— . 3 1 e Heidenmauer, o der die Benedictiner. Aus dem Engliſchen des J. Fenimore Cooper, von Johann Sporſchil. —— In drei Theilen. Erſter Theil. Braunſchweig, von Friedrich Vieweg. Ge inne brach geko nur pferd Reiſ uns trug⸗ nigin ruher Engg raſtlo maͤnn nen und Illibe heit, 1. Einleitung. Gegen meine Gewohnheit hatte ich den Sommer innerhalb der Mauern einer großen Stadt zuge⸗ bracht. Kaum war aber der Augenblick der Freiheit gekommen, ſo beſtellte ich mit einer Wonne, wie nur ein Vogel ſeinem Kaͤfig entfliehen kann, Poſt⸗ pferde. Wir waren unſrer Vier, in einer leichten Reiſekutſche mit ſtarken normaͤnniſchen Roſſen, die uns luſtig ihrer urſpruͤnglichen Heimath entgegen trugen. Fuͤr eine kurze Zeit verließen wir die Köͤ⸗ nigin der Staͤdte, verließen Paris mit ſeinen Un⸗ ruhen und ſeiner Ordnung, ſeinen Palaͤſten und Enggaͤßchen, ſeinem Glanz und Schmutz, ſeinen raſtloſen Einwohnern und unbeweglichen Staats⸗ maͤnnern, ſeinen Theorieen und ſeiner Praxis, ſei⸗ nen Froͤhlichen und Trauernden, ſeinen Rentirern und Patrioten, ſeinen jungen Liberalen und alten Illiberalen, ſeinen drei Staͤnden und ſeiner Gleich⸗ heit, ſeiner zierlichen Redweiſe und ſeinem kraͤftigen 1 M Handeln, ſeiner Volksregierung und ſeinem Volke ohne Regierung, ſeinen Bajonetten und ſeiner mo⸗ raliſchen Staͤrke, ſeinem Wiſſen und ſeiner Un⸗ wiſſenheit, ſeinen Luſtbarkeiten und Revolutionen, ſeinem Widerſtand, der ruͤckwaͤrts geht, und ſeiner Bewegung, die ſtille ſteht, ſeinen Putzmacherinnen, 3 Philoſophen, Operntaͤnzerinnen, Dichtern, Muſikern, Banquiers und Koͤchen. Obſchon ſo lange inner⸗ halb ſeiner Barrieren eingeſchloſſen, war es uns doch nicht moͤglich, Paris ohne Bedauern zu ver⸗ laſſen,— Paris, das jeder Fremde tadelt und ſucht; das die Sittenprediger verwuͤnſchen und nachah⸗ 1 men, uͤber welches die Alten den Kopf ſchuͤtteln “ und die Jungen ſich freuen;— Paris, den Sam⸗ nungsunwuͤrdigen. Dieſe Nacht ſchlummerten wir in kunſtloſen Betten, fern von der franzoͤſiſchen Hauptſtadt. Den Tag darauf athmeten wir Seeluft ein. Am fuͤnften Morgen kamen wir, nachdem wir Artois und das franzoͤſiſche Flandern durchflogen, in das neue Koͤnigreich Belgien, durch die hiſtoriſchen und alt⸗ khrwuͤrdigen Staͤdte Douai, Tournai und Ath. Alenth dtrafen wir die Fahne, die auf dem ZSavillon der Tuilerien weht, erkannten wir die melplatz ſo vieles Vortrefflichen und ſo vieles Nen⸗ von chen und einz und ler. es r ware Kuge nom ſend do's, gange rig v Fluͤge Obſch Feind Blutf Volke r mo⸗ r Un⸗ ionen, ſeiner innen, ſikern, inner⸗ 3 uns u ver⸗ ſucht; achah⸗ uͤtteln Sam⸗ Nen⸗ ſtloſen tſtadt. Am is und 3 neue d alt⸗ Ath. f dem zir die 3 franzoͤſiſchen Soldaten an ihrem zuverſichtlichen We⸗ ſen und leichten Gange. Sie waren ſo eben be⸗ ſchaͤftigt geweſen, den einſtuͤrzenden Thron des Sachſenfuͤrſten zu ſtuͤtzen. Uns ſchienen ſie hier ge⸗ rade ſo heimiſch, als wie wir ſie auf dem Quaj d'Orſay herumſchlendern geſehen hatten. Zu Bruͤſſel waren noch immer viele Spuren von dem verzweifelten Kampfe zu ſehen, durch wel⸗ chen die Hollaͤnder vertrieben worden waren. Sechs und vierzig Bomben ſtaken in der Vorderſeite eines einzigen Gebaͤudes von maͤßiger Groͤße, und drei und neunzig Kartaͤtſchenkugeln in einem ſeiner Pfei⸗ ler. Auch in der Wohnung, die wir waͤhlten, gab es noch viele Spuren des Krieges. Die Spiegel waren zertruͤmmert, Waͤnde und Bettſponden von Kugeln durchloͤchert, und der Hausrath noch mitge⸗ nommen. Die Baͤume im Park waren an tau⸗ ſend Stellen verſtuͤmmelt; einer der beiden Cupi⸗ do's, die wir vor drei Jahren uͤber dem Hauptein⸗ gange lachen geſehen, ſah nun ohne Haͤnde trau⸗ rig vor ſich hin, waͤhrend ſein Gefaͤhrte auf den Fluͤgeln einer Kanonenkugel davon geflogen war. Obſchon im Mittelpunkte ſo vieler Spuren von Feindſeligkeiten, blieben wir doch vom Anblicke von Blutflecken verſchont, denn wir erfuhren von dem 1* Schweizer unſeres Hotels, daß die Keller deſſelben, die ſtets eines guten Rufes genoſſen, waͤhrend der Beſtuͤrmung ganz außerordentlich beſucht waren. Aus ſo vielen Beweiſen mußten wir ſchließen, daß die Belgier fuͤr ihre Emancipation wacker gekaͤmpft haben, und dies iſt wenigſtens ein Zeichen, daß ſie frei zu ſein verdienten. Unſer Weg fuͤhrte uͤber Loͤwen, Thirlemont, Luͤt⸗ tich, Aachen, Juͤlich zum Rheine. Loͤwen war eine Woche fruͤher der Schauplatz eines Kampfes zwi⸗ ſchen den feindlichen Heeren geweſen. Da man die Hollaͤnder beſchuldigt hat, daß ſie ſich bei ihrem Vorruͤcken ungewoͤhnliche Ausſchweifungen zu Schul⸗ den kommen ließen, ſo ſahen wir uns nach den Zeichen davon um. Wie viele dieſer Spuren be⸗ reits verwiſcht ſind, vermochten wir nicht auszumit⸗ teln; diejenigen aber, die noch uͤbrig blieben, gaben uns Grund zu glauben, daß die Hollaͤnder die Schmach, d ie man auf ſie waͤlzte, nicht verdienten. Ich uͤberzeuge mich, je aͤlter ich werde, ſtets mehr und mehr, wie launenhaft und gemein die Unſterb⸗ lichkeit iſt, welche die Zeitungsblaͤtter verleihen! Es waͤre Unrecht, durch das alte Fuͤrſtbisthum Luͤttich zu reiſen, ohne die Schoͤnheit des Landes zu ruͤhmen. Faſt alle Erforderniſſe einer. lieblichen ſſelben, nd der waren. n, daß kaͤmpft daß ſie zt, Luͤt⸗ ar eine es zwi⸗ man ihrem Schul⸗ ch den ren be⸗ zzumit⸗ gaben der die dienten. s mehr Inſterb⸗ n! isthum Landes eblichen Ackerbaulandſchaft ſind vorhanden; unzaͤhlige, ein⸗ zeln ſtehende Pachthoͤfe, Heerden in den Fluren, le⸗ bendige Zaͤune, eine wellenfoͤrmige Oberflaͤche, und ein Gruͤn, das mit dem Smaragd wetteifert. Gluͤck⸗ licher Weiſe laͤuft die Straße einige Meilen weit auf einem Huͤgelruͤcken, ſo daß der Reiſende im Stande iſt, alle dieſe Schoͤnheiten nach Muße zu betrachten. Zu Aachen badeten wir, beſuchten den heiligen Schrein, beſichtigten den Platz, wo ſo viele mehr oder minder beruͤhmte Kaiſer gekroͤnt wurden, lie⸗ ßen uns einen Augenblick auf den Stuhl Karls des Großen nieder, und reiſ'ten weiter. Der Rhein war fuͤr mich ein alter Bekannter. Wenige Jahre fruͤher ſtand ich auf dem Sande vor Katwyk, und beobachtete ſeinen periodiſchen Ab⸗ fluß in die Nordſee mittelſt Schleuſen, die unter der kurzen Regierung des guten Koͤnigs Ludwig erbaut worden waren, und in demſelben Sommer uͤber⸗ ſchritt ich ihn als einen ſchaͤumenden Bach, nieder: ſtuͤrzend von den Eisgletſchern des St. Gotthard. Unſer Zweck war, ihn in ſeinen ſchoͤnſten Theilen zu ſehen und, ſoweit vaterlaͤndiſche Parteilichkeit es geſtattete, mit dem wohlbegruͤndeten Ruhme unſe⸗ res heimiſchen Hudſon zu vergleichen. 6 Nachdem wir Koͤln mit ſeinem ſchoͤnen, aber un⸗ vollendeten Dome, ſeinen unausgebauten Thuͤrmen, ſeinen Erinnerungen an Rubens und deſſen koͤnig⸗ liche Goͤnnerin verlaſſen hatten, reiſ'ten wir an dem Strome ſo gemaͤchlich aufwaͤrts, um Alles was ſich darbot, zu beſichtigen, und doch ſo ſchnell, um dem Gefuͤhl der Saͤttigung zu entgehen. Wir ſtießen auf preußiſche Soldaten, die ſich durch Manoeuvri⸗ ren fuͤr ihren ernſten Beruf tuͤchtig machten. Lanzenreiter galopirten in Schwadronen uͤber die Felder; Vedetten waren, geſpannte Piſtolen in der Hand, bei jedem Heuſchober aufgeſtellt, und Adju⸗ tanten ſprengten mit verhaͤngtem Zuͤgel von Punkt zu Punkt, gleich als haͤtte der große Kampf, der ſich ſo drohend vorbereitet, und der fruͤher oder ſpaͤ⸗ ter doch losbrechen muß, bereits wirklich begonnen. Da ganz Europa jetzt ein großes Feldlager iſt, ſo erregte dieſer gewohnte Anblick durchaus nicht un⸗ ſere Aufmerkſamkeit. Uns war es um das In⸗ tereſſe zu thun, welches die Schoͤnheit der Natur einfloͤßt. Verfallene Burgen erblickten wir zu Dutzenden, altersgraue Schloͤſſer, Abteien, theils bewohnt, theils unbewohnt, Doͤrfer und Staͤdte, Gebirge, Felſen und Weingaͤrten. Bei jedem Schritte fuͤhlten wir, vet der un⸗ irmen, koͤnig⸗ n dem s ſich n dem tießen euvri⸗ chten. r die n der Adju⸗ Dunkt „ der ſpaͤ⸗ men. ſo un⸗ In⸗ tatur nen, heils elſen wir, 7 wie innig die Poeſie der Natur und jene der Kunſt verbunden, und wie weſentlich der Zuſammenhang zwiſchen dem Berge mit ſeinem Thurme in Truͤm⸗ mern und der moraliſchen Betrachtung iſt, die ihm Intereſſe verleiht. Hier erblickten wir eine Inſel, von keiner auffallenden Schoͤnheit, aber die Mau⸗ ern eines Kloſters des Mittelalters gaben ihr ei⸗ nen melancholiſchen Reiz; dort ragte ein kahler Fels empor, nichts weniger als großartig und ohne den Farbenreichthum ſuͤdlicherer Himmelsſtriche, aber eine alte Ritterburg droht auf ſeinem Gipfel den Einſturz. Hier fuͤhrte Caͤſar ſeine Legionen zu dem Strom, und dort ſandte Napoleon ſein Heer an das feindliche Ufer. Dieſes Denkmahl wurde zum Angedenken Hoche's errichtet, und von jener Anhoͤhe lenkte der große Adolph ſeine Schaaren. Unſeren amerikaniſchen, geſchichtlich beruͤhmten Plaͤtzen fehlt fuͤr einen Reiz der Art die Zeit, fehlt die einſtim⸗ mige Sympathie des ganzen Menſchengeſchlechtes, fehlt die lange Vergangenheit mit ihrer verſoͤhnen⸗ den Gewalt. In der Stimmung, welche geeignet iſt, einen Strom ſolcher Erinnerungen und Betrachtungen Raum zu geben, ſetzten wir unſeren Weg am Ran⸗ de der großen Waſſerſtraße Mitteleuropa's fort. ſchaftseigenthuͤmlichkeit irgend einer Art vereinigt 8 Wir bewunderten die Groͤße von Rheinfels, das ſeltene Kleinod der verfallenen Kirche von Bacha⸗ rach, und den ſteilen Berg, auf welchem in dieſem Augenblick ein preußiſcher Prinz wie vor Alters in adlergleicher Hoͤhe und Sicherheit thront. Am Abend des zweiten Tages trafen wir in Mainz ein. Hier verglichen wir mit Muße, und wie wir uns ſchmeicheln, mit Unparteilichkeit, was wir ge⸗ ſehen hatten, mit dem, was ſo tief in unſere Er⸗ innerung eingegraben war. Von Kindheit an war ich mit dem Hudſon vertraut. Da er die große Waſſerſtraße aus dem Innern der Vereinigten Staaten in das Meer iſt, ſo war ich nothwendiger Weiſe fruͤh mit ſeinen Kruͤmmungen, Vorgebirgen, Inſeln, Staͤdten und Flecken bekannt geworden. Selbſt ſeine weniger beſuchten Arme habe ich aus Beruf beſichtigt, und es gab eine Zeit, wo ich jeden verborgenen Land⸗ ſit, jeden Weiler an ſeinem Ufer kannte. Es kam daher gegen den Einfluß der Gegenſtaͤnde vor mei⸗ nen Augen nur die Staͤrke alter und tiefer Ein⸗ druͤcke in die Wagſchale. Fuͤr mich iſt es ausgemacht, daß der Rhein, obſchon er in einer gewiſſen Strecke mehr Land⸗ ——— 8, das Bacha⸗ dieſem ters in Am Mainz ie wir vir ge⸗ re Er⸗ dudſon 8 dem er iſt, ſeinen n und eniger „und Land⸗ kam mei⸗ Ein⸗ hein, Land⸗ inigt als der Hudſon, er doch keine ſo großartige beſitzt, wie dieſer. Es fehlt ihm die Abwechſelung, die Erhabenheit, die majeſtaͤtiſche Breite des amerikani⸗ ſchen Stromes. Der Letztere iſt innerhalb derſel⸗ ben Strecke, welche die groͤßten Schoͤnheiten des Rheines enthaͤlt, eben ſowohl ein breiter als ein ſchmaler Strom; er hat Buchten, enge Canaͤle durch gruͤne Wieſen, finſter draͤuende Schluchten, und dehnt ſich hie und da aus, wie die Seen Ita⸗ liens: waͤhrend man von ſeinem europaͤiſchen Ne⸗ benbuhler nichts mehr ruͤhmen kann, als daß er dieſe wundervollen Eigenthuͤmlichkeiten ſchwach nach⸗ ahmt. Zehn Breitengrade mehr nach Suͤden ge⸗ ben reichere Farben, ſchoͤnere Uebergaͤnge von Licht und Schatten, glorreichere Abwechſelungen des Fir⸗ mamentes, um die Schoͤnheiten der amerikaniſchen Landſchaft zu erhoͤhen. Auch in Betreff der In⸗ ſeln verdient der Hudſon den Vorzug, denn obſchon der Rhein zahlreichere beſitzt, ſind die des Hudſon kuͤhner hingeworfen, liegen an geeigneteren Stellen, und ſind in ihrer ganzen Naturgeſtaltung großar⸗ tiger. Wenn man die Vergleichung zwiſchen dieſen beiden Stroͤmen auf die Werke der Menſchenhaͤnde an ihren Ufern ausdehnt, ſo iſt das Ergebniß zwei⸗ — — 10 felhafter. Die alten Staͤdte und Flecken Europa's ſcheinen, wenn man ſie aus der Ferne ſieht, wie zum Effect hingebaut zu ſein, obſchon die eigentliche Urſache Sicherung gegen Ueberfaͤlle war. Die ge⸗ raͤumigen, reinlichen und heiteren Ortſchaften Ame⸗ rica's lernt man dagegen dann erſt richtig ſchaͤtzen, wenn man ſie betreten hat. In Europa geben die hohen Daͤcher, die Kirchthuͤrme und haͤufig ein im Hintergrunde ſich aufthuͤrmendes Schloß, den Staͤdten das Anſehen eines rieſigen, uralten, zu einem beſonderen Zwecke beſtimmten Denkmahls. Vielleicht ſind die Ortſchaften am Rhein weniger maleriſch, als die in Frankreich und Italien, da die Deutſchen den Raum mehr ſparen als ihre Nachbaren, in jedem Falle aber ſehen ſie weniger alltaͤglich aus, als die heiteren und gedeihlichen Marktflecken, die ſich an den Ufern des Hudſon an einander reihen. Dazu kommt der Vortheil der zahlreichen Ruinen und der damit verknuͤpften Er⸗ innerungen. Hier jedoch hoͤrt die Ueberlegenheit der Umgebungen des Rheines auf, und die ſeines Nebenbuhlers gewinnen das Uebergewicht. Was moderne Gebaͤude, Villen, Luſtſitze, die der Fuͤrſten allein ausgenommen, betrifft, ſo haben die Ufer des Hudſons vielleicht in der Welt nicht ihres Gleichen. uropa's ht, wie hentliche Die ge⸗ n Ame⸗ chaͤtzen, ben die ein im , den en, zu mahls. veniger en, da s ihre beniger hlichen on an eil der en Er⸗ henheit ſeines Was uͤrſten er des eichen. 11 Allerdings giebt es an den Ufern der Brenta und in anderen beguͤnſtigten Plaͤtzen ſchoͤnere und edlere Gebaͤude; aber ich kenne keinen Strom, der ſich fuͤr das Auge ſo anmuthig darſtellte. In Bezug auf die beweglichen Gegenſtaͤnde, ein bei dieſem Vergleich wichtiger Punct— hat der Hudſon, was maleri⸗ ſche Wirkung betrifft, keinen Nebenbuhler. In Anzahl der Fahrzeuge, in Mannichfaltigkeit, Schoͤn⸗ heit der Form, Schnelligkeit und Geſchicklichkeit der Fuͤhrung, und allgemeiner Anmuth und Be⸗ lebtheit gehoͤrt dieſe außerordentliche Waſſerſtraße zu den erſten in der Welt. Die Segelſtangen der großen Schiffe ſieht man zwiſchen den Felſen und Waͤldern der Hochlande dahin ſchweben, waͤhrend unzaͤhlige Sloops, Schoners, ſchoͤne, mit Baldachi⸗ nen verſehene Dampfboote, Yachten, Pirogen, Kaͤhne die Gewaͤſſer bedecken. Auch darf man einen wichtigen Punct nicht uͤberſehen. Waͤhrend Abbildungen von Rheingegenden Gegenſtaͤnde, die, wenn man ſie ſieht, keine beſonderen Reize haben, verſchoͤnern, iſt noch jeder Verſuch, den Hudſon darzuſtellen, mißlungen, und jede Abbildung weit hinter dem Originale zu⸗ ruͤckgeblieben. Die Natur iſt allenthalben reich an Schoͤnhei⸗ ten, und es waͤre ein Mißgriff, ſie wegen der Vor⸗ 12 zuͤge, die irgend ein anderer Himmelsſtrich haben mag, nicht genießen zu wollen. Wir verließen da⸗ her den Rhein mit Schmerz, denn einen ſchoͤneren Strom kann man nicht leicht ſehen. Zu Mainz gingen wir an das rechte Ufer des Stromes, reiſ'ten durch das Naſſauiſche und Darm⸗ ſtaͤdtiſche, und betraten zu Heidelberg das Groß⸗ herzogthum Baden. Hier beſtiegen wir das be⸗ ruͤhmte Faß, beſuchten das Schloß, und luſtwandel⸗ ten in dem ſchoͤnen Garten. Von da reiſten wir nach Mannheim, und kehrten unſer Antlitz aber⸗ mals der franzoͤſiſchen Hauptſtadt zu. Das Uebel⸗ befinden eines der Reiſegefaͤhrten noͤthigte uns, einige Stunden in dieſer Stadt zu verweilen. Sie bot unſerer Aufmerkſamkeit wenig Bemerkens⸗ werthes dar, außer etwa, daß ſie, ſo wie die beiden aͤdte, die wir kurz vorher geſehen, uns uͤberzeugte, daß jene Symmetrie und Regelmaͤßigkeit, welche in großen Staͤdten eine ſo herrliche Wirkung hervor⸗ bringt, kleine noch kleiner erſcheinen laͤßt! Es war ein ſchoͤner Herbſttag, als wir auf un⸗ ſerer Ruͤckreiſe nach Paris das linke Rheinufer wieder betraten. Die Wuͤnſche des Kranken hatten ihm den Anſchein von Kraft gegeben, und wir hofften, noch vor Einbruch der Nacht in die Ge⸗ birg grer Na; wir daß Uebe glau naͤm und Vog Haa chen rung hoͤfe bauer Eile, den 2 Land Wein ſehr n . ſichert genug mocht, indem Deutſe haben ßen da⸗ oͤneren er des Darm⸗ Groß⸗ as be⸗ dandel⸗ en wir aber⸗ Uebel⸗ uns, Sie rkens⸗ beiden eugte, che in ervor⸗ f un⸗ nufer atten wir Ge⸗ birge einzudringen, welche die Pfalz ſuͤdweſtlich be⸗ grenzen, um Kaiſerslautern auf der großen, von Napoleon erbauten Straße zu erreichen. Nachdem wir aber einige Poſten gefahren, ſahen wir ein, daß dem Kranken Ruhe unerlaͤßlich ſei. Dieſe Ueberzeugung kam, wie ich in dieſem Augenblicke glaubte, ungluͤcklicher Weiſe zu ſpaͤt. Wir hatten naͤmlich bereits die Ebene der Pfalz durchſchnitten, und naͤherten uns dem Gebirge, einem Zweige der Vogeſen, und im Lande unter dem Namen der Haard bekannt. Selbſt waren wir auf einen ſol⸗ chen Unfall nicht vorbereitet, und fruͤhere Erfah⸗ rung hatte uns gelehrt, nicht allzuſehr auf die Gaſt⸗ hoͤfe dieſes Theiles des Koͤnigreiches Baiern zu bauen. Eben bereute ich bitter unſere unzeitige Eile, da ragte der Kirchthurm von Duͤrkheim aus den Weinbergen hervor, denn allmaͤhlig war das Land huͤgelig geworden, und es gab allenthalben Wein. Das Dorf oder der Marktflecken ſchien ſehr wenig zu verſprechen, aber der Poſtillon ver⸗ ſicherte uns, daß das Poſthaus als Gaſthof gut genug fuͤr einen Koͤnig waͤre, und dem Wein ver⸗ mochte er keinen hoͤheren Lobſpruch zu geben, als indem er mit der Peitſche knallte, eine bei den Deutſchen ſeines Standes ſehr uͤbliche Art, ihr Wohlgefallen auszudruͤcken. Wir beriethen uns noch, ob wir weiter fahren oder bleiben follten, als der Wagen bereits vor dem Gaſthef zum Ochſen hielt. Ein wohlbeleibter Wirth kam heraus, um uns zu begruͤßen. In ſeiner umfangsreichen Per⸗ ſoͤnlichkeit, die zu ſeinem Gaſthofsſchilde vortrefflich paßte, lag etwas gutmuͤthig Aufrichtiges, und der ungeheuchelte Ausdruck gaſtlicher Freundlichkeit ver⸗ ſcheuchte alle Furcht vor der Stunde des Zahlens. Wenn Derjenige, welcher viel reiſ't, an Menſchen⸗ kenntniß gewinnt, ſo entbehrt er dagegen jene milde Herzlichkeit, die das Leben verſuͤßt. Der beſtaͤndige Verkehr mit Menſchen, die gewohnt ſind, ſtets fremde Geſichter zu ſehen, die bloß Denjenigen Dienſte leiſten, welche dieſelben wahrſcheinlich nie wieder in Anſpruch nehmen, die daher nothwendi⸗ ger Weiſe der Verantwortlichkeit und Annaͤherung, die ein bleibenderer Umgang mit ſich bringt, ent⸗ hoben ſind, lehrt den Eigennutz der menſchlichen Natur in ſeiner widrigſten Form kennen. Eine freundliche Miene mag allerdings aus Klugheit den Anſchlag auf die Taſche des Fremden verſchleiern, aber es liegt im Laufe der Dinge, daß dieſer An⸗ ſchlag vorhanden iſt. Die Habſucht, ſo wie jede andere Leidenſchaft waͤchſt durch Uebung, daher 4 hen uns Uten, als Ochſen us, um den Per⸗ rtrefflich und der keit ver⸗ Bahlens. enſchen⸗ ne milde ſtaͤndige d, ſtets rjenigen llich nie hwendi⸗ herung, t, ent⸗ chlichen Eine heit den hleiern, ſer An⸗ ie jede daher 15 ſind die Anwohner großer Heerſtraßen weit raub⸗ ſuͤchtiger, als diejenigen, in denen dieſes Laſter aus Mangel an Uebung ſchlummert. Das offene Geſicht, der Anſchein von Unab⸗ haͤngigkeit und das gerade Benehmen des Wirthes von Duͤrkheim buͤrgten dafuͤr, daß er uͤber die ge⸗ woͤhnlichen gewinnſuͤchtigen Anſchlaͤge ſeiner Ge⸗ werbsgenoſſen, welche in wenig beſuchten Plaͤtzen wohnen, und ſich an dem Gluͤcke zu raͤchen ſuchen, indem ſie jede Poſtkutſche als ein von Gott ge⸗ ſendetes Strandgut betrachten, erhaben ſei. Er lud uns ein, waͤhrend der Zeit des Pferdewechſelns in den Garten zu treten, und that dies auf eine Art, welche bewies, da er ſich uns bloß gefaͤllig erzeigen wollte, gleichviel ob wir eine Stunde oder eine Woche bleiben wuͤrden. Sein Benehmen war einfach, wohlwollend, natuͤrlich und einnehmend; es erinnerte uns ſtark an unſere Heimat, und er⸗ zeugte ſogleich jenes angenehme Vertrauen, das ſtets eine unſchaͤtzbare moraliſche Wirkung hervor⸗ bringt. Obſchon wir zu viel Erfahrung hatten, um in irgend einen Nationalcharacter unbedingten Glauben zu ſetzen, ſo that uns ſeine deutſche Treu⸗ herzigkeit doch wohl, beſonders aber die Reinlich⸗ keit und der behagliche Ueberfluß, der allenthalben 16 ſichtbar war, ohne mit jener ruhmredigen Auskra⸗ merei verbunden zu ſein, welche bei minder ein⸗ fachen Nationen dieſe Eigenſchaften neutraliſirt. Das Haus war keine Trink⸗ und Rauchcaravan⸗ ſerei, wie es die meiſten Gaſthoͤfe in dieſem Erd⸗ ſtriche ſind; dagegen gab es in dem Garten meh⸗ rere einzeln ſtehende Pavillons, wo der ermuͤdete Reiſende nach Bequemlichkeit der Ruhe pflegen konnte. Bei ſo vielem Anreize beſchloſſen wir, zu bleiben, und zauderten keinen Augenblick, dies un⸗ ſerem ehrenhaften Wirthe anzuzeigen. Er empfing unſeren Beſchluß mit der groͤßten Artigkeit, und aͤhn⸗ lich dem unſterblichen Falſtaff, begann ich zu hoffen, »in meinem Gaſthofe nach meiner Bequemlichkeit⸗ zu leben, ohne fuͤrchten zu muͤſſen, geprellt zu werden. Bald war die Kutſche unter dem Schoppen, und unſer Gexaͤcke in die Gemaͤcher gebracht. Die. Hausleute hatten zwar mit Vertrauen, wenn auch mit hinreichender Beſcheidenheit von dem Zuſtande der Speiſekammer geſprochen, dennoch dauerte es noch mehrere Stunden bis zur Eſſenszeit, was ganz im Einklang mit unſerer bisherigen Lebens⸗ weiſe war, obſchon wir haͤufig bemerkt hatten, daß in Deutſchland ein Mahl nie zur Unzeit koͤmmt. Ohn meh wurd und ſtand den? als n » derte keine eine 4 H kichert ten wi vielleic ton ge „E nung e Welche verain „.S vor der gehoͤrte deren E I. 17 Auskra⸗ Ohne verſchiedene Winke zu beruͤckſichtigen, die nder ein⸗ mehr aus Freundlichkeit als Gewinnſucht gegeben utraliſirt. wurden, nannten wir unſere gewoͤhnliche Eßſtunde, hcaravan⸗ und um das Geſpraͤch auf einen anderen Gegen⸗ ſem Erd⸗ ſtand zu lenken, ſagte ich: ten meh⸗»Wenn ich mich nicht irre, ſo habe ich auf ermuͤdete den Bergen in der Nachbarſchaft Ruinen geſehen, pflegen als wir in den Marktflecken fuhren.« wir, zu»Wir nennen Duͤrkheim eine Stadt«, erwie⸗ dies un⸗ derte der Wirth zum Ochſen,»und obſchon ſie empfing keine der groͤßten iſt, ſo war ſie doch zu ihrer Zeit und aͤhn⸗ eine Hauptſtadt.⸗ mhoffen, Hiebei biß der Wirth in ſein Pfeifenrohr und lichkeit⸗ kicherte, denn er war Mann genug, um von Staͤd⸗ ellt zu ten wie London, Paris, Peking und Neapel, ja. vielleicht ſogar von unſerer Bundesſtadt Waſhing⸗ hoppen, eon gehoͤrt zu haben. ht. Die»Eine Hauptſtadt!— Doch wohl nur die Woh⸗ an auch nung eines der kleineren Fuͤrſten, wie ich vermuthe. uſtande Welchem Geſchlechte gehoͤrte Ihr vormaliger Sou⸗ ierte es verain an?« , was»Sie haben Recht, mein Herr. Duͤrkheim war Lebens- vor der franzoͤſiſchen Revolution eine Reſidenz, und en, daß gehöͤrte den Fuͤrſten von Leiningen, die auf der an⸗ kaoͤmmt. deren Seite der Stadt einen Palaſt beſaßen, der . 2 18 in dem Kriege eingeaͤſchert wurde. Unſer Fuͤrſt wurde mediatiſirt, und erhielt eine Entſchaͤdigung an Guͤtern auf dem jenſeitigen Ufer des Rheins.⸗ Das Wort»mediatiſirt«, fuͤr welches es im Engliſchen kein gleichbedeutendes giebt, bedarf einer kleinen Erklaͤrung. Deutſchland, ſo wie ganz Europa, war in fruͤheren Zeiten in eine zahlloſe Menge kleiner Lehensfuͤrſtenthuͤmer und Herrſchaf⸗ ten zerſtuͤckelt. So wie Zufall, Schlauheit, Ver⸗ maͤhlungen oder Verraͤtherei die Macht der ſtaͤrke⸗ ren Fuͤrſten vergroͤßerte, verſchwanden entweder ihre ſchwaͤcheren Nachbaren gaͤnzlich, oder mußten in der neuen Ordnung der Dinge eine geringere Stel⸗ lung einnehmen. So vergroͤßerte ſich Frankreich allmaͤhlig durch die Bretagne, Burgund, Navarra, die Dauphins, Provence und Normandie; ſo ent⸗ ſtand England aus der Heptarchie. Das deutſche Bundesgebaͤude hat von dieſer Lehensorganiſation mehr oder weniger bis auf unſere Tage beibehal⸗ ten. Das Wachsthum der preußiſchen und oͤſter⸗ reichiſchen Monarchie verſchlang eine große Menge dieſer kleineren Fuͤrſtenthuͤmer, ſo wie Napoleons Politik allen in der unmittelbaren Nachbarſchaft des Rheines den Todesſtoß gab. Darunter be⸗ fanden ſich auch die Fuͤrſten von Leiningen, deren Beſitz dann endlich men, Herzo⸗ Deutſ Congr der Al ßerung Da die halten, denen und E „»medic zu ſein „D fort,» jenem wiſſen, und ein wahrſch wird.« »Ho auf irg Verbind ſer Fuͤrſt haͤdigung theins. ⸗ es es im arf einer die ganz zahlloſe derrſchaf⸗ it, Ver⸗ r ſtaͤrke⸗ eder ihre ißten in ere Stel⸗ ankreich kavarra, ſo ent⸗ deutſche niſation eibehal⸗ d oͤſter⸗ Menge poleons arſchaft er be⸗ deren 19 Beſitzungen urſpruͤnglich der franzoͤſiſchen Republik, dann dem Kaiſerreiche einverleibt worden ſind, und endlich unter den Scepter des Koͤnigs von Baiern ka⸗ men, weil er, als geſetzlicher Erbe des benachbarten Herzogthums Zweibruͤcken, in dieſem Theile von Deutſchland einen hinreichenden Kern beſaß, um den Congreß in Wien zu vermoͤgen, ſeine Beſitzungen in der Abſicht, eine Schranke gegen kuͤnftige Vergroͤ⸗ ßerungsplaͤne Frankreichs zu bilden, zu vermehren. Da die entthronten Souveraine ihren Rang beibe⸗ halten, und den regierenden Zweigen der verſchie⸗ denen fuͤrſtlichen Familien im Nothfalle Gatten und Gattinnen liefern duͤrfen, ſo ſcheint das Wort „mediatiſirt« auf ſie ziemlich gluͤcklich angewendet zu ſein. „»Der junge Fuͤrſt«, fuhr der Wirth zum Ochſen fort,»war erſt vor einer Woche hier, wohnte in jenem Pavillon und blieb mehrere Tage. Sie wiſſen, daß er ein Sohn der Herzogin von Kent, und ein Halbbruder der Prinzeſſin iſt, welche hoͤchſt wahrſcheinlich dereinſt Koͤnigin von England ſein wird.«. »Hat er hier noch Beſitzungen, oder ſteht er auf irgend eine Weiſe mit Ihrer Regierung in Verbindung?« 2* 20 Man hat ihn theils in Geld, theils durch Be⸗ D ſitzungen jenſeits des Rheines entſchaͤdigt. Er kam, 56 um die Ruinen der alten Burg zu beſehen, denn er ſagte hat einen natuͤrlichen Hang, jene Plaͤtze zu beſuchen, der nie wo ſeine Ahnen gewaltet haben.« weſen »So waren es alſo die Ruinen der Burg Lei⸗„»J ningen, welche ich, als wir in die Stadt fuhren, ſeine§ auf dem Berge ſah?« De 6»Nein, mein Herr. Sie haben die Ruinen der und er V Abtei Limburg geſehen. Die von Hartenſtein, denn lachen. ſo hieß die Burg, liegen etwas tiefer im Gebirge.⸗ jedes I »Was, eine verfallene Abtei, und auch eine Die verfallene Burg?— Da haben wir Beſchaͤftigung bracht. genug fuͤr den Reſt des Tages. Eine Abtei, und ſendet, eine Burg!« der Ha⸗ „»Und die Heidenmauer, und der Teufelsſtein!« warten. „»Wie! eine Heidenmauer und einen Teufelsſtein. zu thun Sie ſind reich an Merkwuͤrdigkeiten!⸗ ggriffe bi Der Wirth fuhr in philoſophiſcher Ruhe fort, eine gen Tabak zu ſchmauchen. Duͤ »Wiſſen Sie einen Fuͤhrer, der mir den kuͤrze⸗ Baiern. ſten Weg nach jenen Plaͤtzen zeigen kann?« geſonder »Jedes Kind kann das.« Rhein bi „Aber ich wuͤnſche Jemanden, der franzoͤſiſch reich erſt ſpricht, denn deutſch verſtehe ich nicht zum Beſten. nen. M urch Be⸗ Er kam, denn er beſuchen, zurg Lei⸗ fuhren, inen der n, denn ebirge.« ch eine ſtigung i, und ſtein!« lsſtein. e fort, kuͤrze⸗ öͤſiſch ſten«. 21 Der wuͤrdige Gaſtwirth nickte mit dem Kopfe. »Es lebt hier ein gewiſſer Chriſtian Kinzel“, ſagte er nach einigem Nachdenken,»ein Schneider, der nicht viele Kunden hat, aber in Frankreich ge⸗ weſen iſt. Der kann ihnen vielleicht von Nutzen ſein.⸗ »In jedem Falle wird es ihm von Nutzen ſein, ſeine Kniegelenke einmal wieder zu dehnen.« Dem Wirth vom Ochſen gefiel dieſer Einfall, und er legte ſeine Pfeife weg, um gemaͤchlich zu lachen. Seine Luſtigkeit kam von Herzen, wie die jedes Mannes ohne Falſch. Die Angelegenheit war bald in Ordnung ge⸗ bracht. Ein Bote wurde nach Chriſtian Kinzel ge⸗ ſendet, ich nahm meinen kleinen Reiſegefaͤhrten bei der Hand, und ging voran, um den Fuͤhrer zu er⸗, 4 4 warten. Da jedoch der Leſer viel mit den Plaͤtzen zu thun haben wird, die ich zu beſchreiben im B griffe bin, ſo ſcheint es wuͤnſchenswerth, daß er ſich eine genaue Ortskenntniß verſchaffe. Duͤrkheim liegt im Rheinkreiſe des Koͤnigreiches Baiern. Der Koͤnig dieſes Reiches hat in dieſem ab⸗ geſonderten Theile ſeiner Beſitzungen, der ſich am Rhein bis Rheinpreußen, und von Darmſtadt bis Frank⸗ reich erſtreckt, ungefaͤhr eine halbe Million Untertha⸗ nen. Man kann die Provinz in jeder Richtung mit der 1 22 Poſt in einem Tage durchkreuzen, ſo daß ihre Ober⸗ flaͤche ungefaͤhr um ein Drittel kleiner ſein mag, als die von Connecticut. Eine Reihe von Bergen, die den kleinen Auslaͤufern des Alleghanygebirges aͤhneln, und unter verſchiedenen Provinzialnamen bekannt, eigentlich aber ein Zweig der Vogeſen ſind, laufen vom Norden zum Suͤden faſt durch die Mitte der Provinz. Gegen Oſten dachen dieſe Berge ſteil ab, und begrenzen eine breite Ebene zwiſchen ihnen und dem Rhein. Dieſe Ebene, ein Theil der vormali⸗ gen Pfalz, ſetzt ſich jenſeits des Rheines fort, und endet an ihrer oͤſtlichen Grenze eben ſo ploͤtzlich, als an der weſtlichen. In gerader Richtung betraͤgt die Entfernung zwiſchen Heidelberg und Duͤrkheim, die einander gegenuͤber an den Grenzen der Ebene lie⸗ gen, etwas uͤber zwanzig Meilen, und der Rhein iſt von beiden Staͤdten gleich weit entfernt. Es geht die nicht unwahrſcheinliche Sage, daß dieſe Ebene der Rheinpfalz einſt ein See war, welcher die Waſ⸗ ſermaſſen des Rheins empfing, und die dann durch einen unterirdiſchen Abzug wieder abfloſſen, bis die Zeit oder ein Erdbeben die Bergkette bei Bingen durch⸗ brach, die Gewaͤſſer nordwaͤrts abſtroͤmten, und die fruchtbare Ebene ſich bilden konnte. In der Naͤhe von Duͤrkheim giebt es unfoͤrmliche Sandhuͤgel, welche vorherꝛ ter auf gengeſe Berge reichen und die Ein den R ſen ver heim it der B auf de entlang ſich eb bruͤcken Beſatz rechtes Anrech Durcht als ihr Ungnaĩ Gl und me ſchlucht dre Ober⸗ mag, als gen, die aͤhneln, bekannt, laufen kLitte der ſteil ab, den und ormali⸗ rt, und ich, als aͤgt die m, die ne lie⸗ Rhein s geht Ebene Waſ⸗ durch is die durch⸗ nd die Naͤhe uͤgel, welche dieſe Sage zu beſtaͤtigen ſcheinen, denn die vorherrſchenden Nordwinde konnten den Sand leich⸗ ter auf der ſuͤdweſtlichen Seite als an dem entge⸗ gengeſetzten Ufer aufhaͤufen Der oͤſtliche Abhang der Berge, oder die der Ebene zugekehrte Seite iſt hin⸗ reichend zerriſſen und unregelmaͤßig, um ſchoͤn zu ſein, und die Ebene erſcheint allenthalben ſcharf begrenzt. Einer der Paͤſſe, welcher ſeit undenklichen Zeiten den Rhein mit dem Lande weſtlich von den Voge⸗ ſen verbindet, fuͤhrt durch die Schlucht von Duͤrk⸗ heim in die Ebene. Indem man den Windungen der Bergthaͤler folgt, fuͤhrt die Straße allmaͤhlig auf den hoͤchſten Ruͤcken, laͤuft den Waſſerzuͤgen entlang, die ſich in die Moſel ergießen, und ſenkt ſich eben ſo allmaͤhlig in das Herzogthum Zwei⸗ bruͤcken auf der anderen Seite des Berges. Der Beſatz dieſes Engpaſſes gab in den Zeiten des Fauſt⸗ rechtes natuͤrlich an und fuͤr ſich ſelbſt ſchon ein Anrecht auf Auszeichnung und Macht, da alle Durchreiſenden, ſowohl in Betreff ihrer Perſonen als ihrer Waaren, dem Beſitzer auf Gnade oder Ungnade verfallen waren. Gleich außerhalb der Stadt drangen wir, ich und mein junger Gefaͤhrte, ſogleich in die Gebirgs⸗ ſchlucht ein. Der Paß ſelbſt iſt ſehr enge, oͤffnet Stunde breit iſt, und woraus drei Wege fuͤhren, von denen nur ein einziger eine kurze Strecke den Charakter einer Schlucht beibehaͤlt. Der Flaͤchenin⸗ hast des Thales oder Beckens, das es zur Zeit, als die Pfalz ein See war, geweſen ſein muß, wird durch einen einzelnen Berg, der im Mittelpuncte deſſelben ſteht, und ein Viertheil ſeiner Oberflaͤche bedeckt, ſehr vermindert. Zuverlaͤſſig iſt dieſer Berg eine Inſel geweſen, als das Thal noch eine ab⸗ geſchiedene Bucht war. Sein Gipfel iſt ziemlich eben, und enthaͤlt ſechs bis acht Morgen Land. Hier ſtanden die Ruinen von Limburg, der Zweck unſeres Beſuches. Der Berg erhebt ſich ſehr ſteil, und iſt einige hundert Fuß hoch; roͤthlicher Sandſtein erſcheint allenthalben auf dem nur duͤng mit Erde bedeckten Boden, und die Sonne Fallte mit ganzer Kraft von dem Felſen zuruͤck, ſo daß ich bereits die Be⸗ ſchwerden des Weiterſteigens gegen den moͤglichen Genuß abwog, als der Schneider mit allem Eifer friſchen Muthes ſich naͤherte. „Hier iſt Chriſtian Kinzel«, rief mein Gefaͤhrte aus, den alles Neue reizte, und der, ſo jung er war, die Alpen, die Apenninen, den Jura, die Berge ſich jedoch bald in ein Thal, das ungefaͤhr eine von C was ſ gen he˖ W indem die ab bepflar hoͤchſte aber es Bergfl malige Mauer aber w baut. malige Unaͤhn! Rheine und bef von es giebt. das Re kloͤſterlie fenbar Spuren von kir aͤhr eine fuͤhren, recke den aͤchenin⸗ beit, als 3, wird lpuncte erflaͤche r Berg ne ab⸗ eemlich Land. Zweck einige cheint eckten Kraft Be⸗ ichen Eifer hrte er erge von Calabrien, und Thurm, Denkmahl, Dom, oder was ſonſt in die hoͤhere Luft empor fuͤhrte, beſtie— gen hatte.—»Vorwaͤrts! Aufwaͤrts!« Wir kletterten den Berg empor, und erreichten, indem wir uns zwiſchen terraſſenfoͤrmigen Abfaͤtzen, die abwechſelnd mit Wein⸗ und Kuͤchengewaͤchſen bepflanzt waren, aufwaͤrts wanden, bald deſſen hoͤchſte Hoͤhe. Die Ausſicht von da war entzuͤckend; aber es waͤre zu fruͤh, ſie zu beſchreiben. Die ganze Bergflaͤche trug hinreichende Spuren, um den ehe⸗ maligen Umfang der Abtei erkennen zu laſſen. Eine Mauer umſchloß das Ganze, die Hauptgebaͤude aber waren am Rande des oͤſtlichen Abhanges er⸗ baut. Noch immer ſtand genug, um fuͤr die vor⸗ malige Herrlichkeit des Baues Zeugniß abzulegen. Unaͤhnlich den meiſten Ruinen an den ufern des Rheines, war das Mauerwerk kunſtgerecht, maſſiv, und beſtand aus ſchoͤn behauenen Sandſteinen, wo⸗ von es in der ganzen Gegend unermeßliche Lager giebt. Ich fand die ziemlich wohlerhaltene Capelle, das Refectorium, dieſe nie ermangelnde Troͤſtung kloͤſterlicher Einſamkeit, mehrere Gemaͤcher, die of⸗ fenbar zu Schlafſaͤlen gedient hatten, und einige Spuren der Kreuzgaͤnge. Auch ein hoher Thurm von kirchlicher Form ſtand noch, um den Ruinen 26 als unterſcheidendes Merkmal zu dienen. Er war verſchloſſen, um Muͤſſiggaͤngern keine Gelegenheit zu geben, ihre Haͤlſe zu brechen; allein daß vorher geweihte Glocken auf ihm hingen, unterliegt keinem Zweifel. Ferner iſt noch ein herrlicher Kreuzbogen vorhanden, allein die loſen Steine bedrohen das Leben eines Jeden, der ſich unter denſelben wagt. Ich wandte mich von der Ruine ab und uͤber⸗ ſah das Thal ringsum. Ein lieblicherer Anblick in ſolcher Naͤhe laͤßt ſich kaum denken. Jener Zwang der Nothwendigkeit, der die Menſchen ſelbſt ein kaͤrgliches Geſchenk lieben lehrt, hat die Einwohner vermocht, jeden Fußbreit Landes ſo ſehr als moͤg⸗ lich zu benutzen. Kuͤrzer konnte keine Schweizer⸗ alpe gemaͤht ſein als die Wieſen zu meinen Fuͤßen, und ſehr wohl hatte man ein Paar Baͤche, welche dieſelbe durchſchlaͤngeln, verwendet. Das Wehr ei⸗ ner laͤndlichen Muͤhle hatte das Waſſer zuruͤck in einen kleinen See gedraͤngt, und irgend ein eifriger Verehrer des Neptuns an deſſen Ufern ein Bier⸗ haus zum»Anker⸗ errichtet. Den Hauptgegenſtand bildeten aber, wenn man die Augen nach der hoͤher liegenden Gegend kehrte, die Ruinen eines Schloſ⸗ ſes, welche auf einer von der Natur geſchaffenen Terraſſe, oder vielmehr auf dem Felſenvorſprung eines ter de weit offenl den durft, um tenſte als d Jahr! des C meiſte ſpring brauch der C den 2 fahr ſ N Gegen fragte und de Berge einen unſerer nen T Er war legenheit ß vorher t keinem uzbogen hen das vagt. id uͤber⸗ tblick in Zwang bſt ein wohner 8 moͤg⸗ weizer⸗ Fuͤßen, welche ihr ei⸗ uͤck in ffriger Bier⸗ ſtand hoͤher chloſ⸗ fenen rung 2 — eines der naͤchſten Berge lagen. Unmittelbar un⸗ ter den Mauern deſſelben, nicht einen Bogenſchuß weit entfernt, ging die Straße. Die Stellung war offenbar ſo gewaͤhlt, um den Weg, den die Reiſen⸗ den nahmen, vollkommen zu beherrſchen. Es be⸗ durfte daher der Verſicherung des Fuͤhrers nicht, um mich zu uͤberzeugen, daß ich die Burg Har⸗ tenſtein ſah. Die Truͤmmer waren noch maſſiver als die der Abtei, und offenbar in verſchiedenen Jahrhunderten gebaut; denn waͤhrend manche Theile des Gebaͤudes roh und unregelmaͤßig waren, wie die meiſten Bauten des Mittelalters, gab es vor⸗ ſpringende, mit Schießſcharten verſehene, zum Ge⸗ brauch der Artillerie eingerichtete Thuͤrme. Eines der Geſchuͤtze, wenn wohl gerichtet, mochte wohl den Berg der Abtei treffen, aber mit geringer Ge⸗ fahr ſelbſt fuͤr Ruinen. Nachdem ich uͤber eine Stunde die verſchiedenen Gegenſtaͤnde dieſer lieblichen Gegend betrachtet hatte, fragte ich unſeren Fuͤhrer nach der Heidenmauer und dem Teufelsſtein. Beide befanden ſich auf dem Berge auf der anderen Seite des kleinen Sees, einen Flintenſchuß von der Abtei entfernt. Aus unſerem jetzigen Standpuncte konnte man ſogar ei⸗ nen Theil der Heidenmauer ſehen, und der ver⸗ 28 worrene Bericht des kleinen Schneiders vermehrte nur unſere Begierde, ſie zu beſichtigen. Wir hatten uns bei unſerer Abreiſe mit Poſt⸗ und Landcharten verſehen. Zufaͤllig hatte ich eine bei mir, obſchon wir von ihr ſo wenig Belehrung erwarteten, daß ſie bis jetzt noch nicht einmal geoͤffnet worden war. Jetzt jedoch zog ich ſie zu Rathe, und fand, daß Duͤrkheim und ſeine Alterthuͤmer der Aufmerkſam⸗ keit der Reiſenden nicht entgangen waren. Die Heidenmauer war darin als der Fleck angegeben, wo Attila den Winter zubrachte, bevor er uͤber den Rhein ſetzte, um ſeinen beruͤhmten Zug gegen die Hauptſtadt der Welt zu unternehmen. Die Mauer ſelbſt war von ſeinen Feinden errichtet worden. Man hielt ſie naͤmlich fuͤr die Ueber⸗ reſte eines roͤmiſchen Lagers, fuͤr eines jener vor⸗ geſchobenen Werke, wodurch die Barbaren in Zaum gehalten wurden, und deren ſich die Hunnen ſelbſt bei ihrem Zuge nach dem Suͤden gelegentlich mit ſo viel Klugheit bedienten. Den Teufelsſtein hielt man fuͤr einen natuͤrlichen Fels in der Nach⸗ barſchaft des Lagers, worauf die Heiden geopfert haben ſollen. Wir ſetzten die, ihrer Schneiderwerk⸗ ſtattfeſſeln befreieten Beine unſers Fuͤhrers in Be⸗ wegung, um uns an einen Ort zu geleiten, wo ſo Viele 2 gen, er ur wir g zaͤhlte Moͤn trag! dem verloc indem erricht ken w und d Satan Sagen feind rem G iſt. V ner get eifrig a bengebe war; o dungen ſchrieben dermehrte ir hatten dcharten obſchon en, daß en war. d, daß erkſam⸗ Die egeben, er den gegen Die richtet Ueber⸗ vor⸗ in nnen ttlich ſtein kach⸗ ofert derk⸗ Be⸗ ſo 29 Vieles unſere Neugierde zu befriedigen verſprach. Waͤhrend wir den Berg der Abtei hinunter ſtie⸗ gen, verkuͤrzte Chriſtian Kinzel unſeren Weg, indem er uns die Landesſagen in Betreff der Plaͤtze, wo wir geweſen waren, und die wir ſehen wuͤrden, er⸗ zaͤhlte. Daraus ging hervor, daß die frommen Moͤnche, als ſie ihre Kloͤſter gruͤndeten, einen Ver⸗ trag mit dem Teufel ſchloſſen, um die Steine zu dem ausgedehnten Bau herbei zu ſchaffen. Man verlockte den boͤſen Geiſt zu einem Werke der Art, indem man ihm vorſpiegelte, eine große Schenke zu errichten, wo große Quantitaͤten Wein ausgetrun⸗ ken werden ſollten, welche den Verſtand umnebeln, und die unbeſchuͤtzte Seele den Verſuchungen des Satans Preis geben wuͤrden. Aus den rheiniſchen Sagen kann man erſehen, daß die Moͤnche den Erz⸗ feind oft uͤberliſteten, aber nie vielleicht mit groͤße⸗ rem Gluͤck, als bei dem Vertrage, wovon die Rede iſt. Vollkommen durch die Liſt der frommen Maͤn⸗ ner getaͤuſcht, machte ſich der Vater der Suͤnden ſo eifrig an das Werk, daß die Abtei mit ihren Ne⸗ bengebaͤuden in unglaublich kurzer Zeit vollendet war; ein Umſtand, den Diejenigen, welche ihn ge— dungen hatten, einem Wunder reinerer Art zu⸗ ſchrieben. Aren Berichten zufolge wurde der Be⸗ 3⁰ trug ſo trefflich vollfuͤhrt, daß der Teufel erſt dann die eigentliche Beſtimmung des Gebaͤudes ahnte, als die Glocken der Abtei bereits zum Gebete laͤu⸗ teten. Dann aber kannte ſeine Entruͤſtung keine Grenzen; er eilte dem Felſen zu, wollte denſelben entwurzeln, und Kirche und Abtei und Moͤnche un⸗ tér ihm begraben. Der Fels war aber zu feſt, um ſelbſt von dem Teufel verruͤckt werden zu koͤnnen, und der Verſucher wurde durch das Gebet der frommen Moͤnche, die nach ihrer Weiſe jetzt erſt in das Feld ruͤckten, gezwungen, dieſen Theil des Lan⸗ des mit Schmach und Schande zu verlaſſen. Dem Neugierigen werden noch jetzt verſchiedene Spuren in dem Felſen gezeigt, welche von den Anſtrengun⸗ gen des Boͤſen zeugen, namentlich der Platz, wo er ſich, erſchoͤpft vor Ermuͤdung, niedergelaſſen haben ſoll. Ja die Scharfſinnigeren machen ſogar die laͤngliche Hoͤhlung bemerklich, in welcher ſein Schweif gelegen haben ſoll, als er auf ſeiner Fel⸗ ſenſpitze die Pille bitteren Aergers hinunter wuͤrgte. Wir befanden uns an dem Fuße des zweiten Berges, als Chriſtian Kinzel ſeine Erklaͤrung been⸗ digt hatte. — „Dies alſo iſt die Sage der Duͤrkheimer in Be⸗ dem des F der e dem geſcht Mau vorha in u Inner feſten Der Fichte merkte lung: erſt dann es ahnte, ebete laͤu⸗ ung keine denſelben oͤnche un⸗ feſt, um koͤnnen, zebet der zt erſt in des Lan⸗ 1. Dem Spuren ſtrengun⸗ t, wo er n haben ogar die her ſein iner Fel⸗ wuͤrgte. zweiten ag been⸗ in Be⸗ 31 treff des Teufelsſteines?« bemerkte ich, waͤhrend ich die Hoͤhe mit den Augen maß. »So wenigſtens erzaͤhlt man ſie in meiner Va⸗ terſtadt«, erwiederte der Schneider,»es giebt jedoch Leute, die an dieſelbe nicht glauben.« Mein kleiner Reiſegefaͤhrte lachte, und ſeine Augen glaͤnzten voll freudiger Erwartung. »Vorwaͤrts! Aufwaͤrts!« rief er—»wir wol⸗ len doch dieſen Teufelsſtein ſehen.⸗ Nicht all zu lange darauf befanden wir uns in dem alten Lager. Es ſtand auf einem Vorſprung des Felſens, einer Art natuͤrlicher Baſtei, die von je⸗ der Seite, mit Ausnahme derjenigen, wo ſie mit dem Berge zuſammenhing, durch ſteile Abhaͤnge geſchuͤtzt war. Es waren Truͤmmer einer runden Mauer von ungefaͤhr halbſtuͤndiger Ausdehnung vorhanden, die Steine lagen an der aͤußeren Seite in unordentlichen Haufen uͤbereinander, und im Innern gewahrte man manche Spuren von Grund⸗ feſten und Mauern, die den Platz durchſchnitten. Der ganze Raum war mit einem Anwuchs dunkler Fichten bedeckt. Auf der Seite gegen den Berg be⸗ merkte man die Spuren eines Grabens, der die Stel⸗ lung noch feſter machte. 32 Der Teufelsſtein war ungefaͤhr tauſend Schritte von dem Lager entfernt. Es iſt ein verwitterter Fels, der ſein kahles Haupt auf einer der hoͤheren Bergſpitzen emporhebt. Ich ließ mich auf dem hoͤchſten Puncte nieder, und vergaß uͤber dem An⸗ ſchauen der Gegend der Ermuͤdung, die das Klet⸗ terrn verurſacht hatte. Die Pfalz lag, ſo weit das Auge reichte, vor mir. Hier und da ſchimmerten der Rhein und der Neckar wie Silberſtreifen durch das Gruͤn der Flu⸗ ren, und Thuͤrme von Staͤdten und Flecken, von Mannheim, Speier, Worms, von zahlloſen Döͤr⸗ fern und Edelſitzen ſah man in ſolcher Menge, wie Graͤber an der appiſchen Straße. Einige graue Ruinen kroͤnten die Berge von Baden und Darm⸗ ſtadt, waͤhrend man in der Ferne das Heidelberger Schloß in ſeinem romantiſchen Thale erblickte, ernſt, fuͤrſtlich, prachtvoll. Die Landſchaft war deutſch, und was die Werke von Menſchenhaͤnden betraf, etwas gothiſch; es fehlte ihr die Waͤrme der e bung, die herrlichen Umriſſe und die verfuͤhreriſche Schoͤnheit Italiens, die Groͤße der Schweizer Thaͤ⸗ ler und Gletſcher; aber dafuͤr war ſie ein vollen⸗ detes Bild der Fruchtbarkeit und des Fleißes, ver⸗ ſchoͤnert durch eine Menge nuͤtzlicher Gegenſtaͤnde. U Denk lenkte und! ſchen⸗ Aberg Land nach ren u das C begab und Natur leichtf ſeinen Liebe und ſ und v ſucht, eigene im S Das Mitte! Die d Erfahn 1. end Schritte verwitterter der hoͤheren dauf dem r dem An⸗ das Klet⸗ eichte, vor in und der n der Flu⸗ cken, von oſen Doͤr⸗ enge, wie ige graue d Darm⸗ idelberger ete, ernſt, deutſch, 1 betraf, der Faͤr⸗ hreriſche her Thaͤ⸗ vollen⸗ 's, ver⸗ aͤnde. 33 Umgeben, wie ich war, von ſo vielen beredten Denkmaͤhlern des Fortſchreitens der Civiliſation, lenkten ſich meine Betrachtungen auf die Schwaͤche und Natur, auf Wachsthum und Ehrgeiz des Men⸗ ſchengeiſtes. Der Fels erinnerte mich an fanatiſchen Aberglauben und niedrige Unwiſſenheit, als das Land noch ein einziger Forſt war, den der Jaͤger nach Belieben durchzog, und mit den wilden Thie⸗ ren um die Herrſchaft der Gegend ſtritt. Doch war es das Ebenbild Gottes, und zuweilen mochte ein reich⸗ begabter Geiſt das Dunkel ſeiner Zeit durchdringen und die ewige Wahrheit ehren, welche die ganze Natur beſeelt. Dann kam der Roͤmer mit ſeinen leichtfertigen Goͤttern, ſeiner prunkenden Philoſophie, ſeinen zahlreichen und erborgten Kuͤnſten, ſeiner Liebe zum Glanz, ſo groß in ihren Wirkungen, und ſo ſchmutzig und ungerecht in ihren Mitteln, und vor Allem mit ſeiner thurmhohen Eroberungs⸗ ſucht, die ſeine Hoffnungen auf dem Meere der eigenen Unermeßlichkeit vernichtete, und ſchließlich im Sturze die Falſchheit ſeines Syſtemes offenbarte. Das Denkmahl in meiner Naͤhe zeigte mir die Mittel, wodurch er ſeine Macht errang und verlor. Die Barbaren lernten in der bitteren Schule der Erfahrung ihre Rechte zuruͤck erobern, und auf⸗ I. 3 zu ſetzen. in Streit; 7 34 [—C—C—C—C—C—C—C—˖—˖—— geregt wie ich war, glaubte ich die Hunnen zu ſe⸗ hen, wie ſie in dieſes Lager ſtroͤmten, und aus der Kunſt des Feindes die Mittel zum eigenen Siege entnahmen. Die Nebelgeſtalten, welche ſich nun voruͤber draͤngten, waren ein paſſendes Sinnbild der unmit⸗ telbar darauf folgenden Zeit. Aus dieſer Dunkel⸗ 4 heit erhoben ſich nach der langen und glorreichen Regierung Karls des Großen die Burgen der Ba⸗ 1 rone mit ihrer, dem Lehnsſyſteme entſproſſenen Gewaltherrſchaft, dieſer Mutter zahlloſer Uebel. Dann kam die Abtei, dieſer Auswuchs jener milden Religion, ihrem Sonnenſtrahl den kuͤnſtlichen Glanz des Goͤ⸗ tzendienſtes zu verſcheuchen, der das Tageslicht aus⸗ ſchloß, um Trug und Taͤuſchung an deſſen Stelle Hierauf begann der Kampf zwiſchen 3 zwei entgegengeſetzten Elementen, der noch immer nicht voruͤber iſt,— der Kampf zwiſchen der Macht der Erkenntniß und phyſiſcher Staͤrke. Jene, weder rein noch vollkommen, ließ ſich zu Liſt und Trug herab, waͤhrend dieſe zwiſchen der Furcht vor un⸗ bekannten Dingen und der Liebe zur Herrſchaft hin und her ſchwankte. Moͤnch und Baron geriethen die auf der Erde erſchienen war, um mit jener zweifelte insgeheim an der Wahr⸗ 2 — heit d vor d Schw zu we Feind rigen D meine Felſen ſo ebe naue Teufel amerik war, ſelben oder ſe franzoͤſ braucht ſeinen den H Presby zu find denn v ſeinen l Entdeck nen zu ſe⸗ d aus der len Siege voruͤber er unmit⸗ Dunkel⸗ lorreichen der Ba⸗ vroſſenen r Uebel. r milden um mit des Goͤ⸗ cht aus⸗ Stelle wiſchen immer Macht „weder d Trug dor un⸗ aft hin riethen Wahr⸗ 35 heit des Glaubens, den er bekannte, dieſer zitterte vor den Folgen der Wunden, die er mit ſeinem Schwerte ſchlug; der eine wußte zu viel, der andere zu wenig, und beide waren die Beute der raſtloſen Feinde des Menſchengeſchlechtes, naͤmlich der gie⸗ rigen Leidenſchaften. Das Gelaͤchter meines jungen Gefaͤhrten zog meine Aufmerkſamkeit auf das, was am Fuße des Felſens vorging. Er und Chriſtian Kinzel hatten ſo eben zu ihrer beiderſeitigen Zufriedenheit die ge⸗ naue Lage ausgemittelt, welche der Schweif des Teufels einſt einnahm. Ein paſſenderes Bild ſeines amerikaniſchen Vaterlandes, als dieſer Juͤngling war, konnte auf der ganzen, weiten Oberflaͤche deſ⸗ ſelben nicht gefunden werden. Außer dem engliſchen oder ſaͤchſiſchen Hauptſtamme, rann in ſeinen Adern franzoͤſiſches, ſchwediſches, hollaͤndiſches Blut. Er brauchte nicht allzuweit zuruͤck zu gehen, um unter ſeinen Voraͤltern den friedlichen Gefaͤhrten Penn's, den Hugenotten, den Anhaͤnger der Stuarte, den Presbyterianer, den Juͤnger Luthers und Calvin's zu finden. Der Zufall hatte die Aehnlichkeit erhoͤht, denn von Kindheit an auf Reiſen, mengte er in ſeinen luſtigen Bemerkungen uͤber die eben gemachte Entdeckung alle Sprachen durch einander. Die 3* Richtung, welche meine Gedanken bei ſeinem An⸗ blicke nahmen, war ganz natuͤrlich. Ich gedachte Amerika's, und der langen und geheimnißvollen Ver⸗ borgenheit eines ſo großen Theiles der Erde vor der uͤbrigen civiliſirten Welt, gedachte ſeiner Entde⸗ 1 ckung und Anſiedelung, der Buͤrgerkriege, Unter⸗ druͤckungen und Ungerechtigkeiten, welche Menſchen aus allen Nationen an ſeine Kuͤſten trieben; der 7 Wirkungen dieſer Reibungen aller Gewohnheiten und Meinungen, ohne durch Sitten und Geſetze ſelbſtiſchen Urſprungs gefeſſelt zu ſein; der religioͤſen und buͤrgerlichen Freiheit, die ſich daraus entwickelte, des neuen, aber unwiderleglichen Grundſatzes, auf welchem ſeine Regierung beruht; der ſtillen Ein⸗ wirkung dieſes Beiſpiels auf beide Hemiſphaͤren, von denen die eine die Einrichtungen bereits nach⸗ geahmt hat, welche die andere zu erringen ſtrebt; und aller der unermeßlichen Folgen dieſer unerforſch⸗ lichen und großen, von der Vorſicht beſchloſſenen Bewegung. Vielleicht haͤtten ſich meine Gedanken dem Erhabenen genaͤhert, wenn Chriſtian Kinzel ſie nicht unterbrochen haͤtte, indem er den Ort zeigte, wo der Teufel in ſeinem ſtampft haben ſoll. 4 Mhheunseee eneuee em An⸗ gedachte en Ver⸗ vor der Entde⸗ Unter⸗ tenſchen in; der nheiten Geſetze ligioͤſen vickelte, e8, auf n Ein⸗ phaͤren, 3 nach⸗ ſtrebt; erforſch⸗ loſſenen ꝛdanken nzel ſie zeigte, uße ge⸗ 37 Wir verließen den Fels, um nach Duͤrkheim zu⸗ ruͤck zu kehren. Auf unſerem Wege ergoß ſich der Schneider in manchen philoſophiſchen Bemerkun⸗ gen, die ihm hauptſaͤchlich von ſeiner Lage,— ſaure Muͤhe und wenig Brot!— eingegeben wurden. Seiner Anſicht nach iſt die Arbeit viel zu wohlfeil, Brot und Wein dagegen viel zu theuer. Bis zu welcher Tiefe er ſeine auf ſo natuͤrlichen Grund⸗ ſaͤtzen beruhenden Anſichten verfolgt haͤtte, iſt un⸗ moͤglich zu ſagen, denn der Juͤngling erhob ploͤtzlich Zweifel uͤber die vermeintliche Laͤnge des Schweifes des Teufels. Er hatte den Jardin des Plantes zu Paris beſucht, hatte die Kaͤnguruhs und die zoo⸗ logiſchen Gaͤrten zu London geſehen, war mit den Bewohnern verſchiedener Karavanen, die er zu Rom, Neapel, Dresden und in anderen Hauptſtaͤd⸗ ten getroffen, vertraut, ja mit den Baͤren zu Bern hatte er eine Art freundlicher Beſuchsbekanntſchaft geſchloſſen. Auch hatte er einige Begriffe von der Analogie der Dinge, und konnte ſich durchaus an kein Thier erinnern, das mit einer ſo großen Ver⸗ laͤngerung des Ruͤckgrathes verſehen waͤre, wie Chri⸗ ſtian Kinzel dieſelbe in der Rinne auf dem Teufels⸗ ſtein nachgewieſen hatte. Waͤhrend der lebhafteſten 38 Eroͤrterung dieſer ſchwierigen Streitfrage erreichten Ent wir den Gaſthof. ſen Der Wirth zum Ochſen hatte uns in nichts ge⸗ burg taͤuſcht. Die Speiſen waren vortrefflich und im kern verſchwenderiſchen Ueberfluſſe vorhanden. Die Fla⸗ ſche alten Duͤrkheimers haͤtte zu London oder Neu⸗ York fuͤr Johannisberger oder Steinwein gegolten, und die einfache, herzliche Artigkeit, womit wir be⸗ V dient wurden, erhoͤhte den Genuß. Es waͤre ſehr ſelbſtiſch geweſen, wenn wir un⸗ ſern Leib geſtaͤrkt haͤtten, ohne nach ſo vielen Stun⸗ den ſtarker Bewegung in der ſcharfen Gebirgsluft des Schneiders zu gedenken. Auch er erhielt ſeinen Becher und ſeinen Antheil am Mahle, und nach⸗ dem er Leib und Seele geſtaͤrkt hatte, hielten wir eine Conferenz, wozu auch der wuͤrdige Poſtmeiſter gelaſſen wurde. . Die folgenden Blaͤtter ſind das Ergebniß der 5 Verſammlung in der Gaſtſtube zum Ochſen. Sollte iirgend ein verſchimmelter, deutſcher Alterthumsfor⸗ ſcher einen unbedeutenden Fehler in der Zeitrech⸗ nung, einen in der Ordnung der Ereigniſſe unrich⸗ tig angefuͤhrten Namen, oder einen Moͤnch entde⸗ cken, der zu fruͤh aus dem Fegefeuer herauf beſchwo⸗ ren wurde, ſo ſei er hiemit gebeten, ſeine gerechte reichten Entruͤſtung auf Chriſtian Kinzel auszuſchuͤtten, deſ⸗ en Leib und Seele der heilige Benedict von Lim⸗ chts ge⸗ burg in Gnaden, jetzt und immer, vor allen Kriti⸗ und im kern bewahren moͤge. die Fla⸗ r Neu⸗ egolten, wir be⸗ vir un⸗ Stun⸗ rgsluft ſeinen nach⸗ en wir meiſter iß der Sollte msfor⸗ eitrech⸗ inrich⸗ entde⸗ ſchwo⸗ erechte Die Heidenmauer. Erſtes Capitel. Der Leſer moͤge ſich als Eroͤffnungsſcene ein enges, abgeſchiedenes Thal denken. Es war eben die Zeit, in welcher der Tag ſeine Macht verliert, das Licht nur mehr die hoͤheren Gegenſtaͤnde trifft, 1 und ihnen eine Faͤrbung giebt, gleich als betrachtete man ſie durch ein etwas dunkles Glas. Dieſe Ei⸗ genthuͤmlichkeit der Atmoſphaͤre, obſchon ſie im Som⸗ mer und Herbſt taͤglich vorkoͤmmt, iſt eine Quelle unerſchoͤpflichen Genuſſes fuͤr den wahrhaften Be⸗ wunderer der Natur. Die Farbe, welche hier ge⸗ meint iſt, war kein welkes Gelb, ſondern jener ſanf⸗ te, glorreich⸗ernſte Schein, welcher Berg und Forſt, Baum und Thurm, Strom und Flur jene liebli⸗ chen Tinten mitheilt, die dem Schluſſe des Tages 4 ſeinen milden, zur Ruhe einladenden Reiz verleihen. Die untergehende Sonne erleuchtete mit ihren ſchief — telput hund Man mitte dunke bald welch terlan friſch der fehlte 41 herſchießenden Strahlen den Strich einer Wieſe, die in einem ſo tiefen Thale lag, daß ſie nur der eigenthuͤmlichen Bildung der benachbarten Hoͤhen, dieſes Abſchiedslaͤcheln des Tagesgeſtirnes verdankte. „Da war ein fernes Bergeshaupt, das die Heerden abgeweidet und befruchtet hatten; ein Bach, der tief unten zwiſchen Buͤſchen murmelte; ein enger Pfad, mehr von Hufen ausgetreten, als von Waͤ⸗ gen ausgefahren; und ein weiter Forſt, der in Wel⸗ eene ein lenſchwingungen dem Blick entging, und einen mei⸗ ar eben lenweiten Bergesjagdgrund bedeckte, den ſelbſt die verliert, Sage nicht bevoͤlkert hatte. Es war ein ſo einſa⸗ ſe trifft, mer Platz, wie nur immer in einer amerikaniſchen trachtete Wildniß, waͤhrend er ſich im Gegentheile im Mit⸗ dieſe Ei⸗ telpunkte Europa's befand, und das ſechzehnte Jahr⸗ Som⸗ hundert uͤber ihm aufgegangen war. Trotz des Quelle Mangels an Wohnungen und anderen Zeichen un⸗ ten Be⸗ mittelbarer Menſchennaͤhe, trotz des dichten Wald⸗ hier ge⸗ dunkels, wuͤrde doch das Auge eines Amerikaners er ſanf⸗ bald die charakteriſtiſchen Merkmale entdeckt haben, d Forſt, welche dieſen Strich von den Wildniſſen ſeines Va⸗ e liebli⸗ terlandes unterſcheiden. Zwar waren die Baͤume Tages friſch und hochſtaͤmmig, aber es fehlte das Moos erleihen. der Jahrhunderte, es fehlten die hohen Felſengipfel, en ſchief fehlte die naturgemaͤße Wildheit der amerikaniſchen Continentalforſte. Nirgends ein modernder Stamm dort, wo er umgeſunken war, kein Aſt war von dem Winde gebrochen und vergeſſen worden, kein ent⸗ wurzelter Strunk deutete auf die Unachtſamkeit der Menſchen gegen dieſen wichtigen Theil der Vegeta⸗ tion. Hie und da bemerkte man eine Art von Be⸗ ſen, wie ſie zuweilen auf den Schiffsmaſten zu ſe⸗ hen ſind, auf irgend einem Baum an einem hohen Punkte; dies waren Grenzmarken, welche die Be⸗ zirke Derjenigen, die das Recht, zu faͤllen, beſaßen, ſchieden;— ein ſicheres Anzeichen, daß der Menſch vorlaͤngſt ſeine Herrſchaft uͤber dieſe duͤſteren Huͤgel ausgedehnt hatte, und daß ſie trotz ihrer Abgeſchie⸗ denheit allen Einſchraͤnkungen, Abtheilungen und Plackereien, welche in volkreichen Gegenden vom Eigenthumsrechte unzertrennlich ſind, unterworfen waren. Eine Stunde vor Eroͤffnung unſerer Geſchichte ſoͤrte, mit Ausnahme des Gemurmels eines Ba⸗ ches, nichts die Ruhe des ſtillen kleinen Thales, wenn ein ſo enger und wilder Schlund dieſen Na⸗ men wirklich verdient. Weder ein Vogel flatterte unter den Baͤumen, noch ſchwebte ein Falke uͤber den Hoͤhen. Einmal, und zwar nur fuͤr einen Au⸗ genblick, wagte ſich ein Rehbock von ſeinem Lager, um aus dem Baͤchlein zu trinken. Das Thier hat⸗ te weder die Sprungkraft, noch die ſcheue Regſam⸗ keit, noch die Beweglichkeit des amerikaniſchen Wil⸗ des; dennoch war es ein Bewohner des Forſtes/ denn indem es auf deſſen Schutz einigermaßen bau⸗ te, mißtraute es zu gleicher Zeit der Macht des Menſchen. Kaum war ſein Durſt geloͤſcht, als es mit einer Schaͤrfe des Inſtinctes, die durch keine zufaͤlligen Umſtaͤnde vernichtet werden kann, auf⸗ horchte, die ſteile Anhoͤhe emporſprang, und in un⸗ ruhigem Lauf ſeinem Lager zueilte. Faſt in dem⸗ ſelben Augenblicke ſprang ein Windſpiel an der ent⸗ gegengeſetzten Seite der Schlucht zwiſchen den Baͤumen hervor, und lief bald vorwaͤrts, bald ruͤck⸗ waͤrts, nach Art dieſer Hunde, wenn nur ihre ei⸗ genthuͤmliche Raſtloſigkeit, nicht die Verfolgung ei⸗ nes Wildes ſie antreibt. Ein Pfiff rief den Hund zuruͤck, und ſein Herr erſchien auf dem Waldpfade. Eine Kappe von gruͤnem Sammt mit einem kleinen Jagdhorn uͤber dem Deckel, ein geringer, aber reinlicher, enge anliegender Rock von gleicher Far⸗ be und mit demſelben Dienſtzeichen verziert, ſammt dem Inſtrument, das um die Schulter hing, und den Waffen, welche Perſonen ſeines Standes ge⸗ woͤhnlich trugen, bezeichneten einen Foͤrſter, oder 44 einen Menſchen, dem die Obſorge uͤber die Jagd und eine gewiſſe Gerichtsbarkeit uͤber den Forſt an⸗ vertraut war,— Verrichtungen, ganz verſchieden von denen eines bloßen Wald⸗ oder Wildhuͤters. Der Foͤrſter war jung, behend, und trotz ſeiner unſcheinbaren Kleidung von ſehr einnehmendem Aeußeren. Er lehnte ſeine Flinte gegen einen Baum⸗ ſtrunk, pfiff den Hunden, und wiederholte den Ruf mittelſt eines gellenden Inſtrumentes, das er zu dieſem Zwecke mit ſich fuͤhrte, wodurch es ihm bald gelang, ſeine Jagdgefaͤhrten an ſeine Seite zu brin⸗ gen. Er band die Windhunde an eine Schnur, be⸗ feſtigte dieſe an ſein Gewand, nahm das Horn vom Ruͤcken, und blies darauf eine lebhafte Weiſe, wel⸗ che in kraͤftigen und harmoniſchen Toͤnen durch das Thal rollte. Nachdem er das Horn vom Munde abgeſetzt, horchte der Juͤngling, bis das letzte Echo verklungen war, gleich als erwarte er irgend eine Antwort. Er taͤuſchte ſich hierin auch wirklich nicht. Es antwortete in kraͤftigen Toͤnen durch die Schlucht, und ſchrillte durch den Wald ſo laut, daß manche ſeiner vierfuͤßigen Bewohner vor Angſt bebten. Die Klaͤnge des unſichtbaren Inſtrumentes droͤhnten bei t weitem ſchaͤrfer, als die des Jagdhornes, obſchon es ihnen keineswegs an ernſter Lieblichkeit fehlte. Der denn zuruͤ tungs ( an d ander ſter z waͤhr les R feſt u de u an ei man ken, dere K Augen gen n gab. in ein der uͤ Jagd rſt an⸗ chieden ers. ſeiner nendem Baum⸗ en Ruf er zu m bald u brin⸗ aur, be⸗ rn vom e, wel⸗ rch das Munde e Echo ad eine hnicht. chlucht, manche n. Die ten bei vbſchon fehlte. 4⁵ Der junge Föoͤrſter ſchien ſie wohl zu verſtehen, denn kaum hatte er ſie gehoͤrt, ſo ſchob er das Horn zuruͤck, griff nach der Flinte, und harrte in erwar⸗ tungsvoller Stellung. Es dauerte ungefaͤhr eine Minute, ſo erſchien an dem hoͤher gelegenen Theile der Schlucht ein anderer Juͤngling, und ſchritt langſam auf den Foͤr⸗ ſter zu. Sein Anzug war ganz der eines Bauers, waͤhrend er in der Hand ein langes, gerades, ſchma⸗ les Rohr von Kirſchbaumholz hielt, das mit Rinde feſt umwunden war, ein Mundſtuͤck am oberen En⸗ de und am unteren eine Rundung hatte, wie an einer Trompete. Als er naͤher kam, konnte man einigen Verdruß in ſeinem Antlitze bemer⸗ ken, obſchon ihm ein großer Filzhut, deſſen vor⸗ dere Kraͤmpe wie ein ungeheurer Schirm uͤber ſeine Augen fiel, waͤhrend die hintere ſeltſam aufgeſchla⸗ gen war, ein mehr komiſches als ernſtes Anſehen gab. Seine Beine ſtacken, wie die des Foͤrſters, in einer Art von Lederſtruͤmpfen, welche ſeine Glie⸗ der uͤber dem Knie nackt und frei ließen, waͤh⸗ rend das obere Kleidungsſtuͤck loſe niederhing, und den Bewegungen volle Freiheit gewaͤhrte. »Du bleibſt lange, Gottlob«, ſagte der junge Foͤrſter, als der Burſche naͤher kam,»„und der gute 46 Einſiedler wird uns gerade nicht freundlicher bewill⸗ kommen, wenn wir ihn in ſeinem Gebete ſtoͤren. Wo haſt Du Deine Heerde?« »Das mag der heilige Mann auf der Heiden⸗ mauer ſagen, denn dies iſt mehr, als ich ſelbſt dem Grafen Emich beantworten koͤnnte, und ſollte er mich auch in dem Tone, in welchem er zu dem Ab⸗ te von Limburg zu ſprechen gewohnt iſt, fragen,— wo iſt Deine Heerde, Gottlob?« »Nein, das waͤre kein Scherz, wenn Du die Heerde wirklich haͤtteſt in der Irre umherſchweifen laſſen! Wo haſt Du Deine Thiere zum letzten Male geſehen?« »Hier, im Forſte von Hartenburg, Meiſter Berthold, auf das Wort eines demuͤthigen Dieners des Grafen.⸗ »Du wirſt durch Deine Unachtſamkeit noch Dei⸗ nen Dienſt verlieren, Gottlob!« »Es waͤre Jammerſchade, wenn Deine Worte wahr waͤren, denn in dieſem Falle wuͤrde Graf Emich den ehrlichſten Hirten in Deutſchland verlie⸗ ren, und mir ſelbſt wuͤrde es das Herz brechen, wenn die Moͤnche von Limburg ihn erhalten ſoll⸗ ten! Indeſſen koͤnnnen die Thiere nicht weit ſein, und ich will die Macht des Hornes noch einmal — verſ blaͤu Du, nie ſeit l fuͤrſte T ſtreich des H blick a tete ar nes B keine ſ Schickf ſcholl d nes Ho denklich zerſtreut Nachdri Vertrau ſprang, bis die Waldpla ten mit e Spruͤnger bewill⸗ ſtoͤren. Heiden⸗ bſt dem ollte er em Ab⸗ en,— Du die weifen Male Neiſter ieners 47 — verſuchen, bevor ich heimgehe, um mir einen zer⸗ blaͤuten Kopf und meinen Abſchied zu holen. Weißt Du, Meiſter Berthold, daß eine ſolche Schmach nie Jemanden aus unſerer Familie traf, obſchon wir ſeit laͤngerer Zeit Kuhhirten, als die Friedriche Kur⸗ fuͤrſten ſind?« Der Föͤrſter machte eine unmuthige Bewegung, ſtreichelte ſeine Hunde, und harrte den Wirkungen des Hornes, das ſein Gefaͤhrte in dieſem Augen⸗ blick an den Mund ſetzte. Gottlobs Benehmen deu⸗ tete auf das hoͤchſte Vertrauen in die Kenntniß ſei⸗ nes Berufes, denn trotz ſeiner Worte verrieth doch keine ſeiner Mienen irgend eine Beſorgniß um das Schickſal der ihm anvertrauten Heerde. Bald er⸗ ſcholl das Thal von den romantiſchen Klaͤngen ſei⸗ nes Horns, und er wußte jenen Toͤnen, die ſeit un⸗ denklichen Zeiten als Zeichen zum Herbeiruf einer zerſtreuten Heerde dienen, einen eigenthuͤmlichen Nachdruck zu geben. Seine Geſchicklichkeit und ſein Vertrauen wurden bald belohnt, denn Kuh um Kuh ſprang, waͤhrend er blies, aus dem Forſte herbei, bis die erforderliche Anzahl der Thiere auf dem Waldplatze beiſammen war. Die Faͤrſen huͤpf⸗ ten mit erhobenen Schweifen und in ungeſchickten Spruͤngen herbei, waͤhrend die geſetzteren Steuer⸗ 8 48 pflichtigen der Milchkammer mit geſchaͤftiger Miene und ernſten Schritten, wie es ſich fuͤr ihr Alter und ihren Rang im Dorfe ziemte, heran eilten. In wenigen Minuten waren ſie Alle um die Per⸗ ſon ihres Hirten verſammelt, der die Heerde zaͤhlte, ſein Horn ſchulterte, und ſich anſchickte, ſie dem un⸗ teren Ende der Schlucht zuzutreiben. »Du haſt Gluͤck, daß Du Deine Thiere mit ſo wenig Muͤhe zuſammen gebracht haſt«, ſagte der Foͤrſter, als ſie hinter der Heerde hergingen. »Sprich lieber Geſchicklichkeit, Meiſter Berthold, und beſorge nicht, mich eitel zu machen. Es iſt keine Gefahr dabei, meine Verdienſte nach Gebuͤhr zu ſchaͤtzen. Du ſollteſt durch allzu genaue Schaͤ⸗ tung nie die Beſcheidenheit entmuthigen. Es waͤre in der That ein Wunder, wenn eine Heerde, welche in dem Pfade der Kirche wandelt, ihre Pflicht ver⸗ geſſen ſollte.« Der Forſter lachte, und ſah nach der Seite, gleich einem Manne, der gegen einen gewiſſen Ge⸗ genſtand blind zu ſein wuͤnſcht. »Immer Deine alten Streiche, Gottlob!— Du haſt alſo die Thiere im Gehaͤge der Moͤnche weiden laſſen?« »Ich habe die Peterspfennige bezahlt, habe in 49 Miene der Kirche des heiligen Benedict meine Andacht ver⸗ Alter richtet, habe dem Vater Arnulph ſelbſt gebeichtet, eilten. und Alles innerhalb Monatsfriſt. Was kann man te Per⸗ mehr thun, um mit den frommen Bruͤdern in gu⸗ zaͤhlte, tem Einvernehmen zu ſtehen?⸗ em un⸗»Ich wuͤnſchte doch zu wiſſen, ob Du je dem Pater Arnulph die Geſchichte Deiner Beſuche auf mit ſo den Weideplaͤtzen des Kloſters mit Graf Emich's te der Heerde beichteteſt, ehrlicher Gottlob?« »So!— Glaubſt Du etwa, Meiſter Berthold, erthold, daß ich in einem Augenblicke, wo es hoͤchſt noth⸗ Es iſt wendig iſt, Ruhe und Andacht zu haben, mir es Bebuͤhr beikommen laſſen ſollte, den frommen Moͤnch Schaͤ⸗ in Zorn und Wuth zu verſetzen durch die Auf⸗ 3 waͤre zaͤhlung aller loſen Streiche irgend einer ſchlecht welchs erzogenen Kuh oder Faͤrſe, die man eben ſo we⸗ ht ver⸗ nig ohne Huͤter laſſen kann, als die Jungfrau, bevor ſie die Jahre der Vorſicht erreicht hat, ohne Seite, Mutter oder ſcharfaͤugige Tante den Jahrmarkt be⸗ en Ge⸗ ſuchen darf?⸗ „»Nimm Dich in Acht, Gottlob, denn ſo wenig — Graf Emich auch die Moͤnche liebt, ſo duͤrfte er weiden Dich doch bei Waſſer und Brot einſperren, und Deeinen Ruͤcken mit der Peitſche Bekanntſchaft ma⸗ abe in Gen laſſen, wenn er erfahren ſollte, daß ätar ſeiner * 50 Knechte ſich eine ſolche Freiheit mit fremdem Eigen⸗ thum herausnimmt.⸗ »Mag Graf Emich doch die frommen Bruͤder von dem reichſten Weideplatz im ganzen Jaͤgerthal vertreiben. Fleiſch und Blut kann es nicht ertragen, daß die Thiere eines Grafen, indem ſie nach eini⸗ gen bitteren Kraͤutern ſuchen, in die Erde beißen, waͤhrend das Aas eines Kloſters in dem feinſten und ſuͤßeſten Gras ſchlemmt. Sieh, Meiſter Ber⸗ thold, dieſe Moͤnche von Limburg eſſen das feinſte Wildpret, trinken den feurigſten Wein, und ſagen die kuͤrzeſten Gebete in der ganzen Chriſtenheit her. Potztauſend! Einige beſchuldigen ſie ſogar, daß ſie die ſchoͤnſten Maͤdchen Beichte hoͤren. Ich weiß aus Erfahrung, daß weder Brot, noch Waſſer, noch Kerker zu einer traurigen Stimmung paſſen, und ich fordere den Kaiſer, ja ſelbſt den heiligen Vater heraus, ein ſolches Wunder zu wirken, daß je mein Ruͤcken mit der Peitſche Bekanntſchaft ſchließt.« »Bloß weil es ſchon ziemlich lange iſt, daß Du ihr vorgeſtellt worden biſt.⸗ »Das legſt Du nur auf Deine Weiſe aus, Meiſter Berthold; ich freue mich, daß Dein Witz ſo ſchnell iſt. Wir ſind an der Waldesgrenze, und wollen dieſen Gegenſtand ein anderes Mal eroͤrtern. * Sie alle ſo ſ noͤt! auf ſere wirſt „ mit ſcheid S und ſ dem a einen einen zum 8 Gottlo ſich jet n Eigen⸗ Bruͤder ʒaͤgerthal ertragen, ach eini⸗ beißen, feinſten ter Ber⸗ s feinſte ad ſagen heit her. daß ſie ſch weiß ſer, noch en, und n Vater je mein eßt.« daß Du iſe aus, ein Wiß ze, und eroͤrtern. 51 Die Thiere ſind voll, und werden den Milchmaͤd⸗ chen Freude machen. Ob ihre Nahrung aus der Weide des Grafen Emich, oder von den Wundern der Kirche ſtammt, iſt gleichviel. Wo haſt Du mit den Hunden gejagt, Berthold?⸗ »Auf dem Berge, bloß der Bewegung wegen. Sie waren einem Rehbock auf der Spur; da aber alles Wild in dieſem Bezirk unſerem Herrn gehoͤrt, ſo ſah ich keinen Grund, ſie mehr anzutreiben als noͤthig war.« »Ich freue mich dies zu hoͤren, denn ich zaͤhle auf Deine Geſellſchaft, um des Abends, wenn un⸗ ſere Arbeit gethan iſt, den Berarzu beſteigen; Du wirſt deſto ſchneller ſchreiten koͤnnen.⸗ „Verlaß Dich darauf, ich werde erſcheinen. Da⸗ mit wir aber keine Zeit verlieren, ſo laß uns hier ſcheiden, um uns im Dorfe wieder zu treffen.« Der Foͤrſter und der Kuhhirt begruͤßten ſich, und ſchieden von einander. Jener wandte ſich von dem allgemeinen Wege ab, und ſchlug zur Rechten einen Fußpfad ein, der uͤber ſchmale Wieſen und einen kleinen Bach, der zwiſchen ihnen hinrollte, zum Fuße des gegenuͤber liegenden Berges fuͤhrte. Gottlob ſetzte ſeinen Weg zu dem Dorfe fort, das ſich jetzt den Blicken darbot, und eine Verengerung 4* des Thales gaͤnzlich ausfuͤllte, gerade an einer Stel⸗ le, wo es in einem rechten Winkel zur bisherigen Richtung einbog. Den Förſter fuͤhrte ſein Weg zu einem, von den geringen Haͤuſern, wohin der Kuhhirt ſeine Schritte lenkte, ſehr verſchiedenem Gebaͤude. Ein feſtes Schloß nahm den Bergvorſprung ein, hing uͤber der Haͤuſergruppe in der Schlucht, und draͤute Allen, die ſich durch den Engpaß wagten. Das Gebaͤude ſelbſt war groß, aber unregelmaͤßig. Die neueren Theile deſſelben waren runde, auf den aͤu⸗ ßerſten Rand des Felſens hingebaute Thuͤrme. Man konnte von ihren Zinnen ohne Muͤhe einen Stein auf die Straße unten ſchleudern. Das Mauerwerk war ſtark, und Schoͤnheit der Form und Arbeit, je nach dem Geſchmacke des Zeitalters, nichts weni⸗ ger als vernachlaͤſſigt. Dieſe maͤchtigen Thuͤrme waren jedoch nur Anhaͤngſel des Hauptgebaͤudes, welches von unten beſehen, dem Blicke eine ver⸗ worrene Maſſe von Mauern, Schornſteinen und Daͤchern darbot. Auf einigen Stellen erhoben ſich die Mauern aus gruͤnem Raſen, der den Bergesab⸗ hang bedeckte, an anderen Stellen aber hatte man den Felſen, roͤthlichen Sandſtein, aus welchem auch fuͤh ſtart nen es n me Vert te hit behrl und Kopf⸗ das E Thor Al Thore ſcheinb Klaͤnge eine H derung mantiſe ter Stel⸗ sherigen m, von irt ſeine de. Ein n, hing draͤute Das g. Die den aͤu⸗ e. Man Stein uerwerk Arbeit, s weni⸗ Thuͤrme baͤudes, ne ver⸗ en und ben ſich ergesab⸗ tte man m auch * 53 —— die Mauern beſtanden, benutzt, ſo daß er eins mit dem Gebaͤude zu ſein ſchien, und es ſchwer hielt, das was die Natur gethan, von dem Werke der Kunſt zu unterſcheiden. Der Pfad, den der Foͤrſter eingeſchlagen hatte, fuͤhrte allmaͤhlig den Berg hinan, und zu einem ſtarken Thor unter einem hohen Bogen, das in ei⸗ nen Hof ging. Auf dieſer Seite des Schloſſes gab es weder Bruͤcke noch Graben, noch, mit Ausnah⸗ me eines Fallgitters, ein anderes der gewoͤhnlichen Vertheidigungsmittel, denn die Lage der Feſte mach⸗ te hier dieſe Vorſichtsmaßregeln gewiſſermaßen ent⸗ behrlich. Doch war jedem Ueberfall vorgebeugt, und es haͤtte eines ſicheren Fußes, eines feſten Kopfes und kraͤftiger Gliedmaßen bedurft, um in das Schloß auf einem andaren Weg, als durch ſein Thor zu kommen. Als Berthold die ſchmale Terraſſe vor dem Thore erreicht hatte, nahm er ſein Horn, und blies, ſcheinbar in freudiger Stimmung, ein Jagdlied. Die Klaͤnge ſchallten durch die Berge, und mehr als eine Hausfrau im Dorfe ließ in ſtummer Verwun⸗ derung von ihrer Arbeit ab, und horchte der ro⸗ mantiſchen Wirkung der Toͤne. Er ſchob das In⸗ 54 ſtrument auf die Schulter zuruͤck, rief ſeine Hunde, und ſchritt, durch den Eingang, deſſen Fallgitter in dieſem Augenblick aufgezogen wurde. Zweites Capitel. Das Licht des Tages hatte die Schlucht, in wel⸗ cher der Weiler von Hartenburg lag, beinahe gaͤnz⸗ lich verlaſſen, als Berthold von dem Schloſſe, je⸗ doch nicht auf jenem Pfade, auf welchem er vor ei⸗ ner Stunde hinangeſtiegen war, nieder uͤber die ſteinerne Bachbruͤcke ſchritt, und den jenſeitigen Weg einſchlug. Der junge Foͤrſter hatte die Hunde in ihre Huͤtte gebracht, Koppel und Flinte weggelegt, und nur das Horn hing noch immer an ſeiner Seite. Auch fuͤhrte er das Jagdmeſſer bei ſich, eine in je⸗ ner Zeit und jenem Lande nuͤzliche Vertheidigungs⸗ waffe, die er zu tragen berechtigt war, kraft ſeiner Bedienſtung bei dem Grafen von Leiningen⸗Har⸗ tenburg, dem Eigenthuͤmer des Schloſſes, das er ſo eben verlaſſen, und dem Lehnsherrn der meiſten an⸗ grenzenden Berge und vieler Ortſchaften in der Pfalz. Der Kuhhirt erwartete ſeinen Gefaͤhrten, oder vie ſch lob den hat Haͤ Tha tur, wur beruͤ beide in d obſch nichte in de V ten, b Bergſ Paſſes Stund alle T baͤude menſter Eine ſt Hunde, gitter in in wel⸗ e gaͤnz⸗ oſſe, je⸗ vor ei⸗ ber die in Weg unde in ggelegt, Seite. e in je⸗ ggungs⸗ t ſeiner 1⸗Har⸗ s er ſo ten an⸗ in der en, oder 55⁵ — vielmehr Freund,— dem vertrauten Fuße nach zu ſchließen, wie Beide mit einander verkehrten. Gott⸗ lob ſtand unfern der Huͤtte ſeiner Mutter, und nach⸗ dem ſich Beide erreicht und Zeichen ausgetauſcht hatten, eilten ſie fort, und verſchwanden hinter der Haͤuſergruppe. Unmittelbar hinter dem Weiler weitete ſich das Thal, und prangte in jener Fruchtbarkeit und Cul⸗ tur, die dem Leſer in der Einleitung be ſchrieben wurde. Alle, welche dieſes nothwendige Vorwort beruckſichtigt haben, werden ſogleich wiſſen, daß die beiden Juͤnglinge in das Bergbecken eintraten, wor⸗ in die Abtei Limburg ſtand. Drei Jahrhunderte, obſchon ſie an den bleibenden Umriſſen des Platzes nichts aͤnderten, haben weſentliche Verwandlungen in den vergaͤnglicheren hervorgebracht. Waͤhrend die beiden Juͤnglinge eilig hinſchrit⸗ ten, beſchienen die erſten Strahlen des Mondes die Bergſpitzen, und bevor ſie noch, der Richtung des Paſſes folgend, der in das Rheinthal fuͤhrte, eine Stunde gegangen waren, beleuchtete er auch ſchon alle Thuͤrme und Daͤcher der Abtei ſelbſt. Die Ge⸗ baͤude des Kloſters waren damals in ihrem vollkom⸗ menſten Zuſtande, und glichen faſt einer Stadt. Eine ſtarke, hohe Mauer ſchloß die ganze obere Flaͤche 56 des vereinzelt ſtehenden Berges ein. Es war ganz nes jene Bauart der kriegeriſchen Kirchenfuͤrſten des So Mittelalters, die unter der Stole den Panzer tru⸗ Kat gen; denn waͤhrend Thuͤrme, Malerei der Fenſter aus und fromme Denkmaͤhler die Beſtimmung des Ge⸗ und baͤudes andeuteten, verriethen die Befeſtigungen, fluch daß man ſich zum Schutze der Mitglieder des Con⸗ toͤdte ventes eben ſo ſehr auf irdiſche als andere Mittel 5 verlaſſe. will »Ich hoffe, daß es für den Moͤnch eben ſo gut Sym einen Mondſchein giebt, als fuͤr den Kuhhirten“, be⸗ eben merkte Gottlob, indem er jedoch ſo leiſe ſprach, daß 5 es faſt einem Gefluͤſter glich.»Er beglaͤnzt den Emich hohen Thurm der Abtei, und wird jedem Auszuͤg⸗ ich ve ler des Kloſters, der außen vom Wein der letzten Graf ceſe koſtet, oder ſich um die haͤuslichen Angelegen⸗ ner S heiten eines Buͤrgers von Duͤrkheim kuͤmmert, anf um in die Glatze ſcheinen.⸗ zu ben »Du haſt keine allzu große Ehrfurcht vor den betrifft . frommen Vaͤtern, wackerer Gottlob, denn ſelten Herrn laͤßt Du eine Gelegenheit voruͤbergehen, ohne ihnen»J durch Deine Zunge oder Deine hungrigen Thiere lachend einen boͤſen Streich zu ſpielen.« Gegenſt »Sieh, Berthold, wir Vaſallen gleichen dem hek⸗ maer ver len Waſſerſpiegel, in welchem unſer Herr ſein eige: dictiner ar ganz ten des zer tru⸗ Fenſter des Ge⸗ gungen, s Con⸗ Mittel ſo gut 1«, be⸗ ch, daß zt den uszuͤg⸗ letzten elegen⸗ t, auf 8r den ſelten ihnen Thiere n hel⸗ eige⸗ 57 nes Antlitz, ja ſelbſt ſeine Launen beſchauen kann. So oft Herr Emich Mann oder Pferd, Hund oder Katze, Stadt oder Dorf, Moöoͤnch oder Graf ſo recht aus Herzensgrund haßt, ſo ſteigt auch mein Groll, und ich bin bereit, zu ſchlagen, wenn er ſchlaͤgt, zu fluchen, wenn er flucht, ja ſelbſt zu toͤdten, wenn er toͤdtet.« „Eine gute Geſinnung fuͤr einen Diener, doch will ich fuͤr Deinen Chriſtenglauben hoffen, daß die Sympathie hier nicht endet, und Du die Zuneigung eben ſo theileſt wie den Haß.⸗ »Noch mehr ſogar, ſo wahr ich lebe! Graf Emich liebt des Morgens eine Wildpretpaſtete, und ich verſpuͤre den ganzen Tag Begierde darnach,— Graf Emich trinkt eine Flaſche Duͤrkheimer in ei⸗ ner Stunde aus, waͤhrend zwei kaum hinreichen, um in derſelben Zeit meine Ergebenheit gegen ihn zu beweiſen, und was die uͤbrigen Muͤhen der Art betrifft, ſo bin ich nicht der Mann, um meinen Herrn aus Mangel an Eifer im Stiche zu laſſen.⸗ »Ich glaube Dir herzlich gern⸗, ſagte Berthold lachend,„ja ſogar bei weitem mehr, als Du uͤber Gegenſtaͤnde der Art zu Deinen Gunſten nur im⸗ mer verſichern kannſt. Dennoch aber ſind die Bene⸗ dictiner Geiſtliche, und auf ihre Pflicht eben ſo gut 58 vereidet, wie nur irgend ein Biſchof in Deutſchland. Ich kann die Urſache des Haſſes vom Herrn und Diener gegen ſie nicht einſehen.« „Ja Du ſteheſt bei mehreren der Bruͤderſchaft in Gunſt, und es vergeht ſelten eine Woche, ohne daß Du nicht vor einem ihrer Altaͤre knieteſt. Mit mir iſt es ein anderer Fall, denn ſeit der Buße, die mir wegen der Freiheiten, die ich mir gegen eine ihrer Heerden herausnahm, aufgelegt worden iſt, verſpuͤre ich keinen Appetit nach ihrer geiſtlichen Nahrung.« » Und doch haſt Du Peterspfennige bezahlt, haſt gebetet, haſt ſogar dem Vater Arnulph gebeichtet, und zwar Alles innerhalb Monatsfriſt?« »Was ſoll ein Suͤnder thun! Das Geld gab ich ihnen auf die Verheißung, daß ich es mit Wu⸗ cher wieder zuruͤck erhalten wuͤrde. Ich betete, weil mich ein Zahn ſo quaͤlte, wie nur die Verdamm⸗ ten in der Hoͤlle gemartert werden koͤnnen, und was das Beichten betrifft, ſo beichte ich, ſeitdem mir je⸗ ne Aufrichtigkeit wegen der Heerde eine ſo ſchwere Buße zuzog, ſtets mit großer Vorſicht. Um Dir die Wahrheit zu ſagen, Meiſter Berthold, die Kir⸗ che koͤmmt mir vor wie eine Frau; ſehr freund⸗ lich, wenn man ihr allen Willen laͤßt, aber ein Teu⸗ * 4* ½ vom beider den und l an. ihr( Stim hland. en und erſchaft „ohne Mit ße, die en eine en iſt, ſtlichen t, haſt eichtet, ld gab t Wu⸗ e, weil damm⸗ nd was mir je⸗ ſchwere n Dir ie Kir⸗ freund⸗ n Teu⸗ fel von einer Widerbellerin, wenn man das Gegen⸗ theil thut.⸗ Der junge Föoͤrſter verfiel in nachdenkliches Schweigen, welches ſein geſchwaͤtziger Gefaͤhrte aus Klugheit nachzuahmen fuͤr gerathen fand, denn ſie waren in die Naͤhe des Weilers gekommen, der den Moͤnchen von Limburg gehoͤrte. Der kleine kuͤnſt⸗ liche See, deſſen in der Einleitung Erwaͤhnung ge⸗ than wurde, war zur Zeit dieſer Geſchichte ſchon vorhanden; die Schenke jedoch, mit dem ſtolzen Schilde zum Anker, iſt die Frucht einer viel ſpaͤte⸗ ren Induſtrie. Als die beiden jungen Maͤnner die Schlucht in der Naͤhe des Platzes, wo die Schenke jetzt ſteht, erreichten, wandten ſie ſich vom Wege ab, jedoch nicht, ohne ſich vorher genau umzuſehen, ob nicht das Auge eines Spaͤhers ihre Bewegun⸗ gungen beobachte. Von hier fuͤhrte ein ſteiler, nur hie und da vom Monde beſchienener Felſenpfad aufwaͤrts. Die beiden kraͤftigen jungen Leute erreichten jedoch bald den Gipfel des vorragendſten Theiles des Berges, und langten auf einer offenen, heideaͤhnlichen Flaͤche an. Zwar hatten ſie waͤhrend des Emporkletterns ihr Geſpraͤch fortgeſetzt, aber mit noch leiſerer Stimme, als unter den Mauern von Limburg, und 60 der froͤhliche Muth Gottlobs ſchien ihn, je hoͤher ſie ſtiegen, deſto mehr zu verlaſſen. „Dies iſt eine traurige, entmuthigende Einoͤde, Berthold«, fluͤſterte der Kuhhirt, als er wieder ebe⸗ nen Grund unter ſeinen Fuͤßen fuͤhlte,»und es duͤnkt mir ſogar ſchauerlicher, ſie beim Monden⸗ ſcheine, als in finſterer Nacht zu betreten. Biſt Du in einer ſo ſpaͤten Stunde ſchon einmal in der Naͤhe des Teufelsſteines geweſen?⸗ „»Einſt, um Mitternacht, denn hier machte ich mit Jenem Bekanntſchaft, den wir jetzt beſuchen wollen,— erzaͤhlte ich Dir denn den Vorfall noch nicht?k« 3 „»Immer ſchmaͤhſt Du mein Gedaͤchtniß! Wenn Du die Geſchichte wiederholen willſt, ſo werde ich mich vielleicht der Umſtaͤnde, wenn Du zu Ende biſt, erinnern; und um die Wahrheit zu ſagen, ſo iſt Deine Stimme auf dieſer Geſpenſterwieſe mei⸗ ner Seele willkommen.« Der junge Föͤrſter laͤchelte, aber ohne Hohn, denn er wußte, daß ſein Gefaͤhrte trotz ſeiner Gleich⸗ guͤltigkeit gegen ernſte Dinge, wie dies gewoͤhnlich der Fall iſt, gerade von dieſen, wenn auf die Probe geſtellt, am meiſten ergriffen wurde; vielleicht ge⸗ dachte er auch des Unterſchiedes, welchen die ver⸗ & ſchie ten der Folg von „»dur denn Bau in de keine ſchwe Forſt Ster konnt nung erreich Flaͤche ſchien. 1 doch: . nen g irrt he 0 „ 61 ſchiedene Erziehung in ihren beiderſeitigen Anſich⸗ ten hervorgebracht hatte. Zu dem ergab ſich aus der gemeſſenen und vorſichtigen Weiſe, womit er Folgendes erzaͤhlte, daß er dieſen Gegenſtand nicht von der leichten Seite nahm. „»Von Sonnenaufgang an«, begann Berthold, durchſtrich ich einſt die Jagdreviere des Grafen Emich, denn es bedurfte beſonderer Wachſamkeit gegen die Bauern aus der Nachbarſchaft. Ich war noch tief in den bewaldeten Bergen, als die Nacht einbrach,— keine ſolche wie die gegenwaͤrtige, ſondern ſo raben⸗ ſchwarz, daß ich, obſchon von Kindheit auf an den Forſt gewoͤhnt, weder die Richtung irgend eines Sternes, noch viel weniger die des Schloſſes finden konnte. Ich irrte mehrere Stunden in der Hoff⸗ nung umher, jeden Augenblick das offene Thal zu erreichen, als ich mich mit einem Male auf einer Flaͤche befand, die endlos und unbewohnt zu ſein ſchien.⸗ »Ja,— das war des Teufels Tanzboden!— doch nur von Menſchen unbewohnt, meinſt Du.⸗ »„Haſt Du je das Gefuͤhl der Huͤlfloſigkeit ken⸗ nen gelernt, wenn man ſich in einem Forſte ver⸗ irrt hat?« »Ich ſelbſt nie, Meiſter Berthold, aber was 62 4 meine Thiere betrifft, ſo iſt dies ein Ungluͤck, das ſchlo mir Suͤnder oft zuſtoͤßt.« ner „»Ob Dir die Sorge um Deine Kuͤhe je jenes 8 Gefuͤhl von Entmuthigung einfloͤßte, das mich zer⸗ Paͤch knirſchte, als ich auf dieſer guten Erde von aller um Gemeinſchaft mit meinen Nebengeſchoͤpfen abge⸗ 3 ſchnitten, allein in einer Einoͤde ſtand, des Sehens und; und Hoͤrens zu allen nuͤtzlichen Zwecken beraubt, eben mit allen Zeichen Gottes vor mir, und doch ohne 2 die gewoͤhnlichen Mittel, ſeine Guͤte zu gebrauchen, mal weil ich den Faden ſeiner Wege verloren hatte—. kann ich nicht beurtheilen.« chen! 1 Berge „Aber muͤſſen denn die Zaͤhne muͤßig, die Kehle 26 trocken bleiben, weil der Weg verborgen iſt?« ſo une »In ſolchen Augenblicken geht der Appetit in nunge dem einzigen ſtarken Wunſche unter, wieder in die Ritter gewohnte Gemeinſchaft von Menſchen zu kommen. unſere Es iſt, als waͤre man wieder ſo huͤlflos, wie in der Was Kindheit, obſchon von allen Beduͤrfniſſen des Man⸗ ſchauer nesalters gequaͤlt. Gerade als das Gefuͤhl meiner um es Verlaſſenheit am ſtaͤrkſten war, und ich aus den Moͤnch Forſt auf dieſe Bergheide trat, erblickte ich etwas, heit un das einem Hauſe glich, und aus dem Lichte, das aber la wie ich mir einbildete, aus dem Fenſter ſchimmerte, um mi . ick, das je jenes nich zer⸗ on aller abge⸗ Sehens veraubt, ch ohne rachen, atte— e Kehle 2 α petit in v in die ommen. ein der 3 Man⸗ meiner us dem etwas, e, das, mmerte, 63 ſchloß ich freudig, der Gemeinſchaft mit Weſen mei⸗ ner Art wieder gegeben zu ſein.« »Ich hoffe, es war der Hof eines wohlhabenden Paͤchters des Grafen, verſehen mit allen Mitteln, um eine Seele in der Noth zu troͤſten.« „Gottlob, die Wohnung war der Teufelsſtein, und das Licht, welches ich erblickte, ein Stern, der eben in der Linie des Felsrandes ſtrahlte.⸗ »Zuverlaͤſſig haſt Du an dem Thore nicht zwei⸗ mal um Einlaß geklopft, Meiſter Berthold!« »„Ich kuͤmmere mich wenig um die Volksmaͤhr⸗ chen und den Weiberaberglauben in Betreff unſerer Berge, allein—« »Gemach, gemach, Freund Foͤrſter, was Du mit ſo unehrerbietigen Namen belegſt, das ſind die Mei⸗ nungen Aller, die in und um Duͤrkheim wohnen; Ritter und Moͤnch, Buͤrger und Graf, Alle zollen unſeren ehrwuͤrdigen Sagen gleiche Hochachtung. Was wuͤrde aus uns werden, wenn wir keine ſolche ſchauerliche Sage, kein ſolches Schreckbild haͤtten, um es gegen die Bußen, Gebete und Meſſen der Moͤnche von Limburg aufzurufen! So viel Weis⸗ heit und Philoſophie als Du willſt, mein Bruder, aber laſſe uns den Teufel, und waͤre es auch nur, um mit dem Abte zu kaͤmpfen!« 64 »Trotz Deiner prahleriſchen Worte weiß ich doch, daß unter uns Niemand vor dieſem Berge im Her⸗ zen groͤßere Angſt hat, als gerade Du ſelbſt, Gott⸗ lob! Ich habe die kalten Schweißtropfen auf Dei⸗ ner Stirne geſehen, als Du einmal nach Einbruch der Nacht uͤber dieſe Heide gehen mußteſt.« »Weißt Du auch gewiß, daß es nicht der Thau war? In dieſen Bergen pflegt er reichlich zu fallen, wenn die Sonnenhitze den Boden verbrannt hat.⸗ »So mag es denn der Thau geweſen ſein.« »Um Dich zu verbinden, Berthold, wuͤrde ich allenfalls auch ſchwoͤren, daß es eine Waſſerhoſe war. Aber wie war es mit dem Felſen und dem Stern?« „Ich konnte die Natur von Leinem von Beiden aͤndern. Ich ruͤhme mich jener Gleichguͤltigkeit nicht, die Du gegen die geheimnißvollen Maͤchte, welche die Erde regieren, an den Tag legeſt, aber Du weißt, daß bis jetzt Furcht mich von dieſem Bet⸗ ge nie fern gehalten hat. Als ich meinen Irrthum gewahr wurde, war ich im Begriffe wegzugehen, und zwar, wie ich gerne geſtehe, nicht ohne mich zu bekreuzen und ein Ave Maria zu ſagen; aber ein Blick nach der Hoͤhe uͤberzeugte mich, daß der Sten beſetzt ſei.⸗ „Jc welc ſond 0 4 affect ſeinen blick „( Freun heit ſ ſegne meiner ich ni Antwo Jich doch, im Her⸗ bſt, Gott⸗ auf Dei⸗ Einbruch der Thau zu fallen, nt hat.« ſein.« vuͤrde ich Jaſſerhoſe und dem n Beiden guͤltigkeit Maͤchte, eſt, aber ſem Ber⸗ Irrthum zzugehen, mich zu aber ein der Stein * —— »Beſehzt?« ich glaubte bisher, daß er beſeſſen waͤre, habe aber nie gehoͤrt, daß er auch beſetzt iſt.« »Es ſaß Jemand auf der oberſten Spitze, ich ſah dies ſo deutlich als den Felſen ſelbſt.« „»Worauf Du ſogleich jene behende Schnellig⸗ keit zeigteſt, welche Dir die Gunſt des Grafen und Deinen Poſten als Foͤrſter verſchafft hat.⸗ »Ich glaube, daß auch die Paͤnctlichkeit, wo⸗ mit ich die Pflichten meines Amtes erfuͤlle, dem Grafen gefaͤllt«, erwiederte Berthold etwas hitzig. »Ich lief nicht weg, fondern rief das Weſen an, welches ſich in dieſer Stunde der Nacht einen ſo ſonderbaren Sitz gewaͤhlt hatte.« Trotz der muthwilligen Laune, welche der Hirt affectirte, draͤngte er ſich doch unwillkuͤhrlich an ſeinen Gefaͤhrten, und warf zugleich einen Seiten⸗ blick nach dem unheimlichen Felſen. „»Dir ſcheint zu bangen, Gottlob.⸗ »Glaubſt Du, ich habe kein Herz? Was! ein Freund von mir ſollte in einer ſolchen Verlegen⸗ heit ſein, und ich ruhig bleiben! Der Himmel ſegne Dich, Berthold, aber wenn ich die beſte Kuh meiner ganzen Heerde verloren haͤtte, ſo koͤnnte ich nicht mehr bekuͤmmert ſein. Erhielteſt Du Antwort?⸗ I. 5 66 »Ja, und dies Ereigniß hat mich gelehrt, daß die Furcht uns oft verhindert, die Dinge in ihrer natuͤrlichen Geſtalt zu ſehen, und dadurch viele Irrthuͤmer veranlaßt. Ich erhielt eine Antwort, aber keine ſolche, wie die meiſten Bewohner von Duͤrkheim glauben duͤrften, ſondern in menſchlicher Stimme.⸗ »Dann war ſie wenigſtens ſo heiſer, wie das Gebruͤlle eines Stiers.⸗ »Nein, ſie ſprach mild und verſtaͤndig, Gottlob, wie Du leicht glauben wirſt, wenn ich Dir ſage, daß es keine andere Stimme als die des Einſiedlers im Fichtenwalde war. Damals fing unſere Bekannt⸗ ſchaft erſt an, und ſie wurde ſeit der Zeit, wie Du weißt, durch haͤufige Beſuche von meiner Seite unterhalten.« Der Kuhhirt ſchritt eine Minute ſchweigend neben ſeinem Gefaͤhrten her, dann hielt er ploͤtzlich an und ſprach: »Dies alſo war Dein Geheimniß, Berthold, in Betreff der Art, wie dieſe Deine neue Freund ſchaft begann.« »Ja. Ich wußte wohl, weiche Gewalt de Landesſagen uͤber Dein Gemuͤth ausuͤben, und fuͤrchtete, Deine Begleitung bei meinen Beſuchen 8 zu ſtaͤr abe meh ner ſchen durc gewi heit betrij als e Freut zuruͤc gereizt „»C iſt, un Gottlo men, einem unter heiliger ſteht. ich kein hrt, daß in ihrer rch viele Antwort, hner von aſchlicher wie das Gottlob, ſage, daß dlers im Bekannt⸗ wie Du r Seite hweigend ploͤtzlich Berthold, Freund⸗ valt die en, und Beſuchen 8* 3 67 zu verlieren, wenn ich Dir ohne Vorſicht alle Um⸗ ſtaͤnde unſerer Zuſammenkunft eroͤffnet haͤtte. Jetzt aber, da Du den Einſiedler kennſt, beſorge ich nicht mehr, daß Du mich verlaſſen wirſt.« „Zaͤhle nie auf zu viele Opfer von Seite Dei⸗ ner Freunde, Berthold. Das Gemuͤth des Men⸗ ſchen wird durch ſo manche Phantaſieen bewegt, durch ſo vielerlei Grillen beherrſcht, und durch ſo gewichtige Zweifel gepeinigt, wenn es die Sicher⸗ heit des Leibes, um nicht von der Seele zu reden, betrifft, daß ich kein vorſchnelleres Vertrauen kenne, als eine zu ſichere Rechnung auf die Opfer eines Freundes.⸗ »Du kennſt den Weg, und magſt in das Dorf zuruͤckkehren, wenn Du willſt«, ſagte der Foͤrſter gereizt, und nicht ohne Haͤrte. „Es giebt Lagen, in welchen es eben ſo mißlich iſt, umzukehren, als vorwaͤrts zu gehen«, bemerkte Gottlob,„ſonſt wuͤrde ich Dich beim Worte neh⸗ men, und zuruͤck zu meiner ſorgſamen Mutter, einem guten Mahle, und einem Bette kehren, das unter einer Abbildung der heiligen Jungfrau, des heiligen Benedict, und meines Herrn, des Grafen ſteht. Ohne meine Anhaͤnglichkeit an Dich, wuͤrde ich keinen Schritt weiter zur Heidenſchanze gehen.⸗ 5* 68 »Handle, wie es Dir gefaͤllt«, erwiederte der Förſter, der wohl wußte, wie wenig Muth ſein Gefaͤhrte beſaß, um an einem ſo einſamen und unheimlichen Orte allein zu bleiben; und ſchlug einen ſolchen Schritt ein, daß Gottlob, wenn er denſelben nicht fleißig nachgeahmt haͤtte, mit ſeiner Angſt bald allein geweſen waͤre.»Du magſt den Leuten des Grafen erzaͤhlen, daß Du mich auf die⸗ ſem Berge verlaſſen haſt.« „»Nein«, erwiederte Gottlob, indem er aus der Nothwendigkeit eine Tugend machte,»eher als ich dies thue oder ſage, ſoll man mich zum Benedic⸗ tiner, und meinetwegen zum Abte von Limburg machen!« Da der Kuhhirt, der den ganzen Haß ſeines Gebieters gegen die Moͤnche theilte, dieſen Ent⸗ ſchluß mit aller Kraft ausſprach, ſo war das Ver⸗ trauen zwiſchen den beiden Freunden ſchnell wieder hergeſtellt, und ſie ſetzten ihren Weg mit eiligen Schritten fort. Die Oertlichkeit war in der That geeignet, jeden ſchlummernden Samen des Abet⸗ glaubens, welchen Erziehung oder Volksſagen der Bruſt eingepflanzt haben mochten, zu erwecken. Endlich erreichten unſere Abenteurer ein Fich⸗ tengehoͤlz, das innerhalb eines Walles, der von dure det war. waͤh Mor empe in de zu m ren 2 Schli empor neben in ne von C gegenn Es des G Schloſ jeden? aufgert Feſtung Abtei, und V trug w kurze, g derte der kuth ſein nen und d ſchlug wenn er nit ſeiner agſt den auf die⸗ aus der r als ich Benedic⸗ Limburg ß ſeines en Ent⸗ as Ver⸗ I wieder eiligen der That es Aber⸗ ien der cken. in Fich⸗ der von 69 durcheinander liegenden, gewaltigen Steinen gebil⸗ det wurde, auf dem Bergvorſprunge gewachſen war. Hinter ihnen lag die heideaͤhnliche Ebene, waͤhrend der kahle, eben von den Strahlen des Mondes beſchienene Fels ſein Haupt aus der Erde empor ſtreckte, gleich einem duͤſteren Monumente in der Mitte der Einoͤde, um ſie noch ſchauriger zu machen. Den Hintergrund bildeten die ſinſte⸗ ren Waldungen der Haard. Zur Rechten lag die Schlucht, oder das Thal, aus welchem ſie ſo eben emporgeſtiegen waren, und vor ihnen, wenn man neben dem Waͤldchen hinblickte, die Ebene der Pfalz in nebelichter Dunkelheit, aͤhnlich einem Meere von Cultur, viele hundert Fuß tief unter ihrem gegenwaͤrtigen hohen Standpuncte. Es traf ſich ſelten, daß ein Vaſall und Diener des Grafen Emich, beſonders einer der in dem Schloſſe oder in der Naͤhe deſſelben wohnte, und jeden Augenblick zu einem unvermutheten Dienſt aufgerufen werden konnte, ſich ſo weit von der Feſtung, beſonders in der Richtung der feindlichen Abtei, wegwagte, ohne mit den Mitteln zu Angriff und Vertheidigung verſehen zu ſein. Berthold trug wie gewoͤhnlich ſein Jagdmeſſer, oder das kurze, gerade Schwert, wie es noch jetzt jene Dje⸗ 70 ner der europaͤiſchen Großen, welche man Jaͤger nennt, umgeſchnallt haben, wenn ſie hinten auf dem Wagen ſtehen, und durch den Anblick der Ent⸗ wuͤrdigung dieſer edlen Waffe den Verfall der Lehenszeiten und ihrer Gebraͤuche verſinnlichen. Auch Gottlob hatte ſeiner perſoͤnlichen Sicherheit, inſoweit ſie durch menſchliche Feinde etwa bedroht werden mochte, nicht vergeſſen; denn was Angriffe der Art betraf, ſo war ſein Muth uͤber jeden Vor⸗ wurf erhaben, wie er dies in mehr als einem der blutigen Kaͤmpfe bewieſen hatte, welche zu jener Zeit zwiſchen den Vaſallen der kleineren deutſchen Fuͤrſten an der Tagesordnung waren. Der Kuh⸗ hirt hatte ſich mit einer ſchweren Waffe verſehen, die ſein Vater mehr als einmal in der Schlacht geſchwungen hatte, und welche die ganze Kraft des muskelſtarken Armes ſeines Sohnes in Anſpruch nahm, um ſie mit gehoͤriger Beruͤckſichtigung aller Stellungen zu handhaben. Feuergewehre waren zu theuer unb noch zu unvollkommen, um bei einem geringen Anlaſſe, wie es der war, der die beiden Milchbruͤder, denn dieß war das Geheimniß der vertrauten Freundſchaft des Foͤrſters und des Kuh⸗ hirten, hieher gefuͤhrt hatte, gebraucht zu werden. Berthold machte ſein Jagdmeſſer locker, als er in ei des ſchů ſelbſt ſchlo heidn zu tü ſchwe Griff um die C Beſon thater ſichts hatte Fichte linge welche und di ſter ſah Wind waͤhren Truͤmn Die den iſt, 71 in einen Thorweg, der nur durch eine Unterbrechung des Grabens, welcher dieſen Theil des Walles be⸗ ſchuͤtzt hatte, und durch die Oeffnung in der Mauer ſelbſt, kenntlich war, einbog, um in den einge⸗ ſchloſſenen Platz, welchen der Leſer bereits fuͤr das heidniſche Lager der Einleitung erkannt haben wird, zu treten. Zur ſelben Zeit nahm Gottlob ſeine ſchwere Waffe von der Schulter, und faßte den Griff kunſtgerecht. Zwar war kein Feind ſichtbar, um alle dieſe Bewegungen zu rechtfertigen, aber die Einſamkeit des Ortes, und jene unwillkuͤhrliche Beſorgniß vor Gefahr an Plaͤtzen, die zu Gewalt⸗ thaten geeignet ſind, hatte ohne Zweifel dieſe Vor⸗ ſichtsmaßregeln veranlaßt. Das Licht des Mondes hatte nicht hinreichende Staͤrke, um die dichfen Fichtenzweige zu durchdringen, und die beiden Juͤng⸗ linge wanderten unter jenem Halbdunkel dahin, welches die Gegenſtaͤnde nur ungewiß beleuchtet, und die Zuverſicht auch wenig mißtrauiſcher Gei⸗ ſter ſchwaͤcht. Es ging zwar nur ein geringer Wind, doch rauſchte es klagend durch die Nacht, waͤhrend unſere Abenteurer ihren Weg uͤber die Truͤmmer verfolgten. Die Heidenmauer war, wie ſchon bemerkt wor⸗ den iſt, vor Zeiten ein roͤmiſches Lager. Das krie⸗ 72 geriſche und außerordentliche Volk, welches dieſe Feſtungswerke an den aͤußerſten Grenzen ſeines ungeheuren Reiches errichtete, hatte nichts vergeſſen, was zur Sicherheit oder Bequemlichkeit beitragen konnte. Fuͤr Sicherheit war hinreichend durch die vereinzelte Stellung auf dem Berge, und durch die Ringmauern geſorgt, auf deren Dicke und Hoͤhe man von der Menge Truͤmmer, die in einem wei⸗ ten Umkreiſe umher lagen, ſchließen konnte. Der innere Theil trug Spuren genug, aus welchen ſich ergab, daß auch die Bequemlichkeit nicht vernach⸗ laͤſſizt worden war, und Gottlob ſtolperte uͤber manche Truͤmmer der Durchſchnittsmauern. Hie und da ſtieß man auf mehr oder minder verfallene Wohnungen, welche, gleich den ungleich merk⸗ wuͤrdigeren Ueberreſten von Pompeji und Hercu⸗ lanum, ein intereſſantes und unwiderlegliches Denk⸗ mahl der Sitten und Gebraͤuche Derjenigen ab⸗ gaben, welche ſeit ſo langer Zeit im ewigen Frieden ſchlummern. Aus den kunſtloſen Ausbeſſerungen, welche die einfachen Ueberreſte mehr verunſtalteten, als verſchoͤnerten, konnte man ſchließen, daß neuere Abenteurer dieſe Ruinen in verſchiedenen Zeiten zu Wohnungen einzurichten verſucht hatten. Alle aber ſchienen ſeit langer Zeit verlaſſen worden zu 73 ſein, denn Berthold und ſein Gefaͤhrte kletterten nur uͤber morſches Geſtein, welches, ſo wie die Riſſe in den dachloſen Waͤnden, auf langen Verfall deutete. Endlich ſtanden die Juͤnglinge ſtill, und ſahen beide nach einer und derſelben Richtung, gleichſam um ſich zu uͤberzeugen, daß ſie dem Ziele ihrer Wanderung nahe waͤren. In dem dichteſten Theile des Waͤldchens, wo die Fichten uͤppiger gewachſen waren, als auf dem ſteinigen Boden rings herum, ſtand ein einzelnes, niedriges Gebaͤude, das von allen, die noch vorhan⸗ den waren, allein bewohnbar zu ſein ſchien. Gleich den uͤbrigen war es entweder von den Herren der Welt erbaut, oder von den Kriegern Attila's, der wie ſchon erwaͤhnt wurde, einen Winter in dieſem Lager zugebracht hatte, uͤber der alten Grundfeſte erneuert, und nun durch die Arbeit armer Leute gegen Wind und Wetter geſichert worden. Die Huͤtte hatte ein Fenſter, eine Thuͤr und einen unfoͤrmlichen Schornſtein, welchen das Clima und die hohe Lage unentbehrlich machten. Ungewiſſes Licht ſchien durch das Fenſter, als das einzige Zeichen, daß die Huͤtte bewohnt ſei, denn rings herum trug, mit Ausnahme der eben erwaͤhnten Ausbeſſerungen, Alles den ſtillen Gharacter einer 74 Ruine. Der Leſer wird in dieſer Beſchreibung keineswegs jene coloſſale Groͤße, die dem Geiſte bei Nennung eines Roͤmerwerkes unwillkuͤhrlich bei⸗ faͤllt, erkennen. Zwar lag es in der Natur der Dinge, daß die groͤßten oͤffentlichen Gebaͤude dieſes Volkes ſich bis auf unſere Zeiten erhalten haben, aber der Wanderer trifft doch oft auf ſo ſchwache und vergaͤngliche Denkmaͤhler ihrer Macht, daß ſie nur durch einen Zuſammenfluß gluͤcklicher Umſtaͤnde bis auf unſere Zeiten geblieben ſind. Dennoch uͤbertraf der Roͤmer ſelbſt in geringen Gegenſtaͤn⸗ den, wenn ſie auf oͤffentliche Angelegenheiten Bezug hatten, ſeine Zeitgenoſſen und Nachfolger eben ſo ſehr, als in wichtigeren Werken. Die Ringmauer oder Hei⸗ denmauer lieferteinen unwiderleglichen Beweis dieſes Ausſpruches. Man findet weder einen Bogen, noch ein Grab, noch ein Thor, noch eine gepflaſterte Straße, welche darauf hindeutete, daß dieſes Lager mehr als ein temporairer militairiſcher Poſten war, und doch iſt die Anweſenheit ſeiner fruͤheren Bewohner durch mehr Anzeichen bewieſen, als vielleicht, wenn jetzt die eine Haͤlfte der Staͤdte der Chriſtenheit ploͤtzlich verlaſſen wuͤrde, in einem Jahrhundert von dieſen uͤbrig waͤren. Der Foͤrſter und der Kuhhirt betrachteten lange eibung ſte bei h bei⸗ ir der dieſes haben, wache aß ſie taͤnde nnoch iſtaͤn⸗ Zezug ſehr, Hei⸗ dieſes noch raße, als doch urch jetzt blich jeſen unge 75 die einſame Huͤtte, die ihre Blicke gefeſſelt hielt, gleich als ob ſie unſchluͤſſig waͤren, ob ſie vorwaͤrts ſchreiten ſollten oder nicht. »Ich hatte mehr Wohlgefallen an der Geſell⸗ ſchaft dieſes wuͤrdigen Einſiedlers, Meiſter Ber⸗ thold⸗, ſagte der Kuhhirt,„bevor Du mich mit ſeiner Liebhaberei, des Nachts auf dem Teufels⸗ ſtein friſche Luft zu ſchoͤpfen, bekannt gemacht haſt.⸗ „»Du fuͤrchteſt Dich doch nicht, Gottlob, Du, der Du Deines Muthes wegen vor allen unſeren jungen Leuten bekannt biſt?« »Ich bin gewiß der Letzte, der mich der Feig⸗ heit, oder irgend einer andern unruͤhmlichen Eigen⸗ ſchaft zeiht, Freund Foͤrſter; allein Klugheit iſt bei einem jungen Manne eine Tugend, wie der Abt von Limburg ſelbſt betheuern wuͤrde, wenn er hier waͤre—⸗ „Er iſt nicht in eigener ehrwuͤrdiger Perſon hier«, ſprach es ſo nahe vor Gottlobs Ohr, daß dieſer be⸗ hende bei Seite ſprang,„wohl aber in der eines Mannes, der demuthsvoll einen Theil ſeiner Hei⸗ ligkeit vorſtellt, und keinen Anſtand nimmt, die Wahrheit deſſen, was Du ſagteſt, mein Sohn, zu beſtaͤtigen.⸗ 76 Die jungen Maͤnner uͤberzeugten ſich zu ihrem Schreck, daß ein Moͤnch vom Berge gegenuͤber un⸗ erwartet zwiſchen ſie getreten war. Sie befanden ſich auf dem Boden der Abtei, oder vielmehr auf einem zwiſchen den Buͤrgern von Duͤrkheim und dem Kloſter ſtreitigen Grunde, und fuͤhlten ſich als Dienſt⸗ mannen des Grafen von Hartenburg hier nicht in allzu großer Sicherheit. Keiner von beiden ſprach etwas, wohl aber ſann jeder auf irgend einen glaub⸗ haften Vorwand, um ihre Anweſenheit auf einem ſo wenig beſuchten, in ſo uͤblem Geruche ſtehenden Platze zu beſchoͤnigen. »Ihr ſeid junge Leute aus Duͤrkheim?« fragte der Moͤnch, indem er ſich bemuͤhte, bei dem unge⸗ wiſſen Scheine des Mondlichtes, das ſparſam durch die dunklen Fichten fiel, ihre Geſichtszuͤge zu erfor⸗ ſchen. Gottlob, deſſen Hauptſchwaͤche eine allzu⸗ gelaͤufige Zunge war, nahm es uͤber ſich, zu ant⸗ worten. „»Wir ſind junge Leute, ehrwuͤrdiger Pater⸗, ſprach er,»wie Dein ſcharfſichtiger Blick Dich bereits uͤberzeugt haben wird. Ich verleugne meine Jugend nicht, und wenn ich es auch wollte, ſo wuͤrde doch der Teufel, von dem alle Leute zwiſchen zwanzig und fuͤnf und zwanzig Jahren in Geſtalt irgend einer Untugend beſeſſen ſind, mich bald verrathen.⸗ „»Von Duͤrkheim, mein Sohn?« „Da die Stadt mit der Abtei in Betracht dieſer Berge in Streit liegt, ſo wuͤrden wir uns in Deiner Gunſt nicht gerade befeſtigen, ehrwuͤrdiger Bene⸗ dictiner, wenn wir ja ſagen wuͤrden.⸗ »Du thuſt der Abtei mit dieſem Argwohn ſehr Unrecht, mein Sohn. Wir vertheidigen zwar die Rechte der Kirche, deren Verwaltung unſerer de⸗ muͤthigen und ſuͤndenvollen Bruͤderſchaft anvertraut iſt, ohne darum gegen Diejenigen, welche beſſere Rechte zu haben glauben, als wir, irgend eine Lieb⸗ loſigkeit zu zeigen. Die Liebe zum Mammon iſt in der Bruſt derjenigen ſchwach, welche ein buͤßen⸗ des Entſagungsleben fuͤhren. Sprich es keck aus, daß du aus Duͤrkheim biſt, und Du wirſt Dir da⸗ durch keineswegs mein Mißfallen zuziehen.⸗ »Weil Du es denn wuͤnſcheſt, wohlgeneigter Moͤnch, ſo geſtehe ich offen, daß wir aus Duͤrkheim ſind.« »Und Ihr ſeid hieher gekommen, um den Ein⸗ ſiedler im Fichtenwalde um Rath zu fragen?⸗ „» Ich darf einem Manne von Deiner Kenntniß der menſchlichen Natur, ehrwuͤrdiger Benedictiner, nicht erſt ſagen, daß alle Bewohner kleiner Staͤdte 78 einen unuͤberwindlichen Hang beſitzen, ſich um die Angelegenheiten ihrer Nachbaren zu bekuͤmmern. Himmel! wenn unſere wuͤrdigen Buͤrgermeiſter ſich etwas mehr Zeit nehmen wuͤrden, fuͤr ihre eigenen Angelegenheiten, ſtatt fuͤr die unſrigen zu ſorgen, ſo wuͤrden wir alle dadurch ſehr gewinnen, ſie an Eigenthum, und wir an Ruhe.⸗ Der Benedictiner lachte, und winkte den Juͤng⸗ lingen, ihm zu folgen, indem er ſelbſt voran auf die Huͤtte zuſchritt. „Da ihr den muͤhevollen Weg hieher ohne Zwei⸗ fel in lobenswerther und frommer Geſinnung ge⸗ macht habt, meine Soͤhne«, ſagte er,»ſo laßt Euch aus Ruͤckſicht auf meine Gegenwart von Eurem Vorhaben nicht abſchrecken. Wir wollen zuſammen in die Zelle des frommen Eremiten gehen, und wenn ſein Segen oder ſeine Rede Vortheil bringt, ſo werde ich Euch um Euren Antheil daran nicht beneiden. cc »Die Art, wie die Vaͤter von Limburg ſich alle Vortheile zum Nutzen ihrer Mitchriſten verſagen, iſt ferne und nahe in Aller Mund, und Dein jetzi⸗ ger Edelmuth, ehrwuͤrdiger Moͤnch, ſteht vollkom⸗ men mit dem Ruhm im Einklange, den ſich das Kloſter ſo wohl erworben hat.« — mor Gen denſ Han des Beiſ und wand Daß keit o war, wenn gemei ſchreib um die mmern. ſter ſich eigenen ſorgen, ſie an Juͤng⸗ in auf Zwei⸗ ig ge⸗ Euch urem mmen und ringt, nicht alle agen, jetzi⸗ kom⸗ das 79 Da Gottlob ernſthaft ſprach, und ſich mit ge⸗ ziemender Ehrfurcht verneigte, ſo taͤuſchte er den Benedictiner ziemlich, obſchon er nicht hindern konnte, daß einiger Argwohn in ihm aufſtieg, als ſie durch den niedrigen Eingang der Huͤtte ſchritten. ◻ Drittes Capitel. In jenen Jahrhunderten, in welchen man fuͤr moraliſches Unrecht vorzuͤglich durch Aberglauben Genugthuung that, und die Sclaven niedriger Lei⸗ denſchaften waͤhnten, daß ſie nur durch auffallende Handlungen phyſiſcher Selbſtverlaͤugnung die Rache des Himmels abwenden koͤnnten, ſah die Welt oft Beiſpiele, daß ſich Maͤnner ihren Freuden entriſſen, und ſich in Grotten und Huͤtten, unter dem Vor⸗ wande der Buße und des Gebetes, zuruͤckzogen. Daß dieſes außerordentliche Streben nach Froͤmmig⸗ keit oft ein Deckmantel des Betrugs und Ehrgeizes war, iſt gewiß, aber man wuͤrde lieblos urtheilen, wenn man es im Allgemeinen nicht einem wohl⸗ gemeinten, wenn auch uͤbel angebrachten Eifer zu⸗ ſchreiben wollte. Einſiedeleien ſind in den ſuͤdliche⸗ 80 ren Laͤndern Europas auch jetzt nicht ſo ſehr ſelten, wenn ſie gleich in Deutſchland faſt gar nicht mehr vorkommen. Allein vor der Veraͤnderung, welche im ſechzehnten Jahrhundert in der Religion erfolgte, alſo kurz vor dem Zeitpuncte unſerer Geſchichte, fand man unter den Soͤhnen des Nordens mehr Einſiedler, als unter den gluͤhenderen Bewohnern des Suͤdens. Es iſt ein Geſetz der Natur, daß diejenigen Weſen, welche die Eindruͤcke am leich⸗ teſten annehmen, ſie am kuͤrzeſten behalten; die fortwaͤhrende Selbſtverleugnung, die Entbehrungen eines Einſiedlers erforderten einen Ernſt und eine Feſtigkeit des Characters, welche bei den leichtſin⸗ nigen, genußſuͤchtigen Kindern der ſuͤdlichen Sonne viel ſeltener gefunden wird, als bei den kraftvollen Soͤhnen der Regionen des Eiſes und der Stuͤrme. Welches Urtheil man immer uͤber die Grund⸗ ſaͤtze eines Mannes faͤlen mag, welcher die Ge⸗ nuͤſſe der Welt aus Liebe zu Gott aufgiebt, ſo iſt es doch gewiß, daß einſt dieſe abgeſchiedene Lebens⸗ weiſe manche Fruͤchte trug, welche fuͤr krankhafte Gemuͤther, vorzuͤglich ſolche, in denen der Ehrgeiz nur ſchlief, nicht erloſchen war, ſtarke Reize hatten. Selten ſiedelte ſich ein Eremit in der Naͤhe einer wenig aufgeklaͤrten und religioͤſen Nachbarſchaft an, wirke zufuͤll die ih Dank ihn, n maͤchti nie des De ler, w 1. r ſelten, ht mehr welche erfolgte, ſchichte, 8. mehr vohnern r, daß leich⸗ a; die rungen d eine ichtſin⸗ Sonne vollen rme. Brund⸗ 2 Ge⸗ ſo iſt bens⸗ khafte rgeiz atten. 81 ohne daß er fuͤr ſeine Abgeſchiedenheit Ehrfurcht und Bewunderung in reichem Maße erntete. So ſchleicht ſich die Eitelkeit verraͤtheriſcher Weiſe in die Verſchanzungen des Geiſtes ein, und Derjenige, welcher die Welt verlaſſen hat, um den gefaͤhrlichen Verſuchungen zu entgehen, findet denſelben Feind in anderer Geſtalt, mitten in der Feſtung, die er gegen ihn errichtet zu haben glaubte. Es giebt wenig Ruhm, und in der Regel auch eben ſo wenig Si⸗ cherheit, wenn man irgend einer Gefahr den Ruͤ⸗ cken kehrt, und derjenige, der den Kampf in Folge eines ſolchen Mittels uͤberlebt, hat einen viel min⸗ deren Anſpruch auf die Ehre eines Helden, als Je⸗ ner, der ſich das Daſein bewahrte, indem er ſeinem Gegner eine Todeswunde beibrachte. Es iſt des Menſchen Beruf, unter ſeinen Mitweſen Gutes zu wirken, ſeine Stelle im Kreiſe der Schoͤpfung aus⸗ zufuͤllen, und keine der Pflichten zu vernachlaͤſſigen, die ihm Gott auferlegt hat; und Dank, großen Dank iſt er dem hoͤchſten Weſen ſchuldig, daß es ihn, wie ſchwer auch ſein Beruf ſei, nicht ohne die maͤchtige Huͤlfe jener Weisheit, welche die Harmo⸗ nie des Alls erhaͤlt, gelaſſen hat. Der Eremit im Fichtenwalde, wie der Einſied⸗ ler, welchen der Moͤnch und ſeine beiden zufaͤlligen 6 Gefaͤhrten jetzt beſuchten, von den Bauern und den Buͤrgern in Duͤrkheim gewoͤhnlich genannt wurde, 4 war ungefaͤhr ſechs Monate vor Eroͤffnung unſrer ber Geſchichte in den Ringmauern erſchienen. Woher ſeh er gekommen, wie lange er zu bleiben gedachte, Un und welchem Stande er vorher angehoͤrte, waren in Denjenigen, in deren Nachbarſchaft er ploͤtzlich mit ſeine Wohnung aufgeſchlagen, voͤllig unbekannte Bei Thatſachen. Niemand hatte ihn ankommen ſehen, Abn noch wußte irgend Jemand, woher er den geringen ſoge Hausrath, der ſich in ſeiner Huͤtte befand, ſich ver⸗ gehe ſchafft hatte. Diejenigen, welche in der einen Woche nach das roͤmiſche Lager menſchenleer ſahen, fanden es die in der anderen von einem Manne bewohnt, der Natl eines der verlaſſenen Gebaͤude, um ihn vor Wind Jem unnd Wetter zu ſchuͤßen, ausgebeſſert, und durch fen n das Kruzifix vor der Thuͤre die Urſache ſeiner Ab⸗ als d geſchiedenheit hinreichend angedeutet hatte. In der genhe Regel freute man ſich in jener Zeit allenthalben Zeit g uͤber die Ankunft eines Eremiten in der Gegend, ausge gleich wie uͤber ein gluͤckliches Ereigniß. Bevor Sturz noch vierzehn Tage nach ſeiner Ankunft vergangen der A. waren, hofften Viele auf Erreichung irgend eines des Ei irdiſchen Zweckes durch die Fuͤrbitte des Fremden ſicher, bei Gott und ſeinen Heiligen. Mit Ausnahme ter ſich und den wurde, unſrer Woher gedachte, waren ploͤtzlich ekannte ſehen, eringen ich ver⸗ Woche ben es t, der Wind durch er Ab⸗ In der halben egend, Bevor angen eines mden ahme 83 Emichs von Leiningen⸗Hartenburg, der Buͤrger⸗ meiſter von Duͤrkheim und der Moͤnche von Lim⸗ burg, machte die Nachricht von ſeiner Ankunft einen ſehr angenehmen Eindruck auf die Bewohner der Umgegend. Der ſtolze und kriegeriſche Graf hatte, in Folge erblicher Feindſchaft gegen das Kloſter, das mit ſeinem Geſchlechte ſeit Jahrhunderten um den Beſitz des Thales rechtete, eine unuͤberwindliche Abneigung gegen Alles, was geiſtlich war, einge⸗ ſogen, waͤhrend die Buͤrgermeiſter uͤberhaupt von geheimer Eiferſucht gegen Alles, was nicht ſo ganz nach dem Geſetze klar war, geplagt wurden. Was die Moͤnche betraf, ſo lag es in der menſchlichen Natur, daß es ihren bitterſten Unmuth erregte, daß Jemand ſie in ihrem Beruf der Froͤmmigkeit uͤbertref⸗ fen wollte. Bis jetzt wurde der Abt von Limburg als der einzige Richter in allen geiſtlichen Angele⸗ genheiten angerufen, und er hatte ſeine durch die Zeit geheiligte Obergewalt auf jene nachlaͤſſige Weiſe ausgeuͤbt, die ſo oft ſchon dem Gluͤcklichen den Sturz bereitet hat. Dieſer Widerwille von Seite der Angeſehenen und Maͤchtigen wuͤrde das Leben des Einſiedlers ſehr unangenehm, wenn nicht un⸗ ſicher, gemacht haben, wenn nicht ſeine Gegner un⸗ ter ſich ſelbſt feindlich zerfallen geweſen waͤren. Der 6* 84 fromme Wahn der Umgegend diente der geringen d Huͤtte zum Schilde, und Monate verfloſſen nach ſc Ankunft des Fremden, ohne daß er irgend einen F anderen Beweisr der durch ſeine Anweſenheit erreg⸗ ſei ten Gefuͤhle erhalten haͤtte, als jene Ehrfurcht, welche die große Maſſe der Bevoͤlkerung gegen Maͤnner M ſeines Berufes fuͤhlte. Die zufaͤllige Bekanntſchaft vo mit Berthold hatte ſich zur Vertrautheit ausgebil⸗ waͤ det, auch gab es, wie man im Verlaufe der Erzaͤh⸗ off lung ſehen wird, noch andere Perſonen, denen ſein nel Nath, oder ſeine Zuruͤckgezogenheit, oder ſein Ge⸗ hal bet nichts weniger als gleichguͤltig war.. wan Die letztere Thatſache wurde Denjenigen, welche zun ſich jetzt in Folge ihres gegenſeitigen Mißtrauens glei mit weniger Umſtaͤnden als gewoͤhnlich an der Schwelle ſern der Huͤtte einfanden, auf eine unbezweifelbare Weiſe buttr offenbar. Das Licht in derſelben ruͤhrte vom Feuer dee auf dem einfachen Heerde her, und war ſtark ge⸗ Bis nug, um dem Moͤnche und ſeinen Gefaͤhrten be⸗ glan merklich zu machen, daß der Einſiedler nicht allein uͤber war. Offenbar mußte man ihre Fußtritte gehoͤrt Aus haben, denn ein Frauenzimmer, das zu ſeinen Fuͤßen mers kniete, gewann noch Zeit, ſich zu erheben, und den 2 Mantel ſo umzunehmen, daß das Geſicht voͤllig be⸗ wand deckt blieb. Kaum war dies eilig geſchehen, ſo ver⸗ hrwi geringen en nach nd einen it erreg⸗ t, welche Maͤnner eantſchaft usgebil⸗ Erzaͤh⸗ ten ſein in Ge⸗ welche rauens hwelle Weiſe Feuer k ge⸗ n be⸗ allein eehoͤrt Fuͤßen d den g be⸗ ver⸗ 85 dunkelte der Benedictiner den Eingang mit ſeinem ſchwarzen Gewande, waͤhrend Berthold und ſeine Freunde neugierig und nicht ohne Erſtaunen uͤber ſeine Schultern ſahen. Geſtalt und Antlitz des Eremiten zeigten einen Mann von mittlerem Alter. Sein Auge hatte nichts von deſſen ausdrucksvoller Lebhaftigkeit verloren, waͤhrend ſeine Bewegungen jene Ruhe und Faſſung offenbarten, welche eine lange Erfahrung dem Be⸗ nehmen Aller mittheilt, die nicht umſonſt gelebt haben. Keine Spur von Ueberraſchung oder Unruhe war in ihm ob dieſes unerwarteten Beſuches wahr⸗ zunehmen, ſondern er ſah ſeine Gaͤſte ernſt an, gleich als wollte er ſich uͤber ihre Perſon vergewiſ⸗ ſern, und winkte dann Allen mit Freundlichkeit, ein⸗ zutreten. Im Auge des Benedictiners war der Aus⸗ druck finſteren Argwohns zu leſen, als er eintrat. Bis jetzt hatte er naͤmlich nicht Grund gehabt zu glauben, daß der Einſiedler einen ſo großen Einfluß uͤber die Gemuͤther der Jugend uͤbe, wie ſich dies aus der Gegenwart eines unbekannten Frauenzim⸗ mers ſchließen ließ. »Ich wußte, daß Du einen frommen Lebens⸗ wandel fuͤhrſt, und beſtaͤndig im Gebete verharreſt, ehrwuͤrdiger Eremit«, ſagte er in einem Tone, der 86 in mehr als einer Ruͤckſicht Zweifel andeutete,»aber bis zu dieſem Augenblicke habe ich nicht geahnt, daß Du die kirchliche Macht, Beichte zu hoͤren, und die Suͤnden zu vergeben, beſaͤßeſt.⸗ „»Das Letztere, mein Bruder, iſt eine Macht, die von Rechtswegen Gott allein gebuͤhrt. Selbſt das Haupt der Kirche iſt nur ein demuͤthiges Werkzeug des Glaubens, indem es dieſes feierliche Amt ausuͤbt.« Das Antlitz des Moͤnches wurde bei dieſer Ant⸗ wort nichts weniger als freundlicher, auch erman⸗ gelte er nicht, forſchende Blicke auf die verhuͤllte Geſtalt der Fremden zu werfen, die zu erkennen er ſich umſonſt bemuͤhte. »Du haſt nicht einmal die Tonſur«, fuhr er fort, indem ſein unruhiges Auge vom Einſiedler auf die Fremde rollte, die ſich, ſo weit es die Enge der Huͤtte nur immer zuließ, jeder Beobachtung zu entziehen ſuchte. »Du ſiehſt, Vater, daß ich noch alles Haar habe, welches Zeit und Krankheiten mir gelaſſen haben. Glaubt man etwa in Deiner reichen und kriegeriſchen Abtei, daß der Rath eines Mannes, der lange genug gelebt hat, um ſeine eigenen Feh⸗ ler zu kennen und zu beklagen, den minder Erfah⸗ renen Schaden bringen kann? Wenn ich mich den Erle zeug inde daß „ C pfle eine »„be Abte geln Ulri nun ſam See Abt facit auf belal aber daß d die t, die das zeug bt.« Ant⸗ nan⸗ uͤllte n er 87 hierin ungluͤcklicher Weiſe geirrt haben ſollte, ſo biſt Du zu rechter Zeit erſchienen, ehrwuͤrdiger Moͤnch, um das Unrecht gut zu machen.« »Das Maͤdchen moͤge, wenn Kummer oder Sorge ihre Seele druͤckt, nach der Abteikirche in den Beichtſtuhl kommen, ſie wird dort zuverlaͤſſig Erleichterung finden.« »Wie ich ſelbſt es aus mancher Erfahrung be⸗ zeugen kann«, unterbrach der Kuhhirt ſie ploͤtzlich, indem er ſich zwiſchen die beiden Frommen ſo ſtellte, daß er ihre ganze Aufmerkſamkeit beſchaͤftigte. „» Geh auf den Berg, und erleichtere Deine Seele««, pflegt meine gute, alte Mutter zu ſagen, ſo oft ich eine allzudemuͤthige Meinung von mir ſelbſt hatte, „»„beſprich Dich mit einigen der frommen Vaͤter der Abtei, deren Weisheit und Salbung nicht erman⸗ geln wird, Dein Herz zu erleichtern. Da iſt Vater Ulrich, ein Muſter von Tugend und Selbſtverleug⸗ nung; Vater Cuno iſt noch erbaulicher und heil⸗ ſamer als er; waͤhrend Vater Siegfried fuͤr die Seele balſamreicher iſt, als ſelbſt der hochwuͤrdigſte Abt, der tugendhafte und fromme Vater Boni⸗ facius. Was Du immer gethan haſt, Kind, ſo geh auf den Berg, tritt getroſt in die Kirche als ſchwer⸗ beladener Suͤnder, und ſuche vor Allem den Rath 88 und das Gebet des vortrefflichen und geliebten Va⸗ ter Siegfried.«« »Wer biſt Du?« fragte der Moͤnch halb miß⸗ trauiſch,»daß Du von mir in meiner Gegenwart in Ausdruͤcken ſprichſt, die ich ſo wenig verdiene?⸗ »Ich wollte, ich waͤre Graf Emich von Har⸗ tenburg, oder lieber gleich der Kurfuͤrſt von der Pfalz ſelbſt, um Denjenigen, die ich ehre, Gerech⸗ tigkeit widerfahren zu laſſen. In dieſem Falle wuͤr⸗ den naͤchſt meinem eigenen Fleiſche und Blute ge⸗ wiſſe Vaͤter der Abtei Limburg meiner beſonderen Gunſt theilhaftig werden. Wer ich bin, Vater? Ich wundere mich, wie man ein Antlitz, das man ſo oft im Beichtſtuhle geſehen hat, ſo ſchnell wieder vergeſſen kann. Was an mir Ruͤhmenswerthes iſt, das ſtammt von Dir, Vater Siegfried; aber es uͤberraſcht mich keineswegs, daß Du Dich meiner nicht erinnerſt, da die Demuͤthigen und Sanftmuͤ⸗ thigen ihre eigenen guten Thaten ſtets ſchnell ver⸗ geſſen!“ »Du nennſt Dich Gottlob— viele Chriſten⸗ menſchen fuͤhren dieſen Namen.« »Noch mehrere, ehrwuͤrdiger Vater, die es nicht verſtehen, demſelben Ehre zu machen. Da iſt Gott⸗ lob Frincke, ein Schelm wie es nur irgend einen in der kal n Va Duͤrkheim giebt; Gottlob Popp ſollte ſeines Tauf⸗ namens wegen auf mehr Achtung Anſpruch machen miß⸗ duͤrfen; und was Gottlob von Mannheim betrifft—⸗ nwart»Wir wollen die Suͤnden der Uebrigen, um ne?⸗ des Guten willen, das Du gethan haſt, vergeſſen⸗, Har⸗ unterbrach ihn der Benedictiner, der anfangs durch n der die Schmeichelworte eingelullt worden war, aber erech⸗ ſich bald ſeiner Schwaͤche zu ſchaͤmen begann, als wuͤr⸗ der ſchnellzuͤngige Kuhhirt ſo zu reden fortfuhr, daß e ge⸗ er gegen das Lob, das aus einem ſolchen Munde deren kam, mißtrauiſch werden mußte;»komm zu mir, ater? wenn Du willſt, mein Sohn, und Rath, ſo wie man ein ſchwacher Kopf, aber ein aufrichtiges Herz ihn ieder zu geben vermag, ſoll Dir niemals fehlen.⸗ 6 iſt‧,„»Wenn meine alte Mutter dies hoͤrte, wie wuͤrde r es es ihr Herz erfreuen! Gottlob, wuͤrde ſie ſagen—« einer»Wohin iſt Dein Gefaͤhrte, wohin das Maͤd⸗ muͤ⸗ chen gekommen?« fragte der Benedictiner haſtig. ver⸗ Der Kuhhirt hatte ſeine Rolle gut geſpielt, und ſtand nun voll einfaͤltiger Verwunderung da, und ſten⸗ ließ das Geſpraͤch zwiſchen dem Einſiedler und dem Moͤnch ſich fortſetzen. nicht„Deine Gaͤſte haben uns ſchnell verlaſſen«, fuhr ott⸗ der Moͤnch fort, nachdem er ſich uͤberzeugt hatte, min daß Niemand mehr in der Huͤtte ſei, außer 90 er ſelbſt, ihr gewoͤhnlicher Bewohner, und der ſuͤß⸗ redende Gottlob,—„und, wie es ſcheint, zuſam⸗ men.« »Sie ſind gegangen, wie ſie kamen, freiwillig und ohne daß ich ſie befragte.⸗ »Du kennſt ſie alſo aus haͤufigen Beſuchen, frommer Eremit!« „Vater, ich befrage nie Jemanden; wenn Kur⸗ fuͤrſt Friedrich ſelbſt in meine Huͤtte kaͤme, ſo waͤre er mir gerade ſo willkommen, wie dieſer Kuhhirt. Zu beiden wuͤrde ich beim Abſchiede auf gleiche Weiſe ſagen: Gott ſegne Dich!« »Du huͤteſt die Heerden der Buͤrger, Gottlob?⸗ »„Ich huͤte jede Heerde, ehrwuͤrdiger Vater, die meine Gebieter mir anvertrauen.⸗ »Wir haben vielfach gegruͤndete Urſache, uns gegen einen Deiner Cameraden zu beklagen, der in den Dienſten des Grafen von Hartenburg ſteht, und faſt taͤglich ſich gegen die Wieſen der Kirche vergeht. Kennſt Du den Burſchen?« „»Potz tauſend! Wenn alle Schelme, die in Ab⸗ weſenheit ihrer Herren ſich ſolcher Vergehen ſchul⸗ dig machen, in einer Reihe vor dem hochwuͤrdigſten Abte von Limburg aufgeſtellt wuͤrden, ſo wuͤrde er kaum wiſſen, ob er mit Gebet oder mit Peitſchen⸗ ſag hat tra Kri Fol 91 hieben anfangen ſollte,— und in beiden, heißt es, iſt er ſehr gewaltig! Ich ſelbſt zittere oft wegen meines eigenen Benehmens, obſchon Niemand eine beſſere Meiang von ſich ſelbſt haben kann, als ich, — ich Armer, den ein boͤſes Schickſal, und Ungluͤck in Betreibung der Geſchaͤfte meines Vaters, ge⸗ noͤthigt hat, unter ſolchen Geſellen zu leben. Waͤre meine Redlichkeit nicht ſo bewaͤhrt, ſo wuͤrden Manche, die jetzt aus chriſtlicher Demuth faſten, es aus Noth⸗ wendigkeit thun muͤſſen.« Der Benedictiner pruͤfte das milde Antlitz Gott⸗ lobs mit ſcharfen, mißtrauiſchen Blicken, dann lud er den Eremiten ein, dem Burſchen ſeinen Segen zu geben, winkte dieſem, ſich zu entfernen, und ging dann zu dem Gegenſtande uͤber, der ihn eigentlich in die Einſiedelei gefuͤhrt hatte. Bei dem Standpuncte, bis zu welchem unſere Erzaͤhlung jetzt gediehen iſt, koͤnnen wir nicht mehr ſagen, als daß eben die Zeit fuͤr alle Bewohner der Rheinpfalz ſehr kritiſch war. Der Kurfuͤrſt hatte ſich, vielleicht etwas zu vorſchnell in Anbe⸗ tracht ſeiner beſchraͤnkten Huͤlfsquellen, in den Krieg, der damals wuͤthete, eingelaſſen, und ernſte Gefahren drohten von allen Seiten. Es war eine Folge des damals in Europa allgemein herrſchenden 92 Feudalſyſtems, daß, ſo oft die Macht des Fuͤrſten, der uͤber eine Menge kleiner Souveraine, die da⸗ mals beſonders ſchwer auf Deutſchland laſteten, herrſchte, eine, wenn auch nur voruͤbergehende Er⸗ ſchuͤtterung erlitt, ſtets innere Unruhen entſtanden. Fuͤr die kleinen Dynaſtien war der Fuͤrſt allein das Geſetz, denn ſie erkannten kein anderes als das des Staͤrkeren an. Die Hierarchie der Herrſcher, vom Baron, Grafen, Landgrafen, Markgrafen, Herzog, Kurfuͤrſten, bis aufwaͤrts zum nominellen Ober⸗ haupte des Staates, trug die Keime der inneren Zwietracht in ſich, auch wenn die Macht der Kaiſer einen bei weitem beſtimmteren und groͤßeren Ein⸗ fluß gehabt haͤtte. Allein da ſie ſo aͤußerſt ungewiß und unbeſtimmt war, ſo gab es nur ſelten irgend ein ernſtes Hinderniß, das nicht durch die Anwen⸗ dung der Waffengewalt entfernt werden mußte. So oft der Kaiſer in ernſte Schwierigkeiten ver⸗ wickelt war, ſuchten die groͤßeren Reichsfuͤrſten die Macht wieder herzuſtellen, in welcher ſie durch den Beſitz des Thrones von einer Reihe von Kaiſern aus einem und demſelben Geſchlechte beeintraͤchtigt worden waren. Selten gab es auswaͤrtige Verle⸗ genheiten, ohne daß die kleineren Fuͤrſten zu Privat⸗ fehden ſchritten, welche das Uebel vermehrten. Da ein 93 iſten, ein Dienſtmann in der Regel nur der Widerſchein da⸗ der Feindſchaften und Vorurtheile ſeines Lehns⸗ eeten, herrn war, ſo wird der Leſer bereits aus den Wor⸗ Er⸗ ten des Kuhhirten haben ſchließen koͤnnen, daß die ꝛden. beiden Nachbarn, der Graf von Hartenburg und das der Abt von Limburg, mit einander auf keinem ſehr des freundſchaftlichen Fuße ſtanden. Ihre nahe Nach⸗ vom barſchaft war an und fuͤr ſich ſchon eine Veranlaf⸗ rzog, ſung zu Reibungen, abgerechnet die Eiferſucht und ber⸗ den Kampf, welcher ſtets zwiſchen der Macht des teren Aberglaubens und der Macht des Schwertes herrſcht. aiſer Der Beſuch des Moͤnches hatte auf gewiſſe In⸗ Ein⸗ tereſſen, in Betreff des gegenwaͤrtigen Zuſtandes der ewiß Dinge zwiſchen der Abtei und dem Schloſſe, Bezug. gend Da es jedoch vorzeitig waͤre, hierauf jetzt ſchon naͤ⸗ ven⸗ her einzugehen, ſo beſchraͤnken wir uns auf den Be⸗ ißte. richt, daß dies Zweigeſpraͤch zwiſchen Moͤnch und ver⸗ Einſiedler ungefaͤhr eine halbe Stunde waͤhrte, die nach deren Verlauf jener ſich beabſchiedete, aber nicht, den ohne zuvor um den Segen eines Mannes von ſo rei⸗ ſern nem und ſelbſtverleugnungsvollem Lebenswandel, ttigt wie ſein Wirth es waͤre, gebeten zu haben. erlee An der Thuͤre der Huͤtte traf der Moͤnch Gott⸗ vat⸗ lob, deſſen er ſich zwar, wie man ſich erinnern wird, Da 1 zeitig genug entledigt hatte, der aber doch aus be⸗ 94 ſonderen Gruͤnden, die ihm allein bekannt waren, fuͤr gut gefunden hatte, das Ende des Zweigeſpraͤ⸗ ches abzuwarten. »Du noch hier, mein Sohn!« rief der Bene⸗ dictiner aus.»Ich haͤtte geglaubt, daß Du, begluͤckt mit dem Segen eines ſo frommen Mannes, bereits friedlich in Deinem Bette laͤgeſt.⸗ „»Das Gluͤck vertreibt ſtets den Schlaf von mei⸗ nen Augen, Vater«, erwiederte Gottlob, indem er ſich an den Moͤnch anſchloß, der durch den alten Thorweg aus dem Roͤmerlager ſchritt.»Ich ge⸗ hoͤre nicht zu jenen Thieren, die, wenn ſie genug gefreſſen haben, ſich zur Ruhe legen, ſondern je mehr mir das Gluͤck laͤchelt, deſto mehr wuͤnſche ich, es zu genießen.⸗ »Dein Wunſch iſt natuͤrlich, und obſchon man manche natuͤrliche Wuͤnſche bekaͤmpfen muß, ſo ſehe ich doch keine Gefahr darin, daß ſich Jemand ſei⸗ nes Gluͤckes freut.⸗ »Von der Gefahr iſt keine Rede, Vater, ſon⸗ dern vom Genuſſe, und es giebt in ganz Duͤrkheim keinen jungen Menſchen, der fuͤr denſelben empfaͤng⸗ licher waͤre, als ich.«⸗ »Gottlob«, ſagte der Benedictiner, indem er ſich wie ein Menſch, der mit Jemanden vertraulich rren, „ L praͤ⸗ ene⸗ uͤckt reits mei⸗ n er lten ge⸗ nug n je iſche nan ſehe ſei⸗ ſon⸗ eim ing⸗ er alich reden will, naͤher an ſeinen Gefaͤhrten anſchloß,»da Du aus Duͤrkheim biſt, ſo kannſt Du mir wohl ſagen, wie ſeine Bewohner in Betreff des Streites zwiſchen unſerem hochwuͤrdigſten Abt und dem Gra⸗ fen Emich von Hartenburg geſinnt ſind?« „»Wenn ich Dir die ganze Wahrheit geſtehen ſoll, hochwuͤrdiger Herr, ſo muß ich ſagen, daß die Buͤrger dieſe Angelegenheit auf eine Weiſe beendet zu ſehen wuͤnſchen, daß fuͤrder kein Zweifel mehr uͤbrig bleibe, wem ſie Liebe und Gehorſam ſchuldig ſind, weil ſie es zu hart finden, daß beide Theile ſo große Anſpruͤche an ihre Dienſtleiſtungen ma⸗ chen.« »Du kannſt nicht Gott und dem Mammon die⸗ nen, ſagte Jemand, aus deſſen Munde nur die rein⸗ ſte Wahrheit ging.« »So ſpricht auch die Vernunft, ſehr ehrwuͤrdi⸗ diger Moͤnch; aber wenn ich Dir meine innerſten Gedanken eroͤffnen darf, ſo giebt es Niemand in ganz Duͤrkheim, der ſich weiſe genug duͤnkt, um zu entſcheiden, auf welcher Seite Gott und auf wel⸗ cher Seite der Mammon iſt.« »Wie! ziehſt Du unſeren frommen Beruf, un⸗ ſere goͤttliche Sendung, kurz das, was wir ſind, in Zweifel?« 96 »Niemand iſt ſo kuͤhn, zu behaupten, daß die Moͤnche von Limburg Das ſind, was ſie ſind; dies waͤre unbeſcheiden gegen die Kirche und unehrerbie⸗ tig gegen Vater Siegfried; das Hoͤchſte, was wir zu ſagen wagen, iſt, daß ſie Das, was ſie ſind, zu ſein ſcheinen, und dies iſt, wie es nun einmal in der Welt zugeht, ſchon ſehr viel.„»Scheine zu ſein, Gottlob«, ſagte mein armer Vater,»und Du wirſt weder Neider noch Feinde haben; denn im Schein iſt nichts, was die Menſchen beunruhigt, nur wenn man wirklich etwas iſt, dann fangen ſie an, zu kri⸗ tiſiren. Willſt Du mit Deinem Nachbar in Frie⸗ den leben, ſo gehe in nichts uͤber das Scheinen hin⸗ aus, denn das ertragen Alle, weil Alle zu ſcheinen verſtehen, waͤhrend das Sein oft eine ganze Stadt in Aufruhr bringt. Es iſt wunderbar, welche Kraft im Scheinen liegt; Herzweh und Schmach, ja ſelbſt Feindſchaft iſt eigentlich nur das, was dieſe Dinge einem ſcheinen.«« Das Hoͤchſte, alſo, was wir uns in Duͤrkheim zu ſagen erlauben, iſt, daß die Moͤn⸗ che von Limburg fromme Maͤnner zu ſein ſcheinen.⸗ „»Und Graf Emich?⸗ »Was den Grafen Emich betrifft, ſo halten wir es fuͤr gerathen, von ihm nur als von einem maͤchtigen Edlen zu ſprechen. Der Kurfuͤrſt hat kein Va zu ſehr ſchen waͤgt Dies heim Verſt Weg, gleich nes 2 kann 0 meiner 97 ß die keinen kuͤhneren Ritter, der Kaiſer keinen treueren dies Vaſallen; wir ſagen daher, daß er tapfer und treu erbie⸗ zu ſein ſcheint.« 3 wir»Du ſcheinſt dieſe ſcheinbaren Eigenſchaften , zu ſehr hoch anzuſchlagen, mein Sohn.« al in»Da wir wiſſen, wie ſehr die gebrechliche Men⸗ ſein, ſchennatur, wenn man die Handlungen Anderer ab⸗ wirſt waͤgt, dem Irrthume unterworfen iſt, ſo halten wir chein Dies fuͤr das Kluͤgſte. Das muß man uns Duͤrk⸗ venn heimern laſſen, daß wir vorſichtig ſind.« kri⸗„»Fuͤr einen Kuhhirten fehlt es Dir nicht an Frie Verſtand. Kannſt Du leſen?⸗ hin⸗»Die Vorſicht warf mir dies Geſchenk in den einen Weg, als ich noch ein Kind war, und ich hob es auf, stadt gleichwie ich einen Leckerbiſſen verſchlungen haͤtte.⸗ traft»Dies iſt eine Kunſt, die einem Menſchen Dei⸗ ſelbſt nes Berufes eher ſchaden, als nuͤtzen kann. Was inge kann ſie Dir bei Deiner Heerde helfen?« uns„Ich will nicht behaupten, daß ſich dadurch eine Roͤn⸗ meiner Kuͤhe beſſer befindet; aber um aufrichtig zu en.⸗ ſein, ehrwuͤrdiger Benedictiner, es giebt darunter Thiere, welche doch dadurch beſſer zu ſein ſcheinen.« alten»Wie!« Du willſt mir etwas aufheften, das nem nicht nur unwahrſcheinlich„ſondern auch unmoͤglich hat in. Geh, geh, Du willſt es den Hofnarren nach⸗ 7 98 thun. Es ſind tauſend Verſuchungen des Teufels in der Welt mehr, ſeit der unvorſichtige Bruder in Mainz dieſe Kunſt erfand. Ich moͤchte doch hoͤren, auf welche Weiſe ſie einem Thiere Nutzen bringen koͤnnte.« »Nur Geduld, Vater Siegfried, und Du wirſt es erfahren. Stelle Dir einen Hirten vor, der le⸗ ſen kann, und einen anderen, der es nicht kann. Wir wollen ſetzen, daß Beide Diener des Grafen Emich von Hartenburg ſind. Wohlan, Beide zie⸗ hen des Morgens mit ihren Heerden aus. Dieſer ſchlaͤgt den Weg in die Berge des Grafen ein, je⸗ ner aber hat die Inſchrift der Grenzſteine geleſen, welche die Beſitzungen des Grafen von der Abtei ſcheiden, woraus natuͤrlich folgt, daß jener, welcher leſen kann, eine naͤhere und reichere Weide erreicht, als der andere, der ſeine Thiere auf oft abgeweide⸗ te, vielfach von Thieren und Menſchen betretene Plaͤtze treibt.« »Deine Kenntniß des Leſens hat Deinen Ver⸗ ſtand nicht aufgeklaͤrt, was ſie auch immer gethan haben mag, um den Zuſtand Deiner Heerde zu verbeſſern.⸗ »Wenn Deine Hochwuͤrden etwa zweifelt, daß ich das bin, was ich ſage, ſo haſt Du dadurch den 99 unwiderleglichen Beweis,— Gelehrſamkeit verwirrt den Kopf. Wer nur ein Horn hat, ergreift es, und geht ſeiner Wege, waͤhrend Derfjenige, welcher viele Hoͤrner hat, ſeine Heerde verlieren kann, indem er nach dem beſten Inſtrumente ſucht. Wer nur ein Schwert hat, der zieht es und erſchlaͤgt ſeinen Feind, indeß Derjenige, der viele Ruͤſtungen beſitzt, ſein Le⸗ ben verlieren kann, waͤhrend er zum Schilde greift, und den Helm aufſetzt.⸗ »Ich haͤtte nicht geglaubt, daß Du ſo geſchickt im Antworten waͤreſt. Du glaubſt alſo, daß die guten Duͤrkheimer zwiſchen der Abtei und dem Gra⸗ fen neutral bleiben werden?« „»Vater, wenn Du mir ſagen wollteſt, auf wel⸗ cher Seite ſie den meiſten Gewinn haben, dann wuͤrde ich vielleicht mit einiger Gewißheit angeben koͤnnen, fuͤr wen ſie das Schwert ziehen werden. Unſere Buͤrger ſind kluge Leute, wie ich Dir ſchon geſagt habe, und es trifft ſich ſelten, daß ſie gegen ihr Intereſſe zu den Waffen greifen.« »Du ſollteſt wiſſen, mein Sohn, daß Derjenige, der in dieſem Leben gluͤcklich iſt, oft die Wage der Gerechtigkeit in jenem Leben gegen ſich ſinken ſe⸗ hen wird, waͤhrend derjenige, welcher auf Erden lei⸗ det, jenſeits eine gnadenreiche Vergeltung findet.« 7*† 10⁰ — „Himmel! Wenn dies der Fall i*ſt, ehrwuͤrdiger Benedictiner, ſo duͤrfte es dem hochwuͤrdigſten Abt von Limburg in jenem Leben ſchlechter gehen, als dem Hirten, der hienieden wie ein Hund lebt!« rief Gottlob mit ſo einfaͤltiger Verwunderung aus, daß er ſeinen Zuhoͤrer vollkommen irre fuͤhrte.»Der Abt ſoll ſeinen Koͤrper verſchiedentlich zu erquicken wiſſen, und den Unterſchied zwiſchen einem Becher alten Rheinwein, und dem waͤſſerigen Zeuge, das jenſeits dieſer Berge waͤchſt, ſehr wohl zu unterſchei⸗ den verſtehen, waͤhrend der Hirte, ob aus Noth⸗ wendigkeit oder Neigung, will ich nicht unterſuchen, ſich mit einem Trunk aus der Quelle begnuͤgen muß. Es iſt wahrlich ein Ungluͤck, daß man nicht weiß, was man waͤhlen ſoll, Freuden hienieden und jenſeits Leiden, oder hier einen hungernden Leib und druͤben eine gluͤckliche Seele! Glaube mir, Va⸗ ter Siegfried, wenn Deine Hochwuͤrden wuͤßte, wel⸗ che Verſuchungen uns unwiſſende Juͤnglinge oft befallen, ſo wuͤrdeſt Du, wie ſehr auch Deine ſtren⸗ ge Tugend Dich dazu anreizt, mit ſchweren Bußen nicht ſo freigebig ſein, wie Du es biſt.« »Was hierin geſchieht, gereicht Dir hier und dort zum Heile. Indem man den Geiſt auf dieſe Weiſe kaſteit, bereitet man ihn allmaͤhlig fuͤr ſeine 101 endliche Reinigung vor, waͤhrend Du zugleich durch einen zuͤchtigen Lebenswandel in den Augen Deiner Nebenmenſchen gewinnſt. Wenn die große Rech⸗ nung zum Abſchluſſe koͤmmt, wird Dir dann Ge⸗ rechtigkeit werden.« »Ich bin kein ſo gieriger Glaͤubiger, um die Vorſicht um das, was mir gebuͤhrt, zu mahnen. Ich weiß ſehr wohl, daß Das, was ſich ereignen wird, durch nichts abgewendet werden kann, und halte daher die Geduld fuͤr eine Tugend. Ich hoffe jedoch, daß die Rechnung, von der Ihr uns ſo oft erzaͤhlt, mit gehoͤriger Ruͤckſicht fuͤr arme Menſchen gehalten werden wird, denn in den Rechnungen hier auf. Erden beguͤnſtigt man unss gerade nicht all⸗ zuſehr.« 1 „Du haſt Dir durch Deine guten Thaten einen guten Ruf erworben, Gottlob.⸗ »Wollte Gott, es waͤre wahr! Mir ſcheint es, daß die Welt mit dem boͤſen Leumunde eben ſo freigebig iſt, als karg mit dem Lobe. Noch nie ha⸗ be ich etwas Boͤſes gethan— und da wir Alle ſchwache, gebrechliche Menſchen ſind, hochwuͤrdiger Moͤnch, ſo kann ein ſolcher Zufall ſogar einem Be⸗ nedictiner zuſtoßen,— ohne daß die That mit al⸗ len ihren Folgen in Buchſtaben, die ein Kurzſich⸗ 102 tiger haͤtte leſen koͤnnen, gegen mich aufgezeichnet wurde: waͤhrend meine Verdienſte,— und in An⸗ betracht, daß ich nur ein Kuhhirt bin, ſind ſie acht⸗ bar genug— vergeſſen zu ſein ſcheinen. Euer Abt, Seine Gnaden der Kurfuͤrſt, ja ſelbſt Graf Emich—« »Der Sommerlandgraf!« unterbrach ihn der Moͤnch mit Gelaͤchter. „Sommer oder Winter, Vater Siegfried, in je⸗ dem Fall iſt er Graf von Hartenburg, und ein Lei⸗ ningen. Auch er uͤbt keine gute, keine bloß gerechte That, ohne daß alle Menſchen ſie gerade ſo auspo⸗ ſaunen, wie ich wegen des zufaͤlligen Verluſtes ei⸗ nes Thieres, oder ſonſt wegen eines geringen Fehl⸗ trittes beſcholten werde, und wie Du weißt, kann ein Menſch, ſelbſt wenn er ſich Deiner heiligen Lehren erfreut, zuweilen dennoch ſtraucheln.« »Du biſt ein Caſuiſt, und zu einer anderen Zeit werde ich den Zuſtand Deines Gemuͤthes genauer unterſuchen. Fuͤr jetzt will ich Dich bloß aufmerk⸗ ſam machen, daß Du Dir die Gunſt der Kirche er⸗ werben kannſt, indem Du etwas mehr in ihrem Intereſſe arbeiteſt. Ich erinnere mich ſehr wohl Deiner Beſcheidenheit und Klugheit, Gottlob, denn dieſe Eigenſchaften ſind bei Gelegenheit Deiner Be⸗ ſuche im Kloſter keineswegs uͤberſehen worden. Bis 103 auf dieſen Augenblick jedoch war kein Anlaß vor⸗ handen, von Dir ſolche Dienſte zu fordern, wie wir auf ſie vermöͤge unſeres eifrigen Gebetes fuͤr Dich und ſonſtiger Troͤſtungen ein Recht haben.⸗ „Laß das gut ſein, Vater Siegfried, Du erin⸗ nerſt mich an harte Bußen.« „»Welche in Zukunft gemildert, wenn nicht ganz verhuͤtet werden koͤnnen, durch eine Dienſtleiſtung, die ich Dir vorſchlagen werde, wackerer Gottlob. Aus Deiner Ehrfurcht gegen heilige Dinge, wie ſie ſich in Deinen Beſuchen bei dem frommen Einſied⸗ ler, und in Deiner Liebe fuͤr die Abtei Limburg zeigt, ſchließe ich mit Zuverſicht, daß Du Dich nicht weigern wirſt, die Dienſtleiſtung freudig zu uͤber⸗ nehmen.“ »Wollen ſehen!« „Ich habe mich gegen den Vater Bonifacius verpflichtet, entweder Dich, oder einen Anderen, ſo klug und zuverlaͤſſig wie Du biſt, zu verſchaffen, um dem Kloſter einen guten Dienſt zu leiſten!« » Unter den Kuhhirten wirſt Du meines Glei⸗ chen ſo leicht nicht finden.« „Davon bin ich uͤberzeugt. Deine Geſchicklich⸗ keit im Behande Fhiere kann Dir noch den Aufſichtsdienſt uver oi zahlreichen Heerden der Ab⸗ 1 ¹ 104 tei einbringen. Man haͤlt Dich dazu fuͤr aͤußerſt w kannſt Du verſichert ſein, daß Du Dir die Gunſt D des heiligen Benedict und ſeiner Kinder erwerben wirſt. Wir haben Gruͤnde zu glauben, daß in die⸗ tauglich.« ſch „Um meine Verdienſte nicht zu verleugnen, hoͤchh ta ſcharfſichtiger Vater, ſo muß ich Dir erklaͤren, daß de ich die Weiden bereits einigermaßen kenne.« » Und die Thiere auch, Gottlob; wir merken ſo uns die Charaktere der Leute, die zu uns zur Beich⸗ ku te kommen. Es giebt darunter Schlimmere als Du biſt, das kann ich Dich verſicheren, Gottlob.« N »Und doch habe ich Dir nicht die Haͤlfte von H Dem eingeſtanden, Vater, was ich Dir von mir ſa⸗ ſu gen koͤnnte.« »Das gehoͤrt nicht hieher. Du kennſt denn Ha⸗. ich n der zwiſchen dem Grafen Emich und unſerer Abtei. 6 Wenn Du den Dienſt, den ich von Dir verlange, 6. mit Deiner gewohnten Bereitwilligkeit ausfuͤhrſt, ſo D ſem Augenblick in dem Schloſſe eine ſtarke Schaar Bewaffneter ſich befindet, welche demnaͤchſt unſer Kloſter, in der eitlen Hoffnung, durch einen gottes⸗ Am laͤſterlichen Ueberfall Reichthuͤmer zu erbeuten, be⸗ uͤrmen will. Wir ſind jedoch nicht genau über de ihre Anzahl und Abſichten unterrichtet. Wuͤrden e 8 — 4. 105 wir einen bekannten Mann auf dieſe Botſchaft aus⸗ ſchicken, ſo wuͤrde der Graf Mittel finden, ihn zu taͤuſchen, waͤhrend ein Hirt wie Du ſich die Gunſt der Kirche ohne Verdacht erwerben kann.«⸗ »Wenn Graf Emich davon Wind bekommen ſollte, ſo wuͤrde er mir kein Ohr laſſen, um in Zu⸗ kunft Deinen heiligen Ermahnungen zuzuhoͤren.« »Sei verſchwiegen, und er wird gegen einen Mann Deines Standes keinen Argwohn ſchoͤpfen. Haſt Du keinen Vorwand, um das Schloß zu be⸗ ſuchen?« »Tauſend fuͤr einen. Ich koͤnnte vorgeben, daß ich den Kuhhirten des Grafen Emich, wegen ſeiner Geſchicklichkeit die Hufkrankheiten zu heilen, beſu⸗ chen will; ich koͤnnte ſagen, daß ich einen anderen Dienſt ſuche, und zum Ueberfluß giebt es ſchaͤkernde Dirnen genug im Schloſſe und in ſeiner Umgebung.⸗ »Genug, Du biſt der Mann, Gottlob, nach wel⸗ chem ich ſeit vierzehn Tagen ſuche. Geh ohne Ver⸗ zug, und komme uͤbermorgen nach der Meſſe zu mir in die Abtei.« »Das mag wohl hinreichen, um mir die Gunſt des Himmels zu erwerben, mein Vater, aber kluge eute duͤrfen auch der Erde nicht vergeſſen. Soll 106 ich meine Ohren wagen und meine Heerde ver⸗ nachlaͤſſigen, um— Nichts?« »Du wirſt der Kirche einen Dienſt leiſten, wirſt Gnade vor den Augen unſeres hochwuͤrdigſten Ab⸗ tes finden, und man wird bei kuͤnftigen Ablaͤſſen Deines Muthes und Deiner Geſchicklichkeit ge⸗ denken.« „Daß man mich wuͤrdigt, der Kirche einen Dienſt leiſten zu ſollen, iſt ein Vorzug, ehrwuͤrdi⸗ ger Benedictiner, auf welchen ein Kuhhirt ſtolz zu ſein Urſache hat. Indem ich aber der Kirche diene, werde ich mir auf Erden aus zwei gewichtigen Gruͤnden Feinde machen; erſtens, weil die Kirche in dieſem Thale nicht ſehr beliebt iſt, und zweitens, weil die Menſchen nie einen Freund lieben, der beſ⸗ ſer iſt, als ſie ſelbſt.»„„Gottlob««, pflegte mein vortrefflicher Vater zu ſagen,»» ſcheine Dir gegen Alle Deiner Unwuͤrdigkeit bewußt, und Du darfſt dann ſein, was Du ſcheinſt. Nur unter dieſer Be⸗ dingung kann der Tugendhafte mit ſeinen Mitmen⸗ ſchen im Frieden leben. Willſt Du aber von den Menſchen geachtet ſein, ſo ſetze einen hohen Preis wenn Du Luhnſonſt arbeiteſt, wird man ſagen, Du auf Alles, was Du thuſt, denn die Welt wuͤrde 4 doch nicht an Deine Uneigennuͤtzigkeit glauben, und verdienteſt nicht, Etwas zu erhalten. Was man wohlfeil erwirbt, wird nicht geachtet, waͤhrend die Menſchen das, was ihnen theuer zu ſtehen kommt, hochſchaͤtzen.«« »Dein Vater war, wie Du ſelbſt, ein Mann, der fuͤr ſein fleiſchliches Wohl zu ſorgen wußte. Es iſt Dir aber bekannt, daß wir Zellenbewohner kein Silber beſitzen.« »Ich bin mit Gold zufrieden, ehrwuͤrdiger Be⸗ nedictiner; eines ſo geringen Unterſchiedes wegen mache ich einen Handel nicht ruͤckgaͤngig.« »Du ſollſt Gold haben. Bei meinem heiligen Amte verſpreche ich Dir, daß Du ein Goldſtuͤck mit des Kaiſers Bild erhalten ſollſt, wenn es Dir gelingt, die uns noͤthige Erkundigung einzuziehen.⸗ Gottlob hielt inne, kniete nieder, und bat den Moͤnch ehrfurchtsvoll um ſeinen Segen. Der Letz⸗ tere ertheilte denſelben, halb zweifelnd, ob es klug ſei, einen Kundſchafter zu gebrauchen, zwiſchen deſ⸗ ſen Liſt und Einfalt er in Ungewißheit ſchwebte. Da jedoch, außer der Richtigkeit der Kundſchaft, bei der Sache weiter nichts gewagt war, ſah er keine Nothwendigkeit, den Auftrag, den er ihm ſo eben ertheilt hatte, zu widerrufen. Er gab ihm den gewuͤnſchten Segen, und beide Verſchwoͤrer 108 ſtiegen zuſammen uͤber den Berg hinunter, und beſprachen ſich ausfuͤhrlicher uͤber den Auftrag, den der Kuhhirt ausfuͤhren ſollte. Als ſie dem Wege ſo nahe gekommen waren, daß ſie Gefahr liefen, beiſammen geſehen zu werden, trennten ſie ſich, jeder ſchlug die Richtung ein, die zu ſeinem Ziele fuͤhrte. Viertes Capitel. Das in den Mantel gehuͤllte Frauenzimmer hatte die gelegene Dazwiſchenkunft Gottlob Frink's geſchickt genug benutzt, um aus der Huͤtte des Ein⸗ ſiedlers, ohne daß der Benedictiner es gewahr wurde, fortzuſchluͤpfen. Allein nicht ſo leicht war die Wachſamkeit des jungen Berthold zu taͤuſchen. Er that einen Schritt bei Seite, als ſie durch die TChuͤre eilte, gab Gottlob ſeine Abſicht durch ein Zeichen zu verſtehen, und folgte ihr nach. Wenn der Foͤrſter irgend Zweifel uͤber die Identitaͤt der Perſon, welcher er nacheilte, hegte, ſo mußte ihn ihre Behendigkeit wenigſtens uͤberzeugen, daß das . „und „ den Wege iefen, ſich, Ziele 109 Alter an den Gruͤnden, weßwegen ſie ihr Antlitz verhuͤllte, keinen Antheil hatte. Das Reh des Waldes haͤtte nicht ſchneller davonſpringen koͤnnen, als das Maͤdchen, nachdem ſie die Wohnung des Einſiedlers verlaſſen hatte. Ihre Schnelligkeit blieb ſich ziemlich gleich, bis ſie den groͤßten Theil des traurigen Lagers zuruͤckgelegt hatte, und daraus, daß ſie den Himmel und die Sterne wieder er⸗ blickte, entnahm, daß ſie ſich an der Grenze des Waldes und am Rande des Berggipfels befinde. Hier hielt ſie an und lehnte ſich erſchoͤpft an eine Fichte. Berthold folgte ihr mit Schnelligkeit, aber ohne jene Ruhe der phyſiſchen Ueberlegenheit zu verlie⸗ ren, welche den jungen Maͤnnern, im Vergleich mit den reizenden Bewegungen des ſchoͤnen Ge⸗ ſchlechtes, eine gewiſſe Wuͤrde verleiht. Er ſchien ſich ſeiner Ueberlegenheit gefliſſentlich nicht zu be⸗ dienen, um ihre Flucht nicht zu beſchleunigen, denn dieſelbe war ſchneller, als die Umſtaͤnde es erfor⸗ derten, und offenbar mehr das Ergebniß einer na⸗ tuͤrlichen Aengſtlichkeit, als irgend einer Beſorgniß vor wirklicher Gefahr. So wie die Schnelligkeit des Frauenzimmers nachließ, nahm auch ſeine eigene ab, und er naͤherte ſich dem Orte, wo ſie ausruhte, mit der Behutſamkeit eines Knaben, der ſeine Eile zuͤgelt, um den Vogel, der ſich eben niedergelaſſen hat, nicht abermals aufzujagen. »Was iſt denn ſo Schreckliches in meinem Antlitz, Meta, daß Du mich flieheſt, als waͤre ich des Geſpenſt eines jener Heiden, die einſt hier ge⸗ hauſt haben? Du warſt doch ſonſt nicht gewohnt, vor einem Juͤngling, den Du von Kindheit auf als redlich und ehrenhaft gekannt haſt, ſo ſehr zu bangen.« „Es ziemt einem Maͤdchen in meinen Jahren nicht, ja es war thoͤricht, wenn nicht unfromm, mich in dieſer Stunde hier einzufinden«, antwor⸗ tete das Maͤdchen in Verwirrung;—„ich wollte daß ich dem Wunſche, mehr von der Weisheit die⸗ ſes frommen Einſiedlers zu hoͤren, nicht nachgege⸗ ben haͤtte!« »Du biſt allein, Meta?« „Das waͤre fuͤrwahr ungeziemend fuͤr das Kind meines Vaterse, antwortete die Jungfrau ſtolz, und deutete nach der verfallenen Mauer, zwiſchen deren Truͤmmern Berthold die wohlbekannte Geſtalt einer Dienerin der Familie ſeiner Gefaͤhrtin gewahr wurde.»Wenn ich die Unvorſichtigkeit haͤtte ſo weit treiben koͤnnen, Meiſter Berthold, dann wuͤr⸗ deſt Du in der That Grund gehabt haben, zu glau⸗ — 111 ben, daß es die Tochter irgend eines Bauers war, die Du hier zufaͤllig getroffen haſt.⸗ »Fuͤrchte nicht, daß ich einen ſolchen Irrthum begehe«, antwortete Berthold lebhaft.»Ich kenne Dich wohl, Du biſt Meta, die einzige Tochter Heinrich Frei's, des Buͤrgermeiſters von Duͤrkheim. Niemand kennt Deinen Stand und Deine Hoff⸗ nungen beſſer als ich, denn Niemand hat ſie oͤfter erwaͤhnen hoͤren.⸗ Der Jungfrau that ihre Haͤrte ploͤtzlich leid; ſie ſenkte das Haupt, und als ihr blaues Auge, verſchoͤnert durch einen Mondſtrahl, wieder das des Foͤrſters traf, bemerkte er, daß beſſere Gefuͤhle die Oberhand erhalten hatten. »Ich wollte weder die Ehren und Wuͤrden meines Vaters aufzaͤhlen, noch auf irgend einen zufaͤlligen Vorzug meines Standes pochen, und am wenigſten gegen Dich«, ſagte die Jungfrau ha⸗ ſtig;»aber ich beſorgte, daß Du glauben koͤnnteſt, ich haͤtte die ſittſame Beſcheidenheit meines Ge⸗ ſchlechtes vergeſſen— ich fuͤrchtete, Du moͤchteſt— Dein Benehmen iſt ſeit einiger Zeit ſehr veraͤn⸗ dert, Berthold!« »In jedem Falle abſichtslos, und ohne daß ich mir deſſen bewußt waͤre. Wir wollen das Vergan⸗ gene vergeſſen. Sage mir, welches Wunder Dich zu einer ſo ungewohnten Stunde auf dieſe gefuͤrch⸗ tete und unheimliche Heide gebracht hat?« Meta laͤchelte, und es lag im Ausdrucke ihres Antlitzes Etwas, das bewies, daß, wenn ſie ſich auch fuͤr Augenblicke lieblos benehmen konnte, dies mehr die Folge der Vorurtheile der Welt, als ihres offenen und edlen Gemuͤthes war. „Ich koͤnnte Dir dieſe Frage zuruͤckgeben, und weibliche Neugierde als Grund vorſchuͤtzen, daß Du mir zur Stelle antworteſt.— Was hat Dich hierher gefuͤhrt, und zu einer Stunde, wo die mei⸗ ſten jungen Waidmaͤnner ſchlafen?« »Ich bin der Foͤrſter des Grafen Emich; Du aber, wie mir eben in Erinnerung gerufen wurde, die Tochter des Buͤrgermeiſters von Duͤrkheim.« „»Wohl mag dies hier einen Unterſchied machen. Aber dennoch haͤtte meine Mutter, wenn ſie ge⸗ wußt haͤtte, daß man mich um die Urſache meines Hierſeins befragen wuͤrde, mir gerathen:„„Be⸗ wahre Deine Gruͤnde fuͤr Diejenigen, die ein Recht haben, Dich zur Rede zu ſtellen!«« „ Und Heinrich Frei?⸗ »Wuͤrde weder den Beſuch, noch den Grund dazu billigen.« r Dich efuͤrch⸗ 2 ihres ſie ſich 2, dies „ als „ und daß Dich mei⸗ Du urde, .« hen. 113 »Dein Vater liebt mich nicht, Meta.« »Er iſt weniger gegen Dich ſelbſt eingenommen, Meiſter Berthold, als dagegen, daß Du des Gra⸗ fen Emich Foͤrſter biſt. Wenn Du waͤreſt, was Dein Vater war, ein Buͤrger unſerer Stadt, ſo wuͤrde er Dich ſehr ſchaͤtzen. In um ſo groͤßerer Gunſt ſtehſt Du bei meiner guten Mutter!« »Gott ſegne ſie dafuͤr, daß ſie in ihrem eige⸗ nen Gluͤcke Diejenigen nicht vergeſſen hat, die ge⸗ ſunken ſind. Ich glaube, Meta, daß Du, was das Herz betrifft, Deiner Mutter mehr aͤhnlich biſt als Deinem Vater.⸗ »Ich wuͤnſchte, daß es ſo waͤre. Wenn ich Dir andeutete, daß ich das einzige Kind Heinrichs Frei bin, ſo dachte ich dabei an keine Standesver⸗ ſchiedenheit zwiſchen uns, Berthold, ſondern wollte Dir damit nur bemerklich machen, daß ich, weil ich meines Standes eingedenk bin, nicht leicht et⸗ was mit demſelben Unvereinbares thun werde. Uebrigens wuͤßte ich nicht, daß das Amt eines Foͤr⸗ ſters unehrenvoll waͤre. Diejenigen, welche dem Kurfuͤrſten in dieſer Eigenſchaft dienen, ſind adelig.« »Und die den Edlen dienen, gemein. Ich bin blos ein Dienſtmann, Meta, wiewohl auf eine Art, die meinen Stolz nicht verwundet.« 114 » Und was iſt Graf Emich anderes als ein Vaſall des Kurfuͤrſten, und der Kurfuͤrſt ſelbſt als ein Unterthan des Kaiſers. Du ſollteſt Dich nicht ſo demuͤthigen, Berthold, und nichts ſagen, was Andere zwingt, Dich zu rechtfertigen.« »Ich danke Dir, theure Meta. Du biſt die Tochter der aͤlteſten und liebſten Freundin meiner Mutter, und was immer die Welt uͤber unſeren gegenwaͤrtigen Standesunterſchied ſagen mag, ſo fluͤſtert Dir Dein vortreffliches Herz doch das Gegen⸗ theil zu. Du biſt nicht nur die ſchoͤnſte, ſondern fuͤrwahr auch die lieblichſte und edelſte Jungfrau Deiner Stadt!« Die einzige Tochter, folglich Erbin des reichſten Buͤrgers von Duͤrkheim, hoͤrte dieſen Ausſpruch des ſchoͤnen Foͤrſters des Grafen Emich nicht ohne große innerliche Freude. » Und nun ſollſt Du auch die Urſache dieſes ungewoͤhnlichen Beſuches erfahren«, ſagte Meta, als das ſtille Vergnuͤgen, welches die letzten Worte Bertholds in ihr erregt, ſich einigermaßen wieder gelegt hatte:»denn dies habe ich Dir gewiſſerma⸗ ßen verſprochen, und es wuͤrde Deine gute Mei⸗ nung von mir nicht beſtaͤtigen, wenn ich vergeſſen ſollte, ein Verſprechen zu erfuͤllen. Du kennſt den fron in d als ein elbſt als ch nicht 1, was biſt die meiner unſeren ag, ſo Gegen⸗ ondern ngfrau ichſten ſpruch t ohne dieſes Meta, Worte vieder erma⸗ Mei⸗ geſſen t den 115 frommen Einſiedler und ſein ploͤtzliches Erſcheinen in der Heidenmauer?« »Wem waͤre dies nicht bekannt? Du haſt be⸗ reits geſehen, daß ich ihn in ſeiner Huͤtte beſuche.« »Ich vermag die Urſache weder anzugeben noch zu ergruͤnden, aber gewiß iſt, daß er kaum eine Woche den alten Roͤmeraufenthalt bewohnte, als er mir mehr Aufmerkſamkeit widmete, als den an⸗ deren Jungfrauen von Duͤrkheim, ohne daß ich ir⸗ gend ein groͤßeres Verdienſt haͤtte, als dieſe.« „»Wie, ſo waͤre er bloß ein ſcheinheiliger Schelm!⸗ »Auf einen Mann von ſeinen Jahren, der, nach ſeinem eingeſunkenen Auge und hagerem Antlitz zu ſchließen, ſo viel erduldet hat, kannſt Du un⸗ moͤglich eiferſuͤchtig ſein! Wahrlich, er iſt ein Mann, um einem Juͤngling von Deinem Alter, Ausſehen und Wuchs Unruhe zu verurſachen!— Doch ich ſehe Deine Wange ſich roͤthen, und will Dich nicht laͤnger durch Vergleichungen beleidigen, die ſo ſehr zu Deinem Nachtheile gereichen. Der Beweggrund des frommen Eremiten moͤge geweſen ſein, welcher immer, ſo iſt es doch gewiß, daß er ſowohl beide Male, da er in die Stadt kam, als auch bei den Beſuchen, welche wir Moͤdchen in ſeiner Einſiedelei machten, fuͤr mein Wohl und — 8* * 116 meine zukuͤnftigen Hoffnungen, in dieſem wie in dem anderen Leben, dem wir langſam, aber ſicher zueilen, die lebhafteſte Theilnahme zeigte.⸗ »Dies uͤberraſcht mich zwar von Niemandem, der Dich kennt, Meta. Dennoch finde ich es ſeltſam.⸗ »Fuͤrwahr«, ſagte das Maͤdchen neckend,„nun haſt Du die Worte Ilſens beſtaͤtigt, welche oft zu mir geſagt hat:»»Nimm Dich in Acht, Meta, und vertraue nicht zu ſchnell der Sprache junger Leute, denn wenn Du ſie genauer pruͤfſt, wirſt Du fin⸗ den, daß ſie ſich nur zu oft widerſprechen. Die Jugend iſt auf ihre Zwecke ſo erpicht, daß ſie ſich wenig um den Unterſchied zwiſchen dem Wahren und Scheinbaren kuͤmmert.⸗« Dies ſind ihre Worte, ſie hat ſie mir oft wiederholt, und Du haſt ſie jetzt beſtaͤtigt. Ich glaube wahrhaftig, die gute Alte ſchlaͤft auf jenem Steinſitz.⸗ »Stoͤre ſie nicht. Eine Perſon von ihren Jah⸗ ren bedarf der Ruhe ſehr, und es waͤre aͤußerſt Unrecht, ihr dieſe Erquickung zu rauben. Meta hatte ſchon einen Schritt vorwaͤrts ge⸗ than, offenbar um ihre Begleiterin zu wecken, als die ſchnelle Bewegung und die Worte des Juͤng⸗ lings ſie wieder zuruͤckhielten. Sie nahm ihre vo⸗ . —— wie in er ſicher andem, ich es „„nun oft zu a, und Leute, du fin⸗ Die ie ſich hahren ihre a haſt gute 9 Jah⸗ ißerſt ge⸗ als „ uͤng⸗ vo⸗ rige Stellung unter dem Schatten des Fichtenbau⸗ mes wieder ein und erwiederte: „Es waͤre in der That undankbar, eine Perſon zu wecken, welche vor ſo kurzer Zeit dieſen ſteilen Berg mit mir emporgeſtiegen iſt.⸗ »Ueberdieß iſt ſie ſo alt, Meta!« »Und hat fuͤr mich von Kindheit an ſo viel ge⸗ than! Ich ſollte zwar nach Hauſe eilen, allein meine gute Mutter wird mir dieſe Zoͤgerung ver⸗ zeihen, denn ſie liebt Ilſe, als waͤre ſie ihre Schweſter.« »Deine Mutter weiß alſo von dieſem Deinem Beſuche bei dem Einſiedler!« »Glaubſt Du, Meiſter Berthold, daß die einzige Tochter des Buͤrgermeiſters von Duͤrkheim um dieſe Stunde ohne Erlaubniß außer dem Hauſe iſt? In dieſem Falle waͤre unſer geheimes Zwie⸗ geſpraͤch nicht nur ſehr tadelnswerth, ſondern wuͤrde von meiner Seite einen Leichtſinn verrathen, der ſich fuͤr die Maͤdchen in des Grafen Emich Dorf beſſer ſchickt. Man ſagt in unſerer Stadt, daß die Daͤmchen des Schloſſes in ihrer Lebensweiſe nicht ſo gar ſtrenge ſind.⸗ »Man thut uns Bergbewohnern in den Staͤd⸗ ten der Ebene ſehr Unrecht! Ich ſchwoͤre Dir⸗ 118 daß in Deinem ſchoͤnen Hauſe zu Duͤrkheim keine groͤßere Sittſamkeit herrſcht, als bei unſeren Frauen⸗ zimmern, ſie moͤgen nun aus dem Dorfe oder aus dem Schloſſe ſein.« »Du magſt in der Hauptſache Recht haben, und zur Ehre meines Geſchlechtes hoffe ich, daß dieß der Fall iſt. Aber Du wirſt doch nicht den Muth haben, etwas zu Gunſten Giſela's, der Toch⸗ ter des Caſtellans, zu ſagen? Mehr Eitelkeit ſtak wohl nie in einem Frauenzimmer!« „Sie gilt in Hartenburg fuͤr ſchoͤn!⸗ »Gerade dies hat ihr Benehmen verdorben! Du biſt viel in ihrer Geſellſchaft, Berthold, und ohne Zweifel laͤßt Dich der haͤufigere Umgang Dinge uͤberſehen, die dem Fremden auffallen.„„ Sieh nur dieſen bunten Vogel aus dem Jaͤgerthal««, ſagte die treffliche alte Ilſe bei Gelegenheit eines kirchli⸗ chen Feſtes in unſerer Stadt, zu welchem die ganze Nachbarſchaft herbeiſtroͤmte;„man ſollte nach ſei⸗ nem Flatterweſen glauben, daß jeder junge Jaͤger ſein Auge auf ihn gerichtet habe, und daß er den Bolzen des Armbruſtſchuͤtzen fuͤrchte! Indeß habe ich, um die Wahrheit zu ſagen, Voͤgel der Art ge⸗ ſehen, welche die Hand des Faͤngers nicht ſehr fuͤrchteten l«α ihre mag Ber n keine frauen⸗ her aus haben, ), daß ht den it ſtat rben! und Dinge )nur ſagte rchli⸗ ganze ſei⸗ daͤger den habe ge⸗ ſehr 119 „Du beurtheilſt Giſela zu hart, wenn gleich ihre Rede etwas leichtfertig iſt, und ſie wohl wiſſen mag, daß ſie ſchoͤn iſt.⸗ „Ich wiederhole bloß Ilſe's Worte, Meiſter Berthold!« „Ilſe iſt alt, geſchwaͤtzig, und ſpricht oft thoͤ⸗ richte Dinge.“ »Mag ſein,— aber die Thorheit meiner Amme iſt meine Thorheit. Ihre Worte haben uͤber mich eine ſolche Macht, daß es zu ſpaͤt iſt, um es zu aͤndern. Um Dir meine ganze Meinung zu ſagen, halte ich jede Sylbe fuͤr wahr, die ſie uͤber die Tochter des Caſtellans geſprochen hat.⸗ Berthold beſaß nur eine ſehr geringe Kenntniß des menſchlichen Herzens. In dem Ausſprechen ſeiner innerſten Gefuͤhle ſo frei wie nur immer die Luft ſeiner Gebirge, und ohne allen Arg in Be⸗ treff ſeiner Neigung zu Meta, hatte er ſich nie um das geheime Weſen einer Leidenſchaft bekuͤm⸗ mert, der er, ohne es ſelbſt zu wiſſen, voͤllig unter⸗ than war. Er betrachtete mithin dieſes Aufwallen der Eiferſucht bloß ſo, wie es ihm ſein Edelmuth ein⸗ gab, und nahm ſich mit Waͤrme der angegriffenen Partei an. Eines jener ſiebaͤhnlichen Herzen, das durch die Pfeile Cupido's hundert und hundert 120 — Male durchloͤchert worden, haͤtte vielleicht auf die⸗ ſelbe Weiſe gehandelt, aber bloß um zu ſehen, in wie weit es mit dem Gefuͤhle eines Weſens, das es zu lieben vorgab, ſpielen koͤnne. Die Europaͤer, welche es ſelten verſtehen, ihre transatlantiſchen Stammverwandten richtig zu be⸗ urtheilen, ſagen, daß die Hauptleidenſchaft des Le⸗ bens in der Bruſt des Amerikaners nur ein ſehr traͤges Gefuͤhl waͤre. Daß Diejenigen, welche es hauptſaͤchlich mit den Geſchaͤften dieſer Welt zu thun haben, ſich mit dem natuͤrlichen Gange jener Neigungen begnuͤgen, wie ſie ſich aus den ehren⸗ haften Verhaͤltniſſen des haͤuslichen Kreiſes ergeben, iſt eben ſo natuͤrlich, als es gewiß iſt: daß Diejeni⸗ gen, deren Leidenſchaften durch Eitelkeit und Ab⸗ wechſelung genaͤhrt werden, ſich irren, wenn ſie glauben, daß zufaͤllige, wenn auch noch ſo gluͤhende Neigungen die eigentlichen Elemente jenes erheben⸗ den Gefuͤhls bilden, das den bewunderten Gegen⸗ genſtand mit Allem, das achtungswerth iſt, umgiebt, und in uns das Beſtreben erregt, der Huldigung, die wie ſelbſt unbewußt der Tugend zollen, wuͤrdig zu werden. Im Verhaͤltniſſe zwiſchen Berthold und Meta darf der Leſer weder jenes Feuer des Tem⸗ peramentes, das jeden Impuls fuͤr ein tieferes Gef der ſo o Ank neh! am ſal laſſe path nen die rein den, und allzu ſuch eine der in d obſch die dies kom Seit die Gefuͤhl nimmt, noch irgend eine kuͤnſtliche Cultur der Theorie der Liebe ſuchen, welche den Neuling ſo oft verleitet, Selbſttaͤuſchung fuͤr die natuͤrliche Anhaͤnglichkeit der Sympathie und Vernunft zu nehmen. Fuͤr das Erſtere lebten ſie etwas zu nahe am Norden, und fuͤr das Letztere hatte das Schick⸗ ſal ſie etwas zu nahe am Suͤden geboren werden laſſen. Jene feine und faſt unerklaͤrliche Sym⸗ pathie zwiſchen den Geſchlechtern, welche wir Liebe nennen, und der wir Alle unterworfen ſind, weil die Natur ſelbſt ihre Grundlage bildet, iſt in ihrer reinſten Form nur in der Bruſt Derjenigen vorhan⸗ den, welche die Vorſicht zwiſchen Ueberfeinerung und Unwiſſenheit, zwiſchen waͤhleriſche Verkehrtheit allzugroßer Selbſtnachgiebigkeit und jene Selbſt⸗ ſucht, welche die Frucht beſtaͤndiger Muͤhen iſt, in eine gluͤckliche Mitte geſtellt hat. Dies war genau der Zuſtand der beiden jungen Leute, die der Leſer in dieſem Capitel kennen gelernt hat. Berthold, obſchon in Herrendienſten ſtehend, hatte Anſichten, die uͤber ſeinen Stand erhaben waren, wie wir dies bereits durch Anſpielungen auf die herabge⸗ kommene Lage ſeiner Eltern angedeutet haben. Seine Sprache und ſein Benehmen, als er Giſela, die Tochter des Caſtellans in des Grafen Emich 122 Schloß, vertheidigte, war daher edler, als man es ſonſt von einem bloßen Foͤrſter erwarten konnte. »Ich werde es nicht uͤber mich nehmen«, ſagte er,» die Fehler unſerer Schloßſchoͤnheit, wenn ſie ſolche hat, auseinander zu ſetzen, aber ſo viel darf ich zu ihrer Vertheidigung, ohne Beſorgniß, die Wahrheit zu uͤberſchreiten, behaupten, daß ihr Va⸗ ter im Dienſte der Leiningen ergraut iſt, und daß es in der ganzen Welt kein Kind giebt, das jenem, der ihm das Leben gegeben hat, mehr Ehrfurcht und Liebe beweiſt, als dieſer Dein Vogel, mit ſei⸗ nem prunkenden Gefieder, und ſeiner Koketterie mit dem Bolzen des Armbruſtſchuͤtzen!« »Eine gute Tochter wird eine treffliche und ge⸗ horſame Gattin abgeben.« „Um ſo gluͤcklicher wird Derjenige ſein, welcher die Tochter des alten Friedrich heimfuͤhrt. Ich weiß, daß ſie bis tief in die Nacht, damit ihr Vater der Ruhe pflegen koͤnne, am Thore Wache hielt, wenn die Her⸗ ren laͤnger als gewoͤhnlich im Forſte blieben; manche lange Stunden, welche Perſonen ihres Alters laͤngſt auf weichem Pfuͤhle zugebracht haͤtten, hat ſie ſich den Schlaf verſagt. Dies habe ich oft bemerkt, weil ich Kraft meines Dienſtes den Grafen Emich auf den meiſten Jagden begleite. Daß Giſela ſchoͤn ** iſt, ſeir 123 iſt, wird Niemand laͤugnen, und es mag vielleicht ſein, daß ſie dies weiß.⸗ „Es ſcheint, daß es mehrere Perſonen in der Har⸗ tenburg giebt, welche hierin mit ihr einerlei Mei⸗ nung ſind.« „Meinſt Du etwa, Meta, den ſchlemmenden Prieſter aus Paris, oder den Moͤnch⸗Ritter aus Rhodus, die ſich jetzt im Schloſſe aufhalten?⸗ fragte der junge Foͤrſter mit einer Einfachheit und Offenheit, die auch das Herz einer Kokette haͤtten beruhigen muͤſſen.»Da Du darauf anſpielſt, ſo will ich, trotz Dem, daß ein Diener mit Behutſam⸗ keit von den Perſonen reden muß, welche bei ſei⸗ nem Herrn in Gunſt ſtehen, dennoch, im Ver⸗ trauen auf Deine Klugheit, Meta, bekennen, wie ſehr ich fuͤrchte, dieſe beiden unwuͤrdigen Diener der Kirche moͤchten in Betreff des armen Maͤdchens unziemliche Gedanken naͤhren.⸗ „Deine arme Giſela hat Urſache, ſich aufzuhaͤn⸗ gen! Fuͤrwahr, wenn Schlemmer, wie die Beiden, welche Du genannt haſt, mich nur frei anblicken wuͤrden, ſo ſollte der Buͤrgermeiſter von Duͤrkheim von ihrer Verwegenheit Kunde erhalten.« „Sie wuͤrden es nicht wagen, Meta! Die arme Giſela aber iſt nicht die Tochter eines maͤchtigen 124 Buͤrgers, ſondern das Kind des Caſtellans von Hartenburg. Auch mag zwiſchen Deinem und ihrem Character ein Unterſchied ſtattfinden, und findet wirklich Statt, denn Du biſt keine von Den⸗ jenigen, welche nach der Bewunderung jedes Rit⸗ ters, der voruͤber zieht, geizen, ſondern Du kennſt Deinen Werth und die Achtung, welche man Dir ſchuldig iſt. Daß Du unſerer Schloßſchoͤnen etwas Unrecht gethan haſt, muß ich allerdings ſagen; aber ſie mit Dir in Vorzuͤgen des Koͤrpers und Geiſtes vergleichen, das vermag Niemand mit Gerechtigkeit. Wenn ſie ſchoͤn iſt, biſt Du ſchoͤner witzig iſt, biſt Du kluͤger!⸗ „»Glaube nicht, Berthold, daß ich lieblos uͤber die Tochter Eures Caſtellans urtheilen wollte. Ich weiß, daß ſie ein wackeres Maͤdchen iſt, und weiß auch, daß, wer wie ſie von dem Schickſal zur Dienſt⸗ barkeit verdammt iſt, ſich nicht leicht immer ſo be⸗ nehmen kann, wie es ihrem Geſchlechte und ihrer Jugend anſteht. Wenn das Geſchick es Giſela'n geſtatten moͤchte, ſo wuͤrde ſie ihrem Anſtande, der weit uͤber ihre Herkunft iſt, keine Unehre machen.⸗ und wenn ſie „Du ſagteſt, daß Deine Mutter um dieſen Beſuch bei dem Einſiedler wiſſe?« »Ich ſagte die Wahrheit. Meine Mutter hat — 125 nie gegen die Ehrfurcht, die ich der Kirche und ih⸗ ren Dienern beweiſe, Etwas einzuwenden.“ »Zuverlaͤſſig nicht! Du gehoͤrſt zu Denjenigen, Meta, welche die Abteikirche am oͤfteſten beſuchen.⸗ „Bin ich nicht eine Chriſtin? Und darfein achtbares Maͤdchen die Pflichten der Religion vernachlaͤſſigen?« »Das nicht! Allein es geht unter uns Jaͤgern das Geruͤcht, daß der Prior ſeit einiger Zeit ſeinem jungen Neffen, Bruder Hugo, das Amt uͤbertra⸗ gen hat, das Gewiſſen der Bußfertigen zu beruhi⸗ gen. Es waͤre beſſer, wenn in einer Kirche, die von den Jungen und Schoͤnen Duͤrkheims ſo haͤufig beſucht wird, irgend ein Vater mit grauer Tonſur im Beichtſtuhle ſaͤße. Du wuͤrdeſt gut thun, wenn Du dies dem Biſchofe von Worms oder dem hochwuͤrdigen Abte ſchreiben wollteſt. Du verſtehſt dieſe Kunſt, Meiſter Berthold, und vermagſt zu uͤberreden⸗ „Ich wuͤnſche, daß das Wenige, das ich in dieſer Beziehung gethan habe, ſeinen Zweck nicht ſo ſehr verfehlt haͤtte. Du haſt oft Proben meiner Geſchick⸗ lichkeit und meiner guten Abſicht erhalten, Meta.« „Das gehoͤrt nicht hieher. Wir vergeſſen des Eremiten. Meine Mutter,— ich weiß nicht war⸗ um, und Du haſt mich erſt auf das Auffallende 128 gemeinſame Hoffnungen, denn obſchon die Jung⸗ frau jene Zuruͤckhaltung, welche ihr Geſchlecht ihr zu gebieten ſchien, noch nicht ſo ſehr abgelegt hatte, um Alles zu geſtehen, was ſie fuͤhlte: ſo ließ doch jener geheime Zug, welcher junge und unſchuldige Weſen verbindet, in Beiden wenig Zweifel uͤber den gegenſeitigen Zuſtand ihrer Herzen uͤbrig. Die alte Ilſe hatte daher Zeit genug, ihre alten Knochen nach der muͤhſamen Bergbeſteigung aus⸗ ruhen zu laſſen. Als Meta ſie endlich aufweckte, ergoß ſich die geſchwaͤtzige Alte in Ausbruͤche der Verwunderung uͤber die Kuͤrze des Beſuches bei dem Einſiedler, denn die Feſtigkeit ihres Schlafes hatte ſie in gaͤnzlicher Unwiſſenheit uͤber die Anweſenheit und das Fortgehen Bertholds gelaſſen. »Es iſt ja bloß ein Augenblick, theure Meta⸗, ſagte ſie,„ſeitdem wir den Berg heraufgeſtiegen ſind; ich fuͤrchte, du haſt den Worten des heiligen Mannes nicht genuͤgendes Gehoͤr geſchenkt. Man darf einen heilſamen Trank nicht zuruͤckweiſen, weil⸗ er bitter im Munde ſchmeckt, mein Kind, ſondern man muß den heilbringenden Becher ganz ausleeren. Warſt Du gegen den Eremiten offen? haſt Du ihm Dein ganzes Inneres entdeckt?« „Du vergißt, Ilſe, daß der Eremit nicht ein⸗ —— ſteilen geſtie Du l ſetzte heit: Es n nigſte nicht. ters, Ding⸗ I. Jung⸗ lecht ihr gt hatte, ileß doch chuldige ber den ee alten g aus⸗ fweckte, he der ei dem 3 hatte ſenheit keta, ſtiegen eiligen Man ,weil ondern eeren. n ihm t ein⸗ 129 mal die Tonſur hat, und weder Beichte hoͤren, noch Verzeihung ertheilen kann.« »Ein Einſiedler iſt ein Mann Gottes, und ein Mann Gottes iſt heilig; jeder Chriſt kann und ſoll ſogar verzeihen, und was die Beichte betrifft, ſo ziehe ich einen Einſiedler, der ſeine Zeit im Gebete zubringt, und Leib und Seele kaſteit, jedem Moͤnche von Limburg weit vor! In einem einzigen Segen von einem ſolchen Manne liegt mehr Kraft, als in einem Dutzend, ja ich moͤchte ſagen in funfzig, die jener ſchlemmende Abt ertheilt!« »Ich habe ſeinen Segen erhalten, Amme!« »Das iſt ſehr erquickend, und wir ſind alſo den ſteilen Berg in dieſer Nacht nicht umſonſt herauf⸗ geſtiegen. Du ſollteſt ihm auch bekannt haben, daß Du bei dem letzten Hochamte das mit Spitzen be⸗ ſetzte Mieder tragen wollteſt, damit Deine Schoͤn⸗ heit von allen Frauen und Maͤdchen beneidet wuͤrde. Es waͤre Deiner Seele ſehr zutraͤglich geweſen, we⸗ nigſtens dieſe Suͤnde zu bekennen.⸗ »Allein er befragte mich um meine Suͤnden nicht. Er ſprach bloß von dem Hauſe meines Va⸗ ters, von meiner guten Mutter, und— von andern Dingen.⸗ »Du ſollteſt aber das Mieder zwiſchen dieſe . 9 126 daran aufmerkſam gemacht,— legt meinen Be⸗ ſuchen in der Heidenmauer durchaus keine Hinder⸗ niſſe in den Weg. Wir ſind ſehr jung, Berthold, und vermoͤgen nicht Alles einzuſehen, was weiſere und aͤltere Menſchen beabſichtigen.⸗ „Es iſt ſeltſam, daß der heilige Mann gerade auf uns ſein Augenmerk geworfen hat! Waͤhrend er Dir von allen jungen Frauenzimmern der Stadt ſeinen Rath am liebſten ertheilt, ſo ertheilt er ihn mir am haͤufigſten von allen Juͤnglingen des Jaͤgerthals!⸗ Es lag ein Zauber in dieſem Gedanken, welcher die beiden unerfahrenen jungen Gemuͤther mehrere Minuten hindurch in ſuͤßer Empfindung verkettete. Sie ſprachen uͤber die unerklaͤrliche Theilnahme des Mannes Gottes fuͤr ſie lange und mit unermuͤdetem Intereſſe, denn es ſchien ihnen darin ein Band zu. liegen, welches ſie einander noch naͤher brachte. Was Philoſophie und Erfahrung auch immer ſagen moͤgen, ſo ſind doch faſt alle Menſchen in Bezug auf den geheimen Einfluß, der ſie durch das Irr⸗ gewinde der Welt leitet, aberglaͤubiſch. Sei es die Dunkelheit der unvorherſehbaren Zukunft, oder das Bewußtſein, wie ſehr ſelbſt die geprieſenſten Erfolge, von Umſtaͤnden, die in Niemandes Macht ſtehen, abhaͤngen, oder hat Gott in ſeiner Weisheit der 127 n Be⸗ Bruſt des Menſchen dieſes Gefuͤhl eingepflanzt, um Hinder⸗ ihn ſtets an ſeine Abhaͤngigkeit von einer hoͤheren rthold, Macht zu erinnern: ſo iſt es doch in jedem Falle veiſere gewiß, daß nur Wenige einen ſo ſcharf rechnenden Verſtand beſitzen, daß ſie den Wechſelfaͤllen des gerade Schickſals oder der Vorſicht gar nichts anheimſtel⸗ hrend len; denn einen dieſer Namen giebt der Menſch der Stadt leitenden Macht, je nachdem er in Betreff der ir⸗ nmir diſchen Dinge mehr oder weniger an den unmittel⸗ als!« baren Einfluß der Gottheit glaubt. In dem Zeit⸗ elcher alter, worin dieſe Geſchichte ſpielt, hatte die Auf⸗ hrere klaͤrung noch keine hinreichenden Fortſchritte gemacht, ttete. um gewoͤhnliche Geiſter uͤber den Glauben an die des ſchwarze Kunſt zu erheben. Zwar zogen die Men⸗ etem ſchen nicht mehr die Eingeweide der Thiere zu Rathe, dzu. um den Willen des Schickſals zu erkunden, aber ſie chte gehorchten oft Eingebungen, die nicht minder al⸗ agen bern waren, und es gab nur Wenige, welche Froͤm⸗ zug migkeit von Aberglauben, und die Beſchluͤſſe der Irrr Vorſicht von den unbedeutenden Intereſſen des Ei⸗ die gennutzes zu unterſcheiden vermochten. Es iſt da⸗ das her keineswegs uͤberraſchend, daß Berthold und ige, MNeta die auffallende Theilnahme, welche der Ein⸗ en, ſiedler gerade ihnen bewies, als eine guͤnſtige Vor⸗ der bedeutung fuͤr ihre gemeinſamen Hoffnungen anſahen; 130 Dinge eingeſchoben haben. Habe ich Dich nicht ſtets vor den Gefahren des Stolzes und der Sucht, Neid zu erregen, gewarnt? Nichts iſt ſchaͤdlicher als Neid, wie ich aus Erfahrung weiß. Ich bin nicht laͤnger jung, und wenn Du wiſſen willſt, was der Neid oder irgend ein anderes ſchaͤndliches Laſter iſt, ſo komm zu mir, und ich will es Dir gruͤndlich erklaͤren! Du haſt ſehr Unrecht gethan, daß Du des Mieders nicht erwaͤhnteſt.« »Wenn ich haͤtte beichten wollen, wuͤrde ich ernſtere Suͤnden zu bekennen gehabt haben, als diejenigen, welche ſich auf den Putz beziehen!« »Mit Nichten! der Putz verfuͤhrt das Herz der Jungen und Schoͤnen. Haſt Du eine Schoͤnheit im Hauſe, ſo zerbrich Deine Spiegel, habe ich tau⸗ ſendmal ſagen hoͤren; und da Du ſowohl jung als ſchoͤn biſt, ſo wiederhole ich, und wenn auch alle Duͤrkheimer anderer Meinung ſein ſollten, daß es fuͤr Dich gefaͤhrlich iſt, dies zu wiſſen. Wenn Du dem Einſiedler Deinen Wunſch wegen des Mieders bekannt haͤtteſt, ſo wuͤrde es Dir großen Nutzen gebracht haben. Was koͤmmt darauf an, ob ein ſolcher Mann die Tonſur hat, oder nicht? Gebet, Faſten, Wachen, koͤrperliche Leiden ſprechen fuͤr ihn, 4 und dies Alles iſt gewiß mehr werth, als alle Moͤnchs⸗ *— mackh erlar beſu geda ſtuͤck ande denk den; haſt, hat d ſiedle Berg meine bei S Komn ch nicht Sucht, aͤdlicher Ich bin iſt, was 3 Laſter uͤndlich Du des rde ich n, als erz der hoͤnheit ch tau⸗ ng als ich alle daß es in Du Kieders Nutzen ob ein Gebet, ir ihn, oͤnchs⸗ 131 tonſuren in der ganzen Pfalz. Ich wollte, Du haͤtteſt mit ihm wegen des Mieders geſprochen, Kind!« »Bei unſerer naͤchſten Zuſammenkunft ſoll es geſchehen, weil Du es wuͤnſcheſt, theure Ilſe, gie Dich alſo zufrieden!« »Dadurch wirſt Du Deiner Mutter große Freude machen, denn warum haͤtte ſie ſonſt ihrer Tochter erlaubt, die Heidenmauer in ſo ſpaͤter Nachtzeit zu beſuchen? Ich bin uͤberzeugt, daß ſie des Mieders gedachte!« »Hoͤre doch einmal auf, von dieſem Kleidungs⸗ ſtuͤck zu ſprechen, Amme; meine Gedanken ſind auf andere Dinge gerichtet.⸗ »Wohlan, da Du wirklich auf andere Dinge denkſt, ſo waͤre es nutzlos, jetzt mehr davon zu re⸗ den; wiewohl Du, der Himmel weiß es! Urſache haſt, dieſer Prunkmeſſe zu gedenken. Wie ſchnell hat dieſe Nacht Deine Unterredung mit dem Ein⸗ ſiedler geendet, Meta!« „»Wir waren wirklich nicht ſehr lange auf dem Berge, Ilſe. Allein wir muͤſſen heimeilen, damit meiner Mutter nicht bange.⸗ »Und warum ſollte ihr bangen! bin nicht ich bei Dir? Iſt Alter, Erfahrung, Klugheit nichts? Kommt Jemand in meinen Jahren mir an Gedaͤcht⸗ 9* 132 niß und an ſcharfen Augen gleich? In Deinem Al⸗ ter war ich nicht die alte Ilſe, ſondern die muntere, flinke,— und Gott verzeihe mir, wenn es eitel iſt, aber die Wahrheit muß man ſtets reden!— die ſchoͤne Ilſe, und alles Das ohne Dein Mieder.« „»Willſt Du nie des Mieders vergeſſen?— hier iſt mein Arm, Ilſe; ſtuͤtze Dich auf mich, oder Du wirſt auf dem ſteilen Wege fallen.« Sie begannen abwaͤrts zu ſteigen, und da der Weg ſo beſchaffen war, daß man in der That die groͤßte Vorſicht noͤthig hatte, ſo hoͤrte ihr Zwei⸗ geſpraͤch auf. Wer Duͤrkheim beſucht, wird mancherlei Spu⸗ ren finden, daß ſich die Stadt vorher mehr gegen den Berg hin erſtreckte, als es jetzt der Fall iſt. Man ſtoͤßt zwiſchen den Weinbergen auf Truͤmmer von Mauern und Thuͤrmen, und die Sage erzaͤhlt von Feſtungswerken, welche ſeit langer Zeit ver⸗ ſchwunden ſind, weil ſie wegen jener Fortſchritte in der Kriegskunſt, die ſo manche feſte Plaͤtze ihrer Wichtigkeit beraubten, vorlaͤngſt uͤberfluͤſſig gewor⸗ den waren. Einſt war jeder Flecken auf irgend ei⸗ nem Huͤgel mehr oder weniger eine Feſtung; aber die Erfindung des Pulvers und der Kanonen hat ſeit Jahrhunderten alle dieſe Burgen uͤberfluͤſſig ge⸗ macht irgens Die abern ben, duͤrfte Angr veraͤn kunft ſtung ihrer zu ge vorge Haus mand nem Al⸗ zuntere, eitel iſt, — die er.⸗ — hier der Du da der hat die Zwei⸗ i Spu⸗ gegen jall iſt. uͤmmer erzaͤhlt it ver⸗ ritte in 2 ihrer gewor⸗ end ei⸗ ; aber en hat ſig ge⸗ macht, und jetzt findet man die Feſtungen ſtets in irgend einer Ebene, oder in einem Moraſte begraben. Die Welt ſcheint in Verbeſſerungen der Art jetzt abermals einen neuen Standpunct erreicht zu ha⸗ ben, denn die Anwendung der Kraͤfte des Dampfes duͤrfte wohl das Weſen des Vertheidigungs⸗ und Angriffskrieges ſowohl zu Land als zur See ſehr veraͤndern. Wie ſich aber dies immer in der Zu⸗ kunft geſtalten moͤge, ſo waren die damaligen Fe⸗ ſtungswerke nicht ſo beſchaffen, daß ſie Meta und ihrer Dienerin viele Muͤhe machten, in die Stadt zu gelangen. Auch war die Nacht bereits ſo weit vorgeruͤckt, daß es ihnen nicht ſchwer fiel, das Haus des Buͤrgermeiſters, ohne von irgend Je⸗ mandem bemerkt zu werden, zu erreichen. Fuͤnftes Capitel. In den ungeheuren Landſtrecken von Nordame⸗ rika findet man kaum irgend eine Spur, welche auf die Lebensweiſe Derjenigen deutete, die ſich zuerſt in den weiten Wildniſſen angeſiedelt haben. Die Auf⸗ merkſamkeit des Alterthumsforſchers wird nur ſelten 21 134 8 durch andere Ruinen erregt, als durch die Muern irgend eines Forts oder die Waͤlle eines großen La⸗ gers aus den Zeiten des Unabhaͤngigkeitskrieges. Allerdings beſitzen wir einige unbedeutende Ueber⸗ reſte aus noch ferneren Zeiten, einige Verſchanzun⸗ gen und andere Vertheidigungswerke, welche einſt. die Indianer erbaut haben; nirgends aber findet man in Amerika ein oͤffentliches oder Privatgebaͤude, das wirklich Aehnlichkeit mit einem Schloſſe aus den Zeiten des Feudalweſens haͤtte. Um daher dem Leſer ein ſo genaues Bild, als nur immer in un⸗ ſeren ſchwachen Kraͤften ſteht, von der feſten Burg des maͤchtigen Feudalherrn zu geben, der in dieſer Legende eine ſo bedeutende Rolle ſpielen wird, iſt es noͤthig, das Gebaͤude ſelbſt und deſſen Umgebun⸗ gen ausfuͤhrlich zu ſchildern. Meine Abſicht iſt es, zur Ergoͤtzlichkeit meiner amerikaniſchen Landsleute zu ſchreiben; ſollten auch Andere dieſe Blaͤtter zu leſen belieben, ſo werde ich es mir zur hoͤchſten Ehre ſchaͤtzen, bemerke jedoch, daß ich, indem ich die Fe⸗ der ergriff, es in der gewiſſen Hoffnung that, daß man mir Nachſicht angedeihen laſſen wird. Zur Zeit, als Berthold und Meta geheime Zwie⸗ ſprache auf dem Berge der Heidenmauer hielten, pflegte Emich von Leiningen in ſeinem Schloſſe Har⸗ auern n La⸗ ieges. jeber⸗ nzun⸗ einſt findet aͤude, aus dem n un⸗ Burg dieſer 8, iſt ebun⸗ ſt es, Bleute er zu Ehre e Fe⸗ daß Zwie⸗ elten, Har⸗ 135 tenbubg der Ruhe. Es iſt bereits bemerkt worden, daß daſſelbe aus maſſivem Mauerwerk, groͤßtentheils von jenem roͤthlichen Sandſtein, der in der alten Pfalz allenthalben in Ueberfluß gefunden wird, er⸗ baut war. Das Gebaͤude hatte mit der Zeit an Umfang gewonnen, und was urſpruͤnglich nur ein Thurm geweſen, war allmaͤhlig zu einer furchtba⸗ ren und ausgedehnten Feſtung herangewachſen. Wer in den Zeiten, die auf das Reich Karls des Großen folgten, einen ſolchen feſten Platz erbauen und ge⸗ gen alle Nachbarn behaupten konnte, wurde ein Edelherr, und gewiſſermaßen ein Souverain. Sein Wille war Geſetz fuͤr Alle in der Umgegend, und Diejenigen, welche ihre Laͤndereien, ohne ſich ſeiner Willkuͤhr zu unterwerfen, nicht genießen konnten, ſchaͤtzten ſich gluͤcklich, ſeinen Schutz zu erkaufen, in⸗ dem ſie ſich fuͤr ſeine Vaſallen erklaͤrten. Kaum hatte ein ſolcher Burgherr ſeine Macht feſt begruͤn⸗ det, und empfing von den Landbebauern Tribut, Dienſtleiſtung und Huldigung, ſo begann er den naͤchſten Nachbar, der ſeinem eigenen Stande an⸗ gehoͤrte, zu befehden. Der Sieger gewann durch den Sieg ſelbſt natuͤrlich an Macht, bis er endlich vom Herrn Einer Burg und Eines Dorfes der Herr von vielen wurde. Noch ſieht man im Aargau auf ren Beſitzer einſt von ſeinem Felſenhorſt uͤber das unten liegende Dorf gebot. Es iſt die Habsburg, die beruͤhmte Stammburg jenes maͤchtigen Ge⸗ ſchlechtes, das ſo lange auf dem deutſchen Kaiſer⸗ throne ſaß, und jetzt uͤber einen ſo großen Theil von Deutſchland und Italien gebietet. Der Koͤ⸗ nig von Preußen ſtammt aus dem Geſchlechte der Hohenzollern, das einſt in der Burg gleiches Na⸗ einem Berge eine den Einſtur dergreie⸗ de⸗ mens hauſte, und es giebt noch viele andere Bei⸗ ſpiele, daß Derjenige, welcher zu einer Zeit, wo man nur hinter feſten Mauern ſicher war, den Grundſtein zu einer Burg legte, damit zugleich den Grund eines maͤchtigen und glorreichen Fuͤrſtenhauſes legte. Weder die Lage des Schloſſes Hartenburg, noch die Zeit ſeiner Gruͤndung war ſo beſchaffen, daß es zu ſo großen Erfolgen, wie die eben erwaͤhnten, fuͤhren konnte. Zwar beherrſchte es einen in jener Gegend wichtigen Paß; aber derſelbe war doch von keiner ſol⸗ chen Bedeutung, daß der Beſitzer auf großen, weiter verbreiteten Einfluß Anſpruch machen konnte. Da je⸗ doch das Geſchlecht der Leiningen zahlreich war, und auch in anderen Gegenden Deutſchlands ſchoͤne Beſi⸗ bungen hatte, ſo konnte Graf Emich nicht fuͤr einen blo⸗ ßen Burgherrn gelten. Das Feudalſyſtem war lange voor ſeiner Geburt feſtgeſtellt, und die Reichsgeſetze rg, de⸗ er das öburg, Ge⸗ Laiſer⸗ Theil r Koͤ⸗ te der 3Na⸗ Bei⸗ bman dſtein eines noch es zu aͤhren egend r ſol⸗ veiter Da je⸗ und Beſi⸗ blo⸗ ange eſetze ſicherten ihm viele Doͤrfer und Flecken in den Ebe⸗ nen, als dem Nachfolger Derjenigen, welche dieſel⸗ ben in fruͤheren Zeiten ſich unterworfen hatten. Vor Kurzem hatte er, als der Erbe eines verſtorbe⸗ nen Verwandten, auf eine hoͤhere Wuͤrde und groͤ⸗ ßere Beſitzungen Anſpruch gemacht, allein dieſer Verſuch, ſeine Macht zu vermehren und ſeinen Rang zu erhoͤhen, ſcheiterte an der Entſcheidung von Kaiſer und Reich. Der unbefugten Annahme eines hoͤheren Titels verdankte er den Spottnamen „der Sommerlandgraf«, denn dies war die Wuͤrde, nach der er geizte, und die Zeit, waͤhrend welcher er ſich darin behauptete. Das Schloß der Grafen von Hartenburg oder, um richtiger zu ſprechen, von Leiningen⸗Hartenburg war der Macht ihres Geſchlechtes, ſo wie ſie eben beſchrieben worden, angemeſſen. Es ſtand auf dem aͤußerſten Bergvorſprunge, wo das Thal am eng⸗ ſten war, und unten der kleine Fluß eine Kruͤm⸗ mung machte, ſo daß der Paß von den Bogen⸗ ſchuͤtzen auf den Zinnen der Burg vollkommen be⸗ herrſcht wurde. Alles Mauerwerk im Vordergrunde war fuͤr den Krieg und den unvollkommenen Ge⸗ brauch, welchen man in jener Zeit von dem Ge⸗ ſchuͤtze zu machen verſtand, eingerichtet, waͤhrend im Hintergrunde Hoͤfe, Thuͤrme, Capellen, Thore, 138 Fallgitter, Prunkgemaͤcher, Nebengebaͤude ſich erho⸗ ben. Das Dorf, welches unmittelbar unter den Mau⸗ ern der vorſpringenden Thuͤrme oder Baſteien lag, war, im Vergleich zu dem Reichthum und der Macht des Grafen, unbedeutend. Die Hauptquellen derſelben waren Duͤrkheim, die fruchtbare Ebene jenſeits die⸗ ſer Stadt und der wild⸗ und hulriche weit aus⸗ gedehnte Forſt. Wir ſagten, daß Emich von Leiningen im Schloſſe Hartenburg der Ruhe pflegte. Der Leſer moͤge ſich ein maſſives Gebaͤude in Mitte des Schloſſes denken, welches fuͤr den haͤuslichen Ge⸗ brauch jener Zeit eingerichtet war. Die Waͤnde waren getaͤfelt und mit reichem Schnitzwerk ver⸗ ziert; die Hallen weit und duͤſter, mit Waffen be⸗ hangen, und in dieſem Augenblicke voll von Kriegs⸗ leuten; die Saͤle von Mittelgroͤße und mit allen Bequemlichkeiten und allem Prunk, den man zu jener Zeit kannte, ausgeſtattet. Fleißig gearbeitetes Schnitzwerk, Schwerter, Dolche, Helme, Harniſche und jede Art von Ver⸗ theidigungswaffen; zierliche Nadelarbeiten, wie ſie die Edelfrauen jener Zeit ſchufen; Gemaͤlde, welche alle Fehler, und wenige die Vorzuͤge der flandri⸗ ſchen Schule beſaßen; eine Verſchwendung von Sil erha pen des des Spr nur lichk den man unge ſchle ſes ren, wuͤr bewe ande ſich Pike Gebt dere ergoͤl voll leerte 139 Silbergeſchirr mit dem Wappen der Leiningen in erhabener Arbeit; Stammbaͤume und bunte Wap⸗ penſchilde— dies waren die Hauptbeſtandtheile des Geraͤthes und der Ausſchmuͤckung im Innern des Schloſſes. Im ganzen Gebaͤude erblickte man wenige Spuren der Anweſenheit von Frauen, oder auch nur Gemaͤcher, welche zur Aufnahme und Bequem⸗ lichkeit derſelben eingerichtet geweſen waͤren. In den Gaͤngen, den Geſindeſtuben, den Hoͤfen, ſah man ſelten eine weibliche Perſon, Maͤnner aber in ungewoͤhnlicher Anzahl. Rauhe, baͤrtige Krieger ſchlenderten in den Hallen und Hoͤfen des Schloſ⸗ ſes umher, und ſchienen des Augenblickes zu har⸗ ren, wo man ihre Dienſte in Anſpruch nehmen wuͤrde. Kein einziger von ihnen war vollſtaͤndig bewaffnet; einer hatte die Sturmhaube auf, der andere den Panzer umgeſchnallt, ein dritter ſtuͤtzte ſich nachlaͤſſig auf ſeine Hakenbuͤchſe, oder hatte die Pike in der Hand. Hier uͤbten ſich einige in dem Gebrauche der Angriffswaffen, dort umſtanden an⸗ dere einen Schalksnarren, der ſie durch ſeine Spaͤße ergoͤttte, waͤhrend die meiſten maͤchtige Humpen voll des Rheinweines ihres freigebigen Gebieters leerten. Waͤre damals der Gebrauch des Tabacks ſchon bekannt geweſen, ſo haͤtten wir dieſe Schil⸗ derung dadurch vollenden muͤſſen, daß wir Alles in Dampf und Rauch einhuͤllten. Trotz der gleichguͤltigen Nachlaͤſſigkeit, die in⸗ nerhalb des Schloſſes Hartenburg, vor den Thoren und in den Außenwerken zu herrſchen ſchien, konnte man doch die Zeichen einer mehr als gewoͤhnlichen Wachſamkeit bemerken. Wer darauf genaue Acht hatte, erblickte außer den Schildwachen, die ſtets die Zugaͤnge zu dem Schloſſe bewachten, ſchnell⸗ fuͤßige Kundſchafter im Dorfe, auf den Felſen des Berges und in den Hohlwegen, und da Aller Au⸗ gen nach der Richtung, wo die Abtei Limburg ſtand, ſchauten, ſo erwartete man offenbar von dorther ein Zeichen zur Thaͤtigkeit. Waͤhrend dies die Lage des Schloſſes und die Beſchaffenheit einer ſo ſtarken Schaar Dienſtmaͤn⸗ ner des Grafen Emich war, hatte er ſelbſt ſich in einen der reinlichen, halb duͤrftigen, halb pracht⸗ vollen Saͤle zuruͤckgezogen. Der Saal war mit zwanzig Wachskerzen erleuchtet, und auch andere wohlbekannte Zeichen deuteten auf die nahe bevor⸗ ſtehende Ankunft von Gaͤſten. Der Graf ſchritt in dem weiten Gemach mit droͤhnenden Tritten auf und nieder, waͤhrend Sorge oder wenigſtens Schil⸗ Alles die in⸗ horen konnte llichen 2 Acht ſtets chnell⸗ n des r Au⸗ nburg r von id die maͤn⸗ ich in racht⸗ mit ndere bevor⸗ ſchritt ritten zſtens 141 tiefes Nachdenken die Muskeln ſeiner harten Ei⸗ ſenſtirne, die manche Spuren vertrauter Bekannt⸗ ſchaft mit dem ſchweren Ritterhelm zeigte, zuſam⸗ menzog. Vielleicht ſind die Vereinigten Staaten von Nordamerika ſelbſt jetzt noch das einzige Land, in welchem der Beruf des Rechtsgelehrten hoͤher geſchaͤtzt und mehr geachtet wird, als jener des Kriegsmannes, was der beſte Beweis einer hohen und beneidenswerthen Civiliſation zu ſein ſcheint. Allein zur Zeit, in welcher unſere Geſchichte ſpielt, war der Edelgeborene, der nicht die Weihen der Kirche hatte, welche damals alle Kenntniſſe gleich⸗ ſam als ein Monopol beſaß, nothwendiger Weiſe Soldat. Emich war daher eben ſo natuͤrlich ein Krieger, als der gebildete Mann dieſes Jahrhun⸗ derts ſeinen Horaz oder Virgil lieſt, und da die Natur ihm einen kraftvollen Koͤrperbau, eine eiſerne Conſtitution und ein Gemuͤth, das gegen die Leiden Anderer zu Zeiten ſo gleichguͤltig war, daß es an Unbarmherzigkeit grenzte, gegeben hatte: ſo zaͤhlte er in ſeinem kriegeriſchen Berufe mehr Erfolge, als manche blaſſe, eifrige Gelehrten unſerer Zeit in der Cultur der Wiſſenſchaften. Nur ſelten erhob der in tiefes Nachdenken ver⸗ ſunkene Graf ſeine Blicke von dem eichenen Ge⸗ 142 taͤfel des Fußbodens, auf welchem er auf und nie⸗ der ſchritt. Diener auf Diener erſchienen, und eilten in der Naͤhe des ſo gefuͤrchteten und doch geliebten Gebieters mit geraͤuſchloſem Tritte durch den Saal. Endlich gleitete ein Frauenzimmer, beſchaͤftigt mit einer haͤuslichen Verrichtung, vor ſeinen halb ſtieren Blicken voruͤber. Die Jugend, die Friſche, der Frohſinn, das nette Haͤubchen, das ſtraffe Mieder und die weiten Falten der Gewaͤn⸗ der ſchienen ihn auf ihre Anweſenheit aufmerkſam zu machen. »Biſt Du es, Giſela?« ſprach er guͤtig, wie ein Herr ſeinen Lieblingsdiener anzureden pflegt. »Wie geht es dem wackeren Karl?«⸗ „»Ich danke, Herr Graf; Euer alter und ver⸗ wundeter Diener hat weniger Schmerzen als ge⸗ woͤhnlich. Das Bein, das er im Dienſte des Hau⸗ ſes Leiningen verloren hat—« »Nichts von dem Beine, Maͤdchen. Du kommſt nur zu oft auf dieſen Unfall, der Deinem Vater zuſtieß, zuruͤck.« „»Wenn mein Herr, der Graf, auf dem Schlacht⸗ felde ein Bein verloren haͤtte, ſo wuͤrde er es ver⸗ miſſen, ſo oft ihm Eile Noth thaͤte.« »„Glaubſt Du, Kind, daß ich in dieſem Falle nd nie⸗ „ und d doch durch imer, , vor ugend, n, das ewaͤn⸗ erkſam 3, wie pflegt. d ver⸗ ls ge⸗ Hau⸗ ommſt Vater hlacht⸗ s ver⸗ Falle 143 nie zum Kaiſer ſprechen wuͤrde, ohne des Verlu⸗ ſtes zu erwaͤhnen? Geh, Giſela, Du biſt eine ſchlau rechnende Dirne, und laͤſſeſt ſelten eine Ge⸗ legenheit voruͤber gehen, ohne auf jene Fundgrube fuͤr Deine Familie anzuſpielen. Sind meine Leute, mit oder ohne Bein, wachſam?« »Jeder ſo, wie ſeine Natur es mit ſich bringt. Die heilige Urſula mag wiſſen, wo Deine Haupt⸗ leute eine ſo rohe Schaar aufgeleſen haben, wie die iſt, welche jetzt in der Hartenburg hauſet. Der eine trinkt von der Zeit, wenn er des Morgens die Augen aufſchlaͤgt, bis er ſie des Abends wieder ſchließt, der andere flucht furchtbarer, als die nor⸗ diſchen Krieger, welche die Pfalz verwuͤſten; jener fuͤhrt ein loſes Maul, und dieſer iſt ein ſolcher Vielfraß, daß er es nur oͤffnet, um Speiſe zu ver⸗ ſchlingen, und unter allen dieſen Prahlhaͤnſen iſt auch nicht ein einziger, der ein hoͤfliches Wort fuͤr ein Maͤdchen haͤtte, obſchon ſie wiſſen, daß es im Haushalte ihres Gebieters geachtet wird.« »Sie ſind meine Vaſallen, Maͤdchen, und ſo treffliche Krieger, wie man ſie in ganz Deutſchland nicht findet.« »Von unverſchaͤmter Rede ſind ſie, Herr Graf, und von noch unverſchaͤmteren Blicken; aber vor Allem jeder beſcheidenen und ſittſamen Perſon zu⸗ wider.« »Deine Gebieterin hat Dich verzogen, Maͤdchen; Du vergißt oft, was die Klugheit fordert. Geh, und ſieh nach, ob meine Gaͤſte wiſſen, daß die Stunde des Mahles herannaht. Melde ihnen, daß ich nach dem Vergnuͤgen ihrer Gegenwart ver⸗ lange.« Giſela, deren natuͤrliche Keckheit durch eine et⸗ was zu nachſichtige Gebieterin vermehrt worden, und deren Stolz auf ihre Schoͤnheit, welcher groͤ⸗ ßer war als Maͤdchen ihres Standes ihn gewoͤhn⸗ lich haben, in ihr einen Freimuth der Rede erzeugt hatte, der zuweilen an Verwegenheit grenzte, zeigte ihren Verdruß auf die, Perſonen ihres Geſchlechts, wenn ſie durch eine heilſame Erziehung nicht in Schranken gehalten werden, natuͤrliche Art. Sie verzog den Mund, warf, waͤhrend Emichs Auge, wieder auf dem Boden ruhete, ihr Koͤpfchen em⸗ por und verließ das Gemach. Als der Graf wie⸗ der allein war, verſank er in ſein voriges Nachſin⸗ nen. Mehrere Minuten verfloſſen unbeachtet. »Wie gewoͤhnlich von Erſtuͤrmung und Excom⸗ munication traͤumend, edler Emich?« rief eine froͤh⸗ liche Mannesſtimme hinter ihm, deren Beſitzer un⸗ beme von geſch rer d dem dem liche von C und Laͤche des( guten derte meine Dir Wort gewac ſollte C Soͤhn des he als jer doch f J. „ on zu⸗ idchen; Geh, daß die en, daß tt ver⸗ ine et⸗ vorden, er groͤ woͤhn⸗ erzeugt zeigte hlechts, icht in Sie Auge, en em⸗ af wie⸗ achſin⸗ e. FErcom⸗ ie froͤh⸗ eer un⸗ 145 bemerkt in den Saal getreten war.»Traͤumend von rachſuͤchtigen Prieſtern, Lehensabhaͤngigkeit, geſchorenen Aebten, dem Beichtſtuhl und ſchwe⸗ rer Buße, der Wiederherſtellung Deiner Rechte, dem zuͤrnenden Conclave, dem Keller der Abtei, dem Sturmhelme, der Rache, und, um alle toͤdt⸗ liche Suͤnden in ein Wort zuſammen zu draͤngen, von jenem gefallenen Engel, dem Teufell⸗ Emich zwang ſich bei dieſem unehrerbietigen und inhaltsſchweren Gruße zu einem grimmigen Laͤcheln, ſchuͤttelte jedoch die dargebotene Hand des Grußgebers mit der herzlichen Offenheit eines guten Geſellſchafters. „Du biſt hoͤchſt willkommen, Albrecht«, erwie⸗ derte er,„denn der Augenblick iſt nahe, in welchem meine moͤnchiſchen Gaͤſte erſcheinen werden. Um Dir die Wahrheit zu geſtehen, ich fuͤhle mich dem Wortkampfe mit dieſen frommen Schelmen nie gewachſen; doch Du wirſt mich unterſtuͤtzen, und ſollte das ganze Kloſter ſich hier verſammeln.« »Ja, wir ſind einigermaßen verwandt, wir Soͤhne des heiligen Johann und dieſe Baſtarde des heiligen Benedict. Obſchon etwas kriegeriſcher als jene Moͤnche vom Berge, haben wir von der Inſel, do faſt zu eben ſo vielen Tugenden geſchweren. Laß 4 10 146 ſehen, fuͤgte er hinzu, indem er mit kecker Ausge⸗ laſſenheit an ſeinen Fingern zaͤhlte,»zuerſt haben wir das Geluͤbde der Eheloſigkeit abgelegt, die Be⸗ nedictiner gleichfalls; dann uͤben wir die Tugend der Keuſchheit, die Limburger nicht minder; ferner halten wir unſere Eide, daſſelbe thut Vater Boni⸗ facius; uͤberdies ſind wir beide die Diener des hei⸗ ligen Kreuzes«;— hier machten in Folge des Ein⸗ fluſſes der Gewohnheit ſowohl der Sprechende als der Graf das geweihte Zeichen—»zweifle daher nicht, daß ich der ganzen ehrwuͤrdigen Bruͤderſchaft gewachſen bin. Suͤnde nimmt es mit Suͤnde auf, wie man ſagt, folglich auch ein Frommer mit dem andern! Aber Emich, Du biſt ja ernſter, als es fuͤr ein Gelage, wie wir es vorhaben, geziemt!«⸗ „»Und Du ſo geputzt, als gaͤlte es, den Damen von Rhodus bei einem Eurer Inſelfeſte den Hof zu machen.“ Der Johanniterritter betrachtete ſeinen Anzug mit hoher Selbſtgefaͤlligkeit, waͤhrend er an der Seite ſeines Wirthes, der ſeinen Gang durch das Gemach wieder begonnen hatte, wie ein Pfau auf und nieder ſtolzirte. Die Bemerkung des Grafen war gegruͤndet, denn ſein Vetter und Gaſt hatte 1 auf ſeinen Anzug mehr Sorgfalt verwendet, als es i Dan lichen ſtun Vert mit Seit der Star Fran blaſſe jener ware ſchwe Sein des§ Wirk deren len u Johan einem halb d etwas pers der S Ausge⸗ haben die Be⸗ Tugend ferner Boni⸗ des hei⸗ es Ein⸗ ade als daher erſchaft de auf, nit dem als es ntla Damen en Hof Anzug an der rch das au auf Grafen t hatte et, als 147 es in dem Schloſſe und in der Abweſenheit von Damen Sitte war. Unaͤhnlich dem finſtern, maͤnn⸗ lichen Emich, der ſelten anders als in voller Ruͤ⸗ ſtung erſchien, war der Anzug des geſchworenen Vertheidigers des Kreuzes vollkommen friedlich, mit Ausnahme des langen Degens, der an ſeiner Seite hing, und der noch bis in viel ſpaͤtere Zeiten der unerlaͤßliche Begleiter eines Mannes von Standenwar. Sein uͤber und uͤber geſticktes, mit Franſen und Knoͤpfen beſetztes Wamms war von blaſſem Orangengelb und ſo weit, wie es die Mode jener Zeit wollte. Die kaum ſichtbaren Beinkleider waren von gleicher Farbe, und mit derſelben Ver⸗ ſchwendung des Stoͤffes gefertigt wie das Wamms. Seine feuerfarbenem Struͤmpfe waren oberhalb des Knies aufgerollt, und erhoͤhten die maleriſche Wirkung des reichen Anzuges. Er trug Schuhe, deren Oberleder hoch hinaufging, beſetzt mit Schnal⸗ len und zahlloſen Schnuͤren. Das wohlbekannte Johanniterkreuz hing an einem rothen Bande in einem der Knopfloͤcher des Wammſes, nicht ober⸗ halb des Herzens, wie es jetzt Sitte iſt, ſondern etwas tiefer unten, nach jenem Theile des Koͤr⸗ pers zu, der, als der Beherberger herzerfreuen⸗ der Staͤrkungen bekannt iſt— eine Hinweiſung, 10*† die im Falle Albrechts von Wiederbach, des Rit⸗ ters, von dem die Rede iſt, der Wahrheit naͤher kam, als er ſelbſt es eingeſtanden haben wuͤrde. Nachdem er ſich zuerſt auf der einen, dann auf der andern Schuhſpitze gewiegt, die Krauſen in Ordnung gebracht und den Degen mehr nach der einen Seite geſchoben hatte, fuhr der Johanniter fort: „Ich bin bloß ſo gekleidet, wie es ſich fuͤr die⸗ ſes gaſtliche Schloß in Abweſenheit ſeiner ſchoͤnen Gebieterin ziemt. Was die Damen des ungluͤckli⸗ chen Rhodus betrifft, theurer Vetter, ſo wuͤrdeſt Du Dich ſehr irren, wenn Du glaubteſt, daß ein Anzug wie dieſer vor ihren Augen Gnade finden wuͤrde. Unſere Ritter pflegten in die Inſel alles 4 Koͤſtliche, ſelbſt der fernſten Laͤnder, einzufuͤhren, und ſo klein ſie auch war, ſo gab es doch we⸗ nige Erdſtriche, in welchen die Kuͤnſte, folglich auch die ſchmucke Kleidung, mehr bluͤhten, als auf un⸗ ſerm kleinen, kriegeriſchen, ſchmerzlich bedauerten Rhodus. So wenigſtens war es, bis der grauſame Tuͤrke triumphirte!« „Um Gott, ich haͤtte geglaubt, Du haͤtteſt das Geluͤbde der Maͤßigkeit und Beſcheidenheit in Rede und Leben abgelegt?« Emi⸗ Kurf gewit men leiſtu ſchore Wan fuͤllur re, Leinir Befo! Gewo auf d gen ken, verſuͤf koͤrper ner, t S den ei Meiſte Inſel hes Rit⸗ t naͤher wuͤrde. un auf uſen in nach der danniter fuͤr die⸗ ſchoͤnen gluͤckli⸗ wuͤrdeſt daß ein finden el alles fuͤhren, öch we⸗ ich auch auf un⸗ auerten auſame teſt das n Rede 149 »Und haſt nicht auch Du, hoͤchſt rebelliſcher Emich, Deinem Lehnsherrn, dem Kaiſer und dem Kurfuͤrſten, Gehorſam geſchworen, ja biſt Du fuͤr gewiſſe Laͤndereien und Rechte nicht ſogar dem from⸗ men Abte von Limburg ritterliche Treue und Dienſt⸗ leiſtung ſchuldig?« „Gottes Fluch uͤber ihn und alle anderen ge⸗ ſchorenen Moͤnche ſeines Kloſters!⸗ „»Natuͤrliche Folge Deines Eides, wie dieſes Wamms Folge des meinigen! Wenn die ſtrenge Er⸗ fuͤllung eines Geluͤbdes dem Leibe ſo angenehm waͤ⸗ re, als ſie der Seele heilſam ſein ſoll, Graf von Leiningen, was haͤtte man da fuͤr ein Verdienſt in Befolgung deſſelben? Ich ziehe dieſes anmuthige Gewand nie an, ohne mich der ſchlafloſen Naͤchte auf den Waͤllen, der beſchwerdereichen Belagerun⸗ gen und der muͤhevollen Kreuzzuͤge gegen die Tuͤr⸗ ken, als vergangener Buͤßungen zu erinnern. So verſuͤßen wir die Suͤnde durch das Andenken an koͤrperliche Leiden und an die Stunden vergange⸗ ner, tugendreicher Beſchwerden!« »Bei den drei heiligen Koͤnigen von Koͤln und den eilftauſend Jungfrauen dieſer geehrten Stadt, Meiſter Albrecht! Du haſt es auf Deiner kleinen Inſel ſehr angenehm gehabt, wenn Du auf Deine 150 Weiſe mit der Gewißheit ſuͤndigen durfteſt, auf eine erwie ſo leichte Weiſe dafuͤr Buße zu thun! Dieſe hab⸗. ſterli ſuͤchtigen Moͤnche von Limburg aber ſetzen auf ihre che. Gunſt einen hohen Werth, und ihre Ablaͤſſe muß 1 man theuer bezahlen. Ich weiß nicht, wie viele der Faͤſſer des trefflichſten Rheinweins mich meine klei⸗„ Wie nen Suͤnden ſchon an die Abtei gekoſtet haben; ge⸗ maͤßi wiß aber iſt, daß ſie zuſammen nur ſehr wenig lee⸗ durch ren Raum in dem beruͤhmten Faſſe des Kurfuͤrſten ken r Friedrich in ſeinem großen Keller zu Heidelberg laſ⸗ daß d ſen wuͤrden.« lange »Ich habe von dem koͤniglichen Behaͤltniß die⸗ hatte, ſes koͤſtlichen Getraͤnkes oft gehoͤrt, und mir vorge— chenv nommen, eine Wallfahrt dahin anzuſtellen. Em⸗ jenige pfängt der Kurfuͤrſt ritterliche Wanderer auf eine gewid ſeinem Rang und Reichthum angemeſſene Art?« aber »Das thut er, und mit Freuden, obſchon der bloß d Krieg ihn hart draͤngt und ihm andere Beſchaͤfti⸗ vilegie gung giebt. Dieſe Pilgerfahrt wuͤrde Dich nicht darbot ermuͤden, denn Du kannſt von dieſem Berge die ſtritten Thuͤrme von Heidelberg ſehen, und ein gutes Roß der un traͤgt Dich aus meiner Burg in die des Herzogs licher Friedrich nach wenigen Stunden ſcharfen Rittes.⸗ liche? »Sobald Dein Keller erſchoͤpft iſt, edler Emich, morali wird es Zeit genug ſein, den Verſuch anzuſtellen⸗, tretene uf eine ſe hab⸗ uf ihre ſe muß e viele ne klei⸗ en; ge⸗ nig lee⸗ fuͤrſten erg laſ⸗ niß die⸗ vorge⸗ Em⸗ if eine rt?« on der ſchaͤfti⸗ ) nicht re die s Roß derzogs ttes.« Emich, ellen«, 151 erwiederte der Rhodiſer,»wie unſer wuͤrdiger, prie⸗ ſterlicher Freund hier trotz allen Reformatoren, wel⸗ che Deutſchland jetzt verpeſten, behaupten wird.⸗ Indem wir dieſe neue Perſon einfuͤhren, moͤge der Leſer eine kleine Abſchweifung entſchuldigen. Wie man immer uͤber die Verdienſte und die Recht⸗ maͤßigkeit der Reformation, welche hauptſaͤchlich durch Luthers Muth bewerkſtelligt worden iſt, den⸗ ken mag, ſo wird wenigſtens allgemein zugegeben, daß die Herrſchaft, welche die Geiſtlichkeit ſeit ſo langer Zeit beſaß, endlich zu Mißbraͤuchen gefuͤhrt hatte, welche das lauteſte Verlangen nach einer Kir⸗ chenverbeſſerung veranlaßten. Tauſende von Den⸗ jenigen, welche ihr Leben dem Dienſte des Altares gewidmet hatten, waren ihres Berufes wuͤrdig; aber andere Tauſende hatten die Tonſur, die Kutte bloß darum angenommen, um der Freiheiten, Pri⸗ vilegien und Genußgelegenheiten, die ihr Stand darbot, zu genießen. Ein langes und faſt unbe⸗ ſtrittenes Monopol der Wiſſenſchaften, der Einfluß der unnatuͤrlichen Vereinigung geiſtlicher und welt⸗ licher Macht, ſammt der Herrſchaft uͤber die oͤffent⸗ liche Meinung, bewog alle Diejenigen, welche nach moraliſcher Ueberlegenheit trachteten, dieſen vielbe⸗ tretenen und ſicheren Weg einzuſchlagen. Allein nicht bloß die chriſtliche Religion, wie ſie zur Zeit Luthers beſchaffen war, iſt ein Beiſpiel jener flu⸗ chenswerthen Folgen der Vermengung des weltli⸗ chen und geiſtlichen Einfluſſes in den menſchlichen Einrichtungen. Das Uebel, von dem die Rede iſt, ſtammt, gleichviel ob bei Chriſten oder Mahomeda⸗ nern, bei Katholiken oder Proteſtanten, aus jener Urneigung der Starken, die Schwachen zu unter⸗ druͤcken, und der Maͤchtigen, ihre Macht zu miß⸗ brauchen. So lange die ſtrenge Sittlichkeit, welche die chriſtliche Religion gebietet, von jeder groben Beimiſchung weltlicher Macht und weltlichen Vor⸗ theiles frei bleibt, ſo haͤlt ſich wenigſtens der Altar von jeder Befleckung frei. Kaum aber haben dieſe ſchlimmen Feinde Eingang in das Heiligthum ge⸗ funden, als tauſend boͤſe Geiſter ſich eiligſt in den Tempel einſchwaͤrzen, und die aͤußeren Bedingun⸗ gen des Glaubens erfuͤllen, um ſeine zeitlichen und ſichtbaren Vortheile zu ernten. Wie rein auch immer ein Staats⸗ oder Reli⸗ gionsgebaͤude im Beginn ſeiner Macht ſein mag, ſo verlockt doch der Beſitz eines unbeſtrittenen Ueberge⸗ wichtes zu Mißbraͤuchen, welche der Ehrenhaftigkeit, Gerechtigkeit und Wahrheit gleich gefaͤhrlich ſind. Dies iſt eine Folge der Unabhaͤngigkeit des menſchli⸗ ur Zeit er flu⸗ weltli⸗ hlichen ede iſt, omeda⸗ jener unter⸗ u miß⸗ welche groben Vor⸗ Altar n dieſe im ge⸗ in den ingun⸗ en und Reli⸗ nag, ſo eberge⸗ tigkeit, ſind. enſchli⸗ chen Willens, die von der Schwachheit unſerer Natur unzertrennlich zu ſein ſcheint. Nach und nach ſetzt man Neigung und Ehrgeiz an die Stelle des Rech⸗ tes, bis der moraliſche Inſtinct untergraben wird, und man ſich an Das, was man einſt mit jenem Abſcheu, den das Unrechte bei allen reinen Gemuͤ⸗ thern erregt, betrachtete, nicht nur gewoͤhnt, ſondern es ſogar als etwas Nuͤtzliches und Zweckdienliches betrachtet. Es giebt kein untruͤglicheres Zeichen der Untergrabung jener Grundſaͤtze, auf welche ſich menſchliche Tugend ſtuͤtzt, als wenn man eine Ab⸗ weichung von derſelben mit der Nothwendigkeit be⸗ maͤntelt: denn man ruft dadurch die Liſt zu Huͤlfe, um den Leidenſchaften beizuſtehen, und dies iſt ein Bund, vor dem faſt in allen Faͤllen die Schranken einer ſchwankenden Moralitaͤt zu Boden ſtuͤrzen. Es iſt daher kein Wunder, wenn in einer Zeit, wo religioͤſe Mißbraͤuche ſelbſt Menſchen, die ſonſt der Kirche ergeben waren, zum Ungehorſam verlei⸗ teten, merkwuͤrdige Beiſpiele außerordentlicher Aus⸗ ſchweifungen der eben beſchriebenen Art zum Vor⸗ ſchein kamen. Kriegeriſcher Ehrgeiz, Habſucht, Lie⸗ be zu Ruhm und Verſchwendung huͤllten ſich in den Deckmantel der Religion; und wenn der Rit⸗ ter bereit war, gegen die Unglaͤubigen zu kaͤmpfen, um, als ein Verfechter des Kreuzes, Ehre zu ernten, ſo ſuchte auch der Wuͤſtling, der Verſchwender, ſei⸗ nen Handlungen auf irgend eine Weiſe den Stem⸗ pel der Kirche aufzudruͤcken, weil dies eine allge⸗ mein gangbare Muͤnze war. »Die Reformatoren oder vielmehr Verſchlechte⸗ rer, wie ſie eigentlich heißen ſollten«, erwiederte der franzoͤſiſche Abbé, an welchen die letzten Worte Al⸗ brechts von Wiederbach gerichtet waren,»uͤbergebe ich ohne die mindeſten Gewiſſensbiſſe ſaͤmmtlich dem Teufel. Was aber die Verbindlichkeit betrifft, die unſer wuͤrdiger Ritter des heiligen Johann hier eingegangen hat, edler Graf Emich, ſo werde ich ſie, ſo weit ich dabei betheiligt bin, moͤglichſt zu er⸗ fuͤllen ſuchen: nur fuͤrchte ich, daß die Keller von Heidelberg einen noch ganz anderen Sturm, als er in unſeren Kraͤften liegt, aushalten koͤnnen. Ich habe mich ſpaͤt aus meinem Gemache erhoben, und hoffte, unſere Bruͤder aus Limburg waͤren bereits angekommen! Es wird doch kein Mißverſtaͤndniß uns des Vergnuͤgens ihrer Gegenwart berauben, Herr Graf?«. „Sicherlich nicht, denn es gilt ein Gelag. Am gewiſſeſten verlockt der Teufel dieſe Moͤnche von ih⸗ rem Berge in Geſtalt der Voͤllerei. Nach der Er⸗ ernten, er, ſei⸗ Stem⸗ allge⸗ gZlechte⸗ rte der rte Al⸗ ergebe ch dem t, die n hier rde ich zu er⸗ er von als er Ich und vereits indniß nuben, Am on ih⸗ er Er⸗ “ 155 fahrung zu ſchließen, die ich ſeit den vierzig Jahren, welche ich in ihrer Nachbarſchaft zubrachte, gemacht habe, halten ſie die Maͤßigkeit fuͤr die achte Tod⸗ ſuͤnde.⸗ »Die Benedictiner haben das Privilegium, Gaſt⸗ freiheit fuͤr eine Tugend anzuſehen, und der Abt hat die Erlaubniß, ſich zuweilen eine kleine Tafel⸗ freude zu goͤnnen. Wir wollen ſie daher nicht zu hart beurtheilen, ſondern ihre Thaten ſprechen laſ⸗ ſen. Du haſt ſehr viele Dienſtmannen aufgeboten, Graf Emich, um ihnen Ehre zu erweiſen.⸗ Der Graf von Leiningen runzelte die Stirne, und bevor er antwortete, wechſelte er einen Blick mit ſeinem Vetter. Wuͤrde der Abbé dieſen Blick bemerkt haben, ſo haͤtte er deſſen Meinung unſchwer entraͤthſeln koͤnnen. »Meine Vaſallen ſchaaren ſich dienſtgetreu um ihren Lehnsherrn, denn ſie haben von den Huͤlfs⸗ truppen gehoͤrt, welche der Kurfuͤrſt dieſen faulen Benedictinern geſendet hat, um ſie zu unterſtuͤtzen«, war des Grafen Antwort.» Vierhundert Soͤldlinge liegen dieſe Nacht innerhalb der Mauern der Ab⸗ tei, es iſt daher kein Wunder, daß die Vaſallen Emichs von Hartenburg ſich bereit halten, ihn mit dem Schwerte zu vertheidigen. Bei Gott!— Die⸗ ſe ſchlauen Pfaffen ſchreien immer, daß man ſie uͤberfallen wolle; wenn aber irgend Jemand Urſache hat, ſich zu beklagen, ſo iſt es fuͤrwahr der rechtmaͤ⸗ ßige, vielbeleidigte Herr des Jaͤgerthals.⸗ „Deine Lage, Vetter von Hartenburg«, be⸗ merkte der Johanniter,»iſt wirklich ein Meiſter⸗ ſtuͤk der Klugheit. Du ſtehſt dem Abte von Lim⸗ burg mit gezogenem Schwerte gegenuͤber, ſo wie er Dir; jeden Augenblick koͤnnen die Feindſeligkeiten ausbrechen, um endlich durch eine Schlacht die ur⸗ alte Streitfrage wegen der Oberherrſchaft uͤber das Thal zu entſcheiden: und doch befiehlſt Du Deinem Kellermeiſter, die koͤſtlicſſten Weine heraufzuſchlep⸗ pen, um Deinem Todfeinde gaſtliche Ehre zu er⸗ weiſen! Dies ſchlaͤgt Dich in allen Deinen Feinhei⸗ ten, Monſieur Latouche, der Du der Kirche zu we⸗ nig angehoͤrſt, um des ewigen Heils gewiß zu ſein, und doch nicht Suͤnder genug biſt, um mit den anderen Schaaren der Uebelthaͤter verdammt zu werden.« »Ich hoffe, daß mein Loos dem aller Menſchen aͤhnlich ſein wird, naͤmlich daß ihnen mehr Gnade widerfaͤhrt, als ſie verdienen«, erwiederte der Abbe, welcher Titel einen Mann, der ſich der Kirche kaum ernſtlich gewidmet hatte, andeutete.»Ich hoffe abe ſche wir hoͤr ſche nich fen ſelb ſen. nock Vaͤt gege Ritt Per wie ten gruͤß 157 aber, daß das gegenwaͤrtige Zuſammentreffen zwi⸗ ſchen den feindlichen Maͤchten friedlicher Natur ſein wird, denn, um die Wahrheit zu geſtehen, ich ge— hoͤre nicht, wie mein Freund hier, einem kriegeri⸗ ſchen Orden an.⸗ »Horch!« rief der Wirth aus,»hoͤrtet Ihr nicht etwas?⸗ „Deine Kriegsleute toben gewaltig in den Hoͤ⸗ fen, Vetter, und ſtoßen mitunter Fluͤche aus, die ſelbſt fuͤr einen Deutſchen erſt uͤberſetzt werden muͤſ⸗ ſen. Aber der erſehnte Ruf zum Mahle ertoͤnt noch immer nicht!« »Kommt, es iſt der Abt von Limburg, und die Vaͤter Siegfried und Cuno. Laßt uns ihnen ent⸗ gegen gehen, um ſie ehrenvoll zu empfangen.⸗ Da dies eine willkommene Nachricht fuͤr den Ritter und den Abbé war, ſo beeilten ſie ſich, eine Perſon von ſolcher Wichtigkeit in dieſer Gegend, wie den reichen und maͤchtigen Abt des benachbar⸗ ten Kloſters, mit gebuͤhrender Hochachtung zu be⸗ gruͤßen. Sechſtes Capitel. Aus dem Thale der Abtei Limburg erſchollen die Toͤne eines Horns. Es war das Zeichen fuͤr die Kundſchafter des Grafen Emich, daß ſeine geiſt⸗ lichen Gaͤſte das Kloſter verlaſſen hatten. »Hoͤrtet Ihr etwas, Bruͤder?« fragte der Abt Bonifacius ſeine Begleiter, die neben ihm ritten, faſt in demſelben Augenblicke, als der Graf von Leiningen die naͤmliche Frage in ſeiner Burg that. »Dieſe Toͤne haben Bedeutung.« »Es wird uns mißlingen, das Schloß unbe⸗ merkt zu erreichen«, erwiederte der Moͤnch, den der Leſer bereits als Vater Siegfried kennt,»allein ob⸗ ſchon unſer Plan, des Grafen Emich Geheimniß mit eigenen Augen zu erkunden, ſcheitert, ſo habe ich doch einen Mann gewonnen, der dieſes Geſchaͤft fuͤr uns uͤbernehmen, und uns Nachricht uͤber die geheimen Anſchlaͤge unſeres Feindes geben wird. Muth, hochwuͤrdigſter Abt, die Sache Gottes wird aus Mangel an Beiſtand nie unterliegen. Wann waͤre je die Sache des Frommen und Gerechten verlaſſen geweſen! 3 ge be erreie den, deren ſtand Bew Sorg gen i ſchollen den fuͤr e geiſt⸗ er Abt ritten, aif von g that. unbe⸗ een der ein ob⸗ eimniß b habe eſchaͤft der die wird. 3 wird Wann rechten 159 Der Abt von Limburg that einen Ausruf, wel⸗ cher anzeigte, wie wenig er auf irgend einen uͤber⸗ irdiſchen Beiſtand zum Schutze ſeiner Abtei rech⸗ nete. Dann zog er den Mantel, der ſeine Perſon verhuͤllte, dichter um ſich, und druͤckte ſeinem Pfer⸗ de die Sporen in die Weichen, in der eitlen Hoff⸗ nung, jenen Klaͤngen zuvor zu kommen, die offen⸗ bar ſeine Ankunft meldeten. In Letzterem taͤuſchte ſich der Praͤlat nicht, denn kaum hatte man im Schloſſe das Signal gehoͤrt, als es auch innerhalb der Mauern wiederholt wurde. Eine allgemeine Bewegung entſtand bei dem Signale unter den Muͤßiggaͤngern in den Hoͤfen. Untergeordnete Befehlshaber eilten unter die Kriegs⸗ leute, brachten die aus Betrunkenheit ſich Wider⸗ ſetzenden fort, und geboten den Gehorſameren, ih⸗ nen zu folgen. In ſehr kurzer Zeit, und noch lan⸗ ge bevor die Moͤnche das Dorf am Fuße der Burg erreicht hatten, war in derſelben Alles ſtille gewor⸗ den, und ſie hatte nur mehr den Anſchein jeder an⸗ deren Feſte irgend eines maͤchtigen Barons im Zu⸗ ſtande der tiefſten Sicherheit. Emich hatte dieſe Bewegungen in Perſon geleitet, und trug ſtrengſte Sorge, daß kein Krieger ſich zeige, um die Ruͤſtun⸗ gen im Schloſſe zu verrathen. Nachdem dieſe Vor⸗ 8 ſichtsmaßregeln getroffen waren, verfuͤgte ſich der Graf mit ſeinen beiden Gefaͤhrten zu dem Thore, um daſelbſt die Ankunft der Moͤnche zu erwarten. Der Mond war hoch genug emporgeſtiegen, um den Berg zu erleuchten, und die grauen Thuͤrme und Mauern der Hartenburg in maleriſche Formen, gehoben durch dunkle Schatten, umzugeſtalten. Die Signale ſchienen die ſtumme Aufmerkſamkeit aller Bewohner des Dorfes und der draͤuenden Feſte, welche daſſelbe uͤberragte, erregt zu haben. Einige Minuten lang herrſchte eine ſo tiefe und allgemeine Ruhe, daß man ſelbſt das Gemurmel des kleinen Fluſſes, der ſich durch das Thal ſchlaͤngelte, hoͤren konnte. Dann erdroͤhnten Roſſeshufe. „Deine Moͤnche eilen ſehr, um von Deinem Rheinwein zu koſten«, ſagte der leichtſinnige At brecht von Wiederbach,„oder iſt es nur ein Zug. ihrer Maulthiere, die ich in dem Thale hoͤre 2⸗ »Wenn der Abt irgend ein Kloſter ſeines Or⸗ dens, oder ſeinen geiſtlichen Oberen beſuchte, dann wuͤrden allerdings viele, reich mit Speiſe und Trank belaſtete Maulthiere in ſeinem Gefolge ſein; denn von allen Liebhabern guter Koſt iſt Wilhelm von Venloo, oder mit ſeinem Kloſternamen, Bonifacius, der groͤßte Verehrer der Fruͤchte der Erde. Ich— ſich der Thore, Harten. gen, um Thuͤrme Formen, en. Die keit aller n Feſte, Einige gemeine kleinen hoͤren Deinem , dann 5 Trank ; denn Im von ifacius, . Ich wollte, er und alle ſeine Bruͤder waͤren in die Gaͤr⸗ ten des Paradieſes verpflanzt. Wie ſollten ſie dort durch meine Thraͤnen bewaͤſſert werden!« »Dein Wunſch hat einen heiligen Geruch, kann aber durch menſchliche Huͤlfe nicht vollbracht wer⸗ den, außer Du ſtehſt bei dem Kurfuͤrſten von Koͤln in Gunſt, der Dir zu Liebe vielleicht ein ſolches Wunder wirken wird.« »Du ſcherzeſt, Ritter, mit einer ſehr ernſten Sache«, erwiederte Emich verdruͤßlich, denn ob⸗ ſchon er das Kloſter, weil es ihm an ſeiner Macht Abbruch that, toͤdtlich haßte, ſo betrachtete er die Kirche doch ſonſt mit jener aberglaͤubiſchen Ehr⸗ furcht, welche die Folge geringer Geiſtesbildung iſt. »Der Kurfuͤrſt hat mehreren edlen Familien die Gunſt erwieſen, auf welche Du angeſpielt haſt, und zwar Haͤuſern, die auf ſein Wohlwollen weniger Anſpruch haben, als das der Leiningen. Doch hier kommt der Abt mit ſeinen Geſellen. Gottes Zorn uͤber ſie wegen ihres Stolzes und Geizes!« Der Schall der Roſſeshufe war allmaͤhlig naͤ⸗ her gekommen, und droͤhnte bereits auf dem Pfla⸗ ſter des aͤußeren Hofes, denn um ſeine Gaͤſte zu ehren, hatte der Graf befohlen, daß weder Thor, I. 11 162 noch Fallgitter, oder Zugbruͤcke ihren Einritt verzoͤ⸗ gern ſollten. »Willkommen, und Ehrfurcht Deinem geiſtli⸗ chen Amte, hochwuͤrdigſter Abt!« rief Emich, ob⸗ ſchon er erſt kurz vorher jenen Fluch ausgeſtoßen hatte, und ſchritt herbei, um den Praͤlaten vom Pferde zu helfen—»Seid willkommen, Bruͤder, wuͤrdige Begleiter Eures geehrten Oberen.« Die Moͤnche ſtiegen unter dem Beiſtande der Diener des Grafen ab, waͤhrend er ſelbſt und ſeine beiden Freunde ihnen die hoͤchſte Achtung bewieſen. Als ſie wieder auf feſtem Boden ſtanden, erwieder⸗ ten ſie die Gruͤße mit der groͤßten Artigkeit. »Der Friede ſei mit Dir, mein Sohn, und mit dieſem Ritter, und dieſem Diener der Kirche!« ſprach Vater Bonifacius, indem er das Zeichen des Kreu⸗ zes uͤber ſie mit jener Haſtigkeit, womit die katholi⸗ ſchen Prieſter ihren Segen auszutheilen pflegen, machte.»Der heilige Benedict und die Mutter Gottes moͤgen Euch in ihren heiligen Schut neh⸗ men! Ich hoffe, edler Emich, daß Du uns die klei⸗ ne Zoͤgerung verzeihen wirſt!« »Du koͤmmſt nie zur ungelegenen Zeit, Vater, es ſei des Morgens oder des Abends. Ich halte erſt mals halbl die 9 velha verlei unſer gegan zen d ſtiſch vom genhe Verſie Grafe t verzoͤ⸗ geiſtli⸗ ch, ob⸗ geſtoßen n vom Bruͤder, ade der nd ſeine wieſen. wieder⸗ nd mit ſprach Kreu⸗ katholi⸗ fflegen, Mutter üz neh⸗ iie klei⸗ Vater, ) halte die Hartenburg fuͤr hochgeehrt, ſo oft Dein ehrwuͤr⸗ diges Haupt in ihren Ringmauern weilt.« »An unſerer Sehnſucht, Dich in Chriſto zu um⸗ armen, Sohn, fehlte es nicht; allein gewiſſe geiſt⸗ liche Pflichten, welche nicht vernachlaͤſſigt werden durften, haben uns von dieſem Vergnuͤgen abgehal⸗ ten. Doch laß uns hineingehen, denn die Abend⸗ luft koͤnnte Denjenigen, welche ohne Maͤntel ſind, ſchaden.⸗ Emich fuͤhrte ſeine Gaͤſte mit vielen Beweiſen von Hochachtung in das Gemach, welches er ſelbſt erſt kuͤrzlich verlaſſen hatte. Hier begannen aber⸗ mals jene liſtvollen Hoͤflichkeiten, welche in jenem halbbarbariſchen und an Verrath reichen Zeitalter die Menſchen zu einem herzloſen und zuweilen fre⸗ velhaften Spiel mit den heiligſten Verpflichtungen verleiteten, um ihre Zwecke zu erreichen, und die in unſeren Tagen in eine gegenſeitige Taͤuſchung uͤber⸗ gegangen ſind, die ſich vielleicht mehr in den Gren⸗ zen der Maͤßigung haͤlt, aber nicht minder ſophi⸗ ſtiſch und tadelnswerth iſt. Viel wurde geſprochen vom gegenſeitigen Vergnuͤgen uͤber dieſe Gele⸗ genheit, ſich in Liebe zu beſprechen, wobei die derben Verſicherungen des etwas rauhen, aber politiſchen Grafen durch den Anſtrich von Froͤmmigkeit und 11* 164 Milde, welchen der Praͤlat ſich gab, mehr als uͤber⸗ wogen wurden. Der Abt von Limburg und ſeine Gefaͤhrten wa⸗ ren in Maͤnteln gekommen, welche ihre geiſtliche Kleidung verhuͤllten. Nachdem ſie aber jene abge⸗ legt hatten, erſchienen ſie in der gewoͤhnlichen Tracht ihres Ordens, nur daß ſich der Praͤlat durch das diamantne Kreuz auf der Bruſt und den Ring am Finger von ſeinen beiden Untergebenen unterſchied. Nachdem alle Ceremonien voruͤber waren, und die Gaͤſte es ſich bequem gemacht hatten, wurde das Geſpraͤch minder perſoͤnlich. »Es heißt, hochwuͤrdigſter Abt«., ſprach der Graf, indem er das Geſpraͤch auf einen Punkt lenkte, der ſeinen geheimen Abſichten zuſagte,„daß unſer ge⸗ meinſamer Lehnsherr, der Kurfuͤrſt, von ſeinen Feinden hart gedraͤngt wird, ja daß man ſogar be⸗ ſorgt, ein Fremder moͤchte ſeinen Herrſcherſitz in dem fuͤrſtlichen Schloſſe zu Heidelberg einnehmen. Haſt Du von ſeinen neuerlichen Unfaͤllen und von den Drangſalen, die auf ſeinem Hauſe laſten, Etwas vernommen?« Es werden in allen Kapellen unſerer Abtei Meſ⸗ ſen fuͤr ihn geleſen und Betſtunden gehalten, auf daß er ſeinen Feinden obſiegen moͤge. Kraft eines rten wa⸗ geiſtliche ne abge⸗ Tracht arch das ing am erſchied. n, und wurde r Graf, kte, der iſer ge⸗ ſeinen gar be⸗ in dem Haſt on den Etwas i Meſ⸗ 1, auf eines der Abtei von dem oberſten Haupte der Chriſtenheit zu Rom verliehenen Vorrechtes, bieten wir allen Denjenigen, die zu ſeinen Gunſten die Waffen er⸗ greifen, reichlichen Ablaß. »Du ſcheinſt dem Herzog Friedrich ſehr gewo⸗ gen zu ſein, hochwuͤrdiger Praͤlat!« murmelte Emich. »Wir ſind ihm jene Achtung ſchuldig, die Alle dem ſtarken weltlichen Arm, der ſie ſchuͤtzt, zollen muͤſſen; unſere ernſteren Pflichten gehoͤren dem Him⸗ mel. Aber wie kommt es, daß ein kriegsberuͤhmter Edelherr wie Du, der ſich in ſo vielen gefahrenreichen Unternehmungen ausgezeichnet hat, friedlich in ſei⸗ ner Burg bleibt, waͤhrend der Thron ſeines Lehns⸗ herrn wankt? Wir haben gehoͤrt, daß Du Deine Dienſtmannen aufgeboten haſt, Herr Graf, und glaubten, es geſchehe zu Gunſten des Kurfuͤrſten.⸗ »Friedrich hat mir neuerlich wenig Anlaß gege⸗ ben, ihn zu lieben. Wenn ich meine Vaſallen auf⸗ geboten habe, ſo geſchah es, weil dieſe Zeiten Jeden mahnen, ſeine Rechte zu wahren. Ich habe ſeit ei⸗ niger Zeit mich zu ſehr mit meinem Vetter von Wiederbach, dem wuͤrdigen Johanniterriter hier, be⸗ ſprochen, als daß kriegeriſche Gedanken im Kopfe eines ſo friedliebenden Mannes, wie ich, Dein ge⸗ ringer Nachbar und Dein Beichtkind, es bin, auf⸗ ſteigen koͤnnten.« Der Abt verneigte ſich und laͤchelte wie ein Mann, der den Worten des Redenden unbedingten Glauben zolle. Inzwiſchen hatte ſich ein Nebenge⸗ ſpraͤch zwiſchen dem fahrenden, obdachloſen Ritter, dem Abbé, und den Moͤnchen von Limburg entſpon⸗ nen. So vergingen mehrere Minuten, bis ein Trompetentuſch den Gaͤſten anzeigte, daß das Mahl ihrer harre. Geſchaͤftige Diener leuchteten in das Gemach vor, wo der Tiſch gedeckt war, und jeder der Gaͤſte wurde mit vielem Ceremoniell an den Platz gefuͤhrt, der ihm ſeinem Range nach gebuͤhrte. Graf Emich, der gewoͤhnlich zu ernſt und derb war, um viele Zeit mit Hoͤfllichkeiten zu verſchwenden, bot jetzt Alles auf, um ſich gefaͤllig zu zeigen, denn er hatte einen Gegenſtand auf dem Herzen, in Be⸗ treff deſſen er ſich wohl bewußt war, von den ſchlaueren Moͤnchen leicht uͤberliſtet werden zu koͤn⸗ nen. Im Anfange des Banquettes, welches mit allem Ueberfluß prangte, der eine Gaſterei jener Zeit auszeichnete, unterließ er keine der herkoͤmmli⸗ chen Hoͤflichkeitsbezeigungen. Er credenzte dem koͤr⸗ perkraͤftigen und genußſuͤchtigen Abt oft den Becher und die Schuͤſſel, waͤhrend den beiden anderen Moͤnchen in, auf⸗ vie ein dingten tebenge⸗ Ritter, ntſpon⸗ bis ein 3Mahl in das d jeder an den buͤhrte. b war, benden, „denn in Be⸗ on den u koͤn⸗ es mit jener mmli⸗ m koͤr⸗ der und oͤnchen 167 derſelbe angenehme Dienſt von Albrecht von Wie⸗ derbach und dem Abbé Latouche, der, obſchon er es vorgezogen, im geiſtlichen Gewande durch das Le⸗ ben zu wandern, darum nicht minder Gelag und Gaſtmahl liebte, erwieſen wurde. So wie die Spei⸗ ſen und die edlen Getraͤnke ihre natuͤrlichen Wir⸗ kungen auf die Bruͤder aͤußerten, ließen ſie allmaͤh⸗ lig ihre Masken fallen und offenbarten ſtets mehr und mehr ihren eigenthuͤmlichen Charakter, den ſie ſonſt ſorgfaͤltig vor jedem Beobachter verſchleierten. Den Benedictinern wurde Gaſtfreiheit durch ihre Ordensregel vorgeſchrieben. Das Thor ihrer Kloͤſter war dem Wanderer nie verſchloſſen, und Jeder, der um Obdach und Nahrung bat, war ſicher, es ſeinem Stande gemaͤß zu erhalten. Die Uebung einer ſo koſtſpieligen Tugend war ein er⸗ wuͤnſchter Vorwand, um Reichthuͤmer aufzuhaͤufen, und man ſtoͤßt in Europa noch jetzt auf zahlreiche Beweiſe, daß die Benedictiner mit den Mitteln, dieſe ihre Ordensregel in Vollzug zu ſetzen, reich⸗ lich verſehen waren. Benedictinerabteien trifft man noch jetzt in einigen Cantonen der Schweiz, in Deutſchland, und uͤberhaupt in allen katholiſchen Laͤndern. Allein der allmaͤhlige und heilſame Ue⸗ bergang der politiſchen Macht aus den Haͤnden der Geiſtlichkeit in die der weltlichen Fuͤrſten, hat die⸗ ſelben ſeit geraumer Zeit eines großen Theiles ihres vorigen Glanzes beraubt. Manche Aebte waren einſt Reichsfuͤrſten, und uͤbten uͤber die Laͤndereien ihrer Abteien ſouveraine Gewalt. Waͤhrend die geiſtliche Aufſicht und kloͤſterliche Zucht in den Benedictinerabteien einem unterge⸗ ordneten Moͤnch, dem Prior, uͤberlaſſen wurde, lei⸗ tete der Abt, oder das Haupt des Kloſters, die weltlichen Angelegenheiten deſſelben, und fuͤhrte insbeſondere bei der Tafel den Vorſitz. Der be⸗ ſtaͤndige Verkehr mit den gewoͤhnlichen Intereſſen des Lebens, und die haͤufigen Schwelgereien, welche dadurch veranlaßt wurden, waren eben nicht ſehr geeignet, die kloͤſterlichen Tugenden zu befoͤrdern. Der allzugroße Zuſammenhang zwiſchen den zeit⸗ lichen Intereſſen und jenen der Kirche zerſtoͤrt ſtets den apoſtoliſchen Charakter der Letzteren. Dieſes Vermengen Gottes mit dem Mammon, dieſes Ver⸗ kehren der Offenbarungen des Herrn des Weltalls in eine Stuͤtze weltlicher Herrſchaft iſt, wie ſehr auch die Europaͤer und ſelbſt ein großer Theil der Bewohner von Amerika daran gewoͤhnt ſein moͤ⸗ gen, fuͤr den Buͤrger der Vereinigten Staaten doch nicht viel mehr, als Frevel an Gott. Die Preſſe hat die⸗ es ihres waren dereien ſterliche interge⸗ de, lei⸗ s, die fuͤhrte der be⸗ ereſſen welche ht ſehr rdern. 1 zeit⸗ t ſtets Dieſes 3Ver⸗ eltalls ſehr il der moͤ⸗ doch Preſſe 169 und die Fortſchritte der Macht der oͤffentlichen Meinung haben ſeit langer Zeit eine Menge jener Gebraͤuche vernichtet, welche vor drei Jahrhunder⸗ ten etwas eben ſo Gewoͤhnliches waren, als unſere gegenwaͤrtigen Sitten. So lange daher die Praͤ⸗ laten noch den Harniſch anlegten und ihre Schaa⸗ ren zur Schlachtbank fuͤhrten, war es nicht zu er⸗ warten, daß die anderen Wuͤrdentraͤger der Kirche den Anſichten ihres Jahrhunderts in Sitte und Benehmen haͤtten ſollen vorausgeeilt ſein. Wilhelm von Venloo, ſeit ſeiner Erwaͤhlung zum Abte, Bonifacius von Limburg, beſaß zwar nicht jene Fuͤlle weltlicher Gewalt, welche andere ſeiner Standesgenoſſen zur Suͤnde verleitete: nichts deſtoweniger aber war er das Haupt eines reichen, maͤchtigen und geachteten Kloſters, das gar manches Eigenthum außer ſeinen Mauern und die Lehens⸗ herrlichkeit uͤber gar manche Vaſallen beſaß. An Geiſt und Koͤrper kraͤftig, uͤbte dieſer Praͤlat einen bedeutenden Einfluß in Folge der Eigenthuͤmlich⸗ keit ſeines Charakters aus. Derſelbe war von einer Beſchaffenheit, wie man ſie im Leben nicht ſo ganz ſelten trifft; ihn zeichnete naͤmlich eine ruͤckſichts⸗ loſe Keckheit des Sprechens und Handelns aus, welche die Leichtglaͤubigen und Furchtſamen ein⸗ 170 ſchuͤchtert, aber auch zuweilen den Einſichtsvollen und Kuͤhnen pauſiren macht. Er war wegen ſei⸗ ner Gelehrſamkeit beruͤhmter, als wegen ſeiner Froͤmmigkeit, und man wußte ſehr wohl, daß ſeine Hauptſchwaͤche in einer gewiſſen Vorliebe fuͤr den Streit zwiſchen den Kraͤften des Geiſtes und des Koͤrpers beſtaͤnde, inſofern Beide durch vieles Trin⸗ ken und maͤchtiges Eſſen angegriffen werden. Es iſt dies eine Art von Schwaͤche, welcher in der Re⸗ gel alle diejenigen ganz beſonders unterworfen ſind, die den allgemeinen und heilſamen Neigungen des Koͤrpers einen unnatuͤrlichen Zwang anthun, gerade wie durch den Verluſt des einen Sinnes die Schaͤrfe des anderen ſteigt. Der Abt lockerte ſein Gewand auf und warf ſeine Kapuze etwas mehr von dem Nacken zuruͤck, waͤhrend Emich ihm mit Rheinwein, Becher auf Becher zuſetzte. Die Speiſen wurden allmaͤhlig weggetragen, und in dem Maße, als die Kraͤfte der Verdauung oder vielmehr der Re⸗ tention abnahmen, roͤtheten ſich des Abtes Wan⸗ gen, gluͤhte ſein ſchoͤnes, tieſitzendes, graues Auge in wilder Freude, zitterten ſeine Lippen. Seine Stimme, obſchon ſie die gewoͤhnliche eindringliche Salbung verloren hatte, war noch immer volltoͤ⸗ nend, feſt und gebietend, und von Zeit zu Zeit svollen en ſei⸗ ſeiner ß ſeine uͤr den ad des Trin⸗ Es r Re⸗ ſind, in des gerade chaͤrfe wand dem wein, urden als Re⸗ Van⸗ Auge Seine gZliche olltoͤ⸗ Zeit mengte er in ſein Geſpraͤch beißende, ſcharf treffende Sarcasmen. Seine beiden Untergebenen gaben aͤhnliche Beweiſe, daß ſie nach und nach von ihrer gewoͤhnlichen Behutſamkeit abließen, obſchon ſich dieſelbe in ihrem Benehmen nie ſo großartig kund gab, als in dem ihres Oberen. Auch Albrecht und der Abbé verriethen, jeder nach ſeiner Weiſe, den Einfluß des Gelages, und alle wurden geſchwaͤtzig, zaͤnkiſch und geraͤuſchvoll. Nicht ſo Emich von Hartenburg. Zwar hatte er ſo gegeſſen, daß es ſeinem kraftvollen Bau Ehre machte, und auch tuͤchtig getrunken: bis jetzt haͤtte aber auch der ſchaͤrfſte Beobachter keine Abnahme ſeiner Kraͤfte entdecken koͤnnen. Allerdings glaͤnz⸗ ten ſeine großen, blauen Augen mehr als gewoͤhn⸗ lich, aber er beſaß noch immer die volle Herrſchaft uͤber Richtung und Ausdruck derſelben. „»Du erweiſeſt meinem kleinen Mahle nur ge⸗ ringe Ehre, hochwuͤrdigſter Abt«, rief der Wirth, als er den ſehnſuͤchtigen Blick des Abtes bemerkte, wie er den koͤſtlichen Reſten eines Eberſtuͤckes, das aus dem Saale getragen wurde, folgte—„wenn die Burſchen etwa Dein Leibeſſen nicht getroffen haben ſollten, ſo giebt es, beim heiligen Benedict! Wild genug in meinen Forſten, um es zu ſchaffen!⸗ 172 „Bitte Dich, habe Dank, edler Emich. Dein Foͤrſter hat ſeinem Speere Ehre gemacht. Ein koͤſtlicheres Wild dampfte nie auf der Tafel!« „Mein Berthold, die Waiſe eines Buͤrgers von Duͤrkheim, hat es erlegt. Er iſt ein kuͤhner Jaͤger, und wird dereinſt, wie ich zuverſichtlich hoffe, auch ein ruͤſtiger Krieger werden. Du kennſt ihn, wie ich glaube, Vater, denn er koͤmmt oft zu den Beichtſtuͤhlen Deiner Abtei.« »Wahrſcheinlich kennt ihn der Prior beſſer als ich, auf dem ſo viele weltliche Sorgen laſten. Iſt der Juͤngling bei der Hand?— Ich moͤchte ihm gerne meinen Dank abſtatten.« „»Haſt Du gehoͤrt, Burſche!— Rufe ſogleich meinen erſten Foͤrſter. Der hochwuͤrdigſte und edle Abt von Limburg will ihm ſein Wohlgefallen zu erkennen geben.⸗ „Sagteſt Du, der Juͤngling waͤre aus Duͤrk⸗ heim?« »Ja, er iſt aus dieſer wackeren Stadt; und obſchon er ſo herabgekommen iſt, um meinen Foͤr⸗ ſter zu machen, ſo iſt er doch voll Feuer auf der Jagd, und voll angenehmen Geſpraͤchs in den Mußeſtunden.⸗ — — ð:ò—— 173 „»Du forderſt ſchwere Dienſte, Vetter von Har⸗ tenburg, von dieſen friedlichen Buͤrgern. Koͤnnten ſie frei waͤhlen zwiſchen ihrer Aphängigeait vom Kloſter und dieſem unruhigen Leben, wozu Du ſie zwingſt, ſo wuͤrden wir mehr Beichtkinder in un⸗ ſeren Mauern ſehen.⸗ Die Lehensherrlichkeit uͤber Duͤrkheim war ein alter Streitpunct zwiſchen dem Kloſter Limburg und dem Hauſe Leiningen. Die Anſpielung ging daher fuͤr den Wirth keineswegs verloren. Emichs Stirne umwoͤlkte ſich, und es ſchien einen Augen⸗ blick, als ob ein gewaltiger Sturm im Anzuge waͤre; bald gewann er jedoch wieder die Herrſchaft uͤber ſich, und antwortete heiter, aber etwas kuͤhl: „Deine Worte erinnern mich an unſere gegen⸗ ſeitigen Angelegenheiten, hochwuͤrdigſter Bonifacius, und ich danke Dir, daß Du durch eine ploͤtzliche Wendung uns darauf gebracht haſt.⸗ Der Graf erhob ſich, fuͤllte einen mit Gold reich eingelegten Trinkbecher von Horn bis zum Rande, und zog durch dieſe Bewegung die Aufmerkſamkeit Aller am Tiſche auf ſich.»Edle und hochwuͤrdige Diener Gottes«, ief er aus,»ich trinke auf die Geſund⸗ heit und das Wohl unſeres geehrten Wilhelms von Venloo, des hochwuͤrdigſten Abtes von Limburg, meines vielgeliebten Nachbars. Moͤge ſein beruͤhm⸗ tes Kloſter ſtets ein ſolches Haupt haben, moͤge das Leben und das Gluͤck aller Derjenigen, die es jetzt bewahren, ſo lange waͤhren, wie die alters⸗ grauen Mauern der Abtei!« Emich leerte den maͤchtigen Becher auf einen einzigen Zug. Um dem infulirten Abt Ehre zu er⸗ weiſen, war ihm ein mit Edelſteinen reich verzier⸗ tes Gefaͤß von Agat, ein Erbſtuͤck des Hauſes Lei⸗ ningen, vorgeſetzt worden. So lange ſein Wirth ſprach, belauerten die Augen des Abtes jeden Aus⸗ druck ſeines Antlitzes, das durch graue, uͤberhan⸗ gende, buſchige Augenbrauen beſchattet war, einer Hecke von Stachelbeergeſtraͤuch aͤhnlich, das den Blick in einen Garten verwehrt. Nachdem der Graf getrunken hatte, erhob er ſich ſeinerſeits und ſprach: „Ich trinke von dieſer reinen und heilſamen Fluͤſſigkeit auf das Wohl des edlen Emich von Lei⸗ ningen, auf das ſeines ganzen alten und beruͤhm⸗ ten Geſchlechtes, und auf die endliche Verwirkli⸗ chung aller Hoffnungen deſſelben. Moͤge dieſes ſtattliche Schloß und das Gluͤck ſeines Beſitzers ſo lange waͤhren, als die Mauern Limburgs, von wel⸗ chen der Graf geſprochen hat, und die, wenn es hm⸗ oͤge es ers⸗ inen mer⸗ zier⸗ Lei⸗ Sirth Aus⸗ han⸗ einer den der und imen Lei⸗ ahm⸗ irkli⸗ dieſes rs ſo wel⸗ un es — nach ſeinem Wunſche ginge, ohne Zweifel ewig ſtehen wuͤrden!« „Bei dem Leben des Kaiſers, ehrwuͤrdiger Bo⸗ nifacius!« rief Emich aus, indem er mit ſeiner kraftvollen Fauſt auf den Tiſch ſchlug,»Du uͤber⸗ triffſt mich eben ſo ſehr an hohem Gluͤckwunſch, als an Froͤmmigkeit und anderen Tugenden! Meine Wuͤnſche fuͤr Dich kennen keine Schranken, und Du mußt die Unvollkommenheit meiner Rede ei⸗ ner Jugend zuſchreiben, die mehr mit dem Schwerte als dem Breviere zu thun hatte. Laß uns nun zu ernſthaften Angelegenheiten uͤbergehen. Es iſt vielleicht weder Dir, Vetter von Wiederbach, noch dieſem wuͤrdigen, fremden Geiſtlichen bekannt, daß ein freundſchaftlicher Streit zwiſchen dem Kloſter Limburg und meinem unwuͤrdigen Hauſe obwaltet, betreffend verſchiedene Weine, welche der eine Theil als eine pflichtmaͤßige Abgabe in Anſpruch nimmt, der andere jedoch nur als ein freiwilliges Geſchenk an die Kirche betrachtet wiſſen will—« »Nein, edler Emich«, unterbrach ihn der Abt, »wir ſind nie der Meinung geweſen, daß dieſer Punct auf irgend eine Weiſe zweifelhaft iſt. Die Laͤndereien ſind Lehen des Kloſters, und ſtatt per⸗ 8 ſoͤnlicher Dienſtleiſtung wurde ſeit undenklichen Zeiten die beſagte Weinabgabe geleiſtet.« „Verzeiht, wenn irgend von einer Verpflichtung die Rede iſt, ſo kann ſie nur in Ritterdienſt be⸗ ſtehen. Nie hat ein Mann meines Namens und Geſchlechtes irgend einem Menſchen anders ge⸗ ſteuert!« „Immerhin!« antwortete Bonifacius mit groͤ⸗ zexer Milde.„Um die Quantitaͤt des Weines ſtreiten wir, nicht um das Recht, woher dieſelbe ſtammt.“ „Das ſprichſt Du wahr, weiſer Abt, und ich bitte dieſe Zuhoͤrer um Aufmerkſamkeit. Setze die Sache auseinander, ehrwuͤrdiger Bonifacius, damit unſere Freunde eine volle Einſicht in dieſelbe er⸗ langen.“ Der Graf von Hartenburg unterdruͤckte ſeinen aufſchwellenden Grimm, und machte gegen den Abt, waͤhrend er ſchloß, eine hoͤfliche Geberde. Va⸗ ter Bonifacius erhob ſich abermals, und obſchon das Uebermaß des Getraͤnkes bereits ſeine unaus⸗ bleiblichen Wirkungen auf ihn zu aͤußern anfing, ſo hatte er doch noch nichts von der milden Ruhe, die ſeinem Stande geziemte, verloren. „Wie unſer geehrter und edler Freund eben erklaͤr punc das kann jeher Wol wertl jeder unſer 7 funff die liche um der i das zu e ſchei Ton ritte eign wir 177 erklaͤrt hat«, ſagte er,»beſteht wirklich ein Streit⸗ punct, jedoch von ſo geringfuͤgiger Natur, daß er das Band zwiſchen theuren Nachbaren nicht loͤſen kann. Die Grafen von Leiningen haben von jeher mit echt chriſtlicher Froͤmmigkeit der Kirche Wohlthaten erwieſen, und haben in dieſem lobens⸗ werthen Geiſte ſeit ungefaͤhr funfzig Jahren von jeder Leſe, gleichviel, ob ſie gut oder ſchlecht ausfiel, unſerem Kloſter funfzig Stuͤckfaß abgegeben—⸗ „Geſchenkt, Prieſter!« „Geſchenkt, wenn Du ſo willſt, edler Graf— funfzig Stuͤckfaß von dieſer trefflichen Gottesgabe, die jetzt unſere Herzen gegen einander in bruͤder⸗ licher und preiswuͤrdiger Liebe erſchließt! Wir haben, um kuͤnftig allen Streit zu vermeiden, und entwe⸗ der die Keller unſerer Abtei beſſer zu verſorgen, oder das Haus Hartenburg in Zukunft von dieſer Gabe zu erloͤſen, beſchloſſen, daß es ſich dieſe Nacht ent⸗ ſcheiden muß, ob der Tribut kuͤnftig in hundert Tonnen, oder in nichts beſtehen ſoll.« »Bei unſerer lieben Frau!« rief der Rhodiſer⸗ ritter aus,»ein hoͤchſt wichtiger Pact, ganz ge⸗ eignet, um Jemand zu bereichern oder zu berauben.⸗ „»Dem gemaͤß«, fuhr der Moͤnch fort,»haben wir die Erlaſſungsurkunde, in aller Form und mit I. 12 178 unſerm Siegel verſehen, durch einen gelehrten Geiſtlichen aus Heidelberg bereiten laſſen. Dieſer gehoͤrig ausgefertigte Brief«, fuhr er fort, indem er die Urkunden aus ſeinem Buſen zog,»tritt dem Grafen Emich alle Rechte der Abtei auf die be⸗ ſtrittenen Weine ab, und dieſem fehlt es nur an ſeinem Siegel und edlen Namen, um die gegen⸗ waͤrtige Abgabe zu verdoppeln.⸗ „Halt!« rief der Johanniter, deſſen Geiſteskraft dem Weine zu erliegen begann, obſchon man erſt am Anfange der Schwelgerei war.»Das iſt eine Sache, die ſelbſt den Großtuͤrken verwirren wuͤrde, der auf dem Throne Salomo's des Weiſen ſitzt! Wenn Du Deine Anſpruͤche aufgiebſt, und wenn mein Vetter Emich den doppelten Betrag in Geld giebt, ſo werden beide Parteien ſchlimmer ſtehen als zuvor, und keine den Wein beſitzen!« „In einer heiteren Stimmung iſt vorgeſchla⸗ gen worden, daß zwiſchen uns ein Streit in Liebe, kein Schwertkampf wegen der Weine Statt finden ſoll. Die Frage betrifft eine edle Fluͤſſigkeit, und wir ſind uͤberein gekommen, Sanct Benedict moͤge es verzeihen, wenn in dieſer Thorheit Suͤnde liegt! — zu verſuchen, auf weſſen Kraͤfte dieſe ſtreitige Fluͤſſigkeit am ſchnellſten wirkt. Der Graf von hrten dieſer m er dem e be⸗ r an egen⸗ kraft erſt eine uͤrde, ſitzt! wenn Geld tehen ſchla⸗ Liebe, inden und moͤge liegt! teitige von 179 Hartenburg moͤge zuerſt dieſem Pergament dieſelbe Kraft verleihen, wie das unſrige ſie bereits hat; dann wollen wir beide uns auf einen Platz legen, und wenn zuletzt er allein im Stande iſt, aufzuſte⸗ hen und ſich beider zu bemaͤchtigen, ſo moͤge er den Siegesruf anſtimmen; wenn er aber dieſes nicht kann, und dagegen ein Diener der Kirche Kraft genug behalten ſollte, um die Urkunden zu ergrei⸗ fen, ſo hat er verloren. »Bei dem heiligen Johann von Jeruſalem, dies iſt ein hoͤchſt ungleicher Kampf— drei Moͤnche gegen einen einzigen Baron, und zwar in einem Kopfſtreite!« »Wir halten zu ſehr auf unſere Ehre, um ein ſolches Unrecht begehen zu koͤnnen. Der Graf von Hartenburg hat vollen Anſpruch auf gleichen Bei⸗ ſtand, und Du, tapferer Rhodiſer, und dieſer ge⸗ lehrte Abbé ſollen ſeine Secundanten ſein.« »Ja, das wollen wir!« riefen dieſe beiden Per⸗ ſonen,»wir verlangen keinen beſſeren Dienſt, als des Grafen Emich's Keller zu ſeiner Ehre und ſei⸗ nem Vortheile zu leeren.⸗ Allein der Burgherr nahm, ſo wie ſein Geg⸗ ner, die Sache ſehr ernſt, denn ein großes Ein⸗ kommen hing davon fuͤr alle Zukunft ab. Die 12* 180 Wette war bei einem jener wuͤſten Kaͤmpfe um phyſiſche, grobe Ueberlegenheit entſtanden, wie ſie win Zeitaltern und Laͤndern, die nur unvollkommen civiliſirt ſind, haͤufig vorkommen; denn naͤchſt den Waffenthaten und andern maͤnnlichen Uebungen, wie Jagd und Reitkunſt, hielt man es fuͤr ehren⸗ voll, alle Tafelfreuden im hoͤchſten Maße und doch ungeſtraft genießen zu koͤnnen. Uebrigens iſt es kein Wunder, daß Geiſtliche an Wettkaͤmpfen der Art Theil nahmen, denn abgeſehen davon, daß ſie zu jener Zeit auch im Felde erſchienen, iſt ſelbſt in der unſrigen der prieſterliche Rock nicht ganz von ſolchen Flecken rein. Bonifacius von Limburg, obſchon uͤbrigens ein heller Kopf und ein Mann von großer Gelehrſamkeit, hatte beſonders in die⸗ ſem Puncte eine Schwaͤche, die ſich durch ſeine thieriſche Conſtitution erklaͤren laͤßt. Er war naͤm⸗ lich von ſtarkem Koͤrperbau und phlegmatiſchem Temperament, und bedurfte maͤchtiger Aufregung, um die hoͤchſte Hoͤhe des phyſiſchen Genuſſes zu er⸗ reichen: weder die Beiſpiele, die er vor Augen ſah, noch ſeine eigenen Anſichten kraͤftigten ihn, einer Nei⸗ gung, deren Befriedigung ſeiner Conſtitution ſo ſehr zuſagte, Herr zuwerden. Weder Emich noch der Abt⸗ haͤtten in einen Kampf der Art gewilligt, wenn nicht 181 um jeder in ſich, als in einen erprobten Kaͤmpen, großes ſie Zutrauen gehabt haͤtte, und beide verlangten, da nen ſſie es hoͤchſt ernſtlich meinten, daß die Urkunden den vorgeleſen werden ſollten. Dies wurde dem Abbé La⸗ gen, touche aufgetragen, der alſogleich mit einem Schwall ren⸗ unverſtaͤndlicher Saͤtze begann, wie ſie in der fin⸗ och ſtern Feudalzeit zu Gunſten des Staͤrkern erfun⸗ es den worden ſind, und auch noch heutigen Tages der von den Rechtsgelehrten, aus einer Art von Eitel⸗ ſie keit, vermiſcht mit etwas Ruͤckſicht auf Gewinn, lbſt beibehalten werden. Von dem eigentlichen Rechts⸗ anz 3 puncte ſchwiegen die Urkunden, obſchon ihnen ſonſt irg, nichts Weſentliches fehlte, um Kraft zu haben, be⸗ unn ſonders wenn durch ein gutes Schwert oder durch die⸗ die Macht der Kirche unterſtuͤtzt, worauf beide Theile ine im Falle ſpaͤterer Mißverſtaͤndniſſe bauten. im⸗ Graf Emich hoͤrte aufmerkſam zu, waͤhrend em ſein Gaſt, der Abbé, Punct fuͤr Punct vorlas. ng, Gelegentlich richtete er ſein Auge auf das unbe⸗ er⸗ wegliche Antlitz des Abtes, und verrieth dabei das ah, alte Mißtrauen gegen ſeinen maͤchtigen Erb⸗ kei⸗ feind, heftete es dann aber bald wieder auf das ehr 3 erhitzte Geſicht des Leſers. Abt-.»Wohlan!“« ſagte er, nachdem beide Urkunden icht gepruͤft worden waren,»dieſe Weinberge werden 182 entweder ewig mein und meines Geſchlechtes Ei⸗ genthum bleiben, ohne daß irgend ein Prieſter, ſo lange Gras waͤchſt und Waſſer fließt, darauf An⸗ ſpruͤche machen darf, oder ſie werden kuͤnftig dop⸗ pelten Tribut zahlen, was ſehr wenig fuͤr den Kel⸗ ler ihres rechtmaͤßigen Beſitzers uͤbrig laſſen wird.« »So lautet unſer Vertrag, edler Emich! Um aber der letztern Beſtimmung Kraft zu geben, be⸗ darf die Urkunde Deines Siegels und Namens.⸗ „Koͤnnte dieſer mit einem guten Schwerte ge⸗ ſchrieben werden, ſo wuͤrde Niemand beſſere Dienſte leiſten koͤnnen, als dieſer mein Arm, hochwuͤrdiger Abt; Du weißt aber wohl, daß meine Jugend zu ſehr vom Kriege und andern Beſchaͤftigungen, die meinem Range geziemen, in Anſpruch genommen war, als daß ich Zeit gehabt haͤtte, mir dieſe Ge⸗ ſchicklichkeit des Clerus eigen zu machen. Bei den elftauſend heiligen Jungfrauen zu Coͤln, es waͤre Schande, wenn in dieſen unruhigen Zeiten ein Mann meines Standes eingeſtaͤnde, daß er Muße fuͤr ſolche weibiſche Spielereien gehabt habe. Bringt eine Adlerfeder her— denn meine Hand beruͤhrte nie etwas von minder edler Schwinge— auf daß ich den Moͤnchen ihr Recht widerfahren laſſe.« Als die noͤthigen Geraͤthſchaften herbeigeſchafft 183 worden waren, vollzog der Graf von Hartenburg die Urkunden ſeinerſeits. Das Wachs war bald angehaͤngt, und das Wappen der Leiningen gehoͤ⸗ rig eingedruͤckt, denn Emich trug ſtets einen maſ⸗ ſiven Siegelring am Finger, um ihn zu allen Zei⸗ ten zur Bekraͤftigung ſeines Willens zu gebrau⸗ chen. Als es aber daran kam, ſeinen Namen zu unterſchreiben, winkte er einem Diener, welcher verſchwand, um des Grafen Geſchaͤftsfuͤhrer zu ho⸗ len. Dieſer zoͤgerte, ſeinen gewohnten Dienſt zu leiſten; waͤhrend aber gerade ein geraͤuſchvolles Ge⸗ ſpraͤch zwiſchen den Tafelnden ſich erhob, las er die Urkunde, welche den Moͤnchen den doppelten Betrag zuſicherte, durch. Habſuͤchtig laͤchelnd uͤber eine Verpflichtung, deren ſich der Graf, wie er wohl wußte, nicht auf eine ehrenvolle Weiſe wuͤrde entledigen koͤnnen, ergriff er die Hand ſeines Herrn, und fuͤhrte ſie ſo, daß ſein Name gar bald deutlich und leſerlich unter der Urkunde ſtand. Nachdem dies geſchehen war, und auch die Zeugen unterſchrieben hatten, blickte der Graf von Har⸗ tenburg von der Urkunde, die er in der Hand hielt, dem Abte mißtrauiſch in ſein unbewegliches Ant⸗ litz, gleich als ob er das Geſchehene halb bereue. Sieh Bonifacius«, ſagte er, indem er den Finger 184 erhob,»wenn in dieſem unſern Vertrage irgend ein Winkelzug oder Zweifelsknoten ſteckt, ſo ſoll mein Schwert denſelben zerhauen!« »Zuerſt erwirb Dir, worauf Du Anſpruch machſt, Graf von Leiningen! Die Urkunden ſind von gleicher Kraft, wer aber von ihnen Nutzen ziehen will, muß vor Allem die Wette gewinnen. Wir ſind nur geringe Diener des heiligen Benedict, und ſchlecht geeignet, uns mit kriegeriſchen Baronen und Rit⸗ tern des heiligen Johann von Jeruſalem zu meſſen; doch vertrauen wir in unſern Schutzheiligen.« »Bei Sanct Benedict! er muͤßte in der That ein Wunder wirken, wenn Du ſiegen ſollteſt«, rief Emich, indem er mit triumphirendem Ge⸗ aͤchter die Urkunde weglegte.»Fort mit dieſen Bechern von Achat und Horn, und bringt Glaͤſer, auf daß Jedermann ſehe, daß wir bei dieſem maͤnn⸗ lichen Kampfe ehrlich zu Werke gehen. Seht Euch vor, ihr Moͤnche. Auf mein Ritterwort, bei dieſem Kampfe wird Euch Euer Latein wenig helfen!« „Wir vertrauen auf unſern Schutzheiligen«, er⸗ wiederte Vater Siegfried, der bereits des Guten ſo viel gethan hatte, daß, was ihn betraf, das Wohl des Kloſters ſich auf einen ſehr gebrechlichen Stab — — 185 ſtuͤtzte.»Er hat bis jetzt ſeine Kinder nie verlaſſen, wenn ſie fuͤr eine gute Sache fochten.⸗ »Ihr ſeid ſchlau in Euren Gruͤnden, Vaͤter!« fiel der Ritter ihm in das Wort,»und ich zweifle nicht, daß Ihr genuͤgende Entſchuldigungen finden wuͤrdet, um ſelbſt einen Dienſt, den Ihr dem Teufel leiſtet, zu rechtfertigen.« „Wir leiden fuͤr die Kirche«, war die Antwort des Abtes, indem er auf ein Zeichen von ſeinem Wirthe einen maͤchtigen Humpen leerte.»Wir halten es fuͤr ſehr wohlthaͤtig, gegen das Fleiſch anzukaͤmpfen, damit die Altaͤre der Kirche bluͤhen.« Nachdem die beiden Urkunden auf ein hohes, kunſtvoll gearbeitetes ſilbernes Gefaͤß in Mitte der Tafel gelegt, und andere Becher gebracht worden waren, mußten die Kaͤmpfer einen nach dem andern auf das Zeichen Emichs, der wie ein echter Ritter Acht gab, daß jeder Mann ſeine Schuldigkeit thue, auf einen Zug leeren. Aber da der Kampf zwiſchen Maͤnnern Statt fand, welche in dieſer Art des Kriegfuͤhrens wohl erfahren waren, und da er mehrere Stunden dauerte, ſo wuͤrden wir demſelben nur geringe Ehre anthun, wenn wir ſeine Beſchreibung auf ein einziges Ca⸗ pitel beſchraͤnken wollten. Bevor wir jedoch dieſes 186 Capitel ſchließen, werden wir uns eine kleine Ab⸗ ſchweifung erlauben, um unſere Meinung uͤber jene großen menſchlichen Eigenſchaften auszuſpre⸗ chen, die zu den Elementen dieſes erhabenen Strei⸗ tes gehoͤren. Amerika hat das eigene Schickſal gehabt, daß es zu einer Menge merkwuͤrdiger Theorieen Anlaß gab, welche in Europa entſtanden, und uͤber die andere Hemiſphaͤre, Gott weiß, zu welchen Zwe⸗ cken losgelaſſen worden ſind. So behauptet der infulirte und reiche Praͤlat, daß es in den Vereinig⸗ ten Staaten keine Religion gebe, wahrſcheinlich weil es dort an infulirten und reichen Praͤlaten fehlt,— eine hinreichende Logik fuͤr Alle, welche an die Wuͤrdigkeit dieſer entſagenden Claſſe von Chriſten glauben:— waͤhrend der Anhaͤnger ir⸗ gend einer neuerfundenen Religion uns arme Ame⸗ rikaner fuͤr erbaͤrmliche Andaͤchtler erklaͤrt, weil wir in Chriſtus hoffen. So wird ein redliches und ar⸗ beitſames Volk von faſt vierzehn Millionen Seelen von der uͤbrigen Menſchheit verkannt und mißach⸗ achtet! In der langen Liſte der Todſuͤnden, welche man uns zur Laſt legt, befindet ſich auch der Hang zu ſolchen Ausſchweifungen, wie wir ſie in dieſer Geſchichte ſchildern muͤſſen. Da wir Amerikaner eingeſtandener Maßen Demokraten ſind, ſo hat man insbeſondere das Branntweintrinken fuͤr ein »demokratiſches Laſter“« erklaͤrt.* Es iſt dem Verfaſſer das Loos geworden, mit einer, was Charakter und Stand betrifft, groͤßeren Verſchiedenheit von Menſchen vertraut zu werden, als mancher andere Mann. Wir haben viele Laͤn⸗ der beſucht, nicht in der Eigenſchaft eines Couriers, ſondern langſam und wohlbedaͤchtig; wir haben in denſelben oft unſeren Wohnſitz aufgeſchlagen, und ſind lange Zeit genug geblieben, um mit eigenen Augen zu ſehen, mit eigenen Ohren zu hoͤren. Wir ſind daher kuͤhn genug, zu glauben, uns auf dieſe Thatſachen ſtuͤtzen zu duͤrfen, um eine von den Behauptungen Anderer, die gewiß kein beſſeres Anrecht, gehoͤrt zu werden, haben, etwas ver⸗ ſchiedene Meinung auszuſprechen. Vor Allem be⸗ haupten wir, daß, ſo wie in der Gerechtigkeits⸗ pflege ein einſichtsvoller, redlicher und vorurtheils⸗ freier Zeuge, um ihre heiligen Zwecke zu erfuͤllen, ſelten gefunden wird, eben ſo ein Reiſender, der vollen Glauben verdient, einer der am ſeltenſten zu findenden Sterblichen iſt. Die Kunſt zu reiſen wird weit haͤufiger geuͤbt, als verſtanden. Wir haben die Erfahrung gemacht, daß 188 das Reiſen ein muͤhſames, zuweilen ſogar ein peinliches Geſchaͤft iſt. Sich der Eindruͤcke der Jugend ent⸗ aͤußern; die Thatſachen zu pruͤfen, ohne ihre Ver⸗ dienſte nach einem Maße, das ſich bei genauer Un⸗ terſuchung nur auf Gewohnheit ſtuͤtzt, meſſen; den Einfluß der Inſtitutionen, das Klima, die na⸗ tuͤrlichen Urſachen des Herkommens analyſiren und richtig vergleichen; die Ausnahme von der Regel unterſcheiden; wichtige Begriffe von Natur⸗ gegenſtaͤnden faſſen und bewahren; und vor Allem die Gabe beſitzen, die Ergebniſſe zuſammenfaſſend und mit zeichneriſcher Wahrheit mitzutheilen;— dies Alles erfordert eine Vereinigung von Zeit, Gelegenheit, Vorkenntniſſen und natuͤrlichem Ta⸗ lent, wie ſie einem Sterblichen nur ſelten zu Theil wird. Der Eine ſchreitet zum Werke, vorbereitet durch die Kenntniß beſtehender Meinungen, die in der Regel nicht mehr als Vorurtheile, oder das Er⸗ gebniß entweder der Politik oder der eben aufge⸗ zaͤhlten Schwierigkeiten ſind. So macht er ſich auf den Weg, in der vollen Hoffnung das zu fin⸗ den, was er erwartet, und ſeine Freude iſt nur wie jene geartet, welche untergeordnete Geiſter fuͤh⸗ len, indem ſie der von den hoͤheren Geiſtern vorgezeichneten Bahn folgen. Da die allbekannten ——— ——— —— 189 Eigenthuͤmlichkeiten jedes Volkes ſo ziemlich am Tage liegen, ſo verwandelt er Thatſachen, die fuͤr ſich ſelbſt ſprechen, in Nebenzeugniſſe, und glaubt ſteif und feſt, Alles zu wiſſen, was unter den, ſich ſeinen Blicken aufdringenden Gegenſtaͤnden verbor⸗ gen liegt. An einem ſolchen Reiſenden gehen Men⸗ ſchen und Dinge fruchtlos voruͤber; denn er mißt ſeinen Glauben nach der zuletzt herrſchenden Mei⸗ nung ſeiner Secte mit einer Hingebung, die einer beſſeren Sache wuͤrdig waͤre. Ihm iſt der Veſuv gerade ſo hoch, bringt ihm dieſelbe Wirkung hervor, hat fuͤr ihn dieſelben Umriſſe, wie vor dem Einſturz des Kraters. Er ſieht den Leuten zu, die am Fuße des Berges ein Haus ausgraben, und eilt erfreut von dannen, die Wiederaufſtehung einer roͤmiſchen Wohnung, nachdem ſie achtzehnhundert Jahre be⸗ graben war, geſehen zu haben: bloß weil es die gewoͤhnliche Meinung iſt, daß Pompeji zu jener Zeit verſchuͤttet wurde. Wenn er zufaͤllig ein Ge⸗ lehrter iſt, wie groß iſt ſeine Wonne, einem Cice⸗ rone(ein Titel, den ſich irgend ein servitore di Piazza beilegt) in den kleinen Garten zu folgen, von dem man das roͤmiſche Forum uͤberblickt, und ſich ein⸗ zubilden, er ſtuͤnde auf dem tarpejiſchen Felſen! Sein Glaube in moraliſche Eigenſchaften, ſeine 190 Schaͤtzung der Nationaltugenden, ſeine Anſicht von den Sitten iſt das Ergebniß jedes, nur etwas all⸗ gemein gangbaren Geruͤchtes. Ein Franzoſe mag ſich in dem Koth von Paris, das Auge vom Brannt⸗ wein entzuͤndet, herumwaͤlzen, er wird es fuͤr Leicht⸗ ſinn nehmen, weil es außer aller Regel liegt, daß je ein Franzoſe betrunken iſt, und weil jeder Anfaͤnger weiß, daß die ganze Nation, einer und alle, tan⸗ zen! Ein tapferer General, ein wuͤrdiger Alder⸗ man, ein ſehr ehrenwerther Rathgeber des Koͤnigs mag in der St. Stephanuscapelle*) eine halbe Stunde uͤber irgend einen Gegenſtand ohne alle logiſche Schlußfolge ſtammeln: dennoch wird unſer treff⸗ liche Reiſende in der Ueberzeugung weggehen, daß dieſe Schule der neueren Beredſamkeit erhaben bis zur Tranſcendentalitaͤt iſt, weil der Redner zu den»ſuͤßen Gamaliels« gebildet worden war. Wenn Jemand mit einem ſo fuͤgſamen Gemuͤthe ein frem⸗ des Land betritt: mit welcher Verminderung von Ehr⸗ furcht fuͤr ſein eigenes Vaterland durchreist er da das⸗ ſelbe! Es giebt nur wenige Menſchen, welche einen hinreichenden Scharfſinn haben, um die Nebel des Vorurtheiles zu durchdringen, und noch Wenigere, *) Das Sitzungsgebäude des engliſchen Unterhauſes. 191 welche im Stande ſind, der Fluth entgegen zu ſteuern. Wer ſeinem Zeitalter vorauseilt, hat eine bei weitem geringere Hoffnung, gehoͤrt zu werden, als wer ein Nachzuͤgler deſſelben iſt; wenn jedoch die unlenkſame Maſſe endlich einmal den Gipfel erreicht hat, auf welchem er ſo lange als Gegen⸗ ſtand des Tadels ſtand, ſo unterliegt es keinem Zweifel, daß ſeine bitterſten Verſpoͤtter, ſo lange ſeine Lehre neu war, ſich dann voran draͤngen wer⸗ den, um die Ehre des Vorausgeſchrittenſeins an⸗ zufordern. Kurz, um die Welt zu belehren, muß man ihren Lauf beobachten, und auf die oͤffentliche Meinung, gleich wie durch ein unſichtbares Steuer⸗ ruder, mittelſt unmerkbarer Wendungen deſſelben, wirken, ſonſt weigert ſich das Schiff, zu gehorchen, und eilt mit dem Strome fort. Wir ſind zu dieſen Betrachtungen vermocht worden, weil wir oft Gelegenheit hatten, die Be⸗ reitwilligkeit zu beobachten, womit Urtheile uͤber die Nordamerikaner aufgenommen werden, bloß weil ſie aus Federn kamen, die uns ſeit langer Zeit be⸗ lehrt und unterhalten haben!— Wegen Unwiſſen⸗ heit und feindſeliger Beweggruͤnde aber entbehren dieſe Urtheile alles und jeden Werthes. Jener Claſſe, welche dadurch, daß ſie ihre Landsleute ſchmaͤht, 192 auf guten Ton Anſpruch macht, haben wir nichts zu ſagen, weil ſie unverbeſſerlich iſt, und die glorreichen Folgen jener großen Grundſaͤtze, welche die Vereinigten Staaten bewahren, auf keine Weiſe zu begreifen vermag. Ihr Schickſal iſt laͤngſt durch die bleibende und weiſe Einrichtung des menſch⸗ lichen Gefuͤhls beſtimmt. Indem wir uns auf die Gelegenheit ſtuͤtzen, die wir hatten, ernſte Beob⸗ achtungen in beiden Halbkugeln der Erde anzuſtel⸗ len, ſchließen wir dieſe Abſchweifung, und fuͤgen nur hinzu, daß es leider das Ungluͤck des Men⸗ ſchen ſo will, daß er die Gaben Gottes mißbraucht, es moͤge in was immer fuͤr einem Lande und unter was immer fuͤr Inſtitutionen ſein. Jene Aus⸗ ſchweifung, die wir zu ſchildern haben, iſt der Feh⸗ ler faſt jedes Volkes im Verhaͤltniſſe zu ſeinen Mit⸗ teln; und es giebt keine Schranken gegen ein ſo zerſtoͤrendes Laſter, als abſoluten Mangel, oder eine hohe Kultur des Geiſtes. Wer genau gepruͤft hat, wie weit die Bewoh⸗ ner der nordamerikaniſchen Freiſtaaten den Bewoh⸗ nern anderer Laͤnder vorausgeeilt, oder hinter ihnen zuruͤckgeblieden ſind, der wird, indem er ihnen auf der Stufe der Maͤßigkeit eine bedeutende Stelle an⸗ weiſet, nicht weit vom Ziele der Wahrheit fehl⸗ 193 ſchießen Allerdings werden dem manche Fremde widerſprechen, wir haben jedoch genuͤgende Gelegen⸗ heit gehabt zu beobachten, daß Diejenigen, welche Amerika beſuchen, in ihrer Heimath keine hinrei⸗ chende Beobachtungen angeſtellt haben, um eine richtige Vergleichung anzuſtellen. Das dagegen, was wir hier ausgeſprochen haben, iſt das Ergeb⸗ niß jahrelanger und unparteiiſcher Beobachtungen. Wir ſehen mit Freude dem Tage entgegen, wo man wird ſagen koͤnnen, daß kein Amerikaner ſo ſehr. das Gefuͤhl ſeiner ſelbſt verloren hat, um mit den edelſten Gaben des Schoͤpfers leichtſinnig zu ſpielen: allein wir ſehen nicht ein, wie man ein ſo wuͤn⸗ ſchenswerthes Ende dadurch erreichen kann, daß man Praͤmiſſen, welche falſch ſind, huldigt. Siebentes Capitel. Die phyſiſchen Eigenſchaften werden ſtets im Verhaͤltniſſe zum Werthe geſchaͤtzt, den man den rein intellectuellen beilegt. So lange Macht und Ehre von der rohen Gewalt abhingen, waren Staͤrke und Gelenkigkeit Eigenſchaften von der 1. 13 194 aͤußerſten Wichtigkeit, gerade ſo wie ſie dem Gauk⸗ ler, nach Maß, als er ſie beſitzt, den Vorzug in ſei⸗ ner Truppe geben. Wer je Gelegenheit gehabt hat, viel mit den tapferen und edlen Wilden des ame⸗ rikaniſchen Feſtlandes zu verkehren, der wird be⸗ merkt haben, daß ihre Redner in der Regel ihre Kunſt wegen des Mangels jener Eigenſchaften uͤben, in welchen ſich auszuzeichnen fuͤr noch ehrenvoller gehalten wird,— Wuchs und Muskelkraft ſind die erſten Erforderniſſe eines Kriegers. Es iſt ein ſeltſames Document vorhanden, welches beweist, wie ſelbſt ihre Nachfolger, ein Volk, dem es auf keine Weiſe an Einſicht fehlt, einem aͤhnlichen Ein⸗ fluſſe unterthan waren. Wir meinen eine Liſte aber die Groͤße und Koͤrperkraft der Officiere in der Armee Waſhingtons waͤhrend jenes Zeitraumes der Unthaͤtigkeit, welcher der Anerkennung der Un⸗ abhaͤngigkeit vorausging. Aus dieſer Liſte ergiebt ſich, daß auch das Thieriſche bei unſeren Vaͤtern in Betrachtung kam, als ſie die Anfuͤhrer waͤhlten,— ein Umſtand, den wir dem angeborenen Hang der Menſchen zuſchreiben, koͤrperliche Eigenſchaften zu ehren, bis ihn eine beſſere Erziehung und die Er⸗ fahrung gelehrt haben, daß es eine noch viel hoͤhere Macht gebe. Die Menſchen erhalten ihre fruͤheſten — Eind hang riſch wah feind fachl wenn ſtellt word Reih hafti Sieg C kraft hund gen Weit freili einen Stre am in w Leini etwa⸗ alter — 195 Eindruͤcke mittelſt der Sinne, und der Zuſammen⸗ hang zwiſchen kriegeriſcher Tapferkeit und thie⸗ riſcher Staͤrke ſcheint ſo natuͤrlich, daß man ſich wahrlich nicht zu wundern braucht, wenn ein ſo feindliches und unerfahrenes Volk in ſeiner Ein⸗ fachheit dem Scheine einigermaßen huldigte. Indeß, wenn es auch die bloße Materie oͤfter an Poſten ſtellte, die beſſer durch den Verſtand ausgefuͤllt worden waͤren, ſo verſchafften doch die in unſeren Reihen ſo allgemeine Vaterlandsliebe und Ehren⸗ haftigkeit unſerem amerikaniſchen Vaterland den Sieg. In Folge der hohen Gunſt, in welcher alle kraftvollen Koͤrpereigenſchaften im ſechszehnten Jahr⸗ hundert ſtanden, pries man die Menſchen ſelbſt we⸗ gen ihrer Ausſchweifungen. Wer dem Einfluſſe des Weins am laͤngſten widerſtehen konnte, der galt, freilich in einem etwas beſchraͤnkteren Sinne, fuͤr einen eben ſo großen Helden, als wer die ſchwerſte Streitaxt ſchwingen, oder die Kanone in der Schlacht am ſicherſten richten konnte. Die Schwelgerwette, in welche ſich der Abt von Limburg und Emich von Leiningen eingelaſſen hatten, war daher keineswegs etwas ſo gar Ungewoͤhnliches, denn in einem Zeit⸗ alter, in welchem die Praͤlaten in ſo manchen, ih⸗ 13* 196 rem Charakter nicht zuſagenden Attributen auftra⸗ ten, konnte es wenig Verwunderung erregen, daß ſich Maͤnner dieſes Standes in einen Wettkampf einließen, der nur geringe Gefahr darbot, aber ſehr in Ehren bei den Edlen und Großen ſtand. Der Leſer wird bemerkt haben, daß in Bezug auf den Wettkampf, den zu beſchreiben unſere Pflicht iſt, bereits große Dinge ausgefuͤhrt worden waren, bevor die ſtreitenden Parteien mit deſſen Gegen⸗ ſtand in aller Form bekannt wurden. Waͤhrend jedoch die Moͤnche zum Kampfe, in voller Kenntniß des Zweckes deſſelben gekommen, und in jeder Ruͤckſicht geruͤſtet waren, den Ruf ihres alten und gaſtfreien Kloſters aufrecht zu halten, hatte der Graf von Leiningen, im Vertrauen auf ſeine eigenen Kraͤfte, das durch ſeine Verachtung gegen das Moͤnchs⸗ thum noch vermehrt worden war, es vernachlaͤſſigt, ſeinen Secundanten dieſelbe Vorſicht einzuſchaͤrfen. Es iſt kaum noͤthig zu bemerken, daß der Rhodiſer und der Abbé vom Wein bis zur unleidlichen Sprech⸗ ſamkeit erhitzt worden waren, bevor ſie nur eigent⸗ lich erfuhren, was man von ihnen, oder vielmehr von ihren Koͤpfen verlange. Hiemit wollen wir den Faden unſerer Geſchichte, jedoch zwei Stunden ſpaͤter, als wir denſelben fallen ließen, wieder aufnehmen. 1 fftra⸗ daß ampf ſehr Jezug flicht daren, hegen⸗ hrend intniß ckſicht freien von raͤfte, oͤnchs⸗ aͤſſigt, aͤrfen. hodiſer prech⸗ eigent⸗ elmehr dir den ſpaͤter, men. 1 197 Zu dieſem Zeitpunkte des Kampfes waren die Vaͤter Siegfried und Cuno durch ihre Anſtrengun⸗ gen ſchon in volle Hitze gerathen, und ihre gewohn⸗ te tiefe Ehrfurcht vor ihrem Abt ſchwand, je mehr ſich der Umlauf ihres Blutes beſchleunigte. Die Augen Siegfrieds ſpruͤhten, wie die eines erhitzten Redners, denn er war uͤber eine ſchwierige Frage in Streit mit Albrecht von Wiederbach gerathen, deſſen Geiſteskraͤfte immer mehr und mehr mit dem Weine verdampften. Der andere Benedictiner und der Abbé miſchten ſich als Secundanten zuweilen in den Streit, waͤhrend die beiden, welche um deſſen Ausgang am meiſten betheiligt waren, kluͤglich ihre Kraͤfte ſammelten, und einander erſt betrachteten, wie zwei Menſchen, welche wiſſen, daß ſie nicht in eitlem Spiel begriffen ſind. »Das iſt Alles ſehr ſchön mit Deinen Geſchich⸗ ten von L'Isle Adam und der Macht der Tuͤr⸗ ken«, ſagte Vater Siegfried, indem er das Geſpraͤch von einem Punkt aus verfolgte, uͤber welchen zu⸗ ruͤckzugehen wir nicht fuͤr gerathen halten—„das kannſt Du vor den Damen an unſeren deutſchen Hoͤfen wiederholen, denn die Entfernung zwiſchen dem Rheinthal und der Inſel Rhodus iſt zu groß, und Wenige duͤrften geneigt ſein, die Reiſe zu ma⸗ chen, um Deine Oberen der Nachlaͤſſigkeit, und ihre Untergebenen des Vergeſſens ihrer Eide zu be⸗ ſchuldigen.« »Bei der Wuͤrde meines Ordens, ehrwuͤrdiger Benedictiner, Du gebrauchſt zu verwegene Aus⸗ druͤcke!— Iſt es nicht genug, daß die auserwaͤhl⸗ teſten Edlen Europa's Seele und Koͤrper Dienſten weihen, die Deinem faulen Orden beſſer anſtuͤnden, — daß Alles, was edel und tapfer iſt, die gruͤnen Fluren und angenehmen Fluͤſſe des Vaterlandes verlaſſen, die ſtechende Sonne und die gluͤhenden Winde Afrika's ertragen ſoll, um die Unglaͤubigen in den Schranken zu halten, als daß man dafuͤr am Ende auch noch Spott und Hohn erntet? Geh, zaͤhle auf Rhodus die Graͤber und die Uebriggeblie⸗ benen, wenn Du erfahren willſt, wie unſer erlauch⸗ ter Großmeiſter gegen Solimann focht, und welche Dienſte die Ritter geleiſtet haben!« „Es wuͤrde Dir nicht ſehr gefallen, wenn ich Dich erſuchte, in das Fegfeuer hinunter zu ſteigen, und nach den glorreichen Fruͤchten unſerer Seelen⸗ meſſen und Gebete zu fragen; eines iſt ſo leicht wie das Andere. Du weißt ſehr wohl, daß Rhodus keine chriſtliche Inſel mehr iſt, und daß ſich Nie⸗ mand, der das Kreuz traͤgt, darauf blicken laſſen be⸗ diger Aus⸗ aͤhl⸗ iſten nden, ͤnen ndes nden digen am Geh, eblie⸗ auch⸗ delche n ich eigen, eelen⸗ t wie odus Nie⸗ b V darf. Dein Orden iſt unbrauchbar geworden, Graf Albrecht, und es iſt beſſer, daß er bleibt, wo er jetzt i*ſt, verborgen hinter den Schneegebirgen von Nizza, als daß er ſich wieder in die vorderſten Reihen der Chriſtenheit draͤngt. Es giebt in ganz Deutſchland kein altes Weib, das nicht die Verſunkenheit eines vor Alters ſo geachteten Ordens beklagt, und kein Maͤdchen, das nicht geringſchaͤtzig von ſeinen Tha⸗ ten ſpricht.«. „Himmliſche Geduld! hoͤrſt Du das, Latouche? — und aus dem Munde eines im Chor plaͤrren⸗ den Benedictiners, der ſeine Tage im Herzen der Pfalz zwiſchen ſicheren Mauern, und ſeine Naͤchte auf weichen Kiſſen zubringt, ohne daß ſelbſt ein Wind ihn beruͤhrt, außer er ſchleicht durch die Nacht, um Heldenthaten bei den Frauen der Glaͤu⸗ bigen zu vollbringen!⸗ »Burſche, wagſt Du es, die Kirche zu ſchmaͤ⸗ hen, und ihrem Zorne zu trotzen?« fragte Bonifa⸗ cius mit donnernder Stimme. „Hochwuͤrdigſter Abt«, erwiederte Albrecht, in⸗ dem er ſich kreuzte, denn Gewohnheit und Klugheit hielten ihn in Unterwuͤrfigkeit vor der herrſchenden Macht jenes Zeitalters,»das Wenige, was ich ſag⸗ te, war gegen den Mann, nicht gegen das Kleid ge⸗ richtet.⸗ „Er moͤge immerhin alle ſeine Thorheiten aus⸗ kramen!« erwiederte der liſtige Bonifacius.— Ein Rhodiſer Ritter iſt ja makellos: wie koͤnnten wir ihm daher die Freiheit der Rede verſagen?k« »Man iſt am Hofe des ritterlichen Valois der Meinung«, bemerkte der Abbé, welcher die Noth⸗ wendigkeit einſah, ſich in das Mittel zu ſchlagen, um den Frieden zu erhalten,»daß die Vertheidi⸗ gung von Rhodus im hoͤchſten Grade heldenmuͤthig war, und Wenige uͤberlebten dieſelbe, denen nicht von Chriſten aller Staͤnde die hoͤchſten Ehren er⸗ wieſen worden waͤren. Ich habe viele dieſer tapfe⸗ ren Ritter in den angeſehenſten Haͤuſern zu Paris und an dem lebensfrohen Hofe von Fontainebleau geſehen; glaube mir: Niemand wurde mehr geſucht und mehr geehrt. Selbſt die Wunden in den Schlachten von Marignano und Pavia brachten nicht ſolchen Ruhm, wie die von den Haͤnden der Unglaͤubigen erhaltenen.⸗ »Du thuſt Recht daran, mein gelehrter und weltentſagender Bruder“, antwortete Siegfried hoͤh⸗ niſch,»uns an die Schlacht von Pavia und Dei⸗ nes großen Monarchen gegenwaͤrtigen Aufenthalt zu erinnern! Hat man Nachrichten aus Caſtilien erhalten, oder iſt es Deinem Fuͤrſten nicht einmal erlaubt, eine Botſchaft in ſeine Hauptſtadt abzu⸗ ſenden?« »Nein, ehrwuͤrdiger Moͤnch, das heißt, liebloſe Anſpielungen machen. Du vergißt, daß wir Beide, ſo wie Du ſelbſt, Diener der Kirche ſind.« „»Wir zaͤhlen Euch nicht darunter, weder den Einen noch den Anderen. Heiliger Maͤrtyrer Pe⸗ trus! Was wuͤrde aus Deinen Schluͤſſeln werden, wenn ſie ſolchen Haͤnden anvertraut waͤren!— Geh— lege Deinen eitlen Putz, Deinen Sammt⸗ anzug ab, wenn Du zu uns gezaͤhlt werden willſt.⸗ »Meiſter Latouche«, rief Emich aus, kochend vor Wuth, aber ſich noch immer hinreichend beherr⸗ ſchend, um die Becher kreiſen zu laſſen, und zu wa⸗ chen, daß Jeder in dem Kampfe ſeine Pflicht er⸗ fuͤlle,»erzaͤhle ihm doch von ſeinem Bruder in Wittenberg, und von den ſchoͤnen Ereigniſſen in ih⸗ rem Bienenkorb. Druͤcke ihm dieſen Dorn in ſeine Seite, und Du wirſt ſehen, daß er ſich wie ein wundes Roß unter ſpitzigen Sporen kruͤmmen wird! — Wer biſt Du, und warum wagſt Du es, mich bei dem Freudengelage zu ſtoͤren?« Dieſe ploͤtzliche Anrede galt einem Juͤngling in netter, aber einfacher Tracht, welcher eben in den Saal getreten, an den Dienern, welche auf den Wink des Grafen die Becher fuͤllten, voruͤberge⸗ ſchritten war, und nun mit ehrfurchtsvoller, aber ge⸗ faßter Miene dem Sprechenden zur Seite ſtand. »„Ich bin Berthold, der Foͤrſter. Man meldete mir Deinen Befehl, hier zu erſcheinen, edler Graf.« »„Du biſt ſehr zur rechten Zeit gekommen, um Frieden zwiſchen einem Johanniterritter und einem geſchwaͤtzigen Moͤnche von Limburg zu ſtiften. Die⸗ ſer hochwuͤrdige Abt will mit Dir ſprechen, Bur⸗ ſche.⸗ Berthold verneigte ſich achtungsvoll, und wen⸗ dete ſich gegen den Abt. »Du biſt der Sohn eines unſerer vormaligen Lehnsleute, der Deinen Namen fuͤhrte, und unter den Buͤrgern von Duͤrkheim ſehr geachtet war.« »Ich bin der Sohn Deſſen, den Euer Hochwuͤr⸗ den meint, allein daß er ein Lehnsmann der Abe Limburg war, leugne ich.« „Brav geantwortet, Burſche! rief Emich, in⸗ dem er mit der Fauſt ſo kraͤftig auf den Tiſch ſchlug, daß Allem, was darauf ſtand, Vernichtung drohte. „Du haſt geantwortet, wie es einem treuen Diener geziemt! Haſt Du genug, Vater Bonifacius, oder —— den ge⸗ ge⸗ eete die⸗ —— willſt Du noch tiefer in den Katechismus des jun⸗ gen Mannes blicken?« »Man hat den Juͤngling gelehrt, auf ſeine ge⸗ genwaͤrtige Stelle zu halten«, erwiederte der Abt, indem er Gleichguͤltigkeit ſowohl gegen das Froh⸗ locken des Grafen, als gegen die Unehrerbietigkeit ſeines Foͤrſters affectirte.»Wenn er demnaͤchſt zu uns zur Beichte koͤmmt, ſoll er anders belehrt werden.« „So wahr Gott lebt! Dies wird vielleicht nie⸗ mals geſchehen. Wir ſind halb entſchloſſen, in un⸗ ſeren Suͤnden fortzuleben, und das Loos eines Krie⸗ gers in dieſen unruhigen Zeiten,— ploͤtzlichen Tod ohne Laufpaß von der Kirche!— abzuwarten. Sind wir Dies nicht, wackerer Berthold?de Der Juͤngling verneigte ſich ehrfurchtsvoll, ohne zu antworten, denn aus dem erhitzten Antlitz und den glaͤſernen Blicken aller Derjenigen, die am Ti⸗ ſche ſaßen, entnahm er, daß in dieſem Augenblick jede weitere Erklaͤrung uͤberfluͤſſig ſei. Wenn er an dem Zweck der Scene, die er vor ſich ſah, irgend haͤtte zweifeln koͤnnen, ſo mußte ihm derſelbe aus der Art, wie Becher auf Becher auf das Geheiß des Wirthes geleert wurden, klar werden. Welche Fortſchritte aber auch Bonifacius immer auf dem 204 Wege, der von der Nuͤchternheit abfuͤhrt, gemacht hatte, ſo beſaß er doch noch hinreichende Beſinnung, um einzuſehen, daß die Worte Emichs einen hoͤchſt gefaͤhrlichen, ketzeriſchen Sinn hatten.⸗ »Du biſt entſchloſſen, unſeren Rath und un⸗ ſere Warnungen zu verachten?“ rief er aus, indem er voll Zorn bald den Einen, bald den Anderen an⸗ ſah.»Es waͤre beſſer, Du ſagteſt es gleich rund heraus, wie ſehr Du wuͤnſchteſt, daß die Abtei von Limburg dem Erdboden gleich gemacht werde!« „Nein, ehrwuͤrdiger und geehrter Prieſter, Du ſiehſt in einigen wenigen unbedachten Worten mehr, als darin liegt. Was kuͤmmert es einen Grafen aus dem edlen Hauſe⸗Leiningen, daß einige wenige Moͤnche Obdach fuͤr ihr Haupt, und Frieden fuͤr ihre Seele in einem geweihten Hauſe innerhalb Kanonenſchuß⸗Bereich ſeiner eigenen Thuͤrme finden? Wenn die Mauern Deiner Abtei nicht eher einfal⸗ len, als meine Hand ſie einreißt, dann werden ſie ſtehen, bis der gefallene Engel, der ſie erbaut hat, ſie wieder einſtuͤrzt. In der That, Vater Bonifa⸗ cius, einer religioͤſen Bruͤderſchaft bringt dieſe Er⸗ zaͤhlung von dem Urſprunge Deiner Abtei wenig Ehre!« „»Hoͤrt Ihr Das?« ſtammelte Albrecht von Wie⸗ „ 2 205 derbach, deſſen Zunge bereits ſo ſchwer geworden war, daß er nicht mehr deutlich ſprechen konnte. „»Hoͤrt Ihr Das, Ihr Daͤmonenſoͤhne des heiligen Benedict! Der Teufel hat Eure Abtei geſchaffen, und der Teufel wird ſie wieder ſtuͤrzen, L'Isle Adam iſt ein Heiliger gegen Deine Froͤmmſten, und— ſein— gutes— Schwert—« Bei dieſem Worte erlag der tapfere Rhodiſer⸗ ritter, verlor waͤhrend der Anſtrengung, lebhaft zu geſtikuliren, das Gleichgewicht, und fiel unter den Tiſch. Dieſer Sturz eines ſeiner Gegner entlockte dem Antlitz des Abtes ein ſarkaſtiſches Laͤcheln, waͤh⸗ rend Emich einen Blick der Verachtung auf die ſchimpfliche Niederlage ſeines Verwandten warf, der trotz aller Bemuͤhungen ſich nicht wieder erheben konnte, und daher auf dem Fleck, wohin er gefallen war, einſchlief. „Trinke Deinen Rheinwein aus, Moͤnch, und zaͤhle nicht auf den kleinen Vortheil, den Du durch den Fall dieſes geſchwaͤtzigen Narren erlangt haſt«, ſagte der Wirth, deſſen Sprache immer weniger freundſchaftlich wurde, je laͤnger der Kampf waͤhrte. —»Doch zu wichtigeren Gegenſtaͤnden! Berthold i*ſt ſeines Gebieters wuͤrdig, und iſt ein Juͤngling, der die Dinge anſieht, wie ſie ſind. Wir duͤrften Deine Beichtſtuͤhle aus verſchiedenen Gruͤnden mei⸗ den, wie Du wohl weißt. Da iſt der Moͤnch von Erfurt! Ha! was denkſt Du von ſeiner neuen Leh⸗ re, und von der Art, wie er die Glaͤubigen ermahnt, zum Altare zu treten? Ihr habt ihn zu Rom, zu Worms, in Euren Concilien gehabt, und doch blie⸗ ben die vernuͤnftigen Meinungen des wackeren Mannes unerſchuͤtterlich. Du haſt von Luther ge⸗ hoͤrt, nicht wahr, Berthold?« »Herr Graf, es giebt nur Wenige im Jaͤger⸗ thal, zu denen die Kunde ſeines Namens nicht ge⸗ drungen waͤre.« »Dann ſchweben ſie in Gefahr der verdam⸗ mungswuͤrdigſten Ketzerei!« unterbrach Bonifacius ihn mit einer Donnerſtimme.»Du wuͤrdeſt mir von dieſem Schwaͤtzer aus Erfurt nicht vorreden, Graf Emich, wenn Du nicht insgeheim beteteſt, daß ſeine rebelliſchen Wuͤnſche auf Unkoſten der Kirche in Erfuͤllung gehen moͤgen! Aber wir wer⸗ den es Dir gedenken, gottvergeſſener Graf, und har⸗ te Bußen ſollen Deine unehrerbietigen Grillen ver⸗ ſcheuchen—« Hier hielt der Abt, wie erhitzt er auch vom Wein und Zorn war, inne, denn der ſchweigſame Moͤnch, Vater Cuno, fiel von ſeinem Stuhle, wie ein in der Schlacht erſchoſſener Soldat. Der untergeordnete, einfaͤltige Moͤnch hatte ſich in dieſen Kampf mehr aus Vorliebe fuͤr den Wein, als in irgend einer Hoffnung, zu ſiegen, eingelaſſen, und daher ſo ge⸗ waltig getrunken, daß er ein leichtes Opfer des ge⸗ meinſamen Feindes wurde. Der Abt ſah den Fall ſeines Untergebenen mit finſterer Gleichguͤltigkeit, und ſein ſtolzes, zuͤrnendes Auge ſchien anzudeuten, wie gering er den Einfluß dieſes Verluſtes auf den Haupterfolg anſchlage.»Was liegt an der Ohn⸗ macht eines Thoren!« murmelte er, indem er ſich gegen ſeinen vorzuͤglichſten und allein gefaͤhrlichen Gegner wandte, und ſeinem Zorne Luft machte: —»daß die Teufel fuͤr den Augenblick triumphi⸗ ren, wiſſen wir wohl, Freiherr von Hartenburg—« „»Bei den Gebeinen meines Vaters, ſtolzer Prie⸗ ſter, Du vergißt Dich auf eine ſeltſame Weiſe! Bin ich nicht ein Fuͤrſt von Leiningen! Schmach, daß ein Kuttentraͤger es wagt, mir einen geringeren Titel zu geben!« »Ich haͤtte ſollen ſagen, der Sommerlandgraf!« erwiederte Bonifacius hoͤhniſch, denn der lange zu⸗ ruͤckgedraͤngte Haß begann den ſchwachen Damm, den ſeine ſchwindende Beſinnung ihm entgegenſetz⸗ te, allmaͤhlich zu durchbrechen.»Ich bitte Eure Hoheit um Verzeihung, allein eine kurze Regie⸗ rung hinterlaͤßt auch nur kurze Erinnerungen. Selbſt Deinen Unterthanen iſt es zu verzeihen, Durchlauchtigſter Emich, wenn ſie den Titel ihres Souveraͤns nicht wiſſen. Die Krone, die Du vom Juni zum September trugſt, hatte nicht einmal Zeit, ſich Deinem Haupte anzupaſſen« „Sie ward laͤnger getragen, als Dein Haupt die heilige Tonſur tragen wird. Doch ich vergeſſe im gerechten Zorn uͤber einen verſchmitzten und boshaften Moͤnch mein altes Geſchlecht und die Nachſicht, die man einem Gaſte ſchuldig iſt!« Bonifacius verneigte ſich mit ſeiner ſcheinbaren Faſſung, und waͤhrend ſich Beide beſtrebten, in die Schranken der Maͤßigung zuruͤck zu treten, ſchien eine verworrene Erinnerung des eigentlichen Zwe⸗ ckes des Gelages uͤber ſie zu kommen. Das Ge⸗ ſpraͤch zwiſchen dem Abbé und Vater Siegfried, das durch die Stentorſtimmen der beiden Haupt⸗ kaͤmpfer uͤbertaͤubt worden war, unterbrach die augenblickliche Stille. „Sehr wahr, ehrwuͤrdiger Vater«, ſagte jener, „wenn aber unſere ſchoͤnen und munteren franzoͤ⸗ ſiſchen Damen dieſe Wallfahrten nach fernen hei⸗ ligen Oertern, wovon Du ſprichſt, verrichten woll⸗ . gie⸗ gen. hen, hres vom mal aupt geſſe und die aren n die chien Zwe⸗ Ge⸗ fried, aupt⸗ die jener, anzoͤ⸗ hei⸗ woll⸗ 209 ten, ſo wuͤrden rauhe Behandlung auf dem Wege, ſchlechte Geſellſchaft, und vielleicht auch liſtige Beicht⸗ vaͤter, den gegenwaͤrtigen Glanz ihrer Reize beflecken, und ſie zu geringeren Zierden unſeres prachtvollen und galanten Hofes, als ſie es jetzt ſind, machen. Nein, ſolchen gefaͤhrlichen Anſichten huldige ich nicht, ſondern bemuͤhe mich, durch ſanfte Ueberredung ihre koſtbaren Seelen dem Himmel, den ſie ſo ſehr ver⸗ dienen und ſo ſelten erlangen, naͤher zu bringen.« »Das mag gelten fuͤr Euch, phantaſtiſche Fran⸗ zoſen, aber unſere langſamen deutſchen Gemuͤther muͤſſen anders behandelt werden. Bei der Meſſen Ich moͤchte wenig fuͤr den Erfolg eines Beichtva⸗ ters geben, der bloß Ueberredung und ſanfte Worte gebrauchen wollte! Hier drohen wir rund heraus mit der ewigen Verdammniß und allen Strafen der Hoͤlle.⸗ »„Ich verdamme keinen Gebrauch, Benedictiner, aber in unſerem feineren Lande haͤlt man es fuͤr unziemlich, von Hoͤlle und Verdammniß zu ſprechen. Und doch mußt Du zugeben, daß wir von der Ketze⸗ rei bis jetzt weniger angeſteckt ſind, als die nordi⸗ ſchen Hoͤfe.« Hier uͤbertoͤnte die tiefe Stimme Emichs, wel⸗ cher wieder die Herrſchaft uͤber ſich ſelbſt gewon⸗ J. 14 nen hatte, abermals das Nebengeſpraͤch der beiden Untergeordneten. „»Wir ſind keine Kinder, hochwuͤrdiger Boni⸗ facius, um uns wegen Namen zu erzuͤrnen«, hob er an;»daß man mir die Ehren und Rechte meiner Geburt und meines Hauſes, weil ich von einer Seitenlinie ſtamme, verweigert hat, gebe ich zu; es ſei aber vergeſſen. Du biſt an meiner Tafel will⸗ kommen; es giebt keinen kirchlichen Wuͤrdentraͤger, kein Kloſter, das ich hoͤher ſchaͤtzte, als Dich und das Deinige. Laß uns daher Freunde ſein, hochwuͤr⸗ diger Abt, und auf Das, was wir lieben, trinken!« „Graf Emich, ich bringe es Dir, und bete fuͤr Dich, wie Du es verdieneſt. Wenn es zwiſchen unſerem Kloſter und Deinem Hauſe Mißverſtaͤnd⸗ niſſe gab, ſo waren ſie lediglich ein Werk des Teu⸗ fels. Wir ſind friedliche Leute, und mehr auf Ge⸗ bet und gerechte Gaſtfreiheit, als auf Fuͤllung un⸗ ſerer geringen Caſſe erpicht.⸗ „»Davon wollen wir nicht reden, Vater, denn es iſt fuͤr Graf und Abt, Weltlichen und Geiſtlichen, ſchwer, zu allen Zeiten mit denſelben Augen zu ſe⸗ hen. Ich wollte, daß dieſer Streit wegen der Ober⸗ herrlichkeit uͤber Duͤrkheim einmal beigelegt waͤre, damit in unſerem Thale ſtets gute Nachbarſchaft 211 herrſche. Unſere Berge laufen in keine ſo weite Ebene aus, wie jene am Strome; wir haben daher nicht noͤthig, das. Bischen ebenes Land, das wir beſitzen, in ein Schlachtfeld zu verwandeln. Bei der Meſſe! Hochwuͤrdigſter Abt, Du wuͤrdeſt wohl thun, die Truppen des Kurfuͤrſten zu entlaſſen, und die Sache einem freundlichen, friedlichen Vergleiche anheim zu ſtellen.« »Und wenn es das letzte Gebet waͤre, bevor ich zum Genuſſe des Lohnes fuͤr ein entſagungsvolles und frommes Leben eingehe, fuͤrſtlicher Emich, ſo wuͤrde ich Deinen Wunſch mit demſelben unter⸗ ſtuͤzen! Haben wir uns nicht oft geneigt erklaͤrt, die Entſcheidung dem heiligen Vater, oder einer anderen hohen Kirchenbehoͤrde, die uͤber dieſen ſchwie⸗ rigen Punct Recht zu ſprechen vermag, zu uͤber⸗ laſſen? Ein anderes Schiedsgericht, als ein ſolches, waͤre gegen unſere apoſtoliſche Sendung.«⸗ »So wahr Gott lebt, Bonifacius, fuͤr Leute, die das Fleiſch kaſteien ſollen, ſeid Ihr zu habſuͤch⸗ tig! Iſt es Recht, frage ich, daß eine betraͤchtliche Anzahl tapferer, arbeitſamer Buͤrger, am Tage des Kampfes, durch Sturm und Sonnenſchein, Boͤſes und Gutes, angefuͤhrt werden ſoll von geſchorenen Glatzen, gleich als waͤren ſie unwuͤrdige Weiber, 14* bracht haben, und hoffen, daß eine Moͤnchskutte ihre Suͤnden verhuͤlle. Gieb daher Deine Anſpruͤche auf Duͤrkheim auf, und die Heiligen im Paradieſe ſollen nicht in groͤßerer Eintracht leben, als wir im Jaͤgerthale.« „An den Mitteln, uns des Paradieſes wuͤrdig zu machen, haſt Du es nicht fehlen laſſen, Graf Emich, denn Du haſt ſeit vielen Jahren ſchon die⸗ ſes Thal in ein wahres Fegefeuer verwandelt—« „Bei der Meſſe, Prieſter, Du gehſt zu weit in Deinen Reden! Was habe ich, um eine ſolche Schmachrede zu verdienen, mehr gethan, als was die Vorſicht fuͤr mein eigenes Intereſſe gebot? Haſt Du die Thore der Abtei nicht geoͤffnet, um bewaff⸗ nete und gottloſe Menſchen einzulaſſen? Werden nicht Deine Ohren ſtuͤndlich durch die derbſten Fluͤche, und Deine Augen durch den Anblick von Scenen beleidigt, die ſich ſchlecht fuͤr ein heiliges Gebaͤude paſſen? Glaube nicht, daß mir Deine Abſichten unbekannt ſind, oder liegen nicht etwa jetzt, in die⸗ ſem Augenblicke, die bewaffneten Schaaren Herzog Friedrichs in Deinem Kloſter?⸗ „Wir tragen billige Fuͤrſorge fuͤr unſere Rechte und die Ehre der Kirche“, erwiederte Bonifacius, —-——— nge⸗ kutte uͤche dieſe r im irdig Graf die⸗ it in olche was Haſt waff⸗ erden luͤche, cenen baͤude ichten n die⸗ derzog Rechte facius, 4 5 213 ohne ſich auch nur die Muͤhe zu geben, das ver⸗ aͤchtliche Laͤcheln, welches dieſe Frage in ſeinem Antlitz erregt hatte, zu unterdruͤcken. »Glaube mir, Abt von Limburg, weit entfernt, der Feind unſrer heiligen Religion zu ſein, bin ich vielmehr ihr geſchworenſter Freund, ſonſt waͤre ich laͤngſt ein Juͤnger Luthers geworden, und haͤtte Dir offen Schaden zugefuͤgt.⸗ »Das waͤre beſſer, als daß Du bei Tage an unſeren Altaͤren beteſt, und bei Nacht darauf ſinnſt, ſie umzuſtuͤrzen.« »Ich ſchwoͤre Dir bei dem Leben des Kaiſers, hochmuͤthiger Prieſter, daß Du mich zu weit treibſt.« Das Geſchrei, welches der Abbé und Vater Siegfried erhoben, vermochte die beiden Haupt⸗ gegner, ihre Aufmerkſamkeit einen Augenblick auf die untergeordneten Kaͤmpfer zu richten, denn der hoͤfliche Streit, den dieſe mit einander zu fuͤhren begonnen hatten, erhitzte ſich nach und nach ſo ſehr, daß je⸗ der ſich vergebens bemuͤhte, die Stimme ſeines Gegners zu uͤberſchreien. Einen Augenblick ſpaͤter erlagen die ſchwindelnden Sinne des Monſieur La⸗ touche, der nur durch Liſt bis jetzt ſeinen Poſten bei dem Gelage behauptet hatte, gaͤnzlich; er wankte 4 214 nach einem Lehnſtuhl, geſticulirte wild, und ſank dann der Laͤnge nach hin, ohne ſich wieder erheben zu können. Vater Siegfried betrachtete den Fall ſeines beweglichen Gegners mit triumphirendem Hohn, und erhob dann einen ſo graͤßlichen Schrei, daß Berthold, der denſelben Mann kuͤrzlich zur Ehre Gottes hatte lobſingen hoͤren, darob ſchauderte. Aber die glaͤſernen Augen des Moͤnches und ſeine ſchwankende Haltung deuteten auf gaͤnzliche Un⸗ faͤhigkeit, mehr zu ertragen. Er ſtarrte mit dem nichtsſagenden Dummblick eines Betrunkenen rings um ſich, lehnte ſich dann auf den Stuhl zuruͤck, und ſchloß die Augen zu jenem ſchweren Schlafe, den die Natur nur ungern Denjenigen gewaͤhrt, welche ihre Gaben mißbrauchen. Der Abt und der Graf ſahen der Niederlage ihrer beiden Secundanten mit finſterem Stillſchwei⸗ gen zu. Die Hitze, in die ſie nach und nach ge⸗ rathen waren, und die bitteren Gefuͤhle, welche die Erwaͤhnung ihrer gegenſeitigen Beſchwerden in ihnen erregten, hatten ſie unmerklich vom Gange des Kam⸗ pfes abgezogen. Jetzt aber erinnerten ſie ſich wieder ihres eigentlichen Zweckes, was Beide wieder zur Selbſtbeherrſchung zuruͤckrief, denn ſie waren in ſolchen Scenen zu wohl erfahren, um nicht zu 8 dieder r zur in in ſt zu 215 wiſſen, von welchem Werthe die Geiſtesgegenwart ſei, um dabei die Herrſchaft uͤber ihre Kraͤfte zu bewahren. »Unſer Bruder Siegfried iſt der Schwaͤche der menſchlichen Natur erlegen, edler Emich«, ſagte endlich Bonifacius mit einem ſo milden Laͤcheln gegen ſeinen einzigen uͤbrig gebliebenen Gefaͤhrten, als nur immer ſein aufgedunſenes Antlitz und ſeine erhitzten Augen es geſtatteten.»Das Fleiſch eines Prieſters kann nicht mehr ertragen, als das eines Laien, ſonſt waͤren Deine Flaſchen bis auf den letzten Tropfen geleert worden, denn nie hatte ein dankbares Herz eine beſſere Abſicht, die Gaben der Vorſicht zu ehren.« »Ja, Herr Abt, durch ſolche Subtilitaͤten be⸗ ſchoͤnigſt Du Deine Ausſchweifungen, waͤhrend wir vom Schwerte, in der Nacht ſuͤndigen, und des andern Morgens beichten, ohne irgend einen ande⸗ ten Vorwand zur Suͤnde, als Befriedigung unſerer Luſt gehabt zu haben. Die Moͤnchskapuze iſt eine Maske, und Derjenige, welcher ſie traͤgt, glaubt ein Recht zu haben, ſie zu ſeinem Vortheile zu benutzen. Ich moͤchte gerne wiſſen, wie groß die Anzahl der Buͤrgerfrauen iſt, welche Du ſeit letzte Oſtern Beichte gehoͤrt haſt!« 216 „Scherze nicht mit den Geheimniſſen des Beicht⸗ ſtuhls, Graf Emich; dieſer Gegenſtand iſt fuͤr pro⸗ fane Zeugen zu heilig. Es gab ſchwerere Bußen fuͤr groͤßere Maͤnner, als Du biſt.« „Mißverſtehe mich nicht, hochwuͤrdigſter Abt«, erwiederte der Graf, indem er ſich eilig bekreuzigte; „allein es ging das Geruͤcht, daß in Duͤrkheim uͤber dieſen Punect eine große Unzufriedenheit herrſche, und ich hielt es bloß fuͤr ein Freundſchafts⸗ ſtuͤk, Dir die Beſchuldigungen der Feinde mitzu⸗ theilen. Es iſt der Augenblick der Gefahr fuͤr die Moͤnche in Deutſchland gekommen, denn Dein Beuder von Erfurt hat ſich in ſeinem Geſchrei ge⸗ gen Rom als kein aberwitziger Thor gezeigt.“« Das Auge des Vaters Bonifacius blitzte in Wuth auf, denn Niemand tritt Angriffen auf ver⸗ meintliche Rechte ſo ſchnell entgegen, und raͤcht die⸗ ſelben ſo ſtrenge, als Diejenigen, welche ſeit langer Zeit Privilegien genoſſen, auf welchen ſchwachen oder ungerechten Grund ſie auch immer gefußt haben mochten⸗ „In Deinem Herzen niſtet arge Ketzerei, rau⸗ her Emich!« ſagte er,„huͤte Dich, Dein Beiſpiel und Deinen Namen in die Wagſchale gegen die Gebote Gottes und die Satzungen der Kirche zu 217 werfen! Was dieſen Luther betrifft, ſo iſt er ein abtruͤnniger Schurke, welchen unruhiger Ehrgeiz und die Liebe zu einer mißgeleiteten Nonne zum offenen Aufruhr verfuͤhrt haben; die Teufel freuen ſich uͤber ſeine Bosheit, und die Daͤmonen der Fin⸗ ſterniß harren ſeines endlichen und ſchrecklichen Niederſturzes.⸗ »Bei der Meſſe! Vater, einem einfachen Sol⸗ daten ſcheint es beſſer, eine Nonne ohne Umſtaͤnde zu heirathen, als ſolches Aergerniß in Duͤrkheim zu geben, und den Frieden der Familien in den ſchoͤnen Ebenen der Pfalz zu ſtoͤren. Wenn Bru⸗ der Luther nicht mehr gethan hat, als was Du eben ſagteſt, ſo hat er den Teufel trefflich uͤberli⸗ ſtet, gerade wie vor Alters Dein Kloſter ihn zum Lohne, daß er die Kirche baute, unbezahlt und ver⸗ hoͤhnt von dannen ſchickte!« »Wenn die Wahrheit offenbar wuͤrde, Emich, ſo fuͤrchte ich, daß man faͤnde, daß Du an dieſe alberne Sage glaubſt!« »Wenn Du den Tuufel nicht uͤberliſtet haſt, Prieſter, ſo geſchah dies darum, weil er, wiſſend daß Du verſchmitzter biſt als er, ſich weislich ge⸗ huͤtet hat, mit Dir anzubinden. Bei dem heiligen Kreuze! das muͤßte ein kuͤhner Geiſt ſein, der es 218 wagen wuͤrde, mit den Moͤnchen von Limburg um Schlauheit wettzukaͤmpfen.« Der Abt ſchwieg verachtungsvoll, denn ſein Geiſt war zu erhaben uͤber dieſe Volksſage, als daß irgend ein von ihr hergenommener Vorwurf ſeinen Zorn erregen konnte. Sein Wirth fing an zu merken, daß die Kraft ſeiner Sinne nachließ, und er in Gefahr ſchwebe, die wichtige Wette zu verlieren, deren Gewinn bloß von ſeiner Kraft, aus⸗ zudauern, abhing. Der Abt hatte den wohlerwor⸗ benen Ruf, daß er den ſtaͤrkſten Kopf unter allen Moͤnchen der Pfalz beſitze. Graf Emich aber, ob⸗ ſchon ihm die phyſiſche Vortrefflichkeit der Art nichts weniger als fehlte, fuͤhlte bereits jene Anwandlung von Schwaͤche, welche gewoͤhnlich der Vorlaͤufer, und nicht ſelten die Urſache der Niederlage iſt. Er leerte Becher um Becher, in der Abſicht, ſeinen Gegner durch haſtiges Trinken zu uͤberwaͤltigen, ohne dabei zu bedenken, daß er ſeine eigene Kraft ſchwaͤche. Bonifacius, der ſeine Ueberlegenheit fuͤhlte, gab dem fieberhaften Verlangen ſeines Geg⸗ ners, den Kampf zu einem ſchnellen Ende zu brin⸗ gen, willig nach, und manche Becher wurden in einer Art finſteren Trotzes geleert, ohne daß einer der beiden Gegner auch nur die Lippen zum Spre⸗ 219 chen oͤffnete. In dieſer Verlegenheit wendete der Graf ſeine verſchwimmenden Augen gegen ſeine Diener, mit dem ihm ſelbſt unklaren Wunſche, daß Diejenigen, welche ihm in gewoͤhnlichen Lagen ſo treu beigeſtanden hatten, es auch in dieſem außerordentlichen, verzweifelten Falle thun moͤchten. Der junge Berthold Hintermaier ſtand noch immer hinter dem Stuhl ſeines Herrn, ehrfurchts⸗ voll auf deſſen Befehle harrend, denn die Gewohn⸗ heit, ſich nicht ohne Geheiß zu entfernen, hatte ihn feſtgehalten. Von den Parteien dieſes ſeltſamen Kampfes war genug hin und wieder geredet wor⸗ den, um ihm das ganze Geheimniß deſſelben zu verrathen. Er ſchien den ſtillſchweigenden Aufruf zu verſtehen, und uͤbernahm das Amt eines Mund⸗ ſchenken,— wie denn auch dies wirklich an der Zeit war, weil der Diener, der es bisher bekleidete, ſeinem Herrn dergeſtalt nachgeahmt hatte, daß er nicht mehr im Stande war, ſeine Pflicht zu er⸗ fuͤllen.— »Wenn mein gnaͤdiger Herr, der Abt«, ſagte Berthold, indem er Wein in ſeinen Becher goß, „ſich wuͤrdigen wollte, ſich uͤber dieſe Ketzerei wei⸗ ter auszulaſſen, ſo duͤrfte er vielleicht das Werk⸗ eug ſein, eine zweifelvolle Seele zu retten, denn ich geſtehe frei, daß ich viele Urſache zu haben ver⸗ meine, dem Glauben meiner Vaͤter zu mißtrauen.« Dies hieß den Abt auf ſeiner ſchwaͤchſten und vielleicht verwundbarſten Seite angreifen. „Das ſollſt Du buͤßen, kuͤhner Burſche!« rief er, indem er mit geballter Fauſt auf den Tiſch ſchlug.»Du biſt ein Ketzer, ein ungewaſchener und elender Tadler apoſtoliſcher Sendungen. Man wird ſich Deine Unverſchaͤmtheit merken!« Emich machte dem Foͤrſter ein Zeichen der Dankbarkeit, denn in ſeiner Wuth hatte der Abt, ohne zu wiſſen was er that, einen maͤchtigen Becher geleert. „Der hochwuͤrdigſte Abt werden eine unvorſich⸗ tige Rede wohl einem Manne verzeihen, der in Wiſſenſchaften der Art wenig bewandert iſt. Wenn es ſich darum handelte, einen wilden Eber anlau⸗ fen zu laſſen, oder einen Rehbock zu erlegen, oder gegen die Feinde meines Herrn Stand zu halten, dann duͤrfte vielleicht dieſe Hand von einigem Nutzen ſein: iſt es aber ein Wunder, wenn wir ungebil⸗ deten Leute irre werden, da ſelbſt die wuͤrdigſten Gelehrten Deutſchlands nicht wiſſen, was ſie glau— ben ſollen? Ich habe gehoͤrt, daß Martin Luther vor allen Concilien und Verſammlungen weiſer 4 Maͤnner, vor welchen er erſchienen iſt, trefflich ge⸗ antwortet hat.« »Er ſprach mit der Zunge Lucifer's!« bruͤllte der Abt, ſchaͤumend von unbezaͤhmbarer Wuth. »Woher koͤmmt dieſe neue, erſt vor ſo kurzer Zeit entdeckte Religion? Wo iſt Stamm und Wurzel derſelben? Warum war ſie ſo lange verborgen, und was iſt ihre fruͤhere Geſchichte geweſen? Steigt ſie zu Peter und Paul empor, oder iſt ſie bloß die Erfindung neueren Stolzes und ſchmachvollen Betruges.« »Dieſelbe Frage, hoͤchſt ehrwuͤrdiger Vater, konnte man auch zu Rom aufwerfen, bevor es den Apoſtel anerkannte. Der Baum bleibt Baum, wenn man auch ſeine duͤrren Zweige abhaut; er bluͤht ſogar darnach um ſo ſchoͤner.« Vater Bonifacius war eben ſo ſcharfſinnig als gelehrt, und unter gewoͤhnlichen Umſtaͤnden wuͤrde ſelbſt der Moͤnch von Wittenberg in ihm einen hartnaͤckigen und ſchlauen Caſuiſten gefunden ha⸗ ben: allein in ſeinem gegenwaͤrtigen Zuſtande konnte ihn ſelbſt das groͤbſte Sophisma, wenn nur einigermaßen in das Gewand der Vernunft ge⸗ kleidet, außer Faſſung und in Wuth bringen. Er bot ein ſchreckliches Beiſpiel der Wildheit menſch⸗ 222 licher Leidenſchaften dar, wenn ſie verthiert worden durch Trunkenheit. Die Augen ſchienen aus dem Kopf heraus zu treten, ſeine Lippen bebten, und die Zunge vermochte ſeine Wuth nicht in Worte zu verkörpern. Er war jetzt genau in der Lage, wie kurz zuvor der Graf, und obſchon er die Fol⸗ gen vorausſah, ſo ſuchte er doch mit der Verzweif⸗ lung eines Betrunkenen bei demſelben Mittel Zu⸗ flucht, das ſeine Kraͤfte untergraben hatte. Graf Emich war nicht mehr im Stande, vernehmlich zu ſprechen, allein da die Beredſamkeit nie ſeine ſtarke Seite geweſen, hatte er wenigſtens noch immer hinreichende Herrſchaft uͤber ſeine phyſiſchen Kraͤfte, um den Kampf fortzuſetzen. Er ſchwenkte ſeine Hand wie zum Trotz, und murmelte Worte, welche Haß und Verachtung zu athmen ſchienen. So ſtanden ſich ein Graf aus einem altberuͤhmten Geſchlecht und ein infulirter Praͤlat der Kirche ge⸗ genuͤber, ohne irgend ein Bewußtſein ihrer edleren Seelenkraͤfte, als jenes, welches ſich auf den nie⸗ drigen Gegenſtand ihres gegenwaͤrtigen Kampfes bezog. »Der Fluch der Kirche uͤber Euch Alle!« ſtam⸗ melte endlich Bonifacius mit vieler Muͤhe, dann ſank er in den wohlbepolſterten Armſtuhl zuruͤck, 223 und alle ſeine Kraͤfte erlagen dem feindſeligen Einfluß des Getraͤnkes, das er in ſo großer Menge ver⸗ ſchlungen hatte. b Als Emich von Leiningen den Fall ſeines letzten Gegners bemerkte, blitzte es hinter ſeinen buſchigen Augenbraunen wie Triumph hervor. Es gelang ihm durch eine verzweifelte Anſtrengung, ſich zu er⸗ heben, den Arm auszuſtrecken, und die Urkunde zu ergreifen, wodurch das Kloſter Limburg allen An⸗ ſpruͤchen auf eine Abgabe von den ſtreitigen Wein⸗ gaͤrten verzichtete. Er ſtand mit der Stirne eines Mannes auf, der ſich ſelbſt in der Trunkenheit zu beherrſchen gewohnt iſt, winkte dem Foͤrſter, wankte, auf deſſen jungen und kraͤftigen Arm geſtuͤtzt, aus dem Gemach, und ließ daſſelbe als ein empoͤrendes Gemaͤlde der menſchlichen Schwachheit in ihrer tief⸗ ſten Erniedrigung zuruͤck. Waͤhrend der Graf auf ſein Lager, gekleidet, wie er es an der Tafelrunde war, zuruͤckſank, ſchuͤttelte er das Pergament gegen ſeinen jungen Diener, dann ſchloß er die Augen, und bald bewies ſein ge⸗ preßtes Athmen, daß der Sieger in dieſem Gelage, gleich den Beſiegten, bewußtlos, fieberhaft und ent⸗ mannt darnieder lag. So endete das wohlbekannte Trinkgelage auf 2A der Hartenburg, eine That phyſiſcher Ausdauer von Seiten des gewaltigen Siegers, die ihm bei den froͤhlichen Zechgeſellen der Pfalz einen nicht gerin⸗ geren Ruhm erwarb, als die groͤßte Heldenthat im Felde, und welche, wie ſeltſam dies auch ſcheinen mag, dem Rufe der Beſiegten nicht im Mindeſten ſchadete. 8: Achtes Capitel. Der folgende Tag war ein Sonntag. Der Mor⸗ gen des Feſtes war den Bewohnern des Jaͤgerthals durch die gewohnte Mahnung zur Andacht angekuͤn⸗ det worden. Bevor noch das Licht der Sonne in den tiefen Thalgrund gedrungen war, hoͤrte man ſchon die Fruͤhglocke von der Abtei her, und wo nur immer dieſe Klaͤnge gehoͤrt wurden, vereinigten ſich alle Frommen zum Dankgebet und Lobe Gottes. Einige Stunden ſpaͤter begannen die Feierlichkeiten des Hochamtes, eine Ceremonie, die eben ſo ſehr auf die Sinne, als auf das Gefuͤhl berechnet iſt. Die Sonne ſtand bereits hoch uͤber den Bergen, und die Jahreszeit war verfuͤhreriſch ſchoͤn. Die Hau am ſpraꝛ derte hund ſchwe heim Es Jahr ren Trau 8 toͤner woͤhn hatte wand heilig Glock Klang ſchwe nicht Glock jenſeit ſprach in der I. von den erin⸗ t im einen eſten Mor⸗ thals ekuͤn⸗ ne in man d wo nigten ottes. keiten ſehr iſt. ergen, Die 225 Hausthiere, ihrer taͤglichen Arbeit frei, ſonnten ſich am Berge, und freuten ſich der Ruhe. Kinder ſprangen vor den Huͤtten umher, der Bauer ſchlen⸗ derte in der Tracht, die in der Haard ſeit Jahr⸗ hunderten einheimiſch iſt, umher, und betrachtete ſchweigend den Stand ſeiner Felder, waͤhrend da⸗ heim die Frau in haͤuslich ſtiller Freude waltete. Es war der ſchoͤnſte, hoffnungsreichſte Monat im Jahre. Das Gras bluͤhte und duftete, die Aeh⸗ ren des Kornes fuͤllten ſich, und der Wein ſetzte Trauben an. In Mitte dieſer laͤndlichen Stille riefen die tief⸗ toͤnenden Glocken der Abtei die Heerde in ihren ge⸗ woͤhnlichen Verſammlungsplatz. Eine lange Uebung hatte den Moͤnchen von Limburg die hoͤchſte Ge⸗ wandtheit in Verwaltung des irdiſchen Theiles ihres heiligen Amtes gegeben. Selbſt die Toͤne ihrer Glocken waren kunſtreich geregelt. Ernſt folgte Klang auf Klang, und es gab meilenweit kein ſchweigendes Thal, in welches der feierliche Ruf nicht gedrungen waͤre. Zwar hoͤrte man auch die Glocken von Duͤrkheim und aus der weiten Ebene jenſeits, aber keine toͤnten ſo voll, klangen ſo ernſt, ſprachen ſo ſehr zur Seele, als diejenigen, welche in den Thuͤrmen der Abtei hingen. T. 15 3 226 Dem Rufe gehorchend, ſtroͤmte Alles im Thale den Thoren von Limburg zu. Auch in der Schlucht am Eingange derſelben zeigte ſich eine Schaar; denn Andacht, Aberglaube, oder Neugierde ermangelten nie, die Menge herbei zu ziehen, um in der beruͤhm⸗ ten Kloſterkirche dem Hochamte beizuwohnen. Da kamen eben ſowohl der Zweifler als der Glaͤubige, Jung und Alt, die Schoͤne und Diejenige, welche ſich mit dem Schleier matronenmaͤßig zu verhuͤllen fuͤr gut fand, der Muͤſſiggaͤnger, der halbbekehrte Schuͤler Luthers, und der Liebhaber der Muſik. Es war gewoͤhnlich, daß einer der Bruͤder predigte, wenn die Meſſe voruͤber war, und es gab zu Lim⸗ burg viele Moͤnchs, welche in den Subtilitaͤten je⸗ ner Zeiten wohl erfahren waren, ja ſogar Manche, welche Anſpruch auf den Ruf der Beredſamkeit machen konnten. In Folge jener geſchickten Koketterie, welche ſich bei den meiſten menſchlichen Einrichtungen, die auf das Gefuͤhl wirken ſollen, beſonders dann einſchleicht, wenn es nicht gerathen iſt, ſich zu ſehr auf die bloße Vernunft zu verlaſſen, wurden auch die Glo⸗ cken lange gelaͤutet, um groͤßeren Effect hervor zu bringen. Schaar auf Schaar ſtroͤmte herbei, bis ſich der Hof der Abtei allmaͤhlig fuͤllte, und nach und auch Zeit che e despe chen, der Verſe nachb konnt nach wuͤrd genw ſtufur ſter b den n kunge ameri hende tung chen. Natio tet ha bemer Vorw chale lucht denn elten uͤhm⸗ Da bige, belche uͤllen kehrte ruſik. digte, Lim⸗ en je⸗ unche, mkeit e ſich e auf leicht, if die Glo⸗ dor zu , bis nach 227 und nach eine Verſammlung zuſammenkam, die auch der Eitelkeit eines Sterns der Kirche unſerer Zeit geſchmeichelt haben wuͤrde. Es wurden man— che ernſte Gruͤße zwiſchen den verſchiedenen Stan⸗ desperſonen gewechſelt; denn von allen den Sterbli⸗ chen, welche die Muͤtze abnehmen, iſt der Deutſche der ceremonioͤſeſte und genaueſte. Da in dieſer Verſammlung Frommer und Neugieriger die be⸗ nachbarte Stadt vollkommen repraͤſentirt war, ſo konnte man auch alle Arten von Begruͤßungen, je nach dem Range, beobachten. Selbſt ein Herold wuͤrde haben Manches lernen koͤnnen„wenn er ge⸗ genwaͤrtig geweſen waͤre, und die verſchiedenen Ab⸗ ſtufungen huldigender Hoͤflichkeit vom Buͤrgermei⸗ ſter bis zum Vogt wahrgenommen haͤtte.— Unter den mancherlei einfaͤltigen, oder boͤswilligen Bemer⸗ kungen, die man uͤber das freie Volk von Nord⸗ amerika und ſeine Sitten gemacht hat, iſt es ein ſte⸗ hender Scherz, ſich uͤber ſeine uͤbertriebene Hochach⸗ tung amtlicher Ehren und Wuͤrden luſtig zu ma⸗ chen. Allein wer die Nordamerikaner und andere Nationen nicht nur geſehen, ſöndern auch beobach⸗ tet hat, wird zahlloſe Gelegenheit gehabt haben, zu bemerken, daß ſowohl dieſer, wie ſo viele andere Vorwuͤrfe, Wind und Dunſt, und ein Beweis von 15*½ 228 beſchraͤnkter Auffaſſungsgabe ſind. Ein Beamter, der buchſtaͤblich ein Diener des Volkes iſt, kann, wie ſehr er auch immer dazu Neigung haben mag, uͤber ſeinen Herrn niemals triumphiren; und wenn es gleich ein lobenswerther Ehrgeiz iſt, nach einem Amte zu ſtreben, ſo braucht man doch nur die ge⸗ genſeitigen Einrichtungen zu vergleichen, um in die⸗ ſem Falle, wie in unzaͤhligen anderen, einzuſehen, daß man von den europaͤiſchen Voͤlkern nicht ſtren⸗ ge auf die Nordamerikaner ſchließen darf. Jene Bemerkung wurde wahrſcheinlich gemacht, weil man bei uns Achtung vor amtlicher Gewalt fand, waͤh⸗ rend man Anarchie zu treffen erwartete, oder viel⸗ leicht ſogar wuͤnſchte. Bei dem Hochamte zu Limburg wurde der un⸗ terſte Wuͤrdentraͤger eines Staͤdtchens mit mehr Ceremonie an ſeinen Platz in der Kirche gefuͤhrt, als in Amerika das Oberhaupt einer großen Re⸗ publik zu dem erhabenen Poſten, den er bekleidet. Ein Diener des Kloſters trug Sorge, daß ſich Nie⸗ mand dem Altare des Herrn des Weltalls naͤhere, ohne daß ihm zuvor die Achtung erwieſen wurde, die er kraft ſeines weltlichen Ranges in Anſpruch nehmen konnte! Im Tempel des Herrn ſind Alle 7 mter, kann, mag, wenn einem ie ge⸗ ꝛ die⸗ ſehen, ſtren⸗ Jene man waͤh⸗ viel⸗ r un⸗ mehr fuͤhrt, 1 Re⸗ leidet. Nie⸗ aͤhere, purde, pruch Alle 229 gleich, ſo wie im Grabe; es iſt daher ſchwer, jene verwegene Sophiſterei zu begreifen, welche mit der Zunge Demuth und Buße lehrt, und durch die That zu Stolz und Hochmuth aufmuntert, und die, wenn man um den Grund fragt, und auf die⸗ ſen Widerſpruch aufmerkſam macht, einen des Nei⸗ des beſchuldigt. Mancherlei Ceremonien wurden gepflogen, waͤh⸗ rend die verſchiedenen Wuͤrdentraͤger von Duͤrkheim anlangten, aber die groͤßte Ehrfurcht wurde einem Buͤrger bewieſen, der nicht eher durch die Thore der Abtei kam, als bis das Volk ſich bereits in der Kir⸗ che verſammelt hatte. Dieſer Mann, deſſen Haare eben grau zu werden anfingen, und deſſen ruͤſtiger, wohlgenaͤhrter Koͤrper auf Geſundheit und Wohlha⸗ benheit deutete, kam zu Pferde, denn zu jener Zeit, von welcher wir berichten, fuͤhrte ein breiterer Weg zur Hauptpforte der Abtei, als jetzt. Er war von einem Frauenzimmer begleitet, das ſeine Gattin zu ſein ſchien; ſie ritt einen kleinen Klepper, und hatte eine aͤltliche Frauensperſon hinter ſich, die ſich an ihren wohlgeformten Leib mit der Vertraulichkeit einer geliebten Dienerin anhielt, aber ſonſt dieſes Sitzes ungewohnt zu ſein ſchien. Ein blondes, ro⸗ 230 ſiges Maͤdchen ſaß auf dem Sattelkiſſen ihres Va⸗ ters, und ein Bedienter in einer Art Amtslivre be⸗ ſchloß die Cavalcade. Mehrere der angeſehenſten Buͤrger von Duͤrk⸗ heim eilten zum Empfang dieſer Perſonen entgegen, denn Heinrich Frey, Meta, ihre Mutter, und Ilſe waren es, die unerwartet zum Hochamte von Lim⸗ burg kamen. Der wohlhabende und geachtete Buͤr⸗ ger wurde in jenen Theil der Kirche gefuͤhrt, wo beſondere Sitze fuͤr Beſuche der Wuͤrdentraͤger aus der Nachbarſchaft, oder fuͤr Edelherren, welche An⸗ dacht oder Zufall zu den Altaͤren der Abtei Lim⸗ burg fuͤhrte, aufbewahrt wurden. Heinrich Frey war ein ſtaͤmmiger, kraͤftiger, ei⸗ genſinniger, unbiegſamer Buͤrger, deſſen wohlwol⸗ lende Sinnesart durch das Gluͤck verdorben worden war. Haͤtte er den Lockungen des Amtes widerſte⸗ hen, und ſich der hochmuͤthigen Erinnerung an ſein Gluͤck entſchlagen koͤnnen, ſo wuͤrde er durch das Leben gewandelt ſein, ohne daß es ihm weder an Beſcheidenheit, noch an Menſchlichkeit gefehlt haͤtte. Kurz, er war, in einem kleinen Maßſtabe eines je⸗ ner Beiſpiele der Deſertion aus den Reihen der Menſchheit zu dem auserwaͤhlten Corps der Gluͤck⸗ lichen, wie man dieſelbe in der Welt ſo haͤufig ſieht Ruͤc Ung woh hatt ge Ein. es l daß ſei, ne, rei! ten faͤlli gab es ſ eine das ſchaf der Din in e chriſ die and 231 ſieht. So lange er jung war, nahm er gebuͤhrende Ruͤckſicht auf die Leiden und Muͤhſeligkeiten der Ungluͤcklichen; aber ſeine Vermaͤhlung mit einer wohlhabenden Erbin, und nachherige Gluͤcksfaͤlle, hatten ihn nach und nach zu einer Anſicht der Din⸗ ge gebracht, die mit ſeiner Selbſtſucht mehr im Einklange ſtand, als Philoſophie oder Chriſtenthum es billigen konnten. Er glaubte feſt an den Satz, daß nur der Neiche in der Geſellſchaft ſo betheiligt ſei, daß ihm die Herrſchaft anvertraut werden koͤn⸗ ne, obſchon ſein eigenes Benehmen dieſe Sophiſte⸗ rei widerlegte, da er taͤglich zwiſchen entgegengeſetz⸗ ten Grundſaͤtzen ſchwankte, wie es eben ſeinem zu⸗ faͤlligen Intereſſe angemeſſen war. Heinrich Frey gab dem Bettler wie dem Arbeiter reichlich; wenn es ſich aber darum handelte, das Loos Beider auf eine dauerhafte Weiſe zu verbeſſern, ſo ſchuͤttelte er das Haupt, huͤllte ſich in myſterieuſe Staatswirth⸗ ſchaftslehren, ſprach buͤndig uͤber die Grundſaͤulen der Geſellſchaft und uͤber das Beſtehenmuͤſſen der Dinge, wie ſie nun einmal waͤren. Kurz, er lebte in einem Zeitalter, wo Deutſchland, ja die ganze chriſtliche Welt, durch eine Frage, welche nicht nur die Religion des Tages zu ſtuͤrzen, ſondern auch anderen Intereſſen gefaͤhrlich zu werden drohte, in 232 Spannung und Aufregung erhalten wurde. In ſeinem Cirkel war er gewiſſermaßen das Haupt der Erhaltungspartei. Dieſe Eigenſchaften, in Verbin⸗ dung mit ſeinem Reichthum, der Ruf der hoͤchſten Redlichkeit, welcher ſich auf den Glauben ſtuͤtzte, daß er im Stande waͤre, jedes Geldunrecht, das er zufaͤllig beging, wieder gut zu machen, ein ſtarres Beharren auf ſeinen eigenen Meinungen, was der Menge als feſte Geradſinnigkeit galt, und die voll⸗ kommene Furchtloſigkeit, womit er gegen alle Die⸗ jenigen entſchied, welche ſeinen Beſchluͤſſen keinen Widerſtand entgegenſetzen konnten, hatten ihm die Ehre und das Amt des erſten Buͤrgermeiſters von Duͤrkheim verſchafft. Wenn das Antlitz ein zuverlaͤſſiger Anzeiger der Eigenſchaften des Gemuͤthes waͤre, ſo wuͤrde es einem Phyſiognomiſten dennoch ſchwer geworden ſein, die Gruͤnde zu entdecken, welche Ulrika Hait⸗ zinger, nicht nur das ſchoͤnſte, ſondern auch das reichſte Maͤdchen in der Stadt, vermocht hatten, ſich mit dem Mann, den wir ſo eben geſchildert haben, zu vermaͤhlen. Ein mildes, ſchwermuͤthiges, blaues Auge, das trotz ihrer vierzig Jahre ſeinen Glanz beibehalten hatte; regelmaͤßigere Geſichtszuͤge, als ſie in dem Lande, das ſie bewohnte, gewoͤhnlich In t der rbin⸗ hſten uͤtzte, as er arres 3 der voll⸗ Die⸗ einen die von r der ee es rden Hait⸗ das ſich aben, aues (lanz als nlich 23³ waren, und ein Ebenmaß des Armes und Oberlei⸗ bes, welches andrerſeits den Bewohnern Deutſch⸗ lands eigenthuͤmlich iſt, waren hinreichende Beweiſe, wie ſchoͤn ſie in ihren fruͤheren Jahren geweſen ſein mußte. Zu dieſen allgemein bemerkbaren Reizen kam noch, daß die matronenmaͤßige Gattin Hein⸗ richs einen Ausdruck weiblichen Zartſinnes und Scharfblickes, eine gewiſſe Erhabenheit der Anſich⸗ ten und Beſtrebungen hatte, ſo daß ein feiner Be⸗ obachter geliebt haben wuͤrde, ihren Charakter zu ſtudiren,— und ihn ſtudirt haͤtte, um ihn zu lieben. Was die Perſoͤnlichkeit Meta's betraf, ſo war ſie das Ebenbild ihrer Mutter, gepfropft auf die kraͤftigere Geſundheit und den minder in ſich gekehrten Sinn ihres Vaters. Ihr Charakter wird im Ver⸗ laufe dieſer Geſchichte hinreichend entwickelt werden. Was Ilſe betrifft, ſo empfehlen wir ſie der Phan⸗ taſie des Leſers, und er wird ſich leicht eine Diene⸗ rin denken koͤnnen, wie die, welche wir bereits ein⸗ gefuͤhrt haben. Herr Heinrich nahm auf ſeinem gewoͤhnlichen Sitze vor dem Hochaltar nicht Platz, ohne die ge⸗ raͤuſchvolle Aufmerkſamkeit der Bauern vom Jaͤ⸗ gerthale und der Duͤrkheimer, die anweſend waren, 234 zu erregen. Aber ſelbſt die Wichtigkeit eines Buͤr⸗ germeiſters kann in einem Gotteshauſe nicht im— mer herrſchen; der Laͤrm legte ſich allmaͤlig, und die religioͤſe Erwartung erhielt wieder das Ueber⸗ gewicht uͤber den Rang. Die Abtei von Limburg war von allen Rhein⸗ kloͤſtern wegen ihrer inneren Pracht, ihres Reich⸗ thums und ihrer Gaſtfreiheit beruͤhmt. Die Kirche galt als ein ſeltenes Denkmahl kloͤſterlichen Ge⸗ ſchmacks; auch fehlte es darin nicht an reichem Schmuck und jenen Verzierungen, welche die ka⸗ tholiſchen Kirchen ſo imponirend fuͤr die Sinne, und ſo anziehend fuͤr die Bewunderer feierlichen Prunkes machen. Das Gebaͤude war groß und, nach dem Geſchmack des Landes und Zeitalters, duͤſter. Es hatte viele mit Bildern geſchmuͤckte Altaͤre von Marmor, von denen jeder in der Pfalz, als gewidmet dem Dienſte eines eigenen Heiligen, beruͤhmt und mit Weihgeſchenken Bittender oder Dankbarer behangen war. Die Waͤnde waren in Fresko gemalt; zwar nicht durch Raphael oder Buonarotti, aber doch ſo gut, daß die Schoͤnheit des Platzes erhoͤht wurde. Das Chor war mit je⸗ nem Schnitzwerk, welches zur damaligen Zeit in Mitteleuropa eben ſo ſehr geſchaͤtzt und eben ſo 235 Buͤr⸗ kunſtvoll ausgefuͤhrt wurde als in Italien, reich im⸗ verziert, und ganze Schaaren von Cherubim ruhe⸗ und ten mit ihren Fittigen um Orgel, Altar und den eber⸗ Grabmaͤhlern. Die Letzteren waren ſehr zahlreich, und ihre Pracht deutete an, daß Diejenigen, welche in ihrem geweihten Bezirk ſchliefen, die Vortheile dieſer Welt genoſſen hatten. Endlich oͤffnete ſich ein Thor, das aus den Kreuzgaͤngen in die Kirche fuͤhrte, und die Moͤnche erſchienen in Proceſſion. An ihrer Spitze ſchritt der Abt mit Inful und Stab, in den prachtvollen Gewaͤndern ſeines kirchlichen Amtes. Zwei Prie⸗ ſter im Meßgewande folgten. Dann kamen die Miniſtranten und Profeſſen. Der Zug ſchwebte in feierlicher Stille durch die Fluͤgel, und ging, nachdem vor den vorzuͤglichſten Altaͤren gebetet worden war, in das Chor. Vater Bonifacius ließ ſich auf ſeinen Praͤlatenthron nieder, und die uͤbrigen Moͤnche nahmen ihre gewoͤhnlichen Chorſtaͤnde ein. Waͤhrend des Zuges der Moͤnche hatte die Orgel geſpielt, und als dieſelbe aufhoͤrte, erſtarben auch ihre letzten Klaͤnge in dem gewoͤlbten Dach. In ddieſem Augenblicke hoͤrte man außen Roßgetrappe, 4 und die beunruhigten Moͤnche hielten fuͤr gut, mit 4 dem Anfange des Hochamtes noch zu zoͤgern. Dann raſſelte es wie von Stahl, und die ſchweren Tritte in Eiſen gekleideter Fuͤße droͤhnten in der Kirche ſelbſt. Emich von Hartenburg kam durch den Hauptfluͤgel mit der freien, kuͤhnen Stirne eines Mannes, der ſich ſeiner Macht bewußt iſt und auf Hochachtungsbezeigung Anſpruch macht. Er war von ſeinen Gaͤſten, dem Rhodiſerritter und Mon⸗ ſieur Latouche, begleitet, waͤhrend der junge Ber⸗ thold Hintermayer ihm auf dem Fuße folgte, wie ein Diener, der gewohnt iſt, dicht in der Naͤhe ſei⸗ nes Herrn zu ſein. Ein kleines, jedoch unbewaff⸗ netes Gefolge ſchloß den Zug. Im Chore, ganz nahe dem Hauptaltare, befand ſich ein Ehrenſitz fuͤr Perſonen des hoͤchſten Ranges. Als der Graf durch die Schaar ſchritt, welche ſich am Gelaͤnder des Chors eingefunden hatte, bog er in einen Seitenfluͤgel, und befand ſich bald dem Abte gegen⸗ uͤber. Dieſer ſtand auf, und erkannte durch eine leichte Verneigung die Anweſenheit des Gaſtes an, waͤhrend die uͤbrigen Moͤnche ſein Beiſpiel, obſchon mit groͤßerer Ehrfurcht, nachahmten; denn es war, wie wir ſchon bemerkt haben, ſelbſt in der Kirche gebraͤuchlich, hohen Perſonen huldigende Aufmerk⸗ ſamkeit zu beweiſen. Emich ließ ſich mit gerun⸗ zelter Stirne nieder, waͤhrend ſeine beiden edlen 237 Freunde Ehrenſitze an ſeiner Seite fanden. Ber⸗ thold ſtand daneben. Ein unerfahrenes Auge haͤtte in dem Aeußeren Wilhelms von Venloo keine Spur von der Nieder⸗ lage, die er vor ſo kurzer Zeit erlitten hatte, ent⸗ decken koͤnnen. Seine Muskeln waren ſtraff, und ſein Antlitz hatte den gewoͤhnlichen Ausdruck ſtren⸗ ger Autoritaͤt, der bei weitem mehr in demſelben lag, als irgend ein Zug, der auf inneren Aerger oder Gedankenfuͤlle deutete. Er warf einen Blick auf den Sieger, dann gab er einem Laienbruder ein geheimes Zeichen. In dieſem Augenblicke be⸗ gann das Hochamt. Von allen chriſtlichen Voͤlkern iſt das nord⸗ amerikaniſche, im Verhaͤltniß zu ſeiner Zahl, am wenigſten mit der roͤmiſchen Kirche verbunden. Der eigenthuͤmliche Urſprung dieſes Volkes in Be⸗ zug auf die Religion, ſeine Gewohnheit des Pruͤ⸗ fens und geiſtiger Unabhaͤngigkeit, ja ſelbſt ſeine Vorurtheile(denn ein Proteſtant iſt von denſelben ſo wenig frei, als der Katholik) werden es wahr⸗ ſcheinlich lange von jeder Politik in Kirche und Staat ferne halten, welche Glauben ohne Pruͤfung, und Gehorſam ohne das Recht, Einwendungen zu machen, fordert. Man hat in Amerika gefliſſent⸗ 238 lich die Meinung verbreitet, daß geſchaͤftige Agen⸗ ten nahe daran waͤren, in dieſer Beziehung große Veraͤnderungen zu bewirken, ja, eine wichtige Par⸗ tei hofft auf große kirchliche und politiſche Veraͤn⸗ derungen als Folge der Ruͤckkehr des amerikani⸗ ſchen Volkes zu dem Glauben und den Meinun⸗ gen ſeiner Vorfahren im Mittelalter. Wenn dieſem auch ſo waͤre, ſo wuͤrde es uns wenig kuͤmmern, denn wir glauben nicht, daß die vielen Secten reich an Seelenheil ſind; allein wenn wir auch ei⸗ nige Beſorgniſſe vor den Folgen einer ſolchen Be⸗ kehrung haͤtten, ſo wuͤrden ſie wenigſtens nicht durch das zufaͤllige Zuſammenſtroͤmen von Ein⸗ wanderern in den Staͤdten oder bei den oͤffentli⸗ chen Bauten, deren das Land jetzt viele auf⸗ fuͤhrt, erregt werden.⸗⸗ Wir glauben, daß fuͤr ei⸗ nen Proteſtanten, der in Amerika Katholik wird, wenigſtens zehn katholiſche Einwanderer ſich in den Reihen der herrſchenden Secten verlieren; ohne weiter zu unterſuchen, wer bei dieſem Wechſel ge⸗ winnt oder verliert, wollen wir zur Beſchreibung des Hochamtes, als einer Ceremonie, uͤbergehen, welche viele von Denen, die dies leſen, nie mit an⸗ geſehen haben, und dazu vielleicht auch niemals Gelegenheit haben werden. 4 239 Nicht leicht giebt es uͤber einen Gegenſtand eine ſo große Meinungsverſchiedenheit, wie uͤber den katholiſchen Ritus. Der einen Claſſe von Chriſten ſind dieſe Ceremonien nur eitle Mumme⸗ reien, erfunden um zu taͤuſchen, und gefeiert um ſchlechte Zwecke zu erreichen, waͤhrend ſie der an⸗ deren Claſſe als das Ideal einer wuͤrdevollen, er⸗ habenen und eindrucksvoilen Gottesverehrung gel⸗ ten. Wie gewoͤhnlich bei Extremen, liegt auch in dieſem Falle die Wahrheit in der Mitte. Der ei⸗ frige Katholik irrt, wenn er die Unfehlbarkeit aller Derjenigen, die am Altare dienen, behauptet, oder wenn er die unehrerbietige und nachlaͤſſige Art, womit oft die heiligſten gottesdienſtlichen Gebraͤuche verrich⸗ tet werden, uͤberſieht. Dagegen muß der Proteſtant, welcher die Kirche, worin der Gottesdienſt ſtreng nach der Vorſchrift abgehalten wurde, verlaͤßt, ohne ſich nicht zu geſtehen, daß eine tiefe und erhabene An⸗ dacht dem Ritus zum Grunde liegt, ſeine Bruſt gegen jedes Gefuͤhl, das zu Gunſten einer von ihm geaͤchteten Secte ſpricht, gepanzert haben. Wir gehoͤren zu keiner von beiden Claſſen, und werden daher die Dinge beſchreiben, ſo wie wir ſie geſehen haben, ohne darum, weil zufaͤllig unſere Vorfahren in die weſtliche Welt auswanderten, 240 und Altaͤre eines anderen Glaubens errichteten, irgend ein Gefuͤhl zu verheimlichen oder zu er⸗ heucheln. Das Innere der Abteikirche von Limburg war, wie ſchon angefuͤhrt worden, ſeiner Pracht wegen in ganz Deutſchland beruͤhmt. Das hochgewoͤlbte Dach wurde von vielen maſſiven Pfeilern getragen, und war mit bibliſchen Geſchichten von der Hand der beſten Meiſter uͤbermalt. Der Hochaltar war von Marmor, reich mit Achat ausgelegt, und, wie gewoͤhnlich, mit einem Bilde der heiligen Jung⸗ frau und dem goͤttlichen Kinde geſchmuͤckt. Ein reichvergoldetes Gitter von kunſtvoller Arbeit ſchloß alle Ungeweihten von dieſem Heiligthume aus, das jetzt mit Gefaͤßen von Gold und koͤſtlichen Steinen, des Hochamtes wegen, ausgeziert war. Die fun⸗ girenden Prieſter trugen reiche Meßgewaͤnde von Goldſtoff, waͤhrend die Miniſtranten, wie gewoͤhn⸗ lich, weiß gekleidet waren und eine ſcharlachrothe Schaͤrpe um hatten. um waͤhrend dieſer Scene voll Pracht und ausſtudirtem Glanz, wobei die edle Bauart und die Vorbereitungen zum Gottesdienſte zuſam⸗ men wirkten, den Geiſt fuͤr erhabene Betrachtun⸗ gen empfaͤnglich zu machen, erklang ploͤtzlich Orgel⸗ ton in d dem zu ei nicht verfe die f welch einzi deten griff peten ruhi die vorſe zu n Hoch wege gehal brau mit das! einze und Stell I. tten, er⸗ war, egen Albte gen, dand war wie ung⸗ Ein hloß das nen, fun⸗ von oͤhn⸗ dothe und zuart ſam⸗ ſtun⸗ rgel⸗ 241 ton und Moͤnchsgeſang, und drang markaufruͤttelnd in die Seele. Da die Moöoͤnche ihr ganzes Leben dem Kirchendienſt widmeten, ſo hatten ſie es darin zu einer ſolchen Vollkommenheit gebracht, daß auch nicht ein einziger Ton die beabſichtigte Wirkung verfehlte. Saiteninſtrumente jeder Art erhoͤhten die feierliche Melodie der kraͤftigen Maͤnnerſtimmen, welche verbunden mit den Blasinſtrumenten, einen einzigen, tiefen, großartigen, ernſten Lobgeſang bil⸗ deten. Graf Emich regte ſich auf ſeinem Sitze, griff nach dem Schwerte, gleich als hoͤre er Trom⸗ petengeſchmetter der Schlacht, dann traf ſein un⸗ ruhiger Blick den Abt, und er ſtuͤtzte das Kinn auf die eine Hand. Je mehr die heilige Handlung vorſchritt, deſto mehr ſchien der Eifer der Moͤnche zu wachſen, und man bemerkte ſpaͤter, daß das Hochamt zu Limburg, zu allen Zeiten der Muſik wegen beruͤhmt, doch nie ſo markdurchdringend ab⸗ gehalten wurde. Ein Strom von Stimmen er⸗ brauſte, und es gab Augenblicke, wo er, vereint mit den Toͤnen der Inſtrumente, donnernd wie das Weltmeer rollte. Da erhob ſich ploͤtzlich eine einzelne Stimme aus dieſem feierlichen Gebrauſe, und bei ihrem ernſten Ton ſchwieg daſſelbe zur Stelle. Es war, wie geſagt, eine einzelne Stimme, I. 16 242 worin aber die Toͤne weiblicher und maͤnnlicher Kehle auf eine faſt uͤbernatuͤrliche Weiſe verſchmol⸗ zen waren, wie es denn auch in der That ein Contreait von wunderbarem Umfang und ſeltener Lieblichkeit war. Graf Emich fuhr empor, denn als dieſe himmliſchen Klaͤnge zuerſt ſein Ohr tra⸗ fen, ſchienen ſie im Gewoͤlbe des Chores uͤber ihm zu ſchweben; auch vermochte er, da der Saͤnger unſichtbar war, ſo lange das Solo waͤhrte, kaum von der erſten Taͤuſchung zuruͤck zu kommen. Er ließ ſein Schwert los, und blickte zum erſten Male an dieſem Morgen mit menſchlicher Milde um ſich. Bertholds Lippen oͤffneten ſich zur Bewunderung; in demſelben Momente begegnete ſein Auge dem blauen Meta's, und eine Welt zarter Gefuͤhle lag in dieſem ruhigen und geheimnißvollen Wechſel der Blicke. Inzwiſchen waͤhrte der Geſang fort. Endlich ſchwieg die Stimme, welche die Zuhoͤrer in ſo lebhafte Ruͤhrung verſetzt hatte, und ein vol⸗ ler Chor ſchloß die Hymne. Der Graf von Leiningen athmete ſo tief auf, daß ſelbſt Bonifacius aufmerkſam wurde. Auch des Letzteren Antlitz nahm einen milderen Aus⸗ druck an, und wie bei dem jugendlichen Paare, ſchien der Geiſt der Eintracht uͤber das Gemuͤth 243 der beiden ſtolzen Gegner zu kommen. Nun be⸗ gann aber das Rituale der Meſſe. Die haſtige Weiſe des Officianten, wodurch die Ceremonien ihre weihevolle Bedeutung verloren, und die Ge⸗ bete in einer fremden Sprache, vereinigten ſich, um die von der Muſik hervorgebrachte Wirkung zu ſchwaͤchen. Der Gottesdienſt verlor den Charakter der Begeiſterung, indem er jenen des Geſchaͤftes annahm, und wirkte daher weder auf die Phan⸗ taſie noch auf das Gefuͤhl, noch auf den Verſtand. Emich von Hartenburgs Antlitz nahm allmaͤh⸗ lig wieder den vorigen finſteren Ausdruck an, und die Wirkung, welche er kurz zuvor verſpuͤrt hatte, ging in der kalten Gleichguͤltigkeit gegen Worte, welche er nicht begriff, verloren. Selbſt der junge Berthold ſuchte das Auge Meta's mit minderer Innigkeit, und der Rhodiſerritter und Monſieur Latouche blickten gleichzeitig auf die Menge, die außerhalb des Gitters des Chors verſammelt war. So begann und endete der Gottesdienſt. Es kam noch eine Hymne, nech eine muſikaliſche Aus⸗ fuͤhrung, aber ſie brachte eine geringere Wirkung hervor, als die erſte, weil die Zuhoͤrer nicht mehr uͤberraſcht wurden. An einer Saͤule im Mittelpuncte der Kirche 16*† 244 erhob ſich die Kanzel. Ein Moͤnch verließ nach beendigter Meſſe ſeinen Chorſtand, ſchritt durch die Menge, und ſtieg die Stufen der Kanzel empor, um zu predigen. Seine niedrige, ruͤckwaͤrts gebo⸗ gene Stirne, das ruhige, aber ſtiere Auge, und die Unbeweglichkeit der Geſichtszuͤge, wuͤrde einen Phy⸗ ſiognomen in ihm ſogleich den Enthuſiaſten haben erkennen laſſen. Sprache und Anſichten des Pre⸗ digers ſtraften die Erwartung, die ſein Aeußeres erregte, keineswegs Luͤgen. Er malte mit feurigen Worten die Gefahren des Suͤnders, ſchraͤnkte die Hoffnung auf ewige Seligkeit in enge, metaphy⸗ ſiſche Grenzen ein, und berief ſich haͤufig auf die Furcht und andere unedle Gefuͤhle der Zuhoͤrer. Waͤhrend die groͤßte Anzahl derſelben mit ſtumpfer Gleichguͤltigkeit zuhoͤrte, und die Monumente und die uͤbrige Ausſchmuͤckung des Tempels betrachtete, ſammelte ſich eine kleine Schaar verwandter Gei⸗ ſter um die Saͤule unter dem Predigtſtuhl, und ſympathiſirte tief mit dem Gemaͤlde, das der Pre⸗ diger von ewigem Schmerz und endloſer Pein entwarf. Die ſtrenge, zuͤrnende, vorwurfsvolle Rede des Vater Johann war bald zu Ende, und ſo wie er nach dem Chore zuruͤckſchritt, erhob ſich der Abt, nach ch die mpor, gebo⸗ nd die Phy⸗ haben Pre⸗ ßeres rrigen te die aphy⸗ af die hoͤrer. mpfer e und chhtete, Gei⸗ und Pre⸗ Pein de des vie er Abt, 245 und zog mit den meiſten Moͤnchen in den Kreuz⸗ gang zuruͤck. Aber weder der Graf von Harten⸗ burg, noch irgend Jemand aus ſeinem Gefolge, ſchien Willens zu ſein, die Kirche ſo bald zu ver⸗ laſſen. Eine allgemeine Erwartung herrſchte, ſo daß auch der groͤßte Theil des Volkes in der Kirche zuruͤckblieb. Ein Moͤnch, gegen welchen ſich die Blicke der Meiſten ſehnſuͤchtig richteten, gab dem allgemeinen ruͤhrenden Verlangen nach, verließ ſeinen Chorſtuhl, einen hohen Ehrenplatz, und be⸗ ſtieg die Kanzel, welche Vater Johann ſo eben ver⸗ laſſen hatte. Kaum hatte er ſich erhoben, ſo fluͤſterte das Volk den Namen des Vaters Arnulph, des Priors oder unmittelbaren geiſtlichen Vorſtehers des Klo⸗ ſters. Emich erhob ſich, und nahm in Begleitung ſeiner Freunde einen Platz unter der Kanzel ein, waͤhrend die dichte Schaar, welche mit erhobenem Antlitz das Mittelſchiff ausfuͤllte, von der tiefen Theilnahme der Verſammlung zeigte. Es lag Et⸗ was in den Zuͤgen Vater Arnulphs, was dieſen Beweis der Sympathie rechtfertigte. Sein Antlitz war milde, die Stirne glatt und friedlich, und alle Zuͤge trugen den Charakter des menſchenfreundlich⸗ ſten Wohlwollens. Hiezu kamen unverkennbare 4 246 Spuren eines ſtrengen Wandels, tiefen Denkens und freudiger Hoffnung. Seine Predigt ſtand in vollem Einklange mit ſeinem Aeußern. Seine Lehre, wie die des goͤtt⸗ lichen Stifters der Religion, welcher er diente, war voll Milde und Liebe. Zwar ſprach auch er von den Schrecken des juͤngſten Gerichtes, aber mehr in Trauer, als mit Drohung; am glaͤnzendſten und eindringlichſten jedoch zeigte ſich ſeine Beredſamkeit, wenn er die beſeligenden Wirkungen frommer Glaubensinnigkeit ſchilderte. Emichs geheime Ab⸗ ſichten waren abermals erſchuͤttert, und ſein finſteres Antlitz nahm noch einmal den Charakter der Milde und Theilnahme an. Der Blick des Pre⸗ digers haftete auf dem unbeugſamen Baron, und ohne eine auffallende Aenderung ſeiner Manier, fuhr er, wie von einem natuͤrlichen Gedankenzuge getrieben, fort:»So iſt die Kirche in ihrer Reinheit beſchaffen, meine Zuhoͤrer, wie auch im⸗ mer die Irrthuͤmer, Leidenſchaften und Abſichten der Menſchen ſie verderben. Der Glaube, den ich predige, iſt das Werk Gottes und traͤgt das Ge⸗ praͤge ſeines heiligen Weſens. Wer die Suͤnde der irrigen Anwendung deſſelben auf etwas Ande⸗ res als die irrenden Menſchen ſchieben wollte, wuͤ nen mit ſein ver ſin akens e mit goͤtt⸗ „war r von mehr n und mkeit, mmer ſe Ab⸗ iſteres r der Pre⸗ , und anier, enzuge ihrer ch im⸗ ſichten den ich s Ge⸗ Suͤnde Ande⸗ wollte, 247 wuͤrde ſeinen Haß gegen Das richten, was zu ſei⸗ nem eigenen Heile eingeſetzt worden iſt, und wer mit dem Umſturz ſeiner Altaͤre umgeht, der erhebt ſeine Hand gegen die Vorſicht ſelbſt.« Nachdem Emich von Hartenburg dieſe Worte vernommen hatte, wandte er ſich weg, und ſchritt ſinnend die Kirche entlang. Neuntes Capitel. Die Abtei von Limburg verdankte ihr Daſein und ihren Reichthum vorzuͤglich der Gunſt eines deutſcher Kaiſers. Zu Ehren deſſelben war ein eigener Altar und ein prachtvolles Grabmal errichtet worden. Aehnliche Ehren waren den Grafen von Leiningen und andern edlen Geſchlechtern der Nach⸗ barſchaft erwieſen worden. Dieſe verſchiedenen Altaͤre waren von ſchwarzem Marmor, gehoben durch Verzierung von weißem Geſtein; und die Grabmaͤler prangten mit den Wappen der Ge⸗ ſchlechter, fuͤr die ſie errichtet worden waren. Sie ſtanden abſeits von jenen in der Hauptkirche, in 248 //Q-—·····¶·¶¶¶¶¶¶q¶q einer Art von Gruft oder unterirdiſchen Kapelle un⸗ ter dem Chor. Hieher lenkte Graf Emich ſeine Schritte, nachdem er die Saͤule verlaſſen, gegen welche er ſich gelehnt hatte, waͤhrend er der Pre⸗ digt des Vater Arnulph zuhoͤrte. Das Licht in der Kirche ſelbſt hatte jenen ſanf⸗ ten, melancholiſchen, den gothiſchen Kirchen ſo ei⸗ genthuͤmlichen Charakter. Es drang durch hohe, enge Fenſter mit gemalten Glasſcheiben, und gab Allem eine Faͤrbung, die man ohne große Anſtren⸗ gung der Phantaſie mit der heiligen Beſtimmung des Platzes in Verbindung ſetzen konnte. Die Tie⸗ fe und Abgeſchiedenheit der Kapelle trug dazu bei, das Licht, welches in die Gruft fiel, noch duͤſterer und feierlicher zu machen. Als der Graf eintrat, fuͤhlte er tief den Einfluß des ernſten Halbdunkels, denn nur Wenige ſtiegen in die feierliche und ge⸗ weihte Gruft, ohne jene religioͤſe Ehrfurcht zu em⸗ pfinden, welche Alles ringsum einfloͤßte. Emich be⸗ kreuzte ſich, und als er ſich dem Altare naͤherte, der ſeinem Geſchlechte errichtet war, ſank er vor dem milden Frauenbilde, das die Mutter Chriſti vorſtell⸗ te, in die Knie. Er glaubte allein zu ſein, und betete; denn obſchon Emich von Leiningen ein Mann war, der vor den gaffenden Blicken der haſt raſc uͤbe ich Ehr Sch paſſ keit reich 249 Menſchen nur ſelten geheime Zwieſprache mit Gott hielt, ſo trug er doch im Herzen eine tiefe Ehr⸗ furcht gegen das hoͤchſte Weſen. Waͤhrend er auf⸗ ſtand, regte es ſich neben ihm, und er ſah ſich um. »Ha!— Du hier, Herr Prior?« rief er aus, indem er ſein Erſtaunen ſo ſehr unterdruͤckte, als es ſeine augenblickliche Faſſung nur immer geſtatte⸗ te,»Du biſt ſchnell in Deinem Wege vom Chor⸗ ſtuhle zur Kanzel, und von der Kanzel zur Gruft noch ſchneller!« „Wir, die wir das Geluͤbde der kloͤſterlichen An⸗ dacht abgelegt haben, muͤſſen viele Plaͤtze beſuchen. Du knieteſt vor dem Altare Deines Geſchlechts, Emich!« „»Beim heiligen Benedict, Deinem Patron! Du haſt mich wirklich in einer Handlung der Art uͤber⸗ raſcht, hochwuͤrdiger Vater. Eine Schwaͤche kam uͤber mich, als ich dieſen duͤſteren Ort betrat, und ich wollte den Geiſtern meiner Vorfahren meine Ehrfurcht beweiſen.⸗ »Nennſt Du das Beduͤrfniß zu beten eine Schwaͤche? An welchem Altare konnteſt Du es paſſender thun, als an jenem, den die Froͤmmig⸗ keit Deiner Stammverwandten errichtet und be⸗ reichert hat: und in welcher beſſeren Gemuͤthsſtim⸗ 25⁰ mung konnteſt Du ſein, um Dein Gewiſſen zu er⸗ forſchen, und goͤttliche Huͤlfe in Anſpruch zu neh⸗ men, als in jener, welche Du eben geſchildert haſt?« »Herr Prior, Du uͤberſchaͤtzeſt den Zweck mei⸗ nes Beſuches. Ich bin hergekommen, um dem Hochamte beizuwohnen, nicht aber, um zu beichten und das Abendmahl zu genießen.« »Es iſt lange her, daß Du der Wohlthat die⸗ ſer heiligen Sacramente nicht theilhaftig geworden biſt.« »Du haſt Deine Pflicht ſtets redlich erfuͤllt, Va⸗ ter, und ich zweifle nicht im Mindeſten, daß die Buͤrger von Duͤrkheim und ihre Weiber Dich in ihren Geſpraͤchen aͤußerſt ruͤhmen werden. Dein Ruf als Prediger iſt jetzt nichts weniger als gering, und Deine heutige Rede wuͤrde Dir ohne Zweifel ein Bisthum einbringen, wenn die Frauen in un⸗ ſerem Thale einen Einfluß auf den roͤmiſchen Hof haͤtten. Wie befindet ſich der hochwuͤrdigſte Abt dieſen Morgen, und wie jene beiden Saͤulen Eures Kloſters, die Vaͤter Siegfried und Cuno?« »Du haſt ſie waͤhrend des Hochamtes an ihren Plaͤtzen geſehen.« »Beim Himmel! Es ſind wackere Geſellen! Glaube mir, in unſerer ganzen heiteren Pfalz giebt u er⸗ neh⸗ aſt?2« mei⸗ dem chten die⸗ örden „Va⸗ 3 die ch in Dein ring, veifel un⸗ Hof Abt kures ihren llen! 251 es keine trefflicheren Geſellſchafter, noch Maͤnner, welche ich beſſer nach ihren Verdienſten zu ſchaͤtzen wuͤßte! Hoͤrteſt Du von ihrem Beſuche auf der Hartenburg, und von ihren irdiſchen Heldenthaten, ehrwuͤrdiger Prior?« »Deine Gemuͤthsſtimmung hat ſich ſchnell ge⸗ aͤndert, Herr Graf, und ich bedauere, daß dies der Fall iſt. Ich bin nicht hieher gekommen, um von den Ausſchweifungen in Deiner Burg, und von der Schwaͤche Derjenigen zu hoͤren, welche, obſchon fuͤr beſſere Dinge beeidet, verrathen haben, daß ſie bloße Menſchen ſind.« »Ja, und ſo wackere Menſchen, als es nur ir⸗ gend im deutſchen Reiche giebt. Ich halte auf mei⸗ nen guten Namen ſo ſehr als jeder Andere, ſonſt wuͤrde ich Dir die Zahl der Tonnen nennen, von denen mir mein Kellermeiſter erzaͤhlt hat, daß ſie eben ſo vielen Kriegern gleichen, die in der Schlacht beim erſten Zuſammentreffen gefallen ſind.« »Dieſer Hang zum Weine iſt der Fluch dieſes Landes und unſerer Zeiten. Ich wollte, daß kein Tropfen von dieſer verraͤtheriſchen Fluͤſſigkeit mehr durch die Thore von Limburg kaͤme.« »Gottes Gerechtigkeit! ehrwuͤrdiger Prior; Du wirſt in der Zukunft eine Abnahme merken, wuͤr⸗ 252 digſter Arnulph!« erwiederte Emich lachend,»denn die ſtreitigen Weingaͤrten haben endlich einen einzigen, und obſchon Du als mein Beicht⸗ vater mein Inneres kennſt, einen wuͤrdigen Herrn gefunden. Ich ſchwoͤre es Dir bei meinem Ritter⸗ worte, daß nicht eine Flaſche des Weines, den Du ſo ſehr verdammſt, je Deinem Geſchmack Gewalt anthun ſoll.« Der Graf blickte den Moͤnch triumphirend und in der Erwartung an, daß derſelbe trotz ſeines Lo⸗ bes der Maͤßigkeit, Zeichen des Aergers uͤber die Nachricht des Verluſtes, den die Abtei erlitten hatte, wuͤrde merken laſſen. Allein Vater Arnulph war, was er ſchien, ein durchaus frommer, den weltlichen Intereſſen fremder Mann. »„Ich verſtehe Dich, Emich«, ſagte er milde, aber unbewegt.»Dieſes Aergerniß fehlte, um un⸗ ſerer ehrwuͤrdigen und heiligen Kirche die Schmach der uͤblen Nachrede in einem Zeitpunct, wo Gottes unerforſchlicher Rathſchluß ihren Feinden geſtattet, offen gegen ſie Sturm zu laufen zu bereiten.« Das ſprichſt Du recht, Moͤnch, und um Dir die Wahrheit zu geſtehen, jener Burſche aus Sach⸗ ſen, und ſeine Anhaͤnger, welche weder an Zahl noch an Kraft gering ſind, beginnen auch in dieſem denn einen eicht⸗ Herrn itter⸗ Du walt und 3 Lo⸗ r die datte, war, ichen nilde, un⸗ mach ottes attet, Dir Sach⸗ Zahl eſem . 253 Lande Zweifel und Ungehorſam zu erregen. Du mußt dieſen Bruder Luther bitter haſſen, Vater.«⸗ Zm erſten Mal an dieſem Tage verlor das Ant⸗ litz des Priors einigermaßen ſeinen milden Aus⸗ druck. Aber die Veraͤnderung war fuͤr einen ge⸗ woͤhnlichen Beobachter ſo unmerklich, daß ſie dem Forſchblicke des Grafen entging. Schnell bemei⸗ ſterte der Prior, gewohnt wie er war, ſeine Leiden⸗ ſchaften zu beherrſchen, dieſes Gefuͤhl menſchüicher Schwaͤche. »Der Name dieſes Abtruͤnnigen hat mich ſehr ergriffen«, erwiederte der Prior, indem er traurig bei dem Bewußtſein ſeiner Schwaͤche laͤchelte.»Ich hoffe, es war kein Gefuͤhl perſoͤnlichen Haſſes da⸗ bei im Spiele. Er ſteht am Rande eines furcht⸗ baren Abgrundes, und aus meinem tiefſten Herzen bete ich, daß nicht nur er, ſondern auch Alle, die ihm auf der gefaͤhrlichen Bahn folgen, ſich von derſelben zuruͤckziehen moͤgen, ehe es fuͤr ihr See⸗ lenheil zu ſpaͤt iſt.« »Vater, Deinen Worten nach ſprichſt Du wie Jemand, der dem Sachſen eher Gutes als Boͤſes wuͤnſcht. ⸗ „Meine Worte ſtimmen mit meinen Gedanken uͤberein.⸗ 254 „Da vergißt Du der verdammenswerthen Ketze⸗ reien, die er predigt, und des Beweggrundes, der ihn dazu trieb. Ein Menſch, der Leib und Seele wegen einer ſuͤndhaften Nonne verkaufen kann, hat wenig Anſpruch auf Deine Liebe!« Eine leichte Roͤthe uͤberflog das Antlitz des Va⸗ ter Arnulph. »Man hat ihm dieſe niedrige Leidenſchaft zu⸗ geſchrieben«, antwortete er,»und hat zu beweiſen verſucht, daß der Wunſch, die Freuden dieſer Welt zu genießen, ſeiner Auflehnung gegen die Kirche zum Grunde liegt; ich aber glaube es nicht, und ſage es nicht.« »Bei dem allwahren Gotte, Du biſt Deines heiligen Amtes wuͤrdig, Herr Prior, und ich ehre Deine Maäßigung. Gaͤbe es hier mehr Deines Glei⸗ chen, ſo wuͤrden wir eine beſſere Nachbarſchaft und weniger Einmengung in fremde Angelegenheiten haben. Uebrigens ſehe ich die Nothwendigkeit nicht ein, eine Nonne oͤffentlich zu heirathen, denn man kann auch unter einer Kapuze die Freuden des Le⸗ bens ſehr wohl genießen.⸗ Der Noͤnch antwortete nicht, denn er ſah ein, daß er es mit einem Manne zu thun habe, der nicht im Stande war, ſeinen Charakter zu begreifen. Va⸗ t zu⸗ beiſen Welt dirche und eines ehre Glei⸗ und heiten nicht man s Le⸗ h ein, , der eifen. 255 „Wir wollen davon nicht weiter ſprechen«, ſagte er nach einer kurzen und ſchmerzlichen Pauſe,»ſon⸗ dern lieber Dein eigenes Heil beruͤckſichtigen. Man ſagt, Graf Emich, daß Du auf Unheil gegen die⸗ ſes heilige Gebaͤude ſinneſt; daß Ehrgeiz und Hab⸗ ſucht Dich verleiteten, uͤber den Fall unſerer Abtei zu bruͤten, auf daß Niemand zwiſchen Deinem Gra⸗ fenſtuhle und den Throne des Kurfuͤrſten ſtehe.« »„Du biſt geneigter von Deinem naͤchſten Nach⸗ bar ſchlimm zu denken, als von dieſem Luther, dem toͤbtlichſten Feinde der Kirche,— ſo ſcheint es we⸗ nigſtens, Herr Prior! Was haſt Du in mir ge⸗ ſehen, das einen Mann Deiner Milde auffordern kann, eine ſolche Beſchuldigung zu wagen?«⸗ Ich wagte nur das zu ſagen, was Alle in un⸗ ſerem Kloſter denken und fuͤrchten. Haſt Du dieſe kirchenraͤuberiſche Unternehmung und ihre Folgen wohl uͤberlegt, Emich? Erinnerſt Du Dich der Ge⸗ genſtaͤnde, denen zu Ehren dieſe Altaͤre errichtet worden ſind, und der Hand, welche den Grundſtein zu dem Gebaͤude gelegt hat, das Du auf eine ſo ruchloſe Weiſe zerſtoͤren willſt?« „Sieh, guter Vater Arnulph, es giebt zwei Ar⸗ ten, die Erbauung Deines Kloſters und dieſer Kirche, in welcher wir ſtehen, zu betrachten. Es I. 17 256 geht die Sage, daß die Maurerkelle des Erzfeindes ſelbſt dabei thaͤtig war.« »Du ſtammſt aus zu hohem Stamme, biſt von zu edlem Blute, und haſt einen zu reifen Verſtand, um ein ſolches Maͤhrchen zu glauben.« „»Es giebt Puncte, in welche ich keine zu tiefe Einſicht beſitze. Ich bin kein Gelehrter aus Prag oder Wittenberg, daß Du mir ſolche Fragen vor⸗ legſt. Es iſt ſchoͤn, daß das Kloſter bei Zeiten dieſer Anſchuldigung gedacht hat, um die Frage endlich gegen oder fuͤr daſſelbe zu entſcheiden, wenn die ge⸗ lehrten, hohen Vaͤter der Kirche ſich zu Conſtanz auf einem allgemeinen und ernſten Concilium ver⸗ ſammeln werden.« Vater Arnulph betrachtete Emich mit ernſter Betruͤbniß. Er kannte die beklagenswerthe Unwiſ⸗ ſenheit und den daraus folgenden Aberglauben ſeiner Zeit, in welchen ſelbſt die maͤchtigſten Großen ver⸗ ſtrickt waren, zu wohl, um irgend ein Erſtaunen zu zeigen; aber eben ſowohl kannte er die Macht, die dem Andern zu Gebote ſtand, um nicht die Ue⸗ bel voraus zu ſehen, welche in einer ſolchen Ver⸗ einigung von Staͤrke und Unwiſſenheit lagen. Es war jedoch nicht ſeine Abſicht, Meinungen zu be⸗ kaͤmpfen, die nur die Zeit ſtuͤrzen konnte, wenn es anders moͤglich iſt, tief in das Herz gewurzelte Vor⸗ urtheile wieder auszurotten. Er verfolgte vielmehr ſeine unmittelbare Abſicht, und vermied eine Eroͤr⸗ terung, welche, ſo wie die Sachen ſtanden, in jedem Fall ſchlimmer als nutzlos geweſen waͤre. »Daß die Hand des Boͤſen ſich mehr oder we⸗ niger in alle menſchlichen Dinge mengt, mag wahr we⸗ wahr ſein,« fuhr er fort, indem er ſich in Acht nahm, durch ſeinen Blick weder den Stolz, noch die Hart⸗. naͤckigkeit des Grafen zu wecken,»wenn aber Al⸗ taͤre errichtet worden ſind, wenn die Verehrung des allerhoͤſten Weſens auf denſelben ſeit Jahrhunderten Statt fand, ſo hat man Grund, zu hoffen, daß ſein heiliger Geiſt in Majeſtaͤt und Liebe dieſen heiligen Schrein umſchwebt. Das war der Fall mit Limburg geweſen, und zweifle nicht, Graf Emich, wir ſtehen hier in der unmittelbaren Ge⸗ genwart des Schoͤpfers Himmels und der Erde, welcher unſer Leben lenkt, und uns nach dem Tode richten wird.⸗ »Gott ſtehe uns bei, Herr Prior! Du haſt heute bereits auf der Kanzel Dein Amt ſo wohl verwaltet, daß ich keinen Grund einſehe, warum Du eine Verrichtung, deren Du Dich ſchon ein⸗ mal ſo trefflich entledigt haſt, noch einmal uͤber⸗ nehmen ſollteſt. Ich liebe es nicht, gleichſam un⸗ angemeldet in die Gegenwart eines ſo maͤchti⸗ gen Weſens, wie das, welches Du eben ge⸗ nannt haſt, eingefuͤhrt zu werden. Und wenn es bloß der Kurfuͤrſt Friedrich waͤke, ſo wuͤrde Emich von Leiningen es nicht wagen, vor ihm zu erſchei⸗ nen, ohne zuvor zu uͤberlegen, ob es auch ſchick⸗ lich iſt.« »Vor den Augen des Weſens, von dem ich ſpreche, ſchwinden Kaiſer und Kurfuͤrſten. Es liebt die Demuͤthigen, die Sanftmuͤthigen, die Gerech⸗ ten, und ſtraft Die, welche ſeiner Macht Hohn ſprechen. Du haſt eines Fuͤrſten Erwaͤhnung ge⸗ than, und ich will in dieſer Beziehung eine den 258 Begriffen Deines Standes angemeſſene Frage an Dich richten. Du biſt fuͤrwahr Emich von Leinin⸗ gen, ein edler Name in der Pfalz, deſſen Anſehen in dieſer Gegend ſeit Jahrhunderten wohl begruͤn⸗ det iſt. Dennoch biſt Du, was weltliche Herr⸗ ſchaft betrifft, ſelbſt in dieſem Deinen Vaterlande bloß der Zweite oder Dritte. Der Kurfuͤrſt und der Kaiſer ſtehen uͤber Dir, und jeder von ihnen iſt ſtark genug, um Dich und Deine Burg zu ver⸗ nichten.“« „»Was den Letzten betrifft, ſo will ich, ehrwuͤr⸗ diger Prior«, fiel der Graf in die Rede,»ihm, wenn Du es willſt, ſogar die Mittel dazu geben; anbelangend aber den Erſten, ſo moͤge er zuerſt zuſehen, wie er mit ſeinen eigenen Feinden fertig wird, bevor er dieſen Sieg erficht!« Vater Arnulph verſtand die Anſpielung ſehr wohl, denn es war kein Geheimniß, daß Friedrich gerade zu dieſer Zeit von ſeinen Feinden ſo ge⸗ draͤngt wurde, daß er nur mehr auf einem wan⸗ kenden Throne ſaß. Dieſer Umſtand beguͤnſtigte den alten Plan des Grafen von Hartenburg, ſich eines Kloſters zu entledigen, das ſeine Abſichten durchkreuzte und ſeine Macht im Lande ſchmaͤlerte. »Wir wollen alſo den Kurfuͤrſten bei Seite laſſen und bloß von dem Kaiſer ſprechen«, erwie⸗ derte der Prior.»Du glaubſt ihn in ſeinem Pa⸗ laſte, fern von dieſem Lande, und allerdings hat er jetzt keine ſichtbare Macht hier, um Deine rebel⸗ liſche Hand in Schranken zu halten. Wir wollen aber den Fall ſetzen, daß eine Gemeinde, die er beſchuͤtzt, nein, die er liebt, Deinen habſuͤchtigen 259 Plaͤnen im Wege ſteht, und daß der Verſucher Dir in das Ohr raunte, Dich ihrer zu entledigen und ſie mit gewaffneter Hand zu ſtuͤrzen. Waͤreſt Du ſchwach genug, Emich, auf einen ſolchen Rath zu hoͤren, Du, der Du weißt, daß der Arm Karls lang genug iſt, um von ſeinem fernen Madrid in den entlegenſten Winkel Deutſchlands zu reichen, und daß ſeine Rache eben ſo ſicher als furchtbar ſein wuͤrde?« »Das waͤre ein verwegener Krieg, Herr Prior, von einem Leiningen gegen Karl V. Meiner eige⸗ nen Wahl uͤberlaſſen, hochwuͤrdiger Moͤnch, wuͤrde ich doch lieber einen anderen Feind waͤhlen.⸗ »Und doch willſt Du gegen Einen, der maͤch⸗ tiger iſt als Er, Krieg fuͤhren. Du willſt Deinen ohnmaͤchtigen Arm, Deinen frevelhaften Willen gegen Gott erheben! Du willſt ſeine Verheißun⸗ gen verachten, ſeine Altaͤre entweihen, wilsſt die Stiftshuͤtte ſtuͤrzen, die er ſelbſt errichtet; hat! Glaubſt Du, daß ſeine Allmacht einen ohnmaͤchti⸗ gen Zeugen abgeben, oder daß er in ſeiner ewigen Weisheit vergeſſen werde, Dich zu beſtrafen?« „»Beim heiligen Paul, Du legſt die Dinge zu Deinem Vortheil aus, Vater Arnulph; denn bis jetzt iſt es noch nichts weniger als bewieſen, daß die Abtei Limburg einen ſolchen Urſprung hat, oder daß, wenn ſie ihn haͤtte, ſſie nicht durch die Ausſchweifungen ihrer Beſitzer in Ungunſt gera⸗ then iſt. Es waͤre gut, nach dem hochwuͤrdigſten Abt und nach jenen Saͤulen des Heiligthums, Vater Siegfried und Vater Cuno, zu ſenden, um zu Deinem Gunſten ein Zeugniß abzulegen. Bei Gottes ewiger Weisheit! mit dieſen Trefflichen weiß ich beſſer zu ſtreiten, als mit Dir!« Emich lachte, und der Schall ſeines Gelaͤchters, das in der gewoͤlbten Capelle wiederhallte, droͤhnte in den Ohren des Moͤnchs, wie der Hohn eines boͤſen Geiſtes. Dennoch ſagte dem Moͤnch ſein Billigkeitsgefuͤhl, daß großer Anlaß vorhanden ſei, den Hohn des Grafen zu entſchuldigen, denn laͤngſt hatte er oft und bitter die Verworfenheit mancher ſeiner Bruͤder beweint. »Ich bin nicht hier, um Gericht uͤber Suͤnder zu halten, ſondern um die Altaͤre zu vertheidigen, vor denen ich bete, und Dich gegen eine ſchwere Suͤnde zu warnen. Wenn Du Deine Hand je ge⸗ gen dieſe Mauern erhebſt, ſo erhebſt Du ſie gegen Etwas, das Gott geſegnet hat, und das er raͤchen wird! Aber Du haſt ein menſchliches Gefuͤhl, Emich von Hartenburg, und wie wenig Du auch an den geweihten Charakter deſſen glaubſt, das Du zerſtoͤ⸗ ren willſt, ſo kannſt Du Dich doch nicht in Betreff dieſer Graͤber taͤuſchen. An dieſer heiligen Staͤtte, ſind gar oft Gebete verrichtet, und Meſſen fuͤr Deine Vorfahren und Stammverwandten geleſen worden!« Der Graf von Leiningen blickte dem Prior ernſt in das Antlitz. Vater Arnulph ſtand, ohne Abſicht, in der Naͤhe der Oeffnung, welche aus die⸗ ſem duͤſteren Gewoͤlbe in die obere Kirche fuͤhrte. Die Strahlen der Sonne ſchoſſen durch das öſtliche Fenſter, fielen auf das Pflaſter zu ſeinen Fuͤßen, und umleuchteten ihn mit jenem milden und feier⸗ lichen Schein, welcher die Wirkung des bemalten — chen ers, onte ines ſein ſei⸗ eenn heit nder gen, vere ge⸗ egen chen nich den rſtoͤ⸗ treff aͤtte, fuͤr eeſen drior ohne die⸗ hrte. liche ßen, ſeier⸗ alten — 261 Glaſes der gothiſchen Kirchenfenſter war. Auch hatte der Gottesdienſt des Morgens durch das gan⸗ ze Gebaͤude jenen beguͤtigenden Hauch verbreitet, der gewoͤhnlich der Begleiter des katholiſchen Ritus iſt. Der Weihrauch war in die Gruft gedrungen, und ſeiner ſelbſt unbewußt, fuͤhlte der edle Graf deſſen, die Nerven beſaͤnftigenden und die Leiden⸗ ſchaften beruhigenden Einfluß. Alle, welche je die Baſilica des neueren Rom betreten haben, waren noch dem Einfluß der Vereinigung moraliſcher und phyſiſcher Urſachen unterworfen, welcher, obſchon gewaltiger in jenem ungeheuren und glorreichen Bau, der einer Welt voll Eigenthuͤmlichkeit gleicht, und eine beſondere Atmoſphaͤre zu haben ſcheint, doch auch in jeder anderen katholiſchen Kirche in ei⸗ nem geringeren Grade gefuͤhlt wird. »Hier ruhen meine Vaͤter, Arnulph«, antwor⸗ tete der Graf betreten, und hier ſind, wie Du ſagſt, Meſſen fuͤr ihre Seelen geleſen worden!« »Und Du verachteſt ihre Graͤber,— Du willſt ſelbſt ihren Gebeinen Gewalt anthun?« »Das waͤre keine That eines Chriſten!« »Sieh hieher Graf. Dies iſt das Grabmal des Sguten Emich, Deines Ahnherrn. Er ehrte Gott, und betete, frei von Zweifel, an ihren Altaͤren.⸗ »Du weißt, hochwuͤrdiger Prior, daß ich oft zu Deinen Fuͤßen meine Seele ausgeſchuͤttet habe—« »Du haſt gebeichtet, haſt das Abendmahl ge⸗ noſſen⸗— »Sprich lieber, die ewige Verdammniß—« unterbrach ihn eine Stimme, die ploͤtzlich aus der Gruft ertoͤnte, und aus den Graͤbern ſelbſt zu 262 kommen ſchien—»Du ſpielſt mit unſerer heiligen Sendung, ehrwuͤrdiger Prior, indem Du mit einem ſo verſtockten Suͤnder ſo milde biſt!« Der Graf von Leiningen fuhr bei dieſer Unter⸗ brechung zuſammen, ja bebte ſogar; als er ſich je⸗ doch umſah, erblickte er die ruͤckwaͤrts gebogene Stirne, das eingeſunkene Auge und die gekruͤmmte 8 Perſon des Vater Johann.— „Moͤnche, ich verlaſſe Euch«, ſagte Emich mit Feſtigkeit.»Euch mag es geziemen, zu beten und dieſe duͤſteren Altaͤre zu beſuchen. Ich aber, der ich ein Kriegsmann bin, habe keine Zeit in Euren Gruͤften zu verſchwenden. Herr Prior, lebe wohl. Du haſt einen Waͤchter, der die Guten beſchirmen wird.⸗ Bevor der Prior noch zu Worte kommen ½ eonnte, denn auch er war uͤberraſcht worden, ſchritt 4 der Graf die Marmorſtufen empor, droͤhnte der ſchwere Tritt ſeiner in Eiſen gekleideten Fuͤße auf dem Pflaſter oben.. Ende des erſten Theils. 4 1111il!