7—---—-—= 1 „ * pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens ) 1 24 Leihbibliothe deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 8 von 8 3. Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. „ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 1— „3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— ff. 27 3„.„„—„„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und G ahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verloͤrene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der ] Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Asleneeel Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird 2 beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen 3 der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche lro⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —= c. —= — —————* 1 * Heidenmauer, o der die Benedictiner. Aus dem Engliſchen des J. Fenimore Cooper, von Johann Sporſchil. Zweiter Theil. Braunſchweig, Verlag von Friedrich Vieweg. 183 2. —— — Die Heidenmauer. Zehntes Capitel. Waͤhrend Alle ſich den leidigen Schwaͤchen der menſchlichen Natur bewußt ſein muͤſſen, fuͤhlt doch ſelbſt der Entartetſte, daß in jedem Menſchen ein Funke jenes goͤttlichen Feuers glimmt, der ihn ſeinem Schoͤpfer aͤhnlich macht. Die Tugend gebietet Hoch⸗ achtung, ſie mag auf was immer fuͤr einer Stufe der Civiliſation oder Aufklaͤrung ausgeuͤbt werden, und wer ihre Vorſchriften befolgt, ſichert ſich die Achtung, wenn auch nicht immer die Gunſt ſeiner Zeitgenoſſen. Waͤhrend der Graf von Leiningen ſich durch die hohe und reiche Kirche der Abtei entfernte, ſchwankte er zwiſchen dem Eindrucke, den der Prior auf ihn gemacht hatte, und zwiſchen ſeinen geheimen, aber vorherrſchenden Plaͤnen. Es war, als ob ein guter und ein boͤſer Genius ihm zufluͤſterte; jener ermahnte II. 1 2 zu Milde und Nachſicht, dieſer verlockte zu Gewalt⸗ thaͤtigkeit durch Vorſpiegelung ſchmeichleriſcher Hoff⸗ nungen. Emich bruͤtete uͤber die Anſpruͤche des Klo⸗ ſters, gegruͤndet auf eine geſetzliche Ueberlegenheit, die eben ſo ſehr ſeiner Macht zu nahe trat, als ſie ſeinen Stolz verwundete; uͤber die beſtaͤndige Durch⸗ kreuzung ſeiner Abſichten von Seite der Moͤnche, und deren fortwaͤhrenden Widerſtand gegen ſeine Obergewalt im Thale;— Gruͤnde der Feindſchaft, welche durch das ausſchweifende und hochmuͤthige Benehmen nur zu vieler Mitglieder der Abtei mit Fug und Recht erhoͤht wurden. Allein die Wir⸗ kung dieſer Gruͤnde wurde durch das Bild des Va⸗ ter Arnulph, umgeben von den milden und edlen Eigenſchaften chriſtlicher Tugend, vermindert. Sich ſelbſt zum Trotze konnte Emich den Eindruck der Milde und Selbſtentſagung, welchen eine lange Be⸗ kanntſchaft mit dem Moͤnche auf ihn gemacht hatte, und der durch die letzte Unterredung aufgefriſcht und erhoͤht worden war, nicht von ſeiner Phantaſie ver⸗ ſcheuchen. Allein im Hofe der Abtei war fuͤr ihn ein Schauſpiel bereitet, das den gluͤcklichen Einfluß des Priors auf ihn eben ſo ſehr ſchwaͤchte, als es ſeinen Stolz ſo aufſtachelte, wie es kaum der bit⸗ terſte Feind der Abtei Limburg wuͤnſchen konnte. — Es iſt bereits bemerkt worden, daß die aͤußere Mauer der Abtei die ganze Oberflaͤche des Berges, auf welchem ſie ſtand, einſchloß. Wiewohl die Ge⸗ baͤude eben ſo zahlreich als geraͤumig waren, ſo ließ doch der Umfang der Ebene auf dem Berggi⸗ pfel hinreichenden Platz zur Bewegung in freier Luft. Außer den Kreuzgaͤngen, die eben ſo geraͤu⸗ mig als moͤnchiſch abgeſchieden waren, gab es Gaͤr⸗ ten hinter der Wohnung des Abtes, und einen Hof von betraͤchtlichem Umfang gerade vor der Kirche. Quer durch dieſen Hof, worin noch verſchiedene Volksgruppen bei einander ſtanden, war ein Trupp Soldaten, welche die Farbe des Kurfuͤrſten Friedrich trugen, und ſeinen Befehlen gehorchten, auf krie⸗ geriſche Weiſe aufgeſtellt. Das geheime Zeichen, welches Bonifacius dem Laienbruder gab, wie der Graf in das Chor trat, hatte ſeinem Nachbar die⸗ ſen unwillkommenen Anblick bereitet. Waͤhrend die Kriegsleute, in ernſter Aufmerk⸗ ſamkeit auf das Commandowort, auf ihren Haken⸗ buͤchſen lehnten, machten der Rhodiſerritter und der Abbé der ſchoͤnen Frau des Buͤrgermeiſters von Duͤrkheim und ihrer kaum ſchoͤneren Tochter emſig den Hof. Der junge Berthold ſtand von ferne, und betrachtete dieſes Zuſammentreffen mit einem 1*† Gefuͤhl, das aus Neid und Eiferſucht zu gleichen Theilen zuſammengeſetzt war. „Guten Morgen und troſtreiche Meſſe wuͤnſche ich Euch, hochgeborner Emich!«“ rief der Vater und Gatte, ſeine Muͤtze abnehmend, mit Herzlichkeit dem Grafen entgegen, als ſich dieſer dem Orte naͤherte, wo er, deſſelben harrend, bis jetzt geſtanden hatte.»Ich fuͤrchtete ſchon, daß die Betrachtung des Altares Eurer Vaͤter mich um dieſe Ehre brin⸗ gen, und daß ich hinweg muͤſſen wuͤrde, ohne ein Wort aus Eurem verehrten Munde vernommen zu haben.⸗ „»Zwiſchen mir und Dir kann eine ſolche Ver⸗ nachlaͤſſigung nicht Statt finden«, erwiederte der Graf, indem er die Hand des Buͤrgermeiſters er⸗ griff, und ſie mit der kraͤftigen Herzlichkeit eines Kriegsmannes ſchuͤttelte.»Wie geht es Euch Allen in Duͤrkheim, dieſer Stadt meiner Liebe, um nicht zu ſagen, meines Rechtes?⸗ »Ganz nach Eurem Wunſche, edler Graf, wir ſind mit Herz und Mund dem Hauſe Leiningen er⸗ geben. In ſofern Liebe zu Eurem Namen und Geſchlechte Alles giebt, fehlt es uns an Nichts.⸗ „Trefflich, wackerer Heinrich, und doch koͤnnte „ —·— es beſſer ſein— willſt Du mir dieſen Morgen eine Gnade erweiſen?« he 7»An Euch iſt es, Gnaden zu erweiſen, an mir, nd zu gehorchen.« it»Herr Heinrich, haſt Du dieſe Schurken Fried⸗ te 3 richs wohl betrachtet?— Wie traurig und ver⸗ drießlich ſehen ſie nicht aus, daß ſie bei den Bene⸗ 9 dietinern eingepfercht ſein muͤſſen, waͤhrend in der — Pfalz Alles ſo kriegeriſch iſt, und ihr Herr genug zu thun hat, um ſich in ſeinem Schloſſe Heidelberg u zu halten! Bemerkſt Du dies nicht auch 2 Emich hatte leiſer geſprochen, und der Buͤrger⸗ meiſter war nicht der Mann, um mehr Worte zu machen, als es die Umſtaͤnde gerade erforderten. Er ſah den Grafen jedoch bedeutungsvoll an, und 3 3 der Austauſch ihrer Blicke verrieth hinreichend das Verhaͤltniß, in welchem Burg und Stadt zu ein⸗ b ander ſtanden. .»Ihr ſpracht davon, Herr Graf, mir etwas ge⸗ bieten zu wollen, ich erwarte Eure Befehle.⸗ „Ich verlange nichts Peinliches oder Muͤhevolles. Reite mit nach Hartenburg, und theile mein gerin⸗ 4 ges Mahl mit mir.« »Ich wuͤnſchte, daß es mir moͤglich waͤre, Herr Graf«, erwiederte Heinrich, indem er einen zweifel⸗ 6 vollen Blick auf Meta und ſeine Frau warf— v»aber dieſe Sonntagsmeſſen bringen die Weiber dergeſtalt in Thaͤtigkeit, daß ich von der Fruͤhglocke bis zur Schlußzeit der Thore kaum Herr eines ein⸗ zigen Gedankens bin.⸗ „Bei der heiligen Jungfrau, das waͤre ſchlimm, wenn die Hartenburg nicht Raum genug haͤtte, um Alles, was Deinen Namen fuͤhrt und ſich Deiner Liebe freut, zu beherbergen.« »Edle Herren genießen bereits Deine Gaſtfrei⸗ heit, und ich moͤchte nicht gern— ⸗ »Nicht der Rede werth! Jener, in dem bunten Wamms, der das weiße Kreuz traͤgt, iſt ein ob⸗ dachloſer Rhodiſerritter, einer, der wie die Taube aus der Arche Noah's umherflattert, ohne zu wiſ⸗ ſen, wohin er ſeinen Fuß ſetzen ſoll. Dieſer hier, in der ſchwarzen Tracht, iſt ein muͤſſiger Abbé aus Frankreich, der wenig mehr thut, als mit den Frauen ſchwatzen. Laß Dein Weibsvolk in ihren Haͤnden, denn ſie ſind ſehr erfahren in hoͤfiſcher Huldigung.⸗ „»Den Henker auch, edler Graf! Ich zweifle an ihrer Erfahrenheit in ſolchen Dingen nicht; allein mein Weib hat wenig Geſchmack fuͤr Aufmerkſamkeits⸗ bezeigungen der Art, und, um Euch keine meiner Launen zu verſchweigen, ich ſelbſt auch nicht. Ja, — —— 8 — wenn Deine hochgeborne Gemahlin, die edle Ir⸗ mengard, im Schloſſe waͤre, ſo wuͤrden meine Frauen⸗ zimmer es ſich zum Gluͤcke ſchaͤtzen, ſie begruͤßen zu duͤrfen; da ſie jedoch abweſend iſt, ſo fuͤrchte ich, daß dieſelben im Schloſſe mehr zur Laſt fallen, als willkommen ſein wuͤrden.⸗ »Das uͤberlaſſe mir, wackerer Heinrich. Fuͤr dieſe Muͤſſiggaͤnger will ich ſchon Beſchaͤftigung finden. Mithin haſt Du nicht die geringſte Ent⸗ ſchuldigung mehr.⸗ Die offene Herzlichkeit des Grafen ſiegte, ob⸗ ſchon die Einladung ihm nichts weniger als ange⸗ nehm war; allein in jenem Zeitalter ſtand die Gaſt⸗ freiheit ſo hoch, daß man ſich ihren Aufforderungen nicht leicht ohne eine hinreichende Entſchuldigung entziehen konnte. Emich verfuͤgte ſich hierauf zu den Frauen. Er ſtrich ſeinen Bart, kuͤßte Ulriken's Wangen mit freundſchaftlicher Freiheit, und druͤckte dann, Kraft ſeines Ranges und ſeiner Jahre einen Kuß auf die Rubinlippen Meta's. Das Maͤdchen erröthete und lachte, und knixte in ihrer Verwir⸗ rung, gleich als erkenne ſie dankbar die Huld an, die ihr ein ſo vornehmer Mann erwieſen hatte. Heinrich ſelbſt, wie zuwider ihm auch das gecken⸗ hafte Benehmen der beiden Fremden geweſen war, 8 ſah dieſe Freiheit nicht nur ohne Beunruhigung, ſondern mit unverkennbarer Zufriedenheit. „»Tauſend Dank, edler Emich, fuͤr dieſe Ehre, die Du meinen Frauen erweiſeſt«, rief er, indem er ſeine Muͤtze abermals zog.»Meta iſt an dieſe Artigkeiten nicht gewoͤhnt, und weiß nicht recht, wie ſie fuͤr eine ſolche Gnade danken ſoll; denn um die Wahrheit zu geſtehen, ſo etwas iſt ihr nicht oft widerfahren. Ich begruͤße die Weiber nicht auf dieſe Art, folglich wagt es auch Niemand in Duͤrk⸗ heim. ⸗ »Sanct Dionyſins moͤge uns verzeihen!« rief der Abbé aus,»welche ſchmachvolle Nachlaͤſſigkeit haben wir uns zu Schulden kommen laſſen!« Bei dieſen Worten kuͤßte er zuerſt die ſanfte Ulrike, und dann ihre Tochter, bevor noch die Anweſenden ſich von ihrem Erſtaunen erholt hatten.»Es ſcheint, Herr Ritter von Rhodus, daß wir in dieſen Din⸗ gen nicht die beſte Erziehung bewieſen haben.« »Halt, Vetter von Wiederbach!« rief Emich lachend, indem er ſeinen Verwandten zuruͤckhielt,— »wir vergeſſen, daß wir in dem Hofe der Abtei von Limburg ſind, wo Begruͤßungen ſo irdiſcher Natur den frommen Benedictinern Aergerniß geben koͤnn⸗ ———— &% e 8DH ͤ,———,—— 2 — —— O&— ———-—, ten. Wir wollen zu Pferde, und dieſe Galanterie fuͤr eine beſſere Zeit aufſparen.⸗ Berthold, der ſchon eine ungeduldige Bewegung vorwaͤrts gemacht hatte, faßte ſich, wuͤrgte die bit⸗ tere Pille hinunter, und wandte ſich zur Seite, um ſeinen Verdruß zu verbergen. Inzwiſchen ſchickte ſich Alles an, zu Pferde zu ſteigen. Obſchon es dem Rodiſerritter mißlungen war, das ſchoͤne Maͤdchen, welches von ſeinem Vet⸗ ter und dem Abbé den Kuß ſo geduldig hingenom⸗ men hatte, auf aͤhnliche Weiſe zu begruͤßen, half er doch mit der groͤßten Geſchaͤftigkeit dem lieblichen Kinde in den Sattel ihres Vaters. Ein aͤhnlicher Dienſt wurde Ulriken durch den Grafen von Leinin⸗ gen ſelbſt geleiſtet, der ſich dann auf ſein ſchweres Streitroß ſchwang, das mit den Fuͤßen ungeduldig auf dem Pflaſter des Hofes ſcharrte. Die Uebri⸗ gen, ſo wie die berittenen Diener, folgten ſeinem Beiſpiele, und nachdem Alle dem großen Crueifix, das vor ihnen ſtand, ihre Ehrfurcht bewieſen hat⸗ ten, ritt der ganze Zug aus dem Hofe. An der Außenpforte waren viele neugierige Zu⸗ ſchauer verſammelt, darunter auf den Befehl ihres Gebieters zahlreiche Dienſtmannen der Hartenburg, fuͤr den Fall, als ſein Beſuch in der Abtei zu ir⸗ gend einer Gewaltthat gefuͤhrt haͤtte, endlich auch eine Schaar von Bettlern. »Almoſen, großer Emich!— Almoſen, wuͤrdi⸗ ger und reicher Buͤrgermeiſter! Gott ſegne Euch Beide, und der heilige Benedict gewaͤhre Eure Ge⸗ bete! Wir leiden Hunger und Kaͤlte, und bitten um Almoſen von Eurer hochgeehrten Hand!« »Gieb den Schelmen einen Silberpfennig!« ge⸗ bot der Graf ſeinem Seckelmeiſter, der unter dem Gefolge ritt.—»Sie haben fuͤrwahr ein verhun⸗ gertes Ausſehen. Dieſe frommen Benedictiner ha⸗ ben ſeit einiger Zeit mit ihren Kriegsleuten und Meſſen ſo viel zu thun gehabt, daß ſie vergeſſen, die Hungrigen zu ſpeiſen.— Tritt naͤher, Freund! biſt Du aus dem Jaͤgerthale?« „Nein, edler Graf! Ich komme von einer Wall⸗ fahrt nach einem fernen Gnadenorte. Mangel und Noth haben mich aber auf dem Wege be⸗ fallen.« „Haſt Du die Milde der Moͤnche empfunden? — oder ſind ſie ſo ſehr in Andacht verſunken, daß ſie der menſchlichen Leiden vergeſſen?« »Großer Graf, ſie ſind freigebig. Wo jedoch viele Maͤuler zu fuͤttern ſind, da braucht man auch viel Geld. Ich kann mich uͤber die frommen h A — und mildthaͤtigen Moͤnche von Limburg nicht be⸗ klagen.«. »Gieb dem Burſchen einen Kreuzer!« rief der Graf muͤrriſch, und druͤckte dem Pferde die Spo⸗ ren in die Weichen, daß hinter deſſen Hufen der Kiesſand emporſtaͤubte. »Hoͤre Kerl!« ſagte Heinrich Frey,»Haſt Du etwas zur Rechtfertigung Deiner Wallfahrt und des Anbettelns der Unterthanen des Kurfuͤrſten auf freier Straße aufzuweiſen?« »Nichts als dies, hochweiſer Buͤrgermeiſter—⸗, Heinrich trug die Kette ſeines Amtes,—„nichts als den Befehl meines Beichtvaters, und dieſen Beglaubigungsſchein von meinen Gebietern.« »Nennſt Du dies Nichts? Du ſprichſt von einer hoͤchſt glaubwuͤrdigen Urkunde, als waͤre ſie nur die Abſchrift ſchlechter Reime! Halt!— Du darfſt durch zu großen Mangel nicht in Verſuchung ge⸗ fuͤhrt werden. Meta, haſt Du einen Kreuzer?« »Hier iſt ein Silberpfennig, Vater, welcher den Beduͤrfniſſen des Pilgers beſſer abhelfen wird.« »Gott ſegne Dich, Kind! Glaubſt Du dem Mangel durch Verſchwendung entgehen zu koͤnnen? Doch halt— es ſind ihrer gar Viele, und ein wohl⸗ vertheiltes Geldſtuͤck wird ihnen frommen. Kommt 12 naͤher, Freunde. Hier iſt ein harter Thaler, den ihr in zwanzig Theile zu theilen habt. Zwei davon gehoͤren dem Fremden, denn er bedarf unſerer Huͤl⸗ fe am meiſten, und ein Theil iſt fuͤr jeden Einwoh⸗ ner des Thales, und vergeßt in Eurer Eile jener armen Frau nicht, die wegen ihres hohen Alters nicht naͤher kommen konnte. Als Dank verlange ich, daß Ihr fuͤr den Kurfuͤrſten, die Stadt Duͤrk⸗ heim und die Familie Heinrichs Frey beten moͤget.« Mit dieſen Worten ritt der Buͤrgermeiſter von dannen, und erreichte bald den Fuß des Huͤgels, auf welchem die Abtei Limburg ſtand. Die Dienſt⸗ mannen zu Fuße, welche zuruͤckgeblieben waren, um die Freigebigkeit des Buͤrgermeiſters mit anzu⸗ ſehen, und welche die Gleichguͤltigkeit Emich's als eine ganz natuͤrliche Folge ſeines Ranges betrach⸗ teten, folgten hinterher. Einen von ihnen faßte je⸗ doch ein Laienbruder des Kloſters beim Arme und bedeutete ihm, in den Hof zuruͤck zu kehren. „»Man bedarf Deiner, Freund!“« fluͤſterte der Laienbruder.»Unterhalte Dich mit dieſen Kriegs⸗ leuten, bis ſie abziehen, dann ſtelle Dich im Kreuz⸗ gange ein.⸗ Der Angeſprochene gab ſeine Beiſtimmung durch einen Wink zu erkennen, jener aber entfernte ſich 13 wieder. Der Dienſtmann des Grafen Emich that, wie ihm geheißen war, und ſchlenderte im Hofe her⸗ um, bis die Abſicht des Abtes, ſeinen gefaͤhrlichen Nachbar durch Aufſtellung der Kriegsleute zu uͤber⸗ zeugen, daß er ſich des Schutzes des Kurfuͤrſten er⸗ freue, voͤllig erreicht war. Kaum waren dieſelben abgezogen, ſo verfuͤgte ſich der Bauer nach dem be⸗ zeichneten Orte. In jedem Kloſter giebt es einen Hof, der durch niedrige und duͤſtere Arcaden eingeſchloſſen iſt, die den ſogenannten Kreuzgang bilden. Wenn derſelbe, wie man dies haͤufig findet, in ſchoͤnem gothiſchen Style erbaut iſt, ſo laͤßt ſich nicht leicht ein Platz denken, welcher zum Nachdenken, zur Erforſchung des Gewiſſens und zu religioͤſer Ruhe geeigneter waͤre. Uns erſchienen die Kreuzgaͤnge von jeher als die Poeſie des Moͤnchslebens, und obſchon wir uns zur proteſtantiſchen Religion bekennen, ſo haben wir doch nie einen betreten, ohne den Einfluß jener allheiligen Macht zu fuͤhlen, welche man durch kloͤ⸗ ſterliche Abgeſchiedenheit zu ehren vermeinte. In⸗ Italien, dem Lande gluͤhender Gedanken und glor⸗ reicher Wirklichkeit, haben die Pinſel der groͤßten Meiſter den Kreuzgaͤngen durch bildliche Darſtellun⸗ gen, welche mit ihrem Zweck im Einklange ſtanden, 14 eine mildanziehende Gewalt verliehen. Man findet dort einige der ſchoͤnſten Schoͤpfungen Raphaels, Dominichino's und Andrea's del Sarto, und der Reiſende ſucht jene gewoͤlbten Galerien, welche ſonſt der Moͤnch, in religioͤſe oder gelehrte Betrachtung verſunken, durchſchritt, jetzt auf, um die koſtbarſten Ueberreſte alter Kunſt zu beſichtigen. Der Dienſtmann des Grafen Emich fand ohne Schwierigkeit den ihm bezeichneten Platz, denn der Kreuzgang der Abtei Limburg ſtand, wie dies im⸗ mer der Fall iſt, mit der Kirche in Verbindung. Er ſchritt durch dieſelbe, oͤffnete eine Thuͤr, welche in die Sacriſtei fuͤhrte, und befand ſich bald in der ergreifenden Abgeſchiedenheit des Kreuzganges. An den Waͤnden hingen Tafeln mit lateiniſchen In⸗ ſchriften zu Ehren der Bruͤder, die ſich einſt durch Froͤmmigkeit und Gelehrſamkeit ausgezeichnet hat⸗ ten, und hie und da erblickte man in Elfenbein oder Stein jenes gewöhnliche Mahnzeichen der katholiſchen Religion, das Crucifix. Der Fremde blieb ſtehen, denn durch den Bo⸗ gengang ſchritt ein Moͤnch, deſſen Miene fuͤr einen Menſchen, der nicht wußte, welche Aufnahme ihm bevorſtehe, nicht weniger als einladend war. Dies mindeſtens glaubte Emich's Dienſtmann, welcher den keuſchen Ausdruck der Zuͤge des Vater Arnulph, be⸗ woͤlkt, wie ſie durch Sorge waren, fuͤr Strenge nahm. „Was willſt Du?« fragte der Prior, als er des Fremdlings anſichtig wurde. »Hochwuͤrdiger Moͤnch! Deinen Segen!« „»Knie nieder, und empfange ihn. Doppelt biſt Du geſegnet, weil Du Troſt bei der Kirche ſuchſt, und die gefaͤhrlichen Ketzereien dieſer Zeit ver⸗ meideſt.« Der Prior machte das Zeichen des Kreuzes uͤber ihn, und winkte ihm außzuſtehen. »Willſt Du ſonſt Etwas?« fragte er, da er be⸗ merkte, daß ſich der Bauer nicht entfernte, wie es die, welche den Segen empfangen hatten, ſonſt zu thun pflegten. »Nichts,— außer jener Bruder hat einige Au⸗ genblicke Zeit fuͤr mich.« Vater Siegfried's Antlitz war naͤmlich in einer Thuͤre, die zu den Zellen fuͤhrte, ſichtbar geworden. Des Priors Miene verwandelte ſich, wie die eines Menſchen, der alles Zutrauen in die Abſichten ſei⸗ nes Gefaͤhrten verloren hat, und er ſetzte ſeinen Weg durch den Kreuzgang fort. Der Andere dage⸗ gen eilte zur Thuͤre, von wo aus ihm gewinkt wor⸗ den war, und verſchwand hinter derſelben. 16 Es iſt bereits bemerkt worden, daß die Bene⸗ dictiner durch ihre Ordensregel zur Gaſtfreiheit ver⸗ pflichtet waren. Ein Hauptfluͤgel des Kloſters war fuͤr die Bequemlichkeit des Abtes und der Reiſen⸗ den eingerichtet, welche Bonifacius nicht nur ſtets zu bewirthen verpflichtet war, ſondern ſehr oft auch gerne bewirthete. Hier war der Reichthum des Kloſters entfaltet, wenn gleich derſelbe in zuͤchtiger Form erſchien. Man bemerkte wenig von jener Selbſtverleugnung und Selbſtpeinigung, welche man gewoͤhnlich mit dem Bewohner einer Zelle verbun⸗ den denkt. Die Gemaͤcher waren mit Getaͤfel von Ei⸗ chenholz ausgelegt; religioͤſe Sinnbilder, aus koſtbaren Materialien gefertigt, prangten an den Waͤnden; auch fehlte es nicht an Sammt und anderen koͤſt⸗ lichen Stoffen, zwar von dunklen Farben, aber von großem inneren Werthe. Vater Siegfried fuͤhrte den Bauer in eines der ſchoͤnſten, beſteingerichteten Gemaͤcher. Es war das Cabinet des Abtes. Der⸗ ſelbe hatte den kirchlichen Pomp und die Prachtge⸗ waͤnder, womit er kurz zuvor ſich dem Volke ge⸗ zeigt hatte, abgelegt, und machte es ſich nun mit der Indolenz eines Gelehrten und der Nachlaͤſſig⸗ keit eines Schwelgers bequem. 3 »Hier iſt der Juͤngling, von dem ich mit Dir — geſprochen habe, hochwuͤrdigſter Abt«, ſagte Vater Siegfried, indem er ſeinem Begleiter winkte, vor⸗ zutreten. Bonifacius legte das in Pergament eingebundene und bemalte Buch, welches erſt kuͤrzlich aus der Preſſe hervorgegangen war, weg, und rieb ſich die Augen, wie ein Menſch, der aus tiefen Gedanken erwacht. „Fuͤrwahr, Bruder Siegfried, dieſe Leipziger Schelme wirken Wunder mit ihrer Kunſt. Kein Wort iſt verſetzt, kein Gedanke ausgelaſſen. Wer weiß, wohin dieſes Uebermaß der Verbreitung von Kenntniſſen, die ſonſt den Gelehrten allein zugaͤng⸗ lich waren, fuͤhren wird?«“ »Haben wir nicht ſchon die Beweiſe davon in der Zunahme des Unglaubens und des Ungehor⸗ ſams dieſer Zeiten?⸗ „Es waͤre fuͤr die Seelen, wie fuͤr die zeitliche Ruhe der Menſchen beſſer, wenn ſie in dieſer be⸗ ſchwerdereichen Welt weniger denken moͤchten.— Du nennſt Dich Johann, Sohn?« „Gottlob, mit Eurer Erlaubniß, hochwuͤrdig⸗ ſter Abt, und durch die Gunſt der Kirche.« Das iſt ein frommer Name, und ich zweiſle nicht, daß Du der Pllicht treu bleibſt, woran er Dich in jeder Stunde mahnt.«⸗ II. 18 »Was das betrifft, ſo lobe ich Gott, hochwuͤr⸗ digſter Vater, fuͤr alle Wohlthaten, welche ich empfange, und wenn ſie auch das Doppelte von dem waͤren, was ſie ſind, ſo fuͤhle ich doch Kraft genug in mir, um uncblaͤßig fuͤr gnadenreiche Ge⸗ ſchenke zu danken.⸗ Dieſe Antwort erregte die Aufmerkſamkeit des Abtes. Nachdem er den beſcheidenen Ausdruck des Antlitzes des jungen Mannes ſcharf gepruͤft hatte, fuhr er fort: »Sehr wohl, Du biſt ein Jaͤger des Grafen Emich?«. „Sein Kuhhirt, hochwuͤrdigſter Abt, und ein Jaͤger obendrein, denn in der ganzen Pfalz giebt es keine ruͤhrigere Familie als die meinige.⸗ »„Ich erinnere mich, es war ein Kuhhirt. Du haſt meinen Bruder Siegfried etwas achtungslos behandelt, indem Du ihm erzaͤhlteſt, Du waͤreſt aus Duͤrkheim, und nicht aus dem Schloſſe.⸗ „Um es Euer Hochwuͤrden frei zu geſtehen, ſo hatte ich wohl Grund dazu. Man pflegt einem Kuhhirten Buße fuͤr alle Unthaten ſeiner Thiere aufzulegen, ich zog es daher vor, hochwuͤrdigſter Abt, bloß fuͤr meine eigenen Suͤnden zu buͤßen, —— ☛☛̈ 27 0 als noch uͤberdies das Gewiſſen aller Kuͤhe des Grafen Emich weiß zu brennen.⸗ Der Abt betrachtete abermals ſtrengpruͤfend das Antlitz des Sprechenden eine geraume Zeit hindurch. „Haſt Du von Luther gehoͤrt?« „Meint Eure Hochwuͤrden den betrunkenen Schuhflicker von Duͤrkheim?« „Ich meine den Moͤnch von Wittenberg, Burſche; obſchon Du, beim heiligen Benedict! dem Rebellen keinen unpaſſenden Namen beigelegt haſt, denn der gleicht wahrlich einem betrunkenen Schuhflicker, der die Lehren und Gebraͤuche unſerer heiligen Kirche beſſern will! Ich frage Dich, ob Du Deinen Verſtand verdorben und Deinen Glauben geſchwaͤcht haſt, indem Du der fluchenswerthen Ketzerei, welche jetzt in Deutſchland uͤberhand nimmt, Dein Ohr lieheſt?⸗ „Der heilige Benedict und die gebenedeite Jungfrau moͤgen Euer Hochwuͤrden nach Verdienſt belohnen! Was hat ein armer Kuhhirt mit Din⸗ gen zu thun, welche die Seelen der Gelehrten be⸗ unruhigen, und ſelbſt die Friedlichſten ſtreitſuͤchtig und kriegeriſch machen?« „Du haſt Unterricht uͤber Deinen Stand ge⸗ noſſen,— biſt Du aus dem Jaͤgerthal?⸗ 2*† 20 „Geboren und erzogen in demſelben, hoch⸗ gun⸗ wuͤrdigſter Abt. Wir ſind in dem Thale ſeit lan⸗ koͤn ger Zeit einheimiſch, und es giebt wenige Familien, woh welche Kaͤlber ſo wohl aufzuziehen, und mit einer blof Heerde ſo gut umzugehen wiſſen, als diejenige, ſteh aus welcher ich ſtamme, wie arm und gering ich auch Euer Hochwuͤrden erſcheinen mag⸗ Der „Ich muͤßte mich ſehr irren, oder in Deiner Be beſcheidenen Meinung von Dir ſelbſt liegt eben o und viel Schein als Wirklichkeit. Du haſt aber mit dem Bruder Siegfried eine Unterredung gehabt, Ab und wir zaͤhlen auf Deine Dienſte. Du kennſt kör die Macht der Kirche, Sohn, und mußt wiſſen, be wie geneigt ſie iſt, gegen diejenigen gnaͤdig zu Le ſein, welche ihr aufrichtig dienen, wie verzehrend we aber ihr Zorn iſt, wenn er durch Ungehorſam und zu Unrecht erregt wird. Wir behandeln um ſo guͤti⸗ 2 ger diejenigen, welche zu einer Zeit, wo die Teufel geſchaͤftig ſind, die Unwiſſenden zu verfuͤhren, treu n im Schooße des Glaubens verharren.« 3 „Trotz Allem, was Ihr geſagt habt, hochwuͤr⸗ digſter Abt, bin ich in Folge der geringen Erzie⸗ i hung, welche ich genoſſen habe, zu ungelehrt, um 1 j mehr als ein gerades Deutſch zu verſtehen. Bei einem Handel iſt es nothwendig, daß alle Bedin⸗ 2 21 gungen klar auseinander geſetzt werden, ſonſt koͤnnte es ſich treffen, daß ſich ein armer, aber wohlmeinender Juͤngling die Verdammniß zuzieht, bloß weil er nicht Latein oder das nicht richtig ver⸗ ſteht, was ihm nicht klar geſagt worden iſt.« „Ich wollte nichts Anderes ſagen, als daß man Deines frommen Wandels vor dem Altar und im Beichtſtuhle gedenken, und Deiner bei Ablaͤſſen und andern Kirchengnaden nicht vergeſſen wird.⸗ „Zuverlaͤſſig iſt dies ein Gluͤck, hochwuͤrdigſter Abt, fuͤr Alle, welche deſſelben theilhaftig werden koͤnnen,— allein, der heilige Benedict ſtehe mir bei! was wüͤrde es helfen, wenn Graf Emich ſeine Leute mit Kerker und Peitſchenhieben bedrohte, wenn einer von ihnen es wagen ſollte, die Abtei zu beſuchen, oder mit einem ihrer ehrwuͤrdigen Moͤnche zu verkehren?« „Glaubſt Du, unſere Gebete, unſere Macht ſei nicht ſtark genug, um die Mauern der Hartenburg zu durchdringen?« „Daruͤber, hoͤchſt maͤchtiger Bonifacius, kann ich nicht urtheilen, weil eine ſolche Huͤlfe mir bis jetzt noch nie geworden iſt. Der Kerker der Har⸗ tenburg iſt mir nicht fremd; und wenn ich meine innerſten Gedanken ausſprechen duͤrfte, ſo wuͤrde ich ſagen, daß es dem heiligen Benedict ſelbſt et⸗ was ſchwer fallen wuͤrde, ihre Thore zu oͤffnen, ſo kange der Graf zuͤrnt. Potz tauſend, hochwuͤrdig⸗ ſter Abt, man mag wohl von Wundern und Ab⸗ laͤſſen ſprechen: aber wer glaubt, daß dadurch jenes feuchte, kalte Schauderloch warm und angenehm wird, der moͤge nur eine eiſige Novembernacht in demſelben zubringen! Er mag in daſſelbe mit noch ſo viel Vertrauen auf die Gebete der Abtei geſchleppt werden; wenn er aber das Verließ ohne die groͤßte Furcht vor dem Zorne des Grafen Emich wieder verlaͤßt, dann iſt er ein brennender Ofen in Menſchengeſtalt!« Vater Bonifacius ſah ein, daß der Burſche, den er vor ſich hatte, nichts auf die gewoͤhnlichen Lockmittel gab, und nahm daher zu ſichereren ſeine Zuflucht. Er winkte dem Moͤnch, ihm ein Kaͤſt⸗ chen zu reichen, das von außen mit verſchiedenen chriſtlichen Sinnbildern bemalt war. Daraus zog er einen Beutel hervor, dem es weder an Umfang noch an Schwere fehlte. Gottlob's Augen glaͤnz⸗ ten, und er zeigte ein ſtarkes Verlangen, den In⸗ halt eines Sackes kennen zu lernen, der allem An⸗ ſcheine nach Dinge von hohem Werthe enthielt. Haͤtten die Moͤnche auf ihn mehr Acht gehabt, ſo 23 wuͤrden in ihnen Zweifel aufgeſtiegen ſein, ob die Freude, die er außerte, nicht affectirt war. „Dies wird zwiſchen uns Frieden und Ver⸗ trauen erwecken«, ſagte der Abt, indem er ihm ein großes Goldſtuͤck reichte.»Hier iſt Etwas, das auch der Einfaͤltigſte begreift, und das ohne Zwei⸗ fel fuͤr einen Burſchen Deines Schlages ſehr ver⸗ ſaͤndlich ſein wird.« „Euer Hochwuͤrden auͤberſchaͤtzen mein Vermoͤ⸗ gen keineswegs«, antwortete der Kuhhirt, und ſteckte das Goldſtuͤck ohne weitere Umſtaͤnde ein. „Wenn unſere gute Mutter, die Kirche, ſolche Mittel waͤhlen moͤchte, um ſich Freunde zu ſichern, ſo koͤnnte ſie alle Luthers zwiſchen dem Bodenſee und dem Meere auslachen: allein durch eine ſelt⸗ ſame Verkehrtheit iſt ſie mehr gewillt, den Leuten ihr Gold zu nehmen, als ihnen Gold zu geben. Ich freue mich, daß ſie dieſen Irrthum endlich ein⸗ ſieht, und vor Allem, daß ſie mich, ſo arm und unwerth ich auch bin, unter den Erſten waͤhlte, welche ſie zu Werkzeugen ihrer neuen Abſichten auserſehen hat.“« Der Abt wußte nicht, was er aus dem Cha⸗ rakter ſeines Agenten machen ſolle. Da er je⸗ doch ſelbſt ein Mann war, bei welchem irdiſche 24 Dinge großen Werth hatten, ſo pochte er mit Zu⸗ verſicht auf die Wirkung eines Vermittlers, deſſen Macht von allen feilen Gemuͤthern angebetet wird. Er fand daher nicht noͤthig, weitere Umſchweife zu machen, ſondern ſprach geradezu von dem eigentli⸗ chen Zweck dieſer Zuſammenkunft. »Haſt Du uns etwas von dem Schloſſe Har⸗ tenburg mitzutheilen, guter Gottlob?⸗ »Wenn es Euer Hochwuͤrden gefaͤllig iſt, mich anzuhoͤren—⸗ »Sprich— kannſt Du etwas uͤber die Streit⸗ kraͤfte melden, welche im Schloſſe des Grafen Emich verſammelt ſind?⸗ „»Mein Herr Abt, es iſt kein ſo leichtes Ding, alle Schelme zu zaͤhlen, welche von dem Augen⸗ blick, in welchem die Sonne die Thuͤrme Eurer Abtei vergoldet, bis zu jenem, in welchem ſie hin⸗ ter dem Teufelſtein verſinkt, in den Raͤumen der Burg umherſchlendern.⸗ »Gelang es Dir nicht, ſie in Abtheilungen zu ſondern, und jede einzeln zu zaͤhlen?« »Hochwuͤrdigſter Abt, dieſer Verſuch iſt mir nicht gelungen. Ich theilte ſie in die Betrunke⸗ nen und Nuͤchternen, allein, und wenn es mein Le⸗ ben gegolten haͤtte, vermochte ich nicht Allen nach⸗ —— ——— ½— M 25 zuſpuͤren, die in den Kellern und Stuben waren. Denn waͤhrend der Eine ſeinen Rauſch ausſchlief, leerte ein Anderer Becher um Becher, ſo daß die Betrunkenen ſchnell wieder ergaͤnzt waren. Es iſt leichter, die Politik des Kaiſers zu ergruͤnden, als die Krieger des Grafen Emich zu zaͤhlen.⸗ „Es ſind alſo ihrer Viele.« „Viele und nicht Viele, je nachdem man es mit Kriegern nimmt. Zum Leeren eines Faſſes wuͤrde Herzog Friedrich ſie gewaltig finden, ſelbſt wenn es einen Angriff auf ſeine Heidelberger Tonne gaͤlte; dennoch zweifle ich, ob er ſie zahlreich und tuͤchtig genug erachten wuͤrde, ihm in dem Kriege, den er jetzt fuͤhrt, beizuſtehen.« »Geh! geh! Du biſt zu unbeſtimmt in Deinen Antworten. Gieb das Geld zuruͤck, wenn Du uns den verſprochenen Dienſt nicht leiſten willſt.« „Ich bitte Dich, hochwuͤrdigſter Abt, gedenke der Gefahr, in welcher ich bei dieſem verzweifelten Unternehmen bereits geſchwebt habe, und gedenke, daß das Wenige, das Du mir edelmuͤthig gegeben haſt, mehr als aufgewogen wird durch das Wag⸗ niß meiner Ohren, meines guten Rufes und einiger Gewiſſensbiſſe.⸗ „Dieſer Burſche hat mit Dir ſein Spiel getrie⸗ 26 ben, Vater Siegfried«, ſagte der Abt im vorwurfs⸗ vollen Tone zu dem Moͤnch, ver vergißt ſich ſelbſt in unſerer Gegenwart!“ »Wir haben die Mittel, ihm Ehrfurcht einzu⸗ foͤßen, und ihm ſein Verſprechen in das Gedaͤchtniß zuruͤckzurufen.⸗ „»Du haſt Recht, laß dieſe Mittel in Anwen⸗ dung bringen— doch halt!« Waͤhrend dieſes kurzen Zweigeſpraͤches der Be⸗ nedictiner hatte Vater Siegfried an einer Schnur gezogen, und ein Laienbruder von rieſigem Koͤrper⸗ bau trat ein. Auf ein Zeichen des Moͤnches hatte er den Arm Gottlob's, der keinen Widerſtand lei⸗ ſtete, ergriffen, und wollte ihn fortfuͤhren, als je⸗ doch die letzten Worte des Abtes und ein zweites Zeichen vom Vater Siegfried ihm Einhalt thaten. Bonifacius ſtuͤtzte den Kopf in ſeine Hand, und dachte lange uͤber die Klugheit des Schrittes nach, den er zu thun im Begriffe ſtand. Die Verhaͤltniſſe zwiſchen der Abtei und dem Schloſſe waren gerade in jenem Stande, in welchem es eben ſo wenig ge⸗ rathen iſt, nachzugeben als vorwaͤrts zu gehen. Einen Vaſall des Grafen von Hartenburg ein⸗ ſperren, hieß die ganze Angelegenheit ſogleich auf die Spitze ſtellen. Ließ man ihn dagegen aus dem Kloſter, ſo war man des Mittels beraubt, die ſo nothwendige Nachricht zu erhalten, jene naͤmlich, derentwegen die Moͤnche hauptſaͤchlich zu dem Ge⸗ lage, das wir beſchrieben haben, in einer Zeit kamen, wo ſo geringe Freundſchaft zwiſchen den Zechbruͤdern herrſchte. Die Vorſicht Emichs hatte dieſen wohl⸗ angelegten Plan vereitelt, und der Verſuch hatte bereits zu viel gekoſtet, als daß man ſich eine Wie⸗ derholung deſſelben erlauben durfte. Auch war es gefaͤhrlich, Gottlob die Ruͤckkehr nach der Hartenburg zu geſtatten, denn die Hoff⸗ nungen und der feindſelige Geiſt, der in der Abtei herrſchte, waren dem Burſchen zu unvorſichtig Preis gegeben worden, als daß man nicht fuͤrchten mußte, er werde Alles erzaͤhlen. Ueberdies war es wuͤn⸗ ſchenswerth, den Schein des Vertrauens, wie wenig man auch davon fuͤhlte, zu erhalten, denn der Abt wußte zu wohl, daß naͤchſt der Freundſchaft ihr An⸗ ſchein von Wichtigkeit iſt, um dem Ausbruche von Feindſeligkeiten vorzubeugen. Es befanden ſich Agen⸗ ten zu Heidelberg, um den Kurfuͤrſten zu einem entſcheidenden Schritte zu Gunſten des Kloſters zu bewegen, und man durfte es zu offenen Feindſelig⸗ keiten in keinem Falle fruͤher kommen laſſen, als bis das Ergebniß der Sendung bekannt worden war. 28 Kurz, dieſe beiden kleinen Maͤchte befanden ſich in derſelben Lage,—wie haͤufig die groͤßeren. Beide waren inſtinetmaͤßig wegen ihrer entgegengeſetzten Intereſſen auf der Huth, und zauderten doch mit der Entwickelung, weil keine hinreichend vorbereitet war, um das, was ſie wuͤnſchte, erſtrebte und zu erreichen hoffte, offen zu erklaͤren. Inzwiſchen fan⸗ den zwiſchen den feindſeligen Parteien die gewoͤhn⸗ lichen Hoͤflichkeitsbezeigungen, freilich zuweilen durch die natuͤrlichen Gefuͤhle verduͤſtert, Statt. Die Welt nennt dies in der Politik Bonhomie, das eigent⸗ liche Wort dafuͤr aber iſt Liſt. Der Abt war ſo ſehr an politiſches Nachdenken gewoͤhnt, daß alle dieſe Betrachtungen ihm in kuͤr⸗ zerer Zeit, als wir gebraucht haben, um ſie auf⸗ zuzaͤhlen, durch den Sinn fuhren. Dennoch war es eine heilſame Pauſe, denn als er dieſelbe brach, ſprach er wie ein Mann, deſſen Entſcheidung auf Vernunftgruͤnden beruht. „»Du wirſt zum Heil Deiner Seele etwas bei uns verziehen, Gottlob«, ſagte er, indem er ein Zeichen machte, das ſeine Untergebenen wohl ver⸗ ſtanden. „»Tauſend Dank, menſchenfreundlicher und from⸗ mer Abt. Naͤchſt dem Wohle meines Leibes liegt 29 mir nichts ſo ſehr am Herzen als mein Seelenheil, und es iſt großer Troſt in Deinen guͤtigen Worten. Es iſt zwar nur die Seele eines armen Mannes, da es aber doch eine Seele iſt, ſo muß Fuͤrſorge fuͤr ſie getroffen werden.⸗ „Was wir fuͤr Dich beſtimmt haben, iſt heil⸗ ſam. Bruͤder, fuͤhrt den Buͤßenden in ſeine Zelle.⸗ Die ſeltſame Gleichguͤltigkeit, womit Gottlob ſein Urtheil hoͤrte, haͤtte den Abt Grund zum Nach⸗ denken geben muͤſſen, wenn ſein Geiſt nicht zu ſehr mit andern Dingen beſchaͤftigt geweſen waͤre. Der Kuhhirt folgte dem Laienbruder ohne Widerſtand, und mit der Miene eines Mannes, der durch dieſe beſondere Beruͤckſichtigung von Seite des Kloſters Limburg, zu gewinnen hoffte. Sein Benehmen war ſo natuͤrlich und unbeſorgt, daß Vater Siegfried glaubte, er habe einen Agenten gedungen, deſſen Geiſt, obſchon zu Zeiten ſcharffinnig und originell, doch noch haͤufigen Anfaͤllen von Verſtandesſchwaͤche und Stumpfſinn ausgeſetzt war. Er ſchob den Kuhhirten in eine Zelle, deutete auf ein Crucifix, ihr einziges Geraͤthe, und entfernte ſich, ohne es auch nur der Muͤhe werth zu finden, die Thuͤre zu ſchließen. 30 Eilftes Capitel. Nach einem kurzen Ritt langte der Zug des Grafen Emich vor den Thoren des Schloſſes Har⸗ tenburg an. Nachdem Alle abgeſtiegen, und die Gaͤſte in die Halle gefuͤhrt worden waren, kuͤßte der Burgherr abermals Ulrike und ihre Tochter. Dies Vorrecht ſtand ihm Kraft ſeines Ranges und ſeiner Eigenſchaft als Wirth zu, und abermals em⸗ pfing er fuͤr deſſen Ausuͤbung den herzlichſten Dank von Heinrich Frey. Die weiblichen Gaͤſte wurden hierauf der Obſorge Giſela's, der Tochter des Ca⸗ ſtelans uͤbergeben, welche in Abweſenheit ihrer edlen Gebieterin, die vornehmſte weibliche Perſon im Schloſſe war. „Sei mir dreifach willkommen, wackerer, vor⸗ trefflicher Heinrich!« rief der Graf mit Herzlichkeit aus, waͤhrend er den Buͤrgermeiſter bei der Hand in eines der Prunkgemaͤcher fuͤhrte.— Niemand kennt Deinen Werth und Deine Freundestreue beſſer, als der Herr dieſes geringen Schloſſes, und Nie⸗ mand liebt Dich mehr.⸗ »Dank Dir, hochgeborner Emich, und ſo viel Pflichtdienſtleiſtung, als nur immer ein Mann von geringer Geburt und Erziehung einem vielgeruͤhm⸗ 31 ten und geprieſenen Edlen bieten kann. Ich ver⸗ ſtehe mich wenig auf Hoͤflichkeiten, es waͤren denn ſolche, womit ſich die Buͤrger in den Straßen be⸗ gruͤßen; wenn ich daher meine Ehrfurcht und Hoch⸗ achtung nicht nach Gebuͤhr ausdruͤcke, ſo moͤgt Ihr den Willen fuͤr die That nehmen, Herr Graf.« „Wenn Du des Kaiſers vertrauteſter Kammerherr waͤreſt, ſo koͤnnte Dir Deine Rede nicht mehr Ehre machen. Wenn gleich Duͤrkheim kein Madrid iſt, ſo iſt es doch eine geachtete und treffliche Stadt, und es braucht Niemand, der dieſelbe bewohnt, die Noͤmer oder Pariſer zu beneiden. Hier iſt mein Vetter von Wiederbach, ein Ritter, den die Vor⸗ ſicht ſeit dem Falle von Rhodus im mittellaͤndiſchen Meere etwas rauh umherwirft. Er hat viele Laͤn⸗ der geſehen, und ſchwoͤrt, daß Deine Stadt an Umfang wenige ihres Gleichen hat.⸗ „Da es eine maͤßig große Bergſtadt iſt, meine Herren, ſo brauchen wir bei dem Anblick unſerer alten Mauern nicht zu erroͤthen.⸗ „Das brauchſt Du fuͤrwahr nicht, und Du mußt bemerkt haben, daß ich nur von ihrem Um⸗ fange ſprach. Monſieur Latouche iſt ein Edelherr, der eben erſt aus der Hauptſtadt des Koͤnigs Franz kommt, und noch dieſen Morgen ſprach er von der 32 Schoͤnheit, dem Reichthum und den andern Merk⸗ wuͤrdigkeiten, welche in Deiner wohlregierten und gluͤcklichen Stadt dem Fremden ſogleich in das Auge fallen.« Der Buͤrgermeiſter dankte fuͤr dieſes Compli⸗ ment durch eine tiefe Verneigung, und ſein Auge glaͤnzte von Freude; denn Niemand iſt der Schmei⸗ chelei jeder Art ſo zugaͤnglich, wie derjenige, welcher nach öͤffentlicher Auszeichnung geizet. Auch wußte Emich ſehr wohl, daß die Ordnung, die in der Stadt herrſchte, ein ſchwacher Punct in der De⸗ muth Heinrich's Frey war. „Graf Emich laͤßt mir kaum Gerechtigkeit wie⸗ derfahren«, ſagte der geſchmeidige Abbé,»da ich noch viele andere Gegenſtaͤnde der Bewunderung werth fand. Die Achtung, welche Dein Volk dem Range zollt, und die Art, wie man die Hoͤheren ehrt, iſt beſonders preiswuͤrdig.⸗ »Der Geiſtliche hat Recht, Graf Emich,— denn es wird in Deutſchland nicht leicht eine Stadt zu finden ſein, wo die Armen und Geringen in ſo ſtrengen Schranken gehalten werden, daß ſie die Vornehmen nicht belaͤſtigen, wie in unſerem Duͤrk⸗ heim. Ich glaube, daß Ihr bemerkt haben werder, — Herr Graf, mit welcher ſtrengen Gerechtigkeit wir auf dieſen Punkt halten.“« „Niemand weiß dies beſſer, und achtet es hoͤher. Ich kann mich nicht erinnern, Vetter Albrecht, daß innerhalb der Thore der Stadt je eine Mißachtung meiner Rechte vorfiel. Doch ich halte Euch ab, Euch zu erfriſchen, wuͤrdige Freunde. Goͤnnt uns einige Zeit,— und wir werden uns bald wieder bei Euch einfinden.“ Der Ritter und der Abbé nahmen dieſe Andeu⸗ tung als einen Wunſch des Grafen, ſich mit dem Buͤrgermeiſter allein zu beſprechen, und entfernten ſich unverzuͤglich. Als Emich mit Heinrich Frey allein war, nahm er dieſen bei der Hand, und fuͤhr⸗ te ihn in einen Theil der Burg, wohin ſich ohne beſonders wichtige Urſache Niemand wagte. Sie traten in ein Gemach, das gelegentlich zu heiligen Handlungen diente, und eben ſo enge als duͤſter war. Nachdem ſie fern von jeder Beobachtung und allen Horchern und Kundſchaftern waren, warf der Graf ſeinen Mantel ab, legte ſein Schwert weg, und machte es ſich bequem. Der Buͤrgermeiſter ſetzte ſich aus Ehrfurcht fuͤr den Rang ſeines Wir⸗ thes auf einen Stuhl ohne Lehne, waͤhrend dieſer, II. 3 34 ohne darauf zu achten, ſich dicht neben ihm auf den einzigen Stuhl, der noch im Gemache vorhan⸗ den war, niederließ. Wer mit den Aſiaten, oder den Mahomedanern an der Suͤdkuͤſte des mittellaͤndiſchen Meeres viel verkehrt hat, der muß oft die ſchweigſame, bedeu⸗ tungsvolle Art bemerkt haben, womit ſie ſich an⸗ blicken, wenn ſie Vertrauen gewinnen oder geben wollen. Das Auge wird lebendiger, und die Mus⸗ keln des Mundes laſſen nach, bis ſich das innere Gefuͤhl in ein Laͤcheln verklaͤrt. Dieſes Mittels be⸗ dienen ſich Menſchen unter einer deſpotiſchen und argwoͤhniſchen Regierung, und in einem Lande, wo der geſellſchaftliche Verkehr durch Gewaltthaͤtigkeit und Verrath geſchaͤndet iſt, um ſich gegenſeitig ih⸗ res geheimen Vertrauens und der Bereitwilligkeit, einander zu unterſtuͤtzen, zu vergewiſſern. Eine aͤhnliche Art von Freimaurerei findet uͤberall Statt, wo nicht freie und gerechte Inſtitutionen ihren ſchuͤ⸗ tzenden Mantel gleichmaͤßig uͤber die Starken und Schwachen breiten, und wo die Majeſtaͤt des Ge⸗ ſetzes dieſe verſtohlene Berufung auf das gegenſei⸗ tige Einverſtaͤndniß nicht uͤberfluͤſſig macht. So war auch in einem gewiſſen Grade die Mittheilung beſchaffken, womit Emich von Hartenburg ſein ge⸗ heimes Geſpraͤch mit Heinrich Frey anknuͤpfte. Zu⸗ erſt legte er ſeine breite, ſtarke Hand auf das Knie des Buͤrgermeiſters, und druͤckte es mit ſeinen eiſer⸗ nen Fingern, bis ſie faſt in dem Fleiſche begraben waren. Jeder wendete dem Andern den Kopf zu, und ſie ſahen ſich von der Seite an, wie Menſchen, die ſich gegenſeitig verſtehen. Trotz dieſer anſchei⸗ nenden Gleichheit der Gedanken und des Vertrau⸗ ens, war doch Miene und Haltung je nach dem perſoͤnlichen Charakter und Stande verſchieden. Das Auge des Grafen blickte entſchloſſener, und ſprach deutlicher als das des Buͤrgermeiſters, deſſen Laͤ⸗ cheln mehr ein ſchwacher Widerſchein des einladen⸗ den Ausdruckes des vorigen, als die Wirkung in⸗ neren Antriebes zu ſein ſchien. „Haſt Du von meinem Sieg in der vergange⸗ nen Nacht gehoͤrt?« fragte der Graf ihn ploͤtlich. „Ich bin durch keine Nachricht der Art erfreut worden, allein mein Herz duͤrſtet, Alles zu erfahren, was Eure hohen Intereſſen betrifft.« „Dieſe meßplaͤrrenden Schurken ſind um ihren Weintribut gekommen! Deſſen wenigſtens waͤren ſie auf geſetzliche Weiſe beraubt worden! Du haſt von unſerem lange beabſichtigten Wettkampf gehoͤrt. Ich war Willens, Dich zu bitten, mich bei dem 3* 36 Bankette zu unterſtuͤteen, allein dieſe Muͤßiggaͤnger hatten meiner Gaſtfreiheit Zuͤgel angelegt. Du waͤreſt ein gewaltiger Gehuͤlfe bei dieſem Kampfe geweſen, Heinrich!« „Ich danke dem Herrn Grafen, und nehme die Gunſt ſo an, als waͤre ſie mir wirklich erwieſen worden. Ich bin bei Tiſche nicht ſchlechter als ein Anderer, und darf mich ruͤhmen, etwas Wein ver⸗ tragen zu koͤnnen; allein die ernſten Zeiten mahnen uns obrigkeitliche Perſonen zur Klugheit. Es iſt im Volke der Wunſch entſtanden, gewiſſer unver⸗ nuͤnftiger Freiheiten theilhaftig zu werden, als da ſind, ihre Waaren auf dem Marktplatze zu unan⸗ gemeſſenen Stunden zu verkaufen, und andere mehr. Dagegen muͤſſen wir feſten Stand halten, ſonſt wuͤrde mit der Zeit unſere obrigkeitliche Gewalt uͤberhaupt angegriffen werden, und eine allgemeine Verwirrung entſtehen. Wenn wir einem ſo aus⸗ ſchweifenden Begehren nachgeben wollten, ſo wuͤrde unſere ordnungsliebende und achtbare Stadt Duͤrk⸗ heim gar bald jenen Huͤtten in dem fernen Lande gleichen, das man Amerika nennt, und wovon in neueren Zeiten ſo viel geſprochen und geſchrieben worden iſt. Wir muͤſſen daher ein gutes Beiſpiel geben, denn wir haben geſchaͤftige Feinde, welche —/2— Alles zuͤm Schlimmſten auslegen. Zu jeder ande⸗ ren Zeit wuͤrde ich das Heidelberger Faß Euch zu Ehren ausgeleert haben, Herr Graf.“ „Hier waͤreſt Du unbeobachtet geweſen, denn bei den drei heiligen Koͤnigen von Koͤln, wie wuͤrde ich den ſpaͤhenden Schurken belehren, der es wagen wollte, neugierige Blicke in dieſe Mauern zu wer⸗ fen! In jedem Falle iſt Deine Klugheit preiswuͤr⸗ dig, denn ich glaube ſo wie Du, daß dies ſchwere Zeiten fuͤr jeden Freund der beſtehenden Ordnung und des Friedens des Menſchengeſchlechtes ſind. Was wollen die Schelme, indem ſie Dein Anſehen zu ſchmaͤlern ſuchen? Haben ſie nicht Nahrung und Kleidung? Beſitzen ſie nicht Rechte und Frei⸗ heiten? Die gierigen Schurken wuͤrden, wenn man ihnen nachgeben moͤchte, bald die Vornehmen um jeden koͤſtlichen Biſſen, den ſie in den Mund ſtecken, und um jeden Tropfen edlen Rheinweines, der ihre Lippen benetzt, beneiden!⸗ „Ich fuͤrchte, hochgeborner Emich, daß dieſe Gier ihrer gemeinen Natur angeboren iſt. Ich ha⸗ be nur ſelten einige Nachgiebigkeit gegen ihre Bit⸗ ten gezeigt,— wie dem Wunſche, die Zeit ihrer Luſtbarkeiten auszudehnen, oder dem Verlangen we⸗ gen des Marktplatzes,— damit ſie nicht verleitet wuͤrden, immer mehr und mehr zu fordern. Wer ruhig regieren will, der muß kraͤftig regieren, ſonſt wuͤrden wir Alle unvernuͤnftige Wilde werden, und beſſer fuͤr die Waͤlder von Indien, als fuͤr unſere jetzige preiswuͤrdige Civiliſation paſſen.⸗ »Nie ſind auf einem Rathhauſe trefflichere Wor⸗ te geſprochen worden, und wohl kenne ich das Haupt, das ſie ausgedacht hat. Waͤre es nothwen⸗ dig geweſen, Dich zum Bankette einzuladen, ſo wuͤr⸗ de dieſe Entſchuldigung genuͤgt haben, und ſollte ich auch dadurch um die ganzen Weingaͤrten gekommen ſein. Aber was denkſt Du, Freund Heinrich, von dieſen Prieſtern, und von der kriegeriſchen Genoſ⸗ ſenſchaft, die ſie im Kloſter haben?« »Es iſt offenbar, daß Herzog Friedrich ſie noch immer unterſtuͤtzt, und um dem Herrn Grafen mei⸗ ne Meinung frei zu geſtehen, ſo haben dieſe Kriegs⸗ leute das Anſehen von Maͤnnern, welche den Berg nicht ohne harten Kampf verlaſſen werden.« »Glaubſt Du, Buͤrgermeiſter? Es waͤre wahr⸗ lich Schade, wenn Maͤnner von erprobtem Muth einander die Koͤpfe wegen dieſer geſchorenen Bene⸗ dictiner einſchlagen ſollten. Was können ſie zur Rechtfertigung der verwegenen Anſpruͤche vorbrin⸗ —,, di ) 0) 2 1Ä 39 gen, womit ſie mich, einen Neichsunmittelbaren, und die gute Stadt Duͤrkheim belaͤſtigen?« „Sie legen großes Gewicht, Herr Graf, auf die Kraft alten Herkommens, und auf den geheilig⸗ ten Urſprung ihres Berufes.« „So viel Achtung als Du willſt fuͤr Rechte, die durch die Zeit geheiligt ſind, denn daher ſtam⸗ men meine eigenen und die meiſten Privilegien Deiner Stadt! Hier jedoch handelt es ſich um Mißbrauch, und ich halte es fuͤr unwuͤrdig, Unrecht zu dulden, wenn man ſich Recht verſchaffen kann? Draͤngen die Moͤnche die Stadt noch immer wegen Abgaben?« „Mit beleidigender Unverſchaͤmtheit. Wenn dies nicht bald aufhoͤrt, ſo werden wir in offene Zwie⸗ tracht gerathen.⸗ „Ich wollte einen ganzen Winter nicht jagen, wenn Friedrich von ſeinen Feinden noch mehr ge⸗ draͤngt wuͤrde!“ rief der Graf aus, indem er aber⸗ mals die Hand auf die Knie des Buͤrgermeiſters legte, und ihm ſcharf in das Antlitz ſah.»Ich meine ſo, daß er ſich ſeinen wahrhaften Freunden in die Arme werfen muͤßte.⸗ Heinrich Frey ſchwieg. „Der Kurfuͤrſt iſt ein milder und guͤtiger Herr, aͤßt ſich aber zu ſehr von Rom beherrſchen. Ich glaube, daß wir, trotz unſerer Langmuth, nie eine ruhige Nachbarſchaft haben werden, bevor nicht die Kirche ſich herbeilaͤßt, ihre Macht auf ihr Recht zu beſchraͤnken.⸗ Der Buͤrgermeiſter ſenkte ſein Auge wie zum Nachdenken. »Und hauptſaͤchlich ſollte es mich ſchmerzen, wenn meine guten und geliebten Duͤrkheimer dieſe Gelegenheit, ſich Recht zu verſchaffen, nicht benutzen wuͤrden«, fuhr er fort, indem er das Knie, das er noch immer gefaßt hielt, ſo druͤckte, daß es ſelbſt den ſtaͤmmigen Buͤrger ſchmerzte.»Was ſpricht man auf Eurem Rathhauſe in Betreff dieſer An⸗ gelegenheit?⸗ Nun hatte der Buͤrgermeiſter keine Entſchuldi⸗ gung mehr, laͤnger zu ſchweigen. Er ſchickte ſich zur Antwort durch ein heftiges Arbeiten der Mus⸗ keln ſeines Mundes an, gleich als braͤchte er ſeine Meinung nur unter Qual vor. »Bei uns ſprechen die Leute, hochgeborner Graf, je nachdem Herzog Friedrich im Kriege eben gluͤck⸗ lich oder ungluͤcklich iſt. Wenn wir gute Nachrich⸗ ten von der anderen Seite des Stromes bekommen, dann geht es den Moͤnchen in unſeren Geſpraͤchen ———-—,——,— G— ʃeee 41 ſchlimm; ſo oft aber die Krieger des Kurfuͤrſten ſie⸗ gen, halten wir fuͤr gerathen, zu bedenken, daß ſie Freunde haben.« „Beim ewigen Gott! Herr Heinrich, es iſt Zeit, daß Ihr endlich zu einem feſten Entſchluſſe kommt, ſonſt werden wir bis an das Ende unſerer Tage von dieſen herrſchſuͤchtigen Prieſtern gepeinigt werden. Haſt Du an ihren gierigen Erpreſſungen noch immer nicht genug, daß Du geduldig auf noch mehr harreſt?« „In dieſem Punkte genuͤgt ein Weniges. Es giebt zwiſchen Conſtanz und Leyden keine Stadt, die williger zahlt, als unſer Duͤrkheim; allein wir ſind Gatten und Vaͤter, Herr Graf, und Maͤnner die eine ſchwere Laſt tragen, und muͤſſen uns wohl vorſehen, auf daß nicht, wenn wir einen Theil der⸗ ſelben hinweg geworfen haben, unſere Schultern breit genug erfunden werden, um eine noch ſchwe⸗ rere darauf zu legen. So oft ich von Eurer hohen Liebe fuͤr die Stadt ſpreche, giebt es Zungen, die mich barſch um die Fruͤchte Eurer wohlwollenden Geſinnungen fuͤr uns fragen.« »Da kann es Dir unmoͤglich an Antwort feh⸗ len. Wie oft habe ich nicht mit Dir uͤber meine Wuͤnſche zu Gunſten der Stadt geſprochen!⸗ „»Wenn Wuͤnſche unſere Intereſſen befoͤrdern koͤnnten, ſo wuͤrden die Bewohner unſerer Stadt Urſache haben, ſehr zufrieden zu ſein. Was unſere eigenen Wuͤnſche fuͤr unſer Wohl betrifft, geben wir ſelbſt Antwerpen nichts nach.« »Du giebſt meinen Worten eine liebloſe Deu⸗ tung; was Emich ſeinen Freunden wuͤnſcht, das vermag er auch zu gewaͤhren. Doch wir wollen uns, da wir bald zum Mahle gehen werden, die Eßluſt nicht durch ſolche Auseinanderſetzungen ver⸗ derben—« „Ich bitte, Herr Graf—« »Du mußt mir nun einmal nachgeben. Was! Iſt der Graf von Leiningen nicht Herr in ſeinem eigenen Schloſſe? Ich will kein Wort weiter an⸗ hoͤren, bevor Du von meiner geringen Gaſtfreiheit Gebrauch gemacht haſt. Haben meine Burſche Dir, wie ich es geſtern befahl, den feiſten Rehbock, den ich ſelbſt erlegte, uͤberbracht?«⸗ »Tauſend Dank, Herr Graf! Sie brachten ihn, und mit freudigem Herzen. Ich gab den Burſchen einen Silberpfennig fuͤr ihre Muͤhe, und ließ ſie den Staub des Jaͤgerthals durch Wein aus der Ebene hinunterwaſchen.« „So war es recht. Zwiſchen Freunden«, ſagte -— ₰ D. 22 43 Emich, indem er aufſtand,»darf kein geiziger Vor⸗ enthalt von Gefaͤlligkeiten herrſchen. Haſt Du ſchon daran gedacht, Buͤrgermeiſter, Dir unter den Juͤnglingen von Duͤrkheim einen Sohn als kuͤnf⸗ tige Stuͤtze Deines Alters auszuſuchen? Meta hat die Jahre erreicht, wenn die Maͤdchen Weiber zu werden wuͤnſchen.⸗ „Die Dirne iſt ſich ihres Alters gar wohl be⸗ wußt, und ich habe bereits mit vaͤterlicher Sorgfalt daran gedacht, ihr einen paſſenden Gemahl zu ſu⸗ chen, allein die jetzigen jungen Leute ſind nicht mehr, was die Juͤnglinge zu unſerer Zeit waren.⸗ „Zu ſehr von den Prieſtern beherrſcht,— zu viel von Rom in unſeren Satzungen und Gewohn⸗ heiten. Beim lebendigen Gott! Als ich zum erſten Male ein Roß in dem Hofe unten beſtieg, haͤtte ich koͤnnen uͤber die Thuͤrme der Abtei ſpringen, wenn ein Benedictiner an meiner Kraft dazu ge⸗ zweifelt haͤtte!« „Das waͤre kaum ein kleineres Wunder geweſen, als der Bau ihres Kloſters«, antwortete Heinrich lachend, und ſich aus Ehrfurcht gegen den Grafen, welcher ſtand, von ſeinem Sitze erhebend.»Dieſe Benedietiner haben ihren Vortheil nicht recht in Acht genommen, ſonſt wuͤrden ſie den Glauben an 44 jenes Wunder ſo von allen Zweifeln rein erhalten haben, wie dies zur Zeit unſerer Jugend der Fall war, Herr Graf!« »Und was ſpricht man jetzt in Duͤrkheim von demſelben?« »Die Leute reden daruͤber gerade ſo, wie uͤber andere ſtreitige Gegenſtaͤnde. Seit des Laͤrmens, den dieſer Luther erhoben hat, giebt es Viele, welche nicht nur daran, ſondern an gar vielen anderen Wundern der Abtei zweifeln.⸗ Der Graf bekreuzte ſich unwillkuͤhrlich, und ſchien in duͤſtere Gedanken uͤber dieſen Gegenſtand zu verſinken. Dann blickte er ſeinen Gefaͤhrten an, und wurde gewahr, daß derſelbe ſtand. „Um Gott, wuͤrdiger Buͤrgermeiſter, meine Un⸗ achtſamkeit hat Dir dieſe Muͤhe verurſacht. Meine Fuͤße hingen ſeit einiger Zeit ſo viel in den Steig⸗ buͤgeln, daß ſie noͤthig haben, ſich wieder etwas zu ſtrecken, aber das darf Dir keine Unbequemlichkeit verurſachen. Ich bitte Dich, Herr Frey, ſetze Dich.⸗ „Das wuͤrde ſich fuͤr mich in Eurer Gegenwart ſchlecht geziemen, hochgeborner Herr Graf, und wuͤrde Euch eine geringe Meinung von meiner Ehr⸗ furcht einfloͤßen.⸗ »Sprich nicht davon. Nimm ohne Verzug — —ͤ——— ⸗ n 2 Deinen Sitz wieder ein, Herr Heinrich, ſonſt moͤch⸗ te es ſcheinen, als ſchaͤtzte ich Dich nicht nach Ver⸗ dienſt.⸗ „Ich bitte den Herrn Grafen,— wenn es nun ſchon einmal Euer geehrter Wille iſt— ich erroͤ⸗ the uͤber meine eigene Verwegenheit— wenn ich nachgebe, ſo geſchieht es nur aus tiefer Ehrfurcht gegen Euren Willen!« Waͤhrend dieſes Hoͤflichkeitsſtreites gelang es dem Grafen, den Buͤrgermeiſter endlich zum Niederſitzen zu noͤthigen. Heinrich hatte mit einer Art maͤd⸗ chenhafter Sproͤdigkeit nachgegeben; als er aber ge⸗ wahr wurde, daß er ſich, ſtatt auf ſeinen niedrigen Stuhl, in den Armſeſſel des Grafen niedergelaſſen habe, ſprang er ploͤtzlich auf, als ob das Lederkiſſen eine hinreichende electriſche Kraft beſaͤße, um der nichtleitenden Eigenſchaft des weiten, wollenen Ge⸗ wandes, in welches ſein unterer Leib gehuͤllt war, Trotz zu bieten. „Gott bewahre!« ſchrie der Buͤrgermeiſter wie beſeſſen:»das ganze heilige roͤmiſche Reich wuͤrde Zeter gegen meine Verwegenheit ſchreien, wenn ſie bekannt wuͤrde! Ich bin es meinem Rufe ſchuldig, mir eine Ehre zu verſagen, die ich ſo wenig ver⸗ diene!⸗ 46 „Und ich meinem Anſehen, meinen Willen durch⸗ zuſetzen, und Deine Verdienſte zu ehren.« Hier begann abermals von Seite des Grafen die Anwendung freundſchaftlicher Gewalt, und von Seite Heinrichs Frey hoͤfiſche Koketterie, bis dieſer endlich, aus Furcht jenen durch laͤngeren Wider⸗ ſtand zu beleidigen, nachgab. Er proteſtirte jedoch bis zum letzten Augenblick gegen dieſe ſeine Verwe⸗ genheit, und gegen die Verletzung der Rechte des Burgherrn, die ſich dieſer durch ſeinen eigenen Be⸗ fehl zufuͤge. Ein ausgezeichneter engliſcher Redner hat einſt die Ehrentitel und Orden, welche die europaͤiſchen Regierungen austheilen, eine»wohlfeile Vertheidi⸗ gung der Nation« genannt. Dieſer Ausſpruch iſt eine jener tauſend kuͤhnen Taͤuſchungen, welche man ſich erlaubt, um beſtehende Intereſſen aufrecht zu erhalten, ohne ſich um deren eigenthuͤmliche Wir⸗ kung oder Gerechtigkeit zu kuͤmmern. Gleich dem unſterblichen Falſtaff, der nicht nur ſelbſt witzig, ſondern auch Veranlaſſung des Witzes Anderer war, iſt dieſe»wohlfeile Vertheidigung« der Urſprung einer Menge viel koſtender Gewohnheiten, welche demjenigen, der die Wuͤrde traͤgt, wenig laͤßt, um ſich ihrer zu freuen. Wir empfehlen allen einaͤu⸗ —.— 47 gigen Oekonomiſten, welche noch immer auf den wohlbekannten Satz des engliſchen Redners ſchwoͤ⸗ ren, einen gewiſſen Brief, der einſt im Zuſchauer ſtand. Ein Juͤngling aus der Stadt erzaͤhlt darin die Art, wie er ſein zuruͤckhaltendes Benehmen ge⸗ gen ſeine ſchoͤnen Couſinen vom Lande rechtfertigte. Er erinnerte ſie naͤmlich an die Berechnung jener Perſon, welche ſich des Genuſſes von Kaͤſekuchen enthielt, weil dies ſo viele andere unnoͤthige Aus⸗ gaben veranlaſſe. Ehrenbezeugungen, wie die, auf welche wir oben angeſpielt haben, moͤgen aber einen Theil der Oe⸗ konomie der Nationen bilden oder nicht, ſo iſt doch unleugbar, daß Schmeichelei, ſo wie ſie Emich ge⸗ gen den Buͤrgermeiſter anwendete, eines der feinſten und maͤchtigſten Mittel der Großen iſt, um ihre geheimen Zwecke zu erreichen. Es giebt nur wenige, leider ſehr wenige Menſchen, deren Verſtand ſo licht, deren Ehrgeiz ſo edel iſt, daß ſie uͤber die en⸗ gen und gemeinen Grenzen menſchlicher Selbſtſucht hinausblicken, und die Wahrheit betrachten, wie ſie von Gott kommt, ohne Nuͤckſicht auf Menſchen und Dinge, außer in ſo ferne ſie die Werkzeuge ſeines Willens ſind. Heinrich Frey machte wenig Anſpruͤche darauf, zu dieſer erleuchteten Menſchen⸗ 48 claſſe zu gehoͤren, denn wie er einmal in dem Arm⸗ ſtuhl des Grafen von Hartenburg ſaß, und der Edle neben ihm ſtand, ſo glichen ſeine Gefuͤhle de⸗ nen eines europaͤiſchen Philoſophen, wenn er zum erſten Male ein Ordensband in ſein Knopfloch ſteckt, oder eines amerikaniſchen Handwerkers, wenn er zum Mitgliede des Gemeinderathes ſeines Ortes erwaͤhlt wird. Dennoch bedauerte er im Innern lebhaft, daß Niemand vorhanden waͤre, um Zeuge ſeines Triumphes zu ſein, und ihn dadurch voll⸗ ſtaͤndig zu machen. Gerade als dieſes rebelliſche Gefuͤhl in ſeiner Bruſt erwachte, erſchien jenes We⸗ ſen, das er am liebſten von allen auf der Erde ge⸗ waͤhlt haben wuͤrde, um ihn im Genuſſe dieſer ho⸗ hen Ehre zu ſehen. Ein leiſes Klopfen an der Thuͤre kuͤndete deſſen Gegenwart an, und nachdem die gebieteriſche Stimme Emich's Einlaß gewaͤhrt hatte, zeigte ſich die ſanfte Ulrike auf der Schwelle. Erſtaunen malte ſich in allen Zuͤgen der ſchoͤnen Gattin des Buͤrgermeiſters. Ihr Gemahl hatte ſeine Fuͤße gekreuzt, und pflegte ſeiner Bequemlichkeit mit einer Art edler Gleichguͤltigkeit, als ſie durch ihre Ankunft ſein Herz erfreute. Die Anſichten der Deutſchen in Bezug auf die Ehrfurcht, die dem hoͤheren Rang gebuͤhrt, ſind ſo tief eingewurzelt 49 und maͤchtig, daß ſelbſt eine, vom Ehrgeize ſo we⸗ nig gequaͤlte Perſon wie Ulrike, kaum ihren Augen traute, als ſie Heinrich ſo ploͤtzlich zu einem Ehren⸗ ſitz in der Gegenwart eines Grafen von Leiningen erhoben ſah. „Tritt ohne Furcht ein, meine gute Ulrike«, ſagte Emich herablaſſend,»Dein wuͤrdiger Gemahl und ich beſprechen ſich in Freundſchaft, waͤhrend meine Diener ein geringes Mahl bereiten. Beſorge nicht, unſer Geſpraͤch zu ſtoͤren.« „Ich zaudere nur, weil ich Heinrich Frey mit dieſem Sitze beehrt ſehe, waͤhrend der Herr der Hartenburg wie ein Geringgeborner an ſeiner Seite ſteht.“ „Sprich davon nicht, erwiederte ihr Gemahl. „Du biſt meine geliebte Gattin, und in weiblichen Dingen wohl erfahren; aber in einer Angelegen⸗ heit zwiſchen dem Herrn Grafen und mir koͤnnteſt Du nur verderben, was Du nicht zu verbeſſern im Stande biſt.« „Bei dem Leben des Kaiſers! Herr Heinrich, Du laͤßt Ulrikens Einſicht nicht die gebuͤhrende Ge⸗ rechtigkeit widerfahren! Wenn meine Irmengard hier waͤre, dann ſollteſt du ſehen, daß wir Dein trautes Weib ſo ehren, wie wir Dich ſchaͤtzen. Es Heidenmauer. II. 4 50 ſcheint, wir thaͤten beſſer, Ulrike um die Urſache ihres Beſuches zu fragen, bevor wir ihr Benehmen ſchulmeiſtern.⸗ Obſchon rauh und ungebildet in marchen Din⸗ gen, die jetzt auch bei einem Manne von geringer Erziehung fuͤr weſentlich erachtet werden, beſaß Emich doch eine bemerkenswerthe Auffaſſungsgabe der Charaktere, und von der feineren Bildung, welche den hoͤheren Rang auszeichnet, gerade ſo viel, als jenes Zeitalter nur immer geſtattete. Der Graf von Hartenburg hatte hinreichende Ge⸗ legenheit gehabt, zu bemerken, wie ſehr dem Buͤr⸗ germeiſter ſeine Gattin an Verſtand uͤberlegen ſei; auch beſaß er Einſicht genug, um zu fuͤhlen, wie ſehr es der Erreichung ſeiner beſonderen Plaͤne foͤr⸗ derlich ſein wuͤrde, ſich einen ſolchen Bundesgenoſ⸗ ſen zu ſichern. In dieſer Abſicht hatte er den Ta⸗ del gegen Heinrich's gebieteriſches Weſen, und das Lob ſeiner Gattin gewagt, letzteres wahrſchein⸗ lich in der innigſten Ueberzeugung, daß die meiſten Maͤnner es gerne hoͤren, wenn man ihre Frauen, die ſo gaͤnzlich in ihrer Gewalt ſtehen, preist. „Da es Euer geehrter Wille iſt, Herr Graf, ſo moͤge das Weib eintreten!« erwiederte Heinrich, ohne jedoch den Sitz, der ſeiner Eigenliebe ſo ſehr 51 ſchmeichelte, zu verlaſſen.„Wenn ſie mich ſitzen ſieht, wo ich lieber knieen ſollte, ſo moͤge dies ihr beweiſen, daß Gott ihr einen Gatten gegeben hat, der ſich der Achtung der Welt, wie wenig er ſie auch verdient, erfreut. Tritt daher ohne Umſtaͤnde ein, weil der Herr Graf es gebietet, aber werde nicht ſtolz auf ſeine Herablaſſung gegen mich, da dieſe Gunſtbezeigung mehr ein Beweis ſeiner großen Liebe zu unſerer Stadt iſt, als auf uns ſelbſt Be⸗ zug hat.« „Ich wuͤnſchte, mich fuͤr jede Ehre, die der hoch⸗ geborene Graf uns entweder als Duͤrkheimern, oder als ſeinen unwuͤrdigen Nachbaren erzeigt hat, dank⸗ bar beweiſen zu koͤnnen, erwiederte Ulrike, die in⸗ zwiſchen von ihrem Erſtaunen zuruͤckgekommen, und mit der beſcheidenen Faſſung, die ſie charakteriſirte, bis in die Mitte des Gemaches vorgetreten war. „Wenn ich nicht ungelegen komme, ſo bitte ich Beide, mich in einer Angelegenheit anzuhoͤren, welche mein Mutterherz nahe angeht, und die, da ſie das Kind Heinrich Frey's betrifft, auch dem Herrn Grafen, wie ich mir ſchmeichle, nicht ganz gleich⸗ guͤltig ſein wird.« „Und wenn es mein eigenes Toͤchterchen Kuni⸗ gunde betraͤfe, ſo koͤnnte mir der Gegenſtand ntich 4* angenehmer ſein«, erwiederte Emich.»Sprich da⸗ her mit jener Offenheit, liebe Ulrike, mit welcher Du ſprechen wuͤrdeſt, wenn nur Dein Gemahl zu⸗ gegen waͤre.⸗ »Du hoͤrſt, Weib! der Herr Graf nimmt an unſerem haͤuslichen Wohl und Wehe Antheil, als waͤre er ein Bruder. Sprich daher offen, wenn auch nicht mit jener Vertraulichkeit, als waͤreſt Du in Deinem eigenen Hauſe.« »Da es eine Perſon, die ganz in der Naͤhe iſt, betrifft, ſo bitte ich, zuvor die Thuͤre ſchließen zu duͤrfen.⸗ Ulrikens Worte wurden durch eine haſtige Ge⸗ berde ihres Gemahls gebilligt, waͤhrend der Graf mit zarterer Ruͤckſicht die Thuͤre eigenhaͤndig ſchloß, und ſo die Frau gleichſam in den geheimen Rath aufnahm. Zwoͤlftes Capitel. Nachdem ſich Ulrike auf das Andringen des Grafen und gegen die Proteſtationen ihres Gemahls ruhig auf den Stuhl niedergelaſſen hatte, den ihr jener angeboten, ſchlug ſie ihre milden Augen — 2V Lr des hls ihr gen 53 auf, und blickte mit jenem Ausdruck ruͤhrender Bitte um ſich, der dem Weibe zu Gebote ſteht, wenn es ſich aufgerufen fuͤhlt, als der Rathgeber/ wenn nicht der Schutzengel desjenigen zu handeln, der nach dem Willen der Natur und des Geſetzes Beides ihr ſein ſoll. Trotz der Hartkoͤpfigkeit und Prahlerei Heinrichs hatten ſich im Verlaufe ihres ehelichen Lebens mehrere Gelegenheiten ergeben, welche in Beiden die ſtille Ueberzeugung hervorbrach⸗ ten, daß, was Urtheil und moraliſches Uebergewicht betraf, die gewoͤhnliche Ordnung der Dinge etwas verkehrt waͤre. Er ſtuͤtzte ſich, obſchon nicht mit beſonderer Anmuth, auf ſie bei Anlaͤſſen, wo er die Stuͤtze haͤtte ſein ſollen, und auch ſie ward zu⸗ weilen verlockt, uͤber die Pflichten ihres Geſchlechtes hinaus zu gehen, wiewohl dies ſtets mit dem le⸗ bendigſten Gefuͤhl fuͤr weibliche Schicklichkeit ge— ſchah. »Ich danke meinem Herrn dem Grafen, und Dir, Heinrich, fuͤr dieſe Willfaͤhrigkeit“, hob die beſorgte Matrone an,»denn es iſt nicht zu allen Zeiten fuͤr ein Weib raͤthlich, ſich ungerufen in die Geſellſchaft ihres Gemahls zu draͤngen.“ Der Buͤrgermeiſter druͤckte durch einen bedeut⸗ ſamen Ausruf, der eigentlich einen haͤrteren Namen 54 verdiente, ſeine Beiſtimmung waͤhrend der kurzen Pauſe aus, die auf die Entſchuldigungsrede Ulri⸗ ken's folgte. Der hoͤflichere Burgherr neigte ſich mit hinreichender Achtung, obgleich auch aus ſeinen Mienen hervorging, wie begierig er ſei, den eigent⸗ lichen Beweggrund dieſer Unterbrechung zu erfahren. „Wir ſind uͤber Deine Anweſenheit zu ſehr er⸗ freut, um uͤber die Rechte der Ehemaͤnner zu ſpre⸗ chen«, antwortete der Graf mit einer Freundlichkeit, die ihm unwillkuͤhrlich durch die einnehmenden Ei⸗ genſchaften der Frau, mit der er ſprach, abgenoͤthigt wurde.—»Komme zur Sache, denn Niemand kann bereitwilliger ſein, Dich anzuhoͤren.⸗ »Du hoͤrſt, gute Ulrike! der Herr Graf will ſich erinnern, daß Du die Gemahlin eines Buͤrgermei⸗ ſters biſt; und wir ſind, wie er zu ſagen geruht hat, in der That neugierig, die Urſache Deines unerwarteten Beſuches zu erfahren.« Die gedankenvolle Ulrike nahm dieſe Aufmun⸗ terung wie eine Perſon, welche gewohnt iſt, von ihrem Gemahl als ein an Verſtand und Kraft untergeordnetes Weſen behandelt zu werden, jedoch nicht ohne einen Anflug des Gefuͤhls unverdienter De⸗ muͤthigung hin. Laͤchelnd,— und wenige Frauen, ſelbſt in allem Reiz der Jugend, vermoͤchten ihrem ——+ 0+o ᷣ 55 r Antlitz einen ſuͤßeren Ausdruck zu geben, wenn ſich das ihrige in Freude oder Trauer zu einem Laͤcheln verklaͤrte;— laͤchelnd alſo, theils aus weiblicher Zartheit, theils aus Schwermuth, ging ſie zu dem Zwecke ihres Beſuches mit großer Zuruͤckhaltung und mit der Vorſicht einer Frau uͤber, die mehr zu uͤberreden, als zu beherrſchen gewohnt iſt. „Fuͤr die große Guͤte des Herrn Grafen fuͤr Heinrich Frey und alle die Seinigen kann Nie⸗ mand dankbarer ſein, als ich«, ſagte ſie;»wenn ich es daher jetzt wage, ihn mit den Angelegenheiten einer Familie zu belaͤſtigen, welcher er ſchon ſo viele Gnade erzeigt hat⸗— „Freundſchaft, gute Ulrike!« „Freundſchaft alſo,— da der edle Graf mir erlaubt, dieſes Wort zu gebrauchen— wenn ich daher die Grenzen der Schicklichkeit etwas uͤber⸗ ſchreite, indem ich Euch mit einer Angelegenheit beſchwerlich falle, die Euren eigenen Intereſſen ſo fern ſteht, ſo hoffe ich, Ihr werdet der Zaͤrtlichkeit einer Mutter, und Eurer hochgebornen Irmen⸗ gard gedenken, deren Fuͤrſorge fuͤr ihre Kinder die⸗ jenige entſchuldigen moͤge, welche ich fuͤr mein ei⸗ genes trage.“ 56 »Iſt der bluͤhenden Meta irgend ein Leid wi⸗ derfahren?« »Herr meines Lebens!« rief Heinrich beſtuͤrzt aus, indem er von ſeinem hochbelobten Sitz in vaͤ⸗ terlicher Angſt auffuhr.»Haben die allzufetten Rheinaale dem Maͤdchen geſchadet? Oder ſingen dieſe verfluchten Moͤnche mit ihren Meſſen ſie zu Tode?« »Unſer Kind befindet ſich leiblich wohl, und, der heiligen Jungfrau ſei es gedankt! ſie iſt auch im Herzen rein und unſchuldig«, erwiederte Ulrike. »In dieſem Betreff habe ich nur Urſache den Him⸗ mel zu preiſen;— allein ſie hat das Alter erreicht, wo maͤdchenhafte Phantaſieen ſich regen, und wo das jedem Eindruck offene weibliche Gemuͤth nach anderen Gefuͤhlen verlangt, als diejenigen ſind, welche ihre natuͤrlichen Beſchuͤtzer ihr einfloͤßen.⸗ „»Dies iſt wieder einmal eine Deiner Seltſam⸗ keiten, gutes Weib. Du fuͤhrſt eine Sprache, die außer Dir ſelbſt Niemand verſtehen kann. Der edle Graf hat keine Zeit, Deine Naͤthſel zu ent⸗ wirren. Wenn das Maͤdchen, wie ich anfangs fuͤrchtete, zuviel von dem koͤſtlichen Gerichte, wel⸗ ches uns der wackere Buͤrgermeiſter von Mannheim geſendet hat, genoſſen haͤtte, dann wuͤrde man ohne i⸗ 57 Zweifel in der Hartenburg fuͤr ſie Heilmittel ge⸗ funden haben: allein Du verlangſt zu viel, mein Weib, wenn irgend ein Anderer, als Dein Mann, ſich in die Subtilitaͤten, die zuweilen in Deiner Einbildung aufſteigen, finden ſoll.« „Nein, Herr Heinrich, hier mag etwas Wich⸗ tigeres zum Grunde liegen, als Du vermutheſt. Deine Gattin iſt keine Frau, deren Meinungen und Anſichten gering geachtet werden duͤrfen. Willſt Du fortfahren, gute Ulrike?« „Unſer Kind hat jene Epoche im Leben erreicht«, ſprach die Mutter, welche an die Manier ihres Gatten zu ſehr gewoͤhnt war, um ſich dadurch von ih⸗ rer Hauptabſicht ablenken zu laſſen,—»wo die jun⸗ gen Leute jedes Schlages an die Zukunft zu denken beginnen. Es iſt dies ein Trieb, den Gott ihnen eingepflanzt hat, Herr Emich, und darum muß er gut ſein. Wir Aeltern, die wir die Kindheit unſerer Nachkommen mit ſo viel Angſt bewacht, ihre Jugend mit ſo viel Sorgfalt behuͤtet, und ſo oft fuͤr ihr reiferes Alter gebebt haben, muͤſſen uns fruͤher oder ſpaͤter darin ergeben, uns von unſerem zwei⸗ ten Selbſt zu trennen, damit die Zwecke der Schoͤpfung in Erfuͤllung gehen.⸗ »Ei!« rief Heinrich aus. „Nein, theure Ulrike«, ſprach der Graf,»Deine muͤtterliche Liebe hat dieſes Gemaͤlde mit duͤſtereren Farben, als nothwendig, entworfen. Wenn die Zeit zur Ehe kommt, ſo braucht, beim lebendigen Gott! die Tochter des wackeren Heinrich Frey die Maͤdchenhaube nicht laͤnger zu tragen, als nothwen⸗ dig iſt, um die Gebraͤuche, welche die Kirche vor⸗ ſchreibt, zu erfuͤllen. Es giebt Juͤnglinge ohne Zahl, die von dem Hauſe Leiningen auf Befoͤrde⸗ rung hoffen, und jeder wuͤrde ſich gluͤcklich ſchaͤtzen, das Maͤdchen, das ich ihm vorſchlage, zum Weibe zu nehmen. Da iſt der junge Friedrich Zanzinger, der Sohn meines verſtorbenen Vogtes in meinen Doͤrfern in der Ebene; gerne wuͤrde mir der Bur⸗ ſche einen ſchwereren Dienſt erweiſen, um meine Liebe zu gewinnen.« „Als der alte Friedrich ſtarb, ließ er den Kna⸗ ben nicht nur vaterlos, ſondern auch geldlos«, er⸗ wiederte der Buͤrgermeiſter trocken. „Das iſt ein Fehler, der ſich allenfalls verbeſſern ließe, allein ich kann Dir Andere nennen. Was ſagſt Du zu dem aͤlteſten Sohn meines Anwaltes in Heidelberg, des wuͤrdigen Conrad Walther?« „»Der Henker hole den Schurken; ich haſſe ihn aus dem tiefſten Herzensgrunde!« „ 9 0 „Du ereiferſt Dich ſehr gegen einen Mann, der mein Vertrauen und Wohlwollen beſitzt.« „Verzeiht, Herr Graf, allein ein ploͤtzliches Auf⸗ ſteigen der Galle bei Erwaͤhnung des Namens des Burſchen gewann die Oberhand uͤber meine Ehr⸗ furcht«, erwiederte der Buͤrgermeiſter mit groͤßerer Maͤßigung, und ließ ſich durch den finſteren Ernſt auf Emich's Stirne zu weitlaͤuftigeren Erklaͤrun⸗ gen beſtimmen, als er ſonſt gegeben haͤtte.»Der hochgeborne Graf kennt vielleicht die Veranlaſſung zu unſerem Streite nicht.« „Nein, ich verlange nicht, den Richter zwiſchen meinen Freunden zu machen—« „Geruht nur, mich anzuhoͤren, Herr Graf, dann moͤgt Ihr ſelbſt entſcheiden. Es iſt Euch wohlbekannt, daß im verfloſſenen Jahre der Rhein große Verheerungen anrichtete, und daß fuͤr die zu Schaden Gekommenen die chriſtliche Mildthaͤtigkeit durch Sammlungen in Anſpruch genommen wurde. Unter Anderen wurde auch unſere Stadt aufgefor⸗ dert, und da es eine ſchwere Heimſuchung Gottes war, ſo gaben wir reichlich, Jeder nach ſeinen Mitteln. Um jedem unrechten Gebrauche des Geldes zuvor zu kommen, wurde bei allen groͤßeren Gaben der Schein des Gebers dem Silber vorge⸗ ——— 60 zogen; ich ſtellte einen auf zwoͤlf Kronen aus, als eine geringe, meinen Mitteln angemeſſene Gabe. Nun begab es ſich aber, Herr Graf, daß Diejeni⸗ gen, welche mit Vertheilung des Geldes beauftragt waren, daſſelbe fruͤher brauchten, als die Scheine faͤllig waren. Sie ſandten daher Agenten zu uns, und ließen ſich in Unterhandlungen ein. Geld war in dieſem Augenblicke ſelten, und da ich bei Ein⸗ loͤſung meines Scheines auf mein Intereſſe ge⸗ buͤhrende Ruͤckſicht nahm, ſo wollte mich der miß⸗ guͤnſtige Conrad wie einen Dieb nach Heidelberg ſchleppen, um die Strafe eines Wucherers zu erlei⸗ den. Sein Sohn ſoll mich daher niemals Vater nennen, mit Eurer gnaͤdigen Erlaubniß, hochgebor⸗ ner Graf von Leiningen!« „Das iſt unſtreitig ein kleines Hinderniß; allein wenn es auch mit dem jungen Conrad nicht geht, ſo weiß ich doch noch Andere, welche dieſes Vor⸗ zuges wuͤrdig ſind. Beruhige daher Dein muͤtter⸗ liches Herz, gute Ulrike, und vertraue meiner thaͤ⸗ tigen Freundſchaft in Betreff der Verheirathung Deiner Tochter.« Die Frau des Buͤrgermeiſters hatte waͤhrend dieſes charakteriſtiſchen Geſpraͤches aufmerkſam und geduldig zugehoͤrt. Da ſie in den Anſichten ihrer Zeit aufgezogen worden war, ſo fuͤhlte ſie vielleicht nicht Alles, was eine Mutter und Frau von glei⸗ cher angeborner Empfindlichkeit bei dieſer offenba⸗ ren Entwuͤrdigung ihres Geſchlechtes gelitten ha⸗ ben wuͤrde; allein da die Geſetze der Natur ſtets dieſelben ſind, entging ſie doch dem ſchmerzlichen Eindrucke nicht, den es auf ſie machte, als ſie hoͤr⸗ te, wie ſchnell man aͤber das kuͤnftige Schickſal ei⸗ nes Weſens entſcheiden wollte, deſſen Gluͤck die Hauptſorge ihres Lebens war. Mit bewegterer Stimme als bisher fuhr ſie fort: „Ich danke Euch wiederholt, Herr Graf, fuͤr alle dieſe Sorgfalt fuͤr mich und die Meinigen, al⸗ lein es giebt eine Macht, die auf die Jugend einen groͤßeren Einfluß ausuͤbt, als der Rath der Erfah⸗ renen und die Wuͤnſche ihrer Freunde. Die Ab⸗ ſicht meines zudringlichen Erſcheinens bei dieſer ge⸗ heimen Unterredung war keine andere, als kund zu thun, daß Meta der Stimme ihrer Sympathie mehr gefolgt iſt, als dem Herkommen ihres Standes, und fuͤr ſich ſelbſt gewaͤhlt hat.« Der Graf und Heinrich Frey ſtarrten die Spre⸗ chende in ſtummem Erſtaunen an, denn keiner von Beiden begriff, was ſie eigentlich meinte. Ulrike ſelbſt, nachdem ſie eine ihrer Abſichten erreicht, und 62 dieſe laͤngſt gefuͤrchtete Erklaͤrung in Gegenwart ei⸗ ſo ner Perſon, die den Zorn ihres Gemahls im Zaume Da zu halten im Stande war, gemacht hatte, blieb gen ſchweigend ſitzen, und bebte innerlich vor den Folgen. ohn »Willſt Du uns auseinanderſetzen, was Deine dad wuͤrdige Gattin meint, Herr Heinrich?« fragte der ſchl Graf den Buͤrgermeiſter. „»Zum Henker! Ihr verlangt von mir einen vor Dienſt, Herr Graf, der ſich beſſer fuͤr einen Bene⸗ the dictiner oder Schriftgelehrten ſchickt. Wenn Ulrike, wo die im Ganzen eine treffliche und gehorſame Lebens⸗ Ja gefaͤhrtin iſt, einmal auf den Stelzen ihrer Phan⸗ 4 taſie einherſchreitet, ſo vermeſſe ich mich nie, ihr ſie, auch nur bis an die Schuhſchnalle zu reichen. Geh! ſch Du haſt wohl geſprochen, Weib, und wuͤrdeſt beſſer wo thun, Dich zu unſerem Kinde zuruͤck zu begeben, lin damit nicht jener Ritter von Rhodus das Gift der Schmeichelei ihr in die Ohren traͤufle.« der »Bei der Ehre meines Hauſes! Ich will von tie dieſer Angelegenheit, wenn Deine ſchoͤne und tu⸗ au gendhafte Gattin es geſtattet, Herr Heinrich, mehr we erfahren. Willſt Du Dich deutlicher erklaͤren, Re Frau?« me Mag es nun eine Wirkung weiblichen Zartſin⸗ nes, oder von Jugend auf eingeſogener Lehren ſein, ſ 63 ſo geſteht eine tugendhafte Frau doch ſelten das Daſein des Gefuͤhles der Liebe, ſowohl in ihrer ei⸗ genen Bruſt, als in Perſonen, die ihr theuer ſind, ohne Schaam und ohne die Einſicht ein, daß ſie dadurch die Vortheile der Privilegien ihres Ge⸗ ſchlechtes einigermaßen aufgiebt. Daß Ulrike in dem gegenwaͤrtigen Momente von dieſem Gefuͤhle uͤbermeiſtert war, zeigte die Roͤ⸗ the, welche ihre Wangen uͤberzog, und die Art, womit ſie, trotz ihrer Selbſtbeherrſchung und ihrer Jahre, die Blicke Emichs vermied. »Ich wollte bloß ſagen, Herr Graf“, erwiederte ſie,»daß Meta, gleich Allen, welche jung und un⸗ ſchuldig ſind, ſich ein Bild der Vollkommenheit ent⸗ worfen, und dazu das Original in einem Juͤng⸗ linge aus dem Jaͤgerthal gefunden hat.« »Nun wird die Sache deutlicher«, erwiederte der Graf laͤchelnd, wie ein Mann, der kein allzu tiefes Intereſſe an dem Gegenſtande hat,»ſie iſt aufgeklaͤrt, wie es nur das Herz wuͤnſchen kann,— wenigſtens das Herz des Juͤnglings, von dem die Rede iſt. Was denkſt Du davon, Herr Buͤrger⸗ meiſter?« Die Faſſungskraft Heinrich Frey's konnte eine ſo offene Erklaͤrung unmoͤglich mißverſtehen, und 64 von dem Augenblicke an, da ſeine Frau zu ſprechen aufgehoͤrt hatte, ſtarrte er in ihr mildes, aber beſorg⸗ tes Antlitz mit weit aufgeriſſenen Augen und offe⸗ nem Munde, wie ein Mann, der ploͤtzlich eine un⸗ willkommene Nachricht von hoher Wichtigkeit er⸗ faͤhrt. » Herr Teufel!« rief Heinrich aus, indem er die letzten Worte des Grafen auffing, ohne die Un⸗ ehrerbietigkeit deſſen, was er that, zu bedenken— »ſprichſt Du von unſerem,— unſerem eigenen Kinde?« »Von keinem anderen. Gegen welches ſonſt hege ich eine ſolche Mutterliebe?— und um wel⸗ ches andere bin ich ſo tief beſorgt?« »Du meinſt alſo, daß Meta,— meine Tochter, Meta Frey, Neigung fuͤr den Sohn eines Weibes habe, mit Ausnahme der natuͤrlichen Ehrfurcht und Liebe zu ihrem Vater?— daß das Maͤdchen eitle, muͤßige Phantaſieen hege?« »Ich habe nichts geſagt, was Dich berechtigt, von Meta, meiner Tochter Meta, ſo zu denken«, erwiederte Ulrike mit weiblicher Wuͤrde.»Unſer Kind hat nicht mehr gethan, als daß ſie dem gehei⸗ men Zuge der Natur folgte. Indem ſie ihre Nei⸗ gung einem Juͤnglinge ſchenkte, den ſie oft geſehen, 65⁵ und lange kennt, hat ſie nur dem Verdienſte gehul⸗ digt, wie dies die Tugendhaften am erſten zu thun pflegen.⸗ „Geh, Ulrike! Du biſt eine treffliche Hausfrau, und ich achte und ſchaͤtze Dich hoch; aber dieſe Traͤumereien, denen Du zuweilen nachhaͤngſt, geben Dir den Schein, als waͤreſt Du minder verſtaͤndig, als Du es wirklich biſt. Entſchuldigt ſie, Herr Graf, denn obſchon ich ihr Gemahl und in Betreff ihrer Schwaͤchen vielleicht zu verwundbar bin, ſo muß ich doch ſagen, daß es in der ganzen Pfalz keine beſſere Hauswirthin, keine treuere Gattin, keine zaͤrtlichere Mutter giebt, als ſie.« »Das brauchſt Du mir nicht erſt zu varſicherne Niemand kennt den Werth Ulrikens beſſer, oder ſchaͤtzt ſie hoͤher als ich. Es ſcheint mir jedoch wuͤn⸗ ſchenswerth, dieſer Angelegenheit tiefer auf den Grund zu gehen; denn um aufrichtig gegen Dich zu ſein, Heinrich, ſo mag wohl hinter dieſer Eroͤff⸗ nung Deiner trefflichen Gattin mehr liegen, als es anfangs den Anſchein hatte. Unſere Meta hat die trefflichen Eigenſchaften eines unſerer wackeren Juͤnglinge fruͤher bemerkt, als ihr ſcharfſichtiger Vater, willſt Du wohl ſagen:— iſt es nicht ſo, Frau?« Heidenmauer. II. 6 66 »Ich wollte ſagen, daß das Herz meines Kin⸗ des ſo feſt vereint iſt mit dem Herzen eines Andern, daß ſie nur wenig Hoffnung auf Gluͤck hat, wenn eheliche Pflichten ſie zwingen ſollten, ſeiner zu ver⸗ geſſen.« „»So glaubſt Du alſo, gute Frau, daß die Gril⸗ len eines jungen Maͤdchens durch ihre ſpaͤteren Pflichten als Gattin und Mutter niemals bemei⸗ ſtert werden koͤnnen?— Daß eine Laune der Phan⸗ taſie ſtaͤrker iſt, als der Eid, der vor dem Altare ge⸗ leiſtet wird?« Obſchon die Augen ſowohl des Grafen als des Buͤrgermeiſters auf dem ſchoͤnen und ſprechenden Antlitz Ulrikens hafteten, ſo enthielt doch das be⸗ redte Buch der Natur, das vor ihnen aufgeſchlagen lag, fuͤr ſie nur leere Blaͤtter. Starke und drama⸗ tiſche Ausbruͤche des Gefuͤhls beduͤrfen ſelbſt fuͤr den Bloͤdſinnigſten keine Verdolmetſchung, allein es giebt nur Wenige, welche die geheimen Leiden und Gedanken einer tugendhaften, aber ungluͤcklich vermaͤhlten Frau begreifen. Nichts iſt wohl ſo ver⸗ ſtaͤndlich und alltaͤglich als eine launenhafte und ſelbſtiſch geſinnte Schoͤne. Zwar durchlaͤuft ſie ihre kleine Laufbahn ſcheinbar ſo abſchweifend, wie ein Comet, obſchon ihr Benehmen ſtets nach den un⸗ des das 67 trͤglichen Grundſaͤtzen der Eitelkeit und des Egois⸗ mus berechnet iſt; allein kein Geheimniß iſt gegen unziemliche und gemeine Neugierde hermetiſcher verſchloſſen, als die erhabenen Geſinnungen, welche eine leidende und ſchweigende Frau, die ſich der Wuͤrde ihres Geſchlechts bewußt iſt, aufrecht er⸗ halten. Wenn die Frau des Buͤrgermeiſters in ge⸗ waͤhlten Ausdruͤcken, verbunden mit einem, auf Effect berechneten Benehmen, das Mitgefuͤhl ih⸗ rer Zuhoͤrer in Anſpruch genommen haͤtte, ſo waͤ⸗ re ſie von ihnen verſtanden worden, gleichwie auch jeder Alletagsleſer weibliche Charaktere der Art begreift. Allein ſie ſaß ſchweigend, duldend, ein Bild der Sanftmuth da, und konnte daher von keinem von ihnen verſtanden werden. In ihrem Auge ſpruͤhte keine Entruͤſtung, denn ſie hatte laͤngſt gelernt, es geduldig zu ertragen, von ihrem Manne verkannt zu werden: kaum daß ſich ihre blaſſe Wange etwas verfaͤrbte, denn die ſchwere Laſt auf ihrem Herzen hielt den natuͤrlichen Gefuͤhlen des Stolzes und Aergers das Gleichgewicht. »Ich glaube, Herr Graf, ſagte ſie endlich, daß das Herz einer Jungfrau, wenn es einer Macht nachgiebt, welche die Natur vielleicht unwiderſtehlich 5* 68 gemacht hat, mindeſtens mit Zartheit behandelt zu werden verdient. Meta hat keine Grillen der Art, wovon Ihr geſprochen habt, und die Neigung, wel⸗ che ſie empfindet, obſchon in jenen glaͤnzenden Far⸗ ben prangend, deren ſich die Unerfahrenſten am haͤu⸗ figſten bedienen, iſt nur die natuͤrliche Folge des haͤufigen Umgangs und der trefflichen Eigenſchaften des jungen Mannes.⸗ „Das wird allerdings ſehr klar, Herr Emich«, ſagte Heinrich Frey mit Nachdruck,»und muß in naͤhere Ueberlegung gezogen werden. Willſt Du ſo gut ſein, und den Namen des Juͤnglings nennen, Ulrike?«* „Berthold Hintermayer!« „Berthold Teufelſtein!« erwiederte der Buͤrger⸗ meiſter lachend, obgleich er ſelbſt in der Art des Gelaͤchters die Beſorgniß verrieth, welche ihm die⸗ ſer Name einfloͤßte.»Ein Burſche, der keinen Hel⸗ ler beſitzt, iſt wahrlich ein trefflicher Gemahl fuͤr mein Kind!« Ulrikens mildes, blaues Auge ruhte auf ihrem Gemahl; ſie wandte es aber mit ſchnellem Zartſinn ab, damit er ja nicht ahne, daß ſie der Zeit gedenke, wo ihr eigener Vater in ihre Vermaͤhlung mit ei⸗ nem faſt eben ſo armen Juͤngling gewilligt hatte: t zu Art, wel⸗ Far⸗ haͤu⸗ des aften ich«, iß in du ſo anen, rger⸗ et des n die⸗ Hel⸗ ll fuͤr ihrem rtſinn denke, nit ei⸗ hatte: 69 bloß weil der Scharfblick der Aeltern in demſelben jene Eigenſchaften der Klugheit und gewinnbringen⸗ den Thaͤtigkeit entdeckte, welche er ſpaͤter ſo vollſtaͤn⸗ dig entwickelte. »Heinrich iſt nicht reich“, antwortete ſie,»aber er iſt wacker. Warum ſollte Meta's Herz in Trau⸗ er verſenkt werden, und vergebens nach der Liebe duͤrſten, die ihr bereits in vollem Maße zu Theil geworden iſt?« „Hoͤrt Ihr dies, Herr Emich? Mein Weib luͤf⸗ tet den Schleier des Geheimniſſes vor Euren ver⸗ ehrten Blicken mit einer Freiheit, daß ich Euch wahrlich um Verzeihung bitten muß.« „Berthold iſt ein Juͤngling, dem ich gewogen bin«, bemerkte der Graf ernſt. »In dieſem Falle werde ich von dem Burſchen durchaus nicht achtungslos ſprechen, denn er iſt ein braver Foͤrſter, und in ſeinem Dienſte ſehr geſchickt. Dennoch iſt er nur ein Foͤrſter, und zwar ein ſehr armer. Ich beabſichtigte nicht, die Dirne ſo bald ſchon zu vermaͤhlen, denn es ſchadet nichts, einige Zeit hindurch Maͤdchen zu bleiben, Herr Graf; weil ſie ſich aber dieſen Berthold in den Kopf geſetzt hat, ſo wird es gut ſein, dieſen Kopf unter die Haube, und dadurch auf beſſere Gedanken zu bringen.⸗ 70 »Das Mittel kann ſchlimm anſchlagen, Hein⸗ rich!« bemerkte Ulrike mit Milde, indem ſie ihr thraͤnenſchweres Auge auf die harten Zuͤge des Buͤr⸗ germeiſters heftete. »Ich kenne den Familiencharakter zu gut. Was bei der Mutter ſo trefflich angeſchlagen hat, wird auch der Tochter kein Leid zufuͤgen.« Seine Gattin ſchwieg. Emich von Hartenburg aber, der ihr Antlitz ſcharf beobachtet hatte, und be⸗ merkte, wie ſehr ſie ſich Gewalt anthat, um dieſen Schein von Gleichmuth zu bewahren, war durch ihr zartes und einnehmendes Benehmen lebhaft ge⸗ ruͤhrt worden. Er wandte ſich zu dem Buͤrgermei⸗ ſter, legte eine Hand auf ſeine Schulter, und ſprach— 4 »Herr Heinrich, Du haſt eine ſchoͤne und tu⸗ gendreiche Gemahlin; doch glaube ich, daß Du in mich kaum ein geringeres Vertrauen ſetzeſt, als in Dein Weib. Laß uns daher allein, ich moͤchte mit Ulrike uͤber dieſen Gegenſtand zu Rathe gehen, ohne daß Deine Anweſenheit auf ſie Einfluß hat.« „»Tauſend Dank fuͤr die Ehre, die Ihr mir und den Meinigen erweiſet, hochgeborner Graf. Was das Vertrauen betrifft, ſo wuͤrde ich ſie ſogar in der Abtei Limburg ein ganzes Jahr ohne Beſorg⸗ 71 niß laſſen, denn Niemand kennt Ulriken's Werth beſſer, obſchon ſie ſo ſchwer zu begreifen iſt, wenn ihre Phantaſie arbeitet. Kuͤſſe mich Frau, und mache dem Rathe des Grafen keine Unehre.⸗ Bei dieſen Worten druͤckte er einen derben Kuß auf die ſanfte Wange, welche Ulrike ihm willig hin⸗ hielt, und ließ ſein Weib mit dem Grafen allein, ohne an etwas Anderes zu denken, als an die Ehre, welche ihm ſelbſt dadurch erwieſen wurde. Wie ſehr er dieſelbe ſchaͤtzte, gab ſich hinreichend durch die Bereitwilligkeit kund, womit er Allen, die es hoͤ⸗ ren wollten, erzaͤhlte, daß Ulrike mit dem Grafen allein waͤre, um uͤber eine, die Familie Frey betref⸗ fende Angelegenheit zu berathſchlagen. Dreizehntes Capitel. Als ſich die Thuͤr hinter dem Buͤrgermeiſter ge⸗ ſchloſſen hatte, wandte der Graf ſich zu deſſen Gat⸗ tin, und ſetzte das Geſpraͤch fort. »Ich liebe den jungen Berthold Hintermayer, gute Ulrike«, ſagte er,»und will Dir in dieſer An⸗ 72 gelegenheit, welche Dir, wie ich klar bemerkt habe, ſehr am Herzen liegt, gern jeden Beiſtand leiſten.« „»Das waͤre eine unnatuͤrliche Mutter, die nicht um das Gluͤck ihres Kindes aͤngſtlich beſorgt waͤre. In der Jugend, Herr Graf, blicken wir in die Zu⸗ kunft, malen ſie nach unſeren Wuͤnſchen aus, und bevoͤlkern die Welt mit den Weſen, welche wir fuͤr unſer Gluͤck unerlaͤßlich halten; aber wenn wir je⸗ nen Punkt erreicht haben, von wo aus man den Anfang und das Ende des Lebens deutlich ſehen kann, dann erſt offenbart ſich uns die Wahrheit. Ich bin ſo wenig als irgend Jemand geneigt, fuͤr eine Vereinigung zu ſprechen, die fuͤr ihre Fruͤchte keine beſſere Buͤrgſchaft hat, als eine blinde und heftige Leidenſchaft; andererſeits aber kann Nie⸗ mand, der das Leben kennt, ſo wie ich, jene Aehn⸗ lichkeit des Geſchmacks, der Meinungen, des Cha⸗ rakters und des Temperamentes, welche das weſent⸗ liche Erforderniß einer gluͤcklichen Ehe iſt, leichtſin⸗ nig uͤberſehen.⸗ »Man haͤlt Deine eigene Ehe fuͤr gluͤcklich, Frau.⸗ »Gott hat mich in vielen Dingen ſehr geſegnet, — doch es iſt von Meta die Rede, Herr Graf.« Ulrike hatte unwillkuͤhrlich die Farbe veraͤndert; & ſ 73 allein die matronenmaͤßige Zuruͤckhaltung, die ſie gleich darauf annahm, verhinderte Emich, ihre in⸗ nere Bewegung zu bemerken. Er glaubte, daß ſie bloß eine Neugierde in Schranken halten wollte, auf deren Befriedigung er kein Recht hatte. „Fuͤrwahr!« antwortete er,„die Rede iſt von Meta, und, beim heiligen Benedict! es ſoll dem Juͤngling nicht an kraͤftiger Freundesunterſtuͤtzung fehlen. Allein eine Gunſt erfordert die andere. Wenn ich Alles thue, um die Heirath Deiner Toch⸗ ter zu befoͤrdern, ſo mußt Du dagegen, gute Ulrike, mir einen Dienſt erweiſen, auf welchen ich kein ge⸗ ringeres Gewicht lege.⸗ Die Matrone erhob voll Ueberraſchung ihre Au⸗ gen zu dem Antlitz des Sprechenden. Eine Perſon, die ihre Selbſtachtung minder bewahrte, haͤtte zwei⸗ feln koͤnnen an Dem, was ſie hoͤrte; aber in den Blicken der Frau des Buͤrgermeiſters lag bloß Neu⸗ gierde und Unſchuld. »Ihr werdet auf bei weitem mehr Anſpruch haben, Herr Graf, als ich gewaͤhren kann, wenn Ihr etwas zur Befoͤrderung des Gluͤckes meiner Tochter thun wollet.“« „Treffliche Frau«, fuhr Emich fort, indem er ſich niederließ, und ihre Hand mit der Freiheit, 74 welche ihm Rang und Landesſitte geſtatteten, ergriff, „»Du weißt, auf welche Art die Benedictiner unſer Thal ſeit langer Zeit gequaͤlt haben. Da Du das un⸗ bedingte Vertrauen des wackeren Heinrich genießeſt, ſo wirſt Du bereits ahnen, daß wir, ihres Ueber⸗ muthes und ihrer Erpreſſungen muͤde, ernſtlich auf die Mittel denken, ſie in jene Schranken der Be⸗ ſcheidenheit zuruͤck zu weiſen, welche ihrem from⸗ men Beruf geziemt, und ihre Forderungen beſſer rechtfertigen wuͤrde.« Emich hielt inne und ſah ernſt in das Antlitz ſeiner ruhigen Zuhoͤrerin. Er hatte, ohne es zu wiſſen, gerade jenen Gegenſtand beruͤhrt, welcher der Hauptgrund war, weßwegen die Frau des Buͤrgermeiſters die geheime Unterredung der beiden Verſchwoͤrer geſtoͤrt hatte. Sie hatte von ihren Abſichten laͤngſt eine Ahnung gehabt, und obſchon ſie um Meta's kuͤnftiges Schickſal auf das Tiefſte beſorgt war, und mit Freuden die Gelegenheit be⸗ nutzt hatte, das Geheimniß uͤber einen Gegenſtand zu brechen, der doch fruͤher oder ſpaͤter geoffenbart werden mußte, ſo war es doch ihr Hauptzweck ge⸗ weſen, Heinrich genen die wahrſcheinlichen Folgen des Complottes zu warnen. So geſtimmt, hoͤrte ſie dem Grafen mit innerlichem Vergnuͤgen zu, und lang ſie, fahr Die die ihm ken chel ſelb das die Na⸗ kein mit ſond ſot thei nich gen kon 75 und ſchickte ſich an, ihm zu antworten, wie ſie es lange uͤberlegt hatte. „Alles, was Ihr ſagtet, Herr Graf“«, ſprach ſie,»iſt mir mehr als einmal durch den Sinn ge⸗ fahren, und ich habe es bereits bitter beklagt, daß Diejenigen, welche ich ſo ſehr liebe, darauf ſinnen, die Altaͤre Gottes umzuſtuͤrzen, und das Lob, das ihm vor denſelben geſungen wird, zu unterbrechen.⸗ „Wie? Du nennſt das Geheul dieſer Schur⸗ ken etwas Anderes, als ein Loblied auf ihre Heu⸗ chelei?« unterbrach ſie der Graf.»Sind ſie nicht ſelbſt die Urheber unſerer meiſten Suͤnden durch das Beiſpiel, welches ſie geben? Sind ſie nicht die Anſtifter aller Streitigkeiten in der ganzen Nachbarſchaft? Bedenke, Ulrike, daß der Himmel kein Platz iſt, in welchen unſere Seelen gleichſam mit verbundenen Augen getrieben werden ſollen; ſondern daß wir, die wir die Heerde bilden, eben ſo wohl das Recht als die Mittel haben, zu beur⸗ theilen, ob die Schaͤfer fuͤr ihr Amt taugen oder nicht.« „Und ſollten ſie ihren Pflichten entweder nicht gewachſen, oder derſelben nicht wuͤrdig ſein: woher kommt uns das Recht, ihnen Schaden zuzufuͤgen?⸗ »Beim lebendigen Gott, gute Frau! ſind 76 unſere Schwerter nichts? Nennſt Du einen edlen Namen, die Abkunft von einem alten und beruͤhm⸗ ten Geſchlechte, ein wohlbegruͤndetes Recht auf Herrſchaft, und ein furchtloſes Herz, Nichts?« »Gegen den allmaͤchtigen Gott iſt dies Alles ſo wenig, als die Blaͤtter in Deinem Forſte, wenn ſie im Winde zittern,— weniger als die Schneeflocken, die im Winter gegen die Mauern Deiner feſten Burg anfliegen. Limburg iſt zur Ehre Gottes er⸗ baut, wer ſeine Hand gegen den heiligen Bau er⸗ hebt, wird ſeine Verwegenheit in bitterem Weh buͤßen. Wenn vor den Altaͤren des Kloſters un⸗ wuͤrdige Diener beten, ſo giebt es auch wuͤrdige; und wenn ſelbſt dies nicht der Fall waͤre, ſo iſt doch ihr Beruf ſo heilig, daß er durch kein Ge⸗ brechen Derjenigen, welche ihr Amt mißbrauchen, befleckt werden kann.⸗ Der Graf war ergriffen, denn Ulrike ſprach ernſt und mit milder Ueberredung. Er ſtuͤtzte das Kinn in ſeine Hand, wie ein Mann, der die Ge⸗ fahren eines Unternehmens wohl erwaͤgt. »Was haͤltſt Du von dieſem Bruder aus Wit⸗ tenberg, Ulrike?« fragte er endlich.»Wuͤßten wir nur gewiß, ob er wacker und weiſe iſt, ſo wuͤrden wir bald einen kirchlichen Richter gefunden haben, 77 um das hochmuͤthige Limburg zu demuͤthigen.⸗ »Ich gehoͤre zu Denjenigen, welche den Bruder Luther fuͤr redlich halten; eben ſo gehoͤre ich zu Denjenigen, welche ihn fuͤr mißleitet erachten; aber ſelbſt er iſt weit davon entfernt, zu Thaten der Gewalt zu rathen.« »Beim heiligen Benedict! Weib, Du mußt uͤber dieſen Punct mit dem Vater Arnulph Zwie⸗ ſprache gehalten haben. Das Echo giebt den Schall nicht treuer zuruͤck, als Du die Anſichten des Priors wiederholſt.« »Es iſt keinesweges ſeltſam, daß Diejenigen, welche Gott lieben, uͤber Dinge, die ſeine Ehre be⸗ treffen, gleich fuͤhlen und ſprechen. Ich habe we⸗ der dem Vater Arnulph, noch irgend einem ande⸗ ren Kloſterbruder von Euren Abſichten etwas mit⸗ getheilt, denn Ulrike Frey vergißt ſo leicht nicht, daß ſie Gattin und Mutter iſt. Aber oft habe ich gebetet, daß Gott die Herzen Derjenigen, welche auf dieſen gefaͤhrlichen Frevel ſinnen, erweichen moͤge, und daß ſie, ihres eigenen Heiles willen, das Boͤſe ihres Planes einſehen moͤchten. Glaube mir, Graf, das große Weſen, welches zu Limburg verehrt wird, wird nicht vergeſſen, ſich an dem Veraͤchter ſeiner Macht zu raͤchen!« 2 78 »Du weißt, Ulrike, daß Deine Meinung auf mich großen Einfluß hat, denn ich habe von Kind⸗ heit an Deine Einſicht gekannt und geehrt. Haͤtte es Dir an jenen Vorrechten nicht gefehlt, welche nur die Geburt geben kann, ſo wuͤrdeſt Du jetzt in dieſem Schloſſe als Gebieterin ſitzen, nicht als Gaſt. Die Entſagung, welche ich, meinem Vater zu Liebe, uͤbte, hat mir jahrelangen Schmerz ver⸗ urſacht, und erſt dann gewann ich wieder voͤllige Freiheit, als die Geburt meines aͤlteſten Sohnes meine Hoffnungen auf die Zukunft lenkte.“« Es giebt wohl keine Frau, welche die Anerken⸗ nung ihres Einfluſſes auf das ſtaͤrkere Geſchlecht nicht mit geheimer Freude anhoͤrt. Da in der Neigung, auf welche der Graf anſpielte, nichts lag, was ihren Grundſaͤtzen zuwider war, oder ihren Zartſinn beleidigen konnte, ſo hoͤrte Ulrike dieſe Erinnerung an die Gefuͤhle und Ereigniſſe ihrer Jugend mit einem Laͤcheln an, welches in ihrem lieblichen Antlitz eine Wirkung hervorbrachte, gleich dem Daͤmmerlichte, das die gothiſche Kirche des Kloſters erhellte.— „Wir ſind nicht mehr jung, Emich«, erwiederte ſie, indem ſie ihre Hand zuruͤck zog,—»das, wo⸗ von Du ſprichſt, gehoͤrt einer laͤngſt verfloſſenen 79 Zeit an. Wenn Du wirklich eine ſo hohe Mei⸗ nung von meiner Einſicht haſt, ſo wirſt Du auch glauben, daß ich von Dir nie anders als in Guͤte und Ehre geſprochen habe. Es gab noch andere Gruͤnde, als den Willen des verſtorbenen Grafen, derentwegen ich Deinen Antrag ablehnen mußte, wie ich Dir ſchon damals ſagte, denn Niemand iſt Herr uͤber jene Gefuͤhle, welche ſo ſehr vom Ge⸗ ſchmack und Zufall abhaͤngen.« „»Bei den heiligen elftauſend Jungfrauen von Coͤln! Heinrich Frey war kein Juͤngling, um ſei⸗ netwegen den Erben des Hauſes Leiningen zuruͤck zu ſetzen.« „»Heinrich Frey empfing meinen ehelichen Schwur, wie die edle Irmengard den Deinigen, Herr von Hartenburg«, antwortete Ulrike mit der Faſſung einer Perſon, deren Gefuͤhle bei der ab⸗ ſchlaͤgigen Antwort, auf die ſie anſpielte, nicht be⸗ theiligt waren, und mit der Wuͤrde einer Frau, der die Ehre ihres Gatten am Herzen liegt.»Durch die Gunſt des Himmels ſind wir Beide gluͤcklicher, als waͤren wir uͤber oder unter unſerem Stand vermaͤhlt. Aber wenn Du Dir dieſes Gut— denn dafuͤr hielteſt Du in Deinem Jugendtraum meine Hand,— aus Liebe zu Deinem Vater auf Erden verſagen konnteſt: wirſt Du ihn jetzt, da er im Himmel iſt, durch die Befriedigung eines we⸗ niger zu entſchuldigenden Wunſches beleidigen wollen?« „»Geh, Ulrike! Du ſetzeſt mir hart zu; ich weiß nicht einmal, ob ich an das Unternehmen, das Du meinſt, wirklich im Ernſte dachte.« „»Oder mit andern Worten, Du biſt noch nicht entſchloſſen, den Frevel zu begehen. Bevor Deine Hand den nie zuruͤck zu rufenden Streich fuͤhrt, Graf, hoͤre auf die Worte einer Perſon, welcher Du in der Jugend Deine Liebe bekannt haſt, und die ſich des Vorzuges, den Du ihr gabſt, noch im⸗ mer mit Dank erinnert.« »Du biſt als Matrone guͤtiger, als Du es als Maͤdchen warſt. Dies iſt das erſte Wort des Mit⸗ leids mit den Leiden, hie Du mir in meiner Ju⸗ gend verurſacht haſt.« »Mitleid iſt ein Wort, das ſich fuͤr Ulrike Haitzinger gegen Emich von Leiningen ſchlecht ſchicken wuͤrde. Ich ſprach von Dankbarkeit, Herr Graf, denn die Frau, welche dieſes Gefuͤhl gegen den trefflichen Juͤngling, der ſie einſt allen Andern ihres Geſchlechtes vorzog, nicht hegte, muͤßte kein Herz in der Bruſt haben. Ich leugnete niemals, Ulrike chlecht Herr gegen ndern te kein emals, 81 daß mir Deine Bewerbung Freude und Schmerz verurſachte,— Freude, weil ein Mann Deines Ranges in mir hinreichende Vorzuͤge fand, um ſeine Wahl zu rechtfertigen, und Schmerz, weil Du nothwendiger Weiſe eine abſchlaͤgige Antwort erhalten mußteſt.« »Wenn wir uns an Stand gleich geweſen waͤren, liebe Ulrike, wenn Du ſo wie ich aus edlem Geſchlechte ſtammteſt, oder ich ſo wie Du von et⸗ was geringerer Herkunft waͤre, wuͤrdeſt Du da wohl in Deinem Herzen eine Entſchuldigung fuͤr eine verſchiedene Antwort gefunden haben?« »Wir ſind hier, um von anderen Gegenſtaͤnden zu ſprechen, Herr von Hartenburg, nicht aber von unſeren kindiſchen Gefuͤhlen.« »Bei'm lebendigen Gott! Nennſt Du die Pein ungluͤcklicher Liebe kindiſchen Schmerz? Du frei⸗ lich warſt ſtets ruhigen Gemuͤthes, und gleichguͤltig gegen alle Herzensangelegenheiten, die uͤber die kalte Pflicht der Familienruͤckſicht hinausgingen.⸗ »Es mag mein Fehler ſein, wenn Ihr es ſo wollet, Herr Graf, ich aber halte es fuͤr einen Vorzug, die Neigung am ſtaͤrkſten zu fuͤhlen, welche die Pflicht gebietet.⸗ »Ich erinnere mich der Schlußantwort, welche Heidenmauer, II. 6 82 Du mir durch die Mutter des jungen Berthold ſagen ließeſt,— fuͤr dieſen Liebesdienſt bin ich dem Burſchen wahrlich keinen Dank ſchuldig!— ſie lautete, daß die Tochter eines Buͤrgermeiſters ſich nicht zur Gemahlin eines Grafen ſchickte; Du ba⸗ teſt mich zugleich, daß ich meinem Vater gehorſam ſein moͤge, damit ſein Segen den Schmerz lindere. Wenn die Wahrheit offenbar wuͤrde, ſo ergaͤbe ſich, daß Dich dieſe Antwort nicht mehr gekoſtet hat, als die Verweigerung einer gewoͤhnlichen, unbe⸗ deutenden Bitte von einer Deiner Dienerinnen!« „»Wenn die Wahrheit offenbar wuͤrde, ſo klaͤnge ihr Lied ganz anders. Du warſt damals jung, und, obſchon gewaltſam und hitzkoͤpfig, nicht ohne viele maͤnnliche Tugenden. Gar ſehr uͤberſchaͤtzteſt Du die Kraft eines gedankenvollen Maͤdchens, wenn Du glaubſt, daß ſie den Vorzug, der ihr erwieſen wird, willig mit Schmerz vergilt.“« »Aber wenn ich Deines Nachbars Sohn, oder Du die Tochter eines mir gleichen Reichsunmittel⸗ baren geweſen waͤreſt?—« »In dieſem Falle, Herr Graf, wuͤrde die Ant⸗ wort dieſelbe geweſen ſein«, erwiederte ſie mit Feſtigkeit, obſchon eine Trauerwolke ihr ſonſt ſo ruhiges Antlitz uͤberflog.»Das Herz Ulriken's Haitz wie i keit ſtand druck ſchoͤne hatte rakter vergif gen b 6 „ fehlen nun d ſuͤndig C Da liches ſichtsle ſprache und n Name „ S Nachb uns al ken zu thold dem ſie ſich 1 ba⸗ rſam dere. ſich, hat, unbe⸗ n!« laͤnge jung, ohne itzteſt wenn dieſen oder sittel⸗ Ant⸗ mit ſt ſo ken's 83 Haitzinger ſprach in dieſer Antwort eben ſo ſehr, wie ihre Klugheit.« »Beim lebendigen Gotte! Deine Wahrhaftig⸗ keit ſchneidet in die Seele!« rief der Graf, und ſtand ploͤtzlich auf, waͤhrend ſeine Zuͤge den Aus— druck der Milde, welchen die Erinnerung an ſeine ſchoͤneren Tage und Jugendgefuͤhle ihnen gegeben hatte, verloren, und wieder den gewoͤhnlichen Cha⸗ rakter der Haͤrte und Strenge annahmen.»Du vergißt, Frau Frey, daß ich ein Graf von Leinin⸗ gen bin.« »Wenn ich es an der gebuͤhrenden Achtung habe fehlen laſſen«, erwiederte Ulrike ſanft,„ſo bin ich nun daran erinnert worden, und werde nicht mehr ſuͤndigen.⸗ »Ich wollte Dir, wahrlich, nichts Unfreund⸗ liches ſagen— aber Du haſt mir durch Deine ruͤck⸗ ſichtsloſe Antwort empfindlich wehe gethan. Auch ſprachen wir von dieſen verwuͤnſchten Moͤnchen, und mein Blut wird bei der bloßen Nennung ihres Namens heiß.⸗ »Du biſt alſo der Meinung, meine vortreffliche Nachbarin, daß wir als Chriſten verpflichtet ſind, uns allen Erpreſſungen dieſer hochwuͤrdigen Schur⸗ ken zu unterwerfen, und daß es Empoͤrung gegen 6* 84 den Himmel iſt, wenn man ſich Rath zu verſchaffen ſucht?« »„Du ſtellſt die Frage, ſo wie ſie Dir zuſagt, Graf. Ich habe nichts geſagt von unwuͤrdiger Dul⸗ dung oder unnoͤthiger Unterwerfung. Wenn die— Moͤnche von Limburg ihre Geluͤbde brechen, ſo moͤ⸗ gen ſie ſelbſt zuſehen; uns geziemt es, Acht zu ha⸗ ben, daß wir nichts thun, was an ſich unrecht oder unehrerbietig gegen Ihn, den wir anbeten, iſt.⸗ „Ich bitte Dich, gute Ulrike«, unterbrach Emich ſie, indem er ſich wieder auf dieſelbe vertrauliche Weiſe, wie beim Beginn des Zweigeſpraͤches, neben ſie ſetzte,»laß uns offen uͤber die Neigung Deines Kindes ſprechen. Ich liebe den jungen Berthold, und moͤchte ihm gern einen Dienſt erweiſen, wenn es in meiner Macht ſtaͤnde; allein ich fuͤrchte ſehr, daß es ſchwer halten wird, Heinrich zur Nachgie⸗ bigkeit zu bewegen.“ „Die Beſorgniß wegen einer abſchlaͤgigen Ant⸗ wort von ſeiner Seite hat mir bereits viele Unruhe verurſacht, Herr von Hartenburg«, erwiederte die beſorgte Mutter;„denn der Buͤrgermeiſter gehoͤrt nicht zu denjenigen, welche ihre Meinung leicht zu andern bereit ſind. Der allzugroße Eifer der Freunde erhoͤht zuweilen ſein Vertrauen in ſich ſelbſt, ſtatt haffen uſagt, Dul⸗ . 1 in die Emich auliche neben Deines rthold, wenn e ſehr, achgie⸗ n Ant⸗ Unruhe rte die gehoͤrt eicht zu Freunde , ſtatt 85⁵ jene Entſchluͤſſe zu mildern, welche oft auch die Weiſeſten allzu vorſchnell faſſen.« »Dieſe Eigenſchaft Deines trefflichen Gemahls iſt mir nicht entgangen. Aber Heinrich Frey iſt ſelbſt ſo gluͤcklich, und zwar mit ſo wenig Reich⸗ thum von ſeiner Seite als moͤglich, vermaͤhlt, daß er wahrlich nicht Urſache hat, gegen einen Juͤngling, der ohne das unverſchuldete Ungluͤck ſeiner Aeltern beſſere Tage geſehen haben wuͤrde, ſo hart zu ſein. Wer arm geweſen iſt, ſollte die Armuth Anderer nicht verachten.« „Ich fuͤrchte, daß die menſchliche Natur einen anderen Hang hat«, antwortete die bekuͤmmerte Frau faſt unwillkuͤhrlich. Die Erfahrung hat be⸗ wieſen, daß diejenigen, welche empor geſtiegen ſind, gegen die hinter ihnen Zuruͤckgebliebenen die geringſte Duldung zeigen; und da Niemand Rang und Ein⸗ fluß ſo ſehr ſchaͤtzt, als derjenige, dem dieſe Dinge Neuigkeiten ſind, ſo kann man nicht erwarten, daß der Gluͤckliche ſeine Wuͤnſche, die er im Un⸗ gluͤcke hatte, zu ſchnell vergeſſe, oder daß derjenige, dem Ehren und Wuͤrden neu ſind, ihre Nichtigkeit zu ſtrenge unterſuche.⸗ »Heinrich iſt weder in ſeiner Wuͤrde noch in 86 ſeinem Gluͤcke ſo jung und neu, daß er zu ſolchen Ver Perſonen gezaͤhlt werden kann.« ſind »Heinrich!« rief die Matrone aus, waͤhrend viel ihre keuſche Stirne ſich mit einer Roͤthe uͤberzog, koſt welche dem Abendſchein auf den Schneegipfeln der ches Alpen glich.—„»Es iſt hier nicht die Rede von Heinrich Frey.« Dei Der Graf laͤchelte, bis ſich der Schnurbart an eine ſeinen braunen Wangen empor kraͤuſelte. ger »Du haſt recht«, antwortete er hoͤflich,»Ber⸗ thold und Meta intereſſiren uns am meiſten. Ich dier glaubg Mittel zu kennen, welche unſere Wuͤnſche in nich Betreff ihrer in Erfuͤllung bringen werden, und die wie ſich ſo von ſelbſt darbieten, daß wirklich der Finger⸗ zeig Gottes darin zu ſehen iſt.« bra⸗ „Um ſo willkommener werden ſie ſein.« maꝛ »Du weißt Ulrike, daß ſchwere Laſten, wie Alle mir meines Standes, auch mich druͤcken. Irmengard von beſitzt alle Eigenſchaften ihres Ranges, und eine jede Liebe zum Glanz, die mir theuer zu ſtehen kommt; wuͤt auch hat die Ausſtattung meines jungen Erben, der Pfe mit dem Kaiſer reiſet, meine Mittel ſehr erſchoͤpft, Aus ſonſt wuͤrde ich aus reiner Freundſchaft fuͤr Dich und die Deinigen das hergeben, was die Verbin⸗ hat dung Heinrich angenehm machen wuͤrde. In dieſer und lchen hrend erzog, der von t an Ber⸗ Ich he in d die nger⸗ Alle gard eine amt; , der oͤpft, Dich rbin⸗ dieſer 87 Verlegenheit, der wir Alle vom Kriege bedroht ſind, und mich insbeſondere die Nothwendigkeit, ſo viele Kriegsleute in der Hartenburg zu halten, viel koſtet, ſehe ich kein anderes Mittel als jenes, wel⸗ ches ich eben erwaͤhnt habe.« „Oder vielmehr nicht erwaͤhnt; denn im Wunſche, Dein Unvermoͤgen, dem Juͤnglinge zu helfen, aus einander zu ſetzen, haſt Du nichts von jenem Fin⸗ gerzeig Gottes geſagt.« „Verzeihe! Du haſt geſprochen, wie ich es ver⸗ diene, und ich fuͤhle es als eine Schmach, daß ich nichts zu Gunſten einer Perſon, die ich ſo ſehr ehre wie Dich, zu thun im Stande bin.« „Lege meine Worte nicht falſch aus«, unter⸗ brach ihn die Matrone, indem ſie laͤchelte, wie Je⸗ mand, der einen Andern beruhigen will.»Es iſt mir nie in den Sinn gekommen, daß die Grafen von Leiningen Alle, welche ihnen dienen, nach eines jeden Wunſch auszuſtatten verpflichtet waͤren. Es wuͤrde auch den ſchwerſten Geldbeutel in der ganzen Pfalz etwas leichter machen, Herr Emich, eine der Ausſteuer Meta's angemeſſene Mitgift zu geben.« „»Niemand weiß dies beſſer als ich«, Heinrich hat oft mit mir uͤber dieſe Angelegenheit geſprochen, und ich wuͤnſchte, daß keine Verſchiedenheit des 88 Ranges vorhanden waͤre,— doch dies iſt unnuͤtz, und wir wollen nur von Berthold und ſeinen Hoff⸗ nungen ſprechen. Du weißt, Ulrike, daß ich mit dem Kloſter im ernſten Streit wegen gewiſſer Ab⸗ gaben, nicht nur im Jaͤgerthale, ſondern auch in der Ebene, liege, und daß, wenn derſelbe endlich zu mei⸗ nen Gunſten entſchieden werden ſollte, ich an Ein⸗ kommen ſehr gewinnen wuͤrde. Sobald dieſer un⸗ ſelige Zwiſt, ſo wie ich es wuͤnſche, beigelegt iſt, wird es auch in meiner Macht ſtehen, meinen vor⸗ zuͤglichen Dienſtmannen, und Niemanden lieber als Berthold, Huld und Gunſt zu erweiſen. Es fehlt nichts als eine gluͤckliche Beendigung dieſer Ange⸗ legenheit, um die Mittel zu beſitzen, Heinrich nach unſerem Wunſch umzuſtimmen.«⸗ »Wenn dies auf eine ehrenhafte Weiſe geſche⸗ hen koͤnnte, ſo wuͤrde ich denjenigen ſegnen, der es vollbraͤchte.⸗ »Ich freue mich, dies von Dir zu hoͤren, gute Ulrike. Du vor allen anderen Menſchen kannſt zur Erreichung dieſes Zweckes behuͤlflich ſein. Ich war nahe daran, mit Heinrich eins zu werden in Betreff der Angemeſſenheit, die Moͤnche in ihren abſcheulichen Ausſchweifungen zu ſtoͤren.⸗ we 89 »Deine Worte ſind ſtark, wenn ſie ſich auf ge⸗ weihte Benedictiner beziehen.⸗ „Bei den heiligen drei Koͤnigen! ſie verdienen dieſelben in vollem Maße. Noch iſt kein voller Tag vergangen, ſeitdem ich den Abt ſelbſt unter dem Dache der Hartenburg ſich im Weine waͤlzen ſah, wie den gemeinſten Schlemmer! Bonifacius, den Abt Limburgs, habe ichzin meinen eigenen Mauern in einem ſolchen unpaſſenden Zuſtande geſehen!« »Und auch in Geſellſchaft der Bewohner des Schloſſes!« »Machſt Du keinen Unterſchied zwiſchen Moͤnch und Ritter? Habe ich Geluͤbde der Froͤmmigkeit ab⸗ gelegt, trage ich die Tonſur, oder will ich fuͤr beſ⸗ ſer gehalten ſein, als meine Mitmenſchen? Daß ich ein Edelherr bin, iſt das Werk des Zufalls, und als ſolcher freue ich mich der Vorzuͤge meines Stan⸗ des: Niemand aber kann ſagen, daß Emich von Lei⸗ ningen auf Moͤnchstugenden Anſpruch mache. Wir, die wir beſcheiden ſind, duͤrfen auf Verzeihung un⸗ ſerer Fehler hoffen, aber denjenigen muß gerechte Strafe treffen, der unter der Maske der Froͤm⸗ migkeit ſuͤndigt.« »Ich zweifle, ob Deine Ausnahme Dir zuletzt 90 helfen wird. Aber Du wollteſt etwas zu Gunſten Berthold Hintermayer's ſagen?« » Ja, und zwar von Herzen gerne. Wenn Hein⸗ rich ſo geſtimmt werden ſollte, daß ich auf den Bei⸗ ſtand der Staͤdter rechnen koͤnnte, dann wuͤrde ich mit dieſen Schurken in Moͤnchskutten bald fertig ſein. Dadurch wuͤrden meine Einkuͤnfte vermehrt, und indem ich Berthold zum Vogt uͤber die wieder⸗ gewonnenen Doͤrfer ſetzte, ſollte er in der Achtung der Menſchen ſo gewinnen, daß auch der Wider⸗ ſtand des hartherzigſten Buͤrgermeiſters in ganz Deutſchland beſiegt werden muͤßte.« „Und auf welche Weiſe meinſt Du, daß ich zur Erreichung dieſes Zweckes beitragen ſoll?« „Eine Frau Deines Verſtandes ſollte eine ſolche Frage gar nicht thun. Du biſt ſeit langer Zeit ver⸗ maͤhlt, und wohl erfahren in den Ueberredungskuͤn⸗ ſten Deines Geſchlechtes. Ich weiß nicht, wie Du mit Heinrich verfaͤhrſt, aber ſo oft Irmengard von mir etwas haben will, findet ſie trotz meines Wi⸗ derſtandes ſtets Mittel und Wege, ihre Wuͤnſche zu erreichen. Bald laͤchelt ſie, bald ſchweigt ſie; jetzt iſt ſie zaͤrtlich, und dann ſchmollt ſie; vor Allem aber weiß ſie die Stunden der Vertraulichkeit zu 91 benutzen, um meine unvorbereitete Vernunft durch Kuͤſſe und Liebkoſungen gefangen zu nehmen.« »Es waͤre eine Unwahrheit, wenn ich behaup⸗ tete, daß ich Dich nicht verſtehe, Herr von Harten⸗ burg. Ich wuͤnſche nicht den Schleier von Deiner haͤuslichen Vertraulichkeit zu luͤften, noch bin ich geneigt, es zu dulden, daß Jemand dies in Betreff der meinigen wagt. Ich und Heinrich, wir gehen unſeren beſondern Gang, ſo wie wir es angemeſſen finden, obſchon ſtets in Eintracht in Bezug auf unſere ehelichen Intereſſen. In Ueberredungskuͤn⸗ ſten der Art, worauf Du anſpielteſt, bin ich wenig erfahren. Aber ſo theuer auch Meta meinem Mut⸗ terherzen iſt, und ſelten gab ein Kind ſchoͤnere Hoff⸗ nungen, und belohnte ſo ſehr die Liebe der Ael⸗ tern⸗— AUlrike faltete hiebei die Haͤnde, und ſchlug ihre milden blauen Augen zum Himmel em⸗ por—„»ſo ſehr ich den jungen Berthold, den Sohn meiner liebſten Jugendfreundin ſchaͤtze, und mit ſo großer Freude ich auch ihre jungen Herzen auf im⸗ mer in den Banden haͤuslicher Eintracht und ehe⸗ licher Liebe vereinigt, und als die Aeltern muntere Kinder ſehen wuͤrde, die zu meinen Fuͤßen ſpielten, und mir am Abend meines Lebens die Qual des Mittags vergelten,— ſo wuͤrde ich doch, ehe ich Dich, 92 bei dieſem frevelvollen Plane unterſtuͤtzte, ehe ich mich gegen die Altaͤre Gottes auflehnte, ehe ich mit meiner Selbſtſucht gegen ſeine Allmacht in die Schran⸗ ken traͤte, ehe ich mir einbildete, daß mein Wunſch einen Kirchenraub entſchuldigen koͤnne,— der Leiche des Maͤdchens mit thraͤnenleerem Auge zum Grabe folgen, und mein eignes Haupt ohne Schmerz neben das ihrige zu jener Ruhe legen, welche der Himmel nach den ſchweren Pruͤfungen des Lebens den Frommen gewaͤhrt.«. Der Graf von Leiningen wurde durch die Kraft ergriffen, womit Ulrike ſprach, denn Niemand iſt ſo gewaltig, als die Sanftmuͤthigen, wenn ſie zum Widerſtande gereizt werden, und die Gottesfuͤrch⸗ tigen, wenn ſie die Vortrefflichkeit ihrer Grundſaͤtze an den Tag legen. Obſchon er einſah, daß alle Hoffnung, Ulrikens Beiſtand zu gewinnen, ver⸗ ſchwunden war, ſo ſtieg doch, ohne daß er ſich deſſen vielleicht in dieſem Augenblicke deutlich bewußt war, ſeine Achtung gegen ſie. Er ergriff, nachdem ſich ihre Aufregung etwas gelegt hatte, freundſchaftlich die Hand, welche ſie gegen ihn ausſtreckte, und wollte antworten, als Fußtritte im anſtoßenden Ge⸗ mach, und ein leiſes Klopfen an der Thuͤre, ihn davon abhielt. (₰ᷣ + 2 2 93 „»Du kannſt eintreten«, rief der Graf, in dem Glauben, es ſei eine der Dienerinnen des Schloſſes, und froh, von dem Geſpraͤche, das eine ihm ſo unguͤnſtige Wendung genommen hatte, erloͤst zu werden. »Tauſend Dank fuͤr dieſe Ehre“«, erwiederte Ilſe, und verneigte ſich bis auf den Boden, indem ſie von der erhaltenen Erlaubniß Gebrauch machte. »Dies iſt das erſte Mal, daß mir eine ſolche Gnade in der Hartenburg erwieſen wird, wiewohl ich, als ich noch ein Maͤdchen wie unſere Meta war, einſt in ein Geheimgemach in Heidelberg zugelaſſen wurde. Ich war mit dem verſtorbenen Buͤrgermeiſter, Ul⸗ rikens Vater, und mit der guten Frau, ihrer Mut⸗ ter, dort, um die Merkwuͤrdigkeiten des kurfuͤrſt⸗ lichen Schloſſes zu beſehen. Auch habe ich das große Faß— »Man hat Dich nach mir geſendet?« fragte ihre Gebieterin.»Bedarf Meta ihrer Mutter?« »Dies kann man zu jeder Zeit als gewiß an⸗ nehmen, denn Maͤdchen in ihrem Alter, Herr Graf, gleichen jungen Voͤgeln, die ſtets in Gefahr ſind, umzukommen, wenn ſie ausfliegen, ohne daß die Alten dabei ſind, um ſie zu unterweiſen, und ihnen Muth einzufloͤßen. Zwanzig Mal des Tages, ja 94 vielleicht funfzig Mal, ſage ich zu unſerer Meta: „»»Thu, was Du willſt, Kind, denn Du thuſt nichts Boͤſes.«« Ich halte es fuͤr Unrecht, den Launen der Jugend, ſo lange ſie unſchuldig ſind, Zaum anzulegen; und ich behaupte, daß die Liebe eine beſſere Zuchtruthe iſt, als der Zorn, wie ich denn auch auf dieſe Weiſe ſowohl Meta, als ihre Mutter auferzogen habe. Wohlan, hier ſeid Ihr Beide in freundſchaftlicher Vereinigung, und Heinrich Frey iſt dort, und trinkt Rheinwein mit den beiden Kirchen⸗ leuten, welche das Schloß verpeſten—« »Beſuchen, willſt Du ſagen, gute Ilſe.« »Was liegt an einem Worte, Kind! Verpeſten und beſuchen, bedeutet ſo ziemlich daſſelbe, wenn von Liebesjaͤgern die Rede iſt! Ich erinnere mich der Zeit, als ihr beide jung und ſchoͤn, und ein Paar waret, von welchem die gute Stadt Duͤrkheim ſagt, daß es nie haͤtte getrennt werden ſollen; denn war er edelgeboren, ſo war ſie gut, und war er ſtark und tapfer, ſo war ſie lieblich und ſchoͤn: allein das Schickſal fuͤhrte Euch verſchiedene Wege, und der Himmel behuͤte, daß ich gegen Wege etwas einwende, welche ſo viele wandeln!« »Und Du haſt Meta allein mit Jenen gelaſſen, nich der wien Ketz er dieſe Gef und wech dem wied dem fuͤr Gra weil 7, 9⁵ die das Schloß verpeſten, und biſt hergekommen, um uns ſolche Dinge zu ſagen?« »Nicht im geringſten. Es iſt wahr, daß ich das Maͤdchen einige ihrer nichtigen Reden anhoͤren ließ, denn ohne Erfahrung weiß ein Maͤdchen nicht, wann ſie eine unangemeſſene Freiheit zuruͤckzuwei⸗ ſen hat: allein daß eine Ungebuͤhrlichkeit meinem Auge entgehe, iſt eben ſo unmoͤglich, als es dem Herrn Grafen iſt, es an Ehrfurcht gegen die Altaͤre von Limburg fehlen zu laſſen. Ich beklage mich nicht uͤber die fremden Edelherren; denn waͤhrend der Rhodiſer Ritter Meta manche Artigkeiten er⸗ wies, ſprach der wuͤrdige Abbé mit mir uͤber die Ketzerei Luthers, und ich verſichere, daß er, obſchon er ein Geiſtlicher iſt, meine Meinung in Betreff dieſes Schismatikers erfuhr! Wir redeten uͤber die Gefahren und Verſuchungen dieſer boͤſen Zeiten, und es waͤren viele weiſe Worte zwiſchen uns ge⸗ wechſelt worden, wenn nicht der junge Berthold in dem Saal, als ob er ſich im Forſt befaͤnde, hin und wieder geſchritten waͤre, und alle Anweſenden unter dem nichtigen Vorwand geſtoͤrt haͤtte, eine Armbruſt fuͤr den Grafen zu ſuchen; gleich als ob der Herr Graf mit weniger Vergnuͤgen gejagt haben wuͤrde, weil ein vernuͤnftiges Geſpraͤch in ſeiner Halle ge⸗ 96 fuͤhrt wurde! Ich liebe die Hintermayers, allein dieſer Juͤngling ſcheint es an der Ehrfurcht fehlen zu laſſen, die man dem Alter ſchuldig iſt.« »Aber wo haſt Du meine Tochter gelaſſen?« „»Du weißt, daß ſie das arme Lottchen beſuchen wollte, und nachdem ich meinte, der fahrende Rit⸗ ter habe genug geſprochen, winkte ich ihr, in das Dorf hinunter zu gehen. Sie iſt durch das Ge⸗ ſpraͤch mit dem etwas ausgelaſſenen Ritter nicht zu Schaden gekommen, denn nichts erhoͤht die Rein⸗ heit der Tugend ſo ſehr, als einiger Umgang mit Laſterhaften,— gleichwie das Gold durch den Zu⸗ ſatz eines geringeren Metalls an Haͤrte gewinnt, und geſchickt wird, durch viele Haͤnde zu gehen.⸗ „Du haſt Meta doch nicht allein gehen laſſen?«⸗ »Habe ich je meine Pflicht vernachlaͤſſigt? Dein muͤtterliches Herz geraͤth ſo leicht in Unruhe, wie ein Vogel bei dem mindeſten Geraͤuſch in den Blaͤt⸗ tern. Sei unbeſorgt; ich gab ihr die eitle Giſela als Gefaͤhrtin mit, und fluͤſterte Meta, als ſie ging, in das Ohr, aus dem leichtſinnigen Geſchwaͤtz ihrer Begleiterin, die wahrſcheinlich von nichts als von der Galanterie dieſer Fremden reden wird, Nutzen zu ziehen. Die alte Ilſe verſteht es, alles Erbau⸗ 1 4 allein ehlen 2* uchen Rit⸗ ndas Ge⸗ ht zu Rein⸗ g mit Zu⸗ vinnt, en?« Dein „wie Blaͤt⸗ Giſela ging, ihrer 3 von dutzen rbau⸗ 97 liche, das der Zufall in den Weg fuͤhrt, zu benutzen! Nie habe ich eine Gelegenheit verloren, aus der man eine gute Lehre ziehen kann, und hier ſteht Ulrike, um es zu beſtaͤtigen. Ich bitte um Ver⸗ zeihung, Herr Emich, daß ich Euren Foͤrſter hinweg ſandte; allein der Juͤngling verurſachte mir durch ſein Herumraſſeln unter den Schildern und Haken⸗ buͤchſen viel Verdruß, und um ihm ſtillſchweigend eine heilſame Lehre zu geben, gebot ich ihm, Meta ſicher zur Wohnung ſeiner Mutter zu geleiten, un⸗ ter dem Vorwand, daß ſie eines maͤnnlichen Armes beduͤrfe, um die boͤſen Hunde des Dorfes von ihr ferne zu halten.« „»Weiß Heinrich dies?« »Er iſt, in Wahrheit, von der Ehre, daß Du eine geheime Unterredung mit dem Grafen haſt, ſo ſehr geruͤhrt, daß er wenig Anderes thut, als davon ſprechen, und Rheinwein trinken. Da fuͤr das Kind dergeſtalt durch die Perſon, welche ſie zuerſt in den Armen gehalten hat, und deren Erfahrnng ſich auf ein Alter von vier und ſiebzig Jahren gruͤndet, Sorge getragen war, ſah ich keine Nothwendigkeit, Herrn Heinrich in ſeiner Freude zu ſtoͤren.« Ulrike laͤchelte, und wandte ſich zu dem Grafen, der ſo in Gedanken verſunken war, daß er auf die Heidenmauer. II. 7 98 letzten Worte der Alten kaum Acht hatte. Sie reichte ihm ihre Hand, worauf ſie zuſammen das Gemach verließen. Vierzehntes Capitel. Die Huͤtte Lottchens, der Mutter Bertholds, zeichnete ſich vor den anderen im Dorfe durch groͤßere Nettigkeit und jene angenehmere Wohn⸗ lichkeit aus, welche hauptſaͤchlich von Bildung und Geſchmack abhaͤngt, deſſen ſelbſt Armuth diejenigen nicht berauben kann, welche in den An⸗ ſichten und Gewohnheiten der beſſeren Staͤnde er⸗ zogen worden ſind. Sie ſtand etwas abſeits von den anderen niedrigen Haͤuſern, und beſaß außer den uͤbrigen Anzeichen groͤßerer Bequemlichkeit, auch den Vortheil einer kleinen Einfriedigung, welcher ſie zum Theil von dem Gaſſenlaͤrm, der den meiſten Flecken und Doͤrfern Europa's ihren laͤndlichen Cha⸗ rakter benimmt, abſchied. Die kleine Gruppe von Haͤuſern, unter den vorſpringenden Baſteien der Hartenburg, hatte, wie faſt ſche war daͤch Gla ihne aber den Gen Erit habe derje ſtůrꝛ dere die i berei und trau im! nur laub gen, einer hatte fuͤhlt Sie das 99 faſt alle Doͤrfer der Art, im Allgemeinen den An⸗ ſchein der Armuth und des Elendes. Die Huͤtten waren aus Holz und Lehm erbaut, hatten Stroh⸗ daͤcher, und den Fenſteroͤffnungen mangelte es an Glas. Hierin und in makelloſer Reinlichkeit war ihnen Lottchens Haͤuschen uͤberlegen, noch mehr aber an der inneren Einrichtung. Sie hatte aus den Truͤmmern des Vermöͤgens ihres verſtorbenen Gemahls genug Hausrathſtuͤcke gerettet, um ſtets Erinnerungszeichen an gluͤcklichere Tage vor ſich zu haben,— ein gewoͤhnlicher, aber trauriger Troſt derjenigen, welche das Ungluͤck nicht gaͤnzlich ge⸗ ſtuͤrgt hat. Bertholds Mutter hatte aber noch an⸗ dere Anſpruͤche auf Achtung von Seiten derjenigen, die ihre geringe Schwelle betraten. Sie war, wie bereits bemerkt wurde, die Jugendfreundin Ulrikens, und was Bildung und Charakter betraf, des Ver⸗ trauens der Frau des Buͤrgermeiſters noch immer im hoͤchſten Grade wuͤrdig. Ihr Sohn bekam zwar nur einen ſehr kleinen Gehalt, allein der Graf er⸗ laubte ſeinem Foͤrſter, fuͤr ſich ſelbſt Wild zu erle⸗ gen, und da deutſche Sparſamkeit ſie zur Herrin einer Garderobe von mehreren Menſchenaltern gemacht hatte, ſo hatte ſie gaͤnzlichen Mangel eigentlich nie ge⸗ fuͤhlt, und konnte zu jeder Zeit in einer Tracht er⸗ 7* 100 ſcheinen, die mehr ihren vorigen, als ihren jetzigen Mitteln angemeſſen war. Ueberdieß beſuchte Ulri⸗ ke niemals das Jaͤgerthal, ohne an die Beduͤrfniſſe ihrer Freundin zu gedenken, und wenn Zeit und Umſtaͤnde ſie verhinderten, in Perſon zu kommen, ſo ſchickte ſie Ilſe als Stellvertreterin nach dem Dorfe. Der Zug von der Abtei mußte nothwendiger Weiſe vor der Thuͤre Lottchens vorbei; ſie war da⸗ her auf dieſen Beſuch vorbereitet, und zeigte, als die bluͤhende, freundliche Meta mit der Tochter des Caſtellans und in Begleitung Bertholds in die Huͤtte trat, obſchon hocherfreut durch ihre Ankunft, nicht die mindeſte Ueberraſchung. »Deine Mutter?« waren die erſten Worte, welche die Wittwe ſprach, nachdem ſie die geroͤthete, warme Wange des Maͤdchens gekuͤßt hatte. »Haͤlt mit dem Grafen eine geheime Unterre⸗ dung, wie mein Vater ſagt, ſonſt wuͤrde ſie gewiß ſchon hier ſein.⸗ „ und Dein Vater?« fragte Lottchen mit Nach⸗ druck, indem ſie einen beſorglichen Blick von Meta auf ihren Sohn warf. „Trinkt Rheinwein mit den Schlemmern im Schloſſe. Wahrlich, Mutter Lottchen, Du mußt es zigen Ulri⸗ fniſſe und men, dem diger r da⸗ als r des 1 die unft, Jorte, thete, terre⸗ gewiß Nach⸗ Meta n im ßt es 101 ſehr unruhig im Dorfe finden, ſeitdem dieſe unhol⸗ den Geiſter in dem Schloſſe hauſen. Kaum unſere Moͤnche von Limburg ſind ſo durſtig wie ſie, und was eitles Geſchwaͤtz betrifft, ſo giebt es in ganz Duͤrkheim nicht ihres Gleichen, obſchon es, wie die gute Ilſe zu ſagen pflegt, eine Stadt voll Eitelkeit und Narrheit iſt.⸗ Lottchen laͤchelte, denn ſie ſah aus der ſcherzen⸗ den Lebhaftigkeit des jungen Maͤdchens, daß nichts Unangenehmes vorgefallen ſein konnte. Dann hieß ſie auch Giſela willkommen, und fuͤhrte ihre Gaͤſte in die Stube. »Weiß Heinrich um dieſen Beſuch?« fragte, nachdem ſich Alle niedergelaſſen hatten, die Wittwe, aͤngſtlich auf die Antwort geſpannt. »Ich ſagte Dir, Lottchen, daß mein Vater mit den Fremden zecht. Da iſt Dein Sohn Berthold, — der ruhloſe, ungeduldige Berthold— er kann Dir ſagen, in welche treffliche Geſellſchaft der Buͤr⸗ germeiſter von Duͤrkheim gerathen iſt!« Waͤhrend Meta dies ſagte, lachte ſie, obſchon ſie eigentlich ſelbſt kaum wußte, warum. Die erfah⸗ rene Matrone ſah in dieſer Luſtigkeit wenig mehr, als eine jener jugendlichen Regungen, welche ohne hinreichende Urſache Froͤhlichkeit wie Trauer hervor⸗ 102 bringen koͤnnen. Mit um ſo groͤßerer Sorgfalt be⸗ obachtete ſie jedoch das Antlitz ihres eigenen Soh⸗ nes, um zu erfahrel, in wie weit er mit der Luſtig⸗ keit Meta's ſympathiſire. »Da Du Dich auf mich berufſt«, ſagte er,»ſo muß ich antworten, daß Heinrich Frey in Geſell⸗ ſchaft von zwei der verderbteſten Muͤßiggaͤnger, die je die Hartenburg geſehen hat, ſich befindet. Wahr⸗ lich es thut Noth, daß Bruder Luther ſich der Kir⸗ che annimmt, da Geſellen, wie dieſe, in ihren Ge⸗ waͤndern einherſchreiten! »Sage, was Du willſt, Meiſter Berthold«, rief Giſela,»von dem geſchwaͤtzigen, halb geſchorenen Franzoſen, aber ehre den Rhodiſer als einen Kriegs⸗ mann im Ungluͤck, der zugleich zart und galant iſt. ⸗ »So galant als Du willſt«, erwiederte Meta mit Waͤrme,»Dein Geſchmack aber muß durch den Umgang mit rauhen Geſellen verkehrt worden ſein, wenn Du dieſe Menſchen zart nennſt!«⸗ Lottchen hatte das Geſicht der beiden Sprechen⸗ den ernſt betrachtet und die lebhafteſte Freude uͤber die Offenheit und Aufrichtigkeit Meta's empfunden. Eben wollte ſie eine paſſende Bemerkung machen, da hoͤrte man einen leichten Tritt vor der aͤußeren 103 Thuͤre, und Ulrike ſelbſt trat ein. Trotz des fruͤhern Wegganges der jungen Leute aus dem Schloſſe, und der geringen Entfernung deſſelben von dem Dorfe, hatten ſie doch ſo viel Zeit auf dem Wege mit eitlem Gelaͤchter oder Pfluͤcken von Blumen hingebracht, daß, bei dem Erſcheinen Ulrikens, die erſt das lange Geplauder Ilſens hatte anhoͤren muͤſſen, das Geſpraͤch nicht weiter vorgeruͤckt war. Die Begruͤßung der beiden Freundinnen war, wie gewoͤhnlich, warm und herzlich. Nachdem die ge⸗ woͤhnlichen Fragen voruͤber waren, und die beiden Muͤdchen einige unbedeutende Bemerkungen gemacht hatten, entfernten ſich die jungen Leute, unter dem Vorwande, Meta zu zeigen, wie Berthold die Neſter der Tauben, welche ſie ſeiner Mutter ge⸗ ſchenkt hatte, eingerichtet habe. Die beiden Muͤtter ſahen den Weggang ihrer Kinder, ſtets von Giſela begleitet, nicht ungerne, denn ſie ſehnten ſich nach einer geheimen Unterredung, und wußten, daß Ju⸗ gend, Neigung und jene tauſend kleinen, unſchuldi⸗ gen Koketterien der Liebe, die Abweſenheit ihrer Kinder hinreichend verzoͤgern wuͤrden. Als Ulrike und Lottchen allein waren, ſaßen ſie eine kurze Zeit mit in einander geſchlungenen Haͤn⸗ den da, und blickten ſich ernſt an. 104 »Du haſt die gefaͤhrliche Fruͤhlingszeit wohl uͤberſtanden, meine Gute!« ſagte Ulrike liebevoll. »„Ich war ſehr beſorgt, daß Deine Geſundheit in dieſer feuchten Wohnung leiden moͤchte.⸗ »Und Du ſiehſt noch ſo jugendlich und ſchoͤn aus, wie einſt, als wir, gleich Deiner Meta, ſchaͤ⸗ kernde und froͤhliche Maͤdchen waren, und in der Heidenmauer herumſtiegen. Von Allen, die ich je gekannt habe, hat die Zeit Dein Herz und Deine Geſtalt am wenigſten veraͤndert.« Ein ſanfter Druck, bevor ſie ihre Haͤnde fahren ließen, war das ſtille Wahrzeichen ihrer gegenſeiti⸗ gen Achtung. »Du findeſt Meta bluͤhend und gluͤcklich?« »Wie ſie es zu ſein verdient; und Berthold— ſcheint mir zur Kraft und Trefflichkeit ſeines Va⸗ ters heran zu wachſen.⸗« »Er iſt ganz ſo, wie ich es wuͤnſche— mit Ausnahme einer einzigen Eigenſchaft, meine Freun⸗ din, und Du weißt ſehr wohl, daß ich ſie ihm bloß zur Beſchwichtigung der Bedenklichkeiten Heinrichs wuͤnſche.« 2 »Auf Erreichung dieſer Eigenſchaft hat er keine Hoffnung. Berthold iſt uͤberdies zu großmuͤthig und zu gleichguͤltig gegen das Geld, um es anzu⸗ 105 ſammeln, auch wenn er die Mittel dazu beſaͤße. Aber welche Hoffnung hat ein geringer Foͤrſter, der im Walde jagt, ſeinen Gebieter zu Feierlichkeiten oder in die Schlacht begleitet?« »Herr Emich ſchaͤtzt Deinen Sohn, und ich glaube, daß er geneigt iſt, ihm Huld und Gunſt zu erweiſen. Wenn der Graf ernſtlich mit Heinrich ſprechen wollte, ſo waͤre noch immer nicht alle Hoff⸗ nung verloren.« Lottchen ſenkte die Blicke auf die Nadelarbeit, die ſie vor ſich hatte, denn die Nothwendigkeit hatte ſie gelehrt, unablaͤſſig thaͤtig zu ſein. Die Pauſe war lang und gedankenreich; allein waͤhrend Ulrike alle Moͤglichkeiten erwog, um die Geldliebe und die ehrgeizigen Anſichten ihres Gatten zu uͤberwaͤltigen, ſtellte ſich der Phantaſie ihrer Freundin ein ganz anderes Bild dar. Ihre Wimpern zitterten, und eine heiße Thraͤne fiel auf die Leinwand in ihren Schooß. „Ich habe in der letzteren Zeit viel nachgedacht, Ulrike«, ſagte ſie endlich,»ob es auch recht ſei, Dein Gluͤck mit der Laſt unſeres Ungluͤcks zu beladen. Berthold iſt jung und brav, aber es ſcheint mir keine Nothwendigkeit vorhanden zu ſein, Dich und Meta zu uns herunter zu ziehen. Ich habe ſehn⸗ 106 lichſt gewuͤnſcht, mit einer weniger betheiligten Freundin, als Du es biſt, uͤber die Angemeſſenheit deſſen, was wir thun ſollen, zu Rathe zu gehen; allein es hat ſeine Schwierigkeit, mit irgend Jeman⸗ den uͤber einen ſo zarten Gegenſtand ohne Nachtheil fuͤr Deine Tochter zu ſprechen.⸗ »Wenn Du den aufrichtigſten und beſten Rath⸗ geber hoͤren willſt, Lottchen, ſo befrage Dein eige⸗ nes Herz.⸗ »Das ermahnt mich, gerecht gegen Dich und Meta zu ſein.« »Haſt Du vielleicht uͤber das Benehmen und die Sinnesart Bertholds etwas bemerkt, das der ſorglichen Beobachtung einer Mutter, die ihr Kind nur mit einem Wuͤrdigen vermaͤhlen will, entging?« Lottchen laͤchelte durch ihre Thraͤnen. ⸗ Wenn Du von dem Juͤnglinge Boͤſes hoͤren willſt, ſo mußt Du die nicht fragen, die keine an⸗ dere Hoffnung kennt. Der Waiſe iſt der einzige Reichthum der Wittwe, und Du kannſt die Wahr⸗ heit von einer Perſon, die ihren Schatz mit ſo viel Geiz bewahrt, nicht erfahren.⸗ »Und glaubſt Du, Lottchen, daß Dein Sohn Dir in Deiner Armuth theurer iſt, als meine Meta mir, obſchon die Vorſicht uns mit Reichthum und 107 Rang begabt hat? Das Ungluͤck hat Dich wirklich veraͤndert, Du biſt nicht mehr das Lottchen Deiner jungen Tage.« »Ich will nichts weiter ſagen, Ulrike«, antwor⸗ tete die Wittwe mit gedaͤmpfter Stimme, wie Je⸗ mand, der mit Vorwuͤrfen uͤberhaͤuft wurde.»Ich uͤberlaſſe Alles Dir und dem Himmel. Du weißt, daß es auch dann, wenn Berthold Graf von Lei⸗ ningen waͤre, es ſein und mein bruͤnſtiger Wunſch ſein wuͤrde, Meta als ſeine Braut zu ſehen.« Ein faſt unmerkliches Laͤcheln ſchwebte um den lieblichen Mund Urrikens, denn ſie gedachte ihrer Unterredung mit Emich, aber es lag weder Arg⸗ wohn noch Mißvergnuͤgen in ihren Gedanken. »Wir wollen von den Dingen, wie ſie ſind, und nicht von Unmoͤglichkeiten ſprechen«, antwortete ſie. „»Niemand kann inniger, als ich, uͤberzeugt ſein, daß, wenn Du Ulrike waͤrſt, und ich Lottchen, Deine Neigung keine Veraͤnderung erleiden wuͤrde. Un⸗ ſerer Meta biſt Du gleichfalls gewiß, aber die Wahr⸗ heit gebietet mir, zu ſagen, daß ich fuͤrchte, Heinrich werde niemals nachgeben. Sein Geiſt haͤngt zu ſehr an dem, was die Welt Gleichheit des Standes und Vermoͤgens nennt, und es wird ſchwer halten, 108 ihn dahin zu bringen, daß er Tugenden gegen Geld in die Wagſchale legt.⸗ »Und hat er ſo unrecht? Welche vortreffliche Eigenſchaft beſitzt Berthold, die nicht auch Meta in gleichem Maße beſaͤße?«. »Das Gluͤck kann nicht ſo abgewogen werden, wie wir den Werth von Haͤuſern und Laͤndereien gegen einander halten. Er hat ſehr Unrecht, und ich koͤnnte weinen,— ach wie bitterlich habe ich es nicht ſchon beweint!— daß Heinrich Frey das Gluͤck dieſes argloſen und unerfahrenen Maͤdchens von den Wechſelfaͤllen einer ſo engherzigen Berech⸗ nung abhaͤngig macht. Denn'ch wollen wir hof⸗ fen«, fuͤgte Ulrike hinzu, indem ſie ihre Thraͤnen trocknete,»und unſere Gedanken den heitereren Sei⸗ ten zuwenden.« »Du ſprachſt von dem Wohlwollen des Grafen gegen meinen Sohn, und von ſeiner Bereitwillig⸗ keit, ſich ihm huͤlfreich zu erweiſen.« »„Ich kenne kein anderes Mittel, Heinrich's Sinn zu beugen. Obſchon er gegen mich guͤtig und nachgiebig iſt in allen Dingen, die meine Angele⸗ genheiten betreffen, ſo haͤlt er doch eine Frau nicht fuͤr geſchickt, uͤber weltliche Intereſſen zu urtheilen. Ich fuͤrchte, daß er meine Einſicht in dieſer Bezie⸗ 109 hung viel zu gering ſchaͤtzt, als daß ich hoffen koͤnn⸗ te, ihn zu uͤberreden. Aber Herr Emich hat einen großen Einfluß auf ſeinen Geiſt, denn diejenigen, welche nach der Gunſt der Welt trachten, geben in Ehrfurcht ſtets denjenigen nach, welche ihnen weit an Rang uͤberlegen ſind.« Die Wittwe ſenkte ihre Blicke, denn es geſchah aͤußerſt ſelten, daß ihre Freundin ſelbſt, in Unterre⸗ dungen mit ihr, auf die Schwaͤchen ihres Gemahls anſpielte. »Und Herr Emich?« fragte ſie, um das Ge⸗ ſpraͤch auf einen anderen Punkt zu lenken. »Der Graf zeigt, wie ich zuvor ſchon geſagt habe, große Neigung, uns beizuſtehen; denn ich habe ihm dieſen Morgen meine Wuͤnſche eroͤffnet, und ihn ſehr gebeten, dieſe Freundſchaftshandlung zu vollbringen.« »Es iſt nicht Deine Gewohnheit, den Burg⸗ herrn von Hartenburg um etwas zu bitten, Ulrike!« erwiederte Lottchen, indem ſie ihre Augen auf das Antlitz ihrer Freundin heftete, welche erroͤthete und laͤchelte. Die Blicke, die ſie austauſchten, waren voll freudiger und truͤber Erinnerungen an lang vergangene Zeiten. „Es war die erſte Bitte«, ſprach Ulrike,»und 110 ich kann nicht ſagen, daß mir der verlangte Dienſt ri unbedingt abgeſchlagen wurde, obſchon der Graf vo ihn an eine Bedingung knuͤpfte, die zu erfuͤllen mir de durchaus unmoͤglich iſt.« »Wenn ſie zu groß fuͤr Deine Freundſchaft iſt, wi dann muß ſie fuͤrwahr eine ſehr ſchwere ſein.« D Lottchen ſprach unter dem Einfluſſe ſchmerzlich erf getaͤuſchter Hoffnung, welche zuweilen auch diejeni⸗ gen, deren Grundſaͤtze feſt ſind, ungerecht macht, die und Ulrike verſtand die Meinung ihrer Worte voll⸗ kommen. Der Unterſchied des Vermoͤgens, die Hoff⸗ rik nungsloſigkeit der Zukunft Lottchens, die Bitterkeit unverdienter Schmach und Armuth, das ſtrenge ten Urtheil, welches die Welt ſo leichtſinnig uͤber die Ungluͤcklichen faͤllt, alles dies und tauſend ſchmerz⸗ wie liche Erinnerungen zogen an der Seele der Letzteren W voruͤber. haͤ »Du ſollſt ſelbſt urtheilen«, erwiederte Ulrike von mit Ruhe,»und wenn Du mich angehoͤrt haſt, ſo zaͤh beſchwoͤre ich Dich bei unſerer langen, ungetruͤbten Freundſchaft, mir Dein ganzes Herz zu eroͤffnen, bitt keinen Gedanken zu verhehlen und mir auch nicht den leiſeſten Wunſch zu verbergen!« nen »„Sprich!« die „Haſt Du nie geargwohnt, daß dieſe kriege⸗ Zie 111 riſchen Ruͤſtungen im Schloſſe, und die Anweſenheit von Kriegsleuten in Limburg nichts Gutes be⸗ deuten?« »Beides deutet auf Krieg, allein der Kurfuͤrſt wird hart bedraͤngt, und es iſt lange her, daß Deutſchland ſich keiner vollkommenen Ruhe mehr erfreut?« »Iſt Deine Vermuthung nie weiter als auf dieſe allgemeinen Dinge gegangen?⸗ Die Ueberraſchung ihrer Freundin belehrte Ul⸗ rike, daß ſie nicht verſtanden worden ſei. »Und Berthold? hat er nichts von den Abſich⸗ ten des Grafen geſagt?« fuhr die Letztere fort. »Er ſpricht von Schlachten und Belagerungen, wie die meiſten jungen Leute, und verſucht oft die Waffen ſeines Großvaters, die in jener Kammer haͤngen, denn Du weißt, daß wir, obſchon nicht von ritterlichem Range, Krieger in unſerer Familie zaͤhlen.« »Iſt er nicht gegen das Kloſter Limburg er⸗ bittert?« »Er iſt, und iſt es nicht. Es herrſcht zu mei⸗ nem Bedauern im ganzen Jaͤgerthal Unwille gegen die Moͤnche, welcher durch die Einfluͤſterungen ſeines Ziehbruders Gottlob ſehr geſteigert wird.« 112 »Der Unwille hat ſich von dem Grafen auf den Diener verbreitet. Alles, was Gottlob ſagt, hat Emich mehr als angedeutet.« »Haben doch noch in der vergangenen Nacht der Abt und der Graf in der Burg mit einander ge⸗ zecht!« »Eine zu große Blindheit gegen Dinge, die vor Deinen Augen vorgehen, meine Theure, iſt die Folge Deiner tugendhaften Geſinnung, von Allen das Beſte zu denken. Der Graf von Hartenburg ſinnt auf den Sturz der Altaͤre der Abtei, und hat mir heute zugeſchworen, daß er, wenn ich es uͤbernehmen wollte, Heinrich nach ſeinem Wunſche zu ſtimmen, es an keiner Anſtrengung fehlen laſſen wuͤrde, um Berthold und Meta gluͤcklich zu machen.« Lottchen hoͤrte dieſe Nachricht mit jenem Erſtau⸗ nen, womit die Argloſen und Sanftmuͤthigen die erſte Nachricht von den kuͤhnen Plaͤnen der Ehr⸗ geizigen und Gewaltthaͤtigen vernehmen. „Das waͤre Frevel an Gott!« rief ſie mit Nach⸗ druck aus. „Wir wuͤrden den Altaͤren Gottes Schmach an⸗ thun, wenn wir unſeren Wuͤnſchen die Oberherr⸗ ſchaft uͤber unſere Pflichten einraͤumten.⸗ 113 Eine Pauſe trat ein. Lottchen erhob ſich von ihrem Stuhle mit ſolcher Leichtigkeit, daß es ihrer aufgeregten Freundin faſt ſchien, als waͤre eine uͤbernatuͤrliche Gewalt im Spiele. Dann breitete die verwittwete Mutter die Arme aus, und machte ihren Gefuͤhlen durch Worte Luft. »Ulrike, Du kennſt mein Herz«, ſprach ſie. »Du, die Du die Schweſter meiner Liebe, wenn auch nicht meines Leibes biſt,— Du, vor der ich als Kind keinen Gedanken, als Jungfrau kein Ge— fuͤhl verhehlte,— Du, der meine Seele nur ein Spiegel der Deinigen war, und jeden Wunſch, jede Geſinnung, jedes Verlangen zuruͤckſtrahlte,— Du weißt, wie theuer mir Berthold iſt! Du kannſt es beſtaͤtigen, daß, als der Himmel mir ſeinen Vater nahm, bloß das Muttergefuͤhl mich am Leben er⸗ hielt; daß ich fuͤr ihn das Ungluͤck mit Zufrieden⸗ heit ertrug, laͤchelte wenn er laͤchelte, und mich freute, wenn er in Knabenluſt ſich freuete; daß ich, wie ich nur fuͤr ihn gelebt habe, auch bereit bin, fuͤr ihn zu ſterben. Du weißt es, Ulrike, daß ich meine eigentliche jugendliche und jungfraͤuliche Nei⸗ gung nicht mit groͤßerer Wonne und reinerem Ver⸗ trauen verſchenkte, als ich die aufkeimende Liebe zwiſchen ihm und Meta ſah, und doch erklaͤre ich Heidenmauer. II. 8 hier, in Gegenwart Gottes, daß, ehe irgend ein frevelhafter Wunſch in mir dem Grafen Emich bei dieſer That beiſteht, mir jeder irdiſche Schmerz will⸗ kommen, und kein Leiden zu bitter ſein ſoll.« Die fromme Wittwe ſank blaß, zitternd und erſchoͤpft durch die ungewoͤhnliche Anſtrengung in ihren Stuhl zuruͤck. Bertholds Mutter hatte nie die Reize ihrer Freundin beſeſſen, und ihre Stirne trug die Spuren tiefen Kummers. Wie ſie aber da ſaß, und ihr Antlitz in begeiſterter Ehrfurcht gegen Gott ſtrahlte, duͤnkte es Ulriken, ſie habe nie ein ſchoͤneres Weſen geſehen. Ihre eigenen Augen glaͤnz⸗ ten von Freude, denn in dieſem Augenblicke geiſti⸗ ſtiger Erhebung dachte keine an irdiſche Intereſſen, und ihr ſtaͤrkſtes Verlangen war, daß der Graf von Hartenburg dieſen Triumph der Froͤmmigkeit uͤber den Eigennut haͤtte mit anſehen koͤnnen. Die abſchlaͤgige Antwort, die ſie ihm, als Folge ihrer großen Ueber⸗ einſtimmung des Charakters, auf dieſelbe Weiſe und in denſelben Worten gegeben hatte, erſchien ihr als gaͤnzlich verdienſtlos; denn was war die einfache Weigerung einer Perſon von ihrem Stande und Vermoͤgen, im Vergleich gegen die erhabene Bereit⸗ willigkeit, den Kelch des Elendes, welcher der Wittwe ohnehin ſo bitter ſchmeckte, bis auf die Hefen zu leeren? ihr ner ren 115 »Ich erwartete nichts Geringeres«, ſagte ſie, als ſie ihre Aufregung wieder zu Worte kommen ließ,»von Dir, Lottchen, denn weniger waͤre un⸗ wuͤrdig geweſen, und mehr konnteſt Du kaum ſa⸗ gen. Wir wollen von anderen Dingen reden, und in jenes Weſen vertrauen, deſſen Majeſtaͤt bedroht iſt! Haſt Du die Heidenmauer ſchon beſucht?⸗ Trotz des aufgeregten Zuſtandes ihrer Gefuͤhle, der jedoch nach und nach wieder ihrer gewöhnlichen milden Ruhe Platz machte, bemerkte Lottchen das veraͤnderte Benehmen ihrer Freundin, als ſie die letzten Worte ſprach, und das leiſe Beben ihrer Stimme, als ſie jene Frage ſtellte. »Die Guͤte des Einſiedlers gegen Berthold, und der große Ruf ſeiner Froͤmmigkeit zogen mich hin. Ich fand in ihm einen Einſiedler von milder Rede und großer Weisheit.« »Haſt Du ihn wohl betrachtet, Löttchen 2⸗ »Wie der Buͤßende denjenigen anbl lickt, welcher ihm Troſt gewaͤhrt.« „»Ich wuͤnſchte, Du haͤtteſt ihn genauer betrachtet.« Die Wittwe blickte ihre Freundin voll Erſtau⸗ nen an, aber wandte unmittelbar ihre thraͤnenſchwe⸗ ren Augen wieder zu ihrer Arbeit. Es war eine lange und peinliche Pauſe, denn beide fuͤhlten den 8* 116 Mangel ihres ſonſtigen, gegenſeitigen gaͤnzlichen Vertrauens. „»Mißtrauſt Du ihm, Ulrike?« »Nicht als Buͤßenden.« »Du mißbilligſt alſo die Ehrfurcht, welche die Bewohner der ganzen Gegend ihm zollen?« »Daruͤber kannſt Du aus dem Umſtande ur⸗ theilen, daß ich Meta erlaube, ſich geiſtlichen Rath zu holen.⸗ Lottchen zeigte eine noch groͤßere Ueberraſchung, und eine noch laͤngere, peinlichere Pauſe, als die erſte war, erfolgte. »Es iſt lange, daß der Name einer Perſon nicht auf Deiner Zunge war, von welcher wir als Maͤdchen ſo oft und mit ſo viel Waͤrme geſprochen haben.« Das Staunen der Wittwe erreichte den hoͤchſten Gipfel. Sie ließ die Arbeit fallen, und ſchlug ihre Haͤnde mit Kraft ineinander. »Du glaubſt alſo?« entfuhr ihren Lippen. Ulrike neigte ihr Haupt, als wollte ſie die Lein⸗ wand beſehen, eigentlich aber war ſie ſich dieſer Handlung nicht bewußt, und ihre Hand zitterte heftig. „»Ich habe es zuweilen geglaubt«, antwortete ſie kaum hoͤrbar. — den 117 Froͤhliches Gelaͤchter erſcholl an der Thuͤre, und Meta trat mit Berthold und der Tochter des Ca⸗ ſtellans ein. In Folge dieſer Unterbrechung zogen ſich die beiden Freundinnen in das innere Gemach zuruͤck. Funfzehntes Capitel. Ungefaͤhr eine Stunde, nachdem Ulrike und Lottchen ſich, wie es am Schluſſe des vorigen Ca⸗ pitels beſchrieben worden iſt, zuruͤckgezogen hatten, ſah man den Zug Heinrichs Frey ſich durch das Jaͤgerthal, am Berge der Abtei Limburg voruͤber nach der Stadt zu bewegen. Vier leichtbewaffnete Dienſtmannen Emichs begleiteten die Reitenden zu Fuß, unter dem Vorwand, dem Buͤrgermeiſter eine Ehre zu erweiſen, eigentlich aber, um ihn gegen Herumſtreifer, die zu den Kriegsleuten in der Abtei gehoͤrten, zu ſchuͤtzen,— eine Vorſicht, die nicht ganz uͤberfluͤſſig war, da ſich der Leſer erinnern wird, daß der Weg dicht unter den Gebaͤuden der Abtei lief. Waͤhrend ſie unter den maͤchtigen Thuͤrmen und hohen Daͤchern, die ſelbſt in der tiefen Thalſchlucht 118 ſichtbar waren, voruͤber ritten, wurde das Antlitz Heinrichs, der ſeit ſeinem Abzug aus der Harten⸗ burg ungewoͤhnlich gedankenvoll war, noch ernſter, und Meta, die mit ihm auf dem Sattel ſaß, hoͤrte ihn tief aufathmen,— ein unfehlbares Zeichen, daß der Geiſt ihres wuͤrdigen Vaters in außeror⸗ dentlicher Thaͤtigkeit war! Allein nicht nur das Antlitz des Buͤrgermeiſters verfinſterte ſich. Eine tiefe, duͤſtere Trauer um⸗ woͤlkte die ſchoͤnen Zuͤge ſeines Weibes, und auch im Geſichte der bluͤhenden Meta zeigte ſich jener ruhige Ernſt, der gewoͤhnlich auf hohes Vergnuͤgen folgt, wo dann der Geiſt die Vergangenheit pruͤft, und die Verdienſte und Schattenſeiten der juͤng⸗ ſten Genuͤſſe unterſucht. Von Allen, die maͤnn⸗ liche Begleitung ausgenommen, kehrte die alte Ilſe zuruͤck, wie ſie gekommen war, ſelbſtgefaͤllig, un⸗ bewegt, und geſchwaͤtzig. »Graf Emich hat Dein Mißfallen erregt, Va⸗ ter«, ſagte Meta, als ein tiefes Athmen, das bei einer minder ſtarken Perſon ein Seufzer haͤtte ge⸗ nannt werden muͤſſen, ihr Grund gab zu glauben, daß des Buͤrgermeiſters Herz uͤber eine tiefe Kraͤn⸗ kung bruͤte,»ſonſt wuͤrdeſt Du heiterer und geneig⸗ ter ſein, mir Deinen vaͤterlichen Rath zu geben, ——————,, — klitz ter, en, 119 wie Du es ſonſt pflegſt, wenn wir zuſammen auf dem Sattel ſitzen.« »An Gelegenheit daran wird es nicht fehlen, und die Mauern dieſer Abtei friſchen zur rechten Zeit mein Gedaͤchtniß als Vater auf. Aber im Irrthum biſt Du, wenn Du glaubſt, daß Emichs Seele mit der meinigen nicht ſo verbunden iſt, wie einſt die Seele Davids mit der Jonathans. Es giebt keinen Mann, den ich mehr liebe; es giebt, den Kaiſer und den Kurfuͤrſten pflichtſchuldig aus⸗ genommen, keinen Edelherrn, den ich hoͤher ſchaͤtze.« »Dies freut mich ungemein, denn ich liebe ſehr den Ritt zwiſchen dieſen Bergen, und vor Allen beſuche ich Lottchens Huͤtte gerne!« Heinrich that einen Ausruf, und ritt eine kurze Strecke ſchweigend fort. »Meta“, ſagte er endlich,»Du erreichſt nun das heirathsmaͤßige Alter, und es iſt Zeit Dein jun⸗ ges Gemuͤth ſo zu ſtaͤrken, daß es der Liſt und Bos⸗ heit dieſer Welt zu begegnen vermag. Auf das Le⸗ ben kann Niemand mit Sicherheit zaͤhlen, am we⸗ nigſten der Tapfere und Unternehmende, und wir leben in gefaͤhrlichen Zeiten. Wer heute in voller Mannskraft, geehrt und gluͤcklich, daſteht, kann den naͤchſten Tag, ja noch dieſe Nacht, um mehr auf 120 uns ſelbſt anzuſpielen, umkommen; und Dein Va⸗ ter iſt eben ſo ſterblich, wie jedes Thier, das auf Erden kriecht, oder wie der verachtetſte Schlemmer in der Pfalz, der ſein Vermoͤgen, vielleicht die Frucht irgend eines thaͤtigen Vaters, verpraßt und verſchwelgt.« »Das iſt ſehr wahr, Vater«, erwiederte die Jungfrau, welche zwar an die moraliſchen Betrach⸗ tungen ihres Vaters ſehr gewoͤhnt war, allein doch niemals den Buͤrgermeiſter, der in leiſem Tone ſprach, gleich als ob dieſe ploͤtzliche Demuth ſeine ſonſtige Selbſtachtung verwunde, nie ſo von ſich ſelbſt hatte reden hoͤren.»Wir ſind nicht beſſer als die aͤrmſten Bewohner von Duͤrkheim, und kaum ſo gut als Lottchen und Berthold.« Ein ſtaͤrkerer Ausruf bethaͤtigte Heinrichs Miß⸗ vergnuͤgen. „Schweige von dieſen ehrlichen Leuten«, erwie⸗ derte er,»da Jedermann nach ſeinen eigenen Ver⸗ dienſten ſelig oder verdammt wird; laß es Lottchen und ihren Sohn ſo ergehen, wie es die Vorſicht ſchickt, denn wir haben in dieſem Augenblicke von einer wichtigen Familienangelegenheit zu ſprechen. Ich will mit Dir ein ernſtes Wort reden, Kind, und bedarf daher Deiner groͤßten Aufmerkſamkeit. a 0 2vr+ V—ᷣ☛ ☚——,.ä,j,—+ e — 121 Zugegeben alſo, daß ich ſterblich bin,— und Du kannſt gewiß ſein, Meta, daß ich davon nicht im Leichtſinn oder ohne Nothwendigkeit rede,— ſo folgt daraus nothwendig, daß ich von Dir fruͤher oder ſpaͤter hinweggenommen werde, und Du als eine Waiſe zuruͤckbleibſt. Dieſes große Ungluͤck kann uns Beide ſchneller treffen, als Du es denkſt, denn ich wiederhole Dir, wir leben in gefaͤhrlichen Zeiten, wo heißes Blut und Tapferkeit einem Manne leicht ein fruͤhzeitiges Ende bereiten koͤnnen.⸗ Meta ſchlang ihren Arm dichter um den Leib des Buͤrgermeiſters, welcher den zarten Druck als einen Beweis kindlicher Liebe hinnahm. „»Wozu davon ſprechen, Vater«, rief ſie aus, „da Du weißt, daß es uns Beide ungluͤcklich macht? Obſchon ich jung bin, ſo kann doch mich das Schick⸗ ſal treffen, daß ich eher ſterbe als Du.⸗ „Das iſt moͤglich, aber nicht wahrſcheinlich«, erwiederte Heinrich mit trauriger Miene.»Dem gewoͤhnlichen Laufe der Natur zufolge, werde ich ſogar Deiner Mutter vorausgehen, da ich um zehn Jahre aͤlter bin als ſie, und Du wirſt eines Tages als eine Waiſe zuruͤckbleiben. Gott weiß, welches Ende noch alle dieſe Zwiſtigkeiten, welche uns um⸗ ſtricken, nehmen werden, und ich halte es daher fuͤr 122 klug, vorbereitet zu ſein. Wann immer der un⸗ ſelige Tag des Scheidens erſcheint, Meta, ſo wirſt Du mit einem Gefaͤhrten, der wenig fuͤr Deine Jugend und geringe Erfahrung paßt, zuruͤckge⸗ laſſen werden.⸗ »Vater!« »Ich meine Geld, Kind, welches eben ſowohl ein Segen als ein Fluch iſt, je nachdem es faͤllt. Wenn ich ploͤtzlich von hinnen genommen werden ſollte, ſo wuͤrden viele nichtswuͤrdige und liederliche Galane Dich umſchwaͤrmen, die bei ihrem Schnur⸗ barte ſchwoͤren, daß Du ihnen theurer biſt, als die Luft, welche ſie einathmen, waͤhrend es jedoch ihr einziger und eigentlicher Wunſch iſt, Herr des hin⸗ terlaſſenen Vermoͤgens des Buͤrgermeiſters zu wer⸗ den. Es iſt ſehr ſchwierig, eine Deines Mittel⸗ ſtandes gluͤcklich zu vermaͤhlen, denn waͤhrend Deine Geburt Dir das Thor der Burg und des Palaſtes verſchließt, giebt Dein bedeutendes Vermoͤgen Dir das Recht, mehr als einen bloßen Buͤrger zu waͤh⸗ len. Ich moͤchte gern einen Mann von gutem Stande, der kein Verſchwender iſt.« »Das duͤ tte ſich ſo leicht nicht machen, guter Vater«, erwiederte Meta lachend, denn wenige Maͤdchen in ihren Jahren vermoͤgen von Plaͤnen 123 kuͤnftiger Vermaͤhlung ohne eine Reizbarkeit der Nerven zu hoͤren, welche leicht den Schein der Luſtig⸗ keit annimmt—„»mir ſcheint die Welt in Er⸗ werber und Verzehrer eingetheilt zu ſein.⸗ „»Oder in die Klugen und Thoͤrichten. Es giebt drei Dinge, welche bei allen Verheirathungen von Maͤdchen in Deiner Lage vorhanden ſein muͤſſen, um irgend auf Gluͤck und Achtung der Menſchen zu hoffen. Das erſte iſt ein hinreichendes Ver⸗ moͤgen, das zweite die Einwilligung und der Segen der Aeltern, das dritte die Gleichheit des Standes.⸗ »Ich haͤtte geglaubt, Du wuͤrdeſt etwas von Geſchmack und Neigung ſagen, mein Vater.« »Eitle Einbildungen, Kind, die jede Grille ver⸗ aͤndern kann. Sieh jenen Bauer, der die Wein⸗ ſtoͤkke der Abtei beſchneidet,— glaubſt Du, daß er bei ſeinem Becher ſauren Weines weniger gluͤcklich iſt, als wenn er den beſten Rheinwein in Boni⸗ facius Keller niederſchlucken koͤnnte? Und doch kannſt Du, wenn der Burſche die Wahl haͤtte, zu⸗ verſichtlich darauf rechnen, daß er ſchwoͤren wuͤrde, daß kuͤnftig nur Hochheimer ſeine Lippen benetzen ſolle. Der Kerl wuͤrde ungluͤcklich ſein, wenn er aus eitler Grille ſich in den Kopf ſetzte, beſſer leben zu wollen: allein wen kann man, arbeitſam und maͤ⸗ ßig, wie er iſt, gluͤcklicher preiſen? Oh! Ich habe dieſe Schelme, wenn Verdruß und Verluſt meinen Geiſt niederbeugte, oft um ihr Gluͤck beneidet.« »Und moͤchteſt Du denn mit dieſen Winzern tauſchen, Vater?« »Was denkſt Du, Dirne? Giebt es denn nicht auf Erden Rang und Stand?— Dies er⸗ innert mich an meinen Zweck. Es iſt heute die Rede von der Thorheit, um nicht zu ſagen, Verwe⸗ genheit des jungen Berthold Hintermaier gewe⸗ ſen, ſeine Armuth mit meinem Reichthum paaren zu wollen.« Meta ſenkte das Haupt, und das Haupt und der Arm, mit welchem ſie ſich an ihren Vater an⸗ hielt, zitterte heftig. „Ich zweifle, daß Berthold je daran gedacht hat«, antwortete ſie mit kaum hoͤrbarer Stimme.⸗ „Um ſo beſſer fuͤr ihn, denn ein ſolches Ver⸗ langen waͤre gerade ſo thoͤricht, als wenn Du wuͤn⸗ ſchen wollteſt, die Gattin des Erben des Grafen Emich zu werden.⸗ „»Nein, dieſer thoͤrichte Gedanke iſt mir nie in den Sinn gekommen!« rief Meta aus. „»Um ſo beſſer fuͤr Dich, Maͤdchen, da der Burg⸗ herr von Hartenburg ſeinen Sohn ſchon vor vielen in en 125 Jahren verlobt hat. Da wir gegenſeitig ſo gaͤnz⸗ lich einverſtanden ſend, ſo uͤberlaſſe mich nun mei⸗ nen Gedanken, denn wichtige Angelegenheiten be⸗ ſchaͤftigen mich.« Bei dieſen Worten ſammelte Heinrich ſeinen Geiſt zum Nachdenken, vollkommen zufrieden mit den vaͤterlichen Lehren, die er ſeiner Tochter ſo eben gegeben. Meta dagegen fand in den wenigen, hingeworfenen Bemerkungen des Buͤrgermeiſters Urſache genug zu unangenehmem Gruͤbeln waͤhrend der uͤbrigen Dauer des Rittes. Waͤhrend des kurzen Geſpraͤches zwiſchen Hein⸗ rich und Meta, wurde ein anderes zwiſchen Ulrike und der Alten, die bei ihr im Sattel ſaß, gefuͤhrt. Die Schwatzhaftigkeit der alten Ilſe und die oft erprobte Nachſicht ihrer Gebieterin bewog ſie, kurz nachdem ſie aus dem Dorfe geritten, und weit ge⸗ nug von den Uebrigen entfernt waren, um frei ſprechen zu koͤnnen, das Stillſchweigen zu brechen. »Wohlan“, rief die Alte aus,»das war einmal ein Tag. Zuerſt hatten wir die Fruͤhmeſſe in Duͤrkheim, dann die feurige Predigt Vater Jo⸗ hanns und das Hochamt in der Abtei, und endlich das herrliche Benehmen des Grafen Emich. Ich 126 glaube nicht, gute Frau, daß Du je zuvor den Buͤr⸗ germeiſter ſo geehrt geſehen haF.« »Er ſtand bei dem Burgherrn von Hartenburg ſtets in Gunſt, wie Du wohl weißt, Ilſe«, erwie⸗ derte Heinrich's Gemahlin, indem ſie wie eine Perſon ſprach, die an andere Dinge denkt.»Ich wollte, es herrſchte in dieſem Augenblicke keine ſo enge Freundſchaft zwiſchen Beiden!« »Hierin denkſt Du gegen Deinen Gemahl nicht wie Du ſollſt. Es iſt erquicklich, von Denen ge⸗ ehrt zu werden, welche die Welt ehrt, und Du ſollteſt wuͤnſchen, daß Dein Gemahl bei ihnen Allen in hoher Gunſt ſtehe, ja ſebſt bei dem Kai⸗ ſer. Aber Du hatteſt ſchon als Kind Deine Ei⸗ genthuͤmlichkeiten, und ich darf nicht zu hart einen Hang tadeln, der, da er gleichſam von der Natur koͤmmt, nicht ohne Grund iſt. Ach! der Himmel erweiſt ſich ſtets gnaͤdig gegen die Guten. Wel⸗ ches gluͤckliche Leben fuͤhrſt Du, Ulrike! Du gehſt als die Frau eines Buͤrgermeiſters Allen vor, de einſt Deines Gleichen waren, und zwiſchen den Thoren von Duͤrkheim oder Deines eigenen Hau⸗ ſes, und denen von Hartenburg, darf Niemand bedeckt daſtehen, wenn Du voruͤber reiteſt. Das heißt gluͤcklich ſein! Dann haben wir den wuͤrdigen r⸗ — 127 Heinrich zum Gebieter: und einen trefflicheren Mann, um Alle in der Stadt in gebuͤhrender Ehr⸗ furcht zu erhalten, kann es nicht geben; ferner Meta, welche ohne alle Frage das ſchoͤnſte und kluͤgſte aller Maͤdchen von Duͤrkheim iſt, und end⸗ lich bluͤhſt Du wie einſt, in ſolcher Geſundheit und Zufriedenheit, daß ſelbſt eine Wittwentrauer dadurch verſuͤßt wuͤrde. Ach! welches ſchoͤne Loos iſt Dir gefallen!«. Ulrike ſchien aus einem Traum aufzuwachen, als die Alte das Loblied zu Ehren ihres Gluͤckes anſtimmte, und ſeufzte unwillkuͤhrlich lange und tief auf. »Ich beklage mich uͤber mein Schickſal nicht, gute Ilſe.« »Wenn Du das thaͤteſt, ſo muͤßte das Thier anhalten, und ich wuͤrde ſchnell abſteigen, denn von einem ſolchen frevelvollen Ritte waͤre nichts Gutes zu erwarten! Dankbarkeit geht vor allen Tugen⸗ den, mit Ausnahme der Demuth, denn Demuth fuͤhrt zum Gluͤcke, und das Gluͤck iſt die Mutter der Dankbarkeit. Ich wollte, Du waͤreſt bei mei⸗ ner letzten Beichte geweſen, und haͤtteſt gehoͤrt, welche feine Fragen eroͤrtert wurden. Es traf ſich, daß Vater Johann im Beichtſtuhle ſaß, und nachdem 128 er das Wenige angehoͤrt hatte, deſſen ich mich an⸗ klagte,— denn was koͤnnte ich, obſchon eine große Suͤnderin, in einem Alter von mehr als ſiebenzig Jahren gegen den Himmel thun?— ſprachen wir uͤber Gegenſtaͤnde des Glaubens. Der Moͤnch behauptete, daß ſelbſt die Tugendhaften zuweilen ſo ſuͤndigen, daß ſie die ewige Verdammniß ver⸗ dienen; waͤhrend ich, wenn es ſich geziemt haͤtte, an einem ſolchen Platze zu ſchwoͤren, geſchworen haben wuͤrde, daß der verſtorbene Prior, der treff⸗ lichſte Mann, der je im Kloſter Limburg lebte, ſtets die Verſicherung gab, daß die Gnade ſelig macht. Ich wundere mich nicht, daß ſolche Ketzereien im Schwange gehen, wenn die Prieſter ſelbſt zu Alten und Schwachen auf eine ſo entmuthigende Weiſe ſprechen.« »Du biſt allzugeneigt, gute Ilſe, bei Spitzfin⸗ digkeiten zu verweilen, waͤhrend ein demuͤthigerer Glaube ſich beſſer fuͤr Deinen Zuſtand ſchickte.« »Und was iſt dies fuͤr ein Zuſtand, daß Du ihn tadelnd nennſt? Bin ich nicht alt, und kann ich nicht am Beſten ſagen, was Suͤnde iſt oder nicht? Wußteſt Du ſelbſt, Kind, was Suͤnde ſei, bevor ich es Dich lehrte? Bin ich nicht ſterblich, und daher ſchwach,— bin ich nicht alt, und daher Du nn wißbegierig— bin ich nicht alt und daher erfahren? An mich mußt Du Dich wenden, wenn Du wiſſen willſt, was wirkliche Suͤnde iſt,— eine Suͤnde, die zur Verzeihung großer Gnade bedarf!⸗ „Laß das gut ſein, Ilſe! Ich wollte Dich an laͤngſt vergangene Dinge erinnern, und Deine Er⸗ fahrung in Betreff eines Gegenſtandes zu Rathe ziehen, der mich ſehr nahe angeht.« »Das muß Meta betreffen, denn was koͤnnte eine Mutter naͤher angehen, als ihre Tochter?« »Du haſt zum Theil recht. Ich wollte von Meta, von uns Allen ſprechen. Du biſt nun mehr als einmal in der Heidenmauer mit unſerem Maͤd⸗ chen geweſen, um ſie zu dem frommen Einſiedler zu begleiten.⸗ »Du haſt ſehr recht, daß Du ſagſt, mehr als einmal, denn zweimal habe ich dieſe ermuͤdende Wanderung gemacht, und wenige meines Alters vermoͤchten dies zu thun, ohne durch die Anſtren⸗ gung Schaden zu leiden.« »Was ſpricht man von dem frommen Mann, — ich meine, von ſeiner Herkunft und Geſchichte?« »Vieles ſpricht man, Vieles, was gut und er⸗ baulich iſt. Man achtet einen Segen von ihm hoͤ⸗ her, als zwei von der Abtei, denn von Sihm weiß Heidenmauer. II. 130 man nichts Boͤſes, waͤhrend man ſich von Limburg Dinge erzaͤhlt, von denen es beſſer waͤre, wenn ſie unwahr ſein moͤchten. Was mich betrifft, Ulrike,— und ich bin eine Perſon, die ſolche Dinge nicht leicht nimmt,— ſo wuͤrde ich mit einer Beruͤhrung von ſeiner Hand mehr beſeligt von dannen gehen, als wenn alle Moͤnche von Limburg mich mit Schlaͤ⸗ gen beehrten. Ich nehme einzig und allein den Va⸗ ter Arnulph aus, der zwar kein Einſiedler iſt, aber wegen ſeiner Tugenden wohl verdiente, einer zu ſein. Das iſt ein Mann, der, um ihm Gerechtig⸗ keit widerfahren zu laſſen, nie etwas anderes trin⸗ ken ſollte, als Quellwaſſer, und nie etwas anderes eſſen, als Brot, ſo hart wie Stein!⸗ »Haſt Du den Einſiedler von der Heidenmauer geſehen?« »Es reichte mir hin, ſeine Huͤtte zu ſehen. Ich gehoͤre nicht zu denjenigen, die ein Gut nicht be⸗ ſitzen koͤnnen, ohne es abzunutzen. Ich habe den frommen Mann nie erblickt, denn dies ſpare ich mir fuͤr die Uebel auf, welche Alle, welche alt ſind, befallen. Laß nur den Herbſt mit ſeinen Plagen uͤber mich kommen, und Du ſollſt ſehen, wie ich den Einſiedler beſuchen werde!⸗ „»Ilſe, Du erinnerſt Dich der Tage meiner N. 131 Kindheit, und kennſt die meiſten Dinge, die ſich in Duͤrkheim ſeit vielen, vielen Jahren zugetragen haben.« »Ich weiß nicht, was Du Kindheit nennſt, aber wenn Du den erſten ſchwachen Schrei, den Du auf Erden thateſt, oder den erſten Blick Deiner Augen meinſt, ſo erinnere ich mich deſſen, als waͤre es erſt geſtern geweſen.« »So erinnerſt Du Dich wohl auch der Juͤng⸗ linge und Maͤdchen, welche bei unſeren Luſtbarkei⸗ ten ſich ergoͤtzten, und zu ihrer Zeit ſo fröhlich wa⸗ ren, wie die, welche wir heut zu Tage ſehen.⸗ »Die nennſt Du froͤhlich? Sie ſind gemiethete Klageweiber in Vergleich mit den jungen Leuten zu meiner Zeit. Diejenigen, welche ſeit den letzten funfzig Jahren geboren worden ſind, kennen wenig von Frohſinn und Munterkeit. Wenn Du wiſſen willſt—« „»Davon koͤnnen wir zu einer anderen Zeit ſpre⸗ chen. Aber da Dein Gedaͤchtniß noch ſo friſch iſt, ſo kannſt Du den jungen Herrn von Ritterſtein, der einſt im Hauſe meines Vaters ſo wohl gelitten war, nicht vergeſſen haben?« Ulrike ſprach ſehr leiſe, aber der ruhige Gang 9* 132 des Thieres geſtattete ihrer Begleiterin, jedes Wort zu hoͤren. „»Ob ich mich Odo's von Ritterſtein erinnere?⸗ rief die Alte aus.»Bin ich eine Heidin, um ihn oder ſein Verbrechen vergeſſen zu koͤnnen?« „»Der arme Odo! Er ſoll in der Verbannung, wie ich hoͤrte, ſeine Suͤnde bitter bereut haben. Hoffen wir, daß ſie ihm vergeben worden iſt!« „»Von wem— vom Himmel? Nimmermehr, ſo wahr Du lebſt, Ulrike, kann ein ſolches Verbre⸗ chen vergeben werden! Heute Nacht ſind es, wie Alle im Jaͤgerthale wohl wiſſen, zwanzig Jahre, ſeitdem er jene That veruͤbte; denn in der Abtei⸗ kirche ſind deswegen zahlloſe Meſſen geleſen und Exorcismen vorgenommen worden. Wofuͤr haͤltſt Du den Himmel, Kind, daß Du glaubſt, er koͤnne ein ſolches Verbrechen verzeihen?« »Es war eine ſchreckliche Suͤnde!« erwiederte Ulrike ſchaudernd, denn obſchon ſie den Buͤßenden zu entſchuldigen wuͤnſchte, ſo behielt doch der Ab⸗ ſcheu gegen ſeinen Frevel in ihrer Seele die Ober⸗ hand. 3 „Es war ein Frevel gegen Gott, und ein Ver⸗ brechen gegen die Menſchen. Er moͤge zuſehen, ſage d r⸗ ge ich, denn ſeine Seele ſchwebt in ſchrecklicher Ge⸗ fahr.« Ein ſchwerer Seufzer war die Antwort der Frau des Buͤrgermeiſters. »Ich kannte den jungen Odo von Ritterſtein ſehr wohl«, fuhr die Alte fort,»und obſchon er, was ſein Aeußeres betraf, nicht ſchlecht begabt war, und eine ſehr verfuͤhreriſche Sprache gegen Alle fuͤhrte, die ſeiner honigſuͤßen Zunge Gehoͤr ſchenk⸗ ten, ſo kann ich mich doch ruͤhmen, daß ich ſeine innere Natur vom erſten Augenblicke an durch⸗ ſchaut habe.« »Da begriffſt Du ein furchtbares Geheimniß!⸗ fluͤſterte Ulrike. »Fuͤr eine Perſon in meinen Jahren und von meiner Erfahrung war es kein Geheimniß. Was kuͤmmert ein ſchoͤnes Antlitz, edle Geburt und ein kuͤhnes Auge ein Weib, das Erfahrung beſitzt und lange gelebt hat? Ich las in des jungen Odo Seele, wie der Prieſter am Altare im Meßbuche, das heißt, mit halben Blicken.⸗ „Es uͤberraſcht mich in der That, daß eine Per⸗ ſon Deines Standes einen Charakter ſo ſchnell be⸗ griff, der den Meiſten ein Raͤthſel war. Du weißt, 134 daß er bei meinen Aeltern lange Zeit in Gunſt ſtand.⸗. »Ja, auch bei Dir, Ulrike, und dies beweiſ't den Unterſchied der Einſichten. Aber keinen einzigen Tag, nein, keine einzige Stunde irrte ich mich in Betreff ſeines Charakters. Was kuͤmmerte mich ſein Name? Man ſagte, daß er Kreuzfahrer unter ſeinen Ahnen zaͤhlte, und daß Edle ſeines Geſchlech⸗ tes das Zeichen des Kreuzes, unter einem gluͤhen⸗ den Himmel und in einem fernen Lande, zur Ehre Gottes trugen. Dies Alles machte mich aber nicht irre. Ich ſah den Mann mit meinen eigenen Au⸗ gen, beurtheilte ihn mit meinem eigenen Verſtande.« „»Da ſahſt Du in ihm einen Mann, Ilſe, von keiner widrigen Miene.« »So dachten Diejenigen, welche jung und leich⸗ ten Herzens waren. Ich leugne nicht, daß ſein Aeu⸗ ßeres angenehm war, denn dies hatte der Himmel ihm gegeben,— noch weniger ſage ich etwas gegen ſeine Geſchicklichkeit in allen ritterlichen Uebungen, denn ich gehoͤre nicht zu denjenigen, die einen gefal⸗ lenen Feind ſchmaͤhen. Aber ſein Benehmen! Als er Deinen Vater zum erſten Male beſuchte, erſchien er vor dem Buͤrgermeiſter, als waͤre er ein Kurfuͤrſt, und nicht ein einfacher Edelherr. Obſchon ich da⸗ tit 135 ſtand, und mich vor ihm, wie es ſeinem Range und meiner Erziehung geziemte, verneigte, oft verneigte, erhielt ich doch fuͤr meine Muͤhewaltung weder einen freundlichen Blick, noch ein Wort des Dankes, noch ein Laͤcheln der Herablaſſung. Seine Augen fielen nicht auf die alte Waͤrterin, ſondern hafteten auf der jungen Schoͤnheit, ungerechnet andere Unziem⸗ lichkeiten. Ah! ich erkannte ihn ſchnell fuͤr das, was er wirklich war.« » Er beſaß ſehr widerſprechende Eigenſchaften.« »Schlimmer als das, hundert Mal ſchlimmer. Ich kann ſeine ſchoͤnen Eigenſchaften aufzaͤhlen.— Zuerſt war er ein Schlemmer, der nie die Gelegen⸗ heit verſaͤumte, mit denſelben Moͤnchen, die er ent⸗ ehrte, an allen ihren Schwelgereien Theil zu neh⸗ men.—« „Davon hoͤrte ich nie etwas.« »Iſt es vernuͤnftig, nach dem, was man gewiß weiß, etwas Anderes vorauszuſetzen? Hat ein Menſch ein garſtiges Laſter an ſich, ſo hat er alle.« »Iſt das auch wahr? Sollte man nicht viel⸗ mehr denken, daß die Meiſten in ihren ſchwachen Punkten fehlen, waͤhrend ſie in ihren ſtarken kraͤf⸗ tig allen Lockungen widerſtehen? Daß es Fehler giebt, welche die Verdammung der Welt zuziehen, und Gleichguͤltigkeit gegen die Meinungen der Men⸗ ſchen hervorbringen, mag wahr ſein: allein ich hoffe, daß Wenige ſo ſchlecht ſind, daß ihnen von ihren guten Eigenſchaften gar nichts bleibt.« »Wenn Du je eine Belagerung geſehen haͤtteſt, meine Gute, ſo wuͤrdeſt Du anders urtheilen. Da iſt der Feind außerhalb des Grabens, und ſchreit und bruͤllt, und thut ſein Moͤglichſtes, um die Be⸗ ſatzung in Verwirrung zu ſtuͤrzen. Ich ſpreche von Etwas, das ich in unſerem Duͤrkheim dreimal geſe⸗ hen habe,— aber ſo lange keine Breſche geoͤffnet und die Sturmleitern nicht angelegt worden ſind, geht in den Straßen Jeder ruhig und ohne Gefahr ſeinen Geſchaͤften nach. Aber wenn der Feind ein⸗ mal, und ſei es nur durch ein Fenſter oder einen Schornſtein, eingedrungen iſt, ſo fliegen die Thore auf, und herein ſtroͤmen Reiter und Fußknechte, bis kein Haus der Pluͤnderung, kein Heiligthum der Schaͤndung entgeht. Das gotteslaͤſterliche Verbre⸗ chen, welches Herr Odo beging, war gleichſam der Einſturz einer ganzen Mauer, ſo daß durch die Oeff⸗ nung alle Schwadronen des Laſters auf einmal ein⸗ drangen.“« »Daß es eine furchtbare That war, iſt gewiß: dennoch kann es nur der Fehler augenblicklicher r 137 Verblendung oder aufgeforderter Rache geweſen ſein.« »Es war Gottesfrevel, und als ſolcher wird die That beſtraft werden: wozu daher noch etwas zu ſeiner Vertheidigung ſagen? Meta kann uns hoͤ⸗ ren, und es waͤre nicht gut, wenn ſie vernehmen moͤchte, daß ihre Mutter einen Frevel rechtfertigt. Erinnere Dich ſtets, daß Du Mutter biſt, und uͤbe Deine Pflicht mit Klugheit.« Da das Pferd, worauf Meta und der Buͤrger⸗ meiſter ritten, ſich naͤherte, ſo hoͤrte Ulrike mit jener geduldigen Nachgiebigkeit, die ſie waͤhrend des gan⸗ zen Geſpraͤches bewieſen hatte, auf, zu reden. We⸗ nig fiel waͤhrend der uͤbrigen Zeit des Rittes zwi⸗ ſchen den Reitenden vor. Als Heinrich jedoch in ſeinem Hauſe angelangt war, berief er die vorzuͤg⸗ lichſten Maͤnner der Stadt zu einer geheimen Be⸗ rathung. Der Ueberreſt des Tages verging, wie in allen Staͤdten jener Zeit. Die Bogenſchuͤtzen uͤbten ſich mit ihren Armbruͤſten vor den Mauern, die Haken⸗ ſchuͤtzen mit ihren ſchwer zu handhabenden, aber ge⸗ faͤhrlichen Waffen; die Maͤdchen und Juͤnglinge tanzten, waͤhrend in den Schenken die Handwerker und Arbeiter, nach den Muͤhen der Woche, den ge⸗ 138 ſunden und wohlfeilen Wein der Pfalz mit thieri⸗ ſcher Genußſucht durch ihre Kehlen goſſen. Hie und da zeigte ſich in den Straßen ein Moͤnch von der benachbarten Abtei, jedoch mit nicht ſo gebiete⸗ riſcher und zuverſichtlicher Haltung, als bevor die Bekanntwerdung der Meinungen Luthers ſo viele Lehren und Gebraͤuche der herrſchenden Kirche in Zweifel geſtellt hatte. Sechszehntes Capitel. Man wird ſich erinnern, daß die Handlung im lieblichen Junimonate ſpielt. Nachdem die Sonne hinter jenen weiten und fruchtbaren Ebenen nieder⸗ geſunken war, durch welche der Rhein, ein ſchnel⸗ ler und truͤber, aber edler Strom, fließt, aͤhnlich ei⸗ nem kuͤhnen Bergbewohner, der aus den Hoͤhen der Schweiz niederſteigt, um ſich aus jedem Thal ſei⸗ nen Tribut zu holen,— blieb noch in der Luft die liebliche, trauliche Waͤrme der ſchoͤnſten aller Jah⸗ reszeiten zuruͤck. Dennoch war es keine jener ruhi⸗ jeri⸗ Hie von ete⸗ die iele in 139 gen Mondnaͤchte, wie ſie unſer bezauberndes*) Klima zieren, ſondern es herrſchte in dieſer Ruhe eine ge⸗ wiſſe Duͤſterheit, welche beſtaͤndig daran erinnerte, daß die Nacht hereinbreche. Der Augenblick ſchien mehr fuͤr Ruhe, als fuͤr Schwelgerei geeignet zu ſein. Die einfache Lebensweiſe der Duͤrkheimer be⸗ ſtimmte ſie, die Stadtthore zeitig zu ſchließen, was mit dem Glockenſchlag Acht geſchah. Die Bauern im Jaͤgerthal warteten nicht einmal ſo lange, um ſich zur Ruhe zu begeben. Ungefaͤhr um zehn Uhr oͤffnete ſich eine Neben⸗ thuͤr im Hauſe Heinrich Freys, und drei Perſonen traten heraus. Alle waren ſo dicht eingemummt, daß man ſie nicht erkennen konnte. Der Anfuͤhrer, ein Mann, ſah zuerſt vorſichtig um ſich, ob der Weg rein ſei, dann winkte er ſeinen Begleiterinnen, nachzufolgen, und ging unter dem Schatten, den die Haͤuſer warfen, mit ihnen vorwaͤrts. Es dau⸗ erte nicht lange, ſo erreichten ſie das Thor, welches nach dem Berge der Heidenmauer fuͤhrte. Es war in Duͤrkheim eine ſtaͤrkere Wache, als gewoͤhnlich, auf den Beinen, obſchon die Stadt, be⸗ *) Amerikaniſches. 140 ſonders zu einer Zeit, wo feindliche Heere die Pfalz verwuͤſteten, nie ohne die gehoͤrige Wache war. Ei⸗ nige Bewaffnete ſchritten auf der Straße, welche zu den Befeſtigungswerken fuͤhrte, auf und nieder, und auf dem Wall erblickte man eine Schildwache. „»Wer da?« rief ein Hakenbuͤchſenſchuͤtze. Der verhuͤllte Mann trat naͤher, und ſprach leiſe mit dem Anfuͤhrer. Dies ſchien eine gute Wir⸗ kung zu thun, denn kaum hatte er einige Worte geſprochen, als geſchaͤftiges Geraͤuſch unter den Buͤrgern ihre Bereitwilligkeit zeigte, ihm zu dienen. Die Schluͤſſel wurden herbeigebracht, und das Thor geoͤffnet. Der Mann jedoch blieb zuruͤck. Nach⸗ dem er ſeine Begleiterinnen hinaus gelaſſen hatte, kehrte er in die Stadt zuruͤck, verweilte aber zuvor einige Minuten im Geſpraͤch mit den Wachtha⸗ benden. Nachdem die Frauen die Thore hinter ſich hat⸗ ten, begannen ſie aufwaͤrts zu ſteigen. Der Weg war beſchwerlich, er fuͤhrte durch Terraſſen und Weingaͤrten, und die Gliedmaßen der Emporſteigen⸗ den ſchienen die Ermuͤdung des Aufwaͤrtsgehens ſehr zu fuͤhlen. Endlich erreichten ſie unter vielen Beſchwerden, und nachdem ſie oft ſtille geſtanden hatten, um Athem zu holen, eines der Truͤmmer nur des vormaligen Roöͤmerlagers. Hier ſetzten ſie ſich nieder, um etwas auszuruhen, verharrten aber Beide im tiefſten Stillſchweigen. Sie waren den Weg emporgeklettert, der zu jener Bergesſpitze fuͤhrte, von welcher man das ganze Thal uͤberſehen konnte. Der Himmel war mit leichten Wolken uͤberzo⸗ gen, welche das Licht des Mondes ſo daͤmpften, daß alle Gegenſtaͤnde halb unkenntlich erſchienen, ob⸗ ſchon zuweilen der milde Begleiter der Erde in das blaue Gefilde ſegelte, und es mit ſeinem vollen Lichte uͤberglaͤnzte. Aber dieſe Erleuchtung dauerte ſtets nur eine zu kurze Zeit, als daß das Auge die Gegenſtaͤnde deutlich haͤtte erkennen koͤnnen, und die Wolken fingen immer wieder die freundlichen Strahlen auf. Den melancholiſchen Charakter der Stunde erhoͤhte uͤberdies der Klaglaut des Nacht⸗ windes, der vernehmlich durch die Fichten ſauſte. Ein tiefer Seufzer von der einen der beiden Nachtwandlerinnen, deren Kleidung und Benehmen einem hoͤheren Range angehoͤrte, wurde von ihrer Begleiterin als ein Zeichen genommen, ſprechen zu duͤrfen. »Wohlan! dreimal in meinem Leben bin ich nun dieſen Huͤgel empor geſtiegen«, ſagte ſie,»und es giebt wenige meines Alters, welche dies beim Schein der Sonne zu thun vermoͤchten.« „Still! Ilſe. Hoͤrteſt Du nicht ungewoͤhnliches Geraͤuſch?« »Nichts als meine eigene Stimme, deren Laut fuͤr eine Perſon, die ſo wenig ſpricht, als ich, aller⸗ dings einen ungewohnten Klang hat.⸗— »Nein, ein anderes Geraͤuſch erſcholl! Komm hieher zur Ruine. Ich fuͤrchte, wir haben in einem gefaͤhrlichen Zeitpunkt die Stadt verlaſſen.« Beide erhoben ſich, und waren in weniger als einer Minute ſo verborgen, daß ſie kein anderes, als das allergeuͤbteſte Spuͤrauge haͤtte entdecken koͤnnen. Man hoͤrte offenbar viele Fußtritte, wel⸗ che ſich der Gegend zu naͤhern ſchienen, wo ſie ver⸗ borgen waren. Ilſe zitterte, aber ihre Gefaͤhrtin, welche groͤßere Faſſung hatte, und von ihrer Ver⸗ nunft mehr unterſtuͤtzt wurde, war durch Neugierde eben ſo ſehr und mehr aufgeregt, als durch Furcht. Die verfallene Huͤtte, in welche ſie ſich zuruͤckgezo⸗ gen hatten, lag im Fichtenwaͤldchen, wohin nur ein ſchwaches Daͤmmerlicht drang. Dennoch konnten ſie mit Huͤlfe deſſelben eine Schaar von Menſchen ſehen, die uͤber das Lager zog. Sie marſchirten paarweiſe, ſchnell und faſt geraͤuſchlos. Der Glanz eim hes aut ler⸗ 143 der Helme und der Hakenbuͤchſen, wie nicht min⸗ der die Ordnung, bewies, daß es Krieger waren. Der Zug war lang, und mochte einige hundert Mann ſtark ſein. Still und ſchnell kamen ſie aus der Richtung des Jaͤgerthales her, und zogen unter den traurigen Fichten in jener des Rheinthales ab. Als der Letzte dieſes langen und geſpenſtiſchen Zuges verſchwunden war, ſchien Ilſe wieder auf⸗ zuleben. »Fuͤrwahr!« ſagte ſie,»es ſcheinen Krieger zu ſein! Kommen auch ſie, um den Einſiedler zu be⸗ ſuchen?« »Glaube es nicht. Sie ziehen hinter Duͤrkheim weg, und werden bald ſo ferne ſein, daß weder un⸗ ſere Wuͤnſche, noch unſere Hoffnungen ſie mehr er⸗ reichen koͤnnen.« »Heilige Maria! Wo ſtammen ſie her, und was wollen ſie beginnen?« Dieſer Ausruf Ilſen's verrieth hinlaͤnglich die Natur ihrer Zaghaftigkeit, obſchon die Feſtigkeit des Benehmens ihrer Gefaͤhrtin bewies, daß, nachdem die Bewaffneten aus dem Geſichte waren, ſie nicht laͤnger irgend eine Beſorgniß mehr fuͤhlte. »Das kann, und kann auch nicht ein gluͤckliches Zeichen ſein«, erwiederte ſie nachdruͤcklich.»Ihre Zahl war bedeutend, es ſchienen Krieger, und zwar ſehr geuͤbte zu ſein!« »Dreimal habe ich nun ſchon dieſes Lager be⸗ ſucht, und nie fiel mir das Loos, deſſen Bewohner zu Geſichte zu bekommen. Glaubſt Du, daß es Roͤmer geweſen ſind,— oder waren es vielleicht die Nachfolger der Hunnen?«⸗ »Es waren lebende Menſchen; doch wir ver⸗ geſſen unſeres Vorhabens.⸗ Ohne ſich in ein weiteres Geſpraͤch einzulaſſen, ſchlug die Vornehmere von Beiden den Weg zur Huͤtte des Einſiedlers ein. Anfangs waren ihre Tritte ſcheu und ſchwankend; denn ſo ſehr ihr Geiſt auch durch Bildung und Nachdenken geſtaͤrkt war, mußte doch der ploͤtzliche und geſpenſterartige Zug von Kriegern durch das verlaſſene Lager auch den Muth einer von Natur aus kuͤhneren Perſon er⸗ ſchuͤttern. »Ruhe Deine alten Glieder auf dieſem verfal⸗ lenen Gemaͤuer aus, gute Ilſe«, ſagte die Ver⸗ huͤllte,»waͤhrend ich hineingehe. Erwarte mich hier!« »Geh, um des Himmels willen, und ſprich offen mit dem Einſiedler. Ernte fuͤr Deine Seele ſo viel Troſt und Segen, als Du kannſt, und wenn Du einen Segen oder eine Reliquie mehr als Du bedarfſt, erhaͤltſt, ſo erinnere Dich derjenigen, die Dich von Kindheit auf geliebt, und, ich darf es mit Stolz geſtehen, zu der tugendhaften Frau, die Du biſt, gemacht hat.« »Gott ſei mit Dir und mit mir!« fluͤſterte die Verhuͤllte, und ſchritt langſam fort. Vor der Thuͤre des Einſiedlers hielt ſie zoͤgernd an. Allein, da das Geraͤuſch in der Huͤtte, und das ſtarke Licht, das durch die Ritzen drang, ſie uͤberzeugte, daß der Einſiedler noch wach ſei, ſam⸗ melte ſie ſich endlich, und klopfte an. »Tritt ein, um Gottes Willen«, erwiederte eine Stimme im Innern der Huͤtte. Die Thuͤre oͤffnete ſich, und die Verhuͤllte ſtand vor dem Einſiedler. Mantel und Kapuze entſanken dem Antlitz der Frauensperſon wie in Folge einer unwillkuͤhrlichen Schwaͤche ihrer Haͤnde, und Beide ſtanden, und ſahen ſich lange ernſt in das Antlitz. Das Frauenzimmer, welches auf die Zuſammen⸗ kunft mehr vorbereitet war, ſprach zuerſt. „Odo!“ rief ſie nachdruͤcklich und trauervoll. „Ulrike!« Auge pruͤfte dann das Auge mit jenen aͤngſtli⸗ chen und peinlichen Blicken, womit ſich die Erinne⸗ Heidenmauer. II. 10 146 rung die Veraͤnderungen vergegenwaͤrtigt, welche Zeit und Leidenſchaften in dem menſchlichen Antlitz bewirken. In jenem Ulrikens war jedoch wenig mehr zu entdecken, als die Entwickelung gereifter Frauenwuͤrde, gemildert durch die Schatten tiefen Nachdenkens und verminderter Lebenshoffnung. Wenn ſie jedoch nicht bereits, wer der Einſiedler ſei, geahnt haͤtte, und wenn ihrer Erinnerung die Ver⸗ gangenheit nicht ſo lebhaft eingedruͤckt geweſen waͤre, ſo wuͤrde die Gemahlin Heinrich Frey's wohl ſchwer⸗ lich das Antlitz des vormals ſchoͤnſten und froͤhlich⸗ ſten Ritters in der ganzen Pfalz, in den eingeſun⸗ kenen, wiewohl noch immer feurigen Augen, in dem grauen Barte, und den kummervollen, aber kuͤhnen Zuͤgen des Einſiedlers erkannt haben. »Du Odo,— und ein Buͤßender!« fuͤgte Ulrike hinzu. „»Ein Mann, deſſen Seele zerknirſcht iſt. Du ſiehſt mich hier, geweiht dem Schmerze und der Entſagung.⸗ Der Einſiedler machte eine unbeſtimmte Geberde, welche Ulrike fuͤr das gewoͤhnliche Zeichen des Kreu⸗ zes nahm. Sie ahmte das heilige Zeichen demuͤthig nach, neigte ihr frommes Haupt und betete ein Ave. Bei allen großen Veraͤnderungen, ſowohl in der Religion als in der Politik, legt der Parteigeiſt auf unbedeutende Dinge, welche durch Gewohnheit oder Uebereinkunft als Abzeichen der Meinungen betrach⸗ tet werden, Werth. So koͤmmt es, daß, wenn heftige und gewaltſame Umwaͤlzungen eintreten, ſo Viele die Symbole fuͤr das Weſen nehmen, und ihr Leben in Schlachten, um einen leeren Namen, eine Farbe der Fahnen, oder ſonſt eine eitle Bedeu⸗ tung von Worten wagen, lange nachdem das ei⸗ gentliche Gute des Streites durch die Habſucht oder Falſchheit derjenigen, denen das oͤffentliche Wohl anvertraut iſt, verloren gegangen iſt. Wenn Ulrike ſich auf dieſe Dinge mehr ver⸗ ſtanden haͤtte, oder wenn ihr Geiſt weniger von Beſorgniſſen umduͤſtert geweſen waͤre, ſo wuͤrde ſie haben bemerken koͤnnen, daß die Geberde, welche der Eremit machte, jenen Charakter der Unentſchie⸗ denheit und des Zweifels hatte, wie dies entweder bei einem Neuling in Gebraͤuchen der Art, oder bei einem Manne, der den alten Ritus verlaſſen will, der Fall iſt. Sie bemerkte jedoch nichts, ſondern ließ ſich ſchweigend auf den Stuhl nieder, auf wel⸗ chen der Einſiedler deutete, waͤhrend er ſelbſt ſich auf einen andern ſetzte. Abermals blickten ſich Beide ernſt, nachdenklich 10* 7 und trauervoll in das Antlitz. Die Fackel beleuch⸗ tete ſie, wie ſie einander gegenuͤber ſaßen. »Der Gram hat ſchwer auf Dir gelaſtet, Odo«, ſagte Ulrike.»Du biſt ſehr veraͤndert!« »Unſchuld und Gluͤck iſt Dein Loos. Du haſt es verdient, Ulrike!« »Fuͤhrſt Du dieſe Lebensweiſe ſchon ſeit langer Zeit,— oder beruͤhre ich einen Gegenſtand, von welchem Du nicht ſprechen willſt?⸗ »Ich wehre Niemanden, aus meinem Beiſpiele Nutzen zu ziehen,— noch weniger will ich gegen Dich den Geheimnißvollen ſpielen!« »Ich moͤchte Dir gerne Troſt bringen. Du weißt, daß im Mitgefuͤhl Erleichterung liegt.« »Dein Mitleid iſt engelgleich,— doch warum davon ſprechen? Du befindeſt Dich in der Huͤtte eines Einſiedlers, den ſein eigenes Gewiſſen zu Buße und Entſagung verurtheilt hat. Kehre in dein ſegenreiches Haus zuruͤck, und laß mich die ernſte Pflicht verrichten, welche ich dieſe Nacht noch zu erfuͤllen habe.« Bei dieſen Worten huͤllte der Einſiedler ſein Haupt in einen Mantel von grobem Tuch, denn er war offenbar gerleidet, um auszugehen,— und ſeufzte tief auf. »Nein, Odo, in dieſer Seelenſtimmung darf ich Dich nicht verlaſſen. Mein Anblick hat Deinen Schmerz vermehrt, und es waͤre nicht chriſtlich, nicht menſchlich, wenn ich Dich jetzt, und ſo ver⸗ laſſen ſollte.« »Was willſt Du, Ulrike?« »Deine Seele erleichtern. Dies abgeſchiedene Leben laſtet zu ſchwer auf Dir. Wo haſt Du Deine Jugendjahre zugebracht, Odo— und was hat Dich vermocht, Deinen gegenwaͤrtigen bitteren Wandel zu fuͤhren?« »Haſt Du noch immer ſo viel weibliches Zart⸗ gefuͤhl, um an dem Geſchicke eines Ausgeſtoßenen Theil zu nehmen?« Eine milde Roͤthe uͤberzog Ulrikens Wangen. Sie war keine Folge ſtuͤrmiſcher Gefuͤhle, ſondern ein Beweis, daß ein Herz, wie das Ihrige, die Theilnahme, welche es einſt Jemandem gewidmet hatte, nie verlernen konnte. „»Kann ich Vergangenes vergeſſen?« antwortete ſie.»Warſt Du nicht der Freund meiner Jugend, — warſt Du nicht mein Verlobter?« r »Und Du erkennſt noch dieſe theuren Bande an? O Ulrike, mit welchem Wahnſinn ſchleuderte ich das unſchaͤtzbarſte Kleinod von mir? Hoͤre, und 150 Du ſollſt erfahren, wie Gott ſich und Dich geraͤcht hat.« Die Frau des Buͤrgermeiſters ſaß, obſchon in großer innerer Bewegung, ruhig wartend da, waͤh⸗ rend der Einſiedler ſeinen Geiſt zur Eroͤffnung vor⸗ bereitete, die er zu machen im Begriffe ſtand. „Von meiner fruͤheren Jugend brauche ich Dir nichts zu ſagen«, hob er endlich an.»Du weißt, daß ich als eine Waiſe, und von Kindheit auf im Beſitz von Rang und Vermoͤgen, in das Leben trat, allen Gefahren ausgeſetzt, welche die Jugend und den Leichtſinn umringen. Ich beſaß die meiſten der edlen Regungen ſorgenfreier Menſchen, und ein Herz, das ſich nicht ohne Nothwendigkeit gegen die Theilnahme an dem Looſe Ungluͤcklicher ſchloß, ein Herz, das dem Mitleide nicht unzugaͤnglich war.— »Du laͤßt Dir ſelbſt nicht Gerechtigkeit wider⸗ fahren. Sage, daß Du freigebig wareſt, und daß Milde Dein Herz erfuͤllte.« So ſehr ſich auch der Einſiedler durch ſelbſt auf⸗ erlegte Buße gedemuͤthigt hatte, ſo vermochte er doch dieſe Worte, die von ſo zarten und wahrheitslieben⸗ den Lippen kamen, nicht zu vernehmen, ohne daß ſich ſein Antlitz veraͤnderte. Seine Augen leuchte⸗ 151 ten, und es lag in dem Blick, womit er Ulrike be⸗ trachtete, faſt ſein ganzes ſonſtiges, edles Jugend⸗ feuer. Dieſe Umwandlung entging jedoch Ulriken, welche zu ſehr mit dem hochherzigen Gefuͤhle, dem zufolge ſie den Einſiedler gegen ihn ſelbſt in Schutz genommen hatte, beſchaͤftigt war. „Das mag der Fall geweſen ſein«, erwiederte er nach einigen Augenblicken kalt,»allein, wer in der Jugend nicht ſorgfaͤltig bewacht wird, und weiſe Rathſchlaͤge erhaͤlt, deſſen beſte Eigenſchaften koͤnnen Werkzeuge zu ſeinem Verderben werden. Meine Leidenſchaften waren heftig, und die ungluͤckſeligen Spuren in dieſem untruͤglichen Buche, dem Antlitz, beweiſen, wie heftig!« Auf dieſe Bemerkung wußte Ulrike nichts zu er⸗ wiedern, denn ſie fuͤhlte, wie leicht kraͤftige Cha⸗ raktere die Sanftmuͤthigen an ſich zu feſſeln wiſſen. »Als ich Dich kennen lernte, Ulrike, zaͤhmte der Einfluß Deiner Milde, die Theilnahme, die Du an meinem Wohle zeigteſt, und die Ehrfurcht, welche Juͤnglinge gegen Unſchuld und Schoͤnheit fuͤhlen, meinen verwegenen und unruhigen Charak⸗ ter, und er ſtand fuͤr einige Zeit unter der Herr⸗ ſchaft Deines weiblichen Zartſinnes.« 152 Ein dankbarer Blick Ulrikens belohnte dieſe Worte, aber ſie ſchwieg. »Das Band zwiſchen Jugend und Unſchuld iſt eines der heiligſten Geheimniſſe der Natur! Meine Liebe zu Dir war rein! die Ehrfurcht, welche ich in meinem einſamen Bußleben gegen das heilige Kreuz hege, iſt nicht tiefer, nicht ferner von irdiſcher Lei⸗ denſchaft, nicht gluͤhender, als die Hochachtung es war, welche ich fuͤr Deine jungfraͤuliche Unſchuld fuͤhlte!« Ulrike zitterte, wie im Lufthauche das Laub. »Das glaubte ich immer, Odo«, fluͤſterte ſie leiſe und zaghaft. »Du laͤßt mir hierin nur Gerechtigkeit wider⸗ fahren. Als Dein Vater in unſere Vereinigung einwilligte, ſah ich der Stunde der Vermaͤhlung mit ſeliger Hoffnung entgegen, denn ſo jung ich auch war, ſo kannte ich mich doch zu gut, um nicht einzuſehen, welchen wohlthaͤtigen Einfluß ein ſo treff⸗ licher, milder und doch ſo feſter Charakter, wie der Deinige, auf mich haben wuͤrde. Das Weib kettet ſich an das Herz des Mannes durch ihre Zaͤrtlich⸗ keit, ja ſelbſt durch ihre Abhaͤngigkeit dergeſtalt, daß ſie das zu bewirken im Stande iſt, was der Stolz einer mehr offenkundigen Macht verweigern wuͤrde.⸗ dieſe iſt eine in euz Lei⸗ uld 153 »Und das Alles fuͤhlteſt Du?« „Ulrike, ich fuͤhlte mehr, und war von mehr uͤberzeugt, und fuͤrchtete auch mehr, als ich je ein⸗ zugeſtehen wagte. Aller Stolz iſt aber jetzt vor⸗ uͤber. Du weißt, wie kuͤhne Geiſter die Geheim⸗ niſſe und Lehren der ehrwuͤrdigen Kirche, welche ſo lange die Chriſtenheit beherrſchte, angriffen, und daß es Menſchen gab, welche verwegen genug waren, den Rathſchlaͤgen weiſerer Maͤnner durch raſche Tha⸗ ten voraus zu eilen. Dies iſt ſtets mit jungen und erhitzten Reformatoren von Miſßbraͤuchen der Fall. Da ſie nichts als das Unrecht ſehen, ſo vergeſſen ſie die Art, wie es entſtanden war, und uͤberſehen die Gruͤnde, welche es entſchuldigen, wenn nicht recht⸗ fertigen.« »Leider war ſo auch Deine Gemuͤthsart be⸗ ſchaffen.⸗ »Ich leugne es nicht. Jung, und ohne Kenntniß der verſchiedenen Nuͤckſichten, die bei der Ausfuͤh⸗ rung jeder Theorie genommen werden muͤſſen, hatte ich fuͤr nichts, als fuͤr ſchnelle Verwirklichung derſel⸗ ben Sinn.⸗ 8 Obſchon Ulrike ſich ſehnte, von dem Buͤßenden eine Entſchuldigung ſeines Vergehens zu hoͤren, ſo beharrte ſie doch in ihrem Stillſchweigen. Nach 154 einigen gedankenvollen Minuten ſetzte ſie endlich das Geſpraͤch fort. »Einige Deiner Freunde behaupteten, Odo, daß Dein Vergehen geringer war, als die Moͤnche es vorgaben.« »Sie glaubten allzuſehr ihren Wuͤnſchen«, ſagte der Einſiedler mit gedaͤmpfter Stimme.„Es iſt nur allzu wahr, daß ich von Wein erhitzt, und im Wahnſinn des Zornes, in Gegenwart meiner Be⸗ waffneten, an jenen heiligen Gegenſtaͤnden, welche von den Katholiken ſo ſehr verehrt werden, gewalt⸗ thaͤtigſt frevelte. In einem Augenblicke der Wuth achtete ich den heiſeren Beifall trunkener Schma⸗ rotzer und die Beſtuͤrzung eines Prieſters hoͤher, als den gerechten Zorn Gottes! Ich trat ruchloſer Weiſe die heilige Hoſtie mit Fuͤßen, und ſchwer martert Gott ſeit jener Zeit meine Seele!« »Armer Odo!— dieſe gottloſe That hat unſere gegenſeitige Lebensbahn veraͤndert! Beteſt Du nun jenes Weſen an, gegen welches Du damals ſo ſehr frevelteſt? Biſt Du zu dem Glauben Deiner Kind⸗ heit zuruͤckgekehrt?« »Dies iſt nicht noͤthig, um die Groͤße meiner Schuld zu fuͤhlen!« rief der Einſiedler aus, waͤh⸗ rend ſein Auge den milden Ausdruck verlor, den lich 155⁵ der Verkehr mit einem ſo ſanften Weſen demſelben gegeben hatte, und wieder jene bittere Reue zeigte, welche durch ſein langes Bußleben genaͤhrt worden war.»Iſt nicht der Herr des Weltalls mein Gott? Ihn habe ich beleidigt;— das Verbrechen mag gegen dieſe oder jene Glaubensform begangen wor⸗ den ſein, ſo war ich doch in ſeinem Tempel, am Fuße ſeines Altars, in ſeiner heiligen Gegenwart,— hier hoͤhnte ich ſeine Gebote, trotzte ich feiner Macht“ und dies Alles um einen elenden Triumph uͤber einen erſchrockenen Moͤnch zu erringen.⸗ „Tiefbekuͤmmerter Odo! Wo ſuchteſt Du nach dieſer That des Wahnſinns Zuflucht?« Der Einſiedler blickte ernſt in das Antlitz Ulri⸗ kens, gleich als ob ein Strom ſchmerzlicher und ruͤhrender Bilder an ſeiner Seele voruͤber ziehe. „Mein erſter Gedanke war an Dich«, ſagte er; kaum hatte mein Schwert jenen raſchen Streich ge⸗ fuͤhrt, ſo ſah ich ploͤtzlich einen Abgrund ſich zwiſchen uns oͤffnen. Ich kannte Deine Froͤmmigkeit, und ſelbſt in jenem Augenblicke des Wahnſinnes konnte ich an Deiner Entſcheidung nicht zweifeln. Als ich an einem ſicheren Platze war, ſchrieb ich Dir, und Du ſandteſt mir eine Antwort, in welcher frommer Schauder mit weiblichem Zartſinn auf eine bewun⸗ 156 derungswuͤrdige Weiſe gemiſcht war. Als Du mir entſagteſt, ward ich ein Wanderer auf der Erde, und bin es von jener Stunde an bis zu meiner Ruͤckkehr hieher geblieben. Maͤchtige Fuͤrbitte und ſchwere Geldbußen retteten meine Habe, welche in Folge meines Pilger⸗ und Kriegerlebens ſich den⸗ noch ſehr vermehrt hat. Erſt vor wenigen Mona⸗ ten fuͤhlte ich den noͤthigen Muth, um die Scenen meiner Jugend wieder zu beſuchen.⸗ „ Und wo biſt Du umher geirrt, Odo?« »Ich habe Troſt in allem Moͤglichen geſucht,— in den Freuden und Zerſtreuungen der Hauptſtaͤdte, — in Einſiedeleien(dies iſt die vierte, welche ich bewohne)— im Kriege— in Seegefahren. Neuer⸗ lich war ich bei der Vertheidigung von Rhodus, dieſem ungluͤcklichen und geſtuͤrzten Bollwerke der Ghriſtenheit, thaͤtig. Wo ich aber auch verweilte, in welcher Beſchaͤftigung ich auch Troſt ſuchte, ſo ver⸗ folgte mich doch uͤberall hin mein Verbrechen und deſſen Strafe. Ulrike, ich bin ein Mann des Schmerzes.⸗ »Nein, theurer Odo, es giebt Verzeihung auch fuͤr ſchwerere Verbrecher, als Du warſt. Du wirſt in Dein langverlaſſenes Schloß zuruͤckkehren, und Frieden finden.« Fre hat 157 »Und Du, Ulrike! hat mein Verbrechen Dir Schmerz verurſacht? biſt wenigſtens Du gluͤcklich?« Dieſe Frage verurſachte der Gattin Heinrich Frey's Pein. Ihre Neigung zu Odo von Ritterſtein hatte an Leidenſchaft gegrenzt, und war noch immer mit den Farben der Phantaſie ausgeſchmuͤckt, waͤh⸗ rend ihre Liebe zu dem Buͤrgermeiſter den ruhigen Charakter der Pflicht und Gewohnheit trug. Den⸗ noch hatten Zeit, hohes Pflichtgefuͤhl, und das ge— meinſame Band, welches Meta um die beiden Gat⸗ ten ſchlang, ihre Empfindungen ſo gedaͤmpft, wie es ihrem jetzigen Stande zuſagte. Waͤre ihr Wille zu Rathe gezogen worden, ſo wuͤrde das Geſpraͤch nicht auf dieſen Gegenſtand gefallen ſein, da es aber einmal der Fall war, ſo ſah ſie die Nothwendigkeit ein, mit der groͤßten Faſſung antworten zu muͤſſen. „Ich bin gluͤcklich im Beſitz eines wackeren Ge⸗ mahls und einer liebenden Tochter«, ſagte ſie, vuͤber dieſen Punkt gieb daher Dein Herz zufrieden,— wir paßten nicht fuͤr einander, Odo; ſchon Dein Stand legte Hinderniſſe in den Weg, die ſo leicht nicht zu uͤberwaͤltigen waren.« Der Einſiedler neigte ſein Haupt, und ſchien ihre Zuruͤckhaltung zu ehren. Die Pauſe, welche hierauf eintrat, war peinlich. Endlich wuede die 158 Stille durch Glockenſchall, von der nahen Abtei her, unterbrochen. Der Einſiedler erhob ſich, und jedes andere Gefuͤhl war in der ploͤtzlichen Ruͤckkehr zu jener krampfhaften Reue verloren, welche ihn ſeit ſo langer Zeit quaͤlte, und ſich zuweilen faſt bis zum Wahnſinne ſteigerte. »Dies Zeichen gilt mir, Ulrike.« »Du willſt wirklich zu dieſer Stunde die Abtei beſuchen?« »Als demuͤthig Buͤßender. Ich habe mir von den Benedictinern den Frieden durch Geld erkauft, und muß mich nun beſtreben, ihn auch mit dem Himmel zu machen. Heute iſt der Jahrestag mei⸗ nes Verbrechens, und um Mitternacht wird in der Abtei zu deſſen Suͤhnung ein Hochamt gehalten.« Die Gemahlin Heinrich Frey's war durch dieſen Entſchluß uͤberraſcht, und bedauerte innerlich, daß die Unterredung ſo ploͤtzlich abgebrochen werden mußte. »Odo, Deinen Segen!« bat Ulrike, indem ſie in ihre Kniee ſank. »Du verlangſt von mir dieſes Poſſenſpiel?« rief der Einſiedler wie im Wahnſinn.»Geh, und laß mich allein mit meinen Suͤnden!« Qrr Eremit ſchien einen Augenblick unſchluͤſſig zu lief der 159 der, zu ſein, dann ſtuͤrzte er wild aus der Huͤtte, und des ließ die Gattin Heinrich Frey's im Mittelpunkte zu derſelben knieen. ſeit bis Siebenzehntes Capitel. tei Ulrike war gewohnt, oft und eifrig Gott anzu⸗ V rufen, und betete jetzt auf dem Platze, wo ſie kniete, on mit der hoͤchſten Inbrunſt. Ihr Geiſt wurde durch ft, ein heftiges Ruͤtteln an ihren Schultern wieder em zur Erde zuruͤckgerufen. ei⸗„Ulrike, Kind!— Frau Frey!« rief Ilſe be⸗ der ſorgt,»biſt Du durch Zauberei auf dem Boden 4 feſtgebannt? Warum bliebſt Du zuruͤck, und wohin en iſt der heilige Mann gegangen?« asß»Sahſt du Odo von Ritterſtein?« en»Wen? biſt Du von Sinnen, Frau? Ich ſah Niemanden als den frommen Einſiedler, der an ſie mir, wie ein Engel, der ſich zum Himmel auf⸗ ſchwingt, voruͤber kam? Obſchon ich kniete, und 2 nach einem Segen mich ſehnte, war ſeine Seele nd doch ſo ſehr mit ſeiner Sendung beſchaͤftigt, als daß er mich Suͤnderin bemerkte. Wenn ich ſo boͤſe waͤre, wie manche Andere, ſo wuͤrde mich dieſe Ver⸗ weigerung in Beſtuͤrzung ſetzen; allein, da ich bin, was ich bin, ſo macht es mir das Herz nicht ſchwer. Nein, ich ſah Niemanden, als den Eremiten.« „»Dann ſahſt Du den ungluͤcklichen Odo von Ritterſtein.⸗ Ilſe war wie niedergedonnert. »So haben wir einen Wolf in Schafskleidern beherbergt!« rief ſie, als ſie wieder zu ſprechen vermochte.»Alſo die ganze Pfalz hat gekniet und geweint und gebetet zu den Fuͤßen eines Suͤnders, wie wir ſelbſt,— nein, eines unendlich groͤßeren! Wenn das, was fuͤr Gold galt, nur unedles Me⸗ tall war, ſo iſt unſere Andacht Heuchelei, unſere Hoffnung elende Taͤuſchung, unſere fromme Kraft Eitelkeit.⸗ »Du ſaheſt Odo von Ritterſtein, Ilſe«, erwie⸗ derte Ulrike, indem ſie aufſtand,»aber Du ſaheſt einen frommen Mann.« Dann reichte ſie der Alten den Arm, denn von Beiden bedurfte die Letztere am meiſten der Un⸗ terſtuͤzung, und entfernte ſich mit ihr von der Huͤtte. Waͤhrend ſie durch die Truͤmmer der Hei⸗ denmauer ſchritten, ſuchte Ulrike ihrer Begleiterin eine mildere Meinung von dem Charakter und den vermaligen Suͤnden des Einſiedlers einzufloͤßen. on den 161 Dies war nicht leicht, denn Ilſe hatte von jeher den Ritter Odo als einen von Gott gaͤnzlich ver⸗ laſſenen Menſchen betrachtet; Meinungen aber, die zwanzig Jahre Zeit gehabt hatten, um ſich einzu⸗ wurzeln, ſind ſo ſchuell nicht wieder auszurotten. In der That gelang dies Ulriken nur in ſo ferne, als ſie ihre Begleiterin zu dem Zugeſtaͤndniſſe ver⸗ mochte, daß Odo ein Suͤnder ſei, fuͤr welchen jeder Chriſt doch gelegentlich ein Ave beten duͤrfe. Die⸗ ſes geringe Zugeſtaͤndniß beguͤnſtigte hinreichend die Wuͤnſche Ulrikens, welche keine anderen waren, als dem Einſiedler in die Abteikirche nachzufolgen, um an dem Jahrestage ſeines Verbrechens vor dem Altare ihr Gebet mit dem ſeinigen zu vereini⸗ gen, auf daß er wieder Ruhe und Frieden erlange. Wir wollen nicht unterſuchen, welche Seite menſch⸗ licher Schwachheit Ulrike zur Nachgiebigkeit gegen ihr Gefuͤhl fuͤr einen Mann, mit welchem ſie fruͤ⸗ her verlobt war, verlockte; denn wir handeln nicht in Eigenſchaft eines Cenſors weiblicher Schicklich⸗ keit, ſondern zeigen nur den Gang, welchen das menſchliche Herz nimmt, es ſei zum Guten oder Boͤſen. Es genuͤgt, daß Zweck und Wirkung un⸗ ſeres Gemaͤldes der Tugend und Wahrheit guͤnſtig ſind.. Heidenmauer. II. 11 162 Sobald Ulrike verſichert war, daß ſie ihre Be⸗ gleiterin den Weg, den ſie wuͤnſchte, lenken konnte, ohne die flachen Sittenpredigten der geſchwaͤtzigen Alten anhoͤren zu meſſen, ſchlug ſie den Pfad ein, der gerade zum Kloſter fuͤhrte. Da der Leſer hoͤchſt wahrſcheinlich die Einleitung kennen wird, ſo brau⸗ chen wir nicht mehr zu ſagen, als daß Ulrike und ihre Gefaͤhrtin denſelben Weg machten, wie wir ſelbſt, als wir uns von einem Berg zu dem ande⸗ ren begaben. Ilſe bewegte ſich jedoch viel langſa⸗ mer vorwaͤrts, als wir bei Gelegenheit unſeres Beſuches auf der Heidenmauer unter Anfuͤhrung Chriſtian Kinzel's. Nur langſam und muͤhevoll ſtieg die Greiſin nieder, und noch viel langſamer und peinlicher wieder aufwaͤrts. Selbſt Ulrike war froh, oft anzuhalten und ſich zu verſchnauben, obſchon ſie den breiten Weg emporſtiegen, auf welchem ſie am Morgen deſſelben Tages geritten waren. Der Gharakter der Nacht blieb ſich gleich. Der Mond ſchwebte durch flockige Wolken wie zuvor, und ſein Schein war ſchwach, doch hin⸗ reichend, um den Weg gehoͤrig aufzuͤhellen. Die Abtei mit ihren gothiſchen Mauern und Thuͤr⸗ men erhob ſich gegen den Himmel, wie ein Werk 163 von Rieſen, in welchem Diejenigen, welche es er⸗ baut hatten, von ihrer Arbeit ausruhten. Da Ulrike gewohnt war, an den Altaͤren der Abtei zu beten, ſo naͤherte ſie ſich nicht ohne Bewunderung dem Portale deſſelben. An der Seite des ſchlan⸗ ken, hohen Glockenthurmes zur Seite des Thores bemerkte man einen ſchwachen Schein, der, wie Ulrike wohl wußte, von der Lampe herruͤhrte, die im Hofe vor einem Muttergottesbilde brannte. Ulrike ſchritt zum Thore und zog an der Glocke. Riegelgeraſſel ertoͤnte unmittelbar darauf. „»Wer koͤmmt zu dieſer Stunde nach Limburg?« fragte der Pfoͤrtner, das Thor noch immer ver⸗ ſchloſſen haltend, gleich als fuͤrchte er Verraͤtherei. „Eine Buͤßende, um zu beten.⸗ Der Ton der Stimme beruhigte den Pfoͤrtner, und er oͤffnete das Thor ſo weit, daß er die Ge⸗ ſtalt der Fremden deutlich bemerken konnte. »Es iſt nicht gebraͤuchlich, jemanden Deines Geſchlechtes einzulaſſen, nachdem der Morgengottes⸗ dienſt voruͤber iſt, und die Beichtſtuͤhle leer ſind.⸗ »Es giebt Veranlaſſungen, um dieſer Regel zuwider zu handeln, und der feierliche Gottesdienſt in dieſer Nacht iſt eine ſolche.“ 3 11* 164 „Davon weiß ich nichts. Unſer hochwuͤrdigſter Abt iſt ſehr ſtrenge.« »Ich bin mit Jenem, fuͤr welchen der mitter⸗ naͤchtliche Gottesdienſt gehalten wird, enge verbun⸗ den«, erwiederte Ulrike.»Um Gottes Willen, weiſe mich nicht zuruͤck!« „Biſt Du eine Verwandte von ihm?« „»Dies Band knuͤpft mich nicht an ihn«, ant⸗ wortete ſie, etwas beſtuͤrzt uͤber ihre Vorſchnellig⸗ keit,»ſondern das inniger Theilnahme und Zunei⸗ gung.« Sie hielt inne, denn der Einſiedler trat zwi⸗ ſchen ſie und den Pfoͤrtner. Er hatte vor einem Crucifix, das dicht in der Naͤhe ſtand, gekniet, und war durch die ſanfte Bitte, welche Ulrikens Theil⸗ nahme an ihm verrieth, und wovon jeder Laut ſein Herz durchdrang, von ſeinem Gebete abgezo⸗ gen worden. »Sie gehoͤrt zu mir«, ſagte er gebieteriſch,— „ſie und ihre Begleiterin. Laß ſie ein!« Ulrike zauderte, ohne ſelbſt zu wiſſen, warum, ſo daß Ilſe, von der Anſtrengung ermuͤdet und nach Ruhe verlangend, genoͤthigt war, ſie vorwaͤrts zu ſchieben. Der Einſiedler wandte ſich ploͤtzlich, als ob er ſich der Urſache ſeines Erſcheinens im —.— — 2ðv ——————,„„& 2 2 165 Kloſter erinnere, hinweg und verſchwand. Der Pfoͤrtner, der in Betreff Deſſen, fuͤr den der mit⸗ ternaͤchtliche Gottesdienſt gehalten wurde, Befehle empfangen hatte, leiſtete keinen Widerſtand, ſon⸗ dern geſtattete Ilſen, ihre Gebieterin hineinzufuͤh⸗ ren. Kaum befanden ſien die beiden Frauen im Hof, ſo verſchloß und verriegelte er das Thor wieder. Ulrike zoͤgerte nun nicht laͤnger, obſchon ſie an jedem Gliede zitterte. Sie zog mit einiger Muͤhe ihre Begleiterin fort, und ſchritt gerade auf das Thor der Kirche zu. Mit Ausnahme des Pfoͤrt⸗ ners am Thore und der Lampe vor dem Mutter⸗ gottesbilde, war innerhalb der Mauern der Abtei Alles ſo finſter und ſtill, wie es außerhalb derſel⸗ ben geweſen war. Man erblickte nicht eine einzige Schildwache von den Bewaffneten des Herzogs Friedrich; allein dies konnte nicht uͤberraſchen, da es wohl bekannt war, daß ſich dieſe Truppen ſo fern als moͤglich von den Moͤnchen des Kloſters hielten. Die geraͤumigen Gebaͤude hinter der Praͤ⸗ latur haͤtten die doppelte Anzahl der Kriegsleute faſſen koͤnnen, und es war wahrſcheinlich, daß ſie ſich in denſelben befanden. Was die Moͤnche be⸗ traf, ſo erklaͤrte die ſpaͤte Nachtzeit und der bevor⸗ * 166 ſtehende Gottesdienſt hinreichend, daß man keinen von ihnen ſah. Das Thor der Abteikirche war ſtets offen. Die⸗ ſer Gebrauch herrſcht faſt in allen katholiſchen Laͤn⸗ dern, und erinnert die Voruͤbergehenden ſtets an jenes Weſen, zu deſſen Ehren der Tempel erbaut iſt. Dieſen Gebrauch machen ſich eben ſowohl die Andaͤchtigen als die Neugierigen, die Liebhaber der Kuͤnſte als die Frommen zu Nutze, und es iſt zu be⸗ dauern, daß jene, beſonders wenn ſie einem ver⸗ ſchiedenen Glauben angehoͤren, ſich nicht oͤfter er⸗ innern, daß ihr Geſchmack tadelnswerth wird, ſo⸗ bald ſie ihn auf Unkoſten der Ehrfurcht, welche Alle in der unmittelbaren Gegenwart des Schoͤp⸗ fers zeigen ſollen, befriedigen. In dieſem Augen⸗ blicke jedoch war Niemand anweſend, der geneigt geweſen waͤre, die Altaͤre und den Gottesdienſt ehr⸗ furchtslos zu behandeln. Als Ulrike und Ilſe in die Kirche traten, waren die Kerzen vor dem Hoch⸗ altare bereits angezuͤndet, und die Lampen auf dem Chor warfen einen melancholiſchen Schein auf die duͤſtere Architectur des Platzes. Das ge⸗ malte Gewoͤlbe oben, die Schnitzarbeit der Chor⸗ ſtuͤhle von Eichenholz, und die ernſten in Stein & ten 167 ausgehauenen Ritter auf den Grabmaͤlern erhoben ſich gigantiſch aus dem tiefen Schatten. Wenn es rathſam iſt, die Andacht durch aͤußere Huͤlfsmittel zu erhoͤhen, ſo vereinigte ſich hier Alles, was nothwendig war, um das Gemuͤth mit ehrfurchtsvollem Schauder zu erfuͤllen. Die Altar⸗ diener ſchritten in ihren Feiergewaͤndern durch den prachtvollen und geweihten Bau; ernſte Moͤnche harrten in den Chorſtuͤhlen, und Bonifacius ſelbſt ſaß mit Inful und Stab, in reicher Tracht auf ſeinem Praͤlatenthrone. Wohl mochte ein feind⸗ liches Spaͤherauge in manchem matten Antlitz und ſchweren Augenliedern den Wunſch nach dem La⸗ ger entdecken; es gab aber auch Moͤnche, welche ihre Pflicht mit Eifer und innerer Ueberzeugung erfuͤllten. Unter den Letzteren befand ſich Vater Arnulph, der mit blaſſem Antlitz und kummervol⸗ lem Auge in ſeinem Chorſtuhle ſaß, und die Vor⸗ bereitungen zum Gottesdienſte mit der Ruhe eines Mannes betrachtete, den die Erfuͤllung ſeiner Pflicht begluͤckt. Hiezu im Gegenſatze konnte man die zuckenden Glieder und die mehr ſtrengen, als von Zerknirſchung zeigenden Geſichtszuͤge des Vater Jo⸗ hann ſehen, der von dem prangenden Altar nach dem Fleck, wo der Einſiedler kniete, blickte, gleich als 168 wolle er den Grad von Erniedrigung und Bitter⸗ keit berechnen, wozu ein ſo von Reue geguaͤl⸗ ter Geiſt, wie der des Buͤßenden, gebracht werden koͤnne. Odo von Ritterſtein(denn es iſt laͤnger kein Grund vorhanden, den Einſiedler nicht bei ſeinem wahren Namen zu nennen) kniete am Gelaͤnder des Chors und ſtarrte auf die goldene Monſtranz mit der Hoſtie, die er einſt entweiht hatte, und wel⸗ chen Frevel, ſo viel er es vermochte, abzubuͤßen, er heute gekommen war. Das Licht fiel nur ſchwach auf ſeine Geſtalt, doch reichte es hin, um jede Fur⸗ che, welche Schmerz und Leidenſchaft ſeinen Zuͤgen eingegraben hatte, zu verdeutlichen. Ulrike betrach⸗ tete ſeine Zuͤge unter dieſen unguͤnſtigen Umſtaͤn⸗ den dennoch mit Innigkeit, und kniete ſich neben Ilſe an die andere Seite der kleinen Thuͤre, welche zwiſchen dem Chor und dem Schiff der Kirche die Verbindung unterhielt. In demſelben Augenblicke ſtahl ſich Gottlob hinter den Pfeilern hervor, und kniete in einiger Entfernung auf den Steinen des Hauptfluͤgels nieder. Trotz der ſtarken Beleuchtung des Altars, war es in den Fluͤgeln unten doch ſo dunkel, daß Bo⸗ nifacius ſich nur mit Muͤhe vergewiſſern konnte, 169 ob derjenige, deſſentwegen der naͤchtliche Gottes⸗ dienſt gehalten werden ſollte, auch wirklich anwe⸗ ſend waͤre. Nachdem er jedoch ſeine Stirne zuſam⸗ mengezogen hatte, daß die buſchigen Brauen eine Art von Schirm bildeten, wurde er Odo gewahr, und gab, zufrieden mit deſſen Hierſein, das Zeichen zum Anfang. Es iſt uͤberfluͤſſig, die Einzelnheiten einer Cere⸗ monie zu beſchreiben, die wir bereits in dieſem Werke geſchildert haben; in der tiefen Ruhe der Mitternacht jedoch waren die heiligen Gebraͤuche, ſo wie die Muſik, doppelt feierlich und ergreifend. Jene Stimme, die des Morgens(oder vielmehr am vergangenen Tage, denn die Mitternacht war uͤberſchritten) eine ſo große Wirkung hervorge⸗ bracht hatte, ertoͤnte wieder, und ergriff maͤchtig ſelbſt diejenigen, welche an ihre herzdurchbebenden und uͤbernatuͤrlichen Klaͤnge gewoͤhnt waren. Waͤh⸗ rend der Trauermeſſe wurde das Stoͤhnen des Ein⸗ ſiedlers ſo hoͤrbar, daß dadurch faſt die Feier unter⸗ brochen wurde. Ulrikens Herz antwortete jedem Seufzer, der ſich der Bruſt Odo's entwand, und noch vor Vollendung der erſten Gebete war ihr Antlitz in Thraͤnen gebadet. Die Geſichtszuͤge der Moͤnche waͤhrend dieſer 170 Scene wuͤrden fuͤr einen Mann, der die verſchie⸗ denartigen Charaktere der Menſchen zu ergruͤnden, oder die verſchiedenen Wirkungen, welche dieſelben Urſachen je nach Verſchiedenheit des Temperamen⸗ tes hervorbringen, zu beobachten liebt, ein intereſ⸗ ſantes Studium abgegeben haben. Bei jedem Stoͤh⸗ nen des Einſiedlers uͤberglaͤnzte heilige Freude das Schwaͤrmerantlitz des Vaters Johann, gleich als feiere er den Triumph der Macht des Ritus, und jeden Augenblick wandte er das Haupt forſchend nach dem Gitter, waͤhrend ſein Ohr gierig auf den mindeſten Laut horchte, der ſeinen Wuͤnſchen ſchmei⸗ chelte. Im Antlitze des Priors dagegen malte ſich nur Schmerz und Mitgefuͤhl. Jeder Seufßzer, den er hoͤrte, erweckte ſein Mitleid— allerdings mit frommer Freude gemengt,— allein es war tief, uͤberwiegend und menſchlich. Bonifacius hoͤrte zu, wie ein Gebieter, kalt und mit geringer Beachtung der Feierlichkeit, außer was der Anſtand und das Rituale geboten; von Zeit zu Zeit ſtuͤtzte er das Haupt in ſeine Hand, und ſchien offenbar an ganz andere Dinge, als an diejenigen, welche vor ſeinen Augen vorgingen, zu denken. Die anderen Moͤnche zeigten, je nach ihrem Charakter, mehr oder minder Andacht, einige nickten ſchlaftrunken. — „„„„—„„„ A So brachten die Benedictiner von Limburg die erſten Stunden des Tages, oder vielmehr Fruͤhmor⸗ gens zu, der auf den Sonntag, welchen wir ge⸗ ſchildert haben, folgte. Spaͤter mag es denjenigen, die ihre Pflicht mit Eifer erfuͤllten, wohl Troſt ge⸗ waͤhrt haben, daß dieſe Stunden ſo zugebracht wur⸗ den; denn es waren Ereigniſſe im Anzug, welche ei⸗ nen dauernden Einfluß, nicht nur auf ihr eigenes Schickſal, ſondern auch auf das der ganzen Umge⸗ gend ausuͤbten. Waͤhrend der letzten Hymne wurde die tiefe Stille, welche die ausgezeichnete Stimme des Saͤn⸗ gers ſtets bewirkte, durch ein dumpfes Gebrauſe un⸗ terbrochen, das dem Geraͤuſch des Windes oder dem leiſen Gemurmel von hundert Stimmen glich. Der Kuhhirt ſtand, als er daſſelbe vernahm, auf, und verſchwand in der duͤſteren Tiefe der Kirche. Die Moͤnche wandten ſich, wie durch einen allgemeinen Impuls, um, lenkten aber ihre Aufmerkſamkeit ſchnell wieder auf die heilige Handlung. Bonifacius zeigte Unruhe, ohne ſich jedoch ihrer Urſache deutlich be⸗ wußt zu ſein. Seine grauen Augen durchflogen das Dunkel, welches unter den fernen Saͤulen der Kirche herrſchte, und ſtarrten dann ausdruckslos auf die reichen Gefaͤße des Altares. Die Hymne fuhr 172 fort, und ihre beguͤtigende Gewalt ſchien jedes Ge⸗ muͤth zu beruhigen, als von dem großen Thore des Kloſters her ein Laͤrm ertoͤnte, der zu deutlich war, als daß man noch haͤtte irgend einem Zweifel Raum geben koͤnnen. Die Moͤnche erhoben ſich alle wie ein Mann, und die Stimme des Saͤngers ſchwieg. Ulrike rang angſtvoll die Haͤnde, und ſelbſt Odo von Ritterſtein vergaß ſeines Grames uͤber die un⸗ erwartete und ungluͤckweiſſagende Unterbrechung. Achtzehntes Capitel. Es iſt kaum noͤthig, zu bemerken, daß Heinrich Frey es war, welcher Ulrike und Ilſe zu dem Thore vor Duͤrkheim geleitet hatte. Kaum war ſeine Frau fort, und ſeine Unterredung mit den Wacht⸗ habenden zu Ende, ſo eilte der Buͤrgermeiſter nach jenem Stadtviertel, das dem Jaͤgerthale am naͤch⸗ ſten lag. Hier fand er eine Schaar von hundert Buͤrgern, welche ſich unter den Staͤdtern durch Koͤrperkraft und Entſchloſſenheit auszeichneten. Sie waren ſaͤmmtlich mit ſolchen Waffen verſehen, wie 173 ſie jeder am beſten zu fuͤhren verſtand. Auch koͤn⸗ nen wir hinzufuͤgen, daß jeder, der an der auszufuͤh⸗ renden Unternehmung Theil nahm, zuvor von ſei⸗ nem Weibe Abſchied genommen hatte, ſo daß man mithin ungewoͤhnlich viele Harniſche und Schilde bemerkte. Als ſich der Buͤrgermeiſter, dem es keineswegs an Muth fehlte, von der Anzahl und Puͤnktlichkeit ſeiner Getreuen uͤberzeugt hatte, befahl er, das Thor zu oͤffnen, und ſchritt zuerſt hinaus. Die Buͤrger folgten ihm in guter Ordnung, und unter dem tief⸗ ſten Stillſchweigen. Statt den geraden Weg nach der Schlucht einzuſchlagen, zog Heinrich mit ſeiner Schaar uͤber den kleinen Fluß, und ſchlug einen Fußpfad ein, der auf den naͤchſten Berg an dieſer Seite des Thales fuͤhrte. Der Leſer wird hieraus entnehmen, daß dieſe Bewegung die Schaar auf den Berg brachte, welcher der Heidenmauer gerade gegenuͤber liegt. Zu jener it war auch dieſer Berg mit Fichten bewachſen, ſo daß die Staͤdter, nachdem ſie ihn einmal erreicht hatten, vor jeder Beobachtung geſchuͤtzt waren. Eine halbe Stunde genuͤgte, um dieſe Bewegung mit der gehoͤrigen Vorſicht auszufuͤhren, worauf ſich die Buͤrger au⸗ ßer der Gefahr der Entdeckung befanden. Sie 174 ſetzten hierauf ihren Marſch mit geringerer Auf⸗ merkſamkeit auf Ordnung und Schweigen fort, und ſelbſt ihre Anfuͤhrer begannen, ſich mit einander zu beſprechen. Die Unterredung wurde jedoch mit Vor⸗ ſicht gefuͤhrt, denn ſie waren ſich bewußt, ſich in eine gewagte Unternehmung eingelaſſen zu haben. » Es heißt, Nachbar Dietrich«, ſprach der Buͤr⸗ germeiſter zu einem ſtaͤmmigen Schmid, welcher bei dieſer Gelegenheit als zweiter Befehlshaber handelte, eine Ehre, die er der Staͤrke ſeines Armes verdank⸗ te, und ihm den Muth gab, naͤher zu dem Buͤrger⸗ meiſter zu treten;»es heißt, Nachbar Dietrich, daß dieſe Benedictiner den Bienen gleichen, die nur in der Zeit des Ueberfluſſes ausfliegen, und ſelten ohne reiche Beute in ihren Stock zuruͤckkehren. Du biſt ein denkender und wackerer Buͤrger, und ein Mann, der durch die nichtige Meinung der Menge wenig geruͤhrt wird, ſondern der ſeine Rechte, das heißt ſeine Intereſſen kennt, und die Nothwendigkeit wohl einſieht, auf auen N alten ehrwuͤrdigen Ge⸗ braͤuchen und Satzungen feſt zu beſtehen, wenig⸗ ſtens in ſolchen Dingen, welche die Fortdauer des Wohles derjenigen betreffen, die auf daſſelbe An⸗ ſpruch machen duͤrfen. Ich ſpreche hier nicht von enen Burſchen, die gleichſam weder dem Himmel ——-)3 — e— 175 noch der Erde angehoͤren, und zu dem Elende ob⸗ dachloſer und unverantwortlicher Schelme verdammt ſind, ſondern von Maͤnnern, die wie Du und Deine Gewerbsgenoſſen, die Steuern und Abgaben bezah⸗ len, Haus und Hof haben, und ſich auch ſonſt durch ihre Nuͤtzlichkeit und natuͤrlichen Rechte aus⸗ zeichnen;— und dies fuͤhrt mich auf das, was ich ſagen will, naͤmlich darauf, daß Gott alle Menſchen gleich geſchaffen hat, und daß wir daher das Recht und die Pflicht haben, zu wachen, daß unſerer Stadt Duͤrkheim kein Unrecht widerfahre, beſonders nicht in Betreff der Intereſſen ihrer wohlhabenden Buͤr⸗ ger. Spreche ich vernuͤnftig, oder taͤuſche ich mich und Dich, Freund Schmid?« Heinrich wurde wegen ſeiner buͤndigen Bered⸗ ſamkeit, wenigſtens von ſeinen Anhaͤngern, geruͤhmt, und hatte ſich diesmal an einen Mann gewendet, der keine Neigung verſpuͤrte, ihm irgend eine Eh— renbezeigung zu verſagen. Dietrich war einer je⸗ ner thieriſchen—— von der Natur eigends geſchaffen zu ſein ſcheinen, um einen Fuͤh⸗ rer im Parlemente zu unterſtuͤtzen, inſofern naͤmlich dazu ein kraͤftiges Organ und wenig Verſtand ge⸗ nuͤgt. Sein Geiſt war gerade ſo leer, als nothwen⸗ dig iſt, um ein gutes moraliſches oder politiſches 176 Echo abzugeben, beſonders fuͤr falſche Behaup⸗ tungen. „Beim heiligen Benedict, Herr Heinrich«, ant⸗ wortete er,»denn es iſt erlaubt den Heiligen anzu⸗ rufen, ſo wenig Ehre wir auch ſeinen Moͤnchen er⸗ weiſen,— es waͤre beſſer fuͤr den Herzog Friedrich, wenn er weniger Wein in ſeinen Faͤſſern zu Hei⸗ delberg, und dagegen mehr von Eurer Weisheit in ſeinem Rathe haͤtte! Was Ihr ſo eben geſagt habt, iſt nichts Anderes, als was ich ſchon ſeit vielen Jah⸗ ren gedacht habe, obſchon ich nie im Stande war, einen Gedanken zu einer ſo ſcharfen und glatten Rede auszuhaͤmmern, wie Eure Geſtrengen! Wer leugnet, was ich ſage, mag zu ſeinen Waffen grei⸗ fen, und ich werde mich auf meinen Schmideham⸗ mer, als auf einen unwiderleglichen Beweisgrund ſtuͤten. Es muß Duͤrkheim in der That ſein Recht werden, und zwar um ſo mehr, als alle Menſchen gleich ſind, wie Ihr trefflich bemerkt habt.« „Was dieſe Gleichheit betrifft, ſo ſpricht man wohl viel von ihr, aber Niemand verſteht ſie. Gu⸗ ter Dietrich, hoͤre mich nur einige Minuten an, und Du wirſt ihre Gerechtigkeit einſehen. Wir in den kleinen Staͤdten ſind mit denſelben Eigenthuͤmlich⸗ keiten und Beduͤrfniſſen geboren, wie die in den 177 großen Hauptſtaͤdten— ſind wir nicht Leute, die ihrer Privilegien beduͤrfen?— ſind wir nicht Men⸗ t⸗ ſchen, welche Luft einathmen muͤſſen?— Ich hoffe, u⸗ Du wirſt keine dieſer Wahrheiten leugnen.⸗ r⸗»Wer dies thaͤte, waͤre wenig beſſer als ein h, Eſel.« ei⸗»Da dies feſt ſteht, ſo bleibt nichts uͤbrig, als in den Schluß daraus zu ziehen. Wir, die wir dieſel⸗ t, ben Rechte haben, wie die groͤßten Staͤdte im Rei⸗ h⸗ che, muͤſſen ſie auch ausuͤben duͤrfen, ſonſt waͤre die* ar, Sprache nur ein Spottwerk, und die Freiheiten ei⸗ en ner Stadt nicht mehr werth, als der Eid eines Leib⸗ er eigenen.« ei⸗„Das iſt ſo klar, daß ich mich wundere, wie ir⸗ n⸗ gend Jemand es in Abrede ſtellen kann! Und was nd ſagen die in den Doͤrfern, Herr Buͤrgermeiſter? ht Glaubt Ihr, daß ſie uns in dieſer heiligen Sache en unterſtuͤtzen werden?« »Ich ſpreche nicht von den Doͤrfern, guter an Schmid, da ſie weder Buͤrgermeiſter noch Buͤrger zu⸗ haben; und wo ſo wenig iſt, um eine Sache auf⸗ nd recht zu erhalten, was liegt da am Widerſtande? den 4 Ich ſpreche hauptſaͤchlich von uns ſelbſt, von Staͤd⸗— ch⸗ ten, welche wohlhabend ſind, und dies iſt ein ſo kla⸗ den rer Fall, daß es wirkliche Verſtandesſchwaͤche waͤre, Heidenmauer. II. 12 178 ihn mit irgend einem anderen zu vermengen. Wer das Recht auf ſeiner Seite hat, der waͤre ein Thor, wenn er ſich mit irgend Jemanden, deſſen Recht zweifelhaft iſt, verbaͤnde. Alle haben ihre natuͤrli⸗ chen Vorzuͤge, diejenigen aber ſind die beſten, wel⸗ che durch ihre Reichthuͤmer und Macht in die Au⸗ gen ſpringen.“ »Ich bitte Euch, wuͤrdiger Heinrich, wenn Ihr auch nur einen Funken Liebe fuͤr mich habt, ſo ge⸗ waͤhrt mir eine Gunſt.« »Nenne Dein Verlangen, Schmid!« „»Daß ich das den Staͤdtern hinterbringen darf! — Solche Weisheit, und ſo einleuchtende Folge⸗ rungen, duͤrfen unmoͤglich bloß in den Wind geſpro⸗ chen werden!« „Du weißt, ich geize nicht nach eitlem Beifall.⸗ »Bei den Gebeinen meiner Vaͤter! Ich will mit Umſicht davon reden, wuͤrdigſter Herr Buͤrger⸗ meiſter, und nicht bloß eitle Worte plaudern,— Eure Geſtrengen kennt den Unterſchied zwiſchen ei⸗ nem bloßen Straßenſchwaͤtzer, und einem der ein Haus hat.“ »Handle wie Du willſt; aber ich nehme dabei das Verdienſt der Originalitaͤt keineswegs in An⸗ ſpruch, denn es giebt viele treffliche und wohlha⸗ 179 bende Buͤrger, und auch einige Staatsmaͤnner, wel⸗ che auf dieſelbe Weiſe denken.⸗ »Es iſt gut, daß Gott nicht Allen dieſelben Ga⸗ ben verliehen hat, ſonſt waͤre eine große und unver⸗ nuͤnftige Gleichheit vorhanden, und Viele wuͤrden zu Ehren und Wuͤrden, welche ſie nicht behaupten konnen, gelangen. Da Ihr aber Eure vortreffli⸗ chen Beweggruͤnde ſo ſchoͤn entwickelt habt, wuͤr⸗ diger Heinrich, ſo bitte ich Euch, mir die Anwen⸗ dung derſelben auf das Unternehmen, auf welches wir ausziehen, zu zeigen.“« »Das will ich gern, denn kein Thurm in der ganzen Pfalz iſt leichter zu zeigen. Hier iſt Lim⸗ burg, und dort iſt Duͤrkheim, Kloſter und Stadt, mit getrennten und entgegengeſetzten Intereſſen, und daher wenig geneigt, ſich wechſelſeitig viel Liebe zu erweiſen. Die Natur, welche, was Recht und Unrecht betrifft, ein großer Meiſter iſt, ſagt, daß Duͤrkheim keinen Schaden Limburg zufuͤgen ſoll, und Limburg nicht Duͤrkheim. Iſt dies klar?« »Himmel, wie ein feuriger Ofen, Herr Buͤrger⸗ meiſter.« »Da es nun feſt ſteht, daß keiner ſich in die Angelegenheiten Anderer miſchen ſoll, ſo geben wir der Nothwendigkeit nach, und ſind bewaffnet aus⸗ 12*¾ 180 gezogen, um Limburg zu hindern, gegen einen Grundſatz zu verſtoßen, den alle vernuͤnftigen und gerechten Menſchen als unverletzlich anſehen. Du ſiehſt die Feinheit; wir geſtehen, daß das, was wir thun, auf ſchwachem Grund beruht, weswegen die Ausfuͤhrung um ſo kraͤftiger ſein muß. Wir ſind keine Thoren, um einen Grundſatz zu ſchwaͤ⸗ chen, allein Alle muͤſſen ihre Intereſſen wahrneh⸗ men— und was wir thun, geſchieht mit Vorbe⸗ halt der Glaubenslehre.«⸗ »Dies waͤlzt mir einen Berg von der Bruſt!« rief der Schmid aus, welcher mit dem Ernſt eines Mannes, der es redlich meint, zugehoͤrt haite; „nichts kann gerechter ſein, und wehe Dem, der es leugnen wollte, ſo lange mein Ruͤcken den Har⸗ niſch traͤgt!« Durch ſolche ſpitzfindige Geſpraͤche und Unter⸗ ſuchungen kuͤrzten ſich Heinrich und ſein Unterbe⸗ fehlshaber den Weg. Zwar wird man in Verſu⸗ chung gerathen, uns des Plagiats zu beſchuldigen, wir muͤſſen jedoch verſichern, daß die Reden der beiden wackeren Maͤnner echt ſind, und ſich auf die Autoritaͤt des oftgenannten Chriſtian Kinzel ſtuͤtzen. Die Gerechtigkeit hat, ſo wie die Liberalitaͤt, bedeutende Vorbehalte, und es giebt vielleicht ſelbſt ——» 181 jetzt, tres der vorgeſchrittenen Bildung des Men⸗ ſchengeſchlechts, wenige Laͤnder, wo nicht eine aͤhn⸗ liche Philoſophie, wie die Heinrichs, anerkannt, und durch eben ſo einleuchtende, unwiderſtehliche und markvolle Gruͤnde vertheidigt wuͤrde. Die Richtung, welche die Duͤrkheimer einge⸗ ſchlagen hatten, fuͤhrte zwar durch einen Umweg, aber ſicher zu jener Seite des Thales, wo die Har⸗ tenburg draͤute. Heinrich ließ jedoch ſeine Getreuen Halt machen, als ſie noch eine betraͤchtliche Strecke haͤtten zuruͤcklegen muͤſſen, um zur Burg zu gelan⸗ gen. Der Platz, den er zur Raſt waͤhlte, lag un⸗ gefaͤhr in der Mitte zwiſchen Duͤrkheim und dem Schloſſe, wenn man naͤmlich den Kruͤmmungen des Berges folgte. Es war ein Wald, wo das Baumdickicht die Gegenwart der ungewohnten Gaͤſte gaͤnzlich verbarg. Hier wurden von allen Erfriſchungen eingenommen, denn die guten Staͤd⸗ ter waren Troͤſtungen der Art ſehr ergeben: gewal⸗ tig dringend mußten die Umſtaͤnde ſein, welche ſie von Befriedigung ihres Appetites abhalten konnten. „Siehſt Du etwas von unſeren Bundesgenoſ⸗ ſen, wackerer Schmid?« fragte Heinrich ſeinen Unterbefehlshaber, den er auf Recognoſcirung aus⸗ geſandt hatte.»Von ſo erprobten Leuten, als un⸗ 182 ſere Freunde ſind, waͤre es unſchoͤn, uns eim Falle der Noth im Stiche zu laſſen.« »Zweifle an ihnen nicht, Herr Heinrich. Ich kenne die Burſche wohl; ſie zoͤgern bloß, um ihre Saͤcke auf eine aͤhnliche Weiſe zu erleichtern, wie wir es mit den unſrigen thun. Bemerkſt Du, welche tiefe Ruhe die Benedictiner zeigen, wuͤrdi⸗ ger Buͤrgermeiſter?« „Es iſt eines ihrer gewoͤhnlichen Heuchelſtuͤcke, wackerer Dietrich; aber wir werden ihnen die Maske ſchon abziehen. Aus unſerem Unternehmen kann nur Gutes kommen, denn der Beweis, den wir fuͤhren werden, daß ſich Niemand in fremde Angelegenheiten miſchen darf, wird allen Streitig⸗ keiten zwiſchen uns fuͤr immer ein Ende machen. Bei den heiligen drei Koͤnigen von Coͤln! Kann man es dulden, daß ein Kuttentraͤger einen Stadt⸗ buͤrger mit verbundenen Augen vor das juͤngſte Gericht ſchleppen ſoll? Siehſt Du nicht Licht in der Abteikirche?« »Die ehrwuͤrdigen Vaͤter beten gegen ihre Feinde. Glaubſt Du, wuͤrdiger Buͤrgermeiſter, daß die Geſchichte der Art, wie dieſe ſchweren Steine auf den Berg der Abtei kamen, durch das ofte Er⸗ zaͤhlen geringe Zuſaͤtze erhalten hat?⸗ „Das mag ſein, Dietrich, denn nichts nimmt an Umfang ſo zu, als eine Geſchichte durch haͤufi⸗ ges Erzaͤhlen, mit Ausnahme etwa eines Schnee⸗ balls, wenn er gewaͤlzt wird.⸗ „Ich bin Eurer Meinung, Herr Heinrich, denn ich zweifle ſehr, daß ſich der Teufel die Muͤhe ge⸗ nommen hat, ein ſo leichtes Ding, wie das Hin⸗ aufſchaffen der geringeren Materialien iſt, auszu⸗ fuͤhren. Was die ſchweren Saͤulen und die Grund⸗ ſteine betrifft, ſieht es ihm eher aͤhnlich, und kann als wahrſcheinlich angenommen werden. An die⸗ ſem Theile der Legende habe ich nie gezweifelt, denn er hat etwas fuͤr ſich, doch— halt! hier kommen unſere Bundesgenoſſen.«⸗ Das Annaͤhern einer Schaar von Maͤnnern, welche in der Richtung der Hartenburg herzogen, und ſich ſtets am Rande des Gebirges und im Schatten hielten, nahm ihre ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch. Die Schaar war dreimal ſo ſtark, als die Abtheilung der Staͤdter, wohl bewaffnet und zum Kampfe geruͤſtet. Nachdem ſie in gerin⸗ ger Entfernung von den Buͤrgern Halt gemacht hatte, gleich als waͤre es nicht raͤthlich, beide Ab⸗ theilungen aneinander ſtoßen zu laſſen, ſchritt ein einzelner Krieger dem Orte zu, wo der Buͤrger⸗ meiſter ſtand. Der Neuangekommene war leicht bewaffnet, trug Helm und Harniſch, und das Schwert in der Scheide. „Wer fuͤhrt die Duͤrkheimer an?« fragte er, als er nahe genug war, um ohne zu ſehr zu ſchreien, verſtanden werden zu koͤnnen. »Ihr geringer Buͤrgermeiſter in Perſon; wollte Gott, es waͤre ein Wuͤrdigerer!« »Willkommen, wuͤrdiger Herr«, erwiederte der Andere, indem er ſich mit außerordentlicher Ehrer⸗ bietung verneigte.»Ich komme meinerſeits an der Spitze der Anfuͤhrer des Grafen Emich.« »Wie nennſt Du Dich, wackerer Hauptmann?« »Mein Name iſt nicht werth, neben dem Eu⸗ rigen genannt zu werden, Herr Frei; dennoch ſchaͤme ich mich deſſelben nicht. Ich bin Berthold Hintermaier.« „»So!— Ein junger Anfuͤhrer fuͤr eine ſo ernſte Unternehmung! Ich hoffte auf die Ehre, den Grafen in Perſon hier zu ſehen.« »Ich habe Befehl, Eurer Geſtrengen uͤber die⸗ ſen Punct Aufſchluß zu geben.« Berthold ſchritt hierauf mit dem Buͤrgermeiſter bei Seite, waͤh⸗ rend Dietrich eine naͤhere Beſichtigung der Huͤlfs⸗ truppen vornahm. A22A,20 —, ———- ceo— ₰₰ 28 8 2 Es iſt unſern Leſern wohl bekannt, daß in der Zeit, von welcher wir berichten, jeder angeſehene Burgherr mehr oder weniger Getreue unterhielt, welche auf das regelmaͤßigere Vaſallenaufgebot der fruͤheren Jahrhunderte folgten, und zwiſchen Die⸗ nern und Soldaten die Mitte hielten. Eine ſchoͤne Ruine, genannt Pierrefont, liegt eine Tagereiſe von Paris am Nande des koͤniglichen Forſtes, der mit den amerikaniſchen Urwaͤldern mehr Aehnlich⸗ keit hat, als irgend ein anderer, den wir in Europa geſehen haben. Auf dieſem Schloſſe hauſte ein tapfe⸗ rer Baron, der den Lehensleuten des Koͤnigs vie⸗ len Schaden that, und zwar in einem viel ſpaͤte⸗ ren Zeitalter, als jenes iſt, von welchem wir ſchrei⸗ ben. Die europaͤiſche Menſchheit war damals in einem Zuſtande des Ueberganges begriffen; ſie be⸗ gann, die alte Laſt des Lehensweſens abzuſchuͤtteln, oder beſtrebte ſich wenigſtens, deſſen Ketten zu er⸗ leichtern. Das politiſche Gewicht der Grafen von Leiningen geſtattete ihnen, ein Kriegsgefolge zu unterhalten, welches die Edlen von geringerer Be⸗ deutung aufzugeben begannen. Mithin waren ihre Schloͤſſer voll jener Kriegsleute, die ſeitdem durch die ſtehenden Heere uͤberfluͤſſig gemacht worden ſind. Der Schmid fand an der Schaar, welche Ber⸗ thold anfuͤhrte, viel zu loben und einiges auszu⸗ ſetzen. Was Ruͤckſichtsloſigkeit, Verwegenheit und Gleichguͤltigkeit gegen die Moral betraf, ſo konnte keine beſſere Truppe gewuͤnſcht werden, denn die Meiſten, aus denen ſie beſtand, lebten von den Exceſſen der buͤrgerlichen Geſellſchaft, und nahmen in ihr dieſelbe Stelle ein, wie die Schwaͤmme im Pflanzenreiche, oder Beulen und Geſchwuͤre in der phyſiſchen Oekonomie unſerer Gattung. Was aber Koͤrperkraft betraf— eine Hauptſache, worauf der Schmid bei Schaͤtzung jedes Menſchen ſah— ſo ſtanden ſie im Ganzen den Staͤdtern nach, deren Leiber in Folge einer ordentlichen Lebensweiſe und eines gewinnbringenden und regelmaͤßigen Fleißes beſſer entwickelt waren. Doch befand ſich darunter eine Anzahl von Bauern aus den Gebirgen und dem Dorfe unterhalb der Burg, welche zwar we⸗ niger drohend ausſahen und nicht ſo verwegen ſprachen, aber nach des Schmids Erklaͤrung nur des Duͤrkheimer Exercitiums bedurften, um Hel⸗ den zu werden. Als Heinrich und Berthold ſich nach beendigter geheimer Unterredung zu ihren Untergebenen ver⸗ fuͤgten, war alle Unzufriedenheit von der Stirne — — 9„——, 8 S8S x᷑ 8 —— — des Buͤrgermeiſters verſchwunden, und Beide be⸗ ſchaͤftigten ſich mit den noͤthigen Anſtalten, um den Erfolg des gemeinſchaftlichen Unternehmens zu ſichern. Der Wald, in welchem ſie Halt mach⸗ ten, lag der Abtei gerade gegenuͤher, und war von derſelben durch eine breite, aber vollkommen ebene Wieſe getrennt. Die Entfernung war zwar nicht groß, aber doch hinreichend, um es wahrſcheinlich zu machen, daß der Heranzug der Angreifenden von den Schildwachen, welche allem Vermuthen nach die Kriegsleute, die der Kurfuͤrſt den Moͤn⸗ chen zu Huͤlfe geſendet, zu ihrer eigenen Sicher⸗ heit ausgeſtellt hatten, bemerkt werden wuͤrde. Limburg war zwar keine Feſtung, ſondern ver⸗ dankte ſeine lange Strafloſigkeit mehr der kirchli⸗ chen Macht, welche, obſchon in jenem Theile von Deutſchland bereits ſehr geſchwaͤcht, doch noch im⸗ mer bedeutend war; allein die Abtei hatte hohe und ſtarke Mauern, zahlreiche Thuͤrme, maſſive und ſo aneinander gereihte Gebaͤude, daß eine ent⸗ ſchloſſene Schaar das Kloſter ſelbſt gegen einen zahlreicheren Feind, als die Duͤrkheimer und Har⸗ tenburger es waren, zu halten vermochte. Dies Alles leuchtete dem Buͤrgermeiſter ſehr wohl ein, denn er hatte waͤhrend eines Lebens, das uͤber die Mitte hinaus und unter den Unruhen und Fehden jenes regelloſen Zeitalters verlebt wor⸗ den war, in Vertheidigung feſter Plaͤtze großen Muth bewieſen und hinreichende Erfahrung ge⸗ ſammelt. Er ſah daher mit großem Ernſt um ſich, um Jemand zu finden, auf welchen er ſich verlaſſen konnte, als ihm das ſchoͤne und gefaßte Benehmen Berthold Hintermaiers jene Zufrieden⸗ heit einfloͤßte, welche tapfere Maͤnner bei der Ver⸗ einigung mit verwandten Charakteren im Augen⸗ blicke der Gefahr ſtets zu empfinden pflegen. Nach⸗ dem die noͤthigen Vorbereitungen getroffen waren, ruͤckte die geſammte Schaar in geſchloſſenen Rei⸗ hen voll Ordnung vorwaͤrts, denn Jeder war ſich bewußt, zum Erklimmen der ſteilen Hoͤhe des Athems zu beduͤrfen. Vielleicht iſt der Scharfſinn des Menſchen nie thaͤtiger, als in Augenblicken, wo er ſein Unrecht fuͤhlt, und daher ein fieberhaftes Verlangen traͤgt, ſeine Worte und Thaten gegen ſich ſelbſt und An⸗ dere zu rechtfertigen. Die tiefe Ueberzeugung von der Wahrheit, und die Gewißheit, recht zu han⸗ deln, fuͤllt dagegen das Gemuͤth mit ſolcher mora⸗ liſchen Wuͤrde und Kraft, daß es ſich zu einer Rechtfertigung nicht einmal herablaͤßt. ————, 189 Heinrich Frey ſetzte ein großes Mißtrauen in die Rechtmaͤßigkeit des Unternehmens, in welches er ſich eingelaſſen, denn anders als bei ſeinen Ge⸗ faͤhrten laſtete auf ſeinem Haupte die Verantwort⸗ lichkeit des Anſchlages eben ſo wohl, als die der Ausfuͤhrung. Er war daher unablaͤſſig bemuͤht, Rechtfertigungsgruͤnde fuͤr das, was er that, zu finden, und lieh ſeinen Gedanken Worte, waͤhrend er mit Berthold und dem Schmid uͤber die Wieſe ſchritt. „Es kann nicht der mindeſte Zweifel uͤber die Gerechtigkeit und Nothwendigkeit deſſen, was wir gegen die Abtei beginnen, obwalten“, ſagte er, denn in allen zweifelhaften Faͤllen ſteht die Zuver⸗ ſicht, womit ſich die Menſchen ausſprechen, im um⸗ gekehrten Verhaͤltniß zu dem Mißtrauen, das ſie gegen die Gerechtigkeit ihrer Sache hegen— weß⸗ wegen waͤren wir ſonſt hier? Soll das Kloſter ſtets die Ebene durch verruchte Habſucht und Erpreſſung quaͤlen, oder ſind wir Sclaven, um uns von dieſen geſchorenen Moͤnchen mit Fuͤßen treten zu laſſen?« „Es giebt fuͤrwahr hinreichende Gruͤnde fuͤr das, was wir thun, Herr Buͤrgermeiſter«, ant⸗ wortete Berthold, deſſen Gemuͤth eine ſtarke Nei⸗ gung zu den religioͤſen Meinungen hatte, welche von Tag zu Tag immer mehr um ſich griffen. »Da wir ſo gute Motive haben, ſo wollen wir nicht weiter daruͤber rechten.« „Nein, junger Mann, der wackere Schmid hier wird ſagen, daß kein Nagel, den er in den Huf eines Roſſes ſchlaͤgt, zu feſt vernietet werden kann.« „Dies iſt uͤber allen Zweifel erhaben, Meiſter Berthold«, erwiederte der Schmid;»die Anſicht Seiner Geſtrengen muß daher vollkommen richtig ſein.« „Zugegeben; ich meinerſeits mache nie eine Einwendung, wenn es gilt, ein Neſt von Horniſſen zu zerſtoͤren.« „Ich nenne ſie nicht Horniſſe, noch will ich ihr Neſt zerſtoͤren, ſondern der Welt bloß zeigen, daß, wer ſich in die Angelegenheiten Duͤrkheims miſcht, einer Lehre bedarf, um zu erfahren, daß es Unrecht iſt, das Eigenthum ſeines Nachbarn zu betreten.⸗ „»Dies iſt heilſam und wird unſerer Stadt großen Nutzen bringen«, erwiederte der Schmid. „Um ſo mehr iſt es Schade, daß wir daſſelbe nicht dem Kurfuͤrſten zeigen, welcher vor Kurzem neue — Anſpruͤche auf unſern ſauern Erwerb erhoben hat.« »Mit dem Kurfuͤrſten iſt es etwas Anderes, denn ſeine Einmiſchung iſt von zu ſtarker Natur, als daß wir durch die Kraft unſerer Arme das Recht der Nichteinmiſchung vertheidigen koͤnnten. Dieſe ſpitzfindigen Fragen laſſen ſich aber nicht am Schmiedeofen lernen, ſondern es bedarf eines ſubtilen Verſtandes, um ſie klar zu machen, und klar ſind ſie— fuͤr Alle, welche in dieſelben Ein⸗ ſicht haben. Es iſt wahrſcheinlich, daß Du ſie nicht vollkommen begreifſt, Dietrich, aber waͤreſt Du ein Mitglied unſeres Rathes, ſo wuͤrdeſt Du ſie mit verſchiedenen Augen betrachten.« »Daran zweifle ich nicht, wuͤrdiger Heinrich. Sollte einem Manne meines Namens und Stan⸗ des je eine ſolche Ehre zu Theil werden— Him⸗ mel! dann wuͤrde der hochweiſe Rath in mir einen Menſchen finden, der bereit iſt, an jede Subtilitaͤt zu glauben!« »Ha! Licht an jener Oeffnung!« rief Berthold aus.»Dies iſt eine gute Vorbedeutung.« »Haſt Du einen Freund unter den Moͤnchen?« »Geht, Herr Buͤrgermeiſter. Dies grenzt an Excommunication;— aber das Licht an jener Oeff⸗ nung gefaͤllt mir ſehr!« „Alles ſoll ſchweigen«, fluͤſterte Heinrich den Kriegern hinter ihm zu, welche dieſen Befehl ihren Kameraden mittheilten.»Wir ſind bereits ganz nahe.« Die Schaar hatte den Fuß des Berges erreicht. Es war nirgends ein Zeichen zu ſehen, daß man ihr Herannaͤhern bemerkt habe, wenn man nicht das Licht an der ſchmalen Fenſteroͤffnung eines Kerkers ſo deuten wollte. Im Gegentheile herrſchte dieſelbe tiefe Stille, welche wir bei der Ankunft Ulri⸗ kens beſchrieben haben, in dem ganzen, weiten Bau. Aber weder Heinrich noch ſeinen Gefaͤhrten gefiel dieſe unheimliche Ruhe, denn ſie deutete auf eine, wenn ſie einmal erfolgte, um ſo ernſtere Verthei⸗ digung. Offener Widerſtand waͤre ihnen bei weitem lieber geweſen, und nichts wuͤrde das Gemuͤth der beiden Anfuͤhrer mehr erleichtert haben, als wenn ſie unter dem Feuer der Hakenbuͤchſenſchuͤtzen des Herzogs Friedrich einen Sturm haͤtten befehlen koͤnnen. Aber dieſe Erleichterung wurde ihnen nicht gewaͤhrt, und der Zug erreichte die Bergſpitze unter einem ſie beſtreichenden Thurm, wo man nothwen⸗ diger Weiſe alle Gedanken auf laͤngere Verborgen⸗ heit aufgeben, und durch eine ſchnelle Bewegung die Straße gewinnen mußte. Das hiedurch ver⸗ ̈ 00 den ren anz cht. nan icht nes chte lri⸗ au. ffiel ine, hei⸗ tem der enn des hlen nicht nter ven⸗ gen⸗ ung ver⸗ 193 urſachte Geraͤuſch war jenes, welches die Moͤnche in der Abteikirche zuerſt ſtoͤrte. Die zweite Unter⸗ brechung ruͤhrte von dem groͤßeren Lärm des An⸗ griffes her, welcher unmittelbar nachher auf das aͤußere Thor gemacht wurde. Neunzehntes Capitel. Die Stuͤrmenden wurden, wie man bereits weiß, durch den Buͤrgermeiſter und ſeine beiden Unter⸗ hauptleute, Berthold und den Schmid, angefuͤhrt. Dicht hinter dem Letzteren folgten drei ſeiner Ge⸗ ſellen, von denen jeder, ſo wie ihr Gebieter, mit einem ſchweren Schmiedehammer bewaffnet war. Kaum hatten die Angreifenden das Thor erreicht, als dieſe Handwerker das Geſchaͤft von Pionieren mit großer Bereitwilligkeit und Geſchicklichkeit ver⸗ richteten. Auf den dritten Streich von Dietrichs kraͤftigem Arm flog das Thor auf, und die Vorder⸗ ſten ſtroͤmten in den Hof. „Wer biſt Du?« ſchrie Berthold, indem er einen Mann packte, der unter dem Thorwege mit einem Fuße auf der Bruſt eines Andern kniete:»Sprich, denn dies iſt kein Augenblick zur Kurzweil!« Heidenmauer. II. 13 „Meiſter Foͤrſter, ſei weniger hitzig, und erinnere Dich Deiner Freunde beſſer. Siehſt Du nicht, daß ich Gottlob bin, und den Pfoͤrtner feſthalte, damit der Schelm nicht neue Querſtangen vor das Thor ſchiebe. Es ſind Fremde drinnen, und der pflicht⸗ vergeſſene Burſche hat aus Bequemlichkeit das Thor nicht gehoͤrig verwahrt, ſonſt haͤttet Ihr daran ar⸗ beiten muͤſſen, bis die Leute Herzog Friedrichs uͤben Euch gekommen waͤren.« »Wacker gehandelt, mein Milchbruder! Dein Signal habe ich geſehen, und zaͤhlte auf Dich. Da Du aber die Wege ſo gut kennſt, ſo fuͤhre uns ge gen die Bewaffneten.⸗ »Himmel! die Schurken haben borſtige, im Kriege ergraute Baͤrte, und werden es nicht gerne ſehen, wenn man ſie in ihrem Schlummer ſtoͤrt, allein wir muͤſſen unſere Schuldigkeit thun. Waͤhle die froͤmmſten Deiner Getreuen, wuͤrdiger Buͤrger⸗ meiſter, um mit ihnen gegen die Moͤnche zu ziehen, welche im Chor ſich mit Gebet wohl verſchanzt haben; waͤhrend ich die Fleiſchluſtigeren zu einem andern Werke gegen die Leute des Kurfuͤrſten fuͤhren will.« Waͤhrend dieſes kurzen Zweigeſpraͤches ſtroͤmte der ganze Haufe durch das Thor, und ihre Anfuͤhrer 195 ſuchten etwas Ordnung in die ſchlecht eingeuͤbte Schaar zu bringen. Alle fuͤhlten die gebieteriſche Nothwendigkeit, zuerſt mit den Kriegern fertig zu werden, denn von den Moͤnchen ſelbſt hatte man nicht viel zu beſorgen. Einige Wenige wurden zu⸗ ruͤckgelaſſen, um das Thor zu bewachen, waͤhrend Heinrich unter Wegweiſung des Kuhhirten die An⸗ greifenden gegen die Gebaͤude fuͤhrte, in welchen die Kriegsleute des Kurfuͤrſten lagen.⸗ Wenn wir ſagen ſollten, daß die Schaar zu die⸗ ſem Angriffe ohne Beſorgniß ſchritt, ſo wuͤrden wir ihren Muth uͤberſchaͤtzen, und dem Ruf der Truppen Friedrichs wenig Gerechtigkeit widerfahren laſſen. Die Erſtuͤrmung eines Kloſters galt nach der herr⸗ ſchenden Anſicht jener Zeit fuͤr Gottesfrevel; denn obſchon der Proteſtantismus bereits große Fort⸗ ſchritte gemacht hatte, ſo waren ſelbſt die Refor⸗ matoren noch immer von Zweifeln gequaͤlt, ob es auch recht ſei, die Bande der Gewohnheit und Jahr⸗ hunderte alter Vorurtheile zu zerreißen. Zu dieſem geheimen Gefuͤhle kam die unerklaͤrliche Stille, welche noch immer unter der Beſatzung herrſchte, obſchon ſie nach Gottlobs Bericht aus erprobten Kriegern beſtand. Sie lagen hinter der Praͤlatur in einem Ge⸗ 13*¾ baͤude, das in jeder Nuͤckſicht zur hartnaͤckigen und erfolgreichen Vertheidigung trefflich geeignet war. Alle dieſe Gedanken durchzuckten aber mehr den Geiſt der Anfuͤhrer, als daß ſie dieſelben reiflich er⸗ wogen. Im Augenblicke des Angriffes hat man keine Zeit zum Nachdenken, beſonders wenn man einmal ſo weit gegangen iſt, wie wir es eben be⸗ ſchrieben haben. Die Leute eilten daher dem An⸗ griffspunkte entgegen, indem ſie mehr von boͤſen Ahnungen gequaͤlt waren, als daß ſie eine deutliche Vorſtellung von der Gefahr, welcher ſie entgegen gingen, gehabt haͤtten. Gottlob hatte die kurze Zeit, welche er in der Abtei zugebracht, trefflich benutzt, um ſich mit den verſchie⸗ denen Gaͤngen und Hoͤfen genau bekannt zu machen. Er war bald vor der Thuͤr zur Praͤlatur, welche durch einen Schlag von Dietrichs Schmiedehammer zer⸗ ſplittert wurde, worauf ein Strom verwegener und geſetzloſer Krieger in die leeren Gemaͤcher drang. Eine Minute ſpaͤter befanden ſie ſich in dem Theile des Kloſters, welcher hinter der Wohnung des Abtes lag. Wie nichts ſo wirkſam iſt gegen Gewaltthaͤtig⸗ keit, als ruhige Feſtigkeit, ſo ſchuͤchtert auch nichts mehr ein, und iſt ſo geeignet, einen Angriff abzu⸗ ſchlagen, als eine dem Angreifenden entgegengeſetzte und den er⸗ man man be⸗ An⸗ oͤſen liche egen Abtei ſchie⸗ chen. Surch zer⸗ und kang. e des lag. aͤtig⸗ nichts abzu⸗ eſetzte 197 trotzige Kaͤlte. In ſolchen Augenblicken wird die Phantaſie faſt furchtbarer, als die Wurfwaffen des Feindes, und zeigt Gefahren, wo man in gewoͤhn⸗ lichen Lagen und bei genauerer Pruͤfung nur ſehr geringe entdeckt haben wuͤrde. Es iſt bekannt, daß der Augenblick, welcher dem Angriffe vorausgeht, die Feſtigkeit des Muthes am meiſten verſucht, und daß eine kluge Zuruͤckhaltung mit den Vertheidi⸗ gungsmitteln dieſen Augenblick verlaͤngert, und mit⸗ hin deſſen Einfluß vermehrt. Jeder der Angreifenden, ſelbſt die Anfuͤhrer em⸗ pfanden den Einfluß dieſer geheimnißvollen Stille unter den Truppen des Kurfuͤrſten. Dieſelbe machte auf ſie einen ſolchen Eindruck, daß ſie gruppenweiſe anhielten,— eine Stellung, die ſie der Geſahr ei⸗ ner Niederlage am meiſten ausſetzte; auch ſprachen Einige von Minen und Hinterhalten. Berthold ſah das Kritiſche dieſes Augenblickes und die drohende Gefahr einer Niederlage vollkom⸗ men ein. »Folgt mir!« rief er, indem er ſein Schwert ſchwang, und auf die ſtillen Gebaͤude losſtuͤrmte, wo man wußte, daß die Beſatzung einquartirt war. Der Buͤrgermeiſter und der Schmid unterſtuͤtzten ihn wacker; auch alle Anderen faßten wieder Muth, und ſtuͤrmten die Thore und Fenſter. Jene wurden mit Schmiedeaͤxten eingeſchlagen, worauf die ganze Schaar in das Innere drang. Das Geſchrei der Angreifenden wiederhallte in leeren Gemaͤuern. Zwar das Stroh war da, zuſammt den Ueberreſten von Speiſen, dem uͤblen Geruch vergangener Gelage und allen ekelhaften Spuren einer unordentlichen Soldatenwirthſchaft: allein kein Geſchrei antwortete dem Geſchrei; kein Schwert, keine Hakenbuͤchſe wurde gegen die Angreifenden erhoben. Starres Staunen war das erſte Gefuͤhl, welches die Gewiß⸗ heit dieſer wichtigen Thatſache erregte. Heinrich und Berthold geboten zu gleicher Zeit, daß der ge⸗ fangen genommene Pfoͤrtner, welcher ſich mitten unter den Angreifenden befand, vor ſie gebracht werde. »Sprich!« gebot der Buͤrgermeiſter,„was iſt aus den Leuten des Kurfuͤrſten geworden?« »Sie zogen mit Einbruch der Nacht ab, ge⸗ ſtrenger Herr, und ließen Limburg unter der Obhut ſeines Schutzheiligen.“ »Zogen ab! wohin, und auf welche Weiſe?— Wenn Du mich taͤuſcheſt, Schurke, ſo ſoll Dein heiliger Benedict ſelbſt Dich nicht vor dem Geſchun⸗ denwerden ſchuͤtzen.⸗ 199 »Zuͤrnt nicht, ich bitte Euch, großer Buͤrger⸗ meiſter, denn ich ſpreche nichts als die Wahrheit. Mit Untergang der Sonne traf ein Befehl des Kur⸗ fuͤrſten ein, welcher ſeine ſaͤmmtlichen Krieger zu⸗ ruͤckrief, denn er wird, wie es heißt, hart gedraͤngt, und bedarf dringend der Huͤlfstruppen.⸗ Der Stille nach dieſer Erklaͤrung folgte ein all⸗ gemeines Triumphgeſchrei, und Einzelne ſtahlen ſich pluͤnderungsſuͤchtig von der Schaar fort. »Welchen Weg ſchlugen die Leute des Herzogs ein?« »Wuͤrdiger Heinrich, ſie zogen in großer Stille und Ordnung uͤber die Straße, die zur Abtei fuͤhrt, hinunter, und den gegenuͤber liegenden Berg hinauf, um die Staͤdter nicht in der Nachtzeit durch das Begehren, die Thore zu oͤffnen, zu ſtoͤren. Es war ihre Abſicht, durch den Fichtenwald der Heidenmauer zu ziehen, und hinter Duͤrkheim die Ebene zu ge⸗ winnen.« Es unterlag laͤnger keinem Zweifel, daß die Er⸗ oberung vollbracht war. Die ganze vereinte Schaar oͤste ſich in Abtheilungen auf; einige, um die er⸗ haltenen geheimen Befehle zu vollziehen; andere, um wie Diejenigen, welche ſich bereits fortgeſtohlen hatten, fuͤr ihr Privatintereſſe zu ſorgen. Bis zu dieſem Augenblick hatte ſich kein einzel⸗ ner Herumſtreifer der Kirche genaͤhert. Da Dieje⸗ nigen, welche den Plan des Unternehmens entwor⸗ fen hatten, nicht wuͤnſchten, daß irgend einem Moͤnch perſoͤnlich ein Leid zugefuͤgt werde, ſo war der Befehl gegeben worden, dieſen Theil der Abtei eine Zeit lang nicht zu betreten, in der Erwartung, die Moͤnche wuͤrden ſich dies zu Nutzen machen, um durch die geheimen Thuͤren, welche aus den Kreuz⸗ gaͤngen in das Freie fuͤhrten, zu entkommen. Da aber kein bewaffneter Feind mehr zu beſiegen war, ſo mußte man nothwendiger Weiſe auch nach den Moͤnchen ſehen. Man war mit Pluͤnderung ihrer Schlafzellen bereits ziemlich weit gekommen, und das Triumphgeſchrei, welches aus den Gebaͤuden erſcholl, kuͤndigte an, daß auch die reiche und be⸗ queme Wohnung des Abtes einen aͤhnlichen kurzen Proceß beſtand. »Himmel!« ſagte Gottlob, der vom Augen⸗ blicke ſeiner Befreiung an nicht von der Seite ſeines Ziehbruders gewichen war,»unſere Schelme blicken tief in die Buͤcher des hochwuͤrdigſten Bonifacius, Meiſter Berthold! Es waͤre gut, ihnen zu ſagen, welche lateiniſch ſind, ſonſt belaſten ſie ihre Schul⸗ 201 tern mit Kenntniſſen, die ihnen niemals etwas nuͤtzen koͤnnen. »Laß die Schurken pluͤndern«, erwiederte Hein⸗ rich muͤrriſch,»aus dieſen Buͤchern iſt eben ſo viel Schlechtes als Gutes gekommen, und es wird beſſer fuͤr Duͤrkheim ſein, wenn die verdammenswerthe Munition der Benedictiner etwas vermindert wird. Es giebt Leute, welche glauben, daß mancher Band, der den Namen eines Heiligen auf dem Ruͤcken traͤgt, von der ſchwarzen Kunſt handelt.« Berthold haͤtte vielleicht Einwendungen gemacht, wenn es ihm nicht klar geweſen waͤre, daß ſie in dieſem Augenblick des Laͤrms und der Verwirrung nicht nur nichts geholfen haben wuͤrden, ſondern ſogar ſchaden konnten. Die Folge davon war, daß werthvolle Werke und zahlreiche Manuſcripte, welche ſeit Jahrhunderten angeſammelt worden waren, der Laune von Menſchen Preis gegeben wurden, die weder von ihrem Werthe, noch von ihrem Inhalt einen Begriff hatten. »Laß uns nun zu den Moͤnchen gehen«, ſagte Heinrich, indem er zum erſten Male, ſeit er den Wald verlaſſen hatte, ſein Schwert in die Scheide ſteckte.»Freund Schmid, Du wirſt hier bleiben, und ſorgen, daß das, was geſchehen muß, vollkommen geſchehe. Gedenke, daß das Eiſen heiß iſt, und jetzt geſchmiedet werden muß, ſonſt duͤrfte es zu einer andern Zeit in eine Waffe gegen uns verwandelt werden. Zum Werke, Dietrich, Du weißt, was die Stadt wuͤnſcht, und was ſie von Deiner Geſchick⸗ lichkeit erwartet.« Der Buͤrgermeiſter nahm hierauf Berthold bei dem Arm, und ſchritt mit ihm auf jenen weitbe⸗ ruͤhmten Bau, die Abteikirche, zu. Ihnen folgte eine Schaar von zwanzig ausgeſuchten Handwer⸗ kern, welche waͤhrend dieſer ganzen ereignißreichen Nacht ſich dicht hinter den beiden Anfuͤhrern hiel⸗ ten, gleich als waͤren ſie zu dieſem beſondern Dienſt ausgewaͤhlt worden. In der Naͤhe der Kirche herrſchte daſſelbe un⸗ heimliche Stillſchweigen, wie jenes, welches ihnen vor dem Angriffe auf die Quartiere der Soldaten ſolches Zagen eingefloͤßt hatte. Auf die meiſten Menſchen, welche damals lebten, uͤbte die geheim⸗ nißvolle Macht der Kirche einen tiefen Einfluß. Zwar hatten kuͤhne Reformatoren geſprochen, und in der ganzen Gegend hatte die oͤffentliche Meinung eine der roͤmiſchen Kirche hoͤchſt feindſelige Richtung genommen; allein Vernunftgruͤnde vermoͤgen ſo 203 leicht nicht die tiefen Wurzeln auszuroden, welche Gewohnheit und Anſichten in der Bruſt eines Jeden geſchlagen haben. Selbſt in dieſer Stunde laͤßt ſich faſt die ganze civiliſirte Welt grobes und offenbares Unrecht zu Schulden kommen, und ſucht daſſelbe, wenn man die Sache beim Lichte betrachtet, auf eine Weiſe zu rechtfertigen, die wenig beſſer iſt, als ein boͤſer Hang, der ſich auf nicht zu entſchuldigende, wenn gleich lange Gewohnheit ſtuͤtzt. Sogar die ſchaͤdlichen Wirkungen eines Syſtemes werden als Gruͤnde fuͤr deſſen Beibehaltung angefuͤhrt; denn die Veraͤnderung haͤlt man, und ſie iſt es auch zu⸗ weilen, fuͤr ein groͤßeres Ungluͤck, als die beſtehenden Uebel; und ſo ſind Millionen Menſchen verdammt, entartet, unwiſſend und roh zu bleiben, bloß weil man aus Verkehrtheit demjenigen, welchem durch zu⸗ faͤllige Urſachen dieſes ungluͤckliche Loos gefallen iſt, alles Mitgefuͤhl verſagt. So fließt Irrthum aus Irrthum, bis ſelbſt Philoſophie und Jurisprudenz ſich durch die ſophiſtiſchen Verſuche, ein Uebel zu beſchoͤnigen, welches durch eine geſchickte und kuͤhne Hand gaͤnzlich geheilt werden koͤnnte, befriedigt fuͤhlen. Es kann daher nicht uͤberraſchen, daß ſowohl Heinrich als Berthold, waͤhrend ſie ſich der Kirche naͤherten, ſehr in Zweifel uͤber die Verdienſtlichkeit ihrer Handlungen waren. Vielleicht war nie ein Menſch ſeinem Zeitalter vorausgeeilt, ohne daß es Augenblicke gab, in welchen er ſeinen Grundſaͤtzen mißtraute, und es iſt wohlbekannt, daß Luther oft heftig gegen die Zweifel kaͤmpfen mußte, welche ihn quaͤlten. Berthold jedoch fuͤhlte geringere Unruhe, denn er handelte auf den Befehl ſeines Vorgeſetzten, und war juͤnger, und beſſer mit der neuen Lehre vertraut, als der Buͤrgermeiſter. Jener Umſtand reichte allein hin, die Laſt der Verantwortlichkeit von ſeinen Schultern zu waͤlzen, waͤhrend der letztere den Einfluß fruͤherer Meinungen ſchwaͤchte, und die⸗ jenigen, welche er ſpaͤter angenommen hatte, ver⸗ ſtaͤrkte. Kurz, zwiſchen dem Buͤrgermeiſter und Berthold beſtand jener Unterſchied, welchen Alle in unſerer Zeit zwiſchen dem, der ſeine Anſichten von den vergangenen Generationen ererbt, und Jenem, der ſie von ſeinen Zeitgenoſſen eingeſogen hat, be⸗ merkt haben werden. Der junge Foͤrſter war, ſeit⸗ dem die Stimme des Reformators zuerſt in Deutſch⸗ land ertoͤnte, zum Juͤngling und Manne empor— gereift, und da er zufaͤllig unter Leuten lebte, welche der neuen Lehre hold waren, ſo hatte er die Mei⸗ nungen ſeiner Gefaͤhrten eingeſogen, ohne je dem 205 gegenwirkenden Einfluß einer andern Ueberzeugung viel ausgeſetzt geweſen zu ſein. So allmaͤhlig werden faſt alle moraliſchen Umwaͤlzungen bewirkt, da Diejenigen, welche ihnen zuerſt huldigen, ſelten mehr in Betreff ihrer Zeitgenoſſen thun koͤnnen, als den bisherigen Gewohnheiten entgegen zu tre⸗ ten; waͤhrend der Beruf, dem Strome eine andere Richtung zu geben, ihren Nachfolgern anheim faͤllt. Die Urheber der feindſeligen Unternehmung ge⸗ gen die Abtei thaten Wilhelm von Venloo Unrecht, wenn ſie glaubten, daß er in dieſer Scene der Un⸗ ruhe und Verwirrung der erſte ſeinen Poſten ver⸗ laſſen wuͤrde. Obſchon von Natur aus nicht geneigt, den Gefahren des Maͤrtyrerthums zu trotzen, oder nach deſſen Ehre zu geizen, ſtand der Abt doch kraft ſeines maͤnnlichen Geiſtes hoch uͤber jeder tiefverachtbaren Leidenſchaft, und wenn er gleich nicht Selbſtbeherrſchung genug beſaß, um ſeine Neigungen im Zaum zu halten, ſo beſaß er doch eine Wuͤrde des Verſtandes, welche die von der Natur geiſtig Begabten ſelten in irgend einer ſchwierigen Lage verlaͤßt. Als daher Heinrich und Berthold in die Kirche traten, fanden ſie ſaͤmmt— liche Moͤnche im Chor, um, den roͤmiſchen Sena⸗ toren aͤhnlich, als Koͤrperſchaft und in ihrer amt⸗ lichen Wuͤrde, den Streich zu empfangen. Wohl mag bei dem Benehmen, welches Bonifacius beob⸗ achtete, eben ſo viel Berechnung als Großmuth im Spiele geweſen ſein, denn Diejenigen, welche von den Scenen roher Gewaltthat außerhalb der Kirche kamen, mußten nothwendiger Weiſe den Einfluß der feierlichen Ruhe, welche ſie im Innern derſel⸗ ben trafen, fuͤhlen. Noch immer brannten die Kerzen vor dem Al⸗ tare, noch immer warfen die Lampen ihr flackern⸗ des Licht auf die ſchoͤne Architectur und die pracht⸗ vollen Zierrathen der Kirche, waͤhrend jedes blaſſe Antlitz und jedes geſchorene Haupt in derſelben wie ein Waͤchter ausſah, hingeſtellt, um das Hei⸗ ligthum vor Befleckung zu bewahren. Jeder Moͤnch war in ſeinem Chorſtuhle, mit Ausnahme des Priors und Vater Johanns, welche an den Stu⸗ fen des Altares ſtanden, jener in ſeiner Eigenſchaft als fungirender Prieſter, dieſer auf den Antrieb ſeines unbezaͤhmbaren Fanatismus, welcher ihn verleitete, ſeine Perſon gleichſam als ein Schild vor das Gefaͤß, welches die heilige Hoſtie enthielt, zu ſtellen. Der Abt ſaß auf ſeinem Throne, re⸗ gungslos, unnachgiebig und ſtolz, obſchon jeder 207 ſeiner Zuͤge die in ſeinem Innern gewaltſam ar⸗ beitende Leidenſchaft verrieth. Der Buͤrgermeiſter und Berthold ſchritten allein bis in das Chor vor, denn ihr Gefolge war auf einen Wink des Vorigen in dem Schiff der Kirche zuruͤck geblieben. Beide waren unbedeckt, und waͤhrend ſie langſam vorwaͤrts gingen, regte Niemand das Haupt. Jedes Auge ſchien wie durch Zauberwerk feſtgebannt auf das mit Edel⸗ ſteinen beſetzte Kreuz von Elfenbein, das auf dem Altare ſtand. Heinrichs Blut erſtarrte unter dem Einfluß dieſer feierlichen Stille, und als er die Stufen erreicht hatte, und dem Abte, den er fuͤrch⸗ tete und haßte, und dem Prior, den er ehrte und liebte, gegenuͤber ſtand, war die Entſchloſſenheit des Buͤrgermeiſters ſichtlich erſchuͤttert. „»Wer biſt Du?« fragte Bonifacius, indem er ſeine Worte geſchickt nach der Unentſchloſſenheit, die in dem Auge, das ihn anblickte, ſichtbar war, bemaß. „Beim heiligen Benedict! Mein Antlitz iſt in Limburg nicht ſo fremd, um dieſe Frage zu rechtfertigen, hochwuͤrdigſter Abt«, antwortete Hein⸗ rich, indem er ſich anſtrengte, die Faſſung des Ab⸗ tes nachzuahmen;»obſchon ich nicht geſchoren und geweiht bin, wie ein Moͤnch, ſo bin ich doch den Meiſten, die in und um Duͤrkheim leben, wohl Her bekannt.⸗ „Ich haͤtte lieber fragen ſollen: Was biſt Du? Bor Dein Name und Amt ſind mir bekannt, Heinrich kuͤn Frey, aber in welcher Eigenſchaft wagſt Du es, volle die Kirche von Limburg zu betreten, und unſeren Altaͤren dieſe Ehrfurchtsloſigkeit zu beweiſen?“. „Es geſchieht, um offen zu ſprechen, hochwuͤr⸗ taͤgl 6 diger Bonifacius, in meiner Eigenſchaft als Ober⸗ Dir haupt von Duͤrkheim, dieſer vielgekraͤnkten und, mei langmißhandelten Stadt, welche der moͤnchiſchen dieſe an Erpreſſung und des moͤnchiſchen Stolzes muͤde iſt, dert und ſich endlich erhoben hat, um ſich ſelbſt Necht nich zu verſchaffen. Wir ſind heute Nacht nicht als könr friedliche Buͤrger hier, um zu beten und Meßge⸗ Krie ſaͤnge zu ſingen, ſondern wir erſcheinen, wie Du ein ſiehſt, bewaffnet, und ſind feſt entſchloſſen, dieſen ſeher Schadenfleck der ganzen Umgegend fuͤr immer zu Ver vernichten.« „Deine Worte ſind ſo wenig freundlich, wie lang Deine Tracht, und was Du eben geſprochen haſt, geget ſteht nur zu ſehr im Einklange mit dem, was der! Deine rohen Begleiter außerhalb der Mauern die⸗ 5 ſes heiligen Baues vollbringen. Haſt Du das habe He 209 verwegene Beginnen Deiner Stadt wohl uͤberlegt, Herr Heinrich?« »Wenn oft uͤberlegen wohl uͤberlegen heißt, Bonifacius, ſo iſt dies in verſchiedenen Zuſammen⸗ kuͤnften und mehrfachen Berathungen ſeit einem vollen Jahre geſchehen.⸗ »Und fuͤrchteſt Du Rom nicht?« „ Dies iſt eine Macht, welche in dieſer Gegend taͤglich abnimmt, hochwuͤrdiger Benedictiner. Um Dir Nichts zu verbergen, ſo fuͤrchteten wir am meiſten den Zorn des Herzogs Friedrich; aber dieſe Furcht iſt ſehr durch die Gewißheit vermin⸗ dert worden, daß er ſo viel zu thun hat, um ſich nicht leicht mit anderen Gegenſtaͤnden befaſſen zu können. Wir wußten, fuͤrwahr, nicht, daß er ſeine Krieger zuruͤckberufen hatte, ſondern rechneten auf ein blutiges Treffen; Du wirſt daher leicht ein⸗ ſehen, daß ihre Abweſenheit in keiner Art unſer Vertrauen in unſere Sache geſchaͤrft hat.« »Der Kurfuͤrſt kann ſeine Macht wieder er⸗ langen; dann wird fuͤr Diejenigen, welche ſeine gegenwaͤrtige Noth zu benutzen wagten, der Tag der Rechenſchaft kommen.⸗. »Wir ſind Kaufleute und Handwerker, und haben unſere Intereſſen mit Genauigkeit abgewo⸗ Heidenmauer. Il. 14 gen. Wenn die Abtei bezahlt werden muß,— ein Ereigniß, das nichts weniger als gewiß iſt,— ſo werden wir den Handel ſo lange, als ſie nicht wieder erbaut werden kann, fuͤr vortheilhaft halten. Wir glauben, daß Bruder Luther einen Grund legt, der den Teufel fuͤr immer abhalten wird, das wieder zu erbauen, was wir uns zu ſtuͤrzen vor⸗ genommen haben.⸗ »Iſt dies Deine Schlußantwort, Buͤrger⸗ meiſter?« „Das will ich nicht ſagen; ſende morgen Deine Vorſchloͤge auf das Rathhaus, und wenn wir ſie annehmen koͤnnen, ſo wird vielleicht ein Vergleich allen zukuͤnftigen Streitigkeiten ein Ende machen. Aber was hier ſo gluͤcklich begonnen wurde, muß auch eben ſo gluͤcklich vollendet werden.« „Dann hoͤre, bevor ich dieſe heiligen Mauern verlaſſe, meinen Fluch“, erwiederte Bonifacius, in⸗ dem er ſich mit prieſterlicher Wuͤrde erhob,— auf Dich und Deine Stadt,— auf Alle, welche Dich Obrigkeit— Vater—« »Halt ein mit dieſen ſchrecklichen Worten!« ſchrie eine herzzerreißende Frauenſtimme unter den Saͤulen des Chores.»Hochwuͤrdigſter Abt, ſei gnaͤdig!« fuͤgte Ulrike hinzu, blaß, zitternd, und — ſchre abzu men Einſ ſolch und ſiehſt erleie waͤre 211 eben ſo ſehr von Schauder als von Angſt gequaͤlt, obſchon ihr Auge ſtrahlte, als waͤre ſie von einer hoͤheren Macht begeiſtert.»Heiliger Prieſter, uͤbe Nachſicht! Er weiß nicht, was er thut. Wahn⸗ ſinn hat ihn und die Stadt ergriffen. Sie ſind nur Werkzeuge in der Hand eines Maͤchtigeren.« Bei dem Erſcheinen Ulrikens hatte Bonifacius ſich wieder auf ſeinen Thron niedergelaſſen, in der Abſicht, die Wirkung ihrer Dazwiſchenkunft abzuwarten.«⸗ »Du hier!« ſagte Heinrich, indem er ſein Weib mit Erſtaunen, aber ohne allen Groll und Ver⸗ dacht anblickte. »Gluͤcklich noch zur rechten Zeit, um dieſes ſchreckliche Verbrechen von Dir und den Deinigen abzuwenden.« »Ich daͤchte, Du waͤreſt im Gebet mit dem ar⸗ men Herrn von Ritterſtein in ſeiner traurigen Einſiedelei auf der Heidenmauer begriffen.⸗ »Und Du kannſt an die That, welche Odo'n ſolche Buße und ſolche Leiden bereitet hat, denken, und doch bewaffnet und tollkuͤhn hier ſtehen? Du ſiehſt, daß Jahre nicht hinreichen, um ein Herz zu erleichtern, auf welchem Frevel an Gott laſtet; ach! waͤreſt Du hier und Zeuge des bitteren Grames 4 14* geweſen, der den armen Odo verzehrte, als er auf jenen Steinen kniete, und der Meſſe zuhoͤrte, die fuͤr ihn geleſen wurde, ſo wuͤrdeſt Du beſſer wiſſen, wie ſchmerzlich die Wunde brennt, welche Gott der Seele in ſeinem Zorne ſchlaͤgt!« „Es iſt hoͤchſt ſeltſam«, erwiederte der Buͤr⸗ germeiſter verwundert,» daß Diejenigen, fuͤr welche ich auf eine Weiſe geſorgt zu haben glaubte, daß ſie unſer Unternehmen weder ahnen noch ſtoͤren, uns in dem Augenblicke, wo Alles der Vollendung ſo nahe iſt, in den Weg treten! Siehſt Du, Berthold, wie ſchwer die Ehe ſelbſt auf den Staͤrk⸗ ſten laſtet, obgleich er mit dem Schwerte umguͤr⸗ tet iſt?« „Und Du, Berthold Hintermaier, Sohn mei⸗ ner theuerſten Freundin, Kind meiner liebſten Hoffnungen, auch Du nimmſt Theil an dieſem unheiligen Werke, und ſtiehlſt Dich wie ein mit⸗ ternaͤchtiger Raͤuber unter die Unbewaffneten und Geweihten Gottes!“ „Niemand liebt und ehrt Dich mehr, als ich, Frau Ulrike«, erwiederte der Juͤngling, indem er ſich mit ungeheuchelter Ehrfurcht verneigte,»allein wenn Du Deine Rede an Herrn Heinrich richten nuf die en, der uͤr⸗ lche daß ren, ung Du, aͤrk⸗ g guͤr⸗ mei⸗ ſten eſem mit⸗ und 3 ich, m er allein ichten 213 wollteſt, ſo wuͤrdeſt Du Dich an Denjenigen wen⸗ den, der uͤber uns gebietet.« »So wird denn auf Dich, Buͤrgermeiſter, des Himmels ſchwerſter Zorn fallen, da Du der An⸗ fuͤhrer dieſer Frevelunternehmung biſt. Was geht es Dich an, daß die Benedictiner habſuͤchtig und hochmuͤthig ſind, und daß einige von ihnen ihre Geluͤbde gebrochen haben? Iſt nicht dies Gottes Tempel? Sind dieſe Altaͤre, vor denen Du mit feindlichem Herzen und frevelndem Beginnen er⸗ ſchienen biſt, nicht die ſeinigen?«⸗ „»Geh, gute Ulrike«, erwiederte Heinrich, indem er das kalte, aber ſchoͤne Antlitz ſeiner Gattin kuͤßte, die, um Kraͤfte zu ſammeln, ihren Kopf auf ſeine Schultern lehnte, waͤhrend ſie ſeine Hand feſt mit ihren beiden hielt, gleich als wollte ſie ſeinen Tha⸗ ten wehren.»Geh, Du biſt eine treffliche Frau, aber was verſteht Ihr Weiber von der Politik? Dieſer Gegenſtand iſt in mancher Berathung eroͤr⸗ tert worden und, bei meinem Barte! eine Weiber⸗ zunge ſoll den Beſchluͤſſen von Duͤrkheim nicht Einhalt thun! Geh heim mit Deiner Dienerin, und laß uns unſer Werk vollbringen.⸗ »So biſt Du wirklich geſonnen, dem Himmel zu trotzen, Heinrich! Weißt Du nicht, daß die 214 Suͤnden der Aeltern in ihren Kindern heimgeſucht werden, daß das Unrecht, wie ſehr man auch heute im Erfolg deſſelben triumphirt, uns zuverlaͤſſig in der furchtbaren Geſtalt ſchrecklicher Strafe vergol⸗ ten wird? Und gaͤbe es auch keine andere Macht, als das Gewiſſen, ſo hofft man, ſo lange dieſe furchtbare Geißel auf E den waltet, vergebens auf Strafloſigkeit. Verdankſt Du denn Alles dem Rathe von Duͤrkheim und ſeiner eigennuͤtzigen Po⸗ litik? Haſt Du die Stunde vergeſſen, als meine frommen Aeltern meine Hand in die Deinige leg⸗ ten; haſt Du den Eid vergeſſen, den Du ſchwurſt, mich und die Meinigen zu beſchuͤtzen, und an die Stelle der Hingeſchiedenen, Derjenigen, die Du an Dein Herz nahmſt, Vater und Mutter und Gatte zu ſein? Iſt Meta, das Kind unſerer gegenſeiti⸗ gen Liebe, Nichts, daß Du ſo mit ihrem Frieden und ihren Hoffnungen ſpielſt? Verzichte daher, verzichte auf Dein verwegenes Unternehmen, und denke an Dein Haus, denke Derjenigen, welche Natur und Geſetze verurtheilen, durch Deine Feh⸗ ler zu leiden, und denen ſie das ſchoͤnere Recht verliehen haben, ſich Deiner Milde und Menſch⸗ lichkeit zu freuen! „Hat je ein Weib ſo ſehr darauf beſtanden, 215 die Ausfuͤhrung der edlen Unternehmung eines Mannes zu durchkreuzen?« ſagte der Buͤrgermei⸗ ſter, der unwillkuͤhrlich durch das Gemaͤlde, welches Ulrike von ſeinen haͤuslichen Pflichten entworfen hatte, ergriffen worden, und ſehr in Verlegenheit war, ſich ſeiner gegenwaͤrtigen Lage zu entziehen. »Es waͤre beſſer, Du befaͤndeſt Dich in Deinem Gemache, gute Ulrike. Meta wird von dieſem Ueberfalle hoͤren, und in großer Beſorgniß ſchwe⸗ ben. Geh, und beruhige das Kind. Ich gebe Dir ſolche Begleiter mit, wie ſie Deinem Range und Verdienſte ziemen.“« »Berthold, ich wende mich noch einmal an Dich. Dieſer grauſame Vater, dieſer pflichtver⸗ geſſene Gemahl, iſt zu ſehr auf ſeinen Vorſatz und auf die ſchreckliche Politik ſeiner Stadt erpicht, um Gottes zu gedenken. Du aber biſt jung, und hegſt Geſinnungen, wie ſie Deinen Jahren und Deiner Tugend ziemen. Glaubſt Du, vorſchneller Juͤngling, daß eine Jungfrau, wie Meta, ihr Le⸗ bensgluͤck einem Manne anvertrauen wird, der an einem Verbrechen Theil genommen hat, das ſchon von ihrem Vater ein ſo großes Erbtheil von Schuld auf ihr Haupt waͤlzt?« Ein Geraͤuſch unter den Moͤnchen, welche bis⸗ 216 her mit einer Aufmerkſamkeit, die zwiſchen Furcht und Hoffnung ſchwebte, zugehoͤrt hatten, hinderte den ſchwankenden Buͤrgermeiſter und ſeinen jun⸗ gen Gefaͤhrten, zu antworten. Dieſe Bewegung wurde durch eine Gruppe verurſacht, welche bis jetzt in der Dunkelheit in dem Hauptſchiff der Kirche geſtanden hatte, aber den Augenblick des Zweifels benutzte, um ſich dem Chore zu naͤhern. Ein verhuͤllter Mann trat vor, warf den Mantel ab, und die Perſon Emichs von Hartenburg im Ritterharniſch wurde ſichtbar. In dem Augenblicke, als Ulrike das unbeugſame Auge des Grafen er⸗ kannte, bedeckte ſie ihr Antlitz mit beiden Haͤnden, und verließ die Kirche. Ihr Gemahl und Ber⸗ thold folgten voll Beſorgniß, und kehrten nicht eher zu dem Werke der Nacht zuruͤck, als bis ſie die herzdurchbohrte Gattin und Mutter unter dem Schutze einer auserleſenen Begleitung von Staͤd⸗ tern wußten. 217 Zwanzigſtes Capitel. Die erſten Blicke, welche Emich und Bonifacius wechſelten, waren voll von jenen Leidenſchaften, welche Beide ſo lange verheimlicht hatten, und in welche der Leſer ſchon waͤhrend der minder bewach⸗ ten Augenblicke des Gelages Einſicht genommen haben wird. In den Augen des Grafen war Triumph mit Haß vermiſcht, waͤhrend die Zuͤge des Abtes zum Theil noch immer die Maske der Liſt und Vorſicht trugen, welche er ſelten ganz ab⸗ zulegen fuͤr gerathen fand. »Dir verdanken wir alſo dieſen Beſuch, Herr Emich?« ſagte der Abt, indem er ſich bemuͤhete, ruhig zu ſcheinen. „ Und Deinen eigenen Verdienſten, hochwwürdig⸗ ſter Bonifacius!⸗ „»Was willſt Du, verwegener Baron?« »Frieden in dieſem vielgekraͤnkten Thale— Demuth unter geſchorenen Haͤuptern— Religion ohne Heuchelei— und mein Recht!« »Ich will mit Dir nicht vom Himmel ſpre⸗ chen, Verwegener, denn dies waͤ re in Deiner Ge⸗ genwart Gotteslaͤſterung; aber Du biſt nicht ſo 218 blind gegen irdiſche Klugheit, um nicht zu wiſſen, welche Strafe Dir von Kaiſer und Reich droht. Haſt Du Dein Geld wohl gezaͤhlt, und biſt Du ſicher, daß Deine Geldkiſten hinreichend gefuͤllt ſind, um den Tempel wieder aufzubauen, den Du zu zerſtoͤren gekommen biſt,— oder glaubſt Du, daß Deine Reichthuͤmer genuͤgen, um alles das zu erſtatten, was fromme Fuͤrſten im Laufe von Jahrhunderten, als noch die Kirche gebuͤhrend ver⸗ ehrt wurde, hieher geſchenkt haben?« „Was Deine Gefaͤße und Edelſteine betrifft, hochwuͤrdiger Abt, ſo wird es meine Sorge ſein, ſie zu bewahren, um dieſer Forderung, welche viel⸗ leicht nie gemacht werden wird, zu genuͤgen. An⸗ belangend aber die Koſten des Wiederaufbaues Deiner Abtei, ſo wird derſelbe wuͤrdige Baumeiſter, der zu ihrer erſten Errichtung beitrug, es mir Dank wiſſen, daß ich Diejenigen beſtrafte, welche ihn uͤberliſteten, und ohne den verſprochenen Tri⸗ but von Seelen hinwegſandten. Dennoch glaube ich, beim lebendigen Gott! daß es ſich, wenn die Sache genauer unterſucht wuͤrde, faͤnde, daß Lim⸗ burg mehr Kunden nach ſeinem feurigen Ofen ge⸗ ſandt hat, als alle Schenken und Zechhaͤuſer in der ganzen Pfalz!⸗— 219 Unter den Leuten des Grafen, welche nun in der Hoffnung auf reiche Beute aus den anderen Theilen der Abtei in die Kirche ſtroͤmten, brachte dieſer Witz ihres Gebieters ein langes, ſchallendes Hohngelaͤchter hervor. Um dieſelbe Zeit war ein Feuerbrand in das Stroh des Gebaͤudes, das die Soldaten des Kurfuͤrſten beherbergt hatte, gewor⸗ fen worden, und der Schein der Flamme durch die gothiſchen Fenſter der Kirche uͤberzeugte die Moͤnche von der Unwirkſamkeit aller ferneren Vor⸗ ſtellungen. Ungeachtet ſeines zuͤgelloſen Lebenswandels be⸗ ſaß der Abt doch, in Folge ſeines hohen Berufes und des geheimen Einfluſſes, der ſelbſt den Un— wuͤrdigſten mit dem Nimbus eines heiligen Amtes umgiebt, eine Art von Wuͤrde, ja ſelbſt von Red⸗ lichkeit(denn bei den Ausſchweifenden findet ſich oft eine ſeltſame Miſchung von innerem Glauben und praktiſcher Nichtbeachtung deſſelben), welche ihn haͤufig der Hoͤhe ſeiner geiſtlichen Verrichtun⸗ gen vollkommen gewachſen machte. Ein ſo kraͤfti⸗ ger und maͤnnlicher Charakter konnte nicht aufge⸗ regt werden, ohne ſeine verborgene Energie, es ſei zum Guten oder Boͤſen, auf irgend eine Weiſe zu entfalten. Emich zweifelte am Triumphe, als er 220 bemerkte, wie ſein Feind den toͤdtlichen Haß be⸗ meiſterte, und welcher Ausdruck geiſtlicher Wuͤrde und Amtesruhe in ſeinem Antlitze herrſchte. Der Abt erhob ſich, wie ein Praͤlat in der ungeſtoͤrten Ausuͤbung ſeiner kirchlichen Verrichtungen, und ſprach mit einer Stimme, die bis in die fernſten Theile der Kirche drang: „Gott hat in ſeiner verhuͤllten Weisheit den Boͤſen einen augenblicklichen Triumph geſtattet. Wir forſchen nicht nach den Gruͤnden ſeiner ge⸗ heimnißvollen Fuͤgungen, denn einſt wird Alles offenbar werden:— aber als Dienern des Altars, als Waͤchtern dieſes heiligen Tempels, als geweihe⸗ ten Prieſtern bleibt uns noch eine feierliche, eine gebieteriſche Pflicht zu erfuͤllen.« „Bonifacius, ich warne Dich!« unterbrach ihn der Graf von Leiningen;»Du haſt es in dieſem Augenblicke nicht mit Buͤrgermeiſtern und weinen⸗ den Frauen zu thun.⸗ „»Von wegen des Gottes alſo, zu deſſen Ehre dieſer Tempel erbaut worden,« fuhr der Abt un⸗ bewegt fort,»in ſeiner heiligen Sache und in ſei⸗ nem heiligen Namen—« „Auf Deine Gefahr, Prieſter!« rief Emich, in 221 wilder Bewegung theils des Zornes, theils des Schrecks. »Als ſein unwuͤrdiger Diener, als ein Geweih⸗ ter des Herrn, von dem Haupte der Kirche mit dieſer Macht ausgeruͤſtet, und nun aufgefordert, ſie auszuuͤben, erklaͤre ich den—« »Wo ſeid ihr, ihr Maͤnner von Hartenburg? Nieder mit den thoͤrichten Verwuͤnſchungen dieſes wahnſinnigen Moͤnches; erinnert euch, daß ihr keine zitternde Weiber ſeid, um des Segens eines Benedictiners zu beduͤrfen!« Emichs Stimme, ſo wie die des Abtes, wurde durch das wilde Geraͤuſch uͤbertoͤnt, das nun in der Kirche laut wurde. Die erſte Unterbrechung kam von einem langen, ſchwarzen Inſtrumente, das aus dem Fluͤgel hinter dem Throne des Abtes und wenige Fuß von ſeinem Haupte urploͤtzlich vorgeſtreckt wurde; es war eine Unterbrechung, welche die ganze Kirche mit den ſonderbaren, durch⸗ dringenden Toͤnen, wie ſie in den Gebirgen der Umgegend oft gehoͤrt wurden, erfuͤllte. Auf dieſes Signal, das von der langen Hir⸗ tentrompete Gottlobs kam, der ſelten ohne dieſes Zeichen ſeines Berufs war, folgte ein allgemeiner Aufſchrei der Schaar des Grafen ſammt tauſend 222 aͤhnlichen Toͤnen, die aus verſchiedenen Inſtrumen⸗ ten, die bisher ſtumm geweſen, drangen. Es bleibt der Phantaſie des Leſers uͤberlaſſen, die Wirkung dieſer gellenden Toͤne in dem hohen Gewoͤlbe der Kirche, welche jetzt durch eine immer zunehmende, ſchreckliche Helle von Außen erleuchtet wurde, im Gegenſatze zu der ſcheinbaren Ruhe ſich auszuma⸗ len, womit der Abt trotz des Laͤrms den Bann⸗ fluch vollendete. Nachdem Bonifacius den unver⸗ nommenen Fluch ausgeſprochen hatte, blickte er duͤſteren Sinnes um ſich. Sein heller und ruhiger Geiſt, der bei weitem zu ſehr an irdiſchen Dingen haftete, als daß er irgend eine Hoffnung auf uͤberirdiſche Huͤlfe naͤh⸗ ren konnte, ſah ein, daß das unheilvolle Werk ſo weit gediehen ſei, daß es fuͤr den Feind faſt ge⸗ faͤhrlicher war, es aufzugeben, als es zu vollenden. Er machte den Moͤnchen ein Zeichen, erhob ſich wuͤrdevoll von ſeinem Throne, und ſchritt voran aus dem Chore fort. Gehorſam folgten ihm die Moͤnche, und verließen in ihrer gewoͤhnlichen Stille und Ordnung die außerordentliche Scene. Emich folgte dem ſchwarzen Zuge mit ungewiſſen Blicken, denn ſelbſt der Sieger betrachtet den ſtil⸗ len Ruͤckzug ſeiner Feinde mit Unruhe. Peinliches 223 Mißtrauen in ſeinen Zweck bemaͤchtigte ſich ſeiner, waͤhrend das letzte flatternde Moͤnchsgewand hin⸗ ter einer Thuͤre verſchwand, die zu der geheimen Pforte fuͤhrte, durch welche die beſiegten Benedicti⸗ ner einen Berg verließen, wo ſie ſeit ſo langer Zeit in einer ruhigen, gluͤcklichen und bevorrechte⸗ ten Abgeſchiedenheit gelebt hatten. Die Angreifenden nahmen den Abzug der alten Beſitzer der Abtei fuͤr das Zeichen, daß ihr Tri⸗ umph in jeder Ruͤckſicht vollendet ſei. Es giebt keinen Augenblick, der ſo leicht zu Ausſchweifun⸗ gen fuͤhrt, als derjenige, in welchem ſich die Unge⸗ wißheit des Kampfes in die Gewißheit des Sieges verwandelt. Die Gefuͤhle ſcheinen ſich fuͤr die Marter der vorhergegangenen Beſorgniſſe raͤchen zu wollen, und faſt immer pflegt der Menſch den Sieg ſeiner eigenen Kraft zuzuſchreiben, und dar⸗ aus das Recht des Mißbrauchs der errungenen Vortheile abzuleiten. Die Schloßleute und die Staͤdter, von denen die Meiſten von der Anweſen⸗ heit der Moͤnche, welchen die Volksmeinung die Kraft, Wunder zu wirken, zuſchrieb, Unheil beſorgten, fan⸗ den ſich nicht ſo bald, wie ſie glaubten, im unbeſtritte⸗ nen Beſitz des Berges, als die Wirkung jenes Gefuͤh⸗ les, deſſen wir eben erwaͤhnt haben, ſie antrieb, 224 ihre Gewaltthaten und ihre Anſtrengungen, denen fuͤr einen Augenblick Einhalt gethan worden war, zu verdoppeln. Jubelgeſchrei war das Zeichen zur Erneuerung des Zerſtoͤrungswerkes. Die Fenſter wurden zer⸗ ſchmettert, Alles in der Kirche umgeſtuͤrzt, was nicht zu feſt war, um ihren erſten und ſchlecht ge⸗ leiteten Anſtrengungen zu widerſtehen, und eine allgemeine Verſtuͤmmelung der Denkmaͤhler und Bildwerke vorgenommen. Allenthalben ſtuͤrzten marmorne Cherubim, wurden den Engeln Fluͤgel und Glieder weggehauen, und das ernſte, baͤrtige Geſicht manches ſonſt ſo verehrten Heiligen mußte arge Schmach erdulden. Selbſt die Altaͤre wurden nicht mehr geſchont, ſondern zertruͤmmert und ihre Verzierungen in den Staub getreten, gleich als ob die Feindſchaft der Sieger gegen die Diener der⸗ ſelben ſich gegen jenes furchtbare Weſen gekehrt haͤtte, in deſſen Namen ſonſt hier die heiligen Ce⸗ remonien gefeiert wurden. Der Leſer kann ſich den Tumult und die Ver⸗ wirrung einer ſolchen Scene leicht denken. Waͤh⸗ rend des allgemeinen Laͤrmes verhuͤllte Graf Emich ſein Geſicht in den Mantel, und ſchritt in dem Chore auf un aieder, welches ſeine Anweſenheit enen var, tung zer⸗ was ge⸗ eine und zten luͤgel rtige sußte rden ihre als der⸗ kehrt 1 Ce⸗ Ver⸗ Waͤh⸗ mich dem enheit 225 und vielleicht ein Reſt von Ehrfurcht fuͤr die ge⸗ heiligte Staͤtte bis jetzt noch vor jeder Gewaltthat geſichert hatte. Nur der Buͤrgermeiſter und Ber⸗ thold verfuͤgten ſich zu ihm in das Chor, waͤhrend alle Uebrigen mit Zerſtoͤrung der Capellen und Verzierungen der Kirche beſchaͤftigt waren. Hein⸗ rich ſetzte ſich in einen der leeren Chorſtuͤhle, denn die Scene mit ſeiner Gattin und ihr Weggehen hatte ſeine Feſtigkeit ſehr erſchuͤttert; Berthold hingegen naͤherte ſich ehrerbietig ſeinem Gebieter. „Fuͤhlt ſich der Herr Graf beunruhigt?« fragte Berthold nach einigen Augenblicken achtungsvollen Stillſchweigens. Emich ſchlug den Mantel zuruͤck, ſtuͤtzte ſich mit einer Hand vertraulich auf die Schulter ſeines jungen Dieners, und verſank in Betrachtung des Reichthums und der vollendeten Schoͤnheit des Hochaltars, was Alles durch den hellen Flammen⸗ ſchein, der durch die hohen Fenſter das Innere des Gebaͤudes, welches mit ſeinen ſcharfbegrenzten Saͤulen und tiefen Schatten nie ſchoͤner erſchienen war, als jetzt, doppelt ergreifend gemacht wurde. »Berthold, es giebt einen Gott«, ſagte er mit Nachdruck. »Nur ein Thor zweifelt daran, Herr Emich.⸗ Heidenmauer. II. 15 „Und er hat Diener auf der Erde, welchen er aufgetragen hat, ſeinen Willen zu vollſtrecken und ihm Weihrauch anzuzuͤnden.⸗ »Wir haben eine hohe Autoritaͤt fuͤr dieſen Glauben, mein theurer Gebieter.« „»Ja, und eine Autoritaͤt, die ſo alt iſt, die un⸗ ſeren geheimen Wuͤnſchen ſo zuſagt, und die uns von unſeren Vaͤtern uͤberkommen iſt.« » Und die ſich auf ſo viele heilige und profane Beweiſe ſtuͤtzt.⸗ „Du haſt einen trefflichen Unterricht genoſſen, guter Berthold«, ſagte der Graf, indem er ſeinen Gefaͤhrten ernſt anſah. „»Der Himmel ließ mir eine fromme und liebe⸗ volle Mutter, als er meinen Vater von der Erde nahm.⸗ Emich ſtuͤtzte ſich fortwaͤhrend auf Bertholds Schulter, waͤhrend ſein Auge, worin der finſtere Ernſt der That mit dem Schwanken des Zweifels ſeltſam vermiſcht war, unverwandt nach dem Al⸗ tare ſtarrte. Ueber dem vergoldeten Tabernakel von getriebener Arbeit, worin die Hoſtien bewahrt wurden, befand ſich ein kleines Bild der Mutter Chriſti, in jenen milden und anziehenden Farben gemalt, womit die Kuͤnſtler ſtets die jungfraͤuliche n er und ieſen un⸗ uns fane ſſen, einen liebe⸗ Erde holds iſtere eifels a Al⸗ nakel vahrt rutter arben uliche 227 Gattin Joſephs vorzuſtellen pflegen. Ihr Auge ſchien auf Emich trauervoll nieder zu blicken. Es war fuͤr die Phantaſie leicht, in dieſem Blick den Ausdruck des Vorwurfes wegen der begangenen Gottesentweihung zu leſen. »So waͤren denn dieſe Benedictiner endlich ver⸗ trieben!«— fuhr er fort, indem er ſeinen Blick vergeblich von dem milden, aber ausdrucksvollen Bilde abzuwenden verſuchte,»ſie haben allzulange Vornehmeren, als ſie ſind, uͤbel mitgeſpielt.« Berthold neigte das Haupt. »Bemerkſt Du nicht etwas Außergewoͤhnliches an dieſem Marienbilde?« »Es iſt ein ſchoͤnes Bild, Herr Graf, und ein lieblich anzuſchauendes Antlitz.« »Mir iſt, als zuͤrnten deſſen Blicke uͤber dieſe Gewaltthat.« »Es iſt das Werk eines kunſtreichen Mannes, und kann nie anders blicken, als es immer geblickt hat.« »Glaubſt Du das, Berthold? Es giebt Viele, welche behaupten, daß es Bilder gab, welche geſpro⸗ chen haben, ſo oft es der Wille des Himmels war.⸗ »Wohl erzaͤhlt man ſolche Legenden, mein theu⸗ rer Gebieter, aber Dinge der Art machen wenig 15* 228 Eindruck auf diejenigen, die ſie nicht gewahr wer⸗ den wollen.« „Und doch glaubten meine Vaͤter dieſe Thatſa⸗ chen, und doch bin ich in dieſem Glauben auferzo⸗ gen worden!« Berthold ſchwieg, da der Unterricht, den er ge⸗ noſſen hatte, den neu aufgekeimten Meinungen mehr angemeſſen war. »Daß Gott den gewoͤhnlichen Lauf der Natur andern kann, um ſeinen Willen durchzuſetzen«, fuhr Emich fort,»dies wenigſtens duͤrfen wir glauben.⸗ „Wohl mag man es glauben, Herr Graf, aber iſt es nothwendig? Er, der die Natur ſchuf, hat ſie ſo geſchaffen, daß ſie ſeinen Willen erfuͤllt!« „Ha! Du glaubſt nicht an Wunder, Burſche!« „Ich bin ſelbſt ein Wunder, das mich in jedem Augenblicke an eine hoͤhere Gewalt erinnert, und in⸗ ſofern beuge ich mich vor ihr in Demuth. Aber nie iſt mir das Loos gefallen, ein Bild ſprechen zu hoͤren, oder etwas thun zu ſehen, was dem Willen angehoͤrt.« „Bei den Gebeinen meiner Vaͤter! Du verſtehſt es, auch mit dem ſchlaueſten Kuttentraͤger zu rech⸗ ten! Holla, meine wackeren Burſchen!«— indem wer⸗ atſa⸗ erzo⸗ r ge⸗ ngen katur en«, wir aber at ſie ſche 1«. jedem ad in⸗ Aber hen zu Willen erſtehſt U rech⸗ indem er ſich zu ſeinen Leuten wendete,—»laßt keine Spur von den Schurkereien und Abſcheulichkeiten uͤbrig, welche ſo lange innerhalb dieſer Mauern ver⸗ uͤbt worden ſind!« »Herr Graf!« ſagte Berthold haſtig, indem er ſich die Freiheit nahm, ihn beim Mantel zu zerren, „hier ſind die Benedictiner.⸗ Bei dieſem Worte wandte ſich der verwegene, und in dieſem Augenblicke furchtloſe Baron um, und griff dabei nach dem Schwerte. Er ließ es je⸗ doch ſchnell wieder fahren, und ſein Antlitz nahm bei dem, was er erblickte, abermals den vorigen Ausdruck von Ungewißheit und Zweifel an. Zu dieſer Zeit ſtanden die verſchiedenen Gebaͤude der Abtei Limburg, mit Ausnahme der Kirche und ihres unmittelbaren Zubehoͤrs, in vollen Flammen. Die Beleuchtung der Kirche war daher ſo allgemein, daß ſie auch in die finſterſten Winkel des gothiſchen Baues drang. Am ſtaͤrkſten war das Chor erhellt, und nie ſchien es Berthold ſo ſchoͤn, als in dem ſchrecklichen Augenblicke der es unmittelbar bedro⸗ henden Zerſtoͤrung. Das Licht der Kerzen und Lampen am Altare erblaßte, und allenthalben herrſch⸗ te die glanzvolle, ſchreckliche Helle einer ungeheuren Brunſt. Waͤhrend Berthold ſich zu ſeinen Leuten 230 gewendet hatte, waren zwei Moͤnche aus der Sa⸗ eriſtei herausgeſchritten, und hatten ſich an die Stufen des Altares geſtellt. Es war der Prior mit dem Vater Johann. Jener trug ein kleines Cruci⸗ fix von Elfenbein, welches er oft kuͤßte, waͤhrend dieſer eine maſſive und ſeltſam gearbeitete Kiſte vor ſich hinſtellte. Dieſelbe war ſo umfangsreich und ſchwer, daß es der Huͤlfe eines Laienbruders bedurf⸗ te, um ſie aus ihrem Behaͤltniß herauf zu bringen. Das Antlitz des Priors trug den Ausdruck der Milde, Verſoͤhnung und frommer Betruͤbniß. Das ſeines Gefaͤhrten dagegen war geroͤthet, aufgeregt, und in ſeinem Blick ſtrahlte wildes Feuer,— die Wirkung eines Enthuſiasmus, der eben ſo ſehr aus dem Temperamente, als aus der Ueberzeugung entſprang. Emich betrachtete die Benedictiner mit Unruhe, und trat auf ſie zu, ſtets in Begleitung ſeines Foͤr⸗ ſters, und die Hand auf deſſen Schulter. „»Um Gott, Vaͤter, Ihr zoͤgert ſehr«, ſagte er, indem er eine Gleichguͤltigkeit affectirte, die er weit entfernt war, zu fuͤhlen.»Der fromme Bonifacius i*ſt bereits ſeit einigen Minuten abgezogen, und da er ohne Zweifel aus Sorge fuͤr ſeine wuͤrdige Per⸗ ſon ſeine Schritte ſehr beſchleunigt haben wird, ſo und durf⸗ igen. der Das regt, die ſehr gung ruhe, Foͤr⸗ te er, weit acius nd da Per⸗ rd, ſo 231 zweifele ich nicht, daß er bereits uͤber den Berg hin⸗ unter ſein wird!« »So haſt Du endlich doch den Einfluͤſterungen des Teufels Gehoͤr gegeben, Graf von Leiningen!« erwiederte der Prior,» und biſt entſchloſſen, daß die⸗ ſes Brandmal auf Deiner Seele haften ſoll.« »Ich bin nicht hier, um zu beichten, hochwuͤrdi⸗ ger Arnulph, ſondern um mir ritterlich Recht zu verſchaffen. Wenn Dir irgend etwas theuer iſt, ſo nimm es, und geh in Gottes Namen Deiner Wege. Du ſollſt ſicheres Geleite haben, und waͤre es bis zu den Thoren vor Rom, denn von allen Deinen Kloſtergenoſſen fuͤhle ich bei dieſem gerechten Unter⸗ nehmen nur fuͤr Dich Bedauern und Freundſchaft.« »Ich kenne dieſe Unterſcheidung der Liebe nicht, wenn es ſich um das Daſein dieſes Tempels, oder um die Pflicht handelt, die uns an ſeinen Dienſt feſſelt. Dies iſt keine Frage zwiſchen mir und Dir, Graf Emich, ſondern zwiſchen Dir und Gott!« »Wie Du willſt, Herr Prior, wenn Du nur in Frieden ziehſt.« »Ich bin nicht eitel genug, Dir vergeblichen Widerſtand zu leiſten«, erwiederte der Moͤnch mit Milde,»aber ich darf auch meinen Poſten nicht ver⸗ laſſen, ſo lange noch irgend eine Hoffnung vorhan⸗ 232 den iſt. Du haſt Deine That nicht wohl uͤberlegt, Graf Emich; Du haſt Dich Deiner Nachkommen, Deiner edlen Irmengard dabei nicht erinnert.⸗ „»Du haͤltſt mich wohl fuͤr einen, von ſeinem Weibe beherrſchten Buͤrger, Arnulph, daß Du ei⸗ nen Ritter in ſeinem Thun aufhalten willſt, indem Du ihm von Gattin und Kindern vorfaſelſt.« Emich ſchlug ein lautes Gelaͤchter auf, nachdem er geendet hatte. »Du haſt mich nicht richtig verſtanden. Hier iſt nicht die Rede vom Tod in der Schlacht, oder von dem Schmerz der Ueberlebenden; denn mit ſol⸗ chen Gedanken ſind diejenigen, welche auf Erden die Macht in Haͤnden haben, zu vertraut, als daß ſie in ihnen viele Unruhe erregen ſollten; ich ſpre⸗ che vielmehr zu Dir von der langen Zukunft und ihrer Pein. Weißt Du nicht, daß der Gott Iſra⸗ els— mein und Dein Gott— geſagt hat, daß er die Suͤnden der Vaͤter in ihren Nachkommen von Geſchlecht zu Geſchlecht heimſuchen wird? und doch, durch dieſen Sieg geblendet, hoffſt Du ſeinem Zorne zu entgehen?« „Das kann ſein, und kann auch nicht ſein; denn Euch Kloſterleuten ſtehen viele Spitzfindigkei⸗ ten zu Gebote, um zu beweiſen, was Euern Plaͤ⸗ ni legt, nen, nem u ei⸗ dem dem Hier oder t ſol⸗ Erden 3 daß ſpre⸗ und Iſra⸗ aß er von und einem ſein; igkei⸗ Plaͤ⸗ 233 nen zuſagt; mir ſcheint es jedoch beſſer, daß Jeder fuͤr ſeine eigenen Suͤnden buͤße, und dies iſt das Schickſal, welches die Moͤnche von Limburg jetzt trifft.« »Daß wir viel Boͤſes gethan, und viel Gutes unterlaſſen haben, iſt, leider, nur zu wahr.« »Bei den heiligen Koͤnigen von Koͤln! Du nimmſt unſere Partei, Vater Arnulph.« »Denn dies iſt der gewoͤhnliche Lauf der Din⸗ ge«, fuhr der Prior, ohne ſich irre machen zu laſ⸗ ſen, fort,»aber eben ſo gewiß iſt es, daß Du nicht unſer Richter biſt. Daß jeder fuͤr ſeine Thaten buͤ⸗ ßen wird und muß, unterliegt keinem Zweifel, allein die furchtbaren Folgen eines Verbrechens fallen nicht bloß auf den Thaͤter. Dies lehrt ſchon die Ver⸗ nunft, und Gott hat es durch ſein heiliges Wort beſiegelt. Gedenke daher, ſo lange es noch Zeit iſt, auf die Wucht von Weh, die Du Deinen Nach⸗ kommen aufbuͤrdeſt; gedenke, daß Du nur wilden Leidenſchaften unterworfen, als das gottvergeſſene Weſen, das Du biſt, hier ſtehſt, weil Du fuͤr die Suͤnden der Vaͤter buͤßeſt. Was das Stammpaar des Menſchengeſchlechtes ſuͤndigte, wird noch immer an ihren Nachkommen geraͤcht.« „»Ei! Herr Prior, Du fuͤhreſt meinen Stamm⸗ 234 baum weiter hinauf, als ich ſelbſt es thue. Von edlem, von fuͤrſtlichem Geſchlechte bin ich, aber ich mache keine Anſpruͤche weiter hinauf an das Dun⸗ kel laͤngſtvergangener Jahrtauſende. Laß diejeni⸗ gen, welche groͤßere Ehrfurcht beſitzen, fuͤr eine ſol⸗ che Abſtammung bezahlen; ich bin mit den Ehren zufreden, die aus einer neueren Zeit ſtammen.« Emich ſprach hoͤhniſch, allein der aufmerkſame Moͤnch durchſchaute die Bewegung ſeines Inneren. »Wenn Du nichts um Deine Nachkommen, nichts um Dich ſelbſt, nichts um Gott fraͤgſt«, fuhr der Prior fort,»ſo gedenke Deiner Vorfahren. Haſt Du Deinen Beſuch bei den Graͤbern Deiner Ahnen ſchon vergeſſen?« »Du haſt den rechten Punkt getroffen, Arnulph! Dieſe heiligen Gruͤfte ſind der Schutz Deines Klo⸗ ſters ſeit vielen Monaten geweſen.« »Und Du biſt entſchloſſen, ihrer jetzt zu ver⸗ geſſen?« »Wenn Du jene wackeren Leute fragen willſt, Prior, ſo werden ſie Dir ſagen, daß ſie Befehl er⸗ halten haben, auch den geringſten der marmornen Engel nicht zu ſchonen, und ſollte er ſelbſt auf dem Grabe eines meiner Ahnen ſtehen.« »Dann verzweifele ich, in der That, Dein Herz ruͤhren zu koͤnnen!« antwortete Vater Arnulph, in⸗ dem er eben ſo großen Schmerz uͤber das Verbre⸗ chen, wie uͤber deſſen Folgen fuͤhlte.»Du biſt in Wahrheit auf unſere, wie auf Deine eigene Ver⸗ nichtung mit frevelndem Wahnſinn erpicht, denn Du verachteſt eben ſo ſehr Mitleid mit Deinen Nachkommen, als Ehrfurcht vor der Aſche Deiner ph! Klo⸗ ver⸗ illſt, er⸗ nen dem Herz in⸗ bre⸗ t in Ver⸗ denn inen iner Vaͤter. Emich von Leiningen, ich verfluche Dich nicht,— denn dies iſt fuͤr Menſchenhaͤnde eine zu furchtbare Waffe, um ſich ihrer leichthin zu bedie⸗ nen,— aber ich ſegne Dich auch nicht, denn die Pflicht gegen Gott verbietet mir, dies heilige Amt auszuuͤben.⸗ „Halt! hochwuͤrdiger Arnulph, laß uns nicht im Zorne ſcheiden,— ich moͤchte Dich wirklich um eine troͤſtende Beruͤhrung von Deinen unbefleckten Haͤnden bitten,— wenn— ja— wenn es eine Capelle in dieſer Kirche giebt, fuͤr welche Du mehr als gewoͤhnliche Ehrfurcht haſt, ſo nenne ſie, und ich ſchwoͤre Dir bei meinem Ritterworte, daß ſie, wenn ſie nicht ſchon zerſtoͤrt iſt, als ein Denkmahl meiner Liebe zu Dir ſtehen bleiben ſoll,— oder wenn Du irgend etwas, es betreffe Geiſtliches oder Weltliches, beſonders ſchaͤtzeſt, ſo zeige es, und es ſoll gerettet, und Dir, ſobald Du willſt, eingehaͤn⸗ digt werden. Zur Vergeltung fordere ich nichts, als die ſcheidenden Worte des Friedens.« »Sie ſind demjenigen verſagt, der gegen Gott ſelbſt Krieg fuͤhrt«, erwiederte der Prior mit Schmerz, indem er ſein Gewand von dem Griffe des Barons losmachte.—»Ich darf und werde fuͤr Dich beten, Emich, aber Dich ſegnen, waͤre Verrath am Himmel.« Bei dieſen Worten verhuͤllte der fromme Ar⸗ nulph ſein Antlitz gegen den Anblick der Zerſtoͤrung und Entweihung rings um ihn, und entfernte ſich langſam aus dem Chor. Ein und zwanzigſtes Capitel. Der Benedictiner, welcher dem Leſer bereits un⸗ ter dem Namen des Vater Johann bekannt iſt, hat⸗ te das Ende der im vorigen Capitel beſchriebenen Scene mit ſtolzer Geduld an den Stufen des Alta⸗ res abgewartet. In einem ſo auf die Spitze ge⸗ ſchraubten Charakter war nur weniges natuͤrlich, ſelbſt die Geduld des Moͤnches war das Ergebniß der erzwungenen, feurigen Eigenſchaften ſeines Gei⸗ ſtes. Kloͤſterliche Zucht, tiefe und unwillkuͤhrliche Achtung vor dem Prior, und ſelbſt ſeine Verachtung gegen milde Mittel, um einen Suͤnder zur Reue zu vermoͤgen, hielten ihn ziemlich in Ruhe, ſo lange ſein geiſtiger Oberer und Emich mit einander Zwie⸗ ſprache hielten: wilde Wonne aber leuchtete in ſei⸗ nen Augen als von der ganzen einſt ſo maͤchtigen und gefeierten Prieſterſchaft er allein noch uͤbrig war, um die Altaͤre zu vertheidigen. Das Gefuͤhl in ſeiner Bruſt war, trotz des in der Kirche eher zu⸗ als abnehmenden Tumultes, das des Triumphes. Er freute ſich ſeiner Standhaftigkeit, und hoffte auf die Wirkungen ſeiner Feſtigkeit mit uͤberſchwellen⸗ dem Vertrauen, und mit der feſtgewurzelten Ueber⸗ zeugung eines Enthuſiaſten. Emich beruͤckſichtigte jedoch ſeine Gegenwart wenig waͤhrend der erſten Augenblicke nach dem Abzuge des Priors. Es liegt in Wahrheit und Grundſatzfuͤlle eine Majeſtaͤt, eine ſicher wirkende Energie, welche deren feſteſte Stuͤtze iſt. Ohne die⸗ je weiſe Einrichtung der Vorſicht wuͤrde die Welt hoffnungslos den Machinationen Derjenigen Preis gegeben ſein, welche alle Mittel fuͤr recht halten, die zum Siege fuͤhren. Die ganze Umgegend der Abtei ehrte die hohen Geiſteseigenſchaften des Va⸗ ter Arnulph, und es iſt mehr als wahrſcheinlich, daß die Abtei, ſo wie jene Staͤdte in Kanaan, gerettet worden waͤre, wenn ſie vier ſeines Gleichen gehabt haͤtte. Insbeſondere der Graf, welcher, wie Alle, die ſich der geiſtigen Sklaverei zu entringen anfangen, oft von tarden Zweifeln geplagt wurde, hatte ſeit langer Zeit die tiefſte Hochachtung gegen dieſen Moͤnch, und es iſt nicht unwahrſcheinlich, daß, wenn der fromme Arnulph ſeine Macht uͤber ihn wohl begriffen, und ſie fruͤher angewendet haͤtte, er Mit⸗ tel gefunden haben wuͤrde, den Schlag, welcher jetzt die Abtei Limburg traf, abzuwenden. Allein Sanft⸗ muth und Demuth hatten in ihm das Ueberge⸗ wicht uͤber ſeine kraftvolleren Tugenden, und in der That war die Politik der Abtei ſo beſchaffen, daß ſie uͤberhaupt auf Tugenden nicht fußte. »Es iſt viel Gutes in dieſem Bruder«, ſprach Emich zu Berthold, nachdem ſeine gedankenvollen Blicke wieder auf den Foͤrſter gefallen waren.»Waͤ⸗ re er ſtatt Bonifacius infulirt geweſen, ſo wuͤrden vielleicht unſere Rechte noch immer leiden.« „»Wenige ſind ſo geliebt, Herr Graf, wie Vater Arnulph, und wenige verdienen auch, es ſo zu ſein.« » Du aͤhnelſt ihm! He da, Meiſter Heinrich! Treibſt Du in dieſem Chorſtuhl moͤnchiſch Weſen, oder bruͤteſt Du, auf einem Sitz, wo viel fleiſchliche 238 Nahrung von den Benedictinern verdauet worden iſt, uͤber die Lehren, die Du von der tugendhaften Ulrike erhalten haſt! Hieher, voran! wie es einem wackeren Kriegsmann ziemt, und laß Deine Weis⸗ heit in dieſer Verlegenheit hoͤren!« »Es ſcheint mir, daß unſer Werk ſo ziemlich vollbracht iſt, Graf Emich«, antwortete der Buͤr⸗ germeiſter, indem er ſich jenem Anſinnen fuͤgte, „meine getreuen Staͤdter ſind in den Capellen und in den Gruͤften nicht muͤßig; der Hammer jenes Schmids geht mit einem Engel um, als waͤre es ein rohes Stuͤck Eiſen. Jeder Streich laͤßt eine Spur zuruͤck, die kein Meißel je wieder vernichten kann.« Moͤgen die Schelme ſich erluſtigen; jeder Streich wird durch die Erinnerung an irgend eine harte Buße verſchaͤrft. Du ſiehſt, daß ſie die Beichtſtuͤhle zuſammenſchlagen, um ſie anzuzuͤnden! Das heißt, den Feind im Centrum angreifen. Aber, wie kommt es, Heinrich, daß Dein vortreffliches Weib Dich auf Deinen Fehden gegen die Kirche begleitete? Bei dem juͤngſten Gerichte! wenn Irmengard ſo geſinnt waͤre, ſo wuͤrden wir in unſerem Schloß wenig Hoffnung auf Seligwerdung haben.« »Ihr thut meinem Weibe Unrecht, denn Ulrike war hier, um zu beten, nicht um zu ermuthigen.« »Du haͤtteſt die Erklaͤrung ſparen koͤnnen, denn nie bedurfte ein Kriegsmann einer ſolchen Ermu⸗ thigung! Du wußteſt wohl um den Beſuch,— ha — Du wußteſt darum, wuͤrdiger Buͤrgermeiſter?« »Um aufrichtig zu ſprechen, Graf Emich, ich glaubte die Frau an einem anderen Orte.« 239 »Bei den heiligen drei Koͤnigin!— wohl in ihrem Bette?« »Nein, beim Gebete, aber an einem anderen Orté. Allein wir thun ihr zu viel Ehre an, edler Emich, indem wir unſere Gedanken in dieſem Augenblicke auf eine einfache Hausfrau richten.« »Nichts, was Dich betrifft, guter Buͤrgermei⸗ ſter, wird von Deinen Freunden leichthin betrach⸗ tet«, erwiederte der Graf, der ſelbſt in dieſem Au⸗ genblicke des Tumultes mit inſtinktmaͤßiger Umſicht den Beſuch Ulrikens bei den Benedictinern, zu einer ſo ungewoͤhnlichen Stunde, in Erwaͤgung zog. „»Du haſt eine treffliche Frau, Herr Heinrich, und Alle, welche ſie kennen, ehren ſie!« Der Buͤrgermeiſter war ein Mann, der viel zu ſehr auf ſeine eigenen uͤberſchwenglichen Verdienſte baute, um irgend einer Eiferſucht Raum zu geben. Wohl mag dieſer Sicherheit Eitelkeit zum Grunde gelegen haben, obſchon es kaum moͤglich war, daß ſelbſt derjenige, der von Natur der quaͤlenden Leidenſchaft der Eiferſucht ergeben war, in lan⸗ ger Vertrautheit mit der reinen Seele Ulrikens leben konnte, ohne Ehrfurcht fuͤr ihre Grundſaͤtze und Tugend zu fuͤhlen. Die Geſinnungen des Grafen waren jedoch verſchieden, denn obſchon er den Charakter derjenigen, von welcher er ſprach, wohl kannte, ſo vermochte er doch ſeinen Verdacht, als den eines Ausſchweiflings, noch den Verdruß eines Verſchmaͤhten gaͤnzlich zu bemeiſtern. Die Antwort ihres Gatten jedoch gab dem Geſpraͤch ei⸗ ne andere Wendung, und zugleich dem Buͤrgermei⸗ 4 240 ſter Gelegenheit, ſich in ein ausgezeichnetes Licht zu ſtellen. „»Tauſend Dank, erlauchter Herr, ſagte er, in⸗ dem er ſein Haupt etwas entbloͤßte,»das Weib iſt nicht auf unrechtem Wege, obſchon arg beaͤngſtigt wegen dieſer Altaͤre und wegen der Bußen. Wenn wir nur einmal dieſes Limburg vernichtet haben, dann wird ein anderes Reich in Betreff unſerer Frauen und Toͤchter eintreten, und wir werden ru⸗ higere Sonntage haben. Was die Worte betrifft, womit Ihr mich beehrt habt, Herr Graf, ſo nehme ich ſie ſo, wie ſie ohne Zweifel gemeint waren, naͤmlich als einen Beweis Eurer ewigen Freund⸗ ſchaft und engen Bundesgenoſſenſchaft?« „Daran thuſt Du recht«, antwortete Emich ſchnell, indem er das voruͤbergehende Gefuͤhl des Mißtrauens durch die Erinnerung an ihr gemein⸗ ſames Vorhaben uͤberwaͤltigte;»Worte der Freund⸗ ſchaft ſind bei einem getreuen Bundesgenoſſen nie verloren. Wohlan, Heinrich, iſt unſer Werk bald vollendet?« »Sapperment! Herr Graf, wenn nicht vollen⸗ det, ſo doch auf dem beſten Wege, es zu werden.« »Ein Benedictiner blieb zuruͤck«, ſagte Ber⸗ thold, indem er ihre Aufmerkſamkeit auf den Moͤnch lenkte, der noch immer ſeinen Poſten an den Stu⸗ fen des Altares behauptete. „Die Bienen verlaſſen ihren Stock nicht gerne, ſo lange noch irgend etwas von ihrem muͤhſamen Erwerb uͤbrig iſt«, ſagte der Graf lachend.»Was willſt Du hier, Vater Johann? Wenn Dein aͤngſt⸗ 241 licher Sinn nach einem der koſtbaren Gefaͤße ſtrebt, ſo nimm es, und ziehe von hinnen!« Der Benedictiner erwiederte das Gelaͤchter des Grafen mit dem ruhigen Laͤcheln des tiefinnerſten Triumphes. »Verſammle Deine Getreuen, gottvergeſſener Baron«, ſagte er,»rufe Alle, uͤber die Du gebie⸗ teſt, an dieſe heilige Staͤtte zuſammen, denn noch haſt Du eine Macht zu uͤberwaͤltigen, an welche Du nicht dachteſt; und in dem Augenblicke, in wel⸗ chem Du Dich am ſicherſten duͤnkſt, biſt Du der Schmach und dem Untergange am naͤchſten.« Waͤhrend der fanatiſche Moͤnch dieſe Worte mit gehoͤrigem Nachdruck ſprach, wich der Graf einen Schritt zuruͤck, gleich als fuͤrchte er eine Mine, Der verzweifelte Enthuſiasmus des Vater Johann war wohl bekannt, und keiner der drei Zuhoͤrer war ohne Beſorgniß, ob nicht die Moͤnche, den Ueber⸗ fall erwartend, uͤber irgend einen tiefen Racheplan gebruͤtet hatten, deſſen Ausfuͤhrung dieſem Schwaͤr⸗ mer uͤbertragen war. »Holla!« ſchrie der Graf,»laß eine Abtheilung ſchnell in die Gruft hinunterſteigen, und nach den Schurkereien dieſer vorgeblichen Heiligen ſehen, Vet⸗ ter von Wiederbach«, indem er in dieſem Augen⸗ blick der Aufregung die Anweſenheit des geſchwor⸗ nen Kreuzritters verrieth,»ſorge Du fuͤr unſer Heil, denn in dem Kriege auf Rhodus muͤſſen Dir Ver⸗ raͤthereien der Art bekannt geworden ſein.« Der Ruf des Grafen, den er wie ein Schlacht⸗ geſchrei ausgeſtoßen hatte, that den Haͤnden der Zerſtoͤrer Einhalt. Einige eilten herbei, um ſeinem Heidenmauer. II. 16 Geheiß zu gehorchen, waͤhrend Andere ſich haſtig in das Chor draͤngten. Die Anweſenheit von Leidens⸗ genoſſen vermindert ſtets die Furcht, wenn ſie gleich zuweilen die Gefahr vermehrt; denn das menſch⸗ liche Gemuͤth iſt ſo beſchaffen, daß es immer dem Einfluſſe der Sympathie, es ſei zu Schmerz oder Freude, gehorcht. Als Emich ſich von ſo vielen Getreuen umgeben ſah, dachte er weniger an die gefuͤrchtete Mine, und wandte ſich zu dem Moͤnch mit groͤßerer Ruhe. »Du haſt die Mannen von Hartenburg ſehen wollen, Vater«, ſagte er ironiſch,„und ſieh, wie bereitwillig ſie ſich eingefunden haben!« «Ich wollte, daß Alle, welche den Abtruͤnnigen Gehoͤr geliehen haben,— Alle, welche unſerer hei⸗ lige Kirche die gebuͤhrende Ehrfurcht verſagen,— Alle, welche Rom verleugnen,— Alle, welche auf Erden an der Einwirkung des Himmels zweifeln,— jetzt vor mir ſtehen moͤchten!« erwiederte der Bene⸗ dictiner, indem er die Schaar, welche ſich zwiſchen den Chorſtaͤnden geſammelt hatte, mit dem funkeln⸗ den, aber ruhigen Auge eines Mannes uͤberſah, der ſich ſeiner Staͤrke bewußt iſt.»Du biſt zu Hunder⸗ ten hier, Graf von Leiningen,— wollte Gott, es waͤre zu Millionen!« »Wir ſind fuͤr unſeren Zweck hinreichend ſtark, Moͤnch.« »Das mußt Du erſt erproben. Nun hoͤrt auf eine Stimme von Oben! Ich ſpreche zu Euch, Ihr unheiligen Diener des Willens dieſes hochmuͤthigen Barons,— zu Euch, Ihr mißleiteten und unwiſ⸗ ſenden Werkzeuge eines Planes, der aus dem — 243 fruchtbaren Gehirn des Vaters aller Suͤnden ſtamm⸗ te. Ihr ſeid im Gefolge Eures Gebieters hieher gekommen, und in eitlem Vertrauen auf eine ſicht⸗ bare, aber vergaͤngliche Macht,— ruchlos nach un⸗ heiliger Beute duͤrſtend, und Gottes vergeſſend«⸗— »Bei der Meſſe, Prieſter!« unterbrach Emich ihn,»wir haben von Dir ſchon manche Predigt ge⸗ hoͤrt, jetzt aber draͤngt die Zeit. Wenn Du uns ei⸗ nen Feind entgegen zu ſtellen vermagſt, ſo thu' es, der kirchlichen Verrichtungen aber ſind wir muͤde.« »Die Stunde Deines ruchloſen Willens iſt ge⸗ weſen, edler Emich, jetzt kommt das Gericht,— ſiehſt Du dieſen Schrein mit wunderthaͤtigen Reli⸗ quien,— haſt Du vergeſſen, daß Limburg reich an ſolchen Heiligthuͤmern iſt, und daß ihre Kraft bis jetzt nicht verſucht wurde?— Wehe dem, der ſie verhoͤhnt, oder ihre Macht verachtet!« »Halt ein, Johann!« rief der Graf haſtig, als er ſah, daß der Moͤnch einige jener wohlbekannten Ueberreſte von Leichnamen ergriff, denen die roͤmi⸗ ſche Kirche damals, wie auch jetzt noch, Wunder⸗ kraft beimißt.»Dies iſt keine Zeit zu Narrheiten!« »Du wagſt es, dieſe Heiligthuͤmer mit einem ſo entweihenden Namen zu belegen!— wahre Dei⸗ nes Endes, meuchelzuͤngiger Veraͤchter unſerer gott⸗ verliehenen Macht, und triumphire, wenn Du kannſt!« Der Graf war beſtuͤrzt, denn die Vernunft un⸗ terſtuͤtzte ſeinen Muth viel weniger, als der Ehr⸗ geiz. Auch die Schaar hinter ihm begann zu wan⸗ ken, denn noch immer hatte eine ſolche Entfaltung geiſtlicher Macht einen großen Einfluß auf die 16* 244 Menge. Welcher Unterſchied auch zwiſchen den chriſtlichen Sekten in Betreff des Geltenlaſſens der Wunder der neueren Zeit obwalten mag, ſo werden doch Alle zugeben, daß, wenn das Gemuͤth einmal von Jugend auf den Glauben daran eingeſogen hat, es bei weitem weniger vorbereitet iſt, ihrem Einfluſſe zu widerſtehen, als jedem andern, weil die Ohn⸗ macht des Menſchen dabei in geraden Gegenſatz gegen die Macht Gottes kommt. Gegen die Ent⸗ faltung einer ſolchen Gewalt bietet die Natur keine Mittel, und die geheimnißvolle und unſichtbare Kraft, welche die Wunder bewirkt, feſſelt ſowohl die Phantaſie, als ſie die, Allen eingeborne Furcht vor der Allmacht erweckt. »Es waͤre gut, wenn dies nicht weiter ginge«, fluͤſterte Emich beſorglich zu ſeinen vornehmſten Ge⸗ huͤlfen. »Nein, Herr Graf«, antwortete Berthold ruhig, es iſt im Gegentheil gut, das Recht kennen zu ler⸗ nen. Iſt unſere Sache nicht die des Himmels, ſo laßt es uns zu unſerem eigenen Nutzen erfahren; wenn aber dieſe Benedictiner bloße Großſprecher ſind, ſo wird unſer Gewiſſen um ſo leichter ſein.« »Du biſt zu tollkuͤhn, Juͤngling,— Niemand kann das Ende hievon wiſſen! Herr Heinrich, Du ſchweigſt?« »Was wollt Ihr von einem geringen Buͤrger⸗ meiſter, edler Emich? Ich geſtehe, daß ich es fuͤr Duͤrkheim fuͤr vortheilhafter ſinde, wenn dieſe Sache nicht weiter ginge.« „»Du hoͤreſt, Benedictiner!« ſprach der Graf, indem er die Spitze ſeiner Schwertſcheide auf den 245 hochverehrten Schrein von reicher, getriebener Ar⸗ beit legte, welcher bereits geoͤffnet war,—»dies muß zu Ende gehen.« »Nimm weg die Waffe, Emich von Leiningen!« ſagte Vater Johann wuͤrdevoll. Der Graf gehorchte unwillkuͤhrlich. „»Dies iſt fuͤr die Unglaͤubigen ein ſchrecklicher Augenblick«, fuhr der Moͤnch fort, die Zeit iſt nahe, wo unſere Altaͤre geraͤcht werden,— was weicheſt Du zuruͤck, verwegener Baron?— bleibt bis ans Ende, Ihr entmenſchten und gottvergeſſenen Diener der Ruchloſen, denn Ihr hofft umſonſt dem Gerichte zu entgehen.« Es lag ein ſolcher ruhiger Enthuſiasmus in dem Benehmen und Vertrauen des Vater Johann, daß, trotz des allgemeinen Wunſches, von den Re⸗ liquien ferne zu ſein, doch die Neugierde und an⸗ geborne religioͤſe Ehrfurcht jeden feſt an ſeinen Platz bannten,— obſchon alle Herzen hoͤher ſchlugen, waͤhrend der Moͤnch ruhig und mit ehrfurchtsvoller Miene fortfuhr, Gebeine von Heiligen, Ueberreſte von ihren Gewaͤndern, vermeintliche Naͤgel des wahrhaften Kreuzes, Splitter von deſſen Holz, und andere aͤhnliche Denkzeichen heiliger Ereigniſſe und frommer Maͤrtyrerzeit auf den Altar zu legen. Kein Fuß regte ſich. Nachdem unter friedlichem Schwei⸗ gen Alles auf dem gluthbeſchienenen Schrein aus⸗ geſtellt war, bekreuzte ſich Vater Johann, und wandte ſich wieder zur Menge. »Des Himmels verhuͤllten Rathſchluß kenne ich nicht«, ſprach er,»aber verdorren moͤge die Hand, und verflucht ſei fuͤr immer die Seele desjenigen, 246 welcher es wagen ſollte, dieſen Heiligthuͤmern des chriſtlichen Glaubens Gewalt anzuthun« Nach dieſen inhaltſchweren Worten kehrte ſich der Benedictiner gegen das Crucifix, und verharrte in ſchweigendem Gebet. Eine fuͤr die Angreifenden furchtbare Minute folgte. Zweifelnd ſuchten ſich wechſelſeitig die Blicke, der Eine ſah nach dem hoch⸗ gewoͤlbten Dache, der Andere nach dem ausdrucks⸗ vollen Marienbild, Alle erwarteten ein unmittel⸗ bares Zeichen des goͤttlichen Mißfallens. Der Aus⸗ gang waͤre vielleicht zweifelhaft geweſen, wenn nicht das Hirtenrohr Gottlobs abermals ſehr zur gele⸗ genen Zeit erklungen waͤre. Der liſtige Schelm blies darauf eine wohlbekannte und beliebte Nach⸗ ahmung der Thiere ſeiner Heerde, und vernichtete die Wirkung der eben verlebten Scene mittelſt der Dazwiſchenkunft eines gemeinen Gedankens. Der Einfluß des Poſſirlichen in Augenblicken, wo die Leidenſchaften wanken, und die Vernunft zweifelt, iſt zu wohlbekannt, um einer Eroͤrterung zu beduͤr⸗ fen. Es iſt dies eine der Eigenheiten der menſch⸗ lichen Natur, die alles Vernuͤnfteln in ſeine Schran⸗ ken mittelſt der Ueberzeugung weiſet, daß wir lange nicht jene Verſtandesweſen ſind, welche wir gerne ſein moͤchten. Das Auskunftsmittel des klugen Gottlob that ſeine volle Wirkung. Selbſt den unwiſſendſten der Mannen des Grafen, ſelbſt denjenigen, welche blind dem verworfenſten Aberglauben huldigten, floͤßte die Kuͤhnheit des Kuhhirten Muth ein; und da ge⸗ wöhnlich die in irgend einem Glauben am mindeſten Befeſtigten am meiſten zu ſeinen Gunſten ſchreien, 24 7 ſo bruͤllte gerade dieſer Theil der Kriegsleute der Unterbrechung aus funßzig heiſeren Kehlen Beifall. Emich athmete wieder freier, denn unter dem Ein⸗ fluſſe ſeiner eigenen Beſorgniß und des Schwankens ſeiner Leute, hatte er fuͤr einen Augenblick gefuͤrch⸗ tet, ſein langgehegter Plan der Zerſtoͤrung Limburgs ſchwebe in großer Gefahr, vereitelt zu werden. Durch das gegenſeitige Geſchrei ermuthigt, ſchrit⸗ ten die Eingedrungenen wieder zu ihrem Werke, und lachten uͤber ihre eigene Angſt. Die Baͤnke und Beichtſtuͤhle waren in dem Hauptſchiff bereits aufgeſchichtet, und wurden nun angezuͤndet. Man legte in der Kirche allenthalben, wo es entzuͤndliche Stoffe gab, Feuer an, und einige Handwerker aus Duͤrkheim ſteckten das Dach an, um die Zerſtoͤrung des Baues ſicher zu bewirken. Inzwiſchen ſtanden alle andern Gebaͤude der Abtei in vollem Brande, und der ganze Berg bot dem Auge deſſen, der im Thale wohnte, den Anblick eines großen Flammen⸗ meeres mit daruͤber ſich aufwirbelnden Rauchwol⸗ ken dar. Waͤhrend dies vorging, ſchritt Emich im Chor auf und nieder, und freute ſich theils ſeines Sieges, theils zweifelte er an der Frucht deſſelben, ſo weit es ſeine Perſon betraf. Zwar die zeitlichen Folgen hatte er wohl erwogen, allein die regungsloſe Stel⸗ lung des Vater Johann, die ausgelegten Reliquien und der Fluch der Kirche ſchreckten noch immer ein Gemuͤth, deſſen neue Anſichten nicht die gehoͤrige Feſtigkeit erlangt hatten. Aus dieſer Unruhe wurde er durch den Schall von Hammerſchlaͤgen unten in der Gruft erloͤst. Von Heinrich und Berthold be⸗ gleitet, eilte der Graf an den geweihten Ort, der die Graͤber und die Kapelle ſeiner Ahnen enthielt. Hier, wie oben, herrſchte eben ſo große Helle als Verwirrung. Die meiſten Grabdenkmahle waren bereits verſtuͤmmelt, und keine Kapelle geſchont worden. Vor jener der Hartenburger ſtand Albrecht von Wiederbach mit uͤbereinander geſchlagenen Ar⸗ men und nachdenklichen Blicken. Der Mantel, welcher anfangs ſeine Perſon verhuͤllte, hing loſe herab, und er ſchien uͤber ſein tiefes Sinnen die Klugheit, welche ihm unerkannt zu bleiben gebot, zu vernachlaͤſſigen. „»Wir ſind endlich bis zu den Graͤbern unſerer Ahnen gedrungen, Vetter;« ſprach der Graf, in⸗ dem er zu ihm trat. »Bis zu ihren Gebeinen ſogar, edler Emich.« »Die wuͤrdigen Ritter haben lange in ſchlechter Geſellſchaft geſchlafen; ſie ſollen hinkuͤnftig in der Kapelle der Hartenburg Ruhe finden.«⸗ »Ich hoffe, Herr Graf, daß dieſe Unternehmung fuͤr rechtmaͤßig erachtet werden wird.« »Wie!— zweifelſt Du daran, da das Werk bereits ſeiner Vollendung ſo nahe iſt?« »Bei der Meſſe! Einem Rhodiſerritter ſtuͤnde es beſſer an, gegen den beturbanten Unglaͤubigen zu fechten, als ſo ohne Umſtaͤnde die Edlen ſeines Geſchlechtes von ihrem langen Schlafe zu erwecken.« „Du kannſt in das Schloß zuruͤckkehren, Herr Albrecht, wenn Du muͤde biſt«, ſagte Emich kalt, bis dahin kann kein Fluch dringen.⸗ »Das waͤre eine ſchlechte Vergeltung fuͤr Deine Gaſtfreiheit, Vetter; der fahrende Ritter iſt der — ——— ——3„———— 5 2 =(0(5(S(0 7⁰) Verbuͤndete des letzten Freundes, wenn er gleich dabei in etwas ſeinen ſonſtigen Pflichten untreu wird. Wir Rhodiſerritter wiſſen uͤbrigens wohl, daß ein ehrenvoller Ruͤckzug, in Ordnung, und nicht vor der Zeit unternommen werden muß. Ich bin Dein, Emich, mithin ſei weiter keine Rede davon! Dies war wohl das Bildniß des guten Biſchofs aus unſerem Geſchlechte?« »Ich glaube, daß er irgend ein ſo hochwuͤrdiges Amt bekleidete, allein es kann wenigſtens Niemand ſagen, daß er ein Benedictiner war.⸗ »Da dieſe Kirche zerſtoͤrt werden muß, ſo waͤre es beſſer geweſen, wenn unſere Vorfahren einen andern geweihten Grund fuͤr ihre Aſche gefunden haͤtten. Wir geiſtliche Ritter ſind zu einem ſeltſa⸗ men Looſe verurtheilt! Noch ſind es kaum zwoͤlf Monate her, daß ich als ein getreuer und echter Rhodiſer bis an die Knie im Waſſer ſtand, und einen Graben gegen die Glaͤubigen an die Houris und die Unglaͤubigen an Chriſtus vertheidigte; und jetzt ſtehe ich hier als Zuſchauer(Niemand kann ſagen, daß ich mehr bin), waͤhrend chriſtliche Altaͤre umgeſtuͤrzt, und eine Bruͤderſchaft geſchorener Moͤnche uͤber die Erde zerſtreut wird, als waͤren ſie entlaſſene Soͤldlinge!« »Bei den heiligen drei Koͤnigen! mein Vetter, Dein Gleichniß iſt ſehr richtig; denn wie entlaſſene Soͤldlinge ſind ſie abgezogen, um in einer neuen Geſtalt die menſchliche Geſellſchaft zu quaͤlen.— Schone den Engel meines Großvaters, guter Schmid!« rief Emich, indem er ſich ſelbſt unter⸗ brach,»wenn in dem Bilde irgend eine gute Wir⸗ kung ſteckt, ſo iſt es zum Beſten unſeres Hauſes.⸗ Dietrich hielt den erhobenen Arm inne, und fuͤhrte den Streich nach einem andern Gegenſtande. Der Marmor flog bei jedem Schlag des Schmiede⸗ hammers in Truͤmmern umher, und die Anfuͤhrer fanden es bald gerathen, ſich zu entfernen, um nicht Schaden zu nehmen. Das Schickſal der alten und beruͤhmten Abtei war entſchieden. Ein Grabmahl um das Andere fiel, Denkmaͤhler wurden vernichtet, Altaͤre um⸗ geſtuͤrzt, die Kapellen gepluͤndert, und jeder Gegen⸗ ſtand, der dem Feuer Widerſtand leiſten konnte, ſo verſtuͤmmelt, daß er ſchwer oder niemals wieder hergeſtellt werden konnte. Inzwiſchen hatte die Feuersbrunſt mit der, die⸗ ſem furchtbaren Elemente eigenen Schnelligkeit um ſich gegriffen. Die meiſten Schlafzellen, Kuͤchen und Außengebaͤude waren bereits bis auf die Mauern verzehrt, und es war offenbar, daß auch die Kirche ſammt ihren Nebengebaͤuden nicht lange mehr ein Aufenthalt fuͤr Menſchen ſein koͤnne. Noch befanden ſich Emich und ſeine Gefaͤhrten in der Gruft, als ſie von oben den gellenden Ruf hoͤrten, welcher Alle, die nicht eine Beute der Flam⸗ men werden wollten, ermahnte, die Kirche zu ver⸗ laſſen. Berthold und der Schmid trieb die Schaar aus der Gruft vor ſich her, und Alles ſtroͤmte dem Außenthore zu. Nachdem das Innere der Kirche geleert war, verweilten der Graf und ſeine Anhaͤnger im Hofe, und betrachteten das Schauſpiel, wie zufrieden mit dem Werke, das ſie vollbracht hatten. Kaum aber 0—— ☛ 8—— ◻ 8 ᷣ 2 ☛ 251 war ihre Aufmerkſamkeit wieder auf den Platz ge⸗ lenkt, den ſie ſo eben geraͤumt hatten, ſo ſtießen Alle zu gleicher Zeit einen Schrei des Staunens und Schreckens aus. Da die Thore weit geoͤffnet waren, und der wilde Flammenſchein der brennen⸗ den Daͤcher jede Ritze in der Kirche erleuchtete, ſo konnten diejenigen, die ſich außen befanden, das Chor faſt ſo genau ſehen, als waͤre es hoher Mittag. Vater Johann kniete noch immer vor dem Altare. Auf Befehl des Grafen waren die koſtbaren Al⸗ targeraͤthe weggebracht worden. Niemand aber hatte es gewagt, eine der Reliquien zu beruͤhren. Auf dieſe langverehrten Ueberreſte heftete der Benedicti⸗ ner ſeine Augen, in der feſten Ueberzeugung, daß fruͤher oder ſpaͤter die Macht Gottes ſich durch Vertheidigung ſeines entweihten Tempels kund ge⸗ ben wuͤrde. »Der Moͤnch! der Moͤnch!« ſchrien hundert Stimmen. »Ich moͤchte den Fanatiker gerne retten!« ſagte Emich tiefbewegt. »Er wird auf einen Mann hoͤren, der dieſes heilige Zeichen traͤgt«, rief der Rhodiſerritter, indem er das Kreuz hervorzog, das er bis jetzt im Wamms verborgen hatte.»Will Jemand mit mir kommen, um dieſen wahnſinnigen Benedictiner zu retten 2⸗ In dem Benehmen Albrechts von Wiederbach lag eben ſo ſehr der Wunſch, den begangenen Fre⸗ vel in etwas zu ſuͤhnen, als Menſchengefuͤhl. Der Beweggrund aber, der Berthold vorwaͤrts trieb, ſtammte aus reinem Edelmuthe. Trotz der augen⸗ ſcheinlichen Gefahr ſtuͤrzten ſich beide in die Kirche, 252 und eilten auf das Chor zu. Die Hitze in dem Gebaͤude war faſt unertraͤglich. Sie naͤherten ſich dem Altare, und machten den Moͤnch durch ihr Geſchrei auf die Gefahr, in der er ſchwebte, auf⸗ merkſam. „»Kommt Ihr, um Zeugen der Macht des Him⸗ mels zu ſein?« fragte ſie Vater Johann mit dem ruhigen Laͤcheln eines unbekehrten Enthuſiaſten, »oder kommt Ihr als reuige Suͤnder, um die That zu buͤßen, welche Ihr vollbracht habet?« „»Hinweg, guter Vater!« antwortete Berthold ſtuͤrmiſch;„der Himmel iſt in dieſer Nacht gegen das Kloſter, jenes flammende Dach kann in jeder Minute einſtuͤrzen!« »Hoͤreſt Du den Gotteslaͤſterer, Herr der Heer⸗ ſchaaren? Iſt es Dein heiliger Wille, daß—« »Hoͤre mich, den beeideten Kreuzritter«, unter⸗ brach ihn Albrecht, indem er ihm das Abzeichen der Johanniter zeigte,—»wir ſind eines Glaubens, und wollen von hinnen zu anderen Pruͤfungen.« »Hinweg! falſcher Diener! hinweg, gottloſer Knabe!— Seht Ihr dieſe heiligen Reliquien?« Auf ein Zeichen von dem Ritter ergriff Berthold den Moͤnch an der einen Seite, waͤhrend Albrecht dies von der Anderen that, und ſo trugen ſie ihn, waͤhrend er noch ſprach, aus dem Chore fort. Aber ſie hatten es mit einem Manne zu thun, den eine langgenaͤhrte, krankhafte Anſicht von dem Leben wahnſinnig gemacht hatte. Bevor ſie noch das Hauptſchiff erreichten, hatte der Fanatiker ſich be⸗ freit, und waͤhrend der Ritter und Berthold einen Augenblick verſchnaubten, war er bereits wieder 253 am Altare. Diesmal aber kniete er nicht nieder, ſondern ſtellte ſich auf die Stufen, hielt die heiligſt⸗ geachtete Reliquie in die Hoͤhe, und rief den Him⸗ mel laut um Offenbarung ſeiner Macht an. „Er iſt verloren!« rief Albrecht von Wiederbach, und eilte aus der Kirche. In dem Augenblicke, als der 9 Rhodiſerritter durch das große Thor ſtuͤrzte, fiel voza Dache ein brennender Balken auf das prnend die gluͤ⸗ henden Kohlen ſpruͤhten wie funkelnde Sterne umher. »Berthold! Berthold!« toͤnte es aus hundert Kehlen. »Komm heraus, vorſchneller Knabe!« ſchrie Emich mit tiefbewegter Stimme durch das Ge⸗ praſſel der furchtbaren Brunſt. Berthold war wie unter einem Zauberbann. Er ſtarrte wild auf den Moͤnch, und ſtuͤrzte aber⸗ mals gegen den Altar. Ein furchtbares Gekrache aber, einer Lawine gleich, die vom Berge zerſtoͤrend niederſinkt, donnerte in Aller Ohren. Dieſelben Menſchen, die vor ſo kurzer Zeit ſchlaczttuſtſ auf den Berg gekommen waren, ſtießen Schreckensge⸗ ſchrei aus, als ſie die ſchrecklich he Gefahr ſahen, worin ihre Mitgeſchoͤpfe ſchwebten. 3 „»Komm heraus, junger Berthold! komm her⸗ aus, mein wackerer Foͤrſter!« ſchrie der Graf mit einer Stimme, welche die der ganzen Schaar uͤber⸗ toͤnte, gleich als wollte er die Seinigen durch den Schlachtruf verſammeln.»Er wird mit dem elen⸗ den Moͤnche ſterben. Der Juͤngling iſt wahn⸗ ſinnig!« 254 Berthold kaͤmpfte mit dem Benedictiner, Nie⸗ mand aber konnte ſehen, was zwiſchen ihnen vor⸗ ging. Abermals donnerte Gekrache, und das ganze Pflaſter ergluͤhte von den niedergeſunkenen Braͤn⸗ den. Die Querbalken brachen, hoͤher ſchlugen die Flammen empor, Alles deutete auf ein baldiges Ende. Das Innere glich einem Gluthregen, wie man ihn oͤfters bei Kunſtfeuerwerken ſieht, und die Erde bebte von dem Einſturz des gewaltigen Baues. Es giebt Schrecken, welche wenige menſchliche Au⸗ gen aushalten koͤnnen. In dieſem Augenblicke- war faſt jedes Antlitz verhuͤllt, jedes Haupt abge⸗ wendet. Allein dieſe Bewegung dauerte nur einen Moment. Als man das Innere ſah, glich es einem feurigen Ofen. Der Altar ſtand noch, und Johann behauptete wunderbarer Weiſe noch immer ſeinen Poſten. Berthold war verſchwunden. Die Geberden des Benedictiners waren wilder als je, und ſeine Mienen die eines Mannes, der den Ver⸗ ſtand fuͤr immer verloren hat. Er hielt ſich jedoch nur noch einen kurzen Augenblick auf den Fuͤßen, dann ſank er um, und ſein Leib kruͤmmte ſich wie ein gruͤner Zweig, den die Flammen verſengen.