deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Buͤcher jeden Tag von Morgens „ 7 Ühr bis Abends 8 Uhr offen. Il 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ —¹den angenommen. 4 3.(aution. Unbekannte PVerſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 3 6. Schadenersatz. 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Der unbezwingliche moraliſche Waͤchter, welchen Gott in die Bruſt eines jeden Menſchen einge⸗ pflanzt hat, der zwar unter verſchiedenen Umſtaͤn⸗ den ſo verſchieden wirkt, aber in keiner noch ſo tiefen Erniedrigung des Standes und der Unwiſſen⸗ heit ſeinen Poſten gaͤnzlich verlaͤßt, erregt mit dem Gefuͤhle des Fehltrittes zuverlaͤſſig auch Reue. Es waͤre vergeblich, behaupten zu wollen, daß dieſes Gefuͤhl der Wahrheit, welches wir Gewiſſen nen⸗ nen, das bloße Ergebniß des Herkommens und der Gewohnheit waͤre, da es in dem ſchuldloſen und unerzogenen Kinde deutlicher ſpricht, als in dem erfahrenſten Manne, und da die Natur ſeiner Wirkſamkeit einen ſolchen Stempel aufgedruͤckt hat, daß ſeine Identitaͤt mit dem unerklaͤrlichen Weſen, das den unkoͤrperlichen Theil unſeres Da⸗ 1*†* 4 ſeins bildet, dadurch vollſtaͤndig erwieſen iſt. Wie alles Gute, kann es verderbt, geſchwaͤcht, gemiß⸗ braucht werden; allein es behaͤlt, wie Alles, was aus dieſer erhabenen Quelle ſtammt, ſelbſt unter der Umduͤſterung durch das Laſter, die Spuren ſei⸗ nes goͤttlichen Erſchaffers. Wir betrachten dieſen unermuͤdlichen Mahner als einen Ueberreſt jenes gluͤcklichen und hehren Zuſtandes, den unſer Ge⸗ ſchlecht verlor, und es iſt fuͤr uns uͤber allen Zwei⸗ fel erhaben, daß die Menſchen, in dem Maße, als ſie ſeinen Einfluß fuͤhlen und wirken laſſen, ſich der urſpruͤnglichen Unſchuld entweder naͤhern, oder ſich von ihr entfernen. Die Zerſtoͤrung der Abtei war von jenen Er⸗ gebniſſen, welche allen Gewaltthaten folgen, je nach den bisherigen Anſichten eines Jeden begleitet. Selbſt Diejenigen, welche in Vollfuͤhrung dieſes ſeit langer Zeit vorbereiteten Schlages am thaͤtig⸗ ſten waren, begannen wegen deſſen Folgen zu zit⸗ tern; und Wenige in der Pfalz hoͤrten von der That, ohne daß ſie den Athem wie Menſchen an⸗ hielten, welche die unmittelbare Rache des Him⸗ mels ob des Gottesfrevels erwarteten. Damit jedoch der Faden unſerer Erzaͤhlung nicht unterbrochen werde, ſo wollen wir zu den Ereigniſſen in ihrer u 5 natuͤrlichen Folge zuruͤckkehren, und die Zeit nur um einige Tage nach der Brandnacht hinaus⸗ ſchieben. Der Leſer muß ſich von dem Jaͤgerthal ein an⸗ deres Bild entwerfen. Zwar war die Sonne noch eben ſo mild, die Jahreszeit noch eben ſo ſchoͤn, der Forſt ſo gruͤn und lieblich, prangten die Wieſen und Bergabhaͤnge in derſelben Abwechſelung von Licht und Schatten, rieſelte der Bach noch eben ſo klar und ſchnell dahin, wie wir dies Alles im An⸗ fange unſerer Geſchichte geſchildert haben. Keine Huͤtte, kein Haͤuschen laͤngs der gangbaren Pfade oder in den kleinen Doͤrfern war zerſtoͤrt, und die Hartenburg draͤute noch immer in feudaliſtiſcher Groͤße uͤͤber dem wohlbekannten Gebirgspaß, un⸗ heimlich, unangreifbar und duͤſter. Aber der Ab⸗ teiberg bot dem Anblicke jene traurigen Beweiſe der Wirkungen der Gewaltthaͤtigkeit dar, welche noch immer uͤber die Oberflaͤche von Europa als Denk⸗ male jener Scenen zerſtreut ſind, welche es uͤber⸗ ſtehen mußte, um ſeinen gegenwaͤrtigen Zuſtand der Sicherheit zu erlangen;— Denkmale, welche eben ſo eindringliche Warnungen fuͤr die Zukunft, als Erinnerungszeichen an die Vergangenheit ſind. Die aͤußere Ringmauer war unverletzt, mit 6 5 Ausnahme des Hauptthores, welches die unver⸗ kennbaren Spuren des ſchweren Hammers des Schmides trug; aber im Innern zeigte ſich das Bild der Zerſtoͤrung in ſeiner ganzen Schrecklich⸗ keit. Jedes Dach, und funfzig waren vorhanden geweſen, war verſchwunden; alle Mauern, von de⸗ nen einige den Einſturz drohten, waren geſchwaͤrzt, und kein Thurm erhob ſich gegen den Himmel, der nicht Spuren trug, wie die Flammen an ſeinem ſchlanken Bau hinangelodert waren. Hie und da wirbelte noch weißer Rauch empor und verlor ſich in den Stroͤmungen der Luft, den verminderten Symptomen eines Vulkans nach ſeinem Ausbruche gleichend. Ein kleines Crucifix, das der Volks⸗ glaube fuͤr hoͤlzern hielt, das aber eigentlich von bemaltem Stein war, ſtand noch auf dem Giebel der verwuͤſteten Kirche, und mancher Bauer betete zu demſelben im Stillen, und in der feſten Ueber⸗ zeugung, daß Gott dieſes Abzeichen ſeines Opfers waͤhrend der Schrecken jener denkwuͤrdigen Nacht beſchuͤtzt habe. In dem Schloſſe und um daſſelbe bemerkte man die gewoͤhnlichen Zeichen mißtrauiſcher Wach⸗ ſamkeit, ſo wie ſie Derjenige uͤbt, welcher fuͤhlt, daß er mit Recht die Hand der geſetzlichen Macht zu 7 fuͤrchten hat. Die Thore waren verſchloſſen, die Schildwachen auf den Mauern und Baſteien ver⸗ doppelt; und von Zeit zu Zeit communicirte man durch Signale mit den Außenpoſten, welche auf den Bergen ſo ausgeſtellt waren, daß ſie auch die Straßen, welche jenſeits der Schlucht zum Rheine fuͤhrten, vollkommen uͤberblicken konnten. Anders war die Scene in Duͤrkheim, wiewohl ſie in verſchiedenen Puncten jener im Schloſſe glich. Es herrſchte in der Stadt dieſelbe Beſorgniß einer Gefahr von Außen, dieſelbe Wachſamkeit auf den Mauern und Thuͤrmen, dieſelbe ungewoͤhnliche Entfaltung einer bewaffneten Macht. Allein in einer Stadt, wie Duͤrkheim, konnte nicht ſo leicht jenes finſtere Schweigen, wie in der Hartenburg, herrſchen. Die Buͤrger ſtellten ſich auf den Stra⸗ ßen zuſammen, die Weiber ſchwatzten wie bei allen ungewoͤhnlichen und ergreifenden Ereigniſſen, und ſelbſt an den Kindern bemerkte man die Wirkun⸗ gen der Aengſtlichkeit und Unentſchloſſenheit ihrer Eltern, denn der Aufſicht waͤhrend dieſer Zeit der allgemeinen Unruhe entledigt, wanderten ſie muͤßig auf den Straßen unter den Gruppen herum, und fingen alle Reden auf, die ihr jugendlicher Ver⸗ ſtand faſſen konnte. Die Kauflaͤden waren offen 8 wie gewoͤhnlich, aber viele Menſchen ſtanden vor denſelben, waͤhrend wenige hineintraten, und die meiſten Handwerker verſchwendeten ihre Zeit mit Nachgruͤbeln uͤber den verwegenen Schritt ihrer Obern. Inzwiſchen wurde auf dem Gemeindehauſe Rath gehalten. Es waren dort alle Diejenigen verſammelt, welche auf obrigkeitliches Anſehen ein Recht hatten, und Viele erſchienen kraft ihrer Mit⸗ wirkung bei dem Ueberfall der Moͤnche. Auch ei⸗ nige der beſorgten Buͤrgerfrauen fanden ſich in den mehr allgemein zugaͤnglichen Gemaͤchern des Rath⸗ hauſes ein, denn der Einfluß der Frauen war in dieſer einfachen Gemeinde weder verborgen noch gering. Wir nehmen den Faden unſerer Erzaͤh⸗ lung innerhalb der Mauern des Rathsgebaͤudes wieder auf. Der Buͤrgermeiſter und die anderen Haͤupter der Stadt waren von einer unbeſtimmten Beſorg⸗ niß, als Folge ihrer verwegenen That, gequaͤlt. Einige trotzten auf den gluͤcklichen Erfolg; Andere waren aͤngſtlich, bloß weil die Vertreibung der Moͤnche ihnen als ein zu großes Gluͤck galt, als daß es ohne Beimiſchung irgend eines Uebels kom⸗ men konnte; Viele hielten mit ihren Meinungen — — 1 9 zuruͤck, und warteten auf die kommenden Ereig⸗ niſſe, um dann ſprechen zu koͤnnen: ſie haͤtten Alles vorausgeſagt, waͤhrend wieder Andere den Kopf ſchuͤttelten, gleich als kennten ſie jene Folgen, welche dem gewoͤhnlichen Verſtande nicht einleuch⸗ teten. Die letztere Claſſe war mehr wegen ihrer Anſpruͤche auf ausſchließliche Weisheit, als wegen ihrer Anzahl bemerkenswerth, und wuͤrde eben ſo geneigt geweſen ſein, die gluͤcklichen Folgen der Unternehmung zu uͤbertreiben, wenn nur der Puls der oͤffentlichen Stimmung im Aufnehmen be⸗ griffen geweſen waͤre. Allein ſeine Lebhaftigkeit nahm ab, und ſo kam es, daß, obſchon man alle Vortheile einſah, die man von der Niederlage des Abtes Bonifacius erwarten konnte, dennoch Un⸗ gewißheit die Gemuͤther der Meiſten umwoͤlkte, ſo daß man ſich hoͤchſt unguͤnſtige Gemaͤlde von der Zukunft entwarf. Selbſt Heinrich, dem es weder an moraliſchem noch an phyſiſchem Muth fehlte, war uͤber ſeinen eigenen Sieg beunruhigt, wenn er gleich, um die Urſache davon befragt, ſie felbſt kaum haͤtte genau angeben koͤnnen. Seine Unruhe wurde durch die Thatſache erhoͤht, daß die meiſten ſeiner Mitbuͤrger ihn als den Mann betrachteten, auf wel⸗ chen die Wucht des Zornes der Kirche und des 10 Kurfuͤrſten wahrſcheinlich am ſchwerſten laſten wuͤr⸗ de, obſchon es mehr als wahrſcheinlich war, daß wenn man nur angenehme Folgen erwartet haͤtte, ihm dieſe hervorragende Stellung nicht eingeraͤumt worden waͤre. Dieſe Auszeichnung, ſo vereinzelt im Ungluͤcke und von ſo Vielen im Gluͤcke in Anſpruch genom⸗ men, iſt eine Art Rache, welche die menſchliche Ge⸗ ſellſchaft an allen denjenigen zu nehmen pflegt, wel⸗ che weiſer und beſſer ſein wollen, als dieſelbe, indem ſie in zweifelhaften Faͤllen den Weg anzeigen, und wo Entſchloſſenheit und Muth noͤthig iſt, die An⸗ fuͤhrung uͤbernehmen. Nur derjenige kann auf un⸗ beneideten Ruhm rechnen, welcher in dem großen Gange der Ereigniſſe dem Haufen zwar voranſchrei⸗ tet, aber zwiſchen ſich und ſeinen Genoſſen keinen großen Zwiſchenraum laͤßt; waͤhrend derjenige al⸗ lein auf Strafloſigkeit hoffen darf, der ſich ſeinen Unterſtuͤtzern ſo nahe haͤlt, daß er unter der großen Menge verborgen bleibt, wenn das Vereinzeltſtehen dem Tadel und der Strafe ausſetzt. Heinrich fuͤhlte die Mißlichkeit ſeiner Stellung, und gerne haͤtte er etwas von ſeinem Ruhme we⸗ gen der Kuͤhnheit, womit er den Angriff auf das Kloſter geleitet hatte, hingegeben, wenn er dadurch 11 ſeine Unruhe los geworden waͤre. Doch vermochte ihn eine Art kriegeriſchen Inſtinctes, zum boͤſen Spiel gute Miene zu machen, und als er ſeine Rathsgenoſſen anredete, that er dies mit Heiterkeit, wie wenig auch ſein Herz dieſelbe fuͤhlte. „»Wohlan, Bruͤder«, ſagte er, indem er die wohl⸗ bekannten Geſichter, die ihn umringten, mit obrig⸗ keitlichem Ernſt anblickte,»dieſe wichtige Angele⸗ genheit iſt endlich gluͤcklich, und, da ſie ohne Blut⸗ vergießen vollbracht wurde, ſo kann man ſagen, auch friedlich beigelegt worden. Die Benedictiner ſind abgezogen, und wenn gleich der vortreffliche Abt in einer benachbarten Abtei Poſto gefaßt hat, und durch hohe Worte diejenigen zu erſchrecken ſucht, welche an gefaͤhrlichere Wurfwaffen nicht gewoͤhnt ſind, ſo wird es doch lange dauern, bevor wir die Glocke von Limburg im Jaͤgerthale wieder werden toͤnen hoͤren.⸗ »Das kann ich beſchwoͤren«, rief der Schmid, der unter den geringeren Buͤrgern ſtand, welche ſich aus Ehrfurcht fuͤr ihre Obern in einer Ecke des Rathsſaales zuſammengedraͤngt hatten,»mein eige⸗ ner Hammer hat dazu beigetragen, das wohltoͤnende Inſtrument zu verſtimmen!« »Wir ſind hier verſammelt, um die ferneren 12 Vorſchlaͤge von Seiten der Moͤnche anzuhoͤren; da aber die zum Erſcheinen ihres Bevollmaͤchtigten feſtgeſetzte Stunde noch nicht gekommen iſt, ſo koͤn⸗ nen wir die Augenblicke bis dahin durch paſſende Unterredung verkuͤrzen. Haſt Du etwas zu ſagen, Bruder Wolfgang, das die Gemuͤther der Furcht⸗ ſamen beruhigen kann?— Wenn dies der Fall iſt, um Gottes willen, ſo ſprich es mit einem Male aus, damit wir Alles wiſſen.« Die Aehnlichkeit zwiſchen Wolfgang und Hein⸗ rich beſtand lediglich in ihren buͤrgerlichen Verhaͤlt⸗ niſſen. Obſchon jener ſich gierig nach den, von dem Sturze der Abtei erwarteten Vortheilen ſehnte, ſo ſcheute er doch heftig jede uͤberlegene Gewalt, und war, ob banger Ahnungen wegen Roms und des Kürfuͤrſten, außer Stande, ſich des Triumphes zu freuen. Auch war er ſehr alt, was das Zittern ſeiner heiſeren Rabenſtimme noch vermehrte. »Es iſt klug, die Erfahrenen und Weiſen in ſchwierigen Verhaͤltniſſen zu Rathe zu ziehen«, er⸗ wiederte der alte Buͤrger,„denn ein hohes Alter lehrt Einſicht in die Eitelkeit alles Irdiſchen, und macht uns geneigt, die Welt mit mehr Maͤßigung, und mit weniger Selbſtliebe und Eitelkeit zu be⸗ trachten.⸗ 13 „Bruder Wolfgang, Du biſt noch nicht ſo ſehr auf der Neige des Lebens, wie Du es uns gerne glauben machen willſt«, unterbrach ihn Heinrich, dem eine truͤbe Anſicht der Zukunft vor Allem miß⸗ faͤllg war.»Du biſt noch jung,— der Unterſchied zwiſchen uns beiden betraͤgt hoͤchſtens fuͤnf und zwanzig Jahre.⸗ „Nicht ſo viel,— ich zaͤhle erſt drei und ſiebenzig Lebensjahre, und Du wohl fuͤnf und funfzig.« „»Du erweiſeſt mir eine Ehre, die ich wenig ver⸗ diene. Ich werde in mehreren Monaten noch nicht ſo alt ſein, als Du es ſagſt, und die Zeit verlaͤuft raſch genug, als daß ſie von unſerer Seite den Schneller beduͤrfte, um ihr vorwaͤrts zu helfen. Wenn ich mehr als vier und funfzig zaͤhle, ſo moͤ⸗ gen meine Vaͤter aus dem Grabe aufſtehen, und das Wenige, was ſie hinterließen, als ſie aus der Welt ſchieden, zuruͤckfordern.⸗ „Worte werden Keinen von uns juͤnger machen, allein ich wuͤnſchte, daß wir Mittel gefunden haͤtten, den boͤſen Geiſt der Abtei ohne eine ſolche Gewalt⸗ that, und ohne ſo viel Gefahr fuͤr uns ſelbſt, zu bannen. Ich bin alt, und habe kein anderes In⸗ tereſſe am Leben, als den Wunſch, daß diejenigen, welche nach mir kommen, in Frieden und Gluͤck le⸗ 1 — 14 ben moͤgen. Du weißt, daß ich weder Kind noch Kegel habe, Nachbar Heinrich, und das Herz eines ſolchen Mannes kann nur fuͤr Alle ſchlagen. Es waͤre in der That Thorheit, wenn ich an etwas An⸗ deres daͤchte, als an die große Zukunft, welche vor uns liegt.« »Sapperment!« rief der Schmid aus, der ſich herausnahm, auch im Rathe den Muth zu zeigen, den er bei dem letzten Angriffe bewieſen hatte— »Geſtrenger Buͤrgermeiſter, wenn Meiſter Wolf⸗ gang ſeine Schaͤtze in Betreff der Benedictiner oͤff⸗ nete, ſo koͤnnte die ganze Angelegenheit leicht abge⸗ than werden, und Duͤrkheim wuͤrde in Ruhe ſeinen Gewinn davon ziehen. Ich verſichere Euch, daß Bonifacius, fuͤr ſeine Wohnung und Verkoͤſtigung in der Abtei, die doch ſein Eigenthum nicht war, gern eine runde Summe in Geld nehmen, und auf keine weitere Rechenſchaft dringen wuͤrde. So we⸗ nigſtens daͤchte ich, wenn der Himmel mich zu ei⸗ nem Benedictiner, und Bonifacius zu einem Schmid gemacht haͤtte.« »Und wo ſoll das Geld herkommen, freizuͤngi⸗ ger Schmid?« fragte der alte Buͤrger im ſtrengen Tone. ———— ——— 15 »Woher ſonſt, als von Euren unberuͤhrten Schaͤtzen, ehrwuͤrdiger Wolfgang«, antwortete der Schmid in ſeiner Einfalt;»Du biſt alt, Vater, und hinterlaͤſſeſt keine Nachkommen; Dein Leben geht der Neige zu, und ich ſehe, um es Dir offen zu ge⸗ ſtehen, kein Mittel, durch welches von unſerer Stadt ſo leicht jedes Uebel abgewendet werden koͤnnte.« »Ruhe, ſinnloſer Schwaͤtzer! glaubſt Du, die Leute, die hoͤher ſtehen als Du, wiſſen ihr Vermoͤ⸗ gen nicht beſſer zu verwenden, als daß ſie daſſelbe, gleich den Funken, die von Deinem Amboß weg⸗ ſpruͤhen, allen Winden zum Spiel geben? Das Wenige, das ich durch ſauere Muͤhe und große Sparſamkeit erworben habe, kann ich noch immer noͤthig haben, um bitteren Mangel von mir abzu⸗ wehren. Nein, nein, wenn man jung iſt, ſo glaubt man, daß man Staub in Gold verwandeln koͤnne; heißes Blut und kraͤftige Glieder verleiten die Men⸗ ſchen, ſich jeder Beſchwerde fuͤr gewachſen zu erach⸗ ten, ſelbſt der, ohne Nahrung zu leben; aber wenn Truͤbſal und Erfahrung uns die Wahrheit gelehrt haben, dann, Nachbar, lernen wir den Werth eines Pfenniges kennen. Ich habe lange gelebt, der Him⸗ mel weiß es! und dennoch iſt es wahrſcheinlicher, daß ich der Stadt noch zur Laſt falle, als daß ich 16 — auch nur das Zehntel von dem thue, worauf dieſer gedankenloſe Schmid hingedeutet hat.⸗ »Beim heiligen Benedict, Meiſter! Ich deutete nichts an; was ich ſagte, das liegt hell am Tage, und laͤuft darauf hinaus, daß ein wegen ſeiner Jah⸗ re ſo ehrwuͤrdiger, und wegen ſeines Vermoͤgens ſo geachteter Mann, uns in dieſer Klemme ſehr wohl aushelfen koͤnnte! Eine ſolche Handlung wuͤrde die wenigen Tage, die Du noch zu leben haſt, ver⸗ ſuͤßen.« »Hinweg, Burſche; Du ſprichſt vom Tode, als waͤre derſelbe nur Narrenspoſſe. Sterben nicht die Jungen ſo gut wie die Alten, und hat man nicht tauſend Beiſpiele, daß Viele ihr Vermoͤgen uͤberlebt haben? Ich fuͤrchte ſehr, daß dieſe Sache nicht bei⸗ gelegt werden kann, ohne daß die Handwerker um ſchwere Summen geſtraft werden;— allein gluͤck⸗ licher Weiſe ſind die meiſten derſelben jung und zahlungsfaͤhig!« Die Antwort des Schmids, der in dieſem Wort⸗ wechſel, in welchem er durchaus recht zu haben glaubte, hitzig geworden war, wurde durch eine laͤr⸗ mende Bewegung des Volkes, das ſich zu dem aͤu— ßeren Thore des Rathhauſes draͤngte, unterbrochen. Die Buͤrger wurden von Unruhe, wie wenn ſie eine 17 bevorſtehende Kriſis fuͤrchteten, ergriffen, als der Thuͤrſteher einen Bevollmaͤchtigten der vertriebenen Moͤnche von Limburg ankuͤndete. Die Rathsher⸗ ren von Duͤrkheim, obſchon ſie in Erwartung eines ſolchen Beſuches zuſammengekommen waren, wur⸗ den doch gleich allen Menſchen, deren Geiſt nicht gehoͤrig gebildet iſt, dadurch in Beſtuͤrzung geſetzt. Nichts war uͤberlegt, kein Verhaltungsplan vorge⸗ ſchlagen worden, und obſchon Alle ſeit mehreren Naͤchten uͤber dieſen Gegenſtand getraͤumt hatten, ſo hatte doch Niemand daruͤber nachgedacht. Den⸗ noch war man nun aufgefordert, zu handeln, und nach einigem geſchaͤftigen Laͤrm, der keinen anderen Zweck hatte, als dem Abgeordneten zu imponiren, wurde der Befehl ertheilt, denſelben einzufuͤhren. Der Bevollmaͤchtigte der Moͤnche war ſelbſt ein Benedictiner. Er trat einzig und allein in Beglei⸗ tung der Buͤrgerwache, die ihn am Thore empfan⸗ gen hatte, in den Saal, und die Kapuze war ſo tief in ſein Geſicht gezogen, daß man ihn nicht er⸗ kennen konnte. Neugierde hatte ſich Aller bemaͤch⸗ tigt, man ſchloß nach dem Aeußeren, und der Name des»Vater Siegfried« wurde durch den ganzen Saal gefluͤſtert. „Enthuͤlle Dich, Vater, um des Himmels Wil⸗ Heidenmauer. III. 2 len!« ſprach Heinrich,„und laſſe Dich im Raths⸗ ſaale von Duͤrkheim eben ſo gemaͤchlich nieder, als waͤreſt Du noch in dem alten Kloſter Limburg. Wir ſind Loͤwen im Angriff, allein ſo harmlos als Eure marmornen Cherubim, wenn keine Gelegen⸗ heit vorhanden iſt, unſere maͤnnlichen Eigenſchaften zu entfalten; ſetze Dich daher in Gottes Namen, und ſei frohen Muthes,— Niemand wird Dir ein Leides zufuͤgen.⸗ Die Stimme des Buͤrgermeiſters war gegen den Schluß ſeiner Rede minder zuverſichtlich gewor⸗ den. Der Benedictiner hatte naͤmlich ſeine Kapuze zuruͤckgeſchbben, und das verehrte Antlitz Vater Arnulphs wurde ſichtbar. „»Wer im Namen deſſen kommt, den ich mei⸗ nen Herrn nenne, der bedarf dieſer Verſicherung nicht«, erwiederte der Moͤnch.»Dennoch freue ich mich, Euch in dieſer Gemuͤthsſtimmung, und nicht erpicht zu finden, einen anfaͤnglichen Fehler durch fernere Unthat zu unterſtuͤtzen. Es iſt nie zu ſpaͤt, ſeinen Irrthum einzuſehen, oder denſelben wieder gut zu machen.⸗ „»Du mußt verzeihen, hochwuͤrdiger Prior! wir haben Dich fuͤr ein ganz anderes Mitglied Deiner —+— ⏑—2⏑0e— ————,——— —„— 19 Bruͤderſchaft gehalten, und Du biſt nicht minder willkommen, da Du der biſt, der Du biſt.⸗ Heinrich erhob ſich achtungsvoll, und ſein Bei⸗ ſpiel wurde von allen Anweſenden nachgeahmt. Der Prior ſchien erfreut, und jenes Wohlwollen, das Hoffnung erregt, uͤberflog ſein Antlitz. Er ließ ſich mit der groͤßten Einfachheit auf ſeinen Stuhl nie⸗ der, weil es das beſte Mittel war, die Buͤrger zu vermoͤgen, ihre Sitze wieder einzunehmen, was auch unmittelbar darauf geſchah. »Ich wuͤrde auf eine Gleichguͤltigkeit, die ich nicht fuͤhle, Anſpruch machen, wenn ich behaupten wollte, Heinrich Frey, daß ich unter Euch, der ich Euch ſeit ſo langen Jahren die heiligen Sacra⸗ mente der Kirche geſpendet habe, ohne die Hoffnung erſchiene, daß Ihr deſſen eingedenk ſeid.⸗ „»Wenn es einen Menſchen in Duͤrkheim gaͤbe, deſſen Herz durch Deine guten Werke nicht geruͤhrt worden waͤre, Vater, ſo muͤßte der Burſche kein Gefuͤhl beſitzen, und waͤre unwuͤrdig, unter ehrba⸗ ren Leuten zu leben.⸗ »Sehr wahr!« rief der Schmid, der ſich es nicht nehmen ließ, ein Wort mitzuſprechen.»Der Buͤrgermeiſter laͤßt uns Allen nur Gerechtigkeit wi⸗ derfahren. Nie haͤmmerte ich von dem Eiſen ſo 2* gerne Funken, als ich dem hochwuͤrdigen Prior meine Ehrfurcht angedeihen ließ. Seine Gebete ſind er⸗ probtem Stahle gleich, und werden von uns naͤchſt denen des Einſiedlers am hoͤchſten geſchaͤtzt. Wenn nur ſolche Maͤnner in jener Abtei gelebt haͤtten, ſo wuͤrde ich ihnen unſere Seligkeit, ohne auf mich ſelbſt Ruͤckſicht zu nehmen, anvertraut haben. Sap⸗ perment! wenn eine ſolche Kloſtergemeinde gefun⸗ den werden koͤnnte, ſo wuͤrde es uns Weltlichen, insbeſondere uns Handwerkern ſehr von Nutzen ſein, weil wir alle Gedanken auf unſer Geſchaͤft lenken, und gewiß ſein koͤnnten, daß wir unter der Obhut von Maͤnnern ſtuͤnden, welche auch dem ſchlaueſten Teu⸗ fel Trotz bieten.« Arnulph hoͤrte dieſe Abſchweifung mit Geduld an, und dankte fuͤr die wohlwollende Aufnahme durch eine leiſe Kopfneigung. Er war zu ſehr an dieſe weltliche Anwendung der geiſtlichen Dinge, deren Diener er war, gewoͤhnt, als daß etwas der Art ihn uͤberraſchen konnte, und zugleich war er in Bezug auf ſich ſelbſt zu demuͤthig, als daß er irgend Jemanden, der ſchwaͤcheren Geiſtes war, haͤtte ver⸗ achten koͤnnen. Die Chriſtenheit ſcheint in zwei große Staͤmme von Glaͤubigen zu zerfallen; in die⸗ jenigen, welche die Troͤſtungen dieſer Religion ih⸗ Eᷣ A ̈ 8 ☛ — N 21 ren weltlichen Intereſſen am angemeſſenſten finden, und in diejenigen, deren Geſinnungen und Gedan⸗ ken ſo vergeiſtigt ſind, daß ſie dieſelbe als eine me⸗ taphyſiſche Theorie betrachten, deren Hauptzweck iſt, die logiſche Harmonie zu bewahren. Was uns be⸗ trifft, ſo glauben wir, daß dieſe Religion eine Wohl⸗ that Gottes iſt, angemeſſen der materiellen und in⸗ materiellen Natur des Menſchen, und daß ſie, in Bezug auf unſere irdiſche Pruͤfung, nie von den beiden Haupteigenthuͤmlichkeiten unſeres Weſens ge⸗ trennt werden kann. Offenbar war dies die Anſicht des wackeren Schmids nicht, und es iſt wahrſchein⸗ lich, daß ſich bei genauerer Unterſuchung ergeben haben wuͤrde, daß er in Duͤrkheim in dieſer Bezie⸗ hung zur Mehrzahl gehoͤrte. „Du koͤmmſt, Vater, wie die Taube der Arche, als Bote mit dem Oelzweige“«, ſagte Heinrich, „wiewohl, wenn der Ararat in unſerm Norden laͤge, wahrſcheinlich ein Eichenzweig das Zeichen des Frie⸗ dens geweſen waͤre.⸗ »Ich komme, um die Bedingungen unſerer Kloſtergemeinde anzubieten, und die Mißleiteten in Duͤrkheim zu bitten, ſie anzunehmen. Die hoch⸗ wuͤrdigen Aebte, mit den Vaͤtern in Gott, den Bi⸗ ſchoͤfen von Speier und Worms, jetzt in dieſer letz⸗ teren Stadt verſammelt, haben mich zum Boten auserſehen;— ein Amt, das ich ſuchte, damit nicht ein Anderer in ſeiner Drohluſt vergeſſen moͤchte, zu bitten und zu uͤberreden.« »„Du haſt recht gethan, wie immer, vortreff⸗ licher Arnulph! Drohungen nuͤtzen in Duͤrkheim ſo viel, als Weihwaſſer im Rheinwein, wiewohl beide Dinge an ihrem Platze treffliche Dienſte leiſten moͤgen; wer aber nicht getrieben werden kann, der muß gefuͤhrt werden, und eine an ſich edle Fluͤſſig⸗ keit bedarf keinen Beigeſchmack von Seite der Kirche. Was dieſes alte Mißverſtaͤndniß zwiſchen dem Kloſter Limburg einerſeits, und dem edlen Grafen von Hartenburg und unſerer geringen Stadt ande⸗ rerſeits betrifft, ſo kann der Zwiſt jetzt leicht bei⸗ gelegt werden, da durch die juͤngſten Ereigniſſe die Hauptſchwierigkeit hinweggeraͤumt worden iſt; und ſo freue ich mich denn von Herzen ob Deiner Sen⸗ dung, und wuͤnſche der Stadt Gluͤck, daß ſie mit einem ſo erfahrenen und verſtaͤndigen Mann zu thun hat. Du wirſt uns freundlich geſtimmt und bereit finden, Dir den halben Weg entgegen zu kommen, denn ich kenne in ganz Duͤrkheim keinen Menſchen, der den Streit einen Zoll weiter fuͤhren moͤchte, und nicht im Herzen zufrieden waͤre.⸗ hte, 23 „»Nein, das waͤre auch unvernuͤnftig und un⸗ chriſtliche, hub der Schmid aus der Schaar der Zuhoͤrer abermals an.»Wir muͤſſen den Benedic⸗ tinern das Beiſpiel der Maͤßigung geben, Nach⸗ baren, und daher ſtimme ich, obſchon nicht mehr als ein armer Handwerker, der ſein Brot durch harte Schlaͤge auf den Amboß verdient, von Her⸗ zen mit dem hoͤchſt ehrenwerthen Heinrich uͤberein, und ſpreche: In Gottes Namen! Laßt uns maͤßig in unſeren Forderungen, und zufrieden mit ſo wenig als immer ſein, um dieſen Zwieſpalt zu Ende zu bringen.« Der Prior hoͤrte, wie gewoͤhnlich, mit Geduld zu, aber eine hectiſche Roͤthe uͤberzog fuͤr einen Au⸗ genblick ſein Antlitz. Sie verſchwand jedoch bald wieder, und ſein wohlwollendes blaues Auge ſtrahlte wieder aus einem Geſichte, das durch das einge⸗ ſchloſſene Kloſterleben laͤngſt jeder Farbe entkleidet war.»Ihr wiſſet, Buͤrger von Duͤrkheim«, ant⸗ wortete er,»daß Ihr, indem Ihr die Altaͤre von Limburg umſtuͤrztet, einer doppelten Macht Trotz botet; erſtens der Kirche, ſo wie ſie nun einmal auf Erden beſteht, und zweitens Gott ſelbſt. Meinem Auftrag zufolge, habe ich jetzt von jener zu ſprechen. Unſer Vater in Worms iſt ſehr entruͤſtet, und hat 3 nicht verfehlt, ſchnell und geradezu an unſeren Va⸗ ter in Rom zu berichten. Ueberdieß ſind Boten an den Kurfuͤrſten und an den Kaiſer, ſo wie nicht minder an verſchiedene geiſtliche Fuͤrſten, die am Rheine herrſchen, abgeſendet worden. Dies iſt ein maͤchtiges Buͤndniß fuͤr einen Berggrafen und eine Stadt, deren Umfang in ſo kurzer Zeit durch Schritte ummeſſen werden kann. Insbeſondere aber mache ich auf die Uebel aufmerkſam, welche das gerechte Mißfallen des Oberhauptes der Kirche nach ſich zie⸗ hen kann.⸗ „Und ſollte man unſere juͤngſte That mit Strenge beurtheilen, was wuͤrden dann die Folgen ſein, hoch⸗ wuͤrdigſter Prior?« „Ausſchließung von der Heerde, und Preisge⸗ bung Eurer ſelbſt an Eure verſtockten und unbuß⸗ fertigen Herzen. Mit einem Worte, Excommuni⸗ cation!« „Ei!— das waͤre der beſte Weg, um die An⸗ haͤnger Luthers zu vermehren! Du weißt, hoch⸗ wuͤrdiger Arnulph, daß die Menſchen immer mehr und mehr in dieſe Streitfragen einzublicken an⸗ fangen.« „Wollte Gott, ſie thaͤten es mit mehr Demuth und Kenntniß! Wenn Ihr die Bannſtrahlen wie 25 den Segen deſſen, dem auf Erden die Macht zu bin⸗ den und zu loͤſen gegeben ward, gering ſchaͤtzet, ſo koͤnnen meine Worte deren Wirkung nicht vermeh⸗ ren; allein diejenigen unter Euch, welche nicht, wie Euer Buͤrgermeiſter, auf dieſes Aeußerſte gefaßt ſind, duͤrften es wohl fuͤr klug halten, zu zaudern, ehe ſie Gefahr laufen wollen, unter einer ſolchen Wucht goͤttlichen Mißfallens zu leben.“ Die Buͤrger ſahen ſich gegenſeitig voll Zweifel an, denn keiner von ihnen war vorbereitet, den Widerſtand ſo weit zu treiben. Einige zitterten in⸗ nerlich, denn Gewohnheit und Ueberlieferung waren ſtaͤrker, als die neueren Meinungen; die Schlaueren erwogen mehr die weltlichen als die kirchlichen Fol⸗ gen, waͤhrend Andere auf die Moͤglichkeit ſannen, den Kirchenbann in ſo guter Geſellſchaft zu erdulden. Es giebt Tauſende, welche, wenn ſie in Schaaren ſind, derſelben Gefahr trotzen, vor welcher ſie, ein⸗ zeln, zuruͤckſchaudern; und vielleicht geht der Soldat dem Kugelhagel eben ſo ſehr aus geſellſchaftlichem Vereinigungs⸗Mitgefuͤhl entgegen, als weil er Schande fuͤrchtet, und auf Ruhm hofft. In aͤhn⸗ licher Lage befanden ſich die Rathsherren von Duͤrk⸗ heim, und jeder fuͤhlte Muth oder Zweifel, je nach⸗ dem er dies in den Augen ſeines Nachbars las. „Habt Ihr einen Vorſchlag zu machen, der ſich nicht ſo ſehr auf die Religion bezieht?« fragte Hein⸗ rich, welcher bemerkte, daß ſeine ſtaͤdtiſchen Bundes⸗ genoſſen, in ſofern die Moral dabei im Spiele war, zu wanken begannen,»denn hierauf verſtehen wir uns beſſer, als auf Eure ſpitzfindigen Glaubens⸗ lehren.⸗ „Ich bin beauftragt, zu erklaͤren, daß die geiſt⸗ liche Bruͤderſchaft von Limburg, ſo wie es ihrem frommen Berufe ziemt, geneigt iſt, in ſoweit es die Pflicht erlaubt, zu verzeihen und zu vergeſſen, unter auseinander zu ſetzenden Bedingungen.⸗ »Ah! das iſt chriſtlich, und ganz unſeren eige⸗ nen Geſinnungen angemeſſen. Was uns betrifft, hochwuͤrdiger Prior, ſo wuͤnſchen wir Alle das Ver⸗ gangene zu vergeſſen, und einer freundlichen und heiteren Zukunft entgegen zu ſchauen;— erklaͤre ich die Anſicht der Stadt richtig, Nachbaren?« „Buchſtaͤblich! Kein Gelehrter koͤnnte es beſſer. 55 Ja, wir denken wie die Benedictiner; es iſt weiſe, in Frieden zu leben, zu verzeihen und zu vergeſſen«, antworteten bereitwillig alle Anweſenden. »Du hoͤreſt, Vater«, eine beſſere Stimmung konnte ſich nie ein Abgeſandter oder Bevollmaͤchtig⸗ ter wuͤnſchen! Beim Himmel! darin ſtimmen wir 27 Alle uͤberein, und der Mann ſoll gefunden werden, der in Duͤrkheim in Sicherheit waͤre, wenn er von etwas Anderm ſpraͤche als vom Frieden!« „Es iſt zu beklagen, daß dieſe Geſinnung nicht ſtets die Eurige war; indeſſen ich bin nicht hier, um Vorwuͤrfe zu machen, ſondern um Euch zum Ge⸗ fuͤhl der Pflicht zuruͤck zu rufen, nicht um heraus⸗ zufordern, ſondern um zu uͤberreden, nicht um ein⸗ zuſchuͤchtern, ſondern um zu uͤberzeugen. Hier ſind die ſchriftlichen Vorſchlaͤge der hochwuͤrdigen Kirchen⸗ fuͤrſten, die mich zum Vermittler auserſehen haben. Ich raͤume Euch Zeit zur geheimen Berathſchla⸗ gung ein. Wenn Ihr die Antraͤge wohl uͤberlegt habt, ſo werde ich in Friede und Freundſchaft wie⸗ der unter Euch erſcheinen.« Die ſchriftlichen Vorſchlaͤge wurden in Empfang genommen, und die ganze Verſammlung erhob ſich, um dem Prior ihre Hochachtung zu bezeigen. Als er den Saal verließ, erbat er ſich von mehreren Buͤrgern, namentlich auch von Heinrich Frey, die Erlaubniß, ihre Familien chriſtlichen Troſtes wegen beſuchen zu duͤrfen. Ohne Anſtand und mit Freu⸗ den erhielt er dieſe Erlaubniß, denn man mag von den Irrthuͤmern der oͤffentlichen Meinung was im⸗ mer ſagen oder denken, ſo vermag man, wenn man 28 ——— Recht hat, ihr doch immer die gehoͤrige Richtung zu geben. Die Ehrfurcht, in welcher Arnulph bei dem Volke, ohne daß es unterſuchte, warum? ſtand, zeigte ſich nie mehr, als bei dieſem Anlaſſe, wo ſelbſt Diejenigen, welche erſt kuͤrzlich das Kloſter eingeaͤſchert hatten, ihm unverweilt ihre Thore oͤff⸗ neten; obſchon es wohlbekannt war, daß die Poli⸗ tik der Stadt unter jenem Geſchlechte, welches zu⸗ weilen eben ſo zaudert, zu Gewaltthat und Wider⸗ ſtand zu reizen, als es zu andern Zeiten unuͤberlegt und vorſchnell handelt, manche geheime Feinde und bittere Beurtheiler habe. Drei und zwanzigſtes Capitel. Das Sendſchreiben der Moͤnche war in latei⸗ niſcher Sprache abgefaßt. Zu jener Zeit wußten außer den Gelehrten nur ſehr wenige Perſonen zu ſchreiben, und die Edlen und Staͤdte mußten daher einen Studirten halten, um das zu verrichten, was jetzt zu den alltaͤglichſten Gegenſtaͤnden des geſell⸗ ſchaftlichen Verkehrs gehoͤrt. Der gelehrte Agent von Duͤrkheim war fuͤr die Kirche erzogen worden, und! Unres halb lagen gang entſte dern die d ſich gewoͤ aufg welch Ludr der verb niſſe daß chen ſten er Loo⸗ fuͤr unt aus Gei atei⸗ ßten n zu aher was eſell⸗ gent den, 7³ 29] L und hatte bereits die Tonſur erhalten; allein einige Unregelmaͤßigkeiten, die, wie es ſcheint, nicht inner⸗ halb des Bereiches der Vorrechte der Geiſtlichkeit lagen, oder welche er mit ſo wenig Vorſicht be⸗ gangen hatte, daß daraus ein oͤffentliches Aergerniß entſtanden war, hatten ihn gezwungen, einen an⸗ dern Beruf zu waͤhlen. Wie es jenen Menſchen, die viel Zeit und Muͤhe aufgewendet haben, um ſich fuͤr einen gewiſſen Stand geſchickt zu machen, gewoͤhnlich geht, wenn ſie unvermuthet denſelben aufgeben muͤſſen, ſo hatte auch dieſes Individuum, welches Ludwig hieß, und gewoͤhnlich ironiſch Vater Ludwig genannt wurde, nie den Schaden, den ihm der erſte falſche Schritt gebracht hatte, gaͤnzlich zu verbeſſern gewußt. Zwar verſchafften ihm ſeine Kennt⸗ niſſe ein gewiſſes Anſehen; da man aber wußte, daß er etwas locker lebe, und in dieſer Zeit der Kir⸗ chenſpaltung ein kuͤhner Bezweifler der weſentlich⸗ ſten Lehren der katholiſchen Kirche waͤre, ſo genoß er keines guten Rufes, wie dies das gewoͤhnliche Loos aller Renegaten iſt, ſie moͤgen aus was immer fuͤr Gruͤnden gehandelt haben. Da er jedoch fuͤr unterrichtet galt, ſo legte man ſeiner Ausſcheidung aus dem Schooße der aufrichtigen Glaͤubigen großes Gewicht bei; denn Viele glaubten, daß den Ein⸗ geweihten ein Urtheil zuſtehe, welches diejenigen nicht faͤllen oͤnnen, welche bloß im Außenhofe an⸗ beten duͤrfen. Man trifft taͤglich auf Beweiſe die⸗ ſer Schwachheit in Bezug ſelbſt auf die zeitlichen Intereſſen dieſes Lebens, und findet, daß die An⸗ ſichten Anderer um ſo hoͤher geſchaͤtzt werden, je mehr man glaubt, daß ihnen geheime Wege, zu den⸗ ſelben zu gelangen, offen geſtanden haͤtten, obſchon die meiſten Menſchen ſelten etwas verheimlichen, das ſie wiſſen, und nur ſehr Wenige geneigt ſind, ihr Licht nicht leuchten zu laſſen. Waͤhrend Ludwig die unverſtaͤndlichen Phraſen des Sendſchreibens der Moͤnche vorlas, verfehlte er nicht, auf jedes Wort den gehoͤrigen Nachdruck zu legen. Seine Zuhoͤrer hoͤrten um ſo aufmerkſamer zu, je weniger ſie auch nur eine Sylbe von dem Vorgeleſenen verſtanden; wirklich ſcheint die Auf⸗ merkſamkeit im umgekehrten Verhaͤltniſſe zur Faͤ⸗ higkeit des Begreifens zu ſtehen. Vielleicht ſchmei⸗ chelten ſich auch einige der Vornehmern, in Betreff ihrer Kenntniſſe die Geringeren zu taͤuſchen; was nicht verfehlen konnte, ihr Anſehen zu vermehren, wie es in der That keinen beſſern Beweis von der angeborenen Erhabenheit unſeres geiſtigen Weſens giebt, als die allgemeine Hochachtung, welche hoͤhe⸗ mu von mei und diſe mer von zige ann das wig glu den ſie und St hoͤr ant beit ſch 31 ren Kenntniſſen gezollt wird. Wir haben jene Ver⸗ muthung in Betreff der obrigkeitlichen Perſonen von Duͤrkheim gewagt, weil ſie auf einem allge⸗ meinen Princip der menſchlichen Ehrſucht beruht; und weil wir uns ſelbſt erinnern, in einer hollaͤn⸗ diſchen Kirche einer Predigt mit der groͤßten Auf⸗ merkſamkeit zugehoͤrt zu haben, von welcher wir vom Schrifttext bis zum Segen auch nicht ein ein⸗ ziges Wort verſtanden. »Sehr gelehrte, und ohne Zweifel auch ſehr anmuthige Worte!« rief Heinrich aus, nachdem das Schreiben bis zu Ende geleſen war, und Lud⸗ wig ſich zur Ueberſetzung anſchickte.—»Es iſt ein gluͤcklicher Streit, Nachbaren, bei welchem zwiſchen den Parteien eine ſolche Sprache gefuͤhrt wird; denn ſie beweiſ't, daß chriſtliche Milde ſtaͤrker iſt als Zorn, und daß man die Vernunft nicht vergißt, weil einige Streiche gefallen ſind.« »Nie habe ich wackerere Worte, oder ſolche ge⸗ hoͤrt, die beſſer niedergeſchrieben geweſen waͤren«, antwortete ein Buͤrger. „»Potztauſend«, murmelte der Schmid,»es war beinahe eine Suͤnde, Leute zu vertreiben, die ſo zu ſchreiben verſtehen!« 4 Beifallsgemurmel durchlief die Verſammlung, 8 und es befand ſich in derſelben, mit Ausnahme eines gaffenden Bloͤdſinnigen, der ſich in den Saal geſtohlen hatte, Niemand, welcher nicht mehr oder minder Vergnuͤgen aus der Vorleſung geſchoͤpft haͤtte. Selbſt der arme Bloͤdſinnige nahm, da er eine ſo allgemeine Zufriedenheit in Aller Mienen und Geberden bemerkte, kraft der Wirkung der Sympathie daran Antheil. Ludwig begann nun, das Schreiben in das kraͤf⸗ tige, rauhe Deutſch der Pfalz zu uͤberſetzen. Die wundervolle Biegſamkeit der Sprache geſtattete ihm, die allgemeinen und umfaſſenden Ausdruͤcke des La⸗ teins mit einer Genauigkeit wieder zu geben, die jeden Zweifel an ein Mißverſtaͤndniß verſcheuchte. Was die Moͤnche eigentlich wollten, und viel⸗ leicht noch mehr, wurde von ihm umſtaͤndlich, mit boshafter Freude, und ſo verdeutſcht, daß der Sinn jedes Ausdrucks unverſchleiert am Tage lag. Wir beabſichtigen nicht, die vorwurfsreiche Epi⸗ ſtel zu uͤberſetzen, ſondern begnuͤgen uns mit einer kurzen Auseinanderſetzung ihres Inhaltes. Das Schreiben begann mit einem Gruße, demjenigen nicht unaͤhnlich, welchen im Anfange der chriſtlichen Zeitrechnung die Apoſtel den Kirchen des Orientes zu entvieten pflegten. Dann kam eine kurze, aber der gei 33 ſcharfe Auseinanderſetzung der Hängſten reigniſſe, welche ſo beurtheilt wurden, wie es der Leſer leicht denken kann; die Moͤnche beriefen ſich darin auf die geiſtlichen und weltlichen Fuͤrſten, welche ihnen Un⸗ terſtuͤtzung zugeſichert hatten, und das Schreiben ſchloß, und zwar unter Androhnng aller irdiſchen und kirchlichen Strafen, mit dem Begehren einer unermeßlichen Summe Goldes, als Erſatz fuͤr den zugefuͤgten Schaden,— einer voͤlligen und gaͤnz⸗ lichen Unterwerfung der Stadt unter die Juris⸗ diction des Kloſters, ſelbſt mehr noch, als dies zu⸗ vor gefordert worden war,— einer allgemeinen und oͤffentlichen Anerkennung des begangenen Fre⸗ vels, nebſt verſchiedenen Kirchenbußen und Wall⸗ fahrten, die von den im Schreiben namhaft ge⸗ machten obrigkeitlichen Perſonen vollbracht werden muͤßten,— und der Auslieferung Heinrich Frey's, nebſt eilf andern der erſten Einwohner der Stadt als Geißeln in die Haͤnde des Abtes, bis alle dieſe Bedingungen vollkommen und genuͤgend erfuͤllt ſein wuͤrden. „»„W— i— el« rief Heinrich aus, nachdem Lud⸗ wig mit der groͤßten Weitſchweifigkeit, welche die Geduld des Buͤrgermeiſters gaͤnzlich erſchoͤpft hatte, zu Ende gekommen war.»Himmel, das waͤre ein Heidenmauer. III. 3 Sieg, der uns Habe, Ruf, Freiheit, Gewiſſen und Ruhe koſten wuͤrde! Sind die Moͤnche wahnſinnig, Meiſter Ludwig, oder treibſt Du mit u ſerer Leicht⸗ glaͤubigkeit Spott?— Sprechen ſie wirklich von Geißeen und von Gold?⸗ „Ganz zuverlaͤſſig, geſtrenger Herr, und in vol⸗ lem Ernſte, wie es ſcheint.“ »Willſt Du die Stelle, welche auf die Geißeln Bezug hat, noch einmahl, und zwar in lateiniſcher Sprache leſen? Vielleicht haſt Du irgend ein Fuͤr⸗ wort oder Verbindungswort, wie Du dieſe wichtigen Theile der Sprache nennſt, uͤberſehen.⸗ „Ja, es iſt gerathen, das Schreiben nach dem Lateiniſchen zu beurtheilen«, rief der Schmid,»man lernt die Guͤte eines Metalls nicht eher kennen, als bis man es haͤmmert.« Ludwig las nun zum zweiten Male Auszuͤge aus dem Original. Aus Schelmerei jedoch, wie er ſie ſich oft erlaubte, um ſich fuͤr die Unwuͤrdigkeiten, die er von den Unwiſſenden erdulden mußte, zu raͤ⸗ chen, und welche, wenn er gelegentlich mit ſeines Gleichen zuſammen kam, Stoff zur Erluſtigung ga⸗ ben, las er die Stelle des Grußes, die wie gewoͤhn⸗ lich mit prieſterlichen Segnungen durchſpickt war, mit beſonderem Nachdrucke ſtatt derjenigen vor, in wel⸗ 35⁵ cher die ſchnelle Auslieferung Heinrich Frey's und ſeiner Duͤrkheimer in die Haͤnde der Prieſter ver⸗ langt wurde. „»Gott brwahre!« rief der Buͤrgermeiſter aus, indem er, ſo oft Ludwig von der Schrift auf ihn ſah, das Bein wechſelte:»Ich habe andere Dinge zu thun, als in einer Moͤnchszelle zu ſitzen, und es wuͤrde ſchlimm um Duͤrkheim ſtehen, wenn die Stadt einer ſo großen Anzahl ihrer kundigen und erfahrenen Maͤnner beraubt wuͤrde. Ich bitte Dich, Meiſter Ludwig, laß uns die mildere Sprache der Benedictiner hoͤren, denn mir ſcheint, daß in den Segnungen, die ſie austheilen, Worte des Friedens zu finden ſind. Der liſtige Schelm las nun aus dem Schreiben die ſtaͤrkſten Drohungen, und jene Stelle vor, in welcher die Auslieferung der Geißeln mit Beſtimmt⸗ heit verlangt wurde. »Burſche!« rief der Buͤrgermeiſter,„Du haſt zuvor nicht mit Treue vorgeleſen. Ihr hoͤret, Nach⸗ baren, daß ich bei dieſen Segnungen namentlich ge⸗ nannt bin; denn Ihr muͤſſet wiſſen, wuͤrdige Buͤr⸗ ger, daß Henricus Heinrich bedeutet, und Frey, wohl ausgeſprochen, iſt ſo ziemlich in allen Spra⸗ chen gleich. Dies weiß ich aus langer Vertrautheit 3* 3 mit dieſen gelehrten Urkunden. Ich danke den hoch⸗ wuͤrdigen Benedictinern fuͤr ihre Segnungen und guten Wuͤnſche, wenn gleich die Stelle, worin ſie die Geißeln verlangen, nicht ſehr geziemend iſt.⸗ „Ich wußte ja«, murmelte der Schmid,„daß Meiſter Heinrich beſondere Gunſt widerfahren wuͤrde. Dies iſt die Folge, wenn man in ſeiner Vaterſtadt geehrt wird, und einen Namen hat!« »Das ſind Trompetenſtoͤße!« rief der Buͤrger⸗ meiſter. Sollten die ſchlauen Moͤnche es gewagt haben, mit uns ihr Spiel zu treiben, indem ſie ihren Wuͤrdigſten herſandten, um uns durch ſchoͤne Worte hinzuhalten, waͤhrend ſie uns bewaffnet uͤberfallen?« Dieſe Moͤglichkeit war den meiſten Rathsmit⸗ gliedern unangenehm, und Niemandem mehr, als dem alten Wolfgang, der doch ſeinen Jahren zu⸗ folge ſeine perſoͤnliche Sicherheit haͤtte weniger hoch anſchlagen ſollen, als die Uebrigen. Viele verließen den Saal, waͤhrend diejenigen, welche blieben, mehr durch ihre Beſorgniſſe, als durch ihre Standhaftig⸗ keit zuruͤckgehalten wurden. Heinrich, deſſen Cha⸗ rakter von Natur aus feſt war, ſchien am wenigſten beunruhigt zu ſein, obſchon auch er von Fenſter zu Fenſter wie ein Mann ſchritt, dem nicht ganz wohl zu Muthe iſt. »Wenn dieſe geiſtlichen Schurken eine ſolche Verraͤtherei gewagt haben, ſo moͤgen ſich ſich vor⸗ ſehen— wir ſind keine Maͤnner, um uns ſo leicht von Kuttentraͤgern uͤberliſten zu laſſen!« »Geſtrenger und weiſer Heinrich«, ſagte der verſchmitzte Ludwig,»vielleicht haben ſie den Trompeter abgeſendet, um die Geißeln in Empfang zu nehmen.⸗ »Die heiligen drei Koͤnige moͤgen ſie und ihren unverſchaͤmten Trompeter verfluchen!— Was giebt es, Burſche,— wer verurſacht dieſen Laͤr⸗ men am Thore?« »Der edle Graf von Hartenburg, geſtrenger Buͤrgermeiſter, iſt an der Thalſeite der Stadt mit einer Schaar auserleſener Reiter erſchienen«, mel⸗ dete der athemloſe Bote.»Er iſt uͤber die Verzoͤ⸗ gerung ergrimmt; doch da der Befehl, das Thor verſchloſſen zu halten, zu ſtrenge und beſtimmt lautete, ſo hat der Befehlshaber der Wache nicht gewagt, ohne Erlaubniß zu oͤffnen.« „»Sage dem wackeren und getreuen Buͤrger, er moͤge, in des Himmels Namen, ohne Verzug oͤff⸗ nen! Wir haͤtten auf die Moͤglichkeit dieſes Be⸗ ſuches denken, und Sorge tragen ſollen, daß un⸗ ſerem fuͤrſtlichen Freunde keine Urſache des Mis⸗ 38 fallens gegeben werde. Davon jedoch abgeſehen, haben wir Urſache uns zu freuen, daß unſere Leute ſo treu ſind, und ihre Dienſtpflicht auch gegen ſo hohe Perſonen erfuͤllen. Ich buͤrge Euch dafuͤr, Nachbaren, daß es dem Kaiſer Karl ſelbſt nicht beſſer ergangen ſein wuͤrde.« Heinrich wurde in dem prahleriſchen Ruͤhmen der Wachſamkeit ſeiner Buͤrger durch Roßgetrappe auf dem Pflaſter unter dem Fenſter unterbrochen. Er trat zu demſelben, und ſah, wie Graf Emich und ſein Gefolge vom Pferde ſtiegen. „Kommt!“« rief der Buͤrgermeiſter aus,— laßt uns dem Herrn Grafen unſere Ehrfurcht be⸗ weiſen.« Die Rathsherrn erwarteten in tiefſter Stille die Ankunft des Beſuches. Emich trat mit dem feſten Schritte einer am Range hoͤheren Perſon, und mit finſterem Antlitze ein. Er dankte dem Gruße der Rathsverſammlung durch eine Vernei⸗ gung, gebot ſeinem bewaffneten Gefolge durch ein Zeichen, am Thore zu harren, und ſchritt auf den Sitz zu, den Heinrich erſt kuͤrzlich verlaſſen hatte, und der in der That der Thron von Duͤrkheim war. Er ſetzte ſich in den Armſtuhl mit der Miene eines Mannes, der gewohnt iſt, denſelben 39 auszufuͤllen, verneigte ſich abermals, und machte eine Geberde mit der Hand, welche die Buͤrger als das Zeichen, daß ſie ſich niederlaſſen ſollten, annah⸗ men. Mit beklommenem Herzen gehorchten die Rathsherren dem Geheiße, und empfingen dieſelbe Erlaubniß, die ſie kurz zuvor einem Andern als eine Hoͤflichkeit aufgenoͤthigt hatten, jetzt als eine Gnade. Heinrich war uͤberraſcht, allein gewohnt, ſeinem edlen Freunde hoͤchſt ehrfurchtsvoll zu begegnen, erwiederte er die Verneigung und das Laͤcheln,— denn vorzuͤglich er wurde durch ein Laͤcheln be⸗ gluͤckt,— und nahm den zweiten Platz ein. „Es war nicht wohlgethan, meine wuͤrdigen Duͤrkheimer, daß Ihr Eure Thore gegen mich ſo unhoͤflicher Weiſe verſperrt habt«, hub der Graf an;„es giebt Rechte und Ehren, die zu allen Zei⸗ ten beachtet werden muͤſſen, und ich wundere mich, daß ein Graf von Leiningen dies den Duͤrkheimern erſt lehren muß. Mein Gefolge und ich, wir wurden vor Euren Thoren gleichſam gepruͤft, als waͤren wir wandernde Zigeuner, oder als gehoͤrten wir zu jenen Freiſchaaren, die ihre Hakenbuͤchſen und Lanzen dem Meiſtbietenden verkaufen.« »Daß ein geringer Aufenthalt vorfiel, Herr Graf«— erwiederte Heinrich— „Ein geringer, Buͤrgermeiſter! nennſt Du das einen geringen Aufenthalt, wenn ein Graf von rie Leiningen, unter Staub und Hitze, verſchmachtend ein vor Durſt, vor Euren Thoren warten muß? Herr ne Heinrich, Du kennſt das Feuer unſerer Roſſe nicht, gr wenn Ou glaubſt, daß ſie ſolche ploͤtzliche Rucke am Zuͤgel vertragen koͤnnen. Wir ſind, Roß und Reiter, ei von hohem Muth, und frei muß die Bahn ſein, ſc wenn wir einmal die Sporen gegeben haben.« J „Es war unſer innigſter Wunſch, hochgeborener ſe Emich, Euch Ehre zu erweiſen, und die Thore ſo S ſchnell als moͤglich zu oͤffnen; zu dieſem Ende hat⸗ n ten wir die noͤthigen Befehle ertheilt, als wir ploͤtz⸗ 4 lich mit Eurer gnaͤdigen Ankunft beehrt wurden. z Wir zweifeln nicht, daß ſich der Anfuͤhrer der 1 Wache eines Beſſeren beſonnen, und das aus freiem Antriebe gethan haben wuͤrde, was er doch ſogleich auf unſern Befehl haͤtte thun muͤſſen.« „Beim lebendigen Gott! das daͤrfte ſich nicht 1 als wahr erweiſen«, erwiederte Emich lachend. d war ſtaͤrker als Eure Riegeln, aus Verſehen dieſelbe Unbequem⸗ ,ſo haben wir Mittel ſaͤnde in die Stadt zu „Unſere Ungedul und damit uns lichkeit nie wieder begegne gefunden, ohne weitere Um gelangen.“ iicht end. zeln, iem⸗ tittel öt zu 41 Die Buͤrger waren eben ſo beſtuͤrzt, als Hein⸗ rich im hohen Grade uͤberraſcht. Der Graf ſah ein, daß er fuͤr den Augenblick genug geſagt habe, nahm eine freundlichere Miene an, und fuhr mit groͤßerer Herablaſſung fort: „Wohlan, meine wackeren Buͤrger, dies war eine gluͤckliche Woche, denn ſie hat alle unſere Wuͤn⸗ ſche verwirklicht. Die Benedictiner ſind verjagt, das Jaͤgerthal ſteht friedlich unter der Botmaͤßigkeit ſeines rechtmaͤßigen Herrn, und doch geht die Sonne auf und unter, laͤchelt der Himmel ſo milde, iſt der Regen ſo erfriſchend, ſind alle unſere Hoffnungen ſo gerecht, als je zuvor! Es geſchah zu ihren Gunſten kein Wunder, Herr Heinrich, und wir koͤnnen in Frieden ſchlafen.⸗ „Das haͤngt von dem Willen Anderer ab, Herr Graf, als von dem unſrigen. Es ſind Geruͤchte im Umlauf, nichts weniger als angenehm zu ver⸗ nehmen, und unſere wackeren Buͤrger ſind in Sor⸗ gen, daß ſie, nachdem ſie vornehmeren Maͤnnern gute Dienſte erwieſen haben, dennoch die ganze Laſt des erfochtenen Sieges tragen ſollen.« „Gieb Dich zufrieden, wuͤrdiger Buͤrgermeiſter, ich habe meine Hand nicht in die Flammen der Kirche geſteckt, ohne vorher geſorgt zu haben, daß ich ſie mir nicht verbrenne. Du weißt, daß ich Freunde habe, und daß es ſo leicht nicht iſt, einen Grafen von Leiningen in den Bann zu thun.« „Erlauchter Herr, wir zweifeln nicht an Eurer und Eures Hauſes Sicherheit; unſere Beſorgniß betrifft uns ſelbſt.« „»Da brauchſt Du Dich nur auf mich zu ſtuͤtzen, Herr Frey. Wenn Kaiſer und Reich das Band kennen, welches uns vereint, und wenn wir uns gegenſeitig beſſer verſtehen, ſo werden Alle wiſſen, daß eine Unternehmung gegen Duͤrkheim, eine Un⸗ ternehmung gegen mich ſelbſt iſt. Woher dieſe ploͤtzliche Furcht, da doch kuͤrzlich verlautete, daß die Stadt ſtandhaft ſei, und lieber zu Luther uͤber⸗ treten, als wieder beichten wolle?« „»Sapperment! das Herz darf nicht immer nach dem Antlitz beurtheilt werden! Hier ſteht der Schmid, deſſen Geſicht ſelten rein iſt: wer aber ſagen wollte, daß ſein Herz ſo ſchwarz ſei, wie ſein Antlitz, der wuͤrde dem Manne ſehr Unrecht thun!« Bewegung und Gemurmel unter denen, die an der Thuͤre ſtanden, bewieſen ihre Freude uͤber das kuͤhne Bild des Buͤrgermeiſters. „Haſt Du Grund zu dieſer ploͤtzlichen Beſorg⸗ 43 niß?« fragte der Graf, indem er einen gleichguͤlti⸗ gen Blick auf die Handwerker warf. „Um die Wahrheit zu geſtehen, Herr Graf,— Bonifacius hat uns ein Sendſchreiben zuſtellen laſſen, das in ſehr ſchoͤnem Latein und auf eine ſehr gelehrte Weiſe abgefaßt iſt, worin wir Alle mit jedem chriſtlichen Wunſch, von der Peſt bis zur ewigen, unwiderbringlichen Verdammniß be⸗ droht werden!« »Und ein Geſchreibſel von unverſtaͤndlichen Worten kann Dich ſo in Beſtuͤrzung ſetzen, Hein⸗ rich?« „Was verſtaͤndlich ſein ſoll, Herr Graf, weiß ich nicht, wenn es das nicht iſt, daß Heinrich Frey, nebſt eilf unſerer geachtetſten Mitbuͤrger ſich als Geißeln ſtellen ſollen, ohne Zweifel, um fern von ihren Geſchaͤften in Moͤnchszellen zu leben, bei knapper Koſt und harter Zucht, viele Monate lang! Dazu koͤmmt eine Fordernng von Gold, ſammt Wallfahrten, Kirchenbußen und anderen frommen Uebungen.⸗ „Wer hat Euch das Schreiben uͤberbracht?« „Der wuͤrdige Prior, ein Mann von ſolcher Milde, daß ich mich verwundere, wie er ſich zum Ueberbringer einer ſo unwillkommenen und un⸗ * 44 chriſtlichen Botſchaft hergeben konnte. Allein auch die Beſten von uns haben ihre ſchwachen Augen⸗ blicke, denn Niemand iſt beſtaͤndig weiſe und ge⸗ recht.« »Ha! Arnulph auf den Beinen?— Iſt er ſchon wieder fort?« „Er weilt noch in der Stadt, mein hoher Herr, denn bis jetzt haben wir uns noch zu keiner Ant⸗ wort entſchließen koͤnnen.« »Ohne Zweifel iſt es Dir beigefallen, keine Antwort abſenden zu koͤnnen, ohne zuvor meinen Rath eingeholt zu haben, Herr Frey!« ſagte Emich in vorwurfsvollem Ton.»Ich bin zur rechten Zeit angekommen, um dies Geſchaͤft zu Stande zu bringen. Habt Ihr die Forderungen wohl uͤber⸗ legt?« „Allerdings haben wir dies gethan, obſchon bis jetzt Niemand ſeine geheime Meinung ausgeſprochen hat. Was mich betrifft, ſo bin ich gegen jede Stellung von Geißeln, obſchon Niemand bereit⸗ williger ſein kann, auch dieſe Gefahr zu wagen, um der Stadt zu dienen; dies hieße aber, einen Fehler zu offen eingeſtehen, und bekennen, daß wir in unſerer Sache kein rechtes Vertrauen haben.« 45 Dieſe Anſicht, womit ſich Heinrich lange getra⸗ gen hatte, erhielt die Beiſtimmung aller eilf Buͤrger, welche kraft ihres Alters und Ranges zu dieſer ehrenvollen Auszeichnung auserſehen waren. Jeder murmelte ein Paar Worte in Betreff des Rufes, den man bewahren, und des Benehmens, das man befolgen muͤſſe, um Duͤrkheim nicht in der Mei⸗ nung der Menſchen herabzuſetzen. Emich hoͤrte kalt zu, denn ihn kuͤmmerte die Beſtuͤrzung der Buͤrger nur in ſo fern, als Furcht ſie vermoͤgen konnte, ſeine Huͤlfe in Anſpruch zu nehmen. „Du haſt alſo die Bedingungen verweigert?« „Wir haben nichts gethan, Herr Graf, aber wir haben lange und viel uͤberlegt, wie ich ſchon zuvor geſagt habe. Was das Geld und die Gei⸗ ßeln betrifft, ſo iſt wenig Neigung unter uns, eines von beiden zu geben; da wir jedoch nicht wuͤnſchen, die Pfalz in einem bewegten und unſicheren Zu⸗ ſtande zu erhalten, und da wir ruhige Buͤrger ſind, die wir Frieden und Erwerbsmittel brauchen, ſo wuͤrde unſere Antwort nicht ſo kurz ſein, wenn die Sache durch einige Buͤßende und durch Wallfahr⸗ ten abgethan werden koͤnnte. Obſchon wir in vie⸗ len Dingen zur Haͤlfte der Meinung Luthers ſind, ſo halten wir es doch fuͤr gerathen, der Moͤglichkeit 46 der Verdammung durch wunde Fuͤße und einige Streiche zu entgehen, die ſo gegeben werden koͤn⸗ nen, daß ſie wenig Harm thun.« »Bei meinen edlen Ahnen! vortrefflicher Hein⸗ rich, Du haſt meine innerſten Gedanken ausgeſpro⸗ chen: der Prior iſt ein guter und verſtaͤndiger ann, und die ganze Angelegenheit kann bald in das Reine gebracht werden. Wir muͤſſen jedoch alle Dinge wohl erwaͤgen, denn dieſe Moͤnche ſind pfiffige Rechenmeiſter, und haben einſt ſogar den Teufel uͤberliſtet. Fuͤr das Erſte muͤſſen wir ihnen Setwas Gold anbieten.“ „»Nein, Herr Graf, bedenkt die Armuth unſerer Stadt.⸗ „Ruhig, wackerer Heinrich!« fluͤſterte Emich, indem er ſich gegen den Platz neigte, wo der Buͤr⸗ germeiſter und zwei oder drei der vornehmſten Rathsherren ſaßen:—»Wir haben Nachricht von den Hebraͤern zu Koͤln, welche uns melden, daß die Schaͤtze von Limburg wohl dazu verwendet werden koͤnnen, uns etwas Frieden zu erkaufen.— Wir wollen großmuͤthig ſein, wie es unſerem Rufe ge⸗ ziemt«, ſprach er dann wieder laut, und die Moͤn⸗ che nicht nackt in die Welt ſenden, welche ohnehin taͤglich weniger geneigt wird, ſie zu kleiden; wir 47 muͤſſen lieber unſere Geldkiſten etwas leeren, als ſie Noth und Mangel leiden laſſen. Dieſer Punkt iſt daher abgethan. Was die Buͤßenden und Pilger betrifft, ſo mag das Schloß die eine, und die Stadt die andere Haͤlfte ſtellen. Ich kann den Unteran⸗ fuͤhrer meiner Bewaffneten ſenden, der gut zu Fuße iſt,— dann Gottlob, den Kuhhirten, der aus ver⸗ ſchiedenen Urſachen Strafe verdient,— und meh⸗ rere Andere, die ſich ſchon finden werden. Wen habt ihr in Duͤrkheim, um die Zahl voll zu ma⸗ chen?2« »Wir ſind ein geringes Volk, hochgeborner Graf, und ſo wie wir weniger Tugenden haben, als die Vornehmeren, ſo ſind wir auch weniger reich an Laſtern. Wir ſind, wie es dem Mittelſtande ge⸗ ziemt, zufrieden auch ohne irgend ein Uebermaß in hervorragenden Eigenſchaften; dennoch zweifele ich nicht, Nachbaren, daß ſich im Nothfalle unter uns Leute finden moͤchten, welche durch nuͤtzliche Strafe und heilſame Buße nicht ſchlimmer fahren wuͤrden.« Heinrich ſah forſchend um ſich, und jeder Raths⸗ herr that daſſelbe, weil keiner wuͤnſchte, ſelbſt ge⸗ meint geweſen zu ſein. Die Schaar, welche an der Thuͤre ſtand, wich zuruͤck, und die Koͤpfe drehten ſich, und Augen blickten unter den geringeren Buͤr⸗ 48 gern mit demſelben Ausdrucke umher, wie ſo eben unter den vornehmeren. „Es giebt Taugenichtſe, junge leichtſinnige Bur⸗ ſchen, welche die Stadt Tag und Nacht in Unruhe verſetzen, deren Ruͤcken daher vortrefflich fuͤr die Geißel der Kirche paſſen wuͤrde«, ſaete der greiſe und zitternde Wolfgang. »Mit ſolchen Burſchen wuͤrde St. Benedict ſchlecht zufrieden ſein«, antwortete der Buͤrgermei⸗ ſter rauh,»er muß Leute von Vermoͤgen und eini⸗ gem Anſehen haben, oder die ganze Sache iſt noch weit von einem gluͤcklichen Schluſſe en ernt. Was meinſt Du, wackerer und patriotiſcher Schmid? Du haſt einen Koͤrperbau, der etwas vertragen kann, und ein Herz von Eiſen.« »Tauſend ſechs und zwanzig!« erwiederte der Schmid,»Ihr kennt meine Gebrechen ſchlecht, ge⸗ ſtrenge Herren, wenn Ihr mir ſo viel Kraft zu⸗ traut! Ich habe einen ſchweren Athem, der mir nur in der Gluth neben dem Schmiedeofen Ruhe laͤßt, und was mein Herz betrifft, ſo wird es auf einer Reiſe ſo weich wie eine Feder. Weib und Kinder wuͤrden waͤhrend meiner Abweſenheit trau⸗ ern, und uͤberdies bin ich nicht gelehrt genug, um 49 ein Gebet oͤfter als ſechs oder zehnmal des Tages zu wiederholen.“« Dieſe Entſchuldigung ſchien den Rathsherren nicht zu genuͤgen, welche nach jenem Principe der Erpreſſung, das man unter allen Voͤlkern und in allen Gemeinden findet, handelten, und daher die fruͤheren Dienſte des armen Schmid als einen Grund anfuͤhrten, neue von ihm zu fordern. „Nein, fuͤr einen Mann, der ſich den Wuͤnſchen Duͤrkheims ſtets ſo willfaͤhrig gezeigt hat, iſt dies eine ſchlechte Entſchuldigung«, erwiederte Heinrich, und alle uͤbrigen Buͤrger ſtimmten in ſeine Mißbil⸗ ligung ein.»Wir haͤtten von Dir eine andere Ant⸗ wort erwartet.« »Nun wohl, weil es der hochweiſe Rath erwar⸗ tet— allein mein Weib und meine Kinder werden Niemand haben, der fuͤr ſie ſorgt!« „Dieſe Schwierigkeit kann leicht hinweggeraͤumt werden— Du haſt in Deinem Haushalt, wenn ich mich recht erinnere, ſechs— 2« „Zehn, wuͤrdiger Heinrich, kein Maul weniger, und Alle in einem Alter, wo man viel und kraͤftige Nahrung bedarf.« „Da fehlten alſo zu unſerem Dutzend nur noch zwei, edler Emich«, rief der Buͤrgermeiſter,»und Heidenmauer. III. 4 50 Alle von ſchriftmaͤßiger Beſchaffenheit, denn es iſt uns gelehrt worden, daß die Gebete und Opfer der Jugend und Unſchuld dem Himmel am angenehm⸗ ſten ſind. Dank Dir, wackerer Schmid, und mehr als Dank; Du ſollſt andere Zeichen unſerer Gunſt erhalten, als diejenigen ſind, welche die Geißel zu⸗ ruͤcklaͤßt. Die beiden Uebrigen moͤgen aus unnuͤtzen Muͤßiggaͤngern gewaͤhlt werden.⸗ »Unſere Angelegenheiten ſcheinen abgethan zu ſein, wackerer Buͤrgermeiſter«, ſagte der Graf. »Mir laſſet die Frage wegen der Entſchaͤdigung, und Ihr ſorget fuͤr die Buße. Zuruͤck, Ihr dort, die Ihr den Weg verſtellt.«⸗— Das Geheiß wurde eilig erfuͤllt—»Was Unterſtuͤtzung zu Heidelberg und Madrid betrifft«, fuhr der Graf fort,»ſo iſt dafuͤr geſorgt worden; und ſollte die Klage in Rom uͤber die Gebuͤhr betrieben werden, ſo haben wir ſtets Bruder Luther zum Bundesgenoſſen. Es fehlt Bonifacius nicht an Einſicht, und wenn er unſere Huͤlfsmittel und die Zeitverhaͤltniſſe erwaͤgt, ſo bin ich uͤberzeugt, daß er einem Uebel Einhalt zu thun geneigt iſt, bevor es unheilbar wird. Die ſe geſchorenen Leute, Herr Heinrich, haben nicht, wie wir, fuͤr Nachkommen zu ſorgen, denn ſie hinterlaſ⸗ ſen weder Kinder noch einen Namen; und ſo lange 51 wir im Stande ſind ihre gegenwaͤrtigen Wuͤnſche zu erfuͤllen, ſo kann der Frieden als halb abgeſchloſ⸗ ſen gelten. Um die Pfaffen ihrer Schaͤtze zu be⸗ rauben, bedarf man nichts als Kuͤhnheit, ein Be⸗ ſtechungsmittel fuͤr den Augenblick, und einen ſtar⸗ ken Arm.⸗ Die ganze Verſammlung rief dieſer lichtvollen Auseinanderſetzung Beifall zu, und man begann die Einzelnheiten zu eroͤrtern. Emich wurde herablaſſend, und die Buͤrger wie⸗ der dreiſt. Einige lachten ſogar uͤber ihre fruͤheren Beſorgniſſe, und faſt Alle ſahen einer endlichen und gluͤcklichen Loͤſung dieſer lange ſtreitig geweſenen und ernſthaften Sache entgegen. Der Prior, wel⸗ cher mit chriſtlichen Troſtbeſuchen in der Stadt be⸗ ſchaͤftigt war, wurde bald herbei geholt, und der Graf uͤbernahm es, ihm die gemeinſame Antwort mitzutheilen. Die Zuſammenkunft zwiſchen Emich und Va⸗ ter Arnulph war charakteriſtiſch. Sie fand in dem Rathhausſaale, im Beiſein einiger der vornehmſten Buͤrger Statt. Der Graf war anfangs geneigt, ſich ſtolz, gebieteriſch und abſtoßend zu benehmen; allein der Moͤnch blieb demuͤthig, ernſt und ruhig. Die Wirkung dieſer Nachgiebigkeit zeigte ſich bald. 4* * 52 Das Geſpraͤch wurde von Seite Emichs allmaͤhlig arti⸗ ger, denn wenn Emich nicht aufgeregt oder durch Hab⸗ ſucht— das Hauptlaſter jener Zeit— mißleitet war, ſo beſaß er die meiſten guten Eigenſchaften ſeiner Standesgenoſſen. Andrerſeits verlor Arnulph ſeine Pflichten— und chriſtliche Milde hielt er fuͤr deren erſte— nie aus den Augen. »Du biſt der Ueberbringer des Oelzweiges, Prior«, ſagte der Graf, als ſich Beide, nachdem ſie zuvor einige Worte gewechſelt, niedergelaſſen hat⸗ ten;»es iſt Schade, daß nicht Alle, welche die Ka⸗ puze tragen, die freundliche Seite ihres heiligen Be⸗ rufes eben ſo gut begreifen. Dann gaͤbe es weni⸗ ger Zank in der Welt, und diejenigen, welche im Vorhofe des Tempels anbeten, wuͤrden nicht ſo ſehr von Zweifeln, in Betreff derjenigen, welche den Schleier im Heiligthume luͤften, gequaͤlt ſein.⸗ »Ich erwartete nicht, mich mit Dir in eine Er⸗ örterung der Pflichten der Geiſtlichkeit einzulaſſen, als mein Vorgeſetzter mir dieſe Sendung in die Stadt Duͤrkheim auftrug«, erwiederte der Moͤnch milde, und von dem ſchlauen Lob des Grafen we⸗ nig geruͤhrt.»Habe ich denn das Schloß und die Stadt als eins zu betrachten?⸗« „In Herz, Geſinnung und Intereſſe,— und 53 ich darf hinzuſetzen auch in Recht und Herrſchge⸗ walt; denn da der Streit wegen der Abtei beige⸗ legt iſt, ſo tritt die alte, weltliche Ordnung wieder ein.— Spreche ich wahr, ihr Buͤrger?« „»Hem!“ rief Heinrich aus. Die Uebrigen neig⸗ ten ihre Haͤupter, obſchon zweifelnd, und wie Men⸗ ſchen, die durch Ueberraſchung gefangen worden ſind. Emich ſchien jedoch vollkommen befriedigt zu ſein. „Es iſt von geringem Belange, wer hier herrſcht, da das Unrecht, welches Gott und unſerer Bruͤder⸗ ſchaft zugefuͤgt worden iſt, durch diejenigen geſuͤhnt werden muß, welche es begangen haben. Haſt Du das Sendſchreiben wohl gepruͤft, Herr Buͤrgermei⸗ ſter, und biſt Du bereit eine Antwort zu ertheilen?⸗ »Dieſe Pflicht haben wir erfuͤllt, hochwuͤrdiger Arnulph, und Folgendes iſt unſere Antwort. Was das Schreiben betrifft, ſo iſt es unſere ernſte Mei⸗ nung, daß es ſehr ſchoͤn, und in ſehr gelehrtem La⸗ tein abgefaßt iſt, wie es ſich fuͤr eine ſo beruͤhmte Ordensgemeinde geziemte. Wir glauben, daß ihr dies um ſo mehr Ehre macht, da ſie neuerlich eine große Einbuße an Buͤchern erlitten hat, mithin der⸗ jenige, der dies abfaßte, nicht die Huͤlfsmittel, wo⸗ mit ein langer Gebrauch ihn vertraut machte, bei 54 der Hand haben mochte. Was die Gruͤße und Segnungen betrifft, hochwuͤrdiger Prior, ſo ſind wir dafuͤr dankbar, insbeſondere fuͤr das, was dabei auf Deine Rechnung kommt, und ganz beſonders ſalbungsvoll iſt. Was mich ſelbſt betrifft, ſo danke ich fuͤr die Art, wie die Ordensgemeine meinen Na⸗ men unter ihren guten Wuͤnſchen genannt hat; ob⸗ ſchon ich hinzufuͤgen muß, daß derjenige, welcher die Epiſtel ſchrieb, hier inne gehalten haben ſollte, weil dieſe haͤufige Nennung von Privatperſonen bei ſo wichtigen Angelegenheiten nur Neid und andere boͤſe Leidenſchaften erregt. Anbelangend die Wall⸗ fahrten und Bußuͤbungen, die von mir gefordert werden, ſo fuͤhle ich keinen Anlaß dazu, wie dies, wenn es nothwendig waͤre, wohl ſein muͤßte, da die meiſten Menſchen durch ihr eigenes Gewiſſen zu ſolchen Bußhandlungen aufgefordert werden.« „Dieſe Buße wird nicht verlangt, um das Ge⸗ wiſſen irgend einer einzelnen Perſon zu troͤſten, noch als ein Balſam fuͤr die Wunden der Ordensge⸗ meinde, ſondern als ein demuͤthiges, aber nothwen⸗ diges Suͤhnopfer, um Gottes Verzeihung zu erlan⸗ gen. Darum haben wir fuͤr noͤthig erachtet, dazu die Angeſehenſten auszuwaͤhlen, weil vor den Au⸗ gen der Menſchen Buße gethan werden muß. Ich — 3 2 55⁵ bin der Ueberbringer aͤhnlicher Vorſchlaͤge in das Schloß, und habe von hoher kirchlicher Autoritaͤt den Auftrag erhalten, zu verlangen, daß der hochge⸗ borne Graf in eigener Perſon dem Gotte der Chri⸗ ſten dieſe Anerkennung zolle. Das Opfer der Ge⸗ ehrten und Unſchuldigen iſt werthvoller, als das der Niedrigen und Laſterhaften.« „Potz Tauſend!« murmelte Heinrich—»ich ſehe nicht ein, wozu bei ſolchen Lehren und ſolcher Kirchenzucht ein reiner Lebenswandel gut ſein ſoll.« Emich hoͤrte den Vorſchlag ohne Unwillen an. Obſchon kuͤhn, ſtolz und gewaltthaͤtig, war er zu gleicher Zeit eben ſo liſtig und aberglaͤubiſch. Seit langen Jahren wurde ſein ungebildeter Geiſt durch die entgegengeſetzten Leidenſchaften der Habſucht und religioͤſer Furcht gequaͤlt; und jetzt, da jene be⸗ friedigt worden, dachte er ernſtlich daran, ſeine ge⸗ heimen Beſorgniſſe auf irgend eine wirkſame Weiſe zu beſchwichtigen. Bereits hatte er ſchon an ver⸗ ſchiedene Plaͤne von Suͤhnopfern gedacht, weßwegen er, weit entfernt die Erklaͤrung der Benedictiner mit Mißfallen zu hoͤren, vielmehr dieſelbe mit Vergnuͤ⸗ gen vernahm. Es ſchien ihm ein leichtes und wohl⸗ feiles Mittel zu ſein, alle Zweifel zu bannen, denn an die Wiedereinſetzung der Ordensgemeinde in die 56 Abtei Limburg war bei der damaligen Stimmung der Gemuͤther in Deutſchland ohnehin nicht zu den⸗ ken. In dieſem Sinne fiel ſeine Antwort aus. Die Unterhandlungen gingen daher freundſchaftlich vor ſich, und dauerten mehrere Stunden. Da je⸗ doch das Ergebniß derſelben im Laufe der Erzaͤh⸗ lung ſich hinreichend zeigen wird, ſo wollen wir den Ereigniſſen nicht vorgreifen. Vier und zwanzigſtes Capitel. Es iſt nothwendig, nun einige Wochen vorzu⸗ ruͤcken, ſo daß wir dadurch in die Mitte des war⸗ men und fruchtbaren Julimonates gelangen. Der Tage eilte dem Schluſſe zu, und der Ort war ſo be⸗ ſchaffen, wie wir ihn in nachſtehender Beſchreibung zu ſchildern haben. Der Leſer moͤge ſich eine nackte Hochebene den⸗ ken, deren Oberflaͤche hier und da durch Unregelmaͤ⸗ ßigkeiten unterbrochen war. Auf der ganzen kahlen Flaͤche war kein Baum zu ſehen, obſchon einige nie⸗ drige Geſtraͤuche die Anſtrengung der Erde verrie⸗ 57 then, eine magere Vegetation hervorzubringen. Die Luft war rein und duͤnn, und deutete ſammt dem ſanften Blau des Himmels auf eine große Erhoͤ⸗ hung uͤber die dichten und unreinen Daͤmpfe, welche uͤber Gegenden ſchweben, die dem Seeſpiegel naͤher liegen. Hie und da ſah man ferne Gipfel, die ſich in die Atmoſphaͤre erheben und von ewigem Eiſe glaͤnzten. Auf der einen Seite der oͤden Flaͤche dachte ſich das Land ſteil und ploͤtzlich ab, und man erblickte in einer Tiefe von mehr als tauſend Fuß einen langen ſchmalen Waſſerſtreif. Die Ufer die⸗ ſes Sees waren mit unzaͤhligen weißen Haͤuſern, Doͤrfern und Weingaͤrten bekraͤnzt, waͤhrend hie und da eine Stadt mit Mauern und Thuͤrmen draͤute. Allein dieſe Gegenſtaͤnde konnte man von dem Standpunkt, auf welchen wir den Leſer zu ſtel⸗ len wuͤnſchen, kaum erblicken. In der Ferne dehnte ſich das Land wellenfoͤrmig von Norden gegen Oſten aus, und hatte die gewoͤhnlichen Merkmale einer Alpengebirgsgegend, die ſich allmaͤhlig gegen die Ebene abdacht. Verſchoͤnert war die Gegend durch mehrere tiefblaue Flecken, als Abſpiegelung des Himmels in den reinen und ruhigen Gewaͤſſern. Gegen Suͤden und Weſten war die Flaͤche durch eine natuͤrliche Mauer von rieſigen grauen Felſen 58 begrenzt, die ſich zu einem Berge empor thuͤrmten, der in einer ſchwindelnden Hoͤhe in zwei ſpitzige Kegel auslief, die wegen ihrer Geſtalt und wegen anderer Umſtaͤnde, die wir bald erwaͤhnen werden, den Namen der»Biſchofsmuͤtzen« fuͤhrten. Nahe an der Gebirgsmauer, und faſt gerade unter den natuͤrlichen» Biſchofsmuͤtzen« lag ein klei⸗ nes Dorf, deſſen hoͤlzerne Haͤuſer die breiten Daͤcher, die zahlreichen Fenſter und die eigenthuͤmliche Pech⸗ farbe der Schweizer Wohnungen hatten. Das meiſte Land ringsum war eben ſo oͤde, wie das⸗ jenige, welches man meilenweit ſah. Auf einer An⸗ hoͤhe in der Naͤhe des Doͤrfchens und nur durch eine Esplanade davon getrennt, erblickte man jene Maſſe von Daͤchern, Schornſteinen und Thuͤrmen, welche in jener Zeit, ſo wie in dieſer, ein Kloſter andeuten. Die Gebaͤude waren groß, ausgedehnt, ohne viele Ruͤckſicht auf architektoniſche Schoͤnheit und Symetrie erbaut, und trugen mehr das Gepraͤge des Reichthums, als des Geſchmackes. In der Mitte ſtand die Kirche, offenbar von ur⸗ altem und einfachem Urſprunge, obſchon nach der Manier ſpaͤterer Zeitalter ſo verziert, daß jeder ein⸗ ſehen mußte, daß es nicht an Mitteln fehlte, um den Bau prachtvoll zu machen, und daß die Schuld 59 mehr an dem erſten Plane, als an der ſpaͤteren Ge⸗ neigtheit oder Faͤhigkeit, ihn glanzvoll auszuſtatten lag. Dorf, Kloſter und Bergebene lagen in dem be⸗ ruͤhmten Cantone Schwyz, von welchem die hel⸗ denmuͤthige Eidgenoſſenſchaft, welche ſo viel Land zwiſchen den Alpen beſitzt, den Namen fuͤhrt. Das Kloſter hieß Einſiedeln, gehoͤrte den Benedictinern, und war nach Loretto der beruͤhmteſte Gnaden⸗ und Wallfahrtsort. Zeit und Umwaͤlzungen haben dem⸗ ſelben ſogar den erſten Platz eingeraͤumt, denn wir haben vor kurzer Zeit Tauſende zu den Altaͤren des Kloſters ſtroͤmen ſehen, waͤhrend wir in der Santa Caſa, außer den Waͤchtern und einigen neugierigen Ketzern, nur ſehr wenige Glaͤubige trafen. Nachdem wir den Ort beſchrieben haben, wohin der Schauplatz unſerer Erzaͤhlung verlegt wurde, muͤſſen wir nun auch wieder die handelnden Per⸗ ſonen vorfuͤhren. Ungefaͤhr eine Meile von dem Dorfe, auf jener Seite der Bergflaͤche, von wo man den Zuͤrcherſee ſieht, und in der Richtung vom Rheine her kam eine Schaar von Wanderern von jedem Alter und Ge⸗ ſchlecht. Sie gingen zu Fuße und trugen das Ge⸗ wand und die Abzeichen von Pilgern. Die Muͤdig⸗ keit hatte ihren Zug verlaͤngert, ſie ſchritten paar⸗ weiſe, die Ruͤſtigſten voran, die Schwaͤcheren und mehr Angegriffenen hinten.— Zwei Maͤnner fuͤhrten den Zug an. Der Eine trug das Ordensgewand der Benedictiner und, ſo wie die uͤbrigen, die Pilgertaſche und Stab. Sein Gefaͤhrte hatte den gewoͤhnlichen, mit Muſchelſchaa⸗ len verzierten Mantel, und fuͤhrte gleichfalls Taſche und Stab. Die Uebrigen erſchienen in aͤhnlichen Gewaͤnden, nur mit Beruͤckſichtigung des Unter⸗ ſchiedes der Geſchlechter. Sie beſtanden aus zwei Maͤnnern in mittlerem Alter, die hinter den An⸗ fuͤhrern herſchritten, zwei Paaren von beiderlei Ge⸗ 4 ſchlecht, noch jung und ruͤſtig; zwei Frauen in den beſten Jahren, obſchon ermattet und in Trauer, und einem Maͤdchen, das langſamer ging, als man es von ihrer Jugend haͤtte erwarten ſollen. An der Seite des Letzteren befand ſich ein Frauenzimmer, welche ihrer koͤrperlichen Schwaͤche und ihres Alters wegen auf einem Eſel ritt, worauf ſie vergleichungs⸗ weiſe ziemlich gemaͤchlich ſaß, obſchon derſelbe in Folge der Nachſicht des Moͤnches mit den Pilger⸗ taſchen der meiſten Buͤßerinnen belaſtet war. Ganz zuletzt kamen zwei Maͤnner, welche gleichſam die Nachhut des Zuges bildeten. —— —— ——— 61 Die Pilgerſchaar beſtand aus dem Prior und Emich, welche voran ſchritten; aus Heinrich und Dietrich, dem Schmid; aus Giſela und Gottlob; aus einem Juͤngling und einem Maͤdchen von Duͤrkheim; aus Ulrike und Lottchen; aus Meta und Ilſe; endlich aus Latouche und dem Rhodiſer⸗ ritter. Dies waren die Buͤßenden, welche auser⸗ ſehen worden waren, die an Gott und ſeinen Al⸗ taͤren veruͤbten Frevel durch Gebet und Kaſteiung an dem heiligen Gnadenorte von Einſiedeln zu ſuͤh⸗ nen. Was die weltliche Frage dabei betraf, ſo war dieſelbe theilweiſe durch die Intriguen und das Gold des Grafen beigelegt worden. Ueberdies war das Anſehen der Kirche durch die uͤberhand nehmende Ketzerei ſo erſchuͤttert worden, daß der liſtige Boni⸗ facius und ſeine Oberen ſich in die Zeit fuͤgten, und in ihren Forderungen ſehr maͤßig geweſen waren. „»Dem heiligen Benedict ſei gedankt, hochwuͤrdiger Vater!“« ſagte der Graf, als er endlich die laͤngſt erſehnten Daͤcher des Kloſters erblickte.»Wir ha⸗ ben einen weiten und ermuͤdenden Weg zuruͤckge⸗ legt, und dieſe ſchneckenartige Langſamkeit, die wir aus Ruͤckſicht gegen die Schwachen beobachten muß⸗ ten, ſagte der Ungeduld eines Kriegers, der an Roß und Sporn gewoͤhnt iſt, wenig zu. Haſt Du oft dieſen heiligen Ort beſucht, frommer Arnulph?« Der Moͤnch war ſtehen geblieben, und blickte mit Thraͤnen in den Augen und mit religioͤſer In⸗ brunſt auf das ferne Gebaͤude. Dann fiel er auf ſeine Kniee, und betete ſtill; waͤhrend die Andern, an ſolche Ausbruͤche ſeiner Andacht ſchon gewoͤhnt, froh waren, einige Augenblicke ausruhen zu koͤnnen. »Nie habe ich vorher dieſen heiligen Bau ge⸗ ſchaut«, antwortete der Prior, als ſich der Zug wieder langſam in Bewegung ſetzte,» obſchon meine Seele oft ſich nach dieſem Gluͤcke ſehnte.« „Ich glaube, Vater, daß Du zu Buße und Wallfahrt wenig Veranlaſſung haſt, denn Dein Le⸗ ben verfloß nur in Thaten chriſtlicher Liebe und Milde.« „Jeder Tag bringt ſeine Suͤnde, und jeder Tag bedarf ſeine Buße.« »Sehr wahr, aber nicht dieſer beſchwerlichen Zuͤge uͤber ſteinige Gebirgspfade. Einſiedeln muß ein Ort von beſondrer Wunderkraft ſein, weil es die Menſchen aus ſolcher Ferne herzieht, um hier ihre Andacht zu verrichten. Kennſt Du die Ge⸗ ſchichte dieſes Heiligthumes, hochwuͤrdiger Prior?⸗ „Jeder Chriſt ſollte dieſelbe kennen, beſonders * —,— 63 jeder Pilger. Ich glaubte, Du waͤreſt mit jenen großen Ereigniſſen bereits vertraut!« „Bei den heiligen drei Koͤnigen! um offen gegen Dich zu ſein, Vater Arnulph, ſo hat mir die ge⸗ ringe Freundſchaft, welche zwiſchen Limburg und meinem Hauſe herrſchte, einen Widerwillen gegen alle und jede Wunder der Benedictiner eingefloͤßt. Jetzt aber, da wir ſo bald gluͤcklich in Liebe ver⸗ eint ſein werden, wird es mir Freude machen, dieſe Geſchichte zu hoͤren, welche wenigſtens dazu dienen wird, unſere Aufmerkſamkeit von unſeren Fuͤßen abzulenken; denn die meinigen ſehnen ſich, um Dir nichts zu verhehlen, gewaltig nach Ruhe!« »Unſere Wallfahrt naͤhert ſich ihrem Ziele, und da Deine Bitte billig iſt, ſo ſoll ſie erfuͤllt werden. Hoͤre denn, Emich, und moͤge Deine Seele daraus Nutzen ziehen! Waͤhrend der Regierung des er⸗ lauchten und kriegeriſchen Kaiſers Karl des Großen, welcher Gallien, Deutſchland und Italien beherrſchte, lebte ein Juͤngling aus dem alten Geſchlechte der Hohenzollern, deſſen Abkoͤmmlinge noch jetzt ver⸗ ſchiedene Fuͤrſtenthuͤmer und Marken im Reiche be⸗ ſitzen. Dieſer gelehrte und fromme Juͤngling hieß Meinhard. Der Eitelkeit der Welt uͤberdruͤſſig, bezog er eine Einſiedelei in der Naͤhe jenes Sees, uͤber welchen wir bei Rapperswyl fuhren. Allein wegen der zu großen Menge von Frommen und Neugie⸗ rigen, welche ſeine Zelle beſuchten, zog ſich der hei⸗ lige Meinhard, nachdem er ſieben Jahre im Gebete zugebracht, in tiefere Abgeſchiedenheit an einen klaren Brunnen, der noch immer bei jener Kirche fließt. Dort wurde ihm auf Befehl Hildegardens, einer Jungfrau von koͤniglicher Herkunft, und Aeb⸗ tiſſin eines Kloſters in Zuͤrich, eine neue Einſiedelei und eine Capelle gebaut. In ihr lebte und ſtarb Meinhard, der goͤttlichen Gnade voll, und reich ge⸗ ſegnet durch die Fruͤchte ſeiner Froͤmmigkeit.⸗ »Nahm er ein gluͤckliches Ende in dieſer wilden Gegend, Vater?« „Geiſtig konnte ſein Ende nicht gluͤcklicher ſein, irdiſch genommen aber war es hoͤchſt klaͤglich. Er ſtarb unter den Streichen gottloſer Moͤrder, denen er Gaſtfreundſchaft hatte angedeihen laſſen. Die That wurde durch zwei Kraͤhen entdeckt, welche den Moͤrdern nach Zuͤrich nachflogen, wo ſie ergriffen und hingerichtet wurden,— ſo wenigſtens berichtet die Sage. In ſpaͤterer Zeit wurde der fromme Meinhard von dem Papſt Benedict VIII. unter die Zahl der Heiligen verſetzt. Faſt ein halbes Jahr⸗ hundert lang blieb die Einſiedelei Meinhards, ob⸗ 65 ſchon als ein Gebetplatz ſehr beſucht, ohne Bewoh⸗ ner; nach Ablauf dieſer Zeit jedoch ließ Beuvon, ein Domherr aus dem Hauſe von Burgund, wel⸗ ches die Gegend weit und breit beherrſchte, die Ein⸗ ſiedelei und Capelle wieder ausbeſſern, das Bild der heiligen Maria wieder aufſtellen, und widmete ſich ſelbſt dem Einſiedlerleben. Die benachbarten Edlen und Barone begabten den Platz, mehrere fromme Maͤnner vereinigten ſich zum Dienſte vor dem Altar, und bis zu dieſer Stunde heißt das Heiligthum: » Unſere liebe Frau von der Einſiedelei.« Es wuͤrde zu lange dauern, wenn ich alle Wunder erzaͤhlen wollte, welche kraft ihrer Fuͤrbitte an dieſem Orte, ſelbſt in jener Zeit, wo derſelbe noch weniger be⸗ gnadigt war, gewirkt wurden. Der Ruf deſſelben nahm ſo zu, daß von fern und nahe zaͤhlreiche Schaaren herbei ſtroͤnmten, um zu ſehen und zu glauben. Im Verlauf der Zeit wurde ein ordent⸗ liches Kloſter errichtet, und die Kirche, welche Du ſiehſt, und in deren Schiff noch die urſpruͤngliche Zelle, Capelle und das Bild des heiligen Meinhard ſteht, erbaut. Der heilige Eberhard war der erſte Abt.« »Ich glaubte, der Ort beſaͤße noch groͤßere Wun⸗ derkraͤfte!« bemerkte, als der Prior ſchwieg, Emich Heidenmauer. III. 5 66 voll getaͤuſchter Erwartung, denn ein großer Suͤn⸗ der iſt eben ſo wenig mit geringer Gnade zufrieden, als ein großer Zecher kleine Schlucke liebt. »Hoͤre weiter. Als die Gebaͤude vollendet wa⸗ ren, und die Zeit herannahte, um den Platz nach Vorſchrift der Kirchen einzuweihen, wurde Conrad, Biſchof von Conſtanz, eingeladen, dieſes heilige Amt zu verrichten. Hiebei ereignete ſich das groͤßte Wunder. Als Conrad von Conſtanz mit andern frommen Maͤnnern ſich um Mitternacht vor dem zur Einweihung feſtgeſetzte Tage erhob, um zu beten, hoͤrten ſie ploͤtzlich die himmliſche Muſik der Engel. Obſchon im hoͤchſten Grade beſtuͤrzt, ver⸗ nahmen ſie doch deutlich, wie dieſe unſichtbaren Weſen die heilige Weiheformel ſangen, und ſo ein Amt ausuͤbten, das er ſelbſt wenige Stunden ſpaͤter zu uͤbernehmen hatte, und ſich eben darauf vorbe⸗ reiteten. Hocherfreut uͤber dieſes gnadenreiche Wunder, haͤtte ſich Conrad gerne enthalten, einen Dienſt zu verrichten, der bereits verrichtet worden war, wenn nicht die Unwiſſenden denſelben mit Ungeſtuͤm ver⸗ langt haͤtten. Als er ſich endlich anſchickte, ihrem Verlangen zu willfahren, ſo vernahm man aus der Höoͤhe deutlich eine Stimme, die ihn dreimal von dieſem Frevel mit folgenden Worten abmahnte: 67 »Halt ein, Bruder! die Kirche iſt bereits von Gott ſelbſt geweiht worden!« Seit jener Zeit iſt dieſer Gnadenort hochgefeiert, und wird weit und breit verehrt.« Emich kreuzte ſich andaͤchtig, nachdem er mit tiefer Theilnahme und mit unbedingtem Glauben zugehoͤrt hatte, denn in dieſem Augenblicke waren ſeine fruͤheren Eindruͤcke ſtaͤrker als die ſpaͤter ein⸗ geſogenen Begriffe. »Es iſt gut, daß wir hier ſind, Vater«, erwie⸗ derte er ehrerbietig,»ich wuͤnſchte, daß Irmengard mit allen den Meinigen es auch waͤre! Aber wer⸗ den Denjenigen, welche mit zerknirſchtem Gemuͤth, mit Geſchenken und in der Fuͤlle der Macht hieher kommen, nicht beſondere Gnaden gewaͤhrt? Da ich einmal hier bin, ſo wuͤnſchte ich durch die Buß⸗ uͤbungen und den frommen Lebenswandel, den auf dieſen heiligen Ort die Gnade Gottes gehaͤuft hat, gern Nutzen zu ziehen.« Der Prior war betruͤbt, denn obſchon er ſelbſt in Folge der Anſichten ſeines Zeitalters in die Wundererzaͤhlung einen unbedingten Glauben ſetzte, ſo war er doch in den heiligen Lehren der Kirche zu wohl unterrichtet, um nicht die verkehrte Gei⸗ ſtesrichtung ſeines Gefaͤhrten zu bemerken. Er ver⸗ 5*† 68 harrte im Schweigen; wir laſſen die Beiden daher weiter ziehen, und wenden uns zu den anderen Perſonen unſerer Erzaͤhlung. Bevor wir jedoch dies thun, erklaͤren wir, daß wir die Erzaͤhlung der wunderbaren Einweihung der Kirche Unſerer lieben Frau von Einſiedeln berichtet haben, wie wir ſie erfuhren, ohne fuͤr oder gegen ihre Echtheit irgend einen Schluß zu ziehen. Es iſt wohl bekannt, daß der Glaube an die unmittel⸗ bare Einwirkung der goͤttlichen Macht, ſelbſt in je⸗ ner Kirche, die ſich deren am meiſten ruͤhmt, keinen nothwendigen Glaubensartikel bildet; auch darf man nicht vergeſſen, daß gerade jene Secten, welche dieſe ſichtbaren und phyſiſchen Zeichen der Allmacht be⸗ ſtreiten, an eine geiſtige Einwirkung glauben, die nicht minder außerhalb des gewoͤhnlichen Ganges der Natur liegt. In Faͤllen, in welchen ſo feine Unterſchiede gemacht werden koͤnnen, und die Wahr⸗ heit ſo ſchwer zu ermitteln iſt, muͤſſen wir uns an Volksſagen halten, und als ſolche haben wir die Geſchichte von Einſiedeln, ſeiner Abtei und ſeiner heiligen Jungfrau betrachtet. Die Erzaͤhlung des Vaters Arnulph geht noch zu unſern Zeiten dort im Schwange, und wird von Tauſenden geglaubt, die noch jetzt alljaͤhrlich dieſen Gnadenort beſuchen. 8—— 8t — C t, 69 Hinter dem Grafen und dem Prior ſchritten Heinrich und der Schmid. „Ich zweifte nicht, geſtrenger Buͤrgermeiſter—⸗ »Bruder Wallfahrer!« unterbrach Heinrich ihn reumuͤthig. »Ich haͤtte ſagen ſollen, geſtrenger Bruder Wall⸗ fahrer, obſchon mir, Gott weiß es, dieſe Vertrau⸗ lichkeit bald die Kehle zuſchnuͤrt!— ich will nur ſagen, daß, wir moͤgen nun bei Rom feſt halten, oder uns zu Bruder Luther gaͤnzlich bekehren, dieſe Wallfahrt in jeder Ruͤckſicht uns zu Gute gerechnet werden muß; denn ſeht, wuͤrdiger Bruder, ſie iſt auf Unkoſten chriſtlichen Fleiſches und Blutes un⸗ ternommen worden, und muß daher fuͤr verdienſt⸗ lich erachtet werden, ohne irgend eine Ruͤckſicht auf das Aeußere. Ich bin, um die Wahrheit zu geſte⸗ hen, der Meinung, daß ich nicht ſo fußwund ſein koͤnnte, wenn ich auch meinen Hammer ein ganzes Jahr ununterbrochen geſchwungen haͤtte!« »Habe Mitleid mit mir und Dir Schmid, und rede weniger von dieſen geringen Beſchwerlichkeiten. Was der Himmel beſchließt, muß geſchehen, ſonſt wuͤrde es ein Mann von Deinen Verdienſten wei⸗ ter gebracht haben.⸗ 70 »Tauſend Dank, wuͤrdiger Bruder Wallfahrer und Buͤrgermeiſter; ich will mich in das Schickſal fuͤgen, obſchon Leiden der Art Menſchen von gro⸗ ßem Muth und Koͤrperkraft nicht ſehr zuſagen. Ein Schlag auf den Kopf oder die Kugel aus einer Hakenbuͤchſe verurſacht weniger Pein, als geringere Schmerzen, wenn ſie lange dauern. Wenn Alles wohl geordnet waͤre, wuͤrden die Bußen, Wallfahr⸗ ten und anderen Kirchenſtrafen hauptſaͤchlich den Frauen auferlegt werden.« »Wir werden ſehen, wie Bruder Luther dies einrichten wird: da wir uns aber nun einmal zum Wohle Duͤrkheims, um nichts von unſerer Seele zu ſagen, in dieſe Wallfahrt eingelaſſen haben, ſo muͤſſen wir maͤnnlich aushalten, was wir jetzt um ſo leichter thun koͤnnen, da wir das Ende ſchon vor uns erblicken. Um offen zu ſein, Dietrich, muß ich Dir geſtehen, daß ich nie ein Benedictiner⸗ kloſter mit ſolcher Freude erblickt habe, als das⸗am Fuße jenes Berges!« „Freut Euch, hoͤchſt wuͤrdiger und ehrenwerther Bruder Wallfahrer, die Buße nahet ſich ihrem Ende, und wenn viir ſo weit hergekommen ſind, um unſerer eigenen Gemeinde dieſe Ehre zu er⸗ , L⸗ 71 weiſen,— Himmell ſo geſchieht es ja nur, um die Befreiung von einer anderen abzubuͤßen!« „»Freue Dich, fuͤrwahr, Bruder Schmid, denn es handelt ſich nur mehr um einiges Knieen und einige Streiche, die ſich jeder mit der Geißel ſelbſt auf den Ruͤcken giebt, und unſere Ruͤckkehr wird dann wahrſcheinlich erfreulicher ſein, als unſere Herkunft.« Sich dergeſtalt gegenſeitig ermunternd, hum⸗ pelten die beiden Pilger vorwaͤrts, waͤhrend ihr umfangsreicher Bau bei jedem Schritte wankte, zwei uͤberfetten, ſchlechtbehuften Ochſen aͤhnlich. Ihnen folgten Giſela und Gottlob, und der Juͤng⸗ ling und das Maͤdchen aus Duͤrkheim. Das Ge⸗ ſpraͤch zwiſchen dieſen war munter und nichtig, denn koͤrperliche Ermuͤdung hatte auf die froͤhliche Lebendigkeit ihrer Herzen nur wenig Einfluß, be⸗ ſonders da ſie das Ziel ihrer Muͤhen ſo nahe vor ſich ſahen. Anders war es mit dem naͤchſten Paar, mit Ulrike und ihrer Freundin, welche ſchmerzbe⸗ laden dahin wankten. »Gott iſt in dieſen Bergen, wie auf unſeren Ebenen!« ſagte Ulrike, indem ſie ihr Geſpraͤch fort⸗ ſetzte. Jener Tempel iſt ſein Heiligthum, wie es der von Limburg war; und der Menſch handelt 72 eben ſo thoͤricht, wenn er glaubt, er koͤnne ihm auf Erden ausweichen, als wenn er ihn auf ſeinem Himmelsthron ſtuͤrmen wollte! Was er thut, iſt weiſe gethan, und wir muͤſſen uns in Demuth vor ſeinen Beſchluͤſſen beugen.«. Ulrikens Worte athmeten mehr Reſignation als ihr Benehmen, denn dieſes trug das Gepraͤge tiefer Seelentrauer, ihre Stimme bebte, und Thraͤnen ſtanden in ihren Augen. Dennoch ſchimmerte durch ihre tiefe und unverkennbare Trauer ein Strahl der Hoffnung. Allein Zuͤge, Auge, das gan⸗ ze Benehmen ihrer Freundin deuteten auf den tiefſt⸗ ausloͤſchlichen Eindruck unheilbaren Schmerzes. 1 Gott iſt auf dieſen Bergen!« wiederholte Lott⸗ chen, obſchon ſie die Worte kaum zu hoͤren ſchien; »Gott iſt auf dieſen Bergen!« „»Wir naͤheren uns einem hochgefeierten Heilig⸗ thum, theuerſte Freundin; das Weſen, in deſſen Na⸗ men es errichtet worden, wird uns nicht ohne Se⸗ gen von dannen ziehen laſſen.⸗ „»Wir werden geſegnet werden, Ulrike.⸗ „»Du weileſt immer hoffnungslos bei Deinem Verluſte! Ich wollte Du daͤchteſt weniger an die Vergangenheit, und mehr an die Zukunft!« 73 Das Laͤcheln, womit die Wittwe ihre Freundin anblickte, war voll bitteren Grames. „Ich habe keine Zukunft, Ulrike, als im Grabe!« „Theuerſte Freundin!— wir wollten von die⸗ ſem heiligen Tempel ſprechen.⸗ Ruͤhrung erſtickte ihre Stimme. »Sprich, wovon Du willſt, meine Freundin«, antwortete die kinderloſe Witwe mit entſetzlicher Ruhe.»Mir ſind alle Gegenſtaͤnde gleich!« »Lottchen!— Dann gewiß nicht, wenn vom Himmel die Rede iſt!« Die Witwe ſtarrte zur Erde, und Beide ſchritten vorwaͤrts. Ihnen folgte das Thier, worauf Ilſe ritt, und Meta mit unſicheren Schritten. »Ah!— das iſt die Kirche Unſerer lieben Frau von Einſiedeln!« ſagte Ilſe;»eine Kirche von wunderthaͤtiger Kraft! Der Himmel iſt nicht in Kirchen und Capellen, und die von Limburg mag uͤberfluͤſſig bleiben, beſonders da das Leben der Benedictiner weit von Unbeſcholtenheit entfernt war. Faſſe Muth, Meta, und denke nicht an Ermuͤdung, denn Du leideſt jetzt keinen Schmerz, der Dir nicht fruͤher oder ſpaͤter durch Freude, oder ſonſt durch eine koſt⸗ bare Gabe vergolten werden wird. Das iſt die Ge⸗ rechtigkeit des Himmels, und er vergilt Gutes wie Boͤſes. Dieſe Gewißheit troͤſtet die Frommen und giebt den Wankenden Muth.« Sie ſprach zu einer Zuhoͤrerin, die ihre Worte nicht beachtete. In den Zuͤgen Meta's malte ſich, V ſo wie im Antlitze Lottchens, Hoffnungsloſigkeit, wenn auch in minder kenntlichen Zeichen. Das Auge irrte ausdruckslos umher, die Wange war blaß, ihre Lippen zuckten zuweilen und zuweilen wa⸗ ren ſie feſt uͤber einander gepreßt, ihr Tritt war matt, und auf dem ganzen Weſen dieſes jungen und unſchuldigen Geſchoͤpfes ſchien die kalte Hand fruͤhzeitiger und unnatuͤrlicher Verwelkung zu liegen! Sie betrachtete das Kloſter mit gleichguͤltigen Bli⸗ cken, obſchon ſie dort fuͤr ihre koͤrperlichen Schmer⸗ zen Erleichterung zu finden hoffen durfte. Die Berge erhoben in der Naͤhe ihre rauhen Felſenza⸗ cken, oder glaͤnzten in der Ferne wie Alabaſterſaͤu⸗ len, ohne daß dies ihrer Bruſt einen Ausruf der 1 Freude oder Bewunderung entlockte, wie dies ſonſt jungen Leute bei einem ihnen ſo neuen Anblicke widerfaͤhrt; ſelbſt zu dem reinen, unermeßlichen Dom aͤber ihr blickte ſie, obſchon er zu Ruhe und Frie⸗ den einzuladen ſchien, mit Gleichguͤltigkeit empor. I»Weh mir!« fuhr Ilſe fort, deren Beobach⸗ tungsgabe ſich nicht uͤber ihre eigenen Gefuͤhle er⸗ 75 ſtreckte, und deren Zunge nie ermuͤdete—»Weh mir, Meta! Oh! was muß das fuͤr eine gottloſe Welt ſein, die aller dieſer Wallfahrten und Feuers⸗ bruͤnſte bedarf! Das ſind aber nur Bilder der Ver⸗ gangenheit und Zukunft deſſen, was geweſen iſt, und deſſen, was ſein wird. Erſtlich iſt das Leben eine Wallfahrt und eine Buße, obſchon Wenige, die durch daſſelbe wandern, es glauben; das iſt es aber fuͤr Alle, beſonders die vom Gluͤck wenig Beguͤnſtig⸗ ten;— eine Buße iſt es wegen unſerer Leiden und Schwachheiten, beſonders im Alter, und daher trage ich es mit Freude, weil alle Bußen mit Freude ge⸗ tragen werden muͤſſen; und das Verbrennen von Kloͤſtern und Staͤdten iſt das Bild des Verbrennens der Gottloſen. Du antworteſt nicht, Kind?« »Glaubſt Du, Ilſe, daß diejenigen, welche ver⸗ brennen, ſelig werden?«⸗ »Wovon ſprichſt Du, Meta!— Der arme Berthold Hintermayer iſt, wie Du weißt, in den Flammen von Limburg umgekommen; ſo auch Va⸗ ter Johann, und ſo noch ein Anderer, der bei wei⸗ tem boͤſer war, als Beide!— Ohl ich koͤnnte Ge⸗ heimniſſe enthuͤllen, wenn ich nicht eine kluge Zun⸗ ge haͤtte!— Aber Weisheit liegt in der Klug⸗ 76 heit, und ich ſage Nichts: ſchweige daher Du auch, Meta!« » Ich will gehorchen, Amme!⸗ Die Stimme des Maͤdchens zitterte, und das geiſterartige Laͤcheln, womit ſie in das Begehren Ilſens einwilligte, glich dem eines ſterbenden Kran⸗ ken gegen ſeinen menſchenfreundlichen Waͤrter. »Du biſt gehorſam, und dies iſt ein Verdienſt. Ich habe Dich nie nachgiebiger, nie weniger ausge⸗ laſſen geſehen, als auf dieſer Wallfahrt. Dies Al⸗ les beweiſ't, daß Deine Seele in dem paſſendſten Zuſtande fuͤr Andacht ſich befindet. Wahrhaftig! der fromme Arnulph haͤlt an, und bald werden wir die Fruͤchte unſerer Beſchwerden ernten. O! wenn ich ein Moͤnch geweſen waͤre, welchen Anfuͤhrer wuͤrde ich abgegeben haben!« Ilſe ſtieß dem geduldigen Thiere, auf welchem ſie ritt, in die Seiten, und Meta humpelte nach, ſo wie es ihre Kraͤfte nur immer erlaubten. Zuletzt kamen der Ritter und der Abbé. »Du haſt wohl ſchon viele ſolche Bußuͤbungen unternommen, ehrwuͤrdiger Abbé?« fragte der Rit⸗ ter, nachdem ſie einen Huͤgel erklommen hatten, von wo aus man das Kloſter ſehen konnte. »Niemals! Wenn nicht der Zufall mich zu ei⸗ 7 nem unſchuldigen Zeugen der Zerſtoͤrung von Lim⸗ burg gemacht haͤtte, ſo wuͤrde ich dieſe Schmach nie⸗ mals erduldet haben.⸗ »Wie?— Du, ein Geiſtlicher— nennſt Wall⸗ fahrt und Gebet an einem Gnadenorte eine Schmach?« »Tapferer Ritter, ich ſpreche zu Dir als zu meinem Gefaͤhrten ſeit vielen Tagen auf ſehr er⸗ muͤdenden Wegen, und als zu einem aufgeklaͤrten Manne. Du kennſt die menſchliche Geſellſchaft, und die verſchiedenen Beſtandtheile, aus welchen ſie zuſammengeſetzt iſt. Die Glaubenslehren ſind fuͤr Alle, die Ausuͤbung aber muß, ſo wie den Kranken die Arznei, proportionirt werden. Dieſe Wallfahr⸗ ten paſſen ſehr wohl fuͤr den Bauer oder Buͤrger, ja ſelbſt fuͤr den Edelherrn der Provinz, allein in unſeren Hauptſtaͤdten bezweifelt man ſehr ihre Er⸗ ſprießlichkeit, ausgenommen in Betreff eines zukuͤnf⸗ tig zu erreichenden Gegenſtandes. Buße jedoch fuͤr bereits begangene Thaten halten wir fuͤr ſehr uͤber⸗ fluͤſſig.⸗ „Bei meinem Schwerte! ſolche Lehren waren in Rhodus, wo alle Satzungen allgemein befolgt und geachtet wurden, nicht im Schwange.⸗ braͤuche fuͤr gewoͤhnlich, Herr Ritter?« »Beobachtet gerade nicht, aber ſtets geachtet. Du kennſt den Unterſchied, Abbé, zwiſchen der Rein⸗ heit der Lehre und einiger Auslegung in Betreff der Praxis.⸗ »Ohne Zweifel. Wollte man den Hochgebore⸗ nen die Befolgung aller Gebete einer ſtrengen Theo⸗ rie zumuthen, ſo wuͤrden daraus tauſend Unbequem⸗ lichkeiten entſtehen. Was mich betrifft, ſo wuͤrde ich, wenn es mir, belaſtet mit der Gehaͤſſigkeit die⸗ ſes ungluͤcklichen aber zufaͤlligen Beſuches bei unſe⸗ rem Wirthe, dem Grafen, moͤglich geweſen waͤre, auf andere Weiſe meinem geiſtlichen Berufe Ge⸗ nuͤge zu thun, mich gerne von dem letzten Act des Dramas losgeſagt haben.« »Man raunt ſich zu, Herr Latouche, daß mein Vetter die Anweſenheit eines Prieſters als ein Mit⸗ tel, ſeine Anſpruͤche zu verſchleiern, anſah, und daß wir das Vergnuͤgen Deiner Geſellſchaft einer Poli⸗ tik verdanken, die tiefer liegt als bloßer Zufall.« Albrecht von Wiederbach lachte bei dieſer ſeiner Anſpielung auf die Liſt des Grafen; und ſein Ge⸗ faͤhrte, welcher ſeit geraumer Zeit bemerkt hatte, wie gaͤnzlich er das Spielzeug des Grafen geweſen, » Und beobachtet Ihr denn dieſe geringeren Ge⸗ 79 (denn er hatte in der That nicht das Mindeſte von dem gewaltthaͤtigen Vorhaben gegen die Abtei vor⸗ her gewußt) ſuchte gute Miene zum boͤſen Spiele zu machen. Auch er lachte, wie denn Menſchen ohne Grundſaͤtze jeden Unfall, der vielleicht die Fol⸗ ge ihrer ſchlaffen Moral iſt, auf die leichte Seite zu nehmen pflegen; und indem ſich ſo Beide uͤber ihren Antheil an den neuerlichen Ereigniſſen neck⸗ ten, ſchritten ſie gemaͤchlich auf den Platz zu, wo der Prior und Graf Emich, als Anfuͤhrer des Zu⸗ ges Halt gemacht hatten. Wir benuͤtzen dieſe Ge⸗ legenheit zu einigen nothwendigen Auseinander⸗ ſetzungen. Die Proteſtanten ſind in der Regel zu ſehr zu dem Glauben geneigt, daß die Froͤmmigkeit der Ka⸗ tholiken bloß in aͤußeren Ceremonien beſteht. Wenn man das hohe Alterthum dieſer Kirche, und den Hang der fruͤheren Jahrhunderte zur Nachah⸗ mung der Formen und Gebraͤuche der unmittelba⸗ ren Verfahren bedenkt, ſo braucht man nicht zu er⸗ ſtaunen, wenn einige Ceremonien uͤbrig geblieben ſind, die ſich weder mit apoſtoliſcher Autoritaͤt, noch mit der Vernunft vereinbaren laſſen. Die Verbrei⸗ tung einer abſtracten Wahrheit ſchließt nicht noth⸗ wendiger Weiſe die Abweichung von jenen Gebraͤu⸗ 80 chen aus, denen eine lange Uebung Werth verliehen hat, wenn ſie gleich nicht weſentlich zur Erreichung des großen Zweckes mitwirken. Wir haben man⸗ ches von der Kleidung und den Ceremonien geerbt, das von den heidniſchen Prieſtern herſtammt, und in den proteſtantiſchen Kirchen noch immer beibe⸗ halten wird: auch iſt kein Grund vorhanden, dieſe Gebraͤuche aufzugeben, ſo lange ſie zur Anſtaͤndig⸗ keit des Gottesdienſtes beitragen, und der Errei⸗ chung ſeines Zweckes kein Hinderniß in den Weg legen. Die Heiden ſelbſt moͤgen manche ihrer reli⸗ gioͤſen Gebraͤuche von denjenigen entlehnt haben, welche unſerem Glauben zufolge mit Gott unmit⸗ telbar in Gemeinſchaft ſtanden, und am beſten wiſ⸗ ſen mußten, welche Art von Anbetung dem Beherr⸗ ſcher des Weltalls am angenehmſten waͤre. In Nordamerika iſt der Katholicismus, wenn im engſten Sinne genommen, nichts weniger als ka⸗ tholiſch, weil ſich zu ihm nur eine ſolche Minderzahl bekennt, daß er nur einen ſehr unmerklichen Ein⸗ fluß auf die Meinungen und Sitten dieſes Landes haben kann. Die aͤußeren Symbole, die Proceſſio⸗ nen und die uͤbrigen, dem katholiſchen Gottesdien⸗ ſte eigenthuͤmlichen Gebraͤuche, ſind auf die Kirchen beſchraͤnkt, und außer ihren Mauern begegnet das —&& 20 ☛ 8 0 8 81 Auge nur ſelten Spuren derſelben. In Europa iſt jedoch das Gegentheil der Fall, beſonders in jenen Laͤndern, wo die Herrſchaft des geiſtlichen Ober⸗ hauptes der Kirche durch politiſche Revolutionen oder andere maͤchtige Urſachen keine allzugroße Er⸗ ſchuͤtterung erlitten hat. An den Kreuzwegen, oder auch ſonſt an den Straßen, um einen zufaͤlligen Todesfall oder den Platz eines abſichtlichen Mordes zu bezeichnen, ſind Crucifixe, und an vielen Quellen und auf manchen hohen Bergen Capellen zu Eh⸗ ren der heiligen Jungfrau errichtet. In keinem Lande Europa's ſind aber dieſe Wahr⸗ zeichen des Glaubens und der Andacht haͤufiger als in den katholiſchen Cantonen der Schweiz. Einſie⸗ deleien ſind unter den rauhen Gebirgen dieſer Ge⸗ genden nichts weniger als ſelten, und haͤufig ſieht man neben dieſen abgeſchiedenen Wohnungen eine kleinere Capelle, gewoͤhnlich eine»Station« genannt. In jeder dieſer Stationen trifft man eine Abbil⸗ dung der zwoͤlf Leiden Chriſti. Man findet ſie am Veſuv, von wo aus man das glorreiche Meer und den herrlichſten Strich Italiens uͤberſieht,— man findet ſie in den oͤden Wuͤſten der Apenninen, oder vergraben in dunklen Waldſchluchten, je nachdem der Zufall ihre Errichtung veranlaßt hat. In eini⸗ Heidenmauer. III. 6 82 gen Thaͤlern der Schweiz punktiren dieſe Statio⸗ nen den Berg meilenweit, und bezeichnen den Weg, der zu einem Gnadenort auf irgend einem ſteilen Berge oder nackten Felſen fuͤhrt. An dem Wege vom Zuͤrcherſee zum Kloſter Ein⸗ ſiedeln trifft man die gewoͤhnliche Zahl von Sta⸗ tions⸗Capellen. Wie gewoͤhnlich befindet ſich in je⸗ der die Abbildung eines der Leiden, welche Chriſtus vor der Kreuzigung duldete, ſammt Stellen aus der heiligen Schrift, um die Frommen zur Andacht auf⸗ zumuntern. Hier fangen gewoͤhnlich die Andachts⸗ uͤbungen an, und hier war es auch, wo der Prior ſeine Gefaͤhrten erwartete. Fuͤnf und zwanzigſtes Capitel. Nachdem ſaͤmmtliche Pilger herangekommen waren, zertheilten ſie ſich laͤngs des Weges, und die einen knieten bei dieſer, die anderen bei jener Sta⸗ tion nieder. Ulrike und Lottchen, denen die blaſſe Meta folgte, beteten lange bei jeder Capelle. Die anderen Frauen ahmten ihr Beiſpiel nach, wiewohl . 83 offenbar mit viel weniger Andacht und Inbrunſt. Der Rhodiſerritter und Abbé Latouche beſchraͤnkten ſich auf einige Kniebeugungen und vieles und ſchnelles Bekreuzen, ohne Zweifel in der Meinung, daß eine ſolche allgemeine Glaubensuͤbung ſie der Nothwendigkeit uͤberhebe, beſondere und außeror⸗ dentliche Andachtsuͤbungen vorzunehmen. Heinrich und der Schmid waren mit den Beweiſen ihrer Froͤmmigkeit etwas umſtaͤndlicher; der Letztere, welcher von ſeinen Mitbuͤrgern insgeheim fuͤr das, was er that, bezahlt wurde, hielt ſich durch ſein Ehrgefuͤhl fuͤr verpflichtet, ihnen wenigſtens den Geldeswerth zu verguͤten: waͤhrend der Buͤrger⸗ meiſter, abgeſehen, daß er ſich große zeitliche Vor⸗ theile von dieſer Wallfahrt verſprach, in Folge ſei⸗ ner vaͤterlichen Fuͤrſorge fuͤr Duͤrkheim handelte. Was Ilſe betrifft, ſo vollzog Niemand die Froͤm⸗ migkeitsuͤbungen mit groͤßerer Puͤnctlichkeit und prahleriſcherer Geſchwaͤtzigkeit. „Haſt Du daran gedacht, Dietrich, ein Extra⸗ gebet zu Gunſten der allgemeinen Intereſſen zu ſprechen?« fragte Heinrich, waͤhrend er ruhig war⸗ tete, bis Jener ſich aus der letzten Capelle entfernt haben wuͤrde, um ſelbſt darin Platz zu nehmen. »Nein, geſtrenger Buͤrgermeiſter—⸗ 6 ℳ 84 »Bruder Wallfahrer, guter Schmid.⸗ „Nein, geſtrenger Bruder und lieber Walffah⸗ rer, davon war in unſerem Pact keine Rede.⸗ »Himmel! biſt Du ein ſolcher Hund, Dietrich, um einer Beſtechung zu beduͤrfen, damit Du fuͤr Dein eigenes Intereſſe beteſt? Thu das, was Du der Buße wegen und im Intereſſe der Moͤnche ver⸗ ſprochen haſt, und dann gedenke, wie ein ehrlicher Handwerker, der Stadt, deren Buͤrger Du biſt. Ich erhebe mich nie von meinen Knieen, ohne ei⸗ nige Roſenkraͤnze fuͤr Duͤrkheim, und andere fuͤr die Familie Frey zu beten.⸗ »„Verzeiht mir, wuͤrdiger Heinrich und vortreff⸗ licher Bruder Wallfahrer: Euer Wunſch iſt billig, und ſoll erfuͤllt werden.« Der Schmid betete hierauf ſeinen Roſenkranz ab, und machte dem Buͤrgermeiſter Platz, ſobald er mit ſeiner Pflicht auf eine anſtaͤndige Weiſe zu Ende kommen konnte. Inzwiſchen hatte Arnulph andaͤchtig und mit aufrichtiger Zerknirſchung vor jeder Station gebetet. Die Pilger bildeten hierauf zwei Reihen, eine Form, in welcher ſich noch jetzt alljaͤhrlich Tauſende dem Kloſter Einſiedeln naͤhern; die Maͤnner rechts vom Pfade, einer hinter dem anderen, und die 85 Frauen links, auf eben dieſelbe Weiſe. Arnulph ſtellte ſich an die Spitze, und der ganze Zug ſetzte ſich in Bewegung. Die Gebete wurden nun laut wiederholt. Wer in dieſem merkwuͤrdigen und romantiſchen Lande gereiſ't iſt, muß oft Schaaren von Wallfah⸗ rern begegnet ſein, die auf aͤhnliche Weiſe zogen, und ihre Geſaͤnge durch die reine Luft erſchallen ließen, wenn ſie zu»Unſerer lieben Frau vom Schnee« am Rigi empor oder davon herunter ſtiegen, oder ihren Weg zwiſchen den ſchwindelnden Felſenpfaden nach oder von einem anderen Gna⸗ denorte verfolgten. Wir kennen keine Art des Got⸗ tesdienſtes, die ruͤhrender und eindrucksvoller waͤre, als dieſe. Der Tempel iſt der großartigſte in der ganzen Welt, die Luft iſt ſo rein, als ſie nur auf Gebirgshoͤhen ſein kann, waͤhrend Klaͤnge in ihrer groͤßten Klarheit und Beſtimmtheit aus den tiefen, faſt unergruͤndlichen Thalſchluchten, oder von den dro⸗ henden Felſenmaſſen, die den Himmel zu verſper⸗ ren ſcheinen, an das Ohr dringen. Lange bevor man die Schaar ſieht, hoͤrt man die Muſik ihres Gebetes, denn Muſik iſt es an einem ſolchen Orte, wenn der tiefe Baß der Maͤnner mit der Silber⸗ ſtimme der Frauen abwechſelt. 86 Dies war auch die Wirkung, welche unſer Wallfahrerhaͤuflein aus der Pfalz hervorbrachte. Vater Arnulph betete vor, und die kraͤftigen Lun⸗ gen Heinrichs und des Schmids wiederholten die Worte in tiefverſtaͤndlichem Baß. Die Antwort der Frauen war bebend, ſanft und beruhigend. So zogen ſie eine Meile dahin, und dann in das Dorf ein. Ein Eilbote hatte dem Kloſter Einſiedeln die Nachricht von der Annaͤherung der deutſchen Wall⸗ fahrer gebracht. Durch eine ſeltſame Verkehrung der demuͤthigen Lehren des Stifters unſerer Re⸗ ligion wurde auf die Buße und das Suͤhnopfer der Fuͤrſten und Großen ein bei weitem hoͤheres Gewict gelegt, als auf die Bußuͤbungen der Ge⸗ ringen. Alle Bewohner des Dorfes, und viele Andere, welche eben den Gnadenort beſuchten, wa⸗ ren daher auf den Beinen, um die erwartete Pro⸗ ceſſion zu ſehen. Der Name Emich ging von Mund zu Mund, und man ſuchte die Geſtalt des maͤchtigen Barons unter der Schaar, welche einer⸗ lei Tracht hatte. Nach vielem Erwaͤgen hielt das Volk den Schmid fuͤr den erlauchten Buͤßenden,— eine Ehre, welche Dietrich ſeinem Koͤrperbau, der Staͤrke ſeiner Lunge und dem außerordentlichen 87 Eifer, den er als ein Soͤldling an den Tag zu le⸗ gen fuͤr gut fand, verdankte. Unter den vielen Sagen, welche das Kloſter Einſiedeln unter dem Volke ſo beruͤhmt gemacht haben, befindet ſich auch eine, welcher zufolge der Sohn Gottes in Menſchengeſtalt den Gnadenort beſucht haben ſoll. Man erzaͤhlt, daß er, bevor er in das Gebaͤude trat, ſeinen Durſt an dem reinen, reichen Quell geloͤſcht habe; und da das klare Ele⸗ ment durch verſchiedene metallene Roͤhren fließt. ſo pflegen die Pilger bei jeder einen Schluck zu thun, um des Vortheiles jener heiligen Beruͤhrung theilhaftig zu werden. Auch befand ſich eine ſil⸗ berne Schuͤſſel da, auf welcher der Heiland die Spuren ſeiner Finger zuruͤckgelaſſen haben ſoll, und es war uͤblich, daß jeder Pilger die Hand in dieſelben legte. Der erſtere Gebrauch herrſcht noch jetzt allgemein, obſchon in neuerer Zeit die Hab⸗ ſucht den Tempel des anderen Erinnerungszeichens des vorgeblichen Beſuches, des edlen Metalls der Schuͤſſel wegen, beraubt hat. Arnulph hielt beim Brunnen an, ſchritt lang⸗ ſam von Roͤhre zu Roͤhre und trank aus jeder. Dieſes Beiſpiel ahmten alle ſeine Gefaͤhrten nach. An der ſilbernen Schuͤſſel aber ging er voruͤber, 88 ˖¶¶¶¶¶QQ— und ſchritt auf die Kirche zu, laut betend, bis er an deren Schwelle ſtand. Er kniete auf die kalten Steine nieder und heftete ſeine Augen auf das Marienbild. Die Uebrigen ahmten ſeine Bewe⸗ gungen nach, und in kurzer Zeit knieten alle vor dem heiligen von Gott ſelbſt eingeweihten Schrein. Die alte Kirche von Einſtedeln(denn ſeit jener Zeit iſt ſie durch eine groͤßere und prachtvollere er⸗ ſetzt worden) war auf derſelben Stelle erbaut, wo fruͤher die Zelle des heiligen Meinhard ſtand. Zelle und Capelle, die von den Engeln geweiht worden ſein ſoll, befand ſich im Mittelpuncte der Kirche. Sie war im Vergleich zu dieſer klein, aber doch geraͤu⸗ mig genug, daß ein Meßprieſter und reiche Gaben der Glaͤubigen darin Platz fanden. Das Ganze war mit Marmor umſchloſſen, den die Zeit und die Aus⸗ duͤnſtungen der Lampen geſchwaͤrzt hatten, waͤhrend man von Vorne und an den Seiten durch Oeff⸗ nungen, welche durch kunſtreiche Gitter geſichert waren, einen Einblick in das Innere hatte. Im dunklen Hintergrunde der heiligen Capelle ſtand das Bild der Mutter mit dem Kinde. Die Gewaͤnder waren, wie dies an vielbeſuchten Gna⸗ denorten gewoͤhnlich der Fall iſt, mit Gold und Edelſteinen uͤberladen. Das Antlitz ſowohl der 4 „—— „„ 89 Mutter als des Kindes war bronzefarben, gleich der Farbe der Bewohner des fernen Orientes. Das Ganze war durch ſilberne Lampen erhellt, und machte auf ein Gemuͤth, das frei von Zweifel war, einen tiefen, myſterioͤſen Eindruck. So war das Heiligthum Unſerer lieben Frau von Einſiedeln zur Zeit unſerer Erzaͤhlung, und ſo iſt es noch heut zu Tage beſchaffen, mit Ausnahme einiger unweſent⸗ lichen Veraͤnderungen, welche mehr die Wirkung der Zeit als der Meinung ſind. Wir haben dieſen katholiſchen Gnadenort in der Bergregion der Kaͤlte beſucht, ſind zur Abend⸗ zeit in ſeinen zahlreichen und geſchmuͤckten Capel⸗ len umher gewandert, haben in Schaaren, ermuͤdet und fußwund, ankommen ſehen den Bauer des Schwarzwaldes mit ſeinen bloßen Knieen, den braunen Ungar, den Piemonteſer mit ſeinen fun⸗ kelnden Augen, den blonden Deutſchen, den Tyro⸗ ler und Schweizer. Wir haben dieſe alle mit hei⸗ liger Andacht an den verſchiedenen Roͤhren trinken geſehen, wir ſind ihnen zum Altare gefolgt, und haben uns uͤber ihre ſtatuenaͤhnliche Unbeweglich⸗ keit gewundert, womit ſie wie eingewurzelt knieten, und keinen Blick von dem uͤberirdiſch ausſehenden Bildde verwandten, das ihre ganze Seele zu erfuͤllen 90 ſchien. Wir haben aus Neugierde die Kirche allein beſucht, und zu keiner Zeit unſerer Durchwande⸗ rung fremder Laͤnder, die nun ſchon ſo viele Jahre dauert, haben wir uns ſo abgeſchieden von Allem, woran wir bisher am meiſten gewoͤhnt waren, ge— fuͤhlt, als zu dieſer Stunde. Schaar auf Schaar langte an, und ohne einen Gruß zu wechſeln, ohne an Wohnung oder Ruhe zu denken, eilten ſie in das Heiligthum, und ſchienen mit dem Pflaſter faſt eins zu werden, waͤhrend ſie mit ſtieren Au⸗ gen und zerknirſchter Miene die Bußgebete vor dem Marienbilde verrichteten.— Doch wir wol⸗ len zu unſerer Erzaͤhlung zuruͤckkehren. In der erſten Stunde nach Ankunft der von Duͤrkheim erwarteten Pilger, war im Kloſter kein Zeichen der Erkennung oder Gnade zu bemerken. Die Altardiener kamen und gingen, als ob nur geringe Menſchen ihre Bußuͤbungen verrichteten, und das ſtarre Auge und ſchwarze Antlitz des Bil⸗ des ſchien jeden Aufblick zu demſelben mit uͤberna⸗ tuͤrlicher Ruhe zu enadäu Endlich erhob ſich Arnulph, und gleich als ob ſeine Bewegungen be⸗ wacht worden waͤren, ertoͤnte in einem fernen Fluͤgel eine Glocke. Eine Seitenthuͤre, die in das Kloſter fuͤhrte, oͤffnete ſich, und die ganze Benedic⸗ + 8eo OS8Sͤ—ʒ/ ☛◻ ——,—————,.,—— 91 tinergemeinde zog in die Kirche. Arnulph kniete abermals nieder und winkte ſeinen Gefaͤhrten durch ein Zeichen, daſſelbe zu thun. Obſchon durch das Knieen zuvor ſehr ermuͤdet, leiſteten doch die Maͤn⸗ ner augenblicklich Folge; von den Frauen hatte ſich bisher noch keine von ihrem Platze geregt. Die Benedictiner von Einſiedeln zogen in der⸗ ſelben Ordnung in die Kirche, wie wir ſie ſchon bereits in den Proceſſionen der Abtei Limburg be⸗ ſchrieben haben, nur daß die juͤngeren Moͤnche zu⸗ erſt, die Wuͤrdentraͤger zuletzt kamen. In jener Zeit ſtammte der Abt gewoͤhnlich aus einem alten, zuweilen aus einem fuͤrſtlichen Hauſe; denn um ihren Einfluß zu behaupten, verſchmaͤhte die Kirche nur ſelten jene Meinungen und Vorurtheile, welche auf den großen Haufen ſo ſehr wirken. Der Abt des beruͤhmten Kloſters Einſiedeln wurde uͤbri⸗ gens bei ſeiner Weihe ſtets infulirter Praͤlat und Fuͤrſt des heiligen roͤmiſchen Reiches. Waͤhrend die lange Reihe der Moͤnche ſich dem Heiligthume naͤherte, ertoͤnte auf der Emporkirche Geſang, begleitet von den tiefen Toͤnen der Orgel. Selbſt Albrecht und der Abbé fuͤhlten den Eindruck dieſer Ceremonie, waͤhrend Emich wie ein Mann 92 bebte, der ſich unvorſichtig in die Haͤnde ſeiner Feinde gegeben hat. Der Zug bog um das Heiligthum, und bewegte ſich mit gemeſſenen Schritten an den Pilgern vor⸗ uͤber. Der Prior und die Frauen beteten nun um ſo inbruͤnſtiger, aber weder der Graf noch der Buͤr⸗ germeiſter konnten es ſich verſagen, den Zug mit mißtrauiſchen Augen zu betrachten. Dietrich, dem ſeine Rolle nur ſchlecht eingelernt war, erhob ſich von ſeinen Knieen, und beehrte ſaͤmmtliche Moͤnche mit oft wiederholten Verneigungen. Als die Letzten kamen, ſuchte Emich die Blicke des Abtes von Ein⸗ ſiedeln auf ſich zu ziehen, um eines jener geheimen Zeichen der Begruͤßung zu wechſeln, wodurch man in allen Lagen des Lebens die gegenſeitige Theilnahme anzudeuten pflegt. Zu ſeinem unendlichen Mißver⸗ gnuͤgen gewahrte er neben dem Haupte des Kloſters Einſiedeln, die wohlbekannte Geſtalt des Abtes Bo⸗ nifacius. Die Blicke dieſer beiden alten, und allem Anſcheine nach unverſoͤhnlichen Feinde waren ſo be⸗ ſchaffen, wie es zu vermuthen ſtand. In jenem des Abtes Bonifacius las man religioͤſen Stolz, Freude uͤber den augenblicklichen Triumph, erbittert durch das Bewußtſein der neuerlich erlittenen Niederlage, — ———— 9³ waͤhrend das Auge Emichs den Ausdruck des Haſ⸗ ſes, Aergers und der Beſorgniß hatte. Allein der Zug ſchwebte voruͤber, und bald kuͤn⸗ dete die Muſik die Anweſenheit der Proceſſion im Chore an. Arnulph erhob ſich abermals im Ge⸗ folge der Wallfahrer, um naͤher zu treten, und die Veſper anzuhoͤren. Nach dem Gebet wurde die ge⸗ woͤhnliche Hymne geſungen. „Himmel, wuͤrdiger Bruder Wallfahrer!« fluͤ⸗ ſterte der Schmid dem Buͤrgermeiſter zu;»dies iſt eine Stimme, welche Alle in Duͤrkheim kennen muͤſſen!“ »Hm!« brummte der Buͤrgermeiſter, indem er die Blicke Emichs ſuchte.»Dieſe Benedictiner ſin⸗ gen uͤberall auf dieſelbe Weiſe, Herr Emich, es ſei in Limburg oder hier in der Kirche Unſerer lieben Frau von Einſiedeln.« „Bei meinen Vaͤtern! Herr Frey, Du redeſt die Wahrheit! Um Dir meine redliche Meinung zu ge⸗ ſtehen, ſo muß ich Dir ſagen, daß mir dieſe Ver⸗ traulichkeit zwiſchen den beiden Aebten wenig gefaͤllt, und am wenigſten, daß der hochwuͤrdige Bonifa⸗ cius hier in dieſem fernen Lande eben ſo gut auf einem Praͤlatenthron ſitzt, wie in unſerem Thale. 94 Ich fuͤrchte, Buͤrgermeiſter, daß wir uns etwas zu leicht in dieſe Bußwallfahrt eingelaſſen haben!« »Wenn Ihr ſo ſprecht, hochgeborner Emich, was ſoll dann ich ſagen, der ich außer meiner eige⸗ nen Perſon, auch noch obendrein Weib und Kind in die Schanze geſchlagen habe! Es waͤre beſſer geweſen, wenn wir von dem Himmel, deſſen ge⸗ ringſte Gabe freilich werthvoller iſt, als alle Herr⸗ lichkeit der Erde, weniger begehrt, und uns mehr mit unſeren zeitlichen Vortheilen begnuͤgt haͤtten. Bemerkt Ihr, Herr Graf, wie freundlich Boni⸗ facius uns von Zeit zu Zeit anblickt?« »Seine Freundlichkeit iſt mir nicht entgangen, Heinrich,— doch ſtille, nach der Veſper werden wir mehr zu hoͤren bekommen!« Abermals ertoͤnte jene merkwuͤrdige Stimme, deren wir ſchon oͤfter Erwaͤhnung gethan haben. Der Saͤnger war von Bonifacius, dem er nun von keinem Nutzen mehr war, dem Kloſter Einſiedeln als ein Geſchenk gegeben worden, wodurch er ſich große Gunſt zu erwerben hoffte. Dies war auch der Fall, denn in den Kloͤſtern, deren Mitglieber ihr Leben mit Verrichtung religioͤſer Ceremonien hinbrachten, nahm Vorzuͤglichkeit in der Ausuͤbung derſelben, oder groͤßerer Reichthum und koſtbarere +8/„—— ⁷———⸗—, ——-—— — ==== 95 Ausſchmuͤckung oft jenen ausgezeichneten Platz ein, der eigentlich nur der Froͤmmigkeit und Entſagung gebuͤhrte. Der Gottesdienſt war zu Ende, und ein Moͤnch naͤherte ſich dem Vater Arnulph, um ihm etwas in das Ohr zu fluͤſtern. Der Prior begab ſich mit den Pilgern in die Sacriſtei, denn es war ihnen, ſelbſt der bebenden Meta, nicht vergoͤnnt, irgend Erfriſchung oder Ruhe zu ſuchen, bevor nicht wichtigere Pflichten erfuͤllt waren. Die Sacriſtei war leer, und die Pilger harrten ſchweigend, waͤhrend die Orgel die Ruͤckkehr der Proceſſion der Moͤnche verkuͤndete. Nach einigem Aufſchub oͤffnete ſich eine Thuͤre, und der Abt von Einſiedeln, in Begleitung des Abtes Bonifacius von Limburg, trat ein. Dieſe beiden kirchlichen Wuͤr⸗ dentraͤger hatten kein anderes Gefolge als den Schatz⸗ meiſter der Abtei; die Thuͤre wurde verſchloſſen, und was nun vorging, war dem Blicke der Menge entzogen. »Du biſt Emich, Graf von Leiningen⸗Harten⸗ burg«, ſagte der Praͤlat von Einſiedeln, indem er den Edelherrn, trotz ſeiner geringen Kleidung, mit einem einzigen Blick, gewohnt ſeines Gleichen zu erkennen, aus den Pilgern herausfand;—»ein 96 Buͤßender an unſerm Heiligthum wegen Unrechtes an der Kirche, und Frevel an Gott begangen?« »Ich bin Emich von Leiningen, hochwuͤrdiger Abt.« »Widerſprichſt Du etwa Deiner Verpflichtung, hier zu ſein?« »Und ein Buͤßender«, indem er dabei die Worte, „weil ich hier bin«, in bitterem Aerger dachte. Der Abt blickte ihn ernſt an, denn ſeine Karg⸗ heit in Worten mißfiel ihm. Er nahm Bonifacius bei Seite, und beſprach ſich mit ihm einige Minu⸗ ten; dann kehrte er zu den Pilgern zuruͤck, und fuhr fort:— »Du biſt nun in einem Lande, wo man das Ohr der Ketzerei verſchloſſen gehalten hat, Herr von Hartenburg, und wuͤrdeſt wohl thun, Dich Deines Geluͤbdes und Zweckes zu erinnern. Haſt Du et⸗ was zu ſagen?« Emich oͤffnete langſam ſeinen Pilgerſack, und ſuchte die Opfergaben aus deſſen kaͤrglichem Inhalt hervor. »Dieſes Crucifix erwarb ein Edler meines Ge⸗ ſchlechtes, als er Kreuzfahrer war. Es iſt von Ja⸗ ſpis, wie Du ſiehſt, und es fehlt demſelben auch ſonſt nicht an werthvollen Zugaben.« 97 Der Abt verneigte ſich wie ein Mann, der gegen den Reichthum eines Geſchenkes gleichguͤltig iſt, und winkte dem Schatzmeiſter, es anzunehmen, worauf eine kurze Pauſe folgte. »Dieſes Rauchfaß iſt das Geſchenk eines bei weitem weniger beguͤterten Edlen, als Du es biſt!« ſagte der Schatzmeiſter mit einer Betonung, die nicht leicht mißverſtanden werden konnte. „Dein Eifer uͤbertrifft die Schnellkraft der Glie⸗ der eines ermuͤdeten Mannes.— Hier iſt ein Dia⸗ mant, der ſeit einem Jahrhunderte ein Erbſtuͤck meines Hauſes war. Er iſt das Geſchenk eines Kaiſers.« »Er iſt zur Ehre unſerer lieben Frau von Ein⸗ ſiedeln wohl angewendet, obſchon ſie ſich reicherer Gaben von Geringeren, als Du biſt, ruͤhmen kann.« Emich zauderte einen Augenblick, und langte dann eine andere Gabe hervor. »Dieſes Gefaͤß iſt Deinem Berufe angemeſſen«, ſagte er,»denn es wurde vorher beim Gottesdienſte gebraucht.« »Lege den Becher bei Seite«, unterbrach Bo⸗ nifacius ihn ernſt und ſtrenge,»er iſt Eigenthum der Abtei Limburg.⸗ Emich erroͤthete, wiewohl mehr aus Zorn als Heidenmauer. III. 7 4 998 aus Schaam, denn in jener Zeit war Raub ein eben ſo gewoͤhnliches als ſchnelles Mittel, reich zu werden. Er blickte den ſchonungsloſen Abt finſter an, entgegnete ihm aber nichts. »Ich habe nicht mehr«, ſagte er endlich,»die Kriege,— der Aufwand meines Hauſes,— und das Gold, welches ich den vertriebenen Benedicti⸗ nern gegeben, hat mich arm gemacht.⸗ Der Schatzmeiſter wandte ſich mit einem ſehr beredten, unmoͤglich mißzuverſtehenden Blicke zu Heinrich. »Du moͤgeſt bedenken, Herr Schatzmeiſter, daß Du nun nicht mehr mit einem maͤchtigen Grafen, ſondern mit einer armen und uͤberlaſteten Stadt zu thun haſt«, ſagte der Buͤrgermeiſter.»Fuͤrs Erſte bringen wir unſere Wuͤnſche und Gebete zum Opfor; dann uͤberreichen wir in aller Demuth und in der Hoffnung guͤnſtiger Aufnahme dieſe Loͤffel, welche von Nutzen ſein koͤnnen; drittens dieſen Leuchter, der zwar klein, aber von den Juwelieren von Frank⸗ furt fuͤr reines Gold erklaͤrt worden; endlich dieſen Strick, womit ſich ſieben unſerer vorzuͤglichſten Ein⸗ wohner zur Buße des Unrechtes, das ſie Deinen Bruͤdern angethan, gegeißelt haben.« Alle dieſe Gaben wurden dankbar angenommen, -- 5O— gͤ 99 und der Moͤnch wandte ſich zu den Andern. Es waͤre uͤberfluͤſſig, die verſchiedenen Geſchenke aufzu⸗ zaͤhlen, welche von den geringeren Bewohnern der Stadt und des Schloſſes uͤberreicht wurden. Das Gottlob's beſtand, wie er behauptete, aus demſel⸗ ben Hirtenrohr, womit er den Bannfluch des Abtes am Hochaltare ſo unehrerbietig unterbrochen hatte, und aus einem Goldſtuͤcke. Letztere war die Muͤnze, welche er von Bonifacius bei jener Zuſammenkunft, die zu ſeiner Gefangennehmung fuͤhrte, erhalten hatte, und jenes war ein ſchlechtes Inſtrument, worauf der Kuhhirt in den Bergen ſeiner Heimath oft vergeblich zu blaſen verſucht hatte. In ſpaͤterer Zeit, als die Verwegenheit des religioͤſen Parteigei⸗ ſtes zunahm, erzaͤhlte er oft mit Freude, wie er die Benedictiner durch das Geſchenk eines ſo werthloſen Hornes geaͤfft hatte. Ulrike gab ihr Geſchenk mit aufrichtigem Reu⸗ und Froͤmmigkeits⸗Gefuͤhl. Es beſtand aus einem Gewand fuͤr das hoͤlzerne Bild der heiligen Jung⸗ frau. Sie hatte daſſelbe groͤßtentheils eigenhaͤndig gefertigt, und der vereinte Tribut der Staͤdterinnen war zu Verzierung und zu Ausſchmuͤckung mit ge⸗ ringeren Edelſteinen verwendet worden. Das Ge⸗ ſchenk wurde guͤnſtig aufgenommen, denn das Klo⸗ 7* 100 ſter war uͤber den verſchiedenen Charakter der Buͤ⸗ ßenden ſehr wohl unterrichtet. „»Haſt Du etwas zu Ehren Mari?« fragte der Schatzmeiſter Lottchen. Die kinderloſe Wittwe wollte ſprechen, allein ſie fand die Kraft dazu nicht. Sie legte ein ſauber eingebundenes und bemaltes Meßbuch auf den Tiſch; eine Kappe, die keinen andern Werth zu haben ſchien, als die gruͤne, mit Gold verbraͤmte Quaſte, und ein Jaͤgerhorn. Alle dieſe Dinge hatten einen Theil der Laſt ausgemacht, welche der Eſel trug. »Das ſind ungewoͤhnliche Geſchenke fuͤr unſer Heiligthum«, murmelte der Moͤnch. „Ehrwuͤrdiger Benedictiner«, fiel ihm Ulrike, in dem edlen Beſtreben, eine ſchmerzliche Beſchaͤmung von ihrer Freundin abzuwenden, in das Wort; „dieſe Geſchenke werden gegeben, wie die Tropfen des eignen Herzblutes. Es iſt Lottchen Hinter⸗ maier, von welcher Du ohne Zweifel gehoͤrt haſt.⸗ Der Schatzmeiſter hatte von Lottchen Hinter⸗ maier niemals etwas gehoͤrt, aber Ulrikens ſanfte und einnehmende Stimme that ihre Wirkung. Der Moͤnch verneigte ſich, und ſchien zufrieden geſtellt zu ſein. Dann wandte er ſich zu Meta. Die Be⸗ nedictiner waren ſaͤmmtlich durch die blaſſen Wan⸗ ———. — ber ben ſte, 101 gen und den hoffnungsloſen Ausdruck ihres ſonſt ſo heiteren Antlitzes geruͤhrt. „Die Wanderung hat unſere Tochter hart mit⸗ genommen«, ſagte der Fuͤrſt⸗Abt mit edler Theil⸗ nahme. »Sie iſt jung, hochwuͤrdigſter Vater,« antwor⸗ tete Ulrike,»aber Gott maͤßigt den Wind fuͤr das geſchorene Lamm.« Der Abt war uͤberraſcht, denn die Stimme der Mutter drang ihm nicht minder zur Seele, als das Ausſehen der Tochter ihn ruͤhrte. „Iſt ſie Dein Kind,— gute Pilgerin?⸗ »Sie iſt es,— der Himmel mache mich dank⸗ bar fuͤr dieſes Geſchenk!« Der Prieſter blickte ſie abermals uͤberraſcht an, und machte dem Schatzmeiſter Platz, um die Gabe in Empfang zu nehmen. Meta zitterte heftig, und griff mit der Hand in ihren Buſen. Sie zog ein Papier aus demſelben, und uͤbergab es dem Moͤnch, der es verwundert anſtarrte. „Was iſt dies?« fragte er.„Es iſt das Bild eines Juͤnglings!« „Es bedeutet, Vater«, ſagte Ulrike leiſe,»daß das Herz, welches ihn einſt liebte, jetzt Gott an⸗ gehoͤrt.« 102 Der Abt verneigte ſich, winkte ſeinem Unter⸗ gebenen, das Geſchenk anzunehmen, und trat bei Seite, um eine Thraͤne zu trocknen. Meta ſank in dieſem Augenblick an die Bruſt ihrer Mutter, und wurde ſtill aus der Sacriſtei hinweggetragen. Die Maͤnner folgten nach, und mit Ausnahme einer einzigen Perſon, waren nun die beiden Aebte und der Schatzmeiſter allein.. »Haſt Du eine Gabe, gute Frau?« fragte der Schatzmeiſter die Zuruͤckgebliebene. »Ob ich eine Gabe habe, Vater? Glaubſt Du, ich wuͤrde von ſo weit her mit einer leeren Hand kommen? Ich bin Ilſe, die Amme der Frau Frey, und Duͤrkheim hat mich auf dieſe Wallfahrt geſen⸗ det, weil ich gewiſſermaßen ſelbſt ein dargebrachtes Opfer bin, wie Jedermann zugeben wird, der weiß, daß ich uͤber ſiebenzig Jahre alt bin, und dieſe Reiſe gemacht habe. Wir ſind zwar nur arme Buͤrger aus der Pfalz, aber dennoch wiſſen wir, was Noth thut! Es giebt, wie Du hoͤren wirſt, viele Gruͤnde, warum ich hieher gekommen bin. Erſtens war ich in Limburg, als die That vollbracht wurde—« »Wie!l eine Perſon von Deinen Jahren hat an dieſem Unternehmen Theil genommen?⸗ 4»Ja, und an noch vielen anderen Unternehmun⸗ & 2. —2n 8 103 gen. Erſtens befand ich mich bei dem alten Buͤr⸗ germeiſter, dem Vater der Frau Frey, als die Stadt Huͤlfstruppen nach Mannheim ſandte; zweitens ſah ich von unſeren Bergen den Kampf der Kriegsleute des Kurfuͤrſten mit—« 3 „Du dienſt der Mutter jenes weinenden Maͤd⸗ chens?« fragte der Abt, indem er der Aufzaͤhlung der Feldzuͤge Ilſens ein Ende machte.— „Und dem weinenden Maͤdchen ſelbſt, hochwuͤr⸗ digſter Fuͤrſt und Abt, und wenn Du willſt, auch dem Buͤrgermeiſter,— und zu Zeiten der ganzen Familie.« »Kannſt Du mir die Urſache ihres Grames er⸗ klaͤren?« „Nichts leichter, hochwuͤrdigſter Fuͤrſt und Abt. Erſtlich iſt ſie jung, und dies iſt ein Alter, wo man ſich oft ohne erheblichen Grund freut oder graͤmt; dann iſt ſie ein bloßes Kind, welches ihren Geiſt oft durch allzugroße Nachgiebigkeit gegen ſich ſelbſt ſchwaͤcht; ferner iſt ſie ſchoͤn, was das Herz zu ver⸗ ſchiedenen Eitelkeiten verleitet und oft auch Urſache zum Gram wird; uͤberdieß hat ſie wunde Fuͤße, was an ſich ſelbſt ſchon ein bitterer Schmerz iſt; und endlich hegt ſie bittere Reue uͤber dieſes ruchloſe Verbrechen, von welchem wir bis jetzt noch nicht 104 losgeſprochen ſind, und welches, außer es wird ver⸗ ziehen, mit andern Erbſtuͤcken von ihrem Vater an ſie gelangen wird.« 4 »Es iſt gut. Lege Dein Geſchenk auf den Tiſch, und kniee nieder, um meinen Segen zu empfangen.⸗ Ilſe that, wie ihr geboten wurde, und entfernte ſich dann unter vielen Buͤcklingen. Nachdem ſich die Thuͤre hinter der Alten geſchloſ⸗ ſen hatte, verließen Bonifacius und der Abt von Einſiedeln die Sacriſtei, und uͤberließen es dem Schatzmeiſter, fuͤr die Niederlegung der empfange⸗ nen Gaben in der Schatzkammer zu ſorgen. Sechs und zwanzigſtes Capitel. Es waltete nur eine geringe Aehnlichkeit zwiſchen dem Charakter der beiden Aebte, mit Ausnahme derjenigen, welche die Folge ihres gemeinſamen Be⸗ rufes war. Wenn Bonifacius der gelehrtere, ver⸗ ſtandeskraͤftigere und uͤberhaupt geiſtig begabtere war, ſo beſaß dagegen der Fuͤrſt⸗Abt von Einſiedeln mehr jene milderen, herzgewinnenden Eigenſchaften, welche die ſchoͤnſte Zierde eines Chriſten ſind. Viel⸗ — 1— 2 105 leicht war keiner von ihnen durchaus fromm und demuͤthig, denn dies konnte Maͤnnern, die von ſo vielen Dingen, die ihrer angebornen Schwaͤche ſchmei⸗ chelten, umringt waren, nicht leicht fallen; allein beide hegten aus langer Gewohnheit große Ehrfurcht gegen die aͤußeren Gebraͤuche der Kirche, und beide hatten, nach Maßgabe der Kuͤhnheit und Schaͤrfe ihres Verſtandes, Vertrauen in die Kraft ihrer geiſt⸗ lichen Wuͤrde. Aus der Sacriſtei ſchritten ſie durch den Kreuz⸗ gang zur Praͤlatur des Kloſters. Hier beriethen ſie ſich insgeheim uͤber ihr ferneres Benehmen. „Du lebteſt alſo«, fragte der Abt von Einſie⸗ deln,»in der unmittelbaren Nachbarſchaft dieſes Barons, Bonifacius?“. „Wie Du leicht aus den juͤngſten Ereigniſſen entnehmen kannſt. Das Schloß und unſere un⸗ gluͤckliche Abtei lagen nur wenige Bogenſchuͤſſe weit auseinander.⸗ „Lebtet ihr ſonſt in gutem Einvernehmen, oder waren uralte Beſchwerden die Veranlaſſung dieſer gegenwaͤrtigen Noth?« „Du biſt gluͤcklich, frommer Ruͤdiger, daß Du zwiſchen dieſen kalten Bergen, fern von der Macht und der Raubſucht der Edlen, eingeſchloſſen biſt. 106 Seitdem die Abtei ſteht, herrſchte kaum jemals Friebe zwiſchen Limburg und dieſen habſuͤchtigen Grafen. Dieſe unruhigen Barone ſtehen zu unſeren Kloͤſtern in demſelben Verhaͤltniß, wie der raſtloſe Geiſt des Vaters der Suͤnden zur moraliſchen Welt.« »Und doch glaube ich, daß der haͤrteſte Streich von einem Manne unſeres Standes kommt. Ich fuͤrchte, daß, wenn alle die vielen Geruͤchte und Sendſchrei⸗ ben der Biſchoͤfe die Wahrheit enthalten, dieſes Schisma Luthers uns einen bleibenden Schaden zu⸗ fuͤgen wird.« Bonifacius, deſſen Geiſt tiefer in die Zukunft blickte, als die meiſten ſeiner Bruͤder es zu thun faͤhig waren, hoͤrte dieſe Bemerkung mit finſterem Sinne an, und bruͤtete uͤber die Bilder, welche in ſeiner lebhaften Phantaſie aufſtiegen, waͤhrend ſein Gefaͤhrte mit ungetheiltem Intereſſe das Mienen⸗ ſpiel ſeines ſcharf markirten Antlitzes betrachtete. »Du haſt Recht, fuͤrſtlicher Abt«, erwiederte Bonifacius endlich.„ Fuͤr uns Beide enthalten Ver⸗ gangenheit und Gegenwart tiefe Lehren, wenn wir nur im Stande waͤren, ſie zu unſerem Beſten an⸗ zuwenden. Alles, was wir von der Erde kennen, beweiſ't, daß alle phyſiſchen Dinge ſich wieder in die Elemente aufloͤſen, ſobald der Zweck ihrer Er⸗ —9, 1¹1S2n—S 2e 107 ſchaffung erreicht iſt. Der Baum hilft die Erde fuͤllen, die einſt ſeinen Wurzeln Nahrung gab; der Fels zerbroͤckelt wieder in den Sand, aus welchem er gebildet ward; und jeder Menſch kehrt wieder in den Staub zuruͤck, dem einſt der Lebensfunke ein⸗ gehaucht worden war. Koͤnnen wir daher hoffen, daß unſere Abteien, ja ſelbſt die Kirche, in ihrer gegenwaͤrtigen zeitlichen Geſtaltung ewig dauern wird?« „Sehr weiſe haſt Du die Worte»ozeitliche Ge⸗ ſtaltung«« gewaͤhlt, guter Bonifacius, denn wenn der Leib zerfaͤllt, ſo bleibt die Seele, und ſo liegt auch das Weſen unſerer Kirche in ihrem geiſtigen Charakter.« „Hoͤre, hochwuͤrdiger und fuͤrſtlicher Ruͤdiger. Frage Luther um ſeinen Glauben in dieſem Punkt, und er wird bekennen, daß er an die Seelenwande⸗ rung glaubt,— er wird Dir ſagen, daß er jenen geiſtigen Charakter beibehaͤlt, und nur eine neue Form will, und daß er, waͤhrend er den alten Leib dem Grabe uͤbergiebt, er jenen nur der Laſt entle⸗ digt, welche unertraͤglich geworden iſt.⸗ „Aber dies iſt offenbar Rebellion gegen das An⸗ ſehen der Kirche, und gerade Verleugnung unſerer Lehre.« 108 »Was das Erſtere betrifft, ſo waltet daruͤber kein Zweifel ob, nur ſind zu Viele in Deutſchland bereit, ſich in dieſe Gefahr zu begeben. Was aber die Lehre angeht, hochwuͤrdiger Ruͤdiger, ſo iſt ſie ein Thema, das, gleich den Glocken eines Kloſters, gar verſchiedene Weiſen zulaͤßt.⸗ „Nein, hochwuͤrdiger Bonifacius, da ſcheinſt Du mir einen ſehr ernſten Gegenſtand mit unehrerbie⸗ tiger Leichtigkeit zu behandeln. Wenn wir dieſe Neuerungen dulden, ſo iſt es mit aller Kirchenzucht zu Ende, und ich wundere mich, daß ein geiſtlicher Wuͤrdentraͤger jene alſo beurtheilt.« „Du thuſt mir Unrecht, Bruder, denn ich ſpre⸗ che meine Meinungen in geziemendem Ernſte aus. Der menſchliche Scharfſinn iſt ſo gefuͤgig, und die einmal entſtandenen Zweifel ſo raſtlos, daß, wenn einmal die Schranke der Kirchenzucht gefallen iſt, ich keine Behauptung kenne, fuͤr welche ein faͤhiger Kopf nicht Gruͤnde finden koͤnnte. Iſt es Dir nie in den Sinn gekommen, hochwuͤrdiger Ruͤdiger, daß man bei Gruͤndung aller Gemeinden, der geiſtlichen ſowohl als weltlichen, einen großen Fehler began⸗ gen hat?« „Du fraͤgſt dies einen Mann, der von jeher ge⸗ den die ren zue ſit 109 wohnt war, von ſeinen Oberen mit Achtung zu denken.“ „Ich tadele weder unſere Oberen, noch ihre per⸗ ſoͤnlichen Eigenſchaften. Ich will nur ſagen, daß die Theorieen nur zu oft fehlerhaft werden, ſobald man ſie auf fruͤheres Herkommen anwendet, waͤh⸗ rend, wie mir ſcheint, in einer wohlgeordneten Welt zuerſt die Theorie, und dann erſt ihre Ausfuͤhrung kommen ſollte.« „Dies haͤtte der thun koͤnnen, der einſt im Be⸗ ſitz des Paradieſes war, waͤhrend diejenigen, welche nach ihm kamen, die Dinge nur ſo, wie ſie dieſel⸗ ben vorfanden, nehmen, und ſo gut es anging, be⸗ nutzen konnten.«. „Fuͤrſtlicher Bruder und Abt, Du haſt mit die⸗ ſem Dilemma gekaͤmpft! Koͤnnten wir in den Be⸗ ſit dieſer herrlichen Erbſchaft, ohne vorher durch theure Intereſſen gefeſſelt worden zu ſein, eingeſetzt werden und nichts als die Wahrheit ſehen, ſo wuͤr⸗ de nichts leichter ſein, als die Uebung der Theorie anzupaſſen: allein da wir Alle, Prieſter und Edle, Fromme und Suͤnder, Philoſophen und Lebemaͤn⸗ ner, das ſind, was wir ſind, ſo muß ſich die Theo⸗ rie oft nach den Forderungen der Praxis bequemen; und daher iſt die Lehre, ſelbſt im beſten Sinne, nur 110 eine ſehr vieldeutige Autoritaͤt. Als Benedictiner und Freund Roms wuͤnſchte ich, daß ſich Luther begnuͤgt haben moͤchte, nur unſere Gewohnheiten zu aͤndern, denn dieſe laſſen ſich leicht den Him— melsſtrichen und Vorurtheilen anpaſſen: wenn aber einmal die Schleuſen der Pruͤfung geoͤffnet worden ſind, dann kann Niemand ſagen, wie gewaltig, oder in welcher Richtung der Strom losbrechen wird.«⸗ „Du ſcheinſt ſehr wenig Vertrauen in die Macht der Vernunft zu beſitzen.« Bonifacius blickte ſeinen Gefaͤhrten einen Au⸗ genblick mit ſchlechtverhehltem Hohn an. „Zuverlaͤſſig, hochwuͤrdigſter Ruͤdiger, antwortete er endlich ernſt,»haſt Du nicht ſo lange Deine Mitmenſchen beherrſcht, um dieſe Frage an mich zu thun! Wenn Du Leidenſchaft geſagt haͤtteſt, dann wuͤrden wir uns eher verſtehen. Die Folgen unſe⸗ rer thieriſchen Natur ſind klar und augenfaͤllig, wenn wir aber die ſichtbaren Grenzen unſerer Gat⸗ tung verlaſſen, und uns auf den Ocean der Specu⸗ lation wagen, ſo handeln wir, wie der Schiffer, der ſich einem Magnete von unbekannter Kraft anver⸗ traut. Wer hungrig iſt, wird eſſen, wer Schmer⸗ zen leidet, wird ſchreien; wer Geld braucht, wird es in der einen oder anderen Form rauben, und 111 wer den Frieden liebt, wird die Ruhe dem Tumul⸗ te vorziehen; alles dies und andere Dinge koͤnnen berechnet werden: wenn Du mir aber die Richtung ſagen willſt, welche der Laͤmmergeier nimmt, ſobald er ſich einmal in die luftigen Hoͤhen uͤber den Al⸗ pen empor geſchwungen hat, dann will ich Dir auch den Lauf des menſchlichen Geiſtes verkuͤndi⸗ gen, ſobald er ſich einmal auf dem Meere der Spe⸗ culation eingeſchifft hat.«, „Um ſo groͤßer iſt die Nothwendigkeit, daß er in den heilſamen Schranken der Kirchenzucht und Glaubenslehre gehalten werde.⸗ „Wenn die Glaubenslehre das waͤre, was un⸗ ſere Kloſtermauern ſind, ſo wuͤrde Alles gut gehen; da ſie aber iſt, was ſie iſt, ſo ſind auch die Men⸗ ſchen nicht zu hindern.“ »Wie! Du haͤltſt den Glauben fuͤr nichts? Ich habe gehoͤrt, daß es in Limburg Bruͤder von ſelte⸗ ner Froͤmmigkeit gab. Vater Johann, der in Ver⸗ theidigung der Altaͤre des Kloſters umkam, verdiente unter die Zahl der Heiligen verſetzt zu werden,— um nichts von dem vortrefflichen Prior zu ſagen, der mit den Wallfahrern hieher kam.⸗ „Ich achte den Glauben ſehr hoch, vortrefflicher Bruder, und gluͤcklich iſt derjenige, welcher durch ihn * 112 eine Scrupel ſo leicht befriedigen kann. Bruder Jo⸗ hann kann unter die Zahl der Heiligen verſetzt wer⸗ den, wenn es unſerem Vater in Rom genehm duͤnkt, und das gefallene Limburg wird dann Urſa⸗ che haben, auf ſein fruͤheres Mitglied ſtolz zu ſein. Dennoch ſehe ich nicht ein, wie der ungluͤckliche Jo⸗ hann etwas gegen die Natur der Lehre beweiſen ſoll, denn wenn er in einigen ſeiner Meinungen weniger hartnaͤckig geweſen waͤre, ſo wuͤrde er dem Schickſal, das ihn traf, entgangen ſein.« »Iſt das Maͤrtyrerthum ein Loos, das einem Chriſten mißfallen kann? Gedenke der Vaͤter, und des Endes, das ſie nahmen.⸗ „»Wenn Johann mehr an ihr Schickſal gedacht haͤtte, ſo wuͤrde das ſeinige verſchieden geweſen ſein. Hochwuͤrdiger Abt, Johann hat lange aufgehoͤrt, mir ein Raͤthſel zu ſein, obſchon ich ſeine Nuͤtzlich⸗ keit fuͤr die Bauern und die inbruͤnſtig Frommen nicht in Abrede ſtelle. Was aber jenen betrifft, den Du zuletzt nannteſt⸗— hier ſtuͤtzte Bonifacius das Haupt in ſeine Haͤnde, und ſprach wie ein Mann, der ernſtlich verlegen iſt,—»den aufrichtigen, wei⸗ ſen und einfachen Arnulph, ſo geſtehe ich, daß ich ihn nie vollkommen begriffen habe! Dieſer Mann ſchien gleich zufrieden in ſeiner Zelle wie in ſeinem —— ‧ 113 Chorſtuhle; war geehrt in ſeinem Amte, wie auf dieſer ermuͤdenden Pilgerſchaft; im Gluͤck und Un⸗ guͤck lebt er ſtets mit ſich ſelbſt und aller Welt in Frieden. Er iſt in Wahrheit ein Mann, den ich niemals zu ergruͤnden im Stande war. Er iſt nicht ehrgeizig, denn dreimal hat er die Inful ausgeſchla⸗ gen. Er wird nicht durch wilde Viſionen und truͤ⸗ geriſche Phantaſieen aufrecht gehalten, wie es der ungluͤckliche Vater Johann wurde; und dennoch zeigt er ſich nicht gleichguͤttig gegen die ſtrengen Ob⸗ ſervanzen unſeres Standes, ſondern koͤmmt ihnen mit Ruhe, und ſcheinbar mit Zufriedenheit nach. Er iſt gelehrt, und laͤßt ſich doch nicht gerne in Er⸗ oͤrterungen ein; iſt nalde bei einer Feſtigkeit, welche durch den Scheiterhaufen nicht gebeugt werden koͤnnte, und nachſichtig in einem Grade, den man leichtſinnig nennen koͤnnte, wenn man nicht wuͤßte, daß ſeine Charakterſtaͤrke auf Umſtaͤnde, Ereigniſſe und Ausſichten durchaus keine Ruͤckſicht nimmt. Er iſt in Wahrheit ein Mann, der meine Men⸗ ſchenkenntniß zu Schanden gemacht hat.« Bonifacius ſah trotz ſeiner Geiſtesgaben, ſeiner Verſtandesſchaͤrfe und Weltkenntniß nicht ein, wie ſehr er durch das Eingeſtaͤndniß, daß er die Motive des Priors nicht zu ergruͤnden im Stande ſei, ge⸗ Heidenmauer. III. 8 114 gen ſich ſelbſt ſprach. Auch ſchien das Naͤthſel ſei⸗ nem Gefaͤhrten, welcher der Schilderung des Moͤn⸗ ches mit jener Neugierde zuhorchte, womit man Wundergeſchichten erzaͤhlen hoͤrt, eben ſo wenig ver⸗ ſtaͤndlich zu ſein. »Ich habe von Arnulph viel gehoͤrt«, bemerkte der Letztere,»doch nie etwas ſo Seltſames als die⸗ ſes,— dennoch ſcheinen ihn die meiſten Menſchen zu lieben.« »Darin liegt ſeine Macht! Obſchon er mir oft ſehr entgegen war, ſo kann ich doch nicht ſagen, daß ich gegen den Mann uͤbel geſinnt bin.— Ja, bei unſerem heiligen Patron! ich glaube ſogar zu⸗ weilen, daß ich ihn liebe! Er verließ einer der Letz⸗ ten unſere Altaͤre, als ſie durch dieſen raubſuͤchtigen Baron und ſeine leichtglaͤubigen und einfaͤltigen Buͤrger geſtuͤrmt wurden; und dennoch war er ei⸗ ner der Erſten, der dieſen Frevel, nachdem er ein⸗ mal vollbracht war, verzieh. Ohne ihn und ſeinen maͤchtigen Einfluß auf die Biſchoͤfe, waͤren doch Schlaͤge mit Schlaͤgen vergolten worden, trotz die⸗ ſem Schisma in Deutſchland, welches uns ſo man⸗ che Stuͤtzen geraubt hat.« „»Da Du von dieſem Schisma ſprichſt, ſo ſage mir, wie Du Dir erklaͤrſt, daß eine ſo verwegene 115 Neuerung in einem Lande Eingang finden konnte, das in der Regel ſich ſo vernuͤnftig gezeigt hat? Die kirchliche Autoritaͤt muß ſchlaff geworden ſein, denn nichts beugt der Ketzerei und Irrlehre ſo ſehr vor, als eine feſtbegruͤndete, in gehoͤrigem Anſehen erhaltene Kirche.« Bonifacius laͤchelte, denn er ſah, ſelbſt in jenem Zeitalter, den Irrthum ein, worin der Sprechende befangen war. »Dies iſt ſehr wahr, wenn Alles recht iſt; aber wenn ein Irrthum vorhanden iſt, ſo verewigt ihn eine ſolche feſtbegruͤndete Kirche. Die Vorkehrun⸗ gen, welche Du triffſt, um von Deiner freundlichen Wohnung die Kaͤlte auszuſchließen, koͤnnen auch da⸗ zu dienen, ſchlechte Luft darin zu behalten.⸗ »Wenn man ſo ſchließt, ſo kann es gar keine Wahrheit geben. Du ſchuldigſt die Lehre an, und willſt nichts von Kirchenzucht wiſſen.“« „Nein, hochwuͤrdiger Ruͤdiger, was das Letzte betrifft, ſo mißverſtehſt Du mich gaͤnzlich. Kirchen⸗ zucht, ſo viel Du willſt und ſo viel moͤglich iſt, nur leugne ich, daß ſie ein Kriterium der Wahrheit ſei. Wir pflegen zu ſagen, daß eine wohlgeordnete und feſtbeſtehende Kirche die Stuͤtze der Wahrheit iſt, waͤhrend die Erfahrung offenbar zeigt, daß die Diſci⸗ 8* 116 plin der Wahrheit mehr Schaden zufuͤgt, als ſie ihr je nuͤtzen kann, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil es nur eine Wahrheit, wohl aber mehrere Arten von Diſciplinen geben kann; viele kirchliche Anſtalten naͤhren daher viele Irrthuͤmer, oder die Wahrheit waͤre nicht identiſch mit ſich ſelbſt.⸗ „Du uͤberraſcheſt mich!— Was aus dieſer Ketzerei entſtehen kann, kenne ich bis jetzt nur aus einer Frevelthat gegen unſere Obergewalt, und ſie kam vom Boͤſen, ſo wie wir vom Guten kommen.⸗ „Dies mag fuͤr die Chriſtenheit gelten, aber was ſagt es gegen den Mahomedaner, den Feuer⸗ anbeter, den Hindu, den Heiden, welche alle eben ſo wohl durch Kirchenzucht dem Irrthum wehren wollen, ſo wie wir, die wir Rom verehren? Bis jetzt hat ſich unter den Chriſten jenes Uebel nicht oft gezeigt, wiewohl auch wir nicht ohne Meinungs⸗ verſchiedenheit ſind; allein, wenn man die reißenden Fortſchritte der Buchdruckerkunſt, und die verſchie⸗ denartigen Meinungen, die ſich in Folge derſelben verbreiten, erwaͤgt, ſo ſehe ich voraus, daß man al⸗ lerlei entgegengeſetzte Maßregeln ergreifen wird, welche ſaͤmmtlich auf Bewahrung der Wahrheit und Ausſchließung des Irrthums berechnet ſein werden. 117 Dieſer Anſpruch auf untruͤgliche Autoritaͤt, dieſe ie n Strenge, um die Reinheit der Lehre und das, was er wir fuͤr wahr erachten, zu erhalten, iſt ſehr wohl le quoad hoc, wie die Juriſten ſprechen; allein was r, die allgemeine Frage betrifft, ſo ſehe ich ihre Macht ch nicht ein. Da ſich die Menſchen jetzt mit Leiden⸗ ſchaft in dieſe religioͤſen Streitigkeiten einlaſſen, ſo er ſehe ich voraus, daß verſchiedene Arten von Kirche 18 daraus entſpringen werden, alle mehr oder minder ſie auf menſchliche Vorkehrungen, als Bewahrungsmit⸗ .« teel der Wahrheit, geſtuͤtzt; allein wenn die Zeit er kommen wird, wo die Laͤnder und Gemeinden die⸗ er⸗ ſer Punkte wegen in ſich ſelbſt zerfallen, dann, hoch⸗ en wuͤrdiger Nuͤdiger, werden wir durch Satzungen en und Einrichtungen eben ſo viele Irrthuͤmer ein⸗ is als ausſchließen. Ich fuͤrchte, daß der Himmel ein hoht Ziel iſt, welches nur durch eine allgemeine Nachgie⸗ s⸗ bigkeit erreicht werden kann, indem wir Jedem uͤber⸗ en laſſen, den geringeren Punkten, je nach ſeinen Ge⸗ ie⸗ wohnheiten und Faͤhigkeiten, mehr oder minder en Glauben zu ſchenken.“ al⸗»Dies ſchmeckt mehr nach dem kloſterloſen Abt, rd, der noch vor ſo kurzer Zeit uͤber eine bluͤhende nd und gehorſame Gemeinde gebot!« ſtichelte Ruͤdiger. Bonifacius wurde durch dieſe offenbare Anſpie⸗ 118 lung wenig geruͤhrt, ſondern ſah ſeinen Gefaͤhrten kalt und wie ein Mann an, der ſich ſeiner Ueberle⸗ genheit zu ſehr bewußt iſt, um leicht beleidigt wer⸗ den zu koͤnnen. Dennoch wuͤrde er trotz ſeiner ſcheinbaren Maͤßigung etwas beißend geantwortet haben, wenn ſich nicht in dieſem Augenblicke die Thuͤre geoͤffnet haͤtte, und der Prior mit Ruhe in das Gemach getreten waͤre. Die Aufnahme, welche dem Prior von ſeinen beiden infulirten Bruͤdern wurde, bewies die tiefſte Hochachtung, welche ſeine Selbſtverleugnung ihm ſo allgemein erworben hatte. In dem großen Kam⸗ pfe egoiſtiſcher Intereſſen, welcher in dieſer unruhi⸗ gen Welt den meiſten Handlungen zum Grunde liegt, wird Niemanden ſo ſicher allgemeine Hochach⸗ tung zu Theil, als demjenigen, der die Laſten des Lebens bereitwillig und mit ſo wenig von ſeinen Annehmlichkeiten als moͤglich traͤgt, und ſich aus der Arena der entgegengeſetzten Beſtrebungen zuruͤck⸗ zieht. Der Ruͤckzug derjenigen vom Kampfe, wel⸗ che wenig Mittel beſitzen, ſich den Erfolg zu ſichern, erregt wenig Aufſehen und Theilnahme; allein wenn ein Mann, der unleugbare Anſpruͤche beſitzt, dies thut, ſo wird man alle Eigenſchaften, die er beſitzt, preiſen, und zwar auch diejenigen, welche ihm un⸗ s 2—— — 119 ter anderen Verhaͤltniſſen von ſeinen Nebenbuhlern lebhaft beſtritten worden waͤren. So war auch in gewiſſer Hinſicht die Stellung des Priors beſchaffen; Bonifacius handelte nie ſeinem Gefuͤhl gegen den frommen Moͤnch zuwider, denn er war uͤberzeugt, daß deſſen Tugenden, wenn auch oͤffentlich geprie⸗ ſen, nie ſeine Intereſſen bekaͤmpften. »Du biſt ſehr ermuͤdet, hochwuͤrdiger Prior«, ſagte der Abt von Einſiedeln, indem er ihm zuvor⸗ kommend einen Stuhl anbot. »Ich achte es nicht, hochwuͤrdigſter Fuͤrſt⸗Abt, da wir uns den Weg durch erbauliches Geſpraͤch und Gebet verkuͤrzt haben: meine Pilger ſind ermattet, aber gluͤcklich angelangt, und nun der Gaſtfreiheit Deines Kloſters anvertraut.« »Du haſt einen in Deutſchland ſehr geachteten Edlen mitgebracht, hochwuͤrdiger Arnulph.« „Von altem Geſchlecht und großem weltlichen Anſehen«, erwiederte der Prior mit Zuruͤckhaltung. „Was denkſt Du, Bruder Bonifacius? Es waͤ⸗ re allerdings unklug, zwiſchen jenen, welche unſeren Gnadenort beſuchen, oͤffentlich einen Unterſchied zu machen; allein verlangen nicht Gaſtfreundſchaft und Artigkeit eine vertrauliche Begruͤßung? Biſt Du meiner Meinung, wuͤrdiger Arnulph?⸗ 120 „Vor Gott gilt kein Anſehen der Perſon, Abt von Einſiedeln.⸗ »Kann dies Jemand mehr anerkennen, als wir ſelbſt? Allein wir machen auf Untruͤglichkeit keinen Anſpruch, noch duͤrfen wir unſer Urtheil uͤber den Werth der Menſchen, außerhalb unſeres kirchlichen Amtes, als entſcheidend annehmen. Unſer Orden iſt zur Gaſtfreiheit verpflichtet, und wir duͤrfen durch dieſelbe uns Achtung erwerben; es ſcheint mir daher nicht nur geziemend, ſondern auch klug, ei⸗ nem Edlen von ſeinem Range, zu einer Zeit, wo die Ketzerei ſo im Schwange geht, zu zeigen, daß wir ſeine Ankunft und ſein Opfer nicht gering ſchaͤtzen. Du ſchweigſt, Bruder Abt!« Der Abt von Limburg hatte mit innerlichem Vergnuͤgen zugehoͤrt, denn er hatte geheime Abſich⸗ ten, welche durch dieſen Vorſchlag beguͤnſtigt wur⸗ den. Er ſchickte ſich daher an, ſeine Einwilligung zu geben, als er von dem Prior daran gehindert wurde. »Ich habe Edle unter meinen Pilgern, hoch⸗ wuͤrdigſte Aebte«, ſprach der Letztere ernſtlich,»ich habe aber auch Perſonen darunter, welche mehr als adelig zu ſein verdienen, wenn chriſtliche Tugenden auf Hochachtung Anſpruch machen duͤrfen. Ich bin 121 nicht in dieſes Gemach gekommen, um von Emich von Hartenburg zu ſprechen, ſondern um Dich zu Gunſten von Gemuͤthern, die in tiefen Gram ver⸗ ſunken ſind, um eine geiſtliche Wohlthat zu bitten.« „Nenne dieſe Bitte, und ſei von einer guten Aufnahme derſelben verſichert. Doch heute iſt es zu ſpaͤt, und kein morgiger Gottesdienſt darf uns abhalten, jetzt Gaſtfreundſchaft zu uͤben.⸗ „Diejenigen, in deren Namen ich ſprach«, ſag⸗ te Arnulph augenſcheinlich gekraͤnkt,»harren bereits vor der Thuͤre, und koͤnnen, wenn Du ihnen Ein⸗ laß gewaͤhren willſt, ihre Wuͤnſche am beſten ſelbſt vortragen.« Der Abt willigte in die Einfuͤhrung der Har⸗ renden, und der Prior, welcher von dieſer Zuſam⸗ menkunft ſich eine gute Wirkung auf das Gemuͤth ſeiner Oberen verſprach, eilte, ſie einzulaſſen. Hin⸗ ter ihm traten Ulrike, Lottchen und Meta in das Gemach. Die beiden Aebte waren uͤberraſcht, denn es uͤberſtieg ihr Vertrauen in ſich ſelbſt, weiblichen Beſuch zu einer ſo ungewohnten Stunde und in dieſem einſamen Theile des Kloſters anzunehmen, — die Kuͤhnheit der Unſchuld galt ihnen wenig! „Dies iſt wider den Gebrauch!« rief der Abt von Einſiedeln aus.»Zwar haben wir unſere Vor⸗ 122 rechte, frommer Arnulph, doch duͤrfen wir uns der⸗ ſelben nur mit großer Vorſicht bedienen.« »Sei unbeſorgt, hochwuͤrdiger Abt«, entgegnete Arnulph mit Ruhe,»dieſer Beſuch iſt ſo harmlos, wie derjenige, auf welchen Du zuvor angeſpielt haſt. Sprich, tugendhafte Ulrike, damit Deine Wuͤnſche offenbar werden.« Ulrike bekreuzte ſich, und blickte dann mit thraͤ⸗ nenden Augen auf das blaſſe und kummervolle Ant⸗ litz ihrer Tochter und Freundin. „»Wir ſind, hochwuͤrdigſter Fuͤrſt⸗Abt«, hob ſie langſam an, wie eine Perſon, welche der Wirkung ihrer Worte mißtraut,„zu Deinem hochbeguͤnſtig⸗ ten Heiligthum als Buͤßende, als Wallfahrer, und unſere Suͤnden anerkennend, gekommen, um fuͤr ein großes Unrecht Genugthuung zu leiſten und die Verzeihung des Himmels anzuflehen. Die Ge⸗ waͤhrung unſerer Bitten iſt uns durch die Kirche, und durch Jenen, der groͤßer iſt, als die Kirche, ver⸗ heißen, wenn wir ein zerknirſchtes Herz mitbringen. In dieſer Beziehung haben wir wenig noch zum Opfer zu bringen, da unſer frommer Fuͤhrer, der geliebte und weiſe Arnulph, uns gelehrt hat, keinen von der Kirche vorgeſchriebenen Gebrauch zu unter⸗ laſſen, und uns auch ſonſt genau uͤber die zu unſe⸗ 123 rem Unternehmen unerlaͤßliche Gemuͤthsſtimmung unterrichtet hat. Allein, hochwuͤrdigſter Abt«— „Fahre fort, meine Tochter, wir ſind geneigt, Dich anzuhoͤren!« ſagte Ruͤdiger voll Guͤte, als er bemerkte, daß ihre Worte ſtockten, und ſie mit be⸗ unruhigten Blicken bald auf Lottchen, bald auf Meta ſah. Ihre Stimme wurde gedaͤmpfter, aber um ſo eindringlicher, je weiter ſie fortfuhr. „»Hochwuͤrdiger Benedictiner, mit der Gnade des Himmels will ich es. In Allem, was unſere Wallfahrt und die dabei noͤthigen Pflichten be⸗ trifft, vertrauen wir gaͤnzlich in den frommen Rath des weiſen und wuͤrdigen Arnulph, welcher beſtaͤti⸗ gen wird, daß von uns nichts Weſentliches vernach⸗ aaͤſſigt worden iſt. Wir haben gebetet, gebeichtet, gefaſtet, und alle noͤthigen Bußen in Demuth und mit zerknirſchtem Herzen vollbracht. Wir kommen daher, um von dieſem hochbegnadigten Kloſter eine Wohlthat zu erbitten, die, wie wir hoffen, Chriſten nicht verſagt werden wird.« Im Blick des Abtes malte ſich Ueberraſchung, er harrte jedoch, bis ſie von ſelbſt wieder fortfuhr. »Es hat dem Himmel gefallen, Jemanden, der uns Allen theuer war, ploͤtzlich von der Erde abzu⸗ rufen«, fuhr Ulrike fort, nicht ohne beſorgliche 124 Blicke auf ihre Gefaͤhrtinnen zu werfen,»und wir bitten um das maͤchtige Gebet des Kloſters unſerer lieben Frau von Einſiedeln, zu Gunſten ſeiner Seele. ⸗ „»Wie alt war der Verſtorbene?⸗ „Gott rief ihn in fruͤher Jugend ab, hochwuͤr⸗ digſter Abt.⸗ »Auf welche Weiſe ſtarb er?« „Durch ploͤtzliche Heimſuchung des Himmels!⸗ „Starb er in Frieden mit Gott und der Kirche?⸗ „Vater, ſein Ende war ploͤtzlich und ungluͤcks⸗ voll. Niemand konnte in jenem ſchrecklichen Au⸗ genblicke von ſeiner Seelenſtimmung etwas wiſſen.⸗ „»Lebte er den heiligen Vorſchriften unſerer Kirche gemaͤß? Du koͤmmſt aus einem Lande, in welchem arge Ketzerei herrſcht, und dies iſt eine Stunde, wo der Hirt die Heerde nicht verlaſſen darf.«⸗ Ulrike ſchwieg eine Weile, aber ihre Freundin ſeufzte tief und vernehmlich. „Fuͤrſtlicher Abt, er war ein Chriſt. Ich habe ihn ſelbſt zur Taufe gehalten. Dieſe demuͤthige Buͤßerin und Pilgerin gab ihm das Leben, und dieſem hochwuͤrdigen Prior hat er oft gebeichtet.⸗ Dem Abt mißfiel die Art ihrer Antworten ſehr. 125 Er zog die Augenbrauen zuſammen, und warf zwei⸗ felvolle Blicke bald auf Arnulph, bald auf die Frauen. „»Kannſt Du fuͤr Dein Beichtkind buͤrgen?⸗ fragte er ploͤtzlich den Prior. „Seine Seele bedarf der Meſſen.“ „War er von der Ketzerei dieſer Zeit angeſteckt?« Arnulph ſchwieg. Ein ſchwerer Kampf ging in ſeinem Inneren vor, denn waͤhrend er den Meinungen Bertholds mißtraute, wußte er von ihm doch Nichts, das ein gewiſſenhafter und ge⸗ nauer Richter fuͤr einen unwiderlegbaren Beweis ſeiner Ausſcheidung aus der Kirche haͤtte erklaͤren muͤſſen. »Du antworteſt nicht, Prior?« „Gott hat mir nicht die Gabe verliehen, in das innerſte Herz der Menſchen zu ſchauen.“⸗ »Hal dies wird deutlicher. Hochwuͤrdiger Bo⸗ nifacius, iſt Dir dieſe Angelegenheit bekannt?« Der entthronte Abt von Limburg hatte dem Geſpraͤch anfangs mit Gleichguͤltigkeit zugehoͤrt. Es umſchwebte ſogar ein ironiſches Laͤcheln ſeinen Mund, waͤhrend Ulrike ſprach; als aber Arnulph befragt wurde, verſchwand es in der lebhaften Neugierde, zu erfahren, wie ſich ein ſo gewiſſenhaf⸗ 126 ter Mann aus der Verlegenheit ziehen wuͤrde. Nachdem jedoch die Frage geradezu an ihn gerich⸗ tet worden war, ſah er ſich gezwungen, ſelbſt an dem Geſpraͤche Theil zu nehmen. „»Es iſt mir nur zu wohl bekannt, frommer und fuͤrſtlicher Ruͤdiger«, antwortete er,»daß die Ketze⸗ rei in unſere mißleitete Pfalz eingedrungen iſt, ſonſt wuͤrde der Abt von Limburg kein kloſterloſer Gaſt zu Einſiedeln ſein.⸗ »Du hoͤrſt, Tochter! der Juͤngling ſtarb im Verdacht, ein Feind der Kirche geweſen zu ſein.« »Je groͤßer der Irrthum, wenn dies wirklich der Fall geweſen ſein ſollte, deſto Weh bedaef ſeine Seele des Gebetes.« „Dies hieße Lucifer in ſeinen Plaͤnen, unſer Hei⸗ ligthuͤmer zu ſtuͤrzen, unterſtuͤtzen, und waͤre eine un⸗ verzeihliche Schwachheit. Es ſchmerzt mich, dieſe Strenge gegen eine Perſon von ſcheinbar ſo großer Froͤmmigkeit zeigen zu muͤſſen, allein unſere Altaͤre duͤrfen nicht durch Meßopfer zu Gunſten Derjenigen, die ſie verachten, entweiht werden. War der Juͤng⸗ ling bei der Zerſtoͤrung von Limburg thaͤtig?« „»Vater, er ſtarb durch den Einſturz des Kir⸗ chendaches«, ſagte Ulrike faſt unhoͤrbar,»und wir halten dieſe ſchreckliche Todesart fuͤr einen Grund — 18— 8&—³— —ᷣ——— —̈— 127 mehr, weßwegen außerordentliche Meſſen fuͤr ſeine Seele geleſen werden ſollen.« »Du verlangſt eine Unmoͤglichkeit. Wenn wir im Falle der Ketzerei Milde walten ließen, ſo wuͤr⸗ den wir dadurch die Getreuen entmuthigen, und die ohnehin Allzukuͤhnen noch verwegener machen.⸗ „»Vater!“ rief eine zitternde und leiſe, aber innige Stimme. »Was willſt Du, Tochter?« fragte der Abt, indem er ſich zu Lottchen wandte. „»Hoͤre auf die Bitte einer Mutter. Der Knabe war im chriſtlichen Glauben geboren und erzogen. Aus Gruͤnden, gegen welche ich mich nicht auflehne, legte der Himmel ſeinem Vater und mir fruͤhzeitig ein ſchweres Verhaͤngniß auf. Wir waren reich, und wurden arm, wir waren von den Menſchen geehrt, und erfuhren, um wie viel beſſer die Stuͤtze Gottes iſt. Wir unterwarfen uns in Demuth, und als wir ſahen, daß Diejenigen, welche uns ſonſt mit Hochachtung begegnet hatten, ſich verach⸗ tungsvoll von uns abwandten, ſo kuͤßten wir unſer Kind, und waren dankbar und zufrieden. Eine haͤrtere Pruͤfung ſtand mir bevor,— Gott nahm ſeinen Vater von der Erde, und der Sohn trat in die Dienſte eines Barons. Ich will und kann 128 nicht behaupten, daß meine Staͤrke allein ſo vielen Leiden gewachſen war. Ein Engel, in Geſtalt dieſer heldenmuͤthigen und trefflichen Frau, wurde mir geſendet, um mich aufrecht zu halten. Bis zu dem gegen Limburg veruͤbten Frevel hegten wir Hoff⸗ nungen, und hatten unſere gluͤcklichen Stunden,— dieſer Frevel aber hat Alles vernichtet. Mein Sohn ſtarb unter dem gerechten Zorn des Him⸗ mels, und ich blieb zuruͤck, um Gott fuͤr ihn an⸗ zurufen. Willſt Du einer kinderloſen Mutter, welche nach Empfang dieſer Wohlthat Gott gerne ſegnen und dann ſterben will, die Troͤſtung der Kirche verſagen?⸗ „Du verurſachſt mir Schmerz, Tochter; allein ich bitte Dich, zu bedenken, daß ich nur der Be⸗ wahrer einer mir anvertrauten heiligen Gewalt bin.⸗ „Vater!« flehte eine noch eindringlicher⸗ Stimme. „Auch Du Kind! Was willſt Du von einem Manne, der zur Gewaͤhrung aller Dinge, die ſeine Pflicht nicht verbietet, ohnehin ſo geneigt iſt?« Meta war auf ihre Kniee geſunken, und hatte den Pilgermantel zuruͤckgeſchlagen, ſo daß der Abt ihr blaſſes Antlitz vollkommen ſehen konnte. ——--. Das Maͤdchen ſchien einen ſchweren Kampf mit ſich ſelbſt zu beſtehen, endlich fand ſie Staͤrkung in den Blicken ihrer Mutter, und war im Stande zu ſprechen. »Ich weiß, hochwuͤrdigſter Abt«, begann ſie in wohlgeordneter Rede, wie eine Perſon, welche uͤber die Art, wie ſie bitten ſoll, belehrt worden iſt,»„daß die Kirche der Zucht ſehr bedarf, weil ſie ohne die⸗ ſelbe weder beſtehen, noch fortdauern kann. Dies hat meine Mutter mich gelehrt, und Beide halten wir feſt an dieſer Wahrheit, und preiſen dieſelbe. Darum haben wir auch ſtets alle Satzungen der Kirche befolgt, haben gebetet und gebeichtet, und die Faſt⸗ und Feſttage beobachtet. Selbſt der hochwuͤrdigſte Bonifacius hier, kann dies in Bezug auf uns Beide nicht in Abrede ſtellen⸗— Meta hielt inne, gleich als fordere ſie den Abt auf, ihr zu widerſprechen, wenn er koͤnnte. Boni⸗ facius ſchwieg aber. »Was den Verſtorbenen betrifft«, fuhr Meta, deren Stimme wie eine Trauermuſik klang, fort, „ſo iſt Folgendes die Wahrheit. Er war als Chriſt geboren, und hat in meiner Gegenwart nie Etwas gegen die Kirche geſprochen. Unmoͤglich kannſt Du glauben, Vater, daß Jemand, der auf meine Ach⸗ Heidenmauer. III. 9 130 tung Anſpruch machte, ſie durch Mittel, die keine Chriſtin billigen kann, zu gewinnen hoffen konnte. Daß er oft in den Beichtſtuͤhlen der Abtei Lim⸗ burg war, weiß ich, und daß er das Wohlwollen dieſes hochwuͤrdigen Priors genoß, wird Dir der⸗ ſelbe auf Deine Frage beſtaͤtigen. Indem er gegen Limburg zog, gehorchte er nur ſeinem Herrn, wie viele Andere vor ihm thaten, und gewiß koͤnnen nicht Alle, die im Kriege fallen, hoffnungslos ver⸗ dammt ſein. Wenn es in Deutſchland Ketzerei giebt, reicht da die Gefahr, die einem im Leben droht, nicht hin, daß man auch die Todten ihren vergangenen Handlungen, ohne Huͤlfe der Kirche und wehmuͤthiges Andenken bei ihren Freunden, uͤberlaſſen ſoll? O! Du wirſt Dich anders beden⸗ ken, hochwuͤrdiger, aber grauſamer Ruͤdiger, und Deine allzuhaſtige Entſcheidung widerrufen. Laß daher Meſſen fuͤr den armen Berthold leſen! Ich weiß nicht, was Bonifacius Dir in Betreff des Juͤnglings insgeheim geſagt haben mag, aber ſoviel kann ich im Angeſichte der ganzen Erde erklaͤren— einen froͤmmeren Sohn, einen treueren Diener, einen im Nothfall Tapfereren, einen im Leben Milderen gab es in der ganzen Pfalz nicht, und kein Herz ſchlug redlicher und wahrhafter, als das 131 ſeinige. Ich weiß wohl, daß ich die Grenzen, welche der Rede eines Maͤdchens geſteckt ſind, uͤber⸗ ſchreite«, fuhr die Jungfrau eifrig fort, indem Thraͤnen uͤber ihre befeuerten Wangen rollten, »allein die Todten ſind ſtumm, und wenn Diejeni⸗ gen, welche ſie im Leben liebten, kalt gegen die Beduͤrfniſſe ihrer Seelen waͤren, wie ſollte da der Himmel ſich ihrer grauſamen Lage erbarmen?« „Gute Tochter«, unterbrach ſie der Abt, dem es um das Herz beklommen wurde,»wir wollen es uͤberlegen. Begieb Dich zur Ruhe,— und moͤge Gott Dich ſegnen!« »Nein, ich kann nicht ruhen, waͤhrend Ber⸗ thold's Seele in ſolcher Gefahr ſchwebt! Vielleicht nimmt die Kirche Buße fuͤr ihn an. Mutter Lott⸗ chen iſt nicht laͤnger jung und ſtark, wie einſt, aber ich bin es, Vater. Lege mir auf, was Du willſt, Wallfahrt, Faſten, Geißelung, Gebet, Nachtwachen: Nichts wird mir zu viel ſein. Du kannſt mir Nichts gebieten, was mir um des armen Berthold willen nicht als ein Gluͤck erſchiene. O! haͤtteſt Du ihn gekannt, hochwuͤrdiger Moͤnch, wie milde er gegen die Ungluͤcklichen, wie zuͤchtig gegen uns Maͤdchen, wie treu und wahr er geweſen, ſo be⸗ 9* 132 duͤrfte es keiner Bitte, um Dich zu vermoͤgen, Meſſen fuͤr ihn zu gewaͤhren.⸗ „»Bonifacius, giebt es kein Mittel, um ein ſol⸗ ches Zugeſtaͤndniß zu rechtfertigen?« „Ich wuͤnſche mit Dir zu ſprechen, Bruder«, antwortete der Abt von Limburg, der abſeits von den Andern als aufmerkſamer Beobachter geſtan⸗ den hatte. Die Berathung der beiden Praͤlaten war kurz, aber entſcheidend. „Nimm das Kind hinweg«, ſprach Ruͤdiger zu Ulrike,»das Mißfallen des Himmels muß ertra⸗ gen werden.« Der Prior ſeufzte tief auf, aber machte den Frauen ein Zeichen zu gehorchen, weil er die Nutz⸗ loſigkeit aller ferneren Bitten einſah. Er verließ zuerſt die Wohnung des Abtes, und die Frauen folgten ihm nach. Nicht die mindeſte Mißbilli⸗ gung entfuhr ihm, waͤhrend er dieſen Beweis eines leidenden Gehorſams gab. Erſt als Ulrike und Loktchen in die freie Luft traten, bemerkten ſie, daß das troſtloſe Maͤdchen, das ſie unterſtuͤtzt hatten, die Beſinnung verloren hatte. Da ſie ſeit einiger Zeit haͤufige Anwandlungen von Ohnmacht gehabt, ſo gerieth die Mutter nicht in zu große Beſtuͤrzung, —ℳ — —ℳ — 133 und es dauerte nicht lange, bevor alle Pilgerinnen das Lager, deſſen ſie ſo dringend bedurften, geſucht hatten. Sieben und zwanzigſtes Capitel. Wir haben im Verlaufe dieſer Erzaͤhlung be⸗ reits mehr als einmal der Gaſtfreundſchaft der Benedictiner Erwaͤhnung gethan. Das Kloſter Einſiedeln machte, obſchon ſeine gebenedeiten Al⸗ taͤre von ſo vielen Pilgern beſucht wurden, keine Ausnahme von der allgemeinen Regel. Die Zahl der Wallfahrer von Rang, welche zu dem Gnaden⸗ orte kamen, vervielfaͤltigte die Anſpruͤche auf die Gaſtfreiheit der Abtei, denen von den Moͤnchen auf geziemende Weiſe genuͤgt wurde. Selbſt Lo⸗ retto hat ſeinen Palaſt, um darin jene Fuͤrſten zu bewirthen, die von ihren Thronen niederſteigen, um in der»santa casa« zu beten; denn ſchon die Politik, um nicht zu ſagen, die Menſchlichkeit, gebietet, ſolchen Andaͤchtigen, welche an Muͤhen nicht ge⸗ wohnt ſind, den Pfad zu erleichtern. In Einklang mit der Ordensregel der Benedictiner, beſaß daher 134 das Kloſter Einſiedeln, obſchon in einer ſo rauhen und unwirthbaren Gegend gelegen, eine Praͤlatur, Wohnungen fuͤr die Fremden, und einen reichen Vorrath an Getraͤnken und Lebensmitteln eben ſo gut, als Moͤnchszellen und religioͤſe Gebraͤuche. Wir nehmen den Faden unſerer Erzaͤhlung un⸗ gefaͤhr drei Stunden nach der Unterredung, die wir im vorhergehenden Capitel geſchildert haben, wieder auf. Es war nahe an Mitternacht, und die Scene ein Speiſeſaal oder Refectorium, worin der Fuͤrſt⸗Abt Diejenigen bewirthete, denen er mehr Auf⸗ merkſamkeit zeigen zu muͤſſen glaubte. Man ge⸗ wahrte nicht viel Prunk, denn eine öuͤberfluͤſſige Ausſtellung von Reichthuͤmern lag nicht in der Politik eines Kloſters, das hauptſaͤchlich von der Freigebigkeit der Andaͤchtigen exiſtirte. Dennoch war der Saal mit allen Bequemlichkeiten verſehen, die jenes Zeitalter mit ſich brachte, und durch welche fuͤr eigentlichen ſubſtantiellen Genuß beſſer geſorgt war, als durch die Kuͤnſteleien und weich⸗ lichen Erfindungen der neueren Zeit. Der Boden war von Ziegeln und nicht ſehr geglaͤttet. Dunkles Eichengetaͤfel bedeckte die Waͤnde, und an der Decke war das Hochzeitsmahl von Cana abgebildet. Ob⸗ ſchon es mitten im Sommer war, brannte doch 13⁵ ein luſtiges Feuer in dem rieſigen Kamine, weil die Groͤße des Saals und die ſcharfe Gebirgsluft eine Erwaͤrmung nicht nur angenehm, ſondern auch noth⸗ wendig machte. Die Tafel war geraͤumig und wohl⸗ beſetzt, und jene edle Fluͤſſigkeit, die den Rhein ſeit ſo langer Zeit beruͤhmt gemacht hat, glaͤnzte in zahl⸗ reichen Flaſchen. Um die Tafel ſaßen der Abt, ſein vertriebener Rangesgenoſſe Bonifacius, zwei bei dem Abt von Einſiedeln beliebte Moͤnche ſeines Kloſters, Emich, der Rhodiſerritter, der Abbé, Heinrich Frey und der Schmid. Die erſteren waren in ihrer gewoͤhnlichen Kloſtertracht, waͤhrend ſich die Letzteren durch ihr gemeinſames Pilgergewand im Aeußeren durch nichts unterſchieden. Dietrich verdankte dieſe Ehre dem zufaͤlligen Umſtande, daß er in ſo guter Geſell⸗ ſchaft, welche ſich der gewoͤhnlichen Abzeichen ihres Ranges begeben hatte, angekommen war. Wenn Bonifacius den Schmid uͤberhaupt kannte, ſo ſtellte er ihn doch, es ſei nun aus Gleichguͤltigkeit oder aus Klugheit, nicht bloß. Wer ploͤtzlich in dieſen mitternaͤchtigen Kreis ein⸗ gefuͤhrt worden waͤre, der wuͤrde in der froͤhlichen Heiterkeit und Geſelligkeit dieſer Stunde den er⸗ muͤdeten Buͤßer und den zuͤrnenden Prieſter kaum 136 erkannt haben. Dem eigentlichen Beduͤrfniß war bereits mehr als Genuͤge geleiſtet, und mancher Becher zu Ehren von Wirthen und Gaͤſten vor dem Zeitpunkte geleert worden, in welchem wir den Fa⸗ den der Geſchichte wieder verfolgen. Der Fuͤrſt⸗Abt fuͤhrte, wie es ſeinem hohen Range zukam, den Vorſitz, waͤhrend zu ſeiner Rechten Bo⸗ nifacius, zu ſeiner Linken Emich ſaß. Die große Ruͤckſichtsnahme, die man dem Fuͤrſt⸗Abt ſchuldig war, ſo wie ſein perſoͤnlicher Charakter und mildes Benehmen, bewirkte, daß ſeine beiden Nachbaren, von denen keiner von Beiden bis jetzt ein Zeichen ihrer fruͤheren Bekanntſchaft ſich hatte entſchluͤpfen laſſen, alle aͤußeren Formen der Artigkeit und Freund⸗ ſchaft beobachteten. Dieſe zweideutige Hoͤflichkeit, die, wie uns ſcheint, von ſehr altem Urſprunge iſt, und worin Albrecht von Wiederbach und Latouche dem Grafen mit ſeltenem Gluͤcke beiſtanden, zaͤhmte die Gefuͤhle ihrer am Range geringeren Begleiter, welche, weniger erfahren in anſtaͤndiger Taͤuſchung, ſonſt leicht durch Anſpielungen von aufreizender Art ihren koͤrperlichen Schmerz, von der Wallfahrt her, Luft gemacht haben wuͤrden. „»Munden Dir unſere Weine?« fragte der Fuͤrſt⸗ Abt von Einſiedeln hoͤflich.»Jenen in dem ſilbernen —-———— 137 Becher verdanken wir der Freigebigkeit des ver⸗ ſtorbenen Kurfuͤrſten, welcher bei Gelegenheit der Erkrankung eines Gliedes ſeiner Familie unſerer lieben Frau von Einſiedeln ein Weiheopfer geſendet, und es mit dieſem Wahrzeichen ſeiner Gunſt fuͤr das Kloſter begleitet hat; und jener, der Dir am meiſten zu munden ſcheint, iſt ein nachbarliches Ge⸗ ſchenk unſeres Bruders von St. Gallen, eines der freigebigſten Aebte von Allen, die je Stab und In⸗ ful getragen haben. Du weißt, Sohn, daß dieſes bluͤhende Kloſter lange und ganz beſondere Fuͤrſorge auf Erhaltung guten Weines gewendet hat.« „Du uͤberſchaͤtzeſt meine Kenntniß der Geſchichte, Herr Fuͤrſt⸗Abta, erwiederte Emich, indem er den Becher auf eine Weiſe niederſetzte, die auf große Vertrautheit mit edlen Weinen ſchließen ließ;»wir in den niedriger gelegenen Gegenden, verſchwenden nur wenig Zeit auf ſolche Studien, und verlaſſen uns hierin ganz auf die Univerſitaͤtsleute. Wenn der Abt von St. Gallen uͤber viel von dieſer edlen Fluͤſſigkeit gebietet, ſo iſt es ſehr wohl gethan, wenn uns unſere Gewiſſensraͤthe von Zeit zu Zeit auf Wallfahrten in jene Gegend ſenden, die, wenn ich mich nicht ſehr irre, nicht fern von hier liegt.⸗ »Du koͤnnteſt nicht richtiger vermuthet haben, 138 und waͤreſt Du zu Wittenberg oder ſelbſt zu Rom Doctor geworden. Wegen der Gebirgspfade, des Mangels an Bruͤcken, und wegen anderer Schwie⸗ rigkeiten, bedarf ein Saumthier, um von den Pfor⸗ ten unſeres Kloſters nach jenen von St. Gallen zu gelangen, zwei Tage, obſchon in dringenden Faͤllen ein treuer Bote zu Fuß in einem Tage und einer Nacht Nachricht hinbringen kann. St. Gallen iſt eine reiche, uralte Abtei, und der Zufluchtsort der Wiſſenſchaften waͤhrend der finſteren Periode der neueren Zeiten geweſen, wie Du ſehr wohl weißt, Bonifacius; obſchon der Anwachs der Stadt, und die zunehmende Verwirrung unſerer Tage es nicht ganz ungekraͤnkt den Gefahren, welche jetzt allen Anhaͤngern Roms drohen, entkommen ließen.« Dies war die erſte Anſpielung auf die Ereigniſſe geweſen, welche die Anweſenden auf eine ſo ſelt⸗ ſame Weiſe zuſammen gefuͤhrt hatten, und wohl moͤchte ohne die Selbſtbeherrſchung des Abtes Bo⸗ nifacius eine nichts weniger als angenehme Eroͤr⸗ terung daraus entſtanden ſein. »St. Gallen und ſeine Vorzuͤge ſind keinem unbekannt, der das Gewand des heiligen Benedict traͤgt«, erwiederte er mit bewunderungswuͤrdiger Faſſung.»Du hatteſt ſehr Recht, indem Du ſag⸗ ⏑— 139 teſt, daß ſeine Mauern einige Jahrhunderte hindurch die einzigen Beſchuͤtzer der Wiſſenſchaften in Eu⸗ ropa waren; denn ohne den Fleiß und die Sorg⸗ ſamkeit der Aebte und Moͤnche dieſes Kloſters waͤre Vieles, was jetzt ſo hoch geſchaͤtzt wird, unwieder⸗ bringlich fuͤr uns ſelbſt und die Nachwelt verloren gegangen.⸗ »Ich zweifle nicht, hochwuͤrdigſter Benedictiner«, bemerkte Emich, indem er zu Bonifacius wie ein hoͤflicher Gaſt ſprach? der am Tiſche einen Fremden anredet,—»daß dieſer ſeltene Geſchmack fuͤr edle Getraͤnke, wovon eben die Rede war, die Frucht der vortrefflichen Kenntniſſe, die Du preiſeſt, ge⸗ weſen iſt.« »Daruͤber will ich nicht abſprechen«, erwiederte Bonifacius laͤchelnd.»Es kann ſein, denn die Ge⸗ ſchichte erzaͤhlt von bitterer Zwietracht zwiſchen St. Gallen und Anderen, ſelbſt kirchlichen Wuͤrdentraͤ⸗ gern, in Betreff des Nießbrauches und der Guͤte ihrer Weine.⸗ »Und ſehr treu erzaͤhlt die Geſchichte davon«, bemerkte der Fuͤrſt⸗Abt,»denn es wurden blutige Kriege zwiſchen dem Fuͤrſt⸗Biſchof von Baſel und un⸗ ſeren Bruͤdern von St. Gallen darob gefuͤhrt.⸗ »Wie! trieb den Rheinpraͤlaten die Begierde nach 140 Wein in dieſe fernen Gegenden zu Gefahr und Abenteuer?« »Du biſt im Irrthum, mein Sohn. Allerdings haben wir in dieſen Bergen, an den Ufern des Zuͤrcherſees und an anderen Orten Weinberge, allein der Wein, den ſie liefern, dient nur dazu, das Blut des Bauern zu erwaͤrmen. Wer Beſſeres gekoſtet hat, der fuͤllt ſeinen Becher ſelten mit Wein, der dieſſeits Schwabens und des Rheingaues wuchs; und das Gebiet von St. Gallen liegt jenen beguͤn⸗ ſtigten Gegenden noch ferner, als ſelbſt unſer Kloſter.⸗ »Ich muß Dich um Erklaͤrung bitten, fuͤrſtlicher Abt, denn daß der Biſchof von Baſel guten Wein bei uns ſucht, begreift ſich; allein der Krieg, von welchem eben die Rede war, mußte ihn ja von ſei⸗ nen Ziele nur weiter entfernen.⸗ „Du kannſt nicht hieher gekommen ſein, Sohn, ohne den Lauf des Rheines, an deſſen Ufern Du ſo lange wanderteſt, bemerkt zu haben. Dieſer große Strom, obſchon ſo reißend und gefaͤhrlich in unſeren Bergen, iſt uns doch fuͤr unſere Zufuhr von großem Nutzen. Mittelſt deſſelben und des Conſtanzerſees langen ſchwere Frachten bei unſerer Schweſterabtei an, und der Kampf, auf welchen wir anſpielten, entſtand aus dem Umſtande, daß der Biſchof von —„—„ 141 Baſel Zoll verlangte. Du wirſt Dich erinnern, Bruder«,— zu Bonifacius gewendet— ndaß, als Beide des Kampfes muͤde waren, der gute Bi⸗ ſchof fragen ließ,„was die Jungfrau verbrochen habe, daß man ihre Leute erſchlage?— worauf er die luſtige Antwort erhielt: Was hat denn der hei⸗ lige Gallus verbrochen, daß Du ſeine Weine auf⸗ haͤltſt?« Die Zuhoͤrer lachten in ſich hinein, wie Leute, denen dieſe charakteriſtiſche Erzaͤhlung Vergnuͤgen gewaͤhrte; denn jene Ereigniſſe waren noch in zu fri⸗ ſchem Gedaͤchtniß, um ſelbſt bei Geiſtlichen andere Betrachtungen zu erregen, als welche auf das ma⸗ terielle Intereſſe dieſes Vorfalls Bezug hatten. „Bei den heiligen drei Koͤnigen! hochwuͤrdigſter Fuͤrſt⸗Abt! Deine Erzaͤhlung wuͤrzt das Mahl!⸗ ſagte Emich, der mit beſonderer Luſt zugehoͤrt hatte, »uͤberdies dient ſie dazu, um uns die wunden Fuͤße und ſchmerzenden Knochen vergeſſen zu machen.« „»Deine Wallfahrt, Sohn, wird Dir eben ſo viel Gutes bringen, als ſie Dir Schmerzen verur⸗ ſacht hat. Wenn ſie ein Mittel geweſen ſein ſollte, Dich den Ketzereien Deutſchlands zu entfremden, und Dich in ein freundlicheres Einverſtaͤndniß mit 142 der Kirche zu ſetzen, ſo waren Deine Muͤhen nicht verloren.« »Das halte ich auch fuͤr meine Pflicht«, erwie⸗ derte Emich, indem er das Glas, nachdem er die edle Fluͤſſigkeit beim Kerzenſchein eine Weile be⸗ trachtet hatte, feſt hinſetzte.»Der heilige Gallus hat Recht gehabt, und wer fuͤr ihn die Waffen nicht ergriffen haͤtte, wuͤrde nicht verdient haben, ſie zu tragen. Was iſt das, Herr Frey? Du ſchweigſt ja!« »Nicht mehr, glaube ich, hochgeborner Emich, als es einem Pilger und einem Manne geziemt, der an ſeine Obliegenheiten denkt, damit ſeine Stadt ihm nicht den Vorwurf der Nachlaͤſſigkeit machen koͤnne.« „»Bei Gott, Herr Buͤrgermeiſter, wenn irgend Jemand Urſache hat, an Duͤrkheim zu denken, ſo iſt es der rechtmaͤßige Herr und Gebieter dieſer Stadt. Heitere Dich daher auf, und laß uns die Laſt, die wir tragen, unter Vergunſt dieſes gaſt⸗ freien und hochbegabten Kloſters, leicht machen.⸗ »Du biſt ein Diener des Kreuzes?« fragte der Fuͤrſt⸗Abt Albrecht von Wiederbach, indem er ihn zu ſich winkte. »Nur ein ſehr geringer, hochwuͤrdigſter und fuͤrſtlicher Ruͤdiger, und ein ſolcher, der von guter ———- — 143 Geſellſchaft und Freundſchaft, um nicht von Ver⸗ wandtſchaftsbanden zu ſprechen, hingeriſſen wurde, ſonſt waͤre mir dieſe Bußwallfahrt erſpart wor⸗ den.⸗ »Nein, ich wollte, indem ich auf Deinen Stand anſpielte, Dir auf keine Weiſe einen Vorwurf machen«, erwiederte der hoͤfliche Praͤlat.»Dies wuͤrde ſchlecht zur Gaſtfreiheit paſſen. Wir machen in unſerem Kloſter zwiſchen Tafel und Beichtſtuhl einen Unter⸗ ſchied.« »Dieſer Unterſchied iſt gemacht, und verſpricht unſerem Glauben, trotz aller Ketzereien, ewige Dauer und bleibende Hochachtung. Der Felſen, an wel⸗ chem Bruder Luther und ſeine Anhaͤnger ſcheitern werden, hochwuͤrdigſter Abt, wenigſtens wie es mir Ununterrichtetem ſcheint,— iſt der Wunſch, Alles ſo auszukluͤgeln, wie es kein Menſch ertragen kann. Religion und Ritterthum ſind gute Dinge, jedes zu ſeiner Zeit, aber weder Prieſter noch Ritter koͤnnen ihre Waffen beſtaͤndig tragen. Jener Ketzer will den Weltlichen in einen Moͤnch verwandeln, waͤh⸗ rend doch die Schoͤnheit der Schöpfung in ihrer Ordnung beſteht. Wer mit der Seelſorge beauf⸗ tragt iſt, genuͤgt hiezu, ohne daß es nothwendig iſt, die Schultern desjenigen, der ohnehin mehr zeitliche 144 Sorgen zu tragen hat, als er vermag, damit be⸗ ſtaͤndig zu belaſten.⸗ »Wenn alle Menſchen ſo daͤchten, wie Du, mein Sohn, ſo wuͤrden wir weniger Unruhen und eine beſſere Kirchenzucht haben. Unſere Altaͤre ſind nicht ohne Nutzen, und wenn diejenigen, welche ſie be⸗ ſuchen, ſich mit dem Gedanken begnuͤgten, daß wir allein fuͤr ihr Seelenheil hinreichen, ſo wuͤrde der Welt viel Gezaͤnk und Blutvergießen erſpart werden Allein bei ſo richtigen und heilſamen Anſichten, Herr Ritter und Pilgrim«, fuhr der Abt fort, in⸗ dem er leiſer und zutraulich ſprach,»magſt Du es mir nicht uͤbel deuten, wenn ich mich verwundere, daß Du wegen eines Frevels gegen ein Kloſter Buße zu thun gezwungen biſt!« Albrecht von Wiederbach zuckte die Achſeln, und blickte bedeutungsvoll nach ſeinem Vetter. »Was willſt Du, hochwuͤrdigſter Fuͤrſt⸗Abt! Wir ſind die Geſchoͤpfe des Zufalls. Man iſt der Ca⸗ meradſchaft, der Gaſtfreiheit, der Verwandtſchaft Ruͤckſichten ſchuldig. Der ungluͤckliche Ausgang des Krieges auf Rhodus, die Luſt, Deutſchland wieder zu ſehen, denn im Ungluͤck liebt man ſein Vater⸗ land am meiſten, ſammt der Gewohnheit eines un⸗ ſteten Lebens, hat mich nach der Hartenburg ge⸗ 145 fuͤhrt; und nachdem ich einmal dort war, kann es Dich nicht wundern, daß ich zu einer kurzen Fehde meinem Wirthe den Beiſtand meines Schwertes lieh. Solche Dinge, fuͤrſtlicher Nuͤdiger, ſind nicht ſo ſelten, als daß man ſie als Mirakel anſehen koͤnnte.« »Was Ou ſagſt, iſt wahr«, erwiederte der Fuͤrſt⸗ Abt, indem er zu dem Ritter von der Seite ſprach, und kein großes Erſtaunen uͤber dieſes offene Be⸗ kenntniß von Grundſaͤtzen zeigte, welche in jenem Zeitalter ziemlich allgemein waren, und ſich unter verſchiedenen Formen bis auf das unſrige fortge⸗ pflanzt haben: denn wir ſehen taͤglich Maͤnner, die bei den wichtigſten Angelegenheiten einer Nation, ihre Ueberzeugung lieber einer Partei zum Opfer bringen, als daß ſie es wagen, dem Haß zu trotzen, welchen der Bruch dieſer Art von Verbindlichkeit nach ſich zieht.»Was Du ſagſt, iſt ſehr wahr, und wird Dich bei dem Großmeiſter entſchuldigen. Allein Du wirſt finden, daß Dir dieſe Wallfahrt auch in verſchiedenen anderen Punkten heilſam ſein wird.« „Zweifle daran nicht, hochwuͤrdigſter Abt. Waͤh⸗ rend der Belagerung hatten wir wenig Zeit fuͤr fromme Uebungen, und unſer unſtetes Leben, ſeit⸗ dem wir die Inſel raͤumen mußten, hat uns eine Heidenmauer. III. 10 146 lange Rechnung zu ſchließen hinterlaſſen, wie ich derſelben auch gar wohl gedacht habe.«⸗ »Und Dein Begleiter,— jener mit der ſanften Miene, gehoͤrt er nicht auch zur Kirche?« Albrecht neigte ſich, um leiſe zu antworten. »Es iſt ein Menſch, der in geiſtlicher Tracht bloß einhergeht, hochwuͤrdigſter Benedictiner, ein Juͤngling, den Emich zum Beſten gehabt hat; denn um Dir die Wahrheit zu geſtehen, an Schlauheit fehlt es dem Grafen nicht.« Der Fuͤrſt⸗Abt laͤchelte wie ein Mann, der ein gutes Einverſtaͤndniß mit ſeinem Gefaͤhrten zeigen will. Beide ſprachen hierauf bei Seite ernſtlich mit einander, und winkten dann dem Abbé Latouche, ihnen Geſellſchaft zu leiſten. Inzwiſchen hatte das Geſpraͤch zwiſchen den uͤbrigen Gaͤſten ſeinen Fort⸗ gang gehabt. »Es ſchmerzt mich zu hoͤren, hochwuͤrdiger Be⸗ nedictiner«, ſagte der Graf, indem er gefliſſentlich das Auge des Abtes Bonifacius vermied, und zu einem Moͤnche von Einſiedeln ſich wendete,»daß Dein Kloſter Seelenmeſſen zu Gunſten eines Juͤng⸗ lings verweigert hat, der in jenem ungluͤcklichen Streite umkam, in deſſen Folge wir das Vergnuͤgen haben, uns einer ſo frommen Geſellſchaft zu erfreuen. —⏑—— 147 Ich liebte den Juͤngling, und will mich freigebig gegen diejenigen zeigen, die ſeiner Seele dieſen Dienſt erweiſen wollen.« »Iſt dieſe Angelegenheit jenem, der daruͤber zu entſcheiden hat, vorgetragen worden?« fragte der Moͤnch, indem er durch die Richtung ſeiner Blicke andeutete, daß er den Fuͤrſt⸗Abt gemeint habe. »Sie iſt ihm vorgetragen worden, und zwar ſehr eindringlich, wie man mir geſagt hat, aber ohne Erfolg. Ich hoffe, daß dabei keine feindliche Ein⸗ miſchung im Spiele war, denn es handelt ſich um nichts weniger, als um eine Seele.« »Ich kenne nur Einen, und der iſt der Vater des Boͤſen, welcher Feindſchaft gegen die Seelen hat!« erwiederte der ehrliche Moͤnch voll Staunen. »Uns macht es Freude, bei ſolchen Gelegenheiten unſere geiſtlichen Dienſte zu leiſten, beſonders wenn wir durch Freunde des Verſtorbenen, die einer um ſo groͤßeren Gunſt wuͤrdig ſind, darum gebeten werden.« »Nennſt Du diejenigen, welche Altaͤre umſtuͤr⸗ zen«, ſagte Bonifacius finſter und mit feſter Stimme, „welche in den Tempel Gottes mit gewaffneter Hand eindringen, und der Kirche trotz bieten, ihrer Gunſt wuͤrdig?« 10* 148 „Hochwuͤrdiger Abt!—« »Nein doch, laß ſeinen Zorn ausbrauſen«, er⸗ wiederte Emich ſtolz,—»kalte Luft und ein ob⸗ dachloſes Haupt verſtimmen das Gemuͤth. Ich waͤre mit Dir, Bonifacius, wie es nach unſerem feier⸗ lichen Vertrag und der geleiſteten Genugthuung der Fall ſein ſollte, gern in Freundſchaſt beiſammen, allein deine Herrſchſucht ſcheint Dich auch im Exil nicht zu verlaſſen!« „Du irreſt, ſtolzer Emich, wenn Du glaubſt, daß ich mich ſelbſt und meinen Beruf je vergeſſen koͤnnte; die Frage war an den Benedictiner, nicht an Dich gerichtet.« »So moͤge denn der Benedictiner antworten! Ich frage Dich, Benedictiner, ob es ſchicklich und recht iſt, daß man der Seele eines Juͤnglings von gutem Ruf, ſittlichem Wandel und ſchoͤnen irdiſchen Hoffnungen bloß aus altem Feindſchaftsgroll, oder darum Huͤlfe verſagt, weil er bei ſeinem Tode auf einem Wege war, den er lieber haͤtte vermeiden ſollen?« 3 „Die Kirche hat das Recht, ſelbſt zu richten, edler Pilger, und nach ihren eigenen Satzungen zu entſcheiden.⸗ „Bei den heiligen eilftauſend Jungfrauen! Du 149 vergißt, daß alle Gebraͤuche befolgt worden ſind, und daß die Meſſen nicht verlangt werden, wie der Bettler um Almoſen fleht, ſondern daß man ſie mit Gold aufgewogen hat. Wenn es nicht hinreicht, ſo ſchwoͤre ich Dir, Bonifacius, da Dein Einfluß hier ſo groß zu ſein ſcheint, daß ich nach meiner Ruͤckkehr wegen des Juͤnglings fernere Gaben hieher ſenden will. Berthold war mir ſehr theuer, und ich moͤchte nicht haben, daß man ſage, Alles was von dem Juͤngling uͤbrig blieb, ſei in der Aſche von Limburg begraben.« Obſchon Beide von entzuͤndlichem, zornmuͤthigen und unbezaͤhmten Charakter waren, ſo fehlte es doch weder dem Grafen noch dem Abte Bonifacius an jener Selbſtbeherrſchung, welche Menſchen, denen die Beſorgung wichtiger Intereſſen anvertraut iſt, durchaus beſitzen muͤſſen. Sie hatten fruͤhzeitig ge⸗ lernt, ihre Gefuͤhle mehr oder weniger der Politik unterzuordnen; und obſchon keiner im Stande war, in Betreff von Gegenſtaͤnden, die ſie nahe beruͤhr⸗ ten, eine gemeſſene Kaͤlte und Gleichguͤltigkeit zu zeigen, ſo bedurfte es doch eines nicht gewoͤhnlichen Zuſammentreffens von Veranlaſſungen zur Aufre⸗ gung, wenn einer von Beiden ſeine Empfindungen verrathen ſollte. Ihr perſoͤnlicher Verkehr war da⸗ 150 her weniger heftig und zaͤnkiſch, als es ſonſt wohl der Fall geweſen waͤre, denn es traf ſich nur ſelten, daß Beide in demſelben Augenblicke bis zu dem Grade erbittert waren, deſſen es bedurfte, um einen Aus⸗ bruch ihrer Gefuͤhle zu gleicher Zeit zu veranlaſſen, und derjenige, welcher am kaͤlteſten blieb, zaͤhmte dadurch die Leidenſchaften deſſen, der ſich fuͤr einen Moment vergeſſen hatte. Ohne dieſe Thatſache wuͤrde die unzeitige und ſchlecht eingekleidete Frage des Grafen einen unmittelbaren Bruch zum Nach⸗ theile der Wallfahrer und zum großen Aergerniß des Kloſters Einſiedeln veranlaßt haben; wie die Sachen jedoch ſtanden, ſo hoͤrte Bonifacius mit aͤußerer Hoͤflichkeit zu, und antwortete mehr als ein Mann, der ſeiner prieſterlichen Wuͤrde, denn der erlittenen perſoͤnlichen Beleidigungen eingedenk war. »Wenn es das Schickſal gewollt haͤtte, Herr Pilger«, ſagte er mit Ruhe,»daß ich im Beſitze der Obſorge fuͤr die Altaͤre, welche in aͤhnlichen Faͤllen ſo wirkſam erachtet wurden, geblieben waͤre, ſo wuͤrde Dein Geſuch in Betreff des Juͤnglings nicht ohne die gehoͤrige Folge geblieben ſein; jetzt aber haſt Du Dich an einen Praͤlaten gewendet, der, ſo wie Du ſelbſt, der Gaſtfreiheit dieſer wuͤrdigen Kloſtergemeinde fuͤr Fach und Dach verpflichtet iſt.⸗ 8——2 5k☛&* 8E— 151 „Ich weiß nicht«, erwiederte der Graf, durch dieſe ploͤtziche Demuth etwas in Verwirrung ge⸗ bracht,»aber ehe ich eine ſo junge Seele, die Seele eines Dieners, den ich ſo ſehr liebte, in ſolcher Noth im Stiche ließe, wuͤrde ich ſelbſt eine Capelle von ſolcher Groͤße und Verzierung, wie ſie ſeinem Stande, waͤhrend er lebte, gebuͤhrte, erbauen laſſen.« „»Auf dem Berge von Limburg, Herr Emich?« »„Nein, hochwuͤrdigſter Bonifacius; Du vergißt unſeres freundſchaftlichen Vertrages dieſer Wall⸗ fahrt, und der uͤbrigen ehrenvoll erfuͤllten Bedin⸗ gungen. Auf dem Berge von Limburg koͤnnen nie wieder Altaͤre errichtet werden, denn dies waͤre eine ſchreiende Verletzung unſerer Eide und Verſprechun⸗ gen; aber anderswo moͤgen Capellen und Altaͤre beſtehen. Erweiſe mir daher die verlangte Gunſt, und an Dankharkeit ſoll es nicht fehlen.« Bonifacius laͤchelte, denn er fuͤhlte ſeine Macht, und genoß ſie im Bewußtſein, noch vor ſo kurzer Zeit in den Haͤnden deſſelben Barons geweſen zu ſein, der jetzt ſo flehentlich in ihn drang. Einem Menſchen, der nur in der Gegenwart befangen iſt, muß es ſchwer fallen, ſich den ſeltſamen Wider⸗ ſpruch zu erklaͤren, welcher Emich von Hartenburg, den Zerſtoͤrer eines Kloſters, vermochte, einen Moͤnch 152 ſo zu bitten; allein wer ſeinen Charakter wohl be⸗ greifen will, muß die Dauer der Jugendeindruͤcke, die Furcht vor dem unbekannten Jenſeits, und jene Inconſequenzen wohl uͤberlegen, welche den Kampf zwiſchen Grundſaͤtzen und Intereſſen, zwiſchen Ver⸗ nunft und Selbſtſucht ſtets begleiten. »Du beſchuldigſt mich mit Unrecht, wenn Du ſagſt, daß ich unſeres Eides und unſeres freund⸗ ſchaftlichen Vertrages vergeſſen haͤtte, frommer Pil⸗ ger«, erwiederte der Benedictiner,»ich gedenke die⸗ ſer Dinge wohl, wie Du am Ende ſehen wirſt. Allein Deinem Geſuche ſteht ein Umſtand entgegen, den ein Mann von Deiner bekannten Gerechtigkeit und Unpartheilichkeit nur unwillkuͤhrlich uͤberſehen haben kann. Es iſt nur zu bekannt, daß Dein Foͤr⸗ ſter von der Ketzerei, die jetzt in Deutſchland im Schwange geht, ſehr angeſteckt war—«⸗ „»Nein, Bonifacius, hier muß ein Irrthum ob⸗ walten«, unterbrach ihn der Graf,»ſeine Mutter nimmt an unſerer Wallfahrt Theil, und glaubſt Du, daß eine Anhaͤngerin Luthers ſich eine ſolche Pein aufladen wuͤrde, um Rom zufrieden zu ſtellen?« » Es iſt die Rede vom Sohne, nicht von der Mutter, Herr Pilger. Wenn Alle, die in guten Grundſaͤtzen auferzogen worden ſind, die Meinun⸗ 153 gen ihrer Vaͤter geehrt haͤtten, ſo wuͤrden wir von Ketzerei jetzt nichts wiſſen. Die des Juͤnglings ſteht feſt, da ich mich mit eigenen Ohren davon uͤber⸗ zeugt habe.“ »Wie! haſt Du den Juͤngling je Beichte ge⸗ hoͤrt, hochwuͤrdiger Abt?« fragte Emich ſtaunend. »Ich glaubte nicht, daß Du gegen geringe Men⸗ ſchen ſo herablaſſend waͤreſt, und— bei der Meſſe! noch weniger vermuthete ich, daß der Juͤngling ſo pflichtvergeſſen ſein konnte, um im Beichtſtuhle jene Streitfragen vorzubringen!« „»Es wurde ein anderes Geſtaͤndniß abgelegt, Herr Pilger, als das im Beichtſtuhle und unter dem Siegel kirchlicher Verſchwiegenheit. Es wurde zwiſchen uns ein ſtreitiger Punkt auf eine froͤhliche Weiſe, die ich jetzt nicht zu nennen brauche, beige⸗ legt—« „Gewiſſe Weinberge betreffend«, erwiederte der Graf lachend,»dieſe Thatſache liegt nicht ſo ferne, um ſchon vergeſſen zu ſein, obſchon ſich dabei we⸗ der mein Vetter, noch dieſer gute Abbé ſo wacker hielten, als ich es erwartet hatte.« »Dein Foͤrſter leiſtete Dir beſſere Dienſte. Du wirſt Dich auch der Eroͤrterungen, die wir damals hatten, erinnern, und daß der verwegene Juͤngling 154 eine Vergleichung der Kirche mit einem Baume wagte, deſſen unnuͤtze Zweige abgehauen werden ſollen.⸗ »Willſt Du eine Seele ob einer ſo leichtſinni⸗ gen Rede in der Gefahr der ewigen Verdammniß ſchweben laſſen, Herr Bonifacius? Bei der Gerech⸗ tigkeit Gottes! dies verheißt meiner eigenen Zu⸗ kunft wenig Gutes. In dem Eifer, ſeinem Herrn zu dienen, ſagte Berthold Dinge, die er ſonſt nie geſprochen haben wuͤrde. Uebrigens, je groͤßer der Suͤnder, Vater, deſto mehr bedarf er des Gebetes und der Meſſen!« »Das leugne ich nicht, ich behaupte nur, daß diejenigen, welche im Leben den Vorſchriften Luthers folgen, auch durch ihn ſelig zu werden ſuchen ſollen.⸗ 1 »Freunde und Pilger«, ſprach der Fuͤrſt⸗Abt von Einſiedeln, indem er ſich dem Tiſche naͤherte, von welchem er ſich ein wenig entfernt hatte, um mit dem Abbé und dem Rhodiſerritter ungeſtoͤrter ſpre⸗ chen zu koͤnnen,—»die zur Fruͤhmeſſe fuͤr die Pil⸗ ger feſtgeſetzte Stunde iſt gekommen. Die Glocken haben bereits das erſte Zeichen gegeben, und es ge⸗ —;22 155 ziemt ſich, daß wir uns zuruͤckziehen, um uns fuͤr unſere Pflicht vorzubereiten.« Bei dieſer Aufforderung ſtand Bonifacius, froh, dem einbrechenden Sturm entgangen zu ſein, auf, und entfernte ſich augenblicklich. Seinem Beiſpiele folgten die Uebrigen, und Emich ſchritt mit ſeinem Vetter mit der Behaglichkeit von Menſchen von dannen, welche eher gewohnt ſind, Andere warten zu laſſen, als ihrer Bequemlichkeit Abbruch zu thun. Wir erſuchen den Leſer, ſeinen Bemerkungen uͤber dieſe Scene Einhalt zu thun, bis er dieſelbe wohl erwogen hat. Indem wir ſchilderten, was in dem Speiſeſaal der Praͤlatur von Einſiedeln vor⸗ ging, wollten wir keine chriſtliche Secte tadeln, ſon⸗ dern nur die Sitten und Gewohnheiten malen, wel⸗ che in jenem Zeitalter, worin die Perſonen unſerer Erzaͤhlung gelebt haben, herrſchten. Die Hyperkri⸗ tiker und Tadelſuͤchtigen moͤgen zuerſt mit Ruhe um ſich blicken, und ſich, mit Beruͤckſichtigung der neuen Ordnung der Dinge, die Frage ſtellen, ob nicht eben ſolche Widerſpruͤche, eine eben ſo große Selbſtſucht noch jetzt unter Roͤmiſchkatholiſchen und Lutheranern herrſcht, wie in jenem finſteren Zeital⸗ ter. Wohl moͤgen wir die Lehren und religioͤſen 156 Gebraͤuche unſerer Vorfahren verbeſſert haben: noch ſind wir aber weit entfernt, jene charakterfeſten und gerechten Weſen zu ſein, die einſt zu werden, viel⸗ leicht unſere Beſtimmung iſt. Acht und zw nzigſtes Capitel. Unter den Bußuͤbungen, die den Pilgern von Duͤrkheim und Hartenburg vorgeſchrieben worden waren, befand ſich auch die Theilnahme an einem beſonderen, fuͤr ſie zu haltenden Fruͤhgottesdienſte, demſelben, deſſen im vorigen Capitel Erwaͤhnung gethan wurde. Man hatte den Frauen Zeit zur Ruhe gegoͤnnt, waͤhrend die Maͤnner die Nacht⸗ ſtunden ſo zubrachten, wie wir es beſchrieben haben. Daß die Pilger ſich waͤhrend ihrer langen Wall⸗ fahrt von Zeit zu Zeit ſelbſt gegeißelt hatten, war als geſchehen angenommen worden. Eine Stunde, nachdem die Gaͤſte auseinander gegangen waren, zog die Proceſſion der Moͤnche aus dem Kreuzgange in die Kirche. Obſchon das Kloſter Einſiedeln wegen allzugroßer Strenge gerade — 2 2.+Q 2J2—☛⏑☚— 23 ———,——,——⸗— . 2 u ⏑———·-— 157 nicht beruͤhmt war, ſo lag es doch in der Gewohn⸗ heit der Moͤnche faſt aller Orden, daß ſie bei au⸗ ßerordentlichen Gelegenheiten ihr Lager verließen, und die Stille der Nacht durch Geſang und Kir⸗ chendienſt unterbrachen. Wenn der Geiſt, erfriſcht durch die Ruhe, und in einer ſeinem Zwecke ange⸗ meſſenen Stimmung, ſich der Andacht hingiebt, ſo i*ſt es nur natuͤrlich, daß er der Reinheit, womit die Engel anbeten, naͤher koͤmmt als ſonſt. Die Katholiken ſind in ihrem Gottesdienſte ſo regelmaͤßig und ſtreng, wie man dies in dem puri⸗ taniſchen Amerika nicht trifft. In jedem Dorfe er⸗ toͤnt bei Anbruch des Tages die Kirchenglocke; zu gewiſſen Stunden werden im Laufe des Tages die Glaͤubigen durch ihren Schall zum Gebete aufge⸗ fordert, und des Abends werden ſie noch einmal durch Gelaͤute eingeladen, zur Vesper zu kommen. Dies ſind ſchoͤne und ruͤhrende Erinnerungen an un⸗ ſere Pflichten, und koͤnnen nicht verfehlen, aufrich⸗ tige Herzen in beſſerer Unterwuͤrfigkeit gegen die Macht, welche unſer Schickſal leitet, zu erhalten. Die Kirchen⸗ und Altarverzierungen, und die Art, wie die Benedictiner ihre Chorſtuͤhle einneh⸗ men, iſt ſo oft in dieſen Blaͤttern erwaͤhnt worden, daß eine Wiederholung uͤberfluͤſſig waͤre. An ſolche 158 kirchliche Verrichtungen lange gewoͤhnt, waren die Moͤnche fruͤhzeitig auf ihren Plaͤtzen, obſchon von den Pilgern nicht alle eben ſo puͤnktlich waren. Ulrike, Lottchen und die uͤbrigen Frauen traten zuſammen in die Kirche, waͤhrend die Maͤnner, wie in allen Dingen des feineren Gefuͤhls, die letzten waren. Endlich erſchienen auch Emich und der Buͤrgermeiſter mit ihren Begleitern, und ihr ſchlaͤ⸗ feriges Anſehen bewies, daß ſie die Wirkungen des Gelages und der fruͤheren Muͤdigkeit durch etwas Schlummer zu verſcheuchen verſucht hatten. Waͤhrend der Meſſe bewieſen Ulrike, Lottchen und ihre Begleiterinnen die muſterhafteſte Andacht; das Gaͤhnen des Grafen und ſeiner Gefaͤhrten, ih⸗ re unſteten Blicke, und endlich die tiefe Ruhe Ei⸗ niger deutete dagegen hinreichend an, daß ihre aͤthe⸗ riſche Natur die Herrſchaft uͤber ihre materielle voll⸗ kommen verloren habe. Die Benedictiner zogen in Proceſſion aus dem Chor vor das Heiligthum, Gebete wurden geſpro⸗ chen, und abermals hafteten Aller Augen, wie am Tage zuvor, auf dem, einer fremden Welt anzuge⸗ hoͤren ſcheinenden Antlitze der Jungfrau Maria. Da es jedem frei ſtand, wie ſich ſeiner Pflichten zu entledigen, ſo herrſchte ein ſehr merklicher Unterſchied 159 in der Zeit, welche die verſchiedenen Pilger zur Er⸗ fuͤlung ihres gemeinſamen Geluͤbdes brauchten. Die Frauen ſchienen gleichſam mit den Steinen eins geworden zu ſein, und es vergingen ganze Mi⸗ nuten, waͤhrend welcher ihre Geſtalten ſo unbeweg⸗ lich waren, als das Bild, worauf ſie blickten, nur daß zuweilen ein Seufzer oder ein leiſes Beben ver⸗ rieth, was in ihrem Inneren vorging. Meta kniete zwiſchen ihrer Mutter und Lottchen, und ihre ganze Seele war in die tiefſte Andacht verſunken. Waͤh⸗ rend ſie an dem ſtrahlenden Auge hing, das aus dem Hintergrunde der geheimnißvollen Capelle, wel⸗ che durch maſſive und wohlvertheilte Lampen erhellt war, auf ſie hervorblitzte, verwandelte ihre Phan⸗ taſie das Bild in das heilige Weſen, das einſt durch Gottes unmittelbare Wahl geſegnet worden war, und dieſe Taͤuſchung wirkte auf ihr kummervolles Herz wie eine troͤſtende Hoffnung. Sie gedachte der Zukunft, des Grabes, des Lohnes der Gerechten, des Himmels und der Ewigkeit, in welche ſie ver⸗ traute; und die Bande, welche ſie an die Erde ket⸗ teten, loͤſ'ten ſich merklich. Der fromme Wunſch, in Gottes Frieden zu ruhen, bemaͤchtigte ſich ihrer. Aber trotz der geiſtigen Natur ihrer Beſchaͤftigung, mengte ſich doch die Geſtalt Bertholds, im gruͤnen 160 Jaͤgergewand, mit froͤhlich ſtrahlendem Auge, leich⸗ tem Schritt und herzerfreuender Stimme in alle Bilder ihrer Einbildungskraft. Jetzt erſchien er ihr als Heiliger mit Bart und langem Gewand, wie ſie die Frommen der Vorzeit abgebildet geſehen hat⸗ tte, aber doch, in Folge der Phantasmagorie ihres Herzens, ſtets ſchoͤn und jung; und jetzt ſah ſie ihn mit Fluͤgeln, dem Engelchor zugeſellt, von welchem ſo viele Bilder zwiſchen Dach und Pflaſter der Kir⸗ che prangten. So geſchaͤftig und reizend war die Thaͤtigkeit ihrer Phantaſie, daß das liebetrauernde Maͤdchen wohl nie eine Stunde von ſo heiligem Genuſſe zugebracht hatte, als die vor dem Heilig⸗ thum unſerer lieben Frau von Einſiedeln. Sehr verſchieden waren Lottchens Empfindun⸗ gen. An ihrem Schmerz hatte die Phantaſie kei⸗ nen Antheil. Sie weinte um das Kind, das ſie ge⸗ boren hatte, um die Stuͤtze ihres Alters, um den Stolz ihres Lebens. Solche Vorſtellungen konnten durch keine Phantaſie verſchoͤnert werden, und keine Bilder vermochten das Herbe ihres Verluſtes zu mildern. Dennoch fand Lottchen Troſt im Gebete. Der religioͤſe Glaube war lebendig, ob auch die Phantaſie ſchlummerte; denn nichts kann verſchie⸗ dener ſein, als die Taͤuſchungen dieſer, und die tiefſt 4 161 begruͤndete Ueberzeugung jenes; und ſie fand Troſt fuͤr ihren Schmerz, indem ſie mit ruhiger, chriſtli⸗ cher Hoffnung uͤber die irdiſchen Intereſſen des Le⸗ bens hinausblickte. Ulrikens Gefuͤhle unterſchieden ſich von denen ihrer Freundin nur im Grade, und in der Beſon⸗ derheit ihrer Lage, vermoͤge welcher ihre muͤtterliche Sorge auf einen noch lebenden Gegenſtand gerich⸗ tet war. Ulrike, von ſo treuem, guͤtigen, warmen Herzen, hatte den Verluſt Bertholds tief gefuͤhlt. Wenn es auch keinen anderen Beweggrund gege⸗ ben haͤtte, als daß er Lottchens Sohn war, ſo wuͤr⸗ de dies der Fall geweſen ſein; allein da ſie ſeit Jahren auf eine Vereinigung Bertholds mit ihrer Tochter gehofft hatte, ſo empfand ſie den Verluſt eben ſo ſchmerzlich, als ob er ihr eigener Sohn ge⸗ weſen waͤre. Anders war es mit Heinrich. Die kuͤhne und umſichtige Unterſtuͤtzung, welche Berthold ihm bei dem Ueberfall des Kloſters gewaͤhrt, hatte dieſem unmerklich ſeine Achtung gewonnen, denn zwoiſchen tapferen Maͤnnern herrſcht ſtets die ſtaͤrkſte Ver⸗ wandtſchaft; dennoch hatte der Buͤrgermeiſter waͤh⸗ rend ſeines ganzen Lebens zu ſehr der alluͤberwaͤl⸗ tigenden und unheilbaren Leidenſchaft der Habſucht Heidenmauer. III. 11 162 gefroͤhnt, als daß er auf den Antrieb eines edlen Gefuͤhls im Stande geweſen waͤre, allen ſeinen fruͤheren Hoffnungen und Abſichten Lebewohl zu ſagen. Gerne haͤtte er dem Juͤngling freigebig von ſeinen Schaͤtzen mitgetheilt; aber ihm Meta geben, war in ſeinen Augen, Alles geben, und ſeiner An⸗ ſicht nach hieß, ſeine Tochter einem armen Gemahl geben, Geld ohne Erſatz hinauswerfen. Es giebt Leute, welche um der Vortheile willen anſammeln, welche der Reichthum gewaͤhrt; Andere thun dies unter der Herrſchaft einer abſtracten, faſt unerklaͤr⸗ lichen Leidenſchaft; waͤhrend wieder Andere Reich⸗ thuͤmer aufhaͤufen, den Knaben aͤhnlich, die einen Schneeball fortwaͤlzen, bloß um zu ſehen, eine wie große Maſſe ſie zuſammenbringen koͤnnen. Hein⸗ rich gehoͤrte der letzteren Gattung an, und obſchon er gegen die Annehmlichkeiten des Reichthums nicht unempfindlich war, ſo hielt er doch, wie alle Men⸗ ſchen, denen Geld Zweck, nicht Mittel, iſt, es fuͤr den Gipfel des Lebensgluͤckes, ſeinen Reichthum durch eine angemeſſene Verheirathung ſeiner Toch⸗ ter zu verdoppeln. Dennoch hatte Heinrich Augen⸗ blicke, wo er der ganzen Gewalt natuͤrlicher Gefuͤhle unterworfen war; und die Trauer Meta's um Ber⸗ thold ruͤhrte ihn ſo ſehr, daß er das Schickſal ſei⸗ 163 nes jungen Unterbefehlshabers faſt eben ſo ſehr um ſeiner Tochter, als um ſeiner ſelbſt willen beklagte. Trotz dem war es wahrſcheinlich, daß, wenn Ber⸗ thold ploͤtzlich wieder haͤtte in das Leben gerufen werden koͤnnen, er zu ſeiner fruͤheren Denkungsart zuruͤckgekehrt waͤre, und die Wiederauflebung des jungen Foͤrſters an ſich ſelbſt fuͤr hinreichend gehal⸗ ten haͤtte, um den Schmerz einer ganzen Familie zu verſcheuchen. Heinrich und der Graf waren die erſten, wel⸗ che ſich von ihrer demuͤthigen Stellung vor dem Heiligthume erhoben. Sie hatten die gehoͤrige An⸗ zahl von Gebeten hergeſagt, ſtaͤubten ſich die Knie ab, und traten in den Hintergrund der Kirche, wie Maͤnner, die mit ſich ſelbſt wohl zufrieden ſind. Waͤhrend jedoch der Buͤrgermeiſter gegen ſeine ei⸗ genen muͤden Beine ſo nachſichtig war, hielt er ein wachſames Auge auf Dietrich, von welchem, als von einem Soͤldling, erwartet wurde, daß er den vollen Werth des empfangenen Geldes in Ave's zu⸗ ruͤckerſtatten wuͤrde. Die meiſten Lichter im Chore waren verloͤſcht, und die Fluͤgel der Kirche nur ſchwach durch einige wenige Lampen erleuchtet, wel⸗ che beſtaͤndig vor verſchiedenen untergeordneten Al⸗ taͤren brannten. Als ſie durch den Hauptfluͤgel 41* 164 ſchritten, legte Emich die Hand auf die Schultern ſeines Gefaͤhrten, wie ein Mann, der deſſen ernſteſte Aufmerkſamkeit in Anſpruch nehmen will. »Ich wuͤnſchte ſehr«, ſagte der Graf,»daß dieſe Moͤnche von Einſiedeln dem armen Berthold die Wohlthat ihrer Meſſen angedeihen ließen. Wenn Gebet je Huͤlfe gewaͤhren kann, ſo ſcheint mir, daß jenes von Maͤnnern ſie gewaͤhren muß, welche an einem ſeiner Wunder wegen ſo beruͤhmten Heilig⸗ thum dienen.⸗ „Euer Wunſch, hochgeborner Pilger und Freund, iſt nur der Ausdruck meines eigenen. Um die Wahrheit zu geſtehen, ſo habe ich waͤhrend dieſer Ave's an wenig mehr gedacht, als an die Mittel, den hochwuͤrdigen Abt um einen vernuͤnftigen Preis dahin zu bringen, daß er des Juͤnglings Seele der Wohlthat ſeiner Fuͤrbitte theilhaftig werden laͤßt.⸗ »Du haſt alſo nicht ſehr an den Zweck Deines eigenen Hierſeins gedacht, Freund Heinrich!« „»Sapperment, Herr Graf! Was wollt Ihr von einem Mann von meinen Jahren und meiner Er⸗ fahrung! Man wird durch das oͤftere Wiederholen der Worte mit ihnen ſo vertraut, gleichwie man Geld bei verbundenen Augen zaͤhlen kann! Doch um von dem Juͤngling zu ſprechen,— wenn wir 165 4 fuͤr dieſe Meſſen mehr bieten wollten, ſo wuͤrden wir nur den⸗Preis derſelben ſteigern, ohne dabei zu gewinnen; denn ſo wie ich die Frage verſtehe, aͤn⸗ dert der Betrag der fuͤr die Fuͤrbitte gezahlten Sum⸗ me ihren Werth nicht im Mindeſten.« »Heinrich«, erwiederte der Graf nachdenklich, „man ſagt, daß Bruder Luther dieſe Seelenmeſſen fuͤr unnuͤtz und uͤberfluͤſſig erklaͤrt.« »Das wuͤrde die Sache ſehr aͤndern, Herr Graf und Bruder Pilger. Es waͤre gut, wenn man uͤber einen ſo zarten Gegenſtand Gewißheit haͤtte; denn wenn der Moͤnch von Wittenberg Recht hat, ſo werfen wir unſer Geld weg; und wenn er Unrecht hat, ſo nuͤtzen der Seele Bertholds unſere Zweifel nichts.⸗ »Wir Laien befinden uns in einer mißlichen Lage zwiſchen zwei entgegengeſetzten Meinungen, und ich wuͤnſchte, daß dieſe Reformatoren die Frage zu einer baldigen Entſcheidung braͤchten. Bei der Meſſe! es giebt Augenblicke, wo ich geneigt bin, den Roſenkranz wegzuwerfen, und zur Partei des Her⸗ zogs Friedrich von Sachſen, als zur vernuͤnftigeren und maͤnnlicheren, uͤberzutreten. Wenn er dagegen Unrecht hat, ſo verlieren wir die Wohlthat der er⸗ bauten Capellen, der gebeteten Ave's, des bezahlten 166 Geldes und des Schutzes Roms! Du ſiehſt, in welcher gefaͤhrlichen Lage Bertholds Seele ſchwebt, bloß weil er einmal unvorſichtig geſprochen hat!« Heinrich ſeufzte, denn er fuͤhlte die ganze Schwierigkeit dieſer Lage, und er dachte nach, bevor er antwortete. Dann ruͤckte er dem Grafen wie ein Menſch naͤher, welcher weiß, daß er in einer mißlichen Lage eine gefaͤhrliche Anſicht aͤußert, und fluͤſterte folgende Entgegnung. »Herr Emich, wir ſind nur Staub, und zwar nicht von der beſten Beſchaffenheit. Des Toͤpfers Waare, wenn ſie gut zubereitet und gebrannt iſt, leiſtet Nutzen, aber wozu iſt ein Menſch zu gebrau⸗ chen, der den letzten Athem ausgehaucht hat? Man ſagt, daß die Seele fortdauert, und Niemand kann zweifeln, daß man fuͤr ſie ſorgen muß; iſt es aber vernuͤnftig, fuͤr ein unwahrnehmbares Weſen einen Seligkeitsbrief fuͤr ſchweres Geld zu kaufen? Be⸗ trachtet jenen Burſchen, den Schmid.— Eure Ver⸗ zeihung, hochgeborner Graf,— allein die Stadt hat den Schelm bezahlt, um fuͤr ſie Buße zu thun, und kaum haben ſich meine Augen von ihm abge⸗ wendet, ſo ſind ſeine Lippen ſo regungslos, wie die Fluͤgel einer Windmuͤhle bei ſtiller Luft. Meine Pflicht gegen Duͤrkheim erheiſcht, daß ich ihm einen ☛* 2 ter 167 gelinden Stoß beibringe: ſobald dies geſchehen, wer⸗ den wir zuruͤckkehren, auf daß wir jene Angelegen⸗ heit tiefer erwaͤgen.« So ſprechend, eilte Heinrich durch den Fluͤgel der Kirche zu dem gemietheten Buͤßer, in lobens⸗ werther Fuͤrſorge und Wachſamkeit fuͤr die ſeiner Pflege Befohlenen. Er fand den Schmid regungs⸗ los, und vermochte ihn nur durch derbes und wie⸗ derholtes Schuͤtteln aus einem tiefen Schlummer aufzuruͤtteln. Auch Emich ſchritt, in tiefe Gedanken verſun⸗ ken, vorwaͤrts. Als er an das Gitter ves Chores kam, wollte er wieder zuruͤckgehen, wurde aber von einer dunklen Geſtalt, die in einer Seitenthuͤr der Kirche ſtand, durch wiederholtes Winken zu einer geheimen Unterredung eingeladen. Als Emich naͤ⸗ her trat, fand er, daß es ſein alter Nebenbuhler Bonifacius war. Die Begruͤßung der beiden langjaͤhrigen Feinde war hoͤflich, aber kalt. Nachdem ſie einige Worte gewechſelt, begaben ſie ſich mit einander hinweg, und der Tag war bereits weit vorgeſchritten, als der Graf von Hartenburg ſich wieder bei den Pilgern einfand. Was bei dieſer geheimen Unterredung vorging, wurde nie bekannt, obſchon man aus den 168 nachfolgenden Ereigniſſen vermuthen mußte, daß ſie auf die endliche Beilegung der lange beſtrittenen Frage wegen der Exiſtenz der Abtei Limburg im Jaͤgerthale Bezug gehabt hatte. Man erfuhr, daß der Fuͤrſt⸗Abt Ruͤdiger an der Unterredung Theil ge⸗ nommen hatte, und daß ſie freundſchaftlich endete. In ſpaͤterer Zeit ſagten die Tadelſuͤchtigen, daß bei dieſem Streite, wie bei den meiſten anderen, worin die Schwachen und Geringen ſich zu den Plaͤnen der Großen und Maͤchtigen hergeben, diejenigen, fuͤr welche der Kampf eigentlich gefuͤhrt wurde, und deren anſcheinend unverſoͤhnliche Feindſchaft das Mißtrauen ausgeſaͤet hatte, ploͤtzlich Mittel fanden, ihre bitteren Gefuͤhle zu beſchwichtigen, und den Sturm, den ſie erhoben hatten, ſo zu ſtillen, daß die meiſten Folgen deſſelben ihre Verbuͤndeten tra⸗ fen. Dieſes Ergebniß, welches diejenigen, die ſich unkluger Weiſe unaufloͤslich mit Freunden verbin⸗ den, die ihr Schickſal in Haͤnden haben, gewoͤhnlich trifft, war eigentlich vorauszuſehen, da der Mann oder die Gemeinde, welche dem Maͤchtigen, es ſei ein Einzelner oder eine Nation, blindlings vertraut und folgt, ſich zum Werkzeuge zur Erreichung von Zwecken hergiebt, die mit dem eigenen Intereſſe in keiner Beziehung ſtehen. In ſolchen Faͤllen theilen —=—„— die Menſchen das Loos der Orangeſchale, welche weggeworfen wird, nachdem man den Saft ausge⸗ ſogen hat: und die Gemeinden erleiden den Schick⸗ ſalswechſel des Reitpferdes, welches zuerſt gehaͤt⸗ ſchelt und geſchmeichelt wird, dann an der Deichſel geht, und ſein Leben gewoͤhnlich am Pfluge be⸗ ſchließt. Waͤhrend Bonifacius und Emich ihre geheime Uebereinkunft, ſo wie jener es bei dem aufgeregten Zuſtande Deutſchlands hoffen konnte, und zur gaͤnz⸗ lichen Zufriedenheit des Letzteren in das Reine brachten, hatten die Suͤhnungsceremonien ihren Fortgang. Dietrich ſuchte, nachdem er von ſeinem Todesſchlafe erweckt worden, den Fehler durch ver⸗ doppelten Fleiß gut zu machen, und ſelbſt der Buͤr⸗ germeiſter, welcher von der Nachlaͤſſigkeit ſeines Soͤldlings Unheil fuͤr die Stadt befuͤrchtete, betete mit den Pilgern mit einem Eifer, als ob noch gar nichts fuͤr den Zweck der Wallfahrt gethan worden waͤre. Die Sonne hatte ſich bereits tief gegen Weſten geneigt, als die Pilger ſich endlich zur Ruͤckkehr in die Pfalz aufmachten. Vater Arnulph war wieder an ihrer Spitze, und ſo zogen ſie, von dem Abt ge⸗ ſegnet und mit der Kirche wieder in Frieden, wenn 170 nicht mit froͤhlichem Herzen, ſo doch mit geſtaͤrktem Leibe, friſcher Hoffnung und merklich erleichtertem Gepaͤck, von dannen. Ulrike und Lottchen hielten an, als ſie die Grenze der Hochebene erreicht hatten, von wo ſie die Abtei zum letzten Male ſehen konnten. Hier beteten ſie und Meta, ſo wie die meiſten Mitglieder des Zu⸗ ges, lang' und eifrig, oder ſchienen es wenigſtens zu thun. Als ſie ſich von ihren Knieen erhoben, trat der Prior, welcher im Kloſter die ganze Zeit mit religioͤſen Uebungen zugebracht hatte, und deſſen Geiſt im Verhaͤltniß zur Aufrichtigkeit ſeines Glau⸗ bens geſtaͤrkt worden war, mit Augen, die von hei⸗ liger Hoffnung ſtrahlten, und mit einem Antlitz, worin ſich die tiefſte Seelenruhe abſpiegelte, zu den Frauen. »Ihr nehmt nun, meine Toͤchter«, ſagte er, »von dem Tempel unſerer lieben Frau von Einſie⸗ deln fuͤr immer Abſchied. Wenn Ihr etwas be⸗ merkt habt, das die hohe Erwartung, womit die Frommen ſich jenen heiligen Altaͤren naͤhern, ver⸗ minderte, ſo muͤßt Ihr es der angebornen Schwach⸗ heit der menſchlichen Natur zuſchreiben; wenn Ihr aber Troſt und Muth aus Euren Gebeten und Opfern geſchoͤpft habt, ſo verdient Gott allein da⸗ ——.— H—.,—.———— —+—— 171 fuͤr Dank und Ehre. Und Du, mein Kind«,— indem er ſich mit vaͤterlicher Zaͤrtlichkeit zu Meta wandte—»Du biſt in Deinem jungen Leben hart gepruͤft worden, aber Gott iſt mit und in Dir, wie in jenem blauen Himmel, in der goldnen Sonne, in jenem Gletſcher, der ſein Haupt hoch in die Luft emporſtreckt, und in allen ſeinen Werken, die uns ſo glorreich umſtrahlen. Wende Dich mit mir zu jenem Berge, der ſeiner Form wegen die Biſchofs⸗ muͤtze genannt wird. Sieh genau hin,— bemerkſt Du nichts Beſonderes?« »Es iſt ein ſteiler, trauriger Fels, mein Vater«, erwiederte Meta. „Siehſt Du ſonſt nichts— auf dem hoͤchſten Gipfel?⸗ Meta ſah ſcharf hin, und in der That zeigte ſich auf der hoͤchſten Spitze ein ſo kleiner, einer Linie aͤhnlicher Gegenſtand, daß ſie mit der Hand eine Locke von ihren Augen ſtrich, um deutlicher zu ſehen. „Vater«, rief das Maͤdchen endlich aus, indem ſie die Haͤnde andaͤchtig in einander ſchlug,»ich ſehe ein Kreuz.“ »Dieſer Felſen iſt das Bild der ewigen Gerech⸗ tigkeit Gottes,— dieſes Kreuz das Wahrzeichen 172 ſeiner Gnade und Liebe. Geh Deiner Wege, Toch⸗ ter, und hege Hoffnung!« Die Pilger wandten ſich, und ſtiegen ſinnend uͤber den Berg hinunter. Sie fuhren dieſen Abend noch uͤber den See, und brachten die Nacht inner⸗ halb der alten Mauern der romantiſchen Stadt Rapperswyl zu. Den naͤchſten Tag gelangten ſie an den Rhein, und da ihre Wallfahrt gluͤcklich be⸗ endet war, ſo beſtiegen ſie ein Schiff, und fuhren ihrer fernen Heimath zu. Neun und zwanzigſtes Capitel. Die Ruͤckkehr der Pilger war fuͤr alle Duͤrkhei⸗ mer ein frohes Ereigniß. Viele Gebete waren waͤh⸗ rend ihrer langen Abweſenheit zum Himmel empor⸗ geſtiegen, und gierig hatten ihre Verwandten und die Staͤdter jedes Geruͤcht uͤber den Fortgang und Erfolg der Wallfahrt verſchlungen. Als der Buͤr⸗ germeiſter und ſeine Gefaͤhrten endlich wirklich durch die Thore zogen, eilten die Buͤrger ihnen freude⸗ trunken entgegen, und die Begruͤßungen waren, be⸗ 173 ſonders bei dem zarteren Geſchlecht, mit Thraͤnen gemiſcht. Emich und die Seinigen erſchienen nicht, da ſie auf einem Nebenwege nach der Hartenburg gezogen waren. Die einfachen und noch immer katholiſchen, ob⸗ ſchon im Glauben ſchwankenden Buͤrger, hatten, ſo lange die Suͤhnungswallfahrt noch nicht vollbracht war, lebhafte Beſorgniſſe in Betreff der Fruͤchte ih⸗ rer verwegenen That gefuͤhlt. Ihre Stadt lag in Mitte einer Gegend, wo, und zwar bis zu dieſer Stunde, verhaͤltnißmaͤßig mehr abenteuerliche Sa⸗ gen im Umlaufe waren, als in jedem anderen Di⸗ ſtricte von gleicher Ausdehnung; es laͤßt ſich daher leicht denken, daß unter ſolchen Umſtaͤnden die Phan⸗ taſie einer im Aberglauben erzogenen Bevoͤlkerung keineswegs muͤßig war. In der That durchliefen zahlloſe, hoͤchſt ſeltſame Geruͤchte Stadt, Thal und Ebene. Einige ſprachen von feurigen Kreuzen, die des Nachts uͤber der zerſtoͤrten Abtei ſichtbar waͤ⸗ ren; Andere von mitternaͤchtlichen Geſaͤngen und geſpenſtiſchen Proceſſionen, die des Nachts zwiſchen den verfallenen Thuͤrmen gehoͤrt und geſehen wuͤr⸗ den; und ein Bauer behauptete ſogar, er haͤtte mit dem Geiſte des Vater Johann geſprochen. Dieſe Sagen fanden Glauben oder nicht, je nach der . 174 Empfaͤnglichkeit des Zuhoͤrers; ein Geruͤcht aber er⸗ hielt durch verſchiedene Umſtaͤnde eine ſolche Beſtaͤ⸗ tigung, daß ſelbſt diejenigen, welche in der Regel nicht geneigt waren, an wunderbare Ereigniſſe zu glauben, ſtutzig wurden. Man ſagte, daß ein Bauer, als er einen einſa⸗ men Waldpfad ging, Berthold begegnet habe, in gruͤner Tracht, mit Horn und Jagdmuͤtze, den Hirſch⸗ faͤnger zur Seite, kurz ganz ſo, wie er von uns im Eingange dieſer Geſchichte beſchrieben worden iſt. Der Juͤngling ſollte begierig einem Rehbock nachge⸗ ſetzt, und von Zeit zu Zeit in das Jagdhorn geſto⸗ ßen haben. Die Hunde waren, ſeinem Rufe, wie immer, gehorſam, in der Naͤhe, und die Viſion war von allen Merkmalen der ſonſtigen taͤglichen Be⸗ ſchaͤftigung des Foͤrſters begleitet. Wenn dieſe Geſchichte damit zu Ende geweſen waͤre, ſo wuͤrde ſie das gewoͤhnliche Schickſal aller Wundermaͤhrchen gehabt haben, naͤmlich erzaͤhlt und vergeſſen zu werden. Allein ſie war von Um⸗ ſtaͤnden unterſtuͤtzt, die ſich den Sinnen unabweis⸗ lich aufdrangen. Man vermißte ſeit mehreren Wo⸗ chen die beiden Lieblingshunde des Foͤrſters, und vernahm von Zeit zu Zeit ihr Gebell, wie es im Forſte widerhallte und das Echo der Berge weckte. —*³(— 175 Dieſe außerordentliche Beſtaͤtigung der Erzaͤh⸗ lung des Bauers ereignete ſich eine Woche vor der Ruͤckkehr der Pilger. Die Letzteren fanden deßwe⸗ gen die Stadt in großer Aufregung, denn an dem⸗ ſelben Tage war die halbe Bevoͤlkerung von Duͤrk⸗ heim in der Thalſchlucht geweſen, die wir im erſten Capitel beſchrieben haben, und hatte mit eigenen Ohren das tiefe Gebell der Hunde vernommen. Erſt nachdem die erſten Begruͤßungen voruͤber wa⸗ ren, und waͤhrend der darauf folgenden Nacht, er⸗ fuhren die Pilger dieſen außerordentlichen Umſtand. Emich hatte denſelben vernommen, noch bevor er die Thorſchwelle ſeines Schloſſes erreicht hatte. Den Tag darauf war Duͤrkheim in freudiger und doch beſorglicher Aufregung. Die Einwohner waren froh uͤber die gluͤckliche Ruͤckkehr ihrer aus⸗ erwaͤhlteſten und beſten Buͤrger, allein beſtuͤrzt uͤber den wunderbaren Umſtand wegen der Hunde, und uͤber die damit verbundenen Geruͤchte, welche jede Stunde durch Erzaͤhlungen aus verſchiedenen Quel⸗ len neue Beſtaͤtigung erhielten. Ein Vorfall, der ſich am fruͤhen Morgen deſſelben Tages zutrug, hatte die Aufregung noch betraͤchtlich vermehrt. Von dem Augenblicke der Zerſtoͤrung der Abtei an, hatte es Niemand gewagt, ihre dem Einſturz 176 drohenden Mauern zu beſuchen. Dennoch hatten zwei Bauern aus dem Jaͤgerthal, durch Habſucht verleitet, den Verſuch insgeheim gemacht, waren aber voll Entſetzen entflohen, als ſie, wie ſie erzaͤhl⸗ ten, in den Ruinen ſeltſame Geſichter ſahen und furchtbares Geſtoͤhn hoͤrten. Dieſes Geruͤcht und ein Reſt von Ehrfurcht fuͤr die ſeit ſo langer Zeit heilig gehaltenen Altaͤre hatte den Platz gegen die Wiederholung aͤhnlicher Unternehmungen geſichert. Auch von der Heidenmauer waren die ſeltſamſten Geruͤchte in Umlauf, denn die Erzaͤhlung Ilſens von dem Durchzuge der Bewaffneten durch das Fichtenwaͤldchen in der Brandnacht, war, wie es in ſolchen Faͤllen gewoͤhnlich geſchieht, von dem Volke ſo verſchoͤnert und ausgeſchmuͤckt worden, daß das alte roͤmiſche Lager, ohnehin als ein unheimlicher Platz beruͤchtigt, in der vollkommenſten Einſamkeit gelaſſen wurde. Einige behaupteten, daß ſelbſt die Geiſter der Heiden durch den begangenen Frevel von ihrem tauſendjaͤhrigen Schlafe aufgeſchreckt worden waͤren, und Andere erklaͤrten den Platz fuͤr verflucht, weil der Einſiedler, der ihn noch kuͤrzlich bewohnte, in den Flammen der Abtei umgekommen waͤre. Das Geheimniß des wahren Namens und der Geſchichte des Einſiedlers war nun allgemein —&———2—§ 177 bekannt, und die Menſchen ſetzten die ſpaͤteren Ereigniſſe mit den fruͤheren Frevelthaten ſo in Ver⸗ bindung, wie es ihrer Vorliebe fuͤr das Wunderbare zuſagte, obſchon, wie dies bei allen Wundergeſchichten der Fall iſt, auch dieſe eine ſtrenge, logiſche und phi⸗ loſophiſche Pruͤfung nicht ausgehalten haben wuͤrde. In der Nacht nach der Wiederkehr der Pilger hielten die vornehmſten Buͤrger eine Rathsver⸗ ſammlung in Betreff dieſer außerordentlichen Sa⸗ gen und Ereigniſſe. Die Aufregung hatte den hoͤchſten Gipfel erreicht, und man uͤberlegte ernſt⸗ lich, wie dieſelbe beſchwichtigt werden koͤnne. Zwar war kein einziger der anweſenden Buͤrger von Un⸗ ruhe ganz frei, allein Maͤnner, beſonders wenn ſie in Amt und Wuͤrden ſtehen, affectiren in der Re⸗ gel einen Muth, den zu fuͤhlen ſie weit entfernt ſind. In dieſem Geiſte wurden die Berathungen gepflogen, und ein Entſchluß gefaßt, deſſen Be⸗ ſchaffenheit ſich aus dem Verlaufe der Erzaͤhlung ergeben wird. Zu jener Tageszeit, wenn die Sonne mit voller Waͤrme das Thal erheitert, verſammelten ſich faſt ſaͤmmtliche Bewohner von Duͤrkheim vor dem Thore, das der Graf kaͤrzlich ſo ohne Umſtaͤnde hatte aufſprengen laſſen. Hier wurden ſie durch Heidenmauer. III. 12 178 Buͤrger, die dazu auserſehen worden waren, ange⸗ fuͤhrt, und bildeten eine foͤrmliche religioͤſe Pro⸗ ceſſion. Voran ſchritten die Pilger, deren Gebet man wegen ihrer gluͤcklich vollbrachten Wallfahrt eine beſondere Kraft zuſchrieb; dann kam die Pfarr⸗ geiſtlichkeit mit den gewoͤhnlichen Inſignien des Katholicismus, hierauf folgten die Buͤrger, und ganz zuletzt die Frauen und Kinder ohne große Ruͤckſichtsnahme auf Ordnung. In Begleitung von Chorſaͤngern ſetzte ſich der Zug nach der vor⸗ maligen Abtei Limburg in Bewegung. »Dies iſt eine kurze Wallfahrt, Bruder Diet⸗ rich«, ſagte der Buͤrgermeiſter, der in ſeiner Eigen⸗ ſchaft als Pilger noch immer neben dem Schmid ſchritt,»und ſchwerlich wird ſie unſere Glieder ſehr ermuͤden. Waͤre jedoch die Stadt ſo ſorgſam und treu geweſen, wie wir, die wir in die fernen Berge zogen, ſo wuͤrde dieſe Geſchichte mit den bellenden Hunden und einigem Geſtohn in den Ruinen be⸗ reits beigelegt ſein. Allein eine Stadt ohne Ober⸗ haupt gleicht einem Menſchen ohne Verſtand.⸗ »Ihr ſeid alſo der Meinung, geſtrenger Buͤr⸗ germeiſter, daß es leicht halten wird, uns von dem Geſchrei von Teufelsgeſpenſtern und anderen un⸗ gebetenen Gaͤſten zu befreien! Was mich betrifft, 429 ½ 222 2* 179 ſo erklaͤre ich, daß ich, obſchon fußwund, gerne eine groͤßere Reiſe unternehmen wuͤrde, wenn wir es nur mit einem Feinde in Menſchengeſtalt zu thun haͤtten.. »Geh, Schmid, Du biſt kein Mann, um auch nur der Haͤlfte von dem, was erzaͤhlt wird, Glau⸗ ben beizumeſſen. Dieſe Bereitwilligkeit, alle alber⸗ nen Geruͤchte fuͤr wahr zu halten, unterſcheidet hauptſaͤchlich den Vagabonden vom hausgeſeſſenen Manne, den Thoren von dem Klugen. Wenn es ſich von einem Buͤrgermeiſter gegen einen bloßen Handwerker ſchickte, ſo wuͤrde ich Dir eine Wette anbieten, daß ſich etwas ganz Anderes ergeben wird, als was Du erwarteſt, obſchon ich Dich keineswegs fuͤr einen leichtglaͤubigen Verſchlinger von Alltags⸗ luͤgen halte.« »Wenn Euer Geſtrengen mir nur erklaͤren wollen, was ich eigentlich zu glauben habe!« »Ich will Dir ſagen, Schmid, was wir finden werden, und ſollten wir gleich einen ganzen Monat lang Nachforſchungen und Exorciſationen anſtellen. Es wird ſich ergeben, daß es keine Meute von Hunden war, ſondern hoͤchſtens einer oder zwei, beſeſſen oder nicht, wie ſich dies ausweiſen wird; demnaͤchſt werden wir ſehen, daß die ganze Ge⸗ 42* 180 ſchichte von dem Vater Johann, wie er den jun⸗ gen Berthold auf einer Rehjagd verfolgt, eine bloße Erdichtung iſt, da der Moͤnch der letzte Menſch war, der fuͤr ein ſolches zweckloſes Herumjagen und Geraͤuſch Sinn hatte; und was den jungen Förſter betrifft, ſo verwette ich mein Leben, daß ſich ſeine Erſcheinung auf einige Spuren von Trit⸗ ten oder auf andere beſcheidene Zeichen beſchraͤnken wird, daß er die Meſſen wuͤnſcht, welche die Bene⸗ dictiner ihm verweigern, denn es giebt keinen Juͤng⸗ ling, der um ſeiner ſelbſt willen die Nachbarſchaft in Aufregung zu bringen weniger geneigt war, als Berthold Hintermaier, gleichviel ob todt oder le⸗ bendig.« Eine allgemeine Bewegung und das Gemurmel ſeiner Gefaͤhrten thaten den weiteren Erklaͤrungen des Buͤrgermeiſters Einhalt. Die Vorhut des Zu⸗ ges hatte eben die Schlucht erreicht, und wollte in das Thal eindringen, als man das Getrappe vieler Roſſe hoͤrte. Die Gefuͤhle Aller waren ſo aufge⸗ regt, daß man irgend eine uͤbernaruͤrliche Erſchei⸗ nung erwartete. Ein Staubwirbel wehte daher, und Graf Emich mit einem zahlreichen Gefolge zeigte ſich den uͤberraſchten Blicken. Es war eine ſe gewoͤhnliche Sache, daß man in jener Zeit re⸗ * —.—————,—— —» 181 ligioͤſen Proceſſionen begegnete, daß der Graf kein Erſtaunen gezeigt haben wuͤrde, wenn er mit dem Beweggrund, weßwegen die Duͤrkheimer ihre Mau⸗ ern verlaſſen hatten, unbekannt geweſen waͤre; allein da er um den Zweck dieſes Zuges wußte, ſo ſtieg er eilig vom Pferde, und naͤherte ſich dem Buͤrgermeiſter mit entbloͤßtem Haupte. „Du biſt ausgegangen, um Geiſter zu bannen, wuͤrdiger Heinrich«, ſagte er,»und Liebe fuͤr meine Stadt hat mich zur Eile getrieben, damit Denjeni— gen, denen ich wohl will, Ehre und Aufmerkſam⸗ keit werde,— haß Du unter Deinen Pilgern ein Plaͤtzchen fuͤr einen armen Baron und ſeine Ge⸗ faͤhrten?« Das Anerbieten wurde freudig angenommen, und Allen ſtieg der Muth in Folge dieſer unerwarteten Verſtaͤrkung. Man machte daher Emich, obſchon er nicht als Ritter, ſondern als Pilger gekleidet war, willig Platz unter ſeinen vormaligen Wall⸗ fahrtsgenoſſen. Nach dem Aufſchub, der durch das Erſcheinen Emich's verurſacht worden war, ſetzte ſich der Zug, oder vielmehr der Haufe, denn Be⸗ ſergnis und Neugier hatten jeder Ordnung ein Ende gemacht, wieder gegen den Berg der Abtei in Bewegung. 182 Man fand die rauchumſchwaͤrzten Ruinen von Limburg in gaͤnzlicher Todtenſtille und Verlaſſen⸗ heit. Dem Anſcheine nach hatte ſeit dem Abzuge der Zerſtoͤrer, deren Triumph durch die ſchreckliche Kataſtrophe des Einſturzes des Kirchendaches ſo gekuͤhlt worden war, keines Menſchen Fuß dieſel⸗ ben betreten. Wenn die Angreifenden zu jener Epoche in Erwartung eines furchtbaren Kampfes gegen Limburg zogen, ſo naͤherte ſich jetz ie Pro⸗ ceſſion in der Beſorgniß, irgend ein Entſetzen erre⸗ gendes, uͤbernatuͤrliches Ereigniß wahkzunehmen. Beide taͤuſchten ſich. Der leichte Sieg der An⸗ greifenden iſt bekannt, und die Proceſſion zog mit gleicher Strafloſigkeit ein, obſchon manche Stimme bebte, als man ſich der beraubten und verwuͤſteten Kirche naͤherte. Es ereignete ſich jedoch nichts, 5 vas irgend eine Beſorgniß haͤtte rechtfertigen zeönnen. Durch dieſe friedliche Ruhe ermuthigt, und im Wunſche, einen Beweis der eErjabenhee . uͤber gemeinen Aberglauben zu geben, gebote Graf und Heinrich den Ihrigen, in dem Schi Kirche zuruͤck zu bleiben, waͤhrend ſie ſelbſt mit ein⸗ ander in das Chor ſchritten. Zwar die gewoͤhnlichen Spuren eines ſchrecklichen Brandes fanden ſie bei jedem Tritt, aber ſonſt nichts, was ſie uͤberraſchen 183 konnte, bis ſie zu dem zertruͤmmerten Hochaltare kamen. »Himmel!« rief der Buͤrgermeiſter aus, indem er ſeinen edlen Begleiter haſtig bei dem Mantel zuruͤckzog—»Euer Fuß war nahe daran, den Ge⸗ beinen eines Chriſten unehrerbietig zu begegnen, Herr Graf! denn ein Chriſt war Pater Johann ohne Zweifel, obſchon er lieber verdammte, als Milde zeigte.« Emich fuhr zuruͤck, denn in der That haͤtte er aus Unachtſamkeit dieſe ſchaudererregenden Ueber⸗ reſte beinahe zertreten. »Hier ſtarb ein wilder Enthuſiaſt!« ſagte er, indem er das Skelet mit der Spitze ſeines Schwer⸗ tes beruͤhrte. »Und hier iſt derſelbe noch, hochgeborener Graf! Dies ſtraft das Geruͤcht Luͤgen, daß der Moͤnch den jungen Berthold durch den Forſt und auf der Heidenmauer vor ſich hertreibt, und es waͤre gut, die Gebeine dem Volke zu zeigen.« Der Graf billigte dies, und der Haufe trat naͤher, um ſich zu uͤberzeugen, daß die Gebeine Johanns noch auf demſelben Platze lagen, wo er geſtorben war. Waͤhrend ſich die Neugierigen und Furchtſamen gegenſeitig ihre Meinungen in Be⸗ 184 treff dieſer Entdeckung in das Ohr ziſchelten, ſtie⸗ gen die beiden Anfuͤhrer in die Gruft hinunter. Dieſer Theil des Gebaͤudes hatte durch das Feuer am wenigſten gelitten. Durch das obere Gewoͤlbe geſichert, und ganz von Stein erbaut, hatte es keinen anderen Schaden genommen, als durch die Schmiedehaͤmmer der Angreifenden. Truͤmmer von Grabmaͤlern lagen nach allen Rich⸗ tungen umher, und hie und da hatte eingedrunge⸗ ner Rauch das Gemaͤuer geſchwaͤrzt. Emich ſah zu ſeinem Bedauern, daß er die Zerſtoͤrung der Capeile und der Denkmaͤler ſeiner Ahnen bloß ſei⸗ ner eigenen Uebereilung verdankte. „Ich will die Gebeine meiner Vaͤter anderswo beiſetzen«, ſagte er ſinnend,—»dies iſt kein Grab fuͤr ein hohes Geſchlecht.⸗ »Hm!— ſie haben lange in Ehren gemodert, wo ſie liegen, Herr Emich, und es waͤre gut ge⸗ weſen, wenn man ſie unter ihrer alten Mamordecke haͤtte ſchlafen laſſen: allein unſere Handwerker waren hier ungewoͤhnlich thaͤtig, ohne Zweifel zu Ehren eines erlauchten Hauſes.“ »Keiner meines Stammes ſoll innerhalb ver⸗ fluchter Benedictinermauern ruhen! Horch!— was iſt das oben, guter Heinrich?« 185 »„Die Leuͤte ſind ohne Zweifel auf die Gebeine des Einſiedlers und des jungen Berthold geſtoßen. Wollen wir hinauf gehen, Herr Graf, und zuſehen, daß ihren Ueberreſten gebuͤhrende Achtung bewieſen wird? Der Foͤrſter war uns Allen werth, und was Odo von Ritterſtein betrifft, ſo nimmt man es heut zu Tage mit ſeinem Verbrechen leichter, und uͤberdies war er mit Ulriken verlobt.« »Heinrich, Dein Weib war ſehr ſchoͤn, und hatte manchen Freier.« »Verzeiht, edler Graf, ich weiß nur von dem armen Odo und Heinrich Frey. Jener wurde durch ſeinen eigenen Wahnſinn beſeitigt, und was den Letzteren betrifft, ſo iſt er das, wozu der Himmel ihn gemacht hat, vielleicht ein unbedeutender Lieb⸗ haber und Gemahl, allein ein Mann von Anſehen und Einfluß unter ſeines Gleichen.« Der Graf hatte nicht Luſt, mit ſeinem Freund in Betreff dieſer Eigenſchaften zu ſtreiten, und ſie ſtiegen im gemeinſamen Wunſche, den Gebeinen des armen Berthold die gehoͤrige Achtung zu er⸗ weiſen, ans der Gruft empor. Zu ihrer beiderſei⸗ 4 tigen Ueberraſchung fanden ſie die Kirche leer. Aus dem Durcheinanderſchreien der Stimmen außen war leicht zu entnehmen, daß irgend ein außeror⸗ . e * M 186 dentliches Ereigniß die Theilnehmer an der Proceſ⸗ ſion vertrieben haben muͤſſe. Neugierig, der Sache auf den Grund zu kommen, eilten die beiden An⸗ fuͤhrer, denn noch hatte Heinrich ein Anrecht auf dieſen Titel, das Schiff der Kirche entlang, und zwiſchen Truͤmmern dem großen Thore zu. In der Naͤhe deſſelben wurden ſie durch den Anblick des verkohlten Skeletes des Vaters Johann, das offen⸗ bar bei der allgemeinen ploͤtzlichen Bewegung mit fortgeriſſen worden war, in Schauder verſetzt. »Himmel!« murmelte der Buͤrgermeiſter, waͤh⸗ rend er hinter dem Grafen hereilte,»ſie ſind vor den Gebeinen des Benedictiners zuruͤckgewichen! Sollte, trotz unſeres Unglaubens, doch irgend ein feuriges Mirakel dieſen Schrecken verbreitet haben?« Emich antwortete nichts, ſondern trat mit der Miene eines erzuͤrnten Gebieters in den Hof. Allein als er die Schaar anſichtig wurde, wie ſie ſich nach den Truͤmmern der Außengebaͤude draͤngte, von wo man die umliegende Gegend und einen Theil der Heidenmauer uͤberſehen konnte, ſo uͤberzeugte er ſich, daß dies kein Augenblick ſei, um den ſtrengen Herrn zu ſpielen. Er kletterte uͤber die Truͤmmer empor, und fand auf der Mauer hundert verwundete Ge⸗ bla 187 ſichter, unter denen er einige ſeiner tzeneſten Diener erkannte. »Was bedeutet dieſe Vernachlaͤſſigung des Got⸗ tesdienſtes, und dieſes ploͤtzliche Verlaſſen der Ge⸗ beine des Moͤnches?« fragte Emich, indem er mit der Hoffnung umher blickte, durch Huͤlfe ſeiner Au⸗ gen die Antwort ſchneller zu bekommen. »Hat der Herr Graf nicht geſehen und gehoͤrt?⸗ ſagte der naͤchſtſtehende Dienſtmann. »Was, Burſche? Ich habe nichts geſehen als blaſſe und zitternde Narren, und nichts gehoͤrt als pochende Herzen!— Rede Du, Burſche,— denn obſchon ziemlich ein Schelm, biſt Du venöſiens kein Feigling.⸗ Emich hatte ſich zu Gottlob gewendet. »Dieſe Sache zu erklaͤren, iſt ſo leicht nicht, Herr Graf«, antwortete der Kuhhirt ernſt,»die Leute ſind hieher geeilt, weil ſie das Gebell der ge⸗ ſpenſtiſchen Hunde hoͤrten. Einige behaupten ſogar, die Geſtalt des armen Berthold habe ſich wieder gezeigt.⸗ Der Graf laͤchelte veraͤchtlich, obſchon er den Redenden hinreichend kannte, um durch die Beſtuͤr⸗ zung, die ſich in deſſen Zuͤgen ausdruͤckte, hoͤchlich uͤberraſcht zu ſein. 188 »Du liebteſt meinen Foͤrſter?« »Wir waren Freunde, Herr Graf, wenn ein ſo geringer Menſch, wie ich, dieſes Wort von einem Juͤngling gebrauchen darf, der in der unmittelbaren Naͤhe der Perſon unſeres Gebieters diente. So wie ſeine Familie, kannte auch die meinige beſſere Tage, und wir trafen uns oft im Forſte, wenn ich durch denſelben von oder nach der Weide zog. Ich liebte den armen Berthold, hochgeborner Graf, und theuer iſt mir ſein Andenken.⸗ „ Ich glaube, Du haſt einen beſſeren Kern, als man nach einigen leichtſinnigen und thoͤrichten Hand⸗ lungen vermuthen ſollte. Ich habe bei verſchiedenen Anlaͤſſen Deinen guten Willen bemerkt, und war mit den Signalen, die Du in der Nacht, als dieſe Mauern geſtuͤrzt wurden, machteſt, ſehr zufrieden. Ich ernenne Dich zu der Stelle, die durch den Tod meines ungluͤcklichen Foͤrſters leer geworden iſt.⸗ Gottlob wollte ſeinem Gebieter danken, aber der Schmerz um den Verluſt ſeines Freundes war in dieſem Augenblicke zu heftig, als daß ihn ſeine Be⸗ foͤrderung viel haͤtte freuen koͤnnen. 5 » Meine Dienſte gehoͤren meinem hochgebornen Gebieter«, antwortete er,»„allein ſo bereit ich auch 189 bin zu gehorchen, ſo wuͤnſchte ich doch, daß Ber⸗ thold— „»Horcht!— Hoͤrt!« ſchrien hundert Stimmen. Emich ſtutzte, und neigte ſich mit geſpannter Erwartung vorwaͤrts. Der Tag war klar und wol⸗ kenlos, und die Luft auf den Bergen ſo rein, wie ſie bei leichtem Winde und hellſtrahlender Sonne nur immer ſein konnte. Durch ſolche Umſtaͤnde, und durch das allgemeine athemloſe Stillſchweigen beguͤnſtigt, wurde das wohlbekannte Gebell von Ruͤ⸗ den auf der Spur, uͤber das Thal heruͤbergetra⸗ gen. In jener Gegend und Zeit durfte Niemand jagen, und beſaß auch Niemand die Mittel dazu, als der Feudalherr. Seit den juͤngſten Ereigniſſen waren die Forſten des Grafen nicht in dieſer Abſicht betreten worden, und Niemand anders durfte, da Emich abweſend und Berthold todt war, es wagen. »Das iſt wenigſtens verwegen!« rief Emich, als das Gebell aufhoͤrte,»hat hier ſonſt Jemand Hunde von ſo edler Zucht?« »Wir haben nie davon gehoͤrt,— Niemand wuͤrde ſich dies unterſtehen«, lauteten die Ant⸗ worten. »Ich kenne dieſes Gebell,— es iſt in der That das der Lieblingshunde meines armen Föͤrſters! 190 Sind dieſe Hunde etwa der Leine entſprungen, und jagen im Forſte frei herum?« »Wuͤrden in dieſem Falle ermuͤdete Hunde wo⸗ chenlang außen bleiben, Herr Graf?« bemerkte Gottlob.»Es ſind nun acht Tage, ſeitdem man dieſes Gebell zum erſten Male gehoͤrt hat, und doch hat Niemand bis zu dieſer Stunde die Hunde ge⸗ ſehen, außer daß ſie, wie Einige behaupten, erblickt wurden, indem ſie der Spur wahnſinnig nachjagten.⸗ »Man ſagt, Herr Graf, daß Berthold ſelbſt bei den Hunden geſehen wurde«, bemerkte ein An⸗ derer,»ſein Gewand flatterte im Winde, und er hielt mit den Hunden im Lauf gleichen Schritt, als waͤre er eben ſo ſchnellfuͤßig!« »Und Vater Johann hinterher, Kapuze und Kutte wie einen Fahnenſtreif nachziehend, und auf einer religioͤſen Jagd begriffen!« fuͤgte der Graf lachend hinzu.»Siehſt Du nicht, Einfaltspinſel, daß die morſchen Gebeine des Moͤnches noch immer in der Ruine liegen?« Der Burſche wurde durch die Worte ſeines Ge⸗ bieters eingeſchuͤchtert, aber nicht uͤberzeugt. Es folgte eine lange, erwartungsvolle Pauſe, denn dieſes kleine Zwiſchenſpiel in der Naͤhe des Grafen hatte die feierliche Aufmerkſamkeit der Schaar nicht im 191 und Mindeſten geſtoͤrt. Endlich erſcholl das Gebell der geheimnißvollen Hunde abermals, und klang ge⸗ vo⸗ nau ſo, wie wenn Ruͤden aus dem Walde in das fte Freie hinausſpringen. In wenigen Augenblicken dan wiiederholte ſich das Gebell, und jetzt befanden ſie och ſich ohne alle Zweifel auf der offenen Heide, die ge⸗ den Teufelſtein umgab. Dieſes Ereigniß, auf einem ckt ſo verrufenen Platze, und im Anfange des ſechs⸗ 1. zehnten Jahrhunderts verbreitete allgemeine Beſtuͤr⸗ bſt zung. Selbſt der Graf ſchwankte. Zwar ſah er n⸗ ziemlich die Ungereimtheit ein, daß lebende Hunde er mit einem verſtorbenen Foͤrſter jagen ſollten, allein ls da einmal die Hauptſache der geſpenſtiſchen Jagd zugegeben war, ſo konnte jene unweſentliche Schwie⸗ d rigkeit ſo leicht beſeitigt werden, daß Emich in dem uf Einwurfe, den er ſich ſelbſt machte, nur eine ſehr af geringe Stuͤtze fand. Er ſtieg von der Mauer her⸗ I, unter, und wollte eben die Pfarrprieſter und Hein⸗ T eich bei Seite winken, als die Maͤnner einen all⸗ gemeinen Aufſchrei erhoben, und die Frauen ſich 2 um Ulrike draͤngten, die mit Meta und Lottchen 3 vor dem großen Crucifix im ehemaligen Hofe des 3 Kloſters kniete und betete. In einem Augenblick 1 ſtand Emich wieder auf der Mauer, die unter ſei⸗ nem maͤchtigen Hinaufſchwung faſt wankte. 192 „»Was ſoll dieſer unehrerbietige Laͤrm?« fragte der Graf zuͤrnend.. »Die Hunde!— Herr Graf!— die Hunde!« antworteten keuchend funfzig Bauern. »Erklaͤre die Urſache dieſes Geſchrei's, Gottlob.⸗ „Herr Graf, wir haben die Hunde am Rande jenes Berges, faſt in einer Linie mit dem Teufels⸗ ſtein hinlaufen ſehen. Ich kenne die Thiere genau, Herr Graf, und Ihr koͤnnt verſichert ſein, daß es wahrhaftig die alten Lieblingshunde Bertholds waren!« »Und Berthold!« riefen einige der beherzteren Liebhaber von Wundergeſchichten,—»wir haben den verſtorbenen Foͤrſter geſehen, hoher Herr, wie er den Hunden nachſetzte, gleich als haͤtte er Fluͤgel.⸗ Die Sache wurde ernſthaft, und der Graf ſchritt langſam in den Hof zuruͤck, entſchloſſen, ihr, auf was immer fuͤr eine Weiſe, ſchnell auf den Grund zu kommen. 4 (0 8 Car— — 2. — ₰ te Dreißigſtes Capitel. Der Graf berieth ſich mit den vorzuͤglichſten weltlichen Theilnehmern an der geſtoͤrten Proceſſion. Da die Kirche ſeit ſo langer Zeit mit uͤbernatuͤrlichen Kraͤften in Verbindung ſtehen wollte, ſo beſchloß Emich, damit ſie ja ihren in dieſer Gegend verlo⸗ renen Einfluß nicht wieder erlange, die Prieſter, welche aus Duͤrkheim mitgezogen waren, von der Berathung ferne zu halten. Wenn wir ſagen woll⸗ ten, daß der Graf von Leiningen⸗Hartenburg dem Geruͤchte, daß man den Geiſt ſeines verſtorbenen Foͤrſters habe jagen geſehen, vollen Glauben bei⸗ maß, ſo wuͤrden wir ſeinem Verſtande und ſeiner Denkweiſe nicht Gerechtigkeit widerfahren laſſen: wollten wir dagegen behaupten, er waͤre in Betreff dieſes Punktes von Aberglauben und Beſorgniß ganz frei geweſen, ſo wuͤrden wir ihm eine philo⸗ ſophiſche Geiſtesunabhaͤngigkeit zuſchreiben, welche in jenem Zeitalter nur das Eigenthum der Gelehr⸗ ten und Denkenden, und zwar auch nicht immer geweſen iſt. Selbſt Diejenigen, welche ſonſt in den Wiſſenſchaften wohl erfahren waren, glaubten an Aſtrologie; und wenn der Geiſt einmal eine Theorie zugiebt, welche mit der Vernunft im Widerſpruche Heidenmauer. III. 13 194 ſteht, ſo oͤffnete er zugleich einer Menge von Neben⸗ ſchwachheiten, als nothwendigen Folgen des Haupt⸗ ſatzes, die Thore. Alle, welche der Graf zu Rathe zog, waren uͤber die Unerlaͤßlichkeit einer ſchleunigen Loͤſung des Raͤthſels einverſtanden. Es gab bereits Viele, welche ſich zufluͤſterten, daß dieſe außerordentliche Heim⸗ ſuchung eine Folge des veruͤbten Frevels waͤre, und daß man nicht eher wieder Friede und Befreiung von uͤbernatuͤrlichen Plagen hoffen koͤnne, als bis die Benedictiner wieder in die Abtei und ihre vori⸗ gen Rechte eingeſetzt wuͤrden. Emich war uͤberzeugt, daß dieſes Gerede von den Moͤnchen mittelſt einiger ihrer geheimen erkauften Agenten verbreitet worden war, und ſah ein, daß es keine wirkſamere Art gebe, denſelben entgegen zu wirken, als Nachweiſung der Grundloſigkeit jenes Geruͤchtes. Damals war die oͤffentliche Aufklaͤrung ſo gering, daß dieſelben Maͤn⸗ ner, welche das groͤßte Intereſſe daran hatten, dem Wahnſinne des Augenblickes zu ſteuern, nur mit großer Muͤhe ihre eigenen Zweifel zu bewaͤltigen vermochten. Es iſt gezeigt worden, wie Emich, ſo ſehr er auch geneigt war, das Joch der Kirche gaͤnz⸗ lich abzuſchuͤtteln, doch ſo feſt an ſeinen alten Vor⸗ urtheilen hing, daß er vor der Macht, der er Trotz 195 bot, bebte, und ſchwere Zweifel nicht nur uͤber die Politik, ſondern auch uͤber die Rechtmaͤßigkeit des Schrittes, wozu Ehrgeiz und Habſucht ihn antrieb, hegte. So wird der Menſch das Werkzeug der Lei⸗ denſchaften, die ihn beherrſchen, indem er ihnen bald nachgiebt, bald gegen ſie ankaͤmpft, ſo wie irgend ein ſtaͤrkeres Reizmittel ſich ſeinem Gemuͤthe aufdringt; dabei behauptet er ſtets, daß er von der Vernunft und von Grundſaͤtzen geleitet werde, waͤhrend er im Grunde ſelten jene zu Rathe zieht und dieſen folgt, außer wenn ſein Vortheil dabei im Spiele iſt. Dann wird allerdings ſein Geiſt ploͤtzlich erleuchtet, und er bedient ſich aller Gruͤnde, die ſich darbieten, der richtigen ſowohl als der ſcheinbaren, und ſo koͤmmt es auch, daß wir die Geſellſchaften ſo oft eine moraliſche Pirouette ſchlagen ſehen, indem ſie ploͤtzlich eine Reihe von Grund⸗ ſaͤtzen annehmen, die allen denjenigen, zu welchen ſie ſich bisher bekannt haben, entgegengeſetzt ſind. Gluͤcklicher Weiſe dauert Alles, das in Folge rich⸗ tiger Grundſaͤtze gewonnen worden iſt, fort, weil die Grundſaͤtze, wie wetterwendiſch auch ihre Be⸗ kenner ſein moͤgen, an ſich ſelbſt unveraͤnderlich ſind, und, wenn man ſie einmal zugegeben hat, ſo leicht nicht wieder durch die Baſtardlehren der Angemeſ⸗ 13*† 196 ſenheit und des Irrthums verdraͤngt werden koͤnnen. Dieſe Veraͤnderungen ereignen ſich ſtufenweiſe bei je⸗ nen Vorlaͤufern des Gedankens, welche den Nationen den Weg bahnen, aber in der Regel ihren Zeit⸗ genoſſen ſo weit voraneilen, daß ſie in dem Augen⸗ blick, als die Reformation oder Revolution eintritt, denſelben laͤngſt aus dem Geſichte entſchwunden ſind; aber was den großen Haufen betrifft, ſo er⸗ folgen ſie oft durch einen Handſtreich, und ein gan⸗ zes Volk erwacht wie durch Magie zu einer neuen Reihe von Grundſaͤtzen, gleichwie das Auge ſich von der einen Buͤhnendecoration zur nachfolgenden wendet. Unſer Zweck in dieſer Erzaͤhlung war, die Ge⸗ ſellſchaft in dem Act des Ueberganges von der Herr⸗ ſchaft der einen Reihe von Grundſaͤtzen unter die einer andern Reihe zu zeigen. Wenn unſere Be⸗ ſtrebung auf die Schilderung eines einzelnen großen Geiſtes gerichtet geweſen waͤre, ſo wuͤrde dieſe in Bezug auf das Individuum vielleicht richtig, in Bezug auf eine Gemeinde aber falſch ausgefallen ſein, weil wir dabei wenig mehr zu thun gehabt haͤtten, als aus Philoſophie und Vernunft Schluß⸗ folgen zu ziehen; waͤhrend Derjenige, welcher die Welt, die Wirklichkeit ſchildern will, die Leiden⸗ 197 ſchaften und gemeinen Intereſſen in den kuͤhnſten Farben, den intellectuellen Theil ader in den fer⸗ nen Hintergrund malen muß. Wir wiſſen nicht, ob Jemand geneigt ſein wird, jene Betrachtungen anzuſtellen, welche dieſes Werk anzuregen beſtimmt iſt, und ohne welche es kaum von Nutzen ſein kann, aber obſchon wir die Unvollkommenheit unſerer Lei⸗ ſtung zugeben, ſind wir doch uͤberzeugt, daß der Vorurtheilsfreie unſer Gemaͤlde in Bezug auf deſſen Gegenſtand ziemlich treu finden wird. Wir wuͤrden umſonſt geſchrieben haben, wenn wir noch nothwendig haͤtten, den peinlichen Seelenzu⸗ ſtand des Grafen und Heinrichs zu ſchildern, als Beide an der Spitze der Proceſſion uͤber den Berg von Limburg herabzogen. Politik und der Ent⸗ ſchluß, die theuer errungenen Vortheile nicht wieder fahren zu laſſen, trieben ſie vorwaͤrts, waͤhrend Zweifel und eine ganze Schaar alter Vorurtheile ihr Gemuͤth quaͤlten. Die Proceſſion war ziemlich ſo geordnet, wie bei ihrem Zuge nach den Ruinen der Abtei. Voran ſchritten die Pilger, unmittelbar hinter ihnen die Pfarrprieſter mit ihren Saͤngern, und zuletzt die bebende, neugierige, andaͤchtige Schaar. Die Re⸗ ligionsveraͤnderung war damals noch mehr in der 198 Lehre und unter Wenigen, als in der Handlungs⸗ weiſe der Menge; es wurden daher diejenigen Ge⸗ braͤuche der katholiſchen Kirche beobachtet, welche bei Exorciſirungen oder bei Gebeten um Erloͤſung von einem ungewoͤhnlichen Verhaͤngniß des Him⸗ mels uͤblich ſind. Der Graf und Heinrich ſchritten, wie es ihrer Stellung gebuͤhrte, kuͤhn voran; denn wie groß auch die Beſorgniſſe eines Jeden geweſen ſein moͤgen, ſo wurden ſie doch gluͤcklich und kluͤg⸗ lich vor allen verborgen; ſelbſt der wuͤrdige Buͤrger⸗ meiſter bewunderte die Feſtigkeit des Grafen, und der Letztere ſtaunte ſehr, wie ein Mann von Heinrichs Erziehung und Lebensweiſe eine ſolche Entſchloſſenheit in einer ſo ungewoͤhnlichen Lage zeigen koͤnne. Sie ſtiegen zur Flaͤche der Heiden⸗ mauer durch den Hohlweg empor, deſſen in dieſen Blaͤttern zweimal Erwaͤhnung gethan worden iſt,— einmal in der Einleitung, und dann als des We⸗ ges, den Ulrike in der Brandnacht niederſtieg, um zur Abtei zu gelangen Bis nahe an den Gipfel trug ſich nicht das mindeſte Ungewoͤhnliche zu, und als die Saͤnger ihren tiefen Geſang anſtimmten, ſo begannen die Anfuͤhrer zu hoffen, daß Alles gut und ruhig voruͤbergehen wuͤrde. Der Graf ath⸗ mete wieder freier, und glaubte ſchon bewieſen zu 8—& R — haben, daß die Heidenmauer ein ſo harmloſer Fleck ſei, als irgend ein anderer in der ganzen Pfalz. »Ihr habt oft auf dieſer Oede des Teufels dem Roſſe die Sporen gegeben, edler und furchtloſer Graf«, ſagte der Buͤrgermeiſter, als ſie ſich dem Rande des Berges naͤherten.—»Ein Mann, der an den Anblick dieſes unheimlichen Platzes gewoͤhnt i*ſt, laͤßt ſich ſo leicht nicht durch das Gebell und das Herumſtreifen einer Meute unruhiger Hunde einſchuͤchtern, und ſollte ihre Huͤtte auch im Schat⸗ ten des Teufelsſteins liegen!« »Mit Recht haſt Du»voft«« geſagt, guter Heinrich. Als ich noch ein Knabe war, pflegte mein edler Vater ſeine Roſſe auf dieſer Flaͤche zu⸗ zureiten, und es machte mir Vergnuͤgen, haͤufig dabei zu ſein. Auch trieben wir auf unſeren Jagden das Wild oft aus dem Dickicht auf dieſe Ebene—« Der Graf hielt inne, denn ein ſchnelles Getram⸗ pel, gleich das von rennenden Hunden ließ ſich gerade uͤber den Pilgern hoͤren, obſchon der Bergrand ſie noch immer hinderte, die oͤde Hochebene zu uͤber⸗ blicken. Trotz ihrer Entſchloſſenheit blieben die bei⸗ den Anfuͤhrer doch ploͤtzlich ſtehen, wozu dadurch auch diejenigen, welche hinter ihnen kamen, genoͤ⸗ thigt wurden. 200 „Die Bergflaͤche hat ihre Bewohner“, ſagte Emich ernſt, aber entſchloſſen,»wir werden bald ſehen, ob ſie die Oberherrſchaft ihres Lehnsherrn anerkennen.« Ohne eine Antwort abzuwarten, murmelte der Graf unwillkuͤhrlich ein Ave, und ſtieg hurtig zum Gipfel empor. Sein erſter Blick war ſchnell, un⸗ ruhig und mißtrauiſch, aber nichts bot ſich demſel⸗ ben dar. Der kahle Felſen des Teufelsſteins lag auf der alten Stelle, wo er ſeit Jahrtauſenden durch eine Umwaͤlzung der Erdoberflaͤche hingerollt wor⸗ den war,— grau, einſam und verwittert; auf der ganzen Oberflaͤche der grasreichen Ebene gewahrte man weder Menſch noch Thier, und die Fichten des Heidenlagers rauſchten duͤſter wie gewoͤhnlich, und ſtimmten zu der Sage, welche ihnen Intereſſe verlieh. »Hier iſt nichts!« rief der Graf aus, und ath⸗ mete tief auf, was er gerne dem ſchwierigen Em⸗ porſteigen zugeſchrieben haͤtte. »Graf von Hartenburg, Gott iſt hier, wie auf den Bergen, die wir kuͤrzlich verlaſſen haben, auf der ſchoͤnen, weiten Flaͤche unten, und in Deinem eigenen Schloſſe!⸗ »Ich bitte Dich, gute Ulrike, davon ein anderes Mal. Wir wollen nun dazu ſchreiten, einer al⸗ 7 ——— 2p. . 7579 ðGQ☛ ₰ ☛α d 270 —— bernen Sage und dieſen neuerlichen Stoͤrungen ein Ende zu machen.« Auf einen Wink von ſeiner Hand ſetzte ſich der Zug wieder in Bewegung, und ſchlug die Richtung nach dem alten Thore des Roͤmerlagers ein. Der Chor begann wieder zu ſingen, und dieſelben Fuͤhrer, wie zuvor, ſchritten voran. Es iſt uͤberfluͤſſig, zu ſagen, daß ſich bei dieſem ernſten Anlaſſe der Heidenmauer Alle mit Herz⸗ klopfen naͤherten. Kein Menſch von Nachdenken und Gefuͤhl kann einen Platz, wie dieſen, beſuchen, ohne daß er ſich irgend ein melancholiſches Gemaͤlde entwirft. Der Umſtand, daß man vor ſich die Ue⸗ berreſte eines Werkes ſieht, von Weſen erbaut, die in der großen Kette der Ereigniſſe, welche die Ver⸗ gangenheit mit der Gegenwart verknuͤpften, ſo viele Jahrhunderte vor uns lebten, und daß man einen Boden betritt, wo einſt Roͤmer und Hunnen ge⸗ haust haben, regt an und fuͤr ſich ſchon Gedan⸗ ken an die wundervolle Groͤße der alten Zeit auf. Jetzt aber waren dieſe natuͤrlichen Empfindungen durch Schreck vor der Allmacht und durch die Be⸗ ſorgniß, jeden Augenblick Zeuge eines uͤbernatuͤr⸗ lichen Ereigniſſes zu ſein, erhoͤht. Kein Wort wurde geſprochen, bis Emich und 202 der Buͤrgermeiſter durch das verfallene Thor an den Steinhaufen voruͤber ſchritten, welche die Lage des ehemaligen Walles bezeichneten. Durch die allenthal⸗ ben herrſchende Ruhe ermuthigt, begann der Graf wieder zu ſprechen. »Das Ohr taͤuſcht ſehr oft, Freund Buͤrger⸗ meiſter«, ſagte er,»und kann, ſo wie die Zunge/ wenn ſie nicht gehoͤrig im Zaume gehalten wird, zu Mißverſtaͤndniſſen fuͤhren. Ohne Zweifel vermein⸗ ten wir Beide, Hundetritte vernommen zu haben, aber jetzt uͤberzeugt uns der eine Sinn, daß ſich der andere getaͤuſcht hat. Wir naͤhern uns dem Ziele unſerer kurzen Wallfahrt, und wollen Halt machen, damit ich den Leuten unſere Meinung und Abſicht auseinander ſetze.« Auf einen Wink veen Heinrich ſchwiegen die Saͤnger, und der Haufe trat naͤher, um zu hoͤren. Der Graf fuͤhlte, daß fuͤr die Erreichung ſeines Zweckes, in ſofern dieſer jenem der Moͤnche entgegen⸗ geſetzt war, die Entſcheidung herannahe, und er be⸗ ſchloß, nicht nur uͤber ſeine Feinde, ſondern auch uͤber ſich ſelbſt zu ſiegen. In dieſem Sinne ſprach er. »Ihr ſeid hier, meine wackeren Freunde und Vaſallen«, hub er an,„ſowohl als Glaͤubige, welche die Altaͤre achten, wenn der Dienſt vor denſelben 203 gehoͤrig verſehen wird, wie auch als Maͤnner, die ſelbſt ſehen und urtheilen wollen. Dieſes Lager, deſſen Ueberreſte ihr erblickt, war einſt von einer Schaar Krieger beſetzt, welche zu ihrer Zeit kaͤm⸗ pften und vertheidigten, litten und gluͤcklich waren, Wunden erhielten und ſtarben, ſiegten oder beſiegt wurden, gerade ſo wie diejenigen, welche heut zu Tage die Waffen tragen, dies Alles vollbringen, oder Ungluͤck erdulden. Das Geruͤcht, daß ihre Geiſter dieſen Ort beſuchen, iſt eben ſo unwahrſchein⸗ lich, als daß die Geiſter aller Derjenigen, welche mit den Waffen in der Hand gefallen ſind, auf der Erde, die ihr Blut trank, zuruͤckbleiben, ſonſt wuͤrde kein noch ſo kleiner Fleck in der ganzen Pfalz ohne ſeinen Spuk ſein. Was dieſes Gerede von meinem Foͤrſter, dem armen Berthold, betrifft, ſo iſt es um ſo weniger wahrſcheinlich, ſowohl wegen des Charakters des Juͤnglings, der meine Abneigung gegen Geſchichten der Art, und meinen Wunſch, das Jaͤgerthal gaͤnzlich davon zu befreien, kannte, als auch wegen ſeiner bekannten Beſcheidenheit und ſei⸗ nes pflichtmaͤßigen Gehorſams. Ihr ſeht Alle, daß es hier keine Hunde giebt—« Emich irrte ſich. Gerade als ſeine Zunge, welche in Folge der Ungeſtraftheit, die ſeine bisherigen Er⸗ 204 klaͤrungen begkeitet hatte, gelaͤufig zu werden anfing, die letzten Worte ausſprach, ertoͤnte tiefes Hunde⸗ gebell. Die Schaar ſchrie laut auf, und draͤngte ſich wild durcheinander. Das Gebell erſcholl im Mittelpunkte des Gehoͤlzes der Heidenmauer, und ſchien um ſo uͤbernatuͤrlicher, da es aus der duͤſteren Fichtendecke hervordrang. »Vorwaͤrts!« rief der Graf, faſt bis zur Wuth erhitzt, indem er den Griff ſeines Schwertes mit eiſerner Fauſt faßte.»Es iſt nur ein Hund! Ir⸗ gend ein Schurke hat ihn losgelaſſen, und er ſpuͤrt den Tritten ſeines verſtorbenen Herrn nach, welcher den frommen Einſiedler, der ſonſt hier wohnte, haͤufig zu beſuchen pflegte—⸗ »Still!« rief Lottchen, indem ſie mit wildſtar⸗ rendem Auge aus der Schaar von Frauen hervor⸗ ſtuͤrtte.»Gott wird alsbald zu einem großen Zwecke ſeine Allmacht bethaͤtigen! Ich kenne, ich kenne— dieſen Schritt—« Sie ward auf eine Alle entſetzende Art unter⸗ brochen, denn waͤhrend ſie noch ſprach, ſtuͤrzten die Hunde aus dem Gehoͤlze nach der raſchen Art dieſer Thiere hervor, und umkreiſten in ſchnellem Lauf die Geſtalt der erſchreckten und wankenden Frau. Im naͤchſten Augenblicke wich eine morſche Mauer dem 4½ ——&8& 8&⏑ 205 maͤchtigen Sprung eines menſchlichen Fußes, und Lottchen lag bewußtlos an der Bruſt ihres Soh⸗ nes! 1 Wir ziehen einen Schleier uͤber den ploͤtzlichen Schreck, die allgemeine Ueberraſchung, die Thraͤnen, die Wonne, und die minder gewaltfäͤme Freude der naͤchſten Stunde. Der Geſang hoͤrte auf, die Ordnung der Pro⸗ ceſſion ward vergeſſen, und unuͤberwindliche Neu⸗ gierde trat an die Stelle des aberglaͤubiſchen Schre⸗ ckens. Allein Emichs Gebot wies die Schaar auf die oͤde Ebene des Teufelsſteines zuruͤck, wo ſie ſich fuͤr den Augenblick mit Vermuthungen und mit Sagen von aͤhnlichen ploͤtzlichen Verwandlungen der Geiſter in Fleiſch und Blut, die ſich in der er⸗ eignißreichen Geſchichte der Rheinlande oͤfter zuge⸗ tragen haben ſollen, begnuͤgen mußte. Die Gruppe der Hauptbetheiligten hatte ſich etwas in das Fichtenwaͤldchen zuruͤckgezogen, wo ſie, geſchuͤtzt durch die Baͤume und das Gemaͤuer von Außen nicht geſehen werden konnte. Der junge Berthold ſaß auf den Bruchſtuͤcken einer umgeſtuͤrz⸗ ten Mauer, und hielt ſeine noch immer halb un⸗ glaͤubige Mutter in den Armen. Meta kniete vor Lottchen, obſchon ihr ſtrahlendes Auge und gluͤhen⸗ 206 des Antlitz mit ſchoͤner und unverhehlter Theilnahme jedem Blick und jeder Bewegung des Juͤnglings folgte. Die Aufregung dieſer Stunde war zu maͤch⸗ tig, um beherrſcht werden zu koͤnnen, und waͤre Meta auch insgeheim wegen ihrer Empfindungen beſorgt geweſen, ſo wuͤrde doch ihr Staunen und der ploͤtzliche Ausbruch ihrer Gefuͤhle, als nothwen⸗ dige Folge deſſelben, ſie verrathen haben. Auch Ulrike kniete, und ſtuͤtzte das Haupt ihrer Freundin, und ein ſeliges Laͤcheln verſchoͤnerte ihr Antlitz. Der Rhodiſerritter, der Abbé, Heinrich und der Schmid ſchritten als Schildwachen auf und nieder, um die neugierige Menge fern zu halten, zuweilen jedoch blieben ſie ſtehen, um einige Saͤtze des Geſpraͤches aufzufangen. Emich lehnte auf ſeinem Schwerte, und freute ſich uͤber die Grundloſigkeit ſeiner Be⸗ ſorgniſſe, auch wuͤrden wir ſeinen zwar nicht zarten, aber auch nicht ungroßmuͤthigen Gefuͤhlen Unrecht thun, wenn wir nicht hinzufuͤgten, daß er im Her⸗ zen froh war uͤber die Entdeckung, daß Berthold noch auf Erden wandle. Setzen wir noch hinzu, daß die Hunde die Schaar auf der Ebene, welche noch immer nicht an deren irdiſchen Charakter glauben wollte, umkreiſten und umſprangen, ſo iſt unſer Gemaͤlde vollendet. zen tre dru Ent liche der woll alten Tha Die Guten in dieſer Welt zerfallen in zwei Claſſen, in die handelnd und in die leidend Guten. Ulrike gehoͤrte zur erſten Claſſe, und obſchon ihre Gefuͤhle ſo heftig waren, wie die der meiſten Men⸗ ſchen, ſo verfehlte ihr angeborner Pflichtſinn doch niemals, ihr ein poſitives Handeln bei jeder Kriſis vorzuſchreiben. Sie war es daher(und wir ge⸗ ſtehen dem Leſer offen, daß ſie unſere Heldin iſt), welche dem Geſpraͤche die beſte Richtung gab, um alles Raͤthfelvolle zu enthuͤllen, ehne die alten Qua⸗ len aufzufriſchen. »Und Du biſt nun Deines Geluͤbdes entbun⸗ den, Berthold?« fragte ſie nach einem jener kur⸗ zen Zwiſchenraͤume, wo das Gluͤck des Zuſammen⸗ treffens am Beſten durch ſtille Sympathie ausge⸗ druͤckt wurde.»Die Benedictiner haben alſo wei⸗ ter kein Recht auf Dein Stillſchweigen?⸗ »Sie ſetzten die Nuͤckkehr der Pilger als das Ende des Geluͤbdes feſt, und als ich dieſes gluͤck⸗ liche Ereigniß erfuhr, indem ich Euch alle unter der Proceſſion bemerkte, rief ich den Hunden, und wollte mich ſelbſt zeigen, traf Euch aber bei dem alten Lagereingang. Unſere Begegnung wuͤrde im Thale ſtattgefunden haben, wenn die Pflicht mir 208 nicht geboten haͤtte, zuerſt den Herrn Odo von Ritterſtein zu beſuchen—« „»Den Herrn von Ritterſtein!« rief Ulrike aus, indem ſie erblaßte. »Was iſt es mit meinem alten Kameraden, dem Herrn Odo?« fragte Emich. Dies iſt das erſte Mal, daß ich ſeit der Nacht, in welcher die Abtei zerſtoͤrt wurde, von ihm reden hoͤrte.« »Ich habe meine Geſchichte ſchlecht erzaͤhlt«, erwiederte Berthold, indem er lachte und erroͤthete, denn er war weder alt noch ausgelernt genug, um nicht mehr zu erroͤthen,—»da ich den Herrn Odo zu nennen vergeſſen habe.« »Du haſt uns von einem Gefaͤhrten erzaͤhlt«, verſetzte ſeine Mutter, indem ſie ſich, voll Gefuͤhl fuͤr die Verlegenheit ihrer Freundin, aus den Ar⸗ men ihres Sohnes erhob,»allein Du nannteſt ihn bloß einen Geiſtlichen.⸗ »Ich haͤtte ſagen ſollen, der fromme Einſiedler, von welchem nun Alle wiſſen, daß er der Baron von Ritterſtein iſt. Als ich mich vor dem einſtuͤr⸗ zenden Dache rettete, fand ich Herrn Odo vor einem Altare knieen, und da er mir immer Wohlwollen er wieſen hat, ſo zog ich ihn mit mir in die Gruft. . von us, en, as die —— — Zuverlaͤſſig ſprach ich von unſeren Wunden und unſerem huͤlfloſen Zuſtande.« »Sehr wahr, aber ohne Deinen Gefaͤhrten zu nennen.⸗. »Es war Herr Odo, Gott ſei geprieſen! Als die Moͤnche uns, durch Hunger und Blutver⸗ luſt abgemattet, und unfaͤhig Widerſtand zu leiſten, fanden, wurden wir von ihnen, wie Ihr gehoͤrt habt, insgeheim weggebracht, und ſo betreut, daß wir bald unſere Kraft und den Gebrauch unſerer Glieder wieder erlangten. Warum die Benedicti⸗ ner es vorzogen, daraus ein Geheimniß zu machen, weiß ich nicht; allein dieſe alberne Geſchichte mit den Hunden und dem geſpenſtiſchen Jaͤger ſcheint zu beweiſen, daß ſie noch immer auf den Aberglau⸗ ben des Volkes wirken zu koͤnnen hofften. ⸗ »Wilhelm von Venloo hat damit nichts zu ſchaffen gehabt!« rief Emich, in tiefes Nachſinnen verloren.»Die Untergeordneten haben das Spiel fortgefuͤhrt, nachdem ihre Vorgeſetzten es aufgege⸗ ben haben.⸗ »Das mag der Fall ſein, mein Gebieter, denn ich glaube, daß Vater Bonifacius mehr als geneigt war, uns ziehen zu laſſen. Wir wurden jedoch zuruͤck behalten, bis die Sache wegen der Entſchaͤ⸗ Heidenmauer. III. 14 / 210 gung und Wallfahrt abgethan war. Sie fanden in uns leicht zu gewinnende Theilnehmer fuͤr ihren Plan, wenn es anders in ihrer Politik lag, auf die Furcht der Bewohner von Duͤrkheim zu wirken; denn als ſie mir ihr Wort verpfaͤndeten, daß meine beiden Muͤtter und die theure Meta um das Ge⸗ heimniß unſerer Rettung wuͤßten, ſo fand ich keine Neigung, ſo geſchickte Aerzte, von denen bal⸗ dige Heilung unſerer Wunden zu erwarten war, ſchnell wieder zu verlaſſen.« »Und bekraͤftigte Bonifacius dieſe Luͤge?« »Nicht der Abt, Herr Graf, zuverlaͤſſig aber die Vaͤter Siegfried und Cuno, welche auch noch mehr verſicherten, naͤmlich die Verfluchung eines Sohnes, der Unrecht gethan und ſeine Mutter hoͤchſt ſchaͤndlich behandelt habe—« Meta hielt ihm mit ihren niedlichen Haͤnden den Mund zu. „»Wir wollen den vergangenen Schmerz uͤber unſer gegenwaͤrtiges Gluͤck vergeſſen“, fluͤſterte das weinende Maͤdchen. Bertholds zorngluͤhende Stirne wurde ruhiger, und ſo auch das Geſpraͤch. Emich geſellte ſich zum Buͤrgermeiſter, und er⸗ oͤrterte mit ihm die Beweggruͤnde, welche die 211 Moͤnche bei dieſem Betrug gehabt haben konnten. Im Beſitze eines ſo wirkſamen Schluͤſſels, konnte ihnen die Loͤſung des Raͤthſels nicht ſchwer fallen. Die Zuſammenkunft Bonifacius mit dem Grafen zu Einſiedeln war reiflich erwogen, und der unge⸗ wiſſe Zuſtand der oͤffentlichen Meinung in dem Thale und der Stadt als ein Beigewicht benutzt worden, um ſchnellere Befriedigung der Anſpruͤche des Kloſters zu erhalten; denn in jener Zeit wuß⸗ ten die Moͤnche jede Schwaͤche des Menſchen zu Gunſten ihres Intereſſes zu benutzen. Ein und dreißigſtes Capitel. Am Tage darnach ſtieg der Graf in fruͤher Morgenſtunde zu Pferde. Aus ſeinem Gefolge konnte man jedoch ſchließen, daß es nur ein kurzer Ritt ſein wuͤrde. Latouche aber ging gekleidet wie ein Reiſender. Es war in der That der Augenblick, in welchem Emich, nachdem er dieſen Quaſigeiſt⸗ lichen zu ſeinen Zwecken benutzt hatte, ihn mit ſo viel Artigkeit, als die Umſtaͤnde zu erfordern ſchie⸗ nen, entließ. Unſer Gemaͤlde von einer Kirche, 14* 212 welche in der Chriſtenheit ſo lange ein unbeſtritte⸗ nes Monopol gehabt, und daher eine ſtarke Nei⸗ gung zu Mißbraͤuchen hatte, waͤre unvollkommen geweſen, wenn wir nicht auch ſolche Charaktere, wie der Abbé und der Rhodiſerritter, eingefuͤhrt haͤtten: uͤbrigens war es unſere Pflicht, die Dinge ſo zu erzaͤhlen, wie ſie ſich zutrugen, wenn gleich die Nebenereigniſſe zu dem Hauptgegenſtande nicht in uͤberaus nothwendiger Verbindung ſtanden. Hier hoͤren jedoch unſere Verhaͤltniſſe zu dem Abbé auf, der von ſeinem Wirthe ſo behandelt worden war, wie viele politiſche Machthaber andere ſeines Standes behandeln, naͤmlich als bloßes Werkzeug zur Erreichung ihrer Abſichten. Albrecht von Widerbach war bereit, ſeinen Gefaͤhrten bis Mann⸗ heim zu begleiten, jedoch mit der Abſicht, wieder zuruͤck zu kehren, da die ſchlimme Lage ſeines Or⸗ dens, und ſeine Blutsverwandſchaft mit dem Gra⸗ fen, dies raͤthlich und thunlich machten. Auch der junge Berthold ſaß auf Befehl ſeines Gebieters zu Pferde. 3 Der Zug ritt langſam durch das Jaͤgerthal, und der Graf ſuchte dem ſcheidenden Abbé durch eine Art von nebelichter Logik, welche die poetiſche Atmoſphaͤre der Diplomatie zu ſein ſcheint, zu be⸗ — 213 weiſen, daß er ein Recht gehabt habe, das zu thun, was er gethan, waͤhrend der Abbé alle ſeine Schluß⸗ folgen gut hieß, gleich als merke er gar nicht, daß er der Narr Emichs geweſen. „»Du wirſt dafuͤr ſorgen, Herr Latouche«, ſchloß Emich,»daß dieſe Angelegenheit unſeren Freunden aus dem richtigen Geſichtspunct dargeſtellt werde, wenn davon am Hofe Deines Franz die Rede ſein ſollte: moͤge der Himmel dieſen tapferen und edlen Fuͤrſten und Ritter ſeinem Volke bald wieder zu⸗ ruͤckgeben!« »Ich will es auf mich nehmen, hochgeborner und einſichtsvoller Emich, Dich vollkommen zu rechtfertigen, ſo oft am franzoͤſiſchen Hofe von Deinem gewaltigen Feldzuge und Deiner feinen Politik die Rede ſein wird. Bei der Meſſe! Soll⸗ ten es unſere Juriſten und Staatsmaͤnner der Welt beweiſen wollen, daß Du bei dieſer unſterbli⸗ chen Unternehmung Unrecht hatteſt, ſo werde ich, darauf verpfaͤnde ich Dir mein Wort, ihre Gruͤnde logiſch und politiſch zu ihrer ewigen Beſtuͤrzung und Beſchaͤmung zu nichte machen.« Latouche glaubte, dadurch, daß er dieſe Worte mit unzweideutigem Hohne ausſprach, ſich hinrei⸗ chend fuͤr die alberne Rolle, die man ihn bei den 214 Intriguen des Grafen hatte ſpielen laſſen, ge⸗ raͤcht zu haben. In ſpaͤterer Zeit erzaͤhlte er dieſe Geſchichte oft, wobei er die kuͤhne und ironiſche Anſpielung auf die kleinen Ereigniſſe im Jaͤger⸗ thale nie zu erwaͤhnen unterließ, ſo daß nicht nur er, ſondern auch ein Theil ſeiner Zuhoͤrer glaubte, er habe ſich vortrefflich aus dem Handel gezogen. Zufrieden mit ſeinem Erfolge, ſpornte der Abbé ſein Pferd, und erzaͤhlte es dem Rhodiſerritter, der, waͤhrend er die Klugheit ſeines Freundes bis in den Himmel erhob, uͤber ihn in das Faͤuſtchen lachte. Beide ritten ſo weit voran, daß Emich Gelegenheit hatte, mit dem Foͤrſter in Vertrauen zu ſprechen. »Haſt Du mit Heinrich uͤber die Angelegen⸗ heiten geſprochen, wie ich es Dir geheißen habe?« fragte der Graf mit jener Miſchung von Autoritaͤt und Wohlwollen, die er gegen Berthold ſtets zu beobachten pflegte. »Ich habe es gethan, Herr Graf, und habe ſo dringend geſprochen, als mein Herz es gebot, aber mit ſehr geringem Erfolg!« „Wie, pocht der einfaͤltige Buͤrger, nach Allem, was ſich ereignet hat, noch immer auf ſein h Sagteſt Du ihm denn nicht, wie ſehr ich mich fuͤr de 215 dieſe Vermaͤhlung intereſſire, und daß ich Dich zum Vogt meiner Beſitzungen in der Ebene beſtellen⸗ will?« »Nichts von Allen vergaß ich, was Euer Wohl⸗ wollen mir zu ſagen erlaubte, und was ſonſt mein Herz mir eingeben konnte.« „Was antwortete der Buͤrger?« Berthold erroͤthete und zoͤgerte mit der Antwort. Erſt als Emich ſeine Frage mit finſterem Ernſt wiederholte, ruͤckte er mit der Wahrheit heraus, denn nur die Wahrheit vermochte ein wie er gear⸗ teter Juͤngling zu ſagen. „Er ſagte, Herr Graf, daß Ihr, wenn Ihr durchaus fuͤr ſeine Tochter einen Gemahl waͤhlen wolltet, auch dafuͤr ſorgen ſolltet, daß er kein Bett⸗ ler ſei. Ich fuͤhre bloß die Worte Heinrichs Frey aus, und bitte den Herrn Grafen, mir dies nicht als Mangel an Hochachtung anzurechnen.“ „Der elende Geizhals! Dieſe Hunde von Duͤrk⸗ heim ſollen ihren Herrn kennen lernen.— Aber ſei gutes Muthes, Juͤngling; unſere Thraͤnen und Wallfahrten ſollen Fruͤchte tragen, und bald wirſt Du eine ſchoͤnere und beſſere Frau haben, wie es ſich fuͤr einen Menſchen geziemt, den ich liebe.« W Herr Graf, ich bitte und flehe—⸗ 216 »Ha! dort ſitzt dieſer alberne Heinrich auf dem Felſen der Schlucht, wie eine Schildwache, die Raͤu⸗ bern auflauert! Sporne Dein Roß, Berthold, und ſage meinen edlen Freunden, ſie moͤchten meiner auf dem Rathhauſe harren. Du ſelbſt magſt Dich indeſſen an dem laͤchelnden Antlitz der ſchoͤnen Meta letzen!« Der Foͤrſter flog vorwaͤrts wie ein Pfeil, waͤh⸗ rend der Graf ſein Roß ſeitwaͤrts lenkte, und in die Schlucht einbog, wo der Weg zur Heidenmauer von der Thalſeite emporfuͤhrt. Bald befand ſich Emich bei dem Buͤrgermeiſter, nachdem er den Zaum ſeines Roſſes einem Diener zugeworfen hatte. »Was iſt das, Bruder Heinrich?« rief er, waͤh⸗ rend ſein Unwille ſeiner gewoͤhnlichen politiſchen Selbſtbeherrſchung Platz machte;—»willſt Du noch immer exorciſiren, oder haſt Du bei der geſtrigen Wallfahrt einige Pflichten verſaͤumt?« »Geprieſen ſei der heilige Benedict, oder Bru⸗ der Luther!— denn ich weiß wahrhaftig nicht, wel⸗ chem dabei das meiſte Verdienſt gebuͤhrt,— unſer Duͤrkheim iſt in einer ſehr gluͤcklichen Stimmung, was alle Zaubereien, Teufeleien und kirchlichen Wunder betrifft. Da dieſes Raͤthſel mit de n⸗ den ſo gluͤcklich geloͤſ't worden iſt, ſo hat degfen — „,— ,,—,,—. 217 liche Stimmung ploͤtzlich eine andere Richtung ge⸗ nommen, und waͤhrend man ſonſt bei hellem Ta⸗ geslicht uͤber das Geraſſel einer Maus, oder das Gezirpe einer Grille zuſammenfuhr, ſind jetzt ſelbſt die alten Weiber geneigt, allen Geſpenſtern, ja Lu⸗ cifer ſelbſt, Trotz zu bieten.« „Die gluͤckliche Hinwegraͤumung dieſer Schwie⸗ rigkeit wird den neuerlichen ſaͤchſiſchen Meinungen großen Vorſchub leiſten, und dem Moͤnche von Wit⸗ tenberg in unſerer Gegend ſehr auf die Beine hel⸗ fen. Du ſiehſt, Heinrich, daß ein ſo gluͤcklich ge⸗ loͤſtes Raͤthſel mehr werth iſt, als eine ganze Bi⸗ bliothek beſtaubter lateiniſcher Buͤcher.« »Das iſt es, Herr Emich, beſonders weil unſere Stadt zu denken verſteht. Wenn uns eine Sache einmal gehoͤrig aufgeklaͤrt worden, ſo iſt es nicht ſo leicht, ſie wieder in das Dunkel zu ziehen. Selbſt die Beſten von uns waren geſtern uͤber das Her⸗ umſtreifen einiger Hunde beſtuͤrzt, und ich bin uͤber⸗ zeugt, daß jetzt eine ganze Meute uns nicht die mindeſte Beſorgniß einfloͤßen wuͤrde! Wir ſind der Gefahr gluͤcklich entkommen, Herr Graf, denn wenn dies noch einen Tag laͤnger gedauert haͤtte, ſo waͤre Limburg wieder, und zwar jetzt ohne Mitwirkung des Teufels, erbaut worden. Nichts wirkt ſo ſehr, 218 als Beſorgniß vor Verluſt, und Plagen. Die Weis⸗ heit wiegt leicht gegen Nutzen oder Furcht.« »Es iſt gut, daß es ſo iſt, wie es iſt, obſchon die Mauern Limburgs nie mehr ein Dach tragen werden, Freund Heinrich, ſo lange Emich in Har⸗ tenburg und Duͤrkheim regiert.⸗— Der Graf ſah die Wolke auf der Stirne des Buͤrgermeiſters, wel⸗ che durch die letzten Worte erregt wurde, er klopfte ihn daher freundlich auf die Schulter, und fuͤgte, um jedes weitere Nachdenken daruͤber zu verhuͤten, ſchnell hinzu:—»Aber wie, Herr Frey! was haͤltſt Du hier in dieſer einſamen Schlucht Wache?⸗ Die Herablaſſung des Grafen ſchmeichelte Hein⸗ rich, und es freute ihn, Jemandem den Grund ſeines Hierſeins anvertrauen zu koͤnnen. Zuerſt blickte er um ſich, um gewiß zu ſein, daß es keinen Horcher in der Naͤhe gaͤbe, dann ſprach er in leiſem Tone, wie man gewoͤhnlich eine vertrauliche Mittheilung zu machen pflegt. »Ihr kennt die Schwachheit meiner Frau, Herr Emich, in Betreff der Einſiedeleien und Moͤnche, der Altaͤre und Feſttage, und aller der Dinge, deren wir bald fuͤr immer entledigt zu werden hoffen koͤn⸗ nen, da dem Geruͤchte zufolge Luther ſo große Fortſchritte macht. Die gute Ulrike wuͤnſchte heute 219 Morgen die Heidenmauer zu beſuchen, und da wir eine lebhafte Eroͤrterung hatten, weil die arme Frau unſere Tochter mit dem jungen Berthold vermaͤhlt wiſſen will,— ein uͤber alle Maßen unvernuͤnfti⸗ ger Wunſch, wie Ihr ſelbſt einſehen werdet, hoch⸗ geborner Graf!— ſo begleitete ich ſie hieher, da⸗ mit ſie ihren Schmerz durch frommes Geſpraͤch mit dem Einſiedler erleichtere.« „Und Ulrike iſt oben in dem Fichtenwaͤldchen bei dem Einſiedler?« »So gewiß ich hier auf ihre Ruͤckkunft warte, Herr Graf.« „Du biſt ein galanter Ehemann, Herr Frey! — Warſt wohl von Alters her gewohnt, mit Herrn Odo von Ritterſtein, der jetzt dieſes Poſſenſpiel von Buße und Einſiedlerleben treibt, gern und viel zu verkehren?« »„Sapperment! Ich konnte den ſtolzen Gecken nie leiden! Ulrike bildete ſich aber ein, daß er Ei⸗ genſchaften habe, die nicht ſo uͤbel waͤren; und den Geſchmack eines Weibes, ſo wie die Laune eines Kindes aͤndert man am leichteſten, wenn man ihm Spielraum gewaͤhrt.« Emicch legte beide Haͤnde auf die Schultern ſei⸗ nes Gefaͤhrten, und ſah ihm lange und ernſt in 220 das Antlitz. Die Blicke, welche in dieſer Stellung ausgetauſcht wurden, waren voll Beredſamkeit. Jene des Grafen druͤckten das Mißtrauen, die Verach⸗ tung und Verwunderung eines Mannes von freien Sitten aus, waͤhrend die Blicke des Buͤrgermeiſters, indem ſie den Charakter einer Frau zuruͤckſtrahlten, mit welcher er ſo lange gelebt hatte, ganze Baͤnde zu ihren Gunſten ſprachen. Keine noch ſo glaͤnzen⸗ de Rede haͤtte mehr fuͤr die Grundſaͤtze und die Reinheit Ulrikens ſagen koͤnnen, als das einfache, herzliche und unerſchuͤtterliche Vertrauen eines Man⸗ nes, der ſo viele Gelegenheiten gehabt hatte, ſie ge⸗ nau kennen zu lernen. Keiner von Beiden ſprach etwas, bis der Graf den Buͤrgermeiſter los ließ, langſam den Berg hinanſchritt, und mit dem Aus⸗ drucke des tiefſten Gefuͤhls ſagte: »Ich wollte, Deine Gattin waͤre von edler Ge⸗ burt geweſen, Heinrich!« »Nein, Herr Graf«, erwiederte der einfaͤltige Buͤrgermeiſter,»das iſt kein Freundeswunſch! In dieſem Falle haͤtte ich ſie ja nicht heirathen koͤnnen.« »Sage mir, guter Heinrich,— denn ich hoͤrte die Geſchichte Deiner Liebe nie— wurdeſt Du mit Deinem Antrage wohl aufgenommen, als Du Dich e⸗ zum erſten Male um das jungfraͤuliche Herz der 221 Tochter des Herrn Haitzinger bewarbſt?« Den Buͤrgermeiſter freute die Gelegenheit, von einem Siege zu reden, der ihn zum Gegenſtand des Neides unter ſeines Gleichen gemacht hatte. „Der Erfolg ſpricht fuͤr mich, Herr Graf«, ant⸗ wortete er laͤchelnd.»Ulrike iſt keine jener leicht⸗ ſinnigen Perſonen, die zum Fenſter hinausſpringen, oder einem Juͤngling mehr als bis zur Haͤlfte des Weges entgegenkommen, allein jene Ermuthigung, wie ſie ſich jungfraͤulicher Schuͤchternheit geziemt, fehlte nicht, oder ich waͤre, kraft meiner geringen Meinung von mir ſelbſt, bis auf dieſen Tag noch Junggeſelle.« Der Graf aͤrgerte ſich, daß Jemand, den er ſo wenig achtete, dergeſtalt von einer Frau ſprechen durfte, die er einſt ſo innig geliebt hatte. Die An⸗ ſtrengung, ſeinen Verdruß zu verbergen, verurſachte ein kurzes Stillſchweigen, welches wir benutzen, um die Scene in die Huͤtte des Einſiedlers zu verlegen, wo eine Zuſammenkunft Statt fand, die auf das Schickſal mehrerer Perſonen unſerer Geſchichte ei⸗ nen entſcheidenden Einfluß hatte. Der Tag nach der Wiederauffindung Bertholds war fuͤr ganz Duͤrkheim ein freudenvoller. Alle 222 Zweifel der Furchtſamen und Aberglaͤubiſchen in Betreff einer raͤchenden Heimſuchung des Himmels als gerechte Strafe fuͤr den Umſturz der Altaͤre der Abtei waren verſchwunden, und nur Wenige waren ſo verhaͤrtet, um keinen Antheil an dem Gluͤcke der⸗ jenigen zu nehmen, welche den vermeintlichen Tod des Foͤrſters ſo bitter beweint hatten. Wie bei al⸗ len ploͤtzlichen Uebergaͤngen trug die Reaction zur Verminderung des Einfluſſes der Moͤnche bei, und ſelbſt die Aengſtlichſten wurden zur Hoffnung er⸗ muthigt, daß die religioͤſe Umgeſtaltung, die ſich im⸗ mer mehr ausbreitete, von jenen Schrecken, die man vorher ſo ſehr gefuͤrchtet hatte, nicht begleitet ſein wuͤrde. Heinrich hatte bei ſeiner Zuſammenkunft mit dem Grafen von dem Zwieſpalte zwiſchen ihm und ſeiner Frau geſprochen. Die Letztere hatte es ver⸗ ſucht, die guͤnſtige Gelegenheit zu einer Umaͤnde⸗ rung der Anſichten des Buͤrgermeiſters zu Gunſten der Liebenden zu benutzen; allein, obſchon er ſich herzlich freute, daß ein Juͤngling, der in Gefahr ei⸗ nen ſo großen Muth gezeigt hatte, dem Tode ent⸗ ronnen ſei, ſo war das Gemuͤth Heinrichs doch nicht ſo geartet, daß irgend eine Bewunderung helden⸗ muͤthiger Thaten die feſtbegruͤndete Politik ſeines —— —ꝭ—O—Q—Q—O—Qꝑ—— 223 ganzen Lebens aͤndern konnte. Am Schluſſe der fruchtloſen und peinlichen Unterredung verlangte die Mutter von ihrem Gemahl ploͤtzlich die Erlaub⸗ niß, den Einſiedler beſuchen zu duͤrfen, der ſeit den neueſten Ereigniſſen in ungeſtoͤrtem Beſitz der ge⸗ fuͤrchteten Heidenmauer geblieben war, Jeder Mann von anderem Charakter als Hein⸗ rich wuͤrde eine ſolche Bitte in einem ſolchen Au⸗ genblicke mit Mißtrauen vernommen haben. Allein, da er von ſich ſelbſt eine zu feſtbegruͤndete Meinung und in ſeine Frau ein zu großes Vertrauen hatte, ſo war ihm dieſe Bitte ſogar lieb, weil ſie ihn von einer Eroͤrterung befreite, in welcher er, obſchon ent⸗ ſchloſſen, niemals nachzugeben, doch ſeine Meinung mit guten Gruͤnden zu vertheidigen nicht im Stan⸗ de war. Daß er ſeine Frau willig begleitete, ihrer Ruͤckkunft geduldig harrte, ſo wie der Anfang des Zweigeſpraͤches mit Emich, iſt dem Leſer bekannt. Somit wollen wir die Scene in die Huͤtte des Ein⸗ ſiedlers verlegen. Odo von Ritterſtein war blaß, in Folge des Blutverluſtes durch eine Wunde, die er von einem Balken des einſtuͤrzenden Kirchendaches erhalten hatte, aber noch blaͤſſer in Folge des Grames, der ſein Inneres verzehrte. Die Geſichtszuͤge der ſanf⸗ ten Ulrike ſtrahlten nicht wie gewoͤhnlich, obſchon ihre einnehmende Schoͤnheit, die den Hauptreiz durch den Ausdruck erhielt, durchaus unvermindert war. Beide waren in Folge deſſen, was zwiſchen ihnen beſprochen worden, und vielleicht noch mehr in Folge der Hefuͤhle, die ſie zu verhehlen ſtrebten, in lebhafter Bewegung. »Dein Leben iſt reich an ergreifenden Ereigniſ⸗ ſen, Odo«, ſagte die milde Ulrike, nachdem ſie einer Erzaͤhlung des Einſiedlers zugehoͤrt hatte,»und dieſe letzte wunderbare Rettung von einem gewiſſen Tode gehoͤrt zu den merkwuͤrdigſten.⸗ »Daß ich am Jahrestage meines Verbrechens, und am Tage des Sturzes der Altaͤre von Limburg durch das Zuſammenbrechen des Kirchendaches den Tod finden ſollte, ſchien mir eine ſo gerechte Ver⸗ geltung des Himmels, daß ich mich jetzt noch wun⸗ dere, wie ich am Leben bleiben konnte. Du glaub⸗ teſt alſo, gleich allen Uebrigen, daß ich von der Pein des irdiſchen Lebens erloͤſ't waͤre?« »Du ſiehſt das, was Dir an Hoffnung und Himmelsgnade blieb, mit einem undankbaren Auge an, ſonſt wuͤrdeſt Du nicht ſo haben ſprechen koͤn⸗ nen. Bedenke, Odo, daß unſere Freuden auf Erden mit Schmerz gemiſcht ſind, und daß Dein Ungluͤck 225 nicht groͤßer iſt, als das von Tauſenden, welche ihre Pflichten zu erfuͤllen ſtreben.« „»Dies iſt der Unterſchied zwiſchen dem unruhi⸗ gen Ocean und dem ruhigen Bach,— zwiſchen der Eiche und dem Rohr! Der Strom Deines friedli⸗ chen Daſeins kann augenblicklich durch irgend ein Ereigniß getruͤbt werden, aber die glatte Oberflaͤche kömmt bald wieder zum Vorſchein, und das Ele⸗ ment iſt klar und fleckenlos, wie zuvor! Dein Le⸗ benslauf gleicht der hellſtroͤmenden, reinen Quelle, der meine dem Gießbach, der von Fels zu Felſen ſpringt. Du hatteſt Recht, als Du ſagteſt, daß Gott uns nicht fuͤr einander geſchaffen habe.« „Was die Natur immer zu Gunſten unſerer Neigungen und Wuͤnſche gethan haben mag, Odo, ſo hat doch die Vorſicht, haben die Gebraͤuche dieſer Welt Hinderniſſe in den Weg gelegt.«⸗ Der Einſiedler betrachtete ihr mildes Antlitz mit ſo ſtarren und flammenden Blicken, daß ſie die ih⸗ rigen zu Boden ſchlug. „Nein«, ſagte er in lebhafter Bewegung,»Him⸗ mel und Erde haben eine verſchiedene Beſtimmung, — der Loͤwe und das Lamm verſchiedene In⸗ ſtincte!« »Ungerne hoͤre ich eine ſolche Geringſchaͤtzung Heidenmauer. III. 15 226 Deiner ſelbſt, armer Odo. Daß Du gefehlt haſt, wollen wir nicht leugnen— denn wer iſt ohne Vor⸗ wurf?— aber daß Du dieſen harten Beinamen ver⸗ dienſt, wird außer Dir Niemand zu behaupten wagen.⸗ »Ich bin in meinem ſtuͤrmiſchen und ereigniß⸗ reichen Leben auf manche Naͤthſel geſtoßen, Ulrike; ich habe Menſchen geſehen, welche gute und boͤſe Thaten verrichteten, welche ihre hohen Zwecke durch unpaſſende Mittel verfehlten: nie habe ich aber Jemand getroffen, deſſen Sinn ſo unwandelbar dem Rechten zugewendet, oder der ſo wie Du ge⸗ neigt geweſen waͤre, die Schuld des Suͤnders zu mildern.« »Dann haſt Du nie Jemanden, der Gott wahr⸗ haft liebt, haſt nie einen Chriſten getroffen. Es koͤmmt wenig auf die Form des Glaubens an,— die Fruͤchte des wahren Baumes ſind Milde und Demuth, wodurch wir gering von uns ſelbſt und liebevoll von Anderen denken lernen.« »Du haſt dieſe goldenen Lehren fruͤhe geuͤbt, oder nie wuͤrdeſt Du Deine eigene Trefflichkeit ſo vergeſſen haben, um ſie einem Manne zu weihen, wie der war, mit dem Du verlobt geweſen biſt.« Ullrike erroͤthete. „Ich ſehe nicht ein, Heer von Ritterſtein⸗, 227 ſagte ſie,»was aus ſolchen Anſpielungen Gutes entſtehen kann. Du weißt, daß ich gekommen bin, um einen letzten Verſuch zu wagen, Meta's Gluͤck und Frieden zu ſichern. Berthold eroͤffnete mir Deine Abſicht, daß Du Dich gegen ihn als Deinem Lebensretter dankbar erzeigen wolleſt, und ich habe nur zu ſagen, daß, wenn Du etwas zu ſeinen Gun⸗ ſten zu thun geſonnen biſt, jetzt der Augenblick da⸗ zu erſchienen iſt,— denn Lottchen iſt ſo angegrif⸗ fen, daß ſie einen neuen Schmerz nicht wuͤrde er⸗ tragen koͤnnen.« Der Einſiedler fuͤhlte ſich getroffen. Er wandte ſich langſam zu dem Behaͤltniſſe ſeiner irdiſchen Beſitzthuͤmer, und zog ein Packet hervor. Das Ge⸗ knitter belehrte Ulrike, daß es ein Pergament ſei, und ſie wartete mit geſpanntem Intereſſe des Aus⸗ ganges. »Ich will nicht behaupten, Ulrike«, ſagte der Einſiedler,»daß dieſe Urkunde der Preis eines Le⸗ bens ſei, das dieſer Gabe kaum werth iſt. Bald nach meiner Bekanntſchaft mit Berthold und Meta erfuhr ich ihr Geheimniß, und von dieſem Augen⸗ blicke an war es meine groͤßte Freude, auf Mittel zu ſinnen, um das Glauͤck eines Weſens zu begruͤn⸗ den, das Dir fo theuer iſt. Ich fand in dem Kinde 15* 228 jenen einfachen, innigen Glauben, den ich an der Mutter ſo ſehr bewunderte, und ſoll ich erſt geſte⸗ hen, daß Ehrfurcht fuͤr Dich meinen Wunſch, Dei⸗ ner Tochter zu dienen, lebendiger machte?«⸗ »Ich bin Dir gewiß Dank ſchuldig fuͤr die Be⸗ ſtaͤndigkeit Deiner guten Meinung von mir, Herr von Ritterſtein«, ſagte Ulrike tief bewegt. »Danke mir nicht, ſondern halte den Wunſch, Deinem Kinde einen Dienſt zu erweiſen, fuͤr einen Tribut, den die Reue gern der Tugend abtraͤgt. Du weißt, daß ich der Letzte meines Geſchlechtes bin, und daß ich keine Wahl habe, als irgend ein Kloſter zu begaben, oder meine Beſitzungen und mein Geld an den Lehnsherrn fallen zu laſſen, oder dieſes zu thun.« »Ich haͤtte nicht geglaubt, daß es moͤglich waͤre, eine ſolche Veraͤnderung gegen das Intereſſe des Kurfuͤrſten vorzunehmen. »Dafuͤr wurde geſorgt, eine Geldſumme machte es moͤglich, und dieſe in aller Form ausgefertigte Urkunde ernennt den jungen Berthold zu meinem Subſtituten und Erben.«⸗ »Freund! theurer, großmuͤthiger Freund!« rief die Mutter, bis zu Thraͤnen geruͤhrt, aus, denn in dieſem Augenblicke dachte Ulrike an nichts, als daß 0( —„- daß —— 229 das Gluͤck ihres Kindes und Bertholds geſichert war—»großmuͤthiger, edler Odo!« Der Einſiedler erhob ſich, und uͤbergab ihr die Urkunde auf eine Art, welche bewies, daß er nur einen laͤngſt gefaßten und vorbereiteten Entſchluß ausfuͤhre. „Und nun, Ulrike«, ſagte er mit erzwungener Ruhe,» nachdem dieſe feierliche und gebieteriſche Pflicht erfuͤllt iſt, bleibt nur noch das Abſchiedneh⸗ men uͤbrig.« „Abſchied nehmen! Du wirſt mit Meta und Berthold leben,— das Schloß Ritterſtein wird nach ſo langem Schmerz und ſo vielen Leiden Dei⸗ ne Ruheſtaͤtte ſein.⸗ „Es darf nicht ſein!— mein Geluͤbde, meine Pflichten— Ulrike! ich fuͤrchte, auch die Klugheit verbietet es.« »Deine Klugheit! Du biſt nicht mehr jung, theurer Odo!— Muͤhſeligkeiten, die Du bisher verachtet haſt, werden Deinen ſpaͤteren Jahren zu ſchwer werden, und wir waͤren ungluͤcklich, wenn wir erfuͤhren, daß Du um der Wohlthaten willen, die Du ſo freigebig Anderen erwieſeſt, litteſt.« „Gewohnheit iſt an die Stelle der Natur ge⸗ treten, und die Einſiedelei und Oede ſind mir nicht mehr fremd. Wenn Du nicht nur meinen Frieden, ſondern auch mein ewiges Heil ſichern willſt, ſo laß mich ziehen. Nur zu lange habe ich in der Naͤhe ei⸗ ner Gegend, voll von Erinnerungen, welche die furchtbarſten Feinde des Buͤßenden ſind, verweilt.« Ulrike trat zuruͤck, und Todtenblaͤſſe uͤberzog ihr Antlitz. Sie zitterte an allen Gliedern, denn jene Sympathie, welche weder Zeit noch Pflicht ganz hatte verwiſchen koͤnnen, deutlichte ihr den Sinn ſeiner Worte. Auch war ſeine Stimme ſo innig, daß ſie ganz klang wie in alter Zeit, und alle Bilder der Jugend aufrief; denn in keiner Lage des Lebens vermag eine Frau die theuren Toͤne zu vergeſſen, welche ihr jungfraͤuliches Ohr zuerſt mit der Melo⸗ die der Liebe begruͤßten. »Odo«, ſagte eine ſanfte Stimme, die jeden Nerv des Einſiedlers durchbebte,„wann gedenkſt Du zu ſcheiden?« »Dieſen Tag,— dieſe Stunde,— dieſe Mi⸗ nute.“ »Ich glaube,— ja, Du haſt Recht, daß Du ſcheideſt.⸗ » Ulrike, Gott wird Dich ſchuͤtzen. Bete oft fuͤr mich.« »Lebewohl, theurer Odo!⸗ „Gott ſegne Dich!— moͤge er mir gnaͤdig ſein!« Eine kurze Pauſe trat ein. Der Einſiedler naͤ⸗ herte ſich ihr, und erhob ſeine Haͤnde wie zum Se⸗ gen; zweimal ſchien er die widerſtandloſe Ulrike an ſeine Bruſt preſſen zu wollen— allein ihr mildes, thraͤnenuͤberſtroͤmtes Antlitz hielt ihn zuruͤck, und ein Gebet murmelnd, ſtuͤrzte er aus der Huͤtte fort. Allein gelaſſen, ſank Ulrike auf einen Stuhl, und ſaß da ein Bild des Schmerzes, und reichliche Thraͤ⸗ nen floſſen uͤber ihre Wangen nieder. Mehrere Minuten vergingen, bis die Gattin Heinrich Frey's aus ihrem Hinbruͤten erwachte; der Schall von Fußtritten belehrte ſie endlich, daß ſie nicht mehr allein ſei. Zum erſten Male in ihrem Leben bemuͤhte ſich Ulrike, ihre Bewegung ſcham⸗ voll zu verbergen; bevor ſie jedoch dies konnte, wa⸗ ren ſchon der Graf und Heinrich Frey eingetreten. „Wo iſt der arme Odo von Ritterſtein, gute Frau, dieſer Mann der Suͤnde und des Schmer⸗ zes?« fragte der Letztere in ſeiner herzlichen, arglo⸗ ſen Weiſe. »Er hat uns verlaſſen, Heinrich.« »Um ſein Schloß zu beziehen?— Das iſt recht, der Mann hat ſeinen Theil von Schmerzen erduldet, und gemaͤchliche Ruhe duͤrfte fuͤr ihn noch nicht zu ſpaͤt ſein. Das Leben Odo's, Herr Graf, iſt nicht, wie das unſrige, ſo beſchaffen geweſen, um ihm Zufriedenheit zu gewaͤhren. Wenn dieſe Ge⸗ ſchichte mit der Hoſtie, obſchon eine unehrerbietige und unverantwortliche That, ſich jetzt ereignet haͤtte, ſo wuͤrde man kein ſo großes Aufhebens davon ma⸗ chen; uͤbrigens,—« indem er die Wange ſeiner Gattin ſanft beruͤhrte—»war der Verluſt Ulri⸗ kens an und fuͤr ſich ſelbſt ſchon ein großes Un⸗ gluͤck. Aber was iſt das hier?« »Dies iſt eine Urkunde, worin der Herr von Ritterſtein dem jungen Berthold alle ſeine Beſitz⸗ thuͤmer abtritt.⸗ Der Buͤrgermeiſter entfaltete haſtig das⸗ große Pergament. Obſchon er das Latein der Urkunde nicht verſtand, ſah er doch auf einen Blick, daß derſelben keine Foͤrmlichkeit mangelte. Er wandte ſich ſchnell zu Emich,— denn gar wohl verſtand er Umfang und Zweck der Gabe,— und rief aus: »Dies iſt Manna in der Wuͤſte! Unſer Streit iſt gluͤcklich beigelegt, hochgeborner Graf, und naͤchſt der Angemeſſenheit, Meta's Hand dem Beſitzer von Ritterſtein zu geben, freut es mich am meiſten, da⸗ — 4 — — 233 durch einen erlauchten Edelherrn verbinden zu koͤn⸗ nen. Von nun an, Herr Emich, moͤgen nur freundſchaftliche Worte zwiſchen uns gewechſelt werden!« 8 Der Graf hatte ſeit ſeinem Eintritt in die Huͤtte nicht geſprochen. Er ſtudirte Ulrikens thraͤnenſchwere Augen und blaſſe Wangen, und legte ſich dies nach ſeinem Sinne aus. Dennoch ließ er der ſchoͤnen Frau des Buͤrgermeiſters Gerechtigkeit widerfahren, denn obſchon er in Betreff der Neigung von Hein⸗ richs Gattin weniger leichtglaͤubig war, als dieſer, ſo kannte er ihren fleckenloſen Charakter doch zu wohl, um die Meinung, die er ſeit fruͤher Jugend von ihrem Werthe gehegt hatte, zu aͤndern. Er nahm den Antrag ſeines Freundes mit derſelben Herzlichkeit an, als er angeboten wurde, und nach einigen kurzen Auseinanderſetzungen verließen die Drei zuſammen die Heidenmauer. Unſer Werk iſt vollbracht. Am Tage darauf wurden Berthold und Meta vermaͤhlt. Schloß und Stadt wetteiferten, dem Brautpaare Ehre zu erwei⸗ ſen, und Ulrike und Lottchen bemuͤhten ſich, in dem Gluͤck ihrer Kinder ihren beſonderen Schmerz zu vergeſſen. In gehoͤriger Zeit nahm Berthold ſeine Laͤnde⸗ 234 reien in Beſitz, und zog mit ſeiner Gattin und Mutter nach dem Schloſſe Ritterſtein, das er im⸗ mer nur als ein, ihm von dem Eigenthuͤmer anver⸗ trautes Gut betrachtete. Gottlob wurde Foͤrſter, und nachdem er Giſela uͤberredet hatte, den Rhodi⸗ ſerritter zu vergeſſen, wurden die beiden wunderli⸗ chen Weſen fuͤr ihre ganze Lebenszeit ein halb lie⸗ bendes und halb zaͤnkiſches Paar. Duͤrkheim erfuhr, wie es gewoͤhnlich den unter⸗ geordneten Schauſpielern in den meiſten großen Veraͤnderungen geht, das Loos der Froͤſche in der Fabel; der Benedictiner zwar war es los gewor⸗ den, hatte aber dafuͤr einen neuen Herrn bekom⸗ men. Obſchon der Buͤrgermeiſter und Dietrich in ſpaͤterer Zeit manches weiſe Wort uͤber die Revo⸗ lution von Limburg, wie Erſterer die Zerſtoͤrung der Abtei nannte, wechſelten, ſo konnte er doch den Letzteren den großen Grundſatz des Verdienſtlichen dieſer That nie vollkommen einſehen machen. Nichts deſtowe⸗ niger blieb der Schmid der Bewunderer des Gra⸗ fen, und noch bis auf dieſen Tag zeigen ſeine Nach⸗ kommen einen marmornen Cherub, den ihr Ahn⸗ herr bei jener Gelegenheit als Trophaͤe mitgebracht hatte. Bonifacius und ſeine Moͤnche fanden in ande⸗ 235 „* ren Kloͤſtern Unterkunft, und jeder bemuͤhte ſich, ſo gut er konnte, den Schlag zu mildern. Der from⸗ me Arnulph verharrte bis an das Ende in ſeinem Glauben, daß Milde die ſchoͤnſte Eigenſchaft eines Chriſten ſei, hoͤrte nie auf, fuͤr die Feinde der Kirche zu beten, und ſich zu bemuͤhen, auf daß ſie der Wohlthat ſeiner Fuͤrbitte theilhaftig wuͤrden. Was Odo von Ritterſtein betrifft, ſo erzaͤhlte man ſich uͤber ſein Schickſal im Lande lange ver⸗ ſchiedene Sagen. Ein Geruͤcht, das allgemein ge⸗ glaubt wurde, war, daß er mit Albrecht von Wie⸗ derbach, der wieder zu ſeinen Ordensbruͤdern geſto⸗ ßen war, gekaͤmpft habe, und auf dem Sande Afri⸗ ka's geſtorben ſei. Aber in dem Jaͤgerthale ging noch eine andere Sage in Betreff ſeines Todes. Dreißig Jahre ſpaͤter, nachdem Heinrich, Emich von Leiningen und die meiſten Perſonen dieſer Legende bereits vor Gottes Richterſtuhl gefordert waren, ſoll ein alter Wanderer vor den Thoren von Ritter⸗ ſtein erſchienen ſein, und um Oddach fuͤr die Nacht gebeten haben. Meta, deren Gemahl und Sohn im Kriege abweſend waren, ſoll ihs wohl empfan⸗ gen, und viel Vergnuͤgen an ſeinen Beſchreibungen der Sitten und Ereigniſſe in fremden, fernen Laͤn⸗ dern gehabt haben. Zufrieden mit ihrem Gaſte, 236 drang die Frau von Ritterſtein(denn dieſen Titel hatte Berthold durch ſeine Tapferkeit im Felde er⸗ worben), in ihn, noch einen Tag laͤnger im Schloſſe zu verweilen. Vom Erzaͤhlen ſchritt der Unbekann⸗ te zu Fragen, und ſtellte ſie ſo geſchickt, daß er bald die Geſchichte der ganzen Familie erfuhr. Ulrike nannte er zuletzt, und die juͤngeren Frauenzimmer des Schloſſes wollen bemerkt haben, daß ſich ſein Benehmen aͤnderte, als man ihm von ihrem fried⸗ lichen und frommen Hinſcheiden erzaͤhlte. Der Fremde verließ das Schloß, und man wuͤrde ſeines Beſuches wahrſcheinlich nicht wieder gedacht haben, wenn man nicht kurz darnach ſeinen Leichnam in der Huͤtte der Heidenmauer gefunden haͤtte. Die⸗ jenigen, welche gern das farbige Gewand der Ro⸗ mantik uͤber zarte Neigungen breiten, gefallen ſich in dem Glauben, daß es der Einſiedler geweſen ſei, welcher noch am Schluſſe ſeines langen Lebens Wonne darin geſucht haͤtte, ſeinen letzten Athem auf dem Platze auszuhauchen, wo er von dem We⸗ ſen, das er ſo beſtaͤndig und vergeblich geliebt hatte, fuͤr immer geſchieden war. Auf dieſe Erzaͤhlung— wahr oder falſch— legen wir wenig Gewicht. Unſer Zweck war, in ei⸗ nem ſkizzirten Gemaͤlde des Lebens zu zeigen: die „ 337 zoͤgernde Weiſe, womit das Gemuͤth des Menſchen alte Eindruͤcke aufgiebt, und neue annimmt,— den Widerſpruch zwiſchen Grundſaͤtzen, zu denen man ſich bekennt, und dem Handeln,— den Irrthum, in irgend einer Glaubensſecte die Guten mit den Boͤſen zu verwechſeln,— das allgemeine Princip, welches die Selbſtſuͤchtigen in allen Staͤnden und Lebenslagen beherrſcht,— und die erhabenen und unveraͤnderlichen Eigenſchaften der Guten, Tugend⸗ haften und wahrhaft Edlen! 4 4 2 Thle. 2 Thlr. * Muͤllner, A., Saͤmmtliche dramatiſche Werke — 4 Hu ber, F. L., Erzaͤhlungen in 3 Sammlungen. In demſelben Verlage ſind ferner erſchienen: Die Alhambra, von W. Irozng. Aus dem Engliſchen uͤberſetzt von J. Spapſchil. 2 Thle. 2 Thlr. 12 Ggr. Blumenhagen, W., Neuer Novellenkranz. 2 Thle. 4 Thlr. Cooper, J. F., Der letzte der Mohikans, eine Erzählung aus dem Jahre 1757. Aus dem Engl. überſetzt. 3 Thle. 53 ⸗Fhlr. Erzaͤhlungen von der Verfaſſerin von Juliens Briefen. 4 1 Thlr. 12 Ggr. Goͤthe, J. W. v., Hermann und Dorothea. Mit 4 Kupfern, cartonnirt. 4 Thlr. 12 Ggr. — Daſſelbe, beſte Ausgabe, in Maroquin gebunden. Mit illum. Kupfern zu 7 Thlr. 12 Ggr. — Daſſelbe in Taſchenformat mit 9 Vignetten zu 1 Thlr. Die Umriſſe dazu von J. Fuͤhrig. 1 Thlr. 12 Ggr. Griepenkerl, F. K., Lehrbuch der Aeſthetik. — Hell, Th., Drei Tage aus dem Leben eines 4 Spielers. Dramatiſches Gemälde nach dem Fran⸗ Siſſchen. 1 Thlr. Hell, Th., Neue Lyratoͤne. 2 Theile. 3 2 Thlr. 12 Ggr. 1 3 Thlr. 20 Ggr. Kotzebue's Literaturbriefe aus der Unter⸗ — welt. Herausgegeben von A. Muͤllner. 3— 1 Thlr. 8 Ggr. Mergy, Bernhard. Die Bartholomaͤusnacht. Aus dem Franzoͤſiſchen uͤberſetzt von C. v. Lutzow. 2 Thle. 1 Thlr. 12 Ggr. in Einem Bande. Zweite rechtmaͤßige Geſammt⸗ Ausgabe. 1 Thlr. 12 Ggr. — Deſſen Saͤmmtliche dramatiſche Werke in 7 Theilen. 5 Thlr. Ovids drei Buͤcher der Liebe, uͤberſetzt von F. K. v. Strombeck. 16 Ggr. Deſſen Heilmittel der Liebe, uͤberſetzt v. F. K. v. Strombeck. 16 Ggr. Deſſen Kunſt zu lieben, uͤberſetzt von F. K. v. Strombeck. 16 Ggr. Starke, G. W. Ch., Gemaͤlde aus dem häuslichen Leben. 3te Auflage. Mit 10 Kupfern und Vignetten 5 Thle. 4 Thlr. 12 Ggr. Stimme Friedrichs des Großen im neunzehn⸗ ten Jahrhundert; eine vollſtaͤndige und ſyſtema⸗ tiſch geordnete Zuſammenſtellung ſeiner Ideen uͤber Politik, Staats⸗, Kriegskunſt, Moral, Geſchichte, Literatur und uͤber ſich ſelbſt und ſeine Zeit. Aus ſeinen ſaͤmmtlichen Werken und denkwuͤrdigen ſchriftlichen und muͤndlichen Aeußerungen heraus⸗ gegeben und mit einer Charakteriſtik ſeines philo⸗ ſophiſchen Geiſtes begleitet von Profeſſor Dr. Schuͤtz. 5 Thle. 2 Phlr. 16 Ggr. Weſt, Thomas und Carl Auguſt, Bilder aus dem Leben und kritiſche Streifzuͤge. 4 Thle. 4 Thlr. 4 ——ʒ8—õy———, ——