper nicht zu Boden ſank. Ihre Haͤnde hatte ſie zum Gebete vor ſich gefaltet; ſtatt aber nach der Macht aufzu⸗ blicken, die ſie allein retten konnte, fielen ihre Blicke unbewuſſt mit ei er Art von kindlicher Anhaͤnglichkeit auf Dirnenſes Geſicht. David hatte gekaͤmpft, und die Neuheit dieſes Umſtandes machte ihn verſtummen, indem er bei ſich uͤber⸗ legte, inwiefern er bei dieſem ungewoͤhnlichen Er⸗ eigniſſe auch recht gehandelt habe. Die Rache der Huronen hatte nun eine neue Richtung genommen und ſie trafen Vorbereitun⸗ gen, ſolche mit all' der barbariſchen Bosheit zu vollziehen, mit welcher ſie Jahrhunderte lang aus⸗ geuͤbte Gebraͤuche vertraut gemacht hatten. Einige ſuchten trockenes Holz, um einen Scheiterhaufen zu errichten; einer ſpaltete Fichtenholz, um den Gefangenen mit den brennenden Splittern in das Fleiſch zu bohren, und andere bogen die Wipfel zweier jungen Baͤume zur Erde nier 25 um Heyward an den Armen zwiſchen den zuruͤck⸗ ſchnellenden Aeſten aufzuhaͤngen. Maqua's Rach⸗ ſucht aber ſuchte noch einen hoͤhern und boshaf⸗ tern Genuß zu erlangen. Waͤhrend die weniger verſchlagenen Ungeheuer des Trupps dieſe wohlbekannten und gewoͤhnlichen Werkzeuge der Marter vor den Augen derer, die ſie erdulden ſollten, vorbereiteten, naͤherte er ſich Cora'n und zeigte ihr mit dem boshafteſten Aus⸗ drucke das baldige Schickſal, das ſie erwarte.— „Nun,“ ſprach er,„was ſagt die Tochter Munro's? Ihr Haupt iſt zu gut, um in der Huͤtte des Le Renard eine Ruheſtatt zu finden; wird es ihr beſſer gefallen, wenn es den Huͤgel hinunterrollt, um den Woͤlfen als Spielzeug zu dienen? Ihre Bruſt kann nicht die Kinder eines Huronen ſaͤugen; ſie wird ſehen wie die Indianer ihr darauf ſpeien!“ „Was meint das Ungeheuer?“ fragte er⸗ ſtaunt Heyward. „Nichts!“— war die feſte, aber ſanfte Ant⸗ wort.„Er iſt ein roher, barbariſcher und un⸗ wiſſender Wilder und weiß nicht, was er thut. Laſſt uns noch unſere Zeit benutzen, fuͤr ihn mit unſerm letzten Athemzuge Reue und Verzeihung vom Himmel zu erflehn.“* „Verzeihung!“ wiederholte grimmig der Hu⸗ 3 26 rone, indem er in ſeiner Wuth den Sinn ihrer Worte miſſverſtand;„das Gedaͤchtniß eines In⸗ dianers iſt laͤnger als der Arm der bleichen Ge⸗ ſichter; ſeine Barmherzigkeit kuͤrzer als ihre Ge⸗ rechtigkeit;— ſag, ſoll ich das gelbe Haar dort ihrem Vater ſenden, und willſt Du Maqua'n nach den großen Seeen folgen, und ihm ſein Waſſer tragen und ſein Korn mahlen?“— Cora winkte ihn mit einem Gefuͤhl von Abſcheu, das ſie nicht uͤberwinden konnte, hinweg. „Laß mich,“ ſagte ſie mit einer Wuͤrde, die fuͤr einen Augenblick die rohe Fuͤhlloſigkeit des Indianers erweichte,„Du miſcheſt nur bittre Gefuͤhle in mein Gebet und trittſt zwiſchen mich und meinen Gott.“— Der leichte Eindruck, den dies auf den Wil⸗ den gemacht hatte, war indeß bald vergeſſen, und er fuhr, mit hoͤhniſchem Laͤcheln auf Alicen deu⸗ tend, fort: „Sieh!“ das Kind weint! Sie iſt noch ſo jung zum Sterben! Schick' ſie zu Munro zu⸗ ruͤck, daß ſie ſeine grauen Haare kaͤmme und dem alten Manne das Leben im Herzen er⸗ halte.“ Cora konnte dem Drange nicht widerſtehen, nach ihrer jugendlichen Schweſter hinzuſehn, in — —— unſerm Vater, unſerm gebeugten kinderloſen Va⸗ 27 deren Augen ſie einem bittenden Blicke begegnete, der die Qual, die ſie duldete, verrieth. „Was ſagte er, theuerſte Cora?“ fragte Alice mit zitternder Stimme.„Sprach er nicht da⸗ von, mich zu unſerm Vater zuruͤckzuſchicken?“ Mehrere Augenblicke lang ſah die aͤltere Schweſter die juͤngere mit einem Ausdrucke an, der den Kampf maͤchtiger entgegengeſetzter Gefuͤhle in ihrem Innern zeigte. Endlich ſprach ſie, ob⸗ gleich ihre Toͤne ihre Feſtigkeit und ruhige Faſ⸗ ſung verloren hatten, mit beinah muͤtterlicher Zaͤrtlichkeit: „Alice,“ ſagte ſie,„der Hurone erbietet ſich ¹ uns beiden das Leben— ja, nicht nur uns bei⸗ den, er erbietet ſich uncan— unſern unſchaͤtz⸗ baren Duncan und Dich, unſern Freunden— ter zuruͤckzugeben, wenn ich dieſen widerſpenſti⸗ gen hartnaͤckigen Stolz in mir bekaͤmpfen und einwilligen will“— Ihre Stimme verſagte ihr und mit gefalte⸗ ten Haͤnden richtete ſie den Blick zum Himmel, 3 als wenn ſie in ihrer Bedraͤngniß von der unendli⸗ chen Weisheit ſich Raths erholen wolle. 5 „Sprich,“ rief Alice,„ ſage in Was, theu⸗ erſte Cora? O daß dies Anerbieten doch mir ge⸗ macht wuͤrde! um Dich zu retten, um unſern 28 alten Vater zu troͤſten, um Duncan zu retten — wie freudig koͤnnte ich ſterben!“. „Sterben!“ wiederholte in ruhigem und fe⸗ ſtem Tone Cora,„das waͤre leicht. Doch vielleicht i*ſt es das andere nicht weniger. Er will,“ fuhr ſie fort, indem der Gedanke an das Erniedrigende in dem Anerbieten ihren Ton beinah erſtickte, ndaß ich ihm in die Wildniß folgen ſoll; daß ich mit ihm nach den Wohnungen der Huronen ge⸗ hen ſoll; daß ich da bleiben— kurz, daß ich ſein Weib werden ſoll!— Jetzt ſprich Alice, Kind meiner Zaͤrtlichkeit! Schweſter meiner Liebe! Und auch Sie, Major Heyward, unterſtuͤtzen Sie meine ſchwache Vernunft mit Ihrem Rathe. Sollen wir unſer Leben mit einem ſolchen Opfer erkau⸗ fen? Willſt Du, Alice, um einen ſolchen Preis es von mir annehmen? Und Sie, Duncan, lei⸗ ten Sie mich! beſtimmt Beide uͤber mich; denn ich bin ganz Euer.“ „Koͤnnte ich das!“ rief unwillig und erſtaunt der junge Mann.„Cora! Cora! Sie treiben Scherz mit unſerm Elende! Nennen Sie die⸗ ſes furchtbare Anerbieten nicht wieder; ſchon der Gedanke daran iſt ſchlimmer als tauſendfacher Tod.“ „Daß das Ihre Antwort ſein wuͤrde, wuſſte ich wohl!“ erwiederte Cora, deren Wangen brann⸗ 29 ten und deren dunkle Augen noch einmal von der Gluth der ſehnſuͤchtigen weiblichen Gefuͤhle augenblicklich flammte.„ Was ſagt aber meine Alice? Ihrem Ausſpruche will ich mich ohne Murren unterwerfen.“ Obgleich beide, Heyward und Cora, mit aͤngſtlicher Erwartung und geſpannter Aufmerk⸗ ſamkeit hoͤrten, ſo erfolgte doch keine Antwort. Es ſchien als wenn die zarte und reizbare Ge⸗ ſtalt Alicens, als ſie jenes Anerbieten vernahm, in ſich ſelbſt zuſammen geſunken waͤre. Ihre Arme hingen ſchlaff vor ihr herunter und nur ihre Finger bewegten ſich krampfhaft zuckend; ihr Kopf war auf ihre Bruſt geneigt und ihr ganzer Koͤrper hing an dem Baume, einem ſchoͤnen Sinn⸗ bilde der verletzten weiblichen Schamhaftigkeit aͤhn⸗ lich, ohne ein Zeichen des aͤußeren Lebens, in ih⸗ rem Innern aber von Empfindungen beſtuͤrmt.— Nach einigen Augenblicken fing jedoch ihr Kopf an ſich leiſe zu bewegen und Zeichen einer be⸗ ſtimmten, unbezwinglichen Miſſbilligung zu geben; endlich uͤberzog der jungfraͤuliche Stolz ihr reizen⸗ des Geſicht mit einer hohen Roͤthe, ihre Augen ſprachen die Gefuͤhle aus, die ſie niederdruͤckten, und ſie gewann ſo viel Staͤrke, in leiſen Toͤnen ngen zu koͤnnen: „Nein, nein, nein! es iſt beſſer daß wir 30 ſterben, wie wir gelebt haben, vereint und un⸗ getrennt.“ „So ſtirb denn!“ ſchrie Maqua, indem er ſeinen Tomahawk mit aller Kraft nach der wider⸗ ſtandloſen Sprecherin warf, und knirſchte vor Wuth, die er bei dieſer Aeußerung von Stand⸗ haftigkeit in der ſeiner Meinung nach ſchwaͤchſten der Gefangenen, nicht laͤnger mehr bezaͤhmen konnte, mit den Zaͤhnen. Das Beil fuhr vor Heyward vorbei durch die Luft, durchſchnitt ei⸗ nige von Alicens im Winde flatternden Locken und drang tief in den Baum hinein, in welchem es zitternd uͤber ihrem Kopfe ſtecken blieb. Dieſer Anblick erhoͤhte Duncan's Wuth zur Verzweiflung. Alle ſeine Kraͤfte zuſammennehmend, durchbrach er durch eine heftige Anſtrengung die Zweige, mit denen er feſtgebunden war und warf ſich auf ei⸗ nen Wilden, der im Begriff ſtand, mit lautem Geheul und bedaͤchtig zielend, den Wurf zu wie⸗ derholen. Sie faſſten ſich, rangen mit einander und fielen beide zur Erde. Da aber der nackte Koͤrper ſeines Gegners Heyward nicht geſtattete, ihn feſtzuhalten, und ſeinem Griffe entglitt, ſo erhob Jener ſich ſchnell wieder, ſetzte ihm das Knie auf die Bruſt und druͤckte ihn mit Rieſen⸗ gewalt zu Boden. Schon ſah Duncan das Meß⸗ ſer uͤber ſich in der Luft blitzen, als ein langer pfeifender Ton ſein Ohr traf, von einem don⸗ nernden Buͤchſenſchuſſe mehr begleitet als gefolgt. Er fuͤhlte ſeine Bruſt von der Laſt, die ſie ge⸗ preſſt hatte, befreit,— er ſah den wilden Aus⸗ druck in ſeines Gegners Zuͤgen einer bewuſſtloſen Wuth Raum geben, und der Indianer fiel der Laͤnge nach auf das trockene Laub neben ihm. Zwöolftes Kapilel. Ich bin fort, Herr. Und gleich, Herr Will ich wieder bei euch ſein. Zwölfte Nacht. Die Huronen ſtanden von Schreck erſtarrt, als ſie einen von ihnen ſo ploͤtzlich vom Tode heimge⸗ ſucht ſahen. Als ihre Beſtuͤrzung aber nachließ 3 und ſie die Genauigkeit, mit welcher der toͤdtliche Schuß ungeachtet der damit verknuͤpften Gefahr fuͤr einen Freund gethan worden war und ſein Ziel erreicht hatte, in Erwaͤgung zogen, erſcholl das Geſchrei:„la longue Carabine einſtimmig von Aller Lippen, dem eine Art von wildem Kl gegeheul folgte. Dieſer Schrei wurde durch einen lauten Ruf aus einem kleinen Dickicht, in wel⸗ chem die Rotte ihre Gewehre zuſammengeſetzt hatte, beantwortet und im naͤchſten Augenblicke ſahen ſie Hawk⸗eye, deſſen Ungeſtuͤm ihm nicht Zeit ließ, ſeine wieder in Beſitz genommene Buͤchſe zu laden, die umgedrehte Kolbe ſchwingend und mit langen maͤchtigen Streichen die Luft durch⸗ ſchneidend, auf ſie zuſtuͤrzen. So kuͤhn und raſch aber auch der Kundſchafter eilte, ſo wurde er doch von einer leichten und kraͤftigen Geſtalt uͤberholt, die in hohen Saͤtzen bei ihm vorbeiſchoß und mit einer unglaublichen Schnelligkeit und Verwegen⸗ heit mitten zwiſchen die Huronen ſprang, wo ſie, mit furchtbaren Gebehrden ein Tomahawk um den Kopf ſchwingend und ein blitzendes Meſſer ſchwenkend, grade vor Cora ſtehen blieb. Schnel⸗ ler als die Gedanken dieſen unerwarteten kuͤh⸗ nen Unternehmungen folgen konnten, ſtahl ſich eine Geſtalt, die die ſinnbildliche Ruͤſtung des Todes an ſich trug, mit dem traumhaften Da⸗ hingleiten eines Geſpenſtes, vor ihre Augen und ſtellte ſich an der Seite des Andern in einer dro⸗ henden Stellung hin. Die wilden Quaͤlgeiſter prallten vor dieſen kriegeriſchen Ankoͤmmlingen zuruͤck und ſtießen, als ſie ſich ſo ſchnell hinter⸗ einander folgten, wiederholt ihr eigenthuͤmliches 33 Le Cerf Agile! Le Gros Serpent: folgte. Der bedaͤchtige und aufmerkſame Fuͤhrer der Huronen war aber nicht ſo ſchnell entmuthigt. Seine ſcharfen Augen auf der kleinen Flaͤche rings umher werfend, hatte er mit einem Blicke die Beſchaffenheit dieſes Angriffs uͤberſehen und, ſeine Gefaͤhrten ſowohl durch ſeine Stimme als durch ſein Beiſpiel anfeuernd, zog er ſein langes gefaͤhrliches Meſſer und ſtuͤrzte auf Chingachgook. Dies war das Zeichen zum allgemeinen Kampfe. Keine von beiden Partheien hatte Feuergewehre und das Gefecht muſſte daher auf die moͤrderiſch⸗ ſte Weiſe, Mann gegen Mann, nur mit An⸗ griffs⸗ und ohne Vertheidigungswaffen gefuͤhrt werden. 1 Uncas beantwortete das Kriegsgeſchrei, warf ſich auf einen Feind und ſpaltete ihm mit einem einzigen wohlgefuͤhrten Hiebe ſeines Tomahawks die Hirnſchale. Heyward zog Maqua's Streit⸗ axt aus dem Baume und ſturzte ſich ſchnell in das Getuͤmmel. Da ſich die Kaͤmpfer nun an Zahl gleich waren, ſo ſuchte Jeder ſich einen Gegner von der feindlichen Parthei aus. Die Angriffe und die Streiche folgten ſich mit der to⸗ benden Heftigkeit eines Wirbelwindes und der Scchnelligkeit des Blitzes. Hawk⸗eye hatte bald wieder einen andern Feind erreicht und, mit ei⸗ 11. 4 3 8 34 nem Schwunge ſeiner furchtbaren Waffe die ohn⸗ maͤchtige und einfache Gegenwehr ſeines Gegners vernichtend, ſchmetterte er ihn durch das Gewicht ſeines Schlages zu Boden. Heyward, zu heftig um das Handgemeinwerden abzuwarten, verſuchte es den Tomahawk, den er ergriffen hatte, zu werfen. Er traf den Indianer, nach welchem er gezielt hatte, an die Stirn und hemmte fuͤr ei⸗ nen Augenblick deſſen Anlauf. Durch dieſen klei⸗ nen errungenen Vortheil ermuthigt, verfolgte der ungeſtuͤme junge Mann ſeinen Angriff und fiel mit unbewaffneten Haͤnden uͤber ſeinen Feind her. Aber ein Augenblick war hinlaͤnglich ihm zu zeigen, daß er zu raſch gehandelt habe; denn er hatte bald, ungeachtet ſeiner Thaͤtigkeit und ſei⸗ nes Muthes, vollauf zu thun, um die wuͤthenden Stoͤße, welche der Hurone mit ſeinem Meſſer nach ihm fuͤhrte, von ſich abzuwehren. Außer Stande es laͤnger auf dieſe Art mit einem ſo ge⸗ wandten und vorſichtigen Feinde aufzunehmen, umſchlang er ihn mit den Armen, wodurch es ihm gelang, des Gegners Arme durch einen kraͤf⸗ tigen Druck an deſſen Seite feſt angedruͤckt zu halten. Die Anſtrengung dabei war jedoch zu groß, als daß er hoffen konnte ſie lange auszu⸗ halten. In dieſer aͤußerſten Noth hoͤrte er ein Stimme dicht neben ſich ausrufen: V — —.—— 1 35 „Alle die Schurken muͤſſen vertilgt werden! Kein Pardon fuͤr einen verfluchten Mingo!“— und im naͤchſten Augenblicke traf ein Schlag von Hawk⸗eye's Kolben den nackten Kopf ſeines Geg⸗ ners, deſſen Muskeln unter dem Streiche zuſam⸗ men zu ſchrumpfen ſchienen, worauf er regungs⸗ los und ſchlaff aus Duncan's Armen hinfiel. Als Uncas ſeinen erſten Gegner erſchlagen hatte, wandte er ſich wie ein hungriger Loͤwe, um einen andern aufzuſuchen. Der fuͤnfte und ein⸗ zige Hurone, der bei dem erſten Angriff ohne Gegner blieb, hatte einen Augenblick verweilt und als er ſah, daß alle rings um ihn her in dem moͤrderiſchen Kampfe begriffen waren, hatte er mit hoͤlliſcher Rachſucht ihren vereitelten Rache⸗ plan dennoch auszufüͤhren geſucht. Ein Triumph⸗ geſchrei erhebend, ſprang er auf die vertheidigungs⸗ loſe Cora zu und warf ſeine ſcharfe Streitaxt, als einen furchtbaren Vorboten ſeiner Annaͤherung, nach ihr. Der Tomahawk ſtreifte ihre Schulter und durchſchnitt die Zweige, mit denen ſie an dem Baume feſtgebunden war, wodurch das chen Freiheit erlangte, zu entfliehn. S ſchluͤpfte dem Arme des ſie umfaſſenden Wilden, warf ſich, unbeſorgt um ihre eigene Sicherheit, an Alicens Buſen und bemuͤhte ſich vergebens, mit ihren vor Angſt krampfhaft zuckenden Fin⸗ 3* 36 gern die Zweige, womit ihre Schweſter befeſtigt war, zu zerreißen. Nur ein Ungeheuer konnte bei ſolch einem edelmuͤthigen Zuge der lauterſten und reinſten Liebe ungeruͤhrt bleiben; der Bruſt des Huronen aber blieb in dieſem Augenblicke der Wuth jedes ſanftere Gefuͤhl fremd. Cora'n bei ihren langen Haaren, die in lieblicher Unordnung uͤber ihre Schultern herabfielen, ergreifend, riß er ſie von dem Gegenſtande ihrer Zaͤrtlichkeit hin⸗ weg und druͤckte ſie mit roher Gewalt auf ihre Kniee nieder. Darauf zog er die flatternden Lo⸗ cken durch ſeine Hand und, ſolche mit ausgeſtreck⸗ tem Arme in die Hoͤhe haltend, fuhr er hoͤhniſch und freudig lachend mit einem Meſſer um den ungemein ſchoͤn geformten Kopf ſeines Schlacht⸗ opfers herum. Dieſen Augenblick der Befriedi⸗ gung ſeiner Wuth erkaufte er aber nur mit dem gaͤnzlichen Verluſt der ſich ihm dargebotenen Ge⸗ legenheit. Grade in dieſem Augenblick fiel Unca's Auge dahin. Mit einem hohen Sprunge den Fleck wo er ſtand verlaſſend, ſchien er einen Au⸗ genblick durch die Luft zu fliegen und fiel wie ein Ball auf die Bruſt ſeines Feindes, welcher dadurch mehrere Schritte weit hinweg geſtoßen wurde und der Laͤnge nach hinſtuͤrzte. Die Heftigkeit, womit dieſe Bewegung ausgefuͤhrt wurde, warf jedoch zu⸗ gleich den jungen Mohican an ſeiner Seite mit danieder. Sie erhoben ſich ſogleich wieder, kaͤmpf⸗ ten mit einander und beider Blut floß. Der Kampf war indeſſen bald entſchieden; denn Hey⸗ ward's Tomahawk und Hawk⸗eye's Kolben trafen den Schaͤdel des Huronen in demſelben Augen⸗ blick, als Uncas ihm ſein Meſſer in's Herz ſtieß. Das Gefecht war nun gaͤnzlich beendet, bis auf den ſich in die Laͤnge ziehenden Kampf zwiſchen le Renard Subtil und le Gros Serpent. In der That zeigten dieſe wilden Krieger, daß ſie die be⸗ deutungsvollen Namen, die ihnen fuͤr ihre in fruͤheren Gefechten ausgefuͤhrten Heldenthaten ge⸗ geben worden waren, wohl verdienten. Als ſie auf einander trafen, hatten ſie erſt einige Zeit damit hingebracht, den ſchnellen und kraͤftigen Stoͤßen, die ſie gegenſeitig auf einander fuͤhrten, auszuweichen. Hierauf ploͤtzlich auf einander zu⸗ ſtuͤrzend, umſchlangen ſie ſich, fielen zur Erde nieder und umwanden ſich wie kruͤmmende Schlan⸗ gen, mit ihren geſchmeidigen und gelenkigen Glie⸗ dern feſt in einander verflochten. Im Augenblick als die uͤbrigen Sieger ihr Werk vollendet hatten, konnte der Fleck, wo dieſe beiden erfahrenen und verzweiflungsvoll mit einander ringenden Kries lagen, nur an einer Wolke von Staub und Laub, hie von der Mitte der kleinen Ebene aufſtieg —,— 38 wie von einem Wirbelwinde getrieben, nach ſei⸗ ner Graͤnze ſich hinzog, erkannt werden. Von den verſchiedenen Gefuͤhlen der kindlichen Liebe, der Freundſchaft und der Dankbarkeit angetrieben, eilten Heyward und ſeine Gefaͤhrten alle zugleich nach dem Platze hin und umringten das kleine Laubdach, das ſich uͤber die Kaͤmpfer ausbreitete. Vergebens umſchweifte Uncas die Staubwolke von allen Seiten, um ſeines Vaters Gegner ſein Meſſer in's Herz zu ſtoßen; vergebens erhob und ſchwang Hawk⸗eye drohend ſeinen Kolben; verge⸗ bens verſuchte Duncan die Glieder des Huronen mit ſeinen Haͤnden, die hier alle ihre Kraft ver⸗ loren zu haben ſchienen, zu packen; mit Staub und Blut ganz bedeckt, ſchienen die ſchnellen und gewandten Bewegungen der Kaͤmpfer deren Koͤr⸗ per nur in einen einzigen verſchmolzen zu haben. Die dem Tode aͤhnliche Geſtalt des Mohicans und die dunkeln Glieder des Huronen ſchimmerten in ſo ſchneller und verwirrter Folge an ihren Bli⸗ cken voruͤber, daß die Freunde des Erſtern immer ungewiß blieben, wann und wohin ſie ihre hel⸗ fenden Streiche fuͤhren ſollten. Zwar gab es in der That einige kurze, ſchnell voruͤberfliegende Au⸗ genblicke, in welchen ſie Maqua's feurige Augen, gleich denen des fabelhaften Baſilisken, durch der 3 Staubwirbel, in den er eingehuͤllt war, durch⸗ 39 blitzen ſahen, und in welchen ſeine ſchnellen ſchreck⸗ lichen Blicke den Ausgang des Kampfes auf den verhaſſten Geſichtern ſeiner ihn umringenden Feinde deutlich laſen; ehe jedoch irgend eine Hand den toͤdtlichen Streich auf ſein verabſcheutes Haupt fal⸗ len zu laſſen im Stande war, erblickten ſie ſchon wieder Chingachgook's grimmiges Geſicht in deſſen Stelle. In dieſer Art zog ſich die Kampfſcene von der Mitte der kleinen Ebene bis an deren Rand hin. Der Mohican fand jetzt Gelegenheit einen kraͤftigen Stoß mit ſeinem Meſſer zu fuͤhren, wo⸗ rauf Maqua ploͤtzlich losließ und dem Anſchein nach ohne Leben beweglos zuruͤckſank. Sein Gegner ſprang auf und erfuͤllte die Laubgewoͤlbe des Waldes mit ſeinem Triumphgeſchrei. Das haben die Delawares gut gemacht!— Sieg dem Mohican!“ ſchrie Hawk⸗eye und ſchwang wieder den moͤrderiſchen Kolben ſeiner langen Buͤchſe;—„ein Schlag den ein Mann von rei⸗ ner Abkunft thut, um den Garaus zu geben, wird wohl ſeiner Ehre nichts ſchaden oder ihm ſein Recht auf den Skalp rauben.“ Im Augenblicke aber daß die toͤbliche Waffe herunter fiel, entging der geſchm ge Hurone dieſer drohenden Gefahr, indem er ſich uͤber den Rand des Abhangs ſchnell hinwegrollte, und, auf ſeine Fuͤße fallend, mit einem einzigen Satze mit⸗ ten in ein dicht daran liegendes Dickicht von niedern Straͤuchen ſprang. Die Delawares, die ihren Feind fuͤr todt gehalten hatten, ſtießen ihre Toͤne des Schreckens aus und ſetzten ihm, wie Hunde die das gejagte Wild vor ſich ſehn, eiligſt mit lautem Geſchrei nach; ein gellender eigen⸗ thuͤmlicher Ruf des Kundſchafters brachte ſie aber ſogleich wieder von ihrem Vorhaben ab und nach dem Gipfel des Huͤgels zuruͤck. „Das iſt ihm ganz aͤhnlich,“ rief der erbit⸗ terte Kundſchafter, deſſen Vorurtheile in Allem was die Mingoes betraf, ſeinen natuͤrlichen Sinn fuͤr Gerechtigkeit verblendeten,„dem betruͤgeriſchen haͤmiſchen Schurken, der er iſt. Ein rechtlicher Delaware wuͤrde jetzt, wenn er ehrlich uͤberwun⸗ den iſt, ſtill gelegen und ſich vollends todtſchlagen gelaſſen haben, aber dieſe ſpitzbuͤbiſchen Maquas haͤngen am Leben wie die wilden Bergkatzen. Laſſt ihn laufen— laſſt ihn laufen; es iſt nur einer und hat uͤberdem weder Buͤchſe noch Bogen und manche lange Meile bis zu ſeinen franzoͤſiſchen Kameraden hin; und er kann wie eine Klapper⸗ ſchlange, die ihre Fangzaͤhne verloren hat, uns nichts mehr zu Leide thun, bis er, und wir auch, die Fußtapfen von unſern Mocaſſins auf einer langen Sandſtrecke hinter uns liegen gelaſſen ha⸗ ben. Sieh, Uncas,“ fuͤgte er in der Delaware⸗ ☛ ☛&—&☛⁹ C——„13—— ſprache hinzu,„Dein Vater zieht ſchon die Skalps ab!— Wir werden wohlthun noch einmal herum⸗ zugehen und nach den Landlaͤufern zu ſehen, die hier herumliegen; ſonſt koͤnnte, eh' wir's uns verſehn, noch einer in die Waͤlder davon ſpringen und wie eine fluͤgellahme Elſter quacken.“. Als er geendet hatte, ging der ehrliche aber unverſoͤhnliche Kundſchafter bei den Todten umher, und ſtieß einem jeden, mit einer Kaltbluͤtigkeit, als wenn es todte Thiere waͤren, ſein langes Meſſer in die lebloſe Bruſt. Der aͤltere Mohican war ihm indeß zuvorgekommen und hatte den wi⸗ derſtandloſen Haͤuptern der Erſchlagenen die Sie⸗ geszeichen ſchon entriſſen. Seine gewohnten Gebraͤuche, wir moͤchten beinah ſagen ſeine Natur verlaͤugnend, eilte aber Uncas nebſt Heyward den Schweſtern zu, befreite Alicen von ihren Banden und fuͤhrte ſie in Cora's offene Arme. Wir wollen es nicht verſuchen die Gefuͤhle des Dankes gegen den allmaͤchtigen Re⸗ gierer aller Dinge zu beſchreiben, die die Bruſt der liebenswuͤrdigen Maͤdchen, die ſo unerwartet dem Leben und ſich einander wiedergegeben waren, durchlguͤhten. Ihre Dankſagungen waren innig, fanden aber keine Worte; nur von dem verborge⸗ nen Altare ihrer Herzen ſegen ihre Gebete in der reinſten und lauterſten Flamme zum Himmel em⸗ por, und ihre wieder neu belebten, mehr irdi⸗ ſchen Empfindungen ſprachen ſich in langen und innigen, wenn gleich ſtummen Liebkoſungen aus. Als Alice ſich wieder von ihren Knieen, auf die ſie an Cora's Seite niedergeſunken war, erhoben hatte, warf ſie ſich an ihrer Schweſter Buſen und ſchluchzte laut den Namen ihres betagten Vaters, waͤhrend ihre ſanften Taubenaugen von wiederkeh⸗ render Hoffnung und einem atheriſchen Feuer ſtrahlten, das uͤber alle menſchliche Schwaͤchen er⸗ haben zu ſein ſchien. „Wir ſind gerettet! wir ſind gerettet!“ ſtam⸗ melte ſie,„und werden in die Arme unſers theu⸗ ren, theuren Vaters zuruͤkkehren, und ſein Herz wird nicht vom Gram verzehrt werden. Und auch Du Cora, meine Schweſter; meine mehr als Schwe⸗ ſter, meine Mutter, auch Du biſt mir erhalten! und Duncan,“ fuͤgte ſie hinzu, indem ſie ſich mit einem Laͤcheln der reinſten, lauterſten Unſchuld nach dem jungen Manne umſah,„ſelbſt unſer braver edler Duncan iſt ohne Wunde davonge⸗ kommen!“— Cora beantwortete dieſe feurigen und beinah unzuſammenhaͤngenden Worte nur daducch, daß ſie die jugendliche Sprecherin an ihr Herz zog und ſich mit unausſprechlicher Zaͤrtlichkeit uͤber ſie beugte. Heyward's Mannheit ſchaͤmte ſich nicht V bei dieſem Anblicke des reinſten Erguſſes der ſchweſterlichen Liebe, Thraͤnen zu vergießen; und ſelbſt der kraͤftige und mit dem im Kampfe vergoſ⸗ ſenen Blut befleckte Uncas ſah, obgleich dem An⸗ ſchein nach ruhig und unbewegt, dieſem Auftritt doch mit Augen zu, aus denen ein ihn weit uͤber ſeine Geiſteskraͤfte erhebendes Mitgefuͤhl ſtrahlte, das der Aufklaͤrung ſeiner Nation vielleicht um Jahrhunderte vorauseilte. Waͤhrend dieſer Ausbruͤche der fuͤr eine ſolche Lage ſo natuͤrlichen Empfindungen, ging Hawk⸗ eye, deſſen miſſtrauiſche Vorſicht ſich indeſſen uͤber⸗ zeugt hatte, daß keiner der Huronen, deren um⸗ herliegende Leichname dieſe himmliſche Scene allein entſtellten, mehr ihm Stande ſei, deren Harmo⸗ nie noch einmal zu ſtoͤren, zu David und befreite ihn von ſeinen Banden, die er bis dieſen Augen⸗ blick mit der muſterhafteſten Geduld ertragen hatte. „Da!“ rief der Kundſchafter, indem er den letzten Zweig hinter ihm durchſchnitt,„Ihr ſeid nun wieder einmal Herr uͤber Eure eigenen Glied⸗ maßen, obwohl es ſcheint, daß Ihr ſie nicht mit mehr Einſicht zu gebrauchen verſteht, als damals als Ihr ſie zum erſtenmal ruͤhren konntet. Wenn Ihr von einem Manne, der zwar nicht aͤlter iſt als Ihr ſelbſt ſeyd, von dem man aber, da er ſeine Lebenszeit meiſt in der Wildniß zugebracht Ä 44 hat, wohl ſagen kann, daß er eine Erfahrung hat, die uͤber ſeine Jahre hinausreicht, einen guten Rath nicht uͤbel nehmen wollt, ſo will ich Euch offen meine Gedanken ſagen, und die ſind, daß Ihr das kleine Tuthorn in Eurer Jacke da an den erſten beſten Narren, dem Ihr begegnet, ver⸗ kauft, und Euch fuͤr das geloͤſ'te Geld irgend ein brauchbares Gewehr, und wenn's auch nur ein Lauf von einer Sattelpiſtole waͤre, kauft. Mit Fleiß und Muͤhe koͤnnt ihr es dann vielleicht noch zu etwas bringen; denn jetzt, denk ich, werdet Ihr doch klar einſehen, daß ſelbſt eine Aaskraͤhe ein nutzlicherer Vogel iſt, als eine trompetende Spott⸗ droſſel. Die eine iſt wenigſtens bemuͤht, dem Men⸗ ſchen einen widrigen Anblick zu erſparen, waͤhrend die andere zu nichts taugt, als in den Waͤldern Laͤrm und Verwirrung zu machen und alle, die ſie hoͤren, anzufuͤhren.“ „Waffen und Trompeten gehoͤren in die Schlacht; fuͤr den Sieg aber ziemt ſich ein Lob⸗ und Danklied!“ antwortete der befreite David. „Freund,“ fuhr er fort, indem er ſeine magere zarte Hand mit Herzlichkeit Hawk⸗eye reichte und ſeine blinzelnden Augen ſich mit Thraͤnen fuͤllten, „ich danke Dir daß die Haare meines Haupts noch da wachſen, wo ſie die Vorſicht zuerſt hinpflanzte; denn obwohl die anderer Leute glaͤnzender und 8 8 „ nͤ ͤ—ͤ lockiger ſein moͤgen, ſo habe ich doch immer ge⸗ funden, daß meine eigenen mir ganz bequem ſind und dem Schaͤdel, den ſie bedecken, wohl kleiden. Daß ich nicht mit Theil an der Schlacht genom⸗ men habe, da war nicht mein Widerwille dage⸗ gen, ſondern lediglich die Zweige Schuld, mit denen mich die Heiden angebunden hatten. Du haſt Dich tapfer und gewandt in dem Gefecht be⸗ nommen und ich ſtatte dir hiemit meinen Dank ab, ehe ich mich bereite mich noch anderer und wichtigerer Pflichten zu entledigen; denn Du haſt Dich des Lobes und Preiſes eines Chriſten voll⸗ kommen wuͤrdig gezeigt.“ „Das war nur eine Kleinigkeit, und wenn Ihr lange bei uns bleibt, ſo koͤnnt Ihr dergleichen oft zu ſehen kriegen,“ erwiederte der Kundſchafter, deſſen Geſinnungen gegen den Geſangs⸗Mann ſich bei dieſem unzweideutigen Ausdruck von Dank⸗ barkeit bedeutend beſaͤnftigt hatten.„Ich habe meinen alten Gefaͤhrten„Hirſchtod“ wiederbekom⸗ men,“ fuhr er fort, indem er mit der Hand auf feinen Buͤchſenkolben klopfte,„und das iſt ſchon allein ein Sieg. Dieſe Irokeſen ſind ſehr ver⸗ 1 ſchmitzt, diesmal aber betrogen ſie ſich ſelbſt, als ſie ihre Feuergewehre ſo weit weg von ſich ſetzten; und d hitne Uncas und ſein Vater nur die zewihn⸗ * 46 den Schurken drei Kugeln ſtatt einer auf den Hals ſchicken koͤnnen, und das wuͤrde der ganzen Bande den Garaus gemacht haben, dem wegge⸗ laufenen Hundsfott ſowohl wie ſeinen Kameraden. Es war aber alles ſchon vorher beſtimmt, und das zu unſerm Beſten!“ „Du redeſt wohl,“ erwiederte David,„und haſt den wahren Geiſt des Chriſtenthums begriffen. Der da errettet werden ſoll, wird errettet werden, und der, der da beſtimmt iſt, verdammt zu wer⸗ den, wird verdammt werden. Das iſt die Glau⸗ benslehre der Wahrheit und uͤber alle Maßen troͤſtlich und erquicklich fuͤr den wahren Glaͤu⸗ bigen.“ Der Kundſchafter, der ſich indeß geſetzt hatte und mit einer Art natuͤrlicher Beſorgniß den Zu⸗ 8 ſtand ſeiner Buͤchſe unterſuchte, ſah den Sprecher mit unverhehltem Unwillen an und unterbrach ihn ungeſtuͤm. „Glaubenslehre, oder keine Glaubenslehre,“ ſagte heftig der Waldmann,„das iſt der Glauben der boͤſen Buben und der Fluch eines ehrlichen Kerls. Ich kann es bezeugen daß jener Hurone von meiner Hand fallen ſollte, denn ich hab's mit meinen eigenen Augen geſehen; aber nur wenn ich ſelbſt Zeuge bin, kann ich glauben, daß es ihm dereinſt einmal vergolten oder daß Chingnchözue. — da am juͤngſten Tage verdammt werden wird.“ „Ihr habt keine Gewaͤhrleiſtung fuͤr eine ſo verwegene Glaubenslehre, noch irgend einen kirch⸗ lichen Vortrag womit Ihr ſie vertheidigen koͤnntet,“ rief der gereizte David, der in jenen ſpitzfindigen Diſtinktionen wohl bewandert war, mit welchen — man zu ſeiner Zeit und ganz vorzuͤglich in ſeiner Provinz die hohe und ſchöne Einfalt der Offenba⸗ 3 rung umſponnen hatte, indem man in das ehr⸗ wuͤrdige Geheimniß der goͤttlichen Natur einzu⸗ dringen verſuchte, dem Glauben ſtolze Selbſtzu⸗ friedenheit unterſchob, und ſo alle die, deren Schluͤſſe ſich auf ſolche von Menſchen erdachte * Lehrſaͤtze gruͤndeten, in Ungereimtheiten und Zwei⸗ feell verflocht;„euer Tempel iſt auf Sand gebaut und der naͤchſte Sturm wird ſeine Grundveſten erſchuͤttern und zerſtoͤren. Ich verlange Eure Au⸗ —,ꝙ— — — 2 ſen;“(gleich andern Verfechtern eines Syſtems war David in der Wahl ſeiner Worte nicht immer ſehr ſorgfaͤltig).„Nennt mir das Kapitel und den Vers; in welchem Buche der heiligen Schrift fin⸗ koͤnnt?“- „Buch!“— wiederholte Hawk⸗eye mit ſelt⸗ famer, nur uͤbelverhehlter Verachtung,„haltet ihr mich fuͤr einen wimmernden Knaben, den toritaͤten fuͤr eine ſo liebloſe Behauptung zu wiſ⸗ det Ihr eine Stelle, auf die Ihr Euch berufen 48 eins von euern alten Weibern ans Schuͤrzenband angebunden hat, und die gute Buͤchſe hier auf meinen Knieen fuͤr eine Feder aus einem Gaͤnſe⸗ fluͤgel, und mein Ochſenhorn hier fuͤr ein Tinten⸗ faß, und meine lederne Taſche fuͤr ein zuſammen⸗ gelegtes Wiſchtuch vom geſtrigen Mittagseſſen? Buch!— was haben Leute wie ich, der ich ein Krieger der Wildniß, obgleich ein Mann von rei⸗ ner Abkunft bin, mit Buͤchern zu thun?— Ich habe nur eins geleſen und die Worte, die darin ſtehen, ſind zu einfach und zu klar, als daß es da⸗ zu großen Unterrichts beduͤrfte, obwohl ich mich ruͤhmen kann, vierzig lange und harte Jahre damit zugebracht zu haben.— „Wie nennt ſich Euer Buch?“— fragte Da⸗ vid, der nicht verſtand, was der andere damit meinte. „Es liegt hier vor Euren Augen aufgeſchla⸗ gen,“ erwiederte der Kundſchafter,„und der, der es fleißig lieſ't und benutzt, wird wahrlich keinen geringen Nutzen daraus ziehen. Ich habe ſagen gehoͤrt, daß es Leute gibt, die in Buͤchern leſen, um ſich zu uͤberzeugen daß ein Gott ſey!— Ich kann mir das nicht anders erklaͤren, als daß die Menſchen in den Colonieen da ſeine Werke ſo ver⸗ unſtalten, daß das was hier in der Wildniß ſo klar vor Augen liegt, dort unter den Schriftge⸗ 49 lehrten und Prieſtern ein Gegenſtand des Zweifels wird. Wenn nur aber einer von ihnen hier bei mir waͤre, und mich von einem Sonnenaufgang zum andern durch alle die krummen Pfade des Waldes begleitete, ſo wuͤrde er genug zu ſehen be⸗ kommen, was ihm zeigen wuͤrde, daß er ein Thor ſey und daß ſeine groͤßte Thorheit darin beſtehe, ſich zu der Hoͤhe eines Weſens hinaufſchwingen zu wollen, deſſen unendliche Guͤte und Macht er doch nie zu begreifen vermag.“ Sobald David einſah, daß er es mit einem Widerſacher zu thun hatte, der in ſeinem Glau⸗ b bensbekenntniſſe nur den Qffenbarungen der Na⸗ 3 tur folgte und alle Spitzfindigkeiten der Schulge⸗ lehrſamkeit vermied, gab er gern einen Streit auf, bei dem er weder Ehre einzulegen noch Nutzen zu erlangen hoffen konnte. Indeß hatte er, waͤhrend* der Kundſchafter redete, ſich gleichfalls niederge⸗ ſetzt, das kleine Buch und die in Eiſen gefaſſte Brille hervorgezogen und Anſtalt getroffen, ſich einer Pflicht zu entledigen, deren Erfuͤllung nur der unerwartete Angriff auf ſeine Rechtglaͤubigkeit ſo lange aufzuſchieben im Stande geweſen war. Er war in Wahrheit ein Meiſterſaͤnger des weſt⸗ lichen Continents, zwar freilich aus einer weit ſpaͤtern Periode als jene hoch begabten Barden, die in fruͤheren Zeiten den weltlichen Ruhm der . 4 4 5 Barone und Fuͤrſten beſangen, aber doch ganz im Geiſte ſeines Zeitalters und ſeiner Zeitgenoſſen; und er war nun bereit ſeine Kunſt zur Feier des errungenen Sieges oder vielmehr zu einem Dank⸗ liede dafuͤr, mit aller ihm zu Gebote ſtehenden Geſchicklichkeit auszuuͤben. Er wartete geduldig bis Hawk⸗eye ausgeredet hatte, dann aber ſeine Augen und ſeine Stimme erhebend, ſagte er laut: „Ich lade Euch ein, meine Freunde, in Ge⸗ meinſchaft mit mir, zur gebuͤhrenden Dankſa⸗ gung fuͤr diefe merkwuͤrdige Errettung aus den Haͤnden der Barbaren und Unglaͤubigen, das troͤſtliche und feierliche Lied,„Northampton“ be⸗ nannt, anzuſtimmen.“ Hierauf nannte er die Seite und die Stelle, wo das vortreffliche Lied, das er zu dieſem Zwecke ausgewaͤhlt hatte, zu finden war und ſetzte mit der gewohnten ernſten Feierlichkeit, die er in ſei⸗ ner Kirche zu beobachten pflegte, ſeine Pfeife an den Mund. Diesmal blieb er jedoch ohne Beglei⸗ tung, denn es war grade in dem Augenblick, in welchem die Schweſtern ſich gegenſeitig mit den Ausbruͤchen ihrer Zaͤrtlichkeit und Liebkoſungen uͤberhaͤuften, und deſſen wir oben ſchon erwaͤhnt haben. Ohne ſich jedoch durch die geringe Anzahl ſeiner Zuhoͤrer, und ſie beſtand wirklich nur aus dem miſſvergnuͤgten Kundſchafter, abſchrecken zu 4 4 2 41 v laſſen, erhob er ſeine Stimme und begann und endigte den heiligen Geſang, ohne daß er durch etwas darin unterbrochen worden waͤre. Hawk⸗eye hoͤrte ihm zwar, indeß er ruhig ſei⸗ nen Feuerſtein in Stand ſetzte und ſeine Buͤchſe wieder lud, zu; da aber die Macht der Toͤne we⸗ der durch aͤußere Einwirkung noch durch ein uͤber⸗ einſtimmendes Mitgefuͤhl unterſtuͤtzt wurden, ſo vermochten ſie diesmal nicht ſeine ſchlummernden Empfindungen zu beleben. Noch nie hat wohl ein Meiſterſaͤnger, oder welcher andre geeignetere Na⸗ men auch immer David beizulegen ſein moͤchte, ſeine Talente vor unempfindlichern Zuhoͤrern ge⸗ zeigt; ohwohl es, in Hinſicht der Redlichkeit und Aufrichtigkeit ſeiner Geſinnungen und ſeiner Ab⸗ „ ſicht dabei, ohne Zweifel iſt, daß nie die Toͤne ei⸗ nes weltlichen Barden in ſolcher Reinheit zu je⸗ nem hohen Throne aufſtiegen, dem wir unſre tiefſte Ehrfurcht und Dankharkeit ſchuldig ſind. Der Kundſchafter ſchuͤttelte bald mit dem Kopfe, murmelte einige undeutliche Worte, von denen nur„Kehle“ und„Irokeſen“ verſtaͤndlich waren, und ging fort, um die von den Huronen erbeu⸗ teten Waffen zu ſammeln und deren Zuſtand zu unterſuchen. In dieſem Geſchaͤft unterſtuͤtzte ihn Chingachgook, der unter denſelben ſowohl ſeine als 4* lines Sohnes Buͤchſe wiederfand. Selbſt Hey⸗ 52 ward und David wurden mit Gewehren verſehen, und auch an Munition fehlte es nicht, um Ge⸗ brauch davon machen zu koͤnnen. Als die Waldbewohner ihre Auswahl getrof⸗ fen und die Beute vertheilt hatten, kuͤndete der Kundſchafter laut an, daß es nun nothwendig ſei, aufzubrechen. Gamut's Geſang war indeß ver⸗ ſtummt und die lauten Ausbruͤche der Empfin⸗ dungen der Schweſtern hatten ſich mehr beruhigt. Von Heyward und dem jungen Mohican unter⸗ ſtuͤtzt, ſtiegen die letzteren den ſteilen Abhang des Huͤgels, den ſie noch vor ſo kurzer Zeit mit ſo von den gegenwaͤrtigen verſchiedenen Gefuͤhlen er⸗ ſtiegen hatten, und deſſen Gipfel beinah der Schauplatz ihrer ſchrecklichen Ermordung geworden waͤre, hinunter. Am Fuße deſſelben fanden ſie ihre, das Laub der Buͤſche abnagenden Narragan⸗ ſets, und nachdem ſie ſolche beſtiegen hatten, folg⸗ ten ſie ihrem vorangehenden Fuͤhrer, der ſich ſchon ſo oft in den Augenblicken der hoͤchſten Noth als ihr bewaͤhrter Freund bewieſen hatte. Ihr Weg war jedoch nur kurz; denn Hawk⸗eye verließ bald den verſteckten Pfad, auf dem die Huronen ge⸗ kommen waren, wandte ſich ploͤtzlich rechts nach einem Dickicht zu und machte, nachdem ſie einen murmelnden Bach uͤberſchritten hatten, in einem engen Thale unter dem Schatten einiger Ulm 53 baͤume halt. Die Entfernung dieſes Platzes von dem Fuße jenes gefaͤhrlichen Huͤgels betrug nur wenige Ruthen, und die Pferde hatten den Maͤd⸗ chen nur dazu gedient, um das ſeichte Waſſer paſſiren zu koͤnnen. Der Kundſchafter und die Indianer ſchienen den einſamen Fleck, auf dem ſie ſich jetzt befan⸗ den, wohl zu kennen, denn nachdem ſie ihre Buͤchſen an die Baͤume geſtellt hatten, fingen ſie an das trockene Laub wegzuraͤumen und ein Loch in den blaͤulichen Thon zu graben, aus dem ihnen bald eine klare, ſprudelnde Quelle hellglaͤnzenden Waſſers entgegen ſprang. Der weiße Mann ſah ſich nun uͤberall um, als ob er irgend etwas ſuche, das er nicht ſo geſchwind finden konnte, als er es erwartet hatte. „Die nachlaͤſſigen Satans, die Mohawks, haben hier mit ihren Tuscarora⸗ und Onondaga⸗ Bruͤdern ihren Durſt geloͤſcht,“ murmelte er fuͤr ſich,„und die Vagabunden haben die Kuͤrbis⸗ flaſche weggebracht! Aber ſo geht's, wenn man ſolchen vergeſſlichen Hunden was Gutes erzeigt! Hier, mitten in der oͤden Wildniß, hat der Herr ſeine Hand aufgethan und zu ihrem Beſten eine 1 Waſſerquelle aus den Eingeweiden der Erde her⸗ vorſpringen laſſen, die die ſchoͤnſte und beſte Apo⸗ theke in allen Colonieen auslachen koͤnnte; und 54 dennoch haben die Hundsfoͤtter auf dem Thone herumgetrampelt und den ganzen Platz verunrei⸗ nigt, als wenn ſie dummes Vieh und keine ver⸗ nuͤnftige Menſchen waͤren!“ Uncas reichte ihm ſtillſchweigend die verlangte Flaſche hin; die Hawk⸗eye in ſeiner muͤrriſchen Laune nicht hatte finden koͤnnen und die an dem Aſte einer Ulme ſorgfaͤltig aufgehaͤngt war. Nachdem er ſie mit Waſſer angefuͤllt hatte, ging er nach einem in geringer Entfernung liegenden Flecke, wo der Boden feſter und trockener war, ſetzte ſich hier ruhig nieder und that einen langen und dem Anſchein nach erquickenden Zug, worauf er anfing die von den Huronen zuruͤckgelaſſenen Lebensmittel, die er in einer Taſche auf ſeinem Arme mit hierher gebracht hatte, ſorgfaͤltig zu unterſuchen. „Ich danke Dir, Junge,“ fuhr er fort, in⸗ dem er die leere Flaſche an Uncas zuruͤckgab; „wir wollen aber doch jetzt einmal ſehen, wie dieſe herumſtreifenden Huronen leben, wenn ſie in ih⸗ rem Hinterhalt auf der Lauer liegen. Da ſieh einmal an! die Hundsfoͤtter wiſſen wahrhaftig was die beſten Stuͤcke am Wilde ſind, und es ſollte einer beinah denken, daß ſie einen Zimmer ſo gut zurecht ſchneiden und braten koͤnnten, als der beſte Koch im Lande. Es iſt aber alles noch der Frauen richtete,„die beiden Fuͤße auf einer Seite immer zugleich aufhoͤben und niederſetzten, was doch ganz verſchieden von der Bewegung bei dem Laufen aller anderen vierfuͤßigen Thiere, die ich kenne, den Baͤr ausgenommen, iſt. Und doch laufen die Pferde hier wirklich auf dieſe Art, wie meine eignen Augen geſehen haben und wie ihre Spur zwanzig Meilen lang es mir gezeigt hat.“ „Das iſt grade das was an dieſen Thieren geſchaͤtzt wird. Sie kommen von den Ufern der Narraganſetbay von den Pflanzungen in der klei⸗ nen Provinz Providence, und ſind wegen ihrer Ausdauer und dieſes angenehmen, ihnen eigen⸗ thuͤmlichen Ganges beruͤhmt, obwohl auch haͤufig andre Pferde dazu abgerichtet werden koͤnnen.“ „Das mag ſein,— das mag ſein,“ ſagte Hawk⸗eye, der mit großer Aufmerkſamkeit dieſer Er⸗ klaͤrung zugehoͤrt hatte;„obgleich ich ein Mann bin, dem das reine Blut der Weißen in den Adern fließt, ſo verſteh' ich mich doch auf Wild⸗ pret und Biber beſſer, als auf die Saumthiere. Major Effingham hat ſo manches ſchoͤne Pferd, ich habe aber nie eines davon in einem ſo hin⸗ und herſchwankenden Gange laufen geſehn.“ „Das iſt wohl wahr, aber er ſieht auch bei „ſeinen Pferden auf andere Eigenſchaften als dieſe. Und dennoch wird dieſe Race beſonders geſchaͤtzt — 8 4 8 d— —. 60 und wie Ihr ſelbſt geſehen hab't, durch die Laſten, die ſie oft zu tragen beſtimmt iſt, ſehr geehrt."“„— Die Mohicans hatten indeß ihre Beſchaͤfti⸗ gungen an dem flackernden Feuer ruhen laſſen, um zuzuhoͤren, und als Duncan ſchwieg, ſahen ſie ſich einander bedeutungsvoll an und der Vater ließ ſeinen gewoͤhnlichen Ausruf der Verwunde⸗ rung hoͤren. Der Kundſchafter ſaß einige Zeit nachdenkend, wie ein Mann der etwas, das jetzt erſt zu ſeiner Kenntniß gekommen iſt, uͤberlegt und warf nochmals einen verwundernden Blick auf die Pferde, ehe er zu ſprechen fortfuhr. „Ich moͤchte wohl behaupten, daß einem in den Colonieen noch ſonderbarere Dinge aufſtoßen koͤnnen,“ ſagte er endlich,„denn die Natur wird von dem Menſchen gewaltig verpfuſcht, wenn er erſt einmal Herr daruͤber geworden iſt. Doch ſie moͤgen nun hin und herſchwankend oder grade gehn,— kurz, Uncas hatte ſich dieſen Gang ge⸗ merkt, und ihre Spur fuͤhrte uns zu dem Buſche mit den zerbrochenen Aeſten. Der eine eingekn ickte Aſt, dicht an dem Huftritte eines der Pferde, war in die Hoͤh' gebogen, grade als wenn ein Frauen⸗ zimmer eine Blume vom Stengel abbricht, alle die uͤbrigen aber waren durch einander nach unter⸗ waͤrts gebrochen, als wenn eine ſtarke Manns⸗ hand darin gewirthſchaftet haͤtte. Daraus ſchloß ich daß die verſchmitzten Hundsfoͤtter geſehn hat⸗ ten, daß der Zweig eingeknickt worden war und die uͤbrigen ebenfalls zerbrochen hatten, um uns weis zu machen, daß ein Rehbock mit ſeinem Ge⸗ hoͤrn darin haͤngen geblieben ſei.“ „Ich glaube daß Euer Scharfſinn diesmal nicht getaͤuſcht wurde, denn ſo etwas trug ſich wirklich zu.“ „Das war leicht zu ſehn,“ erwiederte der Kundſchafter, ohne daß er im geringſten that, als wenn er ſich auf den dadurch bewieſenen außeror⸗ dentlichen Scharfſinn etwas einbildete,„und eine ganz andere Sache, als die mit dem hin und her wackelnden Pferde!— Gleich kam mir der Ge⸗ danke ein, daß die Mingoes ihren Weg nach der Quelle hier nehmen wuͤrden, denn die Schurken kennen die vorzuͤgliche Eigenſchaft ihres Waſſers ſehr gut.“ „Iſt denn die ſo außerordentlich?“— fragte Heyward und ließ ſeine Blicke mit mehr Aufmerk⸗ ſamkeit in dem abgelegenen Thale mit ſeiner ſprudelnden, von einer dunklen braunen Erde eingefaſſten Quelle, herumſchweifen. „Es moͤgen wohl wenig Rothhaͤut e, die im Suͤden und Oſten der großen Seeen fen, ſein, die nicht ihre Eigenſchaft ken Ihr einmal ſelbſt koſten?“ 3 62 Heyward nahm die Kuͤrbisflaſche und trank ein wenig von dem Waſſer, warf ſie aber ſogleich wieder mit einem, von deſſen uͤbelem Geſchmacke verzogenen Geſichte unwillig weg. Der Kund⸗ ſchafter lachte auf ſeine ſtille Weiſe herzlich, und fuhr dann mit einem ſehr zufriedenen Kopfſchuͤt⸗ teln fort: „Ach, wenn Ihr es erſt gewohnt waͤret, ſo wuͤrdet Ihr gewiß Geſchmack daran finden; es war auch eine Zeit, wo es mir ſo wenig ſchmeckte, als jetzt Euch; ich bin aber auf den Geſchmack gekommen und verlange jetzt danach wie ein Wild nach der Salzlecke. Ihr koͤnn't Eure gewuͤrz⸗ ten Weine nicht mit mehr Vergnuͤgen trinken, als eine Rothhaut dies Waſſer einſchluͤrft, beſon⸗ ders wenn ſeine Kraͤfte erſchoͤpft ſind. Doch Un⸗ cas hat Feuer gemacht und es iſt Zeit, daß wir daran denken, was zu eſſen, denn unſer Weg iſt noch lang und wir haben noch viel vor uns.“— Durch dieſen ſchnellen Uebergang die Unter⸗ haltung abbrechend, fing der Kundſchafter ſogleich an ſich wieder mit der Zubereitung der Lebens⸗ mittel, die die gefraͤßigen Huronen uͤbrig gelaſſen hatten, zu beſchaͤftigen. Ihre ganze Kochkunſt be⸗ ſtand indeß nur in einigen ſehr oberflaͤchlichen Vorrichtungen, worauf er und die Mohicans ihr einfaches Mahl ſchweigend und mit der eigenthuͤͦ * —— zu ferneren Betrachtungen geben koͤnnte. lichen Haſt von Leuten verzehrten, die nur eſſen, um ſich zu einer harten, ihnen bevorſtehenden Ar⸗ beit zu ſtaͤrken. Als ſie ſich dieſer unumgaͤnglichen, gluͤckli⸗ cherweiſe aber nicht unangenehmen Pflicht entle⸗ digt hatten, ſchoͤpfte jeder der Waldmaͤnner aus der einſamen ſtillen Quelle, um welche, ſo wie um ihre Schweſterquellen, funfzig Jahre ſpaͤter ſich der Reichthum, die Schoͤnheit und die Talente einer ganzen Hemisphaͤre, theils der Geſundheit, theils des Vergnuͤgens wegen in buntem Gemiſch draͤngen,— einen Abſchiedtrunk und that einen langen Zug. Hierauf kuͤndete ihnen Hawk⸗eye an, daß er entſchloſſen ſei, aufzubrechen. Die Schwe⸗ ſtern beſtiegen wieder ihre Pferde; Duncan und David ergriffen ihre Buͤchſen und folgten ihnen; voran ging der Kundſchafter und die Mohicans beſchloſſen den Zug. Auf dieſe Art ſetzte die Ge⸗ ſellſchaft ihren Weg mit moͤglichſter Eile auf dem ſchmalen Pfade in noͤrdlicher Richtung fort, und. ließ die Waſſer der Heilquelle hinter ihnen ſich un⸗ gehindert in den nahgelegenen Bach ergießen, und die Leichname der Erſchlagenen auf dem benachbar⸗ ten Huͤgel unbegraben modern; ein Schickſal das den Krieger in der Wildniß nur zu gewoͤhnlich trifft als daß es Bedauern erregen oder uns Stoff Dreizehntes Kapitel. Und einen ebner'n Pfad will ich mir ſuchen. Parnell. Der Weg den Hawk⸗eye einſchlug, fuͤhrte ſie wie⸗ der durch dieſelben, hier und da von kleinen Thaͤ⸗ lern und Huͤgeln durchſchnittenen Sandſteppen zuruͤck, welche die Geſellſchaft am Morgen deſſel⸗ ben Tages, von dem in ſeinen Hoffnungen ge⸗ taͤuſchten Magua geleitet, zuruͤckgelegt hatte. Die Sonne hatte ſich jetzt bereits bis auf den Rand der fernen Berge geſenkt, und die Hitze war, da uͤberdem ihr Weg immer in dem endloſen Walde fortlief, nicht mehr druͤckend. Ihre Reiſe ging daher auch viel ſchneller, und noch lange bevor die Daͤmmerung eingebrochen war, hatten ſie ſchon manche muͤhſame Meile ihres Weges zuruͤckgelegt. Gleich dem Wilden, deſſen Platz er nun ein⸗ nahm, ſchien der Jaͤger, wie durch eine Art In⸗ ſtinkt geleitet, nur ſelten in ſeiner Eile nachlaſ⸗ ſend und nie einen Augenblick verweilend, um zu uͤberlegen, die Richtung ihres rauhen Weges nach ihm nur verſtaͤndlichen Merkmalen zu nehmen. Ein ſchneller Seitenblick nach dem Mooſe an den —— —— 65 Baumſtaͤmmen, ein gelegentliches Aufblicken nach der untergehenden Sonne, oder eine ſcharfe, doch fluͤhhtige Beobachtung des Laufs der Gewaͤſſer, welche ſie durchwadeten, waren hinreichend ihm ſeine Richtung vorzuzeichnen und alle ſeine Zwei⸗ fel zu heben. Indeß fing der Wald an, ſeine Farben zu aͤndern und das lebhafte Gruͤn, wel⸗ ches ſeine Laub⸗Gewoͤlbe erhellt hatte, einem dunk⸗ leren Lichte zu weichen, das der gewoͤhnliche Vor⸗ gaͤnger des Endes des Tages iſt. Waͤhrend noch die Augen der Schweſtern zwi⸗ ſchen den Baͤumen hindurch einzelne Blicke von der goldenen Glorie zu erhaſchen ſuchten, die ei⸗ nen glaͤnzenden Strahlenkreis um die unterge⸗ hende Sonne bildete, und eine dunkle, uͤber den weſtlichen Gebirgen aufgethuͤrmte, nicht ferne Wolkenmaſſe mit Rubinſtreifen durchflocht oder mit ſchmalen hochgelben Raͤndern einfaſſte, wandte ſich Hawk⸗eye ploͤtzlich um und ſagte, auf den praͤchtigen Abendhimmel zeigend:„Das iſt das Zeichen, was den Menſchen von der Natur gege⸗ ben iſt, um Erholung und Ruhe zu ſuchen; es waͤre wohl alſo beſſer und kluͤger, den Win⸗ ken der Natur zu folgen und von den Voͤgeln in den Luͤften und den Thieren des Waldes eine wte Lehre anzunehmen. Unſere Nacht iſt indeß ld vortüber, denn mit dem Aufgang des Mon⸗ II) 4 5 66 — des muͤſſen wir wieder auf und weiter. In dem erſten Kriege, in welchem ich Menſchenblut ver⸗ goß, erinnere ich mich hier herum gegen die Ma⸗ ken zu ſichern, eine Schanze von Baumſtaͤmmen; und wenn mich meine Zeichen nicht truͤgen ſo Zoͤgern in ein dichtes junges Kaſtanien⸗Gebuͤſch den bedeckenden, hervorſprießenden Schoͤſſlinge aus⸗ einander bog, wie Jemand, der bei jedem Schritte einen Gegenſtand, den er fruͤher kannte, wieder zu finden erwartet. Des Kundſchafters Gedaͤcht⸗ ſene Geſtraͤuch gedrungen war, trat er in jeinen offenen Raum, in deſſen Mitte ſich ein riederer gruͤner Huͤgel, mit dem bezeichneten verfallenen Blockhauſe erhob. Dieſes rohe und vernacglaͤſſigte Gebaͤude war eines jener verlaſſenen Werke, die g und unbeachtet und ſo wie die Ereigniſſe, die ſeine Erbauung veran⸗ laſſt hatten, beinah gaͤnzlich vergeſſen, in Truͤm⸗ mern zuſammen. Dergleichen Denkmaͤler der An⸗ weſenheit und der Kaͤmpfe der Menſchen werden noch jetzt oft in dieſem breiten Striche der Wild⸗ niß, welcher einſt die feindlichen Provinzen von einander ſchied, angetroffen, und bieten eine Art von Ruinen dar, welche mit den Erinnerungen aus der Geſchichte der Kolonieen innig verknuͤpft ſind, und in vollkommenen Einklange mit dem finſteren Charakter, der in ihren Umgebungen vorherrſcht, ſtehn.— Das Dach von Baumrinde war ſchon laͤngſt eingebrochen und lag halb ver⸗ wittert am Boden; die in der Eil zuſammenge⸗ fuͤgten ungeheuren Fichtenſtaͤmme aber hatten noch, bis auf eine eingefallene Ecke, welche dem Druck erlegen war, und dem ganzen Ueberreſte dieſes kunſtloſen Baues den baldigen Einſturz drohete, ihre erſte Lage beibehalten. Heyward und ſeine Begleiter zauderten, ſich einem Gebaͤude von ſo zerſtoͤrtem Anſehn zu nahen; Hawk⸗eye und die Indianer gingen jedoch nicht allein ohne Furcht, ſondern auch mit ſichtlicher Theilnahme zwiſchen den niedern Waͤnden umher. Waͤhrend der Er⸗ ſtere die Ruinen mit der ſorgfaͤltigen Aufmerk⸗ ſamkeit eines Menſchen, deſſen Erinnerungen in 5* “ 68 jedem Augenblicke wieder lebhafter erwachen, in⸗ ner⸗ und außerhalb beſichtigte, erzaͤhlte Chingach⸗ gook ſeinem Sohne, in ihrer Delaware⸗Sprache, mit dem Stolze eines Siegers die kurze Geſchichte des Gefechts, welchem er an dieſem einſamen Orte in ſeiner Jugend beigewohnt hatte. In ſei⸗ nen triumphirenden Ton miſchte ſich jedoch jener ſchwermuͤthige Klang, der ſeine Stimme wie ge⸗ woͤhnlich ſo ſanft und melodiſch machte. Die Schweſtern waren inzwiſchen froͤhlich von ihren Pferden geſtiegen, um in der Kuͤhle des Abends der Ruhe mit dem Gefuͤhle einer Sicher⸗ heit zu genießen, die, wie ſie glaubten, nur von den Thieren des Waldes geſtoͤrt werden koͤnnte. „Wuͤrden wir nicht beſſer gethan haben, mein werther Freund,“ fragte der vorſichtigere Duncan, als er bemerkte, daß der Kundſchafter bereits ſeine kurze Beſichtigung beendet hatte,„einen weniger bekannten und ſeltener beſuchten Ort zu unſerm Ruheplatze zu erwaͤhlen?“ „Es leben nur noch wenige von denen, die wiſſen, daß ein ſolches Blockhaus hier jemals ge⸗ baut wurde,“ antwortete er langſam und bedaͤch⸗ tig;„von einem ſolchen Gefechte, als hier in dem Kriege, den die Mohicans und Mohawks nur unter ſich fuͤhrten, geliefert wurde, werden wohl nicht oft Buͤcher gedruckt oder Berichte geſchrieben. 69 — Ich war damals noch ein junger Fant und ging mit den Delawares, weil ich wuſſte, daß ſie ein gekraͤnktes, unterdruͤcktes Volk waren. Vier⸗ zig Tage und vierzig Naͤchte lagen die Satans um dieſen Haufen Baumſtaͤmme herum, wozu ich den Entwurf machte und den ich zum Theil mit erbauen half— denn ich bin, wie ihr wohl wiſſ't, kein Indianer, ſondern ein Weißer von reiner Ab⸗ kunft,— auf der Lauer, um ihre Rachgier in unſerm Blute zu ſtillen. Die Delawares brach⸗ ten die Arbeit zu Stande und wir hielten uns darin Zehn gegen Zwanzig, bis wir endlich ein⸗ ander an Zahl ziemlich gleich waren; dann aber brachen wir heraus auf die Hunde, und nicht ei⸗ ner von ihnen entkam, der haͤtte erzaͤhlen koͤn⸗ nen, was aus ſeinen Genoſſen geworden ſei. Ja, ja; ich war damals noch jung und nicht an Blut⸗ vergießen gewoͤhnt und konnte den Gedanken nicht ertragen, daß verſtaͤndige Kreaturen gleich mir, auf dem nackten Boden ſo liegen bleiben und von wilden Thieren gefreſſen oder im Sturm und Re⸗ gen bleichen ſollten; ich begrub alſo mit meinen eigenen Haͤnden die Todten grade da unter dem Huͤgel, worauf Ihr Euch geſetzt habt, und es ſitzt ſich wahrhaftig nicht ſchlechter darauf, ob⸗ gleich er nur aus Menſchenknochen zuſammen ge⸗ tragen iſt.“ 3 70 Heyward und die Schweſtern ſprangen ſchnell von dem Raſen des Todtenhuͤgels auf; und die beiden Letzteren konnten, ungeachtet der noch ſo kuͤrzlich erlebten Schreckensſcenen, doch ein Ge⸗ fuͤhl von natuͤrlichem Entſetzen nicht unterdruͤcken, als ſie ſich in ſo naher Beruͤhrung mit dem Grabe der erſchlagenen Mohawks ſahen. Die graue Daͤm⸗ merung, der duͤſtere mit dunklem Graſe bewachſe⸗ ne und mit Gebuͤſchen umgebene Platz, hinter welchem die Fichten in ſchauerlichem Schweigen bis in die Wolken zu ragen ſchienen, und die Stille des ungeheuren Waldes, alles vereinigte ſich um dieſes Gefuͤhl noch zu erhoͤhen. „Sie ſind dahingegangen und unſchaͤdlich,“ ſagte Hawk⸗eye, als er ihre ſichtbare Unruhe be⸗ merkte, indem er ſchwermuͤthig laͤchelnd mit der Hand winkte;„und nimmer werden ſie wieder den Schlachtruf ertoͤnen laſſen, noch je wieder einen Hieb mit dem Tomahawk fuͤhren. Und von allen denen, die ſie hier hingebettet haben, leben nur noch Chingachgook und ich! Die Bruͤder und die Verwandten des Mohican's machten unſere ganze Parthei aus und Ihr ſehet nun hier alle vor Euch, die von ſeinem ganzen Geſchlechte noch uͤbrig ſind.“ Unwillkuͤrlich wandten ſich die Augen der Zuhoͤrer nach den Indianern mit einem Blicke, niemals auf dieſen einfaͤltigen Vertrag ein, ſon⸗ 71 der ihr Mitleid und ihre Theilnahme an deren un⸗ gluͤcklichem Schickſale deutlich ausdruͤckte. Immer noch ſahen ſie ihre dunklen Geſtalten im Innern des in tiefe Schatten verhuͤllten Blockhauſes ver⸗ weilen, und wie der Sohn den Reden des Vaters mit einer geſpannten Aufmerkſamkeit lauſchte, 1 welche die Erzaͤhlung einer Begebenheit nothwen⸗ 3 dig erwecken muſſte, die jenen, deren Namen er ſo lange wegen ihrer Tapferkeit und ihrer rohen 1 Tugenden hoch geehrt hatte, ſo ſehr zum Ruhme 2 gereichte. 6 „Ich glaubte immer die Delawares waͤren ein friedliebendes Volk,“ ſagte Duncan,„die nie ſelbſt in den Krieg zoͤgen, da ſie die Verthei⸗ digung ihres Landes eben denſelben Mohawks, welche ihr erſchlagen hab't, uͤbertrugen?“ „Das iſt freilich zum Theil wahr,“ erwie⸗ derte der Kundſchafter,„und doch iſt es auch eine niedertraͤchtige Luͤge. Ein ſolcher Vertrag wurde einmal vor langen Jahren durch die Teufeleien der Hollaͤnder zu Stande gebracht, weil ſie gern die Eingebornen, welche das erſte Recht auf das Land hatten, in dem ſie ſich niederließen, zu ent⸗ waffnen wuͤnſchten. Die Mohicans aber, die, obgleich ein Theil derſelben Nation, es doch nur mit den Englaͤndern zu thun hatten, ließen ſich 22 dern blieben ihrer Mannhaftigkeit eingedenk; wie ſie denn die Delawares auch wirklich behauptet haben, als ſie einſahen, welche Thorheit ſie be⸗ gangen hatten. Ihr ſeht da einen Haͤuptling der Mohican Sagamores vor Euch! Seine Familie jagte einſt ihr Wild uͤber ausgedehntere Landſtriche, als die ganze Albany⸗Schutzgenoſſenſchaft inne hat, ohne uͤber einen Bach oder Huͤgel zu kommen, der nicht ihr Eigenthum war. Was von all dem iſt nun aber ihrem Abkoͤmmling uͤbrig geblieben? Nichts als daß er, wenn es Gott dereinſt gefaͤllt, ſeine ſechs Fuß Erde wohl noch finden wird; und vielleicht in Ruhe und Frieden drin liegen bleibt, wenn er grade einen Freund hat, der ſeinen Kopf tief genug bettet, daß ihn die Pflugſchaar nicht faſſen kann.“ „Genug!“ ſagte Heyward, beſorgt daß dieſe Unterredung zu Eroͤrterungen fuͤhren koͤnnte, die ihr freundſchaftliches Verhaͤltniß, deſſen Fortdauer doch zur Rettung ſeiner ſchoͤnen Gefaͤhrtinnen ſo nothwendig war, zu unterbrechen im Stande waͤre; „wir haben ſchon manche weite Reiſe gemacht, aber wenige unter uns ſind mit einem ſo kraͤfti⸗ gen Koͤrperbau wie Ihr geſegnet, der weder Er⸗ muͤdung noch Schwaͤche zu kennen ſcheint.“ „Maͤnnliche Sehnen und Knochen laſſen mich dies Alles leicht ertragen,“ ſagte der Jaͤger, N indem er ſeine nervigen Glieder mit einer behag⸗ lichen Selbſtzufriedenheit betrachtete, welche das aufrichtige Vergnuͤgen, das er bei dieſem Lobe empfand, deutlich an den Tag legte;„man trifft wohl in den Niederlaſſungen groͤßere und ſtaͤrkere Maͤnner, als mich an; Ihr koͤnnt aber manchen Tag in einer Stadt herum laufen, ehe Ihr einen findet, der ſo wie ich funfzig Meilen hintereinan⸗ der geht, ohne auszuruhen, oder der bei ſtunden⸗ langem Jagen die Jagdhunde nicht aus dem Ge⸗ hoͤr verliert. Da jedoch Fleiſch und Blut nun einmal nicht bei Jedem gleich ſind, ſo koͤnnen wir billigerweiſe auch annehmen, daß die Frauen⸗ zimmer nach dem, was ſie alles an dieſem Tage geſehen und ausgeſtanden haben, gern zu ruhen wuͤnſchen. Uncas, mache die Quelle rein, indeſ⸗ ſen Dein Vater und ich fuͤr die zarten Koͤpfchen ein Dach von Kaſtanien⸗Schoͤſſlingen zurecht ma⸗ chen, und ein Lager von Gras und Laub berei⸗ ten wollen.“—.-* Die Unterhaltung hoͤrte auf, waͤhrend der Jaͤger und ſeine Gefaͤhrten beſchaͤftigt waren, fuͤr die Bequemlichkeit und die Ruhe ihrer Schuͤtzlinge Sorge zu tragen. Eine Quelle, die vor vielen Jahren die Veranlaſſung geweſen war, daß die Eingebornen dieſen Ort zur Anlegung ihrer Be⸗ feſtigung gewaͤhlt hatten, war bald von dem ſie 434 15. —*=— ỹé bedeckenden Laube gereinigt und ein kriſtallheller Waſſerſtrahl entſprang ihrem Bette und floß uͤber den gruͤnen Huͤgel herunter. Ueber einen Winkel des Gebaͤudes wurde nun ein leichtes Dach gelegt, um den in dieſem Klima gewoͤhnlichen ſtarken Thau abzuhalten, und ein Lager von wohlriechen⸗ den Straͤuchern und trockenen Blaͤttern darunter ausgebreitet, auf welchem die Schwbeſtern der Ruhe genießen koͤnnten. Waͤhrend die unermuͤdeten Waldbewohner mit dieſer Arbeit beſchaͤftigt waren, nahmen Cora und Alice einige Erfriſchungen zu ſih welche anzu⸗ nehmen ſie mehr die Forderungen der Natur als wirkliche Eſſluſt antrieb. Hierauf zogen ſie ſich in die Huͤtte zuruͤck; und nachdem ſie dem Schoͤ⸗ pfer ein Dankgebet fuͤr die ihnen gewaͤhrte Gnade dargebracht und die Fortdauer der goͤttlichen Vor⸗ ſorge fuͤr die kommende Nacht erfleht hatten, war⸗ fen ſie ihre zarten Koͤrper auf das duftende Lager, und verſanken ungeachtet aller peinlichen Erinne⸗ rungen und bangen Ahnungen, bald in einen feſten Schlummer, welchen die Natur herriſch verlangte, und den neue Hoffnungen fuͤr den naͤchſten Morgen verſuͤßten. Duncan ſelbſt ſchickte ſich an in ährer Naͤhe außerhalb der Huͤtte die Nacht zu durchwachen; als aber der Kundſchafter ſeine Abſicht bemerkte, zeigte er auf Chingachgook .. ſſſ und ſagte, indem er ſich ſelbſt ruhig in das Gras hinſtreckte: 4 „Die Augen eines weißen Mannes ſind fuͤr eine ſolche Wache als dieſe zu matt und zu blind! der Mohican wird unſer Waͤchter ſein; laſſt uns alſo ſchlafen.“— „Ich habe in der letzten Nacht auf meinem Poſten mich ſehr verſchlafen gezeigt;“ ſagte Hey⸗ ward,„und die Ruhe thut mir daher weniger noͤthig als Euch, der Ihr Euch dem Charakter eines Soldaten angemeſſener benommen hab't. Laſſ't alſo nur alle die Uebrigen ſich hinlegen, ich will indeß Wache halten.“— „Wenn wir in den weißen Zelten des 6oſten Regiments und einem Feinde wie die Franzoſen gegenuͤber laͤgen, ſo wolltegich keinen beſſern Waͤch⸗ ter begehren,“ antwortete Hawk⸗eye,„aber hier in der Finſterniß und unter den Euch unbekannten Toͤnen der Wildniß, wuͤrdet Ihr alles nicht beſ⸗ ſer als ein unverſtaͤndiges Kind zu beurtheilen im Stande und alle Eure Wachſamkeit nur nutz⸗ los ſein. Macht es alſo wie Uncas und ich, ſchlaf't,— und ſchlaf't ohne Sorgen!“— Heyward ſah wirklich, daß, waͤhrend ſie noch ſprachen, der junge Indianer ſich ſchon auf dem Abhange des Huͤgels niebergelegt hatte, um die zur Ruhe vergoͤnnte Zeit moͤglichſt zu benutzen; * 8 und daß David, deſſen Wundfieber der muͤhſeeli⸗ ge Marſch ſehr vermehrt hatte und ihm im buch⸗ ſtaͤblichen Sinn des Worts die Stimme im Munde ſtocken machte, ſeinem Beiſpiele gefolgt war. Um daher dieſen vergeblichen Streit nicht laͤnger fruchtlos fortzuſetzen, ſtellte ſich der junge Mann als ob er nachgaͤbe, indem er ſich in einer halbliegenden Stellung mit dem Ruͤcken gegen das Blockhaus lehnte, obwohl er in ſeinem Innern feſt entſchloſſen blieb, kein Auge eher wieder zu ſchließen, bis er das ihm anvertraute unſchaͤtzbare Gut in die Arme des alten Munro znruͤckgege⸗ ben habe. In dem Glauben, daß er i fiel Hawk⸗eye bald in Schlaf, und eine eben ſo tiefe Stille als die, welche bei ihrer Ankunft in dieſer Einſamkeit geherrſcht hatte, ruhte auf dem abgelegenen Orte.. Eine geraume Zeit gelang es Duncan, ſeine Sinne munter und auf jeden Klagelaut, welcher im Walde ertoͤnte, aufmerkſam zu erhalten. Als die Abendſchatten ſich rings auf dem Platze gela⸗ gert hatten und die Sterne uͤber ſeinem Kopfe ſchimmerten, konnte er die Gegenſtaͤnde ſchaͤrfer ins Auge faſſen und die auf dem Raſen liegen⸗ den ausgeſtreckten Figuren ſeiner Gefaͤhrten un⸗ terſcheiden, ſo wie die Geſtalt Chingachgooks deut⸗ 9 hn uͤberredet habe, 77 lich erknnen, der gleich einem der dunkeln Baͤu⸗ me, oelche die Gegend auf allen Seiten begraͤnz⸗ ten regungslos da ſaß. Nur wenig Fuß von ſich hoͤre er den Athemzug der Schweſtern, und ſelbſt ncht der leiſeſte raſchelnde Ton eines vom vor⸗ aberſtreichenden Winde bewegten Blattes entging ſeinem Ohre. Endlich aber ließ ſich nur der kla⸗ gende Schlag einer Wachtel, mit dem heiſern Ge⸗ kraͤchze einer Eule vermiſcht, vernehmen; ſeine matten Augen ſtrengten ſich dann und wann an den hellen Schimmer der Sterne zu erblicken, und er bildete ſich dann wirklich ein ſie noch durch die ſchon geſchloſſenen Augenlieder zu ſehn. In einigen kurzen Augenblicken eines ſchnell wieder voruͤbergehenden Zuſtandes des Wachens hielt er ein Geſtraͤuch fuͤr ſeinen wachehaltenden Gefaͤhrten; ſein Kopf neigte ſich auf eine Schulter, welche wiederum einen Ruhepunkt ſuchend auf den Bo⸗ den herunter ſank; endlich wurde ſein ganzer Koͤrper abgeſpannt und ſchlaff, und der junge Mann verſank in einen feſten Schlaf, in wel⸗ chem ihm traͤumte, er ſei ein Turnierheld aus der alten Ritterzeit, und halte in tiefer Mitter⸗ nacht vor dem Zelte einer aus der Gefangenſchaft erlſ'toͤen Prinzeſſin Wache, deren Gunſt er durch einen ſolchen Beweis ſeiner treuen Ergebenheit und Wachſamkeit zu erringen nicht verzweifelte. Wie lange der muͤde Duncan in diſem be⸗ Sie wuſſtloſen Zuſtande lag, blieb ihm ſelbſt unbeannt, zurcht ſein Traumgeſicht war aber ſchon laͤngſt aus ſenem Tag ſ Gedaͤchtniß verſchwunden, als er durch einen leicten Schlag auf die Schulter geweckt wurde. Durch diſe wenn Beruͤhrung, ſo ſchwach ſie auch war, aufgeſchreckt uͤberwe ſprang er, mit einer dunklen Erinnerung an die ſchon beim Einbruch der Nacht ſich ſelbſt auferlegte gezeigt Pflicht, auf die Fuͤße.„Wer iſt da?“ fragte er,„ nach der Stelle greifend, wo ſonſt gewoͤhnlich ſein ſagte l Degen hing.„Sprich! Freund oder Feind?— henswi „Freund!“— erwiederte Chingachgook mit dunkle leiſer Stimme, indem er zu dem leuchtenden Mondl Himmelskoͤrper, der jetzt ſeine milden Strahlen Fhr ei durch die Oeffnungen der Baͤume grade auf ihr iss aber Bivouak ergoß, hinauf zeigte und ſogleich in ſei⸗ nen w nem gebrochenen Engliſch hinzufuͤgte:„Mond Sie de kommt, und der weißen Maͤnner Feſtung weit— euder weit weg; Zeit aufzubrechen, wenn Schlaf noch Cora 1 beide Augen des Franzoſen ſchließt.“— alle dief „Ihr ſprecht wahr! weckt Eure Freunde, und durch ei zaͤumt die Pferde; indeß ich meine eigenen Ge⸗„ 2 faͤhrten zum Aufbruche vorbereiten werde.“— rigkeit „Wir wachen ſchon,“ ſagte innerhalb des Auge ſch Gebaͤudes Alice mit ihrer ſanften Silberſtimme; indem e „und ſind nach einem ſo erquickenden Schlafe im ens hef Stande recht ſchnell vorwaͤrts zu kommen; aber m Aus em be⸗ Fannt, ſenem eicten ch diſe chreck an die erlegte zte er, ) ſein 1 mit enden ahlen f ihr ſei⸗ Nond it— noch und 79 Sie haben nun die langweilige Nacht fuͤr uns durchwacht, nachdem Sie ſchon den ganzen langen Tag ſich fuͤr uns abgemuͤht hatten.“ „Sagen Sie lieber, ich wuͤrde gewacht haben, wenn der Schlaf meine treuloſen Augen nicht uͤberwaͤltigt haͤtte; zweimal habe ich mich nun ſchon des in mich geſetzten Vertrauens unwuͤrdig gezeigt!“ „Laͤugnen Sie es nur nicht, Duncan,“ aagte laͤchelnd Alice, indem ſie in der ganzen Lie⸗ benswuͤrdigkeit ihrer jugendlichen Schoͤne aus dem dunklen Schatten des Gebaͤudes in das klare Mondlicht trat;„ich weiß daß Sie in allem was Ihr eigenes Ich anbetrifft, immer ſorglos, wenn s aber fuͤr Andre iſt, nur zu wachſam ſind. Koͤn⸗ nen wir nicht noch etwas hier verweilen, damit Sie der Ihnen ſo noͤthigen Ruhe genießen. Mit Zeuden, ja mit dem groͤßten Vergnuͤgen wollen Föra und ich Wache halten, indeß Sie und allt dieſe braven Leute es verſuchen ſollten, ſich durch einen kurzen Schlaf zu ſtaͤrken.“ „Wenn mich die Schaam von meiner Schlaͤf⸗ rigkeit heilen koͤnnte, ſo wuͤrde ich nie wieder ein Auge ſchließen;“ agte der junge Mann verlegen, 3 iindem er ſeine Blicke auf das offene Geſicht Ali⸗ ens heftete, in deſſen mit zarter Sorgfalt erfuͤll⸗ Ausdrucke er aber keine Beſtaͤtigung ſeines 80 erwachenden leiſen Argwohns wahrnehmen konnte. „Es iſt nur zu wahr, daß nachdem ich Sie Beide durch meine Unbedachtſamkeit in Gefahr gebracht, ich nicht einmal das Verdienſt habe, wie es einem Soldaten zukaͤme, Ihren Schlaf zu be⸗ wachen.“—„Niemand als Duncan ſelbſt, kann Duncan ſolcher Schwaͤche anklagen!“ ſagte ver⸗ trauungsvoll Alice, die mit vollem weiblichen Vertrauen den Glauben an eine ſo edelmuͤthige Taͤuſchung nicht aufgab, welche die Vollkommen⸗ heiten ihres jugendlichen Anbeters nur in ein hel⸗ leres Licht ſtellte.„Gehen Sie alſo und ſchlafen; und ſein Sie uͤberzeugt daß, ſo ſchwache Maͤdchen wir auch ſind, doch keine von uns in unſerer Wachſamkeit laͤſtig ſein werde.“ Der junge Mann ward von dieſer Verlegen⸗ heit, noch mehrere Betheurungen ſeiner eigenen Fahrlaͤſſigkeit zu machen, durch einen Austuf Chingachgook's und die mit geſpannter Aufmerk⸗ ſamkeit horchende Stellung ſeines Sohnes befreit. „Die Mohicans hoͤren einen Feind!“ fuͤſterte Hawk⸗eye, welcher jetzt mit den Uebrigen bereits munter und in Bewegung war.„Sie wittern im Winde irgend eine Gefahr!“— „Das wolle Gott nicht!“ rief Heyward:„ wir haben wahrlich ſchon des Blutvergießens genug gehabt!“— 4 81 Indeß ergriff doch der junge Krieger waͤhrend er noch ſprach ſein Gewehr, ging weiter vorwaͤrts und machte ſich bereit ſeine wohlverzeihliche Schlaͤf⸗ rigkeit dadurch wieder gut zu machen, daß er ſein Leben kuͤhn fuͤr die Vertheidigung der ſeinem Schutze Anbefohlenen wagte. „Es iſt irgend ein Raubthier des Waldes, das nach Beute um uns herumſchleicht!“ ſagte er fluͤſternd, ſobald die ſchwachen und wie es ſchien, noch fernen Toͤne, welche die Mohicans beunru⸗ higten, auch endlich ſein Ohr erreichten. „Still!“ erwiederte der horchende Kundſchaf⸗ ter!„es ſind Menſchen, jetzt kann auch ich ihre Tritte unterſcheiden, ſo ſtumpf auch meine Sinne im Vergleich mit denen der Indianer ſind! Der entſprungene Hurone iſt gewiß einer Streifpar⸗ thei Montcalm's begegnet und ſie haben unſere Faͤhrte aufgefunden. Mir ſelber wuͤrde es nicht lieb ſein, an dieſer Stelle noch mehr Menſchen⸗ blut zu vergießen,“ ſetzte er, auf die ihn um⸗ gebenden in Dunkel verhuͤllten Gegenſtaͤnde mit einiger Beſorgniß in ſeinen Zuͤgen umherblickend, hinzu;„aber was ſein muß— muß ſein! Fuͤhr' die Pferde in's Blockhaus, Uncas; und Ihr, Freunde, folgt ihnen in denſelben Zufluchtsort. So armſelig und alt es auch iſt, ſo gibt es doch 6 immer noch einen Verſteck ab und hat wohl ſchon ——. —s— I 82 fruͤher als in dieſer Nacht vom Knall einer Buͤchſe wiedergehallt.“—. Sein Gebot wurde ſogleich vollzogen; die Mo⸗ hicans fuͤhrten die Narraganſets in das verfallene ö Gebaͤude, wohin ſich auch ſogleich die ganze Ge⸗ 3 ſellſchaft in groͤßter Stille begab. Der Ton nahender Fußtritte wurde nun zu deutlich gehoͤrt, um noch einen Zweifel uͤber die Art dieſer Stoͤrung zu laſſen. Bald miſchten ſich auch Stimmen darein, welche einander in einem Indianiſchen Dialecte zuriefen, der, wie der Jaͤ⸗ ger Heyward zufluͤſterte, die Sprache der Huronen war. Als die Rotte den Ort erreichte, wo die Pferde in das das Blockhaus umgebende dichte Gebuͤſch gefuͤhrt worden waren, kamen ſie augen⸗ ſcheinlich in Verlegenheit, da ſie nunmehr die Merkmale verloren, welche ſie bisher bei ihrer Verfolgung geleitet hatten. 9. Nach den Stimmen zu urtheilen, ſchien es, daß ſich in Kurzem an jener Stelle etwa zwanzig Maͤnner verſammelten, die ihre verſchiedenen Mei⸗ nungen und Vorſchlaͤge laut durch einander ſchrieen.. „Die Schurken kennen unſere Schwaͤche,“— fluͤſterte Hawk⸗eye, welcher im tiefſten Schatten an Heyward's Seite ſtand und durch eine Oeff⸗ nung zwiſchen den Staͤmmen herausſah;„ſonſt —— — — F 83 wuͤrden ſie nicht auf eine ſo faule Weiſe ihre Zeit mit Weiber⸗Gewaͤſche verſplittern; hoͤrt einmal das Wurm⸗Gezuͤcht an! iſt es nicht als wenn jeder Kerl zwei Zungen und nur ein Bein habe?“— So brav und in Gefechten oft ſelbſt verwe⸗ gen auch Duncan war, ſo war er doch in die⸗ ſem Augenblick der peinlichſten Ungewiſſheit nicht im Stande, auf die kalte charakteriſtiſche Bemer⸗ kung des Kundſchafters zu antworten. Er um⸗ faſſte nur ſeine Buͤchſe feſter und heftete ſeine glicke auf die ſchmale Oeffnung, durch welche er in die mondbeleuchtete Ausſicht mit immer wach⸗ ſender Aufmerkſamkeit ſtierte. Die tiefern Toͤne eines mit einer gebieteriſchen Stimme Sprechen⸗ den wurden zunaͤchſt vernommen und brachten bei den Uebrigen ein Schweigen hervor, das die Ach⸗ tung bekundete, mit welcher ſie ſeine Befehle, oder vielmehr ſeinen Rath annahmen. Hierauf zeigte das Raſcheln der Blaͤtter und das Brechen der trockenen Aeſte, daß ſich die Wilden verein⸗ zelten um die verlorene Spur wieder aufzuſuchen. Gluͤcklicherweiſe fuͤr die Verfolgten war aber das Licht des Mondes, welches den kleinen Platz rings um die Ruine mit einem milden Glanze uͤber⸗ goß, doch nicht ſtark genug die dichten Laubge⸗ woͤlbe des Waldes zu durchdringen, unter denen ale Grgenſtande in matten truͤglichen Schatten. 8 4 5 6* 2 verborgen lagen. Ihre Nachforſchungen blieben jedoch fruchtlos, denn die Reiſenden hatten den ungebahnten Pfad, auf welchem ſie gekommen waren, ſo ploͤtzlich verlaſſen, um durch das Dik⸗ kigt zu brechen, daß in der Finſterniß des Wal⸗ des auch keine Spur mehr ihrer Fußſtapfen auf⸗ zufinden war. 4 Es dauerte jedoch nicht lange, ſo hoͤrten ſie die raſtloſen Wilden ſich durch die Geſtraͤuche ei⸗ nen Weg bahnen und allmaͤlig dem inneren Rande der dichten Umgebung von Kaſtaniengebuͤ⸗ ſchen nahen, welche den kleinen offenen Platz einſchloſſen. „Sie kommen,“ fluͤterte Heyward, indem er ſeine Buͤchſe durch eine Ritze zwiſchen den Staͤmmen hindurchzuſtecken verſuchte;„laſſt uns wenn ſie naͤher kommen, Feuer auf ſie geben!— „Gebt Acht daß alles im Schatten bleibe;“ erwiederte der Kundſchafter,„ſchon das Knacken eines Feuerſteins, oder ſelbſt nur der Geruch von einem einzigen bischen Schwefel wuͤrde die ganze Bande der hungrigen Hallunken uns auf den Hals ziehen. Sollte es Gott gefallen, daß wir um zunſere Skalps fechten muͤſſen, ſo verlaſſt Euch nur ganz auf die Erfahrung von Maͤnnern, welche die Schliche der Wilden kennen und auch 8 5 r 1 85 nicht zuruͤckbleiben, wenn ſich das heulende Kriegs⸗ geſchrei hoͤren laͤſſt. Duncan warf einen aͤngſtlichen Blick ruͤck⸗ waͤrts und ſah, wie die zitternden Schweſtern in der fernſten Ecke des Gebaͤudes aneinander ge⸗ ſchmiegt ſaßen, waͤhrend die Mohicans gleich zwei Pfeilern aufrecht im Schatten daſtanden und je⸗ den Augenblick ſich bereit hielten, ihre Streiche, ſobald es noͤthig waͤre, fallen zu laſſen. Seine Ungeduld bezaͤhmend blickte er wieder in's Freie hinaus und erwartete ſchweigend den Ausgang. In dieſem Augenblick offnete ſich das Dickigt und ein großer bewaffneter Hurone trat einige Schritte auf den offenen Raum hervor. Als er das ſchauerliche Blockhaus wahrnahm, fiel das Licht des Mondes auf ſein braunes Geſicht, das Staunen und Neugierde verrieth. Er ſtieß hier⸗ auf den gewoͤhnlichen Ausruf der Indianer bei irgend einer unerwarteten Ueberraſchung aus, und ſein leiſes Rufen zog ſogleich einen Gefaͤhrten an ſeine Seite. Mehrere Minuten ſtanden ſo die Kinder des Waldes, auf das zuſammenfallende Gebaͤude hin⸗ weiſend und in ihrer unverſtaͤndlichen Landes⸗ ſprache redend, bei einander. Endlich naͤherten ſie ſich, jedoch mit langſamen vorſichtigen Schrit: ten, und jeden Augenblick ſtill ſtehend, um das Gebaͤude von neuem zu betrachten; gleich dem aufgeſchreckten Wilde, deſſen Neugierde mit der erregten Furcht vor der Gefahr maͤchtig kaͤmpft. Auf einmal ſtieß der Fuß des Einen an den Erd⸗ huͤgel, und er buͤckte ſich um ihn zu unterſuchen. Heyward bemerkte daß jetzt der Kundſchafter ſein Meſſer luͤftete, und die Muͤndung ſeiner Buͤchſe ſenkte. Ein Gleiches thuend, bereitete ſich der junge Mann zum Kampfe, der ihm nun unver⸗ meidlich ſchien, vor. 4 Die Wilden waren jetzt ſo nahe, daß die lei⸗ ſeſte Bewegung eines der Pferde, oder ſelbſt nur ein ungewoͤhnlich ſtaͤrkerer Athemzug die Fluͤcht⸗ linge verrathen haben wuͤrde. Als ſie aber die Beſchaffenheit des Todtenhuͤgels entdeckt hatten, ſchien ſich die Aufmerkſamkeit der Huronen auf einen andern Gegenſtand zu richten. Sie ſpra⸗ chen wieder zuſammen, und nach dem leiſen feier⸗ lichen Tone ihrer Stimmen ſchien es, daß ſie ein ehrerbietiges, mit einer innigen Scheu ver⸗ miſchtes Gefuͤhl erfuͤllt haͤtte. Sie zogen ſich dann behutſam zuruͤck, ohne jedoch die Ruine aus den Augen zu verlieren, als ob ſie die Geiſter der Todten aus den ſchauerlichen ſtillen Waͤnden her⸗ vortreten zu ſehn fuͤrchteten, bis ſie die Graͤnze des Platzes erreicht hatten, wo ſie langſam in's Gebuͤſch traten und verſchwanden. * Hawk⸗eye ſetzte die Kolbe ſeiner Buͤchſe auf tiefen Athemzug und 4 die Erde, that einen langen — 4. ſagte in einem hoͤrbaren Fluͤſtern: die Todten, und dies⸗ „ Ah!— ſie ehren mal haben ſie damit ſich ſelbſt das Leben gerettet; und vielleicht auch noch das Leben beſſerer Men⸗ ſchen!“ Heyward ſchenkte der Rede ſeines Gefaͤhrten nur fuͤr einen Augenblick ſeine Aufmerkſamkeit, ohne jedoch darauf zu antworten, und wandte ſich ſogleich wieder nach jenen hin, die jetzt grade ſein Intereſſe mehr in Anſpruch nahmen. Er hoͤrte 4 — ganz deutlich wie die beiden Huronen das Gebuͤſch verließen, und wie ſich ſogleich die ganze Rotte um ſie her verſammelte und ihrem Berichte aufmerk⸗ ſam zuhoͤrte. Nach einigen wenigen Minuten eines ernſten und feierlichen Geſpraͤchs, gaͤnzlich verſchieden von dem wilden Toben, womit ſie ſich zuerſt um die Stelle verſammelt hatten, wurden die Toͤne ſchwaͤcher, entfernten ſich allmaͤlig und verloren ſich endlich ganz in der Tiefe des Waldes. bis er ſich durch ein Zei⸗ 6 . Hawk⸗eye wartete, chen des lauſchenden Chingachgook verſichert hatte, e daß kein Ton mehr von der abziehenden Rotte dKurch die weite Entfernung bis zu ihnen dringen ednne, worauf er Heyward winkte die Pferde vor den Sattel zu zufuͤhren und den Schweſtern in — helfen. Im Augenblick war dies geſchehen; ſie traten aus der zerbrochenen Pforte heraus und verließen in einer der, von welcher ſie gekommen wa⸗ ren, entgegengeſetzten Richtung heimlich und ſtill den Ort; die Schweſtern nicht ohne noch verſtoh⸗ lene Blicke auf den ſtillen Todtenhuͤgel und die verfallende Ruine zuruͤckzuwerfen, als ſie den ſanf⸗ ten Mondſchein hinter ſich ließen, um ſich in die tiefe Dunkelheit des Waldes zu begraben.— Vierzehntes Kapitel. „Guard.— Qui est là?“— „Puc.— Paisans, pauvres gens de France.“ König Heinrich VI. Waͤhrend ihres eiligen Abzugs von dem Block⸗ hauſe und bevor die Geſellſchaft nicht ſchon ziem⸗ lich weit in dem Walde vorgedrungen war, war jeder von ihnen zu ſehr darauf bedacht, ſchnell fort zu kommen, als es ſich zu erlauben nur fluͤ⸗ ſternd ein Wort zu ſprechen. Der Kundſchafter nahm wieder ſeinen Platz vorn an der Spitze ein, obwohl er, ſobald ihn eine hinlaͤngliche Entfer⸗ nung von ſeinen Feinden trennte, wegen ſeiner gaͤnzlichen Unbekanntſchaft mit den ihn nun⸗ mehr umgebenden Waͤldern bedaͤchtiger und lang⸗ ſamer als bei ihrem fruͤhern Marſche vorwaͤrts ſchritt. Mehr als einmal hielt er an, um ſich mit ſeinen Verbuͤndeten, den Mohicans, zu be⸗ ſprechen, wobei ſie oft auf den Mond zeigten und die Rinde der Baͤume ſehr ſorgfaͤltig unterſuchten. In dieſen kurzen Pauſen horchten Heyward und die Schweſtern, deren Sinne die Gefahr noch ein⸗ mal ſo ſcharf machte, aͤngſtlich, ob ſich irgend ein Zeichen vernehmen laſſe, das die Annaͤherung ih⸗ rer Feinde verkuͤnde. Es ſchien indeß in dieſen Augenblicken als wenn der ganze weite Landſtrich rings umher in einem ewigen Schlafe begraben laͤge; auch nicht das leiſeſte Geraͤuſch erſcholl aus dem Walde, als nur das ferne und kaum hoͤr⸗ bare Rauſchen eines Waldbaches. Voͤgel, Thiere und Menſchen ſchienen alle von gleichem Schlafe befangen, wenn aͤberall von den Letztern einer in dieſem Theile der unermeſſlichen Wildniß anzutref⸗ fen war. So ſchwach aber auch die murmelnden Toͤne des Baches waren, ſo riſſen ſie doch auf einmal ihre Fuͤhrer aus keiner geringen Verlegen⸗ heit, indem dieſe ſogleich ſtill und eilig ihren Weg dahin richteten. Als ſie das Ufer des kleinen Fluſſes erreicht hatten, machte Hawk⸗eye wieder Halt; und ſeine Moccaſſins von den Fuͤßen ziehend, forderte er Heyward und Gamut auf, ſeinem Beiſpiele zu folgen. Hierauf ging er in das Waſſer hinein, in welchem ſie beinah eine Stunde lang ihren Weg, ohne gefaͤhrliche Fußſtapfen zuruͤckzulaſſen, dem Laufe deſſelben folgend, fortſetzten. Der Mond hatte ſich bereits hinter einer ungeheuern Maſſe dunkler Wolken, welche uͤber dem weſtlichen Horizonte hing, verborgen, als ſie aus dem ſeich— ten, ſich ſchlaͤngelnden Waldbache wieder auf die helle und ebene, mit Baͤumen bedeckte Sandflaͤche herausſtiegen. Hier ſchien der Kundſchafter wie⸗ der zu Hauſe zu ſein, denn er ſchritt nun mit einer Beſtimmtheit und Geſchwindigkeit vorwaͤrts, welche ſeine Kenntniß von dieſer Gegend hinlaͤng⸗ lich zu erkennen gaben. Der Pfad wurde nach und nach unebener, und die Reiſenden konnten bald bemerken, daß ſich ihnen die Berge auf bei⸗ den Seiten naͤherten und ſie im Begriff waren in eine der groͤßten Bergſchluchten einzudringen. Hawk⸗eye ſtand ploͤtzlich ſtill, bis die ganze Geſellſchaft an ihn herangekommen war, worauf er zu ſprechen anfing, obwohl in einem leiſen behutſamen Tone, welcher ſeiner feierlichen Rede an dieſem ſtillen und finſtern Orte einen noch tiefern Eindruck verſchaffte. „Es iſt leicht die Fußpfade, die Salzquellen und die Waſſerzuͤge dieſer Wildniß zu kennen und 91 wiederzufinden,“ ſagte er;„wer wuͤrde aber jetzt wohl, wenn er dieſen Ort ſieht, zu behaupten wagen, daß zwiſchen jenen ſtillen Baͤumen und unfruchtbaren Bergen ſich einſt eine große Armee gelagert hatte?“— „Wir ſind alſo nicht mehr weit von William Henry?“ ſagte Heyward, mit Theilnahme naͤher an den Kundſchafter herantretend.— „Wir haben noch einen langen und ermuͤ⸗ denden Weg vor uns,“ war die Antwort;„und wann und an welcher Stelle wir hineinkommen, iſt jetzt unſere groͤßte Schwierigkeit!— Seht,“ ſagte er, indem er zwiſchen den Baͤumen hindurch auf ein kleines Waſſerbecken zeigte, in deſſen un⸗ bewegter ruhiger Oberflaͤche ſich die glaͤnzenden Sterne ſpiegelten,„hier iſt der blutige Teich! und ich ſtehe jetzt auf einem Boden, den ich nicht nur ſo manchmal durchwandert, ſondern auf dem ich mich auch vom Morgen bis zum Abend mit dem Feinde herumgeſchlagen habe.“— „Ha, dieſe finſtere und truͤbe Waſſerflaͤche alſo iſt das Grab der in jenem Kampfe gefallenen braven Krieger! Ich habe ihn nennen hoͤren, aber fruͤher noch nie an ſeinen Ufern geſtanden.“ „Drei Schlachten an einem Tage fochten wir gegen den hollaͤndiſchen Franzoſen;“ fuhr Hagk⸗eye, mehr ſeine Gedankenfolge ausſprechend, als auf Duncan's Bemerkung antwortend, fort; „er ſetzte uns hart zu, als wir ſeine Vorhut um⸗ gehen wollten, um ihr einen Hinterhalt zu legen, und trieb uns wie ein Rudel gehetzter Hirſche durch das Defilee zu den Ufern des Horikan zu⸗ ruͤck. Da aber ſammelten wir uns wieder hinter unſern Verhauen und boten ihm abermals die Spitze unter Sir William,— der fuͤr eben die⸗ ſes Gefecht zum Sir William gemacht wurde— †) und gut bezahlten wir ihm unſere am Morgen erlittene Niederlage. Hunderte von Franzoſen ſahen die Sonne an dieſem Tage zum letztenmal, und ſelbſt ihr Anfuͤhrer, Dieskau, fiel uns dabei in die Haͤnde; ſo von Hieben und Schuͤſſen zer⸗ fetzt, daß er wieder in ſein Land zuruͤckgehen muſſte, und zu allem Kriegsdienſte unfaͤhig war.“ „Es war ein ruͤhmlicher Widerſtand!“ rief Heyward in der Hitze ſeines jugendlichen Eifers; „die Kunde davon kam bald zu uns bei der Suͤd⸗ Armee!“— *) Obgleich in England das Wort Sir im Allgemeinen bei Anreden wie das deutſche„Herr“ gebraucht wird, ſo iſt es doch eigentlich nur ein Titel, welcher den Ba⸗ ronets und Rittern zukommt, und dieſe werden dann gewöhnlich nur durch ihre Vornamen, denen das Sir vorgeſetzt wird, bezeichnet. Dieſe Art von Adel wird als Auszeichnung für Verdienſte vom Könige verliehen und iſt auch mit Ertheilung eines höhern Ordens verbunden. „O, damit war es noch nicht zu Ende; ich wurde vom Major Effingham, auf Sir Wil⸗ liam's eigenen Befehl, geſchickt, um um die Fran⸗ zoſen herumzugehen, und die Nachricht ven ihrer Niederlage uͤber den Paſſ zum Fort am Hudſon zu bringen. Grade hier herum, da wo Ihr die Baͤume auf dem Abhange ſtehen ſeht, begegnete mir eine Abtheilung, welche zu unſerer Huͤlfe anruͤckte, und ich fuͤhrte ſie nach dem Orte hin, wo der Feind eben im Eſſen begriffen war und wohl nicht ahnte, daß ſein blutiges Tagewerk noch nicht zu Ende ſei.“ „Und Ihr uͤberfielt ſie!“ „Wenn der Tod fuͤr Menſchen, die nur dar⸗ an denken ihren Hunger zu ſtillen, ein Ueberfall ſein kann. Wir gaben ihnen wenig Zeit zum Ausruhn, denn ſie hatten uns am Morgen hart zugeſetzt, und es waren unſerer nur wenige, die nicht einen Verwandten oder Freund durch ihre Hand verloren hatten. Als alles voruͤber war, wurden die Todten, und Manche behaupten, auch die Sterbenden, in den kleinen Teich da gewor⸗ fen. Dieſe meine Augen haben ſein Waſſer ſo roth gefaͤrbt von Blute geſehen, als natuͤrliches Waſſer wohl nimmer aus den Eingeweiden der Erde hervorquillt.“ „Es war ein anſtaͤndiges, und ich glaube, daß es auch ein friedliches Grab fuͤr einen Sol⸗ daten ſein wird! Ihr habt an dieſen Graͤnzen herum alſo wohl manches Gefecht erlebt?“ „Ich?“ ſagte der Kundſchafter, ſeine lange Figur mit einem militaͤriſchen Anſtande ſtolz em⸗ porrichtend;„hier in dieſen Bergen giebt's nicht viel Echo's, die nicht vom Knall meiner Buͤchſe erklungen waͤren; oder zwiſchen dem Horikan und dem Fluſſe einen Raum, eine Quadratmeile groß, auf welchem„Hirſchtod“ nicht ein lebendes We⸗ ſen, ſei es nun ein Feind oder ein wildes Thier, hingeſtreckt haͤtte. Was das Grab da anbelangt, das, wie Ihr ſagt, ſo ruhig iſt, ſo iſt es damit eine andere Sache. Es ſind freilich welche im Lager, die glauben und ſagen, daß ein Mann, der leblos da liegt, nicht begraben werden ſollte, ſo lange noch Athem in ihm iſt; es iſt wohl aber aauch wahr, daß an dem Abend in der großen Verwirrung die Doktors nicht viel Zeit hatten, zu ſagen, wer noch lebte oder ſchon todt war. Still!— Sehet Ihr dort nicht etwas am Ufer des Teiches gehen?“ „Es iſt nicht wahrſcheinlich, daß es in die⸗ finſtern Walde noch mehr Menſchen gibt, ie eben ſo ohne Obdach umherirren, wie wir., „Solche wie der da moͤgen ſich wohl des in Obdach oder Wohnung bekuͤmmern; und der.. 95 Nachtthau kann niemals einen Koͤrper naſſ ma⸗ chen, der den Tag uͤber im Waſſer zubringt!“ erwiederte der Kundſchafter, Heyward's Schulter mit einer ſo krampfhaften Staͤrke ergreifend, die dem jungen Soldaten bewies, wie ſehr der aber⸗ glaͤubige Schreck ſich des ſonſt ſo furchtloſen Man⸗ nes bemaͤchtigt hatte. „Beim Himmel, da iſt eine menſchliche Ge⸗ ſtalt und kommt uns naͤher! Greift zu den Waf⸗ fen, Freunde, denn wir wiſſen nicht, wen wir vor uns haben.“ „Qui vive!“ rief eine ernſte und tiefe Stimme, aus dem einſamen ſchauerlichen Win⸗ kel wie ein Ruf aus einer andern Welt hervor⸗ toͤnend. „Was ſagt er?“ fluͤſterte der Kundſchafter; ner ſpricht weder engliſch noch indianiſch.“ „Qui vive!“ wiederholte dieſelbe Stimme, dem ſogleich das Klappern eines Gewehrs und ei⸗ ne angenommene drohende Stellung folgte. „France!“ rief Heyward, aus dem Schat⸗ ten der Baͤume zum Ufer des Teich's bis auf we⸗ nige Schritte vor die Schildwache tretend. „D'ou veuez vous— ou allez vous d'dussi bonne heure?“ ſagte der Grenadier in der Sprache und mit dem Accente eines Mannes agus Alt⸗Frankreich. 96 „ Je viens de la découverte, et je vais me coucher.“ „Etes-vous officier du roi?“ „Sans doute, mon camarade; me prends tu pour un provincial! Je suis capitaine de chasseurs.(Heyward bemerkte wohl, daß der andre von einem Linienregimente war)— j'ai ici avec moi les filles du commandant de la fortification. Aha! tu en as entendu parler! je les ai fait prisonnières près de l'autre fort, et je les conduis au général.“ „Ma foi! mes dames, j'en suis faché pour vous,“ rief der junge Soldat, ſeine Muͤtze mit ausgeſuchter Hoͤflichkeit und nicht wenig An⸗ ſtande anfaſſend;„mais— fortune de guerre! vous trouverez notre général un brave homme, et bien poli avec les dames.“ „C'est le caractère des gens de guerre,“ ſagte Cora, mit bewundernswuͤrdiger Beſonnen⸗ heit:„Adieu, mon ami, je vous souhaite- rais un devoir plus agréable à remplir.“ Der Soldat machte ihr fuͤr dieſen hoͤflichen Wunſch eine tiefe ehrfurchtsvolle Verbeugung, und nachdem Heyward ihm noch: bonne nuit, mon camarade, zugerufen hatte, ſetzten ſie ihren Weg langſam fort, und verließen die Schildwache, die am Ufer des ſtillen See's ruhig wieder auf⸗ und abging 97 und ohne nur im geringſten zu ahnen, daß ein Feind eine ſolche Verwegenheit haben koͤnne, jenes Liedchen vor ſich hin brummte, das der Anblick der Damen und vielleicht auch Erinnerungen an das ferne ſchoͤne Frankreich ihm ins Gedaͤchtniß zuruͤckfuͤhrten: „Vive le vin, vive l'amour,“ etc. etc. „Es war gut daß ihr den Hundsfott ver⸗ ſtehen konntet, fluͤſterte der Kundſchafter, als ſie eine Strecke von dem Orte entfernt waren, und ließ ſeine Buͤchſe wieder in die Biegung des Arms fallen.“ Ich merkte bald daß es einer von jenen unruhigen Franzmaͤnnern war; und es war gut fuͤr ihn, daß er ſich freundlich zeigte und uns alles Gute wauͤnſchte, ſonſt moͤchten ſeine Knochen leicht einen Platz unter denen ſeiner Landsleute gefun⸗ den haben.“ 4 Hier wurde er von einem langen tiefen Geſtoͤhne unterbrochen, das aus dem Teiche erſcholl, als ob die Geiſter der Abgeſchiedenen wirk⸗ lich um ihr waͤſſeriges Grab herumſpukten. „Es war doch gewiß ein Lebendiger,“ fuhr der Kundſchafter fort;„denn ein Geiſt haͤtte wohl mit dem Gewehr nicht ſo. gut umgehen koͤnnen. „ Es war ein Lebendiger; denn ob der arme Burſche jetzt noch zu dieſer Welt gehoͤrt, iſt zu 7 * zweifeln,“ ſagte Heyward, ſchnell ſeine Blicke 1 8 zoſen an ſeinem Guͤrtel befeſtigte, Zuge vermiſſend.— Einem zweiten aber ſchwaͤ⸗ chern Stoͤhnen folgte nun das dumpfe Geraͤuſch eines in das Waſſer fallenden ſchweren Koͤrpers, worauf wieder alles ſo ſtill war, als ob die Ruhe der Ufer des ſchauerlichen Teiches ſeit Erſchaffung der Welt noch nie geſtoͤrt worden waͤre. Waͤhrend ſie noch ſo in dieſer Ungewiſſheit, die jeder Augen⸗ blick nur peinlicher machte, verweilten, ſahen ſie die Geſtalt des Indianers aus dem Dickigt her⸗ vorſchleichen, und ſich ihnen wieder anſchließen; indem er zugleich mit der einen Hand den noch rauchenden Skalp des ungluͤcklichen jungen 8 ran⸗ andern das Meſſer und den Tomahapk, welche ſein Blut vergoſſen hatten, beiſteckte. Hierauf nahm er wieder mit der zufriedenen Miene eines Mannes, der eine verdienſtliche Handlung began⸗ gen zu haben glaubt, ſeinen gewoͤhnlichen Poſten, etwas nach einer Seite hin ein. Der Kundſchafter ſetzte den Kolben ſeiner Buͤchſe auf die Erde, ſtuͤtzte ſich mit beiden Haͤn⸗ den auf die Muͤndung und ſtand einen Augenblick nachdenkend in tiefem Schweigen. Dann aber murmelte er mit traurigem Kopfſchuͤtteln:— Für einen weißen Mann waͤre das umherwerfend und Chingachgook in ihrem kleinen⸗ N— —— 99 es liegt nun einmal in der Natur und dem Gemuͤthe eines Indianers, und kann ihm, glaube ich, auch nicht verdacht werden! Ich wollte freilich wuͤnſchen, daß es lieber einen verdammten Mingo, als den jungen munteren Kerl aus dem alten Mutterlande, getroffen haͤtte.“ „Genug,“ ſagte Heyward, aus Beſorgniß daß die argloſen Schweſtern die Urſache ihres Verweilens errathen moͤchten, und ſuchte ſeinen Abſcheu durch aͤhnliche Betrachtungen und Gruͤnde, als der Kundſchafter eben geaͤußert, zu beſchwich⸗ tigen;„es iſt geſchehen, und obgleich es beſſer. waͤre, wenn es nicht geſchehen waͤre, ſo kalln es doch nun einmal nicht wieder geaͤndert werden. Ihr ſeht aber daß wir auf eine gefaͤhrliche Weiſe der feindlichen Poſtenlinie zu nahe gekommen find; welche Richtung meint ihr nun wohl daß wir zu nehmen haben?“— „Ja wohl,“ ſagte Hawkeye, ſich wieder auf⸗ richtend,„es iſt jetzt wie ihr ſchon geſagt habt zu ſpaͤt, um ſich noch lange daruͤber Gedanken zu machen. Ja, ja, die Franzoſen haben im ganzen Ernſte das Fort ordentlich eingeſchloſſen, und wir werden es ſehr kuͤnſtlich anfangen muͤſſen um durch ſie hindurch zu kommen.“ „Und es bleibt uns nur wenig Zeit uͤbrig es auszufuͤhren!“ ſetzte Heyward hinzu, indem 7* 47 aus der Vorpoſtenkette herauszukommen; un er einen Blick auf die Dunſtmaſſe warf, welche den untergehenden Mond bedeckte. „Und nur wenig Zeit uͤbrig um es auszu⸗ fuͤhren!“ wiederholte der Kundſchafter.„Mit Huͤlfe der Vorſehung, ohne die es denn wohl uͤber⸗ haupt auf keine Weiſe geſchehen moͤchte, koͤnnen wir das Ding auf zweierlei verſchiedene Arten anfangen.“ „Nennt ſie geſchwind, denn die Zeit draͤngt!“ „Die Eine waͤre, die Frauenzimmer abſteigen und die Pferde frei laufen zu laſſen; wenn wir dann die Mohicans vorauf ſchicken, ſo koͤnnten wir uns einen Weg durch ihre Poſten bahnen, und uͤber ihre Leichname ins Fort kommen.“. 3 „Das geht nicht! das geht nicht!“ unterbrach ihn der edelmuͤthige Heyward;„ein Soldat koͤnnte ſich wohl auf dieſe Weiſe durchſchlagen, doch nim⸗ mer mit ſolcher Begleitung.“ „Der Weg wuͤrde freilich zu blutig ſein, um von ſo zarten Fuͤßchen betreten zu werden;“ ant⸗ wortete der Kundſchafter gleichen Widerwillen verrathend;„ich glaubte nur, daß es meiner Mannhaftigkeit zukomme dieſe Art wenigſtens zu nennen. So maͤſſen wir alſo wieder auf dem Wege, den wir gekommen ſind, umkehren, um dann aber kurz nach Weſten wenden und in 1 3 — 101 Gebirge hineinziehn, wo ich euch ſo verſtecken kann, daß alle die verteufelten Spuͤrhunde in Montcalm's Dienſten uns Monate lang nicht auswittern ſollen.“ „So laſſt uns das thun,“ erwiederte voll Ungeduld der junge Mann, und zwar ſogleich!“— Mehrerer Worte bedurfte es nicht, denn Hawk⸗eye gab nur das Gebot zum Folgen, und ging ſogleich wieder auf demſelben Wege, der ſie eben in ihre jetzige kritiſche und ſo gefaͤhrliche Lage gefuͤhrt hatte, zuruͤck. Ihr Abzug ſo wie ihre letzte Unterhaltung, fanden nur mit großer Vor⸗ ſicht und ohne Geraͤuſch ſtatt, denn ſie waren keinen Augenblick ſicher, auf eine feindliche Streif⸗Patrouille oder ein verſtecktes Piket zu ſtoßen. Als ſie auf ihrem Wege wieder laͤngs des Randes des Teiches ſtill dahinzogen, warfen Heyward und der Kundſchafter verſtohlene Blicke auf ſein furchtbar ſchauerliches Bett. Vergebens ſuchten ihre Augen die Geſtalt, die ſie noch vor ſo kurzer Zeit an ſeinen ſchweigenden Ufern hin⸗ ſchreiten geſehn hatten; nur das leiſe regelmaͤßige Anſchlagen der kleinen Wellen verrieth, daß ſich das Waſſer noch nicht ganz wieder beruhigt habe, und erneuerte in ihnen das furchtbare Andenken an die blutige That, von der es eben Zeuge ge⸗ weſen war. Wie die ganze voruͤbergegangene —— duͤſtre Scene, entſchwand aber in der Dunkelheit auch die niedere Waſſerflaͤche allmaͤhlig ihren Blicken, und ſchmolz bald mit allen den ſie umgebenden finſtern Gegenſtaͤnden hinter den eilenden Wanderern in eine dunkle Maſſe zu⸗ ſammen. Bald darauf verließ Hawk⸗eye die bisherige Richtung ihres Ruͤckweges, wandte ſich nach den Bergen hin, welche die kleine Flaͤche im Weſten begraͤnzten und leitete ſeine Begleiter mit raſchen Schritten in die tiefen Schatten, die ihre hohen zackigen Gipfel uͤber die Thaͤler verbreiteten. Ihr Weg wurde nun ſehr beſchwerlich und fuͤhrte ſie uͤber einen mit Felſenſtuͤcken bedeckten und von tiefen Schluchten durchſchnittenen Boden, daher ſie nur ſehr langſam fortſchreiten konnten. Kahle ſchwarze Berge umgaben ſie auf allen Seiten, und machten durch das Gefuͤhl der Sicherheit welches ſie einfloͤßten, die immer zunehmenden Muͤhſeligkeiten des Weges in Etwas wieder gut. Endlich fingen die Reiſenden an einen ſteilen und rauhen Abhang auf einem Pfade zu erſteigen, der ſich auf eine ſonderbare Art zwiſchen Felſen und Baͤumen hindurchwand, und die erſtern ſo geſchickt vermied, waͤhrend die letztern zum beſſern Fortkommen benutzt waren, daß daraus deutlich hervorging, daß er von Naͤnnern, welche Lang in der Wildniß gelebt hatten, aufgefunden worden war. So wie ſie nach und nach hoͤher ſtiegen und ſich von dem tiefen Grunde der Thaͤler ent⸗ fernten, fing die dichte Finſterniß, welche dem anbrechenden Tage gewoͤhnlich vorangeht, zu weichen an, und die Gegenſtaͤnde erſchienen ihnen in den hellen und klaren Farben in welche ſie die Natur gekleidet hat. Als ſie endlich aus den Waldſtuͤcken, welche an den kahlen Bergwaͤnden zerſtreut lagen, auf die moosbewachſene Fels⸗Ebene, die den Gipfel bildete, heraustraten, leuchtete ihnen ſchon der Morgen entgegen und uͤberzog den Himmel uͤber den gruͤnen Fichten eines, auf der gegenuͤberliegenden Seite des Horikan⸗Thales liegenden Berges mit ſeinem Roſenſchimmer. Der Kundſchafter noͤthigte nun die Schweſtern abzuſteigen, und nachdem er den ermuͤdeten Thieren die Zaͤume aus dem Maule und die Saͤttel von dem Ruͤcken genommen hatte, ließ er ſie frei laufen, um ſich zwiſchen den Straͤuchern und dem vertrockneten Graſe dieſer hohen Bergre⸗ gion ihre ſpaͤrliche Nahrung zu ſuchen. „Lauft hin,“ ſagte er„und ſucht euch euer Futter wo es euch die Natur zeigt; und nehmt euch nur in Acht, daß ihr in dieſen Bergen nicht Feuuſ ein Futter tir die gierigen Wäſe werdet. 1 104 „Beduͤrfen wir ihrer kuͤnftig nicht mehr?“ fragte Heyward. „Seht ſelbſt und uͤberzeugt euch mit euren eigenen Augen!“ ſagte der Kundſchafter, indem er nach der oͤſtlichen Seite des Berg⸗Gipfels ging und der ganzen Geſellſchaft ihm zu folgen winkte; „wenn es eben ſo leicht waͤre ein menſchliches Herz zu durchblicken, als wir hier die ſchwachen Punkte von Montcalm's Lager ausſpaͤhen koͤnnen, ſo wuͤrd es kuͤnftig wenig Heuchler mehr geben, und alle Schlauheit eines Mingo gegen die Ehrlichkeit eines Delawarn nichts„ausrichten koͤnnen.“ Als die Reiſenden an den Rand der ſteilen Bergwand getreten waren, uͤberzeugten ſie ſich durch einen Blick wie wahr der Kundſchafter geſprochen und mit welcher bewundernswuͤrdigen Umſicht er ſie zu dieſem, eine weite Ausſicht dar⸗ bistenden Standpunkte gefuͤhrt habe. Der Berg, auf welchem ſie jetzt, ungefaͤhr tauſend Fuß uͤber dem Waſſer erhaben ſtanden, bildete einen hohen Kegel, und trat etwas aus der Gebirgskette hervor, welche ſich mehrere Mei⸗ len lang am weſtlichen Geſtade des Sees hinzieht, bis ſie ſich mit ihren, jenſeits des Waſſers ſtrei⸗ chenden verſchwiſterten Armen vereinigt und ver⸗ wirrt, rauhe, ſpaͤrlich mit Immergruͤn bekleidete 4 — Ad 8—— 105 Felsmaſſen bildend, bis weit zu den Canados hin erſtreckt. Unmittelbar unter den Fuͤßen der Reiſenden, am ſuͤdlichen Ufer des Horikan, be⸗ ſpuͤhlten ſeine Wellen in einem großen, an ſeinen beiden Enden ſich an die Gebirge anlehnenden Halbzirkel einen weiten Strand, welcher ſich bald in eine mit kleinen Huͤgeln bedeckte, ſanft anlau⸗ fende Flaͤche verlor.— Nach Norden hin dehnte ſich der klare, und von der ſchwindelnden Hoͤhe nur ſchmal erſcheinende Waſſerſpiegel des„hei⸗ ligen See's,“ von zahlloſen tiefen Buchten ein⸗ gefaſſt, mit wunderlich geſtalteten Vorgebirgen geſchmuͤckt und mit unzaͤhligen Inſeln beſaͤet, vor ihnen aus. In der Entfernung weniger Stunden verlor ſich ſein Waſſerbecken zwiſchen den Bergen, oder wurde durch dichte Dunſtmaſſen, die ein leichter Morgenwind laͤngs ſeines Bettes heranwaͤlzte, verhuͤllt; an einer kleinen Oeffnung in dem Kamme des Gebirges aber, ließ ſich der DOrt erkennen, wo das Waſſer ſich noch weiter nach Norden hin einen Weg durchgebrochen hat, um noch einmal ſeine reinen Wellen uͤber eine weite Flaͤche auszubreiten, bevor er endlich dem ernen Champlain ſeinen Tribut zollt und ſich in ihn ergießt.— Im Suͤden von ihnen erhob ſich der Paſſ, oder vielmehr die durchſchnittene Hoch⸗ Eobene, von welcher bisher ſchon ſo oft die Rede geweſen iſt. Mehrere Meilen lang in dieſer Richtung hin ſchienen die Berge mit Widerwillen ihre Herrſchaft aufzugeben; doch noch ehe ſie ganz dem Auge entſchwanden, zertheilten ſie ſich in mehrere Aeſte, deren ſanfte Abhaͤnge ſich in den flachen Sandſteppen verliefen, uͤber welche wir unſere Reiſenden auf ihrer zweimaligen Reiſe begleitet haben. Laͤngs beider Gebirgsketten, welche die gegenuͤberliegenden Thalraͤnder des See's begraͤnzen, ſtiegen aus den unbewohnten Waͤldern leichte Dunſtwolken, gleich dem Rauche verſteckter Huͤtten in krauſen wirbelnden Maſſen langſam in die Hoͤhe, oder waͤlzten ſich ſchwerfaͤllig an den Abhaͤngen herunter, um ſich mit den Nebeln der Niederung zu vereinigen. Eine einzelne, ſchnee⸗ weiße Wolke ſchwebte uͤber dem Thale, und be⸗ zeichnete den Fleck unter welchem das ſtille Becken des„blutigen Teiches“ lag.— Dicht am Ufer des Sees und ſeinem weſt⸗ lichen Rande naͤher als dem oͤſtlichen, lagen die weitlaͤuftigen Erdwaͤlle und niedern Gebaͤude von William Henry.— Zwey der beſtreichenden Baſtionen ſchienen auf dem ihren, Fuß beſpuͤh⸗ lenden Waſſer zu ruhn, die uͤbrigen Seiten und Winkel waren dagegen durch einen tiefen Graben und ausgedehnte Moraͤſte gedeckt. Auf eine bedeu⸗ tende Strecke rings umher war das Land von daten Aufmerkſamkeit am meiſten auf ſich zog, Walde gereinigt, alle uͤbrigen Theile der Gegend aber trugen die gruͤne Bekleidung der Natur, außer wo das kryſtallhelle Waſſer des Sees dem Blicke mild entgegen glaͤnzte, oder dunkle kahle Fels⸗Gipfel uͤber die wellenfoͤrmigen Umriſſe der Gebirgskaͤmme kuͤhn hervorragten. Vor dem Fort ließen ſich einzelne Poſten wahrnehmen, welche den muͤhſeligen Wachtdienſt gegen ihre zahlreichen Feinde verſahen, und innerhalb der Waͤlle erblick⸗ ten die Reiſenden Andre die nach einer durch⸗ wachten Nacht noch ſchlaftrunken herumtaumelten. Weiter nach Suͤd⸗Oſten, aber in unmittelbarer Verbindung mit dem Fort, lag auf einer felſigen Anhoͤhe ein verſchanztes Lager,— ein Platz welcher zur Anlegung des Forts ſelbſt bey weitem vortheilhafter geweſen waͤre,— welches ihnen Hawk⸗eye als den Aufenthalt der Huͤlfstruppen bezeichnete, die kuͤrzlich mit ihnen zugleich den Hudſon verlaſſen hatten. Aus den etwas mehr fuͤblich liegenden Waͤldern erhoben ſich dunkle und finſtre Rauchſaͤulen, die leicht von den reinen, aus den Gewaͤſſern aufſteigenden Duͤnſten unter⸗ ſchieden werden konnten, und die der Kundſchafter Heyward als Anzeichen bemerklich machte, daß dort eine ſtarke Abtheilung des Feindes gelagert ſei. Der Anblick jedoch, welcher des jungen Sol⸗ “ 110 genug fuͤhlt und mir folgen wollt, ſo will ich einen Verſuch machen; denn ich ſehne mich ſehr darnach ins Lager hinunter zu kommen, und wenn's auch nur waͤre, um einige Hunde von Mingos zu verjagen, die ich dort am Rande jenes Birkenbuſches auf der Lauer ſehe.“ „Wir fuͤhlen uns ſtark genug,“ ſagte Cora feſt,„und um ſolch ein Ziel zu erreichen, folgen wir euch in jede Gefahr!“ Der Kundſchafter wandte ſich mit einem biedern und herzlichen Beifallslaͤcheln gegen ſie und antwortete: „Ich wollte nur ich haͤtte tauſend Mann mit nervigen Gliedern und ſcharfen Augen, die den Tod ſo wenig als ihr fuͤrchteten; ich wollte dann noch ehe eine Woche verginge die ſchnattern⸗ den Franzmaͤnner wie Kettenhunde oder hungrige Woͤlfe heulend in ihre Hoͤhlen zuruͤck ſchicken.“ „Doch macht fort,“ ſetzte er, ſich zu den Uebrigen wendend hinzu;„der Nebel kommt ſo geſchwind herangezogen, daß uns grade nur noch ſo viel Zeit uͤbrig bleibt um mit ihm in der Ebene zuſammen zu treffen, wo er uns dann als Deckmantel dienen ſoll. Vergeſſt nicht, daß ihr, wenn mir irgend etwas zuſtoßen ſollte, euch immer ſo haltet, daß euch der Wind gegen die linke Seite des Geſichts blaͤſt,— oder noch beſſer, folgt ——— 11 immer den Mohicans; denn die ſpuͤren ihren Weg aus, es ſei bei Nacht oder bei Tage.“ Er winkte hierauf mit der Hand ihm zu folgen, und eilte mit leichten aber vorſichtigen Schritten den ſteilen Abhang hinunter. Heyward unterſtuͤtzte die Schweſtern bei dem Herabklimmen; und in wenig Minuten ſchon befanden ſich alle am Fuße eines Berges, den ſie mit ſo vieler Muͤhe und Beſchwerde erſtiegen hatten. Der Weg welchen Hawk⸗eye nahm, brachte die Reiſenden bald zu einer Stelle in der Ebene, die einem in der weſtlichen Curtine des Forts befindlichen Aus⸗ fallsthore beinah grade gegenuͤb nd ungefaͤhr eine halbe Meile davon entfernt lag, und wo er ſtehn geblieben war um Duncan mit ſeinen Schuͤtzlingen abzuwarten. In ihrer Eile und durch die Beſchaffenheit des Terrains beguͤnſtigt, waren ſie dem dichten Dunſtmeere, welches ſich langſam laͤngs der Oberflaͤche des Sees daher waͤlzte, vorgekommen und muſſten daher Halt machen, bis der Nebel ſeinen wollichten Mantel uͤber das feindliche Lager ausgebreitet hatte. Die Mohicans benutzten dieſen Aufenthalt, um aus dem Walde hervor zu ſchleichen und die umlie⸗ gende Gegend in Augenſchein zu nehmen. Ihnen folgte in einer kleinen Entfernung der Kund⸗ ſcchafter, um theils ſobald als moͤglich die Nach⸗ richten, die ſie bringen wuͤrden, benutzen zu koͤnnen, theils ſich ſelbſt eine oberflaͤchliche Kenntniß von der Beſchaffenheit der naͤchſten Umgebungen zu verſchaffen⸗* Nach wenig Augenblicken kehrte er aber mit einem unzufriedenen, vor Aerger gluͤhenden Geſichte zuruͤck und gab ſein Miſſvergnuͤgen in halbverſtaͤndlichen, ziemlich derben Ausdruͤcken zu erkennen. „Der verſchmitzte Franzoſe hat hier grade in ge ein Piquet ausgeſtellt,“ ſagte er, „Rothhaͤutige und Weiße, und wir koͤnnen bei )nen eben ſo gut grade in die in unſern Weg einfallen?“— „Wer in einem ſolchen Nebel einmal die Richtung des Weges verloren hat, der mag zu⸗ ſehn wie und wann er ihn wieder finden kann! Die Horikan⸗Nebel ſind nicht ſo wie die Tabacks⸗ wolken aus einer Friedenspfeife oder der Pulver⸗ rauch aus einer a bgeſchoſſenen Muskete!“ Err hatte noch nicht ausgeredet als ſie einen donnernden Schall vernahmen und eine Kanonen⸗ — kugel in das Dickigt ſchlug, den Stamm eines jungen Baums zerſchmetterte und, von fruͤhern Aufſchlaͤgen ermattet, abprallte und zur Erde fiel. Gleich eiligen Begleitern dieſes furchtbaren Boten kamen die Indianer mit ihm zugleich ſchnell zuruͤck gelaufen und Uncas fing an ſehr ernſthaft und mit heftigen Geberden in der Delaware⸗ Sprache zu reden. „So wollen wir's machen, Junge,“ mur⸗ melte der Kundſchafter, als jener zu reden auf⸗ gehoͤrt hatte,„denn beim hitzigen Fieber muß man andere Mittel brauchen als beim Zahnweh. So kommt denn, der Nebel iſt jetzt bei uns.“ „Halt!“ rief Heyward;„erſt ſagt mir was ihr fuͤr Abſichten habt.“ 5 „Das iſt bald geſchehn; und es iſt freilich nur eine ſchwache Hoffnung, indeß doch immer beſſer als nichts. Die Kugel die ihr hier ſeht,“ ſetzte der Kundſchafter hinzu, indem er das harm⸗ loſe Eiſen mit ſeinem Fuße fortſtieß,„hat auf ihrem Wege vom Fort hierher die Erde aufge⸗ wuͤhlt, und wenn uns alle andere Anzeichen ver⸗ laſſen, ſo wollen wir die Furche, die ſie gemacht hat, zu unſerer Richeſchnur nehmen. Dooch jetzt kein Wort mehr, ſondern folgt mir, denn der Nebel konnte uns mitten auf unſerm Wege im —— — — Stich laſſen, wo wir denn bei den Armeen eine Zielſcheibe fuͤr ihre Schuͤſſe abgeben wuͤrden.“ Da Heyward einſah daß wirklich eine Criſis eingetreten ſei, wo noͤthiger war zu handeln als zu ſprechen, ſo nahm er ſeinen Platz zwiſchen den beiden Schweſtern und zog ſie, die undeutlichen Umriſſe der Geſtalt ihres Fuͤhrers immer im Auge behaltend, ſchnell fort. Er uͤberzeugte ſich bald daß Hawk⸗eye in ſeiner Beſchreibung von der Dichtigkeit des Nebels nichts uͤbertrieben habe, denn ſie hatten kaum zwanzig Schritte zuruͤck— gelegt, als es ihnen in dem dichten Dunſte ſchwer wurde einer den andern zu erkennen. Schon hatten ſie den kleinen Umweg nach der linken Hand zu gemacht und, wie Heyward glaubte, beinah die Haͤlfte des Weges bis zu dem efreundeten Fort zuruͤck gelegt, und waren im Begriff ſich wieder rechts zu wenden, als auf ungefaͤhr zwanzig Fuß von ihm der ungeſtuͤme Ruf ſeine Ohren begruͤßte: „Qui va là?“ „Vorwaͤrts!“ fluͤſterte der Kundſchafter und bog wieder links aus. „Vorwaͤrts!“ wiederholte Heyward, als ein 1 Dutzend Stimmen im rauhen drohenden Tone den Ruf erneutee. le ——— 115 „Cést moi,“ rief Duncan, indem er zu⸗ 1 gleich eiligſt ſeine Schuͤtzlinge mehr fortriß als fuͤhrte. „Bèéte! qui? moi!“¹ „Un ami de la France.““ „Tu m'as plus l'air d'un ennemi de la France; arréte! ou pardieu je te ferai ami du diable. Non! feu; camarades, feu!“ Dieſer Befehl wurde ſogleich vollzogen und die Nebelwolken wurden durch den Knall von funfzig Musketenſchuͤſſen in Aufruhr gebracht. Gluͤck⸗ licherweiſe waren ſie ſchlecht gezielt und die Kugeln durchſchnitten die Luft in einer Richtung, die von der welche die Fluͤchtlinge nahmen, etwas verſchieden war, obgleich ſie noch immer ſo nahe kamen, um die nicht daran gewoͤhnten Ohren David's und der beiden Maͤdchen glauben zu machen, daß ſie nur wenig Zoll bei ihnen vorbei pfiffen. Hierauf erfolgte ein abermaliger Anruf und ſie konnten den Befehl, wieder zu feuern ſo wie ſie zu verfolgen, deutlich hoͤren. Als Heyward den Sinn der Worte, die ſie hoͤrten, in der Kuͤrze erklaͤrt hatte, machte Hawk⸗eye Halt und ſagte ſchnell entſchloſſen mit großer Feſtigkeit: „Wir wollen auch Feuer auf ſie geben ſo werden ſie glauben, daß es ein Ausfall iſt nd ſich zuruͤckziehn oder Verſtaͤrkung abwarten.“ 116 Dieſer Plan war gut entworfen, verfehlte jedoch ſeinen Zweck; denn kaum hatten die Fran⸗ zoſen den Knall ihrer Buͤchſen vernommen, ſo ſchien ſich die ganze Ebene zu beleben und ein praſſelndes Musketen-Feuer zog ſich in ihrer ganzen Ausdehnung von den Ufern des See's bis zu den fernſten Graͤnzen des Waldes hin. „Wir werden uns ihre ganze Armee auf den Hals ziehn und einen allgemeinen Sturm veranlaſſen,“ ſagte Duncan.„Geht zu, mein Freund, um eures und unſers Lebens willen.“ Der Kundſchafter war bereit Folge zu leiſten, hatte jedoch durch die Verwirrung und ihr Hin⸗ und Hergehn ungewiß gemacht, die Richtung des Weges verloren. Vergebens hielt er ſeine Wange nach jeder Seite hin dem Luftzuge entgegen, er blies ihn immer gleich kalt an. In dieſer Ver⸗ legenheit fand Uncas den Aufſchlag der Kanonen⸗ kugel wieder, die drei kleine hinter einander liegende Ameiſenhaufen aufgeriſſen hatte. „Laſſt mich einmal ſehn, welchen Gang ſie genommen hat,“ ſagte Hawk⸗eye und ſchritt, nachdem er ſich gebuͤckt hatte, um einen Blick nach ihrer Richtung zu nehmen, ſogleich wieder vorwaͤrts. Geſchrei, Fluͤche, durch einander rufende Stim⸗ men und Musketenſchuͤſſe ließen ſich nun un⸗ — 117 unterbrochen und ſchnell hinter einander, und wie es ihnen ſchien nach allen Seiten hin hoͤren. Ploͤtzlich flog ein heller Lichtſchein uͤber die Gegend, in dicken Wolken wirbelte der Nebel in die Hoͤh' und mehrere Kanonenſchuͤſſe krachten uͤber die Ebene, deren Donner das Echo in den Bergen raſſelnd zuruͤckgab. „Das kommt vom Fort!“ rief Hawk⸗eye ſich ſchnell umwendend und auf demſelben Wege wie⸗ der zuruͤckkehrend,—„und wir waͤren wie ver⸗ blendete Thoren bald wieder grade zuruͤck in den Wald gegangen und den Maquas ſelbſt ins Meſſer gelaufen.“ So bald ſie ihren Irrthum eingeſehn hatten, bemuͤhete ſich die ganze Geſellſchaft ihn durch Umkehren und Ruͤckkehr ſo ſchnell als moͤglich wieder gut zu machen. Ohne Zoͤgern uͤberließ Heyward Cora's Fuͤhrung Umca's dargebotenem Arme, und Cora nahm eben ſo bereitwillig den ihr ſo willkommenen Beiſtand an. Ganz deutlich hoͤrten ſie dicht hinter ſich Leute, die ihnen eifrigſt und eiligſt nachſetzten, und jeder Augenblick drohte 3 ihnen Gefangenſchaft, wo nicht gaͤnzliches Verderben. „Point de quartier aux coquins!e- rief ein hitziger Verfolger hinter ihnen, der dem Anſchein nach an der Spitze der Nachſetzenden ſtand. 3 ö * — 116 Dieſer Plan war gut entworfen, verfehlte jedoch ſeinen Zweck; denn kaum hatten die Fran⸗ zoſen den Knall ihrer Buͤchſen vernommen, ſo ſchien ſich die ganze Ebene zu beleben und ein praſſelndes Musketen⸗Feuer zog ſich in ihrer ganzen Ausdehnung von den Ufern des See's bis zu den fernſten Graͤnzen des Waldes hin. „Wir werden uns ihre ganze Armee auf den Hals ziehn und einen allgemeinen Sturm veranlaſſen,“ ſagte Duncan.„Geht zu, mein Freund, um eures und unſers Lebens willen.“ Der Kundſchafter war bereit Folge zu leiſten, hatte jedoch durch die Verwirrung und ihr Hin⸗ und Hergehn ungewiß gemacht, die Richtung des Weges verloren. Vergebens hielt er ſeine Wange nach jeder Seite hin dem Luftzuge entgegen, er blies ihn immer gleich kalt an. In dieſer Ver⸗ legenheit fand Uncas den Aufſchlag der Kanonen⸗ kugel wieder, die drei kleine hinter einander liegende Ameiſenhaufen aufgeriſſen hatte. „Laſſt mich einmal ſehn, welchen Gang ſie genommen hat,“ ſagte Hawk⸗eye und ſchritt, nachdem er ſich gebuͤckt hatte, um einen Blick nach ihrer Richtung zu nehmen, ſogleich wieder vorwaͤrts. Geſchrei, Fluͤche, durch einander rufende Stim⸗ men und Musketenſchuͤſſe ließen ſich nun un⸗ — 117 unterbrochen und ſchnell hinter einander, und wie es ihnen ſchien nach allen Seiten hin hoͤren. Ploͤtzlich flog ein heller Lichtſchein uͤber die Gegend, in dicken Wolken wirbelte der Nebel in die Hoͤh und mehrere Kanonenſchuͤſſe krachten uͤber die Ebene, deren Donner das Echo in den Bergen raſſelnd zuruͤckgab. „Das kommt vom Fort!“ rief Hawk⸗eye ſich ſchnell umwendend und auf demſelben Wege wie⸗ der zuruͤckkehrend,—„und wir waͤren wie ver⸗ blendete Thoren bald wieder grade zuruͤck in den Wald gegangen und den Maquas ſelbſt ins Meſſer gelaufen.“ So bald ſie ihren Irrthum eingeſehn hatten, bemuͤhete ſich die ganze Geſellſchaft ihn durch Umkehren und Ruͤckkehr ſo ſchnell als moͤglich wieder gut zu machen. Ohne Zoͤgern uͤberließ Heyward Cora's Fuͤhrung Umca's dargebotenem Arme, und Cora nahm eben ſo bereitwillig den ihr ſo willkommenen Beiſtand an. Ganz deutlich horten ſie dicht hinter ſich Leute, die ihnen eifrigſt und eiligſt nachſetzten, und jeder Augenblick drohte ihnen Gefangenſchaft, wo nicht gaͤnzliches Verderben. „Point de quartier aus coquins!- rief ein hitziger Verfolger hinter ihnen, der dem Anſchein nach an der Spitze der Nachſetzeneen eigenes Bataillon von dem koͤniglichen kaniſchen Regimente, ſtellte ſich an deſſen Spitze und hatte bald die Umgegend der Verſchanzungen 3 118 „Steht feſt und haltet euch bereit, meine braven Sechziger,“ erſcholl auf einmal eine Stimme uͤber ihnen in tiefen gebietenden Toͤnen; „wartet bis ihr den Feind wirklich ſeht und haltet tief, damit ihr das Glacis beſtreicht!“—„Va⸗ ter! Vater!“ toͤnte ein heller weiblicher Schrei aus dem Nebel heraus,„ich bin es! Alice deine eigne Elſie! ſchone— ol rette deine Toͤchter!“— „Haltet ein!“ ſchrie heftig der vorige Sprecher in Schreckenstoͤnen der aͤngſtlichſten vaͤterlichen Beſorgniß, die bis in die Waͤlder drangen und in langſam feierlichem Echo wiederhallten.„Sie iſt's! Gott hat mir meine Kinder wiedergeſchenkt! Macht die Ausfalls⸗Pforte auf; ins Freye, Sechziger, ins Freye! gebt kein Feuer, ihr koͤnn⸗ tet meine Laͤmmchen treffen! Werft die franzoͤ⸗ ſiſchen Hunde mit dem Bajonett zuruͤck!“— Duncan hoͤrte das Knarren der alten verro⸗ ſteten Thuͤrangeln, und eilte von dem Tone geleitet ſchnell dahin, wo ihm eine lange Reihe dunkelrother Krieger begegnete, die nach dem. Glacis vorruͤckten. Er erkannte in ibne m ſein 1 1 1 1¹9 Durch ſein ſchnelles Davoneilen betroffen, blieben Cora und Alice einen Augenblick zitternd ſtehn; ehe ſie jedoch Worte fanden und ſelbſt noch ihre Gedanken ſammeln konnten, ſtuͤrzte ein Officier von hohem Wuchſe, deſſen Haare vom Alter und von langer Dienſtzeit gebleicht, deſſen erhabene Haltung und militairiſcher Anſtand aber durch die Zeit eher gemildert als niedergedruͤckt worden waren, mitten aus dem dicken Nebel her⸗ vor, ſchloß ſie an ſeine Bruſt und rief, waͤhrend heiße Thraͤnen uͤber ſeine blaſſen gerunzelten Wangen rollten, in ſeiner eigenthuͤmlichen Schot⸗ tiſchen Mundart aus: „Ich danke dir Herr fuͤr dies! Laß nun die Gefahr hereinbrechen wann und wie ſie immer wolle, dein Diener iſt bereit!“— * Funfzehntes Kapitel. So laſſt hinein uns gehn, die Botſchaft zu vernehmen, Die ich wohl leicht errathen und euch ſagen könnte Bevor der Franzmann noch ein einziges Wort geredet. 4 König Heinrich V. Die wenigen darauf folgenden Tage floſſen unter Entbehrungen, Geraͤuſch, Verwirrung und allen e Armee die Bedraͤngniß, in welcher Wi ge General, obgleich von anerkanntem Talent und Geſchicklichkeit, es dennoch verſaͤumt, die umher⸗ den Gefahren einer Belagerung dahin, die mit allem Nachdruck von einer Macht betrieben wurde, deren Angriffen zu widerſtehn es Munro an hin⸗ laͤnglichen Mitteln gebrach. Es ſchien als wenn Webb mit ſeiner, an dem fuͤdlichen Ufer des Hudſon in Unthaͤtigkeit lagernden Waffenbruͤder befanden, gaͤnzlich vergeſſen aͤtte. Montealm hatte die laͤngs des Paſſes gelegenen Waͤlder mit ſeinen Wilden beſett, deren Geheul und Kriegsgeſchrei bis ins brittiſche Lager drang, und die Herzen der Soldaten, die ſchon ohnedies ——— —,— nur zu geneigt waren, ſich die Gefahr weit groͤßer vorzuſtellen, mit Furcht und Grauen erfuͤllt. Anders verhielt es ſich indeß mit den Bela gerten. Durch die Aufmn terungen ihrer Anfuͤhrer belebt und durch ihr Beiſpiel angefeuert, waren 4 3 ſie von Muth beſeelt und behaupteten ihren alten Ruhm mit einem Eifer, der der ernſten Strenge und dem Charakter ihres Befehlshabers volle Ge⸗ rechtigkeit widerfahren ließ. Als wenn ihm die Beſchwerden und Muͤhen, die mit dem Marſche durch die Wildniß verbunden geweſen zären, ſchon hinlaͤnglich genuͤgten, hatte der franzoͤſiſche —— liegenden Berge zu beſetzen, von welchen aus die Belagerten, ohne im Stande zu ſein etwas dage⸗ gen zu thun, gaͤnzlich vernichtet werden konnten, und die in den ſpaͤtern, in dieſem Lande gefuͤhrten Kriegen gewiß nicht uͤberſehn worden waͤren. Dieſe Art von Vernachlaͤſſigung der Hoͤhen oder vielmehr Furcht vor der Muͤhe ſie zu erſteigen. und zu beſetzen, konnte die ſchwaͤchſte Seite in der Kriegskunſt der damaligen Zeit genannt wer⸗ den. Sie hatte ihren Urſprung in der einfachen Art der Indianiſchen Kriegfuͤhrung, da wegen der Natur der Gefechte und der Dichtigkeit der Waͤlder Feſtungen nur ſelten, Artillerie aber meiſt unnuͤtz waren. Die Sorgloſigkeit, welche jene einmal gewohnte Fechtart erzeugte, fand ſogar noch im Revolutionskriege ſtatt und zog den Staaten den Verluſt der Feſtung Ticonderoga zu, wodurch Burgoyne's Armee ein Weg in das zu jener Zeit Innere des Landes eroͤffnet wurde. Wir koͤnnen auf dieſe Unwiſſenheit oder Bethoͤrung, wie man es immer nennen wolle, nur mit Staunen zuruͤckblicken, da wir uͤberzeugt ſind, daß in unſern gegenwaͤrtigen Zeiten die Nichtbeachtung einer Hoͤhe, deren Schwierigkeiten in der Erſtei⸗ gung, wie die des Mountdefiance, ſo ſehr uͤber⸗ trieben wurden, dem Ingenieur, der den Entwurf zu den Verſchanzungen an ihrem Fuße gemacht Iöö 122 haͤtte, oder dem General, dem deren Vertheidigung zu Theil fiele, ſeinen ganzen Ruhm rauben wuͤrde. Der gelehrte Reiſende, der Siechling oder der Liebhaber der Natur, der jetzt in ſeinem leich⸗ mit vier Pferden beſpannten Wagen durch ten — welche wir zu beſchreiben verſucht aben,— Belehrung, Geſundheit oder Vergnuͤgen ſuchend,— hinrollt, oder zu dieſem Zweck auf jenen kuͤnſtlichen Waſſerleitungen dahin gleitet, die unter der Verwaltung eines Staatsmannes entſtanden, welcher bei dieſem gewagten Unterneh⸗ men ſeinen politiſchen Charakter kuͤhn auf's Spiel ſetzte, darf nicht glauben daß es ſeinen Vorfahren eben ſo leicht wurde, jene Berge zu paſſiren oder jene reißenden Stroͤme zu befahren. Die gluͤck⸗ liche Fortſchaffung eines einzigen ſchweren Ge⸗ ſchuͤtzes wurde oft einem errungenen Siege gleich geachtet, inſofern gluͤcklicherweiſe die Schwierigkeiten des Weges es nicht ſo weit von ſeinen dazu gehoͤrigen unumgaͤnglichen Erforderniſſen, der Munition, entfernt hatten, daß es nur als ein unnuͤtes, ſchwerfaͤlliges Rohr von Eiſen betrachtet werden konnte. Di Uebel, welche dieſe Lage der Sachen erzeugte, waren fuͤr den braven Schotten, dem jetzt die Vertheidigung von William Henry oblag, 5 8 „—— ſehr druͤckend; denn obgleich ſein Gegner es ver⸗ ſaͤumt hatte, die Hoͤhen zu beſetzen, ſo waren doch deſſen Batterieen in, der Ebene mit vieler Einſicht angelegt, und wurden mit unermuͤdlicher Thaͤtig⸗ keit und Geſchicklichkeit bedient. Die Belagerten konnten aber dieſem heftige Angriffe nur die ſehr unvollkommenen und 4 Eile ausgeruͤ⸗ ſteten Vertheidigungswerke einer Feſtung in der Wildniß entgegenſetzen, die von den, den Fuß ihrer Waͤlle beſpuͤhlenden und ſich weit nach Canada hinein erſtreckenden ungeheuern Waſſer⸗ ſpiegeln keinen Nutzen zu ziehn im Stande war, dagegen ſolche vielmehr die Unternehmungen ihrer Feinde beguͤnſtigten. Es war am fuͤnften Tage der Belagerung und am vierten, daß er ſelbſt ſeinen Dienſt dabei angetreten hatte, als Major Heyward gegen Abend die Ankunft eines Parlementairs, deſſen Annaͤhe⸗ rung eben die Trommel verkuͤndet hatte, benutzte, und ſich auf die Waͤlle einer der am Waſſer gele⸗ genen Baſtionen begab, um theils die friſche Luft des Sees einzuathmen, theils ſich eine Ueberſicht von den Fortſchritten der Belagerer zu ver⸗ ſchaffen.— Außer der Schildwache, die in abge⸗ meſſenen Schritten laͤngs des Walles auf und nieder ging, befand er ſich ganz allein; denn auch die Artilleriſten hatten dieſe kurze Unterbrechung 4 124 ihrer unausgeſetzten ſtrengen Dienſtverrichtungen zu benutzen geeilt. Der Abend war ungemein ſchoͤn und ruhig; ein friſcher erquickender Luftzug ſaͤuſelte uͤber die klaren Wellen, und die Natur ſelbſt ſchien mit dem Aufhoͤren des Kanonendon⸗ ners und dem Verſtummen des Gewehrfeuers den Augenblick wahrgenommen zu haben, um ſich in ihrem ſanfteſten Reize und ihrer einnehmend⸗ ſten Geſtalt zu zeigen. Die Sonne uͤbergoß in ihrer ſcheidenden Glorie die Landſchaft mit einem milden Glanze, und ſandte nur noch einige der gluͤhenden Strahlen, wie ſie in dieſem Clima und in dieſer Jahrszeit gewoͤhnlich ſind. Die Berge erſchienen gruͤn, friſch und lieblich, und wurden, je nachdem die am Himmel ſchwebenden leichten Woͤlkchen zwiſchen ſie und die Sonne traten, von hellen Lichtern und matten Schatten abwechſelnd uͤberflogen. In dieſer Ruhe ſchwammen die zahl⸗ reichen Inſeln auf der weiten Flaͤche des Horican, vpoon denen einige tief und wie im Waſſer verſun⸗ ken, kaum aus demſelben hervorragten, dagegen die mit gruͤnem Sammt bekleideten kleinen Huͤ⸗ gel andrer uͤber dem Element zu ſchweben ſchie⸗ nen, und zwiſchen ihnen ruderten die Fiſchernachen der Belagerungsarmee friedlich dahin oder wieg⸗ een ſich, in ungeſtoͤrter Betreibung ihrer ſtillen Beſchaͤftigung, auf dem glaͤnzenden Spiegel. 125 Die Scene war zugleich belebt und auch ſtill. Alles was der Natur angehoͤrte, trug das Gepraͤge der Anmuth und der einfachen Groͤße, und alle die Bilder, die das Regen und Leben der Menſchen darin ſchuf, ſtanden in vollkommenem Einklange damit. Zwei kleine fleckenloſe Flaggen waren, die eine auf einem ausſpringenden Winkel des Forts, die andere auf der vorderſten Batterie der Bela⸗ gerer, als Sinnbilder des Stillſtandes, der nicht nur in den thaͤtlichen Feindſeligkeiten, ſondern wie es ſchien, auch in der Feindſchaft der kaͤmpfen⸗ den Partheien herrſchte, ausgeſteckt. Hinter ihnen wehten, in ſchweren ſeidnen Falten rauſchend, ſich bald oͤffnend, bald ſchließend, die großen rivaliſirenden Nationalflaggen Englands und Frankreichs. An hundert muntre und ſorgloſe Franzoſen zogen, unbekuͤmmert um die gefaͤhrliche Naͤhe der von den Waͤllen finſter herabblickenden, aber ſchweigenden Kanonen des Forts, ein Netz an den 4 1 ſteinigten Strand, und von den lauten Aus⸗ bruͤchen ihrer Froͤhlichkeit und ihres Vergnuͤgens bei dieſer Beſchaͤftigung hallten die Berge im Oſten wieder. Einige andre eilten haſtig dem Waſſer zu, um ſich durch Baden und Schwimmen zu erfriſchen und die Zeit zu verkuͤrzen, waͤhrend noch andre mit der ihrer Nation eignen raſtloſen Wiſſbegierde die benachbarten Berge muͤhſam er⸗ klommen. Nur die allein, die die feindlichen Sicherheitspoſten beſetzt hatten und die Belagerten im Auge behalten muſſten, ſo wie die Belagerten ſelbſt, waren muͤſſige, wenn gleich regen Antheil nehmende Zuſchauer dieſer Vergnuͤgungen und Beſchaͤftigungen. Jedoch hatte ſelbſt auch hier und da ein Piquet ein Liedchen angeſtimmt oder einen frohen Tanz begonnen, dem die dunkeln umherſtehenden Wilden, die der Klang aus ihren Laͤgern in dem Walde herbeigelockt hatte, mit ſtummer Verwun⸗ derung zuſahn. Kurz alles trug mehr das Ge⸗ praͤge eines vergnuͤgten Feſttages, als einer den Gefahren und Muͤhen eines blutigen, rachſuͤchti⸗ gen Kampfes abgeſtohlenen Stunde. Duncan hatte in einer nachdenkenden Stel⸗ lung mehrere Minuten ſeine Augen auf dieſer Scene herumſchweifen laſſen, als der Ton von herannahenden Fußtritten auf dem Glacis, grade vor der ſchon fruͤher erwaͤhnten Ausfallspforte, ſeine Aufmerkſamkeit dahin zog. Er ging daher nach der Spitze der Baſtion vor, und ſah von hier wie der Kundſchafter im Gewahrſam eines franzoͤſiſchen Officiers auf das Fort zuſchritt. Hawk⸗eyes Geſicht druͤckte Abgeſpanntheit und Er⸗ — 3 — 3 12 7 muͤdung aus und ſeine Niedergeſchlagenheit ſchien anzudeuten, wie ſehr er die Erniedrigung fuͤhle, ſeinen Feinden in die Haͤnde gefallen zu ſein. Seine geliebte Buͤchſe hing nicht an ſeiner Schul⸗ ter, und ſeine Arme waren ſogar mit Riemen aus Thierfellen hinten zuſammengebunden. Die Ankunft von Parlementairs, die Aufforderungen gebracht hatten, war in der letzten Zeit ſo haͤufig geweſen, daß Heyward zuerſt einen gleichguͤltigen Blick auf die Gruppe warf, da er nur vermuthete, irgend einen anderen feindlichen Offirier mit einer aͤhnlichen Botſchaft zu ſehn zu bekommen; ſobald er aber die hohe Geſtalt und die noch immer kuͤhnen, wenn gleich niedergeſchlagenen Zuͤge ſeines Freundes, des Waldmannes, wieder erkannte, wandte er ſich beſtuͤrzt und erſtaunt ſogleich, um von der Baſtion herunter nach dem Innern der Schanze zu eilen. Die Toͤne von andern Stimmen zogen indeß ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich und ließen ihn fuͤr einen Augenblick ſeinen Vorſatz vergeſſen. An dem innern Winkel der Baſtion begegnete er den Schweſtern, die in gleicher Abſicht als er, laͤngs der Bruſtwehr auf und nieder gingen, um friſche Luft zu ſchoͤpfen und ſich von den Drang⸗ ſalen, die ſie in ihrer eingeſperrten Lage erdulden muſſten, zu erholen. Seit jenem ſchmerzlichen ſchafter ſagen wuͤrde— fliehen kann.“— 128 Augenblicke, wo er ſie in der Ebene nur verließ, um ihre Rettung zu ſichern, hatte er ſie nicht wiedergeſehn. Als er da von ihnen ſchied, waren ſie von Kummer niedergedruͤckt und von den uͤber⸗ ſtandenen Muͤhſeligkeiten ermattet und hinfaͤllig; jetzt erblickte er ſie durch die Ruhe erfriſcht, bluͤ⸗ hend und mit neuen Reizen ausgeſtattet, obgleich noch furchtſam und aͤngſtlich. Es war daher wohl kein Wunder daß bei einer ſolchen Veran⸗ laſſung der junge Mann fuͤr eine Zeitlang alles Uebrige aus dem Geſichte verlor, um ſie anzureden. Die lebhafte jugendliche Alice kam ihm jedoch ſchon in dieſem Vorhaben zuvor. „Ach! du traͤger, du treuloſer Ritter! der ſeine Damen in den Schranken ſelbſt verlaͤſſt, um den ungewiſſen Ausgang des Kampfes ruhig abzuwarten!“ rief ſie in verſtelltem verwurfsvollem Tone, dem jedoch ihre freudeſtrahlenden Augen und geoͤffneten Arme auf das ſchmeichelhafteſte wider⸗ ſprachen.„Ganze lange Tage, ja, Jahre ſind wir ſchon hier und haben immer erwartet, Sie zu unſern Fuͤßen zu ſehn, um Gnade und Ver⸗ zeihung fuͤr ihr verzagtes Zuruͤckweichen— oder ich ſollte vielmehr ſagen, Zuruͤcklaufen— von uns zu erflehn;— denn wahrhaftig ſie flohen ſo ſchnell fort, als nur immer ein getroffenes Wild,— wie unſer ehrlicher Freund der Kund⸗ 129 „Sie wiſſen wohl daß Alice damit nur unſre Dankſagungen und unſre Gebete fuͤr Sie meint,“ ſetzte die ernſtere und bedaͤchtigere Cora hinzu. „Ich muß indeß geſtehn, daß wir uns wirklich ein wenig wunderten, wie Sie ſo hartnaͤckig einen Ort vermeiden konnten, wo Sie außer dem dank⸗ baren Entgegenkommen der Toͤchter auch noch die freundliche Aufnahme eines Vaters erwartete.“ „Ihr Vater ſelbſt wuͤrde Ihnen ſagen koͤnnen, daß wenn gleich ich Sie nicht beſuchte, mich doch ſtets nur die Sorge fuͤr Ihre Sicherheit beſchaͤftigt hat,“ erwiederte der junge Mann;„um den Beſitz jenes Dorfes von Huͤtten,“ indem er auf das benachbarte verſchanzte Lager zeigte,„iſt heiß gekaͤmpft worden; denn der, welcher davon Herr bleibt, iſt es auch vom Fort und von allem was darin iſt. Seit ich von Ihnen ſchied habe ich alle meine Tage und meine Naͤchte da zugebracht, weil ich glaubte daß meine Pflicht mich dahin riefe. Haͤtte ich aber gewuſſt, fuͤgte er mit eini⸗ ger Bitterkeit, die er, wiewohl vergeblich, zu unter⸗ druͤcken ſuchte, hinzu,„daß ein Benehmen, wel⸗ ches mir wie ich waͤhnte, mein Dienſt als Soldat vorſchrieb, ſo miſſdeutet werden konnte, ſo wuͤrde die Schaam noch ein Grund mehr geweſen ſein.“ „Heyward!— Duncan!“— rief Alice, indem ſie ſich vorbeugte um in ſeinem halb abge⸗ II. 9 ¹ /——»e— wandten Geſichte zu leſen, bis eine ihrer gold'nen Locken auf ihre mit hoher Roͤthe uͤberzogene Wange ſiel, und auf dem dunkeln Grunde hell⸗ ſchimmernd kaum die Thraͤne verbarg, die ſich aus ihrem bekuͤmmerten Auge hervorgedraͤngt hatte; „koͤnnte ich glauben daß meine leichtfertige Zunge Ihnen Schmerz verurſacht haͤtte, ſo ſollte ſie auf ewig verſtummen! Cora kann Ihnen ſagen, wenn Cora will, wie hoch wir Ihre uns geleiſteten Dienſte anerkennen und ſchaͤtzen, und wie tief— ich haͤtte beinah geſagt, wie gluͤhend— unſre Dankbarkeit gegen Sie iſt.“ „Und will Cora die Wahrheit dieſer Ver⸗ ſicherung beſtaͤtigen?“ ſchrie Duncan, auf deſſen Antlitze die truͤben Wolken einem offenen ver⸗ gnuͤgten Laͤcheln wichen⸗„ Was ſagt unſre ernſt⸗ haftere Schweſter? Wird ſie in dem Dienſteifer eines Soldaten wohl Entſchuldigung fuͤr die vernach⸗ aͤſſigten Pflichten des Ritters finden à“* Cora antwortete nicht durch Worte, ſondern ſchien mit abgewandtem Geſichte den klaren Waſ⸗ ſerſpiegel des Horican zu betrachten; als aber dann ihre dunkeln Augen auf den jungen Mann fielen, waren ſie noch mit einem ſolchen Aus⸗ drucke der innern Unruhe und des Kummers er⸗ fällt, daß jeder andre Gedanke als det der theil⸗ nehmendſten Beſorgniß aus ſeiner Seele verſchwand. 5 „Sie ſind nicht wohl, meine theuerſte Miß Munro!“— rief er aus;„wir haben Scherz getrieben, waͤhrend Sie leiden!“ „Es hat nichts zu bedeuten,“ antwortete ſie, indem ſie mit weiblicher Zuruͤckhaltung ſeinen ihr dargebotenen Arm ſanft ablehnte.„Daß ich nicht, gleich dieſer ungekuͤnſtelten, aber gluͤhenden En⸗ thuſiaſtin von dem Gemaͤlde des Lebens die lichte Seite aufzufinden vermag,“ fuͤgte ſie hinzu, indem ſie ihre Hand leicht aber mit Herzlichkeit auf den Arm ihrer beſorgten Schweſter legte,„iſt die traurige Furcht der Erfahrung und vielleicht auch das Ungluͤck meines Characters. Sehen Sie!“ fuhr ſie mit einiger Anſtrengung fort, als wenn ſie entſchloſſen waͤre im Gefuͤhl ihrer Pflicht jede Schwaͤche zu uͤberwinden;„blicken Sie rund um ſich her, Major Heyward, und ſagen Sie mir, welch ein Anblick dies fuͤr die Tochter eines Sol⸗ daten ſein muß, deſſen hoͤchſtes Gluͤck nur in ſei⸗ ner Ehre und in ſeinem militairiſchen Rufe beſteht?“— „und die durch Umſtaͤnde, denen er nicht gebieten kann, nie verunglimpft werden ſollen noch werden,“ antwortete Duncan mit Waͤrme.„Ihre Worte aber fuͤhren mir meine Pflicht ins Ge⸗ daͤchtniß zuruͤck. Ich gehe jetzt zu ihrem braven Vater, um in Angelegenheiten, die fuͤr unſre Ver⸗ 9* theidigung von der aͤußerſten Wichtigkeit ſind, ſeinen Entſchluß zu vernehmen. Gott ſegne Sie und ſtaͤrke Sie in jeder Gefahr, edle Cora— ſo darf und muß ich Sie nennen.“ Sie reichte ihm ohne Nuͤckhalt ihre Hand, obgleich ihre Lippen zuckten und ihre Wangen ſich allmaͤhlig mit einer aſchfarbigen Blaͤſſe uͤberzogen.„Ich weiß Sie werden unter allen Umſtaͤnden eine Zierde und ein Schmuck ihres Geſchlechts ſein. Alice, leben Sie wohl!“— ſein Ton ging von Bewunderung zur Zaͤrtlichkeit uͤber—„leben Sie wohl, Alice; wir ſehn uns bald wieder und wie ich vertrauungsvoll hoffe, als Sieger und mit Freudengefuͤhlen.“ Ohne eine Antwort von einem der Maͤdchen abzuwarten, eilte der junge Mann die mit Gras bewachſenen Stufen der Baſtion hinunter, ſchritt ſchnell uͤber den innern Hof und ſtand bald vor ihrem Vater. Munro ging, als Duncan eintrat, mit gigantiſchen Schritten muͤrriſch und verdrieß⸗ lich in ſeinem engen Zimmer auf und nieder. „Sie kommen meinen Wuͤnſchen zuvor, Major Heyward,“ ſagte er;„ich war eben im Begriff mir ihren Beſuch zu— erbitten.“ „Es thut mir leid, Sir, daß der Kundſchaf⸗ ter, den ich Ihnen ſo angelegentlich empfohlen habe, von den Franzoſen hier eingebracht worden iſt; ich hoffe daß Sie keine Urſache haben in ſeine Zuverlaͤſſigkeit Miſſtrauen zu ſetzen.“ „Die Treue des„„Lange Buͤchſe““ iſt mir wohl bekannt,“ erwiederte Munro,„und unterliegt keinem Verdachte; obwohl ihn, wie es ſcheint, endlich ſein gewoͤhnliches gutes Gluͤck verlaſſen hat. Montcalm hat ihn erwiſcht, und mir mit der vermaledeiten Hoͤflichkeit ſeiner Nation mit der unangenehmen Botſchaft zugeſchickt,„daß da er zu wohl wiſſe, welchen großen Werth ich auf den Burſchen lege, er nicht daran denken koͤnne ihn in ſeinem Gewahrſam zu behalten.“ Wahrlich ein recht jeſuitiſcher Kniff, Major Duncan Hey⸗ ward, um Jemandem Nachricht von ſeinem Ungluͤck zu geben!“ „Nun, und der General und ſeine Truppen?“ „Haben Sie Sich nach Suͤden hin umgeſehn, ehe Sie kamen und haben Sie ſie nicht zu Ge⸗ ſicht bekommen?“ ſagte der alte Soldat bitter lachend.„Halloh, halloh! Sie ſind ein ungedul⸗ diger junger Menſch, Sir, der den Herren nicht die Zeit goͤnnen will ihren Marſch mit Gemaͤch⸗ lichkeit zu vollenden.“ „So kommen ſie alſo? hat der Kundſchafter dies ausgeſagt?“ „Aber wann?— und auf welchem Wege? denn das hat der Dummkopf vergeſſen mir zu 134 ſagen. Es ſcheint jedoch daß er Ueberbringer eines Briefs geweſen iſt, und das iſt noch das einzige Gute bei dieſer ganzen Sache. Denn nach den uns bisher bewieſenen Artigkeiten ihres Herrn Marquis von Montcalm— ich wollte darauf ſchwoͤren, Duncan, daß der von Lothian ein gan⸗ zes Dutzend ſolcher Marquiſate kaufen koͤnne— zu ſchließen, ſo bin ich beſtimmt uͤberzeugt daß wenn der Brief ſchlimme Nachrichten enthielte, die Hoͤflichkeit dieſes franzoͤſiſchen Monſieur ihn gewiß angetrieben haben wuͤrde, uns ſolchen mit⸗ zutheilen.“ „Er behaͤlt alſo den Brief fuͤr ſich, Sir, und hat nur den Ueberbringer losgegeben?“ „Ei wohl; das hat er gethan, und das alles aus Ihrer— wie Sie es zu nennen belieben— bonhommie. Ich möchte wohl behaupten, wenn man nur hinter die Wahrheit kommen doͤnnte, daß des Burſchen Großvater in der edlen Tanz⸗ kunſt Unterricht gegeben hat!“— „Was ſagt denn aber der Kundſchafter? er hat ja doch Augen, und Ohren und eine Zunge! hat er denn nicht muͤndlich einige Nachricht ge⸗ bracht?— „SO ja, Sir; er hat allerdings dieſe natuͤrli⸗ chen Organe und kann uns alles, was er geſehn und gehort hat, frei erzaͤhlen. Das Alles beſteht —.— ₰—— aber nur darin: daß an den Ufern des Hudſon ein koͤnigliches Fort liegt, das wie Sie wiſſen zu Ehren Seiner Hoheit von York, Eduard genannt wird, und das mit bewaffneten Leuten ſo ſtark beſetzt iſt, als ein ſolches Werk ſein muß.“ „War denn aber nicht irgend eine Bewegung unter den Truppen oder ſonſt ein Anzeichen da, das die Abſicht verriethe, zu unſerm Entſatze vor⸗ zuruͤcken?“ „Es wurden Morgen und Abend Paraden gehalten, und wenn einer unſrer großen Luleis von Landsleuten— Sie kennen ſie ja wohl, Duncan, Sie ſind ja ſelber ein halber Schotte. wenn grade einer von ihnen Pulver auf ſeinen dicken Brei ſchuͤttete, und etwas davon auf die Kohlen fiel, ſo blitzte es eben ein bischen auf.“— Hierauf aber ſeinen bisherigen bittern und ironi⸗ ſchen Ton aͤndernd und einen ernſtern und uͤber⸗ legtern annehmend, fuhr er fort:„und dennoch moͤchte wohl und muß gewiß etwas in dem Briefe ſtehn, was ſehr gut waͤre, wenn wir es wuͤſſten.“ „unſer Entſchluß ſollte dann geſchwind ge⸗ faſſt ſein,“ ſagte Duncan, der dieſen Uebergang von uͤbler Laune zu Ernſt mit Vergnuͤgen benutzte, um das Geſpraͤch auf die wichtigern Gegenſtaͤnde ihrer Zuſammenkunft zu lenken;„Ich kann Ihnen nicht verhehlen, Sir, daß das Lager ſich 7* 136 nicht mehr lange wird halten koͤnnen, und es thut mir leid hinzuſetzen zu muͤſſen, daß es, nach dem was ich hier geſehn habe, im Fort nicht beſſer zu ſtehn ſcheint;— die groͤßte Haͤlfte unſrer Kanonen iſt ſchon geborſten.“— „Und wie ſollte es anders ſein? einige ſind vom Grunde des Sees heraufgefiſcht worden, einige ſchon ſeit der Entdeckung des Landes in den Waͤl⸗ dern vom Roſte zerfreſſen worden und wieder andre niemals wirklich Kanonen geweſen— nichts als Spielzeug von Kaperſchiffen. Denken Sie denn, Sir, daß Sie hier mitten in der Wildniß, drei⸗ tauſend Meilen von Großbritannien Woolwich Waare haben koͤnnen?— „Unſre Bruſtwehren fallen uns uͤber dem Kopfe zuſammen und die Lebensmittel fangen an knapp zu werden,“ fuhr Heyward fort, ohne dieſen neuen Ausbruch des Unwillens zu beachten;„ſelbſt unter unſern Leuten faͤngt ſich ſchon an Unzufrie⸗ denheit und Beſorgniß zu zeigen.“ „Major Heyward,“ ſagte Munro, indem er ſich mit aller der ſeinen Jahren und ſeinem hoͤ⸗ hern Range angemeſſenen Wuͤrde gegen ſeinen jungen Waffengefaͤhrten wandte,„ich wuͤrde ohne Nutzen ein halbes Jahrhundert in Seiner Ma⸗ jeſtaͤt Dienſten zugebracht und mir dieſe grauen Haare erworben haben, wenn ich alles das, was Q 2—3ꝗ 8—A 8 8ͤ Sie mir da ſagen, ſo wie den ganzen Umfang unſrer druͤckenden Lage nicht ſelbſt kennte und wuͤſſte; dennoch ſind wir verbunden alles was in unſern Kraͤften ſteht zur Ehre der koͤniglichen Waffen, und doch wenigſtens etwas auch um unſrer ſelbſt willen zu thun. So lange uns noch irgend eine Hoffnung auf Huͤlfe bleibt, werde ich die Feſtung vertheidigen, und ſollte es mit Steinen vom Strande des Sees ſein. Es muß uns daher alles daran gelegen ſein den Brief zu Geſicht zu bekommen, damit wir die Plaͤne und Abſichten des Mannes, den uns der Graf von Loudon als ſeinen Stellvertreter hiergelaſſen hat, in Erfah⸗ rung bringen.“ „Und kann ich bei dieſer Gelegenheit nuͤtzlich ſein?“ „Das koͤnnen Sie allerdings, Sir; der Mar⸗ quis von Montcalm hat den Hoͤflichkeitsbezeugun⸗ gen, womit er mich uͤberhaͤuft, auch noch die Ein⸗ ladung zugefuͤgt, eine perſoͤnliche Zuſammenkunft mit ihm zwiſchen dieſen Werken und ſeinem Lager zu haben, um, wie er ſagt, mir noch einige be⸗ ſondere Nachrichten mitzutheilen. Nun denke ich daß es nicht ganz klug gehandelt ſein wuͤrde, wenn ich unſchicklicherweiſe eine zu große Bereitwilligkeit zu einer ſolchen Zuſammenkunft zeigte, und des⸗ halb wollte ich Sie, als einen Officier von Range, als meinen Stellvertreter dahin ſchicken; denn es wuͤrde ſich doch auch ſchlecht mit der Ehre Schott⸗ lands vertragen, wenn Jemand ſagen koͤnnte, daß einer ſeiner Maͤnner von Stande von einem aus irgend einem andern Lande der Erde Gebuͤrtigen an Hoͤflichkeit uͤbertroffen worden waͤre.“ Ohne ſich weiter die außer den Graͤnzen ſei⸗ ner Pflicht liegende Muͤhe zu geben, in Eroͤrterun⸗ gen und Vergleiche der wechſelſeitigen Vorzuͤge der feinen Sitten bei den verſchiedenen Nationen einzugehn, willigte Duncan mit Freuden ein, bei der bevorſtehenden Zuſammenkunft die Stelle des Veteranen zu vertreten. Es folgte nun eine lange vertrauliche Mittheilung, in welcher der junge Mann von ſeinem erfahrenen und mit angebor⸗ nem Scharfſinn begabten Vorgeſetzten von der Lage der Sachen und ſeinem uͤbernommenen Ge⸗ ſchaͤfte noch genauer in Kenntniß geſetzt wurde, worauf der Erſtere Abſchied nahm. Da Duncan nur als Repraͤſentant des Com⸗ mandanten des Forts auftreten konnte, ſo wurden natuͤrlich die Ceremonieen, welche eine wirkliche Zuſammenkunft zwiſchen den oberſten Befehlsha⸗ bern der feindlichen Maͤchte begleitet haben wuͤr⸗ den, weggelaſſen. Der Waffenſtillſtand dauerte noch fort, und kaum zehn Minuten nachdem Duncan ſeine Inſtructionen empfangen hatte, ℳ ℳ Zeit, von welcher wir ſchreiben, in der Bluͤthe 439 verließ er ſchon unter wirbelndem Trommelſchlage und durch eine kleine weiße Flagge gedeckt die Ausfallspforte. Er wurde von dem auf Vorpoſten ſtehenden franzoͤſiſchen Officier mit den gewoͤhnlichen Formalitaͤten empfangen und ſogleich nach dem fernen Gezelt des beruͤhmten Kriegsmannes, der die Truppen Frankreichs befehligte, gefuͤhrt. Von ſeinen vornehmſten Officiers und einem Haufen brauner Eingeborenen⸗Haͤuptlinge, die ihm mit den Kriegern ihrer verſchiedenen Staͤmme ins Feld gefolgt waren, umgeben, empfing der feindliche General den jugendlichen Abgeſandten. Heyward ſtutzte einen Augenblick als ſeine Augen die dunkle Gruppe der letztern uͤberflogen, und er darunter auf das haͤmiſche Geſicht Maguna's traf, der ihn mit der ruhigen boshaften Miene betrach⸗ tete, welche die Zuͤge dieſes verſchmitzten Wilden auszeichneten. Der junge Mann konnte ſich nicht enthalten ſeine Ueberraſchung durch einen leiſen Ausruf zu erkennen zu geben; doch augenblicklich wieder ſeiner Botſchaft und der Perſon, welcher er gegenuͤber ſtand, eingedenk, unterdruͤckte er jeden Anſchein von innerer Bewegung und wandte ſich gegen den feindlichen Feldherrn, der ſchon einen Schritt vorgetreten war, um ihn zu bewillkommen. Der Marquis von Montcealm war zu der 8 ſeiner Jahre und, wir koͤnnten hinzuſetzen, im Zenit ſeines Gluͤcks. Selbſt aber in dieſer benei⸗ denswerthen Lage war er leutſelig, und zeichnete ſich ſowohl durch ſtrenge Beobachtung aller der von einer feinen Lebensart vorgeſchriebenen Formen, als durch jene ritterliche Tapferkeit aus, die ihn nur zwei kurze Jahre ſpaͤter bewog, in den Gefil⸗ den von Abraham ſein Leben hinzugeben. Duncan wandte ſeine Augen von dem haͤmiſchen Geſicht Maguass ab, und ließ ſie mit Vergnuͤgen auf den laͤchelnden anmuthigen Zuͤgen und dem edlen militairiſchen Anſtande des franzoͤſiſchen Generals ruhen. „Monsieur,“ ſagte der Letztere,„j'ai beaucoup de plaisir à— bah!— ou est cet interpréte?““ „Je crois, Monsieur, qu'il ne sera pas nécessaire; erwiederte Heyward beſcheiden;„je parle un peu frangais.“ 1 „Ahl j'en suis bien aise, ſagte Montcalm, indem er Duncan vertraulich bei dem Arme faſſte und ihn in den Hintergrund des Zeltes fuͤhrte, wo ihr Geſpraͤch nicht gehoͤrt werden konnte; je déteste ces fripons là; on ne sait jamais sur quel pied on est avec eux. Eh bien, Monsieur,“ fuhr er dann immer franzoͤſiſch ſprechend fort,„obgleich ich ſtolz darauf geweſen 141 ſein wuͤrde, ihren Commandanten ſelbſt zu em⸗ pfangen, ſo ſchaͤtze ich mich doch ſehr gluͤcklich, daß er fuͤr gut befunden hat, einen ſo ausgezeichneten und, wie ich uͤberzeugt bin, ſo liebenswuͤrdigen Officier, als Sie ſind, zu dieſem Geſchaͤfte auszu⸗ waͤhlen.“ Durch dies Compliment geſchmeichelt, machte Duncan, trotz ſeines heroiſchen feſten Entſchluſſes, ſich durch keinen ſolcher Kunſtgriffe einſchlaͤfern zu laſſen und immer des Intereſſe's ſeines Fuͤr⸗ ſten eingedenk zu bleiben, eine tiefe Verbeugung, und Montcalm fuhr nach einer kurzen Pauſe, als wenn er ſeine Gedanken ſammeln wollte, fort— „Ihr Commandant iſt ein braver Mann, und ſetzt allen meinen Angriffen einen ſehr ge⸗ ſchickten Widerſtand entgegen. Mais Monsieur, iſt es nicht bald Zeit mehr der Menſchlichkeit Ge⸗ hoͤr zu geben und weniger ihre eigene Tapferkeit ſprechen zu laſſen. Die eine dieſer Tugenden iſt eben ſowohl als die andre ſchon allein geeignet, einen Helden zu characteriſiren.“ „Wir ſind der Meinung daß dieſe beiden Eigenſchaften unzertrennlich ſind,“ erwiederte Duncan laͤchelnd,„ſo lange indeß noch Ew. Ex⸗ cellenz Thaͤtigkeit und kraͤftige Maßregeln die letztere in jeder Hinſicht anfeuert, koͤnnen wir 142 keine hinlaͤngliche Veranlaſſung finden, den For⸗ derungen der erſtern Genuͤge zu leiſten.“ Montcalm machte nun eine leichte Verbeu⸗ gung, jedoch mit dem Weſen eines Mannes, der zu viel Erfahrung beſitzt, um die Sprache der Schmeichelei zu verkennen. Nachdem er einen Augenblick nachgedacht hatte, hub er an: „Es iſt wohl möͤglich daß meine Fernglaͤſer mich getaͤuſcht haben und ihre Bruſtwehren unſern Kanonen beſſer widerſtehn, als ich vermuthet hatte. Sie kennen unſre Staͤrke?“ „uUnſre Nachrichten ſtimmen nicht ganz uͤber⸗ ein,“ ſagte Duncan;„nach der hoͤchſten jedoch iſt ſie nicht uͤber zwanzig tauſend Mann.“ Der Franzoſe biß ſich auf die Lippen und heftete ſeine Augen ſcharf auf den Andern, als wenn er deſſen Gedanken auf ſeinem Geſichte leſen wollte; dann aber fuhr er mit der ihm eignen Geiſtesgegenwart, indem er die Richtigkeit dieſer Angabe, welcher, wie er wohl wuſſte, ſein Beſucher ſelbſt keinen Glauben beimaß, nnznerkennen ſchien, zu ſprechen fort. „Es iſt wirklich fuͤr uns Soldaten ſehr ze⸗ truͤbt und niederſchlagend, Monſieur, daß wir, wir moͤgen thun was wir wollen, trotz aller unſrer Vorſicht doch nie im Stande ſind unſre Staͤrke geheim zu halten. Wenn dies aber uͤberhaupt 143 möͤglich waͤre, ſo ſollte einer doch glauben, daß es ihm wenigſtens in dieſen Waͤldern gelingen— muͤſſte.— Obwohl Sie nun aber der Meinung ſind, daß es noch zu fruͤh ſei, dem Rufe der Menſchlichkeit Gehoͤr zu geben,“ fuͤgte er mit einem ſchlauen Laͤcheln hinzu,„ſo kann ich doch unmoͤglich glauben, daß von einem ſo jungen Manne als Sie ſind, die Anforderungen der Ga⸗ lanterie ſo gaͤnzlich vergeſſen ſein ſollten. Die Toͤchter des Commandanten haben ja, wie ich erfah⸗ ren habe, ſchon nachdem das Fort von mir einge⸗ ſchloſſen war, Mittel gefunden hineinzukommen.“ Das iſt wahr, Monſieur; aber weit entfernt daß ihre Gegenwart uns in unſren Anſtrengun⸗ gen erſchlaffen ließe, geben ſie uns vielmehr durch ihre Standhaftigkeit ein nachahmungswuͤrdiges Beiſpiel des Muths. Und waͤre nichts als feſte Entſchloſſenheit erforderlich, um die Angriffe eines ſo vollendeten Feldherrn als M. de Montealm abzuweiſen, ſo wuͤrde ich mit Vergnuͤgen der aͤltern dieſer Damen die Vertheidigung von Wiliam 1 Henry anvertrauen.“ „Wir haben in unſern ſaliſchen Geſeben eine Verordnung, welche befiehlt daß Frankreichs Krone 3 nie von der Lanze auf die Spindel uͤbergehen ſoll,“ ſagte Montcalm trocken und mit einigem Stolz, ſetzte jedoch mit ſeinem fruͤhern, offenen 144 und gefaͤlligen Weſen ſogleich wieder hinzu:„Da indeß alle edlern Eigenſchaften erblich ſind, ſo will ich Ihnen gern Glauben beimeſſen; obwohl, wie ich ſchon vorher erwaͤhnte, auch der Tapferkeit ihre Graͤnzen geſetzt und die Menſchlichkeit nicht vergeſſen werden muͤſſen. Ich bin uͤberzeugt, Monſieur, daß Sie mit Vollmacht verſehn ſind, um wegen der Uebergabe des Platzes Unterhand⸗ lungen anzuknuͤpfen. „Haben Ew. Excellenz unſre Vertheidigung ſo kraftlos gefunden, daß Sie glauben, wir waͤren genoͤthigt ſchon zu ſolchen Maßregeln unſre Zu⸗ flucht zu nehmen? „Es ſollte mir leid thun wenn ihre Verthei⸗ digung die Belagerung ſo in die Laͤnge zoͤge, daß die Erbitterung meiner rothen Freunde hier zu ſehr gereizt wuͤrde,“ fuhr Montcalm fort, indem er ohne des Andern Frage zu beachten einen Blick auf die ernſte und aufmerkſame Gruppe der In⸗ dianer warf;„es wird mir oft jetzt ſchon ſchwer, ſie ſo im Zaume zu halten, daß ſie die gewoͤhn⸗ lichen Kriegsgebraͤuche beobachten.”“ Heyward blieb ſtumm, denn eine ſchmerzliche Erinnerung an die Gefahren, denen er nur noch ſo kuͤrzlich erſt entronnen war, trat vor ſeine Seele und fuͤhrte ihm die Bilder der widerſtand⸗ loſen Geſchoͤpfe, die alle ſeine Leiden mit ihm getheilt hatten, ins Gedaͤchtniß zuruͤck. „Ces Messieurs là,“ ſagte Montcalm, den Vortheil, den er wie er bemerkte erlangt hatte, verfolgend,„ſind außerordentlich furchtbar, wenn ſie in ihren Erwartungen getaͤuſcht werden; und ich brauche Ihnen wohl nicht erſt zu ſagen, welche Schwierigkeiten es hat, die Ausbruͤche ihrer Wuth zu bekaͤmpfen. Eh hien Monsieur! ſollen wir wegen der Bedingungen der Uebergabe unter⸗ handeln?“— „Ich fuͤrchte daß Ew. Excellenz in Hinſicht der Staͤrke von William Henry und der Huͤlfs⸗ mittel, die der Garniſon zu Gebote ſtehn, im Irrthum ſind.“ „Ich ſtehe nicht vor Quebec, ſondern vor Erdverſchanzungen, die von drei und zwanzig hun⸗ dert braven Soldaten vertheidigt werden,“ war die lakoniſche doch hoͤfliche Antwort. „ unſre Waͤlle ſind zwar nur von Erde, das iſt wahr, und liegen auch nicht auf dem Felſen⸗ grunde des Caps Diamond;— ſie liegen aber an einer Kuͤſte, die einſt Zeuge von der Nieder⸗ lage Dieskau's und ſeiner braven Armee war. Auch ſteht nur wenig Stunden Weges von uns ein ſtarkes Corps, auf deſſen Unterſtuͤtzung bei unſrer Vertheidigung wir gleichfalls rechnen duͤrfen.“ „Ungefaͤhr ſechs bis achttauſend Mann;“ er⸗ wiederte Montcalm mit anſcheinender Gleichguͤl⸗ 11. 10 146 tigkeit,„deren Anfuͤhrer es fuͤr kluͤger haͤlt in ſeinen Verſchanzungen ſicher ſtehn zu blelben⸗ als ins Feld zu ruͤcken.“ Es war nun an Heyward ſich voll Unwillen aufdie Lippen zu beißen, da der Andre ſo ruhig von einer Macht ſprach, deren Staͤrke er, wie der junge Mann wuſſte, doch ſchon viel zu hoch an⸗ ſchlug. Beide ſtanden eine Weile ſchweigend und nachdenkend einander gegenuͤber, worauf Montcalm das Geſpraͤch wieder auf eine Art anknuͤpfte, die ſeine Ueberzeugung ausdruͤckte, daß dem Beſuche ſeines Gaſtes nur die Abſicht zum Grunde liege, Vorſchlaͤge fuͤr die Bedingungen zur Capitulation zu machen. Auf der andern Seite fing nun Heyward an alle moͤgliche Kunſtgriffe anzuwenden, um den franzoͤſiſchen General zu verleiten, ſich etwas von den Nachrichten, welche ihm durch den aufgefangenen Brief bekannt geworden waren, merken zu laſſen. Doch keinem von Beiden gluͤckte ſein liſtiger Anſchlag und nach einer langen und fruchtloſen Unterredung beurlaubte ſich Duncan wieder, und nahm zwar den guͤnſtigſten Eindruck von der Artigkeit und den Talenten des feind⸗ lichen Feldherrn mit ſich, war jedoch uͤber das, was er auszukundſchaften hierher gekommen war, noch eben ſo unwiſſend als bei ſeiner Ankunft.x. Montcalm deleitase ihn bis zum Einange des . Zeltes und erneuerte ſeine Einladung an den Commandanten des Forts, in eine perſoͤnliche Zuſammenkunft mit ihm, im offenen Felde zwi⸗ ſchen den beiden Armeen, einzuwilligen. Hier trennten ſie ſich und Duncan kehrte, mit derſelben Begleitung wie vorher zu den fran⸗ zoͤſiſchen Vorpoſten zuruͤck, von wo er ſogleich dem Fort und der Wohnung ſeines Vorgeſetzten zueilte. Sechzehntes Kaprel. Edg.— Eh' ihr die Schlacht ſchlagt, öffnet dieſen Brief.— Lear. Major Heyward fand Munro in Geſellſchaft ſeiner Toͤchter. Alice ſaß auf ſeinem Knie und ſpielte mit ihren zarten Fingern mit den grauen Locken auf der Scheitel des alten Mannes; und ſo oft er ihrer Taͤndeleien uͤberdruͤſſig werden woollte, beſaͤnftigte ſie ſeinen verſtellten Unwillen durch einen liebkoſenden Kuß ihrer Korallen⸗Lippen auf die, auf ſeiner Stirn ſich zuſammenziehenden Falten. Cora ſaß als ſtille aber theilnehmende 1 Zuſchauerin dicht neben ihnen, und ſah dem lau⸗ niſchen Spiel ihrer juͤngern Schweſter mit der 10* 4 d muͤtterlichen Zaͤrtlichkeit zu, die ihre Liebe zu Alicen characteriſirte. Nicht nur alle Gefahren, denen ſie entronnen waren, ſondern auch die welche ſie noch bedrohten, waren in der ſuͤßen Traulichkeit eines ſolchen Familien⸗Vereins fuͤr den Augenblick dem Gedaͤchtniſſe entſchwunden, und es ſchien als wenn ſie den kurzen Waffen⸗ ſtillſtand nur benutzt haͤtten, um ſich den reinſten und ſanfteſten Gefuͤhlen hinzugeben; die Toͤchter hatten ihre Beſorgniſſe, der Vater ſeine Sorgen, in der Ruhe und Sicherheit der Gegenwart ver⸗ geſſen. Mehrere Minuten ſtand Duncan, der in dem haſtigen Eifer ſeine Ruͤckkunft anzuzeigen unangemeldet eingetreten war, unbemerkt und mit Entzuͤcken in dieſem Anblicke verloren. Die fluͤhtigen und muntern Augen Alicens hatten aber nicht ſo bald ſein Bild in einem Spiegel erblickt, als ſie erroͤthend von ihres Vaters Knieen aufſprang und in der Ueberraſchung laut ausrief: „Major Heyward!“ „Was iſt's mit dem Burſchen?“ fragte ihr Vater;„ich habe ihn hingeſchickt um den Fran⸗ zoſen ein bischen Wind vorzumachen.— Aha! Sir, Sie ſind jung und Sie ſind raſch; fort mit zuch, ihr Weiberzeug; als wenn nicht ein Soldat ſchon andre Dinge genug im Kopfe haͤtte, ohne daß er noch in ſeinem Lager ſich von ſchnatternden hat zu viel Bildung und Seelenandel, als daß ſie Heyward, welcher inne wurde daß ſein Vorge⸗ ſetzter ein boshaftes Vergnuͤgen darin fand, ſeine Verachtung gegen die Botſchaft des franzoͤſiſchen Generals zu erkennen zu geben, ſah ſich genoͤthigt ſich in eine uͤble Laune zu fuͤgen, die wie er wuſſte bald voruͤbergehn wuͤrde; er erwiederte daher mit aller der Ruhe, die ihm nur die Verhandlung einer ſolchen Angelegenheit anzunehmen erlaubte: „Ich war, wie Sie wiſſen, Sir, dreiſt genug, Sie um die Ehre zu bitten mich als Ihren Sohn aufzunehmen.“ „Ei, junger Herr, Sie haben da Worte ge⸗ ſprochen, die ſehr klar und deutlich zu begreifen ſind. Aber erlauben Sie mir, Sir, haben Sie Sich dem Maͤdchen eben ſo verſtaͤndlich zu machen gewuſſt?“ „Auf meine Ehre, nein!“ rief Duncan mit Waͤrme;„ich wuͤrde es fuͤr einen Miſſbrauch des in mich geſetzten Vertrauens gehalten haben, wenn ich meine Lage zu ſolch einem Zwecke be⸗ nutzt haͤtte.“ „Ihre Geſinnungen ſind ſo wie ſie ſich fuͤr einen rechtlichen Mann ziemen, Major Heyward, und ihren Verhaͤltniſſen ganz angemeſſen. Cora Munro iſt aber ein zu verſtaͤndiges Maͤdchen und ſſiich ſeinem dumpfen Bruͤten ganz hingebend, ſchien ſelbſt nur noch der Vormundſchaft eines Vaters beduͤrfte.” „Cora!“ „Nun ja— Cora! wir ſprachen ja doch von Ihren Anſpruͤchen auf Miß Munro? thun wir das nicht, Sir?“ „Ich ich— ich kann mich nicht entſinnen ihren Namen genannt zu haben,“ ſtotterte Dun⸗ can verlegen hervor. „Nun denn, zu welcher Heirath wollen Sie denn, daß ich meine Einwilligung geben ſoll, Major Heyward?“ fragte der alte Soldat, ſich mit aller Wuͤrde ſeines verletzten Gefuͤhls aufrichtend. „Sie haben noch ein andres und nicht we⸗ niger liebenswuͤrdiges Kind.“ „Alice! rief der Vater mit demſelben Erſtau⸗ nen, mit welchem vorher Duncan den Namen ihrer Schweſter wiederholt hatte. „Sie war es auf die ſich meine Wuͤnſche erichteten, Sir!— Der junge Mann wartete ſchweigend den Erfolg des tiefen Eindrucks ab, welche dieſe, wie es ihm nun deutlich wurde, ſo unerwartete Eroͤffnung gemacht hatte. Mehrere Miinuten ging Munro mit langen raſchen Schrit ten im Zimmer auf und nieder; krampfhaf⸗ verzogen ſich die finſtern Zuͤge ſeines Geſichts und E 6 jede andre Empfindung in ihm erloſchen. Endlich blieb er grade vor Heyward ſtehn, heftete ſeine Blicke feſt auf deſſen Augen und ſagte mit beben⸗ den, ſeine innere heftige Bewegung Verrathenden Lippen: „Duncan Heyward, ich habe Sie geliebt um Jenes willen, deſſen Blut in Ihren Adern fließt; ich habe Sie geliebt wegen Ihrer eignen Vorzuͤge, ich habe Sie geliebt, weil ich glaubte daß Sie zu dem Gluͤck meines Kindes beitragen wuͤrden; alle dieſe Liebe aber wuͤrde ſich in Haß verwandeln, wenn ich gewiß wuͤſſte, daß das was ich ſo ſehr befuͤrchte, wahr iſt! „Da ſei Gott fuͤr daß irgend eine meiner Handlungen oder Gedanken einen ſolchen Wechſel in Ihren Geſinnungen gegen mich hervorbringen ſollte!“ rief der junge Mann, deſſen Augen furcht⸗ los den durchdringenden auf ihn gehefteten Blick aushielten. Ohne in Erwaͤgung zu ziehn daß es dem andern unmoͤglich ſei, die Gefuͤhle zu begrei⸗ fen, welche in ſeinem eignen Buſen verborgen lagen, ließ ſich Munro durch die unerſchuͤtterliche Faſſung, die ihm entgegengeſetzt wurde, beruhigen und fuhr dann mit merklich gemilderter Stimme fort: G „ Sie wollen mein Sohn werden, Duncan, und Sie kennen die Lebensgeſchichte des Mannes 8 nicht, den Sie Vater zu nennen wuͤnſchen. Setzen Sie Sich, junger Mann; ich will Ihnen mit ſo wenig Worten, als es ſich thun laͤſſt, den Kummer, der mein wundes Herz belaſtet, anver⸗ trauen.“— In dieſem Augenblick war Montcalm's Auf⸗ trag ſowohl dem, der ihn ausrichten ſollte, als wie dem Manne, fuͤr deſſen Ohren er beſtimmt war, aus dem Gedaͤchtniß entſchwunden. Jeder nahm einen Stuhl und waͤhrend der Veteran eine kurze Zeitlang in ein, wie es ſchien, ſchwer⸗ muͤthiges Nachdenken verſank, gab der Juͤngling ſeine Ungeduld nur durch ſeine Blicke und eine ehrerbietige aufmerkſame Stellung zu erkennen. Endlich brach der Erſtere das Schweigen. „Es iſt Ihnen ſchon bekannt, Major Hey⸗ ward, daß ich von einer eben ſo alten als ange⸗ ſehenen Familie abſtamme,“ begann der Schotte; obgleich ſie wohl nicht ganz im Beſitz ſolcher Gluͤcksguͤter iſt, als ihrem Range angemeſſen waͤre. Ich war vielleicht grade ſo, wie Sie jetzt ſind, als ich Alicen Graham, dem einzigen Kinde eines benachbarten Gutsbeſitzers von einigem Vermoͤgen, mein Herz und meine Hand gelobte. Unſere Verbindung war jedoch aus mehreren andern Gruͤnden, als bloß meiner Armuth wegen, ihrem Vater nicht angenehm. Ich that daher, *“ 2 5 155 —— licher Mann thun muß, ich ga⸗ 5 r Wort zuruͤck und verließ im Koͤnigs meine Heimath. Ich Himmelsſtrich durchzogen Laͤndern mein Blut ver⸗ nſt nach den Weſt⸗Indiſchen was ein recht dem Maͤdchen ih Dienſte meines hatte ſchon manchen und in verſchiedenen goſſen, als mich der Die fuͤgte es das Schickſal daß Inſeln fuͤhrte. Hier ie Bekanntſchaft eines Maͤdchens machte, die bald darauf mein Weib und die Mut die Tochter eines auf dieſen wurde. Sie war Inſeln anſaͤſſigen Mannes und ihm von einer Frau geboren worden, deren Ungluͤck es, wenn Sie wollen,“ ſagte der alte Mann ſtolz,„war, von jener ungluͤcklichen verachteten Klaſſe entfernt ab⸗ zuſtammen, die auf eine ſo ſchaͤndliche Weiſe zur Sclaverei verdammt iſt, um die Anzahl der Be⸗ duͤrfniſſe eines uͤppigen Volkes noch zu vermeh⸗ ren!— Ja, Sir, das iſt ein Fluch, der noch auf Schottland ruh ine unnatuͤrliche Verbindung mit einem fremden, handeltreibenden Volk aufgeladen hat. Faͤnde ich aber einen Mann, der meinem Kinde ſeine Abkunft nur im gering⸗ ſten fuͤhlen zu laſſen wagte, ſo ſollte er den ganzen Zorn eines Vaters empfinden! Ha! Major Hey⸗ ward, Sie ſind ja ſelbſt im Suͤden geboren, wo dieſe ungluͤcklichen Geſchoͤpfe als eine auf man rigeren Stufe als die ihrige ſtehende einer weit nied Menſchenclaſſe anſieht! 156 „Dies iſt leider nur zu wahr, Sir,“ ſagte Duncan, der nicht laͤnger mehr ſeinen Augen gebieten konnte und ſie verlegen auf den Boden heftete. „Und Sie machen meinem Kinde einen Vorwurf daraus? Sie verſchmaͤhen es das Blut der Heywards mit einem ſo veraͤchtlichen—— ſo liebenswuͤrdig und tugendhaft ſie auch immer iſt?“— fragte heftig der argwoͤhniſche Vater. „Der Himmel ſoll mich vor einem Vorur⸗ theil bewahren, das meiner Vernunft ſo unwuͤr⸗ dig waͤre!“ erwiederte Duncan, der ſich zugleich ein ſolches Gefuͤhl innerlich eingeſtehn muſſte, das ſo tief eingewurzelt ſchien, als wenn es mit ſeiner Natur innig verwebt waͤre.„Die Anmuth, die Schoͤnheit, der Zauber ihrer juͤngern Tochter, Obriſt Munro, ſind wohl hinlaͤnglich, um die Bewegungsgruͤnde, die mich herbei leiten, zu recht⸗ fertigen, ohne daß mir eine ſolche Ungerechtigkeit Schuld gegeben zu werden braucht. 8 „Sie haben Recht, Sir,“ erwiederte der alte Mann, deſſen Stimme wieder einen mildern oder vielmehr ſanftern Ton annahm;„das Maͤdchen iſt ganz das Ebenbild von dem was ihre Mutter war, als ſie noch in dem Alter ſtand und der Kummer ſie noch nicht heimgeſucht hatte. Als der Tod mir mein Weib geraubt hatte, kehrte ich — mit den Reichthuͤmern, die ich durch meine Hei⸗ rath erlangt hatte, nach Schottland zuruͤck; und koͤnnen Sie es wohl glauben, Duncan! der dul⸗ dende Engel hatte zwanzig lange Jahre in dem freudenleeren Stande der Eheloſigkeit geharrt und das um eines Mannes willen, der ihrer vergeſſen konnte!— Aber ſie that noch mehr, Sir! Sie vergaß meine Treuloſigkeit und nahm mich, da alle Hinderniſſe nun entfernt waren, zum Mann. „Und wurde die Mutter Alicens!— rief Duncan mit einer Heftigkeit, die zu einer andern Zeit, wenn Munro's Gedanken nicht ſo mit an⸗ dern Dingen als gegenwaͤrtig beſchaͤftigt geweſen waͤren, haͤtte gefaͤhrlich werden koͤnnen.“ „Das wurde ſie, ja,“ ſagte der alte Mann, deſſen zuckende Geſichts⸗Muskeln die Bewegung in ſeinem Innern verriethen und fuhr dann fort: „und theuer muſſte ſie das Gluͤck, das ſie mir ſchenkte, bezahlen. Sie iſt aber nun im Himmel eine Heilige, Sir, und es wuͤrde einem Mann, der ſelbſt ſchon mit einem Fuß im Grabe ſteht, ſchlecht anſtehn, wenn er ein ſo geſegnetes Loos betrauern ſollte. Ich hatte ſie nur ein einziges Jahr; wahrlich, eine kurze Dauer des Gluͤcks fuͤr Jemand deſſen Jugend in hoffn ungsloſer Sehnſucht dahin geſchwunden iſt!“— Es lag etwas ſo erhabenes, und ſogar Ehr⸗ furcht gebietendes in dem Kummer des alten Mannes, daß Heyward es nicht wagte ein einziges Wort des Troſtes an ihn zu richten. Die Gegenwart des Andern gaͤnzlich vergeſſend ſaß Munro in ſich gekehrt da, und ließ auf ſeinen bewegten Zuͤgen die innere Pein, welche ihm ſein Gram verur⸗ ſachte, deutlich leſen, waͤhrend große Tropfen ſei⸗ nen Augen entglitten, und ungehemmt uͤber ſeine Wangen auf den Boden herabrollten. Endlich machte er eine Bewegung, als wenn ſeine Beſin⸗ nung ploͤtzlich wieder zuruͤckgekehrt ſei, erhob ſich und blieb, nachdem er einen Gang durch das Zimmer gemacht hatte, vor ſeinem Gaſte mit einem wuͤrdevollen militairiſchen Anſtande ſtehn und fragte: „Hatten Sie nicht einen Auftrag von dem Marquis de Montcalm, Heyward, den Sie mir ausrichten wollten?“— Duncan ſtand nun gleichfalls auf und begann ſogleich mit verlegener Stimme die halbvergeſſene Botſchaft zu wiederholen. Es wuͤrde uͤberfluͤſſig ſein noch etwas von der ausweichenden aber arti⸗ gen Manier mit welcher der franzoͤſiſche General jede Bemuͤhung Heyward's, ſich etwas von dem Inhalt der Mittheilung merken zu laſſen, die er zu machen ſich erboten hatte, vereitelte, oder von der beſtimmten jedoch ſehr hoͤflichen Botſchaft zu ſagen, durch die er ſeinem Feind zu verſtehn gab, daß wenn er nicht ſelbſt in Perſon komme um ſie zu hoͤren, er ſie gar nicht erfahren ſolle. Waͤhrend Munro dem weitlaͤuftigen Bericht Dun⸗ can's zuhoͤrte, gewannen die Pflichten gegen ſeinen Dienſt allmaͤhlig uͤber ſeine aufgeregten Vaterge⸗ fuͤhle die Oberhand, und als der andere ſeine „Rede endete, ſah er nur noch den Veteran vor ſich, den ſein verletztes Soldatengefuͤhl mit Zorn und Unwillen erfuͤllte. „Sie haben genug geſagt, Major Heyward!“ rief der alte Mann aufgebracht;„genug um ei⸗ nen ganzen Band Lobeserhebungen auf die fran⸗ zoͤſiſche Artigkeit damit zu fuͤllen. Der Herr da laͤſſt mich zu einer Zuſammenkunft einladen und wenn ich ihm einen tuͤchtigen Stellvertreter ſchicke,— denn das ſind Sie ganz, Duncan, wenn gleich Sie nur noch wenige Jahre zaͤhlen, ſo ant⸗ wortet er mir mit einem Naͤthſel.“ „Er mag wohl den Stellvertreter nicht ſo guͤnſtig beurtheilen als Sie, mein theurer Sir,“ erwiederte Duncan laͤchelnd;„und Sie werden ſich erinnern, daß die Einladung, welche er jetzt wie⸗ derholt, fuͤr den Commandanten des Forts und nicht fuͤr deſſen Untergebenen galt.“ +₰ ſnn— „Gut, Sir, iſt aber denn nicht ein Stell⸗ vertreter mit aller der Macht und dem Anſehn deſſen bekleidet, der den Auftrag dazu ertheilt? Er wuͤnſcht ſich mit Munro zu beſprechen! Bei meiner Treue, Sir, ich habe große Luſt dem Manne ſeinen Willen zu thun, und wenn es auch nur waͤre, um ihm die ruhige Faſſung zu zeigen die wir trotz ſeiner Truppenzahl und ſeiner Aufforderungen beibehalten. Es waͤre vielleicht nicht unpolitiſch gehandelt, einen ſolchen Streich 8 auszufuͤhren, junger Mann!“— Duncan der es von der hoͤchſten Wichtigkeit hielt, von dem Inhalt des mit dem Kundſchafter aufgefangenen Briefes bald moͤglichſt Kenntniß zu erhalten, beſtaͤrkte mit Freuden dieſe Meinung und ſagte: „Es iſt kein Zweifel daß wenn er unſre Gleichgͤltigkeit ſieht, er in ſeinen Erwartungen eben nicht geſtaͤrkt werden wuͤrde.“ „Sie haben nie wahrer geſprochen. Ich koͤnnte beinah wuͤnſchen, Sir, daß er uns am hellen Tage in Begleitung einer ſtuͤrmenden Co⸗ lonne einen Beſuch ablegte; das iſt immer das ſicherſte Mittel die Standhaftigkeit eines Feindes zu pruͤfen, und iſt dem Beſchießungs⸗Syſtem, das er erwaͤhlt hat, bei weitem vorzuziehn. Die Vortrefflichkeit und Maͤnnlichkeit der Kriegführung, 161 Major Heyward, iſt durch die Kuͤnſte eures Herrn Vauban ſehr verunſtaltet worden. Unſre Vorfah⸗ ren waren uͤber dergleichen wiſſenſchaftliche Feig⸗ heit weit erhaben.“ „Das mag wohl richtig ſein, Sir; wir ſind jetzt nun aber einmal gezwungen, der Kunſt Kunſt entgegen zu ſetzen. Was beſtimmen Sie nun wegen der Unterredung?“— „Ich will den Franzoſen ſehn, und zwar ohne F rcht und ohne Verzug; ungeſaͤumt, Sir, wie es einem Diener meines koͤniglichen Herrn zukommt. Gehen Sie, Major Heyward, laſſen Sie die Muſik ſpielen und ſchicken Sie einen Boten hinaus, damit ſie erfahren wer kommt. Wir woollen dann mit einer kleinen Bedeckung folgen, denn eine ſolche Ehrenbezeugung gebuͤhrt einem, dem die Aufrechthaltung der Ehre ſeines Koͤnigs anvertraut iſt. Und hoͤrt, Duncan,“ ſagte er, obgleich ſie allein waren, halb fluͤſternd:„es moͤchte auch wohl raͤthlich ſein eine Unterſtuͤtzung bei der Hand zu haben, wenn am Ende nun eine Ver⸗ raͤtherei dahinter ſteckte.“ Der junge Mann verließ mit dieſem Befehl das Zimmer und beeilte ſich da der Tag ſchon bald zu Ende ging, ohne Zeitverluſt die nothwen⸗ digen Vorbereitungen zu treffen. Nur wenig Winuten waren erforderlich um einige Rotten 44 antreten zu laſſen, und eine Ordonnanz mit einer Flagge abzuſenden, um die Ankunft des Comman⸗ danten des Forts anzuzeigen. Als Duncan dieſe beiden Anordnungen getroffen hatte, fuͤhrte er das Commando zum Ausfalls⸗Thore, an welchem er bereits ſeinen Vorgeſetzten ihn erwartend antraf. Nachdem die gewoͤhnlichen Ceremonieen eines mili⸗ tairiſchen Abmarſches ſtatt gefunden hatten, verließ der Veteran mit ſeinem juͤngern Begleiter, von der Bedeckung gefolgt, die Feſtung. Sie waren ungefaͤhr hundert Schritte außer⸗ halb der Werke vorgeruͤckt, als ſie den kleinen Zug, der den franzoͤſiſchen General zu der Zuſammen⸗ kunft begleitete, aus einem Hohlwege hervortreten ſahen, welchen das Bette eines zwiſchen den Bat⸗ terieen der Belagerer und der Feſtung hinlaufenden Baches bildete. Von dem Augendlicke an, daß Munro ſeine Werke verließ, um ſeinem Feinde entgegen zu gehn, war ſeine Miene ſtolz und ſein Gang und ſeine Paltung hoͤchſt militairiſch, und ſobald er nur einen Schimmer von der weißen Feder, die in Montcalm's Hute wehte, gewahrte, leuchteten ſeine Augen von dem Bewuſſtſein ſeines eigenen Werths und Unerſchrockenheit, und alle Spuren des Alters ſchienen von ſeinem hohen noch kraͤftigen Koͤrper gewichen. „Sagen Sie den Leuten, daß ſie au Huth ſind,“ ſagte er in einem leiſen Tone 1 1 1 41 63 Duncan,„und daß ſie ihre Schloͤſſer und Bajo⸗ nette in Ordnung haben; denn bei einem ſolchen Ludwigs⸗Ritter iſt einer nie ganz ſicher; wir wollen uns indeß gegen ſie anſtellen, als wenn wir uns in hoͤchſter Sicherheit waͤhnten. Sie verſtehn mich wohl, Major Heyward!”“ Er wurde durch einen Trommelwirbel der ſich naͤhernden Franzoſen unterbrochen, den ſie ſogleich beantworten ließen, worauf von jeder Seite eine — mit einer kleinen weißen Flagge vor⸗ geſchickt wurde, und der vorſichtige Schotte mit ſeiner Bedeckung dicht hinter ſich halt machte. Sohbald dieſe kleine Begruͤßung voruͤber war, kam Montcalm mit ſchnellen, aber leichten und zier⸗ lichen Schritten auf ſie zu, und zog ſeinen Hut ſo tief vor dem Veteranen, daß die fleckenloſe Feder beinah die Erde beruͤhrte. Wenn Munro's Weſen gebietender und maͤnnlicher war, ſo fehlte ihm da⸗ gegen ſowohl der ungezwungene Anſtand als die einſchmeichelnde Abgeſchliffenheit des Franzoſen. Einige Augenblicke lang ſprach keiner von beiden, ſondern jeder betrachtete nur den andern mit neu⸗ gierigen und aufmerkſamen Blicken. Hierauf aber brach Montcalm, wie es ſein hoͤherer Rang und die Veranlaſſung zu dieſer Zuſammenkunft ver⸗ langte, zuerſt das Stillſchweigen. Nachdem er Munro mit den gewoͤhnlichen Hoͤflichkeits⸗Worten 11* begruͤßt hatte, wandte er ſich mit einem Laͤcheln des Wiedererkennens zu Duncan, und fuhr, immer franzoͤſiſch redend, fort: „Ich freue mich, Monsieur, daß Sie uns bei dieſer Gelegenheit das Vergnuͤgen ihrer Geſellſchaft geſchenkt haben. Wir werden nun alſo keines an⸗ dern Dollmetſchers beduͤrfen, denn ich habe ein ſolches Vertrauen zu Ihnen, als wenn ich Ihre Sprache ſelbſt ſpraͤche.“ Duncan erwiederte das Compliment, worauf Montcalm ſich zu ſeiner Begleitung wandte, wel⸗ che gleichwie ſie es von der feindlichen ſah, ihm auf dem Fuße folgte, und ſprach: „En arrière, mes enfans il fait chaud, retirez vous un peu!“ 5 Bevor Major Heyward jedoch dieſen Beweis von Vertrauen nachahmte, warf er ſeine Blicke in der Ebene umher, und ſah nicht ohne Beſorg⸗ niß zahlreiche Gruppen von Wilden, welche neu⸗ gierig aus dem Rande der umherliegenden Waͤlder hervorglotzten, um Zeugen der ſtattfindenden Un⸗ terredung zu ſein. „Monsieur de Montcalm wird mir gewiß geern zugeſtehn, daß unſre Lage ſehr verſchieden iſt,“ ſagte er mit einiger Verlegenheit, indem er zugleich auf die gefaͤhrlichen Feinde, welche ſich bei⸗ nah in jeder Richtung hin ſehen ließen, wies. 165 „Wenn wir unſre Bedeckung entfernten, wuͤrden wir uns unſren Feinden ganz Preis geben.“ „Monsieur, die Ehre eines gentilhomme français buͤrgt fuͤr ihre Sicherheit,“ erwiederte Montcalm, ſeine Hand ausdrucksvoll auf ſein Herz legend,„und das ſollte wohl hinreichend ſein.“ „Es ſoll; geht zuruͤck!“ Duncan ſetzte noch fuͤr den Offizier der das Commando fuͤhrte hinzu: „ziehen Sie ſich ſo weit zuruͤck, Sir, daß wir hier ungeſtoͤrt ſprechen koͤnnen, und erwarten Sie dort die weitern Befehle.“ Munro ſah dieſer Bewegung mit ſichtbarer uUnruhe zu, und verlangte daruͤber augenblicklich eine Erklaͤrung. „Iſt es nicht vortheilhafter fuͤr uns kein Miſſtraun zu verrathen?“ ſagte Duncan.„Herr von Montcalm hat ſein Ehrenwort fuͤr unſre Sicherheit verpfaͤndet und ich habe den Leuten be⸗ fohlen ſich etwas zuruͤckzuziehn um ihm zu zei⸗ gen, welches Vertrauen wir in ſeine Verſicherung ſetzen.”“ „Das mag alles recht gut ſein, ich habe aber nun einmal kein ſo entſetzliches Vertrauen auf das Ehrenwort dieſer Marquesses oder Mar- quise, wie ſie ſich nennen: Ihre Adelsdiplome ſind zu ernein, als daß man uͤberzeugt pein geben, daß er mir einen ſehr tapfern Widerſtand 166 3 koͤnnte, daß ſie das Siegel der wahren Ehre an ſich tragen.“ „Sie vergeſſen, theurer Sir, daß wir es mit einem Officier zu thun haben, der ſich in Europa und Amerika durch ſeine Thaten ausgezeichnet hat. Von einem Soldaten, der ſich einen ſolchen Ruf erworben hat, koͤnnen wir nichts zu befuͤrchten haben.“ Der alte Mann gab durch ein Zeichen ſeine Einwilligung zu erkennen, obgleich ſeine ſtoͤrriſchen Zuͤge noch immer ein hartnaͤckiges Miſſtraun ver⸗ riethen, welches indeß mehr aus einer Art von angeborener Verachtung gegen ſeine Feinde ent⸗ ſprang, als daß gegenwaͤrtig Gruͤnde vorhanden geweſen waͤren, die ein ſo liebloſes Gefuͤhl haͤtten rechtfertigen koͤnnen. Montcalm wartete geduldig die Beendigung dieſes halblaut gefuͤhrten Geſpraͤ⸗ ches ab, trat dann naͤher heran, und begann ihnen die Abſicht ihrer Zuſammenkunft zu eroͤffnen. „Ich habe dieſe Unterredung von ihrem Obern verlangt, Monsieur,“ ſagte er;„weil ich uͤber⸗ zeugt bin, daß er ſich ſelbſt zugeſtehn wird Alles, was zur Aufrechthaltung der Ehre ſeines Fuͤrſten erforderlich war, gethan zu haben und nunmehr auch dem Rufe der Menſchlichkeit Gehoͤr zu geben geneigt ſei. Ich werde ihm jederzeit das Zeugniß 167 entgegengeſetzt, und ſo lange geleiſtet hat, als ihm noch irgend eine Hoffnung blieb.“ Als dieſe Eroͤffnung Munro'n uͤberſetzt wor⸗ den war, antwortete dieſer mit Wuͤrde, doch auch mit angemeſſener Hoͤflichkeit: „So ſehr ich auch ein ſolches Zeugniß vom Monsieur Montcalm ſchaͤtze und ehre, ſo wird es doch noch einen hoͤhern Werth bekommen, wenn ich es erſt mehr verdient haben werde.“ Der franzoͤſiſche General laͤchelte, als ihm Duncan dieſe Antwort erklaͤrte, und bemerkte: „Was jetzt einem bewaͤhrten Muthe ſo be⸗ reitwillig zugeſtanden wird, moͤchte ſpaͤterhin ei⸗ nem unzeitigen Eigenſinne verweigert werden, Ich wuͤnſchte Monſieur beſuchte mein Lager um ſich ſelbſt von meiner Staͤrke und von der Unmoͤglich⸗ keit zu uͤberzeugen, mir mit Erfolg laͤnger Wider⸗ ſtand leiſten zu koͤnnen, „Ich weiß es wohl, daß der Koͤnig von Frank⸗ reich brave Truppen hat,“ erwiederte der unbe⸗ wegliche Schotte, ſobald Duncan ſeine Ueberſetzung beendigt hatte;„mein koͤniglicher Herr hat aber eben ſo viele und eben ſo treue Soldaten.“ „Aber gluͤcklicherweiſe fuͤr uns nicht hier ge⸗ genwaͤrtig,“ ſagte Montcalm, ohne in ſeinem Eifer die Ueberſetzung abzuwarten.„Es gibt nun ein⸗ mal ein Kriegsgeſchick, dem ſich ein braver Mann 168 mit demſelben Muthe, mit welchem er ſeinem Feinde entgegentritt, zu unterwerfen wiſſen muß.“ „Wenn ich gewuſſt haͤtte, daß Monsieur de Montcalm die engliſche Sprache ſo gut verſtaͤnde, wuͤrde ich mir die Muͤhe, welche mich mein un⸗ geſchicktes Ueberſetzen gekoſtet hat, erſpart haben,“ ſagte trocken der gereizte Duncan, welcher ſich ſo⸗ gleich ſeines Zwiſchengeſpraͤchs mit Munro er⸗ innerte. „Um Vergebung, mein Herr!“ hob der Fran⸗ zoſe, indem eine leichte Roͤthe ſeine dunklen Wan⸗ gen uͤberflog, wieder an,„es iſt ein großer Unter⸗ ſchied eine fremde Sprache zu verſtehn und ſie zu ſprechen; und deshalb erſuche ich Sie ſo gefaͤllig zu ſeyn und mich auch noch ferner zu unterſtuͤtzen.“ Nach einer kleinen Pauſe aber fuhr er fort:„Dieſe Berge bieten uns Gelegenheit dar ihre Werke on allen Seiten einzuſehn, Messieurs, und ich in von dem ſchlechten Zuſtande worin ſie ſich befin⸗ den, ſo gut unterrichtet, als Sie es nur immer ſelbſt ſein koͤnnen“ „Fragen Sie den franzöͤſiſchen General ob ſeine Fernglaͤſer bis zum Hudſon hinreichen,“ ſagte Munro ſtolz;„und ob er weiß, wann oder wo er Webb's Armee zu erwarten habe?“ „Laſſen Sie den General Webb fuͤr ſich ſelbſt ſprechen,“ erwiederte der ſchlaue Montealm, indem er Munro ploͤtzlich einen offenen Brief hinreichte und hinzufuͤgte:„Sie werden hieraus erſehen, Monſieur, daß ſeine Bewegungen meine Armee wahrſcheinlich nicht ſehr beunruhigen werden.“ Der Veteran ergriff, ohne auf Duncan's Ue⸗ berſetzung des Geſagten zu warten, das hingereichte Papier mit einem Ungeſtuͤm, welches deutlich die Wichtigkeit, die er auf deſſen Inhalt legte, ver⸗ rieth. So wie aber ſeine Augen die Zeilen lang⸗ ſam uͤberliefen, ging der kriegeriſche Stolz in ſei⸗ nen Zuͤgen nach und nach zu dem Ausdrucke des tiefſten Schmerzes uͤber; ſeine Lippen bebten, das Blatt entfiel ſeinen Haͤnden und ſein Kopf ſank, gleichwie bei einem Manne, deſſen ganze Hoffnun⸗ gen mit einem Schlage vernichtet werden, auf ſeine Bruſt herab. Duncan hob den Brief vom Boden auf, und las, ohne ſich wegen der genom⸗ menen Freiheit zu entſchuldigen, mit einem Blicke ſeinen ſchrecklichen Inhalt. Ihr gemeinſchaftlicher Befehlshaber, weit entfernt ſie zur laͤngern Ver⸗ theidigung aufzumuntern, rieth ihnen vielmehr zu einer ſchnellen Uebergabe, und zwar, wie er darin ganz deutlich ſchrieb, aus dem Grunde, weil des ihm unmoͤglich ſei, auch nur einen einzigen Mann zu ihrem Entſatze zu ſchicken. 3 „Hier herrſcht kein Betrug!“ rief Duncan, indem er den Brief von Außen und Innen ſorg⸗ faͤltig unterſucht;„dies iſt Webb's Unterſchrift und muß der aufgefangene Brief ſein!“ „Der Mann hat mich ins Verderben ge⸗ ſtuͤrzt!“ rief endlich Munro ſchmerzlich;„er hat Unehre uͤber ein Haupt gebracht, auf dem bisher noch nie ein Schimpf laſtete, und hat meine grauen Haare mit Schande ſchwer beladen!“ „Sagen Sie das nicht!“ rief Duncan;„noch ſind wir Herren der Feſtung und unſrer Ehre! Laſſen Sie uns unſer Leben um einen ſo hohen Preis verkaufen, daß unſere Feinde den Kauf zu theuer finden.“ „Burſche, ich danke Dir!“ rief der alte Mann indem er ſich aus ſeiner Beſtuͤrzung emporriß; „Du haſt mit einem Male Munro'n an feine Pflicht erinnert. Wir wollen zuruͤck, und uns hinter jenen Waͤllen unſere Graͤber graben. „Messieurs,“ ſagte Montcalm, indem er mit edelmuͤthiger Theilnahme einen Schritt naͤher trat;„Sie kennen Louis de Saint Véran nicht, wenn Sie ihn fuͤr faͤhig halten, daß er dieſen Brief dazu benutzen koͤnnte, brave Maͤnner zu demuͤthigen, oder ſich einen ſchimpflichen Ruhm dadurch zu begruͤnden. Hoͤren Sie meine Vor⸗ ſchlaͤge, ehe Sie mich verlaſſen.“ „Was ſagt der Franzoſe?“ fragte der alte Krieger finſter; rechnet er es ſich zum Verdienſte —— 171 an, einen Kundſchafter mit einem Briefe vom Hauptquartier aufgefangen zu haben? Er wuͤrde wahrlich beſſer thun, dieſe Belagerung hier auf⸗ zugeben, und ſich vor Fort Eduard zu legen, wenn er ſeinen Feind mit Worten zu ſchrelken ver⸗ meint.“ Duncan erklaͤrte ihm des Andern Rede. „Monsieur de Montcalm, wir wollen Sie anhoͤren,“ fuhr der Veteran, als Duncan geredet hatte, ruhig fort. „Das Fort laͤnger zu halten, iſt jetzt unmoͤg⸗ lich“ ſagte ſein edler Feind;„und es iſt fuͤr das Intereſſe meines Herrn durchaus erforderlich, daß es geſchleift werde; was jedoch Sie ſelbſt und ihre braven Kameraden anbelangt, ſo ſoll Ihnen keine Verguͤnſtigung verweigert werden, die nur irgend fuͤr einen Soldaten Werth hat. „Unſere Fahnen?“ fragte Heyward. „Nehmen Sie ſolche mit nach England und zeigen Sie ſie ihrem Koͤnig!“ „Unſere Waffen?“ „Behalten Sie ſie. Niemand verſteht ſie beſſer zu gebrauchen.“ „Unſer Abzug; die Uebergabe der Feſtung?“ „Soll alles auf das Chrenvollſte fuͤr Gis Ratt finden.“ 172 Duncan wandte ſich um, dieſe Vorſchlaͤge ſei⸗ nem Vorgeſetzten mitzutheilen, der ſie mit Stau⸗ nen und einem Gefuͤhle der tiefſten Ruͤhrung uͤber eine ſo ungewoͤhnliche und unerwartete Groß⸗ muth anhoͤrte. „Gehen Sie, Duncan,“ ſagte er,„gehen Sie mit dieſem Marquis, der wirklich Marquis zu ſein verdiente, gehn Sie in ſein Zelt und machen alles mit ihm ab. Ich habe in meinen alten Tagen zwei Sachen erlebt, die ich nie zu erleben geglaubt haͤtte; daß ein Englaͤnder zu furchtſam iſt um ſeinem Freund zu Huͤlfe zu kom⸗ men, und daß ein Franzoſe zu ehrlich iſt um von ſeinem Vortheile Nutzen zu ziehn.“ Als der Veteran dies geſagt hatte, ließ er ſei⸗ nen Kopf wiederum auf ſeine Bruſt ſinken, und kehrte langſamen Schrittes und mit einem ſo niedergeſchlagenen Weſen nach dem Fort zuruͤck, das der beſorgten Beſatzung den uͤbeln Erfolg und ihr trauriges Loos im Voraus verkuͤndete. Duncan blieb, um wegen der Bedingungen der Kapitulation eine Uebereinkunft zu treffen. In der Abendſtunde ſah man ihn in die Feſtung zuruͤckkehren, und nach einer geheimen Beſprechung mit dem Commandanten ſolche ſogleich wieder ver⸗ laſſen. Hierauf wurde oͤffentlich bekannt gemacht, daß dee Feindſeligkeiten eingeſtellt waͤren, indem 3 79 Muntro einen Vertrag unterzeichnet haͤtte, zufolge deſſen die Feſtung am naͤchſten Morgen dem Feinde uͤbergeben werden, die Beſatzung aber ihre Waffen, Fahnen und Bagage, und folglich nach miltairi-⸗ ſchen Begriffen auch ihre Ehre behalten ſollte. Siebzehntes Kapitel. Webt das Gewebe friſch, der Faden iſt geſponnen. Gewoben iſt nun das Geweb'. Vollendet iſt die Arbeit. Gray. Die feindlichen Armeen, welche in den Wildniſſen des Horikans lagerten, brachten die Nacht vom gten Auguſt 1757 ziemlich auf dieſelbe Weiſe hin, als wenn ſie auf dem ruͤhmlichſten Schlachtfelde Europa's einander gegenuͤher gelegen haͤtten. Waͤh⸗ rend die Beſiegten ſtill, betruͤbt und niedergeſchla⸗ gen waren, triumphirten die Sieger. Der Schmerz aber ſowohl als die Freude haben ihre Graͤnzen, und ſchon lange bevor noch der Tag anbrach, wurde das Schweigen dieſer endloſen Waͤlder hoͤchſtens nur noch durch den Freudenruf eines jungen mun⸗ tern Franzoſen auf den aͤußerſten Vorpoſten, oder einen drohenden Anruf vom Fort unterbrochen, der die Annaͤherung jedes feindlichen Fußtritts, 174 ehe der feſtgeſetzte Augenblick gekommen war, ſtreng zuruͤckwies. Aber auch dieſe zuweilen erſchallenden drohenden Toͤne verſtummten, als der Morgen zu grauen anfing, gaͤnzlich, und der aufmerkſamſte Horcher wuͤrde vergebens bemuͤht geweſen ſein, ein Zeichen von der Anweſenheit der beiden Kriegs⸗ heere zu entdecken, die hier an den Ufern des „heiligen Sees“ in tiefem Schlummer begraben lagen. In dieſen Augenblicken der tiefſten Stille war es, daß die Vorhaͤnge, die den Eingang eines gro⸗ ßen Zeltes im franzoͤſiſchen Lager verdeckten, aus einander geſchoben wurden, und ein Mann hinter dem Faltenwurfe hervor ins Freie trat. In einen Mantel gehuͤllt, der ihn wahrſcheinlich gegen die kuͤhlen Ausduͤnſtungen der Waͤlder ſchuͤtzen ſollte, zugleich aber auch dazu diente, ſeine Perſon un⸗ kenntlich zu machen, ging er unaufgehalten bei dem Grenadier vorbei, welcher den Schlummer des franzoͤſiſchen Feldherrn bewachte und ihm die ge⸗ woͤhnlichen, militairiſche Achtung bezeichnenden Ehrenbezeugungen erwies, und durchſchritt dann ſchnell die kleine Zeltſtadt in der Richtung nach dem Fort William Henry zu. So oft der Un⸗ bekannte von einer der zahlreichen Schildwachen, welche er auf ſeinem Wege antraf, angerufen wurde, war ſeine Antwort raſch und wie es ſchien 7 175 befriedigend, denn er ſetzte jedesmal ohne weiteres Befragen ſeinen Weg ſogleich fort. Mit Ausnahme dieſer haͤufigen aber kurzen Unterbrechungen, war er ſtill von der Mitte des Lagers bis zu den aͤußerſten Vorpoſten gelangt, als er auf den Soldaten traf, welcher den feindli⸗ chen Werken am naͤchſten auf dem Poſten ſtand. Als er ſich demſelben naͤherte ſcholl ihm der gewoͤhnliche Anruf entgegen: „Qui vive?“ „France!“ war die Antwort. „Le mot d'ordre?“ „La victoire,“ ſagte der Andere, indem er ſo nahe herantrat, daß ſein lautes Fluͤſtern gehoͤrt werden konnte. „C'est bien,“ erwiederte der Poſten, indem er ſein gefaͤlltes Gewehr wieder auf die Schulter warf;„Vous vous promenez bien matin, Monsieur!“ „IIl est nécessaire d'étre vigilaut, mon enfant,“ bemerkte der Andere, indem er einen Zipfel ſeines Mantels fallen ließ, und dem Sol— daten, waͤhrend er an ihm voruͤberging und ſeinen Weg nach dem engliſchen Fort fortſetzte, dicht ins Geſicht ſah. Der Mann erſchrack; laut raſſelte ſeine Muskete, als er die Gewehr⸗Griffe machte, um mit der tiefſten Ehrfurcht zu praͤſentiren; und nachdem er geſchultert und ſeinen gewoͤhnli⸗ chen Spaziergang wieder angetreten hatte, mur⸗ melte er zwiſchen den Zaͤhnen: „II faut ôtre vigilant, en verité! je crois que nous avons là un Caporal qui ne dort jamais!« Der Officier ging vorwärts, ohne zu thun als ob er die Worte, welche der Schildwache in der Ueberraſchung entſchluͤpften, gehoͤrt habe, und ſtand nicht eher ſtill als bis er den niedern Strand, und zwar in einer etwas gefaͤhrlichen Naͤhe der weſtlichen Baſtei des Forts erreicht hatte. Der Schein des mit Wolken bedeckten Mon⸗ des war gerade hinlaͤnglich um die Umriſſe der Gegenſtaͤnde, wenn gleich nur undeutlich, erkennen zu laſſen; er gebrauchte deshalb die Vorſicht, ſich an den Stamm eines Baumes zu lehnen, wo er mehrere Minuten lang ſtehn blieb und die dun⸗ keln und ſtillen Waͤlle der engliſchen Schanzen in tiefem Nachdenken zu betrachten ſchien. Die Blicke, welche er nach den Feſtungswerken warf, waren jedoch nicht die eines bloß neugierigen Gaf⸗ fers, ſondern unterſuchten ſo ſorgfaͤltig einen Punkt nach dem andern, daß ſich dadurch ſowohl ſeine Kenntniß von der Kriegskunſt deutlich kund gab, als auch daß ſeine Forſchungen nicht frei von Argwohn waren. Endlich ſchien er befrie⸗ 177 digt, und ſeine Augen nach den Gipfeln der öſt⸗ lichen Berge richtend, als ob er den Anbruch des Morgens zu beſchleunigen wuͤnſche, war er eben im Begriff auf demſelben Wege wieder zuruͤckzu⸗ kehren, als ein leiſes Geraͤuſch von der naͤchſten Ecke der Baſtion ſein Ohr erreichte und ihn ver⸗ anlaſſte noch zu verweilen. Eine Geſtalt naͤherte ſich dem Rande der Bruſtwehr, blieb daſelbſt ſtehen und betrachtete dem Anſchein nach nun eben ſo aufmerkſam die fernen Zelte des franzoͤſiſchen Lagers. Darauf wandte ſie den Kopf nach Oſten, als ob ſie gleich⸗ falls mit Sehnſucht die Ankunft des Tages er⸗ warte; dann aber lehnte ſie ſich gegen die Bruſt⸗ wehr und ſchien im Anſchauen der kriſtallenen Flaͤche verſunken, welche gleich einem unter dem Waſſer befindlichen Firmament, von tauſend wie⸗ dergeſpiegelten Sternen ſchimmerte. Das ſchwer⸗ muͤthige Anſehn, die naͤchtliche Stunde, ſo wie das ganze Aeußere des dort an der Engliſchen Bruſtwehre in Nachdenken vertieft lehnenden Mannes, ließ dem aufmerkſamen Beobachter unten keinen Zweifel uͤber ſeine Perſon. Zartgefuͤhl, nicht weniger als Klugheit, bewogen ihn daher ſich jetzt zuruͤckzuziehn, und ſchon hatte er zu dieſem Ende ſich vorſichtig um den Stamm des Baumes herum gewandt, als ein anderer Ton ſeine Auf⸗ 1 11 12 merkſamkeit auf ſich zog, und abermals ſeine Schritte hemmte. Es war ein leiſes kaum hoͤr⸗ bares Plaͤtſchern im Waſſer, dem ein ſanftes Raſſeln auf den Kieſelſteinen folgte. Gleich dar⸗ auf ſah er eine dunkle Geſtalt ſich gleichſam aus dem See erheben, und ohne alles Geraͤuſch auf das Ufer bis auf wenige Schritte von ihm her⸗ anſchleichen. Dann erhob ſich langſam zwiſchen ſeinen Augen und dem glaͤnzenden Waſſerſpiegel eine Buͤchſe; bevor ſie aber abgefeuert werden konnte, lag ſchon ſeine Hand am Schloſſe. „Hugh!“ rief der Wilde, deſſen verraͤtheriſcher Schuß auf eine ſo unerwartete und ſonderbare Weiſe verhindert wurde. Ohne zu antworten legte der franzoͤſiſche Officier ſeine Hand auf die Schulter des India⸗ ners, und fuͤhrte ihn ſchweigend bis auf einige Entfernung von jener Stelle, wo ihr folgendes Geſpraͤch haͤtte gefaͤhrlich werden koͤnnen, und wo wenigſtens einer von ihnen ein Schlachtopfer zu ſuchen ſchien. Nachdem er ſeinen Mantel aus einander geſchlagen hatte, um ſeine Uniform und das Ludwigskreuz auf ſeiner Bruſt ſehen zu laſſen, fragte Montcalm ſtrenge: „Was bedeutet dies? Weiß mein Sohn nicht, daß das Schlachtbeil zwiſchen ſeinem canadiſchen Vater und den Englaͤndern vergraben worden iſt?“ 179 „Was ſollen die Huronen thun?“ antwortete V der Wilde, gleichfalls, wenn gleich gebrochen, Fran⸗. zoͤſich redend.„Noch hat kein Krieger einen Skalp, und die blaſſen Geſichter machen Freund⸗ ſchaft!— .„Ha! le Renard-Subtil! Es ſcheint mir daß dieſer Eifer fuͤr einen Freund, der noch ſo kuͤrzlich ein Feind war, uͤbertrieben iſt. Wie we⸗. 1 nig Sonnen ſind erſt untergegangen, ſeit le Re- nard mit den Englaͤndern ins Feld zog?“ „Wo iſt die Sonne?“ fragte der hartnaͤckige Wilde!„hinter jenem Berge, und jetzt finſter und 1 kalt. Wenn ſie aber wiederkommt, wird ſie wie⸗ der glaͤnzend und warm ſein. Le-Suhtil iſt die Sonne ſeines Stammes. Wolken und viele AKNerxge hatten ſich zwiſchen ihn und ſeine Nation 4 3 gelagert; aber nun ſcheint er wieder, und ein heitrer Himmel lacht!“— 1„Daß Le-Renard viel Gewalt uͤber ſein Volk hat, weiß ich wohl,“ ſagte Montcalm; „denn geſtern noch machte er auf ihre Skalps Jagd, und heute hoͤren ſie ſchon wieder bei ihrem Verſammlungsfeuer auf ihn.“ „Magua iſt ein großer Haͤuptling!“— „Das mag er dadurch zeigen, daß er ſeine Nation lehrt, wie ſie ſich gegen unſre neuen Freunde benehmen muß!“— — . „Warum fuͤhrte denn der Befehlshaber der Canados ſeine jungen Leute in die Waͤlder, und feuerte mit ſeinen Kanonen gegen jenes Haus von Erde?“ fragte der ſchlaue Indianer.“ „Um es zu erobern. Das Land gehoͤrt mei⸗ nem Herrn, und Dein Vater ward befehligt, die Englaͤnder hinaus zu treiben. Sie hatten ſelbſt eingewilligt zu gehn, und deshalb nennt er ſie nun nicht laͤnger mehr ſeine Feinde.“— „Das iſt gut. Aber Magua griff nur nach dem Beile um es mit Blut zu faͤrben. Jetzt iſt es glaͤnzend; wenn es roth iſt ſoll es vergraben werden.“ ₰ „Aber Magua iſt auch verpflichtet nichts zu han was die franzoͤſiſchen Lilien beflecken koͤnnte. Die Feinde des großen Koͤnigs jenſeit des Salz⸗ ſees ſind ſeine Feinde, und ſeine Freunde auch Freunde der Huronen. 7 1 „Freunde?“ wiederholte der Indianer mit 1 bitterem Spott.„Der Vater gebe dem Mnann 3 einmal ſeine Hand!“— Montcalm, welcher fuͤhlte daß er den Ein⸗ fluß den er uͤber die kriegeriſchen Staͤmme aus⸗ uͤbte, ſich mehr durch Nachgeben als durch Gewalt erhalten koͤnnte, erfuͤllte zoͤßernd den Wunſch des Andern. Der Wilde legte den Finger des fran⸗ 181 zoͤſiſchen Feldherrn in eine tiefe Narbe auf ſei⸗ ner Bruſt, und fragte dann frohlockend: „Kennt mein Vater dies?“ „Welcher Krieger wuͤrde das nicht kennen! Es iſt eine Wunde die eine Bleikugel geſchlagen hat!“ „Und dies?“ fuhr der Indianer fort, indem er ſeinen nackten Ruͤcken, da ſein Koͤrper ohne ſeinen gewoͤhnlichen baumwollenen Mantel war, dem Andern zukehrte. „Dies? meinem Sohn iſt hier eine ſchwere Beſchimpfung zugefuͤgt worden; wer hat dies gethan?“— „Magua ſchlief hart in den engliſchen Huͤtten und die Ruthen haben ihre Spuren zuruͤckge⸗ laſſen,“ antwortete der Wilde mit einem hohlen Lachen, welches aber den innern Ingrimm, der bei⸗ nah ſeine Stimme erſtickte, weder verbarg, noch verbergen konnte. Dann ſich aber ſammelnd und ſchnell wieder ſeine angeborne Wuͤrde annehmend, ſetzte er hinzu: „Geht ſagt euren jungen Maͤnnern daß Frieden iſt! le Renard-Subtil weiß wie er mit einem Huronen⸗Krieger ſprechen muß.“— „Ohne es der Muͤhe werth zu halten noch ein Wort zu verlieren oder eine Antwort zu er⸗ warten, warf der Wilde ſeine Buͤchſe in den ge⸗ — — kruͤmmten Arm und ging ſchweigend durch das Lager nach der Gegend des Waldes zu in welcher ſein Stamm lagerte. Ueberall wo er auf ſeinem Wege durchkam, ward er von den Schildwachen angerufen; doch ſchritt er ſchweigend weiter, ohne im geringſten den Anruf der Soldaten zu beach⸗ ten, die nur ſeines Lebens ſchonten, weil ſie das Weſen und den Gang, ſo wie nicht weniger die widerſpenſtige Gemuͤthsart eines Indianers kannten. Montcalm verweilte noch eine geraume Zeit in truͤben Gedanken verloren an dem Strande, wo ihn ſein Gefaͤhrte verlaſſen hatte, und ſtellte ernſte Betrachtungen uͤber die Geſinnungen an, welche ſein unlenkſamer halsſtarriger Verbuͤndeter ſo eben offenbart hatte. Schon einmal war ſein guter Ruf durch eine Schreckensſcene und unter Umſtaͤnden, die denen in welchen er ſich jetzt be⸗ fand auf eine furchtbare Art glichen, befleckt worden. Bei weiterem Nachdenken wurde er mit Schaudern inne, welche große Verantwortlichkeit diejenigen auf ſich laden, die kein Mittel ſcheuen um ihren Zweck zu erreichen, und wie uͤberaus gefaͤhrlich es ſei Triebfedern in Bewegung zu ſetzen, die immer gehoͤrig zu leiten und in der Gewalt zu behalten menſchliche Kraͤfte uͤberſteigt. Doch auf einmal alle dieſe beunruhigenden Ge⸗ danken verbannend, die er in einem ſolchen Augen⸗ blick des Triumphs nur fuͤr eine Schwaͤche hielt, kehrte er nach ſeinem Zelte zuruͤck und ertheilte im Voruͤbergehn den Befehl das Zeichen zu geben, um die Armee aus ihrem Schlummer zu wecken. Deer erſte Wirbel der franzoͤſiſchen Trommeln ward ſogleich von dem Innern des Forts aus beantwortet, und alsbald ertoͤnte das ganze Thal von heiterer kriegeriſcher Muſik, deren helle und durchdringende Toͤne ſich durch die raſſelnde Beglei⸗ tung weit hin vernehmen ließen. Die Hoͤrner der Sieger erſchollen von muntern und froͤhlichen Melodieen, bis auch der letzte Zauderer ſich auf ſeinem Poſten befand, dagegen die engliſchen Pfeifen, ſobald ſie ihr gellendes Signal gegeben hatten, ſogleich wieder verſtummten. Der Tag war indeß angebrochen, und als die franzoͤſiſche Armee ſich aufgeſtellt hatte um ihren General zu empfangen, warf ſchon die Sonne ihre leuchtenden Strahlen auf die glaͤnzende Schlachtreihe. Der errungene Sieg, obgleich Allen ſchon wohl bekannt, ward jetzt feierlich verkuͤndigt; die auserleſenen Truppen welche beſtimmt waren die Thore des Forts zu beſetzen, wurden zuſammengezogen und defilirten bei ihrem Chef vorbei; die Zeichen ihrer Annaͤherung ertoͤnten und alle die bei einem ſolchen Wechſel der Herren gewöhnlichen Maß⸗ 184 regeln wurden angeordnet und dicht unter den Kanonen der Werke, um deren Beſitz gekaͤmpft worden war, getroffen. Innerhalb der Schanzen der Engliſch⸗Amerikaniſchen Armee bot ſich da⸗ gegen ein ganz verſchiedenes Schauſpiel dar. Sobald das Zeichen zum Antreten erſcholl, ließen ſich uͤberall die Anſtalten zu einem eiligen und gezwungenen Abmarſche wahrnehmen. Die Sol⸗ daten warfen unwillig ihre ungeladenen Roͤhre auf die Schulter und traten in ihre Glieder, wie Maͤnner, deren Blut der vergangene Kampf er⸗ hitzt hatte und die ſich nur nach einer Gelegenheit ſehnen, um eine Schmach zu raͤchen, die, wenn gleich ſie durch die aͤußere Beobachtung der mili⸗ tairiſchen Etiquette gemildert wurde, dennoch ihr Ehrgefuͤhl verletzee. Weiber und Kinder liefen von einem Ort zum andern; einige mit den aͤrmlichen Ueberbleibſeln ihrer Habe beladen, an⸗ dere zwiſchen den Reihen umherirrend, und die⸗ jenigen aufſuchend von denen ſie Schutz erwarteten. Munro trat mit feſtem doch niedergeſchla⸗ genem Weſen vor ſeine ſtummen Soldaten. Es war ſichtbar daß der unerwartete Schlag ſein Herz tief verwundet hatte, obgleich er ſein Ungluͤck mit maͤnnlicher Standhaftigkeit zu tragen ſtrebte. Duncan ward durch dieſen ruhigen aber ruͤhrenden Ausdruck ſeines Schmerzes tief bewegt. 4 V 185 9 Sobald er ſich ſeiner eignen Dienſtpflichten ent⸗ ledigt hatte, eilte er zu dem alten Mann um † ihn zu befragen, auf welche Weiſe er ihm viel⸗ leicht noch nuͤtzlich werden koͤnne. „Meine Toͤchter!“ war die kurze aber bedeu⸗ tungsvolle Antwort. „Gerechter Himmel! ſind denn nicht bereits Anſtalten zu ihrer Reiſe getroffen?“— „Heute bin ich nur Soldat, Major Hey⸗ ward,“ ſagte der Veteran;„alle die Sie hier ſehn machen gleichen Va ſaruch darauf meine Kinder zu ſeyn.“— Duncan hatte genug gehoͤrt. Ohne auch nur † einen der jetzt ſo koſtbaren Augenblicke zu verlie⸗ ren, eilte er nach Munro's Wohnung um die Schweſtern aufzuſuchen. Er fand ſie an der Schwelle des niedern Gebaͤudes ſchon zur Abreiſe bereit, und von einer wehklagenden und weinenden Menge ihres Geſchlechts umgeben, die ſich in einer 1 Art von inſtincktmaͤßiger Ueberzeugung, daß ſie an dieſem Ort am ſicherſten Schutz finden duͤrften, hier verſammelt hatten. Obgleich Cora's Wangen blaß waren und ihre Geſichtszuͤge Beſorgniß zeig⸗ ten, ſo hatte ſie dennoch nichts von ihrer Feſtigkeit verloren; Alicens Augen aber waren angelaufen und verriethen wie lange und ſchmerzlich ſie ge⸗ weint hatte. Beide empfingen jedoch den jungen —---— 186 Mann mit unverhehlter Freude, und die Erſtere fing gegen ihre Gewohnheit zuerſt zu ſprechen an. „Das Fort iſt verloren,“ ſagte ſie mit einem ſchwermuͤthigen Laͤcheln;„obgleich uns, wie ich hoffe, unſer guter Ruf verbleibt.“— „Er iſt glaͤnzender als jemals! Aber, theure Miß Munro, es iſt jetzt keine Zeit an Andre zu denken, ſondern vielmehr fuͤr Sie ſelbſt einige Maßregeln zu treffen. Militairiſches Herkom⸗ men,— Stolz— jener Stolz den Sie ſelbſt an Sich ſo hoch ſchaͤtzen, verlangt daß Ihr Vater und ich noch einige Zeit mit den Truppen ziehen. Wo aber findet ſich nun ein Begleiter fuͤr Sie, der Sie in der Verwirrung einer ſolchen Scene gegen alle Unfaͤlle ſchuͤtze?“— „Wir beduͤrfen keines,“ erwiederte Cora; „wer ſollte es in einer Zeit wie dieſe wagen, die Tochter eines ſolchen Vaters zu verſpotten oder zu beleidigen?“— „Ich wollte Sie nicht allein ziehen laſſen,“, ſagte der Juͤngling, indem er ſchnell rings umher blickte,„und wenn mir das Commando des ſchoͤnten Regiments in des Koͤnigs Solde ver⸗ ſprochen wuͤrde. Bedenken Sie, unſere Alice be⸗ ſitzt keine ſolche Gemuͤthsſtaͤrke wie Sie, und Gott allein nur weiß, welche Schrecken ihr vielleicht noch bevorſtehn.“ —* —: 1 187 „Sie koͤnnen Recht haben,“ antwortete Cora mit einem Laͤcheln, das jedoch einen viel truͤbern Ausdruck als vorher an ſich trug,„ hoͤren Sie!— der Zufall hat uns bereits einen Freund geſendet, wenn wir ſeiner am noͤthigſten beduͤrfen.“ Duncan hoͤrte aufmerkſam, und begriff ſo⸗ glelch wen ſie meinte, Leiſe und feierliche Toͤne einer heiligen Muſik, die in den oͤſtlichen Provin⸗ zen ſehr wohl bekannt iſt, ſchlugen an ſein Ohr, und zogen ihn ſogleich nach dem Zimmer eines benachbarten Gebaͤudes, welches ſchon von ſeinen bisherigen Bewohnern verlaſſen war. Hier fand er David, der ſeinen frommen Gefuͤhlen auf die Weiſe in welcher allein er ſich erlaubte ſie auszu⸗ druͤcken, freien Lauf ließ. Duncan wartete bis das Aufhoͤren der Bewegung mit der Hand ihm zu erkennen gab, daß der Geſang geendet ſei, worauf er durch einen Schlag auf die Schulter des Saͤngers deſſen Aufmerkſamkeit auf ſich zog, und ihm in wenig Werten ſeine Wuͤnſche vor⸗ trug.— 5 „So iſt es,“ antwortete, als der junge Mann geendet hatte, der treuherzige Schuͤler des Koͤnigs von Iſrael;„ich habe in dieſem Maͤdchen viel Anmuthiges und Geſangreiches gefunden, und es ziemt ſich wohl, daß wir, die wir ſo viele Gefahren mit einander beſtanden haben, nun auch im Frieden zuſammenbleiben. Sobald ich mein Morgenlied beendet habe, an welchem nur noch der Lobgeſang fehlt, will ich ſie begleiten. Willſt Du mit einſtimmen, Freund?— die Me⸗ lodie iſt bekannt und das Lied fuͤhrt den Namen „Southwell.“— Nachdem er hierauf ſein kleines Buch aufge⸗ ſchlagen, und durch einen hohen Pfeifenton die Tonart des Liedes mit bedaͤchtiger Sorgfalt von neuem angegeben hatte, begann und beendete David ſeinen Geſang mit einer unbeweglichen Gemuͤthsruhe, die nichts ſo leicht zu ſtoͤren im Stande war.— Heyward ſah ſich daher genoͤthigt bis zu Beendigung des Liedes zu warten; als er aber ſah daß David die Brille abnahm und ſein Buch beiſteckte, fuhr er fort:. „Ihr muͤſſt beſonders darauf ſehen, daß es Niemand wagt ſich den Damen auf eine unhoͤf⸗ liche Weiſe zu naͤhern, oder mit Verachtung oder Spott von dem Miſſgeſchick ihres braven Vaters zu ſprechen. In dieſen Bemuͤhungen werden euch die Diener des Hauſes Beiſtand leiſten.“ „So iſt es.“. „Auch iſt es moͤglich daß Indianer und her⸗ umſtreifende Partheien des Feindes euch anhalten; in ſolchem Fall muͤſſt ihr dieſelben auf die Be⸗ dingungen der Kapitulation verweiſen, und ihnen damit drohen ihr Benehmen Montcalm anzu⸗ zeigen. Ein Wort wird dann hinreichen.“— „Wo nicht, ſo habe ich hier etwas das es ſoll,“ erwiederte David, und zog ſein kleines Buch mit einer Miene hervor, in welcher De⸗ muth und Vertrauen wunderbar mit einander verſchmolzen waren.„Hier ſtehen Worte, welche, wenn ſie mit gehoͤrigem Nachdruck und abgemeſſe⸗ nem Tackt geſungen oder vielmehr gedonnert wer⸗ den, auch das ungeſtuͤmſte Gemuͤth beſaͤnftigen ſollen.“ „Was toben die Heiden ſo fuͤrchterlich!“— „Genug,“ ſagte Heyward den Ausbruch ſeiner muſikaliſchen Anrufung unterbrechend;„wir ver⸗ ſtehen einander; es iſt Zeit daß ein jeder von uns nun ſeine ihm obliegenden Verpflichtungen in Erfuͤllung bringe.“ Gamut ſtimmte freundlich bei, und ſie gingen ſogleich zuſammen die Maͤdchen aufzu⸗ ſuchen. Cora empfing ihren neuen, etwas ſonder⸗ baren Beſchuͤtzer wenigſtens hoͤflich, und ſelbſt aus den blaſſen Geſichtszuͤgen Alicens leuchtete wieder etwas von der ihr angeborenen Schalkheit, als ſie Heyward fuͤr ſeine Vorſorge dankte. Duncan nahm die Gelegenheit wahr, ihnen die Verſiche⸗ rung zu geben, daß nach Maßgabe der Umſtaͤnde dies das Beſte ſei, was er habe fuͤr ſie thun koͤn⸗ nen, und daß er es fuͤr hinlaͤnglich halte, um ſie vor allem Ungemach und unangenehmen Ein⸗ druͤcken zu ſichern; wirkliche Gefahr ſei uͤbrigens nicht vorhanden. Dann fuͤgte er noch freudig hinzu, daß er beabſichtige ſogleich wieder zu ihnen zuruͤckzukehren, ſobald er die Avantgarde nur einige Meilen weit auf dem Wege nach dem Hudſon gefuͤhrt habe, und nahm darauf Abſchied. Unterdeß war das Signal zum Abmarſche gegeben worden, und die Spitze der engliſchen Kolonne ſetzte ſich in Bewegung. Die Schweſtern fuhren bei dieſem Ton erſchrocken auf und ſahen, als ſie um ſich blickten, die weißen Uniformen der franzoͤſiſchen Grenadiers, welche bereits die Thore des Forts beſetzt hatten. Eine dunkle Wolke ſchien in dieſem Augenblick ploͤtzlich uͤber ihren Koͤpfen hinwegzuziehen, ſie richteten ihre Augen in die Hoͤhe und bemerkten daß ſie grade unter den weiten Falten der fleckenloſen franzoͤ⸗ ſiſchen Fahne ſtanden. „Laſſ' uns gehn,“ ſagte Cora,„es ziemt ſich nicht fuͤr die Kinder eines engliſchen Officiers laͤnger an dieſer Stelle zu verweilen.“— Alice hing ſich an den Arm ihrer Schweſter, und von der draͤngenden Menge, welche ſie noch immer umgab, begleitet, verließen ſie zuſammen den innern Hof. 4 1 191 Als ſie zu dem Thore hinaus gingen, ver⸗ beugten ſich die franzoͤſiſchen Officiers, welche ihren Rang erfahren hatten, oft und ehrerbietig; vermieden jedoch ihnen ihre Dienſte anzubieten, da ihr eigenthuͤmlicher feiner Tackt ihnen ſagte, daß eine ſolche Aufmerkſamkeit nicht angenehm ſein duͤrfte. Da alles Fuhrwerk und jedes Laſt⸗ thier fuͤr die Kranken und Verwundeten in Be⸗ ſchlag genommen war, ſo hatte ſich Cora ent⸗ ſchloſſen, ſich lieber den Beſchwerden einer Fuß⸗ reiſe zu unterziehn als den Leidenden ihre Be⸗ quemlichkeit zu rauben. Demungeachtet muſſte noch mancher verſtuͤmmelte und ſchwache Soldat, wegen Mangel an Transport⸗Mitteln in dieſer Wildniß ſeine kraftloſen Glieder hinter der Ko⸗ lonne herſchleppen. Das Ganze war jedoch in Bewegung; die Schwachen und Verwundeten ſtoͤh⸗ nend und leidend; ihre Kameraden ſtill und trau⸗ rig; und Weiber und Kinder in Schrecken, ob⸗ gleich ſie nicht wuſſten wofuͤr. „Als der ordnungsloſe und furchtſame Haufen die ſchuͤtzenden Waͤlle des Forts verließ, und auf die, freie Ebene heraustrat, lag die ganze Scene mit einem Mal vor ihren Augen ausgebreitet. In einer kleinen Entfernung zu ihrer Rech⸗ ten, aber etwas ruͤckwaͤrts, ſtand die franzoͤſiſche Armee unter den Waffen, da Montcalm, ſobald das Fort in Beſitz genommen war, ſeine Truppen zuſammengezogen hatte. Sie blieben aufmerkſame aber ſtumme Beobachter des Marſches der Beſieg⸗ ten; die weder irgend eine der verabredeten mili⸗ tairiſchen Ehrenbezeugungen zu erfuͤllen verab⸗ ſaͤumten, noch in ihrem Siegesgefuͤhl ihre weniger gluͤcklichen Feinde durch Spott oder Beſchimpfung kraͤnkten. Belebte Maſſen von Englaͤndern, deren ganze Anzahl ſich beinah auf drey tauſend Mann belief, wogten langſam uͤber die Ebene einem ge⸗ meinſchaftlichen Ziel zu und naͤherten ſich allmaͤh⸗ lig einander, da die Richtungen ihres Marſches alle in dem Punkt zuſammenliefen, wo durch eine durch die hohen Baͤume gehauene Durchſicht der Weg nach dem Hudſon in den Wald hineinfuͤhrte. Laͤngs der ihn auf beiden Seiten begraͤnzenden Gebuͤſche hielt ſich eine dunkle Wolke von Wilden verborgen, die dem Zuge ihrer Feinde zuſahen, und in geringer Entfernung gleich in der Luft ſchwebenden Geiern, die nur durch die Gegenwart einer uͤberlegenen Armee abgehalten wurden auf ihre Beute herabzuſchießen, auf der Lauer lagen. Nur einige wenige von ihnen waren ſogap. ſchon bis zwiſchen die Kolonnen der Beſiegten gedrun⸗ gen, wo ſie in finſterm Unmuth als aufmerkſame, doch fuͤr jetzt noch unthaͤtige Beobachter der ganzen weiterziehenden Menge umher ſchlichen. ¹93 Schon hatte die Avantgarde, an deren Spitze ſich Heyward befand, das Defilé erreicht und verſchwand nach und nach im Walde, als ein heftiger Streit Cora's Aufmerkſamkeit auf einen zuſammengelaufenen Haufen Marodeurs zog. Ein Nachzuͤgler von der Miliz buͤßte fuͤr ſeine Pflicht⸗ vergeſſenheit dadurch, daß er aller Sachen, deren Beſitz zu erlangen ihn verleitet hatte, ſeinen Platz im Gliede zu verlaſſen, wieder beraubt wurde. Der Mann war von kraͤftigem Koͤrperbau und zu habſuͤchtig, um ſich ohne Kampf von ſeinen Guͤtern zu trennen. Mehrere andere miſchten ſich in den Streit; die einen um ihm beizuſtehen, die andern um an ſeiner Beraubung mit Antheil zu nehmen. Immer lauter und erbitterter ließen ſich die Stimmen hoͤren, und wie durch einen Zauber waren auf einmal hundert Wilde ver⸗ ſammelt, wo ſich wenige Minuten vorher kaum ein Dutzend gezeigt hatte. In dieſem Augen⸗ blick war es, daß Cora Magua's Geſtalt zwiſchen ſeinen Landsleuten umher ſchleichen und ihnen mit ſeiner verderblichen ſchlauen Beredſamkeit Vorſtellungen machen ſah. Die ganze Maſſe von Weibern und Kindern machte Halt und draͤngte ſich wie aufgeſchreckte aͤngſtlich umherflatternde Voͤ⸗ gel zuſammen. Des Indianers Habgier wurde II. 13 — . —— indeß bald befriedigt und die verſchiedenen Haufen ſetzten wieder langſam ihren Weg fort. Die Wilden zogen ſich nun zuruͤck und ſchie⸗ nen ihre Feinde ohne fernere Stoͤrung weiter ziehen laſſen zu wollen. Als ſich aber der Haufen von Weibern ihnen naͤherte, zogen die bunten Farben eines Shawls die Augen eines wilden zuͤgelloſen Huronen auf ſich. Er ſprang vor um ihr denſelben ohne alles Bedenken zu rauben. Mehr aus Schrecken als aus Liebe fuͤr den Putz ſchlug das Weib das begehrte Stuͤck Zeug um ihr Kind und ſchloß beides noch feſter an ihre Bruſt. Cora war eben im Begriff zu dem Weibe zu ſprechen und ihr den Rath zu geben, die Kleinig⸗ keit fahren zu laſſen, als der Wilde den Shawl losließ und das ſchreiende Kind aus ihren Armen riß. Alles was ſie an ſich trug den gierigen Griffen der Umſtehenden uͤberlaſſend, ſprang die Mutter mit Verzweiflung in ihren Mienen ihm nach um ihr Kind zuruͤckzufordern. Der Wilde laͤchelte ſcheußlich und ſtreckte zum Zeichen, daß er in den Tauſch willige, die eine Hand aus, waͤhrend er mit der andern das Kind an den Fuͤßen ergriff und um ſeinen Kopf ſchwang, als wenn er dadurch den Werth des Gegengebots erhoͤhen wollte. „Hier— hier— da— Alles— dies— jedes!“ rief athemlos das Weib, indem ſie ſich R 195 alle die loſern Kleidungsſtuͤcke mit zitternden, von der Angſt gelaͤhmten Fingern vom Leibe riß— „Nimm alles, gieb mir nur mein Kind zuruͤck!“ Der Wilde ſtieß den werthloſen Plunder mit dem Fuße zuruͤck, und da er bemerkte daß indeß der Shawl ſchon einem Andern zur Beute ge⸗ worden ſei, trat an die Stelle des ſpoͤttiſchen doch finſtern Laͤchelns auf ſeinem Geſichte eine wilde Wuth; er ſchmetterte den Kopf des Kindes gegen einen Felſen und warf ihr den zuckenden Leich⸗ nam vor die Fuͤße. Einen Augenblick ſtand die Mutter, einer Statuͤe der Verzweiflung gleich, und ſtarrte mit wilden Blicken auf den graͤſſlichen Gegenſtand, der noch vor ſo kurzer Zeit erſt ſich an ihren Buſen geſchmiegt und ihr freundlich entgegengelaͤchelt hatte; dann hob ſie ihre Augen und ihr Angeſicht zum Himmel empor, als wenn ſie Gott anrufe ſeinen Fluch auf den Thaͤter die⸗ ſer furchtbaren That herabzudonnern. Die Suͤnde eines ſolchen Gebets ward ihr jedoch erſpart; denn der Hurone durch das Fehlſchlagen ſeiner Erwar⸗ tungen in Wuth geſetzt und durch den Anblick des Bluts aufgeregt, war barmherzig genug ihr mit ſeinem Tomahawk den Kopf zu ſpalten. Die Mutter ſank unter dem Streiche und fiel zu Boden, noch im Sterben mit derſelben ſorgfaͤltigen 13* 196 Liebe, mit welcher ſie es als es lebte gepflegt hatte, nach dem Kinde greifend. In dieſem gefahrvollen Augenblick legte Ma⸗ gua ſeine Haͤnde an den Mund und ſtieß das Ungluͤck verkuͤndende ſchreckliche Kriegsgeſchrei aus. Die zerſtreuten Indianer ſtuͤrzten bei dieſem wohl⸗ bekannten Ruf hervor, gleich Wettlaͤufern, die auf das gegebene Zeichen vom Mahl der Rennbahn forteilen, und auf der ganzen Ebene und unter den Laubgewoͤlben des Waldes erhob ſich ein ſol⸗ ches Geheul, als wohl ſelten vorher von menſch⸗ lichen Lippen erſchollen war. Die Herzen derer, die es rten, wurden mit einem ſtarren Entſetzen erfuͤllt, das wohl nur wenig dem bangen Schrecken nachgeben mochte, der wahrſcheinlich einſt, wenn der Poſaunen Schall zum juͤngſten Gerichte ruft, ſich Aller bemaͤchtigen wird. Mehr als zweitauſend Wuth ſchnaubende Wilde brachen auf dies Zeichen aus dem Walde hervor und verbreiteten ſich mit inſtinktmaͤßiger Eile uͤber die Unheil bringende Ebene. Doch wir woollen bei den empoͤrenden Graͤueln, welche nun folgten’, nicht verweilen. Ueberall ließ ſich der Tod in ſeinen ſchrecklichſten und widerlichſten Geſtalten blicken. Widerſtand diente nur die Moͤrder noch mehr zu reizen, die ſelbſt wenn ihre Schlachtopfer ſchon laͤngſt unfaͤhig waren ihre — 197 Rache zu empfinden, noch ihre wuͤthenden Streiche auf ſie fallen ließen. Gleich hervorbrechenden ungeſtuͤmen Stroͤmen floß das Blut auf allen Seiten, und durch deſſen Anblick aufgeregt und noch mehr in Wuth geſetzt, knieeten mehrere der Eingeborenen ſogar auf die Erde nieder und ſchluͤrften mit hoͤlliſchem Frohlocken die rothe Fluth gierig eln.— Die noch in Reih' und Glied marſchirenden Truppen⸗Abtheilungen formirten ſchnell dichte . Maſſen und ſuchten ſo durch den Achtung ein⸗ floͤßenden Anblick einer kriegeriſchen Aufſtellung 4 die Angreifenden zuruͤckzuſchrecken. Dieſer Verſuch 5 gelang auch einigermaßen, obgleich nur ſchon zu viele in der thoͤrichten Hoffnung die Wilden dadurch zu beſaͤnftigen, ſich ihre ungeladenen Ge⸗ wehte aus den Haͤnden reißen ließen.— In einer ſolchen Schreckensſcene hat keiner Muße die ſchnell dahin fliegenden Augenblicke zu zaͤhlen. Ungefaͤhr zehn Minuten lang— die ihnen ein Jahrhundert ſchienen— mochten die Schweſtern, vom Schrecken gelaͤhmt und beinah ganz huͤlflos auf derſelben Stelle unbeweglich ge⸗ ſtanden haben. Als der erſte Streich fiel, hatten ſich ihre wehklagenden Gefaͤhrtinnen in eine dichte Maſſe an ſie heran gedraͤngt und ihnen die Flucht unmoͤglich gemacht; und jetzt da Flucht ode Tod * 198 den groͤßten Theil derſelben, wo nicht alle, aus⸗ einander getrieben und zerſtreut hatte, ſahn ſie keinen Ausweg offen, der ſie nicht grade unter die Tomahawks ihrer Feinde gefuͤhrt haͤtte. Von allen Seiten ertoͤnten Geſchrei, Roͤcheln, Verwuͤn⸗ ſchungen und Fluͤche. In dieſem Augenblick wurde Alice auf einmal die hohe Geſtalt ihres Vaters gewahr, der eilig uͤber die Ebene hin auf die franzoͤſiſche Armee zuſchritt. Furchtlos und unbekuͤmmert um alle Gefahr war er wirklich im Begriff zu Montcalm zu gehn, um die ſaͤumende Eskorte, welche vorher ausbedungen worden war, zu verlangen. Funfzig blanke Aexte und ſcharf geſpitzte Wurfſpieße bedrohten unbeachtet ſein Leben, aber ſelbſt in ihrer groͤßten Wuth floͤßte ſein Rang und ſein ruhiger Ernſt den Wilden Achtung ein. Die gefaͤhrlichen Mordgewehre wur⸗ den von dem noch immer kraͤftigen Arm des Ve⸗ teranen auf die Seite gedruͤckt oder ſenkten ſich von ſelbſt zu Boden, nachdem ſie mit einer That gedroht hatten, die wie es ſchien, keiner den Muth hatte auszuuͤben. Gluͤcklicherweiſe ſuchte der rach⸗ ſuͤchtige Magua ſein Schlachtopfer grade unter der Truppen⸗Abtheilung auf, die der Veteran ſo eben verlaſſen hatte. 3 „Vater— Vater— wir ſind hier!“ ſchrie Aije auf, als er in einer kleinen Entfernung, — — — ohne dem Anſchein nach ſie zu gewahren, vor⸗ uͤber eilte.„Komm zu uns, Vater, oder wir ſterben!“ Dieſer Ruf wurde mit Worten und Toͤnen wiederholt, die ein Felſenherz zu erweichen ver⸗ mocht haͤtten, blieb jedoch unbeantwortet. Einmal ſchien es wirklich als wenn der Schall ihrer Stimme bis zu dem alten Mann gedrungen waͤre, denn er ſtand ſtill und horchte; Alice war aber indeß bewuſſtlos zu Boden geſunken, und Cora hatte ſich an ihrer Seite niedergelaſſen und mit ihrer unermuͤdenden Zaͤrtlichkeit uͤber den lebloſen Koͤrper hingebeugt. In ſeiner Hoffnung getaͤuſcht ſchuͤttelte Munro den Kopf und ging wohin ihn die erhabene Pflicht welche ihm ſein Amt auferlegte rief. „Lady,“ ſagte Gamut, der ſo huͤlflos und unnuͤtz er auch war, doch noch nicht entfernt dar⸗ an gedacht hatte, ſeiner Pflicht untreu zu werden, „hier feiern die Teufel ihr Jubelfeſt, und es iſt kein ſchicklicher Ort fuͤr Chriſten um hier laͤnger zu verweilen. Laſſt uns auf und davon gehen!“— „ Geh,“ ſagte Cora ohne den Blick von ihrer bewuſſtloſen Schweſter abzuwenden;„rette dich ſelbſt, fuͤr mich kannſt du von keinem Nutzen mehr ſein.“ 200 Durch die einfachen aber bedeutungsvollen Geberden welche ihre Worte begleiteten, begriff David die unbewegliche Feſtigkeit ihres Entſchluſſes. Er blickte einen Augenblick auf die dunkeln Ge⸗ ſtalten, die rings umher ihre hoͤlliſchen Gebraͤuche ausuͤbten; ſeine lange Figur richtete ſich noch mehr in die Hoͤhe, ſeine Bruſt hob ſich und jeder ſeiner zornigen Geſichtszuͤge ſchien die maͤchtigen Gefuͤhle, welche ihn beherrſchten, auszuſprechen. „Wenn der juͤdiſche Knabe mit ſeinen Har⸗ fentoͤnen und den Worten eines heiligen Geſan⸗ ges den boͤſen Geiſt Saul's baͤndigen konnte, ſo iſt es vielleicht nicht undienlich,“ ſagte er,„auch hier die Macht der Muſik zu verſuchen.“ Seine Stimme hierauf zu den hoͤchſten Toͤ⸗ naen erhebend, begann er ein Lied mit ſolcher Kraft zu ſingen, daß er ſelbſt durch das uͤber die blutige Ebene verbreitete Getoͤſe gehoͤrt werden konnte. Mehr als ein Wilder ſtuͤrzte auf ſie zu, um die ſchutzloſen Schweſtern ihrer Kleidungsſtuͤcke zu berauben und ſich ihre Skalps zuzueignen; ſobald ſie aber die ſonderbare, unbeweglich auf einer Stelle ſtehende Figur erblickten, ſtanden ſie ſtill und hoͤrten zu. Ihr Staunen wich bald der Bewunderung und ſie gingen weiter um an⸗ dere, weniger muthige Schlachtopfer zu ſuchen, indem ſie zugleich laut ihr Vergnuͤgen uͤber die 201 Standhaftigkeit ausdruͤckten, mit welcher der weiße Mann ſeinen Todtengeſang anſtimmte. Durch dieſen Erfolg irre gefuͤhrt und ermuthigt, ſtrengte David alle ſeine Kraͤfte an, um die Wir⸗ kung dieſes, wie er glaubte heiligen Einfluſſes noch zu erhoͤhen. Die ungewoͤhnlichen Toͤne erreichten endlich die Ohren eines entfernten Wilden, der, als wenn er es ſeiner unwerth hielt, ſich an dem gemeinen Haufen zu vergreifen, wuͤthend von einer Gruppe zur andern flog, um nach einem ſeines Ruhmes wuͤrdigeren Opfer zu jagen. Es war Magua, der ein lautes Freu⸗ dengeſchrei ausſtieß, ſobald er ſeine fruͤhern Ge⸗ fangenen wieder in ſeiner Gewalt ſah. „Komm,“ ſagte er und legte ſeine beſudelte Hand auf Cora's Gewand;„der Huronen Huͤtte iſt offen. Iſt ſie nicht beſſer noch als dieſer Ort?“— „Hinweg,“ rief Cora bei ſeinem widerwaͤrti⸗ gen Anblicke ihre Augen bedeckend. Der Indianer lachte hoͤhniſch und antwortete, indem er ſeine von Blut rauchende Hand in die Hoͤhe hielt:„ſie iſt roth, es kommt aber aus weißen Adern!“— „Ungeheuer! Blut— ein Meer von Blut laſtet auf deiner Seele; dein Werk ſind dieſe Graͤuelthaten.“ 202 „Magua iſt ein großer Haͤuptling;“ erwie⸗ derte frohlockend der Wilde;—„will das Schwarz⸗ haar jetzt mit ihm zu ſeinem Volke ziehn?“ „Nie! ſtoß zu, wenn du willſt, und vollende deine hoͤlliſche Rache.“ Err ſchwankte einen Augenblick; dann aber die leichte, bewuſſtloſe Alice auf ſeine Arme neh⸗ mend, eilte der ſchlaue Indianer ſchnell uͤber die Ebene hinweg dem Walde zu „Halt' ein!“ ſchrie Cora, die verzweiflungs⸗ voll ihm auf dem Fuße folgte;„laß das Kind los! Elender! was willſt du thun?“ Magua blieb aber fuͤr ihr Rufen taub oder kannte vielmehr ſeinen Vortheil zu gut und war feſt entſchloſſen, ihn nicht fahren zu laſſen. .„Steh ſtill, Lady, ſteh ſtill,“ rief Gamut der beſinnungsloſen Cora nach;„der heilige Zau⸗ ber faͤngt ſchon an zu wirken, und bald ſollſt du dieſen ſchrecklichen Tumult geſtillt ſehn.“ Da er indeß ſah daß ſein Ruf unbeachtet blieb, ſo folgte der treue David der aller Faſſung beraubten Schweſter, und ſtimmte von neuem ein heiliges Lied an, wozu er mit ſeinem langen, in der Luft herumfahrenden Arme fleißig den Tackt ſchlug. Auf dieſe Weiſe eilten ſie zwiſchen den Fliehenden, Verwundeten und Todten hin⸗ durch uͤber die Ebene hinweg. Der wilde Hurone — 203 war jederzeit ſtark genug um ſich und das Schlachtopfer, das er trug, gegen jede Gefahr zu ſichern, dagegen Cora mehr als einmal unter den Streichen der rohen Feinde erlegen ſein wuͤrde, wenn nicht die wunderliche Geſtalt hinter ihr her geſchritten waͤre, die jetzt den ſtaunenden Eingeborenen als mit dem beſchuͤtzenden Geiſt des Wahnſinns begabt, erſchien. Magua, welcher die Stellen wo die groͤßte Gefahr drohte geſchickt zu vermeiden und der Verfolgung ſchlau zu entgehn wuſſte, lief durch eine tiefe Schlucht in den Wald hinein, wo er bald die Narraganſetts fand, denen die Reiſenden erſt vor ſo kurzer Zeit die Freiheit gegeben hatten, und die hier unter der Obhut eines Wilden, deſ⸗ ſen Weſen dem ſeinigen an Ingrimm und Bos⸗ heit nichts nachgab, ſeine Ankunft erwarteten. Nachdem er Alicen auf eins der Pferde gelegt hatte, gab er Cora ein Zeichen das Andere zu beſteigen. 1ts. Ungeachtet des Entſetzens, welches ſie bei dem Anblick ihres Raͤubers empfand, verſchaffte doch fuͤr den Augenblick die Entfernung von den blu⸗ tigen Auftritten, von denen ſie in der Ebene Zeuge geweſen war, dem Maͤdchen eine Erleichte⸗ rung, fuͤr die ſie nicht gaͤnzlich unempfindlich ſein konnte. Sie nahm ihren Sitz auf dem Pferde ein und ſtreckte ihre Arme liebevoll mit einem ſo bittenden Ausdruck nach ihrer Schweſter aus, dem ſelbſt der Hurone nicht widerſtehn konnte. Er ſetzte daher Alicen auf daſſelbe Pferd mit Cora, ergriff den Zuͤgel und trat ſeinen Weg an, der ſie tiefer in den Wald hinein fuͤhrte. Da Darvid ſah, daß er als ein Weſen, das ſelbſt zu unbedeutend gehalten wurde, um es zu toͤdten, gaͤnzlich unbeachtet blieb und allein zuruͤckgelaſſen wurde, warf er ſein langes Glied uͤber den Sattel des ſtehen gebliebenen Thieres und folgte ihnen ſo ſchnell nach, als der muͤhſelige Pfad es geſtatten wollte. Bald fingen ſie an bergan zu ſteigen; da indeß durch die Bewegung die ſchlummernden Lebensgeiſter ihrer Schweſter wieder nach und nach erwachten, ſo war Cora's Aufmerkſaiaken zu ſehr zwiſchen der zaͤrtlichſten Sorgfalt fuͤr deren Be⸗ quemlichkeit und dem Aufhorchen auf das noch immer von der Ebene heruͤber ertoͤnende Geſchrei getheilt, um die Richtung des Weges welchen ſie nahmen zu bemerken. Als ſie jedoch die ebene Oberflaͤche des Berggipfels erreicht hatten und ſich deſſen oͤſtlichem Abhang naͤherten, erkannte ſie den Fleck wieder, welchen ſie ſchon einmal unter der freundlichen Obhut und Fuͤhrung des Kund⸗ ſchafters betreten hatte. Magua erlaubte ihnen — . — — hier abzuſteigen, und ungeachtet ihrer Gefangen⸗ ſchaft verleitete ſie doch die Neugier, welche von banger Furcht unzertrennlich zu ſein ſcheint, ihre Blicke nach dem herzzerreißenden Anblick im Thale unter ihnen zu wenden. Die Graͤuelthaten nahmen noch immer un⸗ gehindert ihren Fortgang. In allen Richtungen flohen die Beſiegten vor ihren unbarmherzigen Verfolgern, waͤhrend die unter den Waffen ſtehen⸗ den Kolonnen des Allerchriſtlichſten Koͤnigs mit einer fuͤhlloſen Gleichguͤltigkeit, deren Grund man ſich nie hat erklaͤren koͤnnen und die eine un⸗ ausloͤſchliche Makel auf dem ſonſt fleckenloſen Wappenſchilde ihres Anfuͤhrers zuruͤckgelaſſen hat, feſt und unbeweglich auf ihrer Stelle ſtehen blie⸗- ben. Auch wurde dem Schwerte des Todes nicht eher Einhalt gethan, als bis die Rachgier der Habſucht weichen muſſte. Dann erſt verſtummte 6 nach und nach das Geſchrei der Verwundeten und das Geheul ihrer Moͤrder, bis endlich kein Angſtruf mehr zu ihren Ohren drang, oder von den lauten, langen und durchdringenden Jubel⸗ toͤnen der triumphirenden Wilden uͤbertaͤubt wurde. Wie's Dir gefallt, nenn' mich: Ein ehrenvoller Mörder, wenn Du willſt; Haß nicht that ich's Denn für die Ehre nur, aus Othello. Die blutige, unmenſchliche Scene, welche wir am Ende des vorigen Kapitels mehr obenhin be⸗ ruͤhrt als beſchrieben habe der Geſchichte der Kolonieen unter dem wohl ver⸗ dienten Namen„das Blutbad von William Henry“ aufgefuͤhrt. Sie verdunkelte den Flecken, welchen ein vorhergegangenes, dieſem ſehr aͤhnli⸗ ches Ereigniß auf dem Ruhme des franzoͤſiſchen Feldherrn zuruͤckgelaſſen hatte, dermaßen, daß ſelbſt ſein fruͤher ehrenvoller Tod ſolchen nicht ganz aus⸗ zuloͤſchen im Stande war. Die Laͤnge der Zeit hat ihn jedoch gegenwaͤrtig verwiſcht; und Tauſende wiſſen zwar, daß Montcalm wie ein Held in den Ebenen von Abraham ſein Leben dahin gab ohne daß es ihnen bekannt geworden waͤre, wie ſehr es ihm an jenem moraliſchen Muthe fehlte, ohne welchen kein Mann wahrhaft groß genannt wer⸗ den kann. Es koͤnnten Bogen voll geſchrieben werden, um durch dieſes in die Augen glaͤnzende n, iſt in den Buͤchern —— Beiſpiel zu beweiſen, welchen Maͤngeln alle menſch⸗ liche Vollkommenheit unterworfen iſt; um daran zu zeigen, wie leicht oft eine edle Denkungsart, feiner Ton und ritterlicher Muth dem uͤberwie⸗ genden Einfluſſe einer Gefuͤhl toͤttenden, miſſver⸗ ſtandenen Selbſtliebe weichen muͤſſen; und um der Welt einen Mann darzuſtellen, der in allen den unbedeutendern Eigenſchaften des Charakters groß war, dem es aber an Kraft gebrach, als es zu beweiſen galt wie ſehr feſte Grundſaͤtze uͤber bloße Klugheit erhaben ſind. Ein ſolches Unter⸗ nehmen wuͤrde jedoch unſere beſchraͤnkten Befug⸗ niſſe uͤberſchreiten, und da die Geſchichte, ſo wie die Liebe, ſo ſehr geneigt iſt, ihre Helden mit dem Strahlenglanze einer eingebildeten Glorie zu um⸗ geben, ſo iſt es nicht unwahrſcheinlich, daß die Nachwelt in Louis de Saint Véran nur den tapfern Vertheidiger ſeines Vaterlandes erblickt, waͤhrend ſeine grauſame Fuͤhlloſigkeit an den Ufern des Oswego und des Horikan in Vergeſſenheit ge⸗ rathen iſt. Nachdem wir nur noch unſer ſchmerz⸗ liches Bedauern uͤber dieſe Schwaͤche in dem Cha⸗ rakter unſerer Schweſter Muſe ausgedruͤckt haben, wollen wir ihr geheiligtes Gebiet gaͤnzlich verlaſ⸗ ſen und uns in die vorgezeichneten Graͤnzen un⸗ ſeres beſcheidenen Berufs zuruͤckziehn. Schon nahte der dritte Tag nach der Ein 6, 298 nahme des Forts ſeinem Ende, und immer noch muß der Fortgang der Erzaͤhlung den Leſer an den Ufern des heiligen Sees verweilen laſſen. Als wir ſie zuletzt betrachteten, herrſchte in den Um⸗ gebungen der Feſtungswerke rohe Gewalt, Laͤrm und Verwirrung; jetzt ſchienen nur Ruhe und Tod ihren Wohnſitz hier aufgeſchlagen zu haben. Die Blutbefleckten Sieger waren abgezogen; und ihr Lager, das noch ſo kuͤrzlich erſt von den fro⸗ hen Jubeltoͤnen einer ſiegreichen Armee wieder⸗ hallte, lag als eine ausgeſtorbene verlaſſene Stadt von Huͤtten da. Die Feſtung war nur noch ein rauchender Schutthaufen. Halb verkohlte Balken, Truͤmmer von aufgeflogenem Geſchuͤtz und ge⸗ ſprengtes Mauerwerk bedeckten verwirrt und un⸗ ordentlich durch einander liegend ſeine Erdwaͤlle. Auch in der Witterung war eine furchtbare Veraͤnderung eingetreten. Die Strahlen der Sonne hatten ſich hinter einen undurchdringli⸗ chen Schleier von Duͤnſten verborgen, und vor der Zeit wehende, rauhe Novemberſtuͤrme machten nun Hunderte von entſtellten und verſtuͤmmelten menſchlichen Koͤrpern, welche die ſengende Hitze des Auguſts gebraͤunt hatte, erſtarren. In eine unuͤberſehbar dunkle Maſſe vereinigt, die ein to⸗ bender Sturmwind vor ſich hertrieb, kehrten die fleckenloſen Nebelwolken, welche man fruͤher uͤber — — 7 —— 209 /—— 1b 3 die Berge hin in krauſen Wirbeln nach Norden zu ſegeln geſehn hatte, wieder zuruͤck Der belebte 3 2 Waſſerſpiegel des Horikan war verſchwunden, und an ſeiner Statt ſchlugen die gruͤnen und ſchaͤu⸗ 1 4 menden Wellen den Strand, als wenn ſie ihre K 1 Unreinigkeiten auf das entweihte Ufer zuruͤckwer⸗ fen wollten. Der klaren Quelle war zwar noch 6 . ein Theil ihres zauberiſchen Reizes geblieben, aber auch ſie warf nur das Bild des uͤber ihr haͤngen⸗ den, duͤſtern und truͤben Himmels zuruͤck. Die mit feuchten Duͤnſten geſchwaͤngerte ſtets gleich⸗ maͤßige Atmoſphaͤre, welche ſonſt die Landſchaftf 1 umſchleierte, ihre grellen Tinten ſanft verſchmolz, 7 ihre rauhen Umriſſe milderte, war einem Nord⸗ winde gewichen, der ſo ſcharf und rein uͤber die ode Waſſerflaͤche ſtuͤrmte, daß dem ſpaͤhenden Auge nichts mehr zu errathen, der ſchoͤpferiſchen Ein⸗ bildungskraft nichts mehr ſich auszumalen uͤbrig blieb.— Durch die brennende Hitze ihres gruͤnen Schmuckes beraubt, hatte die Ebene das Anſehn, als wenn ſie durch ſengende Blitze verheert wor⸗ den waͤre; und nur hier und da erhoben ſich dun⸗ kle gruͤne Grasbuͤſchel, die Erſtlinge eines mit Menſchenblut geduͤngten Bodens. Die ganze Land⸗ aft, welche unter einer vortheilhaften Beleuch⸗ ag und bei heiterer Witterung geſehn, eine 14. 1I. 210 ſo lieblichen Anblick gewaͤhrt hatte, erſchien nun gleich einer gemalten Allegorie des Lebens, in der alle Gegenſtaͤnde mit ihren grellſten, aber treuſten Farben dargeſtellt ſind, ohne durch abwechſelnde Schatten und Lichter hervorgehoben zu werden. Von den daruͤber hinſtreifenden Windſtoͤßen bewegt, wurden die einzelnen duͤrren Grashalme auf eine ſchauerliche Art ſichtbar; die ihre Gipfel kuͤhn in die Luft ſtreckenden, felſigten Berge zeig⸗ ten ihre unfruchtbare Nacktheit zu deutlich; und vergebens ſuchte das Auge ſelbſt in den unbegraͤnz⸗ ten Raͤumen des Himmels eine Erholung; ſie waren dem Blicke durch eine dunkle Maſſe zer⸗ riſſener, verwirrt durcheinander treibender Dunſt⸗ wolken entzogen. Der Wind blies abwechſelnd und ungleich; zuweilen ſtrich er langſam dicht uͤber den Boden hin und ſchien ſeine Klagen in das kalte Ohr der Todten zu fluͤſtern; dann erhob er ſich wieder zu einem gellenden traurigen Gepfeif, drang mit Heftigkeit in den Wald hinein, und ſtreute das Laub und die Zweige, die er auf ſeinem Wege antraf, in der Luft umher. Mitten in dieſem Aufruhre der Natur kaͤmpften in der Luft einige hungrige Raben mit dem Sturme; kaum aber hatten ſie den gruͤnen Ocean von Waͤldern, ſich unter ihnen ausdehnte, uͤberflogen, al 211 ungeſaͤumt und gierig aus der Hoͤhe auf die Schreckensſtaͤtte herunter ſchoſſen, wo ſich ihnen ihre ekelhafte Nahrung in ſolchem Ueberfluſſe darbot. Kurz, es war eine Scene der Wildheit und der Zerſtoͤrung, und es ſchien als wenn Alle, die dieſen Ort auf eine entweihende Weiſe betreten hatten, durch einen Streich des maͤchtigen und unbarmherzigen Armes des Todes zu Boden ge⸗ ſchmettert worden waͤren. Das Strafgericht hatte aber aufgehoͤrt, und zum erſtenmal wieder, ſeit die Urheber jener Graͤuelthaten, deren Mordgier zur Verunſtaltung der Anmuth der Gegend beige⸗ tragen hatte, abgezogen waren, wagten es lebende menſchliche Weſen wieder, ſich der furchtbaren Ebene zu nahen. Ungefaͤhr eine Stunde vor Sonnen⸗Unter⸗ gang, an dem ſchon erwaͤhnten Tage, ließen ſich die Geſtalten von fuͤnf Maͤnnern blicken, die aus der ſchmalen Oeffnung zwiſchen den Baͤumen, da wo der Weg nach dem Hudſon in den Wald fuͤhrt, zum Vorſchein kamen und in der Richtung nach den zerſtoͤrten Feſtungswerken zu vorwaͤrts ſchrit⸗ ten. Anfangs naͤherten ſie ſich langſam und be⸗ daͤchtig, als wenn ſie nur mit Widerwillen ſich zwiſchen die Schrecken dieſes Orts begaͤben oder die Erneuerung irgend eines der hier vorgefall 4 14* 242 nen furchtbaren Ereigniſſe befuͤrchteten. An der Spitze des Trupps befand ſich eine ſchlanke be⸗ hende Geſtalt, die mit aller der einem Eingebor⸗ nen nur eignen Vorſicht und Gewandtheit jeden Huͤgel erſtieg, und nachdem ſie ſorgfaͤltig umher⸗ geſpaͤht hatte, ihren Gefaͤhrten durch Zeichen den Weg andeutete, den ſie fuͤr dieſe am raͤthlichſten fand einzuſchlagen. Auf gleiche Art ließen es die ihm Folgenden nicht an aller der Vorſicht und Behut⸗ ſamkeit fehlen, die ein Waldkrieg erforderlich macht. Einer von ihnen, gleichfalls ein Indianer, ging etwas ſeitwaͤrts, und bewachte mit Augen, die ſich lange daran gewoͤhnt hatten, die geringſten Anzeichen einer herannahenden Gefahr ſchnell zu entdecken, den Rand der benachbarten Waͤlder. Die noch uͤbrigen drei waren Weiße, obgleich ſie eine Kleidung trugen, deren Beſchaffenheit und Farbe unverkennbar nur fuͤr ihr gefaͤhrliches Vor⸗ haben, einer in der Wildniß abziehenden Armee dicht auf den Ferſen zu folgen, ausgewaͤhlt war. Die Eindruͤcke, welche die auf ihrem Wege — ¹ nach dem Seeufer ſich ununterbrochen folgenden, it leichten Sehriteen uͤber die Ebene hineilte, grauſenhaften Anblicke bei ihnen hervorbrachten, 3 4 waren eben ſo verſchieden, als die Charaktere der 9 1 einzelnen Individuen, aus denen der Trupp be⸗— ſtand. Der Juͤngling an der Spitze warf, als er nach den verſtuͤmmelten Schlachtopfern ernſte doch nur verſtohlene Blicke, die ſeine Beſorgniß andeu⸗ teten, die in ihm ſich regenden natuͤrlichen Ge⸗ fuͤhle zu verrathen, deren ploͤtzliche und maͤchtige Wirkung ganz zu unterdruͤcken, er aber noch zu unerfahren war. Sein rother Gefaͤhrte war jedoch uͤber eine ſolche Schwaͤche erhaben. Er ging an den umherliegenden Gruppen von Leich⸗ namen, ohne ſeinen Zweck aus dem Geſichte zu verlieren, mit einer Ruhe in ſeinem Auge vor⸗ uͤber, die nur eine langjaͤhrige Gewohnheit im Stande ſein konnte einzufloͤßen. Selbſt bei den weißen Maͤnnern waren die in ihren Gemuͤthern erregten Empfindungen verſchieden, wiewohl in allen gleich ſchmerzlich. Der Eine, deſſen graue Haare und gefurchtes Antlitz ſo wie ſein kriege⸗ riſches Weſen und Haltung, trotz ſeiner Verklei⸗ dung in dem ſchlichten Anzuge eines Waldbewoh⸗ ners, einen in den Vorfaͤllen des Krieges viel erfahrenen Mann verriethen, ſchaͤmte ſich nicht tiefe Seufzer auszuſtoßen, ſo oft ihm ein mehr Nats gewoͤhnlich gaaͤſſlicher Anblick in's Auge fiel. Der ihm zur Seite gehende junge Mann ſchau⸗ derte, ſchien aber aus zarter Ruͤckſicht fuͤr ſein Gefaͤhrten ſeine Gefuͤhle zu unterdruͤcken. Be ihnen allen ließ ſich allein der Nachzuͤgler, wel⸗ cher hinten folgte, ohne Beobachtung zu ſcheuen 1 oder die Folgen zu fuͤrchten, von den Gefuͤhlen, die ihn beſeelten, hinreißen. Der Abſcheu, den er zeigte, ſchien jedoch mehr eine Wirkung ſeiner— innern Empfindung als der beleidigten Sinne zu ſein. Er ſtarrte unbewegt den graͤſſlichſten Anblick mit Augen und Muskeln an, denen jedes Zucken oder Leben fremd war, aber mit Verwuͤnſchungen, deren Haͤrte und Heftigkeit genugſam zu erkennen gaben, wie ſehr er die moraliſchen Antriebe zu 7. einem ſo ungeheuern Verbrechen, als eine ſolche Metzelei war, verdammte. Der Leſer wird in dieſen verſchiedenen Per⸗ ſonen ſogleich die Mohicans und ihren weißen Freund den Kundſchafter, ſo wie Munro und Heyward erkannt haben. Es war in der That der Vater, welcher ſeine Kinder in Begleitung des Juͤnglings, welcher einen ſo innigen Antheil an deren Wohl nahm, und jener braven und zuver⸗ laͤſſigen Waldbewohner, die ihre Treue und Er⸗ 8 fahrung ſchon in den fruͤher erzaͤhlten Pruͤfungs⸗ 1 ſcenen bewaͤhrt hatten, aufſuchte.— —— Als Uncas, welcher voranging, die Mitte der Ebene erreicht hatte, ſtieß er ein Geſchrei aus, 3 ass alle ſeine Gefaͤhrten nach dem Fleck hinzog. Der junge Krieger ſtand bei einer Gruppe weib⸗ 9 licher Koͤrper, die zwiſchen einer verwirrten Menge ooon Erſchlagenen auf einem Haufen uͤber einan⸗ — 215 der lagen. Ungeachtet des empoͤrenden grauſener⸗ regenden Schauſpiels eilten Munro und Heyward ſchnell zu den modernden Leichnamen hin, um mit einer Liebe, die kein noch ſo widerlicher An⸗ blick zu unterdruͤcken im Stande war, zu unter⸗ ſuchen, ob ſich nicht unter den zerriſſenen und vielfarbigen Kleidungsſtuͤcken irgend eine Spur von denen, die ſie ſuchten, auffinden ließ. Der Vater und der Liebende beruhigten ſich einiger⸗ maßen als ihre Nachforſchungen nichts zu ent⸗ decken vermochten, obgleich die quaͤlende Ungewiſſ⸗ heit, die hierdurch beide noch ferner zu empfinden verurtheilt wurden, beinah nicht weniger uner⸗ traͤglich ar als die ſchlimmſte Wahrheit. Stumm und nacdenkend ſtanden ſie um den traurigen Anblick umher, als der Kundſchafter zu ihnen Mit einem von Zorn gluͤhenden Geſicht betrachtend, ſprach der kuͤhne ſtenmal wieder, ſeit ſie die verſtaͤndlich und laut: „Ich bin ſchon auf ſo manchem und ſchreck⸗ lichem Schlachtfeld geweſen und habe ſo manche blutige Spur beilenweit muͤhſelig verfolgt,“ ſagte er,„aber noch nie habe ich des Teufels Hand ſo klar im Spiele geſehn, als hier. Nache iſt ein Indianiſches Gefuͤhl, und alle die mich kennen, wiſſen daß kein unreiner Blutstropfen in meinen trat. den Leichenhaufen Waldmann zum er Ebene betreten hatten, 216 Adern fließt; aber ich will nur ſo viel ſagen— hier— im Angeſicht des Himmels und in der Macht des Herrn, die ſich in dieſer heulenden Wildniß ſo deutlich offenbaret— daß wenn dieſe Franzmaͤnner es je wieder wagen ſollten mir ſo ſchußrecht zu kommen, daß ein Stuͤck Blei hin⸗ reichen kann, ich eine Buͤchſe kenne, die ihre Schuldigkeit thun ſoll, ſo lange als ein Feuerſtein Funken geben und das Pulver brennen will!— Tomahawk und Meſſer will ich denen uͤberlaſſen, denen die Natur die Gabe verliehen hat, ſie zu gebrauchen. Was ſagſt Du, Chingachgook, ſetzte er in der Delawaren Sprache hinzu,„werden die rothen Huronen ſich noch dieſer Thaten gegen ihre Weiber ruͤhmen wenn der tiefe Schnee kommt?“ Ein Strahl der Rache durchblitzte die dunkeln Zuͤge des Mohican⸗Haͤuptlings; er luͤftete ſein Meſſer in der Scheide, dann aber ſich kaltbluͤtig von dem Anblick abwendend, nahm ſein Geſicht wieder den Ausdruck einer ſo tiefen Ruhe an, als ob er nie den Einfluß oder Reiz der eidenſchalt emnpfanen haͤtte. „Montcalm! Montcalm!“ fuhr der tiefer empfindende, und ſich weniger ſelbſt beherrſchende Kundſchafter fort;„man ſagt es wird eine Zeit fkommen wo man alle Thaten, die im Fleiſche be⸗ gangen worden ſind, mit einem Blick wird aͤber⸗ 1 ſchauen koͤnnen, und zwar das mit Augen die von allen menſchlichen Schwachheiten frei ſind. Wehe dann dem Elenden der beſtimmt iſt dereinſt auf⸗ dieſe Ebene herabzublicken und das geſprochene Urtheil ſchon uͤber ſeiner Seele drohend ſchweben ſieht!— Ha!— ſo wahr ich ein Mann von 1 weißer Abkunft bin, da liegt ein Rothhaͤutiger dem das Haar vom Kopf geriſſen iſt, wo es die Natur hingepflanzt hat! Sieh einmal zu, Dela⸗ ware, es iſt vielleicht einer von euren vermiſſten Leuten, und dann ſoll er ein Begraͤbniß haben wie es einem wackern Krieger zukommt. Ich ſeh's 1 in deinen Augen, Sagamore; ehe noch die Strich⸗ winde die Witterung des Bluts verweht haben, muß ſchon ein Hurone dafuͤr bezahlen!“— Chingachgook trat zu dem verſtuͤmmelten Leichnam, drehte ihn um und fand an ihm die unterſcheidenden Kennzeichen von Einem jener 3 ſechs verbuͤndeten Staͤmme oder Nationen, wie ſie genannt werden, die, obwohl ſie mit in den engliſchen Reihen fochten, doch in toͤdtlicher Feind⸗ ſchaft mit ihrem eignen Volk lebten. Den ekel⸗ haften Gegenſtand mit ſeinem Fuß. fortſtoßend wandte er ſich mit derſelben Gleichgüͤltigkeit davon ab, als wie er von dem Aaſe eines wilden Thieres— gegangen ſein wuͤrde. Der Kundſchafter verſtand dies Benehmen und ſetzte ſeinen Weg auf das 218 behutſamſte fort, wobei er jedoch zugleich fortfuhr mit derſelben Erbitterung ſeinem Unmuth gegen den franzoͤſiſchen General Luft zu machen. „Nur der hoͤchſten Weisheit und der unbe⸗ graͤnzten Allmacht allein, ſteht es zu, eine ſolche Menge von Menſchen auf einmal wegzuraffen,“ fͤgte er hinzu;„denn nur die eine iſt im Stan⸗ de die Nothwendigkeit eines ſolchen Strafgerichts zu beurtheilen; und was geht der andern ab um nicht die Geſchoͤpfe des Herrn alle wieder erſetzen zu koͤnnen?— Ich fuͤr mein Theil halt' es ſchon fuͤr eine Suͤnde einen zweiten Rehbock zu ſchießen, wenn der erſte noch nicht aufgegeſſen iſt; man muͤſſte denn auf einen Marſch gegen den Feind oder auf ein langes Liegen im Hinterhalt Bedacht zu nehmen haben. Ein andres Ding i ein paar Kriegern in einem offenen hitzigen Ge⸗ fecht, denn deren Loos iſt's nun einmal mit der Buͤchſe oder dem Tomahawk in der Hand, je nach⸗ dem ſich's trifft daß ſie weißer oder rother Natur ſind, zu ſterben. Uncas, komm hierher, Junge, und laß die Raben ſich auf den Mingo ſetzen. Ich weiß es aus der Erfahrung daß ſie eine be⸗ ſondere Begierde nach dem Fleiſch eines Oneidas haben; und warum ſollte man nicht den Vogel ſeinem natuͤrlichen Triebe folgen laſſen!“— „Hugh!“ rief der junge Mohican, indem er ſich auf den Zehen erhebend ſehr aufmerkſam vor ſich hin blickte und durch ſeinen Ruf und ſeine Bewegung die verſcheuchten Raben noͤthigte, ſich nach einer andern Beute umzuſehn. „Was giebt's, Junge?“ fluͤſterte der Kund⸗ ſchafter und zog ſeine lange Geſtalt in eine kauernde Stellung zuſammen, einem Panther gleich, der auf ſeinen Raub hervorſpringen will; „Gott gebe daß es irgend ein zuruͤckgebliebener Franzoſe ſei, der noch hier herumſchleicht, um zu pluͤndern. Ich glaube wahrhaftig daß mein „Hirſchtod“ heut eine Ecke weiter als ſonſt ſchießen werde.“ Ohne ihm zu antworten ſprang Uncas fort und im naͤchſten Augenblick ſahen ſie ihn ein Stuͤck von Cora's gruͤnem Reitſchleier von einem Buſch herunter reißen und triumphirend in der Luft umher ſchwenken. Sein Fortlaufen, dieſer Anblick und das Geſchrei, welches der junge Mo⸗ hican dabei ausſtieß, dog den ganzen Trupp ſogleich wieder zu ihm hin. 1. „Mein Kind!“ rief „gieb mir mein Kind!“ „Uncas will verſuchen, Munro in wilder Haſt; u war die kurze und edeutungsvolle Antwort. 220 I Fuͤr den bewegten Vater ging jedoch der Sinn dieſer einfachen aber wohlmeinenden Zuſicherung verloren; er ergriff das Stuͤck des Schleiers,—+ preſſte es zwiſchen ſeinen Haͤnden und durchſpaͤh'te mit ſeinen Blicken aͤngſtlich die umherſtehenden Gebuͤſche, als wenn er zugleich fuͤrchtete und hoffte, die Geheimniſſe, die ſie verbergen moͤchten, zu entdecken.. „Hier liegen keine Todten!“ ſagte Heyward mit heller und von banger Beſorgniß beinah er⸗ ſtickter Stimme;„Der Sturm ſcheint nicht dieſen Weg genommen zu haben.“ „Das iſt ganz offenbar, und klarer als der Himmel uͤber unſern Koͤpfen,“ erwiederte der kaltbluͤtige und unerſchuͤtterliche Kundſchafter; „aber entweder ſie ſelbſt oder die, die ſie beraubt haben, muͤſſen an dieſem Buſche voruͤbergekommen ſein; denn ich erinnere mich noch recht gut des Zeugs mit dem ſie ihr Geſicht bedeckte, in das wir alle ſo herzlich gern ſahen. Du haſt Recht, Uncas; das Schwarzhaar iſt hier geweſen und hat ſich wie ein gejagtes Reh, in den Wald gefluͤchtet. Wer fortzulaufen vermag, der wird nicht ſtehen bleiben, um ſich morden zu laſſen. Laſſ' uns ein⸗ mal nachſehn, ob wir ihre Fußſtapfen nicht finden koönnen; denn ich denke manchmal daß fuͤr es⸗ f 221 niſche Augen ſelbſt ein Kolibri in der Luft eine Spur zuruͤcklaͤſſt! Auf dieſe Aufforderung ſtuͤrzte der junge Mo⸗ hican ſchnell fort und der Kundſchafter hatte kaum ſeine Rede geendet, als der erſtere ſchon vom Rande des Waldes her ein Freudengeſchrei erhob. Als der haſtig nacheilende Trupp den Fleck gleich⸗ falls erreicht hatte, ſahen ſie ein anderes Stuͤck des Schleiers an dem unterſten Zweige einer Buche haͤngend flattern. „Sachte, ſachte,“ ſagte der Kundſchafter, in⸗ dem er ſeine lange Buͤchſe dem eifrigen Duncan vorhielt;„wir wiſſen nun was wir zu thun ha⸗ ben, aber die Spur muß rein bleiben und nicht zertreten werden. Ein einziger unvorſichtiger Schritt kann uns ganze Stunden voll Muͤhe machen. Wir werden ihrer doch ſchon genug ha⸗ ben; da iſt wohl kein Zweifel dran.“ „Gottes Lohn, Gottes Lohn!“ ihr redlicher Mann!“ rief der bewegte Vater;„wohin haben ſie ſich gefluͤchtet und wo ſind meine lieben Kin⸗ der?“ „Das haͤngt von mancherlei Umſtaͤnden ab welchen Weg ſie genommen haben. Sind ſie allein geweſen, wo es eben ſo leicht moͤglich iſt daß ſie im Kreiſe herumirren als daß ſie grad' ausgehn, ſo moͤgen ſie vielleicht nur ein dutzend eeee Meilen von uns ſein; ſind ſie aber den Huronen oder ſonſt andern franzoͤſiſchen Indianern in die Haͤnde gefallen, ſo ſind ſie wahrſcheinlich jetzt ſchon an den Graͤnzen von Canada. Aber was thut das?, fuhr der Kundſchafter bedaͤchtig fort, als er die Angſt und die Unruhe bemerkte, mit welcher die getaͤuſchte Erwartung ſeine Zuhoͤrer erfuͤllte;„die Mohicans und ich ſind jetzt einmal hier auf dem einen Ende der Spur, und wir wol⸗ len das andere finden wenn auch hundert Meilen dazwiſchen laͤgen. Sachte, ſachte, Uncas, du gehſt ja eben ſo ungeduldig zu Werke wie ein Mann aus den Pflanzungen; du vergiſſt ganz daß leichte Fuͤße nur ſchwache Kennzeichen zuruͤcklaſſen.“ „Hugh!“ rief Chingachgook, der beſchaͤftigt gewe⸗ ſen war eine Stelle in den den Wald umgebenden niedern Gebuͤſchen, an welcher ganz augenſcheinlich ein Durchgang gebrochen worden war, zu unter⸗ ſuchen und nun in einer Stellung und mit einem Ausdruck, als wenn Jemand eine ſcheuß⸗ liche Schlange zu ſehn bekommt, aufrecht daſtand und auf den Boden zeigte. „Hier iſt die deutli tritten eines Mannes!“ ſich uͤber den bezeichneten ieſer Pfuͤtze hingegangen enverkennbar. Sie ſind che Spur von den Fuß⸗ rief Heyward und beugte Fleck. Er iſt am Rande und die Fußſtapfen ſind Gefangene!“ — 223 „Das iſt beſſer als wenn ſie in der Wildniß ſchmaͤlich umkommen muͤſſten,“ erwiederte der Kundſchafter;„und ſo werden wir auch eine deut⸗ lichere und breitere Spur finden. Ich wollte funfzig Biberfelle gegen eben ſo viel Feuerſteine verwetten, daß die Mohicans und ich binnen hier und einem Monat ſchon in ihren Huͤtten ſind! Buͤck' dich einmal nieder, Uncas, und ſieh zu was du etwa noch aus dem Mocaſſin heraus bringen kannſt; denn daß es ein Mocaſſin und kein Schuh iſt, liegt klar am Tage.“ Der junge Mohican beugte ſich knieend dicht uͤber die Fußſtapfen und, nachdem er die um die⸗ ſelben zerſtreut liegenden Blaͤtter weggeraͤumt hatte, betrachtete er ſie beinah mit derſelben ſorg⸗ faͤltigen Genauigkeit, mit welcher ein Wechsler in unſern Zeiten der Geldnoth und des Miſſtrauens einen verdaͤchtigen verfallenen Wechſel unterſuchen wuͤrde. Endlich ſtand er wieder auf, als wenn ihn der Erfolg ſeiner Bemuͤhungen zufrieden ge⸗ ſtellt habe. „Nun, Burſche,“ fragte der aufmerkſame Kundſchafter;„was ſagt er dir? kannſt du irgend was aus dem Ohrenblaͤſer heraus bringen?“ „Le Renard Subtil!“ „Ha! iſt der ſchleichende Teufel ſchon wieder da! ſein Herumſtreichen wird wahrhaftig nicht eher ein Ende nehmen, bis„Hirſchtod“ ein freundlich Wort mit ihm geſprochen hat,“ Heyward dem dieſe Nachricht ſehr unange⸗ nehm war, wollte ihm nur ungern Glauben bei⸗ meſſen und ſich mehr ſeinen Hoffnungen als tei nen Zweifeln uͤberlaſſend, ſagte er: „Ein Mocaſſin iſt dem andern ſo gleich, daß wohl vielleicht hier ein Irrthum obwalten kann.“ „Ein Mocaſſin dem andern gleich! Ihr koͤnntet eben ſo gut ſagen, daß ein Fuß dem an⸗ dern gleich iſt, wiewohl wir alle recht gut wiſſen, daß einige lang, andere kurz, einige breit andere ſchmal ſind; einige einen hohen, andere wieder einen niedern Spann haben; einige auswaͤrts, andre einwaͤrts gehen! Ein Mocaſſin iſt einem andern grade nicht mehr gleich als ein Buch dem andern gleich iſt, obſchon die, die das eine leſen koͤnnen, ſelten die Buchſtaben in einem andern verſtehn. Welches Alles zu unſerm Beſten ſo eingerichtet iſt, damit jeder Menſch mit ſeinen eignen natuͤrlichen Vorzuͤgen verſehen ſei. Laſſ' mich ſelbſt einmal nachſehen, Uncas; es kann bei einem Mocaſſin ſo wenig als bei einem Buch ſchaden, wenn ſtatt eines ihrer zwei ihre Meinung* druͤber ſagen., Der Kundſchafter buͤckte ſich zu dieſem Ende wieder und fuhr ſogleich fort:„D haſt Recht, J Junge, das iſt derſelbe Tritt den wir „ ein nange⸗ n bei⸗ s ſei⸗ ), daß Inn.“ Ihr nan⸗ iiſſen, ndere vieder zaͤrts, inem dem leſen dern n ſo inen Laſſ' kann Buch nung ) zu „Du wir 225 ſchon ſo oft auf unſerm neulichen Nachſetzen ge⸗ ſehn haben. Der Burſche thut gern einen Zug ſo oft ihm die Gelegenheit geboten wird; ſo ein verſoffener Indianer nimmt immer einen breit⸗ beinigern Gang, als jeder andre unverdorbene Wilde an; das iſt nun einmal die Art der Trun⸗ kenbolde, ſie moͤgen ein weißes oder ein rothes Fell tragen.'s iſt auch grade die Laͤnge und Breite! Sieh einmal hin, Sagamore, du haſt ja die Fußſtapfen mehr als einmal gemeſſen, als wir den Hundsfoͤttern vom Glane bis zu dem Geſundbrunnen nachgingen.“ Chingachgook erfuͤllte ſein Begehren und nachdem er ſeine kurze Unterſuchung beendet hatte, ſtand er wieder auf und ſagte mit ruhigem und ernſtem Weſen in einer fremdartigen Aus⸗ ſprache nur das einzige Wort: „Magua.“ „Wohl;'s iſt nun eine ausgemachte Sache; das Schwarzhaar und Magua ſind hier voruͤber gekommen.“ „Und Alice nicht?“ fuhr Heyward auf. „Von ihr haben wir noch keine Spur an⸗ getroffen,“ erwiederte der Kundſchafter und blickte forſchend zwiſchen den Baͤumen und Buͤſchen und auf dem Boden umher.„Was iſt denn aber II. 15 226 das da? Uncas, bring doch das Ding hierher, was du da an jenem Dornſtrauch haͤngen ſiehſt.“ Als der junge indianiſche Krieger ihm ge⸗ willfahrt hatte, gab er ſeinen Fund dem Kund⸗ ſchafter, der ihn in die Hoͤhe hielt und auf ſeine ſtille aber herzliche Weiſe lachend ſagte: „'s iſt das Tut-Gewehr des Saͤngers! nun werden wir eine Spur haben, daß ein Pfaffe da⸗ nach ſeinen Weg finden koͤnnte. Uncas, ſieh zu ob du nicht die Tritte von einem Fuß finden kannſt, der lang genug iſt, um ſechs Schuh ſchlot⸗ terndes Menſchenfleiſch zu tragen. Ich fange an wieder einige Hoffnungen fuͤr den Burſchen zu faſſen, da er ſein Quaͤken aufgegeben hat, um ſich vielleicht auf was beſſeres zu legen.“ „Wenigſtens iſt er ſeiner uͤbernommenen Pllicht treu geblieben,“ ſagte Heyward;„und Cora und Alice ſind nicht ohne einen Freund.“ „Ja,“ ſagte Hawk⸗eye, ſeine Buͤchſe auf den Boden ſetzend und ſich mit ſichtbar veraͤchtlicher Miene darauf ſtuͤtzend,„er wird ihnen was vor⸗ ſingen. Kann er wohl aber einen Rehbock zu einem Mittagseſſen fuͤr ſie ſchießen; oder nach dem Vuiſ auf den Buchen ſeinen Weg finden oder einem Huronen die Kehle abſchneiden? Wenn Ier das nicht kann, ſo iſt die erſte beſte Spottdroſſel, 44 die ihm aufſtoͤßt, geſcheuter als er. Nun, Burſche, 927 iſt da keine Spur von einem ſolchen Untergeſtell zu finden?“ „Hier iſt etwas das wie ein Fußſtapfen von Einem ausſieht, der Schuh getragen hat,“ ſagte Herward, ſehr erfreut ein Geſpraͤch abbrechen zu koͤnnen, in welchem David, zu dem er ſich nun mit den ſtaͤrkſten Banden der Dankbarkeit hinge⸗ zogen fuͤhlte, ſo ſehr herabgeſetzt worden war; „koͤnnte es nicht einer von unſern Freunden ſein?“— „Faſſt die Blaͤtter behutſam an, ſonſt werdet ihr die Form verderben. Das! das iſt allerdings ein Tritt von einem Fuß, aber von dem des Schwarzhaars; und wie klein er iſt fuͤr ein Weſen von ſo edler Geſtalt und ſchoͤnem Ausſehn! des Saͤngers Abſatz wuͤrde ſchon allein im Stande ſein ihn ganz zu bedecken!“ „Wos laſſt mich die Fußſtapfen meines Kin⸗ des ſehn!“ ſagte Munro, indem er haſtig durch das Gebuͤſch hindurch brach und ſich mit Zaͤrtlich⸗ keit uͤber das beinah verwiſchte Mahl heruͤber beugte. Obwohl der Tritt, welcher den Eindruck gemacht hatte, nur leicht und fluͤchtig geweſen zu ſein ſchien, ſo war er doch noch ganz deutlich zu ſehn. Waͤhrend er ihn ſorgfaͤltig betrachtete, fin⸗ gen die Augen des bejahrten Soldaten an ſich zu verdunkeln, und Heyward ſah daß bevor er ſich ͤ— wieder aus ſeiner gebuͤckten Stellung aufrichtete, eine heiße Thraͤne des Schmerzes das niedlich geformte Zeichen von ſeiner Tochter Anweſenheit befeuchtete. In der Abſicht die Gedanken des Veteranen mit etwas Anderem zu beſchaͤftigen, um deſſen Kummer, welcher jeden Augenblick ſich alles Zwanges, den ihm ihre jetzige Lage aufer⸗ legte, zu entledigen und mit voller Kraft aus⸗ brechen zu wollen ſchien, zu zerſtreuen, ſagte der junge Mann zu dem Kundſchafter: „Da wir nun dieſe untruͤglichen Merkmale aufgefunden haben, ſo laſſt uns unſern Marſch antreten. In einer ſolchen bedraͤngten Zeit wird den Gefangenen ein Augenblick wie ein ganzes Jahrhundert vorkommen. 4 „Es iſt nicht immer grade das fluͤchtigſte und ſchnellſte Wild das am laͤngſten gejagt ſein will,“ erwiederte Hawk⸗eye ohne jedoch ſich in ſeiner genauen Betrachtung der verſchiedenen Merkmale, die ihnen zu Geſicht gekommen waren, unterbrechen zu laſſen.„Wir wiſſen nun ſo viel daß der herumſchleichende Hurone hier durchge⸗ gangen iſt— und das Schwarzhaar und der Saͤnger— wo iſt denn aber die mit den gelben Haaren und blauen Augen geblieben?— Obwohl ſie nur klein iſt und bei weitem nicht ſo viel Muth als ihre Schweſter hat, ſo iſt ſie doch von huͤbſchem Ausſehn und anmuthig im Geſpraͤch. Hat ſie denn keinen Freund, daß Niemand ſich um ſie bekuͤmmert?“ „Gott bewahre daß ihr jemals Hunderte feh⸗ len ſollten! Sind wir denn aber nicht im Begrißß ſie aufzuſuchen?— Ich zum wenigſten werd niche aufhoͤren ſie zu ſuchen, bis ich ſie gefu a e!“ — 229 „In dem Fall werden wir vielleicht verſchie⸗ dene Wege zu nehmen haben; denn ſo fluͤchtig und klein auch immer ihre Fußſtapfen ſein muͤſ⸗ ſen, ſo iſt ſie doch hier nicht durchgekommen.“ Heyward deſſen ganzer Eifer, mit dem er zum Aufbrechen gemahnt hatte, auf einmal erlo⸗ ſchen zu ſein ſchien, trat zuruͤck. Ohne dieſe ploͤtz⸗ liche Veraͤnderung in dem Weſen des Andern zu beachten, fuhr der Kundſchafter, nachdem er einen Augenblick nachgedacht hatte, fort: „Hier in der ganzen Wildniß iſt kein Frauen⸗ zimmer, die einen ſolchen Fußſtapfen, wie die da, zuruͤcklaſſen koͤnnte, als das Schwarzhaar und ihre Schweſter! Wir wiſſen nun daß die eine hier geweſen iſt, wo ſind aber die Anzeichen von der andern? Laſſt uns noch ein Stuͤck weiter der Spur folgen und wenn ſich nichts findet, ſo muͤſſen wir nach der Ebene zuruͤckgehen und eine andere Witterung aufzunehmen ſuchen. Geh vor⸗ waͤrts, Uncas und ſpaͤhe mit deinen Augen auf dem trockenen Laub umher. Ich will auf die. Buͤchſe Acht geben und dein Vater ſoll ſeine Naſe in den Boden ſtecken und da ſuchen. Vorwaͤrts Freunde, die Sonne verkriecht ſich ſchon hinter die Berge.“ „Giebt es denn dabei nichts fuͤr mich zu thun?“ fragte Heyward eifrig. „Ihr!“ wiederholte der Kundſchafter, der indeß in der von ihm vorgeſchriebenen Ordnung mit ſeinen rothen Freunden den Weg angetreten hatte;„o ja, ihr koͤnnt hinter uns bleiben und Acht geben, daß ihr die Spur nicht zertretet. Sie waren kaum einige Ruthen fortgeſchrit⸗ ten, als die Indianer ſtill ſtanden und einige Merkmale auf dem Boden mit ungewoͤhnlicher 230 Aufmerkſamkeit ins Auge zu faſſen ſchienen. Vater und Sohn ſprachen ſchnell und laut, bald den Gegenſtand ihrer beiderſeitigen Bewunderung betrachtend, bald ſich einander mit unverkenn⸗ barem Vergnuͤgen anblickend. „Sie haben ihren kleinen Fuß gefunden!“ rief der Kundſchafter, und ging, den ſelbſt uͤber⸗ nommenen Antheil in ihren Nachforſchungen ganz außer Acht laſſend, ſchnell vorwaͤrts. „Was giebt's da! Iſt uns etwa da ein Hin⸗ terhalt gelegt worden? Nein, bei der beſten Buͤchſe auf der ganzen Graͤnze, hier ſind die mit einer Seite gehenden Pferde wieder geweſen! Jetzt iſt das ganze Geheimniß offenbar und alles iſt ſo klar und hell wie der Nordſtern um Mitternacht. Ja, hier ſind ſie aufgeſtiegen; dort am dem jun⸗ gen Baum ſind die Thiere angebunden geweſen, die auf ſie gewartet haben; und da nach Norden hin laͤuft der breite Pfad, grade nach den Cana⸗ das zu.“ „Aber noch immer haben wir keine Merk⸗ male von Alicen, von der juͤngern Miß Munro,“ ſagte Duncan. „Wenn nicht etwa das glaͤnzende Spielding, was Uncas eben von der Erde aufgehoben hat, eins iſt. Zeige es einmal hierher, Junge, damit wir's uns anſehn koͤnnen.“ Heyward erkannte es ſogleich als eine Ber⸗ loque, die Alice gern zu tragen pflegte und die er ſich mit dem treuen Gedaͤchtniſſe eines Liebenden noch ſehr wohl erinnerte, an dem ungluͤcklichen Morgen der Mordſcene an dem ſchoͤnen Halſe ſei⸗ ner Gebieterin haͤngen geſehn zu haben. Er ergriff ſo haſtig das theure Kleinod, daß waͤhrend der die Bedeutung deſſelben erklaͤrte, der verwun- * 4 1 ₰— 231 derte Kundſchafter, vor deſſen Augen es ploͤtlich verſchwunden war, noch lange, nachdem es Duncan ſchon an ſein pochendes Herz gedruͤckt hatte, ver⸗ gebens auf dem Boden darnach ſuchte.. „Pah!“ ſagte Hawk⸗eye unwillig und hoͤrte auf mit ſeiner Buͤchſenkolbe in dem Laube her⸗ umzuwuͤhlen;'s iſt ein ſicheres Zeichen des Alters wenn Einen das Geſicht anfaͤngt zu verlaſſen. So ein glaͤnzendes Lumpending, und es doch nicht einmal zu ſehn! Nun, auch gut! ich kann grade noch an einem blinden Buͤchſenlaufe herunter ſchielen, und das iſt genug um alle Streitigkeiten zwiſchen mir und den Mingos abzumachen. Ich moͤchte aber doch gern das Ding wiederfinden, wenn's auch nur waͤre um es ſeinem rechten Ei⸗ genthuͤmer zu bringen, und das waͤre ſoviel als die beiden Enden von was ich eine lange Spur nenne zuſammen zu bringen, denn jetzt mag wohl ſchon der breite Sanct Lorenzo oder vielleicht gar die großen Seen zwiſchen uns liegen.“— „Um ſo mehr haben wir Urſache unſern Marſch nicht laͤnger aufzuſchieben,“ erwiederte Heyward;„laſſt uns aufbrechen.“ „Junges Blut und heißes Blut, ſagt man, iſt ziemlich daſſelbe Ding. Wir ſind aber nicht ausgegangen um bloß ein Eichhoͤrnchen zu jagen oder ein Stuͤck Wild in den Horican zu treiben, ſondern um Tage und Naͤchte unter freiem Him⸗ mel zu liegen und durch Wildniſſe zu ziehen, die ein menſchlicher Fuß nur ſelten betritt und durch die alle eure Buͤcherweisheit euch nicht ungefaͤhrdet durchbringen kann. Ein Indianer unternimmt niemals einen ſolchen Zug ohne nicht vorher eine Pfeife am Berathungsfeuer geraucht zu haben und obwohl ich ein Mann von weißem Blut⸗ 232 bin, ſo ehre ich doch in dieſem Punkte ihre Ge⸗ braͤuche, da ich finde daß ſie uͤberlegt und weiſe ſind. Wir wollen alſo zuruͤckgehn und uns fuͤr heute Nacht in den Ruinen des alten Forts ein Feuer anmachen, ſo werden wir morgen fruͤh friſch und geſtaͤrkt ſein, und unſer Werk wie Maͤnner und nicht wie plappernde Weiber oder ungeſtuͤme Knaben beginnen koͤnnen. An der Art und Weiſe des Kundſchafters ſah Heyward ſogleich, daß alle Gegenreden fruchtlos ſein wuͤrden. Munro war wieder in jene Art von Gefuͤhlloſigkeit verſunken, die ſich ſeiner ſeit ſei— nen letzten niederſchlagenden Unfaͤllen bemaͤchtigt hatte, und aus welcher ihn augenſcheinlich nur irgend ein neues und beſonderes Ereigniß reißen konnte. Der junge Mann ſah ſich daher genoͤthigt aus der Noth eine Tugend zu machen, nahm den Veteran beim Arm und folgte mit ihm den In⸗ dianern und dem Kundſchafter, welche ſich bereits aufgemacht hatten um auf dem Wege, auf welchem ſie gekommen waren, nach der Ebene zuruͤckzu⸗ kehren. 2