722 Leihbibliothek 8 deautſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 von 4. Eduard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Deih- und Ceſebedingungen. ſſß 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ e den angenommen.—. 3. AAaſun. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahm e ſ. eines Buches, eine dem Werthe deſeben entſprechende Summe l hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ſſo wird. 4 8 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für aoöcheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„ 2„—„„=„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene und defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 8 5 auf 14 Ta 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ———— J. F. Cooper's Amerikaniſche Romane, neu aus dem Engliſchen übertragen. Fünfundzwanzigſter Band. Der Kettenträger. Mit Stahlſtich. 1 Zweite Auflage. Stuttgart. Hoffmann’'ſche Verlags⸗Buchhandlung. 1853. Der Kettenträger, die Handſchriften der Familie Littlepage. Von J. F. Cooper. Aus dem Engliſchen. O, ſteh'n wir ab vom eiteln Streben! Laßt altes Recht ſich neu beleben! Beſtät'gend früh'rer Zeiten Mähren, Mög' alte Einfalt wiederkehren! Collins. Zweite Auflage. Ftuttgart. Hoffmann’ſche Verlags⸗Buchhandlung. 1853. ten, ten gem und ſcho zu einz gerk weſe Aus iſt u rühn des recht ernſte läßt wird, Grün kein treu lieren ( der p fortw Und nen g die H Der Vorrede. Der Knoten hat ſich verwickelt in den wenigen kurzen Mona⸗ ten, welche ſeit der Erſcheinung des erſten Theils unſerer Handſchrif⸗ ten verfloſſen ſind, und Blutvergießen hat den Fleck noch dunkler gemacht, der auf unſerm Lande in Folge der weiten Verbreitung und kecken Behauptung falſcher Grundſätze haftet. Man mußte dieß ſchon lange vorausſehen, und man hat vielleicht Grund ſich Glück zu wünſchen, daß die vorgefallene Gewaltthat nur den Verluſt eines einzigen Lebens koſtete, während zu beſorgen ſtand, daß ſich ein Bür⸗ gerkrieg daraus entwickeln würde. Daß einzelne Theile des Gemein⸗ weſens ſich würdig und edel benommen haben bei dieſem plötzlichen Ausbruch einer geſetz⸗ und gewiſſenloſen Verſchwörung zum Raube, i*ſt unläugbar, und darf mit Dankbarkeit und ehrlichem Stolze ge⸗ rühmt werden; daß das Rechtsgefühl weitaus des größeren Theiles des Landes tief verwundet worden, iſt eben ſo wahr; daß die Ge⸗ rechtigkeit aufgerüttelt worden iſt, und in dieſem Augenblick in der ernſten Sprache der geſetzlichen Gewalt mit den Uebelthätern redet, läßt ſich nicht widerſprechen; aber während dieß Alles zugegeben wird, und zugegeben wird nicht ganz ohne Hoffnung, ſind doch noch Gründe zur Beſorgniß vorhanden, ſo ſtarke und triftige Gründe, daß kein Schriftſteller, der den wahren Intereſſen ſeines Vaterlandes treu ergeben iſt, ſie auch nur einen Augenblick aus dem Geſichte ver⸗ lieren darf. Eine hohe Autorität, in einem gewiſſen Sinne, die Autorität der politiſchen Gewalt hat ausgeſprochen, daß der Lehensbeſitz mit fortwährendem Pachtzins dem Geiſte der Inſtitutionen zuwider ſei. Und doch beſtanden dieſe Lehen oder Pachtungen als die Inſtitutio⸗ nen gegründet wurden, und ein Satz der Inſtitutionen ſelbſt verbürgt die Haltung der Verträge, in deren Kraft die Lehen exiſtiren. Es Der Kettenträger. —C—C— VI wäre viel weiſer und viel wahrer geweſen, wenn man denjenigen, welche nach den Gütern ihrer Mitbürger gelüſteten, geſagt hätte: mit ihren Beſtrebungen, die fraglichen Pacht⸗ und Lehensverhältniſſe um⸗ zuſtürzen und zu zerſtören, träten ſie in Widerſpruch mit einem feier⸗ lichen Grundſatz des Rechts und ſomit auch mit den Inſtitutionen ſelbſt. Der Haupt⸗ und Grundirrthum gewinnt immer mehr Boden, welcher die verderbliche Lehre aufſtellt, wir hätten eine Regierung von Menſchen, ſtatt einer Regierung der Grundſätze. Wenn dieſer Irrthum ſo weit um ſich greift, daß er im Leben ſelbſt das Uebergewicht er⸗ langt, dann mögen die Wohlgeſinnten ſich hinſetzen und klagen— nicht nur um die Freiheiten ihres Landes, ſondern auch um ſeine Ge⸗ rechtigkeit und Moralität, ſollten auch die Menſchen dem Namen nach ſo frei ſein, daß ſie thun können was ihnen beliebt. In ihrem Verlaufe ſehen wir die Handſchriften der Familie Litt⸗ lepage mehr und mehr dem Charakter der Zeiten ſich nähern, in wel⸗ chen wir leben. Eine Generation jedoch iſt ausgefallen, in Folge des frühen Todes von Mr. Malbone Littlepage, der einen einzigen Sohn und Erben hinterließ. Dieſer Sohn hat ſich verpflichtet gefühlt, die Reihenfolge zu vervollſtändigen durch einen Zuſatz aus ſeiner Feder. Ohne dieſen Zuſatz würden wir Satanstoe, Lilaksbuſh, Ravensneſt und Mooſeridge in ihrer gegenwärtigen Geſtalt gar nicht zu Geſicht bekommen; ſo aber werden uns Blicke darauf vergönnt, welche nicht nur unterhaltend ſondern auch belehrend ſein dürften. Ueber Einen Punkt wünſchen wir ein Wort zu ſagen. Ein Theil unſerer Leſer iſt der Anſicht geweſen, der erſte Mr. Littlepage, wel⸗ cher Nachrichten von ſeinem Leben niedergeſchrieben, Cornelius mit dem Taufnamen, habe eine ungebührliche Härte in ſeinem Urtheil über den Charakter der Neu⸗Engländer gezeigt. Unſre Antwort auf dieſen Vorwurf iſt folgende: erſtlich übernehmen wir nicht die Ver⸗ antwortlichkeit für alle Meinungen derjenigen, deren Schriften uns zur Durchſicht übergeben werden, ſo wenig als wir verantwortlich ſein wuͤrden für alle die widerſprechenden Charaktere, Beweggründe — — VII und Anſichten, die in einer Darſtellung von erdichteten, ſelbſtgeſchaf⸗ fenen Perſonen zu Tage kommen möchten. Daß die Littlepages New⸗ Yorker Begriffe, und wenn der Leſer lieber will, New⸗Yorker Vor⸗ urtheile hatten, mag ganz wahr ſein; aber bei Schilderungen dieſer Art ſind ſelbſt Vorurtheile nicht ganz zu übergehende und zu unter⸗ drückende Thatſachen. Sodann hat Neu⸗England ſeine Genugthuung ſchon längſt vorweggenommen, indem es ſich ſelbſt rühmt und ſeine Nachbarn unterſchätzt in einer Art, die nach unſerem Dafürhalten diejenigen, welche etwas holländiſches Blut in ihren Adern haben, vollkommen berechtigt, ihre Geſinnungen und Anſichten über die Sache auszuſprechen. Wer ſo freigebig austheilt, ſollte auch ein wenig einzunehmen ſich gefallen laſſen, und dieß um ſo mehr, wenn eben nichts beſonders Verletzendes und Perſönliches in den kleinen Hieben liegt, die gegen ſie gezielt ſind. Wir ſelbſt unſeres Theils haben nicht einen Tropfen holländiſches oder neuengländiſches Blut in unſern Adern, und ſpielen nur die Rolle des Flaſchenhalters der einen Partei bei dieſem Kampfe. Wenn wir berichtet haben, was der Yankee, und zwar ohne ſonderliches Bedenken, von dem Holländer ſagt. Wir wiſſen, daß dieſe Geſinnungen veraltet und überlebt ſind; aber unſere Handſchriften bezogen ſich in dieſer Hinſicht ausſchließ⸗ lich auf die Zeiten, in welchen ſie ganz gewiß vorhanden waren, und das mindeſtens in der Stärke, in welcher ſie dargeſtellt werden. Wir gehen noch etwas weiter. Nach unſerem Ermeſſen laſſen ſich die falſchen Grundſätze, die man bei einem großen Theil der ge⸗ bildeten Klaſſen findet, über das Verhältniß von Landeigenthümer und Pächter, zurückführen auf die provinziellen Begriffe derjenigen, die ihre Anſichten und Vorſtellungen von einem Zuſtand der Geſell⸗ ſchaft empfangen haben, wo kein ſolches Verhältniß beſteht. Die von den Lehren des Antirentismus drohende Gefahr hat ihre be⸗ ängſtigendſte Stärke in dieſen falſchen Grundſätzen;— denn die irregeleiteten ohnmächtigen Leute, welche das Feld eingenom⸗ men haben im buchſtäblichen Sinne, ſind dem Recht nicht zum VIII vierten Theile ſo gefahrdrohend, als diejenigen, welche im bildlichen Sinne in's Feld gerückt ſind. Es iſt nicht ein Jota mehr Vernunft in der Behauptung und Beweisführung: es ſolle keine Pächter im ſtrengen Sinne des Wortes geben, als in der: es ſolle bei den Ge⸗ werben keine Geſellen, keine Lohn⸗ und Tag⸗Arbeiter geben, obwohl ſich nicht leicht ein Menſch finden würde, der dieſen Satz behaupten möchte. Wir glauben feſt, wenn es einen Theil des Landes gäbe, wo die Handwerker ſämmtlich„hosses“*) wären, ſo würde es denen, die an einen ſolchen Zuſtand der Geſellſchaft gewohnt wären, ganz ungehörig und antirepublikaniſch erſcheinen, wenn Einer Unternehmungen in ſeinem Geſchäft mit Arbeitern ausführte. Nur noch ein Wort wollen wir über dieſen Gegenſtand hinzu⸗ fügen. Die Säule der Geſellſchaft muß ihr Kapitäl haben ſo gut wie ihr Fundament. Sie iſt nur dann vollkommen, wenn jeder Theil ganz hergeſtellt iſt, und leiſtet was ihm zukommt. In New⸗York vertraten die großen Landbeſitzer lange Zeit, und vertreten noch, die Stelle des Kapitäls, in einem ſocialen Sinne. Wenn dieß Kapitäl zertrümmert und auf den Boden geſchleudert wird— aus welchem Material wird dann dasjenige beſtehen, welches an ſeine Stelle ge⸗ ſetzt werden müßte? Kein Nachfolger des Landeigenthümers ſcheint uns ſo wahrſcheinlich, als der Land⸗Expreſſer und der Land⸗Wuche⸗ rer! Wir möchten die, welche jetzt das Geſchrei von Feudalismus und Ariſtokratie erheben, warnen, ſich doch ja vorzuſehen, was ſie thun! Statt des Königs Klotz dürften ſie vom König Storch ge⸗ freſſen werden. New⸗York im November 1845. *) Werkführer, im Gegenſatz gegen Meiſter. — Erſtes Kapitel. Das feſte Hirn, der Glieder Mark, Zum Springen, Klettern, Schwimmen ſtark; Der ehrne Leib, gewohnt zu tragen Sturm, Regen, Hagel ohne Klagen; Geſtählt, um mannhaft zu beſtehn Froſt, Müdigkeit, des Hungers Wehn. Nokeby. Main Vater war Cornelius Littlepage von Satanstoe, in der Grafſchaft Weſt⸗Cheſter, im Staate New⸗York, und meine Mutter Anneke Mordaunt, von Lilaksbuſh, ein Ort, der längſt unter dieſem Namen bekannt iſt, und noch beſteht in der Nähe von Kingsbridge, aber auf der Inſel Manhattan, mithin in einem der Reviere von New⸗York, obwohl volle eilf Meilen von der Stadt entfernt. Ich will annehmen, daß meine Leſer den Unterſchied zwiſchen der Inſel von Manhattan und Manhattan⸗Island kennen, obgleich ich ſchon angebliche Manhattaneſen von reifen Jahren, aber auswärts geboren, gefunden habe, welchen man ihn erſt er⸗ klären mußte. Lilaksbuſh, ich wiederhole es hiemit, lag auf der Inſel von Manhattan, eilf Meilen weit von der Stadt, obwohl im Weichbild von New⸗York, und nicht auf Manhattan⸗Island. Von meinen Vorfahren weiter zurück halte ich nicht für nöthig, viel zu ſagen. Sie waren theils von engliſcher, theils von nieder⸗ ländiſcher Abkunft, wie es ſehr häufig der Fall iſt bei Denen, Der Kettenträger. 1 2 welche von New⸗Yorker Familien von einigem Anſehen und Gel⸗ tung in der Kolonie abſtammen. Ich habe noch eine ziemlich deut⸗ liche Erinnerung von meinen beiden Großvätern und von meiner einen Großmutter; meine Großmutter von mütterlicher Seite war lang vor der Vermählung meiner Eltern geſtorben. Von meinem Großvater mütterlicher Seits jedoch weiß ich ſehr wenig, denn er ſtarb, als ich noch ganz jung war und ich ihn nur wenig geſehen hatte. Er bezahlte die große Schuld der Natur in England, wohin er gereist war, einen Verwandten zu beſuchen, einen Sir Souſo Bulſtrode, der ſelbſt in den Kolonieen geweſen war und in großen Gunſten bei Herman Mordaunt ſtand, wie man meiner Mutter Vater allgemein in New⸗York nannte. Mein Vater ſagte oft, es ſei vielleicht in einer Hinſicht ein Glück ge⸗ weſen, daß ſein Schwiegervater ſo bald geſtorben ſei, da er nicht zweifle, er würde ſich gewiß bei dem Streit, der ſo bald nachher ausbrach, auf die Seite der Krone geſchlagen haben, in welchem Falle vermuthlich ſeine Beſitzungen oder diejenigen, die dann meiner Mutter zufielen und jetzt die meinigen ſind, das Schickſal der Güter der de Lancey's, der Philipſes, eines Theils der Van Cort⸗ landts, der Floyds, der Joneſes und einiger anderer gewichtigen Familien würden getheilt haben, welche loyal blieben, wie man es nannte, worunter man die Loyalität gegen einen Fürſten, und nicht die Loyalität gegen das Land ihrer Geburt verſtand. Es iſt ſchwer zu ſagen, wer bei dieſem Streite Recht hatte, wenn wir die An⸗ ſichten und Vorurtheile der Zeiten in's Auge faſſen, obgleich die Littlepages alle, das heißt aber nur: mein Vater, mein Groß⸗ vater und ich, auf die Seite des Landes traten. Was die Rück⸗ ſicht auf das eigene Intereſſe jedoch betrifft, muß bemerkt werden, daß die reichen Amerikaner, welche ſich gegen die Krone erklärten, bei weitem am meiſten Uneigennützigkeit an den Tag legten, inſo⸗ fern die Wahrſcheinlichkeit, bezwungen und wieder unterworfen zu werden, eine lange Zeit hindurch ſehr ſtark war, und im Fall eines Gel⸗ deut⸗ reiner 2 war ß ich ch ihn Natur uchen, weſen wie Mein ick ge⸗ r nicht lachher delchem dann chickſal Cort⸗ ichtigen man es d nicht ſchwer die An⸗ eich die Groß⸗ e Rück⸗ werden, klärten, u, inſo⸗ orfen zu all eines 1 3 unglücklichen Ausganges Konfiskation des Vermögens, um nicht zu ſagen der Galgen, in ziemlich ſicherer Ausſicht ſtand. Aber mein Großvater väterlicher Seits war, was man ein Whig von hoher Kaſte nannte. Er wurde im Jahr 1776 zum Brigadier bei der Miliz ernannt, und leiſtete wirkliche Felddienſte in dem großen Feldzuge des folgenden Jahres, in welchem Burgoyne gefangen wurde, ſo wie auch mein Vater, welcher als Oberſtlieutenant bei den Linientruppen von New⸗York ſtand. In demſelben Regiment mit meinem Vater war auch ein Major Dirck Van Valkenburgh, oder Follock, wie er gewöhnlich genannt wurde, ein geſchworener Freund von jenem. Dieſer Major Follock war ein alter Junggeſell, und er brachte eben ſo viele Zeit in meines Vaters Hauſe als in ſeinem eigenen zu; denn ſein eigentlicher Wohnſitz war über dem Fluß drüben, auf Rockland. Ebenſo wie mein Vater hatte meine Mutter eine Freundin in der Perſon der Miß Mary Wallace, einer unvermählten Lady, welche beim Anfang der Revolution wohl die Dreißiger Jahre überſchritten hatte. Miß Wallace lebte in ganz bequemen Vermögensumſtänden; aber ſie wohnte ganz in Lilaks⸗ buſh und hatte gar keine andere Heimath, außer etwa in unſerem Hauſe in der Stadt. Wir waren ſehr ſtolz auf den Brigadier, ſowohl wegen ſeines Ranges, als wegen der von ihm geleiſteten Dienſte. Er komman⸗ dirte wirklich einen Kriegszug gegen die Indianer während der Revolution— eine Art des Krieges, worin er einige Erfahrung hatte, da er ſchon bei mehreren Gelegenheiten vor dem großen Unabhängigkeitskampfe ſolche Züge mitgemacht hatte. Bei einem dieſer früheren Züge des letzteren Krieges zeichnete er ſich zuerſt aus. Er ſtand damals unter dem Befehle eines Obriſts, Brom Follock, des Vaters des Majors Dirck, des gleichen Namens, der beinahe ein ebenſo vertrauter Freund von meinem Großvater, als ſein Sohn von meinem Vater war. Dieſer Obriſt Brom war ein Freund von Zechgelagen, und ich habe erzählen hören, daß, wie 1* 4 er zu den Niederländern am Mohawk kam, er eine Woche lang mit wenig oder gar keiner Unterbrechung fortzechte, unter Um⸗ ſtänden, wo ihm als Militär große Nachläſſigkeit zur Laſt fiel. Die Folge war, daß eine Partei Indianer von Canada einen Ueberfall auf ſein Kommando ausführten, und der alte Obriſt, der ſo kühn war wie ein Löwe, und ſo betrunken wie ein Lord— ob⸗ wohl ich nie habe errathen können, warum man annimmt, daß die Lords eine beſondere Neigung zum Trinken haben— eines Mor⸗ gens früh erſchoſſen und ſkalpirt wurde, als er eben von einer nahen Schenke in ſein Quartier in der„Garniſon“ zurückkehrte, wo er ſeinen Poſten hatte. Mein Großvater rächte ſeinen Tod heldenmüthig, zerſtreute die Angreifenden nach allen vier Winden, und gewann den verſtümmelten Leichnam ſeines Freundes wieder; der Skalp aber blieb unwiederbringlich verloren. General Littlepage überlebte den Krieg nicht, obgleich ihm nicht das Glück zu Theil war, im Felde zu fallen und ſo ſeinen Namen mit der Geſchichte ſeines Vaterlandes unauflöslich zu ver⸗ weben. Es geſchieht in allen Kriegen, und ganz beſonders geſchah es oft in unſerem großen Nationalkampf, daß mehr Soldaten ihr Leben in den Spitälern aufgaben, als auf dem Schlachtfelde, ob⸗ gleich das Verſpritzen ſeines Blutes ein unerläßliches Erforderniß zum Ruhme dieſer Art zu ſein ſcheint, indem eine undankbare Nach⸗ welt ſich wenig um die Tauſende kümmert, welche in eine andere Welt hinüberziehen, als Opfer von Strapatzen und Lagerkrank⸗ heiten, um das Lob der Hunderte zu ſingen, welche im Lärm und Getöſe der Schlacht getödtet werden. Und doch dürfte die Frage ſein, ob nicht mehr wahrer Muth dazu gehört, dem Tod in's Auge zu ſchauen, wenn er in der unſichtbaren Geſtalt einer Krankheit ſich naht, als ihm entgegenzutreten, wenn er in ſichtbarer Rüſtung in der Schaar der Bewaffneten daherrückt. Meines Großvaters Benehmen, daß er im Lager blieb unter Hunderten, welche die Blattern hatten— die ekelhafte Krankheit, an welcher er ſtarb— wur Tod ſein Foll pfan er v dige Erei freu Tod Obr. ange es e theiꝛ und wirk nur ſchn man wah werd den Antl Aug und Jahr ausn geſch bis ſchien Obg lang Um⸗ fiel. einen t, der ob⸗ ß die Mor⸗ einer ehrte, Tod inden, ieder; ) ihm ſeinen ver⸗ eſchah en ihr 8, ob⸗ derniß Nach⸗ andere krank⸗ m und Frage Auge ankheit üſtung vaters che die arb— 5 wurde zwar gelegentlich erwähnt, aber nie in der Art, wie der Tod eines Offiziers von ſeinem Range würde geprieſen worden ſein, wäre er in der Schlacht gefallen. Ich bemerkte, daß Major Follock einen ehrenhaften Stolz auf den Tod ſeines Vaters em⸗ pfand, welcher vom Feind getödtet und ſkalpirt worden war, wie er von einem trunkenen Zechgelage heimkehrte, während mein wür⸗ diger Vater von dem Tode des Brigadiers immer als von einem Ereigniſſe ſprach, das eher zu beklagen ſei, als daß man ſich deſſen freudig rühmen dürfte. Ich für meine Perſon glaube, daß der Tod meines Großvaters bei weitem rühmlicher war, als der des Obriſts; aber ſo wird er nie von der Geſchichte noch vom Land angeſehen werden. Was die Geſchichtſchreiber betrifft, ſo erfordert es einen ganz ausnehmend ehrlichen Mann, um gegen ein Vorur⸗ theil zu ſchreiben; und es iſt ſo viel leichter, eine That zu feiern und zu verherrlichen, ſo wie man ſie ſich einbildet, als wie ſie wirklich vorgefallen iſt, daß ich zweifle, ob wir das Wahre auch nur vom zehnten Theil der Heldenthaten wiſſen, von welchen wir ſchwärmen und auf welche wir glauben ſtolz ſein zu dürfen. Nun! man lehrt uns, die Zeit werde kommen, wo alle Dinge in ihrer wahren Geſtalt werden geſchaut, und Menſchen und Handlungen werden erkannt werden, wie ſie wirklich waren, nicht wie ſie in den Blättern der Geſchichte geſchildert ſind. Ich ſelbſt war zu jung, um an dem Revolutionskrieg vielen Antheil nehmen zu können, obgleich der Zufall wollte, daß ich Augenzeuge ward von einigen der wichtigſten Ereigniſſe deſſelben, und zwar in dem zarten Alter von fünfzehn Jahren. Mit zwölf Jahren— der amerikaniſche Verſtand war immer und iſt noch jetzt ausnehmend frühreif— ward ich nach Naſſau⸗Hall in Princeton geſchickt, um dort meine Bildung zu empfangen, und ich blieb dort, bis ich endlich einen Grad erwarb, obgleich meine Studien ver⸗ ſchiedene lange und herbe Unterbrechungen und Störungen erlitten. Obgleich ſo frühe ſchon in's Collegium geſchickt, wurde ich doch erſt mit neunzehn Jahren wirklich graduirt, da die ſtürmiſchen Zeiten einen beinahe doppelt ſo langen Knechtsdienſt erforderten, um einen Baccalaureus artium aus mir zu machen, als in den wohlthätigeren, freundlichen Tagen des Friedens nöthig geweſen ſein würde. So machte ich ein Stück eines Feldzugs mit, wie ich erſt Sophomor, und wieder einen im erſten Jahre, wo ich Junior war. Ich ſage im erſten Jahr, weil ich zwei Jahre in jeder der höheren Klaſſen des Inſtituts bleiben mußte, um die ver⸗ lorene Zeit hereinzubringen. Ein Jüngling kann nicht gut zu gleicher Zeit Feldzuͤge mitmachen und in den akademiſchen Hallen den Euklid ſtudiren. Dann war ich auch noch ſo jung, daß ein Jahr mehr oder weniger nicht viel austrug. Meine bedeutendſten Dienſte im Revolutionskriege fielen in das Jahr 1777, bei dem Feldzug, wo Burgoyne ein Treffen mit den Amerikanern hatte und gefangen wurde. Dieſer wichtige Er⸗ folg wurde herbeigeführt durch eine zum Theil aus regulären Trup⸗ pen, zum Theil aus Milizen beſtehende Streitmacht. Mein Groß⸗ vater befehligte eine Brigade der letzteren, oder was man eine Brigade nannte— etwa ſechshundert Mann höchſtens, während mein Vater ein reguläres Bataillon von hundert und ſechzig New⸗ Yorker Linienſoldaten gegen die Verſchanzungen der Deutſchen führte, an dem denkwürdigen und blutigen Tage, wo die letzteren erſtürmt wurden. Wie Viele er davon zurückbrachte, habe ich ihn nie ſagen hören. Wie ich dazu kam, bei dieſen wichtigen Vorfällen anweſend zu ſein, das iſt bald erzählt. Da Lilaksbuſh auf der Inſel Manhattan liegt(nicht auf Man⸗ hattan⸗Island, was man nicht vergeſſen wolle), und unſere Familie zu den Whigs gehörte, ſahen wir uns genöthigt, unſere Häuſer in der Stadt und auf dem Lande zu verlaſſen, ſobald Sir William Howe New⸗York in Beſitz nahm. Zuerſt begnügte ſich meine Mutter, nach Satanstoe zu gehen, das nur eine kleine Strecke von den feindlichen Linien entfernt war; aber da der politiſche Zu ſchen rten, den veſen e ich ich re in ver⸗ it zu allen 3 ein n in mit Er⸗ rup⸗ öroß⸗ eine hrend New⸗ ſchen teren h ihn källen Man⸗ milie äuſer lliam neine trecke tiſche 7 Charakter der Familie Littlepage zu allgemein bekannt war, als daß dieſer Aufenthaltsort ſicher geweſen wäre, begaben ſich meine Großmutter und meine Mutter, beſtändig begleitet von Miß Wallace, nach den Hochlanden, wo ſie ſich während des übrigen Krieges in dem Dorf Fiſhkill niederließen, auf einem Pachtgut, das der Miß Wallace als freies Erbeigenthum gehörte. Hier glaubte man, ſeien ſie ſicher, da ſie ſiebenzig Meilen von der Hauptſtadt entfernt und ganz innerhalb der Linien der Amerikaner waren. Da dieſe Ueberſiedlung gegen Ende des Jahres 1776 nach der Erklä⸗ rung der Unabhängigkeit ſtattfand, nahm man an, daß es von dem Ausgang des Krieges abhänge, ob wir überhaupt wieder in unſere Heimath und zu unſerem Eigenthum zurückkehren könnten. Zu jenen Zeiten war ich ein Sophomor und zu Hauſe während der langen Ferien. Während dieſes Beſuchs machte ich das Stück eines Feldzugs mit, indem ich meinen Vater bei allen Bewegungen ſeines Regiments begleitete, während Waſhington und Howe in Weſt⸗Cheſter manöuvrirten. Da meines Vaters Bataillon zufällig ſo poſtirt war, daß es im Mittelpunkt der Schlacht auf White Plains(der weißen Ebene) ſtand, hatte ich Gelegenheit, hiebei recht in's ernſte und hitzige Kriegsgetümmel eingeweiht zu werden. Auch verließ ich die Armee erſt, um zu meinen Studien zurückzu⸗ kehren, nach den glänzenden Treffen von Trenton und Princeton, an welchen beiden unſer Regiment Antheil nahm. Dieß hieß ziemlich frühe anfangen, ſich in's thätige, handelnde Leben zu miſchen, für einen Knaben von vierzehn Jahren. Aber in jenem Kriege trugen Jungen von meinem Alter oft ſchon die Muskete, denn die Kolonien umfaßten ein großes Gebiet und hatten nur eine kleine Bevölkerung. Diejenigen, welche von dem ameri⸗ kaniſchen Unabhängigkeitskriege leſen, und die Feldzüge und Schlach⸗ ten deſſelben ſo anſehen, wie ſie die Kämpfe älterer und weiter vor⸗ geſchrittener Nationen zu betrachten gewohnt ſind, können ſich keine richtigen Vorſtellungen bilden von den Nachtheilen, mit welchen unſer Volk zu kämpfen hatte, oder der großen Ueberlegenheit des Feindes in allen gewöhnlichen Elementen der kriegeriſchen Stärke. Ohne erfahrene Offiziere, mit nur wenigen und ziemlich ſchlechten Waffen verſehen, oft der Munition entbehrend, ſtand die ländliche und ſonſt ſo friedliche Bevölkerung eines dünn bevölkerten Landes gegenüber den auserleſenen Soldaten Europa's, und dazu noch ohne, oder faſt ohne den großen Nerv des Kriegs: Geld, ſie zu unter⸗ halten. Und dennoch waren die Amerikaner, ohne durch fremden Beiſtand oder fremdes Talent unterſtützt zu ſein, ungefähr eben ſo oft im Kriege glücklich als das Gegentheil. Bunker Hill, Benning⸗ ton, Saratoga, Bhemis' Heights, Trenton, Princeton, Monmouth — das Alles waren rein amerikaniſche Schlachten; um Nichts zu ſagen von einigen andern, welche weiter ſüdlich vorfielen; und ob⸗ gleich unbedeutend in Betracht der Zahlen, wenn man ſie mit den Kämpfen der neueren Zeiten vergleicht, verdient doch jede einen Platz in der Geſchichte, und eine oder ein paar ſind beinahe ohne thres Gleichen, wie man ſieht, wenn nur Bunker Hill genannt wird. Es nimmt ſich in Berichten ſehr ſchön aus, die Zahlen der feindlichen Reihen zu vergrößern; aber zugegeben auch, daß die Zahl ſelbſt nicht überſchätzt ſei, wie ſo oft geſchah, was nützen Menſchen ohne Waffen und Munition und oft ſogar ohne eine an⸗ dere militäriſche Organiſation als eine Regimentsliſte! Ich habe geſagt, daß ich beinahe den ganzen Feldzug mitge⸗ macht, in welchem Burgoyne gefangen wurde. Dieß ging ſo zu. Die Theilnahme am Feldzug im vorigen Jahr hatte mir die Nei⸗ gung zum Studium ziemlich geſchwächt, und als ich in den Herbſt⸗ ferien wieder zu Hauſe war, ſchickte mich meine gute Mutter mit Kleidern und ſonſtigen Bedürfniſſen zu meinem Vater, welcher bei der Armee im Norden ſich befand. Ich erreichte das Hauptquartier von General Gates acht Tage vor dem Treffen von Bhemis Heights, und blieb bei meinem Vater, bis die Kapitulation vollſtändig er⸗ folgt war. In Folge dieſer Umſtände war ich, obwohl noch ein niſſe Kun wert zu ſ gut muß durc wegs dem zuric mein im g an e ſeiner Abku ſein 9 unter it des tärke. echten dliche andes ohne, unter⸗ :mden en ſo ning⸗ nouth ts zu d ob⸗ it den einen ohne nannt n der ß die rützen e an⸗ ritge⸗ o zu. Nei⸗ erbſt⸗ mit er bei artier ghts, g er⸗ h ein 9 Knabe an Jahren, Augenzeuge von, und bis auf einen gewiſſen Grad Mithandelnder bei zwei oder drei der wichtigſten Ereigniſſe des ganzen Krieges. Groß für meine Jahre, und von einem ziem⸗ lich männlichen Ausſehen,— wenn man erwog, wie jung ich in der That war,— konnte ich ganz gut für einen Freiwilligen gel⸗ ten; und ich habe Grund zu glauben, daß ich in gewiſſer Art der Liebling des Regiments war. In der letzten Schlacht hatte ich die Ehre, eine Art Adjutant meines Großvaters zu ſein, der mich zwei oder dreimal mit Befehlen und Botſchaften mitten in's Feuer hin⸗ ein ſchickte. Auf dieſe Art machte ich mich ein wenig bekannt und um ſo mehr deßwegen, weil ich in der That nur ein Collegiums⸗ ſchüler war, während der Ferien von ſeiner alma mater auf einige Zeit entlaſſen. Es war ganz natürlich, daß ein Knabe unter ſolchen Verhält⸗ niſſen einige Aufmerkſamkeit auf ſich zog, und es nahmen Offiziere Kunde von mir, die unter andern Umſtänden es ſchwerlich der Mühe werth gefunden hätten, ſich nach mir umzuſehen, ein Wort mit mir zu ſprechen. Die Littlepage's, ſo darf ich wohl glauben, ſtanden gut in den Kolonien, und ihre Stellung in dem neuen Staat mußte allem Anſchein nach eher noch eine angeſehenere werden durch die Rolle, die ſie in der Revolution ſpielten. Ich bin keines⸗ wegs überzeugt, daß General Littlepage als ein Hauptpfeiler an dem Tempel der Freiheit betrachtet wurde, welchen die Armee auf⸗ zurichten ſtrebte, aber er war höchſt achtbar als Milizoffizier und mein Vater galt allgemein als einer der beſten Oberſtlieutenants im ganzen Heere. Ich erinnere mich noch wohl, daß ich großen Geſchmack fand an einem Kapitän in meines Vaters Regiment, der ſicherlich in ſeiner Weiſe ein Originalcharakter war. Er war von holländiſcher Abkunft, wie überhaupt ein anſehnlicher Theil der Offiziere und ſein Name war Andries Coejemans; doch war er allgemein bekannt unter dem Beinamen:„der Kettenträger.“ Dieß war ein Glück für ihn, ſonſt würden die Yankee's im Lager, welche eine wahre Manie zu haben ſcheinen, jedes Wort ſo auszuſprechen, wie es ge⸗ ſchrieben iſt, und dann, wenn ihnen dieß gelungen, die Schreibart der ganzen Sprache zu ändern, um ſie gewiſſen Lauten von ihrer eigenen Erfindung anzubequemen, ihm gewiß einen gar nicht aus⸗ zuſprechenden Namen geſchöpft haben. Der Himmel allein weiß, wie ſie, ohne dieſen glücklichen Spitznamen, den Kapitän Coeje⸗ mans genannt hätten; für die Uneingeweihten aber dürfte hier gleich bemerkt werden, daß in der New⸗Yorker Sprechweiſe Coeje⸗ mans ausgeſprochen wird wie Queemans. Der Kettenträger ſtammte aus einer achtbaren holländiſchen Familie, die ſogar ihren ſonderbar ausſehenden Namen einem nicht ganz unbedeutenden Ort am Hud⸗ ſon gegeben hatte; aber wie dieß gar nicht ſelten der Fall war bei den jüngern Söhnen ſolcher Häuſer in den guten alten Zeiten der Kolonie, ſeine Erziehung und Bildung wollte nicht viel beſagen. Sein Vermögen war früher nicht unbedeutend geweſen, aber, wie er immer behauptete, er war vor ſeinem dreiundzwanzigſten Jahre von einem Yankee um Hab' und Gut geprellt worden und von dieſer Zeit an hatte er ſich zur Landvermeſſerei gewendet, um von dieſem Berufe zu leben. Aber Andries hatte keinen Kopf für die Mathe⸗ matik, und nachdem er in ſeinem neuen Beruf ein paar tüchtige Böcke geſchoſſen, ſank er in aller Stille zum Rang eines(Meß⸗) Kettenträgers herab, in welcher Eigenſchaft er allen hervorragenden Männern ſeines Berufes in der Kolonie bekannt war. Man be⸗ hauptet, jeder Menſch paſſe für irgend einen beſtimmten Beruf, in welchem er ſich auszeichnen und verdient machen könnte, wenn er nur in denſelben eintrete und dabei beharrte. Dieß erwahrte ſich wenigſtens bei Andries Coejemans. Als Kettenträger hatte er einen Ruf ohne gleichen. So beſcheiden und gering dieſe Beſchäftigung war, ſo gab ſie doch ſo gut wie eine andere, Gelegenheit, in ver⸗ ſchiedener Hinſicht ſich auszuzeichnen. Erſtlich erheiſchte ſte Ehr⸗ lichkeit, eine Eigenſchaft, an welcher es dieſer Klaſſe von Menſchen ſog tirte Ver hand der fehl dant zuve linke von erſp eine Erft Gar wor erwe die noth nahr beſſe rend die ment war, von ſten hatte träge gefur ſchüt da e vahre 3 ge⸗ ibart ihrer aus⸗ weiß, Loeje⸗ hier Loeje⸗ mmte erbar Hud⸗ war Zeiten ſagen. ,wie Jahre dieſer dieſem Nathe⸗ ichtige Meß⸗) genden in be⸗ cuf, in enn er te ſich einen tigung n ver⸗ e Ehr⸗ enſchen 11 ſo gut wie jeder andern fehlen kann. Weder Kolonie noch Paten⸗ tirter, weder Grundeigenthümer noch Pächter, weder Käufer noch Verkäufer durften in Sorgen darüber ſein, ob ſie auch ehrlich be⸗ handelt wurden, ſo lange Andries Coejemans das vordere Ende der Meßkette handhabte— eine Obliegenheit, mit welcher er un⸗ fehlbar von der einen oder der andern Partei betraut wurde. So⸗ dann war ein geübtes, praktiſches Auge eine große Hilfe für die zuverläſſige Vermeſſung ſelbſt; und weil Andries nie rechts oder links von ſeiner Linie abwich, da er ſich in ſeinem Beruf eine Art von Inſtinkt angeeignet hatte, wurde hiedurch viel Zeit und Arbeit erſpart. Zu dieſen Vorzügen kam noch, daß der Kettenträger ſich eine große Fertigkeit und Geſchicklichkeit in den untergeordneten Erforderniſſen ſeines Berufs erworben hatte. Er verſtand ſich im Ganzen vortrefflich auf den Wald; er war ein guter Jäger ge⸗ worden, und hatte ſich die meiſten Eigenſchaften und Gewohnheiten erworben, welche eine Lebensweiſe und Thätigkeit, wie diejenige, die er ſo viele Jahre getrieben, ehe er in die Armee eintrat, faſt nothwendig bei einem Manne erzeugen muß. Mit der Zeit über⸗ nahm er die Vermeſſung von Patenten und ſtellte Männer mit beſſern Köpfen als der ſeinige, an die Spitze des Geſchäfts, wäh⸗ rend er ſelbſt immer die Meßkette trug. Beim Anfang der Revolution ergriff Andries, wie die Meiſten, die mit den Kolonien ſympathiſirten, die Waffen. Als das Regi⸗ ment aufgebracht wurde, bei welchem mein Vater Oberſtlieutenant war, erhielten Diejenigen, welche den Fahnen deſſelben eine Anzahl von Mannſchaft zuführten, Offiziersſtellen, deren Rang den Dien⸗ ſten entſprach, welche ſie in dieſer Beziehung leiſteten. Andries hatte ſich ſehr bald mit einer anſehnlichen Schaar von Ketten⸗ trägern, Jägern, Fallenſtellern, Läufern, Wegweiſern u. dgl. ein⸗ gefunden, im Ganzen etwa fünfundzwanzig abgehärtete, kecke Scharf⸗ ſchützen. Ihr Führer wurde daher zum Lieutenant ernannt, und da er der Aelteſte ſeines Ranges im Corps war, wurde er bald darauf zum Kapitän befördert, welchen Rang er bekleidete, als ich ſeine Bekanntſchaft machte, und über welchen er nie hinausſtieg. Revolutionen, zumal ſolche von volksthümlichem Charakter, zeichnen ſich nicht dadurch aus, daß ſie Männer emporbringen, welche eine treffliche Bildung empfangen haben oder ſonſt für ihre neue Stellung vorzüglich geeignet ſind, wenn nicht anders ihr Eifer ſie empfiehlt. Es iſt wahr, der Dienſt klaſſificirt in der Regel die Menſchen, ſtellt ihre Eigenſchaften in's Licht, und die Nothwen⸗ digkeit zwingt bald zur Beförderung Derjenigen, welche die meiſten Vorzüge gewähren. Unſer großer Nationalkampf jedoch bewirkte dieß wahrſcheinlich in geringerem Maaße, als irgend ein ähnliches Ereigniß der neuern Zeit, wenn eine achtbare Mittelmäßigkeit ein⸗ mal einen höheren Poſten erlangt hatte, den ſie, in der Regel, im Stande war bis zum Ende des Kriegs zu behaupten. Es iſt eine eigenthümliche Thatſache, daß in unſern militäriſchen Annalen kein einziger Fall ſich findet, daß, während des ganzen Kampfes, ein junger Soldat durch ſeine Talente zu einem hohen Kommando ſich emporgeſchwungen hätte. Dieß konnte— und wahrſcheinlich war dieß wirklich der Fall— von den Meinungen und Anſichten des Volkes herrühren, und von dem Umſtande, daß der Dienſt ſelbſt von der Art war, daß er mehr Umſicht und Klugheit, als Eigen⸗ ſchaften glänzenderer und blendenderer Art, mehr die Vorzüge der Erfahrung und des Alters, als Jugend und Unternehmungsgeiſt erheiſchte. Es iſt wahrſcheinlich, daß Andries Coejemans, nach dem Maaßſtabe ſeines urſprünglichen Standes, eher über als unter der Durchſchnittslinie der geſellſchaftlichen Stellung der Mehrzahl der Subalternoffiziere von den verſchiedenen regulären Corps der nördlicheren Kolonien ſtand, als er zuerſt in die Armee trat. Zwar war ſeine Bildung nicht ſeiner Geburt entſprechend; denn in jenen Tagen waren die Holländer von New⸗York, einzelne Fälle und gewiſſe Familien ausgenommen, ſelbſt wo es an Geldmitteln gar nicht fehlte, nichts weniger als Freunde der Gelehrſamkeit. s ich eg. akter, ngen, ihre Eifer el die wen⸗ eiſten virkte liches t ein⸗ el, im eine n kein , ein o ſich ) war n des ſelbſt ligen⸗ ge der sgeiſt nach unter hrzahl 's der trat. enn in Fälle nitteln mkeit. 13 In dieſem Punkte behaupteten unſere Nachbarn, die Yankees, gar ſehr den Vorzug vor uns. Sie ſchickten jeden Knaben zur Schule, und obgleich ihre Erziehungs⸗ und Bildungsweiſe in der Regel nur oberflächliche Halbwiſſer zog, iſt es doch ein Vorzug, auch nur ein Halbwiſſer unter ganz Unwiſſenden zu ſein. Andries hatte ſich auch nicht mit gelehrten Studien befaßt, und man kann ſich leicht denken, was vernachläſſigte Kultur bei einem von Natur ſchon magern Boden für Folgen hatte. Er konnte zwar leſen und ſchrei⸗ ben, aber das Rechnen war es, unter deſſen Laſt er als Geometer erlag. Ich habe ihn oft ſagen hören, wenn man das Land ver⸗ meſſen könnte ohne Ziffern, ſo würde er keinem Berufsgenoſſen in ganz Amerika weichen, wenn nicht etwa„Seiner Excellenz,“ der, wie er nicht zweifle, nicht nur der beſte, ſondern auch der ehrlichſte Landvermeſſer ſei, den die Menſchen je geſehen. Der Umſtand, daß Waſhington während einer kurzen Zeit in ſeiner Jugend die Kunſt des Landvermeſſens getrieben hatte, war für Andries Coejemans die Quelle großen Triumphes. Er empfand es als eine Ehre, auch nur als untergeordneter Gehilfe einen Be⸗ ruf auszuüben, in welchem ein ſolcher Mann als Meiſter thätig geweſen war. Ich erinnere mich, daß, lange nachdem wir bei Saratoga zuſammen geweſen, Kapitän Coejemans, wie wir vor Yorktown ſtanden, eines Tages auf den Oberbefehlshaber deutete, wie dieſer an unſerm Lager vorbei ritt, und mit Emphaſe ausrief: „Da, Mordaunt, da, mein Junge, reitet Seine Excellenz! Es wäre der glücklichſte Tag meines Lebens, dürfte ich nur einmal die Meß⸗ kette tragen, während er die Vermeſſung eines Landſtückes in der Nähe leitete!“ Andries ſprach einen mehr oder weniger holländiſchen Dialekt, je nachdem er mehr oder weniger im Eifer war. In der Regel ſprach er ein ganz ordentliches Engliſch ein Kolonial⸗Engliſch meine ich, nicht das der Schulen, obgleich in ſeinem Wörterbuch nicht ein einziger Yankeeismus ſich fand. Auf dieſen letztern Punkt 14 that er ſich viel zu Gute, und empfand einen ehrlichen Stolz, wenn er gelegentlich gemeiner Ausdrücke ſich bediente, eine fehlerhafte Ausſprache ſich zu Schulden kommen ließ, oder einen Mißgriff in der Bedeutung eines Wortes beging— eine Sünde jedoch, die nicht häufig bei ihm vorkom; waren doch alle ſeine Fehler ehrliche New⸗Yorker Fehler, und kein„Neu⸗Englands Gewelſche.“ In Folge der verſchiedenen Beſuche, die ich im Lager abſtattete, wurden Andries und ich ganz vertraut; ſeine Eigenthümlichkeiten machten Eindruck auf meine Einbildungskraft, und ohne Zweifel erregte meine unverhehlte Bewunderung ſeine Dankbarkeit. Im Verlauf unſerer vielfachen Geſpräche erzählte er mir ſeine ganze Geſchichte, wobei er mit der Auswanderung der Coejemans aus Holland an⸗ fing und mit unſerer damaligen Lage im Lager bei Saratoga ſchloß. Andries war oft in's Treffen gekommen; und ehe der Krieg zu Ende ging, konnte auch ich mich rühmen, in nicht weniger als ſechs Treffen ihm zur Seite gefochten zu haben, nämlich bei White Plains, Tren⸗ ton, Princeton, Bhemis Heights, Monmouth und Brandywine; denn ich hatte mich vom Collegium weggeſtohlen, um dieſem letzten Tref⸗ fen anzuwohnen. Der Umſtand, daß unſer Regiment ſowohl unter Gates als Waſhington focht, hatte ſeinen Grund in der edlen Großmuth des Letzteren, welcher einen Theil ſeiner beſten Truppen ſeinem Nebenbuhler als Verſtärkung ſandte, als der Krieg im Norden eine entſcheidendere Bedeutung bekam. Dann wohnte ich der ganzen Belagerung von Yorktown bei. Aber es iſt nicht meine Abſicht, über meine Kriegsdienſte mich weitläufiger auszuſprechen. In Saratoga ſielen mir Weſen, Haltung und Benehmen eines Gentleman ſehr auf, welcher die Achtung aller Anführer im ameri⸗ kaniſchen Lager zu genießen und bei Allen bereitwilliges Gehör zu finden ſchien, obgleich er, wie es ſchien, keine amtliche Stellung einnahm. Er trug keine Uniform, obgleich er mit dem Titel Ge⸗ neral angeredet wurde, und hatte weit mehr das Weſen eines wirk⸗ lichen Soldaten an ſich, als Gates, welcher kommandirte. Er mußte dan in d Sch Ann ſcha Ver beke Erf kehr eine mit zun er! tete gro leit den bei eine lenk auf ver; ſtan Vor und hab gun in d von eine dun Leb wenn hafte iff in „die rliche In urden ichten rregte erlauf vichte, d an⸗ chloß. Ende reffen Tren⸗ denn Tref⸗ unter edlen uppen g im ite ich meine eechen. eines ameri⸗ hör zu ellung el Ge⸗ wirk⸗ mußte 15 damals zwiſchen vierzig und fünfzig Jahren alt ſein, und ſtand in der vollſten geiſtigen und körperlichen Kraft. Dieß war Philipp Schuyler, mit ſo großem Recht gefeiert und berühmt in unſeren Annalen wegen ſeiner Weisheit, ſeines Patriotismus, ſeiner Recht⸗ ſchaffenheit und ſeiner dem Staate geleiſteten Dienſte. In welchem Verhältniß er zu dem großen Feldzug im Norden ſtand, iſt zu gut bekannt, als daß hier eine weitere Erklärung nöthig wäre. Der Erfolg deſſelben jedoch war mehr ſeinem Rath und ſeinen Vor⸗ kehrungen zu verdanken, als dem Einfluß und der Thätigkeit irgend eines anderen Mannes; und er beginnt ſchon, im Zuſammenhang mit dieſen großen Begebenheiten, eine Stelle in der Geſchichte ein⸗ zunehmen, die eine auffallende Aehnlichkeit hat mit derjenigen, die er dann beim wirklichen Eintritt der wichtigſten Ereigniſſe behaup⸗ tete; mit anderen Worten; man ſieht ihn im Hintergrunde des großen Nationalgemäldes, beſcheiden und anſpruchslos, aber Alles leitend und beherrſchend durch die Kraft ſeines Verſtandes, durch den Einfluß ſeiner Erfahrung und ſeines Charakters. Gates hatte bei den wirklichen Begebenheiten dieſer denkwürdigen Periode nur eine untergeordnete Bedeutung. Schuyler war der waltende und lenkende Geiſt, obwohl durch das Vorurtheil des Volkes gezwungen, auf den Namen und Schein des Oberbefehls über die Armee zu verzichten. Unſere geſchriebenen Geſchichten ſchreiben den Uebel⸗ ſtand, welcher dieſe Ungerechtigkeit gegen Schuyler veranlaßte, einem Vorurtheil zu, welches unter den Milizen aus dem Oſten herrſchte, und das ſeinen Grund in dem Mißgeſchick von St. Clair gehabt haben ſoll, oder in den Unglücksfällen während der erſten Bewe⸗ gungen des Feldzuges. Mein Vater, welcher den General Schuyler in dem Kriege von 1756 kennen gelernt hatte, wo er die rechte Hand von Bradſtreet war, leitete die Geſinnungen gegen Schuyler von einer andern Urſache her. Nach ſeiner Meinung rührte die Entfrem⸗ dung und Abneigung her von dem Unterſchied in den Anſichten und Lebensgewohnheiten, der zwiſchen Schuyler, einem Gentleman von 16 New⸗York und den Yeomen von Neu⸗England beſtand, welche im Jahr 1777 ausrückten, getränkt mit den eigenthümlichen Begriffen, die die Folge ihres beſonderen geſellſchaftlichen Zuſtandes waren. Vorurtheile mögen auf beiden Seiten gewaltet haben, aber es iſt leicht zu ſehen, welche Partei am meiſten Großherzigkeit und Selbſt⸗ verläugnung bewährte. Vielleicht war das Letztere unvermeidlich bei dem Uebergewicht der Zahl, da es nicht leicht iſt, Maſſen von Menſchen zu uͤberzeugen, daß ſie Unrecht haben können und ein Einzelner Recht. Das iſt der große Irrthum der Demokratie, welche ſich einbildet, die Wahrheit finde ſich dadurch, daß man die Naſen zählt, während die Ariſtokratie den entgegengeſetzten Schnitzer macht, zu glauben, die Trefflichkeit erbe ſich von Mann auf Mann fort, und zwar nach der Reihe der Erſtgeburt! Es iſt nicht leicht zu ſagen, wo man in dieſem Leben die Wahrheit ſuchen ſoll. Was den General Schuyler betrifft, ſo hatte, glaube ich, mein Vater recht, ſeine Unpopularität einzig den Vorurtheilen der Pro⸗ vinzen zuzuſchreiben. Die Muſe der Geſchichte iſt die ehrgeizigſte unter allen neun Schweſtern, und glaubt ihre Pflicht nie erfüllt zu haben, wenn nicht Alles, was ſie ſagt und berichtet, mit dem Anſtrich und Gepräge tiefſinniger Philoſophie geſagt und berichtet wird, während über die Hälfte der wichtigſten Exeigniſſe, die das menſchliche Intereſſe in Anſpruch nehmen, von Urſachen abzuleiten ſind, welche mit unſerer vielgerühmten Intelligenz in keinerlei Weiſe zuſammenhängen. Die Menſchen fühlen viel mehr als ſie denken, und eine unbedeutende Stimmung und Aeußerung des Ge⸗ fühls iſt im Stande, viel Philoſophie über den Haufen zu werfen. Ich habe geſagt, daß ich ſechs Jahre zu Princeton zubrachte, das heißt dem Namen nach, nicht in der Wirklichkeit; und daß ich mit neunzehn Jahren graduirt wurde. Dieß geſchah in dem Jahre, wo Cornwallis ſich gefangen gab, und ich diente bei der Belage⸗ rung förmlich als jüngſter Fähnrich in meines Vaters Bataillon. Ich hatte auch das Glück, denn das war es für mich, der he im iffen, aren. es iſt elbſt⸗ idlich von d ein ratie, n die nitzer Nann leicht mein Pro⸗ zigſte rfüllt t dem ichtet e das leiten nerlei ls ſie 8 Ge⸗ erfen. achte, aß ich Jahre, elage⸗ nillon. , der 17 Compagnie des Kapitäns Coejemans zugetheilt zu ſein, ein Umſtand, der meine frühere Freundſchaft für dieſen ſeltſamen alten Mann noch enger und feſter machte. Ich ſage alt, denn mittlerweile war Andries volle ſieben und ſechzig Jahre alt geworden, obwohl ſo friſch, herzhaft und rüſtig als nur irgend ein Offizier beim Corps. Und was Strapatzen betrifft, ſo machte ihn eine Schule von vierzig Jahren, die er größtentheils in den Wäldern zugebracht, weitaus zum Erſten unter uns in Erduldung von Beſchwerden. Ich liebte meine Eltern, Großvater und Großmutter mit ein⸗ geſchloſſen, nicht blos ſo wie dieß einmal herkömmlich und eine ſelbſt⸗ verſtandene Sache iſt, ſondern mit aufrichtiger, kindlicher Anhäng⸗ lichkeit, und ich liebte Miß Mary Wallace, oder Tante Mary, wie man mich gewöhnt hatte ſie zu nennen, ebenſo ſehr wegen ihres ſtillen, ſanften, liebevollen Weſens, als aus Gewohnheit; und ich liebte den Major Dirck Follock als eine Art von Erbfreund, als entfernten Verwandten, und als einen guten und ſorgſamen Be⸗ ſchützer meiner Jugend und Unerfahrenheit bei tauſend Gelegen⸗ heiten, und ich liebte auch meines Vaters ſchwarzen Diener Jaap, wie wir Alle getreuen Sklaven lieben, wie ungeſchlacht ſie auch ſein mögen; aber Andries war der Mann, den ich liebte, ohne zu wiſſen warum. Er war ungelehrt, daß es an's Fabelhafte gränzte, und hatte die drolligſten Vorſtellungen, die man ſich denken kann, von dieſer Erde und was darauf iſt; er war in ſeiner Erſcheinung und ſeinem Weſen durchaus nicht fein, wohl aber herzlich und offen, hatte ſein Moralſyſtem ſo mit Vorurtheilen voll geſtopft, daß kein Raum für ſonſt Etwas übrig zu ſein ſchien; und war überdieß nicht wenig jener Art von holländiſcher Luſtbarkeit ergeben, welche dem alten Oberſt van Valkenburgh das Leben gekoſtet hatte,— eine Neigung, welche in der ganzen Kolonie ziemlich ſtark verbreitet war. Dennoch liebte ich dieſen Mann wirklich; und als wir mit dem Frie⸗ den im Jahr 1783 Alle aufgelöst und entlaſſen wurden,— bis zu welcher Zeit ich ſelbſt zum Rang eines Kapitäns geſtiegen war, ſchied Der Kettenträger. 2 18 ich von dem alten Andries förmlich mit Thränen in den Augen. Mein Großvater, General Littlepage, war damals ſchon todt, aber da die Re⸗ gierung bei der endlichen Auflöſung der Armee den Meiſten von uns einen höhern Grad verlieh, der zur Führung eines höhern Titels berechtigte, führte mein Vater, welcher im letzten Jahre des Kriegs wirklicher Oberſt des Regiments geweſen war, während ſeines üb⸗ rigen Lebens den Titel Brigadier. Es war ſo ziemlich Alles, was er für ſiebenjährige angeſtrengte und gefahrvolle Dienſte erhielt. Aber das Land war arm, und wir hatten mehr für Grundſätze ge⸗ fochten als mit der Hoffnung auf Belohnung. Man muß zugeben, daß Amerika eigentlich voll von Philoſophie ſein ſollte, da ſein Sy⸗ ſtem der Belohnungen und ſelbſt der Beſtrafungen zu einem ſo gro⸗ ßen Theil rein theoretiſch iſt, und ſich an die Einbildungskraft oder an die geiſtigen Vermögen wendet. So ſtehen wir, beim Kampfe mit allen unſeren Feinden, auf ſehr ungleichem Boden. Der Eng⸗ länder hat ſeine Ritterſchaft, ſeine Baronetſchaft, ſeine Peerſchaft, ſeine Orden, ſeinen höhern Rang in den Berufsarten, ſeine batons und all' die andern niedern Reizmittel für unſere verdorbene Natur, um ihn zum Fechten zu begeiſtern, während der Amerikaner nur durch die abſtrakten Mächte und Größen der Tugend und der Va⸗ terlandsliebe auf der Bahn des Ruhmes geſtachelt wird. Im Gan⸗ zen aber ſchlagen wir Andere ſo oft als wir ſelbſt geſchlagen wer⸗ den— was am Ende die Hauptſache iſt. Weil ich einmal auf dieſen Gegenſtand gekommen bin, will ich noch bemerken, daß An⸗ dries Coejemans nie den leeren Titel eines Majors ſich beilegte, der ihm von dem Kougrsf von 1783 ſo huldvoll verliehen wurde, ſondern die Armee mit dem Titel Kapitän verließ, ohne Halbſold oder irgend Etwas, als das Stück Land, das ihm als gedientem Soldaten zugetheilt wurde, um eine Nichte aufzuſuchen, die er auf⸗ zog, um ſein altes Geſchäft als Kettenträger wieder anzufangen. Mein e Re⸗ uns Titels rriegs s üb⸗ ,was rhielt. ze ge⸗ geben, n Sy⸗ o gro⸗ t oder rampfe Eng⸗ ſſchaft, datons Natur, er nur er Va⸗ 1 Gan⸗ n wer⸗ dal auf aß An⸗ eilegte, wurde, albſold dientem er auf⸗ agen. 19 Zweites Kapitel. Ein zuverläſſiger Schelm, Herr, der gar oft, 3 Wenn Sorge mir und Schwermuth trübt den Sinn, Mit manchem Scherz erheitert meine Laune. Dromio von Syrakus. Man wird leicht begreifen, daß während ich einen Grad er⸗ warb und eine ſogenannte Erziehung erhielt, die Studien, welche mir zu letzterer verhalfen, von ſehr unzuſammenhängender Art wa⸗ ren. Es kann keine Frage ſein, daß während der Revolution und der nächſten zwanzig Jahre, die Gelehrſamkeit aller Art bei uns in traurigen Verfall gerieth. So lange wir Kolonien waren, be⸗ ſaßen wir manche treffliche Lehrmeiſter, welche aus Europa herüber kamen, aber dieſer Zufluß hörte größtentheils auf, ſobald die Un⸗ ruhen anfingen, und begann auch nicht unmittelbar nach dem Frie⸗ den wieder. Man wird, glaube ich, wohl zugeben, daß die Gent⸗ lemen des Landes um die Zeit, wo ich in's Collegium geſchickt ward, nachgerade etwas weniger gebildet zu werden anfingen, als in dem vorhergegangenen halben Jahrhundert der Fall geweſen war, und daß dieſer Mangel noch nicht wieder ganz ausgeglichen iſt. Was das Land in der erſten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts in dieſer Beziehung leiſten wird, das muß man abwarten*). Meine Verbindung mit dem Heere trug weſentlich dazu bei, mich von der Heimath zu entwöhnen, obgleich wenige Jünglinge ſo *) Der Leſer wird ſich erinnern, daß Mr. Mordaunt Littlepage dieſe Nachrichten von ſich und ſeiner Zeit gegen das Ende des letzten und zu Anfang dieſes Jahrhun⸗ derts aufgezeichnet zu haben ſcheint. Seit jener Zeit hat die Erziehung und Bildung ſicherlich Fortſchritte bei uns gemacht; Sophomoren(Schüler der untern Collegiums⸗ klaſſen, nach der Etymologie: weiſe Narren) beſchäftigen ſich heutzutage mit Zweigen der Wiſſenſchaft, welche vor wenigen Jahren noch den Senioren verſchloſſen und vor⸗ enthalten blieben. Die Gelehrſamkeit ſchreitet jedoch in dieſem Lande nach dem gro⸗ ßen amerikaniſchen Grundſatze vor: einer großen Maſſe Etwas beizubringen, nicht einige Wenige Vieles zu lehren. Der Herausgeber. 9* 2 20 viele Verlockungen gehabt haben mögen, unter das väterliche Dach zurückzukehren, wie ich. Dort hatte ich erſtlich meine geliebte Mut⸗ ter und meine Großmutter, welche beide mich als einzigen Sohn hätſchelten. Sodann beſaß Tante Mary in nicht viel geringerem Grade meine liebevolle Anhänglichkeit. Aber ich hatte auch zwei Schweſtern, die eine älter, die andere jünger als ich. Die Erſtere nach unſerer theuern Mutter Anneke genannt, war ſechs Jahre älter als ich, und ward zu Anfang des Krieges mit einem Gentle⸗ man mit Namen Kettletas vermählt. Mr. Kettletas war ein Mann mit einem ſehr hübſchen Beſitzthum, und machte meine Schwe⸗ ſter vollkommen glücklich. Sie bekamen mehrere Kinder, und hatten ihren Aufenthalt in Ducheß, was ein weiterer Grund war, dieſe Gegend zu ihrem zeitweiligen Aufenthaltsort zu wählen. Ich ſah Anneke, oder Mrs. Kettletas, ſo ziemlich mit denſelben Augen an, womit alle Jünglinge eine ältere Schweſter anſehen, wenn ſie liebe⸗ voll, weiblich und durchaus achtbar iſt; aber die kleine Katrinke, oder Kate, war mein Liebling. Sie war wieder vier Jahre jünger als ich, und da ich zur Zeit der Auflöſung der Armee gerade zwei und zwanzig Jahre alt war, zählte ſie erſt achtzehn. Dieſe ge⸗ liebte Schweſter war ein kleines, hüpfendes, lachendes, niemals ru⸗ higes, luſtiges Geſchöpf, als ich im Jahr 1781 von ihr Abſchied genommen hatte, um als Fähnrich zum Regiment abzugehen, ſo ſchön und hold wie eine Roſenknospe, und auch eben ſo verheißungsvoll. Ich erinnere mich, daß der alte Andries und ich einen großen Theil unſerer Zeit im Lager mit Geſprächen über unſere beiderſeitigen Lieblinge zubrachten; er ſpr ch von ſeiner Nichte und ich von mei⸗ ner jüngeren Schweſter. Natürlich hatte ich im Sinne nie zu hei⸗ rathen, ſondern Kate und ich wollten zuſammenleben, ſie als meine Haushälterin und Geſellſchafterin, und ich als ihr älterer Bruder und Beſchützer. Als das einzige große Gut des Lebens galt uns Allen der Friede neben dem Beſitz der Unabhängigkeit, und wenn man einmal ſo weit gekommen, war Keiner, wenigſtens in unſerem 8* 21 Regimente, ein ſo ſchlechter Patriot, daß er an der Zukunft gezwei⸗ felt hätte. Es war zum Lachen, mit wie viel Geſchmack und Ein⸗ falt der alte Kettenträger auf all dieſe knabenhaften Pläne und Entwürfe einging. Seine Nichte war eine Waiſe, wie es ſchien, das einzige Kind einer einzigen Halbſchweſter, und war gänzlich auf ihn angewieſen in Betreff ihres Lebensunterhalts und ihres tägli⸗ chen Brodes. Es iſt wahr, dieſer Nichte erging es etwas beſſer, als man unter dieſen Verhältniſſen zu erwarten berechtigt war, denn eine Freundin ihrer Mutter, welche ſelbſt ihres Vermögens beraubt eine Schule gründete, hatte für ſie alle Sorge getragen und ſo ihrer Schutzbefohlenen eine weit beſſere Erziehung gegeben, als ſie je unter ihres Oheims Leitung empfangen haben würde, hätte dieſer auch die Reichthümer der van Reuſſelaer oder der van Cortlandts beſeſſen. Wie ſchon deutlich genug angedeutet worden, hatte der alte Andries ſeine Stärke nicht in der Bildung, und Die⸗ jenigen, welche dieſes Vorzugs nicht theilhaftig ſind, wiſſen ſelten deſſen Bedeutung gehörig zu würdigen. Es verhält ſich mit den erworbenen Kenntniſſen des Geiſtes, wie mit den Vorzügen des äußeren Benehmens und der Geſchmacksbildung; man iſt ſehr ge⸗ neigt, das Alles zu unterſchätzen, bis man durch Erfahrung hat einſehen lernen, wie ſehr es den Geiſt zu erheben und zu erweitern vermag. Aber die Nichte des Andries war ausnehmend glücklich, daß ſie gerade in dieſe Hände gefallen war; denn Mrs. Stratton war im Stande und geneigt, was den Unterricht betrifft, ſo lange ſie lebte Alles für ſie zu thun, was damals irgend für ein junges Frauenzimmer in New⸗York geſchehen konnte. Als je⸗ doch dieſe wohlwollende Freundin im Jahre 1783 ſtarb, ſah ſich Andries genöthigt, wieder ſelbſt die Sorge für ſeine Nichte zu übernehmen, die jetzt gänzlich auf ſeinen Schutz und ſeine Unter⸗ ſtützung angewieſen war. Zwar wünſchte das Mädchen ſich ſelbſt fortzubringen, aber weder der Stolz noch die Zärtlichkeit des alten Kettenträgers wollte Etwas davon hören. 22 „Was kann denn das Mädchen anfangen,“ ſagte Andries eines Tages in bedeutungsvollem Tone zu mir, als er mir alle dieſe Umſtände erzählte.„Sie kann keine Ketten tragen, obgleich ich glaube, Morty, das Kind hat Kopf genug, und verſteht ſich wohl auf Ziffern, um zu vermeſſen. Es würde Euch im Herzen wohl⸗ thun, die Berichte über ihr Lernen zu leſen, welche die alte Frau mir zu ſchicken pflegte; obgleich ſie ſelbſt eine ſo vortreffliche Hand ſchrieb, daß es mich gewöhnlich eine Woche Zeit koſtete, einen ihrer Briefe zu leſen; das heißt vom Hochgeſchätzter Freund,“ bis zum ‚Unterthänige Dienerin,“ wie dieß Zeug lautet, wißt Ihr.“ „Eine vortreffliche Hand! Ei, ich ſollte meinen, Andries, je beſſer die Hand, deſto leichter könne man einen Brief leſen.“ „Alles lauter Irrthum. Wenn ein Mann ſelbſt elend kritzelt, ſo iſt es natürlich, daß er für ſeine Perſon elend gekritzelte Briefe am leichteſten liest. Nun war Mrs. Stratton im Mutterlande ge⸗ bildet, und kam leicht ſo in ein Kapitel hinein, daß es einem ein⸗ fachen Manne ſchwer halten konnte, gleichen Schritt mit ihr zu halten.“ „So gedenkt Ihr denn eine Landvermeſſerin aus Eurer Nichte zu machen?“ fragte ich etwas ſpitzig. „Ha, ſie iſt ſchwerlich kräftig genug, um durch die Wälder zu reiſen, und der Beruf paßt nicht für ihr Geſchlecht, obwohl ich ſie keck gegen den älteſten Rechner in der Provinz ſetzen würde.“ „Wir nennen New⸗York jetzt einen Staat, Kapitän Andries, wie Ihr Euch zu erinnern die Güte haben werdet.“ „Ja, das iſt wahr, und ich bitte den Staat um Verzeihung. Nun, es wird da ein gewaltiges Zugreifen und Kämpfen geben um das Land, ſobald der Krieg erſt recht zu Ende iſt, und Meß⸗ ketten tragen wird wieder ein angeſehener und nützlicher Beruf ſein. Wißt Ihr wohl, Morty, man ſpricht davon, daß man Allen von der Linie, Gemeinen und Offizieren, ein Stück Land geben wolle, und ſo würde ich dann wieder ein Landbeſitzer, in welcher 23 Eigenſchaft ich zuerſt im Leben angefangen habe. Ihr werdet Acres Land genug erben, und braucht nach einem Hundert mehr oder we⸗ niger nicht zu fragen, aber mir, ich geſtehe es, iſt der Gedanke ganz angenehm.“ „Gedenkt Ihr dann als Landwirth von Neuem anzufangen?“ „Nein, dieß Geſchäft paßte nie für mich oder ich nicht für es. Aber es kann Einer, denke ich, ſeinen eigenen Landantheil vermeſſen, ohne daß größere Meiſter und Gelehrte daran Anſtoß nehmen dür⸗ fen. Wenn ich das Geſchenk an Land bekomme, wovon man ſpricht, ſo werde ich mich an's Werk machen und es auf meine eigene Rechnung und Verantwortung vermeſſen, und dann wollen wir ſehen, Wer ſich auf Ziffern verſteht, und Wer nicht? Wenn auch andere Leute kein Vertrauen zu mir haben, ſo iſt das kein Grund, daß ich ſelbſt kein Vertrauen zu mir haben ſollte.“ Ich wußte, daß der Umſtand, daß es bei ihm an den Erfor⸗ derniſſen für die mehr intellektuelle Seite ſeines Berufs gefehlt hatte, ein wunder Punkt bei dem alten Andries war, und ich ver⸗ mied es, bei dieſem Gegenſtande zu verweilen. Nur um ſeinen Geiſt auf andere Gedanken zu lenken, begann ich ihn etwas ge⸗ nauer, als ich je früher gethan hatte, über ſeine Nichte auszufra⸗ gen, wodurch ich jetzt Manches erfuhr, was mir neu war. Der Name von des Kettenträgers Nichte war Duß Malbone, wenigſtens nannte er ſie immer ſo. Am Ende entdeckte ich, daß Duß eine Art von holländiſchem Diminutiv für Urſala ſei. Ur⸗ ſala Malbone hatte nichts von dem Blute der Coejemans in ſich, ob⸗ gleich ſie die Tochter von Andries Schweſter war. Die alte Mrs. Coejemans war, wie ſich zeigte, zweimal verheirathet, und ihr zwei⸗ ter Gatte der Vater von Duß's Mutter geweſen. Bob Molbone, wie der Kettenträger immer des Mädchens Vater nannte, war ein Mann aus dem Oſten, von ſehr guter Familie, aber ein gewiſſen⸗ loſer Verſchwender, welcher Duß, die Aeltere, ſo viel ich merkte, um ihres Vermögens willen heirathete; dieſes, ſo wie auch das, 24 was er ſelbſt geerbt, brachte er binnen den erſten zehn Jahren ihrer Verbindung glücklich durch, ein Jahr oder zwei nachdem das Mädchen geboren war. Vater und Mutter ſtarben nur wenige Monate nach einander, und ſehr zur rechten Zeit, was Vermögen und Mittel des weltlichen Fortkommens betraf, und hinterließen die arme kleine Duß ohne einen andern Beſchützer und Verſorger, als ihren Halboheim, der damals ſeinem regelmäßigen Berufe nach⸗ gehend in den Wäldern lebte, und die ſchon erwähnte Mrs. Strat⸗ ton. Ein Halbbruder war auch da, denn Bob Malbone war früher ſchon verheirathet geweſen, aber er war bei der Armee und hatte eine nahe Verwandte von ſeinem Solde zu unterſtützen. Von dem Kettenträger und Mrs. Stratton waren neben gelegentlichen Bei⸗ trägen des Bruders die Mittel aufgebracht worden, das Mädchen zu kleiden, zu nähren und zu erziehen, bis ſie das achtzehnte Jahr erreichte, wo der Tod ihrer Beſchützerin ſie beinahe gänzlich auf die Fürſorge und Güte ihres Oheims anwies. Der Bruder that jetzt das Seinige, das gab Andries zu; aber was er thun konnte, war nicht viel. Er war ſelbſt auch Kapitän, und ſein dürftiger Sold reichte nur eben für ſeine eigene Bedürfniſſe aus. Ich konnte leicht bemerken, daß der alte Andries Duß mehr liebte, als irgend Etwas oder irgend Jemand ſonſt. Wenn er ein wenig weich war, und das war gewöhnlich der Fall, wenn er ſich etwas zu ſehr gütlich gethan hatte, ſo ſchwatzte er mir von ihr vor, bis ihm die Thränen in die Augen traten, und einmal machte er mir förmlich den Vorſchlag, ſie zu heirathen. „Ihr würdet gerade für einander paſſen,“ ſetzte der alte Mann hinzu, bei dieſer denkwürdigen Gelegenheit, mit gar drolliger aber ernſtgemeinter Art;„und was das Vermögen betrifft, ſo weiß ich, Ihr fragt wenig nach Geld und bekommt einmal genug, für ein halb Dutzend. Ich ſchwöre Euch, Kapitän Littlepage,“ denn dieß Geſpräch fand nur wenige Monate vor unſerer Auflöſung ſtatt, als ich ſchon eine Compagnie hatte,—„ich ſchwöre es Euch, Kapitän — Littl würd dater ihm ſeht, alte Knal alt r Euch es, mein die L einer mach an ei mente ein lo fſung noch uns g gilt nicht vorger ſich ne 2 dienen Herme zahren m das venige mögen hen die r, als nach⸗ Strat⸗ früher hatte n dem a Bei⸗ ädchen Jahr ch auf er that konnte, erftiger 3 mehr er ein er ſich von ihr machte Mann er aber eiß ich, für ein an dieß itt, als dapitän 25 Littlepage, das Mädchen lacht vom Morgen bis in die Nacht, und würde eine der luſtigſten Lebensgefährtinnen für einen alten Sol⸗ daten abgeben, die je angelobt haben, ihren Gatten zu ehren und ihm unterthan zu ſein. Verſucht es einmal mit ihr, Junge, und ſeht, ob ich Euch täuſche.“ „Das möchte ganz gut angehen, Freund Andries, für einen alten Soldaten; aber Ihr müßt bedenken, daß ich nur erſt ein Knabe den Jahren nach bin—“ „Ja, den Jahren nach; aber alt als Soldat, Morty,— ſo alt wie White Plains oder 1776, wie ich gar wohl weiß, da ich Euch ſelbſt im Feuer geſehen.“ „Nun gut, ſei es ſo; aber der Mann und nicht der Soldat iſt es, der heirathen muß, und ich bin noch ein ſehr junger Mann.“ „Es wäre nicht das Schlimmſte, was Ihr thun könntet, nehmt mein Wort darauf, Mordaunt, mein lieber Junge; denn Duß iſt die Luſtigkeit ſelbſt, und ich habe ihr oft von Euch geſprochen in einer Art, welche Euch das Werben zu einer ſo leichten Sache machen wird, als eine Kette zu tragen auf den Jarmen Flatts.“ Ich verſicherte meinem Freund Andries, daß ich noch gar nicht an ein Weib dächte, und daß mein Geſchmack mehr auf ein ſenti⸗ mentales und melancholiſches junges Frauenzimmer ginge als auf ein lachendes Mädchen. Der alte Kettenträger nahm dieſe Abwei⸗ ſung mit guter Laune auf, doch erneuerte er den Angriff wenigſtens noch ein Dutzend Mal, ehe das Regiment aufgelöst wurde und wir uns gänzlich trennten. Ich ſage, uns gänzlich trennten, aber das gilt eigentlich nur von unſerer Kameradſchaft als Soldaten, und nicht von unſerem ſpäteren Leben überhaupt; denn ich hatte mir vorgenommen, Andries ſelbſt eine Beſchäftigung zu geben, falls ſich nichts Beſſeres für ihn darböte. Auch fehlten mir die Mittel nicht ganz, einem Freunde ſo zu dienen, wenn der Wille dazu vorhanden war. Mein Großvater Herman Mordaunt hatte mir ein anſehnliches Beſitzthum hinterlaſſen, 26 welches ich mit dem Alter von einundzwanzig Jahren förmlich an⸗ treten ſollte, in der jetzt ſogenannten Grafſchaft Waſhington, einem Theil unſeres Territoriums, nordöſtlich von Albany gelegen, und nicht weit entfernt von den Hampſhire Grants. Dieß Gut, viele tauſend Aeres umfaſſend, war theilweiſe von ihm ſelbſt, noch vor meiner Geburt, an Anſiedler vergeben worden durch Pachtverträge, und da dieſe Verträge jetzt meiſt erloſchen waren, blieben die bis⸗ herigen Inhaber auf unbeſtimmte Zeit, ruhige Zeiten abwartend, um ihre Verträge wieder auf die Dauer zu erneuen. Bis jetzt hatte Ravensneſt, ſo hieß das Beſitzthum, der Familie faſt nur Koſten und Mühe verurſacht; aber da das Land gut, und die bis jetzt gemachten Verbeſſerungen und Einrichtungen beträchtlich waren, war es jetzt Zeit, auch einen Erſatz für alle unſere Auslagen zu erwarten. Dieß Gut war jetzt mein förmliches Eigenthum, da mein Vater am Tage wo ich volljährig wurde, mir deſſen Beſitz ganz übergeben hatte. Neben dieſem Beſitzthum lag Mooſeridge, das gemeinſchaftliche Eigenthum meines Vaters und ſeines Freun⸗ des des Majors, oder wie er jetzt vermöge der Rangerhöhung, die den Offizieren beim Frieden bewilligt worden war, genannt wurde, des Oberſts Follock. Mooſeridge war urſprünglich meinem Groß⸗ vater, dem erſten General Littlepage, und dem alten Oberſt Follock, der zu Anfang des Kriegs getödtet und ſkalpirt worden war, durch ein Patent zugetheilt worden; aber als ſeine Hälfte an dem gemeinſamen Beſitzthum an Dirck Follock fiel, übertrug mein Großvater ſeinen Antheil auch ſeinem Sohn, der doch binnen Kur⸗ zem, dem Geſetze der Natur zufolge, deſſen Eigenthümer werden mußte. Dieß Beſitzthum war einmal in große Loostheile vermeſſen worden, aber wegen widriger Umſtände und wegen der Nähe der Kriegsunruhen war man nicht zur wirklichen Anſiedlung oder zur Zerſchlagung und Vermeſſung in Pachtgüter gekommen. Alles, was ſeine Eigenthümer je davon gehabt hatten, war das Privilegium, der Krone den Erbzins dafür zu bezahlen; Steuern oder vorbe⸗ haltene weit m Rang h toe, ſeh Lage, ſend Pe aller Ar waren licher T Hauſe; alle ſei riſes, j nach M vember ſem wi ſelben⸗ er im L Die und in Landes amerikan gefahren zoſen V rungen. andere 2 des in? ihr müh nicht in lich an⸗ ,einem n, und t, viele koch vor erträge, die bis⸗ vartend, zis jetzt faſt nur die bis waren, agen zu um, da en Beſitz oſeridge, Freun⸗ ung, die t wurde, n Groß⸗ Oberſt worden dälfte an ug mein ten Kur⸗ werden dermeſſen Nähe der oder zur lles, was vilegium, r vorbe⸗ 27 haltene Leiſtungen von keinem großen Betrage zwar, aber doch weit mehr, als das Gut je eingetragen hatte. Weil ich einmal bei Ländereien und Verleihungen bin, will ich lieber gleich meine einleitenden Erklärungen beendigen. Mein Großvater väterlicher Seits war keineswegs ſo reich wie mein Vater, obgleich er älter war und einen ſo viel höhern militäriſchen Rang hatte. Aber doch war ſein Beſitzthum, der Landhals Satans⸗ toe, ſehr werthvoll; mehr wegen der Güte des Bodens und der Lage, als wegen ſeines Umfangs. Außerdem hatte er einige tau⸗ ſend Pfund im Zins; denn Stocks, Banken und Geldkorporationen aller Art waren damals bei uns faſt ganz unbekannt. Seine Mittel waren jedoch hinreichend für ſeine Bedürfniſſe, und es war ein fröh⸗ licher Tag, als es ihm geſtattet wurde, wieder von ſeinem eigenen Hauſe Beſitz zu nehmen, in Folge davon, daß Sir Guy Carleton alle ſeine Detaſchements aus Weſt Cheſter zurückzog. Die Mor⸗ riſes, ſo ausgezeichnete und angeſehene Whigs ſie waren, kehrten nach Norriſania erſt nach der Räumung zurück, welche den 25. No⸗ vember 1753 ſtattfand, und auch mein Vater kehrte erſt nach die⸗ ſem wichtigen Ereigniß wieder nach Lilaksbuſh zurück. In dem⸗ ſelben Jahre, wo mein Großvater Satanstoe wieder ſah, bekam er im Lager die Blattern und ſtarb. Die Wahrheit zu geſtehen, fand uns Alle der Friede ſehr arm, und in derſelben Lage befanden ſich beinahe alle Einwohner des Landes bis auf wenige Lieferanten. Nicht die Lieferanten für die amerikaniſche Armee waren reich geworden; ſie waren ſchlimmer gefahren als die meiſten Leute; aber die Wenigen, welche den Fran⸗ zoſen Vorräthe lieferten, bekamen wirklich Silber für ihre Liefe⸗ rungen. Was die Armee betrifft, ſo wurde ſie aufgelöst ohne eine andere Belohnung als Verſprechungen und Auszahlung ihres Sol⸗ des in Papiergeld, das ſo reißend im Werthe ſank, daß die Leute ihr mühſam verdientes Kapital nur ſchnell verjubelten, damit es nicht in ihren Händen gänzlich werthlos werde. Ich habe in ſpäte⸗ 28 ren Jahren viel von den berühmten Newburgher Briefen reden hören, und daß nur aus dem Mangel an Patriotismus zu erklären ſei, daß ſie geſchrieben worden. Es mag nicht ſonderlich klug ge⸗ weſen ſein, in Betracht der gänzlichen Entblößung und Armuth des Landes, die Alternative in's Auge zu faſſen, nach welcher dieſe Briefe allerdings einen ſchielenden Blick warfen, aber es lag Nichts weder in der Ausführung, noch in der Tendenz derſelben, was nicht unter den damaligen Umſtänden ganz natürlich geweſen wäre. Wa⸗ ſhington hatte ganz recht, ſo zu handeln, wie er in dieſer Kriſis handelte, obgleich es ſehr wahrſcheinlich iſt, daß ſelbſt Waſhington anders gedacht und gehandelt haben würde, hätte er Nichts im Auge gehabt, als das lebhafte Bewußtſein der Geringſchätzung ſeiner Dienſte, die Ausſicht auf Armuth und Vergeſſenheit. Was den jungen Offizier betrifft, der die Briefe wirklich ſchrieb, ſo wird man wahrſcheinlich ihm in keiner Hinſicht je die gebührende Gerech⸗ tigkeit widerfahren laſſen, außer in der Anerkennung ſeines treff⸗ lichen Styls. Für Solche, die nichts zu dulden haben, mag es eine ganz ſchöne Sache ſein, von Patriotismus zu ſchwatzen; aber ein Land hat die Pflicht, gerecht zu ſein, ehe es ſo hohe moraliſche Anſprüche machen kann, in Betreff der ausſchließlichen Hingebung und Aufopferung für die Intereſſen der Mehrheit. Schöne Worte koſten wenig, und ich kann mich zu keiner großen Achtung für Die⸗ jenigen bekennen, welche ihre Rechtſchaffenheit hauptſächlich durch Phraſen beurkunden. Ich ſage dieß nicht, um mich perſönlich zu rechtfertigen, denn unſer Regiment befand ſich bei der Auflöſung nicht in Newburgh; wenn dieß geweſen wäre, ſo hätte uns, glaube ich, der Einfluß meines Vaters abgehalten, den Mißvergnügten bei⸗ zutreten; aber ich glaube daneben auch, ſein und mein Patriotismus hätten eine kräftige Stärkung gehabt an dem Bewußtſein, daß es ſolche Beſitzungen gebe wie Satanstoe, Lilaksbuſh, Mooſeridge und Ravensneſt. Doch ich kehre zu den Angaben, unſer Vermögen betreffend, zurück. 3 Vern Mutt die d und ſie m warer inner 9 jetzig bring Vorf in di gen um Fam denen von Alter war Jahr lichen niſſe. ſeiner Krieg horch einen züge Jaap eirte Fami und n reden erklären lug ge⸗ Armuth er dieſe Nichts as nicht e. Wa⸗ Kriſis hington chts im hätzung . Was ſo wird Gerech⸗ s treff⸗ mag es 1; aber raliſche gebung Worte ur Die⸗ ) durch llich zu flöſung glaube en bei⸗ tismus daß es ge und rmögen 29 Mein Großvater Mordaunt hinterließ, neben dem ſchönen Vermächtniß für mich, die Hauptmaſſe ſeines Vermögens meiner Mutter. Dieß hätte die übrige Familie reich gemacht, wären nicht die durch den Krieg veranlaßten Verluſte geweſen. Aber die Häuſer und Speicher in der Stadt waren ohne bezahlende Miethsleute, da ſie meiſt vom Feinde beſetzt waren; und die Zinſen aus Kapitalien waren ſchwer einzuziehen von Denjenigen, deren Aufenthaltsort innerhalb der feindlichen Linie ſich befand. Mit Einem Wort, es iſt nicht leicht, Demjenigen, der den jetzigen Zuſtand des Landes vor Augen hat, einen Begriff beizu⸗ bringen von ſeiner wahren Lage in der damaligen Zeit. Da ein Vorfall, der mir ſelbſt begegnete, nachdem ich als regulärer Soldat in die Armee eingetreten war, ein lebhaftes Bild von dem damali⸗ gen Stand der Dinge gibt, will ich ihn hier erzählen, und zwar um ſo lieber, als ich dabei dem Leſer einen alten Freund der Familie vorführen kann, welcher in engſter Beziehung zu verſchie⸗ denen Begebenheiten meines eigenen Lebens ſteht. Ich habe ſchon von Jaap, einem Sklaven meines Vaters, ungefähr von ſeinem Alter, geſprochen. Zu der Zeit, von welcher die Rede ſein ſoll, war Jaap ein ſchon grauköpfiger Neger, obwohl erſt von mittleren Jahren, und beſaß die meiſten Fehler, ſowie alle die eigenthüm⸗ lichen Tugenden der Geſchöpfe ſeines Stammes und ſeiner Verhält⸗ niſſe. Meine Mutter insbeſondere hatte ein ſolches Vertrauen zu ſeiner Treue, daß ſie darauf beſtand, daß er ihren Gatten in den Krieg begleitete, ein Befehl, welchem der Schwarze ſehr gerne ge⸗ horchte, nicht nur, weil er Abenteuer liebte, ſondern auch weil er einen Indianer ganz beſonders haßte, und meines Vaters erſte Kriegs⸗ züge gegen dieſen Theil unſerer Feinde gerichtet waren. Obgleich Jaap als Bedienter fungirte, trug er doch eine Muskete, und exer⸗ eirte ſogar mit der Mannſchaft. Zum Glück war die Livree der Familie Littlepage blau mit Roth aufgeſchlagen und ſehr beſcheiden und wenig auffallend, ſo daß Jaap beinahe ſo ſchon Uniform trug; denn der Burſche weigerte ſich hartnäckig, die Farben irgend einer andern Macht zu tragen, als die der Familie, welcher er ordentlich angehörte. Auf ſolche Art war Jaap eine ſonderbare Miſchung von Diener und Soldaten geworden, und war bald in der einen, bald in der andern Eigenſchaft thätig, und zugleich hatte er Viel vom Arbeiter an ſich, denn unſere Sklaven waren zu Allem zu brauchen. Meine Mutter hatte ausdrücklich verlangt, daß Jaap mich immer begleiten ſolle in allen Fällen, wo ich weit von meinem Vater weggeſchickt wurde. Ganz natürlich ging ſie von der An⸗ nahme aus, ich ſei der Sorgfalt eines treuen Begleiters und Die⸗ ners am meiſten benöthigt, und demzufolge war der Schwarze zur Hälfte etwa an mich übergegangen. Ihm behagte dieſer Wechſel zuſehends, theils weil die Folge davon ein beſtändiger Wechſel der Scene und die Ausſicht auf neue Abenteuer war, theils weil er ihm Gelegenheit gab, viele von den Erlebniſſen ſeiner Jugend zu erzählen; Erlebniſſe, die, gegenüber von ſeinem alten Herrn, in der Erzählung nachgerade fadenſcheinig geworden, aber gegenüber von ſeinem jungen Herrn noch friſch und neu waren. Bei der Gelegenheit, wovon hier die Rede iſt, kehrten Jaap und ich in's Lager zurück von einem ziemlich weiten Ausflug, den ich auf Befehl des Generals der Armeeabtheilung gemacht hatte. Es war dieß um die Zeit, wo das Kontinentalgeld vollends auf Nichts, oder faſt auf Nichts herabſank, nachdem es lange hundert Dollars auf einen in Silber geſtanden. Ich hatte mich mit etwas Silber verſehen, und ein großer, koſtbarer Schatz war es, und mit dreißig bis vierzigtauſend Dollars Kontinentalgeld, um meine Reiſekoſten zu beſtreiten; aber mein Silber war ausgegeben, und mein Papier auf zwei oder dreitauſend Dollars geſchmolzen— d. h. ſo viel, als gerade erforderlich geweſen wäre, um ein Mittag⸗ eſſen für Jaap und mich zu bezahlen; auch waren die Gaſtwirthe nicht ſehr bereitwillig, ihre Zeit und ihr Eſſen für irgend eine ländi einer entlich ſchung einen, er Viel tem zu p mich neinem er An⸗ d Die⸗ rze zur Wechſel öſel der weil er zend zu rrn, in genüber n Jaap g, den hatte. nds auf hundert t etwas s, und n meine en, und — d. h. Mittag⸗ ſtwirthe nd eine 31 Summe deſſelben herzugeben. Dieſe Ebbe trat in meiner Börſe ein, als ich noch zwei lange Tagereiſen zum Reiten vor mir hatte, und in einer Gegend des Landes, wo ich durchaus keine Bekannte beſaß. Wir bedurften eines Nachteſſens und Nachtlagers für uns ſelbſt, und Futter und Stall für unſere Pferde. Alles der Art war allerdings wohlfeil genug, aber völlige Entblößung von Mitteln machte auch die geringſte Zeche für Perſonen in unſerer Lage un⸗ erſchwinglich. Um ſich an den Patriotismus Derjenigen zu wenden, welche an der Straße wohnten, dazu war es ſchon eine zu ſpäte Zeit des Krieges; denn der Patriotismus iſt eine ſehr leicht verſchwin⸗ dende und verdunſtende Eigenſchaft des menſchlichen Herzens, und ganz beſonders verkriecht er ſich, wie das Mitleid, gern hinter irgend einem bequemen und ſcheinbaren Vorwand, wenn ſeine Be⸗ hauptung und Bemühung mit einem Geldaufwand verknüpft iſt. Er mag als ein Kapital gelten bei einer Revolution, oder bei einem Kriege vielleicht während der erſten ſechs Monate; aber nach Ver⸗ fluß dieſer Friſt wird er nachgerade ſo werthlos als das Kontinen⸗ talgeld ſelbſt. Ein Detaſchement Milizen hat den Patriotismus von Tauſenden ſo uneigennützigen Helden erſchöpft, als je Musketen ſchulterten. „Jaap,“ fragte ich meinen Begleiter, als wir uns dem Flecken näherten, wo ich die Nacht zuzubringen beabſichtigte, und das Er⸗ quickende eines warmen Nachteſſens, an einem ſcharfen, froſtigen Abend, begann ſich meiner Einbildungskraft aufzudrängen;„Jaap*), wie viel Geld habt Ihr ungefähr bei Euch?“ „Ich, Maſſer Mordaunt?— Guter Himmel, aber das ſein ſehr drollige Frage, Sah!“ „Ich frage, weil mein eigener Vorrath auf gerade Einen Yorker Shilling geſchmolzen iſt, der in dieſer Gegend nur als ein Neunpence⸗Stück gilt.“ „) Der Sklave wird abwechſelnd Yaf oder Yop genannt, denn das Yorker⸗Nieder⸗ ländiſch iſt gar nicht ſtreng. 3 Yaf Yop g a Dorfer⸗Rieder A 32 „Das ſein ſehr wenig, die Wahrheit zu ſprechen, für zwei Gentleum und für zwei große, hungrige Gäule. Sehr wenig, ge⸗ wiß, Sah! Wünſchte, es wäre mehr!“ „Und doch habe ich keine Kupfermünze mehr. Ich habe zwölf⸗ hundert Dollars für Mittageſſen, Aufenthalt und Haber gegeben, dieſen Mittag.“ „Ja, Sah— aber das Kontinental, Sah, vermuthe ich— eigentlich nicht viel ſein, das!“. „Es iſt gar viel, dem Namen und Laut nach, Jaap, aber nicht viel, wenn es unter die Zähne kommt, wie Ihr wohl merken könnt. Aber doch müſſen wir eſſen und trinken, und unſere Gäule müſſen auch freſſen— ſaufen dürften ſie, denke ich, unbezahlt.“ „Ja, Sah— das ganz wahr ſein— yah, yah! yah!“— Wie leichten Herzens dieſer Neger lachte!—„Aber der Cider wundervoll gut ſein in dieſer Gegend des Landes, jung Maſſer; ge⸗ rade nicht ſüß und nicht ſauer— dann ſtark ſein wie ein Eſel.“ „Nun, Jaap, wie ſollen wir von dieſem guten Cider bekom⸗ men, von welchem Ihr ſprecht?“ „Ihr denkt, Sah, daß in dieſem Theil des Landes viel ſei geſchwatzt worden in neueſter Zeit von Patty Rism und dem Vater⸗ land, Sah?“ „Ich fürchte, es iſt hier Patty zu viel zugemuthet worden, ſo wie auch in den meiſten andern Grafſchaften.“ Ich muß hier bemerken, daß Jaap ſich immer einbildete, das ſchöne Weſen, das er ſo hoch hatte rühmen und erheben hören wegen ſeiner Anmuth und Tugend, ſei ein gewiſſes junges Frauen⸗ zimmer dieſes Namens, in welches auf eine unerklärliche Weiſe der geſammte Kongreß heftig verliebt ſei... „Nun denn, Sah, dann hier keine Hoffnung ſein als unſer Witz. Laßt mich Maſſer ſein dieſe Nacht und denkt an den alten Jaap, ob ihm ein gutes Nachteſſen fehlt. Reitet nur voraus, aber 4 ekom⸗ iel ſei Vater⸗ orden, , das hören auen⸗ ſe der unſer alten praus, 33 Maſſer Mordaunt, und gebt Befehl, als General Littlepage's Sohn, und überlaßt Alles dem alten Jaap.“ Da hier keine große Wahl war, ritt ich zu, und bald hörte ich die Hufſchläge von des Negers Pferd nicht mehr hinter mir. Ich erreichte das Gaſthaus eine Stunde ehe Jaap erſchien, und ſaß in der That ſchon bei einem tüchtigen Nachteſſen, als er herangeritten kam, wie Einer, der ſein eigener Herr iſt. Jaap hatte die Abzeichen des Hauſes Littlepage abgelegt und geberdete ſich ganz unabhängig. Sein Pferd ward neben dem meinigen in den Stall geſtellt, und ich fand ihn ſelbſt bald mit den Ueberbleibſeln meines Nachteſſens beſchäftigt, als ſie in die Küche zurückwanderten. Ein Reiſender von meiner Art und äußeren Erſcheinung wurde, wie ſich von ſelbſt verſteht, im beſten Gäſtezimmer bewirthet; und nachdem ich meinen Hunger geſtillt hatte, ſetzte ich mich hin, um einige Urkunden zu leſen, welche ſich auf den Gegenſtand meiner Sendung bezogen. Niemand hätte wohl gedacht, daß ich nur einen Yorker Shilling, ſo viel als ein Pennſylvaniſcher„Levy“, oder ein Connektikuter Neunpenceſtück in meinem Beutel hatte; denn mein ganzes Weſen und Benehmen war das eines Mannes, der Alles be⸗ zahlen konnte, was er brauchte, da die Gewißheit, daß auf die Länge mein Wirth durch mich nicht in Schaden kommen könne, mir die gehörige Zuverſicht gab. Ich war gerade mit den Urkunden fertig geworden, und dachte nach, wie ich die paar Stunden, welche noch übrig waren, bis die Zeit kam, zu Bette zu gehen, ausfüllen ſollte, als ich Jaap im Schenkzimmer ſeine Geige ſtimmen hörte. Wie die meiſten Neger hatte der Burſche ein Ohr für die Muſik, und man hatte ihn ſeiner Neigung nachhängen laſſen, bis er ſo gut ſpielte, als die Hälfte der Fiedler, denen man im Lande begegnete. Der Ton einer Geige in einem kleinen Flecken an einem kalten Oktoberabend mußte nothwendig ſeine Wirkung thun. Nach einer halben Stunde kam die lächelnde Wirthin, um mich einzuladen, mich auch zu der Geſellſchaft zu begeben, mit der angenehmen Der Kettenträger. 3 34 Nachricht, es werde mir nicht an einer Tänzerin fehlen, denn das hübſcheſte Mädchen im Ort ſei ſo eben erſt auch gekommen und habe noch keinen Tänzer. Als ich in das Schenkzimmer trat, ward ich mit einer Menge linkiſcher Verbeugungen und Knixe, aber mit viel einfacher und wohlmeinender Gaſtlichkeit begrüßt. Die Begrüßung Jaaps ſelbſt war ſehr ſtudirt und durchaus von der Art, daß ſie jeden Verdacht ausſchloß, daß wir früher ſchon bekannt geweſen. Das Tanzen dauerte über zwei Stunden ſehr lebhaft fort, als die vorgerückte Stunde die Dorfmädchen an die Nothwendigkeit mahnte, ſich zurückzuziehen. Als Jaap die Anzeichen des nahe be⸗ vorſtehenden Auseinandergehens der Geſellſchaft bemerkte, hielt er mir in ſehr reſpektabler Weiſe ſeinen Hut hin, worauf ich ganz ſtattlich meinen Shilling hineinwarf, in einer Weiſe, welche Auf⸗ merkſamkeit erregen mußte, und ihn dann bei den männlichen Mit⸗ gliedern der Geſellſchaft herumgehen ließ. Noch Einer gab auch einen Shilling, zwei ſtanden zuſammen und brachten wirklich einen Viertelsdollar heraus, Einige warfen Sechspenceſtücke oder Vier⸗ und ein halb Penceſtücke hinein und das Uebrige waren Kupfer⸗ ſtücke. Das Ganze zu krönen, erklärte die Wirthin, welche gut ausſah und eine Freundin vom Tanze war, öffentlich, der Geiger und ſein Pferd ſollten zechfrei ſein, bis er den Ort verlaſſe. Durch dieſen ſinnreichen Einfall Jaaps fand ich am nächſten Morgen in meinem Beutel ſieben Shillinge und ſechs Pence in Silber, außer meinem eigenen Shilling, und außerdem Kupfer genug, um einen Neger eine ganze Woche in Cider zu erhalten. Ich habe oft über Jaaps Streich und Liſt gelacht, aber ich mochte ihm nicht erlauben, es zu wiederholen. Als ich am Hauſe eines Mannes von beſſerem Stande vorbeikam, ſtellte ich mich dem Eigenthümer vor, obwohl ich ihm ganz fremd war, und erzählte ihm meine Geſchichte. Ohne eine weitere Beſtätigung zu verlangen, als mein Wort, lieh mir dieſer Gentleman fünf Dollar Silber, welche für meine augenblicklichen Bedürfniſſe ganz genügten, und =. 8 8* — — n—- S.— O ͤ n das habe ich viel zung ſie n. als gkeit be⸗ lt er ganz Auf⸗ Mit⸗ auch inen zier⸗ pfer⸗ gut eiger urch a in ußer inen auſe dem ihlte gen, ber, und 35 die, wie ich hoffentlich kaum nöthig habe, ausdrücklich zu ſagen, gebührender Weiſe zurückerſtattet wurden. Es war eine glückliche Stunde für mich, als ich mich als Titularmajor, in der That aber als freien Mann ſah, ungehindert zu gehen, wohin ich wollte. Der Krieg hatte ſeit der Gefangen⸗ nehmung von Cornwallis und dem Schweben der Friedensunter⸗ handlungen ſo wenig Abwechslung oder Abenteuer geboten, daß ich der Armee müde zu werden begann, und nunmehr das Land triumphirt hatte, ganz bereit war, ſie zu verlaſſen. Die Familie, das heißt meine Großmutter, Mutter, Tante Mary und meine jüngere Schweſter, nahmen noch zu rechter Zeit wieder Beſitz von Satanstoe, um im Herbſt 1782 noch einen Theil des trefflichen daſelbſt wachſenden Obſtes zu genießen; und früh im folgenden Jahre, nachdem der Friedensſchluß unterzeichnet war, die Engländer aber noch in der Stadt blieben, war meiner Mutter die Rückkehr nach Lilaksbuſh möglich. In Folge dieſer vorgängigen Schritte fanden mein Vater und ich, als wir wieder bei den beiden Familien eintrafen, die Dinge ſchon in beſſerem Stande und größerer Ordnung, als ſonſt wohl der Fall geweſen wäre. Der Landhals war bepflanzt, und es war ihm die Wohlthat einer Bearbeitung während des Frühlings zu Gute gekommen, während die Gärten und Ländereien von Lilaks⸗ buſh durch den gereiften und geübten Geſchmack meiner vortreff⸗ lichen Mutter neu hergeſtellt und in guten Stand geſetzt worden waren. Ja, wahrhaft bewundernswerth war meine Mutter in allen Verhältniſſen des Lebens! Wahrhaftig weiblich in Gefühlen und Lebensgewohnheiten, theilte ſie Allem, was ſie berührte, Etwas von ihrem Gemüth und Zartgefühl mit. Selbſt die lebloſen Dinge ihrer Umgebung verriethen durch ſolche Züge, daß ſie in Verbin⸗ dung ſtanden mit einer Frau, begabt mit den ſchönſten Eigen⸗ ſchaften ihres Geſchlechts. Ich erinnere mich, daß Obriſt Dirck Follock eines Tages, als wir mit einander die Wirthſchafts⸗ und Geſindeſtuben beſichtigt hatten, eine Bemerkung gegen mich äußerte, 3* 36 welche auf dieſen Zug in meiner Mutter Charakter ganz ihre An⸗ wendung fand, und dabei vollkommen richtig war. „Niemand,“ ſagte er,„kann auch nur die Küche der Mrs. Litt⸗ lepage ſehen, ohne zu merken, daß ſie von einer Lady geleitet und beaufſichtigt wird, obgleich ſie gar nie ſelbſt hineinzukommen ſcheint. Es gibt eine Menge Küchen, die ebenſo ſauber, ebenſo groß und ebenſo gut eingerichtet ſind, aber nicht leicht findet man eine Küche, welche Einem denſelben Eindruck macht von gutem Geſchmack in Betreff des Tiſches und des ganzen Haushalts. 3 Wenn dieß ſeine Wahrheit hatte ſchon in Bezug auf die unter⸗ geordneteren Theile der Wohnung, wie viel mehr bewährte es ſich noch in Beziehung auf die beſſeren, die Wohnzimmer der Familie. Da ſah man meine Mutter in Perſon, umgeben von den Dingen und Geräthſchaften, welche einen feinen, gebildeten Geſchmack be⸗ urkunden, ohne doch eine Spur von dem hochgeſteigerten Luxus, von welchem wir in den Schilderungen älterer Länder leſen. In Amerika hatten wir viel ſchönes Porzellan und nicht wenig maſſi⸗ ves Silber, mit Ausnahme förmlicher Service, ſchon vor der Revo⸗ lution, und meine Mutter hatte Beides in ungewöhnlicher Menge geerbt; aber das Land wußte noch wenig von jener bequemen und üppigen Einrichtung des häuslichen Lebens, welche bei uns, in Folge des ungeheuer geſteigerten Handels, raſche Fortſchritte macht. Obgleich der Reichthum des Landes während eines ſieben Jahre lang in ſeinem Innern tobenden Krieges gewaltige Stöße erlitten hatte, begann doch die Elaſticität einer jungen und lebenskräftigen Nation bald das Uebel wieder gut zu machen. Es iſt wahr, der Handel belebte ſich erſt wieder vollkommen, die mit ihm zuſammen⸗ hängenden Intereſſen kamen erſt wieder in bedeutenden Schwung nach der Annahme der Conſtitution, welche die Staaten einer Reihe gemeinſamer Zollbeſtimmungen unterwarfV; aber doch bewirkte ſchon Ein Jahr eine offenbare, höchſt wohlthätige Veränderung. Man konnte jetzt ſchon mit einer gewiſſen Sicherheit Schiffe ausrüſten, ———— ub———— —-d⁵Gbůꝗuů——+———„n——— 2 An⸗ Litt⸗ t und heint. 3 und küche, ck in nter⸗ S ſich nilie. ingen f be⸗ urxus, In naſſi⸗ devo⸗ kenge und 3, in nacht. Jahre litten tigen „der men⸗ vung Reihe ſchon Man üſten, 37 und das Land fühlte augenblicklich die Folgen. Das Jahr 1782 war gewiſſermaßen eine Zeit des Aufathmens für die Nation, ob⸗ wohl lange vor ſeinem Ablauf ſchon die Knochen und Sehnen der Republik anfingen, ſichtbar und fühlbar zu werden. Da lernte dieſes Gemeinweſen zuerſt, als Volk, den unermeßlichen Vortheil erkennen, den es dadurch errungen, daß es ſeine eigenen Intereſſen leitete und ſie als ſolche behandelte, welche denen keines andern Landes der Welt nachſtünden. Das war der große Gewinn von allen unſern Mühen. Drittes Kapitel. Er ſagt Etwas, Das ſie erröthen macht, wahrhaftig, ſie Iſt Königin von Milch und Rahm! Wintermährchen. Glckliches, glückliches Lilaksbuſh! Nie werde ich das Ent⸗ zücken vergeſſen, womit ich über ſeine Höhen und durch ſeine Thäler ſchweifte, und wie ich in der Wonne des Gefühls ſchwelgte, wieder in gewiſſer Art Herr und Meiſter zu ſein an den Orten und Sce⸗ nen, welche der Tummelplatz meiner Knabenjahre geweſen waren. Es war im Frühjahr 1784, als mich meine Mutter wieder in ihre Arme ſchloß, und dieß nach einer Trennung von beinahe zwei Jahren. Kate lachte und weinte und umhalste mich, gerade wie ſie fünf Jahre früher gethan haben würde, obgleich ſie jetzt eine liebenswürdige Jungfrau war, die eben das neunzehnte Jahr über⸗ ſchritten hatte. Tante Mary ſchüttelte mir die Hand, gab mir ein paar herzliche Küſſe, und lächelte mich freundlich und liebevoll an in ihrer ruhigen, ſanften Art. Das Haus war in einem förm⸗ lichen Tumult, denn mit mir kam auch Jaap zurück, ſein Wollen⸗ haar ziemlich grau geſprenkelt, und ganze Haufen kleiner Satanstoe's (denn dieß war ſein Familienname, obgleich Mrs. Jaap ſich Miß 38 Lilaksbuſh nannte), Kinder und Enkel, waren da, ihn zu bewillkommnen. Die Wahrheit zu geſtehen, das Haus war während der erſten vier⸗ undzwanzig Stunden nicht in einem Zuſtand anſtändiger Ruhe. Nach Verfluß dieſer Zeit beſtellte ich mein Pferd, um nach Satanstoe hinüberzureiten und meine verwittwete Großmutter zu beſuchen, welche allen Verſuchen widerſtanden, die man gemacht hatte, ſie zu bereden, die Sorgen der Haushaltung abzugeben und nach Lilaksbuſh zu kommen, um daſelbſt zu leben. Der General, denn ſo nannte Jedermann jetzt meinen Vater, begleitete mich nicht, denn er war ein paar Tage zuvor in Satanstoe geweſen, wohl aber meine Schweſter. Da die Straßen während des Krieges ſehr vernachläſſigt worden waren, machten wir den Weg zu Pferde, denn Kate war eine der beherzteſten Reiterinnen, die ich kannte. Mittlerweile hatte ſich Jaap das Privilegium erworben, gerade nur das zu thun, was ſeiner Neigung zuſagte, oder, um mich richtiger auszudrücken, er war nicht viel zu brauchen, außer bei zufälligen, nicht zur gewöhnlichen Ordnung gehörigen Geſchäften, welche ſo lange Zeit ſeine Hauptaufgabe und Obliegenheit geweſen waren; und er ward ein paar Stunden, ehe wir ſelbſt aufbrachen, abge⸗ ſchickt, um Mrs. Littlepage, oder ſeine„gar alte Miſſus“, wie der Burſche immer meine Großmutter nannte, zu benachrichtigen, wen ſie zu erwarten habe. Ich habe ſagen gehört, es gebe Länder in der Welt, wo die Leute ſo verkünſtelt und verſchroben werden, daß die allernächſten Verwandten nicht einmal ſich eine ſolche Freiheit nehmen dürfen. Der Sohn nehme ſich nicht heraus, an ſeines Vaters Tiſch ſich zu ſetzen, ohne die Förmlichkeit zu beobachten, anzufragen, oder ſich einladen zu laſſen. Der Himmel ſei geprieſen, bis zu dieſer Höhe haben wir in Amerika es noch nicht gebracht. Welche Eltern oder Großeltern bis auf die entfernteſte Generation zurück, die das Leben hat, würden einen Abkömmling anders als mit einem Lächeln, mit einem herzlichen Willkomm empfangen, möchte er kommen n — ri—re——— „—=——.———, umnen. mvier⸗ he. nach ter zu emacht n und eneral, nicht, wohl s ſehr fferde, annte. de nur htiger ligen, che ſo aren; abge⸗ ie der „wen o die chſten rfen. ſich oder dieſer Altern 2 das cheln, nmen 39 wann und wie er wolle! Wenn kein Zimmer da iſt, oder keine Vor⸗ bereitungen, ſo müſſen die Mängel durch die Wärme des Willkomms vergütet werden; oder wenn förmliche Unmöglichkeiten dazwiſchen⸗ treten, die nicht durch raſche Beſonnenheit überwunden werden können, wie dieß doch bei den meiſten ſolchen„Unmöglichkeiten“ der Fall iſt, ſo wird die Wahrheit offen herausgeſagt und das Ver⸗ gnügen des Zuſammenſeins auf einen günſtigeren Zeitpunkt ver⸗ ſchoben. Es iſt nicht meine Abſicht, einer vorangeſchritteneren Civiliſation einen unwiſſenden und gemeinen Hohn in's Geſicht zu ſchleudern, wie dieß nur zu leicht und zu häufig die Neigung der Unwiſſenheit und provinzieller Lebensgewohnheiten iſt; denn ich weiß recht gut, daß die meiſten Bräuche jener hochgeſteigerten Ge⸗ ſellſchaftszuſtände in der Vernunft begründet ſind, und ihre Recht⸗ fertigung finden in einem gebildeten, geſunden Menſchenverſtande; aber am Ende hat doch Mutter Natur ihre Rechte, und dieſe dürfen nicht allzukeck angegriffen und überſchritten werden, ohne daß ſolche Ueberſchreitungen ſelbſt ihre verdienten Strafen mit ſich bringen. Es war gerade neun Uhr, an einem ſchönen Maimorgen, als Kate Littlepage und ich zum äußeren Thore von Lilaksbuſh hinaus⸗ ritten, und auf die alte, wohlbekannte Straße von Kingsbridge (Königsbrücke) kamen. Kingsbridge! Dieſer Name beſteht noch, ſowie auch die Namen von Grafſchaften von Königen und Köni⸗ ginnen und Herzoginnen, um Nichts zu ſagen von einer Anzahl von Prinzen So und So in andern Staaten, und ich hoffe, ſie werden immer bleiben, als eben ſo viele Denkſteine und Wegweiſer in unſerer Geſchichte. Dieſe Namen ſind Alles, was jetzt bei uns noch von der Monarchie übrig iſt; und doch habe ich meinen Vater hundertmal ſagen hören: wie er ein junger Mann geweſen, ſer ſeine Ehrfurcht vor dem brittiſchen Throne nur ſeiner Ehrfurcht vor der Kirche nachgeſtanden. In wie kurzer Zeit hat ſich dieſe Geſinnung bei einer ganzen Nation verwandelt; oder wenn nicht 40 durchaus verwandelt, denn Manche hegen noch die alte Achtung vor der Monarchie, wie gewaltig und unheilbar iſt ſie geſchwächt wor⸗ den! So find die Dinge dieſer Welt, vergänglich und zeitlich ihrem innerſten Weſen nach; und dieſer Wahrheit eingedenk zu ſein, wür⸗ den Diejenigen gut thun, welche bei ſolchen Wechſeln viel auf dem Spiel ſtehen haben. Wir hielten vor der Thüre des Gaſthauſes zu Kingsbridge an, um der alten Mrs. Light, der Wirthin, guten Morgen zu ſagen, welche jetzt ein halbes Jahrhundert auf dem Hauſe war, und uns, ſo wie unſere Eltern ſchon von Kindesbeinen an kannte. Dieſe redſelige Hausfrau hatte ihre guten und ihre ſchlimmen Eigenſchaften, aber Gewohnheit und Bekanntſchaft gab ihr eine Art Recht auf unſere Aufmerkſamkeit, und ich konnte nicht an ihrer Thüre vorbei, ohne mein Pferd, wenn auch nur für einen Augenblick, anzuhalten. Sobald ich dieß gethan, erſchien auch ſchon die Gaſtgeberin in Perſon unter ihrer Hausthüre, uns zu begrüßen. „Ja, das habe ich geträumt, Mr. Mordaunt,“ rief die alte Frau, ſobald ſie mich erblickte,—„das habe ich geträumt, und zwar erſt vorige Woche! Es iſt Unſinn, wenn man es läugnet,— Träume gehen oft in Erfüllung!“ „Und was iſt denn dießmal Euer Traum geweſen, Mrs. Light?“ fragte ich, wohl wiſſend, daß es doch heraus müſſe, und dachte, je eher, je beſſer. „Ich träumte letzten Herbſt, der General ſei heimgekommen, und er war heimgekommen! Nun war die einzige Idee, die mir auf dieſen Traum helfen konnte, ein Gerücht, daß er an dieſem Tage heimkommen ſolle; aber Ihr wißt, Mr. Mordaunt, oder Major Littlepage, wie ich Euch jetzt nennen muß, wie man mir ſagt— nun, Ihr wißt, Mr. Mordaunt, wie oft an Gerüchten nichts iſt. Ich rechne ein Gerücht für keine große Hilfe zu einem Traum. Nun, und vergangene Woche träumte ich, Ihr würdet in dieſe wirk holfe viell wäre ben um vora kein gegl laut ſtehe Nun gega Geij rade der Maj und Ich Zeuh als ſchei⸗ wißt g vor wor⸗ hrem wür⸗ dem ridge n zu war, unte. imen eine t an einen auch 8 zu 41 dieſer Woche gewiß nach Hauſe kommen, und da ſeid Ihr auch wirklich!“ „Und das Alles, ohne daß ein lügenhaftes Gerücht Euch ge⸗ holfen hätte, meine gute Frau Wirthin?“ „Ha, wenigſtens nichts von Belang; ein Geſchwätz hie und da vielleicht; aber da ich an dergleichen nie glaube, wenn ich wache, wäre es unvernünftig, anzunehmen, daß ich daran im Schlaf glau⸗ ben ſollte. Ja, Jaap hielt dieſen Morgen einen Augenblick an, um ſein Pferd zu tränken, und von dem Augenblick an ſah ich voraus, daß mein Traum in Erfüllung gehen werde, obgleich ich kein Wort mit dem Neger tauſchte.“ „Das iſt doch etwas auffallend, Mrs. Light, denn ich hatte geglaubt, Ihr wechſelt immer ein paar Worte mit Euern Gäſten.“ „Mit den Schwarzen nicht, Major; es macht ſie ſo leicht vor⸗ laut. Vorlautheit bei einem Neger iſt Etwas, das ich nicht aus⸗ ſtehen kann, und deßwegen halte ich ſie Alle in einiger Entfernung. Nun, was für Zeiten ich erlebt habe, Major, ſeit Ihr in den Krieg gegangen! und was für Veränderungen vorgegangen ſind! Unſer Geiſtlicher betet nicht mehr für den König und die Königin— ge⸗ rade wie wenn gar keine ſolche Leute mehr lebten!“ „Nicht ausdrücklich vielleicht, aber doch hoffe ich als für Theile der Kirche Gottes. Wir beten jetzt Alle für den Kongreß.“ „Nun, ich hoffe, es werde zum Guten führen! Ich muß ſagen, Major, die Offiziere Seiner Majeſtät ließen freigebiger aufgehen, und bezahlten in beſſerem Gelde als die Gentlemen vom Kontinent. Ich habe ſie Beide hier gehabt, zu ganzen Regimentern; und das Zeugniß muß ich ihnen geben nach meinem Gewiſſen.“ „Ihr müßt bedenken, ſie waren reicher und hatten mehr Geld als unſere Leute. Für die Reichen iſt es leicht, freigebig zu er⸗ ſcheinen.“ „Ja, ich weiß das, Sir, und Ihr müßt das auch wiſſen, und wißt es. Die Littlepages ſind reich, und ſind es immer geweſen, 42 und ſie ſind auch freigebig. Gott ſegne euer Lächeln, ihr hübſchen Geſichter! Ich habe Eure Familie gekannt, lang ehe Ihr ſie kanntet. Ich kannte den alten Kapitän Hugh Roger, Euern Ur⸗ großvater, und den alten General, Euern Großvater, und jetzt kenne ich den jungen General und Euch! Nun, das wird noch nicht der Letzte von Eurem Stamme ſein, glaube ich gewiß, und es wird leichte und vergnügte Herzen geben bei den Bayards, dafür will ich ſtehen, jetzt, nachdem die Kriege vorbei ſind, und der junge Major Littlepage zurück iſt.“ Damit endete das Geſpräch; denn ich hatte jetzt deſſelben genug; ich machte meine Verbeugung und ritt mit Kate weiter. Doch konnte ich mich des Eindrucks von Ueberraſchung nicht erwehren über die letzte Rede der alten Frau, und hauptſächlich über die Art und Weiſe, wie ſie ſie vorgebracht hatte. Der Name Bayard war wohlbekannt unter uns, denn er gehörte einer Familie an, von welcher verſchiedene Zweige über die mittleren Staaten ſüdlich bis Delaware verbreitet waren; aber ich kannte nicht Ein Individuum perſönlich. Was konnte denn nun meine Rückkehr für einen Ein⸗ fluß haben auf das Lächeln oder das Stirnrunzeln irgend eines Mitglieds der Familie dieſes Namens? Es war natürlich, daß ich, nachdem ich ein paar Minuten über dem Gegenſtande gebrütet, gegen meine Begleiterin einige meiner Gedanken über die Sache äußerte. „Was konnte die alte Frau meinen, Kate,“ begann ich plötzlich, „wenn ſie ſagte, es werde jetzt leichte und vergnügte Herzen bei den Bayards geben?“ „Die arme Mrs. Light iſt eine große Schwätzerin, Mordaunt, und es iſt die Frage, ob ſie ſelbſt bei der Hälfte deſſen, was ſie ſchwatzt, weiß, was ſie damit ſagen will. Alles, was wir von den Bayards kennen, iſt die Familie auf den Hickories(Hagebuchen), und mit dieſer it wie du ohne Zweifel ſchon gehört haſt, meine Mutter ſchon lange ſehr vertraut.“ „Davon habe ich nichts gehört, Kind. Alles was ich weiß, übſchen Ihr ſie ern Ur⸗ nd jetzt ch nicht es wird ür will r junge genug; Doch wehren die Art ard war n, von lich bis viduum en Ein⸗ d eines daß ich, t, gegen iußerte. lötzlich, rzen bei rdaunt, was ſie von den Suchen), „meine h weiß, 43 iſt das: daß es einen Sitz gibt, die Hickories genannt, einige Mei⸗ len weiter hinauf am Fluß; und daß er einem Zweige der Bayards gehört; aber von vertrauter Bekanntſchaft mit dieſen iſt mir nie Etwas zu Ohren gekommen. Im Gegentheil, ich erinnere mich, gehört zu haben, daß einmal ein Prozeß geführt worden zwiſchen unſerem Großvater Mordaunt und einem alten Bayard; und ich glaubte, wir ſeien einander von den Eltern her, ſo zu ſagen, ent⸗ fremdet.“ „Das iſt ganz vergeſſen, und meine Mutter ſagt, es habe ſeinen Grund lediglich in einem Irrthum gehabt. Wir ſind jetzt ausgemachte Freunde.“ „Gewiß, es freut mich ſehr, das zu hören; denn da es jetzt Friede iſt, laßt uns Frieden halten; obwohl alte Feinde nicht leicht ausgemachte Freunde zu werden pflegen.“ „Aber wir waren— das heißt, mein Großvater war nie der Feind von irgend Jemand; und die ganze Sache ward freundſchaft⸗ lich beigelegt, ehe er nach Europa ging, um den unſeligen Beſuch bei Sir Harry Bulſtrode zu machen. Nein— nein— meine Mutter wird es dir ſagen, Mordaunt, daß die Littlepage's und die Bayards einander jetzt als ausgemachte Freunde anſehen.“ Kate ſprach mit ſolchem Eifer, daß ich veranlaßt ward, einen prüfenden Blick auf ſie zu werfen. Das Geſicht des Mädchens war roth, und ich glaube, ſie war ſich deſſen insgeheim bewußt, denn ſie wandte es von mir ab, wie wenn ſie nach einem Gegenſtand auf der entgegengeſetzten Seite ſchaute, wodurch ſie mir unmöglich machte, viel davon zu ſehen. „Ich bin ſehr erfreut, das Alles zu erfahren,“ antwortete ich etwas trocken.„Da ich ein Littlepage bin, wäre es verdrießlich und ungeſchickt geweſen, wenn ich, bei einer zufälligen Begegnung mit Einem von der Familie Bayard, nichts davon gewußt hätte. Begreift der geſchloſſene Frieden Alle des Namens in ſich, oder nur die von den Hickories?“ 44 Kate lachte; dann ſagte ſie, es freue ſie, mir erklären zu kön⸗ nen, daß ich mich als Freund von Allen des Namens betrachten dürfe, ganz beſonders aber von denjenigen des Namens, welche auf den Hickories hauſen. „Und wie Viele ſind es denn wohl von dieſer ganz beſonders friedlichgeſinnten Gattung?— ſechs, oder ein Dutzend oder zwanzig?“ „Nur vier; und ſo werden deine zärtlichen Gefühle nicht all⸗ zuſehr in Anſpruch genommen und beſteuert werden. Dein Herz hat, hoffe ich, Raum für vier weitere Freunde?“ „Für tauſend, wenn ich ſie finden kann, meine Liebe. Ich kann ſo viele Freunde annehmen, als dir beliebt, aber für Andere habe ich keinen Platz. Alle andern Niſchen ſind beſetzt. 2 „Beſetzt!— Ich hoffe, das iſt nicht wahr, Mordaunt. Ein Platz wenigſtens iſt noch leer!“ „Wahr! ich hatte vergeſſen, daß Ein Platz für den Bruder vorbehalten bleiben muß, den du mir einſt geben wirſt. Nun, nenne ihn mir nur, ſobald du Luſt haſt; ich werde bereit ſein, ihn zu lieben.“ „Ich werde vielleicht nie einen ſo gewichtigen Wechſel auf deine Gefühle ziehen. Anneke hat dir ſchon einen Bruder gege⸗ ben, und zwar einen trefflichen, und das ſollte einen vernünftigen und billigen Mann befriedigen.“ „Ja, ſo ſprecht ihr jungen Frauenzimmer zwiſchen fünfzehn und zwanzig Jahren Alle, aber gewöhnlich ändert ihr am Ende euren Sinn. Je eher du mir daher ſagſt, wer der junge Mann iſt, deſto eher werde ich anfangen, ihn zu lieben— iſt es etwa Einer von dieſen Bayards?— ein Ritter ohne Furcht und Tadel?“ Kate hatte für gewöhnlich eine ſehr blühende Geſichtsfarbe; aber wie ich jetzt mein Auge fragend auf ſie heftete, mehr aus Schalkhaftigkeit jedoch, als in der Erwartung, etwas Neues zu erfahren, ſah ich die Roſen auf ihren Wangen ſich bis über die mkön⸗ achten welche onders zig?“ dt all⸗ Herz Ich Indere Ein zruder Nun, ſein, el auf gege⸗ ftigen nfzehn Ende Mann etwa und farbe; r aus ies zu er die 45 Schläfe ausbreiten. Der kleine Biberhut, den ſie trug, und der ihr ganz erſtaunlich gut ſtand, reichte nicht hin, dieß heftige Er⸗ röthen zu verdecken, und ich begann jetzt wirklich zu vermuthen, einen empfindlichen Punkt ihres Herzens getroffen zu haben. Aber meine Schweſter war ein Mädchen von Geiſt und Beſonnenheit, und ſo wenig es koſtete, ſie erröthen zu machen, war es doch gar nicht leicht, ſie aus der Faſſung zu bringen. „Ich hoffe, Euer neuer Bruder, Mordaunt, falls je eine ſolche Perſon auftreten ſollte, wird ein achtbarer Mann ſein, wenn auch nicht gerade ein Mann ohne allen Tadel,“ antwortete ſie. „Aber wenn es einen Tom Bayard gibt, ſo gibt es auch eine Pris Bayard, ſeine Schweſter.“ „So— ſo— das iſt mir in der That Alles ganz neu! Was den Mr. Thomas Bayard betrifft, ſo will ich über ihn keine Fragen thun, da mein Intereſſe an ſeiner Perſon, ſoweit ein ſolches ſtatt⸗ finden ſollte, ganz und gar ex officio iſt, wie man ſagen könnte, und eine Sache, die ſich von ſelbſt verſteht; aber Ihr werdet mich entſchuldigen, wenn ich einige Neugier verrathe in Betreff der Miß Priscilla Bayard, einer Lady, die ich, wie Ihr bedenken müßt, nie geſehen habe.“ Mein Auge ruhte die ganze Zeit auf Kate, und ich glaubte zu bemerken, daß ſie vergnügt ausſah, obwohl ſie noch etwas befangen war. „Fragt, was Ihr wollt, mein Bruder; Priscilla Bayard kann eine ſehr genaue Prüfung wohl aushalten.“ „Nun denn, erſtens: hat die alte Klatſcherin auf Miß Pris⸗ eilla angeſpielt, wenn ſie ſagte, es werde bei den Bayards leichte und vergnügte Herzen geben?“ „Ha, ich kann nicht einſtehen für die Einbildungen der armen Mrs. Light. Stellt Eure Frage in einer anderen Form.“ „Beſteht ein ſehr vertrautes Verhältniß zwiſchen den Leuten vom Buſh und denen von den Heckories?“ 46 „Ein ſehr vertrautes; wir haben ſie ausnehmend gern, und ſie, glaube ich, uns auch.“ „Erſtreckt ſich dieſe Freundſchaft auf die jungen Leute, oder beſchränkt ſie ſich auf die alten?“ „Das iſt ziemlich perſönlich,“ ſagte Kate lachend,„da ich zu⸗ fällig das Einzige von jungen Leuten auf dem ‚Buſh' bin, welches beſagte Freundſchaft hegen kann. Da jedoch Nichts daran iſt, deſſen man ſich zu ſchämen hätte, ſondern im Gegentheil viel, worauf man ſtolz ſein darf, will ich Euch antworten: ſie ſchließt alle Alter und Geſchlechter ein; Alle, mit Einem Wort, außer Euch.“ „Und Ihr habt den alten Mr. Bayard gern?“ „Ganz erſtaunlich.“ „Und die alte Mrs. Bayard?“ „Sie iſt eine ſehr angenehme Perſon, und eine treffliche Gattin und Mutter.“ „Und Ihr liebt Pris Bayard?“ „Wie meinen Augapfel!“ antwortete das Mädchen mit Nachdruck. „Und Ihr mögt den Tom Bayard, ihren Bruder, gerne leiden?“ „So viel ſchicklich und anſtändig iſt für ein junges Frauen⸗ zimmer, den Bruder eines andern jungen Frauenzimmers gerne leiden zu mögen, das ſie geſteht, wie ihren Augapfel zu lieben.“ Obgleich es nicht leicht war, wenigſtens für mich nicht leicht, die Zunge von Kate Littlepage zum Stillſtehen zu bringen, ſo war es doch auch für ſie nicht leicht, das verrätheriſche Blut immer in Ordnung zu erhalten. Sie war entzückend ſchön in ihrem Er⸗ röthen, und glich ganz und gar dem Bilde, das ich mir oft von meiner guten Mutter zur Zeit ihrer ſchönſten Blüthe gemacht hatte, in dem Augenblick, wo ſie dieſe Antworten mit ſolcher Feſtigkeit und Sicherheit gab, als wenn ſie ihr gar keine innere Bewegung verurſachten.— „Wie hängt aber dieß Alles zuſammen mit der Freude, welche die Leute auf den Hickories über meine Rückkehr haben ſollen? „ und oder ch zu⸗ eelches deſſen vorauf Alter Gattin ner in m Er⸗ ft von hatte, ſtigkeit vegung welche ſollen? Seid Ihr die Verlobte von Tom Bayard, und habt Ihr meine Rückkehr abgewartet, um ihm Eure Hand zu geben?“ „Ich bin nicht die Verlobte von Tom Bayard, und habe nicht Eure Rückkehr abgewartet, um ihm meine Hand zu geben,“ antwortete Kate mit feſter Stimme.„Was der Mrs. Light Ge⸗ ſchwätze betrifft, ſo könnt Ihr von mir nicht verlangen, daß ich es Euch erkläre. Sie rafft ihre Nachrichten von Dienern und an⸗ deren Leuten der Art zuſammen, und Ihr wißt, was ſolche Ge⸗ rüchte gewöhnlich werth ſind. Aber was das anbelangt, daß ich deine Rückkehr ſollte abgewartet haben, mein Bruder, um ein ſolches Verhältniß zu erklären, ſo mußt du gar nicht wiſſen, wie ſehr ich dich liebe, wenn du glauben kannſt, ich wäre im Stande, ſo Etwas zu thun.“ Kate ſagte dieß mit Gefühl, und ich dankte ihr mit den Augen, konnte aber nicht ſprechen, und ſprach nicht, bis wir eine Strecke weiter geritten waren. Nach dieſer Pauſe knüpfte ich das Geſpräch ungefähr im urſprünglichen Tone wieder an. „Ueber dieſen Gegenſtand, Katrinke, meine Liebe,“ ſagte ich, „verſtehen wir einander, hoffe ich. Unverheirathet oder verheirathet wirſt du mir immer lieb und theuer ſein; und ich geſtehe, es würde mich ſchmerzen, wenn ich Einer der Letzten wäre, die von deiner Verlobung hörten, falls es einmal dazu kommt. Und jetzt um von dieſer Pris Bayard zu ſprechen— erwartet Ihr, daß ich an ihr Wohlgefallen finden werde?“ „Ob ich es erwarte? es würde einer der glücklichſten Augen⸗ blicke meines Lebens ſein, Mordaunt, wenn ich Euch bekennen hörte, daß Ihr ſie liebt!“ Dieß ward mit großer Lebhaftigkeit geſprochen und in einer Art, welche zeigte, daß es meiner Schweſter ſehr ernſt war. Ich empfand einige Ueberraſchung, als ich dieß Gefühl in Verbindung ſetzte mit den Bemerkungen der Wirthin, und begann zu vermuthen, es möchte doch wohl Etwas hinter dem Vorhang ſein, was meiner 48 Beachtung werth wäre. Um jedoch Entdeckungen zu machen, war es nothwendig, das Geſpräch zu verfolgen. „Wie alt iſt Miß Bayard?“ fragte ich. „Sie iſt zwei Monate älter als ich— ganz paſſend, nicht wahr?“ „Ich habe gegen den Altersunterſchied nichts einzuwenden, welcher ganz gut ſein wird. Beſitzt ſie viel Bildung und Talente?“ „Nicht ſehr. Ihr wißt, wenige von uns Mädchen, deren Bildung in die Zeit während der Revolution fällt, können ſich in dieſer Hinſicht großer Stücke rühmen, obgleich Priscilla über dem gewöhnlichen Maaß ſteht.“ „Ueber dem gewöhnlichen Maaß ihrerKlaſſe meint Ihr,natürlich?“ „Gewiß— ſie iſt mehr als die meiſten jungen Damen unſerer beſten Familien.“ „Iſt ſie liebenswürdig und freundlich?“ „Wie Anneke ſelbſt.“ Das wollte viel heißen, da unſere ältere Schweſter, wie dieß oft in Familien vorkommt, als das Muſterbild aller Tugenden bei uns galt, und Annekens Gemüthsart wirklich die liebenswürdigſte Heiterkeit ſelbſt war. „Ihr gebt ihr ein glänzendes Zeugniß, das wenige Mädchen anſprechen dürften. Iſt ſie verſtändig und wohlunterrichtet?“ „So ſehr, daß ich mich oft ſchämen muß, wenn ich mich mit ihr vergleiche. Sie hat eine treffliche Mutter, Mordaunt; und ich habe Euch oft ſagen hören, daß die Perſönlichkeit der Mutter Euch gar ſehr beſtimmen würde bei der Wahl einer Gattin.“ „Das muß geweſen ſein, als ich noch ſehr jung war, Kind, und ehe ich zum Heere ging, wo wir mehr die jungen als die alten Frauen in's Auge faſſen.— Aber warum eine Gattin?— Iſt es denn eine ganz zwiſchen den alten Leuten abgemachte Sache, daß ich dieſer Priscilla Bayard einen Heirathsantrag machen müſſe, und ſeid Ihr auch in den Plan eingeweiht?“ Miet erlar uns Die Vert ſolch nein fahr Euch Max wen und Eu uns könn ich! Per gege bew bei zu! in 2 1, war , nicht venden, eente?“ deren ſich in er dem rlich?“ unſerer ie dieß den bei rdigſte ädchen 9 ch mit 3 und Nutter Kind, alten Iſt es daß e, und 49 Kate lachte ganz herzlich, aber wie mir ſchien, beſtätigte ihre Miene einigermaßen, was ich geſagt hatte. „Ihr antwortet mir nicht, junge Lady, und Ihr müßt mir erlauben, Euch zu erinnern, daß ein ausdrücklicher Vertrag zwiſchen uns beſteht, einander in allen Fällen mit Offenheit zu begegnen. Dieß iſt ein Fall, wo ich ganz beſonders die Bedingungen des Vertrages ſtreng eingehalten ſehen möchte. Eriſtirt wirklich ein ſolches Projekt?“ „Nicht als vollſtändig erörtertes und angelegtes Projekt— nein, gewiß nicht! Nein, tauſendmal nein. Aber ich werde Ge⸗ fahr laufen, eine meiner liebſten Hoffnungen zu vereiteln, wenn ich Euch ehrlich herausſage, daß Ihr meiner lieben Mutter, Tante Mary und mir ſelbſt keine größere Freude machen könntet, als wenn Ihr Euch in Pris Bayard verliebtet. Wir Alle lieben ſie, und wir wünſchten, daß Ihr auch mit thätet, weil wir wiſſen, daß Eure Liebe wahrſcheinlich zu einer Verbindung führen würde, die uns Alle, mehr als ich ſagen kann, erfreuen würde. So; jetzt könnt Ihr Euch nicht über Mangel an Offenheit beklagen, denn ich habe ſchon oft behaupten hören, daß die Wünſche befreundeter Perſonen, vorlaut ausgeſprochen, ſehr leicht junge Männer gerade gegen die Perſon einnehmen, von der man wünſcht, ſie möchten ſie bewundern und lieben.“ „Eine Regel, die im Allgemeinen wohl wahr ſein dürfte, aber bei mir iſt keine Einwirkung, weder eine gute, noch eine ſchlimme, zu beſorgen. Aber was ſind denn die Geſinnungen der Bayards in Betreff dieſer Sache?“ „Wie ſollte ich das wiſſen?— Natürlich iſt nie gegen irgend Eines von der Familie die Sache entfernt erwähnt worden; und da Keines von ihnen Euch kennt, iſt es unm— das heißt, keine Erwähnung— ich meine— wenigſtens nicht gegen mehr als Eines von der Familie. Ich glaube, unbeſtimmte Andeutungen mögen gefallen ſein gegen Eines— aber—“ Der Kettenträger. 4 50 „Aus Euerm Munde, gegen Eure Freundin Pris?“ „Nie!“ ſagte Kate mit Nachdruck.„Ein ſolcher Gegenſtand konnte zwiſchen uns nie zur Sprache kommen.“ „Dann iſt es vermuthlich der Fall geweſen zwiſchen den alten Ladies— den beiden Müttern?“ „Ich denke nicht. Mrs. Bayard iſt eine zurückhaltende Frau, und Mama hat ein ausnehmendes Schicklichkeitsgefühl, wie Ihr ſelbſt wißt, das ihr ſo etwas zu thun nicht geſtatten würde.“ „Sollte der General daran denken, in meiner Abweſenheit einen Kontrakt über mich abzuſchließen?“ „O nein— Papa kümmert ſich ſehr wenig um ſolche Dinge. Seit ſeiner Rückkehr nach Hauſe hat er, wie er uns ſagt, nur immer der Mama wieder den Hof gemacht.“ „Gewiß hat doch Tante Mary nicht Worte gefunden zu einer ſolchen Andeutung?“ „Ei wahrhaftig, ſie! Die arme liebe Tante Mary; ſie miſcht ſich wenig in anderer Leute Angelegenheiten und Sorgen. Wißt Ihr wohl, Mordaunt, Mama hat mir vor Kurzem ihre ganze Geſchichte erzählt, und den Grund, warum ſie ſo viel treffliche Anträge abgewieſen hat. Ich glaube gewiß, wenn Ihr ſie bittet, erzählt ſie ſie Euch auch.“ „Ich weiß die ganze Geſchichte ſchon vom General, Kind. Aber wenn dieſer Sache gegen Eines von der Familie Bayard Erwähnung gethan worden iſt, und weder mein Vater, meine Mutter, noch Tante Mary von unſerer Seite darauf hingewieſen haben, und weder Mr. Bayard, noch ſeine Gattin, noch ſeine Tochter andererſeits es ſind, gegen welche etwas darauf Bezüg⸗ liches geäußert worden iſt, ſo bleibt Niemand mehr übrig, als Ihr und Tom, welche ein ſolches Geſpräch können gepflogen haben. Ich bitte Euch, dieſen Punkt mit Eurer gewohnten Offenheit zu erklären.“ Das Angeſicht von Kate Littlepage glühte wie Scharlach. Sie war förmlich gefangen, obgleich ich die Wahrheit ſchon von dem Auge ſie il Freu liebli ſie z hatte mich das deres währ eines grß ihrer berü keit, Wun Geſi Gefi Neig nelle merk zuvo Mier verri der, ich erſp Wal mäß iſt n 51 Augenblick an geahnt hatte, wo ſie ſo ſtotterte und ſtockte, indem ſie ihre erſte Angabe berichtigte. Ich will geſtehen, ich hatte meine Freude an des Mädchens Verwirrung, ſie machte ſie ſo äußerſt lieblich ausſehen; und ich war beinahe ebenſo ſtolz auf ſie, als ich ſie zärtlich liebte. Die liebe, liebe Kate; von ihrer Kindheit an hatte ich meine eigene Freude und Kurzweil mit ihr, obgleich ich mich keines harten Wortes, keines unfreundlichen Gefühls erinnere, das je unſer Verhältniß im mindeſten getrübt hätte. Ein anziehen⸗ deres und reizenderes Studium, als das Angeſicht meiner Schweſter während der nächſten Minute darbot, ſtellte ſich nie dem Auge eines Mannes dar; und ich erfreute mich deſſelben mit um ſo größerem Genuſſe, als ich lebhaft überzeugt war, daß ſie, trotz ihrer argen Verwirrung, doch ſich nicht verletzt oder unangenehm berührt fühlte. Angeborne Freimüthigkeit, mädchenhafte Sittſam⸗ keit, ihre Gewohnheit, ganz offen mit ihr zu verkehren, und der Wunſch, dieß auch ferner ſo zu halten, kämpften in ihrem lieblichen Geſicht, und bildeten eines der einnehmendſten Gemälde weiblichen Gefühls, wovon ich je Zeuge geweſen. Endlich triumphirte die Neigung zur Offenheit und die Liebe zu mir über eine konventio⸗ nelle Schüchternheit; die natürliche Farbe kehrte wieder, in kaum merklich erhöhter Lebhaftigkeit, auf die Wange zuruͤck, auf der ſie zuvor zu brennen geſchienen hatte; und Kate ſah mich mit einer Miene an, welche all' das ſchweſterliche Vertrauen und die Liebe verrieth, die ſie wirklich für mich fühlte. „Ich hatte nicht die Abſicht, dir einen Umſtand mitzutheilen, der, wie ich weiß, für dich vom größten Intereſſe ſein wird, denn ich hatte vorausgeſetzt, meine Mutter werde mir die Verlegenheit erſparen, dir davon zu ſagen; aber jetzt habe ich keine andere Wahl, als zu Ausflüchten zu greifen, die ich nicht liebe, oder ge⸗ mäß unſerer althergebrachten Offenherzigkeit mit dir zu ſprechen.“ „Und der langen Rede kurzer Sinn, meine liebe Schweſter, iſt wohl: daß du mit Mr. Bayard verlobt ſeieſt!“ 4* 52 „Nein, ſo weit iſt es noch nicht, Bruder. Mr. Bayard hat ſeinen Antrag gemacht, und ich habe meine Antwort verſchoben, bis du ihn erſt kennen gelernt hätteſt. Ich möchte meine Hand nicht verſagen, Mordaunt, bevor du meine Wahl gebilligt.“ „Ich fühle das Kompliment, Katrinke, und werde es gewiß in entſprechender Weiſe erwiedern. Verlaß dich darauf, du ſollſt es zu rechter Zeit erfahren, wenn ich im Sinne habe zu heirathen, und ſollſt darüber gehört werden.“ „Es iſt ein Unterſchied zwiſchen den Anſprüchen und Rechten eines ältern und einzigen Bruders und denen eines jungen Mäd⸗ chens, das, wenn es ſeine Wahl trifft, auf den Rath von Freunden viel geben, ihnen viel Vertrauen ſchenken ſoll.“ „Du wirſt nicht mehr blos ein junges Mädchen ſein, wenn dieſe Zeit kommt, ſondern ſelbſt eine verheirathete Frau, befugt und im Stande, aus eigener Erfahrung Rath zu geben. Um jedoch auf Tom zurückzukommen; er iſt dasjenige Mitglied der Familie, gegen welches die erwähnte Andeutung ausgeſprochen wurde?“ „Ja, er war es, Mordaunt,“ antwortete Kate mit leiſer Stimme. „Und du wareſt es, die jene Andeutung fallen ließ?“ „Ganz recht— wir ſprachen eines Tages von dir; und ich drückte meine lebhafte Hoffnung aus, du werdeſt Priscilla mit eben den Augen anſehen, wie, das verſichere ich dich, unſere ganze übrige Familie; das war Alles.“ „Und das war gerade genug, Kind, um Tom Bayard dazu zu bringen, ſich zu erhängen, falls er ein Liebender vom ächten Schrot und Korn iſt.“ „Sich zu erhängen, Bruder! Wahrhaftig, ich verſtehe nicht, warum?“. „Ha, einfach, wegen der handgreiflichen Entmuthigung, welche ein ſolcher Wunſch ganz natürlicher Weiſe in ſich ſchließt für den Bruder der jungen Dame, da er doch ſehen mußte, daß du Luſt —2 —6 ——,——y——,,, 53 habeſt, die zwei Familien auf eine andere Weiſe zu verbinden, als dadurch, daß du ihm deine Hand reicheſt.“ Kate lachte; aber da ſie nicht ſehr verwirrt und gar nicht un⸗ ruhig ſchien, veranlaßte mich dieß zu glauben, es ſei dem Mr. Tom doch wohl eine bedeutendere Aufmunterung zu Theil gewor⸗ den, als ihr Wunſch, mich mit der Schweſter ihres Anbeters ver⸗ mählt zu ſehen, enthielt, und mein etwaiges Mißfallen an dem genannten Gentleman würde ihr mehr Kummer verurſachen, als ſie geſtehen mochte. Wir ritten jedoch eine Strecke weiter, ohne daß Eines von uns einen Verſuch machte, das Geſpräch wieder anzu⸗ knüpfen. Endlich ſprach ich, wie es meinem Geſchlecht zuſtand. „Wann ſoll ich dieß Muſterbild von einem jungen Mann und dies Muſterbild von einem jungen Frauenzimmer zu ſehen be⸗ kommen, Kate, wenn ich doch Beide ſehen ſoll?“ „Kein Muſterbild von einem jungen Mann, Bruder, gewiß habe ich ihm doch keinen ſolchen Namen gegeben! Tom Bayard iſt ein guter Junge; aber ich wüßte nicht, daß er irgend wie ein Muſterbild und Ideal wäre.“ „Er iſt überdies auch ein gutausſehender Junge, das ſehe ich als ausgemacht an?“ „Nicht in dem Maaße wie du, wenn das deiner Eitelkeit ſchmeichelt.“ „Das muß es wohl, aus einem ſolchem Munde. Aber meine Frage iſt doch noch nicht beantwortet.“ „Dir die Wahrheit zu geſtehen, Mordaunt, ich erwarte, daß wir Tom Bayard und Pris zu Satanstoe treffen und daß ſie bei unſerer Großmutter zu Mittag eſſen werden. Sie ſchrieb mir vor ein paar Tagen, Beide ſeien eingeladen, und ſie hoffe, Beide würden es annehmen.“ „Alſo iſt die alte Lady auch im Komplott und beabſichtigt mich zu verheirathen, ich mag wollen oder nicht! Ich hatte dieſen Beſuch ganz für einen Einfall von mir ſelbſt gehalten!“ Kate lachte wieder und ſagte mir, ich möge über dieſen Punkt meine eigenen Beobachtuͤngen machen und für mich ſelbſt urtheilen. Was den Beſuch betreffe, ſo hätte ich nur zufällig ein Projekt von Andern begünſtigt. Das Geſpräch nahm jetzt eine andere Wendung, und wir ritten einige Meilen weiter und unterhielten uns von den Auftritten des Krieges, ohne der Bayard's und der Heirathen weiter zu erwähnen. Wir waren eine halbe Meile vom Thore des Landhalſes und eine Meile vom Hauſe entfernt, als uns Jaap begegnete, der nach Lilaksbuſh zurückkehrte und meiner Mutter einiges Obſt brachte, nachdem er ſeinen Auftrag als avant-courrier erfüllt hatte. Aus Kate's Bemerkung hatte ich erfahren, daß wir durch einen Brief eingeladen worden waren, dieſen Ausflug zu machen, wiewohl die Förmlichkeit, den Neger mit ſeiner Botſchaft hinüber zu ſchicken, beobachtet worden war, aus Gründen, die mir unter den obwalten⸗ den Umſtänden nicht ſehr einleuchteten. Ich äußerte jedoch nichts und beſchloß, ſelbſt zu ſehen und zu urtheilen. Natürlich zogen wir unſern Pferden die Zügel an und hielten, um einige Worte mit dem Schwarzen zu ſprechen. „Nun, Jaap, wie ſah der Landhals aus nach ſo langer Ab⸗ weſenheit?“ fragte ich. „Er ausſehen, Sah, gar nicht ſo gut wie alte Miſſus, welche kapital ausſehen für eine ſolche Lady. Machen Wunder groß Auf⸗ hebens mit Landhals, Sah, wenn Ihr Alles glaubt, was junge Neger ſagen. Aber was meint Ihr, Maſſer Mordy, daß ich ge⸗ hört in Schenke, wo ich nur anhielt, alten Dick ſaufen zu laſſen?“ „Und eine Schluck Cider für den alten Jaap zu beſtellen,“— hier lachte der alte Neger herzlich, hatte aber die Unverſchämtheit, die Anſchuldigung weder zu geſtehen noch zu läugnen, da ſeine Schwäche für derlei Genüſſe ein allbekannter Fehler war.—„Nun, was habt Ihr gehört, während Ihr Euren gewohnten Krug ver⸗ ſchlucktet?“ 55 unkt„Ich habe dießmal nur einen halben Krug getrunken, Sah, ilen. gar alte Miſſus nie vergeſſen, mir ſo viel zu geben als ich mag. von Nun, Sah, während der alte Dick ſaufen, ſagen die neue Wirthin ung, die von Connetick kommen, wißt Ihr, Sah, wohin Ihr gehen, alter den farbiger Gentleum? Das war jedenfalls höflich.“ athen„Worauf Ihr antwortetet——“ „Ich antworten ihr, Sah, und ſagen, ich gehen nach Satanstoe, und woher ich gekommen, vor langer Zeit.“ nach„Worauf ſie irgend eine Bemerkung machte— nun, und was achte, war es? Wie lange ſoll Miß Littlepage auf Euch warten!“ Aus„Gott ſegnen ſie, Sah— es ſein mein Geſchäft aufzuwarten Brief Miß Katrinke, nicht ihr Geſchäft zu warten auf mich— Warum l die Ihr ſprechen jetzt ſo drollig, Maſſer Mordy?“ icken,„Laßt das Alles, Jaap— was ſagte die neue Dame aus Con⸗ lten⸗ nektikut, als Ihr antwortetet, Ihr gehet nach Satanstoe, einem lichts Ort, woher Ihr vor langer Zeit gekommen?“ „Was ſie ſagen, Maſſer Mordy, Sah?— Sie ſagen große elten, Thorheiten und machen mich toll. Was nennt Ihr mit dem ſchauer⸗ lichen Namen? ſie ſagen und ein Geſicht machen, wie wenn ſie Ab⸗ geſehen ein Geſpenſt. ‚Ihr meinet wohl Dibbleton? ſie ſagen— das die Art, wie alle Leute die genteel ſein, nennen den Landhals! delche Habt Ihr je dergleichen gehört, Sah?“ Auf⸗„O ja, ich hörte dergleichen ſchon von meiner Geburt an; das unge Beſtreben, den Namen unſeres alten Sitzes umzuwandeln, iſt jetzt ge⸗ ſchon dreißig Jahre alt. Ja, manche Leute nennen Hellgate jetzt en?“ Hurlgate; nach, dieſer Probe kann man ſich auf Alles gefaßt ma⸗ chen. Wißt Ihr das nicht, Jaap: ein Nankee iſt nie zufrieden, theit, wenn er keine Aenderungen machen kann? Die Hälfte ſeiner Zeit ſeine— ändert er an der Ausſprache ſeiner eigenen Namen und die andere Nun, Hälfte an den unſerigen. Laßt ihn das Gut nennen, wie er will, ver⸗ Ihr und ich wir bleiben bei Satanstoe.“ „Das wollen wir, Sah; geben auch dem Teufel ſein gebühr⸗ 56 rend Theil, das ſein ein altes Wort. Ich gewiß ſein, Jeder der Augen hat, kann ſehen, wo ſeine Zehe den Boden aufgeriſſen und ihn geſtaltet nach ſich— kein Dibble da, Sah.“ Mit dieſen Worten ritt Jaap weiter, und meine Schweſter und ich thaten daſſelbe, das Geſpräch weiter fortſetzend, in das wir ſo zufällig hineingerathen waren. „Iſt es nicht ſonderbar, Bruder, daß Fremde dieſen Kitzel haben, den Namen des Guts unſerer Großmutter zu verändern?“ ſagte Kate, nachdem wir den Schwarzen verlaſſen hatten.„Es iſt allerdings ein gemeiner Name; aber er iſt jetzt weit über hundert Jahre im Gebrauch, und die Zeit wenigſtens ſollte ihm das Recht verleihen, ungehudelt zu bleiben.“ „Ja, meine Liebe; aber du weißt noch nichts von den Wün⸗ ſchen und Begehrungen und Anſtrengungen und dem Ehrgeiz von ein ‚wenig Gelehrſamkeit“. Ich habe auf meiner kurzen Laufbahn ſchon genug geſehen, um zu wiſſen, daß ein Geiſt unter uns rege iſt, der ſich den anſpruchsvollen Namen: ‚Geiſt des Fortſchritts“ gibt, welcher wahrſcheinlich Wichtigeres umſtürzen wird, als den Namen unſeres alten Landhalſes. Es iſt ein Geiſt, der den acht⸗ baren Charakter der Liebe zur Freiheit anzunehmen ſucht; und unter dieſer Maske läßt er der Bosheit, dem Neid, der Begehrlich⸗ keit, der Habgier und den niedrigſten Leidenſchaften unſerer Natur freies Spiel. Unter andern nimmt er auch die provinzielle An⸗ maßung einer unächten Geſchmacksverfeinerung an, und ſchmeichelt einer gewiſſen ſpröden Vornehmigkeit, die man am häufigſten bei Solchen findet, die keinen Begriff von etwas wahrhaft Erhabenem haben, indem er ekeln Geſchmack und Affektationen an die Stelle der Einfachheit der Natur und eines wahrhaft guten Tones und Benehmens ſetzt.. 4 nem telle und Viertes Kapitel. Beatrice. Gegen meinen Willen bin ich geſandt, um Euch zum Eſſen kommen zu heißen. Benedick. Schöne Beatrice, ich danke Euch für Eure Mühe. Beatrice. Ich hatte nicht mehr Mühe, dieſen Dank zu verdienen, als es Euch Mühe koſtet, mir zu danken; wäre es mühevoll geweſen, ſo wäre ich nicht gekommen. Viel Lärmen um Nichts. Unter dem Portal des Hauſes zu Satanstoe ſtand meine liebe Großmutter und der berühmte Tom Bayard, um uns zu em⸗ pfangen. Der erſte Blick auf Letztern bewies mir, daß er ein„an⸗ ſtändiger Mann“ war; und beim zweiten gewann ich die erfreuliche Ueberzeugung, daß er gerade jetzt nur für Kate Augen hatte. Dieß zu ſehen und zu wiſſen, war für mich eine große Beruhigung, da ich nie hätte mit gutem Gewiſſen meine Zuſtimmung dazu geben können, das liebe Mädchen einem Manne zu vermählen, der ihren Werth nicht zu würdigen gewußt, der ihre Schönheit nicht in vol⸗ lem Maaße bewundert hätte. Was meine liebe„gar alte“ Groß⸗ mutter betrifft, die jedoch nicht ſo ſehr alt war, da ſie noch unter den Siebzigen ſtand, ſo war unſer Empfang von ihrer Seite ge⸗ rade ſo, wie ich ihn immer gefunden hatte: warm, herzlich und mild. Sie nannte meinen Vater, den General, immer Corny, auch wenn ſie in einem Zimmer voll von Geſellſchaft mit ihm ſprach; doch habe ich, was das betrifft, meine Mutter, die weit mehr eine Frau von Welt war, da ſie ſehr viel in Geſellſchaft gelebt hatte, ebenſo ſprechen hören, wenn ſie ſich allein glaubte. Ich habe in dieſem oder jenem ekeln und pedantiſchen Buche, ge⸗ ſchrieben ohne Zweifel von Einem, der die Menſchen nur aus Büchern, dem ſeinigen ähnlich, kannte, ſolche Vertraulichkeiten ver⸗ dammt, geleſen; aber ich habe im Allgemeinen gefunden, daß die glücklichſten und im Grunde genommen auch die Familien vom beſten und ſittlichſten Tone diejenigen waren, wo man Jack, Tom, Bob, Dick, Beß und Di ſagte. Was die Louiſa Adelina's, und die Robert Auguſtuſſe und alle ſolche Reſpektsnamen betrifft, ſo geſtehe ich offen, daß ich dagegen Verachtung empfinde. Das iſt bei der Art von Leuten, welche Satanstoe— Dibbleton nennen, Hellgate— Hurlgate,— und ſich ſelbſt— gebildet! Dem Him⸗ mel ſei Dank, ſolchen Unſinn hatten wir nicht zu Lilaksbuſh oder auf dem Landhals. Mein Vater hieß da Corny, meine Mutter Anneke, Katrinke Kate, und ich Mordy oder Mord, oder wenn man ſich Zeit nahm, Mordaunt. Tom Bayard erwiederte meine Begrüßung freimüthig und mit gentlemaniſcher Sicherheit des Benehmens, obgleich auf ſeiner Wange ein leiſes Erröthen ſichtbar war, welches mir ſagte;„Ich wünſche Eure Schweſter zu gewinnen.“ Aber mir gefiel das Be⸗ nehmen des jungen Mannes. Da war kein haſtiges Fahren nach der Hand, kein Sichvordrängen, um gleich im erſten Augenblick der Begegnung ein vertrautes Verhältniß zu erzwingen; aber er erwiederte meine Verbeugung mit anmuthiger Verbindlichkeit, und ſein Lächeln hiebei ſchien den Wunſch nach genauerer und beſſerer Bekanntſchaft auszudrücken. Nun habe ich auch ſchon geſehen, daß einer quer durch ein ganzes Zimmer ſchritt, um bei einer Vorſtellung mit einem gänz⸗ lich Fremden die Hände zu ſchütteln, und während der ganzen Zeit ein ſo trübſeliges Geſicht machte, als ob er ihm ſein Beileid beim Verluſt ſeiner Frau bezeugte. Dieſe Gewohnheit, mit feier⸗ lichem Ernſt die Hände zu ſchütteln, nimmt bei uns nachgerade überhand, und wird aus einigen unſerer Schweſterſtaaten einge⸗ führt, denn gewiß iſt es kein New⸗Yorker Brauch, außer unter vertrauten Freunden; und es iſt nach meinem Dafürhalten ein ſchlimmer Brauch, weil er eines der beſten Mittel, Gefühle ab⸗ 59 zuſtufen, vernichtet, und ganz beſonders bei einer Vorſtellung widrig iſt. Aber ach! es gibt ſo viele ſolche Neuerungen, daß man nicht vorherſagen kann, wo ſie aufhören werden. Ich ſchüt⸗ telte bei einer erſten Vorſtellung, ausgenommen unter meinem eigenen Dach, und wenn ich eine entſchieden gaſtfreundliche Ge⸗ ſinnung an den Tag zu legen wünſchte, nie die Hände bis zu meinem vierzigſten Jahre. In meinen jüngern Jahren hielten mich Manche für gemein, und ich weiß nicht gewiß, ob nicht Manche noch jetzt ſo denken. In dem kleinen, altmodiſchen„Empfangzimmer,“ wie ſeit einigen Jahren meine gute Großmutter ſich hatte bewegen laſſen, das Zimmer zu nennen, welches ſonſt das beſte Wohnzimmer war, fanden wir Miß Priscilla Bayard, die aus Gründen, welche un⸗ erklärt blieben, nicht mit an das Portal gekommen war, ihre Freundin zu begrüßen. Sie war in der That ein reizendes Mäd⸗ chen, mit ſchönen, dunkeln Augen, glänzendſchwarzen Haaren, von zarter, vornehmer Geſtalt, und einer Anmuth des Benehmens, welche vollkommene Vertrautheit mit der beſten Geſellſchaft des Landes verrieth. Kate und Pris umarmten einander mit einer Wärme und Aufrichtigkeit, welche zu Gunſten Beider ſprach, und mit vollkommener Natürlichkeit. Ein affektirtes amerikaniſches Mädchen, beiläufig bemerkt, iſt eine große Seltenheit, und nichts fällt mir eher auf, wenn ich meine Landsmänninnen neben Euro⸗ päerinnen ſehe, als der Unterſchied gerade in dieſer Beziehung; die Einen erſcheinen ſo natürlich, die Andern ſo verkünſtelt! Die Begrüßung, die mir von der Miß Bayard wurde, war verbindlich, doch bildete ich mir ein, irgend ein leiſer Zug ver⸗ rathe, daß ſie ſich bewußt ſei, bei irgend einer müſſigen Veran⸗ laſſung ihren Namen in enger Verbindung mit dem meinigen aus⸗ ſprechen gehört zu haben. Vielleicht mag Kate in einem vertrau⸗ lichen Augenblick etwas dahin Zielendes geſagt haben, oder habe ich mich vielleicht getäuſcht. —— —— 60 Meine Großmutter erklärte bald, die ganze Geſellſchaft müſſe die Nacht in Satanstoe zubringen. Da wir an ſolche plötzliche Entſchlüſſe gewohnt waren, erhoben weder Kate noch ich die min⸗ deſte Einwendung, während die Bayards einem Befehle, der je⸗ doch auch für ſie, wie ich bald entdeckte, keine ungewohnte Sache zu ſein ſchien, mit vollkommener Bereitwilligkeit und Folgſam⸗ keit ſich unterwarfen. So in der Vertraulichkeit eines ſtillen und kleinen Kreiſes, auf einem Landhauſe uns zuſammenfindend, mach⸗ ten wir in unſerer gegenſeitigen Bekanntſchaft große Fortſchritte, und bis das Mittageſſen vorüber war, das heißt um vier Uhr, fühlte ich mich ſchon wie ein alter Bekannter von Perſonen, welche vor kurzer Zeit noch mir bis auf den Namen hinaus fremd ge⸗ weſen waren. Bayard und meine Schweſter waren vom erſten Anfang an in der beſten Laune, und ich gewann die Ueberzeugung, ihre Angelegenheit war in ihren Herzen eine ausgemachte Sache; Miß Priscilla jedoch war ein paar Stunden nicht frei von einigem Zwang, wie Jemand, der eine leichte Verlegenheit empfindet. Dies verlor ſich jedoch, und lange ehe wir vom Tiſch aufſtanden, war ſie ganz ſie ſelbſt geworden,— und ſehr reizend war dieſes Selbſt, das war ich genöthigt zuzugeben. Ich ſage: genöthigt; denn trotz Allem, was ich geſagt, und trotz einem gewiſſen ge⸗ ſunden Verſtande, den ich mir hoffentlich zuſchreiben darf, war es mir doch unmöglich, mich ganz des Mißtrauens zu entſchlagen, welches ſich an den Gedanken knüpfte, man erwarte, daß ich mich in die junge Dame verliebe. Meine gute Großmutter trug auch dazu bei, dieß Gefühl in mir rege zu erhalten. Die Art, wie ſie ihr Auge von Einem auf das Andere ſchweifen ließ, und das zufriedene Lächeln, das über ihr Geſicht flog, ſo oft ſie Pris und mich in unbefangenem Geſpräch mit einander ſah, verrieth mir ganz und gar, daß ſie mit im Geheimniß war und bei dem Komplott, wie ich die Sache anzuſehen beliebte, die Hand mit im Spiel hatte. ——-———,-—- ͤͤSAece S————— 61 Ich hatte gehört, daß meine Großmutter die Heirath meiner Eltern ſchon ein oder ein paar Jahre, ehe die Sache ſich machte, als lebhaften Wunſch im Herzen gehegt hatte, und daß ſie ſich immer einbildete, ſehr weſentlich beigetragen zu haben zum Zu⸗ ſtandekommen einer Verbindung, die ſo glücklich geweſen, wie ihre eigene. Die Erinnerung an dieſen Erfolg, oder die Einbildung deſſelben, ermuthigte ſie wahrſcheinlich, auch an dem gegenwär⸗ tigen Anſchlag Theil zu nehmen; und ich bin immer der Meinung geweſen, daß ſie uns Alle bei dieſer Gelegenheit zuſammen brachte, um das große Projekt weiter zu fördern. In der Kühle des Abends wurde ein Spaziergang auf dem Landhals vorgeſchlagen, denn Satanstoe hatte manchen reizenden Pfad, hübſche Durchſichten und weite Ausſichten. So machten denn wir Vier uns auf den Weg, Kate voran, als die mit der Gelegen⸗ heit des Ortes Vertrauteſte. Wir befanden uns bald am Strande des Sundes und an einem Punkte, wo das zurücktretende Waſſer eine feſte, weite Sanddüne zurückgelaſſen hatte; die innere Gränze gegen das Feſtland bildete ein Saum von Felſen. Hier konnte man ohne allen Zwang luſtwandeln, denn es war Raum genug, Paarweiſe oder alle Vier neben einander zu gehen, wie wir Luſt hatten. Da Miß Bayard etwas ſchüchtern ſchien, und man an ihr das Beſtreben bemerkte, ſich immer in der Nähe ihrer Freundin zu halten, gab ich die Abſicht auf, an ihrer Seite zu gehen, blieb ein wenig zurück, und knüpfte ein Geſpräch mit ihrem Bruder an. Auch war es mir nicht leid, ſo bald Gelegenheit zu finden, einen Mann etwas genauer zu prüfen, der aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach in ein ſo nahes Verhältniß zu mir treten ſollte. Nach wenigen Minuten lenkte ſich das Geſpräch auf die jüngſt durchgeführte Revolution und auf die Art und Weiſe, wie ſie auf das künftige Schickſal des Landes einwirken werde. Ich wußte, daß ein Theil der Familie meines Begleiters der Krone ange⸗ hangen und durch die Konfiskationsakte ihre Güter verloren hatte; 62 aber von einem andern Theil wußte ich das Gegentheil, und es blieb meinem Scharfſinn überlaſſen, zu ſchließen, daß Toms Zweig zu den Letztern gehören müſſe, da bekannt war, ſein Vater be⸗ finde ſich in ſehr günſtigen Vermögensverhältniſſen, wenn er auch nicht im eigentlichen Sinne reich heißen durfte. Es ſtand jedoch nicht lange an, ſo entdeckte ich, daß mein neuer Freund ein ge⸗ mäßigter milder Tory war, und daß es ihm beſſer gefallen hätte, wenn die von uns angeſprochenen Rechte, deren Verletzung er ſehr bereitwillig zugeſtand, ohne förmliche Trennung der beiden Länder errungen und geſichert worden wären. Da die Littlepages, und zwar drei Generationen zu gleicher Zeit, förmlich gegen die Krone unter den Waffen geweſen waren, und dieſe Thatſache kein Geheimniß ſein konnte, gefiel mir die Aufrichtigkeit, womit Tom Bayard ſeine Anſichten über dieſe Punkte ausſprach, denn es ſprach dieß für die Wahrhaftigkeit und Geradheit ſeines Charak⸗ ters überhaupt. „Drängt es ſich Euch nicht als eine nothwendige Folge der Entfernung beider Länder von einander auf,“ fragte ich ihn im Verlaufe des Geſprächs,„daß eine Trennung früher oder ſpäter hätte eintreten müſſen?“ Es iſt unmöglich, daß zwei Länder lange gemeinſame Beherrſcher haben, wenn ein Oxrean dazwiſchen liegt. Zugegeben ſelbſt, daß unſere Trennung etwas vorzeitig ſei, eine Behauptung, die ich bei einer dieſen Punkt ausſchließlich betref⸗ fenden Erörterung läugnen würde, iſt ſie doch gewiß ein Uebel, welches ſeiner Natur nach mit jeder Stunde ſich vermindert!“ „Trennungen in Familien ſind immer ſchmerzlich und peinlich, Major Littlepage; und ſie ſind es doppelt, wenn ſie von Zwiſtig⸗ keiten begleitet ſind.“ „Ganz richtig; und doch kommen ſie immer vor. Wenn nicht in dieſer Generation, dann in der nächſten.“ „Ich glaube in der That,“ ſagte Tom Bayard, und ſah mich halb flehend dabei an,„wir hätten mit unſern Händeln und Zer⸗ — 63 würfniſſen fertig werden können, ohne unſer Unterthanenverhältniß gegen den König abzuſchütteln.“ „Ja, das iſt für Tauſende der Stein des Anſtoßes geweſen; und doch iſt es in Wahrheit der ſchwächſte Punkt, den ſie jenſeits des atlantiſchen Meeres für ihre Anſicht geltend machen können. Was nützt das Unterthanenverhältniß gegenüber von dem Könige, wenn das Parlament ſeine Macht in einer Weiſe gebraucht, daß die amerikaniſchen Intereſſen denen Englands untergeordnet werden! Man kann gar viel Vernünftiges und Triftiges ſagen zu Gunſten der königlichen Macht, das gebe ich ſehr gerne zu: aber ſehr wenig zu Gunſten eines Verhältniſſes, bei welchem ein Volk der Unter⸗ than des andern wird. Der Name Loyalität verblendet die Menſchen gegen Thatſachen, und ſetzt eine eingebildete Macht an die Stelle einer wirklichen. Die Frage war, ob England mittelſt eines Parlaments, in welchem wir keine Vertreter haben, für uns Geſetze machen ſolle und dürfe, oder nicht; und nicht die: ob George III. unſer Souverän ſein ſolle, oder ob wir die Souveräne⸗ tät des Volkes begründen und aufſtellen wollen“*). gehabt gleich damals das Princip ſelbſt nirgends offen ſcheint erkannt worden zu ſein. Der war auch jede Kolonie gänzlich unabhängig von den anderen, nur mit ihnen ver⸗ knüpft durch das Band der gemeinſamen Abhängigkeit von der Krone. Die Revolution von 1688 verſchaffte allmählich dem Parlament das Ueber ewicht; und als George III. den Thron beſtieg, war dieß Uebergewicht ſchon deinahe unbeſtritten. Nun ſtand Amerika eigentlich in keiner Verbindung mit dem Parlament, welches damals nur 64 Bayard verbeugte ſich, auf dieſe Bemerkung hin, ganz höflich gegen mich und änderte den Geſprächsgegenſtand. Es war jedoch genug geſprochen worden, um mich zu überzeugen, daß wenig politiſche Sympathie zwiſchen uns beſtehen würde, möchten ſich auch die Familienbande noch ſo eng knüpfen. Die Mädchen geſell⸗ ten ſich zu uns, ehe wir wieder recht in ein anderes Geſpräch gekommen waren; und es verdroß mich ein wenig, als ich fand, daß Kate etwas mehr auf die Anſichten ihres Anbeters über dieſe Gegenſtände einging, als ſich, meinem Dafürhalten nach, mit den ächten Geſinnungen eines Mitgliedes der Familie Littlepage, nach Allem, was vorgefallen war, vertrug. Dennoch war ich nicht ge⸗ meint, meine Schweſter deßwegen hart beurtheilen zu wollen, da ich ſelbſt doch auch es gerne geſehen hätte, daß die Frau, die ich liebte, ſo viel als möglich mit mir in allen meinen Anſichten harmonirt hätte. Andererſeits fand ich zu meiner Ueberraſchung an Miß Priseilla eine eifrige, und die Wahrheit zu geſtehen, eine etwas blinde Patriotin, und ſie verdammte England, den König und die Beſtrebungen des Parlaments mit einer Wärme, welcher nur diejenige gleichkam, womit ſie alle Dinge, Beſchlüſſe, Maß⸗ regeln, Grundſätze und politiſchen Schritte vertheidigte, die rein amerikaniſch waren. Ich kann nicht ſagen, daß ich ſo viele Duldſamkeit bewieſen hätte gegen den Patriotismus der Miß Bayard, wie gegen den kleinen Verrath meiner Schweſter. Es ſchien ganz natürlich, daß Kate anfing, Dinge dieſer Art mit den Augen eines Mannes an⸗ zuſehen, welchen ſie entſchloſſen war zu heirathen; aber es erſchien weit eher als geſucht und gemacht bei ihrer Freundin, die einer Toryfamilie angehörte, ſo freiwillig ſich den Geſinnungen eines England und Wales vertrat; und dies war ein Stand der Dinge, wobei ein Land von dem andern abhängig war;— eine Unterordnung der Intereſſen des einen unter die des andern, welche offenbar nur ſo lange dauern konnte, als die beherrſchte Partei zu ſchwach war, ſich ſelbſt Recht zu verſchaffen. ich och nig ſich ell⸗ äch nd, ieſe den ach ge⸗ da ich yten ung eine nig lcher daß⸗ rein ieſen den daß an⸗ chien einer eines Land einen rrſchte 65 Mannes anzuſchließen, den ſie noch nicht lieben konnte, da ſie ihn bis zu dieſem Tage noch nicht geſehen hatte. „Iſt es nicht ſo, Major Littlepage,“ rief das reizende Ge⸗ ſchöpf— denn ſehr reizend war ſie ohne alle Frage; und weiblich, und zart, und höchſt fein und anſtändig, und Alles, was ich nur wünſchen mochte, wäre ſie nur ein wenig minder eine Whig und ein gut Theil mehr eine Tory geweſen;— und ihr Auge flammte und ſprühte dabei, als fühlte ſie Alles, was ſie ſagte, im innerſten Herzensgrunde—„Iſt es nicht ſo, Major Littlepage?— Amerika i*ſt aus dieſem Kriege mit unvergänglichem Ruhme hervorgegangen; und ſeine Geſchichte wird in tauſend Jahren das Staunen und die Bewunderung Aller ſein, die ſie leſen?“ „Das wird einigermaßen davon abhängen, wie ſich ſeine Ge⸗ ſchichte von jetzt an bis dahin geſtaltet. Die frühere Geſchichte aller großen Nationen erfüllt uns mit Bewunderung und Theil⸗ nahme, während gewaltigere Thaten, von einem unbedeutenden Volke verrichtet, gewöhnlich vergeſſen werden.“ „Aber doch iſt dieſe Revolution von der Art geweſen, daß jede Nation darauf hätte ſtolz ſein dürfen!“ Da es nicht ſchicklich geweſen wäre, dieß zu leugnen, ver⸗ beugte ich mich und entfernte mich ein wenig von der übrigen Ge⸗ ſellſchaft, unter dem Vorwand, Muſcheln zu ſuchen. Bald geſellte ſich meine Schweſter zu mir, worauf folgendes kurze Geſpräch zwiſchen uns ſich entſpann. „Ihr findet an Pris Bayard eine entſchloſſene, ſtandhafte Wigh, Major Littlepage,“ begann meine warmherzige Schweſter. „Gar ſehr; aber ich hatte geglaubt, die Bayards ſeien aus⸗ nehmend neutral, wo nicht gar entſchieden der andern Seite zu⸗ geneigt.“ „Oh, das iſt ganz richtig bei den Meiſten derſelben, aber nicht bei Pris, welche ſchon lang eine entſchiedene Whig iſt. Da iſt nun Tom, der ziemlich gemäßigt iſt in ſeinen Anſichten, während Der Kettenträger. 5 ————ꝛ—ꝛ———nPn 66 Vater und Mutter ausnehmend neutral ſind, wie Ihr es nennt; Pris aber iſt eine Whig, beinahe ſo lange ich ſie kenne.“ „Beinahe ſo lange! Alſo war ſie auch einmal eine Tory?“ „Das kaum; obgleich allerdings ihre Anſichten eine ſehr all⸗ mählige Umwandlung erlitten haben. Wir ſind Beide jung, müßt Ihr bedenken; und Mädchen, wenn ſie zuerſt in's Leben hinaus⸗ kommen, haben gar wenig eigene Gedanken im Reden und im Handeln. Seit den drei letzten Jahren ganz gewiß, oder von ihrem ſiebzehnten Jahre an, iſt Pris immer mehr eine Whig und immer weniger eine Tory geworden. Findet Ihr ſie nicht ent⸗ ſchieden ſchön, Mordaunt?“. „Ganz entſchieden, und ſehr gewinnend in Allem, was zu ihrem Geſchlecht gehört— ſanft, weiblich, feinſinnig, liebenswür⸗ dig, und durchaus eine Whig!“ „Ich wußte wohl, du würdeſt ſie bewundern!“ rief Kate triumphirend.„Ich werde es erleben, meinen liebſten Wunſch er⸗ füllt zu ſehen.“ „Ich zweifle nicht daran, Kind; doch wird das nicht geſchehen durch die Vermählung eines Mr. Littlepage mit einer Miß Bayard.“ Dieſer Ausfall hatte ein Lächeln und ein Erröthen von ihrer Seite zur Folge, aber durchaus kein Zeichen von Unterwerfung und Ergebung. Im Gegentheil, das eigenwillige Mädchen ſchüt⸗ telte den Kopf, bis alle ihre üppigen Locken ſich verſchoben, und ſie hörte nicht auf zu lachen. Gleich darauf geſellten wir uns wieder zu unſern Begleitern, und in Folge jener Kreuzungen und Figuren, welche bei dem Verkehr der jungen Leute beider Geſchlechter ſo be⸗ liebt ſind, waren bald, wie wir auf den Dünen dahinwandelten, Tom an Katens Seite und ich an der Seite von Priscilla Bayard. Worüber die zwei Andern plauderten, habe ich nie erfahren, wie⸗ wohl ich denke, man könnte es errathen; die junge Lady aber, meine Begleiterin, machte wieder die Revolution zum Gegenſtande des Geſprächs. ———— 67 „Ihr ſeid vermuthlich etwas überraſcht geweſen, Major Little⸗ page,“ begann ſie,„zu hören, daß ich mich ſo warm zu Gunſten dieſes Landes ausſprach, da einige Zweige meiner Familie von der neuen Regierung hart behandelt worden ſind?“ „Ihr ſpielt auf die Confiskationen an? Ich habe ſie nie ge⸗ billigt und gerechtfertigt, und wünſchte, ſie wären nicht erfolgt; denn ſie treffen am ſchwerſten Diejenigen, welche ganz ſchuldlos waren, während die Meiſten unſerer wirklichen Feinde mit heiler Haut entkommen ſind. Aber es iſt doch nicht mehr als gewöhn⸗ liches Verfahren in Bürgerkriegen, und ſicherlich wäre es uns ebenſo ergangen, wenn wir die unterliegende Partei geweſen wären.“ „Das hat man mir auch geſagt;z aber da keine mir ſehr naheſtehenden Perſonen von einem Verluſte betroffen worden ſind, iſt meine öffentliche Tugend im Stande geweſen, meinen Privat⸗ gefühlen zu widerſtehen. Mein Bruder, wie Ihr wohl ſchon be⸗ merkt habt, iſt weniger ein ächter Amerikaner als ich.“ „Ich habe angenommen, er gehöre zu den äußerſt Neutralen; und die, habe ich gedacht, neigen ſich immer ein wenig zu der ver⸗ lierenden Partei hin.“ „Ich hoffe jedoch, ſeine politiſche Vorneigung, die ſehr ehrlich, obwohl ſehr irrthümlich iſt, werde ihm in Eurer guten Meinung nicht weſentlich ſchaden. Es hängt zu viel davon ab, als daß mir dieſer Gegenſtand nicht am Herzen liegen ſollte; und da ich allein in der ganzen Familie entſchieden der Whigpartei angehöre, habe ich gedacht, ich wolle es wagen, für einen innigſt geliebten Bruder zu ſprechen.“ „Nun,“ ſagte ich bei mir ſelbſt,„das heißt die Sache gehörig einfädeln! aber ich bin doch nicht ſo ganz unerfahren, daß ich mich durch eine ſo wenig verſteckte Liſt zum Narren haben ließe! Der Henker ſteckt in dem Mädchen; und doch ſcheint es ihr Ernſt zu ſein, ſte ſchaut mich an mit dem Vertrauen und der Einfalt einer Schweſter, die noch mehr ſogar fühlt als ſie ausſpricht, und ſicher⸗ 5* — ——g 68 lich iſt ſie eines der reizendſten Geſchöpfe, die mir je vor Augen gekommen. Ich darf ſie nicht merken laſſen, wie ſehr ich auf meiner Hut bin, ſondern muß der Liſt mit Liſt begegnen. Es müßte doch ſonderbar zugehen, wenn ich, der ich eine Compagnie Kontinentalſoldaten mit einigem Lobe kommandirt habe, nicht fertig werden könnte mit einem Mädchen von zwanzig Jahren, wäre ſie auch noch ſchöner, und ſehe noch unſchuldiger aus als dieſe Pris Bayard, was freilich, muß ich geſtehen, nicht leicht möglich iſt.“ Der Leſer wird verſtehen, daß ich das Alles bei mir ſelbſt ſprach, und zwar war es ſehr bald geſagt, denn man redet mit ſich ſelbſt erſtaunlich ſchnell, aber was ich nach augenblicklichem Beſinnen zu meiner ſchönen Begleiterin ſagte, lautete ganz anders nach Sprache und Inhalt. „Ich verſtehe nicht, in welcher Weiſe meine Meinung dem Mr. Bayard etwas austragen ſollte, möchte ſie für oder gegen ihn ſein,“ antwortete ich, mit einem eben ſo unſchuldigen Ausdruck, ſo wie ich die Sache anſah, als die junge Lady ſelbſt in ihrem hübſchen Geſichtchen gezeigt hatte, und machte hiebei, wie ich mir einbildete, meine Sache unendlich gut;„obgleich ich weit entfernt bin, irgend einen Mann hart zu beurtheilen, weil er zufällig von mir abweicht in ſeinem Urtheil von politiſchen Dingen. Die Frage war ſehr kitzlicher und zarter Natur, und die redlichſten Männer ſind in der Beantwortung derſelben am weiteſten auseinanderge⸗ treten.“ „Ihr wißt nicht, wie ſehr es mich erfreut, dieß von Euch zu hören, Mr. Littlepage,“ erwiederte meine Begleiterin, mit einem ſüßen Lächeln, wie nur je von einem Weibe einem Manne geſpen⸗ det wurde.„Es wird Tom ganz glücklich machen, denn ich weiß, er war ſehr bange vor Euch eben wegen dieſes Punktes.“ Ich antwortete nicht ſogleich; denn ich beobachtete, glaube ich, die Spuren und Ausläufer dieſes bezaubernden Lächelns, und ſuchte mich mit Vernunftgründen gegen ſeinen Eindruck zu wehren, mit —— 8☛ 5 u& — △ 69 der Hartnäckigkeit eines Mannes, der entſchloſſen iſt, ſich nicht fan⸗ gen zu laſſen. Dieß Lächeln verfolgte mich acht Tage lang, und es ſtand lange Zeit an, bis ich es völlig begriff. Ich entſchloß mich jedoch, in Betreff Bayards und meiner Schweſter ſofort auf die Hauptſache loszugehen, und nicht mit indirekten Anſpielungen auf den Buſch zu klopfen. „Ihr könnt doch wohl kaum meine Meinung mißverſtehen, ſollte ich denken!“ antwortete Priscilla etwas überraſcht.„Man darf nur das Paar vor uns anſehen, um zu begreifen, in wiefern Eure Meinung von dem Gentleman einen Einfluß auf ihn wenig⸗ ſtens üben kann.“ „Daſſelbe könnte man von uns ſagen, Miß Bayard, ſo viel mein unerfahrenes Auge zu beurtheilen vermag. Sie ſind ein jun⸗ ges Paar, das mit einander luſtwandelt; der Gentleman ſcheint die Lady zu bewundern und zu verehren, das will ich gern zugeben; und wir ſind auch ein junges Paar, das mit einander luſtwandelt, und der Gentleman ſcheint auch die Lady zu bewundern— oder man müßte von ſeinem Geſchmack oder von ſeiner Herzensempfäng⸗ lichkeit eine ſchlechte Meinung haben.“ „So,“ ſagte ich, wieder bei mir ſelbſt;„das heißt ſie ganz mit gleicher Münze bezahlen; jetzt laßt uns ſehen, wie ſie das nimmt!“ Priscilla nahm es ſehr gut; ſie lachte und erröthete gerade in hinreichendem Maaße, um als das reizendſte Geſchöpf zu erſchei⸗ nen, auf dem je mein Auge geruht hatte. Sie ſchüttelte den Kopf ſo ziemlich in derſelben Art, wie meine Schweſter nicht lange zuvor gethan hatte, und wies die Analogie zuerſt mit ihren Geberden und dann ausdrücklich mit der Zunge ab. „Die Fälle ſind ſehr verſchieden, Sir,“ antwortete ſie.„Wir ſind einander fremd, während Tom Bayard und Kate Littlepage Bekannte ſeit Jahren her ſind. Wir lieben einander nicht im ge⸗ ringſten: nicht ein Bischen, obwohl wir geneigt ſind, recht gut von einander zu denken wegen des Intereſſes, das wir an dem Paare 70 vor uns nehmen, und weil ich die vertraute Freundin Eurer Schwe⸗ ſter bin und Ihr der einzige Bruder meiner vertrauten Freundin. Hier jedoch,“ und ſie ſprach jetzt mit Nachdruck,„hört unſer In⸗ tereſſe auf, um nie über das Maaß freundſchaftlicher Hochachtung hinaus ſich zu ſteigern, die, wie ich hoffe, aus unſern beiderſeitigen Eigenſchaften und deren gegenſeitiger Anerkennung erwachſen ſoll. Es iſt eine ganz, ganz andere Sache bei dem Paare vor uns;“ hier ſprach das bewegliche Mädchen wieder mit dem innigſten Gefühl; jeder Ton und jede Modulation ihrer Stimme zeugte von lebhafte⸗ ſter Herzenstheilnahme.„Sie ſind ſchon lange einander geneigt und anhänglich, nicht Bewunderer von einander, wie Ihr Euch ausdrückt, Major Littlepage, ſondern einander geneigt und anhäng⸗ lich: und Eure Meinung von meinem Bruder iſt gerade in dieſem Augenblick von der höchſten Wichtigkeit für ihn. Ich hoffe, mich Euch endlich verſtändlich gemacht zu haben?“ „Vollkommen und ich bin geſonnen, mich eben ſo deutlich aus⸗ zuſprechen. Erſtlich proteſtire ich feierlich gegen Alles, was Ihr von dem andern Paare geſagt habt, mit Ausnahme des Intereſſes, das wir Beide für den Bruder oder die Schweſter fühlen. Sodann erkläre ich, daß Kate Littlepage ganz und gar ihre eigene Herrin iſt, ſoweit es ihren Bruder Mordaunt angeht; und endlich ſpreche ich aus: daß ich durchaus nichts in dem Charakter, der Verwandt⸗ ſchaft, dem Vermögen, der Perſon oder der Stellung ihres An⸗ beters, Thomas Bayard, von den Hickories, Esquire, ſehe oder weiß, was im mindeſten nicht ihren Anſprüchen oder Verdienſten entſpräche. Ich hoffe, das iſt vollkommen befriedigend.“ „Ganz! und von Grund meines Herzens danke ich Euch dafür. Ich will geſtehen, ich habe einige kleine Beſorgniſſe gehegt wegen Toms politiſcher Meinungen; aber nunmehr dieſe beſeitigt ſind, kann ſonſt Nichts mehr die mindeſte Sorge und Unruhe erregen.“ „Wie iſt es aber möglich, daß Eines von Euch meinen An⸗ ſichten ein ſolches Gewicht glaubte beilegen zu müſſen, da Kate 71 doch einen Vater, eine Mutter und eine Großmutter am Leben hat, welche Alle, ſoweit ich unterrichtet bin, ihre Wahl billigen?“ „Ha, Mr. Littlepage, Ihr ſeid Euch Eurer Wichtigkeit in Eurer eigenen Familie nicht bewußt, wie ich ſehe. Ich weiß das beſſer, als Ihr ſelbſt es zu wiſſen ſcheint. Vater, Mutter, Groß⸗ mutter und Schweſter, Alle ſprechen in Einem Sinne von Mordaunt. Hört man den General vom Krieg ſprechen, ſo ſollte man meinen, er habe eine Compagnie kommandirt und Kapitän Littlepage das Regiment. Mrs. Littlepage ordnet ſich Mordaunts Geſchmack und Mordaunts Anſichten und Mordaunts Urtheilen ſogar in der Haus⸗ haltung und in den Saumnahten unter. Kate ſagt immer: ‚Mein Bruder ſagt dieß,“ ‚mein Bruder ſchreibt jenes;“ ‚mein Bruder thut das und das,“ und die alte Lady hier auf Toe, die glaubt gewiß, ihre Pfirſchen und Kirſchen könnten nicht reifen, wenn nicht Mor⸗ daunt Littlepage, der Sohn ihres Sohns, Corny Littlepage— nicht ein einiges Mal entſchlüpft ihr der Name ‚General’— auf der Erde wäre, um ſteten Sonnenſchein darüber zu verbreiten.“ Gab es je ein Mädchen wie dieſes? Und dieſe Worte ſprach ſie noch dazu in der ruhigſten, ſanfteſten, ladymäßigſten Weiſe, die man ſich denken kann. Daß die junge Dame Geiſt und Laune genug beſaß, war unverkennbar; und einen Augenblick war ich im Zweifel ob nicht Beides gepaart ſei mit der vollkommenſten Charak⸗ tereinfalt und der vollkommenſten Treuherzigkeit. Spätere Bemer⸗ kungen und Vorfälle jedoch machten bald all' mein urſprüngliches Mißtrauen wieder rege. „Das iſt ein lebhaftes Bild von Familienſchwächen, das Ihr da ſo anſchaulich hingezeichnet habt, Miß Bayard,“ verſetzte ich; „und ich werde es nicht leicht vergeſſen. Was es noch lebhafter und pikanter macht, und ihm um ſo mehr den Beifall der Welt ſichert iſt der Umſtand, daß Mordaunt ſo gar wenig die parteiiſche Vorliebe der Verwandten verdient, die Ihr genannt habt.“ „Der letzte Zug bildet keinen Beſtandtheil meines Gemäldes, 72 Major Littlepage, und ich weiſe ihn zurück. Was die Welt be⸗ trifft, ſo wird ſie nie etwas davon erfahren! Ihr und ich wir ſind nicht die Welt, auch werden wir aller Wahrſcheinlichkeit nach nie für einander die Welt ſein; ich wünſchte, daß Ihr dieß ganz be⸗ ſonders Euch merket, da dieß der Grund iſt, warum ich bei einer ſo kurzen Bekanntſchaft ſo offen gegen Euch bin. Ich erkläre Euch, Eure Meinung iſt für Tom von der äußerſten Wichtigkeit, da Eure Schweſter ihn nicht heirathen würde, wenn ſie glaubte, Ihr dächtet im mindeſten ſchlimm von ihm.“ „Und ſie würde es, wenn ich gut von ihm denke?“ „Das iſt eine Frage, die ein Frauenzimmer für ſich ſelbſt be⸗ antworten muß. Und jetzt wollen wir nichts mehr von der Sache ſprechen, denn mein Gemüth iſt beruhigt, ſeit ich ſehe, daß Ihr keine politiſche Feindſeligkeiten gegen Tom hegt.“ „Die Menſchen, bilde ich mir ein, ſind weit weniger geneigt, ſolche Gefühle und Geſinnungen zu hegen, wenn ſie einen Zwiſt ehrlich und tüchtig ausgefochten haben, als wenn ſie nur erſt dar⸗ über ſchwatzen. Zudem iſt die gewinnende Partei gewöhnlich am wenigſten zum nachtragenden Grolle geneigt, und ihr Erfolg wird die Whigs verſöhnlich ſtimmen. Ich gebe Euch mein Ehrenwort, keine Einwendung ſoll von meiner Seite gegen Euern Bruder er⸗ hoben werden wegen ſeiner Meinungen von der Revolution her. Meine liebe Mutter ſelbſt iſt während des ganzen Krieges eine halbe Tory geweſen, und Kate hat, wie ich finde, all' ihre Menſchenliebe und Milde eingeſogen.“ Ein eigenthümliches, und wie mich bedünkte, ſchmerzliches Lächeln flog über Priscilla's ſüßes Angeſicht hin, als ich dieſe Be⸗ merkung machte; aber ſie antwortete Nichts darauf. Sie ſchien mir jetzt verlangend, den Gegenſtand ganz zu verlaſſen, und ich lenkte augenblicklich das Geſpräch auf andere Dinge. Kate und ich blieben einige Tage in Satanstoe, und Tom Bayard kam täglich auf Beſuch, denn die Entfernung zwiſchen dem be⸗ ſind nie be⸗ iner uch, kure htet be⸗ ache Ihr igt, wiſt 73 Landhals und den Hickories war nicht von Belang. Ich ſah die junge Lady zweimal während dieſer Zeit; einmal wie ich ausdrück⸗ lich in dieſer Abſicht nach dem Sitz ihres Vaters hinüber ritt, und einmal wie ſie zu Pferde herüber kam, um ihre Freundin zu be⸗ ſuchen. Ich geſtehe, nie war ich mehr in Verlegenheit, einen Cha⸗ rakter zu verſtehen, als bei dieſem jungen Frauenzimmer. Sie war entweder Meiſterin in der Verſtellungskunſt, oder unſchuldig und einfach wie ein Kind. Es war leicht zu ſehen, daß ihrem Bruder, meiner Schweſter, meiner Großmutter, und wie ich mir einbildete, den Eltern der jungen Lady ſelbſt Alles daran lag, daß ich mit Pris, wie ſie ſie Alle nannten, auf möglichſt gutem Fuß ſtände, während ich ihre eigenen Gefühle und Geſinnungen in dieſer Hin⸗ ſicht nicht zu ergründen vermochte. Es wäre unnatürlich geweſen, wenn ich nicht gern ihre außerordentliche Schönheit angeſchaut, wenn ich nicht ihr ausnehmend anmuthiges und weibliches Beneh⸗ men bewundert hätte, welches gerade ſo war, wie man es ſich nur wünſchen konnte, vollkommen ſicher, leicht und bequem, ohne im ent⸗ fernteſten frei oder vorlaut zu ſein, und ich weidete mich an jener und bewunderte dieſes in demſelben Augenblick, wo ich am geneig⸗ teſten war ihrer Aufrichtigkeit zu mißtrauen und ihre Natürlichkeit für Vollendung der Kunſt zu halten. Es gab Zeiten, wo ich mich verſucht fühlte mir einzubilden, dieſe Pris Bayard ſei eine ſo ge⸗ ſchickte und gründliche Schauſpielerin, als eine Perſon von ihrem Geſchlecht, ihren Jahren und ihrer Stellung im Leben irgend wer⸗ den könne, ohne gänzlich zu fallen; und dann kamen auch wieder Augenblicke, wo ſie von den beſten und ſeelenvollſten Eigenſchaften ihres Geſchlechts durchdrungen und erfüllt ſchien. Es iſt kaum nöthig zu ſagen, daß unter ſolchen Umſtänden mein Herz unverwundet blieb, trotz der nicht zu verkennenden Wünſche meiner Verwandten und der großen Vorzüge der jungen Lady. Ein Mann fällt ſo wenig blindlings in Liebe, wenn er aus Mißtrauen glaubt, es ſei Etwas nicht wie es ſein ſollte, als er 74 dieß je glaubt, wenn er blindlings ſich verliebt. Es hat mich oft überraſcht und ſtaunen gemacht, wie oft und wie gründlich die Wei⸗ ſeſten des ſterblichen Geſchlechtes Alles darauf anlegen, ſich ſelbſt zu betrügen. Wenn einmal der Verdacht rege geworden, ſo hat man kein Zeugniß mehr nöthig, die Verdammung folgt ganz wie ein logi⸗ ſcher Schluß, obwohl auf nichts Beſſeres gegründet, als auf ſchein⸗ baren Zweifel; während anderer Seits, wo Vertrauen einmal be⸗ ſteht, Zeugniſſe und Beweiſe nur gar zu gerne nicht beachtet wer⸗ den. Frauen insbeſondere ſind nur allzu geneigt, dem Zug ihrer Empfindungen und Neigungen ſtatt Vernunftsgründen zu folgen, in allen Fällen wo es ſich um eine Schuld handelt. Es hält ſchwer, ſie von der Unwürdigkeit Derer zu überzeugen, welche mittelſt der Beziehungen des Gefühls ihnen angehören, weil die Gefühle bei ihnen gewöhnlich ſtärker ſind als die Denkkräfte. Wie hängen ſie z. B. ſo ſtandhaft an ihren Prieſtern, wenn die kühleren Köpfe und größere Erfahrung der Männer ſchon verdammen; und das nur darum, weil ihre Phantaſie ſich darin gefällt, die Schuldigen mit dem Schmuck und Glanz der Religion zu umkleiden, die ſie verehren und die ihr Halt iſt! Der müßte ein geſcheuter Mann ſein, der die Linie zwiſchen dem Wirklichen nnd dem Falſchen in dieſen Dingen zu ziehen vermöchte; aber der iſt gewiß ein Schwach⸗ kopf, der Zeugniſſe nicht beachtet, wenn ſie klar und bündig ſind. Daß wir Alle unſere Sünden und Fehler haben, iſt außer Zweifel, aber gewiß gibt es Merkmale der Unwürdigkeit, welche untrüglich ſind, und nie außer Acht gelaſſen werden ſollten, weil ſie denjeni⸗ gen Mangel an Grundſätzen beurkunden, der einen ganzen Cha⸗ rakter verunſtaltet. —˖QOO˖—;—ꝛ—ꝛꝛ—ꝛ—ę—ÿ—:·-O 75 Fünftes Kapitel. Beatrice. Der wäre ein vortrefflicher Mann, der gerade die Mitte hielte zwiſchen ihm und Benedick; der Eine iſt zu ſehr wie eine Bildſäule und ſagt gar Nichts; und der Andere zu ſehr meiner Lady älteſtem Sohne gleichend, plappert immer fort. Viel Lärmen um Nichts. An dem Tag, an welchem meine Schweſter und ich Satanstoe verließen, fand ein intereſſantes Geſpräch ſtatt zwiſchen meiner Groß⸗ mutter und mir, welches ich wohl erzählen darf. Es fand ſtatt in der Kühle des Morgens, ja ſogar vor dem Frühſtück, und ehe Eines von der übrigen Geſellſchaft ſich blicken ließ; Tom Bayard nämlich und ſeine Schweſter waren wieder herübergeritten, um bei unſerer Abreiſe gegenwärtig zu ſein, und hatten die Nacht hier zu⸗ gebracht. Meine Großmutter hatte mich gebeten, ſo frühe ſchon ſie zu treffen in einer Art von Piazza, welche in Folge von neuen Verbeſſerungen und Erweiterungen am einen Ende der alten Ge⸗ bäude angefügt worden, und wo wir uns Beide mit der größten Pünktlichkeit einfanden. Aus einer gewiſſen bedeutungsvollen Miene meiner guten Großmutter errieth ich, daß ſie wichtige Sachen auf dem Herzen hatte, und ich nahm auf dem Stuhl, den ſie mir hin⸗ geſtellt, mit einiger Neugier Platz, zu erfahren was nun folgen würde. Die Seſſel ſtanden neben einander, oder doch beinahe, je⸗ doch in verſchiedener Richtung, und ſo nahe aneinander, daß beim Sitzen beinahe die Geſichter ſich berührten. Meine Großmutter hatte ihre Brille auf, und durch dieſe ſchaute ſie mich ernſt und nachdenklich an, indem ſie die Locken auf meiner Stirne ſchlichtete, wie ſie mir als Knaben zu thun gewohnt geweſen. Ich ſah hinter den Gläſern Thränen herunterrollen, und ich beſorgte, etwas ge⸗ ſagt oder gethan zu haben, wodurch ich das Gemüth dieſer treff⸗ lichen und nachſichtigen Frau verletzt hätte. 76 „Um's Himmels willen, Großmutter, was kann dieß zu be⸗ deuten haben?“ rief ich.„Habe ich irgend einen Fehler gemacht?“ „Nein, mein Kind, nein, ſondern ganz im Gegentheil. Du biſt und wareſt immer ein guter und pflichtgetreuer Sohn, nicht nur gegen deine wirklichen Eltern, ſondern auch gegen mich. Aber dein Name hätte ſollen Hugh ſein— dabei werde ich bleiben ſo lang ich lebe. Ich habe das deinem Vater geſagt, als du ge⸗ boren wurdeſt, aber er war damals ganz Mordaunt⸗toll, wie er es in der That auch ſeither immer geblieben iſt. Nicht als ob Mor⸗ daunt nicht ein guter Name wäre, und ein achtbarer Name, und es heißt auch, es ſei ein vornehmer Name in England; aber es iſt ein Familienname, und Familiennamen paſſen im beſten Falle nicht zu Taufnamen. Hugh hätte dein Name werden müſſen, wenn es nach meinem Sinne gegangen wäre, und wenn nicht Hugh, dann Corny. Nun, dazu iſt es jetzt zu ſpät, da du einmal Mordaunt heißſt, und als Mordaunt leben und ſterben mußt. Hat dir wohl ſchon Jemand geſagt, mein Kind, wie ſehr, ſehr ähnlich du deinem geehrten Großvater biſt?“ „Meine Mutter ſchon oft— ich habe ihr die Thränen in die Augen treten ſehen, wie ſie mich anſchaute, und ſie hat mir oft geſagt, mein Familienname ſollte Mordaunt ſein, ſo ſehr ſehe ich ihrem Vater gleich.“ „Ihrem Vater!— Nun, da ſetzt ſich eben einmal Anneke die allerſeltſamſten Dinge in den Kopf! Eine beſſere, eine liebere Frau gibt es nicht auf Erden— ich liebe deine Mutter gerade ſo, wie wenn ſie meine liebe Tochter wäre; aber das muß ich ſagen, da bildet ſie ſich die allerſeltſamſten Dinge ein, die je einem Sterbli⸗ chen in den Kopf kommen können. Du Herman Mordaunt gleich⸗ ſehen! Du biſt das wahre Ebenbild deines Großvaters Littlepage, und gleichſt Herman Mordaunt ſo wenig als dem Könige.“ Die Revolution war damals, und iſt auch jetzt noch etwas zu Neues, als daß ſie ſolche beſtändige Erinnerungen an das linem n die ir oft ze ich ee die Frau wie n, da erbli⸗ leich⸗ page, twas das 77 Königthum hätte ausſchließen können, obgleich mein Großvater vom erſten Anfang des Kampfes an ein ſo warmer Whig ge⸗ weſen war, als nur irgend einer in den Kolonien lebte. Was die beſprochene Aehnlichkeit betrifft, ſo habe ich immer angenom⸗ men, ich ſei ein gemiſchtes Conterfei von beiden Familien gewe⸗ ſen, wie dieß ſo oft vorkommt; ein Umſtand, welcher meinen Ver⸗ wandten von beiden Seiten möglich macht, diejenigen Aehnlich⸗ keiten zu finden und weiter zu verfolgen, welche ihrem Geſchmack und ihren Launen am meiſten zuſagen. Dieß war ganz bequem, und es mag, neben dem Umſtand, daß ich ein einziger Sohn war, ein Grund geweſen ſein, warum ich ſo ſehr der Liebling der weiblichen Mitglieder meiner Familie war. Meine gute alte Großmutter, damals in ihrem neunundſechszigſten Jahre ſtehend, war ſo überzeugt von meiner Aehnlichkeit mit ihrem verſtorbenen Gatten, dem„alten General,“ wie er jetzt genannt wurde, daß ſie in ihren Eröffnungen nicht fortfahren konnte, als bis ſie ſich die Augen gewiſcht, und ihren zärtlichen Gefühlen durch ein wie⸗ derholtes langes und nachdenkliches Anſchauen meines Geſichts Genüge gethan hatte. „Oh! dieſe Augen!“ murmelte ſie;„und dieſe Stirne!— Und auch der Mund und die Naſe, um nichts zu ſagen vom Lächeln, das auch ſo ähnlich iſt, wie eine Erbſe der andern!“ Dieß ließ für die Mordaunts ſehr wenig übrig, man muß es geſtehen; das Kinn und die Ohren waren ſo ziemlich alles, was nicht für die väterliche Linie in Anſpruch genommen ward. Zwar waren meine Augen blau, und die des alten Generals waren kohl⸗ ſchwarz geweſen; meine Naſe war griechiſch und er hatte eine höchſt auffallend römiſche gehabt; und von meinem Mund kann ich nur ſagen, daß er dem von meiner Mutter ſo ſehr ähnlich war, wie es nur ein männlicher einem weiblichen ſein konnte. Dieß Letztere hörte ich meinen Vater tauſendmal ſagen. Aber das Alles hatte nichts zu bedeuten; Alter, Zärtlichkeit und die Wünſche der 4 Mutter ließen meiner guten Ahne die Dinge in einem andern Licht erſcheinen. „Nun, Mordaunt,“ fuhr endlich die gute alte Frau fort,„wie gefällt dir die Wahl deiner Schweſter Kate? Mr. Bayard iſt ein bezaubernder junger Mann, nicht wahr?“ „Iſt es denn eine Wahl, Großmutter? Hat ſich Kate wirklich ſchon entſchloſſen?“ „Pah!“ antwortete meine Großmutter, und lächelte ſo ſchalk⸗ haft als wäre ſie ſelbſt erſt ſechzehn Jahre alt geweſen—„das war ſchon lang eine ausgemachte Sache, und der Papa billigte es, und die Mama winſchte es ſehnlich, und ich gab meine Zuſtim⸗ mung und Schweſter Anneke war entzückt, und Alles war ſo glatt und eben wie die Düne am Ende des Landhalſes, und man wartete nur noch auf deine Zuſtimmung.„Es wäre nicht recht von mir, Großmutter, wenn ich mich verlobte, ſo lange Mordaunt abweſend iſt, und ohne daß er auch nur den Gentleman kennt, und deßwegen will ich mein Jawort nicht geben, bis ich auch ſeine Zuſtimmung habe,“ ſagte Kate. Das war ſehr hübſch von ihr, nicht wahr, mein Kind? Alle Kinder deines Vaters haben ein ſo richtiges Ge⸗ fühl für das Schickliche!“ „In der That, das war es, und ich werde es nicht ſo bald vergeſſen. Aber geſetzt, ich hätte ihre Wahl mißbilligt, was wäre dann wohl geſchehen, Großmutter?“ „Ihr ſollt nie unangenehme Fragen an Einen thun, vorlauter Junge, aber ich glaube faſt, Kate würde wenigſtens Mr. Bayard gebeten haben zu warten, bis Ihr Euern Sinn geändert hättet. Ihn ganz aufzugeben, davon konnte wohl nicht die Rede ſein, und es wäre unvernünftig geweſen; aber ſie hätte einige Monate oder ſo warten können, bis Ihr andern Sinnes geworden wäret; und ich ſelbſt würde ihr dazu gerathen haben. Aber das Alles iſt un⸗ nöthig, wie die Sachen ſtehen; denn Ihr habt Eure Billigung aus⸗ geſprochen und Kate iſt vollkommen glücklich. Der letzte Brief von 79 Lilaksbuſh, den Jaap brachte, enthält die förmliche Einwilligung Eurer lieben Eltern,— und was für Eltern haſt du, mein Kind! — und ſo gab denn Kate geſtern ſchriftlich ihr Jawort; und es war ein ſo artig geſchriebenes Briefchen, als ich ſeit vielen Jahren keines zu Geſicht bekommen habe. Deine eigene Mutter hätte es nicht beſſer machen können in ihren jungen Tagen; und Anneke Mordaunt wußte doch ein Billet zu ſtyliſiren, ſo fein und zart als irgend ein Mädchen, das ich je gekannt habe.“ „Ich bin froh, daß Alles ſich ſo gut gemacht hat, und Nie⸗ mand kann dem jungen Paare mehr von ganzem Herzen alles Glück wünſchen als ich. Kate iſt ein liebes, gutes Mädchen, und ich liebe ſie ſo zärtlich, als ein Bruder eine Schweſter lieben kann.“ „Nicht wahr, das iſt ſie? und ſo durchaus eine Littlepage, wie nur je geboren wurde. Ich hoffe, ſie wird glücklich werden. Alle Ehen in unſerer Familie ſind es bisher geworden, und es müßte ſonderbar zugehen, wenn dieſe anders ausfiele. Nun, Mor⸗ daunt, wenn aber Kate verheirathet iſt, ſeid Ihr allein noch übrig!“ „Das iſt wahr, Großmutter, und Ihr dürft froh ſein, daß noch Eines von uns da iſt, das Euch beſuchen kann, ohne Kinder und Wärterinnen mit ſich zu ſchleppen.“ 5 „Ich! ich darf froh ſein über ſo Etwas! Nein, wahrlich, mein Kind, es würde mir ſehr leid thun, wenn ich nur einen Augen⸗ blick denken müßte, du werdeſt nicht heirathen, ſobald es die Klug⸗ heit räth, nunmehr der Krieg vorüber iſt. Was Kinder betrifft, ſo ſind die meine Luſt; und ich habe es immer für ein Mißgeſchick gehalten, daß die Littlepages ſo wenige gehabt haben, zumal Söhne. Dein Großvater, mein General, war ein einziger Sohn; dein Vater war ein einziger Sohn; und du biſt ein einziger Sohn,— das heißt, ſoweit es ſich um die Vererbung der Beſitzungen an männliche Sprößlinge handelt oder handelte. Nein, Mordaunt, mein Kind, es iſt der heißeſte Wunſch meines Herzens, dich ſchicklich verheirathet zu ſehen, und die Littlepages der nächſten Generation an meine Bruſt zu ſchließen. Zwei von Euch habe ich ſchon in meinen Armen gewiegt, und ich werde das Leben der Geſegneten des Himmels gelebt haben, wenn ich auch noch die dritte werde begrüßen dürfen.“ „Meine liebe, gute Großmutter!— Wie ſoll ich das Alles verſtehen?“ „Dahin, daß ich wünſche, du heiratheſt, mein Kind, nachdem jetzt der Krieg vorüber iſt; daß dein Vater wünſcht, du heiratheſt, daß deine Mutter wünſcht, du heiratheſt, und daß deine Schweſter wünſcht, du heiratheſt.) „Und ihr Alle wünſcht, daß ich dieſelbe Perſon heirathe? Iſt es nicht ſo?“ Meine Großmutter lächelte, aber ſie rutſchte unruhig auf ihrem Stuhl hin und her; und ſie fürchtete, ſo vermuthe ich, die Sache ein wenig zu raſch betrieben zu haben. Es war jedoch für eine Frau von ihrer Wahrhaftigkeit und Charaktergeradheit nicht leicht zurückzutreten, nachdem ſie einmal ſo weit gegangen war; und ſie entſchloß ſich klüglich, alle Zurückhaltung gegen mich, in Betreff dieſer Sache, fahren zu laſſen. „Ich glaube, du haſt Recht, Mordaunt,“ antwortete ſie nach einer kleinen Pauſe.„Wir wünſchen wirklich Alle, daß du dich verliebſt, ſobald als nur möglich; daß du deinen Heirathsan⸗ trag macheſt, ſobald du dich verliebt haſt; und daß du Pris⸗ cilla Bayard heiratheſt, ſobald ſie eingewilligt haben wird, dich zu nehmen.“ „Das iſt ehrlich geſprochen, und ganz wie es von Euch zu erwarten iſt, meine liebe Großmutter; und jetzt wiſſen wir Beide, um was es ſich handelt, und können nun offen und geradeheraus ſprechen. Erſtlich, meint Ihr nicht, Eine Verbindung dieſer Art zwiſchen zwei Familien ſei gerade hinreichend? Wenn Kate den Bruder heirathet, wird man nicht mich entſchuldigen, wenn ich die Vorzüge und Reize der Schweſter überſehe?“ -— —,— 81 „Priscilla Bayard iſt eines der liebreizendſten Mädchen in der Kolonie New⸗York, Mordaunt Littlepage.“ „Wir nennen jetzt dieſen Theil der Welt den Staat New⸗ York, liebſte Großmutter. Ich bin weit entfernt, die Wahrheit deſſen, was Ihr ſagt, zu beſtreiten. Priscilla Bayard iſt wirklich ſehr liebreizend.“ „Ich weiß nicht, was Ihr mehr wünſchen könnt, als ein ſol⸗ ches Mädchen zu bekommen.“ „Ich will nicht behaupten, es werde nie eine Zeit kommen, wo ich froh wäre, die Einwilligung der jungen Lady zu erlangen, meine Gattin zu werden; aber jetzt wenigſtens iſt dieſe Zeit noch nicht. Sodann bezweifle ich auch, ob es zuträglich iſt, wenn Ver⸗ wandte und Freunde eine beſtimmte Partie ſehr wünſchen, zu viel davon zu ſprechen.“ Meine arme Großmutter machte ein ganz verdutztes Geſicht, wie wenn ſie fühlte, daß ſie unſchuldiger und argloſer Weiſe ein Unheil angerichtet habe, ſie ſaß da, mich anſtarrend, und es malte ſich in ihrem ehrwürdigen Angeſicht faſt der Ausdruck eines reuigen Kindes. „Aber doch, Mordaunt, trug ich ſehr viel zum Zuſtandekommen der Verbindung zwiſchen deinen beiden guten Eltern bei,“ verſetzte ſie endlich, und das iſt eine der glücklichſten Ehen geworden, die ich je geſehen.“ Ich hatte oft Andeutungen und Anſpielungen dieſer Art ge⸗ hört, und hatte einige Mal das ruhige Lächeln meiner Mutter beobachtet, wenn ſie Zeuge davon war; ein Lächeln, das der Meinung zu widerſprechen ſchien, die ihren Urſprung in den irrigen Begriffen meiner Großmutter von ihrem Einfluß hatte. Einmal, ich war damals noch ganz ein Knabe, erinnere ich mich, meine Mutter gefragt zu haben, wie es ſich damit verhalte, und ihre Antwort war:„Ich habe deinen Vater geheirathet durch den vermittelnden Einfluß eines Fleiſchersjungen,“ eine Antwort, Der Kettenträger. 6 82 die ſich auf einen ſehr frühen Vorfall im Leben meiner Eltern bezog. Aber ich wußte wohl, daß weder Cornelius Littlepage noch Anneke Mordaunt die Leute waren, die ſich in den Ehe⸗ ſtand durch Andere hätten hineinführen oder hineinſchwatzen laſ⸗ ſen; und ich nahm mir auf der Stelle vor, ihr einziger Sohn ſolle dieſelbe Unabhängigkeit an den Tag legen. Ich hätte viel⸗ leicht meiner Großmutter in dieſem Sinne geantwortet, und in einer ſtärkeren Sprache, als meine Gewohnheit gegenüber von dieſer ehrwürdigen Frau war, wären nicht die zwei Mädchen in dieſem Augenblick in der Piazza auſchienon. und hätten unſer Privatgeſpräch unterbrochen. Die Wahrheit zu geſtehen, Priscilla tnat an dieſem Morgen mir entgegen faſt mit dem Glanz der aufgehenden Sonne. Beide Mädchen hatten jenes friſche, anziehende Ausſehen, welches vor⸗ zugsweiſe der Toilette der Frühaufſtehenden ihres Geſchlechts eignet, und das ſie vermuthlich zu dieſer Stunde ſchöner macht als zu jeder andern Tageszeit. Meine Schweſter war ein ſehr reizendes Mädchen, wie wohl Jedermann zugeſtand; ihre Freun⸗ din aber war entſchieden ſchön. Ich geſtehe, es wurde mir et⸗ was ſchwer, nicht auf der Stelle einzulenken, und meiner ängſt⸗ lich beſorgten Großmutter zuzuflüſtern, ich wolle der jungen Lady alle ſchickliche Aufmerkſamkeit widmen, und zur paſſen⸗ den Zeit meinen Antrag machen, als ſie auf uns zutrat und uns den Morgengruß bot, mit gerade ſo viel bequemer Sicher⸗ heit, daß es ihr vollkommen anmuthig ſtand, und doch mit einer Sittſamkeit und Zurückhaltung, welche unendlich gewin⸗ nend war. „Mordaunt ſteht im Begriff, mich für den ganzen Sommer zu verlaſſen, Miß Bayard,“ ſagte meine Großmutter, welche nicht müſſig ſein wollte, ſo lange noch eine Ausſicht auf Erfolg ſich darbot,„und ich habe ihn hier herausgenommen, um uns ein wenig zu beſprechen, ehe wir ſcheiden. Kate werde ich hoffentlich ———·—3» 8³ während der angenehmen Jahreszeit oft ſehen; aber von Mordaunt wird dieß der letzte Beſuch ſein, bis die kalte Witterung wieder eintritt.“ „Wird Mr. Littlepage Reiſen machen?“ fragte die junge Lady mit gerade ſo viel Theilnahme, als die gute Sitte erforderte, und nicht ein Tüttelchen mehr;„denn Lilaksbuſh iſt nicht ſo entfernt, daß er nicht jede Woche wenigſtens einmal herüberreiten könnte, um ſich nach Eurem Befinden zu erkundigen.“ „Oh, er geht ſehr, ſehr weit fort, und an einen Ort der Welt, an welchen ich nur mit Schaudern denken kann!“ Miß Bayard ſchien jetzt wirklich betroffen und ſehr erſtaunt; und ſie heftete ihre ſehr ſchönen Augen fragend auf mich, obgleich ſie mit der Zunge nichts ſagte. „Es iſt Zeit, daß ich es erkläre, damit nicht Miß Bayard meine, der Ort meiner Beſtimmung ſei China, wohin jetzt alle amerikaniſchen Abenteurer zu ſtreben ſcheinen. Ich werde jedoch den Staat nicht verlaſſen.“ „Da der Staat einen ziemlichen Umfang hat,“ erwiederte Priscilla,„kann nach der Empfindung einer Großmutter ein Enkel weit genug entfernt ſein, wenn er ſich am entgegengeſetzten Ende deſſelben befindet. Vielleicht beſucht Ihr den Niagara, Major Littlepage? ich habe von einigen Gentlemen gehört, welche einen ſolchen Ausflug beabſichtigen; und recht freuen ſoll es mich, wenn die Wege in einem ſolchen Zuſtande ſind, daß auch Frauen von der Partie ſein können.“ „Und hättet Ihr den Muth, von einer ſolchen Partie zu ſein?“ fragte meine Großmutter, mit Begierde Alles, ſelbſt das Geringſte, ergreifend, was ihre Wünſche unterſtützen konnte. Pris Bayard ſchien zu fürchten, ſie ſei zu weit gegangen; denn ſie erröthete gar reizend, ehe ſie antwortete. „Ich wüßte nicht, Mrs. Littlepage, daß irgend ein beſonderer Muth dazu erforderlich ſein ſollte,“ ſagte ſie;„es iſt wahr, es 6* 84 ſind Indianer um den Weg, und es liegt eine gewaltige Wildniß zwiſchen uns und dem Ziel der Reiſe; aber Frauen haben ſie doch ſchon gemacht, wie man mir geſagt hat, und zwar ohne die min⸗ deſte Gefährdung. Man hört ſolche Wunderdinge von den Fällen, daß es eine ſtarke Verſuchung wäre, ſelbſt Etwas zu wagen, um ſie nur zu ſehen.“ Ich blicke mit Verwunderung zurück über den kurzen Zeitraum der dazwiſchen liegt, wenn ich mich erinnere, wie wir in meiner Jugend die Fälle des Niagara anzuſehen gewohnt waren. Eine Reiſe nach Europa ſchien nur um ein Geringes gefahrvoller und ernſter; und Reiſen nach Europa waren damals nicht, was ſie jetzt ſind*). „Nichts würde mich glücklicher machen,“ rief ich galant, zum Entzücken meiner armen Großmutter, das ſie ſchlecht genug zu verhehlen ſuchte,„als der Beſchützer von Miß Bayard auf dieſem Ausfluge zu ſein.“ „Alſo gedenkt Ihr wirklich dieſe Reiſe zu unternehmen, Ma⸗ jor Littlepage?“ *) Der Leſer wird natürlich nie vergeſſen, daß dieſe Handſchrift vor beinahe wo nicht vollen vierzig Jahren geſchrieben wurde. Auch damals noch war eine Reiſe an den Niagara ein ernſtes Unternehmen. Jetzt(1845) kann man ſie mit Dampf machen, und die ganze Strecke von der Stadt New⸗York an, zwiſchen 450 und 500 engliſchen Meilen, in weniger als ſechsunddreißig Stunden zurücklegen. Das iſt eines der Wunder eines Rieſen in ſeinen Kinderjahren, und ſollte ausländiſche Po⸗ litiker vorſichtig machen, wenn ſie davon ſchwatzen, die Gränzen dieſer Republik an der Stelle ihrer Bürger zu reguliren! Wenn die Ver⸗ wecen en⸗ irgend ein Pfand ſein kann für die Zukunft in der amerikaniſchen Geſchichte, ſo werden noch von den jetzt Lebenden Viele die Herrſchaft des Dampfes über den Kontinent ausgedehnt ſehen, vom atlantiſchen bis zum ſtillen Meere, und an den beiden Enden die Sternenflagge wehen! Mehr als tauſend von den viertauſend Meilen, welche die Ausführung dieſes Projekts befaſſen müßte, ſind ſchon bewältigt, und was 8 thun übrig iſt, wenn man die Zwecke mit den Mitteln vergleicht, eine nicht halb ſo große Anſtrengung, als das ſchon Geleiſtete. Es dürfte hier der paſſende Ort ſein, hinzuzufügen, daß Nichts ſo ſehr die gegenwärtige Adminiſtration bei ihren Projekten, die auf Vereini⸗ gung und Aufnahme in die Union gerichtet ſind, gekräftigt und befeſtigt hat, als die gedrohte Einmiſchung europäiſcher Regierungen in die Angelegenheiten dieſes Kon⸗ tinents. In einem kritiſchen Augenblick, wo es am unwillkommenſten wäre, dürfte Amerika ſie einmal mit gleicher Münze bezahlen. Der Herausgeber. 4 85 „In dieſem Jahre nicht, obgleich ich mir die Hoffnung für künftige Zeiten vorbehalte. Meine Beſtimmung führt mich für jetzt nach Ravensneſt, einem Platze nicht ganz fünfzig Meilen von Albany entfernt.“ „Navensneſt!— Das iſt ein ſehr hübſcher Name, obgleich er Einem wohl noch beſſer gefiele, glaube ich, Kate, wenn er Dovesneſt, oder Robinsneſt, oder Wrensneſt*) hieße. Was iſt dieß Ravensneſt, Mr. Littlepage?“ „Ein Gut mit ziemlich umfangreichen Ländereien, aber bis jetzt von geringem Werth, was es auch etwa ſpäter einbringen mag, das einſt das Beſitzthum meines Großvaters Mordaunt war, und das er mir vermacht hat. Mein Vater und Oberſt Dirck haben auch ein Gut, welches ganz nahe dabei liegt, und Mooſeridge heißt. Ich bin im Begriff, beide zu beſuchen, als Eigen⸗ thümer des einen, und als Agent der Eigenthümer des andern. Es i*ſt Zeit, daß man nach dieſen Beſitzungen ſieht, da die Unruhen der letzten Jahre gemacht haben, daß wir ſie faſt ganz aus dem Auge verloren haben.“ „Man ſagt mir, es geſchehe dieſen Sommer ſehr viel für An⸗ ſiedlungen in den wilden Ländereien des inneren Landes,“ fuhr Priscilla fort, mit einem Intereſſe an dem Gegenſtande, das mir weit mehr auffallend als erklärbar war—„und daß ſehr viele Anſiedler uns zuſtrömen aus den benachbarten Neu⸗England⸗Staa⸗ ten. Ich habe auch gehört, daß die gewaltigen Beſitzungen des Patrons ſich raſch mit Menſchen füllen, und das Herz des Staates bald werde bevölkert ſein.“ „Ihr beſchäftigt Euch emſiger mit ſolchen Dingen, als man es gewöhnlich bei jungen Ladies findet, Miß Bayard. Ich ſchreibe das dem Umſtande zu, daß Ihr eine ſo gute Whig ſeid, was nur ein anderer Name iſt für Patriotin.“ Pris erröthete wieder, und ſie ſchien jetzt verſtummen zu wollen, *) Tauben⸗Rothkehlchen⸗Zaunkönige⸗Neſt. 86 obwohl ich immer noch bei ihr die Zeichen eines Intereſſes be⸗ merkte, welches mir ganz unerklärlich war. Kate bemerkte dieß wahrſcheinlich auch, denn ſie fuhr fort, von meiner Reiſe zu ſpre⸗ chen, auch nachdem ihre Freundin ſich etwas zurückgezogen hatte; und das in einer Weiſe, welche zu verrathen ſchien, ſie habe ausgeſprochen. 3 „Wer iſt denn der ſeltſame alte Mann, von dem ich Euch ſprechen gehört habe, Mordaunt,“ fragte meine Schweſter,„und mit welchem Ihr in neuerer Zeit in einem Briefwechſel geſtanden ſeid wegen dieſer Ländereien?“ „Ich vermuthe, Ihr meint meinen früheren Kameraden, den „Kettenträger“. Er war ein Kapitän in unſerem Regiment, mit Namen Coejemans, der dieſen Namen führt, uund welcher den Ver⸗ trag abgeſchloſſen hat, für die nöthigen Vermeſſungen Sorge zu tragen, obgleich er ſelbſt den beſcheidenen Poſten eines Meßketten⸗ trägers bekleidet, da er nicht im Stande iſt, die Berechnungen zu machen.“ „Wie kann denn aber ein einfacher Kettenträger einen Ver⸗ trag abſchließen über eine ganze Vermeſſung?“ fragte Tom Bayard, der auch zur Geſellſchaft getreten war, und das Geſpräch mit an⸗ gehört hatte.„Die Meßkettenträger ſind in der Regel nur gemeine Arbeiter, und ganz ohne alle Verantwortlichkeit.“ „Das iſt der allgemeinen Regel nach wahr; aber mein alter Freund macht eine Ausnahme. Er wollte Landesvermeſſer wer⸗ den, aber da er keinen Kopf hatte für die Sinus, Coſinus und. Tangenden, ſah er ſich genöthigt, ſeine Anſprüche herabzuſtim⸗ men und ſich mit der beſcheidenen Obliegenheit zu begnügen, die er jetzt erfüllt. Doch hat er ſchon lange Zeit Contrakte über ſolche Geſchäfte übernommen, und er bekommt ſo viele, als er ausführen kann, und miethet dann ſelbſt die Vermeſſer, da die Eigenthümer von Ländereien das unbedingteſte Vertrauen zu ſeinen Vermeſſungen haben. Laßt mich Euch ſagen, der Mann, — — u— u—, 9— der die Meßkette trägt, iſt nicht das unwichtigſte Glied einer landvermeſſenden Geſellſchaft in den Wäldern. Der alte Andries i*ſt ſo ehrlich wie das Sonnenlicht, und Jedermann hat Vertrauen zu ihm.“ „Sein eigentlicher Name ſei Coejemans, habt Ihr, glaube ich, geſagt, Major Littlepage? fragte Priscilla, eine gleichgültige Miene annehmend, wie mich däuchte. „Andries Coejemans, ja; und ſeine Familie iſt anſtändig, wenn auch nicht gerade eigentlich angeſehen und vornehm. Aber der Alte iſt ein ſo eingefleiſchter Waldmann, daß nur ſein Patriotis⸗ mus und ſeine Whiggeſinnungen ihn in's offene Land heraus ziehen konnten. Nachdem er mit großer Tapferkeit während des ganzen Krieges gedient hat, iſt er zu ſeinen Ketten zurückgekehrt, und manchen Spaß treibt er damit, daß er noch immer der Ketten nicht los werde, nachdem er ſo lange und ſo oft für die Sache der Frei⸗ heit gefochten habe.“ Priscilla ſchien ſich zu bedenken— mir ſchien, ihre Farbe er⸗ höhe ſich ein Wenig— und dann that ſie die Frage, welche ſie zu beſchäftigen ſchien, mit überraſchender Feſtigkeit. „Habt Ihr je des Kettenträgers Nichte, Dus Malbone, geſehen?“ Dieſe Frage überraſchte mich nicht wenig; denn obgleich ich Urſala nie geſehen, hatte mir doch der Oheim ſo viel von ſeiner Pflegbefohlenen vorgeſchwatzt, daß mir faſt war, als ſei ſie eine vertraute Bekannte von mir. Es geſchieht nicht ſelten, daß wir ſo viel von gewiſſen Perſonen hören, daß wir an ſie denken, von ihnen ſprechen, wie wenn wir ſie perſönlich kennten; und hätte mich Miß Bayard nach einem meiner bisherigen Kriegs⸗ kameraden gefragt, ſo wäre ich nicht ein Tüttelchen mehr be⸗ troffen geweſen, als wie ich ſie den mir ſo vertrauten Namen Dus Malbone ausſprechen hörte. „Wo, bei Allem, was ſeltſam iſt, habt Ihr denn je von einer 8 88 ſolchen Perſon gehört?“ rief ich, etwas unbedachtſam, aus, da doch die Welt ſicherlich groß genug iſt, daß zwei junge Frauen⸗ zimmer in ihr mit einander bekannt ſein konnten, ohne meine Zu⸗ ſtimmung und mein Vorwiſſen; zumal da ich die Eine noch gar nie, und die Andere ſeit vierzehn Tagen zum erſten Mal geſehen hatte.„Der alte Andries ſprach mir immer von ſeiner Nichte; aber ich konnte nimmermehr vermuthen, daß ſie eine Bekannte einer Dame von Eurer Stellung im Leben ſei!“ „Trotzdem waren wir mehr als nur Schulkamerädinnen— denn wir waren— und ich hoffe, wir ſind noch— ſehr, ſehr gute Freundinnen. Ich liebe Dus außerordentlich, obgleich ſie eben ſo eigen und ſeltſam in ihrer Art iſt, als ihr Oheim, nach den Beſchreibungen, die man mir von ihm gemacht hat, in der ſei⸗ nigen ſein muß.“ „Das iſt ſonderbar!— Wollt Ihr mir Eine Frage geſtatten? — Ihr werdet ſie vielleicht ſonderbar finden nach dem, was Ihr mir ſo eben geſagt habt— aber die Neugier trägt den Sieg über meine gute Lebensart davon— iſt Dus Malbone eine Lady, die ebenbürtige Geſellſchafterin einer jungen Dame wie Miß Priscilla Bayard?“.. „Das iſt eine Frage, die ſich vielleicht nicht ſo leicht be⸗ antworten läßt; denn in manchen Beziehungen ſteht ſie weit über allen jungen Frauenzimmern, die ich kenne. Ihre Familie war, wie ich immer gehört, eine ſehr gute von beiden Seiten; ſie iſt jetzt arm, arm fürchte ich bis zum Mangel!“ Hier hielt Priscilla inne; ihre Stimme zitterte, und ich ſah ihr die Thrä⸗ nen in's Auge treten.„Die arme Dus!“ fuhr ſie fort—„ſie hatte viel zu ertragen, was die Armuth betrifft, ſelbſt ſchon in der Schule, wo ſie in der That mehr wie eine aus Gnaden Unterhaltene, denn als eine Penſionärin war; aber Keine von uns Allen wagte, ihr Etwas anzubieten. Ich ſcheute mich ſogar, ſie zu bitten, ein Band von mir anzunehmen, was zu thun ich 89 gar kein Bedenken tragen würde gegenüber von Kate oder ir⸗ gend einem anderen jungen Frauenzimmer, das ich genau kennte. Ich kannte nie ein edelherzigeres Mädchen als Urſala Malbone, obgleich wenige ſie verſtehen, glaube ich.“ „Das iſt wieder ganz der alte Andries! Er war auch, Gott weiß, arm genug, und ich habe ihn förmlich Mangel leiden ſehen, um ſeine Pflicht gegen das Mädchen zu erfüllen, und zugleich es in ſeiner äußeren Erſcheinung an Nichts fehlen zu laſſen als Ka⸗ pitän unter den regulären Truppen von New⸗York; und doch konnte Keiner von uns, nicht einmal mein Vater, ihn je dazu bringen, auch nur einen einzigen Dollar zu borgen. Er gab gerne, nahm aber nie Etwas an.“ „Das kann ich leicht glauben, das iſt ganz ebenſo die Art von Dus! Wenn ſie aber ihre Sonderbarkeiten hat, ſo hat ſie auch edle Eigenſchaften genug, um tauſend Schwächen zu vergüten. Doch möchte ich nicht, daß Ihr nicht Urſala Malbone für ein in jeder Hinſicht treffliches Weſen hieltet, obgleich ſie gewiß ihre Sonder⸗ barkeiten hat.“ „Welche ſie ohne Zweifel von den Coejemans geerbt hat, da ihr Oheim, der Kettenträger, auch ſeine Sonderbarkeiten hat.“ „Die Malebones haben Nichts vom Blute der Coejemans in ihren Adern,“ erwiederte die Lady raſch,„obgleich es achtbar iſt, und man ſich deſſelben nicht zu ſchämen hat. Die Mutter von Dus Malbone war nur die Halbſchweſter von Kapitän Coejemans, und ſie hatten verſchiedene Väter.“ Es ſchien mir, Priscilla ſehe etwas verlegen und verwirrt aus, ſobald ſie ihre genaue Bekanntſchaft mit der Genealogie der Malbones verrathen hatte, und wie wenn es ihr leid thäte, über⸗ haupt zu viel von der Sache geſagt zu haben; dann trat ſie zurück, pflückte eine Roſe und wandelte fort, an der Blume riechend, wie wenn ſie nicht Luſt hätte, weiter über dieſen Gegenſtand zu ſprechen. Die Aufforderung, zum Frühſtück zu kommen, jedoch, 90 würde ohnehin unſerem Geſpräch ein Ende gemacht haben, und es wurde nichts mehr von dem Kettenträger und ſeiner wunder⸗ ſamen Nichte, Dus Malbone, geſprochen. Sobald der Imbiß vorüber war, wurden unſere Pferde vorgeführt, und Kate und ich verabſchiedeten uns. Jaap war, wie gewöhnlich, ein paar Stunden vorher mit unſerem Gepäck abgegangen. Der Leſer darf nicht glauben, daß wir zu jener Zeit alle Ausflüge zu Pferde machten; im Gegentheil, meine Mutter hatte eine ſehr hübſche Chaiſe, in welcher ſie im Lande herumzufahren pflegte, mit einem auf dem Pferde ſitzenden Poſtillion; mein Vater hatte einen Phaeton, und in der Stadt hatten wir ſogar einen Wagen; denn die Vereinigung des Vermögens der Familien Mordaunt und Littlepage hatte uns in eine ſehr behagliche Lage verſetzt, und behaglich lebten wir auch. Aber junge Ladies liebten das Reiten vor fünfundzwanzig Jahren mehr als heut⸗ zutage; und da Kate eine vortreffliche Reiterin war, wie zu ihrer Zeit ihre Mutter, machten wir oft zuſammen Ausflüge zu Pferde. Mithin war es freie Wahl, nicht Nothwendigkeit, doch trugen vielleicht auch die ſchlechten Wege Etwas bei, die uns veranlaßten, nach Satanstoe hinüberzureiten, ſo oft wir unſere Großmutter beſuchen wollten. Ich küßte meine liebe, alte Großmutter recht zärtlich beim Abſchied, denn ich ſollte ſie dieſen Sommer nicht mehr ſehen, und ſie gab mir dafür ihren Segen. Bei Tom Bayard war ein warmes, brüderliches Händeſchütteln hinreichend, da ich mit ziemlicher Gewißheit darauf rechnen durfte, ihn in Lilaksbuſh zu ſehen, ehe ich von dort abreiste. Wie ich mich ſeiner Schweſter näherte, welche mir freundſchaftlich die Hand darbot, ſagte ich, in⸗ dem ich dieſelbe faßte: „Ich hoffe, dieß iſt nicht das letzte Mal, daß ich Euch ſehe, ehe ich nach den neuen Ländereien aufbreche, Miß Bayard. Ihr ſchuldet meiner Schweſter einen Beſuch, glaube ich, und dieſer —2 und der⸗ nbiß und vaar eeſer zu ſehr egte, ater inen llien Lage dies eut⸗ hrer erde. igen zen, itter veim hen, war mit zu eſter in⸗ ſehe, Ihr ieſer V I b 91 Beſuch wird mir Gelegenheit geben, ſpäter erſt das leidige Wort: Lebewohl zu ſagen!“ „Das iſt nicht die rechte Art, einer Lady Herz zu gewinnen, Mordaunt!“ rief Kate munter.„Es ſind nur fünfzehn Meilen von Eures Vaters Thüre bis zu den Hickories, müßt Ihr wiſſen, Sir; und Ihr habt die für immer gültige Einladung, mit Eurer mili⸗ täriſchen Geſtalt einen Schatten über die Schwelle ihres Hauſes zu werfen.“ „Von meinem Vater ſowohl als von meinem Bruder,“— ſetzte Priscilla etwas haſtig hinzu.„Ganz gewiß werden ſie ſich immer ſehr glücklich ſchätzen, Major Littlepage bei ſich zu ſehen.“ „Und warum nicht von Euch ſelbſt, Miß Spröde?“ fragte Kate, welche befliſſen ſchien, ihre Freundin in einige Verlegenheit zu ſetzen. „Wir ſind einander jetzt nicht mehr ſo gänzlich fremd, daß eine ſolche kleine Huld und Freundlichkeit unſchicklich wäre.“ „Wenn ich Herrin meines eigenen Hauſes bin, falls dieß je der Fall ſein ſollte, werde ich mir gewiß Mühe geben, den Ruf der Gaſtlichkeit nicht zu verlieren, dadurch, daß ich verſäumte, die ganze Familie Littlepage in meinen Einladungen zu begreifen,“ antwortete Priseilla, entſchloſſen, ſich nicht fangen zu laſſen.„Bis dahin müſſen die Aufforderungen von Papa und Tom genügen.“ Das Mädchen ſah dieſe ganze Zeit über bezaubernd liebens⸗ würdig aus, und bot dem Lächeln der Umgebung mit einer Selbſt⸗ beherrſchung Trotz, die mir bewies, daß ſie vollkommen gut wußte, was ſie that. Nie war ich in größerer Ungewißheit, wie ich ein junges Frauenzimmer verſtehen und beurtheilen ſollte, und es iſt ſehr möglich, daß, wäre ich einen Monat länger in ihrer Nähe ge⸗ blieben, das Intereſſe, das eine ſolche Ungewißheit leicht erweckt, mich in verzweifelte Liebe geſtürzt hätte. Aber die Vorſehung hatte es anders beſchloſſen.. Während unſeres Rittes nach Lilaksbuſh weihte mich meine Schweſter mit gebührendem Erröthen und geziemendem Stocken in 92 das Geheimniß ein, daß ſie Tom Bayard erhört habe. Die Ver⸗ mählung ſollte erſt nach meiner Rückkehr aus dem Norden ſtatt⸗ finden, und dieſe war im nächſten Herbſte zu erwarten. „Alſo ſoll ich dich beinahe ſo bald verlieren als finden, Kate,“ ſagte ich etwas niedergeſchlagen. „Nicht mich verlieren, Bruder; nein, nein, mich nicht verlie⸗ ren, ſondern mich finden, mehr als je. Ich werde in eine Fa⸗ mitie verpflanzt werden, in welcher du dir wohl bald ſelbſt eine Gattin ſuchen dürfteſt.“ „Wenn ich käme, welchen Grund hätte ich zu glauben, daß meine Abſicht würde vom Erfolg gekrönt werden?“ „Das iſt eine Frage, welche Ihr nicht berechtigt ſeid, zu thun. Wäre mir auch ein beſonderer Grund bewußt anzuneh⸗ men, daß Eure Aufnahme eine günſtige ſein würde, ſo könnt Ihr mir doch nicht die Treuloſigkeit zutrauen, daß ich meine Freundin verrathen würde. Junge Ladies ſind nicht von ſo gar leichtem und geſchmeidigem Charakter, wie Ihr zu glauben ſcheint, Sir; und keine andere Verfahrungsweiſe, als die gerade und ehrliche wird zum Ziele führen. Ich habe jedoch keinen andern Grund zu der Annahme, es würde Euch nach Wunſch gelingen, als daß Ihr ein angenehmer Jüngling ſeid, von gutem Aus⸗ ſehen, gegen deſſen Familie und Vermögen Nichts einzuwenden iſt, ganz in der Nähe von den Hickories anſäßig, von entſpre⸗ chendem Alter, Gemüthsart, Charakter, Lebensweiſe u. ſ. w. Sind das nicht Gründe genug, Euch zum Ausharreu zu ermuthigen, mein tapferer Major?“ „Die Beharrlichkeit ſetzt einen Anfang voraus, und ich habe noch keinen Anfang gemacht. Ich weiß kaum, was ich aus deiner Freundin machen ſoll, Kind; entweder iſt ſie die Vollendung von Natur und Einfachheit, oder die Vollendung von Kunſt und Ver⸗ ſtellung.“ „Von Kunſt Priscilla Bayard ſich verſtellen! Mordaunt, nie r 93 habt Ihr einem menſchlichen Weſen ärgeres Unrecht gethan z ein Kind kann nicht wahrhafter und aufrichtiger ſein als Tom's Schweſter!“ „Ja, das iſt es gerade; Tom's Schweſter iſt ex oflicio voll⸗ kommen; aber du wirſt dich erinnern, daß auch manche Kinder ſehr gewandt ſind, ſich zu verſtellen. Alles, was ich für jetzt über die Sache ſagen kann, iſt, daß mir Tom gefällt und ſeine Eltern mir gefallen; aber was ich von deiner Freundin halten ſoll, weiß ich noch nicht.“ Kate war etwas beleidigt, denn ſie gab mir keine Antwort. Ihre gute Laune ſtellte ſich jedoch wieder binnen Kurzem ein, und unſer übriger Ritt war ganz angenehm und vergnügt, indem der Name Bayard gar nicht mehr erwähnt wurde, obwohl, bin ich überzeugt, meine Begleiterin gar viel an einen gewiſſen Tom dieſes Namens dachte, ſo wie ich allerdings auch an ſeine ſchöne und un⸗ erklärliche Schweſter. Deim Gaſthauſe zu Kingsbridge hatten wir wieder eine kurze Unterredung mit der unermüdlichen Schwätzerin, der Wirthin. „Eine recht vergnügte Zeit iſt es drüben auf dem Toe gewe⸗ ſen, ganz gewiß!“ rief Mrs. Light, ſobald ſie den Kopf zur Thüre herausgeſtreckt;„eine recht angenehme und unterhaltende Zeit für den jungen Gentleman ſowohl als für die junge Lady. Mr. Thomas Bayard und Miß Pris Bayard ſind Tage lang bei Euch geweſen, und die alte Madame Littlepage iſt entzückt. Oh! der Toe iſt immer ein glücklicher Ort geweſen, und glückliche Geſichter bin ich ſchon lange gewohnt dorther kommen zu ſehen, und glückliche Ge⸗ ſichter ſehe ich auch heute! Ja, ja, der Toe hat immer glückliche, zufriedene Geſichter die Straße daher geſandt; und ein glückliches Dach iſt es jetzt ſchon hundert Jahre in alle Wege.“ Ich darf wohl ſagen, das Alles war ganz wahr. Ich habe immer gehört, das alte Haus habe zufriedene Herzen beherbergt, und zufriedene Herzen machen glückliche, vergnügte Geſichter. Kate'ns Geſicht war das Glück ſelbſt, wie ſie im Sattel ſitzend 94 der Alten zuhörte; und mein Geſicht verrieth auch nichts von Mißmuth und übler Stimmung. Der„Toe war immer ein glück⸗ liches Haus!“ Es erinnert Einen an alte Zeiten, wenn man von einem Hauſe ſo vertraulich ſprechen hört; denn es kommt unter uns eine Klaſſe von Leuten auf, welche viel zu fein und vornehm iſt, als daß ſie zugäbe, es habe Jemand, Mann, Weib, Kind oder der Satan ein ſo wenig anſtändiges Glied wie eine Zehe(Toe)! Sechstes Kapitel. Ihr Land ſie lieben, weil's ihr Land iſt, ſchon; Zu ſtolz, noch andre Gründe anzugeben; Schütteln die Hand dem König auf dem Thron; An ihm iſt es, nach ſolcher Ehr’ zu ſtreben! Ein ſtreng Geſchlecht, dem fremd des Schmeichlers Ton Und Menſchenfurcht, im Tode wie im Leben,— So Alle, bis auf wenige Apoſtaten. Von Krämern, Wechslern, Mäklern, Plutokraten. Halleck. Ein paar Tage nach meiner Rückkehr nach Lilaksbuſh fand eine jener Familienſcenen Statt, welche ſo gewöhnlich ſind in dem freundlichen milden Juniusmonat an den Ufern des herrlichen alten Hudſon. Ich nenne den Fluß den alten Hudſon, denn er iſt ge⸗ rade ſo alt wie die Tiber, obgleich die Welt nicht ſo viel und nicht ſo lange von ihm geſprochen hat. In tauſend Jahren wird dieſer Strom auf der ganzen Welt bekannt ſein,— und die Menſchen werden davon ſprechen wie jetzt von der Donau und vom Rhein. So guter Wein mag an ſeinen Ufern nicht wachſen, als er auf den Höhen des letztern Fluſſes wächst; aber ſchon heutzutage wird ein beſſerer, ſowohl was Qualität als Mannigfaltigkeit betrifft, dort wirklich getrunken. Hierüber ſind alle Reiſenden von Sachkenntniß einverſtanden. von ück⸗ von nter ehm oder de)! Ton fand dem alten t ge⸗ nicht dieſer ſchen hein. auf wird dort ntniß 95 Auf dem Raſenplatze von Lilaksbuſh ſteht eine ſtattliche Linde, nicht weit entfernt vom Hauſe und ebenſo nicht weit vom Waſſer. Der Baum war vom Vater meines Großvaters Mordaunt gepflanzt worden, welchem das Gut einſt gehört hatte, und er hatte eine vortreffliche Lage, darunter einen müſſigen Sommernachmittag hin⸗ zubringen. Unter ſeinem Schatten tranken wir oft den Wein zum Nachtiſch während der warmen Monate, und dahin pflegten auch General Littlepage und Oberſt Dirck Follock ſich mit ihren Pfeifen zu begeben, und unter Beſprechung eines Feldzugs oder einer Schlacht zu rauchen, wie eben der Zufall das Geſpräch lenkte. Und kein Schlachtfeld war je ſo in Rauch gehüllt geweſen, als dieß der Fall geweſen wäre mit der in Rede ſtehenden Linde, wenn all der Dampf, welcher um ſie aufwirbelte, in eine Maſſe hätte zuſammengedrängt werden können. G Am Nachmittag des erwähnten Tages ſaß die ganze Familie unter dem Baum zerſtreut, je nachdem Neigung und Schatten Jedes ſeinen Platz wählen ließ, obgleich ein kleiner Tiſch mit Früchten und Wein beladen, zeigte, daß man die gewöhnliche Be⸗ ſchäftigung dieſer Stunde nicht vergeſſen hatte; die Weine waren Madeira und Claret, das gewöhnliche Getränke des Landes, und die Früchte waren Stachelbeeren, Kirſchen, Orangen und Feigen— die zwei letzteren Gattungen natürlich eingeführt. Es war etwas zu frühe, um Ananaſſe von den Inſeln zu haben, eine Frucht, die zu einer beſtimmten Jahreszeit ſo gewöhnlich iſt, daß man in der Stadt ganz leicht je vier recht anſehnlich große um einen Dollar kauft. Aber der Ueberfluß, ja der Luxus beſſerer Art des gewöhn⸗ lichen amerikaniſchen Tiſches iſt nichts Neues; Fleiſchſpeiſen, Li⸗ queure und Früchte erſcheinen darauf, wie man ſie in Europa nur auf den Tiſchen ſehr lururiöſer Reichen findet. Wenn die Art des Servirens ebenſo geſchmackvoll, die Art des Kochens ſo gut wäre bei uns, wie beides in Frankreich zum Beiſpiel iſt, ſo würde Ame⸗ rika das wahre Paradies des Epikuräers ſein, mögen oberflächliche 96 Reiſende ſo viel ſie wollen das Gegentheil behaupten. Ich bin in den neueſten Zeiten in anderen Ländern geweſen und ſpreche aus Erfahrung. Niemand ſaß förmlich am Tiſche, obgleich mein Vater, Oberſt Dirck und ich demſelben nahe genug waren, um nöthigen Falles unſere Gläſer mit der Hand zu erreichen. Meine Mutter ſaß mir zunächſt und hielt ſich aus triftigen Gründen in meiner Nähe, denn ich rauchte nicht; und Tante Mary und Kate hatten gerade außer⸗ halb der Sphäre des Tabakqualms Poſto gefaßt. Am Ufer lag ein großes Boot, worin ein paar ziemlich umfangreiche Koffer und eine Art Kleiderſack ſich befanden. In den erſteren war ein Theil meiner Kleider, während die Jaap's den Sack füllten. Der Neger ſelbſt lag auf dem Gras ausgeſtreckt, etwa in der Mitte zwiſchen dem Baum und dem Ufer, und zwei oder drei Enkel von ihm wälzten ſich zu ſeinen Füßen, um ihn herum. In dem Schiffe ſaß ſein Sohn, bereit die Ruderſchaufeln in Bewegung zu ſetzen, ſobald der Befehl gegeben würde. Alle dieſe Anſtalten deuteten auf meine bevorſtehende Abreiſe nach dem Norden hin. Der Wind wehte von Süden, und Scha⸗ luppen von verſchiedenen Graden der Güte und Schnelligkeit kamen um die Landſpitzen herum und näherten ſich, eine im Kielwaſſer der andern, ſo wie ſie im Stande geweſen die Werften zu verlaſſen, um den günſtigen Wind zu benützen. Zu jener Zeit beſaß der Fluß noch nicht den zehnten Theil der Schiffe, die er jetzt zählt, aber doch ſchon genug, um eine kleine Flotte zu bilden in ſolcher Nähe von der Stadt, und in einem Augenblick, wo Wind und Flut günſtig waren. Zu jener Zeit gehörten die meiſten Schiffe auf dem Hudſon den Anwohnern des obern Fluſſes, und die Schiffsleute hatten ganz die Art und den Geſchmack unſerer holländiſchen Ahnen. Ausgezeichnete Seeleute vor friſchem Wind, wußten ſie mit wi⸗ drigen Winden gar wenig anzufangen, und brauchten gewöhnlich acht bis vierzehn Tage, um von Albany herunter zu kommen, wenn 2—,—„„» 97 der Wind irgend ſüdlich wehte. Dennoch dachten wenige Perſonen daran, die Reiſe zwiſchen den zwei größten Städten des Staates (Vork und Albany) zu machen, ohne ſich einer dieſer Schaluppen zu bedienen. Ich erwartete in dieſem Augenblick das Erſcheinen eines gewiſſen Adlers von Albany, Kapitän Bogert, welcher ganz in der Nähe von Lilaksbuſh anlegen und mich an Bord neh⸗ men ſollte, gemäß meiner früher in der Stadt getroffenen Verab⸗ redung. Ich ließ mich beſtimmen, einen Platz in dieſem Fahrzeug zu miethen, durch den Umſtand, daß es eine Art von Hinterkajüte hatte, durch einen großen grünen Vorhang abgeſchloſſen,— eine Bequemlichkeit, deren alle damals auf dem Fluß ſegelnden Schiffe entbehrten; doch ſind ſeit jener Periode, von welcher ich hier ſchreibe, ſehr große Verbeſſerungen eingetreten. Natürlich wurde die Zeit, welche im Warten auf das Erſchei⸗ nen des Adlers verfloß, mehr oder weniger mit Geſprächen ausge⸗ füllt. Jaap, der mich auf meiner Reiſe nach Ravensneſt begleiten ſollte, erkannte jedes Fahrzeug auf dem Strom, ſobald er es nur ſah, und wir verließen uns auf ihn, daß er uns zu wiſſen thun werde, wann ich in das Boot ſteigen ſollte, obgleich die Bewegun⸗ gen der Schaluppe ſelbſt uns nothwendig noch zu rechter Zeit an⸗ zeigen mußten, wann Abſchied genommen werden müſſe. „Ich würde ausnehmend gern einen Beſuch bei der alten Mrs. Van der Heyden, zu Kinderhook, machen, Mordaunt,“ ſagte meine Mutter nach einer der häufigen Pauſen, welche im Geſpräche ein⸗ traten.„Sie iſt eine Verwandte und ich hege große Neigung für ſie, und zwar um ſo mehr in Folge davon, daß der Gedanke an ſie ſich immer mit der Erinnerung an jene entſetzliche Nacht auf dem Strome verbindet, von der du mich ſchon haſt ſprechen hören.“ Wie meine Mutter dieß geſagt hatte, ſah ſie mit inniger Liebe den General an, der dieſen Blick meiner Mutter, ſo wie jeden ihrer Blicke, mit einem Blick voll männlicher Zärtlichkeit erwiederte. Ein inniger verbundenes Paar als meine Eltern gab es nie. Sie Der Kettenträger.. 7 98 ſchienen mir gewöhnlich nur Eine Seele mit einander gemeinſam zu haben, und wenn irgend eine leichte Meinungsverſchiedenheit ein⸗ trat, ſo war dann die Frage nicht: Welches durchdringen, ſondern Welches nachgeben ſolle. Meine Mutter mag einen größeren an⸗ geborenen Verſtand gehabt haben, obgleich der General ein ſehr hübſcher, ſtattlicher, geſcheuter Mann und allgemein hochgeachtet war. „Es wäre auch gut, Anneke,“ ſagte mein Vater,„wenn der Major einen Beſuch beim Grabe des armen Guert machte, und nachſähe, ob die Steine noch ſtehen, und der Platz ſo gehalten wird, wie es ſich gebührt. Ich bin ſeit dem Jahr 68 nicht mehr dort geweſen, wo es ausſah, wie wenn in nicht ſehr ferner Zeit das Nachſehen eines befreundeten Auges ihm frommen würde.“ Er ſagte dieß abſichtlich mit leiſer Stimme, damit Tante Mary es nicht hörte; und da ſie etwas harthörig war, erreichte er vermuthlich ſeine Abſicht. Aber anders war es mit Oberſt Dirck, welcher die Pfeife aus dem Munde nahm, und aufmerkſam lau⸗ ſchend da ſaß, wie Einer, der an einem Gegenſtand lebhaftes In⸗ tereſſe nimmt. Wieder trat eine Pauſe ein. „Dann iſt da auch mein Lord Howe, Corny,“ bemerkte der Oberſt mit ſtark holländiſchem Accent;„wie iſt es mit ſeinem Grabe?“ „Oh, dafür hat die Kolonie gut geſorgt. Man hat ihn im Hauptflügel von St. Peter begraben, glaube ich; und ohne Zweifel iſt da Alles in Ordnung. Was das andere Grab betrifft, Major, ſo dürfte es gut ſein, darnach zu ſehen.“ „Große Veränderungen ſind in Albany eingetreten, ſeit wir als junge Leute dort waren!“ bemerkte meine Mutter mit nachdenk⸗ lichem Ernſt.„Die Cuylers ſind durch die Revolution ſehr ge⸗ ſunken, während die Schuylers größer geworden ſind als je. Die arme Tante Schuyler, ſie hat es nicht mehr erlebt, einen Sohn von uns bei ſich zu bewillkommnen!“ 4 „Die Zeit führt ſolche Wechſel herbei, meine Liebe; und wir 1 99 können nur Gott dankbar ſein, daß nach einem ſo langen und blutigen Kriege noch ſo Viele von uns übrig ſind.“— Ich ſah meiner Mutter Lippen ſich bewegen, und ich wußte, daß ſie in ihrem Innern der Vorſehung dankte, welche ihren Gatten und ihren Sohn bei dem letzten Kampfe am Leben erhalten hatte. „Du wirſt ſchreiben, ſo oft ſich Gelegenheiten darbieten, Mor⸗ daunt,“ ſagte dieſe zärtliche Mutter nach einer ungewöhnlich lan⸗ gen Pauſe. Jetzt, da es Friede iſt, kann ich hoffen, deine Briefe mit einiger Regelmäßigkeit zu bekommen. „Man ſagt mir, Coufine Anneke,“— denn ſo nannte der Oberſt immer meine Mutter, wenn wir allein waren—„man ſagt mir, Couſine Anneke,“ ſagte Oberſt Dirck,„ſie beabſichtigen jetzt, förmlich eine Briefpoſt dreimal wöchentlich zwiſchen Albany und York einzuführen. Man kann nicht wiſſen, General, was dieſe glorreiche Revolution uns noch Alles bringen wird.“ „Wenn ſie mir dreimal wöchentlich Briefe von meinen Lieben bringt,“ verſetzte meine Mutter,„ſo wird ſicherlich mein Patrio⸗ tismus um ein Großes geſteigert werden. Wie werden aber Briefe aus Ravensneſt herauskommen nach den ältern Theilen der Kolonie — des Staates wollte ich ſagen, Mordaunt?“ „In dieſer Beziehung muß ich mich auf die Anſiedler verlaſſen. Hunderte von Yankee's, ſagt man mir, ſehen ſich dieſen Sommer nach Pachtgütern um; ich werde wohl einen oder den andern der⸗ ſelben als Boten benützen können.“ „Verlaßt Euch nicht zu ſehr auf ſie, oder nicht auf zu viele,“ brummte Oberſt Dirk, welcher den alten holländiſchen Groll gegen unſere öſtlicher wohnenden Brüder hegte.„Denkt nur, wie ſie es dem Schuyler gemacht haben!“ „Ja,“ ſagte mein Vater, ſeine Pfeife wieder ſtopfend,„ſie hätten können mehr Gerechtigkeitsliebe und weniger Vorurtheile gegen den weiſen Philipp an den Tag legen; aber Vorurtheile 7*½ 100 gibt es in der ganzen Welt. Selbſt Washington hatte deren ſeinen Theil!“ „Das iſt ein großer Mann!“ rief Oberſt Dirk mit Nachdruck und im Ton eines Mannes, der ſeiner Sache gewiß iſt.„Ein ſehr großer Mann!“ „Das wird Euch kein Menſch beſtreiten, Oberſt; aber habt Ihr keine Botſchaft zu beſtellen an unſern alten Kriegskameraden, Andries Coejemans? Er muß jetzt beinahe ſchon ein Jahr mit ſei⸗ ner Truppe von Feldmeſſern in Mooſeridge ſein, und ich will dafür ſtehen, er hat gewiß die alten Grenzlinien wieder ſo aufgeſpürt, daß er im Stande iſt, für Mordaunt friſch arinfängene ſobald der Knabe das Patent erreicht.“ „Ich hoffe, er hat keinen Yankee zum Vermeſſer gemiethet, Corny,“ bemerkte der Oberſt dazwiſchen mit einiger Unruhe.„Wenn eines von dieſen Geſchöpfen das Beſitzthum betritt, ſo bringt er es gewiß dahin, daß er das halbe Land in ſeiner Kompaßſchachtel mit fort trägt. Ich hoffe, der alte Andries verſteht die Sache beſſer.“ „Ich bin überzeugt, er wird all' das Land ebenſo zu behaupten als zu vermeſſen wiſſen. Es iſt tauſendmal Schade, daß der Ka⸗ pitän keinen Kopf für die geometriſchen Figuren und für Zahlen hat; denn ſeine Ehrlichkeit würde ſein Glück gemacht haben. Aber ich habe ſelbſt eine Probe ſeiner Gaben geſehen, und ich weiß, es geht nicht. Er ſtellte einmal acht Tage lang an einer Rechnung für einige aus dem Hauptquartier gelieferten Vorräthe, und er ver⸗ mochte der Wahrheit durchaus nicht näher zu kommen, als daß er um fünfundzwanzig Prozent daneben ſchoß.“ „Ich würde aber doch eher dem Andries Coejemans die Ver⸗ meſſung meiner Güter anvertrauen, verſtehe er ſich auf Ziffern oder nicht,“ rief Oberſt Dirck in ſehr beſtimmtem Tone,„als jedem Dominie in Neu⸗England.“ „Nun, das iſt eben je nachdem Einer denkt,“ verſetzte mein Vater, den Madeira koſtend.„Ich für meinen Theil werde mit N 41A N8 ☛—8 A —— 101 jedem Landesvermeſſer zufrieden ſein, den er auswählen mag, und wäre es auch ein Yankee. Andries iſt geſcheidt, wenn er auch kein Rechenmeiſter iſt, und ich glaube gewiß, er hat einen paſſenden Mann angeworben. Da er den Kontrakt zu einem ſehr guten Preis übernommen hat, iſt er ein zu ehrlicher Mann, um nicht für einen tüchtigen Mann für die Hauptſache zu ſorgen. Was alles Uebrige betrifft, ſo würde ich ihm vertrauen ſo gut wie auf irgend einen Mann in ganz Amerika.“ „Das iſt wahr wie das Evangelium. Mordaunt wird auch ein Auge auf die Sachen haben, da er ja ſo weſentlich betheiligt iſt bei dem Beſitzthum. Eines iſt, was Ihr nicht vergeſſen dürft, Major. Fünfhundert gute Aeres müſſen abgemeſſen werden für Schweſter Anneke, und fünfhundert für die hübſche Kate hier. So⸗ bald das geſchehen iſt, wollen der General und ich den beiden Mäd⸗ chen eine Schenkungsurkunde ausſtellen.“ „Dank Euch, Dirck,“ ſagte mein Vater mit Wärme;„ich will das Land nicht ausſchlagen für die Mädchen, welche über kurz oder lang froh ſein dürften, es zu beſitzen.“ „Es iſt jetzt Nichts von Bedeutung, Corny; aber, wie Ihr ſagt, es kann ihnen dereinſt von Nutzen ſein. Wie wär' es, wenn wir dem alten Andries auch ein Geſchenk machten mit einem Pacht⸗ gut, obendrein in den Kauf?“ „Von ganzem Herzen gern!“ rief mein Vater lebhaft.„Ein paar hundert Acres können ihm leicht ſeine übrigen Lebenstage behaglich machen. Ich danke Euch für den Gedanken, Dirck, und wir wollen Mordaunt das Loos wählen und uns die Be⸗ ſchreibung davon ſchicken laſſen, damit wir die Schenkungsur⸗ kunde vorbereiten.“ „Ihr vergeßt, General, daß der Kettenträger ſeinen militä⸗ riſchen Loostheil Land als Kapitän hat oder bekommen wird,“ wagte ich zu bemerken.„Zudem wird das Land ihm von wenig Nutzen ſein, außer etwa, um es zu meſſen. Ich zweifle, ob nicht der 10² alte Mann lieber ungegeſſen bliebe, als daß er einen Kartoffel⸗ haufen hackte.“ „Andries hatte drei Sklaven, ſo lang er bei uns war; einen Mann, ein Weib und ihre Tochter,“ verſetzte mein Vater.„Er wolle ſie unter keinen Umſtänden verkaufen, ſagte er; und ich habe erfahren, daß er wirklich Noth litt aus Mangel an Geld, da er zu ſtolz war, von ſeinen Freunden Etwas anzunehmen, und zu men⸗ ſchenfreundlich, ſich von Familienſklaven zu trennen, um es aufzu⸗ bringen. ‚Sie ſind geborene Coejemans,“ ſagte er, ‚ſo wie ich ſelbſt einer bin, und ſie ſollen auch als Coejemans ſterben.“ Ohne Zwei⸗ fel hat er dieſe Leute bei ſich in Mooſeridge, wo Ihr ſie Alle ge⸗ lagert finden werdet, in der Nähe einer kleinen Quelle Gartenge⸗ müſe und anderes Zeug der Art ziehend, wenn er offenes Land genug finden kann zu dieſem Behufe. Er hat Erlaubniß, nach Gutdünken auszuhauen und zu pflanzen.“ „Das iſt mir eine angenehme Nachricht, General,“ erwiederte ich,„da ich mir hienach eine Art von Heimweſen verſprechen darf. Wenn der Kettenträger wirklich dieſe Schwarzen bei ſich hat, und mit Verſtand eine Hütte angelegt hat, ſo werden wir es gewiß ſo behaglich haben, als wir es oft im Lager mit einander gehabt ha⸗ ben. Dann werde ich meine Flöte mit mir nehmen, denn Miß Pris⸗ cilla Bayard hat in mir die Erwartung erweckt, ein ganz wunder⸗ bares Geſchöpf zu finden an Dus, der Nichte, von welcher der alte Andries viel zu ſchwatzen pflegte. Ihr erinnert Euch gewiß, Sir, den Kettenträger von einer ſolchen Perſon ſprechen gehört zu haben, denn es war ſeine Liebhaberei, von ihr zu ſchwatzen.“ „Ganz vollkommen gut; Dus Malbone war zu einer gewiſſen Zeit eine Art von Toaſt unter den jungen Männern des Regiments, obgleich Keiner von Allen ihrer je, auf geraden oder krummen Wegen, anſichtig zu werden im Stande war.“ Wie ich mich in dieſem Augenblick zufällig umkehrte, ſah ich, daß meiner lieben Mutter Auge neugierig und fragend auf mir ————————-—— — — / 103 ruhte, vermuthlich, bilde ich mir ein, in Folge der Erwähnung von Toms Schweſter. „Was weiß Priscilla Bayard von dieſes Kettenträgers Nichte?“ fragte meine geliebte Mutter, ſobald ſie merkte, daß ihr Blick meine Aufmerkſamkeit erregt hatte. „Sehr viel, wie es ſcheint, denn ſie ſagt mir, ſie ſeien ver⸗ traute Freundinnen; ſo vertraut, ſollte ich ſchließen nach der Miß Bayard Sprache und Weſen, als ſie ſelbſt und Kate ſind.“ „Das kann kaum ſein,“ erwiederte meine Mutter, leicht lächelnd,„da dort der Hauptgrund der Freundſchaft fehlen muß. Und dann kann jene Dus doch kaum die Ebenbürtige von Priseilla Bayard ſein.“ „Man weiß ſo etwas nie, Mutter, bis man Gelegenheit ge⸗ habt hat, Vergleichungen anzuſtellen; doch ſagt Miß Bayard ſelbſt, Dus ſei ihr in vielen Stücken überlegen. Ich bin überzeugt, ihr Oheim iſt mir in vielen Stücken überlegen, im Meßkettentragen ganz beſonders.“ „Ja, aber ſchwerlich im Rang und Stand, Mordaunt.“ „Er war der älteſte Kapitän im Regiment.“ „Wahr, aber Revolutionen ſind Revolutionen. Was ich meine, iſt, daß Euer Kettenträger doch kaum ein Gentleman ſein kann.“ „Das iſt ein Punkt, der ſich nicht in einem Athem entſcheiden läßt. Ja oder nein! Der alte Andries iſt von achtbarer Familie, obwohl ziemlich vernachläſſigt in der Erziehung und Bildung. Leute, die weit unter ihm ſtehen der Geburt, den Lebensgewohnheiten, den allgemeinen Begriffen einer höhern Lebensſphäre nach, in den Staa⸗ ten von Neu⸗England, ſind ihm an Kenntniſſen ſehr überlegen. Dem ungeachtet glaube ich, während wir Alle zugeben müſſen, daß ein gewiſſer Grad von Erziehung und Bildung heutzutage ein noth⸗ wendiges Erforderniß zu einem Gentleman iſt, wird doch jeder Gentleman geſtehen, hunderte von uns haben Grade in der Taſche, mit geringen Anſprüchen, zu der Klaſſe gerechnet zu werden. Vor 10⁰4 drei oder vier Jahrhunderten, dafür wollte ich ſtehen, wäre der alte Andries ein Gentleman geweſen, obgleich er das Wachs mit den Zähnen hätte beißen und ein Kreuz machen müſſen in Ermanglung einer beſſern Namensunterſchrift.“ „Und der Mann iſt ein Kettenträger, Mordaunt!“ rief meine Schweſter aus. „So wie auch vor Kurzem älteſter Kapitän in Eures Vaters Regiment, Miß Littlepage. Aber, dieß bei Seite geſetzt, Andries und Dus ſind ſo wie ſie nun einmal ſind, und ich werde froh ſein, fie dieſen Sommer zur Geſellſchaft zu haben. Jaap gibt Signale, und ich muß euch Alle verlaſſen. Ach ja wohl! Es iſt gar ange⸗ nehm hier unter dieſer Linde, und die Heimath beginnt mein Herz mit ihren Fäden zu umflechten. Nun, es thut nichts, es wird bald Herbſt ſein, und ich werde hoffentlich euch Alle, ſo wie ich euch ver⸗ laſſe, geſund und vergnügt in der Stadt wieder ſehen.“ Meine liebe gute Mutter hatte Thränen in den Augen ſtehen, als ſie mich umarmte, ebenſo Kate, die, obgleich ſie Tom Bayard am meiſten liebte, doch auch mich ſehr lieb hatte. Tante Mary küßte mich in ihrer ruhigen, aber liebevollen Att, und ich ſchüttelte die Hände mit den Gentlemen, die mich zu dem Boot hinunter be⸗ gleiteten. Ich bemerkte, daß mein Vater bewegt war. Hätte der Krieg noch fortgedauert, ſo würde er an dieſe Trennung gar nicht gedacht haben, aber in dieſer gelinden, behaglichen Friedenszeit ſchien ſie ihm ungelegen zu kommen. „Nun, vergeßt mir nicht die großen Loostheile für Anneke und Katrinke,“ ſagte Oberſt Dirck, als wir an die Küſte hinabſtiegen. „Laßt Andries von dem beſten Lande herausleſen, das gut bewäſ⸗ ſert iſt und gut bewachſen, und dann wollen wir die Looſe nach den Mädchen benennen. Das iſt eine gute Idee, Corny.“ „Eine treffliche, mein Freund. Mordaunt, mein Sohn, wenn du auf Stellen ſtößeſt, welche wie Gräber ausſehen, ſo wünſche ich, daß du Merkzeichen daſelbſt anbringeſt, woran man ſie erkennen ———— 2—. 105 kann. Es iſt wahr, ein Vierteljahrhundert oder mehr bewirkt manche Veränderungen in den Wäldern, und es iſt ganz wohl möglich, daß keine ſolche Spuren ſich mehr finden.“ „Ihr werdet Euch erinnern, Mordaunt, daß ich keine Yankee's zu Pächtern auf meinem Gute haben will. Euer Vater mag die eine Hälfte eines Looſes an ſie verleihen, wenn er Luſt hat, aber ich will nicht die andere Hälfte an ſie verleihen.“ „Da ihr gemeinſchaftliche Inhaber ſeid, Gentlemen,“ erwiederte ich mit Lächeln,„wird es nicht leicht ſein, die Intereſſen auf dieſe Weiſe zu ſondern. Ich glaube euch jedoch zu verſtehen; ich ſoll die Ländereien von Moſeridge verkaufen oder Verkaufsverträge ab⸗ ſchließen, als euer Bevollmächtigter und Sachwalter, während ich, meines Großvaters Mordaunt Ideen folgend, die noch nicht ver⸗ liehenen Ländereien auf meinem eigenen Gut verleihe. Dadurch wird wenigſtens den Anſiedlern die Wahl gelaſſen, und Diejenigen, welchen die eine Art, ihre Ländereien zu erwerben, nicht gefällt, können zu der andern greifen.“ 8 Jetzt ſchüttelte ich noch einmal mit den Gentlemen die Hände, ſtieg in das Boot, und wir ſtießen vom Ufer ab. Jaap hatte bei guter Zeit ſein Signal gegeben und den Aufbruch veranlaßt, und wir mußten eine Viertelmeile den Fluß hinabrudern, bis wir die Schaluppe trafen. Der Wind, obgleich vollkommen günſtig, war doch nicht ſo ſtark, daß Mr. Bogert Luſt hatte, umzuwenden; man warf uns ein Seil zu, das wir faßten, worauf wir mit Sack und Pack auf das Deck des Adlers hinübergeſchafft wurden. Kapitän Bogert rauchte am Steuer, als er meinen Gruß er⸗ wiederte. Nach ein paar Zügen nahm er die Pfeife aus dem Munde, deutete mit dem Rohr auf die Gruppe an der Küſte und erkundigte ſich, ob ich ihnen Lebewohl zu ſagen wünſchte. „Allponny,“ ſo pflegten die Holländer den Namen ihrer Stadt im vorigen Jahrhundert auszuſprecheu,„iſt eine weite 106 Strecke Weges von hier entfernt,“ ſagte er,„und vielleicht würdet Ihr Eure Freunde gern noch einmal ſehen.“ Die Gewohnheit, Hüte und Taſchentücher zu ſchwenken, iſt etwas regelmäßiges auf dem Hudſon, und ich ſprach meine Bereit⸗ willigkeit aus, dem Gebrauche, wie natürlich, mich zu fügen*). Demgemäß ſteuerte Mr. Bogert das Schiff mit gutem Bedacht der Küſte zu, und ich ſah die ganze Familie auf einem niedern Felſen, nahe beim Waſſer, ſich verſammeln, um mir den Scheideblick zuzu⸗ werfen. Im Hintergrund ſtanden die Satanstoes, eine dunkle, wollige Gruppe, die Mrs. Jaap und zwei Generationen von Ab⸗ kömmlingen in ſich begreifend. Die Weißen weinten, d. h. meine liebe Mutter und Kate; und die Schwarzen lachten, obgleich die Alte ihre Zähne beinahe ebenſo über einander klemmte, als ſie ſie zeigte. Eine lebhafte Empfindung hat beinahe unabänder⸗ lich beim Neger ein Gelächter zur Folge, und nur ganz beſonders ernſte Fälle und Veranlaſſungen machen hier eine Ausnahme. Ich glaube, wenn die Wahrheit bekannt wäre, Mr. Bogert empfand einen großen Triumph über die ſtattliche Bewegung ſeiner Schaluppe, wie ſie an der Küſte hinſtrich, in nicht großer Entfer⸗ nung von den Felſen, ihre Hauptſegel aufgeſetzt und gebläht; man konnte wohl ſagen, der Adler bewegte ſich in all' ſeiner Herrlichkeit. Er fuhr ſo nahe an den Felſen hin, als verachtete er alle Gefahr. *) Dieß waren die Begriffe Mr. Mordaunt Littlepage's zu Anfang dieſes Jahr⸗ hunderts, und dieß ſeine Empfindungsweiſe kurz nach dem Frieden von 1783. ichts der Art veranſchaulicht vollſtändiger die allgemeine Veränderung, die mit dem Land in Sitten, Gewohnheiten und materiellen Dingen vorgegangen iſt, als der Unter⸗ ſchied zwiſchen den Reiſen von damals und von jetzt. Damals zog die Abfahrt einer Schaluppe oder die Einſchiffung eines Paſſagiers an der Küſte ganze Schaaren Men⸗ ſchen an die Werften, und Taſchentücher wehten, wie wenn die Zurückbleibenden das Verlangen fühlten, ihre Freunde ſo lang als möglich mit den Augen zu verfolgen. Jetzt kommen und gehen täglich Tauſende, im buchſtäblichen Sinne, welche ſo viel tunden auf dem Hudſon zubringen, als ihre Großväter Tage; und das Hände⸗ ſchütteln und Abſchiednehmen wird gewöhnlich zu Hauſe abgemacht. Das müßte eine kecke Dame ſein, die jetzt ſich einfallen ließe, einem Flußdampfboot auf dem Hudſon mit dem Taſchentuch zuzuwinken! Der Herausgeber. v— —-0—-hP—.—,—,.—— v 107 Damals war noch nicht die Zeit der ängſtlichen Berechnung, wie ſie ſpäter eintrat. Damals machte ſich ein Schiffer von Albany noch nichts daraus, ein paar hundert Fuß Abſtand bei einer Be⸗ wegung zu verlieren, während es heutzutage keine leichte Sache wäre, einen Liverpooler Kauffahrer zu bereden, um ſo viel ſeit⸗ wärts zu ſteuern, um ein fremdes Schiff mitten auf dem atlan⸗ tiſchen Meer anzureden, wenn er nicht anders im Fall iſ, ſich bei dem andern Schiffe hinſichtlich des Längengrades Rathes zu er⸗ holen. Als die Schaluppe an dem Felſen vorbei ſtrich, wurde ich mit Verbeugungen, Schwenken von Hüten und Tüchern und guten Wünſchen ſalutirt, genug um für die ganze Reiſe auszureichen. Auch Jagp bekam ſeinen Theil; und„lebt wohl, Jaap!“ kam mir zu Ohren, von der ſüßen Stimme Katens ihm zugerufen. Dahin fuhren wir, in ſtattlicher, holländiſcher Bewegung, langſam, aber ſicher. In zehn Minuten lag Lilaksbuſh hinter uns, und ich war wieder auf Monate hinaus allein und einſam in der Welt. Jetzt hatte ich Zeit, mich umzuſehen, wer meine Begleiter auf dieſer Reiſe waren. Der Kapitän und die Matroſen bildeten wie gewöhnlich den Haupttheil der Geſellſchaft; dann die Lootſen, Beide Weiße und Beide von holländiſcher Abkunft, ein alter, runzeliger Neger, der ſein Leben auf dem Hudſon im Dienſt am Vordermaſt zugebracht hatte, und zwei jüngere Schwarze, von welchen Einer den Ehrentitel des Kajütenverwalters führte. Auch zahlreiche Paſ⸗ ſagiere waren da, von welchen einige höheren Klaſſen anzugehören ſchienen. Sie waren von beiden Geſchlechtern, aber mir insgeſammt fremd. Auf dem Hauptdeck befanden ſich ſechs oder acht ſtämmige, anſtändige, geſetzte, achtbar ausſehende Arbeiter, welche ſichtlich zur Klaſſe der Landbauer gehörten. Ihre Päcke lagen auf einem Hau⸗ fen, unten am Maſt, und es entging meiner Beobachtung nicht, daß eben ſo viele Aexte da lagen als Päcke. Die amerikaniſche Art! Sie hat mehr wirkliche und bleibende 108 Eroberungen gemacht, als das Schwert irgend eines kriegeriſchen Volkes, das je gelebt; aber es ſind Eroberungen geweſen, welche ſtatt Verderben und Verwüſtung, Geſittung in ihrem Gefolge ge⸗ habt haben. Ueber eine Million Quadratmeilen Landes*) ſind, aus dem Schatten des Urwaldes heraus, erſchloſſen worden, um die Wärme der Sonne aufzunehmen; und Anbau und Ueberfluß haben ſich da verbreitet, wo vor kurzer Zeit noch die Thiere des Waldes, vom Wilden gejagt, ſich umtrieben. Und hievon iſt das Meiſte aus⸗ geführt worden zwiſchen dem Tage, wo ich an Bord des Adlers ging, und demjenigen, wo ich dieß niederſchreibe. Ein kurzes Vier⸗ teljahrhundert hat dieſe wunderbaren Veränderungen eintreten ſehen, und ihnen allen liegt zu Grunde das ſchöne, preiswürdige, ſtets bereite, wirkſame Werkzeug— die amerikaniſche Art! Es wäre nicht leicht, dem Leſer einen klaren Begriff zu geben von der Art und Weiſe, wie die jungen Männer, und Männer je⸗ den Alters, aus den ältern Gebieten der neuen Republik nach den Wäldern ſtrömten, um das Geſchäft des Fällens der Forſte und der Bloßlegung der Geheimniſſe der Natur zu beginnen, ſobald die Nation ſich vom Drucke des Krieges erhob, um ſich der Freiheit des Friedens zu erfreuen. Die Geſchichte jener Zeit in New⸗York, welcher Staat an der Spitze ſtand in dem rühmlichen Kampfe des Fortſchritts und der Verbeſſerung, und ſeither immer ſo edel ſeinen Vorrang behauptet hat, iſt noch nicht geſchrieben. Wenn ſie wird gehörig dargeſtellt ſein, werden Namen der Vergeſſenheit entriſſen werden, die mit größerem Rechte Statuen und Niſchen in dem Tempel des Nationalruhms verdienen, als die von Vielen, welche ihnen den Vorrang abgelaufen haben, bloß in Folge des Umſtan⸗ des, daß die öffentliche Meinung ſich leichter für glänzende Thaten und Unternehmungen begeiſtern und beſtechen läßt, als ſie die Ver⸗ dienſte der wahrhaft humanen und nützlichen Beſtrebungen anerkennt. *) Heutigen Tages mehr als zwei Millionen. ke A ð 109 Es war nicht gewöhnlich, daß Anſiedler(settlers), wie man Diejenigen zu nennen pflegte, welche zuerſt neue Ländereien über⸗ nehmen und ſich darauf niederlaſſen, ihre Reiſen aus der Nähe der See in das Innere anders als zu Lande machten; einige Wenige aber, die von Connektikut über New⸗York kamen, reisten von hier den Fluß hinauf in den Schaluppen. Von dieſer Art waren Die⸗ jenigen, die ich an Bord des Adlers traf. Wir hatten im Ganzen ſieben ſolcher Männer unter uns, welche am erſten Tag unſerer Fahrt mit mir in's Geſpräch kamen, und ich war etwas überraſcht, als ich entdeckte, wie viel ſie ſchon von mir, meinem Thun und Treiben und meinen Planen wußten. Bald jedoch fiel mir Jaap ein, als Derjenige, von welchem ſie wahrſcheinlich ihre Kunde von mir geſchöpft hatten; und wie ich mich erkundigte, fand ich, daß dieß wirklich der Fall war. Die Neugier und Frageluſt des Volkes von Neu⸗ England iſt ſo allgemein von den Schriftſtellern und Kommentatoren über den amerikaniſchen Charakter zugeſtanden worden, daß ich glaube, man hat das Recht, die Wahrheit dieſes Charakterzuges unbedingt zu behaupten. Ich habe ihn ſchon auf verſchiedene Weiſe erklären hören; und unter andern hat man als Erklärungsgrund ihre Geneigtheit zum Auswandern genannt, wovon eine nothwendige Folge die Erkundigungen nach dem Befinden von Freunden und Verwandten in der Ferne ſeien. Mir jedoch ſcheint es, dieß heiße den Grund dieſes Zuges ſehr eng auffaſſen; vielmehr möchte ich dieſe Eigenthümlichkeit von der regen Geiſtesthätig⸗ keit überhaupt ableiten, die unter einem Volke herrſcht, das den Zwang konventioneller Gebräuche in künſtlicheren Geſell⸗ ſchaftszuſtänden nicht kennt. Auch die Gewohnheit, ſich in ſo Vielem der Stimme und Anſicht des Gemeinweſens zu unter⸗ werfen, übt einen großen Einfluß auf alle Meinungen dieſes eigenthümlichen Theils der amerikaniſchen Bevölkerung, denn ſie ſcheint das Recht einzuräumen, ſich nach Dingen zu erkundigen, 110 welche anderswo durch das geheiligte Geſetz der Privatſphäre des Individuums geſchützt ſind. Dem ſei wie ihm wolle, meine Artmänner hatten aus Jaap Alles herauszubringen gewußt, was ihm von Ravensneſt und Moo⸗ ſeridge, ſo wie von meinen Beweggründen, die gegenwärtige Reiſe zu unternehmen, bekannt war. Nachdem ſie im Beſitz dieſer Auf⸗ ſchlüſſe waren, ſäumten ſie nicht, ſich mir vorzuſtellen, und die Frage an mich zu richten, welche ihre Gemüther vor allen beſchäftigte. Natürlich gab ich ihnen ſolche Antworten, wie ſie die Natur des Falles mit ſich brachte, und es knüpfte ſich gleich am erſten Tag eine Art Geſchäftsbekanntſchaft zwiſchen uns an. Da die Reiſe mehrere Tage dauerte, war, bis wir Albany erreichten, von der einen oder der anderen Seite ſo ziemlich Alles vorgebracht, was ſich über den Gegenſtand ſagen ließ. Was Ravensneſt betraf, mein eigenes Beſitzthum, ſo hatte mein Großvater in ſeinem Teſtament den Wunſch ausgeſprochen, daß die Güterſtücke pachtweiſe möchten verliehen werden, wobei er mehr meiner Kinder als meinen Nutzen im Auge hatte. Sein Wunſch war mir Geſetz, und ich hatte den feſten Entſchluß gefaßt, die noch nicht vergebenen Ländereien dieſes Gutes, volle drei Vier⸗ theile des ganzen Patents, als Pachtgüter zu verleihen, unter Be⸗ dingungen, ähnlich denjenigen, welche den bisherigen Pächtern be⸗ willigt worden waren. Andererſeits war es die Abſicht, die Land⸗ looſe von Mooſeridge zu veräußern. Dieſe Bedingungen wurden den Artmännern bekannt gemacht,— mein erſter Schritt bei dieſer Aufgabe, neue Anſiedelungen zu gründen,— und ganz gegen meine Erwartung fand ich, daß dieſe Abenteurer weit mehr Nei⸗ gung zur Pachtung, als zum gänzlichen Ankauf hatten. Allerdings rechnete ich auf eine kleine Baarzahlung für jedes förmlich ver⸗ kaufte Grundſtück, während ich bereit war, Pachtungen auf drei Sterbfälle jedenfalls zu ſehr niedrigen Renten zu verwilligen; und eine große Zahl von Landlooſen, diejenigen, welche ihrer Lage, 111 oder der Beſchaffenheit des Bodens nach am wenigſten wünſchens⸗ werth waren, wollte ich für die erſten Jahre der Beſitznahme ganz ohne Rente in Pacht geben. Dieſe letzteren Vortheile, und die Ge⸗ legenheit, ſich in den Beſitz von Ländereien auf eine gute Anzahl von Jahren hinein zu ſetzen gegen eine Rente von nur einem Schil⸗ ling für den Aere, waren, wie ich bald entdeckte, ſtarke Verſuchun⸗ gen für Leute, die Alles, was ſie beſaßen, in ihren Päcken mit ſich trugen, und die ſo das wenige Geld, das ſie in der Taſche hatten, für die Bedürfniſſe ihrer künftigen Haushaltung und Wirthſchaft aufſparten. Dieſe Gegenſtände beſprachen wir während der acht Tage, die wir an Bord der Schaluppe zubrachten; und bis wir der Kirch⸗ thurmſpitze von Albany anſichtig wurden, waren meine Schiffsge⸗ ſellſchafter entſchloſſen, mir nach dem Neſt zu folgen. Dieſer Kirch⸗ thürme waren es damals zwei; nämlich der der engliſchen Kirche, welche nahe am Ende der Stadt ſtand, gegen den Berg hin, und der der holländiſchen Kirche, welche beſcheidener in der Ebene ſtand, und den man kaum über die ſpitzen Dächer der umliegenden Häuſer hervorragen ſah; obgleich dieſe letzteren ſelbſt weder beſonders hoch, noch beſonders impoſant waren. Siebentes Kapitel. Wer iſt das hübſche Frauenbild Beim rothen Jäger nach dem Wild? Ein Kind der Bildung ſcheint ſie wohl Von Wuchs und Mienen zart, Doch folgt dem kecken Wilden ſie, Als wär' ſie ſeiner Art. Pinkney. Joch hielt mich nicht lange in Albany auf, ſondern gab den Artmännern die Richtung nach dem Patent an, und verließ ſelbſt 112 die Stadt noch am Tage unſerer Ankunft. Es gab in jener früheren Zeit wenige öffentliche Fahrgelegenheiten, und ich war ge⸗ nöthigt, einen Wagen zu miethen, um Jaap und mich, ſammt un⸗ ſern Effekten, nach Ravensneſt zu bringen. Eine Art dumpfer, ſchwerer Ruhe war über das Land gekommen nach den Kämpfen des jüngſt beendigten Krieges, aber Ein Intereſſe ſchien darin rege und ſehr lebendig zu ſein. Dieß Intereſſe,— ein großes Glück für mich!— ſchien das Streben der„Landjägerei“ und der„An⸗ ſiedelung“ zu ſein. Beweiſe genug hievon ſtellten ſich mir in Al⸗ bany ſelbſt dar, denn kaum konnte man die Hauptſtraße dieſer Stadt betreten, ohne darin mehr oder weniger ſolche Abenteurer zu treffen, deren Abſichten und Beſtrebungen durch die Embleme des gepackten Bündels und der Art angedeutet waren. Neun unter zehn kamen aus den öſtlichen oder Neu⸗England⸗Staaten, damals die bevölkertſten, obgleich weder Boden noch Klima beſon⸗ ders günſtig waren. Wir brauchten zwei Tage, bis wir Ravensneſt erreichten, ein Beſitzthum, das mir nun ſchon mehrere Jahre gehörte, das ich aber jetzt zum erſten Mal ſah. Mein Großvater hatte eine Art von Geſchäftsführer oder Agent dort gelaſſen, einen Mann mit Namens Jaſon Newcome, vom Alter meines Vaters, des Generals, der ein⸗ mal Schullehrer in der Nähe von Satanstoe geweſen war. Dieſer Agent hatte ſelbſt ausgebreitete Ländereien gepachtet, und war, wie es hieß, der Inhaber der einzigen irgend bedeutenderen Mühlen auf dem Gute. Mit ihm war man immer in einiger Korreſpon⸗ denz geſtanden, und ein paar Male, während des Krieges, hatte mein Vater eine Beſprechung mit dieſem Vertreter ſeiner und meiner Intereſſen gehabt. Ich aber ſollte ihn jetzt zum erſten Mal ſehen. Wir kannten einander nur dem Namen nach und vom Hörenſagen, und gewiſſe Punkte in der Art der Geſchäftsführung hatten mich veranlaßt, dem Mr. Newcome anzukündigen, es ſei meine Abſicht, eine Aenderung in der Verwaltung des Gutes eintreten zu laſſen. 113 Jeder, der das Ausſehen eines ſogenannten„neuen Landes“ in Amerika kennt, weiß wohl, daß daſſelbe, und der Eindruck, den das Ganze macht, nichts weniger als einladend iſt. Die Liebhaber des Mahleriſchen können ſich wenig befriedigt fühlen vom Anblick ſelbſt der ſchönſten Naturſcenerie in ſolchem Zeitpunkte; denn die Arbeit, welche ausgeführt worden iſt, hat gewöhnlich nur die Schönheiten der Natur in hohem Grade beeinträchtigt und zerſtört, ohne noch Zeit gehabt zu haben, die Lücken durch die Schönheiten der Kunſt auszufüllen. Haufen von verkohlten oder halbverbrann⸗ ten Scheitern, Felder mit Stumpen bedeckt, oder ſtarrend und zer⸗ riſſen von Klötzen; Zäune der roheſten Art, mit Geſtrüppe aus⸗ gefüllt; Gebäude von dürftigſter Beſchaffenheit; verlaſſene Lich⸗ tungen, und all' die andern Zeichen eines Zuſtandes der Dinge, wo ein offenbarer und beſtändiger Kampf waltet zwiſchen unmittelbar drängender Nothwendigkeit und künftiger Annehmlichkeit, ſind nicht geeignet, weder die Hoffnung noch den Geſchmack zu befriedigen. Hin und wieder jedoch, unter beſonders günſtigen Verhältniſſen, findet ſich auch ein anderer Stand der Dinge, und man darf deſſen wohl auch erwähnen, damit der Leſer ſich nicht eine einſeitige Vor⸗ ſtellung von dieſem Uebergangszuſtand des amerikaniſchen Lebens bilde. Wenn der Handel der Gegend ſchwunghaft und Nachfrage nach den Erzeugniſſen des jungen Landes iſt, bietet oft eine Anſied⸗ lung eine Scene von rüſtigem, freudigem Leben dar, wo ſich mitten im Rauche der Scheiter und in der Kunſtloſigkeit des Gränzlebens die Elemente eines raſchgedeihenden Wohlſtandes bemerklich machen. Keines von beiden jedoch war der Fall in Ravensneſt, als ich es zuerſt beſuchte; aber ſo günſtig, wie zuletzt erwähnt worden, ge⸗ ſtalteten ſich bis auf einen gewiſſen Grad ſeine Verhältniſſe zwei oder drei Jahre ſpäter, nachdem der große europäiſche Krieg leb⸗ hafte Nachfrage nach ſeinem Weizen und ſeiner Aſche veranlaßte. Ich fand zwiſchen der Stelle, wo ich die große nördliche Straße verließ, und den Gränzen des Patents, kaum mehr Spuren und Der Kettenträger. 8 114 Anzeichen von Anbau, als mein Vater bei ſeinem erſten Beſuche, ſeiner Beſchreibung nach, gefunden hatte, welcher ein Vierteljahr⸗ hundert früher gefallen war, als der meinige. Es fand ſich zwar auf der genannten Strecke eine Schenke, aus Holzſcheitern gebaut; aber man bekam daſelbſt nichts zu trinken als Rum, und nichts zu eſſen als geſalzenes Schweinefleiſch und Kartoffeln an dem Tage, wo ich dort Halt machte, um zu Mittag zu eſſen. Es waren aber auch Zeiten und Jahreszeiten, wo man mittelſt Wildpret, Geflügel und Fiſche hätte ein köſtliches Mahl bereiten können. Daß dieß aber nicht die Meinung meiner Wirthin war, erſah man aus den Bemerkungen, die ſie machte, während ich zu Tiſche ſaß. „Ihr trefft es glücklich, Major Littlepage,“ ſagte ſie,„daß Ihr nicht zu uns gekommen ſeid während einer unſerer Hungers⸗ nothzeiten, wie ich ſie nenne; und entſetzliche Zeiten ſind das, wenn man ſeine wahre Meinung davon ſagen darf.“ „Hungersnoth iſt eine ernſte Sache zu jeder Zeit,“ erwiederte ich;„aber ich wußte nicht, daß Ihr jemals in eine ſo ſchwierige Lage kommen könnet in einem ſo reichen und Ueberfluß gewähren⸗ den Lande wie dieſes.“ „Was nützt Reichthum und Ueberfluß des Landes, wenn ein Mann nichts thun will als fiſchen und ſchießen? Ich habe Tage erlebt, wo kein Mundvoll zu eſſen im Hauſe war, als ein paar Dutzend junge Tauben, eine Schnur Bachforellen, etwa ein Reh oder ein Salmen aus einem der Seein.“ „Ein Biſſen Brod wäre eine willkommene Zuthat zu einer ſolchen Mahlzeit geweſen!“ „dOh, was Brod betrifft, das rechne ich für Nichts. Wir haben immer Brod und Kartoffeln genug; aber ich halte dafür, daß eine Familie in verzweifelten Umſtänden iſt, wenn die Mutter. dem Schweinefleiſchfaß auf den Boden ſehen kann. Ich lobe mir Kinder, die auferzogen ſind mit gutem, geſundem Schweinefleiſch, lieber als mit allem Wildpret des Landes. Wildpret iſt gut als 115 Zubuße, und ſo auch das Brod, aber Schweinefleiſch iſt es, was das Leben zuſammenhält. Um gutes Schweinefleiſch zu bekommen, muß man gutes Korn haben; und gutes Korn erfordert Arbeit mit der Hacke; und eine Hacke iſt keine Angel und kein Gewehr. Nein, ich gedenke meine Kinder mit Schweinefleiſch aufzuziehen, nebſt gerade ſo viel Brod und Butter, als ſie mögen!“ Das war amerikaniſche Armuth im Jahre 1784. Brod, But⸗ ter und Kartoffeln nach Belieben; aber wenig Schweinefleiſch und kein Thee. Wildpret im Ueberfluß zu ſeiner Jahrszeit; aber der arme Mann, der von Wildpret lebte, galt dafür, eine ebenſo ärm⸗ liche Haushaltung zu führen, als der Epikuräer in der Stadt, der ſeinen Bekannten ein Diner gibt, und ſich entſchuldigen muß, daß kein Wildpret auf dem Markt aufzutreiben ſei. Neugierig, mehr von dieſer Frau zu erfahren, ſetzte ich das Geſpräch fort. „Es gibt Länder, wie ich geleſen habe,“ fuhr ich fort,„wo die Armen gar kein Fleiſch, von keinerlei Art, nicht einmal Wild⸗ pret, zu koſten bekommen, vom Anfang bis zum Ende des Jahres, und manchmal nicht einmal Brod.“ „Nun, ich bin nicht ſo ſehr für's Brod eingenommen, wie ich zuvor ſchon ſagte, und würde nicht viel Brod eſſen, ſo lange ich Schweinefleiſch haben könnte,“ verſetzte die Frau, welche ſich un⸗ verkennbar für das, was ich ſagte, intereſſirte;„aber ich möchte doch nicht gern ganz ohne Brod ſein; und die Kinder insbeſondere eſſen es gar gerne zu ihrer Butter. Ganz von Kartoffeln ſich nähren, das muß eine wilde thieriſche Art zu leben ſein.“ „Sehr zahme Geſchöpfe thun es, und das in Folge unerbitt⸗ licher Nothwendigkeit.“ 1„Beſteht ein Geſetz dagegen, daß ſie Brod und Fleiſch eſſen?“ 3 „Kein anderes Geſetz als dasjenige, welches verbietet, das zu gebrauchen, was eines Andern Eigenthum iſt.“ „Gutes Land!“(das iſt ein ſehr gewöhnlicher Ausruf in Ame⸗ 8* 116 rika bei den Weibern.)„Gutes Land! Warum arbeiten ſie nicht und thun Frucht ein, um doch ein wenig davon zu leben?“ „Einfach darum, weil ſie kein Land zum Bebauen haben. Das Land gehört auch Andern.“ „Ich dächte, ſie könnten es miethen, wenn ſie es nicht kaufen könnten. Es iſt ungefähr eben ſo gut Land zu miethen als zu kau⸗ fen— manche Leute halten es für noch beſſer. Warum bringen ſie nicht das Land unter die Pflugſchar, und leben davon?“ „Weil das Land ſelbſt nicht zu haben iſt. Bei uns gibt es Land im Ueberfluß; wir haben deſſen mehr als nöthig iſt, oder als auf Jahrhunderte hinein nöthig ſein wird z vielleicht wäre es beſſer für unſere Civiliſation, wir hätten deſſen weniger; aber in den Län⸗ dern, von welchen ich ſpreche, gibt es mehr Menſchen als Land.“ „Nun, um das Land iſt es etwas Gutes, das gebe ich zu, und es iſt recht, daß es einem Eigenthümer gehört; aber es gibt immerhin Leute, welche lieber die Squatter machen, als Land kau⸗ fen oder miethen. Das Squatterhandwerk iſt ihnen ſo ganz natürlich.“ „Sind viele Squatter in dieſer Gegend des Landes?“ Das Weib machte ein etwas verlegenes Geſicht, und ſie ant⸗ wortete mir nicht eher, als bis ſie ſich einige Zeit über das be⸗ ſonnen hatte, was ſie antworten ſollte.. „Manche Leute nennen uns Squatter, glaube ich,“ war die etwas zähe Antwort,„aber das gebe ich nicht zu. Wir haben das Anweſen gekauft von einem Manne, der keinen ſonderlichen Rechtstitel darauf hatte, das glaube ich gerne; aber da wir ſein Anweſen ehrlich gekauft haben, iſt Mr. Tinkum,“— das war der Name ihres Gatten—„der Meinung, wir beſitzen es unter gutem Rechtstitel, wie man zu ſagen pflegt. Was ſagt Ihr dazu, Major Littlepage?“ „Ich kann nur ſagen: aus Nichts kann Nichts werden; Nichts erzeugt auch Nichts. Wenn der Mann, von dem Ihr gekauft habt, nichts Eigenes beſaß, ſo konnte er auch Nichts verkaufen. — ——,——₰,— nicht Das ufen kau⸗ igen es als 117 Das Anweſen, das er ſein nannte, war nicht ſein, und indem Ihr es kauftet, kauftet Ihr, was ihm nicht gehörte.“ „Nun, es iſt keine große Sache, wenn er kein Recht hatte, da Tinkum nur einen alten Sattel, nicht zwei Dollars werth, und einen Theil von einem einzelnen Geſchirr, das ich einem Zauberer Trotz bieten wollte, für irgend ein Maulthier paſſend zu machen, für das ganze Recht gegeben hat. Eine Jahresrente von dieſem Hauſe iſt ſo viel werth als Alles miteinander, ja doppelt ſo viel, wenn man die Wahrheit geſtehen ſoll, und wir ſind jetzt ſieben Jahre darin. Meine vier Jüngſten ſind alle unter dieſem geſegne⸗ ten Dache geboren, ſo wie es nun iſt.“ „In dieſem Falle werdet Ihr nicht viel Grund haben, Euch zu beklagen, wenn der wirkliche Eigenthümer des Bodens erſcheint, um ihn in Anſpruch zu nehmen. Das Anweſen kam Euch wohlfeil und geht Euch ebenſo wieder weg.“ „Das iſt es gerade, obgleich ich behaupte, daß wir noch keine eigentlichen Squatter ſind, weil wir Etwas für das Anweſen be⸗ zahlt haben. Man ſagt, ein alter Nagel, in gebührender Form bezahlt, begründe eine Art Rechtstitel vor dem höchſten Gerichtshof des Staats. Gewiß, die Geſetze ſollten auf die Armen billige Rückſicht nehmen.“ „Nicht mehr als auf die Reichen. Die Geſetze ſollen gleich und gerecht ſein; und die Armen ſollten zuletzt verlangen, daß ſie anders ſein ſollten, da ſie ganz gewiß dabei verlieren müſſen, wenn ein anderer Grundſatz zur Herrſchaft gelangt. Glaubt es mir, meine gute Frau, Derjenige, der immer die Rechte der Armen predigt, iſt im Grunde ein Spitzbube, und hat nur die Abſicht, mit dieſem Geſchrei ſeinen eigenen Nutzen zu fördern; denn dem Armen kann Nichts frommen als ſtrenge Gerechtigkeit. Keine Klaſſe leidet ſo ſehr durch das Abweichen von der Regel, da die Reichen tauſend andere Mittel haben, ihre Zwecke zu erreichen, wenn ihnen 118 freie Bahn eröffnet iſt, dadurch, daß etwas Anderes als das Recht gilt und herrſcht.“ „Ich weiß nicht, es mag wohl ſo ſein; aber ich behaupte, daß wir keine Squatter ſind. Es find aber hier herum furchtbare Squatter, und auch auf Euren Ländereien, wie man ſagt.“ „Auf meinen Ländereien! Das thut mir leid zu hören, denn ich fühle mich verpflichtet, mich derſelben zu entledigen. Ich weiß recht gut, daß der große Ueberfluß von Land, den wir hier haben, ſein vergleichungsweiſe geringer Werth, und die Entfernung, in welcher die Eigenthümer meiſt von ihren Beſitzungen leben, zu⸗ ſammen die Leute gleichgültig gemacht haben gegen die Rechte Derer, welche wirkliches Eigenthum beſitzen; und ich bin gefaßt, die Dinge vielmehr ſo anzuſehen, wie ſie bei uns, als wie ſie in älteren Ländern ſind; aber Squatter werde ich keine dulden!“ „Nun, nach Allem, was ich höre, glaube ich, Ihr werdet den alten Andries, den Kettenträger, einen Squatter der erſten Klaſſe nennen. Man ſagt mir, der alte Knabe ſei von der Armee zurückgekommen ſo wild wie eine Pantherkatze, und man könne gar nicht mehr mit ihm reden wie in alten Zeiten.“ „So ſeid Ihr wohl eine alte Bekannte des Kettenträgers?“ „Das will ich glauben! Tinkum und ich haben uns in un⸗ ſerem Leben tüchtig in der Welt herumgetrieben; und der alte Andries iſt ein verzweifelter Burſche für die Wälder. Er vermaß einmal für uns, oder vielmehr maß er nur zur Hälfte ein anderes Anweſen; aber er zeigte ſich als ein ſchmählicher Spitzbube, ehe er nur zur Hälfte mit dem Geſchäft zu Ende kam; und ſeit der Zeit haben wir nicht mehr viel auf ihn gehalten.“ „Der Kettenträger ein Spitzbube! Andries Coejemans kein durch und durch ehrlicher Mann! Ihr ſeid die erſte Perſon, Mrs. Tinkum, die ich je habe bezweifeln hören, daß ſeine Ehrlichkeit nicht treu und gediegen ſei wie Gold!“ „Das alte Gold cirkulirt und curſirt nicht mehr, glaube ich, 119 ſeit der Revolutionszeit. Wir wiſſen Alle, auf welcher Seite Eure Familie während des Krieges ſtand; und ſomit iſt das keine Be⸗ leidigung für Euch. Ja, ſie hatten ein gehörig ſcharfes Auge auf Euch, als Ihr das Collegium verließet; denn Manche behaupteten, der alte Herman Mordaunt habe in ſeinem Teſtament verordnet, Ihr ſollet die Sache des Königs unterſtützen, und in dieſem Falle vermutheten die meiſten Pächter, würden ſie die Ländereien ganz überkommen. Es iſt gar etwas Angenehmes, Major, für einen Pächter, ſein Pachtgut zu haben, ohne Etwas dafür bezahlen zu müſſen, wie Ihr Euch leicht vorſtellen könnt! Einigen Leuten that es verzweifelt leid, als ſie hörten, daß die Littlepage's es mit den Kolonien hielten!“ „Ich will hoffen, es ſeien wenige ſolche Schurken auf dem Gute Ravensneſt, die ſo Etwas zu wünſchen fähig wären. Aber laßt mich eine nähere Erklärung Eurer Beſchuldigung gegen den Kettenträger hören. Ich bin nicht ſehr angefochten wegen meiner eigenen Rechte auf dem Patent, das ich mein nenne.“ Das Weib hatte die Frechheit oder die Offenheit, mir ſo zu ſagen in's Geſicht einen langen bedauernden Seufzer auszuſtoßen. Dieſer Seufzer ſprach ihr Bedauern darüber aus, daß ich in dem letzten Kriege nicht die Partei der Krone ergriffen; denn in dieſem Falle würden ſie und Mr. Tinkum ſich auf einem der Pachtgüter von Ravensneſt als Squatter niedergelaſſen haben. Nach dieſem Seufzer jedoch verſchmähte die Wirthin nicht, mir zu antworten. „Was den Kettenträger betrifft,“ ſagte ſie,„ſo iſt die ein⸗ fache Wahrheit dieß: Tinkum miethete ihn, eine Linie zu ziehen zwiſchen einem Anweſen, das wir gekauft hatten, und demjenigen, welches ein Nachbar von uns gekauft hatte. Das war lange vor dem Kriege, wo die Rechtstitel des Beſitzers ſeltener waren, als ſie jetzt ſind, denn manche von den Landeigenthümern wohnten jen⸗ ſeits des Waſſers. Nun, was meint Ihr, daß der alte Kerl that, Major? Er fragte zuerſt nach unſeren Kaufs⸗ und Beſitzurkunden, 120 und wir zeigten ſie ihm; ſo gute und geſetzmäßig ausgefertigte Papiere, als je gedruckt und von einem Squire ausgefüllt wurden. Dann machte er ſich an die Arbeit, er ganz allein, denn er hatter die ganze Vermeſſung übernommen, ſo zu ſagen, und eine präch⸗ tigere Linie ward nie gezogen, ſo weit, als er damit kam, das heißt etwa bis zur Hälfte. 30 glaubte, das würde zu einem ewigen Frieden führen zwiſchen uns und unſerem Nachbar, denn vorher war es drei ganze Jahre lang ein ewiger Krieg geweſen, manchmal mit Keulen, manchmal mit Aexten und einmal mit Senſen. Aber— wie? das habe ich nie erfahren,— nun, auf irgend eine Weiſe entdeckte der alte Andries, daß der Mann, welcher uns die Urkunde über den Ankauf ausſtellte, ſelbſt keine Eigenthumsurkunde und auf der Welt kein Recht auf das Land hatte,— ſo wenig als das ſäugende Schwein, daß Ihr da an der Thüre ſeht; worauf er die Sache ſtracks aufgab, und ſich weigerte, ſich der Vermeſ⸗ ſungsarbeiten nur noch das Mindeſte anzunehmen; ja, das that er! War das nicht querkopfig und eigenſinnig? Nein, auf den Ketten⸗ träger kann man ſich nicht verlaſſen!“ „Eigenſinnig für die Sache des Rechts, wie der treffliche alte Andries immer iſt! Ich liebe und ehre ihn deßhalb nur um ſo mehr!“ „La, la! Einen ſolchen Mann, wie den, lieben und ehren! Ha, ich hätte doch etwas Anderes erwartet von einem ſolchen Gentleman, wie Ihr! Ich hatte keine Idee davon, daß Major Littlepage einen alten, abgenutzten Kettenträger ehren könnte, und einen Mann dazu noch, der es zu Nichts in der Welt bringen konnte, da er doch Hände und Füße, Alles miteinander, hatte und auf einer der günſtigſten Sproſſen der Leiter ſtand! Ha, ich glaube, ſelbſt Tinkum wäre vorwärts gekommen, wenn er in ſo günſtigen Verhältniſſen wäre geboren worden!“ „Andries iſt Kapitän in meinem Regiment geweſen, es iſt wahr und war einmal mein übergeordneter Offizier; aber er diente 121 im Intereſſe ſeines Landes, nicht in ſeinem eigenen. Habt Ihr ihn in neuerer Zeit geſehen?“ „Ja wohl! Er kam vor etwa einem Jahr hier durch, mit ſeiner ganzen Geſellſchaft auf dem Wege nach Eurem Lande, um ſich dort als Squatter niederzulaſſen, oder ich müßte mich ſehr irren. Es waren der Kettenträger ſelbſt, zwei Gehilfen, Dus, und der junge Malbone.“ „Der junge— wie habt Ihr geſagt?“ fragte ich mit einem Intereſſe, welches das Weib veranlaßte, ihr lebhaftes, tiefliegendes aber ſcharfes Auge forſchend auf mich zu heften.— „Der junge Malbone, habe ich geſagt; der Bruder von Dus und der junge Burſche, welcher dem alten Andries all ſeine Arith⸗ methik beſorgt. Ich denke, Ihr wißt ſo gut als ich, daß der Ketten⸗ träger nicht mehr vom Rechnen verſteht, als eine wilde Gans, und nicht halb ſo viel, als eine Krähe. Was das betrifft, ich habe Krähen geſehen, die zur Zeit der Ausſaat ein Feld in halb ſo viel Minuten meſſen würden, als der Staatsvermeſſer Stunden dazu braucht.“ „Dieſer junge Malbone iſt alſo des Kettenträgers Neffe? Und er iſt es, der die Vermeſſung leitet?“ „Er beſorgt das Arithmetiſche dabei, und er iſt ein Bruder von des alten Andries Nichte. Ich kannte die Coejemans, wie ich noch ein Mädchen war, und ich kenne die Malbone's ſchon länger, als mir lieb iſt.“ „Habt Ihr Euch über die Familie zu beklagen, daß Ihr ſo von ihnen ſprecht?“ „Nur über ihren verzweifelten Stolz, der macht, daß ſie ſich für ſo viel beſſer halten, als Jedermann ſonſt; und doch ſagt man mir, Dus und Alle mit einander ſeien ebenſo arm als ich.“ „Vielleicht mißkennt Ihr ihre Geſinnungen, gute Frau; was mir um ſo wahrſcheinlicher iſt, als Ihr Euch einzubilden ſcheint, Geld ſei die Quelle ihres Stolzes, während Ihr doch zugleich be⸗ 122 hauptet, ſie haben keines. Geld iſt Etwas, worauf wenige Leute von gebildetem Geiſte ſtolz ſind. Die Geldſtolzen ſind beinahe immer die Gemeinen und Unwiſſenden.“ Ohne Zweifel war dieſe Moral weggeworfen an eine ſolche Zuhörerin; aber ich war gereizt, und im gereizten Zuſtand iſt Einer nicht immer beſonnen und klug. Ihre Antwort zeigte, welche Wir⸗ kung meine Moral hervorgebracht hatte. „Ich maße mir nicht an, zu wiſſen, wie es damit iſt; aber wenn es nicht Stolz iſt, was iſt es denn, wodurch Dus Malbone ſich ſo ſehr von meinen Töchtern unterſcheidet? Sie ließe ſich ſo wenig einfallen, zu ſein wie Eine von dieſen, auf den Loostheilen herumzufegen, ohne Sattel zu reiten und die Nachbarſchaft zu durch⸗ ſtreifen, als Ihr, mir mein Eſſen zu kochen— ja gewiß nicht!“ Die arme Mrs. Tinkum— oder wie ſie im Stande geweſen wäre ſich zu nennen, Miß Tinkum! Sie hatte eine der gewöhn⸗ lichſten Schwächen der menſchlichen Natur verrathen, indem ſie ſo des Kettenträgers Nichte des Stolzes beſchuldigte, weil dieſelbe anders lebte und ſich benahm als ſie und die Ihrigen. Wie viele Leute in dieſer unſerer guten Republik beurtheilen ihre Nebenmen⸗ ſchen genau nach demſelben Grundſatze, und betrachten Etwas als unziemlich, weil es ein ungünſtiges Licht auf ihre Art zu ſein zu werfen ſcheint! Aber ich hatte nachgerade einiges Intereſſe für den Namen Dus Malbone gefaßt, und ich empfand eine Neigung, den Gegenſtand weiter zu verfolgen. „Alſo,“ ſagte ich,„Miß Malbone reitet nicht ohne Sattel?“ „La, Major! was auf der Welt bringt Euch auf den Einfall, das Mädchen Miß Malbone zu nennen? Es lebt keine Miß Mal⸗ bone, ſeit ihre Mutter todt iſt!“ „Nun alſo Dus Malbone, meine ich; ſie dünkt ſich zu gut, auf dem bloßen Rücken des Pferdes zu reiten?“ „Ja wohl; ſelbſt ein Reikiſſen wäre kaum vornehm genug, während ihr Bruder ſich des Sattels bedient.“ 123 „Ihr Bruder!— Der junge Vermeſſer iſt Dus Bruder?“ „Ja, ſo halb und halb. Sie hatten Einen Vater, aber ver⸗ ſchiedene Mütter.“ „Das erklärt es; ich habe den Kettenträger nie von einem Neffen reden hören, und es ſcheint, der junge Mann iſt gar nicht mit ihm verwandt— er iſt der Halbbruder ſeiner Nichte.“ „Warum kann dieſe Nichte ſich nicht betragen wie andere junge Dirnen? Das frage ich. Meine Mädchen haben nicht ſo viel Stolz als gut wäre für ſte, wahrhaftig! Wenn Jemand einen Artikel ent⸗ lehnen möchte von drüben im Neſt, das ſieben Meilen entfernt iſt, und der ganze Weg führt durch die Wälder, ſo darf man es nur der Poll ſagen, und ſie ſpringt auf einen Ochſen, wenn gerade kein Pferd da iſt, und auf und davon, es zu holen, und denkt nicht an einen Sattel, und hat vielleicht nichts als ein Halfter, wie ein Hirſch. Ja, ich lobe mir Poll vor allen Mädchen, die ich kenne, was ſolche Sendungen betrifft!“ Nachgerade gewann der Ekel vor ſolcher Gemeinheit in mir die Oberhand über die Neugier; und da ich mit meinem Mittags⸗ mahl von gebratenem Schweinefleiſch fertig war, wollte ich das Geſpräch fallen laſſen. Ich hatte von Andries und ſeiner Geſell⸗ ſchaft genug erfahren, um meine Neugier zu befriedigen, und Jaap wartete geduldig, um mein Nachfolger am Tiſche zu werden. Ich warf den Betrag der Zeche auf den Tiſch, nahm eine Vogelflinte, mit welcher man damals immer reiste, bot der Mrs. Tinkum guten Tag, trug dem Schwarzen und dem Führer des Wagens auf, mir mit dem Geſpann zu folgen, ſobald ſie fertig wären, und machte mich zu Fuß auf den Weg nach meinem Beſitzthum. In ganz wenigen Minuten hatte ich das Tinkum'ſche Anweſen hinter mir und befand mich wieder ganz im Forſte. Es traf ſich, daß der Rechtstitel auf einen großen Strich Landes, der an Ravens⸗ neſt ſtieß, ſtreitig war, und nie war daſelbſt ernſtlich der Verſuch einer Anſiedlung gemacht worden. Eine Familie hatte ſich auf dieſem 124 Punkt als Squatter niedergelaſſen, um den Vortheil zu haben, Rum zu verkaufen an die zwiſchen dem inneren Lande und den jenſeitigen Wohnplätzen Hin⸗ und Herreiſenden; und der Ort hatte die Inſaßen über ein halb Dutzend Male gewechſelt, durch betrügliche oder we⸗ nigſtens nichtige Verkäufe von einem Squatter an den andern. Um das Haus herum, das jetzt ein zerfallendes Scheitergerüſte war, hatte die Zeit einigermaßen die Arbeit des Anſiedlers verrichtet, und unterſtützt von dem mächtigen Diener, aber furchtbaren Herrn, dem Feuer, der kleinen Lichtung einigermaßen den Anſtrich eines civiliſirten Anbau's verliehen. Sobald jedoch dieſe engen Gränzen überſchritten waren, gelangte der Reiſende in den jungfräulichen Urwald, ohne ein anderes Zeichen von menſchlicher Thätigkeit um ſich zu erblicken, als die ſchlecht angelegten und wenig bereisten Wege. Dieſe Straße verdankte menſchlicher Arbeit nicht viel, hin⸗ ſichtlich der Bequemlichkeit, die ſie dem Reiſenden darbot. Die Bäume darauf waren zwar weggehauen, aber ihre Wurzeln nicht ausge⸗ reutet worden, und die Zeit hatte mehr gethan, ſie zu zerſtören, als Beil und Axrt. Aber wirklich hatte die Zeit viel gethan, und die Ungleichheiten ebneten ſich allmählig unter den Hufen der Pferde und den Wagenrädern. Ein erträglicher Reitpfad war ſchon lang angelegt worden, und ich fand keine Schwierigkeit, ihn zu betreten, da er für Menſchen und Thiere ganz geeignet war. Der Urwald von Amerika iſt in der Regel kein Platz für den gewöhnlichen Waidmann. Die Vögel, die man jagdbare nennt, finden ſich in ihm nur ſelten, ein paar Arten ausgenommen; und es iſt eine bekannte Thatſache, daß, während der Gränzer mit einer Büchſen⸗ kugel ein Eichhorn oder einen wilden türkiſchen Hahn auf ſechzig oder achtzig Schritte faſt unfehlbar in den Kopf trifft, man doch in die älteren Theile des Landes gehen muß, und beſonders zu den Waidmännern der höhern Klaſſen, um Leute zu finden, welche die Schnepfe, die Wachtel, das Birkhuhn, den Regenpfeifer, im Fluge treffen. Ich galt für einen guten Schützen auf den Ebenen, Heiden ——— α—— = S gS Z5SS— um gen ßen ve⸗ Um dar, tet, rrn, nes azen chen um Sten hin⸗ ume ge⸗ ren, und erde ang ten, den den iſt ſen⸗ zig doch den die uge den 125 und Allmanden von der Inſel Manhattan und auf den Landhälſen von Weſt⸗Cheſter; aber hier, wo ich mich jetzt befand, ſah ich gar nichts, worauf ich ſchießen konnte,— umgeben von Bäumen, die ihr Alter nach Jahrhunderten zählten. Allerdings wäre es mir ein Leichtes geweſen, dann und wann eine blaue Elſter, eine Krähe, oder vielleicht auch einen Raben oder gar einen Adler zu ſchießen, wenn ich dazu geladen gehabt hätte; aber keine Feder von ſolchen Vögeln kam mir zu Geſicht, die nach gewöhnlichen Begriffen einer Jägertaſche wohl anſtehen. In Ermanglung von etwas Beſſerem nun, was hätte ich thun können,— wenn ein junger Mann von drei⸗oder vierundzwanzig Jahren ſich ſo ausdrücken durfte— begann ich über die Reize von Pris Bayard nachzuſinnen und über die Eigenthümlichkeiten von Dus Malbone. In dieſer Stimmung ſchritt ich weiter, raſch über die Waldgründe dahin wandernd, und ließ Miß Tinkum, die Lichtung mit ihren Meliorationen, und den Wagen weit hinter mir. Ich war eine Stunde allein zugewandert, als das Schweigen der Wälder plötzlich unterbrochen wurde durch die Worte eines Ge⸗ ſangs, der nicht von einem Weſen der gefiederten Gattung her⸗ rührte, obgleich die Nachtigall ſelbſt kaum hätte wetteifern können mit der Lieblichkeit der Töne, die einer weiblichen Stimme ange⸗ hörten. Die tiefſten Noten fielen mir auf als die vollſten, metall⸗ reichſten und klagendſten, die ich je gehört hatte, und ich dachte, es könne ihnen nichts gleichkommen, bis die Melodie der Sängerin auch Gelegenheit zu höheren Tönen gab, in welchen ihre Stimme ebenſo zu Hauſe ſchien. Ich glaubte die Melodie zu kennen, aber die Worte waren die einer mir unbekannten, gutturalen Sprache. Franzöſiſch und Holländiſch waren die zwei einzigen ausländiſchen Sprachen, in welchen man damals in unſerer Gegend der Wälder gelegentlich Muſik vortragen hörte, und ſelbſt die erſtere war kei⸗ neswegs etwas Gewöhnliches. Aber mit dieſen beiden Sprachen war ich einigermaßen bekannt, und ich überzeugte mich bald, daß 126 die Worte keiner von beiden angehörten. Endlich ging mir ein Licht darüber auch, daß das Lied Indianiſch war; nicht die Muſik, ſondern die Worte. Die Muſik war unzweifelhaft ſchottiſche, oder jene entſtellte italieniſche Muſik, welche im Verlauf der Zeit für ſchottiſche ausgegeben wurde: und einen Augenblick bildete ich mir ein, ein hochländiſches Mädchen in meiner Nähe ſinge eines der celtiſchen Lieder des Landes ihrer Kindheit. Aber bei ſchärferer Aufmerkſamkeit überzeugte ich mich, daß die Worte wirklich India⸗ niſch waren, vermuthlich der Mohawkſprache, oder einer andern, die ich oft hatte ſprechen hören, angehörig. Der Leſer iſt wohl neugierig, zu erfahren, woher dieſe Töne kamen, und warum ich das Weſen nicht ſah, von welchem ſolche entzückende Harmonie ausging. Dieß rührte daher, daß der Ge⸗ ſang aus einem Dickicht von jungen Fichten herkam, welche auf einer alten Lichtung in geringer Entfernung vom Wege wuchſen, und wo ich irgend eine Hütte vermuthete. Dieſe Fichten jedoch ver⸗ ſteckten vollkommen Alles, was hinter ihnen war. So lange der Geſang dauerte, blieb ich ſelbſt ſo unbeweglich ſtehen, wie nur irgend ein Baum des Waldes; als er aber endete, war ich im Begriff, auf das Dickicht los zu gehen und ſeine Geheimniſſe zu erſpähen, als ich ein Lachen vernahm, kaum minder melodiſch als die Töne der Muſik ſelbſt. Es war nicht ein gemeiner, ſchallender Ausbruch von mädchenhafter Luſtigkeit, auch war es nicht einmal laut, aber es war leichtherzig, fröhlich, von Laune zeugend,— falls man von einem bloßen Lachen dieß ſagen kann z und in gewiſſem Sinne war es anſteckend. Es machte mich wieder ſtillſtehen, um zu lauſchen; und ehe ich mich wieder veranlaßt fand, mich in Bewegung zu ſetzen, theilten ſich die Aeſte der Fichten, und ein Mann trat aus dem Dickicht auf den Weg. Ein einziger Blick genügte, mich zu überzeugen, daß der Unbekannte ein Indianer war. Ungeachtet ich wußte, daß ich mich ganz in der Nähe von Andern befand, war ich doch etwas betroffen über dieſe plötzliche 127 Erſcheinung. Anders verhielt es ſich mit ihm, der ſich näherte; er konnte nichts davon ahnen, daß ich in der Nähe ſei; aber dennoch verrieth er durchaus keine innere Bewegung, als ſein kalter, nicht aus der Faſſung zu bringender Blick auf meine Geſtalt fiel. Feſten Schrittes vorſchreitend trat er in die Mitte des Weges; und da ich mich unwillkürlich umgewandt hatte, um meines Weges weiter zu wandern, da ich nicht wußte, ob es gerathen ſei, allein hier in der Gegend zu verweilen, ſchloß ſich der rothe Mann mit ſeinem, mit dem Mokaſin bekleideten Fuß hart an mich an, und ich fand, daß wir ſo ſeltſamer Weiſe, in derſelben Richtung, Seite an Seite, Beide unſerem Ziele zu ſchritten. Der Indianer und ich ſchritten in dieſer Art, nur einen Schritt von einander, mitten in dieſem Wald zwei oder drei Minuten lang dahin, ohne zu ſprechen. Ich hütete mich, Etwas zu ſagen, weil ich gehört hatte, ein Indianer achte Diejenigen am meiſten, welche ihre Neugier am beſten zu beherrſchen wüßten; und wahrſcheinlich beherrſchte dieſe Denkweiſe auch meinen Begleiter. Endlich ſprach der rothe Mann in dem tiefen gutturalen Tone ſeines Volkes den gewöhnlichen, conventionellen Gruß des Gränzmannes aus: „Sa⸗a⸗go?“ Dieß Wort, welches einmal einer indianiſchen Sprache ange⸗ hört hatte, gilt überall bei den Weißen für Indianiſch, und wahr⸗ ſcheinlich bei den Indianern für Engliſch. Eine Reihe von ſolchen Ausdrücken iſt zwiſchen den beiden Raſſen erwachſen, mit Einſchluß ſolcher Worte wie„Mokaſin“,„Pappooſe“,„Tomahawk“,„Squaw“ und mancher andern.„Sa⸗a⸗go“ bedeutet:„Wie geht es Euch?“ „Sa⸗a⸗go?“ antwortete ich auf meines Begleiters höfliche Begrüßung. Darauf ſchritten wir wieder einige Minuten weiter, ohne daß der Eine oder der Andere ſprach. Ich benutzte die Gelegenheit, meinen rothen Bruder genau zu beſichtigen, eine Beſchäftigung, die um ſo leichter für mich war als er mich nicht ein einziges Mal 128 anſchaute; ſein erſter, einziger Blick genügte, ihm Alles zu ſagen, was er zu wiſſen begehrte. Zuerſt nun überzeugte ich mich bald, daß mein Begleiter nicht trank, ein ſeltener Vorzug bei einem rothen Mann, der in der Nähe der Weißen lebt. Das war zu ſchließen aus ſeinem Geſicht, ſeinem Gang und ſeinem ganzen Weſen, wie mir ſchien, neben dem Umſtand, daß er keine Flaſche noch ſonſtiges Gefäß zu trinkbaren Flüſſigkeiten an ſich hatte. Was mir am wenigſten gefiel, war der Umſtand, daß er vollſtändig bewaffnet war, Meſſer, Tomahawk und Büchſe bei ſich führte, und dieſe Inſtru⸗ mente alle in ihrer Art vortrefflich zu ſein ſchienen. Er war jedoch nicht bemalt und trug ein gewöhnliches Calikohemd, was damals die allgemein übliche Tracht ſeines Volkes in der warmen Jahres⸗ zeit war. Das Geſicht hatte den Ausdruck finſterer Strenge, den man ſo allgemein bei rothen Kriegern findet; und da dieſer Mann über die Fünfzig hinaus war, begannen ſeine Züge die gewöhnlichen Spuren ausgeſtandener Strapazen und geleiſteter Kriegsdienſte zu zeigen. Doch war er ein kräftiger, achtbar ausſehender, rother Mann, der allem Anſchein nach gewohnt war, viel unter civiliſirten Menſchen zu leben. Natürlich machte es mir keine ernſtliche Un⸗ ruhe, daß ich auf einen ſolchen Mann geſtoßen war, obgleich wir uns ſo tief im Walde befanden, aber als Soldat konnte ich nicht umhin, zu bedenken, in welchem Nachtheil ich mich nothwendig mit meiner Vogelflinte gegen ſeine Büchſe befinden müßte, falls es ihm einfiele, ſich ſeitab zu wenden und hinter einem Baume hervor auf mich zu ſchießen, um mich damit auszuplündern. Die Tradition berich⸗ tete, daß ſchon ſolche Dinge vorgekommen waren; obgleich im Gan⸗ zen vielleicht der rothe Mann in Amerika ſich als den Ehrlichern und Redlichern bewieſen hat in Vergleichung mit denen, welche ihn überliſtet und unterdrückt haben. „Was machen alte Häuptling?“ fragte der Indianer plötzlich, ohne auch nur die Augen vom Weg aufzuſchlagen. „Der alte Häuptling! Meint Ihr Washington, mein Freund?“ 129 „Nicht ſo. Meinen den alten Häuptling, draußen dort, im Neſt. Meine den Vater.“ „Mein Vater! Kennt Ihr den General Littlepage?“ „Gewiß, ihn kennen. Euer Vater— ſehen“— und er hob ſeine beiden Zeigefinger in die Höhe,—„ganz ähnlich— das er, das Ihr!“ „Das iſt doch ſehr ſonderbar! Und wußtet Ihr, daß ich hie⸗ her kommen würde?“. „Das auch gehört. Immer ſprechen von Häuptling.“ „Iſt es lang her, daß Ihr meinen Vater geſehen?“ „Ihn geſehen zur Kriegszeit— nie gehört vom alten Sureflint?*)“ Ich hatte die Offiziere unſeres Regiments von einem ſolchen Indianer ſprechen hören, welcher bei dem Corps viel gedient hatte und äußerſt nützlich geweſen war, beſonders bei den zwei großen Feldzügen im Norden. Er war nie mehr beim Regiment, ſeit ich dabei ſtand, obgleich ſein Name und ſeine Dienſte mit den Aben⸗ teuern der Jahre 1776 und 77 eng verflochten waren. „Gewiß!“ antwortete ich, und ſchüttelte dem rothen Manne herzlich die Hand.„Gewiß habe ich von Euch gehört, und Dinge die ſich auf Zeiten vor dem Kriege beziehen. Seid Ihr nie vor dem Kriege mit meinem Vater zuſammengetroffen?“ „O gewiß! ihn getroffen in alt Krieg. General damals jung Mann— gerade wie Sohn jetzt.“ 1 „Unter welchem Namen waret Ihr damals bekannt, Oneida?“ „Kein Oneida— Onondago— nüchterner Stamm. Haben Namen genug. Bald einen, bald andern. Bleichgeſicht mich nen⸗ nen Trackleß, weil er nicht kann Spur finden, Krieger ihn nennen Susqueſus.“ *) Sichere Flinte, eigentlich: Sicherer Feuerſtein. Der Kettenträger. 9 130 Achtes Kapitel. Ulm' und Platane frei erheben Ob meinem Pfad den Rieſenaſt, Grau, alt, gebeugt faſt von der Reben Nicht minder grau⸗ und alter Laſt; Frei ſchweifen klare Ströme, finden In friſchem Grün die Trift ſich blähn; Nrei opfern Blumen Duft den Winden, Wo Senſen nie die Halme mähn. Bryant. Ich hatte von meines Vaters frühern Abenteuern genug ge⸗ hört, um zu wiſſen, daß der im letzten Kapitel erwähnte Mann dabei eine ausgezeichnete Rolle geſpielt, und ich erinnerte mich, daß derſelbe ſich des vollſten Vertrauens meines Vaters erfreut hatte. Neu jedoch war mir, daß Sureflint und Trackleß eine und dieſelbe Perſon waren; obwohl ich, als ich mich recht über die Vergangenheit beſann, eine dämmernde Erinnerung hatte, Etwas der Art auch früher ſchon gehört zu haben. Jedenfalls hatte ich jetzt einen Freund an meiner Seite, und erachtete es nicht mehr für nöthig, auf meiner Hut zu ſein. Das war in jeder Hinſicht eine große Erleichterung, da man doch nicht gern mit einem Frem⸗ den reist, in deſſen Nähe man, wenn auch noch ſo leiſe, den Ge⸗ danken und die Empfindung hat, es könne demſelben einfallen, einem eine Kugel durch den Kopf zu jagen, ſobald man etwa ein⸗ mal ſich unbehutſam umwende. Susqueſus näherte ſich den Jahren der Abnahme. Wäre er ein Weißer geweſen, ſo könnte ich ſagen, er ſtand im grünen Alter, aber der Ausdruck rothes Alter würde weit beſſer für ihn paſſen. Seine Züge waren noch ausnehmend fein, während die Wangen, ohne ſehr voll zu ſein, jenes Ausſehen von abgehärteter —————, ——— und e⸗ nun ch, ut die 131 Feſtigkeit hatten, welches Fleiſch und Muskeln durch Anſtrengungen und Einflüſſe der rauhen Witterung bekommen. Seine Geſtalt war ſo aufrecht, wie in ſeinen beſten Tagen, denn der Körper eines rothen Mannes unterliegt in dieſer Beziehung ſelten dem Druck einer andern Macht als des allerhöchſten Alters und des Rums. Susqueſus ließ den Feind nie in ſeinen Mund ein, und demzufolge war die Citadelle ſeines phyſiſchen Menſchen gegen jeden Angriff ſicher, außer dem der Zeit. Die Zehen einwärts gekehrt und in den Knien ſich biegend, wenn er ging, glitt der alte Krieger und Läufer noch mit leichter Bewegung über den Boden hin; und als ich Gelegenheit hatte, ihn in raſcherem Laufe zu ſehen, was bald nachher der Fall war, bemerkte ich wohl, daß ſeine Sehnen zur höchſten Kraft geſpannt ſchienen und jede ſeiner Bewegungen ganz frei war. Eine Zeit lang plauderten der Indianer und ich von dem letzten Kriege und von den Scenen, bei welchen Jeder von uns eine thätige Rolle geſpielt hatte. Wenn meine Beſcheidenheit ſo augenfällig war, wie die von Sureflint, ſo hatte ich keinen Grund, mit mir unzufrieden zu ſein z denn die Art, wie er Ereigniſſe er⸗ wähnte, bei welchen er, wie ich wußte, ſich hervorgethan hatte, war einfach und ganz frei von jener Prahlerei, welcher der rothe Mann ſich gern überläßt— am meiſten dann, wenn er ſeine Feinde herausfordern und reizen will. Endlich änderte ich den Gegenſtand des Geſprächs, indem ich plötzlich ſagte: „Ihr waret nicht allein, Susqueſus, in jenem Fichtendickicht, — in dem Dickicht, meine ich, aus welchem Ihr herauskamet, als Ihr Euch zu mir geſelltet?“ „Nein— gewiß. War nicht allein. Leute genug dort.“ , fiindet ſich in dieſem Gebüſch ein Lagerplatz Eures Stam⸗ mes? Ein Schatten flog über das dunkle Geſicht meines Begleiters, und ich ſah, daß ich eine Frage gethan hatte, die ihm wehe that. 9* 132 Er ſchwieg eine kleine Weile, ehe er antwortete, und dann that er es in einem, wie mir ſchien, traurigen Tone. „Susqueſus nicht mehr haben Stamm. Verlaſſen Onondago jetzt dreißig Sommer; mag nicht leiden Mohawk.“ „Ich erinnere mich, etwas der Art von meinem Vater ge⸗ hört zu haben, der mir zugleich erzählte, die Urſache, warum Ihr Euren Stamm verlaſſen, gereiche Euch zum Lobe. Aber Ihr hattet Muſik in dem Dickicht?“ „Ja; Mädchen ſingen— Mädchen lieben Geſang; Krieger zuhören gerne., „Und der Geſang?— In welcher Sprache waren die Worte?“. „Onondago,“ antwortete der Indianer mit leiſer Stimme. „Ich hatte keine Idee, daß die Muſik der rothen Leute ſo ſüß ſei. Seit langer Zeit habe ich keinen Geſang mehr gehört, der mir ſo an's Herz drang, obgleich ich die Worte nicht verſtehen konnte.“ „Vogel, zierlicher Vogel— ſingen wie Zaunkönig.“ „Und habt Ihr viel ſolche Muſik in Eurer Familie, Susque⸗ ſus? Wenn das iſt, werde ich oft kommen, um zuzuhören.“ „Warum nicht kommen? Pfad nicht haben Zäune vom Hecken; Pfad auch kurz. Mädchen ſingen, wenn Ihr wollt.“ „Dann werde ich gewiß bald einmal Euer Gaſt ſein. Wo wohnt Ihr der Zeit? Seid Ihr dermalen Trackleß oder Sure⸗ flint? Ich ſehe, Ihr ſeid bewaffnet, aber nicht bemalt.“ „Streitart begraben ſehr tief jetzt. Sie nicht ausgraben in vielen Jahren. Mohawk machen Frieden; Oneida machen Frieden; Onondago machen Frieden; Alle begraben Streitaxt.“ „Nun, um ſo beſſer für uns Landbeſitzer. Ich bin gekommen, um meine Ländereien zu verkaufen und zu verleihen; vielleicht könnt Ihr mir ſagen, ob dieſen Sommer viele junge Männer ſich aufgemacht haben, Ländereien zu erjagen?“ 133 „Der Wald voll. So viele als Tauben. Wie Ihr verkaufen Land?“ „Das hängt davon ab, wo es iſt und von welcher Güte. Wünſcht Ihr zu kaufen, Trackleß?“ „Indianer beſitzen jetzt Land ſo viel er braucht. Ich machen Wigwam, wo es mir gefällt, ihn auch machen, wann mir gefällt.“ „Ich weiß recht gut, daß Ihr Indianer dieß Recht anſprecht; und ſo lange das Land in ſeinem gegenwärtigen wilden Zuſtand bleibt, wird Niemand im Stande ſein, es Euch ſtreitig zu machen. Aber Ihr könnt nicht pflanzen und einheimſen, wie die Meiſten Eures Volkes in ihrem eigenen Lande thun.“ „Haben keine Squaw— haben keine Pappooſe— wenig Korn genug für Susqueſus. Haben nicht Stamm,— nicht Squaw— nicht Pappooſe.“ „Ihr habt Freunde, Susqueſus,“ antwortete ich,„wenn Ihr auch nicht Weib und Kinder habt.“ „Vater guter Freund; hoffen ſein Sohn auch Freund. Groß⸗ vater großer Freund, ehemals; aber der gegangen weit weg und nicht wieder kommen. Kenne Mutter, kenne Vater— Alle gut.“ „Nehmt welches und ſo viel Land Ihr wollt, Trackleß— bauet es an, verkauft es— thut damit, was Ihr wollt.“ Der Indianer ſchaute mich ſcharf an, und ich bemerkte, daß ein leiſes Lächeln des Wohlgefallens über ſein wettergebräuntes Geſicht flog. Er war jedoch nicht leicht dahin zu bringen, daß er ſeiner gewohnten Gleichmüthigkeit und der Beherrſchung aller ſeiner Gemüthsbewegungen vergaß; und dieſer ſein Geſicht er⸗ leuchtende Strahl verſchwand wieder wie ein Sonnenſtrahl mitten im Winter. Der ernſteſte, ſtrengſte Weiße hätte doch vielleicht meine Hand gefaßt und durch irgend ein Zeichen ſeine Dankbar⸗ keit verrathen; aber nachdem die leiſe Spur von innerer Bewe⸗ gung, deren ich erwähnt habe, verſchwunden war, blieb in dem dunkeln Geſichte meines Begleiters nichts zurück, was im Minde⸗ 134 ſten darnach ausſah, als gäbe er irgend einem weicheren Gefühle Raum. Doch war er zu höflich, und hatte zu viel vom ange⸗ borenen Weſen eines Gentleman, als daß er nicht hätte Etwas erwiedern ſollen auf ein Anerbieten, das ſo ſichtlich und freiwillig von Herzen kam. „Gut!“ ſagte er nach einer langen Pauſe.„Sehr gut, das; gut, von jungem Krieger an alten Krieger angeboten. Danken Euch— Vögel genug; Fiſche genug; Botſchaft genug jetzt und nicht brauchen Land. Zeit kommen vielleicht— glaube Zeit muß kommen— kommen für alle rothen Männer hier herum; ſo glau⸗ ben, Zeit muß kommen.“ „Was für eine Zeit meint Ihr, Trackleß? Laßt ſie kommen, wenn ſie mag. Ihr habt einen Freund an mir. Welche Zeit meint Ihr, mein tapferer alter Sureflint?“ Der Trackleß blieb ſtehen, ließ den Kolben ſeiner Büchſe auf den Boden gleiten und ſtand eine Minute unbeweglich da, ragend wie eine ſchöne Statue. „Ja, Zeit kommen, ſo glaube ich,“ fuhr er fort.„Einmal alter Krieger leben in Wigwam und erzählen jungem Krieger von Skalp, und Berathungsfeuer, und Jagd, und Kriegspfad; jetzt Beſen und Körbe machen.“ Dieß war nicht leicht zu mißverſtehen; und ich erinnere mich nicht, je ein ſo lebhaftes Intereſſe auf eine ſo kurze Bekanntſchaft hin empfunden zu haben, als ich für dieſen Onondago zu fühlen begann. Priscilla Bayard ſelbſt, ſo liebreizend, gewinnend, an⸗ muthig und weiblich, hatte kein ſo ſtarkes und lebhaftes Intereſſe in mir erregt, als dasjenige, welches in mir für den alten Sure⸗ flint erwachte. Aber ich begriff vollkommen, daß ſich dieß in Hand⸗ lungen und nicht in Worten bethätigen mußte. Für den Augen⸗ blick begnügte ich mich, nach dem Brauche der Bleichgeſichter, die ſehnige Hand des Kriegers zu faſſen und zu drücken, und wir wanderten neben einander weiter, ohne des Gegenſtandes weiter — 1—— 135 zu erwähnen, der, die Wahrheit zu geſtehen, für mich ebenſo peinlich war wie für meinen Begleiter. „Ich habe Euren Namen nennen hören, als einen von denen, welche mit meinem Vater als einem jungen Manne, auf dem Neſt waren, Susqueſus,“ fing ich wieder an,„damals als die Canada⸗ Indianer den Verſuch machten, das Haus zu verbrennen.“ „Gut!— Susqgueſus dort— junger holländiſcher Häupt⸗ ling getödtet damals.“ „Ganz richtig— ſein Name war Guert Ten Eyck; und mein Vater und meine Mutter, und Euer alter Freund, Obriſt Follock, der nachmals Major in unſerem Regiment war, wie Ihr Euch noch erinnern werdet, halten bis auf dieſen Tag ſein Gedächtniß in Ehren als das eines ſehr theuren Freundes.“ „Das Alle, die lieben ſein Gedächtniß, jetzt noch?“ fragte der Indianer, indem er einen ſeiner forſchendſten, lebhafteſten Blicke auf mich richtete. Ich verſtand die Anſpielung, welche auf Muhme Mary zielte, von der ich hatte reden hören als der Verlobten oder doch wenig⸗ ſtens der Geliebten des jungen Albaniers. „Nicht Alle; es iſt auch noch eine Lady, welche ſeinen Verluſt betrauert, als wäre ſie ſeine Wittwe.“ „Gut— aber Squaw trauern nicht ſehr lange Zeit. Manch⸗ mal, nicht immer.“ „Seid ſo gut, Sureflint, und ſagt mir, wißt Ihr vielleicht etwas von einem Mannne, genannt der Kettenträger? Er war auch beim Regiment und Ihr müßt Ihn während des Krieges ge⸗ ſehen haben.“ 1 „Gewiß!— kennen Kettenträger— ihn gekannt auf Kriegs⸗ pfad— ihn gekannt, wie Streitaxt begraben worden. Ketten⸗ träger gekannt vor altem franzöſiſchem Krieg. Gelebt in den Wäldern mit ihm— er Einer von uns. Kettenträger mein Freund!“ 136 „Es freut mich, das zu hören, denn er iſt auch der meinige, und es wird mich freuen, wenn ich als der Freund von Beiden in den Bund aufgenommen werde.“ „Gut,— Susqueſus und junger Landbeſitzer Freunde von Kettenträger— gut!“ „Es iſt gut, und ein Bund, der nicht ſo leicht von mir ver⸗ geſſen werden ſoll. Der Kettenträger iſt ſo ehrlich wie das Sonnen⸗ licht, und ſo zuverläſſig, wie ſein Kompaß ſelbſt, Sureflint,— ſo wahrhaft und treu wie Ihr.“ „Fürchten, er auch in kurzer Zeit Beſen machen,“ ſagte der Indianer, und das Bedauern, das er ohne allen Zweifel fühlte, drückte ſich ſehr ſprechend in ſeinen Zügen aus. Der arme alte Andries! Ohne die warmen und treuen Freunde die er an meinem Vater, Obriſt Dirck und mir hatte, war wirklich einige Gefahr, es möchte dahin kommen. Daß er ſeinem Vater⸗ land in einer Revolution gedient hatte, konnte ihm wenig nützen, da dieß Land zu arm war, um für ſeine alten Diener zu ſorgen, und vielleicht nicht dazu geneigt, hätte es auch die Mittel dazu beſeſſen*). Ich ſage dieß ohne die Abſicht, weder auf das Volk noch auf die Regierung ein ſchlimmes Licht zu werfen; denn es iſt nicht leicht, den Menſchen der Gegenwart den ſchweren Druck „) Dieß muß als einer der Hiebe gelten, welchen die Republik ausgeſetzt iſt, theils weil ſie ſie verdient, theils weil ſie eine Republik iſt. Man hört gar viel von dieſer Undankbarkeit der Republiken, aber Wenige nehmen ſich die Mühe, die Wahrheit der Anklage, oder, wenn ſie wahr iſt, ihren Grund zu unterſuchen. Ich halte die Anklage theilweiſe für wahr, und zwar aus dem nahe liegenden Grund, weil eine auf dem Volkswillen ruhende Regierung nothwendigerweiſe in ſolchen Dingen den Eingebungen und Stimmungen des Augenblicks folgt, und keine Noth⸗ wendigkeit ſieht, gerecht zu ſein, um ihre Dauer zu ſichern. Sodann iſt eine Demo⸗ kratie immer dem Einfluß des heuchleriſchen Geredes von Sparſamkeit preisgege⸗ ben,— das zweitgrößte Uebel nach dem: der Verſchwendung und Habgier Derer preisgegeben ſein, welche nehmen, weil ſie die Gewalt haben. Was jedoch die Sol⸗ daten der Revolution betrifft, ſo hat Amerika, mehr in Folge von Gefühlsaufwal⸗ lungen, als in Kraft des ruhigen, überlegten Beſtrebens gerecht zu ſein, ſeit der Zeit Mr. Mordaunt Littlepage's mit ſolcher Freigebigkeit für Penſionen für dieſelben geſorgt, daß es nicht nur alle ſeine Freunde, ſondern auch eine gute Anzahl ſeiner Feinde bedachte. Der Herausgeber. 137 des Geldmangels begreiflich und anſchaulich zu machen, der noch ein paar Jahre nach dem Frieden auf dem Land laſtete. Es er⸗ holte ſich, wie das Kind ſich von einer Krankheit erholt, durch die Stärke ſeiner Natur und mittelſt ſeiner geſunden Lebenskraft; und eines der Mittel, durch welche es ſich erholte und genas, war, daß es ſich zum Anbau des Bodens wandte und die Sichel ſtatt des Schwertes ſchwang. Doch ich fahre in der Erzählung des Geſpräches fort. „Der Kettenträger iſt ein ehrlicher Mann,“ antwortete ich, „und wie nur zu Viele ſeiner Klaſſe arm; aber er hat Freunde, und weder er noch Ihr, Sureflint, ſollt je euch in die Nothwen⸗ digkeit verſetzt ſehen, ſolche Weiberarbeit zu verrichten, wenn Ihr es nicht ſelbſt wollt, ſo lange ich ein Haus oder ein Pachtgut zu Ravensneſt unbeſetzt habe.“ Wieder gab der Indianer ſeine Anerkennung meiner Freund⸗ ſchaft für ihn zu erkennen, durch jenes flüchtige ſich Erheitern ſeines dunkeln Geſichts; aber wieder ſchwanden auch alle Spuren innerer Bewegung allmählig dahin. „Wie lange Ihr ihn nicht geſehen?“ fragte er mich plötzlich. „Ihn geſehen— den Kettenträger, meint Ihr? Ich habe ihn jetzt über ein Jahr nicht geſehen, nicht mehr ſeit wir uns trennten bei Auflöſung des Regiments.“ „Nicht meinen den Kettenträger— meinen das,“ und er deutete vor ſich hin,„Haus, Baum, Pachthof, Land, Neſt.“ „Oh, wie lang es ſei, daß ich das Patent nicht geſehen? Ich habe es noch nie geſehen, Sureflint;— dieß iſt mein erſter Beſuch.“ „Das ſeltſam! Wie Ihr beſitzen Land, wenn es nie geſehen?“ „Bei den Bleichgeſichtern haben wir ſolche Geſetze, daß Eigen⸗ thum von den Eltern auf die Kinder übergeht; und ich habe mein Beſitzthum in dieſer Gegend von meinem Großvater, Herman Mor⸗ daunt geerbt.“ 138 „Was das bedeuten: erben? Wie einem Mann gehören Land, wenn er nicht es in Beſitz hat?“ „Wir beſitzen es, wenn nicht, indem wir perſönlich und leib⸗ lich auf der Stelle bleiben, in Kraft unſerer Geſetze und Rechte. Wir Bleichgeſichter regeln alle dieſe Sachen auf dem Papier.“ „Euch ſcheinen das gut? Warum nicht laſſen einen Mann nehmen Land, wo er es braucht, wenn er es braucht? Land die Fülle. Haben mehr Land als Volk. Genug für Jedermann.“ „Eben dieſer Umſtand macht unſere Geſetze gerecht; wäre nicht Land genug da fuͤr Jedermann, ſo könnten dieſe Beſchränkungen und Eintheilungen möglicherweiſe ungerecht ſcheinen und auch wohl es ſein. Nun aber kann Jeder ein Gut haben, wer einen mäßigen Preis dafür bezahlen mag. Der Staat verkauft und Landeigen⸗ thümer verkaufen; und wer nicht vom Einen kaufen will, kann es vom Andern.“ „Das wahr genug ſein; aber nicht einſehen Nothwendigkeit von dem Papier. Wenn Einer will bleiben auf einem Land, laßt ihn bleiben; wenn er will gehen wohin, laßt einen andern Mann kommen. Was nützen, für Anweſen und Beſſerungen zahlen?“ „Um Anweſen und Beſſerungen zu haben. Wir nennen das die Rechte des Eigenthums, ohne welche kein Menſch nach mehr ſtreben würde, als ſich zu kleiden und zu nähren. Wer würde jagen, wenn Jeder, der des Weges käme, das Recht hätte, das von ihm erlegte Wild aufzugreifen und ihm die Haut abzuziehen?“ „Sehe das, ganz gut— nicht angehen, nein, nicht angehen. Sehe aber nicht, warum mit Land es ſein wie mit Haut; Haut wird mitgenommen von Krieger und Jäger, und Land bleibt, wo es iſt“ „Das iſt deßwegen, weil der Reichthum von euch rothen Män⸗ nern ſich auf bewegliches Beſitzthum und auf eure Wigwams be⸗ ſchränkt, ſo lang ihr darin zu wohnen Luſt habt. Inſoweit achtet ihr die Rechte des Eigenthums ſo gut als die Bleichgeſichter; aber 139 ihr müßt einen großen Unterſchied ſehen zwiſchen eurem Volk und dem meinigen,— zwiſchen dem rothen und dem weißen Mann?“ „Ganz gewiß, verſchieden ſein; der Eine ſtark, der Andere ſchwach— der Eine reich, der Andere arm— der Eine groß, der Andere klein— der Eine wegtreiben, der Andere gehen müſſen— der Eine Alles haben, der Andere Nichts behalten— der Eine marſchiren in großen Armeen, der Andere in indianiſchen Reihen, fünfzig Krieger vielleicht,— das der Grund, ſo denke ich.“ „Und warum können die Bleichgeſichter in großen Heeren mar⸗ ſchiren, mit Kanonen und Pferden und Bajonetten, und warum thut der rothe Mann nicht daſſelbe?“ „Weil er das Alles nicht bekommen— nicht bekommen Krieger — nicht bekommen Gewehre— nicht bekommen Bajonett— Nichts bekommen er.“ „Ihr gebt die Wirkung an ſtatt der Urſache, Sureflint, oder die Folgen des Grundes ſtatt des Grundes ſelbſt. Ich hoffe, ich mache mich Euch verſtändlich. Hört mich an, ich will es Euch er⸗ klären. Ihr habt viel mit den weißen Männern gelebt, Susqueſus, und könnt deßhalb wohl glauben, was ich ſage. Es gibt Gute und gibt Schlimme unter allen Völkern. Die Farbe macht in dieſer Hinſicht keinen Unterſchied. Dennoch ſind nicht alle Völker gleich. Der weiße Mann iſt ſtärker als der rothe Mann, und hat dieſem ſein Land genommen, weil er mehr weiß und verſteht.“ „Er auch am meiſten. Zählt Armee, dann zählt Kriegsfähr⸗ ten.— Ihr ſehen!“ „Es iſt wahr, die Bleichgeſichter ſind jetzt die zahlreicheren; aber vor Zeiten waren ſie es nicht. Erzählen nicht Eure über⸗ lieferten Sagen, wie wenige die Yengeeſe waren, als ſie zuerſt über den Salzſee kamen?“ „Gekommen in großen Canoe's— zwei, drei voll, nicht mehr.“ „Nun, und wodurch wurden zwei oder drei Schiffe voll weißer Männer ſo ſtark, daß ſie alle rothen Krieger von der See zurück⸗ 140 trieben und Meiſter des Landes wurden? Könnt Ihr mir hievon einen Grund angeben?“ „Weil ſie mit ſich bringen Feuerwaſſer, und rother Mann ein ſo großer Thor, es zu trinken.“ „Eben dieß Feuerwaſſer, welches ohne Zweifel ein grauſames Gift für die Indianer geworden, iſt eine der Früchte der Kennt⸗ niſſe der Weißen. Nein, Susqueſus, die Rothhaut iſt ſo tapfer als das Bleichgeſicht; eben ſo bereit, ſeine Rechte zu vertheidigen, und ebenſo tüchtig und gewandt; aber er weiß und verſteht nicht ſo viel. Er hatte kein Schießpulver, bis der weiße Mann es ihm gab— keine Büchſe— keine Hacke, kein Meſſer, keinen Tomahawk, als die er ſich aus Steinen machte. Alle die Kenntniſſe nun und das Wiſſen und alle die Künſte des Lebens, deren der Weiße ſich erfreut und die er zu ſeinem Nutzen wendet, entſpringen aus den Rechten des Eigenthums. Kein Menſch würde einen Wigwam bauen, um Büchſen darin zu machen, wenn er dächte, er könne ihn nicht behalten, ſo lange er Luſt habe, ihn verkaufen, wenn es ihm gefalle, und ihn ſeinem Sohne hinterlaſſen, wenn er in das— Land der Geiſter hinübergehe. Dadurch, daß in dieſer Weiſe die Liebe des Menſchen zu ſich ſelbſt Aufmunterung erhielt, brachte er es dahin, ſo Vieles zu leiſten. So überliefert auch der Vater dem Sohne, was er gelernt hat, nicht minder, als was er gebaut oder gekauft hat; und ſo werden mit der Zeit die Nationen mächtig, im Verhältniß als ſie civilifirt werden, wie wir es nennen. Ohne dieſe Eigenthumsrechte könnte kein Volk civiliſirt ſein; denn kein Volk würde ſeine Kräfte auf’s Aeußerſte anſtrengen, wenn nicht jedem Manne geſtattet wäre, Herr und Meiſter zu ſein und zu bleiben von dem, was er ſich zu erwerben vermag; jederzeit, ver⸗ ſteht ſich, unterworfen den großen und allgemeinen Geſetzen, welche nöthig ſind, um ſolche Dinge zu regeln. Ich hoffe, Ihr verſteht meine Meinung, Trackleß?“ „Gewiß— nicht wie Trackleß' Moccaſin— meines jungen 141 Freundes Zunge Spuren hinterlaſſen. Aber, Ihr meinen, große Geiſt ſagen, wer ſoll haben Land, wer nicht?“ „Der große Geiſt hat den Menſchen geſchaffen wie er iſt, und die Erde wie ſie iſt; und er hat gewollt, daß Jener der Herr von dieſer ſei. Wenn es nicht ſein Wille wäre, daß der Menſch thue, was er gethan hat, ſo wäre es nicht geſchehen. Verſchiedene Ge⸗ ſetze und verſchiedene Denkweiſen mußten dann auch zu verſchiede⸗ nen Erfolgen führen. Wenn das Geſetz in Beziehung auf die Rechte alle Menſchen gleichſtellt, ſo leiſtet es, was von ihm er⸗ wartet werden kann. Dieſe Gleichſtellung nun beſteht nicht darin, daß man zu wiederkehrenden Zeiten Alles in Stücke reiße, ſondern in der Achtung gewiſſer großer Grundſätze, die an ſich gerecht ſind, aber denen man, wenn ſie einmal aufgeſtellt und in Bewegung geſetzt ſind, ihren Gang und Lauf laſſen muß. Wenn die Rechte des Eigenthums zuerſt aufgeſtellt werden, müſſen ſie billig und ehr⸗ lich feſtgeſtellt werden, nach einer allgemein anerkannten Regel; ſo⸗ dann aber müſſen ſie unverletzlich bleiben— das heißt: heilig ſein.“ „Verſtehen— nicht umſonſt auf einer Lichtung leben. Das die Meinung; keinen Kopf haben ohne Hof und Gut zu haben.“ „Das iſt im Weſentlichen der Sinn, Sureflint; obgleich ich es ein wenig anders würde ausgedrückt haben. Ich will das ſagen: die Bleichgeſichter würden ſein wie die rothen Männer ohne Ge⸗ ſittung; und ſie würden keine Geſittung haben, ohne das Recht auf ihren Grund und Boden. Niemand wird für einen Andern ſo arbeiten, wie für ſich ſelbſt. Wir ſehen das am einfachſten jeden Tag, wenn wir beobachten, daß der Wunſch, guten Lohn zu be⸗ kommen, den gemeinen Arbeiter nicht dazu bringt, tagweiſe ſo viel zu arbeiten, als er im Akkord auf eigene Rechnung arbeitet.“ „Das wahr!“ verſetzte der Indianer lächelnd; denn er lachte ſelten, und er wiederholte eine im Lande übliche Redeweiſe!„Tag⸗ weiſe, tagweiſe, langſam, akkordweiſe, ſchnell, ſchnell, ſchnell. Das Religion des Bleichgeſichts, junger Häuptling!“ 142 „Ich wüßte nicht, daß unſere Religion viel damit zu ſchaffen hätte; aber ich will geſtehen, daß ſo unſere Art und unſer Brauch iſt. Ich bilde mir ein, daß es ebenſo iſt bei allen Raſſen und Farben. Es muß Einer für ſich ſelbſt arbeiten, wenn er ſein Aeußerſtes thun ſoll; und er kann nicht für ſich ſelbſt arbeiten, wenn er nicht die Früchte ſeiner Arbeit genießen darf. Deßwegen muß er ein Recht auf Landeigenthum haben, ſei es nun gekauft oder gemiethet, wenn er dieß Land ſo bebauen ſoll, daß es Alles hervorbringt, was es nach der Abſicht der Natur hervorbringen ſoll. Auf dieſer Nothwendigkeit beruht das Eigenthumsrecht; der Gewinn iſt Geſittung; der Verluſt Unwiſſenheit, Armuth, Schwäche. Aus dieſem Grunde nun kaufen und verkaufen wir Land, ebenſo wie Kleider, Waffen und Zierathen.“ „Denke es verſtehen. Großer Geiſt das ſagen, müſſen Grund und Boden haben?“ „Der große Geiſt hat geſagt, wir ſollen Bedürfniſſe und Wünſche haben, welche nur dadurch erfüllt und befriedigt werden können, daß wir Landgüter haben; um Landgüter und Landbau zu haben, müſſen wir Eigenthümer haben; und Eigenthümer können nicht exiſtiren, wenn ihr Recht auf ihr Land nicht geſchützt iſt. Sobald dieß weggenommen würde, müßte uns das ganze Gebäude über dem Kopf zuſammenſtürzen, Susqueſus.“ „Wohl, glauben ſo. Wir ſehen einmal. Junger Häuptling wiſſe en, wo er iſt?“ „Nicht genau; aber ich vermuthe, wir nähern uns den Lände⸗ reien von Ravensneſt.“ „Nun, das auch ſeltſam genug! Land beſitzen und es nicht kennen. Seht— bezeichneter Baum— das Zeichen, daß Euer Land anfange.“ „Dank Euch, Sureflint— ein Vater würde auch ſein eigenes Kind nicht kennen, wenn er es zum erſten Mal ſähe. Wenn ich — 8 haffen Brauch und r ſein veiten, wegen ekauft Alles ringen 3 der wäche. ebenſo Grund 2 und verden au zu können zt iſt. bäude ptling Lände⸗ nicht Euer igenes nn ich 143 gleich hier Eigenthümer bin, müßt Ihr doch bedenken, daß dieß mein erſter Beſuch auf dieſem Platze iſt.“ Während des Geſpräches hatte mich der Trackleß von der Hauptſtraße ab auf einen Fußpfad geführt, der, wie ich nachher fand, über einige Hügel hinführte und uns beinahe zwei Meilen Weges erſparte. In Folge dieſer veränderten Richtung hätte mich Jaap nicht einholen können, wenn er auch raſcher von der Stelle gekommen wäre, als dieß der Fall war; aber bei dem ſchlechten Wege war unſer Schritt ſchneller als der der abgematteten Thiere, welche den Wagen ſchleppten. Mein Führer kannte den Weg voll⸗ kommen, und wie wir einen Hügel hinanſtiegen, deutete er auf die Ueberreſte eines alten Feuers, in der Nähe einer Quelle, als eine Stelle, wo er gewohnt ſei zu kampiren, wenn er in der Nähe des Neſtes aber nicht darin ſein wolle. „Zu viel Rum in der Schenke,“ ſagte er.„Nicht gut weilen in der Nähe von Rum.“ Das war eine außerordentliche Enthaltſamkeit für einen In⸗ dianer; aber Susqueſus war auch, wie ich immer dafür angenom⸗ men hatte, ein außergewöhnlicher Indianer. Sogar für einen Onondago war er mäßig und ſelbſtverläugnend. Der Grund, warum er von ſeinem Stamme getrennt lebte, war für die Meiſten ein Geheimniß, obwohl ich ſpäter erfuhr, daß derſelbe dem Ketten⸗ träger, ſowie meinem Vater bekannt ſei. Der alte Andries ver⸗ ſicherte immer, er gereiche ſeinem Freund zur Ehre, wollte aber das Geheimniß nie verrathen. Wirklich fand ich, daß die Sym⸗ pathie, welche zwiſchen dieſen beiden Männern beſtand, Jeder ſo eigen in ſeiner Weiſe, befeſtigt und gekittet worden war durch ge⸗ wiſſe Vorfälle ihres früheren Lebens, auf die ſie gelegentlich, aber in unbeſtimmten Anſpielungen hindeuteten, aber die nie, weder mir noch ſonſt Jemand, ſo viel ich erfahren konnte, eröffnet wurden. Bald nachdem wir an der Quelle vorbei waren, führte mich Sureflint hinaus auf eine gelichtete Stelle auf der Höhe, welche 144 eine weite Ausſicht hatte auf den größten Theil meiner Beſitzungen, ſo weit ſie verliehen und beſetzt waren. Hier machten wir Halt, ſetzten uns auf einen gefallenen Baum, dergleichen man in dieſer Gegend und zu jener Zeit nie vergeblich ſuchte, und ich erfreute mich der Ausſicht mit dem Intereſſe, welches das Bewußtſein des Beſitzes in uns Allen ſo gerne erzeugt. Die Erde iſt an ſich ſelbſt ſehr ſchön, aber am ſchönſten, fürchte ich, iſt ſie im Auge Der⸗ jenigen, welche am meiſten auf derſelben ihr Eigenthum nennen. Obgleich die Anſiedlung auf dem Gute Ravensneſt volle dreißig Jahre begonnen hatte, als ich es zum erſten Male ſah, waren doch keine Anzeichen ſichtbar von ſo raſchen und energiſchen Verbeſſerun⸗ gen und Fortſchritten, wie man ſie beobachtet hat bei den Anſtren⸗ gungen ähnlicher Unternehmungen ſeit der Revolution. Vor dieſem großen Ereigniß füllte ſich das Land ſehr langſam, und jede Kolonie ſchien ſich gewiſſermaßen als ein beſonderes Land zu betrachten. So hatten wir in New⸗York ſehr wenig Einwanderer von Neu⸗ England, dieſem großen Bienenſtock, welcher ſeither ſo oft geſchwärmt hat, und deſſen Bienen ihren Fleiß und ihre ſinnreiche Thätigkeit in unſerer Zeit über einen ſo großen Theil der Republik verbreitet haben. Wir in New⸗York haben unſere Vorurtheile gegen die Yankee's, und haben ſie lange mit mißtrauiſchen und ungünſtigen Augen betrachtet. Sie haben uns vielleicht mit gleicher Münze bezahlt; aber ihre Abneigung iſt nicht ſtark genug geweſen, ſie ab⸗ zuhalten, von unſeren Ländereien Beſitz zu nehmen. Ich für mei⸗ nen Theil ſehe allerdings im Charakter von Neu⸗England Vieles, was mir nicht gefällt(mehr vielleicht in ihrem Benehmen und in Nebendingen, als in Hauptſachen), aber gewiß auch ſehr Viel, was mir Achtung abnöthigt. Wenn die Civiliſation, welche ſie mit bringen, eben nicht ſehr hoch ſteht in Bezug auf Geſchmack, Ge⸗ ſinnungen und feinere Gefühle, ſo iſt ſie doch der von jedem an⸗ dern Lande, das ich beſucht habe, überlegen in der Ausbildung des gemeinen Verſtandes und Menſchenfinnes, und in ihrer Sorge für ungen, Halt, dieſer freute in des ſelbſt Der⸗ nen. reißig mdoch erun⸗ ſtren⸗ dieſem »lonie chten. Neu⸗ därmt igkeit reitet n die ſtigen künze 2 ab⸗ mei⸗ ieles, id in Viel, mit Ge⸗ an⸗ des für 145 das Intellektuelle, in Bezug auf die Grundlage alles Lernens und Wiſſens betrachtet. Mehr Menſchen werden bei ihrem Syſtem aus dem Schlamme tiefer Unwiſſenheit herausgezogen, als bei irgend einem andern Volke; und eine größere Anzahl Bewerber auf der Bahn des intellektuellen Fortſchritts geht aus ihrer Mitte hervor. Daß ſo wenige dieſer Bewerber hoch emporſteigen auf der Leiter des Wiſſens und Erkennens rührt zum Theil von dem Umſtande her, daß ihr Leben ſo rein praktiſch iſt; und zum Theil vielleicht auch daher, daß, während ſo viel Aufmerkſamkeit auf die Grund⸗ lagen des ſocialen Gebäudes verwendet wurde, bis jetzt wenig Sorg⸗ falt und Kunſt dem Oberbau zu gute gekommen iſt. Dennoch üben die Millionen Yankees, welche ſich über das Land verbreiten, einen höchſt wohlthätigen Einfluß auf deſſen praktiſche Kenntniſſe und Einſichten, auf ſeinen Unternehmungsgeiſt, ſeinen materiellen Fortſchritt und demzufolge auf ſein Glück, und haben dieſen Ein⸗ fluß immer geübt. Wenn ſie nicht viel geleiſtet haben für ſeinen Geſchmack, für die Sittenfeinheit und für die höheren Grundſätze, ſo iſt es eben darum, weil kein Theil der Erde vollkommen iſt. Ich weiß recht wohl, daß dieß Mehr ihnen zugeſtehen heißt, als mein Vater zu ihren Gunſten zugeſtanden haben würde, und doppelt ſo Viel, als meine beiden Großväter ſich hätten abdringen laſſen. gehört, daß es gerade aus unſerem kleinen Winkel, den wir auf Erden einnehmen, komme. Selbſt die Kürbispaſtetchen der mittleren Der Kettenträger. 10 146 Staaten ſind um ein Unberechenbares beſſer, als die, die man ge⸗ wöhnlich in Neu⸗England antrifft. Wir kehren aber nach Ravens⸗ neſt zurück. Die dreißig Jahre alſo, ſeit welchen die Anſiedlung auf mei⸗ nem Patent begonnen hatte, hatten nicht viel auf demſelben zu Stande gebracht, was die Thätigkeit von Menſchenhänden betrifft. Die Zeit hatte allerdings Einiges gewirkt, und zwar in einer etwas ſeltſamen Weiſe, wovon aber zu der Zeit, wovon ich ſchreibe, häu⸗ figere Fälle vorkommen mochten, als heutzutage. Das Holz des Neſtes, mit Ausnahme von einigem Bergland, beſtand hauptſächlich aus„hartem Wald,“ wie der amerikaniſche Sprachgebrauch ſich ausdrückt. Mit andern Worten, die Bäume waren nicht von der perennirenden, ſondern von der in kürzern Friſten abſterbenden Art; und jeder Anfänger in der Wald⸗ und Forſtkunde weiß, daß die Wurzeln der letztern im vierten Theile der Zeit verfaulen, welche die Wurzeln der erſtern dazu brauchen, wenn der Stamm wegge⸗ hauen iſt. In Folge hievon waren die Stumpen beinahe alle von den Feldern verſchwunden; ein Umſtand der an und für ſich ſchon, nach unſern amerikaniſchen Vorſtellungen, dem Platz das Anſehen eines alten Landes gab. Zwar prangte noch der Urwald in un⸗ mittelbarer Berührung mit dieſen abgetriebenen, beſtellten und glat⸗ ten Feldern, und bildete eine ernſte und phantaſtiſche Einfaſſung für das ländliche Gemälde, das dieſe darboten. Der Kontraſt war keck und überraſchend genug, aber es fehlten ihm doch die milden und gefälligen Seiten nicht. Von der Höhe, auf die der Indianer mich geführt, hatte ich vor mir einen Vorgrund offenen Landes, überſät mit Häuſern und Scheunen, meiſt aus Holzblöcken erbaut, verſchönt durch blühende Obſtgärten, und mit ausgedehnten Wieſen eingefaßt, oder umgeben von reichen Feldern, auf welchen das Korn unter den Strömungen von leichter Sommerluft wogte. Zwei oder drei Straßen zogen ſich durch die Anſiedlung hin mit freundlicher Gefälligkeit ſeitwärts ausbiegend, um jede Thüre zu beſuchen; und — 212——— ‿ ν mge⸗ bens⸗ mei⸗ n zu rrifft. twas häu⸗ 3 des chlich ſich n der Art; ß die velche egge⸗ e von ſchon, ſehen n un⸗ glat⸗ ſſung t war nilden dianer indes, baut, Lieſen Korn ioder licher ; und 147 am ſüdlichen Ende des offenen Landes war ein Weiler, aus behaue⸗ nem Holz erbaut, enthaltend ein Haus, das wenig Geſchmack, aber weit mehr Anſprüche verrieth, als alle anderen in ſeiner Nähe; ein zweites, das ein Gaſthaus war; einen Speicher, eine Grobſchmieds⸗ werkſtätte, ein Schulhaus, und drei oder vier andere Gebäude, außer Scheunen, Schuppen und. Schweinſtällen. In der Nähe des Weilers, oder des„Neſtdorfes,“ wie man den Ort nannte, befanden ſich die Mühlen des Territoriums. Dieſe waren eine Kornmühle, eine Sägemühle, eine Walkmühle und eine Oelmühle. Alle hatten einen mäßigen Umfang, und höchſt wahrſcheinlich hatten ſie auch nur mäßige Einnahmen. Auch das beſte von dieſen Häuſern war nicht angeſtrichen, obgleich es einen ſehr anſpruchloſen Anlauf zu einem gewiſſen Bauſtyl nahm, und mit nicht weniger als vier in's Freie gehenden Thüren prangte, bei deren einer der Nutzen und Gebrauch nicht leicht zu errathen war, da ſie vom zweiten Stock⸗ werk aus in's Freie ging. Ohne Zweifel lag ein großer, aber un⸗ vollendet gebliebener Entwurf des Eigenthümers dieſer Erfindung zu Grunde. Aber außerhalb der Hausthüren gleichſam leben, iſt ein charakteriſtiſcher Zug eines Theils unſeres Volkes. Der Hintergrund dieſes Bildes, welchem eine gewiſſe ländliche Schönheit nicht mangelte, beſtand aus endloſen Wäldern. Wälder erſtreckten ſich nach Norden, nach Süden und Oſten, ſo weit das Auge reichte; Wälder krönten die Seiten und Gipfel aller Berge, die man im Geſicht hatte, und Wälder ſtiegen mit ihren Laubteppi⸗ chen aus den Schluchten und Thälern empor. Der Krieg hatte alle Lichtungsverſuche in neuern Zeiten verhindert, und der ganze offene Grund und Boden trug das gleichförmige Gepräge herkömm⸗ lichen Anbaus, während die dunklen Schatten eines gränzenloſen Forſtes ringsum ſich verbreiteten, eine Art geheimnißvoller Leere bildend, die zwiſchen dieſem dunkeln und entfernten grünen Volke und den übrigen ſeiner Art ſich lagerte. Dieſer Wald jedoch war nicht ganz wild. Andere Anſiedlungen entſprangen in ſeinem 10* 148 Schooße, einige Straßen wandten ſich durch ſeine Tiefen hin; und da und dort hatte der Jäger, Squatter oder der rothe Mann ſeine Hütte aufgeſchlagen, und hauste mitten in dem finſtern aber nicht ungefälligen Ueberfluß und in der Pracht der Wildniß. Neuntes Kapitel. Ihr, Männer, ſtrebt' ich, Herz und Muth in Euch Zur Wuth und zur Empörung zu entflammen, So thät' ich Caſſius und Brutus Unrecht, Die Ihr als ehrenwerthe Männer kennt. Ich will nicht ihnen Unrecht thun, will lieber Den Todten Unrecht thun, mir ſelbſt und Euch, Als ehrenwerthen Männern, wie ſie ſind. Shakeſpeare. Alſo das iſt Ravensneſt!“ rief ich aus, nachdem ich einige Minuten ſchweigend die Scene betrachtet hatte,„das mir von mei⸗ nem Großvater hinterlaſſene Beſitzthum, wo einſt Ereigniſſe vor⸗ fielen, von welchen noch in meiner Familie geſprochen wird als von den wichtigſten in ihrer Geſchichte,— Ereigniſſe, bei welchem Ihr auch mit thätig waret, Susqueſus.“ Der Indianer ſtieß einen leiſen Ausruf aus, aber es iſt nicht wahrſcheinlich, daß er mich vollkommen verſtand. Was war ſo Merkwürdiges daran, daß ein indianiſcher Einfall ſtattgefunden, daß ein Haus belagert, Männer erſchlagen und Skalpe erbeutet worden waren, daß er ſich ſolcher Dinge ein Vierteljahrhundert lang er⸗ innern ſollte? „Ich ſehe das Neſt ſelbſt nicht, Sureflint,“ fuhr ich fort;„das Haus, in welchem einſt mein Großvater wohnte.“ Der Onondago ſprach nicht, aber er deutete mit einem Finger in nordöſtlicher Richtung, mit einer ſehr deutlichen und nachdrückli⸗ chen Geberde, wie es bei ſeinem Volke gebräuchlich iſt. Ich ; und ſeine nicht Euch einige mei⸗ vor⸗ 3 von Ihr nicht ar ſo daß orden g er⸗ 149 erkannte das Haus aus den mir mündlich gemachten Schilderungen, aber es fing an zu vermodern und war ziemlich im Verfall. Holz⸗ klötze grün aufgeſchichtet und in ſolcher Art von Struktur verbun⸗ den, halten ſich etwa dreißig bis vierzig Jahre, je nach der Natur der Bäume, von welchen ſie kommen, und der Art und Weiſe, wie ſie gedeckt und geſchützt werden. In dieſer Entfernung konnte ich nicht gut unterſcheiden, in wie fern und in welchem Maaß die Zeit ihr Werk gethan hatte; aber ich bildete mir ein, von ſolchen Dingen genug zu verſtehen, um mir ſichere Rechnung machen zu dürfen, daß ich an dem Neſt kein ſehr behagliches Heimweſen finden würde. Eine Familie wohnte in dem alten Hauſe, und ich hatte ſchon hin und wieder Käſe geſehen, welche auf dem ſehr hübſchen daran ſtoßen⸗ den Gute gemacht worden waren. Da war auch ein großer und dem Anſchein nach in blühendem Zuſtande befindlicher Obſtgarten, und die Felder ſahen gut aus; das Haus ſelbſt aber erſchien in dieſer Entfernung düſter und dunkel, und war nur durch ſeine Ge⸗ ſtalt und ſeine Kamine von jedem andern Gebäude aus Holzklötzen zu unterſcheiden. Ich war betroffen über den ſchweigenden, träumeriſchen, ſab⸗ batähnlichen Charakter der Felder nah und fern. Mit Ausnahme einiger wenigen halbnackten Kinder, welche um die Wohnungen herum ſichtbar waren, denen wir am nächſten ſtanden, konnte ich kein menſchliches Weſen entdecken. Die Felder waren von Menſchen gänzlich entblößt, aber man ſah viel Hornvieh graſen. „Meine Hinterſaßen ſind nicht ohne einen Grundſtock, wie ich ſehe, Sureflint,“ bemerkte ich.„Hier iſt Vieh genug auf den Waiden.“ „Ihr ſehen alle jung,“ antwortete der Onondago.„Das der Krieg machen. Die alten geſchlachtet für Soldaten.“ „Beiläufig bemerkt, da dieſe Anſiedlung der Plünderung ent⸗ gangen iſt, ſollte ich meinen, die Leute darauf hätten etwas ſich er⸗ werben ſollen, indem ſie Vorräthe an die Armee verkauften. Vor⸗ 150 räthe und Lebensmittel aller Art waren ſehr geſucht und wurden hoch bezahlt, wie ich mich erinnere, als wir mit Burgoyne zuſam⸗ mentrafen.“ „Gewiß, Eure Leute verkauft an beide Theile— guter Han⸗ del, damals. Nahrung geliefert Yankees*), Nahrung geliefert Nengeeſe**). „Nun, ich zweifle nicht daran, daß es ſich ſo verhielt; denn der Landwirth iſt in der Regel nicht ſehr bedenklich, wenn er einen guten Preis bekommen kann; und wenn er es wäre, ſo würde das Gewiſſen des Zwiſchenhändlers ſich zwiſchen ihn und den Vorrath ſtellen. Aber wo ſind denn alle Männer der Gegend? Ich ſehe weit und breit keinen einzigen Mann.“ „Nicht ſehen?— dort,“ verſetzte der Indianer, in der Rich⸗ tung des Weilers hindeutend.„Squire angezündet das Rathsfeuer heute, alauben ſo, und halten eine Rede.“ „Ja wahrhaftig, dort ſind ſie, um das Schulhaus verſammelt. Aber wen meint Ihr mit dem Squire, der ſo gerne Reden hal⸗ ten ſoll?“ „Alte Schulmeiſter. Gekommen vom Salzſee— großer Freund von Großvater.“ „Ach, Mr. Neweome, mein Agent— ganz recht; ich hätte wiſſen ſollen, daß er der König der Anſiedlung iſt. Nun Sureflint laßt uns weiter gehen; und wenn wir die Schenke erreichen, wer⸗ den wir wohl erfahren können, um was es ſich bei der großen Be⸗ rathung handelte. Sagt nichts von meinen Abſichten; denn es wird luſtig ſein, eine Weile anzuſehen, ehe ich ſelbſt ſpreche. 4 Der Indianer ſtand auf und ſchritt mir voran, die Höhe hin⸗ unter, indem er einen Fußpfad einſchlug, mit welchem er genau bekannt zu ſein ſchien. Nach wenigen Minuten befanden wir uns auf der Hauptſtraße, in geringer Entfernung von dem Flecken. *) Den Amerikanern. *) Den Engländern. 151 Ich hatte den größten Theil der Kleidungsſtücke abgelegt, welche zu tragen bei den Gentlemen im Jahre 1784 üblich war, und ein Jagdhemd und Ledergamaſchen angezogen, als die paſſendſte Tracht für die Wälder; und in Folge hievon wäre es für einen, der nicht in die Sache eingeweiht war, ſchwer geweſen zu errathen, daß der Mann, der zu Fuß, in ſolcher Tracht, ſeine Vogelflinte im Arm und von einem Indianer begleitet ankam, der Eigenthümer des Gutes ſei. Ich hatte neuerlich nichts nach Ravensneſt wiſſen laſſen, daß ich bald dort einzutreffen gedächte; und wie wir ſo dahin ſchritten, kam mir plötzlich der Einfall und die Luſt, mir die Dinge erſt eine Weile Inkognito zu beſehen. Um dieß auszuführen er⸗ achtete ich für nothwendig, dem Indianer noch ein paar Worte zu ſagen. „Susqueſus,“ ſagte ich, als wir uns dem Schulhauſe näher⸗ ten, das zwiſchen uns und dem Gaſthauſe ſtand,„ich hoffe, Ihr habt mich verſtanden— es iſt nicht nöthig, irgend Jemanden zu ſagen, wer ich bin. Wenn man Euch fragt, könnt Ihr antworten, ich ſei Euer Freund. Das iſt nur die Wahrheit, wie Ihr finden ſollt, ſo lange Ihr lebt.“ „Gut— junger Häuptling hat Augen,— will damit ſehen ſelbſt. Gut— Susgueſus wiſſen.“ Binnen einer Minute machten wir Halt unter dem Menſchen⸗ haufen vor der Thüre des Schulhauſes. Der Indianer war ſo gut bekannt und ſo oft auf dem Neſt, daß ſeine Erſcheinung gar keine Aufmerkſamkeit erregte. Wichtige Angelegenheiten ſchienen auf dem Tapet zu ſein, denn es war da viel Hin⸗ und Herreden, viel geheime Beſprechung, man ſah viele geſpannte Geſichter und viel Zuſammenſtecken der Köpfe. Während die Geiſter ſo in Auf⸗ regung und Unruhe waren, ſchienen Wenige geneigt, irgend beſon⸗ dere Kunde von mir zu nehmen; aber ich war nicht lange am äußern Saume der Verſammlung geſtanden, welche etwa ſechzig bis ſiebzig Männer und daneben ungefähr eben ſo viele erwachſene 152 junge Burſchen in ſich begreifen mochte, als ich die Frage aufwerfen hörte, wer ich ſei und ob ich das Recht zur Abſtimmung hätte. Meine Neugier war in hohem Grade rege geworden, und ich ſtand auf dem Punkte, um Erklärung zu fragen, als ein Mann unter der Thüre des Schulhauſes erſchien, welcher die ganze Sache in einer Rede erklärte. Dieſer Mann hatte ein runzliges, von Sorgen abgezehrtes aber lebhaftes Geſicht, und war etwas beſſer gekleidet, als die Meiſten der ihn Umſtehenden, obgleich er nicht ſonderlich elegant oder auch nur ſauber in ſeiner Toilette war. Er war grau, von kleiner magerer Statur, und mochte ſich wohl ſtark den Sechszigen nähern. Er ſprach in bedächtiger, ſicherer Weiſe, wie wenn er ſchon lange an ſolche Geſchäfte und Verhand⸗ lungen, wie die jetzigen, gewohnt wäre, aber mit ſehr entſchiedenem Connektikuter Accent. Ich ſage Connektikuter, zur Unterſchei⸗ dung von dem von Neu⸗England überhaupt; denn während die öſtlichen Staaten viel Eigenthümlichkeiten in dieſer Hinſicht gemein haben, kann ein feines und geübtes Ohr wohl einen Rhodeisländer von Einem aus Maſaſachuſetts, und Einen aus Connektikut von beiden unterſcheiden. Als der Redner den Mund aufthat, um ge⸗ kauten Taback auszuſpucken, ehe er ihn öffnete um zu ſprechen, hörte ich ein Gemurmel neben mir:„Bſcht! da iſt der Squire; jetzt werden wir etwas zu hören bekommen!“ Alſo dieß war Mr. Jaſon Newcome, mein Agent, und der vornehmſte Bewohner der Anſiedlung. 3 „Mitbürger,“ begann Mr. Newcome,„Ihr ſeid heute ver⸗ ſammelt in einer höchſt wichtigen, und ich darf wohl ſagen hoch⸗ ernſten Sache— in einer Angelegenheit, geeignet alle unſere Gei⸗ ſteskräfte in Anſpruch zu nehmen. Euch liegt jetzt ob, Euch zu entſcheiden über die Benennung des Kirchengebäudes, das Ihr auf⸗ zuführen im Begriffe ſteht nach einer Kirchengeſellſchaft, und man kann im gewiſſen Sinne ſagen, daß das Heil Eurer Seelen bei Eurer Entſcheidung betheiligt iſt. Eure Berathungen ſind ſchon „,——]-]—2 2S=.=—— 153 eröffnet mit Gebet, und Ihr ſteht jetzt im Begriffe zu einer Endabſtimmung zu ſchreiten. Meinungsunterſchiede beſtehen unter Euch und haben unter Euch beſtanden; aber Meinungsverſchie⸗ denheiten beſtehen überall. Sie gehören zur Freiheit, deren Seg⸗ nungen ſich nicht genießen laſſen ohne volle und freie Kundge⸗ bung verſchiedener Meinungen. Die religiöſe Freiheit fordert Verſchiedenheit der Meinungen, möchte man ſagen, und ohne ſie⸗ gäbe es keine religiöſe Freiheit. Ihr Alle kennt den gewichti⸗ gen Grund, der dazu drängt, bald zu einem Entſchluß und Beſchluß zu kommen. Der Eigenthümer des Grundes und Bo⸗ dens wird dieſen Sommer ſich bei uns einfinden, und ſeine ganze Familie hat einen verzweifelnden Hang zu einer götzen⸗ dieneriſchen Kirche, welche den Meiſten von Euch mißfällig iſt. Um daher alle möglichen Folgen ſeiner Einmiſchung zu verhüten, ſollten wir uns ſofort entſcheiden, und das Haus nicht blos auf⸗ richten, ſondern auch unter Dach bringen, ehe er ankommt. Aber wir ſind unter uns ſelbſt etwas getheilt geweſen, und das iſt eine andere Sache. Bei den frühern Abſtimmungen ergaben ſich ſechsundzwanzig Stimmen für die Congregationskirche, fünfund⸗ zwanzig für die Presbyterialkirche, vierzehn Methodiſten, neun Bap⸗ tiſten, drei Univerſaliſten und ein Episkopale. Nun iſt nichts klarer, als daß die Mehrheit entſcheiden ſoll, und daß es die Pflicht der Minderheit iſt, ſich zu unterwerfen. Meine erſte Entſcheidung als Moderator war, daß die Congregationiſten eine Mehrheit von Einer Stimme haben; aber da Einige mit dieſer Anſicht nicht zufrieden waren, bin ich bereit geweſen, Gründen der Vernunft mein Ohr zu leihen, und die Anſicht gelten zu laſſen, daß ſechsundzwanzig nicht eine Majorität ſei, ſondern eine Pluralität, wie man es nennt. Da jedoch ſechsundzwanzig oder fünfundzwanzig eine Majorität iſt gegenüber von neun, von drei oder von Einer Stimme, man mag dieſe Zahlen jede für ſich oder alle zuſammen nehmen, iſt Euer Ausſchuß der Meinung, daß von Baptiſten, Univerſaliſten und 154 Episkopalen ſollte abgeſehen, und die nächſte, jetzt vorzunehmende Abſtimmung auf die drei höchſten Zahlen ſollte beſchränkt werden, das heißt, auf die Congregationiſten, die Presbyterianer und die Methodiſten. Jeder hat das Recht zu ſtimmen für wen er will, vor⸗ ausgeſetzt, daß er für eine dieſer drei Anſichten ſtimme. Ich ſetze voraus, man habe mich richtig verſtanden, und werde jetzt die Frage ſtellen, wenn nicht ein Gentleman Bemerkungen zu machen hat.“ „Mr. Moderator,“ rief ein wohlbeleibter, herzhaft ausſehender Moman aus dem Haufen;„iſt es der Ordnung gemäß, jetzt zu ſprechen?“ „Vollkommen, Sir— Ordnung, Gentlemen, Ordnung— Major Hosmer ſteht.“ Wir ſtanden Alle, wenn auf den Beinen ſein anders ſtehen heißt; aber das Wort war parlamentariſch und ſchien wohl ver⸗ ſtanden zu werden. „Mr. Moderator, ich gehöre zu Gemeinde der Baptiſten, und ich halte die Entſcheidung nicht für gerecht, da ſie uns Baptiſten nöthigt, für eine Benennung zu ſtimmen, die uns nicht gefällt, oder gar nicht zu ſtimmen.“. „Aber Ihr werdet zugeben, daß die Mehrheit entſcheiden und herrſchen ſoll?“ unterbrach ihn der Präſident. „Gewiß, das gebe ich zu, denn das iſt ein Beſtandtheil auch meiner Religion.“ erwiederte der alte Neoman herzhaft und mit der Miene der vollkommenſten Treuherzigkeit—„die Mehrheit muß entſcheiden und herrſchen; aber ich kann nicht einſehen, daß eine Mehrheit zu Gunſten der Congregationiſten vorhanden ſein ſoll, ſo wenig als zu Gunſten der Baptiſten.“ „Wir wollen noch einmal darüber abſtimmen laſſen, Major, nur zu Eurer Zufriedenſtellung,“ verſetzte Mr. Newcome, mit der Miene großer Aufrichtigkeit und Mäßigung.„Gentlemen, Diejenigen von Euch, die dafür ſind, daß Baptiſten bei der nächſten Abſtimmung + 2—.—— 155 über die Benennung nicht mit aufgenommen werden, ſollen ſo gut ſein, die Hände aufzuheben.“ Da alle Anweſenden, die nicht ſelbſt Baptiſten waren, mit Ja ſtimmten, wurden neunundſechzig Hände aufgehoben. Dann ſam⸗ melte man ebenſo die Nein, und die Baptiſten bekamen wieder ihre neun Stimmen wie zuvor. Major Hosmer erklärte ſich jetzt überzeugt, obgleich er ein Geſicht machte, als ſchiene ihm eigentlich doch das ganze Verfahren nicht ganz in der Ordnung. Da die Baptiſten die Stärkſten unter den drei ausgeſchloſſenen Sekten wa⸗ ren, machten die beiden andern aus der Noth eine Tugend und wendeten nichts ein. Es war eine ſelbſtverſtandene Sache, daß ſie in der Minderheit waren, und eine Minderheit hat, wie dieß in Amerika nur zu oft der Fall iſt, ſehr wenig Rechte. „Es bleibt uns nur noch übrig, Gentlemen,“ begann der Moderator wieder, der ein Muſter von Unterwürfigkeit unter die allgemeine Stimme war;„zwiſchen den Congregationiſten, den Presbyterianern und Methodiſten durch Abſtimmung zu entſcheiden. Ich werde zuerſt die Kongregationiſten zur Abſtimmung bringen; die für dieſe Sekte ſind, die alte, beſtehende Gemeinde von Con⸗ nektikut, mögen ſo gut ſein, die Hände aufzuheben.“ Der Ton der Stimme, der ſchmeichelnde, bittende Ausdruck des Auges, und die Worte: die alte, beſtehende Gemeinde von Connektikut offenbarten mir ſofort das Geheimniß der Wünſche des Moderators. Zuerſt wurden nur vierunddreißig Hände emporge⸗ hoben, aber nachdem der Moderator dieſe gezählt, ſchaute er ſich unter der Verſammlung um, bis er durch die Gewalt ſeiner Blicke wirklich noch drei weitere Hände ſich erheben machte, worauf er ehrlich genug verkündigte, die Abſtimmung ergebe ſiebenunddreißig Stimmen für die Congregationiſten. So hatten höchſt wahrſchein⸗ lich eilf von den dreizehn, welche den zum Schweigen gebrachten Sekten angehörten, für den Moderator geſtimmt. Sodann kamen die Presbyterianer, und ſie bekamen die Stimmen ihrer Leute und 156 3 zwei von den Baptiſten, zuſammen im Ganzen ſiebenundzwanzig, als man die Hände für ſie aufheben hieß. Die Methodiſten be⸗ kamen nun ihre eignen vierzehn Stimmen. 1. „Da ganz offenbar ſcheint, Gentlemen,“ ſagte der Moderator, „daß die Methodiſten keinen Zuwachs gewinnen, und ſie nicht die Hälfte der Stimmenzahl der Congregationiſten haben, und viel wenigere als die Presbyterianer, ſtelle ich es ihrer eigenen, wohl⸗ bekannten chriſtlichen Demuth anheim, ob ſie nicht zurücktreten ſollten?“ „Laßt offen darüber abſtimmen, wie Ihr gegen uns gethan!“ rief ein Baptiſt. „Iſt das Euer Wille, Gentlemen? Da ich ſehe, daß dem ſo iſt, will ich jetzt abſtimmen laſſen. Die dafür ſind, daß die Methodiſten zurücktreten, mögen die Hände emporheben.“ Vierundſechzig Hände wurden emporgehoben und vierzehn wa⸗ ren gegen das Zurücktreten. „Es iſt unmöglich, daß eine Religion ſich wehre und aufkomme gegen eine ſolche Majorität,“ ſagte der Moderator mit großer an⸗ ſcheinender Aufrichtigkeit;„und obgleich ich es bedauere, denn ich wünſchte aufrichtig, wir wären ſtark genug, um Verſammlungs⸗ häuſer für jede Sekte in der Welt zu bauen, müſſen wir doch, da wir es nun nicht ſind, die Dinge nehmen wie ſie ſind, und die Methodiſten müſſen zurücktreten. Gentlemen, die Frage beſchränkt ſich jetzt auf die Congregationiſten und die Presbyterianer. Es beſteht kein großer Unterſchied zwiſchen ihnen, und es iſt tauſend⸗ mal Schade, daß überhaupt irgend einer beſteht. Seid Ihr gefaßt für die Frage, Gentlemen? Da keine Antwort erfolgt, werde ich zur Abſtimmung ſchreiten.“ Und die Abſtimmung erfolgte, und das Ergebniß war: neun⸗ unddreißig gegen neununddreißig, alſo Stimmengleichheit. Ich be⸗ merkte wohl, daß der Moderator über dieß Ergebniß mißvergnügt war, und vermuthete, er werde noch eine entſcheidende Stimme in -——„—— — 8 ₰ CO=.—=O S—=„. ρ — 157 Anſpruch nehmen, außer derjenigen, welche er ſchon abgegeben hatte; aber da kannte ich meinen Mann nicht. Mr. Newcome vermied allen Schein perſönlicher Anmaßung; Majoritäten waren ſein Cardinalgeſetz und Majoritäten allein wollte er die Entſchei⸗ dung übertragen. Wenn er regieren wollte, ſo war es mittelſt Majoritäten. Die Ausübung einer zufällig übertragenen Macht wie die eines vorſitzenden Beamten konnte Aerger, Ingrimm und Neid erregen; aber Derjenige, der ſich auf eine Majorität ſtützte, durfte gewiß ſein, das Gewicht der öffentlichen Sympathie auf ſeiner Seite zu haben. Nein— nein— Mr. Newcome hatte nie eine Meinung, die der der Mehrzahl zuwider lief. Mit Leidweſen muß ich es ſagen, daß ſehr irrige Begriffe von der Macht der Majoritäten unter uns Wurzel zu ſchlagen an⸗ fangen. Es iſt etwas ganz Gewöhnliches, als ein politiſches Ariom die Behauptung aufſtellen zu hören: die Majorität müſſe herrſchen! Dieſes Ariom mag unſchuldig genug ſein, wenn die Anwendung in gehöriger Weiſe geſchieht; das heißt einfach: in der Beaufſichtigung und Leitung derjenigen Intereſſen, bei welchen die Entſcheidung Majoritäten zugewieſen iſt, müſſen Majoritäten herrſchen; aber Gott verhüte, daß je Majoritäten in allen Dingen entſcheiden und herrſchen, in dieſer Republik oder ſonſt irgendwo! Ein ſolcher Zu⸗ ſtand würde bald unerträglich werden und die Regierung, welche ihn duldete, zur gehäſſigſten Tyrannei machen, die man in der Chriſtenheit in der neueren Zeit gekannt hat. Die Regierung dieſes Landes beſteht in der Geltung und Herrſchaft gewiſſer großen und unbeſtreitbaren Grundſätze, welche an ſich ſelbſt gerecht ſind, in den verſchiedenen Conſtitutionen an die Spitze geſtellt werden, und unter deren Vorausſetzung und Geltung gewiſſe geringere Fragen, wie dieß nothwendig iſt, von Zeit zu Zeit der Entſcheidung lokaler Majoritäten überlaſſen werden; und aus den häufigen Vor⸗ kommen dieſer Berufungen an Majoritäten hat ſich ein Irrthum entwickelt, der nachgerade eine gefährliche Verbreitung gewinnt. 158 Gott verhüte, ich wiederhole es, daß eine rein perſönliche Majorität ſich die Macht anmaße, welche allein Grundſätzen gebührt! Mr. Newcome vermied eine Entſcheidung, die von ihm als dem Präſidenten auszugehen hätte ſcheinen müſſen; aber dreimal ließ er abſtimmen, und jedesmal ergab ſich Stimmengleichheit. Jetzt bemerkte ich, daß es ihm ernſtlich unbehaglich zu Muthe ward. Dieſe Feſtigkeit bewies, daß die Leute ihren Entſchluß gefaßt hatten, und daß ſie wohl dabei bleiben würden; da die eine Seite offenbar ebenſo ſtark war wie die andere. Die Umſtände erheiſchten eine außerordentliche Anwendung demokratiſcher Taktik; und da Mr. Newcome in ſolchen Dingen ſehr erfahren war, konnte es ihm nicht ſchwer werden, mit den einfachen Leuten fertig zu werden, mit welchen er es zu thun hatte. „Ihr ſeht, wie die Sache ſteht, meine Mitbürger. Das Pub⸗ likum hat ſich auf verſchiedene Seiten geſtellt, und ſich in zwei Parteien gebildet. Von dieſem Augenblick an muß die Sache als eine Parteifrage behandelt, und nach Parteigrundſätzen ent⸗ ſchieden werden, wiewohl immer die Mehrheit entſchieden und herr⸗ ſchen muß. Oh, Ihr da, Nachbar Willis, wolltet Ihr ſo gut ſein und einen Schritt machen in mein Haus drüben, und Miß New⸗ come(ſo ſagen die Neuengländer ſtatt: Mrs. Newcome) bitten, Euch den letzten Band von den Staatsgeſetzen zu geben? Vielleicht ent⸗ halten ſie ein Wort über die Sache.“ Nachbar Willis that, wie er gebeten worden, und ſchritt aus der Verſammlung fort. Wie ich nachher erfuhr, war er ein war⸗ mer Presbyterianer, und zum Unglück für ſeine Sekte ſtand er zu⸗ fällig ſo unmittelbar vor dem Moderator, daß nothwendig deſſen Auge auf ihn fallen mußte. Ich vermuthete, Squire Newcome werde jetzt eine Abſtimmung über die Hauptfrage fordern. Aber ich kannte meinen Mann nicht. Das wäre ein zu handgreiflicher Kniff geweſen, und er hütete ſich ſorgfältig, einen ſolchen Mißgriff zu begehen. Er hatte Zeit genug für ſich, denn der Moderator 159 wußte wohl, daß ſeine Frau nicht ſo bald ein Buch finden könne, das er einer Magiſtratsperſon auf einer Anſiedlung zwanzig Meilen weit entfernt, geliehen hatte zſo daß er kein Bedenken trug, eine kleine Privatbeſprechung mit ein Paar ſeiner Freunde anzuknüpfen. „Um keine Zeit zu verlieren, Mr. Moderator,“ ſagte Einer von Squire Newcome's Vertrauten,„will ich beantragen, daß es die Meinung dieſer Berſammlung ſei, das Regiment der Kirchen mittelſt eines Presbyteriums ſei antirepublikaniſch, unſeren glor⸗ reichen Inſtitutionen zuwiderlaufend, und im Widerſtreit mit den beſten Intereſſen der Menſchheit. Ich ſtelle die Frage ohne De⸗ batte dem Publikum anheim, da ich mich damit begnüge, die freien unbearbeiteten Geſinnungen meiner Mitbürger über den Gegenſtand zu erfahren.“ Die Frage ward gehörig unterſtützt und zur Abſtimmung ge⸗ bracht, und das Ergebniß war neununddreißig Stimmen für und achtunddreißig dagegen; oder eine Majorität von Einer Stimme für den Satz, daß das Presbyterialregiment antirepublikaniſch ſei. Das war ein großer Meiſterſtreich. Nachdem ausgemacht war, es ſei den Inſtitutionen zuwider, ein Presbyterium zu haben, war viel dafür gewonnen, eine andere Kirchengeſellſchaft zur tonangeben⸗ den auf der Anſiedlung zu erklären. Keine Religion kann ſich gegen die politiſche Geſinnung in dieſem Lande halten, da die Politik tag⸗ täglich die Gemüther der Menſchen beſchäftigt und ſich ihren Ta⸗ ſchen fühlbar macht. Es iſt ſonderbar genug, daß während alle Sekten darin über⸗ einſtimmen, die chriſtliche Religion komme von Gott, und ihre Dogmen ſeien zu betrachten und anzunehmen als die Geſetze der unendlichen, ewigen Weisheit, ſich ſo unlogiſche oder ſo anmaßende Menſchen finden, die ſich einbilden, irgend einer, auch nur der ge⸗ ringſte ihrer Sätze könne geſchwächt werden oder an Stärke ge⸗ winnen durch Unvereinbarkeit oder durch Uebereinſtimmung mit den Erfindungen und Vorkehrungen menſchlicher Inſtitutionen. Ebenſo 160 gut könnte man ſoföort zugeben, das Chriſtenthum ſei nicht gött⸗ lichen Urſprungs, oder den noch ausſchweifenderern Satz aufſtellen, die von Gott ſelbſt gegründete Weltökonomie und Ordnung könne irgend wie durch die beſchränkten und kurzſichtigen Einfälle und Plane der Menſchen verbeſſert werden. Dennoch kann man ſich nicht verhehlen, daß hier ebenſo wie anderswo die Kirchen nach den Inſtitutionen, und nicht die Inſtitutionen nach den Kirchen gemodelt und ihnen anbequemt werden.. Nachdem dieſer Erfolg errungen war, verfolgte der Vertraute des Moderators ſeinen Vortheil noch weiter. „Mr. Moderator,“ fuhr er fort,„da dieſe Frage nun ganz einen Parteicharakter angenommen hat, iſt es offenbar gehörig, daß die Partei, welche die Mehrheit hat, in ihrem Verfahren nicht ge⸗ hemmt werde durch Schritte und Bewegungen der Minorität. Das Presbyterium iſt von dieſer Verſammlung verworfen worden, und ſeine Freunde ſind jetzt zu betrachten, wie eine bei einer Staats⸗ wahl geſchlagene Partei. Sie können mit der Regierung nichts zu ſchaffen haben. Ich beantrage daher, daß Diejenigen, welche dem Presbyterium entgegen ſind, unter ſich eine Berathung halten, um einen Ausſchuß zu ernennen, welcher der Majorität eine Be⸗ nennung und Ordnung der Kirche vorſchlage, die den Bewohnern von Ravensneſt genehm ſein mag. Ich hoffe, dieſer Antrag wird ohne Debatte zur Abſtimmung gebracht werden. Der Gegenſtand iſt religiöſer Art, und es iſt unklug, Streit und Kampf zu erwecken über Etwas, das irgend wie mit der Religion zuſammenhängt.“ Ach, ach! Wie viel Schaden iſt der Sache des Chriſten⸗ thums zugefügt, wie ſind die Geſetze Gottes und die Vorſchriften der ächten Sittlichkeit verletzt worden durch Aufforderungen ſolcher Art, welche die Abſicht haben, die Prüfung und Erörterung zu erſticken, und den Schüchternen und Blöden die Entwürfe und An⸗ ſchläge der Ränkeſüchtigen und Betrüger aufzunöthigen! Die Recht⸗ lichkeit iſt immer einfach und offen; während der Teufel ſeine 161 Zuflucht nimmt zu ſolchen Vorſchlägen voll anſcheinender Nachgie⸗ bigkeit und angeblicher Zugeſtändniſſe, um ſeine boshaften Plane zu verheimlichen. Aber der Vorſchlag verfing; denn Volksverſammlungen, die einmal einem maßgebenden Einfluß unterworfen ſind, laſſen ſich ſo leicht handhaben und lenken, als ein Schiff, das ſeinem Steuer ge⸗ horcht; und die Stärke der Strömung verleiht dieſem weſentlichen Theile des Schiffes immer neue Kraft. Demgemäß ward der An⸗ trag unterſtützt und zur Abſtimmung gebracht. Da keine Debatte ſtattgefunden, die man als irreligiös dargeſtellt hatte, war das Ergebniß genau daſſelbe wie bei der vorigen Frage. Mit andern Worten, es war eine Majorität von Einer Stimme dafür: gerade die Hälfte der Verſammlung, den weggeſchickten Mann mit inbe⸗ griffen, des Mitſprechens in der Sache für verluſtig zu erklären, und zwar dieß nach dem Grundſatz: daß die Majorität herrſchen müſſe. Hierauf begaben ſich die Mitglieder der Majorität in das Schulhaus, wo beliebt wurde, einen Ausſchuß von ſechsundzwanzig Männern niederzuſetzen, um der Majorität einen Kirchenordnungs⸗ entwurf vorzuſchlagen. Dieſer Ausſchuß, ſo achtbar ſeinem Charakter Bewohner von Ravensneſt zuträglichſte. Dieſer Bericht wurde durch Zuruf angenommen und der Caukus*) vertagte ſich sine die. Jetzt berief der Moderator wieder die geſammte Volksver⸗ „Mr. Moderator,“ ſagte der Vertraute,„es iſt Zeit, daß dieſe Gemeinde zu einem Beſchluß komme über die Hauptgrundſätze. Sie iſt lang genug in ihren religiöſen Gefühlen beunruhigt worden, und weiterer Verzug könnte zu bleibenden, widrigen Spaltungen führen. Daher beantrage ich, daß es die Anſicht dieſer Verſamm⸗ *) Amerikaniſches Wort für Verſammlung. Der Kettenträger. 11 162 lung ſei, daß die Bewohner von Ravensneſt den heißen Wunſch hegen, das neue Verſammlungshaus, welches ſofort erbaut werden ſoll, gewidmet und beſtimmt zu ſehen für den Gottesdienſt der congregationiſtiſchen Kirche, und daß eine ſolche Kirche organiſirt und ein congregationiſtiſcher Pfarrer, wie es ſich gebührt, berufen werden ſolle. Ich hoffe, dieſe Frage werde, wie alle übrigen, in vollkommener Harmonie und ohne Debatte durchgehen, wie es ſich für den ernſten und heiligen Gegenſtand geziemt, womit wir be⸗ ſchäftigt ſind.“ Die Frage ward geſtellt, und die alte Majorität von Einer Stimme ergab ſich zu ihren Gunſten. Gerade als der Mr. Mode⸗ rator im mildeſten Tone dieß Ergebniß verkündigte, erſchien ſein Bote in der Verſammlung und keuchte heraus:„Squire, Miß Newcome ſagt, ſie könne das Buch nirgends finden, weßhalb ſie glauben müſſe, Ihr habt es ausgeliehen.“ „Bei meiner Seele, ja, ſo iſt es!“ rief der überraſchte Mode⸗ rator.„Es iſt nicht auf der Anſiedlung, erkläre ich; aber es hat jetzt nichts zu bedeuten, da ſich eine Majorität in beſter Form entſchieden hat. Mitbürger, wir haben es mit dem wichtigſten Intereſſe zu thun, das es für einen Menſchen gibt; mit ſeinem religiöſen Zuſtand, Regiment und Wohlfahrt. Einſtimmigkeit iſt höchſt wünſchenswerth in einer ſolchen Frage; und da vorauszu⸗ ſetzen iſt, daß Niemand ſich dem Volkswillen widerſetzen werde, will ich jetzt die Frage ſtellen, damit abgeſtimmt werde zu Gunſten der Erzielung der Einſtimmigkeit. Diejenigen, welche für die Con⸗ gregationiſten ſind, oder welche lebhaft dieſe Kirchengeſellſchaft und die Benennung nach ihr wünſchen, mögen die Hände aufheben.“ Etwa drei Viertheile der Hände erhoben ſich auf einmal. Das Geſchrei:„Einſtimmigkeit,— Einſtimmigkeit!“ folgte, bis eine Hand nach der andern in die Höhe ging, und ich deren dreiundſiebzig zählte. Die übrigen Abſtimmenden blieben bei ihrer Weigerung; aber da von der andern Seite keine Frage geſtellt wurde, konnte * —„ͤͤͤ— 1220—— ᷣ——— — 8— 1 zunſch verden ſt der miſirt erufen n, in es ſich ir be⸗ Einer Mode⸗ n ſein Miß lb ſie Mode⸗ es hat Form tigſten ſeinem eit iſt 163 man ſagen, die Abſtimmung ſei, wo nicht eine einſtimmige, doch eine ſehr entſcheidende geweſen. Der Moderator und zwei oder drei ſeiner Freunde hielten kurze Reden, worin ſie die Freiſinnigkeit eines Theils der Bürger belobten und Allen Glück wünſchten, worauf die Verſammlung vertagt wurde. Dieß waren die Umſtände, unter welchen die congregationiſtiſche Kirche auf der Anſiedlung Ravensneſt auf rein republikaniſche Grund⸗ ſätze begründet wurde; die Frage war einmüthig durchgeſetzt worden zu Gunſten dieſer Sekte, obgleich zweiundfünfzig Stimmen von achtundſtebzig offenbar genug dagegen waren! Aber die republika⸗ niſchen Grundſätze waren gebührendermaßen beobachtet worden und die Sache war abgemacht; die Leute hatten feierlich entſchieden, daß ſie ſehnlich eine Kirche wünſchten, die ſie in Wahrheit ganz und gar nicht wünſchten. Keine Beſchwerden wurden erhoben— im Augenblick wenigſtens nicht. Die Verſammlung zerſtreute ſich, und wie Mr. Newcome durch ſie hindurchſchritt, mehr mit der Miene und Haltung eines Unterlegenen als eines Siegers, fiel ihm meine Perſon zuerſt in's Auge. Er prüfte mich ſcharf, und ich bemerkte in ſeinem Weſen Etwas wie Zweifel und Mißtrauen. Gerade in dieſem Augenblick jedoch, und ehe er Zeit hatte, eine Frage an mich zu richten, kam Jaap auf dem Wagen herangefahren, und der Neger war ein alter Bekannter, da er oft auf dem Neſt geweſen war und den Squire ſeit länger als einem Vierteljahrhundert kannte. Dieß erklärte auf einmal Alles, und einige Aehnlichkeit, die ich ſowohl mit meinem Vater als mit meiner Mutter haben ſoll, trug wahrſcheinlich dazu bei, die Wahrheit noch augenfälliger zu machen. Mr. Newceome war betroffen— das ſah man in ſeinem Ge⸗ ficht— aber dennoch behielt er ſeine Selbſtbeherrſchung. Er trat zu mir, grüßte mich, und gab mir ſogleich zu verſtehen, daß er mich kenne. „Das iſt Major Littlepage,“ vermuthe ich,“ ſagte er.„Ich 11* 164 erkenne großentheils den General in Euch wieder, da ich Euern Va⸗ ter als jungen Mann kannte; und auch Etwas von Herman Mor⸗ daunt, Eurer Mutter Vater, finde ich in Euch. Seit wann ſeid Ihr angekommen, Major Littlepage?“ „Erſt wenige Minuten,“ antwortete ich ausweichend.„Ihr ſeht meinen Wagen und meinen Diener dort, und wir kommen friſch von Albany. Meine Ankunft fällt auf einen glücklichen Augen⸗ blick, da alle meine Pächter eben jetzt hier verſammelt ſein müſſen.“ „Nun, ja, Sir, ja; es ſind ſo ziemlich Alle da. Wir haben heute eine kleine Verſammlung gehabt, um über die Art und Ver⸗ faſſung unſerer Religion, ſo zu ſagen, zu entſcheiden. Ich ver⸗ muthe, der Major kam erſthier an, als die Sache einen Kopf bekam.“ „Ihr habt ganz recht, Mr. Neweome— die Sache bekam einen Kopf, wie Ihr ſagt, ehe ich auf den Platz kam.“ Der Squire ward durch dieſe Antwort ſehr beruhigt, denn ohne Zweifel ſchlug ihn ſein Gewiſſen ein wenig wegen der An⸗ ſpielung auf mich und die Kirchengemeinſchaft, der ich angehörte, welche er ſich erlaubt hatte. Was mich betrifft, ſo that es mir nicht leid, daß ich ſo bald einen Blick hinter den Vorhang hatte werfen können, was den Charakter meines Agenten betraf. Es war klar genug, daß er in gewiſſen Dingen ſein eigenes Spiel ſpielte, und es konnte leicht nöthig ſein, daß ich nachſah, ob dieſe ſeine Neigung ſich nicht auch auf andere Gegenſtände und Gebiete erſtrecke. Zwar war ich entſchloſſen, ihn zu entfernen, und einen Andern an ſeine Stelle zu ſetzen, aber es waren erſt lange und verwickelte Rechnungen in's Reine zu bringen. „Ja, Sir, die Religion iſt ein Intereſſe von der größten Wichtigkeit für die Wohlfahrt des Menſchen, und ſie iſt nur zu lang unter uns vernachläſſigt worden,“ fuhr der Moderator fort. „Ihr ſeht dort das Gerippe zu einem religiöſen Verſammlungs⸗ haus, dem erſten, das in dieſer Anſiedlung begonnen wurde, und es iſt unſere Abſicht, es dieſen Nachmittag aufzuſchlagen. Die 165 Bunde ſind ganz fertig. Die Hebeſtangen ſtehen bereit, und Alles wartet nur auf das Wort, um mit dem Aufrichten zu beginnen. Ihr werdet bemerken, Squire, es war der Klugheit gemäß, bis zu einem gewiſſen Punkte mit dem Baue vorzuſchreiten, ehe wir einen Beſchluß faßten über die Zuerkennung an eine Religionsgeſellſchaft. Bis zu dieſem Punkt arbeitete natürlich Jeder ſo, als arbeitete er für ſeine Kirche; und wir haben das Wohlthätige dieſer Politik erfahren und ſich erproben ſehen, da, wie Ihr Euch überzeugen könnt, die Dielen gehobelt, die Fenſter gemacht und mit Glas ver⸗ ſehen, das Holz zu den Kirchenſtühlen bearbeitet, und Alles fertig iſt, um zuſammengeſetzt zu werden. Sogar die Nägel und die Farben ſind angeſchafft und bezahlt. Mit Einem Wort, es iſt nichts mehr zu thun übrig, als zuſammenzuſetzen, die letzte Hand anzulegen und zu predigen.“ „Warum habt Ihr aber nicht das Gebäude aufgerichtet und die letzte Hand angelegt, wie Ihr es nennt, ehe Ihr zu der Ab⸗ ſtimmung über Annahme eines Kirchenregiments ſchrittet, die Ihr, wie ich finde, ſo eben vorgenommen habt?“ „Das wäre etwas zu weit gegangen geweſen, Major,— ein klein wenig zu weit. Wenn Ihr Einem eine zu ſtarke Handhabe gebt, ſo läßt er ſie manchmal gar nicht wieder fahren. Wir haben die Sache unter uns beſprochen, und beſchloſſen, die Frage zu ſtel⸗ len, ehe wir weiter gingen. Alles iſt glücklich abgelaufen, und wir haben einſtimmig beſchloſſen, uns für die congregationiſtiſche Kirche zu entſcheiden. Einmüthigkeit iſt ein großer Segen in der Religion!“ „Fürchtet Ihr nicht ein Nachlaſſen im Eifer in Folge dieſes Verfahrens? Keine Weigerung, für Zimmerleute, Anſtreicher und Prieſter mitzubezahlen?“ „Nicht viel— ein wenig vielleicht; aber es wird nichts zu bedeuten haben, ſollte ich meinen. Euer großmüthiges Beiſpiel, Major, hat ſeinen Einfluß geübt, und wird, wie ich nicht zweifle, viel wirken.“ 166 „Mein Beiſpiel, Sir? Ich verſtehe Euch nicht, Mr. Newcome, denn ich habe nie von der Kirche vernommen, bis ich Eure Worte in Betreff derſelben, als Leiter dieſer Verſammlung, gehört habe.“ Squire Newcome ſtockte etwas, räuſperte ſich, nahm eine Extraportion Tabak zum Kauen in den Mund, und dann fühlte er ſich dem Verſuche gewachſen, eine Antwort zu geben. „Ich ſage Euer Beiſpiel, Sir; obgleich die Ermächtigung zu dem, was ich gethan, von Eurem geehrten Vater, dem General Littlepage, herrührte, aus der Zeit vor der Revolution ſchon. Kriegszeiten, wißt Ihr, Major, ſind keine Zeiten, Verſammlungs⸗ häuſer zu bauen; ſo beſchloſſen wir, die Sache aufzuſchieben bis zum Frieden. Frieden haben wir jetzt und unſer Ende naht raſch heran; und ich dachte, wenn das Werk überhaupt ausgeführt wer⸗ den und dieſer Generation noch zu Gute kommen ſollte, ſo müſſe es jetzt geſchehen. Ich hoffte, es werde in dem Hauſe noch vor Eurer Ankunft gepredigt werden, und wir würden Euch überraſchen können mit dem erfreulichen Schauſpiel einer Gott dienenden Ge⸗ meinde auf Eurem Gute. Hier iſt Eures Vaters Brief, aus wel⸗ chem ich vor einer halben Stunde den Leuten einen Abſchnitt vor⸗ geleſen habe.“ „Ich hoffe, die Leute haben immer Gott angebetet und ihm gedient, wenn auch nicht in einem ausdrücklich hiefür erbauten Hauſe. Mit Eurer Erlaubniß will ich den Brief leſen.“ Dieſe Urkunde trug das Datum 1770, alſo vierzehn Jahre vor der Zeit, wo das Gebäude wirklich aufgeführt, und fünf Jahre ehe die Schlacht bei Lexington geliefert wurde. Ich war etwas über⸗ raſcht hierüber, las aber weiter. Unter Anderem fand ich, daß mein Vater eine allgemeine Bewilligung eines Vorſchuſſes von 500 Dollars an ſeine Pächter ausgeſprochen hatte, behufs der Erbauung eines Gebäudes zum Gottesdienſte, wobei er ſich, als mein Vormund, eine Stimme bei der Wahl der kirchlichen Gemeinſchaft vorbehielt, welcher die Kirche ſollte überwieſen werden. Ich kann hier auch 167 bemerken, daß ich, als ich die Pachtverträge unterſuchte, fand, daß Kre⸗ dite im vollen Betrag jener Summe im Jahr 1776 gegeben worden waren, und daß das Geld, oder was für Geld galt, der Erlös von Ar⸗ beit, Bodenerzeugniſſen, Vieh, Butter, Käſe u. ſ. w. die ganze ſeithe⸗ rige Zeit über in Mr. Newcome's Händen geblieben, ohne Zweifel zu ſeinem großen Vortheil. So war vermöge einer ſpäten Benützung und Verwendung des großmüthigen Geſchenks meines Vaters der Agent ſeiner Sache ziemlich gewiß, den ganzen Handel durchſetzen zu können, vorausgeſetzt ſelbſt, daß Einige von den Leuten bei der neuerlich erfolgten Entſcheidung ſich ſtörriſch zeigen ſollten. „Und das hiezu angewieſene Geld iſt an den Ort ſeiner Be⸗ ſtimmung gelangt?“ fragte ich, als ich den Brief zurückgab. „Jeder Heller iſt ſo hinausgegangen, Major, oder wird bald hinausgehen. Wenn die erſte Congregationiſtenkirche von Ravens⸗ neſt ſteht, könnt Ihr das Haus mit dem genugthuenden Bewußt⸗ ſein anſehen, daß Euer Geld Vieles beigetragen hat zu dem guten Werke ſeiner Erbauung. Welch' ein entzückendes Gefühl muß das erwecken! Es muß ein großer Segen für Landbeſitzer ſein, wenn ſie ſich ſagen können, wie viel von ihrem Gelde ihren Mitmenſchen zu Gute kommt!“ „Bei mir ſollte dieß allerdings der Fall ſein, da ich von meinem Vater gehört und in der That ſelbſt auch aus den mir abgelegten Rechnungen geſehen habe, daß nicht ein Dollar Rente je die Anſiedlung verlaſſen hat, um in die Taſche des Eigenthümers des Gutes überzugehen,— ja, daß die baaren Auslagen meines Großvaters, noch zu den erſten Koſten des Patentes hin, ſehr be⸗ trächtlich waren.“ „Ich läugne das nicht, Major, ich läugne das nicht. Es iſt ganz wahrſcheinlich. Aber Ihr werdet erwägen, was der Geiſt des öffentlichen Fortſchrittes erheiſcht; und Ihr Gentlemen Landbeſitzer erwartet natürlich von künftigen Generationen Euren Lohn— ja, Sir, von künftigen Generationen. Dann wird die Zeit kommen, 168 wo die vermietheten Ländereien nutzbar werden, und Ihr werdet Euch der Früchte Eurer Großmuth erfreuen.“ Ich verbeugte mich, antwortete aber nichts. Mittlerweile hatte der Wagen das Gaſthaus erreicht, Jaagp ſchaffte den Koffer und das andere Gepäcke heraus. Ein Gerücht hatte ſich unter den Leuten verbreitet, ihr Pachtherr ſei angekommen, und einige der älteren Pächter, Diejenigen, welche Herman Mordaunt— wie ſie Alle meinen Großvater nannten,— gekannt hatten, verſammelten ſich um mich, mit einer offenen, freimüthigen Herzlichkeit, in wel⸗ cher ſich Neigung und Wohlwollen mit Achtung miſchte. Sie wünſchten meine Hand zu faſſen. Ich ſchüttelte die Hände mit Allen, welche kamen, und kann mit Wahrheit ſagen, daß ich an jenem Tage keines Mannes Hand in der meinigen hielt, ohne das Gefühl, daß das Verhältniß zwiſchen Grundherr und Pächter ein ſolches ſei, welches wohlwollende und vertrauensvolle Geſinnungen erwecken ſollte. Das Beſitzthum Ravensneſt war mir durchaus nicht nothwendig zu einer behaglichen Exiſtenz; und ich war in der That ganz geneigt, wo nicht von künftigen Generationen, doch von einer ſpätern Zeit die Vortheile zu erwarten, welche es mir bringen konnte. Ich bat die Leute zu mir herein, beſtellte eine Schüſſel Punſch, denn zu jener Zeit war ein Trunk die unerläßliche Beglei⸗ tung jeder Bewillkommnung, und beſtrebte mich, bei meinen neuen Freunden mich beliebt zu machen. Ein Schwarm Weiber, von welchen ich noch nicht geſprochen, wartete mir auch auf; und ich mußte die Ceremonie durchmachen, mir viele von den Frauen und Töchtern von Navensneſt vorſtellen zu laſſen. Im Ganzen war die Begegnung freundlich und mein Empfang warm. ——X—j—,—,y, D3—ͤͤ berdet weile doffer den e der ie ſie eelten wel⸗ Sie mit h an das r ein ngen haus n der von ngen üſſel glei⸗ euen von ich und die 169 Zehntes Kapitel. Trag's durch Unrecht, Sorge, Schmerz, Feucht vom Thau der Jugend dein Herz, Um den Mund der Wahrheit Lächeln. Longfellow. * Die Ceremonie des Vorſtellens war noch nicht halb abge⸗ macht, als laut und lärmend die Aufforderung zu den Hüftſtangen des Verſammlungshauſes ertönte. Auf dieſen Ruf begab ſich die ganze Geſellſchaft weg; denn das Aufſchlagen eines Hauſes iſt auf dem Lande ein zu wichtiger Vorfall, als daß man es verſäumen dürfte. Ich benützte die Gelegenheit, um einige Befehle zu geben, meine perſönliche Bequemlichkeit betreffend, worauf ich mich ſelbſt auch nach der Scene gegenwärtiger Arbeit und künftiger congrega⸗ tioniſtiſcher Erbauung begab. Jedermann in Amerika, einige wenige eingefleiſchte Stadtſöhn⸗ chen ausgenommen, hat ſchon das Aufſchlagen eines Hauſes ge⸗ ſehen. Die meiſten Leute haben es wohl hundert Mal geſehen, und ich für meinen Theil glaubte mit ziemlicher Sicherheit behaupten zu können, daß ich es bis dieſen Tag tauſendmal geſehen habe. In dem gegenwärtigen Falle fanden lebhafte Beglückwünſchungen unter den Meomen ſtatt, weil das Gerüſte„ſo gut zuſammengekommen ſei.“ Auch mir gratulirte deßhalb der herzhafte alte Rhodeislän⸗ der, mein Collega Major, indem er mich verſicherte:„Er könne nicht die Klinge ſeines Meſſers„und es ſei doch gar kein großes Meſſer, in irgend eine Fuge hineinſtecken. Und was noch mehr iſt, Squire,“— da der ſtämmige Meoman ſelbſt Major war, obgleich nur bei der Miliz, wäre dieſer Titel für ſeinen Grundherrn nicht vornehm genug geweſen,—„und was noch mehr iſt, Squire, man ſagt mir, kein einziges Stück ſei probirt worden, bis wir ſelbſt dieſen Nachmittag die Bünde zuſan mengelegt! Nun hatte ich wei⸗ 170 ter unten im Lande nie ſo Etwas geſehen; aber hier oben arbeiten die Zimmerleute nach dem Winkelmaaß, wie ſie es nennen, und recht ſchnelle Arbeit machen ſie damit!“ Dieſe Rede deutete das Weſent⸗ liche eines der Mittel an, wodurch die„neuen Gegenden“ mit den alten gleichen Schritt zu halten ſtrebten, wie ich bei weitern Er⸗ kundigungen erfuhr. 3 Es dürfte nicht unpaſſend ſein, das Ausſehen des Platzes zu beſchreiben, wie ich bei dem neuen religiöſen Verſammlungshauſe anlangte. Der größte Theil des„Volkes“ hatte ſeine Stellung bei dem erſten Bunde oder Fache eingenommen, fertig zum Aufheben, während zuverläſſige Männer am Fuße des Poſtens oder Ständers ſtanden mit Hebeeiſen, ſchweren Aexten und andern paſſenden Werk⸗ zeugen, die zu haben waren, verſehen, bereit, dieſe weſentlichen Stützen unverrückt zu erhalten; und von der ſichern Feſtigkeit die⸗ ſer Perſonen hingen die geſunden Glieder und das Leben Derer ab, welche das Holzwerk aufrichteten. Da dieß Bauwerk größer war als gewöhnlich, war auch die Gefahr geſteigert, ſo wie das dringende Bedürfniß, Leute zu haben, auf die man ſich verlaſſen konnte, ſich um ſo fühlbarer machte. Vor einem Poſten insbeſondere ſchienen aus einem mir nicht bekannten Grunde alle die zuverläſſigen Män⸗ ner Scheu zu tragen, und Jeder erklärte, er halte einen Andern für geeigneter, denſelben einzunehmen, als ſich ſelber. Der Werk⸗ führer oder„Boß“,— dieß Wort hatte von Manhattan ſeinen Weg bis hinauf nach Ravensneſt gefunden,— rief, es ſolle Einer dieſen ſchwierigen Poſten einnehmen, da nichts mehr die Arbeit auf⸗ halte, als der Mangel eines Mannes auf demſelben; und Einer ſah den Andern an, in Erwartung, wer vortreten werde, als plötzlich ein Geſchrei ſich erhob:„der Kettenträger!— der Kettenträger!— da kommt der Mann, den wir brauchen!“ Und wirklich kam der alte Andries Coejemans, friſch ausſehend, aufrecht, kräftig und feſten Schrittes, obgleich er ſchon ſein ſiebzig⸗ ſtes Lebensjahr hinter ſich hatte. Mein alter Kriegskamerade hatte 171 beinahe alle Zeichen ſeines militäriſchen Berufs abgelegt, obgleich die Märſche und Erxercitien von acht Jahren nach einer Friſt von uur 12 Monaten nicht ganz in der Haltung und dem Gang eines Mannes ſich verläugnen konnten. Das Einzige, was den geweſenen Soldaten verrieth, außer der Haltung, war die Art und Weiſe, wie mein ehemaliger Kollege Kapitän ſeinen Zopf geflochten und gebunden trug. Andries trug ſeine eigene Haare; das machte ſeine Lebensart in den Wäldern von frühen Jahren an nothwendig; aber er hatte es nun lange in einer Art militäriſchen Zuſchnitts gebun⸗ den, und dieſer Art blieb er auch jetzt noch treu. In andern Be⸗ ziehungen hatte er ſich ganz in einen Waldbewohner umgewandelt. Er trug ein Jagdhemd, wie ich; Ledergamaſchen, Mokaſins, und eine Mütze von Häuten ohne den Pelz. Aber dieſen Anzug, weit entfernt den wohlthuenden Eindruck ſeines noch ſo friſchen Alters zu ſchwächen, trug vielmehr dazu bei, ihn zu erhöhen. Andries Coe⸗ jemans maß immer noch, mit ſiebzig Jahren, ſeine ſechs Fuß, denn er war ſo aufrecht als mit zwanzig Jahren; und weit entfernt, daß ſein Körper von den Unbilden des Alters gelitten hätte, ſchien er durch Alles, was er ausgeſtanden, nur noch mehr abgehärtet und gekräftigt. Sein Kopf war ſchneeweiß, während ſein Geſicht die rothe, wettergebräunte Farbe der Geſundheit und des Le⸗ bens im Freien an ſich trug. Das Geſicht war immer ein ſchö⸗ nes geweſen, denn ſeinen kühnen und männlichen Zügen war ein ganz ungewöhnlicher Ausdruck von Aufrichtigkeit und Wohlwollen aufgeprägt. Der Kettenträger konnte mich nicht ſehen, bis er auf das Ge⸗ rüſte trat. Da aber konnte man nicht im Zweifel ſein über den Ausdruck ſeines Geſichts, welches Freude und freundſchaftliche Theil⸗ nahme verrieth. Ueber das Zimmerholz ſchreitend mit dem Schritt eines Mannes, der längſt gewohnt iſt, unter Gefahren aller Art zu wandeln, ergriff er meine Hand und drückte ſie mit einer Kraft, die den guten Zuſtand ſeiner Muskeln und Sehnen verrieth. Ich 172 ſah eine Thräne in ſeinem Auge blinken; denn wäre ich ſein Sohn geweſen, er hätte mich, glaube ich, nicht inniger lieben können. „Mordaunt, mein Junge, Ihr ſeid herzlich willkommen!“ ſagte mein alter Kriegskamerade.„Ihr ſeid dieſen Leuten über den Hals gekommen, bilde ich mir ein, wie die Katze herbeiſchleicht, die Mäuſe zu überraſchen; aber ich hatte Kunde von Eurem Kom⸗ men, und ging einige Meilen die Straße hinab Euch entgegen. Wie oder wo Ihr an mir vorbeikamet, das weiß ich mir nicht zu erklären; denn ich habe nichts von Euch noch von Eurem Wagen geſehen.“ „Und doch ſind wir Beide da, mein trefflicher alter Freund, und höchſt glücklich fühle ich mich, Euch wieder zu ſehen. Wenn Ihr mich in das Gaſthaus begleiten wollt, können wir behaglicher uns beſprechen.“ „Genug, genug für den Augenblick, junger Kamerad. Die Arbeit ſteht ein wenig ſtill, weil meine Hand fehlt; tretet von dem Gerüſte weg, Junge, und laßt uns dieß Gebälke aufrichten, dann ſtehe ich Euch zu Dienſten, eine Woche oder ein Jahr lang.“ Freundliche Blicke tauſchend und den warmen, herzlichen Hände⸗ druck wiederholend, ſchieden wir für jetzt; ich verließ das Gerüſte, während der Kettenträger ſich ſofort an den Fuß des wichtigen Pfoſten oder Ständers begab, an die Stelle, welche kein Anderer einnehmen wollte. Dann begann ohne weiteren Verzug die ernſte, mühevolle Arbeit, einen Bund aufzurichten. Dieſe Arbeit iſt ſelten ganz ohne Gefahr; und im vorliegenden Falle, wo die Kraft der Männer nicht ganz im Verhältniß ſtand mit der Wucht des Zim⸗ merholzes, verdoppelte ſich die Anforderung der Feſtigkeit und Zu⸗ verläſſigkeit an jeden Einzelnen. Meine Aufmerkſamkeit ward ſo⸗ fort angezogen von dem Geſchäft, das ich beginnen ſah, und einige Minuten lang dachte ich kaum an etwas Anderes. Die Frauen hatten ſich, ſo nahe, als der Vorſicht gemäß war, an den Platz gezogen, wo ihre Gatten, Brüder und Liebhaber alle Muskeln und Sohn nen. ſagte er den leicht, Kom⸗ gegen. icht zu Wagen reund, Wenn glicher Die t von ichten, ang.“ dände⸗ erüſte, htigen nderer ernſte, ſelten ft der Zim⸗ Zu⸗ d ſo⸗ einige rauen Platz mund 173 Nerven anſtrengten; und eine tiefe, ängſtliche Stille herrſchte unter der ganzen Schaar, welche in buntem ländlichem Putze prangte, der ſich freilich weder durch Geſchmack noch Feinheit ſonderlich auszeich⸗ nete. Doch hatte dieſe Gruppe von Frauen wenig Plumpes, Ge⸗ meines oder Unweibliches an ſich, wenn ſie auch nicht eben viel an ſich hatten, was bei einer ähnlichen Verſammlung heutigen Tages dem Auge als anziehend erſcheinen und auffallen würde. Die Ver⸗ beſſerung in der Tracht und in der äußern Erſcheinung der Frauen und Töchter der Landleute iſt während der letzten fünfundzwanzig Jahre eine ſehr merkliche geweſen. Reichlich die Hälfte der bei dieſer Gelegenheit Verſammelten trugen kurze Röcke(Juppen), eine Tracht, die beinahe ganz verſchwunden iſt; und die Reitkiſſen, die man auf dem Rücken beinahe aller Pferde ſah, welche an den nahen Zäunen angebunden waren, zeigten, in welcher Weiſe ſie den Weg hieher gemacht hatten. Die Kalico's jener Zeiten waren theuer und unzierlich; und es erforderte viel Geld, wenn eine Frau in einem Aufzug erſcheinen wollte, der auch für das ungeübteſte Auge an⸗ ziehend geweſen wäre. Dennoch fanden ſich viele hübſche Mädchen unter dieſer Gruppe von ängſtlichen Geſichtern, mit ſchwarzen und blauen Augen,— mit blonden, ſchwarzen und braunen Haaren, und von den verſchiedenen Bildungen und Farben, in welchen weib⸗ liche Schönheit bei jugendlichen Perſonen erſcheint. Ich ſchmeichle mir, ſo hübſch geweſen zu ſein als die meiſten jungen Männer meines Alters und Standes, und glaube, daß ich bei gewöhnlichen Gelegenheiten mich ſchwerlich vor dieſer Gruppe von Mädchen hätte zeigen können, ohne einige ihrer Blicke auf mich zu ziehen. Aber das war nicht der Fall, als ich von dem Gerüſte wegtrat, welches jetzt Aller Augen auf ſich zog. Dorthin und auf die es Umgebenden waren alle Augen, all' die ängſtlichen Geſichter gewandt, mich ſelbſt mit eingeſchloſſen. Es war ein Au⸗ genblick voll des tiefſten Intereſſes für Alle; und am meiſten für Diejenigen, welche nur fühlen konnten und nicht handeln. 174 Auf das gegebene Wort machten die Männer eine gleichzeitige Anſtrengung, und ſie hoben den obern Theil des Bundes oder Faches von dem Holz empor, worauf er lag. Es war leicht zu ſehen, daß die Arbeiter, ſo kräftig und willig ſie waren, doch gerade genug zu thun und zu heben hatten. Knaben jedoch ſtanden bereit mit kurzen Latten, die ſie aufrecht unter den Bund ſchoben, und ſo hatten die Männer Zeit, Athem zu ſchöpfen. Ich fühlte einige Beſchämung, in einem ſolchen Augenblick nichts zu thun zu haben; aber da ich fürchtete, eher zu hindern und zu ſchaden, als zu nützen, hielt ich mich entfernt und verharrte in der Rolle eines bloßen Zuſchauers. „Jetzt, ihr Männer,“ ſagte der ‚Boß“, der ſeine Stellung da genommen hatte, wo er das Ganze überſehen konnte,„wollen wir uns wieder zum Heben bereit machen. Alle auf einmal— das macht die Arbeit leicht! Seid Ihr fertig? A— uff! A— u— f!“ Die ſtarken Männer hoben tüchtig, und das mit ſo viel Raſch⸗ heit und Einſicht, daß das maſſive Holz ſo hoch als ihre Köpfe emporgehoben wurde. In dieſer Höhe blieb es nun, wieder wie zuvor durch kurze Pflöcke unterſtützt und gehalten. Jetzt kamen die Hüftſtangen zur Anwendung. Dieß iſt immer der ſchwierigſte Augenblick einer ſolchen Aufrichtung, und die Männer trafen demgemäß ihre Vorkehrungen. Kurze Pfähle wurden zuerſt unter den Balken gebracht, indem man die ſtumpfen Enden in die Fundamentgruben trieb, und Einige der ſtärkſten Männer ſtellten ſich auf Blöcke, um die Kraft ihrer Arme unmittelbar zu verſuchen. „Seid ihr fertig, ihr Männer?“ ſchrie der Boß.„Das iſt unſer ſchwerſter Bund und wir kommen mit friſchen Kräften daran. Habt wohl Acht auf den Fuß eines jeden Ständers— Kettenträger, ich verlaſſe mich auf Euch— euer Poſten iſt der Königspoſten vom ganzen Gerüſte; wenn der ſtürzt, ſtürzt Alles. Macht euch fertig, ihr Männer! auf! auf!— jetzt Alle zuſammen— auf! — Er hebt ſich— auf! noch mehr Hebeſtangen!— an das Ge⸗ zeitige Soder cht zu gerade bereit , und einige aben; ils zu eines ng da n wir das f†0 ſaſch⸗ Köpfe r wie mmer änner zuerſt in die teellten uchen. as iſt aran. äger, poſten euch auf! 1 Ge⸗ 175 rüſt, Knaben— ſchafft Stützen herbei— auf, auf— hinein mit euren Stützen— ſo, ſchöpft ein wenig Athem, ihr Leute!“ Es war Zeit, Athem zu ſchöpfen, in der That; denn die An⸗ ſtrengung war furchtbar hart geweſen. Der Bund hatte ſich jedoch emporgehoben, und bildete jetzt, wie zuvor von Stützen gehalten, einen Winkel von etwa fünfzehn Graden mit der Fläche des Ge⸗ bäudes, ſo daß außer den Ständern nichts mehr im Bereich der Hände war. Die Hebeſtangen mußten das Uebrige thun, und die Bewältigung der nächſten zehn Grade erforderte vorausſichtlich den größten Kraftaufwand. Bis jetzt war Alles gut gegangen, und das einzige Mißliche war die Gewißheit, die man erlangt hatte, daß die vorhandene Kraft kaum hinreichte, ein ſo ſchweres Gebälke hinaufzubringen. Indeſſen ließ ſich dem nicht abhelfen, denn alle Anweſenden, die irgend von Nutzen ſein konnten, außer mir, hatten ihre angewieſene Stelle. Ein gut ausſehender, halb genteeler jun⸗ ger Mann, deſſen Tracht zu zwei Drittheilen nach dem Wald und zu einem Drittheil nach der Stadt ausſah, war hinter der Schaar der Weiber hervor und auf das Gerüſt getreten, und hatte ſeinen Poſten an einer Hebeſtange eingenommen. Der uneingeweihte Leſer muß wiſſen, daß Diejenigen, welche ein Gebäude aufſchlagen, noth⸗ wendigerweiſe gerade unter dem Zimmerholz ſtehen, das ſie empor⸗ heben, und daß ein Sturz ſie mit einer furchtbaren Gefahr, erſchlagen zu werden, bedroht. Es ſtürzen manchmal Bunde auf die Arbeiter herab; und die Folge iſt beinahe ſicheres Verderben Derjenigen, welche von dem Zimmerholze getroffen werden. Trotz der Gefahr und der Schwierigkeit im gegenwärtigen Falle behielt doch die gute Laune die Oberhand, und einige Scherze wurden losgelaſſen auf Koſten der Congregationiſten und des Moderators. „Gebt die Verſicherung, Squire,“ rief der herzhafte alte Rhode⸗Isländer,„gelegentlich auch von den anderen Kirchengeſell⸗ ſchaften hineinzulaſſen, ſo werdet Ihr ſehen, wie leicht die Balken hinaufgehen. Das Presbyterium hält verzweifelt an und zurück!“ 176 „Ich hoffe,“ verſetzte der Mr. Moderator,„Niemand iſt doch wohl der Meinung, es beſtehe nicht religiöſe Freiheit auf dieſer Anſiedlung. Gewiß— gewiß— andere Kirchengeſellſchaften können ſich jederzeit dieſes Hauſes bedienen, wenn es nicht von den rechten Eigenthümern benützt wird.“ Dieſe Worte„rechte Eigenthümer“ waren nicht glücklich ge⸗ wählt; je ſtärker das Recht, deſto weniger hat die unterliegende Partei Luſt, davon zu hören. Trotzdem zeigte ſich keine Neigung, ſich wegzuſchleichen und der Arbeit zu entziehen; und zwei oder drei von den Diſſenters nahmen auf der Stelle ihre Rache durch Anfälle auf den Moderator. Fürchtend, es möchte des Geſchwätzes zu viel werden, erneuerte der Boß ſeinen Ruf, und forderte Alle auf, der Arbeit ihre Aufmerkſamkeit zuzuwenden. „Laßt uns Alle miteinander angreifen, ihr Männer,“ ſagte er. „Wir ſind jetzt an dem ſchwerſten Punkt angelangt und müſſen be⸗ harrlich ſein wie gut eingeübtes Vieh. Wenn jeder Mann auf dem Gerüſte nur Eine Minute ſeine Schuldigkeit thut, ſo wird das Härteſte vorüber ſein. Ihr ſeht dieſe aufgerichtete Stütze hier, mit dem Knaben Tim Trimmer daneben; hebt nun nur den Bund ſo hoch empor, daß Timmy das Ende der Stütze darunter ein⸗ ſchieben kann, ſo wird Alles gut und ſicher ſein. Seht nach dem unteren Ende der Stütze, Tim; iſt ſie feſt und gut eingerammt?“ Tim bejahte es; aber zwei oder drei von den Männern gingen und unterſuchten es genau, und nachdem ſie Einiges geändert, ver⸗ ſicherten auch ſie den Werkführer oder Boß, ſie könne nicht weichen. Dann ward eine kurze Anſprache gehalten, in welcher Alle ermahnt wurden, Ihr Möglichſtes zu leiſten, und Jeder insbeſondere erinnert doch dieſer nnen chten ge⸗ ende ung, oder 177 oder die Erwartung angedeutet, daß ich mich auch in die Reihen ſtellen ſollte. Ich will geſtehen, daß ich eine innere Regung ſpürte, es zu thun; denn wer kann ſeine Mitgeſchöpfe alle Muskeln und Nerven anſpannen und anſtrengen ſehen, ohne von menſchlichem Mitgefühl ergriffen zu werden? Aber der Gedanke an militäriſchen Rang und an meine Privatſtellung behauptet nicht nur ſein Recht, ſondern übte auch Einfluß auf meine Gefühlsweiſe. Ich trat dem Gerüſte ein paar Schritte näher, ſetzte aber den Fuß nicht darauf. „Fertig, ihr Männer,“ rief der„Boß“,„zum letzten Mal Alle zuſammen auf das Wort— jetzt iſt die Zeit— Holz her— auf— auf!“ Die armen Burſche hoben, was ſie konnten, und es war nur zu ſichtlich, daß ſte wankten unter dem ungeheuren Druck des maſ⸗ ſiven Bundes. Ich trat auf das Gerüſte, gerade in der Mitte oder auf die gefährlichſte Stelle, und ſtemmte mich mit all' meiner Kraft an einer Hebeſtange an.. „Hurrah!“ ſchrie der Boß,„da kommt der junge Grundherr! — auf, auf! thue Jeder ſein Beſtes!— auf! auf!“ Wir hoben, was wir konnten, und wir brachten den Bund einige Fuß höher hinauf, aber noch fehlten ein paar Zoll dazu, daß die neuen Stützen ihn packen konnten. Zwanzig Stimmen ſchrieen jetzt, Jeder ſolle auf ſeinem Poſten ſein Möglichſtes thun, denn Jedermann fühlte die Wichtigkeit der Kraft auch nur eines Knaben. Der Boß eilte wie ein Mann herbei, uns zu helfen; und jetzt glaubte Tim, die Stütze würde ſtehen bleiben, auch ohne daß er ſie halte, verließ ſie und eilte an eine Hebeſtange. In Folge dieſes Mißgriffs ſenkte ſich die Stütze ein wenig auf die Seite, ſo daß ſie nichts nützen konnte. Mein Geſicht ſtand ſo, daß ich dieſen gefährlichen Umſtand bemerkte; und ich ſpürte, daß die auf mir perſönlich laſtende Wucht mit jedem Augenblick blei⸗ ähnlicher wurde. Daraus merkte ich, daß unſere Kraft unter dem Druck des gewaltigen Bundes zu erliegen drohe. Der Kettenträger. 12 178 „Hebt, ihr Männer, ſo lieb euch euer Leben iſt, hebt!“ rief der Boß, wie Einer, der im Todeskampf liegt. Der Ton ſeiner Stimme klang mir wie der Ton der Ver⸗ zweiflung. Hätte uns in dieſem Augenblick ein einziger Knabe im Stiche gelaſſen,— und wir hatten ihrer zwanzig auf dem Gerüſte, ſo hätte die ganze Maſſe Zimmerholz auf uns herabſtürzen müſſen. Man rede mir nicht von einem Angriff gegen eine Batterie! Was iſt dieß, verglichen mit der Lage, in welcher wir uns befanden, für menſchliche Nerven? Das Nachlaſſen, das Erlahmen eines Muskels bei dieſer angeſtrengt hebenden und ſich anſtemmenden Menſchenmaſſe wäre unſer Aller Verderben geweſen. Fürchterliche, grauenvolle zwanzig Sekunden folgten; und gerade wie ich die Hoffnung aufgegeben hatte, ſtürzte ein junges weibliches Weſen aus dem bangen, kreideweißen Haufen der Weiber hervor, welche mit Schrecken und Todesangſt zuſahen, die man ſich leichter vorſtellen als ſchildern kann, ergriff die Stütze und rückte ſie zu⸗ recht gegen den Bund. Nur ein Zoll fehlte noch, bis ſie hinein⸗ paßte, aber wie dieſen Zoll gewinnen? Jetzt erhob ich meine Stimme, und rief den ermatteten Männern zu, noch einmal zu heben. Sie gehorchten; und ich ſah das muthige Mädchen mit den treuen zuverläſſigen Augen und der feſten Hand die Stütze genau da, wo es nöthig war, einſetzen. Alle auf dieſer Seite des Bundes empfanden augenblicklich die Erleichterung, und Einer um den Andern zog ſich vorſichtig, unter dem Rahmen hervor, zurück, bis nur Diejenigen noch zurück waren, welche die andere Seite emporhielten. Wir eilten dieſen zu Hilfe und hatten bald eine Anzahl Stützen eingeſtellt, worauf Alle ſich zurückzogen, und athemlos und ſchweigend die Gefahr betrachteten, der ſie entgangen waren. Ich für meine Perſon empfand tiefe Dankbarkeit gegen Gott für dieſe Rettung. Dieſer Vorfall machte einen tiefen Eindruck. Jedermann er⸗ kannte lebhaft die Gefahr, welcher man ausgeſetzt geweſen, und rief Ver⸗ de im rüſte, iſſen. Was nden, eines nden liche, ) die Leſen delche chter zu⸗ nein⸗ neine l zu mit tütze des um rück, Seite eine und ngen egen 1 er⸗ und 179 welches Verderben die Anſiedlung hätte betreffen können. Ich hatte nur mit flüchtigem Blicke das ſeltene Geſchöpf erſchaut, deſſen Ent⸗ ſchloſſenheit, Einſicht und Geiſtesgegenwart ſo viel für uns Alle ge⸗ than hatte; und ſie ſchien mir das reizendſte Weſen ihres Geſchlechts, das meine Augen je geſehen. Ihre Geſtalt insbeſondere war die Voll⸗ kommenheit ſelbſt,— gerade die rechte Mitte zwiſchen weiblicher Zartheit und derber Geſundheit, oder gerade ſo viel von letzterer, als ohne den leiſeſten Schatten von Plumpheit möglich war; und das Wenige, was ich von ihrem Geſicht ſah, das beinahe verſteckt war von einem Gewühl von Locken, die man wohl goldene nennen durfte, ſchien mir im wunderbarem Einklang mit dieſer Geſtalt zu ſtehen. Auch hatte die Handlung, die ſie verrichtet hatte, durchaus nichts männliches oder unziemliches, was irgend dem weiblichen Charakter ihrer Erſcheinung hätte Eintrag thun können. Es war eine entſchloſſene, nützliche, und in gewiſſem Sinne wohlthätige Handlung; aber ein Knabe hätte ſie, was die phyſiſche Kraft an⸗ langt, eben ſo gut verrichten können. Dieſelbe erheiſchte vielmehr Kaltblütigkeit, Einſicht und Muth, als irgend männliche Leibesſtärke. Es iſt möglich, daß bei der lebhaften Empfindung der Gefahr, in welcher wir Alle ſchwebten, meine Einbildungskraft den Ein⸗ druck der holden Erſcheinung geſteigert und idealiſirt haben mag, welche gleichſam wie ein von Oben geſandter Bote gekommen war uns zu retten. Aber auch noch wie ich da ſtand, keuchend in Folge der Anſtrengung, dergleichen ich ſelbſt ganz gewiß in meinem Leben nie ſonſt beſtanden, erſchöpft, beinahe athemlos, und faſt unvermö⸗ gend zu ſtehen, ſah mein Geiſtesauge nichts als die bewegliche Ge⸗ ſtalt, den leichten, elaſtiſchen Schritt, die goldenen Locken, die von der Aufregung geröthete Wange, den reizenden, in Entſchloſſenheit ſich feſt zuſammenziehenden Mund, und das ganze Weſen, die Hal⸗ tung und die That ſelbſt geweiht und verklärt von der Hingebung, der Bereitwilligkeit und Lieblichkeit ihres Geſchlechts. Als meine Pulſe regelmäßiger ſchlugen und mein Herz zu pochen aufhörte, 12* 180 ſchaute ich mich um nach dieſer wunderbaren Erſcheinung, ſah aber Niemand, der auch nur entfernt Anſpruch darauf machen konnte, dafür zu gelten, mit ihr verwandt zu ſein. Die Weiber hatten ſich zuſammengedrängt, wie ein verſchüchterter Trupp Hühner, und thaten Ausrufungen, indem ſie die Hände empor hielten, und ſich den Aeußerungen des Schreckens und der Beſtürzung überließen, wie ſie bei ihrem Geſchlecht und in ihrer Klaſſe gewöhnlich ſind. Die Viſion befand ſich gewiß nicht unter der Gruppe, ſondern war ſo plötzlich verſchwunden, als ſie erſchienen war. In dieſem Zeitpunkt trat der Kettenträger hervor und über⸗ nahm das Kommando. Ich bemerkte wohl, wie aufgeregt er war, — gerührt, war vielleicht der richtigere Ausdruck,— aber trotz dem war er feſt und beſtimmt in ſeinen Befehlen. Auch gehorchte man ihm mit einer Bereitwilligkeit, die mich hoch erfreute. Die Befehle des Boß hatten keinen ſolchen Eindruck gemacht, wie die jetzt von dem alten Andries ausgehenden; und ich fühlte in der That ſelbſt eine Luſt, ihnen Folge zu leiſten, wie ich achtzehn Monate früher gethan haben würde, als er als älteſter Kapitän unſeres Regiments auf deſſen rechtem Flügel ſtand. Der Werkführer trat ohne Murren das Kommando an den Kettenträger ab. Selbſt Squire Newcome fühlte offenbar, daß Andries ein Mann war, der in gewiſſem Sinne die Gemüther der Anſiedler beſſer zu lenken und zu beherrſchen vermochte, als er ſelbſt. Kurz, Jeder horchte auf ihn, Jeder ſchien zufrieden und vergnügt, und Jeder leiſtete ſeinen Befehlen Folge. Auch nahm mein alter Freund keineswegs ſeine Zuflucht zu den Mitteln der Schmeichelei, die in Amerika ſo gewöhnlich ſind, wenn man Men⸗ ſchen auf dem Lande in Ordnung zu halten und zu lenken ſucht. In den Städten, und wo man geordnete Körperſchaften und Schaa⸗ ren zu befehligen hat, hat man von der Autorität des Befehlenden ſo richtige Begriffe als nur irgendwo in der Welt; aber im Innern, und beſonders unter den Leuten, welche an die Art von Neu⸗Eng⸗ als hin⸗ die den Kra perp künd war dien fang Rho⸗ feſt ich n komn einer Eine aber onnte, n ſich und d ſich ießen, ſind. ndern über⸗ war, trotz orchte Die e die n der tzehn pitän n den daß er der ls er und nahm n der Men⸗ ſucht. ſchaa⸗ enden mern, Eng⸗ 181 land gewohnt ſind, haben ſehr wenige Männer ſo viel Anſehen, daß ſie geradezu ſagten:„John, thut dieß!“ oder„John, thut das;“ ſondern es heißt da:„Johnny, wollt Ihr nicht dieß thun?“ oder: „Johnny, meint Ihr nicht, es wäre gut Ihr thätet das?“ Der Kettenträger hatte nichts von dieſem lächerlichen, unverſtändigen Weſen an ſich. Er nannte die Dinge mit ihrem rechten Namen; und wenn er einen Spaten brauchte, ſo verlangte er keine Haue. Die Folge hievon war, daß man ihm gehorchte; denn in tauſend Fällen iſt das Befehlstalent den Menſchen eben ſo unentbehrlich, als irgend eine andere Eigenſchaft. Alles war bald wieder bereit, und die Männer waren etwas anders aufgeſtellt, als ſie zuvor geweſen. Dieſe Aenderungen hatte der Kettenträger getroffen, welcher die Mechanik praktiſch vortreff⸗ lich verſtand, beſſer vielleicht, als wenn er ein Mathematiker erſten Ranges geweſen wäre. Das Befehlswort, zu heben, ward gegeben, als wir Alle an den Hebſtangen waren;z und der Bund ging hinauf, wie von einer unwiderſtehlichen Kraft getrieben. Das war die Wirkung von des alten Andries' Befehlstalent und Uebung, denn in Folge hievon hob nicht nur Jeder die Laſt mit all' ſeiner Kraft empor, ſondern auch Alle zu gleicher Zeit. Ein Fach in perpendikularer Lage wird leicht bewältigt; und dann ward ver⸗ kündigt, daß die ſchwerſte Arbeit vorüber ſei. Die andern Bunde waren viel leichter; und nachdem einmal einer aufgerichtet war, diente er als eine Hilfe, die übrigen hinaufzubringen, die man An⸗ fangs nicht gehabt hatte. „Die Congregationiſten haben es durchgeſetzt,“ ſchrie der alte Rhode⸗Isländer lachend, ſobald der Bund mit ſeinen Stützen feſt ſtand,„mit Hilfe des Kettenträgers und noch einer Perſon, die ich nicht nennen will! Nun, die Reihe wird auch einmal an uns kommen; denn Navensneſt iſt ein Ort, wo die Leute ſich nicht mit einer Religion begnügen werden. Ein Land iſt übel daran, das nur Eine Religion hat; die Prieſter werden faul und die Bekenner lau!“ 182 „Darauf dürft Ihr Euch verlaſſen,“ erwiederte der Kettenträ⸗ ger, welcher ſichtlich Anſtalten machte, das Gerüſte zu verlaſſen; „Ravensneſt wird in kurzer Zeit ſo viele Religionen bekommen, als mißvergnügte Geiſter da ſind; und ſie werden noch manches Haus aufrichten und noch mehr Prieſter nöthig haben.“ „Gedenkt Ihr uns zu verlaſſen, Kettenträger? Es ſind noch mehr Pfoſten zu halten und noch mehr Fächer aufzurichten. 3 „Das Schwerſte iſt vorüber, und Ihr habt für das, was noch zu thun übrig iſt, ohne mich Kraft genug. Ich muß jetzt nach dem Grundherrn ſehen. Geht an eure Arbeit, ihr Männer; und wenn ihr könnt, ſeid eingedenk, daß ihr in dieſem Hauſe ein Weſen an⸗ zubeten habt, welches weder Congregationiſt noch Presbyterianer iſt, noch irgend etwas von dem, was Gegenſtand eurer Streitig⸗ keiten und Einbildungen iſt. Squire Newcome wird euch alles an⸗ geben, was das gelehrte Zeug betrifft, und der Zimmermann kann für den übrigen Tag ganz gut den Boß machen.“ Ich war überraſcht über die Kaltblütigkeit, womit mein alter Freund Anſichten und Geſinnungen ausſprach, welche in ſolcher Umgebung ſich nicht viele Gunſt verſprechen durften, und über die Achtung, mit welcher man ſeine gar nicht ſonderlich verbindlichen Worte aufnahm. Aber, wie ich mich nachher überzeugte, Andries erwarb ſich allgemeine Achtung durch ſeine anerkannte Rechtſchaffen⸗ heit; und ſeine Meinungen hatten ein Gewicht, weil er ein Mann war, der gewöhnlich ſagte:„Kommt, Jungen!“ und ſeine Befehle nicht mit den Worten anfing:„Geht, Jungen!“ dieß war ſein Charakter und Ruf beim Herrn geweſen, wo er in ſeinem kleinen Kreiſe als ein Mann bekannt war, bereit, ſich immer ſelbſt an die Spitze zu ſtellen. Sodann war Andries ein Mann von gediegener Wahrhaftigkeit; und ein ſolcher Mann, wenn er den moraliſchen Muth hat, ſeinen natürlichen Regungen und Gefühlen gemäß zu handeln, und dabei Vorſicht und Beſcheidenheit genug, ſich in den Gränzen der gemeinen Klugheit zu halten, gewinnt allmählig einen medg6 nträ⸗ ſſen; men, nches noch noch dem wenn an⸗ ianer eitig⸗ s an⸗ kann alter olcher er die lichen ndries affen⸗ Mann efehle rſein leinen in die egener iſchen iß zu n den einen 183 großen Einfluß über Diejenigen, mit welchen er zu verkehren hat. Die Menſchen achten immer und überall ſolche Eigenſchaften, wie wenig ſie auch ſelbſt ſie ausüben mögen. „Kommt, Morty, mein Junge,“ ſagte der Kettenträger, ſobald wir aus der Menge heraus waren.„Ich will Euer Führer ſein und Euch unter ein Dach geleiten, wo Ihr Herr und Meiſter ſeid.“ „Ihr meint doch wohl nicht das Neſt?“ „Das Neſt, und nichts Anderes. Das alte Haus ſieht, wie wir alten Soldaten, ein wenig roſtig und mürb aus, und vom Dienſt mitgenommen; aber es iſt behaglich, und ich hab' es für Euch herrichten laſſen, Junge. Eures Großvaters Einrichtung iſt noch dort; und Frank Malbone, Dus und ich haben es zu unſerem Hauptquartiere gemacht, ſeit wir hier in der Gegend ſind. Ihr wißt, ich habe von Euch Vollmacht dazu.“ „Gewiß, und auch die, Euch alles deſſen zu bedienen, was mein iſt. Aber ich hatte geglaubt, Ihr habet Euch förmlich eine Hütte gebaut in den Wäldern von Mooſeridge.“ „Das iſt auch ſchon geſchehen; manchmal ſind wir hier und manchmal dort. Meine Neger ſind in der Hütte; aber Frank und Dus und ich ſind herüber gekommen, um Euch hier in der Gegend willkommen zu heißen.“ „Ich habe einen Fuhrmann hier und meinen eigenen Schwar⸗ zen— laßt mich nach der Herberge gehen und Befehl geben, daß ſie ſich für uns in Bereitſchaft ſetzen.“ „Mordaunt, Ihr und ich, wir ſind gewohnt, uns unſrer Füße zu bedienen. Der Soldat marſchirt hin und her, ohne einen Wagen, ihn zu führen, den läßt er bei der Bagage und der Bagagewache.“ „So kommt nur, alter Andries; ich bin Euer Kamerad, zu Fuß oder zu Pferd. Es kann nur ein Weg von drei oder vier Meilen ſein, und Jaap kann uns mit den Koffern nach Bequem⸗ lichkeit folgen.“ Ein Wort dem Neger geſagt, war Alles, was nöthig war, 184 obwohl er und der Kettenträger ſich beim Wiederſehen wie alte Freunde begrüßten. Jaap war während des ganzen Krieges beim Regiment geweſen, bald als Diener meines Vaters, bald die Mus⸗ kete tragend, bald auch als Führer eines Geſpanns, und gegen das Ende ſeiner militäriſchen Laufbahn als mein Diener und Be⸗ gleiter. Daher betrachtete er ſich als eine Art Soldat, und er hatte ſich auch bei ſehr vielen Gelegenheiten als einen ſehr tüch⸗ tigen bewährt. „Ein Wort, ehe wir aufbrechen, Kettenträger,“ ſagte ich, als der alte Andries und Jaap mit ihrer Begrüßung fertig waren;„ich begegnete dem Indianer, den Ihr Sureflint zu nennen pflegtet, in den Wäldern, und wünſche ihn mitzunehmen.“ „Er iſt vorausgegangen, um Euern Beſuch anzukündigen,“ antwortete mein Freund.„Ich ſah ihn ſchon vor einer halben Stunde in raſchem Trabe die Straße dahin eilen. Er iſt jetzt wohl ſchon in dem Neſt.“ Es war Nichts mehr zu ſagen oder zu thun übrig, und wir machten uns auf den Weg, während die Leute emſig beſchäftigt zurückblieben, das übrige Gerüſte aufzuſchlagen. Ich hatte Ge⸗ legenheit, zu bemerken, daß meine Ankunft weit weniger Aufſehen auf der Anſiedlung erregte, als wohl der Fall geweſen ſein würde, wenn nicht das religiöſe Verſammlungshaus theilweiſe die Aufmerk⸗ ſamkeit von mir ab und auf ſich gezogen hätte. Beide Begeben⸗ heiten waren in gleichem Maaße etwas Neues und Fremdes. Ob⸗ gleich in einem chriſtlichen Lande geboren und in chriſtlicher Lehre aufgewachſen, hatten doch ſehr wenige von Denen, die auf dem Gute Ravensneſt wohnten und unter fünfundzwanzig Jahren alt waren, je ein Gebäude geſehen, das zum Behufe chriſtlicher An⸗ dacht und Gottesverehrung erbaut war. In der That waren im Jahr 1784 im Innern von New⸗York ſolche Gebäude etwas Sel⸗ tenes. Albany hatte, glaube ich, nur zwei; die Hauptſtadt mag ein Dutzend gehabt haben; und die meiſten der größern Orte be⸗ 185 ſaßen wenigſtens eines; aber mit Ausnahme der alten Grafſchaften und da und dort eines Fleckens am Mohayk, konnte ſich der neue Staat nicht vieler ſolcher„ſtummen Finger, zum Himmel hinauf deutend,“ rühmen, die in ſeinen Wäldern emporſtiegen, eben ſo viele Mahner an die künftige Welt und an das ernſte, wichtige Ende des Lebens. Natürlich empfanden Alle, die nie eine Kirche geſehen hatten, das lebhafteſte Verlangen, Geſtalt und Verhältniſſe der jetzt emporſteigenden beurtheilen zu können, und während der Ketten⸗ träger und ich an der Gruppe von Frauen vorbeikamen, hörte ich einige gutausſehende Mädchen ihre Ungeduld ausſprechen, Etwas von dem zu erwartenden Kirchthurme zu ſehen, während auf mich kaum ein Blick fiel. „Nun, mein alter Freund, da ſind wir wieder bei einander auf einer öffentlichen Straße marſchirend,“ bemerkte ich,„aber nicht in der Abſicht, gegenüber von einem Feinde ein Lager zu beziehen.“ „Ich hoffe nicht,“ erwiederte Andries trocken,„obgleich nicht Alles Gold iſt was glänzt. Wir haben einen harten Kampf be⸗ ſtanden, Major Littlepage; ich hoffe, er werde zu einem guten Ende führen.“ Ich war etwas überraſcht über dieſe Bemerkung, aber Andries war in ſeinen Erwartungen und Hoffnungen nie ſanguiniſch. Als ein ächter Holländer betrachtete er mit beſonderem Mißtrauen die Einwanderungen aus den öſtlichen Staaten, die, wie ich ihn oft hatte ſagen hören, keine glücklichen Ergebniſſe haben könnten. „Alles wird ſich am Ende ſchicken, Kettenträger,“ verſetzte ich, „und wir werden die Früchte unſerer Mühen und Gefahren ernten. Aber wie kommt Ihr auf dem Ridge fort, und wer iſt Euer Land⸗ vermeſſer?“ „Die Dinge gehen auf dem Ridge ihren ganz ordentlichen Gang, Mordaunt, denn dort— da iſt keine Seele, Einem Un⸗ ruhe und Unluſt zu machen. Wir haben Euch eine Karte gefertigt von zehntauſend Acres, in Loostheile von je hundert Aeres zerfal⸗ 186 lend, die, das darf ich wohl ſagen, ſo ehrlich und ſorgſam vermeſ⸗ ſen ſind, als nur irgend welche zehntauſend Acres im Staate. Wir haben zunächſt an dieſem Gute angefangen, und Ihr könnt mit den Verleihungen auf Eures Vaters Grund und Boden den Anfang machen, ſobald es Euch nur beliebt.“ „Und der Frank Malbone, von dem Ihr geſchrieben, beſorgte die Leitung der Vermeſſung?“ „Er hat meine Vermeſſungen verarbeitet und berechnet, Junge, und ganz genau und richtig ſind ſie, dafür will ich ſtehen. Dieſer Frank Malbone iſt der Bruder von Dus,— das heißt, ihr Halb⸗ bruder, denn mein Neffe iſt er nicht. Dus, wißt Ihr, iſt nur eine Halbnichte von mir, dem Blute nach; aber der Liebe nach iſt ſie meine ganze Tochter. Was Frank betrifft, ſo iſt er ein guter Kerl; und obgleich dieß ſein erſtes Geſchäft iſt als Vermeſſer, kann man ſich doch auf ihn ſo zuverſichtlich verlaſſen, als auf irgend einen andern Menſchen auf der Welt.“ „Es hätte nichts zu ſagen, wenn auch einige Mißgriffe vor⸗ kämen, Andries; Land iſt in dieſer Gegend nicht ſo koſtbar wie Diamanten; es iſt genug da für uns Alle, und wir haben noch viel übrig. Etwas Anderes wäre es, wenn daran Mangel wäre; ſo aber, wie es iſt, gebt nur immer dem Pächter oder dem Käufer ein reichliches Maaß. Eine erſte Vermeſſung kann nur wenig Ver⸗ luſt oder Gewinn zur Folge haben, während Vermeſſungen bei alten Gütern eine Menge Unluſt im Gefolge haben.“ „Und Prozeſſe genug!“ ſetzte der Kettenträger hinzu, mit dem Kopfe nickend.„Um Euch aufrichtig meine Meinung zu ſagen, Mordaunt, ich wollte lieber ein Geſchäft auf einer holländiſchen Anſiedlung übernehmen um's halbe Geld, als eine Linie ziehen zwiſchen zwei Yankee's um die doppelte Bezahlung. Bei den Hol⸗ ländern zünden die Eigenthümer ihre Pfeifen an, und rauchen, während man an der Arbeit iſt; aber die Yankee's ſuchen die ganze Zeit da ein Stückchen abzuſchneiden, und dort ein bischen zu ge⸗ ——s?ꝛ———₰r—+—,,, 187 vinnen; ſo daß Einer all' ſein Gewiſſen zuſammennehmen muß, um zwiſchen ihnen ehrlich und billig eine Linie zu ziehen.“ Da ich wußte, daß das Vorurtheil des Kettenträgers über die⸗ ſen Punkt eine ſeiner ſchwachen Seiten war, gab ich dem Geſpräch eine neue Wendung, indem ich es auf politiſche Begebenheiten lenkte, von welchen er, wie mir bekannt war, gerne ſprach. Wir wander⸗ ten weiter, über verſchiedene dahin einſchlagende Gegenſtände uns beſprechend, beinahe eine Stunde lang, als ich mich ganz plötzlich meinem eigenen Hauſe nahe ſah. In der Nähe geſehen hatte das Gebäude doch mehr Form und Feſtigkeit, als es, von der Höhe aus geſehen, zu haben geſchienen; und ich fand die Obſtgärten und Wie⸗ ſen um daſſelbe herum frei von Baumſtumpen und Anderem, was dem Auge wehe thut, und in gutem, geordnetem Zuſtand. Doch hatte das Gebäude von Außen einigermaßen das Anſehen eines Ge⸗ fängniſſes, weil keine Fenſter und Oeffnungen da waren, als die Thüre. Als wir letztere erreichten, welche mehr ein Thor als ein gewöhnlicher Hauseingang war, blieben wir einen Augenblick ſtehen, um uns umzuſehen. Wie wir daſtanden, auf die Felder hinaus⸗ ſchauend, glitt eine Geſtalt durch die Oeffnung und Sureflint be⸗ fand ſich an meiner Seite. Kaum war er neben mir, als die Töne derſelben ſchönen, metallreichen weiblichen Stimme, indianiſche Worte zu einer europäiſchen Melodie ſingend, ſich vernehmen ließ, die ich aus dem Fichtendickicht hervor, in dem Nachwuchs des Wal⸗ des, gehört hatte. Von dem Augenblick an vergaß ich meine Felder und Obſtgärten, vergaß den Kettenträger und Sureflint, und konnte an nichts mehr denken, als an den außerordentlichen Umſtand, daß ein eingeborenes Mädchen eine ſolche Kenntniß unſerer Muſik beſitze. Der Indianer ſelbſt ſchien bezaubert, und rührte ſich nicht, bis der Geſang oder die Verſe zu Ende waren. Der alte Andries lächelte, wartete, bis die letzte Strophe geſungen war, ſprach mit Nachdruck dn Namen„Dus“ aus, und winkte mir, ihm in das Gebäude zu olgen. 188 Eilftes Kapitel. Beatrice. Die Schuld wird an der Muſik liegen, Muh⸗ me, wenn er nicht zur rechten Zeit um dich anhält. Wenn der Prinz zu ungeſtüm wird, ſo ſag' ihm: man müſſe in jedem Dinge Maaß halten; und ſo verlange die Antwort. Viel Lärmen um Nichts. „Dus!* wiederholte ich vor mich hin.—„Alſo das iſt Dus, und kein Indianermädchen; des Kettenträgers Dus; der Priscilla Bayard Dus; und Sureflints Zaunkönig!“ Andries mußte theilweiſe dieſe Worte gehört haben; denn er blieb gerade im Hofe ſtehen, in welchen hinein das Thor führte, und ſagte: „Ja, das iſt Dus, meine Nichte. Das Mädchen iſt wie ein Spottvogel, und faßt die Geſänge aller Sprachen und Völker raſch auf. Sie iſt gut bewandert im Holländiſchen und ſchmilzt mir ganz das Herz, Mordaunt, wenn ſie ihre Kehle aufthut, um eines unſerer ſchwermüthigen holländiſchen Lieder zu ſingen; und die engliſchen trägt ſie auch ſo vor, wie wenn ſie keine andere Sprache verſtünde.“ „Aber dieß Lied war indianiſch— die Worte wenigſtens waren in der Mohawk⸗ oder Oneida⸗Sprache.“ „In der Onondago⸗Sprache— es iſt wenig oder kein Unter⸗ ſchied zwiſchen dieſen. Ja, Ihr habt ganz recht; die Worte ſind indianiſch, und ſie ſagen mir, die Muſik ſei ſchottiſch. Woher ſie aber kommen mag, ſie geht Einem recht zu Herzen, Knabe.“ „Wie kam Dus— wie kam Miß Urſula— das heißt, Eure Nichte, dazu, einen indianiſchen Dialekt verſtehen zu lernen?“ „Habe ich Euch nicht ſchon geſagt, ſie ſei ein vollkommner Spottvogel und ahme Alles nach, was ſie hört? Ja, Dus würde einen ſo guten Vermeſſer abgeben, als ihr Bruder iſt, wenn ſie es d ZBSSo SoS— 189 nur acht Tage probirte. Ihr habt ſchon von mir gehört, wie viel ich vor dem Kriege unter den Stämmen gelebt habe, und da war Dus bei mir. Auf dieſe Art hat ſie die Sprache aufgeſchnappt, und was ſie einmal gelernt hat, vergißt ſie nie wieder. Dus iſt eine halbe Wilde, weil ſie ſo viel in den Wäldern gelebt hat, und Ihr müßt deßhalb nachſichtig gegen ſie ſein; aber ſie iſt ein kapi⸗ tales Mädchen und der höchſte Stolz meines Herzens.“ „Sagt mir noch Eines, ehe wir in das Haus treten;— ſingt ſonſt noch Jemand hier herum Indianiſch?— hat Sureflint Frauen bei ſich?“ „Nein!— der Mann hat nichts zu ſchaffen mit Squaw's. Was Eure Frage betrifft, ob hier Jemand Indianiſch ſinge, kann ich nur ſagen, ich habe nie von Jemand gehört.“ „Aber Ihr habt mir geſagt, Ihr ſeiet dieſen Morgen die Straße hinabgegangen mir entgegen; waret Ihr da allein?“ „Keineswegs;— wir gingen Alle; Sureflint, Frank, Dus und ich. Ich dachte, es ſei ſchicklich gegen einen Grundherrn, Mordaunt, daß man ihm einen herzlichen Willkomm bereite; ob⸗ gleich Dus ein wenig rebellirte und ſagte, Grundherr oder nicht, es ſei nicht ſchicklich, daß ein junges Mädchen einem jungen Manne entgegengehe. Ich wäre wohl auch ſelbſt dieſer Meinung geweſen, wenn nicht Ihr es geweſen wäret, mein Junge; aber Euch gegen⸗ über konnte ich nicht ſo fremd thun, wie man es wohl gegen einen herumſtreichenden Yankee thäte. Ich wünſchte Euch mit der ganzen Familie zu bewillkommen; aber ich will Euch nicht verhehlen, wie abgeneigt Dus war, von der Geſellſchaft zu ſein.“ „Aber Dus war alſo doch dabei! Es iſt ſehr ſonderbar, daß wir uns nicht begegneten!“ „Weil Ihr nun einmal davon ſprecht, ich glaube, es kam Al⸗ les von einem Anſchlag dieſes ſchlauen Mädels her! Ihr müßt wiſſen, Mordaunt, nachdem wir eine Strecke weit die Straße hin⸗ ab gewandert waren, beredete ſie uns, in ein Dickicht von Fichten 190 zu treten, um einen Mund voll Speiſe zu uns zu nehmen; und ich glaube, die liſtige Hexe that dieß, damit Ihr unbemerkt vorbeipaſ⸗ ſiren möchtet und ſie ihre weibliche Würde wahrte.“ „Und aus dieſem Dickicht von Fichten hervor kam Sureflint, gerade nachdem Dus, wie Ihr ſie nennt, oder vielmehr Miß Urſula Malbone, wie ich ſie betiteln muß, eben dieß Lied geſungen hatte?“ „Waret Ihr ſo nahe bei uns, Knabe, daß Ihr das gehört habt, und wir mußten Euch verfehlen! Das Mädel ſang eben daſſelbe Lied; ja, ich erinnere mich, und ein ſüßer, guter Geſang iſt es. Ihr ſie Miß Urſula Malbone nennen? Warum ſollt Ihr ſie nicht Dus nennen, ſo gut wie Frank und ich?“ „Aus dem einfachen Grunde, weil Ihr ihr Oheim ſeid, und Frank ihr Bruder iſt, ich aber ihr völlig fremd bin.“ „Pah, pah, Morty; das heißt gar zu wunderlich und ängſtlich ſein. Erſtlich bin ich nur ein Halboheim, und Frank iſt nur ein Halbbruder; und ich glaube gewiß, Ihr werdet ihr ganzer Freund werden. Sodann ſeid Ihr für Keines von der Familie ein Frem⸗ der, das kann ich Euch ſagen, Junge; denn ich habe ſo viel von Euch geſchwatzt, daß Beide, der Knabe und das Mädel Euch ſchon faſt ſo ſehr lieben wie ich.“ Der gute, ehrliche, aufrichtige alte Andries! Welch' ein unan⸗ genehmes Gefühl verurſachte er mir, als er mich in das Geheim⸗ niß einweihte, daß ich Perſonen entgegentreten ſollte, welche ſeit zwölf Monaten ſeine parteiiſchen Erzählungen von mir angehört hatten! Es iſt ſo ſchwer, Erwartungen zu entſprechen, die auf ſolche Art rege gemacht worden ſind; und ich will geſtehen, daß ich angefangen, in Beziehung auf dieſe Dus einigermaßen meine Un⸗ befangenheit zu verlieren. Der Geſang hatte mir im Ohr geklungen von dem Augenblick an, wo ich ihn zuerſt gehört; und jetzt, nach⸗ dem er eine Beziehung gewonnen auf die Urſula Malbone der Priscilla Bayard, war Jene in der That für meine Einbildungs⸗ —— a ͤ n 191 kraft eine ſehr furchtbare Perſon geworden. Aber ich konnte nicht mehr zurück, wenn ich es auch gewünſcht hätte; und ein Zeichen von mir bedeutete dem Kettenträger, mich weiter zu führen. Dem Mädchen mußte ich nun doch einmal Stirn gegen Stin gegenüber treten, und je eher es geſchah, deſto beſſer. 3 Das Neſthaus, wie meine beſcheidene Reſidenz genannt wurde, war ſeiner Zeit eine Feſte oder„Garniſon“ geweſen, und hatte drei Seiten eines Parallelogramms gebildet, ſo, daß alle ſeine Fenſter und Thüren auf den Hof hinaus gingen. Auf der vierten Seite waren die Ueberreſte von Pfahlwerk oder Paliſaden, aber größ⸗ tentheils vermodert und zerbrochen, und als Umzäunung ganz nutzlos, weil das Gebäude am Rand eines niederen Felſen ſtand, welcher für ſich ſchon eine genügende Schutzwache gegen die Ein⸗ brüche von Vieh, und eine nicht unbedeutende gegen die von Men⸗ ſchen bildete. Das Innere des Neſthauſes war weit einladender als das Aeußere. Die Fenſter gaben dem Hof ein lebendiges und heiteres Anſehen, wodurch auf einmal, was zuvor nur als ein Haufe von Blöcken und Scheitern, in Form eines Gebäudes aufgeſchichtet, er⸗ ſchienen, in eine wirthliche und bewohnte Behauſung umgewandelt ward. Eine Seite dieſes Hofes jedoch war viel ſauberer und hatte ein viel behaglicheres Ausſehen als die andern; und nach der erſten hin führte mich Andries. Ich wußte, daß mein Großvater Mor⸗ daunt einige Gemächer in dieſem Bau für ſeinen Privatgebrauch hatte einrichten laſſen, und daß nie Befehl gegeben worden war, die herbeigeſchafften Einrichtungsſtücke zu entfernen oder zu ver⸗ äußern. Es überraſchte mich daher nicht, als ich mich beim Ein⸗ treten in das Haus in Zimmer verſetzt ſah, die zwar keineswegs reich oder heiter meublirt und eingerichtet, aber doch ganz anſtän⸗ dig mit den meiſten Artikeln verſehen waren, die man bei einem gewiſſen Grade von verfeinerter Lebensweiſe für nothwendig hält. „Wir werden Dus hier finden, glaube ich gewiß,“ bemerkte 192 der Kettenträger, indem er eine Thüre aufſtieß, und mir bedeutete hineinzutreten.„Geht hinein und ſchüttelt dem Mädel die Hand, Mordaunt; ſie kennt Euch ſchon ganz gut, Namen und Natur, wie Einer ſagen könnte.“ Ich trat hinein, und erblickte ein paar Schritte mir gegenüber das ſchöne Mädchen mit den goldnen Haaren von der Scene des Hausaufſchlagens,— ſie, die uns Alle gerettet hatte, daß das Zimmerholz uns nicht erſchlug, durch eine Entſchloſſenheit und Raſchheit des Handelns, welche ebenſo von Muth wie von Gewandt⸗ heit zeugte. Sie trug dieſelbe Kleidung, in welcher ich ſie zuerſt geſehen, obgleich die Verſchiedenheit der Beſchäftigung und Umge⸗ bung allerdings ihrem Weſen und Ausdruck einen ganz anderen Charakter lieh. Urſula Malbone war jetzt ruhig beſchäftigt eines der groben, gewürfelten Taſchentücher zu ſäumen, deren ſich zu be⸗ dienen ihren Oheim ſeine Armuth nöthigte, oder doch veranlaßte, und dergleichen ich eines erſt noch vor einer Minute in ſeinen Hän⸗ den geſehen hatte. Bei meinem Eintreten ſtand ſie auf, und erwie⸗ derte ernſt aber nicht unhöflich meine Verbeugung mit einem tiefen Knix. Keines von Beiden ſprach, obgleich die Grüße getauſcht wur⸗ den wie zwiſchen Perſonen, welche keiner gegenſeitigen Vorſtellung bedürfen, um einander zu kennen. „Ei wie!“ begann jetzt der alte Andries mit ſeinem ſtärkſten holländiſchen Accent,„das iſt wahrhaftig nicht die rechte Art zwi⸗ ſchen zwei ſo alten Freunden. Komm her, Dus, Mädel, und gieb deine Hand Mordaunt Littlepage, welcher gewiſſermaßen wie ein Sohn von mir iſt.“ Dus gehorchte, und ich hatte die Freude, eine weiche ſammtene Hand einen Augenblick in der meinigen zu halten. Ich empfand eine nicht zu beſchreibende Genugthuung, als ich ihre Hand wirklich ſo weich fand, weil dieſer Umſtand mir die Verſicherung gab, daß die Noth ſie noch nicht zu irgend einer der Arbeiten getrieben hatte, welche für Frauen von beſſerem Stande nicht paſſen. Ich wußte, 193 daß Andries Sklaven hatte, ſein einziger Beſitz in der That außer ſeinem Kompaß, ſeinen Meßketten und ſeinem Schwert, wozu etwa noch einige Waffen und einige grobe Haushaltungsſtücke kommen mochten; und dieſe Sklaven, alt und verwittert, wie ſie nunmehr ſein mußten, erſparten vermuthlich ſeiner Nichte die Verrichtung von Arbeiten und Dienſtleiſtungen, welche ſich nur für das Ge⸗ ſinde eignen. Obgleich ich ſo die Hand von Urſula Malbone gewann, konnte ich doch ihr Auge nicht gewinnen. Sie wandte das Geſicht nicht weg, ſie heuchelte auch keine Kälte, aber ſie war nicht unbefangen und behaglich. Ich konnte leicht wahrnehmen, daß es ihr lieber geweſen wäre, wenn ihr Oheim geſtattet hätte, daß die Begrüßung ſich auf Verbeugungen und Knixe beſchränkt hätte. Da ich das Mädchen nie zuvor geſehen, und daher Nichts hatte thun können, ſie zu beleidigen, ſchob ich Alles auf falſche Scham und auf eine Verlegenheit, natürlich genug bei einem Weſen, das ſich in eine Lage verſetzt fand, ſo weſentlich verſchieden von derjenigen, in welcher ſie vor Kurzem ſich befunden. Ich verbeugte mich auf ihre Hand, gab ihr vielleicht einen leiſen Druck, um dem Mädchen Sicherheit und Zuverſicht einzuflößen, und wir ließen einander wieder los. „Nun, Dus, habt Ihr eine Taſſe Thee fuͤr den Grundherrn— ihn in ſeinem eigenen Hauſe damit zum Willkomm zu bewirthen?“ fragte Andries, vollkommen zufrieden mit dem anſcheinend ſo freund⸗ ſchaftlichen Verhältniß, das er zwiſchen uns begründet zu haben glaubte.„Der Major hat einen für Friedenszeiten langen Marſch gemacht und würde wohl gern einige Erquickung einnehmen.“ „Ihr nennt mich Major, Kettenträger, während Ihr für Eure Perſon Euch weigert, denſelben Titel anzunehmen.“ „Ja, dazu habe ich auch Grund genug. Ihr könnt es wohl erleben, General zu werden; Ihr werdet wahrſcheinlich einer ſein, ehe Ihr dreißig Jahre alt werdet; aber ich bin jetzt ein alter Der Kettenträͤger. 13 194 Mann und werde nie eine andere Uniform mehr tragen, als die ich jetzt wieder anhabe. Ich fing in der Welt an unter dieſem Corps, Morty, und ich werde meine Laufbahn ſchließen in demſelben Rang, 'mit welchem ich begann.“ „Ich glaubte, Ihr ſeiet urſprünglich ein Geometer geweſen, und habet dann zur Meßkette Euch gewendet, weil Ihr keinen Ge⸗ ſchmack an den Ziffern fandet. Ich meine, das von Euch ſelbſt ge⸗ hört zu haben.“ „Ja, das iſt die Wahrheit. Ziffern und ich taugten nicht zu⸗ ſammen; auch mag ich ſie mit ſiebzig Jahren ſo wenig, als ich ſie mit ſiebzehn leiden mochte. Ja, Frank Malbone, der Bruder von Dus hier, das iſt ein Junge, der ein natürliches Geſchick dafür hat, und er wird mit einer Maſſe Figuren und Zahlen fertig, wie Euer Vater ein Bataillon durch einen Laufgraben führen würde. Die Meßkette zu tragen, das iſt mein Geſchmack; das gibt dem Geiſte hinlängliche Beſchäftigung; aber Ehrlichkeit iſt die Haupt⸗ eigenſchaft für den Kettenträger. Man ſagt: Figuren und Zahlen können nicht lügen, Mordaunt, aber von den Meßketten iſt das nicht wahr; die lügen manchmal verzweifelt.“ „Wo iſt Mr. Francis Malbone? Es würde mich freuen, ſeine Bekanntſchaft zu machen.“ „Frank iſt drüben geblieben, um ihnen zu helfen beim Auf⸗ ſchlagen des Hauſes. Er iſt ein tüchtiger, ſtämmiger Burſch, wie Ihr, und kann hilfreiche Handreichung thun; und dabei hat er, der arme Kerl! nicht ſeine Würde als Grundherr zu behaupten.“ Ich vernahm einen leiſen Seufzer von Dus und drehte un⸗ willkürlich den Kopf um; denn ſie war gerade hinter meinem Stuhl mit ihrer Arbeit beſchäftigt. Das wackere Mädchen erröthete, als ſchäme ſie ſich dieſer Schwäche, und zum erſten Mal in meinem Leben hoͤrte ich ihre Stimme, mit Ausnahme des Geſangs des in⸗ dianiſchen Liedes. Ich ſage, ich hörte ihre Stimme, denn es war ein Ereigniß, das wohl verdient, berichtet zu werden. Eine an⸗ 195 genehme Stimme iſt bei beiden Geſchlechtern ein höchſt ſchätzbares Geſchenk der Natur. Aber die ſüßen Töne von Urſula Malbone waren Alles, was auch das verwöhnteſte Ohr ſich nur wünſchen mochte,— voll, reich, melodiſch, und gerade von der Höhe und Tiefe, welche dem Geſchmack am meiſten zuſagt, weil ſie Einem den ſichern Eindruck einer ächt weiblichen Gemüthsart und wohl⸗ geregelter Lebensgewohnheiten macht. Ich verabſcheue eine ſchrille, hohe weibliche Stimme mehr als eine gellende Männerſtimme, wäh⸗ rend man Verachtung empfindet gegen Solche, die die Worte nur ſo murmeln, um ſich den Schein zu geben, als beſäßen ſie eine feine Bildung, wovon eben dieß das Gegentheil beweist. Einfache, deutliche, geregelte Ausſprache iſt einem Mann oder einer Frau von Welt und Bildung unerläßlich; alles Andere läßt ſie gemein oder geziert erſcheinen. „Ich hoffte,“ ſagte Dus,„das übel angelegte Bauweſen ſei fertig und im Reinen, und ich würde Frank in ein paar Minuten hier ſehen. Ich war überraſcht, Euch ſo emſig für die Presbyte⸗ rianer arbeiten zu ſehen, Oheim Kettenträger!“ „Ich könnte das Kompliment erwiedern, und ſagen: ich war überraſcht, Euch daſſelbe thun zu ſehen, Miß Dus! Zudem ſoll die Kirche nach den Congregationiſten benannt werden und nicht nach den Presbyterianern;z und die Einen ſind ſo wenig nach Eurem Geſchmack, als die Anderen.“ „Das Wenige, was ich that, war für Euch und Frank und — Mr. Littlepage, ſo wie für die übrigen Alle unter dem Ge⸗ rüſt.“ „Wahrlich, Miß Urſula,“ ſagte ich jetzt,„wir Alle ſind Euch herzlichen Dank ſchuldig für Eure rechtzeitige Hilfe, und ich hoffe auch, wir zollen ihn Euch Alle aufrichtig. Wäre das Gebälke herabgeſtürzt, Viele von uns wären getödtet und noch Mehrere verſtümmelt worden.“ „Es war eine nicht ſonderlich weibliche That,“ erwiederte das 13 Mädchen, wie mir ſchien, etwas bitter lächelnd;„aber man ge⸗ wöhnt ſich in den Wäldern daran, ſich nützlich zu machen.“ „So ſeid Ihr alſo wohl dem Leben im Walde abhold?“ wagte ich zu fragen. ſitz „Gewiß nicht. Ich lebe gern überall, wo ich in der Nähe ten von Oheim Kettenträger und Frank ſein kann. Sie ſind mir Alles, ſeitdem meine treffliche Beſchützerin und Beratherin nicht mehr iſt; und und ihre Heimath iſt meine Heimath, ihre Freude iſt meine Freude, ma ihr Glück das meinige.“. wer Dieß hätte können in einer Art geſprochen werden, daß es Leu hätte verdächtig und ſentimental erſcheinen mögen, aber dem war ken nicht ſo. Im Gegentheil, es war in der Aufwallung des Gefühls löſe geſprochen und kam vom Herzen. Ich erkannte aus der zufriedenen, cell vergnügten Miene Andries, daß er ſeine Nichte verſtand, und wohl Ba⸗ wußte, wie feſt er ſich auf den wahrhaftigen Charakter Derjenigen verlaſſen konnte, die ſo ſprach. Das Mädchen ſelbſt aber ſcheute ſor im Augenblick, wo ſie ihren Gefühlen ſo den Lauf gelaſſen, gleich⸗ ſam davor zurück, wie wenn ſie ſich ſchämte, Empfindungen offen Mo dargelegt zu haben, welche im Heiligthum ihrer Bruſt hätten be⸗ beſä wahrt bleiben ſollen. Da ich ſie nicht in Noth bringen wollte, Anf gab ich dem Geſpräch eine andere Richtung, um ſie ſich ſelbſt ſehr zu überlaſſen. Kün „Mr. Newcome ſcheint ein geſchickter Bearbeiter und Lenker der Menge zu ſein,“ bemerkte ich.„Er wußte mit großer Ge⸗ ſere wandtheit den ſechsundzwanzig Congregationiſten, die er auf ſeiner genc Seite hatte, den Schein zu verſchaffen, als bildeten ſie die Majo⸗ rität der ganzen Verſammlung, während ſie in Wahrheit nur ein er ſo Drittheil der Anweſenden ausmachten. ſorg. „Laßt den Jaſon Newcome deßhalb ungeſchoren!“ rief Andries— aus.„Er kennt die Menſchen, ſagt er, und ganz gewiß hat er. eine eigene Kunſt, mit dieſen Leuten Märſche und Gegenmärſche preußf zu machen, gerade wie und wohin es ihm beliebt, während er ſie n ge⸗ 1 old?“ Nähe Alles, r iſt; reude, aß es n war efühls denen, dwohl enigen ſcheute gleich⸗ moffen een be⸗ wollte, ſelbſt Lenker er Ge⸗ ſeiner Majo⸗ nur ein Indries hat er märſche er ſie 197 dabei immer im Glauben erhält, ſie thun ganz, was ſie ſelbſt wollen. Es iſt das eine Kunſt, Major— es iſt eine Kunſt!“ „Ich glaube gern, daß es eine iſt, und zwar eine, die zu be⸗ ſitzen wohl der Mühe werth iſt, wenn ſie anders mit Lob und gu⸗ tem Gewiſſen geübt werden kann.“ „Ja, da ſitzt der Knoten! Geübt wird ſie, aber was das Lob und gute Gewiſſen betrifft, ſo will ich dafür nicht ſtehen. Es macht mich manchmal zornig und manchmal macht es mich lachen, wenn ich zuſchaue und ſehe, in welcher Art und Weiſe Jaſon die Leute ſich ſelbſt regieren und führen läßt, und wie er ſie ſich ſchwen⸗ ken und rechtsum kehren, und eine Linie bilden und die Linie auf⸗ löſen läßt, Alles nach ihrem eigenen Kommandowort! Seine Ex⸗ cellenz könnte kaum mehr mit uns anfangen, nachdem uns der Baron*) als Exerziermeiſter gedrillt hat.“ „Es iſt aber doch gewiß ein beſonderes Talent erforderlich, um ſo viel Einfluß auf ſeine Mitgeſchöpfe ſich zu verſchaffen.“ „Es iſt ein Talent, das zu üben Ihr Euch ſchämen würdet, Mordaunt Littlepage, wenn Ihr es auch zu ganzen Wagenlaſten beſäßet. Kein Menſch kann ein ſolches Talent anwenden, ohne den Anfang zu machen mit Lügen und Betrügen; und Ihr müßtet Euch ſehr verändert haben, Major, wenn Ihr in einer Schule ſolcher Künſte der Erſte wäret.“ „Es thut mir leid, zu ſehen, Kettenträger, daß Ihr keine beſ⸗ ſere Meinung von meinem Agenten habt; ich muß mir die Sache genauer anſehen, wenn dieß der Fall iſt.“ „Ihr werdet ihn ehrlich genug finden nach dem Geſetz; denn er ſchwört bei dem Geſetz und lebt nach dem Geſetz. Seid unbe⸗ ſorgt wegen Eurer Dollars, Jungez ſie ſind gewiß alle unverſehrt *) Dieß iſt offenbar eine Anſpielung auf einen deutſchen Offizier, welcher das preußiſche Ererzitium beim amerikaniſchen Heer einführte, den Baron Steuben. Der Herausgeber. 198 und geborgen, wenn ſie freilich nicht etwa im Geſetz ganz ver⸗ ſchwunden ſind.“ Da Andries immer mehr in den holländiſchen Accent hinein kam, erkannte ich, daß er immer wärmer werde, und ich erachtete für paſſend, die genaueren Erkundigungen bis zu einem kühleren Augenblick zu verſchieben. Ich habe dieſe Eigenthümlichkeit oft bei den meiſten Perſonen beobachtet, welche das Engliſche mangelhaft oder mit dem Accent einer andern Sprache ſprechen. Sie verfallen in den Augenblicken, wo das natürliche Gefühl am unzweideutig⸗ ſten ſeine Macht über ſie behauptet, in der Sprache in den ihnen von Natur geläufigſten und zunächſt liegenden Ton. Ich begann jetzt den Kettenträger auszufragen über den Zu⸗ ſtand, in welchem er das Neſthaus und das dazu gehörige Gut ge⸗ funden, worüber ich ihm durch einen ausdrücklichen Brief an den Agenten Vollmacht gegeben hatte, zu ſchalten und zu walten, ſo bald er dort ankäme. Die im Beſitze befindlichen Leute machten ſehr beſcheidene Anſprüche und hatten ſich ſeit meines Großvaters Tode mit der Küche und den Geſindezimmern begnügt, welche ſie auch ſchon lange vor dieſem Ereigniß inne gehabt hatten. In Folge dieſer Mäßigung und ihrer vollkommenen Ehrlichkeit fand ich nichts veruntreut, und die meiſten Artikel in gutem Zuſtand. Was das Gut betrifft, ſo war es in Flor gekommen nach dem Grundſatze des Gehenlaſſens. Die Obſtbäume waren natürlich gewachſen; und wenn die Felder nicht durch einſichtsvolle Kultur gewonnen hatten, ſo waren ſie doch auch nicht durch eine gewinn⸗ ſüchtige Art des Anbaus erſchöpft und ausgemergelt worden. In dieſen Beziehungen lag mithin kein Grund zu Klagen vor. Die Dinge hätten beſſer gehen können, meinte Andries; aber er hielt es auch für ein außerordentliches Glück, daß ſie nicht ſchlechter ge⸗ gangen. Während wir uns über dieſen Gegenſtand beſprachen, bewegte ſich Dus ſchweigend im Zimmer hin und her, aber mit beſonnener Thätigkeit, denn ſie hatte mittlerweile den Theetiſch mit ver⸗ inein htete leren bei lhaft allen 199 eigenen Händen beſchickt. Als ſie uns einlud, an demſelben Platz zu nehmen,— zu jener Zeit rückte Jedermann nahe hin an den Theetiſch, außer wenn die Geſellſchaft zu zahlreich war, um be⸗ quem daran Platz zu finden— war ich überraſcht, als ich Alles ſo vollkommen ſauber und zierlich, und Manches recht ſchön und reich fand. Die Teller, Meſſer u. ſ. w. waren von guter Beſchaf⸗ fenheit, aber auf dem Theebrett befand ſich ſogar eine Garnitur altmodiſchen Silbers, wie man es zu der Zeit hatte, wo der Thee zuerſt in Gebrauch kam, nicht ſehr ſchwer, aber höchſt zierlich ge⸗ arbeitet. Die Handhaben der Löffel ſtellten die Stengel der Thee⸗ pflanze dar, und auf jedem war ein Helmzeichen; während den verſchiedenen Stücken des eigentlichen Service's, vier im Ganzen, ein vollſtändiges Wappen eingegraben war. Ich betrachtete das Helmzeichen, in der unbeſtimmten aber überraſchten Erwartung, das meinige zu finden. Es war mir ganz neu. Dann nahm ich den Rahmkrug zur Hand, konnte mich aber auf kein Wappen be⸗ ſinnen, welches dem darauf eingravirten glich. „Es überraſchte mich, dieß Silber hier zu finden,“ bemerkte ich;„denn obgleich mein Großvater viel Silbergeſchirr beſaß, für einen Mann von ſeinen Mitteln, hätte ich doch nicht geglaubt, er hätte deſſen ſo viel gehabt, um damit ſo verſchwenderiſch umgehen zu können und es hier zu laſſen. Dieß iſt zudem Familienſilber; aber dieß Wappen iſt weder das der Familie Mordaunt, noch der Littlepage's. Darf ich fragen, weſſen Wappen es iſt?“ „Der Malbone's,“ antwortete der Kettenträger.„Die Sachen ſind das Eigenthum von Dus.“ „Und Ihr könnt hinzuſetzen, Oheim Kettenträger, ſie ſind all' ihr Eigenthum,“ fügte das Mädchen raſch hinzu. „Ich fühle mich ſehr geehrt, daß mir geſtattet wird, mich deſ⸗ ſelben zu bedienen, Miß Ürſula,“ bemerkte ich;„denn es iſt eine ſehr hübſche Garnitur.“ „Die Nothwendigkeit, nicht Eitelkeit gab die Veranlaſſung, ſie 200 heute aufzuſtellen. Ich habe heute Morgen die einzige Euch ge⸗ hörige Theekanne zerbrochen, die im Hauſe war, und hoffte, Frank werde mir aus dem Vorrathshauſe eine zum Erſatz derſelben mit⸗ bringen, ehe man eine brauchte; aber er kommt nicht. Was Löffel betrifft, ſo konnte ich keine in das Haus gehörende finden, und wir bedienen uns dieſer gewöhnlich. Da die Theekanne nicht entbehrt werden konnte, dachte ich, ich könne wohl meinen ganzen Reichthum auf einmal zur Schau ſtellen. Aber dieß iſt das erſte Mal ſeit vie⸗ len, vielen Jahren, daß dieſe Dinge gebraucht werden. Es lag etwas klagend Melodiſches in Dus' Stimme, trotz ihres Willens und Beſtrebens, unbefangen und heiter zu reden, was ich ausnehmend rührend fand. Während Wenige von uns ein⸗ gehen auf die jubelnde Freude glücklicher emporſteigender Gemein⸗ heit über nur allzu oft ganz zufällige und unverdiente Erfolge, liegt es in der menſchlichen Natur, zu ſympathiſiren mit dem ab⸗ wärts gehenden Mißgeſchick und mit den Empfindungen, die es zurückläßt, wenn es die Unſchuldigen, die Tugendhaften, die Ge⸗ bildeten trifft und herabzieht. Dieß Silberzeug war aller irdiſche Beſitz, welcher Urſula Malbone noch übrig blieb, und der von der früheren Lage und dem Stand ihrer Familie zeugte, und ohne Zweifel hing ſie daran nicht mit einem unedlen Gefühle krankhaf⸗ ten Stolzes, ſondern als an einem traurigen Andenken an eine Stellung im Leben, der ſie eigentlich angehörte, wie alle ihre An⸗ ſichten, ihre Gewohnheiten von früher Jugend her und ihre Ge⸗ ſchmacksrichtung ſie dieß beſtändig fühlen ließen. Von dieſem letz⸗ teren Geſichtspunkt aus gewürdigt, war dieß Gefühl eben ſo acht⸗ bar, und hatte gegründeten Anſpruch, auf's zarteſte geſchont und geehrt zu werden, als es im andern Falle unwürdig und der Verachtung werth geweſen wäre. Es fangen viele gemeine Vorurtheile und irrige Begriffe, ſo wie auch viel heuchleriſches Geſchwätz unter uns an, gäng und gäbe zu werden hinſichtlich der Eigenſchaften, welche den Gentleman 201 oder die Lady bezeichnen. Die Zeit iſt vorbei, und ich hoffe für immer, wo der bloße Zufall der Geburt über Anſprüche dieſer Art zu entſcheiden hatte; obgleich der Zufall der Geburt allerdings ſehr leicht und häufig die Eigenſchaften bedingt und erzeugt, welche in der That den unterſcheidenden Charakter der höher gebildeten Klaſſe ausmachen. Ich für meinen Theil glaube nicht an die Uebertrei⸗ bungen der beiden Extreme, welche ihre Theorien über dieſen Ge⸗ genſtand ſo hartnäckig behaupten; ich glaube, daß ein Gentleman nicht ausſchließlich durch die Geburt es wird und werden kann, einerſeits, und andererſeits, daß die ſtrenge Sittlichkeit der Bibel keineswegs eine unerläßliche Eigenſchaft dieſes Charakters iſt. Es kann Einer ein ganz vollkommener Gentleman ſein, und dabei ganz und gar nicht ein vollkommener Menſch oder ein Chriſt; und er kann ein ſehr guter Chriſt und ganz und gar kein Gentleman ſein. Es iſt wahr, es beſteht ein inneres Band und ein Zuſammenhang im Weſen und Benehmen zwiſchen dem Chriſten und dem Gentle⸗ man als Reſultat; aber nur im Reſultat und nicht in den Mo⸗ tiven. Daß das Chriſtenthum wenig nothwendigen inneren Zu⸗ ſammenhang hat mit dem Charakter eines Gentleman, kann man aus dem Umſtand erſehen, daß die Dogmen des erſteren uns an⸗ weiſen, Demjenigen, der uns auf den rechten Backen ſchlägt, den linken auch darzubieten, während der Grundſatz des Gentleman iſt— nicht die Schmach im Blute des Beleidigers abzuwaſchen, ſondern zu zeigen, daß er eher bereit iſt, ſein Leben auf's Spiel zu ſetzen, als ſich ſo Etwas ruhig gefallen zu laſſen*). *) Mr. Mordaunt Littlepage ſcheint die einzige ſcheinbare Entſchuldigung in's Auge gefaßt zu haben für einen Brauch, welcher in Zeiten aufkam, wo Mißhand⸗ lungen und Veſchtupſingen nur durch die Stärke des Armes konnten geahndet wer⸗ den, und der in unſeren Tagen in ein Syſtem der ärgſten Chikane und der ärmlich⸗ ſten Kniffe ausartet. Der Duellant, der bei ſeinen Uebungen mit Sicherheit einen Thaler trifft, und dann ſeinen Mann verfehlt, läßt, ſtatt ſeine Ritterlichkeit zu be⸗ währen, nur die Welt einen Blick in das Geheimniß thun, daß die Stärke und Feſtigkeit ſeiner Nerven ſeiner Uebung auf dem Schießplatze nicht gleich kommt. Es lag etwas ſo Achtbares, als es nur irgend gedacht werden kann, in Verbindung mit 202 Aber, ich wiederhole es, es beſteht kein nothwendiger Zu⸗ ſammenhang zwiſchen dem Chriſten und dem Gentleman, obgleich Derjenige, welcher Beides zugleich iſt, die höchſte Stufe der menſch⸗ lichen Natur erreicht. Chriſten, unter dem Einfluß ihrer Erziehung und Lebensgewohnheiten ſtehend, thun oft Dinge, welche das Ge⸗ ſetzbuch des Gentleman verwirft; während es gewiß iſt, daß Gent⸗ lemen unaufhörlich unzweifelhafte Sünden begehen. Die Moral des Gentleman verwirft viel eher Gemeinheiten und niedrige Laſter, als daß ſie die Geſetze Gottes ernſt und ſtreng achtete; während die Moral des Chriſten unausbleiblich geſteigert und geläutert, oder herabgedrückt und vergröbert wird durch den Einfluß der ange⸗ nommenen Meinungen ſeiner Klaſſe und Stellung in der Geſell⸗ ſchaft. Ich behaupte nicht: die zehn Gebote ſeien nicht gegeben, um von Leuten von Stand gehalten und befolgt zu werden, denn ihre Verpflichtungen ſind allgemein bindend, ſondern einfach nur das: die Eigenſchaften eines Gentleman ſeien die beſten Eigen⸗ ſchaften eines Menſchen ohne den Beiſtand und die Erleuchtung von Gott, während die Gnadengaben des Chriſten unmittelbar aus Gottes Huld und Barmherzigkeit ſtammen. Dennoch aber bleibt es wahr, daß im ächten Charakter eines Gentleman ſehr Vieles Anerkennung und Achtung verdient. Außer den wichtigen Erforderniſſen in Bezug auf Geſchmack, Benehmen und Meinungen, gegründet auf Verſtandes⸗ und Geiſtesbildung, und alle jene Eigenſchaften eines wahrhaft liberalen Geiſtes, welche ſeine Gattung auszeichnen, kommt das in Betracht, daß er zu Ge⸗ meinheiten irgend welcher Art ſich nicht erniedrigt, ſich nicht er⸗ niedrigen kann. Er iſt wahrhaft und treu aus Selbſtachtung und nicht aus Gehorſam gegen den Willen Gottes; freigebig mit ſeinem einem ſo einfältigen Brauche, in dem Benehmen des Engländers, welcher ſeinem Gegner, einem kurzſichtigen Manne, zurief: wenn er auf ihn ſchießen wolle, ſo müſſe er ſeiner Piſtole eine andere Richtung geben. Der Herausgeber. , ͤS 8;— — S. 203 Geld, weil Liberalität ein weſentlicher Zug ſeiner Lebensgewohn⸗ heiten iſt, nicht in Nachahmung der Selbſtaufopferung Chriſti; er dünkt ſich zu gut für Verleumdung und Läſterung und für die Fehler der kleinlichen, geſchäftigen Welt, ſofern ſie gemein ſind und dem Stolze ſeines Charakters Eintrag thun, mehr, als weil das Gebot geſchrieben ſteht, kein falſch Zeugniß zu reden wider den Nächſten. Es iſt ein großer Irrthum, wenn man dieſe beiden Charaktere vermengt, von welchen der eine nur eine bloße menſch⸗ liche Verſchönerung der Art und des Thuns einer ſündhaften Welt iſt, während der andere auf den großen Zweck und das Ziel des menſchlichen Daſeins hinſchaut. Der letztere Charakter iſt ein ſol⸗ cher, den ich verehre, während ich gerne geſtehen will, daß ich dem erſteren nie begegne, ohne zu fühlen, wie leer und abſtoßend die menſchliche Geſellſchaft ohne ihn werden würde, wenn nicht anders dieſe Leere ausgefüllt werden könnte durch die große und gediegene Weſenheit des Guten, wovon am Ende doch der Gentleman bloß der Schatten iſt! Urſula Malbone verlor in meiner Achtung nichts durch die innere Bewegung, die ſie verrieth, als ſie ſo von dieſer Reliquie des alten Familienſilbers ſprach. Ich freute mich jedoch, zu finden, daß ſie es doch behalten konnte; denn obgleich durchaus nicht in einer Art gekleidet, die nicht ihrer beſcheidenen Stellung als Haus⸗ hälterin ihres Oheims entſprochen hätte, zeigte ſie doch in ihrem Anzuge eine Sauberkeit und einen Geſchmack, wie man in dieſen abgelegenen Gegenden dieſes Landes wohl ſelten findet. Der Leſer wird mit meiner Schwäche einige Nachſicht haben, wenn ich mich verweile, um über dieſen Gegenſtand ein Wort zu ſagen. Urſula hatte in ihrer Kleidung weder den Styl einer Perſon ihres Ge⸗ ſchlechts und von ihrer Stellung in der Welt beibehalten, noch auch ganz denjenigen angenommen, welchen man gewöhnlich bei Mädchen der Klaſſe fand, welcher ſie jetzt anſcheinend angehörte. Es fiel mir auf, daß einige jener erſteren Kleidungsſtücke, welche 204 dem Schnitt nach die einfachſten und den Stoffen nach die zweck⸗ mäßigſten waren, eigens zugerichtet waren zum gegenwärtigen Gebrauche; und reizend ſtanden ſie ihr gerade zu ihrer Art Ge⸗ ſicht und zu ihrem vollkommenen Wuchſe. Jedermann weiß, daß bei den verſchiedenen Klaſſen der Geſellſchaft— und, Kö⸗ nigreich oder Republik, verſchiedene Klaſſen exiſtiren nun einmal in dieſem Lande, und werden immer exiſtiren, als nothwendiges Moment und Folge der Civiliſation; eine Wahrheit, die Jeder leicht erkennt, in Beziehung auf die unter ihm Stehenden, obgleich ſein Geſicht minder ſcharf ſein mag in Bezug auf die über ihm Stehenden,— nun, Jedermann weiß, daß ein großer Unterſchied in der Kleidung zwiſchen den verſchiedenen Klaſſen in der ganzen chriſtlichen Welt gegen das Ende des amerikani⸗ ſchen Krieges beſtand,— ein Unterſchied, der jetzt raſch ver⸗ ſchwindet, oder ſchon ganz verſchwunden iſt. Nun hatte Urſula von der eigenthümlichen Tracht ihrer Klaſſe gerade ſo viel bei⸗ behalten, daß man erkannte, ſie gehöre in der That derſelben noch an, ohne doch den Unterſchied ſehr auffallend zu machen. In Wahrheit, der Charakter deſſen, was ſie noch beibehielt, deutete ſchon die Geſchichte ihrer Herkunft an, denn er beſtand in einer eher gedämpften als übertriebenen Nachahmung deſſen, an was ſie früher gewohnt geweſen, während eine bloße Nach⸗ äfferei leicht in letzteren Fehler verfallen ſein würde. Ich kann nur noch beiſetzen, daß der Eindruck, den dieſe eigenthümlich modifizirte Tracht machte, ein ſehr vortheilhafter und nicht we⸗ nig reizender war. „Koſtet einmal dieſe Kuchen,“ ſagte der alte Andries, der ohne die mindeſte Abſichtlichkeit es liebte, auf die verſchiedenen Verdienſte ſeiner Nichte aufmerkſam zu machen.„Dus hat ſie gemacht, und ich will darauf wetten, Madame Waſhington ſelbſt könnte keine wohlſchmeckenderen machen.“ „Wenn Mrs. Waſhington ſich je damit befaßt hat,“ verſetzte GO——— 205 ich,„ſo müßte ſie wohl hier vor Neid blaß werden. Beſſere Kuchen dieſer Art habe ich nie gegeſſen.“ „Von dieſer Art— das iſt ein richtiger Beiſatz, Mr. Little⸗ page, 7 bemerkte das Mädchen ruhig;„meine Beſchützerin und Freundin hat mir eine ziemliche Geſchicklichkeit in dieſer Hinſicht beigebracht, aber die erforderlichen Ingredienzen ſind hier nicht ſo zu haben, wie man ſie in ihrer Familie hatte.“ „Und da dieß Haus eine Penſion für junge Ladies war, ſo war es ohne Zweifel ungewöhnlich gut verſehen mit den zu guten Kuchen erforderlichen Materialien und Kenntniſſen.“ Dus lachte, und ihr Lachen machte mich ganz betroffen, ſo voll friſcher und kühner, aber gedämpfter Melodie ſchien es mir zu ſein. „Jungen Ladies ſagt man gar mancherlei Schwächen nach, in Betreff deren ſie ganz unſchuldig ſind,“ war ihre Antwort. „Kuchen waren in der Schule beinahe eine verbotene Frucht, und man lehrte ſie uns machen nur aus erbarmungsvoller Rückſicht für den Gaumen der Männer.“ „Eurer künftigen Gatten, Mädel,“ rief der Kettenträger, in⸗ dem er aufſtand, das Zimmer zu verlaſſen. „Unſerer Väter, Brüder und Oheime,“ erwiederte ſeine Nichte, und legte einen beſonderen Nachdruck auf das letzte Wort. „Ich glaube, Miß Urſula,“ begann ich wieder, ſobald Andries uns allein gelaſſen hatte,„einigermaßen hinter den Vorhang ge⸗ führt worden zu ſein, was die von Euch beſuchte Schule betrifft, da ich eine etwas eigenthümliche Art von Bekanntſchaft mit Einer Eurer alten Schulfreundinnen angeknüpft habe.“ Meine Geſellſchafterin antwortete nicht, heftete aber ihre be⸗ zaubernden blauen Augen auf mich in einer Art, welche in einem Augenblick hundert Fragen an mich that. Ich konnte nicht umhin, zu bemerken, daß ſie von Thränen gefeuchtet waren; denn Erinne⸗ rungen an ihre Schule hatten bei ihr häufig dieſe Folge. „Ich meine Miß Priscilla Bayard, welche eine ſehr gute 206 Freundin von Euch zu ſein oder geweſen zu ſein ſcheint,“ fuhr ich fort, als ich ſah, daß meine Geſellſchafterin keine Luſt hatte, etwas zu ſagen. „Pris Bayard!“ dieſe Worte entfuhren jetzt Urſula in ihrer Ueberraſchung;„und ſie eine Bekanntſchaft von etwas eigenthüm⸗ licher Art!“ „Meine Ausdrucksweiſe iſt unvorſichtig geweſen, um nicht zu ſagen, die eines Gecken. Gewiß, ich bin nicht befugt, mehr zu ſagen, als daß unſere Familien ſehr vertraut ſind, und daß dieſes vertraute Verhältniß ſeine ganz eigenthümlichen Gründe hat. Ich bitte Euch, ſo zu leſen, wie ich jetzt den Fehler verbeſſert habe.“ „Ich ſehe nicht ein, daß dieſe Verbeſſerung viel an der Sache ändert; und Ihr werdet mir erlauben, zu ſagen, daß es mich be⸗ trübt, ſehr betrübt, dieß zu erfahren.“ Das war ſonderbar! Daß Dus wirklich ſo dachte und fühlte, wie ſie ſprach, das bezeugte zur Genüge ihr Angeſicht, aus welchem beinahe alle Farbe verſchwunden war, und das eine ganz außer⸗ ordentliche Gemüthsbewegung verrieth. Soll ich geſtehen, welch' ein erbärmlich eingebildeter Geck ich einen Augenblick war? Die Wahrheit muß heraus, und ich will es geſtehen. Der Gedanke, der mir durch den Kopf fuhr, war dieſer: Urſula Malbone iſt gekränkt, daß der einzige Mann, den ſie ſeit einem Jahre geſehen, der mög⸗ licherweiſe auf ein weibliches Weſen von ihrer Bildung und ihrem Geſchmack einen Eindruck hätte machen können, mit einer Andern verlobt iſt! Unter gewöhnlichen Umſtänden hätte dieſe voreilige Be⸗ vorzugung meiner Perſon in mir ein Gefühl von Entrüſtung erregt über die Kundgebung derſelben; aber die Bewegungen und Em⸗ pfindungen, die Handlungen und die Sprache von Dus— Alles hatte viel zu viel reine Natur an ſich, als daß in mir eine andere Empfindung aufgekommen wäre, als die des lebhaften Intereſſes. Ich habe immer die gewaltige Macht, ja den Bann, welchen dieß Mädchen ſo bald über mein Herz gewann, dem Aufruhr von Ge⸗ 207 fühlen zugeſchrieben, welche dieſer eigenthümliche Moment in mir erregte. Liebe auf den erſten Blick mag lächerlich erſcheinen, aber manchmal iſt ſie doch wahr. Daß eine Leidenſchaft erregt werden kann durch einen Blick, oder durch ein Lächeln, oder durch irgend ein anderes jener geheimen Mittel, womit uns die Natur begabt hat, um Herzen in zuſammenſtimmenden Gefühlen an einander zu knüpfen, glaube ich ganz gerne, obwohl der Beſtand und die Dauer derſelben von Eigenſchaften abhängen muß, die einen höheren und bleibenderen Einfluß ausüben. Die Einbildungskraft iſt es, die zu⸗ erſt angeſprochen wird; das Herz wird erſt ſpäter und mehr all⸗ mählig mit in's Intereſſe gezogen. Meine Selbſttäuſchung währte jedoch nicht lange. Ob Urſula Malbone ſich bewußt war, welche Mißdeutung ihren Worten gege⸗ ben werden konnte, weiß ich nicht; aber ich glaube faſt nicht, weil ſie viel zu unſchuldig war, um etwas Arges zu beſorgen; auch iſt es bis auf die jetzige Stunde noch ein Geheimniß für mich, ob ſie eine andere Nothwendigkeit trieb, ſich zu erklären; aber eine Er⸗ klärung gab ſie mir. Mit welcher Einſicht und Klugheit ſie dieß that, und mit welchem weiblichen Takt, ſo daß ſie ſich wohl hütete, irgend Etwas von den Geheimniſſen ihrer Freundin zu verrathen, das wird Jedem klar werden, den dieſe Erzählung in ſo weit in⸗ tereſſirt, daß er ihrem weiteren Verlaufe folgen mag. Zwölſtes Kapitel. Da kommen ſie, die Liebenden, voll Freude Und Fröhlichkeit. Glück euch, ihr holden Freunde, Und friſche Tage reich an Liebe mögen Begleiten Eure Herzen! Sommernachtstraum. „Ich darf Euch nicht im Zweifel laſſen über den Sinn meiner Worte, Mr. Littlepage,“ begann Urſula nach einer Pauſe wieder. 208 „Priscilla Bayard iſt mir ſehr theuer, und ſie iſt wohl werth aller Eurer Liebe und Bewunderung—“ „Bewunderung, wenn es Euch beliebt, und ſo viel Euch be⸗ liebt, Miß Urſula; aber ein ſolches Gefühl wie Liebe beſteht bis jetzt wenigſtens ganz gewiß nicht zwiſchen Miß Bayard und mir.“ ganz Wahrhaftigkeit, ſchenkte meinen Worten unbedingten Glau⸗ ben; und ich konnte nicht umhin, zu ſehen, daß ſie ſich um eine unerklärliche Beſorgniß erleichtert fühlte. Doch lächelte ſie etwas ſchalkhaft und vielleicht etwas trübe, als ſie fortfuhr: „Bis jetzt wenigſtens ganz gewiß nicht, iſt ein ſehr zweideu⸗ tiger Ausdruck von Eurer Seite, wenn es ſich von einem jungen Frauenzimmer wie Priscilla Bayard handelt. Das kann ſich in einem Augenblick in ein: Jetzt ganz gewiß! verwandeln!“ „Ich will das nicht beſtreiten. Miß Bayard iſt ein reizendes Geſchöpf— und doch, ich weiß nicht, wie es iſt, aber es ſcheint ein Verhängniß in dieſen Dingen zu walten. Das eigenthümliche Verhältniß, auf welches ich anſpielte, und zwar auf eine ſo unge⸗ ſchickte, linkiſche Art, iſt nichts weiter, als die Verlobung meiner jüngeren Schweſter mit ihrem Bruder. Dieſe Verlobung iſt kein Geheimniß, und daher will ich mir auch keine Mühe geben, ſie ge⸗ heim zu halten.“ „Und dieß Verhältniß iſt gerade von der Art, daß es zu einem ähnlichen zwiſchen Euch und Priscilla führen könnte!“ rief Dus, mit unverkennbarer Unruhe. „Es kann und kann auch nicht, je nachdem die Betheiligten ſolche Dinge anſehen. Bei Perſonen von gewiſſer Gemüthsart könnte es Reiz und Sporn ſein, bei anderen aber vielleicht eher das Gegentheil.“ 3 „Mein Intereſſe an der Sache,“ fuhr Dus fort,„hat ſeinen Grund ganz und gar in dem Umſtand, daß ich weiß, es hat ſich ein Anderer um Miß Bayard beworben; und ich will geſtehen, — —,— — — e 209 daß meine herzlichſten Wünſche für ſeinen Erfolg ſind. Es fiel mir ein, daß Ihr ein höchſt furchtbarer Rival werden könntet; und dieß ſtellt ſich mir nicht unwahrſcheinlicher dar, nachdem ich weiß, daß Eure Familien durch eine Heirath werden näher verknüpft werden.“ „Seid unbeſorgt meinethalb, denn mein Herz iſt ſo unverſehrt, wie am Tage, wo ich die Lady das erſte Mal ſah.“ Ein Blitz des Verſtändniſſes— ein höchſt vielſagender Strahl — flog über das ſchöne Antlitz meiner Geſellſchafterin; und dann folgte ein trauriges, obwohl, wie mir auch jetzt noch ſchien, nicht ganz mißvergnügtes Lächeln. „Das ſind Dinge, von welchen man wohl thut, nicht viel zu ſprechen,“ ſagte Dus nach einer Pauſe.„Mein Geſchlecht hat ſeine eigenthümlichen Rechte, und keine Frau ſollte die mißachten. Ihr ſeid glücklich geweſen, Mr. Littlepage, daß Ihr alle Eure Pächter verſammelt gefunden, ſo daß Ihr ſie Alle auf Einen Blick ſehen und überſehen konntet.“ „Ich bin in der That in einem gewiſſen Sinne glücklich ge⸗ weſen, und ein entzückender Willkomm wurde mir auf der Anſied⸗ lung— ein Willkomm, deſſen Wiederholung zulieb ich gerne wieder hundert Meilen weit reiſen würde.“ „Seid Ihr denn ein ſo großer Freund vom Aufſchlagen?— oder liebt Ihr wirklich die Aufregung in dem Maße, daß Ihr gern unter eine Falle kommt, wie die armen Rebhühner, welche mein Oheim zuweilen fängt?“ „Ich denke nicht an das Aufſchlagen und an das Gerüſte: obwohl Euer Muth und Eure Geiſtesgegenwart wohl Beides meinem Geiſte unauslöſchlich einprägen dürfte;“ Dus ſchaute zu Boden und das Blut ſtieg ihr bis zu den Schläfen—„ſondern ich dachte an ein gewiſſes Lied, ein indianiſches Lied, nach einer ſchottiſchen Me⸗ lodie geſungen, das ich einige Meilen vor den Lichtungen hörte, und welches der eigentliche Willkomm und die Verheißung für mich Der Kettenträger. 14 war von allem Angenehmen und Schönen, was man zu hören und zu ſehen bekommen mag in dieſem abgelegenen Theile der Welt.“ „Der am Ende doch nicht ſo abgelegen iſt, daß nicht die Schmeichelei dahin dringen könnte, wie ich finde. Es iſt angenehm, wenn man ſeine Lieder rühmen hört, mögen es auch indianiſche Lieder ſein; aber es iſt nicht halb ſo angenehm, als Zeitungen von Priscilla Bayard zu vernehmen. Wenn Ihr wirklich mein Ohr erfreuen möchtet, ſo ſprecht von ihr!“ „Die Anhänglichkeit ſcheint gegenſeitig, denn ich kann Euch verſichern, Miß Bayard legte ganz dieſelbe Theilnahme für Euch an den Tag. „An mir! Alſo erinnert ſich noch Priscilla eines armen Ge⸗ ſchöpfs, wie ich, in meiner Verbannung aus der Welt! Vielleicht gedenkt ſie meiner um ſo mehr deßhalb, weil ich verbannt bin. Ich hoffe, ſie glaubt nicht, kann nicht glauben, daß ich mich über meinen Zuſtand gräme,— das könnte ich ihr kaum verzeihen!“ „Ich glaube gewiß, daß das nicht der Fall iſt; ich weiß, ſie traut Euch ungewöhnliche Vorzüge und Trefflichkeiten zu!“ „Es iſt ſeltſam, daß Priscilla Bayard Euch von mir ſprechen mußte! Ich bin ſelbſt etwas unvorſichtig geweſen, Mr. Littlepage, und habe ſo viel geſagt, daß ich nachgerade die Nothwendigkeit fühle, noch etwas mehr zu ſagen. Ich habe wohl einige Entſchul⸗ digung anzuſprechen, wenn mir in Eurer Geſellſchaft nicht ſo zu Sinne iſt, wie wenn ich einen ganz Fremden mir gegenüber hätte, da mein Oheim Kettenträger Euren Namen jeden Tag wenigſtens hundertmal im Munde führt. Geſtern fing er in Einer Stunde zu zwölf verſchiedenen Malen von Euch zu reden an.“ „Der treffliche alte Andries! Es iſt der Stolz meines Lebens, daß ein ſo ehrlicher Mann mich liebt; und jetzt zu der Erklärung, die ich, nach Eurem eigenen Zugeſtändniß, als ſein Freund zu er⸗ warten berechtigt bin.“ Dus lächelte, ein wenig bitter, wie mir ſchien, aber bitter 211 oder nicht, dieß Lächeln machte ihr Angeſicht äußerſt reizend. Sie ſchwieg einen Augenblick, wie wenn ſie in tiefes Nachdenken ver⸗ ſunken wäre, und ſogar ſenkte ſich ihr Haupt in ſchmerzlicher gei⸗ ſtiger Anſtrengung; dann richtete ſie ſich aber zu ihrer vollen Höhe auf und ſprach: „Es iſt immer das Beſte,“ ſagte ſie,„offen zu ſein, und es kann nichts ſchaden, während es gut und nützlich ſein kann, wenn ich mich gegen Euch erkläre. Ihr werdet nicht vergeſſen, Mr. Littlepage, daß ich von der Vorausſetzung ausgehe, mit meines Oheims allerbeſtem Freunde mich zu beſprechen?“ „Ich bin zu ſtolz auf dieſe Auszeichnung, um es unter irgend welchen Umſtänden zu vergeſſen, und am allerwenigſten in Eurer Gegenwart.“ „Nun gut, ich will offen ſein. Priseilla Bayard war acht Jahre lang meine Genoſſin und meine vertrauteſte Freundin. Un⸗ ſere Zuneigung zu einander begann, als wir noch Kinder wa⸗ ren, und nahm mit der Zeit und mit ſteigender Einſicht und Erkenntniß zu. Etwa ein Jahr vor dem Ende des Krieges fand mein Bruder Frank, der jetzt hier iſt als meines Oheims Geometer und Rechner, Gelegenheit, ſein Regiment zu verlaſſen und häufig auf Beſuch zu mir zu kommen, denn ſeine Compagnie wurde nach Albany geſchickt, wo er mich ſehen konnte, ſo oft er wünſchte. Mich ſehen hieß auch Priseilla ſehen, denn wir waren unzertrenn⸗ lich; und Priseilla ſehen hieß, bei dem armen Frank wenigſtens, ſo viel als ſie lieben. Er machte mich zu ſeiner Vertrauten, und meine Unruhe war nur die natürliche Beſorgniß, er möchte an Euch einen furchtbaren Nebenbuhler haben.“ Eine Fülle von Licht ging mir auf bei dieſer kurzen Erklä⸗ rung, obwohl ich nicht umhin konnte, mich zu wundern über die Unbefangenheit oder die Charakterſtärke, die ſie vermochten zu einer ſo auffallenden, vertrauenden Offenherzigkeit. Als ich Dus ge⸗ 14* 212 nauer kennen lernte, wurde mir Alles klar genug; aber in jenem Augenblick war ich ein Wenig überraſcht. „Seid ganz ruhig meinetwegen, Miß Malbone—“ „Warum nennt Ihr mich nicht jetzt gleich dus?— Binnen acht Tagen werdet Ihr das doch thun, wie Jedermann ſonſt hier; und es iſt beſſer, unſere Bekanntſchaft ſo anzufangen, wie ſie, das weiß ich gewiß, endigen wird. Oheim Kettenträger nennt mich Dus; Frank nennt mich Dus; die meiſten Eurer Anſiedler nennen mich Dus, ſelbſt in's Geſicht; und ſogar unſere Schwarzen nennen mich Miß Dus. Ihr könnt doch nicht etwas ganz Beſonderes haben wollen!“ „Ich will recht gerne mir die Freiheit nehmen, Euch Urſula zu nennen, aber Dus gefällt mir nicht.“ „Nicht!— ich habe mich ſo daran gewöhnt, von allen mei⸗ nen Freunden Dus genannt zu werden, daß es mir ganz fremd vorkommt, wenn man mich mit einem andern Namen anredet. Scheint Euch Dus nicht ein hübſches Diminutivum?“ „Bisher nicht, ich muß es geſtehen; doch hängen alle dieſe Dinge von zufälligen Ideenaſſociationen ab. Dus Malbone lautete ganz gut im Munde von Priseilla Bayard; aber ich fürchte, im meinigen würde es minder lieblich lauten.“ „Thut, wie es Euch gefällt— aber nennt mich nicht Miß Urſula oder Miß Malbone. In früheren Zeiten würde es mir mißfallen haben, wenn irgend ein Mann mich nicht ſo angeredet hätte; aber jetzt klänge es mir faſt wie ein Spott, da ich weiß, daß ich nur die Hausgenoſſin und Haushälterin eines armen Ket⸗ tenträgers bin.“ „Und doch ſteht es der Eigenthümerin dieſes Silbers, der Lady, die ich an dieſem Tiſch, in dieſem Zimmer ſitzen ſehe, gar nicht übel an, als Miß Urſula ſich anreden zu laſſen!“ „Ihr kennt die Geſchichte des Silbers, und der Tiſch und das Zimmer ſind Euer. Nein— Mr. Littlepage, wir ſind arm— 213 ſehr, ſehr arm— Oheim Kettenträger, Frank und ich— wir Alle miteinander haben Nichts.“ Dieß ſagte ſie nicht im Tone der Verzweiflung, ſondern mit einer Aufrichtigkeit, die ich ausnehmend rührend fand. „Frank wenigſtens ſollte Etwas haben,“ erwiederte ich;„Ihr ſagt mir, er ſei beim Heere geweſen.“ „Er war zuletzt Kapitän, aber was bekam er dafür? Wir beklagen uns nicht über das Land, Keines von uns, weder mein Oheim, noch mein Bruder, noch ich; denn wir wiſſen, es iſt arm wie wir, und ſelbſt ſeine Armuth hat Aehnlichkeit mit der unſrigen, — der Armuth von heruntergekommenen Leuten. Ich fiel lange meinen Freunden zur Laſt, und es gab Schulden zu bezahlen. Hätte ich das wiſſen können, es hätte nimmermehr geſchehen dürfen. Jetzt kann ich Denjenigen, welche dieſe Verbindlichkeiten berichtigt haben, es nur dadurch erſetzen, daß ich mit ihnen in die Wildniß gehe. Es iſt etwas Schreckliches für eine Frau, Etwas ſchuldig zu ſein.“ „Aber Ihr ſeid doch in dieſem Hauſe geblieben? Ihr ſeid doch hoffentlich nicht mit in der Hütte zu Mooſeridge geweſen?“ „Ich bin gegangen, wohin mein Oheim Kettenträger gegangen iſt, und werde mit ihm gehen, ſo lange wir Beide leben. Nichts ſoll uns je wieder trennen. Seine Jahre fordern dieß, und zu meiner Liebe geſellt ſich noch die Dankbarkeit. Frank könnte viel⸗ leicht etwas Beſſeres thun, als um den geringen Lohn arbeiten, den er bekommt; aber er will uns nicht verlaſſen. Die Armen lieben einander am innigſten.“ „Aber ich habe Euren Oheim gebeten, ſich dieſes Hauſes zu bedienen, und um Euretwillen, ſollte ich meinen, könnte er das An⸗ erbieten wohl annehmen.“ „Wie konnte er, wenn er zwanzig Meilen weit von hier die Kette zu tragen hatte? Wir ſind gelegentlich einige Tage hier ge⸗ weſen; aber die Arbeit mußte verrichtet werden, und zwar an Ort und Stelle ſelbſt.“ 214 „Natürlich gewährtet Ihr nur Euren Verwandten den Genuß Eurer Geſellſchaft, und ſorgtet ein Wenig für ihr Behagen, wenn ſie von einem harten Tagewerk zurückkehrten?“ Dus erhob ihre Augen gegen mich; lächelte, dann wurde ihr Geſicht traurig, ihre Unterlippe zuckte ganz leicht, und dann kam wieder ein Lächeln nicht ganz ohne Laune. Ich beobachtete dieſe Zeichen wechſelnder Empfindungen mit einem unbeſchreiblichen In⸗ tereſſe; denn das Spiel tugendhafter und unverfälſchter innerer Bewegung auf einem lieblichen weiblichen Angeſicht iſt eines der köſtlichſten Schauſpiele von der Welt. „Ich kann die Kette tragen,“— ſagte das Mädchen, nachdem dieſer Wechſel von Empfindungen vorüber war. „Ihr könnt die Kette tragen, Urſula— Dus, oder wie ich Euch nennen ſoll—“ „Nennt mich Dus,— ich höre dieſen Namen am liebſten.“ „Ich glaube recht gerne, daß Ihr die Kette tragen könnt,— aber Ihr wollt doch wohl nicht ſagen, daß Ihr es ſchon gethan habt?“ Das Antlitz von Dus flammte; aber ſie ſchaute mir voll in's Geſicht, als ſie bejahend mit dem Kopf nickte; und ſie lächelte ſo ſüß, als nur je ein Weib gelächelt hat. „Zur Unterhaltung— um ſagen zu können, Ihr habet es gethan— zum Spaß?“ „Um meinem Oheim und meinem Bruder zu helfen, welche nicht die Mittel hatten, einen zweiten Mann zu miethen.“ „Guter Gott! Miß Malbone— Urſula— Dus—“ „Letzterer iſt der geeignetſte Name für eine Kettenträgerin,“ verſetzte das Mädchen lächelnd; und dabei ergriff ſie förmlich meine Hand in unwillkürlicher Aufwallung ihres Mitgefühls mit dem Entſetzen, von welchem ſie mich ergriffen ſah—„Aber warum be⸗ trachtet Ihr denn dieſe kleine Mühe als etwas ſo Entſetzliches, da doch dieſe Arbeit geſund und ehrlich iſt? Ihr denkt Euch eine ne de⸗ 215 Schweſter durch Armuth zu einer Arbeit genöthigt, die Ihr als nur für Männer geeignet anſeht.“ Dus ließ meine Hand beinahe in dem Augenblicke wieder los, wo ſie ſie berührt hatte, und zwar mit einem leichten Zuſammen⸗ fahren, als wäre ſie ſelbſt erſchrocken über ihre Keckheit. „Eine Arbeit, die Sache der Männer, und nur der Männer Sache iſt.“ „Und doch kann auch eine Frau ſie verrichten, und zwar, wie Oheim Kettenträger Euch bezeugen wird, ſie gut verrichten. Ich hatte keine andere Sorge während des Monats, wo ich dabei be⸗ ſchäftigt war, als die Furcht, meine Kraft würde nicht reichen, um ſo viel zu leiſten, als mein Oheim und mein Bruder, und ich ſo die Dienſte ſchmälern, die ſie Euch jeden Tag leiſten könnten. Sie ſorgten, daß ich immer auf trockenem Boden blieb und keine feuchten Füße bekam, und Eure Wälder ſind ſo frei von Unterholz, wie ein Obſtgarten. Es hilft nichts, die Sache verheimlichen zu wol⸗ len, denn Viele wiſſen davon, und es wäre Euch doch früher oder ſpäter zu Ohren gekommen. Und dann iſt auch jede Verheimlichung peinlich für mich, und am meiſten, wenn ich ſehe und höre, wie Ihr Eure gemiethete Dienerin als Ebenbürtige und Euch Gleiche behandelt.“ „Miß Malbone!— Um Gottes willen, laßt mich nichts mehr der Art hören— der alte Andries beurtheilte mich ganz richtig, wenn er mir dieß zu verheimlichen wünſchte; denn ich hätte nie auch nur einen Augenblick ſo Etwas zugegeben.“ „Und wie hättet Ihr es verhindern können, Major Littlepage? Mein Oheim hat das Geſchäft von Euch übernommen, zu ſo und ſo viel für den Tag, wofür er Vermeſſer und Arbeiter anzuſchaf⸗ fen hat. Der arme, gute Frank! Er wenigſtens kann nicht zu den eigentlichen Arbeitern gezählt werden; und was meinen Oheim be⸗ trifft, ſo hat er lang' einen ehrenhaften Stolz darein geſetzt, der beſte Kettenträger im Lande zu ſein— warum hätte ſeine Nichte 216 Bedenken tragen ſollen, ſeinen wohlerworbenen Ruf mit ihm zu theilen?“ 7 „Aber Ihr, Miß Malbone— theuerſte Dus— Ihr, ſo er⸗ zogen und gebildet, geboren als eine Lady, geliebt von Priscilla Bayard, die Schweſter Franks, Ihr ſeid bei einer ſolchen Beſchäf⸗ tigung nicht in der Euch geziemenden Sphäre.“ „Es iſt nicht ſo leicht zu ſagen, was die geziemende Sphäre eines Weibes iſt. Ich gebe zu, im Allgemeinen ſoll ſie im häus⸗ lichen Kreiſe, unter dem häuslichen Dache ſein; aber die Umſtände müſſen die Entſcheidung und den Ausſchlag geben. Wir hören von Frauen, welche ihren Gatten in das Lager und den Krieg folgen; und wir hören von Nonnen, welche aus ihren Klöſtern kommen, um die Kranken und Verwundeten in den Spitälern zu pflegen. Daher kommt es mir an einem Mädchen nicht als etwas ſo Arges vor, daß ſie ſich erbietet, den Ihrigen beizuſtehen, wie ich meinen Verwandten geholfen habe, wenn ſie nur die Wahl hat, ſonſt Mangel zu leiden.“ „Gnädige Vorſehung! Und Andries hat mich über das Alles in Unwiſſenheit gelaſſen! Er wußte, daß mein Geldbeutel der ſei⸗ nige geweſen wäre; und wie konntet Ihr denn Mangel leiden in⸗ mitten des Ueberfluſſes, der auf dieſer Anſiedelung herrſcht, welche nur fünfzehn oder zwanzig Meilen von Eurer Hütte entfernt iſt, wie ich aus des Kettenträgers Briefen weiß?“ „Nahrungsmittel ſind genug da, das gebe ich zu, aber wir hatten kein Geld; und als wir die Wahl hatten zwiſchen Betteln und Arbeit, entſchieden wir uns natürlich für letztere. Mein Oheim machte einen Verſuch, einen Tag lang, mit dem alten Killian, un⸗ ſerem Schwarzen; aber Ihr wißt, wie ſchwer es iſt, dieſen Leuten Etwas begreiflich zu machen, was nur ein wenig verwickelt iſt; und ſo bot denn ich meine Dienſte an. Ich bin geſcheidt genug, hoffe ich,“— das Mädchen lächelte etwas ſtolz bei dieſen Worten— „und Ihr habt keinen Begriff davon, wie behend und kräftig ich zu er⸗ illa äf⸗ Färe us⸗ inde ören rieg tern i zu was wie hat, Elles ſei⸗ in⸗ lche iſt, wir teln eim un⸗ iten iſt; offe ich 217 bin für leichte Arbeit, wie dieſe, und wo es nur auf die Füße an⸗ kommt, bis Ihr mich ſelbſt auf die Probe ſtellt. Bedenkt, Ketten⸗ tragen iſt weder Holz fällen noch Scheiter aufſchichten; auch iſt es nicht ſo ganz und gar unweiblich.“ „Noch auch Kirchen aufſchlagen,“ verſetzte ich lächelnd, denn es war nicht leicht, der Anſteckung der Laune des Mädchens zu widerſtehen,—„bei welchem Geſchäft ich ſelbſt Augenzeuge Eurer Behendigkeit geweſen bin. Indeſſen das wird jetzt ein Ende haben. Es liegt zum Glück in meiner Macht, Mr. Malbone eine ſolche Stellung und ein ſolches Einkommen anzubieten, daß er ſofort im Stande ſein wird, ſeine Schweſter in dieß Haus zu nehmen als Herrin deſſelben, und unter ein zum mindeſten achtbares und an⸗ ſtändiges Dach.“ „Gottes Segen über Euch dafür!“ rief Dus, und machte eine Bewegung, als wollte ſie wieder meine Hand ergreifen; aber ſie beſann ſich noch zur rechten Zeit und hielt ſich zurück, ſo daß das heftige Erröthen, welches augenblicklich ihr Angeſicht überlief, bei⸗ nahe unnöthig war.„Gottes Segen über Euch dafür! Frank iſt willig und bereit, Alles zu thun, was ehrlich und ehrenhaft iſt, und im Stande Alles zu leiſten, was man von einem Gentleman erwarten kann. Ich bin die große Laſt und das Hemmniß für den armen Jungen; denn, könnte er mich verlaſſen, ſo müßten ſich ihm in den Städten manche Mittel der Unterkunft eröffnen. Aber ich kann meinen Oheim nicht verlaſſen, und Frank will mich nicht ver⸗ laſſen. Er verſteht den Oheim Kettenträger nicht.“ „Frank muß ein edler Junge ſein, und ich ehre ihn um ſeiner Anhänglichkeit willen an eine ſolche Schweſter. Dieß ſteigert nur meinen Wunſch, meine Abſichten auszuführen.“ „Welche von der Art ſind, hoffe ich, daß es nicht ungeeignet iſt, wenn ſeine Schweſter ſie kennen lernt?“ Dieß ſagte ſie mit einem Ausdruck von lebhaftem Intereſſe in 218 den ſüßen, blauen Augen, und ſo wenig im Tone gewöhnlicher Neugier, daß ich ganz davon bezaubert war. „Gewiß nicht,“ antwortete ich, raſch genug ſelbſt für einen jungen Mann, der unter dem Einfluſſe ſo viel natürlichen, unge⸗ künſtelten, lebhaften Gefühls handelte,„und es wird mir eine große Freude ſein, es Euch zu ſagen. Wir ſind ſchon lange unzufrieden mit unſerem Agenten auf dieſem Gut, und ich hatte im Sinne ge⸗ habt, Eurem Oheim die Stelle anzubieten. Aber in dieſem Falle wäre dieſelbe Schwierigkeit eingetreten, welche ihn keinen zuverläſ⸗ ſigen Landmeſſer werden ließ— der Mangel an Geſchick mit Zahlen umzugehen; dieſe Schwierigkeit nun wird bei Eurem Bruder nicht eintreten, und es wird der ganzen Familie, dem Kettenträger ebenſo wie den Uebrigen zu Gute kommen, wenn ich die Stelle Frank gebe.“ „Ihr nennt ihn Frank!“ rief ſie lachend, und ſichtlich hoch⸗ erfreut über Das, was ſie gehört hatte.„Das iſt eine gute Vor⸗ bedeutung; aber wenn Ihr mich zum Range der Schweſter eines Agenten erhebt, weiß ich nicht, ob ich nicht darauf dringen werde, Urſula wenigſtens, wo nicht gar Miß Urſula, mich nennen zu laſſen.“ Ich wußte gar nicht recht, was ich aus dieſem Mädchen machen ſollte; es war bei ihr ſo viel Munterkeit und ſelbſt Spaßhaftigkeit gemiſcht mit einer Ader ſo tiefen Gefühles, als ich nur je in einem menſchlichen Angeſicht ausgeprägt geſehen habe. Die für ihren Bruder ſich eröffnenden Ausſichten ſtimmten ſie heiter; doch verrieth ihre Miene noch das Verlangen, mehr zu hören. „Ihr könnt jede Titulatur anſprechen, die Euch gefällt, denn Franks Name ſoll zur Stunde in den neuen Beſtallungsbrief eines Agenten und Verwalters geſetzt werden. Mr. Newcome iſt durch einen Brief in Kenntniß geſetzt worden, was er zu erwarten hat, und legt ſeine große Zufriedenheit an den Tag darüber, daß er einer Maſſe undankbarer Mühe und Unluſt entledigt werde.“ licher einen unge⸗ große ieden e ge⸗ Falle erläſ⸗ ahlen nicht räger Stelle hoch⸗ Vor⸗ eines verde, en zu achen igkeit einem ihren rrieth denn eines durch mhat, einer 219 „Ich fürchte, das Einkommen muß klein ſein, wenn er froh iſt, des Amtes los zu werden.“ „Ich ſage nicht, er ſei froh; ich ſage nur, er ſtelle ſich ſo an, als ſei er froh. Das ſind bei gewiſſen Leuten ganz verſchiedene Dinge. Was das Einkommen betrifft, ſo wird es allerdings nicht viel ſein; aber doch ſo viel, daß es Franks Schweſter erſpart, die Kette zu tragen, und ſie in Stand ſetzen wird, ihre Talente und ihren Fleiß in der ihr geziemenden Sphäre zu üben. Erſtlich müſ⸗ ſen alle Pachtverträge auf dem Gute erneuert werden; und da es deren hundert ſind und der Pächter die Koſten zu tragen hat, wird dieß Eurem Bruder ſofort eine anſehnliche Summe zur Verfügung ſtellen. Ich kann nicht behaupten, daß die jährlichen Gebühren ſich auf ſehr viel belaufen werden, aber doch werden ſie bei den Bedin⸗ gungen, unter welchen die Ländereien von Neuem werden verliehen werden, hundert Dollars jährlich überſteigen. Die Benützung die⸗ ſes Hauſes und des dazu gehörigen Hofgutes jedoch beabſichtigte ich Eurem Oheim anzubieten; und aus demſelben Grunde werde ich ſie nunmehr Frank anbieten.“ „Mit dieſem Haus und dem dazu gehörigen Pachtgut werden wir reiche Leute ſein!“ rief Dus, entzückt die Hände faltend.„Ich kann eine Schule bilden aus den Mädchen der beſſern Klaſſe, und ſo wird Niemand unnütz, Niemand müſſig ſein. Wenn ich den Töchtern Eurer Pächter einige Begriffe beibringe, die ſich für ihr Geſchlecht und ihre Stellung im Leben eignen, Mr. Littlepage, ſo werdet Ihr am Ende davon den Nutzen ernten. Das wird eine ſchwache Vergeltung ſein für all' Eure Güte.“ „Ich wünſche Allen von Eurem Geſchlecht, die im gehörigen Alter und in irgend einer Beziehung zu mir ſtehen, keine beſſere Lehrmeiſterin. Bringt ihnen Eure Herzenswärme, Euer hingeben⸗ des Gefühl, Eure Wahrhaftigkeit und Offenheit bei, dann will ich kommen und wohnen auf meinem Gute, als dem Ort, welcher dem Paradieſe am nächſten ſteht.“ 220 Dus ſah etwas erſchrocken und beunruhigt aus, wie mir ſchien, als fürchtete ſie, zu viel geſagt zu haben, oder vielleicht, wie wenn ich zu viel geſagt hätte. Sie ſtand auf, dankte mir haſtig, aber ganz in der Art einer feinfühlenden Lady, und machte ſich daran, das Theezeug wegzuräumen, mit einem ſolchen emſigen Eifer, als wäre ſie nichts weiter, als eine dienende Magd. Dieß war meine erſte Unterredung mit Urſula Malbone— mit der ich ſeither ſo viele und ſo ganz andere gehabt habe! Als ich aufſtand, den Kettenträger aufzuſuchen, da empfand ich ſchon ein Intereſſe für meine Geſellſchafterin, das ebenſo ſtark als plötz⸗ lich entſtanden war. Ich will nicht läugnen, daß ihre Schönheit auch ihren Einfluß hatte,— es wäre unnatürlich geweſen, wenn dieß nicht der Fall geweſen wäre,— aber es war weniger ihre ausnehmende Schönheit(Urſula Malbone konnte für eine der Schönſten ihres Geſchlechts gelten!) es war weniger ihre Schön⸗ heit, die mich ſo anzog, als ihre Geradheit, Wahrhaftigkeit und Unbefangenheit, innig verſchmolzen wie dieſe Eigenſchaften waren mit den Gefühlen und der Zartheit ihres Geſchlechts. Sie hatte allerdings Dinge gethan, die, hätte ich nur davon gehört, mich unangenehm angeſprochen haben würden, als keck und unweiblich, und die jetzt auch auf den Leſer dieſen Eindruck machen mögen; aber mit dieſem Urtheil thäte man Dus Unrecht. Keine Handlung, kein Wort von ihr, nicht einmal, daß ſie meine Hand ergriff, er⸗ ſchien mir im Augenblick ſelbſt auch nur im mindeſten keck und frei, denn ihr ganzes Benehmen dabei trug ſo vollſtändig den Charakter des innigſten Gefühls, das ſie einzig und allein an ihren Bruder denken machte. Natur und Umſtände hatten ſich vereinigt, ihren Charakter gerade zu dem zu machen, was er war; und ich will geſtehen, ich wünſchte ſie auch nicht in einem einzigen Punkt an⸗ ders, als ich ſie wirklich fand. Von Priscilla Bayard ſprechen in Vergleichung mit Urſula Malbone! Beide waren ſchön, es iſt wahr, obgleich die Schönheit ſchien, wenn „aber daran, r, als ne— Als ſchon plötz⸗ önheit wenn r ihre ie der Schön⸗ it und waren hatte „mich eiblich, nögen; dlung, ff, er⸗ d frei, arakter Bruder ihren h will kt an⸗ Urſula bönheit 221 der Letzteren bei weitem die der Erſteren übertraf; Beide beſaßen Zartgefühl, Verſtand und Tugend, und Alles, was zu einem wohl⸗ erzogenen jungen Frauenzimmer gehört, wenn man ſo will; aber Dus beſaß einen eigenthümlichen Charakter, und Grundſätze, und eine Energie und Entſchikdenheit, welche ſie zu einem einzigen Mädchen unter Zehntauſend machten. Ich glaube nicht, daß man im eigentlichen Sinne von mir ſagen könnte, ich ſei wirklich ver⸗ liebt geweſen, als ich das Zimmer verließ, denn ich wünſchte nicht in dem Licht zu erſcheinen, als ſei ich allen Eindrücken ſo gar leicht zugänglich, ſo widerſtandslos ihre Beute geweſen; aber ich will es geſtehen: kein weibliches Weſen hatte mich je zuvor auch nur zum zehnten Theile ſo intereſſirt, wären es auch ſolche geweſen, die ich ein Jahr lang gekannt und vielleicht bewundert hätte. Im Hofe traf ich Andries, ſeine Ketten meſſend. Er that dieß regelmäßig von Zeit zu Zeit, und zwar ſo gewiſſenhaft, als wenn er Gold abwöge. Der alte Mann ſchien durchaus nichts zu ahnen von dem langen téte-à-téte, das ich mit ſeiner Nichte ge⸗ habt, ſondern im Gegentheile zeigten ſeine erſten Worte, daß er glaubte, ich ſei allein geweſen. „Ich bitte Euch um Verzeihung, mein Junge,“ ſagte er, und während er ſprach, hielt er ſeine Meßruthe im Munde.„Ich bitte Euch um Verzeihung, aber dieß iſt ſehr nothwendige Arbeit. Ich möchte nicht haben, daß Einer von Euren Yankee⸗Anſiedlern nach⸗ her ſich über des Kettenträgers Vermeſſungen beklagte und darüber ſchriee. Laßt ſie nach hundert oder nach tauſend Jahren kommen, wenn ſie wollen, und das Land meſſen; ich ſtehe dafür, des alten Andries Vermeſſung behält Recht.“ „Die Veränderung des Kompaſſes wird einige Verſchiedenheit bei zweierlei Vermeſſungen verurſachen, mein guter Freund, wenn nicht die Landmeſſer beſſer ſind, als man ſie gewöhnlich trifft.“ Der alte Mann ließ die Meßruthe und die Kette ſinken und ſah mich niedergeſchlagen an. 222 „Wahr!“ ſagte er mit Nachdruck.„Ihr habt den Nagel auf den Kopf getroffen, Mordaunt,— dieſe Veränderung iſt ein wahres Teufelszeug, bis man damit fertig wird! Ich habe es ſchon ſo und dann anders probirt, und habe nie etwas Vernünftiges daraus zu machen gewußt! Ich ſehe gar keinen Nutzen von der Abwei⸗ chung überhaupt ein!“ „Was denkt Eure hübſche Gehülfin Dus davon? Dus, die ſchöne Kettenträgerin? Ihr werdet Euern alten Namen verlieren, und Miß Malbone wird ihn davontragen!! „Alſo hat Dus Euch Alles ausgeplaudert? Ein Weib kann doch nie ein Geheimniß bewahren. Nein! die Natur hat ſie ge⸗ ſchwätzig erſchaffen, und der Papagei muß plappern!“ „Ein Weib liebt aber doch die Veränderung— habt Ihr Dus ſchon über dieſe Schwierigkeit zu Rathe gezogen?“ „Nein, nein, Knabe; ich habe Dus nichts geſagt, und leid thut es mir, daß ſie gegen Euch etwas erwähnt hat von der kleinen Angelegenheit mit der Kette. Es war gar ſehr gegen meinen Willen, Mordaunt, daß das Mädel ſie nur eine Ruthe weit trug; und wenn Alles noch einmal geſchehen müßte, ſie ſollte ſie mir keine Ruthe weit mehr tragen,— aber doch würde es Euch im Herzen wohl gethan haben, zu ſehen, wie artig ſie ihre Sache machte, und wie raſch und behend ſie war, und wie zuverläſſig, und wie genau ſie die Merkzeichen machte, und wie ſicher ihr Auge war. Die Natur hat dieß Mädel ausdrücklich zur Kettenträgerin geſchaffen!“ „Und eine Kettenträgerin iſt ſie geweſen, und eine Ketten⸗ trägerin wird ſie immer bleiben, bis ſie ihre Ketten einem armen Burſchen überwirft und ihn damit auf Zeitlebens bindet. Andries, Ihr habt hier einen Engel bei Euch, und nicht ein Weib!“ Die meiſten Männer in der Lage des Kettenträgers würden wohl einige Unruhe empfunden haben, wenn ſie eine ſolche Sprache im Munde eines jungen Mannes unter all' den vorliegenden Um⸗ I auf ahres on ſo rraus bwei⸗ , die ieren, kann ge⸗ Ihr leid der gegen weit te ſie Euch Sache äſſig, Auge gerin tten⸗ men ries, rden rache Um⸗ 223 ſtänden vernommen hätten. Aber Andries Coejemans hegte nie ein Mißtrauen gegen einen Sterblichen, der für gewöhnlich ſein Vertrauen beſaß; und es iſt die Frage, ob er je in Betreff meiner in irgend einer Hinſicht einen Zweifel hegte,— was vielmehr die Folge ſeines, als meines Charakters war. Statt Unruhe oder Mißfallen an den Tag zu legen, wandte er ſich gegen mich, ſein ganzes Geſicht verklärt von der Zärtlichkeit, die er für ſeine Nichte fühlte, und ſagte: „Das Mäͤdel iſt ein vortreffliches Mädel, Mordaunt, ein Kapital⸗ geſchöpf! Es würde Euch im Herzen wohlgethan haben, ſage ich, hättet Ihr ſie die Kette tragen ſehen! Eurem Geldbeutel hat der Monat, den ſie arbeitete, keinen Eintrag gethan, obwohl ich nicht haben möchte, daß Ihr glaubtet, ich habe ſie wie einen Mann ge⸗ rechnet— nein,— ſie iſt berechnet nur zum halben Taglohn, denn Weiberarbeit bleibt einmal Weiberarbeit; aber ich glaube, bei mei⸗ nem Gewiſſen, wir wurden in dieſem Monat mit mehr Grund und Boden fertig, als wenn wir den beſten Mann gehabt hätten, der in dieſem Theile der Welt für Geld zu miethen geweſen wäre,— ja, wahrhaftig, das glaube ich!“ Wie ſonderbar klang mir das Alles! Arbeit, von Dus Mal⸗ bone verrichtet, mir angerechnet und berechnet zum halben Preiſe! Wir ſind die Geſchöpfe des konventionellen Lebens und Herkommens, und die Sklaven von Anſichten und Meinungen, deren Herkunft wir ſelbſt nicht kennen. Ich hatte die Begriffe meiner Kaſte, an⸗ geeignet und eingeſogen in der ſtillen, einſchmeichelnden Schule der unbewußten Angewöhnung, worin unſere Charaktere insgeſammt gebildet werden; und nur das förmliche Bedürfniß und der Mangel hätte mich dahin bringen können, von irgend einem Individuum eine Belohnung in Geld anzunehmen für irgend einen geleiſteten perſönlichen Dienſt. Ich hatte keine Berufsart, und es ſchickte ſich nach unſern Begriffen für einen Gentleman nicht, Geld anzunehmen für perſönliche Dienſte, die außerhalb der Sphäre eines beſtimmten 224 Berufes fallen,— eine willkürliche Regel, der ſich aber die Meiſten von uns mit unbedingtem Gehorſam unterwerfen. Die Vorſtellung, daß Dus von mir bezahlt worden ſei für wirkliche Mühe und Arbeit, wollte mir deßhalb ganz und gar nicht ein; und erſt nach einigem Nachdenken kam ich dahin, die ganze Sache ſo anzuſehen, wie ſie angeſehen werden mußte, und dem edelherzigen Mädchen eine Handlungsweiſe, die ihr ſo viel Ehre machte, zum Lob an⸗ zurechnen, und zwar zum Lob ohne Vorbehalt und Einſchränkung. Ich will mich nicht beſſer, weiſer und vernünftiger darſtellen, als ich wirklich war; und ich glaube, wenige junge Männer von mei⸗ nem Alter und meiner Lebens⸗ und Bildungsweiſe würden im An⸗ fang große Freude darüber empfinden, wenn ſie hörten, ein Mäd⸗ chen, zu welchem ſie ſich in Liebe hingezogen fühlen, ſei auf ſolche Weiſe beſchäftigt geweſen; während auf der anderen Seite auch wohl faſt Jeder bei reiflicherem Nachdenken zu denſelben Ergeb⸗ niſſen gelangen würde, zu welchen ich kam. Mein Geſpräch mit Andries Coejemans ward unterbrochen durch das plötzliche Eintreten Frank Malbone's in den Hof. Dieß war meine erſte Begegnung mit dem jungen Geometer, und der Kettenträger ſtellte uns einander vor in ſeiner gewohnten herzlichen und offenen Weiſe. In einer Minute waren wir mit einander be⸗ kannt; und der alte Mann erkundigte ſich, wie es den Anſiedlern ge⸗ lungen ſei mit dem Aufſchlagen ihres religiöſen Verſammlungshauſes. „Ich blieb, bis ſie anfingen, die Dachſparren zu legen,“ ant⸗ wortete der junge Malbone heiter,„und dann verließ ich ſie. Die Feſtlichkeit ſoll mit einem Ball ſchließen, höre ich; aber ich war zu ſehr verlangend, zu hören, wie meine Schweſter die Heimath — ich ſollte ſagen das Neſt, erreicht habe, als daß ich hätte bleiben können. Wir haben jetzt eigentlich keine andere Heimath, Mr. Littlepage, als die Hütte in den Wäldern und das Obdach, das Eure Gaſtlichkeit uns anbeut.“ „Kriegskameraden, Sir, und Kriegskameraden, die für eine 225 ſolche Sache mit einander gefochten haben, ſollten ſo wenig Be⸗ denken tragen, ſolche Gaſtlichkeit, wie Ihr es nennt, anzunehmen, als ſie anzubieten. Es freut mich jedoch, daß Ihr dieſen Gegen⸗ ſtand berührt habt, ſofern mir dieß den Weg bahnt zu einem Vor⸗ ſchlag, den ich Euch zu machen beabſichtige, deſſen Annahme mich zu Eurem Gaſt machen wird, und mit dem ich jetzt ſo gut her⸗ vortreten kann als acht Tage ſpäter.“ Andries und Frank zeigten Beide in ihren Mienen Ueberra⸗ ſchung; aber ich führte ſie zu einer Bank auf der offenen Seite des Hofes und lud ſie ein, ſich zu ſetzen, während ich mich erklärte. Es mag paſſend ſein, im Vorbeigehen ein Wort von dieſem Sitz zu ſagen. Er ſtand am Rand einer niedern Felſenklippe auf der Seite des Hofes, welche durch Palliſaden geſchützt geweſen war, als die Franzoſen die beiden Canada's im Beſitz hatten, und wovon die Ueberreſte noch zu ſehen waren. Hier hatte Dus, wie ich erfuhr, ehe wir die Stelle verließen, meine hübſche Kettenträgerin, mit dem ächt weiblichen Inſtinkt für das Anmuthige und Schöne, eine Laube faſt ganz mit eigenen Händen errichtet, eine der ſchnell wachſenden Rebenarten unſeres Klima's daſelbſt gepflanzt und einen Sitz darin aufſtellen laſſen. Der Platz bot eine angenehme Aus⸗ ſicht über eine weite Strecke von Wieſen und über ferne Berg⸗ abhänge, welche noch im Urwald lagen. Andries ſagte mir, ſeine Nichte habe einen großen Theil ihrer Mußeſtunden in dieſer Laube zugebracht, ſeit das raſche Wachsthum der Reben mit dem Eintritt der guten Jahreszeit dem Sitz den Vortheil des Schattens gewährte. Ich nahm zwiſchen dem Kettenträger und Malbone meinen Platz ein, und theilte ihnen den Plan mit, den ich entworfen hatte, Letzteren zu meinem Agenten zu machen. Um ihn zur Annahme der Stelle zu bewegen, bot ich ihm die Benützung des Neſthauſes und des zum Neſte gehörigen Pachtgutes an, wobei ich mir nur die von meinem Großvater ehemals bewohnten paar Zimmer vor⸗ behielt, und auch dieſe nur für die Zeit meiner jährlichen Beſuche Der Kettenträger. 15 226 auf dem Gut. Da das Pachtgut groß war und einen vortrefflichen Boden hatte, lieferte es im Ueberfluß, was eine Familie von be⸗ ſcheidener Lebensweiſe bedurfte, und auch dazu noch geſtattete es, viele Produkte zu verkaufen, um von dem Ertrage die nothwen⸗ digen Artikel anzuſchaffen, die nicht auf dem Gute erzeugt wurden. Mit Einem Wort, ich legte meinen Zuhörern meinen ganzen Plan vor, der noch um ein Gutes erweitert ward durch den geheimen Wunſch, es Urſula recht behaglich zu machen, ein Beweggrund, wovon ich natürlich nichts laut werden ließ. Der Leſer darf nicht glauben, ich habe eine außerordentliche Großmuth an den Tag gelegt, indem ich ſo gehandelt. Man darf nicht vergeſſen, daß im Jahre 1784 Land im Staate New⸗York eine unwerthe Waare war, wie es noch heutzutage iſt am Miami, Ohio, Miſſiſſippi und anderen Strömen im Innern des Landes. Die Eigenthümer ſchlugen ihre Beſitzungen kaum an als Mittel der Exiſtenz für den Augenblick, und unterhielten vielmehr ihre Anſiedlungen, als daß ſie von denſelben unterhalten wurden; und erſt von einem ſpäteren Zeitalter und für ihre Nachkommenſchaft erwarteten ſie den Lohn für all ihre Mühe und aufgewendeten Koſten*). Es iſt kaum nöthig, zu ſagen, daß meine Anträge mit Freuden angenommen wurden. Der alte Andries preßte mir die Hand, und ich verſtand die Bedeutung dieſes Druckes ſo gut, als hätte er mit der Beredſamkeit eines Patrick Henry geſprochen. Frank Malbone *) Das Beſitzthum Renſſelaerwick erſtreckt ſich volle achtundvierzig Meilen öſtlich und weſtlich, und vierundzwanzig nördlich und ſüdlich. Es liegt mitten im Herzen von New⸗York, und zählt drei inkorporirte Städte in ſeinen Gränzen, zum Theil auf kleinen ältern Grants erbaut. Albany iſt eine Stadt von beinahe wo nicht ganz 10,000 Seelen, und Tory muß jetzt nahe an 28,000 haben. Und doch verſicherte der letztverſtorbene Patroon im letzten Geſpräche, das er mit dem Schreiber dieſer Zeilen, nur wenige Monate vor ſeinem Tod, hatte; ſein Großvater ſei der erſte Eigenthümer geweſen, der irgend einen weſentlichen Nutzen aus dem Beſitzthum ge⸗ ſchöpft, und ſein Vater der erſte, der ein beträchtliches Einkommen davon bezogen. Länger als ein Jahrhundert lieferte das ſelbſt bewirthſchaftete Beſitzthum, Felder und Mühlen, der Familie ihr Einkommen. ichen nbe⸗ e es, wen⸗ rden. Plan imen rund, tliche darf York iami, ndes. Nittel ihre und ſchaft deten euden und r mit lbone öſtlich Herzen Theil o nicht ſicherte dieſer er erſte um ge⸗ ezogen. der und —O—O—C—C—C—O—O——:;—O 227 war gerührt, und alle Parteien waren vollkommen zufriedengeſtellt. Der Geometer hatte natürlich ſein Feldtintenfaß bei ſich, und ich hatte die Agentſchafts⸗Vollmacht in der Taſche, in welche der Name des Kettenträgers hätte geſetzt werden ſollen, wenn er die Stelle angenommen hätte. Jetzt ward ſtatt deſſen der Name Malbone's hineingeſchrieben; ich unterzeichnete; Andries unterſchrieb als Zeuge und wir verließen mit einander die Laube,— Frank Malbone nun⸗ mehr förmlich für einige Zeit Herr des Hauſes, in welchem wir uns befanden, und was die nothwendige Folge hievon war, ſeine reizende Schweſter Herrin deſſelben. Es war ein köſtlicher Augen⸗ blick für mich, als ich Dus ſich ihrem Bruder in die Arme werfen und an ſeiner Bruſt weinen ſah, wie er ihr die frohe Nachricht mit⸗ theilte. Dreizehntes Kapitel. Eine bequeme Lehre; und es läßt ſich viel darüber ſagen. Wo iſt Euer Text zu finden? Was Ihr wollt. Ein Monat verfloß raſch. Während dieſer Zeit ward Frank Malbone völlig inſtallirt, und Andries verſtand ſich dazu, die Ope⸗ rationen mit der Meßkette ſo lange ruhen zu laſſen, bis dieſe noth⸗ wendige Arbeit vorüber war. Eine Arbeit war es; denn alle von meinem Großvater bewilligten Pachtverträge waren abgelaufen, und die Pächter waren auf ihren Gütern geblieben, geduldeter Weiſe, oder als Inhaber auf Gutdünken und kurze Friſt, indem ſie auf Ehrenwort abgeſchloſſene Uebereinkünfte je auf ein Jahr mit Mr. Newcome gemacht hatten, welchem Vollmacht gegeben war, ſo weit zu gehen, aber nicht weiter. Es war, wie ich ſchon geſagt habe, zu jenen Zeiten ſelten, 15 228 daß ein Grundbeſitzer während der erſten Jahre der Anſiedlung von ſeinen Ländereien irgend ein Einkommen zog. Die große Aufgabe war, Anſiedler herbeizuziehen; denn da die Konkurrenz ſo groß war, mußten Opfer gebracht werden, um dieſen allererſten Zweck zu erreichen. In Gemäßheit dieſer Politik hatte mein Großvater ſeine wilden Ländereien faſt durchgängig gegen eine nur nominelle Rente verliehen, dann und wann ein Pachtgut, das ganz beſondere Vor⸗ theile darbot, ausgenommen; und in den meiſten Fällen hatte der Anſiedler die Benützung des Pachtgutes für mehrere Jahre ohne allen Pachtzins gehabt. Er bezahlte die Steuern, welche nur no⸗ minell waren, und hauptſächlich zur Beſtreitung der Koſten für Zwecke und Gegenſtände dienten, welche der nächſten Nachbarſchaft zu Statten kamen, wie z. B. der Bau von Straßen, Brücken, Pferchen und andern ähnlichen Werken, und die Gerechtigkeitspflege. Nach Ablauf der Friſt, während welcher gar keine Rente bezahlt wurde, ward feſtgeſetzt, daß eine kleine Summe je für den Acre entrichtet werde, aber nicht ſtreng und förmlich erhoben, und kein Dollar davon kam je aus der Anſiedlung hinaus. Man erwartete vom Grundherrn, daß er ſich an die Spitze der Subſcriptionen für Alles ſtellte, was für das Gut heilſam und nützlich war, oder dafür ausgegeben wurde; und die zwei oder dreihundert Dollars jährlich, welche mein Pachtregiſter wirklich nachwies, gingen wieder auf den Pachtgütern des Neſtes auf. Es war urkundliche That⸗ ſache, daß der Eigenthümer dieſes Gutes noch nicht Einen Schil⸗ ling zu ſeinen Privatzwecken hatte wegnehmen und verwenden können. Es iſt wahr, es wäre in ſeiner Macht geſtanden, jedes Jahr eine Kleinigkeit zu dieſem Behuf zuſammen zu bringen; aber man be⸗ trachtete es nicht als politiſch, und daher war es auch nicht der Brauch des Landes bei ſo gelegenen Gütern in der Zeit vor der Revolution, obwohl einzelne Fälle einer entgegengeſetzten Hand⸗ lungsweiſe mögen vorgekommen ſein, wenn der Grundherr beſon⸗ ders habgierig oder in Vermögensbedrängniß war. Unſere New⸗ mät The loſe thu wir wie es 1 und hun kon. des Pas nich in Gri lieg lich von fgabe groß ꝛck zu ſeine ſente Vor⸗ e der ohne no⸗ für ſchaft icken, flege. zahlt Aere kein ertete donen oder llars ieder that⸗ ſchil⸗ inen. eine be⸗ der der and⸗ eſon⸗ New⸗ 229 Yorker Grundherren zu jener Zeit waren ſelten im Falle, des Geldes ſo ſehr benöthigt zu ſein. Der Luxus war in der Provinz wenig bekannt geweſen, und konnte im Staate auch noch nicht zur Herr⸗ ſchaft gelangt ſein; daher kamen Wenige durch großen Aufwand um ihr Vermögen, wohl aber Manche durch ungeſchickte Wirthſchaft. Die Praktik des„Kätzchen in der Ecke“, der Kniff, einen Mann aus ſeinem Beſitzthum zu verdrängen, um ſich an ſeine Stelle zu ſetzen, war vor der Revolution wenig im Brauch; und das Gemeinweſen betrachtete immer Den, der ſich in das Beſitzthum einer Familie eindrängte, mit Kälte und mit ſcheelem Auge, wenn er nicht durch ehrlichen Kauf und um einen genügenden Preis in den Beſitz kam. Legalſpeculationen waren damals faſt ganz unbekannt, und wenn Einer reich wurde, ſo ſetzte man voraus, daß er es werde durch männliche Kraftanſtrengung und offene, das Licht nicht ſcheuende Thätigkeit, und nicht durch die dunkeln Machinationen einer heil⸗ loſen Rechtsverdrehung. Was uns betraf, ſo hatten wir bis jetzt von unſerem Beſitz⸗ thum Ravensneſt noch nicht einen Schilling bezogen. Alles, was wir je eingenommen, und noch mehr dazu, war an Ort und Stelle wieder verwendet worden; jetzt aber war die Zeit gekommen, wo es recht und billig war, daß die Ländereien uns für alle Mühen und Auslagen, die wir gehabt, einigen Ertrag und Erſatz leiſteten. Eilftauſend Acres waren verliehen, unter etwas weniger als hundert Pächter vertheilt. Bis zum erſten April folgenden Jahres konnten dieſe Leute ihre Ländereien behalten unter den Bedingungen des mündlichen Kontrakts; nach dieſem Tage aber wurden neue Pachtverträge nöthig. Es iſt bei dem amerikaniſchen Grundbeſitzer nicht gebräuchlich, ſehr ſtreng im Einfordern zu ſein. Es liegt dieß in der That auch gar nicht in ſeiner Macht, aus dem einfachen Grunde, weil es ſo viel mehr Land gibt als Menſchen; aber es liegt auch gar nicht in der Sitte des Landes, vielmehr iſt gewöhn⸗ lich ſorgloſe Nachſicht der Fehler dieſer Menſchenklaſſe, eine Nach⸗ — ͦ⸗nü—— 230 ſicht, welche ein Anwachſen von Rückſtänden geſtattet, die, wenn der Zahltag kommt, gar leicht böſes Blut und Unzufriedenheit er⸗ zeugen. Es iſt eine unläugbare Wahrheit in der Moral, daß die Menſchen, was auch im Augenblick ihre Gefühle und Geſinnungen ſein mögen, ſelten gegen eine Regierung dankbar ſind, welche ihren Fehlern freien Spielraum geſtattet. Immer ſuchen ſie einen Theil der Schuld ihrer eigenen Verirrungen und Fehltritte Denjenigen aufzubürden, die ſie hätten bewachen und lenken ſollen. Ebenſo iſt es mit Schulden; denn wie ſehr man auch im Augenblick um Nachſicht und Geduld bitten mag,— die Anhäufung der Zinſen bekommt gar ein furchtbares und feindliches Ausſehen, wenn ſie ſich in einer Geſammtſumme darſtellen in einem Zeitpunkt, wo es ungelegen ſein mag, die Rechnung auszugleichen. Wenn nun Die⸗ jenigen, welche ſich ſchon in eine ſolche Lage verſetzt geſehen haben, bedenken wollten, daß es eine letzte, große Abrechnung gibt, welche in’s Reine zu bringen mit Rückſtänden dereinſt an jeden Menſchen die Aufforderung und Ladung ergeht, ſo dürfte ihnen ihre Erfah⸗ rung, von den weltlichen Dingen entnommen, eine unendlich nütz⸗ liche Warnung an die Hand geben. Es iſt ein Glück für uns Alle, ohne Ausnahme, daß ein Mittler uns beiſteht bei jener Abrechnung. Die Zeit war gekommen, wo man von Ravensneſt einigen Ertrag ſich verſprechen durfte. Geleitet von den Ergebniſſen der Vermeſſung und von unſerer Lokalkenntniß, und nicht wenig unter⸗ ſtützt von der Erfahrung des Kettenträgers, brachten Frank Mal⸗ bone und ich volle vierzehn Tage damit zu, die Pachtländereien zu klaſſificiren; die geringſten ſtellten wir in die Kategorie von einem Shilling, andere in die von achtzehn Pence, und ein Dutzend etwa in die von zwei Shillingen. Das Reſultat war, daß wir ſechstau⸗ ſend Acres in die Klaſſe von ein Shilling Jahresrente ſetzten, drei⸗ tauſend achthundert in die von achtzehn Pence, und zwölfhundert in die von zwei Shillingen. Das Ganze betrug einen Rentenbetrag von 14,100 Shillingen, oder etwas über 1742 Dollars jährlich. venn t er⸗ die ngen ihren Theil nigen ſo iſt um inſen an ſie vo es Die⸗ aben, velche ſchen erfah⸗ nütz⸗ Alle, nung. inigen n der unter⸗ Mal⸗ ien zu einem detwa hstau⸗ „drei⸗ undert betrag hrlich. Dieß wollte viel ſagen für das Jahr 1784, und zwar war dieß 231 der Betrag noch mit Ausſchluß des zum Neſt gehörigen Gutes, von Jaſon Newcome's Mühlen und Zimmerholzland, die er bisher um⸗ ſonſt oder gegen eine blos nominelle Rente inne gehabt hatte, ſo wie aller noch wilden Ländereien. Ich will geſtehen, ich hatte eine große Freude über das Er⸗ gebniß unſerer Berechnungen. Vor dieſem Tage hatte ich auf Ravensneſt gar nicht gerechnet, in Betreff eines daraus zu ziehen⸗ den Einkommens, da ich die Mittel meines Unterhalts in dem übri⸗ gen Vermögen fand, das ich von meinem Großvater geerbt hatte. Auf dem Papier war mein Einkommen mehr als verdoppelt, denn ich bezog damals nur etwa eilfhundert jährlich(ich ſpreche von Dollars, nicht von Pfunden) von meinem andern Vermögen. Es iſt wahr, letzteres ſchloß ſehr viele Plätze und Gebäulichkeiten in und bei der Stadt in ſich, welche im Augenblick nichts ertrugen, aber in ſpätern Zeiten, wie Ravensneſt ſelbſt, ſehr werthvoll zu werden verſprachen. Die meiſten Dinge in Amerika wieſen damals, wie jetzt noch, auf die Zukunft hin, obwohl ich hoffe, die Zeit des Genuſſes und Nutzens werde nun endlich kommen. Meine Beſitzun⸗ gen in der Stadt ſind ſchon längſt ſehr werthvoll und ziemlich ein⸗ träglich geworden. Sobald unſer Plan für die Wiederverleihung reiflich erwogen war, forderte Frank die Inhaber der Pachtgüter auf, ſich je in Abtheilungen von Zehn auf dem Neſt einzufinden, um ihre Pach⸗ tungen auf's Neue zu übernehmen. Wir waren auf dem Gut herum geritten, hatten uns mit den Anſiedlern beſprochen und ihnen meine Abſichten im Voraus ſchon mitgetheilt, ſo daß wenig mehr zu er⸗ örtern übrig blieb. Die Pachtungen wurden alle wieder auf drei Sterbfälle und ganz nach meinem zuvor entworfenen Plane verlie⸗ hen, und Keiner machte eine Einwendung gegen den Pachtzins, der nach allgemeinem Zugeſtändniß nicht nur billig, ſondern nieder war. Die Lage der Dinge war damals in zu friſchem Andenken, als daß 232 die Vergangenheit ſo ſchnell hätte vergeſſen werden können; und der Tag, an welchem der letzte Pachtvertrag unterzeichnet wurde, war ein Tag der allgemeinen Zufriedenheit. Ich dachte daran, ein Grundherrneſſen zu geben und die ganze Anſiedlerſchaft zum Behuf eines fröhlichen und freundſchaftlichen Zuſammenſeins zu mir zu laden; aber der alte Andries goß kaltes Waſſer auf meinen Vorſatz. „Das ginge an, Mortaunt,“ ſagte er,„wenn Ihr nur mit ächten New⸗Yorkern oder Mittelſtaatenmännern es zu thun hättet; aber über die Hälfte von dieſen Leuten ſind aus den öſtlichen Staa⸗ ten, wo es keine ſolche Dinge gibt wie Grundherren und Pächter,— in einem größeren Maaßſtabe, heißt das; und unter dieſen Allen iſt nicht Einer, der nicht im Schilde führte, dereinſt ſein Pachtgut als Eigenthum zu beſitzen, möge es ihm auf geradem oder auf krum⸗ mem Wege gelinge. Sie ſind ſo eiferſüchtig auf ihre Würde, als wenn Jeder von ihnen ein ganzer Obriſt wäre, und ſie werden Euch keinen ſchönen Dank ſagen für ein Mittagsmahl, bei welchem ſie die zweite Geige zu ſpielen ſcheinen.“ Obwohl ich des Kettenträgers alte holländiſche Vorurtheile gegen unſere öſtlichen Brüder kannte, wußte ich doch wohl, daß, was er ſagte, viel Wahres enthielt. Frank Malbone, der in Rhode⸗Island geboren war, hatte dieſelbe Anſicht, wie ich bei näherer Erkundigung erfuhr; und ich war geneigt, mich ſeiner Meinung unterzuordnen. Frank Malbone war ſelbſt ein Gentle⸗ man, und Männer dieſer Gattung ſind in der Regel über kleinliche Eiferſucht erhaben; aber Frank mußte die Geſinnungen Derjenigen, unter welchen er geboren und aufgewachſen war, beſſer zu würdi⸗ gen wiſſen, als es für mich möglich war; demgemäß wurde der Plan mit der Mahlzeit aufgegeben. Es blieb nun noch übrig, eine neue Uebereinkunft zu treffen und bleibend feſtzuſetzen mit Mr. Jaſon Newcome, welcher bei weitem der vermöglichſte Mann auf Ravensneſt war; denn er allein und rde, ran, zum 3 zu inen mit ttet; taa⸗ 1 n iſt als um⸗ als rden chem heile daß, in bei einer ntle⸗ liche igen, irdi⸗ der effen bei llein 233 ſchien alle Geſchäfte und den ganzen Handel und Verkehr auf der Niederlaſſung an ſich geriſſen zu haben. Er war Magiſtrat, Ober⸗ aufſeher, Diakon, nach der Einrichtung der Congregationiſten, oder was die Benennung ſein mochte, Müller, Inhaber aller Vorräthe und Kaufmann, Notar bei Teſtamenten, Eigenthümer des Gaſt⸗ hauſes, das er durch einen Andern verſehen ließ, und allgemeiner Rathgeber für die ganze Gegend. Alles ſchien durch ſeine Hände zu gehen; oder vielleicht wäre richtiger zu ſagen: Alles kam in ſeine Hände, aber wenig wieder heraus. Dieſer Mann war, in kleinem Maaßſtabe freilich, einer der Alles an ſich raffenden Geldmenſchen, die nur leben, um zu ſammeln und Geld aufzuhäufen,— nach meinem Sinne und in meinen Augen die widerlichſten und verächt⸗ lichſten Leute, da ſie bei ihrem Geldzuſammenſcharren durchaus keinen der anerkennungswerthen Zwecke einer vernünftigen Induſtrie, eines achtbaren Unternehmungsgeiſtes im Auge haben. So lang ein Menſch in ſeiner Nähe war, den er für reicher hielt als er ſelbſt war, ſo lange hätte Mr. Newcome ſich unglücklich gefühlt, obgleich er nicht wußte, was anfangen mit dem Vermögen, das er ſchon erworben hatte. Man weiß nicht, ob man ſolche Charaktere mehr verabſcheuen oder bemitleiden ſoll; denn während ſie jedem Menſchen von geſundem Gefühl und edlem Geiſt zuwider ſind und ſein müſſen, tragen ſie in ihrem eigenen Buſen einen Wurm, der nie ſtirbt, und der am Marke ihres Lebens zehrt. Mr. Newcome hatte ſeine Beſeitigung als Agent dem An⸗ ſchein nach ganz gut aufgenommen, und hatte von dem Augenblick an, wo er Grund hatte, zu vermuthen, daß ihm die Stelle ent⸗ zogen werden würde, ſich die Miene gegeben, als wünſchte er der⸗ ſelben los zu werden. In dieſer Hinſicht lief ſomit Alles ganz im Guten und freundſchaftlich ab, und durchaus keine Klage wurde von ſeiner Seite erhoben. Im Gegentheil, er kam Frank Malbone anſcheinend mit der größten Herzlichkeit entgegen, und wir ſchritten zur Verhandlung, wie es ſchien, in eben ſo guter und ungetrübter 234 Stimmung, als zu irgend einem der vorhergegangenen Pachtver⸗ träge. Mr. Newcome that Nichts offen und geradezu; von Kind⸗ heit an war er immer gewohnt geweſen, nur krumme Pfade und Umwege zu betreten. „Ihr habt das Mühlloos und die Benützung von fünfhundert Acres Waldland von meinem Großvater auf drei Sterbfälle oder im ungünſtigen Falle auf einundzwanzig Jahre übernommen, wie ich finde, Mr. Newcome,“ bemerkte ich, ſobald wir uns zu dem Ge⸗ ſchäft hingeſetzt hatten,„und zwar gegen eine nur nominelle Rente; die Mühlen ſollten in baulichem Stand gehalten werden, und nach Ablauf des Pachttermins an den Grundherrn zurückfallen.“ „Ja, Major Littlepage, das war der Vertrag, ich muß es geſtehen, obgleich er für mich ſehr ſchwer ward. Der Krieg brach aus, und mit ihm kamen harte Zeiten, und ich dachte, der Major würde geneigt ſein, die Umſtände in Erwägung zu ziehen, wenn wir einen neuen Vertrag machten.“ „Der Krieg kann für Euch nicht ſehr nachtheilig geweſen ſein, da die Früchte aller Art einen hohen Preis hatten; und ich ſollte meinen, der Umſtand, daß große Heere in der Nähe waren, welche Alles conſumirten, was Ihr zu verkaufen hattet, und zwar zu ho⸗ hen Preiſen, müßte jeden Nachtheil, der Euch etwa daraus erwach⸗ ſen, mehr als ausgeglichen haben. Ihr hattet die Vortheile von zwei Kriegen zu genießen, Mr. Neweome; vom Kriege von 1775 und theilweiſe von dem von 1756.“ Mein Pächter antwortete nichts hierauf, da er fand, daß ich über den Gegenſtand nachgedacht hatte, und gefaßt war, ihm zu antworten. Nach einer Pauſe lenkte er das Geſpräch auf poſiti⸗ vere Dinge. „Ich vermuthe, der Major geht von dem Grundſatz aus, ein legales Recht des alten Pächters auf einen neuen Pachtvertrag an⸗ zuerkennen. Man hat mir geſagt, er habe dieß ſo ziemlich bei allen bisherigen Unterhandlungen anerkannt.“ ——₰——,— 23⁵ „Dann hat man Euch falſch berichtet, Sir. Ich bin nicht ſo ſchwach, daß ich ein Recht anerkennte, welchem der Pachtvertrag ſelbſt, welcher der Natur der Sache nach nothwendigerweiſe den einzigen Anſpruch und Rechtstitel des Pächters begründet, entſchie⸗ den widerſpricht. Eure geſetzlichen Anſprüche auf das Beſitzthum hören in wenigen Tagen, von jetzt an gerechnet, gänzlich auf.“ „J— a— j— a, Sir, ich glaube das ſchon,“ ſagte der Squire, indem er ſich in ſeinem Seſſel zurücklehnte, bis ſein Kör⸗ per einen Winkel von ſechzig bis ſiebzig Graden mit dem Boden bildete;—„ich glaube das ſchon nach den Vertragsbedingungen; aber zwiſchen einem Mann und den andern ſollte etwas Anderes, Bindendes beſtehen.“ „Ich kenne nichts Bindenderes bei einer Pachtverleihung als die Vertragsbedingungen, Mr. Newcome.“ „Wohl,“— wie dieſer Mann das Wörtchen wohl zu ge⸗ brauchen wußte, wenn er einen Mitmenſchen zu hintergehen ſuchte, und mit welch' jeſuitiſchem Accent er es ausſprach!—„Wohl, das iſt eben, je nachdem die Leute Ideen haben. Eine Vertragsbedin⸗ gung kann hart ſein, und dann ſollte ſie, nach meiner Anſicht, für nichts gelten. Ich bin gegen alle harten Verträge.“ „Hört Ihr, Freund Jaſon,“ fiel der Kettenträger ein, der ein alter Bekannter von Mr. Neweome war, und ſeinen Charakter durch und durch zu kennen ſchien—„Hört Ihr, Freund Jaſon: gebt Ihr einen unverhofften Gewinn zurück, wenn es ſich ſo trifft, daß Euch ein größerer zufällt, als worauf Ihr Euch beim Ab⸗ ſchluß eines Handels Rechnung gemacht hattet?“ „Es führt zu nichts, mit Euch über ſolche Gegenſtände zu ſchwatzen, Kettenträger, denn wir werden in unſern Anſichten nie zuſammenſtimmen,“ antwortete der Squire, ſich noch weiter in ſeinem Seſſel zurücklehnend.„Ihr ſeid, was ich einen abſonderlichen Mann nenne in Euren Begriffen, und wir werden uns nie verſtehen.“ „Aber doch hat des Kettenträgers Frage einen guten Sinn,“ 236 ſagte ich.„Wenn Ihr nicht bereit ſeid, ſie mit Ja zu beant⸗ worten, ſehe ich nicht ein, wie Ihr mit irgend einem Schein von Recht Eure eigenen Grundſätze anwenden könnt. Aber laſſen wir das beiſeite,— warum macht man Verträge, wenn ſie nicht ſollen beobachtet werden?“ „Nun wohl, nach meinen Begriffen iſt ein Vertrag bei einer Pachtverleihung ungefähr daſſelbe, was ein fließendes Waſſer auf einer Landkarte— Nichts, auf was man ſo ein ſonderliches Ge⸗ wicht legen ſollte; aber ſo wie fließende Waſſer ſich auf einer Karte gut ausnehmen, ſo leſen ſich auch Verträge gut bei einer Pacht⸗ verleihung. Die Grundherren haben ſie gern und die Pächter ſind nicht ſehr bedenklich.“ „Es kann Euch ſchwerlich mit dem Einen oder mit dem Andern Ernſt ſein, hoffe ich, Mr. Neweome, ſondern Ihr übt nur Euern Scharfſinn an uns zu Eurer Unterhaltung. Die Vertragsbedingungen Eures Pachtes enthalten nichts ſo Abſonderliches, daß die Ent⸗ ſcheidung darüber irgend zu einem Gewiſſensfall werden könnte.“ „Doch ſteht das darin, Major, daß Ihr das ganze Beſitzthum zurückbekommen ſollt, wenn Ihr Luſt bekommt, Anſprüche darauf zu erheben.“ „Anſprüche zu erheben!— Das ganze Beſitzthum iſt mein oder meiner Vorfahren Eigenthum geweſen, ſeitdem es uns von der Krone überlaſſen worden iſt. Alle Eure Rechte rühren von Eurer Pach⸗ tung her;—, und wenn dieſe zu Ende geht, haben auch Eure Rechte ein Ende.“ „Nicht, nach meiner Einſicht, Major; nicht, nach meiner Ein⸗ ſicht. Ich habe die Mühlen auf meine Koſten gebaut, wie Ihr Euch erinnern werdet.“ „Ich weiß allerdings, Sir, daß Ihr die Mühlen gebaut habt, auf Eure Koſten, wie Ihr ſagt; das heißt, Ihr bedientet Euch einer natürlichen Mühlegelegenheit, benütztet unſer Zimmerholz und ſonſtige Materialien, und erbaut die Mühlen, ſo wie ſie nun ſind, 237 wobei Ihr Euren Lohn und Gewinn Euch von der Benützung der⸗ ſelben verſprachet, gegen eine nur nominelle Rente; und dabei hat⸗ tet Ihr Sägeblöcke zu Eurer Verfügung, wie Ihr ſie nur wünſch⸗ tet, und genoßet auch ſonſt die mannigfachen Vortheile und Ver⸗ günſtigungen einer der liberalſten Pachtverleihungen, die je bewilligt wurde.“ „Ja, Sir, aber das war in dem Handel ausbedungen, den ich mit Eurem Großvater ſchloß. Das wurde zwiſchen uns ſo ver⸗ abredet damals, als ich den Platz übernahm, daß ich Holz fällen dürfe nach Belieben, und natürlich mich der auf dem Gute ſich fin⸗ denden Materialien zum Bau bedienen. Seht Ihr, Eurem Groß⸗ vater war es ganz verzweifelt um Mühlen zu thun; und daher ſtellte er demgemäß die Bedingungen. Ihr werdet das Sylbe für Sylbe in dem Pachtbrief finden.“ „Ohne Zweifel, Mr. Newcome, und Ihr werdet auch in dem⸗ ſelben Pachtbrief eine Vertragsbedingung finden, wornach Eure Anſprüche auf das Beſitzthum in wenigen Tagen zu Ende gehen.“ „Wohl nun, ich verſtehe Pachtbriefe nicht auf dieſe Art. Ge⸗ wiß konnte doch das nie die Meinung ſein, daß Einer Mühlen erbauen ſollte, um nach fünfundzwanzig Jahren alles Recht darauf zu verlieren!“ „Das hängt von dem Vertrag ab, wie er zu ſeiner Zeit abge⸗ ſchloſſen wurde. Manche Leute bauen Mühlen und Häuſer, die durchaus keine Rechte darauf haben. Sie werden für ihre Arbeit bezahlt, während ſie bauen.“ „Ja, ja, Zimmerleute und Mühlenbauer meint Ihr. Aber ich ſpreche von keinen ſolchen Leuten, ich ſpreche von ehrlichen, hart ar⸗ beitenden, fleißigen Leuten, welche ihre Arbeit und ihre Zeit darauf verwenden, eine Anſiedlung empor zu bringen; nicht von Euren Hand⸗ werkern, die für Taglohn arbeiten. Natürlich werden dieſe bezahlt für das, was ſie thun, und damit iſt die Sache beendigt.“ „Ich wüßte nicht, daß alle ehrlichen Leute auch hart arbei⸗ 238 tende ſind, und ebenſo wenig, daß alle hartarbeitenden Leute ehrlich ſind. Ich wünſchte vor Allem, Mr. Newcome, daß dieß zwiſchen uns eine ausgemachte Sache wäre. Redensarten und Phraſen wer⸗ den mir keine Zugeſtändniſſe abdringen. Ich bin jedoch mit Euch vollkommen einverſtanden, wenn Ihr ſagt: wenn Einer für ſeine Arbeit bezahlt wird, ſo habe die Sache damit ein Ende. Nun werdet Ihr binnen dreiundzwanzig Tagen bezahlt ſein für Alles, was Ihr an meinem Beſitzthum gethan habt gemäß Eurem eigenen Zugeſtändniß; und nach Eurer eigenen Argumentation muß Eure Verbindung mit dieſem Beſitzthum hiemit ein Ende haben.“ „Der Major hat doch ſicherlich nicht die Abſicht, mich meines ſauer erworbenen Verdienſtes zu berauben!“ „Mr. Newcome, berauben iſt ein hartes Wort, ein Wort, das, ich muß Euch darum bitten, zwiſchen Euch und mir nicht mehr vorkommen ſoll. Ich habe nicht die Abſicht, Euch zu berauben, noch auch mich von Euch berauben zu laſſen. Die Ausrede, daß Ihr mit den Bedingungen dieſer Pachtverleihung nicht bekannt ge⸗ weſen ſeid, kommt ziemlich ſpät, nach einem Beſitz von einem Vierteljahrhundert. Ihr wißt recht gut, daß mein Großvater nicht verkaufen wollte und daß er nur pachtweiſe verlieh; wenn Eure Abſicht war, zu kaufen, warum wandtet Ihr Euch nicht anders wohin und ſuchtet Land zum Erbbeſitz zu erwerben? Es waren und ſind noch rings herum Tauſende von Acres zu verkaufen. Ich ſelbſt habe Land zu verkaufen auf Mooſeridge, als Agent mei⸗ nes Vaters und des Obriſts Follock, nur zwanzig Meilen von Euch entfernt, und wie man mir ſagt, vortreffliche Mühlplätze obendrein.“ 3 „Ja, Major, aber das iſt nicht ſo nach meinem Geſchmack,— ich hatte nun einmal Luſt zu dieſem.“ „Aber ich habe nun auch Luſt zu dieſem; und da es nach Recht und Billigkeit mein Eigenthum iſt, ſo habe ich doch wohl den beſten Anſpruch auf den Genuß.“ —————— +— 239 „Nach der Billigkeit möchte ich dieſe Sache beigelegt ſehen, Major— ich weiß, das Geſetz iſt gegen mich— das heißt, manche Leute behaupten es; aber manche beſtreiten es auch, jetzt, nachdem wir eine Revolution gehabt haben,— aber laßt das Geſetz ſprechen, wie es will, es gibt Etwas, das ich das Recht nenne zwiſchen Mann und Mann.“ „Ganz gewiß; und das Geſetz iſt eine Erfindung und Inſti⸗ tution, dem Recht Geltung und Kraft zu verſchaffen. Es iſt recht, daß ich genau erfülle, wozu mich der Wille meines Großvaters vor fünfundzwanzig Jahren verpflichtete, in Bezug auf jene Mühlen; und es iſt dem Recht gemäß, daß Ihr thut, wozu Ihr Euch ſelbſt verpflichtet habt.“ „Ich habe das gethan. Ich habe mich verpflichtet, die Mühlen zu bauen, in einer beſtimmten Art und Weiſe, und ich habe es gethan. Ich biete jedem Sterblichen Trotz, ob er es anders ſagen kann. Die Sägemühle zerſchnitt die Klötze zwei Monate nachdem ich den Pacht übernommen, und nach vier Monaten begannen wir Korn zu mahlen.“ „Ohne Zweifel, Sir, ſeid Ihr thätig und betriebſam geweſen — obwohl, um ganz offen gegen Euch zu ſein, ich ſagen muß, daß urtheilsfähige Leute mir erklären, keine von den Mühlen ſei jetzt mehr viel werth.“ „Das iſt wegen der Pachtverleihung,“ rief Mr. Neweome, ½ etwas haſtiger vielleicht, als ſich mit ſeiner ſonſtigen klugen Vor⸗ ſicht vertrug;„wie wußte ich, wenn ſie zu Ende gehen würde? Euer Großvater verwilligte mir den Pacht auf drei Leben oder wenig⸗ ſtens einundzwanzig Jahre, und ich that Alles, was in eines Men⸗ ſchen Kräften ſtand, um ihm eine ſo lange Dauer zu ſichern, als ich ſelbſt leben würde; aber nun ſtehe ich in meinen kräftigſten Jah⸗ ren und bin in Gefahr, mein Eigenthum zu verlieren!“ Ich kannte alle Umſtände des Falles ganz genau, und hatte von Anfang an die Abſicht, großmüthig mit Mr. Newcome zu 240 verfahren. In ſeiner gierigen Gewinnſucht hatte er den Pachtbrief auf das Leben von drei Kindern ausſtellen laſſen, obgleich mein Großvater ihm gerathen hatte, ihn wenigſtens doch auch auf ſein eigenes Leben ſtellen zu laſſen; aber nein!— Mr. Newcome hatte gedacht, das Leben eines Kindes ſei doch beſſer, als das eines Mannes; und drei oder vier Jahre nach Unterzeichnung ſeines Pachtbriefes hatten ſeine einundzwanzig Jahre zu laufen ange⸗ fangen und waren jetzt nahezu erſchöpft. Aber ſelbſt unter dieſen allerdings ganz unerwarteten Umſtänden war doch der Pacht ein ſehr vortheilhafter für den Pächter geweſen; und wenn eine der Perſonen, auf deren Leben der Pachtbrief geſtellt war, hundert Jahre alt geworden wäre, ſo hätte der Grundherr deßhalb ver⸗ gebens ein Zugeſtändniß, eine Entſchädigung erwartet; denn Grund⸗ herren verlangen oder erwarten niemals Gefälligkeiten oder Ein⸗ räumungen dieſer Art,— ja, die meiſten würden ſich ſchämen, ſie anzunehmen. Dennoch war ich geneigt, dieſe Verhältniſſe in Be⸗ tracht zu ziehen, den Umſtand zu überſehen, daß die Mühlen und alle andere Gebäulichkeiten auf dem Gute ſchlecht gebaut waren, und für eine weitere Friſt von einundzwanzig Jahren Waldland, Pachtgut, Gebäude und andere Privilegien wieder zu verleihen, um etwa den dritten Theil des Geldes, das Mr. Newcome ſelbſt im Stande geweſen wäre zu verlangen, wenn er, ſtatt meiner, der Verleihende geweſen wäre. Nicht geneigt, eine Erörterung mit einem Manne zu verlängern, der ſeiner ganzen Natur nach nicht im Stande war, mehr als Eine Seite eines Gegenſtandes zu ſehen, ſchnitt ich die Sache kurz ab, indem ich ihm ohne weiteres Zögern meine Bedingungen ſagte. Trotz aller ſeiner Verſtellung und Heuchelei war der Squire doch ſo erfreut, als er ſich von meiner Mäßigung in meinen For⸗ derungen überzeugte, daß er nicht umhin konnte, ſeine Empfindungen offen auszuſprechen; was er ſicherlich nicht gethan haben würde, hätte er nicht die moraliſche Gewißheit gehabt, daß ich von meinem brief mein ſein hatte eines eines nge⸗ ieſen ein der ndert ver⸗ und⸗ Ein⸗ ſie Be⸗ und rren, and, um im der mit nicht hen, gern uire For⸗ gen rde, nem 241 Wort nicht abgehen würde. Ich hielt es jedoch für nothwendig, mich gegen ihn näher zu erklären. „Ehe ich Euch dieſen neuen Pacht verleihe, Mr. Newcome,“ fuhr ich fort, während ich das Inſtrument unterzeichnet in der Hand hielt,„wünſche ich, daß Ihr meinen Sinn recht verſteht. Ich bewilligte ihn Euch nicht in der Meinung und Vorausſetzung, daß Ihr irgend ein Recht habt, ihn zu verlangen, abgeſehen von der Rückſicht, die ein liberaler Grundherr immer auf einen leidlich guten Pächter nimmt, welche jedoch lediglich darin beſteht, daß er ihm bei gleichen Bedingungen vor Andern den Vorzug gibt. Was den frühen Verluſt Eurer drei Sterbefälle betrifft, ſo war das Eure eigene Schuld. Wären die drei Kinder, die Ihr namhaft gemacht habt, oder wäre nur eines davon über die Kinderjahre hinausgekommen, ſo hätte es achtzig Jahre alt werden können, in welchem Falle mein Wald mit Zimmerholz gänzlich ausgehauen worden wäre, ohne daß der wahre Eigenthümer irgend einen Nutzen davon gehabt hätte; aber Eure Kinder ſtarben, und die Verleihung kam ſo auf billige Gränzen zurück. Was mich nun veranlaßt, Euch dieſe Bedingungen anzubieten, iſt einzig und allein die bei Grundherren übliche Liberalität; was ich Euch zugeſtehe, iſt Euch zugeſtanden nicht als ein Recht, ſondern als ein Beweis der Liberalität.“ Dieß hieß freilich meinem Pächter den für ihn unbegreiflichſten Beweggrund zu irgend einem Thun darlegen. Selbſt ein ängſt⸗ licher und ſchmutziger Berechner und Knauſer war er nicht ge⸗ wohnt, irgend einem Menſchen Großmuth zuzutrauen; und die zweifelnde, mißtrauiſche Art, womit er das Papier hinnahm, ließ mich im Augenblick vermuthen, er fürchte, es ſei irgend ein Plan und Anſchlag im Werke, ihn zu fangen. Ein Spitzbube iſt immer mißtrauiſch, und verräth ſeinen Charakter gegen ehrliche Leute ebenſo oft hiedurch, als durch irgend welche andere Sünden und Fehler. Aber es war nicht meine Sache, mein Benehmen nach Der Kettenträger. 16 242 den Schwächen Jaſon Neweome's einzurichten und davon beſtim⸗ men zu laſſen, und der Pacht war verwilligt. Ich wünſche hier eine Bemerkung einzuſchalten. Es ſollte allerdings derſelbe Grundſatz eines guten geſellſchaftlichen und ge— genſeitigen Verhältniſſes beſtehen und gelten in den Beziehungen zwiſchen Grundherr und Pächter, wie in den andern Verhältniſſen und Beziehungen des Lebens, welcher ein moraliſches Band knüpft zwiſchen Parteien, die in ihren gewöhnlichen Intereſſen genau zu⸗ ſammenhängen, und zwar dieß in einem Grade, daß dadurch Be⸗ vorzugungen und verſchiedene Vorrechte ähnlicher Art ſich bilden. Dieß bin ich weit entfernt in Abrede zu ſtellen, und im Ganzen halte ich dafür, daß unter dieſer ganzen Klaſſe von Beziehungen und Verhältniſſen das in Rede ſtehende als eines der allerbindend⸗ ſten und heiligſten angeſehen werden muß. Aber doch müſſen die rein moraliſchen Rechte und Anſprüche des Pächters bedingt ſein durch ſtrenge Aufrechthaltung aller Rechte des Grundherrn, der geſetzlichen und moraliſchen zuſammengenommen; und Derjenige, der eines der letzteren in Zweifel zieht, verwirkt ſicherlich jeden Anſpruch darauf, ſeine Forderungen erfüllt zu ſehen, ſo fern ſie über das hinausgehen, was der ſtrenge Buchſtabe des Geſetzes ihm einräumt. Der Grundherr, welchereinen neuen Pacht⸗ vertrag dem Individuum bewilligt, das ſeine Rechte, mittelbaroder unmittelbar, zu untergraben ſtrebt, begeht die Schwachheit, einen Feind mit dem Meſſer zu bewaffnen, mit welchem er ſelbſt ſollangegrif⸗ fen werden, neben dem Irrthum, einem Mann Macht einzuräumen, der, unter dem Namen und der Maske einer unächten Freiheitdie einzigen Bedingungen zu erſchüttern und umzuſtürzen trachtet, unter welchen eine civiliſirte Geſellſchaft beſtehen kann. Wenn Grundherren dieſe Schwäche zeigen, ſich ihrer ſchuldig machen wollen, ſo haben ſie ſich ſelbſt wegen der Folgen anzuklagen. —9e—— — —n+₰ tim⸗ ollte b ge- ngen iſſen lüpft zu⸗ Be⸗ lden. nzen ngen dend⸗ n die ſein der nige, jeden e ſie ihm icht⸗ chte, ebt, eſſer rif⸗ tacht aske ngen nter ann. uldig agen. 243 Durch die Bewilligung des Pachtes wurde ich Mr. Newcome's ſogleich los, denn all' ſein Manövriren war nur darauf berechnet geweſen, die Rente zu erniedrigen; denn er ſelbſt war viel zu geſcheidt und ſchlau, um an die Wahrheit ſeiner eigenen Doktrinen über Recht und Unrecht zu glauben. An demſelben Tage kamen meine Axrtmänner auf dem Neſt an, nachdem ſie die Zwiſchenzeit damit zugebracht, ſich verſchiedene Landſtriche zu beſehen, welche feil waren, die ſie aber hinſichtlich der Lage, der Beſchaffenheit des Bodens oder der Bedingungen nicht ſo annehmlich gefunden hatten, als die von mir angebotenen. Nunmehr waren auch die vermeſſenen Looſe von Mooſeridge fertig, und ich bot ſie dieſen Auswanderern zum Kaufen an. Der Preis war nur ein Dollar für den Acre, mit Kredit auf zehn Jahre; der Zins daraus ſollte jährlich bezahlt werden. Man hätte glauben ſollen, dieſer niedrige Preis hätte die Leute veranlaſſen müſſen, eigenes Land gepachtetem Lande vorzuziehen; aber alle dieſe Männer fanden es ihrem Vor⸗ theil mehr gemäß, Pachtgüter auf die Dauer von drei Leben zu nehmen, für die fünf erſten Jahre ohne Pachtzins, und für die übrige Zeit gegen eine nominelle Rente, als jährlich ſieben Dollars Zins, und nach Verfluß der Kreditzeit hundert Dollars in Geld zu bezahlen*). Dieſer Umſtand für ſich allein beweist ſchon, wie *) Das hier von Mr. Littlepage angeführte Faktum ſollte nie vergeſſen werden, ſofern es der ganzen Beſchaffenheit der Forderungen, die man jetzt aufſtellt, hin⸗ ſichtlich der zwangsweiſen Ueberlaſſung der Pachtgüter, eine andere Farbe leiht. Kein Menſch in New⸗York hat je ein Pachtgut pachten müſſen, weil ihm die Ge⸗ legenheit gefehlt hätte, eines zu kaufen; denn es hat nie eine Zeit gegeben, wo nicht innerhalb der Gränzen des Staates Land als förmliches Eigenthum offen feil geboten wäre, und Land, das in jeder Weiſe ebenſo annehmlich war, als das zur Verleihung angebotene. In wenigen Fällen ſind zwei aneinander ſtoßende Be⸗ ſitzungen pachtweiſe verliehen worden; und ſelbſt wo dieß der Fall war, hätten die Landwirthe immer leicht ein als Eigenthum verkäufliches Gut gefunden, wenn ſie nur eine halbe Tagereiſe weit es hätten ſuchen mögen. Die Vortheile für den Grundherrn ſind meiſt bei pachtweiſe verliehenen Beſitzungen ſo weit entfernt ge⸗ weſen, daß bei weitem der größte Theil der Eigenthümer lieber ſofort verkauft, als die langſamen Wirkungen und Ergebniſſe der Zeit haben abwarten wollen. Der Herausgeber. 16* 244 genau dieſe Männer ihre Mittel berechneten und die Wirkungen, welche ihre Entſcheidung auf ihre Intereſſen haben würden. Auch hatten ſie mit ihrer Wahl manchmal nicht eben Unrecht. Wer ſich des Aufſchwungs noch erinnern kann, den das Land bald nach dem Frieden von 83 nahm, der Preiſe, die die Anſiedler auf neuen Ländereien für ihren Weizen, ihre Aſche und ihr Schweinefleiſch erhielten— oft drei Dollars für das Buſhel Weizen, dreihundert Dollars für die Tonne Aſche, und acht bis zehn Dollars für den Centner Schweinefleiſch, begreift ſofort, daß Derjenige, der zu jener Zeit neues Land in Beſitz nahm und urbar machte, für einen Arbeiter ungeheuren Lohn erntete in Folge des Reichthums des noch unerſchöpften Bodens, den er ſo ausbeuten durfte. Ohne Zweifel würde er in einer noch beſſeren Lage geweſen ſein, wenn er nach Ablauf ſeiner Pachtzeit ſein Land eigen beſeſſen hätte; aber ſo würde auch der Kaufmann, der ein Schiff baut, und durch die erſte Fahrt die Koſten deſſelben herausſchlägt, ein reicherer Mann ſein, wenn er die Koſten für zwei Schiffe, ſtatt für eines, herausgeſchlagen hätte; aber er hat doch von Glück zu ſagen, und man darf nicht vergeſſen, daß der Mann, der ſeine Laufbahn mit einer Art und einigem wenigem Hausrath anfängt, in der Lage eines bloßen Tagelöhners ſich befindet. Der Zuwachs, den ſeine Mittel erhalten durch die Benützung des Landes, iſt es eben, was ihn in Stand ſetzt, über ſeine niedrige Stellung ſich zu erheben und vom Anbau des Bodens Nutzen zu ziehen. Gegen Ende des letzten Jahrhunderts und zu Anfang des gegenwärtigen befand ſich das Land in einer ſolchen Lage, daß jeder Hieb der Art un⸗ mittelbar gewinnreich war, denn ſchon die Arbeit, welche auf das Fällen der Bäume verwendet wurde, fand im Erlös aus der dabei bereiteten Aſche einen ſo reichen Lohn, daß ſogar Spekulanten ſich auf dieß Geſchäft warfen. Es dürfte dereinſt ein Gegenſtand in⸗ tereſſanter Nachforſchungen und Unſerſuchungen ſein, zu erklären, wie in dieſer Zeit ſo viel dafür geſchehen konnte, die Wildniß in ————— — gen, luch ſich dem euen eiſch dert den r zu inen des hne venn ätte; zurch herer ines, und mit Lage ſeine was heben 2 des fand un⸗ das dabei ſich d in⸗- ären, iß in einen Garten zu verwandeln, als, wie man weiß, wirklich ge⸗ ſchehen iſt; und ich will hier zum Vortheil der Nachkommenſchaft eine Skizze entwerfen von einer Methode, die zu jener Zeit ſehr häufig eingeſchlagen wurde, um wohlhabend, wo nicht reich zu werden. Es war für einen tüchtigen und geſchickten Artmann die Ar⸗ beit eines Jahres zehn Acres Waldland zu fällen, in Scheiter zu hauen, zu verbrennen, zu lichten und einzuſäen. Die Aſche be⸗ reitete er zum Verkauf. Bei den ſchwereren Theilen der Arbeit, wie das Scheitermachen, rief er ſeine Nachbarn zu Hilfe, welchen er dann wieder dafür ähnlichen Beiſtand leiſtete. Ein Joch Ochſen genügte oft für zwei oder drei Bauerngüter. Zehn Acres Land nun zum erſten Mal beſtellt und geerntet, konnten recht gut hundert und fünfzig Buſhels verkaufbaren Weizen ertragen, der auf dem Markt zu Albany dreihundert Dollars ein⸗ brachte. Auch mochten ſie eine Tonne Potaſche geben, die man wenigſtens zu dreihundert Dollars verkaufen konnte. Dieß macht fünfhundert Dollar für die Arbeit eines einzigen Jahres. Zieht man nun auch für alle Unkoſten des Bauens, der Werkzeuge, der Ketten, des Transports, der Gebühren u. ſ. w. ein Bedeutendes ab, ſo konnte doch die Hälfte dieſes Geldes ganz gut als reiner Gewinn bei Seite gelegt werden: ein ſehr großes Einkommen für einen Mann, der, ehe er ſein Pachtgut bekam, ſich in der Lage eines bloßen Tagelöhners befand, der zufrieden war, für acht bis zehn Dollars monatlich zu arbeiten. Daß dieß, den allgemeinen Umriſſen nach, die Geſchichte des Emporkommens von Tauſenden von Yeomen iſt, welche jetzt in New⸗York wohnen, iſt unläugbar; und es beweist, daß, wenn der Anſiedler auf neuem Lande Mühſale und Entbehrungen zu erdulden hat, dieſe doch nicht immer ohne einen ſchnellen Erſatz und Lohn bleiben. In den neuern Zeiten wenden ſich die Leute nach den offenen Prairien und bearbeiten mit dem Pflug einen 246 alten Boden; aber ich muß nur die Frage aufwerfen, ob ſie nicht lieber es mit den Urwäldern von 1790 verſuchen würden, falls die Preiſe jener Zeit noch beſtänden, ſtatt die parkgleichen Felder zu beſtellen, um Weizen zu erzielen zu 37 ½ Cent. für das Buſhel, Aſche zu keinem Preis zu haben und ihr Schweinefleiſch um zwei Dollars den Centner zu verkaufen! Vierzehntes Kapitel. Natur, um recht ſie zu vermählen, Schuf zur Ergänzung ihre Seelen; Und wie grad was ſich widerſpricht, Sich leicht zuſammenfindet, So ihre Herzen verſchieden ganz, Magnet'ſcher Zauber bindet. Pinckney. Dieſe ganze Zeit über ſah ich Urſula Malbone täglich und zu allen Zeiten und Stunden des Tages. Als Bewohner deſſelben Hauſes ſtanden wir in beſtändigem Verkehr, und vielfache Begeg⸗ nungen und Unterredungen fanden zwiſchen uns Statt. Wäre Dus die abgefeimteſte Kokette auf der Welt geweſen, ihr geübter, erfinderiſcher Scharfſinn hätte keine glücklicheren Mittel erſinnen können, mein Intereſſe zu erregen, als diejenigen waren, welche dieß eigenthümliche Mädchen wirklich in Anwendung brachte, ohne die leiſeſte Abſicht, irgend ein ſolches Reſultat zu erzielen. In der That war es die Natürlichkeit, die gänzliche Abweſenheit aller Kunſt und Verſtellung, was einen der herrlichſten Reize ihres Charakters ausmachte, und ihrem Verſtand und ihrer Schönheit eine ſo bezaubernde Würze verlieh. Zu jener Zeit erſchienen Frauen, ſo lange ſie ſich mit ihren Haushaltungsſachen beſchäf⸗ tigten, im„Kittel und Unterrock,“ wie man es nannte, eine Art von Anzug, die man am Morgen ſelbſt bei Ladies oft ſah. Die lls der jel, wei Toilette hatte im Jahr 1784 einen viel weiteren Umfang als jetzt; der Unterſchied zwiſchen dem Anzug am Morgen und am Abend war viel bedeutender und auffallender als gegenwärtig. Sobald Urſula Malbone wirklich an die Spitze von ihres Bruders Hausweſen geſtellt war, befaßte ſie ſich mit den Pflichten ihrer neuen Stellung ruhig und ohne den mindeſten Lärm und Unruhe, aber thätig und mit Intereſſe. Sie ſchien mir in hohem Grade das eigenthümliche, rühmliche Talent zu beſitzen, die einzelnen Ge⸗ ſchäfte und Obliegenheiten ihrer Stellung ganz ſtill ohne alles Aufſehen zu beſorgen, während Alles ſehr pünktlich und emſig und zum völligſten Behagen Derjenigen gethan und verrichtet wurde, für welche ſie zu ſorgen übernommen hatte. Ich gehöre nicht zu den häuslichen engherzigen Pedanten, welche glauben, eine Frau, um eine gute Hausfrau und Gattin zu ſein, müſſe nothwendig ſich vom Morgen bis zum Abend abarbeiten und die Kenntniſſe einer Köchin oder einer Wäſcherin beſitzen; aber gewiß iſt es von großer Wichtigkeit, daß ſie im Stande ſei, die Aufſicht über ihr Haus mit Einſicht zu führen, und daß ſie die Umſicht habe, den Auf⸗ wand in das richtige Verhältniß mit ihren Mitteln zu ſtellen. Das Allerwichtigſte iſt, daß ſie zu regieren wiſſe, ohne geſehen oder gehört zu werden. Die Gattin eines gebildeten Mannes ſollte auch eine gebildete Frau ſein; geeignet, in Allem ſeine Lebensgenoſſin zu ſein, im Stande, mit ſeinen Neigungen und ſeinem Geſchmack gleichen Schritt zu halten, Ideen mit ihm auszutauſchen, überhaupt ihm ebenbürtig in intellektueller Hinſicht. Das ſind die höhern Erfor⸗ derniſſe, und ein Gentleman nimmt die untergeordneteren Eigen⸗ ſchaften als eben ſo viele Vortheile hin, wenn ſie in ihren gehöri⸗ gen Gränzen ſich halten, betrachtet ſie aber als wirkliche Nach⸗ theile, wenn ſie dem Benehmen, der Gemüthsart und Stimmung der geiſtigen Bildung Derjenigen Abbruch oder irgend Eintrag thun, die er zu ſeiner Gattin und nicht zu ſeiner Dienerin und 248 Haushälterin gewählt hat. Manche Opfer mögen nothwendig ſein in ſolchen Fällen, wo Geiſtesbildung vorhanden iſt ohne genügende äußere Mittel; aber ſelbſt dann kommt es nur ſelten vor, daß nicht eine Frau von den gehörigen Eigenſchaften vor dem Schickſal bewahrt werden könnte, zu einer bloßen Magd herabzuſinken. Was das elende Gewäſche der Zeitungen betrifft über dieſe Gegenſtände, ſo rührt es in der Regel von Solchen her, die ihr Heimweſen nur als den Ort betrachten, wo ſie Koſt und Unterkunft haben. Die Gewandtheit und das Geſchick, womit Dus alle Ob⸗ liegenheiten ihrer neuen Stellung erfüllte, während ſie ſolche Dinge vermied, welche ungeziemend und unnöthig waren, be⸗ zauberte mich beinah eben ſo ſehr wie ihr Geiſt, ihr Charakter und ihre Schönheit. Die Neger machten es gänzlich überflüſſig, daß ſie ſich zur eigentlichen anſtrengenden Arbeit herabließ; und mit welch' zierlicher, ächt weiblicher Behendigkeit verrichtete ſie die Pflichten, die ihrer Stellung eigentlich und ſchicklich zukamen! Immer heiter, häufig ſingend, aber nicht laut und geräuſchig, wie etwa ein Milchmädchen, außer in Augenblicken, wo ſie ſich ganz unbelauſcht glauben mochte, und dann ſüße, klagende Lieder ausſtrömend, welche die Scenen früherer Tage zurückzurufen ſchienen. Aber immer heiter iſt doch etwas zu viel geſagt. Denn zu Zeiten war Dus auch traurig. Ich fand ſie drei⸗ oder viermal in Thränen, wagte aber nicht, mich nach der Urſache zu erkundigen. In der That hätte ich auch kaum Zeit dazu gehabt; denn im Augenblick, wo ich mich zeigte, trocknete ſie ſich die Augen und empfing mich mit Lächeln. Ich brauche kaum zu ſagen, daß mir die Zeit ſehr angenehm und wunderbar ſchnell verfloß. Der Kettenträger blieb auf dem Neſt auf meinen Befehl, denn meinen Bitten wollte er ſich nicht fügen; und ich entſinne mich keines genußreicheren Monats, als jener für mich war. Ich machte eine ziemlich umfaſſende Bekannt⸗ ſchaft mit meinen Pächtern, und fand an vielen von ihnen ſo ge⸗ 249 radſinnige, ehrliche, hartarbeitende Neoomen, als man ſich nur wünſchen mochte zu ſehen. Mein College Major insbeſondere war ein grundehrlicher, biederer, alter Kerl, und kam oft mich zu be⸗ ſuchen, da er auf dem Pachtgute zunächſt meinem eigenen hauste. Er brummte ein Bischen über die Sekte, welche von dem neuen Verſammlungshaus Beſitz ergriffen hatte, aber in einer Weiſe, welche zeigte, daß in ſeiner Gemüthsart wenig Galle war. „Ich verſtehe dieſe Majoritätsgeſchichten nicht recht,“ ſagte der alte Kamerad, als wir eines Tages die Sache wieder be⸗ ſprachen,„aber das weiß ich recht gut, daß Newcome es immer ſo einzufädeln weiß, daß er eine bekommt, mögen auch die Leute denken, was ſie wollen. Ich habe es erlebt, daß der Squire eine Majorität zurechtſchneidet aus etwa einem Viertheil aller Anweſen⸗ den, und er thut es auf eine Art, die verzweifelt ſinnreich iſt, obwohl ich fürchte, weder nach dem Geſetz, noch nach dem Evan⸗ gelium.“ „Allerdings wußte er in der Angelegenheit mit der Benennung und Zueignung der Kirche es ſo einzurichten, daß eine Pluralität von einer Stimme am Ende als eine ganz ſtattliche Majorität der Geſammtheit erſchien.“ „Ja, es gibt Schliche und Wendungen in dieſen Dingen, die über meine Gelehrſamkeit hinausgehen, obwohl ich glaube, es wird Alles recht ſein. Es trägt am Ende doch nicht viel aus, wo ein Mann anbetet, vorausgeſetzt, er betet nur Gott an, noch auch, wer predigt, wenn er nur zuhört.“ Ich glaube, dieſe liberale Anſicht in religiöſen Dingen— wenn dieß das richtige Wort iſt,— nimmt bei uns raſch über⸗ hand; obgleich liberale Anſicht vielleicht nur ein anderer Ausdruck iſt für Gleichgültigkeit. Was uns Episkopale betrifft, ſo muß ich mich wundern, daß es nur noch welche im Lande gibt,— und doch nehmen wir an Zahl bedeutend zu. Ein Jahrhundert blieben wir, einer Kirche angehörig, welche auf biſchöfliche Verrichtungen und 250 Handreichungen, auf die biſchöfliche Einſegnung insbeſondere, ſo ſehr dringt,— ohne einen Biſchof, und außer Stand, kirchlichen Gebräuchen und Vorſchriften zu genügen, die, wie man behauptete, weſentlich ſeien, und dieß einzig darum, weil es der Politik des Mutterlandes nicht zuſagte, uns eigene Prälaten zu verwilligen, oder uns auch nur gelegentlich den Einen oder den Andern von den ſeinigen zu ſchicken! Wie erbärmlich erſcheinen oft die Erfin⸗ dungen und Auskunftsmittel menſchlicher Klugheit, gemeſſen am Prüfſtein des geſunden Menſchenſinnes! Eine Kirche Gottes, auf gewiſſe weſentliche geiſtliche Erforderniſſe dringend, die ſie einem Theil ihrer Angehörigen verweigert, um weltlichen Intereſſen Rech⸗ nung zu tragen! Aber nicht die Kirche von England allein, nicht die engliſche Regierung allein iſt mit Recht einer ſolchen Anklage bloßgeſtellt; denn etwas ebenſo Schlimmes und ebenſo Wider⸗ ſprechendes knüpft ſich an den kirchlichen Einfluß jedes andern Syſtems in der Chriſtenheit, bei welchem der Staat an die Religion mittelſt menſchlicher Einrichtungen und Vorkehrungen gebunden iſt. Der Irrthum und Mißgriff liegt darin, die Dinge dieſer Welt mit den Dingen zu vermengen, die Gottes ſind. Ach, ach! wenn man dieß verderbliche Band auflöst, iſt dann in der Sache viel gewonnen und gebeſſert? Wie iſt es jetzt bei uns? Schießen nicht Sekten und Schattirungen von Sekten unter uns an allen Enden und Orten auf, bis der Kampf zwiſchen den Pfarrern am Ende nicht mehr dahin geht, wem es gelinge, am meiſten Chriſten zu machen und zu ziehen, ſondern wer am meiſten Sektirer in ſeinem Pferch ſammle? Was das Volk ſelbſt betrifft, ſtatt die Kirchen im Auge zu haben, nachdem ſie ſie ſelbſt ge⸗ gründet, und zwar auch dieß gar ſehr nach ihrem eigenen Gut⸗ dünken, berückſichtigen ſie zuerſt ihre Stimmungen und ihren Ge⸗ ſchmack, ihre Feindſchaften und Vorneigungen, weit mehr in Bezug auf den Prieſter als auf den Altar, und thun ſich als eine Art religiöſer Körperſchaft und Partei auf, welche unmittelbar in dem —— ſo chen tete, des gen, von rfin⸗ am auf inem tech⸗ nicht lage der⸗ dern gion iſt. Welt dann t bei unter den am eiſten rifft, ge⸗ Gut⸗ Ge⸗ ezug Art dem Regiment der Nachfolger Chriſti auf Erden vertreten ſein will. Die Hälfte eines Kirchſpiels iſt im Stande, in einer Aufwallung von Leidenſchaft zu einer andern Sekte und Kirchengemeinſchaft hinüberzufliehen, wenn ſie etwa einmal in der Minorität bleibt. In Wahrheit, ein bedeutender Theil unſeres Volkes benimmt ſich nachgerade in dieſer Angelegenheit wie, wenn ſie glaubten, der Gottheit ihre Stimme und Unterſtützung zu leihen, und ſich der⸗ ſelben in dieſem Tempel oder in einem andern annehmen zu müſſen, je nachdem es der Stimmung oder dem Intereſſe des Augenblicks gemäß ſein mag*). Aber ich ſchreibe keine Predigten, und will jetzt zu dem Neſt und meinen Freunden zurückkehren. Ein paar Tage, nachdem Mr. Newcome ſeinen neuen Pachtbrief in Empfang genommen, befanden wir, der Kettenträger, Frank, Dus und ich, uns in der kleinen Laube, welche die Ausſicht auf die Wieſen hatte, als wir Sureflint, im indianiſchen Schnellſchritt, einen Pfad daher kommen ſahen, welcher aus dem Walde herausführte, und der, wie wir wußten, nach Mooſeridge hinüberging. Der Onondago hatte, wie gewöhn⸗ lich, ſeine Büchſe bei ſich, und trug auf dem Rücken ein großes Bündel, wovon wir dem Ausſehen nach vermutheten, es werde Jagdbeute ſein, obgleich wir bei der großen Entfernung es noch nicht genau unterſcheiden konnten. Nach einer halben Minute ver⸗ ſchwand er, gegen das Gebäude dahertrabend, hinter einem Felſen⸗ vorſprung. „Mein Freund, der Trackleß(der Spurloſe) iſt dießmal un⸗ gewöhnlich lange Zeit von uns weggeweſen,“ bemerkte Urſula, in⸗ *) Wenn Mr. Littlepage ſo ſchrieb vor dreißig oder vierzig Jahren, wie würde er erſt heute ſchreiben müſſen, wo wir in den öffentlichen Journalen laute Verſiche⸗ rungen auspoſaunen hören, die Politik dieſer oder jener Sekte ſei am meiſten im Einklang mit einer republikaniſchen Regierungsform! Was dieſe Behauptung ebenſo abgeſchmackt macht, als ſie anmaßend iſt, das iſt der wohlbekannte Umſtand, daß ſie von denen ausgeht, die immer am lauteſten geweſen ſind mit ihren Deklamationen von der engen Verbindung und Einheit zwiſchen Kirche und Staat! 25²2 dem ſie das Geſicht wieder von dem Indianer wegwandte, deſſen Bewegungen ihr Auge gefolgt war, ſo lange man ihn geſehen hatte;„aber er erſcheint jetzt wieder beladen mit Etwas, das uns zu Gute kommt.“ „Er hat, glaube ich, neueſtens ſeine meiſte Zeit bei Eurem Oheim zugebracht,“ erwiederte ich, Dus⸗ ſchönen Augen mit den meinigen folgend,— die angenehmſte Beſchäftigung, die ſich mir in dieſem abgelegenen Theile der Welt darbot.„Ich habe das meinem Vater geſchrieben, der ſich freuen wird, von ſeinem alten Freund Nachrichten zu erhalten.“ „Er iſt viel bei meinem Oheim, wie Ihr ſagt, und ihm ſehr zugethan. Ha! da kommt er, mit einer Laſt auf den Schultern, wie ſie ein Indianer nicht gerne trägt, obwohl ſelbſt ein Häupt⸗ ling ſich herabläßt, Jagdbeute zu tragen. 4 Wie Dus eben ausgeſprochen hatte, warf Sureflint ein großes Bündel Tauben, zwei oder drei Dutzend Vögel, zu ihren Füßen hin, und wandte ſich dann in aller Stille weg, wie Einer, der ſeinen Antheil an einer Aufgabe verrichtet hat, und das Uebrige den Händen der Squaws überläßt. „Dank Euch, Trackleß,“ ſagte die ſchöne Haushälterin,„recht freundlichen Dank Euch! Das ſind ſchöne Vögel, und ſo fett wie Butter. Wir werden ſie putzen und auf jede mögliche Art zube⸗ reiten laſſen.“ „Alles flügge— eben reif zum Fliegen— alle gefangen im Neſte,“ verſetzte der Indianer. „Es muß eine Menge Neſter geben, und ich möchte ſie gern auch aufſuchen,“ rief ich, denn ich erinnerte mich, wunderbare Ge⸗ ſchichten gehört zu haben von der Menge von Tauben, die man oft in ihren„Rooſts“ gefunden, wie die Lager⸗ und Brutſtätten, die ſie in den Wäldern haben, im Sprachgebrauch des Landes hießen. „Können wir nicht hingehen, und dieſen Rooſt beſuchen?“ „Das kann wohl geſchehen,“ verſetzte der Kettenträger;„das 253 könnte wohl geſchehen, und es iſt Zeit, daß wir uns auch nach jener Richtung hinwenden, wenn noch mehr Land vermeſſen werden ſoll, und dieſe Vögel vom Berge herkommen, wie ich vermuthe, daß es der Fall iſt. Mooſeridge verſprach für dieſes Jahr eine Menge Tauben.“ „Ganz wahr,“ verſetzte Sureflint.„Million, tauſend, hundert— mehr! Nie mehr geſehen, nie ſo viele geſehen. Große Geiſt nie ver⸗ geſſen armen Indianer; manchmal ihm geben Wildpret— manchmal Salmen— manchmal Tauben— genug für Jedermann; denken ſo.“ „Ja, Sureflint; denkt nur ſo; in der That, es iſt genug da für uns Alle und bleibt uns noch übrig. Gott iſt gütig gegen uns, aber wir wiſſen oft nicht den rechten Gebrauch von ſeiner Güte zu machen,“ erwiederte der Kettenträger, welcher die Vögel unterſucht hatte.„Schönere junge Vögel findet man nicht oft, und ich ſelbſt würde erſtaunlich gern noch einmal einen Rooſt ſehen, ehe ich ſelbſt zur Rüſte gehe.“ „Was den Beſuch ihres Rooſts betrifft,“ rief ich,„ſo wollen wir den für morgen feſtgeſetzt haben. Aber ein Mann, der eben erſt von einem Kriege, wie der letzte, in friedliche Zeiten herüber⸗ tritt, hat keinen Grund, von ſeinem Ende zu reden, Kettenträger. Ihr ſeid alt an Jahren, aber jung dem Geiſte wie dem Körper nach.“ „Beide ſind beinahe erſchöpft— beide beinahe erſchöpft! Man mag wohl einem alten Thoren das Gegentheil ſagen, aber ich weiß es beſſer. Siebzig Jahre ſind die Zeit eines Menſchen, und ich habe die Zahl meiner Tage erfüllt. Gott weiß am beſten, wann es ihm gefallen wird, mich abzurufen; aber es geſchehe, wann es wolle, ich werde jetzt freudig und glücklich ſterben, verglichen mit der Gemüthsverfaſſung, in welcher ich vor einem Monat noch ge⸗ weſen wäre.“ „Ihr überraſcht mich, mein theurer Freund! Was iſt denn ge⸗ ſchehen, das eine ſolche Veränderung Eurer Gefühle bewirkt hätte? Ihr habt Euch doch in keinem weſentlichen Punkte verwandelt?“ 254 „Die Veränderung in den Ausſichten von Dus! Jetzt, da Frank einen guten Platz hat, wird das Mädel nicht verlaſſen ſein.“ „Verlaſſen!— Dus— Urſula— Miß Malbone verlaſſen! Das könnte nie der Fall ſein, Andries, möchte es einen Frank geben oder nicht.“ „Ich hoffe nicht— ich hoffe nicht, Junge— aber das Mädel fängt an zu weinen, und wir wollen nicht weiter davon ſprechen. Hört Ihr, Susqueſus, mein alter Freund, könnt Ihr uns zu jenem Rooſt führen?“ „Warum das nicht thun, he?— Pfad breit— offen ganzen Weg. Eben wie Fluß.“ „Nun gut, ſo wollen wir uns am Morgen aufmachen, um hin zu gehen. Mein neuer Gehilfe iſt in der Nähe, und es iſt hohe Zeit, daß Frank und ich wieder in die Wälder gehen.“ Ich hörte dieſe Verabredung treffen, obgleich mein Auge Dus gefolgt war, welche von ihrem Sitz aufgeſprungen und in das Haus geeilt war, und Gemüthsbewegungen zu verhehlen ſuchte, die ſich nicht wollten ſtillen laſſen. Eine Minute darauf ſah ich ſie am Fenſter ihres eigenen Zimmers, lächelnd, obgleich die Wolke noch nicht ganz zerſtreut war. Am nächſten Morgen früh brach unſere ganze Geſellſchaft von dem Neſt aus nach der Hütte zu Mooſeridge und den Tauben⸗ neſtern. Dus und die ſchwarze Sklavin reisten zu Pferde, denn es war kein Mangel an Thieren auf dem Neſt, wo mein Großvater, wie ich jetzt erfuhr, vor einem Vierteljahrhundert unter verſchiede⸗ nen andern Artikeln auch einige Frauenſättel zurückgelaſſen hatte. Wir Uebrigen gingen zu Fuß, doch hatten wir nicht weniger als drei Saumthiere bei uns, welche unſere Lebensmittel, Geräthe, Kleider u. ſ. w. trugen. Wir waren Alle bewaffnet, wie ſich da⸗ mals eigentlich von ſelbſt verſtand; doch führte ich ſtatt der Büchſe nur eine doppelläufige Vogelflinte. Susqueſus diente uns als Führer. 255 Erſt nach einer vollen Stunde erreichten wir die Gränzen der Anſiedlungen und der angebauten Ländereien auf meinem Gute, und dann kamen wir in den Urwald. In Folge des letzten Krieges, der alle Anſiedlungen des Landes hatte gänzlich ſtocken machen, hatte damals ein neuer Diſtrikt nichts von jenen verzettelten, vor⸗ ſtadtähnlichen Lichtungen, welche man jetzt um die ältern Theile eines Landſtrichs herum findet, der im Uebergangszuſtand begriffen iſt. Im Gegentheil, ſo bald wir an dem letzten, wohlumzäunten und ziemlich gut angebauten Hoſe vorbei waren, kamen wir ſogleich in den endloſen Wald hinein und nahmen Abſchied von beinahe allen Spuren des civilifirten Lebens,— ungefähr wie man in lauter Felder kommt, ſobald man in Frankreich eine Stadt verläßt. Zwar war ein Pfad da, der Linie der bezeichneten und angebrann⸗ ten Bäume folgend; aber er war kaum betreten, und beinahe ſo unleſerlich als eine ſchlechte Handſchrift. Doch wurde es einem mit dem Walde vertrauten Mann nicht ſchwer ihm zu folgen; und Susqueſus würde ohne Mühe auch ohne allen Weg ſich zurecht⸗ gefunden haben. Auch der Kettenträger ſchritt mit der äußerſten Genauigkeit und Zuverſicht vorwärts, denn die Gewohnheit, zwiſchen den Bäumen hindurch gerade Linien zu ziehen, hatte ſeinem Auge eine Sicherheit gegeben, welche beinahe jenem Inſtinkt gleich kam, welcher in dieſer Beziehung dem Trackleß ſelbſt innezuwohnen ſchien. Es war dieß eine angenehme kleine Reiſe, und die tiefen Wälder machten die Hitze der Jahreszeit ſo erträglich und ange⸗ nehm als nur möglich. Wir brauchten vier Stunden, bis wir den Fuß des kleinen Berges erreichten, auf welchem die Vögel ihre Neſter gebaut hatten; und hier machten wir Halt, um einige Er⸗ friſchungen zu uns zu nehmen. 8 Bei Mahlzeiten in den Wäldern pflegt man wenig Zeit zu verlieren, und bald waren wir bereit, den Berg hinan zu ſteigen. Die Pferde ließen wir bei den Schwarzen zurück, und Dus be⸗ gleitete uns zu Fuß. Als wir die Quelle verließen, wo wir Halt 256 gemacht hatten, bot ich ihr den Arm, um ihr beim Hinaufſteigen behilflich zu ſein, aber ſie lehnte ihn ab, wie es ſchien, ſehr be⸗ luſtigt dadurch, daß ich ihr ihn angeboten. „Was, ich, eine Kettenträgerin!“ rief ſie lachend;„ich, die ich Frank förmlich vor mir habe ermüden ſehen, und ſelbſt meinen Oheim inſoweit überwunden habe, daß er ſich müde fühlte, ob⸗ gleich er es nie geſtehen wollte— ich den Arm eines Andern annehmen, um auf einen Hügel hinaufzukommen! Ihr vergeßt, Major Littlepage, daß ich die erſten zehn Jahre meines Lebens im Forſte zubrachte, und daß die Uebung eines Jahres wieder alle meine alten Gewöhnungen aufgefriſcht, und mich wieder zu einem ganzen Waldmädchen gemacht hat!“ „Ich weiß gar nicht, was ich aus Euch machen ſoll, denn Ihr ſcheint ſo ganz für jede Lage und Stellung zu paſſen, in welche Euch der Zufall verſetzen mag,“ antwortete ich, den Umſtand mir zu Nutze machend, daß wir außer der Gehörweite aller unſerer Begleiter uns befanden, welche voran waren, um mehr gegen ſie zu äußern, als ich ſonſt wohl gewagt haben würde—„das eine Mal könnte ich mir einbilden, Ihr ſeiet die Tochter eines meiner Pächter, ein ander Mal die Erbin eines alten Patroon. 4 Dus lachte wieder; dann erröthete ſie, und während des übrigen kurzen Weges die Höhe hinauf blieb ſie ſchweigſam. Nur kurz war der Weg, und bald befanden wir uns auf der Höhe des Berges. So wenig war Dus meines Beiſtandes bedürftig, das ſie mich in der That hinter ſich ließ, indem ſie ſich dergeſtalt an⸗ ſtrengte, daß ſie ſich bald an der Seite des Trackleß befand, der unſern Zug anführte. Ob ſie dieß that, um zu zeigen, wie ganz ſie ein Waldmädchen ſei, oder ob meine Worte Gefühle in ihr erregt hatten, welche ein Mädchen leicht unruhig und haſtig ma⸗ chen— das iſt Mehr, als ich ſelbſt jetzt zu beantworten ver⸗ mag; ich vermuthe aber damals ſchon, Empfindungen der letzten Art haben bei Entwicklung dieſer ungewöhnlichen Rüſtigkeit und gen be⸗ die nen ob⸗ ern eßt, im alle nem Ihr lche mir erer ſie eine iner des Nur des ſie an⸗ der anz ihr ma⸗ ver⸗ zten und 257 Behendigkeit wohl ebenſo mitgewirkt, als die erſtgenannte Beweg⸗ gründe. Ich blieb jedoch nicht weit zurück, und als unſere Geſell⸗ ſchaft den eigentlichen Rooſt erreichte, waren Trackleß, Dus und ich, Alle beiſammen. Ich weiß kaum, wie ich dieſe merkwürdige Scene beſchreiben ſoll. Als wir dem Gipfel des Berges näher kamen, ſah man ſchon Tauben durch die Zweige über unſeren Köpfen flattern, wie man einzelnen Perſonen auf den Straßen begegnet, welche in die Vor⸗ ſtädte einer großen Stadt führen. Wir hatten gewiß ſchon tau⸗ ſend Vögel zwiſchen den Bäumen ſich herum treiben ſehen, ehe wir den Roſt ſelbſt zu Geſicht bekamen. Die Zahl mehrte ſich, je näher wir kamen, und bald war der ganze Wald von ihnen belebt und wimmelnd. Das Geflatter dauerte unaufhörlich fort, und war oft ganz betäubend, wie wir voranſchritten, denn unſer Anmarſch brachte unter dem wimmelnden Vögelſchwarm eine Be⸗ wegung hervor, welche wahrhaft ſinnverwirrend wurde. Jeder Baum war im buchſtäblichen Sinne mit Neſtern bedeckt, mancher hatte wenigſtens tauſend dieſer zerbrechlichen Behauſungen, von den Blättern beſchattet auf ſeinen Zweigen. Sie berührten oft ein⸗ ander, aber eine wunderbare Ordnung herrſchte unter den hier verſammelten Hunderttauſenden von Familien. Es war an dem Ort ganz der Geruch eines Gefluͤgelhauſes, und junge Tauben, eben ſo weit flügge geworden, um ſich in kurzen Flügen zu verſuchen, umkreisten uns in allen Richtungen zu Zehntauſenden. Dazu kam dann, daß die Eltern des jungen Geſchlechts ſich bemühten, ſie zu ſchützen, und ſie ſo zu leiten und zu führen, daß ihnen kein Leid geſchehe. Obgleich bei unſerer Annäherung die Vögel aufflogen, und die Wälder ringsherum von Tauben im eigentlichſten Sinne wimmelten, verurſachte doch unſer Erſcheinen keinen allgemeinen Aufruhr, keine Flucht; Jeder von dem gefiederten Heere ſchien mit ſeinen eigenen Angelegenheiten ſo ſehr beſchäftigt, daß er wenig Kunde nahm von dem Beſuch einer Geſellſchaft von Fremden, obwohl Der Kettenträger. 17 258 ſie einer Gattung angehörte, die der ihrigen gewöhnlich ſo furcht⸗ bar iſt. Die Maſſen bewegten ſich vor uns, gerade wie ein Men⸗ ſchenſchwarm einen Druck oder einer Gefahr auf einem einzelnen Punkt ausweicht; die im Augenblick gebrochene Lücke ſchließt ſich dahinter wieder, wie das Waſſer des Oceans über die Spuren des Kiels wieder zuſammenſtrömt. Der Eindruck auf die meiſten von uns war ein ſinnenverwir⸗ render, und ich kann die Empfindung des außerordentlichen Tumults auf mich nur mit derjenigen vergleichen, die Einer hat, wenn er ſich plötzlich mitten in ein wildes Gewoge und Gewühle menſch⸗ licher Weſen verſetzt ſieht. Die unnatürliche Gleichgültigkeit gegen unſere Erſcheinung, welche die Vögel an den Tag legten, erhöhte dieſen Eindruck noch um ein Bedeutendes, und erweckte in mir ein Gefühl, wie wenn ein überirdiſcher Einfluß an dieſer Stelle waltete. Es war in der That etwas ganz ſeltſames, ſich mitten unter einem ſolchen gefiederten Pöbelſchwarm zu befinden, der kaum ein Be⸗ wußtſein zu haben ſchien, daß Fremde ſich eingedrängt hatten. Es war, als bildeten die Tauben eine Welt für ſich, und ſeien zu ſehr mit ihren eigenen Angelegenheiten beſchäftigt, als daß ſie ſich um Dinge kümmern könnten, die jenſeits derſelben lägen. Einige Minuten lang ſprach Keines von unſerer Geſellſchaft ein Wort. Staunen ſchien uns Allen die Zunge zu binden, und wir ſchritten langſam voran in dem flatternden Gewühle, ſchweigend in uns verſunken, und voll Bewunderung der Werke des Schöpfers. Wir hörten, wenn wir ſprachen, nicht gut Eines des Andern Stimme, ſo ſehr erfüllte das beſtändige Schreien die Luft. Auch ſonſt waren die Vögel nicht ſtumm. Die Waldtaube iſt eigentlich kein lautes, lärmendes Geſchöpf, aber ihrer eine Million, verſam⸗ melt auf der Höhe eines Berges, auf einem Platz, keine(engliſche) Quadratmeile groß, beraubten den Wald des Charakters der ihm ſonſt eigenthümlichen, hehren Stille. Im Weiterſchreiten bot ich wieder, beinahe unbewußt, Dus meinen Arm, und ſie nahm ihn rccht⸗ Nen⸗ Unen ſich des wir⸗ nults in er enſch⸗ gegen höhte ir ein altete. einem n Be⸗ . Es u ſehr ch um Uſchaft , und deigend öpfers. Andern Auch gentlich derſam⸗ gliſche) der ihm bot ich hm ihn 259 dießmal an, mit eben der zerſtreuten Unbewußtheit, womit ich ihr ihn geboten hatte. So aneinander geſchloſſen, folgten wir dem ernſt dreinſchauenden Onondago, wie er immer tiefer in das flat⸗ ternde und ſchwirrende Gewühle uns hinein führte. In dieſem Augenblick trat eine Unterbrechung ein, die, wie ich gerne geſtehen will, mir das Blut gewaltſam gegen das Herz ſtrömen machte. Dus drängte ſich an mich, wie ein Weib ſich an einen Mann hält und drängt, wenn er ihr Vertrauen beſitzt, und ſie fühlt, daß ſie ſich nicht ohne fremden Beiſtand aufrecht halten kann. Ihre beiden Hände ruhten auf meinem Arm, und ich fühlte, daß ſie, unbewußt, ſich enger an mich ſchmiegte, in einer Art, wie ſie in einem Augenblick der vollkommenen Selbſtbeherrſchung zu thun ſorgfältig vermieden haben würde. Und doch kann ich nicht ſagen, daß Dus ſich fürchtete. Ihre Farbe hatte ſich erhöht, ihre entzückenden Augen waren voll Verwunderung, nicht ohne eine Beimiſchung von Neugier, aber ihre ganze Haltung war muthig, trotz einer Scene, welche die Nerven des kühnſten Mannes hätte auf die Probe ſetzen mögen. Sureflint und der Kettenträger allein blieben ganz unbewegt, denn ſie waren früher ſchon in Taubenla⸗ gern geweſen, und wußten, was ſie zu erwarten hatten. Für ſie hatten die Wunder der Wälder nichts Neues und Ueberraſchendes. Beide ſtanden ſie da, auf ihre Büchſen gelehnt, lächelnd über unſer augenfälliges Staunen. Doch ich irre mich; der Indianer lächelte nicht einmal, denn es wäre bei ihm etwas ganz Ungewohntes ge⸗ weſen, daß er durch ein ſolches äußeres Zeichen ſeine Empfindung kund gegeben hätte, aber er verrieth doch wirklich eine Art von heim⸗ lichem Bewußtſein, daß die Scene für uns überraſchend, ja betäu⸗ bend ſein müſſe. Doch ich will verſuchen zu erklären, was es war, das den erſten Eindruck unſeres Beſuches noch ſo gewaltig ſteigerte. Während wir da ſtanden, das außerordentliche Schauſpiel vor uns anſtaunend, hörten wir ein Geräuſch ſich erheben, lauter als das des beſtändigen Flatterns und Schwirrens, das ich nur mit 17* 260 dem Daherſtampfen von Tauſenden von Pferden auf einer harten Straße vergleichen kann. Dieß Geräuſch tönte zuerſt fern, nahm aber ſchnell an Stärke zu, und ſchien ebenſo raſch näher zu kommen, bis es über uns zwiſchen den Baumwipfeln hereinbrach wie das Krachen des Donners. Die Luft war plötzlich verfinſtert, und an der Stelle wo wir ſtanden wurde es dunkel, wie bei dämmerndem Zwielicht. In demſelben Augenblick ſchienen alle Tauben in unſerer Nähe, welche in ihren Neſtern geweſen waren, aus denſelben her⸗ auszuſtürzen, und der Raum unmittelbar über unſeren Köpfen er⸗ füllte ſich auf einmal mit Vögeln. Das Chaos ſelbſt konnte kaum eine größere Verwirrung, einen gewaltigern Aufruhr darſtellen. Die Vögel ſchienen jetzt unſere Anweſenheit gänzlich nicht zu be⸗ achten, vielleicht konnten ſie uns wegen ihrer Menge nicht einmal mehr ſehen, denn ſie flatterten zwiſchen mir und Dus herein, uns mit den Flügeln ſchlagend, und zu Zeiten ſchien es, als wenn wir von Lavinen von Tauben begraben werden ſollten. Wir Alle be⸗ kamen wenigſtens eine mit den Händen zu faſſen, während der Kettenträger und der Indianer ihrer ziemlich viele griffen, und immer wieder einen Gefangenen losließen, wie ſie einen neuen haſchten. Mit einem Wort, wir befanden uns ſo zu ſagen in einer Welt voll Tauben. Dieſe Scene mag eine Minute gedauert haben, dann lichtete ſich plötzlich der Raum um uns her, die Vögel ſchwangen ſich hinauf zwiſchen die Zweige der Bäume, und ver⸗ ſchwanden unter dem Laub. Dieß alles war die Folge der Zurück⸗ kunft der weiblichen Vögel, welche auf eine Entfernung von wenig⸗ ſtens zwanzig Meilen fortgeflogen geweſen waren, um ſich mit Bucheckern zu nähren, und die nun die Stellen der männlichen Tauben in den Neſtern einnahmen; und jetzt flogen die letztern ihrerſeits aus, um ſich zu ätzen. Eine Art Neugier hat mich ſeither veranlaßt, einigermaßen die Zahl der Vögel zu ſchätzen, welche in dieſer für uns ſo merk⸗ würdigen Minute in den Rooſt hereingeflogen ſein mögen. Eine — 87 S 70 2 8— kr rten ahm nen, das dan dem ſerer her⸗ er⸗ aum llen. be⸗ mmal uns wir be⸗ der und neuen einer aben, Zögel ver⸗ rrück⸗ enig⸗ mit lichen tztern naßen merk⸗ Eine 261 ſolche Berechnung muß natürlich ſehr ſchwankend und unbeſtimmt ſein, obwohl man gewiſſe Anhaltspunkte gewinnen mag dadurch, daß man dem Umfang eines Schwarms nach der bekannten Ge⸗ ſchwindigkeit des Fluges ſchätzt, und durch andere ähnliche Mittel, und ich erinnere mich, daß Frank Malbone und ich der Anſicht waren, eine Million Vögel müſſen bei dieſer Rückkehr herein, und ebenſo viele dann wieder weggeflogen ſein! Da die wilde Taube ein ſehr gefräßiger Vogel iſt, kann ſich Einem wohl die Frage aufdrängen, wo ſich für ſo viele Schnäbel das Futter finde; aber wenn man ſich an die ungeheure Ausdehnung der amerikaniſchen Wälder erinnert, iſt dieſe Schwierigkeit ſogleich gehoben. Ange⸗ nommen, daß die von uns beſuchte Kolonie viele Millionen Vögel enthielt,— und daß dem wirklich ſo war, wenn man alte und junge miteinrechnet, bezweifle ich nicht,— war doch vermuthlich ein fruchttragender Baum für jeden in einer Entfernung, welche mittelſt eines einſtündigen Fluges zu erreichen war! In ſolchem Maaßſtabe ſchafft und wirkt die Natur in der Wildniß! Ich habe zu beſtimmten Jahreszeiten und an beſtimmten Orten Inſekten in die Luft fliegen ſehen, ſo viele, daß ſie kleine Wolken bildeten, und Jeder hat ſchon häufig dieß Schauſpiel ge⸗ ſehen; und wie dieſe Inſekten, in verkleinertem Maaßſtabe, ſo er⸗ ſchienen uns die wilden Tauben in dem Rooſt von Mooſeridge. Wir brachten eine Stunde in dieſer Vogelſtadt zu, und ſo wie wir an unſeren Aufenthaltsort uns gewöhnten, fanden wir auch unſere Sprache und unſere andern Sinnes⸗ und Geiſteskräfte wieder. Nach kurzer Zeit wurde ſelbſt Dus ſo ruhig und gefaßt, als dieß über⸗ haupt der Fall ſein konnte bei der unvermeidlichen Aufregung, welche das Verweilen an einem ſolchen Platze begleitete, und wir ſtudirten die Art und Weiſe der hübſchen Thierchen mit einem Eifer, der, wie ich ſpürte, bei mir dadurch noch um Vieles geſtei⸗ gert wurde, daß ich ſie in ihrer Geſellſchaft ſtudiren durfte. Nach einer Stunde verließen wir den Berg wieder, und unſer Weggehen 262 verurſachte ſo wenig Aufſehen und Unruhe unter dieſem zahlloſen Volke von Tauben, als unſer Kommen. „Es iſt dieß ein Beweis, daß die Zahl unſere Natur ändern kann,“ ſagte Dus, als wir den kleinen Berg hinab ſtiegen.„Hier ſind wir beinahe in eigentlicher Berührung mit Tauben geweſen, welche uns nicht auf hundert Fuß hätten an ſich herankommen laſſen, wären ſie in gewöhnlichen Schwärmen oder einzeln geweſen. Iſt es ihre große Zahl, die ihnen Muth gibt?“ „Eher Zuverſicht. Gerade ſo iſt es auch bei den Menſchen, welche in großen Haufen eine Unbekümmertheit zeigen, die ſie ein⸗ zeln ſelten an den Tag legen. Ein Anblick, eine Störung, eine Gefahr ſogar, die all unſere Aufmerkſamkeit auf ſich ziehen, wenn wir zu Wenigen ſind, ſcheinen uns oft gleichgültig im Tumult und Gewühl von vielen Mitgeſchöpfen.“ „Aber was bedeutet denn ein paniſcher Schrecken bei einem Heer?“ „Er erklärt ſich aus demſelben Geſetze, daß nämlich der Menſch ergriffen wird von den Gefühlen und Trieben ſeiner Umgebung. Geht dieſer Trieb vorwärts, ſo folgen wir ihm vorwärts; im ent⸗ gegengeſetztem Falle laufen wir davon wie Schafe. Wenn wir mit uns als mit einer Geſammtheit beſchäftigt ſind, beachten wir kleine Störungen nicht, ſo wenig, als ſo eben dieſe Tauben unſere An⸗ weſenheit. Große Schaaren von Thieren und von Menſchen ſcheinen gewiſſen allgemeinen Geſetzen folgen zu müſſen, wonach die Macht und der Einfluß der Geſammtheit auf die Handlungen und Empfindungen jedes Einzelnen oder einiger Weniger ſich immer mehr ſteigert.“ „Nach dieſer Regel müßte unſere neue republikaniſche Regie⸗ gierungsform eine ſehr ſtarke ſein; und doch habe ich von Vielen ſchon die Beſorgniß ausſprechen hören, es werde gar keine Regie⸗ rung ſein.“ „Wenn nicht ein Wunder zu unſeren Gunſten geſchieht, ſo wird 2——.——— oſen dern Hier eſen, men eſen. chen, ein⸗ eine wenn und einem denſch bung. ment⸗ r mit kleine An⸗ heinen Macht und immer Regie⸗ Vielen Regie⸗ o wird 263 es in gewiſſen Hinſichten zwar die ſtärkſte Regierung auf der Welt ſein, in andern dagegen die ſchwächſte. Sie ſtellt ein Princip der Selbſterhaltung auf, deſſen andere Syſteme ſich nicht zu rühmen heben, weil das Volk ſich gegen ſich ſelbſt auflehnen müßte, um es umzuſtoßen; aber auf der andern Seite wird es des energiſchen, lebendigen Prinzips ſtetiger, konſequenter Gerechtigkeit bedürfen, weil keine unabhängige Gewalt da ſein wird, deren Pflicht und deren Intereſſe es wäre, für Uebung und Verwaltung derſelben Sorge zu tragen. Der weiſeſte Mann, den ich in meinem Leben kennen gelernt, hat mir prophezeit, dieß ſei der Punkt, an welchem unſer Syſtem zuſammenbrechen werde, denn es werde dadurch der Ruf, de Perſon und das Vermögen der Bürger unſicher und be⸗ droht, und in Folge hievon die Inſtitutionen denen verhaßt, die ſie früher hochgehalten hätten.“ „Ich hoffe, damit hat es keine Gefahr!“ ſagte Dus raſch. „Gefahr liegt in Allem, was der Menſch in Händen hat und lenkt. Wir haben Leute unter uns, welche die mögliche Vollkom⸗ menheit der Menſchheit predigen, und dabei dem groben Irrthum huldigen, die Menſchen ſeien ſo, wie ſie der Erfahrung nach ſind, blos deßwegen, weil ſie ſchlecht regiert werden, und eine gefähr⸗ lichere Theorie kann, nach meinem geringen Dafürhalten, gar nicht aufgeſtellt und vorbereitet werden.“ „Alſo haltet Ihr dieſe Theorie für falſch?“ „Ohne alle Frage!— Regierungen werden öfter durch die Menſchen verderbt, als die Menſchen durch die Regierungen, ob⸗ wohl letztere gewiß einen auffallenden Einfluß auf den Charakter ausüben. Die beſte Regierung, von der wir Etwas wiſſen, iſt die des Weltalls, und ſie iſt dieß einfach deßhalb, weil ſie von einem einzigem Willen ausgeht, und dieſer Willen ohne Mangel und Tadel iſt.“ „Die deſpotiſchen Regierungen gelten aber für die allerſchlech⸗ teſten auf der Welt.“ 264 „Sie ſind gut oder ſchlecht, je nachdem die Handhabung und Verwaltung iſt. Die Nothwendigkeit, ſolche Regierungen durch Gewalt aufrecht zu erhalten, macht ſie oft drückend; aber die Re⸗ gierung von Vielen kann ſogar noch deſpotiſcher werden, als die eines Individuums, da das Volk immer geneigt ſein wird, die Unterdrückten zu unterſtützen gegenüber dem Deſpoten, aber ſelten oder nie gegen ſie ſelbſt. Ihr habt geſehen, wie dieſe Tarben, hingeriſſen von der Bewegung der Maſſe, ihren natürlicher In⸗ ſtinkt verloren. Gott wolle mich immerdar bewahren vor der Ty⸗ rannei der Maſſen!“ „Aber Jedermann ſagt, unſer Syſtem ſei bewunderrswerth, und das beſte von der Welt; und auch die Regierung eines De⸗ ſpoten bleibt eben die Regierung eines Menſchen.“ „Es iſt eine Folge des Regiments der Maſſen, daß die Men⸗ ſchen ſich ſcheuen, die Wahrheit zu ſagen, wenn ſie ſehen, daß ihnen große Majoritäten gegenüber ſtehen. Was die Selbſtregierung be⸗ trifft, ſo waren die Kolonien immer freier als das Nutterland; und wir folgen bis jetzt noch immer nur unſerem alten Herkommen, indem wir Gehorſam gegen den Bund an die Stelle des Gehorſams und der Unterthanſchaft unter den König ſetzen. Der Unterſchied i*ſt nicht ſo weſentlich, daß er ſo bald ſchon Aenderungen herbei⸗ führen müßte. Wir müſſen abwarten, bis das, was unſer jetziges Syſtem von neuen Prinzipien enthält, Zeit gehabt hat, radikale Veränderungen zu bewirken, wo wir dann erſt mit Sicherheit er⸗ kennen werden, um wie viel wir in der That beſſer find, als andere Menſchen und Völker*).“ *) Zu der Zeit, wo Mr. Littlepage ſo ſprach, war es weit weniger Mode, un⸗ ſere Inſtitutionen zu rühmen und zu erheben, als heutzutage. Die Menſchen ſchrieben und ſprachen offen dagegen, während in der Gegenwart Wenige den Muth haben, auf Fehler hinzuweiſen, von welchen jeder Verſtändige weiß und fühlt, daß es Ge⸗ brechen ſind. Vor wenigen Jahren, als Jackſon als Präſident in das Weiße Haus einzog, war es in Europa ganz gewöhnlich, zu behaupten: wir hätten einen Solda⸗ ten zur Gewalt erhoben, und die ſchaft der Bajonette ſtehe bevor. Jeder intel⸗ errſ ligente Amerikaner wußte, daß di baarer Unſinn war. Das Herannahen der Herr⸗ ——————-—— o—— ,—.—ro,—-—— — ½— S 7 Biges dikale t er⸗ ndere 265 Dus und ich beſprachen uns noch weiter über dieſen Gegen⸗ ſtand, bis ſie wieder ihr Pferd beſtieg. Ich war entzückt über ihren geſunden Verſtand und ihre Einſicht, welche ſich mehr in der An⸗ gemeſſenheit ihrer Fragen kund gaben, als in poſitiven Kenntniſſen, die ſie etwa von derlei Gegenſtänden beſeſſen hätte, welche für junge Frauen in der Regel wenig Anziehendes haben. Aber doch beſaß Dus eine Beweglichkeit des Geiſtes und eine raſche, glückliche Auffaſſung, welche manche Mängel der Bildung in dieſem Punkte erſetzten; und ich erinnere mich nicht, je eine politiſche Erörterung geführt zu haben, die mir ſo viel Vergnügen und Befriedigung ge⸗ währt hätte. Ich muß jedoch geſtehen, es iſt möglich, daß das goldene Haar, ein Angeſicht umwallend, das gerade ſo roſig war, als ſich mit der Zartheit ihres Geſchlechtes wohl vertrug, der ſchwellende Mund, die glänzenden Zähne und die lebhaften und dabei doch ſanften und zärtlichen blauen Augen dazu beigetragen haben mögen, den Eindruck einer Weisheit zu erhöhen, die ich ſo außerordentlich fand. ſchaft der Bajonette bei uns, falls ſie je eintreten ſollte, müßte erkannt werden an dem Ueberhandnehmen demokratiſcher Mißbräuche, gegen welche Gewalt das einzige Mittel wäre. Jeder, der es gut meint mit der Freiheit, deren ſich dieß Land bisher erfreut hat, ſollte jetzt die demokratiſchen Tendenzen mit Mißtrauen betrachten, da, wenn je die Freiheit untergehen ſollte, dieß nur die unmittelbare Folge derſelben ſein könnte; denn es iſt eine der verdorbenen menſchlichen Natur weſentlich anhaftende Eigenſchaft, alle Vorrechte und Güter zu mißbrauchen, ſogar diejenigen, welche mit der Religion ſelbſt im Zuſammenhang ſtehen. Wenn irgend etwas, ſo beweist die Geſchichte dieſe Wahrheit. Der Herausgeber. 266 Fünfzehntes Kapitel. Wie biſt zur Feigheit, Liebe, ſo geneigt! So wird dem Reichen, der umringt von Dieben; Magſt du, wo weder Aug' noch Ohr dir zeugt, Mit falſcher Mähr' das arme Herz betrüben? Venus und Adonis. Die Hütte oder die Hütten des Kettenträgers boten in ihrem Innern und in ihrer Umgebung weit mehr Bequemlichkeiten dar, als ich zu finden erwartete. Es waren ihrer drei; die eine war zur Küche und zum Aufenthalt für die männlichen Sklaven beſtimmt, eine zweite zur Wohnung für Urſala und die Schwarze, und die dritte für die Männer. Das Eßgemach befand ſich neben der Küche, und alle dieſe Gebäude, die jetzt ein volles Jahr ſtanden, waren aus Holzblöcken errichtet und mit Rinde bedeckt. Sie waren, wie gewöhnlich, roh gearbeitet; aber die für Dus beſtimmte zeichnete ſich in ihrer innern nnd äußern Erſcheinung und Einrichtung ſo vor den andern aus, das man ſogleich die Gegenwart und das Walten des Weibes erkannte. Es iſt vielleicht nicht ohne Intereſſe für den Leſer, wenn ich ihm in der Kürze den Aufenthaltsort beſchreibe. Ganz natürlich hatte man eine Quelle aufgeſucht, als das bei der Wahl eines zeitweiligen Aufenthaltsortes zuerſt in Betracht kommende Erforderniß. Dieſe Quelle brach an einem Bergabhang hervor, und das Land zog ſich, vom Fuße deſſelben an gerechnet, über eine Meile weit in einer geeigneten Ebene hin, welche dicht bedeckt war mit den ſtattlichſten Ulmen, Buchen, Ahornbäumen und Schwarzbirken, die ich je geſehen. Dieſer Platz, ſo verſicherte mich der Kettenträger bald, war der werthvollſte unter allen Län⸗ dereien von Mooſeridge. Er hatte ihn gewählt, weil er im Mittel⸗ punkt des Gutes lag, und ganz beſonders frei war von Unterholz; auch befand ſich kein ſtehendes Waſſer in der Nähe. In anderen 267 Beziehungen glich er jedem andern Punkt in dieſem ungeheuern Walde,— er war dunkel, ſchattig und umgeben von der Pracht einer üppigen Vegetation. Hier hatte der Kettenträger ſeine Hütte errichtet, ein niedriges, feſtes Gebäude von Fichtenſtämmen, maleriſch der äußern Erſchei⸗ nung nach, und nach Geſtalt der Sachen nicht ganz ohne gewiſſe Bequemlichkeiten. Die Gebäulichkeiten waren unregelmäßig hin⸗ geſtellt, doch alle nahe an der Quelle. Die Küche und das Eß⸗ zimmer waren dem Waſſer am nächſten; in nicht großer Entfer⸗ nung davon befand ſich die Wohnung der Männer; und das kleinere Gebäude, welches Frank Malbone lachend den Harem nannte, ſtand etwas beiſeite, auf einem unbedeutenden Bühl, aber kaum fünfzig Schritte von der Behauſung Andries' entfernt. Für die Böden und Thüren dieſer Hütten waren Dielen aus freier Hand zurecht gehauen worden, aber nur der Harem hatte Fenſter mit Glasſcheiben. Dieſer hatte zwei ſolche Fenſter, und Frank hatte ſogar Sorge getragen, ſeiner Schweſter Häuschen mit rohen aber ſtarken Fenſterläden zu verſehen. An Vertheidigungsanſtalten gegen einen Feind dachte man innerhalb der Gränzen von New⸗York zu jener Zeit nicht mehr. Blockhäuſer und ſonſt befeſtigte Behauſungen waren nöthig geweſen, ſo lange die Franzoſen Canada beſaßen; aber nachdem ihnen dieſe Kolonie abgenommen worden, hatten Wenige mehr ſolche Vorſichts⸗ maßregeln für nöthig erachtet, bis der Revolutionskrieg wieder einen wilden Feind an die Anſiedlung der Gränze führte,— der Gränze, in Bezug auf die Civiliſation, wenn auch nicht auf das Territo⸗ rium. Mit dem Ende dieſes Krieges hatte auch dieß letzte Bedürf⸗ niß, Vorkehrungen der Art zu treffen, aufgehört; und der Ketten⸗ träger hatte nicht daran gedacht, gegen etwaige Gewaltthaten Vor⸗ kehrungen zu treffen, als er ſeine Lagerſtätte aufſchlug. Doch wäre jede der Hüttem im Nothfall ein ziemlich feſter Poſten geweſen, ſofern die Scheiter kugelfeſt und noch ganz wohl⸗ 268 gefugt und unverwittert waren. An Palliſaden hatte man jetzt nicht mehr gedacht, auch waren keine irgend geſchützten Kommuni⸗ kationen zwiſchen den Hütten unter einander vorhanden. Mit Einem Wort, was dieſe Gebäude von Sicherheit gewährten, das war le⸗ diglich die Folge der Feſtigkeit und Tüchtigkeit des Materials und der damals ſo wie noch jetzt überall im Walde üblichen Bauart; da gegen wilde Thiere hiemit vollkommener Schutz gegeben war, und man andere Feinde nicht mehr zu fürchten hatte. Um die Hütten herum waren durchaus keine Einfriedigungen, noch irgend gelichtetes Land, mit Ausnahme einer Strecke von etwa einem halben Aecre, auf welchen man die kleinen Fichten herausgehauen hatte, welche das Holz zum Bau geliefert hatten. Einige wenige Gewächſe wa⸗ ren auf dem offenſten Punkt angepflanzt worden; aber da ein Zaum nicht nöthig, war auch keiner gezogen worden. Die Hütten ſtanden ganz im Schatten des Waldes, und die Fichten waren auf einer Anhöhe, hundert Schritte entfernt, gehauen worden. Dieſer Fleck Land, ſo klein er war, ertrug doch genug von den gewöhnlicheren Vegetabilien, um einen frugalen Tiſch zu verſehen. 1 So war der Platz, der in dieſer ganzen Gegend bekannt war unter dem Namen: des Kettenträgers Hütten. Der Name iſt geblieben, und die Hütten ſtehen noch, denn manche Umſtände haben ihnen eine beſondere Bedeutung für meine perſönliche Ge⸗ ſchichte verliehen, und mich veranlaßt, ihre Erhaltung zu befehlen, wenigſtens ſo lang ich lebe. Da der Ort im Frühling und Sommer ſchon eine ziemliche Zeit bewohnt worden war, ſo verriethen manche andere Anzeichen die Gegenwart von Menſchen; aber im Ganzen trug die Behauſung ganz den Charakter der abgeſchloſſenſten Wald⸗ einſamkeit. In der That war ſie auch ganz in den Wäldern be⸗ graben, volle fünfzehn Meilen entfernt von der nächſten bekannten Wohnung, und inſoweit auch abgeſchnitten von dem Behagen, dem Beiſtand und dem äußern Verkehr des civiliſirten Lebens. Aber dieſe iſolirten Wohnſitze ſind ſelbſt bis auf die jetzige Stunde noch ͤerͤ————+—, S 8 2 2— ———„»—, — — 269 keineswegs ſo ganz ungewöhnlich im Staate; und es iſt wahr⸗ ſcheinlich, daß ſich deren noch manche dieß ganze Jahrhundert hin⸗ durch finden werden. Es iſt wahr, die weſtlichen, mittlern, ſüd⸗ lichen, ſüdweſtlichen, nordweſtlichen und nordöſtlichen Grafſchaften von New⸗York, welche ſämmtlich zur Zeit, von welcher ich hier ſchreibe, ganz oder faſt ganz wild waren, ſind ſchon mit Anſied⸗ lungen ganz bedeckt, oder füllen ſich doch raſch; aber im mittleren nördlichen New⸗York iſt eine hohe, gebirgige Gegend, welche, ſollte ich meinen, ſo ziemlich eine Wildniß bleiben wird noch ein volles Jahrhundert oder länger. Ich habe vor ganz kurzer Zeit dieſen wilden Diſtrikt durchreist und ihn recht maleriſch und für den Waidmann günſtig gefunden, da er Ueberfluß hat an Wildpret, an Fiſchen und wildem Geflügel; aber nicht ebenſo entſpricht er den gewöhnlicheren menſchlichen Bedürfniſſen in dem Grade, daß für die Zwecke des Landwirthes ſo bald Nachfrage darnach zu er⸗ warten ſtünde. Wenn dieſer Bezirk des Landes nicht geſetzloſen Squatters und Plünderern irgend einer Art in die Hände fällt, dergleichen man immer in einem Lande von ſolchem Umfange zu beſorgen hat, ſo kann er ein ſehr angenehmes Revier für den Waidmann und Jagdliebhaber werden, der in den andern Gegen⸗ den des Staates vermuthlich bald ſeine bisherigen Jagdgründe und Reviere verlieren dürfte. Jaap hatte einige meiner Pferde von dem Neſt als Saum⸗ thiere herüber gebracht, und nachdem dieſe wegen Mangels an Futter zurückgeſchickt worden, blieb der Neger ſelbſt in den Hütten als Gehilfe und Diener, und zugleich als Jäger. Ein Neger aus Weſtcheſter iſt beinahe unfehlbar ein Schütze, zumal wenn er dem Beſitzer eines Landhauſes gehört; denn nicht das mindeſte Miß⸗ trauen, keine Eiferſucht hält uns ab, unſern New⸗Yorker Sklaven Waffen in die Hände zu geben. Da aber Jaap gewiſſermaßen gedient hatte, war er berechtigt, ſo viel Pulver zu verpuffen als er Luſt hatte. In Folge einer ſeiner Kriegsthaten war der alte 270 Burſche in den Beſitz einer vortrefflichen Vogelflinte gekommen, als Beute, ſo habe ich immer vermuthet, die er einem getödteten engliſchen Offizier abgenommen; und dieſe Waffe hatte er beſtändig mit ſich geführt, als eine Trophäe ſeines Waffenglücks. Das Schießen im Weſtcheſter jedoch und das Schießen im Wald waren ſehr verſchiedene Zweige einer und derſelben Kunſt. Jaap gehörte zu der erſtern Schule, wobei man ſich der Spür⸗ und Vorſtehe⸗ hunde bediente. Die Thiere wurden aufgejagt und„markirt“ und der Vogel immer im Fluge geſchoſſen. Meine Aufmerkſamkeit wurde bald auf dieſen Unterſchied gelenkt, indem ich Ohrenzeuge war von einem Geſpräch zwiſchen dem Neger und dem Indianer, welches einige Minuten nach unſerer Ankunft ſtattfand, und von welchem ich einen Theil jetzt erzählen will. Jaap und Sureflint waren in der That ſehr alte Bekannte und dicke Freunde. Sie waren Beide weſentlich betheiligt und thätig geweſen bei gewiſſen denkwürdigen Vorfällen eben auf dieſem Gute Mooſeridge, die längere Zeit vor meiner Geburt ſich zugetragen hatten, und während des letzten Krieges hatten ſie ſich oft getroffen und mit einander als Kameraden gedient. Die bekannte Antipathie zwiſchen der ſchwarzen und der rothen Raſſe beſtand zwiſchen ihnen nicht, obwohl der Neger den Indianer einigermaßen mit jenem Selbſtgenügen betrachtete, welches der Diener eines Hauſes wohl hegen mochte gegenüber von dem wilden Durchſtreifer der Wälder; während der Onondago nicht umhin konnte, meinen Burſchen ſo anzuſehen, wie Einer der Freieſten unter dem Freien ganz natür⸗ lich ſich verſucht fühlen mußte, einen Mann anzuſehen, welcher ganz zufrieden in der Knechtſchaft lebte. Dieſe Geſinnungen und Em⸗ pfindungen waren durch ihre Freundſchaft mehr gemildert als aus⸗ getilgt, und traten noch oft bei ihren täglichen Zwiegeſprächen unter einander deutlich hervor. Wir hatten einen Sack, mit jungen Tauben gefüllt, von dem Rooſt mitgebracht, und Jaap hatte deſſen Inhalt neben der Küche 271 auf den Boden ausgeleert, um mit den nothwendigen Operationen des Rupfens und Säuberns zu beginnen, ehe man die Vögel der Köchin übergab. Der Onondago aber nahm ganz kaltblütig ſeinen Sitz auf einem Klotz in der Nähe, ein Zuſchauer bei der Arbeit ſeines Genoſſens, aber es unter ſeiner Würde achtend, ſelbſt an ſolcher Weiberarbeit Theil zu nehmen, da er weder als Bote thätig noch auf dem Kriegspfade war. Die Nothwendigkeit allein konnte ihn zu irgend einer Geſindearbeit vermögen, und ich glaube, er würde ſich nicht zum Helfen erboten haben, hätte er auch die ſchönen Hände von Dus ſelbſt dieſe Trauben rupfen ſehen. Er hätte es ganz paſſend und in der Ordnung gefunden, daß eine „Squaw“ die Arbeit einer„Squaw“ verrichtete, während ein Krieger in ſeinem würdevollen und ſtandesgemäßen Müſſiggang verharrte. Syſtematiſcher und einſichtsvoller Fleiß iſt immer im Gefolge der Civiliſation; und die durch dieſe erzeugten Bedürfniſſe können nur durch die unabläſſige Sorgfalt und Anſtrengung derer geliefert und befriedigt werden, welche durch dieſelbe leben. „Nun, alter Sus,“ rief der Neger, den letzten der todten Vögel aus dem Sack ſchüttelnd,—„nun, Indianer; ich denken, Ihr halten das für Wild!“ „Wie Ihr ihn nennen, he?“ fragte der Onondago, den Neger ſcharf anſehend. „Ich ihn nicht ein bischen Wild nennen, Rothhaut. Es nicht ſein Geziefer; aber es auch nicht ſein Wild. Wild iſt Wild, ich vermuthen, Ihr das wiſſen, Sus?“ „Wild, Wild— gut. Das wahr ſein.— Wer es läugnen?“ „Ja, es leicht genug ſein, ſagen Etwas, aber es nicht ſo gar leicht ſein zu verſtehen. Kann ein Indianer jetzt in ganz Staat York mir ſagen, warum Waldtaube nicht Wild?“ „Waldtaube Wild, und gutes Wild ſein. Süß ſchmecken— oft gerne mehr gehabt.“ „Nun, ich glauben, Trackleß,“— Jaap liebte es, das ganze 272 Wörterbuch der Namen des Onondago zu durchlaufen,—„nun ich glauben, Trackleß, daß Ihr halten zahme Tauben für eben ſo⸗ gut als wilde?“ „Nicht wiſſen— nie gegeſſen zahme— glaube ihn auch gut.“ „Nun wohl, Ihr glauben, was ganz falſch ſein. Zahme Tauben ſchlechtes Zeug; aber keine Taube ſein Wild. Nichts Wild ſein, Surefint, was nicht ein Hund aufſpüren oder ſtellen. Maſſer Mordaunt nicht haben einen Hund im Buſch oder auf dem Toe, und er halten eine Menge an beiden Orten, der eine wilde Taube würde ſtehen.“ „Aber Hirſche ſtehen, he?“ „Nun, ich wiſſen das nicht. Vielleicht ja, vielleicht auch nicht. Es geben keine Hirſche in Weſtcheſter, zu probiren daran die Hunde, ſo Niemand es wiſſen können. Ihr Euch erinnern des Tages, Susqueſus, wo wir fortgejagt Eure Rothhäute hier, vor langer, langer Zeit mit Maſſer Corny und Maſſer Ten Eyck, und alt Maſſer Herman Mordaunt und Miß Anneke und Miß Mary, und Eurem Freund Jumper? Ihr Euch daran erinnern, ha, Onondago?“ „Gewiß!— nicht vergeſſen— Indianer nie vergeſſen. Nicht vergeſſen Freund— nicht vergeſſen Feind.“ Hier ſchlug Jaap ſein gellendes Negergelächter auf, bei welchem alles Fröhliche und Luſtige ſeiner Natur einen ſo gewaltigen Aus⸗ bruch zu nehmen ſchien, als wenn er von einer Art geiſtigem Kitzel ergriffen würde; dann gab er den Grund dieſer ſeiner Heiterkeit durch ſeine Antwort kund. „Ganz gewiß— Ihr Euch erinnern des Burſchen Muß, Trackleß? Er gekommen ſelbſt in ein böſes Muß weil haben zu viel Gedächtniß. Gut zu haben Gedächtniß, wenn man geheißen iſt zu verrichten Arbeit; aber manchmal Gedächtniß was Schlimmes. Sehr ſchlimm, ſo viel Gedächtniß haben, daß nicht vergeſſen können bischen Hiebe.“ „Nicht wahr!“ verſetzte der Onondago etwas finſter, obwohl nur ein ganz klein wenig; denn während Jaap und er täglich —— 273 ſtritten, bekamen ſie doch nie Händel.—„Nicht wahr, das. Schläge ſchlimm für Rücken.“ 3 „Nun, das eben ſo ſein, weil Ihr Rothhäute ſein— ein farbiger Mann ſich nicht mehr darum kümmern als dieſer junge Vogel. Daran gewohnt werden in kleiner Zeit, dann nicht mehr ſein der Rede werth.“ Sureflint antwortete nichts, aber er machte ein Geſicht, als ob er die Unwiſſenheit, die Unterwürfigkeit und den Zuſtand ſeines Freundes bemitleidete. 3 „Was Ihr denken von dieſer Welt, Susqueſus?“ fragte plötz⸗ lich der Neger, einen Vogel, den er gerupft hatte, in einen Kübel werfend und einen andern aufnehmend.„Wie Ihr meinen, daß weiße Mann geworden?— wie Ihr meinen, daß rothe Mann ge⸗ worden?— wie Ihr meinen, daß farbige Gentl'em geworden, he?“ „Große Geiſt ſprechen, dann Alle geworden. Es füllen In⸗ dianer mit Blut— das ihn machen roth— füllen Neger mit Tinte, das ihn machen ſchwarz— Bleichgeſicht bleich, weil er leben in der Sonne und Farbe heraustrocknen.“ Hier lachte Jaap ſo laut, daß alle drei Schwarze des Ketten⸗ trägers vor die Thüre traten und in ſeine Luſtigkeit aus purer Sympathie mit einſtimmten, obgleich ſie von deren Veranlaſſung nichts wiſſen konnten. Dieſe Schwarzen! Sie mögen ſehr elend ſein als Sklaven; aber gewiß iſt, keine andere Klaſſe in Amerika lacht ſo oft, ſo leicht, oder nur halb ſo herzlich. „Hören mich an, Indianer,“— begann Jaap von Neuem, nachdem er für den jetzigen Augenblick ſeine Luſt zu lachen gehörig gebüßt hatte.—„Hören mich, Indianer— Ihr halten die Erde für rund, oder Erde platt?“ „Wie Ihr meinen das?— Erde auf und ab,— nicht rund, — nicht platt.“ 1„Das nicht ſein, was ich meine. Auf und ab wohl in einem Sinn, aber nicht auf und ab in anderm Sinn. Maſſer Mordaunt Der Kettenträger. 18 274 nun, und auch Maſſer Corny, Beide ſagen, Erde ſein rund wie Apfel, und ſie ſtehen zur Tagszeit aufrecht, und zur Nachtzeit um⸗ gekehrt. Nun, was Ihr dazu ſagen, Indianer?“ Der Trackleß hörte ernſt zu, gab aber weder Zuſtimmung, noch Unglauben zu erkennen. Ich wußte, er hatte Reſpekt vor meinem Vater und vor mir; aber es hieß ihm viel zumuthen, wenn er glau⸗ ben ſollte, die Erde ſei rund; auch begriff er nicht, wie man ſich ſollte in der von Jaap behaupteten Weiſe umdrehen können. „Setzen es ſein ſo,“ bemerkte er nach einer Pauſe der Ueber⸗ legung.—„Setzen es ſein ſo, dann Menſch ſtehen mit Kopf unten! Menſch ſtehen auf Fuß; Niemand ſtehen auf Kopf.“ „Die Welt ſich drehen herum, Indianer; das Grund ſein, warum Ihr ſtehen ein Mal auf Kopf, ander Mal auf Fuß.“ „Wer erzählen dieſe Mähre, Jaap? Nie gehört das zuvor!“ „Maſſer Corny mir das geſagt, vor langer Zeit, als ich ge⸗ weſen kleiner Bube. Fragt Maſſer Mordaunt einmal, er Euch ſagen dieſelbe Geſchichte. Jedermann das ſagen, außer Maſſer Dirck Follock; und der einmal ſagen zu mir:„Es wahr ſein, Jaap, das Buch ſo ſagen— und Euer Maſſer Corny ihm glauben; aber ich muß ſehen die Welt rund herumgehen, ehe ich es glauben!’ Das Oberſt Follock geſagt, Trackleß; Ihr wißt, er ſehr ehrlich.“ „Gut— ehrlich Mann, Oberſt— tapferer Krieger— treuer Freund— glauben Alles, was er ſagen, wenn er wiſſen; aber er nicht wiſſen Alles. General mehr wiſſen,— Major jung, aber mehr wiſſen.“ Vielleicht ſollte mich die Beſcheidenheit bedenklich machen, das wieder zu berichten, was ein ſo guter Freund, wie Susqgueſus, aus Vorliebe für mich, zu meinen Gunſten ſagte; aber ich wünſche, Alles, was bei dieſer Gelegenheit geſprochen wurde, recht genau und in's Einzelnſte hinaus zu erzählen. Jaap konnte gegen den Satz des Indianers nichts einwenden, denn er beſaß zu viel Liebe und Anhänglichkeit an ſeine beiden Gebieter, als daß er nicht 275 ſofort hätte zugeben ſollen, ſie wüßten mehr als Oberſt Follock,— beiläufig bemerkt, eine nicht eben ausſchweifende Annahme. „Ja, er gut genug,“ erwiederte der Schwarze,„aber er nicht wiſſen halb ſo viel als Maſſer Corny oder Maſſer Mordaunt. Er ſagen, Welt ſein nicht rund; nun ich aber glauben, ſie ausſehen rund.” „Was ſagen Kettenträger?“ fragte plötzlich der Indianer, wie wenn er bei ſich beſchloſſen hätte, ſeine Anſicht durch die eines Mannes beſtimmen zu laſſen, den er ſo ſehr liebte.„Kettenträger nie lügen!“ „Auch Maſſer Corny und Maſſer Mordaunt nie lügen!“ rief Jaap etwas entrüſtet.„Ihr meinen, Trackleß, daß einer von meinen Maſſer könne lügen?“ Das war eine Anſchuldigung, welche Susqueſus nie in den Sinn gekommen war zu erheben, obgleich ſeine innigere Bekannt⸗ ſchaft mit dem alten Andries und ſein größeres Vertrauen auf ihn ſehr natürlich ihn darauf geführt hatte, dieſe Frage aufzuwerfen. „Nicht ſagen ich, daß Einer lügen,“ verſetzte der Onondago; „aber viele doppelte Zungen überall, und vielleicht hören ſo und glauben ſo. Kettenträger verſtopfen ſein Ohr; nie horchen auf falſche Zungen.“ „Nun gut, da der Kettenträger ſelbſt kommen— Sus; ſo nur um größrer Beſtätigung willen, Ihr ſollt hören, was ſagen der alte Mann. Es ſehr wahr, Kettenträger ehrlicher Mann, und ich ſelbſt wünſchen zu wiſſen ſeine Meinung, denn es nicht leicht zu begrei⸗ fen, Trackleß, wie ein ſterbliches Weſen kann ſtehen kopfunter!“ „Was meinen, ſterbliches Weſen, he?“ „Ha, es bedeuten Sterblichkeit, Indianer— Ihr, Sterblich⸗ keit— ich, Sterblichkeit— Maſſer Corny, Sterblichkeit— Maſſer Mordaunt, Sterblichkeit— Miß Anneke, Sterblichkeit— Jeder⸗ man Sterblichkeit; aber nicht alle Leute die gleiche Art Sterblich⸗ keit!— Mich verſtehen jetzt, Sus?“ Der Indianer ſchüttelte den Kopf und ſchien ganz verblüfft; 18* 276 aber da der Kettenträger in dieſem Augenblick herbeikam, wurde dieſer Punkt der Erörterung nicht weiter verfolgt. Nachdem einige Worte über die Tauben ausgetauſcht worden waren, trug Jaap kein Bedenken, die ſeinem rothen Freunde gegebene Zuſage zu löſen, indem er ſofort mit der Hauptſache herausrückte, in Betreff deren ſie des Kettenträgers Meinung zu hören wünſchten. „Ihr wiſſen, wie es ſein mit Indianern, Maſſer Kettenträger,“ ſagte Jaap;„ſie immer ſein arme, übelerzogene Geſchöpfe und wiſſen nichts, als was aufgeſchnappt durch Zufall; da hier Sure⸗ flint ſein,— er nicht kann glauben dieſe Welt rund, und nicht, daß ſie herumgehe rund; und ſo er begehrt von mir, Euch zu fra⸗ gen, was Ihr zu ſagen haben von dieſer Sache.“ Der Kettenträger war kein Gelehrter. Was man auch von Leyden rühmen mag und von den vielen, ſehr vielen gelehrten Hol⸗ ländern, die es in die Welt hinausgeſandt hat— Wenige von ihnen haben Amerika erreicht. Unſere Brüder in den öſtlichen Kolonien, jetzt Staaten genannt, hatten ſich, im Ganzen, ſchon längſt bemerklich gemacht durch jenes„gefährliche Ding,“„ein wenig Gelehrſamkeit“; aber ich kann nicht ſagen, daß die Holländer von New⸗York, auch im Ganzen betrachtet, dieſen Gefahren ſonder⸗ lich ausgeſetzt geweſen wären. Die Wahrheit zu geſtehen, es war gar nicht leicht, gründlicher unwiſſend zu ſein in allen Dingen, die mit der Wiſſenſchaft zuſammenhingen, als die Maſſe der ungebilde⸗ teren Holländer in New⸗York im Jahre unſers Herrn eintauſend ſiebenhundert und vierundachtzig waren. Der Stand und die Stellung im Leben machte hierin wenig Unterſchied, wenn nicht etwa Einer der alten Kolonialariſtokratie dieſes Stammes ange⸗ hörte, oder eine Ausnahme hin und wieder ſtattfand bei einer Fa⸗ milie, welche einen Diener des Evangeliums in ihrem Schooße auf⸗ gezogen hatte oder aufzuziehen beabſichtigte. So groß war die Macht des Vorurtheils bei dieſen Leuten, daß ſie den engliſchen Schulen mißtrauten und Wenige nur ihre Kinder in dieſelben ſchick⸗ 277 ten, während ihre eigenen Schulen in der Regel ſehr niedrig ſtan⸗ den. Dieſe Geſinnungen und Anſichten wichen zwar dem Einfluß der Zeit, aber nur ſehr langſam; und es war eine ziemlich ſichere Vermuthung, daß jeder Mann von holländiſcher Abkunft in der Kolonie ganz ohne eigentliche Bildung ſei; und nur hier und dort machte ein Individuum, das den höheren Kaſten der Geſellſchaft angehörte, oder durch die Umſtände und die Art ſeiner Umgebungen und ſeines Verkehrs beſonders begünſtigt war, eine Ausnahme. Was jenes leichte, oberflächliche Wiſſen betraf, deſſen unſere öſtli⸗ chen Nachbarn ein ſo reichliches Maaß beſaßen, ſo ſchienen die New⸗ Yorker Holländer daſſelbe mit ganz beſonderem Widerwillen zu be⸗ trachten, und ſie verſchmähten, irgend etwas zu wiſſen, wenn es nicht von der allerbeſten Sorte war. Doch fanden ſich einige Wenige, welchen dieſe beſte Sorte keineswegs fremd war. In dieſen einzelnen Fällen hatte die unverdroſſene Erforſchung und Würdigung der Thatſachen, und die gründliche, gediegene Beur⸗ theilung aller Gründe einige Männer gebildet, welche nur eines geeigneten Schauplatzes bedurft hätten, um durch ihr Wiſſen die tiefe Hochachtung alter Gelehrten in allen Ländern der Erde ſich zu erwerben. Was ſie von Wiſſen ſich erwarben, war durchge⸗ arbeitet und gründlich, obgleich ſie ſelten damit Parade machten, nur um es zur Schau zu ſtellen. Der alte Andries jedoch gehörte nicht zu der eben bezeichneten Klaſſe. Er fiel unter die Regel und nicht unter die Ausnahme. Ohne allen Zweifel hatte er alle die allgemeiner bekannten Wahr⸗ heiten der Wiſſenſchaft im Geſpräch erwähnen und berühren gehört, oder hatte davon auch wohl in Büchern etwas geleſen; aber ſie wurden nicht zu einem eigentlichen Beſtandtheil ſeiner Meinungen, denn er war mit den verſchiedenen Gegenſtänden nicht ſo weit ver⸗ traut, daß er ſolche Wahrheiten dergeſtalt erkannt und empfunden hätte, daß ſie mit ſeinem Geiſte Eins geworden wären. „Ihr wißt, man ſagt, Beides ſei wahr, Jaap,“ antwortete 278 der Kettenträger.„Jedermann wird Euch das ſagen, und alle Leute, die ich geſehen, ſind derſelben Meinung.“ 3 „Ihr glauben es wahr ſein, Kettenträger?“ fragte der Onon⸗ dago etwas raſch. „Ich glaube es muß ſo ſein, Sureflint, da Alle es ſagen. Die Bleichgeſichter, wißt Ihr, leſen eine Menge Bücher, und wer⸗ den viel klüger als die rothen Männer.“ „Wie, Ihr machen Menſchen ſtehen auf Köpfen, he?“ Der Kettenträger ſchaute ſich jetzt über die eine und dann über die andere Schulter um, und da er glaubte, es ſei Niemand in der Nähe, als die zwei Männer vor ihm, war er vermuthlich etwas mit⸗ theilſamer, als ſonſt wohl der Fall geweſen ſein würde. Ihnen etwas näher rückend, wie Einer der über ein Geheimniß ſich beſprechen will, antwortete der ehrliche alte Mann alſo: „Um offen gegen Euch zu ſein, Sureflint,“ ſagte er,„das iſt eine Frage, die nicht leicht zu beantworten iſt. Jedermann ſagt, es ſei ſo, und deßwegen glaube ich, es muß wohl ſo ſein; aber ich habe oft mich ſelbſt gefragt: Wenn dieſe Welt wirklich bei Nacht oberſt zu unterſt ſich dreht, wie kommt es, alter Kettenträger, daß du nicht aus deinem Bette rollſt? Es gibt Dinge in der Natur, die unbegreiflich ſind, Trackleß, ganz unbegreiflich.“ Der Indianer hörte ernſt zu, und ſein Verlangen, über die Sache in's Klare zu kommen, ſchien befriedigt dadurch, daß er ver⸗ nahm, es gebe in der Natur unbegreifliche Dinge. Was den Ket⸗ tenträger betrifft, ſo glaube ich, daß er dem Geſpräch etwas plötz⸗ lich eine andere Wendung gab, eben wegen dieſer unbegreiflichen Dinge in der Natur; denn gewiß iſt, er ging raſch zu einem an⸗ dern Thema über, in einer Art und Weiſe, daß er allen Ideen ſeiner Genoſſen eine veränderte Richtung gab, mochten ſie auf den Ferſen oder auf den Köpfen ſtehen. „Iſt es nicht wahr, Jaap, daß Ihr und der Onondago hier, Beide hier anweſend waret bei dem indianiſchen Gemetzel, das in — — — 279 dieſer Gegend ſtatt fand, vor der Revolution, im alten franzöfiſchen Krieg? Ich meine die Zeit, wo ein gewiſſer Traverſe, ein Land⸗ vermeſſer, und ein ſehr guter Landvermeſſer war er, mit allen ſei⸗ nen Kettenträgern und Artmännern getödtet wurde?“ „Wahr wie Evangelium, Maſſer Andries, erwiederte der Ne⸗ ger, ernſt aufſchauend und den Kopf ſchüttelnd.„Ich war hier und Sus auch. Das das erſte Mal geweſen, daß wir miteinander Pulver zu riechen bekommen. Die franzöſiſchen Indianer Streifzug gemacht und Maſſer Traverſe und all' ſeine Leute abgeſchnitten, und nicht halben Skalp auf einem einzigen Kopfe gelaſſen. Ja, Sah, ich mich erinnern deſſen, als wenn es geweſen letzte Nacht.“ „Und was geſchah mit den Leichnamen? Ihr habt doch gewiß die Leichname begraben.“ „Gewiß,— Pete, Maſſer Ten Eycks Mann, wurde gelegt in eine Höhle, nahe bei Maſſer Corny's Hütte, welche dahinzu liegen muß, vier oder fünf Meilen von hier; und Maſſer Landvermeſſer und ſeine Leute ſind begraben worden bei einer Quelle dort hin zu. Habe ich recht, Indianer?“ Der Onondago ſchüttelte den Kopf, dann deutete er die wahre Richtung der erwähnten Orte an, woraus hervorging, daß Jaap gar nicht richtig orientirt war. Ich hatte von gewiſſen Abenteuern gehört, bei welchen mein Vater als junger Mann betheiligt geweſen, und wobei auch meine Mutter gewiſſermaßen eine Rolle geſpielt hatte, aber ich wußte von dieſen Ereigniſſen nicht genug, um das nun folgende Geſpräch ganz zu verſtehen. Es ſchien, daß der Ket⸗ tenträger die Vorfälle nur vom Hörenſagen kannte, und nicht ſelbſt an Ort und Stelle zugegen geweſen war, wo ſie ſich ereigneten; aber er legte den lebhaften Wunſch an den Tag, die Gräber der Unglücklichen zu beſuchen. Bis jetzt hatte er noch nicht einmal die Hütte von Mr. Traverſe, dem getödteten Landvermeſſer, beſucht, denn da die Arbeit, mit welcher er beſchäftigt war, darin beſtand, die großen, vor der Revolution ſchon abgemarkten Loostheile in 4 280 kleinere Looſe, zu ſofortigem Verkauf, zu vermeſſen, hatte dieſe De⸗ tailarbeit ihn noch nicht weit weggeführt von dem Centralpunkt, wo er damit begonnen hatte. Der neue Kettenträger, der ihm als Gehilfe dienen ſollte, wurde erſt in ein paar Tagen bei uns erwartet; und nachdem er mit ſeinen beiden Geſellſchaftern die Sache einige Minuten beſprochen, kündigte er ſeinen Entſchluß an, am folgenden Morgen die ſämmtlichen Gräber aufzuſuchen, mit der Abſicht, paſ⸗ ſende Erinnerungsmale ihres Todes daſelbſt anzubringen. Der Abend dieſes Tages war ruhig und köſtlich. Als die Sonne am Untergehen war, machte ich Dus einen Beſuch und fand ſie allein in dem Empfangzimmer, wie ſie ſich ſcherzhaft ausdrückte, ihres Harems. Zum Glück waren da keine Stummen, um mir den Eintritt zu verwehren, denn die Eine ſchwarze Wächterin, welche gewöhnlich da war, befand ſich in der Küche bei ihrer Ar⸗ beit. Sie empfing mich ohne alle Verlegenheit, und einen Sitz an der Schwelle der Thüre einnehmend, fing ich an zu plaudern, während die Herrin des Hauſes auf einem niedern Stuhl mit ihrer Nadel geſchäftig arbeitete. Eine Zeitlang ſchwatzten wir von den Tauben und von unſerer kleinen Reiſe in die Wälder; dann aber nahm unſer Geſpräch unvermerkt eine andere Wendung, und kam auf unſere gegenwärtige Lage, auf die Vergangenheit und die Zu⸗ kunft. Ich hatte des Vorhabens des Kettenträgers erwähnt, die Gräber aufzuſuchen, und bei dieſem Punkte will ich anfangen zu berichten, was von uns geſprochen wurde. „Ich habe eigentlich mehr nur Anſpielungen auf jene traurigen Vorfälle, als die förmliche Geſchichte derſelben erzählen gehört,“ ſagte ich.„Keines von meinen Eltern ſcheint gerne davon zu ſprechen, obwohl ich den Grund hievon nicht weiß.“ „Die Geſchichte iſt in Ravensneſt wo hlbekannt,“ verſetzte Dus, „und ſie wird dort oft erzählt; wenigſtens ſo, wie wunderbare Ge⸗ ſchichten auf ländlichen Anſiedlungen erzählt werden. Ich vermuthe, es iſt ein Gran Wahrheit mit einem Pfund Irrthum vermiſcht.“ 281 „Ich ſehe keinen Grund, eine Sache dieſer Art unrichtig darzu⸗ ſtellen.“ „Der Grund iſt kein anderer, als die allgemeine Sucht nach dem Wunderbaren, welche die meiſten Menſchen treibt, es in einer Geſchichte einzuſchmuggeln, wenn es nicht auf rechtmäßige Weiſe ſchon da iſt. Die ächte Landklatſcherei iſt nie mit der Thatſache an ſich zufrieden. Der Schwätzer oder die Schwätzerin will durch⸗ aus eine matte und ſtumpfe Einbildungskraft in Erfindung ſich üben laſſen. In dieſem Falle jedoch iſt nach Allem, was ich er⸗ fahren, mehr Thatſächliches und weniger Erfundenes als gewöhnlich in Umlauf gekommen.“ Dann ſprachen wir von den Umriſſen der Geſchichte, ſo wie Jedes ſie gehört hatte, und fanden, daß in der Hauptſache unſere Nachrichten zuſammenſtimmten. Bei der Vergleichung jedoch machte ich die Entdeckung, daß ich am liebſten bei den grauſenhaften Zügen der Ereigniſſe verweilte, während Dus leiſe und beinahe unvermerkt, aber unfehlbar, auf die Partieen von milderer Beſchaffenheit, die mehr mit Gefühlen und Empfindungen es zu thun hatten, hinſteuerte. „Eure Erzählung trifft ſo ziemlich mit der meinigen zuſammen, und beide müſſen in der Hauptſache wahr ſein, da Ihr die Eurige von den Hauptperſonen ſelbſt habt,“ ſagte ſie;„aber unſere Klatſchmäuler berichten gewiſſe Umſtände, die auf Liebe und Heirath ſich beziehen, wovon Ihr geſchwiegen habt.“ „So laßt mich die auch hören,“ rief ich,„denn nie war ich in beſſe⸗ rer Stimmung über Liebe und Heirathzu plaudern,“ und ich legte auf letzteres Wort einen ſtarken Nachdruck,„als in dieſem Augenblick!“ Das Mädchen ſchrak zuſammen, erröthete, zog die Lippen zu⸗ ſammen und blieb eine halbe Minute ſtumm. Ich bemerkte, daß ihre Hand zitterte, aber ſie war zu ſehr an außerordentliche Lagen gewohnt, als daß ſie leicht die Geiſtesgegenwart und Selbſtbeherr⸗ ſchung verloren hätte. Es war auch ſchon ziemlich dämmerig, und das Dunkel, worin ſie in der Hütte ſaß, die ſelbſt auch im Schatten 282 großer Bäume ſtand, unterſtützte ohne Zweifel ihre Bemühungen, ſich die Miene der unbewußten Argloſigkeit zu geben. Doch hatte ich mit Wärme geſprochen, und, wie ich bald fühlte, in einer Art, welche eine Erklärung erheiſchte, obwohl im Augenblick ganz ohne Plan und Abſicht, und kaum mir ſelbſt bewußt, was ich that. Ich beſchloß nicht zurückzugehen, ſondern vorwärts zu gehen, wobei ich ohnehin nur dem Drange eines Gefühls folgte, welches nachgerade zu mächtig wurde, als daß ich es noch lange zurückhalten konnte; aber dieß war doch nicht gerade der Augenblick, wo ich zu ſprechen entſchloſſen war, und ich erwartete lieber die natürliche Entwicklung der Sache ab. Mittlerweile ging, nach dem von mir erwähnten kurzen Schweigen, das Geſpräch fort. „Was ich meinte,“ begann Dus wieder,„war nur die bei Euren Pächtern umlaufende Erzählung, die Vermählung Eurer Eltern ſei die Folge geweſen von der Art, wie Euer Vater Her⸗ man Mordaunts Wohnſitz, und darin auch ſeine Tochter, verthei⸗ digte— obgleich Herman Mordaunt ſelbſt einen engliſchen Lord als Schwiegerſohn vorgezogen hätte, und— aber ich darf nicht mehr ſagen von dieſer einfältigen Erzählung.“ „Laß mich Alles hören, betrifft es gleich die Liebe meiner Eltern.“ „Ich glaube gewiß, es iſt nicht wahr; denn wo wäre je ein unter dem großen Haufen umlaufendes Gerücht von individuellen Gefühlen und vom perſönlichen Thun der Einzelnen wahr? Meine Tradition fügt hinzu: Miß Mordaunt ſei anfänglich von den glän⸗ zenden Eigenſchaften des jungen Lords beſtochen geweſen, obgleich ſie am Ende den General Littlepage weit vorzog, und ihre Ehe ſei höchſt glücklich geworden.“ „ Somit hat Eure Tradition meiner Mutter nicht Gerechtigkeit widerfahren laſſen, ſondern iſt in manchen Punkten irrig. Der angebliche junge Lord war nur der Sohn und Erbe eines Baronets, und von meiner guten Großmutter weiß ich, daß meiner Mutter Neigung zu meinem Vater anfing, als ſie noch ein Kind war, und — 283 zwar in Folge davon, daß er eine Unbild, die ſie damals von ei⸗ nem andern Knaben erlitt, mannhaft ahndete und rächte.“ „Das freut mich!“ rief Dus mit ſo auffallendem Nachdruck, daß ich überraſcht war über den Ernſt, womit ſie die Sache nahm. „Nachträgliche Neigungen bei Frauen ſcheinen mir immer etwas Mißliches. Noch eine Epiſode hat meine Tradition, welche von einer Lady erzählt, die ihren Verlobten in der Nacht, wo der Sturm auf das Neſt erfolgte, verloren habe, und ſeither, ſeinem Andenken treu, unvermählt geblieben ſei. Dieſer Theil der Ge⸗ ſchichte hat mich immer beſonders angeſprochen.“ „War ihr Name nicht Wallace?“ fragte ich lebhaft. „Ja wohl,— Mary Wallace— und ich habe den Namen immer in Ehren gehalten, ſeit ich dieſe Geſchichte gehört. In meinen Augen, Mr. Littlepage, gibt es kein ſchöneres und ehrwür⸗ digeres Bild als das einer Frau, die ihrer erſten Neigung treu bleibt unter allen Umſtänden, im Tode wie im Leben.“ „Und in meinen Augen auch nicht, geliebte Urſula!“ rief ich — aber ich will mich nicht als einen Narren ſchildern, indem ich den Verſuch mache zu berichten, was ich weiter ſagte. Die Sache war die, daß Dus während der letzten paar Wochen dergeſtalt ſich meines Herzens bemächtigt hatte, daß alle meine Verſuche, es aus dem Netz zu befreien, worein es verwickelt war, vergeblich geweſen wären, wenn ich dieß auch hätte thun wollen. Aber ich hatte die Sache überlegt, und ich ſah keinen Grund, warum ich mich hätte der Herrſchaft von Urſula Malbone über mein Herz erwehren ſollen. Sie erſchien mir als der Inbegriff von Allem, was ein Mann nur wünſchen konnte, und in ihrer Armuth erblickte ich kein Hinderniß unſerer Verbindung. Ihre Familie und ihre Bildung ſtanden meiner Familie und meiner Bildung gleich; und dieſe ſehr wichtigen Punkte und Rückſichten einmal zugegeben, beſaß ich genug Vermögen für Beide. Unerläßlich war es, daß wir die Gewohn⸗ heiten, Meinungen, Vorurtheile, wenn man will, derſelben Klaſſe 284 im ſocialen Leben beſaßen; aber außer dieſem durften, nach meiner Art die Sache anzuſehen, weltliche Rückſichten keinen Einfluß äußern. Bei ſolchen Vorausſetzungen nun, und getrieben und gelenkt von dem mächtigen Drang einer edeln und männlichen Leidenſchaft ſtrömte ich meine ganze Seele vor Dus aus. Ich ſprach, glaube ich, eine volle Viertelſtunde fort, ohne daß ſie mich nur einmal unterbrochen hätte. Ich wünſchte nicht, die Stimme meiner Ge⸗ ſellſchafterin zu vernehmen, denn ich beſaß die Demuth und Be⸗ ſcheidenheit, welche die unzertrennliche Begleiterin der ächten Liebe ſein ſoll, und fürchtete, die Antwort möchte meinen Wünſchen nicht entſprechen. Ich bemerkte, trotz der wachſenden Dunkelheit, daß Dus lebhaft aufgeregt war, und ich will geſtehen, daß dieſer Um⸗ ſtand in mir eine freudige Hoffnung erweckt. Da ich hiedurch mich ermuthigt fühlte, war es wohl natürlich, daß meine Furcht zurück⸗ trat gegen den Wunſch, meiner Sache gewiſſer zu werden; und ſo drang ich jetzt in ſie, mir eine Antwort zu geben. Nach einer kleinen Pauſe erhielt ich ihre Antwort in folgenden Worten, die ſie mit zitternder Stimme und mit einer ſeelenvollen Rührung ſprach, wodurch ſie ein zehnfaches Gewicht bekamen. „Für dieſe unerwartete, und wie ich glaube aufrichtige Erklärung, Mr. Littlepage, danke ich Euch von Grund meines Herzens,“ begann das köſtliche Geſchöpf.„Es liegt eine Offenheit, eine ehrenhafte Aufrichtigkeit und eine edle Großmuth in einer ſolchen Erklärung von Euch gegen mich, die ich nie vergeſſen werde. Aber ich bin nicht meine eigene Herrin— ich habe mich einem Andern mit meinem Wort verpfändet,— die Gefühle mei⸗ nes Herzens bekräftigen mein Wort, und ich kann einen Antrag nicht annehmen, der, ſo wahrhaft großmüthig und edel, die unum⸗ wundeſte Antwort erheiſcht— Mehr hörte ich nicht, denn ich ſprang vom Boden auf, und, beinahe auf den Knieen— ich konnte mich nicht aufrecht erhalten — ſtürzte ich zur Hütte hinaus und rannte in den Wald hinein. — 285 Sechzehntes Kapitel. Ihr Knaben, die ihr Lenzesblumen pflückt, Wahrt vor der Schlang' euch, deren Stachel zückt! Dryden’s Eclogen. Die erſte halbe Stunde, nachdem ich die Hütte von Urſula Malbone verlaſſen hatte, wußte ich im buchſtäblichen Sinne nicht, wohin ich ging, noch was ich that. Ich kann mich auf Nichts be⸗ ſinnen, als daß ich ganz nahe an dem Onondago vorbei kam, wel⸗ cher verlangend ſchien, mit mir zu ſprechen, dem ich aber mehr halb inſtinktmäßig als in Folge einer beſtimmten Abſicht auswich. In der That brachte mich erſt Erſchöpfung wieder recht zur Be⸗ ſinnung. Ich war Meilen weit darauf zu gewandert, immer tiefer und tiefer in den Wald hinein, und zwar dieß ohne ein Ziel, ohne auch nur zu wiſſen, in welcher Richtung hin ich ging. Bald kam die Nacht und warf ihre Schatten auf die Erde, und ich ſetzte meine zweckloſe Wanderung fort im Dunkel der Stunde, vermählt mit dem Dunkel der Wälder. Ich hatte mich ermüdet durch raſches Gehen auf dem unebenen Waldboden, und endlich warf ich mich nieder auf den Stamm eines gefallenen Baumes, um etwas Ruhe zu genießen. Anfänglich dachte ich Nichts, fühlte ich Nichts, als die leidige Thatſache, daß Dus ſich mit ihrem Wort einem Andern verpfändet habe. Hätte ich mich in Priscilla Bayard verliebt, ſo hätte mich eine ſolche Erklärung nicht ſo ſehr überraſcht, denn ſie lebte in der Welt, kam zuſammen mit Männern von entſprechenden geſellſchaft⸗ lichen Verhältniſſen, Anſichten und Bildung, und man konnte bei ihr leicht vorausſetzen, daß ſie nicht außerhalb des Bereichs und Einfluſſes jener Aufmerkſamkeiten und Gefühle geblieben ſein werde, welche in der Bruſt des Weibes zärtliche Empfindungen zu erwecken pflegen. Bei Dus war ein ganz anderer Fall; ſie war vom 286 Wald weg in die Schule, und von der Schule weg wieder in den Wald gekommen. Zwar konnte ihr Bruder, als Soldat, einen Freund gehabt haben, welcher Urſula bewunderte, und deſſen Be⸗ wunderung ihr jugendliches Herz gerührt hatte; aber das war nur eine entfernte Möglichkeit, und mir blieb doch eine Laſt von Zwei⸗ feln auf dem Herzen zurück, hinſichtlich des Charakters und der Stellung meines Nebenbuhlers. „Jedenfalls muß er arm ſein,“ ſagte ich bei mir ſelbſt, ſo⸗ bald ich kühler über den Gegenſtand nachzudenken vermochte,„ſonſt würde er nimmermehr Dus in der Hütte, unter Kettenträgern und andern rohen, ungeſchlachten Leuten der Gränze ihre Jugend⸗ jahre hinbringen laſſen. Wenn ich ihre Liebe nicht gewinnen kann, ſo kann ich doch vielleicht zu ihrem Glück beitragen, indem ich mich zu dieſem Zwecke der Mittel bediene, die eine gütige Vor⸗ ſehung mir verliehen hat, und ſie in Stand ſetze, ſofort zu hei⸗ rathen.“ Eine kleine Weile bildete ich mir ein, mein eigenes Elend würde dadurch gemindert werden, wenn ich nur Dus verheirathet und glücklich ſähe. Aber dieß Gefühl hielt nicht lange an; obwohl ich hoffe, mein Wunſch, ſie glücklich zu ſehen, blieb, auch nach⸗ dem ſich mir lebhaft das Bewußtſein aufgedrungen hatte, es würde eine lange Zeit vergehen müſſen, bis ich im Stande wäre, einen ſolchen Anblick mit Faſſung zu ertragen. Dennoch hatte der erſte ruhige Augenblick, hatte die erſte Milderung meines Schmerzes, die ich empfand, ihren Grund in dem Bewußtſein, das mich er⸗ füllte: die Vorſehung habe in meine Hand die Macht gegeben, die Verbindung zwiſchen Urſula und dem Mann ihrer Wahl zu be⸗ wirken. Dieſer Gedanke gewährte mir eine kleine Weile wirkliche Freude, und ich ſann im buchſtäblichen Sinn einige Stunden über die Mittel nach, meinen Zweck zu erreichen. Ich dachte in der That noch immer darüber nach, als ich mich auf den gefallenen Baum hinwarf, wo Müdigkeit mich in einen unruhigen Schlaf fallen machte, der, mit abwechſelndem Grade der Bewußtloſigkeit α— ͤ—-6 SͤͤS- 8—— 8SA—— 1 4 f —9 — 287 mehrere Stunden dauerte. Meine Ruheſtätte hatte ich unter den Zweigen des Baumes gewählt, woran noch die Blätter hingen und ſie war nicht ohne ihre Vortheile und Bequemlichkeit. Als ich erwachte, war es Tag— ſo wie das Licht des Tages in den Wald eindringt, ehe die Sonne aufgegangen iſt. Zuerſt hatte ich ein Gefühl von Steifheit und von Schmerzen,— die Folge meines harten Lagers; aber als ich meine Lage änderte und mich aufrichtete, verloren ſich dieſe Empfindungen bald und ich fühlte mich erquickt und ruhig. Zu meiner großen Ueberraſchung jedoch bemerkte ich, daß eine kleine leichte Decke, dergleichen ſich die Jäger im Sommer bedienen, über mich geworfen worden war, deren wohlthuender Wärme ich vermuthlich mehr verdankte als ich ſelbſt wußte; dieſer Umſtand beunruhigte mich zuerſt, da offenbar die Decke nicht ohne Menſchenhände hieher gekommen ſein konnte; ein augenblickliches Nachdenken jedoch überzeugte mich, daß unter den obwaltenden Umſtänden das Ausbreiten derſelben über mich das Werk eines Freundes geweſen ſein müſſe. Ich ſtand jedoch auf, ſchritt an dem Baumſtamm hin, bis wo er keine Aeſte mehr hatte, und ſchaute mich um mit lebhaftem Verlangen, um zu erfahren, wer der unbekannte Freund geweſen ſein möge. Der Platz war ganz wie jeder andere in der Einſamkeit des Waldes. Da war die gewöhnliche Schaar von Stämmen ſtatt⸗ licher Bäume, der Blätterbaldachin, die dunkeln Schatten, die lan⸗ gen Durchblicke, der braune, ungleiche Erdboden, und die feuchte Kühle der gränzenloſen Wälder. Eine hübſche Quelle entſprang an einem Bergabhang ganz in meiner Nähe, und wie ich mich weiter umſah, in der Abſicht mich dem Waſſer zu nähern und daſſelbe zu koſten, erklärte ſich mir ſofort das Geheimniß mit der Decke. Ich ſah den Onondago, regungslos wie einer der Bäume um ihn herum auf ſeine Büchſe gelehnt, wie es ſchien, einen zu ſeinen Füßen liegenden Gegenſtand betrachtend. Nach einer Minute ſtand ich an ſeiner Seite, wo ich denn entdeckte, daß er vor einem menſch⸗ 288 lichen Gerippe ſtand! Das war ein ſeltſamer und befremdlicher Fund mitten im tiefſten Wald! Menſchen ſpielten ſo wenig eine Rolle, wurden ſo ſelten geſehen in den Urwäldern von Amerika, 4 daß man natürlich mehr betroffen war, wenn man ein ſolches hand⸗ greifliches Zeugniß menſchlicher Gegenwart an einem ſolchen Orte fand, als es der Fall geweſen ſein würde, wenn man in bevölker⸗ teren Diſtrikten darauf geſtoßen wäre. Der Indianer ſtarrte die Gebeine mit einem ſo tiefen Intereſſe an, daß er mein Herannahen entweder nicht hörte oder es gar nicht beachtete. Ich mußte ihn. mit einem Finger anrühren, bis er auch nur aufſchaute. Froh 1 über einen Vorwand, einer Erklärung meines eigenen ſeltſamen Beginnens auszuweichen, ergriff ich mit Begierde die Gelegenheit, die ſich in Folge eines ſo ungewöhnlichen Anblicks darbot, von andern Dingen zu ſprechen. „Das muß ein gewaltſamer Tod geweſen ſein, Sureflint,“ 4 ſagte ich,„ſonſt wäre der Leichnam nicht unbegraben geblieben. h Der Mann iſt in einem Kampfe der rothen Krieger getödtet 3 1 worden.“ „War begraben,“ antwortete der Indianer, ohne die mindeſte Ueberraſchung über meine Berührung oder beim Laut meiner J Stimme zu verrathen.„Dort, ſehen Grab? Erde weggeſpült, 1 und Beiner heraus gekommen. Nichts ſonſt. Wiſſen, daß begra⸗ ben, denn geholfen ſelbſt.“ 9 „Ihr wißt alſo Etwas von dieſem Unglücklichen und von der 3 4 Urſache ſeines Todes?“ s „Gewiß, Alles von ihm wiſſen. Getödtet in alt franzöſiſch Krieg. Vater hier, und Oberſt Follock; Jaap auch. Huronen ſie S Alle getödtet; nachher, wir geſchlagen Huronen. Ja, das alte Ge⸗ ſchichten jetzt.“ 3 3 „ Ich habe Etwas davon gehört! Dieß alſo muß die Stelle h geweſen ſein, wo ein gewiſſer Landvermeſſer Traverſe vom Feind überfallen und mit ſeinen Kettenträgern und Artmännern erſchlagen w cher eine ika, nd⸗ orte ker⸗ die hen ihn roh men eit, von it,“ ben. dtet eeſte iner ült, gra⸗ der ſiſch ſie Ge⸗ telle eind gen wurde. Mein Vater und ſeine Freunde fanden die Leichname und begruben ſie, ſo gut es ging.“ „Gewiß; ganz ſo; aber doch ärmliches Begraben, ſonſt nicht aus der Erde hervor kommen. Dieß Gebeine von Landvermeſſer; ſie wohl kennen ich; hat einmal ein Bein gebrochen. Da, Ihr ſehen die Spur.“ „Sollen wir ein neues Grab graben, Susqueſus, und dieſe Ueberreſte noch einmal beerdigen?“ „Am beſten, jetzt nicht. Kettenträger im Sinne haben das thun. Er bald hier ſein. Haben jetzt etwas Anderes zu bedenken. Euch gehören alles Land hier herum, ſo nicht nöthig zu eilen.“ „Ich vermuthe, daß es meinem Vater und Obriſt Follock ge⸗ hört. Dieſe Männer wurden auf dem Beſitzthum erſchlagen, wäh⸗ rend ſie die großen Loostheile vermaßen. Ich meine gehört zu haben, daß ſie ihre Arbeit in dieſem Bezirke des Patents noch weit nicht vollendet hatten, welche dann auch aufgegeben wurde wegen der damaligen Unruhen.“ „Ganz ſo; und wem nun gehören die Mühle hier?“ „Es iſt keine Mühle in der Nähe, Susqueſus; es kann keine Mühle da ſein; denn nicht ein Aere Land von dem Gute Mooſe⸗ ridge iſt je verkauft oder verpachtet worden.“ „Mag ſo ſein— aber doch Mühle hier— gar nicht weit von hier. Ich kennen Mühle, wenn eine hören. Säge ſprechen laut.“ „Ihr hört doch gewiß jetzt nicht die Säge einer Mühle, mein Freund? Ich kann Nichts hören, was dem Geräuſche gliche.“ „Nicht hören jetzt, das wahr. Aber ſie hören bei Nacht. Ohr gut,— bei Nacht— hören weit hin.“ „Darin habt Ihr ganz recht, Susqueſus. Und Ihr habt geglaubt, von dieſem Platze aus den Lärm einer Säge gehört zu haben in der tiefen Stille der vergangenen Nacht?“ „Gewiß; gut kennen; deutlich genug hören. Nicht eine Meile weit entfernt. Hier hinaus zu; hier ſie finden.“ Der Kettenträger. 19 290 Das war noch befremdender als das Finden des Gerippes. Ich hatte eine rohe überſichtliche Karte des Patents in der Taſche; und wie ich darauf nachſah, fand ich, daß wirklich ein Mühlbach darauf angegeben war, ganz nahe der Stelle, wo wir ſtanden. Auch ſprach das Ausſehen der Wälder und die Formation des Terrains ganz dafür, daß in der Nähe eine Mühle angelegt ſein könne. Es fand ſich hier eine Menge Fichtenholz, und die Hügel begannen nachge⸗ rade faſt zu Bergen anzuſchwellen. Langes Faſten und die Bewegung, die ich mir gemacht, hatten meinen Appetit ſehr geſchärft, und in Einer Beziehung wenigſtens war es mir nicht leid, daß ſich menſchliche Wohnungen in der Nähe finden ſollten. Wenn Leute in dieſem Walde hausten, ſo waren es Squatters, aber ich hegte eben keine Beſorgniß für meine perſönliche Sicherheit bei der Begegnung mit ſolchen Men⸗ ſchen; zumal da für jetzt mein einziger Zweck war, Etwas zu eſſen zu ſuchen. Das Aufſchlagen einer Mühle war freilich eine ent⸗ ſchiedene Demonſtration, und ein wenig Nachdenken würde mir geſagt haben, daß ihre Inhaber wohl keine Freude haben würden über einen plötzlichen Beſuch des Vertreters der Eigenthümer des Bodens. Andererſeits waren die Hütten mehrere lange Meilen weit entfernt, und weder Sureflint noch ich hatten das Mindeſte voon Lebensmitteln bei uns. Wir waren auch Beide hungrig, ob⸗ gleich der Onondago ſich daraus Nichts machte,— eine ſtoiſche Gleichgültigkeit, in welcher ich, in Folge größerer Verweichlichung, es ihm nicht gleichthun konnte. Sodann hegte ich auch den leb⸗ haften Wunſch, dieß Räthſel mit der Mühle zu löſen, neben einem fieberiſchen Verlangen nach irgend einer neuen Aufregung, als Gegengewicht gegen das heftig und bitter an mir nagende Gefühl einer getäuſchten, vereitelten Liebe. Hätte ich nicht den Charakter meines Begleiters, und die Schärfe und Sicherheit der Sinne der Indianer ſo gut gekannt, ſo hätte ich wohl Bedenken tragen mögen, mich zu einem Gang SBS ESe SSͤS—D 291 zu entſchließen, welcher als der Einfall eines Narren erſcheinen konnte. Aber gewiſſe Umſtände, damals noch von friſchem Da⸗ tum, waren vorhanden, welche einigermaßen des Onondago's Vermuthung unterſtützten— wenn Vermuthung der rechte Name iſt für ſeine ganz beſtimmte Angabe und Verſicherung. Urſprüng⸗ lich ſah und ſprach New⸗York den Connektikut als einen Theil ſei⸗ ner öſtlichen Gränze an, aber große Schaaren von Anſiedlern waren. über dieſen Strom gezogen, hauptſächlich aus der anſtoßenden Ko⸗ lonie New⸗Hampſhire kommend, und dieſe Leute waren ſchon einige Zeit vor der Revolution furchtbar geworden durch ihre Stellung und Zahl. Während dieſes Kampfs hatten dieſe abgehärteten Berg⸗ bewohner im Ganzen einen den Kolonien günſtigen Geiſt kund ge⸗ geben, obgleich jede Spur von einer Abſicht, ihre Anſprüche feſt⸗ zuſetzen, von ihnen mit der Drohung beantwortet wurde, ſich für neutral zu erklären. Mit Einem Wort, ſie waren patriotiſch ge⸗ nug, wenn man ihnen hinſichtlich ihres Beſitzes freie Hand ließ, zu thun, was ſie wollten, aber ſie waren es nicht in dem Grade, daß ſie ſich der regelmäßigen Handhabung von Geſetz und Recht unter⸗ worfen hätten. Gegen das Ende des Krieges waren die Häupter dieſer ſelbſtgeſchaffenen Kolonie mehr als verdächtig, mit den eng⸗ liſchen Behörden zu liebäugeln; nicht als ob ſie die Regierung der Krone, oder irgend eine andere Autorität, ihrer eigenen vorgezogen hätten, ſondern weil die Zeiten günſtig waren, ihre Neutralität auf dieſe Weiſe auszuſpielen, als ein Mittel, ihnen den Beſitz von Ländereien zu ſichern; denn ihre Rechtstitel darauf ließen, auf dem gewöhnlichen Wege, Raum für große Anfechtung und Beſtreitung, um das Wenigſte zu ſagen. Die Schwierigkeit wurde auch durch den Frieden von 1785 keineswegs beſeitigt zſondern die Grafſchaf⸗ ten oder Bezirke, welche damals gleicherweiſe unter den Namen Vermont und Hampſhire⸗Grants bekannt waren, exiſtirten gewiſſer⸗ maßen als ein Volk für ſich, ohne noch die Gewalt der Conföde⸗ ration anzuerkennen; auch traten ſie noch unter der Conſtitution 19* 292 von 1789 nicht eher in die Union ein, als bis Alle um ſie herum es gethan hatten und der letzte Funke von Oppoſition gegen das neue Syſtem erſtickt war. Es iſt ein Prinzip in der Moral wie in der phyſiſchen Natur, daß Gleiches Gleiches hervorbringt. Das Recht bewährt und rächt ſich immer ſelbſt im Verlauf der Ereigniſſe, und die Sünden der Väter werden heimgeſucht an den Kindern bis in die dritte und vierte Generation, in ihren traurigen Folgen. Es war unmöglich, daß das Beiſpiel ſolchen Unrechts in großem Maaßſtab mit Glück auf⸗ und durchgeführt wurde, ohne daß es bethörte Nachahmer reizte, daſſelbe zu thun in einer Art und nach einem Maaßſtabe, wie ſie den Lüſten individueller Habgier beſſer entſprachen. Wahr⸗ ſcheinlich kommen immer zwei Squatter oder ſonſtige geſetzloſe und geſetzwidrige Eindringlinge in unſere unbeſetzten Ländereien, die von Vermont herüberzogen, auf Einen, der aus den andern be⸗ nachbarten Staaten kam,— je nach dem Verhältniß der ganzen Einwohnerzahl gerechnet. Ich wußte, daß der Bezirk Charlotte, wie Waſhington damals hieß, ſolchen Uebergriffen ganz beſonders ausgeſetzt war; und ich empfand keine große Ueberraſchung bei der Ausſicht, auf einige Früchte der Saat zu ſtoßen, welche den Grünen Bergen entlang ſo verſchwenderiſch ausgeſtreut worden war. Es mochte jedoch daraus entſtehen, was da wollte, ich war entſchloſſen, über die Thatſachen ſo bald wie möglich in's Klare zu kommen, und hatte den doppelten Zweck, meinen Hunger und meine Neugier zu befriedigen. Der Indianer war ganz gleichmüthig und fügte ſich meiner Entſcheidung, als verſtehe ſich dieß von ſelbſt. „Da Ihr glaubt, es ſei dort, weſtlich von uns, eine Mühle, Sureflint,“ bemerkte ich, nachdem ich die Sache bei mir überlegt hatte,„ſo will ich hinüber und ſie ſuchen, wenn Ihr mir Geſell⸗ ſchaft leiſten wollt. Ihr glaubt doch wohl, ſie finden zu können, hoffe ich, da Ihr wißt, in welcher Richtung ſie ſtehen muß?“ „Gewiß— ſie finden leicht genug. Finden zuerſt Bach— 293 dann finden Mühle. Haben Auge— haben Ohr— nicht ſchwer zu finden. Säge gehört eine gute Weile.“ Damit beruhigte ich mich und winkte meinem Genoſſen, auf⸗ zubrechen. Susqueſus war ein Mann der That, nicht der Worte; und binnen einer Minute ſchritt er mir voran einer Stelle im Walde zu, welche ſo ausſah, als könne dort das Bett des Baches ſich befinden, der in der Nähe fließen mußte, da er auf der Karte angegeben war. Die Art von Inſtinkt, welche Trackleß beſaß, ließ ihn dieſen kleinen Fluß bald finden. Er war voll Waſſer und hatte eine gelinde Strömung; ein Umſtand, den der Indianer ſofort als ein Anzeichen deutete, daß die Mühle weiter aufwärts liegen müſſe, da der Damm den Fall des Waſſers müßte gehemmt haben, wenn wir über demſelben geweſen wären. So wandte ſich denn mein Be⸗ gleiter flußaufwärts, und ſchritt mit derſelben ſchweigenden Beharr⸗ lichkeit weiter, womit er auf dem Pfad, der zu ſeinem Wigwam führte, getrottet haben würde, wäre er in der Nähe deſſelben geweſen. Wir waren noch nicht fünf Minuten am Ufer des Flüßchens hingewandert, als der Trackleß urplötzlich Halt machte, wie Einer, der auf ein unerwartetes Hinderniß ſtößt. Ich war bald an ſeiner Seite, begierig, den Grund ſeines Stehenbleibens zu erfahren. „Jetzt bald ſehen Mühle,“ verſetzte Susqueſus auf eine Frage von mir.„Holz genug— herabkommen Fluß, ſo ſchnell als es nur wünſchen.“ Und wirklich kamen Dielen auf dem Flüßchen herunter ge⸗ ſchwommen, viel reichlicher als Einem, der am Beſitze des Gutes betheiligt war, erwünſcht ſein konnte, falls er nicht die Gewißheit hatte, daß ihm ſein Antheil an dem Erlös derſelben nicht entgehe. Dieſe Dielen kamen nicht in Flößen und nicht zuſammengekoppelt, ſondern einzeln, oder zwei und drei auf einander, wie wenn weiter unten eine Vorrichtung getroffen wäre, um ſie anzuhalten, ehe ſie an Untiefen, Fälle und Strudel geriethen. Dieß Alles ſah ganz 294 und gar nach einer regelmäßigen Fabrikation von Nutzholz aus, wobei die Abſicht zu ſein ſchien, auf den Märkten der Städte am Hudſon Verkäufe zu machen. Der kleine Fluß, an welchem wir uns befanden, ergoß ſich in den genannten ſtattlichen Strom, und wenn ſich einmal das Produkt unſerer Berge auf dem letzteren be⸗ fand, ſo ſtand der Verführung deſſelben in die ganze bewohnbare Welt kein weſentliches phyſiſches Hinderniß mehr im Wege. „Das ſieht in der That aus wie ein förmlich betriebenes Ge⸗ werbe, Sureflint,“ ſagte ich, ſobald ich gewiß war, daß mein Auge mich nicht täuſchte.„Wo man Dielen macht, da können Menſchen nicht weit weg ſein. Ordentlich geſchnittenes Holz wächst nicht in den Wäldern, wenn ſchon das rohe Material, woraus es gemacht wird.“ „Mühle das thun. Kannte Mühle, wir ſie hören. Sprechen deutlich genug. Bleichgeſicht bauen Mühle, aber der rothe Mann ein Ohr haben zu hören damit.“ Das war Alles ganz wahr, und es handelte ſich jetzt nur noch darum, was daraus entſtehen würde. Ich will geſtehen, daß, als ich dieſe verrätheriſchen Dielen den kleinen, gekrümmten Fluß herunter ſchwimmen ſah, ich ein Zucken in den Nerven fühlte, als empfände ich mit Gewißheit, daß auf dieſen Anblick ein für mich ſehr wichtiges Ereigniß folgen werde. Ich wußte, daß dieſe geſetz⸗ loſen Holzhändler einen ſchlimmen Namen im Lande hatten, und daß ſie allgemein als eine Art Plünderer betrachtet wurden, welche kein Bedenken trugen, ſich und ihr Gewerbe durch Gewaltthaten und Tücken zu vertheidigen, zu welchen ſie ſich durch die Umſtände be⸗ rechtigt wähnten. Es iſt eine der böſen Früchte des Verbrechens, wo es in die Maſſen eindringt, daß die große Menge ihm einen beſſeren Schein und Anſtrich zu geben, ja ſogar ein angebliches Verdienſt zuzuſchreiben vermag, wodurch alle ſittlichen Grundſätze erſchüttert werden; denn in den Augen der Unwiſſenden wird ſo das Falſche wahr, und das Böſe gewöhnlich dem Guten vorgezogen. 295 Dieß iſt eine der Arten, wie die Gerechtigkeit ſich ſelbſt rächt, 3 unter Leitung der göttlichen Vorſehung; die von ganzen Gemein⸗ ſchaften begangenen unrechten Handlungen wirken auf ſie ſelbſt zurück in Geſtalt einer Entſittlichung, welche bald ihre verdiente Strafe herbeiführt. Es blieb jedoch nicht viel Zeit zu Betrachtungen und Ver⸗ muthungen; denn als wir wieder unſeren Marſch antraten, wurden wir bei der nächſten Krümmung des Fluſſes einer Strecke deſſelben anſichtig, wo ein Halbdutzend Männer und junge Burſche im Waſſer beſchäftigt waren, je zwei oder drei Dielen auf einander zu legen und ſie an ſolchen Stellen, welche ihr Hinabtreiben begünſtigten, in die Strömung zu bringen. Bäume, mit Ketten zuſammen⸗ gehalten, hielten die verworrene Maſſe in einer Art von Becken unter niedrigen Felſen, an deren Rande die erwartete Mühle ſelbſt ſtand. Hier alſo lag der augenſcheinliche Beweis vor, daß Squat⸗ ters ganz ſyſtematiſch beſchäftigt waren, die Wälder, über welchen ich zu wachen hatte, ihrer werthvollſten Bäume zu berauben, indem ſie allem Recht und Geſetz auf's Keckſte Hohn ſprachen. Dieſe Um⸗ ſtände erheiſchten große Entſchloſſenheit, verbunden mit der äußerſten Umſicht. Ich war ſo weit gegangen, daß ſchon der Stolz mir nicht erlaubt haben würde, zurückzutreten, hätte nicht auch das Gefühl der Pflicht gegenüber von meinem Vater und Obriſt Fol⸗ lock mich in dem Entſchluſſe beſtärkt, weiter zu gehen. Der Leſer hegt vielleicht den Wunſch, zu erfahren, in wie fern Dus während dieſer ganzen Zeit meine Gedanken beſchäftigte. Sie war mir nie ganz aus dem Sinne gekommen, obgleich die meiner Neigung gewordene Zurückweiſung meine Gefühle in eine Aufregung verſetzte, die mich mehr als gewöhnlich geneigt machte, mich auf ein keckes und gefährliches Abenteuer einzulaſſen. Wenn ich für Urſula Malbone Nichts war, ſo lag wenig daran, was ſonſt aus mir wurde. Dieß Gefühl herrſchte in mir vor, und ich bin ſeither immer der Meinung geweſen, daß Susqueſus einigermaßen um 296 meinen Gemüthszuſtand wußte, und den Grund der halben Ver⸗ zweiflung verſtand, mit welcher ich der Gefahr in den Rachen zu rennen bereit war. Wir waren bis jetzt noch ganz den Blicken der Leute entzogen; und der Indianer benützte dieſen Umſtand, um NRath zu pflegen, ehe wir uns in die Gewalt von Menſchen be⸗ gaben, welche es leicht ihrem Intereſſe mehr gemäß finden konnten, uns aus dem Wege zu räumen, als uns zu geſtatten, je die Un⸗ ſerigen wieder zu ſehen. Aber hiebei ließ ſich Sureflint durchaus nicht von der Sorge um ſeine Perſon beſtimmen, ſondern lediglich von dem Wunſch, ſo zu handeln, wie es einem erfahrenen Krieger auf einem ſehr ſchwierigen Kriegspfad geziemte. „Denken, Ihr wiſſen,“ ſagte Susqueſus;„ſie nicht gute Männer ſein— Varmounter Squatter— Ihr glauben, Euch gehören das Land— ſie auch glauben, ihnen gehören das Land. Führen Büchſen, und thun, wie ihnen gefällt. Am beſten, ſie be⸗ obachten.“ „Ich glaube, ich verſtehe Euch, Susqueſus, und ich werde daher auf meiner Hut ſein. Habt Ihr ſchon einen oder den an⸗ dern dieſer Männer früher geſehen?“ „Glauben ſo, ja. Müſſen begegnen allen Arten Menſchen, beim Hin⸗ und Herwandern im Wald. Verzweifelter Squatter, der alte Mann dort drüben. Sich nennen Tauſendacres— ſagen, ihm immer gehören tauſend Acres, wenn er habe Luſt, ſie zu ſuchen.“ „Der Gentleman muß mit Gütern reich geſegnet ſein! Tau⸗ ſend Acres machen ein recht hübſches Anweſen aus für einen unſtet Herumſtreifenden, zumal wenn er das Privilegium hat, es auf ſei⸗ nen Reiſen mit ſich zu nehmen. Ihr meint den Mann mit grauen Haaren, vermuthe ich,— den, der halb in Bockleder gekleidet iſt?“ „Gewiß!— Das alte Tauſendacres— ihm nie mangeln Land— es nehmen, wo er es finden. Geboren drüben bei groß Salzſee, er ſagen, und gereist ſein der untergehenden Sonne zu ſeit Knabenjahren. Immer ſich ſelbſt helfen und nehmen,— ein 297 Hampſhire⸗Grants⸗Mann das. Aber Major, warum er nicht recht haben, ebenſo wie Ihr?“ „Weil unſere Geſetze ihm kein Recht einräumen, während ſie dem Erbeigenthümer ein vollkommenes Recht einräumen. Es iſt eine der Bedingungen der Geſellſchaft, in welcher wir leben, daß die Menſchen Einer des Andern Eigenthum anerkennen und achten, und dieß iſt nicht ſein Eigenthum, ſondern das meinige,— oder viel⸗ mehr es iſt das Eigenthum meines Vaters und Obriſt Follocks.“ „Dann das beſte, das nicht ſagen. Nicht nöthig, was zu ſagen. Nicht Euer Land, ſagen nicht Euer Land. Wenn er Euch halten für Spion, vielleicht er ſchießen auf Euch, he? Bleichge⸗ ſichter erſchießen Spion; rothe Mann halten Spion brave Kerl.“ „Spionen können nur in Kriegszeiten erſchoſſen werden; aber, es ſei Krieg oder Frieden, Ihr glaubt doch nicht, dieſe Leute wer⸗ den es auf's Aeußerſte treiben? Sie werden doch Scheu haben vor dem Geſetz!“ „Geſetz!— Was ihnen das Geſetz?— Nie geſehen Geſetz— nicht nahe kommen dem Geſetz;— es nicht kennen.“— „Nun, ich werde mich der Gefahr ausſetzen; denn der Hunger treibt mich eben jetzt nicht minder als die Neugier und das Inter⸗ eſſe. Es iſt jedoch nicht nöthig, Sureflint, daß Ihr Euch aus⸗ ſetzt; bleibt Ihr hier ſtehen und wartet die Folgen ab. Wenn man mich zurückhält, könnt Ihr dem Kettenträger die Nachricht bringen, der dann weiß, wo er mich zu ſuchen hat. Bleibt Ihr hier und laßt mich allein weiter gehen— Adieu!“ Aber Sureflint ließ ſich nicht in ſolcher Weiſe abſchütteln. Er ſagte Nichts, aber im Augenblick, wo ich mich in Bewegung ſetzte, trat er ruhig an ſeinen gewohnten Platz vor mir und ſchritt mir voran auf die Gruppe der Squatters zu. Vier dieſer Männer waren in dem Fluß beſchäftigt, außer zwei ſtämmigen Jungen und dem alten Anführer, der, wie ich nachmals erfuhr, ziemlich all⸗ gemein bekannt war unter dem Spitznamen Tauſendacres. Der —— 299 gangen, daß es Einem verwehrte, Tauben zu fangen, wäre es auch auf den Stoppelfeldern eines Andern. Ich muß aber die Säge bei Nacht beſſer ſchmieren laſſen; aber eigentlich glaube ich, war es doch wohl eher das Einſchneiden der Zähne, was Ihr ge⸗ hört habt, als die Reibung der Fläche?“ „Alles gehört haben— Säge haben laute Stimme, ich Euch das ſagen.“ „Ja, ja, das hat ſeine Richtigkeit. Kommt, wir wollen dieſen Pfad einſchlagen zum Hauſe hinauf, und ſehen, was Miß Tauſendacres für Euch thun kann. Das Frühſtück muß jetzt fertig ſein; und Ihr und Euer Freund hinter Euch dort ſeid willkommen bei Allem, was wir haben, ſo wie es eben iſt. Nun, während wir dahin gehen,“ fuhr der Squatter fort, indem er auf dem er⸗ wähnten Pfad uns voranſchritt,„nun, unterwegs könnt Ihr mir die Neuigkeiten erzählen, Trackleß. Das iſt ein verzweifelt ſtiller Platz; und alle Neuigkeiten, die wir erhalten, kommen uns durch die Knaben zu, wenn ſie den Fluß herauf zurückkommen vom Holz⸗ flößen in den Strom hinab. Eine verzweifelte Menge haben wir da in der Nähe fertig, und ich hoffe zu hören, daß die Sachen in Albany ſo gut ſich machen, daß Dielen bald was eintragen. Es iſt hohe Zeit, daß ehrliche Arbeit ihren Lohn ernte.“ „Nicht wiſſen,— nie verkauft Dielen,“ antwortete der In⸗ dianer—„auch nie gekauft. Mich nicht kümmern um Bretter. Pulver wohlfeil, jetzt, weil Kriegspfad geſchloſſen. Das gut, Ihr wohl auch ſo denken?“ „Nun, Trackleß, ich bekümmere mich mehr um Bretter, als um Pulver, das muß ich geſtehen; obgleich Pulver auch nützlich iſt. Ja, ja, Pulver iſt ein ganz nützliches Ding in ſeiner Art. Wildpret und Bärenfleiſch— Beides iſt eine geſunde, wohlfeile Nahrung; und ich habe auch ſchon Pantherkatzen gegeſſen. Pulver kann nützlich ſein in vielfacher Weiſe. Wer iſt Euer Begleiter, Trackleß?“ 298 Letztere blieb auf dem trockenen Boden, ohne Zweifel weil er dachte, ſeine Jahre und ſeine langen Dienſte in der Sache der Geſetzloſigkeit und der ſozialen Desorganiſation berechtigten ihn zu dieſem kleinen Vorzug. Im Reiche des Böſen gibt es ebenſo, wie in jedem Gemeinweſen, Privilegien. Das Erſte, was die Squatters von dieſem unerwarteten Be⸗ ſuch in Kenntniß ſetzte, war das Krachen eines dürren Steckens, auf welchen ich getreten hatte. Der Indianer ſelbſt beachtete und deutete dieſen wohlbekannten Laut nicht mit größerer Raſchheit als der alte Squatter, der mit Blitzesſchnelle den Kopf herumwandte, und auf einmal den Onondago nur eine Ruthe weit von der Stelle entfernt ſah, wo er ſelbſt ſtand. Ich folgte dem Indianer auf der Ferſe. Anfänglich ſprach ſich weder Ueberraſchung noch Unruhe in dem Geſicht Tauſendacres' aus. Er kannte den Trackleß, wie er Susqueſus nannte, und obgleich dieß der erſte Beſuch des India⸗ ners gerade auf dieſer„Lokation“ war, hatten ſie ſich doch früher ſchon oft in ähnlicher Weiſe begegnet, und immer eben ſo un⸗ vorbereitet und unangekündigt. Weit entfernt daher, daß irgend eine unangenehme Empfindung in der Miene des Saguatters ſich ver⸗ rathen hätte, ward Susqueſus vielmehr mit einem Lächeln begrüßt, in welchem ein gewiſſer ſchlauer, lauernder Ausdruck mit der Freund⸗ lichkeit des Willkomms gemiſcht war. „So ſeid alſo nur Ihr es, Trackleß,“ rief Tauſendacres, nich dachte ſchon, es könnte ein Sheriff ſein. Solche Geſchöpfe kommen manchmal in die Wälder hinaus, wißt Ihr; obwohl ſie nicht immer wieder zurückkommen. Wie habt Ihr uns aufgefunden, Onondago, an dieſem ſchlau verſteckten Ort?“ „Mühle hören, bei Nacht. Säge haben laute Zunge. Hung⸗ rig; deßwegen gekommen, was zu eſſen.“ 1 „Wohl, in dieſem Punkte habt Ihr weislich gehandelt, denn wir ſind nie beſſer daran geweſen mit Viktualien. Tauben gibt es ſo reichlich als Land; und das Geſetz iſt noch nicht ſo weit ge⸗ —jꝑ —— 300 „Alter junger Freund— kennen ſeinen Vater. Im Walde leben jetzt, wie wir, dieſen Sommer. Schießen Wild wie Jäger.“ „Er iſt willkommen— er iſt herzlich willkommen! Alles iſt willkommen in dieſer Gegend, außer dem Grundherrn. Ihr kennt mich, Trackleß— Ihr ſeid gut bekannt mit dem alten Tauſend⸗ acres, und wenige Worte ſind am beſten zwiſchen alten Freunden. Aber ſagt mir, Onondago, habt Ihr Etwas geſehen von dem Kettenträger dieſen Sommer in den Wäldern, und von ſeiner Bande geſetzloſer Landvermeſſer? Die Knaben brachten die Nachricht mit, er ſei dieſen Sommer hier herum in der Nähe beſchäftigt, und treibe wieder ſeine alten Schliche und Streiche.“ „Gewiß, ihn geſehen. Auch alter Freund ſein, Kettenträger. Gelebt mit ihm vor altem franzöſiſchen Krieg— gerne mit ihm leben, wenn es möglich. Guter Mann, Kettenträger, Euch ſagen das, Tauſendacres. Was für Schliche und Streiche er treiben, he?“ Der Indianer ſagte dieß in etwas finſterem Tone, denn er liebte den alten Andries zu ſehr, als daß er ohne eine gewiſſe Er⸗ bitterung mit Mißachtung von ihm reden hören konnte. Aber dieſe Männer waren zu ſehr an eine aufrichtige, derbe Sprache in ihrem gewöhnlichen Verkehr gewohnt, als daß ſie Kleinigkeiten ernſtlich übel genommen hätten; und der freundliche Sonnenſchein des Ge⸗ ſprächs erlitt keine bedenkliche Unterbrechung durch dieſe vorüber⸗ ziehende Wolke. „Was für Schliche und Streiche der Kettenträger treibe, Track⸗ leß?“ verſetzte der Squatter;„Schliche und Streiche, daß man ſich darüber zu Tod ärgern möchte, mit ſeinen verfluchten Meß⸗ ketten! Gäbe es keine Ketten und Kettenträger, ſo könnte es auch keine Vermeſſer geben; und gäbe es keine Vermeſſer, ſo könnte es keine Gränzen geben bei den Gütern, als die Büchſe; und die iſt der beſte Geſetzgeber und Rechtsanwalt, wovon man je gewußt hat. Die Indianer brauchen keine Landvermeſſer, Trackleß?“ „Glauben, nein. Es ſchlimm ſein, Land vermeſſen, das ich —Vr ——— —x— 301 will geſtehen,“ antwortete der gewiſſenhafte Susqueſus, der ſeine eigenen Grundſätze nicht verläugnen wollte, während er doch den Mann verachtete und verdammte, der ſie jetzt in Anwendung brachte und behauptete.„Nie etwas Gutes daran geſehen, Land zu ver⸗ meſſen.“— „Ja, ich wußte, daß Ihr von der ächten indianiſchen Raſſe ſeid!“ rief Tauſendacres triumphirend,„und das iſt es, was uns Squatters und euch Rothhäute zu ſo guten Freunde macht. Aber Kettenträger iſt ganz in der Nähe beſchäftigt, Trackleß?“ „Gewiß. Er ausmeſſen General Littlepage's Gut. Wer Euer Grundherr, he?“ „Ha, ich glaube, es iſt eben dieſer Littlepage, und einen ver⸗ zweifelten Schelmen nennen ihn Alle einſtimmig.“ Ich fuhr auf, als ich meinen geehrten und ehrenwerthen Vater in ſolcher Weiſe nennen hörte, und verſpürte große Neigung, die Beleidigung zu ahnden, aber ein Blick vom Auge des Indianers ermahnte mich zur Vorſicht in dieſer Sache. Ich war damals noch jung, und hatte erſt noch zu lernen, daß man ſelten an Andern ein Unrecht begeht, ohne ſie auch nur zu verleumden. Jetzt weiß ich, daß dieſe Praris, falſche Gerüchte über Grundherren in Umlauf zu ſetzen, namentlich in Betreff ihrer Rechtstitel, ſehr allgemein iſt, und ihren Grund hat in der feindlichen Stellung, welche Abenteurer immer auf ihren Beſitzungen gegen ſie einnehmen, in einem noch ſo wenig befeſtigten und ſo wanderluſtigen Lande, wie das unſerige, unterſtützt noch von der ſo gewöhnlichen und ge⸗ meinen Leidenſchaft des Neides. Möge Einer ſelbſt heutiges Tages . durch New⸗York reiſen und den Reden der mißvergnügten Wirths⸗ hausſchreier und Renommiſten ſein Ohr leihen, er würde am Ende kaum noch glauben, daß es irgend einen wohlbegründeten Rechts⸗ titel gebe auf ein Gut von irgend einigem Umfang in den Gränzen des Staates, noch auch, daß irgend ein Rechtstitel eines im Beſitz befindlichen Inhabers auf ein Pachtgut unbegründet ſei. Es gibt 302 unter uns eine Klaſſe von Deklamatoren, die von einem geſell⸗ ſchaftlichen Zuſtand herkommen, wo im Vermögen und in den ſo⸗ zialen Verhältniſſen keine großen Unterſchiede beſtehen, und die nicht fähig ſind, die ungeheuren Unterſchiede zu ſehen, noch weni⸗ ger, ſie richtig zu würdigen, welche durch Lebensgewohnheiten, Anſichten und Bildungsart begründet werden, ſondern alle geiſti⸗ gen und moraliſchen Ungleichheiten auf Dollars und Cents zurück⸗ führen. Dieſe Männer ſtreiten und hadern beſtändig mit allen über ihnen Stehenden, und Hadern iſt bei ihnen Verleumden. Sie ver⸗ bünden ſich mit den Unzufriedenen, deren es immer gibt, zumal, wenn die Leute angehalten werden, ihre Schulden zu bezahlen, und ihr erſtes Beginnen iſt, den Rechtstitel der Grundherren, wenn etwa einer in ihrer Nachbarſchaft ſich befindet, durch Lügen und Verleumdungen anzugreifen. Ausnahmen von der Regel ſcheinen nicht ſtatuirt zu werden, denn dieſe Praxis wird gegen die älteſten, wie gegen die in jüngſter Zeit bewilligten Beſitzungen bei uns an⸗ gewendet. Die Lüge variirt nur in den einzelnen Punkten und Umſtänden; aber ſie richtet ſich gleichmäßig gegen die Rechts⸗ und Beſitztitel der alten Familien Van Renſſelaer, Livingſton, Beekman, Van Cortlandt, de Landcey, Schuler und Andere, wie gegen die hundert neuen Namen, welche ſeit der Revolution in den ſogenann⸗ ten weſtlichen Grafſchaften aufgetaucht ſind. Es iſt die Lüge des Vaters der Lügen, der ſie ſo oder ſo einrichtet und umgeſtaltet, je nach den Umſtänden und nach den Eigenſchaften der davon zu Ueberzeugenden.„Einen verzweifelten Spitzbuben“ nennen Alle einſtimmig den Mann, welchem das Land gehört, das ſie ſelbſt gerne beſäßen, ohne die widerwärtige Mühe, es zu kaufen und zu bezahlen. Ich beherrſchte mich jedoch ſo weit, daß ich nichts auf die Schmähung gegen meinen geradſinnigen, geliebten und edelmüthigen Vater erwiederte, ſondern ſeine Vertheidigung der freundſchaftlichen Geſinnung und der gediegenen Rechtlichkeit Sureflints überließ. 303 „Nicht ſo,“ antwortete der Indianer finſter.„Dicke Lüge das— geſpaltene Zunge ſagen das— kennen General— mit ihm gedient haben— ihn wohl kennen. Guter Krieger— ehr⸗ licher Mann— das Lüge. Ihm das ſagen in's Geſicht!“ „Wohl— wohl— ich weiß das nicht,“ brummte Mr. Tau⸗ ſendacres,— wie dieſe Schurken mit ihren ‚wohl, wohl!’ und ‚ich weiß das nicht,“ bei der Hand ſind, wenn man ihnen bei ihren verleumderiſchen Reden auf den Leib geht und ihnen Mann gegen Mann entgegentritt, wie jetzt der Indianer dem Squatter!— „Wohl, wohl, ich weiß das nicht, und wiederhole nur, was ich habe ſagen hören. Aber hier ſind wir bei der Hütte, und ich ſehe an dem Rauch, daß die alte Prudence und ihre Mädels dieſen Morgen ſchon fleißig geweſen ſind, und wir bald eine Stärkung für den Magen bekommen werden.“ Hierauf blieb Mr. Tauſendacres an einem bequemen Platze neben dem Fluſſe ſtehen und begann ſich Geſicht und Hände zu waſchen,— eine Operation, die er für heute zum erſten Mal vornahm. Siebzehntes Kapitel. Ein Landmann, ſchlichten Soritt genaht, Vor des Monarchen Stuhl er trat, Sein Gruß einfach und roh; Nicht Kopf noch Leib er neigt und bückt, Den Arm nur auf den Ti cj er drückt, Und dann beginnt er Marmion. Während der Squatter ſo beſchäftigt war, ſeine Toilette zu machen, ehe er ſeinen Morgenimbiß einnahm, hatte ich einen Augen⸗ blick Muße, mich umzuſehen. Wir waren zum Niveau der Mühle hinangeſtiegen, wo ein offener, halbgelichteter Platz war, von etwa ſechzig Acres Ausdehnung, ganz roh und nachläſſig angebaut. Strünke und Stumpen waren im Ueberfluſſe da, und die Um⸗ 304 zäunungen beſtanden aus Holzklötzen, ſo daß man ſah, der Platz war noch vor nicht langer Zeit okkupirt worden. In der That hatte, wie ich nachmals erfuhr, Tauſendacres mit ſeiner Familie von hoffnungsvollen Söhnen und Töchtern, im Ganzen über zwanzig Seelen betragend, ſich erſt gerade vor vier Jahren hier als Squatter niedergelaſſen. Der Mühlplatz war vortrefflich, denn die Natur hatte dafür faſt Alles gethan, was man nur wünſchen konnte, ob⸗ gleich die Mühle ſelbſt ſo kunſtlos und unſolid war, als ein ſolches Gebäude nur ſein konnte. Der Ackerbau nahm, wie man deutlich ſah, die Zeit der Familie nur ſehr wenig in Anſpruch, welche nur ſo viel Land anbaute, um davon leben zu können, während alles Holz auf's emſigſte benützt und verarbeitet wurde. Eine ungeheure Zahl ſtattlicher Fichten war gefällt worden, und man ſah auf allen Seiten Dielen und Latten im Ueberfluß. Einige wenige der er⸗ ſteren waren auf den Markt geſchickt worden, um die augenblick⸗ lichen Bedürfniſſe der Familie in allerlei Artikeln, die zum Lebens⸗ unterhalt gehörten, zu befriedigen; die Abſicht war aber, das Anſchwellen des kleinen Fluſſes nach den ſtarken Regengüſſen abzu⸗ warten, um dann die große Maſſe der.Waaren nach der großen Verkehrs⸗Pulsader, dem Hudſon, zu ſchicken, und dann den vollen Lohn für die Mühen des Sommers und Herbſtes zu ernten. Ich ſah auch, daß dieſe Familie ſich durch Heirathen noch weiter mußte ausgedehnt haben, denn ſie nahm nicht weniger als fünf Hütten ein welche alle aus Holzblöcken und Scheitern friſch errichtet waren, und ein Ausſehen von Feſtigkeit und Behaglichkeit hatten, das man nicht hätte erwarten ſollen bei Leuten, die einen ſo unzuverläſſigen Rechtstitel auf den Beſitz hatten. Dieß Alles deutete, wie mir ſchien, auf das Vorhaben hin, den Platz noch nicht ſo bald zu verlaſſen. Wahrſcheinlich waren einige der älteſten Söhne und Töchter verheirathet, und der Patriarch ſah ſchon eine neue Generation von Squatters um ſich her emporſchießen. Wenige von den jungen Männern waren ſichtbar, um die verſchiedenen Hütten herum ſchleudernd, und von der Mühle drang jener eigen⸗ thümliche, ſchneidende, knarrende Ton herüber, welcher mitten im Walde die Aufmerkſamkeit von Susqueſus ſo entſchieden erregt und ihn auf die Spur geleitet hatte. „Tretet ein, Trackleß,“ rief Tauſendacres, mit einem herzlichen, offenen Weſen, welches zeigte, daß, was leicht gewonnen ward, auch ebenſo willig mitgetheilt wurde,„tretet ein, mein Freund zich weiß Euren Namen nicht, aber das hat nicht viel zu ſagen, wo genug da iſt für uns Alle, und ein herzlicher Willkomm in den Kauf. Da iſt die alte Frau, willig und bereit, Euch zu dienen, und mit einer ſo lächelnden Miene wie ein Mädel von fünfzehn Jahren.“ Der letzte Satz ſeiner Rede jedoch war nicht ganz richtig. Miß Tauſendacres, wie der Squatter bisweilen großthuend ſeine Ehehälfte nannte, die Mutter ſeiner jungen Brut, empfing uns keineswegs mit Lächeln und Willkomm. Sie war eine alte Frau von ſcharfen Zügen, lebhaften grauen Augen; ihre Gedanken wa⸗ ren hauptſächlich mit der Sorge für ihre Kinder beſchäftigt, und ihre Menſchenliebe erſtreckte ſich nicht leicht über dieſen Kreis hin⸗ aus. Sie war ſelbſt Mutter von vierzehn Kindern geweſen, von welchen noch zwölf am Leben waren. Alle hatte ſie geboren unter den Mühſeligkeiten, den Entbehrungen und in der Einſamkeit erſtoh⸗ lener Wohnplätze in der Wildniß. Dieß Weib hatte ſo viel durch⸗ gemacht, daß die Geſundheit von einem Halbdutzend der gewöhn⸗ lichen Weſen ihres Geſchlechts dadurch hätte gebrochen und ihr Muth und ihre Heiterkeit vernichtet werden müſſen; aber ſie hatte Alles überſtanden, und lebte noch als daſſelbe ſtandhafte, hartarbei⸗ tende, ſelbſtverläugnende, duldende Geſchöpf, das ſie von den Tagen ihrer Blüthe und Schönheit an geweſen war. Man hätte meinen können, dieſe Ausdrücke ſeien Spott und Hohn, wenn man die alte Prudence ſo gelb, abgemagert, mit eingeſunkenen Wangen, hohlen, glanzloſen Augen und zahnloſem Munde ſah, wie ich ſie jetzt erblickte; aber trotzdem fand man noch an dem Weibe die Spu⸗ Der Kettenträger. 20 306 ren großer Schönheit; und ich erfuhr ſpäter, daß ſie einſt auf ihren heimiſchen Bergen zu den Schönſten unter den Schönen gezählt worden war. Während des ganzen Verkehrs, den ich ſpäter mit ihrer Familie hatte, war das Weſen und Benehmen dieſer Frau ängſtlich, mißtrauiſch, ſtets beſorgt, und hatte eine auffallende Aehn⸗ lichkeit mit dem von weiblichen Thieren, welche um die Sicherheit ihrer Jungen angefochten ſind. Die Art, wie ſie uns bei ihrer Mahlzeit willkommen hieß, war weder herzlich noch das Gegentheil; denn bei den Amerikanern iſt es eine ſo gewöhnliche, ſich von ſelbſt verſtehende Sache, ihre Mahlzeit mit Fremden zu theilen, daß man wenig davon ſpricht oder daran denkt. Trotz der großen Anzahl der Glieder der Familie Tauſend⸗ acres', war doch die Hütte, in welcher er wohnte, nicht ſehr voll. Die jüngern Kinder der Anſiedlung, im Alter von vier bis zwölf Jahren, ſchienen unter die ſämmtlichen Wohnungen vertheilt zu ſein, und bei den Schüſſeln zuzulangen, wo gerade ein Platz für ſie frei war, etwa wie die Ferkel, die ſich an jeder Oeffnung eines Troges herdrängen. Das Geſchäft des Eſſens begann gleichzeitig in der ganzen Anſiedlung, nachdem Prudence auf einer Muſchel⸗ ſchaale das Signal dazu geblaſen hatte. Ich war zu hungrig, um mit Schwatzen Zeit zu verlieren, und hieb aus Leibeskräften auf das grobe, kunſtloſe Eſſen ein, ſobald es nur anging. Alle an unſerem Tiſche folgten meinem Beiſpiele, denn nur die mehr ver⸗ feinerten und geiſtiggebildeten Menſchen ſind es, welche regelmäßig ihre Mahlzeiten mit Geſprächen würzen. Bei den Squatters hatte das Thieriſche zu ſehr das Uebergewicht, als daß ſie eine Ausnahme von der Regel gemacht hätten. Endlich war der allgemeine Hunger geſtillt, und ich bemerkte, daß die um mich herum Sitzenden mich mit etwas mehr Neugier zu beſichtigen anfingen, als ſie vorher an den Tag gelegt hatten. Im Schnitt meiner Kleidung lag vielleicht Nichts, was Argwohn erregen konnte, obwohl ich einige Beſorgniß hegte wegen der Be⸗ hren ählt mit Frau ehn⸗ heit hrer heil; elbſt man end⸗ voll. wölf t zu für ines eitig chel⸗ um auf e an ver⸗ äßig zHatte ihme rkte, ier tten. vohn Be⸗ 307 ſchaffenheit des Stoffes. In jener Zeit waren die verſchiedenen Klaſſen der Geſellſchaft durch die Kleidung ſehr auffallend von ein⸗ ander geſchieden, und keiner machte den Verſuch, die Tracht eines Gentleman anzunehmen, wenn er nicht gewiſſe Anſprüche hatte, für einen ſolchen zu gelten. In den Wäldern jedoch war es der Brauch, allen Schmuck und Putz abzulegen, und ich trug als Oberkleid das ſchon erwähnte Jagdhemd. Diejenigen Stücke, welche am leichteſten meine Stellung im Leben hätten verrathen können, waren zum Glück von dieſer Hülle verdeckt und konnten der Beobachtung entgehen. Unſere Tiſchgeſellſchaft war auch klein, und beſtand, außer den Eltern und den zwei Gäſten, aus einem jungen Mann und einem Mädchen von etwa zweiundzwanzig und ſechzehn Jahren, welche die Mutter als Zephaniah und Lowiny anredete,— letzterer Name eine der ſo gewöhnlichen amerikaniſchen Entſtellun⸗ gen eines ſchönen Namens, aus einem Buche— Lavinia vermuth⸗ lich. Dieſe beiden jungen Perſonen benahmen ſich bei Tiſche mit vieler Beſcheidenheit, denn der alte Tauſendacres und ſeine Gat⸗ tin hatten, trotz ihrer geſetzloſen Lebensweiſe, doch in Beziehung auf Dinge dieſer Art noch viel von der alten puritaniſchen Zucht unter ihren Kindern beibehalten. In der That, ich war erſtaunt über den eigenthümlichen Kontraſt zwiſchen der ihnen zur andern Natur gewordenen Aufmerkſamkeit, womit Alle auf der Niederlaſ⸗ ſung gewiſſe Regeln der Art beobachteten, und der Gewißheit, die ſie doch Alle haben mußten, daß ſie Tag für Tag Vergehen ſich zu Schulden kommen ließen, die nicht nur den Geſetzen des Landes, ſondern dem allgemeinen, angebornen Rechtsbewußtſein zuwider liefen. In dieſem Punkte ſah man, was man ſo oft im Leben beobachten kann, wie die Reſte von alten Angewöhnungen und Grundſätzen in der Geſtalt der Gewohnheit ſich noch erhalten, lange nachdem das Weſen und der Gehalt, woraus ſie hervorgegangen, verſchwunden iſt. „Habt Ihr die Leute wegen des Kettenträgers gefragt?“ ſagte 20* 308 Prudence plötzlich, ſobald Meſſer und Gabeln weggelegt waren, und während wir noch am Tiſche ſaßen.„Ich fühle eine Beſorg⸗ niß vor dieſem Manne, wie nie vor einem andern.“ „Sei ohne Furcht wegen des Kettenträgers, Weib,“ antwortete der Mann.„Er hat ſeine Arbeit für den Sommer vor ſich, ohne in unſere Nähe zu kommen. Nach den letzten Nachrichten hat der junge Littlepage, den der alte Schelm von Vater in die Gegend geſchickt hat, ihn auf ſeine eigene Anſiedlung hinübergenommen, wo er ihn, wie ich rechne, wohl behalten wird, bis das kalte Wetter eintritt. Laß mich nur einmal all des Holzes ledig werden, das wir geſchnit⸗ ten haben, und es verkaufen, ſo kümmere ich mich ſehr wenig um den Kettenträger oder ſeinen Herrn.“ „Das ſind kecke Reden, Aaron; aber erinnert Euch nur, wie oft wir geſquattet haben, und wie oft wir vertrieben worden ſind. Ich denke, ich ſpreche vor Freunden, wenn ich das ſage.“ „Hier darfſt du Niemand fürchten, Weib.— Trackleß iſt ein alter Bekannter, und hat ſo wenig Geſchmack an den Rechtstiteln des Geſetzes als Einer von uns; und ſein Freund iſt unſer Freund.“ Ich geſtehe, daß mir bei dieſer Bemerkung etwas unbehaglich zu Muthe ward; aber da der Squatter in ſeiner Rede fortfuhr, war für mich keine Gelegenheit, Etwas zu erwiedern, hätte ich auch dazu Luſt gehabt.„Was das Weiterziehen betrifft,“ fuhr der Mann fort,„ſo bin ich nie fortgezogen, außer zweimal, ohne Be⸗ zahlung zu erhalten für meine Meliorationen.— Nun nenne ich das einen guten Handel für einen Mann, der nicht weniger als ſiebzehn Mal geſquattet hat. Wenn das Allerſchlimmſte eintritt, ſo ſind wir jung genug, um zum achtzehnten Mal zu ziehen und uns anzuſiedeln. Wenn ich nur das geſchnittene Holz an Mann bringe, ſo frage ich wenig nach allen Littlepage's oder Greatpage's; an der Mühle iſt nicht viel, ohne das Geſchirr, und das hat, ſo wie es iſt, die ganze Reiſe von Varmount mit uns gemacht und iſt an's Ziehen gewöhnt. Es kann noch weiter wandern.“ d 309 „Ja, aber das geſchnittene Holz, Aaron— das Waſſer iſt jetzt ſeicht, und Ihr könnt es nicht zu Markte bringen, bis die Flüſſe wieder ſteigen, was vielleicht in den nächſten drei Monaten nicht geſchieht. Denkt nur, wie viele Tage Arbeit Euch und uns Alle das Holz gekoſtet hat, und wie mächtig viel wir davon zu verlieren haben!“ „Ja, aberwirwerden esnicht verlieren, Weib,“ verſetzte Tauſend⸗ acres, die Lippen zuſammenpreſſend und die Hände ballend, ſo daß man wohl ſah, wie ſtart ſeine eigenen Gefühle waren, wo es ſich um ſein, wenn auch noch ſo unehrlich erworbenes Eigenthum han⸗ delte.„Mein Schweiß und meine Arbeit ſtecken in den Dielen, und die ſind immerhin ſo gut als Saft. Wofür ein Mann ſchwitzt, darauf hat er auch ein Recht.“ Dieß war zwar eine etwas weit führende Moral, denn es kann auch Einer dabei ſchwitzen, wenn er ſeines Nächſten Hab' und Gut fortträgt; aber ein ziemlicher Theil des menſchlichen Geſchlechts iſt ſehr geneigt nach Grundſätzen zu argumentiren und in ſeinen Gefühlen ſich davon beſtimmen zu laſſen, die nicht wahrer und vernünftiger ſind als der erwähnte des alten Tauſendacres. „Wohl,“ verſetzte das Weib.„Wahrlich, ich möchte Euch und die Jungen nicht die Früchte Eurer Arbeit verlieren ſehen; nein, wahrlich nicht. Ihr habt redlich gearbeitet und Euch abge⸗ müht an den Klötzen, in einer Art, die ich nie von menſchlichen Weſen übertroffen ſah; und es wäre hart,“ und hiebei faßte ſie mich beſonders ſcharf in's Auge;„jetzt, nachdem ihr die Bäume gefällt, ſie zur Mühle geſchleppt und zu Dielen zerſägt habt, einen andern Mann auftreten zu ſehen, der Alles als ſein Eigen⸗ thum in Anſpruch nähme. Das könnte nimmermehr recht ſein, ſondern es iſt gegen alle Gerechtigkeit, ſei es die von Varmount oder von York. Ich denke, es iſt kein großes Unrecht, wenn ich nun auch frage, was wohl Euer Name ſein mag, junger Mann?“ „Ganz und gar kein Unrecht,“ antwortete ich, mit einer Selbſt⸗ 310 beherrſchung, die, wie ich wohl ſah, den Onondago hoch erfreute. „Mein Name iſt Mordaunt.“ „Mordaunt!“ wiederholte das Weib raſch;„wiſſen wir nichts von dieſem Namen? Iſt das ein befreundeter Name für uns Leute von Varmount? Wie iſt es, Aaron? Ihr müßt das wiſſen.“ „Nein, ich muß das nicht wiſſen, denn ich habe nie früher von einem ſolchen Namen gehört. So lang es nur nicht der Name Littlepage iſt, kümmere ich mich nichts darum.“ Ich fühlte mein Herz erleichtert bei dieſer Antwort, denn ich will geſtehen, daß der Gedanke, in die Gewalt dieſer geſetzloſen Leute zu gerathen, mir nichts weniger als angenehm war. Von Tauſendacres bis hinab zu dem Burſchen von ſiebzehn Jahren ſtan⸗ den ſie Alle ſechs Fuß hoch da; und eine ſtämmigere, breitſchulti⸗ gere, muskulöſere Raſſe ſah man nicht leicht. Ihnen mit Gewalt ſich zu widerſetzen, davon konnte gar keine Rede ſein. Ich war ganz ohne Waffen; der Indianer war etwas beſſer gerüſtet; aber nicht weniger als vier Büchſen lagen in dieſer einen Hütte auf den Leiſten; und ich zweifle nicht daran, daß jedes männliche Mitglied der Familie ſeine eigene Waffe beſaß. Die Büchſe war das erſte Erforderniß für Männer dieſes Schlages, da ſie eben ſo gute Dienſte leiſtete, ihnen Nahrung zu verſchaffen, als ſie gegen ihre Feinde zu ſchützen. In dieſem Augenblick ſtieß Prudence einen langen Seufzer aus, und ſtand vom Tiſche auf, um wieder an ihre häuslichen Arbeiten zu gehen. Lowiny folgte ihrem Beiſpiel in unterwürfigem Schweigen, und wir Männer ſchlenderten unter die Thüre der Hütte, wo ich eine neue Anſicht gewann von der Beſchaffenheit die⸗ ſer Meliorationen, welche Tauſendacres ſo hoch anſchlug, und von dem Umfang des Raubes, der an dem Beſitzthum Obriſts Follocks und meines Vaters verübt worden war. Dieſer war keineswegs unbedeutend, und wurde ſpäter von ſachverſtändigen Männern zu einem Werth von vollen tauſend Dollars geſchätzt. Natürlich waren ———-„-—— 311 dieſe tauſend Dollars ganz verloren, ſofern von Vergütung und Erſatz in baarem Gelde ganz und gar nicht die Rede ſein konnte bei Männern von dem Schlage, zu welchem Tauſendacres und ſeine Söhne gehörten. Dieſe Art Leute ſagen gar gerne:„Ich garantire dieß und das,“„ich mache mich verbindlich, dieß und das zu thun;“ aber die Garantie und die Verpflichtung ſind gänz⸗ lich werth⸗ und bedeutungslos. In der That ſind Diejenigen, welche am wenigſten einer wirklichen Verantwortlichkeit gewachſen und dazu geneigt ſind, am freigebigſten mit ſolchen Verſicherungen und Verpfändungen ihres Wortes. „Das iſt ein ſchöner Platz,“ ſagte Tauſendacres, deſſen eigent⸗ licher Name Aaron Timbermann war.„Das iſt ein ſchöner Platz, Mr. Mordaunt; ein Platz, welchen zu verlaſſen Einem ſchwer fallen würde, auf das Geheiß eines Mannes, der ihn nie mit einem Auge geſehen hat. Seid Ihr irgend bekannt mit dem Ge⸗ ſetz und Recht?“ „Ein klein wenig; nicht mehr, als wir Alle es werden, wenn wir ſo durch's Leben dahinwandern.“ „Ihr ſeid auf dieſer Reiſe noch nicht weit gekommen, junger Mann, wie Jeder aus Eurem Geſicht leſen kann. Aber Ihr habt wohl gute Gelegenheiten gehabt, wie Einer leicht errathen kann aus Eurer Sprache, die nicht ganz ſo iſt wie die unſerige hier in den Wäldern, woraus ich mir wohl abnehmen kann, daß Ihr mögt eine beſſere Schule genoſſen haben als gewöhnlich iſt. Das kann Einer merken, wenn auch ſeine eigene Gelehrſamkeit nicht hoch geht.“ Dieſe Vorausſetzung Aarons, daß meine Redweiſe, Ausſprache, Accent und Vortrag Folge und Frucht der Schulbildung ſei, war vielleicht natürlich genug, obwohl wenige Perſonen in dieſen Be⸗ ziehungen es zu einer gewiſſen Vollkommenheit bringen, wenn ſie nicht ſchon in ihrer Kindheit durch ihre Umgebung und ihren Ver⸗ kehr daran gewöhnt werden. Was die gewöhnlichen Schulen von 312 New⸗York betrifft, ſo pflanzen ſie vielmehr nur Irrthümer und Fehler in dieſer Hinſicht fort, als daß ſie ſie berichtigten; und einer der wichtigſten Schritte zur Verbeſſerung und Hebung derſelben würde ſein, wenn man dafür Sorge trüge, daß die Lehrer genaue und richtige Belehrung über Laut und Aus⸗ ſprache, wie über die Bedeutung der Wörter ertheilten. Unter dem gegenwärtigen Syſtem werden fehlerhafte Angewöhnungen durch überlegte Belehrung und durch Beiſpiel mehr beſtärkt als berichtigt. „Mein Schulunterricht,“ antwortete ich, beſcheiden genug, hoffe ich,„iſt etwas beſſer geweſen, als der gewöhnliche, aber doch nicht ſo gut, wie Ihr ſeht, daß er mich zurückgehalten hätte, in die Wälder zu gehen.“ „Das kann ganz Sache der Neigung ſein. Manche Leute haben eine natürliche Liebhaberei für die Wildniß, und es heißt gegen den Strom ſchwimmen und iſt beinahe vergeblich, wenn man Anſiedlungsleute aus ihnen zu machen ſucht. Wißt Ihr vielleicht, was dieſen Herbſt geſchnittenes Holz einzubringen verſpricht?“ „Alles nimmt einen Aufſchwung ſeit dem Frieden, und man kann mit Recht erwarten, daß auch geſchnittenes Holz, ebenſo wie andere Güter, einen ſchönen Preis bekommen wird.“ „Wohl, es iſt auch einmal Zeit! Während des ganzen Krieges hat eine Diele nicht viel mehr gegolten, als ein Streifen Rinde, wenn es nicht etwa in der Nähe eines Heeres war. Wir Holz⸗ leute haben eine entſetzlich böſe Zeit gehabt dieſe letzten acht Jahre her, und mehr als einmal habe ich mich verſucht gefühlt, die Sache aufzugeben, hinzugehen, und mich in einer Lichtung anzu⸗ ſiedeln, wie ruhigere Leute; aber ich dachte, da auch die Welt ein⸗ mal ein Ende haben wird, ſo muß doch wohl vorher noch der Krieg zu einem Ende kommen.“ „Dieſe Berechnung war ziemlich ſicher; der Krieg muß frei⸗ lich für Euch eine verdrießliche Zeit geweſen ſein; auch ſehe ich und und bung die us⸗ inter ngen als nug, doch in leute heißt man icht, man wie eges nde, olz⸗ ahre die 313 nicht recht ein, wie Ihr durch die Jahre Euch durchſchluget, die er währte.“ „Schlecht genug; obgleich auch Kriegszeiten ihre Glücksfälle haben ſo gut als Friedenszeiten. Einmal nahm der Feind eine Maſſe von Kontinentalvorräthen weg, wie Schweinefleiſch, Mehl, Neu⸗Engländer Rum, und ſie boten alle Geſpanne, nah und fern, auf, ihre Beute fortzuführen, und mein Schlitten mit Pferden mußte auch mit Dienſte thun. Nun, wir zogen wirklich mit, und ich bekam eine ſo ſchöne Ladung, als Ihr nur je auf einem Laſt⸗ ſchlitten geſehen habt; was ich ſo nenne: ein rechtes Aſſortiment, und zwar eines, das ganz nach meinem Geſchmack war, denn ich lud es ſelbſt mit meinen eigenen Händen auf. Es war in einer waldigen Gegend, wie Ihr Euch wohl denken könnt, ſonſt wäre ich nicht um den Weg geweſen; und da ich alle Nebenwege wohl kannte, erſah ich meine Gelegenheit und machte mich, ohne daß man es merkte, aus meiner Reihe heraus und fuhr ſo ſtracks mei⸗ nem Heimweſen zu, als käme ich eben von einem Handel auf der nächſten Anſiedlung zurück. Das war die profitabelſte Reiſe, die ich je gemacht, und was noch mehr iſt, es war eine ganz kurze.“ Hier hielt der alte Tauſendacres inne, um zu lachen, und das that er ſo unbefangen und herzlich, als ob ſein Gewiſſen nie eine Sorge gekannt hätte. Dieſe Geſchichte war, wie ich mir einbilde, eine Lieblingserinnerung von ihm, denn ich hörte ihn während der kurzen Zeit unſeres Verkehrs mit einander nicht weniger als drei⸗ mal auf die Heldenthat anſpielen, von der ſie handelte. Ich be⸗ merkte, daß bei Erzählung dieſer Anekdote das erſte Lächeln im Geſichte Zephaniah's ſichtbar wurde, ſeit ich ihn ſah; obwohl ich nicht ermangelt hatte, zu bemerken, daß der junge Mann, ein wahres Ideal von zwar roher, ländlicher, aber kraftvoller und wohlgeſtalter Mannhaftigkeit in ſeiner äußern Erſcheinung, bei jeder Gelegenheit ein ſcharfes Auge auf mich hatte, in einer Weiſe, die mich einigermaßen beunruhigte. 314 „Das war ein für Euch glücklicher Frohndienſt,“ bemerkte ich, ſobald Aaron zu lachen aufgehört hatte;„falls Ihr Euch nicht ge⸗ müßigt glaubtet, die Güter den Kontinental⸗Beamten zurückzugeben.“ „Kein bischen davon! Der Kongreß war arm genug, das gebe ich gern zu; aber er war doch reicher als ich war oder je ſein werde. Wenn einmal ein Beſitzthum den Herrn gewechſelt hat, ſo geht auch der Rechtstitel mit; und Manche ſagen, auch die Lände⸗ reien, die vom König herrühren, ſollten jetzt an das Volk fallen, ſo wie eben die Leute derſelben benöthigt ſeien. Es liegt Vernunft und Recht in der Idee, glaube ich gewiß; und es ſollte mich nicht wundern, wenn ſie dereinſt vor dem Geſetze Geltung erlangte.“ Ach, ach! Wieder die ſchwache ſündhafte Menſchennatur! Selten begeht Einer Unrecht, ohne daß er auch ſeinen Scharfſinn aufböte, um Entſchuldigungen dafür zu finden. Wenn ſo ſein Geiſt durch den Einfluß ſeiner Leidenſchaften, und ganz beſonders durch den der Habgier verkehrt worden iſt, ſo bildet er ſich unfehlbar ein, es beſtün⸗ den neue Grundſätze zu Gunſten ſeiner Plane und Entwürfe, und legt einen Eifer an den Tag, ſie zu entdecken, der, wenn er ihn für eine gute Sache aufböte, ihn zu einem Segen ſtatt zu einem Fluche für ſeine Gattung machen würde. Aber die Spitzbüberei iſt ſo rüſtig und emſig, während die Tugend ſo gern träge und paſſiv iſt, daß, bei dem ewigen zwiſchen ihnen beſtehenden Kampf, das, was durch die Wahrheit und die inwohnende Kraft der letzteren gewonnen wird, gar oft mehr als neutraliſirt wird durch die uner⸗ müdliche Thätigkeit der erſteren. Hierin, fürchte ich, dürfte ſich auch die ſchwache Seite unſerer Inſtitutionen finden. So lange das Geſetz die Autorität eines Individuums repräſentirt, mag perſönlicher Stolz und Eiferſucht ein Sporn zu beſtändiger Wachſamkeit ſein; aber wenn das Geſetz das Gemeinweſen repräſentirt, hat es eine getheilte Verantwortlichkeit im Gefolge, wo die Aufregung uner⸗ träglicher Mißbräuche erforderlich iſt, bis es ſich zu ſeiner kräftigen Selbſtvertheidigung ermannt. Das Reſultat iſt nur wieder ein Bew Ange die C titel beſit tragn die 2 nerſe mögl bered regel⸗ einen Mord er de nicht Geſet Krieg gut ſ ſie ge ſer H demſe und 4 Bedit it de einige keine ruhig inem berei und mpf, teren ner⸗ ſich das icher ſein; eine ner⸗ tigen ein 315 Beweis, daß bei der Handhabung und Führung der gewöhnlichen Angelegenheiten des Lebens die Menſchen ſich ſtärker erweiſen als die Grundſätze. „Habt Ihr wohl ſchon Gelegenheit gehabt, einen Eurer Beſitz⸗ titel vor einem Gerichtshof geltend zu machen gegen den eines Land⸗ beſitzers, der ſein Recht von einer förmlichen Verleihung und Ueber⸗ tragung ableitete?“ fragte ich, nachdem ich einen Augenblick über die Wahrheit, die ich ſo eben ausgeſprochen, nachgedacht hatte. Tauſendacres ſchüttelte den Kopf, ſah zur Erde, und ſann ſei⸗ nerſeits eine kleine Weile nach, ehe er mir folgende Antwort gab: „Gewiß,“ ſagte er,„wir wünſchen Alle, das Recht, wo möglich, auf unſerer Seite zu haben, und einige von unſern Leuten beredeten mich, ſo zu ſagen, ich ſolle einmal förmlich gegen einen regelmäßigen Grundherrn auftreten. So ließ ich mich denn in einen Streit vor Gericht mit ihm ein; aber ich unterlag, Mr. Mordaunt, gerade wie wenn ich ein Hühnchen geweſen wäre, und er der Falke, der mich in ſeinen Krallen hielt. Ihr werdet mich nicht wieder dran kriegen, daß ich mich wieder den Krallen des Geſetzes anvertraute, obgleich das ſchon vor dem alten franzöſiſchen Kriege geſchah. Ich werde nie mehr dem Geſetze trauen. Es mag gut ſein für die Reichen, die ſich nicht zu kümmern brauchen, ob ſie gewinnen oder verlieren; aber das Geſetz iſt ein verzweifelt bö⸗ ſer Handel für Denjenigen, der nicht Geld genug hat, um ſich mit demſelben zurecht zu finden.“ „Und wenn nun Mr. Littlepage entdeckte, das Ihr hier ſeid, und geneigt wäre, eine Uebereinkunft mit Euch zu treffen, welche Bedingungen wäret Ihr wohl geneigt, Euch gefallen zu laſſen?“ „Oh, ich bin nie gegen das Handeln und Unterhandeln. Das i*ſt der Geiſt des Lebens; und in Betracht, daß General Littlepage einiges Recht hat, wie ich das ſchon zugeben kann, würde ich ihm keine harte Bedingungen machen. Wenn er die Sache ſtill und ruhig behandeln und keinen Lärm darüber anfangen wollte, ſondern 316 das Weſen Männern, und zwar Männern von der rechten Art über⸗ laſſen wollte, ſo würde ich mich nicht unbereitwillig finden laſſen; denn ich gehöre zu den Leuten, welche Prozeſſe haſſen, und ich bin immer bereit, zu thun, was recht iſt; und ſo ſollte er mich ſo bereit finden zur Anſiedlung als nur irgend Einen auf ſeinen Ländereien.“ „Aber auf welche Bedingungen? Ihr habt mir noch nichts von den Bedingungen geſagt.“ „Was die Bedingungen betrifft, da würde ich in keiner Weiſe hart ſein. Kein Menſch kann behaupten, daß der alte Tauſendacres je harte Bedingungen ſtellte, wenn er ſich in vortheilhafter Lage befand. Das liegt gar nicht in meiner Natur, welche ganz zu dem ſich hinneigt, was vernünftig und billig iſt. Nun ſeht Ihr, Mordaunt, wie die Sachen zwiſchem dieſem Littlepage und mir ſtehen. Er hat einen papiernen Rechtstitel, ſagt man mir, und ich habe thatſächlich Beſitz genommen, worin immer eines Squatters Rechts⸗ anſpruch beſteht; und das iſt immer ein guter Rechtsanſpruch, wo Fichtenholz im Ueberfluß, ein Mühlplatz und ein bequemer Markt ſich findet.“ Hier hielt Tauſendacres wieder inne, um zu lachen, denn dieß pflegte er auf ſo herzhafte Weiſe und in ſolchen Bruſttönen zu thun, daß es ihm ſchwer ward, in Einem Athem zu lachen und zu ſprechen. Aber ſobald er mit dem Lachen fertig war, vergaß er doch nicht, in ſeiner Rede fortzufahren. „Nein, kein Menſch, der ſich auf die Wälder verſteht, wird dieſe Vortheile widerſprechen,“ fuhr der Squatter fort;„ich bin jetzt im Beſitze und Genuß von alle Dem. Nun alſo, General Littlepage, wie ſie ihn hier herum nennen, hat einen papiernen Beſitztitel, und ich habe wirklich Beſitz ergriffen. Er hat die Rechts⸗ höfe auf ſeiner Seite, das will ich zugeben; aber hier ſind meine Meliorationen— dreiundſechzig ſo große Aeres abgeholzt und zur Mühle geſchleppt, als man in ganz Charlotte oder Washington, wie man mir ſagt, daß der Diſtrikt jetzt genannt werde, finden mag.“ ſeru wißt der erhö zu b das könn erſten Flüf Mül ſo ſah und mehr Eure offen Man dami ſeht, wohl eine ſagen und! nicht das H thun und und 7 ſich im na mag, über⸗ laſſen; ich bin bereit keien.“ nichts Weiſe dacres rLage nz zu t Ihr, ſtehen. habe techts⸗ h, wo Markt n dieß thun, eechen. nicht, wird ch bin eneral iernen echts⸗ meine d zur 317 „Aber General Littlepage hält es vielleicht für keine Verbeſ⸗ ſerung, wenn er ſein Land des Fichtenholzes beraubt findet. Ihr wißt ſo gut als ich, Tauſendacres, daß man allgemein hier herum der Anſicht iſt, daß Fichtenholz den Werth von Ländereien ſehr erhöhe, da der Hudſon es ſo leicht macht, daſſelbe auf den Markt zu bringen.“ „Ei du mein Herr! Jüngelchen, glaubt Ihr denn, ich habe das Alles nicht bedacht, als ich mein Lager hier aufſchlug? Ihr könnt ſo alte Knochen nicht belehren, wo es am beſten ſei, den erſten Streich mit einer Axt zu thun. Nun habe ich jetzt in dem Flüßchen unterwegs nach dem Hudſon, in den Bäumen unter der Mühle und im Mühlhof drüben hundert und zwanzigtauſend Schuh ſo ſchönes Holz, als nur je zuſammengebunden und geflößt wurde; und es ſind noch Stämme genug gefällt und herbeigeſchleppt, um mehr als noch einmal ſo viel fertig zu machen. Ich glaube faſt, aus Eurem Reden, Ihr kennt dieſen Littlepage; und da ich ein Freund von offenem geraden Verfahren bin und von Recht und Billigkeit zwiſchen Mann und Mann, will ich Euch geradezu ſagen, was ich thun will, damit Ihr es ihm wieder ſagen könnt, wenn Ihr ihn einmal wieder ſeht, und die Sache zwiſchen Euch zur Sprache kommt, wie es wohl manchmal geſchieht, nur ſo geſprächsweiſe, wenn Einen auch eine Sache nicht gerade angeht; und ſo könnt Ihr dieſem General ſagen, der alte Tauſendacres ſei ein Mann, der Vernunft annehme und bereit, auf folgende Bedingungen einzugehen, aber er werde nicht einen Gran mehr nachgeben. Wenn mich der General all' das Holz ungeſtört will auf den Markt bringen, und die Ernte ein⸗ thun laſſen, welche die Jungen mit eigenen Händen ausgeſät haben, und mich auch all' das Mühlgeſchirr mit nehmen, und die Thüren und Fenſter der Häuſer ausheben laſſen, und alles Eiſenwerk, was ſich hier herum findet, ſo bin ich bereit, zu verſprechen, früh genug im nächſten Frühjahr wegzuziehen, ſo daß Derjenige, den er wählen mag, zu rechter Zeit aufziehen kann, um das Fruchtfeld zu beſtellen 318 und die Gartenarbeiten zu verrichten. So, das ſind meine Bedin⸗ gungen, und ich gehe von keiner derſelben auch nur das Mindeſte ab, um Alles in der Welt nicht. Aber ſo viel will ich thun um des Friedens willen; denn ich liebe Frieden und Ruhe ganz ver⸗ zweifelt, wie mein Weib zu ſagen pflegt.“ Ich war eben im Begriff, auf dieſe charakteriſtiſche Mittheilung zu antworten— ganz charakteriſtiſch in Bezug auf die Gefühle und Geſinnungen, einſeitigen Rechtsſinn, Grundſätze und Sprache,— als Zephaniah, der große Sohn des Squatters, plötzlich die Hand auf ſeines Vaters Arm legte und ihn bei Seite führte. Dieſer junge Mann hatte während der ganzen Unterredung unter der Hütten⸗ thüre meine Perſon mit auffallender Aufmerkſamkeit gemuſtert und geprüft. Anfangs war ich geneigt, dieſe beſondere Aufmerkſamkeit auf Rechnung einer Neugier zu ſchreiben, die bei jungen Leuten ganz natürlich iſt, wenn ſie zuerſt Einem begegnen, von welchem angenommen werden darf, daß er Gelegenheit gehabt, die neueſten Moden der Tracht und des geſelligen Benehmens ſich anzueignen. Landleute in Amerika geben immer eine ſolche Neugier kund; und es war eine nicht zu verwerfende Vorausſetzung, der junge Squatter möge wohl auch von derſelben beherrſcht ſein. Aber wie ſich bald zeigte, hatte ich mich in meinem Mann ganz verrechnet. Obgleich er und ſeine Schweſter Lowiny kein Auge von meiner Perſon ver⸗ wandt hatten, entdeckte ich doch bald, daß ſie von ganz entgegen⸗ geſetzten Gedanken und Empfindungen hiebei geleitet waren. Die erſte Ahnung von der Täuſchung, welcher ich mich über⸗ laſſen hatte, ging mir auf in Folge des Benehmens Tauſendacres, ſobald ſein Sohn nur eine Minute beiſeite mit ihm geſprochen hatte. Ich bemerkte, daß der alte Squatter ſich plötzlich umwandte, und meine äußere Erſcheinung mit finſterem, aber ſcharfem Auge zu prüfen begann. Darauf widmete er alle ſeine Aufmerkſamkeit ſeinem Sohne, und dann wurde wieder ich ſcharf in Augenſchein ge⸗ nommen. Natürlich konnte dieſer Auftritt nicht von ſehr langer Zedin⸗ indeſte n um z3 ver⸗ eilung le und he, Hand Dieſer zütten⸗ rt und ſamkeit Leuten elchem eueſten eignen. d; und quatter h bald bgleich on ver⸗ tgegen⸗ über⸗ dacres, nhatte. e, und uge zu ſeinem ein ge⸗ langer 319 Dauer ſein, und es wurde mir bald der Troſt zu Theil, wieder Angeſicht in Angeſicht dem Manne mich gegenüber zu ſehen, den ich jetzt als einen Feind glaubte anſehen zu müſſen. „Hört Ihr, junger Mann,“ begann Tauſendacres wieder, als er zurückgekehrt war und ſich gerade mir gegenüber geſtellt hatte, „mein Junge Zeph dort hat einen Verdacht gefaßt, hinſichtlich Eurer Perſon, welcher ordentlich zwiſchen uns aufgeklärt ſein muß, ehe wir uns trennen. Ich bin ein Freund von geradem und offenem Handeln, wie ich Euch ſchon mehr als einmal geſagt habe, und verachte Alles unter der Decke Spielen von Grund meines Herzens. Zeph ſagt mir, er habe ſo eine Art von Verdacht, daß Ihr der Sohn von eben jenem Littlepage, und zu uns hergeſchickt ſeid, um uns auszuſpioniren und zu erfahren, wie die Sachen ſtünden, ehe Ihr Eure ſchlimmen Abſichten ausführtet. Iſt es ſo oder nicht?“ „Welchen Grund hat Zeph zu einem ſolchen Verdacht?“ ver⸗ ſetzte ich mit ſo viel Kaltblütigkeit, als ich aufzubieten vermochte. „Er iſt mir gänzlich unbekannt, und ich glaube, dieß iſt das erſte Mal, daß wir uns ſehen.“ „Er geſteht das ſelbſt zu; aber ein Menſchenkind ſieht manch⸗ mal auch Dinge, ohne ſie unmittelbar vor Augen zu haben. Mein Sohn wandert häufig hin und her zwiſchen der Anſiedlung Ra⸗ vensneſt und der unſerigen, obwohl er, vermuthe ich, über ſeine eigene Heimath nicht viel herausläßt.— Er hat zwei Monate aneinander in jener Gegend gearbeitet, und ich finde ihn ſehr brauchbar, dann und wann einen kleinen Handel und Verkehr mit Squire Newcome zu treiben.“ „Alſo ſeid Ihr bekannt mit Mr. Jaſon Newcome, oder mit Squire Newcome, wie Ihr ihn nennt.“ „Ich nenne ihn, wie es recht iſt, hoffe ich!“ verſetzte der alte Mann ſcharf.„Er iſt ein Squire und muß deßhalb auch Squire genannt werden. Auch dem Teufel das Seinige! das iſt mein Grundſatz. Ueber Zephaniah iſt dieſen Sommer eine anſehnliche 320 Zeit auf Arbeit in Ravensneſt fort geweſen. Ich behaupte gegen ihn, er habe ein Mädel im Auge, daß er ſich ſo an die Leute vom Neſt hänge, aber er will es nicht zugeben; dort iſt er aber ge⸗ weſen, und er ſagt mir, der Sohn von dieſem Littlepage ſei in der Anſiedlung erwartet worden um die Zeit, wo er von dort weg⸗ gegangen.“ „Und Ihr ſeid mit dem Squire Newcome bekannt?“ ſagte ich, den Gegenſtand weiter verfolgend, mehr ſo wie deſſen einzelne Punkte mein Intereſſe auf ſich zogen, als daß ich dem Faden der Gedanken des Squatters nachgegangen wäre;„ſo gut bekannt, daß Ihr mit ihm handelt?“ „Gewiß, gut bekannt, darf ich ſagen. Der Squire nahm alles Holz von mir, das ich zu Anfang des Frühjahrs ſchnitt, und flößte und verkaufte es auf eigene Rechnung, und bezahlte uns mit Specereiwaaren, Weiberkleidern und Rum. Er hat ein gutes Ge⸗ ſchäft damit gemacht, höre ich, und er feilſcht jetzt um Alles, was im Flüßchen iſt; aber ich glaube, ich will die Jungen ſelbſt damit fortſchicken. Aber wie gehört das Alles hieher? Habt Ihr mir nicht geſagt, junger Mann, Euer Name ſei Mordaunt?“ „Ja wohl, und ich habe damit nicht mehr als die Wahrheit geſagt.“. „Und was mag denn Euer gegebener Name ſein? Am Ende, Alte,“ und er wandte ſich gegen die ängſtlich beſorgte Gattin und Mutter, welche näher gekommen war, um zu lauſchen, da ſie höchſt wahrſcheinlich mittlerweile von dem Verdacht ihres Sohnes gehört hatte,„am Ende kann ſich doch der Junge täuſchen, und der junge Mann mag ſo unſchuldig ſein wie irgend Eines von unſerem Fleiſch und Blut.“ „Mordaunt iſt mein gegebener Name, wie Ihr Euch aus⸗ drückt,“ antwortete ich, jede Täuſchung verſchmähend,„und Little⸗ page—“ hier hielt mir plötzlich der Indianer die Hand auf den Mund und hinderte mich ſo weiter zu reden. was amit mir theit nde, und öchſt hört unge eiſch aus⸗ ttle⸗ den 321 Das wohlgemeinte Dazwiſchentreten des Onondago kam jedoch zu ſpät, denn die Squatters erriethen nunmehr leicht Alles, was ich noch hatte ſagen wollen. Prudence entfernte ſich, und ich hörte bald, wie ſie alle ihre jüngern Kindern mit Namen rief, ſie um ſich zu verſammeln, wie die Henne ihre Küchlein unter ihren Flügeln verſammelt. Tauſendacres nahm die Sache ganz anders. Sein Angeſicht verfinſterte ſich, und er flüſterte Lowiny ein Wort zu, welche ſich entfernte, um einen Auftrag zu beſtellen, aber, wie mir ſchien, mit widerſtrebenden Schritten und mit Augen, welche nicht immer in der Richtung blickten, welche ſie einſchlug. „Ich ſehe wie es iſt!— ich ſehe wie es iſt!“ rief der Squatter, mit ſo viel unterdrückter Entrüſtung in ſeiner Stimme und Miene, wie wenn ſeine Sache die Sache der mißhandelten Unſchuld wäre; „wir haben einen Spion unter uns, und die Kriegszeit iſt noch in zu friſchem Andenken, als daß wir nicht wüßten, wie mit ſolchen Leuten verfahren. Junger Mann, was iſt Euer Gewerbe hier, in meinen Meliorationen und unter meinem Dach?“ „Mein Gewerbe, Tauſendacres, wie Ihr es nennt, iſt: nach dem Beſitzthum zu ſehen, welches meiner Fürſorge und Obhut an⸗ vertraut iſt. Ich bin der Sohn des Generals Littlepage, des Einen der zwei Eigenthümer dieſes Gutes, und Sachwalter*) von Beiden.“ „Ha, ein Sachwalter ſeid Ihr!“ rief der Squatter, den eigent⸗ lichen Sachwalter verwechſelnd mit dem juridiſchen Sachwalter— eine Menſchengattung, gegen welche er natürlich in Folge ſeines Treibens eine tiefe Antipathie hegte.„Ich will Euch beſachwaltern. Wenn Ihr oder Euer Vater General meint, Aaron Tauſendacres ſei ein Mann, der die Feinde in ſein Territorium einbrechen laſſe, und dabei die Hände in der Taſche behalte, ſo irrt Ihr Euch ge⸗ waltig. Schickt nach ihnen, Lowiny, ſchickt nach den Jungen, und *) Attorney, Agent, Bevollmächtigter, meiſt aber Anwalt, Rechtsfreund. Der Kettenträger. 21 322 laßt uns ſehen, ob wir für dieſen jungen Generals⸗Sachwalter*) auch Quartier, nicht blos Koſt finden können.“ Ich konnte mich jetzt über das Ausſehen der Dinge nicht mehr täuſchen. Die Feindſeligkeiten hatten gewiſſermaßen angefangen und es lag mir ob, meine Kräfte aufzubieten, um Leib und Leben zu ſichern. Ich wußte, daß der Indianer bewaffnet war, und ent⸗ ſchloſſen mich wo möglich zu vertheidigen, nahm ich mir vor, im Nothfall ſeiner Waffe mich zu bedienen. Ich ſtreckte einen Arm aus und wandte mich nach der Stelle, wo Susqueſus ſo eben noch geſtanden, um ſeine Büchſe zu faſſen, entdeckte aber, daß er ver⸗ ſchwunden war. Zehntes Kapitel. Die Frevler haben, blind vor Wuth, Mißhandelnd ihn umrungen; Weg ſind die Blumen, doch ihm blieb Der Honig auf der Zungen. Cowper. Da ſtand ich nun allein und unbewaffnet, inmitten von ſechs athlethiſchen Männern, denn Lowiny war weggeſchickt worden, um ihre Brüder zu verſammeln,— ein Auftrag, in deſſen Erfüllung ſie von Prudence unterſtützt wurde, welche auf ihrer Muſchel ein eigenthümliches Signal blies,— und ſo unfähig zu allem Wider⸗ ſtand, als ein Kind in den Händen ſeines Vaters. Da ein erfolg⸗ loſer Kampf entwürdigend und nutzlos zugleich geweſen wäre, be⸗ ſchloß ich ſofort mich wenigſtens für den Augenblick in das Unver⸗ meidliche zu ergeben, ſo lange Ergebung nichts Schimpfliches in ſich ſchlöße, und beſſer wäre als Widerſtand. Es ſchien jedoch nicht die Abſicht der Leute zu ſein, gewaltſam Hand an mich zu legen, und da ſtand ich ein paar Minuten, nachdem ich das Verſchwinden *) Eigentlich; attorney general, d. h. Generalfiskal, ein Wortſpiel. ter*) mehr angen Leben dent⸗ , im Arm noch r ver⸗ zuth, n blieb e. ſechs i, um llung el ein ider⸗ folg⸗ „be⸗ nver⸗ ees in eegen, inden nicht 323 Sureflints bemerkt, umgeben von der ganzen Brut des Squatters, Jungen und Alten, Männern und Weibern, wovon die Einen mich mit herausforderndem Trotz anſchauten, Andere verſtört ausſahen, und Alle große Haſt und Unruhe verriethen. Was mich betrifft, ſo will ich gerne geſtehen, daß meine Empfindungen nichts weniger als angenehmer Art waren, denn ich wußte, daß ich mich in den Händen der Philiſter befand, tief in den Wäldern, volle zwanzig Meilen von allen Anſiedlungen entfernt, und meine nächſten Freunde, die Geſellſchaft des Kettenträgers, der wenigſtens auch zwei Stun⸗ den entfernt, und dem mein Aufenthaltsort, ſo wie meine bedrängte Lage gänzlich unbekannt war. Ein Strahl der Hoffnung jedoch dämmerte mir auf in der hilfreichen Thätigkeit, welche ich dem Onondago zutrauen durfte. Keinen Augenblick kam mir der Gedanke in den Sinn, daß dieſer alte, viel erprobte Freund meines Vaters und des Ketten⸗ trägers treulos ſein könnte. Dazu war ſein guter Leumund zu feſt begründet, und es drängte ſich mir bald die Vermuthung auf, er werde, in der Vorausſicht, daß er ſelbſt würde feſtgenommen und zurückgehalten werden, falls er bliebe, ſich davon gemacht haben in der Abſicht, meinen Freunden Nachricht zu geben von meiner mißlichen Lage, und Hilfe zu meiner Befreiung herbeizuführen. Ein ähnlicher Gedanke kam vermuthlich auch Tauſendacres in dem⸗ ſelben Augenblick, denn, indem er ſeine Augen herumſchweifen ließ, fragte er plötzlich: „Was iſt aus der Rothhaut geworden? Das Gezücht hat ſich davon geſchlichen, ſo wahr ich ein ehrlicher Mann bin! Nathaniel, Moſes und Daniel, ergreift Eure Büchſen und ſpürt ihm nach. Bringt den Burſchen wo möglich mit unverſehrtem Schädel ein; aber wen das nicht möglich iſt, ſo wird man einen Indianer mehr oder weniger in den Wäldern ſpüren.“ Ich hatte bald Gelegenheit zu bemerken, daß das patriarchali⸗ ſche Regiment Tauſendacres einen ziemlich entſchiedenen und raſchen 21* 324 Charakter hatte. Wenige Worte bewirkten viel, wie ſich jetzt deut⸗ lich zeigte; denn kaum zwei Minuten nachdem Aaron ſeine Befehle ertheilt hatte, verließen die Namensbrüder der alten Propheten und Geſetzgeber, Nathaniel, Moſes und Daniel die Lichtung in verſchiedenen Richtungen, Jeder eine furchtbare, lange, amerikani⸗ ſche Jagdbüchſe an der Hand. Dieſe Waffe, ſo verſchieden in der Stärke ihrer Wirkung von dem kurzen militäriſchen Gewehr, welches in der neueſten Kriegsführung aufgekommen iſt, war gewiß hier in gefährlichen Händen, denn Jeder dieſer jungen Männer war von Kindheit an mit der Büchſe vertraut, denn Pulver und ge⸗ brannte Waſſer, nebſt etwas Blei, waren ſo ziemlich alle die Ar⸗ tikel, wofür ſie Geld ausgaben zu ihrem Vergnügen und ihrer Kurzweil. Ich zitterte für Susqueſus, obgleich ich einſah, daß er ſich auf die Verfolgung gefaßt halten mußte, und ſo erfahren darin war, nachſetzenden Feinden ſich zu entziehen, daß er davon den Namen Trackleß(der Spurloſe) erhalten hatte. Dennoch ſtand das Spiel zu ſeinen Ungunſten, und die Erfahrung hat gezeigt, daß der Weiße gewöhnlich es dem Indianer ſogar in den ihm eigen⸗ thümlichen Fertigkeiten zuvorthut, wenn er Gelegenheit gehabt, ſie ſich durch Uebung anzueignen. Ich konnte jedoch nicht mehr thun, als ein ſtilles Gebet für das Entkommen meines Freundes zum Himmel ſchicken. „Bringt den jungen Laffen hier herein,“ fuhr der alte Tau⸗ ſendacres finſter fort, ſobald er ſah, daß ſeine drei Söhne ſich auf den Weg gemacht hatten; denn es blieben noch immer Hände ge⸗ nug da, um dieſen oder jeden andern Befehl, den ihm belieben mochte zu erlaſſen, ſtracks zu vollziehen.„Bringt ihn herein in dieß Gemach und laßt uns Gericht über ihn halten, da er ein ſo großer Liebhaber des Geſetzes iſt. Wenn er das Geſetz liebt, ſo ſoll ihm das Geſetz werden. Ein Sachwalter iſt er? Ich möchte wohl gerne wiſſen, was ein Sachwalter bei mir und den Meinigen hier außen in den Wäldern zu thun hat?“ Geſe und als Ihr mout von lauer Müh fuhre Erſte ſenda mich deut⸗ hefehle oheten ng in ikani⸗ in der wwehr, gewiß r war d ge⸗ e Ar⸗ ihrer daß er darin n den d das „daß eigen⸗ öt, ſie thun, zum Tau⸗ h auf de ge⸗ lieben ein in ein ſo öt, ſo nöchte mnigen 325 Während dieſer Rede ſchritt der Squatter und Vater von Sqauatters voran nach ſeiner eigenen Hütte, wo er ſich mit einer Miene ſtattlicher Autorität ſetzte, und die Weiber und die jüngern männlichen Mitglieder ſeiner Familie in einem Kreiſe hinter ſeinem Stuhl ſich aufſtellen ließ. Da ich einſah, es wäre Thorheit ge⸗ weſen, mich zu widerſetzen, folgte ich auf einen Wink von Zepha⸗ niah, und die drei jungen Männer nahmen den Platz an der Thüre, als eine Art von Wache, ein. So bildeten wir eine Art von Gerichtshof, wobei der alte Squatter die Rolle des unter⸗ ſuchenden Magiſtrats ſpielte, und ich als der Angeklagte figurirte. „Ein Sachwalter ſeid Ihr?“ brummte Tauſendacres, deſſen Zorn gegen mich mehr noch meinem vermeintlichen als meinem wirklichen Charakter zu gelten ſchien.„Jungen! Stillſchweigen im Gerichtshofe; wir wollen dieſem Burſchen ſo viel Recht und Geſetz angedeihen laſſen, daß er kaum noch unter der Laſt ſoll wanken können, wenn er ſo auf Recht und Geſetz verſeſſen und erpicht iſt. Alles ſoll nach der Regel und Ordnung geſchehen. Tobit,“ fuhr er fort, zu ſeinem älteſten Sohne ſich wendend, einer koloſſalen Geſtalt von mehr als ſechs Schuh Größe:„Ihr ſeid mit dem Geſetz in nähere Berührung gekommen, als ſonſt Einer von uns, und könnt uns Alles angeben. Was fingen ſie zuerſt mit Euch an, als ſie Euch vor hatten in der Kolonie Hampſhire, damals, als Ihr und der andere junge Mann aus den Anſiedlungen von Var⸗ mount hinüberginget, um nach Schafen zu ſehen? Einen Trieb von dieſen Thieren bekamet Ihr auch miteinander, aber man lauerte Euch auf und beraubte Euch deſſen, was Ihr mit ſaurer Mühe erworben, ehe Ihr wieder in die Berge gelangtet. Sie ver⸗ fuhren mit Euch nach dem Geſetz, hieß es; nun, was war das Erſte, das geſchah?“ „Ich ward vor den Squire geführt,“ antwortete Tobit Tau⸗ ſendacres, wie man ihn oft nannte,„welcher den Fall anhörte, mich fragte, was ich zu meiner Vertheidigung zu ſagen hätte, und 326 mich dann kommittirte, wie man es nannte; und ſo kam ich denn in’s Gefängniß, bis die Sache abgeurtheilt wurde, und was ſo⸗ dann erfolgte, wißt Ihr, glaube ich, ſo gut als ich.“ Ich nahm als ausgemachte Sache an, daß, was ſodann er⸗ folgte, eine nichts weniger als angenehme Erinnerung ſein müſſe, — der Grund, warum Tobit keine Luſt haben mochte, es aus⸗ drücklich zu beſchreiben,— ſintemalen Schafdiebe damals gar häufig„Vierzig weniger eins“ am Stauppfahl empfingen, eine Strafart, welche ganz vortrefflich gerade dieſem Vergehen ent⸗ ſprach. Wir bekommen nachgerade eine Sekte von vorgeblichen Philanthropen unter uns, die in ihrem großen Eifer, Spitzbuben zu metamorphoſiren und zu beſſern, ſich beeilen, die Strafe für Vergehen und Frevel dem ehrlichen und ſchuldloſen Theile des Gemeinweſens aufzubürden, zu Gunſten und zum Vortheil ihrer Zöglinge. Einigen dieſer Leute iſt es ſchon gelungen, alle unſere Stauppfähle umhauen zu laſſen, womit die wohlfeilſte und beſte Strafe für eine gewiſſe Art von Vergehen und Verbrechen, die man je erſonnen und angewendet hat, verſchwunden iſt. Eine Generation ſpäter werden unſere Kinder ſchon die Folgen dieſer falſchen Philanthropie zu empfinden haben. In jener Zeit mögen Diejenigen, welche Geflügelhäuſer, Ferkelgehege, Obſtbäume und Treibhäuſer und andere dergleichen Beſitzthümer haben, welche zu kleinen Raubanfällen verlocken, ein wachſames Auge darauf haben, denn ich müßte mich ſehr irren, wenn nicht die Unſicherheit dieſer ihrer beweglichen Güter den unwiderleglichſten Kommentar zu die⸗ ſem gewaltigen Mißgriff liefern würde. Ein Stauppfahl, mit Um⸗ ſicht benützt, wird mehr dazu beitragen, die Sitten in einer Ge⸗ gend zu verbeſſern, als hundert Gefängniſſe mit ihren Einſper⸗ rungen auf zwanzig oder dreißig Tage*). Ich bin ſehr geneigt, *) Mr. Mordaunt Littlepage ſchreibt hier mit prophetiſchem Scharfblick. Kleine Räubereien dieſer Art ſind jetzt etwas ſo Gewöhniichrs geworden, daß Wenige daran denken, deßhalb beim Geſetz Genugthuung zu ſuchen. Statt die wahre und zweck⸗ denn s ſo⸗ m er⸗ nüſſe, aus⸗ gar eine ent⸗ lichen buben fe für des ihrer unſere beſte „ die Eine dieſer nögen 2 und he zu aben, dieſer die⸗ Um⸗ Ge⸗ ſper⸗ neigt, Kleine daran zweck⸗ 327 für die Beſſerung der Verbrecher zu ſorgen und mitzuwirken, ſo weit es nur irgend thunlich iſt, wenn ich mich anders ſelbſt kenne; aber der Hauptzweck aller Strafen der Geſellſchaft, d. h. ihre eigene Sicherheit, ſollte nie dieſer doch erſt in zweiter Linie ſtehen⸗ den Rückſicht aufgeopfert werden. Man ſtelle zuerſt den Ruf, die Perſon, das Eigenthum ſo ſehr als möglich ſicher, und dann mache man ſo viele Experimente in der Philanthropie, als man Luſt hat. Ich ſehe mit Bedauern, wie weit ſich die Neigung zum Sparen im Allgemeinen in der Handhabung der amerikaniſchen Juſtiz aus⸗ dehnt. Unter einer Regierung, wie die unſeres Landes, iſt es mehr als nutzlos, es iſt wahrhaft kindiſch und abgeſchmackt, die Ein⸗ bildungskraft mittelſt einer Schauſtellung ſeiner Macht in Prunk und Repräſentation vergnügen und kitzeln zu wollen. Dergleichen Dinge haben ohne Zweifel ihren Nutzen, und man muß ſie nicht unbedacht verdammen, ehe man Gelegenheit gehabt hat, ſich in der Nähe von ihren Wirkungen zu überzeugen; aber mögen ſie nützlich ſein oder das Gegentheil, hier können ſie nie gelingen und Glück machen. Dagegen hätten es unſere Gemeinweſen in ihrer Gewalt, der Welt ein viel rühmlicheres Beiſpiel menſchlicher Vorausſicht und wohlwollender Sorgfalt aufzuſtellen durch eine raſche, pünktliche und wohlerwogene Handhabung der Juſtiz— die Fälle vor den Civil⸗, wie vor den Criminal⸗ Höfen darunter begriffen. Mit welchem Stolz konnte nicht der Amerikaner, wenn man ihn verſpottete wegen der Einfachheit ſeiner Executivgewalt und wegen der Geringfügigkeit des Nationalaufwands für Sachen der bloßen Repräſentation, dieſer Vorwürfe ſich erwehren, könnte er nur ſagen:„Es iſt wahr, wir verſchwenden nichts für bloßen mäßige Beſtrafung zu verhängen, welche bei unſern Vätern üblich war, iſt das Geſetz jetzt in den geringfügigen ebenſo wie in den wichtigeren Fällen mit Förm⸗ lichkeiten, Weiterungen und Friſten umhegt und geſchmückt; und es koſtet oft Jahre Zeit, um einen ſolchen kleinen Räuber vor das Gericht zu bringen, wenn er Geld genug hat, einen ſcharfſinnigen Advokaten zu bezahlen. Der Herausgeber. 328 Prunk und Schauſtellung; aber beſeht einmal unſere Gerichtshöfe und die Rechtspflege des Landes, was am Ende doch das Hauptziel und Abſehen jeder guten Regierung ſein muß. Seht ernſtlich, mit welcher Freigebigkeit wir jeden Aufwand machen, um über die höch⸗ ſten Talente verfügen zu können; ſeht, mit welcher großmüthigen Sorgfalt wir Richter im Ueberfluß aufſtellen, damit ſie ſich nicht überarbeiten dürfen, und damit verderbliche Hinhaltung der Parteien vermieden werde; dann wendet Euch zu den Criminalgerichtshöfen und betrachtet Euch die vollkommene Gerechtigkeit der Geſetze; ſo⸗ dann die Sorgfalt, womit bei der Wahl der Geſchwornen verfahren wird, die durchgängige Unparteilichkeit beim ganzen Verfahren, und endlich, wenn das Recht es erheiſcht, die raſche, nie irrende und bei⸗ nahe ſchreckliche Majeſtät der Strafvollziehung!“ Doch wir müſſen zu Anderem zurückkehren, was der Wahrheit um ein Gutes näher ſteht „Ja, ja,“ verſetzte Tauſendacres,„es führt zu nichts Gutem⸗ die Gefühle wieder aufzuregen dadurch, daß man davonſchwatzt,“— (von Tobits Leiden nämlich an dem Stauppfahl),„ein Wink iſt hier ſo gut als eine Beſchreibung. Ihr wurdet vor einen Magiſtrat gebracht, nicht wahr?— und er ſchickte Euch in's Gefängniß,— aber er fragte Euch zuerſt, was Ihr zu Eurer Entſchuldigung zu ſagen hättet? Das war nur der Billigkeit gemäß, und ich gedenke das Alles hier auch ſo vorzunehmen nach dem Geſetz. Kommt, junger Sachwalter, was habt Ihr zu Euren Gunſten zu ſagen?“ Es fiel mir ein, daß ich, allein wie ich war, und in der Hand von Leuten, halb verwandt mit Räubern, wohl daran thun würde, mich von jeder unverdienten Anſchuldigung wenigſtens zu reinigen. „Vor Allem,“ antwortete ich,„will ich einen Irrthum auf⸗ klären, in welchen Ihr verfallen ſeid, Tauſendacres; denn, mögen wir als Freunde oder als Feinde leben, es iſt immer gut, wenn man ſich über das Thatſächliche verſteht. Ich bin kein Sachwalter in dem Sinne, wie Ihr Euch einbildet— ich bin kein Rechtsge⸗ lehrter, kein Advokat.“ shöfe ptziel ,mit höch⸗ higen nicht rteien höfen ng zu denke zmmt, gen?“ Hand bürde, nigen. auf⸗ nögen wenn valter ötsge⸗ 329 Ich bemerkte wohl, daß die ganze Familie der Squatters, Prudence mit eingeſchloſſen, durch dieſe Erklärung um ein Gutes milder geſtimmt wurde. Was Lowiny betrifft, ſo ſprach ihr hüb⸗ ſches, rothes Geſicht wirklich Triumph und Entzücken aus! Ich meinte faſt einen halb unterdrückten Ausruf des Mädchens zu hören: „Ich wußte wohl, daß er kein Advokat ſei!“ Bei Tobit verſchwand die grollende Miene, voll neunſchwänziger Katzen, ganz, wenigſtens für einige Zeit. Kurz, dieſe Erläuterung bewirkte eine offenbare Umſtimmung zu beſſern Geſinnungen. „Alſo doch kein Advokat!“ rief Tauſendacres.„Habt Ihr denn nicht geſagt, Ihr ſeiet ein Sachwalter?“ „Das iſt wahr. Ich habe Euch geſagt, ich ſei der Sohn von General Littlepage, und ich ſei ſein und Obriſt Follocks, des andern gemeinſamen Mitbeſitzers dieſes Gutes, Sachwalter; aber damit wollte ich ſagen, ich habe von ihnen als Sachwalter Voll⸗ macht, Ländereien zu verleihen, und gewiſſe andere Geſchäfte in ihrem Namen zu beſorgen.“ Dieß machte mich beinahe wieder ebenſoviel Grund und Boden verlieren, als ich zuvor gewonnen hatte; aber da es die buchſtäb⸗ liche Wahrheit war, ſtand mein Entſchluß feſt, ſie weder zu ver⸗ hehlen, noch Ausflüchte zu ſuchen. „Gutes Land! murmelte Lowiny.„Warum konnte der Mann nicht das Alles bei ſich behalten?“ Ein vorwurfsvoller Blick von Prudence wies das Mädchen zu⸗ recht; und ſie verhielt ſich jetzt einige Zeit ganz ſtill. „Ein bevollmächtigter Sachwalter, ſagt Ihr!“ verſetzte der Squatter.„Nun, das iſt nicht viel beſſer, als ein förmlicher Rechts⸗ anwalt. Es heißt das wohl, die Macht eines Sachwalters haben, vermuthe ich, und ohne ihre verfluchte Macht würde ich mich wenig um irgend Einen von der ganzen Brut kümmern. Sodann ſeid Ihr der Sohn des Generals Littlepage, was faſt ſo viel iſt, als wäret Ihr der Mann ſelbſt. Ich müßte gefaßt ſein, wenn Tobit, 330 mein älteſter Junge, in die Hände von gewiſſen Leuten fiele, die ich mit Namen nennen könnte, daß es ihm hart gehen würde, ganz ſo, wie wenn ich ſelbſt es wäre. Ich weiß, daß manche Leute einen Unterſchied machen zwiſchen Eltern und Kindern, aber Manche auch nicht. Was habt Ihr davon geſagt, daß der General nicht der eigentliche rechte Eigenthümer dieſer Ländereien ſei? Warum nennt er ſich denn deren Eigenthümer, wenn er am Ende auch nur eine Art Pächter iſt?*) Ich ſuchte die falſchen Vorſtellungen und Begriffsverwirrungen Tauſendacres', welcher ſeine Frage, als ich ſie nicht augenblicklich beantwortete, mit ſteigender Heftigkeit wiederholte, zu berichtigen, indem ich ihm den geſetzlichen Sprachgebrauch erklärte, worauf er verſetzte: 3 „Es ſollte mich nicht wundern, Tobit, wenn er am Ende doch noch ein Sachwalter in unſerem Sinne iſt!“ „Er ſieht einem Solchen verzweifelt gleich, Vater,“ verſetzte der Erſtgeborene, der ganz als der geſetzmäßige Erbe von ſeines Erzeugers geſetzwidrigen Eigenſchaften und ſeiner Squatternatur erſchien.„Wenn er nicht ein förmlicher Advokat iſt, ſo ſieht er doch einem Solchen mehr gleich, als irgend Einer, der mir in meinem ganzen Leben außerhalb des Gerichtshofes vorgekommen iſt.“ „Er ſoll den Mann finden, der ihm gewachſen iſt! Das Geſetz und ich wir haben uns mit einander gebalgt ſeit dem erſten Tage wo ich nach Varmount oder in die verdammten Hampſhire Grants gekommen bin. Wenn das Geſetz mich in ſeine Klauen bekommt, ſo iſt es kein Wunder, wenn es Meiſter über mich wird; aber wenn ich das Geſetz oder einen ſeiner Diener in die meinigen bekomme, müßte die Schuld an mir liegen, wenn nicht das Geſetz übel weg⸗ *) Das Mißverſtändniß des Squatters beruht auf der Verwechslung der Be⸗ griffe: tenants in common, gemeinſchaftliche Eigenthümer, und: common tenant, gewöhnlicher Pächter; im Deutſchen laſſen ſich die Ausdrücke nicht ebenſo wieder⸗ geben, daher Einiges ausgelaſſen werden muß. 331 . käme. Nun, wir haben jetzt des jungen Mannes Geſchichte gehört, Tobit. Ich habe ihn gefragt, was er zu ſeinen Gunſten zu ſagen habe, und er hat uns ſeine Geſchichte gegeben— uns erzählt, daß er ſeines Vaters Sohn, und daß der General eine Art von großem Pächter iſt, ſtatt ein Grundherr zu ſein, und nicht vielmehr, als unſer Einer auch; und es iſt hohe Zeit, daß ich ihn in Gewahrſam liefere. Es wurde etwas Schriftliches bei Euch ausgeſtellt, wie ich glaube, Tobit?“ „Gewiß, der Magiſtrat gab dem Amtsverweſer des Sheriffs ein Permittimus, und in kraft deſſen ſetzten ſie mich in's Gefängniß.“ „Ja, ja,— ich kenne alle ihre Formalitäten und Zierereien! Ich habe auch in meinen Tagen vor manchem Magiſtrat Geſchäfte gehabt, und habe manchen Kerl niederprozeſſirt, der meinte, mich hinunter zu kriegen, ehe wir anfingen. Denjenigen niederprozeſſiren, der einen Prozeß anhängig macht, iſt der beſte Weg vom Geſetz loszukommen, aber es koſtet oft verzweifelt langes Kopfzerbrechen! Ehe ich dieſen jungen Mann in Gewahrſam bringen laſſe, will ich auch etwas Schriftliches aufſetzen und vorweiſen. Prudence, ſchließe doch den Pult auf—“ „Ich wünſchte einen Irrthum zu berichtigen, ehe Ihr weiter geht,“ unterbrach ich ihn.„Zum zweiten Mal erkläre ich Euch, ich bin kein Rechtsgelehrter oder Rechtsanwalt in irgend einem Sinne des Wortes. Ich bin ein Soldat— habe eine Compagnie kom⸗ mandirt in General Littlepage's Regiment, und bei der Armee ge⸗ dient, als ich noch ein Knabe an Jahren war. Ich ſah Burgoyne und Cornwallis ſich ergeben und ihre Truppen die Waffen ſtrecken.“ „Guter Himmel! Wer hätte das gedacht!“ rief die mitleidige Lowiny.„Und ſo jung noch, daß man meint, es habe ihn kaum je ein rauher Wind angeweht!“ Dieſe Erklärung, die mich in einer neuen Eigenſchaft und einem ganz andern Charakter zeigte, blieb nicht ohne auffallende Wirkung. Fechten,— das war nach dem Geſchmack der ganzen Familie, war 332 Etwas, daß ſie vielleicht beſſer zu würdigen vermochten, als irgend ein anderes Thun und Beginnen. Schon im Geſicht und im gan⸗ zen Weſen Tauſendacres' lag etwas Kriegeriſches, und ich täuſchte mich nicht, wenn ich vermuthete, er werde einige Sympathie für einen Soldaten empfinden. Er ſah mich ſcharf an, und mochte er nun in meiner Miene Zeichen von der Wahrheit meiner Verſiche⸗ rung entdecken oder nicht,— genug, ich ſah, daß er auf einmal viel milder geſtimmt wurde. „Ihr im Felde geweſen gegen Burgoyne,“ rief der alte Kerl aus.„Kann ich glauben, was Ihr da ſagt? Ha, ich war ſelbſt auch gegen Burgoyne im Felde mit Tobit, und Moſes, und Na⸗ thanael und Jedidiah— kurz mit allen männlichen Geſchöpfen der Familie, die groß genug waren, um zu laden und zu feuern. Ich zähle jene Tage zu meinen allerbeſten, obgleich ſie ſpät kamen, und nachdem das Alter mich ſchon etwas mitgenommen hatte. Wie könnt Ihr beweiſen, daß Ihr gegen Burgoyne und Cornwallis im Felde geweſen ſeid?“ Ich wußte, daß oft eine ſonderbare Miſchung von ſogenannten patriotiſchen Geſinnungen ſich mit der ausgemachteſten Schurkerei in gewöhnlichen Dingen zuſammenfand, und ſah, daß ich eine Saite berührt hatte, welche die Sympathie ſelbſt dieſer rohen und im höchſten Grade ſelbſtiſchen Weſen anſprechen dürfte. Der Patriotismus ſolcher Menſchen iſt freilich nichts Anderes, als er⸗ weiterter Egoismus, ſofern ſie gewiſſe Dinge rühmen, weil ſie ihnen angehören, oder in gewiſſem Sinne, ſie dieſen Dingen. Sie nehmen Partei für ſich ſelbſt, aber nie für Grundſätze. Der⸗ jenige Patriotismus allein iſt rein, welcher das Vaterland auf der Bahn der Wahrheit, der Ehre und Gerechtigkeit erhalten möchte, und kein Menſch iſt berechtigt, in ſeinem Eifer für ſeine eigene Nation das Geſetz der Gerechtigkeit zu vergeſſen, ſo wenig als in ſeinem Eifer für ſein eigenes Intereſſe. „Allerdings kann ich hier, wo ich jetzt ſtehe, nicht beweiſen, 333 daß ich gegen Burgoyne im Felde geſtanden,“ antwortete ich; „aber gebt mir nur Gelegenheit, ſo werde ich es Euch zu Eurer völligen Befriedigung darthun.“ „Welches Regiment ſtand auf der rechten Flanke, das von Hazen oder von Brookes, beim Sturm auf die Deutſchen? Beant⸗ wortet mir das, dann will ich Euch bald wiſſen laſſen, ob ich Euch glaube oder nicht.“ „Ich kann Euch die Frage nach dieſem Umſtand nicht beant⸗ worten, denn ich befand mich bei meinem Bataillon, und der Pulverdampf geſtattete nicht, ſo etwas zu ſehen. Ich weiß nicht, daß das eine oder das andere der von Euch genannten Corps an jenem Tage gerade dieſen beſtimmten Punkt des Schlachtfeldes inne hatte, obgleich ich glaube, daß beide tüchtig in's Feuer kamen.“ „Er war nicht dort,“ brummte oder heulte Tobit in höchſt grimmiger Stimmung, beinahe die Zähne zeigend, wie ein Hund, ſo ſehr beſeelte ihn der Haß gegen mich. „Er war dort!“ ſchrie Lowiny mit großer Beſtimmtheit;„ich weiß, er war dort!“ Ein Klaps von der Hand Prudence's erinnerte das Mädchen an den Werth des Schweigens; die Männer aber waren zu lebhaft intereſſirt, als daß ſie eine ſo charakteriſtiſche aber unbedeutende Störung beachtet hätten. „Ich ſehe wie es iſt,“ ſagte Tauſendacres;„ich muß den Burſchen doch einſperren laſſen. In Betracht jedoch, daß es doch möglich, daß er gegen Burgoyne im Felde geweſen, will ich ihn gefangen ſetzen laſſen ohne etwas Schriftliches, und er ſoll nicht gebunden werden. Tobit, führt Euren Gefangenen fort und ſchließt ihn im Vorrathshaus ein. Wenn Eure Brüder zurückkommen von der Jagd auf den Indianer, wollen wir unter uns einen Beſchluß faſſen, was mit ihm geſchehen ſoll.“ Tauſendacres ertheilte ſeine Befehle mit einer Würde, und ſie wurden buchſtäblich befolgt. Ich leiſtete keinen Widerſtand, da 334 dieſer nur zu einem Handgemenge geführt haben würde, wobei ich, um nichts zu ſagen von perſönlichen Mißhandlungen, nur die Schmach der Niederlage vor mir geſehen hätte. Tobit vergriff ſich jedoch durchaus nicht an meiner Perſon, ſondern begnügte ſich mir ein Zeichen zu geben ihm zu folgen, was ich that; und hinter mir kamen dann wieder dicht an einander gedrängt ſeine Brüder. Ich will geſtehen, daß, wie wir meinem Gefängniß zuſchritten, der Gedanke an Flucht mir durch den Kopf flog; und ich hätte viel⸗ leicht den Verſuch gewagt, hätte ich nicht die vollkommene Gewiß⸗ heit gehabt, daß, da ich ſo Viele auf den Ferſen gehabt hätte, ich nothwendig eingeholt werden mußte, wo dann vermuthlich eine ſtrenge Strafe mein Loos geweſen wäre. Alles erwogen hielt ich für das Beſte, mich für einige Zeit zu unterwerfen und die Zu⸗ kunft der Vorſehung anheimzuſtellen. Zu Vorſtellungen oder Bitten meine Zuflucht zu nehmen, wehrte mir der Stolz. Ich war noch nicht ſo auf's Aeußerſte gebracht, daß ich einen Squatter hätte um Gunſt und Gnade bitten ſollen. Das Gefängniß, in welches ich von Tauſendacres geſchickt wurde, war ein Vorrathshaus aus Holzblöcken, ſtark genug an⸗ gelegt, um Raubangriffen zu widerſtehen, mochten ſie kommen woher ſie wollten; und ſie waren wohl wenigſtens ebenſo ſehr von Mitgliedern der Anſiedlung als von Fremden zu beſorgen. Ver⸗ möge ſeiner eigentlichen Beſtimmung war das Gebäude nicht übel dazu paſſend, als Gefängniß benützt zu werden. Die Holzblöcke boten natürlich hinreichende Sicherheit gegen die Verſuche eines Gefangenen, der durchaus keine Werkzeuge und Geräthſchaften irgend einer Art hatte, um ſeine Flucht zu bewerkſtelligen; denn das Dach beſtand aus demſelben Material wie die Seitenwände. Fenſter waren keine da, denn Licht und Luft drangen zur Genüge ein durch die Spalten der rohen Scheiter und Klötze, welche offene Zwiſchenräume hatten, und die einzige künſtliche Oeffnung war die Thüre. Dieſe beſtand aus ſehr ſtarken Planken und war wohl ver⸗ 335 wahrt und geſichert durch ſchwere Angeln und ſtarke Schlöſſer und Riegel. Das Gebäude war auch ziemlich groß— zwanzig Fuß wenigſtens in der Länge— denn die eine Seite deſſelben, obwohl dermalen ganz leer, war zum Aufbewahrungsort für die Frucht, die wir Amerikaner vorzugsweiſe Korn nennen, beſtimmt und be⸗ nützt worden. In dieß Gebäude trat ich ein, nachdem man mir das große Meſſer, das die meiſten Waldmänner mit ſich führen, aus der Taſche genommen und meine Perſon durchſucht hatte, ob ich nicht andere ähnliche Werkzeuge bei mir hätte, die mir bei einem Fluchtverſuche behülflich ſein könnten. Zu jener Zeit hatte Amerika kein Papiergeld, von der Hud⸗ ſonsbai bis zum Cap Horn. Gold und Silber waren die Landes⸗ münze, und meine Taſchen enthielten einen ziemlichen Vorrath von beiden, in Geſtalt von Joſephsſtücken und halben Joſephsſtücken, von Dollars, halben und Viertelsdollars. Aber nicht Ein Stück Geld irgend einer Art wurde angerührt, denn dieſe Squatters waren keine Räuber in der gewöhnlichen Bedeutung des Wortes, ſondern nur irre geleitete, bethörte Bürger, welche das Eigenthum Anderer zu ihrem Nutzen ſich aneigneten und verwendeten, in Ge⸗ mäßheit von gewiſſen großen Principien der Moral, wie ſie ſich bei ihnen gebildet hatten in Folge ihrer eigenthümlichen Verhält⸗ niſſe zu den übrigen Menſchen, ihrer nächſten Bedürfniſſe und ihrer Bequemlichkeit. Ich zweifle keinen Augenblick daran, daß jedes Glied der Familie Tauſendacres den Gedanken, mit gewöhnlichen Dieben in einer Linie zu ſtehen, ſich einen gemeinen Diebſtahl zu erlauben, mit Entrüſtung von ſich gewieſen hätte; denn ſie machten ſolche Unterſcheidungen und Abgränzungen, wie die Drake's, die Morgan's, die Woode's, Roger's und Andere von dieſer Schule ſie zogen zwiſchen ſich und den alltäglichen gemeinen Seeräubern des ſiebzehnten Jahrhunderts, obwohl mit weit weniger Grund. Aber Räuber waren dieſe Squatters nicht, außer in Einer Weiſe, und dieſe ſteigerten ſie beinahe bis zur Würde reſpektabler Feindſelig⸗ 336 keiten, durch den großen Maaßſtab, in welchem ſie das Gewerbe betrieben. Sobald ich eingeſchloſſen war, fing ich an, mir mein Gefäng⸗ niß und die mich umgebenden Gegenſtände zu beſehen. Beides hatte keine Schwierigkeit, denn die Oeffnungen zwiſchen den Holz⸗ blöcken geſtatteten nach allen Seiten hin einen ziemlich freien Aus⸗ blick. Das Vorrathshaus war, vermuthlich damit man deſſen Inhalt recht im Auge hätte, mitten in der Anſiedlung aufgeführt worden, und die Mühlen, Hütten, Scheunen, Schuppen und andere Häuſer bildeten rings um es herum eine Art Weiler. Dieſer Um⸗ ſtand, welcher das Entkommen doppelt ſchwierig machen mußte, war doch ſehr günſtig für den Zweck des Recognoscirens. Ich will jetzt die Ergebniſſe meiner Beobachtungen beſchreiben. Natürlich waren meine Erſcheinung, die Erklärung, die ich über meinen Namen und Charakter gab, und meine darauf erfolgte Verhaftung Umſtände, welche in der Familie des Squatters lebhafte Senſation machen mußten. Alle Frauen hatten ſich um Prudence vor der Thüre ihrer Hütte verſammelt, und die jüngeren Mädchen fühlten ſich von dieſem Punkte angezogen, da, wie man weiß, die einzelnen Theile eines Stoffes dem Geſetz der Verwandtſchaft folgen. Die männlichen Mitglieder, mit Ausnahme eines Knaben von acht oder zehn Jahren, waren nahe bei der Mühle verſammelt, wo Tauſend⸗ acres, ſo ſchien es, eine Berathung pflog mit Tobit und den übri⸗ gen Brüdern; unter welchen, glaube ich, nicht Einer Anſpruch darauf hatte, ein Engel genannt zu werden. Alle ſchienen den verſchiedenen Sprechern aufmerkſam zuzuhören, und die Weiber wandten oft ihr Auge ängſtlich und mit langgedehnten Blicken auf ihre männlichen Beſchützer. Wirklich ſchauten mehrere derſelben in dieſer Richtung hin, ſogar während ſie der Weisheit Prudence's ſelbſt ihr Ohr liehen. Der einzige bei der Verſammlung fehlende Knabe hatte ſich in einer bequemen, ächt amerikaniſchen Lage auf einem Sägeblock verbe äng⸗ eides Holz⸗ Aus⸗ eſſen führt ndere Um⸗ ußte, will rlich einen tung ttion der olten lnen Die oder end⸗ bri⸗ ruch den iber auf a in ce's ſich lock 337 nahe bei meinem Gefängniß hingeſtreckt, und zwar ſo, daß er, ohne ſeine Lage zu verändern, nach beiden Seiten hinausſehen konnte. Aus der Art, wie er die Augen auf das Vorrathshaus geheftet hielt, überzeugte ich mich bald, daß er die Rolle einer Schildwache ſpielte. So war mein Gefängniß ſicher genug, da ohnehin ſchon keines Mannes Kraft, ohne Beiſtand und ohne Werkzeuge, durch die Blöcke und Scheiter hätte durchbrechen können.. Nachdem ich mir ſo den Stand der Dinge im Allgemeinen betrachtet, hatte ich Muße, über meine Lage und die muthmaß⸗ lichen Folgen meiner Feſtnahme nachzudenken. Um mein Leben hegte ich keine großen Beſorgniſſe, weniger als ich unter den ob⸗ waltenden Umſtänden dazu Grund gehabt hätte; aber es wollte mich nicht bedünken, als ob ich in dieſer Hinſicht in ernſter Gefahr ſchwebte. Der Charakter der Amerikaner im Allgemeinen iſt nicht blutdürſtig, und der der Neuengländer vielleicht noch weniger als der der übrigen Landeseinwohner. Dennoch war die Hartnäckigkeit der Männer in dieſer Gegend des Landes, in Sachen, die Beſitz und Vermögen betrafen, ſprüchwörtlich, und ich gelangte zu der Ver⸗ muthung, daß ich wohl, wenn es immer möglich wäre, ſo lang würde feſtgehalten werden, bis alles geſchnittene Holz auf den Markt ge⸗ bracht und verkauft werden könnte, weil dieß das einzige Mittel war, wie ſie die Frucht ihrer bisherigen Arbeit ernten konnten. Die Möglichkeit hing davon ab, ob Sureflint entkommen oder ein⸗ geholt worden war. Falls der Indianer ergriffen wurde, ſo blieben Tauſendacres und ſeine Familie ſo ſicher und ungefährdet als je in ihrer Wildniß; falls er aber entkam, durfte ich erwarten, im Laufe des Tages von meinen Freunden zu hören. Es ſtand zu hoffen, daß in Folge einer an Squire Newcome, welcher Friedensrichter war, ergangenen Aufforderung, meine Pächter Etwas zu meinen Gunſten verſuchen würden, in welchem Falle dann nur die Folgen des Kampfes zu Beſorgniſſen Anlaß geben konnten. Die Squatters, im Zuſtand der Aufregung, und wenn ſie einander, mit den Waffen Der Kettenträger. 22 338 in der Hand, unterſtützten in Vertheidigung ihrer, wie ſie ſich ein⸗ bilden, ſauer errungenen Privilegien, waren zuweilen ſehr gefähr⸗ lich. Der Täuſchungen der Menſchen hinſichtlich ſolcher Gegen⸗ ſtände iſt kein Ende, denn das eigene Intereſſe ſcheint ihr Rechts⸗ gefühl gänzlich zu verblenden; und es ſind mir oft Fälle vor⸗ gekommen, daß Leute, die urſprünglich Geſetzesübertreter und, die Sache moraliſch angeſehen, Räuber waren, ſich wirklich feſt und aufrichtig in den Kopf geſetzt haben, ihre ſpätere Arbeit(wäh⸗ rend doch jeder neue Streich der Art ein neues Unrecht war,) habe einem Beſitz, in deſſen Vertheidigung ſie zu ſterben bereit waren, eine Art Sanktion verliehen. Es iſt kaum nöthig zu ſagen, daß ſolche Leute nur auf ſich ſehen, und die Rechte Anderer gänzlich nicht beachten; aber wundern muß man ſich, wo denn die Früchte all des religiöſen Unterrichts im Lande zu finden ſein ſollen, wenn ſo laxe Anſichten und ſo empörende Handlungen fortwährend bei uns an der Tagesordnung ſind. Die Sache iſt die: das Land iſt ſo im Ueberfluß da, und ſo ungeheure Strecken derſelben ſind von den Eigenthümern vernachläſſigt und dem Anſchein nach vergeſſen, daß die Bedürftigen leicht auf den Gedanken kommen, jene Gleich⸗ gültigkeit gebe ein Recht zu Einfällen auf ſolches anſcheinend her⸗ renloſe Eigenthum, und ſobald ſie einmal ihre Arbeit darauf ver⸗ wendet haben, bilden ſie ſich alsbald ein, ſie gebe ihnen einen mo⸗ raliſchen und geſetzlichen Anſpruch auf den Boden; obgleich in den Augen des Geſetzes und der unbeſtochenen Vernunft jeder neue Schhritt in der ſogenannten Verbeſſerung einer„Melioration“ nur ein weiter ausgedehntes Unrecht iſt. Ich ſann über Dinge und Verhältniſſe dieſer Art nach, als ich, durch die Spalten meines Kerkers hinausſchauend, um mich vom Stand der Dinge draußen zu unterrichten, überraſcht ward, durch die Erſcheinung eines Reiters, welcher auf der öſtlichen Seite der Lichtung daher kam, dem Anſchein nach ſeines Weges ganz ſicher, obgleich ihm nicht einmal ein Fußpfad auf ſeiner Reiſe zu —)————.——„— 2 dA=ͤ— ein⸗ ähr⸗ gen⸗ chts⸗ vor⸗ die und väh⸗ habe ren, daß zlich üchte venn bei d iſt von ſſen, eich⸗ her⸗ ver⸗ mo⸗ den neue nur als mich ard, Seite ganz e zu 339 Statten kam. Da dieſer Mann ein Paar ſolcher Satteltaſchen, wie ſie zu jener Zeit gewöhnlich waren, auf ſeinem Pferde hatte, hielt ich ihn zuerſt für einen jener Praktikanten der Heil⸗ kunſt, die man immerdar auf den neuen Anſiedlungen trifft, die ihren Weg durch Klötze, Stumpen, Moräſte und Wälder zu ſinden wiſſen, ob als Bringer des Heils oder des Unheils, maße ich mir nicht an zu entſcheiden. Gewöhnlich beſorgen Familien wie die von Tauſendacres ihr„Doktern“ ſelbſt; aber es konnte wohl ein Fall eintreten, welcher die Weisheit des ermächtigten Heilkünſtlers erforderte; und ich hatte eben bei mir entſchieden, daß hier ein ſolcher eingetreten ſein müſſe, als ich, wie der Fremde näher kam, zu meinem Erſtaunen entdeckte, daß es kein anderer Menſch war, als mein bisheriger Agent, Mr. Jaſon Newcome, das moraliſche und phyſiſche Faktotum von Ravensneſt! Da die Entfernung zwiſchen der Mühle, welche Squire New⸗ eome von mir in Pacht hatte, und derjenigen, welche Tauſendacres auf dem Grund und Boden von Mooſeridge errichtet hatte, nicht weniger als fünfundzwanzig Meilen betragen konnte, war die An⸗ kunft des Beſuches zu einer ſo frühen Stunde ein ſicherer Beweis, daß er lange vor Tagesanbruch vom Hauſe weggeritten ſein mußte. Vermuthlich fand er es gerathen, bei dem Ziel und Zweck dieſer ſeiner Reiſe die Wohnungen und Pachtgüter von Ravensneſt bei Nacht oder am Morgen zu paſſiren, wo die Dunkelheit ihn den Augen von Beobachtern entzog. Wenn er dann ſeine Abreiſe ebenſo vorſichtig und klug berechnend einrichtete, konnte er offenbar unter der Verhüllung und dem Schutze des andern Endes ebendeſſelben Mantels ſeine Heimath wieder erreichen. Mit Einem Wort, dieſer Beſuch war unverkennbar ein ſolcher, von deſſen Zwecken und Be⸗ gebniſſen die Welt nichts erfahren und ahnen ſollte. Die Geſpräche zwiſchen den Gliedern der Familie Tauſend⸗ acres hörten augenblicklich auf, als man des Squire Neweome an⸗ fichtig wurde; obwohl, wie dieß die unbewegliche Ruhe zeigte, wo⸗ 22* 340 mit man ſein Näherkommen beobachtete, die plötzliche Erſcheinung dieſes Beſuches weder Ueberraſchung noch Beſorgniß verurſachte. So ſehr es für die Squatters wünſchenswerth ſein mußte, ihre „Location“ geheim zu halten, zumal da der Friede jetzt den Grund⸗ herren Muße ließ, nach ihren Ländereien zu ſehen, verrieth doch Keines irgend Unruhe, als ſie die nächſte Magiſtratsperſon auf ihrer Lichtung ankommen ſahen. Jeder konnte aus dem Benehmen von Männern, Weibern und Kindern ſehen, daß Squire Neweome kein Fremder war, und ſeine Gegenwart keine Beſorgniß erregte. Selbſt die ſo frühe Stunde dieſes Beſuchs war höchſt wahrſchein⸗ lich für ſie nichts Ueberraſchendes und Ungewohntes, und der ſchnelle Verſtand der jungen Brut ließ ſie den Grund hievon ebenſo leicht errathen, als es bei den Alten der Fall war. Mit Einem Wort, der Gaſt wurde als Freund und nicht als Feind angeſehen. Newcome brauchte, nachdem man ſeiner anſichtig geworden, noch einige Zeit, bis er den Weiler erreichte, wenn man die Gruppe von Gebäuden ſo nennen darf; und endlich ſtieg er vor der Thüre eines Stalles ab, auf welchen einer der Knaben zutrottete, um ihm das Pferd abzunehmen. Nachdem das Thier untergebracht war, ſchritt der Squire nach dem Platz hin, wo Tauſendacres und ſeine ältern Söhne noch ſtanden, um ihn zu begrüßen, in der Nähe der Mühle. Die Art, wie Alle die Hände ſchüttelten, und die Herz⸗ lichkeit der Begrüßung überhaupt, an welcher Prudence und ihre Töchter bald Theil nahmen, zeugte, wie ich mir einbildete, von et⸗ was mehr als Freundſchaft,— ſie ſah ganz, wie die allervertrau⸗ teſte Bekanntſchaft aus. Jaſon Newcome blieb acht oder zehn Minuten in der Fami⸗ liengruppe ſtehen, und ich konnte mir ſo ziemlich die herkömmlichen Erkundigungen nach den Leuten, nach dem allgemeinen Befinden und nach dem Charakter der Zeiten vorſtellen, die er einzog,— bis der Friedensrichter und der Sqauatter ſich von der übrigen Geſell⸗ ſchaft trennten und bei Seite gingen, wie Männer, welche wichtige ung hte. ihre nd⸗ doch auf men ome gte. ein⸗ ielle eicht dort, den, ippe hüre ihm var, eine der erz⸗ ihre et⸗ au⸗ mi⸗ chen nden bis ſell⸗ tige 341 Angelegenheiten zu beſprechen hatten, und zwar unter Umſtänden, bei welchen die Gegenwart von Zeugen ganz entbehrlich war. Neunzehntes Kapitel. Ein kernhaftes Holz, Kräft’ge Männer voll Stolz Trägt unſer Boden, ſtark und geſund; Unſre Herzen und Eichen Sollen ihres Gleichen Haben nicht auf der Erde Rund. BVoung. Tauſendacres und der Friedensrichter lenkten ihre Schritte ge⸗ rade nach dem Vorrathshauſe zu, und da der Block der Schildwache einen bequemen Sitz bot, wurde dieſe von ihrer Funktion entlaſſen, und die beiden Ehrenmänner nahmen an der Stelle des Knaben Platz, mit dem Rücken gegen mein Gefängniß. Ob dieß in Folge eines ſchlau angelegten Planes des Squatters ſo geſchah, oder nicht, habe ich nie erfahren; aber mochte die Urſache ſein welche da wollte, die Folge davon war, daß ich Ohrenzeuge beinahe des ganzen ſich jetzt zwiſchen ihnen entſpinnenden Geſpräches wurde. Es wird dem Leſer das Verſtändniß der nachher zu berichtenden Vorfälle ſehr erleichtern, wenn ich das Geſpräch mittheile, welches mein bishe⸗ riger Agent mit einem Manne pflog, der offenbar ſein Vertrauter war in gewiſſen Sachen, wo nicht in allen, die mein Intereſſe in dieſer Gegend berührten. Was das Lauſchen betrifft, ſo trage ich kein Bedenken, mich dazu zu bekennen, da die Umſtände mich ge⸗ wiß berechtigten, mir ſelbſt noch viel größere Freiheiten zu neh⸗ men, gegenüber von den herkömmlichen geſelligen Regeln und Verpflichtungen des gewöhnlichen Lebens, falls ich es paſſend ge⸗ funden hätte. Ich hatte es mit Schelmen zu thun, die mich in ihrer Gewalt hatten, und ich hatte keine Verpflichtung, ſonderlich 342 ſkrupulös zu ſein, mindeſtens nicht in Betreff der blos konventio⸗ nellen Schicklichkeit. „Wie ich Euch geſagt habe, Tauſendacres,“ ſo fuhr Neweome in ſeinem Geſpräch fort, und zwar mit der Vertraulichkeit eines Mannes, der ſeinen Geſellſchafter genau kennt,„der junge Mann iſt in dieſer Gegend und in dieſem Augenblick ganz in Eurer Nähe.“ — Ich war viel näher, als der Squire ſelbſt in dieſem Augenblick ahnte.—„Ja, er iſt in die Wälder ſeines Beſitzthums hinausge⸗ zogen mit dem Kettenträger und ſeiner Bande; und nach Allem was ich weiß, mißt er Pachtgüter ab, nur eine oder zwei Meilen weit von hier.“ „Wie viele Männer ſind es?“ fragte der Squatter mit In⸗ tereſſe.„Wenn nicht mehr als die gewöhnliche Zahl, ſo wird es ein unglücklicher Tag für ſie werden, falls ſie auf meine Lichtung hereinſtolpern!“ „Das werden ſie vielleicht, vielleicht auch nicht; man kann das nie wiſſen. Landvermeſſen iſt ein Geſchäft, das Einen hierhin oder dorthin führen kann. Man weiß nie, wohin Einen eine Linie in den Wäldern führen mag. Das iſt der Grund, warum ich die Kreaturen von meinem Zimmerholzboden entfernt gehalten habe; denn um mit Euch ſo zu ſprechen, Tauſendacres, wie ein Nachbar mit dem andern ohne Gefahr ſprechen kann, es ſind verzweifelt große Fichten auf den noch nicht verpachteten Bergen nördlich und öſtlich von meinem Loos. Manchmal iſt es bequem, wißt Ihr, Linien im Umkreis einer Meile zu haben, manchmal nicht.“ „Fluch über alle Linien in einem freien Lande, ſagich, Squire,“ erwiederte Tauſendacres, welcher, als er dieſen charakteriſtiſchen Segenswunſch ausſprach, ausſah, als ob er richtiger Zehntauſend⸗ acres genannt würde;„ſie ſind eine Erfindung des Teufels. Ich habe volle ſieben Jahre im Staate Varmount gelebt, wie er jetzt genannt wird, den alten Hampſhire⸗Grants, wißt Ihr, als nächſter Nachbar von zwei Familien, die eine nördlich, die andere ſüdlich 343 von mir, und wir haben die ganze Zeit über ſo frei und ungehin⸗ dert als uns beliebte Holz gefällt; und kein böſes Wörtchen kam zwiſchen uns vor und kein zorniges und ſcheeles Geſicht.“ „Ich vermuthe faſt, Freund Aaron, Ihr ſaßet dort Alle mit dem gleichen Beſitztitel?“ bemerkte der Friedensrichter mit einem ſchlauen Blick auf ſeinen Genoſſen.„Wenn das der Fall war, ſo wäre es gegen alle Vernunft geweſen, unter einander Händel anzufangen.“ „Nun, ich will geſtehen, daß unſere Titel ſo ziemlich ſich gleich waren;— Beſitznahme und freie Aexte. Damals hatten wir es mit New⸗Yorker Grundherrn zu thun. Was iſt Eure aufrichtige Meinung über das Geſetz in dieſem Punkte, Squire Newcome? Ich weiß, Ihr ſeid ein Mann von guter Erziehung,— ein Col⸗ legiumsgelehrter, behaupten Manche; obwohl ich glaube, dieſe Ge⸗ lehrſamkeit iſt nicht beſſer als jede andere, wenn man ſie nur hat, — aber was iſt Eure Meinung vom Beſitz?— Gilt er in ein⸗ undzwanzig Jahren ohne Brief und Siegel oder nicht? Einige ſa⸗ gen: ja, Andere: nein!“ „Nein. Das Geſetz iſt feſt beſtimmt; es muß ein Schatten von Titel vorhanden ſein, oder der Beſitz gilt gar nichts; ſo wenig als das Zuſammengeſchabte eines Mehlfaſſes.“ „Ich habe auch ſchon das Gegentheil behaupten hören, und es ſind gute Gründe, daß der wirkliche Beſitz gegen alles Andere gelten und Recht behalten ſollte. Unter Beſitz jedoch verſtehe ich nicht, daß man ein paar Satteltaſchen an einen Baum hängt, wie dieß manchmal geſchieht, ſondern daß man tüchtig und ehrlich in's Land hinein ſich macht, nnd Bäume umhaut, und Mühlen und Häuſer und Scheunen baut, und ſchneidet und walkt und ſägt rechts und links. Das thue ich ſelbſt jederzeit, und das nenne ich ein ſolches Beſitzergreifen, wie es zu Rechte beſtehen ſollte vor dem Geſetz— ja, und auch nach dem Evangelium; denn ich gehöre nicht zu den Leuten, die die Religion in's Geſicht ſchlagen möchten.“ 344 „Darin habt Ihr ganz recht, behaltet das Evangelium auf Eurer Seite, was Ihr auch immer thut, Nachbar Tauſendacres. Unſere puritaniſchen Väter haben nicht den Ocean durchkreuzt, und den Schreckniſſen der Wildniß getrotzt, und ihren Fuß auf den Felſen von Plymouth geſetzt, und überhaupt Uebermenſchliches er⸗ tragen und durchgemacht für Nichts und wieder Nichts!“ 1 „Nun, nach meinen Begriffen ſind die Schreckniſſe der Wild⸗ niß, wie Ihr es nennt, eben nichts ſo Arges; aber was die Fahrt über den Ocean betrifft, das muß, kann ich mir leicht vorſtellen, Etwas ſein, das die Geduld und Ausdauer eines Menſchen auf die Probe ſetzt. Ich konnte mich nie mit dem Waſſer befreunden. Man ſagt mir, es wachſe nicht ein einziger Baum auf der ganzen Strecke zwiſchen Amerika und England. Schwimmenden Säge⸗ blöcken begegne man zuweilen, habe ich ſagen hören, aber keinen aufrecht ſtehenden lebendigen Baume von Maſeachuſſets⸗Bai bis zur Stadt London.“ „Es iſt da Alles Waſſer, und natürlich ſind da die Bäume rar, Tauſendacres; aber kommen wir jetzt der Sache ſelbſt etwas näher. Was ich Euch geſagt, der junge Wolf iſt da, und er wird ſo laut brummen und heulen, als der alte Bär ſelbſt, wenn er von all den Brettern und Dielen hört, die Ihr den Fluß hinab habt ſchwimmen laſſen,— um nichts zu ſagen von den Haufen Holz hier herum, die Ihr noch nicht einmal in's Waſſer gelaſſen habt.“ „Laßt ihn brummen oder heulen,“ verſetzte der alte Squatter, mit einem ſchlauen, boshaften Blick auf mein Gefängniß;„wie bei ſo vielen andern Kreaturen, die mir vorgekommen ſind, wird ſich's bei ihm zeigen, daß ſein Bellen ſchlimmer iſt als ſein Beißen.“ „Ich weiß das nicht, Nachbar Tauſendacres, ich weiß das gar nicht. Major Littlepage iſt ein Gentleman von Muth und Ent⸗ ſchloſſenheit, wie man daraus ſieht, daß er die Agentſchaft auf ſeinem Gut mir abgenommen hat, der ich ſie ſo lange gehabt, und ſie einem jungen Laffen gegeben, der keinen andern Anſpruch hat, n auf leres. „und den s er⸗ Vild⸗ Fahrt ellen, auf nden. anzen ßäge⸗ einen s zur iume twas wird von habt Holz abt.“ atter, te bei ſich's T gar Ent⸗ auf und hat, 345 als daß er ein leidlicher Landvermeſſer iſt, aber der ſich erſt ſeit zwölf Monaten in der Anſiedlung aufhält.“ „Einem Landvermeſſer gegeben? Iſt es einer von des Ketten⸗ trägers Meßteufeln?“ „Ganz recht! es iſt eben der junge Geſell, welchen der Ketten⸗ träger ſeit einem Jahre oder ſo bei ſich hat, der die Linien zieht und das Land vermißt auf dieſem Gute.“ „Der alte Kerl, der Kettenträger, thäte jetzt gut, ſich vorzu⸗ ſehen! Er hat mich jetzt dreimal gekreuzt im Verlaufe ſeines Lebens, und er wird nachgerade verzweifelt alt; ich fürchte, er wird nicht mehr lange leben!“ Ich konnte jetzt bemerken, daß der Squire Neweome anfing ſich unbehaglich zu fühlen. Obgleich er ein Genoſſe und College des Squatters war im Stehlen von Holz, was man in einem neuen Lande nur allzu geneigt iſt, als eine verzeihliche Spitzbüberei zu betrachten, vertrug es ſich doch mit der Art und dem Grade ſeiner Schurkerei ganz und gar nicht, das Leben eines Menſchen zu be⸗ drohen. Er begünſtigte das Stehlen von Holz, indem er die ge⸗ ſchnittene Waare zu hinlänglich niederen Preiſen kaufte, ſo lange die Gefahr entdeckt zu werden gewiſſe Gränzen nicht überſchritt; aber er liebte es nicht, mit einem Handel zu ſchaffen zu haben, bei welchem man, im Falle der Noth, nicht mit ziemlicher Sicher⸗ heit allen unangenehmen Folgen und Strafen ſich entziehen konnte. Die Menſchen werden ſehr leicht das, wozu— nicht ihre Geſetze — ſondern die Verwaltung und Handhabung ihrer Geſetze ſie macht. In Ländern, wo die Handhabung der Geſetze, die Rechts⸗ pflege raſch, ſicher und gehörig ſtreng iſt, ſind Verbrechen haupt⸗ ſächlich die Folgen der Verſuchung und der Noth; aber es iſt auch ein ſolcher Zuſtand der Geſellſchaft denkbar, wo die Gerechtigkeit in Verachtung kommen kann durch ihre Ohnmacht, und die Menſchen ſich Vergehungen erlauben, nur um ihr zu trotzen. So haben wir lang gelitten unter dem großen Nachtheil, daß wir 346 unter Geſetzen lebten, die großentheils für ganz andere Verhält⸗ niſſe entworfen und berechnet waren. Nach dem gemeinen Recht war es in England nur ein Vergehen, einen Baum umzuhauen, denn Bäume wurden ſelten oder nie geſtohlen, und das Geſetz wollte für das einfache Vergehen des Abhauens oder Abſchneidens eines Zweigs in einem Walde nicht die Strafe eines Verbrechens feſt⸗ ſetzen. Aber bei uns ſind, unter ganz neuen Verhältniſſen, auch ganz neue Arten von Vergehen entſtanden, und wir haben wahr⸗ ſcheinlich die ungeheure Ausdehnung des Holzſtehlens, welches jetzt ſeit langer Zeit unter uns im Schwange geht, ebenſo ſehr von der unpaſſenden Gelindigkeit der Geſetze abzuleiten, als von dem Um⸗ ſtande, daß gerade dieſe Art von Eigenthum ſo ſehr blosgeſtellt iſt. Mancher würde ein Vergehen der ſchwerſten Art ſich erlauben, der vor der Begehung eines Verbrechens der geringſten Art zurück⸗ beben würde. So war es der Fall bei Newcome. Er hatte eine gewiſſe Art von geſetzlicher Rechtlichkeit an ſich, die ihn bis auf einen gewiſſen Grad den guten Schein retten ließ. Es iſt wahr, er begünſtigte das ungeſetzliche Fällen von Zimmerholz dadurch, daß er das geſägte Holz kaufte, aber zugleich hütete er ſich wohl, keinen ſolchen unmittelbaren Antheil an dem im eigentlichen Sinne widerrechtlichen Theile des Gewerbes zu nehmen, daß er ſich den Strafen des Geſetzes ausgeſetzt hätte. Wäre das Stehlen von Zimmerholz als Felonie behandelt worden, ſo wäre er oft ein Mitſchuldiger von der That geweſen; aber bei bloßen Vergehen weiß das Geſetz von einer ſolchen Mitſchuld nichts. Und der An⸗ kauf von geſägtem Holz war, wenn es mit gehöriger Vorſicht ge⸗ ſchah, Dank den herrlichen Ausflüchten, welche die vervollkommnete Vernunft der neuern Zeit an die Hand gibt, eine Sache, die mit keiner perſönlichen Gefahr, vom kriminellen Geſichtspunkt aus be⸗ trachtet, verknüpft war, und ließ ſo viele Auskunftsmittel zu, daß die Frage des Eigenthums als eine ſehr zweifelhafte erſchien, nachdem die Dielen ganz in ſeinen Beſitz übergegangen waren. Der kann wäͤre mal haft gen theil⸗ New die 347 Zweck ſeines gegenwärtigen Beſuchs auf der Lichtung von Tauſend⸗ acres war, wie der Leſer vermuthlich ſchon errathen hat, von meiner vorausgeſetzten Nähe Nutzen zu ziehen, und durch Ein⸗ ſchüchterung dem Squatter zu einem Verkaufe unter ſolchen Be⸗ dingungen zu vermögen, welche dem Käufer einen ungewöhnlich großen Gewinn laſſen ſollten. Zum Unglück für das Gelingen dieſes nobeln Anſchlages befand ich mich in ſo viel größerer Nähe, als ſelbſt Squire Newcome vorausſetzte, daß ſein Plan bedroht wurde, gerade durch das Uebermaß deſſen, wodurch er das ge⸗ wünſchte Reſultat herbeizuführen gedachte. Nicht träumen ließ ſich der ehrliche Friedensrichter, daß ich während des ganzen Geſprächs nur zwanzig Fuß weit von ihm entfernt war, und Alles hörte, was geſprochen wurde. „Kettenträger iſt etwa ſiebzig Jahre alt,“ verſetzte Neweome, nachdem er einen Augenblick über die Bedeutung der letzten Be⸗ merkung ſeines Geſellſchafters nachgeſonnen hatte.„Ja, etwa ſiebzig ſollte ich denken nach dem, was ich gehört habe, und was ich ſelbſt von dem Manne weiß. Es iſt ein anſehnliches Alter, aber die Leute leben oft noch viele Jahre darüber hinaus. Ihr müßt ſelbſt auch um die Jahre herum ſein, Tauſendacres.“ „Dreiundſiebzig, keinen Tag und keine Stunde weniger, Squire; eher noch Tage und Stunden drüber. Wenn man nach dem alten Style rechnet, bin ich, glaube ich, noch um einen Monat oder ſo älter. Aber ich bin nicht der Kettenträger. Niemand kann von mir ſagen, daß ich je meinen Nachbarn läſtig gefallen wäre. Kein Menſch kann behaupten, daß ich je zu einer Zeit ein⸗ mal ſeine Linien geſtört hätte. Kein Menſch kann den Tag nam⸗ haft machen, wo ich je vor Gericht aufgetreten wäre, um zu zeu⸗ gen über ſolche Lumpereien, wie die Länge oder Breite von Loos⸗ theilen, und Zwiſt zwiſchen Nachbarn anzuſtiften. Nein, Squire Newcome, ich darf mich meines Rufs und Leumunds rühmen, der die Vergleichung aushält mit dem jedes andern Bewohners der 348 Wälder, der mir je vorgekommen. Und was ich von mir behaupte, das darf ich auch ſagen von meinen Söhnen und Töchtern,— von Tobit bis herab auf Samſon, von Nab bis auf Jeruthy. Wir ſind, was ich ein vernünftiges und verſöhnliches Geſchlecht nenne, gehen unſern eignen Angelegenheiten nach, und haben Achtung vor den Angelegenheiten anderer Leute. Jetzt bin ich in meinem vier⸗ undſiebzigſten Jahre, Vater von zwölf lebenden Kindern, und ich habe in meinem Leben manche Niederlaſſung gemacht, aber nie hat man mir nachſagen können, daß ich mein Lager aufgeſchlagen auf dem Grund und Boden, den ein Anderer im Beſitz hatte;— und ich dehne meine Ideen von Beſitz weiter aus als die meiſten Leute, denn ich nenne das Beſitz, wenn Einer offen und vor Zeugen erklärt hat, daß er die Abſicht hat, ſich auf einem beſtimmten Platze nie⸗ derzulaſſen vor der nächſten Pflüge⸗ oder Regenzeit, wie es ſich trifft. Nein, ich reſpektire den Beſitz, welcher in einem freien Lande der einzige geſetzlich gültige Rechtstitel auf Eigenthum ſein ſoll. Wenn ein Mann eine Lichtung wünſcht, oder eine zu machen wünſcht, ſo iſt meine Lehre die: er ſoll ſich umſehen und ſein Zelt aufſchlagen nach guter und reiflicher Erwägung und Berechnung, und wenn er des Platzes überdrüſſig iſt, und ſich nach Veränderung ſehnt, ſo ſoll er ſeine Meliorationen verkaufen, wenn er einen Käufer findet, und wenn nicht, ſo ſoll er Alles mitnehmen und ſie dem überlaſſen, der zunächſt kommen mag.“ Es iſt wahrſcheinlich, daß Jaſon Newcome, Esquire,— Frie⸗ densrichter in Amerika halten an dieſem Titel mit ungemeiner Zähigkeit feſt, obgleich ſie darauf ſo wenig Recht haben als irgend ein anderer Menſch,— nun, alſo daß Jaſon Newcome, Esquire, ſeine Begriffe von den Rechten des Squatters und von dem gehei⸗ ligten Charakter des Beſitzers nicht ganz ſo weit ausdehnte, wie ſein Freund Tauſendacres. Newcome war ein ausnehmend ſelbſt⸗ ſüchtiger, aber dabei ein ausnehmend ſchlauer Mann. Ich weiß nicht, ob die Bezeichnung geſcheidt, im weiteſten Sinne des Worts, aupte, — von Wir nenne, ng vor vier⸗ ind ich nie hat en auf — und Leute, erklärt Be nie⸗ trifft. de der Wenn cht, ſo hhlagen denn er nt, ſo findet, rlaſſen, Frie⸗ meiner irgend squire, gehei⸗ e, wie ſelbſt⸗ h weiß Worts, 349 ganz paſſend auf ihn angewendet würde; denn in dem Sinne, den ich im Auge habe, ſchließt der Begriff auch Verſtand und Einſicht genug in ſich, um das Rechte zu thun; aber er hatte allerdings gegründete Anſprüche darauf in der beſchränkteren Bedeutung, in welcher man von geſcheidten Spitzbuben ſpricht. Mit Einem Wort, Mr. Neweome verſtand ſich ſelbſt und ſeine Verhältniſſe zu dem Gemeinweſen, in welchem er lebte, zu gut, als daß er ſich in ſehr ernſte Angelegenheiten hätte verwickeln ſollen durch offenes Abſchüt⸗ teln ſeiner Pflichten, obwohl er in einem Zuſtande unaufhörlicher kleiner Abweichungen von denſelben lebte, die ihn jeden Augenblick in ernſte Schwierigkeiten verwickeln konnten. Dennoch war leicht zu merken, daß er keinen Geſchmack fand an den Anſpielungen von Tauſendacres auf das Lebensende meines vortrefflichen alten Freun⸗ des Kettenträger; aber ich muß ſagen, daß ſie mir auch keine ſonderliche Unruhe machten; denn während ich wohl wußte, wel⸗ cher verzweifelten Handlungen die Squatters zuweilen fähig waren, vermuthete ich doch, des alten Burſchen Bellen ſei am Ende ärger als ſein Beißen, wie er dieß ſo eben in Beziehung auf mich ge⸗ äußert hatte. Es würde ſchwerlich der Mühe lohnen, wenn ich verſuchen wollte, Alles wiederzugeben, was zwiſchen den beiden Freunden hin und her geſprochen wurde; obgleich das Geſpräch ein ganz unter⸗ haltendes Muſterſtückchen ſchlauer Bearbeitung von der einen Seite war, um den Squatter durch Einſchüchterung dahin zu bringen, daß er ſein Holz losſchlage, und auf der andern Seite von trotzi⸗ ger Sicherheit. Dieſe Sicherheit gründete ſich auf den Umſtand, daß Tauſendacres in dieſem Augenblick mich als Gefangenen in ſeinem Vorrathshauſe eingeſperrt hatte. Ein Handel unter ſolchen Verhältniſſen konnte vorausſichtlich nicht leicht zu einem glücklichen Abſchluß gedeihen. Nach vielem Erörtern und Markten wurde, ohne daß Etwas entſchieden geweſen wäre, die Beſprechung abgebrochen; indem der Friedensrichter ſagte: 350 „Nun Tauſendacres, ich hoffe, Ihr habt keinen Grund, es zu bereuen, aber ich fürchte faſt, Ihr werdet es bereuen.“ „Wenn es ſo iſt, ſo iſt der Schaden und der Verluſt mein und meiner Jungen,“ antwortete der Squatter.„Ich weiß, ich kann alle die Bretter in das Flüßchen, ja wohl auch in den Strom bringen, ehe der junge Littlepage mir irgend ein Leid thun kann; obwohl Ein Umſtand iſt, der mich auf noch andere Gedanken bringen könnte—“ Hier machte der Squatter eine Pauſe; und Newceome, welcher aufgeſtanden war, drehte ſich raſch und lebhaft gegen ihn, um Vortheil zu ziehen von der Ungewißheit, worin er die Seele des Andern noch befangen ſah. „Ich dachte, Ihr würdet Euch eines Beſſern beſinnen,“ ſagte er;„denn es iſt außer Zweifel, falls Major Littlepage von Eurer Niederlaſſung hier erführe, ſo würde er Euch mit Stumpf und Stiel entwurzeln, wie die Stürme einen fallenden Baum.“ .„Nein, Squire, ich bin feſt entſchloſſen,“ verſetzte Tauſendacres kühn.„Ich will verkaufen, und das gerne, aber nicht auf die von Euch genannten Bedingungen hin. Zwei Pfund acht Schilling für tauſend Fuß Dielenmaß, und Alles ineinander gerechnet, gute Waare und Ausſchuß, ohne Magazingebühren— ſo könnt Ihr das Holz haben!“ „Zu viel, Tauſendacres, bei weitem zu viel, wenn Ihr das Riſiko bedenkt, dem ich mich ausſetze. Ich weiß nicht gewiß, ob mir das Holz bliebe, ſelbſt nachdem ich es in den Strom gebracht, denn ein replevy iſt ein furchtbares Ding in der Juſtiz, das kann ich Euch ſagen. Ein Pfund ſechszehn Schilling und der dritte Theil der Magazingebühren,— das iſt der letzte Heller, den ich bieten kann.“ Zu jener Zeit wurden alle Berechnungen in Amerika nach Pfunden, Schillingen und Pencen gemacht. „Dann iſt es mit dem Handel aus.— Ich vermuthe, Squire, d, es n und hkann Strom kann; danken delcher. , um le des ſagte Eurer Stiel dacres e von ag für gute ör das r das 3, ob racht, kann dritte en ich nach quire, 351 Ihr habt noch immer ſo wenig Luſt, auf meiner Niederlaſſung ge⸗ ſehen zu werden, wie früher?“ „Gewiß— gewiß!“ antwortete Neweome haſtig.„Es hat damit auch wohl keine Gefahr, hoffe ich. Ich habt doch ſicherlich keine Fremden bei Euch?“ „Dafür möchte ich nicht bürgen. Ich ſehe dort einige der Jungen aus den Wäldern kommen, und es ſcheint mir ein vierter Mann bei ihnen zu ſein. Ja wahrhaftig, ſo iſt es wirklich, und kein Anderer iſt es als Susqueſus der Onondago. Der Burſche macht wenig Worte und iſt verſchloſſen, wie die meiſten Rothhäute, aber Ihr müßt ſelbſt am beſten wiſſen, ob Ihr Euch gerne vor ihm ſehen laßt oder nicht. Ich höre, er ſei ein vertrauter Freund des Kettenträgers.“ Es war ſehr leicht zu ſehen, daß der Magiſtrat ſich im Augen⸗ blick für das Nichtgeſehenwerden entſchied. Mit nicht geringer, kaum anſtändiger Eilfertigkeit drückte er ſich um einen Haufen Holzſcheiter herum, und ich ſah nichts mehr von ihm, bis ich ſeiner Perſon wieder ganz in der Ferne, am Saume des Waldes, anſichtig wurde, auf dem Punkte, wo er zwei Stunden zuvor auf die Lichtung her⸗ ausgekommen war, und wo er jetzt ſein Pferd aus den Händen des jüngſten von Tauſendacres Söhnen in Empfang nahm, welcher zu ſeiner Bequemlichkeit ihm das Thier dahin führte. Sobald Mr. Newcome wieder im Beſitz ſeines Thieres war, ſtieg er auf und ritt fort in die Tiefen des Waldes hinein. So geſchickt be⸗ werkſtelligte er ſeinen Rückzug, daß kein gewöhnlicher Beobachter ihn möglicherweiſe hätte bemerken können, wäre er nicht zuvor ſchon auf ſeine Bewegungen aufmerkſam gemacht worden. Was beim Abſchied zwiſchen Tauſendacres und ſeinem Beſuche vorging, habe ich nie erfahren, aber ſie müſſen einige Minuten mit einander ganz allein geweſen ſein. Als der Erſtere wieder erſchien, kam er hinter den Holzklötzen hervor, alle ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit dem Anſchein nach auf die ſich nähernde Truppe gerichtet, 352 welche aus ſeinen Söhnen und Susqueſus beſtand. Dieſe ent⸗ ſchloſſenen und erfahrenen Männer hatten wirklich den Onondago eingeholt und gefangen, und brachten ihn jetzt in ihrer Mitte als Gefangenen, entwaffnet, ein, um die Befehle ihres Vaters zu em⸗ pfangen. Trotz Allem, was ich von dieſem Manne und von ſeinem Charakter wußte, mußte ich mir doch geſtehen, es lag etwas Imponirendes in der Art, wie er die Ankunft ſeiner Söhne und ihres Gefangenen erwartete. Gewohnt, eine beinahe unbeſchränkte Herrſchaft in ſeiner Familie auszuüben, hatte der alte Mann ſich etwas von der Würde der Herrſchergewalt angeeignet; und was ſeine Nachkommenſchaft betrifft, Alte und Junge, Männer und Weiber, Prudence nicht ausgenommen, ſo hatten ſie im Punkte der Freiheit ſehr wenig dabei gewonnen, daß ſie die Feſſeln des ordentlichen, anerkannten Geſetzes und Rechtes abgeſchüttelt hat⸗ ten, um unter dem Scepter ihres Patriarchen zu leben. In dieſer Hinſicht durften ſie mit den Maſſen verglichen werden, die in blindem Streben nach Freiheit ungeduldig die geſetzlichen und heilſamen Schranken der Geſellſchaft niederreißen, um ſich der willkürlichen, ſelbſtſüchtigen und immer ungerechten Diktatur von Demagogen zu unterwerfen. Der etwaige Unterſchied zwiſchen dieſen zwei Arten von Regiment war ganz auf der Seite der Herrſchaft des Squatters, welcher doch die Gefühle der Natur für ſein eigen Fleiſch und Blut hatte, und demzufolge oft nachſichtig ſich zeigte. Es iſt ſo ſchwer, im äußern Benehmen eines Indianers ſeinen Seelenzuſtand zu leſen, daß ich nicht erwartete, aus den Mienen des Onondago, wie er näher kam, ſeine Empfindungen abnehmen und errathen zu können. In ſeinem Aeußern erſchien dieſer Mann ſo ruhig und unbewegt, als wäre er eben zu einem freundſchaft⸗ lichen Beſuch angekommen. Diejenigen, die ihn gefangen, hatten ihn gebunden, aus Furcht er möchte ihnen in den Dickichten, welche ſie paſſiren mußten, entwiſchen; aber die Seile ſchienen ihm weder ent⸗ dago e als em⸗ einem twas 2 und ränkte n ſich was und te der des hat⸗ dieſer die in n und h der ir von viſchen e der ur für ſichtig ſeinen Nienen hehmen Mann ſchaft⸗ hatten welche weder 353 wehe zu thun noch ihm Kummer zu machen. Der alte Tauſend⸗ acres zeigte ihm ein finſtres Geſicht, aber er beſaß zu viel Er⸗ fahrung hinſichtlich des indianiſchen Charakters— er kannte zu gut die indianiſche Gemüthsart, die nie verzeiht, und die Zähigkeit ihres Gedächtniſſes, das weder empfangene Gunſt noch erduldete Unbild vergißt, als daß er hätte unnöthig und muthwillig die bit⸗ tern Gefühle ſteigern ſollen, welche natürlich zwiſchen ihm und ſei⸗ nem Gefangenen ſich erzeugt haben mußten. „Trackleß,“ ſagte er mit Achtung und mit Bedacht,„Ihr ſeid ein alter Krieger und müßt wiſſen, daß in unruhigen Zeiten ein Jeder ſich vorſehen muß. Ich bin froh, daß die Jungen nicht in den Fall kamen, Euch ein Leid thun zu müſſen; aber es wäre nimmermehr angegangen, Euch die Nachricht von dem, was dieſen Morgen hier vorgegangen iſt, an Kettenträger und ſeine Rotte überbringen zu laſſen. Wie lang ich Euch hier werde feſthalten müſſen, das vermag ich ſelbſt jetzt noch nicht zu ſagen; aber Eure Behandlung ſoll gut, die Begegnung warm ſein, ſo lang Ihr Euch ruhig verhaltet. Ich weiß, was das Wort einer Rothhaut iſt; und vielleicht, wenn ich mir es ein wenig überlegt habe, laſſe ich Euch frei in der Lichtung herumgehen, falls Ihr mir Euer Wort geben wollt, nicht davon zu laufen. Ich will es mir bedenken und es Euch morgen wiſſen laſſen; aber für heute muß ich Euch im Vorrathshaus einſperren mit dem jungen Geſellen, mit welchem Ihr hieher gekommen ſeid.“ Tauſendacres befragte ſodann ſeine Söhne über die Art und Weiſe, wie ſie ſich ihres Gefangenen bemächtigt hätten, was ich hier nicht zu erzählen brauche, da ich Gelegenheit finden werde, die Erzählung hievon aus dem Munde des Indianers ſelbſt zu geben. Sobald er hierüber genügende Auskunft hatte, wurde die Thüre meines Gefängniſſes geöffnet und der Onondago trat herein, ſeiner Bande entledigt, ohne die leiſeſte Spur von Verdruß oder Widerwillen in ſeinen Mienen zu verrathen. Alles geſchah in der Der Kettenträger. 23 354 „allerverſchloſſenſten“ Weiſe; ſobald der neue Gefangene eingeliefert war, wurde die Thüre wieder wohl verwahrt und ich blieb mit Sureflint allein; eines der jüngeren Mädchen wurde jetzt als Schildwache in der Nähe des Gebäudes zurückgelaſſen. Ich wartete einen Augenblick, um mich zu vergewiſſern, ob wir allein wären, und dann eröffnete ich das Geſpräch mit meinem Freunde. „Es thut mir das gar ſehr leid, Sureflint,“ begann ich,„denn ich hatte gehofft, Eure Bekanntſchaft mit den Wäldern und Eure Uebung im Auffinden von ſchwer zu entdeckenden Pfaden werde Euch in Stand ſetzen, Euern Verfolgern zu entkommen und die Kunde meiner Gefangenſchaft unſern Freunden zu überbringen. Das iſt nun eine leidige Vereitlung meiner Hoffnung, nachdem ich gewiß geglaubt hatte, Ihr würdet Kettenträger zu wiſſen thun, wo ich ſei.“ „Warum Ihr jetzt denken anders, he? Vermuthlich weil In⸗ dianer Gefangner, nicht ſich ſelbſt können helfen?“ „Ihr wollt doch damit nicht ſagen, daß Ihr mit Eurem eige⸗ nen Willen hier ſeid?“ „Gewiß.— Dachte nicht nöthig zu kommen; bin nicht ge⸗ kommen. Ihr glauben, Tauſendacres' Jungen gefangen den Sus⸗ queſus, in den Wäldern, und er es nicht ſo gewollt? Gewiß, Winter gekommen und Sommer gekommen. Gewiß, graue Haare gekommen ein wenig. Gewiß, Trackleß alt geworden, nach und nach; aber der Moccaſin zurücklaſſen noch keine Spur.“ „Da ich nicht verſtehe, warum Ihr zuerſt Euch davon machtet und dann wünſchtet, wieder zurückzukommen, muß ich Euch bitten, Euch mir zu erklären. Laßt mich Alles hören, was vorgegangen iſt, Sureflint— wie es gegangen iſt, und warum es ſo gegangen iſt. Erzählt es auf Eure Weiſe, aber erzählt es vollſtändig.“ „Gewiß.— Warum nicht erzählen? Es nichts ſchaden; Alles gut— Einiges vortrefflich! Nie gehabt haben beſſeres Glück.“ „Ihr macht meine Neugier rege, Sureflint; erzählt die ganze —y—““ 355 Geſchichte auf einmal; beginnt mit dem Augenblicke, wo Ihr ent⸗ wiſcht ſeid, und führt ſie fort bis zu dem Augenblick Eurer An⸗ kunft hier.“ Auf dieß ſah mich Susqueſus mit einem bedeutungsvollen Blick an, zog ſeine Pfeife aus dem Gurt, füllte ſie und zündete ſie an und begann mit einer Ruhe und Faſſung zu rauchen, die ſich nicht leicht ſtören ließ. Sobald jedoch der Indianer ſich ver⸗ ſichert hatte, daß ſeine Pfeife in gehörigem Stande ſei, fing er ruhig ſeine Erzählung an. „Jetzt zuhören mir, Ihr es vernehmen,“ ſagte er.„Fort⸗ gelaufen, weil nicht gut hier bleiben und Gefangener ſein, das warum.“ „Aber Ihr ſeid jetzt ja doch ein Gefangener, ſo gut wie ich; und nach Eurer Angabe ein Gefangener aus eigenem, freiem Entſchluß.“ „Gewiß— nie Gefangener geweſen ſein, nie es ſein werden, wenn es nicht wollen. Vielleicht geſchoſſen, da nicht helfen und ändern können; aber in Wäldern Indianer nie Gefangener, wenn nicht faul oder betrunken. Rum gar Viele machen zu Gefangnen.“ „Ich kann das Alles wohl glauben— aber erzählt mir die Geſchichte. Warum ranntet Ihr zuerſt fort?“ „Ihr meinen, Kettenträger nicht wollen wiſſen, wo Ihr ſein, he? Ihr meinen, Tauſendacres Euch je laſſen gehen, ſo lange Holz im Fluß? Wenn Holz fort, dann gehen; vorher nicht. Bleiben ganzen Sommer! Ihr Luſt haben, ganzen Sommer im Vorrathshauſe zu bleiben, he?“ 3 „Gewiß nicht!— Nun alſo, Ihr habt mich verlaſſen, um unſern Freunden zu wiſſen zu thun, wo ich ſei, damit ſie auf Mittel bedacht wären, mich zu befreien. Das Alles verſtehe ich; was dann weiter?“ „Dann fortgerannt in Wald. Leicht genug, entwiſchen, wenn Tauſendacres nicht das Auge auf Einen richten. Nun, gegangen 23* 356 bei zwei Meilen; keine Fährte gelaſſen— Vogel in Luft ſo viel Spuren laſſen. Wem begegnet, Ihr meinen, he?“ „Ich bin verlangend, es von Euch zu hören. 3 „Begegnet Jaap— ja— begegnet dem Neger. Geſucht ſei⸗ nen jungen Gebieter— Jedermann in Unruhe, und nicht wiſſen, wo junger Häuptling ſein. Die Einen ſuchen da— die Andern ſuchen dort— Alle ſuchen irgendwo— Jaap ſuchen gerade hier.“ „Und Ihr habt Jaap die ganze Geſchichte erzählt und ihn da⸗ mit zu den Hütten zurückgeſchickt?“ „Gewiß— ganz ſo. Gut gerathen haben dießmal. Dann denken, was weiter thun. Gern zurückgekommen und jungem Freund Bleichgeſicht geholfen; ſo gedacht, auch einmal Gefangener werden. Es nicht ſo ſchlimm empfinden, als geglaubt. Sauatter kein ſo harter Herr für Gefangnen.“ „Aber wie kam nun Alles ſo, und wie habt ihr die jungen Männer irre geführt?“ „Nicht ſchwer das Alles zu machen. Nur zu wiſſen brauchen wie. Nachdem Jaap ſeinen Auftrag erhalten und ſich fortgemacht, machen Spuren deutlich genug, daß Squaw ſie finden können. Aufſuchen eine Ouelle— niederſitzen und Büchſe weglegen, ſo nicht nöthig zu ſchießen und mich fangen laſſen von Squatters Jungen, durch Ueberraſchung, ſie es nennen ſo; ja, Bleichgeſichter überraſcht rothen Mann dießmal. Dafür ſtehen, ſie damit prahlen jetzt, gut!“ Alſo dieß war die einfache Erklärung des Ganzen! Sus⸗ queſus hatte ſich fortgeſchlichen, um meine Freunde von meiner Lage zu unterrichten; er war Jaap oder Jaaf begegnet, welcher ſeinen verlorenen Herrn ſuchte; er hatte dem Neger alle Umſtände mitgetheilt und ſich dann abſichtlich und ſchlau wieder fangen laſſen, wobei er jeden Kampf ſorgfältig vermied, und war nun zurückge⸗ bracht und mit mir eingeſperrt worden. Es bedurfte keiner Erläu⸗ terungen, um die hiedurch gewonnenen Vortheile anzudeuten. Durch ͤſſ ann und den. n ſo igen chen acht, nen. ſo tters chter chlen Sus⸗ einer lcher ände iſſen, ckge⸗ rläu⸗ durch 357 die dem Neger gemachte Mittheilung, welcher ſeit Jahren mit der kurzen, gebrochenen Redeweiſe des Indianers genau bekannt war, mußte der Kettenträger Alles erfahren; dadurch, daß Sure⸗ flint ſich wieder greifen ließ, wurden die Squatters auf die Mei⸗ nung geführt, unſere Gefangenſchaft und ihre Niederlaſſung ſeien ein Geheimniß für Jedermann; und indem er wieder zurückkam, hatte ich für einen Fall der Noth die Geſellſchaft, den Rath und den Beiſtand eines durchaus und vielfach erprobten Freundes meines Vaters und des Kettenträgers. Dieſe kurze Angabe der Beweggründe und Abſichten des Onon⸗ dago zeigt deſſen bewundernswerthen Scharfblick; er hatte alle weſentlichen Punkte und Umſtände ſeiner Lage im Auge behalten und hatte es in Nichts verſehen. Ich war eben ſo hoch erfreut über die Liſt und Gewandtheit Sureflints, als gerührt von ſeiner Treue. Im Verlauf unſeres Geſprächs gab er mir zu verſtehen, daß mein Verſchwinden und mein Ausbleiben während einer ganzen Nacht in den Hütten große Beſtürzung verurſacht habe, und daß zu der Zeit, wo er ſo glück⸗ licherweiſe Jaap begegnet, Alle ausgezogen ſeien, um mich und ihn zu ſuchen. „Mädel auch aus,“ ſetzte der Onondago hinzu.„Denken, guten Grund haben dazu.“ Dieß machte mich ein wenig ſtutzen, denn ich hegte eine unbe⸗ ſtimmte Vermuthung, Susqueſus müſſe ein ungeſehener Zeuge meiner Beſprechung mit Urſula Malbone geweſen ſein; und wie er den Gemüthszuſtand geſehen, in welchem ich aus der Hütte fort⸗ rannte, habe ihn dieß bewogen, mir zu folgen, wie ich ſchon er⸗ zählt habe. Der Leſer darf nicht glauben, daß meine jüngſten Abenteuer Dus aus meiner Seele verdrängt hätten. So wenig war dieß der Fall, daß ich vielmehr unaufhörlich an ſie dachte; und die Kunde, daß ſie ſolchen Antheil an mir nehme, daß ſie, um mich zu ſuchen, in den Wäldern herumſtreife, war natürlich 358 nicht geeignet, die Innigkeit meiner ihr gewidmeten Gedanken und Gefühle zu ſchwächen. Doch konnte auch ſchon gemeine Menſchen⸗ liebe in Weſen von ihrer Energie und Entſchloſſenheit zu ſo Etwas vermögen; und hatte ich es nicht aus ihrem eigenen Munde ver⸗ nommen, daß ſie einem Andern verpfändet ſei? Nachdem ich von dem Indianer ſeine ganze Geſchichte vernom⸗ men, fragte ich ihn um Rath wegen unſerer weiteren Handlungs⸗ weiſe. Er war der Meinung, das Beſte für uns ſei, die Schritte und Bewegungen unſerer Freunde abzuwarten, von welchen wir auf die eine oder die andere Weiſe im Verlaufe der nächſten Nacht oder am folgenden Tage hören mußten. Welches Verfahren der Kettenträger einzuſchlagen für paſſend finden werde, das konnte Keiner von uns errathen; aber Beide hegten wir die feſte Ueber⸗ zeugung, daß er nicht ruhen und raſten würde, ſo lange er zwei ſo nahe Freunde wie uns in Gefangenſchaft wiſſe. Meine Haupt⸗ beſorgniß war, er möchte ſofort zu gewaltſamen Maßregeln ſchrei⸗ ten; denn der alte Andries hatte einen feurigen, wenn gleich in hohem Grade richtigen Geiſt; und er war von ſeiner Jugend an durch's ganze Leben an's Pulver gewohnt. Wenn er dagegen zu geſetzlichen Maßregeln ſich entſchloß, und von Mr. Newcome Ver⸗ haftbefehle verlangte, um die Squatters feſtzunehmen, als Leute, die ſich geſetzwidriger Gewalthaten gegen Perſonen ſchuldig ge⸗ macht, ein Verfahren, welches zu empfehlen Frank Malbone, wie ich vermuthete, ganz der Mann wäre,— welche Tücken, Ver⸗ zögerungen und geheime Machinationen waren dann nicht zu er⸗ warten von dem mit den Squatters unter der Decke ſpielenden Friedensrichter? In dieſem Falle konnten ſie Zeit haben, mich an einen andern Verſteck zu ſchaffen, und im Wald mußte es Hunderte von Plätzen der Art geben, welche meinen dermaligen Gebietern zugänglich waren, während ihr Freund ſchwerlich würde ermangelt haben, ſie zu rechter Zeit davon in Kenntniß zu ſetzen, daß ein ſolcher Schritt nöthig ſei. Leute, die im Einklang mit den Regeln ——.—,„ .359 des Rechts handeln, den Anſprüchen des Geſetzes genügen und überhaupt rechtſchaffen ſind, möchten wohl ſo läſſig ſein, daß ſie von einer ſolchen drohenden Gefahr keine Nachricht gäben; denn ſolche Menſchen ſind nur zu geneigt, auf die Redlichkeit ihres eige⸗ nen Charakters ſich zu verlaſſen und ihr Vertrauen auf das Wal⸗ ten der Vorſehung zu ſetzen; aber Schurken, in der Gewißheit, daß ſie auf ſolche Hilfe nicht zählen dürfen, verlaſſen ſich hauptſächlich auf ſich ſelbſt, und machen den bekannten Grundſatz Friedrichs des Großen zu dem ihrigen, welcher es als ſicherſte Regel aufſtellte: „die Vorſehung ſei gewöhnlich auf der Seite der ſtarken Batail⸗ lons.“ Ich war deßhalb feſt überzeugt, daß Squire Neweome ſei⸗ nen Freunden auf der Lichtung Alles würde zu wiſſen thun, was gegen ſie vorbereitet würde, ſobald er es nur ſelbſt erführe. Die Squatters waren, was die Behandlung im Allgemeinen betrifft, gegen uns Gefangene nicht hart. Allerdings hatte ich alles Recht, mich über das Unrecht zu beklagen, das ſie gegen mich ſich zu Schulden kommen ließen; aber davon abgeſehen be⸗ handelten ſie uns dieſen Tag ganz rückſichtsvoll und liberal. Un⸗ ſere Koſt war ganz die ihrige. Friſches Waſſer wurde uns von Lowiny fünfmal gebracht, und ſo aufmerkſam war das Mädchen, meinen etwaigen Bedürfniſſen und Wünſchen entgegen oder zuvor⸗ zukommen, daß ſie mir alle und jede Bücher herbeibrachte, die ſich in ſämmtlichen Bibliotheken der Familie fanden. Es waren aber ihrer nur drei: ein Fragment von einer Bibel, des Pilgers Wall⸗ fahrt und ein vier Jahre alter Kalender. 360 Zwanzigſtes Kapitel. Wohl ſah ich ſeine Schritte wanken, Die Farben wechſeln, wie bei Kranken, Murmelnd mit ſeltſamer Geberde; u ſpät 8 yy ich in Blut getaucht ie Hand, die Klinge, die noch raucht,— Er ſank und packt' im Todeskampf die Erde. . Warton. In dieſer Weiſe ging der lange und langweilige Tag hin. Ich konnte mir Bewegung machen, und that es, indem ich in mei⸗ nem Gefängniß auf und ab ſchritt; der Indianer rührte ſich von dem Augenblick ſeines Eintretens an kaum vom Platze. Der Squat⸗ ter ſelbſt näherte ſich dem Vorrathshauſe nicht mehr, obgleich ich ihn im Verlaufe des Tages noch zwei⸗ oder dreimal in geheimer Beſprechung mit ſeinen älteren Söhnen ſah, wahrſcheinlich über meine Perſon ſich mit ihnen berathend. In ſolchen Augenblicken war ihr Weſen ſehr ernſt und es gab Augenblicke, wo es mir ſogar drohend ſchien. Man hatte für unſere Bequemlichkeit geſorgt, indem man eine ziemliche Anzahl Strohbündel in unſer Gefängniß geworfen hatte, und ich und mein Mitgefangener hatten Jeder ein ganz erträgliches Bett. Ein Soldat konnte ohnehin keine Scheue davor haben, auf Stroh zu ſchlafen, und Susqueſus verlangte nicht mehr, als Raum, um ſich auszuſtrecken, und wäre es auch auf einem Felſen geweſen. Ein Indianer liebt die Ruhe und Bequemlichkeit, und machte ſie ſich zu Nutze, wo ſie ſich ihm darbietet; aber es iſt in der That erſtaunlich, wie weit ſeine Kraft zu dulden und zu entbehren geht, wenn er in den Fall kommt, ſie bewähren zu müſſen. Im Anfang der Nacht ſchlief ich geſund und tief, und der In⸗ dianer auch, glaube ich. Ich muß geſtehen, daß ein unbehagliches 361 Mißtrauen in meiner Seele rege war, welches mich einigermaßen am Einſchlafen hinderte, obgleich die Ermüdung bald die Beſorg⸗ niſſe überwältigte, welche ein ſolches Gefühl erwecken mochte. Ich wußte nicht, ob nicht Tauſendacres und ſeine Söhne ſich könnten einfallen laſſen, unter dem Schutze der Nacht den Indianer und mich aus dem Wege zu räumen,— als wirkſamſtes Mittel ſich gegen die Folgen ihrer früheren Plünderungen zu ſchützen, und ſich den Beſitz des Raubes zu ſichern, den ſie für künftig noch im Auge hatten. Wir waren gänzlich in ihrer Gewalt, und der Squatter wußte und glaubte nicht anders, als daß das Geheimniß unſeres Beſuchs auf der Lichtung mit uns ſterben würde, da nur ſein eige⸗ nes Fleiſch und Blut darein eingeweiht war. Trotzdem, daß dieſe Gedanken mir durch den Sinn flogen und mir einige Unruhe ver⸗ urſachten, waren ſie doch nicht lebhaft und entwickelt genug, um mich am Schlafen zu hindern, nachdem ich erſt einmal recht einge⸗ ſchlummert war; und ich ſchlief, ohne ein einziges Mal aufzuwa⸗ chen, fort bis drei Uhr,— eine Stunde vor Tagesanbruch. Ich weiß nicht gewiß, ob eine äußere Urſache mich aufweckte. Aber ich erinnere mich recht gut, daß ich einige Zeit in träume⸗ riſchen Gedanken, halb ſchlafend halb wachend, auf meinem Stroh da lag, bis ich wähnte, die muſikaliſche Stimme von Dus zu hören, die mir meinen Namen in's Ohr flüſterte. Dieſe Illuſion dauerte einige Zeit; und als allmählig meine Geiſteskräfte völlig er⸗ wachten, überzeugte ich mich nach und nach, daß wirklich Jemand mich mit meinem Namen rief, nur ein paar Fuß von meinem Ohr entfernt. Ich konnte mich nicht täuſchen; es war dem wirklich ſo, und die Stimme war eine weibliche. Ich ſprang auf und fragte: „Wer iſt da? Um's Himmelswillen, kann das wirklich Miß Malbone— Dus ſein?“ „Mein Name iſt Lowiny,“ antwortete der Beſuch,„und ich bin Tauſendacres' Tochter. Aber ſprecht nicht ſo laut, denn es hält einer von den Knaben Wache am anderen Ende des Vorraths⸗ 362 hauſes, und Ihr werdet ihn aufmerkſam machen, wenn Ihr nicht vorſichtig ſeid.“ „Lowiny, ſeid Ihr es mein gutes Mädchen? Nicht zufrieden, den Tag über für uns zu ſorgen, denkt Ihr auch noch während der Nacht an uns!“ Es ſchien mir, das Mädchen ſei etwas befangen, denn ſie mußte ſich wohl bewußt ſein, daß ſie gegen die herkömmliche Sitte und die ihrem Geſchlecht gebührende Zurückhaltung ſich verfehlte. Es iſt etwas Seltenes, daß eine Mutter, zumal eine amerikaniſche Mut⸗ ter, ſo tief ſinkt, daß ſie in ihren Geſinnungen und ihrem Charakter ganz ihr Geſchlecht verläugnete, und noch ſeltener, daß ſie vergäße, ihrer Tochter Vieles einzuprägen, was der Anſtand und die Schick⸗ lichkeit vom Weibe fordert. Die alte Prudence war, ungeachtet des Lebens, das ſie geführt, und der vielen Veranlaſſungen zur Ver⸗ dorbenheit und zu Sünden, die ſie in ihrer Nähe und Umgebung gehabt hatte, doch ihrem angeborenen Inſtinkte treu geblieben, und hatte ihrem Mädchen Vieles von den kleinen Erforderniſſen und Regeln der Schicklichkeit beigebracht, welche ein ſo großer Reiz beim weiblichen Geſchlecht ſind. Lowiny war durchaus nicht unangenehm von Perſon, und ſie hatte den Vorzug, in ihrer Erſcheinung jugendlich zu ſein, wie ſie denn auch in der That war. Neben dieſen Vorzügen ihres Ge⸗ ſchlechts hatte ſie von Anfang an eine Theilnahme an meinem Schickſal an den Tag gelegt, die mir nicht entgangen war; und ohne Zweifel war ſie jetzt hieher gekommen in der Abſicht, uns einen guten und nützlichen Dienſt zu leiſten. Meine Bemerkung jedoch ſetzte ſie in Verlegenheit, und es vergingen einige Augen⸗ blicke, bis ſie dieß Gefühl ganz bemeiſterte. Sobald dieß der Fall war, verſetzte ſie: „Ich trage kein Bedenken, Euch und dem Indianer etwas Waſſer zu bringen,“ und ſie legte beſonderen Nachdruck auf die von mir unterſtrichenen Worte,„und ich würde keinen Anſtand 363 nehmen, wenn wir ſtatt deſſen Bier oder Saft⸗Cider hätten. Aber all' unſer Getränke iſt ausgegangen; und der Vater ſagt, er wolle keinen Cider mehr machen laſſen, weil wir allen unſern Saft zum Zucker brauchen. Ich hoffe, Ihr habt ein reichliches Abendeſſen gehabt, Mr. Littlepage; für den Fall aber, daß dem nicht ſo wäre, habe ich für Euch und die Rothhaut eine Kanne Milch und eine Schüſſel Haſtypudding gebracht,— er kann eſſen, wenn Ihr fertig ſeid, wißt Ihr.“ Ich dankte meiner wohlwollenden Freundin und nahm ihre Gabe durch eine Oeffnung, die ſie mir bezeichnete, in Empfang. Dieß Eſſen erwies ſich uns wirklich als ſehr nützlich, da ſpä⸗ tere Umſtände machten, daß unſer regelmäßiges Frühſtück einige Zeit lang ganz vergeſſen ward. Ich war verlangend, von die⸗ ſem Mädchen zu erfahren, was unter ihren Verwandten geſpro⸗ chen oder beabſichtigt werde hinſichtlich meines weiteren Schick⸗ ſals; aber ich empfand eine beinahe unüberwindliche Abneigung, eine Art von Familiengeheimniß auszuſpähen, dadurch, daß ich direkte Fragen in dieſer Beziehung an ſie richtete. Zum Glück machte die mittheilſame und freundliche Gemüthsart Lowiny's dieß alsbald überflüſſig; denn nachdem ſie ihren Hauptzweck erreicht hatte, verweilte ſie noch, mit dem ſichtlichen Wunſch zu plaudern.. „Ich wünſchte, der Vater bliebe nicht länger mehr ein Squat⸗ ter,“ ſagte das Mädchen mit einem Ernſt, welcher zeigte, daß ſie wirklich ihre Herzensmeinung ausſprach.„Es iſt entſetzlich, immer im Kampfe zu ſein gegen das Geſetz!“ „Es wäre weit beſſer, er wendete ſich an einen Grundherrn, und nähme ein Gut in Pacht, oder kaufte eines. Es gibt in dieſer Gegend ſo viel Land, daß kein Menſch iſt, der nicht ſeine hundert Aeres auf geſetzliche Weiſe ſich verſchaffen könnte, falls er nur nüchtern und fleißig iſt.“ „Vater trinkt nie außer am vierten Juli; und die Jungen ſind 364 auch ſo ziemlich nüchtern, ſo wie eben heutzutage die jungen Männer ſind. Ich glaube, Mr. Littlepage, die Mutter hat dem Vater nicht nur einmal, ſondern tauſendmal geſagt, ſie wünſche, daß er das Squatterleben aufgebe und einen Pachtbrief nehme für dieß oder jenes Stück Land. Aber der Vater ſagt: Nein, er ſei nicht ge⸗ macht für Briefe und Schreibereien, und Briefe und Schreibereien nicht für ihn. Er iſt jetzt verzweifelt darum angefochten, was er mit Euch anfangen ſoll, da er Euch in Händen hat.“ „Hat Mr. Newcome keine Meinung über die Sache ausge⸗ ſprochen, wie er hier bei Euch war?“ „Squire Newcome! Vater ließ ihn nicht mit einer Sylbe mer⸗ ken, daß er Euch je geſehen. Er verſteht es beſſer, als daß er ſich in die Hände von Mr. Newcome geben ſollte, denn er würde ſein Holz dann um ſo wohlfeiler weggeben müſſen. Was iſt Eure Mei⸗ nung, Mr. Littlepage, über unſer Recht an die Bretter, nachdem wir mit eigenen Händen die Stämme gefällt und hergeſchleppt und geſägt haben. Macht das nicht einigen Unterſchied?“ „Was iſt Eure Meinung von Eurem Recht auf einen Rock, den ein anderes Mädchen ſich aus dem Caliko gemacht, den ſie aus Eurer Schublade genommen, während Ihr den Rücken gewendet hattet, und den ſie fortgetragen und mit eigenen Händen zuge⸗ ſchnitten und genäht und geſäumt hat?“ „Sie wuͤrde nie irgend ein Recht auf meinen Caliko haben, möchte ſie ihn zuſchneiden, wie ſie wollte. Aber Schnittholz wird aus Bäumen gemacht.“ „Und Bäume haben ihre Eigenthümer, wie Stücke Caliko. Herſchleppen und Umhauen und Sägen an ſich kann keinem Men⸗ ſchen ein Recht geben auf die Stämme eines Andern.“ „Ich fürchtete, es ſei ſo—“ erwiederte Lowiny ſo laut ſeuf⸗ zend, daß man es hörte.„Es ſteht Etwas in der alten Bibel, die ich Euch geliehen, was ich ſo ziemlich in dieſem Sinne verſtehe; ob⸗ gleich Tobit und die meiſten andern Jungen behaupten, es bedeute 365 etwas ganz Anderes. Sie ſagen, es ſtehe von Holz gar nichts in der Bibel.“ „Und was ſagt Euch Eure Mutter darüber?“ „Ha, Mutter ſpricht gar nichts davon. Sie wünſcht, daß der Vater pachte oder kaufe; aber Ihr wißt wie es mit den Frauen iſt, Mr. Littlepage; wenn Diejenigen handeln, die ihnen lieb und nahe ſind, ſo iſt es für ſie eine Art Geſetz, zu glauben, daß ſie recht handeln. Die Mutter ſagt nie etwas zu uns über die Geſetz⸗ mäßigkeit von des Vaters Thun und Treiben, wenn ſchon ſie oft wünſcht, er ſtünde unter dem Schutz eines geſchriebenen Pacht⸗ briefes. Die Mutter wünſcht, der Vater ſolle es verſuchen, von Euch einen Brief zu erlangen, da Ihr jetzt hier und in ſeinen Hän⸗ den ſeid. Würdet Ihr uns nicht einen Brief ausſtellen, Mr. Little⸗ page, wenn wir verſprächen, Euch eine Rente zu geben?“ „Wenn ich es auch thun wollte, ſo würde es Nichts nützen, wenn ich nicht frei und bei meinen Freunden wäre. Urkunden und Verleihungen von Männern ausgeſtellt, welche, wie Ihr ſagt, in den Händen von Leuten ſind, die ſie gewaltſam feſt⸗ halten, gelten Nichts.“ „Das thut mir leid—“ verſetzte Lowiny wieder mit einem Seufzer—„nicht als ob ich Euch zu irgend Etwas gezwungen ſehen möchte, ſondern ich dachte nur, wenn Ihr Euch dazu ver⸗ ſtündet, dem Vater einen Brief auszuſtellen über dieſe Lichtung, es jetzt dazu eine ſo gute Gelegenheit ſei, daß es ſchade wäre, ſie zu verſäumen. Aber wenn es nicht ſein kann, ſo kann es nicht ſein, und hilft nichts, darüber zu klagen. Der Vater meint, er könne Euch hier feſthalten, bis das Waſſer ſteigt im Herbſt und die Jun⸗ gen alles Holz nach Albany hinunter geſchafft haben; darnach will er nicht mehr ſo darauf erpicht ſein, Euch noch länger zurückzuhalten, und vielleicht wird er Euch dann gehen laſſen.“ „Mich gefangen halten, bis das Waſſer ſteigt! Ha, das wird vor drei Monaten nicht der Fall ſein!“ 366 „Nun, Mr. Littlepage, drei Monate ſcheinen mir keine ſo verzweifelt lange Zeit, wenn man unter Freunden iſt. Wir würden Euch ſo gut behandeln, als wir es nur vermöchten und wüßten, darauf könnt Ihr Euch verlaſſen— ich will dafür ſtehen, es ſoll Euch an Nichts fehlen, was wir Euch zu geben vermögen.“ „Ich glaube das gerne, mein vortreffliches Mädchen, aber es würde mir äußerſt leid thun, Eurer Familie mit einem ſo langen Beſuche läſtig zu fallen. Was die Dielen betrifft, ſo ſteht es nicht in meiner Macht, die Rechte der Eigenthümer dieſer Ländereien auf dieſe Güter aufzugeben; meine Vollmacht geht nur dahin, Loos⸗ theile an wirkliche Anſiedler zu verkaufen.“ „Es thut mir leid, das zu hören,“ verſetzte Lowiny in ſanf⸗ tem Tone, welcher ihren Worten ganz das Gepräge der vollſten Aufrichtigkeit verlieh;„denn der Vater und die Jungen thun in Wahrheit ganz entſetzlich mit Allem, was ihren Gewinn von der gethanen Arbeit betrifft. Sie ſagen, ihr Fleiſch und Blut ſtecke in dieſen Dielen und Brettern, und eher wollen ſie Fleiſch und Blut, als dieſe Dielen fahren laſſen. Es macht mir das Blut erſtarren, wenn ich höre, wie ſie davon ſchwatzen! Ich bin gar nicht ſchüch⸗ tern und blöde; und letzten Winter, als ich den Bären ſchoß, wel⸗ cher die Schinken im Vorrathshauſe holen wollte, ſagte Mutter, ich habe ſo wacker gehandelt, als ſie ſelbſt im Stande geweſen wäre, und ſie hat ihrer Zeit vier Bären und nahe an zwanzig Wölfe getödtet. Ja, Mutter ſagte, ich hätte mich ganz als ihre ächte Tochte benommen, und ſie halte ſeither doppelt ſo viel auf mich als früher.“ „Ihr ſeid ein muthiges Mädchen, Lowiny, und ein vortreff⸗ liches obendrein, daran zweifle ich gar nicht. Was auch aus mir werde, ich werde, ſo lange ich lebe, Eure Güte nicht vergeſſen. Es wird jedoch eine ſehr ernſte Sache für Eure Angehörigen wer⸗ den, wenn ſie verſuchen wollen, mich drei bis vier Monate hier zurückzuhalten, wenn dann dieſe Lichtung aufgefunden wird von den -— — 367 Meinigen, welche mich gewiß ſuchen werden. Ich brauche Euch nicht zu ſagen, was die Folgen ſein würden.“ „Was können— was werden der Vater und die Jungen thun? Ich kann es nicht ertragen, daran zu denken— Oh! ſie werden doch nicht das Herz haben, zu verſuchen, Euch aus dem Wege zu räumen?“ „Ich will das nicht hoffen, um ihretwillen, um der Ehre des amerikaniſchen Namens willen. Wir ſind keine Nation, die an ſol⸗ chen Unthaten Geſchmack fände, und ich würde in der That mit großem Bedauern mich überzeugen, daß wir einen ſo großen Schritt zu den Verbrechen älterer Länder gemacht hätten. Aber am Ende iſt doch die Gefahr nicht groß, daß es zu ſo Etwas komme, meine gute Lowiny.“ „Ich hoffe das auch,“ antwortete das Mädchen mit leiſer, be⸗ bender Stimme,„obgleich Tobit manchmal gar ein wilder Geſell iſt. Er macht den Vater ſchlimmer, als er für ſich allein wäre, das weiß ich. Aber ich muß jetzt gehen. Es iſt beinahe Tag, und ich höre ſie ſchon ſich regen in Tobits Hauſe. Es würde mich theuer zu ſtehen kommen, wenn Einer von ihnen wüßte, daß ich mein Bett verlaſſen habe, um mit Euch zu plaudern.“ „Nachdem ſie dieß geſagt, verſchwand das Mädchen. Ehe ich eine Oeffnung entdecken konnte, um ihre Bewegungen zu verfolgen, war ſie mir ſchon aus den Augen. Susgueſus erhob ſich einige Minuten darauf, aber er machte nie eine Anſpielung auf den ge⸗ heimen Beſuch des Mädchens. In dieſer Beziehung zeigte er das ſkrupulöſeſte Zartgefühl, indem er nie durch eine Andeutung, einen Blick oder ein Lächeln mir zu verſtehen gab, daß er im Mindeſten um ihr Kommen gewußt, ihre Reden gehört habe. Der Tag kam wie gewöhnlich, aber er traf dieſe Squatters nicht mehr in ihren Betten. Sie erſchienen mit dem Morgengrauen, und die Meiſten von ihnen waren ſchon an der Arbeit, als das volle Licht der Sonne ſich auf den Wald ergoß. Die meiſten 368 4 Männer gingen zum Fluß hinab und machten ſich, wie wir ver⸗ mutheten, denn ſehen konnten wir ſie nicht, im Waſſer mit ihren Augapfeln, den Dielen, zu thun. Der alte Tauſendacres zog vor, in der Nähe ſeiner Wohnung zu bleiben, und behielt zwei oder drei ziemlich herangewachſene junge Burſche bei ſich; wahrſcheinlich weil er bei ſich erwogen hatte, von welch' unendlicher Wichtigkeit es für ſeine ganze Familie ſei, ſich der Gefangenen recht zu ver⸗ ſichern. Ich glaubte aus dem ernſten, nachdenklichen Weſen des Squatters, wie er um ſeine Mühle zwiſchen ſeinen Schweinen herumſchlenderte, und durch ſeine Kartoffelfelder wandelte, zu er⸗ rathen, daß ſein Gemüth über das von ihm einzuſchlagende Ver⸗ fahren ſehr ſchwankend und er in großer Unruhe war. Wie lange dieſe peinliche Unentſchloſſenheit gedauert haben würde, und zu was ſie am Ende hätte führen können, iſt ſchwer zu ſagen, hätte nicht ein Begebniß von ganz unerwarteter Art, welches in viel höherem Maaß augenblicklichen Entſchluß und That erheiſchte, ihr ein Ende gemacht. Ich will dieſen Vorfall etwas genauer erzählen. Der Tag war ſchon ziemlich vorgerückt, und Alle waren be⸗ ſchäftigt, Tauſendacres und das Mädchen, welches die Wache am Vorrathshauſe hatte, ausgenommen. Selbſt Susqueſus hatte einen Haufen Birkenreiſer aufgerafft, und mit einem melancholiſchen Ge⸗ ſicht, in welchem ſich, wie mich dünken wollte, das künftige Leben eines halbeiviliſirten rothen Mannes abſpiegelte, verſuchte er einen Beſen zu verfertigen mit Hilfe eines zerbrochenen Meſſers, das er in dem Gebäude gefunden; während ich auf ein Blatt meiner Brief⸗ taſche die Mühle und ein Stück des Berglandes, das ihren Hinter⸗ grund bildete, ſkizzirte. Tauſendacres näherte ſich jetzt zum erſten Mal unſerem Gefängniß und ſprach mit mir. Sein Geſicht war finſter, doch konnte ich bemerken, daß er ſehr unruhig war. Wie ich nachher erfuhr, hatte ihm Tobit ſehr dringend die Nothwendig⸗ keit vorgeſtellt, mich und den Indianer umzubringen, als das wahr⸗ ſcheinlich einzige Mittel, das geſchnittene Holz zu retten. ver⸗ ihren vor, drei inlich gkeit ver⸗ des einen u er⸗ Ver⸗ lange was nicht erem Ende be⸗ e am einen Ge⸗ keben einen s er rief⸗ nter⸗ erſten war Wie idig⸗ ahr⸗ 369 „Junger Mann,“ ſagte Tauſendacres,„Ihr habt Euch bei mir und den Meinigen eingeſchlichen wie ein Dieb in der Nacht, und auf das Schickſal eines Solchen müßt Ihr Euch auch gefaßt hal⸗ ten. Wie ums Himmels willen konntet Ihr erwarten, daß Leute geneigt ſein ſollten, das, was ſie mit ſaurem Schweiß erworben, ohne Kampf und Vertheidigung aufzugeben? Ihr reizt und prüft mich mehr, als ich ertragen kann!“ Ich fühlte die furchtbare Bedeutung dieſer Worte; aber meine Natur empörte ſich bei dem Gedanken, mich einſchüchtern zu laſſen zu irgend einer unterwürfigen Nachgiebigkeit, zum Zugeſtändniß von Bedingungen, welche meines Charakters und meines früheren Berufs als Soldat unwürdig wären. Ich ſtand auf dem Punkt, ihm ganz in dieſem Sinn eine Antwort zu geben, als ich, wie ich durch die Spalten meines Gefängniſſes ſchaute, um meinen alten Tyrannen in's Auge zu faſſen, den Kettenträger gerade auf das Vorrathshaus zuſchreiten ſah, nur noch etwa hundert Schritte weit von uns entfernt. Die Art und Weiſe, wie ich nach dieſer Er⸗ ſcheinung hinſtarrte, erregte die Aufmerkſamkeit des Squatters, welcher ſich umwandte und ſo den unerwarteten Beſuch ſah, der ſich näherte. In der nächſten Minute ſtand Andries neben ihm. „So, Tauſendacres, ich finde Euch hier!“ rief der Ketten⸗ träger.„Es ſind gar viele Jahre, ſeit Ihr und ich uns nicht mehr geſehen, und es thut mir leid, daß wir uns jetzt bei einem ſolchen Handel wieder treffen müſſen.“ „Dies Zuſammentreffen habt Ihr ſelbſt geſucht, Kettenträger. Ich habe Euch weder eingeladen, noch Eure Geſellſchaft gewünſcht.“ „Ich glaube Euch das von Herzen gern. Nein, nein; Ihr habt keinen Wunſch nach Ketten und nach Kettenträgern, nach Landvermeſſern und Compaſſen, nicht nach Looſen und auch nicht nach Eigenthümern— wenn dieſe nicht Squatters ſind. Ihr und ich brauchen nicht erſt mit einander Bekanntſchaft zu machen, Tauſend⸗ acres, nachdem wir einander ſchon fünfzig Jahre lang kennen.“ Der Kettenträger. 24 370 „Ja, wir kennen einander ſeit fünfzig Jahren; und da dieſe vielen Jahre uns nicht dahin gebracht haben, daß wir über irgend Etwas Eines Sinnes wären, hätten wir beſſer gethan, fern von einander zu bleiben, als jetzt wieder zuſammen zu kommen. 4 „Ich bin gekommen wegen meines Knaben, Squatter— wegen meines edeln Jungen, den Ihr ungeſetzlicher Weiſe feſtgenommen und zum Gefangenen gemacht habt, allen Geſetzen und aller Ge⸗ rechtigkeit zum Hohne. Gebt mir Mordaunt Littlepage heraus, ſo ſollt Ihr meiner Geſellſchaft bald los ſein.“ „Und wie wißt Ihr, daß ich je ‚Euren Mordaunt Littlepage“ mit Augen geſehen habe? Was hab' ich mit Eurem Jungen zu ſchaffen, daß Ihr ihn bei mir ſucht? Geht Eurer Wege, geht Eurer Wege, alter Kettenträger, und laßt mich und die Meinigen ungeſchoren; die Welt iſt weit genug für uns Beide, ſage ich Euch; und warum wollt Ihr an Eurem eigenen Verderben arbeiten, indem Ihr anrennt gegen ein Geſchlecht, wie das, welches von Aaron und Prudence Timberman abſtammt?“ „Ich frage nicht nach Euch und Eurem Geſchlecht,“ ant⸗ wortete der alte Andries finſter.„Ihr habt Euch erfrecht, meinen Freund feſtzunehmen gegen Geſetz und Recht, und ich komme, ſeine Freilaſſung von Euch zu verlangen, oder ich will Euch vor den Folgen gewarnt haben.“ „Treibt mich nicht zu weit, Kettenträger, treibt mich nicht zu weit. Es gibt verzweifelte Leute auf dieſer Lichtung, Leute, die ſich ihren wohlerworbenen Verdienſt nicht wollen abjagen laſſen von Solchen, die Ketten tragen oder Compaſſe richten. Geht Eures Weges, ſage ich Euch, und laßt uns die Ernte einthun, welche aus dem von uns geſäeten und beſtellten Samen aufgeht.“ „Ihr ſollt ſie ganz ernten, Ihr ſollt ſie ganz ernten, Ihr und die Eurigen. Ihr habt den Wind geſät und Ihr ſollt den Sturm ernten, wie meine Nichte, Dus Malbone, mir neuerer Zeit oft geleſen hat. Ihr werdet Euren ganzen Herbſt ernten, 371 ieſe Lolch und taube Aehren und Alles, ja das werdet Ihr! und zwar gend. bälder, als Ihr es erwartet!“ von„Ich wünſchte, ich hätte nie das Angeſicht dieſes Mannes ge⸗ ſehen! Geht fort, ſage ich Euch, Kettenträger, und laßt mir meine egen ſauer verdiente Ernte.“ men„Ernte! Nennt Ihr das Ernte, wenn man die Ländereien Ge⸗ eines Andern abholzt und plündert, ſeine Bäume in Klötze ſchnei⸗ „ſo det, ſeine Klötze in Dielen zerſägt und ſeine Dielen an Spekulan⸗ ten verkauft, und wenn Ihr dem rechtmäßigen Eigenthümer vor age“ Allem von Eurem Gewinn keine Rechnung ablegt? Nennt Ihr zu ſolches Diebsgewerbe rechtmäßigen Verdienſt?“ geht„Dir den Dieb zurück in dein Geſicht, alter Meſſer! Soll igen nicht der Schweiß der Stirne, lange Tage der harten, mühevollen uch; Arbeit, müde Knochen und ein hungriger Magen einem Mann An⸗ iten, ſpruch geben auf die Frucht ſeiner Arbeit?“ von„„Das iſt immer Euer Fehler geweſen, Tauſendacres; das iſt gerade der Punkt, an welchem Ihr geſcheitert ſeid, Mann. Ihr ant⸗ beginnt mit Eurer Moral, als dem Ausgangspunkt, der für Euch inen und Eure plünderungsſüchtige Rotte der bequemſte iſt, ſtatt zurück⸗ ſeine zugehen auf die Geſetze Eures Herrn und Meiſters. Lest, was den der allmächtige Gott des Himmels und der Erde zu Moſes geſagt hat, und Ihr werdet finden, daß Ihr Euch in Eurer Bibel nicht dt zu ſo, wie es ſich gehört, umgeſehen habt. Ihr mögt Holz fällen und die hauen, Ihr mögt ſchleppen und ſägen von heute an bis an das aſſen Ende der Zeit, und Ihr werdet dem Recht doch nie näher kommen, Geht als Ihr ihm in dieſem Augenblick ſeid. Der Mann, der beim Be⸗ hun, ginn ſeiner Reiſe mit dem Geſicht in der falſchen Richtung aus⸗ eht.“ ſchreitet, alter Tauſendacres, wird nie das Ziel erreichen, wenn er Ihr auch darauf zuwandert, daß ihm der Schweiß vom Leibe ſtrömt den wie Waſſerbäche. Ihr fangt mit Unrecht an, alter Mann, und Ihr uerer müßt mit Unrecht aufhören.“ nten, Ich ſah die Wolke auf der Stirne des Squatters ſich zuſammen⸗ 24* 372 ziehen, und ſah den nahe bevorſtehenden Ausbruch des Gewitters voraus. Zwei hitzige Charaktere waren zuſammengetroffen, und getheilt, wie ſie es in Anſichten und in der Handlungsweiſe waren durch die gewaltige Kluft, welche Grundſätze von der Verfolgung des Vortheils, Recht vom Unrecht, Ehrlichkeit von der Unehrlichkeit, und eine großherzige Selbſtaufopferung, die Alles daran ſetzte, die Rechtſchaffenheit und Reinheit eines edeln Geiſtes zu behaupten, von einer Selbſtſucht ſchied, welche alles Rechtsgefühl verwirrte und verdunkelte, war es nicht wohl möglich, daß ſie ohne Kampf ſich trennten. Unvermögend, auf die Gründe des Kettenträgers zu antworten, nahm der Squatter ſeine Zuflucht zu dem Argument der Gewalt. Er ergriff meinen alten Freund bei der Kehle und machte eine gewaltige Anſtrengung, ihn zu Boden zu werfen. Ich muß dieſem Manne der Gewaltthat und der ſchlimmen Wege die Gerechtigkeit widerfahren laſſen und geſtehen, daß ich nicht glaube, daß er in dieſem Augenblick den Beiſtand von Andern wünſchte; aber ſobald der Kampf begann, ertönte die Muſchel, und es war leicht vorauszuſehen, daß nur wenige Minuten verſtreichen würden, bis die Söhne Tauſendacres ihm zur Hülfe herbeieilen würden. Ich hätte Alles auf der Welt darum gegeben, wenn ich im Stande geweſen wäre, die Wände meines Gefängniſſes zu zerbrechen, um meinem treuen, gediegenen alten Freund beiſtehen zu können. Was Susqueſus betrifft, ſo muß er ein lebhaftes Intereſſe an dieſen Vorgängen empfunden haben, aber er blieb ſo unbeweglich und anſcheinend ſo ungerührt, wie ein Fels. Andries Coejemans, ſo alt er war,— und man wird ſich erinnern, daß er ſeine vollen ſiebzig Jahre auf dem Rücken hatte,— war nicht der Mann, der ſich ungeſtraft an der Kehle packen ließ. Er erwiederte den Angriff von Tauſendacres mit einem ähnlichen, und ein Kampf folgte, der zum Erſtaunen heftig und hartnäckig war, wenn man erwägt, daß die beiden Kämpfer die gewöhnliche Lebensfriſt des Menſchen ſchon vollſtändig erfüllt hatten. Der 373 Squatter hatte einen leichten Vortheil gewonnen durch das Plötz⸗ liche und die Lebhaftigkeit ſeines erſten Angriffs, aber der Ketten⸗ träger war ein Mann von furchtbarer Leibesſtärke. In den Jahren ſeiner Kraft hatte er wenige ſeines Gleichen gehabt; und Tauſend⸗ acres hatte bald Grund, einzuſehen, daß er mit einem ihm Ueber⸗ legenen angebunden. Nur einen Augenblick wich der Kettenträger ein wenig; dann ſammelte er ſich— machte eine verzweifelte Anſtrengung und ſchleuderte ſeinen Gegner zu Boden mit einer Heftigkeit, die ihn für kurze Zeit der Beſinnung beraubte; der alte Andries aber blieb aufrecht ſtehen wie eine der benachbarten Fich⸗ ten, roth im Geſicht, mit gerunzelter Stirne und ſo finſterer Miene, als ich mich ihn kaum je, ſelbſt in der Schlacht, geſehen zu haben erinnerte. Statt ſeinen Vortheil zu verfolgen, rührte ſich der Ketten⸗ träger nicht vom Platze, nachdem er ſeinen Feind und Angreifer abgeſchüttelt hatte. Er blieb ruhig ſtehen, hoch ragend, ſtolz und finſter. Er hatte Grund, zu glauben, Niemand ſei Zeuge ſeiner Heldenthat geweſen, aber ich bemerkte, daß der alte Mann das Siegesgefühl eines alten Soldaten empfand. Jetzt erſt gab ich ihm durch Sprechen zu erkennen, wie ganz nahe ich ihm war. „Flieht, ſo lieb Euch Euer Leben iſt, Kettenträger,“ rief ich ihm durch die Spalten zu.„Die Muſchel wird Euch das ganze Gezücht des Squatters binnen zwei oder drei Minuten über den Hals bringen; die jungen Männer ſind ganz in der Nähe in dem Fluß unten an der Mühle mit den Holzblöcken beſchäftigt, und haben nur in die Uferabhänge hinaufzuklimmen.“ „Gott ſei geprieſen! Mordaunt, mein lieber Junge, Ihr ſeid alſo unverſehrt! Ich will die Thüre Eures Gefängniſſes öffnen, und wir wollen mit einander uns zurückziehen.“ Meine Gegenvorſtellungen waren umſonſt. Andries kam herum an die Thüre des Vorrathshauſes und machte einen kräftigen Ver⸗ ſuch, ſie zu öffnen. Das war aber nicht leicht; denn ſie öffnete ſich 374 nach außen, war mit einem eiſernen Riegel verſehen und mit einem ſtarken Schloſſe verwahrt. Der Kettenträger wollte nicht auf meine Gegenvorſtellungen hören, ſondern er ſah ſich nach einem Werkzeug um, mittelſt deſſen er das Schloß aufbrechen oder die Krampe herausziehen könnte. Da die Mühle nicht weit entfernt war, eilte er in dieſer Richtung fort, um zu ſuchen, was er bedurfte, und ließ mich zurück in Verzweiflung über ſeine allzu beharrliche Freundſchaft. Aber alle Vorſtellungen waren nutzlos, und ich ſah mich genöthigt, ſchweigend den weiteren Erfolg abzuwarten. Der Kettenträger war noch ein ſehr rüſtiger, beweglicher Mann. Die Natur, frühe Gewöhnung und Abhärtung, eine ſehr einfache Lebensweiſe und eine treffliche Conſtitution hatten dies be⸗ wirkt. Kaum ein Augenblick war verſtrichen, ſo ſah ich ihn in der Mühle, nach einem Brecheiſen ſuchend. Dieſes fand er bald, und er war wieder auf dem Wege nach dem Vorrathshauſe, um dieſen gewaltigen Hebel zur Anwendung zu bringen, als Tobit ſich zeigte, gefolgt von allen ſeinen Brüdern, den Abhang heraufſtürmend, wie eine Meute von Hunden in hitzigſter Verfolgung eines Wildes. Ich ſchrie wieder meinem Freunde laut zu, er ſolle fliehen, aber er eilte unbeirrt meinem Gefängniß zu, nur den einzigen Zweck mei⸗ ner Befreiung im Auge behaltend. Während dieſer ganzen Zeit war Tauſendacres bewußtlos dagelegen, denn er war mit dem Kopf gegen eine Ecke des Gebäudes gefallen. Der Kettenträger war ſo ganz nur von ſeinem Vorhaben erfüllt, daß er, obwohl er den Schwarm junger Männer, nicht weniger als ſechs an der Zahl, herangewachſene junge Burſche dabei, welche raſch auf ihn zukamen, geſehen haben mußte, doch ihnen nicht die mindeſte Auf⸗ merkſamkeit ſchenkte. Er war gerade beſchäftigt mit dem Verſuch, die Stange zwiſchen die Haſpe und den Pfoſten hineinzuzwängen, als ſeine Arme von hinten gepackt wurden und er zum Gefangenen gemacht ward. Sobald der Kettenträger ſich von der Fruchtloſigkeit des Wider⸗ — nem deine zeug zmpe eilte und liche ich rten. icher ſehr 3 be⸗ der und ieſen eigte, wie ldes. eer er mei⸗ Zeit dem räger wohl n der f ihn Auf⸗ rſuch, ngen, genen sider⸗ — 375 ſtandes überzeugte, gab er ihn ſofort auf. Wie ich nachher von ihm erfuhr, hatte er ſich vorgenommen, mit mir ein Gefangener zu werden, falls es ihm nicht gelänge, mich in Freiheit zu ſetzen. Tobit war der Erſte, der Hand an den Kettenträger legte; und ſo raſch ging Alles,— zufällig hatte gerade dieſer Mann den Schlüſſel— daß beinahe in einem Nu die Thüre aufgeriegelt, geöffnet und der alte Andries in den Käfig geſperrt war. Die Schnelligkeit dieſes Vornehmens ward ohne Zweifel noch unterſtützt und gefördert durch die Ergebung, welche gerade in dieſem Augenblick i im Gemüthe des Kettenträgers eingetreten war. Sobald dieſer neue Gefangene in ſichern Gewahrſam gebracht war, hoben die Söhne Tauſendacres' ihren noch immer regungs⸗ loſen Vater auf und trugen ihn nach ſeiner nur wenige Schritte entfernten Behauſung. Alt und Jung von beiden Geſchlechtern und von jedem Alter verſammelten ſich in dieſem Gebäude; und während einer ganzen Stunde ſchien es, als ob wir ganz vergeſſen wären. Die Schildwache, ein Sohn Tobits, verließ ihren Poſten; und ſelbſt Lowiny, welche den ganzen Morgen um das Vorraths⸗ haus herum ſich zu ſchaffen gemacht, ſo daß wir ſie immer im Ge⸗ ſicht gehabt hatten, ſchien ihr Intereſſe für uns verloren zu haben. Ich war jedoch zu ſehr mit meinem alten Freunde beſchäftigt und hatte zu viele Fragen zu thun und zu beantworten, als daß ich mich ſonderlich über dieſen Geſinnungswechſel hätte bekümmern ſollen, welcher überdies bei den obwaltenden Umſtänden natürlich genug war. „Ich freue mich, daß Ihr nicht in den Händen dieſes Schwarms von Wölfen ſeid, mein guter Freund!“ rief ich aus, nachdem die erſten Begrüßungen zwiſchen dem alten Andries und mir vorüber waren, und drückte ihm zu wiederholten Malen die Hand.„Sie ſind jeder Gewaltthat ganz wohl fähig; und ich fürchtete, der An⸗ blick ihres bewußtlos daliegenden Vaters möchte ſie zu irgend einer unmittelbaren Rachehandlung veranlaſſen. Jetzt haben ſie doch 376 einige Zeit zum Ueberlegen, und zum Glück bin ich Zeuge geweſen von Allem, was vorgefallen iſt.“ „Seid ohne Furcht wegen des alten Tauſendacres!“ ſagte der Kettenträger in zuverſichtlichem Tone.„Er iſt zähe und nur ein wenig betäubt, und das iſt die Folge davon, daß er ſich für einen beſſern Mann gehalten hat, als er iſt. Eine halbe Stunde wird ihn wieder zu ſich bringen, und dann wird er wieder ſo gut ſein, als er immer war. Aber, Mordaunt, mein Junge, wie ſeid Ihr hie⸗ her gekommen, und warum ſeid Ihr bei Nacht in den Wäldern herumgeſtreift, mit Trackleß hier, der doch eine verſtändige Roth⸗ haut iſt, und Euch ein beſſeres Beiſpiel hätte geben ſollen?“ „Ich war heiß und fiebriſch und konnte nicht ſchlafen; und ſo machte ich einen Ausflug in den Wald und verirrte mich. Zum Glück hatte Susqueſus ein Auge auf mich und blieb die ganze Zeit in meiner Nähe. Ich war genöthigt, ein Schläfchen zu machen im Wipcfel eines gefallenen Baumes; und als ich am Morgen er⸗ wachte, führte mich der Onondago hieher, um Etwas zu eſſen zu ſuchen, denn ich war hungrig, wie ein ausgehungerter Wolf.“ „So wußte alſo Susqueſus, daß Squatters auf dieſem Be⸗ ſitzthum ſich niedergelaſſen hatten?“ fragte Andries etwas über⸗ raſcht, und wie mich dünkte, etwas finſter. „Gar nicht. Er hörte in der Stille der Nacht die Säge der Mühle, und wir folgten der Richtung dieſes Lautes und erreichten ganz unerwarteter Weiſe dieſe Anſiedlung. Sobald Tauſendacres erfuhr, wer ich ſei, ſperrte er mich hier ein; und was Susqueſus betrifft, ſo hat Jaap Euch ohne Zweifel die Geſchichte erzählt, die er Euch mitzutheilen beauftragt war.“ „Alles ganz wahr, Junge, Alles ganz wahr; obgleich ich bis jetzt noch kaum halb verſtehe, warum Ihr uns in der Art ver⸗ laſſen habt, wie Ihr gethan habt, und zwar dieß, nachdem Ihr eine lange Unterredung mit Dus gehabt. Das Mädchen hat ein ganz ſchweres Herz, Mordaunt, wie leicht zu ſehen; aber ich kann —+ 82=&=22Aõn — — 377 nicht eine Sylbe aus ihr herausbringen, die irgend einer vernünf⸗ tigen Erklärung gleich ſäͤhe. Ich muß wohl Euch bitten, mir die Geſchichte zu erzählen, Junge. Ich ſuchte die Wahrheit aus Dus herauszukriegen, auf dem halben Wege hier herüber; aber ein Mädel iſt ſo verſchloſſen wie—“ „Dus!“ unterbrach ich ihn.„Auf dem halben Wege hieher? Ihr wollt doch, Ihr könnt doch damit nicht ſagen wollen, Dus ſei mit Euch gekommen?“ „Still, ſtill! Nehmt Euch in Acht! Ihr ſprecht zu laut. Ich muß wünſchen, dieſe Schurken von Squatters nicht wiſſen zu laſſen, daß das Mädchen ſich ſo ausgeſetzt hat, aber hier iſt ſie; oder was ungefähr daſſelbe iſt, ſie iſt in den Wäldern dort drüben, als Zu⸗ ſchauerin, und ich fürchte, ſie wird ſehr in Angſt und Sorgen ſein, zu ſehen, daß auch ich ein Gefangener bin.“ „Kettenträger, wie konntet Ihr Eure Nichte ſolchen Gefahren ausſetzen— ſie ſo in die Nähe der Krallen geſetzloſer Schurken bringen?“ „Nein, Mordaunt, nein— es iſt gar nicht zu befürchten, daß ſie mißhandelt werde oder etwas der Art. Man kann dergleichen Dinge in Büchern leſen, aber das Weib wird in Amerika reſpektirt und nicht mißhandelt. Nicht Einer von Tauſendacres Schelmen würde das Ohr des Mädchens mit einem ungeziemenden Worte verletzen, wenn er auch im Fall wäre, es zu können, was nicht der Fall iſt, ſintemal Niemand weiß, daß das Mädchen bei mir iſt, als Ihr. Mitgehen wollte ſie, und ſo half es nichts, wenn ich Nein ſagte. Das iſt ein gutes Geſchöpf, Mordaunt, und ein pflichtmäßiges Mädchen; aber es iſt eben ſo leicht, einen Fluß auf⸗ wärtsſtrömen zu machen, als ſie zurückzuhalten, wenn ſie liebt. 4 „Iſt das ihr Charakter?“ dachte ich.„Dann iſt allerdings wenig Ausſicht, daß ſie je die Meinige werde, da ihre Neigung ihrem Treugelübde gefolgt ſein muß.“ Dennoch war mein Intereſſe an dem edelherzigen Mädchen gerade eben ſo ſtark, wie wenn ich 379 als ſie ſich dem Saume der Wälder näherten, ungefähr wie man eine Inſel im Meere entdeckt. Ein günſtiger Platz, der einen guten, ſchirmenden Verſteck darbot, wurde gewählt, von wo aus der Kettenträger beinahe eine Stunde lang Recognoscirungen an⸗ ſtellte, ehe er ihn verließ. Nach einiger Zeit entſchied er ſich über die Art, wie er zu Werke gehen wollte und wirklich zu Werke ging; er ließ ſeine Nichte zurück, um ſeine Bewegungen zu beob⸗ achten, mit der Weiſung, ſich zu ihrem Bruder zu begeben, falls er ſelbſt von dem Squatter zurückgehalten würde. Ich fühlte mich etwas erleichtert, als ich die Anweſenheit Jaaps erfuhr, denn ich kannte die Treue des Burſchen hinlänglich, um zu wiſſen, daß er Dus nie verlaſſen würde; aber mein Gefängniß wurde mir doppelt ſo eng und peinlich, nachdem ich dieſen Bericht des Kettenträgers vernommen hatte, als es mir zuvor geweſen war. Einundzwanzigſtes Kapitel. War ſie nicht, was erſehnt mein kühnſter Traum? Der Güter Königin, die vom Himmel ſtammen,— Für mich— das ſchwerſte Opfer fühlend kaum,— Und liebte ſie mich nicht mit reinſten Flammen? Und doch, ſo ſanft, ſo gut, Strömend der Thränen Fluth, Beſtand ſie feſt den ſinſtern Hohn der Grimmen, Treu dem Gelübde, taub der Drohung Stimmen. Shaw. Dus war alſo in meiner Nähe— ſo nahe vielleicht, daß ſie das Vorrathshaus im Geſicht hatte! Aber Zärtlichkeit für ihren Oheim und nicht das Intereſſe an mir hatte ſie hieher geführt. Ich vermochte jedoch ihre Anhänglichkeit an ihren alten Vormund 378 ihr Jawort gehabt hätte und ſie in wenigen Wochen hätte die Meinige werden ſollen. Der Gedanke, daß ſie in dieſem Augen⸗ blick im Walde die Rückkehr ihres Oheims erwarte, war für mich Todesqual; aber ich beſaß genug Selbſtbeherrſchung, den Ketten⸗ träger auszufragen, bis ich folgende Umſtände aus ihm heraus⸗ gebracht hatte. Jaap hatte die Botſchaft des Susqueſus auf's getreulichſte an Diejenigen beſtellt, an welche ihm der Indianer den Auftrag ge⸗ geben hatte. Sobald Andries dieſe Neuigkeiten vernahm, und die Art und Weiſe meiner Gefangenſchaft, verſammelte er einen Rath, beſtehend aus ihm ſelbſt, Dus und Frank Malbone. Dieß geſchah am vorhergegangenen Nachmittag; und in derſelben Nacht noch be⸗ gab ſich Malbone nach Ravensneſt, in der Abſicht, Verhaftbefehle gegen Tauſendacres und ſeine ganze Bande auszuwirken, ſo wie auch Leute zum Beiſtand aufzubieten, um ſie Alle einzuziehen, in⸗ dem er gedachte, die ganze Geſellſchaft in das Gefängniß zu Sandy⸗ Hill bringen zu laſſen. Da der Verhaftbefehl nur von Mr. New⸗ come ausgeſtellt werden konnte, ſah ich leicht ein, daß der Bote eine lange Zeit würde hingehalten werden, da der Friedensrichter einen großen Theil des heutigen Tages brauchen mußte, um ſeine Heimath zu erreichen. Dieſen Umſtand jedoch hielt ich für ange⸗ meſſen meinem Freunde für den Augenblick zu verhehlen. Heute Morgen frühe hatten der Kettenträger, Dus und Jaap die Hütten verlaſſen, und den nächſten Weg nach der Lichtung Tauſendacres' eingeſchlagen, ſo wie ſie nach der Beſchreibung des Indianers deren Richtung und Lage annehmen mußten. Mit Hülfe eines Compaſſes und unterſtützt von ihrer langen, vertrauten Be⸗ kanntſchaft mit den Wäldern, wurde es dieſer Geſellſchaft nicht ſchwer, die Stelle zu erreichen, wo der Onondago und der Neger ſich begegnet waren; dann aber ging freilich der übrige Weg für die kecken Reiſenden durch eine terra incognita. Nach einigem Suchen jedoch entdeckten ſie in der Ferne die Helle der Lichtung, 2 380 zu achten, und die Entſchloſſenheit und den Muth, die ſie in Bezug auf ihn an den Tag gelegt hatte, zu bewundern, ſelbſt in dem Au⸗ genblick, wo ſich mir das Bewußtſein, daß das Intereſſe für mich keinen Einfluß auf ihr Thun geübt, am lebhafteſten aufdrängte. „Das Mädel wollte nun einmal mitgehen, Mordaunt,“ fuhr der Kettenträger fort, nachdem er mit ſeiner Erzählung zu Ende war;„und wenn Ihr Dus kennt, ſo müßt Ihr wiſſen, daß, wenn ſie liebt, ſie ſich nichts dergleichen verweigern läßt. Gott ſegne mich! was für eine Frau gäbe ſie für einen Mann, der ihrer werth wäre. Oh, da iſt ein kleines Briefchen, das das liebe Ge⸗ ſchöpf geſchrieben hat an einen von Tauſendacres' Jungen, der oft bei uns geweſen iſt, obgleich ich mir nie träumen ließ, daß der ſquatternde alte Schurke von Vater auf unſern Ländereien hier ſei. Zephaniah, wie der Burſche heißt, hat viele Zeit auf dem Neſt zu⸗ gebracht und auf den Feldern gearbeitet, manchmal auch für uns; und Euch die Wahrheit zu geſtehen, Mordaunt, ich glaube, der junge Kerl hat ein Auge auf Dus geworfen, und wäre froh genug, das Mädchen zum Weibe zu bekommen.“ „Der! Zephaniah Tauſendacres— oder was immer ſein höl⸗ liſcher Name ſein mag— er eine Zärtlichkeit, eine Neigung haben für Urſula Malbone— er daran denken, ſie zum Weibe zu bekom⸗ men— er ſich erfrechen, ein ſo vollkommenes Weſen zu lieben?“ „Ruhig, ruhig!“ rief der alte Andries, mich erſtaunt an⸗ ſehend;„warum ſollte der Junge nicht ebenſogut ſeine Gefühle haben als ein Anderer, wenn gleich er ein Squatter iſt? Squatters haben auch ihre Gefühle, obſchon ſie ſich ſonderlicher Ehrlichkeit nicht zu berühmen haben. Und was die Ehrlichkeit betrifft, ſeht Ihr, Mordaunt, da iſt ein Unterſchied zwiſchen Tauſendacres und ſeinen Söhnen. Die Burſchen ſind aufgewachſen im Wahne, es ſei kein ſo großes Unrecht, auf eines Andern Ländereien und von dem Ertrag derſelben zu leben, während dieſer alte Schurke, der Vater, großgezogen wurde, oder glaubt großgezogen worden zu lange nachdem das Weſen, welches demſelben die Entſtehung ſein in dem wahren Allerheiligſten der Gottesfurcht und Recht⸗ ſchaffenheit, unter den Puritanern, und meint, die Erde habe nicht ihres Gleichen an Frömmigkeit, dafür ſtehe ich Euch. Fragt den alten Aaron über ſeine Seele, und er wird Euch ſagen, es ſei eine beſſere Seele als eine holländiſche Seele, und ſie werde gar nicht brennen, ſo frei ſei ſie von der Erde. Ja, ja, das iſt die Idee von ihnen Allen in ſeinem Theile der Welt. Ihre Frömmig⸗ keit iſt ſo lauter und rein; ſelbſt die Sünde kann ihr nicht viel ſchaden.“ Ich kannte die provinzialen Vorurtheile des Kettenträgers zu gut, als daß ich mir hätte erlauben ſollen, gerade in dieſem Augen⸗ blick einen theologiſchen Streit mit ihm anzufangen; obgleich ich zur Steuer der Wahrheit zugeben muß, daß die Anſicht des alten Mannes von der Selbſtgerechtigkeit der Kinder der Puritaner nicht ganz unbegründet und bis auf einen gewiſſen Grad zu entſchuldi⸗ gen war. Ich hatte nie Gelegenheit, darüber mit Gewißheit mich zu unterrichten, aber überraſcht hätte es mich keineswegs, wenn ich gefunden hätte, daß Tauſendacres und ſeine ganze Familie auf uns New⸗Yorker als auf ein ganz beſonders gefallenes und ſündiges Geſchlecht herabſchauten, das auf der breiten Straße dem Verder⸗ ben entgegenwandle, obwohl aufgemuntert und eingeladen, eine andere Bahn zu betreten durch das Beiſpiel eines auserleſenen Volkes ſo ganz in ihrer Nähe, welches den engen und ſchmalen Pfad wandelte, der zum Himmel führt. Dieſes Vermengen Gottes und des Mammons iſt keineswegs etwas Ungewöhnliches unter uns, obgleich die Squatters vermuthlich zugegeben haben würden, daß ſie ein wenig abgewichen und keineswegs ſo gut ſeien, als ihre Vorfahren einſt geweſen. Nichts vielleicht ſteckt ſo tief in einem Individuum oder in einem Gemeinweſen, als das Gefühl des eige⸗ nen Werthes. Wie die kommenden Ereigniſſe ihre Schatten vor ſich her werfen, ſo läßt dies Gefühl ſeinen Schatten noch zurück, 382 gegeben, vorübergegangen oder verflüchtigt iſt. Aber ich muß auf Zephaniah und auf das Briefchen zurückkommen. „Und Ihr ſagt mir, Kettenträger, Urſula habe wirklich ein Billet, einen Brief an dieſen jungen Mann geſchrieben?“ fragte ich, ſobald ich genug Entſchloſſenheit aufbieten konnte, um eine ſo empörende Frage zu thun. „Gewiß; hier iſt er, und es iſt ein recht hübſch ausſehender Brief, Mordaunt. Dus thut Alles ſo artig und geſchickt, und ſo ganz, wie es einem feinen jungen Frauenzimmer anſteht, daß es eine Luſt iſt, einen Brief von ihr zu überbringen. Ja, da iſt jetzt der junge Burſch, und ich will ihm rufen und ihm geben, was ihm gehört.“.. Der Kettenträger that wie er geſagt hatte, und bald ſtand Zephaniah vor dem Vorrathshauſe. „Nun, Ihr werdet geſtehen müſſen, Zeph,“ fuhr der alte Mann fort,„wir haben Euch nicht in einen Käfig geſperrt wie ein wildes Thier, oder wie einen Spitzbuben, der ſich mit Sachen zu ſchaffen gemacht, die ihm nicht gehörten, als Ihr bei uns drüben waret! Das iſt ein Unterſchied in der Behandlung!— aber laſſen wir das jetzt! Hier iſt ein Brief für Euch, und möge er viel Gutes an Euch bewirken! Er iſt von Jemand, der guten Rath ertheilen kann; und Ihr werdet nicht ſchlecht dabei fahren, wenn Ihr ihm folgt. Ich weiß kein Wort von dem, was darin ſteht, aber Ihr werdet finden, daß es ein guter Brief iſt, dafür will ich ſtehen. Dus ſchreibt ſchöne Briefe, und in einer Hand, beinahe ſo gleich und ſchön, wie die Seiner Excellenz, obwohl nicht ganz ſo groß. Aber ihre eigene Hand iſt auch nicht ſo groß, als die Sei⸗ ner Excellenz— obwohl auch Seine Excellenz keine gar ſtarke und dicke Hand hatte.“ Ich konnte kaum meinen Sinnen trauen! Urſula Malbone ganz unverholener Weiſe einen Brief ſchreiben an einen Sohn des Squatters Tauſendacres', und dieſer Sohn ihr offenbarer 383 Anbeter, wie es ſchien! Verzehrt von Eiferſucht und von tauſend Gefühlen, die mir bisher fremd geweſen, ſtarrte ich den Glück⸗ lichen, der ſo ſeltſamer Weiſe mit dieſer Mittheilung von Dus beehrt ward, mit dem bitterſten Neide an. Obgleich, die Wahrheit zu geſtehen, der junge Squatter ein wohlgewachſener, gutaus⸗ ſehender Burſche war, ſchien er mir doch die perſonificirte Plump⸗ heit und Gemeinheit. Man wird leicht glauben, daß Zephaniah nicht ganz frei war von manchen Merkmalen und Eigenſchaften, wornach ſein Charakter allerdings mit ziemlichem Rechte ſo bezeich⸗ net werden durfte; aber im Ganzen würden die meiſten Mädchen von ſeiner Klaſſe im Leben mit ihm in dieſer Beziehung ganz zu⸗ frieden geweſen ſein. Aber Urſula Malbone war ganz und gar nicht von ſeiner Klaſſe im Leben. Wie ſehr auch zurückgekommen im Vermögen, war ſie doch eine Lady der Erziehung und Bildung wie der Geburt nach; und welche Uebereinſtimmung in Gefühlen und Geſinnungen konnte möglicher Weiſe ſtattfinden zwiſchen ihr und ihrem ſeltſamen Anbeter? Ich habe behaupten hören, die Frauen werden eben ſo oft durch das Aeußere angezogen und beſtochen, als die Männer; aber in dieſem Falle war das Aeußere plump und Nichts an ihm außergewöhnlich. Auch konnten manche Weiber nicht leben, ohne bewundert zu werden; und ich kannte Dus eigent⸗ lich doch erſt einige Wochen, und es war wohl möglich, daß ich ihren wahren Charakter noch nicht ergründet hatte. Dann hatte ſie auch ihre erſte Erziehung in den Wäldern empfangen; und wir kehren oft in dieſen Punkten zu unſern früheſten Neigungen mit einem Eifer und einer Hingebung zurück, die ſich durch Nichts er⸗ klären laſſen. Es war möglich, daß dies ſeltſame Mädchen in ihrer Einbildungskraft ſich in der Perſpective der Zukunft mehr Glück und phantaſtiſche Genüſſe in den Wäldern und Schluchten verſtoh⸗ lener Lichtungen ausgemalt hatte, als der Aufenthalt in den Städten der Menſchen ihr zu bieten ſchien. Kurz, es gab kaum eine tolle Einbildung, welche nicht in dieſem Augenblick der heftigen Eifer⸗ 384 ſucht und des ſchmerzlichen Unglücks auf mein Gehirn einſtürmte. Ich fühlte mich ſo elend wie ein Hund. Was Zephaniah betrifft, den begünſtigten Jüngling von Urſula Malbone, ſo empfing er ſeinen Brief, wie mich dünkte, mit linkiſcher, verlegener Ueberraſchung, und ſchlenderte um eine Ecke des Gebäu⸗ des, wahrſcheinlich um den Genuß zu haben, ihn allein zu leſen. Dieß führte ihn aber mehr in meine Nähe, denn ich hatte mich zurückgezogen, in Folge eines unüberwindlichen Widerwillens, der Scene, die hier vor ſich ging, nahe zu ſein. Einen Brief öffnen, wenn er auch von den zarten Händen einer Urſula Malbone gefaltet war, und ihn leſen— das waren zwei ganz verſchiedene Operationen, wie Zephaniah jetzt entdeckte. Die Erziehung des jungen Mannes war ziemlich verwahrlost ge⸗ weſen, und nach ein paar Verſuchen fand er es unmöglich, weiter zu kommen. Während er den Brief offen in ſeiner Hand hatte, fand er, daß derſelbe für ihn ebenſoſehr ein geſchloſſenes Buch war, als nur je. Zephaniah konnte zwar Geſchriebenes leſen mittelſt emſigen und langſamen Buchſtabirens; aber es durfte keine gute Handſchrift ſein. Wie manche Perſonen reines Engliſch nicht ver⸗ ſtehen können, ſo fand er es weit ſchwieriger, die zierlichen Schrift⸗ züge vor ihm herauszubuchſtabiren, als es für ihn geweſen wäre, wenn er es mit den Haken und Krähenfüßen einer ſeiner Schwe⸗ ſtern zu thun gehabt hätte. Wie er ſeine Augen, Beiſtand ſuchend, umher ſchweifen ließ, begegneten ſie zufällig dem Blicke meiner Augen, welche ſeine Bewegungen mit der Wachſamkeit einer Katze durch die Spalten der Scheiter, in einer Entfernung von nur drei Schuhen von ſeinem Geſichte, beobachteten. Was den Indianer betrifft, ſo beobachtete er, dem Anſchein nach, ſo wenig was vor⸗ ging, als Liebende bei einer verſtohlenen Zuſammenkunft die Zeit; obwohl ich ſpäter Grund zu der Annahme zu haben glaubte, daß ſeiner Aufmerkſamkeit Nichts entgangen ſei. Andries befand ſich in einem entfernten Theile des Gefängniſſes, die Lichtung und te. lla er, iu⸗ en. lich der den ren kte. ge⸗ ter tte, uch elſt ute ber⸗ ift⸗ ire, we⸗ nd, ner tze drei ner or⸗ eit; daß ſich und 385 die Mühle rekognoscirend mit einem Intereſſe, welche für den Augenblick all' ſeine Aufmerkſamkeit verſchlang. Von dieſen Um⸗ ſtänden verſicherte ſich Zephaniah, indem er einen Blick durch die Oeffnungen zwiſchen den Scheitern warf; dann ſeitwärts mir näher tretend, ſagte er mit leiſer Stimme: „Ich weiß nicht, wie es iſt, aber Euch die Wahrheit zu ge⸗ ſtehen, Major Littlepage, Yorker Gelehrſamkeit und Varmounter Gelehrſamkeit ſind ſo verſchiedene Dinge, daß ich es nicht ſo leicht finde, dieſen Brief zu leſen, als ich wohl wünſchen möchte.“ Auf dieſen Wink hin nahm ich den Brief und begann ihn in leiſem Tone zu leſen; denn das war es, was Zephaniah von mir verlangte, mit einem Zartgefühl, das ihm ſo weit zur Ehre ge⸗ reichte. Da der Leſer vielleicht einigermaßen die Neugier theilt, die ich ſelbſt empfunden, zu erfahren, was denn Urſula Malbone möglicherweiſe in dieſer Art und Weiſe dem Zephaniah Tauſend⸗ acres zu ſagen haben konnte, will ich den Inhalt dieſes ſonder⸗ baren Briefes ausführlich mittheilen. Er war in beſter, gehörigſter Form adreſſirt an:„Mr. Zephaniah Timberman, Mooſeridge,“ und in dieſer Hinſicht hätte er für eine ganz gewöhnliche briefliche Mittheilung gelten können. Der Inhalt lautete folgendermaßen: „Sir, „Da Ihr oft ſchon eine lebhafte Freundſchaft für mich ausgeſprochen habt, will ich Euch jetzt Gelegenheit geben, eine Probe abzulegen von der Aufrichtigkeit Eurer Verſicherungen. Mein guter Oheim begibt ſich zu Eurem Vater, den ich nur vom Hörenſagen kenne, um von ihm die Freigebung Major Littlepage's zu verlangen, der, wie wir hören, gegen alles Geſetz und Recht als Gefangener in den Händen Eurer Fa⸗ milie iſt. Da möglicherweiſe das Anliegen Kettenträgers für Tauſendacres unangenehm ſein kann, und es zu hitzigen Worten zwiſchen ihnen kommen dürfte, erwarte ich von Eurer Freundſchaft einige Bemühungen, um den Frieden zu erhalten; Der Kettenträger. 25 386 und insbeſondere, daß Ihr, falls Etwas vorfiele, was meinen Oheim verhinderte, zurückzukommen, zu mir in die Wälder kommen möchtet— denn ich werde den Kettenträger bis an den Saum Eurer Lichtung begleiten— und es mir zu wiſ⸗ ſen thun. Ihr werdet mich dort finden, begleitet von Einem der Schwarzen, und wir werden uns leicht treffen, wenn Ihr in öſtlicher Richtung den Weg durch die Felder nehmt, denn dahin will ich den Neger abſchicken, Euch aufzuſuchen und zu mir zu führen. „Neben dem oben Geſagten, Zephaniah, laßt mich Euch auch dringend bitten, Euch Major Littlepage s vorſorglich an⸗ zunehmen. Sollte dieſem Gentleman etwas Schlimmes wider⸗ fahren, ſo wäre es der Ruin Eurer ganzen Familie. Das Geſetz hat einen weitreichenden Arm, und er reicht in die Wildniß hinaus ſo gut wie auf eine Anſiedelung. Ein menſch⸗ liches Weſen iſt etwas ganz Andexes, als einige Aeres Nutz⸗ holz, und General Littlepage wird viel mehr an ſeinen edeln Sohn denken, als an all' das Holz, welches gehauen und fort⸗ geführt worden iſt. Noch einmal daher bitte ich Euch auf's ernſtlichſte, dieſes Gentleman Euch ſchützend anzunehmen, nicht nur ſofern Ihr auf meine Achtung hofft, ſondern auch, ſo lieb Euch Eure eigene Gemüthsruhe iſt. Ich bin einiger⸗ maßen in die Umſtände verflochten, in deren Folge Mr. Little⸗ page in Eure Hände gerieth, und ich würde in meinem Leben keinen glücklichen Augenblick mehr haben, wenn ihm etwas Ernſtes zuſtieße. Bedenkt das, Zephaniah, und laßt Eure Handlungsweiſe hiedurch beſtimmen. Ich bin es mir ſelbſt und Euch ſchuldig, hinzuzufügen, daß die Antwort, die ich Euch zu Navensneſt, am Tage des Hausaufſchlagens, gege⸗ ben, jetzt und immer meine Antwort an Euch bleiben muß; aber wenn Ihr wirklich die Freundſchaft für mich habt, wie Ihr damals betheuertet, ſo werdet Ihr Alles thun, was Ihr 387 könnt, um Major Littlepage zu dienen, der ein alter Freund meines Oheims, und deſſen Leben und Sicherheit in Folge von Umſtänden, die Ihr ganz zu würdigen wiſſen würdet, wenn man ſie Euch erklärte, unerläßlich iſt für meine Ge⸗ müthsruhe in der Zukunft. Eure Freundin Urſula Malbone.“ Welch' ein wunderbares Mädchen war dieſe Dus! Ich denke, es iſt wohl unnöthig, zu ſagen, daß ich die tiefſte Beſchämung empfand über meine Eiferſucht, die mir jetzt eben ſo abgeſchmackt und unbegründet vorkam, als ſie mir einen Augenblick vorher ge⸗ recht und wohlbegründet erſchienen war. Gott ſtehe dem Unglück⸗ lichen bei, der das Opfer dieſer blinden Leidenſchaft iſt! Wer eiferſüchtig und argwöhniſch iſt in den gewöhnlichen Vorkommniſſen und Verhältniſſen des Lebens, der hält ſich meiſt ſelbſt zum Narren, indem er tauſend Umſtände ſieht, die nur in ſeinem eigenen Gehirn exiſtiren; aber Derjenige, deſſen Eiferſucht durch die Liebe geſpornt wird, muß faſt mehr als ein Menſch ſein, wenn er nicht ſeine Seele von den Teufeln will packen laſſen. Ich kann jedoch keinen ſchlagen⸗ deren Beweis davon geben, zu welcher Schwäche die genannte Lei⸗ denſchaft den Menſchen bringt, als das Zugeſtändniß, das ich ſo eben gemacht, daß ich für möglich hielt, Urſula Malbone könne den Zephania Tauſendacres, oder was immer ſein eigentlicher Name ſein mochte, lieben. Ich habe mir ſeither in Wuth über meine eigene Thorheit die Haare zerrauft, wenn mir die Schwäche jener Stunde wieder in den Sinn kam. „Sie ſchreibt einen verzweifelten Brief!“ rief der junge Squatter aus, ſeinen gewaltigen Körper dehnend und ſtreckend, wie Einer, der in Folge heftiger Aufregung die Herrſchaft über ſeine Bewegungen verloren hat.„Ich glaube nicht, Major, daß ſich ein Mädel, das ſich ihr vergleichen ließe, in York findet,— 25* 388 im Staat oder in der Kolonie! Ich habe eine furchtbare Nei⸗ gung für ſie!“ Es war unmöglich, nicht zu lächeln über dieſen Ausbruch ſeiner Anhänglichkeit und Leidenſchaft; auch hätte mich im Ganzen der Ehrgeiz, der darin lag, nicht überraſcht, wenn der Jüngling nur um ein klein wenig höher auf der Leiter der Geſellſchaft ge⸗ ſtanden wäre. Abgeſehen von den großen Städten und von ein⸗ zelnen Ausnahmen in Beziehung auf iſolirte Familien, beſteht noch bis auf dieſen Tag kein bedeutender Unterſchied zwiſchen den Klaſſen bei unſern Brüdern im Oſten. Die große Gleichheit des Standes, der Verhältniſſe und der Bildung, welche als Regel bei der ganzen ländlichen Bevölkerung von Neuengland herrſcht, hat, während ſie für die Maſſe des Volkes ſo vielfach förderlich geweſen iſt, auch die unvermeidliche Folge gehabt, das Maaß der Geiſtesbildung bei der hervorragenden Minderzahl herabzudrücken, ſowohl was Ta⸗ lente und Kenntniſſe, als was die eigenthümlichen Begriffe und Anſichten der Stände betrifft; und nichts iſt gewöhnlicher in jenen Gegenden, als von Heirathen zu hören, welche man anderwärts für ganz unpaſſend halten würde aus dem einfachen Grunde der Ver⸗ ſchiedenheit in der Lebensgewohnheit, in der Denk⸗ und Gefühls⸗ weiſe der Betheiligten. So konnte Zephania nach der Hand von Urſula Malbone trachten, ohne ſo ſehr gegen ſeine Begriffe von dem, was paſſend und ſchicklich ſei, zu verſtoßen, als es, nach unſern Begriffen, wirklich der Fall war,— und um ſo mehr, als ſie in der That der äußeren, gemeinen und mehr in's Auge fallenden, unterſcheidenden Merkmale ihres wirklichen Standes und Charakters, als gebildetes Frauenzimmer, entbehrte. Ich konnte deßhalb nicht umhin, einige Achtung für den guten Geſchmack des jungen Mannes zu empfinden, und zwar dieß um ſo bereitwilliger, als ich jetzt nicht mehr von dem einfältigen Wahnbild ſeines mög⸗ lichen Triumphes verfolgt wurde. „Da Ihr ſolche Freundſchaft für Dus fühlt,“ ſagte ich, aſo — — 389 hoffe ich darauf rechnen zu dürfen, daß Ihr ihren Weiſungen Folge leiſtet.“. „In welcher Art kann ich Euch dienen, Major? Ich betheure, es iſt mein aufrichtigſter Wunſch, zu thun, was Urſula von mir wünſcht, wenn ich nur wüßte, wie?“ „Ihr könnt die Schlöſſer und Riegel unſeres Gefängniſſes hier aufthun, und uns ſofort in die Wälder frei ziehen laſſen, wo wir, verlaßt Euch darauf, ganz ſicher davor ſein werden, wieder ein⸗ gefangen zu werden. Thut uns dieſen Gefallen, ſo will ich Euch fünfzig Acres Land geben, worauf Ihr Euch anſiedeln und ein ehrlicher Mann werden könnt. Bedenkt, es iſt doch etwas Ehren⸗ haftes, fünfzig Acres gutes Land als Eigenthümer zu beſitzen!“ Zephaniah ſann nach über mein lockendes Anerbieten, und ich bemerkte wohl, daß er eine Weile ſchwankte, aber ſeine endliche Entſcheidung fiel gegen meine Wünſche aus. Er ſchüttelte den Kopf, ſah ſich nachdenklich um, nach den Wäldern, in welchen er Dus vermuthete, vielleicht eben jetzt ſein Thun und Vornehmen beobachten, wollte ſich aber nicht zu dem verſtehen, was ich ihm angeſonnen hatte. „Wenn ein Vater ſeinem eigenen Sohne nicht trauen kann, wem auf der Welt kann er dann trauen?“ fragte der junge Squatter. „Man ſoll Niemand beiſtehen, Unrecht zu thun, und Euer Vater hat kein begründetes Recht, uns Drei, ſo wie er gethan, in dieſem Hauſe einzuſperren. Die That iſt gegen das Geſetz, und dem Geſetz wird er früher oder ſpäter darüber Rechenſchaft ab⸗ legen müſſen!“ „Oh, was das Geſetz betrifft, darum kümmert er ſich nicht viel. Wir ſind unſer ganzes Leben lang gegen das Geſetz geweſen und das Geſetz gegen uns. Wenn Einer es probirt und riskirt mit Geſchworenen und Zeugen und Advokaten und armen Attorney⸗ Generals, und gleichgültigen öffentlichen Anklägern, ſo iſt das Geſetz nichts ſo Furchtbares in dieſem Lande. Ich glaube wohl, 390 daß es Länder gibt, wo das Geſetz Etwas zu bedeuten hat; aber hier herum und in ganz Varmount kümmern wir uns nicht viel um das Geſetz, wenn es nicht eine Sache iſt von Mann gegen Mann, und der andere Theil ſo zäh wie ein Bullenbeißer an ſeinen Rech⸗ ten feſthält. Dann, ich geſtehe es, will es Etwas bedeuten, wenn man das Geſetz auf ſeiner Seite hat; aber in Fällen, wo es ſich um Vergehen handelt, will es nicht viel ſagen.“ „Aber hier kann es ſich am Ende doch um mehr als ein bloßes Vergehen handeln. Euer Vater— beiläufig geſagt, iſt Tauſendacres bedeutend verletzt?“ „Es iſt kaum der Rede werth,“ antwortete der Sohn ganz kühl, immer noch nach den Wäldern hinüber ſtarrend.„Nur ein wenig betäubt, aber er erholt ſich ſchnell wieder, und er iſt an ſolche Stöße ſchon gewohnt. Vater hat einen verzweifelt feſten und harten Kopf, und kann mehr Hammerſchläge aushalten, als irgend ein Mann, den ich je geſehen. Auch Tobit iſt in dem Punkte zäh; und er kann es wohl brauchen, denn er bekommt immer Stöße und Hiebe genug um Stirn und Augen herum.“ „Und da Euer Vater wieder zu ſich kommt, was ſcheint ſeine Geſinnung und ſein Vorhaben gegen uns zu ſein?“ „Nichts Freundſchaftliches, das kann ich Euch verſichern! Der alte Mann iſt ſchwer gereizt; und wenn das der Fall iſt, ſo muß er ſeinen Willen haben und fragt Nichts nach allen Gouverneuren und Richtern im Lande!“ „Glaubt Ihr, er denke uns Gefangenen ein ernſtliches Leid anzuthun?“ „Ein Mann denkt nicht gar viel, ſollte ich meinen, nach einem ſolchen Puff auf den Schädel. Er fühlt gewaltig viel Mehr, als er denkt; und wenn das Gefühl Meiſter iſt, ſo fragt es ſich nicht viel, wer Recht und wer Unrecht hat. Die große Schwierigkeit in Eurer Sache beſteht darin, wie man in's Reine kommen ſoll über das Holz, das im Fluß liegt. Das Waſſer iſt ſeicht; und das 2 8E ͤ’-s9ͤ=m 391 ber Höchſte, was damit vor dem November geſchehen kann, iſt, daß um. man es bis zum nächſten Flußabſatz flößt, über den es nicht mit in, Sicherheit hinunter kommen kann, ohne einen höheren Waſſerſtand. ch⸗ Es iſt gefährlich, Einen Euresgleichen, und auch den Kettenträger, nn drei oder vier Monate in einer Art Haft hier zu halten, und es ich ginge auch nicht an, euch laufeu zu laſſen, da ihr bald das Ge⸗ ſetz gegen uns in Bewegung ſetzen würdet. Und wenn wir euch ein behalten, wird auch eine Nachforſchung angeſtellt und eine Beloh⸗ iſt nung ausgeboten werden. Nun wiſſen ſehr viele Eurer Pächter von dieſer Lichtung, und die menſchliche Natur kann einem ausge⸗ unz botenen Preiſe nicht widerſtehen. Der alte Mann weiß das wohl ein und er fürchtet das am meiſten. Wir können beinahe Allem beſſer an widerſtehen, als einem guten, runden Preiſe.“ ten Ich war eben ſo beluſtigt wie erbaut von Zephaniah's Einfalt als und Offenherzigkeit, und hätte gern das Geſpräch weiter fortgeſetzt, em 1 wäre nicht Lowiny herbei getrippelt gekommen, um ihren Bruder mt abzurufen zu einer Verſammlung der Familie; denn der alte Sqguatter hatte ſich jetzt ſo weit wieder erholt, daß er einen Rath⸗ ine ſeiner Söhne zuſammenberief. Der Bruder verließ mich im Au⸗ genblick, das Mädchen aber zögerte noch bei dem Vorrathshauſe in der meiner Nähe, wie wenn ſie ſich ſchwer zum Weggehen entſchließen iuß könnte. ren„Ich hoffe, der Haſtypudding war ſüß und gut,“ ſagte Lo⸗ winy, einen ſchüchternen Blick durch die Spalte hineinwerfend. eeid„Er war vortrefflich, mein gutes Mädchen, und ich danke Euch von ganzem Herzen dafür. Seid Ihr jetzt ſehr beſchäftigt? em— Könnt Ihr einen Augenblick verweilen, während ich eine Bitte als an Euch thue?“ icht„Oh, ich habe jetzt Nichts im Hauſe zu ſchaffen, da der Vater in die Jungen um ſich verſammelt hat. Wenn er das thut, ſo pflegt ber auch die Mutter oft ſich zu entfernen.“ G das„Das freut mich, denn ich halte Euch für ſo wohlwollend und 392 gut, daß ich Euch wohl vertrauen darf in einer Sache von einiger Wichtigkeit; oder darf ich nicht, meine gute Lowiny?“ „Alſo können doch Töchter von Squatters gut ſein in den Augen großer Grundherren?“ „Gewiß— ſogar vortrefflich; und ich bin ganz geneigt, zu glauben, daß Ihr zu dieſen gehört. ¹ Lowiny's Angeſicht ſtrahlte vor Entzücken; und ich empfand weniger Widerſtreben, dieſe Schmei⸗ chelei auszuſpenden, als ſonſt wohl der Fall hätte ſein können, weil ſie in der That das, was ich zu ihrem Lobe ſagte, großen⸗ theils verdiente.„Ja, in Wahrheit, ich weiß, das ſeid Ihr, und Ihr paßt gar nicht für dieſe Art Leben. Aber ich muß Euch meine Wünſche ſofort entdecken, denn die Zeit dürfte uns kurz zuge⸗ meſſen ſein.“ „Thut es,“ ſagte das Mädchen, begierig mich anſchauend, und ein leichtes Erröthen übergoß ihr Angeſicht,— das untrügliche Zeichen aufrichtiger, edler Gefühle und das Unterpfand der Tu⸗ gend;„thut es, denn ich ſterbe vor Verlangen, ſie zu hören, und weiß im Boraus, ich werde Alles thun, was Ihr von mir verlangt. Ich weiß nicht, wie es kommt, aber wenn Vater oder Mutter mir etwas auftragen, iſt mir manchmal, als könnte ich es nicht thun; jetzt aber iſt mir gar nicht ſozu Muthe.“ „Meine Bitten und Wünſche kommen nicht ſo oft vor, daß ſie Euch liſtig fielen. Verſprecht mir zuerſt, mein Geheimniß zu be⸗ wahren.“ „Das will ich!“ antwortete Lowiny raſch und mit Nachdruck. „Keine ſterbliche Seele ſoll je ein Wort davon erfahren, und ich werde nicht einmal im Schlaf davon ſchwatzen, wie ich manchmal thue, wenn ich es irgend laſſen kann.“ „Der Kettenträger hat eine Nichte, die ihm ſehr lieb und theuer iſt, und die alle ſeine Liebe und Zärtlichkeit erwiedert. Ihr Name iſt—“ „Dus Malbone!“ unterbrach mich das Mädchen mit leiſem —„—y— ——+2—„—S— —— —— ſ Lachen.„Zeph hat mir Alles von ihr geſagt, denn Zeph und ich ſind ſehr gute Freunde,— er ſagt mir Alles, und ich ſage ihm Alles. Es iſt ein ſolcher Troſt, das könnt Ihr Euch wohl denken, Jemand zu haben, dem man Geheimniſſe anvertrauen kann;— nun, und was iſt's mit Dus?“ „Sie iſt hier.“ „Hier? Ich ſehe Nichts von ihr,“— und ſie ſchaute ſich haſtig, und wie mich dünkte, mit einiger Unruhe und Beſtürzung um,—„Zeph ſagt, ſie ſei furchtbar ſchön.“ „Sie gilt dafür, glaube ich; aber in dieſer Hinſicht ſteht ſie keineswegs allein. Es iſt kein Mangel an hübſchen Mädchen in Amerika. Wenn ich ſagte, ſie ſei hier, ſo meine ich damit nicht, hier im Vorrathshauſe, ſondern hier in den Wäldern. Sie be⸗ gleitete ihren Oheim bis an die Gränze der Lichtung— ſchaut Euch um, mehr nach Oſten hin. Seht Ihr den ſchwarzen Baum⸗ ſtumpf in dem Kornfeld hinter Eures Vaters Wohnung?“ „Gewiß— das iſt gut ſehen— ich wollte, ich könnte Al⸗ bany eben ſo deutlich ſehen.“ „Nun, ſchaut ein wenig links von dieſem Baumſtumpf, ſo werdet Ihr einen großen Kaſtanienbaum an dem Rande des Waldes dahinter ſehen— der Kaſtanienbaum, den ich meine, ragt mit ſeinem Wipfel ſo zu ſagen aus dem Wald heraus in die Lichtung herein.“ „Gut, ich ſehe den Kaſtanienbaum auch und ich kenne ihn wohl. Es iſt eine Waſſerquelle ganz nahe beim Fuß deſſelben.“ „Am Fuß des Kaſtanienbaumes hat der Kettenträger ſeine Nichte zurückgelaſſen, und ohne Zweifel iſt ſie jetzt dort herum irgendwo. Könntet Ihr es wagen, ſo weit hinüber herumzuſchlen⸗ dern, ohne geradezu auf jenen Punkt zuzugehen, und eine Botſchaft oder einen Brief zu beſtellen?“ „Ganz gewiß kann ich das! Ha, wir Mädchen ſtreifen auf den Looſen herum, wie es uns gefällt; und es iſt jetzt auch gerade 394 die Zeit zum Beerenſammeln. Ich will laufen und einen Korb holen, und Ihr könnt, während ich fort bin, den Brief ſchreiben. Ha, kein Menſch wird etwas denken, wenn ich auf's Beerenſammeln ausgehe,— ich habe ein verzweifeltes Verlangen, dieſe Dus zu ſehen! Glaubt Ihr, ſie werde den Zeph nehmen?“ „Das Gemüth junger Frauenzimmer iſt etwas ſo Ungewiſſes, daß ich es nicht wagen möchte, eine Meinung zu äußern. Wenn es eine Perſon meines Geſchlechtes wäre, und er hätte ſeine Wünſche erklärt, ſo würde ich es Euch, glaube ich, mit einiger Beſtimmt⸗ heit ſagen können.“ Das Mädchen lachte; dann ſchien ſie etwas verwirrt und er⸗ röthete wieder. Wie doch das angeeignete, ja, das angeborene Gefühl des Geſchlechts ſich nicht unterdrücken, ſich nicht hindern läßt, in ſolchen untrüglichen Anzeichen das weibliche Herz zu verrathen! „Nun,“ rief ſie, indem ſie fortſprang, den Korb zu holen, „nach meinen Begriffen iſt die Seele eines Mädchens ſo wahr⸗ haftig und ſo zuverläſſig, als die irgend eines lebenden Geſchöpfs.“ Jetzt war meine Aufgabe, ein Billet an Dus zu ſchreiben. Die Schreibmaterialien lieferte mir meine Brieftaſche. Ich riß ein Blatt heraus, näherte mich dem Kettenträger, ihm zu ſagen, was ich vor hatte, und bat ihn, mir zu ſagen, ob er einen beſonderen Auftrag an Dus mir zu geben habe. „Schreibt dem lieben Mädchen meinen Segenswunſch, Mor⸗ daunt. Schreibt ihr, der alte Kettenträger bete zu Gott, daß er ſie ſegne— das iſt Alles. Ich überlaſſe es Euch, das Uebrige ihr zu ſchreiben.“ „Dieß that ich denn auch. Zuerft ſchrieb ich der Nichte den Segenswunſch ihres Oheims. Dann erklärte ich ihr mit möglichſt wenigen Worten unſere Lage, die ich in ſo hoffnungsvollem Lichte darſtellte, als mein Gewiſſen es mir geſtatten wollte. Nach dieſen Erläuterungen bat ich Urſula dringend, zu ihrem Bruder zurück⸗ ——eð———½„—————,☛ ——— zukehren, und ſich nicht wieder, ſo weit von ſeinem Schutze ent⸗ fernt, Gefahren auszuſetzen. Vom Schluß des Billets will ich nicht viel ſagen. Er war kurz, aber er ließ Dus errathen, daß meine Gefühle für ſie ſo lebhaft und feurig als nur je ſeien; und ich glaube, dieß war ausgeſprochen mit kräftigen Worten, wie die Lei⸗ denſchaft ſie eingibt. Ich war gerade mit meinem Billet fertig, als Lowiny erſchien, es in Empfang zu nehmen. Sie brachte uns eine Kanne Milch, als eine Art Vorwand dafür, daß ſie wieder nach dem Vorrathshaus ging, nahm dafür den Brief in Empfang, und eilte fort den Feldern zu. Wie ſie an einer der Hütten vorbei kam, hörte ich ſie einer Schweſter zurufen, ſie gehe, um Heidel⸗ beeren für die Gefangenen zu ſuchen. Ich verfolgte die Schritte dieſes rüſtigen Mädchens mit ge⸗ ſpanntem Intereſſe. Der Kettenträger, welcher ſeit meinem Ver⸗ ſchwinden wenig geſchlafen hatte, brachte jetzt das Verlorene ein; und was den Indianer betrifft, ſo waren Eſſen und Schlafen die ganz gewöhnlichen Beſchäftigungen ſeiner Raſſe, wenn ſie nicht auf der Jagd, oder auf dem Kriegspfad, oder als Läufer auf einer Botſchaft begriffen waren. Lowiny ſchritt einem Platz zu, von welchem das Buſchwerk völlig Beſitz genommen hatte. Hier verſchwand ſie bald, im Weiter⸗ gehen mit behenden Fingern Beeren ableſend, da ſie es gerathen finden mochte, bei ihrer Rückkehr doch einige ſolche Früchte auf⸗ weiſen zu können. Ich hielt mein Auge aufmerkſam nach den Oeff⸗ nungen des Waldes, in der Nähe des Kaſtanienbaumes, gerichtet, ſobald die Büſche das Mädchen verbargen, ängſtlich und begierig den Augenblick erwartend, wo ich ihre Geſtalt wieder an dieſem Punkte würde erſcheinen ſehen. Meine Aufmerkſamkeit wurde noch geſchärft dadurch, daß mein Auge Dus anſichtig wurde. Es war nur ein Nu, daß das Flattern weiblicher Kleider zwiſchen den Bäumen hin ſichtbar wurde; aber da es zu bald war, als daß Lowiny ſchon dort hätte angekommen ſein können, ſo erkannte ich 396 hieraus, daß es Dus ſein müſſe. Dieß war erfreulich, da nun⸗ mehr kaum zu bezweifeln ſtand, daß meine Botin den Gegenſtand ihres Suchens finden werde. Etwa eine halbe Stunde, nachdem Lowiny den von Büſchen bedeckten Platz betreten hatte, ſah ich ſie ganz deutlich am Fuß des Kaſtanienbaumes. Einen Augenblick blieb das Mädchen ſtehen, wie um zu rekognosciren, und dann ſchritt ſie plötzlich in den Wald hinein, wo ich nicht zweifelte, daß ſie und Dus ſich trafen und beſprachen. Eine ganze Stunde ver⸗ ſtrich, und ich bekam von Dus nichts mehr zu ſehen. Mittlerweile erſchien Zephaniah wieder beim Vorrathshauſe. Dießmal kam er von zweien ſeiner Brüder begleitet, den Schlüſſel in der Hand. Zuerſt vermuthete ich, ihre Abſicht ſei, mich vor den hohen Gerichtshof Tauſendacres' zu ſtellen, aber hierin irrte ich mich. Sobald die jungen Männer die Thüre unſeres Gefäng⸗ niſſes erreicht hatten, ſo rief Zephaniah dem Onondago zu, er ſolle ſich derſelben nähern, da er ihm Etwas zu ſagen habe. „Es muß gar eine langweilige Geſchichte für eine Rothhaut ſein, ſich einſperren zu laſſen wie ein Schwein, ehe es abgeſchlachtet wird,“ ſagte der Jüngling, ſeine Bilder von den ihm vertrauteſten Gegenſtänden entlehnend;„und ich denke, Ihr würdet recht gerne herauskommen und herumwandeln, wie ein freies und vernünftiges Geſchöpf. Was ſagt Ihr, Indianer, iſt das Euer Wunſch?“ „Gewiß,“ antwortete Sureflint ruhig.„Viel lieber draußen ſein als drinnen.“ „So vermuthete ich ganz natürlich. Nun, der alte Mann ſagt, Ihr könnt herausgehen, auf Verſprechungen, wenn Ihr ge⸗ neigt ſeid, dieſe zu geben. So ſeid Ihr dann Herr und Meiſter Eurer Bewegnngen, ſeht Ihr.“ „Was er verlangen von mir zu thun? Was er verlangen von mir zu ſagen, he?“ „Eigentlich nichts Beſonderes, wenn Einer es nur probiren will. Erſtlich ſollt Ihr Euer Wort geben, nicht davon zu laufen, * — 8A A 20ͤ 2= ͤX — ſondern in der Nähe der Lichtung zu bleiben, und zu kommen und Euch zu ſtellen, wenn drei kurze Töne aus der Muſchel geblaſen werden. Wollt Ihr Euch dazu verſtehen, Sus?“ „Gewiß— nicht weggehen; zurückkommen, wenn rufen— das heißt, in der Nähe bleiben, wo Muſchel hören können.“ „Wohl, das iſt abgemacht und der Handel iſt fertig. Sodann ſollt Ihr verſprechen, nicht um die Mühle und Scheune ſpähend herumzuſtreifen, zu ſehen, was Ihr da entdecken könnt, ſondern Ihr ſollt Euch fern halten von allen Gebäuden außer dem Vor⸗ rathshaus und den Wohnungen, und die Lichtung nicht verlaſſen. Willigt Ihr ein?“ „Gut, nicht hart, das thun.“ „Wohl! ſodann ſollt Ihr keine Waffen auf die Anſiedlung bringen, und den andern Gefangenen Nichts als Worte und Lebens⸗ mittel zukommen laſſen. Wollt Ihr Euch demgemäß halten? „Gewiß; ganz bereit ſein, auch das zu thun.“ „Dann ſollt Ihr in keiner Art und Weiſe Einen von uns be⸗ kriegen, bis Ihr Eures Worts entbunden und wieder Euer eigener Herr ſeid. Was ſagt Ihr dazu, Trackleß?“ „Alles gut; einwilligen das Alles thun.“ „Wohl, das iſt ſo ziemlich Alles, was der alte Mann begehrt; aber die Mutter hat noch ein paar Bedingungen auf dem Herzen, welche ich Euch vorlegen ſoll, darauf beſteht ſie. Sollte es zum Allerſchlimmſten kommen, und die Leute auf dieſer Anſiedlung in Kampf gerathen mit fremden Leuten, ſo ſollt Ihr Euch verbindlich machen, keine Skalpe zu nehmen von Weibern und Kindern, und keinen von einem Manne, den Ihr nicht im offenen Treffen über⸗ wunden habt. Die alte Frau will Euch die Skalpe im Treffen getödteter Männer bewilligen, glaubt aber, es ſei gegen Vernunft und Billigkeit, ſie zu nehmen von Solchen, die nicht ſo über⸗ wunden worden.“ „Gut; gar nicht begehren überhaupt Skalpe zu nehmen,“ 398 antwortete der Indianer mit einer inneren Bewegung, die er nicht ganz zu unterdrücken vermochte.„Haben keinen Stamm,— haben keine jungen Männer; wozu nützen Skalpe? Niemand darnach fragen, wie viele Skalpen Susqueſus nehmen— wie viele er zu⸗ rücklaſſen. Alles das vergeſſen lange Zeit.“ „Wohl, das iſt Eure Sache, nicht die meinige. Aber da Ihr alle die Artikel angenommen habt, könnt Ihr jetzt heraus⸗ kommen und Eurem Geſchäft nachgehen. Merkt es Euch, drei kurze, ſcharfe Stöße in die Muſchel ſind das Signal, daß Ihr kommen und Euch ſtellen ſollt.“ Auf dieß eigenthümliche Cartel hin ward Susqueſus in Frei⸗ heit geſetzt. Ich hörte die ganze Uebereinkunft mit Erſtaunen, obwohl aus dem Benehmen der hohen kontrahirenden Parteien leicht zu ſehen war, daß dieſe Uebereinkunft für ſie gar nichts Neues und Ungewohntes hatte. Ich hatte gehört, daß das Wort eines Indianers, mochte ſein Charakter ſein wie er wollte, in allen ſolchen Fällen als unverbrüchlich galt, und konnte nicht umhin, mir, als Susqueſus ruhig aus dem Gefängniß hinausſchritt, die Frage vorzulegen, wie viele Potentaten und Mächte ſich wohl in der Chriſtenheit fänden, die unter Umſtänden, wobei ihre wichtig⸗ ſten Intereſſen in ähnlicher Weiſe betheiligt wären, ein ähnliches Vertrauen in Andere ſetzen würden. Neugierig, die Geſinnungen meiner dermaligen Herren über dieſen Gegenſtand zu erfahren, be⸗ nützte ich die Gelegenheit, ſie darüber zu befragen. „Ihr gebt dem Indianer ſeine Freiheit auf ſein Wort,“ ſagte ich zu Zephaniah—„werdet Ihr uns Weißen dieſelbe Vergünſti⸗ gung verweigern?“ „Ein Indianer iſt ein Indianer. Er hat ſeine Natur und wir haben die unſere. Es war auch die Rede davon, Euch herauszu⸗ laſſen, Major; aber der alte Mann wollte Nichts davon hören. „Er kenne die Menſchenkinder,“ ſagte er, ‚und er wiſſe, es gehe nimmermehr an.“ Wenn man einen Weißen loslaſſe, ſo biete er 2 A— 8————, B— — 399 all' ſeinen Witz auf, ein Loch zu finden, durch das er dem ge⸗ ſchloſſenen Handel entſchlüpfe— und wenn er bis zur Erſchaffung der Erde zurückgehen müßte, um eines zu finden. Der Major werde ſagen: Ich wurde gegen das Geſetz feſtgenommen, und jetzt, da ich heraus bin, will ich außen bleiben gegen die gegebene Zu⸗ ſage, und was dergleichen Gründe und Spitzfindigkeiten ſind; und nun wir ihn ſicher haben, wird es das Beſte ſein, ihn auch iie ſicherem Gewahrſam zu behalten! Das iſt das Weſentliche von des alten Mannes Ideen, und Ihr könnt ſelbſt ermeſſen, Major, ſo gut als Einer von uns, wie wahrſcheinlich es ſei, daß er davon abgehe.“ Es ließ ſich nicht ſtreiten mit dieſer Logik, die, wie ich ins⸗ beſondere ſelbſt wohl erkannte, in der Sache ſelbſt nicht unbe⸗ gründet war, und ich machte keine weiteren Verſuche, meine Looslaſſung zu bewirken. Es ſchien jedoch, daß Tauſendacres ſelbſt halb geneigt war, zu Gunſten des Kettenträgers ein ähn⸗ liches Zugeſtändniß eintreten zu laſſen, wie das dem Indianer bewilligte. Dieß fiel mir als ſonderbar auf nach dem harten Zuſammenſtoß, der zwiſchen den beiden Männern ſtattgefunden hatte,— aber es gibt Ehrenpunkte, die jedem Verhältniſſe des Lebens eigenthümlich ſind, und in Betreff deren die Menſchen, die dieſen Verhältniſſen angehören, einen Stolz darein ſetzen, nicht nur denſelben Achtung zu verſchaffen, ſondern auch ſie ſelbſt zu achten. 1 „Der Vater hatte den Gedanken, auch Euer Ehrenwort an⸗ zunehmen, Kettenträger,“ fuhr Zephaniah fort,„und er ſchloß da⸗ mit, daß er ſagte, er würde es thun, hättet Ihr nicht in neuerer Zeit ſo viel außerhalb der Anſiedelungen gelebt, daß er Euch nicht mehr recht zuverſichtlich trauen könne. Ein Mann, der ſo viele Zeit damit zubringt, Gränzen zu ziehen, könne ſich leicht auch für berechtigt halten, ſie zu überſchreiten.“ „Eurem Vater ſteht ſeine Meinung ganz frei,“ antwortete 400 Andries kalt.„Er wird von mir kein Ehrenwort bekommen, und ich begehre keine Vergünſtigungen von ihm. Wir ſtehen einander als Feinde gegenüber, junger Mann, und er mag ſich vorſehen und ſein Holz in Acht nehmen, ſo gut er kann.“— „Nein,“ verſetzte Zephaniah ſich ſtreckend und mit Feuer, ob⸗ wohl er wußte, daß er zu dem Oheim von Dus ſprach, und ſomit ſein Intereſſe bei ſeiner Geliebten gefährdete;„nein, Kettenträger, wenn es dazu kommt, wird es ſchwere Schläge ſetzen. Wir ſind eine ſtarke Partei ſtämmiger Männer und laſſen uns nicht ein⸗ ſchüchtern durch den Schreier eines Hofes, oder aus dem Lande verjagen durch Schafsfelle. Pantherkatzen müſſen gegen uns kom⸗ men in Schaaren, ehe wir einen Zoll breit weichen.“ „Geht mir, geht mir, thörichter junger Mann— Ihr ſeid Eures Vaters Sohn, und damit iſt genug von Euch geſagt. Ich verlange keine Vergünſtigung von Squatters, welche ein Gezücht ſind, das ich verabſcheue und verachte.“ Ich war etwas überraſcht, als ich dieſe Antwort hörte, und Zeuge war der Kundgebung ſolcher Geſinnungen von Seiten Ket⸗ tenträgers, der für gewöhnlich ein kalter und durchgängig ein höf⸗ licher Mann war. Aber bei näherem Nachdenken erkannte ich, daß er nicht ſo unrecht hatte. Irgend ein Austauſch von Höflichkeiten zwiſchen uns und unſeren dermaligen Herren mochte ihnen gewiſſe Anſprüche gegenüber von uns zu verleihen ſcheinen, während, wenn wir an's nackte Recht uns hielten, wir in moraliſcher Beziehung wenigſtens jeden Vortheil über ſie hatten. Zephaniah und ſeine Brüder verließen uns, nachdem ſie von Andries zurückgewieſen worden waren; Susgueſus aber lungerte fortwährend um das Vorrathshaus herum, und dem Anſchein nach war er draußen nicht viel beſſer daran, als darinnen. Er hatte Nichts zu thun, und ſein Müſſiggang war der eines Indianers— des Angehörigen einer Raſſe von ſo gewaltiger Energie, wenn Ener⸗ gie erforderlich iſt, und dagegen wieder ſo träg und gleichgültig, — 1 e d 6 a n 3 —H—————„——— — ——,— — 401 wenn nicht Noth, Vergnügen, Krieg oder Intereſſe ſie aufregen und in Anſpruch nehmen. So ſtanden die Sachen, als wir, einige Zeit nach der ſo eben erzählten Unterredung, wieder einen Beſuch von einer Abtheilung der Familie hatten, an deren Spitze Tobit ſtand. Dieſer Mann erſchien, um den Kettenträger und mich nach der Hütte Tauſend⸗ aeres' zu eskortiren, wo alle Männer von der Familie verſammelt waren, und wo wir, wie es jetzt den Anſchein hatte, eine Art Verhör beſtehen ſollten, das einen ernſten Einfluß auf unſer Schick⸗ ſal, zum Guten oder zum Schlimmen, üben mochte. Ich befragte den Kettenträger, ob es rathſam ſei, uns zu einer ſolchen Maß⸗ regel herzugeben; aber ich fand Andries geneigt, der ganzen Squatterbrut Angeſicht gegen Angeſicht entgegen zu treten und ihnen ſeines Herzens Meinung zu ſagen, wann und wo immer es ſein mochte. Als ich meinen Freund ſo geſtimmt ſah, machte auch ich keine weitere Einwendungen, ſondern verließ in ſeiner Geſell⸗ ſchaft das Vorrathshaus, wohl bewacht von vier der jungen Män⸗ ner, welche ſämmtlich bewaffnet waren, um uns nach dem Sitze der Juſtiz unter dieſer wilden und patriarchaliſchen Regierung zu begeben. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Als Adam grub und Eva ſpann, Wo war denn da der Edelmann? Altes Sprüchwort. Tauſendaeres hatte die Formen des Geſetzes nicht ganz ver⸗ nachläſſigt, ſo ſehr er ſich gegen den Geiſt deſſelben auflehnte. Wir fanden eine Art Gerichtshof vor der Thüre ſeiner Wohnung verſammelt, er ſelbſt in der Mitte, während in dem Hauptzimmer ſich Niemand befand, als Prudence und ein paar Töchter. Unter dieſen befand ſich zu meinem Erſtaunen Lowiny; denn ich hatte Der Kettenträger. 26 40² das Mädchen nicht aus den Wäldern zurückkehren ſehen, obgleich ich mein Auge noch nicht lang weggewendet hatte von der Richtung, in welcher ich Dus' anſichtig zu werden gehofft hatte. Tobit führte uns Gefangene in das Haus, und ſtellte uns in die Nähe der Thüre, ſeinem Vater gegenüber; eine Vorkehrung, welche die Nothwendigkeit großer Wachſamkeit beſeitigte, da wir unſere Flucht nur ſo hätten bewerkſtelligen können, daß wir durch die draußen Verſammelten hindurch gerannt wären— was ganz und gar unthunlich war. Aber Kettenträger ſchien gar keinen Gedanken an Flucht zu hegen. Er trat in den Kreis athletiſcher junger Männer mit vollkommener Gleichgültigkeit; und ich erinnere mich, daß mir auffiel, ſein Weſen gleiche ganz dem, welches ich oft an ihm bemerkt hatte, wenn unſer Regiment am Vorabend wichtiger, entſcheidender Tage ſtand. In ſolchen Augenblicken konnte der alte Andries großartig erſcheinen, und erſchien es wirklich oft, — Würde, Autorität und Kaltblütigkeit waren da mit dem äch⸗ teſten, gediegenſten Muthe gepaart. Im Zimmer angekommen, ſetzten Kettenträger und ich uns in der Nähe der Thüre, während Tauſendacres einen Stuhl auf dem Raſenplatz draußen hatte, umgeben von ſeinen Söhnen, welche ſämmtlich ſtanden. Da dieſe Vorbereitungen unter ernſtem Still⸗ ſchweigen ſtattfanden, ermangelten ſie nicht, einigen Eindruck auf das Gemüth zu machen, und hatten einige Aehnlichkeit mit der ge⸗ wöhnlichen imponirenden Phyſiognomie der Juſtiz. Mir fiel die ängſtlich geſpannte Neugier auf, welche ſich in den Geſichtern der Frauen insbeſondere verrieth; denn die Entſcheidung, welche Tau⸗ ſendacres jetzt bald ausſprechen ſollte, mußte für ſie natürlich das Anſehen eines Salomoniſchen Urtheilsſpruchs haben. Gewohnt, wie ſie waren, ganz nach Maaßgabe ihres eigenen Intereſſes zu argu⸗ mentiren, zweifle ich nicht, daß in der Hauptſache alle Angehörigen dieſer halbbarbariſchen Bande bei ihrem geſetzloſen Treiben ſich ein⸗ bildeten, mit einer Art von geheimem natürlichem Rechte ausge⸗ ———+„=——— — S= SeE. — 403 rüſtet und betraut zu ſein; nicht ahnend und erkennend, daß, ſo⸗ bald ſie ihre Anſprüche auf dieſen Maaßſtab zurückführten, ſie ſie ebendamit denen aller übrigen Menſchen gleich ſtellten. Die Natur gibt einem Individuum nichts ausſchließlich, als ſeine Individuali⸗ tät und was zu ſeiner Perſon und ſeinen perſönlichen Eigenſchaften gehört; alles darüber hinaus Liegende iſt er, nach dem Recht der Natur, genöthigt mit den Uebrigen ſeines Geſchlechts zu theilen. Ein auf urſprünglichem Beſitz beruhender Titel bildet keine Aus⸗ nahme von dieſer Regel; denn nur menſchliches Uebereinkommen verleiht ihm Kraft und Anſehen, und ohne ſie würde er gar keinen Titel begründen. Aber auf ſolche Myſterien ließ ſich nie Eines von der Familie Tauſendacres ein; obgleich die kleine, leiſe Stimme des Gewiſſens, die dämmernden Ahnungen des Rechts gelegentlich noch ſich verriethen und kund gaben in dem verworrenen Gemiſch geſellſchaftlicher Maximen, zu welchem ihre Selbſtſucht ihre Zuflucht genommen hatte. Wir leben in einem Zeitalter des ſogenannten Fortſchritts, und bilden uns ein, der Menſch rücke beſtändig vor auf der großen Bahn ſeiner Beſtimmung, einem Ziele entgegen, das wir uns gerne als Vollkommenheit denken. Ich werde mir ſicherlich nicht anmaßen, zu entſcheiden, was die Abſicht der Gottheit in Betreff der künftigen Beſtimmung unſerer Gattung auf der Erde ſei oder nicht ſei; aber Jahre und Erfahrung haben mich belehrt,— oder ich müßte um⸗ ſonſt gelebt haben,— wie wenig an unſeren gerühmten Fortſchrit⸗ ten wahrhaft Neues iſt; und wenn wir wirklich Grundſätze beſitzen, welche das Gepräge der Unverletzlichkeit an ſich tragen, ſo ſind es diejenigen, welche die ehrwürdigſten dadurch geworden ſind, daß ſie die ſchwerſten Proben der Zeit beſtanden haben. Ich weiß nicht, ob die lange Pauſe des Schweigens, welche nach unſerer Ankunft eintrat, das Reſultat einer berechnenden Ab⸗ ſicht war, den Eindruck dieſer ſeltſamen Scene zu erhöhen, oder ob Tauſendacres wirklich Zeit brauchte, um ſeine Gedanken zu ſam⸗ 26* 404 meln und ſeine Plane zu reifen. Eines ſiel mir auf; trotz des gewaltſamen Auftrittes, der vor ſo kurzer Zeit erſt zwiſchen dem Kettenträger und ihm ſtattgefunden hatte, zeigte ſich keine Spur von rachſüchtiger Erbitterung in dem harten und runzelvollen Ge⸗ ſicht dieſes alten Waldbewohners; denn er war zu ſehr gewohnt an ſolche plötzliche Ausbrüche des Zorns, als daß er ſie lange in ſeinem Gedächtniß haften ließ. In Allem, was an dieſem(für mich) ſo merkwürdigen Tage geſprochen wurde und vorging, konnte ich bei dem Squatter durchaus keine Aeußerung eines Gefühls bemer⸗ ken, welches eine Folge geweſen wäre von dem harten und perſön⸗ lichen Zuſammenſtoß, den er kaum eben erſt mit meinem Freunde gehabt hatte. Sie hatten ſich gerauft und er war unterlegen; und damit hatte die Sache ein Ende. Das Schweigen, welches eintrat, nachdem wir uns geſetzt hatten, muß einige Minuten gedauert haben. Was mich betrifft, ſo ſah ich, daß ich bei dieſer Scene nur eine untergeordnete Rolle ſpielte; der alte Andries hatte mich ganz ausgeſtochen, nicht nur durch ſein Thun und Handeln, ſondern auch in der Schätzung der Squatters. An ihn waren ſie ſchon gewohnt, ja gewohnt über⸗ dieß, ihn als eine Art von feindlicher Macht anzuſehen, da ſein Beruf ſchon im Gegenſatz und Widerſpruch ſtand mit dem Haupt⸗ und Grundprinzip ihres täglichen Lebens. Derjenige, welcher das Land vermaß, und Derjenige, der es unvermeſſen wegnahm, waren in ihren ſittlichen Begriffen ebenſo wie in der Natur und Wirklich⸗ keit geradezu Antagoniſten, und man konnte ſich leicht denken, daß ſie einander nicht mit den freundlichſten Augen anſahen. So kam es, daß der Kettenträger wirklich für dieſe Squatters der Gegen⸗ ſtand lebhafteren Intereſſes wurde, als der Sohn eines der Grund⸗ herrn und der förmliche Sachwalter und Agent von Beiden. Was den alten Mann ſelbſt betrifft, ſo bemerkte ich, daß er ein gar hol⸗ ländiſches Geſicht machte, was eine hartnäckige Entſchloſſenheit, an Halsſtarrigkeit gränzend, andeutete; ein unerſchütterliches Beharren —,.,— ——— ———— —= VOℳñ—.— —— 40⁵ bei dem, was er für Recht hielt, und einen lebhaften Widerwillen gegen die ihn jetzt umgebenden Männer, theils in Folge von an⸗ dern Gründen, theils und hauptſächlich weil ſie von Oſten her ſtammten, von einem Geſchlecht, das er mit Mißtrauen anſah und doch achtete; das er nicht leiden mochte, und doch heimlich ehren mußte wegen mancher Eigenſchaften, welche er als nützlich und gut anerkannte. Für die nächſte Generation wird die Stimmung und Geſin⸗ nung, welche früher ſo auffallend war in dem gegenſeitigen Ver⸗ hältniß der unter uns lebenden Abkömmlinge von holländiſchem Blut und der Leute von engliſcher Abkunft, welche von den öſtlichen Staaten herkamen, faſt nur noch eine geſchichtliche Merkwürdigkeit und Erinnerung ſein. Ich bemerke, daß mein Vater in der Hand⸗ ſchrift, die er mir hinterlaſſen, ebenſo wie ich mehrfach dieſen Gegenſtand berührt hat. Es iſt mein Wunſch, daß man mich in dieſem Punkte recht verſtehe. Ich habe es nur erwähnt als eine unbeſtreitbare Thatſache; aber wie ich hoffe, ohne alle ungebühr⸗ liche Eingenommenheit von meiner Meinung. Es iſt möglich, daß wir Beide, Mr. Cornelius Littlepage und ſein Sohn, ohne es uns ſelbſt bewußt zu ſein, influirt worden ſind von den alten Vorur⸗ theilen der Kolonien, obgleich ich mich gewiſſenhaft beſtrebt, mich derſelben zu entſchlagen. Jedenfalls, wenn Einer von uns etwas zu ſtreng hierin erſcheinen ſollte, wird ſich der Leſer, hoffe ich, erinnern, wie viel während der letzten anderthalb Jahrhunderte hierüber der Welt vorgeſchwatzt worden iſt von den Yankee's, und wie wenig von den Holländern, und wird einem Manne, der ſtolz iſt auf das wenige holländiſche Blut, das in ſeinen Adern fließt, das Recht einräumen, die Sache wenigſtens auch von der Seite darzuſtellen, wie ſie nach ſeiner Anſchauungsweiſe und ſeinem Stand⸗ punkt ſich darbot. Aber es iſt Zeit, zu unſerer Scene in der Hütte zurückzukehren. „Kettenträger,“ begann Tauſendacres, nachdem die erwähnte 406 Pauſe einige Minuten gedauert hatte, und er ſprach mit einer Würde, die ihren Grund nur in der Stärke und Spannung ſeiner Gefühle haben konnte;„Kettenträger, Ihr ſeid mein und der Meinigen Feind geweſen ſeit dem Tage, als wir uns zuerſt ſahen. Ihr ſeid ein Feind vermöge Eures grauſamen Berufes; und doch habt Ihr die Keckheit, mir förmlich und abſichtlich in die Hände zu laufen!“ „Ich bin ein Feind aller Schelme, Tauſendacres, und ich frage nicht darnach, wer das weiß,“ antwortete der alte Andries finſter; „das iſt mein Beruf, ſo gut als Kettentragen; und ich wünſche, daß man dieß fern und nah wiſſe. Was das betrifft, daß ich Euer Feind ſein ſoll durch meinen Beruf, ſo kann ich daſſelbe von Euch ſagen; da von keiner Vermeſſung, von keinem Kettentragen die Rede ſein könnte, wenn alle Leute ſich ſelbſt ihr Land nähmen und zueigneten, wie Ihr Euer ganzes Leben hindurch gethan habt, ohne zu den Eigenthümern auch nur zu ſagen:„mit Eurer Erlaubniß.“ „Die Sachen ſind jetzt zwiſchen uns zum Punkt der Entſchei⸗ dung gekommen,“ verſetzte der Squatter;„aber angeſehen, daß Ihr in meinen Händen ſeid, bin ich willig und bereit, die Sache gütlich mit Euch zu erörtern, in der Hoffnung, daß wir doch viel⸗ leicht als Freunde ſcheiden, und daß dieß der letzte unſerer Zwiſte ſein möge. Ihr und ich wir werden ältliche Männer, Kettenträger; und es iſt wohlgethan, daß Diejenigen, die ſich ihrem Ende nähern, manchmal auch daran denken. Ich komme aus keiner holländiſchen Kolonie, ſondern aus einem Lande, wo die Menſchen Gott fürch⸗ ten und auch an ein künftiges Leben denken.“ „Das liegt weder hier noch dort, Tauſendacres,“ rief Ketten⸗ träger ungeduldig.„Nicht anders freilich, als daß es um die Re⸗ ligion etwas Gutes, und Achtbares, und Ehrwürdiges und An⸗ betungswürdiges iſt; aber ſie hat ihren Platz nicht in einem Squatterlande, und am allerwenigſten im Munde eines Squatters. Könnt Ihr mir Eines ſagen, Tauſendacres, nämlich das: warum ₰ 92 ́O ͤEPE inem tters. arum 407 Ihr Nankee's ſo viel betet, und alle drei Worte Gott anruft, Euch zu ſegnen, und die Augen aufſchlagt und verdreht, und an den Sonntagen Euch ſo heilig anſtellt, und dann am Montag hergeht und als Squatter auf dem Eigenthum eines Holländers Euch ſetzt? Ich bin ein alter Mann, habe lange gelebt und viel geſehen, und hoffe, ich verſtehe etwas von dem, was ich geſehen und von den Menſchen, unter denen ich gelebt habe, aber das begreife ich nicht! Yankee⸗Religion und holländiſche Religion können nicht aus derſel⸗ ben Bibel herkommen.“ „Ich glaube auch nicht, ich glaube auch nicht, Kettenträger; und ich hoffe es überdieß nicht. Ich wünſche nicht, gerechtfertigt zu werden auf Eure Weiſe, wünſche mir keine Religion wie die Eurige. Was vorher verſehen iſt, das wird ſich erfüllen, komme auch was da wolle, das iſt mein feſter Glaube. Aber laſſen wir die Religion ganz aus dem Spiel in dieſem Handel zwiſchen uns—* „Ja, daran werdet Ihr wohl thun,“ brummte der Ketten⸗ träger;„denn die Religion hat in Wahrheit blutwenig damit zu thun.“ „Ich ſage,“ verſetzte Tauſendacres mit lauter Stimme, wie entſchloſſen, ſich Gehör zu verſchaffen,„die Religion für den Sab⸗ bath und andere paſſende Gelegenheiten vorbehaltend, bin ich bereit, dieſe Sache mit Euch auf dem Boden der Vernunft zu er⸗ örtern, und Euch nicht nur meine Meinung zu ſagen, ſondern auch die Eurige anzuhören, wie es recht und billig iſt zwiſchen Mann und Mann.“ „Ich geſtehe, den lebhaften Wunſch zu hegen, anzuhören, was Tauſendacres zur Vertheidigung ſeiner Handlungsweiſe zu ſagen hat, Kettenträger,“— fand ich jetzt für gut, zu äußern;—„und ich hoffe, Ihr werdet mir dieſen Gefallen thun und ein geduldiger Zuhörer ſein. Ich bin ganz damit zufrieden, daß Ihr antwortet, denn ich kenne keinen Menſchen, dem ich eine gerechte Sache zu 1 408 führen lieber anvertraute als Euch. Beginnt, Tauſendacres; mein alter Freund wird meinen Wunſch erfüllen.“ Andries fügte ſich meinen ſo beſtimmt ausgeſprochenen Wün⸗ ſchen, aber nicht ohne verſchiedentliche Zeichen von Unruhe, die ſich in ſeinem ehrlichen Geſicht ausſprachen, und manches halb erſtickte Gemurmel von:„Yankee⸗Schlauheit und Heiligthuerei, in einen Wolfspelz gehüllt,“ womit Kettenträger eigentlich das Schafskleid meinte, aber in eine Vermengung der Bilder verfiel, welche keines⸗ wegs ſelten iſt bei den Leuten ſeiner Art und Kaſte. Nach einer Pauſe begann der Squatter: „Bei der Erörterung dieſer Sache, junger Mann, gedenke ich mit dem Anfang der Dinge anzufangen,“ ſagte er;„denn ich gebe zu, wenn Ihr Beſitztiteln und königlichen Verleihungen und Bewil⸗ ligungen und dergleichen Dingen einen Werth beilegt, daß dann meine Rechte hier nicht viel bedeuten. Aber wenn man auf den allererſten Anfang zurückgeht, iſt der Fall ganz anders. Ihr wer⸗ det, denke ich, zugeben, daß der Herr Himmel und Erde geſchaffen, und daß er den Menſchen geſchaffen hat, um Herr über die letz⸗ tere zu ſein?“ „Und was ſoll das hier?“ verſetzte der Kettenträger lebhaft. „Was ſoll das hier, alter Tauſendacres? So hat der Herr auch jenen Adler geſchaffen, der dort ſo hoch über Eurem Haupte fliegt, aber das iſt kein Zeichen, daß Ihr ihn tödten ſollt, oder er Euch.“ „Nehmt Vernunft an, Kettenträger, und laßt mich meinen Spruch ſagen; nachher bin ich bereit, Euch anzuhören. Ich fange an mit dem Anfang, wo der Menſch zuerſt in den Beſitz der Erde geſetzt wurde, um zu pflanzen und zu graben, und Sägeblöcke zu hauen und Schnittholz zu machen, ganz wie es ſeinen Bedürfniſſen und Neigungen gemäß war. Nun war Adam der Vater von allen Menſchen, und ihm und ſeinen Nachkommen ward der Beſitz der Erde gegeben, von Dem, deſſen Name und Wort mehr gilt, als ͤ— 409 Namen und Wort aller Könige, Gouverneure und Verſammlungen in der ganzen bekannten Welt. Adam lebte ſeine Zeit, und hinter⸗ ließ Alles ſeinen Nachkommen, und ſo iſt es fortgegangen vom Vater auf den Sohn, bis auf unſere Zeit und unſere Generation herab, nach dem Geſetze Gottes, obwohl nicht nach den Geſetzen der Menſchen.“ 5 „Wohl, Alles zugegeben, was Ihr da ſagt, Squatter, wie ſoll das Alles Euer Recht hier zu einem beſſern machen, als das irgend eines Andern?“ fragte Andries in verachtendem Tone. „Nun, die Vernunft ſagt uns, wo eines Menſchen Rechte an⸗ fangen, wie Ihr ſehen werdet, Kettenträger. Die Erde iſt alſo, wie ich Euch geſagt, dem Menſchen gegeben, daß er ſie für ſeine Bedürfniſſe gebrauche. Wenn Ihr und ich geboren werden, iſt ein Theil der Welt ſchon benützt, ein anderer aber nicht. Wir bedürfen Land, wenn wir alt genug ſind, um unſere Arme zur Arbeit gebrauchen zu können, und ich laſſe mich hier in den Wäl⸗ dern nieder, das heißt, wo Niemand vor mir ſich niedergelaſſen hat. Nun begründet das, nach meinen Begriffen, den allerbeſten Beſitztitel, den vom Herrn ſelbſt ausgehenden Rechtstitel*).“ „Nun gut, Ihr habt alſo Euren Rechtstitel vom Herrn, verſetzte der Kettenträger,„und Ihr habt Euer Land. Ich ſetze voraus, daß Ihr nicht die ganze Erde für Euch nehmen werdet, welche noch nicht bevölkert iſt, und ich möchte wohl wiſſen, wie *„ Damit der Leſer nicht glaube, Mr. Mordaunt Littlepage theile hier nur, unnöthigerweiſe, die einfältigen Behauptungen eines ſelbſtſüchtigen, unwiſſenden und gemeinen Räubers mit, darf hier wohl ausdrücklich bemerkt werden, daß Lehren ähnlichen Schlages, was ſowohl die Moral als die Logik anlangt, beſtändig gepre⸗ digt werden in New⸗Yorker Journalen, welche dem Antirentismus huldigen, und daß ſchon Leute nach dieſen Grundſätzen gehandelt— ſogar bis zum Blutvergießen es getrieben haben. Wir beabſichtigen, wenn wir zu unſerem dritten Manuſcripte Plangt ſein werden, welches ſich auf die Bewegungen und Vorgänge der nächſten hegenwart bezieht, unſeren Leſern einige dieſer ſonderbaren Lehren ausführlich vor⸗ zulegen; und wir hegen kaum einen Zweifel daran, daß Diejenigen, welche ſie ur⸗ ſprünglich verbreitet haben, ihre eigenen Theorien kaum mehr bewundern werden, wenn ſie ſie in einem Werk vorgeführt finden, das an den altmodiſchen Begriffen von Ehrlichkeit und Recht feſthält. Der Herausgeber. 410 Ihr Eure Linien zwiſchen Euch und Eurem nächſten Nachbar ziehen würdet. Zugegeben, daß Ihr hier in den Wäldern ſeid, wie viel Land würdet Ihr zu Eurem gottſeligen Gebrauch nehmen, und wie viel würdet Ihr für den Nächſtkommenden übrig laſſen?“ „Jeder Mann würde nehmen, ſo viel für ſeine Bedurfniſſe nöthig iſt, Kettenträger, und behalten, ſo viel er einmal beſitzt.“ „Aber was iſt ſein Bedürfniß, und was iſt Beſitz? Seht Euch einmal um, Tauſendacres, und ſagt mir, wie viel von dieſem Platz hier Ihr gemeint ſeid, für Euch in Anſpruch zu nehmen in Kraft des Beſitztitels, den Ihr vom Herrn ableitet?“ „Wie viel? So viel ich nöthig habe— genug, um mich und die Meinigen zu nähren,— und genug, um Schnittholz zu machen und die Jungen in Thätigkeit zu halten. Es würde einigermaßen von den Umſtänden abhängen; ich würde zur einen Zeit mehr be⸗ dürfen als zu einer andern, je nachdem die Jungen heranwüchſen und die Zahl der Familienglieder ſich vermehrte.“ „Genug, um Nutzholz zu machen, auf wie lang? und um die Jungen in Thätigkeit zu erhalten, wie lang? Einen Tag, eine Woche, oder ein Leben lang, oder auf die Zeit vieler Lebensdauern hinaus? Das müßt Ihr mir ſagen, Tauſendacres, ehe ich Euch auf Euren Titel Etwas halte.“ „SSeid nicht unvernünftig,— ſeid nicht unbillig in Euren Fragen, Kettenträger; dann will ich Euch alle beantworten, und in einer Weiſe, die Euch und jeden urtheilsfähigen Menſchen be⸗ friedigen ſoll. Wie lang ich das Nutzholz bedarf? So lang ich es zu verwenden und zu verwerthen vermag. Wie lang ich die Jungen in Thätigkeit erhalten wolle? So lang, bis ſie des Platzes überdrüſſig ſind und ſich nach Veränderung ſehnen. Wenn Einer ſeiner Niederlaſſung ſatt iſt, ſo vertauſche er ſie mit einer andern, und verkaufe, wie natürlich, ſeine Meliorationen an den beſten Kunden, den er auftreiben kann.“ „Oh, Ihr wollt Eure Meliorationen verkaufen, das wollt Ihr? —9 SP,0,n 411 Was! Den vom Herrn herrührenden Beſitztitel verkaufen, alter Tauſendacres? Das Geſchenk des Himmels hingeben für ſchnödes, elendes Gold und Silber?“— „Ihr verſteht Aaron nicht,“ fiel Prudence ein, welche ſah, daß der Kettenträger in der Argumentation die Oberhand zu ge⸗ winnen im Begriffe ſtand, und immer bereit war, jedem Mitglied ihres Stammes zu Hilfe zu kommen, wie es nun gerade nöthig war, mit Worten, mit Zähnen und Nägeln, oder mit der Büchſe. „Ihr verſteht den Aaron ganz und gar nicht, Kettenträger. Seine Idee iſt, der Herr habe die Erde geſchaffen für ſeine Kreaturen; Jeder, der Land bedürfe, habe das Recht, ſo viel zu nehmen als er bedürfe, und es zu benützen, ſo lang es ihm beliebe; und wenn er es genug benützt hat, ſeine Meliorationen loszuſchlagen um den Preis, über den er ſich mit Andern vereinigt.“ „Dabei bleibe ich!“ fiel der Squatter ein, mit einem lauten Hm, wie ein Mann, der ſich durch einen ihm gewordenen Beiſtand erleichtert fühlt,„das iſt meine Idee, und darauf bin ich ent⸗ ſchloſſen zu leben und zu ſterben.“ „Gelebt habt Ihr darauf, das weiß ich recht gut, Tauſend⸗ aeres; und nunmehr Ihr alt ſeid, iſt es auch ganz wahrſcheinlich, daß Ihr darauf ſterben werdet. Was das Verſtehen betrifft, ſo verſteht Ihr Euch ſelbſt nicht. Ich will Euch erſtlich nur fragen, wie viel Land habt Ihr Euch hier genommen? Ihr habt Euch hier ſo förmlich und vollſtändig als Squatters niedergelaſſen, daß Ihr Euch eine Mühle gebaut habt. Nun ſagt mir, wie viel Land habt Ihr für Euch genommen, damit, wenn ich komme, um neben Euch als Squatter mich zu ſetzen, unſere Gränzzäune nicht mit ein⸗ ander in Kolliſion kommen. Ich thue eine einfache Frage an Euch, und ich hoffe eine einfache und gerade Antwort zu erhalten. Zeigt mir die Gränzen Eures Territoriums; wie viel von der Erde Ihr für Euch in Anſpruch nehmt, und wie viel Ihr nicht in Anſpruch nehmt.“ 3 412 „Ich habe Euch die Frage ſchon ſo ziemlich beantwortet, Ket⸗ tenträger. Mein Glaube und meine Ueberzeugung iſt, daß ein Mann das Recht hat, Alles zu nehmen, was er bedarf, und Alles zu be⸗ dürfen, was er genommen hat und beſitzt.“ „Dann ſtehe Gott den Männern bei, die zwiſchen Euch und Euern Nachbarn die Ketten tragen müſſen, Tauſendacres; was ein Mann heute bedarf, kann ganz verſchieden ſein von dem, was er morgen bedarf, und morgen wieder von übermorgen, und ſo fort bis an's Ende der Zeit! Nach Eurer Lehre würde Nichts feſt be⸗ ſtehen, und Alles wäre wechſelnd wie im Würfelſpiel.“ „Ich werde, glaube ich, noch nicht recht verſtanden, nach Allem, was ſchon geſagt worden iſt,“ verſetzte der Squatter.„Zwei Männer beginnen zur gleichen Zeit ihre Laufbahn in der Welt, und Beide bedürfen Güter zur Bewirthſchaftung. Gut; da iſt nun die Wildniß, oder vielleicht iſt es nicht mehr ganze Wildniß, war es aber doch einſt. Der Eine zieht es vor, Meliorationen zu kaufen und thut es; der Andere macht ſich mitten in die Wälder hinein, wo ihn kein menſchliches Auge mehr ſieht, und läßt ſich da nieder. Beide Männer ſind in ihrem Recht und können auf ihrem Beſitze beſtehen und ihn behaupten, ſage ich, bis an's Ende der Zeit, das heißt, unter der Vorausſetzung, daß das Recht ſtärker iſt, als die Gewalt.“ „Wohl, wohl,“ verſetzte der Kettenträger etwas trocken;„und geſetzt, Einer von Euern Männern mag keine Meliorationen kaufen, ſondern folgt dem Andern und läßt ſich auch in der Wildniß nieder? „Laßt es ihn thun, ſage ich; es iſt ſein Recht und das Geſetz des Herrn.“ „Aber geſetzt, Eure beiden jungen Männer wünſchen daſſelbe Stück wilden Landes.“ „Wer zuerſt gekommen, mahlt zuerſt, das iſt meine Maxime. Wer am raſcheſten zugegriffen, ſoll das Land haben. Der Beſitz entſcheidet Alles, wenn es gilt, die Titel auf die Ländereien zu bereinigen.“ V —— —— 413 „Nun denn, Tauſendacres, Euch zu Gefallen wollen wir den Einen dem Anderen den Vorſprung abgewinnen und zuerſt Beſitz nehmen laſſen; wie viel ſoll er occupiren?“ „So viel er bedarf, habe ich Euch ſchon geſagt.“ „Ja, aber wenn ſein langſamerer Kamerade auch kommt und auch ſeine Bedürfniſſe hat, und ſeine Niederlaſſung neben ſeinem frühern Nachbar zu gründen wünſcht, wo ſoll dann die Gränze zwiſchen ihnen zu finden ſein?“ „Laßt ſie darüber ſich verſtändigen! Es müßten furchtbar ſchlechte Nachbarn ſein, wenn ſie über eine ſolche Kleinigkeit ſich nicht vereinigen könnten,“ ſagte Tobit, welcher der Erörterung müde zu werden begann. „Tobit hat recht,“ ſagte der Vater,„laßt ſie über ihre Linie ſich verſtändigen und ſie mit dem Auge ziehen. Fluch über alle Ketten und Kompaſſe, ſage ich! Sie ſind eine Erfindung des Teufels, um böſes Blut unter Nachbarn zu machen, und immer Streit und Händel zu wecken, während unſere Bibel uns gebietet, mit allen Menſchen Frieden zu halten.“ „Ja, ja, ich verſtehe das Alles,“ erwiederte der Kettenträger etwas wegwerfend.„Eine Yankee⸗Bibel iſt ein ſehr bequemes Buch. Es findet ſich darin Beweis und Beſtätigung für alle Arten von Lehre und Anbetung und Gebet und Predigen und ſo fort. Es iſt was ich eine Sofortbibel nenne, Mordaunt, die man ebenſogut rückwärts wie vorwärts leſen kann; alle Kapitel werden in Eines zuſammengerührt, wenn es nöthig iſt, oder auch alle Verſe zu Kapiteln gemacht. Manchmal iſt St. Lukas St. Paulus, und St. Johannes iſt St. Matthäus. Ich habe Eure Dominies die Schrift auslegen hören, und keine Zwei legen ſie gleich aus. Neuerung— das iſt die Religion von Neu⸗England, und Neuerung, in Geſtalt der Ländereien anderer Leute iſt der Glauben ſeiner liebenswür⸗ digen Söhne! Oh ja, ich habe wohl ſchon eine Yankee⸗Bibel geſehen! Aber das ſchlichtet den Handel zwiſchen unſeren zwei 414 Sqguatters noch nicht, von welchen Jeder eine gewiſſe Strecke Berg⸗ land braucht zu ſeinem Nutzholz; nun, welcher ſoll es haben?“ „Derjenige, der zuerſt hingekommen, habe ich Euch ſchon ge⸗ ſagt, alter Kettenträger, und einmal geſagt, iſt ſo gut wie tauſend⸗ mal. Wenn der zuerſt Gekommene dieſen Berg angeſchaut, und bei ſich ſelbſt geſagt hat: ‚dieſer Berg iſt mein“; ſo iſt er ſein.“ „Nun, das heißt ſchnell ſich ein Eigenthum erwerben! Habt Ihr, Tauſendacres, auf dieſe Weiſe Euer Land auf dem Gute Mooſeridge in Beſitz genommen?“ „Gewiß— ich wünſche mir keinen beſſern Titel. Ich kam zuerſt hieher und nahm das Land, und ich werde fortwährend mir Land nehmen, ſo wie ich es brauche. Es iſt unnöthig, um die Sache herum zu ſchwatzen; ich ſpreche gern meines Herzens Mei⸗ nung aus, wenn gleich des Grundherrn Sohn dabei iſt und es hört.“ „Oh, Ihr ſprecht laut genug und deutlich genug, und es ſollte mich nicht wundern, wenn Ihr ſelbſt über kurz oder lang für Euer Land⸗Nehmen feſtgenommen würdet. Aber es iſt da eine Schwierigkeit, die ich Euch namhaft machen will, Tauſendacres, daß Ihr ſie in Erwägung zieht. Ihr nehmt Beſitz von Waldland, wie Ihr ſagt, indem Ihr es anſeht—“ „Selbſt das Anſehen iſt nicht nöthig,“ verſetzte der Squatter, begierig, den Umfang ſeiner Rechte möglichſt zu erweitern.„Es iſt genug, daß Einer das Land braucht und wünſcht, und daß er kommt oder ſchickt, um es ſich zuzueignen. Der Beſitz iſt Alles, und ich nenne das Beſitz, wenn man ein Stück Land begehrt, und in ziemlicher Nähe davon eine Art von Arbeitsſtätte oder Fabrik anlegt. Das gibt ein Recht, Holz zu fällen und zu lichten, und wenn eine Lichtung begonnen iſt, ſo iſt es eine Melioration; und Jedermann gibt zu, daß Meliorationen ſowohl gekauft als verkauft werden können.“ 8 „Gut, jetzt verſtehen wir einander. Aber hier liegt die kleine ————— S ———ð 415 Schwierigkeit, auf die ich Euch aufmerkſam machen wollte, Ein gewiſſer General Littlepage und ein gewiſſer Obriſt Follock fanden Geſchmack an dieſem Stück Land lang vor dem alten franzöſiſchen Krieg, und neben dem, daß ſie daran Gefallen fanden und Boten ſchickten, um es in Augenſchein zu nehmen, kauften ſie auch für's Erſte von den Indianern das Recht darauf; dann kauften ſie es von dem Könige, dem damals alles Land in der Kolonie gehörte, das keine andere Eigenthümer hatte. Dann ſchickten ſie Landver⸗ meſſer, um die Linien zu ziehen, und dieſe Vermeſſer kamen an dieſem Fluß vorbei, wie ich aus ihren Feldbüchern erſehen habe; dann wurden weitere Vermeſſer geſchickt, um es in große Looſe zu vertheilen, und jetzt wieder andere, um es in kleine Looſe zu ver⸗ meſſen; und ſie haben viele Jahre Bodenzins daraus bezahlt, und andere Dinge gethan, welche beweiſen, daß ſie dieß Stück Land nicht minder begehren als Ihr. Sie haben es über ein Viertel⸗ jahrhundert gehabt und dieſe ganze Zeit über das Eigenthumsrecht geübt; und während dieſes ganzen Vierteljahrhunderts haben ſie es ganz ernſtlich behaupten wollen, und das wollen ſie noch, wenn man die Wahrheit ſagen darf.“ Eine lange Pauſe folgte auf dieſe Auseinanderſetzung, während welcher die verſchiedenen Glieder der Familie einander anſahen, als ob Eins beim Andern Beiſtand ſuchte. Der Gedanke, daß die Frage eine andere Seite habe, als von welcher ſie ſie lange Zeit ſo beharrlich und zuverſichtlich betrachtet hatten, war ihnen neu, und ſie waren etwas verblüfft über dieſen außerordentlichen Um⸗ ſtand. Es iſt dieß einer der bedeutendſten Uebelſtände, worunter der Einwohner eines kleinen, abgeſchloſſenen Bezirks leidet, in Allem was ſeine perſönlichen Neigungen, Geſchmack und Begriffe anlangt, und nicht ſelten auch in Betreff ſeiner Grundſätze. Dieß iſt es, was eigentlich den Provinzialbewohner macht, mit ſeinen engen Anſichten, ſeinen ſtarren Begriffen, ſeiner Einbildung und ſeinen raſchen, unbedachten Neigungen und Abneigungen. Wenn man 416 ſich umſieht und ſich überzeugt, wie ſo gar Wenige durch Erfah⸗ rung und Kenntniß der Welt überhaupt befähigt ſind, ihre An⸗ ſichten auszuſprechen, ſo muß man wohl erſtaunen, wenn man findet, wie Viele es dennoch ohne Bedenken thun. Ich zweifle nicht, die Familie Tauſendacres war nicht minder überzeugt von der Wahrheit ihrer Landmoral, als Paley es nur je von ſeiner Moralphiloſophie, oder Newton von ſeinen mathematiſchen Demon⸗ ſtrationen ſein konnte. „Ich wundere mich nicht, daß man Euch Tauſendacres nennt, Aaron. Timbermann,“ fuhr der Kettenträger, ſeinen Vortheil ver⸗ folgend, fort;„denn mit einem ſolchen Rechtstitel auf Euer Beſitz⸗ thum könnte man euch eben ſo gut gleich Zehntauſendacres nennen, und noch mehr! Nein, ich wundere mich vielmehr, daß, während Ihr mit dem bloßen Anſchauen Eurer Augen Beſitzurkunden aus⸗ fertigtet, Ihr Euch ſo gemäßigt gezeigt habt, denn es wäre ebenſo leicht, ein ganzes Patentgut auf dieſe Art von Rechtstitel zu be⸗ ſitzen, als ein einzelnes Gut.“ Aber Tauſendacres hatte ſich entſchloſſen, den Gegenſtand nicht weiter zu verfolgen, und während leicht zu ſehen war, daß feurige Leidenſchaften in ihm brannten, ſchien er jetzt darauf bedacht, eine Beſprechung, von welcher er ohne Zweifel ganz andere Reſultate erwartet hatte, zu einem plötzlichen Schluſſe zu bringen. Nur mit Mühe unterdrückte er den in ſeinem Innern tobenden Vulkan, aber es gelang ihm ſoweit, daß er Tobit Befehl ertheilte, ſeinen Ge⸗ fangenen wieder einzuſperren. „Führt ihn fort, Jungen, führt ihn in das Vorrathshaus zurück,“ ſagte der alte Squatter aufſtehend und etwas auf die Seite tretend, um Andries durch zu laſſen, als ſcheute er ſich, demſelben zu nahe zu kommen;„er war geboren zum Knecht der Reichen, und als ihr Knecht wird er ſterben. Ketten ſind gut genug für ihn; und ich wünſche ihm nichts Schlimmeres, als daß er den Reſt ſeiner Tage Ketten tragen müſſe!“ 4ʃ7 „Oh, Ihr ſeid ein ächter Sohn der Freiheit!“ rief der Ketten⸗ träger, indem er ruhig nach ſeinem Gefängniß zurückkehrte;„ein ächter Sohn der Freiheit, nach Eurer eigenen Einbildung! Ihr wollt Alles und Jedes nach Eurem Sinn und Wunſch, und Alles und Jedes in Eurer Taſche haben! Das Geſetz des Herrn iſt ein Geſetz für Tauſendacres, aber kein Geſetz, auf das ſich Cornelius Littlepage oder Dirck Follock berufen dürften!“ Obgleich nun mein alter Freund nach ſeinem Gefängniß eskor⸗ tirt wurde, machte man doch keine Anſtalt, mich wegzubringen. Im Gegentheil, Prudence begab ſich zu ihrem Gatten draußen, gefolgt von ihrer jungen Brut, und einen Augenblick wähnte ich mich gänzlich vergeſſen und allein gelaſſen. Eine Bewegung jedoch in einer Ecke des Gemachs zog meine Aufmerkſamkeit dahin, und ich ſah Lowiny auf den Zehen daſtehen, mit einem Finger am Munde, das Zeichen des Schweigens, während ſie mit der andern Hand durch lebhafte Geberden mir zu verſtehen gab, ich ſolle in einen kleinen Gang treten, welcher mittelſt einer Leiter mit dem obern Stockwerk der Hütte in Verbindung ſtand. Meine Moccaſſins waren mir jetzt von großem Nutzen. Ohne lange die Folgen zu er⸗ wägen, ja ohne mich umzuſchauen, that ich, wie ſie mich anwies, und zog die Thüre hinter mir zu. In dem Gang, in welchem ich mich jetzt mit dem Mädchen allein befand, war ein kleines Fenſter, und mein erſter Gedanke war, mich durch daſſelbe hindurchzudrängen, denn es hatte weder Scheiben noch Gläſer, aber Lowiny ergriff mich bei den Armen. „Der Herr erbarme ſich unſer!“ flüſterte das Mädchen— „man würde Euch ſehen und feſtnehmen oder erſchießen! So lieb Euch Euer Leben iſt, geht nicht da hinaus jetzt. Hier iſt eine Höhle, die als Keller dient, und dort iſt die Fallthüre— hier geht hinab, und wartet, bis Ihr von mir Weiteres hört.“ Es war keine Zeit zur Ueberlegung, und der Anblick von Kettenträgers Geleite, wie ſie mit ihm dem Vorrathshauſe zu Der Kettenträger. 27 418 ſchritten, überzeugte mich, daß das Mädchen Recht hatte. Sie hielt die Fallthüre, und ich ſtieg in die Höhle hinab, die als Keller diente. Ich hörte, wie Lowiny eine Kiſte über die Fallthüre ſchob, und dann glaubte ich das Krachen der Sproſſen der Leiter zu hören, wie ſie in das obere Stockwerk hinaufſtieg, wo ihre ge⸗ wöhnliche Schlafſtätte ſich befand. Alles dieß ging buchſtäblich binnen einer Minute vor ſich. Noch eine Minute mochte verſtrichen ſein, als ich den ſchweren Schritt Tauſendacres' auf dem Boden über mir hörte, und das Geſchrei vieler Stimmen, welche alle zugleich ſprachen. Es war un⸗ verkennbar, daß man mich vermißte und die Nachforſchung nach mir ſchon begonnen hatte. Eine halbe Minute lang verſtand ich nichts; dann hörte ich Prudence's gellende Stimme nach Lowiny rufen. „Lowiny— Ihr, Lowiny!“ ſchrie ſie—„wohin iſt das Mädel gekommen?“ „Ich bin hier, Mutter,“— antwortete meine Freundin von ihrem obern Stock,„Ihr gebotet mir hinauf zu gehen und Eure neue Bibel zu ſuchen.“ Ich vermuthe, daß dem wirklich ſo war; denn Prudence hatte wirklich das Mädchen mit dieſem Auftrag weggeſchickt, und dieß mußte jeden Verdacht beſchwichtigen, daß ihre Tochter irgend Etwas mit meinem Verſchwinden zu ſchaffen habe, falls ein ſolcher rege geworden war. Ich hörte jetzt raſche Schritte hin und her über meinem Kopf, und es waren darunter die von mehreren Män⸗ nern; und in dem Gewirre von Stimmen hörte ich auch die Lowiny's, welche die Leiter herabgeſtiegen ſein mußte und mit ſuchen half. „Man darf ihn um keinen Preis entkommen laſſen,“ ſagte Tauſendacres laut,„oder wir ſind Alle ruinirt. Alles was wir haben, fällt in ihre Hände, und Mühle, Stämme und Alles iſt rein verloren. Wir werden nicht einmal Zeit haben, das Geſchirr und das Hausgeräthe fortzuſchaffen.“ ure atte dieß eend cher her tän⸗ die mit agte wir s iſt chirr — 419 „Er iſt die Treppen hinauf,“— ſchrie Einer—„er muß in den Keller hinunter ſein,“ ſagte ein Anderer. Schritte ſtiegen die Leiter hinauf, ich hörte die Kiſte von der Fallthüre wegziehen, und ein hereindringender Lichtſtrom zeigte mir, daß die Thüre aufge⸗ hoben ſein mußte. Der Platz, wo ich mich befand, war eine Höhle, zwanzig Schuh im Gevierte haltend, roh mit Steinen ausgemauert und beinahe leer; nur ein paar Fleiſchfäßchen waren da, und einige alte Fäſſer. Im Winter wurden vermuthlich Ve⸗ getabilien darin aufbewahrt. Es war kein eigentlicher Schlupf⸗ winkel darin, und ein Verſuch, mich zu verſtecken, würde nur zur Entdeckung geführt haben. Ich zog mich in eine Ecke in einem Theil des Kellers zurück, der ganz finſter war, hielt mich aber für verloren, als ich ein paar Beine die Leiter herabſteigen ſah. Beinahe in demſelben Augenblick kamen zwei Männer und drei Weiber in das Gewölbe; und eine vierte Frauengeſtalt, die, wie ich ſpäter erfuhr, Lowiny ſelbſt war, ſtand dergeſtalt über der Fall⸗ thüre, daß die Dunkelheit drunten verdoppelt wurde. Der erſte Mann, der hinab kam, begann die Fäſſer herumzurollen und in den Ecken herumzuſchauen; und mir kam der glückliche Gedanke, daſſelbe zu thun. Indem ich mich eben ſo geſchäftig erwies, wie die Uebrigen, entging ich in der Finſterniß wirklich der Entdeckung, und bald rannte Tobit wieder nach der Leiter und ſchrie:„das Fenſter— das Fenſter— hier iſt er nicht— das Fenſter!“ In einer halben Minute war der Keller wieder leer; oder vielmehr, Niemand blieb darin, als ich. Anfangs hatte ich Mühe, an mein gutes Glück zu glauben; aber die Thüre fiel zu, und die tiefe Stille in dem Gewölbe über⸗ zeugte mich, daß ich wenigſtens dieſer Gefahr entgangen war. Dieſe Rettung war ſo ſeltſam und unerwartet, daß ich kaum an deren Wirklichkeit glauben konnte, obgleich ſie in jeder Hinſicht und Beziehung wirklich war. Das Lächerliche ſpricht oft die Einbil⸗ dungskraft auf eine närriſche Weiſe an; und ſo ging es mir in 27* 420 dieſem Falle. Ich ſetzte mich auf ein Faß und lachte herzlich, als ich die feſte Gewißheit erlangt hatte, daß Alles gut ſtehe, wobei ich mir die Seiten halten mußte, daß mich nicht der Ton meiner Stimme verrathe. Lowiny ſchien gleichſam von mir angeſteckt, denn ich hörte ihr lautes, mädchenhaftes Gekicher, als ihre Brüder in fruchtloſem und haſtigem Suchen in dem obern Theile des Gebäu⸗ des große und kleine Fäſſer und Bettſtellen herumruckten und roll⸗ ten. Dieſe Heiterkeit blieb jedoch nicht ungerügt; Prudence ver⸗ ſetzte ihrer Tochter einen Streich an den Kopf, der, in gewiſſem Sinne, ſogar mein Ohr erreichte; wahrſcheinlich aber trug dieß auch zur Beſeitigung des Verdachtes bei, als ob das Mädchen meine Mitverſchworene ſei, da dieß leichtſinnige Lachen eine ſo natürliche Aeußerung des Charakters des Mädchens zu ſein ſchien. Zwei oder drei Minuten, nachdem die Fallthüre zum zweiten Mal ſich ge⸗ ſchloſſen, hörten die Laute von Tritten und Stimmen über mir auf, und die Hütte ſchien von allen ihren Bewohnern verlaſſen. Meine Lage war jetzt nichts weniger als behaglich. Einge⸗ ſperrt in einen dunkeln Keller, ohne Mittel zu entkommen, außer mittelſt der Fallthüre, bei welchem Verſuche ich beinahe die Ge⸗ wißheit vor mir ſah, in die Hände meiner Feinde zu fallen, begann ich jetzt zu bereuen, daß ich ſo bereitwillig auf Lowiny's Vorſchlag eingegangen war. Wenn ich zum zweiten Mal gefangen wurde, ſo knüpfte ſich daran eine gewiſſe Lächerlichkeit, welche nicht ange⸗ nehm und für mein perſönliches Anſehen nicht vortheilhaft war; und ich will geſtehen, ich begann auch einige Beſorgniß zu hegen wegen meiner Sicherheit und meines Lebens, falls ich zum zweiten Mal der Willkür ſolcher wilden und trotzigen Geiſter, wie Tauſend⸗ acres' und ſeines älteſten Sohnes, anheimfiele. In dieſem Keller begraben, war ich unmittelbar unter den Füßen Derjenigen einge⸗ ſperrt, deren Abſicht war, ſich meiner Perſon zu verſichern, in einer Art, welche das Entkommen unmöglich, und die Entdeckung faſt unvermeidlich machte. — 421 Dieß waren meine Betrachtungen, als wieder Licht in den Keller hereinſtrömte. Die Fallthüre ward aufgehoben, und ſofort hörte ich in flüſterndem Tone meinen Namen rufen. An die Leiter vortretend, ſah ich Lowiny, welche die Fallthüre hielt und mir winkte, hinaufzuſteigen. Ich folgte blindlings ihren Weiſungen und befand mich bald an ihrer Seite. Das Mädchen war nahe an Convulſionen in Folge der Angſt vor Entdeckung einerſeits, und des Dranges zu lachen andererſeits; denn mein Auftauchen aus dem Keller vergegenwärtigte ihre Einbildungskraft wieder all' die ſpaßhaften Umſtände der vor Kurzem vorgenommenen Nachſuchung. „War es nicht ſpaßhaft, daß Keiner von ihnen Euch kannte?“ flüſterte ſie; aber dann gebot ſie mir mit einer haſtigen Geberde Stillſchweigen.„Sprecht nicht, denn ſie ſuchen Euch noch immer ganz in der Nähe, und Einige könnten mir ſogar hieher folgen. Ich wollte Euch aus dem Keller herausſchaffen, da die kleinen Jungen bald hier zu ſchaffen haben werden, um Schweinefleiſch zum Nachteſſen zu holen; und ſie haben Augen wie Nadeln. Meint Ihr nicht, Ihr könntet in die Mühle kriechen? Sie ſteht jetzt ſtill, und wird nicht wieder in Bewegung geſetzt werden, bis dieſe Unruhe vorüber iſt.“ „Man würde mich ſehen, mein gutes Mädchen, wenn von Euren Leuten ganz hier herum in der Nähe mich ſuchen.“ „Ich weiß das doch nicht. Kommt an die Thüre, ſo werdet Ihr ſehen, es gibt einen Weg hinüber. Alle ſchauen rechts von dieſem Hauſe hinaus; und wenn Ihr bis zu jenen Klötzen hinüberkriecht, ſeid Ihr ſo ziemlich ſicher. Wenn Ihr die Mühle wohlbehalten erreicht habt, ſo klimmt Ihr in das obere Stockwerk hinauf.“ Einen Augenblick überſchlug ich die Möglichkeit des Gelingens. Etwa hundert Fuß vom Hauſe entfernt begann ein großes Spalier von Sägeklötzen, welche neben einander lagen; und da das Holz zwei bis vier Fuß im Durchmeſſer hatte, war es ganz wohl mög⸗ lich, zwiſchen demſelben bis zu der Mühle fortzukriechen, bis zu 422 welcher hin ſogar einige von den Klötzen gewälzt waren. Die Hauptſchwierigkeit war, über einen gänzlich offenen und freien Platz bis zu den Klötzen zu gelangen. Das Haus bot einen Schutz gegen die Meiſten von der Familie, welche mit größter Geſchaͤftig⸗ keit Alles, was von ferne einem Verſteck gleich ſah, auf der entge⸗ gengeſetzten Seite durchſuchten, da Niemand auch nur einen Augen⸗ blick daran dachte, daß ich in der Nähe der Mühle ſein könnte, ſofern dieſe gerade gegenüber dem Punkte ſtand, wo im Augen⸗ blick meines plötzlichen Verſchwindens der Schwarm der Squatters verſammelt geweſen war. Aber die Knaben und Mädchen ſchwärm⸗ ten in allen Richtungen überall umher; und es war ungewiß, wie lang ſie an einem Orte blieben, oder wie lang ihre Blicke von meinem Pfade würden abgewendet ſein. Es war nothwendig, Etwas zu thun, und ich entſchloß mich, einen Verſuch zu wagen. Ich warf mich auf den Boden und kroch, eher langſam als ſchnell, über den gefahrvollen Platz, und erreichte ſicher die Holzblöcke. Da kein Schrei aufging, wußte ich, daß ich nicht geſehen worden war. Jetzt war es vergleichungsweiſe leicht, die Mühle zu erreichen. Aber noch ein gefährliches Experiment war das, daß ich beim Hinaufklimmen auf den obern Stock meine Perſon ausſetzen mußte. Ich konnte dies nicht thun, ohne Gefahr zu laufen, geſehen zu werden, und ich empfand die Nothwendigkeit, mit großer Vorſicht zu Werke zu gehen. Zuerſt hob ich meinen Kopf ſo hoch empor, daß ich den Stand der Dinge draußen über⸗ ſehen konnte. Zum Glück ſtand noch das Haus zwiſchen mir und den meiſten meiner Feinde, obgleich die kleine Brut beſtändig ſich zeigte und wieder verſchwand. Ich ſchaute mich um nach einer Stelle zum Emporklimmen, und überblickte noch einmal die ganze Scene. Unter der Thüre der Hütte ſtand Lowiny, die Hände ge⸗ faltet, und ihr ganzes Weſen drückte die theilnehmendſte Sorge aus. Sie ſah meinen Kopf, das wußte ich, und ich machte Geberden der Ermunterung, welche ſie aufmerkſam machten. Im nächſten 423 Augenblick ſtand mein Fuß auf einem Tragband und mit dem Leib hob ich mich zu den Balken oben empor. Ich glaube, ich blieb nicht zehn Sekunden ungedeckt und ſpähenden Blicken blosgeſtellt, und kein Geſchrei erfolgte. Jetzt hatte ich das Gefühl, daß ich wirklich einige Ausſicht hatte, am Ende noch meine Flucht auszuführen; und nicht wenig froh machte mich dieſer Gedanke. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Allein, im Schatten dicht, verlebten ſie Den Tag, den ländlichen, in einklangvollem Verkehr, das Herz ausſtrömend im Geſpräch, Mit Blick und Seufzern Unſagbares kündend. Thomſon. Das war ein faſt athemloſer Augenblick. Die Spannung, wemit ich auf einen Laut horchte, der verkündigen könnte, daß ich enweckt ſei, war in der That peinlich. Ich bildete mir faſt ein, einen Schrei zu hören, aber es erfolgte keiner. Dann gab ich mic förmlich perloren, weil ich glaubte, es eilten Schritte gegen die Mühle und ich würde alsbald wieder ergriffen werden. Aber es war bloße Einbildung; das Rauſchen des Waſſers drunten war der enzige Laut, der in der Wirklichkeit die Stille des Ortes unterbrach. Ich hatte Zeit, zu athmen und mich umzuſchauen. Vie man ſich denken kann, war die Mühle ſehr roh gebaut und zuſammengeſetzt. Ich habe von einem obern Stockwerk ge⸗ ſprochm, aber es war da Nichts, was eigentlich dieſen Namen ver⸗ diente. Einige ausgeſchoſſene Dielen waren da und dort auf den Balken herumgelegt worden und bildeten Bruchſtücke von kunſtloſen Flieſen; und meine erſte Sorge war, einige dieſer Dielen nahe zu rücken, indem ich zwei oder drei aufeinander legte, um mir eine Stätte zu bereiten, wo ich, wenn ich mich niederlegte, von Niemand, 424 der zufällig in die Mühle käme, geſehen werden könnte. Es lag da eine Anzahl Kirſchbaumholzdielen in geringer Entfernung von der Stelle, wo das Dach ſich an das flache Gebäude anſchloß, und unter dieſen wählte ich mir meinen Verſteck. Es war keine auf⸗ fallende Veränderung nöthig, um mir dieſen zuzurichten, ſonſt hätte der Verſuch ſeine großen Gefahren gehabt bei Menſchen, welche ſo ſehr gewohnt waren, jeden Umſtand dieſer Art genau zu beachten. Die Art, wie das Holz gelegen war, als ich die Mühle erreichte, war ſo wenig verſchieden von deſſen Gruppirung, nachdem ich mit meinem Verſteck im Reinen war, daß es kaum einem Auge bemeik⸗ lich ſein konnte. Sobald ich nun mit meinem Schlupfwinkel ſo weit fertig war, ſchaute ich mich um, ob ſich wohl Gelegenheit darböte, Beobach⸗ tungen nach außen anzuſtellen. Das Gebäude war nicht mit Schin⸗ deln gedeckt, aber der Regen wurde abgehalten durch Schwarten⸗ bretter, die kreuzweiſe gelegt waren, wie man es oft bei der rohen, ländlichen Bauart auf den Gränzgebieten Amerika's findet. Mittelſt meines Meſſers hatte ich bald ein kleines Loch zwiſchen zwei ſolchen Schwartenbrettern gemacht an einem für meinen Zweck günſtigen Punkte; und obgleich das Loch nicht größer war als mein Ange, genügte es doch ganz für meinen Zweck. Mit lebhafter Begierde ſtellte ich nun meine Beobachtungen an. Die Nachſuchung wurde noch immer eifrig fortgeſetzt. Dieſe erfahrenen Gränzmänner wußten wohl, daß ich unmöglich in der kurzen Zeit zwiſchen meinem Verſchwinden und der Entdeckung die⸗ ſes Umſtandes hatte über den offnen Platz kommen und die Välder erreichen können, und waren demgemäß feſt überzeugt, daß ich irgendwo in der Nähe des Gebäudes verſteckt ſein müſſe. Jedes Haus wurde durchſucht, aber Niemand dachte daran, die Mühle zu betreten, weil Alle vorausſetzten, ich müſſe mich nothwendig nach der entgegengeſetzten Richtung gewendet haben. Die Zäune und Hecken wurden durchſucht, und Alles, was nur irgend einem Verſeeck gleich 425 ſah, auf der entſprechenden Seite des Hauſes mit Emſigkeit und Aufmerkſamkeit durchſtöbert. Es ſchien, gerade als ich den erſten Blick durch das Loch that, daß meine Verfolger ganz rathlos waren. Die Nachſuchung war vollendet und natürlich ohne Erfolg. Kein Ort, wo ich denkbarer Weiſe verſteckt ſein konnte, blieb mehr zu durchſuchen übrig. Man mußte die Sache aufgeben und über wei⸗ tere Maßregeln, meiner habhaft zu werden, ſich verſtändigen. Die Familie der Squatter war zu ſehr an ihre Lage und die damit verbundenen Wechſelfälle und Gefahren gewohnt, als daß ſie nicht ganz vertraut geweſen wären mit allen von den Umſtänden gebotenen Maßregeln und Vorkehrungen. Sie ſtellten die jüngern Kinder als Späher aus auf den Punkten, welche für meinen Rück⸗ zug die günſtigſten waren, falls ich in der Lage war, einen Verſuch zu machen, nach jener Seite der Lichtung hin zu entfliehen; und dann verſammelte der Vater ſeine ältern Söhne um ſich, und der ganze Haufe, ſieben an der Zahl, ſchritt langſam der Mühle zu. Die Aufregung der erſten Verfolgung hatte ſich merklich gelegt, und die erfahrenen Waldmänner waren in ernſter Berathung über die zunächſt zu ergreifenden Maßregeln. In dieſer Verfaſſung trat die ganze Geſellſchaft in die Mühle, und ſie ſetzten ſich oder ſtanden in einem Kreis herum gerade unter mir, und nur etwa ſechs Fuß von mir entfernt. Natürlich hörte ich Alles, was geſprochen wurde, obgleich ich ihren Blicken vollſtändig entzogen war. „Hier werden wir ſicher ſein vor den langen Ohren des kleinen Volkes,“ ſagte der Vater, indem er ſich mit ſeiner rieſigen Geſtalt auf den Klotz niederließ, welcher zunächſt zerſägt werden ſollte, „das iſt etwas ganz Unerklärliches, Tobit, und ich hatte gar keine Idee davon, daß die in der Stadt aufgewachſenen Leute ſo hurtig und flink mit ihren Beinen ſein könnten. Ich meine manchmal, er kann kein Littlepage ſein, ſondern er iſt einer von unſern Ge⸗ birgsleuten, aufgeſtutzt und von Manieren wie die Stadtleute, um einen hinter's Licht zu führen. Es ſcheint eine Unmöglichkeit, daß 426 der Mann aus unſerer Mitte entkommen konnte, ohne daß wir ihn ſahen oder hörten!“ „Wir könnten ebenſogut das geſchnittene Holz und die Melio⸗ rationen ſogleich aufgeben,“ brummte Tobit,„als ihn entſpringen laſſen. Sollte er Ravensneſt erreichen, ſo wäre das Erſte, was er thäte, daß er gegen uns ſchwöre und Verhaftsbefehle gegen uns Alle auswirkte, und Neweome iſt nicht der Mann, Squattern in Bedrängniß beizuſtehen. Er würde ſo wenig wagen, ſeinen Grund⸗ herrn zu verläugnen, als ein Bethaus.“ Dieſer Ausdruck Tobit's iſt bemerkenswerth. Nach der An⸗ ſchauungsweiſe einer gewiſſen Klaſſe von Religionsbekennern unter uns nahm das Bethaus(oder Verſammlungshaus), wie der junge Squatter ſeine Kirche nannte, den höchſten Rang unter allen Po⸗ tentaten und Mächten ein; ja es ſteht zu beſorgen, oft ſelbſt einen höhern als das heilige, mit Ehrfurcht anzubetende Weſen, zu deſſen Verehrung das Bethaus beſtimmt iſt. „Ich denke denn doch nicht ſo ſchlimm von dem Squire,“ ver⸗ ſetzte Tauſendacres.„Er wird keinen Verhaftsbefehl gegen uns ausſtellen, ohne uns auch durch einen Boten davon zu benach⸗ richtigen, und zwar zeitig genug, daß wir uns noch Alle davon machen können.“ „Und wer ſoll die Bretter im Bach aus dem Wege ſchaffen, ehe das Waſſer ſteigt? Und wer ſoll die Blöcke und Stämme alle verſtecken oder wegführen? Es ſteckt mehr als eine Tonne Gewicht von meinem Blut und meinen Knochen in den Klötzen, in Geſtalt von harter, ſaurer Arbeit, und ich will kämpfen wie eine Bärin um ihre Jungen, ehe ich mich unbezahlt davon wegdrängen laſſe.“ Es iſt in der That befremdend, daß Einer, der ſolch' einen ver⸗ zweifelten Werth in die Güter ſetzte, die er als ſein Eigenthum anſah, ſo gar wenig Achtung für das Eigenthum Anderer haben ſollte. In dieſer Hinſicht jedoch war Tobit's Denkweiſe eben nur im Einklang mit dem allgemeinen Geſetz unſerer ſchwachen Natur, 427 vermöge deſſen ſich die Bilder vor unſerem moraliſchen Auge um⸗ kehren, genau in dem Verhältniß, wie ſich unſere Beziehungen zu ihnen verändern. „Es müßte mir hart gehen, ehe ich das Holz oder die Lich⸗ tung aufgäbe,“ verſetzte Tauſendacres mit Nachdruck.„Wir haben gegen König George für die Freiheit gefochten, und warum ſollten wir nicht für unſer Eigenthum fechten? Was nützt uns überhaupt die Freiheit, wenn ſie nicht Einem hilft, ungefährdet aus einem Handel dieſer Art loszukommen? Ich verachte eine ſolche Freiheit, ihr Jungen, und begehre ihrer nicht.“ Sämmtliche junge Männer murmelten ihre Beiſtimmung zu einer ſolchen Geſinnung, und es war leicht genug zu begreifen, daß die hohen Begriffe von perſönlichen Rechten, welche Tauſend⸗ acres hegte, ein entſprechendes Echo fanden in der Bruſt eines Jeden ſeiner heroiſchen Söhne. Ich glaube faſt, dieſelbe Sym⸗ pathie hätte zwiſchen ihnen beſtanden, wären ſie eine Bande Taſchen⸗ diebe geweſen, zur Berathung verſammelt in einem Zimmer des Schwarzen Roſſes, St. Katharinengaſſe, in Wapping, zu London. „Aber was können wir mit dem jungen Laffen thun, Vater, falls wir ihn wieder fangen?“ fragte Zephaniah; eine Frage, die, wie Jeder einſieht, mich nicht wenig intereſſiren mußte.„Man kann ihn nicht lange hier eingeſperrt halten, ohne daß ein Lärm entſteht und man ihn aufſucht, und das würde uns früher oder ſpäter zum Verderben gereichen. Wir mögen ein klares Recht auf die Arbeit und das Werk unſerer Hände haben; aber im Ganzen glaube ich faſt, das Land iſt gegen die Squatters.“ „Wer fragt nach dem Lande?“ erwiederte Tauſendacres finſter. „Wenn es ihm um den jungen Littlepage zu thun iſt, ſo mag es kommen und ihn ſuchen, wie wir auch gethan haben. Wenn dieſer junge Burſche wieder in meine Hände fällt, ſo kommt er nicht mehr lebend davon, wenn er mir nicht eine gute und genügende Urkunde ausſtellt über die Verleihung von zweihundert Acres, die 428 Mühle mit eingeſchloſſen, und eine Quittung, in ſeines Vaters Namen, über alle rückſtändigen Anſprüche. Hinſichtlich dieſer zwei Punkte bin ich feſt entſchloſſen, und mein Entſchluß bleibt un⸗ abänderlich.“ Eine lange Pauſe folgte auf dieſe kecke Erklärung, und ich be⸗ gann zu fürchten, meine halbunterdrückten Athemzüge möchten in der nun eingetretenen tiefen Stille gehört werden. Aber Zephaniah begann zu ſprechen, zur rechten Zeit, um mich dieſer Beſorgniß zu entledigen, und in einer Weiſe, die mich überzeugte, daß die Ge⸗ ſellſchaft unten, welche insgeſammt meinen Blicken entzogen war, dem, was ihr Haupt geſagt, nachgeſonnen, und keineswegs ge⸗ horcht hatte, um verrätheriſche Laute von mir zu erlauſchen. „Ich habe behaupten gehört,“ bemerkte Zephaniah,„daß Ur⸗ kunden, in ſolcher Weiſe ausgeſtellt, vor dem Geſetz keine Gültig⸗ keit haben. Squire Newcome ſprach von ſolchen Sachen gerade das letzte Mal, wie ich auf dem Neſte war.“ „Ich möchte nur, daß Einer ausfindig machte, was denn vor dem Geſetz Gültigkeit haben ſoll!“ brummte Tauſendacres.„Sie machen ihre Geſetze, und machen großes Aufhebens davon, daß man ſie beobachten müſſe; und dann, wenn ein Mann vor den Gerichts⸗ hof kommt, und hat Alles gethan und erfüllt nach ihren eigenen Regeln, fahren fünf oder ſechs Attorneys auf und bellen: das iſt gegen das Geſetz! Wenn eine Urkunde ſo und ſo ausgefertigt worden, und der Namen an der und der Stelle darunter geſchrie⸗ ben, und überdieß„Hand und Siegel und Datum’, wie ſie es nennen, haben ſoll, und wenn dieß das Geſetz iſt, ſo möchte ich doch wiſſen, warum ein ſo ausgefertigtes Inſtrument nicht gültig ſein ſollte vor ihren verwünſchten Geſetzen? Geſetz iſt Geſetz in der ganzen Welt, denke ich; und obgleich es ein verfluchtes Ding iſt,— wenn einmal die Menſchen übereinkommen, es haben zu wollen, ſo ſollten ſie auch bei ihren eigenen Regeln bleiben. Ich habe viel darüber nachgedacht, Briefe und Handſchrift von dieſem jungen Littlepage ters wei un⸗ be⸗ in niah zu Ge⸗ var, ge⸗ Ur⸗ tig⸗ rade vor Sie man hts⸗ enen 3 iſt rtigt hrie⸗ men, ſſen, ollte nzen venn llten über page 429 herauszupreſſen; und gerade jetzt, wo ich entſchloſſen bin, es zu thun, falls ich ihn wieder in meine Hände bekomme, kommt Ihr und ſagt mir, eine ſolche Schrift gelte Nichts. Zeph, Zeph,— du gehſt mir zu oft hinaus auf die Anſiedlungen, und läßſt dir das Gemüth verkehren durch ihre Sünden und ihr Geſchwätz.“ „Ich hoffe nicht, Vater, obgleich ich geſtehe, daß ich gern hingehe. Ich bin in ein Alter getreten, wo ein Mann wohl daran denkt, zu heirathen, und da hier kein Mädel iſt, es wäre denn eine meiner Schweſtern, iſt es natürlich genug, daß ich mich auf der nächſten Umgebung umſehe. Ich will bekennen, das iſt mein Zweck geweſen, warum ich nach dem Neſte gegangen bin.“ „Und Ihr habt das Mädel gefunden, auf das Ihr etwas haltet? Heraus mit der ganzen Wahrheit wie ein Mann! Ihr wißt, ich bin immer gegen das Lügen geweſen, und habe mich immer bemüht, Euch Alle zur Wahrheit anzuhalten. Wie iſt es, Zephaniah? habt Ihr ein Mädel nach Eurem Sinn und Geſchmack gefunden, und wer iſt ſie? Unſere Familie iſt eine ſolche, in die Je⸗ dermann Aufnahme findet, wenn er darum bittet, das wißt Ihr.“ „Herr im Himmel, Vater! Dus Malbone würde ſo wenig ſich einfallen laſſen, mich zu bitten, ſie zu nehmen, als ſie daran denken würde, Euch zu heirathen! Ich habe dreimal meinen An⸗ trag gemacht; und ſie hat mir ſo gerade heraus, als eine Frau ſprechen kann, erklärt, daß ſie ſich nicht dazu entſchließen könne, und daß ich nicht mehr an ſie denken ſolle.“ „Wer iſt das Mädel in dieſer Gegend des Landes, das den Kopf ſo viel höher trägt, als einer von Tauſendaeres Söhnen?“ fragte der alte Squatter, mit ſolchem wirklichem oder erheucheltem Staunen, wie etwa ein Bourbon empfinden und an den Tag legen möchte, wenn man eine Allianz mit ihm wegen des Blutes ab⸗ lehnte.„Ich möchte das junge Frauenzimmer wohl auch ſehen und ein Wort mit ihr ſprechen. Wie habt Ihr ſie genannt, Zeph?“ „Dus Malbone, Vater; das junge Frauenzimmer, das bei 430 den Kettenträger lebt. Sie iſt ſeine Nichte, glaube ich, oder etwas er Art.“ „Ha! Kettenträgers Nichte, ſagt Ihr? Seine angenommene Tochter? Iſt hier nicht ein Mißverſtändniß?“ „Dus Malbone nennt den alten Andries, Onkel Kettenträger“; und ich vermuthe deßhalb, daß ſie ſeine Nichte iſt.“ „Und Ihr habt dem Mädchen dreimal Heirathsanträge ge⸗ macht, habt Ihr geſagt, Zephaniah?“ „Dreimal, Vater; und jedesmal war die Antwort, die ſie gab: ‚Nein!““ „Vielleicht beim vierten Mal ändert ſie ihren Sinn. Ich wäre begierig, zu wiſſen, ob wir uns dieſes Mädchens nicht bemächti⸗ gen und ſie auf die Anſiedlung bringen könnten. Lebt ſie beim Kettenträger in ſeiner Hütte, hier außen im Wald?“ „Ja, Vater.“ „Und hält ſie etwas auf ihren Oheim? oder gehört ſie zu der leichtfertigen Art, die mehr an ſich und ſchöne Kleider denken, als an ihr Fleiſch und Blut? Könnt Ihr mir das ſagen, Zeph?“ „Nach meinem Urtheil, Vater, liebt Dus Malbone den Ketten⸗ träger nicht weniger, als wenn er ihr leiblicher Vater wäre. 4 „Ja, manche Mädels haben nicht halb ſo viel Liebe und Ehr⸗ furcht für ihre leiblichen Väter, als ſie haben ſollten. Was hindert Euch, Zephaniah, nach des Kettenträgers Hütte zu gehen, und dem Mädchen zu ſagen, daß ihr Oheim in Bedrängniß ſei, und daß Ihr nicht wiſſet, was ihm begegnen könne, und daß ſie gut daran thäte, herüber zu kommen und nach ihm zu ſehen! Wenn wir ſie hier haben, und ſie begreift die Natur des Falles, und Ihr zieht Eure Sabbathskleider an, und wir laſſen den Squire Newcome kommen, ſo dürftet Ihr Euch vielleicht verheirathet ſehen eher als Ihr es denkt, mein Sohn, und könnt Euch dann Euren Plan für's Leben machen. Und dann wird wenig Gefahr mehr ſein, daß Kettenträ⸗ ger gegen uns ausſage, oder daß ſein vertrauter Freund hier, der 43¹ Major Littlepage, uns in unſerem Weſen mit dem Holz ſtörte, ehe das Waſſer ſteigt.“ Ein Gemurmel des Beifalls folgte auf dieſen merkwürdigen Vorſchlag, und ich meinte, ein freudiges Gekicher des jungen Mannes zu hören, wie wenn er den Vorſchlag nach ſeinem Ge⸗ ſchmack fände und ihn für wohl ausführbar hielte. „Vater,“ ſagte Zephaniah,„ich wünſchte, Ihr riefet Lowiny hieher und ſprächet ein wenig mit ihr über Dus Malbone. Dort iſt ſie, mit Tobit’'s Weib und mit der Mutter, und ſieht ſich unter den Krautköpfen um, als ob an einem ſolchen Platz ein Mann ver⸗ ſteckt ſein könnte.“ Tauſendacres rief ſeine Tochter in herriſchem Tone herbei, und bald hörte ich die Schritte des Mädchens, wie ſie, etwas zögernd wie mich dünkte, in die Mühle kam. Da es in der Lage, worin Lowiny ſich befand, eine ſehr naheliegende Vermuthung war, ihre Mithilfe zu meiner Flucht ſei der Grund dieſer Berufung, ſo konnte ich mich der Theilnahme an der Angſt des armen Mädchens, womit ſie dieſelbe vernehmen mußte, nicht erwehren. „Kommt her, Lowiny,“ begann Tauſendaeres in der ſtrengen Art, worin er mit ſeinen Kindern zu ſprechen gewohnt war;„kommt näher, Mädchen. Wißt Ihr etwas von einer gewiſſen Dus Mal⸗ bone, des Kettenträgers Nichte?“ „Der Herr ſei uns barmherzig! Vater, wie habt Ihr mich erſchreckt! Ich glaubte, Ihr habet den Gentleman gefunden, und meinet, ich hätte die Hand mit im Spiele gehabt!“ So ſonderbar es ſcheinen mag, dieſe Manifeſtation eines böſen Gewiſſens erregte bei keinem der Anweſenden Verdacht. Als das Mädchen ſich ſelbſt verrieth, erwartete ich natürlich, es werde nun ein Verhör folgen, bei welchem man von ihr alle nähern Umſtände herauspreſſen werde. Aber das war ganz und gar nicht der Fall; weder der Vater noch einer von den Söhnen verſtand die unvor⸗ ſichtigen Aeußerungen des Mädchens, ſondern ſie ſchrieben ſie auf 43³² Rechnung der eben herrſchenden Aufregung und des Umſtandes, daß ihr Gemüth ganz natürlich ſich mit der Veranlaſſung derſelben beſchäftigt habe. Wahrſcheinlich kam gerade auch die ſo ganz zu⸗ fällige Art meines Entkommens, welche zur Folge hatte, daß keine verdächtigenden Umſtände ſich an das knüpften, was wirklich vor⸗ gefallen war, Lowiny bei dieſer Gelegenheit zu Statten, da es unmöglich war, daß irgend welche Umſtände dieſer Art auf eine ſie verdächtigende Weiſe gedeutet wurden. „Wer ſpricht jetzt von dem jungen Littlepage, oder denkt auch nur an ihn?“ verſetzte Tauſendacres etwas zornig.„Ich frage, ob Ihr Etwas wiſſet von Kettenträgers Nichte,— einer gewiſſen Dus Malbone, oder Malcome?“ „Ich weiß Etwas von ihr, Vater,“ antwortete Lowiny, bereit genug, eines— das geringere— von ihren Geheimniſſen zu ver⸗ rathen, um das größere zu verhehlen, welches in jeder Beziehung bei weitem das wichtigere war,„obgleich ich ſie nie mit Augen geſehen bis heute. Zeph hat mir oft von dem Mädchen geſprochen, das einen ganzen Monat lang mit ihrem Oheim die Meßketten tenas und er hat Luſt, ſie zu heirathen, wenn er ſie bekommen ann.“ „Sie mit Augen geſehen bis heute! Wo habt Ihr ſie denn heute mit Augen geſehen, Mädel?“ „Sie kam mit ihrem Oheim bis an den Saum der Lichtung und—“ „Nun, und was dann weiter? Warum fahrt Ihr nicht fort, Lowiny?“ Ich hätte Tauſendacres ſagen können, warum ſeine Tochter ſtockte; aber das Mädchen half ſich durch ihre eigene Geiſtesgegen⸗ wart aus der Klemme, und durch einen Scharfſinn, dem vielleicht einige Uebung in Sünden dieſer Art zu Statten kam. „Ha, ich ging dieſen Vormittag Beeren zu ſammeln, und droben bei dem Beerenplatz, gerade am Saum der Wälder, ſah des, lben zu⸗ keeine vor⸗ nes e ſie auch age, iſſen ereit ver⸗ hung ugen chen, etten imen denn tung fort, chter egen⸗ leicht und ſah ich ein junges Frauenzimmer, und das war eben das Mädchen Malbone. So ſchwatzten wir denn miteinander und ſie erzählte mir Alles. Sie wartet, bis ihr Oheim zurückkommt. „So, ſo; das iſt in der That eine Neuigkeit, ihr Jungen! Wißt ihr, wo das Mädel jetzt iſt, Lowiny?“ „Im Augenblick gerade nicht, denn ſie hat mir geſagt, ſie wolle tiefer in den Wald hinein gehen, um nicht geſehen zu wer⸗ den; aber eine Stunde vor Sonnenuntergang will ſie an den Fuß des großen Kaſtanienbaums kommen, gerade gegenüber von dem Beerenplatz; und ich habe ihr verſprochen, ſie dort zu treffen und ſie entweder hieher zu führen, daß ſie in einem unſerer Häuſer ſchlafe, oder ihr etwas zum Eſſen zu bringen und Betten zum Schlafen.“ Dieß ſagte ſie mit Freimuth und mit dem Gefühl und der Theilnahme, welche Frauen ſo häufig für einander zeigen. Es war unverkennbar, daß die Zuhörer Lowiny's jedes Wort glaub⸗ ten, das ſie geſagt hatte; und der alte Mann namentlich beſchloß augenblicklich zu handeln. Ich hörte ihn von ſeinem Sitz auf⸗ ſtehen, und ſeine Stimme tönte wie die eines ſich Entfernenden, als er ſagte: „Tobit— ihr Jungen— kommt mit mir, und wir wollen noch einmal den jungen Burſchen in dem Holzwerk und den Häu⸗ ſern ſuchen. Vielleicht hat er ſich dorthin geſchlichen, während unſere Blicke nach der entgegengeſetzten Seite gerichtet waren. Lowiny, Ihr braucht nicht mit uns zu gehen, denn das haſtige und fahrige Weſen von euch Mädels thut nicht gut bei einer ſol⸗ chen Durchſuchung.“ „Ich wartete, bis der letzte ſchwere Schritt nicht mehr hörbar war und wagte mich dann, auf den Händen kriechend, ſo weit vor, bis ich an eine Spalte gelangte, die ich abſichtlich gelaſſen hatte, um dadurch gelegentlich einen Blick hinabwerfen zu können. Auf den Block, welchen ihr Vater ſo eben verlaſſen, hatte ſich Lowiny Der Kettenträger. 28 434 geſetzt. Ihr Auge ſpähte an dem obern Theil der Mühle herum, als wenn ſie mich ſuchte. Endlich ſagte ſie mit gedämpfter Stimme: „Seid Ihr noch hier? Vater und die Jungen können uns jetzt nicht hören, wenn Ihr leiſe ſprecht.“ G „Ich bin hier, gute Lowiny, Dank Eurer freundſchaftlichen Güte, und habe Alles gehört, was geſprochen wurde. Ihr habt Urſula Malbone geſehen und ihr mein Briefchen gegeben?“ „So wahr als Ihr hier ſeid, habe ich das gethan; und ſie hat es ſo oft geleſen, ich glaube, ſie muß es auswendig wiſſen.“ „Aber was hat ſie geſagt? Trug ſie Euch keine Botſchaft auf an ihren Oheim— keine Antwort auf das, was ich ihr ge⸗ ſchrieben?“ „Oh, ſie hatte gar viel zu ſagen— Mädchen plaudern gern, wißt Ihr, wenn ſie zuſammen kommen, und Dus und ich plau⸗ derten wohl eine halbe Stunde oder länger mit einander. Sie hatte mir eine Menge zu ſagen, aber es geht nicht an, daß ich jetzt hinſitze und es Euch erzähle, denn es könnte doch Jemand aufmerkſam werden, wenn ich ſo lange in der Mühle bliebe.“ „Ihr könnt mir doch ſagen, ob ſie eine Botſchaft geſchickt hat oder eine Antwort auf meinen Brief?“ 4 „Sie ſprach keine Sylbe von dem, was Ihr an ſie geſchrieben. Ich will dafür ſtehen, ſie weiß wohl reinen Mund zu halten, wenn ſie eine Zeile von einem jungen Manne bekommt. Haltet Ihr ſie für ſo verzweifelt ſchön, als Zeph behauptet, daß ſie ſei?“ Dieß deutete auf nichts Gutes, aber es war eine Frage, welche die Klugheit gebot zu beantworten und zwar mit einiger Vorſicht. Wenn ich die Dienſte Lowiny's verlor, ſo war meine Haupt⸗ ſtütze dahin. 3 „Sie iſt lieblich genug anzuſehen, aber ich habe in jüngſter Zeit ganz ebenſo ſchöne junge Frauenzimmer geſehen. Aber ſchön oder nicht, ſie iſt eine Angehörige Eures Geſchlechts, und darf in ihrer Noth und Bedrängniß nicht verlaſſen werden.“ 43⁵ „Ja, wahrhaftig,“ verſetzte Lowiny mit einem Ausdruck ihres Geſichts, der mir ſogleich verrieth, daß die beſſeren Gefühle ihres Geſchlechts alle wieder in ihr wach geworden waren,„und ich will ſie auch nicht verlaſſen, ſelbſt wenn mich der Vater aus der An⸗ ſiedlung jagte. Ich bin dieſes ganzen Squatterlebens ſatt, und meine, die Leute ſollten ſo viel als möglich an einer Stelle wohnen bleiben. Was iſt das Beſte, was ſich thun läßt in Bezug auf Dus Malbone— vielleicht würde ſie den Zeph doch nicht ungerne heirathen?“ „Habt Ihr, während Ihr bei ihr waret, etwas geſehen oder gehört, was Euch dieß glauben macht? Ich hin ſehr verlangend, zu hören, was ſie geſprochen.“ „La! ſie hat eine Menge Zeugs geſprochen, am meiſten von dem alten Kettenträger. Euren Namen hat ſie nicht ein einziges Mal genannt.“ „Hat ſie Zephaniah's Namen genannt? Ich zweifle nicht, daß die Sorge um ihren Oheim ſie am meiſten anfocht. Was ſind ihre Abſichten, und wird ſie in der Nähe jenes Baumes bleiben, bis Ihr kommt?“ „Sie verweilt unter einem Felſen, nicht weit von dem Baum entfernt, und dort wird ſie bleiben, bis ich wieder komme, ſie bei dem Kaſtanienbaum aufzuſuchen. Wir beſprachen uns unter dem Felſen, und es iſt ganz leicht, ſie dort zu finden.“ „Wie ſehen die Sachen in unſerer Nähe aus? Könnte ich wohl herabſteigen, in das Bett des Fluſſes hinabkriechen, und zu Dus Malbone hinübergehen, um ſie zu warnen vor der ihr dro⸗ henden Gefahr?“ Lowiny antwortete mir beinahe eine Minute lang nicht, und ich begann zu fürchten, ich habe wieder eine unkluge Frage an ſie geſtellt; das Mädchen ſchien ernſt und nachdenklich, aber als ſie ihr Angeſicht emporhob, ſo daß ich es ſehen konnte, ſprachen ſich darin deutlich alle edleren Gefühle weiblicher Sympathie aus. 28* 436 „Es wäre hart, Dus zu nöthigen, Zeph zu nehmen, wenn ſie ihn nicht gerne möchte, nicht wahr?“ ſagte ſie mit Nachdruck. „Ich glaube faſt, es wäre beſſer, ſie wiſſen zu laſſen, was ihr droht, ſo daß ſie dann ſelbſt wählen kann.“ „Sie hat mir geſagt,“ verſetzte ich, vollkommen der Wahrheit getreu,„ſie ſei einem Andern zugeſagt, und es wäre mehr als grauſam, es wäre verrucht, ſie zu nöthigen, einen Mann zu hei⸗ rathen, während ſie einen Andern liebt.“ „Das ſoll auch nicht geſchehen!“ rief das Mädchen mit einer Heftigkeit, die mir gefährlich ſchien. Aber ſie gab mir keine Ge⸗ legenheit zu Vorſtellungen, da ſie ſofort, in der lebhaften Erregung aller ihrer Gemüthskräfte, ſich ernſtlich daran machte, mir Art und Mittel anzugeben, wie ich thun könnte, was mein ſehnlichſter Wunſch war. „Seht Ihr dort den untern Pfoſten der Mühle?“ fuhr ſie haſtig fort.„Dieſer Pfoſten geht herab auf den Felſen, über wel⸗ chen das Waſſer herabfällt. Ihr könnt bis an die Ecke kommen ohne alle Gefahr, geſehen zu werden, da das Dach Euch verſteckt, und wenn Ihr dort ſeid, müßt Ihr warten, bis ich Euch ſage, daß Ihr Euch dem Pfoſten nähert. Es wird ein Leichtes ſein, an dieſem Pfoſten auf den Felſen hinabzugleiten, und es iſt ſehr un⸗ wahrſcheinlich, daß man Euch ſieht, da der Pfoſten Euch verſtecken wird. Seid Ihr auf dem Felſen, ſo findet Ihr einen Pfad, der Euch am Fluß hinführt, bis Ihr an einen Steg kommt. Wenn Ihr dieſen überſchreitet und den Pfad links einſchlagt, ſo kommt Ihr nahe am Saum der Lichtung oben am Hügel wieder heraus, und dann habt Ihr nur eine Strecke an der Gränze des Waldes hinzugehen, bis Ihr den Kaſtanienbaum erreicht. Der Fels iſt rechts vor dem Kaſtanienbaum, nur etwa fünfzig Ruthen davon entfernt.“. Begierig lauſchte ich dieſen Anweiſungen, und befand mich an dem Pfoſten, beinahe ſo bald das Mädchen ausgeredet hatte. Um enn uck. ihr heit als hei⸗ iner Ge⸗ ung und ſſter r ſie wel⸗ umen teckt, daß „an un⸗ tecken „der Wenn ommt raus, aldes ls iſt davon ch an Um 437 dahin zu gelangen, durfte ich nur über die Bretter hinſchreiten, welche oben auf der Decke der Mühle herum lagen, und das Dach entzog alle meine Bewegungen vollſtändig jedem Beobachter von außen. Ich traf meine Vorkehrungen und wartete nur ein Zeichen oder eine Weiſung von Lowiny ab, um einen weitern Schritt zu thun. „Noch nicht,“ ſagte das Mädchen, zu Boden ſchauend und ſich anſtellend, als ob ſie mit Etwas zu ihren Füßen beſchäftigt wäre. „Vater und Tobit gehen auf dieſer Seite, und ihr Auge iſt auf die Mühle gerichtet. Jetzt— haltet Euch fertig— ſie haben die Köpfe gewendet, und es ſieht aus, als ob ſie ſelbſt auch ſich weg⸗ wenden wollten. Jetzt haben ſie ſich weggewendet; wartet noch einen Augenblick— jetzt iſt ein günſtiger Zeitpunkt— geht nicht ganz von hier fort, ohne daß ich Euch noch einmal ſehe.“ „Ich hörte dieſe letzten Worte, aber als ich ſchon den Pfoſten hinabglitt. Gerade als ich ſo weit herabgerutſcht war, daß mein Kopf in gleicher Linie mit den auf dem Boden der Mühle umher zerſtreuten Gegenſtänden ſich befand, hielt ich an, um einen Blick auf das zu werfen, was rings umher vorging. Tauſendacres und Tobit waren etwa hundert Schritte entfernt; ſie ſchritten von der übrigen Gruppe junger Männer getrennt, allem Anſchein nach in angelegentlicher Berathung miteinander. Es war augenſcheinlich, daß Niemand etwas Verdächtiges bemerkt hatte, und ſo glitt ich auf den Felſen herab. Im nächſten Augenblick befand ich mich auf dem Pfad, der zu dem Steg führte, einem Baume, der gerade über den Fluß herüber gefällt war. Bis ich über dieſen Baum hin⸗ über war, und eine kleine Strecke der Anſteigung auf der andern Seite des Fluſſes auf dem Pfade linker Hand zurückgelegt hatte, blieb ich ganz dem Blicke eines Jeden ausgeſetzt, der in der Lage war, in das Flußthal herabſchauen zu können. Beinahe in jedem andern Augenblick gerade zu dieſer Jahreszeit wäre meine Ent⸗ deckung beinahe unvermeidlich geweſen, da immer Männer und Knaben im Waſſer an der Arbeit waren; aber die Ereigniſſſe dieſes 438 Morgens rief ſie anders wohin, und ich legte die gefährliche Strecke, zweihundert Schritte oder mehr betragend, unangefochten zurück. Sobald ich hinter einen ſchützenden Verſteck gelangte, er⸗ mäßigte ich meine Eile; und da ich jetzt wieder in gleicher Höhe mit den Gebäuden mich befand, oder vielleicht auch noch etwas höher, benützte ich die Oeffnungen in dem niedern Fichtengebüſche, das den Pfad beſäumte, um mir den Stand der Dinge bei den Sqguatters zu beſehen. Da ſchlenderte die Gruppe der ſchwerfälligen, derben jungen Männer, und Tauſendacres und Tobit gingen von ihnen getrennt, wie ich ſie zuvor ſchon geſehen. Prudence ſtand unter der Thüre einer entfernten Hütte, umgeben wie gewöhnlich von einem Schwarme der jungen Brut, und ſelbſt in lebhaftem Geſpräch mit den Weibern von einigen ihrer verheiratheten Söhne. Lowiny hatte die Mühle verlaſſen, und ſchlenderte auf der andern Seite des Thälchens hin, ſo nahe dem Rand der Felſen, daß ſie im Stande geweſen war, mich zu beobachten, ſo lang ich über den freien Platz geſchritten war. Da ich ſah, daß ſie ganz allein war, wagte ich, mich nun gerade ſo laut zu räuſpern, daß ſie es vernehmen konnte. Eine haſtige, ängſtliche Geberde überzeugte mich, daß ſie es gehört hatte; und nachdem das Mädchen mich noch durch eine Geberde bedeutet hatte, weiter zu gehen, wandte ſie ſich weg und hüpfte der Gruppe von Frauen zu, welche ihre Mutter umgaben. Was mich betrifft, ſo dachte ich jetzt nur an Dus. Was küm⸗ merte es mich, wenn ſie auch einen andern liebte? Ein Mädchen von ihrer Bildung, ihrer Denkweiſe, ihrer Sitten, ihrer Geburt und ihrem Charakter durfte nicht einen Menſchen wie Zephaniah geopfert werden, was auch immer ſich ereignen mochte; und wenn mir nur ihren Verſteck noch zu rechter Zeit zu erreichen gelang, ſo konnte ſie noch gerettet werden. Dieſe Gedanken liehen mir förm⸗ lich Flügel auf meiner Flucht, und ich wurde bald des Kaſtanien⸗ baumes anſichtig. Drei Minuten ſpäter berührte ich den Stamm 439 che des Baumes ſelbſt mit der Hand. Da ich wenigſtens eine Viertel⸗ ten ſtunde Zeit gebraucht hatte zu dem Umweg auf dieſer Seite der er⸗ Lichtung, konnten weſentliche Veränderungen im Stande der Dinge öͤhe bei den Sqguatters eingetreten ſein, und ich beſchloß an den Saum vas der Gebüſche auf Lowiny's Beerenplatz vorzugehen, welche den che, Punkt ganz verdeckten, und mir hierüber Gewißheit zu verſchaffen, den ehe ich Dus unter ihrem Felſen aufſuchte. Das Ergebniß meiner Spähe zeigte mir, daß Tauſendacres gen und Tobit über gewiſſe Maßregeln mußten einen Entſchluß gefaßt unt, haben. Keiner von den Männern war zu ſehen, ſondern nur ein üre junger Burſche, welcher bei dem Vorrathshauſe Wache hielt, und rme einige von den kleinern Knaben. Ich ſchaute mit ſorgſamſter Auf⸗ vern merkſamkeit nach allen Punkten, die man überſah, aber kein Mann ühle wurde ſichtbar. Selbſt Susqueſus, der den ganzen Tag ſeit ſeiner hin, Befreiung herumgelungert, war verſchwunden. Auch Prudence und var, ihre Töchter waren in großer Haſt und Bewegung, eilten von einer tten Hütte zur andern, und legten jene Unruhe an den Tag, welche nun beim weiblichen Geſchlecht gewöhnlich die Aufregung verräth. Ich Eine blieb nun einen Augenblick ſtehen, um mir die wichtigſten Umſtände atte; zu merken, und kehrte dann um, den Felſen zu ſuchen. Während eutet ich mich aus den Büſchen zurückzog, hörte ich den dürren gefallenen uppe Aſt eines Baumes unter einem ſchweren Fußtritt krachen, und als ich mich vorſichtig umſchaute, ſah ich Jaaf oder Jaap, wie wir ihn üm⸗ gewöhnlich nannten, auf mich zukommen mit einer Büchſe auf jeder ſchen Schulter.. burt„Des Himmels Segen über Euch, mein treuer Jaap!“ rief niah ich, einen Arm ausſtreckend, um das eine Gewehr in Empfang zu wenn nehmen.„Ihr kommt im allerglücklichſten Augenblick und könnt d, ſo mich gerade zu Miß Malbone führen.“ örm⸗„Ja, Sah, und ſehr erfreut, das zu thun. Miß Dus dort nien⸗ droben ein Bischen im Wald, und ſehr bald ſie ſehen können. amm Sie mich herunterſchicken, zu ſpähen, und ich beide Büchſen mit 440 mir nehmen, Maſſer Kettenträgers ſeine und meine eigene, weil Miß Dus nicht gut umzugehen wiſſen mit Schießpulver. Aber woher denn Ihr kommen, Maſſer Mordaunt?— und warum Ihr ſo fortgelaufen zur Nachtzeit?“ „Laßt das nur jetzt, Jaap— zu ſeiner Zeit ſollt Ihr das Alles erfahren. Jetzt müſſen wir nur für Miß Urſula Sorge tragen. Iſt ſie in Unruhe? hat ſie Beſorgniſſe wegen ihres Oheims gezeigt?“ „Sie weinen die halbe Zeit, Sah— dann wieder ſie auf⸗ ſchauen keck und entſchloſſen, gerade wie alte Maſſer, Sah, wenn er kommandiren das Regiment: Fällt's Bajonet! und ausſehen, als wenn ſie wollte geraden Weges nach Tauſendacres' Hütten gehen. Gott ſegne mich, Sah, Maſſer Mordaunt— nicht nur Eine Frage, wohl hundert Fragen hat ſie heute ſchon an mich gethan wegen Euch!“ „Wegen meiner, Jaap!“— Aber ich that dem Drange meines heftigen neugierigen Verlangens noch zu rechter Zeit Einhalt, ſo daß ich mich nicht des Fehlers ſchuldig machte, aus meinem eigenen Diener herauszupreſſen, was Andere von mir geſagt hatten;— eine Niederträchtigkeit, die ich mir ſelbſt nie hätte verzeihen können. Aber ich ſteigerte noch meine Eile, und unter der Führung Jaap's befand ich mich bald an der Seite von Dus. Sobald mir jedoch der Neger den Gegenſtand meines Suchens gezeigt, hatte er ſo viel Beſcheidenheit und Vorſicht, an den Saum der Lichtung zu⸗ rückzukehren, wobei er beide Büchſen mit ſich nahm; denn ich gab ihm diejenige, welche ich ergriffen hatte, in meiner Haſt vorwärts zu kommen, zurück, ſobald ich Dus erblickt hatte. Nie kann ich den Blick vergeſſen, womit dieß offene, edelherzige Mädchen mich empfing! Er ließ mich beinahe hoffen, mein Ohr habe mich getäuſcht, und ich ſei am Ende doch der Gegenſtand ihres innigſten Intereſſes! Einige Thränen, halb unterdrückt, aber nur mit Mühe unterdrückt, begleiteten dieſen Blick; und mir wurde das Glück, eine Zeit lang die kleine Hand in der meinigen zu halt heit rief Näl Ger Durs dazu ja! Es Eur zu v Ent wied ſüß, eben Euch bein Unhe ich anne Elen ausſ iſt in 441 halten und an mein Herz zu drücken, die ſie mir mit Unbefangen⸗ heit, ja, mit Wärme hinbot. „Laßt uns unverzüglich dieſen Ort verlaſſen, theuerſte Urſula,“ rief ich, ſobald ich ſprechen konnte.„Es iſt nicht gerathen, in der Nähe dieſer Familie von Elenden zu bleiben, die von Raub und Gewaltthaten leben.“. „Und Oheim Kettenträger in ihren Händen laſſen!“ erwiederte Dus in vorwurfsvollem Tone;„Ihr könnt mir doch gewiß nicht dazu rathen!“ „Wenn Eure eigene Sicherheit es verlangt, ja— tauſendmal ja! Wir müſſen fliehen und dürfen keinen Augenblick Zeit verlieren. Es iſt der Plan dieſer Elenden, ſich Eurer zu bemächtigen, und Eure Angſt dazu zu benützen, ſich des Beiſtandes Eures Oheims zu verſichern, ihnen herauszuhelfen aus den ſchlimmen Folgen der Entdeckung ihrer Räubereien. Es iſt nicht ſicher für Euch, ich wiederhole es, nur noch eine Minute hier zu verweilen.“ Das Lächeln, mit welchem Dus mich jetzt anſchaute, war ſehr ſüß, obgleich ich mir es nicht zu erklären wußte; denn es hatte ebenſo viel Schmerzliches und Beklommenes als Herzgewinnendes. „Mordaunt Littlepage, habt Ihr die Worte vergeſſen, die ich Euch ſagte, als wir uns das letzte Mal trennten?“ fragte ſie ernſt. „Vergeſſen! Ich werde ſie nie vergeſſen! Sie trieben mich beinahe zur Verzweiflung, und waren die Urſache, daß all' dieſes Unheil über uns kam.“ „Ich ſagte Euch, daß mein Wort ſchon verpfändet ſei— daß ich Euern edeln, offenen, großmüthigen, männlichen Antrag nicht annehmen könne, weil ein Anderer meine Zuſage habe.“ „Das habt Ihr, das habt Ihr mir geſagt.— Warum mein Elend ſo erneuern—“ „Aus einer beſonderen Abſicht will ich mich jetzt deutlicher ausſprechen— der Mann, dem ich mein Wort verpfändet habe, iſt in jenen Hütten und ich kann ihn nicht verlaſſen.“ 442 „Kann ich meinen Sinnen trauen? Könnt Ihr— habt Ihr— iſt es möglich, daß ein Weſen, wie Urſula Malbone, den Zephaniah Tauſendacres lieben kann— einen Squatter und den Sohn eines Squatters?“ Der Blick, mit welchem Dus mich anſah, verrieth ſogleich, daß ihr Staunen nicht minder groß war als das meinige. Ich hätte mir im Augenblick, wo die Worte geſprochen waren, meine haſtige und unbeſonnene Zunge abbeißen können; und ich bin über⸗ zeugt, das Aufſteigen des verrätheriſchen Blutes in mein Geſicht muß meiner Geſellſchafterin gezeigt haben, wie tief ich mich ſchämte. Dieß Gefühl ſtieg beinahe bis zur Verzweiflung, als ich den Aus⸗ druck von tiefer, demüthigender Kränkung bemerkte, welcher über das holde und gewöhnlich ſo vergnügte Antlitz von Dus kam, und daß ſie nur mit großer Mühe ihre Thränen unterdrückte. Eine Minute lang ſprach Keines; dann aber brach meine Geſellſchafte⸗ rin das Stillſchweigen, indem ſie feſt, ich möchte faſt ſagen feier⸗ lich ſagte: „Das zeigte in der That, wie tief ich heruntergekommen bin! Aber ich verzeihe Euch, Mordaunt; denn ſo tief auch mein Glück heruntergekommen iſt, Ihr habt Euch edel und offen gegen mich benommen und ausgeſprochen, und ich ſpreche Euch frei von jedem Gefühle, das nicht unter den obwaltenden Umſtänden natürlich wäre. Vielleicht,“ und ein leuchtendes Erröthen übergoß Dus' Antlitz bei dieſen Worten,—„vielleicht darf ich den großen Irr⸗ thum, in welchen Ihr verfallen ſeid, einer Leidenſchaft zuſchreiben, welche gar häufig die Begleiterin ſtarker Liebe iſt, und inſofern ihn ſchätzen, ſtatt ihn mit Verachtung zu verwerfen. Aber, unter uns, was auch daraus entſtehe, es darf keine ſolche Mißverſtänd⸗ niſſe mehr geben. Der Mann, dem mein Wort verpfändet, dem meine Zeit und meine Dienſte gewidmet ſind, ſo lange Eines von uns Beiden lebt, iſt Oheim Kettenträger, und kein Anderer. Wäret Ihr nicht ſo von mir fortgerannt, Mordaunt, ſo hätte ich Euche di vie r— mniah eines leich, Ich neine iber⸗ eſicht imte. Aus⸗ über und Eine afte⸗ feier⸗ bin! Glück mich edem rlich Dus' Irr⸗ iben, ofern unter änd⸗ dem von Zäret Euch 443 dieß wohl noch an demſelben Abend entdeckt, an welchem Ihr ſo. viel edle Offenheit an den Tag legtet.“ „Dus!— Urſula!— geliebte Miß Malbone! alſo habe ich keinen mir vorgezogenen Nebenbuhler?“ „Kein Mann hat mir je von Liebe geſprochen, als dieſer un⸗ geſchlachte, rohe junge Squatter und Ihr!“ „Alſo iſt Euer Herz noch unberührt? Ihr ſeid noch freie Herrin Eurer Gefühle?“ Der Blick, welchen mir Dus jetzt zuwarf, war etwas herb und trotzig; aber bald veränderte ſich der Ausdruck ihres Geſichts, und ich entdeckte wieder das tiefe Gefühl und die edle Sympathie ihres koſtbaren Geſchlechts darin. „Wenn ich Euch mit Ja! antwortete, ſo würden viele Frauen der Meinung ſein, daß ich nur von dem Rechte eines Mädchens Gebrauch mache, welches ſo ohne Umſtände behandelt worden;— aber—“ „Aber was, reizende, innigſt geliebte Urſula? Aber was?“ „Ich ziehe die Wahrheit der Koketterie vor, und will nicht verſuchen zu läugnen, was nicht in der Ordnung und faſt noth⸗ wendig zu finden, beinahe ein Verrath gegen die Natur wäre. Wie könnte ein Mädchen, erzogen und gebildet wie ich, durch kein Band und keine Vorliebe an einen andern gebunden, in dieſem Walde mit einem Manne eingeſchloſſen ſein, der ſie mit ſo viel Güte und Hingebung und männlicher Zärtlichkeit behandelt hat, und gleich⸗ gültig bleiben gegen ſeine Verdienſte? Lebten wir in der Welt, Mordaunt, ich glaube, ich würde Euch allen Andern vorziehen; hier in dieſer Einſamket des Waldes weiß ich, daß ich es thue.“¹ Der Leſer ſoll nicht eingeweiht werden in den heiligen Erguß des Vertrauens, der nun folgte; wenigſtens nicht weiter, als daß er das Hauptergebniß erfährt. Eine Viertelſtunde verfloß ſo raſch und in der That ſo wonnevoll, daß ich mir kaum die Hälfte deſſen, was geſprochen wurde, wieder zu erzählen getraue. Dus nahm 444 keinen Anſtand mehr, ihre Neigung für mich zu bekennen; und obgleich ſie auf ihre Armuth hinwies, als auf ein wohl zu erwä⸗ gendes Hinderniß meiner Wünſche, ſo that ſie dieß doch nur leiſe, wie dieß die meiſten Amerikaner und Amerikanerinnen thun würden. In dieſem Punkte wenigſtens dürfen wir uns mit Recht unſeres Vorzugs vor allen andern Ländern der alten Welt rühmen. Wäh⸗ rend es kaum möglich iſt, daß ein Mann oder eine Frau nicht einſähe, welch' eine ernſte hemmende Schranke für das Glück des ehelichen Lebens durch die Verſchiedenheit der Anſichten und Ge⸗ wohnheiten der Stände und Kaſten der Geſellſchaft gezogen wird, erblickt doch ſelten irgend Jemand, in ſeiner paſſenden Sphäre, im Mangel an Vermögen und Geld ein unüberſteigliches Hinder⸗ niß für eine Verbindung— zumal wenn Eines von Beiden im Beſitze der Mittel iſt, dem Dienſte der Haushaltsgötter zu genügen. Die Aelteren mögen oft Bedenklichkeiten in dieſer Hinſicht hegen, und haben ſie wirklich, aber die jungen Leute ſelten. Dus und ich erfreuten uns in vollen Zügen dieſer glücklichen Unbefangen⸗ heit, während ich meine Arme um ihren Leib geſchlungen und ſie ihr Haupt an meine Bruſt gelehnt hatte, als ich aus einem Glück, das mich nach Elyſium zu verzücken ſchien, aufgeſchreckt wurde durch den heiſern, an Rabengekrächze erinnernden Ruf: „Da iſt ſie! Da iſt ſie, Vater! Da ſind ſie Beide!“ Wie ich vorſprang, den Herandringenden entgegen, ſah ich Tobit und Zephaniah unmittelbar vor mir, und in geringer Ent⸗ fernung hinter ihnen ſtand Lowiny. Der Erſtgenannte machte ein ingrimmiges Geſicht, der Zweite ſchien eiferſüchtig und zornig, die Dritte beſchämt und gekränkt. Nach einer Minute waren wir von Tauſendacres und der ſämmtlichen männlichen Squatterbrut umringt.— — — Vierundzwanzigſtes Kapitel. Jung iſt und ſchön, den meine Lieb' erleſen; ſchönheit und Jugend wohl auch Andre ziert; Doch etwas Göttliches in ſeinem Weſen Bezeichnet ihn, der dieſes Herz gerührt. Shenſtone. Eine rohere und gewaltſamere Störung einer Scene, bei welcher die ſanfteren Eigenſchaften des Gemüths ihre Rolle ſpielen ſollen, kam wohl nie vor. Ich, der ich alles bisher Vorgefallene wußte, erkannte ſogleich, daß wir ſehr ernſte Ausſichten vor uns hatten; Dus aber empfand anfänglich nur die Verſchämtheit und Verlegenheit des Weibes, das ſein heiligſtes Geheimniß profanen Augen verrathen ſieht. Eben die Leidenſchaft, welche einen Monat ſpäter, nach dem Austauſch der Ehegelöbniſſe, ihr Stolz geweſen wäre, vor aller Welt zu geſtehen und zu bethätigen, bei irgend einem Ereigniß von Wichtigkeit für mich, das eintreten mochte, empfand ſie jetzt eine ängſtliche Scheue zu offenbaren; und ich glaube, dieſe mädchenhafte Scham machte ihr, als wir ſo feſtge⸗ nommen wurden, mehr Kummer als irgend eine andere Empfin⸗ dung und Erwägung. Was die Squatters betraf, ſo hatte ſie vermuthlich keine ſehr deutliche Vorſtellung von deren eigentlichem Charakter; und es war einer ihrer lebhafteſten Wünſche, wieder zu ihrem Oheim zu kommen. Aber Tauſendacres gab uns Beiden bald deutlich zu verſtehen, wie ſehr es ihm jetzt Ernſt war. „So, mein junger Major, Ihr laßt Euch in demſelben Neſt fangen, wirklich! Ihr habt die Wahl, friedlich zurück zu marſchiren, wohin Ihr gehört, oder Euch binden und wie ein Rehbock, der eine Strecke weit im Walde draußen geſchoſſen worden, fortſchleppen zu laſſen. Ihr kennt den Tauſendacres und ſein Geſchlecht nicht, wenn Ihr wirklich glaubtet, ihm ſo entſchlüpfen zu können, an einem Platz, wo Ihr zwanzig Meilen Wald um Euch habt.“ . 446 Ich gab meinen Wunſch zu erkennen, nicht gebunden zu werden, und erklärte mich ganz bereit, die Squatters zu ihren Wohnungen zurück zu begleiten; denn Nichts auf der Welt hätte mich in Ver⸗ ſuchung führen können, Dus unter den gegenwärtigen Umſtänden zu verlaſſen. Wenn auch die Squatters mir erklärt hätten, daß ich freien Paß habe, ich würde doch, ſelbſt im Beſitze meiner Frei⸗ heit meinem Magnet gefolgt ſein, ſo unfehlbar als die Nadel nach dem Nordpol hinſtrebt. Es wurde Wenig mehr geſprochen, bis wir die Wälder ver⸗ laſſen und die offenen Felder der Lichtung erreicht hatten. Man geſtattete mir, meiner Geſellſchafterin auf dem Weg durch das Ge⸗ büſch und beim Klettern über ein paar Zäune behilflich zu ſein, und die Squatters, insgeſammt bewaffnet, bildeten einen Kreis um uns in einer Entfernung, die mir möglich machte, Dus einige aufmunternde Worte zuzuflüſtern. Sie beſaß, für eine Frau, eine große natürliche Unerſchrockenheit, und ich glaube den Vorwurf der Eitelkeit nicht zu verdienen, wenn ich hinzuſetze, daß wir Beide uns in Folge der ſo eben ſtattgefundenen Erklärungen ſo glücklich fühlten, daß dieſe neue Widerwärtigkeit uns, ſo lange wir nicht getrennt wurden, nicht niederzuſchlagen vermochte. „Seid nicht muthlos, liebſte Dus,“ flüſterte ich, als wir uns dem Vorrathshauſe näherten;„am Ende wagen doch dieſe Elenden nicht, ſich groß gegen das Geſetz aufzulehnen.“ „Ich hege ſehr wenig Beſorgniſſe, wenn Ihr und Oheim Ket⸗ tenträger mir ſo nahe ſeid, Mordaunt,“ gab ſie mir mit Lächeln zur Antwort.„Es kann nicht lange anſtehen, bis wir von Frank hören, der, wie man Euch geſagt haben muß, nach Ravensneſt gegangen iſt, um Vollmachten und Beiſtand zu holen. Er verließ unſere Hütten zur ſelben Zeit, wo wir hieher aufbrachen, und muß jetzt ſchon lange auf dem Rückwege begriffen ſein.“ Ich drückte dem lieben Mädchen die Hand; zur Erwiederung empfand auch ich einen leiſen Druck ihrer Hand, und ich machte 447 mich nun gefaßt, von ihr getrennt zu werden, da ich es als eine ausgemachte Sache anſah, Prudence und ihre Töchter würden die Bewachung und Hegung der Gefangenen übernehmen. Ich hatte, ſeit wir die Wälder verlaſſen hatten, immer geſchwankt, ihr einen Wink zu geben, welche Prüfung ihrer vermuthlich warte; aber da kein Verſuch, ſie zu einer Heirath zu zwingen, gemacht werden konnte, ehe der Friedensrichter ankam, dachte ich, es hieße dieß nur, ihr unnöthigerweiſe Angſt und Kummer bereiten. Die Prü⸗ fung, falls es wirklich dazu kommen ſollte, werde immer noch bald genug kommen; und ich hegte keine Beſorgniß, ein Weſen von Dus Geiſt und Charakter, die ſo eben erſt mit ſolcher Offenheit geſtanden hatte, daß ihr ganzes Herz mein ſei, durch Einſchüchterung zu einem Zugeſtändniß gebracht werden könnte, welches dem Zephaniah irgend Anſprüche auf ſie gäbe. Die Wahrheit zu geſtehen, eine Bergeslaſt war von meiner Bruſt gewälzt worden, und ich fühlte mich in Folge dieſes Umſtandes zu glücklich, als daß gerade jetzt irgend etwas Anderes mich hätte unglücklich machen können. Ich glaube, Dus ward auch durch ähnliche Gefühle einigermaßen auf⸗ recht erhalten und geſtärkt. Dus und ich trennten uns an der Thüre des erſten Hauſes, und ſie wurde der Aufſicht und Obhut von Tobit's Weib über⸗ geben, einer Frau, welche für ihren brutalen und ſelbſtſüchtigen Mann ganz gut paßte. Keine Gewalt jedoch wurde gegen die Ge⸗ fangene angewendet, die man frei gehen ließ;z obwohl ich bemerkte, daß ein Paar von den Weibern ſich in unmittelbarer Nähe ihrer Perſon hielten, ohne Zweifel als ihre Wächterinnen. Da wir uns den Behauſungen der Squatters auf einem neuen Pfade genähert hatten, wußte der Kettenträger nichts von der Ge⸗ fangennehmung ſeiner Nichte, bis ihm die Kunde davon durch mich mitgetheilt wurde. Er wußte nicht einmal von meiner Wiederein⸗ fangung, bis er mich wieder in das Gefängniß treten ſah, obgleich er wahrſcheinlich vorausſah, daß dieß mein Schickſal ſein würde. 448 Was Susqueſus betrifft, ſo legte er ſelten Erſtaunen oder irgend eine Gemüthsbewegung an den Tag, was ſich auch immer ereig⸗ nen mochte. „Nun, Mordaunt, mein Junge, ich wußte, daß Ihr ver⸗ ſchwunden waret, mir nichts dir nichts, und kein Menſch wußte wie; aber ich dachte gleich, es würde Euch ſchwer werden, Euch dieſen ſchuftigen Squatters durch die Flucht zu entziehen,“ rief Andries, mir herzlich die Hand ſchüttelnd, als ich in den Kerker hineintrat.„Da ſind wir wieder alle drei, und es iſt ein Glück, daß wir ſo gute Freunde ſind, da unſer Quartier keines von den geräumigſten und beſten iſt. Der Indianer ſah mich allein, und ſo nahm er ſein gegebenes Wort zurück und iſt ein im engen Ge⸗ wahrſam gehaltener Gefangener, wie wir Andern auch, aber in gewiſſem Sinne ein freier Mann. Ihr könnt jetzt die Streitart herausgraben gegen dieſe Squatters, ſobald es Euch gefällt; iſt es nicht ſo, Sureflint?“ „Gewiß— Wafefenſtillſtand aus— Sureflint Gefangener wie Jeder. Von Tauſendacres zurückgenommen mein Wort wieder— Indianer jetzt freier Mann.“ Ich verſtand des Onondago Sinn ganz gut, obgleich ſeine Freiheit von etwas zweifelhafter und zweideutiger Art war. Er wollte einfach ſagen, nachdem er ſich den Squatters wieder geſtellt und überliefert, ſei er von den Bedingungen ſeines gegebenen Ehrenwortes entbunden und es ſtehe ihm frei, einen Fluchtverſuch zu machen, oder Diejenigen, in deren Hände er gefallen war, zu bekriegen, in welcher Weiſe es ihm gefiel. Zum Glück war Jaap entkommen, denn ich konnte keine Spur davon entdecken, daß Tau⸗ ſendaeres oder ſeine Söhne auch nur Etwas von ſeiner Anweſenheit erfahren hatten. Es war ſchon etwas werth, einen ſo erfahrenen Waldmann und ſo treuen Freund in Freiheit und in der Nähe zu wiſſen; und die Nachrichten und Aufſchlüſſe, die er ertheilen konnte, falls er Frank Malbone, mit dem Conſtable und dem Gefolge 449 begegnete, konnten für uns äußerſt wichtig und nützlich ſein. Alle dieſe Punkte erörterten Kettenträger und ich ausführlich; und der Indianer ſaß dabei, ein aufmerkſamer aber ſchweigender Zuhörer. Es war unſere beiderſeitige Anſicht, Malbone könne mit der Hilfe jetzt nicht mehr weit entfernt ſein. Was die Folge eines Angriffs auf die Squatters ſein würde, ließ ſich nicht leicht vorherſagen, da die Letzteren wohl ſich zur Wehre ſetzen konnten; und ſo klein ihre Streitmacht war, ſo konnte ſie doch bei einem Kampfe dieſer Art ſehr furchtbar werden. Die Weiber einer ſolchen Familie waren nicht viel weniger kampftüchtig, als die Männer, wenn ſie ſich hin⸗ ter Blöcke poſtirten; und in hundert Dingen konnten ihre Lebens⸗ weiſe, ihre Erfahrung und Kühnheit ſich ſehr fühlbar geltend machen, falls die Sachen auf's Aeußerſte getrieben wurden. „Gott weiß,— Gott allein weiß, was das Ende von dem Allem ſein wird,“ verſetzte der Kettenträger auf eine meiner Be⸗ merkungen, indem er kaltblütig in Zwiſchenräumen Züge aus ſeiner Pfeife that, um das Feuer zu erhalten, da er ſie eben erſt ange⸗ zündet hatte.„Nichts iſt ungewiſſer, als der Krieg, wie Susque⸗ ſus hier ſehr gut weiß aus langer Erfahrung, und wie Ihr ſelbſt auch wiſſen müßt, mein Junge, da Ihr ja auch Feldzüge, und zwar heiße Feldzüge, mitgemacht habt. Sollte Frank Malbone einen Angriff auf dieſe Anſiedlung machen, was von ihm, als einem alten Soldaten, mit ziemlicher Wahrſcheinlichkeit zu erwarten iſt, ſo müſſen wir Allem aufbieten, um uns ihm auf einer ſeiner Flan⸗ ken anzuſchließen, damit wir ſein Vorrücken oder ſeinen Rückzug decken, je nachdem er gerade eine Bewegung machen wird.“ „Ich hoffe, es wird eine Bewegung vorwärts ſein, da Frank mir nicht der Mann ſcheint, der ſo leicht zum Rückzug zu bringen wäre. Aber dürfen wir auch gewiß annehmen, daß Squire New⸗ come den Verhaftbefehl bewilligen wird, den er von ihm verlangt, da er mit dieſen Squatters in ſo engem Verkehr ſteht?“ „Ich habe das Alles auch ſchon bedacht, Mordaunt, und es Der Kettenträger. 29 450 i*ſt wohl zu überlegen. Ich glaube, er wird wenigſtens an Tauſend⸗ acres einen Boten ſchicken und ihn wiſſen laſſen, was kommen wird, und die Sache ſo lange verzögern und hinausſchieben, als möglich. Das Geſetz iſt ein fauler Diener, wenn es ihm einfällt, langſam zu ſein; und mancher Spitzbube hat ihm den Vorrang abgelaufen, wenn es galt, den Rücken zu ſichern oder eine Strafe zu vermeiden. Aber dennoch, Mordaunt, der Mann, der das Recht auf ſeiner Seite hat, kämpft immer mit großem Vortheil, und hat alle Aus⸗ ſicht, am Ende den Preis davon zu tragen. Es iſt ein großer Vortheil, immer Recht zu haben; eine Wahrheit, die ich von meinen Knabenjahren an erkannt und gefühlt habe, die mir aber immer klarer und klarer geworden iſt ſeit dem Frieden, und ſeit ich zurück⸗ gekommen bin und mit Dus lebe. Dieß Mädchen hat mich gar Viel gelehrt in allen Dingen! und es würde Euch im Herzen wohl thun, wenn Ihr ſie ſehen könntet, allein mit einem alten, unwiſſen⸗ den Mann in den Wäldern; an einem Sonntag, wenn ſie ſich be⸗ müht, ihm ſeine Bibel zu erklären, und wie er Gott lieben und fürchten müſſe.“ „Thut das Dus für Euch, mein alter Freund?— Ueber⸗ nimmt wirklich dieß bewunderungswürdige Geſchöpf dieſe heilige Obliegenheit der Pflicht und der Liebe? So ſehr ich ſie früher ſchon hochgeachtet und bewundert habe wegen ihrer Ergebenheit und Zärtlichkeit gegen Euch, Kettenträger, bewundere und verehre ich ſie doch noch viel mehr wegen dieſes Beweiſes ihres aufrichtigen und tiefgehenden Intereſſes an Eurer Wohlfahrt. 13 „Ich will Euch Etwas ſagen, Junge— Dus iſt beſſer als zwanzig Dominies, um einen verſtockten alten Kerl, deſſen Gewiſſen zäh und hart geworden durch ein ſiebzigjähriges Leben in der Welt, aus ſeiner Sündhaftigkeit zurückzurufen auf die Wege der Gott⸗ ſeligkeit und des Friedens. Ihr ſeid jung, Mordaunt, und der Knorpel der Sünde hat ſich bei Euch noch nicht zum Knochen ver⸗ härtet, und Ihr wißt ſchwerlich, wie mächtig der Halt iſt, den D. D. 451 Gewohnheit und die Welt über einen alten Mann gewinnen; aber ich hoffe, Ihr lebt lange genug, um das Alles zu ſehen und zu empfinden.“ Ich lächelte nicht einmal, denn der kindliche Ernſt und die aufrichtige Einfalt, womit der alte Andries dieſen Wunſch vorbrachte, verhüllte das Lächerliche deſſelben hinter einem Schleier von Wahrheit und tiefem Gefühl, zu ehrwürdig, um irgend eine unehrerbietige Regung aufkommen zu laſſen.„Und das iſt der ſchlimmſte Wunſch, den ich Euch wünſchen kann, mein lieber Junge. Ihr wißt, wie es mit mir gegangen iſt, Mordaunt; eines Ketten⸗ trägers Beruf iſt keiner von den beſten, um Einem Religion beizu⸗ bringen, die überhaupt in den Wäldern eben nicht zu floriren ſcheint,— warum? kann ich freilich nicht begreifen, denn Dus hat mir zu wiederholten Malen gezeigt, daß Gott ſei in den Bäumen und auf den Bergen, und in den Thälern, und ſeine Stimme laſſe ſich vernehmen in den Bächen und Strömen ſo gut, wo nicht beſſer, als er in den Lichtungen und in den Städten zu ſehen und zu hören ſei. Aber mein Leben war kein religiöſes vor dem Krieg, und der Krieg iſt kein Gewerbe, das Einen ſo an den Tod denken lehrte, wie man ſollte, obgleich man ihn ſo zu ſagen Tag und Nacht vor Augen hat.“ „Und Dus, die treffliche, offene, warme, aufrichtige, weibliche und bezaubernde Dus verbindet dieſe bewundernswerthen Eigen⸗ ſchaften mit ihren andern Verdienſten, wahrhaftig! Ich wußte, daß ſie tief fuͤhle in Sachen der Religion, Kettenträger, aber ich wußte nicht, daß ſie eine ſo tiefe, innige Theilnahme am Heile Derer, die ſie liebt, empfinde, in Bezug auf dieſe höchſte und wichtigſte An⸗ gelegenheit des Menſchen.“ „Wohl dürft Ihr das Mädchen mit all' dieſen ſchönen Namen nennen, denn ſie verdient ſie alle und noch mehr. Nein— nein— Dus lernt man nicht in einem Tage kennen. Es kann Einer in demſelben Hauſe mit ihr wohnen, und ihr lächelndes Angeſicht ſehen und ihren fröhlichen Geſang hören Monate lang, und doch 29* 452 nicht erfahren, wie viel Gottſeligkeit und Sanftmuth, und Tugend und Liebe, und Frömmigkeit im Grunde ihrer Seele iſt. Ihr wer⸗ det dereinſt gut denken lernen von Dus, Mordaunt Littlepage!“ „Ich!— Wie ſagt Ihr, ich werde einſt gut denken lernen von Urſula Malbone, dem Mädchen, das ich beinahe anbete!— Gut denken von ihr, die ich jetzt ſchon ſeit drei Monaten mit einer Inbrunſt liebe, die ich nicht für möglich gehalten hätte!— Gut denken von ihr, die alle meine wachen Gedanken und zum großen Theil auch im Schlaf meine Seele beſchäftigt und erfüllt — von der ich träume— der ich verpfändet und verlobt bin— die meine Betheurungen mit Huld angehört und mir freundlich verſprochen hat, wenn alle bei der Sache Betheiligten zuſtimmen, eheſtens mein Weib zu werden!“ Der alte Andries hörte dieſen meinen energiſchen Ausruf mit Erſtaunen; und ſelbſt der Indianer wandte den Kopf und ſah mich mit vergnügter Aufmerkſamkeit an. Nachdem ich einmal in einer Aufwallung, der ich nicht zu widerſtehen vermocht hatte, ſo weit gegangen war, fühlte ich die Nothwendigkeit, mich noch deutlicher und ausführlicher auszuſprechen, und ihm Alles mitzutheilen, was ich über die Sache zu ſagen hatte. „Ja,“ fuhr ich fort, und faßte den alten Andries mit Wärme bei der Hand,—„Ja, Kettenträger, ich werde Euern oft ausge⸗ ſprochenen Wunſch erfüllen. Wiederholt habt Ihr mir Eure lieb⸗ liche Nichte zur Gattin empfohlen, und ich komme jetzt, Euch beim Wort zu nehmen, und zu ſagen, daß Nichts mich ſo glücklich ma⸗ chen wird, als wenn ich Euch Oheim nennen darf.“ Zu meiner Ueberraſchung legte der Kettenträger bei dieſer Ankündigung keine Freude an den Tag. Ich bemerkte, daß er ſeit meiner Ankunft auf dem Neſt Nichts mehr gegen mich erwähnt hatte von ſeinem alten Lieblingsprojekt, daß ich ſeine Nichte hei⸗ rathen ſollte; und jetzt, wo ich nicht nur bereit, ſondern ſo ſehr verlangend war, ſeinen Wunſch zu erfüllen, konnte ich deutlich ſehen, 453 daß er vor meinen Anträgen zurückſcheute und wünſchte, daß ich ſie nicht gemacht hätte. Ganz verblüfft wartete ich, bis er ſprechen würde, mit unbeſchreiblicher Unruhe und getäuſchter Hoffnung. „Mordaunt! Mordaunt!“ ſo machte ſich endlich das Herz des alten Mannes Luft—„ich wünſchte zu Gott, Ihr hättet das nie geſagt! Ich liebe Euch, Junge, beinahe ſo ſehr, als Dus ſelbſt; aber es ſchmerzt mich— es ſchmerzt mich, Euch davon reden zu hören, das Mädchen zu heirathen.“ „Ich bin eben ſo bekümmert als erſtaunt, Kettenträger, von Euch eine ſolche Aeußerung zu vernehmen! Wie oft habt Ihr ſelbſt gegen mich den Wunſch ausgeſprochen, daß ich Eure Nichte kennen lernen, ſie lieben und heirathen möchte! Jetzt, nachdem ich ſie geſehen,— nachdem ich ſie kennen gelernt habe, da ich ſie von Grund meines Herzens liebe und ſie zur Gattin zu nehmen wünſche, nehmt Ihr meinen Antrag ſo auf, als wäre er Euer und der Eurigen unwürdig.“ „Nicht ſo, Junge, nicht ſo. Nichts würde mich ſo glücklich machen, als Euch mit Dus vermählt zu ſehen, vorausgeſetzt, es könnte geſchehen, ohne daß Jemand dabei gekränkt würde und ſich zu beklagen hätte; aber das kann nicht ſein. Ich habe ſo ge⸗ ſchwatzt, wie Ihr ſagt, und ein recht thörichter, eingebildeter, ſelbſt⸗ ſüchtiger alter Mann war ich, als ich ſo ſchwatzte. Ich war da⸗ mals bei der Armee, und wir waren Beide Kapitäne; und ich war der ältere Kapitän, und konnte Euch Befehle geben und habe Euch Befehle gegeben; und ich trug eine Epaulette, wie jeder andere Kapitän, und hatte meines Großvaters Schwert an der Seite, und meinte, wir ſeien Ebenbürtige, und es ſei eine Ehre, meine Nichte zu heirathen; aber das Alles hat ſich geändert, Junge, als ich wieder in die Wälder kam und meine Meßkette wieder aufnahm, und wie ſonſt zu leben und zu arbeiten und meine Armuth zu füh⸗ len begann, und mich ſo ſah, wie ich bin. Nein— nein— Mor⸗ daunt Littlepage, der Eigenthümer von Ravensneſt, und der Erbe 454 von Mooſeridge und von Satanstoe, und von Lilaksbuſh, und von all den ſchönen Häuſern und Magazinen und Landgütern in York und auf und ab im Lande, iſt keine paſſende Partie für Dus Malbone!“ „Das iſt eine ſo außerordentliche Behauptung in Eurem Munde, Kettenträger, und ſo in völligem Widerſpruch mit Allem, was ich Euch früher über die Sache habe äußern hören, daß Ihr mir erlauben müßt, zu fragen, wie Ihr zu dieſer Anſicht gekom⸗ men ſeid?“ „Ich kam dazu durch Dus Malbone ſelbſt— ja, ich habe ſie aus ihrem eigenen Munde, in der ihr eigenen hübſchen und zier⸗ lichen Art und Weiſe ausgeſprochen.“ „So iſt denn je die Möglichkeit, daß ich Eurer Nichte einen Heirathsantrag machen könnte, zwiſchen Euch zur Sprache gekommen?“ „Ja wohl— ja wohl— und das mehr als einmal. Setzt Euch auf dieſen Holzblock und hört an, was ich Euch zu ſagen habe, und ich will Euch die ganze Geſchichte erzählen. Susqueſus, Ihr braucht Euch nicht ſo weit wegzuſetzen in jene Ecke, Ihr, der Ihr ja doch auch ein Gentleman ſeid, wenn gleich nur ein india⸗ niſcher Gentleman; denn ich habe vor einem folchen Freunde, wie Ihr ſeid, keine Geheimniſſe. So kommt denn wieder hieher, In⸗ dianer, und nehmt Euren alten Platz ein, dicht neben mir, wie Ihr ſo oft an meiner Seite geweſen, wenn der Feind uns keck in der Fronte angriff.“ Sureflint that ruhig, wie er geheißen war, wäh⸗ rend der Kettenträger ſich zu mir wandte und in ſeiner Rede fort⸗ fuhr:„Ihr ſollt ſehen, Mordaunt, Junge, was die Umſtände und die Wahrheit der Sache ſind. Wie ich zuerſt vom Feld zurückkam und ich voll war vom Stolz und der Autorität und den Geſinnun⸗ gen eines Soldaten, begann ich mit Dus von Euch zu ſchwatzen, wie ich gewohnt geweſen war, mit Euch von Dus zu ſchwatzen. und ich erzählte ihr, was für ein hübſcher, kühner, ſtattlicher, groß⸗ müthiger, rechtſchaffener junger Burſch Ihr ſeiet“— der Leſer wird mir zu gute halten, daß ich wiederhole, was Kettenträger in 4 von und ne!“ rem lem, Ihr om⸗ e ſie zier⸗ inen en?“ Setzt agen eſus, „der ndia⸗ wie In⸗ Ihr n der wäh⸗ fort⸗ und ckam mun⸗ atzen, atzen. groß⸗ Leſer ger in 455 ſeiner parteilichen Vorliebe für mich ſo zuverſichtlich ausſprach— „und ich erzählte ihr von Euren im Kriege geleiſteten Dienſten, und von Eurem Witz, und wie Ihr uns Alle lachen gemacht, ſelbſt wenn wir zur Schlacht marſchirten, und welch' einen Vater Ihr habet, und welch' einen Großvater, und Alles, was ein guter und warmer Freund von ſeinem Freunde ſagen kann und ſoll, wenn es wahr iſt, und wenn er es einem hübſchen jungen Mädchen erzählt, deren Herz heil iſt, und von der er wünſcht, daß ſie eine Liebe faſſe für eben dieſen Freund. Nun, das Alles erzählte ich Dus, nicht nur einmal, Mordaunt, oder zweimal, ſondern wohl zwanzig Mal, das dürft Ihr mir glauben.“ „Dieß macht mich nur um ſo neugieriger, zu hören, was Dus antworten konnte oder antwortete.“— „Ihre Antwort, Junge, iſt es gerade, was die gegenwärtige Schwierigkeit zwiſchen uns verurſacht. Lange Zeit ſagte Dus wenig oder nichts. Manchmal machte ſie ein herbes und ſpöttiſches Ge⸗ ſicht, und lachte— und Ihr wißt, Junge, das Mädel kann das Beides ſo gut, als die meiſten jungen Frauenzimmer. Manchmal fing ſie ein Lied zu ſingen an, etwa von treuloſen jungen Männern und von Jungfrauen, denen das Herz gebrochen. Manchmal ſah ſie traurig und bekümmert aus, und ich ſah ihr Thränen in's Auge treten; und dann wurde ich ſelbſt ſo ſanft und weichherzig wie ein Mädel, wenn ich ſah, daß ſie, die ſo gerne und leicht lachte, Thränen vergoß.“ „Aber wie endete denn das Alles? Was kann denn vorge⸗ fallen ſein, was eine ſo große Veränderung in Euren Geſinnungen und Wünſchen bewirkt hat?“ „Ha, Mordaunt, nicht ſowohl meine Wünſche haben ſich ge⸗ ändert, als meine Anſichten. Wenn man die Dinge gerade ſo haben könnte, wie man ſie wünſcht, Junge, ſo ſolltet Dus und Ihr Mann und Frau ſein, ſo weit es von mir abhängt, ehe acht Tage herum ſind. Aber wir ſind nicht unſere eigenen Herren, und 456 nicht Herren über das Schickſal unſerer Neffen und Nichten, ſo wenig, als wir Herren unſeres eigenen Schickſals ſind. Aber ich will Euch jetzt erzählen, wie es zuging. Eines Tages, als ich dem Mädchen in der gewohnten Weiſe vorſchwatzte, hörte ſie Alles, was ich ihr zu ſagen hatte, ernſthafter an als gewöhn⸗ lich, und dann antwortete ſie mir ungefähr folgendermaßen: „Ich danke Euch von Grund meines Herzens, Oheim Ketten⸗ träger,“ ſagte ſie, ‚nicht nur für Alles, was Ihr an mir ge⸗ than habt, als an der verwaisten Tochter Eurer Schweſter, ſondern auch für die Wünſche, die Ihr für mich hegt. Ich merke, daß die Idee, ich ſolle Euren jungen Freund, Mr. Mor⸗ daunt Littlepage, heirathen, tiefe Wurzeln in Eurem Gemüthe geſchlagen hat, und es iſt Zeit, ernſtlich von der Sache zu re⸗ den. Als Ihr mit dieſem jungen Gentleman als Kamerade lebtet, Oheim Kettenträger, da waret Ihr, der Kapitän Coeje⸗ mans von den Linientruppen des Staates New⸗York, ein äl⸗ terer Offizier als er, und es war ein ganz natürlicher Gedanke, Eure Nichte würde ſich zur Gattin für ihn eignen. Aber es i*ſt unſere Pflicht, in's Auge zu faſſen, was wir jetzt ſind, und vermuthlich bleiben werden. Major Littlepage hat Vater und Mutter, habe ich Euch ſagen hören, Oheim Kettenträger, und auch Schweſtern. Nun iſt das Heirathen ein ſehr ernſthaftes Ding. Eine Heirath ſoll für's ganze Leben dauern, und Nie⸗ mand ſollte eine ſolche Verbindung eingehen, ohne alle Punkte und Verhältniſſe recht zu erwägen. Es iſt kaum möglich, daß Leute in der glücklichen Lage und dem Wohlſtand dieſer Little⸗ page's wünſchen ſollten, einen einzigen Sohn, den Erben ihres Namens und ihrer Güter, ein Mädchen aus den Wäldern zur Gattin nehmen zu ſehen,— ein Mädchen, das nicht blos die Nichte eines Kettenträgers, ſondern ſelbſt auch Kettenträgerin geweſen iſt, und das Nichts in ihre Familie mitbringen kann, was ſie für dieß Opfer entſchädigte“.“ ſo lber als ſie hn⸗ gen: ten⸗ ge⸗ ſter, Ich Nor⸗ üthe re⸗ rade veje⸗ äl⸗ unke, r es und und und rftes Nie⸗ inkte daß ttle⸗ hres zur die gerin ann, 457 „Und Ihr konntet es über's Herz bringen, Andries, ruhig zu bleiben, und Urſula das Alles ſagen zu laſſen?“ „Ha, Junge, was konnte ich denn machen? Ihr hättet auch nicht anders gekonnt, Mordaunt, wenn Ihr gehört hättet, wie hübſch ſie alle ihre Perioden zu drehen wußte— ſo habe ich es Euch nennen hören— und wie ihr jede Sylbe, die ſie ſprach, von Herzen kam. Dann war auch ſchon das Geſicht des Mädchens allein hinreichend, mich zu überzeugen, daß ſie recht hatte; ſie ſah ſo ernſt und ſo traurig und ſo ſchön aus, Mordaunt! Nein, nein, wenn Einem eine Idee in den Kopf kommt mittelſt ſolcher Worte und Mienen, mein Junge, ſo iſt es keine ſo leichte Sache, derſelben wieder los zu werden.“ „Ihr wollt doch nicht ernſtlich ſagen, Kettenträger, daß Ihr gemeint ſeid, mir Dus zu verſagen?“ „Dus wird das ſelbſt thun, Junge; denn ſie iſt immer noch des Kettenträgers Nichte, und Ihr ſeid noch immer General Little⸗ page's Sohn und Erbe. Verſucht es einmal, und ſeht zu, was ſie Euch ſagen wird.“ 1 „Aber ich habe es ſchon bei ihr verſucht, wie Ihr es nennt; ich habe ihr meine Liebe erklärt, habe ihr meine Hand ange⸗ boten, und—“ „Und was?“ „Ha, ſie antwortete mir nicht ſo, wie Ihr ſagt, daß ſie Euch geantwortet habe.“ 1 „Hat das Mädel geſagt, ſie wolle Euch nehmen, Mordaunt? Hat ſie: Ja! geſagt?“ „Bedingterweiſe hat ſie es geſagt. Wenn meine Großmutter freudig ihre Zuſtimmung gibt, und ebenſo meine Eltern, und meine Schweſter Kettletas und ihr Gatte, und meine lachende, luſtige Kate, dann will Dus mich erhören.“ „Das iſt ſeltſam! Ha, jetzt ſehe ich, wie es iſt; das Mäd⸗ chen hat Euch ſelbſt geſehen, und iſt viel um Euch geweſen und 458 hat mit Euch geſchwatzt und geſungen und gelacht; und ich glaube, am Ende macht das einen Unterſchied in ihrer Anſicht von Euch. Ich bin ein Junggeſell, Mordaunt, und habe kein Weib und kein Liebchen, aber es iſt leicht genug einzuſehen, wie das Alles einen ſehr großen Unterſchied machen muß. Ich bin jedoch froh, daß der Unterſchied doch nicht ſo groß iſt, daß das Mädchen alle Eure Verwandten vergäße; denn wenn Jedermann ſeine Einwilligung gibt und wohl zufrieden iſt, nun dann iſt es nicht wahrſcheinlich, daß der Umſtand, daß ich ein Kettenträger bin, und Dus ſo arm und faſt verlaſſen iſt, ſpäter Euch nachgetragen werde und Euch bittere Gedanken und Empfindungen verurſache.“ „Andries Coejemans, ich ſchwöre Euch, ich wollte gleich dieſen Augenblick lieber Euer Neffe als der Schwiegerſohn Waſhingtons ſelbſt werden, wenn er eine Tochter hätte.“ „Das heißt, Ihr möchtet lieber Dus haben, als irgend ein anderes Mädchen Eurer Bekanntſchaft. Das iſt ganz natürlich, und mag bewirken, daß ich Euch eine Zeit lang Seiner Excellenz gleich gelte; aber wenn Ihr kälter überlegt und fühlt, mein lieber Junge, dann iſt zu beſorgen, daß Ihr doch einigen Unterſchied entdeckt zwiſchen dem Generalkapitän und Oberbefehlshaber ſämmt⸗ licher amerikaniſcher Streitkräfte und einem armen Kettenträger, der in ſeinen beſten Tagen nicht weiter als zu einem Kapitän in der Linie von New⸗York es gebracht hat. Ich weiß, Ihr liebt mich, Mordaunt; aber es iſt zu beſorgen, daß es auf die Länge doch nicht gerade die Art Liebe iſt, wie zwiſchen Oheim und Neffen. Ich bin nur ein armer Holländer, wenn ich Alles ſagen ſoll, ohne viel Erziehung und Bildung, und ohne Geld, und von wenig Ma⸗ nieren; während Ihr auf dem Kollegium geweſen und ein Kolle⸗ giumsgelernter ſeid, und ſo ein ſtattlicher und tapferer Knabe, als nur Einer zu finden iſt in den Staaten, wie wir jetzt die alten Kolonien nennen. Wäret Ihr ein Yankee, Mordaunt, ich wollte Euch zwanzig Mal heirathen und wieder geſchieden ſehen, ehe ich —,—,, ————9———₰9’ .„..8.ʒ.8⁊.&.;-» â„„„ 459 Euch das geſtände; aber es kann Einer ſeiner Unwiſſenheit und ſchlechten Erziehung und ſeiner Schwächen ſich wohl bewußt ſein, und es deßwegen doch nicht gern haben, daß man es ihm in's Ge⸗ ſicht ſagt, und daß ihn jeder Abeſchütz, der aus Neu⸗England kommt, deßhalb auslacht. Nein, nein, ich bin ein armer Holländer, das weiß ich; und das kann Einer einem Freunde wohl ſagen, wenn er auch lieber ſtürbe, ehe er einem Feinde etwas von ſolcher Ar⸗ muth geſtände.“ „Ich würde gern dieß Geſpräch fortſetzen, Andries, und es zu einem glücklichen Ende bringen,“ verſetzte ich;„aber da kommen die Squatters Alle mit einander, und ich glaube, es iſt irgend eine Maßregel oder ein Vorſchlag im Werke. So wollen wir denn unſere Angelegenheiten aufſchieben; und Ihr müßt nicht vergeſſen, daß ich keiner Eurer Anſichten und Entſcheidungen beitrete. Dus muß die Meinige werden, wenn wir ſie anders gegen die Fäuſte dieſer Elenden zu ſchützen im Stande ſind! Ich habe auch darüber etwas mit Euch zu ſprechen; aber jetzt iſt dazu nicht der Augenblick.“” Der Kettenträger ergriff meine Hand, die er freundſchaftlich drückte, und damit endete unſer Geſpräch. Wegen der Abſichten Tauſendacres' in Betreff Dus' war ich noch nicht aller Unruhe und Beſorgniſſe entledigt, obgleich der Sturm wonnevoller Gefühle, welcher durch meine Seele gezogen war, dieſelben für jetzt in den Hintergrund drängte. Ich hegte durchaus keine Beſorgniß, Urſula Malbone könnte ſich je durch gewöhnliche Mittel beſtimmen laſſen, die Gattin Zephaniah’s zu werden; aber ich zitterte bei dem Ge⸗ danken, was die Wirkung von Drohungen gegen mich und ihren Oheim ſein könnte. Auch war ich nicht ganz ruhig darüber, ob es nicht zur Ausführung dieſer Drohungen kommen könnte. Es ge⸗ ſchieht oft bei Verbrechen, eben ſo wie bei Begehung gewöhnlicher Sünden, daß die Menſchen von den Umſtänden fortgeriſſen werden, die ſie zu Thaten drängen, vor welchen ſie mit Entſetzen zurückge⸗ bebt wären, wenn ſich ihnen die Begehung derſelben geradezu, ohne 460 Dazwiſchenkunft von Mittelurſachen, dargeſtellt hätte. Aber offen⸗ bar nahte die Kriſis heran, und ich erwartete ihre Entwicklung mit aller Kaltblütigkeit, die ich aufzubieten vermochte. Was den Ket⸗ tenträger betrifft, ſo hegte er, der nichts wußte von der Be⸗ ſprechung in der Mühle, von welcher ich Zeuge geweſen war, keine Beſorgniſſe, daß von der Seite her, von welcher ich es am meiſten fürchtete, Unheil kommen würde. Der Tag war inzwiſchen weit vorgerückt, die Sonne war untergegangen und die Nacht ſtand nahe bevor, als Tobit und ſeine Brüder an die Thüre unſeres Gefängniſſes kamen und den Ketten⸗ träger und mich aufforderten, herauszukommen; Susqueſus aber ließen ſie zurück. Wir gehorchten bereitwilligſt; denn ich empfand es doch ſchon als eine Art von Freiheit, außerhalb dieſes Block⸗ hauſes zu ſein, mit ungefeſſelten Gliedmaßen, wenn auch über uns Beide ſcharfe Wache gehalten wurde. Zu meinen beiden Seiten ſchritt ein bewaffneter Mann, und der Kettenträger erhielt dieſelbe Ehrengarde. Um dieß Alles bekümmerte ſich der alte Andries wenig. Er wußte und ich wußte, daß die Zeit nicht mehr fern ſein konnte, wo wir erwarten durften, von Frank Malbone zu hören; und jede Mi⸗ nute, welche verſtrich, erhöhte unſere Zuverſicht in dieſer Beziehung. Vir hatten etwa die Hälfte des Weges zwiſchen dem Vorraths⸗ haus und der Wohnung Tauſendacres“ nach welcher wir unſere Schritte lenkten, zurückgelegt, als Andries plötzlich ſtehen blieb und ſich die Erlaubniß erbat, mir ein Wort heimlich ſagen zu dürfen. Tobit war in Verlegenheit, wie er dieß Verlangen nehmen ſollte; aber da offenbar der Wunſch obwaltete, ein leidliches Vernehmen mit dem Kettenträger zu erhalten, verſtand er ſich nach einer kleinen Pauſe dazu, mit ſeinen Brüdern einen weiten Ring um uns zu bilden, in deſſen Mitte ich und mein alter Freund allein blieben. „Ich will Euch ſagen, was ich in dieſer Sache für nöthig halte,“ begann Andries, in halb flüſterndem Tone.„Es kann nicht mehr lang anſtehen, bis Malbone zurück ſein wird mit den Kon⸗ 461 ſtables und der bewaffneten Macht und ſo weiter; wenn wir nun dieſen Schurken ſagen, wir wünſchten unſern Feinden am lichten Tage gegenüber zu ſtehen, und hätten keinen Magen für Nacht⸗ werk, vielleicht würden ſie uns dann in das Gefängniß zurückfüh⸗ ren, und ſo gewänne Frank mehr Zeit, hier anzukommen.“ „Es wird viel beſſer ſein, Kettenträger, wenn wir unſere Zu⸗ ſammenkunft mit dieſen Squatters recht verlängern, damit Ihr und ich auf freiem Fuße, wenigſtens nicht in dem Vorrathshauſe eingeſperrt ſind, wenn Malbone erſcheint. In der Verwirrung können wir ſogar vielleicht entkommen und uns unſern Freunden anſchließen, was tauſend Mal beſſer ſein wird, als wenn ſie uns in vier Wänden eingeſchloſſen treffen.“ Andries nickte mit dem Kopf, zum Zeichen ſeiner Zuſtimmung, und von nun an ſchien er befliſſen, die Sache hinauszuziehen, um Zeit zu gewinnen, ſtatt ſie zu einem baldigen Ende zu bringen. Sobald unſer Geſpräch zu Ende war, ſtellten ſich die jungen Män⸗ ner wieder neben uns, und wir bewegten uns ſämmtlich weiter. Da die Finſterniß hereinbrach, hatte Tauſendacres beſchloſſen, dieß Mal ſeinen Gerichtshof im Hauſe drinnen zu halten, wobei er Sorge trug, daß die Thüre gehörig bewacht wurde. In der innern Eintheilung des Raumes eines amerikaniſchen ländlichen Hauſes(cottage) iſt wenig Abwechslung. Etwa zwei Drittheile des Raums nimmt das Hauptgemach ein, welches den Feuerplatz*) enthält, und ſowohl als Küche als zum Wohnzimmer dient, wäh⸗ rend das übrige Gebäude in drei verſchiedene Theile zerfällt; der eine derſelben iſt gewöhnlich ein kleines Schlafzimmer, der zweite iſt die Milch⸗ und Speiſekammer, und der dritte enthält die Trep⸗ pen oder Leitern, mittelſt welcher man in den obern Stock hinauf oder in den Keller hinabſteigt. Dieß war die Einrichtung der Wohnung Tauſendacres,, und dieß iſt die Einrichtung von tauſend ähnlichen Wohnungen im Lande. Der Landmann, dem es gut geht, *) Heutzutage hat der Kochherd den offenen Feuerplatz beinahe verdrängt. 462 iſt jedoch ſelten lange mit einem ſo beſchränkten, ärmlichen Raume zur Wohnung zufrieden, und das kunſtgerecht gezimmerte Haus, zwei Stockwerke hoch und mit fünf Fenſtern in der Fronte, tritt bei ihm gewöhnlich bald an die Stelle der mehr hüttenartigen Be⸗ hauſung. Es iſt in der That ſelten, daß ein amerikaniſches Privat⸗ gebäude mehr als fünf Fenſter in der Fronte hat; die wenigen Aus⸗ nahmen von der Regel, die man findet, ſind Wohnungen von beſonders vornehmen Familien; und die jene Zahl überſchreitenden Fenſter befinden ſich gewöhnlich an den Flügeln. Einige unſerer alten, ſoliden, maſſiven ſteinernen Landhäuſer haben hin und wie⸗ der acht bis neun ſolcher Oeffnungen, doch ſind dieſe ſeltener. Ich kann jedoch hier nicht von Landhäuſern und Fenſtern plaudern, da ich ſo wichtige und ernſte Dinge zu erzählen habe. Im Wald, und beſonders in den jüngeren Theilen von New⸗ York ſind die Abende, ſelbſt in den warmen Monaten, häufig kühl. In jener denkwürdigen Nacht war, wie ich mich wohl erinnere, die Luft ſo ſcharf, daß ſie ſogar einen Froſt drohte, und Prudence hatte auf dem geräumigen Herde ihres kunſtloſen Kamins ein Feuer angezündet. Bei dem luſtigen Lodern dieſes Feuers, welches von Zeit zu Zeit neu angefacht wurde, durch dürres Holzwerk, deſſen ſich die amerikaniſchen Gränzer ſtatt des Reiſigs bedienen, fielen die Scenen vor, von welchen ich jetzt berichten will. Wir fanden alle männlichen und einige weibliche Mitglieder der Familie in dem großen Gemach des ſchon genannten Hauſes verſammelt, als Kettenträger und ich eintraten. Tobits Weib je⸗ doch, nebſt noch ein paar von der Schweſterſchaft, war abweſend, ohne Zweifel, um Dus zu bewachen. Lowiny ſtand, wie ich be⸗ merkte, ganz nahe beim Feuer, und das Geſicht des Mädchens ſchien mir traurig und nachdenklich. Man wird mich hoffentlich nicht beſchuldigen, ein eitler Geck zu ſein, wenn ich beifüge, daß mir der Gedanke durch den Sinn fuhr: die äußere Erſcheinung und das Benehmen eines jungen Mannes, ſo hoch über Denen 463 ſtehend, mit welchen ſie zu verkehren gewohnt war, habe einen leich⸗ ten Eindruck gemacht, ich will nicht ſagen auf das Herz, wohl aber auf die Einbildungskraft dieſes Mädchens, und Gefühle in ihr ge⸗ weckt, welche ſich in ihrer bisherigen Handlungsweiſe bethätigt hatten, während der Schatten, der jetzt ihre Stirne überzog, we⸗ nigſtens eben ſo ſehr auf Rechnung der Scene zwiſchen Dus und mir bei dem Felſen, wovon ſie Zeugin geweſen, als des Umſtandes zu ſchreiben war, daß ſie mich wieder als Gefangenen ſah. Die Freundſchaft dieſes Mädchens konnte auch jetzt noch von Wichtigkeit für mich ſein, und noch mehr für Urſula, und ich will gern be⸗ kennen, daß die Beſorgniß, ſie zu verlieren, mir nichts weniger als angenehm war. Ich konnte jedoch nur die Entwicklung der Zeit abwarten, um hierüber, ſo wie über andere höchſt intereſſante Punkte, zu einer Gewißheit zu gelangen. Tauſendacres war ſo artig, uns Stühle geben zu laſſen, und wir nahmen demgemäß Platz. Wie ich mich in dieſem ernſten und aufmerkſamen Kreis umſah, konnte ich keine Spuren von Feind⸗ ſeligkeit entdecken; im Gegentheil, alle Geſichter ſchienen friedlicher, als wie wir uns das letzte Mal trennten. Ich betrachtete dieß als eine Vorbedeutung, daß mir und meinem Freunde Vorſchläge ge⸗ macht werden würden, welche auf Frieden abzielten. Hierin täuſchte ich mich nicht; die erſten Worte, welche geſprochen wurden, trugen dieſen Charaker an ſich. 8.. „Es iſt Zeit, Kettenträger,“ begann Tauſendacres ſelbſt,„daß dieſer Handel zwiſchen uns zu einer Art von Ende gebracht werde. Er hält die Jungen von ihrer Holzarbeit ab und bringt meine ganze Familie in Unruhe. Ich kann von mir ſelbſt ſagen, daß ich ein Mann bin, der Vernunft annimmt, und bin ſo bereit, einen Zwiſt auszugleichen und beizulegen auf billige Bedingungen, als irgend ein Mann, den Ihr im ganzen Lande finden könntet. Viele Händel und Zwiſtigkeiten habe ich in meinem Leben ausgeglichen und in's Reine gebracht, und ich bin auch jetzt nicht zu alt dazu, 464 dergleichen zu ſchlichten. Manchmal habe ich die Sache ausge⸗ fochten, wenn ich auf einen hartnäckigen Kameraden ſtieß; manch⸗ mal habe ich es Schiedsrichtern überlaſſen, und manchmal habe ich die Sache ſelbſt in's Reine gebracht. Kein Mann kann ſagen, er habe mich je abgeneigt gefunden, der Vernunft mein Ohr zu leihen, oder er habe mich eine gerechte Sache aufgeben ſehen, ſo lang nur noch ein Stückchen von einer Möglichkeit war, ſie zu ver⸗ theidigen. Ich will geſtehen, daß ich, von der Zahl und Menge überwältigt und von Eurem verfluchten Geſetz überwitzt, ein oder zwei Mal in meinem Leben, noch jung und unerfahren, den Kür⸗ zern zog, und ſo gleichſam gezwungen ward, mich aus dem Staube zu machen. Aber Uebung macht den Meiſter. Ich habe in ſiebzig und mehr Jahren ſo viel geſehen und erlebt, daß ich gelernt habe, die Zeit und die Gelegenheit beim Stirnhaar zu faſſen, und in Geſchäften und Händeln keine Verzögerung leiden mag. Ich be⸗ trachte Euch, Kettenträger, als einen Mann ungefähr wie ich ſelbſt, vernünftig, erfahrungsreich und bereit, ſich zu verſtändigen. Ich ſehe daher keine große Schwierigkeit darin, dieſe Sache auf der Stelle in's Reine zu bringen, ſo daß es zwiſchen uns keine Erbit⸗ terung und keine hitzigen Worte mehr gibt. Das ſind meine Ge⸗ danken, und ich möchte gern auch die Eurigen vernehmen.“ „Da Ihr, Tauſendacres, in ſo höflichem und artigem Tone mit mir ſprecht, ſo bin ich gern bereit, Euch anzuhören und Euch in demſelben Sinne zu antworten,“ erwiederte der alte Andries, und ſein Geſicht verlor viel von dem entſchloſſenen und zornigen Ausdruck, mit welchem er noch ſeinen Sitz in dem Kreiſe ein⸗ genommen hatte.„Nichts ziemt einem Manne beſſer als Mäßigung, und ganz beſonders einem alten Manne. Ich glaube jedoch nicht, daß eine ſo große Aehnlichkeit beſteht zwiſchen Euch und mir, Tau⸗ ſendacres, in irgend einem Punkte, außer darin, daß wir Beide alt ſind. Wir ſind Beide ziemlich vorgerückt in Jahren, und ha⸗ ben einen Zeitpunkt des Lebens erreicht, wo es einem Manne wohl 465 anſteht, die großen Wahrheiten zu prüfen und darüber nachzudenken, die ſich in ſeiner Bibel finden. Die Bibel iſt ein Buch, Aaron, das nicht genug geleſen wird in den Wäldern; obgleich der all⸗ mächtige Gott ganz dieſelben Rechte auf die Verehrung und An⸗ betung ſeiner Geſchöpfe in den Wäldern, wie auf die Verehrung und Anbetung ſeiner Geſchöpfe in den Anſiedlungen hat. Ich ſage Euch das nicht, Tauſendacres, um mit meinem Wiſſen und meiner Gelehrſamkeit zu prahlen; denn Alles, was ich ſelbſt über den Gegenſtand weiß, habe ich von Dus, meiner Nichte, welche ſo gut, und ſo willig und ſo geſchickt iſt, dergleichen Materien zu erklären, als irgend ein Dominie, mit dem ich je geſprochen. Ich wünſchte, Ihr hörtet ſie ſelbſt auch; Ihr und Prudence; und dann würdet Ihr, glaube ich, zugeben, daß ihre Reden ſehr erbaulich und foͤr⸗ derlich ſind. Jetzt, da Ihr in der rechten Stimmung zu ſein ſcheint, iſt es eine gute Zeit dazu, daß Euch dieſe Wohlthat zu Theil werde 3 denn man ſagt mir, meine Nichte ſei hier und in der Nähe.“ „So iſt es; und es freut mich, daß Ihr ihren Namen ſo bald in's Geſpräch gebracht habt; denn es war meine eigene Abſicht, ihn zu erwähnen. Ich ſehe, wir haben die gleiche Anſicht von dem jungen Mädchen, Kettenträger, und ich hoffe und glaube, ſie ſoll das Mittel werden, alle Parteien zu verſöhnen und uns zu guten Freunden zu machen. Ich habe nach dem Mädchen geſchickt, und ſie wird bald hieher kommen mit Tobits Weib, die ſchon wun⸗ dervolle große Stücke auf ſie hält!“ „Wohl, weil Ihr von wundervollen Dingen ſprecht, Wunder werden nie aufhören zu geſchehen, glaube ich!“ rief der Ketten⸗ träger aus, denn er glaubte in der That, die Familie des Squat⸗ ters ſei plötzlich von einer religiöſen Regung und Erweckung ange⸗ wandelt worden, und es bereite ſich Etwas wie eine Bekehrung vor. „Ja, ja, es iſt ſo; wir finden Wunder, wenn wir es am wenigſten erwarten; und das eben macht die Wunder ſo wunderbar!“ Der Kettenträger. 30 466 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Ja, Haſtings, das ſind die, welchen mit Fug Der Liebe Zoll dein Vaterland bewilligt, Die treu, beharrlich, ſtets abwägen klug, Was fordern. darf der Ruhm, die Freiheit billigt. Akenſide. Eine Pauſe folgte auf dieſen kleinen Eingang, während wel⸗ cher die Verſammlung die Ankunft von Dus Malbone und der halbwilden Vormünderin oder Wächterin erwartete, die ſchon ſo große Stücke auf ſie hielt, daß ſie ſie nicht einen Augenblick aus dem Geſicht ließ. Während dieſer ganzen Zeit brütete Tauſend⸗ acres für ſich über ſeinen Planen; während der alte Andries ver⸗ muthlich über den eigenthümlichen Umſtand ſeine Betrachtungen anſtellte, daß„die Wunder ſo wunderbar ſein ſollten!“ Endlich entſtand eine geräuſchvolle Bewegung in der Nähe der Thüre; die unter ihr verſammelte Gruppe öffnete ſich, und Dus ſchritt in die Mitte des Zimmers, ihre Farbe etwas erhöht durch die Aufregung, aber mit feſtem Schritte, und ihr ganzes Weſen Muth und Zuver⸗ ſicht verkündend. Anfangs that das helllodernde Feuer ihr in den Augen wehe, und ſie hielt ſich die Hand vor's Geſicht. Dann wie ſie ſich umſah, begegnete ich ihrem Auge, und ward für alle meine Angſt und Bangigkeit durch einen jener Blicke belohnt, in welche die Zärtlichkeit ſo viel Bedeutung und Beredtſamkeit zu le⸗ gen weiß. Nur einen Augenblick ward ich ſo beglückt; ihre Augen ſchweiften von mir weiter, bis ſie den ihren Blicken zärtlich erwie⸗ dernden Augen des Kettenträgers begegneten. Der alte Mann war aufgeſtanden, und er empfing jetzt ſeine Nichte in ſeinen Armen, wie ein Vater ein geliebtes Kind empfangen würde. Dieß Ueberwallen des Gefühls dauerte nur eine kleine Weile. Es war unvorhergeſehen, Sache der unwiderſtehlichen innern Be⸗ V igt. vel⸗ der ſo aus end⸗ ver⸗ igen dlich die die ung, ver⸗ den Hann alle „ in u le⸗ ugen wie⸗ war men, Zeile. Be⸗ — V 467 wegung, nnd beinahe im ſelben Augenblick wieder unterdrückt. Aber es verſchaffte mir das Glück, Zeuge zu ſein von einem der herrlichſten Schauſpiele, die einem menſchlichen Auge wer⸗ den können: wie Jugend, Schönheit und weibliche Zartheit und Zärtlichkeit ihre Gefühle ausſtrömte an der Bruſt des Alters— des Mannes von rauhern und gröbern Eigenſchaften, abgehärtet und gebräunt von den Strapazen eines in den Wäldern hinge⸗ brachten Lebens. Für mich war der Kontraſt der hellen, gol⸗ denen Haare von Dus, und der wenigen dünnen gebleichten Locken ihres Oheims,— der flaumigen, pfirſichweichen Wange des Mädchens mit dem rothen, runzelvollen und ſonnenverbrann⸗ ten Geſichte des Kettenträgers wahrhaft entzückend. Es ver⸗ kündigte, wie tief dieſe Gefühle in unſerer Natur liegen müß⸗ ten, welche in ein ſo inniges Verhältniß zu ſetzen vermochten zwei Menſchen, die in allen Dingen ſo ungleichen Weſens ſchie⸗ nen, und die anſcheinend nothwendigen Anforderungen von Ge⸗ ſchmack, Neigung und Gewogenheit aufhoben, und ſich darüber wegſetzten. Dus ließ ſich nur einen Augenblick ſo von ihren Gefühlen hinreißen. Allerdings einigermaßen gewöhnt an das rauhe Le⸗ ben des Waldes mit all ſeinen Erſcheinungen, war dieß doch das erſte Mal, daß ſie in eine ſolche Verſammlung ſich verſetzt ſah, und ich bemerkte, wie ſie ſich mit weiblicher Zurückhaltung in ſich ſelbſt zurückzog, als ſie ſich jetzt umſchaute, und ſah, in welch roher und ungewohnter Umgebung ſie ſtand. Dennoch hatte ich ſie nie ſo ausnehmend reizend und liebenswürdig ge⸗ ſehen, wie dieſen Abend, denn ſie ſtellte Pris Bayard und Kate, trotz aller der Vortheile, welche dieſen ihre Kleidung und ein von allen Strapazen und den Einflüſſen der Witterung ver⸗ ſchontes Leben gab, weit in den Schatten. Vielleicht hatte die Lebensweiſe von Urſula Malbone ihrer Schönheit gerade erſt die Vollkommenheit und Fülle verliehen, die am häufigſten dem jungen 30* 8 468 amerikaniſchen Mädchen fehlt, das in der überzärtlichen und weichlichen Art und Weiſe unſerer gewöhnlichen elterlichen Aengſt⸗ lichkeit erzogen worden. Friſche Luft und Anſtrengung waren ihr hinlänglich vertraut geweſen, und dieſe hatten ihrer Blüthe und ihrer Perſon zu der Fülle und Entwickelung verholfen, welche man öfter bei den untergeordneteren, als bei den höherſtehenden Klaſſen des Landes findet. Was Tauſendaeres betrifft,— obgleich er jede Bewegung von Urſula Malbone mit eiferſüchtigem Intereſſe beobachtete, ſagte er doch kein Wort, den Strom ihrer Empfindungen zu unterbrechen. Sobald jedoch Dus den Armen ihres Oheims ſich entwunden hatte, zog ſie ſich zurück, und ſetzte ſich auf den rohen Stuhl, den ich ihr dicht neben Kettenträger hingeſtellt hatte. Ich ward für dieſe kleine Aufmerkſamkeit durch ein ſüßes Lächeln vom Gegenſtande derſelben belohnt; aber zugleich erin⸗ nerte mich ein griesgrämiſcher Blick des alten Squatters an die Nothwendigkeit, auf meiner Hut zu ſein, um nicht viel von dem Intereſſe zu verrathen, das ich an dem geliebten Weſen vor mir nahm. Wie es bei Verſammlungen von rohen und unge⸗ ſchickten Menſchen zu gehen pflegt, folgte eine lange peinliche Pauſe, nachdem Dus ſo in unſere Mitte getreten war. Nach einiger Zeit jedoch nahm Aaron die Sache wieder auf, um die es ſich handelte. „Wir ſind zuſammengekommen, um alle zwiſchen uns obwal⸗ tenden Schwierigkeiten in's Reine zu bringen, wie ich ſchon ge⸗ ſagt,“ begann Tauſendacres in ſo ruhig bedächtiger Weiſe, als wäre er mit Erfüllung der tadelloſeſten Lebensaufgabe beſchäftigt, — denn der äußere Schein, und die Formen der Tugend und des Laſters haben oft eine erſtaunliche Aehnlichkeit mit einander. „Wenn man ſich ſo verſammelt hat zu einem ſolchen Zweck, und im rechten Geiſte, ſo müßte irgendwo ein großer Fehler verborgen lie⸗ gen, wenn man ſich nicht über das Rechte einigte und verſtändigte. —j,— 8 8.. 469 Was Recht iſt zwiſchen Mann und Mann— das iſt mein Glaube, Kettenträger!“ „Was Recht iſt zwiſchen Mann und Mann iſt ein guter Glaube, Tauſendacres; und es iſt auch eine gute Religion;“ antwortete der Kettenträger kalt. „Das iſt es!— das iſt es! und ich ſehe jetzt, daß Ihr in einer vernünftigen Stimmung ſeid, Kettenträger, und daß Aus⸗ ſicht iſt, mit Euch Handels einig zu werden. Ich verachte einen Mann, der ſo feſt ſteckt in ſeinen Begriffen und Meinungen, daß man ihn nicht um einen Zoll breit nachzugeben vermögen kann bei einer Unterhandlung— ſtimmt Ihr dem nicht auch bei, Kapitän Andries?“ „Das kommt darauf an, was es für Anſichten und Begriffe ſind. Manche Begriffe thun Niemand gut, und je eher man der⸗ ſelben los wird, deſto beſſer; während manche Begriffe ſo vortreff⸗ lich ſind, daß ein Mann wohl daran thut, eher ſein Leben zu laſſen, als ſie aufzugeben.“ Dieſe Antwort verblüffte den Tauſendacres, welcher keine Idee davon hatte, wie ein Menſch je für ſeine Meinung ſterben könne; und der vermuthlich gerade in dieſem Augenblick dringend wünſchte, den Andern ſo weit gleichgültig zu ſehen gegen Grundſätze, daß er geneigt wäre, des Vortheils willen einige Opfer zu bringen. Es war ganz augenſcheinlich, daß dieſer Mann im Sinne hatte, bei dieſer Gelegenheit eine Liſt in Anwendung zu bringen, deren ſich oft die Individuen und manchmal auch die Staaten bedienen, wenn ſie aus einem ſehr kleinen Recht einen großen Vortheil ziehen möchten, die Liſt nämlich, viel Mehr zu verlangen, als man zu erhalten erwartet, und ſich ein großes Verdienſt daraus zu machen, wenn man in Punkten nachgibt, wo man überhaupt nie Anſprüche und Forderungen zu machen hatte. Aber dieſe Ab⸗ ſicht des Squatters wird von ſelbſt im Verlaufe der Erzählung deutlich genug hervortreten. 470 „Ich ſehe nicht, was es nützen ſoll, vom Leben laſſen zu ſchwatzen,“ verſetzte Tauſendacres auf des Kettenträgers Bemerkung, „fintemal dieß ja gar kein Handel iſt um Leben und Tod. Das Höchſte, was man aus dem Squatterweſen machen kann, wenn man auch dem Geſetz ganz ſeinen Lauf und Willen läßt, iſt ein Ver⸗ gehen und Schädigung, und das ſind keine Sachen, die einem Mann Angſt einjagen könnten, welcher ſein ganzes Leben lang ſich mit Mühen und Anfechtungen herumgeſchlagen. Wir ſind eben ſolche Geſchöpfe, wozu uns die Umſtände machen. Es gibt Männer, das beſtreite ich nicht, die Einer halb von Sin⸗ nen ängſtigen kann mit einem Papier oder Pergament, während eine ganze Schafheerde, Fell und Wolle miteinander, den, der an dergleichen gewohnt iſt, nicht einzuſchüchtern vermögen. Ich halte mich an den Grundſatz, zu thun was recht iſt, mag das Geſetz daruber ſagen was es will; und das iſt der Grundſatz, nach welchen ich auch unſere jetzige Verdrießlichkeit in's Reine bringen möchte.“ „Nennt Eure Bedingungen— nennt Eure Bedingungen!“ rief der Kettenträger etwas ungeduldig;„Geſchwätz iſt Geſchwätz, auf der ganzen Welt, und Handeln iſt Handeln. Wenn Ihr Etwas vorzuſchlagen habt, ſo ſind wir hier, willig und bereit, es zu hören.“ „Das iſt wacker, und ganz meine Art zu denken und zu fühlen, und ich will darnach handeln, als wenn es das Evan⸗ gelium St. Pauli ſelbſt wäre, und ich eigens verpflichtet wäre, ihm zu folgen. Folgendes iſt nun der Fall, und ein Jeder kann ihn verſtehen. Es gibt zweierlei Rechte auf Alles Land auf Erden und in der ganzen Welt. Eines von dieſen Rechten iſt was ich das Recht des Königs nenne, oder dasjenige, welches von Schreibereien und Geſetzen und dergleichen Erfindungen abhängt; und das andere beruht auf dem Beſitz. Es leuchtet der Vernunft ein, daß die Thatſache beſſer und mehr werth iſt, als alle Schrei⸗ berei darüber ſein kann; aber ich bin bereit, beides für jetzt, und —& —.,—— 4 471 um leichter einig zu werden, gleich zu ſtellen. Ich bin ganz dafür, die Sachen gütlich beizulegen, und kein böſes Blut zu machen; und das ſage ich, Kettenträger und ihr Jungen, daß iſt der rechte Geiſt, um Eintracht und Freundſchaft zu erhalten.“ Dieſe Erklärung ward mit einem Gemurmel allgemeinen Beifalls aufgenommen von dem geſammten Theile der Anweſenden, von welchem man vorausſetzen durfte, daß er daſſelbe Intereſſe mit dem Squatter habe, während die Gegenpartei, obwohl große Auf⸗ merkſamkeit an den Tag legend, ſtill blieb, den alten Andries mit⸗ eingeſchloſſen. 1 „Ja, das ſind meine Grundſätze,“ begann Tauſendacres wieder, indem er einen herzhaften Schluck Cider nahm, ein Ge⸗ tränke, von welchem er einen tüchtigen Vorrath herbeigeſchafft hatte, und ſobald er ſeinen Zug gethan, bot er den Krug höflich dem Kettenttäger hin—„Ja, das find meine Grundſätze, und gute Grundſätze ſind es für den, der Frieden und Eintracht liebt, wie Jeder zugeben muß. In der uns vorliegenden Sache nun vertritt General Littlepage und ſein Genoſſe die Schreiberei, und ich und die Meinigen vertreten den faktiſchen Beſitz. Ich ent⸗ ſcheide nicht, welches von beiden das Beſſere iſt; denn ich will nicht hart urtheilen über irgend eines Menſchen Recht, zumal nicht, wenn ein verſöhnlicher Geiſt waltet und thätig iſt; aber ich vertrete den faktiſchen Beſitz, und der General das Geſchreibe. Nun aber ſind Mißhelligkeiten und Schwierigkeiten unter uns entſtanden, und es iſt hohe Zeit, ihnen ein Ende zu machen. Ich betrachte Euch, Kettenträger, als den Freund der andern Eigenthümer des Bodens, und ich bin jetzt bereit Vorſchläge zu machen oder ſolche anzuhören, wie es ſich trifft.“ „Ich habe keine Vorſchläge zu machen, und auch keine Voll⸗ macht ſolche anzutragen. Ich bin hier Nichts als ein Meßketten⸗ träger, mit einem Kontrakt, das Patent in kleine Looſe zu ver⸗ meſſen, und dann iſt meine Obliegenheit zu Ende. Aber hier iſt 472 General Littlepage's einziger Sohn, und er iſt, ſo viel ich weiß, ermächtigt, Alles auf dieſem Gute zu thun, was nöthig iſt, als der Sachwalter—“ „Er iſt ein Sachwalter und iſt auch keiner!“ unterbrach ihn Tauſendacres, etwas heftig für einen Mann, in welchem der ver⸗ ſöhnliche Geiſt walten ſollte.„Im einen Augenblick behauptet er ein Sachwalter zu ſein, und im andern läugnet er es. Ich kann dieſe Ungewißheit nicht mehr lang ertragen.“ „Pah, pah, Tauſendacres,“ erwiederte der Kettenträger kalt, „Ihr laßt Euch von Eurem eignen Schatten ängſtigen; und das, laßt es mich Euch ſagen, kommt daher, daß Ihr ſelbſt nicht in Frieden und Eintracht, wie Ihr es nennt, mit dem Geſetz lebt. Ein Mann hat ein Gewiſſen, mag er ein Pelzhändler, oder ein Kuhhirte, oder ſelbſt ein Squatter ſein, und er hat es, weil Gott es ihm gegeben hat, und nicht, weil er es ſich ſelbſt angeſchafft und für ſeine Zwecke nöthig hätte. Dieß Gewiſſen iſt es, was meinen jungen Freund Mordaunt hier Euch als einen Sachwalter erſcheinen läßt, obgleich er ſo wenig ein Rechtsgelehrter und Ad⸗ vokat iſt, als Ihr ſelbſt.“ „Warum hat er ſich dann aber ſelbſt einen Sachwalter ge⸗ nannt, und warum nennt Ihr ihn ſo? Ein Sachwalter iſt ein Sachwalter in meinen Augen, und es kann zwiſchen ihnen wenig unterſchied ſein. Klapperſchlangen würde es beſſer ergehen auf einer Lichtung Tauſendacres, als den ſchmuckſten Sachwalter im Lande.“ „Wohl, wohl, behaltet Ihr eben Eure Geſinnungen, denn ich glaube, der Satan hat ſie in Euch gelegt, und kein Reden würde ſie Euch austreiben. Aber dieſer junge Gentleman, alter Squatter, iſt kein Sachwalter von der Art, wie Ihr meint, ſondern er iſt ein Soldat geweſen, wie ich ſelbſt auch, und in demſelben Regi⸗ ment mit mir, dem Regimente ſeines Vaters, und ein tapferer junger Mann iſt er und war er, ein Mann, der muthig gefochten hat für die Freiheit—“ eiß, als ihn er⸗ t er Ich alt, das, in ebt. ein Hott zafft was alter Ad⸗ ge⸗ ein enig einer de.“ ich ürde tter, r iſt egi⸗ ferer chten 473 „Wenn er ein Freund der Freiheit iſt, ſo ſollte er auch ein Freund ſein von freien Leuten; ſollte Freiheit geben, und Freiheit nehmen. Nun nenne ich das Freiheit, daß man jeden Maun ſo viel Land haben läßt, als er bedarf, und nicht mehr, und das übrige für Diejenigen vorbehält, die in derſelben Lage ſind. Wenn er und ſein Vater wahre Freunde der Freiheit ſind, ſo mögen ſie es beweiſen als Männer dadurch, daß ſie alle Anſprüche auf mehr Land, als ſie brauchen, aufgeben. Das nenne ich Freiheit! Laßt jeden Mann ſo viel Land haben, als er nöthig hat; das iſt meine Religion, und das iſt auch Freiheit*).“ „Warum ſeid Ihr ſo gemäßigt, Tauſendacres? warum ſeid Ihr ſo unbegreiflich gemäßigt? Warum ſagt Ihr nicht, jeder Mann habe ein Recht auf Alles, was er bedarf, ſo daß ihm dann auf einmal in allen Stücken geholfen wäre? Es iſt nicht der Weisheit gemäß, Etwas nur halb zu thun, und es iſt immer beſſer, alles Land zu vermeſſen, das Ihr bedürft, ſo lange der Kompaß gerichtet iſt und die Meßketten an der Arbeit ſind. Die Freiheit *) Ich fürchte beinahe, die tiefſinnigen, politiſchen Philoſophen, welche binnen der letzten Jahre unter uns aufgeſtanden ſind, einige hochgeſtellte Männer mitein⸗ geſchloſſen, welche in der That behaupten, der Amerikaner ſei ſo unausſprechlich frei, daß es dem Geiſt der Inſtitutionen des Landes zuwider laufe, ihm zu geſtatten, Grundherr oder Pächter zu ſein, wie ſehr er auch ſelbſt dazu Luſt habe,(und Nie⸗ mand behauptet, daß Geſetze oder faktiſche Verhältniſſe ihn nöthigen, gegen ſeinen eigenen Willen Eins oder das Andere zu ſein,) werden ſich etwas gekränkt fühlen, wenn ſie entdecken, daß ſie nicht das Verdienſt haben, als die Erſten ihre treffliche Theorie aufgeſtellt zu haben, indem Aaron Tauſendacres ihnen wenigſtens ſechzig Jahre zuvorgekommen iſt. Ueber das Prinzip, daß dieſer Lieblingslehre zu Grunde liegt, kann man ſich ſehr leicht in's Klare ſetzen, denn die Gottheit ſelbſt hat den Menſchen ſchon zu Moſes Zeiten das zehnte Gebot eingeſchärft, mit dem offenbaren Zweck, jenes Prinzip zurückzuweiſen. Ein Verſuch, zu beweiſen, daß die Inſtitutio⸗ nen dieſes Landes ſich mit dem Verhältniß von Grundherr und Pächter nicht vertra⸗ gen, iſt ein Verſuch, zu beweiſen, daß ſie nicht geeignet ſind, maßgebend zu ſein bei den verſchiedenen zufälligen Geſtaltungen der menſchlichen Dinge, iſt ein Aufgeben der Vertheidigung derſelben, da dieſe nur auf einer breiten, mannhaften Grundlage der allgemeinen Gerechtigkeit geführt werden kann. Als politiſches Prinzip iſt es ebenſo wahr, daß das Verhältniß vom Schuldner und Gläubiger den Inſtitutionen widerſpricht, und aufgehoben werden ſollte. Der Herausgeber. 474 beſteht ebenſo darin, daß man das Recht hat, mit einem Jeden ſeine Dollars zu theilen, als ſich mit ihm in ſein Land zu theilen.“ „Ich gehe nicht ſo weit, Kettenträger,“ verſetzte Tauſendacres mit einer Mäßigung, welche den Gegner ſeiner Grundſätze hätte erröthen machen ſollen.„Geld iſt, was ein Mann ſelbſt verdient, und er hat ein Recht darauf, und ſo ſage ich: laßt es ihn be⸗ halten; aber Land iſt nothwendig, und jeder Mann hat ein Recht auf ſo viel, als er deſſen bedarf— ich würde aber Keinem unter keinen Umſtänden einen Acre mehr geben, als gerade was er bedarf.“ „Aber um Geld kauft man Land; und wenn ihr die Dollars theilt, theilt ihr die Mittel, ſo viel Land zu kaufen, als ein Mann nöthig hat; ſodann gibt es auch viel mehr Land als Geld hier bei uns, und wenn Ihr einem Manne Land gebt, gebt Ihr ihm nur etwas ſo Gemeines und Wohlfeiles, daß er ein armer Teufel ſein muß, wenn er nicht alles Land, das er bedarf, ohne viele Mühe und ohne alles Squatten ſich verſchaffen kann, wenn Ihr ihm auch nur ein bischen Geld geben wollt. Nein, nein, Tauſendacres, Ihr ſeid ganz auf unrechtem Wege; Ihr ſolltet damit anfangen, die Dollars zu theilen, und das wird auch keine Störung in der Geſellſchaft machen, weil die Dollars in den Taſchen ſind, und jeden Tag kommen und gehen; während das Land feſt ſtehen bleibt, und manche Leute ihre eigenen Berge und Felſen und Bäume lieb haben — zumal, wenn ſie lange Zeit bei der Familie geweſen ſind.“ Eine finſtre Zorneswolke ſammelte ſich auf Tauſendacres' Stirne, theils weil er ſich geſchlagen fühlte durch den aufrichtigen, geſunden und geraden Menſchenverſtand des Kettenträgers, theils aus einem Grunde, den er ſelbſt in der Antwort andeutete, welche er ganz raſch auf die Bemerkungen meines Freundes gab. „Kein Menſch darf Etwas ſagen gegen das Squatterweſen, der gut Freund mit mir bleiben will,“ brach Tauſendacres los, mit einem Zucken der Muskeln um den Mund, welches deutlich verrieth, wie ernſt es ihm war.„Ich halte feſt an der Freiheit —,— 475 und an den Rechten des Menſchen, und das iſt kein Grund, daß ich mich davon ſollte abwendig machen laſſen. Meine Begriffe ſind die Begriffe auch von andern Menſchen, das weiß ich, wenn man ſie gleich Squatters⸗Begriffe nennen mag. Congreßmänner haben ſie aufgeſtellt, und werden ſie wieder aufſtellen und behaupten, wenn ſie ſtarke Unterſtützung erwarten in einigen Theilen des Landes zur Zeit der Wahl. Ich glaube gewiß, der Tag wird kommen, wo ſelbſt Gouverneure ſich finden, die ſie behaupten*). Gouverneure ſind am Ende doch eben auch Menſchen, und müſſen Lehren be⸗ kennen, welche den Bedürfniſſen der Menſchen genügen, oder ſie würden nicht lang Gouverneure bleiben. Aber das Alles iſt nichts als Geſchwätz, und ich möchte nun endlich einmal zur Sache ſelbſt kommen, Kettenträger. Da iſt hier dieſe Lichtung, und da iſt das Holz. Nun bin ich bereit, auf folgende Bedingungen mich zu ver⸗ gleichen. Ich behalte das geſchnittene Holz, führe es weg, ſobald das Waſſer hoch genug ſteigt, und verſtehe mich dazu, dieß Pri⸗ vilegium damit zu bezahlen, daß ich keinen Baum weiter fälle; aber das Recht muß ich haben, die Blöcke zu verſägen, welche ſchon gehauen und herbeigeſchleppt ſind; und dann was das Land und die Lichtung betrifft, wenn die Schrifteigenthümer ſie begehren, ſo können ſie ſie haben, wenn ſie mir die Meliorationen bezahlen, und über den Preis ſollen Männer aus der Nachbarſchaft als Schiedsrichter entſcheiden, da in der Stadt aufgewachſene Leute nichts verſtehen können von der Mühe und Arbeit des Fällens, und Scheitermachens, und Brennens und der Beſtellung neuer Ländereien.“ „Mordaunt, dieſer Vorſchlag geht Euch an. Ich habe mit der Lichtung nichts zu thun, als ſie zu vermeſſen, und dieſe Ob⸗ liegenheit will ich auch erfüllen, ſobald ich ſo weit in meinem Geſchäft komme, es entſtehe daraus was da wolle, Gutes oder Schlimmes.“ *) Tauſendacres ſpricht hier wie ein wahrer Prophet. Der Herausgeber. 476 „Dieſe Lichtung vermeſſen,“ fuhr Tobit auf mit ſeiner Raben⸗ ſtimme und in einem nicht wenig drohenden Tone.„Nein, nein, Kettenträger— es iſt kein Mann in den Wäldern, der es wagen dürfte, je mit ſeiner Meßkette dieſe Lichtung zu betreten.“ „Der Mann, ſage ich Euch, iſt Andries Coejemans, gemein⸗ hin Kettenträger genannt,“ verſetzte mein alter Freund ruhig. „Keine Lichtung und kein Squatter hat ihn noch je abgehalten, oder wird ihn, hoffe ich, je abhalten, ſeine Pflicht zu erfüllen. Aber Prahlen iſt eine ſchlechte Eigenſchaft, und die Zeit wird zei⸗ gen, ob ich die Wahrheit geſprochen habe.“ Tauſendacres ſtieß ein lautes„Hm!“ aus, und machte ein ſehr finſteres Geſicht, ſagte aber nichts, bis ſein Blut nach einiger Zeit wieder ruhiger geworden war. Dann fuhr er in ſeiner Rede alſo fort— offenbar bemüht, ſo lang als möglich auf gutem Fuß mit Kettenträger zu bleiben. „Im Ganzen,“ ſagte er,„glaube ich faſt, Tobit, es wird das Beſte ſein, wenn Ihr dieſe Angelegenheit ganz mir überlaßt. Die Jahre kühlen das Blut ab und geben der Vernunft Zeit, ſich zu ſammeln. Die Jahre ſind ſo nothwendig zur Einſicht und zum Urtheil, als ein Wipfel für einen Fruchtbaum. Ich glaube faſt, Kettenträger und ich, Beide ältliche und bedächtliche Männer, wer⸗ den am beſten mit einander zurecht kommen. Ich glaube gewiß, Kettenträger, daß, wenn man Euch Trotz böte, dieſe Lichtung zu vermeſſen, Ihr dann gerade, wie jeder muthige Kerl, nicht nach⸗ geben, ſondern mit Eurer Meßkette fortmachen würdet, möchte Euch in den Weg treten, Wer da wollte. Aber das liegt weder hier noch dort. Es iſt Euch unverwehrt, von dem Patent in dieſer Richtung auszumeſſen, ſo viel Ihr immer wollt, und es wird uns das nur um ſo mehr fördern, wenn wir an den Handel kommen. Vernunft iſt Vernunft, und ich bin von verſöhnlichem Geiſte beſeelt.“ „Um ſo beſſer, Tauſendacres; ja, um ſo beſſer,“ antwortete der alte Andries, etwas beſänftigt durch die verſöhnliche Stimmung, mit voll gen mu was will zu nern zu zutr und nun bei daß ding eine Beit welc als Beit ſo v Alle geſel mög unte Aus⸗ bietu ich ſi 477 mit welcher der Sauatter ſich jetzt äußerte.„Wenn eine Arbeit vollführt werden muß, ſo muß ſie verrichtet werden; und da ich gemiethet bin, das ganze Gut zu vermeſſen und abzutheilen, ſo muß auch das ganze Gut vermeſſen und abgetheilt werden. Nun, was habt Ihr weiter zu ſagen?“ „Ich habe noch keine Antwort auf meinen erſten Antrag. Ich will das Holz behalten, mit dem Verſprechen, keinen Baum weiter zu fällen, und die Schätzung der Meliorationen ſoll Schiedsmän⸗ nern übertragen werden.“ „Ich bin der Mann, dem es zukommt, auf dieſe Vorſchläge zu antworten,“ ſagte ich jetzt, da es mir paſſend ſchien, jetzt auf⸗ zutreten, damit nicht Andries und Tauſendacres über geringfügige und unweſentliche Punkte an einander geriethen, und ſo jede Hoff⸗ nung, Frieden zu halten bis Malbone ankäme, gefährdeten.„Da⸗ bei jedoch halte ich es für meine Pflicht, Euch ſofort zu erklären, daß ich keine Vollmacht habe, die mich berechtigte, auf Eure Be⸗ dingungen einzugehen. Oberſt Follock und mein Vater haben Beide einen ſtrengen Rechtsſinn, und nach meiner Einſicht wird Keiner von Beiden große Neigung verſpüren, auf Bedingungen einzugehen, welche wenigſtens den Schein haben, irgend eines ihrer Rechte als Grundeigenthümer bloszuſtellen und preiszugeben. Ich habe Beide in dieſer Beziehung äußern hören: ‚einen Zoll weichen ſei ſo viel, als eine Elle nachgeben,“ und ich geſtehe, daß ich nach Allem, was ich in neuerer Zeit von Anſiedlern und Anſiedlungen geſehen, ſo ziemlich derſelben Anſicht bin. Meine Vollmachtgeber mögen wohl Etwas nachgeben, aber nie werden ſie über eine Sache unterhandeln, wo alles Recht ausſchließlich auf ihrer Seite iſt.“ „Soll ich das ſo verſtehen, junger Mann, daß Ihr nicht zur Ausgleichung und Verſtändigung geneigt ſeid, und meinen Aner⸗ bietungen nicht Euer Ohr leihen wollt in dem Geiſt, in welchem ich ſie gemacht habe?“ fragte Tauſendaeres etwas trocken. „Ihr habt mich ſo zu verſtehen, daß meine Meinung genau 478 das iſt, was ich ausſpreche, Sir. Erſtlich habe ich keine Vollmacht, Eure Anträge anzunehmen, und werde mir auch keine anmaßen, mögen die Folgen für mich ſelbſt ſein, welche ſie wollen. In der That ſind auch alle Verſprechungen, die unter einem Zwang*) ge⸗ geben werden, ungültig und nichtig.“ „Ei wie!“ rief der Sauatter.„Dieß iſt das Patent Mooſe⸗ ridge,— Bezirk Waſhington, früher Charlotte County— und dieß iſt der Platz, wo wir unterzeichnen und ſiegeln werden, wenn etwas Schriftliches zwiſchen uns ausgefertigt wird.“ „Unter Verſprechungen unter einem Zwang(in duresse) ver⸗ ſtehe ich ſolche, welche gegeben werden, während die Partei, die ſie von ſich gibt, in Haft ſich befindet, oder überhaupt in einer Lage, worin es ihr nicht ganz frei ſteht, ſie zu geben oder nicht; und ſolche Verſprechungen ſind ungültig und nichtig, wenn auch alle möglichen Schriften und Urkunden zwiſchen den Betheiligten aufgeſetzt und ausgetauſcht worden ſind.“ „Dann iſt das eine ſeltſame Lehre, und ſpricht nicht ſehr zu Gunſten Eures gerühmten Geſetzes! das eine Mal verlangt es Ge⸗ ſchreibe, und nur Schreibereien und Briefe ſollen gelten; und das andere Mal ſollen alle Schreibereien auf der Welt nichts gelten! Und doch führen manche Leute Klage und urtheilen gar hart, wenn ein Mann nicht ganz nach dem Geſetz leben will!“ „Ich glaube faſt, Tauſendacres, Ihr überſeht die Zwecke des Geſetzes über ſeinen nackten Ordnungen und Regeln. Das Geſetz iſt dazu da, dem Recht Geltung zu verſchaffen, und wenn es nackten Regeln folgte, ohne Rückſicht auf Grundſätze, könnte es leicht das Werkzeug werden, um das Unheil zu bewirken, dem es entgegenarbeiten ſoll.“ Ich hätte mir die Mühe erſparen können, dieſe ſchöne Rede auszuſprechen, welche die Folge hatte, daß der Squatter mich mit 0 I duresse— Dieſen Ausdruck mißverſteht der Squatter, daher ſeine Ant⸗ wort. 6 70 — ͤ icht, hen, der ge⸗ oſe⸗ und denn ver⸗ die iner 479 Staunen anſtarrte, die jungen Männer lächelten und ein Gekicher unter den Frauen entſtand. Ich bemerkte jedoch, daß Lowiny's ängſtliches Geſicht eher Bewunderung verrieth, als dasjenige Ge⸗ fühl, welches bei ihren Genoſſinnen vorherrſchte. „Es führt zu Nichts, mit dieſem jungen Geſellen zu ſchwatzen, Kettenträger,“ ſagte Tauſendacres, auch mit einer gewiſſen Unge⸗ duld in ſeinem Weſen;„er hat ſein Leben im offenen Lande hin⸗ gebracht, und hat die Art, und das Weſen, und die Begriffe und Redensarten des offenen Landes; und das ſind Dinge, wovon ich nichts verſtehe. Ihr ſeid vorzugsweiſe Wald; er iſt offenes Land; und ich bin Lichtung. Es iſt ein Unterſchied zwiſchen Allen; aber Wald und Lichtung ſtehen ſich doch am nächſten, und ſo will ich mein Wort an Euch richten. Seid ihr alſo wirklich geneigt zu einem friedlichen Abkommen oder nicht, alter Andries?“ „Zu Allem, was billig und recht und vernünftig iſt, Tauſend⸗ acres, aber zu Nichts, was dieß nicht iſt.“ „Das iſt gerade meine Denkweiſe! Wenn nur das Geſetz ſo viel für einen Mann thäte, ſo würden die Sachwalter bald Hun⸗ gers ſterben. Wohl, wir wollen jetzt verſuchen, ſo bald als mög⸗ lich über die Bedingungen einig zu werden. Ihr ſeid ein unver⸗ heiratheter Mann, das weiß ich, Kettenträger; aber ich habe immer gedacht, das ſei nicht die Folge davon, daß Ihr dem Eheſtand abhold wäret, ſondern nur, weil Ihr nicht das rechte Mädel ge⸗ funden; oder vielleicht auch wegen des Vermeſſungsprinzips, das einen Mann immer von einer Gegend zur andern umherziehen macht; obwohl nicht viel mehr, als das Sqauatterleben auch, wenn man die Sache genau unterſuchte.“ Ich begriff wohl den Zweck dieſes plötzlichen Ueberganges von Renten und Beſitz, und von dem verſöhnlichen Geiſt auf den Ehe⸗ ſtand, aber Kettenträger nicht. In ſeinem Geſicht ſprach ſich nur ſeine Ueberraſchung aus; während ich, wenn ſich meine Empfindun⸗ gen in meinen Zügen ausprägten, das wahre Bild der Unruhe und 480 Unbehaglichkeit geweſen ſein muß. Die geliebte, argloſe Dus ſaß da in ihrer jungfräulichen Schönheit, ohne Zweifel ängſtlich und in banger Spannung in ihrem Innern, aber gar Nichts ahnend, von dem furchtbaren Schlage, der gegen ſie geführt werden ſollte. Da Andries' Miene ſein Verlangen ausdrückte, Mehr zu hören, ſtatt daß er auf dieſe ſeltſame Aeußerung, die er ſo eben vernom⸗ men, eine Antwort gegeben hätte, fuhr Tauſendacres fort: „Es iſt ganz natürlich, daß man an den Ehſtand denkt, wenn man ſo viele junge Leute vor ſich ſieht, nicht wahr, Kettenträger?“ fuhr der Squatter fort, über ſeine eigenen Einfälle lachend.„Ich habe da eine Menge Jungen und Mädels um mich herum, und ich bin eben ſo geneigt und bereitwillig, Gatten und Weiber für meine Verwandten und Nächſten ausfindig zu machen, und ſo Alles zu akkommodiren, wie ich alle andern Schwierigkeiten gerne mit ver⸗ ſöhnlichem Geiſt in's Gleiche bringe. Alles für den Frieden und für gute Nachbarſchaft, das iſt meine Religion!“ Der alte Andries fuhr ſich mit der Hand über die Augen, wie man wohl zu thun pflegt, wenn man eine geiſtige Anſtren⸗ gung durch eine äußere Nachhülfe fördern möchte. Er war offen⸗ bar in Verlegenheit, zu errathen, was der Squatter wohl meine, doch that er bald eine Frage, welche zu einer Art Erklärung führte. „Ich verſtehe Euch nicht, Tauſendacres;— nein, ich verſtehe Euch nicht. Iſt es etwa Euer Wunſch, mir Eines Eurer ſtatt⸗ lichen und wohlausſehenden Mädchen hier zum Weibe zu geben?“ Der Saatter lachte herzlich über dieſen Einfall, und die jungen Männer ſtimmten in ſeine Heiterkeit ein; während das be⸗ ſtändige Gekicher, das unter den anweſenden Weibern fortdauerte, ſeit von Heirath und Eheſtand die Rede geworden war, bedeutend zunahm. Ein unbetheiligter Zuſchauer hätte glauben müſſen, es beſtehe zwiſchen uns das beſte Vernehmen. „Von ganzem Herzen gern, Kettenträger, wenn Ihr Eine von den Mädeln bereden könnt, Euch zu nehmen!“ rief Tauſendacres, 481 anſcheinend vollkommen beiſtimmend und vergnügt;„wenn ich einen ſolchen Tochtermann habe, weiß ich nicht, ob ich nicht am Ende noch ſelbſt zur Meßkette greife und meine Lichtungen vermeſſe, ſo gut, wie die großen Landbeſitzer, die einen Stolz darein ſetzen, zu wiſſen, wo ihre Linien ſind. Da iſt Lowiny, ſie hat noch keinen Liebhaber und würde nicht übel für Euch paſſen, wenn ſie ſich nur dazu ent⸗ ſchließen möchte.“ „Lowiny denkt an Nichts dergleichen, und wird vermuthlich nie zu ſo Etwas ſich entſchließen,“ erwiederte das Mädchen raſch und in gereiztem Tone. „Nun, am Ende glaube ich auch, Kettenträger,“ begann Tau⸗ ſendacres wieder,„wir werden Euch nicht mehr zum Bräutigam machen. Siebzig Jahre iſt etwas ſpät, um ein erſtes Weib zu neh⸗ men, obwohl ich ſchon erlebt habe, daß Wittwer noch einmal hei⸗ ratheten, wenn ſie ſchon nahe an Neunzig waren. Wenn ein Mann in jungen Jahren ein Weib genommen hat, ſo hat er eine Art von Recht auf noch eines im Alter.“. „Ja, ja, oder auch auf hundert!“ fiel Prudence mit Heftigkeit ein.„Man gebe ihnen nur die Möglichkeit, ſo ſuchen ſie noch Weiber ſo lange ſie nur noch ſo viel Athem auftreiben können, um ſich Weibern anzutragen. Mädchen, Ihr könnt Euch nur darauf gefaßt machen— kein Mann wird lange trauern um Eine von Euch, ſobald Ihr einmal todt und begraben ſeid.“ Ich muß glauben, daß dieſer kleine Ausfall etwas Alltägliches war, da weder die„Jungen“ noch die„Mädels“ ſonderlich darauf zu achten ſchienen. Solche eheliche Winke und Anſpielungen kom⸗ men in der Welt häufig vor, und Prudence war nicht die Erſte, die ſich dergleichen erlaubte; ſie hat darin Millionen Schweſtern. „Ich will geſtehen, ich dachte nicht ſowohl daran, Euch ein Weib zu verſchaffen, Kettenträger, als ich daran dachte, einem meiner Söhne zu einem Weibe zu verhelfen,“ fuhr Tauſendacres fort.„Da iſt Zephaniah, ein ſo rüſtiger und hart arbeitender, Der Kettenträger. 31 482 aufrichtiger und gerader, ehrlicher und folgſamer junger Mann, als nur irgend Einer in dieſer Gegend zu finden ſein mag. Er ſteht im paſſenden Alter und denkt nachgerade daran, ein Weib zu neh⸗ men. Ich rathe ihm in alle Wege zu, zu heirathen, denn der Eheſtand iſt der geſegnetſte Stand im Leben, in den ein Menſch treten kann. Ihr würdet das vielleicht nicht glauben, wenn Ihr die alte Prudence hier anſeht, wie ſie jetzt iſt und ausſieht; aber ich rede aus Erfahrung, wenn ich den Eheſtand empfehle; und ich möchte um Alles in der Welt nicht ſagen, was nicht wirklich meine Meinung iſt in dieſer Sache. Ein bischen Heirath könnte allen unſern Mißhelligkeiten ein Ende machen, Kettenträger!“ „Ihr werdet doch wahrlich nicht verlangen, daß ich Euren Sohn Zephaniah heirathen ſolle, denke ich, Tauſendacres!“ ant⸗ wortete Andries unſchuldig. Dießmal war das Gelächter weder ſo laut noch ſo allgemein wie zuvor, da geſpannte Erwartung die Anweſenden ernſter machte. „Nein, nein, das will ich Euch gewiß nicht zumuthen, alter Andries; aber Lowiny könnt Ihr wohl haben, wenn Ihr anders das Mädchen dazu ſelbſt bereden könnt. Aber, weil ich von Ze⸗ phaniah redete, ich kann den jungen Mann mit Wahrheit empfehlen, was ich nie thäte, wenn er es nicht verdiente, obſchon er mein Sohn iſt. Niemand kann behaupten, daß ich es im Brauche habe, je meine Sachen herauszuſtreichen, nicht einmal meine Dielen und Bretter. Das Schnittholz Tauſendacres' iſt ſo wohl bekannt auf allen Märkten drunten, ſo ſagt man mir, als das Mehl des be⸗ rühmteſten Müllers. Ebenſo iſt es mit den Jungen; beſſere Burſche findet man nirgends; und ich kann den Zephaniah mit der gleichen Zuverſicht empfehlen, wie ich irgend eine Partie Bretter empfehlen konnte, die ich flußabwärts geflößt habe.“ „Und was habe ich mit alle dem zu ſchaffen?“ fragte der Ket⸗ tenträger ernſt. „Nun, die Sache liegt vor Augen, Kettenträger, wenn Ihr 483 nur einen Blick darauf richten wollt. Es iſt eine Zwiſtigkeit zwi⸗ ſchen uns, und zwar eine ziemlich ernſte Zwiſtigkeit. In mir wal⸗ tet der Geiſt der Verſöhnlichkeit, wie ich zuvor geſagt, und wie ich gerne wiederhole. Nun habe ich meinen Sohn Zeph hier, wie ich ſchon geſagt, und er ſieht ſich nach einem Weibe um; und Ihr habt eine Nichte hier— Dus Malbone, glaube ich, iſt ihr Name — und ſie würden gerade für einander paſſen. Es ſcheint, ſie ſind ſchon einigermaßen mit einander bekannt, und haben einige Zeit zu⸗ ſammen verlebt, und das wird die Sache glatt und eben machen. Was ich nun vorſchlage, iſt eben dieß, und nicht mehr, kein bis⸗ chen mehr. Ich erbiete mich, nach einer Magiſtratsperſon zu ſchicken, und zwar will ich das auf meine eigne Koſten thun; es ſoll Euch keinen Heller koſten; und ſobald der Mann kommt, wollen wir die beiden jungen Leute auf der Stelle zuſammengeben laſſen, und das wird, wie Ihr einſehen müßt, ewigen Frieden für immer zwiſchen Euch und mir ſtiften. Nun, wenn einmal zwiſchen uns Friede geſchloſſen iſt, ſo wird nur wenig mehr in's Gleiche zu bringen ſein mit den Schrift⸗ und Brief⸗Beſitzern des Landes, fintemal Ihr mit ihnen Allen auf ſo gutem Fuße ſteht, daß man Euch wohl anſehen darf, als gehörtet Ihr zu derſelben Familie. Wenn General Littlepage einen Werth auf etwas der Art legt, ſo will ich die Zuſage geben, daß Keiner von meiner Familie in allen künftigen Zeiten je auf Ländereien ſich als Squatter niederlaſſen ſoll, die er etwa in Anſpruch nimmt, mögen ſie ihm nun wirklich 4 gehören oder nicht.“ Ich ſah ganz deutlich, daß Kettenträger Anfangs den Sinn von des Squatters Vorſchlag nicht völlig verſtand. Auch Dus verſtand ihn nicht ganz, obgleich ſie auf ſo Etwas einigermaßen vorbereitet war, da ſie von Zephaniahs anmaßenden und kecken Wünſchen in dieſer Beziehung wußte. Aber als Tauſendacres ganz unverblümt davon ſprach, nach einer Magiſtratsperſon zu ſchicken, und die jungen Leute auf der Stelle zuſammen geben zu laſſen, 31* 484 da war es nicht leicht, ſeine Meinung zu mißverſtehen, und in der Bruſt des alten Andries trat bald an die Stelle des Staunens der gekränkte Stolz, und zwar dieß in einem Grade und in einer Art, wie ich es bei ihm nie zuvor geſehen hatte. Vielleicht darf ich, um gegen meinen vortrefflichen Freund gerecht zu ſein, hinzuſetzen, daß ſeine hochſinnigen Grundſätze und ſein ſcharfes Rechtsgefühl durch den ſeltſamen Vorſchlag nicht minder tief verletzt waren, als ſeine perſönlichen Gefühle. Es dauerte einige Zeit, bis er ſprechen konnte oder wollte; und dann that er es mit einem ſtrengen und würdevollen Weſen, wie ich gar nicht geahnt hätte, daß er es an⸗ nehmen könnte. Der Gedanke, daß Urſula Malbone einem ſolchen Menſchen, wie Zephaniah und einer ſolchen Familie, wie der des Squatters geopfert werden ſolle, empörte und erſchütterte ſein gan⸗ zes Gemüth und ſchien ihn für einen Augenblick zu überwältigen. Andererſeits war Nichts natürlicher, als daß die Familie Tauſend⸗ acres in ihrem Plane keine ſolche Verletzung der Schicklichkeit er⸗ blicken konnte. Der große Haufe in unſerm Lande führt beinahe ohne Ausnahme den Maaßſtab des Unterſchiedes in Stand und Vornehmheit blos auf das Geld zurück; und ſie ſahen, oder glaub⸗ ten zu ſehen, daß in dieſer Beziehung Dus nicht viel beſſer daran war, als ſie ſelbſt. Alle die Punkte, welche auf Geſchmack, feinerer Erziehung und Bildung, Lebensgewohnheiten und Grundſätzen be⸗ ruhten, waren ihnen wildfremd; und ſie nahmen, wie leicht zu be⸗ greifen, Eigenſchaften, die ſie weder ſehen noch faſſen konnten, gar nicht in Rechnung. Es kann daher nicht ſo ſehr überraſchen, daß ſie ſich einbilden konnten, der junge Squatter dürfte einen ganz paſſenden Ehemann für ein Mädchen geben, von der man wußte, daß ſie im Wald die Meßkette getragen hatte. „Ich glaube, ich fange an, Euch zu verſtehen, Tauſendacres,“ ſagte der Kettenträger, von ſeinem Stuhl aufſtehend und zu ſeiner Nichte hinüberſchreitend, wie vom Inſtinkt getrieben, ſie zu be⸗ ſchützen,„obgleich es nichts ſo Leichtes iſt, einen ſolchen Antrag d — 48⁵ zu verſtehen. Euer Wunſch iſt, daß Urſula Malbone das Weib Zephaniah Tauſendacres' werde, und darauf wünſcht Ihr dann einen Frieden mit General Littlepage und Oberſt Follock zu ſchließen und eine Indemnität zu erhalten für all' das Unrecht und die Räube⸗ reien, die Ihr an ihnen begangen habt—“ „Hört, alter Kettenträger; Ihr thätet gut daran, Euch in Eurer Sprache zu mäßigen—“— „Hört erſt, was dieſe meine Sprache iſt, ehe Ihr mich unter⸗ brecht, Tauſendacres. Ein kluger Mann hört zu, ehe er antwortet. Obgleich ich ſelbſt nie verheirathet geweſen bin, weiß ich doch, was ſich in dieſer Hinſicht ſchickt und ziemt, und daher will ich Euch danken für Euren Wunſch, mit den Coejemans und Malbone's Euch zu verbinden. Dieſe Pflicht erfüllt, will ich Euch erklären, daß meine Nichte Euren Jungen nicht will—“ „Ihr habt das Mädel nicht für ſich ſelbſt ſprechen laſſen,“ ſchrie Tauſendacres, ſo laut er konnte, denn er begann jetzt von einer Wuth bewegt zu werden, welche ſich auf dieſe Art einiger⸗ maßen Luft zu machen ſuchte.„Ihr habt dem Mädel nicht Gele⸗ genheit gegeben, für ſich ſelbſt zu ſprechen, alter Andries. Zeph iſt ein Burſche, deſſen Gleichen ſie nicht finden wird, wenn ſie auch weit ginge. Ich kann Euch das verſichern, obwohl ich vielleicht, als Vater des Jungen, es nicht ſagen ſollte,— aber um zum Frie⸗ den zu gelangen, bin ich bereit, viel zu überſehen.“ „Zephaniah iſt ein trefflicher Sohn,“ fiel Prudence ein, im Stolz und Selbſtgefühl einer Mutter, denn die Natur behauptete ihr Recht und ihren Triumph in ihrer Bruſt ſo gut, als in der der ge⸗ bildetſten Frau des Landes.„Unter allen meinen Söhnen iſt Zephaniah der beſte; und ich halte ihn für geeignet, Jede zu heirathen, die nicht im offenen Lande draußen leben, und auch von denen manche.“ „Rühmt Eure Güter und preist Euren Jungen, wie es Euch beliebt,“ antwortete Kettenträger mit einer äußern Ruhe, die, wie ich wohl ahnte, einen verzweifelten Entſchluß ankündigte.„Rühmt 486 Eure Güter und preist Euern Jungen; ich will nicht verſuchen, Euer Recht zu beſtreiten, dieß zu thun, ſo viel Ihr Luſt habt; aber dieß Mädchen ward mir von einer einzigen Schweſter auf ih⸗ rem Sterbebett hinterlaſſen, und möge Gott meiner vergeſſen, wenn ich die Pflicht vergeſſe, die ich gegen ſie habe. Sie ſoll nie einen Sohn Tauſendacres' heirathen— ſie ſoll nie einen Squatter hei⸗ rathen— ſoll nie einen Mann heirathen, der nicht nach ſeinem Stande, ſeinen Geſinnungen, Gewohnheiten und Anſichten geeignet iſt, der Gatte einer Lady zu ſein.“ Ein Schrei des Gelächters und Hohnes, womit ſich die wilde Erbitterung des gekränkten Stolzes miſchte, erhob ſich unter dem rohen Haufen, aber die Donnerſtimme Tauſendacres machte ſich ſelbſt in dieſem hölliſchen Lärm vernehmlich. „Nehmt Euch in Acht, Kettenträger, nehmt Euch in Acht uns ſo zu beſchimpfen! die menſchliche Natur kann und will nicht Alles ertragen!“ „Ich will nichts von Euch und den Eurigen, Tauſendaecres, 6 verſetzte ruhig der alte Mann, ſeinen Arm um den Leib von Dus ſchlingend, die ſich an ihn ſchmiegte und hing, mit einer feuerroth flammenden Wange, aber einem Auge, das nicht gewohnt war, ſich einſchüchtern zu laſſen, und die in dieſem furchtbaren Augenblick ganz entſchloſſen und im Stande zu ſein ſchien, ihres Oheims Thun und Entſchluß zu unterſtützen.„Ihr ſeid für mich Nichts, und ich will Euch hier verlaſſen in Euern Miſſethaten und verruchten Ge⸗ danken. Tretet bei Seite, befehle ich Euch. Wagt nicht den Bruder aufzuhalten, der im Begriff iſt, die Tochter ſeiner Schweſter vor der Gefahr zu ſichern, das Weib eines Squatters zu werden. Tretet zurück, denn ich will nicht länger unter Euch bleiben. In ein paar Stunden, elender Aaron, werdet Ihr die Thorheit von all' dieſem einſehen, und wünſchen, Ihr hättet als ein ehrlicher Mann gelebt!“ Mittlerweile wurde der Lärm der ſchreienden Stimmen ſo laut und betäubend, daß man unmöglich mehr hören konnte, was geſpro⸗ 7 ———-—.———— ,„— 8 eSSͤ hen, bt; ih⸗ enn nen hei⸗ nem mnet ilde dem ſich uns lles 8, 41 Dus roth ſich blick hun ich Ge⸗ uder vor retet vaar eſem öt!“ laut pro⸗ 487 chen wurde. Tauſendacres brüllte förmlich wie ein wüthender Stier, und er war bald heiſer von den Drohungen und Verwünſchungen, die er ausſtieß. Tobit ſagte weniger, war aber vermuthlich gefähr⸗ licher. Alle die jungen Männer ſchienen heftig aufgeregt, und ent⸗ ſchloſſen, die Thüre zu ſchließen und dem Kettenträger das Weg⸗ gehen zu verwehren; dieſer aber, den Arm um Dus geſchlungen, ſchritt langſam vor, dem Haufen winkend, bei Seite zu treten, und ihnen gebietend, ihm Platz zu machen, und zwar mit einer Feſtig⸗ keit und Würde, daß ich ſchon glaubte, er werde ſeinen Zweck er⸗ reichen. Inmitten dieſer Scene der Verwirrung aber blitzte plötz⸗ lich eine Büchſe; im ſelben Augenblick erfolgte der Knall, und der alte Andries Coejemans fiel. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. O Schatten ihr der Mitternacht, Der Geiſterſtunde tiefe Stille, Dem nahnden Tod zu Ehren, laßt Hier walten Eurer Schrecken Fülle“ Ja, ſendet zur Stund' Auf den fahlen Grund, Auf dieſe Scene voll ahnender Schauer, Die Gedanken, die ſchweren, Die aufrichtigen Zähren, An Gräbern die paſſendſten Zeugen der Trauer. Mallet. Es iſt ein Geſetz der menſchlichen Natur, daß das Uebermaaß der Leidenſchaft ſich ſelbſt Schranken ſetzt. Die Heftigkeit und Wuth des Menſchen ſteigt und wächst, bis eine entſetzliche That unter dem Einfluß derſelben verübt, vor dem Sünder aufſteigt, als Zeuge ſeiner Verblendung, und ihn wieder zur Beſinnung bringt. Die Schuld vertritt ſo das Amt der Vernunft, hält die Hand zu⸗ rück, ſtillt und beſchwichtigt die Pulſe und weckt das Gewiſſen. So ſchien es auch bei den Squatters von Mooſeridge zu ſein. 488 Eine ſo tiefe Stille folgte auf den Knall der Büchſe, daß ich den halb ſtockenden Athem von Dus hörte, wie ſie neben ihrem zu Boden geſtreckten Oheim daſtand, entſetzt und beinahe in eine Statue verwandelt durch dieſen ſo plötzlichen Schlag. Niemand ſprach; Niemand machte Anſtalt, den Ort zu verlaſſen; ja in Wahr⸗ heit, Keines rührte ſich. Es wurde nie bekannt, wer den Schuß abgefeuert hatte. Zuerſt ſchrieb ich ihn der Hand Tobits zu, aber mehr in Folge deſſen, was ich von ſeiner Gemüthsart und ſeinem Charakter wußte, als weil ich ſein Thun und Vornehmen gerade in dieſem Augenblick beobachtet hätte. Später neigte ich mich mehr zu der Anſicht hin, daß mein Freund durch die Hand Tauſendacres' ſelbſt gefallen ſei, obgleich die Mittel fehlten, irgendwie den ge⸗ ſetzlichen Beweis ſeiner Schuld herzuſtellen. Wenn Jemand, außer dem Elenden ſelbſt, der die That begangen hatte, wußte, wer der Verbrecher war, ſo kam doch die Wahrheit nie an den Tag. Die Familie bewahrte die Treue gegen ſich ſelbſt, und ſchien entſchloſſen, mit einander zu ſtehen oder zu fallen. In den Augen des Geſetzes waren alle Anweſende, welche zu der rechtswidrigen Feſthaltung Dus' und ihres Oheims halfen und die Hand boten, gleich ſchuldig; aber die Hand, an welcher die eigentliche Blutſchuld klebte, ward nie au's Licht gezogen. Mein erſter Gedanke, ſobald ich wieder zu mir ſelbſt kam, war, einen Arm um Dus Leib zu ſchlingen und mich mit ihr durch den Schwarm hindurchzudrängen, um zu entfliehen. Wäre ich bei dieſem Verſuche beharrt, er wäre, glaube ich, gelungen,— einen ſo tiefen Eindruck hatte ſelbſt auf dieſe rohen und geſetzloſen Men⸗ ſchen die ſo eben verübte Gewaltthat hervorgebracht. Aber Dus dachte in einem ſolchen Augenblick nicht an ſich. Nur einen Augen⸗ blick ſank ihr Haupt auf meine Schulter, und ich hielt ſie an meine Bruſt, indem ich ihr mein Vorhaben zuflüſterte, mit ihr zu fliehen. Dann richtete ſie ihr Haupt wieder empor, machte ſich ſanft aus meinen Armen los und kniete neben ihrem Oheim. 489 „Er athmet!“ ſagte ſie mit dumpfer Stimme, aber haſtig. „Gott ſei geprieſen, Mordaunt, er athmet noch. Die Verwundung iſt vielleicht nicht ſo ſchwer, als wir anfänglich glaubten; laßt uns ihm Beiſtand leiſten, ſo viel wir vermögeu.“ Das war die charakteriſtiſche Beſonnenheit und Entſchloſſenheit von Urſula Malbone! Raſch aufſtehend, wandte ſie ſich zu der Gruppe der ſchweigenden aber aufmerkſam beobachtenden Squatters, und ſprach den Reſt der Menſchlichkeit, der noch in ihren Herzen ſich finden mochte, um Beiſtand und Hilfe an. Tauſendacres ſtand als der Vorderſte des dunkeln Haufens unter der Thüre da, und betrachtete grimmig die regungsloſe Geſtalt, neben welcher Dus, bleich und mit zerriſſenem Herzen, aber doch geſammelt und in ruhiger Faſſung ſtand. „Der Hartherzigſte unter Euch wird doch einer Tochter nicht das Recht beſtreiten, einem Vater die Hilfe und Liebesdienſte zu leiſten, deren er bedarf,“ ſagte ſie mit einem Pathos in ihrer Stimme und mit einer Würde in ihrem Weſen und Benehmen, die mich mit Liebe und Bewunderung erfüllten, und einen ſichtbaren Eindruck auf Alle machten, die ſie hörten.„Helft mir meinen Oheim aufheben und auf ein Bett legen, während Major Little⸗ page ſeine Verletzung unterſucht. Ihr werdet mir dieſen kleinen Troſt nicht verſagen, Tauſendacres, denn Ihr könnt nicht wiſſen, wie bald Ihr ſelbſt auch ſolchen Beiſtandes benöthig ſein dürftet!“ Zephaniah, welcher ſicherlich bei dem Morde Kettenträgers nicht betheiligt war, trat jetzt näher; und er, ich, Lowiny und Dus hoben den noch immer Regungsloſen auf und legten ihn auf das Bett Prudence's, welches in dem Hauptgemache ſtand. Unter den Squatters fand eine Berathung ſtatt, während wir damit be⸗ ſchäftigt waren, und Eines nach dem Andern von der Familie ſchlich ſich weg, bis zuletzt Niemand mehr im Hauſe war, als Tauſendacres, ſeine Frau und Lowy; die Letztgenannte blieb bei Dus als eine nützliche und ſogar liebevolle Gehilfin. 490 Der Vater ſaß in finſterem Schweigen auf der einen Seite des Feuers, während Prudence ſich auf die andere ſetzte. Mir ge⸗ fiel der Ausdruck im Geſichte des Squatters nicht, aber er ſagte nichts und that nichts. Es ſchien mir, daß er über die Umſtände brüte, und ſeine Erbitterung dadurch nähre, daß er ſich eingebil⸗ detes Unrecht in die Seele zurückrufe, das er erlitten zu haben glaubte, und zugleich über Planen für die Zukunft ſinne. Wenn dieß wirklich der Fall war, ſo zeigte er große Selbſtbeherrſchung, indem weder Unruhe noch haſtige Ungeduld auch nur im leiſeſten Grade in ſeinen Zügen ſichtbar wurde. Prudence war in einer fürchterlichen Gemüthsbewegung. Sie ſagte nichts, aber ſie be⸗ wegte ſich und zuckte am ganzen Leibe in nervöſer Aufregung, und von Zeit zu Zeit entrang ſich ihrer Bruſt ein ſchweres, halb unter⸗ drücktes Stöhnen, trotz ihrer Anſtrengung, es zu erſticken. Im Uebrigen war ſie wie gar nicht anweſend. Ich war gewohnt, Schußwunden zu ſehen, und beſaß im All⸗ gemeinen einige Kenntniß von deren Wirkungen, ſo daß ich ziem⸗ lich zu beurtheilen vermochte, welche tödtlich zu werden drohten und welche nicht. Mein erſter Blick auf die Verletzung Ketten⸗ trägers überzeugte mich, daß keine Hoffnung blieb, ihn am Leben erhalten zu ſehen. Die Kugel war zwiſchen zwei Rippen hindurch⸗ gegangen und ſchien mir eine Richtung nach unten genommen zu haben; aber es war unmöglich, daß die vitalen Organe ſollten verſchont geblieben ſein, wenn die Wunde auf dieſem Punkte des menſchlichen Körpers anfing. Die erſte Wirkung der Wunde war Bewußtloſigkeit geweſen; aber wir hatten kaum den Leidenden auf das Bett gelegt und ſeine Lippen mit etwas Waſſer benetzt, als er wieder auflebte; und bald bekam er das Bewußtſein wieder, ſo wie auch die Sprache. Aber der Tod lag in ſeinen Zügen, und es war mir ganz klar, daß ſeine Stunden gezählt waren. Er konnte noch einige Tage leben, aber es war nicht möglich, daß er mit dem Leben davon kam. 491 „Gott ſegne Euch, Mordaunt,“ murmelte mein alter Freund, nachdem meine Bemühungen wenigſtens theilweiſe Erfolg gehabt hatten;„Gott ſegne und erhalte Euch immerdar, mein Junge, und vergelte Euch all' Eure Güte und Freundlichkeit gegen mich und die Meinigen. Die Squatters haben mich umgebracht, Junge; aber ich vergebe ihnen. Sie ſind eine unwiſſende, ſelbſtſüchtige, brutale Brut; und ich habe ſie vielleicht zu ſchwer gereizt. Aber Dus kann nie das Weib von Einem dieſer Familie werden.“ Da Zephaniah im Zimmer, obwohl in dieſem Augenblick nicht in der Nähe des Bettes war, ſo war ich ängſtlich befliſſen und verlangend, den Gedanken des Verwundeten eine andere Rich⸗ tung zu geben; und ich befragte ihn über die Beſchaffenheit ſei⸗ ner Verletzung, da ich wohl wußte, daß Kettenträger ſo viele Soldaten in einer Lage geſehen, ähnlich ſeinem traurigen Zu⸗ ſtande, daß er ziemlich richtig mußte beurtheilen können, wie es mit ihm ſtehe. „Ich bin ein Mann des Todes, Mordaunt,“ antwortete der alte Andries in einem Tone, noch feſter ſogar als in welchem er ſo eben geſprochen hatte.„Darüber kann man ſich gar nicht täu⸗ ſchen. Sie haben mich durch die Rippen und durch die Lebens⸗ organe geſchoſſen, und Rettung iſt nicht möglich. Aber das trägt mir wenig aus, denn ich bin jetzt ein alter Mann und habe meine ſiebzig Jahre gelebt— nein, mir trägt das nicht viel aus, ob⸗ gleich manche alten Leute am Leben hängen zäher und feſter als die jungen. Das iſt jedoch bei mir nicht der Fall; und ich bin bereit, zu marſchiren, wenn das große Kommandowort ertönt. Es thut mir ſehr leid, Mordaunt, daß dieſer Zufall ſich ereignen mußte, ehe das Patent vollſtändig vermeſſen iſt; aber ich bin noch nicht bezahlt für die bis jetzt vollendete Arbeit, und es iſt mir ein großer Troſt, zu wiſſen, daß ich nicht in Schulden ſterbe. Ich bin Euch und bin meinem guten Freunde, dem General, ſehr viel ſchuldig für empfangene Güte und Freundlichkeit, daß muß ich bekennen; — 492 aber was das Geld betrifft, ſo werdet Ihr durch dieſen Zufall in keinen Verluſt kommen.“ „Erwähnt nichts der Art, ich bitte Euch dringend, Ketten⸗ träger; ich weiß, mein Vater würde mit Freuden ſeinen beſten Hof darum geben, Euch aufrecht und geſund wieder erſtehen zu ſehen, wie Ihr noch vor zwanzig Minuten waret.“ „Nun, ich glaube gern, das mag wahr ſein, denn ich habe den General immer wohlwollend und freundſchaftlich gegen mich gefunden. Ich will Euch ein Geheimniß entdecken, Mordaunt, das ich nie bisher einem ſterblichen Menſchen geoffenbart, aber das jetzt noch länger zu bewahren nutzlos wäre, und das ich Euch gerne ſchon lange mitgetheilt hätte, wenn nicht der General ſelbſt ge⸗ wünſcht hätte, daß ich nicht davon ſpreche—“ „ Vielleicht wäre es beſſer, mein guter Freund, wenn Ihr mir dieß Geheimniß ein ander Mal mittheiltet. Das Sprechen könnte Euch ermüden und aufregen, während Schlaf und Ruhe Euch viel⸗ leicht wohl thun mag.“ „Nein, nein, Junge— alle Hoffnung der Art iſt eitel und nichtig. Ich werde nicht mehr ſchlafen, bis ich den letzten langen Todesſchlaf ſchlafen werde; ich fühle mit Beſtimmtheit, meine Wunde iſt tödtlich, und daß mein Stündlein bald kommen muß. Dennoch macht mir das Sprechen keine Schmerzen; und, Mordaunt, mein theurer Junge, Freunde, die im Begriffe ſtehen, ſich für ſo lange Zeit zu trennen, ſollten ſich nicht trennen, ohne vor dem Abſchied noch ein Wort mit einander zu ſprechen. Namentlich würde es mir eine Freude machen, einem Sohn all' die Güte und Freund⸗ ſchaft zu erzählen, die ich von ſeinem Vater empfangen und ge⸗ noſſen habe. Ihr wißt ſelbſt recht gut, Mordaunt, daß ich in den Zahlen nicht ſtark bin; und woher das kommt, das iſt mir ein Gegenſtand der Verwunderung und des Staunens, denn mein Groß⸗ vater Van Syce war ein Wundermann in der Arithmetik, und der erſte Coejemans in dieſem Lande, ſagt man, führte alle Rechnun⸗ 493 gen für den Dominie! Nun, ſei dem wie ihm wolle, ich wußte nie mit den Ziffern zurechtzukommen; und es iſt ein Geheimniß, das ich jetzt nicht mehr verſchweigen kann, Mordaunt, daß ich meine Stelle als Hauptmann nicht ſechs Wochen hätte behalten können, ohne Eures Vaters Güte für mich. Da er ſah, wie unmöglich es mir war, mit der Arithmetik zurechtzukommen, erbot er ſich, Alles der Art, was mein Dienſt mit ſich brachte, für mich zu beſorgen, und die ganze Zeit, während wir beiſammen waren, ſieben lange Jahre und mehr, ſtellte Oberſt Littlepage die Rechnungen für Coe⸗ jemans' Compagnie. Und dazu kapitale Rechnungen und Rapporte waren es, und die Bewunderung von Allen, die ſie geſehen; und ich empfand oft eine Art Schaam, wenn ich ſie rühmen hörte, und die Leute ſich verwunderten, wie ein alter Holländer doch ſeine Pflicht ſo gut zu erfüllen habe lernen können. Ich werde den General nie wieder ſehen, und ich wünſche, daß Ihr ihm ſagt, der alte Andries habe ſeine Güte gegen ihn nicht vergeſſen bis zu ſeinem letzten Athemzug.“ „Ich will Alles thun was Ihr von mir verlangt, Kettenträ⸗ ger— aber gewiß muß es Euch Schmerzen machen, wenn Ihr ſo viel ſprecht?“ „Gar nicht, Junge;— gar nicht. Es iſt für den Körper gut, wenn die Seele ſich ihrer Verbindlichkeiten entledigt. Da ich aber ſehe, daß Dus in Unruhe iſt, will ich meine Augen ſchließen, und ein wenig in mein eigenes Innere und meine Gedanken hineinſehen, denn ich ſterbe wohl vor einigen Stunden noch nicht.“ Es klang meinem Ohre ſchauerlich, einen Mann, den ich ſo ſehr liebte, ſo ruhig und mit ſolcher Gewißheit von ſeinem herannahen⸗ den Tode ſprechen zu hören. Ich bemerkte, daß Urſula's Herz bei⸗ nahe zerriſſen wurde von der Angſt und dem Kummer, welche dieſe Worte in ihr erzeugten; aber das edelherzige Geſchöpf behauptete in ihrem Aeußern eine ruhige Faſſung und Haltung, die Einen, der ſie weniger genau kannte als ich, wohl hätte täuſchen können. Sie winkte mir, vom Bette mich zu entfernen, in der eiteln Hoff⸗ 494 nung, ihr Oheim könne vielleicht einſchlafen, und ſie ſelbſt ſetzte ſich auf einen Stuhl in der Nähe, um bereit zu ſein, wenn er irgend Etwas bedürfe. Ich meinerſeits benützte die Gelegenheit, den Stand der Dinge draußen in's Auge zu faſſen und zu überlegen, welches Verfahren ich einſchlagen ſollte unter den neuen und verzweifelten Verhältniſſen, in die wir uns ſo unerwartet verſetzt ſahen; denn die Zeit einer Entſcheidung war ganz ohne Frage jetzt gekommen. Es war jetzt beinahe eine Stunde, ſeit die That begangen wor⸗ den war,— und da ſaßen noch immer Tauſendacres und ſein Weib, auf beiden Seiten des Feuers, in ſchweigendem Sinnen. Wie ich mich umwandte, nach den Squatters und dem Vater der Sqguatters zu ſehen, ſah ich, daß ſein Angeſicht jenen Ausdruck von trotzigeut Mißmuth angenommen hatte, der bei einem Manne von ſeinen lockeren Grundſätzen und ſeinem heftigen Temperament wohl als un⸗ heilverkündend betrachtet werden durfte. Auch hatten die Nerven⸗ zuckungen bei Prudence noch nicht aufgehört. Mit Einem Wort, dieſe beiden ſonderbaren Geſchöpfe erſchienen nach Verfluß dieſer Stunde ganz noch eben ſo, wie ſie zu Anfang derſelben ſich dem Auge dargeſtellt hatten. Wie ich an ihnen vorbei ſchritt, um nach der Thüre zu gehen, wollte mich bedünken, daß ſogar etwas Groß⸗ artiges in ihrem feſten Beharren in der Schuld liege. Vielleicht ſollte ich jedoch das Weib einigermaßen ausnehmen, deren Unruhe als ein Beweis gelten konnte, daß ſie doch das Vorgefallene bereute. An der Thüre ſelbſt fand ich Niemand; aber zwei oder drei von den jungen Männern beſprachen ſich in nicht großer Entfernung in lei⸗ ſem Tone mit einander. Allem Anſchein nach hatten ſie ein Auge auf das, was im Innern des Gebäudes vorging. Doch redete Kei⸗ ner von ihnen mit mir, und ich fing ſchon an zu glauben, das ſchon begangene Verbrechen habe einen ſo erſchütternden Eindruck auf ſie gemacht, daß ſie an keine weitere Mißhandlungen gegen uns däch⸗ ten, und es ſtehe mir frei, nach Gutdünken und Belieben zu thun und zu handeln. Aber ein Zupfen an meinem Ermel zog meinen 495 Blick ſeitwärts, und ich ſah Lowiny im Schatten des Hauſes kauern, verlangend, wie es ſchien, meine Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen. Sie war einige Zeit weg geweſen und hatte vermuthlich die Ge⸗ ſpräche der draußen Befindlichen belauſcht. „Denkt ja nicht daran, Euch weit vom Hauſe weg zu wagen,“ flüſterte das Mädchen.„Der böſe Geiſt hat von Tobit Beſitz ge⸗ nommen, und er hat ſo eben geſchworen, daſſelbe Grab ſolle Euch, Kettenträger und Dus decken.„Gräber laſſen ſich nicht zu Zeugen gebrauchen,“ ſagte er. Ich habe ihn nie ſo unheimlich geſehen, wie heute Abend, obgleich er immer fürchterlich wild und zornig iſt, wenn Etwas falſch geht.“ Das Mädchen glitt an mir vorbei, nachdem ſie mir in aller Haſt dieſe Mittheilung gemacht hatte, und im nächſten Augenblick ſtand ſie ruhig neben Dus, bereit, ihr in allen etwa nöthigen Dienſt⸗ leiſtungen bei dem Verwundeten behilflich zu ſein. Ich ſah, daß ſie unbemerkt geblieben war, und ſuchte dann mit einiger Vorſicht aus⸗ zukundſchaften, in welcher Lage ich ſelbſt mich befände. Die Nacht war inzwiſchen ganz finſter geworden, und es war unmöglich, auf zwanzig Fuß Entfernung Perſonen zu erkennen. Zwar konnte man auf doppelt ſo viel Schritte Entfernung oder auch noch mehr einen Mann von einem Baumſtumpen unterſcheiden; aber die verſchiede⸗ nen Gegenſtände der noch wilden und rohen Lichtung begannen der⸗ geſtalt ſich zu verwirren und in Eine Maſſe zu verſchmelzen, daß das Auge den größten Theil ſeines gewöhnlichen Sehvermögens verlor. Dieſe Gruppe von jungen Männern ſchloß, ſo vermuthete ich, den furchtbaren Tobit in ſich: aber ich konnte mir hierüber durchaus nicht Gewißheit verſchaffen, ohne mich derſelben ganz nahe zu wagen. Dazu hatte ich keine Luſt, da ich in dieſem Augenblick mit Keinem der Familie etwas Beſtimmtes zu ſprechen hatte. Hät⸗ ten die Squatter in mein Herz ſehen können, ſo würden ſie ganz unbeſorgt geweſen ſein wegen der Möglichkeit meiner Flucht; denn wenn auch Dus gar nicht in Betracht gekommen wäre, was doch 496 nicht der Fall war, noch ſein konnte, ſo wäre es für mich doch eine moraliſche Unmöglichkeit geweſen, den Kettenträger in ſeiner Sterbe⸗ ſtunde zu verlaſſen. Aber das wußten Tobit und ſeine Brüder nicht; und es konnte gefährlich für mich werden, wenn ich mir auf die entgegengeſetzte Annahme hin zu Viel herausnahm. Die Dunkelheit war natürlich in der Nähe des Hauſes am größten, und ich ſchlich dicht an den hölzernen Wänden hin, bis ich eine Ecke des Gebäudes erreichte, und ich glaubte, dieſe Bewegung würde ungeſehen bleiben. Aber ich wurde überzeugt, daß ich be⸗ obachtet wurde, in einer Weiſe, welche keinen Zweifel übrig ließ, indem einer der jungen Männer mir zurief, ich ſolle bei Gefahr meines Lebens nicht um die Ecke gehen, oder überhaupt in irgend einer Richtung ihnen aus dem Auge mich entfernen. Das war deutlich geſprochen, und es veranlaßte ein kurzes Geſpräch zwiſchen uns, in welchem ich meinen Entſchluß geſtand, meine Freunde nicht zu verlaſſen— denn der Kettenträger werde wahrſcheinlich die Nacht nicht überleben— und daß ich für meine Perſon gar keine Beſorgniſſe hegte. Ich ſei erhitzt und aufgeregt, und hätte das Haus nur verlaſſen, um in friſche Luft zu kommen; wenn ſie mir kein Hinderniß in den Weg legten, wolle ich in ihrer Nähe einige Minuten hin⸗ und hergehen, nur um meine fiebriſchen Pulſe etwas abzukühlen; und ich wolle ihnen mein Wort verpfänden, keinen Fluchtverſuch zu machen. Dieſe Erklärung nebſt der ſie begleiten⸗ den Verſicherung ſchien meinen Beobachter zu befriedigen, und es ward mir ruhig geſtattet, zu thun, wie ich begehrte. Ich wandelte zwiſchen der Gruppe der Squatters und dem Hauſe hin und her, und jedesmal, ſo oft ich dieſen von mir ge⸗ wählten Spaziergang wiederholte, kam ich dicht an den jungen Männern vorbei. Während dieſer Zeit benützte ich die günſtigen Augenblicke, um durch die Thür des Hauſes nach der bewegungsloſen Geſtalt von Dus zu ſchauen, welche neben dem Bett ihres Oheims ſaß, mit der geduldigen, ſchweigenden, zärtlichen Aufmerkſamkeit des ſeh und daf ihre glei mic nach Fuf Ric gew und und eine leiſe pen pens Geb einen ſehr wißh queſt hören 1 Eu im 2 5 Stun dort wiede Der eiten⸗ nd es dem r ge⸗ ungen ſtigen Floſen heims unkeit 497 des Weibes, und welche ich bei meinem Hin⸗ und Hergehen deutlich ſehen konnte. So treulich in dieſen Augenblicken meine Gedanken und Gefühle ſich meiner Geliebten zuwandten, bemerkte ich doch wohl, daß die jungen Männer jedesmal, ſo oft ich mich ihnen näherte, in ihrem Geſpräche mit einander innehielten, und ebenſo es wieder ſo⸗ gleich fortſetzten, wenn ich an ihnen vorüber war. Dieß veranlaßte mich, meinen Gang allmählig etwas weiter auszudehnen, indem ich nach beiden Seiten hin etwas weiter ging, ſo daß ich etwa hundert Fuß weit von der Gruppe, die ich als Mittelpunkt nahm, in beiden Richtungen mich entfernte. Weiter mich zu entfernen wäre unklug geweſen, da es hätte als eine Vorbereitung zu einem Fluchtverſuch und mithin zu einem Wortbruch erſcheinen können. In dieſer Weiſe mochte ich etwa acht oder zehn Gänge hin und her in eben ſo vielen Minuten gemacht haben, als ich, am einen Endpunkte meiner kurzen Promenaden angekommen, einen leiſen, ziſchenden Ton in meiner Nähe vernahm. Ein Baumſtum⸗ pen ſtand hier, und der Laut ſchien von der Wurzel dieſes Stum⸗ pens her zu kommen. Zuerſt bildete ich mir ein, ich ſei auf das Gebiet einer Schlange gerathen;z obwohl Thiere der Art, welche einen ſolchen drohenden Ton von ſich geben konnten, ſchon damals ſehr ſelten bei uns waren. Aber ich wurde bald aus meiner Unge⸗ wißheit geriſſen. „Warum Ihr nicht ſtehen bleiben am Stumpen?“ ſagte Sus⸗ queſus mit ſo leiſer Stimme, daß man ihn nicht auf zehn Schritte hören konnte, aber doch vollkommen deutlich und nicht flüſternd, „Euch Etwas zu ſagen haben— freudig zu hören.“ „Wartet, bis ich noch ein paar Gänge machen kann; ich will im Augenblick zurück kommen,“ war meine vorſichtige Antwort. Dann ſetzte ich meinen Spaziergang fort, ſtellte mich an einen Stumpen, der am andern Ende meiner Promenade ſtand, und blieb dort eine oder zwei Minuten angelehnt, worauf ich umkehrte und wieder wie zuvor an den jungen Männern vorbei ſchritt. Dieß Der Kettenträger. 32 498 wiederholte ich dreimal, und nach jedem Gang blieb ich ſtehen, wie wenn ich ausruhte oder nachſänne; und jedes Mal blieb ich länger ſo ſtehen, als das vorige Mal. Endlich blieb ich auch an dem Stumpen ſtehen, welcher den Indianer verſteckte. „Wie ſeid Ihr hieher gekommen, Susqueſus?“ fragte ich; „und ſeid Ihr bewaffnet?“ „Ja, gute Büchſe haben. Kettenträgers Büchſe. Er ſie nicht mehr nöthig haben, he?“ „So wißt Ihr, was vorgefallen iſt? Kettenträger iſt tödtlich verwundet.“ „Das ſchlimm! müſſen Skalpe nehmen für das! Alter Freund — guter Freund. Immer tödten den Mörder.“ „Ich wünſche, daß Nichts der Art verſucht werde; aber wie ſeid Ihr hieher gekommen? und wie kamet Ihr zu der Waffe?“ Jaap es gethan— gekommen und Thüre aufgebrochen. Neger ſtark— thun was er Luſt haben. Büchſe gebracht— ge⸗ ſagt, ſie zu nehmen. Wünſchen er bälder gekommen ſein— dann Kettenträger nicht getödtet. Wir ſehen!“ Ich hielt es für der Klugheit gemäß, mich wieder zu ent⸗ fernen, nachdem dieß geſprochen war, und ich machte wieder ein paar Gänge, ehe ich zum zweiten Mal Halt zu machen gera⸗ then fand. Aber die Wahrheit war mir jetzt ſchon deutlich ge⸗ worden. Jaap war aus dem Wald auf die Lichtung gekommen, hatte das wohlverwahrte Gefängniß des Onondago erbrochen, hatte ihm Waffen gegeben, und ſie waren Beide im Dunkel ausgezogen, um die Gebäude herumſtreifend, und den Augen⸗ blick, um einen Schlag zu führen, oder die Gelegenheit, mit mir zu ſprechen, abwartend. Wie ſie den Umſtand erfahren, daß Kettenträger erſchoſſen worden, dieß blieb meinen Vermuthungen zu errathen überlaſſen, obwohl Susqueſus den Knall der Büchſe mußte gehört haben, und ein Indianer, ganz frei ſich ſelbſt über⸗ laſſen, in einer Nacht wie dieſe, konnte ſich leicht Gewißheit ver⸗ wie 1 hen. ge⸗ dann ent⸗ ein gera⸗ ge⸗ men, chen, unkel agen⸗ mit daß ingen hüchſe über⸗ ver⸗ 499 ſchaffen über alle Hauptpunkte irgend eines Vorfalles, der ihn leb⸗ hafter intereſſirte. 3 Mein Gehirn ſchwindelte mir faſt, als alle dieſe einzelnen Um⸗ ſtände ſich meinem Geiſte aufdrängten, und ich war in großer Ver⸗ legenheit, was ich für einen Entſchluß faſſen ſollte. Um Zeit zur Ueberlegung zu gewinnen, blieb ich einen Augenblick bei dem Stum⸗ pen ſtehen, und flüſterte dem Onondago meinen Wunſch zu, er ſolle bleiben wo er ſei, bis ich ihm Befehle ertheilen könne. Ein aus⸗ drucksvolles„gut!“ war die Antwort, die ich erhielt; und ich be⸗ merkte, daß der Indianer ſich noch tiefer in ſeinem Lager zuſam⸗ menkauerte, wie ein reißendes Thier der Wälder, das ſeine Ungeduld zügelt, um ſeinen Satz, wenn die Zeit kommt ‚deſto ſicherer und tödtlicher zu machen. Ich hatte jetzt etwas Zeit zum Nachdenken vor mir. Da lag der arme Kettenträger, auf ſeinem Sterbelager ausgeſtreckt, ſo re⸗ gungslos, als wenn der Athem des Lebens ſchon von ſeinem Kör⸗ per gewichen wäre. Dus wich nicht von ihrem Poſten, beinahe ebenſo unbeweglich wie ihr Oheim; während Lowiny in der Nähe ſtand, und die Theilnahme und das Mitgefühl ihres Geſchlechts an der Trauerſcene vor ihr kund gab. Ganz flüchtig und vorüber⸗ gehend wurde ich auch Tauſendacres' und Prudence s anſichtig. Es ſchien mir, als wenn der Erſtere ſich nicht gerührt hätte ſeit dem Augenblick, wo er ſeinen Sitz am Herde eingenommen. Sein Ge⸗ ſicht war ſo ſtarr, ſeine Miene ſo finſter und ſeine Stellung und Haltung ſo hartnäckig verſtockt, wie in den erſten fünf Minuten, nachdem der Kettenträger gefallen war. Auch Prudence war ebenſo unverändert wie ihr Gatte. Ihr Leib zuckte fortwährend in ner⸗ vöſer Aufregung, aber nicht Einmal hatte ich ſie die Augen auf⸗ heben ſehen vom Stein des rothen Herdes, welcher beinahe das halbe Zimmer einnahm. Das Feuer war beinahe niedergebrannt, und da Niemand das Buſchholz, womit es unterhalten wurde, er⸗ neuerte, blieb nur noch eine leiſe flackernde Glut, die ihr unſtätes 32* Licht auf die Geſtalten dieſer beiden von ihrem Gewiſſen gequälten Geſchöpfe warf, wodurch ſie noch geheimnißvoller und ſchauerlicher wurden. Lowiny hatte zwar eine dünne, elende Talgkerze ange⸗ zündet, ſo wie man ſie gewöhnlich in den ärmlichſten Wohnungen ſieht; aber ſie war auf die Seite geſtellt worden, um nicht dem Auge des Verwundeten, den man ſchlummernd wähnte, wehe zu thun, und ſo trug ſie nur wenig zur Erhellung des Gemaches bei. Demungeachtet konnte ich doch Alles ſo ſehen, wie ich es beſchrieben habe, als ich eine kurze Zeit auf einem Punkte ſtehen blieb, von welchem aus man einen beherrſchenden Blick in's Innere des Hau⸗ ſes hatte. Von Dus konnte ich nur wenig wahrnehmen. Sie ſaß bei⸗ nahe unbeweglich am Bette ihres Oheims, aber ihr Angeſicht war meinem Auge entzogen. Plötzlich, und dieß geſchah in einem Augen⸗ blick, wo ich gerade vor dem Gebäude ſtehen geblieben war, ſank ſie auf ihre Kniee, verbarg ihr Angeſicht in der Decke, und ver⸗ ſank in Gebet. Prudence fuhr zuſammen, als ſie dieß ſah; dann ſtand ſie auf, nach der Art und dem Brauche Derjenigen, welche ſich einbilden, die Einfachheit und ſomit die Schönheit des Kultus zu erhöhen, wenn ſie die Ceremonien des Knieens vor dem all⸗ mächtigen Gotte abſchaffen, und ſtand aufrecht da wie zuvor hin und her ſchwankend mit ihrer hohen, knochigen Geſtalt, einer halb verwitterten Schierlingstanne des nahe gelegenen Waldes ähnlich, die den größten Theil ihres Grüns verloren hat und vom Sturm hin und her gewiegt wird. Dennoch ward ich gerührt über dieß ſtumme Zeugniß, daß das Weib doch noch Etwas von der Achtung und dem Sinn für die Anbetung und Verehrung der Gottheit hatte, welcher, freilich ſeltſam gemiſcht mit dem Fanatismus und einer zähen, hartnäckigen Selbſtgerechtigkeit, ohne Zweifel ſehr viel dazu beigetragen hatten, die Angehörigen ihres Volksſtammes, fünf oder ſechs Generationen vor der ihrigen, über das atlantiſche Meer her⸗ überzuführen. — ten zer ge⸗ gen em zu vei. ben von au⸗ bei⸗ var een⸗ ſank ver⸗ ann lche ltus all⸗ hin halb gllich, urm dieß tung atte, einer dazu oder her⸗ — 501 Gerade in dieſem Augenblick erkannte ich die Stimme Tobits, wie er auf die Gruppe ſeiner Brüder zuſchritt; er ſprach mit ſeinem Weibe, das ihn bis an ſeines Vaters Wohnung begleitete und ihn hier verließ, wie es ſchien, um in die ihrige zurückzukehren. Ich verſtand nicht, was er ſagte, aber der Squatter ſprach im finſtern, trotzigen Tone eines Mannes, deſſen Gemüthsſtimmung das Schlimmſte fürchten läßt. Da ich dachte, es könnte mir eine grobe und her⸗ ausfordernde Unart von dieſem Manne widerfahren, falls er mich in der Art herumwandeln ſähe, wie ich jetzt beinahe eine Viertel⸗ ſtunde gethan hatte, wenn ihm die Sache nicht vorher erklärt worden, hielt ich für das Klügſte, in das Haus hineinzutreten, und einen Zweck, den ich im Auge hatte, durch eine kurze Beſprechung mit Tauſendacres zu erreichen. Sobald ich dieſen Vorſatz gefaßt, führte ich ihn auch aus, und verließ mich darauf, daß die Geduld des Indianers und Jaaps gewohnter und erprobter Gehorſam es nicht zu einem Losſchlagen von ihrer Seite, ohne vorhergegangenen Befehl, kommen laſſen würde. Wie ich wieder in das Gemach trat, lag Dus noch auf ihren Knieen, und Prudence ſtand noch immer aufrecht da, herüber und hinüber ſchwankend, wie zuvor, und die Augen auf den Herd geheftet. Lowiny ſtand nahe bei dem Bett, und ich glaube, ſie nahm, wie ihre Mutter, im Geiſte einigermaßen an dem Gebet Antheil. „Tauſendacres,“ begann ich mit leiſer Stimme, indem ich dem Squatter ganz nahe trat, und ſo gelang es mir durch meine An⸗ rede, ſeine Aufmerkſamkeit zu gewinnen,„Tauſendacres, das iſt ein höchſt trauriger Handel geworden; aber es ſollte Alles, was nur möglich iſt, geſchehen, um das Unheil wieder gut zu machen. Wollt Ihr nicht einen Boten hinüberſchicken nach dem Neſt, um den Beiſtand des Arztes zu beſchaffen?“ „Ein Doktor kann nicht viel helfen bei einer Wunde von einer Büchſenkugel aus ſolcher Nähe geſchoſſen, junger Mann. Ich 502 brauche keinen Doktor hier, um mich und die Meinigen dem Ge⸗ ſetze zu verrathen.“ „Nein, Euer Bote kann Euer Geheimniß bewahren; und ich will ihm Geld geben, um den Arzt zu vermögen, zu kommen, und ſogleich zu kommen. Man kann ihm ſagen, ich ſei durch einen Zufall verletzt worden, und er kann vielleicht noch zu rechter Zeit hier eintreffen, um die Schmerzen zu lindern; daß ſonſt keine Hoff⸗ nung vorhanden iſt, muß ich ſelbſt zugeben.“ „Die Menſchen müſſen annehmen, was ihr Schickſal und Be⸗ ruf mit ſich bringt,“ verſetzte kalt der verhärtete Mann.„Die in den Wäldern leben, ſetzen ſich dem Geſchick und den Zufällen des Waldmannes aus; und die im offenen Lande leben, dem Geſchick und den Zufällen des offenen Landes. Meine Familie und mein geſchnittenes Holz müſſen auf jede Gefahr hin mir erhalten blei⸗ ben; und kein Doktor ſoll hieher kommen. 4 Was war zu thun,— was war möglich mit einem ſolchen Menſchen anzufangen? In ſeinem Moralſyſtem waren alle ſeine Grundſätze, war alles Rechtsgefühl nur auf ſein Ich beſchränkt. Es war ebenſo unmöglich, ihn diejenige Seite einer Frage ſehen zu machen, welche ſeinen Intereſſen wirklich oder nur eingebildeter Weiſe zuwider war, als dem leiblich Blinden das Geſicht zu geben. Ich hatte gehofft, Reue und Zerknirſchung nage an ſeinem Herzen, und in Folge der Wirkſamkeit einer ſo mächtigen Zuchtmeiſterin ſei vielleicht ein Vortheil herauszuſchlagen; aber ſobald ſein dum⸗ pfes Weſen wieder zu einiger Thätigkeit aufgerüttelt war, nahm es auch wieder die Richtung der Selbſtſucht an, ſo unwandelbar als die Nadel nach dem Pole weist. Voll Verdruß und Ekel über dieß Hervortreten des mächtigſten, ſtärkſten Zuges im Charakter des Squatters war ich eben im Be⸗ griff, mich von ihm zu entfernen, als ein lautes Geſchrei um das Haus herum ſich erhob, worauf der Blitz und Knall von drei oder vier Büchſen folgte. Ich rannte nach der Thüre, und kam 4 4 4 1 — /—— ,————.— ᷑ 503 gerade zu rechter Zeit, um die Schritte von Männern zu hören, welche in allen Richtungen heran zu dringen ſchienen; und von Zeit zu Zeit hörte man das Krachen von Büchſen, dem Anſchein nach gegen die Wälder hin ſich zurückziehend. Männer riefen ein⸗ ander an in der Hitze einer Verfolgung und eines Kampfes; aber ich konnte mir keinen Aufſchluß verſchaffen, da die dichte Finſterniß, die ſich vor dem Hauſe gelagert, durchaus nichts auch nur in ge⸗ ringer Entfernung ſehen und erkennen ließ. In dieſer höchſt peinlichen Ungewißheit und Spannung blieb ich etwa fünf bis ſechs Minuten, während welcher Zeit der Lärm der Verfolgung ſich mehr und mehr entfernte, als ein Mann auf die Thüre der Hütte zu rannte, unter welcher ich ſtand, meine Hand ergriff, und ich nun in ihm Frank Malbone erkannte. Die Hilfe war alſo angekommen und ich war nicht mehr ein Gefangener. „Gott ſei geprieſen! Ihr wenigſtens ſeid gerettet,“ ſchrie Malbone.„Aber meine theure Schweſter?“ „Iſt hier, unverſehrt, an ihres ſterbenden Oheims Bett wachend. Iſt Jemand draußen verwundet?“ „Das iſt mehr, als ich Euch ſagen kann. Euer Schwarzer machte den Führer und brachte uns mit ſolcher Geſchicklichkeit hie⸗ her, daß es meine Abſicht war, mich der Waffen gar nicht zu be⸗ dienen, da wir ſämmtliche Squatters, ohne einen Schuß zu thun, hätten gefangen nehmen können, wären meine Befehle befolgt worden. Aber eine Büchſe wurde hinter einem Baumſtumpen ab⸗ gefeuert, und darauf erfolgte eine Salve vom Feind. Einige der Unſerigen erwiederten das Feuer, und hierauf ergriffen die Squatters die Flucht. Das Feuer, das Ihr ſo eben gehört habt, ſind ver⸗ einzelte Schüſſe von beiden Seiten, und es kann ein bloßes Ge⸗ knalle ſein, da an ein Zielen in dieſer Dunkelheit nicht zu denken iſt. An meinem eigenen Gewehr habe ich nicht einmal den Hahn geſpannt, und ich bedaure, daß nur eine Büchſe abgefeuert wor⸗ den iſt.“ 504 „So ſteht vielleicht Alles gut, und wir haben unſere Feind⸗ verjagt, ohne ihnen ein Leid zu thun. Seid Ihr ſtark genug, um ſie in gehöriger Entfernung zu halten?“ „Vollkommen; wir ſind eine Schaar von beinahe dreißig Mann, begleitet von einem Unter⸗Sheriff und einem Friedensrichter. Was uns fehlte, war nur ein Führer, der die Richtung genau gewußt hätte, dann wären wir einige Stunden früher ſchon angekommen.“ Ich ſeufzte innerlich tief auf bei dieſer Kunde, denn dieſe we⸗ nigen Stunden hätten dem armen Kettenträger das Leben gerettet. Aber auch ſo war dieſe Befreiung des freudigſten Dankes werth; und einer der glücklichſten Augenblicke meines Lebens war der, wo ich Dus ihrem Bruder an die Bruſt ſinken und ſie in Thränen ausbrechen ſah. Ich war an ihrer Seite, unter der Thüre der Hütte, als dieſe Begrüßung ſtattfand; und Dus bot mir zärtlich eine Hand hin, als ſie ſich aus den Armen ihres Bruders loswand. Frank Malbone machte ein etwas überraſchtes Geſicht bei dieſer Vertraulichkeit; aber begierig, den Kettenträger zu ſehen und zu ſprechen, trat er in das Haus hinein und nähekte ſich dem Bette. Dus und ich folgten ihm; denn das Geſchrei und das Feuern hatte das Ohr des Verwundeten erreicht, und Andries war ängſtlich ver⸗ langend, zu erfahren, was es zu bedeuten gehabt habe. Der An⸗ blick Malbone's gab ihm im Allgemeinen einigen Aufſchluß über den Stand der Dinge; aber eine lebhafte, ängſtliche Spannung malte ſich in ſeinem verfallenen Geſichte, wie er mich, nähere Nach⸗ richten von mir heiſchend, anſah. „Was iſt es, Mordaunt?“ fragte er, noch mit ziemlich kräf⸗ tiger Stimme, denn die Ungeduld und Spannung, womit er der Antwort harrte, ſteigerten vermuthlich für den Augenblick ſeine phyſiſchen Kräfte.„Was iſt es, Junge? Ich will hoffen, es habe doch kein unnützer Kampf ſtattgefunden wegen eines alten Mannes wie ich, der ſeine ſiebzig Jahre gelebt hat, und der ſeinem Herrn das Leben ſchuldig iſt, das ihm ſiebzig lange Jahre verliehen war. *n 50⁵ Ich will hoffen, daß doch Niemand ein Leid geſchehen iſt um einer ſo armſeligen Veranlaſſung willen.“ „Wir wiſſen von Keinem, außer Euch, Kettenträger, der heute Abend verletzt worden wäre. Das Feuern, das Ihr gehört habt, kommt von der Partei Frank Malbone's, welche ſo eben angekommen iſt und die Squatters verjagt hat, mehr durch Lärm als durch Schaden, der ihnen zugefügt worden.“ „Gott ſei geprieſen! Gott ſei geprieſen! Ich bin erfreut, Frank noch zu ſehen, ehe ich ſterbe, erſtlich um von ihm Abſchied zu nehmen, als einem alten Freunde, und zweitens um ſeine Schwe⸗ ſter Dus ſeiner Obhut und Sorge zu empfehlen. Sie haben Dus Einen von dieſen Squatters zum Manne geben wollen, um Frieden zu machen zwiſchen Dieben und ehrlichen Leuten. Das ginge nim⸗ mermehr an, Frank, da, wie Ihr wohl wißt, Dus die Tochter eines Gentleman und die Tochter einer Lady iſt; und ſie iſt ſelbſt ein gebildetes Frauenzimmer, und kann unmöglich einen plumpen, rohen, ungebildeten, gemeinen Squatter heirathen. Wäre ich jung und wäre ich nicht des Mädchens Oheim, ich würde mir ſelbſt nimmermehr einbilden, daß ich einen paſſenden Ehemann für ſie gäbe, weil ich zu wenig unterrichtet und gebildet bin, um der Gatte eines Mädchens zu ſein wie Dus Malbone.“ „Es iſt jetzt nicht mehr zu befürchten, daß meine Schweſter ein ſolches Unglück betreffe, mein lieber Kettenträger,“ verſetzte Frank Malbone.„Auch glaubte ich, keine Drohungen und Ge⸗ fahren könnten Dus ſo einſchüchtern, daß ſie ihr Wort einem Manne verpfändete, den ſie nicht liebte oder achtete. Sie würden es ſchwer gefunden haben, meine Schweſter zu einer ſolchen Heirath zu zwingen.“ „Es iſt am beſten, ſo wie es iſt, Frank— ja, es iſt am beſten, ſo wie es iſt. Dieſe Squatters ſind recht arge Spitzbuben und würden ſich durch Kleinigkeiten nicht leicht aufhalten laſſen. Und weil wir jetzt bei dieſem Gegenſtande ſind, ſo will ich Euch 506 noch ein Wort in Betreff Eurer Schweſter ſagen. Ich ſehe, ſie iſt zur Hütte hinausgegangen, um zu weinen, und ſo wird ſie nicht hören, was ich Euch zu ſagen habe. Hier iſt Mordaunt Little⸗ page, welcher verſichert, er liebe Dus mehr, als je ein Mann ein Weib geliebt habe—“ Frank fuhr zurück, und ich glaubte zu be⸗ merken, daß ſein Geſicht ſich verfinſterte,—„und was ganz natür⸗ lich iſt, wenn ein Mann eine Frau wahrhaft und in ſolchem Grade liebt, er wünſcht ſehr, ſehr, ſie zu heirathen.“ Hier klärte ſich Franks Geſicht augenblicklich auf, und als er meine Hand gegen ihn ausgeſtreckt ſah, faßte er ſie mit Lebhaftigkeit und drückte ſie ſehr herzlich.„Nun würde Mordaunt eine vortreffliche Partie für Dus ſein,— eine ganz kapitale Partie, denn er iſt jung und gut⸗ ausſehend, und tapfer, und ehrenhaft, und verſtändig und reich, was Alles ſehr gute Eigenſchaften im Eheſtand ſind; aber anderer⸗ ſeits hat er einen Vater und eine Mutter und Schweſtern, und es i*ſt auch natürlich, daß ſie keine übermäßige Freude daran haben werden, wenn ihr Sohn und Bruder ein Mädchen heirathet, das nichts hat als ein paar Ketten, einen neuen Kompaß und einige Feldgeräthſchaften, die ihr nach meinem Tode als Erbe zufallen. Nein, nein! wir müſſen an die Ehre der Coejemans' und der Mal⸗ bone's denken, und unſer geliebtes Mädchen nicht in eine Familie eintreten laſſen, die ſie vielleicht nicht haben wollte.“ Ich bemerkte, daß Frank Malbone lächelte, obwohl traurig, wie er dieſe Warnung anhörte; denn auf ihn machte ſie wenig oder keinen Eindruck, da er großherzig genug war, mich nach ſich ſelbſt zu beurtheilen, und nicht glaubte, daß ſolche eigennützige Rück⸗ ſichten Einfluß auf meine Handlungsweiſe üben könnten. Ich jedoch hatte andere Gefühle. Hartnäckigkeit in ſeinen Anſichten und Mei⸗ nungen war eine der Schwächen von Kettenträgers Charakter, und ich erkannte die Gefahr, wenn er dieſe Geſinnungen Dus als eine Art Vermächtniß hinterließe. Sie hatte in der That dieſelben zu⸗ erſt gehegt, und ſie ihrem Oheim mitgetheilt, und ſie konnten 2* —y——ñ————————n— 80,— S———— —y——ñ————————n— 507 wieder in ihr aufleben, wenn ſie erſt den wirklichen Stand der Dinge nüchtern überlegte, und durch die letzten Worte ihres ſter⸗ benden Oheims in ihr befeſtigt werden. Es iſt wahr, bei unſerer Unterredung, als ich von dem theuren Mädchen das koſtbare Ge⸗ ſtändniß ihrer Liebe vernahm, ſchien kein ſolches Hinderniß vorhanden zu ſein, ſondern es war, als ob wir Beide unſerer künftigen Vereini⸗ gung als einer ganz gewiſſen Sache mit Zuverſicht entgegen ſähen; aber in jenem Augenblick war Dus aufgeregt geweſen durch die Erklärung meiner glühenden, unausſprechlichen Neigung, und hin⸗ geriſſen durch die Stärke ihrer eigenen Gefühle. Wir waren im Wonnetaumel des Entzückens, der Frucht gegenſeitigen Vertrauens und der frohen Gewißheit unſerer gegenſeitigen Liebe, als Tauſend⸗ acres uns überftel, um uns wegzuſchleppen zu den Auftritten von Weh und Jammer, von welchen wir erſchüttert worden waren und zum Theil noch jetzt erſchüttert wurden. Unter ſolchen Umſtänden konnte man leicht dem Einfluß von Gefühlen und Geſinnungen an⸗ heimfallen, welche in kühleren Augenblicken manche Bedenklichkeiten darzubieten ſcheinen konnten. Es war daher für mich von der höchſten Wichtigkeit, Kettenträger hierin die richtige Anſicht beizu⸗ bringen, und dafür Sorge zu tragen, daß er nicht, aus dem Leben ſcheidend, die zwei Menſchen, die er am meiſten auf der Erde liebte, unnöthigerweiſe unglücklich und elend zurückließ, und zwar einzig und allein in Folge ſeiner eigenen Vorurtheile. Aber doch war der jetzige Augenblick nicht günſtig, einen ſolchen Zweck zu verfolgen, und ich hing bittern Gedanken und Betrachtungen über die Zukunft nach, als wir Alle erſchreckt wurden durch ein ſchweres Stöhnen, das aus der tiefſten Bruſt des Squatters hervorzubrechen ſchien. Frank und ich wandten uns inſtinktmäßig nach dem Kamin, als wir dieſe unerwartete Unterbrechung vernahmen. Der Stuhl Prudence's war leer, denn das Weib war aus der Hütte fortge⸗ rannt beim erſten Laut des neuen Kampfgelärms, höchſt wahr⸗ ſcheinlich, um ihre jüngern Kinder zu ſuchen. Tauſendacres aber 508 ſaß noch immer auf demſelben Sitze, den er jetzt beinahe, wo nicht volle zwei Stunden einnahm. Ich bemerkte jedoch, daß ſeine Ge⸗ ſtalt nicht ganz ſo aufrecht war, wie ich ſie zuvor geſehen. Sie war auf dem Seſſel zuſammengeſunken, während ſein Kinn auf die Bruſt herab hing. Wie wir näher traten, ſahen wir eine kleine Lache Blut auf den Steinen unter ihm, und eine kurze Unterſuchung überzeugte Malbone und mich, daß ihm eine Büchſenkugel in ge⸗ rader Linie durch den Leib gegangen war, und zwar nur drei Zoll über der Hüfte. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Ob dieſer Noten Klageton Wohl ſeines Herzens Jammer ſtillt? Ernſt klingt die Weiſe, feierlich, Abwechſelnd traurig und dann wild. Collins. Tauſendacres war auf ſeinem Stuhl erſchoſſen worden durch einen Schuß von einer Büchſe, einen der erſten, die in dieſer Nacht abgefeuert wurden. Er war der Einzige, der, ſo viel wir mit Ge⸗ wißheit erfahren konnten, verwundet worden war; obgleich ein von Vielen geglaubtes Gerücht behauptete, Tobit ſei auch ein Bein zerſchmettert worden und er ſei ſein Leben lang ein Krüppel ge⸗ blieben. Ich bin geneigt, zu glauben, daß dieß Gerücht Grund gehabt habe; denn Jaap erzählte mir, nachdem Alles vorüber war, er habe auf einen Mann ſeine Büchſe abgedrückt, der gerade zuvor auf ihn geſchoſſen, welcher ganz gewiß gefallen und von zweien ſeiner Kameraden hinkend fortgeſchleppt worden ſei. Es iſt ganz wahrſcheinlich, daß dieſe Verwundung Tobits, ſo wie das Schickſal des Vaters, der Grund war, daß wir in dieſer Nacht nicht mehr von den Squatters beläſtigt wurden, welche Alle mit ſammt den meiſten Weibern und ſämmtlichen Kindern ſo ganz aus der Lichtung 509 verſchwunden waren, daß man am andern Morgen gar keine Spuren fand, wohin ſie ſich möchten zurückgezogen haben. Lowiny jedoch begleitete die Familie nicht, ſondern blieb bei Dus, und bewies ſich ſehr nützlich als ihre Gehilfin bei der nun folgenden traurigen Scene. Ich kann hier auch gleich hinzufügen, daß nie etwas Sicheres ausgemittelt ward über die Art und Weiſe, wie Tauſendacres ſeine tödtliche Wunde erhielt. Es wurde durch die offenſtehende Thüre geſchoſſen, ohne allen Zweifel, wie er auf ſeinem Stuhle da ſaß, und nothwendiger Weiſe zu Anfang des Kampfes, denn nur da wurde eine Büchſe in der Nähe des Hauſes, oder von einem Punkt aus abgefeuert, von wo es möglich war, daß die Kugel ihr Opfer traf. Ich für meine Perſon glaubte von Anfang an, daß Susqueſus den Squatter den Manen ſeines Freundes Kettenträger geopfert,— eine indianiſche Juſtiz, die er ohne Bedenken und ohne Reue auszu⸗ üben im Stande war. Doch konnte ich die Thatſache nicht mit Gewißheit ermitteln; und der Onondago beſaß entweder ſo viel Klugheit oder ſo viel Philoſophie, um ſein Geheimniß für ſich zu behalten. Es iſt wahr, ein paar Bemerkungen entſchlüpften ihm, bald nach dem Gefecht, welche meinen Verdacht zu beſtätigen ge⸗ eignet waren; aber im Ganzen war er auffallend zurückhaltend über dieſen Gegenſtand— weniger aus Beſorgniß wegen der Folgen, als aus Selbſtachtung und Charakterſtolz. In der That war auch wenig zu befürchten; denn die vorangegangene Ermordung Ketten⸗ trägers und das ganze geſetzwidrige Thun und Treiben der Squat⸗ ters überhaupt rechtfertigte einen unmittelbaren und plötzlichen An⸗ griff von Seiten der bewaffneten Schaar. Gerade als Malbone und ich den Zuſtand Tauſendacres' ent⸗ deckten, begann die bewaffnete Macht, Squire Newcome an ihrer Spitze, ſich um das Haus herum zu ſammeln, das jetzt unſer Spital genannt werden konnte. Da die Schaar groß war und natürlich etwas tumultuariſch ſich benahm, bat ich Frank, ſie nach einem der andern Gebäude hinweg zu führen, ſobald für den Squatter 510 ein Bett bereitet worden war, der in demſelben Gemach mit Ket⸗ tenträger ſeines Todes gewärtig lag. Niemand, der ſich nur ein wenig auf Verletzungen dieſer Art verſtand, konnte irgend Hoff⸗ nung für den Einen oder den Andern hegen; dennoch wurde ein Bote nach der Anſiedlung abgeſchickt nach dem Individuum, welches „Doktor“ genannt ward, und in der That durch praktiſche Experi⸗ mente mit der menſchlichen Natur ſich raſch gar manche nützliche Kenntniſſe in ſeiner Profeſſion erwarb. Man pflegt zu ſagen: eine Unze Erfahrung ſei ſo viel werth, als ein Pfund Theorie, und dieſer Jünger Aesculaps ſchien in ſeiner Kunſt ſich nach dieſem Prinzip zu halten; denn von letzterer beſaß er wenig oder nichts, während er in Wahrheit von erſterer einen ganz anſehnlichen Schatz ſich erwarb, da er rechts und links praktizirte, wie der Fauſtkäm⸗ pfer bei Ausübung ſeiner Kunſt zu thun pflegt. Gelegentlich jedoch führte er auch einen Streich, der Einen von oben treffend, zu Boden ſtreckte. Sobald in unſerm Spital die nöthigen Vorkehrungen und Ein⸗ richtungen getroffen waren, erklärte ich Dus: wir wollten ſie und Lowiny zur Pflege der Verwundeten zurücklaſſen, welche Beide Mü⸗ digkeit und Neigung zum Schlummern zeigten, während die Uebri⸗ gen ſich entfernen und für die Nacht in den umliegenden Gebäuden ihre Quartiere nehmen ſollten. Malbone ſollte als Schildwache in einer kleinen Entfernung von der Thüre bleiben, und ich verſprach mich binnen einer Stunde bei ihm einzufinden. „Lowiny kann für die Bedürfniſſe ihres Vaters Sorge tragen, während Ihr, das weiß ich, Euren Oheim auf's Zärtlichſte und Liebevollſte verpflegen werdet. Von Zeit zu Zeit Etwas zu trinken iſt Alles, was ſeine Leiden lindern kann—“ „Laßt mich hinein,“ unterbrach mich eine heiſere weibliche Stimme vor der Thüre, und eine Frau drängte ſich durch die be⸗ waffnete Mannſchaft, wovon Einige ſie aufhalten wollten.„Ich bin Aarons Weib, und man ſagt mir, er ſei verwundet. Gott ——— u— n —— u—— ——— u— n 511 ſelbſt hat geboten, daß das Weib ihrem Manne anhange, und Tauſendacres iſt mein Mann, und er iſt der Vater meiner Kinder, wenn er auch gemordet hat und dafür wieder ermordet worden iſt.“ Es lag etwas ſo Gebietendes in der natürlichen Gemüthsbe⸗ wegung dieſes Weibes, daß die Wache an der Thüre ſogleich Platz machte, worauf Prudence in das Gemach trat. Der erſte Blick von des Squatters Weib fiel auf das Bett Kettenträgers; aber hier feſſelte nichts ihr Auge. Erſt da heftete ſich ihr Blick ſtarr auf ſeinen Gegenſtand, als ihr Auge auf die große Geſtalt Tauſend⸗ acres fiel, wie er auf ſeinem Sterbebett ausgeſtreckt da lag. Wahrſcheinlich erkannte dieſe erfahrene Matrone, die im Lauf eines langen Lebens Zeugin ſo vieler Zufälle und Unfälle geweſen, und an ſo manchem Bett geſeſſen war, den hoffnungsloſen Zuſtand ihres Gatten beim erſten Blick auf ſein verfallenes Geſicht; denn ſie wandte ſich gegen die Perſonen in der Nähe, und ihre erſte Regung war die, die Unbild zu rächen, die, wie ſie glaubte, ihr und den Ihrigen widerfahren ſei. Ich will geſtehen, daß mir un⸗ heimlich zu Muthe ward, und daß ein Schauer meinen Leib durch⸗ zuckte, als dieß rohe und ungebildete Weib, von den Gefühlen ihres Herzens gleichſam emporgehoben, mit gebieteriſchem Nach⸗ druck fragte: „Wer hat das gethan? Wer hat meinem Manne den Lebens⸗ odem geraubt vor der Zeit, die der Herr ihm geſetzt hatte? Wer hat gewagt, meine Kinder vaterlos und mich zur Wittwe zu ma⸗ chen gegen Geſetz und Recht? Ich habe meinen Mann verlaſſen, an dieſem Herde ſitzend, verſtört und bekümmert über das, was einem Andern zugeſtoßen, und ſie ſagen mir, er ſei auf ſeinem Stuhl ermordet worden. Der Herr wird am Ende auf unſerer Seite ſein, und dann werden wir ſehen, wen das Geſetz begün⸗ ſtigen und wen das Geſetz verdammen wird—“ Eine Bewegung und ein Stöhnen Tauſendacres' zeigte erſt, wie es ſchien, ſeinem Weibe, daß ihr Gatte noch nicht wirklich todt 512 ſei. Zuſammenfahrend bei dieſer Entdeckung gab dieſe Frau, des Tigers Genoſſin und die Mutter einer Tigerbrut, wenn auch nicht ſelbſt eine Tigerin, im Augenblick alle Ausrufungen und Klagen auf, und machte ſich ſofort an die Erfüllung der Pflichten, die ſie bei ihrer Erfahrung als die dringendſten erkannte, mit der Energie eines Gränzerweibs, eines Waldmannsweibs und der Mutter einer großen Familie von Waldmannsſöhnen und Töchtern. Sie wiſchte Tauſendacres die Stirne ab, ſie befeuchtete ſeine Lippen, ſchob ihm ſein Kiſſen, oder was ſo hieß, zurecht, legte ſeine Glieder, ſo wie ſie es am bequemſten glaubte, und legte überhaupt eine Art von verzweiflungsvoller Energie in ihrer Beſorgtheit und ihrem Kum⸗ mer an den Tag. Während ſie dieß that, murmelte ihr Mund fortwährend Gebete und Drohungen, ſeltſam untereinandergemengt, und ebenſo ſeltſam unterbrochen von liebkoſenden, zärtlichen Be⸗ nennungen, die ſie an ihrem noch immer gefühlloſen, wenigſtens be⸗ wußtloſen Gatten verſchwendete. Sie nannte ihn Aaron, und das in einem Tone, der ſo lautete, als wenn Tauſendacres über ihr Herz eine große Macht beſeſſen hätte, und vermuthen ließ, daß er gegen ſie wenigſtens wohlwollend und treu geweſen. Ich war überzeugt, daß Dus von Prudence nichts zu fürch⸗ ten habe, und ich verließ das Zimmer, ſobald die zwei Wärterinnen Alles für ihre beiden Parteien geordnet und eingerichtet hatten, und das Haus gegen die Gefahr eines Ueberfalls ganz geſichert war. Als ich ſie, die jetzt alle meine Gedanken beſchäftigte, ver⸗ ließ, wagte ich ihr die Bitte zuzuflüſtern, ſie möge die mir im Walde gemachten Zuſagen nicht vergeſſen, und bat ſie, mich an das Bett des Kettenträgers rufen zu laſſen, ſobald er aus dem Schlummer, der ſich bei ihm eingeſtellt, ſich ermuntern und den Wunſch blicken laſſen würde, zu ſprechen. Ich fürchtete, er möchte wieder auf den Gegenſtand zurückkommen, mit welchem ſein Geiſt ſchon einmal ſich beſchäftigt hatte ſeit er verwundet worden war, und ſeiner Nichte ſeine eigenen Vorurtheile in Betreff dieſer Sache 513 einflößen. Urſula war die Güte und Freundlichkeit ſelbſt. Ihre Betrübniß hatte ſogar ihre Gefühle gegen mich noch ſanfter und weicher als je geſtimmt; und was ſie ſelbſt betraf, hatte ich nicht den mindeſten Grund zur Unruhe. Als ich an Frank vorbei kam, welcher etwa zwanzig Schritte von der Thüre auf ſeinem Wacht⸗ poſten ſtand, ſagte er:„Gott ſegne Euch, Littlepage,— ſeid ohne Furcht. Ich befinde mich zu ſehr in Eurer Lage, als daß ich nicht Euer warmer Freund ſein ſollte.“ Ich erwiederte ſeine guten Wünſche und ging, in Einem Sinne freudig, meines Weges weiter. Die bewaffnete Mannſchaft hatte ſich, wie ſchon angegeben, in Beſitz der verſchiedenen verlaſſenen Behauſungen der Familie Tau⸗ ſendacres geſetzt. Da die Nacht kühl war, loderten Feuer auf allen Herden, und die Lichtung hatte ein ſo heiteres Anſehen, wie ſie wahrſcheinlich früher niemals gehabt hatte. Die meiſten Männer hatten ſich in zwei Wohnungen zuſammengedrängt, und ließen eine dritte frei zur Benützung für den Friedensrichter„Frank Malbone und mich, falls wir Luſt hätten, dort eine Unterkunft zu ſuchen. Bis ich bei ihnen eintrat, hatten die Männer zu Nacht gegeſſen, indem ſie der Milch und des Brodes und ſonſtiger Lebensmittel des Squatters nach Belieben ſich bedienten, und theilten die Plätze auf dem Boden und in den Betten unter ſich aus, um nach ihrem lan⸗ gen und ſchnellen Marſch etwas Ruhe zu genießen. In meinem eigenen Quartier aber fand ich den Squire Newcome allein, wenn nicht der ſchweigende, bewegungsloſe Onondago, welcher auf einem Stuhl in der Ecke des Feuerplatzes ſaß, ein Geſellſchafter genannt werden ſollte. Auch Jaap lungerte, ineiner Ankunft harrend, in der Nähe der Thüre herum; und als ich in das Haus trat, folgte er mir, um meine Befehle zu vernehmen. Es war für mich, der ich die Verhältniſſe Newcome's zu den Squatters kannte, nicht ſchwer, die Anzeichen der Verwirrung in ſeinem Geſicht zu entdecken, ſobald ſein Auge dem meinigen begeg⸗ nete. Einer, der mit den Umſtänden nicht bekannt geweſen wäre, Der Kettenträger. 33 514 hätte vermuthlich nichts Ungewöhnliches an ihm bemerkt. Man wird ſich erinnern, daß der„Squire“ keine beſtimmte Kunde davon hatte, daß ich um ſeinen frühern Beſuch auf der Mühle wußte, und man wird leicht einſehen, daß er ein juckendes, unbehagliches Verlangen hegen mußte, über dieſen Punkt ſich Gewißheit zu ver⸗ ſchaffen. Von dieſem Umſtande hing Viel ab; und es dauerte auch nicht lange, bis ich ein Pröbchen bekam von ſeiner Kunſt auszu⸗ holen und zu ſondiren, um ſein Herz etwas zu erleichtern. „Wer hätte gedacht, den Major Littlepage in den Händen der Philiſter zu finden, an einem Platz ſo ganz außer der Welt!“ rief Mr. Newceome, ſobald wir uns gegenſeitig begrüßt hatten.„Ich habe wohl ſagen hören, daß Squatters hier herum hauſen; aber ſolche Dinge ſind etwas ſo Gewöhnliches, daß ich nicht daran dachte, dem Major einen Wink deßhalb zu geben, als ich ihn zuletzt ſah.“ Nichts kam dem ſchmeichleriſch unterthänigen Weſen dieſes Mannes gleich, wenn er einen beſtimmten Zweck erreichen wollte, und es war bei ihm ganz gewöhnlich, ſo in der dritten Perſon zu ſprechen, wenn er einen Höhern anredete,— eine Redeweiſe, die in der engliſchen Sprache beinahe veraltet iſt, und in Amerika ſelten oder nie gebraucht wird, außer gerade von derjenigen Gattung von Menſchen, welche Einem in's Geſicht ſchmeicheln, und alle Minen gegen Einen ſpringen laſſen, ſobald man ihnen den Rücken kehrt. Ich war nicht in der Laune, mit dieſem Burſchen Poſſen zu trei⸗ ben, obwohl ich nicht wußte, ob es gerade jetzt der Klugheit ge⸗ mäß ſei, ihn wiſſen zu laſſen, daß ich ihn bei ſeinem frühern Be⸗ ſuche geſehen und gehört hatte, und alle ſeine Schliche und Kniffe wohl kannte. Es war aber nicht leicht, der Verſuchung zu wider⸗ ſtehen, die in ſeinen eigenen Aeußerungen ſich darbot, ihn ein wenig auf die Folter des Gewiſſens zu ſpannen; denn dieſe Eigen⸗ ſchaft des menſchlichen Geiſtes iſt einer der beſten Verbündeten, die ein Angreifender haben kann. Nan von ßte, ches ver⸗ auch Szu⸗ der rief Ich aber aran ihn ieſes ollte, n zu ie in elten von kinen eehrt. trei⸗ t ge⸗ Be⸗ niffe ider⸗ nein igen⸗ , die 515 „Ich hatte geglaubt, Mr. Newcome, Ihr ſeiet mit der Sorge und Obhut über die Ländereien von Mooſeridge beauftragt, indem dieß eine der Bedingungen ſei, die ſich an die Agentur für Ra⸗ vensneſt knüpfen,“ bemerkte ich etwas trocken.. „Gewiß, Sir. Der Oberſt— oder General, wie man ihn jetzt nennen muß, glaube ich,— übertrug mir die Oberaufſicht über beide Güter zu gleicher Zeit. Aber der Major weiß, ver⸗ muthe ich, daß Mooſeridge nicht zum Verkauf ausgeſetzt war?“ „Nein, Sir; es ſcheint faſt, es ſei nur der Plünderung ausgeſetzt geweſen. Man ſollte meinen, ein Agent, dem die Sorge für ein Gut anvertraut iſt, und der hört, daß Squatters ſich in Beſitz geſetzt und die Bäume aushauen, würde es für ſeine Pflicht halten, die Eigenthümer wenigſtens von der Sache in Kenntniß zu ſetzen, damit ſie nachſähen und unterſuchten, falls er ſelbſt es nicht thun mag.“ „Der Major hat mich nicht recht verſtanden,“ verſetzte der Agent in einem auffallend entſchuldigenden und bittenden Tone; „ich wollte nicht ſagen, ich habe es irgend mit einiger Sicherheit und Beſtimmtheit gewußt, daß Squatters hier herum ihr Weſen treiben; ſondern nur, es ſeien Gerüchte von dergleichen in Umlauf geweſen. Aber Squatters ſind etwas ſo Gewöhnliches in neuen Ländern, daß man kaum den Kopf umdreht, um darnach zu ſehen.“ „So ſcheint es faſt, in Eurem Falle wenigſtens, Mr. New⸗ come. Dieſer Tauſendacres jedoch, ſagt man mir, iſt eine wohlbe⸗ kannte Perſon, und hat ſeit ſeiner Jugend nicht viel Anderes gethan, als auf dem Grund und Boden andrer Leute Holz gehauen. Ich ſollte meinen, Ihr hättet ihm doch auch ſchon begegnen müſſen, während eines fünfundzwanzigjährigen Aufenthalts in dieſer Gegend?“ „Gott tröſte den Major! Tauſendaeres begegnet? Ha, ich bin ihm wohl hundertmal begegnet! Wir kennen Alle den alten Mann ganz gut; und oft und viel bin ich mit ihm zuſammengetroffen beim Aufſchlagen von Häuſern und beim Erercieren der Miliz, und bei 516 Bezirksverſammlungen und auch bei politiſchen Verſammlungen. Ich habe ihn ſogar vor Gericht geſehen, obgleich Tauſendacres auf das Geſetz nicht viel hält, nicht halb ſo viel, als er und jeder an⸗ dere Mann ſollte; denn das Geſetz iſt etwas Vortreffliches, und die Geſellſchaft wäre nichts Beſſeres, als ein Rudel wilder Thiere, wie ich oft der Miß Newcome ſage, wenn nicht das Geſetz wäre, um Ordnung zu erhalten, und die Irregeleiteten und Uebelgeſinnten zu lehren, was Recht iſt. Ich denke, der Major wird dieſer Idee ganz beitreten?“ „Ich habe gar Nichts gegen dieſe Anſicht einzuwenden, aber ich wünſchte nur, daß ſie allgemeiner anerkannt wäre. Da Ihr dieſen Mann, den Tauſendacres, ſo oft geſehen habt, könnt Ihr mir vielleicht Etwas von ſeinem Charakter ſagen? Ich für meine Perſon hatte gerade nicht die günſtigſte Gelegenheit, den Mann näher kennen zu lernen; denn die meiſte Zeit, während ich ſein Ge⸗ fangener war, hielt er mich eingeſperrt in einem Nebengebäude, in welchem er, glaube ich, gewöhnlich ſein Salz und Korn und ſon⸗ ſtige Vorräthe aufbewahrt.“ „Doch nicht in dem alten Vorrathshauſe!“ rief der Friedens⸗ richter mit ziemlich erſchrockenem, bleichem Geſicht, denn der Leſer wird ſich ohne Zweifel erinnern, daß das vertrauliche Geſpräch zwiſchen ihm und dem Squatter über das Nutzholz ſo ganz in der Nähe dieſes Gebäudes ſtattgefunden hatte, daß ich es hatte hören können.„Wie lang iſt der Major ſchon auf dieſer Lichtung, das wäre ich neugierig zu wiſſen?“ „Eigentlich noch nicht ſehr lang, aber doch lang genug, daß es mir wie eine Woche erſcheint. Ich wurde bald nach meiner Feſtnahme in das Vorrathshaus gebracht, und habe ſeither wenig⸗ ſtens die Hälfte der Zeit darin zubringen müſſen.“ „Ich möchte nur wiſſen— vielleicht iſt der Major ſchon geſtern Morgen in das Loch geſperrt geweſen?“ „Vielleicht, Sir. Aber, Mr. Neweome, wenn ich die Maſſe 1——,—,—4.—-— 517 von Holz anſehe, welches dieſe Männer gemacht haben, und die Entfernung dieſes Platzes von Albany bedenke, ſo kann ich mir gar nicht vorſtellen, wie ſie hoffen konnten, ihr unrechtmäßig erwor⸗ benes Gut auf den Markt zu bringen, ohne entdeckt zu werden. Es ſcheint mir, ihr Thun und Treiben hätte bekannt werden müſſen, und die thätigen und ehrlichen Agenten in dieſer Gegend hätten ihnen ihre Flöße auf dem Waſſer wegnehmen, und ſo den Gegen⸗ ſtand der Spitzbüberei der Squatters ſelbſt zum Mittel ihrer Be⸗ ſtrafung machen ſollen. Iſt es nicht etwas Außerordentliches, daß der Diebſtahl,— und das iſt es im moraliſchen Sinne wenigſtens, — ſo gänzlich ungeſtraft, und in ſolch' großem Maaßſtabe, ſyſte⸗ matiſch betrieben werden konnte?“ „Nun, ich denke, der Major weiß, wie die Dinge auf dieſer Welt gehen. Niemand miſcht ſich gern ein!“ „Wie, Sir— ſich nicht gern einmiſchen! Das läuft allen meinen Erfahrungen von den Gewohnheiten und Neigungen des Landes und Allem zuwider, was ich davon gehört habe. Sich ein⸗ zumiſchen, hat man mir zu verſtehen gegeben, ſei der Hauptfehler unſrer einwandernden Bevölkerung insbeſondere, welche meint, ſie habe die ihr gebührenden Rechte gar nicht, wenn man ihr nicht das Privilegium einräume, zu ſchwatzen und zu Gericht zu ſitzen über die Angelegenheiten Aller, die in einem Umkreiſe von zwanzig Meilen um ſie herum wohnen; wobei ſie zwei Drittheile der That⸗ ſachen erfinden, um ihre Theorien mit den gewünſchten Reſultaten in Einklang zu ſetzen.“ „Ha, ich meine nicht das Einmiſchen in dieſem Sinne, was freilich häufig genug vorkommt, wie Jedermann zugeben muß. Aber die Leute miſchen ſich nicht gern ein bei Dingen, die ihnen nicht gehören, in ſolchen ernſten Fällen, wie dieſer.“ „Ich verſtehe Euch— der Mann, der Tage damit hinbringt, von ſeines Nachbars Privatangelegenheiten zu ſchwatzen, von wel⸗ chen er lediglich nichts weiß, als was er aus den gemeinſten und 518 unzuverläſſigſten Quellen geſchöpft hat, ſteht ruhig hin und ſieht zu, wie dieſer Nachchar beraubt wird, und ſagt nichts, weil ſein Zartgefühl ſo ſtark und mächtig iſt, daß es ihm verbietet, ſich in eine Sache zu miſchen, die nicht die ſeinige iſt.“ Damit der Leſer nicht glaube, ich ſei ungebührlich hart und ſtrenge mit dem Squire Neweome verfahren, will ich mich auf ſeine eigene Erfahrung berufen, und ihn fragen, ob er nicht,— ich will nicht ſagen Individuen, ſondern ganze Nachbarſchaften gekannt hat, welche die leidige Neigung hatten, die Privatangelegenheiten eines Jeden auszukundſchaften, und wohl auch zu erfinden, wenn die Thatſachen den Theorien nicht ganz nach Wunſch entſprachen, mit Einem Wort, welche ſich entſetzlich viel zu ſchaffen machten mit Dingen, die ſie in Wahrheit gar nichts angingen,— und welche eine würdevolle Zurückhaltung und Unparteilichkeit beobachteten, wenn ſie Zeugen waren von Unrecht aller Art, welchem ſich zu widerſetzen jeder ehrliche Mann die Verpflichtung hat! Ich will noch weiter gehen und fragen, wenn ein Mann Schritte thut, um das Recht zu behaupten, die Wahrheit zu verfechten, die Schwa⸗ chen zu vertheidigen und die Uebelthäter zu ſtrafen, ob dieſer Mann nicht gewöhnlich ein Solcher iſt, der bei den gewöhnlichen, gering⸗ fügigen Vorfällen des Lebens ſich am wenigſten einmiſcht,— ſeine Nachbarn am wenigſten ſtört und beläſtigt, und über ihre Privat⸗ angelegenheiten am wenigſten zu ſchwatzen hat? Geſchieht es nicht oft, daß eben das Individuum, welches ruhig daſteht und zuſieht, wenn ſeinem Nächſten Unrecht geſchieht, weil es nicht geneigt iſt, ſich in eine Sache zu miſchen, die es nicht angeht, einen großen Theil ſeiner Zeit damit hinbringt, die Privatangelegenheiten eben dieſes Beeinträchtigten zu beſprechen, Winke darüber fallen zu laſſen und ſonſt Gloſſen darüber zu machen? Mr. Newcome war ſchlau, und er verſtand mich ganz gut, obgleich es ihm in ſeinen Aengſten vermuthlich ein Troſt war, zu bemerken, daß das Geſpräch ſich auf ſolche allgemeine Betrach⸗ tungen lenkte, ſtatt bei dem Vorrathshauſe ſtehen zu bleiben. Doch mußten die Bretter und Dielen ſeinem Gewiſſen lebhaft ſich auf⸗ drängen; und nach einer Pauſe erging er ſich über die Laufbahn Tauſendacres, um mich zu verhindern, die Sachen allzu ſcharf und unmittelbar zu verfolgen. „Dieſer alte Squatter war ein verzweifelter Mann, Major Littlepage,“ verſetzte er,„und es mag ein Glück für die Gegend ſein, daß es mit ihm aus iſt. Ich höre, der alte Burſche ſei getödtet, und die ganze übrige Familie habe ſich geflüchtet.“ Es iſt nicht ganz ſo arg. Tauſendacres iſt verwundet— tödtlich vielleicht— und alle ſeine Söhne ſind verſchwunden; aber ſein Weib und eine ſeiner Töchter ſind noch hier, den Gatten und Vater zu pflegen.“ „Prudence alſo iſt hier!“ rief Mr. Newcome aus,— etwas unbeſonnen, wie mir ſchien. „Sie iſt hier— aber Ihr ſcheint die Familie gut zu kennen, für einen Friedensrichter, Squire, wenn man bedenkt, wie groß die gewöhnlichen Geſchäfte ſind, ſo gut, daß Ihr das Weib mit ihrem Namen zu nennen wißt.“ „Prudence, ſo pflegte, glaube ich, Tauſendacres ſein Weib zu nennen. Ja, der Major hat ſehr recht; wir Magiſtrate lernen die Leute in der Umgegend ziemlich allgemein kennen, in Folge der Vorladungen und Bürgſchaftſtellungen und dergleichen. Aber der Major hat noch nicht geſagt, wann er denn in die Hände dieſer Leute gefallen?“ „Ich betrat dieſe Lichtung geſtern früh, nicht lange nach Son⸗ nenaufgang, und ſeither, Sir, bin ich theils mit Gewalt, theils durch die Umſtände hier zurückgehalten worden!“ Eine lange Pauſe trat nach dieſer Erklärung ein. Der Squire rutſchte unruhig hin und her und ſchien nicht zu wiſſen, wie er handeln ſollte; denn während meine Erklärung in ihm die ſtärkſte Vermuthung erwecken mußte, daß ich um ſeine Verbindung mit den 520 Squatters wiſſe, ſprach ſie dieß doch nicht geradezu aus. Ich be⸗ merkte, daß er mit ſich ſelbſt zu Rathe ging, ob es paſſend wäre, mit einem für dieſe Gelegenheit erſonnenen Mährchen herauszu⸗ rücken, und ich wandte mich zu dem Indianer und dem Neger, die ich Beide als durch und durch ehrlich und rechtlich kannte,— nach der Art und den Begriffen der Indianer und der Neger,— um Beiden auch ein freundliches Wort zu ſagen. Susqueſus war in ſeiner ruhigen Stimmung und hatte ſich eine Pfeife angezündet, die er gemächlich und kaltblütig rauchte. Kein Menſch, der ihn ſo geſehen, wäre auf den Gedanken ge⸗ kommen, daß er vor ſo ganz kurzer Zeit Theil genommen an einer Scene wie diejenige, die er mitgemacht hatte; ſondern viel eher, er ſei ein nachdenklicher Philoſoph, der ſeine Zeit mit Betrachtungen und Studien hinzubringen pflege. Da dieß eine der Gelegenheiten war, bei welcher der Onondago dem Geſtändniß ſeiner Schuld am Tode des Squatters am nächſten kam, will ich die wenigen Worte erzählen, welche zwiſchen uns ge⸗ wechſelt wurden. „Guten Abend, Sureflint,“ begann ich und ſtreckte eine Hand aus, die der Andere, gemäß unſern Gebräuchen, höflich er⸗ griff;„es freut mich, Euch in Freiheit zu ſehen, und nicht mehr als Gefangenen in jenem Vorrathshaus.“ „Vorrathshaus ärmliches Gefängniß. Jaap die Riegel zer⸗ brochen wie Pfeifenrohr. Mich wundern, Tauſendacres daran nicht denken.“ „Tauſendacres hat dieſen Abend an zu viel zu denken gehabt, als daß ihm eine ſolche Kleinigkeit beifallen konnte. Jetzt hat er an ſein Ende zu denken.“ Der Onondago klopfte die überflüſſige Aſche aus ſeinem Pfei⸗ fenkopf, als ich dieß ſagte, und er vollendete mit gutem Bedacht dieß Geſchäft, ehe er antwortete. „Gewiß,“ ſagte er;„glauben, er dießmal getödtet.“ * 521 „Ich fürchte, ſeine Verletzung iſt tödtlich, und bedaure ſehr, daß dieß geſchehen iſt. Es war genug, daß das Blut unſeres er⸗ probten Freundes, des Kettenträgers, bei einem ſo erbärmlichen Handel vergoſſen worden iſt.“ „Ja, recht erbärmlicher Handel; auch ſo denken. Wenn Squat⸗ ter erſchoſſen den Vermeſſer, er denken müſſen, Vermeſſers Freund wird ſchießen den Squatter.“ „Das mag indianiſches Geſetz und Recht ſein, Sureflint, aber es iſt nicht Geſetz und Recht bei den Bleichgeſichtern, in Zeiten der Ruhe und des Friedens.“. Der Indianer rauchte fort, ohne eine Antwort zu geben. „Es war eine recht verruchte That, den Kettenträger zu er⸗ morden, und Tauſendacres hätte ſollen den Richtern zur Beſtrafung überliefert werden, wenn er dabei die Hand im Spiel hatte; aber nicht erſchoſſen werden wie ein Hund.“ Der Onondago zog die Pfeife aus dem Munde, ſah ſich um nach dem Squire, welcher unter die Thüre gegangen war, um die friſche Luft einzuathmen, und dann, mit einem bedeutungsvollen Blick ſeines Auges auf mich, antwortete er: „Zu welchem Magiſtratsmann gehen, he? Was nützen gutes Geſetz bei ſchlechtem Magiſtrat? Beſſer, Rothhautgeſetz haben und der Krieger ſein eigner Magiſtrat ſein— und auch eignen Galgen!“ Dann nahm Sureflint die Pfeife wieder in den Mund und ſchien vollkommen zufrieden mit Allem, was vorgegangen war; denn er wandte ſich weg und ſchien wieder ganz in ſeine eigenen Gedanken verſunken. In Wahrheit hatte dieſen Angehörigen eines barbariſchen Volkes ſein kräftiger natürlicher Verſtand eines der wichtigſten Ge⸗ heimniſſe in unſern ſocialen Uebelſtänden richtig erkennen laſſen. Gute Geſetze, ſchlecht gehandhabt, ſind um Nichts beſſer als völlige Geſetzloſigkeit, da ſie nur die Uebertreter ermuntern durch den Schutz, den ſie gewähren mittelſt der Macht, welche unwürdigen 522 Vertretern und Werkzeugen übertragen wird. Solche, welche die Mängel des amerikaniſchen Syſtems ſtudirt haben, mit der Abſicht, die Wahrheit zu ergründen, behaupten: der Mangel einer großen bewegenden Kraft, um die Gerechtigkeit in Gang zu bringen und in Gang zu erhalten, liege ſeiner Schwäche eigentlich zu Grunde. Nach der Theorie ſoll die öffentliche Tugend dieſe Macht ſein und darſtellen; aber die öffentliche Tugend iſt nie halb ſo thätig und energiſch, als die Laſter der Einzelnen. Dem Verbrechen kann nur geſteuert werden durch einen ſtarken Arm, und dieſer Arm muß dem Gemeinweſen in der That, nicht blos dem Namen nach ange⸗ hören; während das geſchädigte Individuum nachgerade die einzige bewegende Kraft wird, und in ſehr vielen Fällen bilden ſich lokale Parteien, und der Schurke tritt vor die Gerichtsſchranken, aufrecht gehalten durch eine Autorität, welche eben ſo viel praktiſchen Einfluß hat, als das Geſetz ſelbſt. Auf Juries und Grand Juries kann man ſich nicht mehr verlaſſen; und die Richterbank verliert langſam, aber fortwährend mehr und mehr ihren Einfluß. Wenn der Tag kommt,— und kommen muß er, falls die gegenwärtigen Ten⸗ denzen fortdauern,— wo Verdikte gefällt werden, geradezu dem Geſetz und den Beweiſen und Zeugniſſen zum Trotz, und die Ge⸗ ſchworenen ſich einbilden, Geſetzgeber zu ſein: dann mag der Recht⸗ lichdenkende glauben, daß wirklich böſe Zeiten kommen, und der Patriot anfangen, die Hoffnung aufzugeben. Das wird der An⸗ fang ſein vom Paradieſe der Spitzbuben! Nichts iſt leichter, das gebe ich gern zu, als die Menſchen zu viel zu regieren; aber man ſollte nicht vergeſſen, daß der politiſche Fehler, welcher nach dieſem am leichteſten zu begehen, der iſt: ſie zu wenig zu regieren! Jaap oder Jaaf hatte demüthig gewartet, bis die Reihe, der Aufmerkſamkeit gewürdigt zu werden, an ihn kam. Es beſtand das vollkommenſte Vertrauen zwiſchen ihm und mir, aber doch zog die Ehrerbietung gewiſſe Gränzen, die der Sklave ſich nie zu über⸗ ſchreiten herausnahm, ohne ausdrückliche Aufmunterung von Seiten 523 des Gebieters. Hätte es mir an dieſem Abend nicht gefallen, den Schwarzen anzureden, ſo würde er nie ein Geſpräch angefangen haben, auf welches er ſich, ſobald ich begonnen hatte, mit der größten Offenheit und Freiheit einließ. „Ihr ſcheint Eure Rolle bei dieſer Angelegenheit mit Klugheit und Muth durchgeführt zu haben, Jaap,“ ſagte ich.„Ich habe allen Grund, mit Euch zufrieden zu ſein; und beſonders bin ich Euch Dank ſchuldig für die Befreiung des Indianers, und für die Art, wie Ihr die Mannſchaft aus den Wäldern in die Lichtung herab geführt habt.“ „Ja, Sah; dachte wohl, das würde Euch ſchon gefallen. Was Sus betrifft, hielt für das Beſte, ihn herauszulaſſen, denn er wunderbar ſicher ſein mit der Büchſe. Wir würden viel beſſer daran ſein, Maſſa Mordy, aber der Squire ſo gar bedenklich ge⸗ weſen, die Männer ſchießen zu laſſen auf die Squatters! Bei Goſcht! Maſſa Mordy, wenn er nur ſagen wollen:„Feuer!“ wie ich es geſagt ihm, ich nicht glauben, daß ein halber Squatter davongekommen?“ „Es iſt am beſten ſo wie es iſt, Jaap. Wir haben Friedens⸗ zeit und befinden uns inmitten unſeres Landes; und da muß man Blutvergießen vermeiden.“ „Ja, Sah, aber Kettenträger; wenn ſie nicht mögen Blut vergießen, warum ſie ihn erſchoſſen, Sah?“ „In dem, was Ihr ſagt, Jaap, ſpricht ſich der Sinn für Gerechtigkeit aus, aber das Gemeinweſen kann durchaus keiner Sicherheit ſich erfreuen, wenn wir nicht das Geſſetz herrſchen laſſen. Unſere Aufgabe war, dieſe Squatters feſtzunehmen und ſie dem Geſetze zu überantworten.“ „Sehr wahr das, Sah. Niemand das können läugnen, Maſſa Nordy, aber er weder gefangen jetzt noch erſchoſſen! Gewiß es das Beſte ſein, zu thun das Eine oder das Andere mit ſolchen Böſewichtern! Nun, ich glauben, Tobit, wie ſie ihn nennen, denken 524 werden an Jaap Satanstoe ſo lange er leben. Das gute Sache, jedenfalls.“ „Gut!“ rief der Onondago mit Nachdruck. Ich ſah nun ein, daß es fruchtlos war, abſtrakte Grundſätze mit ſo reinpraktiſchen Männern, wie meine beiden Geſellſchafter waren, zu erörtern, und ich verließ das Haus, um zu rekognos⸗ ciren, ehe ich für die Nacht in unſer Hoſpital zurückkehrte. Der Neger folgte mir, und ich fragte ihn aus über die Art und Weiſe des Angriffs und die Richtung, in welcher die Squatters ſich zurück⸗ gezogen, um mich zu vergewiſſern, welche Gefahr während der Stunden der Dunkelheit zu beſorgen ſei. Jaap benachrichtigte mich, daß die Männer von Tauſendacres' Familie ſich gegen den Fluß hin zurückgezogen und das abhängige Terrain ſich zu Nutze gemacht hatten, um ſo bald als möglich gegen die Kugeln ſich zu decken. Was die Weiber und Kinder betraf, ſo mußten ſie ſich auf einem andern Punkt in die Wälder zurückgezogen haben, und es war nicht unwahrſcheinlich, daß ſie Alle insgeſammt einen Zufluchts⸗ ort aufgeſucht hatten, der ihnen wohl ſchon vorher bezeichnet worden war von den Männern, die wohl wußten, daß ſie fortwährend in Gefahr ſchwebten, eines ſolchen benöthigt zu ſein. Jaap behauptete ganz beſtimmt, wir würden von den Männern nichts mehr ſehen, und hierin hatte er vollkommen recht. Man ſah von Keinem von Alllen mehr etwas in dieſer Gegend, obwohl im Umlaufe der Zeit aus einer der weſtlicheren Grafſchaften uns Gerüchte zukamen, Tobit ſei dort geſehen worden, als ein Krüppel, wie ich ſchon angegeben habe, aber noch immer treu ſeinem früheren Charakter, als ein Verächter des Geſetzes und der Rechte Anderer. Zunächſt kehrte ich zu Frank Malbone zurück, der noch auf dem Poſten in geringer Entfernung von der Thüre ſtand, durch welche wir Beide die Geſtalt und das Angeſicht ſeiner ſchönen und geliebten Schweſter ſehen konnten. Dus ſaß an ihres Oheims Bette, während Prudence ſich an das ihres Gatten geſetzt hatte. 525 Frank und ich traten der Thüre nahe, und ſchauten hinein auf die ernſte und eigenthümliche Scene, welche dieſes Gemach darbot. Es war in der That ein wunderbares und trauriges Schauſpiel, dieſe zwei hochbetagten Männer, beide mit dünnen, von ſiebzig Jahren gebleichten Locken, zu ſehen, wie ſie ſich ihrem Ende näherten, die Opfer geſetzloſer Gewaltthätigkeit; denn während der Tod Tauſend⸗ acres in ein gewiſſes Geheimniß gehüllt war und manchem Auge als wohlverdient und vor dem Geſetze zu rechtfertigen erſcheinen mochte, konnte doch kein Zweifel darüber ſein, daß er die unmittel⸗ bare Folge des vorangegangenen Mordes war, der an Kettenträger begangen worden. In ſolcher Weiſe dehnt ſich das Unrecht immer weiter aus und verewigt manchmal ſeine Wirkungen, und beweist ſo die Nothwendigkeit, die Zeit beim Stirnhaar zu faſſen, und dem Uebel in den früheſten Stadien hindernd entgegen zu treten, ſtatt der zu ſpät kommenden Heilung. Da lagen die beiden Opfer der falſchen Grundſätze, welche der phyſiſche Zuſtand des Landes, verbunden mit paſſivem Zugeben der Uebergriffe auf dem Rechtsgebiete allmählig unter uns hatte aufkommen und heranwachſen laſſen. Das Squatterweſen war eine Folge von der dünnen Bevölkerung und von dem Ueberfluß an Land, — zwei Umſtände, die es gerade vom moraliſchen Geſichtspunkte um ſo unentſchuldbarer machten, aber welche, indem ſie den einen Theil gleichgültig gegen ſeine Rechte, und den andern in eben dem Verhältniß frech und anmaßend machten, nach und nach nicht nur zur Verletzung des Geſetzes geführt hatten, ſondern auch zur Annahme von Begriffen und Grundſätzen, welche der Herrſchaft des Geſetzes in allen und jeden Fällen widerſtreben. Dieſe allmählige Untergra⸗ bung richtiger Anſichten bildet die eigentlich drohende Gefahr unſeres ſocialen Syſtems; eine falſche Philanthropie in Betreff der Strafen, falſche Begriffe von perſönlichen Rechten und die Verdrängung der Grundſätze durch die Entſcheidungen der Zahl und der Maſſe drohen bei weitem die wichtigſte Revolution herbeizuführen, die noch je auf 5²26 dem amerikaniſchen Continent ſtattgefunden. Der Freund der wahren Freiheit ſollte unter ſolchen Umſtänden nie vergeſſen, daß die Bahn zum Deſpotismus an den Gränzen des Moraſtes der Zügelloſigkeit hinläuft, wenn ſie auch nicht eben in deren Tiefen ſich hineinwälzt. Als Malbone und ich uns wieder zurückzogen, nachdem wir einen Blick auf die Scene im Innern des Hauſes geworfen, erzählte er mir ausführlicher und im Einzelnen Alles, was mit ſeinem Thun und den von ihm ergriffenen Maßregeln zuſammenhing. Der Leſer weiß bereits, daß mittelſt einer Begegnung des Indianers und des Negers im Walde meine Freunde die erſte Nachricht erhielten von meiner Gefangenſchaft und von der muthmaßlichen Gefahr, worin ich ſchwebte. Kettenträger, Dus und Jaap brachen unverweilt nach der Lichtung Tauſendacres' auf, während Malbone nach Ravensneſt eilte, um geſetzliche Hilfe zu holen und eine bewaffnete Macht, um meine Befreiung ſicher zu bewirken. Alle Umſtände des Falles hin und her überlegend, und höchſt wahrſcheinlich auch eine übertriebene Vorſtellung von dem bösartigen Charakter Tauſendacres' ſich machend, war mein neuer Freund, als er das Neſt erreichte, in einem Zuſtand der fieberhaften Aufregung. Sein Erſtes war, daß er eine kurze Angabe und Darſtellung der Umſtände an meinen Vater ſchrieb, und dieſen Brief durch einen beſondern Boten abſchickte, mit dem Befehl, nach Fiſhkill zu eilen, wo gerade die ganze Fa⸗ milie auf Beſuch bei der Familie Kettletas ſich befand, und zu Land oder zu Waſſer zu reiſen, je nachdem der Wind günſtig wäre. Ich war betroffen über dieſe Nachricht, denn ich ſah augenblicklich voraus, daß dieſe Kunde nicht nur den General ſelbſt, ſondern auch meine gute Mutter und Kate, und wahrſcheinlich auch Tom Bayard in ihrem Gefolge, in größtmöglichſter Eile und Haſt nach Ravens⸗ neſt führen werde. Sie konnte ſogar meine treffliche Großmutter veranlaſſen, ſich ſo weit weg von ihrem Hauſe zu wagen; denn die letzten Briefe, die mir zugekommen waren, hatten mir gemeldet, daß ſie Alle auf dem Punkte ſtünden, meine Schweſter Anneke zu hren ahn gkeit ilzt. wir ihlte lhun eeſer des von orin nach zneſt um hin bene ſich nem 2 er ater ckte, Fa⸗ zu äre. klich nuch dard ens⸗ tter die det, zu 527 beſuchen, und auf dieſe Art hatte Frank erfahren, wo die Familie ſich befand. Da Malbone's Bote das Neſt zu Anfang der vorangegangenen Nacht verlaſſen und der Wind den ganzen Tag friſch nördlich ge⸗ weht hatte, war es ganz wohl möglich, daß er in Fiſhkill einge⸗ troffen ſein konnte in dem Augenblick, wo ich die Geſchichte ſeiner Abſendung vernahm. Die Entfernung betrug etwa hundert und vierzig Meilen, und beinahe hundert Meilen konnten zu Waſſer zurückgelegt werden. Ein ſolcher Bote fragte muthmaßlich nicht viel nach den Bequemlichkeiten, auf welche Manche ſeines Berufes einen Werth legen; und vorausgeſetzt, daß er Albany dieſen Morgen erreicht, und eine Schaluppe gefunden hatte, bereit den günſtigen Wind zu benutzen, wie ſich dieß vermuthen ließ, war es ganz in der Regel und Ordnung, daß er im Laufe des Abends, mit Hilfe des guten Windes, welcher geweht hatte, auf dem Landungsplatz zu Fiſhkill eintraf. Ich kannte General Littlepage zu gut, um an ſei⸗ ner Zärtlichkeit oder an ſeiner raſchen Entſchließung zu zweifeln. Zu Land konnte Albany in einem Tage, und am zweiten Ravens⸗ neſt erreicht werden. Ich rechnete daher darauf, wo nicht die ganze Familie, doch einen Theil derſelben auf dem Neſt zu ſehen, ſobald ich ſelbſt dort einträfe, woran ich jedoch in der allernächſten Zeit noch nicht denken konnte wegen des Zuſtandes des Kettenträgers. Ich will nicht läugnen, daß dieſer neue Stand der Dinge, mit den ſich daran knüpfenden Erwartungen, mir Stoff genug zum Nach⸗ denken gab. Ich konnte Frank Malbone nicht tadeln, und tadelte ihn nicht wegen deſſen, was er gethan hatte, da es natürlich und ſchicklich war. Trotzdem mußte es, was mein Verhältniß zu Dus betraf, die Entwicklung der Dinge etwas mehr beſchleunigen, als ich eigentlich gewünſcht hätte. Ich wünſchte Zeit zu haben, um meine Familie über den wichtigen Punkt meiner Heirath etwas zu ſondiren— um die drei oder vier Briefe, die ich ſchon geſchrieben hatte, und worin ihrer auf eine auffallende Weiſe Erwähnung 528 gethan war, ihre Wirkung thun zu laſſen; und ich rechnete gar ſehr auf die Unterſtützung, welche ich mir von der Freundſchaft und den Vorſtellungen der Miß Bayard verſprach. Ich war überzeugt, daß die ganze Familie die Vereitlung ihrer Wünſche und Hoffnungen in Betreff Priscilla's lebhaft und tief empfinden werde; und es war mein Wunſch geweſen, Urſula ihr nicht vorzuſtellen und mit ihr bekannt zu machen, als bis die Zeit jene Gefühle etwas geſchwächt hätte. Aber jetzt mußte man eben der Sache den Lauf laſſen; und mein Entſchluß ſtand feſt, ſo aufrichtig und gerade als möglich über die Sache mit meinen Eltern zu ſprechen. Ich kannte ihre innige Liebe zu mir, und baute nicht wenig auf dieſe natürliche Hilfe. Ich hatte eine halbſtündige Unterredung mit Dus, während ich in dieſer Nacht vor dem Spital auf und ab ſchritt, und Frank nahm inzwiſchen den Platz ſeiner Schweſter am Bette des Ketten⸗ trägers ein. Da ſprach ich ihr denn wieder von meinen Hoffnungen und kündigte ihr die Möglichkeit an, daß wir in kürzeſter Zeit alle meine nächſten Verwandten in Ravensneſt ſehen könnten. Ich hatte meinen Arm um den Leib des theuren Mädchens geſchlungen, als ich ihr dieſe Umſtände mittheilte, und ich ſpürte ihr Zittern, als fürchtete ſie die Prüfung, die ſie würde zu beſtehen haben. „Das kommt ſehr plötzlich und unerwartet, Mordaunt,“ be⸗ merkte Dus, nachdem ſie einige Zeit gehabt, um ſich wieder zu faſſen und zu ſammeln;„und ich habe ſo viel Grund, mit banger Scheue dem Urtheil Eurer hochachtbaren Eltern entgegenzuſehen,— dem Eurer reizenden Schweſter, von welcher ich ſo oft gehört habe, von Priscilla Bayard,— und in der That dem Urtheil Aller, die ſo wie ſie in den Verhältniſſen eines feinen und gebildeten Geſell⸗ ſchaftskreiſes gelebt haben,— ich, Dus Malbone, die Nichte eines Kettenträgers, und ſelbſt eine Kettenträgerin.“ 3 „Ihr habt nie eine Kette getragen, Geliebte, die ſo dauernd oder ſo ſtark wäre wie die, welche Ihr um mein Herz geſchlungen habt, und die mich ewig an Euch binden wird, mag die übrige 529 Welt uns Beide anſehen, wie ſie will. Aber Ihr habt von Nie⸗ mand Etwas zu fürchten, und am allerwenigſten von meinen Ver⸗ wandten. Mein Vater iſt nicht weltlich geſinnt; und was meine liebe, theure Mutter betrifft, Anneke Mordaunt, wie der General ſie ſogar jetzt noch oft zärtlich nennt, wie denn dieſer Name ſelbſt ihn an die Tage ihrer mädchenhaften Lieblichkeit und Blüthe er⸗ innert, was dieſe geliebte Mutter betrifft, Urſula, ſo bin ich feſt überzeugt, daß, wenn ſie Euch erſt recht kennt, ſie Euch ſogar ihrem Sohne vorziehen wird.“ „Das iſt ein Bild, das Eure verblendete Parteilichkeit ent⸗ wirft, Mordaunt,“ verſetzte das geſchmeichelte Mädchen, denn ge⸗ ſchmeichelt war ſie, das konnte ich wohl bemerken,„und ich darf darauf nicht mit zu großer Zuverſicht bauen. Aber das iſt keine Zeit, um von unſerem künftigen Glücke zu plaudern, wenn die ewige Seligkeit oder Unſeligkeit dieſer zwei bejahrten Männer ſo zu ſagen an einem Faden hängt. Ich habe ſchon einmal mit meinem theuren Oheim Gebete geleſen, und das ſeltſame Weib, in wel⸗ chem ſo viele Züge ihres Geſchlechts mit einer Art Wildheit, wie die der Bärin, gemiſcht ſind, hat Etwas gemurmelt, ſie hoffe, ihr „ſterbender Mann,“ wie ſie ihn nennt, werde nicht vergeſſen werden. Ich habe ihr verſprochen, ihn nicht zu vergeſſen, und es iſt Zeit, nunmehr dieſer Pflicht nachzukommen.“ Welch' eine Scene war das, die nun folgte! Dus ſtellte das Licht auf einen Schrank nahe am Bette Tauſendacres, und das Gebetbuch in ihrer Hand, kniete ſie neben demſelben. Prudence nahm eine ſolche Stellung ein, daß ihr Haupt verſteckt war von einem ihrer eigenen Kleidungsſtücke, das an einem Pflock hing; und da ſtand ſie, während die melodiſche Stimme von Urſula Malbone die Gebete für Sterbende mit demüthiger aber brünſtiger Andacht las. Ich ſage, ſie ſtand, denn weder Prudence noch Lowiny kniete. Der Eigenſinn und die Krittelei der Selbſtgerechtigkeit, welche ihre Vorfahren getrieben hatten, das Knieen beim Gebet als das Thun Der Kettenträger. 4 34 8 5 530 von formenſüchtigen Heuchlern zu verwerfen, hatten ſich auch auf ſie vererbt; und da ſtanden ſie, im Herzen betend ohne Zweifel, aber uneinnehmende, abſtoßende Formaliſtinnen ſelbſt in ihrem Eifer gegen Formen. Frank und ich knieten hinter der Thüre; und ich kann mit Wahrheit verſichern, daß mir nie Gebete ſo ſüß in's Ohr drangen, als diejenigen, welche jetzt aus dem Munde von Urſula Malbone empor ſtiegen. Achtundzwanzigſtes Kapitel. Dann kamen wir zum Grauſen und zur Hölle, Den großen Reichen und der traur'gen Herrſchaft Pluto's, wo er auf ſeinem Throne ſaß; Den wüſten Plätzen, den endloſen Eb'nen, Dem Wehgeſchrei, dem Kreiſchen, wilder Pein, Dem Seußzen, Schluchzen, tiefem Todesſtöhnen, Wo Erd' und Luft von Klag' und Aechzen tönen. Sackville. In dieſer Weiſe verfloß jene denkwürdige Nacht. Die zwei Verwundeten ſchlummerten viel, und ihre Bedürfniſſe beſchränkten ſich auf einen Trunk Waſſer von Zeit zu Zeit, um ihren fiebriſchen Durſt zu ſtillen oder ihre Lippen zu befeuchten. Ich vermochte Dus dazu, ſich auf Lowiny's Bett niederzulegen und zu verſuchen, ob ſie nicht etwas Ruhe genießen könne; und zu meiner Freude vernahm ich, nachdem die Nacht vorüber war, daß ſie zwei bis drei Stunden ſüß geſchlafen habe. Frank und ich nickten auch ein wenig, nach der Art der Soldaten, und Lowiny ſchlief auf ihrem Stuhl, oder an ihres Vaters Bett ſich lehnend. Was Prudence betrifft, ſo glaube ich, daß ihre Wachſamkeit nicht einen einzigen Augenblick ſich verminderte. Da ſaß ſie, die ganze lange Nacht hindurch, ſchweigend, ohne Thränen, finſter, ihr Herz zerriſſen von dem gewaltigen und plötzlichen Schlage, der ihre Familie betroffen 531 hatte, aber wach und aufmerkſam auf die kleinſte Bewegung ihres verwundeten, wie ein Rieſe daliegenden Gatten. Keine Klage ent⸗ ſchlüpfte ihrem Munde; kaum einmal wandte ſie ſich um, zu ſehen, was um ſie her vorgehe, und ſie beachtete durchaus Nichts außer ihrem Manne. Ihn ſchien ſie unwandelbar treu ergeben; und was ſie auch von ſeiner natürlichen, finſteren Strenge und der Herbig⸗ keit, womit er ſie ſelbſt zuweilen behandelte, denken mochte und mußte, ſo ſchien doch jetzt Alles vergeſſen! Endlich kehrte das Licht wieder, nachdem die Stunden der Fin⸗ ſterniß zu ungewöhnlicher Länge ſich ausgedehnt zu haben ſchienen. Jetzt, da Jaap und der Indianer bereit waren, an unſerer Statt die Wache zu übernehmen, begaben wir, Frank und ich, uns nach einer der Hütten und legten uns noch für einige Stunden nieder; und das war die Zeit, wo Dus ihren ſüßeſten und erquickendſten Schlum⸗ mer genoß. Lowiny bereitete uns unſer Frühmahl, das wir Drei, Dus, Frank und ich mit einander, ſo gut wir konnten, in Tobits Wohnung einnahmen. Was Squire Newcome betrifft, ſo hatte er die Lichtung im Lauf der Nacht oder ſehr früh Morgens verlaſſen, ohne Zweifel höchſt beunruhigt in ſeinem Gewiſſen, aber noch im⸗ mer ungewiß, ob ſeine Verbindung mit den Squatters mir bekannt ſei oder nicht; und der Vorwand für dieſen ſeinen Aufbruch war die zu erwartende Nothwendigkeit, eine Jury zuſammenzurufen; denn Mr. Jaſon Newcome bekleidete in eigener Perſon oder als Stellvertreter die verſchiedenen Aemter und Funktionen des Frie⸗ densrichters, eines Coxroners der Grafſchaft, eines Inſpektors des Fleckens Ravensneſt, eines Kaufmanns, Krämers, Müllers, Holz⸗ händlers, Landwirths und Gaſtgebers; um Nichts zu ſagen davon, daß er alle Teſtamente in der Gegend aufſetzte, ein ſtehender Schiedsmann war, wenn Streitigkeiten durch Schiedsgerichte ab⸗ gemacht wurden, ein tonangebender Politiker, ein Patriot von Pro⸗ feſſion, und ein angeſehener und beſtändiger Anwalt der Rechte des Volkes bis auf die unbedeutendſten Kleinigkeiten hinaus. Wer die 53²2 Menſchen kennt, wird nicht überraſcht ſein, wenn er nach Aufzäh⸗ lung aller ſeiner Aemter und Beſtrebungen vernimmt, daß er oben⸗ drein auch ein ausgemachter und ausgezeichneter Spitzbube war. Lang genug habe ich gelebt, um zwei Wahrheiten, als durch meine eigene Erfahrung gekräftigt, für ganz unzweifelhaft zu hal⸗ ten, und zwar dieſe: ich habe nie einen Mann gekannt, der ſeine Liebe zu dem Volke, und ſeinen Wunſch, ihm bei allen Gelegen⸗ heiten zu dienen, gefliſſentlich und laut ausſprach, deſſen Zweck nicht geweſen wäre, es zu ſeinem eigenen Vortheil zu betrügen; die an⸗ dere iſt dieſe: ich habe nie einen Mann gekannt, der, genöthigt, in vielfache Berührung mit dem Volke zu kommen, und dabei per⸗ fönlich populär war, an dem in der That ſonderlich Viel geweſen wäre. Aber es iſt Zeit, Jaſon Neweome und ſeine Charakterfehler zu verlaſſen, um uns zu der intereſſanten Scene zu begeben, die uns im Hauſe Tauſendacres' erwartete, und zu welcher wir jetzt von Jaap berufen wurden. Wie der Tag vorrückte, ermunterten ſich der Kettenträger und Tauſendacres aus der betäubten Ermattung, welche in Folge ihrer Verwundungen über ſie gekommen war, und nahmen mehr oder weniger in Acht, was um ſie her vorging. In Beiden ſank das Leben raſch, aber Beide ſchienen gerade in dieſem Augenblick ihre Gedanken auf die Welt zurückzulenken, um gleichſam einen letzten Abſchiedsblick zu werfen auf die Scenen, wo ſie die lange Zeit von ſiebzig Jahren hindurch eine Rolle geſpielt hatten. „Oheim Kettenträger iſt eben jetzt wieder ganz belebt,“ ſagte Dus, als ſie Frank und mir unter der Thüre entgegen kam,„und er hat nach euch Beiden gefragt; beſonders aber nach Mordaunt, deſſen Namen er binnen der letzten fünf Minuten dreimal genannt hat. ‚Schickt nach Mordaunt, mein Kind,“ ſagte er zu mir, ‚denn iich wünſche mit ihm zu ſprechen, ehe ich euch verlaſſe.“ Ich fürchte, er hat innere Mahnungen an ſein herannahendes Ende.“ „Das iſt möglich, liebſte Urſula; denn die Menſchen können 53³ wohl ſchwerlich vom Leben ſich losreißen, ohne die Annäherung des Todes zu fühlen. Ich will ſogleich an ſein Bett gehen, damit er ſieht, ich bin hier. Es iſt am beſten, ſeine eigene Empfindung entſcheiden zu laſſen, ob er im Stande iſt, zu ſprechen oder nicht.“ Der Ton von Kettenträgers Stimme, welcher leiſe, aber deutlich ſprach, kam uns zu Ohren, als wir ihm näher traten, und wir blieben Alle ſtehen, um zu lauſchen. „Ich ſage, Tauſendacres,“ wiederholte Andries etwas lauter als zuvor,„wenn Ihr mich hört, alter Mann, und mir antworten könnt, wünſche ich, daß Ihr mich dieß wiſſen laßt. Ihr und ich, wir ſind im Begriff, eine ſehr lange Reiſe anzutreten, und es iſt unvernünftig, ſo wie ſündhaft, mit böſen Gefühlen im Herzen auf⸗ zubrechen. Wenn Ihr nur auch eine ſolche Nichte gehabt hättet, wie Dus hier, um Euch dieſe Dinge zu ſagen, alter Aaron, ſo möchte es wohl für Eure Seele beſſer ſein in der Welt, in welche wir Beide hinüberzugehen im Begriff ſind.“ „Er weiß es— gewiß weiß er es, und fühlt es auch,“ mur⸗ melte Prudence, ſich wieder wie zuvor unruhig hin und her wiegend. „Er hat fromme Vorfahren gehabt und kann nicht ſo weit von der Gnade abgefallen ſein, daß er Tod und Ewigkeit vergeſſen hätte.“ „Seht Ihr, Prudence, Aaron konnte nie abfallen von dem, an was er nie ſich gehalten hatte. Was die frommen Vorfahren betrifft, ſo mag man von ihnen immerhin ſchwatzen in den Reden am vierten Julius, aber ſie können nicht viel gelten, wenn es ſich darum handelt, einen Mann von ſeinen Sünden zu reinigen. Ich glaube, die frommen Vorfahren, von welchen Ihr ſprecht, waren die Leute, die zuerſt auf dem Fels bei Plymouth landeten; aber laßt mich Euch ſagen, Prudence, wären ihrer auch zweimal ſo Viele geweſen, und wären ſie Alle zweimal ſo gut geweſen, als Ihr von ihnen rühmt, es wird Eurem Mann nichts helfen, wenn er nicht Buße thun will, und all' das Unrecht und die Sünden be⸗ reuen, die er in dieſer Welt gethan hat, und ſeine Mißachtung 5³4 der Gränzen überhaupt, und ſeine Eingriffe in anderer Leute Grund und Boden insbeſondere. Es mag ſchön und gut ſein, fromme Vorfahren zu haben, aber ein guter Wandel und Gemüthsver⸗ faſſung ſind viel beſſer, wenn die letzte Stunde herannaht.“ „Antwortet ihm, Aaron,“ ſagte das Weib—„antwortet ihm, mein Mann, damit wir Alle die Gemüthsverfaſſung erkennen, worin Ihr von der Welt Abſchied nehmt. Kettenträger iſt im Grunde ein wohlmeinender Mann und hat uns nie boshafterweiſe ein Leid gethan.“ Zum erſten Mal, ſeit Andries ſeine Wunde empfangen hatte, hörte ich jetzt die Stimme Tauſendacres'. Bis zu dieſem Augen⸗ blick war der Squatter vor, wie nach ſeiner Verwundung, in finſterem Schweigen dageſeſſen, und ich hatte geglaubt, er habe nach ſeiner Verletzung den Gebrauch der Sprache verloren. Zu meiner Ueberraſchung jedoch ſprach er jetzt mit ſo tiefer und kräf⸗ tiger Stimme, daß ich zuerſt mich verſucht fühlte, zu wähnen, die Verletzung, die er erhalten, könne vielleicht nicht tödtlich ſein. „Wenn es keine Kettenträger gäbe,“ brummte Tauſendacres, „ſo gäbe es keine Linien und Gränzen und Marken, wie ſie es nennen; und wo es keine Gränzen und Marken gibt, da kann kein Recht gelten, als das des Beſitzes. Wären nicht Eure geſchriebenen Rechtstitel, ſo läge ich jetzt nicht hier, in den letzten Zügen.“ „Vergib Alles, mein Mann; vergib es Alles, wie es einem guten Chriſten geziemt,“ erwiederte Prudence auf dieſen charakteri⸗ ſtiſchen Blick auf die Vergangenheit, wobei der Squatter ſo offen⸗ bar alle ſeine eigenen Vergehen und Sünden überſehen hatte, und die Folgen ganz auf Andere zu ſchieben bemüht war.„Es iſt das Geſetz Gottes, daß Ihr Euren Feinden vergeben ſollt, Aaron, und ich wünſche, daß Ihr dem Kettenträger vergebt, und nicht mit Galle im Herzen in das Land der Geiſter hinübergehet.“ „Es wäre weit beſſer, Prudence, wenn Tauſendacres Gott anflehen wollte, ihm ſelbſt zu vergeben,“ fiel hier der Kettenträger 535⁵ ein.„Ich bin ganz bereitwillig und glücklich, die Verzeihung jedes Menſchen zu erlangen, und es iſt gar nicht unwahrſcheinlich, daß ich etwas gethan oder geſagt haben mag, was die Gefühle Eures Gatten verletzt hat; denn wir Leute in den Wäldern ſind rauh genug und derb in unſeren Reden und in unſerem Thun; ſo bin ich denn bereit, Tauſendaeres' Verzeihung ſogar zu erlangen, ſage ich, und will ſie mit Freuden annehmen, wenn er ſie mir anbieten und dafür die meinige annehmen will.“ Ein tiefes Stöhnen rang ſich los aus der breiten, höhlen⸗ artigen Bruſt des Squatters. Ich nahm es als ein Zugeſtändniß, daß er Andries Mörder ſei. „Ja,“ begann Kettenträger wieder,„Dus hat mich einſehen gelehrt—“ „Oheim!“ rief Urſula, welche mit geſpannter Aufmerkſamkeit zuhörte, und jetzt ſprach, weil ſie ihrer inneren Bewegung nicht mehr Meiſter war. „Ja, ja, Mädchen, es iſt ganz und gar dein Werk geweſen. Wie du von der Schule zurückgekommen, und als wir in die Wälder zogen, ſo gut wie allein, haſt du nie vergeſſen, einen alten, vergeßlichen Mann ſeine Pflicht zu lehren—“ „Oh, Oheim Kettenträger, nicht ich, ſondern Gott in ſeiner Barmherzigkeit hat Euren Verſtand erleuchtet und Euer Herz gerührt—“ „Ja, Liebchen; ja, Dus, meine Theure, ich verſtehe das auch; aber Gott in ſeiner Barmherzigkeit hat einen Engel geſandt als ſeinen Diener auf Erden an einen armen, unwiſſenden Hollän⸗ der, der ohne deine Hilfe nicht zu der Erkenntniß und der Gnade gelangt wäre, die er erlangen konnte und ſollte, und ſo iſt die glückliche Veränderung zu Stande gekommen. Nein, nein, Tauſend⸗ acres, ich will ſelbſt Eure Verzeihung nicht verachten, ſo wenig Ihr mir zu verzeihen haben mögt; denn es nimmt Einem, deſſen Zeit hienieden nur noch kurz iſt, ſchwere Laſten vom Herzen, zu 536 wiſſen, daß er keine Feinde zurückläßt. Man ſagt, es ſei das Beſte, die guten Wünſche eines Hundes für ſich zu haben, und wie viel beſſer iſt es doch, die guten Wünſche eines Menſchen für ſich zu haben, der eine Seele hat, die nur der Reinigung bedarf, um die ganze Ewigkeit hindurch in der Gegenwart und vor dem Antlitz des Allmächtigen zu wohnen.“ „Ich hoffe und glaube,“ brummte Tauſendacres wieder,„daß in der Welt, wohin wir gehen, kein Geſetz und keine Sachwalter ſein werden.“ „Hierin, Aaron, ſeid Ihr in großem Irrthum. Jenes Land iſt ganz Geſetz und Recht und Gerechtigkeit, obwohl— Gott ver⸗ zeihe es mir, wenn ich irgend einem Menſchen Unrecht thue, aber um ganz offen mit Euch zu ſprechen, wie es zwei Sterblichen ge⸗ ziemt, die ihrem Ende ſo nahe ſind,— ich ſelbſt nicht glaube, daß dort viele Sachwalter ſein werden, die Diejenigen beunruhigen könnten, die da aufgenommen ſind in die Höfe und Hallen des Allmächtigen ſelbſt. Ihr Thun und Beruf auf Erden macht ſie noch nicht tüchtig für das Thun und den Beruf des Himmels.“ „Wenn Ihr immer ſolche vernünftige Begriffe gehabt hättet, Kettenträger, ſo hätte Euch wohl kein Leid betroffen, und mein Leben und das Eurige wären verſchont geblieben. Aber dieß iſt ein Zuſtand, wo die Kurzſichtigkeit den Sieg davon trägt über die beſten Berechnungen. Ich war nie meiner Sache gewiſſer, Nutz⸗ holz zu Markte zu bringen, als ich es vor drei Tagen zu ſein glaubte, das, was jetzt im Fluſſe liegt, wohlbehalten nach Albany zu bringen; und jetzt ſeht Ihr, wie es iſt! Die Jungen ſind zer⸗ ſtreut und ſehen vielleicht dieſen Platz nie wieder; die Mädchen ſind in den Wäldern und rennen herum mit dem Wild des Forſtes; das Holz iſt in die Hände des Geſetzes gefallen, und zwar mit Beihilfe eines Mannes, welcher ehrlicherweiſe verpflichtet war, mich zu beſchützen, und ich liege hier ſterbend!“ „Denkt nicht mehr an das Holz, mein Mann, denkt nicht 537 mehr an das Holz,“ ſagte Prudence mit Eifer und Ernſt;„die Zeit iſt verzweifelt kurz im beſten Falle, und die Eurige iſt kürzer als gewöhnlich, ſelbſt für einen Mann von ſiebzig Jahren, wäh⸗ rend die Ewigkeit kein Ende hat. Vergeßt die Bretter und vergeßt die Jungen, vergeßt die Mädchen, vergeßt die Erde und Alles, was ſie enthält!“ „Du willſt doch nicht, daß ich dich vergeſſe, Prudence,“ unter⸗ brach ſie Tauſendacres,„dich, die du jetzt vierzig lange Jahre mein Weib geweſen, die ich genommen, als du jung und ſchön warſt, die mir ſo viele Kinder geboren, und immer eine treue und handarbeitende Frau geweſen— du willſt doch nicht, daß ich dich vergeſſe?“ Dieſe eigenthümliche Frage, aus dem Munde eines ſolchen Menſchen, und beinahe in ſeinem Todeskampfe, klang wunderbar und feierlich unter die verworrenen und halbwilden Gemüthser⸗ ſchütterungen einer mir ewig unvergeßlichen Scene hinein. Die Wirkung derſelben auf Urſula war beſonders auffallend; ſie ver⸗ ließ das Bett ihres Oheims, und mit dem Ausdruck innigen, weiblichen Mitgefühls in ihrem Angeſicht näherte ſie ſich dieſem betagten Paare, das jetzt für eine kurze Zeit wenigſtens ge⸗ trennt werden ſollte, blieb hier ſtehen, nachdenklich den Mann, der wahrſcheinlich ihres Oheims Mörder war, anſchauend, wie wenn ſie gerne in ſeinen geiſtigen Leiden und Krankheiten ihm Hilfe ſpendete. Selbſt Kettenträger verſuchte ſein Haupt auf⸗ zurichten und ſah mit Theilnahme nach der andern Gruppe hinüber. Niemand jedoch ſprach, denn Alle fühlten, daß die feierlich ernſten Erinnerungen und Ahnungen eines Paares in ſolcher Lage zu heilig waren, als daß ſie unterbrochen werden durften. So ging das Geſpräch zwiſchen ihnen ohne eine Un⸗ terbrechung fort. „Nein, Aaron, mein Mann, nein, das will ich nicht,“ ant⸗ wortete Prudence, und ihre Stimme verrieth den Kampf mit 538 heftiger Gemüthsbewegung;„kein Geſetz, kein Verbot kann das verlangen. Wir ſind ein Fleiſch, und was Gott zuſammengefügt hat, das wird er nicht lange geſchieden und getrennt laſſen. Ich kann nicht lange zurückbleiben hinter Euch, mein Mann, und wenn wir uns wieder finden, ſo hoffe ich, es wird an einem Orte ſein, wo keine Bretter, keine Bäume, keine Acres Landes uns mehr Mühe und Unruhe machen werden.“ „Ich bin aber doch hart behandelt worden mit dieſem Holz,“ murmelte der Squatter, der offenbar jetzt mehr zum Schuldbewußt⸗ ſein erwacht war, als zuvor, und der auch jetzt noch nicht umhin konnte, immerfort mit dem ſich zu beſchäftigen, was der Haupt⸗ gegenſtand ſeiner Gedanken und ſeiner Thätigkeit während ſeines Lebens geweſen war, obgleich dieß Leben jetzt ſchon unter ſeinen Füßen zuſammenſtürzte,—„ja, mißhandelt bin ich worden mit dem Holze, Prudence, ich kann es nicht anders anſehen. Wenn man auch die Rechte der Littlepage's noch ſo hoch anſchlägt, ſo hat⸗ ten ſie doch billigermaßen immer nur Anſpruch auf die Bäume; während die Jungen und ich, wie Ihr wohl wißt, die Bäume in ſo ſchöne und ſtattliche Dielen und Planken umgewandelt haben, als nur je zu Markte geflößt wurden.“ „Aber einer Umwandelung anderer Art bedürft Ihr jetzt, Aaron, mein Mann; eine andere Art von Umwandelung und Be⸗ kehrung thut Euch jetzt noth. Wir müſſen Alle einmal uns bekehren in unſerem Leben; Alle wenigſtens, die da Kinder von puritaniſchen Eltern und von gottſeligen Vorfahren ſind;z und man muß geſtehen, wenn man unſere Jahre anſchlägt, und das Gewicht des Beiſpiels in einer ſolchen Familie wie die unſerige, daß Ihr und ich es lange genug aufgeſchoben haben. Kommen muß es aber dazu, oder es kommt etwas Schlimmeres; und Zeit und Ewigkeit fallen in Eurem Falle, Aaron, ſo ziemlich zuſammen.“ „Ich würde beruhigter im Gemüth ſterben, Prudence, wenn Kettenträger nur zugeben wollte, daß der Mann, der einen Baum das fügt Ich denn ſiin, nehr 3, 41 ißt⸗ thin pt⸗ nes nen mit enn at⸗ en, 539 fällt, und herbeiſchleppt, und ſägt und in Flöße ſchichtet, eine Art Recht, natürliches oder geſetzliches, auf das Holz erwirbt.“ „Es thut mir leid, Tauſendacres,“ verſetzte Andries,„daß Ihr ein ſolches Zugeſtändniß von mir nöthig zu haben glaubt in dieſem ernſten Augenblick, da ich als ein ehrlicher Mann es nim⸗ mermehr machen kann. Ihr thätet beſſer, Eurem Weib Euer Ohr zu leihen, und Euch zu bekehren, wenn Ihr könnt, und ſobald Ihr könnt. Ihr und ich, wir haben nur noch wenige Stunden zu leben; ich bin ein alter Soldat, Tauſendacres, und habe mehr als dreitauſend Mann in meinen eigenen Reihen niederſchießen ſehen, zu geſchweigen Derer, die in den Reihen des Feindes fielen; und bei einer ſolchen Erfahrung verſteht ſich Einer nachgerade ſchon ein wenig auf Wun⸗ den und deren Folgen und Ausgang. So ſpreche ich denn als mein Dafürhalten aus, daß Keiner von uns Beiden die mindeſte Hoffnung hat, die nächſte Nacht zu überleben. So macht denn, daß dieſe Bekehrung ſo ſchnell und ſo gut als möglich vor ſich gehe, denn es iſt wenig Zeit zu verlieren, und Ihr ſeid ein Squatter. Es iſt dieß der Augenblick, Tauſendacxes, wo mehr als in jedem andern der wahre Werth von Profeſſionen und Gewerben und Be⸗ rufsarten ſich erweist, ſo wie auch die Art und Weiſe, wie die Pflichten erfüllt worden, die ſie mit ſich bringen. Es mag ehren⸗ voller und gewinnreicher ſein, ein berechnender Vermeſſer zu ſein und ſich auf Arithmetik zu verſtehen, und in der Welt von ſich re⸗ den zu machen durch große und umfaſſende Arbeiten, die man aus⸗ geführt hat; aber ſogar Seine Excellenz ſelbſt, wenn ſein letztes Stündchen herannaht, mag ſich freuen, daß die Verſuchungen ſol⸗ cher Gelehrſamkeit, und der Umſtand, daß er ſo durch und durch ein ehrlicher Mann iſt, ihn den Stand eines armen Kettenträgers nicht beneiden laſſen, der, wenn er nicht Viel wußte, und nicht Viel leiſten konnte, wenigſtens das Land mit Treue maß, und ſeine Arbeit ſo gut verrichtete, als er konnte und wußte. Ja, ja, alter Aaron, bekehrt Euch, ſage ich Euch; und ſollte Prudence nicht ge⸗ 540 nug von der Religion und von ihrer Bibel wiſſen, und vom Beten zu Gott, daß er Erbarmen habe mit Eurer Seele, ſo iſt hier Dus Malbone, meine Nichte, welche dieſe Sachen verſteht, und was noch weit mehr iſt, fühlt, ganz ſo gut wie die meiſten Dominies, und beſſer als einige Selbſtſüchtige und Faule darunter, die ich kenne, und die ihre Heerden ſo behandeln, als wenn der Herr wollte, ſie ſollten nur von ihnen geſchoren werden, und die zu faul ſind, um viel mehr zu thun, als immerfort zu rufen— und das nicht mit den Worten des inſpirirten Schreibers: Wächter, welche Stunde der Nacht iſt es? Wächter, welche Stunde der Nacht iſt es?— ſondern: Meine geliebte und höchſt chriſtliche und gottſelige Gemeinde, zahlt, zahlt, zahlt!— Ja, es iſt zu viel Geiz und Selbſtſucht in der Welt, und das thut der Sache des Erlöſers Schaden; aber die Wahrheit iſt etwas ſo Klares und Schönes, mein armer Aaron, daß ſelbſt Lügen und Laſter und alle Arten von Sünden ſie nicht lange beflecken können. Nehmt meinen Rath an und redet mit Dus; und obgleich Ihr ohne Zweifel ſchlimmer werden werdet im Leiblichen, wird Euch doch beſſer werden im Geiſt.“ Tauſendacres wandte ſein wildes und rauhes Geſicht herum und ſchaute ernſt und geſpannt Urſula an. Ich ſah den Kampf, der im Innern vorging in dem klaren Spiegel des ſüßen, aufrich⸗ tigen Angeſichts meiner Geliebten, und ich erkannte, daß es paſſend ſei, wenn wir uns zurückzögen. Frank Malbone verſtand meinen Blick, und wir verließen mit einander das Haus und ſchloſſen die Thüre hinter uns. Zwei für mich lange und ängſtliche Stunden folgten, während welcher Zeit mein Freund und ich meiſt auf der Lichtung herum wanderten, die Männer ausfragten, welche das bewaffnete Geleite bildeten, und ihre Berichte anhörten. Dieſen Männern war es Ernſt mit dem, was ſie thaten; denn Achtung vor dem Geſetz iſt ein auszeichnender Zug im amerikaniſchen Charakter, und vielleicht mehr noch in Neuengland, woher die meiſten dieſer Männer kamen, wen V 541 als in irgend einem andern Theile des Landes, trotz der, wie es ſcheinen könnte, für das Gegentheil ſprechenden Spitzbüberei des Squire Newcome. Manche Beobachter behaupten, dieſe Achtung vor dem Geſetz nehme allmählig unter uns ab, und an ihrer Stelle komme merklich die Neigung auf, die Meinungen, Wünſche und Intereſſen lokaler Majoritäten geltend, und das Land Men⸗ ſchen ſtatt Grundſätzen unterthan zu machen. Die letzteren ſind ewig unveränderlich, und weil ſie von Gott kommen, ha⸗ ben die Menſchen, ſelbſt wenn ſie in ihren Geſinnungen ein⸗ müthig wären, ſo wenig das Recht, ſie zu ändern, als ſeinen heiligen Namen zu läſtern. Alles, was die weiteſte und aus⸗ gebildetſte politiſche Freiheit Wohlthätiges wirken kann, iſt: dieſe Grundſätze zum Beſten des menſchlichen Geſchlechts in der Ord⸗ nung und Führung ihrer täglichen Angelegenheiten anzuwenden; aber wenn ſie an die Stelle dieſer reinen und geſunden Regeln und Gebote des Rechts Geſetze, in Selbſtſucht ausgeheckt und vollzogen durch die Macht und Gewalt der Zahl, zu ſetzen ver⸗ ſuchen, ſo üben ſie nur Tyrannei in volksmäßiger Geſtalt, ſtatt in der frühern königlicher Macht oder ariſtokratiſcher Mißbräuche. Es iſt ein unglückſeliger Irrthum, ſich einzubilden, daß die Frei⸗ heit gewonnen werde, durch die bloße Erkämpfung des Rechts zu regieren, für das Volk, wenn nicht auch die Art, wie dieß Recht verſtanden und geübt werden ſoll, auf's Engſte verbunden und verſchmolzen iſt mit allen volksmäßigen Begriffen von dem, was errungen worden iſt. Dieß Recht, zu regieren, beſagt weiter Nichts, als das Recht des Volkes, ſich der ſo errungenen Macht zu bedienen, um die großen Grundſätze der Gerechtigkeit zu ſei⸗ nem eigenen Beſten anzuwenden, da es bisher vom Beſitze dieſer VTortheile ausgeſchloſſen war. Es verleiht keine Macht und Be⸗ fugniß, was an und für ſich unrecht iſt, unter irgend welchem Vorwand zu thun; auch wäre gar Nichts gewonnen geweſen, wenn Amerika, ſobald es ſich einer Herrſchaft entledigte, welche 542 einen ſo großen Theil ſeiner Kraft zur Vermehrung des Reichthums und Einfluſſes eines entfernten Volkes mißbrauchte, ſich ſofort daran gemacht hätte, eine neue Politik in ihrem eigenen Intereſſe aufzu⸗ ſtellen, welche ähnliche Uebel ihm zufügen müßte. Mein alter Bekannter, der treuherzige Rhode⸗Isländer, war auch in dem gewaffneten Geleite mitgekommen; und ich hatte, während ich das Haus Tauſendacres verlaſſen, eine kurze Beſprechung mit ihm, welche den Leſer einigermaßen in das Geheimniß des Standes der Dinge auf der Lichtung einweihen mag. Wir begegneten uns in der Nähe der Mühle, wo mein Bekannter, deſſen Name Hosmer war, alſo begann: „Guten Morgen Euch, Major, und herzlich willkommen in der freien Luft!“ rief der ſtämmige Meoman, mir zutraulich aber ach⸗ tungsvoll die Hand bietend.„Ihr ſeid hier in eine Grube gefal⸗ len, oder in eine Diebshöhle; und es iſt offenbar das Walten der Vorſehung, daß Ihr nur wieder den blauen Himmel geſehen und die freie Luft geathmet habt! Nun, ich habe dieſen Morgen ein wenig mit dem Indianer herumgeſpürt; und kein Hund hat eine ſicherere Witterung als er. Wir gingen in die Schlucht am Fluſſe; und eine verzweifelte Maſſe Bretter hat das Gezücht in das Waſ⸗ ſer geſchafft, das kann ich Euch ſagen! Wenn der Haufe vierzig Pfund Yorker Geld gilt, ſo muß das Ganze volle fünfhundert werth ſein. Sie hätten ſich da ein Vermögen gemacht, Jeder von den Spitzbuben. Ich weiß nicht, ob ich nicht ſelbſt darum fechten würde, um ſo viele Bretter und ſo ſchöne Bretter zu retten, mit Recht oder mit Unrecht geſchnitten!“ Hier hielt der alte Burſche inne, um zu lachen, und dieß that er eben ſo behaglich und mit vollem Genügen, wie er ſprach und überhaupt Alles that. Ich benützte die Gelegenheit, um ihm ein Wort zu erwiedern.— „Ihr ſeid ein zu ehrlicher Mann, um daran zu denken, je Bretter zu ſägen aus eines Andern Bäumen,“ verſetzte ich.„Dieſe —— Leut forte das ſo l Sat Ind einen wür als ſtehe nige dazu währ —— Leute haben ihr ganzes Leben lang auf unehrliche Weiſe ſich fortgebracht, und Jeder kann ſehen, wozu das geführt hat.“ „Ja, ich hoffe, das bin ich, Squire Littlepage— ich hoffe, das bin ich. Harte Arbeit und ich ſind einander nicht fremd, und ſo lang Einer arbeiten kann und arbeiten will, bekommt ihn der Satan nicht leicht zu packen. Aber was ich ſagen wollte, der Indianer verfolgte die Spur am Fluß hinab, obgleich ſie auf einem ziemlich betretenen Pfade hinlief; aber dieſem Indianer würde es ſo leicht ſein, ſie ſelbſt auf einer Heerſtraße zu finden, als es für Euch oder für mich iſt, an einem Sabbathtage die Stelle in der Bibel zu finden, wo wir am vorigen Sabbath ſtehen geblieben. Ich mache mir immer ein Zeichen in die mei⸗ nige mit einem Schnürchen, das mir meine Alte ausdrücklich dazu geflochten hat; und eine rechte gute Methode iſt das, denn während man mit der einen Hand nach der Brille ſucht, iſt Nichts leichter, als mit der andern die Bibel aufzuſchlagen. Es iſt gar etwas Bequemes darum; und wenn Ihr eine vornehme Lady in York drunten heirathet, wie Eure Mutter war, denn ich kannte ſie und verehrte ſie, wie wir Alle hier herum thaten, — nun, wenn Ihr heirathet, bittet Eure Frau, Euch auch ein Schnürchen zu flechten, um mit Hilfe deſſelben die Stelle in der Bibel zu finden, und Alles wird gut gehen, darauf nehmt das Wort eines alten Mannes!“ „Ich danke Euch, mein Freund, und will mir den Rath mer⸗ ken, ſollte ich auch etwa eine Lady aus dieſer Gegend und nicht von York drunten heirathen.“ „Aus dieſer Gegend hier? Nein, wir haben hier Niemand, der gut genug für Euch wäre. Laßt mich ſehen; Newcome hat eine Tochter, die alt genug wäre, aber ſie iſt verzweifelt häßlich, und würde für Euch in keiner Weiſe paſſen. Ich denke, die Littlepage's würden nicht allzugerne ſich ſo nahe mit den Newcome's einlaſſen. 4 „Nein, mein Vater war ein alter Freund— oder ein alter 544 Bekannter wenigſtens, von Mr. Neweome, und muß ſeine Ver⸗ dienſte wurdigen.“ „Ja— ja— ich ſtehe Euch dafür, der General kennt ihn. Nun, die menſchliche Natur bleibt menſchliche Natur; und ich glaube, wenn man die Wahrheit ſagen ſoll, Keiner von uns iſt nur halb ſo gut, als er ſein ſollte. Wir leſen von treuen Haus⸗ haltern in dem guten Buche, und auch von ungetreuen, Squire,“ hier hielt der alte Veoman wieder inne und überließ ſich ſeinem herzlichen Gelächter, womit er deutlich zu verſtehen gab, welche Anwendung er ſeinen Worten gegeben wiſſen wollte.„Nun, Alle müſſen zugeben, daß die Bibel ein gutes Buch iſt. Ich ſchlage ſie nie auf, ohne Etwas daraus zu lernen, und was ich lerne, das bemühe ich mich, nicht mehr zu vergeſſen. Aber da iſt ein Bote an Euch, Major, von Tauſendacres Hütte, und ich bilde mir ein, es wird darauf hinauslaufen, daß er oder Kettenträger ſeinem Ende nahe ſei.“ Wirklich kam Lowiny, um uns in das Haus zu holen, und ich verabſchiedete mich für jetzt von meinem Kollega Major. Es war mir klar, daß dieſer ehrliche Noman, ein tüchtiger Repräſentant ſeiner Klaſſe, Newcome und ſeine Schliche durchſchaute, und nicht abgeneigt war, davon zu ſprechen und ſie aufzudecken. Doch hatte auch dieſer Mann einen Fehler, und zwar einen ſehr charakteri⸗ ſtiſchen ſeiner Klaſſe und Sekte. Er konnte nicht offen heraus⸗ ſprechen, ſondern pflegte mit Anſpielungen um einen Gegenſtand herumzugehen, ſtatt friſch mit der Sprache herauszugehen und zu ſagen, was er auf dem Herzen hatte; auf den Buſch zu klopfen, um das Wild aufzujagen, während er, gerade darauf losgehend, kürzer zu ſeinem Zweck hätte kommen können. Ehe wir uns trenn⸗ ten, gab er mir zu verſtehen, daß Susqueſus und mein Sklave Jaap den ſich zurückziehenden Squatters nachgegangen ſeien, mit der Abſicht, ihre Spuren einige Meilen weit zu verfolgen, um ſich Gewißheit zu verſchaffen, ob nicht Tobit und ſeine Rotte uoch in enn-⸗ lave mit ſich h in ————— — 545 der Lichtung ſich herumtrieben, ihr Hab' und Gut zu beobachten und einen Schlag zu führen, wenn man ſich deſſen am wenigſten verſehe.. Dus trat mir unter der Thüre des Hauſes entgegen, traurig und mit Thränen, aber eine ſolche heilige Ruhe in ihrem ſonſt ſo ſtrahlenden Angeſicht herrſchend, daß ſich darin ganz die Nachwir⸗ kung der feierlichernſten Pflichterfüllung ausſprach, womit ſie ſo eben beſchäftigt geweſen. Sie bot mir ihre beiden Hände dar und ſagte:„Oheim Kettenträger iſt ſehr verlangend, uns zu ſprechen — wegen unſerer Verlobung, glaube ich.“ Ein Schauer durch⸗ bebte Urſula's Geſtalt; aber ſie raffte ihre Kraft zuſammen, lächelte trüb und fuhr fort:„Hört ihn geduldig an, lieber Mordaunt, und bedenkt, daß er in gewiſſem Sinne mein Vater iſt, und ſo vollen Anſpruch auf meinen Gehorſam und meine Hochachtung hat, als wenn ich ſeine leibliche Tochter wäre.“ Wie ich in das Gemach trat, konnte ich bemerken, daß Dus gebetet hatte. Prudenee ſchien beruhigt und getröſtet, aber Tau⸗ ſendacres Geſicht ſelbſt hatte einen unſicheren und wilden Ausdruck, wie wenn jetzt erſt Zweifel in ſeiner Seele ſich zu regen begonnen hätten, in dem Augenblick, wo ſie am quälendſten für ihn ſein mußten. Ich bemerkte, daß ſein ängſtliches Auge an Dus hing, und daß er ihr beſtändig mit ſeinen Blicken folgte, wie wenn ſie dasjenige Weſen wäre, welches das Werkzeug geworden, in ihm das Bewußtſein ſeines bedenklichen Zuſtandes zu wecken. Aber bald ward meine Aufmerkſamkeit nach dem andern Bett hingezogen. „Kommt her zu mir, Mordaunt, mein Junge; und komm du auch hieher, Dus, meine liebſte Tochter und Nichte. Ich habe einige wichtige Worte mit Euch zu ſprechen, bevor ich ſcheide, und wenn ſie nicht jetzt geſprochen werden, ſo bleiben ſie wohl unge⸗ ſagt. Es iſt immer das Beſte, die Zeit beim Stirnhaar zu faſſen, wie man ſagt; und gewiß kann man es nicht übereilt geſprochen nennen, wenn Einer nicht nur einen Fuß im Grabe hat, ſondern Der Kettenträger. 3⁵ 1 1 546 beide Füße und den halben Leib obendrein, wie man dieß von mir wohl ſagen kann. Jetzt hört eines alten Mannes Rath an, und unterbrecht mich nicht, bis ich ganz ausgeſprochen habe, denn ich werde ſehr ſchnell ſchwächer und habe keine Kraft mehr, mit Strei⸗ ten und Beweisgründen Worte zu verſchwenden. 4 „Mordaunt hat mir ſo viel mitgetheilt, daß ich aus ſeinem eigenen Munde weiß, er liebt und bewundert mein Mädchen, und wünſcht und hofft und gedenkt ſie zu ſeiner Gattin zu machen. Andererſeits bekennt und geſteht Dus, oder Urſula, meine Nichte, daß ſie Mordaunt liebt und achtet und eine lebhafte Freundſchaft für ihn hat, und geneigt iſt, ſein Weib zu werden. Alles das iſt natürlich, und es gab eine Zeit, wo es mich ſo glücklich gemacht haben würde, als der Tag lang iſt, wenn ich dieß aus dem Munde des Einen oder des Andern vernommen hätte. Ihr wißt, meine Kinder, daß ich für euch Beide gleiche Zärtlichkeit hege, und daß ich euch in jeder Hinſicht, die weltlichen Glücksgüter ausgenommen, für ſo geeignet anſehe, Mann und Weib zu werden, als nur irgend ein junges Paar in Amerika. Aber Pflicht iſt Pflicht, und ſie muß erfüllt werden. General Littlepage war mein alter Obriſt; und ſelbſt ein rechtlicher und ehrenhafter Mann, hat er alles Recht zu erwarten, daß jeder von ſeinen früheren Kapitäns insbeſondere gegen ihn ſo handle, wie ſie wünſchen, daß er gegen ſie handle. Obgleich nun der Himmel Himmel iſt, muß doch dieſe Welt eben betrachtet werden als dieſe Welt die ſie iſt, und man muß die Re⸗ geln und Geſetze ihres Regiments an ihrer Stelle achten. Die Malbone's ſind eine achtbare Familie, das weiß ich; und obgleich Dus Vater ein wenig wild und unbeſonnen und verſchwenderiſch war.“ „Oheim Kettenträger „Wahr, Mädchen, wahr! es i*ſt dein Vater geweſen und das Kind muß immer die Eltern ehren. Ich gebe das zu, und will nicht mehr ſagen, als durchaus nöthig iſt; zudem, wenn Malbone 10 ich ei⸗ em nd en. bte, aft iſt : ht nde eine daß ien, end nuß und zu dere dle. ben Re⸗ Die leich riſch das will bone ſeine ſchlimmen Eigenſchaften hatte, ſo hatte er auch ſeine guten. Ein ſchönerer Mann war weit und breit nicht zu finden, wie dieß meine arme Schweſter wohl empfunden hat, glaube ich; und er war muthig wie ein Bullenbeißer, und großherzig und gutmüthig, und manche Perſonen wurden ganz hingenommen von all' dieſen glänzenden Vorzügen, und hielten ihn für beſſer, als er eigentlich war. Ja, ja, Dus, mein Kind, er hatte ſeine guten Eigenſchaften neben den ſchlimmen. Aber die Malbone's ſind Gentlemen, wie man an Frank ſieht, Dus Bruder, und an den andern Gliedern der Familie. Sodann war meiner Mutter Familie, durch welche ich mit Dus verwandt bin, ſehr gut,— ſogar noch beſſer als die Coejemans— und das Mädchen iſt ein Frauenzimmer von Stand ihrer Geburt nach. Niemand kann das läugnen; aber das Blut macht nicht Alles aus. Kinder müſſen genährt und gekleidet wer⸗ den; und Geld iſt am Ende doch nöthig zum Behagen und zur Eintracht der Familien. Ich kenne Madame Littlepage namentlich ſehr gut. Sie iſt eine Tochter des alten Herman Mordaunt, der ein angeſehener Gentleman im Lande war, und der Eigenthümer von Ravensneſt ſo wie auch von andern Gütern und zur höchſten Geſellſchaft in der Provinz gehörte. Nun mag Madame Littlepage, die ſo geboren und erzogen und gebildet worden iſt, und eine ſolche Verwandtſchaft und Bekanntſchaft hat, keine Freude daran haben, Dus Malbone zur Schwiegertochter zu bekommen, eines Ketten⸗ trägers Nichte, und ein Mädchen, das ſelbſt die Ketten getragen hat, wofür ich ſie nun um ſo mehr liebe und achte, Mordaunt, mein Junge; aber weßwegen die thöricht urtheilende Welt ſie miß⸗ achten wird—“ „Meine Mutter— meine großherzige, richtig fühlende und billig denkende Mutter— nimmermehr!“ rief ich aus in einer Aufwallung von Gefühl, die ich nicht bewältigen konnte. Meine Worte und der Ernſt meines ganzen Weſens brachten einen tiefen Eindruck auf meine Zuhörer. Ein Schimmer ſchmerz⸗ 35* 548 licher Freude zuckte über das Antlitz von Dus hin, gleich einem elektriſchen Funken. Der Kettenträger ſchaute mich geſpannt an, und im Ausdruck ſeines Geſichts war leicht das lebhafte Intereſſe zu erkennen, das er an meinen Worten nahm, und welche Wichtig⸗ keit er ihnen beilegte. Frank Malbone aber mußte ſein Angeſicht wegwenden, um die Thränen zu verbergen, die ihm in die Augen drangen. „Wenn ich das glauben dürfte— wenn ich das hoffen dürfte, Mordaunt,“ fuhr Kettenträger fort,„ſo würde es ein geſegneter Troſt ſein für meinen ſcheidenden Geiſt, denn den General Little⸗ page kenne ich hinreichend, um gewiß zu ſein, daß er ein gerechter und billigdenkender Mann iſt, und daß er mit der Zeit die Sachen ſo anſehen wird, wie man ſie anſehen muß. Bei Madame Little⸗ page fürchtete ich, ſei es anders; denn ich habe immer gehört, die Mordaunt's ſeien eigene Leute, und haben ſolche Geſinnungen, wie vornehme Leute zu haben pflegen. Das macht nun eine Verände⸗ rung in meinen Ideen und auch zum Theil in meinen Planen. Je dennoch, meine jungen Freunde, ich muß jetzt euch Beide bitten, mir ein Verſprechen abzulegen,— und ein feierliches Verſprechen, einem Sterbenden gegeben,— und es beſteht darin—“ „Erſt hört mich an, Kettenträger,“ fiel ich ihm lebhaft in's Wort,„ehe Ihr Urſula unbedacht, und ich hätte beinahe geſagt grauſam in ein unvorſichtiges Verſprechen verwickelt, das unſer Beider künftiges Leben unglücklich machen könnte. Ihr ſelbſt habt mich zuerſt aufgefordert, gereizt, beſturmt, ſie zu lieben; und jetzt, da ich ihren Werth erkannt habe und anerkenne, werft Ihr Eis in meine Flamme, und heißt mich thun, woran jetzt zu denken zu ſpät iſt.“ 4 „Ich geſtehe es, ich geſtehe es, Junge, und ich hoffe, der Herr in ſeiner großen Barmherzigkeit wird den großen Irrthum, den ich begangen habe, vergeben und verzeihen. Wir haben hievon ſchon geſprochen, Mordaunt, und Ihr erinnert Euch wohl, ich habe 549 Euch geſagt, daß Dus ſelbſt es war, die mich zuerſt in dieſer Sache die Wahrheit erkennen machte, und wie viel beſſer und ſchick⸗ licher es für mich ſei, Euch zurückzuhalten, als Euch zu ermuntern und anzufeuern. Wie kommt es, mein theures Mädchen, daß Ihr das Alles vergeſſen habt, und jetzt, wie es ſcheint, wünſcht, daß ich gerade das thue, was Ihr mir gerathen hattet, nicht zu thun?“ Urſula's Antlitz wurde blaß wie der Tod; dann wurde es plötzlich flammendroth, wie ein Sonnenuntergang, und ſie ſank auf die Kniee, und verbarg ihr Angeſicht in der groben Bettdecke, während ſie in ihrer Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit ihre Ant⸗ wort hervorſtammelte: „Oheim Kettenträger,“ ſagte ſie,„als wir zuerſt von dieſer Sache ſprachen, hatte ich Mordaunt noch nie geſehen.“ Ich knieete neben Urſula, drückte ſie an meine Bruſt, und ſuchte das Gefühl meiner tiefen Dankbarkeit für dieſe edle, auf⸗ richtige Erklärung, durch ſolche Liebkoſungen, wie die Natur und die Empfindung ſie eingaben, an den Tag zu legen. Dus aber machte ſich ſanft aus meinen Armen los, ſtand auf, und wir Beide ſtanden nun da, abwartend, welchen Eindruck das ſo eben Gehörte und Geſehene auf Kettenträger machen werde. „Ich ſehe, daß die Natur ſtärker iſt als Vernunft und An⸗ ſichten und Herkommen,“ begann der alte Mann wieder nach einer langen Pauſe des Nachdenkens—„ich habe jedoch nur noch wenig Zeit übrig, die ich dieſer Sache widmen kann, meine Kinder, und muß ſie daher zu einem Schluß bringen. Verſprecht mir, Beide, daß ihr nie heirathen wollt ohne die freie Zuſtimmung des Ge⸗ nerals Littlepage, und der alten Madame Littlepage und der jungen Madame Littlepage, ſofern ſie Alle noch leben.“ „Ich verſpreche es Euch, Oheim Kettenträger,“ ſagte Dus mit einer raſchen Entſchloſſenheit, die ich ihr kaum verzeihen konnte —„Ich verſpreche es Euch und werde mein Verſprechen halten, ſo wahr ich Euch liebe, und meinen Schöpfer fürchte und ehre. 550 Es wäre Elend für mich, in eine Familie zu treten, die mich nicht gerne aufnähme—“ „Urſula!— Liebſte— Theuerſte— Urſula! bedenke doch! Bin ich denn Nichts in Euren Augen?“ „Es würde auch Elend für mich ſein, ohne Euch zu leben, Mordaunt— aber im einen Fall würde ich aufrecht gehalten werden durch das Gefühl, meine Pflicht erfüllt zu haben, während im andern Alles, was mir vom Mißgeſchick begegnet, mir als Strafe für meine Fehler erſcheinen würde.“ Ich wollte das Verſprechen nicht leiſten; denn, die Wahrheit zu geſtehen, ſo wenig ich auch nur einen Augenblick wegen meines Vaters oder meiner Mutter Zweifel hegte, ſo war dieß doch der Fall rückſichtlich meiner lieben und verehrungswürdigen Großmutter. Ich wußte, daß ſie nicht nur ſich in den Kopf geſetzt hatte, ich müſſe Priscilla Bayard heirathen, ſondern daß ſie auch eine Leiden⸗ ſchaft hatte, in ihrer Familie Partien zu ſtiften; und ich fürchtete, ſie möchte mit der Zähigkeit des Alters auf ihren Anſichten bleiben. Dus ſuchte mich zu bewegen, die Zuſage zu geben; aber ich ſträubte mich dagegen; und alles Zureden hörte auf in Folge einer Bemer⸗ kung, welche bald darauf der Kettenträger machte. „Es thut nichts, es thut nichts, Liebchen; dein Verſprechen iſt genug. So lange du demſelben treu bleibſt, was hat es zu ſagen, ob Mordaunt eigenſinnig iſt oder nicht? Und jetzt, meine Kinder, da ich nun nicht weiter von den Dingen dieſer Welt reden will, ſondern alle meine Gedanken und Worte den göttlichen Dingen zuzuwenden wünſche, will ich meine Abſchiedsworte zu euch ſprechen. Ob ihr euch nun heirathet oder nicht, bitte ich den allmächtigen Gott, euch ſeinen beſten Segen zu verleihen in dieſem Leben wie im künftigen. Lebt ſo, meine theuren Kinder, daß ihr dem ernſten Augenblick, deſſen ihr jetzt mich gewärtig ſehet, mit Hoffnung und Freude entgegengehen könnt, und daß wir uns Alle wieder⸗ ſehen mögen in den himmliſchen Wohnungen, Amen!“ 551 Eine kurze, feierliche Pauſe trat ein nach dieſem Segens⸗ wunſch, die aber unterbrochen wurde durch ein fürchterliches Stöh⸗ nen, das ſich aus der breiten Bruſt Tauſendacres' emporrang. Aller Augen wandten ſich nach dieſem Bette, welches einen höchſt er⸗ ſchütternden Kontraſt darbot mit der friedlichen Scene des Ab⸗ ſchieds der Seele Deſſen, um welchen wir verſammelt waren. Ich allein trat näher, um Prudence beizuſtehen, welche, in ächt weib⸗ licher Treue, bis zum letzten Augenblick an ihrem Gatten hing. „Bein von ſeinem Bein, und Fleiſch von ſeinem Fleiſch.“ Ich muß jedoch geſtehen, daß Grauſen meine Glieder lähmte, und daß als ich bis an den Fuß vor des Squatters Bett gekommen, ich wie ein feſtgewurzelter Baum und wie angenagelt ſtehen blieb. Man hatte Tauſendacres, mittelſt Bettdecken aufgerichtet, ſo daß er mit dem halben Leibe beinahe in ſitzender Stellung da lag, — eine Veränderung, die er gewünſcht hatte, als Dus mit ihm betete. Seine Augen ſtanden offen: geiſterhaft, unſtät umherirrend, hoffnungslos. Wie die Lippen im krampfhaften Zucken des Todes ſich zuſammenzogen, gaben ſie ſeinem grimmigen Geſicht eine Art von ſardoniſchem Lächeln, daß es doppelt furchtbar werde. In dieſem Augenblick kam eine finſtere Ruhe über das Angeſicht, und Alles ward unbeweglich. Ich wußte, daß der letzte Athemzug be⸗ vorſtand und erwartete ihn, wie der bezauberte Vogel in das Ba⸗ ſiliskenauge der Schlange ſtarrt. Er kam und verzog die Lippen ſo, daß alle Zähne hervortraten,— und nicht Einer fehlte dieſem Manne von Eiſen; und da ward der Anblick ſelbſt für meine Ner⸗ ven zu entſetzlich und ich verhüllte die Augen. Als ich die Hand wieder wegzog, warf ich noch einen flüchtigen Blick auf die dunkle Hülle, in welcher der Geiſt des Mörders und Squatters ſo lange gewohnt hatte, als Prudence eben beſchäftigt war, die ſtarren, aber noch immer feurigen Augen zuzudrücken. Ich hatte nie zuvor einen Leichnam geſehen, der mir ſocches Entſetzen verurſachte, und wünſche nimmer einen ſolchen zu ſehen. 552 Neunundzwanzigſtes Kapitel. Mild wie ein Kind zur Ruh' ſich legt mit Luſt, Und lächelnd einſchläft an der Mutter Bruſt, Gefaßt, mit Patriarchen⸗Hoffnung, gab Die Seel' dem Himmel er, den Leib dem Grab. Harte. Joh bemerkte, daß weder der Kettenträger noch Dus ihre Blicke nach dem abſchreckenden Schauſpiel hinwandten, welches der Leichnam Tauſendacres darbot, nachdem dieſer ſelbſtſüchtige und eigenwillige Mann zu leben aufgehört hatte. Ich ließ augenblick⸗ lich eine andere Hütte zur Aufnahme deſſelben in Bereitſchaft ſetzen, und der Leichnam ward ohne Verzug dahin gebracht. Prudence begleitete die lebloſe Hülle ihres Mannes dahin, und brachte dort den übrigen Tag und die folgende Nacht zu; Lowiny leiſtete ihr Geſellſchaft, und die Männer von dem bewaffneten Geleite boten ihr von Zeit zu Zeit Nahrung und Beiſtand an. Zwei oder drei der letzteren, Zimmerleute ihres Handwerks, fertigten einen Sarg von Fichtenholz, in welchen der Leichnam nach dem Brauche gelegt ward. Andere gruben ein Grab mitten in einem der rohen, kunſt⸗ loſen Felder, welche der Squatter ſich zu ſeinem Gebrauch angelegt hatte, und ſo wurde Alles bereit gehalten zur Beerdigung, ſobald der Leichenſchauer, nach welchem geſchickt worden war, den Leichnam in Augenſchein genommen und ſeinen Ausſpruch gethan haben würde. Nachdem die ſterblichen Reſte Tauſendacres' weggebracht waren, blieb eine Art heiliger Stille und Ruhe in dem Gemache Ketten⸗ trägers zurück. Mein alter Freund ſank raſch zuſammen, und er ſprach nur wenig. Er behielt das Bewußtſein bis zum letzten Augenblick, und Dus betete oft mit ihm im Verlaufe dieſes Tages. Frank und ich waren ihr in Erfüllung der Pflichten der Pflege und Wartung behilflich; und wir bewogen Urſula, nach ihrer un⸗ abläſſigen Wachſamkeit am Krankenbette ſich auf den obern Stock 553 zurückzuziehen und einige Ruhe zu genießen. Es war nahe bei Sonnenuntergang, als ſich der alte Andries wieder ausdrücklich zu mir wendete, der ich an ſeinem Bette ſaß, da Dus ſich jetzt zum Schlafen niedergelegt hatte. „Ich werde bis morgen leben, merke ich jetzt, Mordaunt,“ ſagte er;„aber komme der Tod wann er will, er iſt geſendet von meinem Herrn und Schöpfer, und er iſt willkommen. Der Tod hat keine Schrecken für mich.“ „Die hat er für Euch nie gehabt, Kapitän Coejemans, wie die Geſchichte Eurer ganzen Laufbahn bei der Armee deutlich zeigt.“ „Ja, Junge, es gab eine Zeit, wo ich froh geweſen wäre, im Feld erſchoſſen zu werden und zu ſterben mit Montgomery, und Laurens, und Wooſter, und Wareen, und ſolchen tapferen Helden; aber das iſt jetzt Alles vorbei. Ich bin wie ein Mann, der über eine weite Ebene hingewandelt und an deren Gränze gekommen iſt, wo er vor ſich einen endloſen Abgrund ſieht, in den er nun mit dem nächſten Schritte hinab muß. Bei einem ſolchen Anblick, Junge, kommen Einem alle die Mühen und Arbeiten und Schwie⸗ rigkeiten der Ebene ſo geringfügig vor, daß man ſie ganz vergißt. Merkt wohl, ich will damit nicht ſagen, daß die Ewigkeit für mich ein Abgrund ſei in Aengſten und Bangigkeit und Verzweiflung; denn die Güte Gottes hat mein Gemüth erleuchtet über dieſem Gegenſtand, und Hoffnung, Liebe und Sehnſucht nach der Gegen⸗ wart meines Schöpfers ſind an deren Stelle getreten. Mordaunt, mein Junge, ehe ich Euch verlaſſe, wünſchte ich wohl noch ein paar Worte mit Euch zu ſprechen über dieſen heiligen Gegenſtand, wenn Ihr es nicht übel aufnehmt.“ „Sagt Alles, was immer Euch beliebt, alter Kettenträger. Wir ſind im Lager und im Feld geweſen, und keines Menſchen Rath könnte mir willkommener ſein als der Eurige, dazu noch ertheilt in einem ſo feierlichen Augenblick der ernſteſten Wahrheit.“ „Dank Euch, Mordaunt, Dank Euch von ganzem Herzen. 554 Ihr wißt, wie es mit mir geweſen iſt von meiner Kindheit an, denn oft und viel haben wir, Ihr und ich, über dieſe Sachen im Lager geſchwatzt. Ich ward jung in die Welt hinausgeſtoßen, mir ſelbſt überlaſſen, ohne Vater und Mutter, und mußte mir ſelbſt forthelfen. Ich war das einzige Kind meines Vaters, denn Dus iſt die Tochter einer Halbſchweſter, wie Ihr wißt, und ſo nahm ſich meiner Niemand mit beſonderer Sorge an, und ich wuchs auf in großer Unwiſſenheit und Unkenntniß des Herrn der Heerſchaaren und meiner Pflichten gegen ihn und ſeinen heiligen Sohn. Nun, Mordaunt, Ihr wißt, wie es in den Wäldern hergeht, und bei der Armee. Ein Mann braucht nicht eben ſehr ſchlimm zu ſein, um doch weit nicht ſo gut zu ſein, als der Allmächtige von ihm er⸗ warten und fordern kann, der ihm ſeine Seele gegeben und ihn von ſeinen Sünden erlößt hat, und ihm täglich die Gnadenmittel darreicht. Wie ich mit Dus hieher kam— ein Kind beinahe weiß mehr vom eigentlichen Weſen der Religion als ich da wußte. Aber dieß koſtbare Mädchen iſt, durch die göttliche Gnade, das Werk⸗ zeug geweſen, um einen alten unwiſſenden Mann zum Bewußtſein ſeines wahren Zuſtandes zu bringen, und zu beſſern Lebensgewohn⸗ heiten als Ihr an mir kanntet. Sonſt liebte ich ein luſtiges Ge⸗ lage, Mordaunt, und Punſch und andere würzige Getränke waren mir ſehr angenehm; ja und ſogar noch, als die Jahre mich die Thorheit ſolchen Thuns und Treibens hätten lehren können und ſollen. Aber Ihr habt dieſen Sommer das Glas nicht an meinen Lippen geſehen, Junge, zu unpaſſenden Zeiten, oder unpaſſend oft, und das verdanke ich den Unterredungen, die ich mit Dus über dieſen Gegenſtand gehabt habe. Es hätte Euch im Herzen wohl gethan, Mordaunt, wenn Ihr das liebe Mädchen hättet auf meinem Knie ſitzen ſehen, meine alten grauen Haare mit ihren zarten weißen Fingern ſtreichelnd, und mit meinen rauhen rothen Wangen ſpielend, wie das Kind mit den Wangen der Mutter ſpielt, während ſie mir von der Geſchichte Chriſti ſprach und erzählte, 555 und von ſeinem Leiden für uns Alle, und mir den Weg wies, meinen Heiland in Wahrheit und Aufrichtigkeit kennen zu lernen! Ihr haltet Dus für ſchön und lieblich anzuſchauen, und angenehm im Geſpräch,— aber Ihr könnt das Mädchen nie recht kennen und würdigen lernen nach ihrem goldenen Gehalte, Mordaunt, als bis ſie anfängt, ohne Zurückhaltung mit Euch von Gott und von der Erlöſung zu ſprechen!“ „Ich kann alles Günſtige von Urſula Malbone gerne glauben, mein lieber Kettenträger; und keine Muſik könnte meinem Ohr ſüßer ſein, als dieſe Verkündigung ihres Lobes aus Eurem Munde.“ Der Tod Kettenträgers erfolgte, wie er ſelbſt vermuthet und vorausgeſagt hatte, gegen die Zeit des wieder anbrechenden Lichtes am folgenden Morgen. Ein ſanfteres, ruhigeres Ende habe ich nie geſehen. Seine Schmerzen hörten auf mehrere Stunden, ehe er den letzten Athemzug that; aber im Laufe des Tages hatte er mir zugeflüſtert, daß er in manchen Augenblicken entſetzliche Qualen ausſtehe. Er wünſchte jedoch, daß ich dieß Dus verhehlte, damit nicht ihre Betrübniß noch geſteigert würde. 1 „So lange das liebe Mädchen nichts von meinen Schmerzen weiß,“ flüſterte mir der treffliche alte Mann in's Ohr,„kann ſie nicht ſo ſehr betrübt um mich ſein, da ſie doch Vertrauen haben muß, zum Werth ihres eigenen guten Werks und glauben, daß ich nur immer der Seligkeit näher komme. Aber Ihr und ich, wir wiſſen, Mordaunt, daß ein Mann nicht leicht durch den Leib ge⸗ ſchoſſen wird, ohne daß er große Schmerzen davon zu leiden hat; und ich habe mein Theil gehabt,— ja, ich habe mein Theil ge⸗ habt!“ Dennoch wäre es für Jeden, der nicht im Geheimniß war, ſchwer geweſen, das kleinſte Zeichen zu entdecken, daß der Kranke nur den zehnten Theil der Qualen litt, die er wirklich ausſtand. Urſula war wirklich getäuſcht; und bis zu dieſer Stunde weiß ſie noch nicht, wie viel ihr Oheim litt. Aber, wie ſchon geſagt, dieſe Schmerzen hörten ganz auf gegen neun Uhr, und Andries ſchlum⸗ v 556 merte ſogar öfters mehrere Minuten. Nicht lange jedoch vor Wiederanbruch des Tages wurde er ganz wach, und ſchlummerte nicht mehr, bis er in den langen, letzten Schlaf des Todes ſank. Seine Nichte betete mit ihm etwa um fünf Uhr; und nach dieſem ſchien er ſich als bereit zum Abſchied und Aufbruch zu betrachten. Es war vielleicht die Folge des Alters des Leidenden, aber der Tod kündigte in dieſem Falle ſein Herannahen an durch ſchnel⸗ les Schwinden der Sinne. Zuerſt wurde ihm das Hören ſchwer, und dann verfiel ſchnell der Geſichtsſinn. Erſteres erkannten wir aus ſeinem öftern Wiederholen von Fragen, die man ihm ſchon mehr als einmal beantwortet hatte; während die ſchmerzliche Ge⸗ wißheit, daß das Geſicht, wo nicht ganz vergangen war, doch mehr und mehr verging, aus dem Umſtnde ſich ergab, daß, während Dus ſich wirklich wie ein ſchützender Engel über ihn hinbeugte, er ängſtlich fragte, wo ſie ſei. „Ich bin hier, Oheim Kettenträger,“ antwortete das liebe Mädchen mit bebender Stimme,„hier, vor Euch, und im Begriff, Euch die Lippen zu befeuchten.“ „Ich brauche das Mädchen— das heißt— ich wünſche, daß ſie in meiner Nähe ſei, wenn der Geiſt zum Himmel aufſteigt. Laßt ſie rufen, Frank oder Mordaunt.“ „Lieber— liebſter Oheim,— ich bin jetzt ſchon da— hier vor Euch— am nächſten bei Euch von Allen— beinahe in Euren Armen,“ antwortete Dus mit einer Anſtrengung, die ſie viel koſtete, ſo laut ſprechend, daß er ſie hörte.„Glaubt nicht, daß ich Euch verlaſſen könne, als bis ich weiß, daß Euer Geiſt vor den Gnadenthron Gottes getreten iſt.“ „Das wußte ich,“ ſagte Kettenträger, und verſuchte ſeine Arme emporzuheben, um nach ſeiner Nichte zu taſten, welche ſeinem Beſtreben entgegen kam, indem ſie ſeine ſchwache und ſtarre Hand mit ihren beiden Händen faßte.„Vergiß nicht meine Wünſche we⸗ gen Mordaunt's, Mädchen— aber, ſollte die Familie einwilligen, vor rte nk. em en. ber tel⸗ der, wir hon He⸗ ehr end er eebe riff, daß igt. hier iren viel daß vor ſeine nem dand we⸗ gen, ſo heirathe ihn mit meinem Segen— ja, mit meinem beſten Se⸗ gen.— Küſſe mich Dus.— Waren das deine Lippen? ſie fühlen ſich ſo kalt an, und du haſt nie weder eine kalte Hand noch ein kaltes Herz— Mordaunt, küßt mich auch, Junge— das war wärmer und hatte mehr Kraft und Feuer.— Frank, gebt mir Eure Hand— ich bin Euch Geld ſchuldig— ich habe einen Strumpf halb voll Dollars.— Eure Schweſter wird meine Schulden be⸗ zahlen. Und General Littlepage iſt mir Geld ſchuldig— aber mehr noch iſt er mir freundliches Wohlwollen ſchuldig.— Ich bitte Gott ihn zu ſegnen— und Madame Littlepage zu ſegnen— und die alte Madame Littlepage, die ich nie geſehen,— und den Major, oder Obriſt wie man ihn jetzt nennt,— und unſer ganzes Regiment— und Euer Regiment auch, Frank, welches ein ſehr gutes Regiment war.— Lebt wohl, Frank— Dus— Schweſter — koſtbar— Jeſus Chriſtus, nimm meinen—“ Dieſe Worte wurden mit großer Mühe und Schwierigkeit mehr geflüſtert, als laut geſprochen. Auch kamen ſie in längern Pauſen, beſonders die letzten, ſo daß ſie deutlich das nahe Bevor⸗ ſtehen der Kataſtrophe verkündigten, deren unmittelbarſte Herolde ſie waren. Die letzte Sylbe der obigen Worte war nur eben noch über ſeine Lippen gekommen, als der Athem eine Weile ausblieb. Ich zog Dus mit ſanfter Gewalt weg, übergab ſie den Armen ihres Bruders, und wandte mich wieder zu dem Sterbenden, um auf den letzten Athemzug zu lauſchen. Dieſer letzte Athemzug, in welchem der Geiſt ſcheint verhaucht zu werden, war ruhig, fried⸗ lich und ſo leicht, als es nur möglich iſt bei der Trennung von Leib und Seele; und nach demſelben behielt das harte, alte, runz⸗ lige aber wohlwollende Angeſicht des Dahingeſchiedenen jenen Aus⸗ druck beglückten Friedens, auf welchem das Auge der Freunde des Todten mit wohlthuendem Gefühle verweilt. Es war dieß Sterben das ſanfteſte, von dem ich je Zeuge geweſen, und dasjenige, welche am mächtigſten die Hoffnungen des Chriſten zu beleben und zu —— —— ———õ— 558 ſtärken geeignet war. Ich für meine Perſon faßte in Folge dieſer ergreifenden Sterbeſcene eine tiefe Achtung und Verehrung für den Charakter und die moraliſchen Eigenſchaften von Urſula Mal⸗ bone, neben der Liebe und Bewunderung, die ich zuvor ſchon für ihre Schönheit, ihren Geiſt, ihr Herz und ihre andern gewinnen⸗ den Eigenſchaften empfunden hatte. Die zwei erwarteten Todesfälle waren jetzt eingetreten, und es blieb nur noch übrig, die geſetzliche Unterſuchung in Betreff der Ereigniſſe, wodurch dieſelben herbeigeführt worden waren, zu er⸗ ledigen, die Leichname zu beerdigen, und in das Neſt zurückzu⸗ kehren. Ich ſorgte dafür, daß eine der Hütten zur Aufnahme von Urſula und Lowiny eingerichtet wurde,— denn dieſe Letztere ſchloß ſich noch immer enge an uns an,— während der Leichnam Ketten⸗ trägers in einen Sarg gelegt wurde, welcher zu gleicher Zeit mit dem für Tauſendacres, und von denſelben Händen gefertigt worden war. Gegen Abend kam der Coroner(Ceichenſchauer) an, nicht Squire Neweome, ſondern ein Anderer, nach welchem er ſelbſt geſchickt hatte; und eine Jury ward unverweilt zuſammengeſetzt aus Männern des bewaffneten Geleites. Das ganze Verfahren währte nicht lang. Ich erzählte meine Geſchichte, oder ſo viel davon nöthig war, von Anfang bis zu Ende, und Andere legten ihr Zeugniß ab über die Vorkommniſſe in den verſchiedenen Stadien der Ereigniſſe. Der Spruch der Jury war über Kettenträgers Tod:„Mord, von unbekannter Hand,“ und bei Tauſendacres: „Tod durch Zufall.“ Der erſte Ausſpruch war ohne Frage richtig; beim zweiten waltete, wie mich bedünkt, ſo wenig„Zufall,“ als nur jemals, wenn ein Mann von ſicherer Hand und mittelſt eines nie irrenden Auges durch den Leib geſchoſſen wurde. Aber ſo war nun einmal das Verdikt, und ich hatte nur Vermuthungen für meine Anſicht, daß der Indianer bei der Tödtung des Squatters die Hand im Spiele habe. An dieſem Abend— und es war ein kalter, herbſtlicher 559 Abend,— begruben wir Tauſendacres inmitten des ſchon erwähn⸗ ten Feldes. Von ſeiner ganzen zahlreichen Familie waren nur Prudence und Lowiny anweſend. Die Feierlichkeit war kurz, und der Mann der Gewaltthat wurde verſenkt, mit den Schollen der Erde ſich zu vermiſchen, ohne ein Gebet, einen Spruch aus der heiligen Schrift oder irgend einen religiöſen Ritus. Die Männer, welche den Leichnam getragen, und die wenigen anweſenden Zu⸗ ſchauer, füllten das Grab aus, ebneten und wölbten es ordentlich, deckten es mit Raſen, und wollten eben ſchweigend ſich wenden, um wieder nach den Wohnungen zurückzukehren, als die tiefe Stille, welche während der ganzen Ceremonie geherrſcht hatte, plötzlich unterbrochen wurde durch die klare, volle Stimme Prudence's, welche in einem Ton und mit einem Weſen, welche alle Schritte hemmten, zu ſprechen begann. „Männer und Brüder,“ ſagte dieſe außerordentliche Frau, bei welcher ſo manche Fehler ihres Standes und ihrer Lebensweiſe vergütet wurden durch ſo viele Tugenden ihres Geſchlechts und ihrer Herkunft,—„Männer und Brüder,“ ſagte ſie,„denn ich kann euch nicht Nachbarn, und will euch nicht Feinde nennen, ich danke euch für dieſen Akt der geziemenden Aufmerkſamkeit und Rückſicht für die Anſprüche des Verſtorbenen wie der Lebenden, und daß ihr ſo gekommen ſeid, um mir zu helfen meinen Todten zu begraben aus meinen Augen.“ Eine Anrede der Art, zum Theil mit eben dieſen Worten, war gebräuchlich; aber da Keines in dieſem Augenblick ſo etwas er⸗ wartet hatte, wurden wir dadurch eben ſo ſehr erſchüttert als über⸗ raſcht. Während jedoch die Uebrigen von der Begleitung ſich von ihrer Verwunderung wieder erholten, ging der Zug nach den Ge⸗ bäuden zurück, und ich blieb mit Prudence allein, welche, wie früher ihren Leib hin und her wiegend, neben dem Grabe ſtand. „Die Nacht droht kalt zu werden,“ ſagte ich,„und Ihr thätet beſſer, mit mir nach den Wohnungen zurückzukehren.“ 560 Vas ſind jetzt Häuſer für mich? Aaron iſt dahin, die Jungen ſind geflohen, und ihre Weiber und Kinder auch, und meine Kinder ſind geflohen, und Niemand iſt auf der Lichtung zurückge⸗ blieben als Lowiny, welche nach ihrer Geſinnung mehr Euch und den Eurigen angehört, als mir und den Meinigen, und der Leich⸗ nam hier unter den Erdſchollen. Es iſt ein Eigenthum in den Häuſern, das, glaube ich, ſelbſt das Geſetz uns zutheilen würde, und vielleicht bedarf Eines oder das Andere deſſelben. Gebt mir das, Major Littlepage, damit ich meine Jungen eher kleiden und nähren kann, ſo will ich Euch nie mehr läſtig fallen und ſtören an dieſem Ort. Aaron wird man keinen Squatter nennen dafür, daß er dieß kleine Fleckchen Erde einnimmt; und über kurz oder lang werdet Ihr mir vielleicht ein ebenſo kleines Stück an ſeiner Seite nicht mißgönnen. Ich kann nicht mehr viel ſquattern, und meine nächſte Niederlaſſung wird auch die letzte ſein.“ „Ich wünſche nicht im Mindeſten, gute Frau, Euch ein Leid anzuthun. Eure Habſeligkeiten können von dieſem Platze wegge⸗ bracht werden, wann Ihr wollt, und ich will Euch ſelbſt behilflich ſein,“ ſagte ich,„es ſo zu thun, daß Eure Söhne die Sachen in Empfang nehmen können ohne alle Gefahr für ſie. Ich erinnere mich, ein Fahrzeug von ziemlicher Größe im Fluß geſehen zu haben unter der Mühle; könnt Ihr mir ſagen, ob es noch dort iſt oder nicht?“ „Warum ſollte es nicht? Die Jungen haben es vor zwei Jahren gebaut, um Sachen darin zu transportiren, und es wird wohl von ſelbſt nicht davongehen.“ „Nun gut, ſo will ich mich dieſes Bootes bedienen, um Eure Habſeligkeiten ohne Gefahr für Euch fortzuſchaffen. Morgen ſoll Alles von irgend einem Werth, was ſich hier findet, und worauf Ihr irgend ein Recht habt, in das Boot gebracht werden, und ich will es, ſobald es beladen iſt, durch meinen eigenen Schwarzen und den Indianer den Fluß hinabführen laſſen, und dieſe ſollen es ein paa hin die gerr ſie wie eine von Wer ſpree war! er r Euch habt in d werd die Wen in de es ſo und den Wald Mutt Der 561 paar Meilen weiter unten verlaſſen, wo dann Diejenigen, die Ihr hinſchicken mögt; um darnach zu ſehen, es in Beſitz nehmen und die Sachen, wohin Ihr wollt, bringen können.“ Das Weib ſchien von dieſem Vorſchlag überraſcht und ſogar gerührt, obgleich ſie meinen Beweggründen einigermaßen mißtraute. „Kann ich mich darauf verlaſſen, Major Littlepage?“ fragte ſie in zweifelndem Tone.„Tobit und ſeine Brüder würden ſich wie Raſende geberden, wenn ein Anſchlag, ſie feſtzunehmen, unter einer ſolchen Maske ſollte in's Werk geſetzt werden.“ „Tobit und ſeine Brüder haben durchaus keine Verrätherei von mir zu befürchten. Hat das Wort eines Gentleman keinen Werth in Euren Augen?“ „Ich weiß, daß Gentlemen in der Regel thun, was ſie ver⸗ ſprechen; und das habe ich auch Aaron oft geſagt als einen Grund, warum er mit ihrem Eigenthum nicht ſo hart umgehen ſolle, aber er wollte nie darauf hören. Nun, Major Littlepage, ich vertraue Euch, und will das Boot an dem Ort erwarten, den Ihr genannt habt. Gott ſegne Euch für dieß, und möge Euch Glück ſchenken in dem, was Eurem Herzen das Nächſte und Theuerſte iſt. Wir werden einander nie wieder ſehen— lebt wohl!“ „Ihr werdet doch hoffentlich in das Haus zurückkehren, und die Nacht behaglich unter einem Dache zubringen?“ „Nein; ich will Euch hier verlaſſen. In den Häuſern iſt Wenig mehr, was mir lieb iſt, und ich werde mich leichter fühlen in den Wäldern.“ „Aber die Nacht iſt kühl, und ehe der Morgen kommt, wird es ſogar kalt und froſtig werden.“ „In dieſem Grabe iſt es noch kälter,“ antwortete das Weib, und deutete kummervoll mit ihrem langen, runzlichen Finger auf den Hügel, welcher die Hülle ihres Gatten deckte.„Ich bin des Waldes gewohnt und gehe, nach meinen Kindern zu ſehen. Die Mutter, die ihre Kinder ſucht, läßt ſich durch Sturm und Froſt nicht Der Kettenträger. 36 562 zurückhalten. Nochmals lebt wohl, Major Littlepage. Möge Gott Euch vergelten, was Ihr für mich und die Meinigen gethan habt, und thun werdet.“ „Aber Ihr vergeßt Eure Tochter. Was ſoll aus Eurer Toch⸗ ter werden?“ „Lowiny hat eine verzweifelte Neigung gefaßt für Dus Mal⸗ bone, und wünſcht bei ihr zu bleiben, ſo lange Dus es gern hat, daß ſie bleibt. Wenn ſie einander überdrüſſig werden, kann meine Tochter uns leicht finden. Kein Mädchen von mir wird da lange zu ſuchen haben.“ „Da dieß Alles ganz vernünftig und glaublich lautete, machte ich weiter keine Einwendungen dagegen. Prudence winkte mit der Hand zum Abſchied, und ſchritt dann fort über die grauen, trüben Felder mit den Schritten eines Mannes, und bald verſchwand ihre hohe, knochige Geſtalt im Schatten des Waldes, mit ſo wenig Be⸗ denken, als eine andere fühlen würde, die wohlbekannten Alleen einer Stadt zu betreten. Ich habe ſie ſpäter nie mehr geſehen; doch kamen mir ein paar Botſchaften von ihr durch Lowiny zu. Wie ich vom Grabe zurückkehrte, kamen Jaap und Trackleß von ihrer Kundſchaftung zurück. Der Bericht, den ſie erſtatteten, war ganz befriedigend. Nach den Spuren zu ſchließen, die ſie Meilen weit verfolgt, hatten ſich die Squatters wirklich geflüchtet, ſich nach einem entfernten Punkte gezogen, und es war von ihnen in dieſer Gegend nichts mehr zu befürchten. Jetzt ertheilte ich meine Befehle in Betreff der Güter und Habſeligkeiten der Familie, die weder ſehr zahlreich, noch ſehr werthvoll waren, und ich kann gleich hier, ſtatt ſpäter, ſagen, daß am folgenden Tage Alles ge⸗ nau ſo geſchah, wie ich verſprochen hatte. Die erſte Botſchaft von Prudence an mich kam mir nach einem Monat zu; ſie zeigte mir den Empfang ihrer Sachen, bis auf das Geſchirr der Mühle hinaus, an, und ſprach ihren innigen Dank für dieſe Vergünſtigung aus. Ich habe auch Grund zu glauben, daß beinahe die Hälfte — chte der ben ihre Be⸗ leen Hen; ckleß eten, ſie htet, hnen ich nilie, kann 3 ge⸗ chaft eigte kühle gung dälfte 563 des geſchnittenen Holzes dieſen Squatters in die Hände fiel, da zu der Zeit, wo wir den Ort verließen, wenigſtens ſo viel davon ſchon im Fluſſe ſich befand, und in Folge der bald einfallenden Regen forttrieb. Was man ſpäter davon noch fand, wurde verkauft, und der Erlös daraus zu den Koſten für die herbeigekommene Mann⸗ ſchaft, und zu Geſchenken für dieſelbe verwendet,— als eine Auf⸗ munterung für ſolche Leute, der Aufrechthaltung des Anſehens der Geſetze ſich anzunehmen. Früh am folgenden Morgen trafen wir unſere Anſtalten, von der verlaſſenen Mühle aufzubrechen. Zehn von der bewaffneten Mannſchaft bildeten eine Abtheilung, welche den Transport von Kettenträgers Leichnam nach dem Neſt übernahm. Dieſer geſchah mittelſt einer rohen Tragbahre, welche von zwei Pferden getragen wurden, deren eines vorn und eines hinten den Leichnam, der zwi⸗ ſchen ihnen ſchwebte, trugen. Ich blieb bei der Leiche; Dus aber, von Lowiny begleitet und von ihrem Bruder geſchützt, ging voran, und bei den Hütten des Kettenträgers erwarteten ſie unſere Ankunft. Hier brachten wir die erſte Nacht unſerer Reiſe zu, und dann gingen wieder Dus und Frank zu Fuße nach dem Neſt voran. Hier an dem letzten Ruheplatz für den armen An⸗ dries, kamen die Geſchwiſter eine Stunde vor Mittag an, wäh⸗ rend wir mit dem Leichnam das Neſt erſt mit Sonnenuntergang erreichten. Als unſer kleiner Zug ſich dem Hauſe näherte, ſah ich eine Anzahl von Wagen und Pferden in dem Obſtgarten, der es um⸗ gab, die ich zuerſt fälſchlich für Pächter hielt, hier verſammelt, um den Manen Kettenträgers eine Ehre zu erweiſen. Ein zweiter Blick jedoch enthüllte mir das ganze Geheimniß. Wie wir lang⸗ ſam, Alle zu Fuß, uns näherten, erkannte ich die Geſtalten meiner guten Eltern, Oberſt Follock, Kate, Priscilla Bayard, Tom Bayard, und ſelbſt meine Schweſter Kettletas unter der Gruppe. Und zu⸗ letzt ſah ich, ſich vordrängend, um mir entgegen zu eilen, aber ein 36* 564 wenig zurückgeſchreckt durch den Anblick des Sarges, meine liebe, ehrwürdige Großmutter ſelbſt! So waren denn alſo hier beinahe ſämmtliche Mitglieder des Hauſes Littlepage verſammelt, nebſt zwei oder drei nahen Freun⸗ den, die nicht demſelben angehörten. Frank Malbone war un⸗ ter dieſen, und ohne Zweifel hatte er ſeine Geſchichte ſchon er⸗ zählt, ſo daß unſere Beſuche durch unſern Aufzug nicht überraſcht werden konnten. Andererſeits war es auch mir nicht ſchwer, mir zu erklären, wie das Alles ſo gekommen. Franks Bote hatte die Geſellſchaft zu Fiſhkill getroffen, hatte ſeine Nachrichten überbracht; Alle hatten ſich auf den Flügeln der Liebe und der Beſorgniß in Bewegung geſetzt, und da waren ſie jetzt. Die Reiſe war auch nicht außerordentlich raſch von Statten gegangen, denn es war ſeit dem Augenblick, wo meine Gefangenſchaft bei den Squatters zuerſt zur Kenntniß der Meinigen gelangt war, und dem jetzigen, ſo viel Zeit verfloſſen, daß man hätte eine Botſchaft nach Lilaksbuſh ſchicken und Antwort darauf erhalten können. Kate erzählte mir nachher, wir hätten einen ſtattlichen und feierlich ausſehenden Zug gebildet, wie wir mit dem Leichnam Ket⸗ tenträgers uns dem Thore von Ravensneſt näherten. Voran mar⸗ ſchirten Susqueſus und Jaap, Beide bewaffnet, und der Letztere auch eine Art führend, indem er, wenn es nöthig war, auch die Obliegenheiten eines Pioniers erfüllte. Sodann kamen die Träger und Begleiter, zwei und zwei, bewaffnet, als zu dem Geleite ge⸗ hörend und Päcke tragend; darauf folgten die Pferde mit der Bahre, jedes von einem Manne geführt; ich war der erſte Leid⸗ tragende, aber auch bewaffnet, wie die Uebrigen, und Kettenträgers arme Sklaven, jetzt das Eigenthum von Dus, beſchloßen den Zug, und trugen ſeinen Kompaß, ſeine Meßketten, und die übrigen Ab⸗ zeichen ſeines Berufes. Wir machten nicht Halt, ſondern zogen an der auf dem Raſen verſammelten Gruppe vorbei, durch den Thorweg, und blieben erſt ſtehen, als wir die Mitte des Hofes erreicht hatten. Da zuvor ſchon alle Vorkehrungen getroffen waren, war das Nächſte die Beerdigung des Leichnams. Ich wußte, daß General Littlepage ſchon oft bei ſolchen Gelegenheiten funktionirt hatte, und durch Tom Bayard erging an ihn die Bitte, dieß auch jetzt zu thun. Ich ſelbſt ſprach noch kein Wort mit irgend Einem von meiner Familie, und ließ ſie bitten, mich zu entſchuldigen, bis ich gegen die ſterb⸗ lichen Reſte meines Freundes die letzten Pflichten erfüllt hätte. Nach einer halben Stunde war Alles bereit, und der feierliche Zug ſetzte ſich wieder in Bewegung. Wie zuvor, eröffnete Susqueſus und Jaap den Zug, und der Letztere trug jetzt eine Schaufel, und übernahm das Geſchäft des Todtengräbers. Der Indianer trug eine angezündete Fackel von Kienholz, da es mittlerweile ſo dunkel geworden war, daß künſtliches Licht nöthig wurde. Auch Andere von der Geſellſchaft hatten ſolche natürliche Fackeln, welche das Feierliche und Ergreifende der Scene ſehr erhöhten. General Litt⸗ lepage ſchritt vor dem Leichnam her, mit einem Gebetbuch in der Hand. Dann folgten die Träger mit dem Sarge, denn die Pferde hatte man jetzt losgeſpannt. Dus, von Kopf zu Fuß in Schwarz gehüllt, und auf Frank ſich ſtützend, erſchien als Hauptleidtragende. Obgleich dieß mit den eigentlichen New⸗Yorker Gebräuchen nicht ganz übereinſtimmte, dachte doch Niemand daran, daß bei dieſer Gelegenheit die herkömmliche Zurückhaltung des andern Geſchlechts ſich bethätigen ſollte. Jedermann auf dem Neſt und von der Nähe, Weiber wie Männer, erſchienen, das Andenken Kettenträges zu ehren, und Dus trat als erſte Leidtragende auf. Priscilla Bayard, auf den Arm ihres Bruders Tom geſtützt, ſchloß ſich zunächſt an ihre Freundin an, mit welcher ſie jedoch noch kein Wort gewechſelt hatte; und nachdem Alles vorüber war, ſagte mir Priscilla, es ſei dieß das erſte Leichenbegängniß, dem ſie angewohnt, das erſte Mal, daß ſie an einem Grabe geſtanden. Daſſelbe war auch der Fall bei meiner Großmutter, meiner Mutter und meinen beiden 566 Schweſtern. Ich erwähne dieß, damit nicht in tauſend Jahren ein Alterthumsforſcher, dem dieß Manuſeript zu Händen kommt, über unſere Gebräuche ſich täuſche. In neueren Zeiten führen die Neu⸗ engländer in dem alten Herkommen der Kolonie nach und nach eine Neuerung ein; aber bei den höhern eigentlichen New⸗Yorker Fami⸗ lien begleiten auch jetzt noch die Frauen die Leichenbegängniſſe nicht. In dieſer Hinſicht, beſorge ich, folgen wir den Sitten von Eng⸗ land, wo die Frauen der untern Klaſſen zwar, wie ich gehört habe, bei ſolchen Gelegenheiten erſcheinen, die der höhern aber nicht. Der Grund des Unterſchiedes zwiſchen Beiden iſt ſehr leicht zu be⸗ greifen, aber ich beſchränke mich in meinen Angaben auf die That⸗ ſachen, ſo gut ich weiß, ohne mir anzumaßen, darüber zu philoſophiren. Alle unſere Damen wohnten alſo dem Begräbniß Kettenträgers bei. Ich kam zuerſt nach Priscilla und Tom, und Kate drängte ſich an meine Seite, und legte ihren Arm in den meinigen, ohne zu ſprechen. Hiebei faßte jedoch das liebe Mädchen meine Hand in ihre kleine Hand und gab ihr einen warmen Druck, welcher aus⸗ ſprechen ſollte, wie herzlich ſie ſich freue, mich wohlbehalten aus den Händen der Philiſter gerettet zu ſehen. Die übrige Geſellſchaft ſchloß ſich hinten an, und ſobald der Indianer ſah, daß Alle in Ordnung ſtanden, ſchritt er langſam weiter, ſeine Fackel ſo hoch haltend, daß ſie den Schritten der ihm zunächſt Folgenden Licht gab. Es war die Weiſung nach dem Neſt geſchickt worden, für An⸗ dries in dem Obſtgarten, nicht weit entfernt vom Rande der Felſen, ein Grab zu graben. Wie ich nachher erfuhr, war dieß gerade der Platz, wo eines der denkwürdigſten Ereigniſſe im Leben des Gene⸗ rals vorgefallen war, ein Ereigniß, bei welchem Susqueſus und Jaap Beide eine bedeutende Rolle geſpielt hatten. Dahin alſo be⸗ gaben wir uns in der Ordnung und im Schritte des Leichenzuges, und die Fackeln warfen ihr wildes und für dieſe Gelegenheit ganz paſ⸗ ſendes Licht auf die nähern Theilnehmer der Scene. Niemals klang mir die Liturgie feierlicher, denn meines Vaters Stimme hatte eine Fülle und ein Pathos, welche wunderbar für dieſe Gelegenheit paßten. Sodann fühlte er auch, was er las, was nicht immer der Fall iſt, ſelbſt wenn Geiſtliche funktioniren; denn nicht nur war General Littlepage ein genauer Freund des Verſtorbenen, ſon⸗ dern er war auch ein frommer Chriſt. Ich fühlte ein Pochen des Herzens, als ich das Fallen der erſten Erdſchollen auf den Sarg Kettenträgers hörte; aber die Ueberlegung führte wieder friedliche Ruhe in's Herz zurück, und von dieſem Augenblick an wurde mir Dus, ſo zu ſagen, doppelt theuer. Es war mir, als ob alle Liebe und Sorge ihres Oheims für ſie auf mich übergegangen, und ich hinfort ſein Vertreter bei ſeiner geliebten Nichte wäre. Während der ganzen Ceremonie hörte ich kein Schluchzen von Dus. Ich wußte, daß ſie weinte, und bitterlich weinte; aber ihre Selbſt⸗ beherrſchung war ſo groß, daß ſie jede ungebührliche Aeußerung ihres Schmerzes in Gegenwart von Andern zurückhielt. Wir blie⸗ ben Alle am Grabe ſtehen, bis Jaap es mit großem Geſchick wieder geſchloſſen und gewölbt, und es wieder mit dem Raſen zugedeckt hatte. Dann formirte ſich der Zug wieder, und wir begleiteten Frank und Dus an die Thüre des Hauſes, worauf ſie hineinging und uns draußen ließ. Priscilla Bayard jedoch ſchlüpfte ihrer Freundin nach, und ich ſah ſie durch das Fenſter des Geſellſchafts⸗ zimmers, beim Licht des Feuers drinnen, einander in die Arme ſchließen. Im nächſten Augenblick zogen ſie ſich mit einander in das kleine Zimmer zurück, welches Dus ſich zu ihrem beſondern Gebrauch eingerichtet hatte. Jetzt erſt umarmte ich die Meinigen, und wurde von ihnen um⸗ armt. Meine Mutter hielt mich lange mit ihren Armen umſchloſſen, nannte mich:„Lieber, lieber Junge!“ und befeuchtete mein Geſicht mit ihren Thränen. Kate machte es ſo ziemlich ebenſo, doch ſagte ſie nichts. Die Umarmung Anneke'ns, meiner lieben Schweſter Kettletas, war ganz in ihrer Art, ſanft, aufrichtig und warm. 568 Auch darf ich meine gute alte Großmutter nicht vergeſſen; denn obgleich ſie zuletzt kam von den Frauen, hielt ſie mich doch am längſten in ihren Armen; und nachdem ſie Gott inbrünſtig gedankt, für meine Rettung aus der Gefahr, betheuerte ſie, ich würde mit jeder Stunde mehr den Littlepage's ähnlich. Tante Mary küßte mich mit ihrer gewohnten Zärtlichkeit. Theilweiſe jedoch fanden dieſe Umarmungen erſt Statt, nach⸗ dem wir in das Geſellſchaftszimmer getreten waren, das uns Frank, zartfühlend nicht minder als rückſichtsvoll, nach dem Vorgange von Dus allein überließ. Aber Oberſt Follock brachte ſeine Begrüßung und Beglückwünſchung bei mir an, noch ehe wir den Hof verließen, und zwar mit einer Wärme und Herzlichkeit, wie ein zweiter Vater. „Wie herrlich der General liest und betet, Mordaunt,“ fuhr dann unſer alter Freund fort, und zwar, weil er erregt war, mit ſtark holländiſchem Accent.„Ich habe immer behauptet, Corny Littlepage würde einen ſo guten Dominie geben, als irgend ein Rektor, den ſie je in Old Trinity hatten. Aber er hat auch einen eben ſo guten Soldaten gegeben. Corny iſt ein außerordentlicher Mann, Mordaunt, und er wird gewiß noch einmal Gouverneur.“ Dieß war eine Lieblingstheorie von Oberſt Van Valkenburgh. Er für ſeine Perſon war ganz ohne Ehrgeiz, während ihm für ſeinen Freund, Corny Littlepage, nichts gut genug war. Kaum verfloß ein Jahr, daß er nicht darauf anſpielte, wie angemeſſen es wäre, den General zu irgeud einem hohen Poſten zu erheben; und ich weiß nicht, ob ſeine Anſpielungen dieſer Art nicht wirklich ihren Erfolg gehabt haben; denn mein Vater wurde in den Con⸗ greß gewählt, ſobald die neue Conſtitution fertig war, und behielt ſeinen Sitz darin, ſo lange ſeine Grſünndhaſt und ſeine Bequemlich⸗ keit es ihm gekrticen Natürlich war ein Nachteſſen für beide Reiſegeſellſchaften be⸗ reitet worden, und zur gehörigen Zeit nahmen wir Alle am Tiſche unſere Plätze ein. Wenn ich aber geſagt habe: Alle, ſo iſt dieß 569 nicht buchſtäblich richtig, denn Frank, Dus und Priscilla Bayard erſchienen dieſen Abend nicht mehr unter uns. Ich vermuthe, ſie bekamen Alle Etwas zu eſſen, aber Jedes nahm ſeine Mahlzeit abgeſondert von der übrigen Familie ein.. Nach dem Abendeſſen wurde ich aufgefordert, der Reihe nach alle die Ereigniſſe und Vorfälle, die mit einem Beſuch auf dem Neſt, meiner Gefangenſchaft und Befreiung in Verbindung ſtanden, zu erzählen. Dieß that ich denn natürlich, an meiner Großmutter Seite ſitzend, und während meiner ganzen Erzählung hielt die alte Matrone eine meiner Hände in der ihrigen. Sämmtliche Anweſende hörten mir mit der tiefſten Aufmerkſamkeit zu, und ein nachdenk⸗ liches, ernſtes Schweigen folgte auf meine Erzählung, welche mit der Beſchreibung unſeres Aufbruchs von der Mühle ſchloß. „Ja!“ rief Oberſt Follock, der zuerſt ſprach, nachdem ich mit meiner Erzählung fertig war.„So iſt es mit der Yankee⸗Religion! Nun will ich Euch dafür ſtehen, Corny, daß der Kerl, Tauſend⸗ acres, gewiß predigen und beten konnte, gerade wie all' unſere übrigen Pilgerväter.“ 4 „Es gibt Spitzbuben von New⸗Yorker Geburt und Herkunft, Oberſt Follock, ſo gut wie ſolche, die von Neu⸗England ſtammen,“ antwortete mein Vater trocken;„und der Brauch des Sqguatter⸗ weſens iſt eine Sache, die der Zuſtand des Landes leicht mit ſich bringt, da die Menſchen ſicherlich am wenigſten Umſtände machen und ſich die meiſte Freiheit nehmen mit dem Eigenthum, das am wenigſten geſchützt und bewacht iſt. Squatters entſtehen durch die Umſtände, und nicht durch eine beſondere Gemüthsart und Geneigt⸗ heit eines beſtimmten Theils einer Bevölkerung, ſich das Land An⸗ derer zu ihrem Nutzen anzueignen. Es waͤre wohl ebenſo mit unſeren Schweinen und Pferden, wenn ſie ebenſo den räuberiſchen Gelüſten und Händen geſetzloſer Menſchen preisgegeben wären, möchten nun dieſe von Connektikut oder von Lon Island kommen.“ g „Laßt mich nur einmal Einen von dieſen Herren unter meinen 570 Pferden ertappen!“ verſetzte der Oberſt, mit einem drohenden Kopf⸗ ſchütteln, denn als ein ächter Holländer hatte er eine ungemeine Vorliebe für dieſe Thiere,„ich wollte ihn mit meinen eigenen Händen zauſen, ohne Richter und Jury.“ „Das könnte zu beinahe ebenſo großem Unheil führen, als das, welches aus dem Squatterweſen entſpringt, Dirck,“ verſetzte mein Vater. „Beiläufig geſagt, Sir,“ fiel ich ein, da ich wußte, daß Oberſt Follock manchmal über ſolche Gegenſtände überſchwängliche Anſichten preisgab, obgleich er ein ſo ehrlicher und wohlmeinender Mann war, als nur je Einer gelebt hat;„ich habe einen Umſtand zu erwähnen vergeſſen, der wohl einiges Intereſſe haben dürfte, da Squire Newcome ein alter Bekannter von Euch iſt. ¹ Nun erzählte ich alle einzelnen Umſtände des erſten Beſuchs Mr. Jaſon New⸗ come's auf der Lichtung Tauſendacre's, und das Weſentliche des von mir belauſchten Geſprächs zwiſchen dem Squatter und dem ehrlichen Magiſtrat. General Littlepage hörte mit geſpannteſter Aufmerkſamkeit zu; und Oberſt Follock zog die Augenbrauen hin⸗ auf, brummte und grunzte, lachte, ſo gut es Einer kann, wenn er eine Pfeife im Munde hält, und ſprach, ſo gut er es unter dieſen Umſtänden vermochte, und mit gehörigem Nachdruck das einzige Wort:„Danbury,“ aus. „Nein, nein, Dirck,“ verſetzte mein Vater,„wir dürfen nicht alle dieſe Verbrechen und Laſter unſeren Nachbarn aufbürden, denn viele derſelben wachſen, von dem Setzling an bis zum fruchttragen⸗ den Baume auf unſerem eigenen Boden. Ich kenne dieſen Mann, Jaſon Newcome, ziemlich genau; und obgleich ich ihm mehr traute, als ich vielleicht hätte thun ſollen, hielt ich ihn doch nie für einen Mann, der ſich im Mindeſten an unſere herkömmlichen Begriffe von Ehre und Rechtlichkeit binde. Was man: geſetz⸗ lich⸗ehrlich nennen könnte, dafür habe ich ihn gehalten; aber es ſcheint faſt, ich habe mich darin geirrt. Dennoch bin ich nicht ge⸗ — —— 1 571 meint, zuzugeben, daß ſein Geburtsort oder ſeine Erziehung der einzige Grund ſeiner ſchlimmen Streiche ſei.“ „Geſteht die Wahrheit, Corny, wie ein Mann, der Ihr ja ſeid, und bekennt, es ſind lauter Ideen unſerer Pilgerväter, und Danbury⸗Ideen. Was nützt es, wenn Ihr jetzt Euren eigenen Sohn irre leitet, der doch früher oder ſpäter ſelbſt die ganze Wahr⸗ heit erkennen wird?“ „Es ſollte mir leid thun, Dirck, wenn ich meinem Sohn eng⸗ herzige Vorurtheile beibrächte. Der letzte Krieg hat mich vielfach in Verkehr mit Offizieren von Neu⸗England gebracht, und dieſer Verkehr hat mich gelehrt, dieſen Theil unſerer Mitbürger höher zu achten, als wir vor der Revolution zu thun pflegten.“ „Nur ſtill mit dem Verkehr, und der Achtung, und dem Leh⸗ rer, Corny! Das ganze Sgaatterweſen iſt über den Fluß Byram gekommen, und wenn wir nicht ein Auge darauf haben, werden uns die Yankee's all' unſer Land wegnehmen.“ „Jaſon Newcome, als ich ihn zuerſt kennen lernte, und ihn am genaueſten kannte,“ fuhr mein Vater fort, ohne, ſo ſchien es, den Bemerkungen ſeines Freundes, des Oberſts, ſonderliche Aufmerkſamkeit zu widmen,„war ein außerordentlich unflügger, engherziger Provinziale, der allerdings eine unſinnig hohe Meinung hatte von der hohen Vertrefflichkeit deßjenigen Geſellſchaftszuſtan⸗ des, aus deſſen Mitte er ſo eben hergekommen war. Er hegte eine ebenſo große Verachtung gegen New⸗York, New⸗Yorker Witz, New⸗ Yorker Gebräuche, und ganz beſonders gegen New⸗Yorker Religion und Moral, als Dirck hier ſie zu hegen ſcheint gegen alle dieſe Artikel, ſo wie ſie in Neu⸗England zu finden ſind. Mit Einem Wort, der Yankee verachtete den Holländer, und der Holländer ver⸗ abſcheute den Yankee. In all' dieſem iſt nichts Neues, und ich glaube, die hochmüthige Geſinnung des Mannes von Neu⸗England läßt ſich ſehr leicht bis zu ſeiner Abſtammung im Mutterlande ſelbſt verfolgen. Aber Verſchiedenheiten beſtehen, das gebe ich zu, und 572 Gt ich bin der Meinung, daß die Geſinnung und Denkweiſe, womit jeder Neu⸗Engländer zu uns kommt, in Folge ſeiner Angewöh⸗ nungen unſerem Geſellſchaftszuſtand in vielen Punkten— zum Theil löblichen,— zum Theil unlöblichen— entgegen und feindſelig iſt, und dieß nur darum, weil ſie ihm neu und fremd ſind. Unter Anderem findet die Bevölkerung jener Staaten im Ganzen keinen Geſchmack an den Verpachtungen, die auf unſeren großen Gütern üblich ſind. Es gibt Männer genug in dieſem Theile des Landes, welche zu aufgeklärt und gebildet ſind, und deren Rechtlichkeit zu unbeſtechlich iſt, als daß ſie nicht Allem ſich widerſetzten, was in Beziehung auf dieſen Gegenſtand Unrechtes vorkommt; aber die Vorurtheile beinahe Aller, die vom Oſten herkommen, ſind gegen das Verhältniß von Grundherr und Pächter, und dieß nur darum, weil ſie keine großen Grundherren unter ſich ſehen möchten, da ſie ſelbſt keine großen Grundherren ſind. Ich habe nie einen Gentle⸗ man oder einen Mann von Erziehung aus Neu⸗England geſprochen, der etwas Unrechtes daran gefunden hätte, daß ein Grundbeſitzer einen einzelnen Pachthof an einen einzelnen Pächter, oder ein Halbdutzend Pachthöfe an ein Halbdutzend Pächter verleihe; ein Beweis, daß nicht das Pachtverhältniß ſelbſt es iſt, gegen was ſie ſich auflehnen, ſondern gegen eine Klaſſe von Menſchen, welche ihnen überlegen, und vornehmer als ſie ſind oder ſcheinen. 4 „Ich habe das Argument gegen das Pachtſyſtem geltend machen hören, daß es das Wachsthum und Gedeihen jedes Diſtrikts, wo es herrſcht, verzögere und hemme, und den Wohlſtand vermindere.“ „Daß es das Wachsthum nicht hemmt, beweist der Umſtand, daß man zu Pachtgütern immer Pächter findet, während es oft Jahre anſteht, bis man ſie verkaufen kann. Dieß Gut iſt jetzt halb beſetzt, und wird ganz beſetzt ſein, lang ehe Mooſeridge zum dritten Theil verkauft iſt. Daß letzteres am Ende der reichere und beſſer angebaute Diſtrikt ſein mag, iſt ganz wahrſcheinlich; und dieß aus den einfachen Gründen, weil Diejenigen, welche gleich von 573 Anfang kaufen und nicht pachten, die Reicheren ſind, und weil der Eigenthümer gewöhnlich für ſeine Grundſtücke beſſer ſorgt, als der bloße Pächter. Aber manche der reichſten, beſtangebauten und civiliſirteſten Gegenden auf der Erde ſind ſolche, wo die jetzigen Inhaber, ſo wie die frühern ſeit uralter Zeit, bloße Pächter ſind und waren. Es iſt leicht, in dieſen Dingen zu ſchwatzen und zu phantaſiren; aber es iſt nicht ſo leicht, zu richtigen Ergebniſſen zu gelangen, als Manche ſich einbilden. So gibt es Diſtrike in Eng⸗ land z. B.— Norfolk insbeſondere— wo die Verbeſſerungen bei⸗ nahe ganz Werk der Hilfsquellen und des Unternehmungsgeiſtes der großen Beſitzer ſind. Glaube mir, Mordaunt, als Frage der politiſchen Oekonomie hat die Sache zwei Seiten; als eine Frage des bloßen Magens betrachtet, wird eben Jeder ſie anſehen, je nachdem er den Kropf weiter oben oder weiter unten hat.“ Bald nach dieſem klagten die Damen über Müdigkeit, ein Gefühl, das Alle theilten; und die Geſellſchaft trennte ſich für den Abend. Wie es ſcheint, hatte der General durch den Boten ſagen laſſen, was er bei ſeinem Beſuch auf Ravensneſt bedürfe, und ſo waren die guten Leute daſelbſt im Stande geweſen, ſolche Vorkeh⸗ rungen zu treffen, daß Jedermann ſich ziemlich behaglich fand. Dreißigſtes Kapitel. Lid. Der Sieg iſt Euer, Herr. König. Und ein glorreicher iſt’s, und trefflich hebt Er unſre Gnad' hervor; den Todten widmen Wir unſren Schmerz; den Lebenden den Wunſch Endloſen Glückes. 3 Beaumont und Fletcher. In Folge großer Ermüdung blieb ich am folgenden Morgen bis ſpät im Bette. Als ich das Haus verließ, ging ich durch den jetzt immer offenen Thorweg— denn man dachte jetzt nicht mehr 574 an Vertheidigung gegen Feinde— und wandelte nachdenklich dem Grabe Kettenträgers zu. Ehe ich dieß that jedoch, ging ich nach den beiden Ecken des Hauſes, um einen Blick auf die Felder zu werfen. Auf einer Seite des Hauſes ſah ich meinen Vater und meine Mutter, Arm in Arm, ſich umſchauen; und auf der andern ſtand Tante Mary, allein, in tiefem Sinnen in der Richtung einer waldbewachſenen Schlucht ſchauend, welche die Scene eines wich⸗ tigen Ereigniſſes aus der frühern Geſchichte der Gegend geweſen war. Als ſie ſich wandte, um wieder in das Haus zu gehen, ſah ich ihr Antlitz in Thränen gebadet. Dieſe achtungswürdige Frau, die jetzt über die Vierzig hinaus war, hatte ihren Verlobten auf eben dieſer Stelle, vor einem Vierteljahrhundert, in einem Treffen verloren, und ſah jetzt zum erſten Mal wieder ſeit jenem unglück⸗ lichen Ereigniſſe den Schauplatz deſſelben. Etwas beinahe ebenſo Intereſſantes, obwohl nicht von ſo trau⸗ riger Art, zog meine Eltern nach der andern Seite des Hauſes hin. Als ich zu ihnen trat, lag im Angeſicht Beider der Ausdruck dank⸗ baren Glückes, vielleicht ein wenig gedämpft und getrübt durch ſich anknüpfende Erinnerungen anderer Art. Meine liebe Mutter küßte mich zärtlich, als ich herankam, und der General gab mir herzlich die Hand, und wünſchte mir guten Morgen. „Wir ſprachen von dir,“ bemerkte der Letztere,„in dem Augenblick, wo du erſchieneſt. Navensneſt wird jetzt ein werth⸗ volles Beſitzthum; und das Einkommen davon, verbunden mit dem Ertrage dieſes großen und ganz vortrefflichen Landgutes, das du ſelbſt in Händen haſt, ſollte ein Landhaus nicht nur reichlich er⸗ halten können, ſondern auch noch weiter reichen. Du wirſt natür⸗ lich binnen Kurzem an's Heirathen denken, und deine Mutter und ich ſprachen eben davon, du ſollteſt ein tüchtiges, ſtattliches ſtei⸗ nernes Haus eben auf dieſe Stelle bauen, und dich auf deinem Eigenthum anſiedeln. Nichts trägt ſo ſehr zur Civiliſation einer Gegend bei, als wenn ſich in derſelben da und dort ein Gentry em ach zu ind ern ner ich⸗ ſen ſah au, auf ffen ück⸗ au⸗ zin. nk⸗ ſich ißte lich dem rth⸗ dem du er⸗ tür⸗ und ſtei⸗ nem iner atry 575 niederläßt, und du wirſt ſowohl Vortheile Andern zuwenden, als ſelbſt ziehen, wenn du dieß Verfahren einſchlägſt. Solche, die ſich nicht durch eigene Erfahrung davon überzeugt haben, können un⸗ möglich ermeſſen, welche Wirkungen die Folge davon ſind, wenn die Familie auch nur Eines Gentleman in einer Gegend ſich an⸗ ſiedelt, für Geſchmacksbildung, Sitten und Benehmen, Aufklärung und Civiliſation überhaupt.“ „Ich bin ganz bereit, Sir, in dieſem Punkte, wie in andern, meine Pflicht zu erfüllen; aber ein gutes ſteinernes Landhaus, wie ein Grundherr auf ſeinem Beſitzthum es bauen muß, koſtet Geld, und ich habe kein Geld in Händen zu einem ſolchen Unternehmen.“ „Das Haus wird viel weniger koſten, als du meinſt. Die Materialien ſind wohlfeil, und im jetzigen Augenblick auch die Arbeit. Deine Mutter und ich werden es wohl ſo richten, daß wir dir einige Tauſend extra leihen können, denn unſer Beſitzthum in der Stadt fängt an, wieder Etwas einzutragen, und du darfſt deßwegen ohne Sorge ſein. Wähle dir den Platz, und lege den Grundſtein zum Hauſe noch dieſen Herbſt; laß das Holz ſägen, und den Kalk brennen, und die anderen Vorbereitungen treffen— und ordne Alles ſo, daß du deine Weihnachtsmahlzeit im Jahre 1785 in der neuen Reſidenz zu Ravensneſt einehmen kannſt. Bis dahin wirſt du bereit ſein, dich zu verheirathen, und wir können dann Alle kommen, und das Haus einweihen helfen.“ „Iſt denn etwas Beſonderes vorgefallen, Sir, was Euch glau⸗ ben macht, ich habe ſolche Eile zu heirathen? Ihr ſcheint meine Vermählung und das neue Haus in ſolche Verbindung mit einander zu bringen, daß ich jenes faſt glauben muß.“ Da hatte ich meinen Vater gefangen; und während meine Mutter ſich abwandte und lächelte, ſah ich, daß mein Vater erröthete, obgleich er ſich zwang, zu lachen. Nach einem Augen⸗ blick der Verlegenheit jedoch verſetzte er mit Lebhaftigkeit— (und während dem kam meine gute alte Großmutter heran, 576 und legte ihren Arm in den ſeinigen, d. h. in denjenigen, der noch frei war). „Ei, Mord, mein Junge, du mußt ſehr wenig von dem feu⸗ rigen Blut der Littlepage's in dir haben,“ ſagte er,„wenn du Tag für Tag ſolche weibliche Liebenswürdigkeit ſehen kannſt, wie jetzt in deiner Nähe iſt, ohne dein Herz zu verlieren.“. Meine Großmutter wurde unruhig, und meine Mutter eben⸗ falls; und ich bemerkte, daß Beide der Anſicht waren, der General habe eine allzu kecke Demonſtration gemacht. Mit dem ihrem Ge⸗ ſchlecht eigenen Takt wären ſie wohl behutſamer zu Werke gegan⸗ gen. Ich ſann einen Augenblick nach, und entſchloß mich dann, ganz offen zu verfahren; denn der jetzige Augenblick war ſo paſſend als ein anderer, mein Geheimniß zu entdecken. „Ich möchte nicht unaufrichtig gegen Euch ſein, mein lieber Sir,“ antwortete ich,„denn ich weiß, wie viel beſſer es iſt, offen zu ſein in Sachen, welche für eine ganze Familie ein gemeinſames Intereſſe haben, als den Geheimnißvollen zu ſpielen. Ich bin ein ächter Littlepage, was die Empfänglichkeit des Herzens für die Reize des andern Geſchlechts betrifft, und habe nicht in täglichem vertrautem Verkehr mit weiblicher Liebenswürdigkeit gelebt, ohne ihren Einfluß dergeſtalt empfunden zu haben, daß ich ein warmer Anwalt des Eheſtandes bin. Es iſt mein Wunſch, zu heirathen, und zwar noch ehe dieſer neue Wohnſitz zu Ravensneſt völlig her⸗ geſtellt ſein kann.“ Der allgemeine Ausruf der Freude, der auf dieſe Erklärung folgte, klang meinem Ohr wie eine Todtenglocke, denn ich wußte wohl, es mußte darauf eine Enttäuſchung folgen, die in genauem Verhältniß zu den jetzt erweckten Hoffnungen ſtand. Aber ich war zu weit gegangen, um noch zurück zu können, und fühlte mich ver⸗ pflichtet, mich weiter zu erklären. „Ich fürchte, meine lieben Eltern und meine geliebte Groß⸗ mutter,“ fuhr ich fort, ſobald ich ſprechen konnte, die Nothwendigkeit —— ven⸗ eral Ge⸗ gan⸗ ann, ſend eber ffen mes ein die hem hne mer hen, zer⸗ ung ßte iem var derx⸗ oß⸗ keit —— 577 erkennend, ſo raſch als möglich mich auszuſprechen,„daß Ihr mich mißverſtanden habt.“ „Gar nicht, mein lieber Junge— gar nicht,“ unterbrach mich mein Vater.„Du bewunderſt Priscilla Bayard, aber du biſt ihrer Geſinnungen gegen dich noch nicht ſo ſicher, daß du ſchon gewagt hätteſt, deinen Antrag zu machen. Aber was thut das? Deine Beſcheidenheit gereicht dir zum Lobe; obwohl ich geſtehen will, daß meiner Anſicht nach ein Gentleman, ſobald er ſelbſt ent⸗ ſchloſſen iſt, ſeine Geliebte ſollte wiſſen laſſen, daß er ein Bewerber um ihre Hand iſt, und es mir ungroßmüthig und unmännlich er⸗ ſcheint, zu warten, bis man des Erfolges gewiß iſt. Merke dir das, Mordaunt, mein Junge; in Sachen dieſer Art kann zu weit getriebene Beſcheidenheit zum Fehler werden.“ „Ihr mißverſteht mich noch immer, Sir. Ich habe mir, was männliche Handlungsweiſe betrifft, Nichts vorzuwerfen, obwohl ich in anderer Hinſicht zu weit gegangen ſein mag, ohne die Mei⸗ nigen zu Rathe zu ziehen. Abgeſehen von aufrichtigem Wohl⸗ wollen und Freundſchaft, fühle ich nichts für Priscilla Bayard, und fühlt Priscilla Bayard nichts für mich.“ „Mordaunt!“ rief eine Stimme, die ich nie hörte, ohne daß ſie kindliche Zärtlichkeit in mir erweckte. „Ich habe nur die Wahrheit geſprochen, theuerſte Mutter, und die Wahrheit, die ich früher ſchon hätte ausſprechen ſollen. Miß Bayard würde mich morgen ausſchlagen, wenn ich ihr meinen An⸗ trag machte.“ „Ihr wißt das nicht, Mordaunt— Ihr könnt das nicht wiſſen, bis Ihr den Verſuch macht,“ unterbrach mich meine Großmutter etwas lebhaft.„Die Gemüther junger Frauenzimmer laſſen ſich nicht nach denſelben Regeln beurtheilen, wie die jungen Männer. Ein ſolcher Antrag kommt nicht jeden Tag, das kann ich ihr ſagen; und ſie iſt viel zu einſichtsvoll und beſonnen, als daß ſie etwas ſo Einfältiges thäte. Es ſteht allerdings nicht in meiner Macht, zu Der Kettenträger. 37 * 578 wiſſen und zu ſagen, wie Priscilla gegen Euch geſinnt iſt; aber wenn ihr Herz noch frei, und Mordy Littlepage nicht der Jüng⸗ ling iſt, der es geſtohlen hat, ſo verſtehe ich mich nicht auf mein eigenes Geſchlecht.“ „Aber Ihr vergeßt, liebſte Großmutter, daß, wenn alle Eure für mich ſo ſchmeichelhaften Vorausſetzungen wahr wären— was ſie, wie ich mit gutem Grund glaube, nicht ſind,— daß ich auch dann nur bedauern könnte, daß es ſo wäre; denn ich liebe eine Andere.“ Dießmal war der Eindruck meiner Worte ein ſo tiefer, daß ein allgemeines Schweigen die Folge war. Gerade in dieſem Augen⸗ blick trat eine Unterbrechung von ſo ſüßer und eigenthümlicher Art ein, daß ich mich wenigſtens ſehr erleichtert fühlte, und der Noth⸗ wendigkeit überhoben war, den Sinn meiner Worte ſofort näher zu erläutern. Ich will erklären, worin dieſe Unterbrechung beſtand. Der Leſer erinnert ſich vielleicht noch, daß an den äußeren Wänden des Hauſes zu Ravensneſt urſprünglich Licht⸗ und Schieß⸗ löcher angebracht waren, zum Behufe der Vertheidigung, welche in dieſen friedlichen Zeiten als kleine Fenſter benützt wurden. Wir ſtanden unter einer dieſer Oeffnungen, jedoch nicht ſo nahe, daß wir von Jemand, der daran ſtand, geſehen oder gehört werden konnten, wenn wir nicht in lauterem Tone ſprachen, als in welchem die gegenwärtige Unterredung geführt wurde. Aus dieſem Lichtloch drangen gerade in dieſem Augenblick die leiſen, ſüßen Noten einer von Dus' köſtlichen indianiſchen Hymnen, ſo möchte ich ſie nennen, hervor, geſungen, wie ſie pflegte, nach einer klagenden ſchottiſchen Melodie. Wie ich einen Blick nach dem Grabe Kettenträgers hin⸗ überwarf, ſah ich Susqueſus darauf ſtehen, und im Augenblick errieth ich das Gefühl, welches Urſula zu dieſem Geſange trieb. Die Worte hatte ich mir früher erklären laſſen, und ich wußte, daß ſie vom Grabe eines Kriegers ſprachen. Der aufgehobene Finger, der entzückte Ausdruck des Auges, 579 die ganze Haltung der geſpannten Aufmerkſamkeit, welche meine geliebte Mutter annahm— das Alles beurkundete das Wohlgefallen und die Rührung, die ſie empfand. Als aber die Sängerin plötz⸗ lich, nachdem die letzten gutturalen Laute der Onondagoſprache in unſerem Ohre verhallt waren, zur engliſchen Sprache überging, und in derſelben Melodie eine feierlichernſte engliſche Hymne anhub, kurz zwar, aber voll Hoffnung und Frömmigkeit, da ſtürzten mei⸗ ner Mutter und meiner Großmutter die Thränen aus den Augen, und ſelbſt General Littlepage ergriff auf ziemlich verdächtige Weiſe Gelegenheit, ſich zu ſchnauben. Bald ſtarben die Töne dahin, und die köſtliche Melodie war zu Ende. „In aller Wunder Namen, Mordaunt, wer mag dieſe Nachti⸗ gall ſein?“ fragte mein Vater, denn keine von den Frauen konnte ſprechen. „Das iſt das Mädchen, Sir, der ich mein Wort und meine Hand verpfändet habe— das Mädchen, das ich heirathen muß, oder unverheirathet bleiben.“ „So iſt dieß alſo die Dus Malbone oder Urſula Malbone, von welcher ich ſo viel gehört habe von Priscilla Bayard während der letzten paar Tage,“ ſagte meine Mutter, mit einem Ton und Weſen, wie wenn ihr plötzlich ein Licht aufgegangen wäre über einen Gegenſtand von höchſtem Intereſſe für ſie;„ich mußte wohl Etwas der Art erwarten, wenn die Lobpreiſungen Priscilla's nur zur Hälfte gegründet ſind.“ Niemand hatte eine beſſere Mutter, als die meinige war. Durch und durch eine Lady in Allem, was zu dem Weſen einer ſolchen gehört, war ſie ebenſo auch eine demüthige und fromme Chriſtin. Dennoch ſind Demuth und Frömmigkeit, beſonders die erſtere, in gewiſſen Beziehungen, Sachen der konventionellen An⸗ ſchauungsweiſe. Die Schicklichkeit galt in den Augen meiner beiden Eltern viel, und ich kann nicht ſagen, daß ſie in meinen Augen Nichts gelte. Bei Nichts iſt dieſe Schicklichkeit mehr am 37* 580 Platz, als bei der Schließung von vernünftigen Ehen; und kluge und umſichtige Eltern werden ſich am allerwenigſten den Vorwurf zuziehen wollen, daß ſie nicht alle mögliche Sorge und Aufmerk⸗ ſamkeit darauf gerichtet hätten, daß ihr Kind eine ſchickliche und angemeſſene Verbindung eingehe,— angemeſſen ebenſo in Bezug auf Stand, Lebensgewohnheiten, Anſichten, Bildung und Denk⸗ weiſe überhaupt, wie auf Vermögen. Grundſitze verſtehen ſich bei Perſonen von Grundſätzen von ſelbſt; aber, dieſen unterge⸗ ordnet, iſt doch immer die weltliche Lage und Stellung in den Augen der Eltern von großem Gewicht. Meine Eltern waren hierin nicht ſo ſehr verſchieden von andern Leuten, und ich bemerkte wohl, daß jetzt Beide dachten, Urſula Malbone, des Kettenträgers Nichte, welche ſelbſt einmal die Meßkette getragen— ich hatte nämlich dieſen Umſtand in einem meiner Briefe leicht erwähnt— ſei kaum eine paſſende Partie für den einzigen Sohn General Little⸗ page’s. Keines von Beiden jedoch ſprach viel; nur that mein Vater, ehe wir uns trennten, ein paar Fragen an mich, welche ſich einigermaßen auf dieſen Punkt bezogen. „Habe ich dich recht verſtanden, Mordaunt,“ fragte er, ſo ziemlich mit dem ernſthaften Weſen, das ſich bei einem Vater er⸗ warten ließ, nachdem er eine ſo wenig willkommene Nachricht ver⸗ nommen,„habe ich dich recht verſtanden, Mordaunt, daß du wirk⸗ lich verſprochen biſt mit dieſer jungen— hm, hm— dieſer jungen Perſon?“ „Beſinnt Euch nicht, mein lieber Vater, Urſula Malbone eine Lady zu nennen. Sie iſt eine Lady der Geburt und der Bildung nach. Eine Lady, ganz gewiß— ſonſt hätte ſie nimmermehr in das Verhältniß zu Eurer Familie treten können, in welchem ſie ſteht.“ „Und was für ein Verhältniß iſt dieß, Sir?“ „Eben dieſes, mein lieber Vater. Ich habe Urſula meinen Antrag gemacht— unbeſonnener, übereilter Weiſe, wenn Ihr wollt, da ich hätte warten, und Euch und meine Mutter um Rath fragen 8 D — A 581 ſollen— aber wir folgen nicht immer den Geboten der Schicklichkeit in Sachen, wo das Herz ſo ſehr betheiligt iſt. Ich glaube gern, Sir, Ihr handeltet weiſer,“— hier bemerkte ich ein leichtes Lächeln, das um den hübſchen Mund meiner Mutter ſpielte, und ich begann zu vermuthen, daß der General in dieſem Punkte nicht pflichtge⸗ mäßer gehandelt habe als ich—„aber ich hoffe, dieſer mein Feh⸗ ler wird Entſchuldigung finden in Betracht der Macht einer Leiden⸗ ſchaft, welcher zu widerſtehen uns Allen ſo ſchwer wird.“ „Aber was iſt das Verhältniß, in welchem dieſe junge— Lady— zu meiner Familie ſteht, Mordaunt? Ihr ſeid doch nicht ſchon vermählt?“ „Keineswegs, Sir; ſo weit hätte ich nimmermehr die Rückſicht und Achtung vergeſſen können, die ich euch Dreien ſchuldig bin— ja ſelbſt Anneken und Katrinken. Ich habe meinen Antrag gemacht und bin bedingter Weiſe erhört worden—“ „Und dieſe Bedingung iſt—“ „Die Einwilligung von euch Dreien; die völlige Zuſtimmung aller meiner nahen Verwandten. Ich glaube, daß Dus, die theure Dus, mich liebt, und daß ſie mir freudig die Hand reichen würde, wenn ſie gewiß wüßte, daß es euch angenehm wäre, aber daß kein Zureden von mir ſie, wenn dieß nicht der Fall wäre, je dazu be⸗ wegen könnte.“ „Das iſt Etwas, denn es beweist, daß das Mädchen Grund⸗ ſätze hat,“ verſetzte mein Vater.„Ei, wer geht denn dort?“ Ja wohl, wer ging dort? Da gingen Frank Malbone und Priscilla Bayard Arm in Arm, und ſo in's Geſpräch vertieft, daß ſie nicht ſahen, wer ſie beobachtete. Ich glaube faſt, ſie bildeten ſich ein, in den Wäldern zu ſein, geſchützt gegen neugierige Blicke, in völliger Freiheit herumzuſchlendern und ſich, ſo viel als ihnen beliebte, mit einander zu beſchäftigen; oder, was noch wahrſchein⸗ licher iſt, ſie dachten in dieſem Augenblicke an Nichts als an ſich. Sie kamen aus dem Hof heraus und ſchritten raſch in den Obſt⸗ 582 garten, ſo leicht, als wenn ſie in der Luft wandelten, und allem Anſchein nach ſo glücklich als die Vögel, die auf den Bäumen um⸗ herzwitſcherten und jubelten. „Da, Sir,“ ſagte ich bedeutungsvoll,„da, meine liebe Mut⸗ ter, iſt der Beweis, daß der Miß Priscilla Bayard meinetwegen das Herz nicht brechen wird.“ „Das iſt in der That ſehr außerordentlich!“ rief meine ſchwer enttäuſchte oder getäuſchte Großmutter.—„Iſt das nicht der junge Mann, der, wie man uns ſagte, den Vermeſſer Kettenträgers machte, Corny?“ „Ja wohl, meine gute Mutter, und ein recht tüchtiger und angenehmer Jüngling iſt er, wie ich aus einem Geſpräche weiß, was ich geſtern Nacht mit ihm hatte. Es iſt ganz klar, wir haben uns Alle geirrt,“ fuhr der General fort;„obgleich ich nicht weiß, ob wir ſagen ſollen, es ſei Eines von uns getäuſcht und betro⸗ gen worden.“ „Da kommt Kate, mit einem Geſicht, welches verräth, daß ſie vollkommen im Beſitze des Geheimniſſes iſt,“ fiel ich ein, als ich meine Schweſter um die Ecke des Gebäudes auf unſerer Seite her⸗ umkommen ſah, mit einer Miene, die mir deutlich verrieth, daß ihr Geiſt und ihr Herz voll waren. Sie trat zu uns, ergriff meinen Arm, ohne zu ſprechen, und ſo folgten wir meinem Vater, welcher ſeine Gattin und ſeine Mutter nach einer kunſtloſen Bank führte, welche unter einem Baum aufgeſtellt worden war. Hier nahmen wir Alle Platz, Jedes erwartend, daß ein Anderes zu ſprechen an⸗ fange. Meine Großmutter brach zuerſt das Schweigen. „Seht Ihr dort Pris Bayard, mit dieſem Mr. Frank, Ketten⸗ träger oder Landvermeſſer, oder wie ſein Name lauten mag, luſt⸗ wandelnd, meine liebe Katrinke?“ fragte die gute alte Dame. „Ja wohl, Großmama,“ antwortete die gute junge Lady in ſo leiſem Tone, daß man es kaum hörte. „Und könnt Ihr mir erklären, was es bedeutet, Schätzchen?“ 583 „Ich glaube, ja, Madame, wenn— wenn— Mordaunt es gerne hört.“ „Nehmt auf mich keine Rückſicht, Kate,“ verſetzte ich lächelnd. „Miß Priscilla Bayard wird mir nie das Herz brechen machen.“ Der Blick ſchweſterlicher Bekümmerniß, den mir das treuherzige Mädchen zuwarf, mußte mich wohl zur innigen Dankbarkeit ſtim⸗ men; und das that er auch, denn es iſt gar etwas Süßes um die Liebe und Zärtlichkeit einer Schweſter. Ich glaube, die Ruhe mei⸗ nes Geſichts und deſſen lächelnder Ausdruck gaben dem lieben Ge⸗ ſchöpf Muth, denn ſie begann jetzt ihre Geſchichte ſo raſch zu er⸗ zählen, als es paſſend war. „Nun alſo, es bedeutet dieß,“ ſagte Kate.„Dieſer Gentleman iſt Mr. Francis Malbone, und er iſt der Anbeter und Verlobte von Priscilla. Ich habe Alles aus ihrem eigenen Munde.“ „Und willſt du uns von den näheren Umſtänden ſo viel hören laſſen, als wir ſchicklicherweiſe erfahren dürfen?“ ſagte der Gene⸗ ral ernſt. „Priscilla hat durchaus nicht den Wunſch, irgend Etwas zu verhehlen. Sie kennt Mr. Malbone ſchon einige Jahre, und ſie ſind ſich dieſe ganze Zeit über treu ergeben geweſen. Nichts ſtand der Sache im Wege, als ſeine Armuth. Der alte Mr. Bayard machte dagegen natürlich Einwendungen, wie Väter pflegen, wißt Ihr, und Priscilla wollte ihm deßwegen ihr Wort nicht geben. Aber — erinnert Ihr Euch nicht vom Tode einer alten Mrs. Hazleton in Bath in England gehört zu haben, dieſen Sommer, Mama? Die Bayards ſind jetzt um ſie in Halbtrauer.“ „Gewiß, meine Liebe; Mrs. Hazleton war Mr. Bayard's Tante; ich kannte ſie früher wohl, ehe ſie auswandern mußte— ihr Gatte war der Oberſt auf Halbſold Hazleton, von der könig⸗ lichen Artillerie; und ſie waren natürlich Tories. Die Tante hieß Priscilla und war Pathin unſerer Pris.“. „Ganz recht— nun, dieſe Lady hat Pris zehntauſend Pfund 584 in den engliſchen Fonds hinterlaſſen, und die Bayards willigen jetzt in ihre Heirath mit Mr. Malbone. Man ſagte auch, aber ich glaube nicht, daß dieß irgend einen Einfluß übt, denn Mr. Bayard und ſeine Gattin ſind ausnehmend uneigennützige Leute, wie über⸗ haupt die ganze Familie,“ fuhr Kate ſtockend und mit niederge⸗ ſchlagenen Augen fort—„aber man ſagt, der Tod eines jungen Mannes werde wahrſcheinlich Mr. Malbone zum Erben eines be⸗ tagten Vetters ſeines verſtorbenen Vaters machen.“ „Und nun, mein lieber Vater und meine liebe Mutter, werdet ihr einſehen, daß der Miß Bayard das Herz nicht brechen wird, deßhalb, weil ich Dus Malbone liebe. Ich ſehe aus deiner Miene, Katrinke, daß du auch von dieſer meiner Schuld einigermaßen un⸗ terrichtet biſt.“— „So iſt es; und was noch mehr iſt, ich habe die junge Lady geſprochen, und kann mich kaum darüber wundern. Anneke und ich haben dieſen Morgen zwei Stunden bei ihr zugebracht; und da du Pris nicht bekommen kannſt, Mordaunt, weiß ich keine Andere, welche ihre Stelle ſo ganz erſetzen könnte. Anneke iſt auch ganz verliebt in ſie.“ Die liebe, gute, klare und einſichtsvolle Anneke— ſie war in Folge einer einzigen Unterredung in den wahren Charakter von Dus eingedrungen,— was ich mir erklärte aus dem noch friſchen Eindruck, welchen der Tod Kettenträgers auf ihr Gemüth zurück⸗ gelaſſen hatte. Unter gewöhnlichen Umſtänden würde das geiſtvolle Mädchen bei einer erſten Begegnung eine ihr bisher Fremde ſich nicht haben ſo nahe kommen laſſen, daß dieſe ſchon ſo viele ihrer gediegenen Eigenſchaften hätte entdecken können; aber jetzt, wo ihr Herz ſo ſanft geſtimmt, ihr Geiſt ſo gedämpft war, konnte Anneke mit ihrer gewohnten Milde und Freundlichkeit wohl ihre Sympathie ſogleich gewinnen, und mochten ſich die Beiden eng an einander an⸗ ſchließen. Der Leſer darf nicht glauben, Dus habe ihr Herz auf⸗ geſchloſſen, wie ein gewöhnliches Schulmädchen, und meine Schwe⸗ ttzt ich ird er⸗ ge⸗ gen e⸗ det in⸗ 585 ſter zur Vertrauten gemacht hinſichtlich des Verhältniſſes, in wel⸗ chem wir zu einander ſtanden. Hierüber hatte ſie keine Sylbe geſagt, noch angedeutet. Was Kate davon wußte, das rührte von Priscilla Bayard her, die es natürlich von Frank erfahren hatte; und meine Schweſter geſtand mir ſpäter, das Glück ihrer Freundin ſei noch erhöht worden durch die Gewißheit, daß der Vorzug, welchen ſie Malbone vor mir gegeben, mir keinen Kummer verur⸗ ſache, und daß ſie mich zum Schwager bekommen würde. Alles dieß erfuhr ich von Kate bei unſeren ſpäteren Unterredungen. „Das iſt außerordentlich!“ rief der General,—„ſehr außer⸗ ordentlich; und für mich ganz unerwartet.“ „Wir haben kein Recht, an der Miß Bayard Wahl Etwas auszuſetzen,“ bemerkte meine verſtändige und hochdenkende Mutter. „Sie iſt, uns gegenüber, ihre eigene Herrin; und wenn ihre Eltern ihre Wahl billigen, ſo thun wir am beſten, Nichts dar⸗ über zu ſagen. Was das Verhältniß Mordaunt's betrifft, ſo wird er, hoffe ich, ſelbſt unſer Recht zugeben, hier unſere Anſichten zu haben.“ „Ganz gewiß, meine liebſte Mutter. Alles jedoch, um was ich Euch bitte, iſt, daß Ihr keine Anſicht ausſprecht, als bis Ihr Urſula geſehen, bis Ihr ſie kennen gelernt habt und im Stande ſeid, zu beurtheilen, ob ſie nicht geeignet und würdig ſei, nicht blos meine, ſondern eines Jeden Gattin zu werden. Nur dieß verlange ich von Eurer Billigkeit.“ „Das iſt gerecht und billig; und ich werde deinem Wunſche gemäß handeln,“ bemerkte mein Vater.„Du haſt ein Recht, das von uns zu verlangen, Mordaunt, und ich kann es für deine Mut⸗ ter eben ſo wie für mich verſprechen.“ „Am Ende, Anneke,“ bemerkte meine Großmutter,„weiß ich doch nicht, ob wir nicht Grund haben, uns über das Benehmen der Miß Bayard gegen uns zu beklagen. Hätte ſie nur den leiſeſten Wink fallen laſſen, daß ſie mit dieſem Malbrook verhängt ſei, ſo 586 hätte ich nie meinen Enkel zu ermuntern geſucht, auch nur einen Augenblick ernſtlich an ſie zu denken.“ „Euer Enkel hat nie einen Augenblick, oder auch nur einen halben Augenblick ernſtlich an ſie gedacht, liebſte Großmutter,“ rief ich;„daher beunruhigt Euch deßhalb nicht. Nichts der Art hätte mich glücklicher machen können, als die Kunde, daß Priseilla Bayard Frank Malbone heirathe,— Nichts, als etwa die Gewißheit, daß ich ſelbſt des Letztern Halbſchweſter heirathen werde.“ „Wie kann das ſein? Wie konnte ſo Etwas geſchehen, mein Kind! Ich erinnere mich nicht, je Etwas von dieſer Perſon ge⸗ hört zu haben— viel weniger mit Euch geſprochen zu haben von einer ſolchen Verbindung.“ „Oh, liebſte Großmutter, wir leichtfertigen Kinder ſetzen uns manchmal Einfälle dieſer Art in den Kopf, und ſie ſetzen ſich im Herzen feſt, ohne daß wir erſt lange unſere Verwandten um Rath fragen, wie wir freilich ſollten.“ Aber es iſt unnöthig, Alles zu berichten, was bei der nun folgenden langen und abſpringenden Unterhaltung geſprochen wurde. Ich hatte keinen Grund, unzufrieden zu ſein mit meinen Eltern, welche nicht nur immer große Mäßigung, ſondern auch große Nach⸗ ſicht gegen mich an den Tag legten. Ich geſtehe, als ein Diener kam, uns zu ſagen, Miß Dus ſei am Frühſtücktiſch allein und er⸗ warte uns, zitterte ich ein wenig, wie ich bedachte, welche Wir⸗ kungen die zuletzt durchgemachten Scenen auf ihre äußere Erſchei⸗ nung gehabt haben möchten. Sie hatte im Laufe der letzten Woche viel geweint; und als ich ſie zuletzt bei dem Leichenbegängniß ganz flüchtig ſah, war ſie blaß und niedergeſchlagen geweſen. Ein Lie⸗ bender iſt ſo eiferſüchtig ſogar in Bezug auf den Eindruck, den ſeine Geliebte auf Diejenigen macht, von welchen er ſie bewundert zu ſehen wünſcht, daß mir ganz unbehaglich zu Muthe ward, als wir zuerſt in den Hof, dann in das Haus, und endlich in das Eß⸗ zimmer traten. —— Ein großer, geräumiger Tiſch war für unſere große Geſellſchaft gedeckt. Anneke, Priscilla, Frank Malbone, Tante Mary und Urſula ſaßen ſchon, als wir eintraten, und Dus hatte den Platz oben am Tiſch inne. Niemand hatte noch Etwas berührt, und die junge Herrin und Wirthin am Tiſche hatte noch nicht einmal ange⸗ fangen, den Thee und Kaffee einzuſchenken,(denn mit meiner An⸗ kunft war der Ueberfluß, in dieſer Hinſicht, im Hauſe eingekehrt,) ſondern ſie ſaß da, achtungsvoll Diejenigen erwartend, welche wohl als die Hauptgäſte betrachtet werden konnten. Nie, ſchien mir, hatte Dus reizender ausgeſehen. Ihre Kleidung war eine hübſch arrangirte und geſchmackvolle Halbtrauer, womit ihre goldenen Haare, die roſtgen Wangen und die glänzenden Augen auf’'s Reizendſte kon⸗ traſtirten. Denn die Wangen Dus hatten wieder ihre Farbe, und ihre Augen ihren Glanz gewonnen. Der Grund davon war zum Theil, daß die Vermögens⸗Umſtände und Ausſichten ihres Bruders, den eingelaufenen Nachrichten zufolge, ſogar noch günſtiger waren, als man uns ſo eben geſagt hatte. Frank traf Briefe auf dem Neſt an, die ihm den Tod ſeines Vetters meldeten, nebſt einer dringenden Einladung, ſich zu dem kinderloſen Vater, einem alten und bettlägerigen Manne, als ſein Adoptivſohn zu begeben. Er wurde dringend aufgefordert, Dus mitzubringen, und es war eine anſehnliche Geldſumme beigelegt, um ihn in Stand zu ſetzen, dieß ohne Unbequemlichkeit zu thun. Dieß allein ſchon würde einige Heiterkeit über das Angeſicht der Armen und Abhängigen verbreitet haben. Dus trauerte aufrichtig um ihren Oheim, und trauerte lange um ihn; aber ihre Trauer war die einer Chriſtin, welche hoffte. Kettenträgers tödtliche Verwundung war ſchon vor einigen Tagen erfolgt, und das erſte Gefühl des Kummers war durch Zeit und Nachdenken etwas gemildert worden. Sein Ende war ſanft und friedlich geweſen; und ſie durfte glauben, daß er jetzt der Frucht ſeiner Reue und Buße durch das Opfer des Sohnes Gottes ſich erfreue.. 588 Es war leicht die Ueberraſchung im Geſichte meiner Eltern und Großmutter zu bemerken, als Miß Malbone aufſtand, mit dem Weſen einer Perſon, welche mit Zuverſicht ihrer Stellung und ihrer Anſprüche ſich bewußt iſt, um die für die Gelegenheit paſſenden Begrüßungen auszutauſchen. Nie machte ein junges Frauenzimmer ihre Sache beſſer als Dus, welche ſo anmuthsvoll knixte, wie eine Königin, während ſie die Komplimente, die ſie empfing, mit der Sicherheit einer an Höfen erzogenen Dame aufnahm. Großentheils verdankte ſie dieß der Natur, obwohl auch ihre Erziehung gut ge⸗ weſen war. Viele der vornehmſten jungen Damen der Kolonie waren Jahre lang ihre Geſpielinnen geweſen; und zu jener Zeit hielt man viel mehr auf ein feines Benehmen, als jetzt unter uns Ton zu werden anfängt. Meine Mutter war entzückt; denn wie ſie mich nachher verſicherte, war ſie jetzt ſchon entſchloſſen, Urſula als Tochter anzunehmen, da ſie es der Ehre ſchuldig zu ſein glaubte, das von mir verpfändete Wort zu löſen. General Little⸗ page wäre vielleicht nicht ganz ſo ängſtlich gewiſſenhaft geweſen, obwohl auch er das Recht der von mir eingegangenen Verpflich⸗ tungen anerkannte; aber Dus eroberte ihn förmlich mit Sturm. Die gedämpfte Traurigkeit ihrer Miene verlieh ihrer Schönheit etwas ungemein Feines und Edles, und Alles, was ſie an dieſem Morgen ſprach und that, war, wie ihre Erſcheinung ſelbſt, voll⸗ kommen. Mit Einem Wort, Alle waren erſtaunt, aber Alle ver⸗ gnügt. Ein paar Stunden nachher, als die Frauen eine Zeit lang allein zuſammen geweſen, kam meine treffliche Großmutter zu mir, und verlangte eine kurze Beſprechung mit mir allein. Wir fanden einen Sitz in der Laube des Hofes; und meine ehrwürdige Groß⸗ mutter begann alſo: „Nun, Mordaunt, mein Lieber, es iſt Zeit, daß du daran penkf zu heirathen und dich feſt niederzulaſſen. Da Miß Bayard glücklich verlobt iſt, ſehe ich nicht, was du Beſſeres thun könnteſt, als der Miß Malbone deinen Antrag zu machen. Nie habe ich ———-—„—— 589 ein ſo ſchönes Weſen geſehen, und die großherzige Priseilla ver⸗ ſichert mich, ſie ſei eben ſo gut, tugendhaft und weiſe, als liebens⸗ würdig. Sie iſt von guter Geburt, gut erzogen und gebildet; und ſie mag überdieß auch noch ein hübſches Vermögen bekommen, wenn jener alte Mr. Malbone ſo reich iſt, als man mir ſagt, und ſo viel Gewiſſen hat, daß er ein gerechtes und billiges Teſtament macht. Nimm meinen Rath an, mein lieber Sohn, und heirathe Urſula Malbone!“ Die gute Großmutter! Ich nahm ihren Rath an z und ich bin überzeugt, daß bis zu ihrer Sterbeſtunde die Ueberzeugung ſie be⸗ glückte, ſie habe weſentlich zu dieſer Verbindung beigetragen. Nachdem General Littlepage und Oberſt Follock einmal hier waren, entſchloſſen ſie ſich, ein paar Monate zu bleiben, um nach ihren Ländereien zu ſehen, und einige Scenen in dieſer Gegend wieder zu beſuchen, welche für ſie ein lebhaftes Intereſſe hatten. Auch meine Mutter und Tante Mary ſchienen gerne zu verweilen; denn ſie erinnerten ſich hier an Ereigniſſe, die ihnen die Umgegend mit ſüßer Wehmuth in das Gedächtniß zurückrief. Mittlerweile reiste Frank zu ſeinem Verwandten, und kam wieder zurück, ehe noch unſere Geſellſchaft zum Aufbruch bereit war. Während ſeiner Abweſenheit waren alle Vorkehrungen zu meiner Vermählung mit ſeiner Schweſter getroffen worden. Dieß Ereigniß fand gerade zwei Monate nach dem Leichenbegängniß Kettenträgers ſtatt. Ein Geiſtlicher wurde von Albany herbeigeholt, um die Trauung zu ver⸗ richten, da keines der Brautleute der Sekte der Congregationaliſten angehörte; und eine Stunde, nachdem wir kirchlich verbunden wa⸗ ren, verließen uns ſämmtliche Gäſte, um nach dem Süden zurück⸗ zukehren, und wir blieben allein auf dem Neſte zurück. Ich habe geſagt alle, aber ich hätte Jaap und Susqueſus ausnehmen ſollen. Dieſe Beide blieben und ſind noch bis auf die heutige Stunde da; nur macht der Neger gelegentlich Beſuche in Lilaksbuſch und Sa⸗ tanstoe, um ſeine Familie um ſich zu verſammeln. 3 590 Bei der Trauung herrſchte viel tiefes Gefühl, aber wenig Glanz und Prunk. Meine Mutter hatte Urſula liebgewonnen, als wäre ſie ihr eigenes Kind; und ich hatte die Freude nicht nur, ſon⸗ dern auch den Triumph, zu ſehen, wie meine Verlobte ſich mit je⸗ dem Tage den Meinigen angenehmer und theurer machte, und dieß durch keine anderen als die allernatürlichſten und kunſtloſeſten Mittel. „Das iſt vollkommenes Glück,“ ſagte Dus zu mir an einem lieblichen Nachmittag, als wir mit einander die Felſen an dem Neſt entlang luſtwandelten, einige Minuten nachdem ſie ſich aus den Armen meiner Mutter gewunden hatte, die ſie umarmt und geſegnet hatte, wie eine fromme Mutter ihr inniggeliebtes Kind—„das iſt vollkommenes Glück, Mordaunt, Eure Erkorene zu ſein und die von Euren Eltern freundlich Aufgenommene. Ich wußte bis jetzt nicht, was es heißt, Eltern zu haben. Oheim Kettenträger that Alles, was er konnte, für mich, und ich werde ſein Andenken heilig halten bis zu meinem letzten Athemzug— aber Oheim Ketten⸗ träger konnte mir nie eine Mutter erſetzen. Wie geſegnet, wie über Verdienſt geſegnet verſpricht mein Loos zu werden! Ihr gebt mir nicht nur Eltern, und Eltern die ich lieben kann, wie wenn es meine leiblichen Eltern wären, ſondern Ihr gebt mir auch zwei Schweſtern, wie ſie Wenige haben!“ „Und das Alles, liebſte Dus, gebe ich dir mit der Zugabe eines ſolchen Gatten, daß ich faſt fürchte, die andern Gaben werden dir zu theuer erkauft ſcheinen, wenn du ihn erſt genauer kennſt.“ Der innige, offene, dankbare Blick, das bewußte Erröthen, und das ernſte, nachdenkliche Lächeln— Alles das verkündigte mir, daß meine vergnügte und parteiliche Zuhörerin deßhalb keine Sorge empfand. Hätte ich damals ſchon das andere Geſchlecht ſo gekannt, wie jetzt, ſo würde ich vorausgeſehen haben, daß die Liebe eines Weibes wächst, ſtatt abzunehmen; daß die Liebe, die die reine und hingebende Matrone zu ihrem Gatten hegt, mit der Zeit zunimmt und ein Theil und Element ihrer moraliſchen Exiſtenz wird. Ich — —y 591 bin kein Anwalt von dem, was man im ſtrengen Sinne Vernunft⸗ heirathen nennt; ich glaube, der feierliche, bleibende Knoten ſollte geknüpft werden von der Hand warmer, mächtiger Neigung und Liebe, geſteigert und gekräftigt durch Kenntniß und vertrauens⸗ vollen Austauſch der beiderſeitigen Denkweiſe und Gefühle; aber ich habe lange genug gelebt, um zu wiſſen, daß, ſo lebhaft und innig auch die Leidenſchaften der Jugend ſind, ſie doch keine Won⸗ nen gewähren, die denjenigen gleich kämen, welche aus der tiefen und erprobten Zärtlichkeit eines glücklichen ehelichen Lebens ent⸗ ſpringen! Und wir waren nun verheirathet! Die Ceremonie fand vor dem Frühſtück ſtatt, damit unſere Verwandten noch die große Heer⸗ ſtraße erreichen könnten, ehe die Nacht ſie überfiele. Das Mahl, das dann folgte, war ſtill und ernſt. Dann ſchloß meine liebe, gute Mutter Dus in ihre Arme und küßte und ſegnete ſie zu wiederhol⸗ ten Malen. Mein geehrter Vater that daſſelbe, und erinnerte meine weinende, aber glückliche junge Frau, daß ſie jetzt ſeine Tochter ſei. „Mordaunt iſt im Grunde ein guter Kerl, meine Liebe, und wird Euch lieben und hegen, wie er gelobt hat,“ fuhr der General fort, ſich ſchnaubend, um ſeine Rührung zu verbergen;„aber ſollte er je irgend Etwas vergeſſen, was er gelobt hat, ſo kommt zu mir, und ich will ihn heimſuchen mit der Mißbilligung eines Vaters.“ „Seid unbeſorgt wegen Mordaunt's— ſeid unbeſorgt wegen Mordaunt’s,“ fiel meine würdige Großmutter ein, an welche jetzt die Reihe des Abſchiednehmens— für eine kurze Zeit— kam, „er iſt ein Littlepage, und alle Littlepage's geben treffliche Ehe⸗ männer. Der Junge gleicht ſeinem Großvater, wie er in ſeinem Alter war, wie eine Erbſe der andern. Gott ſegne Euch, meine Tochter— Ihr werdet mich dieſen Herbſt in Satanstoe beſuchen, wo es mir große Freude machen wird, Euch meines Generals Bild zu zeigen.“ 3 Anneke und Kate und Priscilla Bayard herzten Dus derge⸗ 592 ſtalt, daß ich fürchtete, ſie würden ſie aufeſſen, während Frank von ſeiner Schweſter Abſchied nahm mit der männlichen Zärtlichkeit, die er ihr immer bezeigte. Der Jüngling war jedoch ſelbſt zu glück⸗ lich, als daß er viele Thränen hätte vergießen ſollen, obgleich Dus an ſeiner Bruſt förmlich ſchluchzte. Das liebe Geſchöpf durcheilte ohne Zweifel mit ihren Gedanken die Vergangenheit, und verglich ſie mit der ſeligen Gegenwart. Gegen Ende des Honigmondes liebte ich Dus doppelt ſo innig, als ich ſie in der Stunde geliebt hatte, wo wir vermählt wurden. Hätte mir Jemand geſagt, daß dieß möglich ſei, ſo würde ich einen ſolchen Gedanken verlacht haben; aber es war wirklich ſo, und ich darf mit Wahrheit hinzuſetzen, ſo iſt es bis jetzt immer geweſen. Nach Verfluß dieſes Monats reisten wir von Ravensneſt nach Lilaksbuſh ab, wo ich die Freude hatte, meine junge Frau in aller Form demjenigen Theil der ſogenannten Welt vorſtellen zu dürfen, dem ſie eigentlich angehörte. Ehe wir jedoch das Patent verließen, waren ſchon alle meine Plane gemacht und Kontrakte unterzeichnet zum Behufe des Baues des Hauſes, wovon mein Vater geſprochen. Der Grund wurde noch im Herbſte gelegt, und im folgenden Jahre feierten wir unſere Weihnachten darin— binnen welcher Zeit mich Dus zum Vater eines ſtattlichen Knaben gemacht hatte. Es iſt kaum nöthig zu ſagen, daß Frank und Priscilla, ſo wie Tom und Kate nicht ſehr lange nach uns ſich vermählten. Beide Ehen ſind vollkommen glücklich geworden. Der alte Mr. Malbone überlebte den Winter nicht, und hinterließ ein ſehr an⸗ ſehnliches Beſitzthum ganz ſeinem Verwandten. Frank wünſchte, ſeine Schweſter an ſeinem Glück und Vermögen Antheil nehmen zu laſſen, aber ich wollte davon Nichts hören. Dus war an und für ſich Schatz genug, und bedurfte kein Geld, um ihren Werth in meinen Augen zu erhöhen. So dachte ich im Jahr 1785, und ſo denke ich heute noch. Wir nahmen einiges Silbergeſchirr und einige ſchöne Geſchenke, wollten aber vom Vermögen nie Etwas annehmen. 8 — 593 Das ſchnelle Wachsthum von New⸗York machte, daß unſere noch übrigen Looſe in dieſer raſch gedeihenden Stadt einen guten Markt fanden, und wir wurden bald reicher, als zum Glücklichſein nöthig iſt. Ich hoffe, wir haben die Gaben der Vorſehung nie mißbraucht. Eines weiß ich gewiß: Dus iſt von mir immer weit höher geſchätzt worden als irgend ein anderer Beſtz. Von Jaap und dem Indianer muß ich auch ein Wort ſa⸗ gen. Beide leben noch und wohnen auf dem Neſt. Für den Indianer ließ ich eine Wohnung erbauen in einer gewiſſen Schlucht, nicht weit vom Hauſe entfernt, welche die Seene einer ſeiner früheren Thaten in dieſer Gegend geweſen war. Hier lebt er, hier hat er die letzten zwanzig Jahre gelebt, und hier hofft er zu ſterben. Er erhält ſeine Nahrung, Decken, und was er ſonſt für ſeine wenigen Bedürfniſſe braucht, im Neſt, Me nach Belieben kommt und geht. Er iſt jetzt dem hohen Alte nahe, hat aber noch immer ſeinen elaſtiſchen Schritt, ſeinen auf⸗ rechten Gang und ſeine Rüſtigkeit. Ich glaube, er kann gar wohl hundert Jahre alt werden. Daſſelbe gilt von Jaap. Der alte Kerl hält aus und erfreut ſich des Lebens als ein ächter Abkömmling der Afrikaner. Er und Sus ſind unzertrennlich und ſtreifen oft in den Wald hinaus auf langen Jagdzügen, ſogar im Winter, von welchen ſie mit Wildpret, wilden türkiſchen Hah⸗ nen und anderer Beute zurückkommen. Der Neger wohnt im Neſt, aber ſeine halbe Zeit ſchläft er im Wigwam, wie wir die Wohnung von Sus nennen. Die zwei alten Burſchen ſtreiten häufig und bisweilen hadern ſie ſogar; aber da keiner von Bei⸗ den trinkt, kommt es nie zu ſehr langen noch auch ſehr ernſt⸗ lichen Zwiſten. Ihre Händel entſpringen meiſt aus Verſchieden⸗ heit der Anſichten in der Moralphiloſophie, in Folge ihrer ver⸗ ſchiedenen Anſchauungsweiſe der Vergangenheit und der Zukunft. Lowiny blieb bei uns als Dienerin, bis ſie eine ſehr paſ⸗ ſende Heirath mit einem meiner Pächter ſchloß. Eine kurze Zeit Der Kettenträger. 38 1 * r 2 4 22 ⁸& 8 594 aach meiner Vermählung ſchien ſie mir ſchwermüthig, wahrſchein⸗ lich in Folge der ſehnſüchtigen Sorge um ihre entfernte und zerſtreute Familie; aber dieſe Stimmung verlor ſich bald, und ſie wurde zufrieden und glücklich. Ihr gutes Ausſehen erhöhte ſich unter dem Einfluß der Civiliſation, und ich darf mit Ge⸗ nugthuung beifügen, daß ſie nie irgend Grund gehabt hat, zu bereuen, daß ſie ſich an uns angeſchloſſen. Bis auf dieſen Au⸗ genblick iſt ſie eine beſcheidene und hilfreiche Freundin meiner Gattin, welche ihrerſeits ſie bereitwillig unterſtützt, und wir fin⸗ den ſie ganz beſonders nützlich und tüchtig bei Krankheiten der Kinder. Was ſoll ich von Squire Newcome ſagen? Er brachte es zu einem recht anſehnlichen Alter und iſt erſt ganz neuerlich ge⸗ ſtorben; und bei Manchen, die ihn kannten, oder vielmehr, die ihn nicht kannten, galt er für einen Theil des Salzes der Welt. Ich leitete nie ein Verfahren gegen ihn ein wegen ſeiner Ver⸗ bindung mit den Sqauatters, und er verblieb ſein ganzes Leben lang in einer beſtändigen Ungewißheit darüber, wie weit ich Kunde von ſeinen Schlichen habe. Der Menſch wurde eine Art von Diakon in ſeiner Kirche, wurde mehr als einmal Mitglied der Aſſembly, und blieb bis an ſein Ende ein von der öffent⸗ lichen Meinung höchlich begünſtigter Mann; und dieß einfach darum, weil ſeine Denkweiſe und Lebensgewohnheiten ihn dem großen Haufen nahe ſtellten, und er ſich auf jede erſinnliche Weiſe hütete, den Leuten nie eine Wahrheit zu ſagen, die ihnen un⸗ angenehm war. Er hatte einmal die Frechheit, mit mir als Bewerber um einen Sitz im Kongreß zu konkurriren, aber dieſer Verſuch ſchlug ihm fehl. Hätte er es vierzig Jahre ſpäter ver⸗ ſucht, ſo wäre es ihm wohl eher gelungen. Jaſon ſtarb arm und in Schulden, trotz aller ſeiner Spitzbübereien und Anſchläge. In ſeiner Gier nach Gold hatte er ſich überſtürzt, wie es ſo Manchem von ſeiner Geſinnung geſchieht Seine Nachkommen jedoch weilen noch unter uns; und während ſie ſehr wenig Ver⸗ mögen von ihm überkommen haben, ſind ſie die rechtmäßigen Erben von ihres Ahnherrn Gemeinheit in Geſinnung und Be⸗ nehmen— von ſeinen Schlichen und Tücken und ſeiner Heuche⸗ lei. Das iſt die Art und Weiſe, wie die Vorſehung die Sün⸗ den der Väter an den Kindern heimſucht, bis in's dritte und vierte Glied. Ich habe jetzt wenig mehr zu ſagen. Die Eigenthümer von Mooſeridge haben glücklich alle Looſe verkauft, die ſie auf den Markt zu bringen geſonnen waren, und große Summen haben ſie darauf verſichert in Scheinen und Hypotheken. Anneke und Kate haben anſehnliche Theile dieſes Beſitzthums erhalten, dar⸗ unter Vieles, was dem Oberſt Follock gehörte, der jetzt ganz bei meinen Eltern wohnt und lebt. Tante Mary iſt, mit Leidwe⸗ ſen muß ich es berichten, vor wenigen Jahren als ein Opfer der Blattern geſtorben. Sie heirathete natürlich nie, und hin⸗ terließ ihr ſchönes Vermögen meinen Schweſtern und einer ge⸗ wiſſen Lady Ten Eyck, die es ſehr gut brauchen konnte, und deren Hauptanſpruch darin beſtand, daß ſie eine dritte Couſine, glaube ich, von Mary's ehemaligem Geliebten war. Meine Mut⸗ ter betrauerte den Tod ihrer Freundin aufrichtig, ſo wie wir Alle; aber wir hatten den tröſtlichen Glauben, daß ſie bei den Engeln glücklich ſei. Ich ließ in den ausgedehnten Gartenanlagen um das neue Haus auf dem Neſt ein paſſendes Denkmal auf dem Grabe Kettenträgers errichten. Es hatte eine einfache Inſchrift, die jetzt meine Kinder oft leſen und gerne ihre Bemerkungen und Betrachtungen daran knüpfen. Wir ſprechen Alle von ihm bis auf dieſe Stunde als vom: Oheim Kettenträger, und ſein Grab wird nie mit einem andern Ausdruck genannt als: Oheim Kettenträgers Grab. Der errliche alte Mann! daß er nicht herr wächen der menſchlichen Natur, braucht frei war von den Sch e 38* 596 nicht geſagt zu werden; aber ſo lang er lebte, Beweis der Wahrheit gelten: wie viel achtungs diger der Mann iſt, welcher Einfalt, Redlichkeit, und Wahrheit zu ſeinen Führern nimmt, als de mittelſt Lügen, Ränken und Schlichen ſich durch d zukämpfen ſucht! —— —— —