von Eduard Okkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih-, und Seſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uyr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines jedem Tag 5 Pf. bezahlt. 3 den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen m eines Buches, eine dem Werthe deſſel hinterlegen, welche bei deſſen Zurückg wird. 4. Abonnement. beträgt: 1 für wöchentlich auf 1 Monat: 11 nes geliehenen Buches wird von Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ lüſſen, bei Entge ben entſprchend abe von mir zur gennahme e Summe ückerſtatret Deſſſelbe muß voraus bezahlt werden und 2 Bücher: 4 Bücher: — 5. 1 Mk. 2 1 Mr. 50 Ff. 5„„ t 5— 82 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurüc der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfer — Iſt das zerriſſene, Ladenpreis erſetzt werden t lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausſeihezeit. Dieſelbe iſt auf h Tage fe beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß d der Bücher nicht ſtattfinden varf, indem Die ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſteher 8———= 6 Bücher: — — Pf. 2 Mk.— Pf. 4„—, kfendung u ſorgen. verlorene und n ꝛc.) muß der beſchmutzte, ver⸗ ſtgeſetzt und wird as Weiterverleihen jenigen, welche die⸗ n haben. SS;— — 9— & Der Letzte der Mohicans. 8 Eine Erzaͤhlung aus dem Jahre 1757. Von C. ooper, Verfaſſer des Spions, der Piloten u. a. W. „Verachte nicht, der dunklen Farbe wegen, Mich tief Gebräunten von der Sonne Strahl.“ Indrei Theilen. Erſter Theil. Braunſchweig, Druck und Darier von Fr. Bieweg und Sohn in Braunſchwetg⸗ . 4 Vorrede. Der Leſer, welcher dies Buch in der Erwartung aufſchlaͤgt, darin ein erdichtetes romantiſches Ge⸗ maͤlde von Begebenheiten zu finden, die ſich nie wirklich zutrugen, wird es wahrſcheinlich unbefrie⸗ digt aus der Hand legen. Dies Werk iſt genau ur das, was ſein Titelblatt ankuͤndigt— eine Eesihlung Da es indeſſen von Dingen handelt, die nicht als allg'mein bekannt vorausgeſetzt wer⸗ den koͤnnen, beſonders bei dem mehr in den Re⸗ gionen der Phantaſie ſchwebenden Geſchlechte, von dem vielleicht einige in dem Glauben, daß dies Buch nur eine Dichtung ſei, es zu leſen ſich ver⸗ ſucht fuͤhlen moͤchten, ſo muß dem Verfaſſer ſehr daran gelegen ſein, einige Dunkelheiten der darin emihäktenen geſchichtlichen Beichungen 8 3 klen. Pflicht zu entledigen, als die bittern Erfahrungen, welche er in dieſer Hinſicht ſchon ſo oft gemacht hat, ihm gezeigt haben, daß, wie unwiſſend auch immer das Publikum in irgend einer Sache ſei, ehe ſie ſeiner Beurtheilung unterworfen wurde, doch in dem Augenblicke, wo ſie vor dieſen furcht⸗ baren Richterſtuhl tritt, ſowohl Alle als jeder Einzelne— er moͤchte beinahe ſagen, wie durch eine Art von Eingebung— mehr davon wiſſen und kennen, als der ſelbſt, der ſie zuerſt auffand und ans Licht brachte; und daß es dennoch, in gradem Widerſpruche mit dieſer unbeſtrittenen Thatſache fuͤr den, der ein Werk ſchreibt oder den Entwurf dazu macht, ein ſehr miſſliches und un⸗ ſicheres Ding ſein duͤrfte, ſich hierin auf die Er⸗ findungskraft irgend Jemandes zu verlaſſen, außer auf ſeine eigene. Dieſerhalb muß nichts, was deutlich erklaͤrt werden kann, in Dunkel gehuͤllt bleiben. Eine ſolche Art zu ſchreiben wuͤrde nur den Leſern zum beſondern Vergnuͤgen gereichen, die ſonderbarerweiſe mehr Wohlgefallen daran fin⸗ den, ihre Zeit zu verlieren, um Buͤcher zu machen, — — 5 als ihr Geld auszugeben, um welche zu kaufen. Mit dieſer vorlaͤufigen Erklaͤrung der Urſache, warum er ſo viele unverſtaͤndliche Worte ſchon an der ſo eben betretenen Schwelle ſeiner Unterneh⸗ mung zum Vorſchein bringt, faͤngt nunmehr der Verfaſſer ſeine Aufgabe an. Natuͤrlich ſoll nichts, oder braucht nichts angefuͤhrt zu werden, womit ir⸗ gend Jemand, der auch nur im geringſten mit den indianiſchen Alterthuͤmern bekannt waͤre, nicht ſchon vertraut iſt. Die groͤßte Schwierigkeit, womit jeder, der die indianiſche Geſchichte zum Gegenſtande ſeines Studiums macht, zu kaͤmpfen hat, iſt die gaͤnz⸗ liche Verwirrung, die in den Namen herrſcht. Erwaͤgt man aber, daß Hollaͤnder, Englaͤnder und Franzoſen, Einer wie der Andere, in dieſem Punkte ſich der Freiheit des Eroberers bedienten; daß die Eingebornen ſelbſt nicht allein verſchiedene Sprachen, und ſogar verſchiedene Dialekte dieſer Sprachen reden, ſondern auch außerdem noch ſehr gern ihre Benennungen vervielfaͤltigen, ſo iſt dieſe Schwierigkeit wohl noch mehr ein Gegenſtand des Bedauerns, als der Verwunderung. Indeß hofft man, daß, welche andere Maͤngel auch immer auf den folgenden Blaͤttern enthalten ſein moͤchten, 5 doch die etwaige Dunkelheit darin nur dieſem wahren Umſtande zugeſchrieben werden wird. Die Europaͤer fanden die ungeheure Strecke, welche zwiſchen dem Penobſcot und dem Potamac, dem Atlantiſchen Meere und dem Miſſiſippi liegt,— in dem Beſitze eines Volkes, welches ein und den⸗ ſelben Urſprung hatte. An einem oder zwei Punk⸗ ten dieſes ungeheuren Landſtrichs moͤgen vielleicht die Graͤnzen ſich etwas mehr ausgedehnt haben, oder von den benachbarten Voͤlkern beſchraͤnkt wor⸗ —— —— . —e den ſein; im Allgemeinen aber war dies die wirk⸗ liche Ausdehnung ihres Landes. Der urſpruͤng⸗ liche Geſchlechtsname dieſes Volkes war„Wapa⸗ nachki“. Gern aber nannten ſie ſich ſelbſt„Lenni Lenappe“, welcher Name ein„unvermiſchtes Volk“ bedeutet. Bei weitem uͤberſteigen wuͤrde es des Verfaſſers Kenntniſſe, auch nur die Haͤlfte der Gemeinden oder Staͤmme aufzuzaͤhlen, in die dieſes Volk ſich wieder unter ſich abtheilte. Jeder —— —— ——— — Stamm hatte ſeinen eigenen Namen, ſeine Haͤup⸗ ter, ſeine Jagd⸗Reviere und haͤufig auch ſeinen ei⸗ genen Dialekt. Gleich den Feudal⸗Fuͤrſten der alten Welt, fuͤhrten ſie Kriege unter ſich und uͤbten faſt alle die anderen Privilegien einer un⸗ beſchraͤnkten Herrſchaft aus. Demohnerachtet be⸗ wahrten ſie ſaͤmmtlich die Anſpruͤche auf eine ge⸗ meinſchaftliche Abſtammung, eine aͤhnliche Spra⸗ che, und das gegenſeitige moraliſche Intereſſe, das ſo treulich und wunderbar durch ihre Traditionen erhalten wurde. Ein Stamm dieſes zahlreichen Volkes hatte ſeinen Wohnſitz an einem reizenden Fluſſe, der damals unter dem Namen„Lenape⸗ wihittuck“ bekannt war, und wo das(long-house) „lange Haus“ oder das große Verſammlungs⸗ Feuer der Nation in Folge einer allgemeinen Uebereinkunft ſich befand. Der Stamm, welcher damals die Gegend, welche jetzt den ſuͤd⸗weſtlichen Theil von Neu⸗Eng⸗ land, und den oͤſtlich vom Hudſon liegenden Theil von Neu⸗York ausmacht, ſo wie ſelbſt den noch viel weiter nach Suͤden gelegenen Landſtrich beſaß, war ein maͤchtiges Volk, die Mohicanni, oder noch gewoͤhnlicher die Mohicans genannt. Dieſes letz⸗ tere Wort iſt ſeitdem von den Englaͤndern in „Mohegan“ verunſtaltet worden. Die Mohicans waren zwar wieder unter ſich in kleinere Staͤmme abgetheilt; als Abkoͤmmlinge eines und deſſelben groͤßeren Stammes machten ſie aber insgeſammt ihren Nachbaren, welche das„lange Haus“ beſaßen, ſelbſt noch den Vor⸗ zug der aͤlteren Abkunft ſtreitig; der Anſpruch je⸗ doch, der„aͤlteſte Sohn” ihres Großvaters“ zu ſein, ward ihnen freiwillig eingeraͤumt. Natuͤrlich war dieſe Gegend die erſte, wo die Urbewohner von den Weißen verdraͤngt wurden. Die Wenigen, welche jetzt noch exiſtiren, leben meiſt zerſtkeut unter andern Staͤmmen, und es ſind ihnen keine andere Ueberbleibſel ihrer fruͤheren Macht und Groͤße geblieben, als die traurigen Erinnerungen daran. Der Summ, welcher die heiligen Umge⸗ bungen des Verſammlungshauſes bewachte, war Jahrhunderte lang durch den ſchmeichelhaften ———— — maͤchtigſten und kriegeriſchſten Staͤmme derſelden, 5 Namen der„Lenape“ ausgezeichnet, doch ſeitdem die Englaͤnder den Namen ihres Fluſſes in De⸗ laware“ umaͤnderten, ſo blieben ſie nach und nach unter dieſem Namen bekannt. In dem Gebrauche dieſer verſchiedenen Benennungen aber wurde eine ſehr ſorgfaͤltige, verſtaͤndige Unterſcheidung unter dieſen Eingebornen wahrgenommen. Dieſe Schat⸗ ten von ehemaligen Namen miſchen ſich noch jetzt in ihre Sprache, ſind in alle ihre wechſelſeitigen Mittheilungen gelegentlich verflochten und geben oft ihrer Beredſamkeit einen Anſtrich von Erha⸗ benheit und Kraft. 3 Mehrere hundert Meilen laͤngs der noͤrdlichen Graͤnzen der Lenape, wohnte ein anderes Volk, das jenem in Hinſicht ſeiner Unterabtheilungen, ſeiner Abkunft und Sprache, aͤhnlich geſtaltet war. Es wurde von ſeinen Nachbaren die„Mengwe“ genannt. Dieſe noͤrdlichen Wilden waren jedoch eine Zeitlang weniger maͤchtig und weniger unter einander verbunden, als die Lenape. Um nun dieſem Nachtheile abzuhelfen, ſchloſſen fuͤnf der deren Wohnſitze dem Verſammlungshauſe ihrer Feinde am naͤchſten ſich befanden, ein gegenſeitiges Schutz⸗ und Trutzbuͤndniß; ſo daß dieſe in Wahr⸗ heit die aͤlteſten vereinigten Republiken ſind, von denen die Geſchichte Nord⸗Amerika's ein Zeugniß aufſtellt. Dieſe Staͤmme waren die Mohapks, die Oneidas, die Senecas, die Cayugas und die Onondegas. Spaͤterhin wurde noch ein herumir⸗ render Theil ihres Hauptſtammes, welcher„der Sonne naͤher gezogen war“, zuruͤckgerufen und ihm bei Aufnahme in ihren Bund zugeſtanden, alle ihre politiſchen Rechte mit ihnen zu theilen. Dieſer Stamm(die Tuscarora) vermehrte ſich ſo bedeutend, daß die Englaͤnder, welche jenem Bunde bisher den Namen„die fuͤnf Nationen“ ge⸗ geben hatten, ihn nun„die ſechs Nationen“ nannten. Im Laufe der folgenden Erzaͤhlung wird man uͤbrigens finden, daß das Wort Nation manch⸗ mal nur auf eine Gemeinde, manchmal aber auf ein ganzes Volk in ſeinem weiteſten Umfange ange⸗ wandt wird. Die Mengwe wurden oft von ihren indianiſchen Nachbaren„Maquas“ genannt, haͤufig — 1 —,— auch im veraͤchtlichen Sinne„Mingoes“. Die Franzoſen gaben ihnen den Namen„Irokeſen“, welches wahrſcheinlich nur eine Verunſtaltung ei⸗ nes aus ihrer eigenen Sprache genommenen Wortes iſt. Eine auf Thatſachen beruhende, die Theilneh⸗ mer aber verunglimpfende Erzaͤhlung giebt uns von den Kunſtgriffen Nachricht, durch welche es den Hollaͤndern einerſeits, und den Mengwe's an⸗ drerſeits, gelang, die Lenape's zu uͤberreden, ihre Waffen nieder zu legen, ihre Vertheidigung gaͤnzlich den Letzteren zu uͤberlaſſen und, nach der bildlichen Sprache der Eingebornen,„Weiber“ zu werden. Die Politik von Seiten der Hollaͤnder war, wie großmuͤthig ſie auch immerhin geweſen ſein mag, doch nur auf Sicherheit berechnet. Dieſen Zeitpunkt kann man aber als den Anfang des Verfalls und Untergangs der groͤßten und civili⸗ ſirteſten der indianiſchen Nationen, die innerhalb der jetzigen Graͤnzen der Nord⸗Amerikaniſchen Freiſtaaten ihren Wohnſitz hatten, anſehen. Von den Weißen ihres Landes beraubt, von den Wil⸗ den gemordet und unterdruͤckt, lebten ſie noch eine Zeitlang kuͤmmerlich in der Naͤhe ihres Verſamm⸗ lungs⸗Feuers, bis ſie endlich in kleinen Haufen abzogen und in den weſtlichen Wildniſſen eine Zuflucht ſuchten. Gleich dem Flaͤmmchen der er⸗ loͤſchenden Lampe, leuchtete ihr Ruhm grade dann am hellſten, als ſie ihrem Untergange am naͤchſten waren. Viel mehr koͤnnte von dieſem merkwuͤrdigen Volke, beſonders aus ſeiner ſpaͤtern Geſchichte er⸗ zaͤhlt werden; man glaubt jedoch, daß es ohne we⸗ ſentlichen Nutzen fuͤr den Zweck des vorliegenden Buches ſein wuͤrde. Mit dem Tode des frommen, ehrwuͤrdigen und erfahrenen Heckewelder iſt ein Schatz von Kenntniſſen in dieſer Hinſicht verlo⸗ ren gegangen, welcher, wie man fuͤrchtet, nie wie⸗ der in einem Individuum ſo aufgehaͤuft wer⸗ den kann. Er arbeitete lange und angeſtrengt nur zum Beſten jener Geſchoͤpfe, und zwar nicht ſowohl um ihren guten Namen und Ruf zu recht⸗ fertigen, als vielmehr um ihren moraliſchen Zu⸗ ſtand zu verbeſſern. — 13 Mit dieſer kurzen Einleitung zu ſeinem Ge⸗ genſtande uͤbergibt der Verfaſſer ſein Buch nun⸗ mehr dem Leſer. Seine Aufrichtigkeit, wo nicht vielleicht ſelbſt die Gerechtigkeit, ſcheint ihm indeß zugleich die Pflicht aufzulegen, hiemit ſeinerſeits folgende Erklaͤrung zu geben: er raͤth naͤmlich al⸗ len jungen Damen, deren Welt fuͤr gewoͤhnlich nur durch die vier Waͤnde eines traulichen Ge⸗ ſellſchaftszimmers begraͤnzt wird, ferner allen ein⸗ zelnen Herren, die ſchon ein gewiſſes Alter erreicht haben und ſich vor kalten Winden in Acht neh⸗ men muͤſſen; und endlich ſaͤmmtlichen Geiſtlichen, wenn ſie bereits dieſes Buch, mit dem Vorſatze, es zu leſen, in die Haͤnde genommen haben ſollten, ihr Vorhaben aufzugeben. Den jungen Damen gibt er dieſen Rath, weil dieſe, wenn ſie dieſes Buch leſen ſollten, es gewiß ihr Gefuͤhl verletzend nennen; den Junggeſellen, weil ſie unruhige Naͤchte dadurch haben moͤchten, und den ehrwuͤr⸗ digen Geiſtlichen, weil ſie ihre Zeit wohl zu etwas Beſſerem anwenden koͤnnen. reichs. Der kuͤhne Koloniſt und der an ſeine Erſtes Kapitel. Mein Herz iſt offen und mein Herz gefaſſt; Das Schrecklichſte, was Du mir kannſt perichten, Iſt doch nur eitler, ſchnöder Erdengüter Verluſt!— Sprich— ſage, iſt mein Reich verloren? Shakſpeare. Es war eine Eigenthüͤmlichkeit der in den Co⸗ lonien Nord⸗Amerika's gefuͤhrten Kriege, daß un⸗ zaͤhlige Beſchwerden und Gefahren der Wildniſſe erſt uͤberwunden ſein wollten, ehe die feindlichen Parteien im moͤrderiſchen Kampfe ſich erreichten. Ein breiter, mit Waͤldern bedeckter, und dem An⸗ ſchein nach undurchdringlicher Landſtrich trennte 1 die feindlichen Provinzen Englands und Frank⸗ Seite fechtende, mit dem Kriege vertraute Eur paͤer, brachte oft Monate, gegen reißende Stroͤn kaͤmpfend oder ſich einen Pfad uͤber rauhe G birge bahnend, zu, um eine Gelegenheit zu erſpe hen, ihren Muth in einem mehr kriegeriſche Kampfe zu bewaͤhren. Mit den erfahrenen einge bornen Kriegern aber in Ausdauer und Selbſt verlaͤugnung wetteifernd, lernten ſie jede Schwie rigkeit uͤberwinden, und bald ſchien es ſogar, da kein Verſteck in den Waͤldern zu dunkel, kein heimlicher Schlupfwinkel zu verborgen war, wohin nicht jene gedrungen waͤren, welche Leib und Le⸗ ben verpfaͤndet hatten, ihre Rache zu ſaͤttigen, oder die kalte und ſelbſtſuͤchtige Politik der fernen Monarchen Europa's aufrecht zu erhalten. Vielleicht kann kein Diſtrikt innerhalb der weitlaͤuftigen Graͤnzen jenes Landſtrichs ein leben⸗ digeres Bild der Grauſamkeit und Wildheit der rohen Kriegsfuͤhrung der damaligen Zeit liefern, als die Gegend, welche zwiſchen dem Hauptſtrome des Hudſons und den benachbarten Seeen liegt. Die Vortheile, welche die Natur dort den * Maͤrſchen der kriegfuͤhrenden Parteien darbietet, roͤn waren zu in die Augen fallend, um außer Acht G gelaſſen zu werden. Der langgedehnte Spiegel rſp des Champlain⸗Sees erſtreckt ſich von den Graͤn⸗ che zen Canada's bis weit hinein in die benachbarte nge 1 Provinz Neu⸗York und bildet ſo eine natuͤrliche 4 Ibö Verbindung fuͤr die halbe Breite des Landſtrichs,. wie von dem die Franzoſen Meiſter ſein muſſten, wenn ſie ihre Feinde im Zaum halten wollten.. Nahe an ſeinem ſuͤdlichen Ende ſteht er mit ei⸗ nem andern See in Verbindung, deſſen Waſſer ſo klar iſt, daß es vorzugsweiſe von den jeſuiti⸗ ſchen Miſſionairs auserſehen wurde, die bildliche Reinigung der Taufe damit zu verrichten, und dieſerhalb die eigenthuͤmliche Benennung des„hei⸗ ligen Sacraments“(Saint-Sacrément) erhielt. Die weniger eifrigen Englaͤnder dachten aber ſei⸗ nem ungetruͤbten Gewaͤſſer eine hinreichende Ehre zu erzeigen, wenn ſie ihm den Namen ihres zwei⸗ ten regierenden Fuͤrſten aus dem Hauſe Hann ver beilegten. Beide aber vereinten ſich, die ſchut ſen Beſitzer der daran gelegenen Bererichen Wald 18 gegenden ihres natuͤrlichen Rechts, die Urbenen⸗ nung deſſelben„Horikan“ auf ewige Zeiten fort⸗ zupflanzen, zu berauben. Zwiſchen zahlloſen Inſeln ſich hindurchwin⸗ dend und von bergigten Ufern eingeſchloſſen, er⸗ ſtreckt ſich der„heilige See“ noch ein Dutzend Meilen weiter nach Suͤden. Mit der Hoch⸗Ebene, welche ſich dort dem weitern Vordringen des Waſ⸗ ſers entgegenſtellt, beginnt ein eben ſo viele(eng⸗ liſche) Meilen langer Nuͤcken, welcher die Ent⸗ decker an die Geſtade des Hudſon, und zwar grade an eine Stelle fuͤhrte, wo dieſer Fluß zwar mit den gewoͤhnlichen Hinderniſſen der reißenden Stroͤme, damals in der Landesſprache„rifts“ genannt, angefuͤllt, zur Zeit der Fluth aber ſchiffbar iſt. Da nun, im Verfolg ihrer kuͤhnen Zerſtoͤ⸗ rungs⸗Plaͤne, der raſtloſe Unternehmungsgeiſt der Franzoſen bis ſelbſt in die fernen und unwegſa⸗ men Schluchten der Alleghany⸗Gebirge zu dringeen verſuchte, ſo iſt leicht zu begreifen, daß ihr ſprich⸗ woͤrtlich gewordener Scharfſinn nicht die natuͤrli⸗ chen Vortheile uͤberſehen konnte, welche ihnen das ſo eben beſchriebene Terrain darbot. Es wurde daher im vollſten Sinne des Worts der blutige Kampfplatz, auf welchem die meiſten Hauptſchlach⸗ ten um die Herrſchaft der Kolonieen geſchlagen wurden. Forts wurden an den verſchiedenen Stellen, welche die beſten Paͤſſe beherrſchten, an⸗ gelegt, wurden genommen und wiedergenommen, geſchleift und wieder aufgebaut, je nachdem der Sieg laͤchelte oder die Nothwendigkeit gebot. Waͤh⸗ rend der Landmann ſich aus der Umgegend dieſer gefaͤhrlichen Paͤſſe in die ſicheren Graͤnzen der aͤl⸗ teren Anſiedelungen zuruͤckzog, ſah man Armeen, ſtaͤrker als jene, die oft das Loos der Throne des Mutterlandes entſchieden hatten, ſich in dieſe dich⸗ ten Waͤlder begraben, aus denen ſie ſtets nur in kleinen ſchwachen Haufen, durch Strapazen entkraͤftet, durch Niederlagen entmuthiget, zuruͤck⸗ kehrten. Obgleich die Kuͤnſte des Friedens dieſer un⸗ 8 4 gluͤcklichen Gegend unbekannt blieben, ſo waren doch ihre Waͤlder mit Menſchen bevoͤlkert; die lichteren Stellen und Thaͤler ertoͤnten von krie 2* brittaniens von der ſtolzen Hoͤhe, worauf ſie worden war, herabſinken laſſen. Nicht laͤnger von geriſcher Muſik, und die Echos der Berge erwie⸗ derten die froͤhlichen Ausbruͤche der Freude, und das muthwillige Geſchrei manches muthigen und ſorgloſen Juͤnglings, der in dem gluͤcklichen Alter der jugendlichen Begeiſterung an ihnen voruͤber⸗ flog, um in die lange Nacht der Vergeſſenheit hinuͤber zu ſchlummern. In dieſer Zeit des Kampfes und Blutvergie⸗ ßens fanden die Begebenheiten ſtatt, welche wir nun zu erzaͤhlen verſuchen wollen, und im Laufe des dritten Jahres des Krieges ſich ereigneten, wel⸗ chen Frankreich und England um den Beſitz einer Gegend fuͤhrten, die gluͤcklicherweiſe beſtimmt war, keiner von beiden Maͤchten anzugehoͤren. Die Schwaͤche und Unvermoͤgenheit ſeiner nach dem Auslande geſchickten Feldherren, ſo wie der Verderben bringende Mangel an Energie in — dem Rathe im Innern, hatten die Wuͤrde Groß⸗ durch die Talente und den lneeehmungeet. ihrer fruͤheren Krieger und Diplomaten gehoben 3 — 21 ſeinen Feinden gefuͤrchtet, verloren ſeine Diener 5 auch ſchnell das ſo heilſame nur auf das Bewuſſt⸗ ſein eigner Kraft gegruͤndete Vertrauen. Und ob⸗ gleich die Koloniſten keinen Theil der Schuld an jener Schwaͤche trugen, und auf einer zu niedri⸗ gen Stufe ſtanden, um bei jenen Fehlgriffen thaͤ⸗ tig mitwirken zu koͤnnen, ſo wurden ſie doch die natuͤrlichen Theilnehmer dieſer demuͤthigenden Er⸗ niedrigung. Noch kuͤrzlich erſt hatten ſie geſehen, wie eine auserleſene Armee aus jenem von ihnen wie eine Mutter verehrten Lande, das ſie ſo herz⸗ lich gern fuͤr unuͤberwindlich gehalten haͤtten,— eine Armee, von einem Heerfuͤhrer geleitet, der aus einer großen Anzahl von erfahrnen Kriegern, ſeiner ſeltenen militairiſchen Talente wegen, beſonders dazu auserkoren wurde, durch eine Handvoll Franzoſen und Indianer eine ſchimpfliche Niederlage erlitten hatte, und nur ihre Rettung von gaͤnzlicher Ver⸗ nichtung der Kaltbluͤtigkeit und Geiſtesgegenwart eines virginiſchen Knabens verdankte, deſſen ſich immer hoͤher hebender Ruhm ſeitdem, durch die ſtets fortſchreitende und feſter begruͤndete Aner⸗ kennung der moraliſchen Wahrheiten, bis an die aͤußerſten Graͤnzen des Chriſtenthums ſich verbrei⸗ tet hat. Eine lange Graͤnzlinie war durch dieſes un⸗ erwartete Miſſgeſchick bloß gegeben, und die furcht⸗ ſame Einbildungskraft malte ſchon Tauſende von Gefahren den Gemuͤthern vor, ehe noch die we⸗ ſentlichen uͤbeln Folgen davon wirklich eintraten. Die beunruhigten Koloniſten glaubten ſchon das Geheul der Wilden in jedem ploͤtzlichen Windſtoß zu hoͤren, der aus den endloſen weſtlichen Waͤl⸗ dern zu ihnen hinuͤber drang. Der Gedanke an den grauſamen Charakter ihrer unbarmherzigen Feinde ſteigerte Furcht und Schrecken, die jeder Krieg ſchon ſeiner Natur nach mit ſich fuͤhrt, bis zum hoͤchſten Grade. Zahlloſe noch friſche Mord⸗ ſcenen ſchwebten lebendig in ihrer Erinnerung; und in allen Provinzen war kein Ohr zu taub, um nicht begierig die Erzaͤhlung von irgend einer furchtbaren mitternaͤchtlichen Mordthat einzuſau⸗ gen, in welcher die in den Waͤldern hauſenden Eingebornen die vorzuͤglichſten und grauſamſten Rollen geſpielt hatten. Wenn der leichtglaͤubige und aufgeregte Wanderer von den Gefahren und Schreckniſſen der Wildniß erzaͤhlte, ſtockte den Furchtſamen das Blut in den Adern, und ſelbſt in den mehr Sicherheit gewaͤhrenden groͤßeren Staͤdten blickten die Muͤtter nur angſtvoll auf ihre Kinder. Kurz, der maͤchtige Einfluß der die Gefahr vergroͤßernden Furcht fing an, alle Ver⸗ nunftgruͤnde zu uͤbertaͤuben, und ſelbſt diejenigen, welche ihrer Mannheit haͤtten eingedenk ſein ſol⸗ len, zu Sklaven der niedrigſten aller Leidenſchaf⸗ ten zu machen. Die Zuverſichtlichſten und Er⸗ fahrenſten ſogar fingen an, den Ausgang dieſes Kampfes fuͤr zweifelhaft zu halten, und ſtuͤndlich wuchs die Anzahl jener Niedertraͤchtigen, welche ſchon alle Beſitzungen der engliſchen Krone in Amerika von ihren chriſtlichen Feinden erobert oder durch die Einfaͤlle ihrer unbarmherzigen Feinde verwuͤſtet ſahen. Als daher in dem Fort, welches das ſuͤdliche Ende des Hoͤhenzugs zwiſchen dem Hudſon und den Seen deckte, die Nachricht einlief, daß Mont⸗ 24 calm mit einer Armee„zahlreich wie die Blaͤtter an den Baͤumen“ am Champlain vorruͤcke, ſo wurde ſolche mehr mit dem furchtſa⸗ mmen Widerwillen, den friedliche Beſchaͤftigungen treibende Leute immer bei Annaͤherung einer Ar⸗ mee empfinden, als mit der ernſten Freude aufge⸗ nommen, welche den Krjeger erfuͤllt, wenn er end⸗ lich einen Feind mit ſeinen Streichen zu errei⸗ b chen vermag. Dieſe Neuigkeit war gegen das Ende eines ſchoͤnen Sommertages durch einen indianiſchen Laͤufer bekannt geworden, der zugleich ein dringendes Geſuch von Munro, welcher in dem am Ufer des„heiligen Sees“ gelegenen Werke kommandirte, um baldige und zahlreiche 1 Verſtaͤrkung uͤberbrachte. Es iſt ſchon fruͤher er⸗ waͤhnt worden, daß die Entfernung dieſer beiden Poſten nicht ganz zehn Stunden betrug. Der rauhe Pfad, welcher fruͤherhin ihre Ver⸗ bindungslinie bildete, war fuͤr Wagen fahrbar ge⸗ macht worden, ſo daß nun dieſer Weg, welcher von dem Sohne des Waldes in zwei Stunden durchlaufen wurde, von Truppen und ihrer zuge⸗ * 4 5 25 hoͤrigen Bagage zwiſchen dem Sonnen⸗ Auf⸗ und Untergange eines Sommertages bequem zuruͤckge⸗ legt werden konnte. Die getreuen Diener der engliſchen Krone hatten einer dieſer Waldbefeſti⸗ gungen den Namen William Henry, der an⸗ 4 dern Fort Eduard gegeben; beides Namen, welche 61 Lieblingsprinzen ihres regierenden Hauſes trugen. Das erſtere hielt der ſo eben genannte ſchottiſche Veteran mit einem Regiment regulairer Trup⸗ pen und einigen Provinzial⸗Soldaten beſetzt, eine wahrlich zu geringe Beſatzung, um ſich gegen die anſehnliche Macht, die Montcalm gegen ſeine Waͤlle fuͤhrte, zu halten; in dem letztern aber lag General Webb, welcher die koͤniglichen Tr uppen in den noͤrdlichen Provinzen kommandirte, mit einem Corps von mehr als fuͤnftauſend Mann. Haͤtte dieſer Officier die verſchiedenen von ſeinem Corps entſendeten Truppen⸗Abtheilungen eingezo⸗ gen, ſo moͤchte er wohl leicht dem unternehmen⸗ den Franzoſen, der ſich mit einer nur wenig ſtaͤr⸗ kern Armee ſo weit von ſeinen Reſerven zu ent⸗ fernen gewagt hatte, die doppelte Anzahl haben entgegenſtellen koͤnnen. Von dem Gefuͤhl ihres geſunkenen Gluͤckes aber niedergedruͤckt ſchienen beide, ſowohl Officiere als Soldaten, es vorzuziehen, ihre furchtbaren Gegner in ihren Verſchanzungen ruhig zu erwar⸗ ten, als ſich ſchon auf dem Marſche ſeinen Fort⸗ ſchritten zu widerſetzen, und, wie die Franzoſen beim Fort du Quesne ihnen ein glaͤnzendes Bei⸗ ſpiel dazu gegeben hatten, ſeinem weitern Vor⸗ dringen durch einen kuͤhnen Angriff Einhalt zu thun. Nachdem die erſte Beſtuͤrzung uͤber dieſe Nach⸗ richt twas nachgelaſſen hatte, durchlief das ver⸗ ſchanzte Lager, welches ſich laͤngs des Ufers des Hudſons hin ausdehnte, und ſo eine Kette von Außenwerken um das Haupt⸗Fort bildete, ein Geruͤcht, daß ein auserleſenes Detaſchement von 1500 Mann mit Tagesanbruch nach dem am noͤrdlichen Ende des Hoͤhenzugs gelegenen Fort William Henry aufbrechen ſollte. Was zuerſt 27 nur ein Geruͤcht war, wurde bald zur Gewiſſheit, indem von dem Oberbefehlshaber an die verſchie⸗ denen Corps, welche er dazu beſtimmt hatte, Be⸗ fehle ergingen, ſich zum ſchnellen Abmarſche bereit zu halten. Alle Zweifel uͤber Webb's Abſichten verſchwanden nun, und in den naͤchſten ein oder zwei Stunden hoͤrte und ſah man nichts als ge⸗ ſchaͤftige Fußtritte und verſtoͤrte Geſichter. Der mit den militairiſchen Angelegenheiten noch un⸗ bekannte Neuling rannte von einem Ort zum andern, und verzoͤgerte ſo ſelbſt durch ſein Ueber⸗ maß von uͤbertriebenem, oft uͤbel angebrachtem Ei⸗ fer die Beendigung ſeiner Vorbereitungen; waͤh⸗ rend der erfahrene Veteran alle ſeine Anordnun⸗ gen mit einer Ueberlegung machte, die jeden An⸗ ſchein von Eile entfernte; obgleich auch ſeine ern⸗ ſten Zuͤge und unruhigen Blicke genugſam verrie⸗ then, daß die Liebe zu ſeinem Handwerke ihn doch nicht ganz gleichguͤltig gegen die(bis jetzt) noch nicht verſuchte und gefuͤrchtete Art des Kriegfuͤh⸗ rens in den Wildniſſen machen koͤnnte. Endlich verſank die Sonne in einem Glanz⸗Meere hinter 28 den weſtlichen Bergen; die Finſterniß breitete ih⸗ ren dunkeln Schleier uͤber dieſen einſamen Platz, und immer ſchwaͤcher wurde das Geraͤuſch der ſich zum Marſche bereitenden Krieger; das letzte Licht verſchwand endlich am Fenſter der Lagerhuͤtte ei⸗ nes Officiers; die Baͤume warfen ihre dunkleren Schatten auf die Waͤlle und den rauſchenden Strom, und bald herrſchte im Lager eine ſo ſchauerliche und tiefe Stille, als in den weiten Waͤldern ringsum. Dem am vorigen Tage gege⸗ benen Befehle zufolge wurde der tiefe Schlaf der Armee durch das Wirbeln der weckenden Trom⸗ meln unterbrochen, deren raſſelndes Echo, gerade als der kommende Tag die zackigen Umriſſe eini⸗ ger nahen, hohen Fichten auf den glaͤnzenden Hintergrund des reinen, wolkenloſen oͤſtlichen Himmels malte, aus jeder Oeffnung des Waldes durch die feuchte Morgenluft heruͤber ertoͤnte. Im Augenblicke war das ganze Lager in Bewe⸗ gung; der gemeinſte Soldat ſprang von ſeinem Lager, um den Abmarſch ſeiner Kameraden zu ſehen, und alle die in dieſer Abſchiedsſtunde ihre Bruſt belebenden Empfindungen mit ihnen zu theilen. Die einfache Aufſtellung der zum Ab⸗ marſche beſtimmten Truppen war bald vollendet. Waͤhrend die regulairen, geuͤbteren Soͤldner des Koͤ⸗ nigs in ſtolzem Uebermuth nach dem rechten Fluͤ⸗ gel der Linie marſchirten, nahmen die anſpruchs⸗ loſen Koloniſten mit einer Folgſamkeit, die lange Gewohnheit ihnen gelaͤufig gemacht hatte, auf dem linken Fluͤgel ihren Platz. Die Vorhut marſchirte ab; ſtarke Bedeckungen gingen vor und hinter den ſchwerfaͤlligen Fahrzeugen, die die Bagage trugen; und ehe noch die graue Morgendaͤmmerung vor den Strahlen der aufgehenden Sonne entwich, ſchwenkte das Hauptcorps ſchon ab, und verließ das Lager mit einer ſo ſtolzen militairiſchen Hal⸗ tung, daß dadurch die aͤngſtlichen Beſorgniſſe, die in der Bruſt manches Rekruten, der hier ſeinem erſten Waffen⸗Verſuche entgegen ging, außzuſtei⸗ gen anfingen, wieder beruhigt wurden. So lange ſie noch von den bewundernden Kameraden geſe⸗ hen werden konnten, behielt Alles dieſelbe geregelte Ordnung und Haltung bei, bis endlich mit der 5 zunehmenden Entfernung die Toͤne ihrer Pfeifen immer mehr verhallten und der Wald die belebte Maſſe, welche langſam in ſeine dunklen Schatten hineinwogte, zu verſchlingen ſchien. * Kein Luftzug wehte mehr einen Ton von der abziehenden unſichtbaren Kolonne dem lauſchenden Dor der Zuruͤckgebliebenen zu, der letzte Nachzuͤg⸗ ler war ſchon in eiliger Folge verſchwunden, aber noch erblickte man vor einer Huͤtte von ungewoͤhn⸗ licher Groͤße und bequemerer Einrichtung, vor wel⸗ cher mehrere Schildwachen auf⸗ und abgingen, die, wie man wuſſte, die Perſon des brittiſchen Feld⸗ herrn bhwachten, alle Anſtalten zu einem nahen Aufbruch. Mehrere Pferde ſtanden hier verſam⸗ melt, von denen wenigſtens zwei, ihrem Sattel⸗ zeuge nach zu urtheilen, beſtimmt zu ſein ſchie⸗ nen, weibliche Reiter, und zwar von einem ſo ho⸗ hen Range, zu tragen, als wohl ſelten noch in dieſen wilden Gegenden geſehen worden waren. Ein drittes trug ein Sattelzeug mit den Abzeichen eines Officiers vom Generalſtabe; der Ueberreſt aber ließ an den einfachen Decken und den dar⸗ 1 — —— —— auf befeſtigten Reiſe⸗Mantelſaͤcken deutlich erken⸗ nen, daß ſie nur fuͤr die Dienerſchaft beſtimmt waren, welche, wie es ſchien, ſchon bereit ſtand, die Befehle und Wuͤnſche ihrer Herrſchaft zu voll⸗ ziehen. In ehrerbietiger Entfernung von dieſem ungewoͤhnlichen Aufzuge hatten ſich mehrere Grup⸗ pen neugieriger Muͤſſiggaͤnger verſammelt, von denen einige die hohe Race und die Reinheit der Knochen der muthigen Streitroſſe bewunderten, andere aber dieſe Reiſe⸗Anſtalten nur mit der ge⸗ dankenloſen Verwunderung einer gemeinen Neu⸗ gierde angafften. Ein Mann machte jedoch un⸗ ter dieſer letztern Klaſſe von Zuſchauern, ſowohl durch ſein Ausſehen als ſein Benehmen, eine auf⸗ fallende Ausnahme, da er weder muͤſſig ſtehen blieb, noch dem Anſchein nach ohne Verſtand war. Die Geſtalt dieſes merkwuͤrdigen Individuums war in hoͤchſtem Grade ſonderbar und linkiſch, ohne daß irgend einer ſeiner Theile an ſich miſſ⸗ geſtaltet geweſen waͤre. Obgleich mit allen Knochen und Gelenken, wie jeder andere Menſch, verſehen, mangelte doch ſeinem Koͤrper alles richtige Eben⸗ 32 maß. Stand er, ſo ragte er uͤber alle die Neben⸗ ſtehenden hervor; ſaß er aber, ſo ſchien er ſelbſt kaum die gewoͤhnliche Groͤße unſers Geſchlechts zu haben. Derſelbe ſchroffe Gegenſtand ſchien auch in allen ſeinen Gliedern vorherrſchend. Sein Kopf war breit, ſeine Schultern waren ſchmal, die Arme lang und baumelnd, ſeine Haͤnde dagegen klein, ja beinahe zierlich; ſeine Beine und Lenden bis zur Abzehrung duͤrr, doch von ausnehmender Laͤnge; ſeine Kniee wuͤrde man ungeheuer genannt haben, waͤren ſie nicht von dem noch breitern Grundgeſtell, auf welchem dieſes unfoͤrmliche Ge⸗ baͤude von menſchlichen Gebeinen auf eine ſo wi⸗ drige und ordnungsloſe Weiſe aufgerichtet war, uͤbertroffen worden. Der uͤbel gewaͤhlte und un⸗ kluge Anzug dieſes Mannes diente nur dazu, ſein linkiſches Weſen noch mehr hervorzuheben; ein himmelblauer Rock, mit kurzen, breiten Schoͤßen und niedrigem Kragen ließ einen langen, duͤnnen Hals und noch laͤngere, duͤnnere Beine ſehen, die einem Boshaften Stoff genug zu den ſchlimmſten Anmerkungen haͤtten geben koͤnnen. Seine Bein⸗ kleider waren von gelbem Nanking, eng anſchlie⸗ ßend, und unterhalb der maͤchtigen Kniee mit gro⸗ ßen weißen Bandſchleifen, die vom langen Gebrauch ziemlich ſchmutzig waren, zugebunden. Bunte baumwollene Struͤmpfe, und Schuhe, an deren einem ein plattirter Sporn befindlich, vollendeten den untern Anzug dieſer Geſtalt, an welcher kein Hoͤcker oder keine vorſpringende Ecke verſteckt, ſondern vielmehr, ſei es nun aus Eitelkeit oder Einfalt des Mannes, recht gefliſſentlich zur Schau gelegt war. Unter dem ungeheuren Schooße einer ſchmutzigen geſtickten ſeidenen Weſte, die mit verblichenen Sil⸗ berborten reich beſetzt war, ragte ein Inſtrument hervor, das man, in ſo kriegeriſcher Geſellſchaft ge⸗ ſehen, wohl irrigerweiſe leicht fuͤr eine unheilbrin⸗ gende und unbekannte kriegeriſche Waffe haͤtte neh⸗ men koͤnnen. So klein als es war, ſo hatte die⸗ ſes ungewoͤhnliche Werkzeug doch im Lager die Aufmerkſamkeit der meiſten Europaͤer auf ſich ge⸗ zogen, obgleich es ſchon bei mehreren Eingebornen geſehen worden war, die es nicht nur ohne Furcht handhabten, ſondern ſogar mit deſſen Gebrauche 34 ganz vertraut waren. Ein großer aufgeſtutzter Hut, wie ihn in den letzten dreißig Jahren die Geiſtli⸗ chen trugen, kroͤnte das Ganze, und theilte zugleich einem gutmuͤthigen, aber etwas nichts ſagenden Geſichte, das ganz augenſcheinlich ſolcher kuͤnſtlichen Huͤlfsmittel bedurfte, um den ſeierlichen Ausdruck eines gewiſſen hohen und außerordentlichen Selbſt⸗ vertrauens zu erhalten,— einen Anſtrich von Wuͤrde mit. Indeſſen der gemeine Haufen aus Achtung vor dem geheiligten Bezirke um Webb's Quartier in angemeſſener Entfernung von den Reiſefertigen ſtehen blieb, trat die ſo eben beſchriebene Figur mit ſtolzen Schritten mitten zwiſchen die bei den Pferden wartenden Diener, und ſprach ſeinen Tadel oder ſein Lob uͤber die Fehler oder guten Eigenſchaften dieſer letzteren, je nachdem ſie ihm mißfielen, oder nach ſeinem Geſchmack waren, ganz frei heraus 2 „Ich moͤchte wohl ſagen, mein Freund, daß dies Thier hier nicht von hieſiger Zucht, ſondern aus einem fremden Lande iſt, oder viebeicht wohl gar von der kleinen Inſel, jenſeits des blauen — 35— Waſſers,“ ſagte er mit einer Stimme, die ſich durch die Weichheit und Annehmlichkeit des Tons eben ſo auszeichnete, als ſeine Geſtalt durch ihre ſonderbare Zuſammenſetzung.„Ich kann wohl, ohne zu prahlen, von ſolchen Dingen ſprechen, denn ich war unten an beiden Haͤfen; naͤmlich an dem, der an der Muͤndung der Themſe liegt und nach der Hauptſtadt von Alt⸗England benannt iſt, und auch an dem, den man den„Hafen“, mit dem Zuſatze„Neu“, nennt; und ich habe da geſehen, wie die Schnauen(zweimaſtige Seeſchiffe) und Brigantinen ihre Viehheerden zuſammentreiben, gra⸗ de als wie es bei dem Verſammeln der Thiere in der Arche zugegangen ſein mag; denn ſie ſollten nach der Inſel Jamaica unter Segel gehn, um dort Tauſch und Handel mit vierfuͤßigem Vieh zu treiben; aber in meinem Leben habe ich noch nicht ein Thier geſehen, das mir ſo deutlich das Schlacht⸗ roß aus der heiligen Schrift zeigt, als dies hier.“— „Es ſcharrt in dem Thal und erfreut ſich ſei⸗ ner Staͤrke; es gehet und ſuchet die bewaffneten Maͤnner; es rufet in den Schall der Trompeten 36 ha! ha! und es riechet die Schlacht ſchon von ferne, die donnernden Stimmen der Anfähi und das wilde Geſchrei!“— „Es ſcheint beinahe, daß die Race aus Iſrael bis auf unſere Zeit gekommen iſt; iſt's nicht ſo, 4 Freund?“ Da keine Antwort auf dieſe ſonderbare An⸗ rede erfolgte, welche, da ſie mit der ganzen Kraft einer vollen und wohlklingenden Stimme geſprochen war, in Wahrheit wohl etwas Aufmerkſamkeit verr: dient haͤtte, ſo wandte der Mann, der in der 4 Sprache der heiligen Schrift geredet, ſeine Augen auf die ſtumme Geſtalt, an welche er abſichtslos ſeine Rede gerichtet hatte, und fand nun in der Figur, die jetzt ſeine Blicke trafen, einen neuen noch anziehenderen Gegenſtand ſeiner Bewunderung.— Seine Augen fielen naͤmlich auf die ruhige, gerade und ernſte Geſtalt des„Indiſchen Laͤufers“; deſ⸗ ſelben, welcher am vergangenen Abend die un⸗ willkommene Nachricht in das Lager gebracht hatte.— Obgleich im Zuſtande der vollkommenſten Ruhe,* und dem Anſchein nach mit charakteriſchem Stoi⸗ zismus das Treiben und den Laͤrmen um ſich her kaum einer Beachtung werth haltend, war doch ein ſo finſterer Grimm in den Zuͤgen des Wilden zu leſen, daß dadurch wohl bei weitem geuͤbtere Au⸗ gen, als die, welche ihn jetzt mit unverhehltem Staunen anſtarrten, gefeſſelt worden waͤren. Der Eingeborne war ſowohl mit dem Tomahawk Streit⸗ axt) als dem Meſſer ſeines Stammes bewaffnet; und dennoch trug ſein Ganzes nicht das Gepraͤge eines Kriegers. Im Gegentheil vielmehr war in ſeinem ganzen Aufzuge eine gewiſſe Nachlaͤſſigkeit und Unordnung ſichtbar, die die Folge großer und eben erſt uͤberſtandener Anſtrengungen zu ſein ſchie⸗ nen, und die er noch nicht Zeit gefunden hatte zu verbeſſern. Die Farben auf ſeinem, nach Krieger Art bemalten, wilden Geſichte hatten ſich halb ver⸗ wiſcht und durch einander gemiſcht, und gaben ſei⸗ nen verbrannten Zuͤgen ein noch wilderes und ab⸗ ſchreckenderes Anſehen, ſo daß ſelbſt die Kunſt nicht im Stande geweſen waͤre, mehr zu leiſten, als was hier der Zufall gethan hatte. Sein Auge allein, das wie ein funkelnder Stern aus finſtern Wolken 38 hervorleuchtete, hatte nur ſeine natuͤrliche Wildheit beibehalten. Nur einen Augenblick lang haftete er ſeinen durchdringenden und doch vorſichtigen Blick auf den ſtaunenden Frager, wandte ihn dann aber 5 wieder theils ſpoͤttiſch, theils veraͤchtlich ab, und richtete ihn ſtarr gegen den Himmel, als wenn er 3 die Luͤfte damit durchbohren wollte. 3 Es iſt ſchwer zu ſagen, welche unerwartete Bemerkungen dieſe kurze und ſtumme Unterhaltung zwiſchen zwei ſo ſonderbaren Menſchen dem langen 4 Weißen entlockt haben wuͤrde, wenn nicht ſeine be⸗ 3 4 wegliche Neugierde wieder von andern Gegenſtaͤn⸗ 8 dern angezogen worden waͤre. Eine allgemeine Bewegung unter den Dienern, und die leiſen Toͤne ſanfter Stimmen kuͤndigten endlich die Annaͤhe- rung der Perſonen an, deren Ankunft nur abge⸗ 3 wartet wurde, um den ganzen Zug in Bewegug ſetzen zu koͤnnen. Der offenherzige Bewunderer des Schlacht⸗ roſſes zog ſich hierauf ſogleich zu einer kleinen, ab: gemagerten langgeſchwaͤnzten Stute zuruͤck, die nicht weit davon in guter Ruhe die falben Gras⸗ blaͤtter im Felde abfraß, und ſah von dort aus⸗ mit dem Elbbogen auf eine Decke geſtuͤtzt, die die Stelle eines Sattels vertrat, der Abreiſe zu, waͤh⸗ rend auf der andern Seite des Thieres ein Fohlen ſich ſein Fruͤhſtuͤck behaglich ſchmecken ließ. Ein junger Mann in engliſcher Uniform fuͤhrte zwei Damen, die, wie ihr Anzug deutlich zeigte, geruͤſtet waren, ſich den Beſchwerden einer Reiſe durch die Waͤlder zu unterziehen, zu ihren Pferden. Eine davon, und zwar dem Anſchein nach die juͤngſte, obgleich beide noch jung waren, ließ, als in ihrer ungekuͤnſtelten Unbefangenheit der Morgenwind ihren gruͤnen, vom Kaſtorhute lang herab haͤngenden Schleier etwas zur Seite wehte, eine blendend weiße Haut, ſchoͤne blonde Locken und ein paar leuchtende blaue Augen wahrneh⸗ men. Der ſanfte Schein der Morgenroͤthe der noch zoͤgernd uͤber den Fichten am oſttichen Him⸗ mel ſchwebte, war nicht reiner und zarter als die Roſen auf ihren Wangen; noch der anbrechende Morgen lieblicher, als das freundliche Laͤcheln, mit welchem ſie dem Juͤngling, als er ſie in den Sat⸗ tel hob, lohnte. Die Andere aber, welcher in glei⸗ chem Maße die Dienſtleiſtungen des jungen Offi⸗ ciers zu Theil wurden, war ſo ſorgfaͤltig bemuͤht, ihre Reize dem Anblicke der umſtehenden Soldaten zu entziehen, daß wohl hiernach auf eine vier oder fuͤnf Jahre aͤltere Erfahrung geſchloſſen werden konnte. Auch konnte man bemerken, daß, obwohl ihre Geſtalt nicht minder ſchoͤne Formen zeigte, und keiner ihrer Reize durch das Reiſekleid, wel⸗ ches ſie trug, verloren ging, ſie dennoch etwas vol⸗ ler und ausgebildeter als ihre Gefaͤhrtin war. Sebald die Damen im Sattel waren, ſchwang ſich ihr Begleiter mit Leichtigkeit auf das Schlacht⸗ roß, worauf ſich alle drei gegen Webb, der aus Hoͤflichkeit ihre Abreiſe an der Schwelle ſeiner Huͤtte ab ewartet et hatte, verbeugten, ihre Pferde ———— wandten„ und, von ihrer Dienerſchaft d gefolgt, in kurzem Trott dem noͤrdlichen Eingange des Lagers zuritten. Waͤhrend ſie dieſe kleine Strecke zuruͤck⸗ legten, ſprach keiner von ihnen ein Wort, nur der jungen Dame entſchluͤpfte ein leiſer Schrei, als der indiſche Laͤufer ploͤtzlich dicht an ihr voruͤber glitt, 41 und vor ihr her lief, um auf der Militair⸗Straße der Geſellſchaft als Fuͤhrer zu dienen. Obgleich dieſe ploͤtzliche und unerwartete Erſcheinung des Indianers der Anderen keinen Ton entlockte, ſo hatte doch in der erſten Ueberraſchung ihr Schleier ein wenig ſeine Falten geoͤffnet, und ließ in einem unbeſchreiblichen Blicke ihres dunkeln, den lichten Bewegungen des Wilden folgenden Auges ein ge⸗ miſchtes Gefuͤhl des Mitleids, der Bewunderung und des Entſetzens leſen. Glaͤnzend und ſchwarz, wie das Gefieder des Raben, waren ihre Locken; ihr Teint zwar nicht bruͤnett, von dem heißen Blute aber, das uͤberall ſeine Schranken durch⸗ brechen zu wollen ſchien, mit einer dunkeln Roͤthe uͤbergoſſen. Und dennoch lag weder etwas Unedles, noch Mangel an Ausdruck in einem Geſichte, wel⸗ ches ausnehmend regelmaͤßig, wuͤrdevoll und außer⸗ ordentlich ſchoͤn war. Sie laͤchelte, als wenn ſie ihre eigene augenblickliche Vergeſſenheit bemitlei⸗ dete, und ließ dabei zugleich eine Reihe von Zaͤh⸗ nen blicken, welche durch ihre blendende Weiße das reinſte Elfenbein beſchaͤmten; als ſie hierauf ihren 42 Schleier wieder geordnet hatte, neigte ſie ihr Haupt und ritt, ohne auf die ſie umgebenden Gegenſtaͤnde zu achten und nur gaͤnzlich mit ihren Gedanken beſchaͤftigt, ſchweigend weiter. Zweites Kapitel. Sola, sola, wo ha, ho, sola. Shakspeare. —— Witrend eines der iden liehenswürdigen. Gr⸗ ſchoͤpfe, mit denen wir nur fluͤchtig den Leſer ſo. eben bekannt machten, in ſeinen Gedanken ver⸗ tieft war, erholte ſich das andere ſchnell wieder von dem kleinen Schrecken, der ſeinen Ausruf ver⸗ anlaſſt hatte und, uͤber ihre eigene Schwaͤche la⸗ chend, fragte ſie ſcherzhaft den jungen Mann, der ihr zur Seite ritt.— „Sind dergleichen Geſpenſter haͤufig in dieſen Waͤldern, Heyward, oder iſt die Erſcheinung hier vor uns nur zu unſerer Unterhaltung eigends her⸗ beſchieden?— Wenn das Letztere der Fall waͤre,. 3 ſo muß freilich die Dankbarkeit uns den Mund verſchließen; iſt es aber das Erſtere, dann wer⸗ den wir beide, Cora und ich, ſelbſt noch bevor 1 uns das Schickſal dem furchtbaren Monkcalm in den Weg fuͤhrt, ein gutes Theil von unſerem an⸗ geerbten Muthe, auf den wir ſo ſtolz ſind, zu⸗ ſetzen muͤſſen,“ „Jener Indianer iſt ein„Laͤufer“ von unſe⸗ rer Armee und nach den Begriffen ſeines Volks kann er wohl fuͤr einen Helden erachtet werden“,— erwiederte der junge Officier, an den ſie ſich ge⸗ wandt hatte„Er hat ſich freiwillig erboten uns auf einem nur wenig bekannten Pfad ſchneller zu dem See zu bringen, als wenn wir dem langſa⸗ men Marſche der Colonne folgten, was uns alſo viel angenehmer ſein muß.“ „Ich mag ihn nicht leiden“, ſagte die Dame mit einem dem Anſcheine nach erkuͤnſtelten Schau⸗ dern, das aber in der That mehr eine Folge ih⸗ rer wirklichen Furcht war.„Sie kennen ihn doch, Duncan, ſonſt wuͤrden ſie ſich nicht freiwillig in — ſeine Gewalt gegeben haben?“— 44 „Sagen ſie lieber, Alice, dann wuͤrde ich Sie nicht in ſeine Gewalt gegeben haben“, erwiederte der junge Mann bedeutungsvoll;„ich kenne ihn, ſonſt wuͤrde ich mein Vertrauen, und zwar am allerwenigſten in dieſem Augenblick nicht auf ihn geſetzt haben. Ueberdem ſagt man, daß er ein Ca⸗ nadier ſei, und dennoch mit unſern Freunden, den Mohawks, diente, welche wie ſie wiſſen eine der ſechs alliirten Nationen ſind. Er kam, wie ich gehoͤrt habe, durch einen ſonderbaren Vorfall zu uns, an dem ihr Vater ſelbſt Antheil nahm, und wobei der Wilde uͤbel mitgenommen worden iſt; doch ich habe die unbedeutende Geſchichte vergeſſen; es iſt genug, daß er jetzt unſer Freund iſt.“ „Wenn er meines Vaters Feind war, ſo mag ich ihn noch um ſo weniger leiden“, rief das nun wirklich geaͤngſtigte Maͤdchen aus.„Wollen Sie nicht mit ihm reden, Major Heyward, da⸗ mit ich ſeine Stimme hoͤre? So einfaͤltig es auch ſcheinen mag, ſo haben ſie jedoch ſchon oft gehoͤrt, daß ich von dem Ausdruck des Tons der menſchli⸗ chen Stimme einen beſondern Glauben hege.“ — „Das wuͤrde vergeblich ſein, und wahrſchein⸗ lich nur mit einem Ausrufe beantwortet werden. Obgleich er es wohl verſtehen mag, ſo thut er doch wie die meiſten ſeines Volks, als ob er das Eng⸗ liſche nicht verſtaͤnde; und am wenigſten wuͤrde er ſich jetzt erlauben es zu ſprechen, da der Krieg die ſtrengſte Aufrechthaltung ſeiner Wuͤrde verlangt. Doch er ſteht ſtill; der Fußſteig, welchen wir neh⸗ men ſollen, iſt wahrſcheinlich in der Naͤhe.“ „Die Vermuthung des Major Heyward war gegruͤndet. Als ſie die Stelle erreicht hatten, wo der Indianer ſtand, wies derſelbe in das den Co⸗ lonnenweg einſchließende dichte Gebuͤſch, in wel⸗ chem ſich ein ſchmaler verſteckter Fußſteg zeigte, der kaum breit genug war, von einer Perſon mit Muͤhe paſſirt zu werden.“ „Hier alſo geht unſer Weg,“ ſagte der junge Mann mit leiſer Stimme,„zeigen Sie ja kein Mißtrauen; ſie koͤnnten ſonſt die Gefahr, die ſie zu fuͤrchten ſcheinen, ſelbſt herbeiziehen. „Cora, was meinſt Du?“ fragte die zagende Schoͤne,„wuͤrden wir nicht ſicherer gehen, wenn 46 wir bei den Truppen blieben; obgleich wir ihre Naͤhe ſehr laͤſtig finden wuͤrden?“ „Sie ſind wenig mit den Gewohnheiten die⸗ ſer Wilden bekannt, Alice, und daher uͤber den Ort, wo eigentlich wirkliche Gefahr vorhanden, im Irrthum“, ſagte Heyward.„Wenn Feinde uͤber⸗ haupt ſchon bis zum Paſſe vorgedrungen waͤren, was indeß ganz unwahrſcheinlich iſt, da unſere Kundſchafter noch nicht zuruͤckgekehrt ſind, ſo wuͤr⸗ den ſie gewiß die Colonne umſchwaͤrmen, wo die meiſten Skalps zu haben ſind. Der Weg, den un⸗ ſere Truppen nehmen, iſt bekannt; der unſere dagegen, den wir erſt vor einer Stunde zu waͤh⸗ len beſchloſſen haben, noch ein Geheimniß.“ „Sollten wir dem Menſchen darum mißtrauen, weil ſeine Gewohnheiten nicht die unſrigen ſind und ſeine Haut dunkler iſt?“ fragte kaltbluͤtig Cora..„ Alice ſaͤumte nun nicht laͤnger; und ihrem Narraganſet einen leichten Schlag mit der Peitſche gebend, war ſie die Erſte, welche die duͤnnen Zweige der Geſtraͤuche aus einander bog, und dem Laͤufer auf dem dunkeln und gewundenen Pfade folgte. Der junge Mann betrachtete die Dame, welche zuletzt geredet hatte, mit unverhehlter Bewunde⸗ rung und ließ ſogar ihre reizende, obwohl gewiß nicht ſchoͤnere Geſellſchafterin unbeachtet voruͤberrei⸗ ten, waͤhrend er emſig ſich bemuͤhete, der, die wir Cora genannt haben, einen Weg zu bahnen. Es ſchien als ob die Diener ſchon fruͤher Vor⸗ ſchriſt fuͤr ihr Verhalten bekommen haͤtten; denn waͤhrend die Reiſenden in das Dickigt drangen, folgten jene dem Colonnenwege; eine Maßregel welche, wie Heyward bemerkte, von ihrem ſcharf⸗ ſinnigen Fuͤhrer angerathen worden war, um die Spuren von ihrem Reiſezuge zu mindern, wenn vielleicht ſchon einige Canadiſche Wilde gewagt haͤtten, ſich ſoweit vor ihren Armee⸗Corps in Hin⸗ terhalt zu legen. Mehrere Minuten erlaubte die ſchwierige Beſchaffenheit des Weges keine weitere Unterhaltung, bis ſie endlich den breiten Strich Unterholz, welches laͤngs der großen Straße waͤchſt, zuruͤckgelegt hatten und ſich nun unter den hohen aber dunkeln Gewoͤlben des Waldes befanden: Hier 48 hatten ſie mit weniger Schwierigkeiten zu kaͤmpfen, und ſobald ihr Fuͤhrer wahrnahm, daß die Damen wieder ihre Pferde zu lenken im Stande waren, ſetzte er ſeinen, zwiſchen Trab und Schritt das Mittel haltenden Gang, und zwar mit einer ſol⸗ chen Geſchwindigkeit fort, daß die ſehr ſicher ge⸗ henden und eigends daran gewoͤhnten Thiere, welche ſie ritten, nur in einem raſchen, doch ſanf⸗ ten Paſſe folgen konnten. Der junge Mann hatte ſich eben gewandt, um die ſchwarzaͤugige Cora anzureden, als ſich entfernte, uͤber die Baumwur⸗ zeln auf dem holprichten Wege hinter ihnen ſtol⸗ pernde Hufſchlaͤge hoͤren ließen, die ihn veranlaſſten, ſein Pferd anzuhalten; und als ſeine Geſellſchaf⸗ terinnen ſogleich auch ihre Zuͤgel verkuͤrzten, ſo hielt folglich die ganze Geſellſchaft ſtill, um Auf⸗ klaͤrung uͤber die Urſache dieſer unerwarteten Stoͤ⸗ rung abzuwarten. Wenig Augenblicke nachher ſahen ſie ein Fuͤllen zwiſchen den ſchlanken Fichtenſtaͤmmen gleich einem Dammreh hindurch gleiten; und gleich dar⸗ 1 auf ließ ſich die Figur des ungeſtalteten, bereits — —— im vorigen Capitel beſchriebenen Mannes blicken, der ſich ihnen mit einer ſolchen Geſchwindigkeit naͤ⸗ herte, als er nur immer ſeinem mageren Thiere, ohne es offenbar zum Sturze zu bringen, abzuge⸗ winnen im Stande war. Auf dem kurzen Wege von Webb's Wohnung bis zu ihren Dienern, hat⸗ ten die Reiſenden keine Gelegenheit gehabt, die Per⸗ ſon zu bemerken, welche ihnen nunmehr unter die Augen trat. War er ſchon im Stande, wenn er, auf ſeinen Fuͤßen ſtehend, alle die glaͤnzenden Vor⸗ zuͤge ſeiner langen Geſtalt zur Schau legte, ein fluͤchtiges Auge zu feſſeln, ſo war ſein vortreffli⸗ cher Anſtand als Reiter gewiß nicht weniger be⸗ merkenswerth. Trotz des unaufhoͤrlichen Haͤm⸗ merns ſeines einen beſpornten Hackens in die Flanke der Stute, blieb doch nur der ſchnellſte Gang, den er ihr abzwingen konnte, ein kurzer Paſſ⸗Galopp mit den beiden Hinterbeinen, wel⸗ chen die beiden vorderen in kritiſchen Augenblicken zwar manchmal mit anzunehmen ſchienen, in der Regel aber ſchon zufrieden waren, einen Zuckel⸗ Trab zu unterhalten. 4 50 Die Schnelligkeit, mit welcher das Thier aus einer Gangart in die andere fiel, muſſte vielleicht eine op iſche Taͤuſchung hervorbringen, und auf dieſe Art das Vermoͤgen und die Kraͤfte deſſelben vergroͤßert erſcheinen laſſen; denn gewiß iſt es, daß Heyward, der ein ſehr geſundes Auge fuͤr die 3 guten Eigenſchaften eines Pferdes hatte, mit der g ßten Scharfſicht nicht zu beſtimmen im Stande ar, durch welche Art von Bewegung es ſeinem Verfolger gelungen war, die krummen Wege hinter ihm mit ſolcher unerſchuͤtterlichen Kuͤhnheit zurück. zulegen. Die unverdroſſene Thaͤtigkeit und die Bewe⸗ gungen des Reiters waren nicht weniger bemer⸗ kenswerth, als die des gerittenen Thieres. Bei jeder Bewegung des letzteren hub ſich die lange Figur des erſteren in den Steigbuͤgeln hoch in die Hoͤhe, und brachte auf dieſe Weiſe, wegen der ungebuͤhrlichen Laͤnge ſeiner Beine, ploͤtliche Verlaͤngerungen und Verkuͤrzungen ſeiner Geſtalt hervor, daß dadurch jede Muthmaßung uͤber die wirkliche Groͤße ſeiner Perſon zu Schanden ge⸗ macht wurde. Fuͤgen wir nun noch hinzu, daß in Folge der fortdauernden nur einſeitigen Anwen⸗ dung des Sporns, ſich auch die eine Seite der Stute ſchneller als die andere zu bewegen ſchien, und ſie durch unaufhoͤrliches Wedeln ihres dicken rauhen Schweifes die geplagte Seite deutlich be⸗ zeichnete, ſo iſt das Gemaͤlde beider, des Pferdes und des Mannes, vollendet. Die finſtern Falten, welche ſich ſchon auf der ſchoͤnen, offenen und maͤnnlichen Stirn Heyward's zuſammengezogen hatten, verſchwanden nach und nach bei der Betrachtung des Fremden, und ſeine Lippen verzogen ſich zu einem fluͤchtigen Laͤcheln. Alice that ſich nicht viel Gewalt an, ihren Froh⸗ ſinn zu verbergen; und ſelbſt das dunkle gedan⸗ kenvolle Auge Cora's erhellte ein Schimmer von Froͤhlichkeit, die wie es ſchien mehr durch die Ge⸗ wohnheit, als durch ihre Gemuͤthsbeſchaffenheit un⸗ terdruͤckt wurde. „Suchen Sie hier Jemanden“, fragte Hey⸗ ward, als der andere nahe genug war und in ſei⸗ ner Eile nachließ;„ich hoffe ſie bringen uns keine uͤble Botſchaft?“— „So iſt es“, erwiederte der Fremde, und begann aus allen Kraͤften ſich mit ſeinem dreieckig⸗ ten Hute in der dumpfen Wald⸗Atmosphaͤre fri⸗ ſche Luft zuzuwehen, wobei er ſeine Zuhoͤrer im Zweifel ließ, welche Frage des jungen Mannes er beantwortet habe; als er aber ſein Geſicht ab⸗ gekuͤhlt und Athem geſchoͤpft hatte, fuhr er fort: „Ich hoͤre, Sie reiten nach William Henry, und da ich nun gleichfalls dahin will, ſo glaubte ich eine gute Geſellſchaft wuͤrde fuͤr beide Theile ange⸗ nehm ſeyn.“— „Die Stimmen ſcheinen mir hierbei nicht richtig getheilt,“ antwortete Heyward,„denn wir ſind unſerer drei, waͤhrend Sie Niemanden als ſich ſelbſt zu befragen haben.“— „Nicht weniger richtig, als daß ein junger Herr die Sorge und Obhut fuͤr zwei junge Da⸗ men uͤbernehmen ſoll,“ verſetzte der Andere mit ei⸗ nem theils Einfalt, theils gemeine Manieren ver⸗ rathenden Weſen.„Wenn er aber ein wirklicher — 53 Mann iſt und ſie wirkliche Weiber ſind, ſo werden ſie in Allem einander immer entgegen ſein und, wo irgend die Meinungen getheilt ſind, immer nur ſeiner Meinung beipflichten, und ſo haben Sie alſo nicht einen mehr zu befragen, als ich.“ Das ſchoͤne Maͤdchen ſenkte laͤchelnd ihre Augen auf den Zaum ihres Zelters und ihre ro⸗ ſigen Wangen uͤberzog eine hohe Roͤthe, waͤhrend die dunkle Geſichtsfarbe ihrer Gefaͤhrtin beinahe bis zur Blaͤſſe erbleichte und ſie langſam, gleich⸗ ſam der unangenehmen Unterhaltung muͤde, vor⸗ an ritt.„Wenn Sie zu dem See reiten wollen, ſo haben Sie den Weg verfehlt,“ ſagte Heyward ſtolz,„die große Straße iſt wenigſtens eine halbe Meile hinter uns!“— „So iſt es,“ erwiederte der durch den kal⸗ ten Empfang keinesweges abgeſchreckte Fremde, „ich habe mich eine Woche in Edward aufgehal⸗ ten, und muͤſſte wahrhaftig ſtumm ſein, wenn ich mich nicht nach dem Wege, den ich nehmen muß, erkundigt haͤtte; waͤre ich aber ſtumm, ſo wuͤrde auch mein ganzes Fragen ein Ende haben.“ Nach einem albernen, halb unterdruͤckten Laͤcheln, als wenn ſeine Beſcheidenheit ihm nicht erlaubte, die Bewunderung ſeines eigenen witzigen Einfalls, der jedoch ſeinem Zuhoͤrer ganz unverſtaͤndlich blieb, noch weiter zu treiben, fuhr er mit angemeſſenem Ernſte fort:„Fuͤr einen Mann meines Amts iſt es nicht klug gehandelt, ſich zu ſehr unter die zu miſchen, denen er gute Lehren geben ſoll; deshalb folge ich auch nicht der Armee auf ihrem Wege; uͤberdem habe ich gedacht, daß ein Mann Ihres Standes in Allem, was Reiſe⸗Angelegenheiten be⸗ trifft, am beſten Beſcheid weiß; darum habe ich beſchloſſen, in Ihrer Geſellſchaft zu reiſen, damit unſer Ritt weniger langweilig werde und wir zu⸗ ſammen uns ein bischen unterhalten koͤnnen.“ „Ein ſehr eigenmaͤchtiger, wo nicht uͤbereil⸗ ter Entſchluß,“ rief Heyward unentſchloſſen, ob er ſeinem immer wachſenden Aerger freien Lauf laſſen, oder dem Fremden grade in's Geſicht la⸗ chen ſollte;„Sie ſprechen ja aber von guten Leh⸗ ren und von einem Amte; ſind Sie vielleicht bei der Povinzial⸗Miliz angeſtellt, um dort die edle — Kunſt des Angriffs und der Vertheidigung zu lehren? Oder ſind Sie vielleicht gar einer, der es mit Linien und Winkeln zu ſchaffen hat, und die mathematiſchen Wiſſenſchaften zu exponiren vorgiebt?“ Der Fremde ſah einen Augenblick den Frager mit großer Verwunderung an; dann aber jedes Zeichen von Selbſtzufriedenheit ablegend, und den Ausdruck einer feierlichen Demuth annehmend, antwortete er: „Angriff!— ich hoffe, daß es von keiner Seite ſo gemeint war;— Vertheidigung!— ich brauche keine— da ich durch Gottes guͤtige Barmherzigkeit, ſeit meiner letzten Anflehung ſei⸗ ner verzeihenden Gnade, mich keiner groben Suͤnde ſchuldig weiß. Ihre Anſpielung auf Linien und Winkel verſtehe ich nicht, und das Exponiren aͤberlaſſe ich denen, die zu dieſem heiligen Ge⸗ ſchaͤfte beſonders berufen ſind. Ich mache keine Anſpruͤche auf irgend eine hoͤhere Gabe, als eine ſchwache Kenntniß von der herrlichen Kunſt, die Dankgebete und Bitten, die in den heiligen Pſal⸗ men ſtehen, ſingen zu koͤnnen.“ „Der Mann iſt ganz offenbar ein Schuͤler Apoll's,“ rief die erheiterte Alice, welche ſich be⸗ reits von ihrer augenblicklichen Verlegenheit er⸗ holt hatte,„und ich nehme ihn unter meine be⸗ ſondere Protektion.“„Verbannen Sie die Fal⸗ ten von Ihrer Stirn, Heyward, und geſtatten Sie ihm aus Mittleid fuͤr mein ſehnſuͤchtiges Ohr, mit uns zu reiſen. Ueberdem—“ ſetzte ſie leiſe und raſch hinzu, indem ſie zugleich einen Blick auf Cora warf, welche, langſam den Schritten des ſtummen und ernſten Fuͤhrers folgend, ſchon et⸗ was vorangeritten war,„iſt er ein Freund, der im Augenblick der Gefahr unſere Parthei ver⸗ ſtaͤrkt und uns nuͤtzlich ſein kann.“— „Glauben Sie, Alice, daß ich Perſonen, die mir theuer ſind, einem ſo einſamen Pfade an⸗ nete, daß dergleichen Gefahr vorhanden ſein koͤnnte?“— vertrauen wuͤrde, wenn ich im geringſten nur ah⸗ „Nein, nein! ich glaube ja auch nicht dar⸗ —— an, aber dieſer ſonderbare Menſch macht mir Vergnuͤgen, und wenn er Muſik in ſeiner Seele hat, ſo laſſen Sie uns nicht hartnaͤckig ſeine Be⸗ gleitung zuruͤckweiſen.“— Mit ſtummer Bered⸗ ſamkeit zeigte ſie mit der Reitpeitſche auf den vor ihnen liegenden Pfad; ihre Augen begegneten ſich in einem Blicke, den der junge Mann gern noch laaͤnger eingeſogen haͤtte; dann aber ihrem ſanften Einfluſſe nachgebend, gab er ſeinem Pferde die Sporen und befand ſich in wenig Spruͤngen wie⸗ der an Cora's Seite. „Es iſt mir angenehm, Freund, Euch ange⸗ troffen zu haben,“ fuhr das Maͤdchen fort, indem ſie ihren Narraganſet antrieb, und dem Fremden mit der Hand winkte ſeinen Weg fortzuſetzen. „Meine freilich partheiiſchen Verwandten haben mich uͤberreden wollen, daß ich ſelbſt in einem Duette nicht ganz ſchlecht ſaͤnge, und ſo koͤnnen wir ja unſern Weg nicht angenehmer zuruͤcklegen, als wenn wir Beide uns unſerer Lieblings⸗Nei⸗ gung hingeben. Es kann gewiß fuͤr Jemanden, der hierin ſo unwiſſend iſt, als ich, nur von 58 großem Nutzen ſein, die Anſichten und Erfah⸗ rungen eines Meiſters in dieſer Kunſt zu ver⸗ nehmen.“— „Es iſt ſowohl fuͤr den Geiſt als fuͤr den Koͤrper ſehr erquickend, zur ſchicklichen Zeit die hei⸗ ligen Pſalmen zu ſingen,“ erwiederte der Sing⸗ meiſter, indem er ohne Zoͤgern ihrem Winke folgte,„und nichts kann das Gemuͤth mehr er⸗ heben, als eine ſolche herzſtaͤrkende Vereinigung. Zu einer vollkommenen Melodie ſind aber durch⸗ aus immer vier Stimmen erforderlich. Sie ha⸗ ben allem Anſcheine nach einen angenehmen und ſtarken Diskant, ich kann, wenn ich mir rechte Muͤhe gebe, meinen vollen Tenor bis zur hoͤchſten Note erheben; aber Alt und Baß fehlen uns!— Den letztern koͤnnte vielleicht wohl jener Officier des Koͤnigs uͤbernehmen, der ſo viele Umſtaͤnde machte mich in Ihre Geſellſchaft aufzunehmen, wenn man nach ſeiner vollen Stimme im gewoͤhn⸗ lichen Geſpraͤche darauf ſchließen duͤrfte.“ „Laſſt Euch nicht von einem augenblicklichen und truͤglichen Schein zu einem zu raſchen Ur⸗ 71 theile verleiten,“ ſagte die Dame laͤchelnd;„ob⸗ gleich Major Heyward bei manchen Gelegenhei⸗ ten einen ſehr tiefen Ton annehmen kann, ſo eignet ſich doch ſeine natuͤrliche Stimme, Ihr koͤnnt es mir glauben, beſſer zum Tenor, als zu dem Baſſe, den Ihr vorhin gehoͤrt habt.“ „Iſt er denn,“ fragte ihr einfaͤltiger Beglei⸗ ter,„wohl auch im Pſalmenſingen geuͤbt?“— Aline fuͤhlte ſich zum Lachen geneigt, doch ge⸗ lang es ihr, den Ausbruch ihrer Froͤhlichkeit zu unterdruͤcken, und ſie antwortete:— „Ich fuͤrchte, daß er mehr zu weltlichen Ge⸗ ſaͤngen geneigt iſt. Die Unruhe und der Wechſel im Soldatenleben laſſen gewoͤhnlich keine Nei⸗ gung zu ernſthaften Sachen emporkommen.— „Die Stimme iſt dem Menſchen, wie alle ſeine uͤbrigen Talente, zum Gebrauche und nicht zum Miſſbrauche gegeben,“ ſagte ihr Begleiter; „mir kann Niemand nachſagen, daß ich meine Gaben auf irgend eine Weiſe vernachlaͤſſigt haͤtten und ich danke meinem Schoͤpfer, daß, obwohl ſchon mein ganzes Knabenalter, wie das des Koͤ⸗ 60 nigs David, vorzuͤglich nur der Muſik gewidmet geweſen iſt, doch nie eine Zeile aus einem welt⸗ lichen Liede meine Lippen beſudelt hat.“— „Ihr habt Euch alſo immer nur darauf be⸗ ſchraͤnkt, geiſtliche Lieder zu ſingen?“— „So iſt's.“ So wie die Pſalmen David's jede andere Rede uͤbertreffen, ſo uͤbertreffen auch die Melodieen, die die Diener der Kirche und die Weiſen des Landes dazu geſetzt haben, alle eitlen weltlichen Geſaͤnge. Gluͤcklicherweiſe, kann ich ſa⸗ gen, kommt nichts anderes als die eigenen Ge⸗ danken des großen Koͤnigs von Iſrael uͤber meine Zunge; denn obwohl die Zeiten einige kleine Ab⸗ aͤnderungen darin zu fordern ſcheinen, ſo gibt uns doch die Ueberſetzung, deren wir uns in den Kolonieen in Neu⸗England bedienen, durch ihre Gedankenfuͤlle, ihre Genauigkeit und rein kirch⸗ liche Einfachheit, das große Werk des begeiſterten Verfaſſers ſo viel als moͤglich in ſeiner ganzen Kraft wieder. Ich halte mich an keinem Orte, ſchlafend oder wachend, auf, ohne ein Exemplar 1 dieſes vortrefflichen Buches bei mir zu fuͤhren. Es iſt die 26ſte Auflage, die im Jahre unſeres Herrn 1744 in Boſton herausgekommen iſt und den Titel fuͤhrt:„Die Pſalmen, Hymnen und geiſtlichen Lieder des alten und neuen Teſtamen⸗ tes, treu in's engliſche Versmaß uͤbertragen, zum oͤffentlichen und Privat⸗Gebrauche, zur Er⸗ bauung und zum Troſte fuͤr die Gottesfuͤrchtigen und Frommen, beſonders in Neu⸗England.“ Waͤhrend dieſer Lobrede auf dies koſtbare Er⸗ zeugniß der einheimiſchen Dichter, hatte der Frem⸗ de es zugleich aus der Taſche gezogen, eine in Ei⸗ ſen gefaſſte Brille auf die Naſe geſetzt und das Buch mit einer Sorgfalt und Ehrerbietung, wie ſie deſſen heiligem Inhalte geziemte, aufgeſchla⸗ gen. Und nun ohne weitere Vorrede oder Ent⸗ ſchuldigung, ſetzte er, nachdem er zuvor das ma⸗ giſche Wort„Pulpet“ ausgeſprochen hatte, das ſchon oben beſchriebene unbekannte Inſtrument an ſeinen Mund, blies darauf einen hohen, ſchnei⸗ denden Ton, welchem er einen, eine Oktave tie⸗ feren aus ſeiner Kehle nachſchickte, und begann, allen Regeln der Muſik und der Dihteunſt 62 ſelbſt den unbequemen Bewegungen ſeines zuckeln⸗ den Pferdes zum Trotze, folgende Worte mit vol⸗ len, weichen und melodiſchen Toͤnen abzuſingen: Wie gut iſt es allhier Und wie gefallt es wohl, Wenn Brüder für und für Hier leben eintrachtsvoll. Gleich auserleſ'ner Salb' es iſt Für'n Bart und für das Haar, Für Aaron's Bart, der niederfließt Zum Saum des Kleid's ſogar. Der Fremde hatte den Vortrag dieſer zierli⸗ chen Verſe mit einem regelmaͤßigen Heben und Fallenlaſſen der rechten Hand begleitet, dergeſtalt daß die Bewegung herunter immer damit endete, daß die Finger einen Augenblick auf den Blaͤttern des kleinen Buches ruhten; dagegen die Bewegung aufwaͤrts mit einem ſolchen Schwung des Gliedes verbunden war, als wohl Niemand, der nicht in konnte. Auch ſchien es, als ob laͤngere Gewohn⸗ heit ihm dieſe begleitende Bewegung der Hand ganz unentbehrlich gemacht haͤtte, da ſie nicht dieſe Kunſt eingeweiht iſt, je nachzuahmen hoffen —— eher aufhoͤrte, bis er das bedeutende Woͤrtchen, das der Dichter ſo wohlbedaͤchtig an das Ende ſei⸗ nes Verſes gebracht hatte, mit aller der einem Worte von zwei Sylben zukommenden Ehre ab⸗ geſungen hatte. Es konnte nicht fehlen, daß eine ſolche Stoͤrung der Stille und Einſamkeit des Waldes zu den Ohren der nur eine kurze Strecke vor ihnen Reitenden dringen muſſte. Der In⸗ dianer ſprach einige leiſe Worte in gebrochenem Eng⸗ liſch zu Heyward, welcher ſich hierauf zu dem Fremden mit folgenden Worten, die auf einmal deſſen muſikaliſchen Uebungen ein Ziel ſetzten, wandte:„Wenn gleich hier nicht die geringſte Gefahr vohanden iſt, ſo befiehlt doch ſchon die ge⸗ woͤhnliche Vorſicht, ſo ruhig als moͤglich durch eine ſolche Wildniß zu reiſen. Verzeihen Sie mir daher, Alice, daß ich Ihr Vergnuͤgen fuͤr einige Zeit ſtoͤren und dieſen Herrn erſuchen muß, ſei⸗ nen Geſang bis zu einer andern und beſſern Ge⸗ legenheit aufzuſparen!“— „Wahrhaftig, Sie haben es geſtoͤrt,“ ſagte das muthwillige Maͤdchen,„denn noch nie in 64 meinem Leben iſt mir eine unſchicklichere Zuſam⸗ menſtellung von Vortrag und Sprache vorgekom⸗ men, als in dem was ich jetzt eben gehoͤrt habe, und ich hatte mich ſchon in eine gelehrte Unter⸗ ſuchung uͤber die Urſachen eines ſolchen Miſſver⸗ haͤltniſſes zwiſchen Ton und Sinn ganz vertieft, als Sie, Duncan, mein Nachdenken durch ihren Baß unterbrachen.“ „Ich verſtehe nicht was Sie mit„meinem Baſſe,“ meinen,“ ſagte Heyward mit unverhehl⸗ ter Empfindlichkeit uͤber ihre Rede,„aber ich weiß wohl, daß Ihre und Corg's Sicherheit mir weit mehr am Herzen liegen, als eine ganze Haͤndel⸗ ſche Symphonie.“ Er ſchwieg, wandte ſeinen Kopf ploͤtzlich nach einem Dickigt des Waldes hin, und warf dann einen miſſtrauiſchen Blick nach dem Fuͤhrer, welcher ſeinen Weg mit feſten Schritten und ungeſtoͤrtem Ernſte fortſetzt. Der junge Mann belaͤchelte ſpoͤttiſch ſeinen eigenen Irrthum, da er glaubte einige hellſchimmernde Waldfruͤchte fuͤr die glaͤnzenden Augaͤpfel eines raubſuͤchtigen Wilden gehalten zu haben, und ritt, ſeine durch ——— — 65 dieſe voruͤbergehenden Beſorgniſſe unterbrochene Un⸗ terhaltung fortſetzend, ruhig weiter. Der eigentliche Irrthum des Major Heyward beſtand aber darin, daß er ſich von ſeinem Jugend⸗ feuer und edlem Stolze verleiten ließ, auch nur einen Augenblick ſeine Wachſamkeit zu vermindern; denn die Reiſenden waren kaum an jenem dichten Gebuͤſche voruͤber, als die Zweige deſſelben vorſich⸗ tig auseinander gebogen wurden, und ein menſch⸗ liches Geſicht mit ſo grimmigen Zuͤgen, als nur immer die rohe Kunſt der Wilden und ungezuͤ⸗ gelte Leidenſchaften hervorzubringen im Stande ſind, ſich zeigte und den weiterziehenden Reiſen⸗ den nachſtierte. 8 Ein Strahl von wilder Freude leuchtete aus den dunkelbemalten Zuͤgen des Waldbewohners, als er ſah, welchen Weg ſeine auserſehenen Schlacht⸗ opfer, die ſorglos weiter ritten, einſchlugen; an ihrer Spitze die ſchlanken und reizenden Formen der Frauen, die auf den Kruͤmmungen des We⸗ ges zwiſchen den Baͤumen hindurch zu ſchweben ſchienen, und denen bei jeder Wendung Heyward's männliche Geſtalt folgte, bis zuletzt der unfoͤrm⸗ liche Singmeiſter hinter den zahlloſen Baumſtaͤm⸗ men verſchwand, die als dunkle Streifen dazwi⸗ ſchen traten. Drittes Kapitel. Eh' noch gepflügt und gemähet die Felder, Da füllten die Flüſſe ihr Bett' bis zum Rand; Melodiſch ertönt' durch die endloſen Wälder Des Waſſerfalls Plätſchern auf felſigem Strand! Es rauſchen die Ströme dahin, und ſchlängelnde 3 Bäche entfliehn, Und murmelnde AQuellen im Hayn entſprudeln dem ſchattigen Grün. Bryant. Waäͤhrend wir nun den argloſen Heyward und ſeine ihm vertrauenden Begleiter in den mit ſolchen verraͤtheriſchen Einwohnern bevoͤlkerten Wald immer tiefer eindringen laſſen, muͤſſen wir von den Privilegien eines Autors Gebrauch ma⸗ chen, und die Scene einige Meilen mehr weſtlich — von dem Orte, wo wir die Reiſenden zuletzt ge⸗ ſehen haben, verlegen. An demſelben Tage, ungefaͤhr eine Stunde Wegs vom Lager des Generals Webb, ſah man an dem Ufer eines ſchmalen, aber reißenden Fluſ⸗ ſes, zwei Maͤnner gelagert, die die Ankunft ei⸗ nes Abweſenden oder das Eintreten irgend eines erſehnten Ereigniſſes zu erwarten ſchienen. Das weite ſchattige Laubdach des ſich bis an den Rand des Fluſſes erſtreckenden Waldes ragte noch weit uͤber die Ufer hinaus, und verbreitete auf deſſen dunkeln Wellen ein noch duͤſtereres Licht. Schon fing bie Gluth der Sonnenſtrahlen an weniger druͤckend zu werden, die brennende Hitze des Ta⸗ ges nachzulaſſen, und aus den mit belaubtem Gebuͤſch bekraͤnzten Betten der Quellen und Baͤche erhoben ſich kuͤhlende Duͤnſte und erfriſchten die heiße Athmosphaͤre. Aber noch immer herrſchte jene ununterbro⸗ chene, dumpfe Stille, welche in einer Amerikani⸗ ſchen Landſchaft die treue Begleiterin der druͤckenden Schwuͤle eines Julytages iſt, auf dieſem einſa⸗ 5* men Platze, und wurde nur durch die leiſen Stim⸗ men jener beiden Maͤnner, das eintoͤnige traͤge Picken eines Baumhackers, das widrige Geſchrei einer bunten Elſter, oder das dumpfe Rauſchen eines fernen Waſſerfalls zuweilen unterbrochen. Den Waldbewohnern waren jedoch dieſe ſchwa⸗ chen, oft unterbrochenen Toͤne zu wohl bekannt, ais daß dadurch ihre Aufmerkſamkeit von dem in⸗ tereſſanten Inhalte ihres Geſpraͤchs abgelenkt wor⸗ den waͤre. Der Eine derſelben, der eine roͤthliche Hautfarbe hatte, war mit allen Geraͤthſchaften und Waffen eines Eingebornen dieſer Waͤlder aus⸗ geruͤſtet, dagegen der Andere, unerachtet ſeines rauhen Anſehens und ſeiner den Wilden aͤhnlichen Bewaffnung, doch durch ſeine hellere, wenn gleich von der Sonne ſtark verbrannte und gebraͤunte Geſichtsfarbe verrieth, daß er auf europaͤiſche Ab⸗ kunft Anſpruch machen konnte. Der erſte ſaß auf dem Ende eines bemoſ'ten Baumſtammes, in einer Lage, die ihm geſtattete, dem Ausdrucke ſeiner ernſten Reden, durch die ruhigen aber be⸗ deutungsvollen Gebehrden, die einem im eifrigen 2 —— Geſpraͤch begriffenen Indianer gewoͤhnlich ſind, noch mehr Nachdruck zu geben. Sein beinah nackter, abwechſelnd ſchwarz und weiß bemalter Koͤrper erſchien wie ein furchtbares Sinnbild des Todes. Sein kahlgeſchorner Kopf, an dem keine andern Haare als der wohlbekannte lange Buſch des ritterlichen Skalps ſich befanden, war nur mit einer einzigen Adlersfeder geſchmuͤckt, die durch den Haarbuſch geſteckt ihm uͤber die linke Schulter herab hing. Ein Tomahawk und ein Skalpiermeſer von engliſcher Arbeit ſteckten in ſeinem Guͤrtel; eine kurze Soldatenbuͤchſe, gleich denen womit die Politik der Weißen ihre Bun⸗ desgenoſſen unter den Wilden bewaffnete, lag nachlaͤſſig an ſein nacktes und ſehnigtes Knie ge⸗ lehnt, die breite Bruſt, die ſtarken Glieder und die ernſte Haltung dieſes Kriegers ſchienen anzu⸗ deuten, daß er bereits die hoͤchſte Hoͤhe des Man⸗ nes⸗Alters erreicht habe, obſchon kein Anzeichen auf eine Abnahme ſeiner maͤnnlichen Kraft ſchlie⸗ ßen ließ.— Der Koͤrper des weißen Mannes hatte dagegen, nach den durch keine Kleidungsſtuͤcke be⸗ 70 deckten Theilen deſſelben zu urtheilen, das Anſehn, als wenn er von ſeiner fruͤheſten Jugend an nur Ungemach und Fatiguen zu ertragen gehabt haͤtte. Seine Geſtalt war wenn gleich kraftvoll, doch mehr mager als ſtark; aber jede Muskel und jeder. Nerve ſchien durch beſtaͤndige Anſtrengung und Beſchwerde geſtaͤhlt und abgehaͤrtet. Sein Anzug beſtand aus einem dunkelgruͤnen, mit verſchoſſe⸗ nen gelben Borten eingefaſſten, kurzen Jagdrocke und einer Sommermuͤtze aus Thierfellen, von denen die Haare abgeſchoren. In einem Guͤrtel von Wamgum, gleich dem welcher des Indianers aͤrmliche Bekleidung umgab, trug er gleichfalls ein Meſſer, jedoch keinen Tomahawk. Seine Mocaſſins(Halbſtiefel) waren nach Art der Ein⸗ gebornen bunt verziert, die uͤbrige Bekleidung ſei⸗ ner Beine beſtand aber nur aus einem Paar bock⸗ ledernen Kamaſchen, die an der Seite geſchnuͤrt und uͤber den Knieen mit Hirſchſehnen feſtgebun⸗ den waren. Eine Jagdtaſche und ein Pulverhorn vollendeten ſeinen Anzug. Eine Buͤchſe von un⸗ geewoͤhnlicher Laͤnge, welche wie die ſinnreichen ——* Weißen dieſen Waldbewohnern gelehrt hatten, das gefaͤhrlichſte aller Feuergewehre war, ſtand an ei⸗ nen jungen Stamm daneben gelehnt. Das Auge dieſes Jaͤgers oder Kundſchafters, welches von bei⸗ den er auch immer ſeyn mochte, war zwar klein aber lebhaft und durchdringend, und irrte waͤhrend er ſprach raſtlos in allen Richtungen umher, als wenn er einem Wilde auflauerte, oder einen ploͤt⸗ lichen Ueberfall von einem verſteckten Feinde be⸗ fuͤrchten muͤſſte. Ohnerachtet dieſer ihm zur Ge⸗ wohnheit gewordenen, miſſtrauiſchen, ſpaͤhenden Blicke, war dennoch ſein Geſicht nicht nur ohne Falſch, ſondern trug ſogar in dem Augenblicke, in welchem er uns zuerſt erſcheint, den Ausdruck einer offenen Redlichkeit. „Eure alten Sagen ſelbſt, Chingachgook, ſprechen ja fuͤr meine Behauptung,“ ſagte er in der Sprache, welche alle Eingebornen, die fruͤher die Gegenden zwiſchen dem Hudſon und Potomak bewohnten, redeten, und wovon wir zum Beſten unſerer Leſer eine freie Ueberſetzung, und zwar mit moͤglichſter Beibehaltung aller der, ſowohl 72 den Individuen, als der Sprache anklebenden Ei⸗ genthuͤmlichkeiten zu geben verſuchen wollen.„Eure Vaͤter kamen von der untergehenden Sonne her, gingen uͤber den breiten Fluß, beſiegten die Voͤl⸗ 4*. 4 ker dieſer Gegend und nahmen das Land in Be⸗ ſitz; die Meinigen kamen von dem geroͤtheten Mor⸗ genhimmel her, uͤber den ſalzigen See und voll⸗ brachten ihr Werk, ziemlich auf dieſelbe Weiſe, als jene ihnen fruͤher das Beiſpiel dazu gegeben hatten: ſo laſſt denn Gott hieruͤber entſcheiden, und uns als Freunde die Worte ſparen. 5 „Meine Vaͤter kaͤmpften mit den nackten rothen Maͤnnern!“ erwiederte unwillig der India⸗ ner in derſelben Sprache;„und iſt denn kein Unterſchied„Hawk— eyn, zwiſchen dem Pfeile mit der Spitze von Stein, den unſere Krieger fuͤhren, und der bleiernen Kugel, womit ihr* toͤdtet?“— „Auch ein Indianer kann verſtaͤndig reden, wenn gleich ihn Natur mit einer rothen Haut erſchaffen hat,“ erwiederte kopfſchuͤttelnd der Weiß als wenn er dieſem Aufrufe an ſeine Gerech 73 keit nichts entgegen zu ſetzen vermoͤchte. Fuͤr ei⸗ nen Augenblick lang ſchien er zu befuͤrchten, daß er den kuͤrzeren ziehen wuͤrde, dann ſich aber wie⸗ der ſammelnd, beantwortete er den Einwurf ſei⸗ nes Gegners ſo gut, als ſeine eingeſchraͤnkten Kenntniſſe es geſtatteten:„Ich bin kein Gelehr⸗ ter, und es iſt mir gleichguͤltig, wer es beſſer verſteht; aber nach Allem, was ich bei dem Hirſch⸗ hetzen und Eichhorn⸗Jagden des luftigen Volkes da unten geſehen habe, ſollte ich meinen, daß eine Buͤchſe in den Haͤnden Ihrer Großvaͤter nicht ſo gefaͤhrlich war, als wohl ein großer Bogen und eine Pfeilſpitze von Feuerſtein werden koͤnnen, wenn ſie von dem geuͤbten Arm eines Indianers geſpannt, und von einem Indianiſchen Auge verſchoſſen werden“ „Die Geſchichte habt Ihr von Euren Vaͤ⸗ tern erzaͤhlen gehoͤrt,“ erwiederte der Andere mit einem ſtolzen, veraͤchtlichen Blicke, und winkte langſam mit der Hand.„Was ſagen denn Deine alten Maͤnner? Erzaͤhlen ſie Euren jungen Kriegern, wie die bleichen Geſichter mit den ro⸗ 74 then Maͤnnern gefochten haben, die mit den Far⸗ ben des Kriegers bemalt und nur mit ihren ſtei⸗ nernen Beilen oder hoͤlzernen Gewehren bewaff⸗ net waren?“ „Ich bin ein vorurtheilsfreier Mann, und prahle auch nicht mit meinen angeborenen Vor⸗ zuͤgen, obgleich mein aͤrgſter Feind, den ich auf Erden habe,— und das iſt ein Irokeſe— mir nicht abſtreiten kann, daß ich von aͤchter weißer Abkunft bin,“ antwortete der Kundſchafter, in⸗ dem er mit Selbſtzufriedenheit die Farbe ſeiner knoͤchernen, ſehnigen Hand betrachtete,„und ich will gern zugeben, daß mein Volk oft etwas thut, was ich als ehrlicher Mann nicht gut heißen kann. Statt in ihren Doͤrfern ſich zu erzaͤhlen, was ſie gehoͤrt und geſehen haben,— wo man ei⸗ nen feigen Großſprecher gleich in's Angeſicht Luͤ⸗ gen ſtrafen kann, und wo ein braver Soldat gleich immer ſeinen Kameraden zu Zeugen ſeiner Worte aufrufen kann,— iſt ihr Gebrauch, es in Buͤchern niederzuſchreiben. Daher kommt es denn, daß einer, der zu gewiſſenhaft it, um ſeine woorden ſind; obwohl ich auch nicht behaupten 75 Zeit bei den Weibern zu vergeuden, und die Na⸗ men der kleinen ſchwarzen Figuren kennen zu lernen, vielleicht nie etwas von den Thaten ſei⸗ ner Vaͤter erfaͤhrt, und ſeinen Stolz darsin ſetzen kann, es ihnen zuvor zu thun. Ich fuͤr meine Perſon denke, daß alle Bumppos ſchießen konn⸗ ten; weil mir die Gabe ſchon angeboren iſt, mit der Buͤchſe umgehen zu können, die gewiß von Kinder auf Kindes⸗Kinder ſich immer fortgeerbt hat, denn unſere heiligen Gebote ſagen, daß alle guten und boͤſen Gaben uns von oben verliehen will, daß es allen anderen Leuten eben ſo geht. Doch, jedes Ding hat ſeine zwei Seiten und dar⸗ um, Chingachgook, frage ich Dich: Was ging denn wr, als ſich unſere Vaͤter zuerſt trafen?“ Eine Minute lang blieb der Indianer ſchwei⸗ gend ſitzen; dann aber von der hohen Wichtigkeit des Inhalts ſeiner Rede erfuͤllt, begann er ſeine kurze Erzaͤhlung mit einer Feierlichkeit, die die Wahrheit ſeines Vortrages noch mehr bekraͤftigen ſollte. „So hoͤre mich an, Hawk— eyn, und Dein Ohr ſoll keine Luͤge vernehmen; es iſt getreu, was meine Vaͤter erzaͤhlt und was die Mohicans ge⸗ than haben.“ Abermals hielt er einen Augen⸗ 5 blick inne und fuhr dann, einen ungewiſſen Blick auf ſeinen Gefaͤhrten werfend, in einem halb fragenden, halb zuverſichtlichen Tone fort:„Laͤuft dieſer Strom hier zu unſeren Fuͤßen nicht nach dem Sommer hin, bis ſeine Wellen ſalzig wer⸗ den und er wieder aufwaͤrts fließt?“— „Ich kann es nicht laͤugnen, daß Deine Sa⸗ gen in dieſen beiden Punkten die Wahrheit ent⸗ halten,“ ſagte der Weiße;„denn ich bin dort ge⸗ weſen und habe es ſelbſt geſehen; obgleich ich mir niemals habe erklaͤren koͤnnen, wie es zugeht, daß Waſſer, welches im Schatten ſo ſuͤß i*ſt, in der Sonne ſo bitter werden kann.“ „und das Zurückſließen?“ feagte der India⸗ ner, ſeiner Antwort mit jener regen Theilnahme entgegenſehend, die uns die erwartete Beſtaͤtigung einer Behauptung einfloͤßt, welche unſere Ver⸗ wunderung erregt, ſo lange wir ſie als wahr an⸗ erkennen;„die Vaͤter Chingochgooks haben nicht gelogen 1 „Die heilige S das iſt doch das Wahrſte in der ga ckfließen des Stroms die Sache iſt, die ſich leicht ſt. Sechs Stunden chrift iſt nicht wahrer, und nzen Natur. Sie nennen dieſes Zuruͤ Fluth, was aͤbrigens eine erklaͤren laͤſſt und gand klar i t das Waſſer in den Fluß hinein und ſechs 4 Stunden wieder heraus, und die Urſache davon 4 iſt die: Wenn das Waſſer in der See hoͤher iſt als im Fluſſe, ſo laͤuft es hinein, bis der Fluß voll iſt, und dann laͤuft es wieder herau „Aber alle Gewaͤſſer in den Waͤldern und en laufen abwaͤrts, bis ſie wie meine " ſagte der Indianer, indem er ‚und dann laufen ſtroͤm 6.“— um die Se Hand da liegen, ſolche flach vor ſich ausſtreckte;, ſie nicht weiter.“— „Kein vedlicher Mann kann das laͤugnen,“ ſagte der Kundſchafter etwas empfindlich aͤber das Miſſ⸗ trauen, welches Jener in ſeine Erklaͤrung des Geheim⸗ niſſes der Ebbe und Fluth zu ſetzen ſchien;„und ich 8 gebe zu, daß es auf kleine Strecken, wo das Land flach iſt, wahr ſein mag. Aber alles kommt dar⸗ auf an, mit welchem Maßſtabe man die Dinge miſſt; denn im Kleinen iſt zum Beiſpiel die Erde flach, aber im Ganzen iſt ſie rund. Daher moͤ⸗ gen freilich Suͤmpfe und Teiche, und ſelbſt die großen, ſuͤßen Seeen nicht fließen, was ſie auch wirklich, wie wir Beide wiſſen, nicht thun, denn wir haben es geſehen. Aber wenn man nun Waſſer auf eine ſo große Strecke, wie die See iſt, gießt, wo die Erde rund iſt; wie iſt es moͤg⸗ lich, daß das Waſſer ruhig bleiben kann?— Du koͤnnteſt eben ſo gewiß erwarten, daß der Fluß am Rande jener ſchwarzen Felſen, eine Meile weiter hinauf, ſtill ſtehen ſoll, obgleich Deine eig⸗ nen Ohren Dir ſagen werden, daß ſeine Wellen in dieſem Augenblicke daruͤber hintoben.“ Wenn auch vielleicht nicht ganz durch die Schluſffolgen ſeines Gefaͤhrten befriedigt, war doch der Indianer viel zu bedaͤchtig, um ſeinen Un⸗ glauben zu verrathen; er hoͤrte vielmehr zu, als wenn er aͤberzeugt worden waͤre, und fuhr dann in dem vorigen feierlichen Tone in ſeiner Erzaͤhlung fort. 70 „Wir kamen aus jener Gegend, wo ſich die Sonne in der Nacht verbirgt, uͤber große Ebenen, wo die Buͤffel weiden, bis wir endlich den breiten Fluß erreichten. Hier fochten wir mit den Nli⸗ gewi's, bis die Erde von ihrem Blute geroͤthet war. Von den Ufern des breiten Fluſſes bis zum ſalzigen See fanden wir Niemanden. Dann tra⸗ fen wir die Maquas. Wir ſagea, daß das Land von da an, wo das Waſſer nicht mehr aufwaͤrts fließt, bis zu einem Fluſſe, der zwanzig Tagerei⸗ ſen weiter nach dem Sommer hin ſtroͤmt, unſer Land ſein ſollte; wir hatten es wie Krieger er⸗ obert, wir vertheidigten es wie Maͤnner. Zu den Beaͤren in die Waͤlder trieben wir die Maquas! Sie ſchmeckten kein Salz als ihre Thraͤnen; ſie fiſchten nicht in dem großen See; wir warfen ih⸗ nen nur die Graͤten vor.“ „Das alles habe ich gehoͤrt und glaube es auch,“ ſagte der Weiße, da er bemerkte, daß der Indianer innehielt;„aber das war lange, bevor die Englaͤnder in das Land kamen.“— „Eine Fichte ſtand damals, wo jetzt dieſer Kaſtanienbaum ſteht. Das erſte bleiche Geſicht, das zu uns kam, ſprach nicht engliſch. Sie ka⸗ men in einem großen Canon, als meine Vaͤter den Tomahawk, mit den rothen Maͤnnern rings umher, begraben hatten. Damals Hawk— eyn,“ — fuhr er, ſeine tiefe Ruͤhrung nur durch das allmaͤlige Sinkenlaſſen ſeiner Stimme zu jenen leiſen Gaumentoͤnen— welche dieſe Sprache oft ſo melodiſch machen,— verrathend, fort:„Da⸗ mals Hawk— eyn, waren wir nur Ein Volk, und wir waren gluͤcklich. Der ſalzige See gab uns ſeine Fiſche, der Wald ſein Wild, die Luft ihre Voͤgel. Wir nahmen Weiber, die uns Kinder gebaren, beteten zum großen Geiſte, und hielten die Maquas außerhalb dem Schalle unſerer Sie⸗ geslieder.“ „Weißt Du etwas Naͤheres von Deiner ei⸗ genen Familie in der damaligen Zeit?“ fragte der Weiße.„Doch fuͤr einen Indianer biſt Du ein rechtlicher Mann! und da ich glaube, daß Du ihre guten Eigenſchaften beibehalten haſt, ſo wa⸗ ren Deine Vaͤter gewiß brave Krieger und —— 81 weiſe Maͤnner bei dem Verſammlungs⸗Feuer⸗“ „Mein Stamm iſt der Großvater von ganzen Nationen,“ ſagte der Eingeborne;„und ich bin von unvermiſchter Abkunft. Das Blut von Haͤupt⸗ lingen rollt in meinen Adern, und da ſoll es fuͤr immer bleiben. Die Hollaͤnder landeten und brach⸗ ten meiner Nation das Feuer⸗Waſſer; ſie tranken davon, bis ihnen Himmel und Erde nur eins zu ſein ſchienen, und thoͤrichterweiſe glaubten ſie den großen Geiſt gefunden zu haben. Damals verlo⸗ ren ſie ihr Land. Fuß vor Fuß wurden ſie vom ufer zuruͤckgetrieben, ſo daß ich, der ich ein Haͤupt⸗ ling und Sagamore(unumſchraͤnkter Herr) bin, die Sonne niemals anders als nur durch die Baͤume hindurch habe ſcheinen geſehen, und noch niemals die Graͤber meiner Vaͤter habe aufſuchen koͤnnen.“ „Graͤber rufen erhabene Gefuͤhle in unſer Gemuͤth“, erwiederte der Kundſchafter, von dem ſtillen Schmerze ſeines Gefaͤhrten mit ergriffen, „und befeſtigen den Mann oft in ſeinen guten Vorſaͤtzen; obſchon ich fuͤr mich ſelbſt nur erwar⸗ *—— 82 ten kann, daß meine Knochen dereinſt in den Waͤldern unbegraben bleichen, oder von den Woͤl⸗ fen herumgeſchleppt werden. Aber wo iſt Dein Stamm, der ſchon eine Reihe von Sommern her zu ſeinen Verwandten am Delaware kam, jetzt zu finden?“— „Wo ſind die Bluͤthen aller jener Som⸗ mer?— verwelkt und abgefallen, eine nach der andern! So gingen alle von meiner Familie, einer nach dem andern, nach dem Lande des gro⸗ ßen Geiſtes. Ich bin auf der Spitze des Huͤgels und muß auch hinab in das Thal; und wenn Uncas mir einmal folgt, ſo iſt Niemand mehr von dem Blute der Sagamors uͤbrig, denn mein Knabe iſt der Letzte der Mohicans!“ „Hier iſt Uncas“, ſagte eine andere Stim⸗ me in denſelben ſanften Gaumentoͤnen dicht an ſeiner Seite,„wer will etwas von Uncas?“ Der Weiße luͤftete ſein Meſſer in der leder⸗ nen Scheide, und machte bei dieſer ploͤtzlichen Unter⸗ brechung mit der Hand eine unwillkuͤrliche Bewegung nach ſeiner Buͤchſe; der Indianer blieb aber ruhig — — — 83 ſitzen, und wandte nicht einmal den Kopf nach der Seite hin, wo dieſe unerwarteten Toͤne herkamen. Im naͤchſten Augenblick ging ein jugendli⸗ cher Krieger mit geraͤuſchloſen Schritten zwiſchen ihnen hindurch, und ſetzte ſich an das Ufer des reißenden Fluſſes. Kein Laut der Ueberraſchung entſchluͤpfte dem Vater, und mehrere Minuten lang ward weder eine Frage, noch eine Antwort gehoͤrt; Jeder ſchien den Augenblick abwarten zu wollen, wo er ſprechen koͤnne, ohne weibiſche Neu⸗ gierde oder kindiſche Ungeduld zu verrathen. Der Weiße ſchien ſich nach ihren Gebraͤuchen richten zu wollen, und blieb ebenfalls, ſeine nach der Buͤchſe ausgeſtreckte Hand zuruͤckziehend, ſtumm und in ſich gekehrt ſilzen. Endlich wandte Chin⸗ gachgook langſam ſeine Augen nach ſeinem Sohne und fragte: „Wagen es die Maquas wieder, die Spuren ihrer Mocaſſins in dieſen Waͤldern ſehen zu laſſen?“ „Ich bin ihnen auf der Spur geweſen“, er⸗ wiederte der junge Indianer,„und ich weiß, daß 6* ſie ſo ſtark ſind, als ich Finger an meinen beiden Haͤnden zaͤhle; aber ſie liegen verſteckt wie feige Memmen.“ „Die Spitzbuben lauern auf Skalps und Beute“, ſagte der Weiße, den wir von nun an, nach dem Beiſpiele ſeiner Gefaͤhrten, Hawk⸗eye nennen wollen;„der raſtloſe Franzoſe Montcalm wird ſeine Kundſchafter noch bis in unſer Lager ſchicken, um nur zu erfahren, welchen Weg wir nehmen.“ „Es iſt genug,“ ſagte der Vater, mit leuch⸗ tenden Augen der untergehenden Sonne nachblik⸗ kend,„ſie ſollen wie Hirſche aus ihren Verſtecken gejagt werden. Hawk⸗eye, laß uns zu Nacht eſſen, und morgen den Maquas zeigen, daß wir Maͤn⸗ ner ſind.“ „Ich bin zu dem Einen ſo bereit, wie zu dem Andern,“ erwiederte der Kundſchafter;„aber um mit den Irokeſen zu fechten, muß man erſt die lauernden Raͤuber gefunden haben; und um zu eſſen, muß man Wild haben.— Aber ſprech' einer nur vom Teufel, ſo iſt er nicht weit; da ge zeigt ſich dieſen ganzen Sommer uͤber geſehen habe, uͤber dem Gebuͤſch unten am Huͤgel.— Nun, Uncas,“ fuhr er in einem leiſen Tone fort und lachte in ſich hinein, wie Jemand, der behutſam zu ſein gelernt hat,„ich will dreimal ſo viel Pulver, als in meinen großen Napf geht, gegen einen Fuß Wampum wetten, daß ich ihn grade zwiſchen den Augen, und zwar dem rechten Auge naͤher, als dem linken treffe.“. „Das iſt unmoͤglich,“ ſagte aufſpringend mit jugendlicher Heftigkeit der junge Indianer;„es iſt ja nichts von ihm zu ſehen, als nur die ober⸗ ſten Enden!“ „Es iſt ein Knabe,“ ſagte der Weiße, ſich kopfſchuͤttelnd zum Vater wendend;„glaubt er denn, daß, wenn ein Jaͤger nur einen Theil ei⸗ nes Thieres ſehen kann, er nicht auch zu ſagen weiß, wo das Uebrige ſein muͤſſe?“ Seine Buͤchſe anlegend, war er ſchon im Be⸗ griff, einen Beweis ſeiner ſo hoch geprieſenen Ge⸗ ſchicklichkeit zu geben, als der Krieger mit ſeiner Hand das Gewehr wegſchlug und fragte:„Hawk⸗ eye, willſt Du gegen Maquas fechten?“ „Dieſe Indianer kennen die Natur der Waͤl⸗ der gleichſam wie durch Inſtinkt,“ ſagte der Kund⸗ ſchafter, indem er ſeine Buͤchſe herunternahm und ſich mit einer Miene ſeitwaͤrts wandte, als wenn er von ſeinem Irrthume uͤberzeugt worden ſei;„ich muß den Bock Deinem Pfeile uͤberlaſſen, Uncas, ſonſt koͤnnten wir ein Thier toͤdten, bloß um die Spitzbuben, die Irokeſen, damit zu fuͤt⸗ tern. Sobald der Vater dieſe Aufforderung durch eine hindeutende Bewegung ſeiner Hand unter⸗ ſtuͤtzt hatte, warf ſich Uncas auf die Erde und naͤ⸗ herte ſich kriechend behutſam dem Thiere. Als er bis auf einige Schritte an den Buſch herange⸗ kommen war, legte er mit der groͤßten Vorſicht einen Pfeil auf ſeinen Bogen, waͤhrend ſich die Geweihe bewegten, als ob ihr Traͤger bereits durch die Luft ſeinen Feind wittere. Im naͤchſten Augenblick erklang der gellende Ton der losge⸗ ſchnellten Bogenſehne, ein weißer Strich erglaͤnzte 37 und der verwundete Rehbock ſtuͤrzte aus ſeinem Verſteck dicht vor die Fuͤße n Feindes. Schnell warf ſich Un⸗ e des wuͤthenden Thieres geſchickt und ſtieß ihm ſein s noch bis zum die durch das Gebuͤſch, ſeines verborgene cas, dem Geweih auf die Seite, Meſſer in die Kehle, worauf e Uferrande des Fluſſes fortſprang und ſiel, Wellen weit umher mit ſeinem Blute roͤthend.— „Das war mit indianiſcher Geſchicklichkeit ſagte der Kundſchafter mit einem ſeine Zufriedenheit bezeugenden innerlichen Lachen; z war ſchoͤn anzuſehen! wenn gleich man er Naͤhe ſchießen kann, um das Werk zu ausweichend, ausgefuͤhrt, „und e mit einem Pfeile nur in d und ein Meſſer noͤthig hat, vollenden.“ „Horch!“ rief ſein ſich raſch wie ein Jagdhund, „Bei Gott, da iſt eine gan Kundſchafter, Gefaͤhrte, und wendete der ein Wild wittert. ze Heerde Wild,“ rief der jagdliebende deſſen Augen der Eifer fuͤr ſeine ge leuchtender Freude erfuͤllte;„wenn ſie mir Schuß kommen, ſo knalle ich eins woͤhnliche Beſchaͤftigung mit zum nieder, und wenn auch alle ſechs Nationen den Schuß hoͤren ſollten. Was horchſt Du denn aber, Chingachgook? meine Ohren koͤnnen im Walde nichts hoͤren.“ „Hier iſt nur ein Wild, und das iſt todt!“ ſagte der Indianer, indem er ſich ſo weit herun⸗ terbog, daß ſein Ohr faſt die Erde beruͤhrte;„ich hoͤre aber Fußtritte!“ „Vielleicht hatten die Woͤlfe den Bock in je⸗ nes Gebuͤſch getrieben und folgen nun ſeiner Spur.“ „ Nein, es kommen Pferde der Weißen!“ er⸗ wiederte der Andere, indem er ſich langſam auf⸗ richtete und mit ſeiner fruͤhern ruhigen Gelaſſen⸗ heit ſeinen Sitz auf dem Stamme wieder ein⸗ nahm.„Hawk⸗eye, es ſind Deine Bruͤder, ſprich mit ihnen.“. „Das will ich, und zwar in einem Engliſch,. daß ſich der Koͤnig nicht zu ſchaͤmen brauchte, dar⸗ V auf zu antworten;“ erwiederte der Jaͤger in der Sprache, mit deren Kenntniß er ſich bruͤſtete; „aber ich ſehe nichts, und hoͤre auch keinen Ton, 1 weder von Menſchen noch Thieren. Es iſt doch in Indianer Toͤne von Weißen beſ⸗ Mann, der, wie ihm ſeine von unvermiſchter g unter den ſeltſam, daß e ſer hoͤren ſollte, als ein Feinde ſelbſt zugeſtehen muͤſſen, Abkunft iſt; obſchon er lange genu rothen Maͤnnern gelebt hat, um dafuͤr gehalten Ha! da klang etwas wie das werden zu koͤnnen! s— jetzt wieder!— Brechen eines duͤrren Aſte Jetzt hoͤre ich, daß ſich die Geſtraͤuche bewegen!— Ja, ja!— es ſind Fußtritte, die ich fuͤr das To⸗ ben des Waſſerfalls hielt— und— doch da kom⸗ men ſie ſchon ſelbſt; Gott bewahre ſie vor den b Irokeſen!“ V Viertes Kapitel. geh!— doch aus dem Haine ſollſt Du nicht entkommen, Dir gerächet die Beleidigung. 4 Midsum. Night's-Dream. . Wohlan, ſo Bis ich an ſe Worte aus⸗ Der Kundſchafter hatte kaum die 8 1 geſprochen, als der Fuͤhrer des Zuges, deſſen her⸗ 90 annahende Fußtritte in das wachſame Ohr des Indianers gedrungen waren, zwiſchen den Baͤu⸗ men hervortrat. Ein gebahnter Pfad, wie ihn der Wechſel des Wildes zuweilen macht, wand ſich durch ein kleines, nicht weit entferntes Thal, und ſtieß grade da auf den Fluß, wo ſich der weiße Mann mit ſeinen rothen Gefaͤhrten gelagert hatte. Laͤngs dieſes Pfades naͤherten ſich die Reiſenden, die auf eine ſo ungewoͤhnliche Weiſe die Stille des dichten Waldes unterbrochen hatten, dem Jaͤger, welcher vor ſeinen Gefaͤhrten zu ih⸗ rem Empfange bereit ſtand. 4 „Wer kommt da?“ fragte der Kundſchafter, indem er zugleich ſeine Buͤchſe nachlaͤſſig auf den linken Arm warf und den Zeigefinger der rechten Hand an den Abdruck legte, jedoch allen Anſchein von Drohung dabei zu vermeiden ſuchte;„wer kommt hierher in dieſe Wildniſſe, wo nur wilde Thiere wohnen und uͤberall Gefahren drohen?“— „Bekenner der Religion und Freunde des Geſetzes und des Koͤnigs!“ antwortete der, der vor⸗ an ritt;„Leute, die ſeit dem Aufgange der Son⸗ ——— 91 ne in dem Dunkel dieſes Waldes ohne Nahrung umherirrten, und von ihrer Reiſe aͤußerſt ermuͤ⸗ det ſind.“— „Alſo habt ihr Euch verirrt,“ unterbrach ihn der Jaͤger,„und habt erfahren, wie niederſchla⸗ gend es iſt, nicht mehr zu wiſſen, ob man ſich links oder rechts wenden ſoll?“ „So iſt es; das kleinſte Kind an der Bruſt kann nicht abhaͤngiger von ſeiner Waͤrterin ſein, als wir, die wir Erwachſene ſind, und von denen man jetzt wohl ſagen kann, daß ſie zwar die Groͤ⸗ ße, aber nicht die Einſicht und den Verſtand ei⸗ nes Mannes haben, von unſerm Fuͤhrer. Wiſſt ihr, wie weit es noch bis zu einem koͤniglichen Fort, William⸗Henry genannt, iſt?“ „Ho, ho!“ rief der Kundſchafter, ein lautes Gelaͤchter aufſchlagend, doch ſogleich wieder ſeine Luſtigkeit maͤßigend, um nicht die gefaͤhrlichen Toͤne irgend einen auflauernden Feind hoͤren zu laſſen.„Ihr ſeid ſo ſehr von Eurer Spur abge⸗ kommen, als ein Jagdhund, wenn der Horican zwiſchen ihm und dem Wilde laͤge. Nach William⸗ ——--— Henry, Mann?— ſeid ihr ein Freund des Koͤ⸗ nigs, und habt ihr Geſchaͤfte bei der Armee, ſo thut ihr beſſer, laͤngs des Fluſſes hinunter nach Eduard zu gehen, um dort mit Webb zu ſprechen, der, ſtatt in den Paͤſſen vorzudringen und den frechen Franzoſen Montcalm uͤber den Champlain hin⸗ uͤber wieder in ſeine Hoͤhle zuruͤck zu treiben, noch immer hier verweilt.“ Ehe noch der Fremde auf dieſen unerwar⸗ teten Vorſchlag antworten konnte, drang ein an⸗ derer Reiter durch die Buͤſche hervor, und ſtellte ſich mit ſeinem Pferde vor ſeinen Reiſegefaͤhrten auf den Fußſteig. „Wie weit ſind wir denn vom Fort Eduard?“ fragte der neue Sprecher;„den Ort, wo ihr uns hinweiſet, haben wir erſt dieſen Morgen verlaſſen, und wir wollen nach der Spitze des Sees.“ „Dann muͤſſt ihr euer Geſicht fruͤher als den Weg verloren haben, denn die große Straße uͤber den Paß iſt wenigſtens zwei Ruthen breit im Walde ausgehauen, und ſo breit als irgend eine in London, oder vielleicht wohl gar nicht 93 ſchmaͤler, als die, vor des Koͤnigs Palaſte vorbei⸗ fuͤhrt.“ „Wir wollen jetzt nicht daruͤber ſtreiten, ob der Weg gut oder ſchlecht iſt,“ antwortete Hey⸗ ward laͤchelnd; denn, wie der Leſer wohl ſchon er⸗ rathen haben wird, er war es ſelbſt;„es iſt hin⸗ reichend, Euch zu ſagen, daß wir uns einem in⸗ dianiſchen Boten anvertrauten, um uns auf ei⸗ nem naͤheren, wenn gleich ſchlechteren und unbe⸗ kannten Wege dorthin fuͤhren zu laſſen, und daß er uns, ungeachtet ſeiner vorgegebenen Bekannt⸗ ſchaft mit der Gegend, irre geleitet hat. Kurz, mit einem Worte, wir wiſſen nicht mehr, wo wir ſind!”“ „Ein Indianer haͤtte ſich in dem Walde ver⸗ irrt?“ ſagte der Kundſchafter mit unglaͤubigem Kopfſchuͤtteln;„wenn die Sonne grade auf die Gipfel der Baͤume ſcheint, wenn alle Fluͤſſe und Baͤche voll Waſſer ſind, wenn das Moos an jeder Birke ihm zeigt, wo der Polarſtern in der Nacht ſtehen wird?— Die Waͤlder ſind voller Wild⸗ — — teiften, welche an die Stroͤme und zu den Salz⸗ 94 quellen fuͤhren,— Orte, die jedem wohl bekannt ſind; ja ſelbſt die Gaͤnſe ſind noch auf dem Zuge nach den canadiſchen Gewaͤſſern! Es iſt doch ſon⸗ derbar, daß ein Indianer ſich zwiſchen dem Hori⸗ can und der Kruͤmmung des Fluſſes verirren ſollte? Iſt er etwa ein Mohawk?“ „Nicht von Geburt, aber in den Stamm aufgenommen; ich glaube, ſein Geburtsort liegt weiter noͤrdlich, und er iſt einer von denen, die ihr Huronen nennt!“ „Hoho!“ riefen die beiden Gefaͤhrten des Kundſchafters, welche bis zu dieſer Stelle der Un⸗ terredung unbeweglich und, dem Anſchein nach, gegen Alles, was um ſie her vorging, gleichguͤltig da geſeſſen hatten, jetzt aber mit einer Haſt auf⸗ ſprangen, welche deutlich zeigte, daß ihre Theil⸗ nahme erregt worden ſei. „Ein Hurone?“ wiederholte der dreiſte Kund⸗ ſchafter mit einem nochmaligen miſſtrauiſchen Kopfſchuͤtteln;„das iſt ein ſpitbuͤbiſches Volk; mag er auch aufgenommen ſein, von wem er wolle, aus einem Huronen kann man nie etwas —— beſſeres als einen Heuchler und Landlaͤufer ziehen. Mich wundert nur, daß, da ihr Euch einem von der Nation anvertraut habt, Ihr nicht ſchon meh⸗ reren in die Haͤnde gefallen ſeid.“ „Das hat wenig Gefahr, da wir noch ſo ent⸗ fernt von William-Henry ſind; Ihr vergeſſt, daß ich Euch geſagt habe, daß unſer Bote jetzt ein Mohawk iſt, und daß er in unſeren Truppen dient!“ „Und ich ſage Euch, daß, wer als Mingo geboren iſt, auch als Mingo ſtirbt!“ antwortete der Andere beſtimmt. „Ein Mohawk!— Nein! einem Delaware oder einem Mohican koͤnnt ihr wohl trauen, das ſind ehrliche Leute, und wenn ſie fechten wollen— was ſie freilich nicht alle wollen, da ſie ſich von ihren verſchmitzten Feinden, den Maquas, haben zu Weibern machen laſſen— aber wenn ſie nur fechten wollten, ſo ſeht zu, was ein Delaware oder ein Mohican als Krieger thun kann!“ „Genug davon,“ ſagte Heyward ungeduldig; nich mag nichts uͤber den Charakter eines Men⸗ ſchen hoͤren, den ich kenne und der Euch fremd iſt. Ihr habt aber meine Frage noch nicht beant⸗ wortet: Wie weit iſt's von hier bis zum Haupt⸗ corps in Eduard?“ „Das kommt, wie mir's ſcheint, nur darauf an, wer euer Fuͤhrer iſt? Man ſollte wahrhaftig glauben, daß ein Pferd, wie das da, von Sonnen⸗ Auf⸗ bis Sonnen⸗Untergang eine tüͤchtige Strecke Weges zuruͤcklegen koͤnnte.“ „Ich will mich nicht mit Euch, Freund, in ei⸗ nen unnuͤtzen Wortſtreit einlaſſen,“ ſagte Heyward, ſeine Unzufriedenheit unterdruͤckend, in einem freundlichen Tone;„wenn ihr mir ſagen wollt, wie weit es bis Fort Eduard iſt, und mich dahin geleiten, ſo ſoll Eure. Müße nichi umn ſanſt gethan ſein.“ „ Und wenn ich dies nun thun wollte, wer ſteht mir dafuͤr, daß ich nicht einen Feind, oder gar einen Spion Montcalm's in die Verſchan⸗ zungen der Armee fuͤhre? Nicht Jeder, der Eng⸗ liſch ſprechen kann, iſt auch ein treuer eaenahiche. Unterthan.“ „Wenn ihr in den Truppen dient, von denen ihr, wie ich glaube, ein Kundſchafter ſeyd, ſo ſolltet ihr wohl ein Regiment, wie das ſechzigſte kennen.“— „Das ſechzigſte! wahrlich ihr koͤnnt mir nur wenig von den koͤniglichen Amerikanern erzaͤhlen, was ich nicht ſchon weiß, obgleich ich keinen Schar⸗ lachrock, ſondern nur ein Jagdhemde trage!“— „Gut, ſo kennt ihr ja wohl auch, unter an⸗ dern, den Namen von deſſen Major?“— „Deſſen Major?“ unterbrach ihn der Jaͤger, ſich grade aufrichtend wie einer, der auf das Ver⸗ trauen, das er genießt, ſtolz iſt;„iſt hier im Lande irgend Jemand, der den Major Effingham kennt, ſo ſteht er vor Euch!“— „Dies Corps hat aber mehrere Majors; der den ihr nennt iſt der aͤlteſte, aber ich meine den juͤngſten von allen; den naͤmlich, der die Com⸗ pagnieen, die im Fort William⸗Henry garniſoni⸗ ren, kommandirt!“— „Ganz recht, ich habe gehoͤrt, daß ein junger Edelmann von großem Vermoͤgen aus einer der fuͤdlichen Provinzen die Stelle erhalten hat. Er iſt aber noch viel zu jung zu dem Poſten, und um Leuten zu befehlen, deren Koͤpfe anfangen grau zu werden; doch, ſagen ſie, ſoll er ein tuͤch⸗ tiger Soldat und ein braver Mann ſeyn.“ „Was er auch immer ſeyn mag, oder wie er ſich fuͤr ſeinen Rang paſſen mag, ſo ſpricht er ſelbſt jetzt zu euch, und kann alſo kein Feind ſeyn der zu fuͤrchten iſt.“ „Der Kundſchafter ſah Heyward einen Augen⸗ blick ſtäunend an, dann aber ſeine Muͤtze abneh⸗ mend, ſagte er in einem zwar minder zuverſichtli⸗ chen, aber immer noch Zweifel verrathenden Tone:„Ich habe gehoͤrt, daß dieſen Morgen eine Truppen⸗Abtheilung aus dem Lager aufbre⸗ chen und nach dem Ufer des Sees marſchiren ſollte?“— „Ihr hoͤrtet die Wahrheit; doch zog ich es vor einen naͤhern Weg zu nehmen, da ich mich auf die Ortskenntniß des Indianers, von dem ich euch ſagte, verließ.“ „Und er hat euch hintergangen und iſt als⸗ dann davon gelaufen? 4. 3 „Keins von Beiden, wie ich glaube! wenig⸗ ſtens gewiß nicht das Letztere, denn er befindet ſich jetzt noch hinter uns. „Ich moͤchte mir wohl einmal den Kerl an⸗ ſehen; iſt er ein aͤchter Irokeſe, ſo erkenne ich ihn ſicher gleich an ſeinem falſchen Blick und an den Farben auf ſeinem Geſicht;“ ſagte der Kund⸗ ſchafter, indem er bei Heyward's Pferde vorbei ging und hinter der Stute des Singmeiſters, de⸗ ren Fohlen bereits den Halt benutzt und die muͤt⸗ terliche Nahrung in Anſpruch genommen hatte, in den Fußſteig trat. Nachdem er die Geſtraͤuche auseinander gebogen und einige Schritte gemacht hatte, ſtieß er auf die Damen, welche den Aus⸗ gang der Unterredung mit Aengſtlichkeit und ſtei⸗ gender Beſorgniß erwarteten. Dahinter an einen Baum gelehnt ſtand der Laͤufer, und ſetzte der ſcharfen Beobachtung des Kundſchafters eine un⸗ veraͤnderte feſte Miene und einen ſo finſtern und wilden Blick entgegen, der allein ſchon Furcht . 7* 100 einzufloͤßen vermochte. Nachdem er ihn eine Weile genau betrachtet hatte, verließ ihn der Jaͤger. Als er wieder bei den Damen vorbei ging, blieb er einen Augenblick ſtehen, um ihre Reize zu be⸗ wundern und beantwortete das Laͤcheln der ihm zunickenden Alice mit einem freundlichen Blicke. Hierauf trat er neben die Mutter⸗Stute, und nachdem er eine Minute lang fruchtlos verſucht hatte, uͤber die Perſon ihres Reiters Auskunft zu erhalten, kehrte er kopfſchuͤtternd wieder zu Heyward zuruͤck.„Ein Mingo iſt ein Mingo, und weder die Mohawk's noch irgend ein anderer Stamm kann ihn zu etwas anderem machen, als wozu Gott ihn erſchaffen hat“, ſagte er, als er ſeine fruͤhere Stellung wieder eingenommen hatte.— Wenn wir beide allein waͤren, und ihr wolltet dieſe Nacht euer ſchoͤnes Pferd den Woͤlfen Preis geben, ſo koͤnnte ich ſelbſt euch in einer Stunde den Weg nach Fort Eduard fuͤhren; denn es iſt nur ungefaͤhr ſo weit von hier; aber mit den Weibern, die ihr bei euch habt, iſt es unmoͤg⸗ lich!“— „Und warum? Sie ſind zwar ermuͤdet, in⸗ deß immer noch im Stande ein paar Meilen wei⸗ ter zu reiten.“ „Das iſt eine reine Unmoͤglichkeit,“ antwor⸗ tete der Kundſchafter beſtimmt;„nicht fuͤr die beſte Buͤchſe in allen Kolonieen wollte ich, wenn die Nacht eingebrochen iſt, nur eine Meile weit in dieſen Waͤldern mit euerm Boten zuſammen. gehen. Sie ſind ganz voll von auflauernden Iro⸗ keſen, und euer ausgearteter Mohawk weiß ſie zu gut zu finden, um mich von ihm begleiten zu laſſen“ „Meint ihr das?“ ſagte Heyward, ſich im Sattel vorwaͤrts beugend, in einem beinah fluͤ⸗ ſternden Tone;„ ich muß euch aufrichtig geſtehen, daß ich auch einigen Verdacht gehegt habe; ob⸗ gleich ich, um meine Reiſegefaͤhrten nicht zu beun⸗ ruhigen, mir nichts davon habe merken laſſen und gethan habe, als wenn ich mich ganz auf ihn verließe. Eben weil ich ihm miſſtraute, wollte ich ihm nicht mehr folgen, und ließ ihn hinter uns gehen.“ „Sobald ich ihn ins Auge faſſte, ſah ich auch, daß er ein Betruͤger iſt“, erwiederte der Kundſchaf⸗ ter, indem er ſeinen Finger bedeutungsvoll an die Naſe legte;„der Spitzbube ſteht jetzt grade an einen jungen Ahorn⸗Baum gelehnt, den ihr uͤber jene Gebuͤſche hervorragen ſehen koͤnnt; ſein rech⸗ tes Dein ſteht in grader Linie mit dem Stamme des Baumes;“ und, leiſe auf ſeine Buͤchſe ſchla⸗ gend,„von hier aus kann ich ihn grade zwiſchen Knie und Knoͤchel faſſen, und mit einem einzi⸗ gen Schuſſe ſeinem Herumtreiben in dieſen Waͤl⸗ dern, auf wenigſtens einen Monat, ein Ende machen. Wollte ich jetzt zu dem verſchmitzten Schelm zuruͤckgehn, ſo wuͤrde er Verdacht faſſen und wie ein geſchrecktes Wild in den Wald ſpringen.“ 4 „Das geht nicht!— er koͤnnte unſchuldig ſeyn, und ich kann das nicht zugeben.— Und dennoch, wenn ich von ſeiner Treuloſigkeit uͤber⸗ zeugt waͤre— „Man geht immer am ſicherſten, wenn man alle Irokeſen fuͤr Schurken haͤlt,“ ſagte der Kund⸗ —— — ſchafter, ſeine Buͤchſe gleichſam inſtinktmaͤßig in die Hoͤhe nehmend.“ N 4 „Halt!“ unterbrach ihn Heyward,„es geht nicht— wir muͤſſen auf ein anderes Mittel den⸗ ken;— und doch— habe ich große Urſache zu glauben, daß der Schurke mich betrogen hat.— Der Jaͤger, welcher bereits ſeinen Vorſatz den Laͤufer lahm zu ſchießen, dem Befehl ſeines Obern gemaͤß, aufgegeben hatte, beſann ſich ei⸗ nen Augenblick, und machte dann ein Zeichen, welches ſeine beiden rothen Gefaͤhrten ſchnell an ſeine Seite brachte. Sie redeten eifrig mit einan⸗ der in der Delaware⸗Sprache, doch in einem ſehr leiſen Tone; und aus den Gebaͤhrden des Weißen, der oft auf die Spitze jenes Baumes deutete, ging deutlich hervor, daß er ihnen den Standpunkt ihres verborgenen Feindes genau be⸗ ſchrieb. Es bedurfte keiner langen Zeit um ſeinen Gefaͤhrten ſeine Wuͤnſche begreiflich zu machen, und ihre Buͤchſe ablegend verließen ſie in entgegen⸗ geſetzten Richtungen den Fußſteig, und verſchwan⸗ den mit vorſichtigen und geraͤuſchloſen Schritten in den DicißAℳ „Jetzt geht zu ihm zuruͤck,“ ſagte der Jaͤger zu Heyward;„und fangt mit dem Satan ein Geſpraͤch an; dieſe Mohicans hier werden ihn fangen, ohne daß auch nur ſeine Malerei ver⸗ wiſcht wuͤrde.“— „Nein“ ſagte Heyward ſtolz,„ich ſelbſt will ihn, greifen.“ „Ihr?— Was wollt ihr denn zu Pferde ge⸗ gen einen Indianer im Geſtraͤuche machen?“ „Ich will abſteigen!“— „und glaubt ihr denn, daß wenn er einen eurer Fuͤße aus dem Steigbuͤgel ſaͤhe, er warten wuͤrde bis ihr den andern herausgezogen haͤttet? bornen etwas abzuthun, der muß auch Indiani⸗ ſche Manieren annehmen, wenn ihm ſein Vor⸗ haben gelingen ſoll. Reitet alſo hin; ſprecht offen mit dem Boͤſewicht und thut als ob ihr ihn fuͤr den beſten Freund hieltet, den ihr auf der Welt habt.*— Wer in dieſe Waͤlder kommt um mit den Einge⸗ Obgleich Heyward einen ſtarken Widerwillen gegen die Art empfand, mit welcher er ſich be⸗ nehmen ſollte, ſo ſchickte er ſich doch an es zu thun. Jeder Augenblick uͤberzeugte ihn indeß mehr und mehr von der kritiſchen Lage, in welche er durch ſein furchtloſes Vertrauen die ihm anver trauten unſchaͤtzbaren Weſen gebracht hatte. Schon war die Sonne untergegangen; die Waͤlder, ihres Lichts ploͤtzlich beraubt, huͤllten ſich in eine duͤſtre Daͤmmerung, die ihn unangenehm daran erinnerte, daß die Stunde, welche der Wilde gewoͤhnlich er⸗ waͤhlt, um ſeine unbarmherzige Rachſucht und grauſamen Feindſeligkeiten auszuuͤben, immer naͤher ruͤckte. Von wachſenden lebhaften Beſorg⸗ niſſen getrieben, verließ er daher, ohne zu ant⸗ worten, den Kundſchafter, welcher ſogleich mit dem Fremden, der ſich ſo unhoͤflich an dieſem Morgen den Reiſenden als Begleiter aufgedraͤngt hatte, ein lautes Geſpraͤch anknuͤpfte. Beim Vor⸗ uͤbergehen an ſeinen lieblichen Gefaͤhrtinnen, ſagte ihnen Heyward einige Worte des Troſtes, und fand zu ſeiner Zufriedenheit, daß ſie, obgleich von 106 der langen Tagereiſe angegriffen, dennoch keinen Argwohn hegten, und ihre jetzige Verlegenheit nur dem Zufalle zuſchrieben. Nachdem er ſie durch einige vorgebliche Gruͤnde glauben gemacht hatte, daß er ſich nur wegen des zu nehmenden Weges Rath's erholen wolle, ſpornte er ſein Pferd, und hielt es erſt wieder an, als er bis auf einige Schritte von der Stelle gekommen war, wo der finſtere Laͤufer noch immer an den Baum ge⸗ lehnt ſtand. „Du ſiehſt, Magua,“ ſprach er, indem er ſich bemuͤhte ein offenes vertrauliches Weſen anzu⸗ nehmen;„daß die Nacht immer naͤher ruͤckt, und daß wir doch noch beinah eben ſo weit vom Forte William⸗Henry ſind, als dieſen Morgen, wo wir aus Webb's Lager aufbrachen. Du haſt den Weg verfehlt und ich ſelbſt bin leider nicht gluͤckli⸗ cher geweſen. Gluͤcklicherweiſe ſind wir aber einem Jaͤger begegnet, den Du dort mit dem Saͤnger reden hoͤrſt, der die Wildtriften und Nebenwege im Walde genau kennt, und der uns an einen — 1907 ,wo wir ſicher den Mor⸗ . Ort zu bringen verſpricht gen erwarten koͤnnen.“ Der Indianer heftete ſeine Blicke auf Heyward und fragte in ſeinem nen Engliſch: „Iſt er allein?“— „Allein“ antwortete zoͤge durchdringenden gebroche⸗ end Heyward, wel⸗ um ihn ohne einige chem Betrug zu fremd war, allein gewiß Verlegenheit auszuuͤben.„O nein! nicht, Magua, denn Du⸗ weißt ja daß wir bei⸗ ihm ſind“— „Denn kann alſo le Renard Subtil gehn“, ſagte der Laͤufer, kaltbluͤtig ſeinen kleinen Queer⸗ ſack, welcher ihm vor den Fuͤßen lag, aufnehmend, „und die bleichen Geſichter wollen keinen Andern als nur von ihrer eigenen Farbe ſehen“— „Gehn!— Wen nennſt Du denn le Re⸗ nard?“ „Es iſt der Name, den ſeine canadiſchen Vaͤ⸗ ter dem Magua gegeben haben“ erwiederte der Laͤufer mit einem Blicke, der ſeinen Stolz auf dieſe Auszeichnung verrieth, obwohl die Bedeu⸗ 108 tung dieſer Benennung ihm wahrſcheinlich unbe⸗ kannt war.„Nacht und Tag iſt fuͤr le Subtil gleichviel, wenn Munro auf ihn wartet.“ „Und welche Nachricht wird denn le Renard dem Kommandant von William⸗Henry von ſei⸗ nen Toͤchtern bringen? Wird er es wagen dem hitzigen Schotten zu ſagen, daß ſeine Toͤchter ohne Fuͤ rer geblieben ſind, obgleich Magua auiſtsschän ha es ihnen zu ſeyn?“ „Der Graukopf hat eine laute Stimme und einen langen Arm;— kann ihn aber le Renard in den Waͤldern hoͤren oder fuͤhlen?“ erwiederte bedaͤchtig der Laͤufer. „Was werden die Mohawks ſagen? Sie wer⸗ den ihm Weiberroͤcke anziehen und ihn bei den Weibern in der Huͤtte laſſen, denn ſie koͤnnen ihm keine Maͤnnerarbeit mehr anvertrauen.“ „Le Subtil kennt die Wege zu den großen Seeen, und weiß die Graͤber ſeiner Vaͤter zu fin⸗ den,“ war die Antwort des unbeweglichen Laͤufers. „Genug Magua,“ ſagte Heyward,„wir ſind ja Freunde! Warum wollen wir unfreundliche Worte wechſeln? Munro hat dir eine Belohnung verſprochen, wenn Du dieſen Dienſt geleiſtet haſt und ich bin gleichfalls Dein Schuldner. Ruhe ein wenig Deine muͤden Glieder aus, mach' Deinen Queerſack auf und iß. Nur einige Augenblicke bleiben uns uͤbrig; laſſ' ſie uns nicht wie zaͤnki⸗ ſche Weiber mit unnuͤtzen Reden verlieren; wenn die Damen ſich erholt haben, wollen wir weiter.“ „Die bleichen Geſichter machen ſich zu Hun⸗ den ihrer Weiber,“ murmelte der Indianer in ſei⸗ ner Mutterſprache;„wenn ſie eſſen wollen, müſſen ihre Krieger den Tomahawk ablegen, um ſie in ihrer Traͤgheit zu beſtaͤrken.“ „Was ſagſt Du Renard?“ „Le Subtil ſagt es iſt gut!“ Der Indianer heftete ſeine Augen durchdrin⸗ gend auf Heyward's offenes Geſicht, wandte ſie aber, als er deſſen Blicke begegnete, ſchnell wieder ab; nachdem er ſich mit Vorſicht auf die Erde geſetzt hatte, zog er die Ueberbleibſel eines fruͤhe⸗ ren Mahles hervor und fing an zu eſſen, jedoch 110 nicht ohne ſeine Blicke langſam und argwoͤhniſch nach allen Seiten herumſchweifen zu laſſen. „So iſt es recht,“ fuhr Heyward fort;„und morgen fruͤh wird le Renard Kraft und geſtaͤrkte Augen haben, um unſern Weg zu finden.“— Er ſtockte, denn in den benachbarten Buͤſchen lie⸗ ßen ſich Toͤne wie das Brechen trockener Aeſte und das Raſſeln von Blaͤttern hoͤren; doch ſich ſogleich wieder ſammelnd, fuhr er fort:„Wir muͤſſen noch vor Aufgang der Sonne aufbrechen, ſonſt koͤnnte Montealm uns den Weg verlegen und von dem Forte abſchneiden.“ Magua's Hand ſank vom Munde herab an ſeine Seite, ſein Kopf wandte ſich, obgleich ſeine Augen ſtarr auf den Boden geheftet blieben, ſeit⸗ waͤrts, ſeine Naſenloͤcher erweiterten ſich und ſeine Ohren ſelbſt ſchienen mehr als gewoͤhnlich auf⸗ waͤrts zu ſtehen, ſo daß er beinah einer Statue glich, die uns das Bild der geſpannteſten Aufmerkſam⸗ keit geben ſoll. Heyward, mit wachſamen Auge allen ſeinen Bewegungen folgend, zog nachlaͤſſig einen Fuß aus dem Steighuͤgel und legte eine Hand auf das Baͤ⸗ renfell uͤber ſeinen Piſtolenhalftern. Jede ſeiner Bemuͤhungen den Ort zu entdecken, auf welchen der Laͤufer hauptſaͤchlich ſeine Aufmerkſamkeit rich⸗ tete, war jedoch bei dem ungewiſſen Herumſchwei⸗ fen ſeiner Blicke, da ſeine Augen keinen Augen⸗ blick auf demſelben Flecke ruheten, obwohl ſie ſich doch auch kaum zu bewegen ſchienen, durchaus vergeblich. Waͤhrend er ſo noch unentſchloſſen war, was er thun ſolle, ſtand le Subtil ſo vor⸗ ſichtig und mit ſo langſamen und abgemeſſenen Bewegungen wieder auf, daß auch nicht das kleinſte Geraͤuſch dabei zu hoͤren war. Heyward fuͤhlte, daß nunmehr der Augenblick gekommen ſey, wo er handeln muͤſſe; ſeinen Fuß uͤber den Sattel ſchwingend, ſtieg er ab, im Vertrauen auf ſeine volle Mannskraft, feſt entſchloſſen, auf ſeinen betruͤgeriſchen Gefaͤhrten einzudringen und ihn zu ergreifen. Um aber allen unnoͤthigen Laͤrm zu vermeiden, nahm er noch immer eine ruhige und freundliche Miene an. „Le Renard Subtil iſſ't ja nicht,“ ſagte er 112 indem er ſich der, der Eitelkeit des Indianers am meiſten ſchmeichelnden Benennung bediente; „Sein Korn iſt nicht gut geroͤſtet und ſcheint zu trocken zu ſeyn. Laß mich einmal nachſehen, ob ſich unter meinen eigenen Vorraͤthen vielleicht nicht noch etwas findet, was ſeinem Appetit beſſer zuſagt.“— Magua reichte ihm den Queerſack hin, um das Angebotene in Empfang zu nehmen. Er gab es ſogar zu daß ihre Haͤnde ſich beruͤhrten, ohne die geringſte Beſorgniß zu verrathen, oder ſeine ununterbrochen beobachtende Stellung zu veraͤn⸗ dern. Als er aber die Finger Heyward's an ſeinem nackten Arme leiſe hingleiten fuͤhlte, ſtieß er den Arm des jungen Mannes mit einem gellenden lauten Schrei in die Hoͤh', ſchluͤpfte darunter hin⸗ durch und war mit einem einzigen Sprunge in dem gegenuͤberſtehenden Dickigt verſchwunden. Im naͤchſten Augenblick ſprang Chingachgooks Geſtalt, mit ſeinem bemalten Koͤrper einem Geſpenſt nicht unaͤhnlich, aus dem Gebuͤſche hervor und queer uͤber den Pfad, um den Fluͤchtling zu verfolgen. Dar⸗ 3— auf ertoͤnte Uncas lautes Geſchrei, und der Wald wurde von einem ploͤtlichen Blitze erhellt, dem ein lauter Donner aus der Buͤchſe des Jaͤgers — folgte. Fuͤnftes Kapitel. Schritt Thiesbe furchtſam über feuchten Thau, Und ſah des Löwen Schatten früher als ihn ſelbſt. — In ſolcher Nacht 4 Kaufmann von Venedig. Die eilige Flucht ſeines Fuͤhrers und das wilde Geſchrei der Verfolger machte, daß Heyward einen Augenblick beſtuͤrzt und unthaͤtig auf dem Fleck ſtehen blieb. Als er ſich aber erinnerte, wie . wichtig es fuͤr ihn ſey, des Fluͤchtlings wieder habhaft zu werden, brach er durch die ihn um⸗. gebenden Gebuͤſche und eilte ſchnell vorwaͤrts, um an der Verfolgung thaͤtigen Antheil zu nehmen. Er war aber kaum hundert Schritte gelaufen, als er den drei Waldbewohnern begegnete die be⸗ reits von ihrem erfolgloſen Nachſetzen zuruͤckkamen „Warum habt ihr ſo geſchwind den Muth verloren?“ rief er.„Der Schurke muß ſich hier irgendwo hinter einem Baum verſteckt haben, und wir koͤnnen ihn vielleicht noch fangen. So lange er auf freien Fuͤßen iſt, ſind wir nicht ſicher!“ „Wollt ihr dem Winde eine Wolke nach⸗ ſchicken?“ erwiederte miſſvergnuͤgt der Kundſchafter, „ich hoͤrte den Teufel wie eine ſchwarze Schlange uͤber das trockene Laub hingleiten und bekam ei⸗ nen Schimmer von ihm einen Augenblick zu Ge⸗ ſichte, grade jener hohen Fichte gegenuͤber; da hielt ich ſo gut es gehen wollte, darauf hin,— aber es war nichts;— und doch moͤchte ich, wenn Jemand anderes als ich nach einem ſo unſichern Ziele den Schuß gethan haͤtte, wohl behaupten, daß er ein gutes und ſcharfes Auge habe; und ich kann wohl ſagen, daß ich in dieſem Stuͤck Erfahrung habe und weiß was dazu gehoͤrt. Denn ſeht einmal dieſen Sumack an! die Blaͤtter ſind roth, und Jedermann weiß doch daß er im July gel Kuͤht.“— 115 „Das iſt le Subtil's Blut; er iſt verwun⸗ det und kann vielleicht noch fallen!“— „Nein, nein,“ rief der Kundſchafter, die⸗ ſer Meinung beſtimmt widerſprechend;„ich mag ihm vielleicht die Haut aufgeritzt haben, aber der Kerl laͤuft deshalb nur um deſto laͤnger. Wenn eine Buͤchſenkugel ein laufendes Thier nur ſtreift, ſo hat das beinah dieſelbe Wirkung, als wenn Ihr Eurem Pferde die Spornen gebt; es treibt's nur an geſchwinder zu laufen, und bringt friſches Leben in's Fleiſch, ſtatt es ihm zu rauben. Wenn ſie aber ſo ein recht tuͤchtiges Loch reißt, ſo hat's gewoͤhnlich nach ein oder zwei Spruͤngen mit dem Weiterlaufen ein Ende; es mag ein Indianer oder ein Hirſch ſeyn. „Wir ſind aber unſerer vier ſtarke Maͤnner gegen einen Verwundeten.“— „Seyd Ihr denn Eures Lebens ſo uͤberdruͤſſig?“ rief der Kundſchafter.„Der rothe Teufel wuͤrde Euch bis unter die Tomahawks ſeiner Kameraden locken, ehe Ihr noch einmal von der Jagd warm geworden waͤr't.— Es war freilich fuͤr einen Manm, 8* ——— — 116 der ſchon ſo manche Nacht ſchlief, wenn das Kriegs⸗ geſchrei in den Luͤften wiederhallte, ſehr unbedacht⸗ ſam, ſeine Buͤchſe ſo nahe an einem feindlichen Hinterhalte loszubrennen. Es war aber eine ſehr natuͤrliche Verſuchung!— wahrhaftig, ſehr na⸗ tuͤrlich!— doch kommt Freunde, laſſt uns jetzt unſern Weg antreten und zwar ſo, daß wir den verſchmitzteſten Mingo auf eine falſche Spur brin⸗ gen; oder unſere Skalps werden ſchon morgen Abend um dieſe Zeit vor Montcalm's Zelte im Winde haͤngen und trocknen.“ Dieſer Grauſen erregende Nachſatz, den der Kundſchafter mit der kalten Ruhe eines Mannes aͤußerte, der die ganze Groͤße der Gefahr zwar kennt, ihr jedoch ohne Furcht entgegen tritt, fuͤhrte Heyward die Wichtigkeit des Auftrags, der ihm ſelbſt anvertraut worden war, ins Gedaͤchtniß zu⸗ ruͤck. Als ſeine umherirrenden Blicke vergebens durch die unter den dichten Laubgewoͤlben des Waldes immer mehr zunehmende Dunkelheit zu dringen ſtrebten, fuͤhlte er ſich gleichſam von aller menſchlichen Huͤlfe abgeſchnitten und ſah ſeine 117 widerſtandloſen Gefaͤhrtinnen ſchon in der Gewalt ihrer grauſamen Feinde, die wie Raubthiere nur die dichtere Finſterniß der Nacht abwarteten, um deſto ſicherer ihre toͤdtlichen Streiche fuͤhren zu koͤn⸗ nen. Jedem ſich regenden Strauche, jedem ab⸗ gebrochenen Baumſtamme lieh ſeine aufge egte, durch das truͤgliche ungewiſſe Licht getaͤuſchte Phan⸗ taſie menſchliche Formen; und wohl zwanzigmal glaubte er die grimmigen Zuͤge ſeiner laurenden Feinde erkennen zu koͤnnen, wie ſie aus ihren Schlupfwinkeln hervorglotzten, und alle ſeine und ſeiner Gefaͤhrten Bewegungen mit unermuͤdeter Wachſamkeit ausſpaͤhten. Ueber ſich ſah er an den leichten Woͤlkchen, welche der Abendwind auf den blauen Himmel gehaucht hatte, ſchon den letzten ſanften Roſenſchimmer verbleichen, waͤh⸗ rend das enge Bett des zu ſeinen Fuͤßen hin⸗ rauſchenden Stroms nur noch an den dunkeln Umriſſen ſeiner waldigen Ufer erkannt werden konnte. 4 „Was iſt nun zu thun?“ ſagte er in dieſer dringenden Verlegenheit, von dem druͤckenden Ge⸗ 118 fuͤhl ſeiner gaͤnzlichen Huͤlfloſigkeit erfuͤllt;„um Gottes willen, verlaſſt mich nicht! Steht mir bei und helft mir meine Begleiter ſchuͤtzen!— Und ſprecht frei, welchen Lohn ihr dafuͤr verlangt!“ Seine Gefaͤhrten, die unter ſich im eifrigen Geſpraͤch in der Sprache ihres Stammes begriffen waren, ließen indeß dieſe dringende und ernſte Aufforderung unbeachtet. Obwohl ihre Unterre⸗ dung in einem ſehr leiſen, behutſamen und bei⸗ nah nur fluͤſternden Tone gefuͤhrt wurde, ſo konnte Heyward, als er ſich ihnen naͤherte, doch die lebhafte Stimme des jungen Kriegers von den bedaͤchtigeren Reden der Aeltern deutlich unter⸗ ſcheiden. Es war offenbar, daß ſie von der Zweck⸗ maͤßigkeit irgend einer zu nehmenden Maßregel ſprachen, die das Wohl und die Sicherheit unſe⸗ 8 rer Reiſenden ſehr nahe betraf. Von dem hohen 6 Intereſſe, welches er an dieſem Gegenſtand ſelbſt nahm, angetrieben und uͤber eine Saͤumniß un⸗ geduldig, die die Gefahr nur vergroͤßern konnte, trat Heyward der duͤſtern Gruppe naͤher und be⸗ abſichtete den Lohn, den er verſprochen, noch ge⸗ 119 nauer zu beſtimmen, als der Weiße, indem er mit der Hand eine Bewegung machte, als wenn er in dem beſtrittenen Punkte nachgaͤbe, ſich ab⸗ wandte, und halb mit ſich ſelbſt ſprechend in eng⸗ liſcher Sprache ſagte: „Uncas hat recht! Es wuͤrde nicht maͤnnlich gehandelt ſeyn, ſolche unſchuldigen Dinger ihrem Schickſale zu uͤberlaſſen, wenn gleich wir unſeren Schlupfwinkel daruͤber auf immer verlieren.“ „Wollt Ihr, Herr, dieſe zarten Blumen aus den Klauen der ſchlimmſten aller Ungeheuer ret⸗ ten, ſo habt Ihr keine Zeit zu verlieren und muͤſſt Euch ſchnell entſchließen.“— „Wie koͤnnt Ihr nur zweifeln, daß ich es dringend wuͤnſche. Habe ich Euch denn nicht ſchon gebeten,“— „Betet zu ihm, der uns allein Klugheit ver⸗ leihen kann, die Schlauheit dieſer Teufel, von denen die Waͤlder umher wimmeln, zu hinter⸗ gehen,“ unterbrach ihn ruhig der Kundſchafter, „und ſpart Eure Geldverſprechungen, denn wer weiß, ob Ihr noch ſo lange lebt um ſie zu erfuͤl⸗ 120 len, oder ich um Vortheil davon zu ziehen. Dieſe Mohicans und ich, wir wollen alles aufbieten was Maͤnnern zu Gebote ſteht, um ſolche liebliche Blu⸗ men, die wohl nicht ſuͤr dieſe Wildniß geſchaffen ſind, vor allem Leid zu bewahren; und das ohne Ausſicht auf eine andere Belohnung, als womit Gott immer redliche Handlungen vergilt. Doch vorher muͤſſt Ihr zwei Sachen, und zwar ſowohl. fuͤr Euch ſelbſt als im Namen Eurer Freunde verſprechen; denn ſonſt wuͤrden wir uns ſelbſt Schaden bringen, ohne auch nuͤtzen zu koͤnnen.“ „Nennt ſie.”“ „Das Erſte iſt, Euch immer ſtill wie dieſe ſchlafenden Waͤlder zu verhalten, was uns auch immer begegnen mag; und das Zweite, fuͤr jeden Sterblichen den Ort, wohin wir Euch fuͤhren wer⸗ den, auf ewig geheim zu halten. „Ich will Alles in meinen Kraͤften aufbieten, damit dieſe beiden Bedingungen erfuͤllt werden.“ „So folgt;— denn wir verlieren Augenblicke die uns ſo koſtbar ſind, wie einem angeſchoſſenen Wilde ſein Herzblut.“— Deutlich konnte Heyward, ſelbſt bei der zu⸗ nehmenden Dunkelheit des Abends, die Ungeduld in den Mienen des Kundſchafters erkennen, und folgte daher eilig deſſen Schritten nach der Stelle, wo ſeine uͤbrigen Geſellſchafter zuruͤckgeblieben wa⸗ ren. Als er ſich wieder bei den aͤngſtlich harren⸗ den Frauenzimmern befand, machte er ſie in der Kuͤrze mit den von ihrem neuen Fuͤhrer vorge⸗ ſchriebenen Bedingungen und zugleich mit der Nothwendigkeit bekannt, bei den ihnen bevor⸗ ſtehenden wichtigen Ereigniſſen alle lauten Aus⸗ bruͤche der Furcht oder Beſorgniß zu unterdruͤcken. Wenn gleich dieſe beunruhigende Mittheilung von ſeinen Zuhoͤrern nicht ohne inneres Grauſen auf⸗ genommen wurde, ſo gelang es doch ſeinem ern⸗ ſten und nachdrucksvollen Weſen, das vielleicht noch durch den Gedanken an die Beſchaffenheit der Gefahren, die ihnen drohten, unterſtuͤtzt wurde, ihre Nerven zu ſtaͤhlen und ihnen Muth einzu⸗ floͤßen, allem unvorhergeſehenen Ungemach gefaſſt entgegen zu gehen.— Schweigend und ohne den geringſten Verzug ließen ſie ſich von ihm aus 122 dem Sattel heben, und eilten an das Ufer, wo der Kundſchafter bereits alle Uebrigen, mehr durch ſeine ausdrucksvollen Geberden als durch Worte, verſammelt hatte. „Was ſollen wir denn aber mit dieſen ſtum⸗ men Geſchoͤpfen machen!“— murmelte der Weiße, der, wie es ſchien, die Leitung und Anordnung ihrer Angelegenheit allein uͤbernommen hatte; „wenn wir ihnen die Haͤlſe abſchnitten und ſie in den Fluß wuͤrfen, wuͤrden wir nur Zeit ver⸗ lieren, und ſie hier zu laſſen, wuͤrde eben ſo gut ſeyn als den Mingo's zu ſagen, daß ſie nicht weit zu gehen brauchten um die Eigenthuͤmer zu finden.“ „So wollen wir ſie loslaſſen und in den Wald jagen,“ wagte Heyward vorzuſchlagen. „Nein, es iſt beſſer dieſe Satans irre zu fuͤhren, und ihnen weiß zu machen, daß ſie wie Pferde rennen muͤſſen, wenn ſie Euch einholen wollen. Ja, ja, das ſoll ihre Feuerbaͤlle im Kopfe blenden! Chingachgook— horch! was regt ſich dort im Buſche?“ „Es iſt das Fohlen.“ „Das wenigſtens muß ſterben!“ murmelte der Kundſchafter, indem er nach der Maͤhne des lluͤchtigen Thieres griff, welches ihm aber gewandt entſchluͤpfte;„Uncas, deine Pfeile!“ „Halt!“ rief laut der Eigenthuͤmer des ver⸗ urtheilten Thieres ohne Ruͤckſicht auf die leiſen Toͤne, deren ſich die Andern bedienten, zu nehmen. „Schonet das Fohlen Miriam's! es iſt ein zar⸗ ter Sproͤſſling einer treuen Muttter, und wird wiſſentlich nichts verderben.“ „Wenn Maͤnner um das einzige Leben kaͤm⸗ pfen, das ihnen Gott gegeben hat,“ ſagte der Kund⸗ ſchafter ernſt,„dann ſcheint ihnen ihr eigenes Geſchlecht nicht beſſer als die Thiere des Waldes. Sprecht Ihr noch einmal, ſo muß ich Euch zu⸗ ruͤcklaſſen und den Maqua's Preis geben! Nimm einen gut geſpitzten Pfeil, Uncas; wir haben keine Zeit uns lange damit aufzuhalten.“ Die leiſen murmelnden Toͤne ſeiner drohen⸗ den Stimme waren noch hoͤrbar, als ſchon das verwundete Fohlen, ſich erſt auf ſeinen Hinter⸗ 124 beinen hebend, zuſammenbrach. Schneller als ein Gedanke eilte Chingachgook hin, ſchnitt ihm mit ſeinem Meſſer die Kehle ab, und das ſich ſtraͤu⸗ bende Thier von ſich ſtoßend, ſtuͤrzte er es in den Strom, deſſen Wellen es laut roͤchelnd mit ſich iſſen. Dieſe ſcheinbar grauſame, aber von baͤnderlicher Nothwendigkeit gebotene That, de⸗ 373: Eindruck durch die ruhige aber feſte Entſchloſ⸗ ſenheit, womit jene ſie ausuͤbten, noch erhoͤht wurde, ergriff die Gemuͤther der Reiſenden wie eine furchtbare Warnung vor der Gefahr, in wel⸗ cher ſie ſelbſt ſchwebten. Schaudernd ſchmiegten ſich die Schweſtern dicht aneinander und Heyward faſſte inſtinktmaͤßig eine der Piſtolen, die er eben aus den Halftern gezogen hatte, und ſtellte ſich zwiſchen ſeine anvertrauten Schuͤtzlinge und die dunkeln Schatten, welche einen undurchdringlichen Schleier von dem Innern des Waldes auszubrei⸗ ten ſchienen. 8 Die Indianer aber verloren keinen Augen⸗ blick, ergriffen die Zuͤgel der furchtſamen und wi⸗ derſtrebenden Pferde und fuͤhrten ſie hinunter in 9 das Bette des Fluſſes. Als ſie eine kurze Strecke 3 vom Ufer entfernt waren, wandten ſie ſich und waren bald durch das vortretende Ufer den Blicken entzogen, laͤngs deſſen hohem Rande ſie ſtrom⸗ aufwaͤrts fortgingen. Waͤhrend deſſen zog er Kundſchafter ein Canon von Baumrinde he 3 das unter einigem Gebuͤſch, deſſen Zweige“ in die Wellen des Stroms herabhingen, verbo gen lag, und noͤthigte ſchweigend die beiden Schwe⸗ ſtern hinein zu ſteigen. Ohne Zaudern thaten ſie es, doch nicht ohne furchtſame und aͤngſtliche Blicke nach der ſich immer mehr verdichtenden Finſterniß hinter ihnen, die ſich jeßt wie eine ſchwarze Wand laͤngs dem Ufer des Fluſſes hinzog, zu werfen. Sobald ſich Cora und Alice geſetzt hatten, winkte der Kundſchafter, ohne auf das naſſe Ele⸗ ment zu achten, Heyward, die eine Seite des gebrechlichen Fahrzeugs zu unterſtuͤtzen, waͤhrend er ſelbſt dies auf der andern that, und ſo ſchoben ſie beide den Kahn ſtromaufwaͤrts, von dem nie⸗ dergeſchlagenen Herrn des todten Fohlens gefolgt, fort.— Auf dieſe Weiſe legten ſie eine betraͤcht⸗ 126 liche Strecke mit einer Stille zuruͤck, die nur von dem ſanften Rauſchen der ſie auf allen Seiten umbraͤuſelnden Wellen, und dem leiſen Geraͤuſch ihrer eigenen vorſichtigen Fußtritte unterbrochen wurde. Heyward uͤberließ die Leitung des Canoes gaͤnzlich dem Kundſchafter, welcher ſich, je nach⸗ dem Felſenſtuͤcken ausgewichen oder tiefere Stellen des Fluſſes vermieden werden muſſten, mit einer ſolchen Gewandtheit dem Ufer bald naͤherte, bald davon entfernte, die ſeine genaue Kenntniß von ihrem Wege deutlich verrieth. Zuweilen hielt er an, und horchte, waͤhrend die tiefſte Stille, die das dumpfe, aber ſich immer mehr naͤhernde To⸗ ben des Waſſerfalls noch ſchauerlicher machte, ſie umgab, mi der geſpannteſten Aufmerkſamkeit, ob ſich irgend ein Ton des Lebens aus den ſchlum⸗ mernden Waͤldern hoͤren laſſe. Wenn er ſich dann uͤberzeugt hatte, daß alles noch ruhig ſey, und ſeine geuͤbten Sinne kein Zeichen eines herannahen⸗ den Feindes entdecken konnten, ſo ſetzte er lang⸗ ſam und rorſichtig ſeinen Weg fort. Endlich er⸗ reichten ſie eine Stelle im Fluſſe, wd ſich Hey⸗ ward's ſpaͤhenden Blicken eine verworrene Maſſe ſchwarzer Gegenſtaͤnde an einem Orte, wo das hoͤhere Ufer einen tieferen Schatten auf die dun⸗ keln Wellen warf, zeigte. Er zoͤgerte weiter zu gehen und machte ſeinen Gefaͤhrten darauf auf⸗ merkſam. „Die Indianer,“ erwiederte ruhig der Kund⸗ ſchafter,„haben die Pferde mit dem ihnen an⸗ geborenen Scharfſinn verſteckt. Im Waſſer bleibt keine Spur zuruͤck, und ein Eulenauge ſelbſt wuͤrde in der Finſterniß einer ſolchen Hoͤhle er⸗ blinden“—. Bald war die ganze Geſellſchaft wieder bei einander, und als der Kundſchafter ſich mit ſei⸗ nen Kameraden abermals zu berathſchlagen an⸗ fing, gewannen die Reiſenden, deren Schick⸗ ſal von der Treue und Redlichkeit dieſer unbe⸗ kannten Waldbewohner allein abhing, einige Muße, ihre jetzige Lage genauer zu betrachten. Der Fluß war hier zwiſchen hohen und zak⸗ kigten Felſen eingeſchloſſen, von denen einer grade uͤber die Stelle, wo ſich jetzt das Canon befand, — heruͤberhing. Ueber dieſen Felſen erhoben ſich hohe Baͤume, die an dem Rande des Abgrundes hin und her zu wanken ſchienen, und dem Fluſſe das Anſehn gaben, als ob er durch eine tiefe und enge Hoͤhle ſtroͤmte. Unterhalb dieſer wunderlich geſtalteten Steinmaſſen und buſchigten Baum⸗ gipfel, deren Umriſſe ſich hin und wieder dunkel auf dem ſternhellen Himmel uͤber ihnen malten, lagen alle Gegenſtaͤnde in tiefe Nacht verhuͤllt. Hinter ihnen wurde die Ausſicht bald durch eine Kruͤmmung des Fluſſes beſchraͤnkt, und ließ eben⸗ falls nur dunkle und waldigte Umriſſe erkennen; vor ihnen aber, und dem Anſcheine nach nicht weit entfernt, ſchien ſich das Waſſer gegen den Himmel zu thuͤrmen, von wo es in Hoͤhlen her⸗ unter ſtuͤrzte, aus denen jenes dumpfe Getoͤſe er⸗ ſcholl, das durch die Abendluft zu ihnen gedrun⸗ gen war. Der Ort ſchien wirklich ſo einſam und von der ganzen uͤbrigen Welt abgeſchieden zu ſein, daß die beiden Schweſtern ſich bei dem Anblicke dieſer romantiſchen, wenn gleich furchtbaren Na⸗ tur⸗Schoͤnheiten beruhigter und ſicherer fuͤhlten. 2 129 Eine allgemeine Bewegung unter ihren Fuͤhrern zog ſie aber bald von der Betrachtung der, noch durch die Dunkelheit der Nacht erhoͤhten, wilden Reize der Gegend ab, und erweckte in ihnen von neuem die ſchmerzlichen Gefuͤhle der dringenden Gefahr, worin ſie ſich befanden. Die Pferde waren zwiſchen einigen, hin und wieder zerſtreut in den Felsſpalten wachſenden Geſtraͤuchen in Sicherheit gebracht worden, wo ſie, im Waſſer ſtehend, die Nacht bleiben ſollten. Der Kundſchafter ließ nun Heyward und ſeine nie⸗ dergeſchlagenen Gefaͤhrtinnen ſich in dem vor⸗ deren Ende des Kahns niederſetzen, und ſtellte ſich ſelbſt in das andere Ende deſſelben ſo kuͤhn und grade hin, als wenn er ſich in dem groͤßten und feſtgebauteſten Schiffe befaͤnde. Die India⸗ ner gingen hierauf mit behutſamen Schritten nach dem Orte, den ſie verlaſſen hatten, zuruͤck; der Kundſchafter aber ſtieß, indem er ſeine Stange gegen den Felſen ſtemmte, mit einem kraͤftigen Stoße das gebrechliche Fahrzeug grade in die Mitte e..*. 3 des ungeſtuͤmen Stromes hinein. Mehrere Mi⸗ nuten lang hatten ſie einen harten und zweifel⸗ haften Kampf der ſanften Wellen, auf denen ſie ſich gewiegt hatten, mit der reißenden Stroͤmung zu beſtehen. In fieberhafter banger Erwartung ſtarrten die aͤngſtlichen Paſſagiere, die nicht ein⸗ mal eine Hand zu bewegen und kaum Athem zu ſchoͤpfen ſich getrauten, um nicht den leichten Nachen der ganzen Wuth des Stroms Preis zu geben, in die hellglaͤnzenden Wellen. Wohl zwan⸗ zigmal glaubten ſie von den drohenden Waſſer⸗ wirbeln in den Abgrund geriſſen zu werden, aber immer wuſſte die Meiſterhand ihres Steuerman⸗ nes den Kahn ſo geſchickt zu leiten, daß deſſen Spitze die andringenden Wogen theilte, und ihre Augen nichts als verworrene Maſſe des aufgereg⸗ ten Elementes erblickten, ſo ſchnell rauſchte das Waſſer an ihrem kleinen Nachen vorbei. Eine lange, kraͤftige und, wie es den Schweſtern ſchien, verzweiflungsvolle Anſtrengung des Fuͤhrers endete dieſe Scene. Grade als Alice, von Furcht beaͤng⸗ ſtigt und uͤberzeugt, daß ſie nun unfehlbar in den Strudel am Fuße des Waſſerfalls hineinge⸗ —³— ⏑‿ ☛ A — 131 riſſen werden wuͤrden, den Schleier uͤber ihre Au⸗ gen zog, ſtand das Canon ſchwankend an der Seite eines glatten, mit der Flaͤche des Waſſers in gleicher Hoͤhe liegenden Felſens ſtill „Wo ſind wir? und was muß jetzt gethan werden?“ fragte Heyward, als er ſah, daß der Kundſchafter zu rudern aufgehoͤrt hatte. „Ihr ſeid am Fuße des Gleen!“ antwortete der Andere mit lauter Stimme, in dieſer Naͤhe des Waſſerfalls fuͤr die Folgen unbeſorgt;„und das Erſte iſt, daß ihr vorſichtig an's Land ſteigt, ſonſt koͤnnte der Kahn umſchlagen und ihr koͤnntet denſelben ſchlimmen Weg, den wir eben gemacht ha⸗ ben, wieder zuruͤck machen muͤſſen, und das ge⸗ wiß geſchwinder als ihr herauf gekommen ſeid; es iſt ein ſchlimmes Stuͤck Weg, wenn der Strom ein bischen angeſchwollen iſt, und fuͤnfe ſind zu viel, um ſie in einem ſo kleinen Kahn von Bir⸗ kenrinde und Gummi in ſolcher Haſt trocken her⸗ uͤber zu bringen. Tretet jetzt alle dort auf den Fel⸗ ſen, und ich will dann die Mohicans mit dem Wilde holen; denn ein Mann thut beſſer, ohne .9* 1*2 ſeinen Skalp zu ſchlafen, als mitten im Ueber⸗ fluſſe zu hungern.— Seine Paſſagiere folgten gern dieſer Anord⸗ nung. Als der letzte Fuß den Felſen betreten hat⸗ te, verließ das Canon ſchnell wieder ſeine Stelle, und einen Augenblick lang konnte man die hohe Geſtalt des Kundſchafters uͤber dem Waſſer hin⸗ gleiten ſehen, bis ſie in der undurchdringlichen Finſterniß, die auf dem Fluſſe ruhte, verſchwand. Von ihrem Fuͤhrer verlaſſen, blieben die Reiſen⸗ den einige Minuten in einer huͤlfloſen ungewiſ⸗ ſen Lage, da ſie es nicht wagten auf dem unebe⸗ nen Felsgrunde einen Schritt zu thun, aus Be⸗ ſorgniß in eine der vielen tiefen, dumpfbrauſen⸗ den Hoͤhlen zu fallen, in die das Waſſer rings um ſie her hineinzuſtuͤrzen ſchien. Sie wurden jedoch bald wieder aus ihrem bangen Zuſtande er⸗ loͤßt; denn der Kahn rauſchte, durch die gewand⸗ ten Eingebornen gerudert, ſchon wieder durch die tobenden Wirbel zuruͤck und legte an der Seite des niedern Felſens an, ehe ſie noch glaubten, 8 —— —— ſeinen Gefaͤhrten zuruͤck zu kehren. daß der Kundſchafter Zeit genug gehabt habe, zu „Wir ſind nun verſchanzt und mit Mann⸗ ſchaft und Lebensmitteln verſehen,“ rief Heyward froͤhlich,„und koͤnnen nun Montcalm und ſei⸗ nen Alliirten Trotz bieten. Wie iſt es, meine wachſame Schildwacht, koͤnnt Ihr irgend etwas von denen, die Ihr Irokeſen nennt, auf dem feſten Lande ſehen?“ „Ich nenne ſie Irokeſen, weil ich jeden Ein⸗ geborenen, der eine fremde Sprache ſpricht, fuͤr einen Feind halte, und wenn er ſelbſt dem Koͤ⸗ nig zu dienen vorgaͤbe. Wuͤnſchet Webb India⸗ ner von Treue und Glauben zu haben, ſo laſſt ihn die Staͤmme der Delawares holen; und dieſe gierigen, luͤgneriſchen Mohawks und Oneidas, ſammt ihren ſechs Nationen von Schelmen, zu denen ſie ihrer Abſtammung nach wirklich gehoͤ⸗ ren, den auslaͤndiſchen Franzoſen zuſchicken.“ „Dann aber wuͤrden wir einen kriegeriſchen, mit einem unbrauchbaren Freund vertauſchen; denn ich habe gehoͤrt, die Delawares haͤtten ihre Streit⸗Aexte abgelegt, und waͤren es zufrieden, Weiber genannt zu werden.“ „Schande den Hollaͤndern und Irokeſen, die ſie durch ihre Teufelskuͤnſte zu einem ſolchen Ver⸗ trag verleitet haben! denn ich kenne ſie zwanzig Jahre lang, und ich nenne den einen Luͤgner, der mir ſagt, daß feiges Blut in den Adern eines Delawares fließt. Ihr habt ihre Staͤmme von der Seekuͤſte getrieben, und moͤchtet nun gern glauben, was ihre Feinde von ihnen ſagen, damit ihr um ſo ſicherer und ruhiger auf euren weichen Kiſſen ſchlafen koͤnnt. Nein, nein, ich halte je⸗ den Indianer, der eine fremde Sprache ſpricht, fuͤr einen Irokeſen, mag ſein Stamm in Ca⸗ nada oder in York entſprungen ſein.“ Da Heyward wahrnahm, daß die hartnaͤckige Anhaͤnglichkeit des Kundſchafters an ſeine Freunde, die Delawares oder Mohicans,— denn beide wa⸗ ren Zweige deſſelben zahlreichen Volkes— ſie leicht in einen unnuͤtzen Streit verwickeln koͤnnte, ſo ſuchte er geſchickt die Unterredung auf einen an⸗ dern Gegenſtand zu lenken. 3 ——— 1— „Vertrag oder kein Vertrag, ich bin feſt uͤberzeugt, daß Eure beiden Gefaͤhrten da ein paar brave und wachſame Krieger ſind! Haben Sie etwas von unſeren Feinden gehoͤrt oder geſehen?“— „Ein Indianer iſt ein Geſchoͤpf, das man fruͤher fuͤhlt, als man es zu ſehn bekommt,“ er⸗ wiederte der Kundſchafter, indem er den Felſen heraufſtieg und das Wild nachlaͤſſig hinwarf,„ich halte mich an beſſere Zeichen, als die, die man mit den Augen ſieht, wenn ich gegen die Min⸗ goe's im Hinterhalte liege.” „Sagen Euch denn Eure Ohren, daß ſie uns auf der Spur ſind?“ „Es wuͤrde mir ſehr unlieb ſein, wenn ich glauben muͤſſte, daß ſie es waͤren, obgleich dies hier ein Fleck iſt, den man mit feſtem Muthe wohl gegen einen ziemlich heftigen Angriff vertheidigen kann. Doch kann ich nicht laͤugnen, daß, als ich vorhin bei den Pferden voruͤber kam, ſie ſich grade ſo zuſammendruͤckten, als ob ſie Woͤlfe wit⸗ terten; und ſo ein Wolf iſt ein Thier, das ſich F 136 1 gern in der Naͤhe der Schlupfwinkel von India⸗ nern aufhaͤlt, weil es da auf den Abfall von dem Wilde, das ſie erlegen, lauert.“— „Es kann wohl auch der Rehbock hier vor Euch ſein, der ſie anzieht, oder ſie ſind auch viel— leicht dem todten Fohlen nachgegangen!— Doch, was iſt das fuͤr ein Geraͤuſch?“— „Arme Miriam,“ murmelte jetzt der Fremde vernehmbar;„dein Fohlen war dazu beſtimmt die Beute raubgieriger Thiere zu werden.“ Dann aber ploͤtzlich ſeine Stimme in dem ununterbro⸗ chenen Getoͤſe der Wellen erhebend, ſang er laut: Egyptens Erſtgeborner, er ſchlug Die Menſchen und die Thier' in ſich'rer Ruh'!— Zu dir Egypten man die Wunder trug, Zu Pharao und ſeinen Dienern dazu! „Der Tod des Fohlens liegt ſeinem Herrn ſchwer auf dem Herzen,“ ſagte der Kundſchafter, „es iſt indeß immer ein gutes Zeichen, wenn ein Menſch auf ſeine ſtummen Freunde haͤlt. Seine Religion iſt von der Art, daß er glaubt, daß das, was einmal geſchehen ſoll, auch geſchieht! und 14' 137 bei einem ſolchen troͤſtlichen Glauben, wird es ſchwer halten, ihn zu uͤberzeugen, daß es der Klugheit gemaͤß ſei, ein vierfuͤßiges Thier zu toͤd⸗ ten, um dadurch ein Menſchenleben zu retten.— 4 Es kann wohl ſo ſein, wie ihr ſagtet,“ fuhr er, auf Heyward's letzte Bemerkung zuruͤckkommend, fort;„und um ſo mehr haben wir Urſache, uns unſere Abend⸗Portionen bald abzuſchneiden, und das Gerippe den Strom hinunter treiben zu laſ⸗ 5 ſen, ſonſt wird das ganze Rudel hier um die Klippen herum uns was vorheulen, und jeden Biſſen, den wir eſſen, miſſgoͤnnen. Ueberdem, ſo 1 ſind die verſchmitzten Schelme von Irokeſen, wen gleich ſie von der Delaware⸗Sprache grade ſo viel ◻ als wir von der Buchſtabenſchrift verſtehen, doch ſchlan genug, um wohl zu wiſſen, warum ein Wolf heult.“ Waͤhrend der Kundſchafter dieſe Bemerkung machte, hatte er verſchiedene nothwendige Geraͤth⸗ ſchaften geſammelt, und entfernte ſich, als er ge⸗ endet hatte, ſchweigend mit den beiden Mohicans, die mit inſtinktmaͤßiger Gewandtheit ſeine Abſicht ——— 138 zu errathen ſchienen, von den Reiſenden; worauf alle drei, einer nach dem andern, vor einer dun⸗ keln, ſteilen Felſenwand, die einige Ellen von dem Uferrand abſtand und ungefaͤhr eben ſo hoch war, zu verſchwinden ſchienen. Sechſtes Kapitel. Und aus den Liedern, die in Zion einſt ſo ſanft er⸗ klangen, Trifft Auswahl er, mit Sorgfalt und Bedacht; Und„Laßt verehren uns den Gott der Macht!“ So rufet er, von Andacht hehr umfangen. Burns. Heyward und ſeine weiblichen Begleiter beobach⸗ teten dieſe geheimniſſpolle Bewegung nicht ohne ei⸗ nige innere Unruhe zu empfinden; denn obwohl das bisherige Benehmen des weißen Mannes uͤber al⸗ len Verdacht erhaben ſchien, ſo waren doch ſein aͤrmlicher Anzug, ſein rauhes Weſen, und die leidenſchaftlichen Ausdruͤcke ſeines Haſſes, zuſam⸗ 139 mengenommen mit dem Charakter ſeiner ſtummen Gefaͤhrten, wohl geeignet, einiges Miſſtrauen in Gemuͤthern zu erregen, die noch ſo kuͤrzlich erſt durch indianiſche Verraͤtherei in Unruhe geſetzt wor⸗ den waren. Der Fremde allein blieb gegen Alles, was um ihn her vorging, gleichguͤltig. Auf ei⸗ nem Vorſprung des Felſens ſitzend, gab er kein anderes Zeichen des Lebens, als daß er durch oͤf⸗ tere, tiefe Seufzer den Kampf in ſeinem Innern beurkundete. Bald darauf ließen ſich dumpfe Stim⸗ men, wie von Menſchen, welche unter der Erde einander zuriefen, vernehmen, und ein blendender Lichtſtrahl traf ploͤtzlich die Augen der Außenſte⸗ henden und enthuͤllte ihnen auf einmal die ſo ge⸗ fuͤrchteten Geheimniſſe dieſes Ortes. Am entfernteſten Ende einer tiefen und engen Felſenhoͤhle, deren Laͤnge durch die Perſpektive und die Art der Erleuchtung noch bedeutender erſchien, ſaß der Kundſchafter, einen lodernden Fichten⸗Aſt in der Hand haltend. Der helle Schein der Flam⸗ men, der in ſeiner ganzen Staͤrke auf deſſen kuͤh⸗ nes, von der Sonne verbranntes Geſicht und deſ⸗ — 140 ſen Jagdanzug fiel, gab der ganzen Geſtalt die⸗ ſes Mannes, der, beim gewoͤhnlichen Tageslichte beſehen, nur durch ſeine ungewoͤhnliche Kleidung, die eiſerne Feſtigkeit ſeiner Gliedmaßen, und die ſonderbare Zuſammenſtellung von lebhafterm und unermuͤdlichem Scharfſinne und ausnehmender Ein⸗ falt, die abwechſelnd ſeine ausdrucksvollen kraͤfti⸗ gen Geſichtszuͤge belebten, einige Aufmerkſamkeit in Anſpruch genommen haben wuͤrde,— einen Anſtrich von romantiſcher Wildheit. Etwas mehr vorwaͤrts ſtand Uncas, deſſen ganze Geſtalt durch ſeine Stellung und Naͤhe kraͤf⸗ tig hervorgehoben wurde. Aufmerkſam betrachte⸗ ten die Reiſenden die gewandte und ſchlanke Figur des jungen Mohicans, welcher in allen ſeinen natuͤrlichen Stellungen und Bewegungen Anmuth und Ungezwungenheit zeigte. Obgleich ſein Koͤrper durch ein beſetztes gruͤnes Jagdkleid, dem des weißen Mannes gleich, mehr als gewoͤhnlich ver⸗ deckt wurde, ſo blieben doch ſeine ſchwarzen, glaͤn⸗ zenden, furchtloſen Augen, aus denen Unerſchrocken⸗ heit und Ruhe zugleich ſtrahlte;— der kuͤhne Aus⸗ 141 druck ſeiner edlen und ſtolzen Zuͤge, die nur von ihrem natuͤrlichen Roth gefaͤrbt waren, und die erhabene Bildung ſeiner wohlgeformten Stirne, ſammt allen den ſchoͤnen Verhaͤltniſſen ſeines edlen Hauptes, das bis auf den großmuͤthigen Skalp⸗ Haarbuſch kahl geſchoren war,— unverborgen.*) Es war die erſte Gelegenheit, die ſich Duncan und ſeinen Gefaͤhrten darbot, die ſcharfen Zuͤge ihrer beiden indianiſchen Begleiter naͤher zu be⸗ trachten, und ein jeder in der Geſellſchaft fuͤhlte ſich, als ihre Aufmerkſamkeit auf den ſtolzen und feſten, obgleich wilden Ausdruck in dem Geſichte des jungen Kriegers hingezogen worden war, von einem druͤckenden Miſſtrauen befreit. Zwar fuͤhl⸗ ten ſie wohl, daß ſein Geiſt noch mit der tiefſten Nacht der Unwiſſenheit bedeckt ſeyn moͤchte, daß *) Der Indianiſche Krieger ſcheert ſeinen Kopf ganz kahl und läſſt nur einen Haarbuſch oben auf dem Scheitel in der Abſicht ſtehen, ſeinem Ueberwinder das Ab⸗ ziehn des Skalps, d. i. der oberen Kopfhaut— das einzige Erinnerungszeichen, welches dieſer von ſeiner Waffenthat aufzuweiſen hat— zu erleichtern. 142 n aber dennoch auch nicht im Stande ſei, ſeine herrlichen Naturanlagen zu herzloſer Verraͤtherei üzuwenden. Die freimüthige Alice ſtaunte ſein offenes Weſen und ſeine ſtolze Haltung an, wie Eſie ein koſtbares uͤbrig gebliebenes Meiſterſtuͤck des griechiſchen Meißels, dem durch ein Wunder Le⸗ ben eingehaucht waͤre, angeſtaunt haben wuͤrde; dagegen Heyward, obgleich gewohnt dergleichen vollendete Formen an den noch unverdorbenen Ein⸗ gebornen zu ſehen, ſeine Bewunderung uͤber dies untadelhafte Muſter einer in allen Verhaͤltniſſen maͤnnlich ſchoͤnen Geſtalt laut ausſprach. „Ich koͤnnte ganz ruhig ſchlafen,“ fluͤſterte ihm Alice zu,„wenn ein Juͤngling von ſolchem unerſchrockenen und edelmuͤthigen Anſehn mich be⸗ wachte. Gewiß Duncan, ſo grauſame Mordthaten und ſchreckliche Marterſcenen, als wovon wir ſo⸗ viel leſen und hoͤren, ſind niemals veruͤbt worden, wenn einer, wie er iſt, dabei war.“ „Es iſt gewiß ein ſeltenes und glaͤnzendes Beiſpiel von Vereinigung der herrlichen Naturga⸗ ben, durch welche ſich, wie man ſagt, dieſes eigenthuͤmliche Volk auszeichnet,“ antwortete er; „ich bin ganz ihrer Meinung, Alice: daß ſolche Stirn und Augen eher dazu geſchaffen ſind, Furcht einzufloͤßen, als zu betruͤgen; laſſen ſie aber uns auch nicht ſelbſt taͤuſchen und bei ihm noch irgend eine andere Eigenſchaft, die wir Tugend nennen, als etwa wie ſie ſich mit den Gebraͤuchen und Be⸗ griffen eines Wilden vertraͤgt, zu finden hoffen. „So ſelten und ungewoͤhnlich glaͤnzende Beiſpiele von großen Eigenſchaften unter den Chriſten ſind, eben ſo einzeln und ausnahmsweiſe findet man ſie nur bei den Indianern, obgleich, zur Ehre unſe⸗ rer gemeinſchaftlichen Natur ſey es geſagt, keiner von beiden Sekten abgeſprochen werden kann, daß ſie ſolche hervorzubringen im Stande waͤre. Laſſen ſie uns daher immer hoffen, daß dieſer Mohican unſeren Wuͤnſchen entſprechen, und daß er ſich, wie es ſeine Blicke von ihm verſprechen, als ein braver und beſtaͤndiger Freund zeigen wird.“ „Jetzt ſpricht der Major Heyward, wie Ma⸗ jor Heyward ſprechen muß,“ murmelte Cora; 144 „wer nur immer kann dieſes Kind der Natur an⸗ ſehen, und dabei noch an die Farbe ſeiner Haut denken?“— Dieſer charakteriſtiſchen Bemerkung folgte ein kurzes und dem Anſcheine nach etwas verlegenes Stillſchweigen, das durch den lauten Zuruf des Kundſchafters, hinein zu kommen, unterbrochen wurde. „Dieſes Feuer faͤngt an zu hell zu flammen“ fuhr er, als ſie eingetreten waren, fort;„und koͤnnte den Mingoes zu unſerem Verderben leuch⸗ ten. Uncas, laß den Vorhang herab, und den Schurken die dunkele Seite ſehen.— Dies hier iſt freilich kein Nachteſſen, wie ein Major von den koͤniglichen Amerikanern es wohl erwarten koͤnnte; ich habe ſchon manchmal ſtarke Detache⸗ ments geſehen, die froh waren ihr Wildpret roh und ohne Salz und Pfeffer eſſen zu koͤnnen. Wir haben indeß, wie ihr ſeht, Salz genug, um etwas roͤſten zu koͤnnen. Dort ſind fuͤr die Damen zum Sitzen friſche Saſſafraß⸗Zweige, die freitich nicht n 8 8 n 145 ſo praͤchtig ſind als ihre My⸗hog⸗guinea Stuͤhle*), die aber gewiß einen beſſern Geruch geben, als irgend eine Schweinshaut, ſie mag nun aus Gui⸗ nea oder aus irgend einem andern Lande ſeyn.— Kommt, Freund, laſſt euren Gram uͤber das Fohlen fahren; es war ein unſchuldiges Thier und hatte noch nicht viel Ungemach erlebt. Ihr Tod erſpart der armen Kreatur manchen gedruͤckten Ruͤcken und manchen muͤden Fuß.— Uncas that, wie der andere ihm geheißen, und als Hawk⸗eye ſchwieg, ließ ſich das Getoͤſe des Kataraktes nur nur noch wie das Rollen eines fernen Donners hoͤren. „Sind wir in dieſer Hoͤhle ganz ſicher,“ fragte Heyward,„und iſt hier auch kein Ueberfall zu beſorgen?“„Ein einziger bewaffneter Mann am Eingange hat uns alle in ſeiner Gewalt.“ Eine geiſteraͤhnliche Geſtalt trat aus der Dun⸗ kelheit hinter dem Kundſchafter hervor, ergriff ei⸗ *) Wortſpiel, My-hog-guinea für Mahagony; hos heißt ein Schwein. nen Feuerbrand und hielt ihn gegen das hintere Ende ihres Zufluchtsortes. Alice that einen leiſen Schrei, und ſelbſt Cora ſprang auf, als die ſchreckliche Erſcheinung aus ihrer bisherigen Ver⸗ borgenheit ins volle Licht trat; doch die Verſiche⸗ rung Heyward's, daß es nur ihr Begleiter Chin⸗ gachgook ſei, beruhigte ſie wieder, worauf dieſer einen andern Vorhang hinwegzog, und ihnen zeigte, daß die Hoͤhle zwei Ausgaͤnge habe; dann draͤngte er ſich, mit dem Feuerbrande in der Hand, durch eine enge Felſenſpalte, welche ei⸗ nen rechten Winkel mit dem engen Gange, in welchem ſie ſich befanden, bildete, aber nicht wie dieſer nach der Seite, ſondern nach oben offen war, hindurch und trat in eine andere Hoͤhle, die im Weſentlichen dieſelbe Beſchaffenheit, als die erſtere hatte.— „So alte Fuͤchſe als Chingachgook und ich ſind, werden nicht ſo leicht in einem Baue mit einem Loche gefangen,“ ſagte Hawk— eye lachend, „ihr koͤnnt die vortheilhafte Lage dieſes Ortes bald uͤberſehen;— der Felſen beſteht aus ſchwar⸗ zem Kalkſtein, der, wie Jeder weiß, ſehr weich iſt und auch wohl, wo Laubholz und Fichten ſo ſel⸗ ten ſind wie hier, kein unebenes Lager abgiebt. Nun ſeht, der Fall war ſonſt einige Ellen weiter unterwaͤrts, und bildete zu ſeiner Zeit, wie ich wohl behaupten moͤchte, einen ſo regelmaͤßigen und ſchoͤnen Waſſerſpiegel, als nur irgend einer am ganzen Hudſon gefunden wird. Das Alter aber iſt ein gefaͤhrlicher Feind und Verderber aller Schoͤnheit, wie dieſe liebenswuͤrdigen jungen Da⸗ men noch erſt erfahren ſollen! und ſo hat ſich denn dieſer Ort auch gewaltig veraͤndert!— Die Felſen ſind voller Kluͤfte und Spalten, und an manchen Stellen weicher als an andern; da hat denn das Waſſer ſo lange ſich tiefe Loͤcher hinein⸗ gearbeitet, bis es endlich, vielleicht wohl einige hundert Fuß, ganz zuruͤckgetreten iſt, und bald hier was weggeſpuͤlt, bald da was weggeriſſen, ſo daß jetzt die Faͤlle weder Zuſammenhang noch re⸗ gelmaͤßige Geſtalt mehr haben.„Und an welcher Stelle derſelben ſind wir?“ fragte Heyward. „Je nun, wir ſind dicht an der Stelle, wo 10* 3 5 148 ſie die Vorſehung zuerſt hinlegte, wo ſie aber, wie es ſcheint, zu widerſpenſtig waren, zu blei⸗ ben.— Das Waſſer fand den Stein an beiden Seiten von uns weicher, und ſo ließ es denn am Ende die Mitte des Fluſſbettes trocken liegen, nachdem es erſt die beiden kleinen Hoͤhlen hier ausgeſpuͤlt hatte, um uns darin verbergen zu koͤnnen.“ „So befinden wir uns alſo auf einer Inſel?“ „Ja wohl; an zwei Seiten haben wir die Faͤlle neben uns, und hinter und vor uns den Fluß. Waͤre es Tag, ſo waͤre es wohl der Muͤhe werth, auf die Spitze des Felſens zu klettern und Euch das wunderbare Treiben des Waſſers dort oben anzuſehen. Es geht da Alles wild und ohne Ordnung durcheinander her; zuweilen ſprudelt es in die Hoͤhe, zuweilen faͤllt es herunter; hier ſpringt es uͤber die Steine, da ſchießt es ſchnell zwiſchen ihnen durch; an einer Stelle iſt es weiß wie Schnee, an der andern gruͤn wie Gras; an einigen Orten ſtuͤrzt es ſich in tiefe Hoͤhlen, daß die Erde droͤhnt und bebt, an andern rieſelt und 149 6 murmelt es wie ein Bach, und hoͤhlt Waſſerwir⸗ bel und Strudel in dem alten Felſen aus, als ob er nicht feſter wie Lehmſtein waͤre. Die ganze Geſtaltung des Fluſſes ſcheint eine Aenderung er⸗ litten zu haben. Im Anfange fließt er ſo ruhig hin, daß man denken ſollte, er werde den Abhang herunter kommen, wie es ſonſt bei andern ge⸗ woͤhnlich der Fall iſt; auf einmal aber nimmt er eine andere Richtung und prallt gegen die Ufer; ja, es gibt ſogar Stellen, wo es ſcheint, als wenn er ruͤckwaͤrts floͤſſe, grade als ob er unwillig waͤre, die Wildniß zu verlaſſen und ſich mit dem Salz⸗ waſſer zu vermiſchen.— Ja, meine Damen, das feine, Spinnenweben gleiche Zeug, was Sie da um den Hals tragen, iſt nur grob und nicht beſſer als ein Fiſchnetz gegen die mancherlei wunderli⸗ chen Figuren, die, wie ich Ihnen zeigen kann, der Fluß an manchen Stellen bildet; gleichſam als ob er, da er nun einmal von aller Ordnung ab⸗ gewichen iſt, ſeine Hand auch an Allem zu ver⸗ ſuchen gedaͤchte. Und wozu hilft ihm das alles? — Denn wenn das Waſſer, wie ein halsſtarri⸗ 150 ger Mann, eine Zeitlang ſeinen Willen gehabt hat, ſo wird es von derſelben Hand, die es er⸗ ſchaffen hat, wieder in eins vereinigt, und we⸗ nige Ruthen unterhalb koͤnnen Sie es ruhig der See zufließen ſehn, wie es ſchon von der Er⸗ ſchaffung der Welt an, ihm vorher beſtimmt war.“ Wenn gleich ſeine Zuhoͤrer durch dieſe unge⸗ kuͤnſtelte Beſchreibung des Glenns die erfreuliche Ueberzeugung der Sicherheit ihres Schlupfwinkels gewannen, ſo war doch ihr Urtheil uͤber die wilden Schoͤnheiten von denen Hawk— eye's ſehr ver⸗ ſchieden. Indeß war ihre Lage nicht von der Art, um ihre Gedanken bei den Reizen, die die Na⸗ tur darbietet, laͤnger verweilen zu laſſen; und da der Kundſchafter es nicht fuͤr noͤthig gehalten hatte, waͤhrend er ſprach ſeine Kuͤchengeſchaͤfte aufzuge⸗ ben, außer daß er zu Zeiten mit einer gebroche⸗ nen Gabel die Richtung der ſchlimmſten Stellen in dem widerſpenſtigen Strome andeutete, ſo lie⸗ ßen ſie es gern geſchehen, daß nun ihre Aufmerk⸗ ſamkeit auf die nothwendige, obwohl gemeinere Betrachtung ihres Nachteſſens gelenkt wurde. Das Mahl, welches durch einige gute Spei⸗ ſen, die Heyward, als ſie die Pferde verließen, aus Vorſicht mitgenommen hatte, ſehr verbeſſert wurde, war fuͤr die muͤden Reiſenden außeror⸗ dentlich ſtaͤrkend. Uncas wartete den Maͤdchen auf und verſah alle die kleinen Dienſte, die er zu leiſten vermochte, mit einem Gemiſche von V Anſtand und Aengſtlichkeit, das Heyward beluſtigte, da ihm wohl bekannt war, daß dies eine gaͤnzliche Neuerung in den Gebraͤuchen der Indianer ſei, 1 nach welchen es ihren Kriegern nicht geſtattet iſt, ſich dazu herabzuwuͤrdigen, irgend einen haͤuslichen Dienſt, beſonders fuͤr Weiber, zu verrichten. Da indeß die Rechte der Gaſtfreundſchaft unter ihnen heilig gehalten werden, ſo erregte dieſe kleine Her⸗ ablaſſung von der maͤnnlichen Wuͤrde, keine laute Miſſbilligung. Haͤtte aber einer der Uebrigen hin⸗ laͤnglich Zeit und Muße gehabt, ihn ſchaͤrfer zu beobachten, ſo wuͤrde er leicht bemerkt haben, daß V die Dienſte des jungen Haͤuptlings keinesweges ganz unpartheiiſch waren; denn waͤhrend er Ali⸗ cen die Calabaſſe(Flaſchenkuͤrbiß) mit ſuͤßem Waſ⸗ 84 ſer und den aus der Wurzel des Pfefferbaumes kuͤnſtlich geſchnittenen Teller mit Wildpret mit vieler Freundlichkeit reichte, hing, wenn er ihrer Schweſter den gleichen Dienſt erwies, ſein dun⸗ kles Auge an ihren ſchoͤnen ſprechenden Zuͤgen mit einem ſanften Glanze, der die ſtrahlenden ſtolzen Blicke, die er ſonſt gewoͤhnlich umherwarf, ganz daraus verbannte. Ein oder zweimal war er genoͤthigt zu ſprechen, um die, welche er be⸗ diente, auf etwas aufmerkſam zu machen. Bei dieſen Gelegenheiten bediente er ſich der engliſchen Sprache, zwar gebrochen und fehlerhaft, aber doch ganz verſtaͤndlich, und wuſſte ſie durch ſeine tie⸗ fen Gaumenlaute ſo ſanft und melodiſch*) zu machen, daß beide Maͤdchen jedesmal mit Bewun⸗ derung und Staunen zu ihm aufblickten. Waͤh⸗ rend ſie das Mahl einnahmen, wechſelten die Ue⸗ brigen nur einige wenige Worte, die indeß dem⸗ *) Die Bedeutung der indianiſchen Worte hangt ſehr oft von dem Nachdruck und Ton, welcher darauf ge⸗ legt wird, ab. 153 ſelben das Anſehen eines freundſchaftlichen Ver⸗ kehrs zwiſchen den verſchiedenen Theilnehmern gaben. Unterdeſſen hatte ſich Chingachgook, der ſeine ernſte Haltung unveraͤnderlich beibehielt, dem Feuer naͤher geſetzt, wodurch die oft auf ihn ge⸗ richteten, unruhigen Blicke ſeiner Gaͤſte beſſer im Stande waren, den natuͤrlichen Ausdruck ſeines Geſichts von den kuͤnſtlichen gemalten Schreckens⸗ Zuͤgen darauf zu unterſcheiden. Sie fanden eine große Aehnlichkeit zwiſchen Vater und Sohn, nur mit dem Unterſchiede, daß das Geſicht des erſte⸗ ren die Spuren von Alter und erlittenem Unge⸗ mach trug. Die Wildheit ſeines Geſichtes ſchien jetzt zu ſchlafen und an deren Stelle jene unthaͤ⸗ tige Gemuͤthsruhe getreten zu ſein, welche dem indianiſchen Krieger, wenn ſeine Kraͤfte und Na⸗ turgaben nicht fuͤr irgend einen der hoͤhern Zwecke ſeines Lebens in Anſpruch genommen worden, eigenthuͤmlich iſt. Jedoch konnte man an den Blitzen, welche zuweilen ſein dunkles Geſicht durchzuckten, leicht bemerken, daß es nur der ge⸗ 154 ringſten Aufregung ſeiner Leidenſchaften beduͤrfe, um die graͤſſliche Malerei, die er um ſeine Feinde zu ſchrecken an ſich trug, in ihr volles Licht zu ſetzen. Dagegen ruhte das ſchnelle unſtete Auge des Kundſchafters nur ſelten. Er aß und trank mit einem Appetite, den kein Gedanke an eine Gefahr zu ſtoͤren vermochte, ohne daß jedoch ſeine Wachſamkeit deswegen nachzulaſſen ſchien. Wohl zwanzigmal, wenn er eben im Begriff war⸗ die Kalabaſſe oder ein Stuͤck Fleiſch an den Mund zu bringen, blieb er unbeweglich ſitzen, und drehte den Kopf ſeitwaͤrts, als ob er auf ferne verdaͤch⸗ tige Toͤne lauſche,— eine Bewegung, welche je⸗ desmal die Gaͤſte, von der aufmerkſamen Be⸗ trachtung der Sonderbarkeiten ihrer jetzigen Lage abzog, und ihnen die traurigen Urſachen, durch welche ſie in ſolche hinein gerathen waren, in's Gedaͤchtniß zuruͤckfuͤhrte. Da indeß dieſe haͤufigen Pauſen nie eine Bemerkung veranlaͤſſten, ſo ging die dadurch erzeugte augenblickliche Unruhe immer bald wieder voruͤber und wurde fuͤr eine Zeitlang vergeſſen. ——— — ——— —yÿy „Kommt, Freund,“ ſagte Hawk⸗eye, in⸗ dem er gegen das Ende des Mahls unter einem Haufen Laub ein Faͤſſchen hervorzog, zu dem ihm zur Seite ſitzenden Fremden, welcher ſeiner Koch⸗ kunſt alle Gerechtigkeit widerfahren ließ:„Koſtet einmal dies Spruce*); es wird alle Gedanken an das Fohlen hinunter ſpuͤhlen, und neues Le⸗ ben in Euch erwecken. Ich trinke auf beſſere Freundſchaft zwiſchen uns und hoffe, daß das bis⸗ chen Pferdefleiſch keinen Groll zwiſchen uns zu⸗ ruͤcklaſſen ſoll. Wie nennt Ihr Euch denn?“— „Gamut— David Gamut**),“ antwortete der Singmeiſter und wiſchte ſich mechaniſch den Mund, um ſeine Betruͤbniß mit einem tuͤchtigen Schlucke von des Waldbewohners ſtark duftender und wohlgeſpundeter Miſchung hinunter zu ſpuͤhlen. „Ein ſehr guter Name;“ erwiederte Jener, tief Athem holend, nachdem er durch einen lan⸗ *) Eine Art amerikaniſchen Biers, wozu die Sproſſen der Pechtanne kommen; Sproſſenbier. **) Gamut, die Skala oder Tonleiter in der Muſik. 156 gen Zug gezeigt hatte, wie ſehr er ſeine Geſchick⸗ lichkeit im Brauen zu ſchaͤtzen wiſſe,„und ich moͤchte wohl ſagen, gewiß von braven Vorfahren ererbt. Ich bin ein Liebhaber von Namen, ob⸗ gleich der chriſtliche Gebrauch in dieſer Hinſicht dem der Wilden bei weitem nachſteht. Denn die groͤßte Memme, die ich in meinem Leben gekannt habe, hieß Loͤwe, und ſeine Frau, die Patience (Geduld) hieß, wuͤrde doch nicht ſo lange Zeit ge⸗ braucht haben, um Euh mit ihrem Keifen um das Gehoͤr zu bringen, als ein gejagter Hirſch um eine Ruthe weit zu laufen. Bei einem In⸗ dianer aber iſt das eine Gewiſſensſache; was er ſich nennt, das iſt er auch gewoͤhnlich;— nicht aber daß Chingachgook, was ſo viel als eine große Schlange heißt, wirklich eine Schlange, groß oder klein, waͤre, ſondern nur, daß er ſich zu winden und zu kruͤmmen verſteht, wie's die menſchliche Natur erlaubt, ſtill iſt, und ſeine Feinde trifft, wenn ſie es am wenigſten erwarten. Was iſt denn aber Euer Beruf? 457 „Ich bin ein unwuͤrdiger Lehrer in der Kunſt die Pſalmen zu ſingen.“ „Wie?“— „Ich ertheile den Kindern der Miliz von Connecticut im Singen Unterricht.“ 3 „Ihr koͤnntet wohl zu etwas beſſerem ge⸗ braucht werden. Die jungen Spuͤrhunde laufen jetzt ſo ſchon zu oft lachend und ſingend durch die Waͤlder, wo ſie doch nicht lauter Athem holen ſollten, als ein Fuchs in ſeiner Hoͤhle. Verſteht Ihr den Degen zu fuͤhren oder mit der Buͤchſe umzugehen?“ „Gott ſei Dank, ich habe nie Veranlaſſung gehabt, mich ſolcher moͤrderiſchen Werkzeuge zu bedienen!“ „So verſteht Ihr Euch vielleicht auf Zirkel und Lineal, und koͤnnt die Fluͤſſe und Berge der Wildniß aufs Papier zeichnen, ſo daß die, die nach Euch kommen, alle die Stellen durch die Namen, die Ihr ihnen gebt, wiederfinden koͤnnen?“ „Ich treibe nicht dergleichen Geſchaͤft!"6 „Ihr habt aber ein paar Beine am Leibe, 12 die wohl in kurzer Zeit eine tuͤchtige Strecke We⸗ ges machen koͤnnen! ich glaube Ihr gehet man⸗ nichmal herum, um dem General Nachrichten zu bringen.“ „Niemals; ich folge nur meinem eigenen hohen Berufe, und der iſt, Unterricht in der ge⸗ heiligten Muſik zu ertheilen.“ „Das iſt ein ſonderbarer Beruf!“— brummte Hawk— eye innerlich lachend;„wie eine Spott⸗ droſſel*) das Leben hinzubringen, und alle hohen und tiefen Toͤne, die aus einer menſchlichen Kehle kommen, zu bekritteln. Doch, Freund, ich denke 3 es iſt nun einmal eine Gabe, die Euch verliehen iſt, und ich will es daher eben ſo gut gelten laſſen, als wenn Ihr ein tuͤchtiger Schuͤtze waͤr't oder ſonſt was beſſeres koͤnntet. Aber laſſt einmal hoͤ⸗ ren, was Ihr davon koͤnnt; das wird die ange⸗ nehmſte Art ſein, uns eine gute Nacht zu ſagen; denn es iſt Zeit, daß die Damen ſich niederlegen, 1 *) Mockingbird auch Mock— bird, Catbird, die Spottdroſſel, der Spottvogel. 159 damit ſie wieder Kraͤfte zu der beſchwerlichen und langen Reiſe ſammeln, die wir morgen miß Ta⸗ gesanbruch, ehe noch die Moquas in Gang kom⸗ men, antreten wollen.“ „Mit Freude und Vergnuͤgen ſtimme ich dem bei,“— ſagte David, indem er ſeine in Eiſen gefaſſte Brille zurecht ſetzte und ſein geliebtes klei⸗ nes Buch hervorzog, welches er Alicen ſogleich hinreichte.„Was kann nach einem ſolchen Tage der Angſt und des Schreckens wohl ſchicklicher und troͤſtlicher ſein, als durch einen Abendgeſang Gott unſern Dank darzubringen!“ Alice laͤchelte, nach einem Blick auf Heyward acber erroͤthete und zoͤgerte ſie. „Thun Sie es,“ fluͤſterte er.„Sollte nicht dieſer Vorſchlag des wuͤrdigen Namensverwandten des Pſalmiſten zu einer ſolchen Zeit ſeinen Werth haben?“ Durch dieſe Aeußerung ermuthigt, that Alice, wozu ſowohl ihr religioͤſes Gefuͤhl als ihre Vor⸗ liebe fuͤr ſanfte Muſik ſie ſchon vorher ſehr hin⸗ gezogen hatten. Das Buch war bei einer Hymne aufgeſchlagen, die nicht uͤbel auf ihre Lage paſſte, und in welcher der Dichter ſein Beſtreben, den begeiſterten Koͤnig von Iſrael zu uͤbertreffen, auf⸗ gegeben hatte und eine deren Inhalt angemeſſene Kraft und Wuͤrde zeigte. Cora war nicht abge⸗ neigt ihre Schweſter zu begleiten, und ſo begann der heilige Geſang, nachdem vorher der pedan⸗ tiſche David die unumgaͤnglich nothwendige Ein⸗ leitung dazu mit dem ſchneidenden Pfeifen⸗Tone und dem darauf folgenden Worte, in aller Form gemacht hatte. Der Geſang war feierlich und langſam. Zu Zeiten erhob ſich der Ton bis zum ganzen Um⸗ fange der vollen Stimme der lieblichen Maͤdchen, welche in heiliger Andacht ſich uͤber das kleine Buch hinbeugten; dann ſank er wieder zu einer ſolchen Tiefe, daß das Rauſchen des Waſſers wie eine dumpfe Begleitung die Melodie durchzog. Der natuͤrliche Muſik⸗Sinn und das gute Gehoͤr Da⸗ vid's wuſſte den Geſang ſo zu leiten und zu maͤ⸗ ßigen, als er dem engen Raume der Hoͤhle an⸗ gemeſſen war, in welcher jeder Riß und jede Spalte von den bebenden Toͤnen ihrer biegſamen Stimmen erfuͤllt wurde. Die Indianer hefteten ihre Augen ſtarr auf den Felſen und hoͤrten mit einer Aufmerkſamkeit zu, als wenn ſie in Stein verwandelt waͤren. Selbſt das Geſicht des Kund⸗ ſchafters, der, das Kinn auf die Hand geſtuͤtzt, mit einem Ausdruck von kalter Gleichguͤltigkeit da ſaß, erheiterte nach und nach ſeine finſteren Blicke, bis, als nun ein Vers nach dem andern folgte, ſich auch ſeine eiſerne Natur bezwungen fuͤhlte, und die Erinnerung ihn in ſein Knaben⸗ alter zuruͤck verſetzte, wo in den Niederlaſſungen der Kolonie ſein Ohr oft aͤhnliche, wenn gleich bei weitem nicht ſo liebliche Lobgeſaͤnge zu hoͤren gewohnt geweſen war. Seine rollenden Augen fingen an ſich zu feuchten, und ehe noch die Hymne beendigt war, entrannen dieſen Quellen, die laͤngſt ausgetrocknet ſchienen, große heiße Thraͤ⸗ nen, und benetzten ſeine Wangen, welche oͤfter dem Sturme des Himmels Trotz geboten hatten, als Zeugen einer ſolchen Schwaͤche geweſen waren. Der Geſang ruhte eben auf einem jener tiefen, 11 dahinſterbenden, langen Toͤne, welche das Ohr mit begierigem Entzuͤcken einſaugt, als ob es fuͤhle, daß es ſie bald verlieren werde, als ein Schrei von außen her, der weder menſchlich noch irdiſch zu ſein ſchien, die Luft durchſchnitt, und nicht allein bis in die entfernteſten Winkel der Hoͤhle, ſondern auch in das Innerſte der Herzen aller Hoͤrer drang. Ihm folgte eine tiefe Stille, als ob das wildtobende und rauſchende Waſſer ſelbſt, durch eine ſo fuͤrchterliche und ungewoͤhn⸗ liche Unterbrechung in ſeinem Fortſtroͤmen aufge⸗ halten worden waͤre. „Was war das?“ ſtammelte Alice, nach ei⸗ nigen Augenblicken aͤngſtlichen Stillſchweigens. „ Was war das?“ wiederholte Heyward laut. Aber weder Hawk— eye, noch die Indianer antworteten. Sie lauſchten auf eine Weiſe, wel⸗ che ihr eigenes Staunen daruͤber ausdruͤckte, als ob ſie die Wiederholung des Tones erwarteten. Endlich ſprachen ſie ſehr ernſt in der Delaware⸗ Sprache mit einander, worauf Uncas durch die innere, verborgenſte Oeffnung die Hoͤhle vorſich⸗ V V V 163 tig verließ. Als er fort war, ſagte der Kund⸗ ſchafter auf Engliſch: „Was dies iſt, oder was es nicht iſt, kann hier Niemand erklaͤren, obgleich zwei von uns ſchon mehr als dreißig Jahre dieſe Waͤlder durch⸗ ziehen! Ich glaubte, daß es kein Geſchrei, weder von einem Indianer noch von einem Thiere mehr gaͤbe, das meine Ohren nicht ſchon gehoͤrt haͤtten; aber dies hat mir gezeigt, daß ich nur ein thoͤrich⸗ ter und eingebildeter Sterblicher war.“ „War es denn nicht vielleicht das Geſchrei, das die Krieger erheben, wenn ſie ihre Feinde in Furcht ſetzen wollen?“ fragte Cora, ſich in ihren Schleier huͤllend, mit einer Faſſung, die ihrer beunruhigten Schweſter fremd war. „Nein, nein, dies war ſchlimmer und ſchrecklicher, und eine Art von uͤbermenſchlichem Tone; wenn Ihr einmal in Eurem Leben das Kriegsgeſchrei hoͤren ſolltet, ſo wuͤrdet Ihr es ge⸗ wiß nie wieder mit irgend einem andern verwech⸗ ſeln.“„Nun, Uncas,“ ſagte er in der Dela⸗ ware⸗Sprache zu dem jungen Haͤuptting, als 11* 164 derſelbe wieder eintrat:„Was ſiehſt Du? Kann man unſere Feuer durch die Vorhaͤnge ſehn?“— Die Frage wurde in derſelben Sprache kurz und, wie es ſchien, beſtimmt beantwortet. „Es iſt außerhalb nichts zu ſehen,“ ſagte Hawk⸗ eye, ſeinen Kopf unwillig ſchuͤttelnd, „und unſer Schlupfwinkel iſt noch in Dunkelheit begraben. Geht nun in die andere Hoͤhle und verſuchet zu ſchlafen, denn ihr beduͤrft es; lange vor Sonnenaufgang muͤſſen wir ſchon auf den Fuͤßen ſein, und den groͤßten Theil des Weges nach Fort Eduard zuruͤcklegen, indeſſen die Min⸗ goes noch ihr Morgenſchlaͤfchen halten.“ Cora befolgte den Rath zuerſt und mit einer Feſtigkeit, welche die furchtſamere Alice von der Nothwendigkeit des Gehorchens uͤberzeugte. Ehe ſie aber die Hoͤhle verließ, fluͤſterte ſie noch Dun⸗ can den Wunſch zu, ihnen zu folgen. Uncas hob den Vorhang auf um ſie hindurch gehen zu laſſen, und als die Schweſtern ſich umkehrten, um ihm fuͤr dieſen Dienſt zu danken, gewahrten ſie den Kundſchafter vor den verloͤſchenden Feuerbraͤnden, — 2 mit ſeinem Kopfe auf eine Hand geſtuͤtzt, in ei⸗ ner Stellung ſitzen, die nur zu deutlich verrieth, wie ſehr ſich ſeine Gedanken mit der unerklaͤrli⸗ chen Unterbrechung, die ihre Abendandacht geen⸗ det hatte, beſchaͤftigten. Heyward nahm einen brennenden Aſt mit ſich, der ein duͤſteres Licht in dem beengten Rau⸗ me ihres neuen Aufenthaltsorts verbreitete und trat, nachdem er ihn an einer guten Stelle be⸗ feſtigt hatte, zu den Frauen, mit denen er ſich nun, ſeitdem ſie die befreundeten Waͤlle von Fort Eduard verlaſſen hatten, zum erſtenmal wieder al⸗ lein befand. „Verlaſſen Sie uns nicht, Duncan!“ ſagte Alice,„wir koͤnnen an einem Orte wie dieſer hier iſt, ſo lange der graͤſſliche Ton noch in unſern Ohren klingt, nicht ſchlafen.“ „Erſt laſſen Sie uns die Sicherheit unſerer Feſtung unterſuchen,“ antwortete er,„ dann wollen wir das weitere beſprechen.“ Er ging hierauf nach dem hintern Ende der Hoͤhle, wo ſich ein Ausgang befand, der wie die uͤbrigen durch einen Vorhang geſchloſſen war; und als er die dicke Decke weghob, wehte ihm die friſche belebende Luft von dem Waſſerfalle entgegen. Grade zu ſeinen Fuͤßen ſtroͤmte ein Arm des Fluſſes durch eine tiefe und enge Schlucht, welche das Waſſer in dem weichen Felſen ausgeſpuͤhlt hatte, und ſicherte ſie, wie er glaubte, von die⸗ ſer Seite um ſo mehr vor aller Gefahr, als nur einige wenige Ruthen uͤber ihnen der wilde rei⸗ ßende Strom mit der groͤßten Heftigkeit von Abſatz zu Abſatz ſchimmernd und glaͤnzend herunterſtuͤrzte. „An dieſer Seite hat die Natur eine un⸗ durchdringliche Scheidewand gezogen,“ fuhr er fort, indem er, ehe er den Vorhang wieder her⸗ unter ließ, auf den ſenkrechten Abhang nach dem dunkeln Strome hin zeigte;„Und da Sie wiſſen, daß gute und treue Maͤnner hier vor uns fuͤr unſere Sicherheit wachen, ſo ſehe ich keinen Grund, warum Sie den Rath unſeres braven Wirthes nicht befolgen ſollten. Ich bin uͤberzeugt, Cora wird mir beiſtimmen, daß Ihnen Beiden Schlaf ſehr nothwendig iſt!“— 167 „Cora kann wohl die Richtigkeit Ihrer Be⸗ merkung zugeben, iſt aber doch nicht im Stande Ihnen Folge zu leiſten,“ antwortete die aͤltere Schweſter, welche ſich neben Alice auf ein Lager von Saſſafraß niedergeſetzt hatte;„denn ſelbſt wenn wir mit dem Schrecken uͤber dieſen uner⸗ klaͤrlichen Ton verſchont geblieben waͤren, ſo gibt es doch noch andere Urſachen, welche uns den Schlaf rauben. Fragen Sie Sich ſelbſt, Heyward, koͤnnen Toͤchter die Angſt und den Kummer eines Vaters vergeſſen, deſſen Kinder, er weiß nicht wie oder wo, in einer ſolchen Wuͤſte und von ſo vielen Gefahren umgeben, umherirren?“ „Er iſt Soldat und kennt genau Alles, was uns in dieſen Waͤldern begegnen kann.“ „Aber er iſt Vater und kann ſein Gefuͤhl nicht verlaͤugnen!“ „Wie nachſichtig war er nicht immer gegen alle meine Thorheiten! Wie zaͤrtlich und bereit⸗ willig zur Erfuͤllung aller meiner Wuͤnſche,“ ſchluchzte Alice;„wir waren gewiß recht ſelbſt⸗ — — 1686 ſuͤchtig, Schweſter, daß wir zu ſolcher gefaͤhrlichen Zeit auf unſern Beſuch beſtanden.“— „Ich mag wohl ein wenig zu voreilig gewe⸗ ſen ſeyn, ihn in einer ſo unruhigen Zeit um ſeine Einwilligung dazu ſo ſehr zu beſtuͤrmen; ich wollte ihm aber zeigen, daß wenn ihn auch an⸗ dere in ſeiner Bedraͤngniß vernachlaͤſſigen, ſeine Kinder doch immer mit Treue an ihm haͤngen.“ „Als er Ihre Ankunft in Fort Eduard ver⸗ nommen hatte,“ ſagte Heyward freundlich, „kaͤmpften Beſorgniß und Liebe maͤchtig in ſei⸗ ner Bruſt; doch gewann die Letztere, welche die ſo lange Trennung wo moͤglich noch erhoͤhet hatte, bald die Oberhand. Duncan, ſagte er, es iſt der Geiſt meiner großherzigen Cora, der ſie antreibt, und ich will ihre Erwartungen nicht taͤuſchen. Wollte doch Gott, daß der, dem die Aufrechthal⸗ tung der Ehre unſers Koͤnigl. Herrn hier anver⸗ traut iſt, nur halb ſo viel Feſtigkeit, als Sie zeigen moͤchte.“. „ und ſprach er dann gar nicht von mir, Heyward?“ fragte Alice mit eiferſüchtiger Unruhe; „gewiß er hat ſeine kleine Elſie nicht ganz ver⸗ geſſen!“ „Das waͤre unmoͤglich, nachdem er Sie ſo gut gekannt hat,“ erwiederte der junge Mann. „Er nannte Sie mit tauſend zaͤrtlichen Namen, die ich mir alle zu nennen nicht erlaube, deren Gerechtigkeit ich aber mit ganzem Herzen aner⸗ kenne. Einmal ſagte er“— Hier ſtockte Duncan; denn eben als ſeine Augen auf die Alicens geheftet waren, die ſich mit dem Ausdrucke der innigſten kindlichen Liebe zu ihm gewandt hatte, um keines ſeiner Worte zu verlieren, durchſchnitt derſelbe vorher gehoͤrte fuͤrch⸗ terliche Ton die Luft, und machte ihn verſtum⸗ men. Eine lange athemloſe Stille folgte, in wel⸗ cher einer den andern, in banger Erwartung den Ton wiederholen zu hoͤren, aͤngſtlich anblickte. Endlich wurde der Vorhang behutſam geluͤftet, und der Kundſchafter zeigte ſich am Eingange mit einer verlegenen Miene, welche deutlich zeigte, daß ſeine Feſtigkeit einem Geheimniſſe zu weichen ſchien, das ſie mit irgend einer unbekannten Ge⸗ 170 fahrung fruchtlos ſeyn moͤchte, bedrohe. Siebentes Kapitel. Sie ſchlafen nicht!— Ich ſeh' der Männer Rotte An jenen Klippen ſitzen— Gray. „Wir wuͤrden eine Warnung vernachlaͤſſigen, die zu unſerm Beſten gegeben zu ſeyn ſcheint,“ ſagte Hawk⸗eye,„wenn wir uns hier noch laͤnger ver⸗ borgen hielten, da ſich ſolche Toͤne im Walde hoͤ⸗ ren laſſen. Dieſe zarten Damen moͤgen hier bei einander bleiben; aber ich und die Mohicans, wollen auf dem Felſen Wache halten, wo uns, mente gern Geſellſchaft leiſten wird.. „Iſt denn ſo dringende Gefahr da?“ fragte Corag. „Nur der allein, der ſolche wunderbare Toͤne fahr, gegen welche alle ſeine Schlauheit und Er⸗ wie ich vorausſetze, ein Major vom 60ſten Regi⸗— — — hervorbringen kann und dem Menſchen zur War⸗ nung ſendet, kennt unſere Gefahr. Ich muͤſſte mich ſelbſt fuͤr gottlos und gegen ſeinen Willen auflehnend halten, wenn ich bei ſolchen War⸗ nungstoͤnen in der Luft mich in eine Hoͤhle ver⸗ kroͤche. Selbſt die ſchwache Seele, die ihre Tage mit Singen verbringt, iſt von dem Schrei ſo in Unruhe geſetzt worden, daß er, wie er ſagt, in die Schlacht zu gehn bereit iſt!— Wenn es indeß nur ein Gefecht waͤre, nun ſo waͤre das ein Ding das wir alle verſtehen, und was ſich leicht abthun ließe; ich habe aber immer gehoͤrt, daß wenn ſich ſolche furchtbare Toͤne zwiſchen Him⸗ mel und Erde hoͤren laſſen, eine andere Art von Krieg damit gemeint iſt. „Wenn der ganze Grund unſeres Schreckens nur auf uͤbernatuͤrlichen Urſachen beruht, ſo haͤt⸗ ten wir, mein Freund, ſehr wenig Veranlaſſung, deshalb unruhig zu ſeyn,“ fuhr das unerſchrockene Maͤdchen fort;„ſeyd Ihr aber auch ſicher, daß unſere Feinde nicht eine neue Liſt ausgeſonnen 172 haben, um uns zu ſchrecken, damit ihnen der Sieg uͤber uns um ſo leichter werde?“ „ Madame,“ antwortete feierlich der Kund⸗ ſchafter,„ſeit dreißig Jahren habe ich auf alle Toͤne in dieſen Waͤldern gehoͤrt, und wie ein Mann gehoͤrt, deſſen Leben und Tod ſo oft nur von der Schaͤrfe ſeines Gehoͤrs abhaͤngt.— Es gibt kein Gewinſel des Panthers, kein Pfeifen der Spottdroſſel, noch irgend eine Erfindung der teufliſchen Mingoes, die mich noch zu taͤuſchen im Stande waͤren. Ich habe die Waͤlder wehkla⸗ gen hoͤren, wie ſterbliche Menſchen in großem Ungluͤck; ich habe ſo manchmal der Muſik des Windes zugehorcht, wenn er durch die Zweige der Baͤume in den engen Schluchten ſaͤuſelte; ich habe den Blitz gehoͤrt, wie er, Funken und zackige Flammen ſpeiend, wie das Krachen eines bren⸗ nenden Holzſtoßes, durch die Luͤfte rauſchte; aber niemals glaubte ich mehr, als den hohen Willen Des zu hoͤren, der mit den Werken ſeiner Hand ſpielt; doch, weder die Mohicans noch ich, der ich ein Weißer von reiner Abkunft bin, ſind im 173 Stande uns die eben gehoͤrten Toͤne zu erklaͤren. Wir glauben daher, daß es ein Zeichen war, das zu unſerm Beſten gegeben iſt.“ „Das iſt ſeltſam,“ rief Heyward, ſeine Pi⸗ ſtolen von dem Platze nehmend, wohin er ſie beim Eintritt gelegt hatte;„ſey es indeß ein Zei⸗ chen des Friedens oder des Kriegs, man muß da⸗ rauf Acht haben. Zeigt mir den Weg, Freund, ich folge Euch!“— Als ſie aus ihrem Schlupfwinkel heraustra⸗ ten und ihnen, ſtatt der eingeſchloſſenen dumpfen Luft in ihrem Verſteck, die friſche ſtaͤrkende At⸗ mosphaͤre, welche um die Wirbel und Hoͤhen des Waſſerfalls ſaͤuſelte, entgegen wehte, empfanden alle deren wohlthaͤtige Einwirkung auf ihren Geiſt. Ein ſtarker Abendwind ſtrich uͤber die Oberflaͤche des Fluſſes hin, und ſchien das Getoͤſe des Falls in die Hoͤhlen ſeines eigenen Keſſels zuruͤck zu treiben, aus denen es wie ein jenſeits der Berge rollender Donner heftig und ununterbrochen her⸗ auftoͤnte. Der Mond war aufgegangen, und ver⸗ breitete ſein ſchimmerndes Licht ſchon hier und 174 da auf den Gipfeln des Falls; der untere Theil des Felſens aber, auf welchem ſie ſich befanden, lag noch immer in tiefem Schatten. Mit Aus⸗ nahme der Toͤne, welche das ewige Rauſchen des Waſſers erzeugte und des pfeifenden Luftzuges, welcher zu Zeiten bald ſtaͤrker bald ſchwaͤcher an ihnen voruͤberſtreifte, war die ganze Scene ſo ruhig, als Nacht und Einſamkeit ſie nur machen konnten. Vergebens ſchweiften die Augen eines jeden auf dem jenſeitigen Ufer umher, um dort irgend ein Zeichen des Lebens zu entdecken, wo⸗ durch ſich die Urſache des Tons, der ſie aufge⸗ ſchreckt hatte, erklaͤren ließe; ihre aͤngſtlich for⸗ ſchenden Blicke wurden nur von dem truͤglichen Lichte getaͤuſcht, oder trafen auf nackte Felſen und hohe unbewegliche Baͤume. „Hier iſt nichts zu ſehen, als die freundliche Ruhe und ſanfte Daͤmmerung eines lieblichen Abends,“ fluͤſterte Duncan;„wie ſehr wuͤrde zu jeder andern Zeit dieſe Scene und die uͤber ſie ausgebreitete heimliche Stille unſere Bewunderung in Anſpruch nehmen, Cora! Denken Sie Sich, daß wir keine Gefahr zu beſorgen haͤtten, ſo wuͤrde gewiß das, was jetzt ihre Furcht erhoͤht, nur da⸗ zu beitragen, ihren Genuß— „Horch!“ unterbrach ihn Alice. Die Mahnung war unnoͤthig. Noch einmal erhob ſich derſelbe Schrei, wie aus dem Bette des Fluſſes kommend, und verhallte, nachdem er die engen Felskluͤfte durchirrt hatte, in langſam da⸗ hinſterbenden Wellentoͤnen im Walde. „Iſt Jemand von uns hier im Stande die⸗ ſem Tone einen Namen zu geben?“— fragte Hawk⸗eye, als das letzte Echo in den Waͤldern verklungen war;„kann er es, ſo mag er ſpre⸗ chen, ich fuͤr meine Perſon bin uͤberzeugt, daß er nicht dieſer Erde angehoͤrt.“ „So hoͤrt denn,“ ſagte Duncan;„hier iſt Jemand der Euch Euern Irrthum benehmen kann. Ich kenne dieſen Ton ſehr gut; denn ich habe ihn oft auf Schlachtfeldern und auch ſonſt bei andern Gelegenheiten, die in dem Leben eines Soldaten haͤufig vorkommen, gehoͤrt. Es iſt das ſchreckliche Angſtgeſchrei, das ein Pferd in der 176 Todesnoth ausſtoͤßt, und wird ihm gewoͤhnlich durch Schmerz, zuweilen aber auch nur durch die Furcht ausgepreſſt. Mein Pferd iſt entweder ſchon in den Klauen der Raubthiere des Waldes, oder es wittert die Gefahr, ohne im Stande zu ſeyn, ihr entgehen zu koͤnnen. In der Hoͤhle konnte ich wohl dieſen Ton verkennen, jedoch hier im Freien weiß ich gewiß, daß ich mich nicht irre.“ Der Kundſchafter und ſeine Gefaͤhrten hoͤr⸗ ten dieſer einfachen Erklaͤrung mit der Aufmerk⸗ ſamkeit eines Menſchen zu, der, indem er neue Ideen auffaſſt, aͤltere eingewurzelte, die ihm un⸗ angenehme Gefuͤhle verurſacht haben, aufgeben kann. Die beiden Letztern riefen ihr ausdrucks⸗ volles Hugh! als die Wahrheit des Geſagten ihnen deutlich wurde, indeſſen der Erſtere, nach einem kurzen Nachdenken folgendermaßen antwortete: „Ich kann Eure Worte nicht in Zweifel ziehn, denn ich verſtehe mich wenig auf Pferde, obgleich ſie da, wo ich geboren bin, in Menge zu finden ſind. Die Woͤlfe muͤſſen uͤber ihren Koöpfen am Ufer herumſtreichen, und die armen Thiere rufen ſo gut ſie koͤnnen nach menſchlicher Huͤlfe.—„Uncas!“ rief er in der Delaware⸗ Sprache—„Uncas, fahre in dem Kahne hinuͤber und ſchleudere einen Brand unter den Haufen; ſonſt koͤnnte die Furcht am Ende thun, was die Woͤlfe nicht vermoͤgen, und wir morgen fruͤh keine Pferde haben, wo es doch ſo ſehr Noth thut, ſo ſchnell als moͤglich zu reiſen.“ Der junge Eingeborne war bereits an das Waſſer hinunter geſtiegen, um ſein Gebot zu er⸗ fuͤllen, als ſich ein langes Geheul am Ufer des Fluſſes erhob, und ſich ſchnell nach dem Innern des Waldes entfernte, als ob die Raubthiere ge⸗ ſchreckt in eiliger Flucht freiwillig ihre Beute im Stiche ließen. Uncas kehrte mit inſtinktmaͤ⸗ ßiger Haſt zuruͤck, und die drei Waldbewohner redeten wieder leiſe und ernſt mit einander. „Wir waren wie Jaͤger, denen die Kennzei⸗ chen am Himmel verloren gegangen ſind und die Sonne Tage lang verborgen geblieben iſt,“ ſagte Hawk⸗eye, ſich von ſeinen Gefaͤhrten ab⸗ 12 wendend;„jetzt erſt fangen wir wieder an, die Rich⸗ tung unſeres Wegs zu erkennen und die Pfade frei von Dornen zu finden. Setzt Euch alle da in den Schatten, den der Mond von jenem Ufer herwirft,— er iſt ſtaͤrker als der unter den Fich⸗ ten, und laſſt uns ruhig abwarten, was es Gott gefallen wird, uns zunaͤchſt zuzuſenden. Sprecht nur fluͤſternd mit einander; obwohl es uͤberhaupt beſſer und vielleicht auch vernuͤnftiger waͤre, wenn ein Jeder eine Zeitlang ſich nur mit ſeinen ei⸗ genen Gedanken beſchaͤftigte.“ Der Kundſchafter ſprach dies in einem ern⸗ ſten, bedeutungsvollen Tone, der indeß kein Zei⸗ chen von unmaͤnnlicher Furcht an ſich trug. Es war vielmehr augenſcheinlich, daß mit der Auf⸗ klaͤrung des Geheimniſſes, welches ſeine eigene Er⸗ fahrung nicht zu ergruͤnden vermocht hatte, auch ſeine augenblickliche Schwaͤche verſchwunden war, und daß, obgleich er das Gefaͤhrliche ihrer jetzigen Lage ſehr wohl zu wuͤrdigen wuſſte, er doch bereit war, mit der ganzen Kraft ſeines kuͤhnen Gei⸗ ſtes allen Gefahren Trotz zu bieten. Dieſes Ge⸗ 179 fuͤhl ſchienen auch die Eingebornen mit ihm zu theilen, welche ſich Poſten ausſuchten, von wo aus fie beide Ufer ganz aͤberſehen konnten, ohne fuͤr ihre Perſon geſehen werden zu koͤnnen. Unter dieſen Umſtaͤnden rieth Heyward und ſeinen Be⸗ gleitern ſchon die gewoͤhnliche Klugheit, eine Vor⸗ ſicht nachzuahmen, zu welcher ihnen ihre verſtaͤn⸗ digen und erfahrenen Fuͤhrer das Beiſpiel gaben. Der junge Mann holte daher ein Buͤndel Saſſa⸗ fraßzweige aus der Hoͤhle, legte es in die Felſen⸗ ſpalte, welche die beiden Hoͤhlen trennte, und ließ die beiden Schweſtern ſich darauf ſetzen, ſo daß ſie durch die Felſen vor jedem Geſchoſſe ge⸗ ſchuͤtzt wurden; zugleich ſuchte er ihre Beſorgniſſe durch die Verſicherung zu beruhigen, daß ohne vorhergegangene Warnung ihnen keine Gefahr nahen ſollte. Heyward ſelbſt nahm ſeinen Poſten in ſo geringer Entfernung, daß er ohne ſeine Stimme auf eine gefaͤhrliche Weiſe zu erheben, mit ihnen zu reden vermochte; indeſſen David nach dem Beiſpiele der Waldbewohner ſeine Per⸗ ſon in den Felſenſpalten ſo gut verbarg, daß der 12* Anblick ſeiner unfoͤrmlichen Glieder nicht mehr dem Auge anſtoͤßig wurde.— Ohne fernere Unterbrechung gingen auf dieſe Weiſe mehrere Stunden dahin. Der Mond hatte ſeinen Zenith erreicht und goß ſein mildes Licht ſenkrecht uͤber die liebliche Gruppe der beiden, eine in der andern Armen ruhig eingeſchlummer⸗ ten Schweſtern. Duncan warf Cora's weiten Shawl uͤber eine Scene, welche er mit einiger Wonne betrachtete, und waͤhlte ſich dann auf dem Felſen ein Lager, um ſein eigenes muͤdes Haupt darauf zu legen.— David begann ſchnarchend Toͤne hoͤren zu laſſen, welche wachend ſeine feinen Organe beleidigt haben wuͤrden; kurz alle, außer Hawk⸗eye und die Mohicans, unterlagen ihrer unuͤberwindlichen Schlaͤfrigkeit und verloren jeden Gedanken von Bewuſſtſein. Die Aufmerkſamkeit dieſer wachſamen Beſchuͤtzer aber ermuͤdete und ſchlummerte nie; unbeweglich wie der Fels, von dem jeder von ihnen nur ein Theil zu ſein ſchien, lagen ſie und ließen ihre Augen laͤngs der dun⸗ keln Einfaſſung von Baͤumen, welche die naͤchſt⸗ d⁰ gelegenen Ufer des ſchmalen Fluſſes begraͤnzte, ohne Unterlaß umherſchweifen. Nicht ein Laut entſchluͤpfte ihnen, und mit der ſchaͤrfſten Auf⸗ merkſamkeit wuͤrde man ſie kaum athmen gehoͤrt haben. Augenſcheinlich war es, daß dieſe außer⸗ ordentliche Vorſicht ſich auf Erfahrungen gruͤndete, welche durch keine Schlauheit ihrer Feinde mehr hintergangen werden konnten, und obgleich, dem Anſchein nach, ſolche uͤberfluͤſſig zu werden ſchien, ſo beharrten ſie doch ſo lange dabei, bis der Mond untergegangen war, und ein blaſſer Streifen uͤber den Gipfeln der Baͤume, an einer etwas weiter unterwaͤrts liegenden Kruͤmmung des Fluſſes, den Anbruch des Tages verkuͤndete. Zum erſtenmal nun bewegte ſich Hawk⸗eye, kroch laͤngs des Felſens zu Duncan und weckte ihn aus ſeinem tiefen Schlummer. „Es iſt Zeit aufzubrechen,“ fluͤſterte erz „weckt die Frauenzimmer, und haltet Euch be⸗ reit in den Kahn zu ſteigen, ſobald ich ihn zum Landungsplatze bringe.“— „Habt Ihr eine ruhige Nacht gehabt?“ fragte 3 482 Heyward; bei mir hat, wie ich glaube, der Schlaf die Wachſamkeit uͤberwunden.“ „Alles iſt noch ruhig wie Mitternacht; ſeid ſtill, aber macht geſchwind.“— Duncan war nun ganz ermuntert und hob ſogleich den Shawl von den ſchlafenden Schoͤnen hinweg. Dieſe Bewegung machte, daß Cora die Hand erhob, als ob ſie ihn zuruͤckdraͤngen wollte, indeſſen Alice mit ſanfter lieblicher Stimme fluͤ⸗ ſterte:„Nein, mein theurer Vater, wir waren nicht verlaſſen; Duncan war bei uns!“— „Ja, ſuͤße Unſchuld,“ kluͤſterte der entzuͤckte Juͤngling,„Duncan iſt hier, und ſo lange er Leben hat, oder Gefahr Dir droht, wird er Dich nicht verlaſſen.— Cora! Alice! erwachet! die Stunde des Aufbruchs iſt gekommen!“— Ein lauter Angſtſchrei der juͤngern, und die vor ihm ſtehende aufrechte Geſtalt der im ver⸗ wirrten Schrecken ſchnell aufſpringenden aͤlteren Schweſter, war die unerwartete Antwort auf ſei⸗ nen Zuruf; denn noch waren die Worte nicht von Heyward's Lippen entflohen, als ſich ein ſol⸗ ches Geſchrei und Getoͤſe erhob, daß ſein jugend⸗ liches ſchnell ſtroͤmendes Blut in ſeinem raſchen Laufe gehemmt und aus den pochenden Adern zum Herzen zuruͤckgedraͤngt wurde. Beinah eine Minute lang ſchien es, als ob die Luft rings um ſie her mit Daͤmonen der Hoͤlle erfuͤllt waͤre, die ihre wilde Laune in dieſen fuͤrchterlichen Toͤnen ausließen. Das Geſchrei kam nicht in einer ein⸗ zigen beſtimmten Richtung, ſondern ganz unver⸗ kennbar aus allen Gegenden des Waldes, und wie die Einbildungskraft die erſchrockenen Zuhoͤ⸗ rer leicht uͤberredete, aus den Hoͤhlen des Falls, dem Felſen, dem Fluſſbette und ſelbſt aus den oberen Luftregionen. David erhob ſeine lange Geſtalt und, ſeine Ohren vor dieſem hoͤlliſchen Laͤrm mit beiden Haͤnden zuhaltend, rief er aus: „Woher kommt dieſer abſcheuliche Miſſton? hat ſich die Hoͤlle aufgethan, daß ein Menſch Toͤne wie dieſe hervorbringen kann?“— Die hellen Blitze und der ſchnell folgende Donner von einem Dutzend Buͤchſen vom entge⸗ gengeſetzten Ufer des Stroms ſtreckten den un⸗ 184 gluͤcklichen Singmeiſter, der ſich ſo unvorſichtiger⸗ weiſe der Gefahr ausgeſetzt hatte, ſinnlos auf den Felſen, auf dem er ſo lange geſchlummert hatte, hin. Kuͤhn erwiederten die Mohicans das wilde Geſchrei ihrer Feinde, welche, als ſie Gamut fal⸗ len ſahen, ein lautes Triumphgeheul erhoben. Schnell und unterbrochen folgten ſich die Blitze aus den Buͤchſen, aber beide Partheien waren zu geuͤbt und erfahren, um auch nur ein Glied dem feindlichen Ziele bloß zu ſtellen. Duncan, welcher glaubte, daß ihre einzige Rettung nur durch ſchleunige Flucht bewerkſtelligt werden koͤnnte, lauſchte mit geſpannter Erwartung, ob ſich nicht Ruderſchlaͤge hoͤren ließen. Der Fluß ſtroͤmte glaͤnzend mit ſeiner gewoͤhnlichen Schnelligkeit voruͤber, doch das Canon ließ ſich nirgends auf ſeinen dunkeln Wellen blicken. Schon glaubte er, daß der Kundſchafter ſie in ihrer Noth verlaſſen habe, als aus dem Felſen unter ihm ein Feuer⸗ ſtrom hervorbrach, und ein gellendes, mit einem Angſtgeſtoͤhn vermiſchtes Geheul ihm verkuͤndete, daß der Todesbote, den Hawk⸗eye's moͤrderiſche 185 Waffe hinuͤbergeſendet hatte, ein Schlachtopfer erreicht habe. Nach dieſem erſten erlittenen Ver⸗ luſte zogen ſich die Angreifenden ſchnell zuruͤck, und es trat wieder dieſelbe Stille ein, die vor dem Ausbruche der Feindſeligkeiten an dieſem Orte geherrſcht hatte. Den guͤnſtigen Augenblick wahrnehmend, eilte Duncan zu David, und trug ihn nach der engen Felskluft hin, die bisher den Schweſtern Schutz gegeben hatte; und im naͤchſten Augenblick hatten ſich Alle an dieſem, wenigſtens einigermaßen ge⸗ ſicherten Orte verſammelt. „Diesmal hat der arme Teufel noch ſeinen Skalp gerettet,“ ſagte Hawk⸗eye, indem er kalt⸗ bluͤtig mit ſeiner Hand uͤber David's Kopf hin⸗ ſtrich;„aber er iſt auch zugleich ein Beiſpiel, daß ein Menſch mit einer zu langen Zunge geboren werden kann! Es war eine wahre Tollheit, auf einem nackten Felſen den wuͤthenden Wilden ſechs Fuß Fleiſch und Blut zu zeigen; und ich wundere mich nur, daß er noch mit dem Leben davon gekommen iſt.“ 186 „Iſt er denn nicht todt?“— fragte Cora, mit einer Stimme, deren gedaͤmpfter Ton den Kampf des natuͤrlichen Entſetzens mit ihrer ange⸗ nommenen Feſtigkeit verrieth. „Koͤnnen wir etwas fuͤr den armen Men⸗ ſchen thun?“— „Nein, nein! noch iſt Leben in ſeinem Her⸗ zen, und wenn er etwas geſchlafen hat, wird er wieder zu ſich kommen, und gewiß in Zukunft, bis ſein wirkliches Todesſtuͤndlein ſchlaͤgt, ver⸗— nuͤnftiger ſein;“ antwortete Hawk⸗-eye, indem er noch einen Seitenblick auf den lebloſen Koͤrper warf, und zugleich ſein Gewehr mit bewunde⸗ rungswuͤrdiger Puͤnktlichkeit lud.„Uncas, trag⸗ ihn hinein und leg' ihn auf den Saſſafraß. Je laͤnger er ſchlaͤft, deſto beſſer iſt es fuͤr ihn; denn, ich zweifle, ob er auf dieſem Felſen hier, fuͤr eine Figur wie ſeine, einen ſichern Platz finden kann; und Singen gilt nicht viel bei den Irokeſen.“ „Ihr glaubt alſo,“ fragte Heyward,„daß ſie den Angriff erneuern werden?“ „Soll ich glauben, daß die unerſaͤttliche Be⸗ gierde eines hungrigen Wolfes ſich mit einem Biſſen begnuͤgen wird? Sie haben einen Mann verloren; und es iſt ihre gewoͤhnliche Manier, ſich, wenn ſie einen Verluſt erleiden, oder ihre Ueber⸗ faͤlle miſſgluͤcken, zuruͤckzuziehen; aber ſie werden bald wieder da ſein, und neue Raͤnke und Mit⸗ tel ausgeſonnen haben, um uns zu betruͤgen und unſere Skalps zu bekommen.“ „unſere groͤßte Hoffnung,“ fuhr er fort, ſein rauhes Geſicht, uͤber welches ſo eben ein dunk⸗ ler Schatten von Beſorgniß wie eine finſtere Wolke flog, erhebend,„kann nur ſein, den Fel⸗ ſen ſo lange zu halten, bis Munro uns Trup⸗ pen zu Huͤlfe ſenden kann. Gott gebe, daß es bald geſchehen moͤge, und daß ſie ein Mann an⸗ fuͤhre, der die Art und Gebraͤuche der Indianer ganz kennt.“ „Sie hoͤren, auf was unſere Hoffnung allein beruht, Cora,“ ſagte Heyward,„und Sie wiſſen, daß wir von der Beſorgniß und Erfahrung Ihres Vaters Alles erwarten koͤnnen. Gehn Sie alſo mit Alicen in dieſe Hoͤhle, wo Sie wenigſtens vor den moͤrderiſchen Buͤchſenkugeln unſerer Feinde geſchuͤtzt ſind, und wo Sie zugleich den Drang Ihrer ſanften Gefuͤhle befriedigen, und fuͤr die Pflege unſers armen ungluͤcklichen Gefaͤhrten Sorg⸗ falt tragen koͤnnen.“ Die Schweſtern folgten ihm in die hintere Hoͤhle, wo David bereits durch Seufzer das Zuruͤckkehren ſeines Bewuſſtſeins zu erkennen gab; und nach⸗ dem er den Verwundeten nochmals ihrer Obhut anempfohlen hatte, machte er ſich ſogleich bereit ſie zu verlaſſen. „Duncan!“ rief Cora mit zitternder Stim⸗ me, als der junge Mann ſchon den Ausgang der Hoͤhle erreicht hatte, auf dieſen Ruf aber ſogleich ſtehen blieb, ſich umwandte und das Maͤdchen an⸗ blickte, deren dunkle Roͤthe ſich in Leichenblaͤſſe verwandelt hatte, und deren bebende Lippen die Bewegung in ihrem Innern zu erkennen gaben. Ihr ausdrucksvoller, die innigſte Theilnahme ver⸗ 1 rathender Blick zog ihn ſchnell wieder zu ihr zuruͤck. —„Denken Sie ſtets daran, Duncan,“ fuhr ſie fort, waͤhrend ihr verraͤtheriſches Blut ihre 189 Wangen bis zu den Schlaͤfen mit einer hohen Roͤthe uͤbergoß,—„daß unſer ganzes Wohl nur von dem Ihrigen abhaͤngt,— daß das geheiligte Vertrauen eines Vaters auf Ihnen ruht,— daß von ihrer Klugheit und ihrem vorſichtigen Benehmen wir nur Rettung erwarten koͤnnen,— kurz, daß Sie mit Recht Allen, die den Namen Munro tragen, theuer ſind. „Wenn irgend etwas im Stande waͤre, die feige Liebe zum Leben in meiner Bruſt zu erhoͤ⸗ hen,“ ſagte Heyward, indem zugleich ſeine Blicke ſich unwillkuͤrlich auf die jugendliche Geſtalt der ſtummen Alice richteten,„ſo waͤr' es dieſe guͤtige Verſicherung. Unſer redlicher Wirth wird Ihnen aber ſelbſt ſagen, daß ich als Major im 6oſten Regimente auch meinen Antheil an dem Kampfe nehmen muß; unſere Arbeit wird indeß ziemlich leicht ſein; ſie beſteht nur darin, dieſe blutduͤrſti⸗ gen Wilden fuͤr einige Stunden uns vom Leibe zu halten.“ Ohne eine Antwort abzuwarten verließ er die beiden Schweſtern und begab ſich zu dem Kund⸗ 190 ſchafter, der noch immer mit ſeinen Gefaͤhrten in der ſichern kleinen Schlucht zwiſchen den bei⸗ den Hoͤhlen ſich befand. „Ich ſage Dir, Uncas,“ ſagte der erſtere, als Heyward zu ihnen trat,„Du nimmſt im— mer zu viel Pulver, darum ſtoͤt die Buͤchſe zu ſehr und Du ſchießeſt vorbei! Wenig Pulver, wenig Blei und den Arm gehoͤrig ausgeſtreckt, ſo wird Dir's ſelten fehlen einem Mingo den To⸗ desſchrei auszupreſſen; ſo hat mich's zum wenig⸗ ſten die Erfahrung bei allen den Kerls gelehrt. Doch kommt, Freunde! laſſt uns in unſern Ver⸗ ſteck gehn, denn Niemand. weiß wann oder wo ein Maqua ſeine Streiche fuͤhren will.“ Die Indianer begaben ſich ſtill nach ihren angewieſenen Poſten in den Felſenriſſen, von de⸗ nen aus ſie alle Zugaͤnge zu dem Fuße der Waſ⸗ ſerfaͤlle uͤberſehen konnten. In der Mitte der kleinen Inſel bildete eine geringe Anzahl kurzer verkruͤppelter Fichten, die ſich hier eingewurzelt hatten, ein Dickicht, in welches ſich Hawk⸗eye mit der Schnelligkeit eines Hirſches, von dem 191 thaͤtigen Duncan begleitet, ſtuͤrzte. Hier verbar⸗ i⸗ gen ſie ſich ſo gut als es die Umſtaͤnde zuließen, hinter Geſtraͤuchen und den auf dem Platze zer⸗ , ſtreut herumliegenden Felſenſtuͤcken. Ueber ihnen 6 3 erhob ſich ein nackter, runder Felſen, den von al⸗ len Seiten das Waſſer tobend umſpuͤhlte und ſich hierauf in der oben beſchriebenen Art in die Ab⸗ gruͤnde unten ſtuͤrzte. Der Tag war indeß ange⸗ brochen und erhellte die gegenuͤberliegenden Ufer, die fruͤher dem Auge nur als eine verwirrte Maſſe erſchienen waren, ſo daß ſie jetzt zwiſchen die Baͤume hinein ſehen und unter dem dunkeln Dach der duͤſtern Fichten und Buͤſche die Gegen⸗ ſtaͤnde deutlich unterſcheiden konnten. Eine lange Zeit verſtrich nun, waͤhrend wel⸗ cher ſie ſorgfaͤltig Alles beobachteten, ohne daß je⸗ doch irgend etwas die Erneuerung des Angriffs zu verkuͤnden ſchien, und Duncan fing ſchon an zu hoffen, daß ihr Feuer wirkſamer geweſen waͤre, als ſie es geglaubt hatten, und daß die Feinde 1 wirklich zuruͤckgetrieben worden waͤren. Als er es aber wagte dieſe Meinung gegen ſeinen Gefaͤhr⸗ 1 92 ten zu aͤußern, antwortete dieſer mit einem un⸗ glaͤubigen Kopfſchuͤtteln, und ſagte: „Ihr kennt wahrhaftig noch nicht die Natur eines Maqua, wenn Ihr glaubt, daß er ſich ſo leicht zuruͤckweiſen laſſe, ohne daß er einen Skalp erbeutet habe! Wenn auch nur einer von den Satans heute Morgen ſein Geheul hat hoͤren laſ⸗ ſen, ſo ſind es doch gewiß ihrer vierzig, und ſie kennen unſere geringe Anzahl und Bedraͤngniß zu gut, um ſo bald ihre Jagd aufzugeben.— Doch ſtill!— ſeht einmal dort oben nach dem Waſſer hin, grade wo es uͤber die Felſen ſtuͤrzt. Ich will kein Menſch ſein, wenn die verteufelten Wagehaͤlſe nicht bis zur Hoͤhe des Falls herunter⸗ geſchwommen ſind, und wenn es unſer boͤſes Ge⸗ ſchick will, die Spitze der Inſel erreicht haben. Doch ſtill, Mann, bleibt ruhig—oder die Haare werden Euch vom Hirnſchaͤdel weggeputzt ſein, ehe man eine Hand umdreht!“— Heyward ſteckte den Kopf aus ſeinem Ver⸗ ſteck hervor und erblickte, was er mit Recht wohl fuͤr ein Wunder von Kuͤhnheit und Ge⸗ wandtheit anſehn konnte. Der Fluß hatte die ſcharfen Kanten des muͤrben Felſens ſo weit ab⸗ geſpuͤhlt, daß der erſte Abſatz deſſelben nicht ſo ſteil und ſenkrecht war, als dies ſonſt bei Waſſer⸗ faͤllen ſtatt findet. Ohne einen andern Fuͤhrer als die nach der Spitze der Inſel ihre Richtung nehmende Stroͤmung des Waſſers, hatte ein Theil ihrer rachgierigen Feinde ſich in den Strom gewagt, und war bis zu dieſem Punkt herunter⸗ geſchwommen, der, wie ſie wohl einſahen, ihnen, wenn es gluͤckte, ſehr guͤnſtig gelegen war, um ihre auserſehenen Schlachtopfer bald zu erreichen. Als Hawk⸗eye eben ſeine Rede geendet hatte, zeig⸗ ten ſich vier menſchliche Koͤpfe hinter einigen Treibholz⸗Staͤmmen, die an dieſem nackten Fel⸗ ſen haͤngen geblieben waren, und ihnen wahr⸗ ſcheinlich zuerſt die Idee der Ausfuͤhrbarkeit ihres kuͤhnen Vorhabens eingefloͤßt hatten. Gleich dar⸗ auf ſahen ſie noch einen fuͤnften uͤber dem aͤußer⸗ ſten gruͤrſen Rande des Falls, in geringer Ent⸗ fernung nur von dem eigentlichen Anfange der Inſel zichwimmen. Kraͤftig arbeitete der Wilde 13 194 um den ſichern Ort zu gewinnen, und ſchon ſtreckte er, von den glaͤnzenden Wellen getrieben, einen Arm aus, um die ihm entgegengereichten Haͤnde ſeiner Gefaͤhrten zu faſſen, als er ſchnell wieder von den tobenden Waſſerwirbeln fortgeriſ⸗ ſen und in die Luft geſchleudert wurde, und dort einen Augenblick mit ausgeſtreckten Armen und ſtarren unbeweglichen Augen zu ſchweben ſchien, worauf ihn ein furchtbarer Sturz in den tiefen gaͤhnenden Abgrund begrub. Ein einzelner wilder Schrei des Schreckens ließ ſich durch das dumpfe Geraͤuſch des Catarakts hoͤren, aber im Augen⸗ blick nachher war wieder Grabesſtille. Von einem edelmuͤthigen Gefuͤhl angetrie⸗ ben, wollte zuerſt Duncan hervorbrechen und dem ungluͤcklichen Geſchoͤpf zu Huͤlfe eilen; er fuͤhlte ſich aber von der eiſernen Hand des Kund⸗ ſchafters auf ſeinem Fleck feſtgehalten. „Wollt Ihr uns den gewiſſen Tod berei⸗ ten, wenn Ihr den Mingoes verrathet wo wir verborgen liegen?“ fragte Hawk⸗eye zfinſter; „wir haben dadurch eine Ladung Pul atr er⸗ ꝑꝑj—— 195 ſpart, und die Munition faͤngt ſchon an uns auszugehn, wie der Athem einem gehetzten Hir⸗ ſche!— Schuͤttet friſch Pulver auf Eure Piſto⸗ len!— der verdammte Waſſerſtaub, der vom Falle hierher kommt, kann leicht das Zuͤndkraut feucht machen;— und macht Euch bereit zum Handgemenge, waͤhrend ich beim erſten Anlauf feure. Er ſteckte hierauf den Finger in den Mund und that einen langen gellenden Pfiff, der von den unteren Felſen aus, die die Mohicans beſetzt hielten, beantwortet wurde. Duncan ſah, als dies Zeichen durch die Luft ſchallte, einige Koͤpfe aͤber das oben umher liegende Treibholz ſchnell hervorblicken; ſie verſchwanden jedoch eben ſo ſchnell als ſie erſchienen waren. Ein leiſer raſchelnder Ton hinter ihm zog jetzt ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich; er wandte den Kopf und erblickte nur noch einige Schritte entfernt Uncas ſich ihm krie⸗ chend naͤhern. Hawk⸗eye redete mit dem jungen Haͤuptling, der mit außerordentlicher Vorſicht und unerſchuͤtterlicher Kaltbluͤtigkeit ſich einen Poſten ausſuchte, in der Delaware⸗Sprache. Heyward — 43* — ¹96 empfand in dieſem Augenblick eine fieberhafte Unruhe, die von ſeiner aͤngſtlichen Erwartung er⸗ zeugt wurde; der Kundſchafter ſchien ihn jedoch nur als eine gute Gelegenheit anzuſehn, ſeinem juͤngern, weniger erfahrenen Gefaͤhrten eine Vor⸗ leſung uͤber die beſte Art, Feuergewehre zweckmaͤ⸗ ßig und mit Nutzen zu gebrauchen, zu halten. „Unter allen Waffen,“ begann er,„iſt wohl die Buͤchſe, wenn ſie einen hinlaͤnglich langen Lauf hat, ordentlich ausgebohrt und von weichem Metall iſt, und von einer geſchickten Hand ge⸗ fuͤhrt wird, die gefaͤhrlichſte; es gehoͤrt aber ein ſtarker Arm, ein ſcharfes Auge und eine richtige Ladung dazu, um alle ihre Vorzuͤge wohl an den Tag zu bringen. Die Buͤchſenmacher muͤſſen wahrhaftig ihre Profeſſion nur ſchlecht verſtehen, wenn ſie ihre Vogelflinten und kurzen Sattel—“ Hier wurde er durch ein leiſes, aber bedeu⸗ tungsvolles„Hugh“ von Uncas unterbrochen. „Ich ſehe ſie wohl, mein Junge, ich ſehe ſie!“— fuhr Hawk⸗eye fort;„ſie ſammeln ſich, um einen Anlauf zu nehmen, ſonſt wuͤrden ſie wohl ihre ſchwarzen Hintern noch hinter dem Holze verſtecken. Aber laß ſie nur kommen,“ fuͤgte er hinzu,„der vorderſte ſoll ſeinem Tode nicht entgehen, und wenn es Montcalm ſelbſt ware.“— In dieſem Augenblicke ließ ſich ploͤtz⸗ lich in den Waͤldern wieder ein wildes Geſchrei hoͤren, und auf dies Zeichen ſprangen vier Wilde aus ihrem Verſteck hinter dem Treibholze her⸗ vor. Heyward's Geiſt wurde von der druͤckenden peinlichen Lage dieſes Moments ſo maͤchtig er— griffen, daß er ein brennendes Verlangen fuͤhlte ihnen zum Kampfe entgegenzuſtuͤrzen; er wurde aber durch das uͤberlegte, vorſichtige Beiſpiel des Kundſchafters und Uncas zuruͤckgehalten. Als ihre Feinde, die mit wildem Geſchrei in hohen Saͤ⸗ tzen uͤber die ſchwarzen Felsſtuͤcken, die beide Par⸗ ttheien von einander trennten, ſprangen, nur noch einige Klafter entfernt waren, erhob ſich Hawk⸗ eye's Buͤchſe langſam aus dem Gebuͤſch und ließ ihre toͤdtliche Ladung fliegen. Der vorderſte In⸗ dianer machte einen Sprung wie ein getroffener 198 4 Hirſch, und ſtuͤrzte mit dem Kopfe voran in die Felſenkluͤfte der Inſel. „Jetzt, Uncas!“— ſchrie der Kundſchafter, deſſen rollende Augen von Wuth zu blitzen ſchie⸗ nen, und zog ſein langes Meſſer,—„jetzt nimm den heulenden Satan da hinten auf's Korn; die beiden andern ſind uns dann gewiß.“ Sein Gebot wurde vollzogen und es blieben nur noch zwei Feinde zu uͤberwinden. Heyward hatte eine von ſeinen Piſtolen an Hawk⸗eye gege⸗ ben, und ſo ſtuͤrzten ſie nun zuſammen einen kleinen Abhang hinunter ihren Feinden entgegen; beide ſchoſſen zugleich ihre Gewehre los aber beide fehlten. „Ich wuſſte es und ſagte es ja!“ murmelte der Kundſchafter, und ſchleuderte das kleine To⸗ deswerkzeug unwillig und veraͤchtlich weit uͤber den Waſſerfall.„Kommt her, ihr blutgierigen Hoͤl⸗ lenhunde! ihr ſollt es hier mit einem Mann von reiner Abkunft zu thun bekommen!“ Kaum hatte er dieſe Worte ausgeſprochen, als ihn ein Wilder von gigantiſcher Geſtalt mit 199 den grimmigſten Geberden anfiel. In demſel⸗ ben Augenblick war auch ſchon Duncan mit dem andern handgemein geworden. Mit der groͤßten Gewandtheit ſuchte Hawk⸗eye und ſein Gegner, jeder den aufgehobenen, mit dem toͤdtlichen Meſ⸗ ſer bewaffneten Arm des andern zu umklammern und abzuwehren. Beinah eine Minute lang ſtanden ſie beide, einander ſtarr in die Augen blickend und die aͤußerſte Kraft ihrer Muskeln mehr und mehr anſtrengend, um die Oberhand zu gewinnen. Endlich ſiegten die ſtarken Sehnen des weißen Mannes uͤber die weniger abgehaͤrteten Glieder des Eingeborenen. Der Arm des letzteren wich nach und nach der ſich verdoppelnden Kraft des Kundſchafters, der, den Augenblick wahrneh⸗ mend, ploͤtlich ſeine bewaffnete Hand der Um⸗ klammerung ſeines Feindes entriß, und ihm den ſcharfen Stahl durch die nackte Bruſt ins Herz ſtieß. Unterdeſſen hatte Heyward einen noch ge⸗ faͤhrlichern Kampf zu beſtehen⸗ Sein ſchwacher Degen war gleich bei dem erſten Angriffe zerbro⸗ chen. Von allen uͤbrigen Vertheidigungsmitteln ————— —— 200 entbloͤßt, konnte er nur durch Entſchloſſenheit und koͤrperliche Staͤrke zu ſiegen hoffen. Obgleich nun keine dieſer Eigenſchaften ihm mangelte, ſo hatte er es doch mit einem Feinde zu thun, der ihm hierin nichts nachgab. Gluͤcklicherweiſe gelang es ihm bald ſeinen Gegner zu entwaffnen, da deſſen Meſſer auf den unter ihnen befindlichen Felſen fiel, und beide rangen nun wuͤthend mit einander, wer den andern von der ſchwindelnden Hoͤhe in den nahen Abgrund des Falls herunter zu ſtuͤrzen vermoͤchte. Jede neue Anſtrengung brachte ſie dem verhaͤngniſſvollen Orte immer naͤher, wo, wie Duncan wohl einſah, der letzte entſchei⸗ dende Verſuch gemacht werden muſſte. In dieſem letzten Verſuche bot jeder der Kaͤn fer alle ſeine noch uͤbrig gebliebenen Kraͤfte auf/dand ſchon tau⸗ melten beide dicht am Rande des Abgrunds. Hey⸗ ward fuͤhlte die ſtarke Fauſt des Wilden ſeine Kehle umſchlingen,— er las in deſſen furchtba⸗ kem Laͤcheln die rachgierige Hoffnung ſeinem Feinde wenigſtens ein gleiches Schickſal zu bereiten,— er fuͤhlte wie alle ſeine Glieder nach und nach — H 201— der unwiderſtehlichen Macht wichen,— und alle die ſchrecklichen Gefuͤhle des Todeskampfes durch⸗ zuckten die Seele des jungen Mannes. In die⸗ ſem Augenblick der hoͤchſten Gefahr erblickte er eine ſchwarze— and und ein blitzendes Meſſer dicht vor ſich; Les Fauſt des Indianers ließ von ihrem feſten Drucke nach, und in Stroͤmen floß deſſen Blut aus den zerſchnittenen Sehnen ſeines Hand⸗ van Uncas rettendem Arme von dem Abgrunde zuruͤckgezogen, waren Duncan's Augen noch in ſtarrem Staunen auf die grimmigen ver⸗ zweiflungsvollen Zuͤge ſeines Feindes gerichtet, als dieſer vernichtet in den unrettbaren Abgrund ſtuͤrzte. „Zuruͤck! zuruͤck! ſchrie Hawk⸗eye, der eben ergurlegt hatte;„verbergt Euch, wenn en lieb iſt! Die Arbeit iſt erſt gelenks; ſeinen Gegn Euch Euer L halb gethan.“ Der junge Mohican ſtieß ein lautes Triumph⸗ geſchrei aus, ſprang ſchnell mit Duncan den Ab⸗ hang, den ſie zum Kampf herunter gekommen waren, wieder hinauf und verbarg ſich mit ihm hinter den ſchuͤtzenden Felſen und Buͤſchen. Achtes Kapitel. Noch ſchmachten ſie im Elend, die Des theuren Vaterlandes Ehre blutig rächten. Gray. Es war nicht ohne Urſache geweſ⸗ ſen, daß der Kundſchafter ihnen jene Warnung zugerufen hatte. Waͤhrend der ſo eben beſchriebene moͤrnderiſche Kampf ſtatt fand, war das don nernde Getoͤſe des Waſſerfalls durch keinen menſchlichen Laut unter⸗ brochen worden. Es ſchien vielmehr, daß das In⸗ tereſſe, welches die Eingeborenen am jenſeitigen Ufer an dem Ausgange deſſelben nahmen, ſie in ſtummer erwartungsvoller Unthaͤtigkeit erhalten habe; uͤberdem haͤtte ihr Feuer wegen der ſchnellen Bewegung und des ſteten Wechſels in den Stel⸗ lungen der Kaͤmpfer fuͤr Freund und Feind gleich gefaͤhrlich werden koͤnnen. Im Augenblick aber daß der Kampf entſchieden war, erhob ſich ein ſo graͤuliches wildes Geheul, als nur immer die iaſte Wuth und Rache hervorzubringen im 203 Stande ſind. Ihm folgten bald zahlloſe Blitze aus den Muͤndungen der Buͤchſen, die ganze La⸗ gen bleierner Todesboten uͤber den Felſen ſandten, als wenn die Angreifenden ihre Wuth an den lebloſen Gegenſtaͤnden, die Zeugen des Kampfes geweſen waren, auslaſſen wollten. Chingachgook, der mit unerſchuͤtterlicher Standhaftigkeit ſeinen Poſten waͤhrend des gan⸗ zen Gefechts behauptet hatte, erwiederte das Feuer fortwaͤhrend durch wohlgezielte Schuͤſſe. Als Un⸗ cas Triumphgeſchrei zu ihm gedrungen war, hatte der vergnuͤgte Vater es nur mit einem einzigen Rufe bean wortet, dann aber nur durch ſein thaͤtiges Feuern kund gegeben, daß er ſeinen Fleck noc) mit unermuͤdetem Eifer vertheidige. Auf dieſe Art verſtrich, wie ein kurzer Augenblick, eine geraume Zeit, waͤhrend welcher die Buͤchſen der Angreifenden ſich zuweilen in raſſelnden Sal⸗ ven, dann wieder in einzelnen gelegentlichen Schuͤſſen hoͤren ließen. Obgleich der Felſen, die Baͤume und Straͤuche an hundert Stellen rings um die Vertheidiger zerſchoſſen und durchbohrt waren, ſo deckte ſie doch ihr Verſteck ſo gut und ſie brauchten ſo viel Vorſicht, daß bis jetzt nur noch David der einzige Verwundete war. „Laſſt ſie ihr Pulver verplatzen,“ ſagte der bedaͤchtige Kundſchafter, waͤhrend Kugel auf Ku⸗ gel an dem Orte vorbeipfiff, wo er ſo ſicher ver⸗ borgen lag;—„wenn's voruͤber iſt, wollen wir eine reichliche Kugelernte halten und ich denke die Satans ſollen ihres Zeitvertreibs uͤberdruͤſſig werden, ehe die alten Steine hier um Pardon bitten!— Aber Uncas, Junge, willſt Du denn Deine Buͤchſe uͤberladen?— Eine Buͤchſe die ſtoͤßt, gibt nie einen ſichern Schuß. Ich ſagte Dir, Du ſollteſt den herumſchleichenden Unglaͤubigen grade unter dem weißen Strich faſſen; wenn auch nun Deine Kugel um ein Haar breit hoͤher ge⸗ kommen waͤre, ſo wollte ich nichts ſagen, aber ſo trafſt Du ihn ja zwei Zoll daruͤber. Bei ei⸗ nem Mingo liegt das Leben weit unten, und die Menſchlichkeit will, daß wir den Schlangen bald ein Ende machen ſollen.“ Ein ruhiges Laͤcheln uͤberflog die ſtolzen Zuͤge —,.— 205 des jungen Mohican, und verrieth daß er der engliſchen Sprache kundig ſey und der Andern Meinung wohl verſtanden habe; er ertrug es jedoch ohne empfindlich zu werden, oder etwas da⸗ rauf zu erwiedern. „Ich kann nicht zugeben, daß Ihr Uncas des Mangels an Geſchicklichkeit oder Entſchloſſenheit beſchuldigt,“ ſagte Duncan;„er rettete aufs kaltbluͤtigſte und bereitwilligſte mein Leben, und hat ſich in mir einen Freund erworben, der ge⸗ wiß niemals beduͤrfen wird, an ſeine Schuld ge⸗ gen ihn erinnert zu werden.“ 3 Uncas erhob ſich ein wenig und reichte Hey⸗ ward ſeine Hand, der den Druck erwiederte. Bei dieſen gegenſeitigen Freundſchaftsbezeugungen wech⸗ ſelten die beiden jungen Maͤnner ſo herzliche Blicke, daß Duncan daruͤber den Stand und die Verhaͤlt⸗ niſſe ſeines wilden Gefaͤhrten zu vergeſſen ſchien. Unterdeß gab Hawk⸗eye, der dieſem Ausbruche des jugendlichen Gefuͤhls kalt, doch nicht unfreund⸗ lich zugeſehen hatte, ſolgende ruhige Antwort: „Die Rettung des Lebens iſt eine Schuld, 206 die ſich in der Wildniß Freunde oft gegenſeitig aufbuͤrden. Ich kann wohl ſagen, daß ich ſelbſt fruͤherhin Uncas ſchon mehrere Male dieſen Dienſt geleiſtet habe; und es bleibt mir ſtets in gutem b Andenken, daß er auch ſchon fuͤnfmal zwiſchen mir und dem Tode geſtanden hat; dreimal im Gefecht mit den Mingoes, einmal als wir uͤber den Horican gingen und—„ „Die Kugel war beſſer gezielt als die an⸗ dern!“ rief Duncan, unwillkuͤrlich bei einem Schuſſe emporfahrend, der dicht an ſeiner Seite an den Felſen ſchlug und mit Heftigkeit abprallte. Hawk⸗eye hob das ganz zuſammengedruͤckte Metall auf und ſchuͤttelte, als er es unterſucht hatte, den Kopf.„Blei, das faͤllt, druͤckt ſich niemals platt,“ ſagte er;„wenn es von den Wolken herunter fiele, ſo waͤr's allenfalls wohl moͤglich.“ Indeß ſahen ſie wie Uncas Buͤchſe ſich be⸗ hutſam nach dem Himmel in die Höoͤhe richtete und, mit ihren Augen der Richtung folgend, wurde ſeinen Gefaͤhrten das Geheimniß bald aufgeklaͤrt. ◻ 207 Ihnen beinah grade gegenuͤber am rechten Ufer des Fluſſes ſtand eine hohe weitaͤſtige Eiche, die ſich, nach dem freien offenen Raume ſtrebend, ſo weit heruͤbergebeugt hatte, daß ihre oberen Aeſte grade uͤber dem Arme des Fluſſes hingen, der dicht an ihren Wurzeln vorbeifloß. Auf dem Gipfel derſelben, in dem ihre knorrigen, abge⸗ ſtumpften Aeſte nur ſaͤrlich verhuͤllenden Laube, hatte ſich ein dunkelfarbiger Wilder eingeniſtet, und ſich hinter dem Stamme des Baumes ſo gut verborgen, daß ſelbſt dann nur wenig von ihm zu ſehen war, wenn er auf ſie herunter⸗ blickte, um ſich von der Wirkung ſeiner verraͤtheri⸗ ſchen Schuͤſſe zu uͤberzeugen. „Dieſe Teufel werden noch in den Himmel klettern, um uns den Untergang zu bereiten,“ ſagte Hawk⸗eye;„behalt ihn in den Augen, mein Junge, bis ich wieder einen Schuß im Laufe habe, dann wollen wir von beiden Seiten des Baums zugleich verſuchen ihm eine Kugel beizu⸗ bringen. Uncas wartete mit ſeinem Schuſſe, bis der Kundſchafter das Zeichen gab. Die Buͤchſen blitz⸗ ten, Blaͤtter und Rinde der Eiche flogen vom Winde zerſtreut in die Luft, aber der Indianer beantwortete ihren Angriff mit einem ſpoͤttiſchen Gelaͤchter und ſandte ihnen dagegen wieder eine andere Kugel herunter, die Hawk⸗eye die Muͤtze vom Kopfe warf. Das Geheul der Wilden ließ ſauſte uͤber die Koͤpfe der Vertheidiger hin, um ſie an dem Orte zuſammen zu halten, wo ſie der unternehmende Krieger auf dem Baume leicht niederſchießen konnte. „Hier muß Vorkehrung getroffen werden!“ ſagte der Kundſchafter aͤngſtlich umherblickend. „Uncas, ruf Deinen Vater hierher; wir haben alle unſere Gewehre noͤthig, um den verſchmitzten Schurken von ſeinem Gipfel herunter zu bringen.“ Das Zeichen wurde ſogleich gegeben und ehe noch Hawk⸗eye ſeine Buͤchſe wieder geladen hatte, war Chingachgook bei ihnen. Als der Sohn dem erfahrenen Krieger den Ort, wo ihr gefaͤhrlicher Feind ſich verborgen hielt, gezeigt hatte, entfuhr ſich von neuem hoͤren und ein Hagel von Kugeln 209 zuerſt der gewoͤhnliche Ausruf Hugh, ſeinen Lippen, worauf er jedoch keinen Ton des Staunens oder der Beſorgniß mehr hoͤren ließ. Hawk⸗eye und die Mohicans berathſchlagten ſehr eifrig einige Mi⸗ nuten mit einander, dann nahm aber jeder ruhig ſeinen Poſten ein, um den Plan, den ſie verab⸗ redet hatten, in Ausfuͤhrung zu bringen. Von dem Augenblicke an daß der Wilde ent⸗ deckt worden war, hatte er ein ſchnelles wenn gleich unwirkſames Feuer unterhalten; denn die Wachſamkeit ſeiner Feinde hatte ihn am Zielen gehindert, da ſie, ſobald irgend ein Theil ſeines Koͤrpers ſich zeigte, ſogleich danach feuerten. Den⸗ noch fielen ſeine Schuͤſſe immer mitten zwiſchen die ſich ſo gut als moͤglich deckenden Vertheidiger. Heyward's Kleidung, die ihn beſonders vor den andern auszeichnete, ward mehrere Male durch⸗ ſchoſſen, und ſchon floß ſogar ſein Blut aus einer leichten Armwunde.— Endlich, durch die lange Saͤumniß und Ge⸗ duld ſeiner Feinde dreiſter gemacht, verſuchte der Hurone eine andere Lage anzunehmen, um ſein I. 14 ——— Feuer wirkſamer zu machen. Die ſcharfen Augen der Mohicans entdeckten aber ſogleich durch das duͤnne Laub die dunkeln Umriſſe ſeiner Beine, die ſich unvorſichtigerweiſe einige Zoll vom Stamm blicken ließen. Ihre Buͤchſen knallten zugleich und, auf ſein verwundetes Glied zuſammenſinkend, kam ein Theil des Koͤrpers des Wilden zu Geſicht. Schnell wie ein Gedanke benutzte Hawk⸗eye dieſen Vortheil und brannte ſein toͤdtliches Geſchoſſ auf den Gipfel der Eiche ab. Staͤrker als vorher rauſchte das Laub, die gefaͤhrliche Buͤchſe fiel von der Hoͤhe herab und nach einigen Augenblicken ver⸗ geblichen Kampfes zeigte ſich die Geſtalt des Wil⸗ den, an einem knotigen unbelaubten Aſte, den er in der Todesangſt mit ſeinen Haͤnden feſt um⸗ klammerte, in der Luft haͤngend. „Gebt ihm, aus Barmherzigkeit, gebt ihm noch einen Schuß!“— rief Duncan, der ſeine Augen von dem ſchrecklichen Schauſpiele abwandte, eines ſeiner Mitgeſchoͤpfe in ſolcher furchtbaren Ge⸗ fahr zu ſehn. 211 „Nicht ein Korn!“ erwiederte Hawk⸗eye; „ſein Tod iſt gewiß, und wir haben eben kein Pulver uͤbrig, denn Indianiſche Gefechte dauern manchmal ganze Tage lang; es gilt hier ihre Skalps oder unſere!— und Gott, der uns alle erſchaffen hat, hat auch in Jedes Natur die Liebe zum Leben gelegt!“ Gegen dieſe ſtrenge und unerſchuͤtterliche Mo⸗ ral, die noch uͤberdies durch eine ſolche unwider⸗ legliche Vorſichtsmaßregel unterſtuͤtzt wurde, ließ ſich nichts einwenden. Das Geheul im Walde ver⸗ ſtummte wieder, das Feuer ließ nach und Aller Augen, von Freund und Feind, richteten ſich nach dem Elenden, der in der huͤlfloſeſten Lage zwiſchen Himmel und Erde ſchwebte. Vom Winde bewegt ſchwankte der Koͤrper hin und her, und obgleich kein Klagelaut dem Ungluͤcklichen ent⸗ ſchluͤpfte, ſo konnte man doch, ungeachtet der bedeutenden Entfernung die wuͤthenden Blicke er⸗ kennen, die er ſeinen Feinden zuweilen zuſchoß, und die Todesangſt und dumpfe Verzweifelung in ſeinen dunklen Geſichtszuͤgen leſen. Dreimal hob 14* —õ—j½⅓.„2 212 der Kundſchafter mitleidig ſeine Buͤchſe in die Hoͤhe, aber eben ſo oft gewann die kluge Vorſicht die Oberhand und er ließ ſie ſtumm wieder ſinken. Endlich ließ eine Hand des Huronen den Aſt los und ſank ermuͤdet an die Seite herab. Verzweif⸗ lungsvoll aber vergebens ſtrebte er ihn wieder zu faſſen, und griff einen Augenblick lang krampf⸗ haft in der leeren Luft umher. Der Blitz iſt nicht ſchneller als der Schuß aus Hawk⸗eye's Buͤchſe war; die Glieder des Ungluͤcklichen zitterten und zuckten; der Kopf ſank auf ſeine Bruſt; wie ein Bleiklumpen ſtuͤrzte der Koͤrper in den tiefen Ab⸗ grund, deſſen ſchaͤumende, unaufhoͤrlich forttobende Fluthen ſich uͤber ihm ſchloſſen, und jede Spur des Huronen war auf immer verſchwunden. Kein Triumphgeſchrei feierte dieſen bedeutenden errungenen Vortheil, ſondern die Mohicans blickten ſich in ſtummen Grauſen einander an. Nur ein einzelner Schrei erſcholl aus den Waͤldern und Alles war wieder ſtill. Hawk⸗eye, der bei dieſer Gelegenheit allein ſeine ruhige Faſſung behielt, ſchuͤttelte, unzufrieden mit ſeiner augenblicklichen Schwaͤche den Kopf und aͤußerte ſogar ſeine eigene Miſſbilligung derſelben laut. „Es war die letzte Ladung aus meinem Pul⸗ verhorn, und die letzte Kugel aus meiner Taſche, und es war wie ein Kind von mir gehandelt!“ ſagte er;„was that es, ob er lebendig oder todt auf den Felſen herunterſtuͤrzte!— der Schmerz wuͤrde doch gleich vorbei geweſen ſeyn. Uncas, Junge! geh hinunter ins Canon und bringe mir das große Horn herauf; es iſt alles Pulver, was uns noch uͤbrig geblieben iſt, und wir werden es wahrlich bis auf's letzte Korn verbrauchen, oder ich muͤſſte nicht die Natur der Mingoes kennen.“ Der junge Mohican vollzog ſogleich ſein Ge⸗ heiß, waͤhrend der Kundſchafter unter den uͤbrigen unnuͤtzen Dingen in ſeiner Taſche herumwuͤhlte und ſein Pulverhorn miſſpergnuͤgt und unzufrieden hin und her ſchuͤttelte. In dieſen fruchtloſen Be⸗ muͤhungen wurde er jedoch bald durch einen lauten und durchdringenden Schrei von Uncas geſtoͤrt, der ſelbſt dem ungeuͤbten Ohre Duncan's wie ein Zeichen von einem unerwarteten Ungluͤcke klang. 214 Da jeder ſeiner Gedanken nur auf den koſtbaren Schatz, den er in der Hoͤhle verborgen hatte, ge⸗ richtet war, ſo ſprang er ſchnell und ganz unbe⸗ kuͤmmert um die Gefahr, welcher er ſich dadurch ausſetzte, auf ſeine Fuͤße. Wie von einem glei⸗ chen Gefuͤhl beſeelt, folgten ſeine Gefaͤhrten die⸗ ſem Beiſpiele, und ſo liefen ſie ſaͤmmtlich den Abhang hinunter nach der ſchuͤtzenden Felſenkluft mit einer Schnelligkeit, die das einzelne Feuer ihrer Feinde ganz unſchaͤdlich fuͤr ſie machte. Das ungewoͤhnliche Geſchrei hatte die beiden Schweſtern ſammt dem verwundeten David gleichfalls veran⸗ laſſt, ihren ſichern Zufluchtsort zu verlaſſen, und ein einziger Blick belehrte ſie nun uͤber die ganze Groͤße ihres Ungluͤcks, das ſogar die gewohnte kaltbluͤtige Ruhe ihres jungen Indianiſchen Be⸗ ſchuͤtzers erſchuͤttert hatte. In nur geringer Entfernung vom Felſen ſa⸗ hen ſie ihren kleinen Kahn, durch den Strudel hindurch, der ſchnellen Stroͤmung des Fluſſes zu auf eine Art hintreiben, die deutlich zeigte, daß er von irgend einer verborgenen Kraft gelenkt wer⸗ 215 den muͤſſe. Im Augenblick, daß dem Kundſchafter dieſer unwillkommene Anblick zu Geſicht kam, legte er inſtinktmaͤßig die Buͤchſe an und druͤckte ab; der Stein ſpruͤhte helle Funken, aber der un⸗ geladene Lauf blieb ſtumm. „Es iſt zu ſpaͤt, es iſt zu ſpaͤt!“ rief Hawk⸗ eye und ließ mit bitterm Unmuthe die unbrauch⸗ bare Waffe herabſinken; ſe ſchon hat der Unglaͤubige die Stroͤmung erreicht und ſelbſt wenn wir Pul⸗ ver haͤtten, koͤnnte nnſer Blei kaum ſo geſchwind fliegen, als er jetzt forttreibt. Als er geendet hatte, hob der verwegene Hu⸗ rone ſeinen Kopf aus dem ihn verbergenden Canon in die Hoͤhe, winkte, waͤhrend er mit dem Strome ſchnell fort ſchoß, mit der Hand, und ſtieß einen Schrei, das wohlbekannte Zeichen eines gluͤcklichen Erfolgs, aus. Sein Geſchrei ward durch ein ſo verſpottendes und hoͤhnendes Gekreiſch und Gelaͤch⸗ ter aus dem Walde beantwortet, als wenn funf⸗ zig Daͤmonen der Hoͤlle uͤber den Fall einer Chii ſten⸗Seele teufliſch jauchzten. „Wohl moͤgt ihr lachen, ihr Satans⸗ Kin⸗ ————— ͦ—. 216 der!“— ſagte der Kundſchafter, indem er ſich auf einen Vorſprung des Felſens ſetzte und ſein Ge⸗ wehr ſorglos vor ſeine Fuͤße fallen ließ,—„denn die drei beſten und ſchaͤrfſten Buͤchſen in dieſen Waͤldern ſind nun nicht mehr werth, als eben ſo viel Hanfſtengel oder als die abgeworfenen Hoͤrner eines Rehbocks.“ „Was iſt aber nun zu thun?“ fragte Duncan, der das erſte niederſchlagende Gefuͤhl ſeines Un⸗ muths uͤberwand, und von dem maͤnnlichen Ver⸗ langen thaͤtig zu ſeyn wieder beſeelt wurde;— „was ſoll aus uns werden?“— Hawk⸗eye ant⸗ wortete nur dadurch, daß er mit ſeinem Finger auf eine ſo ausdrucksvolle Weiſe um ſeine Hirn⸗ ſchaale herumfuhr, daß keiner, der es ſah, miſſ⸗ verſtehen konnte, was er damit meine. „Gewiß, gewiß, unſere Lage iſt noch nicht ſo verzweifelt!“— rief der junge Mann aus,„noch ſind die Huronen nicht hier; wir koͤnnen die Hoͤh⸗ len verrammeln, wir koͤnnen uns ihrer Landung widerſetzen.“ „Mit was!“— fragte kaltbluͤtig der Kund⸗ 217 ſchafter, mit Uncas Pfeilen, oder mit Weiber⸗ thraͤnen? Nein, nein! Ihr ſeyd jung und reich, und habt Freunde und ich weiß, daß in Euerm Alter einem das Sterben ſchwer wird!— aber“— indem er ſeine Blicke auf die Mohicans richtete— „laſſt uns daran denken, daß wir Maͤnner von reiner Abkunft ſind, und laſſt uns dieſen Einge⸗ borenen des Waldes zeigen, daß wenn die Stunde unſeres Todes ſchlaͤgt, weißes Blut eben ſo ruhig und kalt fließen kann, als rothes.“ Duncan wandte ſich ſchnell nach der Seite hin, nach welcher des Andern Augen ihre Rich⸗ tung genommen hatten und las in dem Benehmen der Indianer die Beſtaͤtigung ſeiner druͤckendſten Beſorgniſſe. Chingachgook ſaß in einer feierlichen Stellung auf einem Felſenſtuͤcke, hatte ſchon ſein Meſſer und ſeinen Tomahawk abgelegt, und war im Begriff die Adlerfeder von ſeinem Kopfe zu nehmen und ſeinen Haarbuſch glatt zu machen, damit er ſeinen letzten empoͤrenden Dienſt zu lei⸗ ſten im Stande ſey. Sein Geſicht war ruhig aber nachdenkend, waͤhrend ſeine dunkeln glaͤnzenden Au⸗ gen nach und nach das wilde kampfgierige Feuer ver⸗ loren, und einen, dem Schickſale, das ihn jeden Au⸗ r genblick bedrohte, angemeſſeneren Ausdruck annahmen. „Unſere Lage iſt und kann noch nicht ſo hoff⸗ 1 nungslos ſein,“ ſagte Duncan,„in dieſem Au⸗ genblick iſt uns vielleicht ſchon Huͤlfe nahe. Ich ſehe keine Feinde! ſie ſind eines Kampfes uͤber⸗ druͤſſig geworden, bei dem ſie ſo viel wagen und nur ſo wenig Vortheil zu erwarten haben.“ „Es kann vielleicht eine Minute, vielleicht eine Stunde vergehen, ehe die verſchmitzten Schlan⸗ gen uns umſchlingen, und es liegt ganz in ihrer Art, daß ſie ſelbſt noch in dieſem Augenblick nicht weit von uns lauern,“ ſagte Hawk⸗eye; „aber kommen werden ſie und das ſo, daß uns nichts mehr zu hoffen uͤbrig bleibt!— Chingach⸗ gook,“ ſagte er in der Delaware Sprache,„mein Bruder! wir haben unſern letzten Kampf zuſam⸗ men gekaͤmpft, und die Maquas werden nun uͤber den Tod des weiſen Mannes von den Mohicans und des weißen Geſichts triumphiren, vor deſſen Augen Nacht und Tag gleich waren und 219 der durch dunkle Wolken, wie durch Fruͤhlings⸗ nebel hindurchblickte.“ „Die Weiber der Mingoes moͤgen ihr⸗ Er⸗ ſchlagenen beweinen,“ antwortete der Indianer mit ſeinem ihm eigenthuͤmlichen Stolze und un⸗ erſchuͤtterlicher Standhaftigkeit;„die große Schlange der Mohicans hat ſich in ihre Huͤtten geſchlichen, und ihren Triumph durch das Wehklagen der Kin⸗ der vergiftet, deren Vaͤter nicht wieder zuruͤckge⸗ kehrt ſind. Elf Krieger liegen ferne von den Graͤ⸗ bern ihres Stammes eingeſcharrt, ſeit der Schnee geſchmolzen iſt; und keiner kann Auskunft geben, wo ſie zu finden ſind, wenn Chingachgook's Zunge verſtummt. Sie moͤgen die ſchaͤrfſten Meſſer zie⸗ hen und die ſchnellſten Tomahawks ſchwingen, denn ihr bitterſter Feind iſt jetzt in ihren Haͤnden. uncas, mein Sohn, Du hoͤchſter Zweig eines edlen Stammes, rufe die Memmen daß ſie bald kom⸗ men, ſonſt werden ihre Herzen ſich erweichen und ſie ſich in Weiber verwandeln. „Unter den Fiſchen ſuchen ſie ihre Todten;“ antwortete leiſe die ſanfte Stimme des jungen Haͤuptlings;„mit dem ſchleimigen Aal ſchwim⸗ men die Huronen; wie reife Fruͤchte fallen ſie von den Eichen, und die Delawares lachen!,— „So ſo,“ murmelte der Kundſchafter, welcher dieſen Aeußerungen der Eingebornen mit geſpann⸗ ter Aufmerkſamkeit zugehoͤrt hatte;„ſie haben ihre indianiſchen Gefuͤhle erwaͤrmt, und ſie werden bald genug die Maquas gereizt haben, ein ſchnel⸗ les Ende mit ihnen zu machen. Fuͤr mich, der ich von aͤchter weißer Abkunft bin, geziemt es ſich, daß ich ſterbe wie es einem Weißen zukommt, ohne Spott im Munde und ohne Groll im Herzen.— „Warum denn aber ſterben?“ ſagte Cora aus der Hoͤhle im Felſen, worin ſie bis jetzt die na⸗ tuͤrliche Furcht zuruͤckgehalten hatte, hervortretend; „der Weg iſt nach allen Seiten hin offen! Fluͤch⸗ tet euch in die Waͤlder und ruft Gott um Huͤlfe an. Geht, brave Leute, wir verdanken euch nur ſchon zu viel; laſſt uns nicht laͤnger euch mit in unſer Ungluͤck hineinziehn!“— „Ihr kennt nicht die Schlauheit der Irokeſen, 221 Lady, wenn ihr glaubt, daß ſie uns den Weg zum Walde offen gelaſſen haben,“ antwortete Hawk⸗eye, in ſeiner Einfalt aber ſogleich hinzu⸗ ſetzend;„die ſchnelle Stroͤmung, es iſt wahr, wuͤrde uns bald dahin reißen, wo uns ihre Buͤch⸗ ſen nichts mehr ſchaden und wir den Ton ihrer Stimmen nicht mehr hoͤren koͤnnen.“ „So verſucht es mit dem Strome! Warum hier verziehen und die Anzahl der Opfer unſerer unbarmherzigen Feinde dadurch vermehren?“— 4 „Warum?“ erwiederte der Kundſchafter ſtolz umherblickend;„weil es einem Manne beſſer ziemt, im Frieden mit ſich ſelbſt zu ſterben, als von einem boͤſen Gewiſſen gequaͤlt zu leben. Welche Antwort koͤnnten wir Munro geben, wenn er uns fragte,„wo und wie wir ſeine Kinder verlaſſen haͤtten?“— „So geht hin und ſagt ihm, daß ihr uns mit der Botſchaft verlaſſen haͤttet, zu ihrer Huͤlfe herbeizueilen,“ ſagte Cora in edlem Eifer dem Kundſchafter naͤher tretend;„daß die Huronen ſie nach den noͤrdlichen Wildniſſen fuͤhren, daß aber 222 mit Wachſamkeit und Eile ſie vielleicht noch be⸗ freit werden koͤnnen, und wenn es dennoch dem Himmel gefallen ſollte, daß ſeine Huͤlfe zu ſpaͤt kaͤme, ſo bringt ihm“— fuhr ſie mit immer leiſer werdender, beinah erſtickter Stimme fort— „die Liebe, den Segen und die letzten Gebete ſei⸗ ner Toͤchter, und bittet ihn ihr fruͤhes Ende nicht zu beweinen, ſondern in demuͤthigem Vertrauen nach dem Ziele des Chriſten, der Wiedervereini⸗ gung mit ſeinen Kindern, aufzublicken““ Waͤhrend er zuhoͤrte, fingen die rauhen Zuͤge des Kundſchafters ſich ſichtlich zu beleben an, und als ſie geendet hatte, legte er die Hand an das Kinn, wie ein Mann der uͤber einen Vorſchlag reiflich nachdenkt. „Es iſt viel Vernunft in ihren Worten!“ brach endlich aus ſeinen feſtgeſchloſſenen zitternden Lippen hervor,„und ſie tragen das Gepraͤge von Chriſtenthum; was einem rothen Menſchen gut und recht iſt, kann wohl aber fuͤndlich ſein fuͤr einen Mann, der nicht einmal einen Flecken in ſeiner Abkunſt hat, womit er ſeine Unwiſſenheit ——— 223 entſchuldigen koͤnnte. Chingachgook! Uncas! habt ihr zugehoͤrt, was das ſchwarzaͤugige Maͤdchen ge⸗ ſagt hat?“ Darauf ſprach er zu ſeinen Gefaͤhrten in der Delaware⸗Sprache in ruhigem, bedachtſamen, ob⸗ gleich dem Anſchein nach ſehr entſcheidenden Tone. Mit ernſter Feierlichkeit hoͤrte ihn der aͤltere Mo⸗ hican zu und ſchien ſeine Worte, als ob er die Wichtigkeit derſelben einſaͤhe, zu uͤberlegen. Nach einem augenblicklichen Zoͤgern winkte er ſeine Zu⸗ ſtimmung mit der Hand, und ſagte das engliſche Wort„good“ mit dem gewoͤhnlichen bedeutungs⸗ vollen Nachdrucke ſeines Volks. Sein Meſſer und ſeinen Tomahawk in den Guͤrtel ſteckend, ging hierauf der Krieger ſtill und bedaͤchtig zu der Ecke des Felſens, welche am wenigſten von dem feind⸗ lichen Ufer des Fluſſes aus geſehen werden konnte. Hier ſtand er einen Augenblick ſtill, zeigte bedeu⸗ tungsvoll auf die Waͤlder unterhalb, und einige Worte in ſeiner eigenen Sprache, als ob er ſei⸗ nen zu nehmenden Weg andeuten wolle, ſpre⸗ chend, ſprang er ins Waſſer und entſchwand den 224 Augen der mit Furcht erfuͤllten Zeugen dieſer Handlung. Der Kundſchafter verzoͤgerte ſein Fortgehen nur noch, um mit dem edlen Maͤdchen, welche leichter Athem ſchoͤpfte als ſie den gluͤcklichen Er— folg ihrer Vorſtellungen bemerkte, zu reden. „Weisheit iſt manchmal den Juͤngern ſo gut als den Aeltern gegeben,“ ſagte er,„und was ihr geſprochen habt, war weiſe, wenn es nicht noch einen beſſern Namen verdient. Fuͤhrt man euch in die Waͤlder— das heißt naͤmlich die von euch, die noch eine Zeit lang verſchont bleiben werden,— ſo brecht im Vorbeigehen die Zweige von den Buͤ⸗ ſchen und macht eure Fußſtapfen ſo groß als ihr koͤnnt; und wenn ſterbliche Augen ſie zu ent⸗ decken vermoͤgen, ſo verlaſſt euch darauf, daß ihr einen Freund habt, der euch eher bis ans Ende der Erde folgen wird, als daß er euch verlaͤſſt.“ Er gab Cora einen herzlichen Haͤndedruck, hob ſein Gewehr auf, und nachdem er es eine Weile kummervoll betrachtet hatte, legte er es ſorgfaͤltig auf die Seite und ſtieg zu der Stelle ht 227 dem letzten Blicke auf Uncas wandte ſich Cora und ſagte mit bebenden Lippen zu Heyward: „Auch Ihre Fertigkeit im Schwimmen habe ich ruͤhmen hoͤren, Duncan; folgen Sie alſo dem klugen Beiſpiele, welches Ihnen die einfachen und treuen Menſchen gegeben haben.“— „Iſt das die Treue, welche Cora von ihrem Beſchuͤtzer erwartet?“— ſagte finſter laͤchelnd der junge Mann, mit Bitterkeit. „Es iſt jetzt keine Zeit zu unnuͤtzen Ruͤck⸗ ſichten und falſchen Anſichten,“ antwortete ſie, „es iſt vielmehr ein Augenblick, in dem jede Pflicht unpartheiiſch beurtheilt werden muß! Fuͤr uns koͤnnen Sie hier ferner von keinem Nutzen ſein, Ihr theures Leben aber kann noch fuͤr an⸗ dere, und naͤhere Freunde gerettet werden.“ Er gab keine Antwort, ſeine Augen hingen aber ernſt an der reizenden Geſtalt Alicens, die mit kindlichem Vertrauen ſich an ſeinen Arm ſchmiegte. „Bedenken Sie uͤberhaupt,“ fuhr Cora nach einer augenblicklichen Pauſe fort, waͤhrend wel⸗ 228 cher ſie mit einem inneren Schmerze zu kaͤmpfen ſchien, heftiger als alle die, welche die Furcht in ihr erzeugt hatte;„das Schlimmſte fuͤr uns kann nur der Tod ſein, ein Tribut, den wir Alle zu der von Gott beſtimmten Zeit doch einmal bezah⸗ len muͤſſen.“— „Es gibt aber Uebel, die ſchlimmer ſind als der Tod,“ ſagte Duncan, mit rauher Stimme, als wenn er uͤber ihre dringenden Vorſtellungen unwillig waͤre;„und die vielleicht die Gegenwart eines Mannes, der gern fuͤr Sie ſein Leben hin⸗ gibt, abwenden kann.“ Cora hoͤrte ſogleich mit ihren Bitten auf, huͤllte ihr Geſicht in den Shawl und zog die bei⸗ nah bewuſſtloſe Alice hinter ſich in den tiefſten Winkel der inneren Hoͤhle. 81 8 S8 S Neuntes Kapitel. . Sei froh in Sicherheit, Zerſtreu' mit Deinem ſüßen Lächeln jene finſtre Wolken Die noch, o Schöne, Deine theure Stirn verdunkeln. Tod der Agripping. Der ſchnelle, beinah zaubergleiche Uebergang von den geraͤuſchvollen Vorfaͤllen des Gefechts, zu der Ruhe, welche nun rings um ſie her herrſchte, wirkte auf die erhitzte Einbildungskraft Heyward's wie ein begeiſternder Traum.— Obgleich alle die Scenen und Vorfaͤlle, von welchen er Zeuge ge⸗ weſen war, tief in ſein Gedaͤchtniß eingepraͤgt blieben, fuͤhlte er dennoch einige Schwierigkeit, ſich von ihrer Wirklichkeit zu uͤberzeugen. Immer noch ungewiß uͤber das Schickſal Jener, welche ſich dem Strome anvertraut hatten, horchte er anfangs aufmerkſam, ob ihm nicht durch irgend ein Zeichen, oder ſonſt einen ungewoͤhnlichen Ton der gute oder e ſchleche Erfolg ihxes gewagken un⸗ 230 ternehmens verkuͤndet werden wuͤrde. Seine Auf⸗ merkſamkeit wurde aber vergeblich angeſtrengt; denn mit der Entfernung Uncas war auch jedes Zeichen von den kuͤhnen Waldbewohnern ver⸗ ſchwunden, und er blieb uͤber ihr Schickſal in gaͤnzlicher Unwiſſenheit. In einem ſolchen Augenblick der peinlichſten Ungewiſſheit nahm Duncan keinen Anſtand, die Gegend umher zu uͤberſchauen, ohne auf die Ver⸗ borgenheit Nuͤckſicht zu nehmen, die vor Kurzem noch zu ſeiner Sicherheit ſo erforderlich geweſen war. Jedes Beſtreben, das geringſte Zeichen von der Annaͤherung ihrer verſteckten Feinde zu ent⸗ decken, blieb aber ſo fruchtlos, als das Forſchen nach ſeinen geſchiedenen Gefaͤhrten. Die waldi— gen Ufer des Fluſſes ſchienen abermals von allem verlaſſen, was nur thieriſches Leben in ſich trug. Das Getoͤſe, welches noch vor ſo kurzer Zeit durch die Laubgewoͤlbe des Waldes erſcholl, war ver⸗ ſchwunden, und nur noch das im Luftzuge bald anſchwellende bald verhallende Rauſchen des Waſ⸗ ſers ließ ſich in ſeiner ganzen natuͤrlichen Lieb⸗ — 231 lichkeit hoͤren. Ein Fiſchgeier, der auf der Spitze einer abgeſtorbenen Fichte ein ferner Zuſchauer des Kampfes geweſen war, ſchoß von ſeinem ho⸗ hen zackigen Gipfel herab und ſchwebte in großen Kreiſen uͤber ſeiner Beute umher; indeſſen eine Elſter, deren kraͤchzende Stimme das heiſere Ge⸗ heul der Wilden uͤbertaͤubt hatte, es von neuem wagte ihre Miſſtoͤne aus voller Kehle zu ſchreien, als ob ſie wiederum in den ungeſtoͤrten Beſitz ih⸗ res wuͤſten Reichs getreten waͤre. Die Gegenwart dieſer gewoͤhnlichen Begleiter einer tiefen Einſam⸗ keit floͤßte Duncan wieder einige Hoffnung ein; er fing von neuem an, ſeine Lebensgeiſter zu ſammeln und mit wachſendem Vertrauen auf einen gluͤcklichen Erfolg, auf Mittel zu ihrer Ret⸗ tung zu denken.. „Die Huronen ſind nicht mehr zu ſehen,“ ſagte er, ſich zu David wendend, welcher von der betaͤubenden Verletzung, die er erhalten hatte, noch nicht ganz wieder zur Beſinnung gekommen war;„wir wollen uns in der Hoͤhle verbergen, und in allem Uebrigen die Vorſehung uͤber uns. walten laſſen. „Ich erinnere mich, mit zwei lieblichen Maͤd⸗ chen zuſammen, unſere Stimmen in einem Lob⸗ und Dankliede zum Himmel erhoben zu haben,“ zerwiederte der verwirrte Geſanglehrer;„ſeitdem aber bin ich mit einem ſchweren Gericht uͤber meine Suͤnden heimgeſucht worden. Ich habe ge— waͤhnt in einem Zuſtande, dem Schlafe gleich, zu liegen, in welchem ſchneidende Miſſtoͤne meine Ohren gepeinigt haben; grade als wenn die Zeit abgelaufen und das juͤngſte Gericht vor der Thuͤre waͤre und die Natur alle ihre Harmonieen ver⸗ geſſen haͤtte.“ „Armer Teufel! Deine eigene Lebenszeit war wahrlich nahe daran, abgelaufen zu ſein;— doch ſteht auf und folgt mir, ich will Euch an einen Ort fuͤhren, wo ihr keine andern Toͤne, als Eure eigenen Bußpſalmen ſollt hoͤren koͤnnen.“ „Im Getoͤſe des Kataraktes iſt Melodie, und das Rauſchen des Waſſers klingt den Ohren lieb⸗ lich!“ ſagte David, ſeine Hand gedankenlos an — 233 ſeine Stirn druͤckend;„iſt die Luft nicht mit Geheul und Geſchrei angefuͤllt, als wenn die ab⸗ geſchiedenen Geiſter der Verdammten—“ „Nicht mehr, nicht mehr!“ unterbrach ihn Heyward ungeduldig,„ es hat aufgehoͤrt, und die, die es ausſtießen, ſind, wie ich zu Gott hoffe, auch fort. Alles iſt jetzt in Ruhe und Frieden bis auf das Waſſer; kommt alſo herein!— Da koͤnnt Ihr die Toͤne, die Ihr ſo gern hoͤrt, un⸗ gehindert erſchallen laſſen.“ David laͤchelte traurig, obwohl bei dieſer Erwaͤhnung ſeines geliebten Be⸗ rufs ein augenblicklicher Schimmer von Vergnuͤ⸗ gen aus ſeinem Geſichte leuchtete. Er zoͤgerte nicht laͤnger ſich nach einem Orte hinfuͤhren zu laſſen, wo ſein niedergeſchlagenes Gemuͤth ſich ei⸗ nen ſo ungetruͤbten Genuß verſprechen konnte, und trat, auf den Arm ſeines Gefaͤhrten gelehnt, in den engen Eingang der Hoͤhle. Duncan nahm einen Haufen Saſſafraßzweige, und breitete ſie ſo geſchickt vor dem Durchgang aus, daß auch nicht eine Spur von einer Oeffnung zu ſehen war. Ueber das Innere dieſer gebrechlichen Schei⸗ dewand aber hing er die von den Waldbewohnern zuruͤckgelaſſenen Decken, wodurch das daran ſto⸗ ßende hintere Ende der Hoͤhle ganz dunkel ge⸗ macht wurde, dagegen in den vorderen Theil der⸗ ſelben von der engen Schlucht aus, durch welche ein Arm des Fluſſes rauſchte, um ſich wenig Ru⸗ then unterhalb wieder mit ſeinem Schweſterarm zu vereinigen, ein truͤbes, mattes Licht fiel. „Ich kann dem Grundſatze der Eingeborenen,“ ſagte er, waͤhrend er mit dieſer Arbeit beſchaͤftigt war,„nach welchem ſie ſich in Nothfaͤllen, die verzweifelt ſcheinen, ohne Widerſtand ſogleich in ihr Schickſal ergeben, nicht beiſtimmen; unſere Glaubenslehre, die da ſagt, daß ſo lange das Le⸗ ben dauert, auch noch Hoffnung da iſt, iſt viel troͤſtlicher und dem Charakter eines Soldaten an⸗ gemeſſener. Ihnen, Cora, jetzt noch durch leere Worte Muth einfloͤßen zu wollen, waͤre uͤberfluͤſ⸗ ſig; Ihre eigene Staͤrke und ruhige Vernunft werden Ihnen ſelbſt ſagen, was ſich fuͤr Ihr Ge⸗ ſchlecht ziemt; koͤnnten wir aber nicht auch die V 235 Thraͤnen dieſer Weinenden, die zitternd an Ih⸗ rem Buſen liegt, trocknen?“ „Ich bin ruhiger, Duncan!“ ſagte Alice, in⸗ dem ſie ſich aus den Armen ihrer Schweſter wand und ungeachtet ihrer fließenden Thraͤnen einen Anſchein von Faſſung zu zeigen verſuchte,„viel ruhiger jetzt. An dieſem Orte hier ſind wir ja ſi⸗ cher, verborgen und vor Miſſhandlungen geſchuͤtzt; wir wollen alles von jenen großmuͤthigen Men⸗ ſchen hoffen, die ſchon ſo viel fuͤr uns gewagt haben.“ „Jetzt ſpricht unſere ſanfte Alice wie eine Tochter Munro 8,“ ſagte Heyward, auf ſeinem Wege nach dem andern Eingange der Hoͤhle ei⸗ nen Augenblick verweilend, um ihre Hand zu druͤcken.„Mit zwei ſolchen Vorbildern des Muths vor ſich, muͤſſte ein Mann ſich ſchaͤmen, anders als ein Held zu handeln.“ Darauf ſetzte er ſich, die eine ihm noch gebliebene Piſtole mit feſter Hand umfaſſend, in die Mitte der Hoͤhle, und ſeine finſter blitzenden Augen verriethen den ver⸗ zweifelten Entſchluß, den er zeiaſſ hatte.„Soll 236 ten die Huronen kommen, ſo werden ſie in un⸗ ſeren Verſteck nicht ſo leicht eindringen koͤnnen, als ſie vielleicht glauben,“ murmelte er leiſe, und ſeinen Kopf ruͤckwaͤrts an den Felſen lehnend, ſchien er das Kommende mit Geduld zu erwarten, indeſſen ſein Blick unablaͤſſig auf den offenen Ein⸗ gang ihres Zufluchtsortes gerichtet war. Mit dem letzten Worte, das er ſprach, trat eine tiefe, lange und beinah athemloſe Stille ein. Die friſche Morgenluft drang in die Hoͤhle hinein und aͤußerte nach und nach ihren erquicken⸗ den Einfluß auf den Geiſt ihrer Bewohner. Eine Minute verging indeß nach der andern, ohne daß ihre Sicherheit bedroht worden waͤre, und ſchmeichelnde Hoffn ungsgefuͤhle fingen wieder an in der Bruſt eines jeden zu erwachen, obgleich jeder ſich ſcheute, ſo angenehme Erwartungen, die der naͤchſte Augenblick vielleicht wieder furchtbar zerſtoͤren konnte, laut zu aͤußern.. David allein ſchien dieſe wechſelnden Empfin⸗ dungen nicht mit den uͤbrigen zu theilen. Ein Strahl fiel durch die Oeffnung auf ſein blaſſes —— 237 Geſicht und das kleine Buch, in welchem er herum⸗ blaͤtterte, als ob er irgend ein fuͤr ihre Lage paſ⸗ ſenderes Lied ſuche, als alle die, auf welche ſeine Augen bisher trafen. Eine dunkle Erinnerung an die ihm von Duncan verſprochene Troͤſtung leitete wahrſcheinlich waͤhrend dieſer ganzen Zeit ſeine Handlungen. Endlich gewann es den An⸗ ſchein, als ob ſeine geduldigen Bemuͤhungen ihren Lohn gefunden haͤtten, denn ohne weitere Erklaͤ⸗ rung oder Entſchuldigung, ſprach er den charak⸗ teriſchen Namen„Inſel Wight“ laut aus, blies einen langen ſanften Ton auf ſeiner Pfeife, und durchlief dann mit den ſanftern Toͤnen ſeiner harmoniſchen Stimme einige praͤludirende Paſſa⸗ gen zu der Melodie des Liedes, deſſen Namen er ſo eben genannt hatte. „Wenn dies nur nicht gefaͤhrlich iſt?“ fragte Cora, ihre dunkeln Augen auf Heyward richtend. „Der arme Teufel! Seine Stimme iſt zu ſchwach um durch das Geraͤuſch des Waſſerfalls gehoͤrt zu werden,“ war die Antwort;„uͤberdem wird die enge Hoͤhle ihn beguͤnſtigen. Laſſen Sie 238 ihn ſeiner Neigung folgen, da es ohne Gefahr geſchehen kann.“ „Inſel Wight!“ wiederholte David, indem er mit all der imponirenden Wuͤrde, mit welcher er ſchon ſo lange gewohnt war, die fluͤſternden Echos in ſeiner Schule zu beruhigen, umher blickte;„es iſt eine ſchoͤne Melodie, und zu feier⸗ lichen Worten geſetzt; laßt es uns daher mit ge⸗ hoͤriger Andacht ſingen. Nach einem Augenblick feierlichen Schwei⸗ gens, um ſeinen Worten mehr Nachdruck zu geben, fing die Stimme des Saͤngers an, ſich in tiefen murmelnden Toͤnen, die nach und nach immer ſtaͤrker und eindringender wurden, zu erheben, bis ſich endlich das enge Felſen⸗Ge⸗ woͤlbe mit Toͤnen erfuͤllte, die wegen ihres, durch ſeine Schwaͤche erzeugten Zitterns noch dreimal durchdringender wurden. Die Melodie, deren Schoͤnheit ſeine Schwaͤche keinen Abbruch that, fing nach und nach an, ihren ſanften Einfluß auf die Gemuͤther ſeiner Zuhoͤrer auszuuͤben. Sie nahm ſogar mehr als die elende Ueberſetzung des Geſanges David's ſelbſt, den der Saͤnger ſo muͤhſam aus einem ganzen Bande aͤhnlicher Er⸗ zeugniſſe ausgewaͤhlt hatte, ihre Aufmerkſamkeit in Anſpruch, und machte daß der Inhalt uͤber der einſchmeichelnden Harmonie der Toͤne vergeſ⸗ ſen wurde. Alice trocknete unbewuſſt ihre Thraͤ⸗ nen, und richtete ihre ſchmelzenden Augen, mit dem Ausdrucke eines innigen Vergnuͤgens, das ſie weder erkuͤnſtelte, noch zu verbergen ſuchte, auf die blaſſen Zuͤge Gamut's. Cora belohnte die frommen Anſtrengungen des Namensverwandten des juͤdiſchen Prinzen mit einem Beifallslaͤcheln und ſelbſt Heyward wandte bald ſeinen feſten, ernſten Blick von dem Ausgange der Hoͤhle ab, und heftete ihn mit einem ſanftern Ausdruck auf das Geſicht David's, oder ſuchte den herumirren⸗ den Blicken aus den feuchten Augen Alicens zu begegnen. Dieſer unverhehlte allgemeine Beifall erhob den Geiſt des geweihten Saͤngers dermaßen, daß ſeine Stimme wieder ihre ganze Kraft und Fuͤlle gewann, ohne doch der ruͤhrenden Sanft⸗ heit, die ihr jenen geheimen Zauber verlieh, zu ſchaden. Als er eben ſeine wiederkehrende Kraft aufs aͤußerſte anſtrengte und die Gewoͤlbe der Hoͤhle von langen und vollen Toͤnen wiederhallten, durch⸗ ſchnitt ein Geſchrei von außerhalb die Luft, das ſeinen frommen Geſang ſogleich verſtummen machte und ſeine Stimme ſo ploͤtlich erſtickte, als ob ſein Herz, buchſtaͤblich genommen, ihm in der Kehle geſchlagen haͤtte. „Wir ſind verloren!“ rief Alice und warf ſich in die ausgebreiteten Arme Cora's. „Noch nicht! noch nicht!“ erwiederte der er⸗ ſchuͤtterte doch unverzagte Heyward;„das Geſchrei kommt von der Mitte der Inſel her und wurde bei dem Anblick ihrer todten Gefaͤhrten ausgeſto⸗ ßen. Noch ſind wir nicht entdeckt und haben alſo noch Hoffnung.“ So ſchwach und beinah ver⸗ zweifelnd auch immer die Hoffnung des Entkom⸗ mens war, ſo ſchienen doch Duncan's Worte nicht ohne Erfolg, denn ſie bewirkten daß die Schweſtern ihre Faſſung in ſo weit wieder erlang⸗ ten, um den Ausgang ruhig abzuwarten. Ein zweites Geheul folgte bald dem erſten, und ſie — — 241 konnten das Geraͤuſch vieler Stimmen, das ſich vom hoͤchſten Punkte der Inſel nach dem niedrig⸗ ſten Theile herunterzog, vernehmen, bis es end⸗ lich den nackten Felſen uͤber den Hoͤhlen erreicht hatte. Hier fuͤllte abermals ein wildes Triumph⸗ geſchrei und fuͤrchterliches Geheul die Luft, wie nur Menſchen im Zuſtande der roheſten Barbarei hervorbringen koͤnnen. Bald verbreiteten ſich dieſe Toͤne in allen Richtungen um ſie her. Einige riefen vom Ufer⸗ rande ihren Gefaͤhrten zu, und ihr Rufen wurde von den oberen Hoͤhen beantwortet. Mehrere Stimmen ließen ſich in der Gefahr drohenden Naͤhe in der Felskluft zwiſchen beiden Hoͤhlen ver⸗ nehmen, waͤhrend kreiſchende Laute aus den Ab⸗ gruͤnden der tiefen Schlucht heraufdrangen. Kurz das wilde Laͤrmen hatte ſich ſo ſchnell uͤber den ganzen nackten Felſen verbreitet, daß die Einbil⸗ dungskraft die beunruhigten Zuhoͤrer leicht uͤber⸗ redete, daß ſie ihn auch unter ſich hoͤrten, obgleich er nur uͤber ihnen und auf allen Seiten von ihnen war. 16 242 Mitten in dieſem Aufruhr ertoͤnte nur we⸗ nig Schritte vor dem verborgenen Eingang der Hoͤhle ein Triumphgeſchrei. Heyward gab, da er es fuͤr ein Zeichen hielt daß ſie entdeckt waͤren, jede Hoffnung auf; doch dieſe Beſorgniß verſchwand wieder, als er an den Stimmen hoͤrte, daß ſie ſich alle um den Fleck verſammelten, wo der Weiße ſeine Buͤchſe ſo ungern zuruͤckgelaſſen hatte. In dem Geſpraͤch der Indianer, welches er nun ganz deutlich wahrnahm, konnte er nicht nur im Canadiſchen Patois geſprochene einzelne Worte, ſondern auch ganze Redensarten leicht unterſchei⸗ den. Eine Menge Stimmen ſchrieen zu gleicher Zeit laut: la longue Carabine, und das Echo in den Waͤldern hallte von einem Namen wieder, von dem ſich Heyward wohl erinnerte gehoͤrt zu haben, daß er einem beruͤhmten Jaͤger und Kund⸗ ſchafter des engliſchen Lagers gegeben wurde, der, wie er nun erſt erfuhr, vor kurzem ſein Gefaͤhrte geweſen war. La longue Carabine! la longue Cara- bine! erſcholl von Mund zu Mund, bis wie es ſchien, die ganze Rotte ſich um eine Trophee verſannmelt hatte, welche den Tod ihres furchtba⸗ ren Eigenthuͤmers anzudeuten ſchien. Nach einer laͤrmenden Unterhaltung, welche nur zuweilen durch den Ausbruch ihrer wilden Freude unter⸗ brochen wurde, trennten ſie ſich wieder und lie⸗ ßen abermals den Namen eines Feindes durch die Luft erſchallen, deſſen Koͤrper, wie Heyward aus ihren Aeußerungen vermuthen konnte, ſie in irgend einer Felskluft der Inſel aufzufinden hofften. „Jetzt,“ rief er fluͤſternd den zitternden Schweſtern zu,„jetzt iſt der gefaͤhrlichſte Augen⸗ blick eingetreten! entgeht unſer Verſteck ihren Nachforſchungen, ſo ſind wir noch ſicher! auf alle Faͤlle koͤnnen wir aber, nach den Aeußerungen der Wilden zu urtheilen, uͤberzeugt ſein, daß unſere Freunde gerettet ſind, und wir in zwei kurzen Stunden Huͤlfe von Webb zu erwarten haben.“ Fuͤr einige Minuten trat nun eine fuͤrchter⸗ liche Stille ein, waͤhrend welcher, wie Heyward 16* wohl wuſſte, die Wilden ihre Nachforſchungen mit groͤßrer Aufmerkſamkeit und Sorgfalt fort⸗ ſetzten. Mehr als einmal konnte er, wenn ſie dem Saſſafraß nahe kamen, an dem Brechen der Zweige und dem Raſcheln der trockenen Blaͤtter ihre Fußtritte deutlich unterſcheiden. Endlich ver⸗ ſchob ſich der aufgethuͤrmte Haufen ein wenig, der Zipfel einer Decke fiel herunter und ein ſchwacher Schimmer von Licht in die innere Hoͤhle. Cora ſchloß Alicen in ihre Arme und Duncan ſprang ſchnell wie ein Blitz auf ſeine Fuͤße. In demſel⸗ ben Augenblick verkuͤndete ein wie aus dem Mit⸗ telpunkte des Felſens kommendes Geſchrei, daß ſie endlich in die benachbarte Hoͤhle eingedrungen wa⸗ ren, und eine Minute nachher verrieth die An⸗ zahl und Staͤrke der Stimmen, daß ſich nun die ganze Rotte in dieſem verborgenen Orte verſam⸗ melt habe. Da die inneren Eingaͤnge der beiden Hoͤhlen dicht beieinander lagen, ſo trat Duncan, der nun⸗ mehr an der Moͤglichkeit ihres Entkommens ver⸗ zweifelte, vor David und die Schweſtern, um 245 ſich ſelbſt dem fuͤrchterlichen erſten Anlaufe entge⸗ gen zu ſtellen. Durch ſeine Lage in Verzweiflung geſetzt, ging er bis dicht an die duͤnne Scheide⸗ wand, wodurch er nur wenige Fuß von ſeinen unbarmherzigen Verfolgern entfernt war und, ſein Geſicht an die entſtandene Oeffnung legend, ſah er mit einer Art von ſchrecklicher Gleichguͤltig⸗ keit ihrem Beginnen zu. Die Schulter eines rothbraunen, giganti⸗ ſchen Indianers, deſſen tiefe gebietende Stimme ſeinen Kameraden Befehle uͤber ihr Verhalten zu geben ſchien, war ihm ſo nahe, daß er ſie mit ſeinem Arme erreichen konnte. Hinter ihm weg konnte Duncan in die benachbarte, mit Wilden angefuͤllte Hoͤhle ſehen, welche die aͤrmlichen Ge⸗ raͤthſchaften des Kundſchafters durchwuͤhlten und pluͤnderten. Das Blut aus David's Wunde hatte einige Blaͤtter des Saſſafraß mit einer Farbe uͤber⸗ zogen, welche wie die Eingeborenen wohl wuſſten, fuͤr die Jahrszeit noch zu fruͤh war. Ueber dies Gluͤckszeichen erhoben ſie ein Geheul, al wenn Jagdhunde, welche die verlorene Spur wieder 246 aufgefunden haben, von neuem anzuſchlagen an⸗ fangen. Nach dieſem Siegesgeheul durchwuͤhlten ſie das duftende Lager in der Hoͤhle, warfen die Aeſte in die Kluft, und ſtreuten die Zweige auseinander, als ob ſie den Koͤrper des Mannes, den ſie ſchon ſo lange gehaſſt und gefuͤrchtet hatten, darunter ver⸗ borgen glaubten. Ein wild und furchtbar ausſehen⸗ der Krieger nahte ſich jetzt mit einem Arm voll Strauchwerk dem Haͤuptling, und aͤußerte, indem er demſelben die darauf befindlichen Blutzeichen be⸗ merklich machte, ſeine Freude in Indianiſchen Aus⸗ rufungen, deren Bedeutung Heyward nur durch den wiederholten Namen„la longue Carabine“ zu verſtehen im Stande war. Als dieſer Triumph voruͤber war warf er die Straͤucher auf den duͤnnen kleinen Haufen, den Duncan vor dem Eingange der zweiten Hoͤhle aufgethuͤrmt hatte, und verſchloß dadurch wieder die Oeffnung. Seinem Beiſpiele folgten mehrere andere, indem ſie das Strauch⸗ werk aus des Kundſchafters Hoͤhle heraus und auf jenen Haufen zuſammen warfen, wodurch ſie ſelbſt unbewuſſt zu der Sicherheit derer, welche ſie ſuchten, beitrugen. Auf dieſe Art wurde grade die ſchwache Beſchaffenheit dieſer leichten Bruſt⸗ wehr ihr groͤßtes Verdienſt, denn Niemand fiel darauf, einen Haufen Strauchwerk wegzuraͤumen, von welchem jeder glaubte, daß er in der Eile und Verwirrung zufaͤllig von den Haͤnden ihrer eigenen Gefaͤhrten aufgehaͤuft worden waͤre. Da die vorhaͤngenden Decken dem aͤußern Drucke nach⸗ gaben und die Aeſte ſich durch ihr eigenes Gewicht in die Felſenſpalte hineindruͤckten, und auf dieſe Weiſe eine feſte Maſſe bildeten, ſo athmete Dun⸗ can wieder freier. Mit leichten Schritten und noch leichterem Herzen kehrte er daher in die Mitte der Hoͤhle nach dem Platze, den er fruͤher verlaſſen hatte, zuruͤck, von wo aus er den nach dem Fluſſe zu gelegenen Ausgang der Hoͤhle uͤber⸗ ſehen konnte. Waͤhrend er noch in dieſer Bewe⸗ gung begriffen war, verließen die Indianer, als wenn ſie gemeinſchaftlich den Entſchluß gefaſſt haͤtten, ihr Vorhaben aufzugeben, alle zugleich die Felskluft, und man hoͤrte ſie wieder die In⸗ ſel hinauf nach dem Orte zugehen, von wo ſie 248 anfaͤnglich herabgekommen waren. Ein zweites wehklagendes Geſchrei verrieth hier, daß ſie ſich noch einmal um die Leichname ihrer erſchlagenen Kame⸗ raden verſammelt hatten. Nun erſt wagte es Duncan ſich nach ſeinen Gefaͤhrten umzuſehen; denn er hatte gefuͤrchtet daß in den Augenblicken der dringendſten Gefahr ſein Geſicht zu ſehr ſeine eigene Furcht und Be⸗ ſorgniß verrathen moͤchte, und dadurch die Un⸗ ruhe jener nur vermehrt werden koͤnnte, die ſchon zu niedergedruͤckt waren, um noch mehr er⸗ tragen zu koͤnnen. „Sie ſind fort, Cora!“ fluͤſterte er;„Alice, ſie ſind dahin zuruͤckgekehrt von woher ſie kamen, 3 und wir ſind gerettet!— Dem Himmel allein ſei Preis und Dank, der uns aus den Klauen dieſer unbarmherzigen Feinde errettet hat.“— „So will ich dem Himmel danken,“ rief die juͤngere Schweſter, indem ſie ſich aus den ſie um⸗ ſchlingenden Armen Cora's wand, und mit begei⸗ ſterten Dankgefuͤhlen ſich auf den nackten Felſen auf ihre Kniee warf;„Dem Himmel, welcher 249 die Thraͤnen eines ergraueten Vaters trocknete, und das Leben der Theuren rettete, die ich ſo heiß liebe.“— Beide, Heyward und die ruhigere Cora, nah⸗ men an dieſem unwillkuͤrlichen Ausbruch einer tiefgefuͤhlten Ruͤhrung den innigſten Antheil, und Erſterer war in ſeinem Innern uͤberzeugt, daß die Froͤmmigkeit wohl nie mit einer ſchoͤnern Form bekleidet geweſen ſey, als ſie hier in der jugendlichen Geſtalt Alicens erſchien. Ihre Au⸗ gen ſtrahlten von dem Feuer ihrer Dankgefuͤhle; die ſanfte Roͤthe der Schoͤnheit faͤrbte wieder ihre Wangen, und ihre ſprechenden Zuͤge druͤckten die Bereitwilligkeit und Sehnſucht ihrer Seele aus, ihren Dank darzubringen. Als ſie aber eben zu ſprechen anfangen wollte, machte ein neues ploͤtz⸗ liches Geſchrei die Worte auf ihren Lippen erſter⸗ ben. Ihre Roſenwangen uͤberzog Todesblaͤſſe, ihre ſanften ſchmelzenden Augen wurden ſtarr und ſchienen von Schreck zuſammengezogen, ihre ge⸗ falteten gen Himmel gehobenen Haͤnde ſanken herunter und mit krampfhaft ausgeſtreckten Ar⸗ 250 men und Fingern zeigten ſie grade vor ſich hin. Heyward wandte ſich ſogleich nach der Richtung, wohin ſie deutete, und ein Blick uͤber die Felſen⸗ ſchicht, welche den unteren Theil des offenen Aus⸗ ganges der Hoͤhle bildete, zeigte ihm die boshaf⸗ ten, ſtolzen und wilden Geſichtszuͤge le Renard⸗ Subtil's. In dieſem Augenblicke der fuͤrchterlichſten Ue⸗ berraſchung verließ Heyward ſeine Beſonnenheit nicht. Aus der noch gleichguͤltigen Miene des Wilden ſchloß er, daß ſeine Augen, vom Schein des aͤußeren Lichts geblendet, noch nicht im Stande geweſen waren, die Dunkelheit der Hoͤhle zu durchdringen. Schon beabſichtigte er mit ſeinen Gefaͤhrten hinter eine Kruͤmmung in der Felſen⸗ wand zu treten, und ſich dadurch vielleicht vor ſeinen Blicken verbergen zu koͤnnen, als ein Strahl von Freude, der ſchnell aus deſſen Augen blitzte, ihn uͤberzeugte, daß es zu ſpaͤt ſey und daß ſie verrathen waͤren. Bei dem Blicke des Frohlockens und des rohen Triumphs, aus den Augen des Wilden, 251 n. welcher ihm dieſe ſchreckliche Ueberzeugung gab, g, connte er nicht laͤnger ſeiner erregten Leidenſchaft 1⸗ widerſtehn. Alles um ſich her vergeſſend und nur 3⸗ dem Triebe ſeines heißen Blutes folgend, legte f⸗ Duncan ſeine Piſtole an und ſchoß. Der Knall ⸗ des Gewehrs machte die Hoͤhle wie einen toben⸗ den Vulkan erbeben, und als der Luftzug aus 2 der Schlucht den Pulverrauch vertrieben hatte, t war der Fleck, auf welchem ſich ſo eben das Ge⸗ 3 ſicht ihres verraͤtheriſchen Fuͤhrers hatte blicken 1 laſſen, leer. Zum Ausgange hinſtuͤrzend konnte Heyward nur noch einen Schimmer von ſeiner dunkeln Figur ſehen, wie er ſich um eine niedre ſchmale Klippenwand herumſchlich, die ihn bald gaͤnzlich ſeinen Blicken verbarg. Unter den Wilden herrſchte nach dieſem Knall, der aus dem Innern des Felſens erſchol⸗ len war, anfangs eine fuͤrchterliche Stille; als aber le Renard ſeine Stimme erhob und ein langes, ihnen wohl verſtaͤndliches Geheul ausſtieß, wurde ſolches durch ein lautes Geſchrei von allen Indianern, die den Ton gehoͤrt hatten, freudig 232 beantwortet. Der tobende Laͤrmen zog ſich von neuem nach der Inſel herunter, und ehe Dun⸗ can noch Zeit gewann ſeine Faſſung ganz wieder zu erlangen, waren ſeine ſchwachen Reiſighaufen ſchon auseinander geriſſen, die Wilden von bei⸗ den Seiten in die Hoͤhle eingedrungen, und er und ſeine Gefaͤhrten aus ihrem Zufluchtsorte her⸗ vorgezogen und ans Tageslicht geſchleppt, wo ſie von der ganzen triumphirenden Rotte der Huro⸗ nen umzingelt wurden. Zehntes Kapitel. Und morgen, fürcht' ich, werden tvir um ſo viel länger ſchlafen, Als wir in dieſer Nacht dem Schlaf an Zeit ge⸗ raubt. 3 Sommernachttraum. Sobald ſich der erſte Schrecken uͤber dieſes ſo ploͤtzlich eingetretene Ungluͤck gelegt hatte, fing Duncan an, das aͤußere Ausſehn, und das Ver⸗ 253 fahren ſeiner Sieger zu beobachten. Gegen ihre gewoͤhnlichen Gebraͤuche im Uebermuthe eines er⸗ rungenen Sieges hatten die Eingeborenen nicht nur die Perſonen der zitternden Schweſtern, ſon⸗ dern auch ſeine eigene mit Miſſhandlungen ver⸗ ſchont. Zwar waren die Abzeichen ſeiner reichen Uniform ſchon mehrere Male von verſchiedenen In⸗ dividuen der Bande mit luͤſternen, ihre Begierde ausdruͤckenden Blicken betaſtet worden, doch hatte immer, wenn ſie den Raub wirklich ausfuͤhren wollten, ein Verbot von der gebietenden Stimme des hohen, bereits erwaͤhnten Kriegers, ihre ſchon danach ausgeſtreckten Haͤnde zuruͤckgehalten, wor⸗ aus Heyward ſchloß, daß ſie fuͤr irgend einen Zweck von beſonderer Wichtigkeit aufgeſpart wuͤr⸗ den. Dieſe Beweiſe von Unterwuͤrfigkeit wurden jedoch nur von den Juͤngern und Unbedeutendern aus der Rotte gegeben, indem die erfahrenern Krieger indeß in beiden Hoͤhlen ihre Nachforſchun⸗ gen mit einer Betriebſamkeit fortſetzten, welche deutlich anzeigte, daß die bereits aufgefundenen 254 Gegenſtaͤnde ihre Erwartungen bei weitem noch nicht befriedigt hatten. Als ſie aber durchaus kein anderes Schlachtopfer mehr aufzufinden vermoch⸗ ten, nahten ſich die Rachduͤrſtigen mit einem wil⸗ den Ausdruck, der nicht miſſverſtanden werden konnte, und den Namen la longue Carabine! ausrufend, ihren maͤnnlichen Gefangenen. Dun⸗ can that, als ob er den Sinn ihrer wiederholten und ungeſtuͤmen Fragen nicht verſtaͤnde, waͤhrend ſein Mitgefangener, wegen ſeiner Unbekanntſchaft mit der franzoͤſiſchen Sprache, einer ſolchen Vor⸗ ſtellung nicht bedurfte. Endlich aber dieſes hefti⸗ gen Andrangs muͤde, und beſorgt, daß ein hart⸗ naͤckiges Stillſchweigen ſeine Sieger nur reizen koͤnnte, ſah ſich Erſterer nach Maqua um, damit dieſer ihnen ſeine Antworten auf die jeden Au⸗ genblick ernſter und drohender werdenden Fragen verdollmetſche. Dieſer Wilde hatte in ſeinem Betragen al⸗ lein eine Ausnahme von dem ſeiner Gefaͤhrten gemachtz denn waͤhrend alle uͤbrigen emſig bemuͤht geweſen waren, ihre kindiſche Neigung zum Putze zu befriedigen, und ſelbſt die werthloſen Sachen des Kundſchafters ſich zueigneten, oder mit blut⸗ gieriger Rachſucht in ihren Blicken den abweſen⸗ den Eigenthuͤmer ſuchten, blieb le Renard in ei⸗ ner kleinen Entfernung von den Gefangenen ſtehn, und verrieth durch ſeine ruhige und zufrie⸗ dene Miene hinlaͤnglich, daß er wenigſtens den großen Zweck ſeiner Verraͤtherei erreicht habe. Als Heyward's Augen denen ſeines geweſenen Fuͤhrers zuerſt begegneten, wendete er ſie, durch deſſen Un⸗ gluͤck verkuͤndenden, wenn gleich ruhigen Blick im Innern empoͤrt, zur Seite. Seinen Abſcheu je⸗ doch bekaͤmpfend gewann er es uͤber ſich, mit weggewandtem Geſichte ſeinen vom Gluͤck beguͤn⸗ ſtigten Feind anzureden. „Le Renard⸗Subtil iſt ein zu guter Krie⸗ ger,“ ſagte Heyward mit Widerwillen;„um ei⸗ nem unbewaffneten Manne nicht zu ſagen, was ſeine Sieger wollen?“ „Sie fragen nach dem Jaͤger, der die Wege durch den Wald kennt,“ antwortete Maqua in ſeinem gebrochenen Engliſch, indem er ſeine Hand mit einem wilden Laͤcheln auf ein Bund Blaͤtter legte, womit eine Wunde in ſeiner Schulter ver⸗ bunden war;„la longue Carabine, ſeine Buͤchſe iſt gut, und ſein Auge ſtets offen; aber wie das kurze Gewehr des weißen Anfuͤhrers, ver⸗ mag es doch nichts gegen le Subtil's Leben.“ „Le Renard iſt zu bea. nn an die Wun⸗ den, die er im Krege erhielt, oder an die Haͤnde, welche ſie gaben, zu denken.“ „War es Krieg, als der ermuͤdete Indianer am Zuckerahorn ruhete, um ſein Korn zu eſſen? Wer fuͤllte das Gebuͤſch mit herumſchleichenden Feinden? Wer zog das Meſſer? Weſſen Zunge ſprach Worte des Friedens, waͤhrend ſein Herz von Blut geroͤthet war? Sagte Maqua, daß das Beil aus dem Boden gezogen war und daß ſeine Hand es ausgrub?“ Da Ouncan es nicht wagte, ſeinem Anklaͤger ſeine Vorwuͤrfe zuruͤckzugeben, wenn er ſeiner ei⸗ genen beabſichtigten Verraͤtherei erwaͤhnte, und es verſchmaͤhte, ſeinen Unwillen durch Entſchuldigun⸗ gen zu beſaͤnftigen, ſo blieb er ſtumm. Maqua —ᷣͥ ͤY 2 und alle andere Mittheilungen zu vermeiden, denn er nahm ſeine am Felſon lehnende Stellung, von welcher er ſich nur in ſeiner augenblicklichen Auf⸗ wallung aufgerichtet hatte, wieder an. Sobald aber die ungeduldigen Wilden ſahen, daß ihre kurze Unterredung aufgehoͤrt hatte, erneuerten ſie ſogleich wieder das Geſchrei: la longue Cara- bine!“ „Ihr hoͤrt es,“ ſagte Maqua mit einer un⸗ erſchuͤtterlichen Gleichguͤltigkeit,„die rothen Hu⸗ ronen ſchreien nach dem Leben der langen Buͤchſe, ſonſt verlangen ſie das Blut derer, die ihn verbor⸗ gen halten. „Er iſt fort— entflohen; er iſt weit aus ihrem Bereiche.“ Renard laͤchelte mit kalter Ver⸗ achtung und antwortete: „Wenn der weiße Mann ſtirbt, ſo glaubt er daß er in Ruhe iſt; die rothen Maͤnner verſtehen es aber, ſelbſt die Geiſter ihrer Feinde auch noch zu peinigen. Wo iſt ſein Koͤrper? zeigt den Hu⸗ ronen ſeinen Skalp!“— 17 ſchien ebenfalls geneigt, das Geſpraͤch abzubrechen,— 258 „Er iſt nicht todt, ſondern entflohn!“ „Maqua ſchuͤttelte unglaͤubig ſeinen Kopf und ſetzte hinzu:„Iſt er ein Vogel, daß er ſeine Fluͤgel ausbreiten konnte; oder iſt er ein Fiſch, der ſchwimmen kann, ohne nach der Sonne zu ſehen? Der weiße Anfuͤhrer lieſ't in ſeinen Buͤchern, und glaubt daß die Huronen Thoren ſind!“— „Wenn er auch kein Fiſch iſt, ſo kann die lange Buͤchſe doch ſchwimmen. Er ſchwamm den Fluß hinab als das Pulver verſchoſſen war, und eine Wolke die Augen der Huronen blendete!“ „Und warum blieb denn der weiße Anfuͤhrer hier?“ fragte der immer noch unglaͤubige India⸗ nerz“ iſt er ein Stein, der im Waſſer zu Grunde geht, oder brennt ihm der Skalp auf ſeinem Kopfe?“ „ Daß ich kein Stein bin, koͤnnte Euer tod⸗ ter Kamerad, der in den Waſſerfall ſtuͤrzte, be⸗ zeugen, wenn er noch lebendig waͤre,“ ſagte der gereizte junge Mann, ſich in ſeinem Zorn der prahlenden Sprache bedienend, die am meiſten dazu geeignet iſt, die Bewunderung eines Wilden auf ſich zu ziehen;„der weiße Mann denkt aber, daß nur eine feige Memme ſeine Weiber ver⸗ laͤſſt.“— Maqua murmelte einige unverſtaͤndliche Toͤne zwiſchen den Zaͤhnen, ehe er fortfuhr: „Koͤnnen die Delawares auch ſo gut ſchwim⸗ men, als ſie in den Gebuͤſchen herumkriechen? Wo iſt le Gros Serpent?“ Duncan erfuhr durch dieſe canadiſche Benen⸗ nung, daß ſeine letzten Gefaͤhrten ſeinen Feinden beſſer als ihm ſelbſt bekannt waren, und ant⸗ wortete zoͤgernd:„Er iſt auch mit dem Strome hinunter geſchwommen.“ „Iſt Le Cerf Agile nicht hier?“ „Ich weiß nicht wen Ihr den gewandten Hirſch nennt,“ ſagte Duncan, jede Gelegenheit gern ergreifend, um moͤglichſt Zeit zu gewinnen. „Uncas,“ erwiederte Maqua, der dieſen De⸗ laware⸗Namen mit noch groͤßerer Schwierigkeit ſelbſt, als die Engliſchen hervorbrachte. Sprin⸗ 17* 260 gendes Elenthier heißt in der Sprache des weißen Mannes der junge Mohican. „Hier ſcheint ein Miſſverſtaͤndniß in den Namen unter uns zu herrſchen, le⸗Renard;“ ſagte Duncan in der Hoffnung, eine weitlaͤuftigere Eroͤrterung dadurch zu veranlaſſen.„Daim iſt das franzoͤſiſche Wort fuͤr Dammwild, und cerf fuͤr Hirſch, élan iſt aber der wahre Name, wenn ei⸗ ner vom Elenthier ſpricht.“ „Ja,“ murmelte der Indianer in ſeiner Sprache;„die weißen Geſichter ſind ſchnatternde Weiber! Sie haben zwwei Namen fuͤr jede Sache, indeſſen der Rothhaͤutige den Ton ſeiner Stimme fuͤr ſich ſprechen laͤſfft. Dann aber fuhr er, lau⸗ ter redend, ohne ſich von den in ſeinem Lande ihm gelehrten unrichtigen Benennungen abbrin⸗ gen zu laſſen, fort: „Der Hirſch iſt ſchnell, aber ſchwach; das Elenthier iſt ſchnell, aber ſtark, und der Sohn von le Serpent iſt le Cerf⸗Agile! Iſt er uͤber den Fluß in den Wald geſprungen?“— „Wenn Ihr den jungen Delaware meint, ſo —₰ — 3 — jedoch in dieſer Hinſicht ganz augenſcheinlich nicht iſt der gleichfalls mit dem Strome hinunter ge⸗ ſchwommen.“ Da in dieſer Art des Entkommens fuͤr ei⸗ nen Indianer nichts Unglaubliches lag, ſo gab Maqua die Glaubwuͤrdigkeit dieſer Nachrichten mit einer Bereitwilligkeit zu, die nur noch mehr zeigte, wie wenig Werth er auf ſolche unbedeutende Ge⸗ fangene legen wuͤrde. Seine Gefaͤhrten ſchienen dieſe Anſicht zu theilen. Die Huronen hatten den Ausgang dieſes Ge⸗ ſpraͤchs mit charakteriſtiſcher Geduld und immer zunehmender Stille abgewartet, bis endlich ein allgemeines tiefes Schweigen unter der ganzen Rotte herrſchte.— Alle richteten, als Heyward zu ſprechen aufgehoͤrt hatte, fragend ihre Augen zu⸗ gleich auf Maqua, und verlangten auf dieſe aus⸗ drucksvolle Weiſe von ihm eine Erklaͤrung des Ge⸗ ſagten. Der Dollmetſcher zeigte auf den Fluß und machte ſie ſowohl durch Gebehrden als kurze Worte damit bekannt. Als das Vorgefallene ge⸗ hoͤrig verſtanden worden war, ſtießen die Wilden * 262 ein fuͤrchterliches Geſchrei aus, welches hinlaͤng— lich zeigte, wie ſehr ſie ſich in ihren Hoffnungen getaͤuſcht ſahen. Einige liefen wuͤthend nach dem Ufer und fochten mit ihren Armen wie Raſende in der Luft umher; andere ſpuckten in das Waſ⸗ ſer, um die an ihrem anerkannten Rechte als Sieger vermeintlich begangene Verraͤtherei zu raͤ⸗ chen. Einige, und zwar nicht die am wenigſten Kraͤftigen und Furchtbaren warfen finſtere grim⸗ mige Blicke, in denen die wildeſte Leidenſchaft nur durch gewohnte Selbſtbeherrſchung gemaͤßigt wurde, auf die in ihrer Gewalt befindlichen Ge⸗ fangenen, und einer oder zwei machten ſogar ih⸗ ren boshaften Gefuͤhlen durch die drohendſten Ge⸗ behrden Luft, gegen welche weder das Geſchlecht, noch die Schoͤnheit der Schweſtern, eine Schuß⸗ wehr war. Der junge Soldat machte einen ver⸗ zweifelten, doch fruchtloſen Verſuch zu Alicen hin⸗ zuſpringen, als er ihre vollen Locken, die uͤppig uͤber ihre Schultern herabfielen, von der dunkeln Hand eines Wilden ergreifen, und ihn mit ſeinem Meſſer um ihren Kopf herumfahren ſah, als — —— 263 — wenn er die ſchreckliche Weiſe anzeigen wollte, auf welche er ſeines ſchoͤnen Schmuckes beraubt wer⸗ den ſollte. Seine Haͤnde waren aber gebunden, und bei der erſten Bewegung die er machte, fuͤhlte er die Fauſt des ſtarken Indianers, welcher die Rotte leitete, ſeine Schultern zuſammen ſchrau⸗ bend. Augenblicklich eingedenk, wie fruchtlos ein ſolcher Kampf gegen eine ſo uͤberlegene Macht ausfallen muͤſſte, ergab er ſich in ſein Schickſal, und ſuchte nur ſeine ſchwachen Gefaͤhrtinnen durch einige leiſe und freundliche Verſicherungen, daß die Drohungen der Eingeborenen gewoͤhnlich ſchlimmer als ihre Handlungen waͤren, zu er⸗ muthigen. Waͤhrend aber Duncan zu dieſen Troſtwor⸗ ten ſeine Zuflucht nahm, um die Beſorgniſſe der Schweſtern einigermaßen zu beruhigen, war er nicht ſo ſchwach, um ſich ſelbſt damit zu taͤuſchen. Es war ihm ſehr wohl bekannt, daß die Autori⸗ taͤt eines Indianiſchen Haͤuptlings ſo wenig auf gegenſeitige Anerkennung und Vertraͤge gegruͤndet iſt, daß ſie oft mehr durch uͤberlegene phyſiſche 264 Kraft als durch ein moraliſches Uebergewicht, das er etwa beſaͤße, aufrecht erhalten wird. Ihre Ge⸗ fahr vergroͤßerte ſich daher genau im Verhaͤltniſſe zu der Anzahl der rohen Gemuͤther, von denen ſie umgeben waren. Das allerbeſtimmteſte Gebot desjenigen, der ihr anerkanntes Haupt zu ſein ſchien, konnte jeden Augenblick von einer raſchen Hand, die ſich vielleicht angeregt fuͤhlte, den Ma⸗ nen irgend eines Freundes oder Verwandten ein Opfer zu bringen, uͤbertreten werden. Waͤhrend er daher in ſeinem Aeußern Ruhe und Stand⸗ haftigkeit zu zeigen ſuchte, ſchlug ihm dennoch ſein Herz hoͤrbar, wenn einer ihrer wilden Sieger ſich den huͤlfloſen Schweſtern mehr als gewoͤhnlich naͤ⸗ herte, oder auch nur einen ſeiner wuͤthenden herumirrenden Blicke auf jene zarten Weſen warf, die ſelbſt dem ſchwaͤchſten Angriff nicht zu wider⸗ ſtehn im Stande waren. Seine Beſorgniſſe wurden daher bedeutend erleichtert, als er ſah, daß der Haͤuptling alle ſeine Krieger zu einer Berathſchlagung um ſich her verſammelte. Ihre Berathung war kurz, und 5 265 der gefaſſte Entſchluß ſchien, nach den Schweigen der Meiſten der Rotte zu urtheilen, einſtimmig. Das haͤufige Hindeuten der wenigen, welche ſprachen, nach der Gegend von Webb's Lager, zeigte deutlich, daß ſie von dieſer Seite ſich irgend einer nahen⸗ den Gefahr verſahen. Dieſe Erwaͤgung beſchleu⸗ nigte wahrſcheinlich die Ausfuͤhrung ihres Ent⸗ ſchluſſes, und beeilte ihre ferneren Anſtalten. Waͤhrend dieſer kurzen Berathung hatte Hey⸗ ward, welcher indeß ſeine dringendſten Beſorgniſſe ruhen laſſen konnte, Gelegenheit, die vorſichtige Art zu bewundern, mit welcher die Huronen, ſelbſt nachdem die Feindſeligkeiten eingeſtellt waren, ihre Annaͤherung bewirkt hatten. Es iſt bereits erwaͤhnt worden, daß der obere Theil der Inſel aus einem nackten Felſen beſtand, der keine andere Schutzwehr als einige umherlie⸗ gende Treibholzſtaͤmme darbot. Dieſen Punkt hatten ſie ſich zu ihrer Landung auserſehen, und zu dieſem Zwecke das Canon um den Waſſerfall herum durch den Wald getragen. Nachdem ſie ihre Waffen in das kleine Fahrzeug gelegt, hatten 266 ſich hierauf ein Dutzend Maͤnner an beiden Sei⸗ ten angehaͤngt, und von dem Canon, welches von zwei der geuͤbteſten Krieger, die ſich ſo hinein ge⸗ ſtellt hatten, daß ſie die gefaͤhrliche Fahrt ganz uͤberſehen konnten, gerudert wurde, mit fort— ziehn laſſen. Auf dieſe ſinnreiche Art gelang es ihnen die Spitze der Inſel, grade an der Stelle wo die erſten Wagehaͤlſe verungluͤckt waren, je⸗ doch diesmal in groͤßerer Anzahl und mit ihren Feuergewehren verſehen, zu erreichen. Daß ſie auf dieſe Weiſe ihr Landung bewerkſtelligt hatten, davon uͤberzeugte ſich Duncan noch mehr, als ſie das Canon von der oberen Spitze des Felſens her⸗ untertrugen, und unweit des aͤußern Eingangs der Hoͤhle wieder in's Waſſer ließen. Sobald dies geſchehen war, gab der Haͤuptling den Gefange⸗ nen durch Zeichen zu verſtehen, hinunter zu ge⸗ hen und in das Boot zu ſteigen. lungen unnuͤtz waren, ſo gab Heyward zuerſt das Beiſpiel ihnen Folge zu leiſten, und ſtieg in den Kahn, worin er ſich ſogleich mit den Schweſtern Da Widerſtand unmoͤglich und Gegenvorſtel⸗ ——— ſetzte. Obgleich die Huronen die engen Durch⸗ fahrten zwiſchen den Strudeln und Stroͤmungen des Fluſſes natuͤrlich nicht genau kennen konnten, ſo verſtanden ſie ſich doch auf die gewoͤhnlichen Anzeigen einer ſolchen Schiffahrt zu gut, um ein bedeutendes Verſehen dabei begehen zu koͤnnen. Als der Steuermann, der zur Leitung des Kahns ausgewaͤhlt worden war, ſeinen Platz eingenom⸗ men hatte, ſtuͤrzte ſich die ganze Rotte in's Waſ⸗ ſer; das Fahrzeug glitt den Strom hinunter und nach wenig Minuten befanden ſich die Gefange⸗ nen an dem ſuͤdlichen Ufer des Fluſſes, beinah der Stelle gegenuͤber, wo ſie es am Abend zuvor verlaſſen hatten. Hier hielten ſie eine zweite, kurze, aber ernſte Berathung, waͤhrend welcher die Pferde, deren Furcht die Eigenthuͤmer ihr groͤßtes Ungluͤck zu⸗ ſchrieben, aus dem Walde hervorgezogen und zu dem verbogenen Platze, wo ſie ſich jetzt befanden, gebracht wurden. Die Rotte theilte ſich nun. Der mehrerwaͤhnte große Haͤuptling beſtieg Hey⸗ und dem noch immer betaͤubten David nieder⸗ 268 ward's Reitpferd, nahm nebſt dem groͤßten Theile der Rotte ſeinen Weg queer durch den Fluß und verſchwand im Walde; die Gefangenen aber blie⸗ ben unter der Obhut von ſechs Wilden, deren Anfuͤhrer le⸗Renard⸗Subtil war, zuruͤck. Dieſe Anordnungen erneuerten Duncan's Beſorgniſſe. Die ungewoͤhnliche Schonung, welche die Wil⸗ den gegen ihn zeigten, hatte ihn zu glauben ver⸗ leitet, daß er dem Montcalm als Gefangener uͤberliefert werden ſollte. Und da die Gedanken der Nothbedraͤngten ſelten raſten, und die Ein⸗ bildungskraft nie lebhafter iſt, als wenn ſie von einer, wenn auch noch ſo ſchwachen und fernen Hoffnung angefeuert wird, ſo hatte er ſchon die Idee gefaſſt, daß vielleicht durch das Vatergefuͤhl auf Munro eingewirkt werden ſolle, um ihn von ſeiner Pflicht gegen den Koͤnig abwendig zu ma⸗ chen. Denn obgleich der franzoͤſiſche Feldherr als ein Mann von Tapferkeit und Unternehmungs⸗ geiſt bekannt war, ſo glaubte man doch auch, daß er in jenen politiſchen Kunſtgriffen, welche nicht immer den Forderungen einer ſtrengern Morali⸗ —— 269 taͤt genuͤgen, und die die europaͤiſche Diplomatik jener Zeit ſo ſehr herabwuͤrdigten, ſehr erfahren war. Alle dieſe Vorausſetzungen, welche ſein thaͤti⸗ ger und erfinderiſcher Geiſt ſich ausgedacht hatte, wurden nun gaͤnzlich durch die getroffenen An⸗ ordnungen ſeiner Sieger zerſtoͤrt. Der Theil der Rotte, welche dem rieſigen Krieger gefolgt war, nahm ſeinen Weg nach den Quellen des Horikan; und ihm und ſeinen Gefaͤhrten blieb daher keine andere Ausſicht, als daß ſie von ihren wilden Ue⸗ berwindern als hoffnungsloſe Gefangene aufbe⸗ wahrt werden wuͤrden. Entſchloſſen uͤber ihr Schick⸗ ſal, und wenn es auch das Schlimmſte waͤre, Gewiſſheit zu erhalten und in dieſem traurigen Falle die Macht ſeines Reichthums zu verſuchen, bekaͤmpfte er ſeinen Widerwillen um mit Maqua zu ſprechen. Er wandte ſich daher an ſeinen fru⸗ heren Fuͤhrer, der jetzt die Autoritaͤt und die wich⸗ tige Miene eines Mannes, dem die Aufſicht uͤber die Gefangenen anvertraut war, angenommen hatte, und ſagte mit einem ſo freundlichen und 270 zutraulichen Tone, als er anzunehmen im Stan⸗ de war: „Ich moͤchte wohl etwas mit Maqua ſpre⸗ lein hoͤren darf.“ Veraͤchtlich wandte der Indianer ſeine Au⸗ gen nach dem jungen Mann, und antwortete: „So ſprecht! Baͤume haben keine Ohren.“ „Aber die rothen Huronen ſind nicht taub, und ein Rath, der nur fuͤr die großen Maͤnner einer Nation gehoͤrt, wuͤrde die jungen Krieger trunken machen. Wenn Maqua nicht hoͤren will, ſo verſteht der Officier des Koͤnigs auch ſtill zu ſchweigen.“— Der Wilde ſagte einige gleichguͤltige Worte zu ſeinen Kameraden, die eben beſchaͤftigt waren, ſo gut es ihre Ungeuͤbtheit zuließ, die Pferde fuͤr die Schweſtern in Stand zu ſetzen, und ging dann etwas auf die Seite, nachdem er Heyward einen vorſichtigen Wink, ihm zu folgen, gegeben hatte. „Jetzt ſprecht,“ ſagte er,„wenn die Worte ſo ſind daß ſie Maqua hoͤren kann!“— 9 chen, was aber ein ſo großer Haͤuptling nur al⸗ — 271 „Le Renard⸗Subtil hat ſich des Namens den ihm ſeine canadiſchen Vaͤter beigelegt haben, wuͤrdig bewieſen,“ fing Heyward an;„ich er⸗ kenne ſeine Weisheit, ſo wie alles was er fuͤr uns gethan hat, an, und werde mich deſſen ge⸗ wiß erinnern, wenn die Stunde, ihn dafuͤr zu belohnen, gekommen ſein wird. Ja, ja! Re⸗ nard hat bewieſen, daß er nicht allein ein großes Haupt im Rathe, ſondern auch ein Mann iſt, der ſeine Feinde zu hintergehen verſteht.“ „Was hat Renard gethan? u fragte kalt der Indianer. „Was?— Sah er nicht, daß die Waͤlder, mit umherſtreifenden feindlichen Partheien ange⸗ fuͤllt waren, ſo daß ſich eine Schlange ſelbſt nicht ungeſehen durch ſie hindurchſchleichen konnte? Schlug er darauf nicht einen falſchen Weg ein, um die Augen der Huronen zu taͤuſchen? Stellte er ſich nicht, als ob er zu ſeinem Stamme, dett ihn ſchlecht behandelt und wie einen Hund auske ſeinen Huͤtten vertrieben hat, zuruͤckkehren wollte? — Und als wir ſahen was er im Sinn hatte, —— haben wir ihn nicht durch unſere Verſtellung un⸗ terſtuͤtzt, damit die Huronen denken ſollten, der weiße Mann glaube, ſein Freund waͤre ſein Feind? Iſt dies nicht alles wahr? Und nun, da le Subtil durch ſeine Weisheit die Augen ſei⸗ ner Nation verblendet und ihre Ohren verſtopft den Mohayks zu fluͤchten? Und haben ſie ihn nicht mit ihren Gefangenen auf der Suͤdſeite des Fluſſes gelaſſen, indeſſen ſie ſelbſt thoͤrichterweiſe gegen Norden gezogen ſind? Denkt Renard jetzt nicht, wie ein Fuchs auf ſeiner Faͤhrte umzukeh⸗ ren, und dem reichen graukoͤpfigen Schotten ſeine doͤchter zuruͤckzubringen? Ja, ja, Maqua, ich he alles und habe ſchon darauf geſonnen, womit ſo viel Weisheit und Rechtlichkeit belohnen Erſtlich wird der er Ehzamandant von PWiniäm hat, haben ſie nun nicht vergeſſen, daß ſie ihm 5 einſt Unrecht gethan und ihn gezwungen haben, zn 273 laufen; Dollars werden in ſeiner Taſche ſo haͤufig wie die Kieſel am Ufer des Horikan ſein; und die Hirſche werden ſeine Hand lecken, denn ſie wiſſen, daß ſie der Buͤchſe, die er kuͤnftig tragen wird, nicht entfliehen koͤnnen. Und was mich ſelbſt an⸗ belangt, ſo weiß ich noch nicht, wie ich die Dank⸗ barkeit des Schotten noch uͤbertreffen ſoll; ich— ja, ich will „und was will der junge Fuͤhrer, der vom Aufgang der Sonne herkommt, geben?“ fragte der Hurone, da er bemerkte daß Heyward in ſei⸗ nem Vorhaben, die Aufzaͤhlung dieſer Belohnun⸗ gen mit denen, die fuͤr einen Indianer am ver⸗ fuͤhreriſchſten ſind, zu beſchließen, ſtockte. „Er will das Feuerwaſſer(Branntwein) von den Inſeln in der Salzſee vor Maquas Huͤtte ſchneller hinfließen laſſen, als jener rauſchende Hudſon, bis das Herz des Indianers leichter ſein ſoll, als die Feder eines Kolibris, und ſein Athem ſuͤßer, als der Duft des Geißblattes.“ Le⸗Renard hatte, waͤhrend Heyward in ſeiner 1. 18 “ in Ueberlegung gezogen wurde. 274. verfaͤnglichen Rede fortfuhr, Schweigen zugehoͤrt. Liſt gedachte, die, mit dem gewandt habe, uͤber— zog ſich das Geſicht des Huronen mit einem Ausdrucke von bedaͤchtigem Ernſte. Bei der Er⸗ das, wie Duncan ſich zu glauben ſtellte, den Huronen von ſeinem Mutterſtamme vertrieben hatte, ſtroͤmte eine ſo unbezaͤhmte Wuth aus ſeinen Augen, kuͤhnen Sprecher deutlich zeigte, Saite getroffen habe. Und als er ſpaͤter an die Stelle kam, wo er ſo geſchickt den Durſt nach Rache durch ſeine Geldgier zu beſchwichtigen ſuchte, hatte er wenigſtens die geſpannteſte Aufmerkſam⸗ keit des Wilden auf dieſen Gegenſtand gezogen. Die Fragen, welche Le Renard geth ren ruhig und mit aller Wuͤrde eines Indianers geſchehen; das nachdenkende Geſicht des Zuhoͤrers verrieth aber, daß die Antwort auf das ſorgfaͤltigſte Der Hurone ſann die dem daß er die rechte an hatte, wa⸗ —— einige Augenblicke nach, auf den leichten Verband auf ſeiner verwundeten dann aber ſeine Hand Schulter legend, ſagte er mit einigem Nachdruck: „Theilen Freunde ſolche Zeichen aus?“ „Wuͤrde la longue Carabine einen Feind mit einem ſo leichten haben davon kommen laſſen?“ „Kriechen die Delawares an die, die ſie lie⸗ ben, wie Schlangen heran, die ſich winden und kruͤmmen, um ihre Feinde zu treffen?“ „Wuͤrde le gros-Serpent wohl von den Ohren Jemandes gehoͤrt worden ſein, von dem daß er taub bliebe?“ „Schießt der weiße Fuͤhrer immer ſein Pul⸗ ver ſeinen Freunden ins Geſicht?“ „Fehlte er je ſein Ziel, wenn er ernſtlich Wil⸗ lens iſt zu toͤdten?“ antwortete Duncan, mit erkuͤnſtelter Verachtung laͤchelnd.* Eine zweite lange Pauſe des Nachdenkens folgte auf dieſe ſinnreichen Fragen und ſchnellen Antworten. er gewollt haͤtte, Duncan bemerkte daß der Indianer ſchwankte. Um nun ſeinen Sieg vollſtaͤndig zu machen, war er eben im Begriff ſeine Verſpre⸗ er dieſen Dienſt leiſtete, 276 chungen zu wiederholen, als Magua mit aus⸗ drucksvoller Geberde zu ihm ſagte: „Genug; Le Renard iſt ein weiſer Haͤupt⸗ ling und man wird ſehn, was er thut! Geh! und verſchließe Deinen Mund. Wenn Magua redet, wird es Zeit ſein, zu antworten.“— Da Heyward bemerkte, daß die Augen ſeines Gefaͤhrten auf den Ueberreſt der Rotte m gerichtet waren, ſo iſſtrauiſch ging er ſogleich zuruͤck, um jeden Anſchein von einer verdaͤchtigen Gemeinſchaft mit ihrem Fuͤhrer zu vermeiden. Magua trat zu den Pferden und that, als ob er mit dem Fleiße und der Geſchicklichkeit ſeiner Kameraden zufrieden waͤre. Dann gab er Heyward durch Zeichen zu verſtehen, die Schweſtern in den Sattel zu heben, da er ſich ſelten der engliſchen Sprache, wenn es irgend eine wichtigere Ur machte, bediente. außer ſache erforderlich Es gab nun keinen hinreichenden Vorwand mehr um laͤnger zu verweilen, und Duncan war, ſo ungern er es that, genoͤthigt zu gehorchen. Als fuͤſterte er ſeine erneu⸗ —— erten Hoffnungen den zitternden Maͤdchen ins Ohr, welche aus Furcht, den ſchrecklichen Blicken ihres Siegers zu begegnen, nur ſelten ihre Augen vom Boden empor hoben. Die Stute David's war von dem Gefolge des großen Haͤuptlings mitgenommen worden, daher war ihr Eigenthuͤmer ſowohl als Duncan genoͤthigt, ihren Weg zu Fuße zu machen. Dieſer Umſtand war dem Letzteren indeß nicht un⸗ angenehm, da er hierdurch vielleicht im Stande war, die Schnelligkeit ihres Marſches zu mindern; denn immer noch wandten ſich ſeine verlangenden Blicke nach Fort Eduard in der vergeblichen Er⸗ wartung hin, irgend ein Zeichen von jener Seite des Waldes her zu vernehmen, das ihm die An⸗ naͤherung von Huͤlfe verkuͤnde. Sobald alles bereit war, gab Magua das Zeichen zum Aufbruch und ging ſelbſt, den Zug anfuͤhrend, voran. Ihm folgte David, der nun nach und nach das Gefaͤhrliche ihrer Lage immer mehr begriff, da die Wirkungen ſeiner Wunde mehr und mehr nachließen. Hinter ihm ritten die Schweſtern, denen Heyward zur Seite ging, in⸗ deſſen die Indianer mit einer nie zu ermuͤdenden Wachſamkeit auf beiden Seiten umher ſchwaͤrmten, und die Gefangenen dicht zuſammen hielten. Auf dieſe Weiſe wurde der Marſch in unun⸗ terbrochener Stille fortgeſetzt, außer daß Heyward zuweilen einige Worte des Troſtes an die Schwe⸗ gelaute, die ſeine demuͤthige Ergebung ausdruͤcken ſollten, den Beaͤngſtigungen ſeines Geiſtes Luft machte. Sie nahmen ihren Weg in einer der Straße nach Fort William Henry beinah entge⸗ gengeſetzten Richtung, nach Suͤden zu. Ungeach⸗ tet es aber hierdurch den Anſchein gewann, daß Magua den ihm von den Siegern gegebenen Vor⸗ ſchriften nur Folge leiſtete, ſo konnte doch Hey⸗ ward nicht glauben, daß ſeine lockenden Anerbie⸗ tungen ſchon ganz vergeſſen ſein konnten; und er kannte die Wendungen und Kruͤmmungen der india⸗ niſchen Schleichwege zu gut, um nicht der Hoff⸗ beſonders da Verſtellung hier ſo nothwendig war. ſtern richtete, oder David durch abgebrochene Kla⸗ nung Raum zu geben, daß ihre ſcheinbar genom⸗— mene] Richtung dennoch grade zum Ziel fuͤhre, Sie legten jedoch auf dieſe peinliche Weiſe eine Meile nach der andern in den ungeheuren Waͤl⸗ dern zuruͤck, ohne daß ſich eine Ausſicht ihre Reiſe zu beendigen zeigte. Heyward beobachtete die Sonne, als ſie ihre mittaͤglichen Strahlen durch die Aeſte der hohen Baͤume herunter ſchoſſ, und erwartete ſehnlichſt den Augenblick, wo der ver⸗ ſchlagene Magua ihrem Wege eine ihren Hoffnun⸗ gen guͤnſtigere Richtung geben wuͤrde. Manchmal dachte er ſogar, daß der bedaͤchtige Wilde, zwei⸗ felnd daß er Montcalm's Belagerungs⸗Corps um⸗ gehen koͤnnen wuͤrde, ſeinen Weg nach einer be⸗ kannten Niederlaſſung an der Graͤnze nehme, wo ein ausgezeichneter Officier der Krone und be⸗ liebter Freund der ſechs Nationen große Beſitzun⸗ gen inne hatte und ſich gewoͤhnlich aufhielt. Es war ihm nun freilich bei weitem wuͤnſchenswerther, in die Haͤnde des Sir William Johnſon ausgelie⸗ fert, als in die canadiſchen Wildniſſe gefuͤhrt zu werden, doch auch um das Erſtere zu bewerkſtelli⸗ gen, war es erforderlich, noch manche ermuͤdende Meile durch den Wald zuruͤckzulegen, und jeder 280 Schritt in dieſer Richtung entfernte ihn immer weiter vom Kriegsſchauplatze und folglich von dem Poſten, auf welchen ihn nicht nur die Ehre, ſon⸗ dern auch ſeine Pflicht berief. Nur Cora erinnerte ſich der Vorſchriften, die ihnen der Kundſchafter beim Scheiden gegeben hatte, und ſtreckte, wo ſich nur eine Gelegenheit dazu darbot, ihren Arm aus, um die Zweige, die ſie zu erreichen vermochte, einzuknicken. Die Aufmerkſamkeit der Indianer machte aber die Ausfuͤhrung dieſer Vorſichtsmaßregel nicht nur ſehr ſchwierig, ſondern auch gefaͤhrlich. Oft wurde ſie in dieſem Vorhaben durch die finſtern Blicke, welche ihre wachſamen Augen ihr zuwarfen, ge⸗ ſtoͤrt, und muſſte ſich dann ſtellen, als wenn ſie eine Aengſtlichkeit, die ſie nicht fuͤhlte, befal⸗ len habe, um durch eine, wie von ihrer weibli⸗ chen Beſorgniß erzeugte Geberde, auf eine ge⸗ ſchickte Whtiſe der Bewegung des Arms eine an⸗ dere Abſicht Unterzuſchieben. Einmal, aber auch nur einmal, gelang es ihr indeſſen vollkommen, indem ſie den Aſt eines hohen Sumachs abbrach, — und zugleich, von einem ploͤtzlichen Einfall geleitet, ihren Handſchuh fallen ließ. Dieſes Zeichen, wo⸗ durch ſie beabſichtigte ihren Rettern die Richtung ihres Weges anzudeuten, wurde ihrer Begleiter bemerkt, aber von einem der ihr den Handſchuh zuruͤckgab, und alle uͤbrigen Aeſte des Strauches ſo abbrach, als ob es durch ein in den Zweigen haͤngen gebliebenes Thier geſchehen waͤre, dann aber ſeine Hand mit einem ſo ausdrucksvollen Blicke an ſeinen Tomahawk legte, daß dadurch allen ferneren Verſuche, heimliche Merkmale ihres Zuges zuruͤckzulaſſen, gaͤnzlich ein Ende gemacht wurde. Da uͤberdem beide Abtheilungen der In⸗ dianer Pferde bei ſich hatten, die Spuren ihrer Tritte zuruͤck ließen, ſo benahm ihr dieſe Vereit⸗ lung ihrer Bemuͤhungen jede wahrſcheinliche Hoff⸗ nung, auf dieſe Art Rettung zu erwarten. Zwanzigmal war Heyward im Begriff ihrem Fuͤhrer zuzurufen und ihm Vorſtellungen zu ma⸗ chen, aber jedesmal hielt ihn dacfinſte ſchloſſene Weſen des Wilden zuruͤck. Maze ſich waͤhrend der ganzen Zeit nur ſelten nach ver⸗ — . —— — 8 ihm Folgenden um, und ſprach niemals. Nur der Beonne als einzigem Wegweiſer folgend, oder von ſolchen v voßborgenen Merkmalen geleitet, die 8 3 nur dem Scharfblicke eines Eingeborenen nicht 4₰ entgehen, nahm er ſeinen Weg durch oͤde Fich⸗ tenwaͤlder, hier und da durch kleine bluͤhende Thaͤler, uͤber Baͤche und kleine Fluͤſſe, uͤber wele lenfoͤrmige Huͤgel, mit einer inſtinktmaͤßisen 4 wandtheit und beinah mit der graden Richtung des Vogelfluges. Niemals war er ungawiß. Der f Pfad mochte kaum zu erkennen fein, oder ſich ganz verlieren, oder offen— nd deutlich vor ihm liegen, nichts konnte ſeine Eile mindern oder ihn in Zweifel laſſen; und es ſchien als wenn er keine Ermuͤdung kenne. So oft ſich die Au⸗ gen der muͤden Reiſenden von dem welken Laube, uͤber welches ſie hinritten, erhoben, ſahen ſie ſeine dunkle Geſtalt, den Kopf unbeweglich vorwaͤrts gebogen, mit der leichten, in dem durch ſein d eignes raſches⸗Worſchreiten verurſachten Luftzuge n latternden Feder auf ſeiner Scheitel, zwiſchen den 89 Brumſtämmen vor ihnen dahingleiten. & 1 Dieſe große Sö nelligkeit und Eile war S aber nicht) ohne Zweck. Nachdem ſie queer durch ein tiefes ammen waren, durch welches ſich ein ran and Bach ſchlaͤngelte, ſtieg er ploͤt⸗ lich einen ſo ſteilen und ſchwer zu erklimmenden Huͤgel hinan, daß die Schweſtern abſteigen muſſ⸗ ten, um ihm folgen zu koͤnnen. Als ſie die Spitze erreicht hatten, befanden ſie ſich auf einer mit Baͤumen ſparſam bedeckten Flaͤche, unter de⸗ ren einem Magua's dunkle Geſtalt ſich hingeſtreckt hatte, als ob er geſonnen waͤre hier die Ruhe zu genießen, deren die ganze Reiſegeſellſchaft ſo ſehr bedurfte.