— deutſcher, engliſcher und fr von Eduard Oltman Leih- und Leſeb jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen wird. eines Buches, eine dem Werthe deſſ hinterlegen, welche bei deſſen Zurüc d beträgt: 3 für wöchentlich 2 Bücher: —— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 ¹ 5. Auswärtige Abonnenten haben der Bücher auf ihre eigenen Koſten 6. Schadenersatz. Für beſchmutz defecte Bücher(namentlich bei ſolch lorene oder defecte Buch ein Theil e 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf ſelben von mir geliehen, auch dafür Leihbibliothek anzöſiſcher Literatur n in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. edingungen. . 3 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen... 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ müſſen, bei Entgegennahme elben entſprechende Summe kgabe von mir zurückerſtattet 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 4 Bücher: 6 Bücher: ———— Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „— 1 für Hin⸗ und Zurückſendung und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. te, zerriſſene, verlorene und een mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ ines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufm erkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ zu ſtehen haben. 8 — Erſtes Kapitel. Vom alten Eichbaum die Früchte fallen! Und liegen auf froſtigem Grunde: „Was ſoll nur geſcheh'n mit den Eichen allen?“ Hört flüſtern ihr in der Runde Von zarten Stimmen, die ſüß erklingen, Wie Blumenhäupter vom Zephyr gewiegt, Grashüpfer raſch in die Höhe ſpringen Und der Käfer ſummend am Boden liegt. Mrs. Sela Smith. Das allgemeine Urtheil über die amerikaniſchen Landſchaften iſt ein vielfach irriges. Die Größe der Seen, die Länge und Breite der Ströme, die tiefe Abgeſchiedenheit der Wälder und die ſcheinbar gränzenloſe Ausdehnung der Steppen hat die Welt ver⸗ leitet, mit den Schauplätzen Amerika's einen Eindruck von Groß⸗ artigkeit zu perbinden, welchen die Wirklichkeit nur ſelten reali⸗ ſirt. Wenigſtens wird der Theil des amerikaniſchen Feſtlandes, welcher dem angelſächſiſchen Stamme in die Hände fiel, dieſe Be⸗ zeichnung ſehr ſelten verdienen, und wenn je, ſo ſind es mehr Neben⸗ eigenſchaften, wie bei den Wäldern die unermeßliche Ausdehnung— als die natürliche Geſtaltung des Landes, welche dieſelbe rechtferti⸗ gen. Wer freilich an die ſchauerliche Erhabenheit der Alpen, an die ſanftere, dabei aber doch wilde Schönheit der italieniſchen Seen, oder an den hohen Zauber der Küſten des Mittelmeeres gewöhnt iſt, dem wird unſer Vaterland im Ganzen nur allzu zahm und unintereſſant erſcheinen, wenn es gleich einzelne Ausnahmen aufzu⸗ weiſen hat, wo ſich die Reize der Natur bis zur Lieblichkeit ſteigern. Unter dieſe Ausnahmen gehört zum Beiſpiel der größere Theil des im Winkel zwiſchen dem Mohawk und Hudſon gelegenen Land⸗ ſtriches, der ſich ſüdwärts bis zu der Gränze von Pennſylvanien oder noch drüber hinaus— gegen Weſten aber bis zu dem Rande Wyandotté. 1 jener weiten, wellenförmigen Ebene erſtreckt, welche den weſtlichen Theil von New⸗York bildet. Dieſes Gebiet umfaßt wenigſtens zehn unſerer heutigen Grafſchaften, mit einer Oberfläche von mehr als zehntauſend Quadratmeilen*) und einer Bevölkerung von nahe⸗ zu einer halben Million Seelen, mit Ausſchluß der Flußſtädte. Wer jemals dieſen Theil unſeres Landes kennen gelernt und ſich mit den mehr lieblichen als großartigen Naturſcenen, welche er darbietet, vertraut gemacht hat, wird ſeine Gegenwart wie ſeine Zukunft eher zu hoch, als zu gering ſchätzen. Von hoher, vollendeter Schönheit iſt hier freilich eben ſo wenig, als in jedem andern Theile des nördlichen Amerika's die Rede, da dieſem gan⸗ zen Himmelsſtriche der Reiz des Maleriſchen— namentlich ſoweit ihn menſchliche Schöpfungen begründen— abgeht; dagegen beſitzt gerade dieſer Diſtrikt, ſowie alle andern, die ihm gleichen— und die weite Oberfläche der⸗ ſechsundzwanzig Staaten zeigt deren im Ueberfluß— Naturſchönheiten ganz eigenthümlicher Art, wie man ſie in einem der älteren Welttheile nicht leicht antreffen wird. Der geneigte Leſer wird ſich aus unſeren früheren Werken leicht erinnern, daß der Diſtrikt, auf welchen wir anſpielen, ſchon öfter der Schauplatz unſerer Schilderungen geweſen iſt, und wenn wir jetzt zu ihm zurückkehren, ſo geſchieht dieß weniger in der Abſicht, ſeine Reize zu preiſen, als ſie unter einem neuen und dabei durch⸗ aus hiſtoriſchen Geſichtspunkte vor ſeinen Augen vorbeizuführen. unſere ältern Arbeiten werden den Leſer belehrt haben, daß dieſer ganze weitgedehnte Landſtrich, mit Ausnahme jenes Gürtels von Niederlaſſungen längs der beiden genannten Ströme, vor der amerikaniſchen Revolution nur eine große Wildniß war. Dieſe allgemeine Regel unterlag jedoch mehrfachen Ausnahmen, auf welche wir jetzt ſogleich aufmerkſam machen wollen, um einer zu buchſtäblichen Auffaſſung keine Gelegenheit zu geben, uns eines *) Nämlich engliſchen. D. U. 3 Widerſpruches zu zeihen. Zu beſſerem Verſtändniſſe ſollen die nöthigen Erläuterungen etwas ausführlicher vorgelegt werden. Die Bergregion, welche jetzt die Grafſchaften Schohari, Otſego, Chenango, Broome, Delaware u. ſ. w. umfaßt, war zwar im Jahr 1775 allerdings noch eine Wildniß: gleichwohl hatten die Statt⸗ halter in den Kolonien ſchon zwanzig Jahre früher angefangen, einzelne Diſtrikte daraus an Privatperſonen abzugeben. Wir haben eben das Patent des Landgutes vor uns, das wir ſpäter beſchrei⸗ ben werden; es trägt das Datum des Jahres 1769— im An⸗ ſchluß befindet ſich ein indianiſches Abtretungsdokument, das noch ein paar Jahre älter iſt. Dieß mag für den angeführten Land⸗ ſtrich als Durchſchnittsdatum gelten, denn die übrigen Urkunden ſolcher Art ſind theils älter, theils neuer als die obige. Die ſo verwilligten Landgüter blieben urſprünglich der Krone zu einem Erbzinſe verpflichtet und waren, ſelbſt nachdem man die ziemlich unweſentlichen Pflichten der»„Tilgung der Anſprüche der Indianer“— wie man es nannte— erfüllt hatte, in der Regel nur gegen Entrichtung großer Summen an die Kolonialbeamten zu erhalten. Dieſe„Tilgung“ ging damals, wie noch heut zu Tage, ſehr leicht von Statten, und es wäre wirklich nicht ohne Intereſſe, einmal den wirklichen Betrag des Kaufſchillings zu unterſuchen, der den Eingebornen bezahlt wurde. Eben in dem Falle unſeres vorliegenden Patentes geſchah die Tilgung der indianiſchen Rechts⸗ titel mittelſt einiger Büchſen, Bettdecken, Keſſel und Perlſchnüre, und doch beläuft ſich der nominale Umfang des abgetretenen Ge⸗ biets auf hundert⸗, der wirkliche dagegen auf hundert und zehn bis zwanzigtauſend Morgen Landes. Als der Boden ſpäter im Werthe ſtieg, führte der Mißbrauch, der mit dieſen Länderverwilligungen getrieben wurde, ein Geſetz herbei, welches die an einen Einzelnen auf Einmal zu verleihende Morgenzahl auf tauſend beſchränkte. Uebrigens waren unſere monarchiſchen Vorfahren ebenſo geſchickt und— wie wir wohl 1*½ 4 beifügen dürfen— auch ebenſo geneigt, ein Geſetz zum bloßen todten Buchſtaben umzuwandeln, wie unſere republikaniſchen Zeit⸗ genoſſen. Das vor uns liegende Patent iſt auf den nominalen Umfang von hunderttauſend Morgen ausgeſtellt, und enthält auch wirklich die Namen von hundert verſchiedenen Eigenthümern, welche aber auf drei angehefteten Pergamenten, deren jedes drei⸗ unddreißig dieſer einzelnen Perſonen enthält, dem Erſtgenannten, dem zu Lieb einzig und allein der ganze Vertrag geſchloſſen wurde— den wirklichen Beſitz förmlich wieder abtreten. Das Datum der letztgenannten Dokumente iſt um mehrere Tage neuer, als das des königlichen Patentes ſelbſt. Die Geſchichte der meiſten Landgüter, mit denen der oben beſchriebene Landſtrich ſchon vor der Revolution wie beſäet war, iſt, wenigſtens was die Art ihrer Erwerbung betrifft, mit der eben erzählten völlig gleichlautend. Doch waren Geld und Ne⸗ potismus nicht ausſchließlich die leitenden Urſachen ſo reicher Be⸗ willigungen. Von Zeit zu Zeit machten auch geleiſtete Kriegs⸗ dienſte ihre Anſprüche geltend, und die Fälle ſind nicht ſelten, wo beſonders gediente Offiziere, nachdem ſie zuvor die Gebühren rich⸗ tig bezahlt und die indianiſchen Anſprüche geſetzlich getilgt hat⸗ ten, ein ſolches Landpatent gewiſſermaßen als Belohnung erhielten. Dieſe Verleihungen an alte Krieger waren, wenn ſie nicht gerade Offiziere von Rang betrafen, ſelten von großem Belang: drei⸗ bis viertauſend Morgen wohlgelegenen Landes ſchienen ein hinreichen⸗ der Lohn für dieſe jüngeren Söhne ſchottiſcher Lairds oder eng⸗ liſcher Squires, welche gewöhnt waren, ſchon einen bloßen Pacht⸗ hof als ein genügendes Beſitzthum zu betrachten. Da die meiſten dieſer Krieger von ihrer langjährigen Statio⸗ nirung auf den Gränzpoſten her mit dem Leben in den Wäldern und ſeinen Entbehrungen vertraut und gegen deſſen Gefahren abgehärtet waren, ſo zählte es keineswegs zu den ungewöhnlichen Erſcheinungen, wenn Offtziere, ſobald die Bedürfniſſe ihrer Familie & 5 ſich mehr und mehr geltend machten, ihre Stelle verkauften oder ſich auf Halbſold ſetzen ließen, um ſich in der Abſicht, für immer das Land zu bebauen, auf ihre„Patente“ zurückzuziehen, wie das Land ſowohl als das Dokument, welches daſſelbe verlieh, ein⸗ für allemal genannt wurde. Dieſe Bewilligungen der Krone beſtanden in dem Theile der New⸗Yorker Kolonie, welcher weſtlich von den Flußgrafſchaften liegt, in der Regel, wenn auch nicht immer in einfachen Allodial⸗ lehen, welche den betreffenden Eigenthümer zu einem Erbzinſe an den König verpflichteten, und wobei nicht nur die Benützung koſt⸗ barer Metallminen, ſondern auch alle jene Privilegien der Lehens⸗ herrſchaft, wie ſie bei den älteren Erbgütern am Hudſon, auf den Inſeln und am Sund vorkamen, ausgeſchloſſen blieben. Warum dieſe Unterſcheidung gemacht wurde, vermögen wir nicht anzuge⸗ ben; daß ſie aber in den meiſten Fällen zur Regel diente, können wir durch eine große Zahl von Originalpatenten nachweiſen, welche uns nach und nach aus verſchiedenen Quellen zugekommen ſind. Gleichwohl führten die Gewohnheiten der„Heimath“ wenigſtens den Namen einer Sache ein, auch wenn die ſe ſelbſt nirgends zu finden war. Sogar wo niemals Herrenrechte bewilligt worden waren, beſtehen ſolche Titular⸗Herrengüter in manchen Fällen noch bis auf den heutigen Tag, und„Herrenhaus“ war die gewöhnliche Bezeichnung für die Wohnſitze der großen Landeigenthümer, wenn ſie auch ohne ausſchließliche Vorrechte und nur unter den ange⸗ führten Beſchränkungen ihre Güter zu Lehen erhalten hatten. Manche dieſer Herrenſitze hatten ein ſo kunſtloſes Ausſehen, daß man leicht hätte glauben können, ſie trügen ihren Namen blos zum Scherz— denn öfter ſah man bloße Blockhäuſer noch mit der Baumrinde an der Außenſeite vor ſich, und die übrige Aus⸗ ſtattung ſtimmte damit überein. Deſſenungeachtet vermochte die Macht der Gewohnheit und früherer Eindrücke dieſen Wohnungen ſolche Namen zu verleihen, und jene Exilirten fanden immer eine, ——— 6 freilich etwas getrübte, Freude darin, die Namen und Gebräuche ihrer Wälder mit denen in Uebereinſtimmung zu bringen, welche ſie auf den fernen Schauplätzen ihrer Kindheit verlaſſen hatten. So kam es, daß in dem oben beſchriebenen Diſtrikte, mitten aus den ungeheuren, ja faſt gränzenloſen Forſten, ſolche Wohnun⸗ gen von halbciviliſirtem Ausſehen— wenn auch in langen Zwi⸗ ſchenräumen— auftauchten. Manche dieſer früheren Niederlaſſun⸗ gen hatten ſchon vor dem Kriege von ſechsundſtebzig, der ihre Bewohner gegen die Anfälle der Wilden Schutz im Oſten zu ſuchen anwies— beträchtliche Fortſchritte in der Verfeinerung gemacht, und noch lange nachdem der Strom der Einwanderung ſich in dieſer Richtung ergoſſen, blieben dieſe Oaſen in der Wüſte durch ihre Früchte, ihre Wieſen und Felder mitten unter den geſchwärz⸗ ten Baumſtumpen, den Holzſtößen und ſchmutzigen Brachfeldern der lärmenden Anſiedler beſonders bemerkbar. Sogar noch in weit ſpäteren Zeiten zeichneten ſie ſich durch die glattere Ober⸗ fläche ihrer Gebäude, durch das beſſere Wachsthum und die größere Ergiebigkeit ihrer Obſtgärten aus, wie denn ſchon in ihrem Aeuße⸗ ren ein feinerer Anſtrich und das höhere Alter unverkennbar blieb. Hier und dort war auch ein kleiner Weiler entſtanden, und es fanden ſich vereinzelte Ortſchaften— wie Cherry⸗Valley*) und Wyoming, welche ſeitdem in der allgemeinen Landesgeſchichte be⸗ kannt geworden ſind. Der Gang unſerer Erzählung führt uns nunmehr zu der Be⸗ ſchreibung einer jener frühzeitigen Familienniederlaſſungen, welche in einem für damals ſehr entlegenen Winkel des fraglichen Ge⸗ biets unter der Aufſicht eines alten Offiziers, Namens Willoughby, herangediehen war. Kapitän Willoughby hatte nach langjährigen Kriegsdienſten eine Amerikanerin zur Frau genommen; nachdem dieſe ihm einen Sohn und eine Tochter geſchenkt, verkaufte er ſeine Stelle, verſchaffte ſich ein Landpatent und beſchloß, ſich auf „Kirſchenthal“ auf deutſch. D. U. 7 ſeine neuen Beſitzungen zurückzuziehen und allda ſein Leben mit dem ruhigen Betriebe des Ackerbaus im Schooße ſeiner Familie zu be⸗ ſchließen, zu welcher auch noch ein angenommenes Kind gerechnet wurde. Als ein Mann von Vorſicht und guter Erziehung hatte ſich Kapitän Willoughby mit Verſtand und Ueberlegung an die Aus⸗ führung ſeines Planes gemacht. Auf der Gränze oder„Linie“— wie man die amerikaniſche Landmarke gewöhnlich nennt— war er mit einem Tuscarora bekannt geworden, welchen die Engländer mit dem Spitznamen des„trotzigen Nick“*) belegt hatten. Dieſer Burſche, eine Art Auswürfling ſeines eigenen Stammes, hatte ſich frühzeitig an die Weißen angeſchloſſen, hatte ihre Sprache erlernt, und war wegen ſeiner ausnehmenden natürlichen Schlau⸗ heit und einer eigenthümlichen Miſchung guter und ſchlimmer Ei⸗ genſchaften bei mehreren Platzkommandanten, unter anderen auch bei unſerem Kapitän, beſonders gut angeſchrieben. Sobald daher Letzterer zu ſeinem neuen Plane entſchloſſen war, ſchickte er nach Nick, der eben damals in dem Fort verweilte, worauf ſich folgen⸗ des Zwiegeſpräch entſpann: „Nick,“ begann der Kapitän, mit der Hand über die Stirne fahrend, was er jedesmal that, ſo oft er in nachdenklicher Stim⸗ mung war—„Nick, ich habe eine wichtige Veränderung vor, bei welcher du mir einigermaßen von Nutzen ſein kannſt.“ Der Tuscarora heftete ſeine ſchwarzen, baſiliskenähnlichen Au⸗ gen auf den Krieger und ſtarrte ihn eine Weile an, wie wenn er in ſeiner Seele leſen wollte. „Nick verſtehen,“ erwiederte er endlich, mit dem Daumen ſchnal⸗ zend, unter ernſtem Lächeln.„Brauchen ſechs, zwei Skalpe von Franzoſenköpfen; Weib und Kind; von dort drüben oder droben aus Canada. Nick will's thun— was Ihr geben?“ „Nichts da, rother Spitzbube, ich brauche nichts dergleichen— *) Abkürzung für„Nikolaus“. D. U. — 1 ” f es iſt ja Friede“— die Unterredung fand nämlich im Jahre 1764 ſtatt—„und du weißt, auch in Kriegszeiten habe ich niemals einen Skalp gekauft. Laß mich nichts mehr davon hören!“ „Was Ihr brauchen dann?“ fragte Nick ziemlich verlegen. „Land brauche ich— gutes Land— wenig aber gut. Ich habe im Sinn, mir ein Patent geben zu laſſen—“ „Aha,“ fiel der Wilde kopfnickend ein;„ich kenne ihn— ein Papier, um dem Indianer ſeinen Jagdgrund abzunehmen.“ „Ei bewahre, das iſt keineswegs meine Abſicht: ich will den rothen Leuten ihr Recht geſetzlich abkaufen.“ „Dann Nick's Land kaufen— beſſer als jedes andere.“ „Dein Land, du Burſche! Du haſt ja kein Land— gehörſt zu keinem Stamm— haſt gar kein Recht, welches zu verkaufen!« „Wozu dann verlangen Nick's Hülfe?“ „Wozu?— Nun, weil du ein gut Stück Landes kennſt, wenn du auch in der That Nichts dein eigen nennen kannſt. Soviel auf dein Warum. „Ei, dann kaufen, was Nick kennt. Er beſſer kennen, als 8 der große Vater in York unten.“ „Nun ja, das iſt es auch, was ich von dir zu kaufen wünſche. Ich will dich gut bezahlen, Nick, wenn du morgen mit Büchſe und Taſchenkompaß verſehen nach dem Susquehannah und Dela⸗ ware aufbrechen willſt— du wendeſt dich dann nach der Gegend, wo die Ströme raſcher fließen und wo keine Fieber herrſchen, und ſuchſt mir ein Stück von drei⸗ bis viertauſend Morgen reichen Binnenlandes, ſo gelegen, daß ein Feldmeſſer es auffinden und ich das Patent davon löſen kann.— Nun, Nick, was ſagſt du dazu; willſt du gehen?“ „Iſt gar nit nöthig. Nick verkaufen dem Kapitän ſein eigen Land— gleich hier im Fort.“ „Burſche, kennſt du mich noch nicht ſo weit, um zu wiſſen, daß du nicht mit mir ſpaßen darfſt, wenn ich ernſthaft bin?“ — 9 „Nick ebenfalls ernſthaft— ein mähriſcher Prieſter nit ernſt⸗ hafter als Nick in dieſem Augenblick. Haben Land zu verkaufen.“ Kapitän Willoughby hatte ſchon früher Gelegenheit gefunden, den Tuscarora im Laufe ſeiner Dienſtzeit zur Strafe zu ziehen, und da die Beiden einander vollkommen kannten, ſo ſah der Erſtere, daß der Indianer unmöglich einen Scherz mit ihm vorhaben könne. „Wo liegt denn aber dein Land, Nick?“ fragte der Kapitän weiter, nachdem er den Andern eine Weile prüfend betrachtet hatte.„Wo liegt es? wie ſieht es aus? wie viel beträgt es? und wie kamſt du in deſſen Beſitz?“ „Fragen Ihr noch einmal ſo!“ erwiederte Nick, indem er vier Baum⸗ zweige abriß, um eine Frage nach der andern damit zu bezeichnen. Der Kapitän wiederholte ſeine Fragen, und der Tuscarora legte bei jeder einzelnen ein Zweigchen vor ſich nieder. „Wo es liegen?“ begann Nick, indem er einen der Zweige als Denkzeichen auflas.„Nun da draußen— gerade recht— wo er ſagt. Einen Tagmarſch von Susquehannah.“ „Gut— weiter.“ „Wie es ausſehen?— Nun wie Land, ich denken. Meint er, wie Waſſer! Finden etwas Waſſer— nicht zu viel— finden etwas Land— kein Baum— oder etwas Baum. Finden gutes Zuckerbuſch— und Platz für Waizen und Korn.“ „Fahre fort.“ „Wie viel?“ fuhr Nick fort, indem er den dritten Zweig auf⸗ nahm;„gerade ſo viel als er brauchen— brauchen wenig, es treffen— brauchen mehr, es wieder finden. Brauchen gar keins, treffen gar keins— finden ſo viel er braucht.“ „Weiter.“ „Nun wohl. Wie ich in deſſen Beſitz kommen?— Ei, wie ein Bleichgeſicht dazu kommen, Amerika zu beſitzen? Es entdeckt— ha! — Nun, gerade ſo Nick Land entdeckt da unten, hier herum.“ „Nick, was zum Teufel kannſt du mit all dem meinen?“ ——— 10 „»Meinen kein Teufel— nix da— meinen Land— gut Land. Haben entdeckt— wiſſen wo es iſt— Biber dort gefangen vor drei, zwei Jahren. Alles was Nick ſagen, ſo wahr wie ein Ehren⸗ wort— und noch viel mehr.« „Das ſoll wohl heißen, es iſt ein alter zerſtörter Biberteich?“ fragte der Kapitän, die Ohren ſpitzend, da er mit den Wäldern zu vertraut war, um nicht den ganzen Werth einer ſolchen Ent⸗ deckung zu kennen. „»Nicht zerſtört— der Damm noch ſtehen— ſo gut als je— Nick war dort im letzten Sommer.“ „Warum ſprichſt du dann aber davon? Sind die Biber für dich nicht koſtbarer, als jeder Kaufpreis, den du für das Land erhalten kannſt?« „Alle gefangen, vor vier, zwei Jahren— die übrigen davon⸗ gelaufen. Kein Biber lange bleiben, wenn ein Indianer einmal weiß, wo er ihn zum zweitenmal kriegen. Biber liſtiger als Bleich⸗ geſicht— liſtig wie der Bär.“. „Ich fange an, dich zu verſtehen, Nick. Wie groß ſchätzeſt du wohl den Teich?«, „Nicht ſo dick, wie der Ontario⸗See. Denke wohl etwas klei⸗ ner? was alſo weiter? dick genug zu einem Pachthof.“ „Bedeckt er wohl ein⸗ bis zweihundert Morgen? nun, was meinſt du?— Iſt er ſo breit, wie das Glacis unſeres Forts?“ „Zwei⸗, ſechs⸗, viermal ſo dick. In einem Sommer vierzig Biber gefangen. Kleiner See— alles Baum fort.“ „»Und das Land rings umher— iſt es gebirgig und rauh, oder eignet es ſich gut für den Kornbau?« „Lauter Zuckerbuſch— wozu brauchen beſſeres? Vermuthlich brauchen Korn— nur pflanzen. Brauchen vielleicht Zucker— machen ihn.“ Kapitän Wltloughby fand mehr und mehr Intereſſe an dieſer Schilderung und kam immer wieder auf den Gegenſtand zurück. b — 13 Die Abenteurer begannen ihre Arbeiten, wie gewöhnlich, im Frühjahr. Mrs. Willoughby blieb mit den Kindern bei ihren Freun⸗ den in Albany, während ſich der Kapitän mit ſeiner Truppe, ſo gut es ging, nach dem»Patente“ durchzuhelfen ſuchte. Dieſe Truppe beſtand erſtens aus Nick, der das Amt eines Spürhundes— bei einer Expedition dieſer Art ein äußerſt wichtiges und ſogar ehrenvolles Amt— verſah; dann kamen acht Axtträger, ein Zim⸗ mermann, ein Maurer und ein Mühlenbauer. Rechnen wir dazu noch Kapitän Willoughby nebſt einem invaliden Sergeanten, Na⸗ mens Joyce, ſo haben wir die ganze Geſellſchaft beiſammen. Unſere Wanderer machten ihre Reiſe größtentheils zu Waſſer. Nachdem ſie ſich bis zu dem Canaideraga, den ſie irriger Weiſe für den Otſego hielten, durchgewunden hatten, ſchifften ſie ſich auf ſelbſtfabrizirten Kanoe's ein, und ſetzten mit Hülfe von einem Paar Ochſen, welche längs des Ufers hingetrieben wurden, ihren Weg durch den Oaks bis in den Susquehannah fort; auf dieſem ging's hinab bis in den Unadilla, auf letzterem ſodann aufwärts nach einem Flüßchen, das in der Landesſprache den irrigen Namen einer Kreek*) führte und das neue Gebiet des Kapitäns durchſtrömte. Dieſe Flußreiſe war ausnehmend mühſam, doch brachte man ſie mit dem Schluſſe des Monats April, alſo ſo lange die Ströme noch hoch gingen, zu Ende. In den Wäldern war noch Schnee; aber der Saft trieb ſchon in den Bäumen, und der Frühling ver⸗ ſprach in ſeiner ganzen Pracht anzubrechen. Die Reiſenden machten ſich nun vor Allem an das„Hütten⸗ bauen«. Mitten im Teiche, der beiläufig vierhundert Morgen be⸗ trug, lag eine Inſel von etwa fünf bis ſechs Morgen Umfang. Sie war gebildet von einer felſigen Anhöhe, welche ſich vierzig Fuß über die Waſſerfläche erhob und mit ſtattlichen Fichten— einer Baumart, welche den Verheerungen der Biber⸗ entgangen zu ſein ſchien— gekrönt war. In dem Teiche ſelhbſt waren nur wenige *) Kleine Bucht. 8. u. 3 1 ————————— 14 Baumſtümpfe zurückgeblieben; die übrigen Bäume, vom Waſſer untergraben, waren in die Tiefe geſtürzt und verfault. Daraus ging hervor, daß der Strom ſchon lange eingedämmt geweſen ſein mußte; wahrſcheinlich hatten zahlreiche Biberfamilien den Ort fortwährend bewohnt und, von Generation zu Generation, die Werke ſeit Jahrhunderten im Stand erhalten. Der jetzige Damm ſchien jedoch noch nicht ſehr alt zu ſein; die Thiere hat⸗ ten vor ihrem Todfeinde, dem Menſchen, williger als vor jedem anderen Geſchöpfe die Flucht ergriffen. Kapitän Willoughby ließ alle ſeine Vorräthe auf die Inſel ſchaffen, und hier wurde auch die Hütte aufgeſchlagen— ganz gegen die Anſicht ſeiner Leute, welche nicht mit Unrecht das feſte Land für paſſender hielten; doch der Kapitän und der Sergeant entſchieden ſich nach abgehaltenem Kriegsrathe dahin, die Poſition auf dem Felshügel ſei für militäriſche Zwecke am paſſendſten und gegen Menſch und Thier am längſten zu vertheidigen. Doch wurde für die⸗ jenigen, welche einen andern Ort zur Niederlaſſung vorzogen, auch noch ein zweiter Poſten an dem zunächſt gelegenen Ufer ausgewählt. Nach dieſen Präliminarien ſann der Kapitän auf einen kühnen Streich, den er gegen die Wildniß zu führen beabſichtigte. Der Teich ſollte nämlich abgelaſſen werden, denn ſo dachte er ein präch⸗ tiges urbares Feld ohne Bäume und Wurzeln gleichſam mit einem coup de main zu gewinnen. Dadurch ließen ſich die Früchte mehrerer Arbeitsjahre nach gewöhnlicher Rechnung in einem einzigen Som⸗ mer einerndten, und über die Zweckmäßigkeit des Mittels— wenn es anders nur ausführbar war— herrſchte nur eine Stimme. Letzteres— die Ausführbarkeit nämlich— war bald erprobt. Der Fluß, der das Thal durchſtrömte, war nichts weniger als reißend; erſt an einer Stelle, wo die Hügel einander ganz nahe kamen und das Land, in niedere Vorgebirge auslaufend, terraſſen⸗ artig abfiel, begann er raſcher dahin zu eilen. Die eben erwähnte Schlucht hatte etwa fünfhundert Fuß Breite, und hier war auch der 15 Damm herübergezogen, der durch einige Felſen, die bis zu der Waſſerfläche emporragten und zwiſchen denen das Flüßchen hin⸗ durchſchoß, ſehr geſchickt geſtützt wurde. Der eigentliche Schluß⸗ ſtein des Dammes war blos zwanzig Schritte breit, unmittelbar darunter ſenkten ſich die Felſen volle zwanzig Fuß und bildeten eine Art Waſſerfall. Der Mühlenbauer kündigte alsbald ſeinen Ent⸗ ſchluß an, das Werk hier zu beginnen, und proteſtirte feierlich gegen die Zerſtörung des Biberdammes; allein ein See von vierhundert Morgen erſchien für dieſe Gegend als allzu großer Luxus, und ſo wurde der Mann überſtimmt und die Arbeit nahm ihren Anfang. Der erſte Schlag gegen den Damm geſchah am 2. Mai 1765, Morgens neun Uhr— und am Abend war der kleine Waldſee, der, ſpiegelglatt, in der Frühſonne geglitzert hatte, gänzlich verſchwun⸗ den! Statt ſeiner war eine weite, ſchlammige Fläche, überſäet mit Lachen und zerſtörten Biberhütten, zurückgeblieben, zwiſchen der ſich ein kleines Flüßchen langſam hindurchwand. Mochte der Ackerbauer ſich dieſes Anblicks auch noch ſo ſehr freuen— für das Auge war die Veränderung in der That höchſt trübſelig. Kaum hatte das Waſſer einen freien Abfluß gefunden, als es ſich auch alsbald Bahn brach und in einem Strome durch den oben⸗ erwähnten Engpaß hinſchoß. Am nächſten Morgen hätte Kapitän Willoughby ſeiner Hände Werk beinahe bereut. Wie ſo ganz anders zeigte ſich die Niede⸗ rung gegen damals, als der liebliche See die Sümpfe bedeckt hatte! Und in der That, die Aenderung ging einen vollen Monat lang der ganzen Geſellſchaft ſehr nahe. Nick beſonders erklärte den gethanen Schritt für unnöthig und unweiſe, obgleich er die Sache vorhergeſehen und bereits ſeinen Gewinn daraus gezogen hatte, ja ſogar Sergeant Joyce konnte nicht umhin, zuzugeben, daß der Hügel und die frühere Inſel als militäriſche Poſition die volle Hälfte ihrer Sicherheit eingebüßt hätten. Mit dem folgenden Monat aber gewannen die Dinge bereits ein ————QCOCOQ⸗—QO—OQ—COCO.O,—Z&ä4yä 16 anderes Anſehen. Die Hälfte der Pfützen verſchwand in Folge der Verdunſtung und der angewendeten Abzugsgräben; der Schlamm bekam hie und da Riſſe, begann zu verpulvern, und der äußere Rand des ehmaligen Teiches war ſchon ſo feſt geworden, daß die Ochſen, ohne einzuſinken, darauf arbeiten konnten. Zäune, aus Bäumen, Gebüſchen und ſogar Pfählen gebildet, umſchloſſen auf dieſer Seite bereits ein Stück Land von fünfzig Morgen Länge, und Welſchkorn, Hafer, Kürbiſſe, Erbſen, Kartoffeln, Flachs und verſchiedene andere Sämereien waren bereits in den Boden ge⸗ bracht. Das Frühjahr war trocken und die Sonne entwickelte ihre volle wohlthätige Kraft, wie ſie dem dreiundvierzigſten Breite⸗ grad zukommt. Da der See ſchon ſo alt war, ſo hatte in neuerer Zeit keinerlei Anhäufung vegetabiliſcher Stoffe ſtattgefunden, ſo daß die Arbeiter— und für ſie war dieß von eben ſo großer Be⸗ deutung— auch nichts von unreiner Luft, wie ſie ſich beim Ver⸗ faulen ſolcher Stoffe entwickelt, zu leiden hatten. Gras war an geeigneten Stellen in reichlichem Maaße geſäet worden, und die ganze Umgegend bekam, was man ſagt,„ein lebendiges Anſehen“. Mit Anfang Auguſts zeigte die Landſchaft wieder ein ganz anderes Bild. Eine Sägmühle war errichtet worden, und hatte ſchon ſeit einiger Zeit ihre Arbeit begonnen. Dadurch kamen ganze Haufen friſcher Bretter zum Vorſchein, und der Zimmermann fing bereits an, ſeinen Plan in Ausführung zu bringen. Kapitän Wil⸗ loughby war für ſeine beſchränkten Verhältniſſe reich zu nennen, d. h. mit andern Worten, er beſaß außer dieſem Landgute noch einige tauſend Pfund Kapitalien, und hatte dazu den Preis für ſeine verkaufte Stelle zu erwarten. Einen Theil dieſer Mittel verwendete er klugerweiſe zum Emporbringen ſeiner Pflanzung, und da es für den kommenden Winter nicht an Futter fehlte, ſo wurde ein Mann in die Niederlaſſungen geſchickt, um ein zweites Joch Ochſen und ein paar Kühe zu holen. Ackergeräthſchaften wurden an Ort und Stelle verfertigt, und Schleifen vertraten bald die Stelle der 17 Karren, da keiner von den Handwerksleuten einen ſolchen zu Stande brachte. Zum Lohn für ihre Mühe bot ihnen der Oktober die Früchte ihrer Arbeit. Die Erndte war außerordentlich reichlich und von ausnehmender Güte. Neben ganzen Haufen von Stängeln und Abfall ſammelte der Kapitän einige hundert Büſchel Welſchkorn; Rüben, gab es im Ueberfluß und zwar von einer Zartheit, einem Wohlgeſchmack, wie man ſie in älteren Diſtrikten gar nicht kannte. Die Kartoffeln waren nicht ſo gut gerathen, ſondern ſchmeckten etwas wäſſerig; doch hatte man deren ſo viele, daß ſämmtliches Vieh damit gefüttert werden konnte. Erbſen und Gartenfrüchte gab es vollauf, und da man auch einige Schweine eingethan hatte, ſo konnte man mit Gewißheit vorausſehen, daß den kommenden Winter auch an geſalzenem Fleiſch— dieſem wichtigen Artikel— kein Mangel ſein würde. Gegen Ende Auguſts ſuchte Kapitän Willoughby wieder die Winterquartiere, und begab ſich zu ſeiner Familie nach Albany. Er ließ Sergeant Joyce mit Nick, dem Müller, Maurer, Zimmer⸗ mann und Dreien von den Arxtträgern in der Garniſon am Teich⸗ zurück. Sie ſollten für das nächſte Frühjahr alles Nöthige vor⸗ bereiten, den Viehſtand pflegen, die Winterernte einſammeln, einige Brücken errichten, ein paar Straßen durch's Gehölz an⸗ legen; auch hatten ſie Holz zur Feuerung zu fällen, eine Holz⸗ ſcheune und einige Schuppen aufzuſchlagen, und überhaupt nach Kräften für das Beſte der neuen Kolonie zu ſorgen. Ebenſo ſollte unterdeſſen der Grund zu dem Herrenhauſe gelegt werden. Da ſeine Kinder noch in der Penſion waren, ſo beſchloß Ka⸗ pitän Willboughby, ſeine Familie nicht unmittelbar nach dem Blockhauſe mitzunehmen, wie der Ort von dem urſprünglichen Bivouac her genannt wurde. Der Name kam von Sergeant Joyce, der ſich überhaupt auf ſolche Dinge verſtand, und da er Wyandotts. 2 18 von dem Kapitän ſelbſt und ſeiner Familie gutgeheißen wurde, ſo fanden auch wir für paſſend, ihn für den Titel unſeres neuen Werkes zu wählen. Von Zeit zu Zeit langte ein Bote mit Nachrichten von dem Platze an, und zweimal im Laufe des Winters kehrte dieſelbe Perſon mit Vorräthen wie mit ermunternden Worten für die ver⸗ ſchiedenen Individuen der Kolonie zurück. Mit der Annäherung. des Frühlings traf der Kapitän ſeine Anſtalten für den bevor⸗ ſtehenden Feldzug, auf welchem ſeine Frau ihn begleiten wollte, denn Mrs. Willonghby, eine milde, zärtliche, treuherzige New⸗ Yorkerin, hatte beſchloſſen, ihren Gatten nicht abermals einen Sommer ohne ihre eigene ſegensreiche Gegenwart in der Wildniß verleben zu laſſen. Im März, noch ehe der Schnee zu ſchmelzen anfing, wurden mehrere Schlittenladungen mit verſchiedenen Bedürfniſſen durch das Thal des Mohawk geſchickt, welche bis zu einem Punkte gegenüber der Nordſpitze des Otſego, da wo jetzt ein friſch ge⸗ deihendes Dorf mit Namen Fortplain ſteht, hinaufzogen. Dort waren Leute aufgeſtellt, welche die Güter theils mittelſt improvi⸗ ſirter„Springer“, theils auf Laſtpferden bis an den See ſchafften, welcher dießmal nicht wieder mit dem Canaideraga verwechſelt wurde. Dieſes nothwendige aber höchſt mühſame Geſchäft nahm ſechs Wochen weg; der Kapitän war einmal in eigener Perſon bis an den See hinaufgegangen, kehrte aber jetzt, noch ehe der Schnee geſchmolzen, nach Albany zurück. 49 Zweites Kapitel. Und neu iſt Alles; friſche Blüthen chon auf der Ulme Wipfel prangen, Es hängt am Dach das Neſt in Frieden, Da alle Jungen ausgegangen. Longfellow. „Ich bringe gute Nachrichten für dich, Wilhelmina,“ rief der Kapitän munter und mit ſtrahlendem Geſicht, als er zu ſeiner Frau in's Zimmer trat, welche hier den halben Tag über mit Nähen und Stricken beſchäftigt war.„Da iſt ein Brief von meinem trefflichen alten Obriſten— mit Bob*) iſt Alles in Richtigkeit. Nächſte Woche verläßt er die Schule, um acht Tage darauf Seiner Majeſtät Uniform anzulegen.“ Mrs. Willoughby lächelte, doch ſtahlen ſich während des Lä⸗ chelns einige Thränen über ihre Wangen. Ihre erſte Regung war die der Freude, als ſie vernahm, daß ihr Sohn eine Fähnrichs⸗ ſtelle im ſechzigſten Regiment der„königlichen Amerikaner“ er⸗ halten hatte, mit der zweiten zollte die Mutter der Natur ihren Tribut, denn der Gedanke ängſtigte ſie, daß ihr einziges Söhnchen ſich dem Berufe der Waffen widmen ſollte. „Es freut mich, Willoughby«, erwiederte ſie,„weil ich dich fröhlich ſehe und weiß, daß Robert über das königliche Patent entzückt ſein wird; aber er iſt doch noch ſehr jung, um ſich ſchon jetzt der Gefahr der Schlachten und des Lagers bloßzuſtellen!“. „Ich war noch jünger, als ich in die Schlacht zog, denn damals gab's auch noch Krieg; jetzt haben wir einen Frieden, der endlos zu werden verſpricht, und Bob wird Zeit genug haben, um einen Bart bei ſich keimen zu laſſen, ehe er Schießpulver zu riechen bekommt. Was mich ſelbſt betrifft,“ fuhr er etwas trüb⸗ ſelig fort, denn ſeine alten Gewohnheiten und Abſichten hatten *) Abkürzung für„Robert“. D. U. 20 ihn noch keineswegs verlaſſen— ich werde in Zukunft blos Rüben und dergleichen keimen ſehen. In Gottesnamen— das Stück Pergament iſt bezahlt, dafür hat Bob das ſeinige erhal⸗ ten und der Ueberſchuß bleibt in meiner Taſche— was ſoll ich alſo noch mehr darüber klagen? Da kommen ja unſere lieben Töchter, Wilhelmina, um mir vollends allen Verdruß zu benehmen. Der Vater zweier ſolcher Mädchen ſollte wenigſtens glücklich ſein.“ In dieſem Augenblick traten Beulah und Maud Willoughby— das angenommene Kind führte nämlich ſo gut wie das wirkliche den Familiennamen— in das Zimmer. Sie kamen Beide von ihrem Morgenſpaziergang, den ihre Lehrerin ihnen anbefohlen hatte — die Vorſteherin eines Dameninſtituts, wo ſie die feinſte Erziehung, was nämlich damals in Amerika als ſolche galt, erhalten ſollten. Und wahrlich, ihre Eltern hatten alle Urſache, auf Beide ſtolz zu ſein! Beulah, die ältere, zählte eben eilf Jahre; ihre Schweſter war um achtzehn Monate jünger. Die Erſtere hatte etwas Ge⸗ ſetztes, obwohl auch viele Heiterkeit in ihrem Weſen; blühende Wangen, klare Augen und ein ſüßes Lächeln waren ihr eigen⸗ thümlich. Maud— dieß war das Adoptivkind— entwickelte ſchon jetzt die ſtrahlende Miene eines Engels, ſah aber dabei eben ſo geſund aus wie ihre Schweſter; ihr Geſicht zeigte mehr Fein⸗ heit, ihre Blicke mehr Geiſt, ihr Muthwille mehr Gefühl; ihr Lächeln war heute zärtlicher und morgen ausdrucksvoller, als das ihrer Schweſter. Wir brauchen kaum beizufügen, daß Beide jene Zartheit in den Umriſſen beſaßen, welche allen Frauengeſtalten in dieſem Lande unzertrennlich eigen zu ſein ſcheint. Was damals unter Perſonen ihres Standes vielleicht gewöhnlicher als heut zu Tage war:— Beide ſprachen das Engliſche mit Feinheit und tadelfreiem Accent, der eben ſo wenig Provinzialismen, als Ge⸗ zwungenheit hören ließ. Das Holländiſche war dazumal in Albany noch ſehr verbreitet, und die meiſten Frauen holländiſchen Urſprungs ließen im Ausſprechen des Engliſchen einen leiſen Anſtrich ihrer 21 Mutterſprache hören; bei den beiden Mädchen war die Reinheit ihres Dialekts einzig nur dem Umſtande zuzuſchreiben, daß ihr Vater ein geborener Engländer und ihre Mutter eine Amerikanerin von rein engliſcher Abkunft war, wenn ſie gleich den Namen ihrer holländiſchen Pathin führte; ebenſo war die Vorſteherin des Inſtituts, in welchem ſie ſich ſeit drei Jahren befanden, aus London gebür⸗ tig, und nach Erziehung und Sitten eine vollendete Weltdame. „»Nun, Maud,“ rief der Kapitän, nachdem er ſeinen kleinen, lächelnden Liebling auf Stirne, Augen und Wangen geküßt hatte— —»nun, Maud, rathe einmal, was für gute Nachrichten ich für dich und Beulah in der Taſche habe.“ »Du gehſt dieſen Sommer mit der Mutter nicht nach jener häßlichen Biberinſel, wie Manche den abſcheulichen Teich nennen — nicht wahr?“ begann die Kleine mit Blitzesſchnelligkeit. »Das iſt recht freundlich von dir gedacht, mein Engel— mehr freundlich als klug— du haſt es aber nicht errathen.“ „Nun, Beulah, verſuch' du's,« fiel die Mutter ein, welche zwar auch mehr zu der jüngeren Tochter hinneigte, aber, vor dem größeren Ernſte und reiferen Verſtande ihrer Schweſter täglich mehr Achtung bekam:„hören wir einmal, was Beulah vermuthet.“ „Es betrifft gewiß meinen Bruder, ich ſehe es der Mutter an den Augen an,“ antwortete die ältere, indem ſie Mrs. Willoughby forſchend in's Geſicht ſah. »Aha, richtig,“ rief Maud und begann im Zimmer herum zu hüpfen, bis ſie endlich dem Vater wieder in die Arme flog— „Bob hat ſeine Anſtellung erhalten!— O jetzt weiß ich Alles ganz genau— ich würde Euch nicht einmal danken, wenn Ihr mir's ſagtet— ich weiß jetzt Alles.— Der liebe Bob! wie wird er lachen!— und wie freue ich mich darüber!« »Iſt es ſo, Mutter?« fragte Beulah ängſtlich und ohne zu lächeln. „»Maud hat's errathen; Bob iſt Fähnrich— oder wird es 22 wenigſtens in ein paar Tagen werden.— Du ſcheinſt dich nicht darüber zu freuen, mein Kind?“ „Ich wollte, Robert wäre kein Soldat, Mutter. Jetzt wird er beſtändig fort ſein und wir werden ihn niemals ſehen; dann kann er ja auch gezwungen werden zu fechten, und wer weiß, wie unglücklich ihn das machen kann?“ Beulah dachte mehr an ihren Bruder als an ſich ſelbſt, und auch die Mutter theilte ſo ziemlich die Beſorgniſſe ihrer Tochter. Maund dagegen ſah nur die lachende Seite des Gemäldes— Bob in Glanz und Schimmer, mit freudeſtrahlendem Antlitz, von allen Kindern bewundert, er ſelbſt überglücklich und mit ihm natürlich auch ſeine Schweſtern. Kapitän Willoughby ſympathiſirte hierin mit ſeinem Herzblättchen. In den Waffen ergraut, mußte er ſich freuen, daß eine Laufbahn, welche ihm theilweiſe mißglückt war— er ſuchte dieß weder vor ſich ſelbſt noch vor ſeiner Frau zu verbergen— ſich nunmehr ſeinem einzigen Sohne, wie er hoffte, unter beſſeren Ausſichten geöffnet hatte. Er bedeckte Maud mit ſeinen Küſſen und eilte dann aus dem Hauſe, denn das Herz war ihm ſo voll, daß er Gefahr lief, in Gegenwart der Frauen von ſeinen Gefühlen übermannt zu werden. Eine Woche ſpäter, da eben noch einmal Schnee gefallen war, dachte Kapitän Willoughby dieſen Umſtand benützen zu müſſen, und verließ Albany mit ſeiner Frau, um nach dem Blockhauſe überzuſiedeln. Der Abſchied war zärtlich und nicht ohne Schmerz für die Eltern; aber im Ganzen wußten ſie ja, daß ſie nicht viel über hundert Meilen von ihren geliebten Töchtern getrennt waren. Die Hälfte davon beſtand freilich aus lauter Wildniß, und bis man das Ziel erreichte, hatte man wohl hunderte mitten durch finſtere Wälder und gefährliche Ströme zurückzulegen. Eine Verbindung war ſchwer und nur mit bedeutenden Unterbrechungen zu bewerkſtelligen; doch war ſie nicht unmöglich, und die Mutter hinterließ Mrs. Waring, der Vorſteherin des Inſtituts, noch vielerlei Aufträge in Betreff 23 der Geſundheit ihrer Töchter, ſowie über die Art und Weiſe, wie man ſie im Falle einer ernſtlichen Krankheit herbeiholen ſollte. Mrs. Willoughby hatte, wie ſie glaubte, in Geſellſchaft ihres Gemahls die Gefahren der Wildniß ſchon öfter überwunden.— Es gehört nun einmal zur Mode, Napoleons Zug über die Alpen bis in die Wolken zu erheben— einzig und allein wegen ſeiner phyſiſchen Hinderniſſe: und doch konnte keine Brigade auch nur vier⸗ undzwanzig Stunden in den amerikaniſchen Wildniſſen marſchiren: ohne auf noch größere Verlegenheiten dieſer Art zu ſtoßen, wenn nicht etwa die Flußſchifffahrt die Sache erleichterte. Zeit und Noth hatten übrigens zu allen wichtigeren Gränzpunkten, die von brittiſchen Gar⸗ niſonen beſetzt waren, eine Art von Militärſtraße angebahnt, und Mrs. Willoughby war durch ihre Erfahrung noch nie mit einer ſo ſchwierigen Reiſe bekannt geworden, wie ſie jetzt eine zu beſtehen hatte. Die erſten fünfzig Meilen wurden binnen wenigen Stunden und mit ziemlicher Leichtigkeit im Schlitten zurückgelegt. Die Reiſenden ſtiegen am Mohawk in einer holländiſchen Schenke ab, wo der Kapi⸗ tän ſchon oft Halt gemacht und von Zeit zu Zeit ſeine vorgeſchobe⸗ nen Poſten während des Winters und Frühjahrs aufgeſtellt hatte. Ein„Springer“ ſtand hier für Mrs. Willoughby in Bereitſchaft; der Kapitän führte das Pferd ſelbſt am Zügel und ſo kam man durch den Wald bis zu der Spitze des Otſego. Die Entfernung betrug nur zwölf Meilen und dennoch brauchte man zwei volle Tage, um ſie zurückzulegen. Die Niederlaſſungen erſtreckten ſich damals noch einige Meilen ſüdwärts vom Mohapk, und ſo brachte man die erſte Nacht in einer Hütte zu, welche den äußerſten Gränzpunkt der Civiliſation bildete, wenn hier überhaupt noch von Civiliſation die Rede ſein konnte. Die letzten acht Meilen wurden im Laufe des folgenden Tages zurückgelegt. Dies war eigentlich weit mehr, als ſich unter anderen Umſtänden in dem Urwalde hätte bewerkſtelligen laſſen, und wurde nur dadurch möglich, daß mehrere von des Kapi⸗ täns Leuten, die den Weg ſchon hin und zurück gemacht, die größten ———————— —— — ———— 24 Schwierigkeiten zu vermeiden gelernt und hin und wieder rohe Brücken gelegt hatten; auch war die Richtung des kürzeſten Weges an den Bäumen bezeichnet, wodurch viele Zeit gewonnen wurde. Erſt an der Otſegoſpitze befanden ſich unſere Wanderer ſo recht in der Wildniß. Sie fanden einige Hütten zu ihrer Aufnahme her⸗ gerichtet und die ganze Reiſegeſellſchaft hatte ſich hier verſammelt, um den Reſt des Weges in Gemeinſchaft zurückzulegen. Es waren im Ganzen über ein Dutend Perſonen; der Kapitän hatte neben ſei⸗ nen ſchwarzen Hausbedienten auch mehrereHandwerksleute mitgenom⸗ men, die ihm bei ſeinen künftigen Einrichtungen behüflich ſein ſollten. Die Leute, welche man vorausgeſchickt hatte, waren ebenſo wenig wie die in dem Blockhauſe ſelbſt, müſſig geweſen: ſie hatten drei bis vier Nachen, ein kleines Flußſchiffchen und ein paar Kanve's gebaut. Die kleine Flottille lag bereits im Waſſer und wartete nur noch auf das Verſchwinden des Eiſes, das ſich in eine ſtalaktitenförmige Maſſe von ſchmutziggrüner Farbe zuſammen⸗ gedrängt hatte, die nur dann hell und glänzend erſchien, wenn die Stücke einzeln im Sonnenlichte ſchimmerten. Die Südwinde hatten nach und nach die Oberhand gewonnen, und das Ufer glitzerte bei dem Andrang der ſchnell dahin ſchmelzenden Eis⸗ ſchollen; ein Uebergang war übrigens immer noch nicht zu wagen. Der Otſego iſt eine Waſſerfläche, die wir ſchon öfter zu ſchil⸗ dern Gelegenheit fanden, und die Mehrzahl unſerer Leſer wird ſich das Bild, welches er inmitten der ihn begränzenden Bergreihen dem Auge darbot, leicht vorſtellen können. Anno 1765 war noch keine Spur von einer Niederlaſſung an ſeinen Ufern ſichtbar, denn auch von den benachbarten Pflanzungen erſtreckten ſich wenige ſo weit rückwärts. Gleichwohl fing dieſer Boden an, allmälig be⸗ kannter zu werden, denn die Jäger hatten ſchon ſeit den letzten zwanzig Jahren oder drüber, ſeine Ufer fleißig beſucht. Von des Kapitäns Hütten aus war übrigens kein Zeichen von ihrer Anweſenheit zu bemerken; dennoch verſicherte Mrs. Willoughby 25 ihren Gatten, während ſie auf ſeinen Arm geſtützt, am Morgen nach ihrer Ankunft die Gegend betrachtete, noch nie zuvor ein ſo ſprechendes und doch ſo liebliches Bild von Waldeinſamkeit vor Augen gehabt zu haben, als ſich gerade jetzt ihren Blicken darbot. „Auch in dieſem ſchmeichelnden Südwinde,“ fuhr ſie fort,„liegt etwas Beruhigendes, ja Ermuthigendes, was uns zu verſprechen ſcheint, daß wir an dem Orte, den wir ſuchen, eine freundliche Natur antreffen werden. Für mich führen dieſe ſüdlichen Lüfte im Frühling immer gewiſſe Verheißungen mit ſich.“ „Und mit Recht, meine Liebe; ſind ſie ja doch die Vorboten der erneuerten Vegetation. Der Wind wird doch wohl, denk' ich, noch ſtärker werden, und dann werden wir ſtatt dieſer ſtarrenden Eisdecke bald klare Waſſerfluthen vor uns ſehen. Dieſe Seen werden erſt im April ganz vom Eis befreit.“ Kapitän Willoughby konnte freilich nicht wiſſen, daß die Süd⸗ ſpitze des See's eben in jenem Augenblicke zwei volle Meilen weit völlig offen war, wo denn der Wind, der hier den freieſten Zu⸗ tritt hatte, die Eisſchichten bereits mit einer Meile Geſchwindig⸗ keit auf die Stunde gegen Norden trieb. „Geht die Reiſe ſüdwärts, Euer Gnaden, oder ziehen wir nach der entgegengeſetzten Seite dieſes Waſſer⸗ oder vielmehr Eisbeckens?“ ſchrie jetzt des Kapitäns Faktotum, Michael O'Hearn, ein Irländer, der erſt neulich nach Amerika gekommen war; der Eifer, mit dem er ſeine Gedanken an den Mann zu bringen ſuchte, veranlaßte ein Kauderwelſch in ſeiner Sprache, das ebenſo ſehr ihn ſelbſt, wie einen Theil ſeines Volkes charakteriſirte.„Nun, Raum gibt's jedenfalls übrig genug für uns Alle, denn bis heute Nacht oder ſo gegen Zwölf, wenn man nach der Uhr rechnen will — wer nämlich ſolch' ein Ding hat, wie man ſagen könnte— wird wahrhaftig nicht eine einzige Feder mehr dort ſein.“ Mrs. Willoughby hatte von der ganzen Rede auch keine Sylbe begriffen, denn der Mann ſprach mit einer Heftigkeit und einem 26 Accent, der ſich auf dem Papier unmöglich wieder geben läßt; der Kapitän dagegen, der beſſer mit Leuten von Mike's*) Klaſſe umzuge⸗ hen wußte, verſtand glücklicherweiſe, was Jener eigentlich ſagen wollte. „Du meinſt vermuthlich die Tauben, Mike,“ erwiederte der Kapitän ſcherzend.„Nun, ſie ſind allerdings in großer Menge vor⸗ handen und unſere Jäger werden uns gewiß einige zum Mittags⸗ mahle mitbringen. Es iſt immer ein ſicheres Zeichen, daß der Winter vorüber iſt, wenn Thiere und Vögel ihrem Inſtinkte auf dieſe Art folgen. Woher kommſt du denn, Mike?“ „Aus der Grafſchaft Leitrim, Euer Gnaden,“ antwortete der Burſche die Mütze berührend. „Nun, das kann man ſich wohl denken,“ perſetzte der Kapitän lächelnd;„woher aber zunächſt?« „Ich habe den Vögeln zugeſehen, Sir!— O's iſt wahrlich ein Anblick, der auch Madame erfreuen würde, denn er bringt uns die Gewißheit, daß wir da, wo dieſe Vögel herkommen, alle⸗ ſammt Raum genug finden werden. Faſt kommt mir's vor, Euer Gnaden, wenn wir ſie nicht ſpeiſen, werden ſie am Ende uns aufſpeiſen wollen. Es ſind wahrhaftig ganze Schaaren, fett und mager— von einer Größe ſind ſie aber Alle, gerade wie wenn ſie ſammt und ſonders durch ein Loch geflogen wären, und ſo die gehörige Dicke des Leibes und der Federn bekommen hätten.“ „Ein ſolcher Flug Tauben würde in Irland Senſation erregen — nicht wahr, Mike?“ bemerkte der Kapitän, der den Leitrimer Gaſt zur Beluſtigung ſeiner Gattin gern ein Bischen aufzog. „Ein Mittageſſen würden ſie abgeben, für jeder Mutter Sohn, die Madels mit in den Kauf gerechnet. Herr Gott! ſolch' ein Flug— wie würde der uns ſo wohl anſtehen, und ſelbſt Butter⸗ milch würde es dann in Hülle und Fülle wohlfeil geben! Werden wir beim Blockhaus unten auch ſolchen Ueberfluß vorfinden, Euer *) Abkürzung für„Michael“. D. U. 4—————— — n 27 Gnaden? oder iſt dieſer Anblick nur eine Täuſchung, um uns mit Hoffnungen zu erfüllen, welche niemals verwirklicht werden ſollen?« „Im Frühling und Herbſt fehlt's in dieſem Lande ſelten an Tauben; doch haben wir andere Vögel und Thiere in Fülle, die noch eine beſſere Mahlzeit gewähren.“ „Noch zahlreicher als dieſe?— Wahrhaftig man darf ſie ja nur anſehn, um allen menſchlichen Appetit zu verlieren! Das Wamms wollt' ich drum geben, das ich an die Spitzbuben in Albany während ihres Stillſtandes, wie ſie's nennen, verlor, wenn ich meiner Schweſter Kindern aus dieſen Schaaren, wie ſie da ſind, beſſer oder nicht beſſer, ein Nachteſſen zurichten könnte. O,'s iſt eine Freude, nur dran zu denken, wenn dieſe Kinder blos ein einzig Mal nach Ge⸗ fallen über dieſes Heer von wilden Vögeln herfallen dürften!“ Kapitän Willonghby lächelte über die Naivität ſeines neuen Die⸗ ners, und führte dann ſeine Frau in die Hütte zurück, denn es war nun Zeit, um Vorbereitungen für den nahen Aufbruch zu treffen. Gegen Mittag ſah man deutlich, daß der Eisgang auf dem See begonnen hatte; um dieſelbe Zeit kam ein Jäger von einem benachbarten Berge mit der Nachricht zurück, er habe auf drei bis vier Meilen von ihrem gegenwärtigen Standpunkte den See ganz klar und offen geſehen. Der Wind blies jetzt ziemlich friſch und trieb die Eismaſſe, die einer Honigſcheibe ähnlich ſah, vor ſich her, ungefähr ebenſo wie das Schabeiſen den Schnee aufthürmt. Bei Sonnenuntergang wimmelte das ganze nördliche Ufer von glitzernden Eisſtücken; die Mitte des Otſego dagegen, vom Winde nicht länger bewegt, glich bereits einer glatten Spiegelfläche. Am nächſten Morgen in der Früh ſchiffte ſich die ganze Reiſe⸗ geſellſchaft ein; kein Lüftchen wehte und die Mannſchaft ſtellte ſich an die verſchiedenen Ruder. Als man die Hütten verließ, vergaß man nicht, Thüren und Fenſterladen zu ſchließen, denn es war vorallszuſehen, daß ſie bei den häufigen Sendungen vom Block⸗ hauſe nach den Niederlaſſungen noch manchem Wanderer Schutz 28 und Obdach gewähren würden. Dieſe Stationen waren deßhalb von der höchſten Wichtigkeit und wurden auch von den Gränzleu⸗ ten mit derſelben Sorgfalt behandelt, wie die„Zufluchtsſtätten“ von den Gebirgsbewohnern der Alpen. Die Fahrt den Otſego hinab bildete die leichteſte und ange⸗ nehmſte Partie der ganzen Reiſe. Es war ein lieblicher Tag; die Männer an den Rudern beſaßen zwar keine beſondere Geſchick⸗ lichkeit, aber doch Kraft und Ausdauer genug, ſo daß es raſch und in ziemlich gerader Linie vorwärts ging. Ein Unfall mußte übrigens doch das Vergnügen der Reiſe einigermaßen ſtören. Unter den von dem Kapitän gemietheten Taglöhnern befand ſich auch ein Mann aus Connectieut, mit Namen Joel Strides; zwiſchen ihm und dem Irländer war ſchon frühzeitig ein Wortkrieg ausgebrochen, der durch allerhand Necke⸗ reien genährt, von O'Hearn aber rein defenſiv geführt wurde, indem er ſich ſeinerſeits darauf beſchränkte, den Feind wegen ſei⸗ ner langen, ſchmächtigen, unſcheinbaren Figur und ſeines mageren Geſichts ein wenig aufzuziehen. Seit Ivel in des Kapitäns Dien⸗ ſten ſtand, hatte man ihn noch niemals lächeln geſehen, wohl aber hatte er dreimal laut aufgejauchzt, und zwar jedes Mal ſo oft ihm einer ſeiner boshaften Streiche gegen den Irländer gelungen und dieſem irgend ein Unfall begegnet war. Dießmal hatte Joel, der die Eintheilung der Ruderer beſorgte, unſerem Mike einen einzelnen Nachen angewieſen, nicht ohne aller⸗ lei Schmeicheleien über die Ehre, welche ſich der gute Burſche erwerben könne, wenn er ein Boot ganz allein bis an den Aus⸗ gang des See's hinabrudere. Der arme Betrogene! eben ſo gut hätte man ihm zumuthen können, auf der Waſſerfläche bis zum Auslaß hin zu ſpazieren. Es war bei Joel nichts als lautere, angeborene Bosheit, wie er denn viel von dem kaltblütigen 8 willen und noch manch' anderen ſchlimmen Eigenſchaften der Leute ſeines Schlages beſaß. Seine meiſten Fehler entſprangen aus 29 engherziger Selbſtſucht; ſo ſuchte er ſich denn auch ſyſtematiſch jeder Anſtrengung zu entziehen und alle Hülfsmittel ſeines von Natur raſchen und ſcharfen Verſtandes waren nur auf den einen Endzweck gerichtet, nie Etwas zu thun, was um ein Haar mehr Kraftaufwand erforderte, als für ſeinen Zweck unumgänglich nothwendig war. Er für ſeine Perſon ruderte das Schiffchen, welches der Kapitän mit ſeiner Frau beſtiegen hatte; vor der Abfahrt hatte er ſich unter den Rudern der übrigen Boote die beſten ausgewählt, ſeinen Doſt*) ſo bequem als möglich hergerichtet, ein Fußgeſtell beſorgt— Alles mit einer Umſicht und Kunſtfertigkeit, die einem Fährmann von Whitehall Ehre gemacht haben würden. So bewährte er auch hier ſeinen vorherr⸗ ſchenden Grundſatz—allezeit auf JoelStridesIntereſſe bedacht zu ſein, obwohl ſeine Fürſorge auch dießmal dem Dienſtherrn zu gute kam. Michael O'Hearn dachte im Gegentheil immer nur an den Ausgang, und zwar in der Regel mit einem Eifer, um nicht zu ſagen einem Ungeſtüm, der ihn gewöhnlich die nöthigen Mittel überſehen ließ. Offenherzig, voll Großmuth und Selbſtaufopferung und längſt gewöhnt, das Meiſte verkehrt anzugreifen, verſchwendete er faſt immer an ein und daſſelbe Geſchäft doppelt ſo viel Mühe, als der ruhige Jankee aufbot, und beſorgte es überdieß ſchlechter und mit zweifachem Zeitverluſt. Hierüber nachzudenken, dazu nahm er ſich nie einen Augenblick Muße,— des Herrn Boot ſollte nach dem Aus⸗ gange des See's gerudert werden, und augenblicklich war er willig und bereit, die Aufgabe zu übernehmen, obgleich er in ſeinem gan⸗ zen Leben noch keinen Zoll breit gerudert war.„Sollte ein be⸗ ſtimmter Kraftaufwand nicht ausreichen,“ dachte Mike,„ſo kann ich ihn ja verdoppeln, und da müßte ja ſchon der Teufel mit im Spiele ſein, wenn das für eine ſo federleichte Aufgabe nicht genügte.“ Unter ſochen Umſtänden brach die Reiſegeſellſchaft auf. Die meiſten Nachen und Kanve's waren eine halbe Stunde vor Mrs. Willoughby's Erſcheinen abgegangen; Joel hatte Mike unter dem *) Querbalken im Boot. D. U. 30 Vorwand, daß er Seiner zum Aufladen der Betten und des Bett⸗ zeugs bedürfe— bis zuletzt zurückgehalten. Endlich war Alles bereit; Joel ließ ſich mit größter Bedachtſamkeit auf ſeinem Sitze nieder und meinte in ſeinem ſchleppenden Tone: „Ihr werdet uns folgen, Mike, und wohl keine tauſend Mei⸗ len hinter uns bleiben.“ Dann ſtieß er mit gemeſſenem, kräftigem Ruderſchlag vom ufer ab, und das Schiffchen flog mit Blitzesſchnelle und ohne alle Anſtrengung für ihn ſelbſt auf den Wogen dahin. Michael O'Hearn blickte dem Schiffchen ein paar Minuten in ſtummer Verwunderung nach. Er war ganz allein; alle andern Boote waren ſchon zwei bis drei Meilen unterwegs und die Ent⸗ fernung hinderte ihn bereits, die Bosbeit, welche in Joel's heuch⸗ leriſchem Auge lauerte, zu bemerken... „Dir folgen!“ begann Mike ſein Selbſtgeſpräch;„daß dich der Teufel hole, ja, du verrätheriſche Jankeeſeele! wie ſoll ich mit ſolchen Beinen, wie dieſe hier, nachfolgen? Wär' mir's nicht um meinen Herrn und um die Miſſes, die kreuzbraven Leutchen, ich würde ſchnurſtracks umkehren, dann könnteſt du meinethalben das Bibergut in deiner eigenen verdrießlichen Geſellſchaft aufſuchen. Ha!— nun, ich muß es ſchon einmal verſuchen— will das Boot nicht weiter, ſo iſt wenigſtens der Fährmann nicht Schuld daran, denn der hat den beſten Willen von der Welt.“ Mit dieſen Worten ſetzte ſich Mike auf einem Brette nieder, das in ſehr unbequemer Höhe quer über den Rand des Nachens hinlief, brachte zwei Ruder in's Waſſer, wovon das eine ſechs Zoll länger war, als das andere, und machte endlich mit einem verzweifelten Rucke ſein Schiffchen flott. Michael O'Hearn war ge⸗ wöhnt, nur mit der rechten Hand zu arbeiten, und ſo war ſeine Linke, wie dieß gewöhnlich der Fall iſt, bedeutend ſchwächer und ungeſchick⸗ ter; zu allem Unglück bekam er nun gerade das längere Ruder in die ſtärkere Hand, und da hätte es auch bleiben können bis ——„— 31 zum jüngſten Gericht, ohne daß Mike an eine Aenderung ge⸗ dacht hätte. Joel ſaß allein, mit dem Geſicht gegen den Irländer gewen⸗ det, und nur er konnte alſo die Verlegenheit bemerken, in der ſich ſein treuherziger Feind befand. Weder der Kapitän noch ſeine Gattin dachten daran, rückwärts zu ſchauen, und ſo hatte der Nankee den ganzen Spaß für ſich allein. Mike hatte ſich unterdeſſen eine kleine Strecke vom Ufer ent⸗ fernt; bald aber gewann der ſtärkere Arm mit dem längeren Ruder die Oberhand und der Nachen begann ſich weſtwärts zu wenden. So eifrig war übrigens der arme Burſche mit Rudern beſchäftigt, daß er dieſe Veränderungen in ſeinem Curſe nicht eher merkte, als bis er ſeinen Herrn, der ſich immer weiter entfernte, zu Geſicht bekam; jetzt meinte er, ſei Alles in Ordnung und fing an, etwas langſamer zu rudern. Nach zehn Minuten ſtieß der Nachen von Neuem an's Land; vor ihm lag das nördliche Seeufer und der Punkt, von dem er abgeſtoßen, war nur wenige Ruthen entfernt. Voll Verwunderung ſchaute ſich der ehrliche Burſche um, kratzte ſich hinter den Ohren, und brach mit einem nachdenklichen Blick auf das ſchnell dahin eilende Boot ſeines Herrn zum zweiten Mal in ein Selbſtgeſpräch aus. „Ei, ſo hole der Henker die Kerls, die dich erbauten, du ſchiefes, einſeitiges Ding!“ begann er und ſchüttelte unwillig das Haupt gegen den Nachen:„Du haſt doch volle Freiheit, deine Schul⸗ digkeit zu thun, und dennoch thuſt du's nicht, aus lauter Wider⸗ ſpenſtigkeit. Zum Teufel! Warum machſt du's denn nicht wie die andern Nachen und gehſt wohin man dich haben will— dort hinunter zu den Herrn Bibern? Wart nur, du wirſt es gewiß bereuen, wenn du allein zurückgelaſſen wirſt und kein Menſch ſich nach dir umſieht!“ Plötzlich kam Mike in den Sinn, es könnte irgend Etwas in den Hütten zurückgeblieben ſein und das Boot ſei blos deßhalb umgekehrt, um das Fehlende zu holen— mit einem Sprung ſtand ——— — — — 9 er an des Kapitäns verlaſſener Wohnung, trat ein, verweilte etwa eine Minute und kam dann abermals kopfſchüttelnd zum Vorſchein. „Nein,“ begann er auf's Neue zu brummen,„kein Pfifferling iſt zu ſehen, und ſo muß es doch bloße Widerſpenſtigkeit ſein! Vielleicht hält ſich die Beſtie das nächſte Mal beſſer; ſo will ich ihr denn Gelegenheit dazu geben und die Sache noch einmal pro⸗ biren.— Nichts als die pure Halsſtarrigkeit, ſonſt ſieht das Schiff ſo gut aus, wie jedes andere.“ Mike hielt Wort und gab dem Nachen alle nur denkbare Gelegen⸗ heit, ſich brav zu halten. Sieben Mal ſtieß er vom Ufer ab und eben ſo oft kam er wieder an's Land, indem der Nachen das weſtliche Ufer entlang ganz ſachte den See hinabſchwamm. Endlich ſtieß Mike auf eine von der Weſtſeite auslaufende Landzunge; jetzt mußte doch der Nachen ſeinen ſchlimmen Hang, fortwährend weſtwärts abzuweichen, aufgeben, denn in dieſer Richtung konnte es wenigſtens nicht länger fortgehen. „Hol' dich der Teufel!« tobte der arme Junge, dem der Schweiß vom Geſichte rann;„ich denke du könnteſt zufrieden ſein, ohne auch noch in den Wald hineinzulaufen; meinethalben könnteſt du übrigens wohl unter den Bäumen ſtehen, aus Denen du gemacht biſt! Ich bin doch begierig, ob du den Eigenſinn ſo weit treibſt, daß du gar noch einen Hügel hinaufläufſt.“ Mike verſuchte zunächſt, am Ufer hinzurudern, in der Hoffnung, der Anblick des Landes und der überhängenden Fichten und Schirlings⸗ tannen würden das Boot von ſeiner verderblichen Vorliebe kuriren. Auch dieſe Erwartung ſchlug fehl, wie wir wohl kaum zu erklären brauchen, und er war zuletzt genöthigt, trotz der kalten Witterung, auszuſteigen und mit dem Boot am Strick längs des Ufers hinzuwaten. Dies Alles ſah Joel noch mit an, ehe er den Nachen aus den Augen verlor; aberkeine Muskel rührte ſich in ſeinem Geſichte und der Kapitän hatte nicht die leiſeſte Ahnung von der Noth ſeines armen Dienſtboten. Der Reſt der Flottille oder Bootbrigade, wie der Kapitän ſie nannte, ſetzte ungehindert ihren Weg fort und erreichte nach 33 drei Stunden das ſüdliche Ufer des See's. Einer von der Partie hatte den Weg ſchon mehrere Male gemacht, und ſo war man alſo nicht in Ungewißheit, nach welchem Landungspunkte die Boote hinzuſteuern hatten. Er lag nicht weit von dem Stein, der jetzt den Namen„Otſegofelſen“ führt; über ihn ſieht man eine ſteile, waldbewachſene Terraſſe emporragen; nahe dabei ſtrömt der Susquehannah in eilendem Laufe aus dem See, und drüber wölbt ſich ein prächtiger Bogen von Baumäſten, welche jedoch noch nicht mit Blättern bekleidet waren. Jetzt erſt wurde die Frage aufgeſtellt, was wohl aus Mike geworden ſei. Sein Nachen ließ ſich nirgends blicken, und der Kapitän hielt für nöthig, ehe man weiter zöge, nach ihm ſehen zu laſſen. Nach kurzer Berathung wurde ein Boot mit zwei Ne⸗ gern, Vater und Sohn, bemannt— ſie hießen Plinius der Aeltere und Plinius der Jüngere, oder nach gemeinem Sprachgebrauch: ‚alter Plin' und ‚junger Plin⸗— Beide ſollten am weſtlichen Ufer hinrudern, um den Verlorenen wieder aufzutreiben. Für Mrs. Willoughby wurde natürlich auf der Ebene, die von dieſem Punkte aus über das Thal hinläuft, ſogleich eine Hütte errichtet— und zwar auf demſelben Fleck, wo jetzt Cooperstown ſteht, nur um zwanzig Jahre früher, als jenes niedliche Graf⸗ ſchaftsſtädtchen gegründet wurde. Erſt mit Einbruch der Nacht wurden die beiden Pliniuſſe wieder ſichtbar; ſie führten Mike im Schlepptau, ungefähr gerade ſo, wie ihre Namensvettern im Alterthum eine karthagiſche Galeere im Triumph herbugſirt haben würden. Der Irländer hatte ſich mit unendlicher Mühe etwa eine Meile weit fortgeplagt, bis man ihn traf; er war herzlich froh, als er endlich einen Beiſtand vor ſich ſah. Damals wußte man noch nichts von jenem heftigen Wider⸗ willen, der jetzt zwiſchen den Schwarzen und den einwandernden Irländern beſteht; die nunmehrige Konkurrenz im Domeſtiken⸗ dienſt begann erſt ein volles halbes Jahrhundert ſpäter. Dem Wyandotts. 3 ——————————— 34 Neger iſt jedoch der Hang zum Scherzen angeboren; überdieß war der jüngere Plinius ſo etwas von einem Spaßvogel, ſo daß Mike nicht ganz zollfrei ausging. „Warum Ihr denn ziehen wie die Ochſen, iriſcher Mike?“ rief der jüngere Neger;„warum Ihr nicht rudern wie andere Leute?“ „Ach was! Ihr ſeid auch um kein Haar beſſer als die Andern,“ brummte Mike.„Man ſagte mir, Ameriky ſei ein mächtig warmes Land, und warm find' ich's in der That; das Waſſer freilich— das brennt nicht ganz ſo, wie guter Whiskey. Kommt her, ihr ſchwar⸗ zen Teufel, und ſeht einmal, ob ihr dieſes widerſpenſtige Geſchöpf bereden könnt, ſich nach anderer Leute Kopf zu richten.“ Die Neger hatten unſern Mike bald im Schlepptau und fuhren dann unter fröhlichem Lachen und Scherzen— Alles auf Koſten des Irländers, wie dieß bei ihrem Volke Sitte war— den See hinunter. Es war ein Glück für unſern Leitrimer, daß er an ſchwere Arbeit gewöhnt war; und dennoch iſt es ſehr zweifelhaft, ob ſich die Poren ſeines Körpers an jenem Tage noch ſchloſſen, ſo gewaltig hatte ſie der Morgen geöffnet. Als Mike bei ſeinem Herrn anlangte, wurde des Unfalls mit keiner Sylbe erwähnt; Joel war ſo klug und behielt ſein Geheim⸗ niß bei ſich, ja ſtimmte ſogar Mike bei, welcher den ſchlimmen Eigenſchaften des Bootes die Schuld beimaß. Joels Muthwillen war nämlich nicht ganz ohne Berechnung, denn er bemerkte, daß Mike einer von des Kapitäns Lieblingen war, und eben deßhalb wollte er ihn in Mißkredit bringen. In der Frühe des nächſten Morgens ſandte der Kapitän die bei⸗ den Neger mit Mike eine Meile weit den Susquehannah hinab, um einiges Floßholz wegzuräumen, das einer von den Jägern am Tage zuvor daſelbſt bemerkt hatte. Zwei Stunden ſpäter ſtießen die übri⸗ gen Boote vom Ufer und ſchwammen jenen Strom hinab, der von den fortwährenden Krümmungen ſeines Laufes den Namen erhalten hat. In wenigen Minuten hatten die Boote das Floßholz erreicht, 35 wo ſie Mike und die beiden Neger zu Joels großer Beluſtigung noch mitten in der Arbeit trafen. Die Schwarzen beſaßen näm⸗ lich eben ſo wenig Berechnungsgeiſt, wie der Irländer, und hat⸗ ten demgemäß, um einen Durchgang durch die Mitte des Floßes zu öffnen, an dem oberen Ende deſſelben die Stämme aufzuthür⸗ men angefangen. Natürlich entſtand dadurch ein Aufenthalt, wäh⸗ rend deſſen das weibliche Perſonal an's Land gebracht wurde. „Die Sache ſcheint nicht ganz in der Ordnung zu ſein,“ be⸗ merkte Kapitän Willoughby, der ſich etwas zweifelhaft umſah und dabei Joels pfiffigem Blicke begegnete:„Könnten wir's nicht beſſer angreifen?“ „Ganz verkehrt haben ſie's angefangen, Kapitän,“ gab Joel lachend zur Antwort, und ſchien ſich über die Unwiſſenheit der Andern zu freuen.„Wer ein Bischen Verſtand beſitzt, wird mit dem Aufräumen am unteren Ende des Floßes anfangen.“ „So übernimm du die Leitung und ordne das Ganze nach deinem Willen.“ Das war's gerade, was Joel wünſchte— die Leitung der Arbeit, das liebte er mehr als die Arbeit ſelbſt, und raſch und gebieteriſch machte er ſich an's Geſchäft. Er ſchalt die Neger wegen ihrer Dummheit tüchtig aus, indem er ebendamit auch Mike denſelben Fehler, ohne allzuviel Zartſinn in Gedanken und Ausdrucksweiſe, ziemlich nahe legte; dann muſterte er die Kräfte, die ihm zu Gebot ſtanden, und begann den Kanal raſch und umſichtig aufzuräumen. Es gelang ihm bald, an dem unteren Ende des eingeklemmten Floßes ein paar Bäume los zu machen; dieſe gaben anderen Raum, welche alsbald folgten, und ſo war die Durchfahrt in einer halben Stunde zu Stande gebracht; Joel hatte dabei noch die Vorſicht gehabt, nicht mehr Stämme, als man gerade nöthig hatte, in Bewegung zu ſetzen, um den Strom weiten unterhalb nicht abermals zu verſtopfen. Auf dieſe Art konnten die Boote endlich durchrudern, und da der Strom um dieſe Jahreszeit ſehr hoch ging, ſo waren unſere 3* — 36 Reiſenden am Abend ſchon halbwegs von der Mündung des Unadilla. Den folgenden Tag befand man ſich an dem Zuſammenfluß der beiden Ströme, und es wurden die nöthigen Vorkehrungen getrof⸗ fen, um mit dem nächſten Morgen den letzteren hinaufzurudern. Die rechte Mühe des Aufwärtsruderns begann übrigens erſt mit dem Augenblick, da die Boote den ſogenannten Kreek oder das ſchmale Seitenflüßchen erreichten, das durch das neue„Her⸗ rengut“ ſtrömte und von den Bibern zu ihren Bauten erwählt worden war. Hier konnte man nur langſam und mit vieler Mühe vorwärts kommen: bei der Stromſchnelle und der Seichtigkeit des Waſſers mußte dem Elemente jeder Fuß breit mit Schweiß und Anſtrengung abgerungen werden. Doch Ausdauer und Ge⸗ ſchicklichkeit gewannen endlich die Oberhand; die Boote erreichten insgeſammt eine Stunde vor Sonnenuntergang den Fuß des Waſſerfalls, wo der Kapitän ſeine Mühlen erbaut hatte. Hier verließ man natürlich die Fahrzeuge; die Koloniſten hat⸗ ten einen rauhen Weg durch das Gehölz gehauen, auf welchem nun die mitgebrachten Vorräthe mittelſt Schlitten an Ort und Stelle geſchafft wurden. 4— Den ganzen Tag über hatte Joel nicht nur die Arbeit geleitet, ſondern ſogar mit eigenen Händen tüchtig zugegriffen. Der gute Mike aber hatte in ſeinem ganzen Leben noch nie ſo verzweifelte Anſtrengungen gemacht. Er fühlte wohl die Schande, welche ſein Abenteuer auf dem See auf ihn geworfen hatte, und wollte ſie jetzt durch ſeine Heldenthaten auf den Flüſſen für immer ver⸗ wiſchen. So war Mike ſeinem Dienſtherrn ſtets ergeben; er hatte ſein Fleiſch und Blut für Geld verkauft, und als ein Mann von Gewiſſenhaftigkeit war er ſtets darauf bedacht, ſo viele Zinſen als möglich einzubringen. Er hatte übrigens mit großer Ver⸗ wunderung wahrgenommen, wie folgſam ſein Boot den Strom hinabgeſchwommen; dieß ging ſchon aus der Bemerkung hervor, welche er beim Landen gegen den jüngeren Plinius machte. 2᷑— † K8 & 8 37 „Im Ganzen doch ein kurioſes Boot,“ meinte Pat*).„Das eine Mal die lautere Widerſpenſtigkeit, und dann wieder ſo nach⸗ giebig, wie nur eine Mutter ſein kann. Dieſe Tage her folgte es uns wie ein Schooßhündchen, und auf dem großen Waſſer dort, da trieb es nicht anders, als wie ein halsſtarriges Schwein. Ha, ha!'s muß wohl ein Weib ſein, dieſes Boot, nach ſeinen Launen zu ſchließen. Drittes Kapitel. Da ſchläft er und vergißt der ſtolzen Flamme. Hat kein Gefühl für den entſchwund'nen Ruhm— Kein Aug', zu ſeh'n, wenn höher ſteigt die Flamme, Und doch buhlt' er einſt mit Entzücken drum; In wüſten Träumen liegt er da, will nimmer fragen, Wer jetzt den grünen Lorbeer wohl mag tragen! Percival. Wenn man den Reſt ſeines Lebens an einem beſtimmten Orte zubringen ſoll, ſo wird man beim erſten Beſuche deſſen Aeußeres nicht ohne Intereſſe muſtern. So ging es auch Mrs. Willoughby: ſie war von dem Augenblicke an, da der Kapitän ſie benachrichtigt hatte, daß ſie die Gränze ſeines Gebiets über⸗ ſchritten und ſich ihrem künftigen Wohnſitze näherten, ſehr ſtill und aufmerkſam geblieben. Das Flüßchen war ſo ſchmal und der Waldhügel zu beiden Seiten ſo dicht, daß das Auge nur wenig Ausſicht vor ſich hatte; gleichwohl war es dem Blicke der Gattin und Mutter nicht entgangen, daß das Thal an jenem Punkte ſich ſehr verengte und die Hügel dicht zu einander traten— daß Fel⸗ ſen im Bette des Fluſſes auftauchten, und daß der Baumwuchs einen fruchtbaren, ergiebigen Boden verkündete. Da, wo das Boot anhielt, ſah man den Strom über eine zer⸗ klüftete Anhöhe herabſchießen und eine Mühle— Mahl⸗ und Säge⸗ mühle in einem Stück, wenn auch beides nur in ſehr kleinem Maß⸗ *) Spitzname der Irländer von ihrem Schutzheiligen St. Patrick. D. U. 38 ſtab— war das erſte Zeichen von Kultur, das ihr ſeit der letzten Hütte in der Nähe des Mohawk vor Augen gekommen war. Der Kapitän ertheilte einige Befehle, nahm dann ſeine Frau unter den Arm, und eilte mit faſt kindiſcher Haſt den Abhang hinauf, um ihr Alles zu zeigen, was zur Verbeſſerung des Blockhauſes geſchehen war. Das erſte Eindringen in einen Urwald, der Beginn ſeines An⸗ baus trägt einen Reiz in ſich, der kaum mit einer andern menſch⸗ lichen Beſchäftigung verglichen werden kann. Das Häuſerbauen oder Anlegen eines Gartens hat allerdings einige, aber ſo ſchwache Aehnlichkeit damit, daß eigentlich kaum die Rede von ihr ſein kann. Im Urwalde hat man mehr das Gefühl des eigentlichen Schaffens mit allen ſeinen Ahnungen und Hoffnungen, wenn auch gleich die erſten Anfänge ſelten beſonders lieblich, ja zuweilen recht häßlich ſind. Unſer Kapitän war glücklich über dieſe letzteren Folgen hinüber⸗ gekommen, da das Ablaſſen des Sees ihm einen urbaren Boden gewährt hatte, ohne daß er zu dem gewöhnlichen Aushauen oder Anſtecken des Waldes ſeine Zuflucht nehmen mußte; Erſteres hätte den Boden noch viele Jahre mit garſtigen Baumſtümpfen bedeckt, während weder Regen noch Schnee den ſchmutzigen Ruß des letzt⸗ genannten Verfahrens ſo bald abzuwaſchen vermag. Ein Ruf des Frohlockens verrieth Mrs. Willoughby's Freude, als ſie den abgelaſſenen See zum erſten Mal erblickte. Dieß ge⸗ ſchah, nachdem ſie auf den Gipfel des Felſens geklettert war, von welchem der Strom in das unten gelegene Thal hinabzuſtürzen be⸗ gann. Ein Jahr hatte Vieles in der äußeren Erſcheinung des Platzes geändert. Die wenigen Baumklötze, welche das Waſſerbecken beim erſten Trockenlegen entſtellt hatten, waren alle von Ochſen fortgeſchafft und verbrannt worden. So bildete der ganze Grund auf vierhundert Morgen Weite eine glatte Oberfläche, welche, ſeit Jahrhunderten gedüngt, nur noch des Pfluges harrte. Die Nei⸗ gung des benachbarten Waldes gegen den Strom herab war für das Auge kaum bemerkbar, und in der That ſo unbedeutend, daß ‿——— N 39 ſie kaum zum Abfluſſe des Winterſchnee's genügte. Die Form der Ackerfläche war maleriſch, aber etwas unregelmäßig, doch waren die Abweichungen im Ganzen ſehr ſelten und unbedeutend. Kurz, die Natur hatte hier einen Fleck Erde geſchaffen, wie er das Herz eines Anſiedlers erfreuen mußte, und zwar unter einem Himmelsſtriche, wo die Sonnenhitze im Winter durch Schnee und Froſt gemildert, im Sommer aber ihrer vollen Kraft und Wirkſamkeit überlaſſen war. Rings um die Ebene hatte man Bäume gefällt und die Zwiſchen⸗ räume mit Aeſten ausgeflochten, ſo daß dadurch eine ſogenannte Buſchhecke gebildet wurde. Ein ſolcher Zaun nimmt ſich aber nicht hübſch aus, und der Kapitän hatte auch ſogleich befohlen, ihn in den Wald ſelbſt zu verlegen, ſo daß die ſichtbare Gränze des offe⸗ nen Landes nur aus Urforſt beſtünde. Seine Leute hatten zwar Einſprache dagegen erhoben— ihnen ſchien eine Hecke, war ſie auch noch ſo häßlich, ein unumgängliches Kulturerforderniß— doch das Anſehen, wenn auch nicht der beſſere Geſchmack des Ka⸗ pitäns behielten die Oberhand, und die erwähnte Umzäunung wurde im Hintergrunde des Waldes verſteckt. Kreuzhecken waren nicht nöthig, da der ganze offene Raum nur ein einziges Feld bildete. Hundert Morgen waren mit Winterfrucht bepflanzt; die Saat war ſchon im vergangenen Herbſt ausgeſteckt worden; ſie ſtand jetzt dicht und trocken, und gab dem ganzen Becken einen An⸗ ſtrich üppiger Fruchtbarkeit. An beiden Ufern des Flüßchens hatte man Gras geſäet, und zwei breite Gürtel jungen, friſch aufkei⸗ menden Grüns umſchloſſen das Bette, in welchem das Waſſer ruhig hinſtrömte, denn in dem wohlgeſchützten Thale erwachte die Vegeta⸗ tion weit früher, als in den höher gelegenen Theilen. Hier und dort wurden Zeichen des Anbaues auch in der Ebene ſichtbar, denn der Pflug war ſchon volle vierzehn Tage in Thätigkeit geweſen. Dieß Alles war weit mehr, als ſelbſt der Kapitän erwartet, und jedenfalls viel bedeutender, als ſeine Gattin es zu hoffen gewagt hatte. Mrs. Willoughby hatte das langſame Gedeihen einer An⸗ ſtedelung ſchon oft mitangeſehen; davon aber beſaß ſie keine Ahnung, wie ganz anders die Sache ſich auf einem Biberdamme geſtalten mußte. Ihr kam Alles wie Zauberei vor, und ſie wollte eben ihren Gatten fragen, wo denn die Bäume und Wurzeln hingekommen ſeien, als ihr künftiger Wohnſitz ihre Aufmerkſamkeit auf ſich zog. Kapitän Willoughby hatte vor ſeinem Abgang im vorigen Herbſte die nöthigen Befehle in Betreff des Hauſes zurückgelaſſen, und ſah jetzt mit großem Vergnügen, daß ſie pünktlich befolgt worden waren. Da dieſe Wohnung den meiſten Ereigniſſen, die wir zu erzählen haben, als Schauplatz dienen wird, ſo möchte es wohl paſſend ſein, ſie etwas näher zu beſchreiben. 5 Der Hügel, der in Geſtalt eines Felſeneilandes aus dem Teiche emporſtieg, war eines jener launigen Gebilde, wie wir ſie öfter auf der Oberfläche der Erde antreffen. Er ſtand ungefähr dreißig Ruthen von dem nördlichen Rande der Ebene entfernt, ſo ziemlich in der Mitte zwiſchen der öſtlichen und weſtlichen Gränze, und endete gegen Süden in einer ſanften Abdachung. Seine größte Höhe erreichte er an ſeinem nördlichen Rande: dort erhob ſich der Felſen bis zu vierzig Fuß ſenkrechter Anſteigung aus dem fetten, angeſchwemmten Boden; ſeine obere Fläche mochte etwa einen Morgen betragen, und fiel gegen Oſten und Weſten ſenk⸗ recht, gegen Süden aber ſauft und regelmäßig ab. Dieſe zufällige Form war es denn auch, welche den Kapitän veranlaßt hatte, den Felſen zu ſeinem künftigen Wohnſitze zu wählen, denn bei der großen Entfernung ſeines Gutes von jedem militä⸗ riſchen Poſten und dem Mangel aller Kommunikationsmittel erſchie⸗ nen kriegeriſche Vertheidigungsanſtalten als von der bloßen Vernunft geboten. So lange der Teich noch beſtand, hätte die Inſel gegen jeden Angriff von Seiten der Indianer ſehr ſtark gemacht werden können, und auch jetzt, obſchon das Bette trocken gelegt war, bot ſie in dieſer Beziehung noch immer große Vortheile. Der ſenkrechte Abhang gegen Norden hing förmlich über der Ebene und war faſt ———*-ʒ 41 unerſteiglich; auch auf den übrigen drei Seiten boten ſich beſon⸗ dere Mittel dar, welche die Anlegung, wie die Sicherſtellung des neuen Wohnſitzes erleichterten. Der Kapitän, der mit der Feinheit indianiſcher Kriegsführung vollkommen vertraut war, hatte dieß Alles auf folgende Art zu benützen und zu verbeſſern beſchloſſen. Zuerſt ließ ex durch ſeine Leute eine maſſive ſteinerne Mauer von hundert und fünfzig Fuß Länge und ſechs Fuß Höhe errich⸗ ten; ſie bildete die vordere Front des ſenkrechten Felſens, und hatte auf beiden Seiten zurückſpringende Winkel, jeder von bei⸗ nahe zweihundert Fuß Länge, ſo daß der ganze Steinwall einen Raum von zweihundert Fuß Breite und hundert und fünfzig Fuß Länge einſchloß. Ein einziger Eingang führte in dieſe Umfaſſung — ein Thorweg in der Mitte der ſüdlichen Front. Die Materia⸗ lien zu dem Bau hatte man auf dem Hügel ſelbſt gebrochen, deſſen Oberfläche mit ſchweren Steinen bedeckt war. Innerhalb dieſes Walles, welcher durch einen ſchottiſchen Maurer, der mit derlei Arbeit umzugehen wußte, ſehr ſolid aufgebaut worden war, hatten die Koloniſten ein maſſives Wohnhaus von viereckig zu⸗ behauenen Fichtenſtämmen zuſammengezimmert und durch Kreuz⸗ wände wohl geſichert. Daſſelbe folgte der Mauer in ihrer ganzen Ausdehnung, war bis an's Dach gerade fünfzehn Fuß hoch, und ruhte mit der einen Hälfte, nämlich der Außenſeite, auf der Stein⸗ wand ſelbſt, welche ſeine halbe Höhe bildete. Der Breite nach maß es blos zwanzig Fuß im Lichte, ſo daß ein Hof von etwa hundert Fuß Länge und hundert und ſechszig Fuß Breite in der Mitte übrig blieb. Das Dach lief auch über den Thorweg, und wenn man die Thore ſchloß, ſo war der innere Raum vollkommen bedeckt. Dieß Alles war im Laufe des verfloſſenen Herbſtes und Win⸗ ters aufgeführt worden, und hatte von Außen einen Anſtrich roher Vollſtändigkeit. Doch ſah es noch immer ſehr gefängnißartig aus, denn nichts, was einem Fenſter glich, war zu bemerken— ringsum keine Oeffnung, als der unverſchloſſene Thorweg, neben welchem —— 42² bereits die fertigen Thorflügel an der Mauer lehnten, aber noch nicht eingehängt waren. Das Ganze ſah mehr einer Kaſerne, als einem ſonſtigen Ge⸗ bäude ähnlich, und Mrs. Willoughby war noch immer halb zwei⸗ felhaft, ob ſie das neue Wohngebäude bewundern oder tadeln ſollte, als nur wenige Schritte vor ihr eine Stimme ihre Auf⸗ merkſamkeit in anderer Richtung anzog. „Wie Euch gefallen?“ fragte Nick, der auf einem Steine am Rande des Stromes ſaß und ſich nach einem ermüdenden Jagd⸗ zuge die Füße badete.„Meinen Ihr, es nicht beſſer als ein Biber⸗ fell. Kap'in*) verſtehen Alles und geben Nick gewiß etwas mehr letzten Erbzins.“ „Der letzte wird es allerdings ſein, denn ich habe dich be⸗ reits zweimal für deine Anſprüche bezahlt.“ „Entdeckung viel werth, Kap'in— ſieh, was großen Mann er machen aus Bleichgeſicht.“ „Ja, ja, aber deine Entdeckung iſt nicht von dieſer Art, Nick.“ „Welcher Art denn?“ fragte Nick mit Blitzesſchnelligkeit.„Geben ihm Biber zurück, wenn die Entdeckung Euch nicht gefallen. Nick ſehr gern wiederſehen— Biberfelle mehr als je im Preis geſtiegen.“ „Nick, du biſt ein Vielfraß, wie nur einer exiſtirte! Da nimm — abermals einen Thaler— für dieſes Jahr wenigſtens iſt der Erbzins bezahlt. Es ſoll aber jetzt das letzte Mal ſein.“ „Nun, jeden Sommer einen, das ſchaden nix, Kap'in. Ja, Nick ein wunderbarer Vielfraß! Kein ſo ſchlimmes Auge unter dem Stamme der Oneida bekommen 1 Mit dieſen Worten verließ der Tuscarora das Flüßchen und ſtieg den Felſen hinan; dort ſchüttelte er Mrs. Willoughby freund⸗ lich die Hand, denn ſie mochte den Burſchen wohl leiden, obwohl ſie wußte, daß er viele von den Fehlern ſeines Volkes an ſich trug. „Nit wahr— recht hübſcher Biberdamm,“ begann Nick auf's — Verſtümmelung von„Kapitän“. D. U. 43 Neue, indem er mit anmuthiger Geberde auf die Landſchaft hin⸗ deutete.„Mit der Zeit er bringen Kartoffeln, Korn, Cider— Alles, was Squaw*) bedürfen. Auch hat Kap'in treffliches Fort. Alter Krieger lieben Fort; wohnen gern darin.“ „Der Tag kann wohl noch kommen, Nick, wo das Fort mitten in dieſer Wildniß uns große Dienſte leiſten wird,“ bemerkte Mrs. Willoughby etwas melancholiſch, denn ihre zärtlichen Gedanken rich⸗ teten ſich, ſehr begreiflich, auf ihre jugendlichen, unſchuldigen Töchter. Der Indianer warf einen jener wilden, durchbohrenden Blicke auf das Haus, welche zuweilen in ſeinen Zügen aufleuchteten, die gewöhnlich ſtumpf und geiſtlos erſchienen. In ſolchen Augenblicken war ſein Auge voll Ausdruck, und die Gefühle ſeiner Jugendjahre und früherer Gewohnheiten ſchienen ihn dann auf's Neue zu be⸗ herrſchen. Zwanzig Jahre früher war Nick der Vorderſte auf dem Kriegspfad und— was faſt eben ſo ehrenvoll war— am Berathungsfeuer einer der Weiſeſten geweſen. Er war zum Häupt⸗ ling geboren, und mehr in Folge ſeiner unbezähmbaren Leiden⸗ ſchaften, als wegen niedriger Handlungen, von ſeinem Stamme ausgeſtoßen worden. „Kap'in ſagen einmal Nick, warum er hier unter den alten Biberknochen ein ſolches Haus bauen?“ fragte er, ſeinem Dienſt⸗ herrn näher tretend und ihm voll Neugier in's Geſicht ſchauend. „»Warum?— Nun, weil ich einen ſicheren Ort haben will, wo mein Weib und meine Kinder im Nothfall ihr Haupt niederlegen können. Die Straße nach Canada iſt nicht ſo weit, daß nicht eine Rothhaut ihre Mokaſſin's darauf ſpazieren laſſen könnte. Auch die Oneida's und Mohawb's ſind nicht lauter Kinder des Himmels.“ „Vermuthlich unter den Bleichgeſichtern es keinen Spitzbuben geben?“ bemerkte Nick ſarkaſtiſch. „O ja, es gibt Leute dieſer Klaſſe, bei denen man ſich Glück wünſchen darf, wenn man ſein Haus wohl vor ihnen verſchloſſen *) Squaw iſt bei einigen Indianerſtämmen der Name für die Hausfrau. D. U. 44 hat.— Aber was hältſt du von dem Haus? Du weißt, ich habe dem Orte dem Namen Blockhaus gegeben.“ „Er haben viele viele Biber, wenn man ſie fangen. Aber kein Waſſer mehr übrig, und ſo Alle auf und davon.— Warum aber zuerſt machen von Stein und hernach von Holz?— hm— Sehr viel Holz und Stein verbraucht.“ „Die Steinmauer kann weder umgehauen, noch angezündet werden, Nick— das iſt mein Grund. Ich nahm ſo viel Stein, als nöthig war, und bediente mich dann des Holzes, das trockener und leichter zu verarbeiten iſt.“ „Gut! So Nick ſich auch gedacht. Wie aber Waſſer⸗-kriegen, wenn der Indianer kommen?“ „Wie du ſiehſt, windet ſich der Strom am Fuße des Hügels hin; überdieß iſt kaum hundert Schritte vom Thorweg eine köſt⸗ liche Quelle.“ „Auf welcher Seite?“ fragte Nick mit dem ihm eigenthüm⸗ lichen Ungeſtüm. 3 „Dort drüben, links vom Thor— etwas rechts von dem großen Stein—“ „Nix, nix,“ ſiel der Indianer ein,„nit rechts— nit links: auf welcher Seite— inner⸗ oder außerhalb des Thors?“ „Nun, außerhalb i*ſt ſie freilich, doch, wird man Mittel finden, einen Kanal dahin zu leiten: dann beſpült ja auch der Strom hinter dem Hauſe gerade den Fuß des Felſens, und ſo kann man auch mittelſt eines Seiles das nöthige Waſſer heraufſchöpfen. Unſere Füchſen wären, denk' ich, doch auch zu rechnen: wir könnten damit eben ſo gut Waſſer als Blut flieſſen laſſen.“ „Gut!— Büchſen haben langen Arm. Er ſagen ſo, Indianer glauben. Wenn Ihr meinen, daß Rothhaut gegen das Fort kom⸗ men, werden es dann fertig haben, Kap'in?“ „O, ich hoffe, noch lange vorher, Nick. Mit Frankreich haben wir jetzt wieder Frieden, und ich ſehe ſo bald noch keine Ausſicht 5 L 4 45 45 zu neuen Streitigkeiten. So lange Franzoſen und Engländer mit einander im Frieden ſind, werden die vothen Leute keinem von Beiden ein Leid anzuthun wagen.“ „Das wahr geſprochen, wie ein Miſſionär! Was ein Krieger thun, Kap'in, wenn ſo viel Friede? Krieger lieben den Kriegspfad.“ „Ich wollte, dem wäre nicht ſo, Nick. Doch meine Art iſt hoffentlich für immer begraben.“ »„Nick hoffen, Kap'in ſie zu finden wiſſen, wenn's Noth thut. Sehr ſchlimm, wenn man Etwas weglegen und nicht mehr finden — beſonders Tomahawk. Streit kommen zuweilen wie der Re⸗ gen, ohne daß Ihr daran denken.“ „Ja, das läßt ſich allerdings nicht läugnen. Doch fürchte ich, Nick, der nächſte Streit wird wohl an unſerem eigenen Herde aus⸗ brechen. Zwiſchen unſerer heimiſchen Regierung und dem Volke in den Kolonien hat ſich allmälig viel böſes Blut angeſammelt.“ »Sehr ſeltſam! Dann Bleichgeſicht-Mutter und Bleichgeſicht⸗ Sprößling einander nicht wie Rothhaut lieben?“ „In der That, Nick, du biſt heute Abend ziemlich naſeweis; meine Squaw wird aber neugierig ſein, das Innere des Hauſes ſo gut wie die Außenſeite zu beaugenſcheinigen, und ſo muß ich dich wegen der Antwort an jenen ehrlichen Burſchen da unten verweiſen. Sein Name iſt Mike— ich hoffe, er und du werden immer gute Freunde bleiben.“ Mit dieſen Worten führte der Kapitän ſeine Frau unter freund⸗ lichem Kopfnicken nach dem Hauſe, indem er einen ſchon feſtge⸗ tretenen Fußpfad einſchlug, der ſich als eine Art Dar an dem Ufer des Flüßchens hinſchlängelte. Nick nahm den Kapitän beim Wort, und trat dem Irländer mit der größten Unbefangenheit entgegen, indem er ihm nach Art der Bleichgeſichter zum Zeichen der Freundſchaft die Hand bot. „Wie geht's, Mike?“ ſprach er ihn an.—„Sago— Sago 7 46 — mir lieb, daß du kommen— guter Burſche— trinken Santa⸗ cruz mit Nick?“ „Wie geht's, Mike!“ rief der Andere, den Tuscarora voll Verwunderung anſtarrend, denn er war die erſte Rothhaut, welche dem Irländer bis jetzt zu Geſicht gekommen war.„Wie geht's, Mike?— Biſt du etwa der alte Nick?— nun gut— du ſiehſt ſo ziemlich gerade ſo aus, wie ich mir's dachte. Aber ſag' mir nur, wie haſt du meinen Namen erfahren?“ „Nick kennen ihn— kennen Alles. Sehr froh, Euch zu ſehen, Mike— hoffe, wir leben zuſammen wie gute Freunde; dort un⸗ ten, da drüben, überall.“ „So, ſo, wirklich? Hol' mich der Teufel, wenn ich mir ſolche Kameradſchaft wünſche. Biſt der alte Nick, nicht wahr?“ „Alter Nick— junger Nick— trotziger Nick— Alles einerlei. Mir gleichviel, wie Ihr rufen, ich kommen.“ „Oho— das iſt ein flinker Burſche! Der Teufel mag dir trauen— du kommſt auch, wenn man dich nicht braucht, ſonſt müßteſt du nicht zu deines Vaters Familie gehören.— Wohnſt du hier herum, Herr alter Nick?“ „Wohne hier— und da unten— in der Hütte und im Wald — wo er wollen— das machen Nick kein Unterſchied.“ Bei dieſen Worten trat Michael einige Schritte zurück und hielt die Augen feſt auf den Andern geheftet, denn jeden Augen⸗ blick erwartete er eine plötzliche, wunderbare Veränderung in deſſen Weſen vor ſich gehen zu ſehen*). Erſt als er eine gute Stellung zum männlichen Widerſtand oder plötzlichen Rückzug, je nachdem eines von beiden nöthig werden ſollte, gewonnen hatte, nahm der Irländer wi eine keckere Miene an, und be⸗ gann das Geſpräch von Neuem. *) Alter Nick iſt nämlich einer der vielen Namen, welche der Irländer dem böſen Feind beilegt— daher Mike's großer Reſpekt vor dem Indianer. D. U. —— 39 ———. 47 „Wenn dir's ſo einerlei iſt, wo du wohnſt,« fragte Mike, „warum bleibſt du nicht daheim, und läßt unſer Einen die Män⸗ tel und Päcke der Damen nach jenem Hauſe tragen, wohin der Kapitän mit ſeiner Frau ſo eben gegangen iſt?«— „Nick ſie tragen helfen. Er haben ſchon hundertmal Sachen für jene Squaw getragen.“— „Für wen?— Meinſt du etwaä Madame Willoughby mit jenem ſpitzbübiſchen Namen?“ „Ja; Kap'ins Frau— Kap'ins Squaw, die meinen ich. Tra⸗ gen Bündel, Korb ſchon hundertmal für ſie.“ „Ei, ſo ſoll mich doch der Himmel vor ſolcher Frechheit und Unverſchämtheit bewahren!“— Mit dieſen Worten legte der Irländer die Kleiderbündel nieder und blickte dem Indianer mit tiefem Unwillen in's Geſicht.„Hat man je einen ſolchen Lügner gehört! Weißt du auch, Herr alter Nick, daß Madame Wil⸗ loughby von Leuten deinesgleichen nicht einmal den Saum ihres Gewands berühren ließe? Sie würde dir nicht einmal erlau⸗ ben, auf demſelben Pfade mit ihr zu gehen, viel weniger ihr Gepäck zu tragen. Ich ſetze meinen Kopf zum Pfande, du biſt ein großer Lügner, alter Nick, und das von Grund deines Herzens.“ „Nick großer Lügner,“ gab der Indianer gutmüthig zur Ant⸗ wort, denn er kannte ſeinen Ruf in dieſem Punkte zu gut, als daß er es zu läugnen für nöthig gehalten hätte.„Warum denn nicht? Lüge manchmal nützlich!“ „Das iſt was anders! O du infamer Schurke! Ich hätte große Luſt, jetzt gleich über dich herzufallen, um zu ſehen, was ein ehrlicher Mann in offenem Kampfe gegen dich vermag! Wenn ich nur wüßte, was für Zehen du unter dieſen hübſchen Dingern, deren du dich als Schuhe bedienſt, an den Füßen trägſt, dann wollte ich dich ſchon lehren, von unſerer Herrin in anderem Tone zu ſprechen.“— —— 48 „Sprechen ſo gut er's verſtehen. Nick nie in der Schule ge⸗ weſen. Heißen Squaw— gute Squaw. Was willſt du weiter?“ „Bleib' mir vom Leib! Kommſt du mir nur einen Schritt näher, ſo falb ich über dich her, wie der Hund über den Stier, und wenn du mich gleich durchbohrſt. Was in aller Welt brachte dich in dieſe friedliche Niederlaſſung, wo nichts als Ehrbarkeit und Tugend zu finden iſt 2*G Was Mike noch weiter geſagt haben würde, wiſſen wir nicht, denn der Kapitän gab Nick in dieſem Augenblick ein Zeichen, und dieſer entfernte ſich alsbald mit ſeinen gewöhnlichen, langen Schrit⸗ ten, während der Irländer noch immer ſeine Vertheidigungsſtellung beibehielt, ehrlich geſtanden aber herzlich froh war, daß er den Wil⸗ den los geworden. Zum Unglück für Mike hatte Ioel das Geſpräch mit angehört; mit ſeinem angeborenen Scharfblick hatte er Mike's Irrthum ſogleich erkannt, und trat jetzt zu ſeinem Gefährten, ganz und gar nicht in der Abſicht, ihn über denſelben aufzuklären. „Habt Ihr die Kreatur da geſehen?“ fragte Mike mit Nachdruck. „O ja— man ſieht ihn oft hier im Blockhaus. Man könnte ſogar ſagen, er verlebe die Hälfte ſeiner Zeit hier unter uns.“ „Das muß ein ſauberes Leben ſein mit dieſem Schurken! Warum duldet Ihr aber den Landſtreicher? Er paßt doch nicht in die Geſellſchaft von Chriſten.“ „O, wir ſuchen oft eifrig ſeine Geſellſchaft, Mike. Wenn Ihr ihn einmal beſſer kennt, werdet Ihr ihn wohl gerner haben.— Kommt— auf mit den Bündeln— wir müſſen folgen; der Ka⸗ pitän ſchaut ſich nach uns um, wie Ihr ſeht.“ „Das glaub' ich wohl, denn er wird ſich ſehr verwundern, uns in ſolcher Geſellſchaft zu ſehen! Wird der Burſche wohl der Miſſes ein Leid anthun?“ „Ei bewahre. Ich ſag' Euch ja, Ihr werdet ihn noch ganz lieb gewinnen, wenn Ihr ihn erſt einmal genauer kennet.“ „Wenn das geſchieht, dann dürft Ihr mich verbrennen! Sagt ——9,— 49 er nicht ſelbſt, er ſei der alte Nick; ich hab' mir den Kerl auch nie anders vorgeſtellt, als eben in dieſer ſcheußlichen Geſtalt. O! er ſieht teufliſch genug aus— für zwanzig alte Nicks.“ Um dem Leſer nicht eine übertriebene Meinung von Michaels Leichtgläubigkeit beizubringen, müſſen wir hier anfügen, daß Nick ſein Geſicht wenige Tage zuvor in einem Anfall von Laune friſch bemalt hatte, und zwar die eine Hälfte ſchwarz, die andere dunkel⸗ roth, mit einem weißen Ring um beide Augen;— eine Toilette, welche in Folge mehrerer ſchwelgeriſcher Nächte in große Unordnung gerathen war, da die Geſchäftigkeit des Morgens keine Verbeſſerung zugelaſſen hatte. Dazu ſein Anzug— eine wollene Decke mit rothen und gelben Verzierungen, Beinkleider und Moccaſſins auf gleiche Weiſe mit Zierrathen beſetzt— was ſämmtlich zu Mike's augenblicklicher Myſtifikation beigetragen hatte. Dieſer folgte ſei⸗ nem Gefährten in finſterem Unmuth und beobachtete fortwährend die Geſtalt des Indianers, der, von dem Kapitän nach einer von den Scheunen geſchickt, mit weiten Schritten über die Ebene hineilte. „Ich wollte wetten, der Kapitän wird den Burſchen nicht unter uns dulden; er hat ihn in den Wald gejagt, ſeht Ihr, wie einen ächten Waldteufel, der er auch wirklich iſt! Und eine ſolche Kreatur ſollte mit unſerer Herrin ſprechen! Sollte ich nicht lie⸗ ber über ihn herfallen?— Ja, das wollte ich weit eher, als daß er ein unhöfliches Wort an eine Dame ihresgleichen richtete! Er hat ganz gewiß Klauen an den Füßen, wenn er ſie gleich mit ſeinen feinen Stiefeln zu verbergen weiß. Hol' mich der Teufel, ich wollt' ihn nicht übel an den Zehen zupfen.“ 4 Jetzt ſah Joel erſt, wie tief Michael ſich in den Irrthum ver⸗ ſtrickt hatte, und da er wußte, daß dieſer doch bald ſchwinden müßte, ſo beſchloß er, aus der Noth eine Tugend zu machen und ſeinem Freund die Wahrheit zu eröffnen; das Vertrauen, das er ihm jetzt bewies, ſollte ihm, wie er hoffte, für die Zukunft Gelegenheit zu hundert boshaften Streichen bieten.“ Wyandotté. 4 „Klauen!“ wiederholte er voll Verwunderung.„Und warum glaubt Ihr denn, daß ein Indianer Klauen trage, Mike?“ „Ein Indianer! Nennt Ihr denn dieſe ſcheußlich bemalte Geſtalt einen Indianer, Joel? Iſt's nicht einer von Euren Yankeeteufeln?2“ „Ei, ſo geht doch mit Eurer iriſchen Einfalt. Glaubt Ihr denn, der Kapitän würde einen Teufel bei ſich beherbergen? Der Burſche iſt ein Tuscarora, und hier eben ſo gut bekannt, als der Herr des Blockhauſes ſelbſt. Er heißt der trotzige Nick.“ „Ja, der trotzige alte Nick— ich hab's aus ſeinem eigenen Munde, denn ſelbſt der Teufel wird kaum ein ſolch' lügneriſcher Schuft ſein, daß er ſeinen eigenen Namen verläugnete. O, s iſt ein brüllendes Thier, ganz gewiß; die Fangzähne, von denen Ihr ſprecht, habe ich zwar nicht mit eigenen Augen geſehen, der Kerl hat aber ein Maul, daß ein ganzer Korb voll darin Platz hätte.“ Joel ſah jetzt wohl, daß er ernſtlicher zu Werke gehen mußte, wenn er ſeinen Gefährten enttäuſchen wollte, denn Mike glaubte alles Ernſtes, er ſei einem amerikaniſchen Teufel begegnet, und es bedurfte keiner geringen Beredſamkeit, um ihn vom Gegen⸗ theil zu überzeugen.— Wir wollen Joel dieſe ſchwierige Aufgabe, die er endlich auch glücklich löste, allein überlaſſen, und dem Kapitän und ſeiner Frau nach dem Blockhauſe folgen. Herr und Frau vom Hauſe muſterten die ganze Umgebung ihres künftigen Wohnſitzes mit neugierigen Blicken. Vor dem Hauſe trafen ſie Jamie Allen, den ſchottiſchen Maurer, welcher gern hören wollte, was man von ſeiner Arbeit ſagen würde; außer ihm waren noch einige andere Handwerksleute zu ſehen, Alle ſo ziemlich von derſelben Neugierde beſeelt, wie ſie etwa der Neuling in der Literatur empfindet, ehe er die erſte Kritik ſeines Werkes zu Geſicht bekommen hat. Das Aeußere des Blockhauſes gewann des Kapitäns volle Zu⸗ friedenheit. Die Ringmauer war nicht nur feſt und ſolid, ſondern 51 ſogar hübſch zu nennen; und dieß war in gewiſſem Grade der Qualität der Steine— eben ſo ſehr aber auch Jamie's Geſchick⸗ lichkeit in deren Verwendung zuzuſchreiben. Mauer und Kamine, deren man nicht weniger als ſechs zählte, waren gut mit Kalk überworfen, der auch die innere Verkleidung des Ganzen bildete. Die Thore waren maſſiv aus vier Zoll dicken Eichplanken gezim⸗ mert, ſo daß ſie ſelbſt dem furchtbarſten Angriffe zu widerſtehen vermochten; die ſchweren eiſernen Angeln fanden ſich bereits an ihrer Stelle; die ſchwierige Aufgabe aber, die Flügel einzuhän⸗ gen, hatte man auf einen freien Augenblick verſchoben, wo man die geſammten Kräfte der Dienerſchaft zu dieſem Zwecke verwen⸗ den konnte. So ſtanden ſie denn zu beiden Seiten des Thorwegs an die Mauer gelehnt, und glichen zwei trägen Schildwachen, welche ſich zu gut vor einem Angriffe geſichert fühlen, als daß ſie die Augen aufzuheben für nöthig hielten. Die verſchiedenen Handwerksleute umringten den Kapitän; Je⸗ der wollte ihm ſeinen eigenen Antheil an dem vollbrachten Werke zeigen. Man war den Winter über in der That nicht müſſig ge⸗ weſen, und da die nöthigen Materialien im Ueberfluſſe vorhanden waren, ſo hatte Kapitän Willoughby alle Urſache, mit dem, was er für ſein Geld erhielt, zufrieden zu ſein. Von der übrigen Welt abgeſchloſſen, hatten die Leute munter und mit geringer Unter⸗ brechung gearbeitet, denn dieſe Arbeit bildete zugleich ihre Erholung. Mrs. Willoughby fand den Theil des Gebäudes, der für ihre Familie beſtimmt war, vollkommen fertig und mit allem Nöthigen verſehen. Derſelbe begriff die ganze Front öſtlich vom Thorwege und die größere Hälfte des Flügels, der bis zum Felſen zurücklief. Die Einrichtung war zwar einfach, aber Alles nett und behaglich, das Getäfel freilich nur zehn Fuß hoch, für jene Zeit aber und in der Kolonie ſchon an ſich ein wahrer Luxus; und waren auch Jamie's Gypsdecken keineswegs ſo untadelhaft wie ſein Mauerwerk, ſo hatte doch jedes Zimmer ſeinen doppelten An⸗ wurf, der ſich durch das Weißen ganz ſauber und reinlich ausnahm. 4* Das Ende des Flügels, der an den Felsabhang ſtieß, diente zum Waſchhaus; eine Pumpe ſtand in Bereitſchaft, um das nö⸗ thige Waſſer aus dem Flüßchen heraufzuſchaffen. Dieſem zunächſt kam die Küche, eine weite geräumige Halle von dreißig Fuß Länge und zwanzig Fuß Breite; ihr folgte eine Stube für die höhere Dienerſchaft, dann kamen die Schlafgemächer der Familie, ein großes Wohnzimmer und ein Bibliothek⸗ oder Arbeitszimmer für den Kapitän. Da die ganze Enfilade auf dieſer Seite faſt zweihundert und fünfzig Fuß Ausdehnung hatte, ſo mangelte es nicht an Raum zu jeder Bequemlichkeit. Der gegenüberliegende weſtliche Flügel des Gebäudes war mehr zu wirthſchaftlichen Zwecken beſtimmt. Er enthielt einen Speiſeſaal, verſchiedene Schlafzimmer für die Dienſtboten und Arbeiter, nebſt Vorrathskammern, Speichern und Rumpelſtuben aller Art. Die lange Reihe von Bodenkammern war für die verſchiedenen Zwecke der Haushaltung und Landökonomie ſehr wohl geeignet. Fenſter und Thüren gingen alle auf den Hof zu; die Außenſeite des Block⸗ hauſes, die hölzerne ſowohl als die ſteinerne, war ohne alle Oeff⸗ nung. Der Kapitän beabſichtigte zwar, ſeiner Zeit zwiſchen den Baumſtämmen Schießſcharten anzubringen, ſo daß die dahinter geſtellten Schützen die verſchiedenen Fronten des Gebäudes be⸗ ſtreichen könnten; doch war dieſes Vertheidigungsmittel gleich den Thorflügeln auf einen günſtigeren Augenblick verſchoben worden. Unſere treffliche Matrone war mit den häuslichen Einrichtungen höchlich zufrieden— ſie übertrafen bei Weitem Alles, was ſie in den verſchiedenen Kaſernen, worin ſie gewohnt, geſehen hatte, und ein frohes Lächeln ſtrahlte in ihren hübſchen Zügen, während ſie ihrem Gemahl von Zimmer zu Zimmer folgte und ſeine Erläute⸗ rungen anhörte. Als Beide ihre eigenen Gemächer betraten— dieſe waren vollkommen zu ihrem Empfange hergerichtet— zwang der Re⸗ ſpekt ihre Begleiter, zurückzubleiben und ſie abermals allein zu laſſen. „Nun, Wilhelmine,“ fragte der glückliche Gatte— glücklich, —— 53 weil er Freude und Zufriedenheit auf den milden Zügen und in den reinen, blauen Augen eines der edelſten weiblichen Weſen gewahrte —„nun, Wilhelmine,“ fragte er,„glaubſt du jetzt wohl, daß du Al⸗ bany und alle Bequemlichkeiten in den Wohnungen deiner Freunde aufgeben und dich mit einem Hauſe wie dieſes wirſt begnügen kön⸗ nen? Es iſt nicht wahrſcheinlich, daß ich noch ein ſchöneres Haus erbauen werde; wenn Bob einſtens nach mir kommt, ſo mag er thun, was ihm beliebt. So muß uns denn dieſes Gebäude— halb Haus, halb Kaſerne, halb Fort— für den Reſt unſerer Tage als Wohnſitz dienen. Hier ſind wir für das ganze Leben lang einblokirt.« »Ich bin mit Allem zufrieden, Willoughby; es iſt geräumig, behaglich, warm, kühl und ſicher. Was kann eine Frau, eine Mutter mehr verlangen, wenn ſie von denen, die ihrem Herzen am nächſten ſind, umgeben iſt? Nur auf die Sicherheit ſei ja recht bedacht, Hugh. Vergiß nicht, wie weit wir von jeder Hülfe ent⸗ fernt ſind, und wie raſch und wild die Indianer bei ihren An⸗ griffen verfahren. Zweimal ſchon waren wir nahe daran, durch ſolche Ueberfälle den Untergang zu finden, und Gottes Vorſicht mehr als unſere eigene Wachſamkeit ſchützte uns vor Verderben. Wenn dieß in Garniſonsſtädten mitten unter den königlichen Trup⸗ pen geſchehen konnte, wie viel leichter wäre es hier möglich, da wir nichts als gewöhnliche Taglöhner zur Bewachung haben!“ „Du übertreibſt die Gefahr, liebes Weib. In dieſem Theile des Landes gibt es keine Indianer, welche eine Niederlaſſung, wie die unſere, zu beläſtigen wagen. Wir zählen im Ganzen dreizehn kräf⸗ tige Männer nebſt ſieben Frauen, und könnten im Nothfalle ſieb⸗ zehn bis achtzehn Flinten und Büchſen zum Kampfe ſtellen. Von Stämmen wird wohl Keiner in einer Zeit allgemeinen Friedens und in ſolcher Nähe von den Kolonien Feindſeligkeiten anzuſpinnen wagen; was einzelne Landſtreicher betrifft, welche vielleicht zu Raub und Mord aufgelegt wären, ſo ſind wir für dieſe viel zu ſtark, und können ihretwegen unſer Haupt ruhig zum Schlummer niederlegen.“ 54 „Das kann man niemals wiſſen, theuerſter Hugh; oft kann ein herumziehender Trupp, und zählte er auch nur ein halbes Dutzend, für eine weit überlegene, aber ungerüſtete Zahl zu viel werden. Ich hoffe, du wirſt wenigſtens die Thore einhängen laſſen; wenn die Mädchen auf den Herbſt kommen— ich könnte wahrlich nicht ſchlafen, ohne daß die Thore in den Angeln hingen.“ „Fürchte nichts, Liebe,“ erwiederte der Kapitän, und küßte ſeine Frau voll männlicher Zärtlichkeit.„Was Maud und Beulah betrifft, die mögen kommen, ſobald ſie wollen, ſie werden uns immer willkommen ſein; wo könnten ſie auch ſicherer ruhen, als unter den Augen ihres Vaters?“ „Ich ſorge nicht ſowohl um meinetwillen, Hugh; aber vergiß nur die Thory nicht, bis die Mädchen kommen.“ „Alles ſoll nach deinem Wunſche geſchehen, geliebtes Weib. Zwar wird es ein ſchwer Stück Arbeit geben, bis zwei ſo ſchwere Holzmaſſen in den Angeln hängen; wir müſſen eben einen Tag wählen, wo Alles zu Haus und zum Arbeiten willig iſt. Nächſten Samſtag will ich Revue halten, und Einmal in jedem Monat ſoll das ganze Jahr über eine Muſterung ſtattfinden, wo alle Waffen gereinigt und geladen, und für den Fall eines etwaigen Allarms die nöthigen Befehle gegeben werden. Es wäre eine Schande für einen alten Soldaten, wenn er ſich von bloßen Vagabunden über⸗ rumpeln ließe. Dazu bin ich viel zu ſtolz, und ſo magſt du denn in Frieden ſchlafen.“ „ Ja, ja, thue das, theuerſter Hugh.“— Mit dieſen Worten ſetzte Mrs. Willoughby ihren Weg durch die Zimmer fort, indem ſie fortwährend über die Sorgfalt, mit der man beſonders in ihren eigenen Gemächern auf alle Bequemlichkeit bedacht geweſen war, ihre volle Zufriedenheit ausdrückte. Kurz, das Innere des Blockhauſes bot ganz jenen eigenthüm⸗ lichen Kontraſt zwiſchen Civiliſation und roher Einſchränkung dar, wie er auf der amerikaniſchen Gränze, wo Leute von der feinſten Erziehung mit der Wildniß und ihrer Lebensweiſe oft in die genaueſte Berührung kommen, ſo häufig vorkommt. Teppiche waren in Ame⸗ rika im Jahre unſers Herrn 1765 in einer Haushaltung noch nicht ſo ganz einheimiſch, wie heutzutage; man traf ſie wohl zuweilen, doch ſelten größer, als daß ſie gerade die Mitte des Zimmers bedeckten. Eines dieſer wichtigen Einrichtungserforderniſſe für kalte Klima's ſchmückte denn auch den Boden in Mrs. Willonghby's Wohnzim⸗ mer, und nahm volle zwei Drittel der weißen, blanken Dielen ein. Es war dieß die eigentliche Ritterhalle des Blockhauſes, die eben⸗ ſowohl zum Speiſeſaal, wie zum Salon diente, und in der Länge zwanzig, in der Breite aber vierundzwanzig Fuß Ausdehnung hatte. Die Stühle waren maſſiv und reich verziert; in dem ſchwarzen Ma⸗ hagoni der Tiſche hätte man ſich ſpiegeln können; kleine Büffets— der Kapitän war nämlich ein feiner Weinkenner— Schreibtiſche, Armoirs und andere dergleichen Möbel, wie man ſie im Laufe von zwanzig Jahren für die Haushaltung geſammelt hatte, waren theils auf Schlitten, theils zu Waſſer herbeigeſchafft worden. Die Mode hatte in jenem einfachen Zeitalter wenig mit einer ſolchen Ausſtat⸗ tung zu ſchaffen; nahm ja doch ſelbſt der Sohn keinen Anſtand, die Kleider des Vaters noch Jahre lang zu tragen, nachdem der Schnei⸗ der ſie ſchon längſt ausrangirt hatte. Maſſives altes Hausgeräthe insbeſondere ging immer von einer Generation auf die andere über, und unſere Matrone ſah bei ihren Möbeln manche Artikel, welche ſchon ihrem Großvater gehört hatten, unter dem erſten Dache ver⸗ ſammelt, das ſie in Wirklichkeit ihr eigenes nennen konnte. Zuletzt ging Mrs. Willoughby in die Speiskammern. Dort fand ſie die beiden Pliniuſſe mit Mari', der Schweſter des Aelte⸗ ren, Lischen, der Frau des Jüngeren, und Mony— alias Desdemona — einer Seitenverwandten, deren Genealogie ſelbſt des Königs Wappenherold nur mit Mühe ausfindig gemacht hätte, ſo ſchwer war es zu beſtimmen, ob ſie Mariens Baſe, Tante oder Stief⸗ tochter war, oder gar alle drei Verwandtſchaftsgrade zumal in ſich vereinigte. Die Weiber waren ſehr eifrig an der Arbeit; Lischen ſang dabei ſo laut, daß man's im naheliegenden Walde hören konnte. Mari'— der Name wurde nämlich mit ſtarker Be⸗ tonung der letzten Sylbe, etwa wie Maria ohne den Endvokal, ausgeſprochen— Mari' war das Haupt der Küche, und ſelbſt Pli⸗ nius der Aeltere ſtand in zitternder Ehrfurcht vor ihrer Hoheit; ihre Befehle an Bruder und Neffen ertheilte ſie in einem Engliſch, das in drei Dialekte— den angelſächſiſchen, plattdeutſchen und den von Guinea— zerfiel: eine Miſchung, welche ihre Rede zu einem drolligen Gemengſel von Gemeinem und Klaſſiſchem machte. „Hierher, ihr Negger,“ rief ſte.„Warum ſpringt ihr nicht wie beim Paustanz? Ueberall bedarf man eurer Hände, zuweilen auch eurer Füße. Teller abzuwaſchen, Geſchirr auszupacken, Waſſer zu ſieden, Meſſer zu fegen— nix, nix darf da fehlen. Hilf Him⸗ mel! da iſt Madame, und die ganze Küche in Diffuſion.“ „Nun, Mari' rief der Kapitän gutgelaunt,„du tobſt ja, als ob du hier ſchon ſechs Monate wohnhaft wäreſt und alle Fehler und Mängel des Platzes kennteſt.“ 3„Kann nit helfen, Maſſa, muß ſchelten in einer Zeit wie dieſe. — Pack dich fort von den Tellern, du große Tapp⸗in⸗die⸗Schüſſel, und laß eine geſchicktere Hand darüber.“ 1 Wir müſſen hier beifügen, daß Lischen von Kapitän Willoughby den Spitznamen„Great Smash“*) ſowohl wegen ihres Umfangs — ihr Gewicht wurde nämlich auf nicht weniger als zweihundert Pfund geſchätzt— als wegen ihrer Geſchicklichkeit im Zertrüm⸗ mern des Geſchirrs erhalten hatte, wogegen Mony unter der mil⸗ deren Benennung„Little Smash“ bekannt war, nicht ſowohl weil Teller und Schüſſeln in ihren Händen beſſer geborgen waren, als weil ſie blos hundert und achtzig Pfund wog. „Das iſt's gerade, was ich ihnen ſage, Maſſa,“ fuhr Mari' in *) Great Smash und Little Smash auf deutſch am beſten mit einem ſchwäbiſchen Provinzialismus—„großer und kleiner Tapp⸗in⸗die⸗Schüſſel“. D. u. ᷣ N* 57 verweiſendem Tone fort, der Rechthaberei und Reſpekt auf eigen⸗ thümliche Weiſe in ſich vereinigte—„das iſt's gerade, Maſſa, was ich ihnen Allen ſage. Ich ſage ihnen nämlich, daß dieß das Jägerhaus und nicht Albonny iſt, ſag' ich: hier iſt kein Kauf⸗ laden, wo man Etwas wieder haben kann, wenn man's zerbricht; keine gute Frau, welche Alles weiß, und Einem ſagen kann, wo man das Verlorene zu ſuchen hat. Wenn nur ſo eine gute Frau da wäre, das ließe ſich hören; aber in den Büſchen da herum gibt's keine Wahrſagerin— nein, nein— geht da einmal ein Silberlöffel verloren, mit dem iſt's vorbei für immer.— Ach du lieber Herr!“— hier ſtarrte ſie auf Etwas im Hof unten— „was iſt denn das da unten?“ „Dieſer da? O nichts weiter, als ein indianiſcher Jägersmann in meinen Dienſten, der uns mit Wildpret verſorgt. So lang er bei uns iſt, Mari', wird dein Bratſpieß nie leer werden. Fürchte nichts, er wird dir nichts anhaben. Er heißt Nick.“ „Alter Nick, Maſſa?“ „Nein, blos trotziger Nick. Der Burſche iſt heut' etwas ſchlampig in ſeinem Anzug; doch hat er, wie du ſiehſt, bereits einige Rebhühner nebſt einem Kaninchen mitgebracht. Wenn die Zeit kommt, wird's auch Wildpret geben.“ Hier brachen ſämmtliche Neger, nachdem ſie Nick eine volle Minute angeſtarrt hatten, in ein ſchallendes Gelächter aus, nicht anders, als ob der Tuscarora ganz eigens nur zu ihrer Beluſti⸗ gung auf der Welt wäre. Der Kapitän war zwar gegen ſeine Dienſtboten ein ziemlich ſtrenger Gebieter, doch hatte er es nie, weder durch Kunſt, noch durch Anſehen, dahin gebracht, dieſen Ausbrüchen der Fröhlichkeit Einhalt zu thun; er führte deßhalb ſeine Frau aus der Küche und überließ Mari', die große und kleine Smaſh, mit Plinius dem Aelteren und Jüngeren ihrem brüllen⸗ den Vergnügen. Ein Freudenſchrei folgte dem andern, bis ſich der Indianer voll beleidigter Würde entfernte. 1 58 So war der Einzug der Familie Willoughby im Blockhaus. Der Plan unſerer Erzählung fordert für die nächſten paar Jahre keine eben ſo genaue Schilderung aller Ereigniſſe; nur den Unter⸗ ſchied müſſen wir dem Leſer noch erklären, welcher dieſe Nieder⸗ laſſung anderen Kolonien der Art einigermaßen unähnlich machte. Mrs. Willoughby erbte noch in demſelben Sommer'65 durch den Tod eines Oheims ein Landgut in Albany, nebſt einigen tau⸗ ſend Pfunden in baarem Gelde. Dies machte den Kapitän zu einem ſehr vermöglichen— für jene Zeit ſogar reichen— Manne, der ſeine Ländereien nunmehr ganz nach ſeinem Belieben verwal⸗ ten konnte. Da letztere von anderen Niederlaſſungen ſo weit ent⸗ fernt waren, daß man noch nicht ſo bald an Landſtraßen denken durfte, ſo hielt er es für überflüſſig, dem natürlichen Laufe der Dinge vorgreifen zu wollen. Die Produktion über Bedürfniß zu ſteigern, hätte ihn nur in Verlegenheit gebracht, da er den Ueber⸗ fluß doch nicht zu Markte bringen konnte, und ohne den gewöhn⸗ lichen Wechſelverkehr des Kaufens und Verkaufens konnte, wie er wohl wußte, eine Bevölkerung von ziemlichem Belange nicht in Ruhe beſtehen. Dann war auch die Stelle des oberſten Komman⸗ danten auf einem ſo iſolirten Poſten, wie der ſeinige, ganz nach ſeinem Geſchmack, und er war es vollkommen zufrieden, im Schooße des Ueberfluſſes auf ſeiner eigenen Hufe zu leben, wo er ſeine Leute, ſein Vieh und ſeine Schweine im Vollauf fütterte, und auch ge⸗ legentliche Abenteurer, wenn ſolche hie und da auf ſeinem Land⸗ ſitze einſprachen, befriedigt und dankbar wieder entlaſſen konnte. So kam es, daß er von ſeinem bedeutenden Gebiete Nichts abtrat—— noch pachtweiſe. Seine ganze Umge⸗ bung beſtand nur aus Familienangehörigen und Miethlingen; Alles, was der Boden ertrug, war ſein Eigenthum. Zum Verkauf wurde nichts abgegeben, als Vieh; jedes Jahr ging ein kleiner Trieb fetter Ochſen und Milchkühe durch den Wald nach Albany, und für den Erlös wanderte eine Sendung ausländiſcher Waaren A „u RK — u— n— ðε—·— nmnn — ¼u— ⏑ nN 59 nach dem Blockhauſe zurück. Die Renten und die Intereſſen aus den Kapitalien ließ man anwachſen, oder verwandte ſie für Ro⸗ bert zum Ankauf einer höheren Offizierſtelle. Die fremden„Pa⸗ tente“ kamen dem Blockhauſe immer näher, und hier und dort begann ein alter Offizier oder ein einzelner Pächter die Wildniß zu lichten, doch Keiner drang bis in ſeine unmittelbare Nähe. Gleichwohl lebte der Kapitän nicht geradezu als Einſiedler. Nachbar Edmeſton auf Berg Edmeſtan, nicht-ganz fünfzig Meilen vom Blockhauſe entfernt— wurde öfter heimgeſucht; auch ſah man den Kapitän zuweilen zu Johnſon Hall bei Sir William, und auf dem Junggeſellenſitz des Sir John am Mohawk; ein oder zwei Mal brachte man ihn ſogar dahin, daß er als erwähl⸗ tes Mitglied für die neugeſchaffene Grafſchaft Tryon(die den Namen eines ihrer Gouverneure führte) an den Grafſchafts⸗Ver⸗ ſammlungen Antheil nahm. 3 — X;. — Viertes Kapikel Sll, milder Abend, dir! Das wunde Herz, Der milde Geiſt voll Andacht dich begrüßen! Du ſchaffſt Erholung, Balſam für den Schmerz, Gib Muſe, um des Denkens Müh' zu füßen. Einſam in ſeiner Zelle ſitzt der Weiſe, Das Weltall mit dem Fernrohr zu erkunden, Und Bild an Bild zieht vor dem Barden leiſe Und lieblich, wie's kein andres Aug' gefunden: Da überfliegt die Ahnung ihn von ſchön'ren Stunden. Sands Wir ſchloſſen unſere eigentliche Erzählung im vorhergeheiin Kapitel mit einer Scene, welche im Frühjahr 1765 im Blockhauſe Statt hatte. Die jetzige eröffnen wir um zehn Jahre ſpäter, im Monat Mai des Jahres 1775, und verſetzen dadurch den Leſer, wie wir wohl kaum zu bemerken brauchen, in die Anfangsperiode der Revolution, deren Ereigniſſe theilweiſe auch in den Gang 60 unſerer Geſchichte eingreifen werden, während da derſelben den obenerwähnten Zeitraum ausfüllte. In der Geſchich te einer ſo ganz neuen Niederlaſſung gelten zehn Jahre für ein volles Jahrhundert. Sind ſie unter gewöhn⸗ lichen Umſtänden auch nicht genügend, um die Spuren eines fri⸗ ſchen Urſprungs zu verwiſchen, ſo bewirken ſie dennoch ſtaunens⸗ rthe Veränderungen. Der Wald iſt geli hat nun freien Jurkitt⸗aber salze Haufen von häßlichen Stum⸗ ſtigen Klötzen geben noch Dieſe Spuren der frühe⸗ gel ein volles Vierteljahrhundert, in ch doppelt ſo lange zu bemerken. indeſſen dem Allem entgangen, denn anzung größtentheils auf den frühe⸗ ren Biberteich beſchränkt, welchen Zeit oder Verweſung ſchon lange vor ſeiner Ankunft von jedem widrig auffallenden Gegen⸗ zünbert hatte. Zwar ward der Wald hier und dort at ſtande gefes ni Morgen weit gelichtet, um für Schen Rande der Ebene mehre awie für Obſtpflanzungen nen und ſonſtige de oenr nenn ſof pase TiiKapitäu, öthigen Raum zu gewinnen;— die anshet wch zu ſären, all⸗ Beinſnpen entifenen u verbrennen laſſen, ſo daß das Ad hieseane in der Ritdervng, lben Anſtrich ſorgfältigen Anbaus zeigte. eſer in(Ge⸗ denſ aanſwi Waldplätze möge ſich jetzt dir Eeſerei gie danken verſetzen: wir ſind in der erſten Woche ds hi Der Früh⸗ monats, die Sonne wird in einer keinn ennatait dem Bibergute tte ſich ziemlich bald eingeſtellt, 3, h aichen bei deſſen wohlgeſchützter Lage lelr aehelich weiter voran, als es in ſolchen hohen Regionen um neſe e der Fall zu ſein pflegt. Die Wieſen prangten in ſaiaen und Aas Weizen⸗ und Roggenfeld glich einer reichen Sanude e Li 8 der Ackergrund hatte ganz das friſche, geglättete Anſehen, s Vorſpiel zu manchen Gegenden ſogar no Kapitän Willoughby war er hatte ſich mit ſeiner Anpfl ———x 61 bei guter Bewirthſchaftung und reichem Boden gewöhnlich iſt. Die Staudenpflanzungen, deren der Kapitän ſeinem engliſchen Geſchmacke zu lieb eine Menge hatte anlegen laſſen, waren ſchon in's Laub geſchoſſen, und auch ein Theil der Wälder begann ſein geheimnißvolles Dunkel mit der zarten Blüthendecke eines ameri⸗ kaniſchen Frühlings zu verhüllen. Der frühere Teich war ſeiner Lage nach ein wahres Wunder ländlicher Schönheit. Nirgends eine Spur von Ungleichheit oder Unvollkommenheit; das Ganze bildete ein breites, ſchöngeformtes Becken, deſſen Umriſſe von der Natur ſelbſt gezeichnet waren— und ſie iſt eine Künſtlerin, welche ſelten des wahren Effekts ver⸗ fehlt. Die Ebene war mittelſt niederer Gitterzäune in Felder ab⸗ getheilt, denn der Kapitän mochte kein wildes Thier auf ſeinen Pflanzungen dulden. Scheunen und Außengebäude waren niedlich gebaut und zweckmäßig angebracht; die drei bis vier Pfade, welche dahin führten, ſchlängelten ſich in zierlichen Krümmungen über das Flachland, was die Schönheit der Landſchaft bedeutend erhöhte. Hier und dort war tief im Walde eine zierliche Blockhütte mit dem nöthigen Zubehöre ſichtbar— die Wohnungen einiger Taglöhner, welche lange daſelbſt gehaust hatten und ihre Tage hier, wo ſie's gewöhnt waren, zu verleben wünſchten. Da die meiſten dieſer Leute verheirathet waren und Familie hatten, ſo war die Seelenzahl der ganzenKolonie mit Einſchluß der Kinder, trotz des Kapitäns Wider⸗ willen gegen eine Vergrößerung, auf weit mehr als hundert ange⸗ wachſen, worunter man dreiundzwanzig rüſtige Männer zählte. Zu ihnen gehörten auch die Müller; ihre Mühlen lagen aber in der Schlucht, wohin man ſie gleich anfangs verlegt hatte, und waren von oben nicht ſichtbar, ſo daß die ganze unſchöne Umgebung einer Sägmühle aus dem reizenden Gemälde ausgeſchloſſen blieb. Den intereſſanteſten Punkt der Landſchaft, der auch am meiſten in die Augen fiel, bildete natürlich das Blockhaus und was dazu gehörte. Dorthin wollen wir jetzt auch unſere Aufmerkſamkeit lenken 62 und ſeinen nunmehrigen Zuſtand mit dem, wie wir ihn vor zehn Jahren beſchrieben, vergleichen. Derſelbe Anſtrich von Vervollkommnung, der uns auf der Ebene begegnete, bezeichnete auch die ganze Umgebung des Blockhauſes, was übrigens keine geringe Arbeit gekoſtet hatte. Alle Felſen⸗ vorſprünge waren, mit Ausnahme des nördlichen Abhanges, völlig verſchwunden; die Steine waren geſprengt und theils zu Grund⸗ mauern, theils zu Unterlagen für die Stacketenzäune verwendet worden. Einer dieſer letzteren umſchloß mit der ſchon erwähnten Ausnahme gegen Norden den ganzen Fuß des Hügels; Jamie Allen, der noch immer als glücklicher Junggeſelle im Blockhaus wohnte, hatte die Aufſicht bei deſſen Einrichtung geführt. Den ſüdlichen Ab⸗ hang des Hügels hatte man in einen Raſenplatz von zwei Morgen Länge verwandelt, der von ſchönen Wegen durchſchnitten und mit Gebüſchen begränzt war. Der Kapitän hatte— ganz gegen die da⸗ malige amerikaniſche Sitte, nur ſeinem eigenen engliſchen Geſchmacke folgend— alle geraden Linien und förmlichen Pfade vermieden und, überall nur der Natur nachhelfend, ihre Werke verſchönert, ohne ſie zu zerſtören. Auf jeder Seite des Raſenplatzes ſtand ein Obſtgarten voll junger, üppig ſproſſender Bäume, welche bereits in ihren kei⸗ menden Blüthen die leiſe Annäherung des Frühlings verkündeten. An dem Blockhauſe ſelbſt war keine weſentliche Veränderung bemerkbar. Kapitän Willoughby hatte es gleich zu Anfang ſo auf⸗ bauen laſſen, wie er es ſpäter zu erhalten gedachte; daſſelbe mit Flittern und Farben zu bedecken, war nie in ſeinem Plan gelegen. So ſtand es denn mit ſeinem weit vorſpringenden Dache, oben braun, unten grau, wie Stein und Holz, aus denen es gebaut war, im Laufe der Zeit geworden waren. Man ſah weder Säu⸗ lengange, noch Stoops**); eine einzige Reihe ausgenommen, waren 8 auch keine Fenſter an der Außenſeite zu bemerken. Die Schieß⸗ * Sind offene Vorplätze am Eingange der Häuſer, wie ſie die hellärdiſche Bau⸗ art in den älteren Kolonien eingeführt hatte— ſ. die ‚Waſſernire⸗S. 3.. I. 63 ſcharten, welche man eingeſchnitten hatte, dienten mehr zur Er⸗ hellung der Bodenkammern, als zu irgend einem andern Zwecke; ſie waren alle mit Glasfenſtern verſehen und entſprachen vollkom⸗ men ihrer urſprünglichen Beſtimmung. Die Thore befanden ſich noch ganz in derſelben Lage, wie wir ſie früher dem Leſer vor Augen geführt haben— die Flügel an die Mauer gelehnt, die Angeln von Zeit und Wetter ſchon mit Roſt überzogen. In zehn Jahren hatte man keinen einzigen Tag erübrigt, wo man ſie hätte einhängen können, obgleich Mrs. Willoughby im Laufe des erſten Sommers häufig auf die Nothwendigkeit dieſes Geſchäfts hinge⸗ wieſen hatte. Doch auch ſie war dermaßen mit ihrer Lage ver⸗ traut geworden, und hatte ſich ſo daran gewöhnt, die Thorflügel an ihrem alten Platze zu ſehen, daß ſie beide eher wie zwei ſchla⸗ fende ſteinerne Löwen oder dergleichen Zierrathe, denn als eine weſentliche Schutzwehr zur Wahrung des Einganges betrachtete. Das Innere des Blockhauſes dagegen hatte mannigfache Ver⸗ änderungen erlitten. Die weſtliche Hälfte war beſſer ausgebaut und enthielt auf dem von der Herrſchaft bewohnten Flügel hübſche Zimmer für die Familie und ihre Gäſte. Die innere Ausſtattung war vervollſtändigt worden, und da man Scheunen, Stallungen und die Wohnungen für die Arbeiter nach dem Rande des Wal⸗ des verlegt hatte, ſo glich das Ganze nun eher dem ausſchließ⸗ lichen Wohnſitze einer angeſehenen, wohlgeordneten Familie. Rückwärts vom Eingang war jetzt auch längs des nördlichen Klippenrandes ein Flügel errichtet worden, welcher den Hof förm⸗ lich einſchloß. Dieſer Flügel, der gerade über dem Flüßchen hing und nicht nur gine höchſt maleriſche Lage, ſondern auch eine rei⸗ zende, liebliche Ausſicht hatte, enthielt die Bibliothek, das Wohn⸗ oder Muſikzimmer, nebſt anderen Gemächern, die den Tag über für die Damen beſtimmt waren; die älteren Theile des Hauſes, welche früher dieſe Beſtimmung hatten, waren jetzt in Schlafzim⸗ mer verwandelt worden. Der Neubau war ganz aus maſſiven, —; ꝗ—jp zubehauenen Baumſtämmen errichtet und kugelfeſt; eine ſteinerne Grundmauer hatte man unnöthig gefunden, da er auf dem vierzig Fuß hohen Felſen ruhte. Dieſer Anbau war der einzige Theil des Herrenhauſes, der nach Außen Fenſter hatte; ſeine Höhe erſchwerte einen Einbruch oder das Eindringen feindlicher Kugeln genugſam, und die friſche Luft, ſowie die freie Ausſicht machten dieſe Ein⸗ richtung doppelt angenehm und wünſchenswerth. Die Wieſen am Fuße des Hügels waren auf dieſer Seite be⸗ ſonders ſorgfältig gehalten und reichten, ſoweit das Auge vom Fenſter aus ſehen konnte, bis an den Rand des jungfräulichen Waldes: Scheunen, Hütten und ſonſtige Außengebäude lagen mehr gegen Süden und außerhalb dieſes Panorama's. Beulah Willoughby, ein ſanftes, ruhiges Weſen, hatte beſonders viel Sinn für Naturſchön⸗ heiten, und ihr hatten die Eltern die Anordnung Alles deſſen über⸗ laſſen, was zum Reize der Landſchaft beitragen konnte: ihrem Ge⸗ ſchmacke verdankte man faſt Alles, was nicht etwa die Natur in ihrer verſchwenderiſchen Pracht gethan hatte. Wilde Roſen mit ihrem friſchen Grün drangen bereits hier und dort aus den Fels⸗ ſpalten, wo man hin und wieder Gartenerde gepflanzt hatte, und die Ufer des Flüßchens, das den Fuß der Klippe beſpülte und ſich in einer Breite von zwanzig Fuß in reizenden Krümmungen durch die Wieſen ſchlängelte— waren mit Weiden und Erlen eingefaßt. Wir kehren wieder zu dem kleinen, mit Geſträuch verzierten Vorplatze zurück, der den Eingang unſerer Schilderung bildete und von dem Kapitän das Glacis, von ſeinen Töchtern aber der Raſen genannt wurde. Es war, wie man ſich erinnern wird, um die Stunde vor Sonnenuntergang, und faſt die ganze Familie hatte ſich hier verſammelt, um die friſche, reine Luft einzuathmen und ſich in dem warmen Hauche des Frühlings zu baden, welcher doppelt erquickend wird, wenn man kaum zuvor der Kälte eines ſtrengen Winters entronnen iſt. Rohe, maleriſche Gartenbänke ſtanden um⸗ her; auf einer derſelben ſaß der Kapitän mit ſeiner Frau— er, ein geſunder, rüſtiger Sechziger, obwohl mit geſprenkelten Haaren— ſie eine wohl erhaltene, ſanftblickende und immer noch hübſche Matrone von achtundvierzig. Vor ihnen ſtand ein ehrwürdig ausſehender Herr von ſchmäch⸗ tiger Geſtalt; ſeine Kleidung beſtand aus ſchmutzigem Schwarz und zeigte einen Schnitt, der zu damaliger Zeit, wo es nicht für ariſtokratiſch galt, die äußeren Zeichen des göttlichen Berufes an ſich zu tragen— den Geiſtlichen verkündigte. Es war der hoch⸗ würdige Jedidiah Woods, der mit dem Kapitän lange Zeit als Kaplan in einem Regimente gedient hatte; er war aus Neu⸗England gebürtig, lebte als Junggeſelle von ſeiner Penſton und hatte in der gedoppelten Eigenſchaft eines geiſtlichen und leiblichen Arztes die letzten acht Jahre bei ſeinem ehmaligen Tiſchgenoſſen zugebracht. Zu ſeinen übrigen Aemtern kam noch das des Lehrers: er unter⸗ richtete die Jugend in den verſchiedenen Zweigen des Wiſſens. Der Kaplan— denn ſo wurde er von Jedermann in und außer dem Blockhauſe genannt— war in dem Augenblicke unſerer Er⸗ öffnungsſcene gerade damit beſchäftigt, ſeinen Freunden den feinen Unterſchied zwiſchen einem Kaulbarſch und einem Stockfiſche zu erklären. Seine Hochwürden, Mr. Woods, waren nämlich ein weit beſſerer Angler als Naturforſcher, und glaubten eben in jenem Augenblick, aber höchſt irriger Weiſe, ein Exemplar letzterer Sorte in der Hand zu haben. Mrs. Willoughby hörte die Abhandlung mit großer Gutmüthigkeit an und verſuchte die ganze Zeit über Intereſſe dafür zu zeigen; der Kapitän brummte von Zeit zu Zeit ſein„Ja“,„Freilich“,„Auf alle Fälle“,„Ihr habt ganz Recht, Woods“, hatte aber fortwährend den Blick auf Joel Stri⸗ des und Plinius, den Aelteren, geheftet, welche ſo eben auf der Ebene unten ein„Land“ beendigt hatten und ihr Geſpann ausſchirrten, da es zu ſpät war, um ein neues anzufangen. Beulah, das hübſche Geſichtchen von einem breiten Strohhut beſchattet, überwachte Jamie Allen bei ſeiner Arbeit: dieſer verſah Wyandotts. 5 66 nämlich jetzt das Amt eines Gärtners, da er als Maurer vor der Hand nichts zu thun fand. Er hatte den Hut auf's Gras gewor⸗ fen, ſo daß ſeine weißen Haare im Winde flatterten, und wollte ſoeben einige Stauden umgraben, um ſie ſodann mit friſchem Dünger zu verſehen. Maud beluſtigte ſich inzwiſchen mit dem Ballſpiel; ſie war ohne Hut, ſo daß ihr die langen, üppigen, ſei⸗ denen Goldlocken über die Schultern hinabwallten und von Zeit zu Zeit ihre glühenden Wangen bedeckten; eifrig ſchwang ſie das Rakett*) und machte ihrer Dienerin, der kleinen Smaſh, welche mittlerweile zu einem Gewichte von vollen vierzehn Steinen*) herangewachſen war, tüchtig zu ſchaffen, wenn ſie in ihrer Aus⸗ gelaſſenheit den Ball weit über den Plan hinausſchleuderte. Dicht daneben waren zwei Männer in einem von den Obſt⸗ gärten mit dem Reinigen von Bäumen beſchäftigt. Auf ſie rich⸗ tete der Kapitän zunächſt ſeine Aufmerkſamkeit, nachdem er den Kaplan eben wieder durch ſein„Ohne allen Zweifel, mein theurer Sir“«— zum Fortfahren ermuntert hatte, obgleich er ſich nicht träumen ließ, daß dieſer eben in dieſem Augenblicke die lautere wiſſenſchaftliche Ketzerei predigte. In dieſem kritiſchen Augenblicke hörte man die kleine Smaſh einen Schrei ausſtoßen, ſo kreiſchend, als ob ſie eben wieder einen Topf zuſammengewettert hätte, und Aller Augen waren alsbald auf ſie gerichtet. „Was gibt's denn, Desdemona?“ fragte der Kaplan etwas barſch, denn er war nichts weniger als angenehm überraſcht, als er ſeine naturhiſtoriſche Vorleſung durch ein Geheul unterbrochen ſah, das ſo gar nicht zu ſeinem Gegenſtande paßte.„Wie oft habe ich dir ſchon geſagt, daß der liebe Gott jede Heftigkeit und Ungezogenheit, wie z. B. dieſes Geſchrei, nur mit Mißvergnügen ſieht?“ *) Inſtrument zum Ballſchlagen. **) Ein Gewicht von ſechszehn Pfunden. D. u. KN N8-*&ł—2, 67 „Kann ihm nicht helfen, domine— kann niemals helfen, wenn's mich ſo plötzlich überraſcht. Seht, Maſſa, dort kommt alter Nick!« Und Nick war's in der That. Seit länger als zwei Jahren ſah man den Tuscarora zum erſten Male wieder mit jenen langen, weiten Schritten auf das Haus zukommen, welche er jedesmal an⸗ nahm, ſo oft er ſich das geſchäftige Anſehen eines Mannes geben wollte, der ſein Geld ehrlich verdiente. Er kam den einzigen Pfad, auf dem ſich ein Fremder dem Blockhauſe nähern konnte— nämlich das Thal herauf. Eben als Desdemona aufſchrie, hatte er in der Richtung der Mühlen den Kamm der Felſen erſtiegen. Er war übrigens noch eine volle halbe Meile entfernt und nur an ſeinem eigenthümlichen Gang zu erkennen, der Allen im Blockhaus nur allzu gut im Gedächtniß war. „In der That, es iſt Nick!“ rief der Kapitän.„Der Burſche kommt wie ein Läufer dahergerannt, als ober eine wichtige Neuigkeit brächte!« „Der trotzige Nick und ſeine Streiche ſind zu gut bekannt, um irgend Jemand hier zu täuſchen,“ bemerkte Mrs. Willoughby, welche ſich in der Geſellſchaft ihres Gatten und ihrer Kinder ſo glücklich fühlte, daß ſie jeden Anſchein von Gefahr von ſich fern zu halten ſuchte. »Die Wilden vermögen dieſen Schritt Stunden lang auszu⸗ halten,“ fiel der Kaplan ein;„einige Naturforſcher wurden dadurch veranlaßt, einen Unterſchied in der menſchlichen Species, wenn nicht gar im Genus bei ihnen anzunehmen.“ „Iſt es ein Kaulbarſch oder ein Stockfiſch, Woods?“ fragte der Kapitän, der ſich von dem vorherigen Geſpräche gerade noch ſo viel erinnern konnte. »Ei,“ bemerkte Mrs. Willoughby ängſtlich,„ich glaube jetzt doch, daß er eine Neuigkeit bringt! Es iſt ja bereits länger als ein Jahr, ſeit wir Nick nicht mehr geſehen haben.“ 3 »Mehr als zwei ſogar, meine Theuerſte. Ich habe das Geſicht des Burſchen nicht mehr erblickt, ſeit ich ihm für ſeine„Ent⸗ deckung“ eines zweiten Biberteiches das Rum fäßchen, das er forderte, 5* 68 abſchlug. Jeden Sommer wollte der Burſche, nach dem Ankaufe unſeres eigenen, einen neuen Teich an mich verhandeln.“ „Glaubſt du, er habe dieſe Weigerung ernſtlich übel genommen, Hugh? Wär' es da nicht beſſer, du gäbeſt ihm, was er verlangt?“ „Ich hab' nur wenig daran gedacht und mich noch weniger darum bekümmert, liebes Weib. Nick und ich, wir kennen uns Beide recht gut. Unſere Bekanntſchaft dauert ſchon an die dreißig Jahre, und hat ihre Proben zu Waſſer und zu Land, ſogar unter der Reitpeitſche beſtanden. Nicht weniger als dreimal war ich genöthigt, dieſe heilſame Lehre mit eigenen Händen über ſeinen Rücken ergehen zu laſſen; doch iſt es jetzt ſchon länger als zehn Jahre, ſeit kein Schlag mehr zwiſchen uns Beiden vorfiel.“ „Kann ein Wilder jemals einen Schlag vergeben?“ fragte der Kaplan mit tiefem Ernſte und großem Erſtaunen. „Ich denke, Woods, ein Wilder kann das eben ſo gut, wie ein civiliſirter Menſch. Ihr habt ja ſo lange in Sr. Majeſtät Armee gedient, und ſo kann Euch alſo das Strafmittel der Hiebe nicht ſonderlich neu ſein.“ „Bei den Soldaten allerdings nicht; das wußte ich aber nicht, daß die Indianer jemals gepeitſcht werden.“ 8 „Das kommt daher, weil Ihr der Ceremonie niemals angewohnt habt.— Aber da kommt Nick in der That, und ſeinem Schritte nach zu ſchließen, muß der Burſche irgend eine Botſchaft oder Neuigkeit zu überbringen haben!“ „Wie alt iſt der Mann, Kapitän? Wird denn ein Indianer niemals altersſchwach? 2 „Nick muß ſtark in den Fünfzigen ſein. Ich kenne ihn ſchon länger als fünfundzwanzig Jahre, und ich muß ſagen, er war ein erfahrener, tapferer und geſchickter Krieger, als wir uns zum erſten Male begegneten. Ich ſchätze ihn auf Fünfzig, keinen Tag weniger.“ Mittlerweile war der Indianer ſo nahe gekommen, daß das Geſpräch aufhörte; Alle ſchauten erwartungsvoll nach ihm hin, und 69 Maud ſammelte in mädchenhafter Verſchämtheit ihre Locken, ob⸗ gleich Nick eigentlich kein Fremder war, Little⸗Smaſh watſchelte in's Haus, um Great⸗Smaſh, dem jüngeren Plinius und Mari' die Neuigkeit mitzutheilen; dieſe Alle florirten nämlich noch in der Küche des Blockhauſes und waren aalfett und glänzend geworden. Bald darauf ſah man Nick anlangen. Er kam unaufhaltſam mit ſeinen weiten Schritten den Hügel heraufgeeilt, und blieb erſt auf fünf bis ſechs Schritte vor dem Kapitän ſtehen; hier machte er plötzlich Halt, kreuzte die Arme und ſtand ruhig und gelaſſen, um nicht das weibiſche Verlangen nach einem Preisgeben ſeiner Geſchichte an den Tag zu legen. Er keuchte nicht einmal, ſondern ſchien ſo ruhig und unbewegt, als ob er die halbe Meile von der Mühle bis zum Blockhaus nicht getrabt, ſondern gemäch⸗ lich gegangen wäre. „Sago— Sago,“ rief der Kapitän herzlich:„Du biſt willkom⸗ men, Nick; ich freue mich ſehr, dich wieder ſo munter zu ſehen.“ „Sago,“ antwortete der Indianer mit ruhigem Kopfnicken in ſeinem Gutturaltone. „Was willſt du zur Erholung nach einem ſolchen Tagmarſche, Nick?— Unſere Bäume geben uns jetzt guten Cider.“ „Santa Cruz beſſer,“ erwiederte der ſpruchreiche Tuscarora. „Santa Cruz iſt allerdings ſtärker,“ antwortete der Kapitän lachend,„und in dieſem Sinne magſt du ihn auch beſſer finden. Sobald wir in's Haus gehen, ſollſt du ein Glas davon haben. Was bringſt du für Neuigkeiten, daß du dich ſo ſehr beeilt haſt? „Glas nicht genug. Nick bringen Neuigkeiten einen Kru g werth. Squaw geben Nick zwei Krüge für ſeine Neuigkeiten, nicht wahr?“ „Ich!“ rief Mrs. Willoughby;„was gehen mich Eure Neuig⸗ keiten an? Meine Töchter ſind Beide bei mir und, dem Himmel ſei Dank! Beide ſind wohl. Was kann ich alſo mit Euren Neuig⸗ keiten zu ſchaffen haben, Nick?“ „Haben keine Kindlein außer den Madeln? Meine Ihr haben 70 einen Jungen— Offizier— großen Häuptling— da droben, dort drüben, hier herum.“ „Robert!— Major Willoughby! Was könnt Ihr mir von meinem Sohne zu erzählen haben?“ „Erzählen Alles für Einen Krug. Krug dort drüben; Nicks Geſchichte aber hier. Das Eine ſo gut wie das Andere.“ „Ihr ſollt Alles haben, was Ihr verlangt, Nick,“— damals gab's noch keine Mäßigkeitsvereine, wo das Gewiſſen ſich ſo hartnäckig zwiſchen Lippen und Flaſche eingedrängt hätte—„Ihr ſollt Alles haben, was Ihr verlangt, Nick, wenn Ihr mir näm⸗ lich wirklich gute Nachrichten von meinem trefflichen Jungen bringt. So ſprecht denn, was habt Ihr zu ſagen?“ „Sagen, Ihr ſehen ihn in zehn, fünf Minuten. Senden Nick voraus, damit Mutter nicht zu viel Geſchrei machen.“ In dieſem Augenblicke ſah man Maud unter lautem Frohlocken den Raſen hinabeilen; den Hut hatte ſie weggeworfen, ſo daß ihr die glänzenden Locken wieder um die Schultern flatterten. Sie flog in der Richtung gegen die Mühle hin, von wo man Robert Wil⸗ loughby ihr entgegenſtürzen ſah. Plötzlich hielt das Mädchen inne, warf ſich auf einen Baumſtamm, und barg ihr Geſicht in den Hän⸗ den. Ein paar Minuten ſpäter lag ſie in den Armen ihres Bruders Weder Mrs. Willoughby noch Beulah ahmten Mauds Unge⸗ ſtüm nach; aber der Kapitän, der Kaplan und ſelbſt Jamie Allen eilten die Straße hinab, um den jungen Major willkommen zu heißen. Zehn Minuten ſpäter ruhte Bob Willoughby an dem Herzen ſeiner Mutter; dann kam die Reihe an Beulah und nach ihr— denn die Neuigkeit hatte ſich ſchon im ganzen Haushalte verbreitet— wurde der junge Mann von Mari', den beiden Smaſh's, dem jüngeren Plinius und ſämmtlichen Hunden bewillkommt. Nach einer ſtürmiſchen Viertelſtunde war übrigens Alles wie⸗ der im alten Geleiſe, und die Ordnung im Blockhauſe ſo ziemlich hergeſtellt. Doch blieb den ganzen Abend über eine ziemliche 6 7 ————— 71 „ Aufregung bemerkbar, denn die plötzliche Ankunft eines Gaſtes konnte in der abgelegenen Kolonie nicht ganz ſo ruhig vorüber⸗ n gehen, um ſo mehr, wenn dieſer unerwartete Gaſt der einzige Sohn und Erbe war. Alles rannte lärmend durcheinander, wäh⸗ 8 rend die Familie im Wohnzimmer verſammelt war, und Major Willoughby ſich noch vor Sonnenuntergang an einer köſtlichen Taſſe 8 Thee erfriſchte. Der Kaplan hatte ſich aus Zartgefühl zurückziehen 0 wollen; der Kapitän aber gab dies nicht zu, denn er wollte Alles r ſo behandelt ſehen, als ob ſein Sohn nur ein gewöhnlicher Gaſt 1 wäre, obgleich man an der Art, wie das zärtliche Auge der Mutter n an ſeinen hübſchen Zügen hing, und wie beſonders ſeine Schweſter Beulah unter dem Vorwande, für ſeine Bedürfniſſe zu ſorgen, ſich ck fortwährend mit ihm beſchäftigte— recht gut bemerken konnte, daß der junge Mann nichts weniger als ein Alltagsgenoſſe war. en„Wie der Junge gewachſen iſt!“ rief der Kapitän, und Thrä⸗ hr nen ſtolzen Entzückens traten ihm in die Augen, trotz ſeines og männlichen Entſchluſſes, ſich ruhig und wie es einem Soldaten il⸗ ziemte, zu zeigen. ie,„Das wollt ich eben auch bemerken, Kapitän,“ verſetzte der n⸗ Kaplan.„Ich glaube, Mr. Robert hat jetzt ſeine vollen ſechs Fuß— s er iſt auf den Zoll hin eben ſo groß, wie Ihr ſelbſt, mein guter Sir.“ ge⸗„Ja, ja, Woods; in Einem Sinne ſogar noch größer. Er iſt len mit Siebenundzwanzig bereits Major— eine Stufe, die ich mit zu doppelt ſo viel Jahren nicht zu erreichen vermochte.“ em„Das kommt daher, mein theurer Sir,“ antwortete der Sohn ach raſch und mit leiſem Beben der Stimme,„weil Sie keinen ſo lte gütigen Vater hatten, wie er mir zu Theil geworden iſt; wenig⸗ Ps, ſtens war der Ihrige nicht eben ſo reichlich mit den Mitteln zum Stellenkaufe verſehen.“ ie⸗„Sage lieber, Bob, er beſaß gar keine; du wirſt kein Gefühl lich verletzen, denn du ſprichſt die Wahrheit. Me in Vater ſtarb als iche Obriſtlieutenant, während ich noch in die Schule ging; mein 8 72 Fähnrichspatent kaufte mir mein Onkel, Sir Hugh, der Vater des jetzigen Sir Harry Willoughby: von da an hatte ich jeden weiteren Schritt meinen langen, harten Dienſten zu verdanken. Die Erb⸗ ſchaften deiner Mutter haben dir zu einem raſchen Avancement geholfen, wiewohl ich hoffe, daß auch einiges Verdienſt von deiner Seite dir Vorſchub geleiſtet hat.“ „Wir ſprechen gerade von Sir Harry Willoughby— da fällt mir ein, Sir, zu welchem Zweck ich theilweiſe den Ausflug nach dem Blockhauſe unternommen,“ begann der Major, die Augen auf ſeinen Vater geheftet, als ob er ihn auf eine unerwartete Neuigkeit vorbereiten wollte. „Wie geht's meinem Vetter?“ fragte der Kapitän ruhig.„Wir haben uns in dreißig Jahren nicht getroffen und ſind einander faſt völlig fremd geworden. Hat er wirklich jene thörichte Partie ge⸗ macht, von der ich letzten Winter in York ſprechen hörte? Hat er ſeine Drohung verwirklicht und ſeine Tochter enterbt? Du brauchſt dich nicht zu geniren— unſer Freund Woods zählt zur Familie.“ „Sir Harry Willoughby iſt nicht verheirathet, Sir, ſon⸗ dern todt.“ „Todt!“ wiederholte der Kapitän und ſetzte ſeine Taſſe plötzlich nieder, wie wenn er einen unerwarteten Schlag erhalten hätte. „Ich hoffe, nicht ohne ſich mit ſeiner Tochter ausgeſöhnt und für ihre zahlreiche Familie geſorgt zu haben?“ „Er ſtarb in ihren Armen und ſo ſcheiterte ſein thörichter Plan, ſeine eigene Haushälterin zu heirathen. Mit einer weſentlichen Ausnahme hinterließ er Mrs. Bowater als Erbin ſeines ganzen Vermögens.“ Der Kapitän blieb eine Weile nachdenklich; die Andern waren Alle ſtumm und aufmerkſam. Endlich konnte die Mutter ſich nicht enthalten, nach der vorhin erwähnten Ausnahme zu fragen. „Nun, Mutter, gegen alle meine Erwartungen und Wünſche hat er mir fünfundzwanzigtauſend Pfund fünfprocentige Kapitalien 73 hinterlaſſen. Ich behalte das Geld übrigens blos als Depoſitär meines Vaters.“ „Das läßt du wohl bleiben, Meiſter Bob, wenn ich dir gut zum Rathe bin!“ ſagte der Kapitän mit Nachdruck. „Ich denke, Sie erinnern ſich, Sir,“ verſetzte der Major, nach⸗ dem er ſeinen Vater eine Weile angeſehen hatte, als ob er ſich überzeugen wollte, ob er auch recht verſtanden worden ſei—„ich denke, Sir, Sie erinnern ſich, daß Sie den Titel erben?2« „»Ich habe das nicht vergeſſen, Major Milloughby; was ſoll mir aber der leere Baronetstitel— mir, der ich als glücklicher Gatte und Vater hier in der amerikaniſchen Wildniß lebe? Wäre ich Oberſt und diente noch in der Armee, dann könnte die Sache von Nutzen ſein; ſozaber wäre mir eine erträgliche Straße von hier nach dem Mohawk lieber, als das ganze Herzogthum Norfolk ohne das betreffende Vermögen.“ „Die fünfundzwanzigtauſend Pfund ausgenommen, iſt aller⸗ dings kein Vermögen vorhanden,“ verſetzte der Major, etwas un⸗ angenehm berührt;„es wäre denn, Sie wollten Ihr eigenes Beſitz⸗ thum hier einſchließen— und das iſt gar nicht unbedeutend, Sir.“ „Für den alten Hugh Willoughby, ehemaligen Kapitän in Sr. Majeſtät 23ſtem Infanterieregimente, wäre es allerdings hinreichend; was anders aber iſt's mit Sir Hugh. Nein, nein, Bob. Laſſen wir die Baronetſchaft noch eine Weile ſchlummern: ſie wurde die letzten hundert Jahre oder auch drüber oft genug in Anſpruch ge⸗ nommen. Außer dieſem Kreiſe hier gibt's wahrſcheinlich keine zehn Per⸗ ſonen in Amerika, welchen meine Anſprüche darauf bekannt ſind.“ Der Major erröthete und ſpielte mit dem Löffel ſeiner leeren Taſſe, während er ein paar verſtohlene Blicke um ſich warf, ehe er weiter antwortete. „Ich bitte um Verzeihung, Sir Hugh— wollte ſagen mein theurer Vater; doch die Wahrheit zu geſtehen, ließ ich mir nichts von dieſem Ihrem Entſchluſſe träumen, und ſprach mit ſehr vielen meiner Freunde von der Sache. Ich habe Sie vor Andern wenig⸗ ſtens ein Dutzend Mal Sir Hugh oder auch den Baronet genannt.“ „Nun und wenn auch, ſo wird die Sache vergeſſen werden. Ein Geiſtlicher kann ſeines Amtes entkleidet werden, Woods; ſo wird man auch einen Baronet entbaroniſiren können, denk' ich.“— „Aber Sir William“— ſo nannte nämlich Jedermann den wohlbekannten Sir William Johnſon in der Kolonie New⸗York— „aber Sir William fand es doch nützlich, Willoughby, und ſo wird wohl auch ſein Sohn und Nachfolger, Sir John, der gleichen An⸗ ſicht ſein,“ bemerkte die ängſtliche Mutter; dienſt du auch nicht mehr in der Armee, ſo dient doch Bob. Es wird unſerem Sohne einſt von großem Nutzen ſein und ſollte darum nicht verloren gehen.“ „Aha, Beulah, ich ſehe ſchon, wie's ſteht; deine Mutter will das Recht nicht verlieren, ſich Lady Willoughby nennen zu laſſen.“ „Ich weiß gewiß, Sir, meine Mutter wünſcht ſich keinen an⸗ dern Titel, als der Ihrer Gattin zukommt: bleiben Sie Mr. Hugh Willoughby, ſo wird auch ſie Mrs. Hugh Willoughby bleiben; aber für Bob könnte die Sache doch von Nutzen ſein, Papa.“ Beulah ſtand bei dem Kapitäne in hoher Gunſt, während Maud blos ſein Schooßkindchen war; er hörte darum auf Alles, was Erfſſtere ſagte, mit vieler Achtung und Nachſicht. Er hatte dem Kaaplan ſchon oft geſagt, ſeine Tochter Beulah beſitze das ächt weibliche Gefühl— einen gewiſſen Inſtinkt für Alles, was ihrem Geſchlechte recht und geziemend erſcheine. „Nun gut, ſo ſoll Bob den Baronetstitel haben,“ ſagte er lächelnd.„Major Sir Robert Wiboughby wird einſt in einer Depeſche nicht übel lauten.“ „Aber Bob kann ihn ja nicht haben,“ rief Maud.„Nie⸗ mand als Ihnen gebührt er, und es wäre doch Jammerſchade, wenn er verloren ginge.“ „So ſoll er denn warten, bis ich ihm nicht mehr im Weg bin; dann mag er ſeinen Titel anſprechen.“ ——— 75 „Iſt das aber auch thunliche“ fragte die Mutter, welche ſich für Alles, was ihre Kinder betraf, intereſſirte.„Geht das an, Mr. Woods?— Kann man einen Titel heute fallen laſſen und morgen wieder an ſich ziehen?— Was glaubſt du, Robert?« „Ich glaube ja, theure Mutter. Er hört nicht auf zu beſte⸗ hen, ſo lange noch ein Erbe vorhanden iſt, und meines Vaters Abneigung dagegen iſt keinen Falls bindend für mich.“ „O, in dem Falle wird alſo Alles noch zum Guten enden; ich möchte nur, da dein Vater des Titels nicht bedarf, daß du ihn jetzt ſchon führen könnteſt.“ Mrs. Willoughby ſagte dieß mit der zufriedenſten Miene von der Welt, wie wenn ſie für ſich ſelbſt kein Intereſſe an der Sache hätte, und damit war die Sache für jetzt abgemacht. Es war nicht leicht, einen Gegenſtand zur Sprache zu bringen, der ihre Familie betraf, ohne daß ihr Herz dabei den Ausſchlag gegeben hätte. Im Jahre unſeres Herrn 1775 war eine Baronetsſtelle in der Kolonie New⸗York ein bedeutender Titel, und verlieh ihrem Beſitzer weit mehr Gewicht, als dieß in England der Fall geweſen wäre. Im Süden gab es ſchon mehrere Baronets; in New⸗JYork aber blos einen, und „Sir John“ war daſelbſt eben ſo gut bekannt, wie Lord Rockingham in England, oder wie ſpäter la Fayette in Amerika den Leuten als „der Marquis“ geläufig war. Unter ſolchen Umſtänden mochte es eine gewöhnliche Frau kein geringes Opfer koſten, den ſtolzen Titel „Mylady“ aufzugeben: unſere Matrone brachte aber das Opfer ohne Mühe, ohne Bedauern— ſie dachte nicht einmal daran. Dieſelbe Hingebung, welche ſie bei ihrer Abgeſchloſſenheit von der Welt, in der Wildniß, in der ſie wohnten, ſo glücklich machte, verdrängte auch alle andern Gefühle, und ließ keinen Raum in ihr für ſolche Eitelkeiten. Das Geſpräch nahm eine andere Wendung, und es war jetzt allgemein angenommen, daß„Sir Hugh“ nicht„Sir Hugh“ ſein, und daß„Sir Robert“ ſeine Zeit erwarten ſollte. „Wie biſt du mit dem Tuscarora zuſammengetroffen, Bob?“ 76 fragte der Kapitän plötzlich, theils aus Neugierde, theils um ein anderes Thema auf's Tapet zu bringen.„Der Burſche war ſo lange von hier abweſend, daß ich ſchon glaubte, wir würden ihn nicht mehr zu ſehen bekommen.“ „Er ſagt mir, Sir, er ſei irgendwo, wahrſcheinlich unter den weſtlichen Wilden, auf dem Kriegspfade geweſen. Es ſcheint, dieſe Indianer befehden ſich zuweilen unter einander, und Nick glaubte wohl, er müſſe ſeine Hand auch mit im Spiele haben. Ich traf ihn gens ſo ehrlich, mir zu geſtehen, daß er im Begriff geweſen ſei, frei⸗ willig hierher zu kommen, wenn ich ihn auch nicht gedungen hätte.“ „Ich ſtehe dafür, das hat er dir nicht eher geſagt, als bis du ihn für ſeinen Dienſt bezahlt hatteſt.“ „Die Wahrheit zu ſagen— nein, Sir. Er behauptete, er brauche einiges Geld in dem Dorfe unten, und ließ ſich deßhalb zum Voraus bezahlen. Ich erfuhr ſeine Abſicht erſt, als wir nur noch wenige Meilen vom Blockhauſe entfernt waren.“ rechten Namen gibſt.„Sir Hugh Willoughby, Baronet vom Blockhauſe, Grafſchaft Tryon, New⸗York“— wie prächtig würde Das lauten, Woods!— Hat Nick nicht mit den Skalpen geprahlt, welche er den Karthagern abgenommen?“ „Er ſpricht, glaub' ich, von drei ſolchen Trophäen, geſehen aber habe ich keine derſelben.“ „Ein wahrer Römerheld!— Uebrigens habe ich Nick in der That als gefährlichen Krieger kennen gelernt. In einem meiner erſten Feldzüge ſtand er uns gegenüber, und unſere Bekanntſchaft ſchreibt ſich daher, daß ich ihm unter dem Bajonette eines meiner eigenen Grenadiere das Leben rettete. Ich glaube, der Burſche dachte noch mehrere Jahre an jenen Vorfall, zuletzt aber habe ich ihm alle Dankbarkeit aus dem Herzen gepeitſcht. Sein ganzes Dichten und Trachten iſt nunmehr auf die kleine Inſel Santa Cruz concentrirt.“ unten zu Canajoharie, und nahm ihn mit als Führer; er war übri⸗ „Ich höre mit Vergnügen, Bob, daß du dem Orte ſeinen V 77 „Da iſt er eben, Vater,“ rief Maud, ihre leichte, gelenkige Geſtalt aus dem Fenſter biegend.„Mike und der Indianer ſitzen am unteren Brunnen beiſammen, ein Krug ſteht zwiſchen ihnen und Beide ſcheinen in tiefem Geſpräche begriffen.“ „Ei, da fällt mir ein— gleich bei ihrer erſten Bekanntſchaft gab es ein komiſches Mißverſtändniß; Mike hielt nämlich den trotzigen Nick für den alten Nick in eigener Perſon. Der In⸗ dianer war eine Weile ſehr bös darüber, daß er für den Teufel ſelbſt gelten ſollte. Doch die beiden Ehrenmänner lernten ſich bald verſtehen, und ehe ſechs Monate vergingen, waren er und der Irländer geſchworene Freunde. Man ſagt, ſobald zwei Men⸗ ſchen ein gemeinſchaftliches Princip haben, welches ſie lieben, werden ſie immer genaue Verbündete werden.“ »Und wie hieß das Princip in dieſem Falle, Kapitän Willougby?« fragte der Kaplan neugierig. „Santa Cruz. Seit Mike nach Amerika kam, verzichtete er förmlich auf den Whiskey und hielt ſich dafür an den Rum. Nick vollends hat ſich nie ſo gemein gemacht, daß er an erſterem Ge⸗ tränke Geſchmack gefunden hätte!“ Die ganze Geſellſchaft hatte ſich während dieſes Geſprächs an den Fenſtern verſammelt, und man ſah in der That Mike mit ſeinem Freunde in der Stellung, wie Maud ſie beſchrieben hatte, daſitzen. Die beiden Liebhaber— Kenner wäre übrigens eben ſo richtig geweſen— hatten ſich am Rande einer köſtlichen Quelle niederge⸗ laſſen und waren eben im Begriff, nachdem ſie den Welſchkornkolben, welchen Plinius, der Jüngere, dem Maaßkruge als klaſſiſche Ver⸗ zierung angehängt, weggenommen hatten— die Tiefe— nicht des Brunnens, ſondern des Kruges— zu ſondiren. Mike, in ſeiner Art ein ächter Spaßvogel, hatte ſich eine in Irland gebräuchliche Sitte, das„Kartoffelſpitzen“ gemerkt— darunter verſteht man nämlich die Kartoffel zu eſſen und auf die Butter zu ſpitzen; ſo erklärte er denn auch jetzt,„Rum und auf's Waſſer ſpitzen“ ſei jedenfalls eben ſo 78 unterhaltend, als ein„Nöſſel Rum“ allein. Dieſem Grundſatze folgend, deutete der Irländer mit einem furchtbaren Grinſen— ſo oft er nämlich lachte, verzog ſich ſein Geſicht von einem Ohr bis zum andern— auf die Quelle, gleichſam als ſpöttiſche Hul⸗ digung für dieſe, und ſetzte dann den Krug an den Mund, der mit Nicks Hülfe bald bis zur Hälfte geleert war. Das Geſpräch hatte während deſſen nicht aufgehört; beide Theile wurden warm und immer wärmer, das Zutrauen mehrte ſich, während die Vernunft merklich abnahm. Da das Geſpräch theil⸗ weiſe auf das folgende Bezug hat, ſo möchte es wohl am Platze ſein, ſeiner hier zu erwähnen. „Du biſt ein wahrer Juwel, wahrhaftig, alter Nick oder junger Nick, wie du willſt!« rief Mike in einem Anfalle von freundſchaftli⸗ chem Enthuſiasmus, nachdem er eben ſeine erſte Halbmaaß getrunken hatte.„Du biſt im Blockhauſe eben ſo willkommen, als ob du deſſen Beſitzer wäreſt, und ich liebe dich, wie ich meinen Bruder liebte, ehe ich die Grafſchaft Leitrim verließ— Friede ſei mit ſeiner Seele!« „Er todt?“ fragte Nick ernſthaft, denn er hatte lange genug unter den Bleichgeſichtern gelebt, um von ihrer Seelentheorie einige Kenntniß zu haben. „Das iſt mehr, als ich weiß; doch, ſei er nun lebend oder todt, jedenfalls muß er eine Seele haben— nicht wahr, Nikolas? Ein menſchliches Weſen ohne Seele iſt, was ich einen Ketzer nenne, und ſo was ließen ſich die O'Hearns niemals nachſagen.“ Nick war ſchon ziemlich angetrunken, doch noch keineswegs ſo ſehr, daß er nicht immer noch eine ernſte und gehörig würdevolle Geberde hätte machen können— dieſe ſollte nämlich bedeuten, daß er mit dem Gegenſtande vertraut ſei. „Hier gehen Alles nach dem alten Schnitte?“ fragte er, ohne übrigens die geringſte Neugierde zu verrathen. „O ja— ja wohl, Nikolas. Alles ſteht beim Alten. Der Kapitän fängt an, alt zu werden; ſeine Frau iſt älter, als ſie früher 79 war; Joel's Weib ſieht aus wie hundertjährig, obgleich ſie noch keine dreißig zählt; Joel ſelbſt, der Schuft, ſieht aus—« ein Schluck aus dem Kruge verurſachte hier eine Pauſe. „Auch garſtig?“*) fiel der ſinnige Tuscarora ein, der kaum die Hälfte von dem verſtand, was ſein Freund ſagte. „Ja wohl garſtig— das iſt er immer.'s iſt ein garſtiger Burſche, der immer glaubt, ſeine Jankee's gehen über Alles.“ Nicks Geſicht bekam hier plötzlich einen Ausdruck, der keines⸗ wegs der Wirkung des Rum's zuzuſchreiben war; er heftete auf ſeinen Gefährten einen jener feurigen Blicke, welche bis auf den Grund des Gegenſtandes, den er anſtarrte, zu dringen ſchienen. „Warum Zleichgeſichter einander haſſen? Warum Irländer nicht lieben Jankee?« „Oho! Die Kreatur noch vollends lieben, meinſt du? Eben ſo gut könnteſt du verlangen, daß ich eine Kröte lieben ſoll. Was iſt denn auch an ihm, was man lieben könnte— nichts als Haut und Knochen? Da wollt' ich ja eben ſo gern ein Skelet lieben! Ja wahrlich, ein unſterbliches Skelet.“ Nick machte abermals eine Geberde und verſuchte dann nach⸗ zuſinnen, als ob er einen großen Plan im Werk hätte. Der Santa Cruz rumorte in ſeinem Gehirn; doch der Indianer verlor nie ganz ſeine Geiſtesgegenwart, ſo lange er wenigſtens noch gehen und ſtehen konnte. „Ihn nicht lieben?“ verſetzte er endlich.„Lieben ſonſt Jemand?“ »Ei ganz gewiß; ich liebe den Kap'in— der iſt ein ächter Gentleman! Und ich liebe die Miſſes— eine wahre Laddy; ich liebe auch Miß Beuly, das ſüße junge Mädchen, und da iſt noch Miß Maud— meine wahre Augenweide! Sag' ſelbſt, iſt ſie nicht ein Weſen zum Entzücken!“ *.) Hier ſteht im Original ein Wortſpiel, das ſich im Deutſchen nicht geben läßt. Mike erzählte eben von Joel's Frau, ſie ſei erſt t'irty(dreißig), ſpricht es aber aus wie dirty(garſtig), und ſo beginnt denn Nick wieder:„Auch dirty?“ 80 Mike ſprach wie ein guter ehrlicher Burſche, und das war er auch von Grund aus— mit Leib und Seele. Dem Indianer ſchien die Rede nicht zu gefallen: aber er gab keine Antwort. „Du haſt alſo Kriege mitgemacht, Nick?“ fragte der Irländer nach einer kleinen Pauſe. „Ja,— Nick wieder Häuptling geweſen— Skalpe genommen.“ „Ach, das iſt doch ein mächtig abſcheulicher Handel! Wenn du das in Irland erzählteſt, man würd' es nicht für möglich halten.“ „In Irland alſo nicht lieben Fechten— ha?“ „Das will ich eben nicht ſagen— nein, das will ich nicht ſagen, denn es gibt dort viele Beluſtigungen, wobei das Fechten das Hauptvergnügen bildet. Bei uns aber liebt man's nur, einem den Kopf durchzubläuen— nicht aber ihn zu ſkalpiren.“ „Jenes ſein eure Sitte— meine Sitte ſein Skalp nehmen. Ihr durchbläuen, ich ſkalpiren— was nun das Beſte?“ „Oh! Skalpiren— das iſt eine ſchreckliche Handthierung; ſo ein bischen Shillaleh*)— das iſt wohl ganz natürlich. Wie viele ſolcher Skalpe haſt du denn bei deinem letzten Feldzuge davongetragen, Nick?“ „Drei— lauter Männer und Weiber— keine Püppchen. Einer davon ſo dick wie zwei; können alſo für vier gelten.“ „Ei, ſo hob dich der Teufel, Nick— du haſt im Ganzen doch eine Ader von deinem Namensvetter in dir. Drei menſchliche Weſen ſkalpirt und noch nicht zufrieden; muß noch ein Stück dazu machen, um vier heraus zu kriegen! Denkſt du denn nie an dein letztes Ende? Haſt du nie gebeichtet?“ „Ich jeden Tag daran denken. Hoffe noch mehr zu finden, ehe der letzte Tag kommen. Hier Fülle von Skalpen; ha, Mike?“ Dieſe Aeußerung war vielleicht etwas unvorſichtig und nur von ſeinem heftigen eingeborenen Verlangen eingegeben. Der Irländer war übrigens nie ein großer Logiker geweſen, und ſeine drei *) Eine Art Fauſtkampf in Irland. D. U. —— 81 Schoppen Rum hatten keineswegs zur Aufhellung ſeines Verſtan⸗ des beigetragen. Er hörte nur das Wort„Fülle“, wußte, daß er wohl genährt und warm gekleidet, und daß beſonders der Santa⸗ Cruz im Ueberfluß vorhanden war— und ſo ſchien ihm das Wort ganz an ſeinem Platze.. „Ja,'s iſt Alles in Hülle und Fülle vorhanden in dieſem Herrenhauſe. Man hat Alles, was man braucht— Nahrung und Bezahlung, Vieh und Korn, Schweine und Predigten; ja, der Teufel ſoll's holen, Nick, auch fogenannte Predigten haben wir; ſie haben aber mit dem, was wir unter Predigten verſtehen, eben ſo wenig Aehnlichkeit, als du dich an Lieblichkeit mit Miß Maud meſſen kannſt— und du wirſt wohl ſelbſt zugeben, Nick, daß du gerade keine Schönheit biſt.“ »Haben ſchönes Haar,“ erwiederte Nick finſter.—„Wie ſie wohl ausſehen ohne Skalp?« „»Wie, was! Ihresgleichen meinſt du? Wer ſah je eine ſolche Schönheit ohne das glänzendſte Haar von der Welt? Was be⸗ kommſt du für deine Skalpe?— Bringen ſie dir denn wirklich einigen Nutzen 2« „O, ſehr viel. Das ganze Land bald froh, ſie zu ſehen— dann Biber wieder in dem Teich.“ »Halt, halt— wie iſt das, Indianer? Biber wieder in dem Teich? Wir haben ja keinen Teich hier, und der Biber iſt doch kein Thier, das man gleich einem Schweine ſchießen kann.“ Nick bemerkte, daß ſein Freund über jede Erklärung hinaus war; er ſelbſt näherte ſich bereits auch jenem Zuſtande, wo der Trunkene ſich über Alles freut, was ihm in den Weg kommt, und ſo wollen wir das Zwiegeſpräch der Beiden hier abbrechen. Der Krug wurde geleert; Jeder hatte ſeine gehörige Portion, und die Folgen davon blieben natürlich nicht aus— und zwar um ſo weniger, als Beide dem Rum ſo eifrig zugeſprochen hatten, daß Wyandotts. 6 82² ſie der Quelle weit weniger Aufmerkſamkeit ſchenkten, als ſich bei deren Nähe hätte erwarten laſſen. Fünftes Kapitel. Die Seele, Herr, iſt grad wie— eine Leier: Rührt eine Saite— auch die andern beben. Wird Euer Nam' genannt, gelobt vom Oheim, Von Euren Thaten nur'ne Sylb' geſprochen, Kommt Nachricht an vom Heer, von Eurer Rücktunft, Berührt man leiſe Eures Herzens Neigung— Gleich glühen ihre Wangen, hoher Glanz Strahlt in dem tiefgeſenkten Blick, der Puls Hüpft muntrer und voll Sehnſucht wallt ihr Buſen. Hillhouſe.. Auf der See und in der Wildniß hat der Einbruch der Nacht immer etwas weit Feierlicheres an ſich, als dieß zu Lande im Mittelpunkte der Civiliſation der Fall iſt. Bei dem Seemann mehrt ſich die Einſamkeit, die ihn umgibt, ſobald der Vorhang vor ſeinen Augen herabgelaſſen iſt, und ſelbſt ſeine ſchlafloſe Wach⸗ ſamkeit wird halb und halb durch die Art und Weiſe vereitelt, wie er von dem gewöhnlichen Maaße der Stunden abgeſchnitten iſt. Denſelben Fall treffen wir im Forſte oder in einer einſamen Lichtung; mit der Dämmerung kleiden ſich die Schatten des Wal⸗ des in ihr geheimnißvolles Dunkel, und nicht die Vorſicht, nicht der gewöhnliche Schutz bewahrt uns dann vor Gefahren. Auch Major Willoughby fühlte noch am Abend des nämlichen Tages die Macht des eben erwähnten Eindrucks, als das Zwie⸗ licht allmälig erloſch und die Schatten des Abends ſich über dem Forſte lagerten, der auf dieſer Seite nur wenige hundert Schritte vom Blockhauſe entfernt war— und den ganzen Schauplatz in ſeiner ruhigen Einſamkeit mit ihrem Dunkel bedeckten: er fühlte ſie in einem Grade, wie er ſie noch nie zuvor empfunden hatte. „Ihr lebt doch an einem ſehr abgelegenen Orte, meine Schwe⸗ ſtern,« begann er nachdenklich; er ſtand nämlich, den Arm um —3—69 u — ꝗ uů——Pò— 83 Beulahs ſchlanke Taille geſchlungen, mit Beiden am Fenſter— Maud hielt ſich dabei etwas abſeits.„Haben Vater und Mutter noch nie davon geſprochen, euch mehr in die Welt zu bringen?« Seit der Vater Grafſchafts⸗Mitglied iſt, kommen wir jeden Winter nach New⸗York,“ gab Beulah ruhig zur Antwort.„Wir hofften das letzte Mal, dich daſelbſt zu treffen, und waren ſehr unangenehm überraſcht, als du nicht kamſt.“ „Mein Regiment wurde, wie ihr wißt, weiter öſtlich beordert, und da ich eben erſt zum Major befördert worden war, ſo hätte ich damals nicht wohl Urlaub nehmen können. Läßt ſich denn außer den Leuten, die zum Gute gehören, noch ſonſt Jemand hier ſehen?« „O ja!“ rief Maud haſtig; dann hielt ſie inne, als ob ſie ihre Worte bereute, und fuhr nach einer kleinen Pauſe in weit ge⸗ mäßigterem Tone fort—„ich meine nämlich von Zeit zu Zeit. Der Ort iſt allerdings ſehr abgelegen.“— „Welcher Art ſind eure Beſuche?— Sind es Jäger, Biber⸗ fänger, Anſiedler, Wilde oder Reiſende?“ Maud gab keine Antwort; ſtatt ihrer nahm Beulah, nachdem ſie einen Augenblick auf ihrer Schweſter Rede gewartet hatte, das Amt der Erwiederung auf ſich. „Einige, wiewohl nur Wenige, gehören zur letzteren Klaſſe,« begann ſie.„Jäger ſprechen häufig ein, während der milderen Jahreszeit jeden Monat einer oder zwei; Anſiedler ſelten, wie du dir leicht denken kannſt, da der Vater nichts verkaufen will und auch nur Wenige in der Gegend ſich aufhalten, wie ich glaube; Indianer dagegen kommen häufiger; doch meine ich, wir hätten ſie während Nick's Abweſenheit ſeltener geſehen, als da er öfter bei uns war. Im Ganzen aber zählen wir mit Einſchluß der Frauen vielleicht hundert Wilde im Jahr, die uns beſuchen; ſie kommen dann immer in kleinen Haufen zu fünf bis ſechs Per⸗ ſonen. Reiſende ſind ein ziemlich ungewöhnlicher Artikel; gewöhnlich 6* 84 ſind's Feldmeſſer, Gütermäckler, vielleicht auch einmal ein Guts⸗ beſitzer, der ſein Ländchen beſucht. Letzten Herbſt, ehe wir in die Stadt gingen, hatten wir zwei der Letzteren auf Beſuch.“ „Das iſt ſonderbar— doch iſt's ja wohl möglich, daß man ſich in einer ſolchen Wildniß nach einem Landſitze umſieht. Wer waren denn jene Gutsbeſitzer?“ „Ein junger und ein ältlicher Mann. Letzterer war eine Art Partner des verſtorbenen Sir William, der, wie ich glaube, in unſerer Nähe ein Patent beſitzt, welches Jener aufſuchen wollte. Sein Name war Fonda. Der Andere iſt einer von den Beeck⸗ mans, und hat neulich ein Gut von beträchtlichem Umfange, nicht weit von uns, von ſeinem Vater geerbt, das er nun beſuchen wollte. Er ſoll hunderttauſend Morgen an einem Stück beſitzen.“ „Und hat er ſein Land gefunden? Landſtriche von tauſend und abertauſend Morgen ſind oft ſchwer aufzufinden.“ „Wir ſahen ihn zweimal, auf dem Hin⸗ und Rückweg, und er hatte ſeine Abſicht glücklich erreicht. Beim zweiten Mal wurde er durch einen Schneeſturm aufgehalten und blieb mehrere Tage bei uns— das heißt ſo lange, daß er uns nach der Stadt be⸗ gleiten konnte. Auch dort haben wir ihn letzten Winter häufig geſehen.“ 3 4 „Und von all Dem haſt du mir nichts geſchrieben, Maud? Sind Beſuche dieſer Art etwas ſo Gewöhnliches, daß du ihrer in deinen Briefen mit keinem Worte erwähnſt?“ „Hab' ich's nicht gethan? das wird mir Beulah kaum ver⸗ zeihen. Sie hält Herrn Evert Beeckman für würdiger, in einem Briefe aufgeführt zu werden, als ich ihn vielleicht finde.“ „Ich halte ihn für einen ſehr achtbaren, verſtändigen jungen Mann,“ gab Beulah ruhig zur Antwort— die Dunkelheit ver⸗ barg die tiefe Röthe, die ihre Wangen übergoſſen hatte.„Ich weiß übrigens nicht, warum er gerade in den Briefen deiner bei⸗ den Schweſtern ſonderlich viel Raum einnehmen ſollte?“ —„— „ 85 „Aha, Etwas hiätte ich alſo doch herausgebracht!“ bemerkte der Major lachend;„nun brauchſt du dir nur noch ein ähnliches Geheimniß über Maud entwiſchen zu laſſen, Beulah, und ich bin ſo ziemlich au fait über alle Familiengeheimniſſe.“ „Ueber alle?“ wiederholte Maud haſtig;„wäre denn nicht auch von einem Bruder von mir, einem gewiſſen Major Willoughby, ein Geſchichtchen zu erzählen?“ „Nicht'ne Sylbe. Ich bin ſo herzgeſund, wie eine kräftige Eiche, und hoffe auch ſo zu bleiben. Auf jeden Fall umſchließt dieſes Haus Alles, was ich liebe. Ihr müßt nämlich wiſſen, ihr Mädchen, die gegenwärtigen Zeiten ſind nicht der Art, daß ein Soldat noch an etwas Anderes, als an ſeine Pflicht denken könnte. Der Streit zwiſchen dem Mutterlande und ſeinen Kolonien ver⸗ ſpricht nächſtens ernſthaft zu werden.“ „Nicht ſo ernſthaft, Bruder,“ bemerkte Beulah bedächtig, daß wirkliche Gefahr daraus zu beſorgen wäre. Evert Beekman iſt der Anſicht, es werde allerdings Unruhen geben, ſcheint aber keinen Augenblick zu glauben, daß die Sache bis zur offenen Ge⸗ waltthat getrieben werden könnte.“. „Evert Beekman!— die Meiſten aus dieſer Familie ſind, glaub' ich, loyale Unterthanen; wie ſteht's aber mit dieſem Evert?“ „Du würdeſt ihn ganz gewiß einen Rebellen nennen,“ gab Maud lachend zur Antwort, denn jetzt kam die Rolle des Schwei⸗ gens an Beulah, ſo daß ihre Schweſter die Sprecherin machen mußte.„Er gehört zwar nicht zu den Wüthenden, aber er nennt ſich mit vielem Nachdruck einen Amerikaner, und das will ſchon viel ſagen, denn er will damit andeuten, er ſei kein Engländer. Sag' einmal, was biſt denn du eigentlich, Bob?“ „Ich!— Nun, in einem Sinne bin ich allerdings Amerikaner, im andern aber auch Engländer. Ein Amerikaner, weil mein Vater aus Cumberland ſtammt; Engländer aber als Unterthan und An⸗ gehöriger des Reichs.“ 86 „So ungefähr, wie St. Paulus ein Römer war. Ha! ha!— Ich ſpiele, fürchte ich, blos eine Rolle, oder müſſen es durchaus zwei ſein, ſo ſind es die einer Amerikanerin und eines New⸗ Yorker Mädchens. Trüge ich eine Scharlach⸗Uniform, wie du, vielleicht daß ich dann auch engliſch geſinnt wäre.“ „Das heißt ein unbedeutendes Mißverſtändniß zu ernſthaft nehmen,“ bemerkte Beulah.„Auf alb die heftigen Reden wird weiter nichts erfolgen, als— abermalige Reden, nur vielleicht noch etwas heftiger als zuvor— ſo lautet Evert Beekmans An⸗ ſicht von der Sache.“ „Ich hoffe und wünſche, daß deine Prophezeiung eintreffen möge,“ verſetzte der Major, auf's Neue in Gedanken vertieft. „Dieſer Ort ſcheint mir für eine Familie, wie die unſrige, doch gar zu abgelegen und gefährlich. Ich hoffe, der Vater wird ſich überreden laſſen, ſich mehr als bisher in New⸗York aufzuhalten. Spricht er wohl zuweilen über den Gegenſtand, ihr Mädchen, oder zeigt er nicht manchmal Unruhe wegen der Zukunft?“ „Unruhe? und worüber? der Ort iſt die Geſundheit ſelbſt: von Fiebern und ſonſtigen Lokalkrankheiten iſt keine Spur zu be⸗ merken. Mama ſagt, ſelbſt vom Zahnweh ſei ſie in dieſem heil⸗ ſamen Klima frei geblieben.“ „Das iſt ein Glück: und doch wünſchte ich, Kapitän Willoughby — Sir Hugh, ſollte ich ſagen— ließe ſich überreden, den größe⸗ ren Theil des Jahres in New⸗York zuzubringen. Mädchen eures Alters ſollten mehr Gelegenheit haben, die Welt zu ſehen.“ „Das heißt mit anderen Worten— Bewunderer zu finden, nicht wahr, Major Bob?“ rief Maud, indem ſie ſich lachend ver⸗ beugte, um ihrem Bruder in's Auge zu ſchauen.„Gute Nacht! Sir Hugh befahl, dich zu ihm in's Bibliothekzimmer zu ſchicken, ſobald wir dich entbehren könnten, und Mylady ließ uns bedeu⸗ ten, daß es bereits zehn Uhr ſei, um welche Zeit man in einem geordneten Haushalte zu Bett zu gehen pflege.“ 87 Der Major küßte beide Schweſtern mit warmer Zärtlichkeit— Beulah kam ſeine Begrüßung ernſt und gemeſſen, Mand dagegen freundlich und liebevoll vor: Beide begaben ſich dann zu ihrer Mutter, während der Major ſeinen Vater aufſuchte. Der Kapitän rauchte in Geſellſchaft des Kaplans in ſeinem Bibliothekzimmer— ſo wurde nämlich das Gemach genannt, wo alle Kopfarbeiten abgemacht wurden. Die beiden alten Garniſons⸗ Kameraden hatten ſich ſo ſehr an dieſe Art des Tabacksgenuſſes gewöhnt, daß ſie in der Regel vor Bettgehen noch eine Stunde ſolcher Erholung widmeten. Dabei möge ſich der Leſer ja nicht durch den Gedanken an feine Havanna⸗Cigarren irreführen laſſen — die beiden Schmaucher kannten nichts Anderes, als Pfeifen, die mit virginiſchem Kraute gefüllt wurden. Zum Anfeuchten trank man etwas Cognac(beſter Qualität) mit Waſſer, der der Sache erſt den rechten Beigeſchmack, die wahre Würze ertheilte; doch war hierbei der Brunnen nicht ebenſo, wie bei den im vori⸗ gen Kapitel erzählten Orgien, außer Acht gelaſſen worden. Ddie beiden Alten hatten eben von dem Major geſprochen, als dieſer die Thüre öffnete. Der Stolz des Vaters, wie die Theil⸗ nahme des Freundes, fanden im Beſprechen des hübſchen, männ⸗ lichen Aeußern, der moraliſchen Vorzüge und künftigen Hoffnun⸗ gen ihres Lieblings faſt gleiche Befriedigung. In einer Hinſicht war ſein Erſcheinen ziemlich ungelegen; doch hatten ſie ihn ſchon längere Zeit erwartet und hießen ihn ſomit freudig willkommen. Der Kapitän bot ſeinem Sohn einen Stuhl und lud ihn ein, an dem Tiſche Platz zu nehmen, auf welchem ein paar übrige Pfei⸗ fen, eine Tabacksbüchſe, eine Karaffe mit trefflichem Branntwein und ein Krug friſchen Quellwaſſers— lauter angenehme Geſell⸗ ſchafter für die beiden älteren Herren— zu ſehen waren. „Du biſt vermuthlich zu ſehr Maccaroni*), Bob, um zu rau⸗ chen,“ bemerkte der Vater lächelnd.„In deinem Alter verabſcheute *) Der engliſche Spottname für„Stutzer“. D. U. 88 ich die Pfeife oder fürchtete mich vielmehr davor— der Pulver⸗ dampf war der einzige Rauch, der damals unter uns Scharlach⸗ röcken Mode war. Nun ſage— wie ſteht es mit Gage und mit euren Nachbarn, den Nankees?« „»Nun, Sir,“ antwortete der Major und ſchaute ſich um, als ob er ſich überzeugen wollte, daß die Thüre geſchloſſen ſei—„die Wahr⸗ heit zu geſtehen, mein jetziger Beſuch, gerade in dieſem Augenblick, hängt mit dem gegenwärtigen Stande jenes Streites zuſammen.“ Der Kapitän wie der Kaplan nahmen Beide die Pfeife aus dem Munde und ſchienen regungslos vor Staunen und Verwunderung. „Zum Teufel auch!“ rief endlich der Erſtere.„Ich glaubte, dieſes unerwartete Vergnügen deinem zärtlichen Wunſche zu ver⸗ danken, mich von der Erbſchaft der leeren Baronetswürde zu be⸗ nachrichtigen!“ „Das war zwar einer, aber nur der geringſte meiner Beweg⸗ gründe, Sir. Ich bitte, das Fatale meiner Lage wohl in's Auge zu faſſen— ein königlicher Offizier mitten unter lauter Feinden!“ „Der Teufel! Ich ſage Euch, Kaplan, das geht noch über Ketzerei und Schisma! In Eures Vaters Haus zu wohnen, das nennt Ihr mitten unter Feinden hauſen, Major Willoughby! das iſt ja Rebellion gegen die Natur, und ſchlimmer noch als Rebellion gegen den König!“ „Mein lieber Vater, kein Menſch auf der Welt hält ſich bei Ihnen oder ſogar bei Mr. Woods hier für ſicherer, als ich. Aber es gibt in dieſem Lande noch andere Leute außer Ihnen Beiden, und ſogar Ihr Wohnſitz möchte keine Woche mehr ſicher ſein, ja würde es ſogar jetzt wahrſcheinlich nicht mehr ſein, wenn meine Anweſenheit bekannt wäre.“ Die beiden Zuhörer legten jetzt ihre Pfeifen bei Seite, und der Rauch begann ſich allmälig wie der Pulverdampf auf einem Schlachtfelde zu zerſtreuen. Einer ſchaute den Andern verwundert an; dann kehrten Beider Blicke voll Neugierde zu dem Major zurück. 89 „Was hat das Alles zu bedeuten, mein Sohn?“ fragte der Kapitän mit tiefem Ernſt.„Hat ſich irgend etwas Neues ereig⸗ net, was die alten Urſachen des Streites noch mehr verwickelte?“ „Blut iſt endlich gefloſſen, Sir, und die Rebellion iſt offen ausgebrochen!“ „Allerdings eine ſehr wichtige Nachricht, wenn dem wirklich ſo iſt. Uebertreibſt du aber auch nicht die Folgen?— haben die Soldaten vielleicht wieder recht unvorſichtig auf das Volk ge⸗ feuert? Du erinnerſt dich doch, wie bei der letzten Geſchichte die Kolonialbehörden ſelbſt den Offizieren Recht geben mußten?“ „O, diesmal lautet die Sache ganz anders, Sir. Nicht in einem Auflauf—o nein, in offener Schlacht iſt diesmal Blut gefloſſen.“ „Schlacht!“ Ihr macht mich ſtaunen, Sir. Das iſt freilich eine ernſte Sache, und ſie kann ſehr ernſte Folgen nach ſich ziehen!“ „Der Herr bewahre uns vor ſchlimmen Zeiten,“ ſtammelte der Kaplan,„und führe uns arme, ſchwache Geſchöpfe auf den Pfad der Ruhe und des Friedens! Ohne ſeine Gnade müßte der Blinde ja ſonſt den Blinden leiten.“ „Wollt Ihr damit ſagen, Major Willoughby, daß bewaffnete, disciplinirte Maſſen in offenem Kampfe einander begegneten?“ „Vielleicht nicht buchſtäblich ſo, mein theurer Vater; aber die kleinen Leute*) aus Maſſachuſetts ſind mit Seiner Majeſtät Trup⸗ pen zuſammengetroffen und haben mit ihnen gefochten. Ich weiß das ganz genau, denn mein eigenes Regiment ſtand im Feld, und ich brauche hoffentlich nicht hinzuzufügen, daß ſein zweithöchſter Offizier dabei nicht fehlte.“ „Natürlich konnten dieſe kleinen Leute— Lumpenpack wäre eine paſſendere Benennung— nicht vor euch Stand halten?“ fragte *) S. die Erklärung in dem Romane„Lionel Lincoln“ S. 143, und über die ganze Affaire der Schlacht bei Lexington ebendaſelbſt Kap. neun und zehne u 90 der Kapitän mit zuſammengepreßten Lippen und ſeinen ganzen militäriſchen Stolz aufbietend. 8 Major Willoughby erröthete; er wünſchte in dieſem Augenblick Seine Hochwürden, Mr. Woods, wenn auch nicht gerade zum Teufel, ſo doch ſicher und wohlbehalten in ein anderes Zimmer, damit er ſeine Antwort nicht hätte hören können. „Nun, Sir,“ begann er endlich zögernd, ja beinahe ſtammelnd, ſo viel er ſich auch Mühe gab, kalt und ruhig zu erſcheinen— „die Wahrheit zu ſagen, dieſe kleinen Leute ſind nicht ſo ganz zu verachten, wie wir Soldaten wohl glauben könnten. Es gab da Steinwälle und allerlei heimliche Hinterhalte, und da wiſſen Sie wohl, Sir, daß gut dreſſirte Truppen nicht den gewöhnlichen Vor⸗ theil für ſich haben. Sie drängten uns ſehr heftig auf dem Rückzug.“ „Rückzug! Major Willoughby!« 4 »Allerdings Rückzug, d. h. Einmarſch in die Garniſon, nachdem der Auftrag, wegen deſſen wir ausgeſendet worden, vollzogen war. Wie geſagt, Sir, wir wurden ſehr hart gedrängt, bis wir Verſtärkung erhielten.“ „»Verſtärkung!— hör' ich recht, mein theurer Bob? Dein Re⸗ giment, unſer Regiment konnte doch keiner Verſtärkung bedürfen, und wäre es ſämmtlichen Nankee's Neu⸗Englands gegenübergeſtanden!« Der Major konnte ſich nicht enthalten, über dieſe Proben von ſeines Vaters esprit de corps ein klein wenig zu lächeln; doch ſeine angeborene Freimüthigkeit und Wahrheitsliebe nöthigten ihn, das Gegentheil einzugeſtehen.. „»Und doch war es ſo, Sir,“ gab er zur Antwort;„ich will die Sache nicht bemänteln und muß alſo ſagen, daß wir ihrer ſehr dringend bedurften. Einige unſerer Offiziere, welche den hitzigſten Gefechten angewohnt hatten, erklären, daß dieſer letzte Tag⸗Marſch, Geknatter und Entfernung zuſammengenommen— der wärmſte geweſen ſei, deſſen ſie ſich erinnern können. Auch unſer Verluſt war nichts weniger als unbedeutend, wie Sie mir 91 wohl glauben werden, wenn Sie hören, was für Truppen im Gefechte waren: wir zählen im Ganzen etwa dreihundert Todte.“ Der Kapitän ſchwieg eine volle Minute. Bleich und gedan⸗ kenvoll ſaß er da, denn er erwog im Geiſte die wichtigen Folgen eines ſolchen Ausbruchs. Dann bat er ſeinen Sohn um eine ge⸗ drängte, aber zuſammenhängende Erzählung der ganzen Affaire. Der Krieger willfahrte ſeinem Wunſche; er begann mit der Schilderung des allgemeinen Zuſtandes der Kolonie, und ſchloß mit einem ziemlich getreuen Berichte des oben erwähnten Ereig⸗ niſſes, ſo weit nämlich dieſe Treue einem Manne möglich wurde, deſſen Standeseitelkeit und politiſche Geſinnung zu tief betheiligt waren, um völlig unparteiiſch ſein zu können. Die Ereigniſſe, welche das hitzige Scharmützel herbeiführten, welches in der Landesgeſchichte die Schlacht von Lexington genannt wird, dieſe ſelbſt mit ihren detaillirten Begebenheiten— das Alles iſt dem Leſer ſo genau bekannt, daß wir ihn einer Wiederholung füglich überheben dürfen. Der Major erklärte auf's Genaueſte alle militäriſchen Geſichtspunkte, ließ der Ausdauer und Kühnheit der Provinzialen— ſo hieß er nämlich ſeine Feinde, denn da er ſelbſt Amerikaner war, ſo wollte er ſie nicht gleichfalls Amerika⸗ ner nennen— volle Gerechtigkeit widerfahren, und gab alle nur erdenklichen Erläuterungen, die er zur Rechtfertigung ſeines„Ein⸗ marſches“ für nöthig hielt. Er that dieß eben ſo ſehr um ſeiner Kindes⸗, wie um ſeiner Eigenliebe Genüge zu leiſten, denn der Kapitän zeigte den Verdruß, welchen er als Soldat empfand, ſo deutlich, daß es ſeinem Sohne ernſtlich Leid that. „»Dieß Alles zuſammengenommen,“ fuhr der Major fort, nach⸗ dem er mit der Erzählung der militäriſchen Manöver zu Ende war,„hatte zur Folge, daß ein ſehr gefährlicher Geiſt über das ganze Land kam, und Gott weiß, was noch daraus werden ſoll!“ »Und das wollteſt du mir alſo ſagen, Robert,“ verſetzte ſein Vater ſehr freundlich.„Du haſt wohl gethan, daß du kamſt— 92 auch durfte ich's nicht anders von dir erwarten. Wir hätten ſonſt wohl den ganzen Sommer hier zugebracht und nicht ein Sterbenswörtchen von einem ſo wichtigen Ereigniſſe vernommen.“ „»Kurz nach der Affaire, ſobald wir nämlich von der Wirkung, welche ſie in den Provinzen hatte, einigermaßen Kunde erhielten, ſchickte mich General Gage mit geheimen Depeſchen an den Gou⸗ verneur Tryon. Dieſer dachte ſogleich an Ihre Lage, und da ich Ihnen auch Sir Harry Willoughby's Tod mitzutheilen hatte, ſo wies er mich an, insgeheim den Fluß hinaufzugehen, mich wo mög⸗ lich mit Sir John zu beſprechen, und dann unter einem angenom⸗ menen Namen bis zu Ihnen vorzudringen. Jetzt, da Sir William todt iſt, meint er, könnten Sie als Gutsherr bei Ihrem neuen Range, Ihrem lokalen Einfluſſe— in Unterſtützung der königlichen Sache ſehr wichtige Dienſte leiſten; denn man darf ſich nicht verhehlen, daß die ganze Sache leicht den Charakter einer offenen, weitverbrei⸗ teten Empörung gegen das Anſehen der Krone annehmen könnte.“ „General Tryon erweist mir allzu viel Ehre,« gab der Kapitän gelaſſen zur Antwort.„Meine Gutsherrſchaft beſteht aus einem kleinen Stücke unbebauten Landes; mein Einfluß erſtreckt ſich nicht viel weiter, als über dieſen ehemaligen Biberteich, denn er be⸗ ſchränkt ſich auf meinen Haushalt und etliche fünfzehn bis zwanzig Taglöhner, und was den neuen Rang betrifft, von dem du ſprichſt, um den werden ſich die Koloniſten nicht viel bekümmern, wenn ſie ſogar des Königs Rechte mißachten. Du haſt aber jeden⸗ falls wie ein braver Sohn gehandelt, Bob, als du dich dieſen Gefahren ausſetzteſt, und ich bete zu Gott, daß er dich wieder in Sicherheit zu deinem Regimente gelangen laſſe!“ „Das iſt ein Labſal für meine Hoffnung, Sir, denn nichts würde mich mehr ſchmerzen, als wenn ich denken müßte, Sie wollten mir die Pflicht auferlegen, deßhalb, weil ich in den Kolonien geboren ſei, meine Stelle aufzugeben und auf die Seite der Rebellen überzutreten.“ „Ich halte dieß ebenſowenig für deine Pflicht, als ich mich . 93 für verbunden erachte, gegen ſie Partei zu nehmen, weil ich von Geburt zufällig ein Engländer bin. Es hieße ſeine moraliſchen Verpflichtungen von einem ſehr niedrigen Standpunkte auffaſſen, wenn man ſie einzig und allein auf den Zufall der Geburt und des Geburtsortes beſchränkte. Kann ſich ja doch der Zuſtand der Dinge dermaßen umgeſtaltet haben, daß alle unſere Pflichten da— durch geändert werden, und wir müſſen uns ihrer dann entledi⸗ gen, ſo wie ſie ſind, und nicht wie ſie ſeither waren oder ſpäter⸗ hin ſein werden. Wer ſo viel Aufhebens mit dem bloßen Ge⸗ burtsorte macht, hat in der Regel keinen klaren Begriff von ſei⸗ nen höheren Verpflichtungen. Ueber unſere Geburt ſteht uns kein Einfluß zu, wohl aber ſind wir für die Erfüllung freiwillig über⸗ nommener Verbindlichkeiten ſtreng verantwortlich.“ „Iſt dieß wirklich Eure Meinung, Kapitän?“ fragte der Kaplan mit lebhaftem Intereſſe.„Was mich betrifft, ich fühle in dieſem Punkte nicht nur ganz wie ein geborener Amerikaner, ſondern noch obendrein ſo ziemlich wie ein Jankee. Ich bin, wie Ihr wißt, in der Bai geboren und— der Major wird mich entſchuldigen— aber Täuſchung würde meinem Stande ſchlecht geziemen— der Major wird mir hoffentlich verzeihen— ich— ich hoffe—« „Nun, ſprecht's doch aus, Mr. Woods,“ fiel Robert Willoughby lächelnd ein.„Ihr habt wahrlich von Eurem alten Freunde, dem Major, Nichts zu fürchten.“ „So dacht' ich auch— ich dachte wahrlich ſo; nun denn, ich konnte die Nachricht, daß meine Landsleute des Königs Truppen da unten im Oſten in die Flucht gejagt haben, nur mit Freude — ja wahrlich mit herzlicher Freude vernehmen.“ „Ich kann mich nicht erinnern, Sir, mich über die Art und Weiſe, wie wir nach vollzogenem Auftrage wieder heimmarſchir⸗ ten, ſolcher Ausdrücke bedient zu haben,“ erwiederte der junge Krieger etwas empfindlich.„Für einen Yankee finde ich's natür⸗ lich, wenn er mit ſeinen Landsleuten ſympathiſirt; mein Vater 94 aber ſtammt aus Alt⸗ und nicht aus Neu⸗ England, Mr. Woods, und wird darum wohl zu entſchuldigen ſein, wenn er ſich mehr für die Diener der Krone intereſſirt.“ „Ei freilich, mein lieber Major— freilich, mein theurer Mr. Robert— mein ehemaliger Zögling und jetzt hoffentlich mein Freund, das Alles iſt durchaus wahr und ganz natürlich. Kapi⸗ tän Willoughby mag's immerhin mit des Königs Truppen halten, während ich für meine Landsleute Partie nehme.“ „Das iſt beiderſeits ganz natürlich, wenn auch die Rechtmäßig⸗ keit noch keineswegs daraus folgt. ‚Unſer Vaterland, in Recht und Unrechtt, iſt zwar eine hochtrabende Phraſe, aber ſchwerlich der Grundſatz eines Ehrenmannes. Unſer Vaterland hat doch gewiß keine näheren Anſprüche, als zum Beiſpiel unſere Eltern, und wer kann Einem wohl mit Recht zumuthen, daß man ſeinen eigenen Vater bei einer Ungerechtigkeit, einem Irrthum oder Ver⸗ brechen unterſtützen ſoll? Nein— nein, ich haſſe dieſe Kraft⸗ phraſen— ſie laufen in der Regel nie auf etwas Gutes hinaus.“ „Iſt aber das Vaterland in einem ernſtlichen Kriege begriffen, wie dann, Sir?“ warf der Major mit ſo viel Nachdruck ein, als die langgewohnte Ehrerbietung vor ſeinem Vater ihm erlaubte. „Ganz richtig, Bob— der ſchwierigſte Punkt hiebei iſt der— welches denn eigentlich unſer Vaterland iſt. Jedenfalls gibt's jetzt einen häuslichen Streit, und von Fremden iſt alſo eigentlich gar nicht die Rede. Es iſt ungefähr derſelbe Fall, wie wenn ich Maud deßhalb, weil ſie nicht meine eigne Tochter, ſondern nur das Kind eines Freundes iſt, rauh und unfreundlich behandeln wollte. Gott iſt mein Zeuge, Woods, daß ich Maud Meredith in dieſem Augen⸗ blicke eben ſo zärtlich wie Beulah Willoughby ſelber liebe. Es gab ſogar, ehrlich geſtanden, während ihrer Kinderzeit, eine Pe⸗ riode, wo die kleine, muthwillige Hexe mein Herz beinahe ganz beſaß— und ſo iſt es alſo die Pflicht, die Gewohnheit, und nicht die bloße Geburt, was unſere Seelen zuſammenknüpfen ſollte.“ —— Der Major konnte ſich zwar recht gut denken, daß man das eine Kind mehr als das andere liebte, das aber wollte ihm nicht einleuchten, wie bei der Unterthanentreue verſchiedene Gradationen beſtehen ſollten. Der Kaplan ging bei der Sache von einem weit engeren Geſichtspunkte aus, und nahm den Streit alles Ernſtes als eine gute Gelegenheit, die Sache mit einem Male abzumachen. „Ich bin ganz für die natürlichen Bande der Geburt und des Geblüts,“ meinte er,„die beſonderen Anſprüche Miß Mauds je⸗ derzeit ausgenommen; ihr Fall iſt sui generis und darf mit kei⸗ nem andern verwechſelt werden. Ein Mann kann nur ein Vater⸗ land haben, ſo wie's auch nur eine Natur für ihn gibt; und wie er phyſiſch gezwungen iſt, dieſer Natur treu zu bleiben, ſo ſollte er auch moraliſch ſeinem Vaterlande die Treue bewahren. Der Kapitän meint, in einem Bürgerkriege ſei es ſchwer zu beſtimmen, wo das wahre Vaterland ſei— das kann ich aber durchaus nicht zugeben. Wenn's zwiſchen Maſſachuſetts und England zu Schlä⸗ gen kommt, ſo iſt Maſſachuſetts mein Vaterland, gerathen die Grafſchaften Suffolk und Worceſter in Streit mit einander, ſo fordert die Pflicht, daß ich für Worceſter, wo ich geboren wurde, Partei nehme, und ſo ließe ſich derſelbe Grundſatz von einem Land, einer Grafſchaft, einer Stadt, einer Pfarre, ja ſelbſt von einem Haushalt zum andern durchführen.“ „»In der That, mein theurer Mr. Woods, das iſt eine höchſt außergewöhnliche Betrachtungsweiſe unſerer Pflichten,“ rief der Ma⸗ jor ziemlich hitzig;„wenn dann gar die eine Hälfte des Haushalts mit der andern im Kriege läge, dann würdet Ihr's mit derjenigen halten, bei welcher Ihr Euch in dem Augenblicke gerade befändet?“ „An einem Geiſtlichen beſonders finde ich dieſe Anſicht ſehr auffallend,“ bemerkte der Kapitän.„Gehen wir nur ein klein wenig weiter zurück, um zu ſehen, wo wir auf dieſe Weiſe hinaus⸗ kommen. Das Haupt der Familie habt Ihr ja ganz ausgelaſſen — hat denn dieſes keine Rechte? Darf der Vater bei einem 96 Streite zwiſchen den Kindern völlig überſehen werden? Dürfen ſeine Geſetze verletzt, ſeine Rechte beeinträchtigt, darf ſeine Per⸗ ſon vielleicht mißhandelt, ſein Fluch verachtet werden, weil eine Rotte unlenkſamer Kinder gewaltſamer Weiſe einige Sätze her⸗ beizieht, welche ihrer eigenen Selbſtſucht entſprechen mögen?“ „Ich will ja den Haushalt aufgeben,“ ſchrie der Kaplan;„denn die Bibel ſpricht ſich darüber aus, und was ſie beſtimmt, iſt über allen Streit erhaben.„Ehre Vater und Mutter, auf daß du lange leben mögeſt in dem Lande, das der Herr, dein Gott, dir gegeben hate, ſind furchtbare Worte, und wehe Dem, der ihnen entgegenhandelt. Aber in den zehn Geboten ſteht keine Sylbe, die auf unſern Streit Bezug hätte. ‚Du ſollſt nicht tödten“, be⸗ trifft blos den Mord— gemeinen, ganz gewöhnlichen Todtſchlag; du ſollſt nicht ſtehlene— ‚du ſollſt nicht ehebrechen’ u. ſ. w. hat Nichts mit Bürgerkriegen zu ſchaffen, wie ich ſehe. ‚Du ſollſt den Sabbath heiligen⸗— ‚du ſollſt dich nicht gelüſten laſſen dei⸗ nes Nächſten Ochſen und Eſels— ‚du ſollſt den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht vergeblich führen— keines von allen dieſen Geboten will auf unſere Frage paſſen.“ „Was haltet Ihr von unſeres Erlöſers Worten, wenn er ſagt: gebt dem Kaiſer, was des Kaiſers iſt?? Hat der Kaiſer hier kein Recht? Können Maſſachuſetts und Mylord North ihren Streit wohl bereinigen und den Kaiſer dabei ganz außer Augen ſetzen?“ Der Kaplan ſchaute nachſinnend eine Weile zu Boden und begann dann ſeinen Angriff mit erneuter Hitze. „Vom Kaiſer iſt hier gar nicht die Rede. Will Seine Majeſtät herüberkommen und unſere Partie ergreifen, ſo ſind wir bereit, ihn zu ehren und ihm zu gehorchen; bleibt er uns aber fortwäh⸗ rend fremd, ſo iſt das ſeine Schuld und nicht die unſere.“ „Das iſt eine ganz neue Art von Unterthanentreue! Thut der Kaiſer, was wir wollen, ſo ſoll er Kaiſer bleiben— thut er's aber nicht, dann fort mit ihm. Ich bin ein alter Soldat, Woods, und 97 wenn ich auch zugebe, daß dieſe Frage ihre zwei Seiten hat, ſo fühle ich dennoch für meinen König noch immer die alte Vereh⸗ rung und Liebe.“ Der Major ſchien entzückt, und da er den Streit ſo ſchön im Zuge ſah, ſo entfernte er ſich, indem er Ermüdung vorſchützte; war ſein Vater nur erſt in den Kampf für die loyale Sache hin⸗ eingerathen, ſo ließ ſich, was ſeine Befeſtigung in den gewünſch⸗ ten Anſichten betraf, weit mehr von ihm ſelbſt als von jedem Andern erwarten. Die beiden Disputirenden waren bereits ſo heftig an einander, daß ſie in der Hitze des Kampfes das Ver⸗ ſchwinden des jungen Mannes kaum bemerkten. Der Gegenſtand iſt in der That zu abgedroſchen und uninter⸗ eſſant, als daß wir uns verleiten laſſen ſollten, mehr als einen Umriß von dem Verhandelten zu geben. Der Kapitän gehörte wie der Kaplan zu jener Klaſſe von Freunden, welche man die ſtreit⸗ ſüchtigen nennen könnte. Ihre fortwährenden Dispute bildeten ein feſtes Glied in der Kette ihrer gegenſeitigen Achtung, denn ſie hatten den Zweck, ihre Einſamkeit zu erheitern und ihrer Lebensweiſe, welche ohne dieſe Abwechslung höchſt eintönig geweſen wäre, die rechte Würze zu verleihen. Ihre gewöhnlichen Thema's drehten ſich um Theologie und Krieg; der Kaplan beſaß von Letzterem einige praktiſche Kenntniſſe, während der Kapitän viel Vorliebe für die Erſtere an den Tag legte. Der Geiſtliche zeigte ſich dabei immer ſehr gutmüthig, während der Offizier die Höflichkeit nie aus den Augen ließ— was dieſe Streitereien für die Zuhörer weit an⸗ genehmer machte, als ſie es ſonſt wohl geweſen wären. Der Kaplan ging dießmal bei ſeiner Demonſtration meiſt von den natürlichen Gefühlen aus, wogegen ſein Freund mehr von den höheren Pflichten ſprach. Sonderbar genug fiel der Theil der Rede, der ad captandum berechnet war, dem Diener der Kirche zu, und die ſcharf ſondernde und eigentlich logiſche Weiſe des Streites wurde von einem in Garniſonen und Feldlagern aufgewachſenen Krieger Wyandotté. 7 98 mit einer Wahrheit und Schärfe geführt, welche einem gelernten Kaſuiſten Ehre gemacht haben würde. Der Wortkrieg dauerte bis nach Mitternacht; beide Streiter nahmen bald wieder ihre Pfeifen zur Hand und begleiteten den Kampf mit Wolken von Rauch, wie ſie ſich für ein ſo wohl beſtrittenes Schlachtfeld geziemen mochten. Wir müſſen übrigens den Kapitän und ſeinen Freund ihrem heißen Streite überlaſſen, um erſt noch in verſchiedene andere Theile des Hauſes einen Blick zu werfen, ehe wir ſämmtliche Per⸗ ſonen unſerer Erzählung zur Ruhe geleiten. Mrs. Willoughby befand ſich zur Zeit, da die Schlacht im Bibliothekzimmer ihren Höhepunkt erreicht hatte, allein auf ihrem Zimmer. Des Tages Sorgen und Pflichten waren großentheils vorüber und ihr Mutterherz erfüllt von einem ſtillen Entzücken, wie ſie es ſelbſt wohl ſchwerlich zu ſchildern vermocht hätte. Alles, was ihr auf Erden am theuerſten war— ihr Gatte, ihr herzeus⸗ guter, treugeſinnter und ſo lange geliebter Gemahl, ihr edler Sohn, der Stolz und die Freude ihres Herzens; Beulah, das Pfand ihrer eigenen Liebe, das milde, folgſame, aufrichtige, treuherzige Kind, welches ihr ſelbſt ſo ähnlich war, und Mand, die Adoptivtochter, durch Sorgen und Anhänglichkeit ihr theuer geworden und nun um ihrer ſelbſt willen ſo innig geliebt— Alle waren jetzt um ſie, unter ihrem eigenen Dache, ja faſt im Bereiche ihrer liebevoll geöffne⸗ ten Arme verſammelt. Das Blockhaus war für ſie keine Ein⸗ ſamkeit, das Landgut ihres Gatten war ihr keine Wildniß mehr, denn wo ihr Herz weilte, war gewiß auch ihr Schatz begraben. Einige Minuten verſtrichen ihr ſo in ſtillem, köſtlichem Nach⸗ ſinnen, dann warf ſich die treffliche, argloſe Frau auf ihre Knie und ergoß ihre Seele in freudigen Dankgebeten zu Ihm, der ihr das Leben mit ſo vielfachem Segen erheitert hatte. Ach, ſie ahnte nicht, welch' ſchweres, anhaltendes, furchtbares Unglück eben in dieſem Augenblicke ihr eigenes Vaterland bedrohte, ahnte nicht den Schmerz, den ihr zärtliches Mutterherz erdulden ſollte! Der Major hatte, 99 ſeinen Vater und den Kaplan ausgenommen, über den wahren Zweck ſeines Beſuchs gegen keinen Menſchen eine Sylbe verlau⸗ ten laſſen; wir wollen ihm nunmehr nach ſeinem Gemache fol⸗ gen und noch ein kurzes tete-à-tete mit dem jungen Krieger hal⸗ ten, ehe auch er ſein Haupt auf's Kiſſen niederlegt. 1 Schon längſt hatte man ein paar niedliche Zimmer eingerichtet, welche als Eigenthum des Erben heilig gehalten wurden. Sie waren unter dem ganzen Haushalt, bei Schwarzen wie bei Weißen, als „des jungen Kapitäns Quartier“ bekannt, und ſogar Mand nannte ſie mit einem ihrer witzigen Einfälle„Bobs Allerheiligſtes.“ Der Major fand hier Alles, wie er's bei ſeinem letzten Beſuche vor einem Jahr verlaſſen hatte, und einige neue Gegenſtände noch obendrein. Die Mode forderte damals durch ganz Amerika in allen Häuſern der beſſeren Klaſſe einen Toilettentiſch für das Schlafzimmer, der, mehr oder weniger koſtbar verziert, regelmäßig mit einem weißen Mouſſelinüberzuge bedeckt war. Die neueren„Dücheſſen“,„Pſychen“, „Ankleidetiſche“ u. ſ. w. u. ſ. w. unſerer heutigen, extravaganten, Alles für ſich benützenden Zeit waren dazumal noch unbekannt; da⸗ gegen hing an der Wand über beſagtem Mouſſelintiſche ein Spiegel von mäßiger Größe, in reichverzierter, vergoldeter Rahme— ſo wollte es die herrſchende Sitte, ja ſogar die häusliche Aufmerkſamkeit. Sobald der Major ſein Licht niedergeſtellt hatte, ſchaute er ſich um, wie man alte, liebgewordene Freunde betrachtet, deren Bekannt⸗ ſchaft man mit Luſt erneuert. Selbſt das Spielzeug aus ſeinen Kinderjahren fehlte nicht, und ſogar ein ſchöner, langgebrauchter Reif war von einer ihm unbekannten Hand mit Bändern verziert worden. „Kann das meine Mutter ſein!« dachte der junge Mann, in⸗ dem er ſich dem wohlbekannten Reife näherte,„kann meine gütige, zärtlich liebende Mutter, ſie, welche nie vergeſſen will, daß ich kein Kind mehr bin, kann ſie dieß wirklich gethan haben? Ich werde ſie morgen früh darüber a slachen, wenn ich ſie gleich da⸗ für küſſen und ſegnen muß.« 1 7* 100 Mit dieſen Worten wandte er ſich nach dem Toilettentiſch, auf welchem ein Körbchen mit verſchiedenen Artikeln— lauter Geſchenken für ihn, wie er ſogleich bemerkte, zu ſehen war. Er hatte noch nie einen Beſuch im Blockhauſe gemacht, ohne daß er Nachts in ſeinem Zimmer einen ſolchen Korb angetroffen hätte; er gab ihm den zarten Beweis, wie treu ſein Gedächtniß auch während ſeiner Abweſenheit bei der Familie fortlebe. „Aha!“ dachte der Major, als er einen Bündel Strümpfe, aus 3 Lammwolle geſtrickt, öffnete,„abermals meine theure Mutter, ſorg⸗ ſam auf die Durchnäſſung und Erkältung im Dienſte bedacht. Auch ein Dutzend Hemden, mit dem Namen„Beulah“ auf einem der⸗ ſelben— wie zum Henker glaubt nur das theure Mädchen, daß ich dieſen Bündel Leinwand ohne ein Packpferd fortſchaffen ſoll? Müßte ich all' die Geſchenke, welche meine theuren Verwandten für —,— mich beſtimmt haben, mit mir nehmen— wahrlich, ich hätte eine Laſt trotz der des kommandirenden Generals ſelber. Was iſt das? — eine Börſe! eine hübſche ſeidene Börſe, abermals mit Beulahs 3 Namen! Iſt denn von Maud nichts dabei? Hat ſie mich etwa ver⸗ geſſen? Manſchetten, Handtücher, Strumpfbänder— ja, ja, dies Paar hier hat meine gute Mutter ſelbſt gemacht— aber von Maud gar nichts?— Halt, was haben wir hier?— So wahr ich lebe, eine prächtige, ſeidene Schärpe, ſo hübſch zuſammengeſtellt, daß ein gan⸗ zes Regiment mich darum beneiden dürfte. Iſt dieß wohl gekauft? — ſonſt wäre es wahrlich die Arbeit eines vollen Jahres.— Kein Name darauf. Hätte mein Vater ſie etwa geſtiftet? Vielleicht iſt's eine von ſeinen alten Schärpen: dann iſt ſie jedenfalls ein neues altes Stück, denn ich glaube kaum, daß ſie jemals getragen wor⸗ den. Das muß ich morgen früh herauskriegen.— Wundern muß ich mich aber doch, daß von Maud gar nichts dabei iſt.“ Die Schärpe küſſend legte der Major ſeine Geſchenke bei Seite und ging dann zu Bette— ſogar ohne ſein Nachtgebet geſpro⸗ chen zu haben, wie wir zu unſerm Leidweſen eingeſtehen müſſen. —— Wir wollen die Scene nunmehr nach dem Schlafgemache der beiden Schweſtern verlegen, denn dieß waren ſie in der That, wenn auch nicht durch Blutsverwandtſchaft, ſo doch durch die Neigung ihrer Herzen. Maud, von jeher die flinkere und gewandtere von Beiden, war ſchon im Abendgewande; ſie hatte ſich in einen Shawl gehüllt und wartete, bis Beulah ihr Abendgebet verrichtet hatte. Es dauerte nicht lange bis Letztere ſich von den Knieen erhob, worauf unſere Heldinnen folgendes Zwiegeſpräch begannen: „Der Major muß das Körbchen jetzt wohl unterſucht haben,“ rief Maud, und ihre Wange wetteiferte mit der Farbe des Roſa⸗ bandes an der Stuhllehne, auf welchem eben ihr Köpfchen ruhte. „Ich hörte ſein ſchweres Trapp— Trapp— Trapp— als er auf ſein Zimmer ging.— Was doch die Männer, verglichen mit uns Mädchen, einen ſo ganz verſchiedenen Gang haben, Beulah!« „Ja, das iſt wahr, und Bob iſt unterdeſſen ſo groß und ſtark geworden, daß er mich zuweilen wahrhaft erſchreckt. Findeſt du nicht, daß er eine wunderbare Aehnlichkeit mit Papa bekommt?« „Ich ſehe das nicht. Er trägt ſein eigenes Haar und es wäre auch Jammerſchade, wenn er es jemals abſchneiden würde, es iſt ſo voll und ſchön gelockt. Dann iſt er auch größer und ſchlan⸗ ker, hat mehr Farbe, iſt viel jünger und in Allem ſo ganz ver⸗ ſchieden, daß ich mich nur über deine Bemerkung wundern muß. Ich finde auch nicht die mindeſte Aehnlichkeit mit dem Vater.“ „Nun, das iſt doch ſonderbar, Mand. Die Mutter und ich waren heute Abend ganz davon betroffen und freuten uns Beide ausnehmend darüber. Papa iſt ganz hübſch und Bob iſt's, denk' ich, auch. Die Mutter ſagt, er ſei nicht ganz ſo ſchön, wie der Vater in ſeinem Alter geweſen, aber ihm ſo ähnlich— nein,'s iſt ein wahres Wunder!« »Männer können recht hübſch ſein, ohne ſich gerade ähnlich zu ſehen. Der Vater iſt allerdings einer der ſchönſten alten Herren, die ich kenne, und der Major— nun der iſt ſo⸗ſo: wie kannſt du 10² aber nur zwiſchen einem Manne von ſiebenundzwanzig und einem von etlichen ſechszig ſo gar große Aehnlichkeit finden?— Bob ſagt mir, er könne jetzt recht geläufig Flöten blaſen, Beulah.“ „Das glaub' ich wohl: Alles, was er thut, geſchieht mit ſel⸗ tener Vortrefflichkeit. Mr. Woods ſagte erſt vor ein paar Ta⸗ gen, er habe nie einen Knaben gekannt, der die Mathematik ra⸗ ſcher begriffen habe.“ „O freilich, Mr. Woods Hühner legen immer zwei Eier. Es hat gewiß auch andere Knaben gegeben, die eben ſo geſcheid wie Bob waren. Ich glaube an keine non⸗-pareils, Beulah.“ „Du ſetzeſt mich in Erſtaunen, Maud— du, die ich immer für Bobs beſte Freundin hielt! Auch was du thuſt, erſcheint ihm eben ſo vollkommen! Noch heute Abend betrachtete er die Skizze, die du von unſerem Blockhauſe entworfen haſt, und be⸗ hauptete, er kenne ſogar in England keinen einzigen gelernten Künſtler, der die Sache beſſer gemacht hätte.“ Maud richtete unter ihrem Nachthäubchen einen verſtohlenen Blick auf ihre Schweſter, während dieſe noch ſprach, und jetzt hätten ihre Wangen das Band neben ihr ſogar beſchämen können; aber ihr Lächeln war immer noch neckiſch und muthwillig. „Ach, Unſinn!“ rief ſie aus;„Bob verſteht ſich nicht auf Zeichnungen— er kann ja kaum einen Baum von einem Pferde unterſcheiden!“ „Ich kann dich heute wahrlich nicht begreifen, Maud,“ ver⸗ ſetzte die zärtliche, großherzige Beulah, welche an Bob keine Un⸗ vollkommenheit dulden konnte—„ſo ſprichſt du von deinem Bru⸗ der! Als er dich das Zeichnen lehrte, da glaubteſt du, er ſei ſo geſchickt wie der beſte Künſtler.“ „Wirklich— glaubte ich das?— Nun, ich muß ſagen, ich bin ein launiſches Ding. Ich weiß nicht wie's kommt, aber Bob erſcheint mir jetzt ganz anders als früher. Du weißt, er war in letzter Zeit ſo lange fort— die Armee macht die Leute ſo furchtbar — und ſie ſind uns ſo gar nicht ähnlich, weißt du— ſo daß ich Bob ausnehmend verändert finde.“ „Nun, ich bin nur froh, daß Mama dich nicht hört, Maud. Sie betrachtet ihren Sohn, trotz dem, daß er Major und ſieben⸗ undzwanzig Jahre alt iſt, nicht anders, als da er noch im Kin⸗ derröckchen herumlief— ja, ich glaube ſogar, ſie hält uns Alle noch für lauter Kinder.“ „O, ſie iſt eine liebe, gute Mutter, das weiß ich wohl,“ rief Maud mit Nachdruck, und Thränen ſchoſſen ihr unwillkürlich und voll Ungeſtüm in die Augen:„was ſie auch ſagt, thut, wünſcht, hofft oder denkt— Alles iſt recht.“ „Siehſt du, ich wußte wohl, ſobald ſich's um die Mutter han⸗ delte, würdeſt du wieder zu dir kommen. Ich meines Theils habe keinen ſolchen Schrecken vor den Männern, um nicht eben ſo viel Zärtlichkeit für Vater und Bruder wie für die Mama ſelbſt zu empfinden.“ „Doch nicht für Bob, Beulah. Zärtlichkeit für Bob! Nein, liebe, theure Schweſter— Zärtlichkeit für einen Infanterie⸗ major iſt ganz etwas Anderes als Zärtlichkeit für deine Mutter. Unſer Papa freilich— ach Gott, das iſt ein herrlicher Mann und ich liebe ihn ſo!“ „„Das mußt du auch, Maud, denn du warſt ſe in Liebling, und ich bin nicht gewiß, ob du's in dieſem Augenblicke nicht noch biſt.“ Es war eigen, wie Beulah hier ſo gar nicht daran dachte, daß Maud nicht ihre wirkliche Schweſter war. In der That beſtand nicht die geringſte Blutsverwandtſchaft zwiſchen Beiden; Kapitän Willoughby und ſeine Gattin hatten aber den Umſtand, daß Maud blos Adoptivkind war, ſo geheim gehalten, daß weder ſie ſelbſt noch ein anderes Glied der Familie oder des Haushaltes das Mädchen jemals anders, denn als die wirkliche Tochter ihrer Pflegeeltern betrachteten. Beulah ſelbſt war in Allem ſo einfach und aufrichtig, daß die gewöhnlichen Rückſichten des Zartgefühls 104 bei ihr gar nicht in Betracht zu kommen brauchten, weßhalb ſie ſich ganz dieſelben Freiheiten mit ihrer vorgeblichen Schweſter neh⸗ men konnte, wie ſie ihr bei einer wirklichen zugeſtanden wären. Von Allen im Blockhauſe war Maud die einzige, welche ſich ihrer wahren Geburt erinnerte, und einige der nächſten Folgen dieſes Umſtandes in's Auge faßte. Bei dem Kapitän kam ihr zwar nie der Gedanke, daß ſie nur ſein Adoptivkind ſei; auch Mrs. Willoughby nahm in ihrem Herzen ganz die geheiligte Stelle einer Mutter ein, und Beulah war in That und Gedanken eine wirkliche Schweſter; aber Bob hatte ſich ſo verändert, war ſo manches Jahr von ihr getrennt geweſen, hatte ſie auch wirklich einmal Miß Meredith genannt— und ſo geſchah es— wie, wußte ſie ſelbſt nicht— daß ſie ſeit ſechs vollen Jahren nicht vergeſſen konnte, daß er nicht ihr Bruder war. „Was meinen Vater betrifft,“ fuhr Maud mit ergreifendem Nachdrucke fort, indem ſie ſich von ihrem Stuhle erhob,„ſo will ich nicht ſagen, ich liebe ihn, nein, anbeten, das iſt das beſte Wort.“ „Ja, das weiß ich recht gut, Maud— die Wahrheit zu ſa⸗ gen, ihr treibt Beide eigentlich Abgötterei mit einander. Mama ſagt das zuweilen, ohne auch nur im Geringſten eiferſüchtig zu ſein, wie ſie verſichert. Es würde ihr aber ſehr weh thun, Maud, wenn ſie vernähme, daß du nicht eben ſo für Bob fühlſt, wie wir Alle für ihn empfinden.“ »Muß ich denn, Beulah?— Ich kann ja nicht!« „Ob du mußt!— Warum denn nicht, Maud? Biſt du auch wirklich bei dir, Kind?“ „Aber— du weißt doch— ganz gewiß— du mußt dich ja erinnern—« „Was denn?« fragte Beulah, welche über die heftige Bewe⸗ gung ihrer Freundin ſelbſt ängſtlich betroffen wurde. „Daß ich nicht ſeine wirkliche— ächte— geborene Schweſter bin!“ ——— 105 Es war das erſte Mal in ihrem ganzen Leben, daß eine von Beiden in Gegenwart der Andern auf dieſen Umſtand angeſpielt hatte. Beulah wurde blaß und zitterte krampfhaft am ganzen Körper; zum Glück brach ſie in Thränen aus, ſonſt wäre ſie wahrſcheinlich in Ohnmacht gefallen. „Beulah! meine Schweſter! meine theure Schweſter!« rief Mand, und warf ſich dem trauernden Mädchen in die Arme. „Ja, Maud, du biſt und bleibſt es ewig— meine ein⸗ zige, geliebte Schweſter!“ 3 Sechstes Kapitel. Herrlich der Tod für's Vaterland in offener Feldſchlacht; Glänzend der Lorbeer uns ſtrahlt; Ruhm erwartet uns dann— Ruhm, der fernhin leuchtet bis zu den ſpät'ſten Geſchlechtern— Ruhm, der nimmer erbleicht, nimmer, ja nimmer erliſcht. Percival. Trot der beunruhigenden Botſchaft, welche der Major ſo unerwartet preisgegeben, und trotz des warmen, politiſchen Strei⸗ tes, welchen ſie veranlaßt hatte, war die Nacht unter dem Dache des Blockhauſes dennoch ruhig verſtrichen. Mit der Morgendäm⸗ merung waren beide Plinius, beide Smaſh nebſt ſämmtlichen Dienſt⸗ boten auf den Beinen, und bald ſah man auch Mike, den trotzigen Nick, Joel und die Uebrigen in Feld und Wald ſich regen. Das Vieh wurde gefüttert, die Kühe gemelkt, Feuer angezündet— kurz, Alles ging ſeinen Gang wie an einem gewöhnlichen Maimorgen. Die drei Dirnen, wie man damals in Amerika ex officio alle Negerinnen nannte, ſtimmten ihre Kehlen und begleiteten ihre Arbeit mit dem gewohnten Morgengeſang, der den Jubel der befiederten Waldbe⸗ wohner beinahe zum Schweigen gebracht hätte. Mari⸗ beſonders hätte ſelbſt den Donner des Niagara beſchämen können, weßhalb ſie der Kapitän nur die Poſaune von Jericho nannte. * 106 Auch die vornehmeren Glieder des Haushalts ließen nicht allzu lange auf ſich warten. Mrs. Willoughby war, wie immer, ſo oft es Etwas zu thun gab, die Erſte, welche ihr Zimmer verließ · Dießmal galt es, zwar nicht dem wiedergekehrten, verſchwen⸗ deriſchen, dafür aber ihrem eigenen geliebten Sohne— dem Stolze ihrer Augen, der Freude ihres Herzens— zu Ehren das „gemäſtete Kalb“ zu ſchlachten. Darum war auch das Frühſtück, welches ſie anordnete, eines von denen, wie man ſie nur in Amerika antreffen wird. Frankreich weiß ein ſehr fein ausſtudirtes déjeuner à la fourchette zu bieten, England hat ſeine ſorgſamen, gewichti⸗ gen Nachahmungen; wer aber das ächte, unverfälſchte Frühmahl ſucht, das jeden Gaumen erquickt und jeden Appetit befriedigt, der gehe nach Amerika in die Häuſer der beſſeren Klaſſe der dortigen Ge⸗ ſellſchaft, und er wird das non plus ultra in dieſer Gattung von Mahlzeiten antreffen. Kaffee, Thee und Chocolade— erſterer gut, die beiden letzteren vortrefflich— Schinken, Fiſche, Eier, Butter⸗ ſchnitten, Kuchen, Theebrod, Marmeladen ac. 2c. ſtanden in rei⸗ cher Verwirrung unter einander, ſo daß der Gaſt, wie Mr. Woods naiv bemerkte, häufig in die größte Verlegenheit kam und nicht wußte, wo er eigentlich angreifen ſollte, da Alles ſo einladend ausſah und jedes Einzelne dem Gaumen willkommen war. Wir laſſen die Hausfrau in ernſter Berathung mit Mari' über die Anſtalten zu dieſem Feſtmahl, um uns ein wenig nach den beiden ſüßen Mädchen umzuſehen, denen wir im letzten Kapitel ſo eilig gute Nacht ſagen mußten. Als Maud an dieſem Morgen zum erſten Male ſichtbar wurde, glichen ihre glühenden Wangen den Blättern der Roſe, und Thränen⸗ ſpuren waren noch, Thautropfen gleich, darauf zu bemerken; unter der Toilette waren dieſe jedoch bald verſchwunden, und glänzend und wolkenlos, wie der helle Maimorgen, der die Landſchaft in ihrer Einſamkeit zu erheitern gekommen war, trat ſie in das Geſellſchafts⸗ zimmer. Beulah folgte ruhig, ſanft und mild wie der Tag ſelber, 44 5 ſ ——Q— 107 der lebendige Ausdruck von Seelenreinheit und tiefwurzelnder Zärt⸗ lichkeit, welche den Grundcharakter ihres edlen Weſens bildeten. Die Schweſtern fanden ſich dießmal ihrem Gaſte zu Ehren in dem Frühſtückzimmer ein, wo ſie eigentlich nur wenig zu thun vor⸗ fanden; Jede war mit Ergänzung und Verzierung der Tafel beſchäf⸗ tigt. Als dieſe angenehme Arbeit beendigt war, gingen Beide wieder zu ihrem munteren Geplauder über. Des Geſpräches in vergangener Nacht wurde übrigens mit keiner Silbe erwähnt; keine von Beiden hegte den Wunſch, dieſen Gegenſtand abermals zu berühren, und Maud ſelbſt bereute bitterlich, ihn jemals zur Sprache gebracht zu haben. So oft ſie daran dachte, glühten ihre Wangen in hoher Röthe, ohne daß ſie ſich den Grund davon anzugeben wußte. Bei Beulah dagegen war es anders; ſie wunderte ſich, wie ihre Schweſter jemals daran denken konnte, daß ſie keine Willoughby, ſondern eine Meredith ſei. Zuweilen fürchtete ſie, ein unglückliches Ueberſehen von ihrer Seite, eine ſorgloſe Anſpielung oder unüber⸗ legte Handlung möchte Maud an die wahren Umſtände ihrer Geburt erinnert haben. Und doch blieb, abgeſehen von der Thatſache, daß ſie nicht wirklich das Kind der Familie war, in welche ſie verpflanzt worden— ſonſt gar Nichts aufzufinden, was unerfreuliche Erinne⸗ rungen hätte erwecken können. Nach gewöhnlichen weltlichen Be⸗ griffen waren die Merediths jedenfalls eine eben ſo achtbare Familie wie die Willoughby's. Auch war Maud, was Vermögen betraf, kei⸗ neswegs mittellos zu nennen: fünftauſend Pfund engliſcher Staats⸗ kapitalien waren ihr in dem Heirathskontrakte ihrer Eltern zuge⸗ ſichert worden; durch die ſorgfältige Verwaltung ihres Vormunds, welcher zwanzig Jahre lang gewiſſenhaft jeden Schilling zur Vermeh⸗ rung des Kapitals verwendet hatte, wurde dieſes gerade verdoppelt. Der Kapitän hatte oft ſcherzweiſe auf Mauds Vermögen angeſpielt, als ob er ſie abſichtlich daran erinnern wollte, daß ſie die Mittel zur Unabhängigkeit beſitze und dadurch auch gewiſſe Pflichten auf ſich habe. Maud hatte freilich keine Ahnung davon, daß ihr„Vater“ 108 keinen Kreuzer von ihrem eigenen Gelde zu ihrer Erziehung verwen⸗ det hatte; ſie dachte überhaupt nur ſelten daran, und wußte weiter Nichts von der Sache, als daß ſie eigenes Vermögen beſitze und nach erreichter Volljährigkeit in deſſen Verwaltung eintreten werde. Wie ſie überhaupt dazu gekommen, danach fragte ſie nie, obwohl es auch bei ihr Augenblicke gab, wo bei dem Gedanken an ihre wahren El⸗ tern und deren frühzeitigen Tod ſanfte Wehmuth und zarte Be⸗ kümmerniß ihr Herz überſchlichen. Mit blindem Vertrauen hing ſie dagegen an Kapitän Willoughby und ſeiner Gattin, wie an Vater und Mutter; nicht ſie, noch irgend etwas, was mit ihrer liebevollen Behandlung in Worten und Gedanken zuſammen⸗ hing, trug die Schuld, wenn ſie daran erinnert wurde, daß jene nicht eben ſo gut der That wie der Liebe nach ihre wahren Eltern waren. „Bob wird glauben, du habeſt dieſes Pflaumenmuß zubereitet, Beulah,“ bemerkte Mand mit muthwilligem Lächeln, indem ſie einen Kryſtallteller auf den Tiſch ſtellte;„er glaubt es nie, daß ich etwas der Art machen kann, und da er Pflaumen ſo gern ißt, wird er dieſe beſtimmt koſten— ſo wirſt alſo du das Lob davon tragen!“ „Du ſcheinſt zu glauben, er müſſe ſie jedenfalls loben. Viel⸗ leicht daß er ſie nicht gut findet.“ „Wenn ich das glaubte, würde ich ſie im Augenblick wieder weg nehmen,“ rief Maud, und ſchien etwas zweifelhaft.„Bob denkt bei Mädchen ſelten an ſolche Dinge, denn er ſagt, eine Dame brauche keine Köchin zu ſein— und doch, wenn man ein⸗ mal etwas der Art macht, ſo möchte man's auch gut machen.“ „Beruhige dich, Maud; die Pflaumen ſchmecken köſtlich— beſſere haben wir noch nie gehabt, und du weißt, wir ſind be⸗ rühmt in dieſem Artikel. Ich ſtehe dir dafür, Bob erklärt ſie für die beſten, die er jemals gekoſtet.“ „Und wenn er's nicht thäte, warum ſollte ich mich— das heißt, warum ſollte ich mich ſogarviel darum kümmern? Sind's ja doch die erſten, die ich jemals einmachte, und der erſte Verſuch 109 darf ſchon fehlſchlagen. Ueberdieß kann ein Mann recht wohl nach England gehen, ſchöne Sachen anſehen, in großen Häuſern wohnen und alles Das— am Ende verſteht er doch ein gutes Pflaumenmuß nicht von einem ſchlechten zu unterſcheiden. Es gibt ge⸗ wiß manche Obriſten in der Armee, welche davon nicht viel wiſſen.“ Beulah lachte und bekräftigte die Wahrheit dieſer Bemerkung, obwohl ſie ſich insgeheim überredet hatte, Bob müſſe eigentlich Alles verſtehen.. „Findeſt du nicht, daß unſer Bruder im Aeußeren ſehr ge⸗ wonnen hat, Maud?“ fragte ſie nach kurzer Pauſe.„So viel wenigſtens hat ihm ſein Beſuch in England genützt.“ „Ich ſehe Nichts davon, Beulah; ich bemerke keine Verände⸗ rung. Für mich iſt Bob heute gerade ſo, wie er immer geweſen, d. h. ſeitdem er Mann geworden iſt, bei Knaben macht ſich das natürlich wieder anders— ich meine, ſeit er Kapitän geworden.“ Major Willoughby war mit ſeinem einundzwanzigſten Geburts⸗ tag zu jenem Range vorgerückt, und der Leſer kann demnach ſelbſt berechnen, ſeit wann Maud ſeinen Charakter wie ſeine äußere Erſcheinung von ihrem jetzigen Geſichtspunkte aus zu be⸗ trachten angefangen hatte.. „Ich bin erſtaunt, dich alſo ſprechen zu hören, Maud! Papa ſagt, er ſei ſeit ſeiner engliſchen Dreſſur viel beſſer„aufgeſtutzt«, wie er's nennt, und ſehe weit mehr einem Soldaten ähnlich als früher.« „Bob ſah immer ſehr martialiſch aus!« rief Mand haſtig; „er hat ſich das noch als Knabe in der Garniſon angeeignet.“ „»Nun, ſo will ich hoffen, daß er es nie verlieren möge!“ verſetzte der Gegenſtand dieſer Bemerkung, welcher unbemerkt ein⸗ getreten war und Mauds Behauptung mitangehört hatte.„Wenn man einmal Soldat iſt, ſo muß man auch wünſchen, als das zu erſcheinen, was man iſt, mein kleiner Kritikus!“ Mit dieſen Worten küßte er leicht die Roſenwangen der bei⸗ den Mädchen— der gewöhnliche Morgengruß zwiſchen Bruder 110 und Schweſter, nichts weiter: und dennoch erröthete Maud, denn dießmal war ſie, wie ſie ſich ſelbſt geſtand, förmlich überraſcht worden. „»Der Horcher an der Wand, hört ſeine eigene Schand', wie das Sprichwort ſagt,“ entgegnete Maud mit einer Haſt, welche von Verwirrung zeugte.„Wäret Ihr eine Minute früher gekom⸗ men, Meiſter Bob, dann wäre es vielleicht beſſer geweſen.“ „O, Beulahs Bemerkungen fürchte ich nicht; ſo lang ich bei Miß Maud mit heiler Haut davon komme, darf ich mir immer⸗ hin Glück wünſchen. Wie kamt ihr aber ſchon am frühen Mor⸗ gen auf mich und meine Erziehung zu ſprechen?“ „Nun es iſt doch natürlich, daß Schweſtern von ihrem Bru⸗ der ſprechen, wenn ſo lange—« „Sag' ihm Nichts davon, Beulah,“« fiel Maud ein.„Will er unſere Geheimniſſe erfahren, ſo laß ihn nur horchen und lau⸗ ſchen und ſie ausfinden, wie er mag. Hier, Major Willoughby, finden Sie hoffentlich ein vielverſprechendes Frühſtück, welches ſelbſt Ihrem militäriſchen Appetite genügen wird!“ „In der That, Maud, es ſieht prächtig aus, und da bemerke ich eben einige von Beulahs köſtlichen Pflaumen, die ich ſo gern eſſe. Ich weiß, ſie wurden ausdrücklich für mich bereitet, und ich muß dich küſſen, Schweſter, für dieſes Zeichen deiner Aufmerkſamkeit.“ Beulah däuchte es in ihrer Redlichkeit ſehr ungerecht, das Lob, das einer Andern gebührte, ſich ſelbſt zuzueignen, und ſie war eben im Begriff, die Wahrheit zu geſtehen, aber ein flehender Wink ihrer Schweſter gebot ihr zu ſchweigen und den Dank lächelnd hinzunehmen. „Hat ſich Kapitän Willoughby oder Kaplan Woods heute Mor⸗ gen ſchon ſehen laſſen?“« fragte der Major.„Ich verließ ſie heute Nacht, während ſie in einem mörderiſchen Kampfe begriffen wa⸗ ren, und denke wirklich mit einiger Beſorgniß an die Trümmer, die auf dem Schlachtfelde zurückgeblieben ſein mögen.“ „Dort kommen Beide,“ rief Maud, herzlich froh, daß das Ge⸗ ſpräch eine ganz andere Wendung genommen habe,„und da iſt auch Mama mit Plinius im Gefolge; Beulah wird jetzt ihren Poſten am Kaffeetiſche einnehmen, ich werde die Chocolade beſor⸗ gen und den Thee derjenigen Hand überlaſſen, welche ihn allein ſo zu bereiten verſteht, daß der Vater ihn trinken mag.“ Die genannten Perſonen traten in der beſchriebenen Reihen⸗ folge in's Zimmer; nach dem üblichen Morgengruße nahmen Alle ihre Plätze am Tiſche ein. Kapitän Willoughby war anfänglich ſtumm und nachdenklich; er überließ es ganz ſeinem Sohne, das Geſpräch auf eine Weiſe zu führen, welche von deſſen Seite eben ſo viel Vorſicht verrieth, als Mutter und Schweſter ſich unbe⸗ fangen zeigten. Der Kaplan war etwas geſprächiger als ſein Freund; doch auch er ſchien unruhig, als ob er das Geſpräch auf einen Punkt zu lenken wünſchte, zu dem es hier, im Fami⸗ lienkreiſe, wohl ſchwerlich gelangen mochte. Endlich wurde der Drang in ihm ſo heftig, daß er ſogar ſeiner Vorſicht vergaß und ſeine Gedanken nicht länger verbergen konnte. „»Kapitän Willoughby,“ begann er gewiſſermaßen entſchuldi⸗ gend, aber doch einfach und natürlich,„ich habe ſeit den ſieben Stunden, da wir uns geſtern Abend trennten, unaufhörlich über den Gegenſtand unſeres Streites nachgedacht.“ „In dieſem Falle hat große Sympathie zwiſchen uns geherrſcht, mein theurer Woods; auch ich habe kaum ein Auge geſchloſſen. Ich konnte in der That an nichts Anderes denken, und bin froh, daß Ihr die Sache abermals auf's Tapet gebracht habt.“ „Ich wollte Euch nur bemerken, mein werther Sir, daß mein Nachdenken, und mein Kiſſen, ſo wie Eure geſunden, bewunderungs⸗ würdigen Beweisgründe eine totale Aenderung meiner Anſicht be⸗ werkſtelligt haben. Ich huldige jetzt völlig Eurer Meinung.“ „Den Teufel auch, Woods!“ rief der Kapitän, erſtaunt von ſeiner Butterſchnitte emporſtarrend.„Ei, das iſt doch ſonderbar, mein theurer Junge— in der That höchſt ſonderbar; Um Euch die volle Wahrheit zu geſtehen, Kaplan, Ihr habt ja miich für Euch 112 gewonnen, nnd ich war eben im Begriff, Euch über den errun⸗ genen Sieg mein Kompliment zu machen.“ Wir brauchen wohl nicht erſt zu ſagen, daß der Reſt der Geſell⸗ ſchaft über dieſe gegenſeitigen Conceſſionen nicht wenig erſtaunt war; Mand fand ſich höchlich dadurch ergötzt— Mrs. Willoughby dagegen fand nichts an ihrem Gemahle lächerlich, und hätte eben ſo gut daran denken können, gegen die Kirche ſelbſt Sturm zu laufen, als daß ſie einen von ihren Dienern belächeln mochte. Beulah hatte an ihrem Vater immer nur das Rechte geſehen, und der Major war über das unerwartete Zugeſtändniß des Kapitäns zu ſehr beſtürzt, als daß er etwas Anderes als deſſen Irrthum hätte im Auge haben können. „Habt Ihr auch das Gebot der Schrift nicht überſehen, mein trefflicher Freund?« verſetzte der Kaplan.„Habt Ihr des Kaiſers Rechten ihr ganzes Gewicht und Anſehen gelaſſen?—„‚Des Kö⸗ nigs Name iſt eine feſte Burg an Stärke.“ „Habt Ihr nicht Eurer Seits vergeſſen, Woods, wie die For⸗ derungen der Vernunft und des Rechts denen des Zufalls und der Geburt ſtets vorgehen— daß der Menſch als ein vernünfti⸗ ges Weſen zu betrachten iſt, das durch Grundſätze und ewig wech⸗ ſelnde Thatſachen geleitet wird und nicht als ein bloßes Thier, welches blos ſeinem Inſtinkte folgt, der ſich bei abnehmender Brauchbarkeit bei ihm verliert?« „Was können ſie nur meinen, Mutter?« flüſterte Maud, welche kaum das Lachen unterdrücken konnte, von welchem ſie bei ihrem ſcharfen Blick für alles Lächerliche nur allzuleicht überfallen wurde. „Sie haben ſich, glaub' ich, darüber geſtritten, ob das Par⸗ lament das Recht hat, die Kolonien zu beſteuern, und ſind nun Beide überzeugt, das iſt Alles, meine Theure. Es wäre doch ſonderbar, Robert, wenn Mr. Woods deinen Vater bekehrte.“ „Nein, nein, theuerſte Mutter, es betrifft etwas weit Ernſthafteres als Das.“ Die Disputirenden, welche einander gegenüber ſaßen, waren mittlerweile wieder tief in ihren Streit gerathen, und hatten 113 keinen Sinn mehr für ihre Umgebung.„Nein, theuerſte Mutter, die Sache iſt weit ſchlimmer, als ſogar jener Streitpunkt.— Plinius, ſage meinem Diener, er ſolle meinen Jagdrock ausbürſten— und ſieh darauf, daß er ſein Frühſtück ordentlich erhält; er iſt ein brummiger Schlingel, der unſerem Hauſe ſonſt einen ſchlimmen Leumund an⸗ hängt. Du brauchſt nicht wieder zu kommen, bis die Glocke dich ruft. — Ja, Mutter— ja, ihr lieben Mädchen— die Sache iſt weit ernſt⸗ hafter, als ihr glaubt, ſie darf aber nicht ohne Noth vor den Leuten verhandelt werden. Gott weiß, wie ſie es aufnehmen werden— und ſchlimme Nachrichten verbreiten ſich nur allzu raſch von ſelbſt.“ „Barmherziger Himmel!“ rief Mrs. Willoughby.„Was kannſt du meinen, mein Sohn?« „So viel, meine Mutter, daß der Bürgerkrieg in den Kolonien begonnen, und daß das Volk aus Ihrem Stamme und Geblüt ſich gegen meines Vaters Geburtsland— oder mit einem Worte gegen mich, zu offenem Kampfe erhoben hat.“ »Wie iſt das möglich, Robert? Wer würde es wagen, einen Streich gegen den König zu führen?2⸗ „Iſt der Menſch erſt aufgeregt und ſind ſeine Leidenſchaften entflammt, dann thut er gar Vieles, liebe Mutter, wovon er ſich ſonſt kaum träumen ließe.“ „»Das muß ein Mißverſtändniß ſein! Ein übelwollender Menſch, der deine Anhänglichkeit an die Krone kennt, hat dir's erzählt, Robert.“ »Ich wollte, dem wäre ſo— doch meine eignen Augen haben das Gegentheil geſehen, mein eigen Fleiſch hat es ſogar empfunden.“ Der Major erzählte nun, was vorgefallen war, und theilte ſeinen Zuhörern das Geheimniß von dem wahren Zuſtande des Landes mit. Es iſt wohl kaum nöthig, die Angſt und Beſtürzung zu ſchildern, mit der man ihm zuhörte, oder gar den Kummer zu beſchreiben, den ſeine Erzählung hervorrief. „Du ſprichſt von dir ſelbſt, theurer Bob,“ fragte Maud mit Wyandotté. 8 K⸗ 114 tiefer, unverſtellter Theilnahme.„Du wurdeſt doch in dieſer grauſen, fürchterlichen Schlacht nicht verwundet?“ „Ich hätte gar nicht davon reden ſollen, obwohl ich allerdings eine kleine Quetſchung davontrug— nichts weiter, kann ich dir verſichern— hier in der Schulter; ſie genirt inich übrigens nur ganz unbedeutend.“ Alle horchten hoch auf, ſelbſt die Diſputirenden wurden von Theil⸗ nahme und Neugierde gefeſſelt, beſonders da dieß das erſte Mal war, daß ſie von des Majors Verwundung hörten. So ſehr auch Beide von der Hitze des vorhergegangenen Streites entflammt waxen, ſo ſah man ſie dennoch augenblicklich bereit, von deſſen Fortſetzung abzuſtehen.⸗ „Du wurdeſt doch hoffentlich nicht genöthigt, mit dem Nach⸗ trab zu marſchiren, Bob?“ fragte ſein Vater ängſtlich. „Ich war eben beim Nachtrab, Sir, als ich die Schramme erhielt,“ gab der Major lachend zur Antwort.„Auf dem Rückzug iſt der Ehrenpoſten bei der Arrieregarde, wie Sie wohl wiſſen, lieber Vater, und ich glaube, unſer Marſch wird kaum einen an⸗ dern Namen verdienen.“ „Das iſt hart, beſonders für königliche Truppen! Wi für Burſche ſtanden euch denn gegenüber, mein Sohn?« „Ein verdammt zudringliches Volk, Sir. Sie wollten uns überreden, ſo ſchnell wie möglich nach Boſton zu eilen, und es war manchmal ziemlich ſchwierig, ihren Beweisgründen kein Gehör zu ſchenken. Wäre uns nicht Lord Percy mit einem ſtarken Detaſche⸗ ment und zwei Geſchützen entgegengekommen— wir hätten wahr⸗ lich nicht länger Stand gehalten. Unſere Leute waren abgemattet wie gehetztes Wild, und der Tag überdieß drückend heiß.“ Auch Artillerie!« rief der Kapitän, und ſein militäriſcher Stolz erwachte wieder ein wenig, um ſeine letzten Anſichten über Pflicht⸗ gefühl von Neuem wankend zu machen.„Habt ihr da nicht eure Kolonnen geöffnet und eure Feinde der Länge nach beſtrichen 2 „Das hieße die leere Luft beſtreichen. Sobald wir Halt machten, 1 145 8 waren unſere Feinde verſchwunden, und kaum begannen wir wie⸗ der unſeren Marſch, ſo war jede Hecke, jede Mauer längs der Straße eine ununterbrochene Linie feindlicher Musketenläufe. Ich weiß, Sie werden uns Gerechtigkeit widerfahren laſſen, Sir— Sie kennen ja die Regimenter und werden ihnen ſchwerlich einen Mangel an Tapferkeit zutrauen.“ „Brittiſchen Truppen geſchieht das ſelten— doch habe ich's auch ſſchon bei ihnen erlebt. Keine Soldaten der Welt zeigen ſich ge⸗ wöhnlich ſtandhafter als ſie, und dann ſind dieſe Provinzialen als leichte Truppen in der That furchtbar. Von dieſer Seite kenne ich ſie auch. Welche Wirkung hat aber alles Dieß auf das Land gehabt, Bob? Du erzählteſt uns geſtern Abend etwas da⸗ von; vollende jetzt deine Geſchichte.“ „Die Provinzen ſind im Aufſtand. Was Neu⸗England betrifft — eine Feuerflamme könnte kaum verheerender ſein. Unſer’ Ko⸗ lonie iſt, glaub' ich, weniger aufgeregt. Doch ſtehen ſie auch hier zu Tauſenden unter den Waffen.“ „Mein Gott! mein Gott!“ ſtammelte der friedlich geſinnte SePlan„wie doch menſchliche Weſen ſo auf Selbſtzerſtörung ausgehen können!“ „Iſt Tryon thätig? Was thun die königlichen Beamten unter⸗ deſſen?“ 8 „Sie thun natürlich ihr Möglichſtes; doch müſſen ſie ſich vor⸗ nehmlich auf die Loyalität und den Einfluß der Begüterten ſtützen, bis Hülfe aus Europa anlangen kann. Sollten jene ihnen feh⸗ len, ſo müßten ihre Schwierigkeiten ungemein erhöht werden.“ Kapitän Willoughby verſtand ſeinen Sohn; er warf einen Blick auf ſeine Gattin, um ſich zu überzeugen, ob auch ſie Bobs Abſicht begriffen habe. „»Unſere Familien ſind natürlich wieder ziemlich ebenſo, wie bei den früheren Streitigkeiten, getheilt,“ begann er von Neuem. „Die de Lancey's, van Cortlandts, Philips, Bayards und die 8* 116 Mehrzahl ſolcher Stadtſippſchaft, mit einem großen Theile der Familien auf Long Island, halten's, denk' ich, mit der Krone; dagegen ſind die Livingſtons, Morris, Schuylers, Renſſelaers und ihre Freunde auf Seiten der Kolonie. Ich denke, ſo werden ſie wohl vertheilt ſein, oder nicht?“ „Mit einigen Einſchränkungen ja, Sir. Die de Lancey's ſind ſammt und ſonders mit der Mehrzahl ihres bedeutenden Anhangs für uns— d. h. für den Königz alle Livingſtons und Morris aber ſind gegen uns. Die andern Familien, wie die Cortlandts, Schuylers und Renſſelaers ſind getheilt. Es iſt ein Glück für den Patroon, daß er noch ein Knabe iſt.“ „Wie ſo, Bob?“ fragte der Kapitän mit neugierigem Zlick. „Ganz einfach deßhalb, Sir, weil ſein großes Vermögen ſonſt wahrſcheinlich konfiscirt würde. Von ſeinen nächſten Verwandten ſind ſo Viele gegen uns, daß er der Befleckung kaum entgehen könnte, und die Folgen wären dann unvermeidlich.“ „Betrachtet Ihr das als ſo gewiß, Sir? Kann der Krieg nicht eben ſo gut zweierlei Reſultate haben, wie die Frage ſelbſt ihre zwei Seiten hat?“ „Ich denke nicht, Sir. England iſt nicht die Macht, die ſich von ſo unbedeutenden Kolonien, wie dieſe, Trotz bieten ließe.“ „Für einen königlichen Offizier iſt das ganz wohl geſprochen, Major Willoughby; aber ſtarke Menſchenmaſſen werden furchtbar, ſobald ſie Recht haben; Nationen— und unſere Kolonien ſind eine ſolche Nation an Zahl und Ausdehnung— werden nicht ſo leicht niedergetreten, wenn einmal der Geiſt der Freiheit erwacht und unter ihnen waltet.“ Der Major hörte ſeinen Vater mit Schmerz und Verwunde⸗ rung. Der Kapitän ſprach mit tiefem Ernſt, und ſein edles Geſicht flammte dabei von einer Röthe, welche ſeinem ganzen Weſen etwas ungemein Achtunggebietendes gab. Dem Sohne war es neu, mit ſeinem Vater— beſonders wenn dieſer ſich in ſolcher Stimmung 117 befand— zu ſtreiten, und er blieb daher ſtumm; ſeine Mutter dagegen, welche in ihrem Herzen durchaus loyal dachte— dieſes Wort nämlich mit Bezug auf den Souverain angewendet— und auf ihres Gatten Zärtlichkeit und Nachſicht mit dem vollſten Ver⸗ trauen rechnete, glaubte weniger ſkrupulös ſein zu dürfen. „Wie, Willoughby,“ rief ſie,„du könnteſt dich in der That zur Rebellion neigen! Sieh, ſogar ich, eine Eingeborene des Lan⸗ des, muß meinen Landsleuten Unrecht geben, wenn ſie ſich ihrem geſalbten Könige, dem angeſtammten Herrſcher widerſetzen!“ „Ach, Wilhelmina,“ gab der Kapitän milder zur Antwort,„du hegſt die ächte Bewunderung einer Koloniſtin für die engliſche Heimath. Ich aber war alt genug, als ich England verließ, um das, was ich ſah und hörte, gebührend ſchätzen zu können, und vermag dieſe Provinzialbewunderung nicht mit dir zu theilen.« „Aber England iſt doch gewiß ein ſehr großes Land, mein theurer Kapitän,“ fiel der Kaplan wieder ein,„ein wunderbares Land— das unſere volle Achtung und Liebe anſprechen darf. Betrachtet einmal die Kirche, dieſe gereinigte Fortſetzung der alten ſichtbaren Herrſchaft Chriſti auf Erden: eben der Gedanke an dieſe Kirche iſt es, der die natürliche Liebe zu meinem Geburtsorte überwältigt und meine Geſinnungen geändert hat.“ „Alles vollkommen wahr und gut— in Eurem Munde näm⸗ lich, Kaplan; doch ſelbſt die ſichtbare Kirche kann irren. Dieſe Lehre vom göttlichen Recht hätte auch die Stuarts auf dem Throne erhalten müſſen; ſie iſt alſo nicht einmal engliſcher Grund⸗ ſatz und braucht darum noch viel weniger in Amerika als ſolcher zu gelten. Ich bin kein Cromwellianer oder Republikaner, der ſich dem Throne widerſetzen will, um letzteren umzuſtürzen. Ein guter König iſt ein gut Ding und ein wunderbarer Segen für ſein Land; wenn aber ein Volk ſeine Privilegien erhalten will, ſo muß es wohl darauf Acht haben. Wir Beide können übrigens dieſe Materie auch ein ander Mal verhandeln, Kaplan,“ fuhr er 118 gutmüthig lächelnd fort, indem er aufſtand;„an Gelegenheit wird's uns nicht fehlen. Ich muß jetzt meine Leute zuſammen⸗ rufen und ihnen die Neuigkeit mittheilen. Es iſt nicht paſſend, k aus einem Bürgerkriege ein Geheimniß zu machen.“ »Mein theurer Vater!“ rief der Major beſtürzt,„ſind Sie hier nicht zu voreilig? Wäre es nicht beſſer, wenn Sie das Geheimniß bei ſich behielten und ſich noch etwas Zeit zum Nachdenken gönn⸗ ten— die Ereigniſſe abwarteten? Ich ſehe nicht, wozu dieſe Eile nöthig wäre. Sollten ſich Ihnen die Dinge ſpäter anders dar⸗ ſtellen, ſo könnte vielleicht ein unvorſichtiges Wort, im jetzigen Augenblick geſprochen, vielen Grund zu nachheriger Reue abgeben.“ „Das Alles habe ich mir heute Nacht überlegt, Bob— denn ich habe kaum die Augen geſchloſſen— und du wirſt mich nicht von meinem Vorſatze abbringen. Es iſt nicht mehr als billig, daß meine Leute wiſſen, wie die Sachen ſtehen; weit entfernt, 1 Gefahr dabei zu laufen, wie du glaubſt, halte ich die Maßregel 4 4 ſogar für weiſe. Gott allein weiß, was die Zukunft bringen 84 mag: auf alle Fälle kann Offenheit Dem, der ſie ausübt, wohl ſchwerlich Schaden bringen. Ich habe bereits Befehle ergehen laſſen, daß die geſammte Einwohnerſchaft ſich mit dem Schall der Glocke auf dem Raſen verſammeln ſoll, und erwarte jeden Augenblick, dieſes Zeichen zu vernehmen.“ 4 Dagegen ließ ſich Nichts einwenden: ſo ſanft und nachſichtig der Kapitän gewöhnlich war, ſo durfte man ihm doch ſein Anſehen nicht ſtreitig machen, wenn er es zu behaupten wünſchte. Ueber die Folgen, welche dieſe Kundmachung für den Major haben konnte, blieben noch einige Zweifel, welche der Vater einen Augenblick lang ernſtlich erwog; für den Fall nämlich, daß ein ſehr patrioti⸗ 4 ſcher Geiſt unter den Leuten erwachte— zwei Dritttheile derſelben 4 waren geborene Amerikaner, und zwar, was noch wichtiger ſchien, aus den öſtlichen Kolonien— konnte Robert zurückgehalten oder wenigſtens auf dem Rückwege verrathen und in die Hände der 4 4 119 aufrühreriſchen Behörden überliefert werden. Dieß war ein ſehr ern⸗ ſter Umſtand, der den Kapitän noch einige Zeit, nachdem ſeine Leute ſchon verſammelt waren, im Hauſe zurückhielt, um ſich im Schooße ſeiner Familie über die verſchiedenen Möglichkeiten zu berathſchlagen. „Wir übertreiben die Gefahr,“ rief der Kapitän endlich.„Die Meiſten dieſer Leute ſind ſchon Jahre lang bei mir, und ich kenne⸗ keinen Einzigen unter ihnen, der mich oder ſelbſt dich, mein Sohn, auf dieſe Art zu kränken im Stande wäre. Es iſt weit mehr Gefahr dabei, wenn wir ſie zu täuſchen ſuchen, als wenn wir ihnen in der Sache unſer Vertrauen ſchenken. Ich will hinaus⸗ gehen und ihnen die Wahrheit ſagen, dann haben wir wenigſtens die Beruhigung, recht gehandelt zu haben. Wenn du der Gefahr entgehſt, von Nick verkauft zu werden, ſo wirſt du wohl von kei⸗ nem Andern Etwas zu fürchten haben, mein Sohn.“ »Von Nick!“ wiederholte ein halbes Dutzend Stimmen voll Verwunderung.„Gewiß, Vater— gewiß, Willoughby— ſicher⸗ lich, mein theurer Kapitän, ein alter, erprobter Begleiter, wie der Tuscarora, wird doch wohl keinen Verdacht verdienen!“ „Ja, ja, ein alter Begleiter iſt er freilich, und Strafe hat er auch oft genug erhalten, wenn er ſich nicht erprobte. Ich habe mein Mißtrauen gegen dieſen Burſchen niemals einſchläfern laſſen; bei einem Indianer iſt man immer unſicher, ſo lange man nicht feſt auf ſeine Dankbarkeit zählen darf.“ „Aber er war es doch, Willoughby, der dieſes Gut für uns auffand,“ warf des Kapitäns Gattin ein.„Ohne ihn wäre dieſer liebliche Ort, der Biberdamm, und was uns ſonſt noch ſo manche Freude macht— niemals unſer geworden.“ „Ganz richtig, liebes Weib; und ohne gute goldene Guineen wäre auch Nick nicht für uns zu haben geweſen.“ „Aber, Sir, ich bezahle ihn ſo reichlich, als er es nur wün⸗ ſchen kann,“ bemerkte der Major.„Wenn Geſchenke ihn zu er⸗ kaufen vermögen, ſo ſind die meinen ſo gut, wie die eines Andern.“ 120 „Wir werden ſehen; unter den gegenwärtigen Umſtänden dürften wir, glaub' ich, in jeder Beziehung ſicherer gehen, wenn wir den— Leuten nichts vorenthalten und ihnen Alles ſagen, was wir wiſſen.“ Mit dieſen Worten griff der Kapitän nach ſeinem Hute und nahm mit der ganzen Familie den Weg durch das unvertheidigte Hofthor. Da die Aufforderung an alle Einwohner ergangen war, ſo ſah man bei der Ankunft der Willoughby's und des Kaplans jede lebende Seele der abgelegenen Niederlaſſung, bis zu den Wickelkindern herab, auf dem Raſen verſammelt. Der Kapitän beſaß die vollſte Achtung ſeiner Leute, nur einige Wenige darunter liebten ihn nicht. Dieß war jedoch nicht ſeine Schuld, ſondarn lag mehr in dem widerſpenſtigen Charakter jener Mißvergnügten ſelbſt. Er war gewohnt, ſein Anſehen zu wahren; dieß mochte vielleicht ihren anmaßenden Gleichſtellungs⸗Ideen nicht zuſagen, wie denn überhaupt der Reiche und Mächtige niemals* dem Neid und der Mißgunſt Derer entgehen wird, welche, außer Stande, den wahren Unterſchied zwiſchen dem Manne von Bildung und dem niedrig geſinnten Plebejer aufzufinden— die Vortheile ſeiner Stellung nur dem Gelde, dem Zufall zuſchreiben. Doch ſelbſt dieſe Wenigen, welche ſich von einem ſo boshaften, verderblichen Hange beherrſchen ließen, konnten die Gerechtigkeit, die wohlwollende Ge⸗ ſinnung ihres Herrn nicht in Abrede ziehen, wenn er gleich dieſe Tugenden nicht jederzeit ſo ausübte, wie ihre eigene nimmerſatte Selbſtſucht und ihre übertriebenen Begriffe von angemaßten natür⸗ lichen Rechten es forderten. Kurz, Kapitän Willoughby wurde von einigen unruhigen, übermüthigen Köpfen unter ſeinen Leuten des Hochmuths beſchuldigt, und zwar, weil er die Vortheile der Er⸗ ziehung in Sitten, Gebräuchen, Geſinnungen und Anſichten ſah und fühlte, die jenen Andern verborgen bleiben mußten, weil ſie nicht nur von ihrem Daſein überhaupt, ſondern ſelbſt von den Eigen⸗ ſchaften, denen ſie ihre Möglichkeit verdankten, keine Ahnung hatten. Pope's treffender Ausſpruch:„Nur nach Bekanntem kann man 121 2 richtig ſchließen,“ iſt beſonders auf Perſonen dieſer Klaſſe anwend⸗ bar, denn ſie ſind immer geneigt, alles Hohe in den Staub zu ziehen und nach dem Prototyp ihrer eigenen Unwiſſenheit umzu⸗ wandeln; Sklaven der gemeinſten, niedrigſten Leidenſchaften, rä⸗ ſonniren ſie über Alles, wie wenn ſie die ganze Summe von Kenntniſſen, Ehrliebe und Bildung ihres Vaterlandes, wie ihrer Zeit, in ſich ſelbſt verſchlungen hätten. Aus dieſer Menſchenklaſſe ſtammt der gewöhnliche Demagog— ein Wicht, gleich unfähig, an ſich ſelbſt ein Beiſpiel höherer Eigenſchaften aufzuſtellen, als dieſes an Anderen gebührend zu ſchätzen. Solche Menſchen gibt's überall, wo menſchliche Freiheit hohen Schutzes genießt; ſie ſind die moraliſchen Auswüchſe derſelben, ebenſo wie man immer finden wird, daß der reichſte Boden ſtets das üppigſte Unkraut als lä⸗ ſtige, giftige Frucht trägt. Verſammlungen der oben beſchriebenen Art waren für die Ein⸗ wohnerſchaft des Blockhauſes eben nichts Ungewöhnliches. Unſere Erzählung betrifft eine Periode, welche die jetzige erleuchtetere Ge⸗ neration, wenigſtens was geſellige Gebräuche betrifft, gerne mit den dunkleren Zeiten der amerikaniſchen Geſchichte verwechſelt, obgleich ſie die frühe begrabene Weisheit der Mormon⸗Bibel und Millers Interpretationen der Propheten längſt hinter ſich hatte. Damals war man nicht ſo thöricht, um überall weiſe erſcheinen zu wollen, und einige der alten Feſtlichkeiten unſerer angelſächſiſchen Vorfahren wurden noch immer geduldet; die Alles verſchlingende Feier des „Unabhängigkeits⸗Tages“ hatte noch nicht jeden anderen Feſttag verdunkelt. Kapitän Willoughby hatte eine Vorliebe für Feſtlich⸗ keiten, die in der alten Welt ohnedieß vorherrſchender ſind, als in der neuen— in die Kolonien mitgebracht, und es zählte deßhalb keineswegs zu den Seltenheiten, wenn er ſeine Leute zuſammen⸗ berief, um ein Geburtsfeſt oder den Jahrestag einer Schlacht, an welcher er als Sieger Antheil genommen, in Heiterkeit und Froh⸗ ſinn zu begehen. Als er daher bei gegenwärtiger Veranlaſſung auf dem Raſen erſchien, erwartete man ziemlich allgemein eine ſolche Ankündigung aus ſeinem Munde zu vernehmen. Die Einwohner des Biberguts oder der Herrſchaft vom Block⸗ hauſe zerfielen in phyſiſcher wie in geiſtiger Beziehung in drei große Kategorien oder Raſſen, nämlich: die angelſächſiſche, die holländiſche (beider Linien) und die afrikaniſche. Die erſte war die zahlreichſte: zu ihr gehörten die Familien der Müller und der meiſten Hand⸗ werker nebſt der von Joel Strides, dem Landaufſeher; die zweite beſtand hauptſächlich aus Taglöhnern, und die letzte wurde aus⸗ ſchließlich durch die Domeſtiken des Haushalts gebildet, einen von den Pliniuſſen ausgenommen, welcher ein Ackermann war, aber gleichwohl mit ſeinen Verwandten im Blockhauſe wohnen durfte. Maud hatte dieſen verſchiedenen Abtheilungen in einer ihrer hei⸗ teren Launen den Beinamen der drei Stämme gegeben, wozu ihr Vater, um die Zahl voll zu machen, den Sergeanten, Mike und Jamie Allen als Ueberzählige nebenbei klaſſificirte. So waren denn die drei Stämme nebſt den drei Ueberzähligen vollſtändig auf dem Raſen verſammelt, als der Kapitän mit ſeiner Familie herannahte. Einem geheimen Inſtinkte folgend, hatten ſie ſich in Gruppen getheilt: die Holländer ſtanden etwas abſeits von den Yankee's, und die Schwarzen, gleichſam aus religiöſer Scheu, etwas weiter rückwärts, wie es Leuten ihrer Farbe und— Sklaven zukam. Mike und Jamie hatten zwiſchen den beiden großen Haufen der Weißen eine Art neutraler Stellung eingenommen, als ob ſie ſich um deren Zwiſtigkeiten oder Antipathien gleich wenig kümmerten. So hatten ſich die verſchiedenen Theile gruppirt: Alle erwarteten voll Ungeduld die lang aufgeſchobene Botſchaft. Der Kapitän ging auf ſie zu, lüftete den Hut— eine Höflichkeit, welche er bei ähnlichen Gelegenheiten jedesmal beobachtete und die ebenſo von ſeinen Zuhö⸗ rern erwiedert wurde— und begann dann ſeine Anrede an die Menge. „Wenn Leute in einer Wildniß, wie die unſrige, zuſammen⸗ leben,“ ſo ſprach der Kapitän,„ſo ſollten in Sachen, welche die „— ——-’d 123 gemeinſamen Intereſſen Aller berühren, keine Geheimniſſe zwiſchen ihnen ſein, meine Freunde. Wir ſind wie auf einem abgelegenen Eilande und bilden eine Kolonie für uns: ſo müſſen wir alſo auch freimüthig und ehrlich an einander handeln. Von dieſem Geiſte beſeelt, ſtehe ich nun im Begriff, euch über eine Sache, welche für die Kolonien wie für das Reich von der höchſten Wich⸗ tigkeit iſt, Alles, was ich weiß, vor Augen zu legen.“ Hier ſpitzte Joel die Ohren und warf einen Blick des Einver⸗ ſtändniſſes nach„dem Müller“, einem Landsmanne und früheren Nachbar, der die Mahlmühle zu beſorgen hatte und par excellence alſo genannt wurde. „Ihr Alle wißt,“ fuhr der Kapitän fort,„daß ſchon ſeit länger als zehn Jahren zwiſchen den Kolonien und dem Parlament ernſt⸗ liche Streitigkeiten herrſchen, welche zwar ein paar Mal theilweiſe beigelegt wurden, aber jedesmal, ſo oft der alte Streit beſeitigt war, in anderer Geſtalt auf's Neue ausbrachen.“ Hier hielt der Kapitän einen Augenblick inne, und Joel, der gewöhnlich den Sprecher unter„den Leuten“ machte, benützte dieſe Gelegenheit zu einer Frage. „Der Kapitän meint vermuthlich das Recht des Parlamentes, uns Amerikaner zu beſteuern,“ begann er mit ſchlauer, halb ehr⸗ erbietiger und halb jeſuitiſcher Miene,„ohne daß wir unſere Zu⸗ ſtimmung gäben oder eigene Mitglieder in ihrer Legislatur hätten?« „Ganz richtig— das eben meine ich. Die Thee⸗Auflage, die Sperrung des Hafens von Boſton, nebſt anderen Schritten, haben ungewöhnlich zahlreiche Maſſen königlicher Truppen zu uns gebracht. Boſton hat, wie ihr wahrſcheinlich ſchon wißt, ſeit einigen Monaten eine ſtarke Garniſon. Vor etwa ſechs Wochen ſchickte der komman⸗ dirende General ein Detaſchement gegen Concord in Newhampſhire, um dort gewiſſe Kriegsvorräthe zu zerſtören. Dieſes Detaſchement wurde mit den kleinen Leuten handgemein, wobei denn wirklich Blut floß. Ein Rückzugsgefecht erfolgte, das mehrere Hundert Todte und 124 Verwundete koſtete, und ich glaube, beide Parteien genügend zu kennen, um den Anfang eines langen und blutigen Bürgerkriegs verkündigen zu dürfen. Dieß ſind lauter Thatſachen, die ihr wiſ⸗ ſen müßt, und die ihr demgemäß durch mich erfahret.“ Dieſer einfache, aber klare Bericht wurde von den verſchiedenen Zuhörern ſehr verſchiedentlich aufgenommen. Joel Strides hatte ſich mit geſpannter Neugierde vorgelehnt, um keine Sylbe von des Kapitäns Rede zu verlieren. Die meiſten Neu⸗Engländer oder Nankee's zeigten große Aufmerkſamkeit und wechſelten am Schluſſe bedeutungsvolle Blicke mit einander. Mike griff nach ſeinem Shilla⸗ lehſtock, den er gewöhnlich bei ſich führte, wenn er nicht an der Arbeit war, und ſchaute ſich um, als ob er des Kapitäns Befehle erwartete, bei wem er mit demſelben beginnen ſollte. Jamie war ernſt und nachdenklich, und kratzte ſich im Verlauf der Rede ein paar Mal hinter den Ohren. Die Holländer ſchienen neugierig, aber verwirrt, und glotzten ſich an, wie Leute, welche gerne zu einem Entſchluſſe kämen, wenn ſie Zeit hätten, jetzt aber jedenfalls nicht dazu kommen konnten. Die Schwarzen machten Augen, ſo groß wie Untertaſſen, als ſie von dem Streite vernahmen; ſobald vom Schlagen die Rede war, grinsten ſie Alle vor Freude über eine ſo ermunternde Scene; als aber vollends der Anzahl der Todten ge⸗ dacht wurde, da überlief ſie ein ängſtliches Gefühl, und ihre Mienen zeigten den Ausdruck des Schreckens. Nick allein blieb gleichgültig. An der kalten Theilnahmloſigkeit ſeines Weſens konnte der Kapi⸗ tän ſogleich bemerken, daß die Schlacht dem Tuscarora beim Beginne ſeines Berichtes kein Geheimniß mehr geweſen war. Da der Kapitän eine gewiſſe Vertraulichkeit bei ſeinen Unter⸗ gebenen gerne ermunterte, ſo erklärte er ſich jetzt bereit, ihre natürliche Neugierde zu befriedigen, und alle Fragen, die ſie etwa für dienlich halten möchten, zu beantworten. „Dieſe Neuigkeit hat vermuthlich der Major mitgebracht?“ fragte Joel. „Das könnt Ihr Euch wohl denken, Strides. Mein Sohn iſt hier, und wir haben keine anderen Mittel, um ſo Etwas zu erfahren.« »Wünſchen Euer Gnaden, daß wir unſere Feuergewehre auf die Schulter nehmen, um auf einer oder der andern Seite zu fechten?“ fragte Mike. „Ich wünſche nichts der Art, O'Hearn. Für uns iſt's Zeit genug, entſchiedenen Antheil zu nehmen, wenn wir erſt einen beſſeren Begriff von dem, was vorgeht, gewonnen haben.“ „Glaubt der Kapitän nicht, daß die Sachen für die Amerikaner weit genug gediehen ſeien, um ſo zu ſagen zu einem entſcheiden⸗ den Entſchluſſe gelangen zu können?“ fragte Joel mit der bös⸗ artigſten Miene. „Ich denke, von uns Allen wird es weiſe gehandelt ſein, wenn wir bleiben, wo und wie wir ſind. Um einen Bürgerkrieg iſt's eine ernſte Sache, Strides, und Niemand ſollte ſich blindlings in Mühſeligkeiten und Gefahren ſtürzen.“ Joel ſah nach dem Müller, und der Müller ſah nach Joel: Keiner von Beiden aber ſprach ein Wort. Jamie Allen war anno 45„dabei“ geweſen, als er noch dreißig Jahre jünger war; er hatte zwar auch ſeine Vorliebe, wie ſeine Antipathien, aber die Umſtände hatten ihn Vorſicht gelehrt. „Wird wohl das Parlament den Soldaten nicht anbefehlen, mit dem armen unbewaffneten Volke im Lande da unten, das doch nicht mit den Mitteln zum Widerſtand verſehen iſt, nach Belieben zu verfahren?“ „Oho, Jamie!“ fiel Mike ein, ohne, wie es ſchien, in der Sache beſondere Rückſicht für nöthig zu halten—„wo bleibt dein Muth und Magen, daß du eine ſolche Frage thun kannſt? Ein Mann iſt immer gerüſtet, ſobald er Waffen und Beine frei hat, um naturgemäß damit zu handeln! Was würde ein Regiment von den Truppen gegen die Bewohner eines Platzes, wie der unſere, ausrichten? Es ſind nun ſchon an die zehn Jahre, daß ich darin 126 bin, und doch war ich noch nie im Stand, meinen Weg heraus⸗ zufinden. Laßt einmal einen Soldaten vor Sonnenaufgang vom See abrudern, um das andere Ende davon zu erreichen, und ihr ſollt ſehen, was der euch für einen hübſchen Marſch aufführen wird! Ich kenne das, denn ich hab's ſelbſt verſucht, und ein An⸗ fänger kann mit ſolchen Rudern ſchon gar nicht zurecht kom⸗ men, abſonderlich wenn er Nichts davon verſteht.“ Dieß war für jeden Andern, als Joel, nicht leicht verſtändlich, und der hatte ſchon ſeit ſechs bis ſieben Jahren aufgehört, ſich über Mike's Reiſe luſtig zu machen, denn bei dem Irländer hatte es unterdeſſen noch allerhand ſonſtige Unfälle gegeben, welche ſämmtlich aus einer ähnlichen Gedankenverwirrung entſprangen. Jedenfalls diente es aber als Zeichen, daß Mike noch immer krie⸗ geriſch geſinnt und jeder Zeit bereit war, ſeinem Führer in die Schlacht zu folgen, ohne ihn viel mit Fragen über die Recht⸗ mäßigkeit des Kampfes zu beläſtigen. Nichts deſto weniger be⸗ kannte ſich der Irländer zu beſtimmten Grundſätzen, welche ſämmt⸗ lich Einfluß auf ſein Benehmen hatten— ſobald ſie ihm nämlich Nutzen brachten. Zuerſt und vor Allem hegte er einen herzlichen Widerwillen gegen die Yankee's; ebenſo war ihm der Engländer, als Unterdrücker wie als Ketzer, verhaßt; dagegen liebte er ſeinen Herrn und Alles, was dieſem angehörte. Dieß waren allerdings widerſprechende Gefühle, aber Mike war auch in Theorie, wie in Praxis, der perſonificirte Widerſpruch. Der angelſächſiſche Stamm ſchickte ſich jetzt zum Rückzuge an, da er ſich, wie er verſprach,„die Sache bedenken“ wollte; Mike proteſtirte aber laut dagegen und erklärte, wenn es einmal in einer Angelegenheit bis zu Schlägen gekommen ſei, habe er noch nie etwas Gutes aus dem Denken entſpringen ſehen. Auch Jamie entfernte ſich unter fortwährendem Ohrenkrabbeln, und man ſah ihn heute beim Aufhäufeln ſeiner Pflanzen lange Pauſen machen, wie wenn er über das, was er gehört hatte, — nachdächte. Den Holländern hatte ihre Stunde noch nicht ge⸗ ſchlagen; Niemand konnte auch wohl an demſelben Tage, da ſie die Neuigkeit vernommen, eine Entſcheidung von ihnen erwarten. Die Neger gingen zuſammen und beſprachen ſich über die wun⸗ derbare Schlacht, worin ſo viele Chriſten todtgemacht worden ſeien. Little Smaſh ſchätzte die Zahl der Erſchlagenen auf einige Tauſend; ihre große Namensſchweſter aber behauptete— ihres voller⸗ klingenden Namens, wie ihres höheren Geiſtes würdig— der Ka⸗ pitän habe von einigen Hunderttauſenden geſprochen; denn mit geringerem Verluſt, ſo meinte ſie, könne nie eine große Schlacht geſchlagen werden. Sergeant Joyce erbat ſich bei dem Kapitän nach deſſen Rück⸗ kehr eine Audienz, worin er ihn ganz einfach um ſeine Befehle fragte, ohne ſich im Geringſten um Grundſätze zu bekümmern. Siebentes Kapitel. Wir Alle hier! Vater, Mutter, Schweſter, Bruder, Alles, was uns theuer— hier! Jeder Stuhl beſetzt daheim, Laßt keinen kalten Fremdling ein: Nicht oft wir uns um den bekannten Familienherd zuſammenfanden; Drum Heil uns heut' und Heil uns morgen, Vergeſſen ſeien alle Sorgen, Der ſüße Friede mög' hier weilen, Und innige Lieb' die Stunden theilen! Wir Alle, Alle hier! Sprague. Der größere Theil der Menge hatte ſich zwar, nachdem ſie von dem Kapitän entlaſſen war, wieder in ihre Wohnungen oder an die Arbeit begeben; einige Wenige waren aber zurückgeblieben, um ſeine ferneren Befehle zu empfangen. Zu Letzteren gehörte — Joel, der Zimmermann und der Grobſchmied. Dieſe Drei geſell⸗ ten ſich zu dem Gutsherrn und ſeinem Sohne, welche am Thor⸗ weg ſtehen geblieben waren und ſich über die Aenderungen beſprachen, welche der nunmehrige Stand der Dinge für das Blockhaus und deſſen Umgebung nothwendig machen mochte. „Joel,“ bemerkte der Kapitän, als die drei Koloniſten nahe genug waren, um ſeine Befehle vernehmen zu können,„dieſer große Wechſel der Zeitumſtände wird wohl auch einige Aenderung in unſeren Vertheidigungsanſtalten veranlaſſen— die Klugheit, wenn nicht gar die Nothwendigkeit ſcheint dieß zu gebieten.“ „Glaubt der Kapitän, die Koloniſten werden uns angreifen fragte der verſchmitzte Aufſeher mit Nachdruck. „Vielleicht nicht gerade die Koloniſten, Mr. Strides, denn wir haben uns ja noch nicht zu ihren Gegnern erklärt; aber es gibt andere Feinde, welche mehr zu fürchten ſind, als die Koloniſten.“ „Ich ſollte meinen, des Königs Truppen würden ſich wohl kaum die Mühe nehmen, ſich hierher zu wagen— ſie könnten leicht den Herweg bequemer als den Rückweg finden. Ueberdieß würde die Beute, welche ſie hier treffen, ſie kaum für einen ſol⸗ chen Marſch entſchädigen.“ „Schwerlich; aber es gab bis jetzt noch nie einen Krieg in den Kolonien, in dem nicht einige von den wilden Stämmen, und zwar noch ehe die Weißen ſich recht in Linie geſtellt hatten — gleichfalls handelnd auftraten.“ „Glauben Sie in der That, Sir, daß uns von daher ernſt⸗ liche Gefahr drohe?“ rief der Major erſtaunt. „Ohne Zweifel, mein Sohn. Wenn auch nur die Hälfte dei⸗ ner Erzählungen und Gerüchte ſich beſtätigt, ſo wird das Skalpir⸗ meſſer, falls es nicht bereits aus der Scheide iſt, längſtens in einem halben Jahre in Thätigkeit ſein— das beweist die ganze Geſchichte von Amerika.“ „Ich denke eher, Sir, Ihre Beſorgniſſe für Mutter und 2 ———⸗—⸗—— 129 Schweſtern dürften Sie irreführen. Ich glaube nicht, daß die amerikaniſchen Behörden ſich je zu einer ſo durchaus unverantwort⸗ lichen, ſchauderhaften Maßregel verleiten laſſen werden; und wäre das engliſche Miniſterium grauſam oder unredlich genug, um eine ſolche Politik zu adoptiren— wahrlich, der gerechte Unwille des menſchlichgeſinnten Volkes müßte ſie ohne Gnade von ihrer Höhe herabſtürzen.“ Als der Major zu ſprechen aufhörte, drehte er ſich um und ſah mit Befremden den Ausdruck in Joels Zügen: der Aufſeher beobachtete nämlich den Major während ſeiner warmen, aufrich⸗ tigen Rede mit einem Blicke der geſpannteſten Aufmerkſamkeit. „»Menſchlichkeit iſt ein recht hübſches Steckenpferd für politiſche Reden, Bob,“ erwiederte ſein Vater mit Ruhe;„bei einem alten Feldſoldaten wirſt du aber nicht viel damit ausrichten. Gott gebe, daß du daſſelbe warme, unverdorbene Mitleid aus dem Kriege zu⸗ rückbringeſt, von welchem ich dich in dieſem Augenblicke beſeelt ſehe.“ „»Der Major wird die Wilden wohl ſchwerlich fürchten, ſofern er auf der Seite ſeiner natürlichen Freunde bleibt!“ bemerkte Joel;„und wenn das wahr iſt, was er von der Menſchlichkeit der königlichen Rathgeber geſagt hat, ſo wird er auch vor dieſen ſicher ſein.“ »Der Major wird ſich auf der Seite befinden, wohin die Pflicht ihn ruft, Mr. Strides, wie Ihr Euch gefälligſt bemerken wollt,“ gab der junge Mann mit etwas mehr Stolz zur Antwort, als für dieſe Veranlaſſung gerade nöthig geweſen wäre. Der Vater wurde unruhig und bedauerte, daß ſein Sohn ſo un⸗ vorſichtig geweſen war, ſah aber kein anderes Ausgleichungsmittel als das, die Aufmerkſamkeit der Leute auf die Hauptſache ſelbſt zu lenken. „Die wirklichen Wünſche der Amerikaner werden ebenſo wenig wie die der Engländer bei Führung dieſes Krieges ſonderlich viel ausrichten,“ begann der Kapitän.„Seine Leitung wird den Händen Derer anheimfallen, welche mehr auf das Ziel als auf die Mittel bedacht ſind, und der Sieg wird jedes Unrecht genügend entſchul⸗ Wyandotts. 9 —— 130 digen. Dieß war zu meiner Zeit die Geſchichte aller Kriege, und ſie wird es wohl auch bei dieſem ſein. Für uns wird es, fürcht' ich, wenig Unterſchied machen, nach welcher Seite das Herz uns hin⸗ zieht— in beiden Fällen werden wir uns vor den Wilden zu ver⸗ wahren haben. Und da muß denn vor allen Dingen das Thor ein⸗ gehängt werden, Joel; auch denke ich ernſtlich daran, rings um das Blockhaus Palliſaden errichten zu laſſen— dadurch würde unſer Wohnſitz ſo ſtark, daß er ohne Geſ ſchütz nicht leicht einzunehmen wäre.“ Joel ſchien von dieſem Gedanken— nicht ſonderlich angenehm — betroffen. Er betrachtete das Haus und die maſſiven Thore einige Minuten lang, ehe er ſeine Anſicht in der Sache äußerte. „Das Alles iſt freilich ganz richtig, Kapitän,“ begann er eher zweifelhaft als billigend,„wenn die Thore eingehängt wären, möchte das Haus allerdings weit geſicherter erſcheinen: aber man weiß denn doch nicht— Thore geben manchmal Sicherheit, manchmal aber auch nicht. Alles hängt davon ab, von welcher Seite die Ge⸗ fahr kommt. Da ſie übrigens ſchon gemacht und zum Einhängen parat ſind, ſo wäre es faſt Schade, ſie nicht zu gebrauchen— wenn man nur Zeit dazu finden könnte.“ „Die Zeit muß gefunden, die Thorflügel müſſen eingehängt werden,“ fiel der Kapitän ein, der Joels zweifelhaftes, unentſchie⸗ denes Weſen zu gut kannte, um bei ſeinen Einwürfen immer ge⸗ duldig zu bleiben.„Nicht nur die Thore, auch die Palliſaden müſſen fertig, Schießſcharten müſſen gegraben und die ganze Um⸗ wallung geſchloſſen werden.“ „Natürlich muß es geſchehen, wie der Kapitän ſagt, denn er iſt hier der Herr im Hauſe. Aber im Mai iſt die Zeit koſtbar, das Ausſtecken iſt noch nicht zur Hälfte beendigt; auch müſſen noch mehrere Morgen überpflügt werden. Ohne Ausſaat keine Erndte — das trifft Jeden, Groß oder Klein, und es ſcheint mir des Herrn Segen gewiſſermaßen vergendet, wenn man Thore einhängt und Löcher gräbt für das— nun, das Ding da, was der Kapitän 131 meinte— während doch nirgends eine Gefahr zu ſehen iſt, welche 2 die Maßregel, ſo zu ſagen, unſerer Klugheit anriethe.“ hn„Das mag Eure Meinung ſein, Mr. Strides, die meinige aber iſt es nicht. Ich will mich vor einer ſichtbaren Gefahr ſchützen, wenn ſie uns auch noch nicht vor Augen ſchwebt, und werde Euch dankbar ſein, wenn Ihr dieſe Thore noch heute einhängen laßt.“ „ Noch heute! der Kapitän iſt heute zum Muſiciren aufgelegt. Auch wenn wir alle Hände aufbieten, können wir die Thore nicht früher als in einer Woche einhängen.“ „Mir ſcheint, Mr. Strides, Ihr macht jetzt ſelbſt Muſike, wie Ihr's zu nennen beliebt.“ „Nein, gewiß nicht, Kapitän; die Thore da müſſen nach mecha⸗ niſchen Grundſätzen eingehängt werden; der Zimmermann und der Grobſchmied brauchen wenigſtens zwei Tage, bis ſie das nöthige Gerüſt dazu aufſchlagen. Dann wird das Einhängen ſelbſt für jeden Flügel einen Tag wegnehmen, ſchätz' ich. Was die Umwallung be⸗ trifft, da muß man zuerſt Bäume fällen, dann hereinſchaffen, dann Löcher graben und endlich die Stämme einrammeln— das würde alle Hände nach dem erſten Umhacken in Anſpruch nehmen, das heißt, das Umhacken käme vor dem Ausſtecken.“ „Mir ſcheint die Aufgabe nicht ſo ſchwierig, Bob, wie Joel ſie darſtellt. Die Thorflügel ſind freilich ſchwer und können uns ein paar Tage wegnehmen; was aber die Stockade*) betrifft— wenn ich mich recht erinnere— ſo habe ich Kaſernen in einer Woche verpalliſadiren ſehen. Du verſtehſt ja Etwas davon— was iſt alſo deine Meinung?“ „Daß das Haus ſich allerdings in einer Woche verpalliſadiren 7 ) läßt, und da ich mich nicht entſchließen kann, die Familie früher, e als bis ſie in voller Sicherheit iſt, zu verlaſſen, ſo will ich mit n Ihrer Erlaubn iß bleiben und die Arbeit beaufſichtigen.“ d *) So nennen die Engländer derartige Palliſadenwerke, wie ſie c an der Weſt⸗ gränze Canada's, beſonders aber in Oſtindien vorkommen. D. U. — Dieſes Anerbieten wurde aus mehr als einem Grunde mit Freuden angenommen, und der Kapitän, der, ſobald er's ernſtlich meinte, an pünktlichen Gehorſam gewöhnt war, gab die nöthigen Befehle zur Ausführung des Werks. Joel erhielt Erlaubniß, das ſchon begonnene Ausſtecken, wozu nur wenige Hände erforderlich waren, zu vollenden. Ein Graben vor den Palliſaden ſchien un⸗ nöthig— ſo war die ganze Arbeit höchſt einfach, und der Major machte ſich unverzüglich an ſeine Aufgabe, ohne mit ſeinem Vater in's Blockhaus zurückzukehren. Vor Allem mußte ein ſechs bis ſieben Fuß tiefer Laufgraben gezogen werden, welcher das ganze Haus in einer Entfernung von etwa dreißig Schritten rings umſchloß. Dieſe Linie lief auf jeder Seite des Blockhauſes gerade am Rande des Abhangs hin, ſo daß die Flanken weit mehr geſichert waren als die Front, wo der Graben den ſanft abgedachten Boden durchſchnitt. In einer Stunde hatte der Major dieſe Linie ganz genau gezogen, und ſechs bis acht Mann waren ſchon mit Ausgraben beſchäftigt. Ein Haufen Arbeiter wurde in den Wald geſchickt, um die erforderliche An⸗ zahl junger Kaſtanienſtämme zu fällen, und ſchon um Mittag ſah man eine volle Laſt davon am Graben abladen. An die Thore aber hatte noch Niemand Hand angelegt. Der Kapitän war wieder voll Munterkeit und jugendlichen Feuers. Das Ganze erinnerte ihn an ſo manche Scene aus ſeinem militäriſchen Leben, und man hörte ihn im Hauſe rumoren und Befehle geben, wobei er jedoch jede Einmiſchung in die Anord⸗ nungen ſeines Sohnes ſorgfältig vermied. Mike grub trotz einem Maulwurf, und war ſchon ſieben Fuß weit vorgedrungen, ehe noch Einer von den Yankee's feſten Fuß auf ſeinem Poſten gefaßt hatte. Jamie Allen machte ſich mit Ueberlegung an's Werk; doch bald ſah man auch ſeine grauen Locken in gleicher Höhe mit der Erd⸗ fläche. Der Boden war nicht hart, nur etwas ſteinig, und das Werk ſchritt mit Eifer und gutem Erfolge voran. 4. 8 — — 133 Dieſen ganzen Tag, ſowie die drei nächſtfolgenden, herrſchte rings um das Blockhaus das regſte Leben: hier wurde Erde aus⸗ geworfen, dort war das Zugvieh in Bewegung, der Zimmermann ſägte, und der Taglöhner ging nicht müſſig. Manche unter den Leuten nannten zwar das Werk nutzlos, unnöthig, ſogar geſetzwidrig, aber Keiner wagte, ſich unter den Augen des Majors zu widerſetzen, wenn ſein Vater einmal einen ernſtlichen Befehl erlaſſen hatte. Joel hatte wohl zwiſchen ſeiner Arbeit manche lange Pauſe gemacht, um das rege muntere Leben und Lärmen in der Nähe des Blockhauſes zu beobachten; doch war auch er unterdeſſen mit ſeinem Ausſtecken zu Ende gekommen. Am Abend des vierten Tags ſah er ſich genöthigt, mit den wenigen Arbeitern, die er zurück⸗ behalten hatte, zu dem großen„Bienenſchwarm“ zu ſtoßen. Der Graben war mittlerweile fertig geworden, die Baumſtämme lagen bereit, und das Aufrichten der Palliſaden hatte ſeinen Anfang genommen. Die jungen Stämme wurden in der Höhe von zwanzig Fuß abgeſchnitten und an einem Ende zugeſpitzt; für die Querbalken wurden in gehöriger Entfernung Zapfenlöcher angebracht und Oeff⸗ nungen für die Riegel eingebohrt. Damit war die ganze Vorbe⸗ reitung fertig; die Stämme wurden ſofort mit der Spitze nach oben nur wenige Zoll neben einander in den Graben geſetzt, die Quer⸗ hölzer aufgenagelt, ſo daß das Ganze dieſelbe Richtung bekam und dann ſenkrecht geſtellt und ringsum am Fuße die Erde feſtgeſtampft. Die letztere Arbeit erforderte Verſtand und Pünktlichkeit; ſie wurde der ſpeziellen Aufſicht des bedachtſamen Jamie anvertraut, denn der Major hatte die Bemerkung gemacht, daß die Yankee's im Durch⸗ ſchnitte zu ungeduldig waren und nicht erwarten konnten, bis ſie mit ihrer Fertigkeit prahlen durften. Sergeant Joyce machte ſich beſonders dadurch nützlich, daß er die Stämme in gleiche Reihe ſtellte und dem Ganzen einen militäriſchen Anſtrich gab. „Gute Arbeit iſt weit beſſer als raſche Arbeit,“ bemerkte der kühle, bedächtige Schotte, während er unter den Leuten auf⸗ und abging;„nicht das bloße Lärmen und Treiben iſt's, was dem Kapitän Freude macht. Was man recht thut, thut man immer ohne Geräuſch und Verwirrung. Setzt die Pfähle ſenkrechter, ihr Leute!« „Ja, richtet ſie auch ordentlich, meine Jungen,“ fügte der ehrwürdige Exſergeant bei. „Traun, ein wunderliches Einſtecken, Jamie,“ fiel Joel ein, „und wunderlicher noch wird die Erndte ſein, die es uns einträgt. Glaubt Ihr denn, dieſe Kaſtanienſtämme werden wieder anwachſen, daß Ihr ſie gleich Kornähren in Reihen aufpflanzt?“ „O nein, Joel, nicht damit ſie anwachſen, ſondern damit wir unſern Wuchs behalten— deßhalb geſchieht es. Wir wollen die wilden Waldteufel abhalten, daß ſie uns nicht die Köpfe ſtutzen, ehe die Alles abmähende Zeit uns für die ewige Erndte einſammelt. Wem die Sicherheitsmaßregel, die wir hier treffen, nicht gefällt, der kann ſeiner Wege gehen, wohin er will, damit er nicht wieder ein Fort oder eine Stockade vor ſich ſieht, die ihn geniren könnte.“ „Ich verſtehe mich nicht auf die Sache, Jamie; meiner Anſicht nach hätte man aber einen weit beſſeren Gebrauch von Eurer Ka⸗ ſtanienpflanzung machen können, wenn man ſie zu Viehſchoppen für den Winter verwendet hätte. Daraus hätte doch noch etwas Gutes herausgeguckt, hier aber kann ich nichts davon bemerken.“ „Hol' Euch der Henker, Miſchter Streithahn!“ rief Mike aus der Tiefe des Grabens herauf, wo er ſeine Bleiwage mit dem ganzen Eifer eines Pflaſterers handhabte—„der Henker hole Euch und Eures Gleichen, ſag' ich, Miſchter Strides. Wenn Ihr in Kriegszeiten an einer ſolchen Befeſtigung keinen Gefallen findet— ei, ſo nehmt Euren Schnappſack auf die Schulter und packt Euch in's offene Land hinaus, wo Ihr Alles nach Wunſche antreffet. Das Haus befeſtigen, hem? Ja, ja, das wollen wirz weder un⸗ ſerer Miſſes, noch den jungen Ladies, noch auch unſerem Herrn, ſo kahl er auch iſt— nein, ihnen Allen ſoll nicht ein Haar auf *. 135 dem Kopfe gekrümmt werden, ſo lange Jamie und Mike und dieſer tapfere alte Sergeant hier ihren Willen haben. Ich wollte, wir hätten den Graben voll mit Euren Wilden— wir wollten ein hübſches Leichenbegängniß anſtellen mit den Landſtreichern! Ja ja, 's ſind lauter Teufelsbraten, das höre ich von allen Seiten, und bin ihnen gewiß keine Liebe ſchuldig.“ „Und dennoch ſeid Ihr Nicks Buſenfreund, der Alles, nur kein Muſter aus ſeinem Volke iſt.“ „Aha, ſeid Ihr einmal wieder hinter Nick? Nun ja, Nick iſt allerdings durch Eure Yankeeſitten halb und halb civiliſirt und überhaupt kein Muſter. Verſucht's einmal, und ruft ihm bei dem Namen, wenn's Euch um Händel zu thun iſt.« Joel machte ſich brummend davon, ob nun aus Verdruß über die Arbeit, welche er zu fördern genöthigt war, oder über Mike's Anſpielung auf ſeine Landsleute— das war nicht zu unterſchei⸗ den. Gleichwohl ging das Werk ſeinen Gang fort, und eine Woche, nachdem man begonnen hatte, war die Stockade mit Aus⸗ nahme der Thore fix und fertig. Der Eingang zu den Palliſaden ſtund dem Thorwege des Blockhauſes gerade gegenüber— beide waren noch offen, da an den einen die Thore noch nicht ganz fertig, an dem andern dagegen noch nicht eingehängt waren. Am Samſtag Abend wurde die letzte Palliſade eingerammt und jede Spur der neulichen Arbeit weggeſchafft, um die Umgebung des Blockhauſes ſo viel als möglich in ihrer früheren Schönheit wieder herzuſtellen. Es war eine ſehr geſchäftige Woche geweſen; der Major war vor lauter Arbeit ſogar an ſeinem vertraulichen Verkehr mit Mutter und Schweſtern verhindert worden, wie er ihn von ſeinen früheren Beſuchen her gewöhnt geweſen. Die Er⸗ müdung des Tags trieb Alle frühzeitig zu Bette, und die ganze Zeit über fand man wohl hin und wieder Gelegenheit zu freundlichen und liebevollen, aber jedenfalls viel zu haſtigen Mittheilungen. Jetzt aber, da die Hauptaufgabe nahezu beendigt und der Schutt ———ͤ 1 W ··· weggeräumt war, hatte der Kapitän die Familie wieder auf dem Raſen verſammelt, um einen der köſtlichen Abende gegen Ende des heiteren Maimonats im Freien zu genießen. Der Frühling war ſchon ziemlich vorgerückt, das Wetter ſelbſt für dieſes wohlgeſchützte, fruchtbare Thal ungewöhnlich mild. Zum erſten Mal in dieſem Jahr hatte Mrs. Willoughby das Theezeug in's Freie bringen laſſen, wo im Schatten einer ſchönen Ulme für derartige, einfache fotes- champetres ein feſtſtehender Tiſch angebracht war. „»Komm, Wilhelmina, gib uns eine Taſſe von deinem duftigen Hayſan— Taxe oder nicht Taxe, wir ſind zum Glück im Ueber⸗ fluß damit verſehen. Ich würde ſchwerer Strafe anheimfallen, wenn man erführe, wie viel amerikaniſche Contrebande wir ſchon auf dieſe Art verſchluckt haben; doch wohlerwogen kann ſo ein bischen Thee, im Walde hier genoſſen, unſer Gewiſſen eben nicht ſonderlich beſchweren. Ich vermuthe, Major Willoughby, Seiner Majeſtät Streitkräfte werden in dieſen unruhigen Zeiten den Thee nicht ganz verſchmähen?“ „Im Gegentheile, Sir, er gilt uns für ein ſo loyales Ge⸗ tränke, daß Porto und Sherry an unſern Tafeln zu Boſton all⸗ mälig in Mißkredit gerathen, wie man ſagt. Ich bin ein Bewun⸗ derer des Thees— an und für ſich ſelbſt nämlich, denn ich kümmere mich nur wenig um ſeine Nebeneigenſchaften.— Farrel⸗— hiemit wandte er ſich an ſeinen Diener, der Plinius dem Aeltern die Tafel: arrangiren half—„wenn du hier fertig biſt, dann hole mir das Körbchen, das du auf dem Toilettetiſch in meinem Zimmer finden wirſt.“ „Ja wahrhaftig, Bob,“ bemerkte die Mutter lächelnd;„jenes Körbchen iſt bis jetzt nicht ſonderlich höflich behandelt worden. Für all' die ſchönen Dinge, die es enthält, habe ich nicht eine Sylbe des Dankes von dir vernommen.“ „Meinez Seele war mit der Sorge für Ihren Schutz beſchäf⸗ tigt, theure Mutter— das muß mich bei Ihnen entſchuldigen. Jetzt umgibt uns ein Anſtrich von Sicherheit, der Einen wieder 137 freier athmen läßt, und meine Dankbarkeit hat ſich nun wieder in doppeltem Maaße eingeſtellt. Dich, Maud, muß ich zu meinem Be⸗ dauern der Läſſigkeit beſchuldigen— nicht ein einziges Geſchenk, das ich deinem Fleiße oder deiner Aufmerkſamkeit verdankte!“ „Iſt das möglich!“ rief der Kapitän, der eben Waſſer in den Theekeſſel goß.„Maud hätte ich am allerwenigſten einer derartigen Vernachläſſigung für fähig gehalten; ich verſichere dich, Bob, von uns Allen hört Niemand die Nachrichten von deiner Beförderung und deinem ſonſtigen Thun und Treiben mit mehr Intereſſe als ſie.“ Maund ſelbſt gab keine Antwort. Sie blickte auf die Seite— nur ihre Schweſter, meinte ſie, könne ſich den Grund dieſer Bewe⸗ gung denken, nur ſie könne ahnen, warum ihre Wangen mit ſo tiefer Röthe übergoſſen waren. Aber Maud traute, bei ihrer eigenen Empfänglichkeit, der Schweſter weit mehr Ahnungsvermögen zu, als jenes einfache, aufrichtige Naturkind wirklich beſaß. Beulah war ſo ſehr daran gewöhnt, Robert und Maud als förmliche Geſchwiſter zu betrachten, daß ſogar die letzten Vorgänge ihre Meinung weder geändert, noch ihren Gedanken eine neue Richtung gegeben hatten. In dieſem Augenblicke kam Farrel zurück und ſtellte das Körb⸗ chen auf die Bank neben ſeinen Herrn. „Nun, theuerſte Mutter, und ihr, liebe Mädchen“(der Major gebrauchte ſeit neuerer Zeit nicht mehr das Wort„Schweſtern“ zur Anrede an beide junge Damen)—„nun, theuerſte Mutter, und ihr, liebe Mädchen, ſoll jede ihren gebührenden Antheil meines Dankes erhalten. Zuerſt aber muß ich meine eigene Unwürdigkeit eingeſtehen und bekennen, daß ich all' die freundliche Aufmerkſam⸗ keit, die mir in dieſen verſchiedenartigen Geſchenken erwieſen wurde, nicht halb verdiene— und nun wollen wir zu den ein⸗ zelnen Gegenſtänden übergehen.“ Der Major packte alle einzelnen Artikel aus dem Körbchen; auf jedem waren die beiden Worte„Mutter“ oder„Beulah“ auf⸗ geheftet, nirgends aber fand ſich ein Zeichen, daß ſeine jüngere Schweſter überhaupt nur ſeiner gedacht hatte. Sein Vater ſchien dadurch überraſcht und ſogar ernſtlich verdrießlich zu werden; mit ſichtlicher Neugierde wartete er auf Maud's Geſchenke, aber eines nach dem andern wurde auf die Tafel gelegt, ohne die geringſte Spur, daß auch ſie ſich des Anweſenden erinnert hatte. „Das iſt ſonderbar, in der That,“ bemerkte der Vater ernſt;„ich hoffe, Bob, du haſt nichts gethan, um ſo Etwas zu verdienen? Es ſollte mir leid thun, wenn mein kleines Mädchen gekränkt worden wäre!« „Ich kann Sie verſicheri⸗ Sir, ich erinnere mich keiner Handlung, welche Maud hätte beleidigen können, und darf auf's Heiligſte be⸗ theuern, daß ich niemals eine ſolche Abſicht hegte. Bin ich den⸗ noch ſchuldig, ſo bitte ich Maud, mir jetzt zu verzeihen.“ „Du haſt nichts gethan, Bob— nichts geſagt, Bob— nichts gedacht, was mich beleidigt hätte!“ rief Maud haſtig. „Warum haſt du ihn dann vergeſſen, mein Herz, da doch Mutter und Schweſter ſeiner ſo eifrig gedacht haben?“ fragte der Kapitän. „Erzwungene Gaben, mein theurer Vater, ſind keine Gaben. Ich liebe es nicht, zu Geſchenken genöthigt zu werden.“ Dieß wurde auf eine Art geſprochen, die den Major alsbald ſämmtliche Präſente wieder in das Körbchen werfen ließ, wie wenn er der Sache ſogleich und ohne weitere Worte los zu werden wünſchte. Dieſer Haſt war es zuzuſchreiben, daß die Schärpe gar nicht zum Vorſchein kam. Mand war nahe daran, in Thränen auszubrechen— zum Glück für ſie wurde jetzt eben der Thee ſervirt, und dieſer hemmte jede weitere Anſpielung auf die Sache. „Du haſt mir erzählt, Major,“ bemerkte Kapitän Willoughby, „daß dein früheres Regiment einen neuen Obriſten bekommen, haſt aber vergeſſen, ſeinen Namen zu nennen. Ich hoffe, es iſt mein alter Tiſchkamerad, Tom Wallingford, der mir letztes Jahr ſchrieb, daß er Hoffnung darauf habe.“ »General Wallingford hat ein leichtes Dragoner⸗Regiment 2 139 erhalten; General Meredith hat mein ehemaliges Corps; er iſt jetzt auch in Neu⸗England und kommandirt eine von Gage's Brigaden.“ Der beſte Beweis, wie ſehr Maud— Maud Willoughby, wie ſie immer genannt wurde— mit der Familie des Blockhauſes identificirt war, iſt wohl der, daß, zwei Perſonen ausgenommen, von allen Anweſenden Niemand an ſie dachte, als der Name Ge⸗ neral Merediths genannt wurde, obgleich er eigentlich der Oheim ihres verſtorbenen Vaters war. Dieſe beiden Ausnahmen bildeten der Major und ſie ſelbſt. Erſterer hörte jetzt den Namen nie mehr, ohne an ſeine ſchöne kleine Spielgefährtin und Namensſchweſter zu denken; Maud dagegen hatte ſich in neuerer Zeit mit vieler Neugierde, ja ſogar mit Aengſtlichkeit um ihre eigentlichen Ver⸗ wandten bekümmert. Eine gewiſſe Scheu, ein Gefühl, als ob ſie die heiligſte Pflicht dadurch verletzte, hielt ſie jedoch fortwährend ab, auf dieſe ihre Sinnesänderung in Gegenwart von Perſonen anzuſpielen, welche ſie als Kind für ihre nächſten Verwandten ge⸗ halten hatte, und von denen ſie noch immer als ſolche betrachtet wurde. Sie hätte die Welt darum geben mögen, wenn ſie über jenen Verwandten nur wenige Fragen an Bob hätte richten kön⸗ nen: aber was ſie auch immer verſucht haben würde, wenn ſie mit dem jungen Manne allein geweſen wäre— in Gegenwart ihrer Mutter konnte ſie unmöglich daran denken. Da kam eben Nick zur Abwechslung herbeigeſchlendert, um ſich die Stockade zu beſehen; er näherte ſich dem Tiſche mit einer Gleichgültigkeit für die ganze Umgebung, welche ſeine Weiſe treff⸗ lich charakteriſirte. Dicht vor der Geſellſchaft blieb er ſtehen, die Augen ſtarr auf die neuen Befeſtigungswerke geheftet. „Du ſiehſt, Nick,“ begann der Kapitän,„ich fange in meinen alten Tagen noch einmal an, Soldat zu werden. Schon manches Jahr iſt verfloſſen, ſeit wir Beide uns nicht mehr zwiſchen einer Palliſadenlinie getroffen haben. Wie gefällt dir unſer Werk?“ „Wozu Ihr es machen, Kap'in?“ „»Um gegen jede Rothhaut geſichert zu ſein, welche es etwa nach unſern Skalpen gelüſten könnte.“ „Warum denn Euren Skalp? die Kriegsaxt nicht ausgegra⸗ ben zwiſchen uns— ſo tief verſenkt, daß man's in zehn, zwei, ſechs Jahren nicht finden.“ »Ja, ja, ſie war lange begraben, das iſt wahr; ihr rothen Herren habt aber eine eigene Geſchicklichkeit darin, ſie blitzſchnell wieder vorzubringen, ſobald ſich eine Gelegenheit dazu zeigt. Du weißt vermuthlich, Nick, daß Unruhen in den Kolonien ausgebrochen ſind?“ „Erzählen Nick Alles,“ gab der Indianer ausweichend zur Antwort.„Nit leſen— nit hören— nit viel ſprechen— reden meiſtens mit Jriſcher— kann nit verſtehen, was er meinen— ſagen einmal ſo und dann wieder anders.“ „Mike iſt allerdings nicht ſonderlich klar in ſeinen Ausdrücken,“ verſetzte der Kapitän lachend, und die ganze Geſellſchaft ſtimmte fröhlich ein;„dafür iſt er aber ein krenzbraver Burſche, auf den man ſich in Zeiten der Noth verlaſſen kann.“ „Schlechte Büchſe— niemals treffen; ſchießen dahin, und gucken wo anders.“ „Ein großer Schütze iſt er freilich nicht, dagegen verſteht er ſich trefflich auf ſein Shillalah. Hat er dir keine Neuigkeiten erzählt?“ „Alles, was er ſagen, Neuigkeit; zehnmal mehr Neues als ſonſt.„Kap'in leihen Nick geſtern einen Viertelsthaler.“ „Allerdings, Nick, hab' ich dir eine Viertelskrone geliehen— ich dachte, ſie würde alsbald gegen eine Flaſche Rum zum Müller wandern. Warum ſtreckſt du ſie ſo vor mich hin— was ſoll das bedeuten?— willſt du ſie zurückzahlen?« „ ‚Freilich; gutes Geld, ganz wie das, was Kap'in Nick ge⸗ liehen. Aehnlich, wie eine Erbſe der andern. Nick Mann von Ehre und halten ſein Wort.“ „Jetzt ſiehſt du einem ſolchen allerdings ähnlicher als ſonſt, Nick. Das Geld— nun, das Geld ſollte allerdings heute zurück⸗ 141 bezahlt werden, aber ich hatte die Hoffnung ſchon aufgegeben, es wieder zu ſehen, da ſo manche früheren Kontrakte der Art annullirt worden ſind, wie's die Advokaten nennen.“ „Tuscarorahäuptling immer Gentleman. Was er ſagen— ge⸗ ſchehen. Guter Viertelsthaler das— nit wahr, Kap'in?“ „Allerdings,'s iſt nichts daran auszuſetzen, alter Kamerad; ich will mich nicht weigern, ihn anzunehmen, da er mir zu einem künftigen Darlehen dienen kann.“ „Brauchen gar nit— nur nehmen. Kap'in Nick einen Dollar leihen? Morgen wieder heimzahlen.“ Der Kapitän proteſtirte gegen das sequitur, das der Indianer offenbar einzuführen wünſchte, und weigerte ſich, obwohl auf die gutmüthigſte Art, dem Tuscarora eine größere Summe vorzuſtrecken. Nick ſah ſich getäuſcht und entfernte ſich mit der Miene eines Be⸗ leidigten, indem er ſich mürriſch nach der Stockade wandte. „Das iſt ein außergewöhnlicher Burſche, Sir!“ bemerkte der Ma⸗ jor.„Ich wundere mich in der That, daß Sie ihn ſo häufig in der Nähe des Blockhauſes dulden. Jetzt, da der Krieg ausgebrochen iſt, möchte es nicht übel gerathen ſein, ihn lieber ganz zu verbannen.“ „Das wäre leichter geſagt, als gethan. Eben ſo gut könnteſt du einen Waſſertropfen aus jenem Flüßchen verbannen, als du einen Indianer aus irgend einem Theile der Waldungen zu ver⸗ treiben vermagſt, wenn er ſie nun einmal beſuchen will. Du haſt ihn ſelbſt hierher gebracht, Bob, und ſollteſt uns nicht tadeln, wenn wir ihn um uns dulden.“ „Das that ich deßhalb, Vater, weil ich bemerkte, daß er mich ſo⸗ gar in dieſer Kleidung erkannte, und weil ich dann für beſſer hielt, ihn zum Freunde zu haben. Auch brauchte ich einen Führer, und wußte je Einer den Weg nach dem Blockhauſe, ſo war er es. Er iſt übrigens ein fauertöpfiſcher Schuft und ſcheint ſeinen Charakter ſeit der Zeit, da ich noch Knabe war, gänzlich geändert zu haben.“ „O nein, Bob; iſt überhaupt eine Aenderung vorgegangen, . ſo geſchah ſie auf deiner Seite. Nick war dieſe dreißig Jahre, d. h. ſo lang ich ihn kenne, immer derſelbe. Ein Schurke iſt er freilich, ſonſt hätte ſein Stamm ihn nicht ausgeſtoßen. Die in⸗ dianiſche Juſtiz iſt ſtreng, aber gerecht. Niemand wird früher unter den Rothhäuten verbannt, als bis man ſich überzeugt hat, daß er des Schutzes ihrer rohen Geſetze nicht mehr würdig iſt. In der Garniſon betrachteten wir Nick immer als einen geſcheidten Burſchen, und behandelten ihn auch demgemäß. Bleibt man ge⸗ gen einen ſolchen Menſchen wohl auf der Hut, ſo wird Einem nicht leicht ein Leid widerfahren, und vor mir hat der Tuscarora eine ſehr heilſame Furcht, die ihn bei ſeinen Beſuchen im Block⸗ haus ſo ziemlich in Ordnung erhält. Das Hauptunheil, das er hier anſtiftet, beſteht darin, daß er Mike und Jamie weit öfter zum Santa Cruz verleitet, als mir lieb iſt; aber der Müller hat jetzt Befehl, ihm keinen weiteren Rum zu verkaufen.“ „Ich glaube faſt, du thuſt Nick Unrecht, Willoughby,“ bemerkte ſeine ſanfte, richtig urtheilende Gattin.„Einige gute Eigen⸗ ſchaften hat er doch; ihr Soldaten kommt aber bei den Schwächen eurer Nebenmenſchen immer gleich mit den Kriegsgeſetzen.“ „Und ihr zartfühlenden Frauen haltet Jedermann für eben ſo gut, wie ihr ſelbſt ſeid, meine theure Wilhelmina.“ „Erinnere dich nur, Hugh, als dein Sohn hier einen Schar⸗ lachausſchlag hatte, wie da der Tuscarora in den Wäldern ſo emſig nach Goldfaden*) ſuchte, was ihn auch wirklich kurirte, wie die Aerzte ſelbſt zugeben. Das Kraut war ſchwer zu finden, Robert; doch Nick erinnerte ſich einer Stelle, fünfzig Meilen von hier, wo er's geſehen hatte, und ohne daß wir ihn darum baten, wanderte er hin, um es zu holen.“ „Ja, das iſt wahr,“ erwiederte der Kapitän nachſinnend;„doch möchte ich noch immer bezweifeln, Wilhelmina, ob die Heilung dem Goldfaden, wie du es nennſt, zuzuſchreiben war. Jedermann *) Eine Pflanze, Helleborus tritolius, nach Linne. D. U. 143 beſitzt dieſe oder jene gute Eigenſchaft und dazu auch ſeine ſchlim⸗ men, wie ich ſehr fürchte.— Doch da kommt unſer Mann wieder zurück und ich mag nicht, daß er ſich ſelbſt für ſo wichtig halte, um uns zum Gegenſtand der Unterhaltung zu dienen.“ „Ganz richtig, Sir; je wichtiger ſolche Burſche ſich vorkom⸗ men, deſto läſtiger werden ſie uns.“ Nick kam langſam zurück, nachdem er die neulichen Veränderungen genügend beaugenſcheinigthatte. Er ſtand einen Augenblick ſchweigend neben der Tafel; dann nahm er plötzlich eine ungewöhnlich würde⸗ volle Miene an und wandte ſich folgendermaßen an den Kapitän: »Nick alter Häuptling,“ begann er.„Eben ſo oft am Be⸗ rathungsfeuer geſeſſen, als der Kap'in. Kann nit Alles ſagen, was er wiſſen, möchte hören vom neuen Krieg.“ „Dießmal iſt's ein häuslicher Zwiſt, Nick, die Franzoſen haben nichts damit zu ſchaffen.“ »Jengee's gegen Yengee's— hum?« „Ich fürchte, ſo wird's wohl werden. Geſchieht's nicht auch, daß Tuscarora gegen Tuscarora die Streitaxt ausgräbt?“ „Tuscarora Mann tödten, Tuscarora Mann— gut— im Streit er tödten ſeinen Feind. Aber Tuscarora Krieger niemals nehmen Skalp von Tuscarora⸗Squaw und Kindlein! Warum Ihr glauben, er thun ſo? Rothhaut kein Schwein, das ſein eigen A Fleiſch freſſen.“ »Man muß geſtehen, Nick, du biſt ein trefflicher Logiker; ‚ein Hund frißt nicht ſeines Gleichen,“ heißt unſer engliſches Sprüchwort. Und dennoch möchte es ſcheinen, daß die Janbee ſich gegenſeitig befehden werden. Mit einem Wort— der große Vater in England hat die Streitaxt gegen ſeine amerikaniſchen Kinder ausgegraben.“ „Wie gefällt's Euch, Kap'in— hum? Wer von Beiden geht auf geradem, und wer auf krummem Pfade? Wie gefällt's Euch?“ „Sehr ſchlecht gefällt mir's, Nick, und ich wünſchte von ganzem Herzen, der Streit hätte gar nicht ſtattgefunden.“— 144 „»Wollen wieder Uniform anziehen— ha? Wieder Kap'in ſein? Trommel und Pfeife folgen, wie in alten Zeiten?“ „Ich glaube kaum, alter Kamerad. Ein Sechziger liebt den Frieden mehr als den Krieg, und ich will deßhalb zu Haus bleiben.“ »Wozu alſo Fort bauen? warum einen Zaun um's Haus machen, wie bei einem Schafpferch?“ „Weil ich hier bleiben will. Die Stockade wird uns gegen alle und jede Feinde ſchützen, die ſich's in den Kopf ſetzen könnten, uns anzugreifen. Erinnerſt du dich noch, wie ich ſogar einen ſchwächeren Poſten, als dieſen, mit Erfolg vertheidigte?“ „Er haben keine Thore,“ murmelte Nick.„Wozu denn nützen ohne Thore? Jengee's, Yankee's, Rothhaut, Franzmann, Alle gehen hinein nach Belieben. Nicht gut für ſolche Squaw, die Thüren weit offen zu laſſen.“ „Danke, danke, beſter Nick,“ rief Mrs. Willoughby.„Ich wußte wohl, daß Ihr mein Freund ſeid und habe den Goldfaden nicht vergeſſen.“ 4 „Der ſehr gut,“ erwiederte der Indianer mit bedeutungs⸗ vollem Blick.„Kleinen Püppchen gut wie gar nix— heut' bei⸗ nahe ſterben— morgen wieder herumſpringen und ſpielen. Nick helfen ihm auch, kuriren ihn mit Goldfaden.“ „O Ihr ſeid oder waret damals unſer beſter Arzt, Nick. Ich erinnere mich, als Ihr ſelbſt die Blattern hattet—« Der Indianer wandte ſich mit Blitzesſchnelligkeit zu Mrs. Willoughby, welche über ſein Ungeſtüm heftig erſchrak. »Ihr erinnern das, Mrs. Kap'in?“ fragte er.„Wer ihn ſtreicheln— wer ihn heilen— hum?“ „Auf mein Wort, Nick, Ihr habt mich beinahe erſchreckt. Icht fürchte, ich ſelbſt theilte Euch die Krankheit mit, und doch geſchah es nur zu Eurem Beſten. Ihr wurdet damals von mir geimpft, als die Soldaten rings um uns hinſtarben, weil ſie dieſe Vorſicht 145 verſäumt hatten. Alle, die ich inoculirte, blieben am Leben, und Ihr waret auch darunter.“ Der wilde Ausdruck verſchwand aus dem ſtolzen Geſichte des Indianers, und machte einer milden Freundlichkeit Platz, welche bewies, daß er nicht nur die empfangene Wohlthat anerkannte, ſon⸗ dern auch von Herzen dankbar dafür war. Er näherte ſich Mrs. Willoughby, nahm ihre immer noch weiße und weiche Hand zwiſchen ſeine ſchwarzen, ſehnigen Finger, ſchob ſodann den Ueberwurf, den er nachläſſig umgeſchlungen hatte, von der Schulter, und legte die Hand ſeiner Wohlthäterin auf eine von der Krankheit zurück⸗ gebliebene Narbe, um ſie auf ihr gutes Werk aufmerkſam zu machen. „Alte Narbe,“ ſprach er und nickte lächelnd mit dem Kopf—„wir gute Freunde— nimmer weggehen, ſo lange Nick am Leben bleiben.“ Der Kapitän war gerührt und warf dem Indianer einen Thaler zu, der ihn aber unbeachtet liegen ließ und, gegen die Stockade ſich wen⸗ dend, mit bedeutungsvoller Geberde auf den offenen Thorweg hinwies. „Große Gefahr gehen durch kleines Loch“— ſagte er in ſeiner ſpruchreichen Weiſe, indem er ſich entfernte;„warum Ihr dickes Loch offen laſſen?« „»Wir müſſen dieſe Thore in nächſter Woche einhängen,“ ver⸗ ſetzte der Kapitän entſchloſſen;„und doch klingt es beinahe thö⸗ richt, auf einem ſo abgelegenen Landſitze und dazu noch im Be⸗ ginne des Krieges ernſtliche Gefahr zu beſorgen.“ Von dem, was weiter auf dem Raſenplatze vorging, haben wir nichts Bemerkenswerthes zu berichten. Die Sonne ging unter, und die Familie zog ſich, wie gewöhnlich, in's Haus zurück, um ſich auch für die kommende Nacht in der Wildniß, in der man ſich be⸗ fand, der ſchützenden Obhut der göttlichen Vorſehung anzuvertrauen. Wie durch gemeinſames Uebereinkommen drehte ſich das Geſpräch um lauter Gegenſtände, welche mit dem Bürgerkrieg oder ſeinen zu erwartenden Folgen in keiner Verbindung ſtanden; erſt als man ſich gute Nacht ſagte und der Major mit den beiden Schweſtern Wyandotts. 10 146 in ſeinem eigenen Wohn⸗, Garderobe⸗ oder Studirzimmer, wie man nun das anſtoßende Gemach nennen möchte— allein war, wurde der Gegenſtand von Neuem auf's Tapet gebracht. „Du wirſt uns nicht ſo bald verlaſſen, Robert,“ begann Beulah und faßte die Hand ihres Bruders mit vertrauensvoller Zärtlichkeit; „ich glaube faſt, mein Vater iſt nicht mehr ſo jung und kräftig, oder beſſer: nicht mehr ſo leicht anzuregen, wie dieſe Zeiten es erfordern!“ „Er iſt Soldat, Beulah, und verſteht dieſen Beruf ſo gut, daß ſein Sohn ihn nichts mehr lehren kann. Wollte Gott, ich könnte ſagen, er ſei ein eben ſo guter Unterthanz ich fürchte, er neigt ſich auf die Seite der Kolonien.“ „Der Himmel ſei geprieſen!« rief Beulah.„O, daß ſein Sohn ſich eben dahin wenden möchte!“. „Geh', Beulah, du ſprichſt ohne Ueberlegung,“ verſetzte Maud mit vorwurfsvollem Tone.„Mama bedauert von Herzen, daß der Vater die Sachen aus dieſem Geſichtspunkte betrachtet. Sie gibt dem Parlamente Recht, und den Kolonien Unrecht.“ „Welch' furchtbares Ereigniß iſt doch ein ſolcher Bürgerkrieg!“ rief der Major.„Da ſteht nun der Gatte der Gemahlin, der Sohn dem Vater, der Bruder der Schweſter gegenüber. Faſt möchte ich wünſchen, ich wäre geſtorben, ehe ich Solches erlebt hätte.“ „Nein, ſo ſchlimm iſt die Sache noch nicht, Robert,“ fuhr Maud fort.„Meine Mutter wird ſich nie dem Willen oder dem Entſchluſſe meines Vaters widerſetzen. Gute Frauen thun ſo Etwas niemals, wie du weißt. Sie wird blos für ihn beten, damit er recht entſcheiden möge, ſo daß ſeine Kinder es nie zu bereuen haben. Was mich betrifft, ich zähle natürlich für Nichts.“ „Und Beulah— gilt ſie auch für Nichts, Maud? Beulah wird dem⸗ nach, ſo lange der Krieg dauert, für ihres Bruders Niederlage beten. Es war wohl ein Vorgefühl dieſes Meinungsunterſchieds, was dich veranlaßt hat, meiner zu vergeſſen, während Beulah und meine Mutter ſo manche Stunde geopfert haben, um dieſes Körbchen zu füllen?« 147 „Vielleicht thuſt du Maud Unrecht, Robert,“ ſagte Beulah lächelnd.„Ich kann wohl ſagen, Niemand liebt dich mehr, als unſere theure Schweſter— Niemand hat während deiner Abwe⸗ ſenheit öfter an dich gedacht.“ „»Warum enthält denn aber das Körbchen kein Zeichen ihrer Erinnerung?— nicht einmal eine Haarkette, eine Börſe, oder einen Ring— kurz Nichts, was mir bewieſe, daß ich nicht ver⸗ geſſen werde, ſobald ich fort bin?“ „Und wenn dieß auch ſo wäre,“ fiel Maud in gereiztem Tone ein,„trüge ich etwa größere Schuld, als du ſelbſt? Wo iſt der Beweis, daß du Unſerer gedacht haſt?“ „»Hier,“ verſetzte der Major, indem er zwei Packetchen vor ſeine Schweſtern hinlegte, jedes mit dem Namen der Eigenthü⸗ merin bezeichnet.»Meine Mutter hat ebenfalls das Ihrige, und auch mein Vater wurde nicht vergeſſen.“ Beulahs Frohlocken bewies, wie ſehr die Geſchenke— größten⸗ theils Schmuck⸗ und Putzſachen, wie ſie für ihren Stand und ihre Jahre ſich eigneten— ſie erfreuten. Sie küßte zuerſt den Major und erklärte dann, ihre Mutter müſſe noch vor Bettegehen ſehen, was ſie Alles bekommen habe, worauf ſie aus dem Zimmer eilte. Daß Maud nicht minder erfreut war, bezeugten ihre glühenden Wangen und ihre thränenvollen Augen, und doch war ſie— ein wahres Wunder— weit zurückhaltender im Ausdruck ihrer Em⸗ pfindung. Sie beſah ſich lächelnd ein paar Minuten lang die ver⸗ ſchiedenen Gegenſtände, eilte dann in raſchem Ungeſtüm auf das Körbchen zu, leerte deſſen Inhalt auf den Tiſch, bis ſie die Schärpe fand, welche ſie mit einem leichten Lächeln dem Major zuwarf. „Da, Ungläubiger— Heide— iſt das Nichts? Glaubſt du, das ſei in einer Minute fertig geworden? „Die Schärpe?« rief der Major, indem er die ſchöne, pracht⸗ volle Arbeit verwundert öffnete.„Iſt das nicht eine von meines 10* d Vaters alten Feldbinden, die mir jetzt auf natürlichem Wege als Erbſchaft zugefallen?“ Maud ließ ihre Schmuckſachen fallen, faßte die Feldbinde an zwei Enden und öffnete ſie, um ihre Neuheit und ihren Glanz ſehen zu laſſen. „»Iſt das alt oder abgetragen?« fragte ſie im Tone des Vorwurfs.„Dein Vater hat ſie noch nicht einmal geſehen, Bob. Sie wurde noch von keinem Manne getragen.“ „Es iſt nicht möglich! Das wäre ja die Arbeit von Monaten — und ſo ſchön— du kannſt's doch nicht gekauft haben?“ Mand ſchien durch ſeine Zweifel betrübt. Sie breitete die Falten noch weiter auseinander, hob die Seide an's Licht, und deutete auf einige Buchſtaben, welche ſo ſinnreich in das Gewebe eingeſtickt waren, daß ſie einer gewöhnlichen Beobachtung entgin⸗ gen— ſobald aber die Aufmerkſamkeit darauf gerichtet wurde, vollkommen leſerlich erſchienen. Der Major nahm die Schärpe in ſeine Hände, breitete ſie vor's Licht, und las laut die Worte„Maud Meredith“. Er ließ die Feldbinde fallen und wandte ſich um nach der Geberin— doch dieſe war aus dem Zimmer verſchwunden. Er folgte ihren flüchtigen Schritten und trat eben in das Bibliothekzimmer, als ſie durch eine andere Thüre entwiſchen wollte. „Ich fühle mich durch deine Ungläubigkeit beleidigt,“ ſagte Maud und ſuchte ihre Bewegung wegzulachen,„ich mag nicht bleiben, um leere Entſchuldigungen anzuhören. Dein neues Re⸗ giment muß kein Herz in der Bruſt haben, ſonſt könnte ein Bru⸗ der ſeine Schweſter nicht ſo behandeln.“ „Maud Meredith iſt nicht meine Schweſter,“ erwiederte er ernſt;„Maud Willoughby— ja, die iſt es. Warum wählteſt du den Namen Meredith?« „Zur Strafe für eine deiner eigenen Anſpielungen— nannteſt du mich nicht einſt Miß Meredith, als ich dich vorletzten Winter in Albany ſah?“ 3 149 „Ach, das war ein Scherz, theuerſte Maud. Es war nicht Sache der Ueberlegung, wie der Name dieſer Schärpe.“ „O, auch ein Scherz kann trotz einem Morde überdacht ſein, und letztere fallen häufig vor, wie du weißt. Bei mir iſt's Nichts, als ein verlängerter Scherz.“ „Sag' mir, weiß meine Mutter— weiß Beulah, wer dieſe Schärpe gemacht hat?« „Wie hätte ich ſie ſonſt ſticken können, Bob? Glaubſt du, ich ſei gleich einem romantiſchen Dämchen, das ein unbedeutendes Geheimniß vor den neugierigen Blicken ihrer verfolgenden Freunde zu verbergen hat— in die Wälder ausgezogen, um dort allein zu arbeiten?“ „Ich weiß nicht, was ich dachte— weiß kaum, was ich jetzt denke. Aber meine Mutter— weiß ſie um dieſen Namen? Maud erröthete bis unter die Stirne; doch die Gewohnheit der Wahrheitsliebe war bei ihr ſo ſtark, daß ſie verneinend das Köpfchen ſchüttelte. „Und Beulah auch nicht? Sie würde gewiß kein„Meredith“ geduldet haben, wo„Willoughby“ hätte ſtehen ſollen.“ „Beulah ebenſowenig, Major Willoughby.“— Dieſen Namen ſprach ſie mit affektirter Ehrfurcht.—„Die Ehre der Willough⸗ by's iſt ſo vor jedem Makel bewahrt, und aller Tadel fällt auf die arme Maud Meredith.“ „Du liebſt den Namen Willoughby nicht, und willſt ihn in Zukunft ablegen.— Ich habe in deinen letzten Briefen bemerkt, daß du dich blos„Maud“ unterzeichneteſt, doch dieſen Grund konnte ich nie zuvor ahnen.“ „Wer wird ſich auch fortwährend einen unrechtmäßigen Beſitz anmaßen? Willoughby iſt nicht mein geſetzlicher Name, und bald werde ich zu geſetzlichen Handlungen berufen werden. Erinnern Sie ſich, Mr. Robert Willoughby, ich bin jetzt zwanzig; wenn es auf Pfunde, Schillinge und Pence ankommt, da darf ich keinen 150 Namen verfälſchen. Ich muß mich nach und nach daran gewöh⸗ nen, nur meine richtige Unterſchrift zu gebrauchen.“ „Aber unſer Name— er iſt dir nicht gehäſſig— du wirfſt ihn nicht ernſtlich und für immer bei Seite!« „Der euere! Wie, der verehrte Name meines theuren, ge⸗ liebten Vaters— meiner Mutter— der Name Beulahs— und der deine, Bob!“ Maund blieb nicht ſo lange, bis ſie geendet hatte— in Thrä⸗ nen ausbrechend verließ ſie das Zimmer. Achtes Kapitel. Der Kirchthurm— ſieh“!— o Herzensfreud'!— ich ruf', der Herr iſt hier! Die Kirchenglock'!— mit ſel'ger Luſt füllt ſie die Seele mir. Und ſo ſag' ich, das fernſte Land ein neues Licht erhellt— Ihr Klang hallt allenthalb, ihr Ruf dringt durch die ganze Welt. Core. Auch dieſe Nacht verſtrich in Frieden zwiſchen den Mauern des Blockhauſes. Der Sonntagmorgen, welcher ihr folgte, war ſonnig, mild und duftig, wie ſich's für dieſen Feſttag der Chri⸗ ſtenheit geziemte. Kapitän Willoughby war in ſeinen religiöſen Anſichten etwas eigenſinnig, denn er verſtand unter Gewiſſensfreiheit das Recht, ſich blos durch die Lehren der Prieſter der engliſchen Kirche beſſern zu laſſen. Mehrere ſeiner Leute waren weggezogen, weil er keine anderen Konfeſſionen auf ſeinem Gute dulden wollte— denn ſei⸗ ner Anſicht nach hatte Jeder das Recht, in ſolchen Dingen nach Gutdünken zu verfahren: er wollte einmal bei ſeiner Umgebung kein Schisma aufkommen laſſen, wer alſo Schismatiker ſein wollte, konnte gehen, wohin er wollte, um ſeinen Geſchmack zu befriedigen. Joel Strides und Jamie Allen tadelten Beide dieſe Art von Orthodoxie, und beſprachen ſich häufig, aber insgeheim, über deren Zweckmäßigkeit: Erſterer in ſeiner gewohnten verſchmitzten, jeſuiti⸗ 8 151 ſchen Weiſe die Naſe rümpfend, Letzterer mit voller Achtung für ſeinen Herrn, aber mit tiefem Ernſte in Bezug auf ſein Gewiſſen. Auch Andere waren unzufrieden darüber, nur wagten ſie weniger es zu zeigen, und beſchränkten ſich darauf, von Zeit zu Zeit Mr. Woods Predigten zu verſäumen. Mike allein behauptete einen freien, männlichen Standpunkt in der Sache, und übertraf ſogar noch den Herodes, d. h. mit anderen Worten, den Kapitän— in der Strenge ſeiner Grundſätze. Auch an dieſem Morgen wohnte er einer Diskuſſion zwiſchen dem Yankee⸗Aufſeher und dem ſchottiſchen Maurer bei, worin ſich dieſe beiden Diſſenter— der Erſte huldigte der Kongregation, der Zweite einem andern Separatismus— über ein Ungemach beklag⸗ ten, welches ihnen ſeit zehn Jahren jede geiſtliche Nahrung aus der Quelle, welche ſie ſich wünſchten, verſagt hatte. Da fing der Ir⸗ länder an, die beiden Unzufriedenen auf eine Weiſe abzukanzeln, welche dem Leſer— wenn er anders danach verlangt— den beſten Aufſchluß über die Grundſätze des Leitrimer Gaſtes gewähren wird. »Der Henker ſei mit allen Religionen, die rechte natürlich ausgenommen!“ rief Mike in ſeiner toleranten Laune.„Wer wird wohl Predigt und Meſſe von einem ketzeriſchen Prieſter anhören wollen! Ihr ſteckt ſelber ſo tief im Sumpf, als Mr. Woods zu⸗ weilen in den Wäldern, und nur ein böſer Geiſt kann euch wie⸗ der herausführen— einer von denen, welche den Menſchen lieber im Fegfeuer braten, als ſeines Lebens ſich freuen ſähen.“ „Geht nur in Euren Beichtſtuhl, Mike,“ erwiederte Joel höh⸗ niſch lachend.„Es iſt ſchon ein Monat oder drüber, ſeit Ihr ihn nicht mehr geſehen habt; der Prieſter glaubt am Ende, Ihr habet ihn vergeſſen, und wird Euch dann böſe.“. »„Oho! Leute Eures Gleichen haben gar nicht nöthig, ſich um meinen Geiſtlichen zu bekümmern, Miſchter Streithahn! Bei Euch freilich fühlt ſich das Gewiſſen beruhigt, wenn nur der Bauch gefüllt und der Beutel geſpickt iſt. Der Henker hole eine ſolche Religion!“ 152 Joels Anſpielung bezog ſich auf eine von Mike's Gewohnhei⸗ ten, deren wir hier erwähnen müſſen. In ſeiner iſolirten Lage, welche jede Verbindung mit einem Prieſter ſeiner Kirche unmög⸗ lich machte, hatte ſich der arme Burſche einen einſamen Felſen im Walde auserleſen, wo er knieend ſeine Sünden zu beichten pflegte, wie wenn er ſtatt des Felſens einen Beichtſtuhl mit einem zur Abſolution berechtigten Geiſtlichen vor ſich gehabt hätte. Durch Zufall war das Geheimniß ausgekommen, und Michaels Andacht diente ſeitdem allen Diſſentern im Thale zum Gegenſtand des Scherzes. Der Leitrimer war allerdings dem Santa Cruz etwas zu ſtark ergeben, und ſo behauptete man denn, daß er jedesmal nach einer ſolchen Ausſchweifung ſeine romantiſche Kapelle be⸗ ſuche. Joels Bemerkung wollte daher Mike dießmal nicht ſonder⸗ lich gefallen, und deßhalb war er auf obenerwähnte Art ausge⸗ brochen, wie er denn, gleich unſeren modernen Tagblättern, das Tadeln ſtets bequemer, als das logiſche Nachdenken fand. „Jamie,“ fuhr Joel fort, der an Mike's Heftigkeit zu ſehr gewöhnt war, um ſich viel darum zu kümmern—„mir ſcheint es eine ungerechte Härte, daß wir zu einem Kirchenbeſuche ange⸗ halten werden, welchen unſer Gewiſſen nicht billigen kann. Mr. Woods iſt zwar ein geborener Koloniſt, gehört aber zu der alt⸗ engliſchen Kirche, und hat ſo viel papiſtiſches Zeug an ſich, daß ich wegen der Kinder in ziemlicher Gem üths verlegenheit bin« — Verlegenheit allein wäre nämlich für einen Mann von ſo reizbaren Gefühlen, wie Joel, nicht nachdrücklich genug geweſen. „Sie hören keine andere Predigt, als die ſeinen, und wenn auch Liddy und ich hinterdrein Allem aufbieten, um die Wahrheit jener Reden anzugreifen— Etwas bleibt denn doch zurück. Durch hartnäckige Falſchheit kann man ſelbſt den beſten Chriſten zur Götzendienerei und zum Unglauben verleiten, und jetzt, da es in den Kolonien ſo ernſthaft ausſieht, ſollten wir um ſo ſorglicher in dieſer Sache verfahren.“ 12 r 153 Jamie wollte die Anſpielung auf den gegenwärtigen Zuſtand der Kolonien nicht recht einleuchten, auch war er über die Be⸗ ſchaffenheit des Streites zwiſchen dem Parlament und den Ame⸗ rikanern noch nicht recht in's Reine gekommen. Was die Häuſer Stuart und Hannover betraf, ſo war er allerdings für das Erſtere, und zwar weil er es für ein ſchottiſches hielt, denn es war doch gewiß nicht ſo übel, wenn ein Schotte England regierte; was aber die alten und neuen Lande anlangte, da fühlte er ſich denn doch zu dem Glauben geneigt, daß den Rechten der älteren der Vorrang gebühre, denn ſeiner Anſicht nach hieß es die natür⸗ liche Ordnung umkehren, wenn man das Gegentheil gelten laſſen wollte. Dagegen gab er den Presbyterianern ſelbſt in der ge⸗ milderten Form der Staatskirche Neu⸗Englands vor dem Episco⸗ palthume unbedingt den Vorzug, ſo daß er noch in ſeinem jetzi⸗ gen Alter die Waffen für diejenige Partie zu ergreifen bereit war, welche, wie man ihn glauben machen mochte— für jener Intereſſe gekämpft hätte. Wir wollen übrigens unſere Leſer gar nicht irreführen. Von den erwähnten Perſonen, auch Mike mit eingerechnet, kannte keine die Streitpunkte der erwähnten Sekten oder Kirchen; ſie glaubten blos, die Lehren, Ueberlieferungen und Beweiſe, welche mit dem Gegenſtande in Verbindung ſtanden, inne zu haben. Dieſer Glaube diente aber dazu, einen Streit, welcher bald viele Zuhörer gewann, lebendig zu erhalten, und Mr. Woods hatte ſeit ſeinem erſten Auftreten im Thale noch nie vor einer unzufriede⸗ neren Verſammlung gepredigt, als eben am heutigen Tage. Die Kirche— oder wie ſie der Geiſtliche beſcheidener nannte— die Kapelle des Blockhauſes ſtand auf einer ganz kleinen Anhöhe mitten in den Wieſen, wo man ein Stück trockenen Bodens zu dieſem Zwecke geeignet gefunden hatte. Man war hauptſächlich dar⸗ auf bedacht geweſen, ſie gerade in die Mitte der Niederung zu verlegen, doch hatte man auch auf das Maleriſche einige Rückſicht genommen. Sie wurde ringsum von jungen Ulmen beſchattet, welche eben im Ausſchlagen begriffen waren; ein Dutzend Gräber, meiſtens von ganz kleinen Kindern, dienten als Denkmäler für die Sterblichkeit der Kolonie. Das Gebäude, ganz von Stein— ein Werk Jamie Allens— war klein, viereckig, mit einem Spitzdache verſehen, aber ganz ohne Thurm und Glockenſtuhl. Das Innere, aus unbemaltem Kirſchholz, hatte in Folge einer mangelhaften Kon⸗ ſtruktion ein rohes, kaltes Anſehen, das nicht recht zu ſeiner Be⸗ ſtimmung paßte. Doch war der kleine Altar, der Beichtſtuhl, die Kanzel und der breite, viereckige, mit Vorhängen verſehene Kirchen⸗ ſtand des Kapitäns— der einzige im ganzen Gebäude— mit Tapeten oder Tuch reich ausgeſchlagen, ſo daß die Kapelle einem recht ſaube⸗ ren, behaglichen Kirchlein ähnlich ſah. Der übrige Theil der Ver⸗ ſammlung ſaß auf Bänken, mit Knieſchemeln vor ſich; die Wände hatte man geipst, und— was damals in Amerika eben ſo ſelten, wie heut zu Tage in Italien, getroffen wurde und als Beweis dienen konnte, daß die Sparſamkeit mit dem einfachen Aeußeren Nichts zu ſchaffen gehabt hatte— die Kapelle war ganz vollendet. Wir haben ſchon oben den Morgen des eben angebrochenen Sonntags als mild und duftig geſchildert. Die Sonne des drei⸗ undvierzigſten Breitegrades goß ihre erwärmenden Strahlen auf das Thal, und vergoldete das keimende Grün der nahen Wälder mit jenem zauberiſchen Farbenſchmelze, der den Malern italieni⸗ ſcher Landſchaften ſo wohl bekannt iſt. Bei dem ſchönen Wetter verſammelte ſich faſt die ganze Bevölkerung der Kolonie eine volle Stunde vor dem Glocken⸗Zeichen um die Kapelle; die Männer verglichen auf's Neue ihre Anſichten über die politiſchen Wirren der Zeit, während die Frauen von ihren Kindern ſchwatzten. Bei ſolchen Gelegenheiten führte Joel jedesmal das große Wort, denn die Natur hatte ihn gewiſſermaßen zum Demagogen im Klei⸗ nen geſchaffen, und ſeine Erziehung hatte dieſer Beſtimmung tüch⸗ tig in die Hände gearbeitet. Wie gewöhnlich in neuerer Zeit, ſo V 155 ſprach er auch jetzt von der Wichtigkeit genauer Nachrichten über die Vorgänge in den bewohnten Landestheilen, und meinte, man ſollte zu dieſem Zweck einen zuverläſſigen Mann dahin abſchicken: falls ſeine Nachbarn es wünſchten, hatte er ſich ſchon zu wieder⸗ holten Malen zu Uebernahme dieſes Geſchäftes angeboten. „Wir tappen hier Alle im Finſtern,“ bemerkte er,„und ſo wird's ewig bleiben, ohne daß wir einen glaubwürdigen Bericht über die neuen Ereigniſſe erhielten. Major Willoughby iſt ein feiner Mann«— Joel meinte geiſtig und nicht phyſiſch—„aber er gehört zu des Königs Offizieren und wird die Sache natürlich für die Regulären ſo günſtig als möglich darſtellen. Der Kapitän war früher auch Soldat, und ſeine Neigung zieht ihn faſt un⸗ vermeidlich auf die Seite, an welche er von jeher gewöhnt war. Hier in der Wildniß ſind wir gerade wie Leute auf einem wüſten Eilande, und wenn keine Schiffe einlaufen wollen, um uns zu erzählen, wie die Sachen ſtehen, ſo müſſen wir eben eines aus⸗ ſenden, um für uns zu rekognosziren. Ich bin gewiß auf dem ganzen Damme“— ſo wurde das Thal von der Menge genannt —„ja ich bin gewiß der Letzte, der dem Kapitän oder ſeinem Sohne etwas Uebles nachſagte, aber der Eine iſt Engländer von Geburt, der Andere durch Erziehung, und Beides muß auf die Geſinnungen eines Mannes weſentlich Einfluß haben.“ Dieſem Vorſchlag gab beſonders der Müller ſeine volle Zu⸗ ſtimmung, indem er wenigſtens zum zwanzigſten Mal hervorhob, wie gut es wäre, wenn ſich Joel in eigener Perſon nach dem Zuſtande des Landes erkundigte. „»Bis zum Umhäufeln könnt Ihr wieder zurück ſein,“ fuhr er fort,„bis dahin hättet Ihr Zeit genug, wenn's nöthig wäre, ſogar bis Boſton zu gehen.“ So finden wir denn, daß, während der große Strom der Er⸗ eigniſſe den Umſturz der brittiſchen Macht in Amerika vorberei⸗ tete— auch in dieſem Thale ein Seitenarm der Bewegung mehr zufällig, als abſichtlich, die Grundlage von des Kapitäns Anſehen zu untergraben drohte. Waren Joel und der Müller auch nicht förmliche Verſchwörer, ſo hegten ſie doch alle Hoffnungen, Be⸗ rechnungen und Pläne, welche bei anderen geſellſchaftlichen Zu⸗ ſtänden— faſt möchte man ſagen in einem andern Welttheile— unter Leuten ihres Schlages niemals hätten auftauchen können. Den Aufſeher hatte ſein Scharfblick ſchon längſt vorausſehen laſſen, daß die bisherigen Wirren mit einem Aufſtande endigen müßten, und ein gewiſſer Inſtinkt für die ſtärkere Partie, wel⸗ chen er mit ſo manchen Andern theilte, hatte ihm klar gemacht, wie wichtig die Rolle eines Patrioten werden konnte. Der Ka⸗ pitän mußte, wie er gar nicht zweifelte, die Sache der Krone ergreifen, und welche Folgen dieß haben mochte, das konnte man ja inoch nicht wiſſen. Es iſt nicht gerade wahrſcheinlich, daß eben jener Inſtinkt für die ſtärkere Partei unſerem Intriguanten ſchon jetzt die ſpäter erfolgten Konfiskationen prophezeite, von denen manche ganz den habſüchtigen, geſetzloſen Charakter eines groben Mißbrauches der Gewalt an ſich trugen; aber er konnte leicht vorausſehen, daß, wenn der Gutsherr vertrieben wurde, das Gut und deſſen Ertrag vermuthlich für eine Reihe von Jah⸗ ren ſeiner eigenen Leitung und Verwaltung anheimfallen müßte. Mancher ließ ſich ſchon durch weniger glänzende Ausſichten zum Patrioten ſtempeln, und wenn alſo Joel und der Müller die Sache unter ſich beſprachen, ſo wurde auf's Genaueſte berechnet, welchen Nutzen ſie aus dem Mäſten von Öchſen und Schweinen für die feindlichen Armeen oder iſolirten Gränzpoſten— wozu ſie jedenfalls viel Vorliebe beſaßen— ziehen könnten. Hatte der offene Krieg nur erſt begonnen, ließ ſich der Kapitän vollends verleiten, das Blockhaus zu verlaſſen und im britti⸗ ſchen Feldlager Schutz zu ſuchen, dann konnte man Alles hübſch nach Wunſche einleiten, bis mit dem Frieden der Tag der Ab⸗ rechnung folgen würde— auf alle Fälle mußte dann das„non 157 est inventus“*) für alle Fragen eine genügende Antwort ab⸗ geben. »Das Geſetz ſoll in der Bai⸗Kolonie bereits ſo gut wie abge⸗ ſchafft ſein,“ behauptete Joel, während er ſich abſeits mit dem Müller beſprach;„und Ihr wißt, wenn's dort einmal ſo weit iſt, wird's auch hier raſch zu einem Ende kommen. Jork hat nie Viel auf's Geſetz gehalten.“ „Das iſt wahr, Joel. Dann, wißt Ihr, iſt der Kapitän die einzige Magiſtratsperſon der Umgegend; iſt er fort, ſo muß ein Sicherheits⸗Komité oder etwas dergleichen eingeſetzt werden.“ „Ja, ja, ein Sicherheits⸗Komité muß her.“ „Was iſt ein Sicherheits⸗Komité, Joel?⸗ fragte der Müller, der in der Demagogie noch keine ſo großen Fortſchritte, wie ſein Freund, gemacht hatte, und überhaupt weit weniger Beruf dafür beſaß.„Ich habe von dem Zeug wohl ſchon reden hören, kann's aber noch nicht recht verſtehen.“ »„Ihr wißt doch, was ein Komité iſt?« fragte Joel ſeinen Freund mit forſchendem Blicke. „Ich glaube ja; man verſteht darunter Leute, welche die Mühe und Sorge der öffentlichen Geſchäfte auf ſich nehmen.“ „So iſt's; ein Sicherheits⸗Komité heißt alſo, wenn wir hier z. B. etliche Männer wählen, welche die Angelegenheiten unſerer Kolonie zu beſorgen, und beſonders darauf zu ſehen haben, daß— vor⸗ nämlich unter den gemeinen Leuten, Niemand zu Schaden komme.“ „Es wäre gar nicht übel, wenn wir eins hier hätten, Joel. Der Zimmermann, Ihr und ich könnten die Mitglieder dazu abgeben.“ „Davon wollen wir ein ander Mal ſprechen. Das Welſchkorn iſt erſt ausgeſteckt, wie Ihr wißt, und muß zweimal umgehackt und geſtutzt werden, ehe die Ernte kommt. Erſt müſſen wir ab⸗ warten, wie die Sachen in Boſton ablaufen.“ Während ſolchergeſtalt das beginnende Komplott langſam ein⸗ *)— iſt nicht aufzufinden. D. I. 158 gefädelt wurde und die Gemeinde ſich allmälig bei der Kapelle verſam⸗ melte, wurde im Blockhauſe eine ganz verſchiedene Scene geſpielt. Kaum war das Frühſtück vorüber, als ſich Mrs. Willoughby in ihr eigenes Zimmer zurückzog, wohin bald darauf auch ihr Sohn beſchieden wurde. Der Major erwartete allerhand Fragen, wie die Mutterliebe ſie eingeben mochte, und eilte, der Aufforde⸗ rung zu gehorchen, fand aber beim Eintreten zu ſeiner großen Verwunderung auch Maud bei der Mutter. Letztere ſchien ernſt⸗ haft und verlegen, und auch das Mädchen war nicht ganz frei von Unruhe. Der junge Mann warf einen forſchenden Blick auf ſeine Schweſter und glaubte Thränen in ihren Augen zu bemerken. „Setze dich zu mir, Robert,“ begann Mrs. Willoughby, in⸗ dem ſie mit ungewöhnlichem Ernſte auf einen neben ihr ſtehenden Stuhl wies;„ich habe dich zu mir rufen laſſen, damit du eine jener früheren Ermahnungen anhörſt, von denen du als Knabe ſo manche empfangen haſt.“ „Ihr Rath, theure Mutter, ja ſelbſt Ihre Vorwürfe werden an mir nunmehr einen weit ehrerbietigeren, achtungsvolleren Zu⸗ hörer finden, als ich wohl früher geweſen ſein mag,“ erwiederte der Major, indem er neben Mrs. Willoughby Platz nahm und ihre Rechte mit ſeinen beiden Händen zärtlich umſchloß.„Erſt in un⸗ ſerem ſpäteren Leben lernen wir die Zärtlichkeit und Sorgfalt einer ſolchen Mutter gebührend ſchätzen; doch kann ich mir nicht denken, daß ich neuerdings Etwas begangen haben ſollte, was mich der Gefahr einer Arreſtſtrafe ausſetzen könnte. Sie werden mich doch gewiß nicht tadeln, wenn ich in einem Augenblicke, wie der jetzige, der Krone anhänge?“ „Ich werde mich in dieſer Sache nicht in dein Gewiſſen ein⸗ miſchen, Robert; ich bin zwar, durch Geburt wie durch Abſtam⸗ mung, ſelbſt Amerikanerin— gleichwohl bin ich auch eher ge⸗ neigt, deinen Anſichten zu huldigen. Du wurdeſt wegen einer ganz andern Sache zu mir berufen, mein Sohn.“ 159 „Laſſen Sie mich nicht länger darauf warten, Mutter; mir iſt zu Muthe, wie einem Gefangenen, der auf ſeine Anklage harrt. Was habe ich begangen?“ „Was du begangen haſt?— Das möchte ich eher von dir hören. Du kannſt nicht vergeſſen haben, Robert, wie ängſtlich ich darauf bedacht war, die häusliche Zärtlichkeit unter meinen Kindern zu wecken und zu erhalten, wie viel Gewicht dein Vater und ich jederzeit darauf gelegt haben, und wie ſehr wir bemüht waren, auch euch, unſere Kinder, recht lebhaft hievon zu über⸗ zeugen. Die Familienbande und die Liebe, welche ſie erzeugen ſollten, gehören unter allen irdiſchen Pflichten zu den ſchönſten: vielleicht daß ältere Perſonen ihren Werth noch mehr, als junge Leute, erkennen; uns aber wird eine Schwächung derſelben kaum weniger beklagenswerth, als der Tod ſelbſt, erſcheinen.“ „Theuerſte— theuerſte Mutter! Was können Sie— was mögen Sie wohl meinen? Wie kann ich— wie kann Maud hiebei betheiligt ſein?“ „Spricht nicht das Gewiſſen bei euch Beiden? Iſt nicht ein Mißverſtändniß— vielleicht ein Streit— jedenfalls eine gewiſſe Kälte zwiſchen euch eingetreten? Eine Mutter beſitzt einen eifer⸗ ſüchtigen Scharfblick, und ich habe ſeit einiger Zeit bemerkt, daß zwiſchen euch Beiden nicht mehr das alte Vertrauen, die freie Natürlichkeit herrſcht, welche früher beſtanden und eurem Vater und mir ſo manche glückliche Stunde bereitet hat. Jetzt rede, mein Sohn, und laß mich wieder Frieden zwiſchen euch ſtiften.“ Robert Willoughby hätte Maud in dieſem Augenblick nicht anſehen können, und wenn man ihm gleich eine Obriſten⸗Stelle zur Belohnung geboten hätte; auch Maud war gänzlich außer Stand, die Augen vom Boden zu erheben. Der Major erröthete bis zu den Schläfen— ein Zeichen ſeiner Schuld, wie ſeine Mutter glaubte; das Mädchen aber glich eher einem Marmorbild, als einem Weſen von Fleiſch und Blut. „Wenn du glaubſt, Robert,“ fuhr Mrs. Willoughby fort,„daß Maud dich vergeſſen oder um irgend eines früheren Mißverſtänd⸗ niſſes willen während deiner letzten Abweſenheit Groll gegen dich be⸗ wieſen habe, ſo thuſt du ihr Unrecht. Niemand hat, um ſein Andenken zu bethätigen, ſo viel, wie ſie, für dich gethan; jene ſchöne Schärpe iſt durchaus ihr eigenes Werk, auch das Material dazu hat ſie ſich von ihrem Taſchengelde erkauft. Maud liebt dich wahrhaft, denn wie ſie ſich auch anſtellen mag, ſo lange ihr zuſammen ſeid— ſobald du fort biſt, ſcheint Niemand für deine Wünſche, für dein Glück mehr beſorgt zu ſein, als eben dieſes launiſche, eigenſinnige Mädchen.“ „»Mutter!— Mutter!« flüſterte Mand, ihr Antlitz mit beiden Händen bedeckend. 3 Mrs. Willoughby war in allen ihren Gefühlen und Gewohn⸗ heiten, in ihrem ganzen Weſen durchaus Weib. Unter gewöhn⸗ lichen Umſtänden würde Niemand für die ihrem Geſchlechte eigen⸗ thümliche Zartheit empfänglicher geweſen ſein, als ſie ſelbſt; aber ſie handelte und dachte jetzt ganz als Mutter, und ſo lange und innig hatte ſie die beiden Weſen vor ihr mit ihrer heiligen Mut⸗ terliebe umſchloſſen, daß ihr der Gedanke, Beide ſeien nicht eigent⸗ lich mit einander verwandt, wie die Morgendämmerung eines neuen Daſeins erſchienen wäre. „Ich will und kann euch Beide deln,“ fuhr ſie fort,„und muß alſo, wenn ich Frieden ſtiften will, ganz an euer eigenes Bewußtſein appelliren. Ich weiß, die Sache kann nicht von Bedeutung ſein, aber es ſchmerzt mich ſogar, wenn ich nur eine erzwungene Kälte unter meinen Kindern be⸗ merke. Bedenke, Maud, daß wir am Anfang eines Krieges ſtehen, und wie bitter du es bereuen würdeſt, wenn deinem Bruder ein Unglück widerführe, und dein Gedächtniß dir dann die Zeit ſeines letzten Beſuches nicht ganz ungetrübt und heiter zurückriefe.“ Der Mutter Stimme zitterte; doch an Mauds Augenlidern ſah nicht mehr wie Kinder behan⸗ 161 man keine Thräne mehr hervorperlen. Ihr Antlitz war todtenbleich, und jede gewöhnliche Quelle der Betrübniß ſchien bei ihr aufgetrocknet. „Theurer Bob, das iſt zu viel!⸗ rief ſie haſtig, doch mit ſchwacher Stimme.„Hier iſt meine Hand— nein, hier haſt du beide. Die Mutter ſoll nicht glauben, daß dieſe grauſame Beſchuldigung wahr iſt— wahr ſein kann.“ Der Major ſtand auf, um ſich ſeiner Schweſter zu nähern, und drückte einen Kuß auf ihre kalte Wange. Mrs. Willoughby lächelte bei dieſem Zeichen von Freundlichkeit, und das Geſpräch wurde jetzt wenigſtens nicht mehr mit dem früheren feierlichen Ernſte fortgeſetzt „So iſt's recht, meine Kinder,“ begann ſie von Neuem in der Verblendung ihrer Mutterliebe, welche nichts als die gefürchteten Folgen verminderter häuslicher Zärtlichkeit vor ſich ſah,„und ich bin jetzt nur um ſo glücklicher, da ich Zeuge hievon ſein durfte. Junge Krieger, welche die Heimath frühzeitig verlaſſen, begegnen nur zu vielen Verlockungen, um ſie nicht mit Allem, was ſie ent⸗ hält, leicht zu vergeſſen, das merke dir, Maud; und wir Frauen ſind ſo ſehr von der Liebe unſerer männlichen Freunde abhängig, daß es von uns nur weiſe gehandelt iſt, wenn wir alle früheren Bande ſo lange und ſo viel als möglich aufrecht zu erhalten ſuchen.“ „Gewiß, theuerſte Mutter,“ liſpelte Maud mit kaum hörbarer Stimme,„ich werde die Letzte ſein, welche dieſes Familienband zu lockern wünſchte. Niemand kann eine wärmere, tiefere, ſchwe⸗ ſterlichere Neigung für Robert fühlen, als ich. Noch als Kind war er immer ſo freundlich gegen mich— ſo gerne bereit, mir beizuſtehen— ſo männlich— ſo ganz wie er ſein ſollte— daß ich mich nur wundern muß, wie Sie glauben konnten, es ſei eine Kälte zwiſchen uns eingetreten!« Weit vorgebeugt lauſchte Major Willonghby auf Mauds Er⸗ wiederung, ſo begierig war er, ihre Rede zu vernehmen— ein Um⸗ ſtand, der, wenn ſie ihn bemerkt hätte, ihr ſchon früher den Mund verſchloſſen haben würde. Aber ihre Blicke waren auf den Boden Wyandotts. 11 geheftet, ihre Wangen todtenbleich, und ihre Stimme ſo leiſe, daß nur die athemloſe Stille, welche er beobachtete, dem jungen Manne ihre Worte von ſeinem Sitze aus zu vernehmen geſtattete. »Sie vergeſſen, Mutter,“ verſetzte der Major, als der letzte Laut in ſeinen Ohren verklungen war,„daß Maud ſpäter wahrſcheinlich in eine andere Familie verpflanzt werden wird, wo wir, die wir ſie ſo gut kennen und ſo manche Urſache ſie zu lieben haben, nur ſo viel vorausſehen können, daß ſie durch neue und feſtere Bande gefeſſelt werden wird, als der Zufall hier um ſie geſchlungen hat.“ „Nimmer— nimmermehr!“ rief Maud voll Inbrunſt; ich kann nie Jemand ſo lieben, wie die Perſonen, welche in dieſem Hauſe wohnen.“ Ihre Stimme ſtockte, und in Thränen ausbrechend warf ſie ſich in Mrs. Willoughby's Arm und ſchluchzte wie ein Kind. Die Mutter winkte ihrem Sohne, daß er das Zimmer ver⸗ laſſen ſollte, während ſie ſelbſt das weinende Mädchen beſänftigte, wie ſie früher ſo oft gethan hatte, wenn ihr Mauds kindlicher Kummer zu Herzen gegangen war. Während dieſer ganzen Unterredung waren Gewohnheit und mütterliche Verblendung ſo mächtig bei ihr geweſen, daß die treff⸗ liche Matrone auch nicht entfernt daran erinnert wurde, wie Maud und ihr Sohn eigentlich keine wirklichen Verwandten ſeien. Da ſie Erſtere jeden Tag vor Augen hatte und ſie immer noch gerade ſo betrachtete, wie in dem Augenblick, da ſie ihr als ganz kleines Kind in die Arme gelegt worden war, ſo hatte ſie keine Ahnung von der Wirkung, welche eine Trennung bei Andern hervorbringen mochte. Major Willoughby war damals, als Maud in die Familie aufgenommen wurde, ein Knabe von acht Jahren, hatte von An⸗ fang an ihre Stellung genau gekannt, und ſo war es vielleicht moraliſch unmöglich, daß er ſich bei ihrem ſpäteren Verkehr die⸗ ſes Umſtandes nicht erinnern ſollte, um ſo mehr, da ihm neben dem Einfluſſe der Familiengewohnheiten die Schule, das Kollegium und die Armee Muße genug zum Nachdenken über ſolche Dinge 163 gelaſſen hatte. Auch bei Mand konnte man erwarten, daß dieſe ſeine Betrachtungsweiſe in ihrem Herzen gleichfalls ein ähnliches, ſympathetiſches Gefühl hervorrufen mußte. Sie war aber bis zu den letzten paar Jahren noch ſo ſehr Kind geweſen, und von dem jungen Krieger ſo ganz als Kind behandelt worden, daß nur eine, übrigens blos ihr bemerkbare Veränderung ſeines Weſens, welche in dem Augenblicke eintrat, da er ſie zur Jungfrau herangewach⸗ ſen ſah— auch in ihrem Inneren Gefühle erweckte, welche die ſonſtige ſchweſterliche Liebe überſtiegen. Dieß Alles blieb aber, mit Ausnahme der beiden Betheiligten, für alle anderen Familien⸗ glieder noch tiefes Geheimniß, da dieſe Beider Verhältniß nur von dem einfachen, klaren, bisherigen Geſichtspunkte auffaßten. Nach einer halben Stunde gelang es Mrs. Willoughby, alle Unruhe in Mauds Herzen zu beſänftigen, und die ganze Familie machte ſich nun nach der Kapelle auf den Weg. Michael hatte trotzdem, daß er vor Mr. Woods Religioſität keine ſonderliche Ehrfurcht hatte, das Amt des Küſters und Todten⸗ gräbers übernommen, welch' letzteres er einzig und allein der Ge⸗ ſchicklichkeit verdankte, mit welcher er den Spaten zu handhaben verſtand. Mit einem Zweige dieſes Dienſtes betraut, beſtand er darauf, auch die übrigen auszufüllen, und es war manchmal ko⸗ miſch anzuſehen, wie der ehrliche Burſche, ſo lange er während des Gottesdienſtes in der Kapelle beſchäftigt war, ſich eines ſei⸗ ner Ohren förmlich mit dem Daumen verſtopfte, um die Ketzerei ſo viel als möglich von ſich fern zu halten, während er ſeinen zeitlichen Verpflichtungen, oder was er dafür hielt— nachkam. Unter ſeine Dienſtregeln gehörte auch die, nicht eher die Glocke zu ziehen, als bis er Mrs. Willoughby mit ihren Töchtern dem Gotteshauſe gehörig nahe ſah, was zwiſchen ihm und dem, wenn auch nicht himmliſch, ſo doch demagogiſch geſinnten Joel Strides mehr als einmal lebhaften Streit veranlaßte. Auch dießmal ging's nicht ganz ohne Wortwechſel ab.. 11* „Vorwärts, Mike,'s iſt ſchon halb Eilf; die Leute haben jetzt lange genug auf Euer Zeichen gewartet; Ihr dürftet wohl die Thuüren öffnen und die Glocke ziehen. Man kann doch nicht ewig auf Jemand warten, und wenn's ſelbſt Eure Kirche wäre.“ „Ei ſo laßt die Leute heimgehen und wiederkommen, wenn ſie gerufen werden. Weil alte Weiber, junge Weiber, Kinder und der⸗ gleichen ihre Nebenmenſchen— Chriſten will ich ſie gar nicht nen⸗ nen— gerne verläſtern, deßwegen ſollte ich die Kirche öffnen? Ei bewahre, zu ſolchem Zweck mögen ſie ſich in der Mühle oder im Schulhaus, aber nicht vor der Kirche hier verſammeln. Und vollends gar die Glocke ziehen, ehe ich die Miſſes gewahre? Nein, nein, Joel, nicht für eine Generation von Eures Gleichen, und wenn auch Jeder ein ganz anderer Mann wäre, als Ihr einer ſeid.“ „Frömmigkeit kennt kein Anſehen der Perſon,“ erwiederte der philoſophiſche Ivel.„Wer ſeinen Herrn und ſeine Herrin liebt— nun der mag ſie meinetwegen lieben; aber mir iſt es peinlich, ſolch' niedriger Geſinnung zu begegnen.“ „So, ei ſeht einmal!“ rief Mike, den Sprechenden mit auffal⸗ lender Verwunderung betrachtend.„Wenn das wahr iſt, da müßt Ihr ja den lieben langen Tag in mächtig peinlicher Stimmung ſein— ja, ja, das müßt Ihr!“ „Ich ſage Euch, Michael O'Hearn, Frömmigkeit kennt kein Anſehen der Perſon. Unſer Herrgott kümmert ſich um mich ge⸗ rade ſo viel, wie um Kapitän Willoughby, ſeine Frau, ſeinen Sohn, ſeine Sprößlinge, oder überhaupt um Alles, was ſein iſt.“ „Hol' mich der Teufel, Joel, wenn ich das glaube!« ſchrie Mike abermals in ſeiner dogmatiſchen Weiſe.„Der, welcher es verſteht, kennt den Unterſchied unter den Menſchen, und gewiß kann unſerem Herrgott kein großes Geheimniß ſein, was einem armen Burſchen, wie mir, ſo genau bekannt iſt. Es gibt viele, viele Neben⸗ menſchen, welche eine mächtig gute Meinung von ihrer eigenen Vortrefflichkeit haben; wenn's aber auf Vernunft und Wahrheit 165 ankommt, dann ſpielt Ihr doch nur eine ſchlechte Figur, ſobald Ihr Eure Behauptung beweiſen ſollt. Dieſe Kapelle—wenn die ketzeriſche Büchſe überhaupt den Namen Kapelle verdient— gehört unſerem Herrn; die Glocke da wurde mit ſeinem Gelde erkauft; das Seil iſt ſein, und die Hände, welche es ziehen ſollen, gehören ihm— ſo iſt's alſo ganz umſonſt, ſich gegen Felſen und gegen ein Gemüth zu ereifern, das noch härter als Felſen iſt— laßt's alſo lieber bleiben!“ Damit war der Streit beendigt. Die Glocke ertönte nicht früher, als bis Mrs. Willoughby und ihre Töchter den immer noch unbeſchützten Thorweg der Stockade hinter ſich hatten; übri⸗ gens war durch die neuliche Beſprechung politiſcher Fragen ſtatt des bisherigen Gehorſams ſchon ſo viel Mißvergnügen unter den Koloniſten ausgeſtreut worden, daß mehr als die Hälfte der aus Neu⸗England abſtammenden Arbeiter ihre Unzufriedenheit über den Verzug offen an den Tag legten. Mike aber ſtand unter ihnen, unbeweglich wie die kleine Kapelle ſelber, und wollte die Thüre nicht früher öffnen, als bis nach ſeinen Anſtandsbegriffen der rechte Augenblick gekommen war. Erſt dann näherte er ſich der Ulme, an welcher das Glöckchen hing, und begann es mit eben ſo viel Ernſt in Bewegung zu ſetzen, wie wenn ſeine eherne Stimme gehörig geweiht geweſen wäre. Als die Herrſchaft aus dem Blockhauſe die Kapelle betrat, hatte ſchon die ganze übrige Verſammlung ihre gewöhnlichen Sitze eingenommen. Durch ihre Ankunft wurde aber die Zahl der Zu⸗ hörer bedeutend vermehrt, denn Great und Little Smaſh, beide Pliniuſſe, nebſt fünf bis ſechs farbigen Kindern zwiſchen ſieben und zwölf Jahren, bildeten des Kapitäns Gefolge. Für die Schwarzen war eine kleine Gallerie gebaut worden, wo dieſe Glieder eines geächteten, wenn nicht gar verfolgten Stammes abgeſonderte Sitze erhielten. Daran dachten übrigens die Smaſhs und Pliniuſſe ſehr wenig. Die Gewohnheit hatte ihnen ihre Lage mehr als erträglich gemacht, denn durch ſie waren ihnen Anſichten und Gebräuche eingeimpft worden, welche eine nähere Berührung. mit den Weißen ſogar unbehaglich für ſie gemacht haben würden. Damals hätten die beiden Farben unter keiner Bedingung zu⸗ ſammen gegeſſen; die morgenländiſchen Kaſten waren in Beobach⸗ tung ihrer Vorſchriften kaum weniger ſtreng, als ſich die Ameri⸗ kaner in dieſem Punkte zeigten. Menſchen, welche mit einander arbeiteten, ſcherzten, ihre Tage in freundlichem Verkehr zuſammen verlebten, mochten doch nicht an einem Tiſche mit einander ſpeiſen. Nach den Begriffen einer dieſer Kaſten galt es für eine Art von Befleckung, wenn man mit der andern gemeinſchaftlich das Brod brach. Dieſes Vorurtheil veranlaßte häufig höchſt ſonderbare Sce⸗ nen, beſonders in Haushaltungen, wo die Herrſchaft in Geſellſchaft ihrer Sklaven die Arbeit zu beſorgen pflegte. In ſolchen Familien geſchah es nicht ſelten, daß ein Schwarzer zu den Berathungen über landwirthſchaftliche Gegenſtände beigezogen wurde: da ſah man ihn denn am Feuer ſitzen, ſeine Meinung ſogar gegen ſeinen Herrn freimüthig äußern, und ſeine Weisheit ex cathedra auskra⸗ men, während er gleich darauf mit geduldiger Unterwürfigkeit wartete, bis er ſich nahen und ſeinen Hunger befriedigen durfte— erſt nachdem Alle von der andern Farbe den Tiſch verlaſſen hatten. Mr. Woods war dießmal bei der Wahl ſeines Thema's nicht ſonderlich glücklich. Er hatte die vergangene Woche über, beſon⸗ ders auch mit politiſchen Diskuſſionen, ſo viel zu thun gehabt, daß er keine Zeit zu einer neuen Predigt finden konnte, und war alſo genöthigt geweſen, ſich an eine ſeiner früheren zu halten. Die neulichen Beweisgründe machten ihn nur um ſo geneigter, ſeine Anſichten zu behaupten, und er wählte demgemäß eine Rede, welche er in der Garniſon, bei welcher er zuletzt Kaplan geweſen war, gehalten hatte. Zu dieſer Wahl war er durch den Text:„Gebt dem Kaiſer was des Kaiſers iſt,« verleitet worden, obgleich dieſes Gebot einem Auditorium aus königlichen Truppen weit beſſer, als einer Gemeinde zuſagen mußte, welche durch Joel Strides', ſowie durch des Müllers Beweiſe und Kunſtgriffe dem„Kaiſer“ großen⸗ theils abſpenſtig gemacht worden war. Da ſeine Rede übrigens eine Fülle theologiſcher Wahrheiten, und gerade ſo viel Rechtgläu⸗ bigkeit enthielt, daß ihre politiſche Nebenabſicht theilweiſe dadurch verdeckt wurde, ſo mußte ſie den Wenigen, die ſie verſtanden, eigentlich noch mehr Anſtoß, als der Menge ſelbſt, geben. Der würdige Geiſtliche liebte es in der That ſo ſehr, ſeinen religiöſen Unterricht in der ihm von der Garniſon her gewohnten Weiſe fortzuſetzen, daß der Mehrzahl ſeiner Zuhörer dieſe loyale Abſicht auch jetzt kaum auffiel; ganz anders war der Fall dagegen bei den Wenigen, welche ſich in den höheren Regionen emſig nach Urſachen des Verdachts und der Anklage umſahen. „In der That,“ bemerkte Joel, während er und der Müller mit ihren beiden Familien nach der Mühle aufbrachen, wo die Strides den heutigen Tag zubringen wollten—„in einer Zeit, wie die jetzige, iſt das in der That eine kecke Rede für einen Geiſtlichen. Ich wollte wetten, wenn Mr. Woods in der Bai unten ſein„Gebt dem Kaiſer, was des Kaiſers iſt“ predigen wollte, es würde von den dortigen Gemeinden nicht ſo ruhig hingenommen werden. Was haltet Ihr von der Sache, Miß Strides?“, Miß Strides dachte ganz wie ihr Eheherr, und auch der Müller und deſſen Frau ſtimmten ihr alsbald bei. Die Rede gab in der Mühle den ganzen Tag über genügenden Stoff zur Unter⸗ haltung, und es wurden verſchiedene Folgerungen daraus gezogen, welche für die künftige Wohlfahrt und Sicherheit des Predigers verderblich zu werden drohten. Auch in der höheren Region blieb der wohlmeinende Prieſter nicht ganz von Tadel verſchont. „Ich wollte, Ihr hättet Euch ein anderes Thema ausgeleſen, Woods,“ bemerkte der Kapitän, der mit ſeinem Freunde auf dem Raſen ſpazieren ging, bis das Zeichen zum Mittageſſen gegeben wurde.„In jetziger Zeit kann man mit politiſchen Anſichten, die 168 man ausſtreut, nicht vorſichtig genug ſein, und ich bin wahrlich ſehr geneigt, zu glauben, daß der„Kaiſer“ in dieſen Kolonien ge⸗ rade ſo viel Autorität genießt, als ihm gerechter Weiſe zukommt.“ »Ei, mein theurer Kapitän, Ihr habt doch dieſe Rede ſchon drei oder vier Mal gehört, und ſie öfter lobend anerkannt!« „Ja, das geſchah aber in der Garniſon, wo man gezwungen iſt, Subordination einzuprägen. Ich kann mich ihrer noch recht gut erinnern; vor zwanzig Jahren, als Ihr ſie zum erſten Mal hieltet, war ſie allerdings vortrefflich, aber—« „Ich fürchte, Kapitän Willougby, bei Euch heißt's auch: „tempora mutantur et nos mutamur in illis ²).“ Doch die Ge⸗ bote und Lehren unſeres Erlöſers ſind über den Wechſel und die irrenden Leidenſchaften der Sterblichen erhaben— Seine Worte gelten für alle Zeiten.“ „Allerdings, was nämlich ihre Grundwahrheiten und allge⸗ meinen Prinzipien betrifft. Aber nie ſollte ein Text ohne Berück⸗ ſichtigung der jedesmaligen Umſtände erläutert werden. Ich meine nämlich, eine Predigt, die für ein Bataillon vom vierzigſten kö⸗ niglichen Regiment ganz paſſend ſein mag, kann bei den Arbei⸗ tern unſeres Blockhauſes, beſonders ſo bald nach der ſogenannten Schlacht von Lexington, wohl für unpaſſend gelten.“ Die Einladung zum Mittageſſen machte dem Geſpräche ein Ende, und verhinderte ſo einen abermaligen langen und warmen Streit zwiſchen den beiden Freunden. Während des Nachmittags und Abends hielt Kapitän Wil⸗ loughby eine geheime, vertrauliche Unterredung mit ſeinem Sohne. Er rieth dem Major, ohne weiteren Verzug zu ſeinem Regimente zu ſtoßen, wenn er nicht gar entſchloſſen wäre, ſeine Stelle auf⸗ zugeben und zu den Koloniſten überzutreten. Von Letzterem wollte der junge Offizier nichts hören; er war vielmehr entſchloſſen, wieder auf ſeinen Poſten zurückzukehren, in der Hoffnung, den *)„Zeiten kommen und wechſeln, und wir— wir wechſeln mit ihnen.“ D. U. — 169 glimmenden Funken der Loyalität in der Bruſt ſeines Vaters da⸗ durch vielleicht wieder anzufachen. Der Leſer darf übrigens nicht glauben, daß Kapitän Willoughby offen zu der Rebellion überzutreten im Sinne hatte— nichts we⸗ niger als das. Er hegte ſeine großen Zweifel und Beſorgniſſe in Betreff der Klugheit und Folgerichtigkeit der ſeitherigen Schritte, war aber von der Billigkeit der amerikaniſchen Forderungen feſt überzeugt. Unabhängigkeit oder Trennung lag nur in Weniger Abſicht, wenn man anno 1775 überhaupt daran dachte; die heiße⸗ ſten Wünſche der eifrigſten Whigs in den Kolonien waren auf Vergleich und auf beſtimmte Anerkennung ihrer politiſchen Frei⸗ heiten gerichtet. Die raſch ſich drängenden Ereigniſſe waren nichts, als die Folgen von Urſachen, welche, einmal in Bewegung geſetzt, ein Uebergewicht erlangten, das gewöhnlicher menſchlicher Lenkung Trotz bot. Es gehörte ohne Zweifel zu den leitenden Grundſätzen in dem großen, geheimnißvollen Plane der göttlichen Vorſehung, welche die künftigen Geſchicke des Menſchen ordnet, jene politiſche Trennung in dieſer Erdhälfte und gerade in dieſer Periode be⸗ ginnen zu laſſen, um ſie noch vor dem Ende eines Jahrhunderts zum endlichen natürlichen Abſchluſſe zu führen. Die jetzige Unterredung drehte ſich übrigens weniger um die Beweisgründe der beſtrittenen Fragen, als um die Mittel künftigen Verkehrs und um eine Entſcheidung darüber, was in dem vorlie⸗ genden Augenblick am Beſten zu thun ſei. Nachdem man die Sache pro und contra verhandelt, wurde endlich beſchloſſen, daß der Major am nächſten Tage das Blockhaus verlaſſen und nach Boſton zurückkehren ſollte, wobei er Albany nebſt allen den Punk⸗ ten vermeiden mußte, wo er der Entdeckung am Meiſten ausge⸗ ſetzt war. Den amerikaniſchen Streitkräften, welche ſich um die belagerte Stadt ſammelten, ſtrömten von allen Seiten ſo viele Kämpfer zu, daß ſein Reiſen auf der Landſtraße keinen Ver⸗ dacht erregen konnte; hatte er erſt das amerikaniſche Lager 170 2 erreicht, ſo war nichts leichter, als von dort auf die Halbinſel zu gelangen. Dieß Alles meinte der junge Willoughby leicht ausführen zu. können, wenn es ihm anders gelänge, die Niederlaſſungen zu er⸗ reichen, ohne daß die Kundmachung ſeines wahren Charakters ihm nachfolgte. Die Periode der Spione und der ſtrengen Aus⸗ übung des Kriegsgeſetzes war noch nicht eingetreten— Alles, was zu fürchten ſtand, war Gefangenſchaft. In dieſer Beziehung ſchien die Gefahr aber wirklich groß; im Falle der Entdeckung ſteigerte ſie ſich ſogar zur völligen Gewißheit, und Major Willoughby hatte während ſeines Beſuches hinlängliche Erfahrung geſammelt, um allerhand Beſorgniſſe vor Verrath zu fühlen. Er bereute ſehr, ſeinen Diener mitgenommen zu haben, denn dieſer war ein Europäer, und konnte ſie Beide durch ſeine Ungeſchicklichkeit, wie. durch ſeine Sprache leicht in Verlegenheit bringen. Sein Vater hielt dieſe letztere Gefahr für ſo ernſtlich, daß er darauf beſtand, Robert ſollte ohne Diener abreiſen, und Letzteren bei der erſten 5 paſſenden Gelegenheit nachkommen laſſen. Sobald man darüber einig war, ging's an die Frage wegen des Führers. Kapitän Willoughby wollte zwar dem Tuscarora nicht viel trauen, gelangte aber nach längerer Ueberlegung doch zu der Anſicht, daß es beſſer ſein möchte, ihn zum Verbündeten zu gewinnen, als ihm Gelegenheit zu geben, ſich von der andern Partei verwenden zu laſſen. Nick wurde gerufen und ausgefragt. Er verſprach, den Major zwiſchen Lünenburg und Kinderhook an den Hudſon zu bringen, wo er leicht, und ohne Verdacht zu er⸗ regen, über den Fluß ſetzen könne; ſeinen Lohn ſollte er erſt dann erhalten, wenn er von dem Major einen Brief nach dem Block⸗ hauſe zurückbrächte, worin dieſer ſeinen Vater zur Auszahlung 4 des Preiſes autoriſirte. So, glaubte man, würde Nick ſeinem 8 Worte wenigſtens für jetzt am eheſten treu bleiben. Noch vieles Andere wurde zwiſchen Vater und Sohn verabredet; 1— 171 Letzterer verſprach, die Mittel aufzufinden, um ſeinen Freunden im Blockhaus alle wichtigen Vorfälle mitzutheilen; Farrel ſollte nach ſechs bis acht Wochen ſeinem Herrn folgen, und ihm von der Familie Briefe überbringen. Viele von des Kapitäns alten Waffenfreunden bekleideten jetzt wichtige Kommando's; ihnen Allen ſandte der Kapitän Aufforderungen zur Klugheit und Ermahnun⸗ gen zur Mäßigung ihrer Anſichten, die freilich, wie die ſpäteren Ereigniſſe bewieſen, ſehr wenig beachtet wurden. Sogar an Ge⸗ neral Gage ſchrieb er, ohne übrigens ſeinen Namen zu unter⸗ zeichnen; doch waren die in dem Briefe ausgeſprochenen Anſich⸗ ten ſo ſehr zu Gunſten der Kolonien, daß derſelbe, auch wenn man ihn aufgefangen hätte, von den Amerikanern höchſt wahr⸗ ſcheinlich an die Adreſſe befördert worden wäre. Sobald dieß Alles beſorgt war, ſagten Vater und Sohn, kurz nachdem die Hausuhr Zwölf geſchlagen hatte, einander gute Nacht. Neuntes Kapitel. Zwar alt, gleichwie an Liſt, ſo auch an Jahren, Iſt er ſo klein, der Gott, daß er dem Knaben Mroleichbar an Geſtalt und an Gebahren, Wie auch an wilden Frohſinns laun’ſchen Gaben, Von Ort zu Orte ſiehſt du leicht ihn ſchweben, Stets ohne Raſt und Ruh': zeigſt du ihm neuen Vergnügungsſtoff— wird er die Flügel heben, Nur kind'ſcher Tand kann ſeinen Sinn erfreuen. Doch hüte dich! glaub' mir, hier ſteht im Bunde Der kind'ſche Witz mit mehr als Kindesſtärke, Und ſchwer bereuen könnteſt du die Stunde, Wo du ihm halfſt an ſeinem kind'ſchen Werke! Griffin. Des Majors Abſicht, das Blockhaus an dieſem Tage zu ver⸗ laſſen, wurde der Familie am nächſten Morgen beim Frühſtück mitgetheilt. Seine Mutter und Beulah hörten die Nachricht mit natürlicher, zärtlicher Beſtürzung, welche ſie ſich keineswegs zu geſtehen ſcheuten; Maud dagegen ſchien ihre Gefühle ſo ſehr in 472 der Gewalt zu haben, daß der Kummer, den ſie wirklich empfand, durch ihre Vorſicht gemäßigt erſchien. Ihr war es, als ob ihr Geheimniß jeden Augenblick verrathen werden könnte, und das glaubte ſie, müßte ihren augenblicklichen Tod zur Folge haben. Dieſe Beſchämung zu überleben, war in ihren Augen unmöglich, und die ganze Energie ihres Weſens wurde in dem feſten Ent⸗ ſchluſſe aufgeboten, ihre Schwäche in ihrem eigenen Buſen zu be⸗ graben. Sie war ſo nahe daran geweſen, ſich Beulah zu ent⸗ decken, daß ſie noch jetzt bei dem Gedanken zitterte, wie dicht ſie über dem Abgrunde geſchwebt habe, und durch die Erinne⸗ rung an die Gefahr, welche ſie gelaufen, in ihrem Entſchluſſe nur noch mehr beſtärkt wurde. Als natürliche Vorſichtsmaßregel ſollte der beabſichtigte Auf⸗ bruch des jungen Mannes vor allen Bewohnern der Kolonie ſtreng. geheim gehalten worden. Nick war im Laufe der Nacht mit des Majors Gepäck verſchwunden, und ſollte dieſen zur beſtimmten Stunde an einem gewiſſen Punkte des Stromes erwarten. Es gab verſchiedene Waldpfade, die nach den größeren Nieder⸗ laſſungen führten. Der betretenſte lief in der Richtung des alten Forts Stanwir zuerſt nördlich, und folgte ſpäter mit einer Wen⸗ dung nach Süden den Ufern des Mohawk: auf dieſem Wege war der Major hergekommen. Ein anderer lief über den Otſego, und erreichte den Mohawk bei dem in den Einleitungskapiteln mehr als einmal erwähnten Punkte. Dieß waren die beiden gewöhn⸗ lichen Pfade— wenn überhaupt ein Weg, der nur wenig oder gar keine Fußſpuren zeigte, den Namen Pfad verdiente— es war alſo mehr als wahrſcheinlich, daß jeder Plan zur Feſtnehmung des Reiſenden gerade auf einem dieſer beiden Wege zur Ausfüh⸗ rung kommen würde. Aus dieſem Grunde hatte der Major beſchloſſen, beide Straßen zu vermeiden; er wollte ſich kühn in die Gebirge wagen, bis er den Susquehannah erreichte, auf dem vorhandenen Floßholz über 173 ihn ſetzte und zu einem ſeiner öſtlichen Seitenſtröme gelangte; dem Laufe des letzteren wollte er folgen bis zu dem Hochland, das die Waſſer des Mohawk von dem Stromgebiete des Susque⸗ hannah ſcheidet, und dann ſeinen Weg auer über die Ströme fortſetzen, welche in dieſem Theile des Landes ſämmtlich die Hauptrichtung gegen Norden oder Süden verfolgen. Shenectady und Albany vermeidend, mußte er ſich zu den früheren Nieder⸗ laſſungen der Abkömmlinge jener Emigranten aus der Pfalz am Shoharie wenden, und durch einen der benachbarten Gebirgspäſſe an den Hudſon gelangen, und zwar da, wo es für ſeine Zwecke am ſicherſten war. Er ſollte in dem Koſtüm eines Gutsbeſitzers reiſen, der ſein Patent beſuchte; ſein Vater verſah ihn mit einer Mappe und einem alten Feldbuch, um ſe ner Verkleidung im Falle des Verdachts oder einer Arretirung um ſo größere Wahrſchein⸗ lichkeit zu geben. Doch war eben nicht viel Gefahr zu befürch⸗ ten, da der Streit noch zu neu war, um jene Organiſation des Mißtrauens zuzulaſſen, welche ſpäter ſo viele Wachſamkeit und Thätigkeit hervorrief. „Du wirſt es ſo einrichten, Bob, daß wir deine ſichere Ankunft in Boſton erfahren,“ bemerkte der Vater, während er nachdenklich den Thee umrührte;„ich hoffe zu Gott, die Sache wird nicht weiter gehen, ſo daß nur unſere Beſorgniſſe den bisherigen Vor⸗ fällen jenen ſchwarzen Anſtrich gegeben haben.“ „Ach, mein theurer Vater, Sie wiſſen nur wenig von dem Zu⸗ ſtande des Landes, durch welches ich gereist bin,“ antwortete der Major kopfſchüttelnd.„Ein Feuerlärm würde in einer amerikaniſchen Stadt kaum größere Bewegung und gewiß nicht ſo viel Aufregung veranlaſſen. In den Kolonien, beſonders in denen von Neu⸗England, iſt Alles auf den Beinen und ein Bürgerkrieg unvermeidlich; doch hoffe ich, bei Englands Macht wird er nicht lange dauern.“ „Dann wage dich ja nicht unter das Volk von Neu⸗England, Robert,“ rief die ängſtliche Mutter.„Geh' lieber nach New⸗York, — wo wir viele Freunde und bedeutenden Einfluß beſitzen. Du wirſt Rew⸗JYork gewiß weit leichter, als Boſton erreichen.“ „Das mag wohl wahr ſein, Mutter, aber ehrenvoll wäre es beſtimmt nicht. Mein Regiment liegt in Boſton, und ſeine Feinde ſtehen vor dieſer Stadt, ein alter Soldat wie Kapitän Willoughby wird Ihnen ſagen, daß der Major in ſeinem Korps ein unent⸗ behrlicher Offizier iſt. Nein, nein, das Beſte, was ich thun kann, iſt, mich verkleidet unter die gegen Boſton ziehenden Abenteurer zu miſchen, bis ich eine Gelegenheit finde, mich von ihnen weg⸗ zuſtehlen und zu meinen eigenen Leuten zu ſtoßen.“ „Nimm dich in Acht, Bob, daß du dich keines militäriſchen Verbrechens ſchuldig machſt. Dieſe Provinzial⸗Offiziere könnten ſich's am Ende in den Kopf ſetzen, dich als Spion zu behandeln, falls du ihnen in die Hände fieleſt!“ „Das iſt nicht leicht zu fürchten, Sir; es herrſcht gegenwärtig unter ihnen eine Art verwirrenden Kolonialfiebers für ihre ſoge⸗ nannte Freiheit. Daß ſie in ihrem Eifer fechten werden, das weiß ich, denn ich habe es mit eigenen Augen geſehen; doch ſind die Sachen noch nicht ſo weit gediehen, als Sie zu fürchten ſcheinen. Ich zweifle ſogar, ob ſie Gage ſelbſt anhalten würden, wenn ſie ihn im Freien träfen und er nach der Stadt zurückzukehren wünſchte. „Und doch erzählſt du mir, daß Waffen und Munition überall im ganzen Lande aufgefangen werden, und daß einige alte, auf Halbſold geſetzte Offiziere arretirt und erſt auf ihr Ehrenwort wieder freigelaſſen worden ſeien!“ „Von ſolchen Dingen hat man allerdings geſprochen, doch fragt ſich's immer noch, ob es wahr iſt. Ein Glück, daß Sie ſelbſt, nach Ihren jetzigen Anſichten wenigſtens, kein Halbſold⸗Offizier mehr ſind.“ „Es iſt ein Glück, Bob, obgleich du mit Lächeln davon ſprichſt. Bei meiner gegenwärtigen Geſinnung müßte ich allerdings ſehr beklagen, wenn ich auf Halb⸗ oder Viertelsſold ſtünde, falls es überhaupt ſo Etwas gab. Ich bin jetzt mein eigener Herr und „— 175 habe volle Freiheit, den Geboten meines Gewiſſens— den Ein⸗ gebungen meiner Vernunft zu folgen.“ „Ja, Sir, das iſt allerdings ein Glück, wie ſich nicht läugnen läßt. Nur ſehe ich nicht ein, wie Einer die Freiheit haben kann, die ſeinem angeſtammten Fürſten ſchuldige Unterthanentreue von ſich zu werfen. Was hältſt du von der Sache, Maud?“ Der Major ſprach dieß halb im Ernſt und halb im Scherz; nur die Aufforderung am Schluſſe war ganz ernſthaft und ſogar etwas ängſtlich gemeint. „Mein Gefühl iſt gegen Rebellion,“ verſetzte Mand nach län⸗ gerem Zaudern;„doch fürchte ich, meine Vernunft ſagt mir, es gebe für uns gar keinen angeſtammten Herrſcher. Hätte das Par⸗ lament nicht vor hundert Jahren die gegenwärtige Familie auf den Thron berufen, nach iwelchem Naturgeſetze wären ſie dann unſere Fürſten, Bob?“ „Ach, das iſt wieder ſo ein Flug deiner reichen Phantaſie, meine theure Maud; das Parlament allerdings hat ſie uns zu Fürſten gegeben, und das Parlament wenigſtens iſt unſer geſetz⸗ licher, konſtitutioneller Herr und Gebieter.“ „Das iſt gerade der Hauptpunkt des Streites. Das Parla⸗ ment mag allerdings für England den rechtmäßigen Regenten abgeben— wird dieß aber auch für Amerika gelten?“ „Genug—“ fiel der Kapitän ein, indem er vom Tiſche aufſtand, „wir wollen jetzt, im Augenblicke des Abſchieds, dieſe Frage nicht erörtern. Geh', mein Sohnz; eine Pflicht, die uns einmal zu erfüllen obliegt, kann nicht früh genng erfüllt werden. Deine Vogelflinte nebſt Munition ſteht bereit, und ich werde Sorge tragen, unter den Leuten auszuſprengen, daß du in den Wäldern einige Stun⸗ den nach Tauben jagen wolleſt. Gott ſegne dich, Bob! mögen wir auch in dieſem Punkte verſchiedener Anſicht ſein— du biſt doch mein Sohn— mein einziger Sohn— mein theurer, viel⸗ geliebter Junge— Gott ſegne dich für immer!“ — — 176 Tiefe Stille folgte dieſem natürlichen Ausbruche des Gefühls; dann nahm der junge Mann Abſchied von Mutter und Schweſtern. Mrs. Willoughby küßte ihr Kind; ſie weinte nicht, bis ſie auf ihrem Zimmer war; dann aber ſank ſie auf ihr Knie, und ihre Gebete, ihre Thränen folgten reichlich. Beulah, offen und herzlich wie ſie immer war, verbarg die Thränen nicht, als ſie ihren Bruder umarmte; Maud aber empfing ſeinen Kuß bleich und zitternd, ohne ihn zu erwiedern; doch konnte ſie ſich nicht ent⸗ halten, dem jungen Manne noch die bedeutungsvollen Worte zu⸗ zuflüſtern, welche er den ganzen Tag— ja manchen folgenden Tag hindurch im Gedächtniſſe behielt: „Schone dich und ſetze dich nicht unnöthigen Gefahren aus; Gott ſegne dich, mein lieber, theurer Bob!“ Maud allein folgte den Bewegungen der Herven mit ihren Blicken. Die eigenrhümliche Bauart des Blockhauſes geſtattete aus den ſüdlichen Fenſtern keine Ausſicht in's Freie; dafür aber befand ſich eine Schießſcharte in einer kleinen Malerſtube des obern Stockes, welche eigens für ſie eingeräumt war. Dorthin flog ſie jetzt, um ihr Herz, das beinahe zu brechen drohte, durch Thränen zu erleichtern und die Geſtalt des ſcheidenden Robert noch länger zu verfolgen. Sie ſah ihn mit dem Vater und dem Kaplan gemächlich über den Raſen hinſchlendern, indem er ſich in verſtellter Gleichgültig⸗ keit mit ſeinen Begleitern zu unterhalten ſchien, um ſeine beab⸗ ſichtigte Abreiſe vor den Leuten geheim zu halten. Das Fenſter der Schießſcharte ſtand offen, um friſche Luft einzulaſſen, und Maud bot ihren ganzen Gehörſinn auf, um wo möglich noch ein⸗ mal den Klang ſeiner Stimme zu erhaſchen. Umſonſt— nichts war zu unterſcheiden, obwohl er ſtehen blieb und noch einmal nach dem Herrenhauſe zurückſchaute, wie wenn er der Heimath den letzten Scheideblick zuwerfen wollte. Der Vater und Mr. Woods drehten dem Hauſe gerade den Rücken zu; Maud ſtreckte ihr Händchen durch die Oeffnung und winkte mit dem Taſchentuche. f „— 2 „— 177 „Er wird denken, es ſei Beulah oder ich,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt,„und es mag ihm Troſt gewähren, zu wiſſen, wie ſehr wir ihn lieben.“ 3 Der Major bemerkte das Zeichen und erwiederte es ſogleich. Sein Vater drehte ſich unerwartet um, und erblickte gerade noch das zu⸗ rückweichende Händchen, wie es hinter der Schießſcharte verſchwand. „Das iſt Mand, das köſtliche Mädchen!“ behauptete er, ohne an etwas Anderes, als an ihre ſchweſterliche Zuneigung zu denken. „Es iſt ihr Malerſtübchen: das von Beulah liegt auf der andern Seite des Thorwegs, das Fenſter ſcheint aber nicht offen zu ſein.“ Der Major fuhr zuſammen, warf fünf bis ſechs Mal voll Feuer ſeine Kußhand zurück, und ging dann weiter. „Ja, Sir, das Thor nicht zu vergeſſen,“ bemerkte er haſtig, um dem Geſpräch eine andere Wendung zu geben, ohne daß ſich ihm ſogleich ein anderer paſſender Gegenſtand darbot—„laſſen Sie es doch ja bald einhängen, ich bitte Sie darum. Ich werde nicht eher ruhig ſein, als bis ich höre, daß beide Thore— an der Stockade wie am Blockhauſe— eingehängt ſind.“ „Ich wollte eigentlich heute damit anfangen, nur deine Ab⸗ reiſe hat mich abgehalten,“ erwiederte der Vater.„Ich will noch ein paar Tage warten, bis Mutter und Schweſter wieder etwas beruhigt ſind, ehe wir ſie mit dem Lärm und Geräuſch der Ar⸗ beitsleute beläſtigen.“ „Beſſer, ſie damit beläſtigen, theurer Vater, als ſie dem An⸗ griffe der Indianer oder gar der Rebellen preiszugeben.“ Deer Major fuhr dann fort, einige ſeiner modernen militäri⸗ ſchen Anſichten über die Vertheidigungskunſt mitzutheilen. Als einen Mann aus der alten Schule hielt er zwar ſeinen Vater für ein Wunder von Geſchicklichkeit; doch, wo hat je ein junger Mann, der eben erſt die Vortheile eines zehn⸗ bis fünfzehnjährigen Unter⸗ richts in allen Fächern des Wiſſens genoſſen, die Erziehung Derer, die vor ihm kamen, mit den Angriffen ſeiner Kritik verſchont? Wyandotté. 12 1 178 Der Kapitän hörte mit all' der Nachſicht, welche das Alter für die Unerfahrenheit der Jugend hegt, geduldig zu, und ſchien froh, für ſeine Unglücksgedanken eine Zerſtreuung zu finden. Dieſe ganze Zeit über bewachte Mand von der Schießſcharte aus alle ihre Bewegungen mit thränenfeuchten Blicken. Sie ſah Robert ſtill ſtehen, und wieder und immer wieder zurückſchauen; noch einmal ſtreckte ſie ihr Taſchentuch durch die Oeffnung. Aber offenbar hatte er es nicht geſehen, denn er drehte ſich um und ging weiter, ohne ihr Zeichen zu erwiedern. „Er kann unmöglich wiſſen, welche von uns Zweien es iſt,“ dachte Maud;„vielleicht glaubt er gar, wir ſeien es Beide.“ Auf den Felſen, welche über der Mühle hingen, blieben die Herren ſtehen, und beſprachen ſich noch eine volle Viertelſtunde. Die Entfernung ließ Maud kein Geſicht mehr unterſcheiden; doch konnte ſie die nachdenkliche und, wie ſie glaubte, traurige Haltung des Majors bemerken, wie er, auf ſeine Vogelflinte gelehnt, das Antlitz nach dem Blockhauſe wendete, und ſeine Augen in der That auf die Schießſcharte richtete. Endlich ſchüttelte der junge Krieger ſeinen Begleitern haſtig und verſtohlen die Hand, eilte den Pfad gegen den Strom hinab und verſchwand. Maund ſah ihn nicht mehr; ihr Vater aber und Mr. Woods ſtanden noch eine volle halbe Stunde auf dem Felſen, um ſeine Geſtalt manchmal zu erblicken, wenn er aus den Schatten des Waldes an die freien Ufer des Flüßchens heraustrat, bis der Major nur noch eine kurze Strecke von dem Punkte entfernt war, wo er den Indianer treffen ſollte. Dann hörten ſie den Knall ſeiner beiden Flintenläufe, welche raſch hinter einander abgefeuert wur⸗ den, zum Zeichen, daß er ſeinen Führer gefunden hatte. Nachdem ſie noch dieſe willkommene Botſchaft vernommen, machten ſich die beiden Männer langſam auf den Heimweg. Dieß war der Anfang eines Tages, der für die Familie des Blockhauſes zwar nichts Beunruhigendes hatte, aber dennoch Fol⸗ 179 gen von Wichtigkeit herbeiführte. Major Willoughby war gegen zehn Uhr Morgens ſeinem Vater aus den Augen entſchwunden, und noch vor zwölf vernahm man in der Niederlaſſung abermals den Lärm neuankommender Gäſte. Joel wußte nicht, ſollte er ſich freuen oder verzweifeln, als er einen Trupp von acht bis zehn Bewaffneten über die Felſen herauf⸗ kommen und geradenwegs über die Niederung gegen das Blockhaus hinziehen ſah. Er zweifelte keinen Augenblick, daß die Provinzial⸗ behörden dieſe Abtheilung hergeſchickt hätten, um den Kapitän zu arretiren, und ſah dann wahrſcheinlich voraus, daß für die Dauer des in Ausſicht ſtehenden Kampfes ein Anderer in den einträg⸗ lichen Poſten eines Gutsverwalters eingeſetzt werden würde. Es iſt erſtaunlich, wie viele Menſchen durch eben ſolche Hoff⸗ nungen, wie Joel ſie nährte, zu Patrioten— und welchen Pa⸗ trioten— umgewandelt werden! Bis auf den heutigen Tag kennen wir im Laufe der ganzen amerikaniſchen Revolution kaum ein ein⸗ ziges Beiſpiel einer Güterkonfiskation, wo nicht höchſt anrüchige Sagen von ähnlicher Verrätherei, wie ſie der Aufſeher hier im Schilde führte, getroffen wurden; ja es laſſen ſich ſogar einige Beiſpiele aufzählen, wo dieſe Verrätherei von Verwandten und falſchen Freunden ausgeübt wurde. Joel hatte ſich bereits in ſeinen Sonntagsſtaat geworfen, und war eben im Begriff, nach dem Herrenhauſe hinabzugehen, um der Scene, wie er ſie ſich im Geiſte dachte, wenigſtens mitanzuwohnen, als er zu ſeinem Erſtaunen und nicht geringen Verdruß den Ka⸗ pitän mit dem Kaplan den Ankommenden über den Raſen her ent⸗ gegengehen ſah, woraus man deutlich merken konnte, daß Jene keine unwillkommenen Gäſte waren. Er blieb ſtehen, und als er gar vollends gewahrte, wie der Kapitän den beiden vorderſten Fremden, welche allein Leuten von Stand ähnlich ſahen, voll Herz⸗ lichkeit die Hand ſchüttelte— da drehte er halb ärgerlich und doch auch halb zufrieden— nach ſeiner eigenen Behauſung um. 12* 180 Der Beſuch, den der Kapitän vor ſeinem Hauſe empfangen hatte, verurſachte nicht nur keine Unruhe in der Familie, ſondern kam im Gegentheil höchlich erwünſcht und ſehr gelegen. Es war Evert Beekman mit einem alten Freunde und mehreren Feldmeſ⸗ ſern, Jägern u. ſ. w.; er war eben auf dem Rückweg von dem „Patente,“ das er in der Nachbarſchaft, d. h. fünfzig Meilen von da, beſaß, und hielt unter dem höflichen Vorwande, des Kapitäns Familie ſeinen Reſpekt zu bezeigen, an dem Blockhauſe an, hatte aber in Wirklichkeit die Abſicht, ſeine Bewerbung um Beulah, welche er jetzt ein volles Jahr fortgeſetzt hatte, zu einem glück⸗ lichen Ende zu bringen. 4 Das Liebesverhältniß zwiſchen Evert Beekman und Beulah Willoughby war ſo einfacher, aufrichtiger und natürlicher Art, daß es kaum genügenden Stoff zu einer kurzen Epiſode darbietet. Der junge Mann hatte dem Mädchen nicht ohne Erlaubniß der Eltern ſeine Aufmerkſamkeiten erwieſen; vom Anfange ihrer Bekanntſchaft an war er der Tochter annehmbar erſchienen, und ſie hatte ſich damals, als er wenige Tage vor ihrer Abreiſe von New⸗York um ihre Hand anhielt, nur noch einige Bedenkzeit erbeten, ehe ſie ihre entſcheidende Antwort gäbe. Beulah war eigentlich etwas überraſcht, daß ihr Geliebter ſeine Ankunft bis beinahe Ende Mai's hinausſchieben konnte, während ſie ihn ſchon zu Anfang dieſes Monats erwartet hatte. An einen Brief war aber nicht zu denken, da er nicht anders, als durch einen beſonderen Boten beſtellt werden konnte, und ſo war der junge Mann jetz in eigener Perſon gekommen, um ſeine Entſchuldigungen ſelbſt zu überbringen. Beulah empfing Evert Beekman voll Natürlichkeit und ohne die mindeſte Uebertreibung; eine ſtille Glückſeligkeit ſtrahlte aus ihren hübſchen Zügen, welche ſo viel ſagte, als der Liebhaber ver⸗ nünftiger Weiſe nur immer wünſchen konnte. Ihre Eltern hießen ihn herzlich willkommen, und er hätte wahrlich ein kurzſichtiger 181 Bewerber ſein müſſen, um nicht zum Voraus ſeiner Hoffnungen gewiß zu werden. Auch dauerte es nicht lange, bis jeder Zweifel beſeitigt war. Beulah hatte voll aufrichtiger Gewiſſenhaftigkeit ihr Herz zu Rathe gezogen; und wenn ſie auch über die eigene Entſchloſſenheit erröthete, ſo mußte ſie dennoch ihre Zuneigung für ihren Bewunderer eingeſtehen. Noch an dem Tage ſeiner An⸗ kunft wurden Beide förmlich mit einander verlobt. Unſere Erzählung nimmt übrigens an dieſer kleinen Epiſode nur ein untergeordnetes Intereſſe, und ſo wollen wir auch nicht länger dabei verweilen, als der Hauptzweck gerade nöthig macht. Es war ein ſehr geſchäftiger Morgen, und gab es gleich viele Thränen, ſo ſah man dafür auch manch' frohes Lächeln. Zu der Zeit, da ſich die Familie bei der jetzigen milden Witterung auf dem Raſen zu verſammeln pflegte, war zwiſchen Beulah und ihrem Geliebten, ſelbſt bis auf den Tag der Trauung, alles Nöthige abgemacht worden, und man hatte nun auch Muße, an andere Dinge zu denken. Während der jüngere Plinius und eine von den Smaſhs die Vorbereitungen zum Thee trafen, wurde von Mr. Woods, der gerne von Gefühlen abzuſchweifen ſuchte, bei welchen er nicht eben ſo ſehr wie Andere in der Geſellſchaft be⸗ theiligt war— folgendes Geſpräch eingeleitet. „Bringen Sie uns irgend eine Neuigkeit aus Boſton, Mr. Beekman?“ fragte der Kaplan.„Schon ſeit zwei Stunden ſterbe ich faſt vor Neugierde— ja ſogar ſeit dem Mittageſſen konnte ich's kaum erwarten, bis ich dieſe Frage an Sie richtete, konnte aber nie recht dazu kommen, das Verhör zu beginnen.“ Der Kaplan ſagte dieß in aller Gutmüthigkeit und Unſchuld, und entlockte dadurch ſämmtlichen Zuhörern ein Lächeln oder Er⸗ röthen und bedeutungsvolle Blicke. „Die Wahrheit zu geſtehen, Mr. Woods,“ erwiederte der Be⸗ fragte mit ſehr ernſter Miene,„die Dinge geſtalten ſich nach und nach ſehr bedenklich. Boſton iſt von Tauſenden unſeres Volkes 182 umringt, und wir hoffen, nicht nur die königlichen Streitkräfte auf der Halbinſel eingeſchloſſen zu halten, ſondern ſie ſogar ganz aus der Kolonie zu vertreiben.“ „Das wäre eine kühne Maßregel, Mr. Beekman!— ein ſehr kecker Schritt gegen den ‚Kaiſer“!“ „Sie müſſen nämlich wiſſen, Beekman, daß Woods erſt geſtern über des ‚Kaiſers' Rechte predigte,“ fiel der Kapitän lachend ein, „und ich fürchte faſt, er wird über kurz oder lang öffentliche Ge⸗ bete für den Sieg der brittiſchen Waffen anſtellen.“ „Ich betete allerdings für die königliche Familie,“ ent⸗ gegnete der Kaplan hitzig,„und hoffe, dieß mein Lebenlang ſo zu halten.“ „Dagegen habe ich durchaus nichts, mein theurer Junge. Prediget für alle Stände, Feinde wie Freunde, ohne Ausnahme; betet beſonders für unſere Prinzen, aber betet auch, daß die Herzen ihrer Rathgeber ſich wenden mögen.“ Beekman ſchien unruhig. Er gehörte zu einer entſchieden whigiſchen Familie, und war eben in dieſem Augenblick zum Obriſten eines der Regimenter beſtimmt, welche in der Kolonie New⸗York ausgehoben werden ſollten. Er bekleidete ſchon früher dieſen Rang in der Miliz, und Niemand zweifelte an ſeiner Geneigtheit, den brittiſchen Streitkräften im geeigneten Augenblicke Widerſtand zu leiſten. Er hatte ſich ſogar von höchſt gebieteriſchen Pflichten weggeſtohlen, um ſich noch, ehe er zu Felde zöge, des Weibes ſeines Herzens zu verſichern. Seine Antwort ſprach deßhalb auch weſentlich ſeine jetzige Sinnesrichtung aus. „Ich weiß nicht, Sir, ob es ganz weiſe iſt, ſo willfährig für die königliche Familie zu beten,“ verſetzte er.„Wir mögen ihnen, wie allen übrigen Menſchen, weltliches Glück und geiſtlichen Troſt wünſchen, aber mit perſönlichen, politiſchen Gebeten muß man in Zeiten, wie die jetzigen, ſehr vorſichtig ſein. Hinter ſolchen Bitten für den König würde man gerade jetzt etwas mehr als bloße 699—— 183 Frömmigkeit ſuchen, ja Manche würden ihnen geradeswegs eine den vereinigten Kolonien feindſelige Deutung unterlegen.“ „Was mich betrifft, ich bin nicht damit einverſtanden,“ er⸗ wiederte der Kapitän.„Gäbe es ein Gebet um Aufhebung des Parlaments und Abwendung ſeiner Rathſchläge, ja darein würde ich von Herzen einſtimmen; aber ich bin noch nicht ſo weit, daß ich wegen ein paar Taxen und etwas Thee König, Königin, Prinzen und Prinzeſſinnen— Alles mit einem Male von mir wärfe.“ „Das höre ich mit großem Bedauern, Sir,“ entgegnete Evert. „Als neulich zu Albany von Ihren Anſichten die Rede war, habe ich mich gewiſſermaßen dafür verpflichtet, daß Sie zuverläſſig mehr für als wider uns ſein würden.“ „Nun gut, Beekman, ich glaube, Sie haben mich in meinen wahren Umriſſen gezeichnet. In der Hauptſache gebe ich den Kolonien Recht, nur bin ich immer noch Willens, für meinen König zu beten.“ „Ich gehöre zu Denen, Kapitän Willoughby, welche ſehr ernſte Zeiten vorausſehen. Die Aufregung in der ganzen Kolonie iſt furchtbar, und die königlichen Offiziere ſind entſchloſſen, der Kriſis mit Gewalt zu begegnen.“ „Sie haben einen Bruder als Kapitän in einem der Infanterie⸗ Regimenter der Krone, Obriſt Beekman— was gedenkt er in dieſen bedenklichen Zeitumſtänden zu thun?“ „Er hat ſeine Stelle bereits aufgegeben, ſogar ohne ſie zu verkaufen, wie ihm angeboten wurde. Sein Name liegt ſchon dem Congreß vor— er ſoll in einem der neu zu errichtenden Regi⸗ menter als Major angeſtellt werden.“ Der Kapitän wurde ernſthaft, Mrs. Willoughby ängſtlich, Maud ſchien nachdenklich, und Beulah war voll reger Theil⸗ nahme. 2 „Das ſieht allerdings höchſt bedenklich aus,“ bemerkte der Erſtere.„Wenn Männer alle ihre früheren Hoffnungen aufgeben, um neue Pflichten dafür zu übernehmen— da muß wohl ein tiefer, mächtiger Beweggrund obwalten. Ich hätte nicht geglaubt, daß es ſo weit kommen würde!“ „Wir hegten die Hoffnung, Major Willoughby würde dieſem Beiſpiele folgen; ich weiß, daß ein Regiment zu ſeiner Verfügung ſteht, ſobald er geneigt iſt, ſich mit uns zu verbinden. Keiner würde mit größerem Jubel empfangen werden. Gates, Mont⸗ gomery, Lee und manche ehemalige Offiziere der regulären Truppen werden auf unſere Seite treten.“ „Wird wohl Obriſt Lee an die Spitze der amerikaniſchen Streit⸗ kräfte geſtellt werden?“ „Ich glaube kaum, Sir. Er beſitzt einen bedentenden Ruf und viele Erfahrung, iſt aber voller Launen und— was in un⸗ ſeren Augen nicht ohne Bedeutung bleiben kann, und was Sie mir verzeihen werden— er iſt kein geborner Amerikaner.“ „Ei, ſolche Rückſichten ſind ganz in der Ordnung, Beekman; ſäße ich im Kongreß, ich würde ſie wohl beachten, obgleich ich von Geburt Engländer bin, und in mancher Hinſicht immer bleiben werde.“ „Ich bin herzlich froh, Euch alſo ſprechen zu hören, Wil⸗ loughby,“ rief der Kaplan,„wahrhaftig von Herzen freue ich mich darüber. Ein Mann muß für ſeinen Geburtsort einſtehen, und ginge es auch durch Dick und Dünn.“ 3 „Ei, wie wollt denn Ihr Eure Anſichten in der Sache mit Eurem Geburtsorte vereinigen, Woods?“ fragte der Kapitän lachend. Der Kaplan war ziemlich verwirrt, das ließ ſich nicht läugnen. Er war in neuerer Zeit mit ſo viel Eifer auf die Streitfrage ein⸗ gegangen, daß er ganz die Geſinnungen eines vollendeten Partei⸗ mannes eingeſogen hatte, und, wie es gewöhnlich mit ſolchen Philoſophen geht, ſo begann auch er jetzt Alles, was gegen ſeine Meinung ſprach, zu überſehen, und dafür das, was ſie unterſtützte, ſtark zu übertreiben. „Wie?“ rief er voll Eifer und Hartnäckigkeit—„nun, ganz gut. Vom allgemeinen Geſichtspunkte aus betrachtet, bin auch ich, — 185 obſchon in Maſſachuſetts geboren, gleichwohl Engländer— eng⸗ liſcher Abſtammung und engliſcher Unterthan.“ „Hum! Dann wäre alſo unſer Beekman hier, der eigentlich holländiſcher Abkunft iſt, nicht durch dieſelben Grundſätze, wie wir ſelbſt gebunden?“ „Nicht durch dieſelben Gefühle vielleicht, aber ſicherlich durch dieſelben Grundſätze. Obriſt Beekman iſt ein Engländer durch Konſtruktion, Ihr aber durch Geburt. Ja, ich bin wahrlich, was man einen konſtruktiven Engländer nennen könnte.“ Sogar Mrs. Willoughby und Beulah mußten lachen; nur in Mauds Mienen hatte noch kein Lächeln geſpielt, ſeit Robert Wil⸗ loughby ihren Blicken entſchwunden war. Der Kapitän ſchien jetzt einem neuen Gedankengange zu folgen, und ſchwieg eine Zeit lang, ehe er von Neuem anhob. „Bei den Verhältniſſen, in denen wir einander nunmehr gegen⸗ überſtehen, ſollte in wichtigen Angelegenheiten kein Geheimniß zwiſchen uns obwalten, Mr. Beekman. Wären Sie ein paar Stun⸗ den früher gekommen, ſo hätten Sie ein wohl bekanntes Geſicht getroffen, nämlich das meines Sohnes, des Majors Willoughby.“ „Major Willonghby, mein theurer Sir!“ rief Beekman, wie es ſchien, nicht ſehr freudig überraſcht,„ich hätte ihn bei der könig⸗ lichen Armee in Boſton vermuthet. Sie ſagen, er habe das Blockhaus verlaſſen— doch nicht über Albany, das hoff' ich von Herzen.“. „Nein: ich wollte anfangs, er ſollte dieſe Richtung einſchlagen, beſonders auch, damit er Sie ſehen könnte; aber ſeine Schilderungen von dem Zuſtande des Landes bewogen mich bald, meinen Entſchluß zu ändern. Er wandert jetzt auf einem Seitenwege, ohne irgend eine Stadt von Bedeutung zu berühren.“ „Daran thut er ſehr wohl, Sir. So nahe er mir auch als Beulahs Bruder ſteht,— im jetzigen Augenblicke möchte ich Bob dennoch nicht gerne ſehen. Wenn keine Hoffnung iſt, ihn für uns — 186 zu gewinnen, dann wird es um ſo beſſer ſein, je weiter wir von einander getrennt ſind.“ Der Sprecher verrieth den tiefſten Ernſt, und alle Anweſenden vermochten hieraus den gefährlichen Charakter eines Kampfes zu entnehmen, welcher Bruder gegen Bruder zu bewaffnen drohte. Wie auf gemeinſames Uebereinkommen nahm das Geſpräch eine andere Wendung, denn Alle ſchienen begierig, in einem ſonſt ſo glücklichen Augenblicke Bilder ſo unerfreulicher Art aus ihren Ge⸗ danken zu verbannen. Der Kapitän, ſeine Frau, Beulah und der Obriſt hielten im Laufe des Abends mehrere lange und geheime Berathungen. Maud ſah es nicht ungern, daß man ſie ſich ſelbſt überließ. Der Kaplan widmete ſeine Zeit der Unterhaltung von Beekmans Freunde, der in der That ein Feldmeſſer war, und theils zur Wahrung des Scheins, theils ſeiner Dienſte halber von Letzterem mitgenommen wurde. Die übrigen Handlanger, Jäger ꝛc. waren unmittelbar nach ihrer Ankunft in den verſchiedenen Hütten der Miederlaſſund untergebracht worden. 3 Dießmal bemerkte Maud, als die Schweſtern ſich zur Ruße begaben, daß Beulah etwas Beſonderes mitzutheilen hatte. Doch wußte ſie nicht, ob es für ſie paſſend ſein möchte, ihre Freundin auszufragen, und ſo ließ ſte den Dingen ihren natürlichen Verlauf. „Für ein Mädchen iſt es doch etwas Schreckliches, Maud,“ Gattin— auf ſich zu laden.“ „Sie ſollte es nicht thun, Beulah, wenn ſie nicht für den Mann ihrer Wahl jene Liebe fühlt, die ſie in deren Erfüllung auf⸗ recht erhalten wird. Deine Eltern, deine wirklichen Eltern ſind noch am Leben, und du mußt dieß, wie ich auch nicht zweifle, in ſeinem ganzen Umfange fühlen.“ „Meine wirklichen Eltern! Du erſchreckſt mich, Maud! bemerkte Beulah endlich in ihrer gewohnten, ſanften Weiſe,„neue Pflichten und Verbindlichkeiten— wären es auch die Bande einer 187 Sind denn meine Eltern nicht auch die Deinen?— Iſt denn nicht alle unſere Liebe gemeinſam?“ „Ich ſchäme mich über mich ſelbſt, Beulah. Liebere, beſſere Eltern hat gewiß noch nie eine Tochter gehabt, als ich. Ich ſchäme mich meiner Worte und bitte dich, ſie zu vergeſſen.“ „O, das will ich gerne thun. Ich fand immer einen großen Troſt in dem Gedanken, daß ich, ſollte ich einmal gezwungen ſein, die Heimath zu verlaſſen— und ſo weit wird's ja wohl noch kommen— wenigſtens ein ſo pflichtgetreues Kind wie meine Maud, bei Vater und Mutter zurücklaſſe, ein Kind, das Beide ſo herzlich und aufrichtig liebt.“ „Da haſt du auch richtig gedacht, Beulah. Ich liebe ſie von Grund meines Herzens! Dann haſt du auch noch in anderem Sinne Recht, denn ich werde mich nie vermählen, dazu bin ich jetzt feſt entſchloſſen.“ „Nun ja, meine Liebe, Manche ſind glücklich, die ſich nicht ver⸗ mählen, glücklicher ſogar als Solche, die's gethan haben. Evert hat ein freundliches, männliches, zärtliches Herz, und wird gewiß Allem aufbieten, das weiß ich, um mich die Heimath nicht vermiſſen zu laſſen— aber Mütter gibt es freilich für uns blos ein e, Maud!“ Dieſe gab keine Antwort, ſchien aber ſehr überraſcht, daß Beulah ihr gerade dieſes ſagte. „Evert hat Vater und Mutter ſo Vielerlei vorgeſtellt,“ fuhr die Verlobte erröthend fort,„daß ſie jetzt für beſſer halten, wenn wir uns ſogleich vermählen. Weißt du wohl, Maud, daß heute Abend feſtgeſetzt wurde, die Tragung morgen ſchon ſtatt⸗ finden zu laſſen!“ „Das geht in der That ſehr raſch, Beulah! Warum denn dieſe unerwartete Eile?“ „Einzig und allein wegen der jetzigen Zeitverhältniſſe. Ich weiß nicht, wie Evert es angefangen hat, aber es gelang ihm, meinen Vater zu überzeugen, daß wir Alle hier im Blockhauſe um ſo ſicherer ſein würden, je früher ich ſeine Gattin würde.“ „Ich hoffe, du liebſt Evert Beekman, beſte, theuerſte Beulah?“ „Welche Frage, Maud! Glaubſt du, ich könnte mich vor Gottes Prieſter hinſtellen und einem Manne, den ich nicht liebe, meine Treue verpfänden? Wie konnteſt du jemals an meiner Liebe für ihn zweifeln?“ „Ich zweifle ja nicht. Ich bin recht thöricht, denn ich weiß, du biſt ſo gewiſſenhaft, wie die Heiligen im Himmel ſelber, und dennoch glaube ich, Beulah, ich könnte kaum ſo ruhig ſein um Den, den ich liebte.“ Beulah lächelte mild, fühlte aber keine weitere Unruhe. Sie verſtand die Eingebungen und Gefühle ihres eigenen edlen aber ruhigen Weſens zu gut, um ſich ſelbſt zu mißtrauen, und konnte ſich leicht denken, wie Maud unter ähnlichen Umſtänden wohl nicht ebenſo gefaßt ſein würde. „Vielleicht iſt es gut, meine Schweſter,“ gab ſie lachend, aber nicht ohne Erröthen zur Antwort,„daß du ſo entſchloſſen biſt, dich niemals zu vermählen, denn ich wüßte kaum einen Bewun⸗ derer für dich zu finden, der nach deinem Sinne hingebend und ätheriſch genug wäre. Kein Einziger wollte dir letzten Winter ge⸗ fallen, obwohl es nur eines Winks bedurft hätte, um ein ganzes Dutzend zu deinen Füßen zu verſammeln, und hier iſt wohl Nie⸗ mand, der noch zu haben wäre, als der liebe, gute, alte Mr. Woods.“ Maud preßte die Lippen zuſammen und ſah ſehr ernſthaft drein, ſo feſt war ſie entſchloſſen, ſich ſelbſt zu beherrſchen. 3 „Ach ja, das iſt wahr,“ antwortete ſie halb und halb im Geiſte ihrer Schweſter,„ich finde hier keinen andern Helden, der mir huldigen könnte, als den lieben Mr. Woods; doch ach, der Arme hatte ſchon einmal eine Frau, und dieſe heilte ihn, wie man ſagt, von jedem ſpäteren Wunſche, eine zweite zu beſitzen.“ „Mr. Woods! Ich wußte nie, daß er verheirathet war. Wer kann dir das wohl geſagt haben, Maud?“ .⸗ 189 „Ich hörte es von Robert,“ erwiederte die Andere, ein klein wenig zögernd.„Er ſchwatzte eines Tags von ſolchen Dingen.“ „Was für Dingen, liebſte Schweſter?« „Nun, vom Heirathen— ich glaube von Heirathen zwiſchen Verwandten und Bekannten— oder ähnlichen Sachen, denn Mr. Woods nahm, glaub' ich, ein Geſchwiſterkind zur Frau, und deß⸗ halb hat er mir die ganze Geſchichte erzählt. Bob hatte die Frau noch gekannt, als ſie ſtarb. Der arme Mann— ſie hatte ihm ein hartes Leben bereitet.— Er muß jetzt ſchon weit vom Block⸗ hauſe ſein, Beulah!“ „Mr. Woods! Ich verließ ihn vor wenigen Minuten im eif⸗ rigen Geſpräche mit Papa über die morgige Ceremonie!“ „Ich meinte Bob!“ Hier ſahen beide Schweſtern einander an, und Beide errötheten, denn ihr Bewußtſein zeigte ihnen im ſelben Augenblicke die Bilder, die in ihrer Seele die erſte Stelle einnahmen. Geſprochen wurde aber nicht mehr— Beide ſetzten ſchweigend ihre Beſchäftigung fort, und knieeten bald zum Nachtgebete nieder. Am folgenden Tage wurden Evert Beekman und Beulah Wil⸗ loughby mit einander getraut. Die Ceremonie wurde unmittelbar nach dem Frühſtück in der kleinen Kapelle gefeiert; Niemand, als die Verwandten und Michael O'Hearn waren dabei anweſend. Der ehrliche Leitrimer war mit dem früheſten Morgen in das Geheimniß — und als höchſt wichtig wurde es ihm vorgeſtellt— eingeweiht worden; bald war die Kapelle rein gefegt und in Ordnung, und Michael ſtand zur Feier der Veranlaſſung im Sonntagsputze am Eingang, denn ſo gebot ihm ſein Gefühl für Schicklichkeit. Eine ſo zärtliche Mutter, wie Mrs. Willoughby, konnte dem nächſten Anſpruche auf ihr Kind nicht ohne Thränen entſagen. Maud weinte gleichfalls, aber eben ſo ſehr aus Theilnahme an Beulahs Glück, als aus einem anderen Grunde. Sonſt war die Trauung einfach, ohne alle prunkende Gefühlsentwicklung. Es war in der That eine jener weiſen, vernunftgemäßen Verbindungen, welche eine lange Dauer verſprechen, denn nach Stand, Vermögen, Ver⸗ wandtſchaften, Jahren— in Sitten und Gewohnheiten paßten beide Theile vollkommen für einander. Nichts brauchte erzwungen zu wer⸗ den, um dieſes verſtändige, treugeſinnte Paar zuſammenzubringen. Evert war Beulahs eben ſo würdig, wie dieſe die Hand ihres Ge⸗ liebten verdiente. Auf beiden Seiten ſah man mit Vertrauen der Zu⸗ kunft entgegen; kein Zweifel, keine ſchlimme Ahnung miſchte ſich in die Betrübniß— wenn das Gefühl ſo genannt werden durfte, das von der feierlichen Ceremonie gewiſſermaßen unzertrennlich war. Die Trauung war vorüber, der zärtliche Vater hatte die wei⸗ nende und doch lächelnde Braut in die Arme genommen, die liebende Mutter hatte ſie an ihr Herz gedrückt, Maud hatte ſie in glühen⸗ der Umarmung an ihre Bruſt gepreßt, und der Kaplan den ihm gebührenden Kuß eingezogen— da ſah man auch noch den wohl⸗ meinenden Küſter ſich nähern. „Ihresgleichen, ja da mag ich gerne alles Liebe und Gute wünſchen!“ begann Mike:„Sie können das wohl ſagen; und Ihrem Gatten, Ihren Kindern, Allem was vorangeht und Allem was hintennach kommt! Ich kannte Sie, als Sie noch mächtig klein waren, und das iſt ſchon ziemlich lange— nie habe ich einen finſteren Blick in Ihrem hübſchen Geſichte geſehen. Ich habe mir ſchon vor langer Zeit eine Rede aufgeſetzt, die ich Ihnen Wort für Wort herſagen wollte! aber Damen wie Sie und die Miſſes und Miß Mand hier— o, iſt ſie nicht ein ſüßes Kind! o, wie iſt's ſo Schade, daß nicht auch ſo ein ſchlanker, hübſcher Gentle⸗ man da iſt, der ſie in den Kauf nähme— hol' ihn der Henker, daß er ſo lange ausbleibr! Gott ſegne ſie Alle, den Prieſter auch dazu, obgleich er eigentlich kein Prieſter iſt— und ſo habe ich meine guten Wünſche geſagt, und bin nun fertig!“ 491 Zehntes Kapitel. Auf! Fürſten Jakobs! der Stolz und die Stärke Der Tochter von Zion! wacht auf! friſch zum Werke: Vom Jäger getroffen hört ſie, blutend, allein, Dem adtyer der Wüſte gleich, ächzen und ſchrei'n: Drum mit Schlachtroß und Banner, mit Schwert und mit Speere Auf gegen den Räuber, dem Herren zur Ehre! Lunt. Die nächſten drei Wochen brachten keine weſentliche Verän⸗ derung, die einzige ausgenommen, welche das Vorrücken des Sommers herbeiführte. Die Vegetation prangte in ihrer üppigſten Pracht; die Welſchkorn⸗ und Kartoffelreihen, friſch aufgehäufelt, zierten die Niederung, Waizen und ſonſtige Sämereien keimten friſch aus dem Boden, und die Wieſen begannen bereits ſtatt der bunten Blumen Samen zu treiben. Der Wald hatte ſeine Ge⸗ heimniſſe in eine weite Laubdecke des lebendigſten, glänzendſten Grüns eingehüllt, wie man es nur unter einem ſolchen Klima an⸗ trifft, wo die Sonnenglut durch befeuchtende Regen und kühle Berglüfte gemäßigt wird. Die Feldmeſſer und übrigen Begleiter Beekmans verließen das Thal ſchon den Tag nach der Trauung, und Niemand, als der Herr ſelbſt, blieb noch im Blockhauſe zurück. 3 Des Majors Abweſenheit wurde in der Aufregung, welche dem Empfang der Gäſte, ſowie den Vermählungsfeierlichkeiten folgte, von Joel und ſeinem Anhange nicht bemerkt. Sobald ſie aber Gewißheit in der Sache erlangt hatten, behaupteten der Aufſeher und der Müller, in ihrer Arbeit„ſchwänzen“ zu müſſen, und er⸗ hielten die Erlaubniß, in Privatangelegenheiten nach dem Mohawk gehen zu dürfen. Solche Reiſen waren zu gewöhnlich, als daß ſie Verdacht er⸗ regt hätten, und die beiden Verſchwörer machten ſich, nach er⸗ langter Genehmigung, am Morgen des zweiten Tages, d. h. acht⸗ undvierzig Stunden, nachdem der Major mit Nick verſchwunden war— zuſammen auf den Weg. Da man wußte, daß Letzterer vom Fort Stanwix hergekommen war, ſo durfte man mit ziemlicher Wahrſcheinlichkeit vermuthen, daß er eben dahin zurückgekehrt ſein werde, und Joel beſchloß, ihm am Mohawk, in der Nähe von Schenectady, zu begegnen, und ſeinen eigenen Patriotismus dadurch zu beweiſen, daß er den Sohn ſeines Herrn und Meiſters verrieth. Der Leſer darf aber nicht glauben, daß Joel dieß Alles ſo offen zu thun beabſichtigte— o nein, ſein Plan ging darauf aus, ſich ſelbſt im Hintergrunde zu halten, dagegen aber die öffentliche Aufmerkſamkeit auf den vermeinten Torysmus des Kapitäns hin⸗ zulenken, und ſeine eigene Anhänglichkeit an die Kolonien zugleich in ein möglichſt helles Licht zu ſtellen. Wir brauchen wohl kaum zu ſagen, daß dieſer Plan mißlang, weil Nick einen anderen Weg eingeſchlagen hatte. Gerade in dem Augenblicke, da Joel und der Müller in der Nähe einer hollän⸗ diſchen Schenke, etliche fünfzehn bis zwanzig Meilen oberhalb Schenectady, herumlungerten und die Reiſenden am Ausgange des Mohawkthales erwarteten, ſetzte Robert Willoughby mit ſeinem Führer über den Hudſon, und befand ſich für den Augenblick wenigſtens in Sicherheit. Joel blieb mit ſeinem Freunde ſo lange auf dem erwählten Poſten, bis Beide ſich überzeugt hatten, daß die beabſichtigte Beute ihnen entgangen war: dann kehrten ſie wieder nach ihrer Kolonie zurück. So viel hatte ihnen übrigens die Reiſe doch genützt, daß ſie mit dem wirklichen Zuſtande des Landes beſſer bekannt wurden, daß ſie mit einigen Patrioten von ziemlich gleichem moraliſchem Kaliber wie ſie ſelbſt, nur von bedeutenderem Einfluſſe— Verbindun⸗ gen eröffneten,über ihren Kapitän verſchiedene beleidigende Winke und geheime Verleumdungen fallen ließen, und über die Frage Erkun⸗ digungen anſtellten, ob man eine ſo wichtige Perſon in einem ſo kri⸗ tiſchen Zeitpunkte ihren Willen nur ſo ohne Weiteres ausüben laſſen dürfe. Die Birne war aber noch nicht reif; für jetzt ließ 193 ſich nichts weiter thun, als für kommende wichtige Ereigniſſe den Weg in etwas anzubahnen. Mittlerweile begann Evert Beekman, nachdem er eine ſo ſanfte, treuherzige Gattin gewonnen hatte, ſich ſeiner wichtigen politiſchen Pflichten— obwohl mit ſchwerem Herzen— zu erinnern. Man wußte, daß er ein Regiment aus der neuen Aushebung kommandiren ſollte, und Beulah hatte ihr zärtliches Herz dermaßen zu bemeiſtern gelernt, daß ſie ihm, um einer ſolchen Sache willen, mit anſcheinen⸗ der Reſignation Lebewohl zu ſagen vermochte. Es war in der That ein merkwürdiges Schauſpiel, wie die beiden Schweſtern alle ihre Gedanken und Wünſche in öffentlichen Angelegenheiten nur auf Begünſtigung der eigenſten Gefühle ihres Geſchlechts und ihrer innerſten Natur richteten— Maud, feſt entſchloſſen, die königliche Sache aufrecht zu erhalten, die Neuvermählte dagegen, das Panier zu verfechten, dem ihr Gatte Herz und Hand geliehen hatte. Kapitän Willoughby ſprach wenig über politiſche Gegenſtände, doch hatte Beulahs Vermählung bei ihm den einen mächtigen Ein⸗ fluß, daß er in der Richtung, welche er nach dem denkwürdigen Streite mit dem Kaplan genommen, noch mehr beſtärkt wurde. Obriſt Beekman war, wenn auch ohne alle glänzenden Geiſtesgaben, ein Mann von viel geſundem Verſtande; ſeine Beweiſe erſchienen ſo klar und praktiſch, daß ſie weit mehr Gewicht ausübten, als dieß bei den heftigen Partei⸗Diskuſſtonen jener Zeit der Fall zu ſein pflegte. Beulah ſah in ihm einen Solon an Scharfſinn und einen Baco an Weisheit, und wenn ihr Vater auch nicht ſo weit ging, ſo fand er doch viel Gefallen an ſeinem kühl unterſcheidenden Verſtand und war ſehr geneigt, ſeinen Anſichten beizupflichten. Der Kaplan blieb jetzt, als unverbeſſerlich, von den Diskuſſionen ausgeſchloſſen. So war die Mitte Juni's herangekommen, als Obriſt Beekman endlich darauf dachte, ſich von ſeiner Gattin zu trennen, um zu den Schauplätzen thätiger Vorbereitung zurückzukehren, welche er ſeines jetzigen Beſuches halber verlaſſen hatte. Die Familie war Wyandotts. 13 194 wie gewöhnlich gegen Abend auf dem Raſen verſammelt: der Um⸗ ſtand, daß die meiſten Fenſter des Herrenhauſes auf den Hof gingen, machte dieſe Erholung in freier Luft für Alle weit angenehmer, als dieß vielleicht ſonſt der Fall geweſen wäre. Evert war noch unent⸗ ſchloſſen, ob er am folgenden Morgen abgehen, oder noch einen Tag länger bleiben wollte— man ſchrieb jetzt eben den 22ſten des Mo⸗ nats; Mrs. Willoughby bereitete wie gewöhnlich den Thee; ihre Töchter ſaßen neben ihr und nähten; die Herren waren in der Nähe und beſprachen ſich über die Vorzüge einiger Saatkornſorten. „Da kommt ein Fremder!“ rief plötzlich der Kaplan, nach dem Felſen über der Mühle hindeutend, wo alle im Thale Ankommenden vom Blockhauſe aus zuerſt geſehen wurden.„Was er auch für Botſchaft bringen mag, er ſcheint jedenfalls große Eile zu haben.“ „Gott ſei gelobt!“ verſetzte der Kapitän aufſtehend:„es iſt Nick in ſeinem gewöhnlichen Trab, und jetzt iſt's gerade um die Zeit, da er zurückkehren mußte, wenn er gute Nachricht überbringen wollte. Eine Woche früher hätte vielleicht noch Beſſeres prophezeit; doch mag's auch ſo noch angehen. Der Burſche kommt auf uns zu⸗ geſchritten, wie wenn er in der That Etwas mitzutheilen hätte!“ Mrs. Willoughby und ihre Töchter hielten in ihrem Geſchäfte inne; die Herren ſtanden in ſtummer Erwartung und beobachteten den Tuscarora, der mit ſeinen langen Schritten raſch über die Ebene daher kam. In wenigen Minuten betrat der Indianer den Raſen„gerade im Wind“, und je mehr er ſich der Geſellſchaft näherte, deſto größeren Ernſt und Bedachtſamkeit ſchien er in ſein Aeußeres zu legen. Kapitän Willoughby kannte ſeinen Mann, und wartete eine volle Minute, nachdem ſich die Rothhaut bereits an einen Apfelbaum gelehnt hatte, ehe er ihn auszufragen anfing. „Willkommen, Nick!“ ſo redete er ihn an;„wo haſt du mei⸗ nen Sohn gelaſſen?“ „Er hier ſagen,“ gab der Indianer zur Antwort, und übergab ein Billet, welches der Kapitän las. 195 „Alles in Ordnung, Nick; es iſt ein Zeichen, daß du dich treu bewährt haſt. Noch heute Abend ſollſt du deinen Lohn empfan⸗ gen. Dieſer Brief iſt aber vom öſtlichen Ufer des Hudſon datirt und ſchon drei Wochen alt— warum ließeſt du dich nicht früher ſehen?“ „Kann nit ſehen, wenn nit kommen.“ „Das iſt klar genug; warum biſt du aber nicht früher zurick, gekommen? Das möchte ich dich fragen.“ „Mußte Land beſehen— ging an die Küſte des großen Salzſee's.“ „Aha— alſo Neugierde war die Urſache deines Ausbleibens?“ „Nick Krieger— keine Squaw— haben keine Neugierde.“ „Nein, nein; bitte um Verzeihung, Nick; ich wollte dich auch keiner ſo weibiſchen Empfindung beſchuldigen. Im Gegentheil— ich weiß, daß du ein Mann biſt. Erzähl' uns aber, wie weit und wohin du gingſt?“ „Boſ'on,“ lautete Nicks kurze Antwort. „Boſton! Das war allerdings eine ziemliche Reiſe. Mein Sohn hat dir aber doch gewiß nicht erlaubt, in ſeiner Geſell⸗ ſchaft durch Maſſachuſetts zu wandern?“ „Nick gehen allein. Zwei Pfade; einer für Major, einer für Tuscarora. Nick zuerſt hinkommen.“ „Das glaub' ich wohl, wenn dir's recht Ernſt war. Wurdeſt du unterwegs nicht ausgefragt?“ „Ja. Sagen ihnen, ich ſein Stockbridge— Bleichgeſicht wiſſen nicht beſſer. Sie ſich ſelbſt glauben Fuchs— eher wie Murmelthier.“ „Danke für das Kompliment, Nick. Hatte mein Sohn Boſton ſchon erreicht, als du von dort abgingſt?“ „Hier er ſein,“ gab der Indianer zur Antwort, indem er aus den Falten ſeines Kalikohemdes ein zweites Packet hervorzog. Der Kapitän nahm den Brief, und las ihn mit tiefem Ernſt und nicht ohne Verwunderung. „Es iſt Bobs Handſchrift,“ ſagte er endlich,„das Datum 43* 196 lautet: ‚Boſton, den 18. Juni 1775˙; aber es iſt ohne ſeine Un⸗ terſchrift, denn dieſe heißt nicht blos Bob, ſondern Bob Kurz.“ „Lies, theurer Willoughby!“ rief die ängſtliche Mutter.„Neuig⸗ keiten von ihm gehen uns Alle an.“ „Neuigkeiten, Wilhelmina!— In Boſton mögen ſie das Neuig⸗ keiten nennen, in unſerem Blockhauſe wollen ſie eben nicht viel heißen. Doch wie's nun einmal iſt, habe ich jedenfalls keinen Grund, ein Geheimniß daraus zu machen; im Gegentheil, es gibt ſogar einen Grund, Alles bekannt werden zu laſſen. Das Ganze lautet alſo: „Mein theuerſter Sir! „Gott ſei Dank, ich bin unverletzt; wir haben aber Vielerlei vorgefunden, was uns nachdenklich machte: Sie wiſſen, was der Dienſt verlangt. Meine beſte, endloſe Liebe für meine Mutter und Beulah, und die liebe, fröhliche, launiſche, herzige Maud. Nick hat es mit angeſehen, und kann Ihnen Alles erzählen. Ich glaube kaum, daß er Etwas verkleinern oder boshaft auslegen wird.“ „Und das Alles ohne Adreſſe und Unterſchrift— nichts als Ort und Datum. Was haſt du zu all' Dem zu ſagen, Nick?“ „Er ſehr gut— Major dort; er wiſſen. Nick dort— heiße Zeit— an tauſend Skalp— Rock blutroth.“ „Eine zweite Schlacht hat ſtattgefunden!“ rief der Kapitän; „das iſt zu klar, um noch einen Zweifel zuzulaſſen. Sag's lieber gleich, Nick: wer hat den Sieg davon getragen— die Britten oder die Amerikaner?“— „Schwer zu ſagen— die Einen fechten, die Andern fechten. Rothrock beſetzen das Schlachtfeld; Nankee tödten. Wenn Janker alle Skalpe nehmen können, die er tödten, er— tanzen. Aber arme Krieger beim Skalpnehmen: verſtehen nix davon.“ 8 „Auf mein Wort, Woods, hinter dem Allem ſteckt Etwas. Es iſt kaum möglich, daß die Amerikaner einen Ort wie Boſton, der von einer ſtarken brittiſchen Armee vertheidigt wird, anzugreifen wagten.“ W W V 197 „Das konnten ſie nicht,“ rief der Kaplan mit Pathos.„Es wird blos wieder ein Scharmützel geweſen ſein.“ „Was Ihr nennen Scharmutz?“ fragte Nick ſpitzig.„Iſt's Scharmutz, wenn nehmen tauſend Skalp— ha?“ „Erzähl' uns, was vorgefallen iſt, Tuscarora!“ fiel der Kapi⸗ tän ein, und winkte ſeinem Freund, zu ſchweigen. „Bald erzählen— bald fertig. Yankee auf dem Hügel; Re⸗ guläre im Kanoe. Hundert, tauſend, fünfzig Kanve— voll Roth⸗ rock. Großer Häuptling dort!— zehn— ſechs— zwei— Alle gehen zuſammen. Kommen an's Land— in Parade nach Bleich⸗ geſicht-Manier— marſchiren— bumm— bumm— der Kano⸗ nen; biff, baff— der Flinten. Wau! wie ſie laufen!“ „Laufen! Wer läuft, Nick? Vermuthlich die armen Amerikaner — nicht wahr?“ „Rothrock laufen,“ gab der Indianer ruhig zur Antwort. Sie verurſachte allgemeine Senſation, ſelbſt die Damen fuh⸗ ren auf und ſahen einander an. „Rothrock laufen!“ wiederholte der Kapitän langſam.„Mach' weiter in deiner Geſchichte, Nick. Wo wurde die Schlacht ge⸗ ſchlagen?“ „An dem andern Boſ'on; über'm Ufer drüben; gehen im Kanve fechten wie der Indianer von Canada.“ „Das muß in Charlestown geweſen ſein, Woods; Boſton liegt, wie Ihr Euch erinnern werdet, auf der einen Halbinſel, und Charlestown auf der andern. Ich weiß übrigens nichts da⸗ von, daß die Amerikaner die letztere inne hatten; davon haben Sie mir nichts geſagt, Beekman.“ „Als ich Albany verließ, waren ſie den königlichen Streit⸗ kräften noch nicht ſo nahe, Sir,“ erwiederte der Obriſt.„Mit einigen direkten Fragen könnte man übrigens die ganze Wahrheit aus dem Indianer herausbringen.“ „Wir müſſen methodiſcher zu Werke gehen.— Wie viele Jankee's 198 waren in der Schlacht, Nick? Zähl' einmal, wie wir's im fran⸗ zöſiſchen Kriege gewöhnlich machten.“ „Reichen von hier bis zur Mühle— drei, zwei tief, Kap'in. Lauter Bauern— kein Soldat. Tragen Flinten, aber kein Ba⸗ jonet und kein Schnappſack. Haben kein Rothrock. Sehen aus wie friedliche Verſammlung— fechten wie Teufel.“ „Eine Linie von hier bis zur Mühle, drei Glieder tief, würde gegen zweitauſend Mann ausmachen, Beekman. Iſt dem ſo— wollteſt du das ſagen, Nick?“ „So ungefähr— nahe zu— gerade ſo.“ „Nun alſo, auf dem Hügel ſtanden gegen zweitauſend Yankee's; wie viel königliche Truppen ſetzten in Kanoe's über, um gegen ſie zu marſchiren?“ „Zweimal, einmal ſo viele— ander Mal halb ſo viele. Nick nahe dabei; zählen ihn.“ „Macht alſo dreitauſend im Ganzen! Beim heiligen Georg, das ſieht allerdings einem Kampfe ähnlich!— Gingen ſie Alle mit einander, Nick?“ „Nein; einmal gehen zuerſt— fechten— fortrennen. Dann zum zweiten Mal vorwärts; fechten ziemlich lang— auch davon rennen. Dann ſchärfer verſuchen— legen Feuer in Wigwam— gehen Hügel hinauf; Yankee fortlaufen.“ „Jetzt haben wir's deutlich genug und dazu ganz maleriſch. Wigwam im Feuer? Charlestown iſt doch nicht abgebrannt, Nick?“ „Das eben; ſehen aus wie ein erloſchenes Berathungsfeuer. Dick Kanonen feuern— bumm— bumm! Nick noch nie zuvor ſolchen Krieg geſehen— wau! Todte ſo viel wie Blätter auf den Bäumen; Blut fließen in Strömen!“ „Warſt du in der Schlacht, Nick! Wie haſt du Alles o genau erfahren?“ „Nit nöthig dabei ſein; beſſer wegbleiben; geben keine Skalpe. Rothmann haben nix dabei zu thun. Wie es erfahren? Sehen 199 es, das Alles. Haben Augen; warum alſo nit ſehen hinter Stein⸗ mauer? Gut ſehen hinter Steinmauer.“ „Warſt du ſelbſt über'm Waſſer, oder bliebſt du in Boſton, und ſahſt's aus der Entfernung.“ „Drüben im Kanoe. Sagen Rothrock, General ſchicken Brief durch Nick. Major ſagen, er mein Freund— laſſen Nick gehen.“ „Mein Sohn war alſo auch in dieſer blutigen Schlacht?“ rief Mrs. Willoughby.„Er ſchreibt, er ſei unverletzt, Hugh?“ „Ja, theuerſte Wilhelmina, und Bob kennt uns zu gut, als daß er uns in ſo Etwas zu täuſchen verſuchen könnte.“ „Sahſt du den Major auf dem Schlachtfeld, Nick— nachdem du über'm Waſſer warſt, mein' ich.“ „Sehen Alle, ſechs— zwei— ſiebentauſend. Dicht dabei— warum nicht ſehen? Major daſtehen gerad wie eine Fichte! Er Kopf nicht bücken dort. Tödten Alle um ihn herum; ihn nicht treffen. Narr zu ſtehen dort; ich ihm ſagen, aber er nicht weg⸗ gehen. Er Skalp retten noch.“ 3 „Und wie viel Todte, glaubſt du, lagen auf dem Platz, oder bliebſt du nicht ſo lange, um dieß zu ſehen?“ „Auch ſehen. Bleiben, um Flinte oder Schnappſack oder'was Gutes kriegen; viel, viel herumliegen; leſen ihn auf, wie man's brauchen.“ Hier öffnete Nick ganz gelaſſen einen kleinen Bündel und zeigte eine Epaulette, mehrere Ringe, eine Uhr— fünf bis ſechs Paar ſilberne Schnallen, und verſchiedene andere geplün⸗ derte Gegenſtände, die er den Todten abgenommen hatte.„Lauter gut Ding— ſo viel wie Steine; haben es, ohne zu fragen.“ „So ſeh' ich, Meiſter Nick; iſt dieſe Beute von Engländern oder Amerikanern?“ 1 „Rothrock am nächſten, haben auch am meiſten. Gehen weiter — immer ſchlechter, wie Bleichgeſicht ſagen.“ „Vollkommen genügend. Lagen mehr Rothröcke oder mehr Amerikaner auf dem Kampfplatze?“ 200 „Rothrock ſo,“— hier hielt Nick vier Finger in die Höhe; „Yankee ſo«— dießmal kam blos einer.„Brauchen dickes Grab, um Rothrock zu faſſen. Kleines Grab nicht genug für Yankee. Hören was erzählen; meiſtens Rothrock. Mehr als tau⸗ ſend Krieger! Brittiſcher grämen wie Squaw, wenn ſie ihren Jäger verloren.“ So lautete Nicks Beſchreibung der berühmten und in mancher Hinſicht unübertroffenen Schlacht von Bunkershill*), welcher er als Augenzeuge, doch vorſichtig gedeckt, beigewohnt hatte. Er hielt nicht für nöthig, noch weiter zu erzählen, daß er ſelbſt dem Eigenthümer der Epaulette den Gnadenſtoß verſetzt hatte; eben ſo wenig ſchien es ihm weſentlich, die Art, wie er ſo viele Sil⸗ berſchnallen davon getragen, bis in die kleinſten Details zu ver⸗ folgen. Sonſt war ſein Bericht ganz der Wahrheit gemäß,„nichts verkleinert oder boshaft ausgelegt“. Die Zuhörer waren der Erzählung mit geſpannter Theilnahme gefolgt; bei der Anſpielung auf Robert Willoughby bedeckte Maud ihr blaſſes Antlitz mit beiden Händen und weinte. Beulah richtete ihren angſtvollen Blick immer und immer wieder auf ihren Gat⸗ ten, und gedachte der Gefahren, denen auch er ſo bald ausgeſetzt ſein konnte. Dieſe wichtige Nachricht beſtärkte Beekman in ſeinem Entſchluſſe,, abzureiſen. Gleich den nächſten Morgen riß er ſich von Beulah los. und eilte nach Albany. Bald folgte Waſhingtons Ernennung, ſo wie die einer langen Reihe von Offizieren, darunter auch die ſei⸗ nige zum Obriſten, und jetzt erſt konnte man ſagen, der Krieg habe ſyſtematiſch begonnen. Sein fernes Getöſe erreichte gelegentlich auch das Blockhaus; doch der Sommer verſtrich, ohne daß ein neues Ereigniß die Ruhe der Kolonie geſtört hätte. Sogar Ivels Plane blieben für jetzt unausführbar, und wohl oder übel mußte er ſeine Maske noch *) Die genaue Schilderung derſelben f.„Lionel Lincoln“, Kap. 15 und 16. D. iI. —2— — 201 länger beihehalten, und die Ernte für einen Andern einſammeln, die errzu ſeinem eigenen Nutzen reifen zu ſehen gehofft hatte. Beulah empfand alle Aengſte, die eine junge Frau für ihren Gat⸗ ten fühlt; als aber Monat auf Monat verſtrich, und eine Affaire nach der andern folgte, ohne daß er verwundet worden wäre, fing ſie an, ſich den von ihrer Lage unzertrennlichen Beſorgniſſen mit weniger Selbſtquälerei und mehr Vernunft zu unterwerfen. Ihre Mutter und Maud waren ihr in dieſer neuen, peinlichen Stellung unſchätzbare Freundinnen, obgleich auch ſie, Jede für ſich, um Robert Willoughby ſchwere Sorge trugen. Da übrigens im Laufe des Jahres 75 keine weitere große Schlacht folgte, ſo blieb Beekman wohlbehalten bei den Belagerungstruppen außerhalb Boſton, während ſich der Major bei der Armee innerhalb befand. Keiner von Beiden bekleidete einen gefährlichen Poſten, und die zärtlich beſorgten Herzen in der Heimath waren innig froh, als ſie vernahmen, daß die See die Kämpfer von einander ſcheide. Dieß fand übrigens erſt Statt, nachdem abermals ein Winter verfloſſen war. Im November verließ die Familie das Blockhaus, wie ſie's in den letzten Jahren immer gehalten hatte, um in den bewohnten Diſtrikten ihren Winter zuzubringen. Dießmal kamen ſie blos nach Albany, wo Obriſt Beekman ſie beſuchte, und einige glückliche Wochen mit ſeiner vielgeliebten Beulah verlebte. In dem damaligen Augenblicke war die alte Stadt nichts weniger als fröhlich geſtimmt; dennoch gab es viele junge Offiziere von der ameri⸗ kaniſchen Armee, welche den beſten Willen zeigten, ſich um Mauds Gunſt zu bewerben. Der Kapitän ſah es gar nicht ungern, daß einige dieſer jungen Männer ſeiner jüngſten Tochter— denn als ſolche war er ja längſt gewöhnt ſie zu betrachten— ſo viele Aufmerkſam⸗ keit erwieſen: ſeine Anſichten hatten ſich nämlich mittlerweile ſo ſehr auf die Seite der Kolonien gewendet, daß Beekman ſelbſt kaum größere Freude empfinden konnte, ſo oft von einem kleinen Vor⸗ theil, den die amerikaniſchen Waffen errungen, die Rede war. 202 „Am Ende wird noch Alles recht werden,“ pflegte der würdige Kapitän ſeinen Freund, den Kaplan, zu verſichern.„Es wird nicht mehr lange anſtehen, ſo werden ſie zu Haus die Augen öffnen und die Ungerechtigkeit einſehen, mit der ſie die Kolonien durch Auf⸗ lagen belaſten. Dann kann ſich Alles noch machen: der König wird wieder geliebt ſein wie immer, und England und Amerika werden um ſo beſſere Freunde werden, wenn ſie dann gegenſeitig Reſpekt vor einander hegen. Ich kenne meine Landsleute, ſie meinen's gut und wollen auch das Rechte, ſobald ſie nur ein bis⸗ chen magenſchwach werden und dazu kommen können, die Wahr⸗ heit mit kaltem Blute zu betrachten. Ich ſtehe dafür, die Schlacht von Bunkershill hat uns“— der Kapitän ſprach nämlich ſchon ſeit mehreren Monaten in dieſer Weiſe—„hat uns tauſend Fürſprecher gewonnen, wo früher nur einer zu finden war. So iſt nun einmal John Bulls Natur; gebt ihm Urſache, euch zu achten, und er wird euch bald auch Gerechtigkeit widerfahren laſſen; laßt ihn aber nur einen Augenblick anders denken, und er wird alsbald wieder ein achtloſer, vielleicht ſogar harter Gebieter werden.“ So lautete Kapitän Willoughby's Meinung über ſein Geburts⸗ land, das er ſeit dreißig Jahren nicht geſehen, und wo er erſt neulich höchſt unerwartete Würden geerbt hatte, ohne daß er deß⸗ halb Luſt zur Rückkehr und zum Genuſſe derſelben verſpürte. Eines⸗ theils waren dieſe ſeine Anſichten allerdings richtig, da ſie auf einem Naturgeſetze beruhten, anderntheils durften ſie aber auch darin, daß ſie irgend einem beſonderen Theile der Chriſtenheit be⸗ ſonders männliche Eigenſchaften beimaßen— ziemlich unrichtig genannt werden. Es gibt keinen wahreren Grundſatz, als den: „gleiche Urſachen haben gleiche Wirkungen“; und wie die Men⸗ ſchen auf der ganzen Oberfläche unſeres Erdballs durch ziemlich ähnliche Geſetze geleitet werden, ſo iſt auch nichts gewiſſer, als daß in ihren Neigungen ebenfalls dieſelbe Aehnlichkeit vorherrſcht. Maud hatte für all' die jungen Offiziere und Civiliſten, welche v- v- 203 ſich während des erwähnten Albany⸗Winters um ihren Stuhl drängten, nicht mehr Freundlichkeit, als ihr von Natur heiteres Temperament und der vorherrſchende Wunſch, Andere zu verbin⸗ den, hervorrief. Zwei oder drei von Beekmans militäriſchen Be⸗ kannten hätten gar zu gerne gewünſcht, durch ein ſo ausnehmend angenehmes Bindungsmittel mit einem ſo geachteten Offiziere verwandt zu werden, aber Keiner wurde auch nur durch die lei⸗ ſeſte Gunſt ermuthigt, die Gränze der höflichſten, vorſichtigſten Aufmerkſamkeit zu überſchreiten. „Ich weiß nicht, wie es kommt,“ bemerkte eines Tags Mrs. Willoughby in einem tete-à-téte gegen ihren Gatten;„Maud ſcheint an den ihrem Geſchlechte gezollten Aufmerkſamkeiten weit weniger Gefallen zu finden, als dieß ſonſt bei Mädchen ihres Alters der Fall iſt: daß ihr Herz warm, ſogar zärtlich ſein kann, weiß ich gewiß; und doch kann ich an dem Kinde kein Zeichen von Gunſt, Vorzug oder Schwäche für irgend einen von den feinen jungen Herren bemerken, von denen wir ſo Manche bei uns ſehen. Sie Alle ſcheinen ihr gleich viel zu gelten!“ „Ihre Zeit wird ſchon kommen, ſo gewiß als ſie früher bei ihrer Mutter gekommen iſt,“ gab der Kapitän zur Antwort.„So gut Kinder von Keuchhuſten und Maſern, eben ſo ſicher wird ein junges Mädchen von Liebe befallen. Ihr ſeid nun einmal dazu geſchaffen, meine theure Willy, und ſorge nicht, das Mädchen wird nächſter Tage, und zwar ohne alle Inokulation, an dieſer Krankheit laboriren.“— „Ich wünſche gewiß nicht, mich von meinem Kinde zu tren⸗ nen“— ſo ſprach Mrs. Willoughby immer von Maud, und fühlte auch ebenſo für das Mädchen—„ich wünſche gewiß nicht, von meinem Kinde getrennt zu werden; da wir aber doch nicht ewig leben können, ſo wäre es vielleicht beſſer, wenn auch ſie, wie unſere andere Tochter, ſich vermählte. Da iſt der junge Verplanck, der ihr ſehr zugethan ſcheint; er wäre eine 204 ſehr paſſende Partie, und dient noch dazu in Everts eigenem Regimente.“ „ Ja, ja, der wäre ſchon recht; doch iſt Luke Herring meiner Anſicht nach bei weitem die beſte Partie.“ „Blos weil er reicher und mächtiger iſt, Hugh. Ihr Männer könnt niemals an die Verſorgung einer Tochter denken, ohne ſo⸗ gleich Häuſer und Ländereien in die Sache hereinzuziehen.“ „Bei St. Georg, mein liebes Weib, Häuſer und Ländereien — Alles mit Maaß natürlich— können den Eheſtand recht an⸗ genehm verſüßen!“ „Und doch war ich ein recht glückliches Weib, und auch du, Hugh, warſt kein ſehr bedauernswerther Gatte, ohne daß ein ſo abſonderlicher Reichthum unſere Lage verſüßt hätte!“ verſetzte Mrs. Willoughby im Tone des Vorwurfs.„Wäreſt du gleich General geweſen, ich hätte dich nicht mehr lieben können, wie ich dich als bloßen Kapitän geliebt habe.“ „Ganz richtig, theuerſte Wilhelmina,“ erwiederte der Gatte und küßte ſeine treue Gefährtin mit inniger Zärtlichkeit;„ganz richtig, mein theures Mädchen, denn das biſt und bleibſt du immer in meinen Augen; dafür wird man aber auch unter einer ganzen Million kein Weſen wie dich herausfinden, und ich— nun ich glaube wenigſtens in aller Demuth, daß unter tauſend Männern nicht zehnhundert und einer mir gleich ſein werden. So wünſche ich denn, was mich betrifft, unſerer lieben, eigenſin⸗ nigen, launiſchen, kleinen Maud keinen ſchlimmeren Mann zum Gemahl!, als eben dieſen Luke Herring.“ „Seine Gattin wird ſie nie— ich kenne ſie und mein Ge⸗ ſchlecht zu gut, um dieß zu glauben. Du thuſt dem Kinde übri⸗ gens Unrecht, Willoughby, wenn du ihm ſolche Namen beilegſt. Maud iſt nichts weniger als launiſch, beſonders in ihren Nei⸗ gungen. Sieh' nur, mit welcher wahren, treuen Schweſterliebe ſie an unſerem Bob hängt. Ich muß geſtehen, ich bin oft ganz 205 beſchämt, wenn ich ſehe, daß ſeine eigene Mutter ſogar nicht ſo viel Sorge um ihn trägt, als dieſes liebe, liebe Mädchen.“ „Pah, Willy! laß dich den Gedanken nicht anfechten, daß du dich um des Jungen willen nicht elend genug macheſt. Bob wird ſich gewiß brav halten, und im Lauf der Affaire wahrſcheinlich Obriſtlieutenant werden. Vielleicht erleb' ich's noch, ihn als Ge⸗ ral zu ſehen; wenn ich ſo alt werde, wie mein Großvater Sir Thomas— dann ganz gewiß. Maud findet, daß Beulah um Beekman in Unruhe iſt, und da ſie weder Gemahl, noch Gelieb⸗ ten hat, um den ſie ſich eines Strohhälmchens Werth bekümmerte, ſo verfällt ſie als pis aller auf Bob. Ich wette, ſie nimmt keinen innigeren Antheil an ihm, als eines von uns— ich ſelbſt zum Beiſpiel; nur werde ich als alter Soldat nicht ſogleich aufkrei⸗ ſchen, wenn ich glaube, daß dort unten in Boſton ein Schuß fällt.“ „Ich wünſche, Alles wäre vorüber. Es iſt ſo unnatürlich, daß Robert und Beekman einander gegenüberſtehen.“ „Ja, ungewöhnlich iſt's freilich, das geb' ich zu; doch wird auch das ſeiner Zeit vorübergehen. Dieſer Mr. Waſhington iſt ein geſcheidter Burſche, und ſcheint ſeine Karten mit Geiſt und Verſtand auszuſpielen. Bei Braddocks ungeſchickter Affaire war er mit uns, und unter uns geſagt, Wilhelmina, er deckte damals die Regulären, ſonſt hätten wir unſere Gebeine ſammt und ſon⸗ ders auf jenem verdammten Schlachtfelde liegen laſſen. Ich ſchrieb dir dazumal, was ich von ihm halte, und jetzt ſiehſt du, daß Alles eintrifft.“ Es gehörte zu des Kapitäns Schwächen, daß er ſich für einen politiſchen Propheten hielt, und da er wirklich zu der erwähnten Zeit mit Hochſchätzung von Waſhington geſchrieben und geſprochen hatte, ſo übte der Gedanke keinen geringen Einfluß auf ſeine An⸗ ſichten, daß er ſich jetzt mit dieſem bewunderten Lieblinge auf einer Seite befand. Prophezeiungen finden oft in weit minder wichtigen Fällen, als hier, ihre Erfüllung, und man darf ſich 206 alſo nicht wundern, daß unſer Kapitän ſich durch jenen Umſtand in ſeinen Meinungen beſtärkt fühlte. Der Winter ging vorüber, ohne daß einer von Mauds Bewer⸗ bern einen ſichtlichen Eindruck auf ihr Herz gemacht hätte. Im März wurde Boſton von den Engländern geräumt; Robert Wil⸗ loughby ſegelte mit ſeinem Regimente nach Halifax, und nahm von dort aus an dem Zuge nach Charlestown unter Sir Henry Clinton Theil. Den nächſten Monat kehrte die Familie nach dem Blockhauſe zurück, wo ſie, wie man glaubte, in einem ſo kritiſchen Augenblicke einen weit ſicherern Aufenthalt, als ſogar an einem beſuchteren Orte finden mußte. Der Krieg ging ſeinen Gang, und zwar, zu des Kapitäns großem Bedauern, ohne eine Spur von Ausſicht zur Verſöhnung, wie er ſo zuverſichtlich gehofft hatte. Dieſe Entdeckung minderte ſo ziemlich ſeine Wärme für die Sache der Kolonien, denn als geborener Engländer ſträubte er ſich von Grund ſeiner Seele ge⸗ gen jede Löſung des Bandes, das Amerika mit dem Mutterlande verknüpfte— ein politiſches Ereigniß, welches die Eingeweihten bereits ernſtlich unter ſich zu beſprechen anfingen. Um ſo wenig als möglich an dieſe unangenehmen Verhältniſſe erinnert zu werden, beſchäftigte ſich der würdige Beſitzer des Tha⸗ les um ſo eifriger mit ſeinen Ernten, ſeinen Mühlen und den Verbeſſerungen ſeiner Oekonomie. Er hatte beabſichtigt, ſeine unbebauten Ländereien allmälig zu verpachten und, mit Berück⸗ ſichtigung der Zukunft, eine ausgedehntere Kultur einzuführen; aber der Zuſtand des Landes verhinderte die Ausführung dieſes Plans, und wohl oder übel mußte er ſeine Anſtrengungen auf ihre früheren Gränzen beſchränken. Die geographiſche Lage des Thales befreite deſſen Bewohner von allen Aufforderungen zu mi⸗ litäriſcher Dienſtleiſtung: da man theils in Folge ſeiner eigenen früheren und ſeines Sohnes jetziger Verbindung mit der könig⸗ lichen Armee, theils auch auf Joels geheime Intriguen hin der * 2 207 Geſinnung des Eigenthümers doch nicht ſo ganz traute, ſo be⸗ gnügten ſich die Behörden, die Kolonie in Ruhe zu laſſen, voraus⸗ geſetzt, daß ſie ſich ſelbſt zu ſchützen im Stande wäre. Joel Strides, ſowie der Müller, waren trotz ihres vorherrſchen⸗ den Patriotismus mit dieſem Stande der Dinge ganz wohl zufrieden, und zogen auch ihrerſeits Frieden und Ruhe den lärmenderen Scenen des Krieges vor. Ihre Plane hatten überdieß in der Geſinnung der Bevölkerung des Thales ein Hinderniß gefunden, denn bei einer Ge⸗ legenheit, wo ſie deren Anhänglichkeit an ihren Herrn auf die Probe ſtellen wollten, hatte ſich gezeigt, daß die Leute ſeiner Gerechtigkeit und ſeines freigebigen, aufrichtigen Weſens mit größerer Liebe ge⸗ dachten, als ſich mit Beider Abſichten vertragen wollte. Dieſe Mani⸗ feſtation von Achtung zeigte ſich nämlich in einer Lokalverſammlung bei der Wahl eines Repräſentanten, wobei, mit Ausnahme der bei⸗ den Verſchwörer, jedes Individuum der Kolonie ſeine Stimme zu Gunſten des Kapitäns gegeben hatte. In der That, ſo entſchieden war dieſer Ausdruck ihrer Geſinnung, daß ſogar Joel und der Mül⸗ ler ſich genöthigt ſahen, in das„damalige Liedchen einzuſtimmen“, und ganz gegen ihre eigenen Wünſche ihr Votum abzuändern. Wer den Sommer des Jahres 1776 in dem Blockhauſe ver⸗ lebte, hätte ſich nicht träumen laſſen, daß er in einem Lande wohne, das von einer Revolution erſchüttert und vom Kriege verheert wurde. Alles ſchien ſo ſtill und friedlich; die Wälder athmeten den Hauch erhabener Einſamkeit, die Sonne goß ihre Strahlen auf einen dankbaren, ergiebigen Boden, und die Vege⸗ tation zeigte alle Ueppigkeit einer gütigen Natur, ganz wie in den ruhigeren Tagen der Hoffnung und des Friedens. „Es liegt etwas Erſchreckendes in der Ruhe dieſes Thales, Beulah!“ rief Maud, als ſie an einem Sonntage mit ihrer Schwe⸗ ſter aus dem Fenſter des Bibliothekzimmers in die athemloſe Stille des Waldes hinausſchaute und auf den melancholiſchen Klang der Kirchenglocke lauſchte, welche ſie zur Andacht aufforderte.„Es 2‿ν 208 waltet eine erſchreckende Ruhe über dieſem Orte, während wir doch wiſſen, daß Kampf und Blutvergießen ringsum das Land bewegen. O, daß der abſcheuliche Kongreß nie daran gedacht hätte, dieſen Krieg anzuſpinnen!“ „Evert ſchreibt mir, Alles gehe in Ordnung, Maud; die Zei⸗ ten würden noch zum Guten führen, das Volk habe Recht, und Amerika werde eine Nation— mit der Zeit glaubt er ſogar, eine große Nation, ſehr große Nation werden.“ „Ach, dieſer Ehrgeiz nach Größe— er iſt's gerade, der ſie Alle antreibt! Warum begnügen ſie ſich nicht damit, achtbare Unterthanen eines ſo großen Reiches, wie England, zu ſein, warum müſſen ſie einander wegen dieſes Phantoms von Freiheit vernichten? Werden ſie dadurch weiſer, oder glücklicher, oder beſſer werden, als ſie jetzt ſchon ſind?« So dachte Maud, unter dem Einguſſe eines Gefühls, von dem ſie ausſchließend bewegt wurde. Wir werden jedoch im Verlaufe unſerer Erzählung Gelegenheit haben, zu zeigen, wie dieſe Unter⸗ werfung unter die Ereigniſſe, welche ſie predigte, von den Einge⸗ bungen ihres wahren Charakters ſo himmelweit entfernt war. Beulah antwortete zwar mit ihrer angeborenen Milde, aber doch mehr wie es der jungen Amerikanerin gebührte: „Ich weiß, daß Evert dieß Alles für Recht hält, Maud, und er iſt doch gewiß kein ungeſtümer Hitzkopf. Wenn ſein kühler Verſtand die bisherigen Vorgänge billigt, ſo dürfen wir wohl glauben, daß keine zweckloſe Uebereilung dabei im Spiele war.“ „Denke nur, Beulah,“ fiel Maud mit bleicher Wange und zitternder Stimme ein—„Evert und Robert ſtehen ſich vielleicht in dieſem Augenblicke kämpfend gegenüber. Der letzte Bote, der eintraf, brachte die unglückſelige Nachricht, daß Sir William Howe mit einer ſtarken Armee bei New⸗York lande, und daß die Ameri⸗ kaner ſich rüſteten, ihm dort zu begegnen. Bob iſt, wie wir wiſſen, bei ſeinem Regimente, und dieſes, ſo hören wir, befindet ſich bei 209 jener Armee. Wie können wir in einem ſo entſcheidenden Augen⸗ blicke noch an jene Freiheit denken?“ Beulah gab keine Antwort, denn trotz ihres ruhigen Weſens und ihres unbedingten Vertrauens zu ihrem Gatten konnte ſie den natür⸗ lichen Beſorgniſſen eines Weibes nicht fremd bleiben. Der Obriſt hatte bei jeder günſtigen Gelegenheit zu ſchreiben verſprochen, und was er verſprach, das hielt er auch. Sie dachte— und zwar ganz richtig— die nächſten Tage müßten ihnen wichtige Neuigkeiten bringen, obwohl dieſe in einer Geſtalt eintrafen, wie ſie es damals nicht entfernt geahnt hatte, und von einem Boten überbracht wurden, den ſie jetzt keineswegs zu ſehen verlangte. Der Sommer mit ſeinen Geſchäften war unterdeſſen weiter gerückt. Der Auguſt war vorüber, ihm folgte der September mit ſeinen Früchten, und das Jahr verſprach für die Bewohner des Blockhauſes ohne neue oder außergewöhnliche Ereigniſſe abzulaufen. Beulah war jetzt über ein Jahr verheirathet und bereits Mutter; der Sohn hatte natürlich dieſe ganze Zeit über das Haus ſeines Vaters nicht mehr geſehen. Auch Nick war bald nach ſeiner Rück⸗ kehr von Boſton wieder verſchwunden, und während des ganzen ereignißreichen Sommers hatte ſich ſein finſteres rothes Geſicht nicht im Thale blicken laſſen. 1 Wyandotté. 14 210 Eilftes Kapitel. Und ſtill iſt's rings: kein Laut erwacht In tiefen Urwalds ſchatt'gem Schauer, Und regungslos in Dickichts Nacht Der Hinterhalt liegt auf der Lauer. Der Rothhaut Augen ſeh' ich funkeln— Doch ſchweigt der Forſt, und arglos fliegen Die Sommervogel hin im Dunkeln, Und ruhig ſiehſt du Alles vor dir liegen. Lunt. Der vielbewegte Sommer 1776 war für unſer Waldthal höchſt fruchtbar und geſegnet ausgefallen. Der Kapitän hatte ſich viel auf ſeinen Feldern umgetrieben, um läſtige Gedanken von ſich ab⸗ zuwehren, und gedachte durch eine Heerde gemäſteter Schweine, deren er eine ungewöhnliche Anzahl hielt und die er noch vor dem Schluſſe des Herbſtes durch den Wald nach dem Fort Stanwix treiben laſſen wollte,— der guten Sache einen ſtarken Tribut zu entrichten. Von neueren Kriegsnachrichten war blos ein Schreiben des Majors bei der Familie eingelaufen, das er ſehr geſchickt an Ort und Stelle befördert hatte, und worin er ſich mit der nöthigen Vorſicht ausſprach. Der Ankunft von Sir William Howe's Streit⸗ kräften, ſowie ſeines eigenen Geſundheitszuſtandes wurde nur leichthin erwähnt; dagegen war dem Briefe, den er an ſeinen Vater adreſſirt hatte, folgendes Poſtſcript angehängt: „Sagen Sie der lieben, theuren Maud,“ ſo hieß es,„daß reizende Frauen keinen Reiz mehr für mich haben; ſo ſehr be⸗ ſchäftigt der Ruhm meine Tagesträume— faſt wie ein ignis ka⸗ tuus*), möchte ich fürchten: und ſagen Sie ihr: was Liebe anbetrifft, ſo concentriren ſich alle meine Herzensneigungen einzig und allein in den theuren Bewohnern des Blockhauſes. Hätte ich ein einziges weibliches Weſen getroffen, das ich nur halb ſo ſehr wie ihr eigenes, *) Irrlicht. D. U. —— —— 211 kleines Selbſt bewundern könnte— ich würde mich ſchon längſt vermählt haben.“ Dieß ſollte als Antwort auf einige unbedachte Bemerkungen dienen, welche der Kapitän in ſeinem letzten Briefe als von Maud ausgehend bezeichnet hatte, da dieſe, ſelbſt auf ſeine Aufforderung hin, jedes eigenhändige Schreiben ſcheu verweigerte. Vater und Mutter, ſo wie Beulah, betrachteten dieſe Zeilen als bloßes Ge⸗ plauder eines Bruders mit ſeiner Schweſter, ohne bei der Sache an etwas Anderes zu denken— nicht ſo Maud; ſie nahm den Brief, nachdem die Andern damit fertig waren, auf ihr Zimmer und las ihn wieder und immer wieder auf's Neue. Sie konnte ſich nicht entſchließen, ihn zurückzugeben, ſondern behielt ihn— da er mittlerweile in Vergeſſenheit gerathen war— ohne daß Jemand Acht darauf gegeben hätte. Dieſer Brief nun wurde ihr beſtändiger Begleiter; hundert Mal war das ſüße Mädchen damit beſchäftigt, in der Stille ihres Zimmers oder auf ihren einſamen Wald⸗ Spaziergängen ſeine theuren Züge zu verſchlingen. Bis jetzt hatte der Krieg noch keine jener Greuelſcenen veranlaßt, wie ſie bei allen früheren Kämpfen auf der amerikaniſchen Gränze üblich geweſen waren. Der Feind ſtand an der Küſte; dorthin waren alſo auch hauptſächlich die Anſtrengungen der Kämpfenden gerichtet. Gegen Canada war allerdings ein Verſuch gemacht wor⸗ den, der aber aus Mangel an Mitteln fehlgeſchlagen hatte; keine der beiden Parteien war für jetzt in der Lage, in jenem Theile des Landes ſonderlich viel zu leiſten. Der Kapitän hatte über dieſe Eigenthümlichkeit des gegenwärtigen Kampfes ſchon öfter ſeine Bemerkungen gemacht— die vorhergehenden Kriege hatten nämlich jedesmal, ſo verſtand ſich's damals von ſelbſt, auf der Gränze zwiſchen den feindlichen Provinzen angefangen. „Im Ganzen nützt es doch nichts, Woods, wenn wir um dieſer Dinge willen einen Lärm beginnen,“ bemerkte Kapitän Willoughby eines Tags, als das Einhängen der lange vernachläßigten Thorflügel 14* 212 zwiſchen Beiden wieder zur Sprache kam.„Es iſt ein ſchwer Stück Arbeit, und die Ernte würde darunter leiden, wenn wir ihr dieſe Woche alle Hände entziehen wollten. Wir ſind hier ſo ſicher, ja ſogar noch ſicherer wie in Hyde⸗Park; denn dort findet Ihr jeden Tag Fälle von Haus⸗ und Straßenraub, während Eure Predigten hier in unſerer Kolonie nur ganz gewöhnliche Alltags⸗ ſünden übrig gelaſſen haben.“ Der Kaplan hatte wenig dagegen einzuwenden, denn auch er fand in der That nur wenig Urſache zur Beſorgniß. Ihr bisheriges Ungeſtraftbleiben hatte dieſes Gefühl der Sicherheit erzeugt, ſo daß die Thore mehr ein Gegenſtand der Beluſtigung als ernſter Be⸗ ſprechung geworden waren. Das vorige Jahr, als die Stockade errichtet wurde, hatte Joel ſo viele Hinderniſſe gegen das Einhängen der Thore vorzubringen gewußt, daß die Aufgabe auch dieſen ganzen Sommer unausgeführt geblieben war; nur ein oder zwei Mal hatte man von der Sache geſprochen, doch nur um ſie bis zu einer paſſenderen Gelegenheit zu verſchieben.. Bis jetzt war das große Ereigniß, das im Monat Juli ſtatt⸗ gefunden hatte, Allen im Thale noch unbekannt geblieben. Das Gerücht, daß die Provinzen ſich unabhängig erklären wollten, war wohl ſchon im Mai bis zum Blockhauſe gedrungen; doch hatte der Major in ſeinem Briefe Nichts von dieſer wichtigen Thatſache erwähnt, und auch von anderer Seite war keine beſtimmte Nachricht eingelaufen: ſonſt würde der Kapitän den Kampf doch für weit ernſthafter als bisher angeſehen und ſicher auch dafür geſorgt haben, daß die ſo hoch wichtigen Thorflügel endlich an Ort und Stelle gelangten. So ſtanden ſie aber immer noch da, beide Paare an Mauer oder Stockade gelehnt, ungeachtet die der letzteren ſo leicht waren, daß höchſtens acht bis zehn Mann in ein paar Stunden mit dem Einhängen fertig geworden wären. Kapitän Willoughby beſchränkte ſeine landwirthſchaftlichen Un⸗ ternehmungen noch immer auf die Fläche des ehemaligen Biberteiches. — 8Gꝗ 213 Die ganze Niederung gewährte den ſchönſten, freundlichſten Anblick — nirgends ein ſtörender Gegenſtand, die Umzäunung und Ein⸗ theilung der Felder untadelhaft, niedlich und regelmäßig. Auch die bleinen Gärtchen vor den Arbeiterhütten, welche die liebliche Land⸗ ſchaft begränzten, zeigten ſich ihrer Nachbarſchaft würdig; die Baumklötze waren alle ausgegraben, der Boden geebnet, und Obſt⸗ wie Gemüſegärten prangten in allen Reizen der Natur, mit welchen dieſe den Ort ſo verſchwenderiſch ausgeſtattet hatte. Während übrigens der Ackerbau ausſchließlich nur auf dieſem Felde betrieben wurde, ward der Wald meilenweit zur Viehweide verwendet. Nicht allein das Thal, auch die angränzenden Berg⸗ abhänge waren allenthalben mit Pfaden durchſchnitten, welche die Heerden im Verlauf der Jahre angebahnt hatten. Dieſe Pfade führten zu mancher Schlucht oder zu hübſchen Ausſichtspunkten, wohin Beulah und Maud während der ſchwülſten Sommerhitze ihre Spaziergänge zu lenken pflegten. So ſchön auch die Niederung dem Auge erſchien— zu Spaziergängen war ſie weniger geeignet, und für Liebhaber pittoresker Anſichten war es natürlicher, die Höhen zu ſuchen, wo ſich die weite Laubdecke des Waldes vor ihren Blicken ausbreitete, oder ſich in Schluchten und Hohlwegen zu begraben, in welche die Sonnenſtrahlen kaum einzudringen vermochten. Faſt hundert ſolcher Plätze waren auf eine oder zwei Meilen Entfernung von dem Herrenhauſe aufzuzählen, zu denen man auf dieſen Pfaden gelangen konnte, welche natürlich niemals vernachläſſigt wurden. Beulah war nun ſchon ſeit mehreren Monaten Mutter. Ihr kleiner Evert war im Blockhauſe geboren, und nahm vollends alle die zärtliche Sorge in Anſpruch, welche ſein abweſender Vater übrig gelaſſen hatte. Ihre Vermählung hatte ſchon an ſich ſelbſt einige Veränderungen in ihrem Verkehr mit Mand verurſacht: die Geburt ihres Söhnchens brachte deren noch weit mehr. Die Pflege dieſes kleinen Weſens war Beulah's größte Freude, und Mrs. Willoughby zeigte für ihren Enkel alle die beſondere Theilnahme, 214 welche die von Verantwortung freie Liebe einer Großmutter be⸗ zeichnet. So brachten die zwei Frauen die Hälfte ihrer Zeit in der Kindsſtube zu, welche zwiſchen ihren beiderſeitigen Zimmern eingerichtet worden war, und Maud blieb weit mehr als ſonſt ſich ſelbſt und ihren eigenen Gedanken und Gefühlen überlaſſen. Dieſe einſamen Stunden pflegte unſere Heldin großentheils im Walde zuzubringen. Gewohnheit hatte ſie ſo kühn gemacht, daß die Furcht niemals ihre Spaziergänge verkürzte oder ihrem Vergnügen Abbruch that. An Gefahren gewöhnlicher Art war buchſtäblich gar nicht zu denken; nie hatte ſich irgend Jemand anders als auf den regelmäßigen Pfaden dem Thale genähert, und die Raubthiere waren von den Jägern ſo emſig verfolgt worden, daß ſich nur ſelten eines in dieſer Gegend ſehen ließ. Den Panther ausgenommen, war im Sommer kein anderer der wilden Vierfüßler zu fürchten, und von erſterer Gattung hatte weder Nick, noch einer der zahlreichen Jägersleute, welchesjetzt ſeit zehn Jahren die benachbarten Hügel fleißig beſuchten, jemals ein Exemplar getroffen. Es war am 23ſten September 1776, Abends etwa drei Stunden vor Sonnenuntergang, als Maud Willoughby ganz allein einen jener einſamen Viehpfade in der Nähe einer felſigen Anhöhe verfolgte, welcher auf einen hübſchen Ausſichtspunkt mündete, wo Mike auf ihres Vaters Geheiß einen rohen Sitz angebracht hatte. Er lag auf der abgelegenſten Seite der Lichtung, ferne von allen Wohnungen; war man aber einmal auf der Höhe, ſo hatte man das ganze kleine Panorama rings um den ehemaligen Teich zu ſeinen Füßen. Damals waren bei Damen die wohlbekannten Zigeunerhüte in der Mode, welche dem Geſichtchen unſerer Heldin ausnehmend gut ſtanden. Der Aufenthalt im Freien hatte ihren Teint etwas höher gefärbt, und wenn jetzt auch ein Zug von Träumerei oder wenigſtens von Nach⸗ denken ihr ſüßes Antlitz für gewöhnlich beſchattete, ſo gab doch die reiche Blüthe der Wangen ihren Augen einen Schimmer, ihrer ganzen Schönheit einen Glanz, um welchen die ſtolzeſte 215 Salonſchönheit ſie mit Recht hätte beneiden dürfen. Trotz ihrer jetzigen Zurückgezogenheit war ihr Anzug dennoch ihrem Range an⸗ gemeſſen— einfach, aber von jenem feinen Geſchmack, in welchem der Sinn einer gebildeten Dame ſich ausſpricht. Hierin beſonders hatte Maud von jeher ſtrenge beobachtet, was ſie ſich ſelbſt ſchuldig war, und ſeit vollends eine zufällige Aeußerung Robert Willoughby's ihr verrathen, wie ſehr er dieſe Eigenſchaft an ihr ſchätze, hatte ſie mehr als alle Andern auf ihre äußere Erſcheinung gehalten. So erreichte denn Maud in ziemlich melancholiſcher Stimmung den oben beſchriebenen Felſen und ließ ſich daſelbſt auf dem ein⸗ fachen Sitze nieder; den Hut legte ſie bei Seite, um ſich vom kühlen Hauche des Windes die brennenden Wangen fächeln zu laſſen. Die Ausſicht auf das liebliche Panorama zu ihren Füßen gewährte ihr ein Vergnügen, das jedesmal wieder neuen Reiz für ſie hatte. Als ob die ganze Landſchaft ausdrücklich für ſie in alle ihre Anmuth ſich gekleidet hätte, ſpielten die Sonnenſtrahlen lieblich über die grünen Wieſen und reichen Kornfelder, und hüllten Alles, ſelbſt die ver⸗ längernden Schatten, in einen weichen, zauberiſchen Duft. Der größere Theil der Bevölkerung befand ſich im Freien; die Männer beſchloſſen ihr Tagewerk auf den Feldern, Frauen und Kinder ſaßen im Schatten und waren emſig mit Nadel und Schwungrad be⸗ ſchäftigt, ſo daß das Ganze das treffendſte Bild eines friedlichen Landlebens darſtellte, wie ein Dichter es mit Begeiſterung beſingen oder ein Künſtler mit dem Pinſel verherrlichen würde. Und ruhig unterm Strahl der Sonne Die Landſchaft lächelt, Thal und Hügel ruhen, Und ſchweigend breitet ſich der blaue Aether drüber. Die verſchwundene Lerche. „Ach, wie ſchön!“ dachte Maud.„Warum können ſich die Menſchen nicht mit ſolchen lieblichen Naturſcenen begnügen, warum einander nicht lieben und friedlich zuſammen leben, wie Gottes Ge⸗ ſetze es gebieten? Dann dürften wir Alle hier glücklich bei einander 216 wohnen, ohne von Stunde zu Stunde vor Nachrichten zu zittern, die uns irgend ein ſchweres Unglück verkünden können. Beulah und Evert wären nicht getrennt, ſondern würden ſich Beide ihres Kindes erfreuen; mein lieber Vater, die theure Mutter wären ſo glücklich, uns Alle in Sicherheit um ſich zu ſehen, und dann Bob — vielleicht brächte auch Bob eine Gattin aus der Stadt mit ſich, die ich eben ſo wie Beulah lieben könnte.“— Unter Mauds Träu⸗ mereien gehörte auch die, daß ſie Bob's Gattin lieben und ihn glücklich machen wollte, indem ſie zu dem Glücke Derer, die ihm am theuerſten wären, nach Kräften beitrüge.—„Nein, ſo wie Beulah könnte ich ſie nicht lieben; aber ſie ſollte mir dennoch ſehr theuer ſein, ja das müßte ſie wohl, da ſie Bobs Gattin wäre.“ Mauds Antlitz erſchien gegen den Schluß dieſes geiſtigen Selbſt⸗ geſprächs von tiefer Trauer beſchattet, doch war dieſer Ausdruck das lebendige Abbild der Wahrheit und Aufrichtigkeit. Der Blick ihrer Augen ſagte deutlich, daß ihre Seele gegen Natur und Hoff⸗ nung im Kampfe lag— daß ſie Reſignation und Kraft zur Unter⸗ werfung unter die Pflicht zu erringen ſtrebte. In dieſem Augenblicke ließ ſich ein lauter Schrei im Thale vernehmen. Es war einer jener unwillkürlichen Ausbrüche der Angſt und Ueberraſchung, wie keine Kunſt ihn nachahmen, keine Feder ihn beſchreiben kann, der aber ſchon durch den bloßen Laut den Schreck in das Ohr des Zuhörers eingießt. Im nächſten Augen⸗ blicke ſah man die Männer aus der Mühle haſtig den Gipfel des über ihrer Wohnung hängenden Felſens hinaneilen; ihnen folgten ihre Weiber, welche die Kinder mit ſich ſchleppten, Alle mit den Geberden der Angſt und tiefer Beſtürzung. Mauds erſter Gedanke war— Flucht; nach einem Augenblicke der Ueberlegung mußte ſie ſich aber ſagen, daß es hiezu viel zu ſpät ſei. Zu bleiben und das, was kommen ſollte, zu beobachten, war jedenfalls ſicherer und vernünftiger. Sie war dunkel gekleidet und konnte in ihrer jetzigen Entfernung nicht leicht bemerkt werden, 217 da ſie rückwärts den ſchwärzlichen Felſen als Hintergrund hatte. Dann war auch die ganze Scene viel zu aufregend, als daß ſie ſich viele Zeit zu einem Entſchluſſe hätte nehmen können, und überdieß hatte ſich eine gefährliche, halb wahnwitzige Neugierde zu ihrer Un⸗ ruhe hinzugeſellt. Unter ſolchen Umſtänden iſt es alſo kein Wunder, wenn Maud ſtehen blieb, um die Gegenſtände vor ihr und Alles, was jetzt folgte, mit ihren Blicken gleichſam zu verſchlingen. Auf den erſten Schrei aus dem Thale waren ſogleich die Flücht⸗ linge aus der Mühle ſichtbar geworden; ſie nahmen ihren Weg nach dem Blockhauſe und riefen den nächſtſtehenden Arbeitern zu, daß auch ſie ihr Heil in der Flucht ſuchen ſollten. Die Worte konnten vom Felſen aus nicht unterſchieden werden; nur unbeſtimmte Laute ließen ſich vernehmen, aber die Geberden ſprachen dafür um ſo deut⸗ licher. In einer halben Minute wimmelte die Ebene von Flüchtlingen; Einige ſtürzten in die Hütten, um ihre Kinder zu holen, Alle aber nahmen die Richtung nach der Stockade, ſobald ſie das Geſuchte gefunden hatten. In fünf Minuten waren alle Wege und Pfade nach dem Herrenhauſe mit Männern, Weibern und Kindern bedeckt, welche dort Schutz zu ſuchen eilten; von den Erſteren waren ſchon Einige durch das Thor geſtürzt, um, wie Mand ganz richtig ver⸗ muthete, ihre Waffen zu holen. Kapitän Willoughby ritt eben auf den Feldern umher, als dieſe ſchreckensvolle Unterbrechung der bisherigen Stille zuerſt ſeine Ohren erreichte. An Allarm gewöhnt, galoppirte er den Flücht⸗ lingen aus der Mühle entgegen, und ertheilte im Vorübereilen einigen Männern zunächſt dem Hauſe ſeine Befehle. Mit dem Müller, der in dieſem Augenblicke an Nichts als an Rettung dachte, beſprach er ſich eine Weile, und ritt dann kühn gegen den Rand der Klippen vor. Maud zitterte, als ſie ihren Vater in einer, wie ſie dachte, ſo gefährlichen Lage ſah; doch die ruhige Haltung, mit der er zu Pferde ſaß, bewies, daß er in ſeiner nächſten Nähe keinen Feind gewahrte. Endlich winkte er mit dem Hute gegen die Schlucht 1 1 5 —— 218 hinunter, und das Mädchen glaubte ſelbſt ſeinen Ruf zu vernehmen. Im nächſten Augenblick wandte er ſein Roß, und man ſah ihn auf der Straße gegen ſeinen Wohnſitz hinfliegen. 4 Als der Kapitän den Raſen erreichte, war dieſer ſchon mit Flüchtigen bedeckt; aus dem Hofe aber traten ihm bereits einige Bewaffnete entgegen. Der Kapitän ſtürzte durch den Haufen, in⸗ dem er, ſeinen Geberden nach zu ſchließen, Befehle ertheilte, und hemmte die Zügel ſeines Roſſes nicht eher, als bis er in dem Herrenhauſe verſchwand. In der nächſten Minute kam er wieder bewaffnet zum Vorſchein; ihm folgte ſeine Gattin mit Beulah, welche den kleinen Evert auf den Armen trug. Jetzt ſchien ſich unter den Leuten einige Ordnung herzuſtellen. Mit Einſchluß jeden Alters und beider Farben konnte die Kolonie in dieſem Augenblick dreiunddreißig waffenfähige Männer ſtellen. Zu dieſen mochten zehn bis fünfzehn Weiber gerechnet werden, welche ſchen gelegentlich ein Wild erlegt hatten, und hinter einer Schieß⸗ ſchärte, mit Flinte oder Büchſe verſehen, für mehr oder weniger gefährlich gelten konnten. Kapitän Willoughby hatte ſich mit der ᷣ, Mannſchaft ziemlich viel Mühe gegeben, ſo daß ſie die einfacheren Leichtinfanterie⸗Manöver wohl auszuführen vermochte. Einige unter ihnen hatte er zu Korporalen ausgeleſen— Joel Strides bekleidete das Amt des Sergeanten und Joyce, nunmehr ein betagter, krieges⸗ ſatter Veteran, verſah den Dienſt des Adjutanten. Kaum hatten die letzten Weiber und Kinder, die dem allge⸗ meinen Zufluchtsorte zugeeilt waren, die Stockade paſſirt, als man auch ſchon zwanzig Mann unter Joyce's unmittelbaren Befehlen vor dem äußeren Hofthor in Linie aufmarſchiren ſah. Im ſelben Augenblicke ſammelte Kapitän Willoughby einen Theil der Nach⸗ zügler und machte ſich daran, an dem äußeren Eingange, der durch die Palliſaden führte, die Thore einzuhängen. 2 Maud wollte eben den Felſen verlaſſen, als ſie plötzlich einen dunklen Haufen von Indianern gewahrte, der ſich über die Klippen 4 A 219 ergoß, und dieſe mit einer drohenden Wolke von wenigſtens fünfzig bewaffneten Kriegern verfinſterte. Zwiſchen ihr und dem Blockhauſe lag das Flüßchen, und die nächſte Brücke, welche darüber führte, hätte ſie in den unmittelbaren Bereich der Gefahr gebracht. Dann brauchte ſie auch mindeſtens eine halbe Stunde, um auf dem Um⸗ wege, den ſie einzuſchlagen genöthigt war, jene Brücke zu erreichen, und es war wenig Hoffnung vorhanden, daß ſie, ehe die Feinde vorgerückt ſein würden, darüber gelangen könnte. So war es alſo beſſer, auf dem Felſen zu bleiben, wo ſie Alles, was vorging, beobachten und ſich durch die Umſtände leiten laſſen konnte— als ſich blindlings in unſichtbare Gefahren zu ſtürzen. Der wilde Haufen, der die Klippen oberhalb der Mühlen beſetzt hatte, zeigte keine ſonderliche Ungeduld zum Vorrücken. Er war augenſcheinlich mit Rekognosciren beſchäftigt und ſammelte jeden Augenblick neue Streitkräfte, ſo daß er ſich bald auf ſiebzig bis achtzig Krieger belief. Nachdem ſie einige Minuten unthätig gewartet hatten, wurde eine Büchſe oder Muskete gegen das Herren⸗ haus abgefeuert, wie wenn die Feinde die Wirkung dieſer Heraus⸗ forderung, ſowie die Tragweite der Kugel prüfen wollten. Auf dieſen Wink zog ſich die Mannſchaft von dem Raſen nach der Stockade zurück, ſtellte ihre Gewehre in Pyramiden und half den Anderen die Thore an Ort und Stelle bringen. Daraus, daß ihr Vater alle Weiber und Kinder in den Herrenhof zurücktrieb, ſchloß Maud, daß die Kugel in ihrer Nähe niedergefallen ſein mußte— getroffen aber war Niemand, das ſah man deutlich. Die Thore der immer noch offenſtehenden Stockade waren um ein Bedeutendes leichter als die für das Blockhaus ſelbſt beſtimmten Flügel. Die Hauptſchwierigkeit beſtand darin, daß ſie mit großer Genauigkeit gehandhabt werden mußten, wenn man ſie in die Angeln, deren im Ganzen drei Paare vorhanden waren, einpaſſen wollte, und an dieſer Schwierigkeit war wiederum ihre beträchtliche Höhe Schuld. Phyſiſche Kräfte ſtanden hinlänglich zu Gebot, um ſie, — 220 wenn es nöthig wäre, ſogar über die Stockade emporzuheben, aber eher Feinheit als Stärke war erforderlich, um den Hauptzweck, und dazu unter ſo ſchwierigen Umſtänden, zu erreichen. Es läßt ſich kaum annehmen, daß die Nähe eines Haufens feindlich geſinnter Wilden in ihrer Kriegsbemalung— denn ſo be⸗ ſchrieben die Bewohner der Mühle den Anzug ihrer Angreifer— zur Mehrung der Ruhe und Ordnung unter den Arbeitern ſonderlich viel beitragen mochte. Die arme Maud vergaß ganz ihrer eigenen Gefahr über dem ängſtlichen Wunſche, die ſo lang vergeſſenen Thore eingehängt zu ſehen, und ein⸗ oder zweimal erhob ſie ſich in fieberiſcher Aufregung, als ſie die Flügel die Haken verfehlen und vor oder hinter den Palliſaden herabrutſchen ſah. Allein die Arbeiter ließen nicht nach in ihrer Anſtrengung; zur Beobachtung der Indianer wurden ein paar Schildwachen ausgeſtellt, welche im Falle einer Annäherung der Wilden ihre Kameraden zeitig hievon benachrichtigen ſollten. Maud knieete jetzt an der Ruhebank auf dem Felſen nieder und ſprach ein kurzes, aber inbrünſtiges Gebet zum Schutze der theuren Weſen, welche das Blockhaus in ſich faßte. Ihr Geiſt fühlte ſich da⸗ durch etwas beruhigt, und ſie erhob ſich in geſpannter Erwartung, um den Gang der Ereigniſſe auch ferner zu bewachen. Die Arbeiter hatten die eine Seite verlaſſen, an der ſie ſich ſo ſehr abmühen mußten, und verſammelten ſich jetzt auf der andern. Ein Flügel war endlich eingehängt! Zum Beweis hiefür ſah ſie bald darauf, wie ihr Vater ihn in ſeinen Angeln vor⸗ und rück⸗ wärts drehte, um ihn recht darin feſtſitzen zu laſſen. Dieß war für ſie ein ungemeiner Troſt, wenn ſie ſchon nach all' den Ge⸗ ſchichten, welche ſie über die Kriegführung der Indianer gehört hatte, für jetzt nicht leicht fürchten durfte, daß dieſe am hellen Tage gegen eine ſo ſtarke Beſatzung einen Angriff unternehmen würden. Die Kaltblütigkeit, mit welcher ihr Vater zu Werke ging, über⸗ zeugte ſie, daß er ſich für den Augenblick eben ſo ſicher fühlte und 221 jetzt hauptſächlich nur darauf bedacht war, gegen die Stunden der Finſterniß die nöthigen Vorkehrungen zu treffen. Maud war zwar als feine Dame erzogen und beſaß alle die Zartheit und Schüchternheit ihres Standes; gleichwohl aber hatte ſie ſich auch Einiges von dem Feuer und der Entſchloſſenheit an⸗ geeignet, die das Leben auf der Gränze unvermeidlich mit ſich brachte. Für ſie hatte z. B. der Wald keine eingebildeten Ge⸗ fahren; ſobald ſich aber wirklicher Grund zur Unruhe zeigte, ſo war ſie gewohnt, deren Urſachen verſtändig und kaltblütig zu prüfen.— So geſchah's denn auch in dem jetzigen Falle: ſie erinnerte ſich alles Deſſen, was ſie gehört oder geleſen hatte und, ſtatt ſich zu fürchten, bemaß ſie mit ihrem gewohnten Scharfblick den Umfang der drohenden Gefahr. Auch den zweiten Thorflügel hatten die Arbeiter im Blockhauſe bald ſo weit, daß er eingehängt werden konnte. In dieſem Augen⸗ blicke ſah man aber einen Indianer mit raſchen Schritten über die Ebene hineilen; er trug einen Baumzweig in der Hand, zum Zeichen, daß er Waffenſtillſtand bringe und mit den Bleichgeſichtern zu verkehren wünſche. Kapitän Willoughby ging dem Boten allein bis zum Fuße des Raſens entgegen, wo eine Konferenz ſtattfand, welche mehrere Minuten dauerte. Maud konnte über deren Zweck blos ihre Muth⸗ maßungen anſtellen, doch däuchte ihr die Haltung ihres Vaters ſehr gebietend und ſeine Geberden durchaus ernſthaft. Die Rothhaut beobachtete wie gewöhnlich ihre würdevolle Ruhe. So viel ſah oder glaubte unſere Heldin wenigſtens zu ſehen; alles Weitere war natürlich bloße Vermuthung. Eben als die Beiden ſich trennen wollten und zu dieſem Zwecke ſchon ihre Zeichen der Höflichkeit machten, erhoben die Arbeitsleute ein Geſchrei, das, freilich nur ſchwach, ſogar bis zu Mauds Felſen hinüberdrang. Kapitän Willoughby drehte ſich um, und Maud be⸗ merkte, wie er mit dem Arm nach der Stockade hinwies— der 1 † — 222 zweite Thorflügel war an Ort und Stelle, und man ſah ihn, gleich⸗ ſam in triumphirender Freude über ſeine Brauchbarkeit, hin⸗ und herſchwenken! Der Wilde entfernte ſich langſamer als er gekommen war und blieb öfter ſtehen, um das Herrenhaus und deſſen Ver⸗ theidigungsanſtalten zu rekognosciren. Kapitän Willoughby kehrte jetzt zu ſeinen Leuten zurück, und war einige Zeit damit beſchäftigt, die Thore zu unterſuchen und wegen ihrer Befeſtigung die nöthigen Befehle zu geben. Mand aber dachte nicht mehr an ihre eigene Lage, und vergoß Thränen der Freude, als ſie dieſe wichtige Aufgabe ſo glücklich beendigt ſah. Die Stockade war für die Bewohner des Blockhauſes ein ſehr bedeutendes Sicherungsmittel. Sie konnte zwar vom Feind erſtürmt werden, aber ein ſolches Unternehmen erforderte große Vorſicht, Muth und Geſchicklichkeit, und war überhaupt am Tage kaum zu wagen. Selbſt bei Nacht geſtattete ſie den Schildwachen immer noch Zeit, Lärm zu machen, und konnte, bei wachſamen Ausguckern, das Mittel zum Zurückſchlagen des Feindes abgeben. Noch ein weiterer Umſtand ſtand mit der Stockade in Verbindung: ein Feind konnte ſich nicht leicht herein wagen, wenn er die Er⸗ oberung der Citadelle nicht mit Gewißheit vorausſehen konnte, denn ſonſt war die Stockade für ihn das Gefängniß, das ihn den Händen der Beſatzung überlieferte. Sie unter dem Feuer der Schießſcharten abermals zu überſteigen— wäre eine ſo hals⸗ brecheriſche Heldenthat geweſen, daß nur wenige Indianer an deren Ausführung denken mochten. Dieß Alles wußte Maud aus ihres Vaters Geſprächen, und ſah jetzt um ſo klarer, wie viel man durch das Einhängen der Thore gewonnen hatte. War die Stockade gehörig geſchloſſen, ſo gewährte ſie Denen, welche ſich innerhalb derſelben bewegten, voll⸗ kommene Sicherheit, denn die Balken waren ſtark genug, um feind⸗ liche Kugeln abzuhalten und ein Einreißen unmöglich zu machen, ſo daß ſelbſt für den Fall, daß die Stürmenden die Palliſaden 223 wirklich erſtiegen, die Weiber und Kinder immer noch Zeit hatten, den Herrenhof zu erreichen. In der Lage, in welche Maud verſetzt war, kam ihr der ihr eigenthümliche raſche Scharfblick ſehr zu Statten. Sie begriff die meiſten Bewegungen auf beiden Seiten, und ſah auch, wie wichtig es für ſie war, wenn ſie anders nach Eintritt der Dunkelheit einen Verſuch zur Erreichung des Blockhauſes machen wollte— auf ihrem jetzigen Standpunkte zu bleiben, wo ſie Alles, was vorging, beobachten konnte— und dieſe Nothwendigkeit beſtimmte ſie, ſo lange das Tageslicht dauerte, auf dem Felſen zu verweilen. Sie wunderte ſich, daß man ſie nicht vermißte, ſchrieb dieß aber ganz richtig der Ueberraſchung des Ueberfalls und der Fülle von Geſchäften zu, welche ihre Freunde in einem ſo furchtbaren Augenblick natürlich bedrängen mußten.„Ich will bleiben, wo ich bin,“ dachte das Mädchen ziemlich ſtolz,„um zu beweiſen, daß ich, wenn auch nicht wirklich die Tochter Hugh Willoughby's, ſeiner Liebe und Sorgfalt dennoch nicht ganz unwürdig bin! In der jetzigen warmen Jahreszeit kann ich ſogar die ganze Nacht ohne ſonderliche Beſchwerde im Walde zubringen.“ Eben als ihr dieſe Gedanken in einer Art geiſtigen Selbſt⸗ geſprächs durch den Sinn gingen, hörte ſie von einem Pfade über ihr einen Stein herabrollen, der gerade auf den Felſen fiel, wo die Ruhebank errichtet war. Ein Fußtritt wurde vernehmbar, und Mauds Herz pochte in heftigem Schrecken. Gleichwohl hielt ſie für das Sicherſte, ſich ganz ruhig zu verhalten: ſie wagte kaum zu athmen, aus Furcht, ein Geräuſch zu erregen. Es fiel ihr ein, daß außer ihr noch Jemand aus dem Blockhauſe abweſend ſein und alſo ein Freund ihr nahen könne. Mike war noch heute Nachmittag im Wald bemerkt worden, ſie ſelbſt hatte ihn geſehen, und der treuherzige Burſche wäre in einem ſo ſchrecklichen Augenblicke in der That ein wahrer Schatz für ſie geweſen. Dieſer Gedanke, der ſich alsbald bei ihr faſt zur Gewißheit ſteigerte, verleitete ſie, ihm 224 entgegen zu eilen— da gewahrte ſie einen Mann, den ſie nicht erkannte, im Jagdkleid und dem ſonſtigen Anzuge eines Wald⸗ bewohners, mit einer kurzen Büchſe unter'm Arm, und regungslos vor Schrecken blieb ſie ſtehen. Im Anfange wurde ſie nicht bemerkt; kaum aber hatte der Fremde einen Blick auf ihre Geſtalt geworfen, als er ſtehen blieb, ſeine Hände voll Verwunderung aufhob, die Büchſe an einen Baum lehnte und auf ſie zuſprang— das Mädchen ſchloß die Augen, ſank mit geſenktem Haupte auf die Ruhebank und erwartete den Schlag des tödtlichen Tomahawk. »Maud, theuerſte, theuerſte Maud, kennſt du mich denn nicht?“ rief der Mann, über das bleiche Mädchen ſich hinbeugend, während er mit ſcheuer, zurückhaltender Zärtlichkeit, wie ſie zu anderer Zeit Aufmerkſamkeit erregt haben würde, einen Arm um ihre ſchlanke Hüfte ſchlang.„Blicke auf, theuerſtes Mädchen, zum Zeichen, daß du mich wenigſtens nicht fürchteſt!“ »Bob!“ ſprach Maud, noch halb beſinnungslos.„Woher kommſt du? Warum kommſt du in dieſem furchtbaren Augen⸗ blick? Wollte Gott, dein Beſuch hätte zu einer paſſenderen Zeit ſtattgefunden!“ „Der Schrecken ſpricht aus dir, meine arme Mand! Unter der ganzen Familie hätte ich gerade von dir den herzlichſten Empfang erwartet. Wir denken Beide gleich über dieſen Krieg. Darum wirſt du auch nicht ſo ſehr über den Gedanken erſchrecken, mich hier zu finden, ſondern wirſt Vernunft anhören. Warum ſprichſt du nur ſo zu mir, meine theuerſte Maud?“ Maud hatte ſich unterdeſſen wieder ſo weit erholt, daß ſie mit einem Ausdrucke, in welchem die Unruhe mit unausſprechlicher Zärt⸗ lichkeit gepaart war, zu dem Major aufzublicken vermochte. Gleich⸗ wohl ſchlang ſie nicht die Arme um ihn, wie eine Schweſter den geliebten Bruder empfangen haben würde— im Gegentheil, als er ſie ſanft an's Herz drückte, ſuchte ſie ſich mit leichtem Widerſtreben „ 225 ſeiner Umarmung zu entziehen. Endlich machte ſie ſich ganz von ihm los, wendete ſich um und deutete nach dem Thal hinab. „Warum ich alſo ſpreche? Sieh' ſelbſt— die Wilden ſind endlich gekommen— du haſt das ganze ſchreckenvolle Bild vor Augen.“ Major Willoughby's militäriſches Auge begriff die Scene auf den erſten Blick. Die Indianer ſtanden noch auf dem Felſen, und die Koloniſten waren mit den ſchwereren Thoren des Blockhauſes beſchäftigt, von welchen ſie bereits einen Flügel in eine ſolche Lage gebracht hatten, daß er zum Einhängen nur noch der An⸗ wendung einer ſtetigen Kraft bedurfte. Er ſah ſeinen Vater voll Thätigkeit überall ſeine Weiſungen ertheilen, und nach wenigen Fragen war er durch Maud über alle weiteren Umſtände in's Klare geſetzt. Der Feind befand ſich jetzt über eine Stunde im Thal, und die Bewegungen beider Parteien waren bald berichtet. „Du biſt allein, theuerſte Maud— und wurdeſt durch dieſen plötzlichen Einfall abgeſchnitten?“ fragte der Major überraſcht und beſtürzt. „Faſt möcht' es ſo ſcheinen. Ich ſehe ſonſt Niemand— vor⸗ hin glaubte ich zwar, Michael befinde ſich im Wald und in meiner Nähe; ich hielt ſogar deine Fußtritte anfänglich für die ſeinigen.“ „Darin irrſt du dich,“ erwiederte Willoughby, ſeinen kleinen Taſchen⸗Teleſkop nach dem Blockhauſe richtend.„Mike arbeitet dort aus allen Kräften am Thore, und ſtützt eben einen Flügel davon mit der Feſtigkeit eines Eckſteins. Ich ſehe die meiſten von den mir bekannten Geſichtern; mein theurer Vater entwickelt eine Thätigkeit und dabei eine Ruhe, wie wenn er an der Spitze eines Regimentes ſtünde.“ „Dann bin ich allein— vielleicht iſt's beſſer, wenn ſo viele Vertheidiger als möglich im Hauſe verweilen.“ „So lange ich bei dir bin, biſt du nicht allein, ſüße Maud. Hältſt du meinen Beſuch noch immer für unzeitig?« „Im Ganzen genommen vielleicht nicht. Der Himmel weiß, Wyandotté. 15 226 was ich bei Einbruch der Dunkelheit für mich allein gethan haben würde!“ „Sind wir aber auch ſicher auf dieſem Sitze? Können wir nicht von den Indianern geſehen werden, da wir ſie ſo genau erkennen?“ „Ich glaube kaum. Ich habe ſchon oft bemerkt, wenn Evert und Beulah hier waren, konnten ihre Geſtalten, ich glaube wegen des dunkeln Felſenhintergrundes— vom Raſen aus niemals er⸗ kannt werden. Mein Kleid iſt nicht hell, das deinige iſt grün, von der Farbe der Blätter, und alſo nicht leicht zu unterſcheiden. Wir haben ſonſt nirgends eine ſo gute Ausſicht auf das, was in dem Thale vorgeht. Ein wenig Gefahr müſſen wir ſchon riski⸗ ren, wenn wir nicht ganz auf Gerathewohl handeln wollen.“ „Du biſt wahrlich eines Kriegers Tochter, Maud.“— Dieß galt eben ſo gut von Major Meredith, als von Kapitän Wil⸗ loughby, und konnte alſo von Bob offen geäußert werden.„Du biſt eines Kriegers Tochter, und die Natur hat dich offenbar einem Soldaten zum Weibe beſtimmt. Das iſt ein coup d'oeil, der nicht verſchmäht werden darf.“ „Ich werde Niemands Weib werden,“ murmelte Maud, kaum wiſſend, was ſie ſagte;„vielleicht lebe ich ja nicht einmal ſo lange, um noch einige Zeit eines Soldaten Tochter zu bleiben. Wie kommſt aber du hierher?— Sicherlich, ſicherlich kannſt du mit dieſen Wilden nicht in Verbindung ſtehen! Ich habe von ſolchen Schreckensgeſchichten gehört! Aber du würdeſt ſie nicht beglei⸗ ten, und wäre es ſelbſt, um das Vaterhaus zu beſchützen!“ „Dafür möchte ich nicht ſtehen, Maud. Um mein Vaterhaus vor Plünderung und meines Vaters graue Haare vor Mißhandlung zu bewahren, wäre ich zu Vielem fähig. Doch beruhige dich, ich komme allein— jener Haufe und ſeine Abſicht iſt mir völlig fremd.“ „Und warum kommſt du überhaupt, Bob?“ fragte das ängſt⸗ liche Mädchen, mit unverſtellter Zärtlichkeit nach ihm emporblickend. 227 „Die Lage des Landes iſt gegenwärtig von der Art, daß ſie deine Beſuche ſehr gefährden muß.“ „Wer würde unter dieſem Jagdhemd, in dieſem Waldanzuge einen Major von den Regulären vermuthen? Ich habe auch nicht das Geringſte an und bei mir, was mich, ſelbſt wenn ich vor einem Gerichtshofe ſtünde, verrathen könnte. Fürchte darum nicht für mich, Maud; wenn du nicht etwa vor dieſen Teufeln in Menſchengeſtalt, den Wilden hier, zitterſt. Doch auch ſie ſchei⸗ nen nicht ſehr blutgierig, und in dieſem Augenblicke eher zum Eſſen, als zu einem Angriffe auf das Blockhaus aufgelegt. Schau einmal hin— die Burſche ſchicken ſich wahrlich an, ihre Mahl⸗ zeit einzunehmen; die Schaar, die jetzt eben über die Klippen heraufkommt, ſchleppt ein Reh mit ſich.“ Maud nahm das Glas, wiewohl mit unſtäter Hand, und ſchaute einen Augenblick nach den Wilden. Die Art, wie das Inſtrument dieſe Söhne der Wildniß ihrem Auge nahe brachte, machte ſie ſchaudern, und ſie hatte bald genug geſehen. „Dieſes Wild wurde heute morgen von unſerem Müller erlegt,“ ſagte ſie;„ohne Zweifel haben ſie es in ſeiner Hütte oder in deren Nähe gefunden. Doch wollen wir Gott danken für dieſe Pauſe; ſie wird vielleicht meinem theuren Vater erlauben, das andere Thor gleichfalls an Ort und Stelle zu bringen. Nimm dein Glas, Robert, und ſieh', was ſie für Fortſchritte machen!“ „Ein Flügel iſt eben eingehängt, und große Freude herrſcht darüber unter ihnen. Nur Ausdauer, mein edler, alter Vater, und bald wirſt du gegen deine Feinde geſichert ſein. Was für eine ruhige, feſte Miene er mitten unter dem Lärm behauptet! Ach, Maud! Hugh Willoughby ſollte in dieſem Augenblick an der Spitze einer Brigade ſtehen, um dieſe fluchwürdige, unnatürliche Rebellion unterdrücken zu helfen. Ja, mehr noch— er kann ſogar noch dahin gelangen, wenn er nur der Vernunft, dem Pflichtgefühle Gehör ſchenken will.“ 15* 1 4 ½ —— „Und deßhalb biſt du hier, Bob?“ fragte ſeine ſchöne Ge⸗ fährtin, dem Major ernſthaft in's Geſicht ſchauend. „Ja, Maud, und du, deren Gefühle in dieſem Punkte ſo rich⸗ tig ſind, du kannſt mir gewiß gute Hoffnung hierin geben.“ „Ich fürchte— nein, jetzt iſt's zu ſpät. Beulahs Vermählung mit Evert hat ihn in ſeinen Anſichten beſtärkt, und dann—— „Was, theuerſte Maud? Du ſchweigſt, als ob dieſes dann eine Bedeutung hätte, welche du nicht auszudrücken wagteſt.“ Maud erröthete; worauf ſie unmerklich lächelnd alſo fortfuhr: „Wir ſollten mit Ehrfurcht von einem Vater— und zudem noch von einem ſolchen Vater reden. Aber ſcheint es dir nicht ſelbſt wahrſcheinlich, Bob, daß die vielen Diskuſſionen mit Mr. Woods Beide in ihren gegenſeitigen Anſichten nur noch mehr be⸗ ſtärken müſſen?“ Robert Willoughby wollte dieſe Frage eben bejahen, als eine plötzliche Bewegung im Blockhauſe ſeiner Antwort zuvorkam. Zwölftes Kapitel. Vom Flodden⸗Rücken Die Schotten den engliſchen Feind erblicken, Der bricht aus dem Barmorewald, ſetzt, wohlbewacht . Von jenen, nach ruhig durchſchlaf'ner Nacht, Ueber den Till auf der Twiſal Brücken. Scott. In dieſem Augenblicke ſah man die Mehrzahl der Weiber der Kolonie aus dem großen Hofe ſtürzen und ſich zwiſchen der Stockade zerſtreuen: Mrs. Willoughby und Beulah waren unter den Vorderſten. Auch der Kapitän verließ den Thorweg, und ſelbſt die Arbeiter, welche eben den letzten Thorflügel in die Höhe heben wollten, konnte man ihr Werk unterbrechen ſehen. Offen⸗ bar hatte es unter ihnen eine neue Veranlaſſung zur Unruhe oder Beängſtigung gegeben. Die Gewehrpyramiden blieben übrigens icht 229 noch unberührt; auch unter den Indianern war keine neue Be⸗ wegung bemerkbar. Der Major bewachte Alles mit der angeſtrengteſten Aufmerk⸗ ſamkeit durch ſein Glas. „Was gibt es, theurer Bob?“ fragte Maud ängſtlich.„Ich ſehe meine liebe, gute Mutter— ſie ſcheint unruhig.“ „Wußte ſie darum, daß du das Haus verlaſſen wollteſt, als du dieſen Spaziergang antrateſt?“ „Ich glaube kaum. Sie und Beulah waren im Kindszimmer bei dem kleinen Evert, und mein Vater ritt auf den Feldern um⸗ her. Ich ging fort, ohne mit irgend Jemand ein Wort zu reden, und begegnete auch Niemand, bis ich in den Wald kam. „Dann haben ſie dich jetzt erſt vermißt. Ja, ja, ſo iſt's— kein Wunder, Maud, wenn das ihnen Angſt macht. Barmherziger Gott! Wie mag ihnen in dieſem fürchterlichen Augenblicke zu Muth ſein!“ „Feure deine Büchſe ab, Bob, das wird ihre Blicke zu uns herziehen; ich will mein Taſchentuch ſchwenken, vielleicht daß ſie das bemerken. Beulah und ich haben einander ſchon öfter ſolche Zeichen gegeben.“ „Das geht nicht— nein, wir müſſen verborgen bleiben, um ihre Bewegungen beobachten und ihnen zur rechten Zeit helfen zu können. Es iſt freilich peinlich, dieſe ängſtliche Spannung zu er⸗ tragen; doch der Schmerz muß nun einmal getragen werden, um ein uns Allen ſo theures, ſo koſtbares Leben deſto eher zu ſichern.“ Trotz der fürchterlichen Lage, in der ſie ſich befand, wurde Mand durch dieſe Worte doch beruhigt. Eine ſo zärtliche Sprache war ihr an Robert Willoughby jederzeit theuer, nie aber mehr als gerade in dem Augenblick, da ihr Leben ſogar nur an einem Haare zu hängen ſchien. „Es iſt, wie du ſagſt,“ erwiederte ſie ſanft, und reichte ihm ihre Hand faſt ganz mit der früheren Ungezwungenheit;„wir wür⸗ 1 1 1 1 230 den uns ohne Zweifel verrathen, und wären dann natürlich verlo⸗ ren.— Was ſoll aber dieſes Treiben in unſerem Hauſe bedeuten?“ Und in der That war innerhalb der Stockade eine neue Be⸗ wegung zu bemerken. Man hatte ſich nun unwiderſprechlich von Mauds Abweſenheit überzeugt; den Jammer, welchen dieſe Ent⸗ deckung veranlaßte, brauchen wir wohl nicht näher zu ſchildern. Niemand dachte mehr daran, den noch übrigen Thorflügel vollends einzuhängen; vielmehr wurde jeder Theil des Hauſes und der Um⸗ faſſung, wo man die Vermißte nur irgend vermuthen konnte, äugſtlich durchſucht.— Die letzte Bemerkung unſerer Heldin wurde übrigens durch gewiſſe Zeichen veranlaßt, welche ſchließen ließen, daß Jemand aus den äußeren Fenſtern des großen Wohnzimmers zu ſteigen beabſichtige. Jenes Zimmer ſtand, wie man ſich erinnern wird, auf dem Felſen gerade über dem Flüßchen, das ſeinen Fuß beſpülte. Der Felſen ſelbſt war ungefähr vierzig Fuß hoch; er ſetzte zwar jeder Erſteigung von Außen ein unüberwindliches Hinderniß entgegen, dafür war es aber für einen kräftigen Mann nicht allzu ſchwer, mittelſt eines Seiles daran herabzuklettern. Ueberdieß war der Punkt für die Indianergruppe, welche noch immer auf den Klip⸗ pen bei der Mühle, eine volle halbe Meile vor dem Stockaden⸗ thore entfernt, ſtand— durchaus unſichtbar. Dieſer Umſtand mußte das Hinausſteigen bedeutend erleichtern, denn hatte man erſt das Flußbette erreicht, welches dicht mit Gebüſch bewachſen war, ſo konnte man, den Windungen ſeines Laufes folgend, ganz leicht ungeſehen in den Wald gelangen. Der Major richtete ſein Glas auf das Fenſter, und ſah augen⸗ blicklich alle die vorliegenden Bemerkungen beſtätigt. „Sie ſchicken ſich an, ein Streifkorps auszuſenden, ohne Zwei⸗ fel, um dich zu ſuchen, Maud. Wenn die Indianer ihre gegen⸗ wärtige Stellung noch länger beibehalten, ſo iſt die Sache ganz leicht ausführbar; es ſollte mich aber wundern, wenn dieſe nicht 1 231 eine Partie in den Rücken des Blockhauſes geſchickt hätten, wo die Fenſter wenigſtens dem Feuer ausgeſetzt ſind, und der dichte Wald den Angreifenden Schutz gewährt. Da vorn haben ſie ledig⸗ lich keine Deckung, als ein paar Zäune, was wahrſcheinlich auch der Grund ſein mag, warum ſie ſich ſo ferne halten.“ „Es iſt kaum wahrſcheinlich, daß das Thal ihnen bekannt iſt. Nick allein ausgenommen, haben nur wenige Indianer uns beſucht, und auch dieß nur ſelten. Die, welche bei uns vorſprachen, waren von den friedlichſten, beſtgeſinnten Stämmen und, wie mein Vater ſagt, kein einziger ächter Krieger darunter. Nick iſt unter Allen der Einzige, der dieſen Namen verdiente.“ „Iſt es wohl denkbar, daß der Burſche dieſen Haufen her⸗ führte? Ich habe ihm nie ſo recht getraut, und doch iſt er ein zu alter Freund unſerer Familie, als daß ich ihn einer ſolchen Nie⸗ derträchtigkeit ſchuldig glauben könnte.“ „Mein Vater hält ihn zwar für einen Spitzbuben, doch zweifle ich, ob er ihn einer ſolchen Schlechtigkeit für fähig hält. Ueberdieß würde er, bei ſeiner Lokalkenntniß, die Indianer in den Rücken des Hauſes geführt haben, wenn jener Ort, wie du glaubſt, für den Angriff ſo vortheilhaft iſt. Die Böſewichter ſind alle auf den gewöhnlichen Pfaden herangekommen, welche ſämmtlich, wie du weißt, unterhalb der Mühle den Fluß zum erſten Mal erreichen.“ „Das iſt wahr. Nur wenige Meilen davon hab' ich den Weg verloren; ich folgte nämlich dem ſehr ſchwer zu erkennenden Pfade auf der öſtlichen Seite, welchen ich das letzte Mal mit Nick ein⸗ geſchlagen hatte, und den ich für den ſicherſten hielt. Zum Glück erkannte ich den Kamm dieſes Berges über uns an ſeiner Form, ſonſt hätte ich nimmermehr meinen Weg gefunden, obwohl die Ströme, welche man zu überſchreiten hat, dem Wanderer eine ſichere Richtung angeben. Sobald ich die Viehpfade erkannte, wußte ich auch, daß ſie mich zu den Scheunen und Hütten führen würden.— Sieh', da ſteigt in der That Einer aus dem Fenſter!“ 232 »Ach, Bob, hoffentlich iſt's doch nicht mein Vater! Er iſt zu alt: es hieße zu viel gewagt, wenn man ihn aus dem Hauſe ließe!“ »Sobald er den Boden erreicht hat, kann ich dir's genauer ſagen. Wenn ich mich nicht irre— nein, nein, O'Hearn iſt’s, der Irländer.“ »Der ehrliche Mike! Ja, er iſt überall voran, wenn er ſich auch eigentlich auf nichts, als aufs Graben verſteht. Kommt nicht noch ein Zweiter nach— oder ſollte ich mich wirklich täuſchen?« „Ja, ja, auch er hat jetzt den Boden erreicht. Das hätten ſie ſich erſparen können, wenn ſie wüßten, wie gut du beſchützt biſt, Maud— denn wahrlich mit Freuden opferte ich mein Leben, um dich vor jedem Leide zu beſchützen!“ „Das laſſen ſie ſich freilich nicht träumen, Bob,“ gab Maud leiſe zur Antwort.„Kein menſchliches Weſen in dieſem Thale hat eine Ahnung davon, daß du in dieſem Augenblicke uns nahe und nicht bei der königlichen Armee biſt.— Ich ſehe aber keinen Dritten nachfolgen; ich bin froh, daß ſie ihre Streitkräfte nicht noch mehr ſchwächen.“ „Es iſt allerdings am beſten, wenn ſie's nicht thun. Als die Beiden herabgelaſſen wurden, hatten ſie ihre Büchſen über die Schulter geſchlungen; jetzt ſetzen ſie ihre Waffen in Bereitſchaft. — Aha!'s iſt Joel Strides, den ich bei Mike gewahre.“ „Das thut mir leid; er iſt ein Mann, den ich nicht leiden kann, und ſehr unlieb wäre es mir, wenn er von deinem Hierſein wüßte, Bob.“ Der haſtige, nachdrucksvolle Ton, in welchem Mand dieß ſagte, überraſchte den Major, und er befragte das Mädchen ernſtlich über deſſen Grund und Bedeutung. Er erhielt zur Antwort, daß ſie es ſelbſt kaum wiſſe; das ganze Weſen des Mannes ſei ihr zuwider, ſeine Grundſätze halte ſie ſchon lange für ſehr ſchlimm, und Mike habe in ſeiner eigenthümlichen Weiſe Allerlei über ihn geäußert, was ihr Mißtrauen erregt habe. 4 233 „Mike ſpricht in Hieroglyphen,“ erwiederte der Major lachend, trotz der bedenklichen Lage, in die er ſich mit ſeiner Gefährtin verſetzt ſah;„man kann ſich auf ſeine Meinung nicht allzu viel verlaſſen. Joel iſt nun ſchon ſo manches Jahr bei meinem Vater, und ſcheint deſſen Vertrauen zu beſitzen.“ „Er weiß ſich ſehr nützlich zu machen, und iſt in allen ſeinen Aeußerungen ſehr vorſichtig; dennoch wünſche ich nicht, daß deine Ankunft ihm bekannt werde.“ „Dem wird ſich aber nicht leicht vorbeugen laſſen, Maud. Ohne dieſes zufällige Zuſammentreffen mit dir hätte ich mich keck und in der feſten Zuverſicht in's Thal hinunter gewagt, daß mein Vater Niemand um ſich habe, der niederträchtig genug wäre, ſei⸗ nen Sohn zu verrathen.“ „Nur Joel Strides nicht getraut! Für Mike will ich mit mei⸗ nem Leben bürgen, aber ſehr bedauern müßte ich, wenn Strides deine Anweſenheit erführe. Vielleicht wäre es ſogar beſſer, wenn der größere Theil der Arbeiter nichts von dem Geheimniß wüßte.— Sieh', die beiden Abgeſandten verlaſſen jetzt den Fuß des Felſens.“ Und ſo war's auch in der That; Robert Willoughby bewachte ihre Bewegungen ſorgſam mit dem Glaſe. Wie er erwartet hatte, ſo geſchah's: Beide ſtiegen zuerſt in das Flußbett hinab, und wate⸗ ten dann, vom Gebüſch bedeckt, am Ufer hin, bis ſie ſelbſt von dem erhöhten Geſichtspunkte, welchen Robert und Maud einnahmen, nicht mehr bemerkt werden konnten. So viel war übrigens klar, daß ſie auf dieſe Art den Wald zu erreichen und von dort aus ihre Nachforſchung nach der Vermißten zu beginnen beabſichtigten. Es dauerte nicht lange, bis Robert und Maud die beiden Aben⸗ teurer das Strombette verlaſſen und in den Forſt eindringen ſahen. Jetzt erhob ſich die ernſtliche Frage, was wohl der Major und ſeine Gefährtin am beſten zu thun hätten. Unter gewöhnlichen Umſtänden wäre es vielleicht am gerathen⸗ ſten geweſen, wenn Beide ſogleich hinabgeſtiegen und den zwei 1 † * 1 4 . 234 Boten entgegengegangen wären, die wohl bald auf einem der ge⸗ wöhnlichen Spaziergänge des Mädchens zu treffen ſein mochten. Dagegen aber proteſtirte Letztere auf's Ernſtlichſte, und auf eine Weiſe, welche dem Herzen des jungen Mannes zu wohl that, als daß er ſich ihren Wünſchen zu widerſetzen vermocht hätte. Sie bat ihn dringend, Joel Strides wenigſtens nicht zu raſch zu vertrauen; blieb keine Wahl mehr übrig, dann war ja immer noch Zeit dazu; ſo lange man aber den wahren Charakter des im Thale verſam⸗ melten Heerhaufens noch nicht kannte, erſchien es jedenfalls als voreilig. Nichts war leichter, als ſich bis zum Eintritte der Dun⸗ kelheit verſteckt zu halten; dann konnte er ſich dem Blockhauſe nähern und eingelaſſen werden, ohne daß außer denen, welchen die Familie feſt vertrauen durfte, noch ſonſt Jemand ſeine Gegenwart erfuhr. Dagegen weigerte ſich der Major auf's Beſtimmteſte, Maud frü⸗ her zu verlaſſen, als bis die beiden Suchenden ſie erreicht hätten. In dieſem Falle war's aber jedenfalls zu ſpät, denn geſehen wurde er doch einmal, und wenn man ihn in ſeiner gegenwärtigen Verkleidung auch nicht ſogleich erkannte, ſo mußte die Anweſenheit eines Frem⸗ den immerhin Verdacht erregen und eine Erläuterung herbeiführen. Dieſem Einwurfe ſuchte Maud folgendermaßen zu begegnen: Ihre Lieblingsplätzchen im Walde waren alle wohl bekannt: ganz beſonders war Mike damit vertraut, der häufig in ihrer Nähe arbeitete. Sie beſtanden aus einem kleinen Waſſerfall, etliche hundert Ruthen aufwärts am Flüßchen gelegen; ein Pfad war eigens dahin angelegt, und ein Baum nebſt Sitz und Tiſchchen aufgepflanzt wor⸗ den, um dort nach Belieben arbeiten, leſen, oder Erfriſchungen ein⸗ nehmen zu können. Dahin würden ſich die Suchenden, wie Mand glaubte, ohne Zweifel zuerſt wenden. Etwas weiter oben lag eine tiefe Schlucht, die wegen ihrer wilden Schönheit ſehr oft, vielleicht öfter als jedes andere Plätzchen— von ihr beſucht wurde. Auch dort⸗ hin war mit Gewißheit vorauszuſehen, daß Michael ſeinen Begleiter führen würde. Hatten Jene dieſe beiden Punkte beſucht, dann durfte 235 man ſie unfehlbar bei dem Felſenſitze erwarten, welchen Robert und Maud jetzt eben einnahmen, da dieß der letzte Ort war, wo man Maud mit einiger Wahrſcheinlichkeit vermuthen konnte. Zur Unterſuchung der beiden erſtgenannten Stellen, ſowie der umge⸗ benden Wälder bedurfte es einer Stunde; bis dahin war nicht nur die Sonne untergegangen, ſondern ſelbſt das Zwielicht bereits erloſchen. Der Major konnte alſo ſo lange bei ihr bleiben, und durfte ſich, ſobald er die nahenden Fußtritte der Boten vernahm, nur hinter einen Felſenvorſprung zurückziehen, um ihnen ſodann in gehöriger Entfernung nach dem Herrenhauſe zu folgen. Dieſer Plan war zu einleuchtend, als daß Robert ihn hätte verwerfen können, und da er ihm eine Stunde ununterbrochener Beſprechung mit ſeiner Freundin in Ausſicht ſtellte, ſo ſchien er ihm vortheilhafter, als jeder frühere. Die Indianer bei der Mühle verhielten ſich vollkommen ruhig, und ſo hatten alſo auch die bei⸗ den Zuſchauer weniger Veranlaſſung, eine Aenderung in ihrer Lage zu treffen, als es ſonſt vielleicht der Fall geweſen wäre. Ueberhaupt ſchien es, als ob Jenen alle feindlichen Abſichten fremd wären, denn noch keine einzige Hütte, der ſie nahe gekom⸗ men, war beſchädigt worden, und von den wilden Zerſtörungs⸗ flammen, welche man aus den Mühlen und den Wohnungen der Niederung hervorbrechen zu ſehen erwartet hatte, war keine Spur zu bemerken geweſen. Wenn je ſolche grauſame Scenen des Brandes und der Plünderung beabſichtigt wurden, ſo mußte der Feind ſie wenigſtens ſo lange verſchoben haben, bis die Nacht Alles in ihren dunklen Schleier einhüllte. In ſolchen Augenblicken der Prüfung wird ein feſter Entſchluß, den man für die Zukunft gefaßt hat, dem Geiſte immer den beſten Troſt gewähren. So war's denn auch Maud und dem Major zu Muthe: Beide ließen ſich neben einander auf dem Felſenſitze nie⸗ der, und Robert zeigte jetzt in dem Geſpräche mit ſeiner Gefähr⸗ tin weit mehr Zuſammenhang und Ruhe, als Beiden vorher —— 4 1 236 möglich geweſen war. Ueber den Zuſtand der Familie, über das Befinden von Vater und Mutter, der theuren Beulah und ihres Kleinen wurden viele Fragen geſtellt und beantwortet, wie denn der junge Evert dem Major noch gänzlich unbekannt war. „Gleicht er ſeinem rebelliſchen Vater?“ fragte der königliche Offizier, ſchmerzlich lächelnd, wie ſeine Freundin zu bemerken glaubte—„oder iſt er mehr den Willoughby's ähnlich? Beekman hat ganz das Ausſehen eines ehrlichen Holländers; ich möchte aber doch lieber, daß der Knabe dem guten alten engliſchen Stamme gliche.“ „Der ſüße kleine Junge ſieht Vater und Mutter ähnlich, dem erſteren aber mehr, zu Beulahs großer Freude. Papa ſagt, er ſei ein ächter„holländiſcher Abkömmling“, wie ſie's nennen; Mama und ich wollen aber nichts von ſolchen Dingen wiſſen. Obriſt Beekman iſt übrigens ein ſehr ehrenwerther Mann, Bob, und ein höchſt zärtlicher, aufmerkſamer Gatte. Wäre nicht dieſer Krieg— Beulah hätte kaum glücklicher werden können.“ „Dann will ich ihm die eine Hälfte ſeiner Verrätherei ver⸗ geben— mit der andern mag er ſehen, wie er ſelbſt zurecht kommt. Jetzt, da ich Oheim bin, beginnt mein Herz ſich für den Rebellen etwas zu erweichen. Und du, Mand, wie ſtimmt die Ehrenſtelle einer Tante zu deinen Gefühlen? Doch ihr Frauen ſeid durch und durch nur Herz, und würdet am Ende ſogar eine Ratte lieben.“ Maund lächelte, gab aber keine Antwort. Wenn auch Beulahs Kind ihr faſt eben ſo theuer war, als ein eigenes ihr hätte ſein können, ſo konnte ſie doch nie vergeſſen, daß ſie nicht ſeine wirk⸗ liche Tante war, und ſie wußte nicht, wie es kam— aber ſelbſt in dieſem ernſten Augenblicke trieb ihr dieſer zudringliche Gedanke gerade in Roberts Geſellſchaft alles Blut in die Wangen. Der Major mochte wohl dieſe Veränderung in ihren Mienen nicht bemerken, denn nach einer kurzen Pauſe ſetzte er die Unter⸗ redung ganz ungezwungen alſo fort: 0 8 O N N 237 „Das Kind führt den Namen Evert, nicht wahr, Tante Maud?“ fragte er, den Nachdruck auf das Wort„Tante“ legend. Maud hätte dieſes Wort viel lieber nicht gehört, und doch hatte es Robert Willoughby in einer Ideenverbindung gebraucht, welche ſie, wäre ihr die Wahrheit bekannt geweſen, gerade damals noch weit mehr betrübt haben würde. Tante Maud war der Name, welcher ihr ſeit des Kleinen Geburt von Anderen am liebſten beigelegt wurde— eine Erinnerung, welche wiederum ein Lächeln auf den Zügen unſerer Heldin hervorrief. „So nennt mich ja Beulah ſchon ſeit einem halben Jahr, oder ſeitdem Evert auf der Welt iſt,“ verſetzte ſie.„Mit dem Tage, da er Neffe ward, wurde ich Tante, und die liebe, gute Beulah hat mich ſeitdem, glaub' ich, nicht ein einziges Mal Schweſter genannt.“ „Dieſe kleinen Geſchöpfe bringen neue Bande in eine Familie,“ verſetzte der Major nachdenklich.„Sie treten an die Stelle der vor ihnen beſtandenen Generationen, und verdrängen uns aus dem alleinigen Beſitze von Neigungen, wie ſie uns endlich in un⸗ ſerer Lebensſtellung erſetzen.— Wenn mich Beulah übrigens nur als Oheim lieben will, dann ſoll ſie nur zuſehen. Ich will mich durch keines Holländers Kind verdrängen laſſen, und wenn es gleich ein leibhaftiger Engel wäre!“ „Du, Bob!“ rief Maud plötzlich ergriffen.„Du biſt ja ſein wahrer Oheim; Beulah wird dich immer als ihren rechten Bruder lieben, und ſo auch deiner gedenken.“ Hier verſtummte Maud plötzlich, wie wenn ſie zu viel geſagt zu haben fürchtete. Der Major ſah ſie aufmerkſam an, ſprach aber nicht; ſeine Begleiterin konnte ſeinen Blick nicht bemerken, denn ſie zitterte, und ihre Augen waren demüthig zu Boden geſchlagen. Es entſtand eine ziemlich lange Pauſe, dann kehrte das Ge⸗ ſpräch wieder zu den Vorgängen im Thale zurück. Die Sonne war mittlerweile untergegangen, und die Schatten des Abends ließen die Gegenſtände zu ihren Füßen nur noch 238 unbeſtimmt erſcheinen; doch war deutlich zu erkennen, daß in dem Blockhauſe und deſſen Umgebung— ohne Zweifel wegen der Ab⸗ weſenheit unſerer Heldin— viele Aengſtlichkeit herrſchte. Dieſe war in der That ſo groß, daß Niemand mehr an das Einhängen des noch übrigen Thorflügels dachte, ſondern ihn in der Oeff⸗ nung, worein er gehörte, uneingehängt, nur durch Balken ge⸗ ſtützt, ſtehen ließ. Der Major glaubte übrigens doch noch einige Vorkehrungen bemerkt zu haben, ſo daß die Bewohner mittelſt der eingeſetzten Hälfte wenigſtens aus⸗ und eingehen, und wenn Alles geſchloſſen war, auf ziemlichen Schutz rechnen konnten. „St!“ flüſterte Maud, deren Sinne durch die Gefahr ihres Genoſſen geſchärft waren;„ich höre Michaels Stimme— ſie kom⸗ men näher. Keine Furcht vor Unheil vermag O'Hearns Bered⸗ ſamkeit Einhalt zu thun; die Gedanken ſcheinen ſeiner Zunge ziemlich ebenſo zu entfliehen, wie ſie in ſeinem Kopfe aufſteigen, und nur der Zufall beſtimmt, welcher von ihnen zuerſt erſcheinen darf.“ „Du haſt Recht, theures Mädchen, und da du es ſo ſehr zu wünſchen ſcheinſt, ſo will ich mich entfernen. Verlaß dich dar⸗ auf, ich bleibe in deiner Nähe, und ſobald du meiner bedarfſt, bin ich wieder bei dir.“ „Vergiß nicht, Bob,“ rief Maud ängſtlich und in großer Haſt, denn die Fußtritte der Männer näherten ſich ſehr raſch—„ver⸗ giß nicht, gerade unter dieſelben Fenſter zu kommen, durch welche die Andern herausſtiegen.“ Der Major beugte ſich über ſie hin, und küßte ihre Wange, welche vor Furcht erkaltet war, aber darüber ſogleich in heller Flamme aufloderte; dann verſchwand er hinter dem Felsvor⸗ ſprunge, den er ſich ſelbſt auserleſen hatte. Maud dagegen blieb in anſcheinender Ruhe ſitzen, um die Annäherung der Suchenden abzuwarten. „Ei, ſo hol' mich der Teufel und alle Indianer von ganz Ame⸗ riky mit mir,« brummte Mike, während er durch eine Felsſpalte 239 den Abhang hinaufkroch;„ich denke, wir finden entweder die junge Miſſes hier, oder ich glaube gar nicht mehr, daß wir ſie heute Nacht noch treffen werden.'s iſt ein vermaledeites Land, in dem wir leben, Miſchter Strides, wenn eine junge Dame von ſo lieblicher, erbarmungswürdiger Schönheit, wie Miß Maud, in den Wäldern verloren gehen kann, gerade wie ein verlaufenes Stück Vieh, das auch des Nachbars Weide verſuchen wollte.“ „Ihr ſprecht zu laut, Mike, und noch obendrein lauter Narr⸗ heiten,“ verſetzte der vorſichtige Joel. „Meint Ihr mich! Oho! glaubt ja nicht, Ihr könntet mich wieder als Ruderer in ein Boot ſetzen, ganz gegen meine Neigung und Erziehung, wie Ihr in früheren Zeiten einmal gethan. Ich habe Euch wohl zwanzig Mal zu oft in Eure Kapelle hinein und eben ſo oft wieder heraus geläutet, um mich zum zweiten Mal in derſelben Falle fangen zu laſſen. Jetzt iſt's Miß Maud, die ich ſuche, und Miß Maud will ich finden, oder— der Herr ſegne ihr ſüßes Antlitz, ihre Sitten und ihren Charakter, und Alles was ihr angehört!— iſt denn das nicht eine herrliche Lage für ihres Gleichen— unten bei der Mühle die Wilden, die beiden Miſſes in Thränen, der Herr mächtig unruhig, und wir Alle voller Be⸗ ſtürzung! Seht nur, wie ſie dort auf der Ruhebank ſitzt, die ich mit meinen eigenen Händen für ſie gezimmert habe, ganz wie eine Laddy— ſieht ſie nicht aus wie die Königin des Waldes, und die iſt ſie auch wirklich, meine ſüße Augenweide!“ Maud war an die Rhapſodien des Leitrimers zu ſehr gewöhnt, als daß ſie ſich viel aus dieſem Anfange gemacht hätte; entſchloſ⸗ ſen, ihre Rolle mit Umſicht zu ſpielen, ſtand ſie jetzt auf und trat den Beiden entgegen. „Iſt's möglich, daß ihr mich aufzuſuchen kommt?“ fragte ſie ſcheinbar mit großer Selbſtbeherrſchung.„Wie kommt das wohl? — Ich kehre ja in der Regel um dieſe Stunde zurück!“ „Stunde— meinen Sie? O ſprechen Sie nicht von Stunden, 4 1 4 1 4 1 240 ſchöne, junge Laddy, wo zehn Minuten ſchon zu ſpät ſein kann,“ gab Mike im Tone der Belehrung zur Antwort.„Es iſt ja Ihre eigene Mutter, die ſich nicht glücklich fühlt, weil Sie heute Nacht im Walde verweilen, und Ihr alter Vater hat größere Beſorgniß, als er beichten mag— lang lebe die Kirche, in welcher die Beichte richtig und ſchicklich gehalten wird, wie's das Evangelium St. Lukas und der ganze Kalender noch obendrein vorſchreibt! Erſchrecken Sie ja nicht, Miß Manud— nehmen Sie Alles, was ich geſagt habe, gerade ſo, als ob Sie nicht ein Wort davon glaubten; aber der Teufel ſoll mich holen, wenn nicht auf den Felſen da unten bei der Mühle Indianer genug ſind, um die ganze Provinz zu ſkalpiren— ja wahrhaftig noch eine Grafſchaft dazu, wenn Sie ihnen genug Zeit und Meſſer dazu geben!“ „Ich verſtehe dich, Michael, bin aber nicht im Mindeſten ängſt⸗ lich,“ erwiederte Maud mit einer Feſtigkeit, welche den Kapitän in der That entzückt haben würde.„Einiges von dem, was unten vorging, hab' ich geſehen; mit Ruhe und Kaltblütigkeit können wir aber ganz wohl der Geſchichte entgehen.— Sage mir nur, ob im Blockhauſe Alles in Sicherheit iſt— ob meine liebe Mut⸗ ter und Schweſter wohl ſind?“ „Die Miſſes meinen Sie? O, die iſt ſo muthig wie ein Pfau⸗ hahn, und nur wegen Ihnen, junge Dame, niedergeſchlagen und be⸗ kümmert! Was Miß Beuly betrifft— wo findet man wohl ihres Gleichen, außer etwa auf dieſem Felsſtückchen hier? Und's iſt'ne wahre Freude, den Kapitän zu ſehen, der ſich nicht anders als wie der kommandirende General von ſechs bis acht Regimentern aus⸗ nimmt, und bald da, bald dort ſeine Befehle ertheilt. Bei St. Pa⸗ trick! ich wünſche nur, die Landſtreicher da unten möchten einmal herankommen, ſobald Sie ſelbſt die Stockade hinter ſich haben, junge Laddy, und wär's auch nur, um dem alten Herrn Gelegenheit zu geben, Soldatens mit ihnen zu ſpielen. Sollt's ihnen gelingen, über die Stockade zu klettern, ſo habe ich bereits den prächtigſten — G 241 Schillaleh in Bereitſchaft, den menſchliche Augen nur jemals be⸗ wundert haben; er würde einem den Kopf einſchlagen, ohne den Hut zu verletzen—'s iſt doch tauſendmal Schade, daß die Burſche keine Hüte tragen. Nun, ſei dem wie ihm wolle— wir werden ſchon ſehen!“ „Ich danke dir, Mike, für den Muth, den du gezeigt, wie für die Theilnahme, welche du immer für unſer Wohlergehen be⸗ wieſen haſt.— Iſt es nicht zu bald, wenn wir uns jetzt ſchon in die Niederung wagen, Joel? Auf Euch muß ich mich als unſern Führer verlaſſen.“ „Ich denke, Miß Maud wird ganz wohl dabei fahren, wenn ſie das thut. Vor Allem muß aber Mike darüber zurechtgewieſen werden, damit er nicht ſo viel und beſonders nicht ſo laut ſpricht. Man könnte ihn manchmal auf zwölf Schritte vor ſich hören.“ „Zurechtgewieſen!“ rief der Leitrimer hitzig.„Und bin ich nicht ſchon zwanzigmal— und ganz allein wegen Eures glatten Geders— zurechtgewieſen worden? Wo hat man denn Gelegenheit, eine Sache zehn⸗ und hundertmal auf's Neue zu beſprechen, wenn Einer nicht gerade taub iſt? Seid doch Ihr's gerade, der ſtets zu plappern wünſcht.“ „»Nun gut, Mike, um meinetwillen wirſt du ſchweigen— nicht wahr?“ erwiederte Maud.„Vergiß nicht, daß ich nicht zum Kampfe tauge, und daß wir vor Allem das Haus in Sicherheit er⸗ reichen müſſen. Je früher wir den Hügel hinabkommen, deſto beſſer wird es ohne Zweifel ſein. Geht alſo voran, Joel; wir wollen folgen. Michael wird zunächſt hinter Euch gehen, und ſich für einen feind⸗ lichen Angriff bereit halten— ich will dagegen den Nachtrab führen. Für uns Alle iſt's beſſer, wenn wir Todtenſtille beobachten, ſo lange das Sprechen nicht nothwendig wird.“ So ging denn wirklich der Aufbruch vor ſich; Maud blieb ein wenig zurück, um dem Major bei der düſteren Abendbeleuchtung des Waldes ſichtbar zu bleiben, damit er den Weg nicht verliere. Wyandotté. 16 242 Nach wenigen Minuten hatten ſie die Niederung erreicht; ſtatt aber auf die freie Ebene hinauszutreten, hielt ſich Joel mehr im Walde, indem er fortwährend einem der vielen Pfade folgte. Sein Plan war, an einem wohl verſteckten Punkte nicht weit von der Stelle, wo das Bächlein den Forſt verließ, über erſteres zu ſetzen. Dahin ſetzte er ruhig ſeinen Weg fort, und blieb nur manchmal ſtehen, um zu lauſchen, ob nicht auf der Ebene eine wichtige Bewegung zu vernehmen wäre. Maud ſah ſich häufig um, denn ſie fürchtete, Robert Willoughby möchte den Pfad verlieren, da er mit den tauſend Krümmungen, auf die man ſtieß, ſo wenig vertraut war. Doch ließ ſich ſeine Geſtalt zuweilen in der Entfernung erkennen, zum Beweis, daß er die rechte Spur verfolgte. So beſtand bald ihre Hauptbeſorgniß darin, daß er von ihren Begleitern geſehen werden möchte. Da dieſe ſich übrigens etwas weit vorn hielten, und das Unterholz ziemlich licht war, ſo hatte ſie große Hoffnung, daß auch dieſes Uebel vermieden werden könne. Der Pfad machte einen bedeutenden Umweg, und ſo brauchte es ziemlich lange, bis Joel den geſuchten Punkt erreichte. Hier ſchritt er und Mike, und endlich auch Maud auf einem Baum über das Flüßchen; letzterer war ausdrücklich zu dem Zwecke eines länd⸗ lichen Fußſtegs gefällt worden— in den amerikaniſchen Waldungen ein gewöhnliches Hilfsmittel. Da unſere Heldin dieſe kühne That oft ſchon allein ausgeführt hatte, ſo bedurfte ſie auch jetzt keines Beiſtandes, und nun, da ſie den Fluß hinter ſich, das Blockhaus aber vor ſich hatte— war ihr zu Muth, als ob die Gefahr ihrer kritiſchen Lage ſchon halb vorüber wäre. Joel hielt furchtlos Aug und Ohr auf das, was vor ihm vorfallen konnte, geheftet, und ging immer emſig voraus, bis er den Rand des Waldes erreicht hatte. Hier blieb er ſtehen, um ſeine Begleiter zu erwarten. Das Zwielicht war mittlerweile faſt ganz verſchwunden. Nur ſo viel war noch davon übrig, um Maud bemerken zu laſſen, daß 243 ihre Ankunft theils von den Fenſtern über dem Felsabhange, theils von verſchiedenen Punkten der Stockade aus von vielen Augen be⸗ wacht wurde. Die Entfernung war ſo unbedeutend, daß man ſich ſogar mit einiger Erhebung der Stimme hätte vernehmbar machen können; doch wäre dieß ein ſehr gewagter Verſuch geweſen, da um dieſe Stunde recht leicht einige feindliche Späher in ihrer nächſten Nähe lauern konnten. „Ich ſehe Nichts, Miß Maud,“ bemerkte Joel, nachdem er ſich ſorgfältig umgeſchaut hatte.„Folgen wir dem Pfad am Rande des Baches, ſo haben wir trotz ſeiner Krümmungen jedenfalls einen guten Weg, und ſind durch die Büſche halb gedeckt. Es iſt am Beſten, wir gehen raſch und ſchweigend.“ Maud hieß ihn vorangehen, und wartete ſelbſt hinter einem Baum, bis die beiden Männer ein Stückchen voraus waren. Kaum war dieß geſchehen, als ſich der Major ungeſehen an ihre Seite ſchlich. Beide wechſelten wenige Worte der Erläuterung, dann eilte das junge Mädchen ihren Führern nach, und Robert Willoughby blieb auf einem Baumſtamme ſitzen. Für Maud war es ein Augenblick athemloſer Spannung, wäh⸗ rend ſie über den offenen Landſtrich hineilte; allein die Entfernung war ſo klein, daß ſie dieſelbe bald hinter ſich hatte, und alle Drei ſich endlich am Fuße des Felſens befanden. Hier ging's am Brun⸗ nen vorüber, um den Felſen herum, und dann aufwärts bis zu dem Fuße der Stockade.— Jetzt blieb nur noch übrig, auch an dieſer vorbei zu kommen, um die kaum erſt eingehängten Thore zu erreichen. Während Mand raſch und ſo nahe, daß ſie mit dem Gewande beinahe an den Balken ſtreifte, an der Palliſade vorübereilte, ſah ſie in dem Dämmerlichte fünfzig Geſichter durch die Pfoſten heraus⸗ gucken und ihrer Bewegung folgen: ſie ſelbſt aber ſtand nicht ſtill, ſprach nicht, wagte kaum zu athmen. Tiefe Stille herrſchte im Blockhauſe; als Joel das Thor er⸗ reichte, ward dieſes augenblicklich geöffnet, und er glitt hinein. 16* 244 Nicht ſo Mike— er hielt ſtill und wartete, bis die Geſuchte und Gefundene eingetreten und ganz in Sicherheit war. Kaum hatte Maud das Thor paſſirt, ſo lag ſie auch ſchon in den Armen ihrer Mutter. Mrs. Willoughby hatte auf der Ecke des Felſens geſtanden, war ihrem Kinde in ſeinem raſchen Lauf um die Stockade gefolgt, und langte in demſelben Augenblicke mit ihr an, um ſie mit offenen Armen zu empfangen. Beulah kam zunächſt, und dann folgte der Kapitän, um ſeinen kleinen Liebling zu um⸗ armen, zu küſſen, und mit Thränen in den Augen auszuzanken. „Keine Vorwürfe, Hugh,“ bat die beſonnenere Gattin und Haus⸗ frau;„Maud hat nicht mehr gethan, als woran ſie ſchon lange ge⸗ wöhnt war, und Niemand konnte die heutigen Vorfälle vorherſehen.“ »Mutter— Vater,“ rief Mand, tief Athem holend—„laßt uns den lieben Gott preiſen für meine Rettung und für die Sicher⸗ heit aller Derer, die uns theuer ſind.— Ich danke Ihnen, theurer Mr. Woods— da haben Sie einen Kuß zum Danke. Jetzt laßt uns aber in's Haus gehen, ich habe Vieles zu erzählen. Kommen Sie, theurer Sir— komm, liebſte Mutter, wir dürfen keinen Augenblick verlieren, und wollen zuſammen in das Bibliothek⸗ zimmer gehen.“ Da die Familie in dieſem Zimmer ihre Andacht zu verrichten pflegte, ſo glaubten die Zuhörer, das aufgeregte Mädchen wolle dem Himmel auf dieſe in einer ſo geregelten Familie keineswegs ungewöhnliche Weiſe ihren Dank darbringen: Alle, die es wagen konnten, folgten mit zarter Theilnahme an ihrer Gemüthsſtimmung und voll Jubels über ihre Rettung. Sobald Maud das Zimmer erreicht hatte, verſchloß ſie die Thüre, und ging dann von Einem zum Andern, um ſich zu überzeugen, wer Alles da war. Da ſie außer Vater, Mutter, Schweſter und dem Kaplan ſonſt Niemand fand, ſo erzählte ſie augenblicklich Alles, was vorgefallen war, und zeigte die Stelle, wo der Major in dieſem Augenblicke auf das Signal zur Annäherung wartete. 245 Der Leſer mag ſich denken, welches Erſtaunen, welche Freude, aber auch welche Beſtürzung dieſe Nachricht verbreitete. Maud ſchilderte nun raſch den von ihr entworfenen Plan, und bat ihren Vater flehentlich, ihn augenblicklich ausführen zu laſſen. Der Kapitän hegte zwar keineswegs dieſelben Beſorgniſſe für die Treue ſeiner Leute, gab aber den ernſtlichen Bitten des Mädchens nach. Mrs. Willoughby war durch die unvorhergeſehenen Ereig⸗ niſſe dieſes Tages dermaßen bewegt, daß ſie dem Verlangen ihrer Tochter beiſtimmte, und man beſchloß, Maund ganz nach ihrem eigenen Sinne gewähren zu laſſen. Eine Lampe wurde gebracht, und von Maud in einer von den Speiſekammern aufgeſtellt, welche, gerade auf dem Flügel neben den Wirthſchaftsſtuben gelegen, ein einziges, langes, ſchmales Fenſter nach Außen hatte: die Kammerthüre wurde geſchloſſen. Dieſe Lampe war für den Major das Zeichen zur Annäherung, und mit pochenden Herzen beugten ſich die Frauen aus den Fenſtern — vor jeder Entdeckung geſichert, da die Nacht einſtweilen völlig über das Thal eingebrochen war— um auf die nahenden Tritte von unten zu horchen. Sie durften nicht lange warten, bis man den Major nicht nur hören, ſondern ſogar undeutlich ſehen konnte; dieß galt jedoch nur für die über ihm Befindlichen, denn für die ſonſtigen Bewohner des Blockhauſes war er gänzlich unſichtbar. Kapitän Willoughby hatte ein Seil zurecht geſchlungen, deſſen eines Ende hinabgelaſſen und von dem Major rings um den Körper gewunden wurde. Sein Zerren gab Denen oben das Zeichen, daß er fertig war. „Was iſt aber jetzt anzufangen?“ fragte der Kapitän halb verzweifelnd.„Woods und ich können doch den großen, ſchweren Jungen nicht ſo weit heraufziehen. Er iſt ſechs Fuß hoch und wiegt ſeine hundertachtzig Pfund ſo gut wie Eines.“ „Still,“ flüſterte Maud vom Fenſter herüber.„Es wird im Augenblicke Alles recht werden.“ Das Fenſter verlaſſend bat das — 4 † 4 4 1 246 bleiche, aber ernſte Mädchen ihren Vater nur um ein klein wenig Geduld.„Ich habe an Alles gedacht. Für Mike und die Schwarzen können wir mit dem Leben garantiren— ich will ſie rufen.“ Dieß geſchah, und der Leitrimer trat mit beiden Pliny's alsbald in's Zimmer. „O'Hearn,“ rief Maud in fragendem Tone,„nicht wahr, du biſt mein Freund?“ „Bin ich mein eigener? Und um Euch, Laddy, ſoll ſich's han⸗ deln? Nun, wollt Ihr vielleicht einen Zahn— nehmt lieber alle in meinem Kopf, ſtatt zu fragen. O, was wär' ich denn ſonſt für eine Beſtie! Ich wollte ja gerne Euch zu Gefallen mein Lebenlang mit nichts als einem Löffel eſſen.“ „Du, Plinius— du und dein Sohn hier, ihr habt uns von Kindheit auf gekannt. Nicht ein Wort kommt über eure Lippen von Allem, was ihr jetzt ſehet.— Kommt nun her und zieht, aber ſorgſam, damit der Strick nicht bricht.“ Die Männer thaten wie befohlen, und hoben die Laſt mit dem erſten Zuge ein paar Fuß vom Boden; auf dieſe Art näherte ſich⸗ letztere Schritt für Schritt, bis ſie dem Fenſter offenbar ganz nahe war. „Der Kapitän läßt die dicke Beſtie von einem Schwein herein⸗ hiſſen, um das Haus für eine Belagerung zu verproviantiren,“ flüſterte Mike den Negern zu, welche bei jedem Zuge furchtbar grinsten;„wenn das Thier grunzt, ſo ſehet zu, daß ihr nicht auch grunzet.“ In dieſem Augenblicke wurden Kopf und Schultern eines Mannes am Fenſter ſichtbar. Mike ließ das Seil fahren, griff nach einem Stuhl, und war im Begriff, den Ankömmling auf den Kopf zu ſchlagen, wenn nicht der Kapitän ſeinen Arm zurückgehalten hätte. „Es iſt ja einer jener landſtreicheriſchen Indianer, der das Schwein unterminirt hat, und nun ſtatt ſeiner gekommen iſt,“ brüllte Mike. 247 „Es iſt mein Sohn,“ gab der Kapitän mild zur Antwort; „ſeht darauf, daß ihr das Geheimniß wohl verſchweiget!“ Dreizehntes Kapitel. Der Ruhm— wie oft hat ſchon der Weiſe drob gelächelt! 's iſt Etwas— Nichts— ein leerer Schall: glaub' mir— Hängt mehr vom Autor ab, der ſeine Gunſt zufächelt, Als von dem Namen, den du läſſeſt hier. Homer'n dankt Troja, was dem Hoyle das Whiſt: Selbſt unſer Säkulum wollt' ſchon vergeſſen Des großen Marlborough's Kunſt im Püffemeſſen — Da kam Core, der Dechant und Biographiſt. Byron. Major Willoughby hatte kaum den Fuß in das Bibliothek⸗ zimmer geſetzt, als er ſich ſchon von ſeiner Mutter umſchlungen fühlte. Von ihr kam die Reihe an Beulah, und auch ſein Vater zauderte nicht, ihn faſt eben ſo warm an ſeine Bruſt zu drücken. Maud ſtand ſtumm daneben, und weinte Thränen der Theilnahme. „Und auch du, alter Mann,“ ſprach Robert Willoughby, ſich die Thränen aus den Augen wiſchend, zu dem älteren Schwarzen gewendet, dem er die Hand hinbot;„es iſt wahrlich nicht das erſte Mal, alter Pliny, daß du mich ſo zwiſchen Erd und Himmel ſchaukelteſt. Dein Sohn war mein ehemaliger Spielkamerad, und auch ihm muß ich jetzt die Hand ſchütteln. Unſer O'Hearn vollends— Stahl iſt nicht treuer als er, und wir ſind Freunde für's ganze Leben.“ Die Neger waren hoch erfreut, ihren jungen Herrn vor ſich zu ſehen, denn damals waren die Sklaven auf die Ehre, den Glanz und die Geltung ihrer Herrſchaft weit ſtolzer, als ihre freien Nachkommen es heut zu Tage auf ihre eigene Würde ſind. Der Major war noch als Knabe ihr Freund geweſen— jetzt war er 5 4 4 4 8 248 ihr Stolz und ihr Ruhm. Ihrer Anſicht nach gab's in der ganzen engliſchen Armee nicht ſeines Gleichen an Schönheit, Muth, krie⸗ geriſcher Geſchicklichkeit oder Erfahrung, und per se galt es für Verrath, gegen eine Sache, welche er vertheidigte, zu fechten. Der Kapitän hatte in dieſer Beziehung ſeiner Frau unter Lachen eine Unterredung erzählt, welche er kurz zuvor zwiſchen den beiden Pliny's mit angehört hatte. „»Nun, Miß Beuly geht's freilich ziemlich wohl,« bemerkte der Aeltere;„aber doch ging's noch beſſer, wenn er nicht das'merika⸗ niſche Kommando begleiten thäte. Was nennen du einen rechten Oberſt, he? Haben ein Papier von der König wie Maſter Bob, und tragen eine Uniform wie der Kamm eines wälſchen Kuters— nun? das erſt ſein ein ganzer Offizier.“ „Vielleicht, daß Miß Beuly den Obriſten'rumkriegen, ihm die Blaujacke aus⸗ und dafür einen Scharlachrock anziehen,“ meinte der Jüngere. „»Bewahre, Plin!— das niemals erleben bei einer Rebellution. 's iſt jetzt eine Rebellution geworden, und wenn das einmal im Ernſt anfangen, dann nur alle Gedanken an Verbeſſerung auf⸗ geben. Rebellutionen ſehen ſich alle ähnlich— nie ſehen zwei Seiten, ſo wenig als ein Farbiger an einer Rothhaut zwei Seiten gewahren.“ Wir waren nicht im Stande, dieſen Gedanken bis zu ſeinem erſten Urſprunge zu verfolgen, und ſo mag's leicht ſein, daß er das Original zu Napoleons berühmtem Ausſpruche war: daß näm⸗ lich„Revolutionen niemals rückwärts gingen.« Auf alle Fälle war's die Meinung von Pliny Willoughby, wie der Namensvetter des großen Römers ſich ſelbſt titulirte— eine Meinung, welche von Pliny Willoughby jun.— ſelbſt wenn wir Great und Little Smaſh, welche Beide dem Geſpräche zuhörten, nicht rechnen wollen— höchlich bewundert wurde. „Nun, um Miß Beuly's willen wünſche ich, Oberſt Bäckmann 249 wäre wenigſtens nur auch Korporal unter den königlichen Truppen. Beſſer Sergeant dort, als Briggerdir⸗Ginral bei der'mexikaniſchen Kompagnie— das weiß ich.“ „Was will das heißen, Plin, ein Briggerdir?“ fragte Little Smaſſß voll Neugierde.„Mit wem er halten Geſellſchaft, und was er thun? Geh, ſag einmal—'s gibt ſo viele Offiziere in der Armee, daß man nie all' die Namen behalten kann.“ „Mexikaner können keine haben. Zu arm dazu. Briggerdir großer Gentleum und tragen rother Rock. Früher ſehen ſie zu Hunderten auf Beſuch bei Maſter und Miſſes, und mit Maſter Bob ſpielen. O, in jenen Tagen kein Rebellution; Jedermann kennen ſein Geſchäft, und thun es auch.“ Dieß wird dem Leſer einen Begriff von den politiſchen An⸗ ſichten der Pliny's, ſo wie von der Richtung geben, welche die beiden Smaſhs in ſolcher Geſellſchaft annehmen mußten. Natürlich wurde der Major von dieſen ergebenen Bewunderern freudig bewill⸗ kommt, und als Maud ihnen abermals einige Worte über die Noth⸗ wendigkeit des Stillſchweigens zuflüſterte, ſchloß Jeder den Mund — an und für ſich ſchon keine gar leichte Operation— wie wenn er hinfort hermetiſch verſiegelt bleiben ſollte. Die Dienſtboten wurden nunmehr entlaſſen, und der Major blieb allein bei der Familie. Mrs. Willoughby umarmte ihren Sohn immer wieder von Neuem, und auch Beulah zeigte, daß die neuge⸗ knüpften Bande ihre Theilnahme für den Bruder nicht vermindert hatten. Sogar der Kapitän küßte ſeinen Jungen noch einmal, und Mr. Woods ſchüttelte dem ehemaligen Zöglinge abermals die Hand, und gab ihm ſeinen Segen. Nur Maud verhielt ſich paſſiv bei dieſem Auftritte der Rührung und der Freude. „Nun, Bob, jetzt zu Geſchäften,“ bemerkte der Kapitän, ſobald die Ruhe ein wenig hergeſtellt war.„Du haſt dieſe ſchwierige und gefährliche Reiſe nicht ohne Abſicht unternommen; wir ſelbſt be⸗ finden uns in einer etwas kritiſchen Lage, und je früher wir alſo 1 1 1 4 4 1 250 wiſſen, was du willſt, deſto weniger wirſt du Gefahr laufen, die rechte Wirkung zu verfehlen.“ „Das gebe der Himmel, theurer Vater, daß mein Auftrag die rechte Wirkung nicht verfehle!“ gab der Sohn zur Antwort „Aber iſt dieſe Bewegung im Thale nicht dringender, und bin ich nicht gerade recht gekommen, um an der Vertheidigung des Hauſes Theil zu nehmen?“ „Das wird ſich vielleicht in einigen Stunden zeigen. Alles iſt jetzt ruhig, und wird wahrſcheinlich bis gegen Morgen ſo bleiben— die indianiſche Taktik müßte ſich nur ganz und gar geändert haben. Die Burſche haben Lagerfeuer auf ihren Felſen angezündet, und ſcheinen wenigſtens für jetzt zur Ruhe geneigt. Auch weiß ich noch gar nicht, ob ſie überhaupt des Krieges halber ausgezogen ſind. Wir haben keine Indianer in unſerer Nähe, welche vorausſichtlich die Streitaxt ausgraben dürften, und dieſe Burſche treiben ein friedliches Gewerbe, ſo behauptete wenigſtens der Bote, den ſie an mich abſandten.“ „Sind ſie nicht in ihrer Kriegsbemalung, Sir? Ich erinnere mich noch, als Knabe ſolche Krieger geſehen zu haben, und meinem Glaſe nach haben dieſe Burſche ganz das Ausſehen von Wilden, die ſich, was man ſagt, auf dem Kriegspfade’ befinden.“ „Einige darunter ſind allerdings ſo gezeichnet, der aber, der nach dem Blockhauſe kam, war es nicht. Er behauptete, ihr Haufe ſei auf der Wanderſchaft nach dem Hudſon, um die wahren Ur⸗ ſachen der Zerwürfniſſe zu erfahren, welche zwiſchen ihrem großen engliſchen und ihrem großen amerikaniſchen Vater obwalteten. Er bat um Mehl und Fleiſch, um ſeine jungen Leute damit zu ſpeiſen. Das war der ganze Inhalt ſeiner Botſchaft. „Und Ihre Antwort, Sir; herrſcht jetzt Frieden oder Krieg zwiſchen beiden Parteien?“ „»Friede dem Namen, der That nach aber Krieg, ſo fürcht' ich; doch kann man's immer noch nicht wiſſen. Ein alter Soldat 7— u w 251 wie ich, der ſein Leben in den Gränzgarniſonen zugebracht hat, wird nicht allzuviel auf die Treue eines Indianers vertrauen. Wir ſind nun, Gott ſei Dank! Alle innerhalb der Stockade, und da wir Waffen und Munition in Fülle haben, ſo werden wir einem Sturme nicht ſo leicht unterliegen. Von einer Belagerung iſt gar nicht die Rede— wir ſind zu gut verproviantirt, um ſo Etwas zu fürchten.“ „Aber die Mühlen, die reifende Ernte, die Scheunen, ſelbſt die Hütten Ihrer Arbeiter ſind der Willkür dieſer Böſewichter preisgegeben!“ „Das läßt ſich nicht wohl vermeiden: wir müßten nur einen Ausfall machen, und ſie in offener Schlacht vertreiben. Dazu aber ſind ſie zu ſtark, neben dem, daß wir das Leben von Familienvätern gegen das von bloßen Landſtreichern, was dieſe Wilden vermuthlich ſind, unmöglich wagen können. Ich habe ihnen geſagt, ſie ſollen ſich nur ſelbſt zu Mehl und Korn verhelfen, wovon ſie in der Mühle einen genügenden Vorrath finden. Schweine gibt's in den Häuſern, und ein Reh haben ſie bereits fortgeſchleppt, das ich ſelbſt zu tran⸗ ſchiren gehofft hatte. Unſere Heerden ſtreifen bei gegenwärtiger Jah⸗ reszeit in den Wäldern umher, und ſind ſo ziemlich ſicher; aber die Scheunen und übrigen Gebäude können ſie allerdings abbrennen, wenn ſie's für gut finden— in dieſer Hinſicht ſind wir ihrer Gnade preisgegeben. Verlangen ſie erſt Rum oder Cider, dann wird die Sache zur Entſcheidung kommen, denn ſchlagen wir's ihnen ab, ſo werden ſie erbittert, und gewähren wir's auch nur in kleiner Quantität, ſo werden ſie ſich Alle darin berauſchen.“ „Ei, gäbe es da nicht eine gute Kriegsliſt, Willoughby!“ rief der Kaplan.„Wären ſie erſt tüchtig angetrunken, dann könnten ſich unſere Leute zu ihnen ſchleichen, und ihnen die Waffen wegnehmen. Betrunkene ſchlafen in der Regel ſehr feſt.“ „Das wäre vielleicht eine kanoniſche Art der Kriegführung, Woods,“ erwiederte der Kapitän lächelnd,„militäriſch aber wäre 4 H 1 1 1 † * „ 4 4 1 252 ſie nicht. Ich halte es für ſicherer, wenn ſie nüchtern bleiben, denn bis jetzt zeigen ſie keine ſehr feindſeligen Abſichten— doch davon können wir ſpäter ſprechen. Warum biſt du hier, mein Sohn, und zwar in dieſer Verkleidung?“ „»Den Beweggrund kann ich jetzt eben ſo gut, als ein ander Mal ſagen,“ antwortete der Major, Mutter und Schweſtern Stühle holend, während die Andern dieß Beiſpiel nachahmten, und Platz nahmen.„Sir William Howe hat mir Urlaub gegeben, um Sie zu beſuchen— faſt möcht' ich ſagen, er hat mich zu Ihnen beordert, denn unſere Angelegenheiten ſind nun auf einen Punkt gediehen, wo, wie wir glauben, jeder loyale Gentleman in Amerika ſich ge⸗ neigt fühlen ſollte, die Partie der Krone zu ergreifen.“ Eine allgemeine Bewegung unter den Zuhörern zeigte dem Major die Größe der Theilnahme, mit welcher Alle ſeinem Berichte ent⸗ gegenſahen. Er ſchwieg einen Augenblick, um die düſter ausſehende Gruppe um ihn her zu betrachten, denn der offenen Fenſter wegen waren keine Lichter im Zimmer, und ſchon aus Vorſicht mußte er leiſe ſprechen. »Aus dem Wenigen, was ich von Maud vernahm, muß ich ſchließen,“ fuhr er fort,„daß die zwei wichtigſten Ereigniſſe, welche in dieſem unglückſeligen Kampfe vorfielen, Ihnen noch unbekannt ſind.“ „Wir erfahren hier gar wenig,“ gab der Vater zur Antwort. „Ich habe gehört, daß Mylord Howe und ſein Bruder, Sir William, von Seiner Majeſtät zu Kommiſſären ernannt wurden, um alle Streitigkeiten zu ſchlichten. Ich kannte ſie Beide als junge Männer, und vorher ſchon ihren älteſten Bruder. Der ſchwarze Dick*), wie wir den Admiral zu nennen pflegten, iſt ein verſtän⸗ diger, wohlmeinender Mann— nur fürchte ich, Beide verdanken ihre Anſtellung mehr ihrer Verwandtſchaft mit dem Könige, als ſolchen Eigenſchaften, welche ſie am Beſten zur Unterhandlung mit den Amerikanern befähigten.“ *) Richard. 253 „Von der oben erwähnten Verwandtſchaft*) weiß man in der Armee nur wenig, und noch weniger wird davon geſprochen,“ erwie⸗ derte der Major;„doch, fürchte ich, iſt nur wenig Hoffnung vor⸗ handen, daß der Zweck ihres Amtes erreicht werden wird. Der amerikaniſche Congreß hat die Kolonien für völlig unabhängig von England erklärt, und ſoweit dieſes Land dabei betheiligt iſt, wird der Krieg jetzt zwiſchen Nation und Nation geführt. Die Unter⸗ thanentreue iſt ſelbſt dem Namen nach offen bei Seite geworfen!“ „Du ſetzeſt mich in Erſtaunen, Bob; daß es jemals ſo weit kommen könnte, hätte ich nicht geglaubt.“ „Ich dachte mir wohl, daß Ihre angeborene Anhänglichkeit eine ſo ſtarke Maßregel, wie dieſe, ſchwerlich billigen würde,“ ver⸗ ſetzte der Major, nicht wenig erfreut über die Entrüſtung, welche ſein Vater an den Tag legte.„Und dennoch iſt es geſchehen, Sir, auf eine Art geſchehen, welche einen Widerruf ſehr ſchwer macht. Wer uns jetzt Widerſtand leiſtet, thut dieß, um jede Verbindung mit England gänzlich abzubrechen.“ „Hat Frankreich ſeine Hand dabei im Spiele, Bob? Ich muß geſtehen, es befremdet mich, und ſieht den Franzoſen ganz ähnlich.“ „Eben dieß hat ſchon viele unſerer achtbarſten Feinde in unſere Arme zurückgeführt, Sir. Wir haben Sie nie als einen offenen Feind betrachtet, nur zu viele Neigung gegen uns mußten wir Ihnen unglücklicher Weiſe zuſchreiben.— ‚Aber eben das wird *) Die Mutter der drei in der amerikaniſchen Geſchichte ſo wohl bekannten Lords Howe— nämlich Georgs, der im Kriege'56 vor Ticonderoga fiel; Richards, des berühmten Admirals und Helden vom erſten Juni, und Sir Williams, des ſechsten und letzten Viscounts, welcher mehrere Jahre die Stelle eines kommandirenden Generals in Amerika begleitete— war eine Gräfin Kiel⸗ mannsegge, eine natürliche Tochter Georgs 1., wie man allgemein vermuthete. Auf dieſe Art wären dieſe drei Offiziere Vettern erſten Grads zu Georg II., und Georg III. wäre ihr Großneffe a la mode de Bretagne. Walpole und verſchiedene andere eng⸗ liſche Geſchichtſchreiber ſprechen offen nicht allein von dieſer Verwandtſchaft, ſondern auch von der Familienähnlichkeit, ja die Mehrzahl der ſchwatzhaften Schriftſteller jener Zeit ſcheint zuzugeben, daß Lord Howe der Enkel des erſten engliſchen Sou⸗ veräns aus dem braunſchweigiſchen Fürſtenhauſe war. 3 6 254 auch Sir Hugh beſtimmen“, ſagte der kommandirende General, als er ſeine Audienz mit mir ſchloß— Sie wiſſen vermuthlich, mein theurer Vater, daß alle Ihre alten Freunde, nachdem ſie Sir William's Tod erfahren, darauf beſtanden, Sie ‚Sir Hugh“ zu nennen? Ich kann Sie verſichern, daß nie ein Wort davon über meine Lippen kommt, und dennoch trank Lord Howe das letzte Mal, als ich bei ihm zu ſpeiſen die Ehre hatte, an ſeiner Tafel und vor allen Gäſten auf die Geſundheit Sir Hugh Willoughby's.“ „Dann wirſt du das nächſte Mal, wenn er dich wieder mit einer Einladung beehrt, ſo gut ſein, Bob, und ihm dafür danken. Ich brauche keine leere Baronetswürde, und denke auch nie daran, nach England zurückzukehren, um mein Leben dort zu beſchließen. Wenn ich auch Alles, was ich auf Erden beſitze, zuſammentrom⸗ melte— es würde kaum ſo viel ausmachen, als bei dem jetzigen extravaganten Geſellſchaftszuſtande ein gewöhnlicher Gentleman bedarf, und was ſoll da der bloße Name für einen Mann in ſolchen Umſtänden? Ich wollte, der Titel ließe ſich nach der alten ſchottiſchen Mode übertragen: du wäreſt dann Sir Bob, noch ehe du heute Abend ſchlafen gingeſt.“ „Aber, Willoughby, für Robert könnte es doch von Nutzen ſein, und warum ſollte nicht er den Titel haben, da weder du noch ich uns Etwas daraus machen?“ fragte die ſorgſame Mutter. „So mag er ihn denn haben, meine Theure, nur muß er erſt ein Ereigniß abwarten, welchem du, wie ich glaube, nicht mit großer Ungeduld entgegen ſiehſt— meinen Tod nämlich. Bin ich nicht mehr bei euch, dann laßt ihn Sir Robert ſein, es ſoll mich freuen. Aber ſage, Bob,— denn Bob, einfach und ſchlechtweg, mußt du bis dahin ſchon noch bleiben, wenn du dir nicht etwa in dieſem unglücklichen Kriege die Sporen verdienſt — ſage, Bob, haſt du keine militäriſchen Nachrichten für uns 2 255 Seit der Ankunft der Flotte an der Küſte iſt uns nichts mehr zu Ohren gekommen.“ „Wir ſtehen in New⸗York, nachdem wir Waſhington nach Long Island geworfen haben. Die Rebellen“— der Major ſprach jetzt etwas zuverſichtlicher, als er bisher gethan hatte—„die Rebellen haben ſich in's Hochland gegen die Gränze von Connecticut zurückgezogen, wo ſie die Neſter der eingefleiſchten Mißvergnügten in ihrem Rücken haben.“ „Und iſt das Alles ohne Blutvergießen vor ſich gegangen? Waſhington war ein ganzer Soldat— wenigſtens früher im franzöſiſchen Kriege.“ „An ſeinen Fähigkeiten zweifelt Niemand, Sir; dafür aber halten ſich ſeine Leute um ſo erbärmlicher. Ich ſchäme mich in der That manchmal, in dieſem Lande geboren zu ſein. Dieſe Yankee's fechten mehr wie zankſüchtige Weiber, als wie Soldaten.“ „Wie kommt das!— Du ſprachſt doch mit Anerkennung von der Affaire bei Lexington, und ſchriebſt uns einen freimüthigen Bericht über den mörderiſchen Kampf auf Bunkershill. Haben ſich denn ihre Naturen mit der Jahreszeit verändert 2* „Die Wahrheit zu geſtehen, Sir, ſie thaten Wunder bei Bun⸗ kershill, und auch bei der andern Affaire hielten ſie ſich nicht übel — aber jetzt ſcheint aller Geiſt verflogen: ich ſchäme mich wahrlich, es zu ſagen. Vielleicht daß dieſe ſogenannte Unabhängigkeits⸗ erklärung ihre Hitze dämpfte.“ „Nein, mein Sohn; wenn eine Veränderung vorging, ſo beruht ſie auf einem allgemeinen Naturgeſetze. Nur durch Mannszucht und lange Dreſſur wird man Soldaten dazu bringen, einen Feldzug in offenem Kampfe mit Ehren durchzufechten. Väter und Gatten, Brüder und Verliebte ſind im Angeſichte ihrer eigenen Kaminſpitzen ſtets furchtbare Gegner; aber in einem langen Kampfe fechten die⸗ jenigen Regimenter, in welchen die Peitſche am Meiſten gehandhabt wird, immer am Beſten, wie wir zu ſagen pflegten. Doch nimm 1 1 * 1 256 dich wohl in Acht, Bob: du bekleideſt jetzt einen Rang, wo dn leicht ein beſonderes Kommando bekommen könnteſt, und da darfſt du deinen Feind ja nicht verachten. Ich kenne dieſe Jankee's; du ſelbſt biſt Einer, doch nur vom Halbblut— ich kenne ſie wohl, und habe ſie oft im Kampfe geſehen. Sie haben meiſt ſchlechte Anführer, denn der Himmel ſtraft ſie in dieſer Woche mehr als in jeder andern für ihre Sünden; aber laß ſie nur erſt recht dran kommen, und die Garden werden's bei ihnen ſo heiß finden, als ſie nur immer wünſchen können. Woods wird dir darauf ſchwören.“ »Abgeſehen von der Form der Bekräftigung, habe ich gegen die Sache ſelbſt Nichts einzuwenden, mein theurer Sir. So ſehr ich auch geneigt bin, dem Kaiſer' ſein Recht widerfahren zu laſſen, und dem Geſalbten des Herrn alle Ehre zu erweiſen, ſo will ich doch meinen Landsleuten ihren Muth nicht ſtreitig machen, und glaube, Willoughby, wenn ich mir jetzt die alten Zeiten zurückrufe — daß die Mode unſerer Offiziere, hievon zu ſprechen, doch etwas zu unehrerbietig war.“. 3 „»Das war ſie auch in der That,“ erwiederte der Kapitän nach⸗ denklich—„traun eine thörichte Mode. Sie hielten in ihrer Ver⸗ blendung ein ſanftes, friedfertiges Volk für furchtſam, weil es nichts von dem Glanz und den Gewohnheiten eines kriegeriſchen Lebens wußte, und ich habe aus dieſem Grunde häufig ſogar die Rekruten in den Kolonien mit Verachtung von deren Bewohnern reden hören. Braddock beſaß dieſen Fehler in hohem Grade, und doch war's eben jener Major Waſhington, der ſeine Armee vor Vernichtung rettete, als es nun wirklich zum verzweifelten Kampfe kam. Glaube der Verſicherung eines viel älteren Soldaten, als du ſelbſt biſt, Bob: ihr mögt mehr äußeren Prunb beſitzen, und einen militäriſcheren Anblick gewähren, ihr mögt durch höhere Disciplin, beſſere Waffen und genauere Kombinationen ſogar Vortheile über ſie erringen: gerathet ihr aber erſt einmal recht an einander, dann verlaß dich darauf, ihr werdet gefährliche Feinde vor euch finden, welche ſich 257 leichter und ſchneller, als jede andere Nation, die ich kenne, zu guten Soldaten bilden laſſen. Ihr Hauptfehler, der ſie wohl nie verlaſſen wird— iſt der, daß ſie ihre Offiziere meiſtens aus ſolchen Ständen wählen, welche nicht vom wahren kriegeriſchen Stolze beſeelt ſind, und durchaus nicht diejenigen Eigenſchaften beſitzen, die zu einer ächt militäriſchen Erziehung gehören.“ Der Major hatte nichts Weſentliches hiegegen einzuwenden, und da er ſich erinnerte, daß die ſtumme, aber nachdenkliche Beu⸗ lah einen Gemahl in jenen rebelliſchen Reihen, wie er ſie nannte — hatte, ſo gab er dem Geſpräch eine andere Wendung. Es wurden nun die nöthigen Anſtalten getroffen, um den un⸗ verhofften Gaſt in aller Behaglichkeit und Verborgenheit im Hauſe zu beherbergen. An das Bibliothekzimmer ſtieß ein Gemach, das mit dem Hofe weder durch Thüren, noch durch Fenſter in direkter Verbindung ſtand— ein kleines, abgelegenes Stübchen mit einem Feldbette, deſſen ſich der Kapitän zu bedienen pflegte, ſo oft ſeine Frau wegen Unwohlſeins eine ihrer Töchter um ihrer ſelbſt oder um jener willen— bei ſich zu haben wünſchte. Dieſes Stübchen wurde nun dem Major eingeräumt; hier durfte er vor jeder Art von Störung ſicher ſein. Speiſen konnte er nöthigenfalls im Bibliothekzimmer; da übrigens alle Fenſter auf dieſem Flügel nach Außen gingen, ſo war nicht leicht zu fürchten, daß er von Jemand Anderem, als von der gewöhnlichen Diener⸗ ſchaft geſehen werden würde; dieſe mußte ohnedieß ſammt und ſonders in das Geheimniß ſeiner Gegenwart eingeweiht werden, da ſie mit Recht für völlig vertrauenswürdig gelten konnte. Da die Nacht völlig finſter zu werden verſprach, ſo beſchloſſen die Herren unter ſich, daß der Major ſich noch unkenntlicher machen und dann, ſobald die in den leeren Gemächern des Hauſes zuſam⸗ mengedrängten Koloniſten von ihren Nachtlagern Beſitz genommen hätten— in ſeines Vaters und des Kaplans Geſellſchaft eine Re⸗ kognoscirung außerhalb des Blockhauſes vornehmen ſollte. In der Wyandotts. 17 258 Zwiſchenzeit wurde für den Wanderer ein herzhaftes Abendeſſen im Bibliothekzimmer hergerichtet, nachdem man zuvor die kugel⸗ feſten Fenſterläden dieſes, ſowie aller übrigen Zimmer jenes Flü⸗ gels geſchloſſen hatte, um Lichter anſtecken zu können, ohne die feindlichen Kugeln aus dem anſtoßenden Forſte fürchten zu müſſen. „Wir ſind hier völlig ſicher,“ bemerkte der Kapitän, während der Major mit der ganzen Behaglichkeit eines müden Wanderers ſeinen Hunger befriedigte.„Sogar Woods könnte in einem ſo feſten und mit Stockaden verſehenen Hauſe eine Belagerung aus⸗ halten. Jedes Fenſter hat ſolide, kugelfeſte Läden, deren Eiſenbänder nicht ſo leicht brechen werden, und das Gebälke könnte beinahe Ka⸗ nonenkugeln Trotz bieten. Die Thore ſind an ihrer Stelle, mit Ausnahme eines Flügels, und auch dieſer füllt ſo ziemlich ſeine Lücke und iſt wohl geſtützt und geſtemmt: morgen ſoll auch er gleich den übrigen eingehängt werden. Die Stockade iſt vollſtändig — kein faules Stückchen Holz in der ganzen Umfaſſung. Eine Wache von zwölf Mann muß die ganze Nacht aufbleiben und drei Schildwachen außerhalb des Gebäudes aufſtellen: wir Alle ſchlafen in unſern Kleidern und unter den Waffen. Sollte ein Angriff gemacht werden, ſo iſt mein Plan dieſer: wir ziehen die Schildwachen ein, ſobald ſie ihre Gewehre abgefeuert haben, ſchließen die Thore und bemannen die Schießſcharten; letztere ſtehen alle offen, und Reſerve⸗ Gewehre ſind überall vertheilt. Ich habe dieſes Frühjahr auf dem Rücken des Daches einen Gang anlegen laſſen, auf welchem man im Falle eines Verſuchs, die Dachſchindeln anzuzünden, rings in⸗ nerhalb des Blockhauſes herumgehen, oder, wenn der Feind an der Stockade ſteht, über den Kamm auf ihn feuern kann. Dieß iſt eine große Verbeſſerung, Bob, und da der Gang tüchtig mit Bruſtlehnen verſehen iſt, ſo wird er bei einem warmen Kampfe einen kapitalen Po⸗ ſten abgeben, ehe der Feind den Weg über die Stockade gefunden hat.“ „Wir müſſen verſuchen, ihn nicht ſo weit kommen zu laſſen, Sir,“ erwiederte der Major.„Sobald übrigens die Leute in ihren 6.4 en, 259 Zimmern ſind, will ich die Gelegenheit zu einer Rekognoscirung benützen. Arbeit im Freien iſt am meiſten nach dem Geſchmack von uns Regulären.“ „Nur nicht wenn ein Indianer der Feind iſt. Du wirſt noch froh ſein an einer ſolchen Veſte, Knabe, noch ehe die Frage wegen der Unabhängigkeit oder Nichtunabhängigkeit entſchieden ſein wird. Hat ſich Waſhington in der Stadt nicht auch verſchanzt?« „Nicht viel auf dieſer Seite des Waſſers, Sir; auf Long Is⸗ land aber ſteckte er nicht übel im Boden. Dort hatte er viele tauſend Menſchen und Werke von ziemlicher Ausdehnung.“ „Und wie kam er von der Inſel weg?“ fragte der Kapitän, ſich umwendend, um ſeinem Sohne in's Geſicht zu ſehen.„Die Meerenge iſt an jenem Punkt eine volle halbe Meile breit: wie konnte er im Angeſichte einer ſiegreichen Armee darüber ſetzen? — oder war's ihm nur darum zu thun, ſich ſelbſt zu retten, wäh⸗ rend ihr ſeine Truppen gefangen nahmt?“ Der Major wurde ein bischen roth, ſah dann Beulah an und lächelte gutmüthig. „Ich bin hier ſo von Rebellen umringt,“ ſagte er,„daß es nicht leicht iſt, auf alle Ihre Fragen zu antworten, Sir. Geſchlagen haben wir ihn, das iſt keine Frage, und zwar erlitt ſeine Armee bedeutenden Verluſt— und aus New⸗York haben wir ihn auch ver⸗ trieben, darüber iſt wiederum keine Frage: aber weiter zu erzählen — nein, nein, ich will Beulahs Beſorgniſſe nicht noch vergrößern!“ „Wenn du mir etwas Freundliches von Evert zu erzählen weißt, Bob, ſo wirſt du wie ein lieber Bruder an mir handeln,“ verſetzte die anmuthige Frau. „Ei, Beekman ſoll ſich brav gehalten haben. Einen Angriff, den er machte, hörte ich von einigen Offtzieren ſehr eifrig heraus⸗ ſtreichen, und ehrlich geſtanden, ich freute mich, ſagen zu können, daß er meiner Schweſter Gatte ſei, da ſie nun doch einmal einen wilden Rebellen zum Manne haben wollte. Alle unſere Nachrichten 17 260 über ihn gereichen ihm zur Ehre— und nun will ich mir für meine Mühe auch einen Kuß holen.“ Der Major hatte es recht getroffen. Mit ſchwellendem Herzen und lächelnder Miene warf ſeine Schweſter ſich ihm in die Arme — er küßte und wurde wieder geküßt, bis ihr die Thränen über die Wangen ſtrömten. „Ich wollte eigentlich von Waſhington reden,“ begann der Major auf's Neue, indem er ſich die Thränen aus den Augen wiſchte, während Beulah ihren Sitz wieder einnahm.„Sein Rück⸗ zug wird als meiſterhaft geprieſen und hat ihm vielen Ruhm er⸗ worden. Er leitete ihn in eigener Perſon, ohne einen Mann da⸗ bei zu verlieren. Ich hörte, wie Sir William ſelbſt jenes Ma⸗ növer einen Meiſterſtreich nannte.“ „Beim Himmel, dann wird Amerika in dieſem Kampfe den Sieg davon tragen!“ rief der Kapitän, mit der Fauſt ſo gewaltig auf den Tiſch ſchlagend, daß alle Anweſenden betroffen auffuhren. „Wenn das Land einen General beſitzt, der ein ſolches Manöver mit Geſchick auszuführen verſteht, dann iſt's mit Englands Herr⸗ ſchaft zu Ende. Hört Ihr, Woods, Xenophon hat nie etwas Beſ⸗ ſeres vollbracht; der Rückzug der Zehntauſend war Kinderſpiel gegen dieſen Uebergang über's Waſſer. Ueberdieß kann euer Sieg nicht bedeutend geweſen ſein, Bob, ſonſt würdet ihr ihn nimmer⸗ mehr erfochten haben.“ „Unſer Sieg war ehrenvoll, Sir, der Rückzug aber groß, das muß ich ſelbſt zugeben. Niemand unter uns läugnet es, und Waſhingtons Name wird in der Armee ſtets mit Achtung genannt.“ Eine Minute ſpäter trat die dicke Smaſh in's Zimmer, dem Vorwande nach, um die Tiſche abzuräumen, eigentlich aber, um Maſſer Bob zu ſehen und von ihm bemerkt zu werden. Sie war eine Sechzigerin und Little Smaſhs Mutter, welche ſelbſt eine ehr⸗ bare Matrone von vierzigen vorſtellte: Beide ſtammten aus dem Haushalte von Mrs. Willoughby's Vater, und beſaßen in der That 261 größere Anhänglichkeit an die Kinder des Hauſes, als an ihre eigenen, obwohl keine von den Zweien es an der gehörigen Frucht⸗ barkeit hatte fehlen laſſen. Ihre Spitznamen waren allgemein ge⸗ bräuchlich, und ihre wirklichen— Beß*) und Mari'— ſo ziemlich veraltet. Gleichwohl hielt es der Major für höflicher, bei gegen⸗ wärtiger Veranlaſſung den letzteren zu gebrauchen. „Auf mein Wort, Mrs. Beß,“ begann er, und ſchüttelte der alten Frau herzlich die Hand, wogegen er vor einem Paar unmäßig aufgeworfener Lippen inſtinktartig zurückbebte, welche ihn zwanzig Jahre früher wohl öfter begrüßt hatten—„auf mein Wort, Mrs. Beß, du wirſt mit jedem Male ſchöner, ſo oft ich dich ſehe. Das Alter und du ſcheinen einander völlig fremd zu ſein. Wie fängſt du's nur an, daß du dich ſo jung und hübſch erhältſt.“ „Gott geben das Erſt', Maſſer Bob, Himmel ſei Dank! und ein gut Gewiſſen machen das Zweit'. Ich wünſchte, Ihr könn⸗ ten alten Plin das hören laſſen! Er jetzund niemals glauben, ein alt Menſch noch gut ausſehen.“ „Pliny iſt halb blind. So machen's aber die meiſten Ehemän⸗ ner, Smaſh; nach wenigen Jahren des Eheſtandes werden ſie blind für die Reize ihrer Frauen.“ „Niemals heirathen, Maſſer Bob, wenn das der Fall ſein.“ Dieſe Worte begleitete Great Smaſh mit einem ſolchen Ge⸗ lächter und Wackeln ihres ſchwerfälligen Körpers, daß man ſie jeden Augenblick umfallen zu ſehen fürchten mußte.— Doch dieß geſchah keineswegs: ſie behauptete ihr Gleichgewicht, denn ſo ſehr ſie auch ihr Leben lang wegen ihrer Verheerungen unter Tellern, Taſſen und Schüſſeln berühmt geweſen war, ſo hatte man ſie doch nie ihren eigenen Schwerpunkt verlieren ſehen. Der Major ſchüttelte ihr nochmals herzlich die Hand, und ſtand dann vom Tiſche auf. Wie gewöhnlich bei allen großen, freudigen Familienfeſten, wo Lieschen. D. u. — 1 † † —— die Rührung bis in die Küche hinabreichte, zeichnete ſich auch dieſer Abend durch einen großen„Smaſh“ aus, welchem die Hälfte des kaum abgetragenen Geſchirres unwiederbringlich als Opfer fiel. Dieß veranlaßte wieder einen hitzigen Streit zwiſchen der„Großen“ und der„Kleinen“, wer eigentlich die Schuldige ſei, und endete, wie dieß bei ſolchen Unterſuchungen häuslicher Unfälle häufig ge⸗ ſchieht— mit der Bemerkung, daß eigentlich„Niemand“ Tadel verdiene. „Wie nur glauben, er können zurückkommen, ohne daß ein Teller zerbrechen!“ rief Little Smaſh in rechtfertigendem Tone, denn ſie war eigentlich die Schuldige.„Und gar noch mit dem Drehhaſpel heraufgewunden! Du lieber Himmel! das allein ge⸗ nug, um alle Schüſſeln hier und in der Mühle obendrein zu zerwettern! Ich wollte, jeder Teller, den wir haben, wäre ein Intſchjön)— dann ſollen'mal den Allerweltsſpaß ſehen! Kann niemals leiden Intſchjön— alle ſo roth und wild!“ „Sprechen jetzt nicht von Intſchjön,“ bemerkte die Mutter unwillig; ſprechen lieber von Teller. Das machen vierzigtauſend Schüſſeln, du zerbrechen, Mari', ſeit du ein junges Mädel ſein. Vermuthlich glauben, Maſſer von Silber, daß ſo zuſammenwettern! Dat auch alter Plin ſagen— der Negger. Er ſagen, alle Menſchen aus Thon gemacht— und Teller auch aus Thon gemacht— gut, Beid' Thon und Beid' brechen. Wir Alle Geſchirr, und wir Alle eines Tags in Stücken gehen, und dann uns gleichfalls wegwerfen!“ Ein allgemeines Gelächter folgte dieſer Anſpielung auf unſere Sterblichkeit, wie denn Great Smaſß ſolche geiſtlichen Anmerkungen überhaupt ungemein liebte— dann aber begann der Krieg wegen des zerbrochenen Geſchirrs von Neuem. Auch nahm er ſobald noch kein Ende, denn Zanken, Lachen, Singen, Arbeiten, Alles mit einer Zärtlichkeit, einem Frohſinn, der keine ernſten Sorgen kannte— dieß bildete das Alltagsleben dieſer halbeiviliſirten Weſen. *) So, nur etwas zarter, ſpricht der Engländer das Wort„Indianer“. D. U. 263 Die Erſcheinung der Wilden im Thale gab übrigens Veran⸗ laſſung zu einer Epiſode, denn ein Neger ſieht auf einen Einge⸗ borenen ganz ebenſo de haut en bas herunter, wie der Weiße dieß gegen den ſchwarzen Stamm gewohnt iſt. In dieſe Verachtung miſchte ſich aber auch ſehr lebhafte Furcht, denn weder die Pliny's, noch ihre liebenswürdigen Gefährtinnen konnten ohne Zagen daran denken, daß ſie ſich ihre Wollenköpfe mit ſo ſcharfen Scheeren, wie die Skalpirmeſſer, abſcheeren laſſen ſollten. Nach ziemlich langer Berathung kam die Küche in dieſer Sache endlich auf den Schluß, der Beſuch des Majors ſei von der Vorſehung angeordnet, da es denn doch gegen alle Wahrſcheinlichkeit und Praxis wäre, wenn einige halbnackte Wilde über„Maſter Bob“ den Sieg davon trü⸗ gen, ſintemalen er ein geborener Soldat ſei, und erſt neulich für den König gefochten habe. In letzterer Beziehung hätten wir ſchon früher bemerken ſol⸗ len, daß des Kapitäns Küche eigentlich ultraloyal war. Die rohen, einfältigen Weſen, die ſie in ſich beherbergte, hegten vor Rang und Macht eine Ehrfurcht, welche das königliche Anſehen in ihrem Geiſte geradezu mit göttlicher Gewalt bekleidete, und ſelbſt durch eine„Rebellution“ nicht zu zerſtören war. Zunächſt nach ihrem eigenen Herrn betrachteten ſie Georg III. als den größten Mann des Jahrhunderts, und fühlten daher durchaus keine Luſt in ſich, ihn ſeiner Rechte oder Ehren zu berauben. „Ihr ſcheint nachdenklich, Woods,“ bemerkte der Kapitän, nach⸗ dem ſich Robert auf ſein Zimmer zurückgezogen hatte, um eine Verkleidung anzulegen, welche weniger als ſein bisheriges Jagdhemd die Aufmerkſamkeit der Beſatzung auf ſich ziehen ſollte.„Iſt es etwa Bobs unerwarteter Beſuch, der Eure Gedanken beſchäftigt?“ „Nicht ſowohl ſein Beſuch, mein theurer Willoughby, als die Neuigkeiten, die er uns mitbringt. Gott weiß, was das Loos der Kirche ſein wird, wenn dieſe Rebellion einen ernſtlichen Anſtrich gewinnt. Das Land iſt ohnedem ſchon, was Religion betrifft, in 4 4 264 einer ſchrecklichen Lage, und Alles müßte noch ſchlimmer werden, wenn dieſe ‚pſalmodirenden Heuchler’ die Oberhand über die Re⸗ gierung gewännen.“ „Fürchtet nichts für die Kirche, Kaplan,“ erwiederte der Ka⸗ pitän lachend, nachdem er eine Weile ſchweigend nachgeſonnen. „Sie ſtammt von Gott, und wird wohl hundert politiſche Revo⸗ lutionen überleben.“ „Das weiß ich nicht, Willoughby; das weiß ich denn doch nicht.“ — Der Kaplan meinte es nicht gerade ſo, wie er's ſagte.—„Es ſollte mich gar nicht Wunder nehmen, wenn die Ausdrücke— „Sammlungen veranſtalten⸗— ‚unter der Zucht der Predigt wohnen⸗—, die Vorſicht ließ es geſchehen⸗— „geübt im Geiſte⸗— und,unſer Zion⸗— bald auch den Weg in unſere Wörterbücher fänden.“ „O, höchſt wahrſcheinlich, Woods,“ verſetzte der Kapitän lä⸗ chelnd.„Die Freiheit zieht, wie bekannt, große Aenderungen in Sachen nach ſich, warum alſo nicht auch in der Sprache?“ „Freiheit, ſo, ſo! Ja— Freiheit im Beten“— das iſt auch eine von ihren Phraſen. Sehr Ihr alſo, Kapitän Willoughby?— wenn dieſe Rebellion obſiegt, dann dürfen wir alle Hoffnung für die Kirche aufgeben. Was glaubt Ihr denn, Sir, was für eine Art von Regierung werden wir wohl bekommen?“ 3 „Eine republikaniſche natürlich,“ gab der Kapitän zur Antwort, indem er abermals nachdenklich wurde, während er die wichtigen Reſultate im Geiſte erwog, welche rein nur von dem jetzigen. Stande der Dinge abhingen—„eine republikaniſche— es kann für uns keine andere geben. Die Kolonien neigten ſich ohnedieß ſchon ſtark nach dieſer Richtung, und zu einer Monarchie fehlt's ihnen an den nöthigen Elementen. New⸗York beſitzt zwar begü⸗ terten Landadel; ſo auch Maryland, Virginien, und die beiden Karolina's: er iſt aber nirgends mächtig genug, um eine politiſche Ariſtokratie einführen, oder gar einen Thron ſtützen zu können— — 265 und dann wird dieſer Adel durch den Krieg auch ſehr geſchwächt werden. Die Hälfte der vornehmen Familien hält es bekanntlich bis jetzt mit der Krone, und dieſe werden bei einer Revolution von neuen Emporkömmlingen verdrängt werden. Nein, nein, Woods; trägt die Revolution den Sieg davon, ſo iſt's mit der Monarchie in Amerika auf ein volles Jahrhundert wenigſtens zu Ende.“ „Und das Gebet für den König und die königliche Familie— was wird denn daraus werden?“ „Ich denke, es muß gleichfalls aufhören. Ich frage— wird wohl ein Volk noch lange für eine Obrigkeit beten, welcher es den Gehorſam verweigert?“ „Ich werde meiner Liturgie treu bleiben, ſo lange ich noch eine Zunge im Munde führe. Ich hoffe, Willoughby, Ihr wer⸗ det dieſe Gebete in Eurer Kolonie nicht aufhören laſſen?“ „Auf dieſe Art möchte ich am allerwenigſten meine Feindſelig⸗ keit an den Tag legen. Doch heißt es etwas zu viel verlangt— das müßt Ihr ſelbſt zugeben— wenn eine Gemeinde bitten ſoll: Herr, gib dem König Gewalt über ſeine Feinde, während ſie ſich ſelbſt unter dieſen Feinden befindet! Die Frage bringt uns in Verlegenheit.“ „Und doch habe ich dieſes Gebet, ſowie die übrigen, noch niemals ausgelaſſen, und Ihr habt bis jetzt keine Einwendung erhoben.“ „Allerdings, und zwar weil ich glaubte, der Krieg gelte dem Parlament und den Miniſtern, während er jetzt offenbar gegen den König gerichtet iſt. Dieſes Papier iſt doch gewiß ein deut⸗ liches und eindringliches Dokument?“ „Und was iſt's für ein Papier? Hoffentlich nicht das Weſt⸗ minſter⸗Glaubensbekenntniß oder die Saybrook'ſche Kirchenord⸗ nung; eine von beiden wird ganz gewiß die neununddreißig Ar⸗ tikel*) in allen unſern Kirchen verdrängen, ſobald dieſe Rebellion den Sieg davonträgt.“ „Es iſt das Manifeſt des Kongreſſes, worin er ſeine Unab⸗ *) Die Glaubenſätze der engliſchen Hochkirche. D. U. 1 † 4 1 4 4 6 hängigkeitserklärung rechtfertigt. Bob hat es mitgebracht, als einen Beweis, wie weit die Sachen ſchon gediehen ſind; es ſcheint aber in der That ein anſtändig gehaltenes, beredt abge⸗ faßtes Dokument zu ſein.“ „Ich ſehe ſchon, wie's ſteht, Willoughby; ich ſehe, wie es ſteht. Wir werden in Kurzem einen Rebellen⸗General in Euch ſehen, und können's noch erleben, Euch von ‚unſerem Zion’ und von den ‚Zufällen der Vorſehung' reden zu hören.“ „Nimmermehr, Woods. Zum Erſteren bin ich zu alt, und für das Letztere beſitze ich denn doch zu viel Geſchmack. Ob ich immer für den König beten werde, iſt eine andere Frage.— Doch d kommt der Major; er ſteht zur Rekognoscirung bereit, und üf mein Wort: ſeine Verkleidung iſt ſo täuſchend, daß ich ihn ſelbſt kaum erkenne.“ Vierzehntes Kapitel. Nicht Raſt, nicht Ruh' fand er bei Nacht Im Zelte, bis der Tag erwacht: Er ging hinab, wo auf dem Sand Die Schläfer deckten weit den Strand. Belagerung von Korinth. Es war jetzt ſo ſpät, daß die meiſten Männer und ſämmt⸗ liche Weiber und Kinder der Kolonie ihr Unterkommen für die Nacht gefunden hatten, wenn anders ein neuer Allarm nicht eine Störung brachte. Der Major hatte demnach in ſeiner jetzigen Vermummung nur wenig zu fürchten, ſobald er ſich hütete, einem Lichte nahe zu kommen. Die große Zahl dieſer letzteren, welche durch die Fenſter des weſtlichen Flügels ſchimmerte, verrieth die ungewöhnliche Menge der dort verſammelten Bewohner, und gab dem Ganzen einen Anſtrich außerordentlicher Belebtheit. Der Hof war übrigens leer: die Männer ſuchten ihre Pritſchen in ihrem Anzuge, völlig bereit für die kommende Wache; die Frauen waren 267 mit jener großen Sorge in dem Leben eines Weibes— nämlich mit der für ihre Kinder, beſchäftigt. Der Kapitän, der Major und der Kaplan, Jeder mit einer Büchſe, die beiden Erſten auch mit Piſtolen bewaffnet, gingen raſch über den Hof und traten durch das Thor. Der bewegliche Flügel war nicht zugeriegelt, denn der Kapitän hatte den außen⸗ ſtehenden Schildwachen Befehl gegeben, ſich bei der Annäherung des Feindes in den Hof zurückzuziehen, und dann erſt die Quer⸗ balken vorzuſchieben. Die Nacht war ſternhell und kühl, wie es in dieſem Theile des Landes gewöhnlich iſt. Weder Lampe, noch Kerze brannte außen am Hauſe, auch die Schießſcharten waren finſter, und ſo konnte man alſo ohne große Gefahr innerhalb der Stockade umhergehen. Die Schildwachen hatten Befehl, ſich ſo nahe bei den Palliſaden aufzuſtellen, daß ſie gerade noch den freien Raſen außen über⸗ ſehen konnten— eine Vorſicht, welche den Feind ſehr wirkſam hindern mußte, ſich in ſeiner gewöhnlichen verſtohlenen Weiſe zu nähern, ohne augenblicklich entdeckt zu werden. Eine gute Folge des heftigen Schreckens, den der Allarm ein⸗ gejagt hatte, war die, daß dieſe undreſſirten Wächter des Hauſes jetzt Alle auf ihren Poſten ſtanden und die äußerſte Wachſamkeit an den Tag legten, weßhalb der Kapitän ihnen ſehr gut aus⸗ weichen und ſeinem Sohne die Gefahr, erkannt zu werden, er⸗ ſparen konnte, zu welchem Zwecke er ſich im Schatten des Block⸗ hauſes und abſeits von den Schildwachen hielt. Der erſte Gegenſtand, auf welchen unſere beiden Krieger ihre Blicke richteten, war natürlich der Felſen oberhalb der Mühle. Die Indianer hatten Feuer angezündet, und bivouakirten nicht weit davon auf Brettern, die ſie zu dieſem Zwecke von unten herbeigeſchafft hatten. Warum ſie gerade dieſe Stellung wählten, und die größere Bequemlichkeit verſchmähten, welche ihnen die fünfzehn bis zwanzig Hütten, die beſonders den weſtlichen Rand 268 des Thales begränzten, darboten— darüber gab es blos Vermu⸗ thungen. Daß ſie ſich nahe bei den Feuern aufhielten, bewieſen die ſchimmernden Bretter, und daß ſie ſich um die Nähe der Be⸗ ſatzung auch nicht im Geringſten bekümmerten, dafür ſprach der Umſtand, daß ſie, ſo weit man ſich davon überzeugen konnte, nicht eine einzige Schildwache ausgeſtellt hatten.. „Für indianiſche Taktik iſt dieß ſehr befremdend,“ bemerkte der Kapitän leiſe, denn Alles, was heute Nacht außerhalb des Block⸗ hauſes verhandelt wird, wurde in ſehr vorſichtigem Tone geſprochen. „Ich habe es noch nie erlebt, daß Wilde ſich auf dieſe Art gedeckt hätten; auch zünden ſie in der Regel keine Feuer an, wo⸗ durch ſie ihre Stellung verrathen könnten, wie dieſe Burſchesge⸗ than zu haben ſcheinen.“ „Iſt's nicht vielleicht blos zum Scheine, Sir?« verſetzte der Major.„Mir kommt es vor, als ob das Lager— wenn's über⸗ haupt dieſen Namen verdient— verlaſſen wäre.“ „Das Ganze hat einen Anſtrich wohlbedachter Vorbereitung, welchem man im Kriege ſtets mißtrauen ſollte.“ „Iſt es für zwei Soldaten, wie wir, nicht unmilitäriſch, Sir, über einen ſolchen Punkt im Zweifel zu bleiben? Der Stolz meines Standes empört ſich gegen einen ſolchen Zuſtand der Dinge, und ich will mit Ihrer Erlaubniß weitergehen, um die Sache durch Rekognosciren in's Klare zu bringen.“ „Der Stolz deines Standes, Bob— richtig verſtanden und richtig angewendet— iſt traun ein recht gutes Ding. Die höchſte Ehre für den wahrhaft guten Krieger beſteht aber darin, nur das auszuführen, wozu er gerade verwendet wird. Es gibt freilich Manche, die da glauben, man bringe Armeen nur deßhalb zuſam⸗ men, um einige übertriebene Anſichten von militäriſcher Ehre auf⸗ recht zu erhalten, während doch letztere gar nichts Anderes iſt, als ein moraliſches Hilfsmittel, das die Ausführung der Zwecke unterſtützt, um deren willen man Truppen aufſtellt. Ich habe * 269 Männer gekannt, welche in ihrer Verblendung ſogar behaupteten, der Soldat ſei verbunden, ſeine Ehre ſelbſt auf Koſten des Ge⸗ ſetzes zu verfechten— und dieß vollends im Angeſicht der That⸗ ſache, daß der Soldat in einem freien Lande eigentlich gar keinen andern Zweck hat, als dem Geſetz in letzter Inſtanz zur Stütze zu dienen.— Dieß iſt auch unſer Fall: wir ſind hier zur Ver⸗ theidigung des Hauſes und ſeiner Bewohner; unſere militäriſche Ehre iſt weit mehr darauf angewieſen, dieſe Pflicht wirkſam und durch die rechten Mittel zu erfüllen, als uns der Gefahr auszu⸗ ſetzen, nichts von dem Allen zu thun, nur um der abſtrakten, unhaltbaren Lehre eines falſchen Geſetzes zu genügen. Laßt uns thun, was recht iſt, mein Sohn, dann brauchen wir nicht zu fürchten, daß unſere Ehre darunter leide.“ Kapitän Willoughby ſagte dieß, weil er es für einen Fehler an ſeinem Sohne hielt, daß er in Würdigung der moraliſchen For⸗ derungen ſeines Standes den Zweck zuweilen mit den Mitteln verwechſelte. Dieß iſt bei Männern von ſeinem Berufe kein ſel⸗ tener Irrthum, denn es fehlt nicht an Beiſpielen, wo ganze Korps — an ſich betrachtet doch blos die Diener des Geſetzes— lieber die Macht, welche ſie in's Daſein rief, mit Füßen traten, als daß ſie eine Verletzung ihres rein konventionellen, übertriebenen Stolzes geduldet hätten. Der Major fühlte wohl den Tadel ſeines Vaters, ohne aber deſſen Ueberzeugung zu theilen, wie es denn überhaupt nicht in dem natürlichen Berufe der Jugend liegt, die Richtigkeit der Er⸗ mahnungen des Alters anzuerkennen. „Wenn aber Eins dem Andern helfen kann, Sir,“ erwiederte der Sohn,„dann werden Sie doch zugeben, daß ſtandesgemäßer esprit und ſtandesmäßige Klugheit recht gut Hand in Hand mit einander gehen können?“ „Darüber iſt freilich kein Zweifel; doch halte ich's jedenfalls für weit geſcheidter und auch militäriſcher, wenn wir, ſtatt uns 1 1 — 1 * 4 1 4 1 6 bei Unterſuchung jenes Lagers einer weſentlichen Gefahr auszu⸗ ſetzen, unter den jetzigen Umſtänden lieber alle erdenkliche Vorſicht zum Schutze des Hauſes anwenden.“ „Aber die Hütten und all' das Eigenthum, das mit Einſchluß der Mühlen dem Feuer und ſonſtigen Unfällen ausgeſetzt iſt— ſie werden Ihnen doch ſo viel werth ſein, daß Sie mir einen kleinen Abſtecher erlaubten, um mich von dem Zuſtande der betreffenden Gegenſtände zu überzeugen?“ „Ich denke wohl, Bob,“ verſetzte der Vater nach kurzem Nach⸗ ſinnen.„Es wäre viel gewonnen, wenn wir Jemand nach den Gebäuden und nach den Pferden ſehen laſſen könnten. Die armen Thiere haben vielleicht nicht einmal Waſſer, und die Hauptſachegſt jedenfalls, wie du ganz richtig bemerkteſt: uns davon zu übekzeu⸗ gen, wo unſere wilden Gäſte gegenwärtig ſind, und was ſie eigent⸗ lich vorhaben.— Ihr, Woods, geht mit uns an's Thor, und laßt uns hinaus. Ich verlaſſe mich darauf, daß Ihr Nichts von un⸗ ſerer Abweſenheit ausſagt— blos den beiden nächſten Schildwachen braucht Ihr zu erklären, wer wir ſind, und ihnen aufzugeben, daß ſie, bis wir zurückkommen, ſich wohl nach uns umſehen.“ „Iſt es nicht ſehr gewagt, ſich im Dunkeln gerade vor der Stockade hin und her zu bewegen? Unſere eigenen Leute könnten ja auf euch feuern.“ „Ihr müßt ihnen Vorſicht anempfehlen, und wir werden unſe⸗ rerſeits große Behutſamkeit anwenden. Uebrigens will ich Euch aber ein Zeichen geben, woran Ihr uns erkennen möget.“ Dieß geſchah, und alle Drei verließen jetzt den Schatten des Blockhauſes und wandten ſich nach dem Thor der Stockade. Hier ſtanden die beiden Offiziere mehrere Minuten lang ſtill, um, ſo⸗ weit die Dunkelheit es erlaubte, eine möglichſt genaue, vollſtän⸗ dige Ueberſicht des Schauplatzes zu gewinnen. Dann öffnete der Kaplan die Pforte, Beide traten hinaus, und gingen mit großer Vorſicht den Raſen hinab gegen die Niederung. — 271 Kapitän Willoughby war natürlich mit allen Pfaden, Gräben, Brücken und Feldern ſeiner ſchönen Beſitzungen vollkommen ver⸗ traut. Der angeſchwemmte Boden, der ſich rings um ihn aus⸗ dehnte, beſtand vornehmlich aus den Ueberbleibſeln einer Ablage⸗ rung, welche, ſo lange der Grund von dem Teiche bedeckt war, Jahrhunderte hindurch fortgedauert hatte; da aber eben dieſer Teich durch einen regelmäßigen Damm gebildet war, ſo blieben die Wieſen nach Entfernung des Letzteren von jener übermäßigen Feuch⸗ tigkeit verſchont, wie man ſie gewöhnlich bei trockengelegtem Boden antrifft. Gleichwohl hatte man zwei bis drei große Gruben an⸗ gelegt, um das Waſſer, das von den anliegenden Bergen ablief oder aus einigen Quellen nahe am Waldrande ſprudelte, darin zu ſammeln. Die Wege führten vermittelſt Brücken über dieſe Gruben, und das ganze Thal war auf ſolche Art mit eben ſo viel Rückſicht auf Bequemlichkeit, als auf ländliche Schönheit in Abſchnitte ge⸗ theilt.— Die Kenntniß aller Krümmungen war bei gegenwärtiger Veranlaſſung ſogar für das Vorgehen von großem Nutzen; beim Rückzuge aber mochte ſie recht leicht das Mittel werden, das den beiden Abenteurern Leben oder Freiheit retten konnte. Der Kapitän ging nicht auf der Hauptſtraße— dem großen Fahrwege von dem Blockhauſe nach den Mühlen— weil dieſe zur Abhaltung eines Ausfalls gegen das Lager vom Feinde bewacht ſein konnte, ſondern wandte ſich rechts, d. h. weſtwärts, um die Hütten und Scheunen in jenem Theile des Thales zu viſitiren. Es fiel ihm ein, daß die Wilden ganz ruhig von den Häuſern Beſitz genommen, oder ſogar ſeine Pferde geſtohlen und ſich dann aus dem Staub gemacht haben könnten. Deßhalb ſchlug er, unter Beobachtung der größten Vorſicht, mit ſeinem Sohne dieſe Rich⸗ tung ein, und hielt von Zeit zu Zeit ſtill, um die erlöſchenden Feuer auf dem Felſen zu beobachten, oder einen Blick nach der Stockade zurückzuwerfen. Alles athmete jene tiefe Ruhe, welche einer Niederlaſſung im 1 — — 6 7 272 Walde, nachdem die Regſamkeit des Tages aufgehört, einen ſo feierlichen, imponirenden Charakter verleiht. Selbſt die tiefſte, athemloſeſte Aufmerkſamkeit war nicht im Stande, einen ungewohn⸗ ten Laut zu erhaſchen. Nicht einmal das Bellen eines Hundes ließ ſich vernehmen, denn dieſe nützlichen Thiere waren ſämmtlich ihren Herren nach dem Blockhauſe gefolgt, als ob ſie fühlten, daß ihre Hauptſorge nunmehr dort koncentrirt ſei. Jede von den Schildwachen hatte eines dieſer Thiere neben ſich liegen, in der Erwartung, daß ſie Lärm machen würden, ſowie ein fremder Fußtritt ſich näherte. Auf dieſe Art hatten die beiden Wanderer den größten Theil der zwiſchen dem Blockhauſe und dem Wald gelegenen Strecke zurückgelegt, als der Major plötzlich die Hand auf ſeines Wers Arm legte. „Da drüben zu unſerer Linken regt ſich Etwas,“ flüſterte er. „Es ſcheint unter dem Zaune hinzukriechen.“ „Du biſt mit unſerem Landleben nicht mehr wie früher ver⸗ traut, Bob,“ antwortete der Vater mit etwas zuverſichtlicherem Tone, doch immer noch ſehr behutſam—„ſonſt würde dieſer eigen⸗ thümliche Duft dir ſagen, daß wir eine Kuh in der Nähe haben. Es iſt die alte Bleſſe, ich kenne ſie an ihren Hörnern. Da— greif' nur hin, ſie ſteht gerade in unſerem Weg, du kannſt ſie mit der Hand erreichen. Es gibt in der ganzen Kolonie kein ſanfteres Thier. Doch halt— fahr' ihr einmal mit der Hand über's Euter, ſie wird ſich nicht rühren— wie findeſt du's: voll oder leer?⸗ „So viel ich verſtehe, Sir, finde ich es nicht auffallend groß.“ »Ich verſtehe das beſſer.— Beim Jupiter, Junge, die Kuh iſt gemelkt worden! So viel iſt gewiß— von unſeren Leuten hat ſeit dem erſten Allarme Niemand das Haus verlaſſen: dieß läßt alſo auf Nachbarn ſchließen.“ Der Major gab keine Antwort, unterſuchte aber ſeine Waffen, ob ſie zu augenblicklichem Gebrauche bereit ſeien. Nach einer augenblicklichen Pauſe ging der Kapitän— aber 273 mit erhöhter Vorſicht— weiter. Nicht ein Wort wurde zwiſchen Beiden gewechſelt, denn ſie traten nun in die Schatten des Obſt⸗ gartens, der dicht an den Wald ſtieß, und die Gegenſtände ließen ſich jetzt nur noch auf wenige Schritte Entfernung unterſcheiden. Bald erreichte man eine Hütte, welche leer gefunden wurde: das Feuer war bis auf wenige Kohlen herabgebrannt und wohl geſichert. Es war dieß die Wohnung des Pferdewärters; die Stallungen ſtanden dicht dahinter. Kapitän Willoughby war in ſeiner Menſchenfreundlichkeit auf Alles bedacht, und ſo fiel ihm jetzt ein, daß man die Thiere auf das an den Stall ſtoßende Feld herauslaſſen könnte, wo ſie nicht allein fette Weide, ſondern auch ſüßes, laufendes Waſſer im Ueberfluſſe fanden. Dieß beſchloß er ſogleich zu thun; nur war zu beſorgen, daß die Thiere, durch das ungewohnte Faſten und lange Einſperren ungeduldig gemacht, durch ihr Gepolter ſie verrathen könnten. Der Major öffnete indeß das auf das Feld führende Thor, und ſtellte ſich ſo, daß er die Thiere in die gewünſchte Richtung ſcheuchen konnte, während ſein Vater in den Stall ging, um ſie los zu laſſen. Das erſte Pferd— ein altes Thier, das durch die Arbeit am Pfluge gehörig abgekühlt war— ſchritt ganz geduldig heraus, und der Major brauchte blos den Arm zu ſchwenken, um es auf das Feld zu treiben. Nicht ſo das nächſte, ein kaum erwachſenes Füllen, das eben erſt für den Herrn zugeritten wurde: kaum fühlte ſich das Thier ledig, als es in dem Hof umherpolterte, dann in das Feld hinausſprang, und dort ſo lange herumgaloppirte, bis es das Waſſer fand. Die übrigen ahmten dieſes ſchlimme Beiſpiel nach: das Klappern der Hufe tönte ſogar auf dem weichen Raſen durch die Stille der Nacht, bis man es im ganzen Thale hören konnte. Nachdem dieß geſchehen war, ſtieß der Kapitän wieder zu ſeinem Sohne. „Das nenne ich ein gutes Werk etwas ungeſchickt verrichten, Bob,“ bemerkte der Vater, während er ſeine Büchſe wieder aufnahm, Wyandotté. 18 — 1 ¹ 4 274 und ſich zum Weitergehen anſchickte.„Ein indianiſches Ohr wird übrigens das Trappeln von Roſſen von dem Tritte eines Fuß⸗ gängers wohl zu unterſcheiden wiſſen.“ „In der That, Sir— der Lärm kann uns jetzt ſogar einen guten Dienſt leiſten. Wenden wir uns noch einmal nach dem Feuer, dann werden wir ſehen, ob das Getrappel irgend Jemand dort drüben in Bewegung geſetzt hat. Etwas weiter vorn werden wir eine gute Ausſicht finden.“ Dieß geſchah— aber Nichts ließ ſich ſehen. Regungslos ſtanden Beide im Schatten eines Apfelbaums, da hörten ſie dicht neben ſich ein Geräuſch, wie wenn ſich Jemand vorſichtig näherte. Beide nahmen ihre Büchſen in die Höhe, wie die Jäger, wenn ſie das Auffliegen von Vögeln erwarten, und horchten, ob das Schlürfen näher käme. 4 Es kam näher— gleich darauf wurde eine menſchliche Geſtalt ſichtbar, welche auf dem Pfade langſam vorwärts kam, und allem Anſchein nach gleichfalls den Schutz des Baumes ſuchte. Man ließ ſie näher und näher kommen, bis Kapitän Willoughby, hinter dem Stamme vortretend, dem Fremden plötzlich die Hand auf die Schulter legte. 1 „Wer da?“ rief er ihn mit ernſter, aber leiſer Stimme an. Das Zuſammenfahren, der Schrei und das Zittern, welches dieſem Rufe folgte— dieß Alles bewies die unbeſchreibliche Be⸗ ſtürzung des Unbekannten. Es dauerte einige Zeit, bis er ſich von ſeinem Schrecken erholt hatte; dann aber gab er ſich alsbald durch ſeine Antwort zu erkennen. 3 „Mein Gott!« rief Joel Strides in ſeinem doriſchen Dia⸗ lekte—„mein Gott! Kapitän, Ihr ſeid's! Ebenſo gut hätte ich einen Geiſt zu ſehen erwartet! Was um Alles in der Welt hat Euch aus der Stockade geführt, Sir?“ „Ich denke, das iſt eine Frage, die ich Euch mit beſſerem Rechte vorlegen könnte, Mr. Strides. Mein Befehl lautete dahin, 275 daß das Thor geſchloſſen bleiben und Niemand den Hofraum verlaſſen ſollte, bis er auf den Poſten geſchickt oder durch einen Allarm gerufen würde.“ „Wahr, Sir— ganz wahr— wahr wie das Evangelium. Aber wir müſſen uns etwas mäßigen, Kapitän, und leiſer ſprechen; denn Gott allein weiß, wer in unſerer Nachbarſchaft ſein mag. Wer iſt denn bei Euch, Sir? Seiner Hochwürden, Mr. Woods, nicht wahr?“ „Das braucht Euch nicht zu kümmern. Wer auch mein Be⸗ gleiter ſein mag— er iſt durch meine Befehle zu ſeinem Hierſein berechtigt— Ihr aber ſeid hier ganz gegen meine Ordre. Ihr kennt mich gut genug, Joel, um zu wiſſen, daß Nichts als die reine Wahrheit mich zufrieden ſtellen kann.“ „Lieber Gott, Sir, ich gehöre ja gerade zu denen, die Euch nie etwas Anderes als Wahrheit zu ſagen bemüht ſind. Der Kapitän kennt mich jetzt lange genug, ſollt' ich meinen, um meine Natur zu verſtehen, und ſo brauche ich alſo darüber nichts weiter zu ſagen.“ „Gut, Sir, ſo laßt uns Euren Beweggrund hören— und ſeht darauf, daß er ohne Rückhalt angegeben wird.“ „Ja, Sir— der Kapitän ſoll ihn hören. Er weiß, wir flohen heute Nachmittag etwas unbedachtſam aus unſern Häuſern; der indianiſche Einfall kam gar ſo plötzlich und überraſchend—'s war one ſchreckliche Zeit voll Eile und Beſtürzung! Nun alſo, der Ka⸗ pitän weiß ebenſo, daß wir nicht für ihn arbeiten, ohne unſern Lohn zu erhalten; ſo habe ich mir denn jedes Jahr ein Sümmchen zurückgelegt, bis ich ein paar hundert Dollars in guten Joſephs⸗ thalern zuſammenbrachte, und da fiel mir nun ein, das Geld möchte in Gefahr gerathen, wenn die Wilden zu plündern anfingen; deßhalb ging ich ſo ein bischen aus, um nach dem Gelde zu ſehen.“ „Wenn das wahr iſt, wie ich hoffe, und wie es leicht der Fall ſein kann, ſo müßt Ihr das Geld zum Beweiſe bei Euch haben, Joel.“ Dieſer bot dem Kapitän mit ausgeſtrecktem Arm ſein Taſchentuch 18* 4 1 1 † 4 1 1 276 zum Anfühlen— offenbar war eine hübſche Anzahl Münze darin enthalten. So erſchien ſeine Erzählung glaubwürdig, und entfernte jeden Verdacht, als ob ſein jetziger Ausflug in ſchlimmer Abſicht unternommen worden ſein könnte. Auf die Frage, wie er über die Stockade gekommen, geſtand er, daß er geradezu darüber weggeklettert ſei, was ſich von innen ohne große Schwierigkeit habe ausführen laſſen. Der Kapitän kannte Joel ſchon zu lange, um nicht zu wiſſen, wie ſehr er das Geld liebte; überdieß war das Vergehen an ſich ſelbſt unbedeutend, und ſo vergab er ihm gerne den Ungehorſam gegen ſeine Befehle. Joel war der Einzige im ganzen Thale, der ſeinen kleinen Schatz der eiſernen Kiſte im Blockhauſe nicht anver⸗ traute, während ſogar der Müller hierin mit Zuverſicht auf den Gutsherrn baute— aber Joel war ſich ſeiner eigenen nnredlichen Abſichten allzugut bewußt, um unnöthiger Weiſe auf Andere ſeinen Glauben zu ſetzen. Der Major hielt ſich dieſe ganze Zeit über ſo weit abſeits, daß er nicht erkannt werden konnte, obwohl Joel ein paar Mal Zeichen von Neugierde in Betreff ſeiner Perſon verrathen hatte. Maud hatte in Vater und Sohn einen Argwohn erweckt, der nunmehr, da die Umſtände ihnen den Mann ſo unerwartet und ungelegen in den Weg warfen— bei Beiden von Neuem ſich regte. Der Kapitän wünſchte deßhalb, ſich den Aufſeher ſo bald als mög⸗ lich vom Halſe zu ſchaffen— nur hielt er für gut, ihn zuvor noch ein wenig auszufragen. „Iſt Euch Nichts von den Indianern zu Geſicht gekommen, Strides, ſeitdem Ihr die Stockade verlaſſen habt?“ fragte der Kapitän.„Wir können außer jenen Feuern keine andere Spuren ihrer Anweſenheit bemerken, und doch muß Jemand dieſes Wegs gekommen ſein, denn unſere Bläße hat ein leeres Euter.“ „Die Wahrheit zu geſtehen, Kapitän— ich habe Nichts bemerkt. Ich denke gewiſſermaßen, ſie haben das Thal bereits wieder verlaſſen; +—8—— 277 doch nur der liebe Gott kann ſagen, wann ſie wieder zurückkehren werden. Solche Geſchöpfe und ihr Thun ſind ganz außer aller Berechnung— ſie machen gleichſam die Arithmetik zu Schanden. Was aber die Kuh betrifft— die hab' ich ſelbſt gemelkt, da der Kapitän jenes Thier meiner Phöbe für ihre kleine Milcherei ge⸗ geben hat: ich dachte, es könnte ihr weh thun, wenn man ihr nicht gehörig abwarte. Der Kübel ſteht dort drüben am Zaun; die Weiber und Kinder im Blockhaus werden morgen früh gewiß froh daran ſein.“ Dieſer Zug war bei Joel Strides in der That charakteriſtiſch. Um ſein Geld in Sicherheit zu bringen, nahm er zwar keinen Anſtand, den gegebenen Befehlen zu trotzen, ja ſogar ſein Leben auf's Spiel zu ſetzen; war er aber einmal zu ſeiner Expedition entſchloſſen, ſo beſaß er auch ſo viel Fürſorge für das Ganze, daß er wenigſtens eine Portion Milch mitbringen wollte, um den Bedürfniſſen der zahlreichen Bewohner des Blockhauſes abzuhelfen, welche gerade an dieſen Nahrungsſtoff zu ſehr gewöhnt waren, als daß ihnen eine Ent⸗ behrung in dieſer Beziehung nicht hätte peinlich fallen ſollen. Fügen wir noch bei, daß Joel bei all' dieſer klugen Aufmerkſamkeit auf die Bedürfniſſe ſeiner Gefährten— ſeine perſönliche Popularität und das, was man„anderweitige Ereigniſſe“ nennt, nie aus den Augen verlor, und gerade aus dieſem Grunde ſeine eigene Kuh dazu wählte— ſo haben wir dem Leſer die nöthigen Umriſſe zur Beurtheilung unſeres Mannes gegeben. „Wenn das der Fall iſt,“ verſetzte der Kapitän, der ſich durch die Entdeckung, daß die Wilden bei der Melkgeſchichte nicht betheiligt waren, und alſo wahrſcheinlich auch nicht lange zu bleiben beabſich⸗ tigten— ſehr erleichtert fühlte—„wenn das der Fall iſt, Joel, ſo thut Ihr am beſten, Euren Milchkübel zu holen und nach Haus zu gehen. Sobald der Tag graut, will ich Euch übrigens anem⸗ pfohlen haben, daß ſämmtliche Kühe nach der Stockade gebracht, und alle zuſammen gemelkt werden. Sie weiden jetzt eben an den — — † ½ 4 1 1 4 Hecken, und werden ſchon kommen, wenn man ihnen recht zu locken verſteht. Geht alſo; aber ſprecht nichts von Eurem Zuſammen⸗ treffen mit mir und—« „Mit wem, ſagte der Kapitän?“ fragte Joel neugierig, als er den Andern innehalten hörte. „Mit uns überhaupt, ſag' ich Euch. Es iſt von großer Wichtigkeit, daß meine Schritte ein Geheimniß bleiben.“ Mit dieſen Worten gingen die beiden Wanderer weiter; ſie wollten ihren Weg an den dieſen Theil des Thales begränzenden Hütten vorüber nehmen, und dabei einen Pfad einſchlagen, der ſie von der Hauptſtraße, welche das Blockhaus mit den Mühlen verband, abführen ſollte. Der Kapitän ging voran; ſein Sohn folgte zwei bis drei Schritte hinter ihm, und bildete ſo den Nachtrab. Jeder von Beiden ging langſam und vorſichtig, das Gewehr in der Höh⸗ lung des Arms, jeden Augenblick zur Benützung bereit. Kaum waren ſie auf dieſe Art einige Schritte weiter gezogen, als Robert Willoughby Jemand an ſeinem Ellbogen zupfen fühlte, und kaum achtzehn Zolle neben ihm Joels ſcharfe Blicke gewahrte, die ihn unter dem Hute hervor lauernd betrachteten. Die Er⸗ ſcheinung des Jankee's kam ſo plötzlich und unerwartet, daß, wie der Major ſogleich erkannte, nur vollendete Kaltblütigkeit eine Entdeckung abzuwenden vermochte. „Seid Ihr's, Dan'l?«— ſo hieß nämlich der Müller.„Was in aller Welt hat den alten Mann zu dieſer Wanderſchaft bewogen, während das Thal von Indianern voll ſteckt?“ flüſterte Ivel, ſeine Rede abſichtlich verlängernd, um Geſicht und Geſtalt des Fremden, der alle ſeine Muthmaßungen vereitelte, deſto beſſer beobachten zu können.„Sagt mir Alles, was Ihr davon wißt.“ „Ihr bringt mich in Verlegenheit,“ gab der Major gleichfalls flüſternd zur Antwort, indem er den unwillkommenen Nachbar von ſich abſchüttelte, und ſich einen Schritt von ihm entfernte.„Der Kapitän iſt auf einer Rekognoscirung begriffen, und kann, wie Ihr 279 wißt, keinen Widerſpruch ertragen. Packt Euch alſo fort, und vergeßt Eure Milch nicht.“ Mit dieſen Worten ging der Major weiter, und ſchien entſchloſſen, dem Gegner auszuweichen— ſo blieb Ioel keine andere Wahl, als das Geheiß zu vollziehen, oder ſeinen neuen Ungehorſam vor dem Kapitän zu verrathen. Letzteres mochte er nicht thun, denn es gehörte zu ſeiner Rolle, immer anhänglich und ehrerbietig zu er⸗ ſcheinen, und wohl oder übel mußte er ſich alſo darein fügen. Aber noch nie zuvor hatte Joel Strides einen Mann mit ſolchem Widerſtreben ſeinen Fingern entſchlüpfen laſſen. Daß des Kapitäns Begleiter nicht der Müller war, das ſah er wohl; aber die Vermummung täuſchte ſo vortrefflich, daß er weder Perſon noch Geſicht zu unterſcheiden vermochte. Damals waren die ver⸗ ſchiedenen Klaſſen der Geſellſchaft durch die Alltags⸗Tracht ſtreng von einander geſchieden, und da er Major Willoughby nur in der Kleidung ſeines Standes zu ſehen gewohnt war, ſo konnte er ihn in ſeiner jetzigen Verkleidung nicht leicht erkennen, auch wenn er um ſeinen Beſuch gewußt oder wenigſtens eine Ahnung davon gehabt hätte. So wie die Sachen ſtanden, hatte er jede Spur einer Vermuthung verloren; daß ſein Freund Daniel nicht in den Kleidern ſteckte, daran zweifelte er nicht; wer es aber ſei, das wußte er eben ſo wenig anzugeben. In dieſer zweifelvollen Stimmung vergaß Joel ſogar der Wilden, ſowie der Gefahr, welche ihre Nähe ihm bringen konnte. Wie mechaniſch ging er nach dem Orte, wo er den Milcheimer gelaſſen hatte, und ſetzte dann ſeinen Weg langſam gegen das Blockhaus fort, indem er mit jedem Schritte über das, was er geſehen hatte, nachdachte. Er und der Müller ſtanden mit gewiſſen thätigen Agenten der Revolutionären in geheimer Verbindung, und erlangten ſo trotz ihrer iſolirten Lage Kenntniß von mancherlei Thatſachen, welche ſogar ihrem Dienſtherrn völlig unbekannt blieben. Dieſe Agenten gehörten — 6 1 1 † 1 1 7 280 zwar jener niederen Klaſſe an, welche ſich einzig und allein, um ihren eigenen Vortheil zu fördern— jeder großen, politiſchen Unterneh⸗ mung anhängt; da ſie aber thätig, kühn und liſtig waren, und ſo viel Scharfſinn beſaßen, daß ſie ſich immerhin nützlich zu machen wußten, ſo zählten ſie auch ihrerſeits zu der großen Maſſe der durch die Zeit geſchaffenen Patrioten, und waren wenigſtens im Stande, Leuten ähnlichen Gelichters manche willkommene Unterweiſung zu geben. Durch ſolche Mittel hatte Joel die höchſt wichtige Maßregel der Unabhängigkeitserklärung erfahren, während ſie für Kapitän Willoughby noch immer ein Geheimniß geblieben war. Die Hoff⸗ nung auf Konfiskationen war jetzt bei dieſer ganzen Rotte erwacht; manche von ihnen hatten ſich ſogar ſchon die Beſitzthümer ausge⸗ wählt, durch welche ſie für ihre Freiheitsliebe, ihren Patriotismus belohnt zu werden erwarteten. Man hat behauptet, das engliſche Miniſterium habe die ameri⸗ kaniſche Revolution beſchleunigt, um die Landgüter, welche dadurch der Krone zufallen müßten, an ſeine Günſtlinge zu vertheilen— ein Beweggrund, der durch ſeine Schändlichkeit ſogar der Leicht⸗ gläubigkeit Trotz bietet, und jedenfalls vernünftige Zweifel zuläßt. Dagegen iſt aber andererſeits erwieſen, daß manche von den Män⸗ nern, deren Ruf leider neben ſo vielen mit Recht berühmten Namen, welche die Ereigniſſe von 1776 der Geſchichte überlieferten, auf die Nachwelt übergehen wird— ſich durch die ſelbſtſüchtigſten Ab⸗ ſichten leiten ließen, und ſich in mehreren Fällen mit den Trümmern von Beſitzungen bereicherten, welche früher ihren Freunden oder Verwandten angehört hatten. Joel Strides gehörte einer zu niederen Klaſſe an, als daß ſein Name auf der Heldenliſte weit oben geglänzt hätte; auch war er keineswegs nach einer ſolchen Auszeichnung begierig: ſo tief ſtand er aber doch nicht, daß er nicht nach dem Beſitze des Blockhauſes ſtreben konnte und mochte. Bei einem gewöhnlichen Geſellſchaftszu⸗ ſtande würde wohl ein ſo hoher Flug für einen ſo geringen Bewerber 281 unvernünftig erſcheinen; aber Joel ſtammte aus einem Volke, das ſeine Anſprüche ſelten nach ſeinen Verdienſten bemißt, und ſich ein⸗ bildet, kühnes Wagen ſei beſonders in Geldgeſchäften der erſte Schritt zum Glück. Die vielbeſprochene und wenig verſtandene Lehre von der politiſchen Gleichheit hat dieſen Irrthum in tauſend Fällen zu verantworten, denn es gibt ſchon der Natur der Sache nach nicht leicht ein hoffnungsloſeres Unternehmen, als einen Mann von der Nothwendigkeit von Eigenſchaften überzeugen zu wollen, von deren Exiſtenz er nicht einmal die leiſeſte Ahnung hat— ehe er gerechten Anſpruch darauf machen darf, mit dem Hochgeſinnten, Gerechten, dem Wohlerzogenen und Guten auf gleiche Linie geſtellt zu werden. So ſah alſo Joel, um eben ſo gut wie Kapitän Willoughby ein großer Landeigenthümer zu werden, keinen andern Grund gegen ſich als das Geſetz; konnte dieſes ſo gedreht werden, daß es ſeinen Zwecken entſprach, ſo war er höchſt klugerweiſe entſchloſſen, keine ſonſtigen Rückſichten zu beachten. Der Gedanke an die Folgen, welche dieß für Mrs. Willoughby und ihre Töchter haben mußte, beunruhigte ihn nicht im Geringſten: hatten ſie ja doch die Vor⸗ theile ihrer jetzigen Stellung ſchon ſo lange genoſſen, daß Phöbe und des Müllers Frau gewiſſermaßen moraliſch berechtigt waren, ihnen hierin nachzufolgen.— Mit einem Worte, es war ganz die moderne Lieblingslehre des Stellenwechſels“, der Joel'n bei ſeinem Heißhunger nach Reichthum freilich nur in ſchwachen Umriſſen leitete. Die Erſcheinung eines Fremden in Geſellſchaft Kapitän Wil⸗ loughby's mußte daher bei einem Manne, deſſen Gedanken ſich täglich und ſtündlich mit ſolchen wichtigen Veränderungen beſchäf⸗ tigten, nothwendig allerhand Vermuthungen hervorrufen. „Wer kan n's wohl ſein?« dachte Joel, während er mit ſeinem Milcheimer längs des Pfades hinſchlich, und ein Bein nach dem andern mit einer Langſamkeit aufhob, als ob er Blei an den Füßen hätte.„Daniel iſt es nicht— auch kann ich mir ſonſt Niemand im Blockhauſe denken, der dahinter ſteckte. Der Kapitän hat durch die 4 1 4 — 1 282 Heirath ſeiner Tochter mit Obriſt Beekman mächtig an Sicherheit gewonnen, das iſt gewiß. Der Oberſt ſteht außerordentlich gut mit unſern Leuten, und wird dieſes ganze prächtige Landgut mit ſolchen kapitalen Verbeſſerungen nicht ohne Gegenanſtrengung den Händen der Familie entſchlüpfen laſſen— das läßt ſich vermuthen. Aber dann rechne ich darauf, daß er getödtet wird— es muß doch noch einmal vor Beendigung des Kriegs ein recht verzweifeltes Gemetzel geben, und da kann's ihn ſo leicht treffen, wie einen Anderen. Daniel meint, der Oberſt habe ganz das Ausſehen eines Mannes, der nicht lange leben wird. Nun gut— morgen muß ich dahinter kommen, wie des Kapitäns Gefährte heißt, und dann kann man mit größerer Sicherheit weiter kalkuliren.“ Dieſes Selbſtgeſpräch gibt dem Leſer blos einen Umriß deſſen, was auf dem Heimweg in Joels Seele vorging. Es wird ihn aber doch mit dem Geheimniſſe ſeiner Gedanken, ſo wie mit deren ge⸗ wöhnlicher Richtung bekannt machen, und ſteht in weſentlichem Zu⸗ ſammenhang mit einigen folgenden Ereigniſſen unſerer Erzählung. Der Aufſeher war ſo ſehr in ſeine Gedanken vertieft, als er ſich der Stockade näherte, daß er die Gefahr, welche er lief, gänzlich vergaß: ſorglos ging er auf die Palliſaden zu— da wurde er plötzlich von dem Bellen der Hunde, und gleich darauf von einem Schuſſe begrüßt. Dieß weckte Joel'’n ſehr wirkſam aus ſeinen Träu⸗ mereien; er rief den Schildwachen alsbald mit ſeiner natürlichen Stimme zu, und rettete dadurch wahrſcheinlich ſein Leben. Im Blockhauſe hatte aber der Büchſenknall einen Allarm zur Folge, und bis der verwunderte Aufſeher nach der Pforte geſtolpert war, ſtürzten die Männer bereits bewaffnet und auf einen Sturm gefaßt aus dem Hofe. Mitten in dieſer Scene der Verwirrung wurde Joel von dem Kaplan eingelaſſen, welch' Letzterer eben ſo ſehr wie der Betheiligte ſelbſt über den unerwarteten Vorfall erſtaunt war. Es iſt wohl unnöthig zu bemerken, daß Jvel mit Fragen be⸗ ſtürmt wurde. Er entledigte ſich ihrer durch den einfachen Bericht, ——9— —&ᷣ&—,— — daß er ſich nur auf des Kapitäns beſonderen Befehl, des Melkens halber, entfernt und dabei vergeſſen habe, für den Fall der Rückkehr ein Zeichen auszumachen, woran man ihn erkannt hätte. Den Namen ſeines Herrn ſchob er vor, weil er wußte, daß er nicht anweſend war, und ihm alſo nicht widerſprechen konnte. Mr. Woods war begierig zu erfahren, ob Joel ſeine beiden Freunde geſehen hatte: er ſchickte alſo die Männer ohne Verzug auf ihr Lager zurück, und behielt nur den Aufſeher am Thorwege, um ſich noch eine Minute insgeheim mit ihm zu beſprechen. Ehe der Müller mit den Uebrigen gehorchte, fragte er nach dem Milcheimer, nicht ohne die Nebenabſicht, für ſeine Kinder insbeſondere zu ſorgen: er erhielt ihn, fand ihn aber— leer! die Kugel war mitten durchgegangen, und ſo war ſein Inhalt ausgelaufen. „Habt Ihr irgend etwas geſehen, Strides— Perſon oder Sache?“ fragte der Kaplan, ſobald ſich die Beiden allein befanden. „Mein Gott, Mr. Woods, ich begegnete dem Kapitän!— Sein Anblick kam faſt ebenſo grauſam über mich, wie der Schuß aus jener Büchſe, denn ich erwartete ihn gerade ſo wenig, als ich Euch, einem zweiten Elias gleich, in Euren Kleidern gen Himmel fliegen zu ſehen hoffe. So viel aber iſt gewiß, der Kapitän war's und— und— Hier begann Joel zu nießen, und wiederholte das Wort„und“ mehrere Male in der Hoffnung, der Kaplan würde endlich den Namen, den er ſo gerne gehört hätte, ausfüllen. »Ihr ſahet aber keine Wilden?— Ich weiß, der Kapitän iſt fort; Ihr müßt Euch in Acht nehmen, und nichts davon laut werden laſſen, damit es nicht Mrs. Willoughby zu Ohren gelange, und ihre Unruhe erwecke.— Ihr ſahet alſo nichts von den Wilden?“ „Nicht das Geringſte; die Burſche liegen ſehr verſteckt, wenn ſie ſich nicht gar aus dem Staub gemacht haben. Wer, ſagtet Ihr, war bei dem Kapitän, Mr. Woods?« »„Ich— ich habe nichts davon geſagt: ich fragte blos nach den † — 1 4 8 284 Zubianern⸗ die ſich, wie Ihr ſagt, ſehr verſteckt halten. Nun, Joel, geht jetzt nur zu Eurem Weibe, das ſich wohl um Euch ängſtigen wird; ſeid aber klug und verſchwiegen.“ Auf dieſe Art entlaſſen, wagte der Aufſeher nicht länger zu zaudern, ſondern verfügte ſich in den Hof, indem er fortwährend über ſein letztes Zuſammentreffen mit dem Gutsherrn nachbrütete. Unſere beiden Abenteurer verfolgten inzwiſchen ſchweigend ihren Marſch. Natürlich vernahmen auch ſie den Büchſenknall, und er⸗ haſchten einige ſchwache Laute von dem Allarm, der darauf folgte; doch konnten ſie ſich ſogleich die Urſache denken, und waren bald wieder beruhigt, da die ſogleich eintretende Stille ſie überzeugte, daß Alles in Ordnung war. Sie waren jetzt nur noch hundert Schritte von den flackernden Feuern entfernt. Der Major hatte bei dem Schuſſe das feindliche Lager feſt im Auge behalten— aber nicht ein einziges lebendiges Weſen hatte ſich in deſſen Nähe ſehen laſſen. Dieß brachte ihn auf den Glauben, der Ort ſei ganz verlaſſen, und er äußerte dieſe Meinung flüſternd gegen ſeinen Vater. „Bei jedem andern Feinde könnteſt du Recht haben, Bob,“ erwiederte der Letztere—„nur nicht bei einem Indianer, denn vor dieſen Spitzbuben iſt man niemals ſicher. Wir müſſen jetzt ganz mit ihrer eigenen Vorſicht weiter gehen.“ Dieß geſchah— die beiden Offiziere näherten ſich den Feuern auf die behutſamſte Weiſe, indem ſie die Baracken zwiſchen ſich ſelbſt und dem Lichte ließen. Die Flammen waren übrigens bei⸗ nahe erloſchen, und es fiel nichts weniger als ſchwer, ohne große Gefahr in die nächſte Bretterhütte hinein zu ſchauen. Sie war leer— ebenſo alle übrigen, je weiter man unterſuchte. Major Willoughby ging jetzt mit größerer Zuverſicht auf dem Felſen umher, denn muthig von Natur war er gewöhnt, in Augen⸗ blicken der Prüfung ſeine Sinne mit Selbſtbeherrſchung zu ge⸗ brauchen, und zwiſchen wirklicher Gefahr und unnöthiger Beſorgniß R— 285 ſtets die richtige Gränzlinie zu ziehen— was offenbar das ſicherſte Zeichen wahren Muthes iſt. Der Kapitän, als Gatte und Vater größerer Verantwortlichkeit unterworfen, war etwas vorſichtiger, doch gab auch ihm der glück⸗ liche Erfolg mehr Vertrauen, und das Lager wurde jetzt von außen und innen unterſucht. Dann ſtiegen Beide zu den Mühlen hinab, welche eben ſo wie einige nahe liegenden Hütten viſitirt, und ebenfalls leer und unbeſchädigt gefunden wurden. Noch einige andere verdächtige Punkte wurden beſucht, bis der Kapitän endlich zu dem Schluſſe gelangte, daß ſich die Wilden, wenn nicht völlig, ſo doch wenigſtens für dieſe Nacht zurückge⸗ zogen hätten. Auf einem Umwege erreichte er mit ſeinem Sohne die Kapelle, und betrat auch noch einige von den Wohnungen auf jener Seite des Thales, worauf Beide ihre Schritte nach dem Blockhauſe zurücklenkten. Als ſie ſich dem Thore näherten, räuſperte ſich der Kapitän, und klatſchte in die Hände. Auf dieſes Signal flog das Thor auf, und Beide ſahen ſich abermals in Geſellſchaft ihres Freundes, des Kaplans. Wenige Worte der Erläuterung ſagten Alles, was ſie zu erzählen hatten; dann gingen die Drei in den Hof zurück, und wünſchten ſich gute Nacht, indem Jeder die Richtung nach ſeinem Zimmer einſchlug. Der Major, von der Anſtrengung eines langen Marſches er⸗ müdet, hatte bald den tiefen Schlaf eines Soldaten gefunden; bei ſeinem immer noch unruhigen, beſorgteren Vater dauerte es aber mehrere Stunden, bis er endlich zu der Ruhe gelangen konnte, welche die Natur ſo gebieteriſch forderte. 286 Fünfzehntes Kapitel. Portia: Ich könnt Euch ſagen, wie Ihr recht müßt wählen: Das aber wäre Wortbruch, und das ſoll— Soll nie geſcheh'n— ſo müßt Ihr mich entbehren, Und thut Ihr's, ſo möcht' ich die Sünde wünſchen, Die ich verſchworen habe. Kaufmann von Venedig. Kapitän Willoughby wußte, daß die Stunde, welche der Morgendämmerung vorhergeht, für den Soldaten im Felde ſtets die gefährlichſte wird. Es iſt der Augenblick, wo der Feind ge⸗ wöhnlich ſeine Ueberfälle verſucht, und bei den Indianern beſonders wax dieß von jeher die blutige Stunde. Er hatte deßhalb Befehl gegeben, ihn um vier Uhr zu wecken; um dieſelbe Zeit ſollten alle Bewaffneten auf ſein, und unter den Waffen ſtehen. Trotz des Anſtrichs von Verlaſſenheit im ganzen Thale mißtraute dieſer erfahrene Gränzkrieger dennoch den Zeichen der Zeiten, und ſah der Wahrſcheinlichkeit, daß etwa vor Tag noch ein Sturm verſucht werden würde, mit einer Unruhe entgegen, welche er Gattin und Töchtern um keinen Preis hätte verrathen mögen. Man hatte ſich auf jeden Nothfall vorgeſehen, und die Streit⸗ kräfte dermaßen vertheilt, daß der Major im Falle eines Angriffs ſich nützlich machen konnte, ohne der Gefahr des Erkanntwerdens unnöthig ausgeſetzt zu ſein. Er hatte den Auftrag, den rückwärts⸗ liegenden Theil des Blockhauſes, d. h. denjenigen Flügel, wo die Fenſter ſich nach Außen öffneten— zu vertheidigen: Michael und die beiden Pliny's waren ihm zum Beiſtand zugewieſen. Die Bewachung dieſes Flügels war keineswegs nutzlos zu nennen. Der Felſen gewährte zwar dieſem Theile der Umwallung einen weſentlichen Schutz, konnte aber dennoch erklettert werden, und wie man ſich erinnern wird, war auf der nördlichen Seite des Hauſes die Stockade gänzlich weggelaſſen worden. 287 Als daher die Männer eine Stunde vor Tagesanbruch im Hofe zuſammentraten, ſammelte Robert Willoughby ſeine kleine Schaar im Speiſeſaal, dem Außenzimmer dieſes ganzen Flügels; hier unterſuchte er beim Lampenſchimmer ihre Waffen, beſah ſich ihre Ausrüſtung, und ertheilte ihnen die Weiſung, bis auf wei⸗ teren Befehl hier zu verbleiben. Sein Vater, von Sergeant Joyce unterſtützt, that das Gleiche im Hofe unten; ſobald er damit zu Ende war, führte er ſeine geſammte Streitmacht durch den Thorweg des Gebäudes. Da der Aufruf Alle betraf, ſo waren auch Weiber und Kinder ſchon aufgeſtanden; von den Erſteren zeigten ſich Manche hinter den Schießſcharten, während Diejenigen unter ihnen, welche weniger Entſchloſſenheit oder Erfahrung beſaßen, für die Bedürfniſſe der Jugend ſorgten, oder ſich ſonſt in der Haushaltung zu ſchaffen machten.— Kurz, das Blockhaus glich in jener frühen Stunde einem geſchäftigen Bienenkorb, wenn auch das Treiben der Ein⸗ zelnen mit dem Honigſammeln gar wenig Aehnlichkeit darbot. Es läßt ſich leicht denken, daß auch Mrs. Willoughby und ihre Töchter bei einer ſolchen Veranlaſſung nicht länger der Ruhe pflegten. Sie ſtanden mit den Uebrigen auf: die Großmutter und Beulah wendeten alle ihre Sorge auf den kleinen Evert, als ob ſein Leben, ſeine Sicherheit in ihren Gedanken obenan ſtünde. Dieß war ſo natürlich, daß Maud ſich nur wunderte, wie ſie nicht ebenfalls dieſe Alles verſchlingende Theilnahme für ein ſo kleines Weſen fühlen konnte, das ſo ganz auf die Zärt⸗ lichkeit von Freunden und Verwandten angewieſen war, welche in einem Nothfalle, wie der jetzige, für ſeine Bedürfniſſe und ſeinen Schutz zu ſorgen hätten. „Wir wollen nach dem Kinde ſehen, Maud,“ bemerkte ihre Mutter eine Viertelſtunde, nachdem Alle aufgeſtanden und ange⸗ kleidet waren.„Geh' du zu deinem Bruder, der ganz verlaſſen in ſeiner Citadelle ſitzen wird. Vielleicht wünſcht er auch, ſeinem — 1 1 † 4 4 1 4 288 Vater eine Botſchaft zu ſenden. Geh' alſo, theures Mädchen, und hilf den armen Bob munter erhalten.“ Für Maud— welch' ein Auftrag! Dennoch ging ſie ohne Zaudern, ohne Aufſchub, denn die Gewohnheiten ihrer Kindheit ließen ſich durch die natürlichen und ausſchließlicheren Gefühle ihrer ſpäteren Jahre nicht gänzlich überwältigen. Sie konnte bei einem Manne, den ſie ſo lange als Bruder betrachtet hatte, nicht ganz dieſelbe Zurückhaltung, daſſelbe Mißtrauen in ſich ſelbſt empfinden, wie dieß bei einem fremden Jünglinge, für den ſie das gleiche Intereſſe, wie für Robert Willoughby gefühlt hätte— der Fall geweſen wäre.— Maud gehorchte alſo ohne Zögern: ein Befehl von ihrer Mutter war für ſie Geſetz, und ſie kannte keine Verſchämtheit, keine Zurückhaltung, ſobald es galt, zu Bobs Zufriedenheit oder Glück Etwas beizutragen. Ihre Gegenwart war für den jungen Mann, der ſich im Bibliothekzimmer befand, in der That eine große Erleichterung. Seine Gehilfen ſtanden als Schildwachen außen, um alle Ein⸗ dringlinge abzuhalten, ſo daß er ganz allein, ſeiner Unruhe und Beſorgniß überlaſſen war. Mit ſeinem Vater konnte er blos nittelſt Boten verkehren, und der Theil des Gebäudes, den er einnahm, ſtand mit dem Hofe nur durch eine einzige, neben den 4 Speiſekammern gelegene Thüre in Verbindung, wo O'Hearn als Poſten aufgepflanzt worden war. »„Das iſt gütig und ganz deiner würdig, theuerſte Maud,“ rief der junge Mann, indem er des Mädchens Hand mit ſeinen beiden ergriff und zärtlich drückte, wobei er ſonderbarer Weiſe unterließ, ſie auf die Wange zu küſſen, wie er bei Beulah ganz gewiß gethan haben würde.„Das iſt gütig und ganz deiner würdig; jetzt werde ich wenigſtens Etwas von dem Befinden der Familie erfahren. Wie geht es meiner Mutter?“ 3 War es natürliche Sprödigkeit oder ſogar Koketterie, die, ohne daß ſie es merkte, in ihre Antwort mit einfloß— Maud wußte — 289 nicht, wie es kam, aber ſie fühlte ſich gedrungen, Bob anzudeu⸗ ten, daß ſie nicht aus eigenem Antrieb gekommen ſei. »Die Mutter iſt wohl und durchaus nicht in Unruhe,“ erwiederte ſie.„Sie und Beulah ſind um den kleinen Evert beſchäftigt, der ſich brüſtet und mit den Ferſen ſtampft, als ob er, ganz wie es dem Sohne eines Soldaten geziemt— jegliche Gefahr verachte, was ſogar mich höchlich beluſtigte, wenn ſie mich gleich der Ge⸗ fühlloſigkeit für ſeine Vorzüge beſchuldigen. Meine Mutter glaubte, du konnteſt dich verlaſſen fühlen oder mit Einem von uns ver⸗ kehren wollen— deßhalb befahl ſie mir, heraufzugehen und mich nach deinen Wünſchen zu erkundigen.“ „Und ſolch' ein Geheiß war bei dir nöthig, Maud? Seit wann bedarf es eines Befehls, um dich zu meinem Troſte her⸗ beizuführen?“ „Das iſt eine Rechnung, die ich noch nie angeſtellt habe, Bob,“ gab Maud mit leichtem Erröthen und freimüthig lächelnd zur Antwort, ſo daß ihren Worten jeder Stachel benommen wurde; „man ſollte meinen, junge Mädchen könnten eine paſſendere Be⸗ ſchäftigung finden. Ich führte dich doch geſtern Abend treulich nach dem Blockhaus, das wirſt du ſelbſt zugeben, und ein ſolcher Dienſt ſollte dir für jetzt genügen. Meine Mutter aber ſagt mir, wir hätten beſondere Urſache, uns über dich zu beklagen, weil du, nachdem wir uns zur Ruhe begeben, ſo gedankenlos dein Verſteck verlaſſen habeſt, und wie ein unbeſonnener Knabe im Thale herumgeſchlendert ſeieſt!“ »„Ich ging mit meinem Vater, und konnte doch in keiner beſ⸗ ſeren Geſellſchaft ſein.“ »„Hat er oder du die Veranlaſſung dazu gegeben, Bob?« fragte Maud kopfſchüttelnd. „Ehrlich geſtanden— es war gewiſſermaßen mein Werk. Es ſchien mir ſo unmilitäriſch, daß zwei erprobte Krieger ſich ein⸗ ſchließen laſſen ſollten, ohne wenigſtens zu wiſſen, was ihre Feinde Wyandotts. 19 — 1 1 † 290 vorhätten— daß ich dem Wunſche nicht widerſtehen konnte, einen kleinen Ausfall zu machen. Du mußt bedenken, liebe Maud, daß eure Sicherheit— ich meine nämlich die meiner Mutter und Beulahs, und aller Uebrigen— uns hiezu bewog, und du am allerwenigſten ſollteſt uns deßhalb tadeln.“ 3 Mauds Wange röthete ſich auf's Neue, als Robert Willoughby ſo beſonderen Nachdruck auf„eure Sicherheit“ legte; ſie konnte aber immer noch nicht zu einer Handlung lächeln, durch welche man weit mehr, als klug war, riskirt hatte. „Das mag allerdings den Beweggrund entſchuldigen,“ verſetzte ſie nach einer Pauſe;„was aber die Gefahr betrifft, ſo war es ſchrecklich übel berechnet, ſollt' ich meinen. Du vergißt wohl, wie unſer theurer Vater uns Allen— meiner Mutter— Beulah— und ſelbſt mir, Bob, ſo gar wichtig iſt?« „Selbſt dir, Maud!— Warum ſollte er's denn dir weni⸗ ger, als Jedem von uns ſein?“ Maud konnte wohl mit Beulah darüber ſprechen, daß ſie mit der Familie eigentlich nicht verwandt war— gegen Robert Willoughby aber eine Anſpielung hierauf zu machen, das überſtieg ihre Selbſt⸗ beherrſchung bei weitem. Und doch kam ihr dieſer Gedanke faſt nie aus dem Sinn; die Liebe, welche ſie für den Kapitän und ſeine Gattin, für Beulah und den kleinen Evert im Herzen trug, entſprang aus einer verrätheriſchen und vielleicht tieferen Quelle, als die bloße Zärtlichkeit, wie ſie ihr als Tochter und Schweſter zukam. In der That wurde bei ihr dieſe alltägliche Betrachtungsweiſe durch jenes verwandte Gefühl noch außerordentlich belebt und verſchärft, das wir ſo gerne auf diejenigen übertragen, welche durch natür⸗ liche Bande an Perſonen geknüpft ſind, die den volleſten Anſpruch auf unſer Herz beſitzen— was uns dann jene Perſonen mit ihren eigenen Augen betrachten, mit ihrer eigenen Zärtlichkeit lieben läßt. So gab alſo auch Mand auf dieſe Frage keine Antwort, oder vielmehr ſie ſtellte ſtatt derſelben auch ihrerſeits eine Frage. 291 „Und habt ihr nun wirklich etwas geſehen, was euch für ſo viele Gefahr belohnt hätte?“ fragte Maud, doch erſt, nachdem eine beträchtliche Pauſe ihre Verlegenheit verrathen hatte. „Wir überzeugten uns, daß die Wilden ihre Feuer verlaſſen und keine einzige Hütte betreten hatten. Ob dieß nur geſchah, um uns irre zu führen, oder ob ihr Rückzug eben ſo plötzlich und un⸗ erwartet, wie ihr Einfall ſelber war— darüber ſind wir noch völlig im Dunkeln. Mein Vater fürchtet übrigens Verrätherei, während es mir, offen geſtanden, eben ſo wahrſcheinlich vorkommt, daß Ankunft wie Abgang durchaus nur dem Zufalle zuzuſchreiben ſind. Die Indianer ſind allerdings in Bewegung, denn unſere Agenten zeigen ſich, wie man weiß, geſchäftig unter ihnen; es iſt aber keineswegs eben ſo klar, daß unſere Indianer Kapitän Willoughby, oder Sir Hugh Willoughby, wie mein Vater im Hauptquartiere genannt wird— beläſtigen wollten.“ „Haben die Amerikaner nicht gleichfalls Indianer auf ihrer Seite, die uns einen ſo ſchlimmen Streich ſpielen könnten?« „Ich glaube nicht. Es liegt im Intereſſe der Rebellen, die Wilden vom Kampfe fern zu halten; ſie ſetzen ſo Viel auf's Spiel, daß dieſe Art der Kriegführung ſchwerlich nach ihrem Geſchmack ſein dürfte.“ „Und dürften etwa die königlichen Generale oder Miniſter Gefallen daran finden, Bob?“ „Vielleicht nicht, Mand. Ich vertheidige es nicht— habe aber bisher genug von Krieg und Politik geſehen, um zu wiſſen, daß man immer mehr die Reſultate, als die Prinzipien im Auge hat. Ihre Ritterlichkeit, Nachgiebigkeit, ihre Tugend und ihr Recht— ſind Worte, die man ſehr häufig hört, aber nur ſehr ſelten durch Thaten repräſentirt ſieht. Der Sieg— das iſt das letzte Ziel: die Mittel dazu ändern ſich mit dem Gegenſtande.“ „Und wo bleibt dann Alles, was wir mit einander geleſen haben?— Ja, mit einander, Bob! denn ich bin dir für die 19* 8 1 4 1 † * 1 292 Leitung meiner Studien noch immer großen Dank ſchuldig. Wo iſt nun alles Das hingekommen, was wir von dem Ruhm, der Ehrenhaftigkeit des engliſchen Namens und ſeiner Sache laſen?« „Ich fürchte ſehr, Maud— eben da, wo auch der Ruhm, die Ehrenhaftigkeit des amerikaniſchen Namens und ſeiner Sache ſein wird, ſobald dieſe neue Nation die Schaale durchbrochen und ihre öf⸗ fentliche Moral ausgeheckt hat. Es gibt unter uns Leute, welche an dieſe öffentliche Ehrlichkeit glauben— ich aber gehöre nicht darunter.“ „So kämpft Ihr alſo für eine ſchlimme Sache, Major Wil⸗ loughby, und je eher Ihr ſie verlaſſet, deſto beſſer.“ „Ich wollte es in der nächſten Minute thun, wenn ich eine beſſere zu finden wüßte. Glaube mir, theuerſte Maud, darin ſind alle Streitſachen ſich ähnlich— nur mag vielleicht die eine Partie Werkzeuge gebrauchen, wie in dieſem Falle die Wilden, welche die andere zu verſchreien nützlicher findet. Als Individuen mögen die Menſchen wohl ziemlich rechtſchaffen ſein, und ſind's auch zu⸗ weilen: Körperſchaften aber ſind's nie, ſo fürcht' ich, und entzie⸗ hen ſich der Verantwortlichkeit allein dadurch, daß ſie ſie theilen.“ „Aber eine gute Sache muß ſelbſt Körperſchaften erheben,“ meinte Maund nachdenklich. „Eine Zeit lang vielleicht, doch nicht mehr in Fällen der Noth. Du und ich, meine gute, zürnende Maud, wir halten es für eine gute Sache, die Rechte unſeres oberſten Herrn, des Königs, zu vertheidigen. Beulah habe ich an den Feind aufgegeben, aber auf dich rechnete ich blindlings.“ „Beulah folgt vielleicht ihrem Herzen, wie dieß bei uns Frauen natürlich ſein ſoll. Mir ſelbſt bleibt es freigeſtellt, mei⸗ ner eigenen Anſicht über meine Pflichten zu folgen.“ »Und ſie führte dich dazu, der Sache deines Königs beizu⸗ treten,— nicht wahr, Maud?“ „Sie wird ſich wohl dem Einfluſſe eines gewiſſen Kapitäns Willoughby und ſeiner Gattin Wilhelmina nicht entziehen können, 293 denn dieſe Beiden haben mich bei ſo vielen Veranlaſſungen richtig geleitet, daß ich auch bei der jetzigen Streitfrage ihrer Meinung nicht wohl mißtrauen darf.“ Dem Major wollte dieſe Antwort nicht recht gefallen— und doch, als er darüber nachdachte— und hiezu hatte er im Laufe des Tages Muße genug— ärgerte er ſich über ſeinen eigenen Unverſtand, daß er einem Mädchen von einundzwanzig Jahren zumuthen wollte, nicht eben ſo zu denken, wie ihre— wirklichen oder angenommenen— Eltern in den meiſten Fällen dachten. Für jetzt aber wünſchte er dieſen Punkt nicht weiter zu berühren. EyZu meiner Freude vernahm ich, Bob,“ fuhr Maud etwas munterer und mit wiederkehrendem Lächeln fort,„daß du bei deiner übereilten Rekognoscirung mit Niemand zuſammentrafſt— denn übereilt muß ich ſie nennen, auch wenn der Vater ſie billigte.“ „Halt, da biſt du nicht ganz genau berichtet. Wir trafen allerdings Jemand, und zwar keine geringere Perſon, als deinen Popanz, Joel Strides— doch iſt der Aufſeher als Intriguant eben ſo unſchuldig, als man ſich ihn nur immer wünſchen kann.“ „Robert Willoughby, was willſt du damit ſagen? Weiß jener Mann um deine Anweſenheit im Blockhaus?« „Ich ſollte hoffen— nein; ich glaube nicht.“ Hier erklärte der Major alle näheren Umſtände, wie ſie dem Leſer ſchon be⸗ kannt ſind, und fuhr dann fort:„Aus Neugierde brachte der Burſche ſein Geſicht dem meinigen ganz nahe, doch glaube ich nicht, daß er mich erkannt hat. Meine Vermummung iſt außer⸗ ordentlich gelungen, und da er von meiner Anweſenheit überhaupt nichts wußte, ſo muß ich glauben, daß er durch die Dunkelheit und meine Kleidung glücklich getäuſcht wurde.“ „Dem Himmel ſei Dank!“ rief Maud, indem ſie freier Athem ſchöpfte.„Ich habe dieſem Menſchen ſchon lange mißtraut, trotz⸗ dem daß er ſonſt Jedermanns Vertrauen zu beſitzen ſcheint. We⸗ der Vater noch Mutter wollen ihn in dem Lichte betrachten, wie — 1 1 — 6 1 294 ich es thue, und doch liegt mir ſeine Abſicht, dir zu ſchaden, ſo klar, ſo deutlich vor Augen, daß ich mich oft nur wundern muß, wie Andere ſie nicht eben ſo gut errathen. Sogar Beulah iſt hierin völlig blind!“ „Und was iſt es denn, Maud, was du ſo klar an ihm er⸗ kennſt? Deiner dringenden Bitte gehorchend, habe ich mich dazu verſtanden, vorderhand inkognito zu bleiben; wenn ich aber die Wahrheit geſtehen ſoll, ſo kann ich gleichwohl keinen beſonderen Grund entdecken, warum man Strides weniger, als irgend einem andern Thalbewohner— Mike zum Beiſpiel— vertrauen dürfte.“ „»Mike!— Für ſeine Ehrlichkeit will ich mein Leben ver⸗ pfänden. Er wird dich nie verrathen, Bob.“ „Warum wirfſt du dann aber dein ganzes Mißtrauen auf Joel?2 Und weßhalb bin ich gerade der Gegenſtand deiner Beſorgniſſe?« Maud fühlte, wie das verrätheriſche Blut ihre Wangen über⸗ ſtrömte, da ſie gänzlich außer Stande war, einen einzigen, kla⸗ ren Beweggrund für ihr Mißtrauen anzugeben. Nichts als ihre lebhafte Theilnahme für Robert Willoughby's Sicherheit hatte ihr jene Wahrheit verrathen, und es ging ihr, wie dieß gewöhnlich geſchieht, wenn ängſtliche Beſorgniß den Weg zu ſolchen Ent⸗ deckungen anbahnt— ſtreng logiſche, glaubwürdige Schlußfolge⸗ rungen ſtanden ihr nicht zu Gebot. Doch glaubte ſie nicht allein recht zu haben— nein, ſie hatte in der Hauptſache auch wirk⸗ lich recht, und dieß fühlte ſie ſo gut, daß ſie ſogar Andere zur Nachgiebigkeit gegen ihre Einflüſterungen zu verleiten vermochte. „»Warum ich Strides ſchlimme Abſichten zutraue?— das iſt ohne Zweifel mehr, als ich dir in Worten auszudrücken im Stande bin, Bob,“ erklärte Maud nach augenblicklichem Nachſinnen;„aber ich glaube eben ſo feſt daran, als ich an mein Daſein glaube. Seine Blicke, ſeine Fragen, ſeine Wanderungen, eine gelegentliche Bemerkung— das Alles hat dazu beigetragen, dieſen Glauben in mir zu befeſtigen, wenn ich auch keinen klaren, genügenden Be⸗ 295 weis beizubringen vermag. Warum du übrigens der Gegenſtand ſeiner Pläne biſt— das iſt ziemlich einfach, denn biſt du nicht unter uns Allen der Einzige, dem er ernſtlichen Schaden zufügen kann? Durch einen Verrath an dir kann er vielleicht für ſich ſelbſt bedeutenden Vortheil gewinnen.“ „An wen ſoll er mich verrathen, theure Maud? Mein Vater iſt hier die einzige Perſon von amtlichem Anſehen, und vor ihm brauche ich mich doch nicht zu fürchten.“ „Und doch warſt du bei deiner letzten Abreiſe nicht ohne Be⸗ ſorgniß, da du den Rückweg nach Boſton abänderteſt. Wenn da⸗ mals Grund zu Befürchtungen vorhanden war— kann derſelbe Grund nicht noch jetzt beſtehen?“ „Damals befanden ſich viele Fremdlinge im Thale, und wir wußten nicht genau, wo wir ſtanden. Gleichwohl habe ich mich deinen Wünſchen unterworfen, Mand, und will hier als verlo⸗ rener Poſten ſtill liegen, bis ein ernſtlicher Allarm entſteht— dann freilich verſteht ſich von ſelbſt, daß ich mich vor den Leuten zeigen muß. Meine unerwartete Erſcheinung unter ihnen kann im Nothfalle eine dramatiſche Wirkung hervorbringen und uns ſchon durch ſich ſelbſt den Sieg verleihen. Aber jetzt erzähle mir von meinen Ausſichten— wird es mir wohl mit meinem Vater gelingen? — wird er ſich wohl für die königliche Sache gewinnen laffen?“ „Ich glaube kaum. Alle gewöhnlichen Lockungsmittel gehen bei ihm verloren. Seine Baronetswürde z. B. wird er niemals annehmen— das alſo wird ihn ſchon nicht anreizen. Dann ſtim⸗ men auch alle ſeine Anſichten für ſein angenommenes Vaterland, dem er völlig Recht gibt, und das er beſonders ſeit Beulahs Ver⸗ mählung und unſerem neulichen Verkehr mit jener Sippſchaft ſehr zu unterſtützen geneigt iſt. Auch meiner Mutter Familie hat vie⸗ len Einfluß bei ihm, und die ſind lauter Whigs, wie du weißt.“ „O läſtere dieſen Namen nicht, Maud. Whig bedeutet keines⸗ wegs Rebell, und dieſe irregeleiteten Menſchen ſind nicht mehr, 8 1 1 † 8 1 296 noch weniger als Rebellen. Ich hätte geglaubt, dieſe Unabhängig⸗ keits⸗Erklärung ſollte meinen Vater alsbald wieder auf unſere Seite bringen.“ »Ich ſehe wohl, daß ſie ihn verwirrt hat, gerade wie früher die Schlacht von Bunkers⸗Hill. Er wird aber nur ein paar Tage mit ſich zu Rathe gehen, und ſich dann ebenſo, wie damals, zu Gunſten der Amerikaner erklären. Er iſt in Manchem parteiiſch für England, was für ihn, der in jenem Lande geboren wurde, ſehr natürlich ſein mag— in dieſem Punkte aber iſt er ſtreng amerikaniſch geſinnt.“ »Das verdammte Blockhaus iſt Schuld daran! Hätte er, wie er eigentlich thun ſollte, in Geſellſchaft von ſeines Gleichen und überhaupt von Leuten von Erziehung gelebt, ſo würden wir ihn jetzt unter den Vorderſten ſehen.— Auf dich, Maud, kann ich mich verlaſſen.“ Maud fühlte ſich durch den Beweis ſeines Vertrauens ge⸗ ſchmeichelt, und ſchaute dem Major mit ihren klaren, blauen Au⸗ gen, in denen ſich die innige Herzensfreude, die ſie fühlte, deut⸗ lich genug abſpiegelte— in's Geſicht. „Du kannſt dir wohl denken,“ fuhr der Major fort,„daß ich dieſe Reiſe nicht ganz ohne Zweck— d. h. ohne einen wichtige⸗ ren Zweck, als ſelbſt den des Wiederſehens meiner theuren Ver⸗ wandten— unternommen habe. Der kommandirende General iſt ermächtigt, einige Regimenter im Lande auszuheben, und es wird dabei für zweckmäßig erachtet, Männer von Einfluß aus den Ko⸗ lonien an ihre Spitze zu ſtellen. So ſoll z. B. der alte Noll* de Lancey, der uns Allen ſo wohl bekannt iſt, eine Brigade er⸗ halten, und ich trage einen Brief in meiner Taſche, worin er Sir Hugh Willoughby eines ſeiner Regimenter anbietet. Einer von den Allens aus Pennſylvanien, der bereits gegen uns diente, hat ſeit jener ſchändlichen Erklärung die ihm vom Kongreß ver⸗ liehene Stelle von ſich geworfen und ein Bataillon der königlichen Olver. D. u. —yy— ——— 2Q E œ K 8 εα +₰½ K 297 Truppen angenommen. Was hältſt du von dem Allen? Wird es bei meinem Vater nicht von Gewicht ſein?“ „Es wird ihn wohl zum Nachdenken, nicht aber zu einer Aen⸗ derung ſeiner Geſinnung veranlaſſen, Bob. Mr. Oliver de Lancey mag die Generalsſtelle wohl zuſagen, da er ſein Lebenlang Sol⸗ dat geweſen; mein Vater aber iſt bereits aus dem Dienſt getreten und hat alle derartigen Gedanken aufgegeben. Er erzählte uns oft, er habe den Dienſt niemals geliebt, und fühle ſich hier in ſeinem Blockhauſe weit glücklicher, als da er ſein erſtes Offiziers⸗ Patent erhalten habe. ‚Mr. Allens Meinungsänderung mag ganz in der Ordnung ſein, wird er ſagen, ‚mich ſelbſt aber verlangt nach keinem ähnlichen Tauſche. Ich lebe hier mit Weib und Töch⸗ tern, und muß in dieſer unruhigen Zeit für ſie vor Allem Sorge tragen.“ Was glaubſt du wohl, Bob, daß er neulich einmal ſagte, als er ſich eben über dieſen Gegenſtand mit uns unterhielt?« „O, ich weiß ſchon, ich werde es doch nicht errathen— doch wird ſich's, fürchte ich, um irgend eine der nichtswürdigen, poli⸗ tiſchen Tagesmaterien gehandelt haben.“ „Nichts weniger als das— es war vielmehr die Rede von einem ächt natürlichen Gefühl, das allen Tagen und allen Zei⸗ ten angehört, oder wenigſtens angehören ſollte,« gab Maud zur Antwort, und ihre Stimme zitterte ein wenig, als ſie fortfuhr: „Da iſt ja z. B. mein Sohn,' ſprach er; ‚ein Soldat iſt in einer Familie, wie die unſere, vollkommen genug. Er hält unſer Aller Herzen in ängſtlicher Spannung, und kann uns noch Urſache ge⸗ nug zur Trauer geben.“ Major Willoughby ſchwieg eine volle Minute in tiefem Nach⸗ ſinnen; der leiſe Vorwurf ſchien ihn betroffen zu haben. „Ich fürchte, ich mache meinen Eltern manche Sorge,“ begann er endlich;„warum ſollte ich alſo die Angſt meiner trefflichen Mutter vermehren, indem ich ihren Gatten zu überreden ſuche, daß er zu ſeinem früheren Stande zurückkehre? Wenn ſich's um gewöhnlichen 6 1 4 — 4 8 298 Kriegsdienſt handelte, würde ich nie daran denken, und ſo wie die Sachen nun ſtehen, weiß ich kaum, ob ich auch jetzt daran denken darf.“ „Nein, thu's nicht, theurer Robert. Wir Alle ſind— d. h. die Mutter iſt— oft recht unglücklich um deinetwillen— warum wollteſt du alſo ihre Sorgen noch erſchweren? Bedenke, daß es für ein Frauenherz bitter genug iſt, wenn es für ein einziges Le⸗ ben zu zittern hat.“ „Meine Mutter um meinetwillen unglücklich!“« verſetzte der junge Mann, der in dieſem Augenblicke an alles Andere, nur nicht an ſeinen Vater dachte.„Aeußert Beulah niemals Beſorg⸗ niſſe für mich? oder haben dieſe neuen Bande ihren Bruder ganz aus ihrer Erinnerung verdrängt? Ich weiß wohl, Siege kann ſie mir nicht leicht wünſchen, doch dürfte ſie um ihren einzigen Bruder wohl einige Unruhe fühlen. Wir ſind blos zwei—« Maud fuhr zuſammen, als ob irgend ein Gegenſtand des Schreckens vor ihren Augen aufgetaucht wäre; in athemloſem Stillſchweigen ſaß ſie da, entſchloſſen, was auch kommen möge, es mit Faſſung zu hören. Robert Willoughby wollte aber dieſen Gedanken nicht weiter verfolgen. Die Idee, Beulah ſei ſeine einzige Schweſter, war ihm dermaßen vertraut— er hatte ſich ſogar ſo ganz damit vertraut zu machen geſucht, daß jene Worte ihm unwillkürlich entſchlüpften. Kaum hatte er ſie aber ausgeſprochen, als auch ſogleich die Erin⸗ nerung: welche Wirkung ſie auf Maud äußern müßten, ſeine Seele durchzuckte. Ohne die mindeſte Ahnung von der Neigung, welche das Mädchen für ihn hegte, war er immer vor einem direkten Ge⸗ ſtändniſſe ſeiner eigenen Gefühle zurückgebebt, um ſie nicht dadurch zu verletzen, da natürlich einer Schweſter Ohr durch die Liebes⸗ erklärung eines Bruders verwundet werden mußte; es gab ſogar bittere Augenblicke, wo er ſich dem Glauben hingab, Zartgefühl und Ehre zwängen ihn, ſein Geheimniß mit ſich in's Grab zu nehmen. Zwei Minuten rückhaltloſer Mittheilung würden alle 299 dieſe Zweifel für immer entfernt haben: wie er aber zu dieſen Minuten, wie er überhaupt dazu gelangen ſollte, dieſen Gegen⸗ ſtand zur Sprache zu bringen— das waren Hinderniſſe, welche dem jungen Manne oft unüberwindlich vorkamen. Maud ſelbſt war nur unvollkommen mit ihrem eigenen Herzen bekannt; ſie hatte zwar augenblickliche Ahnungen von ſeinem eigent⸗ lichen Zuſtande, aber immer nur vermittelſt jener plötzlichen, unwill⸗ kürlichen Anregungen, welche ſo eigenthümlich mit ihrer Zärtlichkeit vermiſcht waren. Schon ſeit Jahren hatte ſie aufgehört, Robert Willoughby als ihren Bruder zu betrachten: ſeit Jahren ſchon hatte ſie angefangen, ihn mit ganz anderen Augen anzuſehen; doch kämpfte ſie immer noch gegen ihre Gefühle, wie gegen eine Schwäche. Der Kapitän und ſeine Gattin waren ihre Eltern; Beulah ihre zärtlich geliebte Schweſter; der kleine Evert ihr Neffe, und ſelbſt die Seiten⸗ verwandten in und um Albany erhielten ihren Antheil an der ihnen gebührenden Zärtlichkeit— nur Bob konnte ſie nicht mehr als Bruder betrachten, wenn er gleich immer noch, wie früher, Bob genannt, noch immer mit jener Vertraulichkeit, welche von ihrem innigen Verkehr aus den Kinderjahren her ſo natürlich war, be⸗ handelt, und mit einer Zärtlichkeit geliebt wurde, um deren Ge⸗ wißheit er ſogar ſeine hochgeſchätzte Majorsſtelle hingegeben hätte. Oft ſchon hatte Maud, wenn auch nicht laut, doch in Gedan⸗ ken zu ſich geſagt:„Beulah mag das wohl thun, denn ſie iſt ſeine Schweſter; für mich aber wäre es unrecht. Ich darf ihm wohl ſchreiben, darf frei und ſogar vertraulich mit ihm ſprechen und zärtlich gegen ihn ſein— das Alles iſt recht, und ich wäre das undankbarſte Geſchöpf auf Erden, wenn ich anders handeln könnte. Aber ich darf mich nicht auf ſeinen Knien ſchaukeln, wie Beulah zuweilen thut; kann nicht wie Beulah meine Arme um ſeinen Nacken ſchlingen, wenn ich ihn küſſe; kann nicht wie ſie ſeine Wange tätſcheln, wenn er etwas Luſtiges ſagt; darf mich nicht, um ihn aufzuziehen, in ſeine Geheimniſſe eindrängen, was 1 1 — 1 3 1 5 300 Beulah öfters thut oder zu thun ſich anſtellt. Gegen einen Mann, der nicht einen Tropfen— nein, nicht einen einzigen Tropfen von meinem Blute in ſeinen Adern hat— muß ich offenbar zu⸗ rückhaltender ſein.“ Auf dieſe Art gab ſich Maud am liebſten Gedanken hin, welche jede Blutsverwandtſchaft mit der Familie Willoughby abläugne⸗ ten, hörte aber deßhalb keinen Augenblick auf, die beiden Häupter derſelben als ihre Eltern zu ehren und zu lieben. Die lange Pauſe, welche des Majors abgebrochener Rede folgte, wurde zuerſt wieder von ihm ſelbſt unterbrochen. „Es iſt doch recht peinlich, Maud,“« begann er,„hier im Dun⸗ keln eingeſchloſſen zu ſein, während jede Minute einen Angriff herbeiführen kann. Dieſe Seite des Hauſes könnteſt du und Beulah, von dem Arme und dem Rathe jenes jungen„Freiheits⸗ ſohnes“— des kleinen Evert— unterſtützt und erleuchtet, ganz allein vertheidigen, wogegen die vordere Stockade vielleicht der Gegenwart von Männern bedarf, welche ſich auf die edle Kriegs⸗ kunſt verſtehen. Ich wollte, es gäbe einen Ausguckspoſten nach der vorderen Front, damit man wenigſtens die Gefahr, ſobald ſie herannaht, entdecken könnte.“ „Wenn deine Gegenwart hier nicht unumgänglich nöthig iſt, ſo kann ich dich in mein Malerſtübchen führen, wo eine Schieß⸗ ſcharte gerade auf das Thor ausmündet. Auf dieſer Seite finden ſich keine ſolche Oeffnungen in den Kammern.“ Der Major nahm den Vorſchlag mit Freuden an; ehe er aber Maud folgte, ertheilte er ſeinen Untergebenen noch einige nöthige Befehle. Nachdem Alles abgemacht war, ging das Mädchen mit ihrer kleinen ſilbernen Lampe voran, die ſie beim Eintritte in die Bibliothek mitgebracht hatte. Das Blockhaus ſchloß, wie der Leſer bereits weiß, die vier Seiten des Hofes ein; nur im hinteren Flügel, der oberhalb der Klippe ſtand, gingen die Fenſter nach Außen. Mit einziger Aus⸗ AR—— [* 301 nahme der Schießſcharten, welche im oberſten Stocke unter der Dachrinne angebracht waren, erſtreckte ſich dieſe Einrichtung auf die Dächer, wie auf die Seitenwände des ganzen Gebäudes, das ringsum mit ſehr geräumigen Bodenkammern verſehen war. Dieſe hatte man, wenigſtens theilweiſe, in kleine Stübchen mit Dachfen⸗ ſtern abgetheilt, welch' letztere, außer denen des hinteren Flügels, ſämmtlich auf den Hof gingen. Gerade über dieſen Fenſtern hatte Kapitän Willoughby zum Behufe des Löſchens eines entſtehenden Brandes, ſowie zur Ver⸗ theidigung des Platzes einen Rundgang angebracht. Auch wur⸗ den viele von den Zimmern blos durch die Schießſcharten erhellt, welche ſich natürlich auf der Außenſeite jeder Front befanden. Dazu kam noch, daß die Dachkammern, wie die untere Flur, in zwei große Abtheilungen zerfielen, welche nicht durch Thüren mit einander in Verbindung ſtanden. Der eine Theil begann an dem Thorweg, und umfaßte die eine Hälfte des ſüdlichen, den ganzen öſtlichen und nördlichen Flügel, im Ganzen alſo fünf Achtel des geſammten Gebäudes. Hier lagen ſämmtliche Zimmer, welche der Familie, ſowie den verſchiedenen Haushaltungszwecken angehörten. Die übrigen drei Achtel, nämlich die zweite Hälfte der ſüdlichen Fronte nebſt dem ganzen weſtlichen Flügel, waren für Beſuche be⸗ ſtimmt, und im gegenwärtigen Augenblicke bis dicht unter's Dach von den Thalbewohnern eingenommen. Um ſeine Familie nicht zu beläſtigen, hatte Kapitän Willoughby— außer den gewöhnlichen Bewohnern des erſtgenannten Theils— alle Andern von demſelben ausgeſchloſſen; ſelbſt die Bodenkammern waren ihnen verboten. Von dieſen letzteren beſtanden einige, beſonders die über der Bibliothek, dem Wohn⸗ und Empfangzimmer— aus kleinen, recht wohnlich eingerichteten Gemächern, welche für Zimmer dieſer Art eine beträchtliche Höhe hatten, und aus ihren Dachfenſtern eine Ausſicht auf Feld und Wald eröffneten. Hier hatte Mr. Woods ſein Wohn⸗ und Studirzimmer. Durch eine bequeme Treppe r 4 1 1 4 1 1 4 3 8 302 ſtanden ſie mit der Vorhalle, welche ſich gegen den Hof öffnete, in Verbindung; außerdem führte noch eine geheime, aber engere Treppe von den Speiſekammern aufwärts. Maud ſchlug den Weg über die Haupttreppe ein.— Mike hatte die Außenthüre beſetzt, um zudringliche Beobachter ferne zu halten— Robert Willoughby folgte ſeiner Führerin. Ganz gegen die Gewohnheit amerikaniſcher Bauart führten vom Hauptgange aus nur wenige Thüren in die zu beiden Sei⸗ ten gelegenen Zimmer, welche dagegen unter ſich in Verbindung ſtanden: da die Flügel ſo lang und ſchmal waren, ſo hatte man dieſe Einrichtung vorgezogen. Oben aber hatte man bald auf der vorderen, bald auf der hinteren Front, wie gerade das Licht aus dem Hofe oder von Außen Zugang fand— die eine Hälfte als offene Dachkammer ſtehen laſſen. Hierher führte denn Mand den Major; der Weg ging zuerſt rechts an einer Reihe niederer Stuben vorüber, welche den Fami⸗ lien der Pliny's und Smaſhs nebſt deren Anhang gehörten, bis man die vordere Front des Gebäudes erreichte. Hier war die bei den übrigen Gemächern der Familie befolgte Ordnung umge⸗ kehrt: die Zimmer gingen nach Außen und waren durch Schieß⸗ ſcharten erhellt, während ihnen gegenüber die offene Dachkammer mit ihren Fenſtern den Hof überſchaute. Es dauerte nicht lange, bis Mand die Thüre des kleinen Stüb⸗ chens erreichte, welches ſie ſuchte. Wegen des Lichts, das durch die Schießſcharte fiel und beſonders Morgens zu ſolchen Zwecken ſehr günſtig war, hatte ſie ſich daſſelbe zu ihrem Malerſtübchen auserleſen. Die Schießſcharte war zwar ziemlich niedrig; da ſie übrigens bei ihren Studien gewöhnlich auf einem kleinen Stuhle ſaß, ſo wurde dem Uebelſtande dadurch einigermaßen begegnet, und jedenfalls paßte der Ort vortrefflich zu ihren Zwecken. Den Schlüſſel dazu trug ſie ſelbſt bei ſich, und beſonders ſeit Beulahs Vermählung galt das Zimmer für ihr Allerheiligſtes; Niemand IV ETͤ—ͤ— 2 303 hatte daſelbſt Zutritt, außer wenn man von der Herrin ſelbſt ein⸗ geführt wurde. Little Smaſh und ihr Beſen wurden wohl zuweilen zugelaſſen, doch zog es Maud öfter vor— aus Gründen, die ihr ſelbſt am beſten bekannt waren— den kleinen Bodenteppich, der die Mitte des Gemachs bedeckte, mit eigener ſchöner Hand zu ſäubern, um nur keiner fremden Perſon den Eintritt geſtatten zu müſſen. Der Major wußte, daß Maud dieſes Stübchen ſchon ſeit ſieben Jahren in Beſitz hatte. Hier hatte er ſie bei ſeiner letzten Abreiſe das Taſchentuch durch die Schießſcharte ſchwenken ſehen; wohl hundertmal hatte er ſeitdem an dieſen Beweis zärtlicher Aufmerk⸗ ſamkeit gedacht, der gleichermaßen Schmerz wie Freude in ihm hervorrief, je nachdem ihm ſeine Zweifel die Bilder bloßer ſchwe⸗ ſterlicher Sorgfalt oder die eines zärtlicheren Gefühls vor die Seele führten. Die Schießſcharten waren vier Fuß lang und mit der üblichen Neigung in die maſſiven Balken eingeſchnitten; ſie waren mit Glas⸗ fenſtern verſehen, und wurden innen durch dicke, kugelfeſte Läden geſchloſſen, welche in dieſem Zimmer zu gleichen Theilen abge⸗ theilt waren, ſo daß Maud gerade ſo viel Licht, als ſie bedurfte, einlaſſen konnte. Auf Befehl des Kapitäns waren dieſe Fenſterläden ſämmtlich geſchloſſen, um die Lichter zu verbergen, welche ſonſt durch die verſchiedenen Oeffnungen geflimmert hätten; ja die Vor⸗ ſicht war Allen ſo ſehr zur Gewohnheit geworden, daß Maud ſich ſelten bei Nacht an das offene Fenſter der Schießſcharte ſtellte. Für dießmal ließ ſie das Licht außerhalb des Zimmers, und öffnete die obere Hälfte des ſchweren Fenſterladens; indem ſie dieß that, bemerkte ſie, daß der Tag gerade zu dämmern anfing. „In wenigen Minuten iſt es hell,“ begann ſie;„dann werden wir unterſcheiden können, was ſich Alles im Thale blicken läßt. Da ſieh', mein Vater iſt eben in dieſem Augenblick in der Nähe des Thorweges ſichtbar.“ „Ja, Maud, zu meiner Schande gewahr' ich ihn dort, wo er — 1 1 — 6 1 8 304 nicht ſein ſollte, während ich wie ein Hühnchen hinter kugelfeſten Mauern eingeſperrt bin.“ „Erſt wenn es gilt, einem Feinde zu begegnen, dann kommt der Augenblick für dich, wo du, nach deiner Soldatenſprache, ‚vor die Front treten kannſt. Du wirſt doch nicht glauben, daß das Blockhaus heute Morgen der Gefahr eines Angriffes ausgeſetzt iſt?“ „O, gewiß nicht. Jetzt iſt's zu ſpät. Wäre überhaupt einer beabſichtigt worden, ſo hätte er vor dem Erſcheinen dieſes Licht⸗ ſtreifs im Oſten ausgeführt werden müſſen.“ „Dann ſchließe den Laden; ich will die Lampe hereinſtellen, und dir einige meiner Skizzen zeigen. Wir Künſtler dürſten im⸗ mer nach Lobeserhebungen, und ich weiß, Bob, du beſitzeſt einen Geſchmack, vor dem man ſich eigentlich ſcheuen dürfte.“ „Das iſt recht liebenswürdig von dir, Maud,“ erwiederte der Major, den Laden ſchließend;„denn man ſagt mir, du ſei'ſt ſehr karg mit dieſer Art von Gunſtbezeugung. Ich höre, du habeſt mehrere Porträts, beſonders das des kleinen Evert, entworfen.“ Sechszehntes Kapitel. Aengſtlich ſitzt Tage lang ſie am Gewebe Und liest dein Leben, das dort abgebildet; Bald deutet lächelnd ſie die Sträng' und Stäbe, Bald zeigt mit Thränen ſie’s ſo fein geſchildet. Faweett. Bei Maud war jede Empfindung geſund und natürlich; nie lebte ein erkünſteltes Gefühl in ihrer Bruſt, und zudem beſaß ſie kaum ſo viel Verſtellungsgabe, um die gewöhnlichen Eingebungen ihres Herzens zu bemeiſtern oder zu verbergen. Wir haben daher keineswegs im Sinne, nunmehr eine Seene zu ſchildern, worin das Jahre lang geliebte, aber geheim gehaltene Miniaturbild des jungen —„ü4 %2—— 305 Mannes eine Hauptrolle ſpielen, und den beiden Liebenden den Zuſtand ihrer Herzen enthüllen ſoll— o nein, die Aufgabe, die wir uns geſtellt, iſt vielmehr ganz anderer Art. Maud hatte allerdings mehrere Skizzen von Bobs Geſicht nach dem Gedächtniſſe entworfen; aber es war offen und unter den Augen der ganzen Familie geſchehen. In ihrer gewohnten Eigenſchaft als Schweſter konnte ſie dieß auch recht gut thun, ohne irgend einen Tadel zu erwecken. Bei dieſen Verſuchen hatten Vater, Mutter und Beulah einſtimmig erklärt, der Erfolg überſteige alle ihre Erwar⸗ tungen; doch Maud hatte ſie ſammt und ſonders halbvollendet bei Seite geworfen, und war mit ihren Arbeiten niemals zufrieden geweſen. Ihr ging es wie dem Autor, deſſen reiche Phantaſie öfters Scenen erfindet, welche ſein Darſtellungsvermögen weit überbieten— auch ihr Pinſel erſchien ihr jedesmal ungenügend, verglichen mit dem Bilde, das ihrem Gedächtniſſe beſtändig vorſchwebte. Dieſe Skizze hatte kein Leben, jene war nicht freundlich genug, hier fehlte es an Feuer, und dort an Wahrheit— mit einem Worte, Maud hätte tauſend Umriſſe anfangen können— und alle würden in ihren Augen irgend eines Haupterforderniſſes der Vollendung entbehrt haben. Sie machte übrigens kein Geheimniß aus dieſen Verſuchen, und als ſie ihre Mappe öffnete, und deren Inhalt vor Bob aus⸗ kramte, zeigten ſich den Augen des Originals oben an ein halbes Dutzend eben jener Skizzen. Major Willoughby däuchte es, er habe Maud noch nie ſo ſchön geſehen, als eben jetzt, da ſie ihre kleinen Vorkehrungen zur Aus⸗ ſtellung ihrer Gemälde traf. Freude röthete ihre Wangen, und in jedem ihrer Blicke lag ein Ausdruck von Offenheit und ſchweſterlicher Aufmerkſamkeit, ſo reizend gemiſcht mit tieferem Gefühl und wohl⸗ bewußter weiblicher Zurückhaltung, daß ſie ihm— nach ſeiner jetzigen Stimmung bemeſſen— tauſendmal intereſſanter erſchien, als ſie ihm jemals vorgekommen war. Die Lampe gab zwar für eine Ge⸗ mäldegallerie ein ſehr ungenügendes Licht, war aber vollkommen Wyandotts. 20 hinreichend, um Mauds Lächeln, ihr Erröthen und jede wechſelnde Erregung ihres lieblichen Antlitzes bemerken zu laſſen. „Nun, Bob,“ begann ſie, während ſie mit ihrer ganzen jugend⸗ lichen Freimüthigkeit und Zutraulichkeit das Portefeuille öffnete, „du weißt wohl, ich bin keiner jener alten Meiſter, von denen du ſo oft zu ſprechen pflegteſt— ſondern deine eigene Schülerin, ganz das Werk deiner Hände; findeſt du alſo mehr Fehler, als du erwartet, ſo wirſt du dich gütigſt erinnern, daß der Lehrmeiſter ſeine friedlichen Beſtrebungen aufgegeben hat, und längſt in's Feld gezogen iſt.— Da ſieh'— es iſt eine Karikatur deines eigenen Geſichtes, was dir als Vorrede in die Augen ſtarrt!“ „Das iſt ähnlich, ſollt' ich meinen— und aus dem bloßen Gedächtniß, theure Maud?“ „Wie hätte ich es anders anſtellen ſollen? Alle unſere Bitten haben dich niemals dazu vermocht, uns nur ein Miniaturbildchen von dir zu ſchicken. Das iſt ſehr unrecht von dir, Bob.“— Nie ließ ſich nämlich Mand durch irgend Etwas verleiten, den Major— wie Beulah oft that— ‚Robert zu nennen. In dem Worte ‚Bob“ lag eine Art von heroiſcher Vertraulichkeit, welche ſie leicht annehmen konnte, ‚Robert’aber klang ſo nach Familienverwandtſchaft, was ſie gar nicht liebte— und doch hatte es nie ein ächt weiblicheres Weſen, als eben Maud Meredith gegeben.—„Das iſt unrecht von dir, Bob, denn die Mutter ſehnt ſich recht von Herzen nach einem Bilde von dir, in welcher Geſtalt es auch ſein möchte. Eben dieſer Wunſch veranlaßte mich, es mit dieſen Dingern da zu verſuchen.“ „Und warum iſt keines deyſelben vollendet? Hier ſind ſechs bis acht angefangene Skizzen, alle mehr oder weniger ähnlich, wie mich dünkt, aber nicht mehr als zur Hälfte fertig. Warum wurde ich denn ſo kavaliermäßig behandelt, Miß Maud?“ Die ſchöne Künſtlerin erröthete etwas tiefer, während ſie mit eben ſo ſüßem als neckiſchem Lächeln erwiederte: „Mädchenhafte Laune wahrſcheinlich. Mir gefällt keiner jener de 307 Entwürfe, und was einem Mädchen mißfällt, damit macht ſie ſich gewiß nichts mehr zu ſchaffen. Ehrlich geſtanden, glaube ich kaum, daß von all' dieſen Skizzen auch nur eine einzige dir Ge⸗ rechtigkeit widerfahren läßt.“ „Keine!— was haſt du an dieſer hier auszuſetzen? Hätte ſie ſich nicht zu einem ſehr ähnlichen Porträt ausarbeiten laſſen?“ »Pah, das gäbe ja einen wahren Pinſel—es fehlt ja aller Ausdruck.“ „Und die da— die iſt doch beſſer. Sie ließe ſich vollenden, ſo lange ich hier bin, und ich will dir gerne einigemal dazu ſitzen.“ „O, ſogar die Mutter kann dieſe nicht leiden: es iſt zu viel vom Infanteriemajor darin. Mr. Woods behauptet, es ſei ein martialiſches Gemälde.“ „Und ſoll denn ein Soldat nicht ausſehen wie ein Soldat? Mir wenigſtens ſcheint dieß ein trefflicher Anfang.“ „Behüte Gott! weder Vater noch Mutter, weder Beulah noch irgend Eines von uns iſt damit zufrieden— es iſt zu viel von Bunkers⸗Hill daran zu bemerken. Deine Freunde wünſchen dich ſo vor ſich zu ſehen, wie du ihnen, und nicht wie du deinen Feinden erſcheinſt.“ Auf mein Wort, Maud, du haſt große Fortſchritte in der Kunſt gemacht! Da iſt eine Anſicht des Blockhauſes und des Biberdammes, hier eine zweite Landſchaft, die Mühle und den Waſſerfall dar⸗ ſtellend— alle ſehr ſchön, und ſogar in Waſſerfarben ausgeführt.— Was iſt das? Haſt du deine eigene Skizze zu entwerfen verſucht? — Der Spiegel muß ſehr ſorglich um Rath gefragt worden ſein, meine kleine Zauberin, um ſo Etwas zu Stande zu bringen!“ Das Blut ſtieg Maud in's Geſicht, und deckte es mit tiefer, ver⸗ rätheriſcher Röthe, während ihr Freund auf ein halbvollendetes Miniaturbild hinwies, das er in der Hand hielt; doch Marmorbläſſe färbte alsbald ihre Wangen, da ein anderes, mächtigeres Gefühl der anfänglichen Verwirrung folgte. Sie ſaß eine Zeitlang in athemloſem Schweigen da, die Augen auf den Boden geheftet, 3 20* 308 denn ſie fühlte wohl, daß Robert Willoughby's Blicke, ſcharf beobachtend und vergleichend, von ihrem Antlitze nach dem Porträt, und von dieſem wieder zu ihr zurückkehrten. Endlich wagte ſie, die Augen ſchüchtern und halb flehend zu ihm zu erheben, wie wenn ſie ihn bitten wollte, daß er zu etwas Anderem übergehen möchte. Aber der junge Mann war mit der ausnehmend hübſchen Skizze, die er vor ſich hatte, zu ſehr beſchäf⸗ tigt, um ihre Abſicht zu verſtehen, oder ihre Wünſche zu erfüllen. „Das biſt du ſelbſt, Mand!“ rief er,„nur in anderer ſonder⸗ barer Tracht! Warum haſt du dich in eine ſolche Vermummung geſteckt, und ſo viel Schönheit dadurch verdorben?« „Ich bin's nicht ſelbſt, es iſt eine Kopie von— einem Mi⸗ niaturgemälde, das ich beſitze.“ vin Miniaturgemälde, das du beſitzeſt?— Von wem kannſt du ein ſo liebliches Bild beſitzen, ohne daß ich es geſehen hätte?“ Ein mattes Lächeln erheiterte Mauds Züge, und das Blut begann wieder auf ihre Wangen zurückzukehren. Sie ſtreckte die Hand nach der Skizze aus, und betrachtete ſie voll tiefer Rührung, bis ihr die Thränen aus den Augen perlten. „»Maud— theure, theuerſte Maud— habe ich etwas geſagt, was dich gekränkt hätte? Ich verſtehe nichts von all' Dem, will aber zugeſtehen, daß es Geheimniſſe gibt, auf deren Enthüllung ich keinen Anſpruch habe.“ „Nein, Bob, das heißt eine Sache zu ernſthaft nehmen, welche früher oder ſpäter doch einmal unter uns beſprochen werden muß.— Ich glaube, dieß iſt eine Kopie von einem Miniaturbilde meiner Mutter.“ „Der Mutter! Mand! biſt du bei Sinnen? das trägt ja weder ihre Züge, noch ihren Ausdruck, noch die Farbe ihrer Augen! Es iſt das Porträt einer weit ſchöneren Frau, obgleich die Mutter immer noch hübſch iſt— und es iſt wahrlich ein Meiſterſtück von einem Porträt!“ —— 309 „Ich meine meine Mutter— Maud Jeardley, die Gattin meines Vaters, Major Merediths.“ Unſere Heldin ſagte dieß mit einer Feſtigkeit, welche ſie ſelbſt überraſchte, wenn ſie Alles, was vorgefallen war, bedachte; ihrem Geſellſchafter ſtrömte alles Blut voll Ungeſtüm zum Herzen. „Das iſt ſonderbar!“« rief Willoughby nach kurzer Pauſe.„Und meine Mutter— unſere Nutter— hat dir dieß Original nebſt dem ganzen Berichte gegeben? Ich hätte nicht geglaubt, daß ſie die hiezu nöthige Entſchloſſenheit aufzubieten vermöchte.“ „Sie hat es auch nicht gethan. Du weißt, Bob, ich bin jetzt volljährig; mein Vater legte vor einem Monat einige Papiere in meine Hand, und bat mich, dieſelben zu leſen. Sie enthalten einen Ehekontrakt, nebſt anderen dergleichen Dingen, welche beweiſen, daß ich weit mehr Vermögen beſitze, als ich, wäre nicht unſer lieber kleiner Evert, zu verwenden wüßte: bei einem ſo koſtbaren Gegen⸗ ſtande unſerer Liebe aber kann man niemals zu viel haben. Bei den Papieren lagen auch viele Schmuckſachen, welche der Vater vermuth⸗ lich nie angeſehen hat. Darunter war nun dieſes ſchöne Miniatur⸗ bild, und nach einigen Bemerkungen, die ich zu machen wagte, bin ichsjetzt überzeugt, daß die Mutter gar nichts davon weiß.“ Mit dieſen Worten zog Maud das Original aus ihrem Buſen, und legte es Robert Willoughby in die Hand. Sobald ſie dieß ge⸗ than hatte, ſchien ihre Seele erleichtert, und ſie wartete in tiefer, natürlicher Spannung auf Robert Willoughby's Erwiederung. „Das alſo war deine eigene— deine wirkliche Mutter!« fragte der junge Mann, nachdem er das Porträt mit nachſinnender Miene faſt eine Minute lang betrachtet hatte.„Es iſt ihr— und auch dir vollkommen ähnlich.“ „Ihr ähnlich, Bob?— Wie kannſt du das wiſſen?— Ich halte das Bild für das meiner Mutter, weil ich es mir ähnlich glaube, und weil es ſchwer zu ſagen wäre, wen es ſonſt vorſtellen ſollte. Das kannſt du aber doch nicht wiſſen?“ „Da irrſt du dich, Mand; ich kann mich deiner beiden Eltern noch recht wohl erinnern; es konnte ja auch nicht anders ſein, da ſie die Buſenfreunde der meinigen waren. Du weißt, ich bin jetzt achtundzwanzig, und alſo ſieben Jahre älter als du. Haſt du nie von meiner erſten Waffenthat erzählen hören?“ „Niemals: vielleicht ſtand ſie in irgend einem Zuſammenhange mit meinen Eltern, und mochte ſo nicht für meine Ohren paſſen.“ „Da haſt du recht; das muß wohl der Grund ſein, warum ſie dir verſchwiegen blieb.“ „Aber jetzt bin ich doch gewiß alt genug, um ſo Etwas zu erfahren!— Nicht wahr, Bob? du willſt Nichts vor mir verhehlen?“ „Wenn ich auch wollte— jetzt könnte ich nicht. Dazu iſt es zu ſpät, Mand. Du weißt wohl, ii welche Art Major Meredith umkam?“ „er ſiel in der Schlacht, ſo hab' ich vernuther,«antwortete die Tochter in gepreßtem, zweifelndem Tone,„denn ſelbſt dieß hat man mir niemals geradezu mitgetheilt.“ „So iſt's, und ich ſtand ihm zur Seite. Die Franzoſen und Wilden verſuchten etwa eine Stnnde früher, als eben jetzt, einen Morgenüberfall, und unſere beiden Väter eilten nach den Pickets, um ſie zurückzuwerfen: ich war ein unruhiger Junge, und konnte es ſogar in jener zarten Jugend kaum erwarten, bis ich einen Kampf zu ſehen bekam— ſo blieb ich denn an ihrer Seite. Dein Vater war unter den erſten, welche fielen; Joyce aber und unſer Vater trieben die Indianer von ſeinem Leichnam zurück, und retteten ihn vor Verſtümmelung. Deine Mutter wurde in einem Grabe mit ihm beerdigt, und ſo kamſt du zu uns und bliebſt bei uns bis auf den heutigen Tag.“ Mauds Thränen floſſen— und doch war es nicht ſowohl der Kummer, als vielmehr ein ihr ſelbſt unerklärlicher Drang von Zärtlichkeit, welcher ſie fließen machte. 311 Robert Willoughby verſtand ihre Gemüthsbewegung, und be⸗ merkte, daß er fortfahren durfte. „Ich war alt genug, um mich deiner beiden Eltern noch wohl zu erinnern. Ich galt, glaub' ich, für einen Liebling von Beiden — jedenfalls wurde ich oft von ihnen geliebkost. Ich erinnere mich noch deiner Geburt, Maud, und durfte dich, noch ehe du eine Woche alt warſt, auf meinen Armen tragen.“ „So kannteſt du mich alſo von Anfang an als unrechtmäßige Schweſter, Bob— mußt mich oft als ſolche dir gedacht haben!“ „Ich kannte dich allerdings als Lewellen Merediths Tochter, und nicht um die ganze Welt möchte ich, daß du Hugh Wil⸗ loughby's wirkliches Kind——“ „Bob!“ rief Maud, mit hochklopfendem Herzen und von ihrem Gefühle beinahe überwältigt; die Beſorgniß, das Bewußtſein ihres eigenen Geheimniſſes, die Furcht vor einer Täuſchung, und dann wieder ein wirrer Strahl der Wahrheit— dieß Alles wogte mit einer Heftigkeit in ihrem Innern, welche ſie für den Augenblick ihrer Sinne zu berauben drohte. Es wäre nicht leicht mit Genauigkeit anzugeben, welche Folgen dieſe ziemlich deutliche Einſicht in den Herzenszuſtand des jungen Mannes bei Maud hätte haben können, wenn nicht ein lauter Schrei vom Raſen herauf dem Major angedeutet hätte, daß man unten ſeiner bedurfte. Vorſichtshalber die Lampe auslöſchend, damit deren Licht ſeine Freundin beim Vorbeigehen an den offenen Schieß⸗ löchern nicht einer feindlichen Kugel ausſetzen möchte, richtete er an dieſe einige ermunternde Worte, ſprang dann nach der Treppe, und ſtand in einer Minute wieder auf ſeinem Poſten. Auch kam er keinen Augenblick zu früh. Der Allarm war allgemein; mit jeder Sekunde glaubte man einen Angriff erwarten zu müſſen. Robert Willoughby's Lage war nunmehr im höchſten Grade peinlich. Unbekannt mit den Vorgängen auf der Südſeite, ſah er 8 † † 4 6 1 4 auf ſeinem Flügel keinen Feind vor ſich, und war in einem Augenblicke zur Unthätigkeit verdammt, wo er, dieß fühlte er deutlich, durch ſeine Jahre, ſeine Kriegserfahrung und ſeine Verwandtſchaft mit dem Herrn des Hauſes, ſo wie durch alle gewöhnlichen Rückſichten vor die Front gerufen wurde, um kühn dem Feinde entgegenzutreten. Er hätte auch wahrſcheinlich der mancherlei Vorſichtsgründe, welche ihm ein Inkognito auferlegten, vergeſſen, wenn nicht Maud in der Bibliothek erſchienen wäre und ihn dringend gebeten hätte, verborgen zu bleiben, wenigſtens bis Gewißheit darüber vorhanden ſei, daß ſeine Gegenwart anderswo erfordert würde. In einem ſolchen Augenblicke mußte jedes andere Gefühl, das mit der drohenden Gefahr nicht in Verbindung ſtand, unbeachtet bleiben. Willoughby konnte übrigens die Rückſichten, welche er Maud ſchuldig war, nicht ſo ganz vergeſſen; er forderte ſie auf, ſich zu ihrer Mutter und Beulah in denjenigen Theil des Gebäudes zu begeben, der ihnen bei ſeinem Mangel aller Außenfenſter, ſo lange der Feind von den Pal⸗ liſaden fern gehalten werden konnte, vollkommene Sicherheit darbot. Erſt nachdem er zu wiederholten Malen verſprochen hatte, ſich nunmehr, da der Tag völlig angebrochen war, nicht unnöthig an den Fenſtern ausſetzen, beſonders aber verhindern zu wollen, daß ſeine Anweſenheit, bevor dieß unvermeidlich wäre, im Blockhauſe bekannt würde— gelang es ihm übrigens, ſeine Freundin zu dieſem Entſchluſſe zu vermögen. Der Major fühlte ſich durch Mands Abgang ſehr erleichtert. Für ſie brauchte er jetzt nicht länger zu fürchten, und er ſtrengte nunmehr alle ſeine Sinne an, um den Lärm des Sturms, der, wie er glaubte, auf der Südſeite vor ſich ging, nicht zu überhören. Doch— welches Wunder!— keine Spur von Gewehrſalven ließ ſich vernehmen; ſelbſt das Geſchrei, die Befehle, das Anrufen von Poſten zu Poſten, wie es bei einer ungeregelten Beſatzung einem Angriffe ſo gerne zu folgen pflegt, hatte gänzlich aufgehört, und es wurde ziemlich wahrſcheinlich, daß das Ganze von einem falſchen n n 313 Allarme herrührte. Die Smaſß's beſonders, deren Gekreiſch in den daar erſten Minuten alles Andere übertäubt hatte, waren jetzt völlig ſtumm, und auch das Gejammer der Weiber und Kinder hatte ein Ende. Major Willoughby war ein zu guter Soldat, um ſeinen Poſten ohne Ordre zu verlaſſen, wenn er gleich die Bereitwilligkeit, womit er ein ſo unbedeutendes Kommando angenommen hatte, bitterlich bereute. So weit ſetzte er übrigens ſeine Inſtruktion doch außer Augen, daß er ſich zur Rekognoscirung des Feindes gerade unter ein Fenſter ſtellte. Es war jetzt heller Tag— die Sonne noch nicht aufgegangen, aber er ſah ſich für ſein ſorgloſes Aufſuchen der Gefahr durch keinerlei Entdeckung belohnt. Da fiel ihm plötzlich ein, daß er als Kommandant eines ab⸗ geſonderten Detaſchements vollkommen berechtigt ſei, einen ſeiner Untergebenen als Boten oder Späher zu gebrauchen. Seine Wahl war zwar ziemlich beſchränkt, denn außer Mike und den beiden Pliny's ſtand ihm Niemand zu Gebot: doch nach augenblicklichem Nachdenken entſchied er ſich für den Erſteren. Mike wurde durch den jüngeren Plinius von ſeinem Poſten an der Thüre abgelöst, und alsbald in das Bibliothekzimmer berufen. Hier empfing er von dem Major mehrere deutliche, obwohl haſtige Verhaltungsbefehle, worauf dieſer ihn alsbald aus dem Zimmer führte, oder vielmehr drängte, da er ſeine Ungeduld, die gewünſchten Neuigkeiten zu erfahren, kaum länger zu bezähmen vermochte. Drei bis vier Minuten mochten verfloſſen ſein, da ließ ſich ein ungeregeltes Musketengeknatter von der Südſeite her vernehmen; als Erwiederung folgte dann eine Salve, welche nach ihrem ge⸗ dämpften Tone aus der Ferne herzukommen ſchien. Eine Minute ſpäter hörte man einen einzelnen Schuß aus den Reihen der Be⸗ ſatzung, und dann kam Mike— die Augen in wilder Freude weit aufgeriſſen, und ſeine Flinte mehr nach ſich ſchleppend als tragend — gerade in's Bibliothekzimmer geſtürzt. 1 1 1 4 4 1 314 „Nun, die Neuigkeit?“ rief der Major, ſobald er ſeines Boten anſichtig wurde.„Was haben dieſe Salven zu bedeuten? wie geht es meinem Vater auf der Vorderſeite?« „Was ſie bedeuten, meint Ihr?« gab Mike zur Antwort. „Nun, Pulver und Blei haben blos Eins zu bedeuten, und das iſt weit ernſthafter, als Shillelah⸗Arbeit. Wenn die Schurken nicht ein ganzes Plathoon*), wie Sergeant Joyce es nennt, gerade auf das Blockhaus abgefeuert haben— ſo will ich nicht Michael O'Hearn heißen, oder will meinetwegen zu jenen Knickern zählen, welche ſich nicht ſchämen, an einem Schlage, den ſie zurückgeben, ſogar noch zu markten.“ „Aber die Salve kam zuerſt aus dem Hauſe. Warum ließ mein Vater ſeine Leute zuerſt feuern?« „Aus demſelben Grunde, warum er's nicht that. O, ol es lag ein mächtiger Zorn auf ſeinen Zügen, als er die Flinten und Büchſen vernahm, und Mr. Woods hat niemals eindringlicher gepredigt, als der Sergeant ſelber wider dieſes Verfahren los⸗ donnerte. Wer hätte aber auch gedacht, daß die Schurken ein Feuer beantworten würden, welches gegen die Ordre war! Nicht ein Wort hatten Seine Gnaden geſagt, daß einer von ihnen ſchießen ſollte, und ſie drückten auf das Haus ab nicht anders, als ob es aus lauter fühlloſen, unbewohnten Baumſtämmen be⸗ ſtünde, und nicht eine vernünftige, wohlbevölkerte Wohnung wäre. O, ol ſind das nicht Vagabunden?“ „Wenn du mich nicht wahnſinnig machen willſt, Mann, ſo er⸗ zähle mir deutlich, was vorgefallen iſt, damit ich dich endlich verſtehe.“ „Mich verſtehen— das wollen alſo Euer Gnaden? Ach Gott, wenn Ihr's verſtehen könnt, daß Miſchter Strides dort drüben ſteht, dann ſeid Ihr ein weiſer Mann. Er nennt ſich ſelbſt einen „Sohn der Puritaner“; ja, ja, karg*) mag es wohl in dem Lande *) Peloton. u. **) Das Original hat hier ein Wortſpiel, das ſich me wiedergeben ließ. Mike ——— u 8. —— ſeiner Väter hergegangen ſein, wenn ſo eine dürre, hagere Beſtie wie er, zum Vorſchein kommen ſollte. Die Ordre war ſo genau, wie eines Menſchen Zunge ſie nur ausſprechen konnte— was ſoll das aber helfen?„Ihr ſollt nicht eher feuerne, ſagt Sergeant Joyce, ‚als bis ihr das Kommandv hört'. Den Teufel auch, ſie warteten gar nicht auf's Kommando, ſondern drückten los, ſo wie ſich wieder ein Haufen Wilder auf den Felſen ſehen ließ, die ſie den ganzen geſtrigen Nachmittag beſetzt hatten— und's iſt faſt allgemein Regel, daß Einer da wieder frühſtückt, wo er Tags zuvor zu Nacht geſpeist hat.“ „Du willſt alſo ſagen, die Indianer ließen ſich wieder auf den Felſen blicken, und einige von Strides Leuten feuerten ohne Befehl auf dieſelben?— Iſt dieß die Geſchichte der ganzen Affaire?“ „Ja, ja, ſo iſt's, Major; im Ganzen aber hatte es weder Nutzen noch Schaden zur Folge. Joel und ſeine Puritaner feuerten auf ſie, als ob ſie lauter Chriſten geweſen wären: es würde Euer Herz erquickt haben, wenn Ihr den Sergeanten gehört hättet, wie er wegen dieſer Unordnung über ſie herfuhr. Der Sergeant hat nichts von der Puritaner⸗Familie an ſich— nein, nein,'s iſt ein gewaltiger Mann mit ſeiner Zunge.“ „Und die Wilden erwiederten die Salve— nicht wahr? deß⸗ halb hörte ich das zweite Feuer ſo aus der Ferne?“ „Alle Welt kann ſehen, Major, daß Ihr Eures Vaters Sohn und ein geborener Soldat ſeid. O, o, wer anders als Einer, der in der Armee geboren und erzogen iſt, würde auf einen ſolchen Gedanken gerathen ſein?— Ja, die Wilden gaben zurück, was ſie empfingen; im Ganzen hatte dieß aber Nichts zu bedeuten, ſintemalen Niemand verwundet wurde.“ „Und der einzelne Schuß, welcher zuletzt folgte— kam der etwa von einem Gewehr, das von ſelbſt losging?“ Pricht das Wort ‚Puritaner’ aus wie ‚Poor'atin's“, und fährt dann fort, poor'ating, d. h. ‚karges Mahl', mag's wohl im Lande ſeiner Väter gegeben haben.. u. 316 Mike öffnete den Mund mit einem Grinſen, das ſelbſt die beiden Pliny's hätte beſchämen können; es galt nämlich als eine Lieblings⸗ behauptung unter den Abkömmlingen der Puritaner— oder Pur'atin's, wie Joel und ſein Anhang von dem Leitrimer genannt wurde— daß der Irländer in der Größe jenes Theils des Menſchenantlitzes jeden von Hams Söhnen im Blockhauſe weit übertreffe. Der Major bemerkte in Mike's Zügen eine ſolche Portion von Selbſtzufriedenheit, daß er ihn zu einer näheren Erklärung ſeines Frohlockens aufforderte. „Nun, ich hab's gethan, Major, und das Gewehr wurde ſo gut losgeſchoſſen, wie Ihr nur je eines im Dienſte des Königs abfeuern hörtet. Der Teufel ſoll mich holen, wenn ich Joel einen ſo großen Vortheil über mich einräume, und ihm eine ſolche Schlacht ganz allein überlaſſe! Nein, nein— ſobald ich ſein Jankeepulver roch und mein Gewehr mit geſpanntem Hahn durch die Palliſaden ſtecken konnte, ſchickte ich ihnen die Ladung hinüber, als wäre ſie das Frühſtück geweſen, das wir eigens für ſie gekocht hätten. 's war wohl gezielt, das könnt Ihr glauben, denn ich bin nicht der Mann, der einem Freunde in's Geſicht ſchießt.“ „Und du überſchritteſt alſo den Befehl aus keinem beſſern Grunde, als weil Strides ihn gleichfalls zuvor überſchritten hatte?« „»Den Teufel auch, Major. Joel hatte den Befehl über⸗ ſchritten, und das ſeht Ihr, das machte nun einmal die Sache ſo, wie ſie iſt. Was einmal überſchritten iſt, iſt überſchritten, und Worte können es nicht mehr beſſern, ebenſowenig als das Verbot, ein Gewehr loszuſchießen, es beſſern wird.“ Endlich gelang es Robert Willoughby durch Kreuz⸗ und Quer⸗ fragen einen ungefähren Umriß der Wahrheit aus Mike herauszu⸗ bringen. Das Faktum geſtaltete ſich einfach ſo: Die Indianer hatten mit der Morgendämmerung ihr früheres Bivouak wieder bezogen, und ihre Vorkehrungen zum Frühſtück zu treffen angefangen, als Joel, der Müller und einige Andere ſeines n —— ⏑ 317 Auhangs in einem Anfalle von Tapferkeit eine Salve gegen ſie abfeuerten, die bei der allzugroßen Entfernung äußerſt harmlos ausfiel. Dieſes Feuer war theilweiſe erwiedert, und das Ganze, wie ſchon oben erzählt, mit dem Finale aus des Irländers Flinte beſchloſſen worden. Da es bereits zu hell war, als daß man einen Ueberfall fürchten durfte, und das Terrain vor den Palliſaden keine ſehr gefährlichen Schlupfwinkel darbot, ſo ſah ſich Robert Willoughby dadurch ermuthigt, einen der beiden Pliny's mit der Bitte um eine Zuſammenkunft an ſeinen Vater abzuſenden. Letzterer erſchien in wenigen Minuten in Mr. Woods Geſellſchaft. „Der geſtrige Haufen hat ſich abermals blicken laſſen, und ſcheint geneigt, ſeine alte Stellung bei der Mühle wieder einzu⸗ nehmen,“ bemerkte der Kapitän auf ſeines Sohnes Fragen.„Es iſt ſchwer zu ſagen, was die Burſche im Sinne haben, und es gibt Augenblicke, wo ich glaube, es müſſen ſich mehr oder weniger Weiße unter ihnen befinden. Ich äußerte dieß gegen Strides, Kaplan; der Burſche ſchien mir die Bemerkung ſo aufzunehmen, wie wenn er es ſelbſt für wahrſcheinlich anſähe.“ „Joel iſt mir einigermaßen räthſelhaft, Kapitän Willoughby,“ entgegnete der Kaplan;„er ergreift zuweilen eine Idee, wie die Katze auf die Ratte losfährt, und dann kokettirt er mit ihr ganz wieder, wie eine Katze mit der Maus, wenn ſie keinen Appetit zum Freſſen hat.“ „O, ol's iſt ein koſtbarer Pur'atin!“ brummte Mike aus ſeiner Ecke hervor. 3 „Wenn Weiße unter den Wilden wären, warum ſollten ſie ſich denn nicht zu erkennen geben?“ fragte Robert Willoughby. „Ihr Charakter, Sir, iſt kein Geheimniß, und was ſie etwa hier zu ſchaffen haben, das müſſen ſie doch wiſſen.“ „Ich will Strides rufen laſſen, um ſeine Meinung etwas deut⸗ licher zu erfahren,“ gab der Kapitän nach kurzer Ueberlegung zur 318 Antwort. Du mußt dich entfernen, Bob, kannſt aber deine Thüre ein bischen offen laſſen, um die Unterredung mit anzuhören, ſo daß ich ſie dir nicht zu wiederholen brauche.“ Der Major hatte gar nichts dagegen, des Aufſehers Anſicht über den gegenwärtigen Stand der Dinge zu vernehmen, und zauderte alſo keinen Augenblick, ſeines Vaters Wunſch zu erfüllen; er ging auf ſein eigenes Zimmer, und ließ die Thüre ſo weit offen ſtehen, daß einem Verdacht über ſeine Anweſenheit ſo gut als möglich vorgebeugt wurde. 3 Joel Strides aber vermuthete, wie alle böſen Menſchen, überall das Schlimmſte. Nur Unſchuld und Seelenreinheit wiſſen nichts von Mißtrauen: bei einem Manne von des Aufſehers Geiſtesrich⸗ tung aber können die Gedanken niemals zu jener Ruhe gelangen, welche die Frucht des Vertrauens iſt. Seiner eigenen ſchlimmen Abſichten ſich bewußt, war ſein innerſtes Weſen gegen dieſe Art von Machinationen bei Anderen verpanzert, gerade wie das Stachel⸗ ſchwein beim Anblicke des Hundes ſich zuſammenballt und ihm nichts als ſeine Spitzen entgegenſtreckt. Hätte Kapitän Willoughby nicht zu jener Klaſſe von Menſchen gehört, welche das Böſe erſt ſpät entdecken— er hätte wahrlich ſchon in dem erſten Blick, welchen Joel beim Eintritte in das Bibliothekzimmer um ſich warf, etwas Unheilverkündendes gewahren müſſen. 4 Strides Gedanken waren in der That ſeit jenem Zuſammentreffen in vergangener Nacht nicht müſſig geweſen. Voll Neugierde, und durch die gewöhnlichen Rückſichten des Zartgefühls nicht zurück⸗ gehalten, hatte er bereits alle Hausbewohner, denen er ſich zu dieſem Zwecke nahen durfte, ſondirt, und bis jetzt wenigſtens ſo viel herausgebracht, daß in Betreff des unbekannten Individuums, das er in ſeines Herrn Geſellſchaft gefunden hatte, irgend ein Ge⸗ heimniß obwalte. Zwar hatte er keine Ahnung davon, daß Major Willoughby ſich abermals ſo weit in des Löwen Rachen gewagt habe; dafür aber glaubte er, ein geheimer Agent der Krone müſſe 319 ſich im Blockhauſe befinden— ein Umſtand, der ihm die beſte Ausſicht darbot, dem Kapitän auf der Leiter der Volksgunſt vollends hinabzuhelfen und ſich ſelbſt einige Stufen weiter emporzuſchwingen. Mit Freuden empfing er daher die Einladung zu dieſer Berathung, denn er hoffte, ſie werde zu irgend einer Ausſicht auf fernere Entdeckungen führen. „Setzt Euch, Strides,“ begann Kapitän Willoughby, und deutete auf einen Stuhl, der von dem Schlafzimmer ſo weit entfernt und dermaßen geſtellt war, daß die Gefahr zu großer Nähe dadurch entfernt wurde—„ſetzt Euch; ich wünſche Euch wegen des Standes der Dinge bei den Mühlen um Eure Anſicht zu befragen. Mir kommt es nämlich vor, als ob unter unſern Gäſten mehr Bleichgeſichter als Rothhäute zu finden wären.“ „Das iſt nicht unwahrſcheinlich, Kapitän; ſeit die Streitaxt gegen die Britten ausgegraben wurde, ſind die Leute dem Malen und Nachahmen ſehr ergeben. Die Theejungen waren Alle nach Art der Indianer aufgeſtutzt.“ „Das iſt wahr. Warum ſollten aber Weiße eine ſolche Ver⸗ kleidung anlegen, um nach dem Blockhauſe zu kommen? Ich wüßte nicht, daß ich irgend einen Feind auf Erden beſäße, der mir oder den Meinigen ein Leid zuzufügen gedächte.“ Der arme Kapitän, wie war er zu bedauern! Mit ſechzig Jahren ſollte er noch lernen, daß der offen und gerade handelnde Ehren⸗ mann von bedeutendem Vermögen— denn in den Augen ſeiner Um⸗ gebung galt Kapitän Willoughby für ſehr vermöglich— eben ſo wenig glauben darf, daß er ganz ohne Feinde ſei, als daß der Fürſt der Finſterniß ſein Treiben unter den Menſchen eingeſtellt habe. Joel wußte das beſſer, hielt aber eben jetzt durchaus nicht für nöthig, eine ſolche Thatſache zu den Ohren der zunächſt Bethei⸗ ligten gelangen zu laſſen. „Man ſollte freilich glauben, wenn je Einer populär ſei, ſo müſſe der Kapitän es ſein,“ erwiederte der Aufſeher;„auch weiß ich nichts davon, daß Gäſte in ſolcher Bemalung gerade jetzt mehr Unpopularität als ſonſt andeuten ſollten. Darf ich fragen, warum der Kapitän dieſe Inſchjöns für keine Inſchjöns anſieht? Ich bin zwar nicht ſonderlich mit den Gebräuchen der Rothhäute vertraut — für mich aber haben dieſe ein verzweifelt wildes Ausſehen.“ „Für Krieger aus jenen Stämmen ſind ihre Bewegungen zu unverſtellt, und dabei zu unſicher. Ich meine, ein Wilder müßte ſich jetzt ſchon entſchloſſen haben, ob er als Freund oder Feind auftreten will.“ Joel ſchien von dem Gedanken betroffen; ſeine Miene, welche beim Eintreten verſchmitzt, mißtrauiſch und lauernd geweſen war, nahm plötzlich den Ausdruck tiefen Nachſinnens an. „Hat der Kapitän ſonſt irgend Etwas geſehen, was ihn in dieſer Meinung beſtärkte?“ fragte er. „Ihre Art ſich zu lagern, die ſorgloſe Weiſe, wie ſie ſich be— wegen und ihre Perſon der Gefahr ausſetzen— dieß Alles ſpricht dafür, daß es keine Indianer ſind.“ „Der Bote, den ſie geſtern über die Wieſe ſchickten, ſchien mir ein Mohawk zu ſein.“. „Das war er auch. Daß er eine wirkliche Rothhaut war, das iſt außer Frage. Er verſtand aber kein Wort Engliſch— das Wenige, was zwiſchen uns geſprochen wurde, ward holländiſch verhandelt. Unſere Unterredung war nur kurz, denn ich fürchtete Verrath, und brachte ſie deßhalb früher zu Ende, als ich ſonſt wohl gethan haben würde.“ „Ja, Verrath iſt gar ein grauſam Ding,“ bemerkte der ge⸗ wiſſenhafte Joel;„man kann dagegen nicht ſcharf genug auf der Hut ſein. Macht ſich der Kapitän wirklich Rechnung auf Ver⸗ theidigung des Hauſes, falls im Laufe des Tags ein ernſtlicher Angriff begonnen würde?“. „Ob ich das thue? Das iſt eine ſonderbare Frage, Mr. Strides. Wozu ſollte ich mein Haus auf dieſe Art gebaut haben, wenn ich 321 keine ſolche Abſicht hätte? wozu hätte ich es verpalliſadirt, mit Waffen und Beſatzung verſehen, wenn mir's nicht Ernſt wäre?“ „Ich glaubte, dieß Alles ſei geſchehen, um einem Ueberfall vorzubeugen, nicht aber in der Hoffnung, eine Belagerung aus⸗ zuhalten. Ich möchte nicht gerne alle unſere Weiber und Kinder unter einem Dache eingeſchloſſen ſehen, wenn der Feind ernſtlich mit Feuer und Schwert gegen uns anrückte.“ „Und ich möchte ſie eben ſo wenig anders wo ſehen. Das heißt aber, unſere Zeit verlieren.— Ich ließ Euch rufen, Joel, um Eure Meinung über den wahren Charakter unſerer Gäſte zu erfahren. Habt Ihr mir in dieſem Punkte irgend einen Wink, eine Andeutung zu geben?“ Joel ſtützte den Ellbogen auf's Knie, legte das Kinn in die offene Hand, und ſchien voll Gutwilligkeit und mit großem Ernſte über die Frage nachzudenken. „Wenn ſich ein Wagehals auffinden ließe, der keck genug wäre, mit einer Flagge hinauszuziehen,“ bemerkte er endlich,„ſo könnte man in wenigen Minuten die volle Wahrheit erfahren.“ „Und wen ſoll ich hiezu verwenden? Am liebſten ginge ich ſelbſt, wenn ein ſolcher Schritt für einen Mann in meiner Stel⸗ lung militäriſch oder überhaupt ausführbar wäre.“ „Wenn meines Gleichen Euer Gnaden dienen kann,“ rief Mike plötzlich, obwohl mit ziemlichem Mißtrauen, was nämlich ſeine Anſicht über die eigene Befähigung betraf—„ſo wird Nie⸗ mand vorhanden ſein, der hier widerſpräche, und ich brauche Euch wohl nicht erſt zu ſagen, daß Ihr über mich ganz wie über Euer Eigenthum verfügen dürft.“ „Ich glaube kaum, daß Mike paſſen würde,“ bemerkte Joel nicht ganz ohne ſein höhniſches Lächeln.„Er kann einen Indianer kaum von einem Weißen unterſcheiden, und was die Bemalung be⸗ trifft— die würde ihn vollends in ſchreckliche Verlegenheit bringen.“ „Wenn Ihr glaubt, ich werde mir noch einmal etwas von Wyandottsé. 21 322 alten Nicks weiß machen laſſen, Miſchter Strides, dann ſeid Ihr meinethalben gewaltig im Irrthum. Der Kapitän darf nur ein Wort ſagen, ſo geh' ich nach der Mühle, und bringe ihm von dem dortigen Korn oder laſſe meinen eigenen Leib als Müllerlohn zurück.“ „Ich zweifle nicht im Mindeſten an deiner Treue, Mike,“ be⸗ merkte Kapitän Willoughby freundlich;„wir haben aber für jetzt nicht nöthig, dich ſolchen Gefahren auszuſetzen.— Ich werde wohl einen andern Waffenſtillſtandsherold auffinden.“ „Es ſcheint, der Kapitän hat ſchon ſeinen Mann im Auge,“ fiel Joel ein, indem er ſeinen Herrn ſcharf in's Auge faßte. „Vielleicht iſt's derſelbe, den ich heute Nacht bei ihm bemerkte. Das iſt eine zuverläſſige Perſon, wie ich vermuthe.“. „Ihr habt den Nagel auf den Kopf getroffen. Es iſt der⸗ ſelbe, der geſtern Nacht zu gleicher Zeit mit mir vom Blockhauſe entfernt war— ſein Name iſt Ioel Strides.“ „Der Kapitän iſt heute Morgen ziemlich zum Muſiciren auf⸗ gelegt.— Nun wohl— wenn ich denn gehen muß— wir wa⸗ ren ja unſer Zwei da draußen, ſo wollen wir uns auch zuſam⸗ men zu dieſen Wilden begeben. Ich habe von jenem Manne genug geſehen, um zu wiſſen, daß er zuverläſſig iſt, und wenn er gehen will, ſo bin auch ich bereit.“ „Topp! ſo ſei's!“ ſprach Robert Willoughby, in das Biblio⸗ thekzimmer tretend.„Ich nehme Euch beim Wort, Mr. Strides; wir Beide wollen jeder Gefahr Trotz bieten, um dieſe Familie aus ihrem jetzigen beunruhigenden Zuſtande zu erlöſen.“ Der Kapitän war erſtaunt, wußte aber nicht, ſollte er ſich freuen oder ärgern. Mike ließ große Unzufriedenheit in ſeinen Mienen gewahren, denn ſo lange Joels Wünſche erfüllt wurden, glaubte er jedesmal, die Dinge ſchief gehen zu ſehen. Strides ſelbſt warf einen forſchenden Blick nach dem Fremden, erkannte ihn ſogleich, beſaß aber Selbſtbeherrſchung genug, um trotz ſeiner vollſtändigen Ueberraſchung dieſe Entdeckung zu verbergen. — 1 323 Des Majors Anweſenheit entfernte übrigens unverzüglich alle ſeine Einwürfe gegen die vorgeſchlagene Expedition, denn waren die Wilden mit den Amerikanern befreundet, ſo hatte er gewiß Nichts für ſich zu beſorgen, und im umgekehrten Falle mußte ihm ein königlicher Offizier genügenden Schutz gewähren. „Der Herr iſt mir völlig unbekannt,“ fuhr Joel heuchleriſch fort;„da ihm aber der Kapitän ſein Vertrauen ſchenkt, ſo kann ich nicht wohl anders handeln. Ich bin bereit, ſobald es ihm genehm iſt, die Botſchaft zu übernehmen.“. „Das wäre in Ordnung, Kapitän Willoughby,“ fiel der Ma⸗ jor ein, um ſeinem Vater alle Einwendungen abzuſchneiden;„je eeher ein derartiger Auftrag abgemacht wird, um ſo beſſer für alle Betheiligten. Ich ſtehe bereit, im Augenblicke abzugehen, und bin überzeugt, dieſer würdige Mann— Strides nanntet Ihr ihn, glaub' ich— hat denſelben guten Willen.“ Joel nickte bejahend, und der Kapitän mußte wohl oder übel nachgeben, da er kein Mittel zum Widerſtande übrig ſah. Doch führte er den Major noch einmal in's Schlafzimmer, beſprach ſich dort eine Minute lang insgeheim mit demſelben, worauf er zurückkehrte, und die Beiden abgehen hieß. „Euer Begleiter hat ſeine Inſtruktion, Joel,“ bemerkte der Kapitän, als ſie das Bibliothekzimmer mit einander verließen; „Ihr werdet alſo ſeiner Anweiſung folgen. Sobald Ihr den Thorweg hinter euch habt, laßt ihr die weiße Flagge ſehen: ſind ſie ächte Krieger, ſo muß ſie reſpektirt werden.“ Robert Willoughby war zu ſehr mit ſeiner Aufgabe beſchäftigt, um länger zu zögern; auch fürchtete er Mauds Erſcheinen und de⸗ ren vorwurfsvolle Blicke. Er ſchritt mit dem Kapitän über den Hof, und befand ſich am äußeren Thore, noch ehe irgend Jemand von der Beſatzung ſein Erſcheinen unter ihnen in's Auge gefaßt hatte. Hier freilich überfiel den Vater eine große Angſt, und wäre nicht ſein kriegeriſcher Stolz geweſen, ſo hätte er gerne ſeine Ein⸗ 21* 324 willigung zurückgenommen. Doch dazu war's zu ſpät— und ſo konnte er ſeinem Sohne nur noch die Hand drücken, und mußte ihn dann hinauslaſſen. Joel folgte feſten Schrittes— ſo ſchien es wenigſtens— ins⸗ geheim aber nicht ohne ſchlimme Ahnungen über die Folgen, welche dieſer Schritt für ihn ſelbſt und ſeine heranwachſende Fa⸗ milie nach ſich ziehen konnte. Siebenzehntes Kapitel. Nein— nicht die Sonne bet' ich an, Den Mond nicht, noch der Sterne Bahn Den Wind, die Flut, die Flamme; Vor Tugend, Weisheit ſink' ich nie, Noch vor der Freiheit hin auf's Knie: Kein andrer Gott als Gott iſt hie, Jehovah iſt ſein Name! Montgomery. So plötzlich und unerwartet war Robert Willoughby in den Hof und unter die außerhalb des Thorwegs aufgeſtellten Poſten gerathen, daß Niemand ihn erkannte. Nur Wenige bemerkten, daß ſich ein Fremder in ihrer Mitte befand; Keiner aber beſaß ſo viel Scharfblick und Beſonnenheit, um den Fremden aus ſeiner Vermummung herauszukennen. Die kleine weiße Flagge, welche ſie bei ſich hatten, bezeichnete den Auftrag der beiden Boten: alles Uebrige blieb der Muthmaßung überlaſſen. Sobald ſich Kapitän Willoughby überzeugt hatte, daß der Allarm von heute Morgen wohl ſchwerlich zu weiteren Reſulta⸗ ten führen würde, hatte er mit Ausnahme einer kleinen Wache, welche unter Sergeant Joyce's unmittelbaren Befehlen in der Nähe des äußeren Thores aufgeſtellt ward, die übrige Mannſchaft ſämmtlich entlaſſen. Letzterer war einer jener Kriegsleute, welche das Detail des 325 Dienſtes als weſentlichſte Hauptſache betrachten; ſobald er daher ſeinen Kommandanten im Begriffe ſah, einen Ausfall anzuord⸗ nen, rechnete er ſich's zum Stolze an, ihn nicht mit Fragen zu beläſtigen, vielmehr ſich ſo zu ſtellen, als ob er gar Nichts davon merkte. Jamie Allen, der ebenfalls zur Wache gehörte, ahmte ihm zwar voll Gemüthsruhe nach, dagegen war es für die drei bis vier Neu⸗Engländer eine harte Entbehrung, daß man ihnen alle Fragen über das Wie und Warum verbieten wollte. „Ordre abgewartet, ihr Leute, Ordre abgewartet,“ bemerkte der Sergeant, um die deutlich hervortretende Ungeduld der Mann⸗ ſchaft zu beſchwichtigen.„Wenn Seine Gnaden, der Kapitän, uns mit ſeinen Anordnungen bekannt zu machen wünſchte, ſo würde er eine allgemeine Parade abhalten, und uns die Sache vorlegen, wie er bei paſſenden Gelegenheiten immer zu thun pflegt. Ihr ſeht ja,'s iſt ein Parlamentär, der da hinausgeht; ſollte ein Waffenſtillſtand erfolgen, ſo legen wir unſere Flinten bei Seite, und nehmen die Pflugſchaar wieder zur Hand; wär's aber eine Kapitulation— ich kenne übrigens unſern braven alten Kom⸗ mandanten zu gut, um ſo etwas für möglich zu halten— wenn's aber auch das wäre,— nun, ſo ſtrecken wir als Männer das Gewehr, und ſuchen uns, ſo gut wir können, drein zu finden.“ „Und ſollte Ivel und der andere Mann, den ich nicht kenne, ſkalpirt werden?“« fragte einer von der Wache. 1 „Dann wollen wir ihre Skalpe rächen. So machten wir's auch, als Mylord Howe fiel.—„Rache für ſeinen Tod'! rief unſer Oberſt, und wir ſtürzten darauf los, bis faſt Zweitauſend von uns vor den franzöſiſchen Laufgräben gefallen waren.— Ja, das war freilich ein ſehenswerther Anblick, und ein Tag, von dem man wohl ſprechen darf!“ „Ja, ja, ihr wurdet aber wacker geklopft, Sergeant, wie ich mir von Vielen, die dabei waren, ſagen ließ.“ „Was thut das, Sir? Wir haben dennoch Ordre parirt. 326 „Rache für ſeinen Tod“!— dieß war unſer Schlachtruf; ihm gehorchend, drangen wir vorwärts, bis in unſerem Bataillon nicht mehr Leute genug übrig waren, um die Verwundeten in's Hintertreffen zu führen.“ „Und was habt ihr dann mit ihnen angefangen?“ fragte ein junger Mann, der den Sergeanten wie einen zweiten Cäſar betrach⸗ tete— da Napoleon anno 1776 noch keine Berühmtheit beſaß. „Wir ließen ſie liegen, wo ſie gefallen waren. Der Krieg predigt nämlich uns allen die heilſame Lehre, junger Mann, daß⸗ das Unmögliche— unmöglich iſt. Der Krieg iſt der große Schulmeiſter des Menſchengeſchlechts, und ein Gelehrter iſt der, welcher neunzehn bis zwanzig Feldzüge mitgemacht hat.“ „Wenn er nämlich ſo lange am Leben bleibt, um ſeine Leh⸗ ren benützen zu können,“ erwiederte der erſte Sprecher mit höh⸗ niſchem Lächeln. „Iſt ein Mann beſtimmt, in der Schlacht zu ſterben, ſo iſt's beſſer, Sir, er ſtirbt, ſo lange ſein Geiſt noch mit Kenntniſſen ausgeſtattet iſt, als daß er ſich dem Hunde gleich, der ſeine Brauchbarkeit überlebt hat, niederſchießen läßt. Jede geregelte Schlacht nimmt Erfahrung über Erfahrung,— Alles im Felde er⸗ worben,— mit ſich aus der Welt. Da kommen Seine Gnaden; der Kapitän wird Alles beſtätigen, ihr Leute, was ich euch ſage.— Ich habe dieſen Leuten begreiflich gemacht, Sir, daß die Armee und das Schlachtfeld die beſten Schulen auf Erden ſind. Jeder alte Soldat wird darauf ſchwören, Euer Gnaden.“ „Wir glauben das nur gar zu gerne, Joyce.— Sind die Waffen heute Morgen nachgeſehen worden?“ „Sobald es hell war, that ich es ſelbſt, Sir.“ „Flinten, Patrontaſchen, Bajonnete, hoffentlich?« „Ja wohl, Sir, das Alles.— Erinnern ſich Euer Gnaden des Morgens, als wir die Affaire beim Fort du Quesne hatten?“ „Ihr meint wohl Braddocks Niederlage— nicht wahr, Joyce?« ¹ 5 * 327 „Ich nenne nichts eine Niederlage, Kapitän Willoughby. Man ging damals ziemlich rauh mit uns um— ob's aber eine Nie⸗ derlage war, davon bin ich doch nicht überzeugt. Wir zogen uns zwar zurück, und verloren einige Waffen⸗ und ſonſtige Vorräthe; im Ganzen aber behaupteten wir unſere Fahnen, was in den Wäldern nichts Leichtes war. Nein, nein, Sir, das nenne ich keineswegs eine Niederlage.“ „Ihr werdet aber doch zugeben, daß wir hart gedrängt wurden, und ohne ein gewiſſes Korps von Koloniſten, das den Wilden männlich widerſtand, ein ſchlimmes Ende hätten nehmen können?“ „Ja, Sir, das geb' ich zu. Ich erinnere mich jenes Korps und ſeines Kommandanten, eines Obriſts Waſhington— mit Euer Gnaden Erlaubniß.“ „So war's in der That, Joyce. Und wißt Ihr vielleicht auch, was aus dieſem nämlichen Obriſten Waſhington geworden iſt?“ „Es kam mir nie in den Sinn, danach zu fragen, Sir; er 3 war ja ein Provinziale. Vielleicht hat er jetzt ein Regiment oder gar eine Brigade, und wird jedenfalls guten Gebrauch davon machen.“ „Da habt Ihr ſein Glück viel zu gering taxirt, Joyce. Der Mann iſt kommandirender General— Generalkapitän.“— „Euer Gnaden belieben zu ſcherzen— es ſind ja noch viele von ſeinen Vormännern am Leben.“ „Er iſt der Mann, der die amerikaniſchen Armeen im Kriege gegen England kommandirt.“ „Nun, Sir, auf dieſe Art kann er allerdings raſch vorrücken. Ohne Zweifel wird ein ſo guter Soldat Ordre zu pariren wiſſen, Sir.“ „So gebt Ihr ihm alſo recht in der Sache, die er nunmehr ergriffen?“ 1„Gott ſegne Euer Gnaden— ich mache mir keine Gedanken 3 darüber, Sir, kümmere mich überhaupt nichts darum. Hat der Herr Dienſte beim Kongreß genommen, wie ſie das neue Hauptquartier — nennen— ei nun, ſo ſoll er dem Kongreß gehorchen; dient er aber dem König, ſo mag er Seiner Majeſtät Befehle befolgen.“ „Ei, da möchte ich fragen, Sergeant, in welchem Dienſte glaubt Ihr denn jetzt— in dieſem Augenblicke— zu ſtehen?“ „In Kapitän Willoughby's, der ehemals in Sr. Majeſtät — tem Infanterieregimente diente— Euer Gnaden aufzuwarten.“ „Wenn Alle in demſelben Sinne handeln, Joyce, ſo kann uns im Blockhauſe nichts Schlimmes treffen, und ſollten auch doppelt ſo viel Wilde uns Trotz bieten, als dort auf jenen Felſen zu ſehen ſind,“ erwiederte der Kapitän lächelnd. „Und warum ſollten ſie nicht?« fragte Jamie Allen ernſthaft. „Ihr ſeid der Herr hier; wir haben weder Zeit noch Luſt, die Orthodoxie und Heterodoxie des Streites zu ſtudiren und zu ver⸗ ſtehen, welcher zwiſchen dem Hauſe Hannover und denen dieſer Amerikaner herrſcht; ſo lange wir Haus und Familie unſeres alten Herrn vertheidigen, wird Gott unſeren Anſtrengungen gnä⸗ dig ſein, und uns zum Siege führen!“ „Hol' mich der Teufel, Jamie,“ rief Mike— nachdem er nämlich den Major das Blockhaus hatte verlaſſen ſehen, folgte er deſſen Vater, in ſteter Bereitſchaft, ſich überall, wo man ſeiner guten Dienſte bedurfte, nützlich zu machen—„Hol' mich der Teufel, Jamie, Ihr hättet nicht beſſer reden können, und wenn Ihr gleich eben erſt Euer Gewiſſen bei einem rechten Prieſter erleichtert hättet, und aus völlig reiner Bruſt ſprächet! Nur immer an dem Kapitän feſtgehalten, ſag' ich, und der Herr wird auf unſerer Seite ſein!“ Der Sergeant nickte ſeinen Beifall zu dieſer Rede; der jüngere Pliny, der ſie zufällig mit angehört hatte, ſtotterte ſein bezeichnendes „Goſh“*), und ballte die Fauſt zum Zeichen ſeiner Zuſtimmung. Die Amerikaner von der Wache aber— ſammt und ſonders Werkzeuge von Joels und des Müllers Verführungskunſt— legten eine Kälte an den Tag, welche ſogar das gewohnte kühle Weſen *)„Nur zu. D. U. 329 ihres Stammes weit überſtieg. Sie meinten's zwar recht, waren aber durch die falſchen, trügeriſchen Machinationen eines Demagogen getäuſcht, und nicht länger Herr über ihre Anſichten und Handlungen. Dem Kapitän fiel es ſogleich auf, daß hier nicht Alles in Ordnung war; doch, ſelbſt Fremder von Geburt, hatte er ſich das eigenthümliche Weſen der Landesbewohner frühzeitig gemerkt, und war ſchon lange vertraut mit ihrem äußerlichen Phlegma, das mit dem Stoicismus der Ureinwohner ſo viele Aehnlichkeit hat, daß manche Schriftſteller ſich verleiten ließen, beide Eigen⸗ ſchaften einer Urſache— dem Klima— zuzuſchreiben. Uebrigens war der gegenwärtige Augenblick nicht dazu geeig⸗ net, der Eindruck auch nicht ſtark genug, um den Herrn des Blockhauſes zu weiteren Nachfragen zu veranlaſſen. Als ſeine Blicke auf die beiden Flaggenträger fielen, fanden ſie dort einen neuen Gegenſtand des Intereſſes, der die Gedanken von dem, was eben vorgefallen war, völlig ablenkte. „Ich ſehe, Sergeant, ſie haben unſeren Boten zwei Männer entgegengeſchickt,“ bemerkte der Kapitän.„Dieß ſieht gerade ſo aus, als ob ſie ſich auf die Kriegsgeſetze verſtünden.“ „Ganz richtig, Euer Gnaden. Sie ſollten den Unſeren jetzt eigentlich die Augen verbinden, und ſie in ihre Werke führen, ehe ſie ſich überhaupt vor ihnen ſehen laſſen; das würde ihnen übrigens nicht viel nützen, denn Strides iſt mit jedem Zoll von jenem Fels⸗ boden eben ſo genau, wie ich ſelbſt mit dem Exerciren bekannt.“ „Dadurch würde eigentlich jene oben erwähnte Ceremonie als unnöthig wegfallen.“ Man kann's nicht wiſſen, Euer Gnaden, das Augenverbinden iſt einmal der Regel gemäß; ich würde es bei jedem Parlamen⸗ tär thun, ehe ich ihn herankommen ließe, und wenn auch die feindlichen Reihen ſich gegenſeitig in Parade gegenüberſtünden. Durch ſtrenges Feſthalten an den Regeln eines ſolchen Verkehrs kann man nur gewinnen, nie verlieren.“ 330 Der Kapitän lächelte, und mit ihm alle Amerikaner der Wache, deun dieſe beſaßen zu viel Scharfſinn, um nicht einzuſehen, daß man in einer Sache eben ſo gut zu viel, als zu wenig thun könne; Jamie und Mike aber betrachteten die Ausſprüche des Sergeanten jederzeit als Geſetz: Der Eine hatte nämlich die Natur des Kriegs⸗ dienſtes ſchon in der Schlacht von Culloden verſchmeckt, und der Andere war noch auf ſeinem eigenen grünen Eilande bei unterſchied⸗ lichen Jahrmärkten an derartigen Erfahrungen reich geworden. Alle aber waren im gegenwärtigen Augenblicke zu ſehr mit Beobachtung der beiden feindlichen Parteien beſchäftigt, um das angefangene Geſpräch weiter fortzuſetzen. Robert Willoughby und Joel waren mit ihrer kleinen Flagge, welche luſtig über ihren Häuptern flatterte, ohne ſtill zu halten, über die Wieſen und nach den Felſen hingewandert. Ihre An⸗ näherung ſchien unter den Wilden keine Veränderung hervorzu⸗ rufen, denn dieſe bereiteten ruhig ihr Frühſtück, bis jene dem La⸗ ger auf zweihundert Schritte nahe gekommen waren; dann ſah man zwei von den Rothhäuten, nachdem ſie zuvor ihre Waffen bei Seite gelegt, den beiden Fremden entgegen gehen.— Dieß eben war die Zuſammenkunft, welche die Aufmerkſamkeit der Blockhausbewohner auf ſich zog, und deren Verlauf von ihnen mit der innigſten Theilnahme beobachtet wurde. Das Zuſammentreffen ſchien in aller Freundſchaft vor ſich zu gehen. Nach kurzer Beſprechung, wobei Zeichen die Hauptrolle in der Mittheilung zu ſpielen ſchienen, wandten ſich die Vier zuſammen und mit großer Bedächtigkeit nach den Felſen. Kapitän Willoughby hatte ſein Fernglas holen laſſen, und konnte ſo ziemlich Alles beobachten, was bei Ankunft ſeines Sohnes im feindlichen Lager vor ſich ging. Des Majors Bewegungen waren ruhig und feſt, und ein Gefühl des Stolzes ſchwellte des Vaters Herz, als er mitten auf einem Schauplatze, der wohl geeignet war, das Gleichgewicht auch des feſteſten Mannes zu erſchüttern— dieſe — 331 Ruhe wahrnahm. Joel freilich verrieth ziemliche Aufregung, hielt ſich aber dicht neben ſeinem Gefährten, und Beide traten gerade in die Mitte des feindlichen Haufens. Der Kapitän bemerkte, wie dieſe Ankunft keinen ſichtlichen Ein⸗ druck unter den Rothhäuten verurſachte. Sogar diejenigen, an welchen der Major ganz dicht vorüberſtreifte, ſchauten nicht einmal auf— kümmerten ſich nichts um ihn; Keiner ſchien zu ſprechen oder nur im Geringſten auf ihn aufmerkſam zu ſein. Das Kochen und Backen für das bevorſtehende Frühſtück ging ganz eben ſo un⸗ geſtört vor ſich, wie wenn keine fremde Seele ſich im Lager befände. Die Flaggen wurden von Niemand, als von den beiden Männern, welche ihnen entgegen gegangen waren, begleitet und durch die Mitte des Lagers geführt; erſt auf der dem Blockhaus gegenüber liegenden Seite machten ſie Halt— dort war nämlich eine freiſtehende Fels⸗ platte, welche die Wilden nicht zu beſetzen für gut befunden hatten. Hier hielten die Vier; der Major wandte ſich um und ſchaute rückwärts mit dem Blicke des Soldaten, der ſich das Terrain be⸗ ſichtigt. Niemand ſchien geneigt, ihn in einem Geſchäfte zu unter⸗ brechen, welches Sergeant Joyce für eben ſo kühn, als— nach den Kriegsgebräuchen wenigſtens— unerlaubt erklärte. Dem Ka⸗ pitän kam es vor, als ob der Stoicismus der Wilden alles Maaß überſtiege, und ſein Zweifel, ob die Gäſte auch wirklich Wilde ſeien, ward dadurch auf's Neue angeregt. Ein paar Minuten ſpäter ſah man drei bis vier von den Rothhäuten ſich abſeits mit einander berathen, worauf ſie ſich den Flaggenträgern näherten und einige Worte mit ihnen wechſelten. Den Inhalt dieſer Mittheilung konnte man natürlich nicht in den Zügen der Sprechenden leſen, doch hatte die Verhandlung den freundſchaftlichſten Anſtrich. Nach einer Unterredung von zwei bis drei Minuten ſah man Robert Willoughby, Strides, ihre beiden Führer, nebſt den vier Häuptlingen, welche die Gruppe vollzählig machten— alle zuſammen —„ 4 1 4 den Gipfel des Hügels verlaſſen, und den Fußpfad, der zu den Mühlen führte, hinabſteigen. Bald war die ganze Gruppe den Blicken der Zuſchauer entſchwunden. Die Entfernung war nicht ſo groß, daß dieſe Vorgänge nicht mit bloßem Auge wahrgenommen werden konnten; nur zur Unter⸗ ſcheidung der näheren Umſtände bedurfte der Kapitän ſeines Fern⸗ glaſes. Er hatte das Inſtrument zwiſchen den Palliſaden aufgepflanzt, und verfolgte die ſich entfernende Gruppe, ſo lange ſie dem Auge ſicht⸗ bar war; dann aber ſchaute er auf und betrachtete ſeine Gefährten, wie wenn er ihre Gedanken in deren Geſichtern leſen wollte. Jooyce verſtand den Ausdruck ſeiner Mienen; mit dem gewohn⸗ ten militäriſchen Gruße unternahm er es, ſeinem Vorgeſetzten auf deſſen ſtumme Frage zu antworten. „Alles ſcheint in Ordnung, Euer Gnaden,“ begann der Ser⸗ geant;„das Augenverbinden allein ausgenommen. Der Parlamen⸗ tär wurde auf den Vorpoſten geſtellt und in das Lager eskortirt; dort empfing der Offizier vom Tag, oder irgend ein Wilder, der deſſen Dienſt verſteht, ſeinen Auftrag, und ohne Zweifel haben ſich jetzt Alle zum Rapport in's Hauptquartier verfügt.“ „Ich befahl meinem Sohne, Joyce— „Wem, Euer Gnaden?“ Die allgemeine Bewegung unter ſeinen Zuhörern ſagte dem Kapitän, wie höchlich ſie durch dieſe unvorhergeſehene Nachricht von der Anweſenheit des Majors im Blockhauſe überraſcht wur⸗ den. Jedenfalls war's jetzt zu ſpät, um ſeine Worte zurückzu⸗ nehmen; überdieß war ſo wenig Ausſicht vorhanden, daß Robert Joels Scharfblicke entgehen könnte, daß der Vater nunmehr jeden ferneren Verſuch, die Sache geheim zu halten, als nutzlos erkannte. „Ich ſage, ich befahl meinem Sohn, Major Willoughby— denn er iſt jener Parlamentär,“ wiederholte der Kapitän in feſtem Tone,„wenn ihm Alles richtig ſcheine, ſo ſolle er ſeinen Hut auf eine bezeichnende Art in die Höhe heben; bemerke er aber irgend 333 Etwas, was uns mehr als gewöhnlich auf der Hut zu ſein nöthige, ſo ſolle er eine beſondere Geberde mit dem linken Arm machen.“ „Und welches von dieſen Zeichen hat er der Garniſon gegeben — wenn anders Euer Gnaden es für gut finden, es uns wiſſen zu laſſen?“ 3 „Keines von beiden. Damals, als die Häuptlinge zuerſt zu ihm ſtießen, glaubte ich ſchon, er wolle das Zeichen mit dem Hute machen; doch er zögerte und ließ die Hand wieder ſinken, ohne das erwartete Signal zu geben. Auch in dem Augenblicke, da er eben hinter den Felſen verſchwand, regte ſich ſein linker Arm, doch nicht ſo, daß ich es für ſein vollſtändiges Zeichen nehmen könnte.“ Schien er vielleicht in Eile, Euer Gnaden, wie wenn er durch den Feind an der Mittheilung gehindert würde?“ „Nicht im Geringſten, Joyce. Nur Unentſchloſſenheit ſchien, ſo viel ich beurtheilen konnte, dem Ganzen zu Grunde zu liegen.“ „Verzeihen mir Euer Gnaden— aber Ungewißheit wäre wohl bei einem ſo guten Soldaten ein beſſeres Wort.— Hat Major Willoughby des Königs Dienſt verlaſſen, Sir, weil er gerade in dieſem Augenblicke unter uns erſcheint?“ „Ich will Euch ſeine Abſicht ein ander Mal erzählen, Ser⸗ geant. Für jetzt kann ich blos an die Gefahr denken, in welcher er ſchwebt. Dieſe Indianer ſind geſetzloſe Schufte— man kann ſich niemals auf ihre Treue verlaſſen.“ „Sie ſind freilich ſchlimm genug, Sir; aber es kann doch wohl Niemand ſo abſcheulich ſein und die Rechte eines Parla⸗ mentärs verletzen,“ gab der Sergeant mit ernſter und ziemlich wichtiger Miene zur Antwort.„Sogar die Franzoſen haben jederzeit unſere Parlamentärs reſpektirt, Euer Gnaden.“ „Das iſt wahr, und dennoch wünſchte ich, wir könnten die Stellung bei der Mühle überſehen. Es iſt ein großer Vortheil für ſie, Joyce, daß ſie ſich, wenn's ihnen beliebt, hinter einem ſolchen Verſtecke aufſtellen können!“ 334 Der Sergeant betrachtete eine Weile das Lager; dann ſtreifte ſein Blick an den Wäldern und Bergabhängen hin, welche die Ebene begränzten, bis er dem vermeintlichen Feinde gerade den Rücken zu⸗ wandte und den hinter dem Blockhauſe gelegenen Wald im Auge hatte. „Wenn's Euer Gnaden genehm wäre, ſo könnte ein Detaſche⸗ ment zu einer Demonſtration abgeſchickt werden“— Joyce wußte zwar nicht genau, was eine ‚Demonſtration“ zu bedeuten hatte, aber das Wort klang ſo militäriſch—„und zwar auf folgende Art. Ich könnte die Abtheilung hinten zum Hauſe hinaus führen, und den Bach dabei als bedeckten Weg gebrauchen. Sind wir erſt im Wald, ſo wird's wohl nicht ſchwer ſein, ein Flanken⸗ manöver gegen die feindliche Stellung auszuführen, und dann kann ſich ja das Detaſchement durch die Umſtände leiten laſſen.“ Dieß klang zwar ſehr martialiſch, und der Kapitän wußte auch recht gut, daß Joyce ganz der Mann dazu war, um die Ausfüh⸗ rung ſeines Planes zu verſuchen; aber dennoch gab er keine Ant⸗ wort, und ſchüttelte nur ſeufzend den Kopf, während er nach dem Hauſe zurückging. Der Kaplan folgte, ſo daß die Beobach⸗ tung der Wilden den Zurückbleibenden überlaſſen blieb. „Euer Vorſchlag, Sergeant, ſcheint Seiner Gnaden nicht ſon⸗ derlich zu gefallen,“ begann der Maurer, ſobald ſein Vorgeſetzter ſich über Gehörweite entfernt hatte.„Und doch war er ganz mi⸗ litäriſch, ſo viel ich nach dem, was ich anno 45 mit anſah, davon verſtehe. Flankenmanöver, Ueberfälle, Rekognoscirungen, Demon⸗ ſtrationen und ſolche Dienſte— das iſt die Seele des Kriegs, und bildet die große Heerſtraße zum Siege. Hätten Chairlie's*) Trup⸗ pen ſich beſſer auf's Rekognosciren und auf den Parteigängerkrieg verſtanden— wahrhaftig, eine ganz andere Familie ſäße jetzt auf dem Throne, und der Prinz hätte ſein Eigenthum zurück erhalten. Eure Idee gefällt mir ſehr gut, Sergeant, und wenn's zur Aus⸗ führung derſelben kommt, ſo werdet Ihr hoffentlich nicht vergeſſen, — Schottiſche Ausſprache des Namens„Charles“. D. U. 5 — daß Ihr hier einen alten Freund beſitzt, der ſich ſehr gerne der Partie anſchließen wird.“ „Mir ſchien,“ warf einer von den Amerikanern ein,„der Ka⸗ pitän fand keinen ſonderlichen Gefallen an jenen Fragen über ſei⸗ nes Sohnes Abſichten bei ſeinem dießmaligen Beſuche, der in eine ſo wichtige Zeit, wie die jetzige, fällt.“ „Der Mann hat eben auch Eingeweide im Leib!“ ſchrie Mike, „und Leute ſeines Gleichen ſind nie ohne Gefühl. Ihr wißt nicht, was es heißt, Vater zu ſein, ſonſt würdet Ihr heulen im Geiſte, wenn Ihr Euer eigenes Kind in den Klauen jener wilden Teufel wüßtet. Iſt er nicht ein hübſcher Mann, und würde ich mich nicht grämen, wenn ich hören müßte, daß ihm ein Leid zugeſtoßen? Ihr habt aber noch gar nicht gefragt, Sergeant, wie der Major in's Haus kam, und Ihr ſeid doch obendrein eine militäriſche Schildwache!“ „Ich denke mir, Michael, er kam auf erhaltenen Befehl, und uns Unteroffizieren ſteht es nicht zu, ihre Vorgeſetzten um Dinge zu befragen, welche nur auf ungewöhnliche Weiſe ſich zutragen konnten. Ich bin gewohnt, Ordre zu pariren, und die Sachen zu nehmen, wie ich ſie finde. Ich will nur hoffen, daß der Sohn als Feldoffizier keinen höheren Rang, als der Vater, anſpricht, was ſich doch nicht wohl ſchickte, obwohl freilich das Datum des Patents und die höhere Stelle jedenfalls reſpektirt werden muß.“ „Ich glaube eher, daß ein Major in königlichen Dienſten, wenn er ſich herausnähme, hier befehlen zu wollen, nur Wenige geneigt finden würde, ſeinen Ferſen zu folgen,“ bemerkte der Sprecher der Amerikaner ziemlich ſteif. „Meuterei würde einen ſchlimmen Stand finden, wenn ſie ihr Haupt unter dieſer Beſatzung zu erheben wagte,“ erwiederte der Sergeant mit einer Würde, welche eigentlich für die Mittagstafel eines regulären Regiments beſſer, als für ſeine jetzige Lage gepaßt hätte. „Kapitän Willoughby und ich— wir Beide haben Meuterei wohl ſchon ausbrechen— noch nie aber haben wir ſie ſiegreich geſehen!“ —— 336 „Betrachtet Ihr uns etwa als geſetzlich angeworbene Solda⸗ ten?« fragte einer der Arbeiter, welcher wenigſtens ſo viel vom Geſetze verſtand, um den Unterſchied zwiſchen einem Söldner und einem Freiwilligen zu begreifen.„Wenn ich einmal in ein Regi⸗ ment einrangirt ſein ſoll, ſo muß ich doch wenigſtens wiſſen, in welchen Dienſten daſſelbe ſteht.“ „Wie alle jungen Leute, ſo ſeid auch Ihr allzu raſch mit Euren Einwürfen und Behauptungen, und ſeht auf Erden nichts, als Eure eigene Erfahrung und etwa die Vorſehung des Höchſten. Aller⸗ dings ſind wir Alle zuſammen, ſelbſt bis auf Michael hier, ein⸗ rangirt, und zwar in Dienſten unſeres guten Herrn, Seiner Gna⸗ den des Kapitäns Willoughby, welchen der Herr mit Kind und Kindeskind vor dieſer und jeder anderen Gefahr behüten möge!“ Heutzutage würde das Wort ‚Herr“ für ſich allein ſchon unter einem Korps, wie unſer Kapitän eines zu kommandiren hatte, höchſt wahrſcheinlich eine Empörung veranlaſſen, wogegen der Ausdruck „Boss**) nicht die geringſte Einwendung fände. Allein die engliſche Sprache hatte im Jahre 1776 noch nicht die Hälfte ihrer gegen⸗ wärtigen Veränderungen erlitten, und Niemand ſträubte ſich gegen das Geſtandniß, daß er einem Herrn' diene, Manchem dagegen ſchwoll aber auch der Kamm hoch auf bei dem Gedanken, daß er in militäriſcher Beziehung in irgend Jemands Dienſten ſtehen ſollte. Die Behauptung des Maurers hätte übrigens leicht zu einem hitzigen Streite führen können, wenn nicht eben in dieſem Augen⸗ blicke eine Bewegung unter den Wilden die Aufmerkſamkeit aller Anweſenden auf wichtigere Dinge, als ſelbſt ein ſolcher Zankapfel war— geleitet hätte. Die Bewegung ſchien allgemein zu ſein, und Joyre ließ ſeine Wache unter Gewehr treten: doch war er noch unſchlüſſig, ob er das ganze Haus allarmiren ſollte. Statt aber gegen das Blockhaus *) Stammt aus dem holländiſchen baas, und iſt beſonders in New⸗York die ge⸗ wöhnliche Bezeichnung für Meiſtert. D. U. —ͦ—᷑—’—P——᷑————————ꝑ—;—y., 337 vorzurücken, erhoben die Indianer ein lautes, gellendes Geſchrei, und waren plötzlich gleich einem Fluge von Vögeln, der mit einem Male auf⸗ und davon rauſcht, hinter den Felſen und in der Richtung gegen die Mühle verſchwunden. Der Sergeant wartete eine halbe Stunde lang vergeblich auf ein Zeichen, das auf eine Rückkehr der Indianer hätte ſchließen laſſen: dann ging er, um ſeinem Kommandanten über den Stand der Dinge Rapport zu erſtatten. Kapitän Willoughby hatte ſich nach dem Verſchwinden der beiden Parlamentäre zurückgezogen, um ſeinen Anzug für den Tag zu ordnen. Während er damit beſchäftigt war, hatte er zugleich ſeiner Frau alle ſeitherigen Vorfälle mitgetheilt, und Mrs. Willoughby ihrer Seits das Gehörte wieder ihren Töchtern erzählt. Maud war von Allen am tiefſten darüber betrübt, denn der Verdacht gegen Joel war bei ihr am lebhafteſten und bedenklichſten. Von dem Augenblicke an, da ſie das Vergangene erfuhr, begann ſie auch ernſte Folgen für Robert Willoughby zu fürchten, beſaß aber ſo viel Selbſtbeherrſchung und Rückſicht für Andere, daß ſie ihre Beſorgniſſe großentheils bei ſich behielt. Die Familie ſaß eben am Frühſtück, bei dem nur wenig genoſſen und noch weniger geſprochen wurde, als Joyce ſich zur Audienz meldete. Der Sergeant erhielt Zutritt, und erzählte ſeine Ge⸗ ſchichte mit militäriſcher Genauigkeit. „Das ſieht allerdings verdächtig aus, Joyce,“ bemerkte der Ka⸗ pitän nach einigem Nachſinnen;„faſt kommt mir's vor wie ein Ver⸗ ſuch, uns zur Verfolgung und dadurch in einen Hinterhalt zu locken.“ „Das mag wohl ſein, Euer Gnadenz; vielleicht iſt's auch ein guter, ehrlicher Rückzug. Zwei Gefangene ſind für ſolche Wilde ſchon eine beträchtliche Heldenthat. Ich habe es erlebt, daß ſie ſich einen einzigen ſchon als einen Sieg anrechneten.“ „Beunruhige dich nicht, Wilhelmina; Bobs Rang wird ihm eine gute Behandlung ſichern, und eine Auswechslung iſt für ſeine Wyandotté. 22 338 Gefangenwärter— wenn ſie dieß wirklich ſind— weit wichtiger, als ſein Tod. Es iſt noch zu früh, Sergeant, um jetzt ſchon in der Sache Etwas zu entſcheiden. Nach Allem mögen die Indianer bei der Mühle zur Berathung verſammelt ſein. Auf dem Kriegs⸗ pfade gilt immer die Regel, daß man, ehe ein wichtiger Schritt geſchieht, alle jungen Männer zuvor um ihren Rath befragt. Vielleicht wollen auch die Häuptlinge unſern Parlamentärs durch Entfaltung ihrer Streitmacht imponiren.“ „Das Alles iſt militäriſch und recht wohl möglich, Euer Gnaden. Mir kommt die Bewegung gerade ſo vor, als ob in der That ein Rückzug beabſichtigt würde, oder als ob man ſich wenigſtens den Schein eines ſolchen geben wollte.“ „Ich will bald die Wahrheit erfahren,“ rief plötzlich der Kaplan. „Ich, ein Mann des Friedens, kann doch gewiß hingehen, und mich überzeugen, wer dieſe Leute ſind, und was ſie beabſichtigen.“ „Ihr, Woods! Liebſter, beſter Freund, glaubt Ihr denn, ein Stamm von dieſen blutdürſtigen Wilden werde Euch oder Euer heiliges Amt reſpektiren? Ihr habt ſchon mit des Königs Truppen genug zu ſchaffen—drum laßt dieſe Feinde lieber ungeſchoren. Ihr ſeid kein Frie⸗ densbote, der den Kriegsruf ohne Weiteres zum Schweigen brächte.“ „Bitte um Verzeihung, Sir,“ fiel der Sergeant ein;„Seine Ehrwürden haben doch nicht ſo ganz unrecht.“— Hier erhob ſich der Kaplan, und verließ haſtig das Zimmer, ohne von den beiden Sprechenden bemerkt zu werden.—„Es gibt kaum einen Stamm in der Kolonie, Euer Gnaden, der nicht einige Kenntniß von un⸗ ſerer Prieſterſchaft beſäße, und ich weiß kein Beiſpiel, daß die Wilden jemals einen Geiſtlichen mißhandelt hätten.“ „Pah, pah, Joyce; das klingt viel zu ſentimental für dieſe Mohawks, Oneida's, Onondaga's und Tuscarora's. Sie werden ſich um den kleinen Woods*) ſo wenig, als um die großen Wälder be⸗ kümmern, durch welche ſie auf ihren hölliſchen Streifzügen wandern.“ — *) Wortſpiel:— Wood— Wald. D. U. 339 „»Man kann doch nichtwiſſen, Hugh,“ bemerkte die ängſtliche Mut⸗ ter.„Unſer theurer Robert iſt in ihren Händen, und ſollte Mr. Woods wirklich geneigt ſein, dieſe fromme Sendung anzutreten, verträgt ſich's da wohl mit unſerer Elternpflicht, wenn wir uns ihm widerſetzen⸗ 5 „Eine Mutter iſt und bleibt doch überall Mutter,“ murmelte der Kapitän, indem er ſich vom Tiſche erhob und ſeine Gattin zärtlich auf die Wange küßte; dann verließ er das Zimmer und winkte dem Sergeanten, ihm zu folgen. Kapitän Willoughby war noch nicht lange weggegangen, als der Kaplan im Chorrock und mit ſeiner beſten Perrücke erſchien.— Letztere wurde von allen älteren Herren der damaligen Zeit als unumgäng⸗ liches Erforderniß eines ernſten, würdevollen Aufzuges betrachtet. Mrs. Willoughby war in der That ganz entzückt hierüber— die treffliche Frau! War ſie überhaupt jemals ungerecht, ſo wurde ſie es einzig durch die Sorge für ihre Kinder, durch die ſie ſich zuweilen verleiten ließ, die Geſetze der Gleichheit in ihrer vollen Strenge zu mißachten. „Wir wollen ſehen, wer ſich von uns Beiden auf den Einfluß meines heiligen Amtes beſſer verſteht— Kapitän Willoughby oder ich,“ bemerkte der Kaplan mit etwas wichtigerer Miene, als der ſo einfache Mann ſonſt anzunehmen pflegte.„Ich glaube nicht, daß der Prieſterſtand deßhalb eingeſetzt wurde, um von den wilden Stämmen verhöhnt zu werden, eben ſo wenig, als er ſich durch Ungläubige oder Ketzer zum Schweigen bringen läßt.“ Seine Ehrwürden, Mr. Woods, waren offenbar beträchtlich aufgeregt, und dieß war bei ihm eine ſo ungewöhnliche Gemüths⸗ ſtimmung, daß ſich ſeine Zuhörer von einer gewiſſen Scheu ergriffen fühlten. Beulah und Mand, ſo innigen Antheil ſie auch an dem Ausgange nahmen, und ſo tief Letztere beſonders durch Alles, was Robert Willoughby betraf, berührt wurde, wagten gleichwohl nicht, ſich in die Sache zu miſchen, als ſie den Mann, den ſie von Kindheit auf zu verehren gewöhnt waren, auf eine Weiſe handeln ſahen, 3 22 õq;· 6 5 3 1 340 welche mit ſeinem ſonſtigen Weſen ſo wenig im Einklange ſtand. Mrs. Willoughby fühlte ſich ſelbſt ſo ſehr erſchüttert, daß ihr Mr. Woods noch nie ſo ‚evangeliſch und gleichſam ſo ganz wie ein Heiliger vorgekommen war, als eben in dieſem Augenblicke, und es hätte nicht ſchwer ſein müſſen, ihr die Ueberzeugung bei⸗ zubringen, daß er bei ſeiner Handlungsweiſe durch übermenſchlichen Einfluß oder etwas Aehnliches getrieben werde. Letzteres war übrigens keineswegs der Fall. Der würdige Prieſter hegte eine exaltirte Meinung von ſeinem Amte, und der Gedanke, er könnte einen heilſamen Eindruck auf die Wilden aus⸗ üben, war weiter nichts, als eine Ausführung ſeiner gewohnten Be⸗ griffe über ſein amtliches Anſehen. Er glaubte gewiſſenhaft, daß er als ein regelrecht ordinirter Presbyter ſich mit weit größerer Wahrſcheinlichkeit einen glücklichen Erfolg des bevorſtehenden Unter⸗ nehmens verſprechen dürfe, als ein bloßer Diakon; wäre ein Biſchof gegenwärtig geweſen, ſo würde er mit Freuden vor deſſen höheren Anſprüchen auf Heiligkeit und Erfolg zurückgetreten ſein. Was aber Erzbiſchöfe, Erzdiakonen, Dechante, Landdechante und die ge⸗ ſammte weltliche Maſchinerie betrifft, welche der Kirche angehängt wurde, ſo müſſen wir der Wahrheit zu Liebe geſtehen, daß unſer Geiſtlicher keine ſonderliche Ehrfurcht vor ihnen hegte, weil er ſie nur als ein klerikaliſches surplus von ſehr zweifelhafter Autorität und noch zweifelhafterem Nutzen betrachtete. Er hielt ſtreng an den Ausſprüchen der göttlichen Einſetzung; ihnen legte er ſo viel Gewicht bei, daß er vollkommen entſchloſſen war, an ſeiner eigenen Perſon zu beweiſen, wie wenig zu fürchten ſtand, wenn ihre Gewalt in Glauben und Demuth ſogar gegen Indianer auf die Probe geſtellt würde. „Statt des Oelzweiges werde ich dieſes Lorbeerreis als Zeichen des Friedens in die Hand nehmen,“ fuhr der aufgeregte Kaplan fort.„Die Wilden werden wohl ſchwerlich die eine Pflanze von der andern unterſcheiden können, und wenn auch, ſo wird ihnen leicht zu erklären ſein, daß in Amerika keine Oliven wachſen. Es iſt 341 dieß nämlich ein orientaliſcher Baum, meine Damen, der uns jenes angenehme Salatöl liefert. Ich führe ja ohnedem von jenem Oele bei mir, das für ſo manche Sorgen ein Balſam iſt, und das wird genügen.“ „Ihr werdet ſie anweiſen, daß ſie Robert unverzüglich zu uns zurückkehren laſſen!“ ermahnte Mrs. Willoughby voll tiefen Ernſtes. „Ich werde ſie lehren, Gott und ihr Gewiſſen zu reſpektiren. Ich kann mich leider nicht mit einer Probe meiner Verfahrungs⸗ weiſe, wie ich ſie annehmen werde— aufhalten; habe mir aber ſchon Alles im Geiſte zurecht gelegt. Ich werde die Gottheit wohl den ‚großen Geiſte oder ‚Manittu’ nennen, auch manche poetiſche Bilder gebrauchen müſſen; das Alles ſteht mir aber im Nothfalle wohl zu Gebot. Das Extemporiren von Predigen iſt mir zwar im Allgemeinen nichts weniger als angenehm, und ich kann es in unſerem jetzigen Zeitalter nicht einmal für ſtreng kanoniſch halten — nichts deſtoweniger ſoll man ſehen, wie ich mich in ſolchem Nothfalle ſelbſt dieſem Zwange zu unterwerfen weiß.“ Es geſchah ſo ſelten, daß Mr. Woods derlei großartige Gedanken äußerte, oder in ſeinem äußeren Weſen von der Gränzlinie der höchſten Einfachheit abwich, daß ſeine Zuhörer jetzt in der That von Ehrfurcht erfüllt wurden, und als er ſich voll feierlicher Zärtlichkeit zum Abſchied nach ihnen umwandte, knieten die beiden Töchter vor ihm nieder, um ſeinen Segen zu empfangen. Sobald er ihn ertheilt hatte, verließ er das Zimmer, ſchritt gravitätiſch über den Hof und geraden Wegs dem Außenthore entgegen. Es war vielleicht ein Glück für Seine Ehrwürden, Mr. Woods, und ſeinen Plan, daß weder der Kapitän, noch der Sergeant ihm in den Weg kamen und ihn aufhielten. Dieß hätten Beide ganz gewiß gethan, Erſterer einzig aus Rückſicht für ſeinen Freund, Letzterer aus Rückſicht für die ‚Ordre“. Aber dieſe beiden Militärs waren eben im Bibliothekzimmer in tiefer Berathung über die zunächſt zu ergreifenden Maßregeln begriffen; ſo blieb die Küſte 4 1 † 4 4 1 8 1 4 4 4 342 4 rein, denn von der Wachmannſchaft traute ſich Keiner hinlängliche Autorität zu, um den Kaplan— beſonders wenn dieſer in Perrücke und Chorrock erſchien— zurückzuhalten. Jamie Allen hatte aus Gefälligkeit das Amt des Korporals über⸗ nommen; auf die erſte Aufforderung ließ er Schloß und Riegel des Außenthores öffnen, ſo daß der Kaplan, von Jamie's ehrerbietigen Bücklingen begleitet, ſeinen feierlichen Austritt bewerkſtelligen konnte. Jamie that dieß aus purer Ehrfurcht vor der Religion über⸗ haupt, obgleich der Chorrock jedesmal ſein Mißfallen erregte, und er die Liturgie ſelbſt als nichts Beſſeres, denn als eine feierliche Verhöhnung alles wahren Gottesdienſtes anerkennen wollte. Der Kapitän ließ ſich nicht eher im äußeren Hofe blicken, als bis der Kaplan den Weg nach den Felſen größtentheils zurückgelegt hatte, und eben, wie ein Geſpenſt unter Ruinen, durch die ver⸗ laſſenen Bretterhütten des neulichen Lagers dahinſtolzirte. „Bei aller Kriegsliſt der Indianer, was iſt das für ein weißes Thier, das ich dort auf den Felſen herum humpeln ſehe?“ fragte der Kapitän, deſſen Blick ſich zuerſt dem Lager zuwandte. „Es ſieht aus wie ein in ein Hemd gehüllter Indianer, Euer Gnaden. So wahr ich lebe, Sir, es trägt einen. aufgeſtülpten Hut auf dem Kopf!“ 1„Na— na!“ fiel Jamie ein;„ohne ein bischen profaner ffenbarung werdet Ihr dießmal die Wahrheit nicht errathen. 5 eer Burſche, den Euer Gnaden dort drüben ſehen, iſt Niemand aanders, als der Kaplan Woods.“ „Woods!— der Teufel!“ „Na— na— Euer Gnaden,'s iſt nicht der Teufel, ſondern Seine Ehrwürden in eigener Perſon. Er iſt in ſeinem weißen Rock; warum ücht lirber ſein ſchwarzes Gewand trägt— das iſt mehr, als ich ſagen kann: aber dort iſt er, das iſt gewiß; er wandert nicht anders unter den indianiſchen Hütten umher, als ob dieſe lauter Betſtühle in ſeiner eigenen Kirche wären.“ „Wie kommt Ihr aber dazu, ihn gegen alle Ordre aus dem Thore paſſiren zu laſſen?“ „Ei, es geſchieht doch auf Ordre der Geiſtlichkeit, daß er ſo häufig predigt; als ich ihn daher in ſeinem weißen Gewande er⸗ blickte, dachte ich mir, da Ihr in der engliſchen Kirche ſo viele Feſttage und Weihnachten habt, es müſſe irgend ein Buß⸗ oder Bettag los ſein, den er in jenem Hauſe in der Niederung zu feiern wünſche— ich welchem Falle ich Kirchengebete wenigſtens für beſſer, als gar keine Gebete erachtete.“ Da jeder weitere Verweis vergeblich war, ſo mußte ſich der Kapitän wohl oder übel darein ergeben. Als er Mr. Woods un⸗ beläſtigt durch das verlaſſene Lager hinſchreiten ſah, fing er ſogar an, einige gute Früchte von dieſem Abenteuer zu erwarten. Das Fernglas wurde wieder auf die Felſen gerichtet und der Ausgang mit hoher Spannung beobachtet. Der Kaplan beſuchte zuerſt emſig und furchtlos jede einzelne Bretterhütte. Dann ſtieg er die Felſen hinab, und verlor ſich, gleich ſeinen Vorgängern, aus den Augen der Zuſchauer. So verſtrich eine Stunde fieberiſcher Erwartung, ohne daß ein Zeichen menſchlichen Lebens in der Richtung der Mühlen ſichtbar ge⸗ worden wäre. Manchmal glaubten die im Blockhaus, als Vorläufer der erwarteten Feuersbrunſt, einen Rauch über den Kamm des Fel⸗ ſens emporſteigen zu ſehen, doch nach wenigen Augenblicken war der eingebildete Rauch und mit ihm ihre Angſt wieder verſchwunden. Der Tag rückte immer weiter vor; aber der Geiſt der Einſamkeit ruhte unmittelbar über der geheimnißvollen Thalſchlucht. Kein Laut ließ ſich von dort her vernehmen, keine menſchliche Geſtalt wurde ſichtbar, kein Zeichen feindlichen Angriffs oder freundlicher Rückkehr war zu entdecken. Alles lag nach jener Richtung hin in ernſtes Schweigen verſenkt, wie wenn jene Tiefe, dem Grabe gleich, alle ihre Bewohner verſchlungen hätte. Achtzehntes Kapitel. Die Liſte voll zu machen, ward Solch' prunkend Scheinbild von der Menſchen Art; Daß— ohne Sinn für's Recht, noch Leidenſchaft zum Böſen— Hinträumt ſein Lebenlang— das ſchuldlos leere Weſen! Young. Mr. Woods Verſchwinden verurſachte anfänglich keine Unruhe. Eine volle Stunde verſtrich, ehe der Kapitän für nöthig hielt, ſeiner Familie den Vorfall mitzutheilen. Bei dieſer verbreitete er aber einen allgemeinen paniſchen Schrecken. Sogar Maud hatte gehofft,— warum, wußte ſie ſelbſt nicht— daß die Wilden das heilige Amt des Geiſtlichen achten würden, und mußte jetzt eine der Hauptſtützen ihrer Hoffnung, in Betreff Robert Willoughby's, ſich plötzlich unter den Füßen entweichen ſehen. „Was können wir thun, Willoughby?« fragte die zärtliche Mutter faſt in Verzweiflung.„Ich will ſelbſt meinen Sohn auf⸗ ſuchen; mich— eine Frau und Mutter— werden ſie doch gewiß noch ehren.“ „Du kennſt den Feind gar ſchlecht, mit dem wir's zu thun haben, Wilhelmina, ſonſt hätte dir kein ſo raſcher Gedanke in den Sinn kommen können. Wir wollen Nichts übereilen; die nächſten paar Stunden können eine Aenderung herbeiführen, nach welcher wir uns dann richten. Eines wenigſtens wird mir aus Woods Ausbleiben klar: die Indianer können nicht weit entfernt ſein, und er muß ſich bei ihnen oder in ihren Händen befinden, ſonſt würde er wenigſtens nach Unterſuchung der Mühlen und der am Fuße der Felſen gelegenen Häuſer wieder zurückkehren.“ Dieß lautete ſehr wahrſcheinlich, und Alle empfanden einen Troſt in dem nken, daß ihre Freunde noch nicht als Ge⸗ fangene die Wildniß durchziehen, ſondern immer noch in ihrer Nähe weilen mochten. »„Ich fühle weniger Beſorgniß, als irgend Eines von euch,“ bemerkte Beulah in ihrer ſanften Weiſe.„Iſt Bob in den Händen eines amerikaniſchen Korps, ſo kann ihm, als Beekmans Schwager, wohl nicht viel Leid zuſtoßen, und bei brittiſch geſinnten Indianern wird er um ſeiner ſelbſt willen geachtet werden, ſobald er dazu kommt, ſich ihnen zu erkennen zu geben.“ „Ich habe dieß Alles überlegt, mein Kind,“ gab der Vater nach⸗ denklich zur Antwort,„und du haſt allerdings nicht ganz unrecht. Nur wird es Bob unter den gegenwärtigen Umſtänden ſchwer werden, ſie von ſeinem wirklichen Charakter zu überzeugen. Er erſcheint nicht als der, der er iſt; ſelbſt wenn ſich unter den Wilden ein Weißer befände, der zu leſen verſtünde, ſo hat er kein Papier bei ſich, um ſeine Ausſage dadurch zu bekräftigen.“ „Aber er verſprach mir feierlich, falls er in amerikaniſche Hände fiele, ſich des Namens meines Gattin zu bedienen,“ wiederholte Beulah ernſthaft,„und Evert hat mir unzählige Male verſichert, daß mein Bruder niemals ſein Feind ſein könne.“ „Der Himmel möge uns Allen beiſtehen, theures Kind!“ ant⸗ wortete der Kapitän, und küßte ſeine Tochter.„Es iſt in der That ein grauſamer Krieg, wenn wir zu unſerem Schutze nach ſolchen Hilfsmitteln greifen müſſen. Für jetzt wollen wir uns munter zu erhalten ſuchen, denn noch iſt uns Nichts bekannt, was uns ſo außerordentlich beunruhigen dürfte, und Alles kann ſich noch vor Sonnenuntergang zum Guten geſtalten.“ Mit dieſen Worten ſchaute der Kapitän rundum auf ſeine Familie und verſuchte zu lächeln; aber auf keinem Antlitze antwortete ihm ein Ausdruck der Zufriedenheit, und auch ſein eigener Verſuch war nicht ſehr glücklich. Seine Gattin hatte er nie anders als höchſt unglück⸗ lich geſehen, ſobald eines ihrer Lieben nicht in voller Sicherheit war. Sie lebte ganz außerhalb ihres Ichs, einzig und allein für Gatten, Kinder und Freunde, denn ein weniger ſelbſtſüchtiges, für ſeine Lieben mehr aufopferndes Weſen gab's nirgends auf Erden. Dann 1 1 4 1 4 4 1 346 kam Beulah, welche bei all' ihrer Zuverſicht auf die Zauberkraft von Evert's Namen, und trotz der tiefen Gefühle, welche, ſeit ſie Gattin und Mutter geworden, in ihr erwacht waren— ihren Bruder immer noch eben ſo zärtlich wie früher liebte. Die Todes⸗ angſt, welche Maud ausſtand, wurde noch durch die Anſtrengungen vermehrt, womit ſie den Ausbruch eines Nervenanfalls, der ihr Geheimniß verrathen könnte, zu verhindern ſuchte; ihre Züge bekamen allmälig einen Ausdruck düſterer Entſchloſſenheit, der ihrer Schön⸗ heit einen Anſtrich von Größe verlieh, wie ihr Vater ihn noch nie in ihrem lieblichen Antlitze wahrgenommen hatte. „Das arme Kind ſcheint mehr als wir Alle um Bobs willen zu leiden,“ bemerkte der Kapitän, indem er ſeinen Liebling freundlich zu ſich herzog, ſie auf den Knieen ſchaukelte, und zärtlich an ſeine Bruſt drückte.„Sie hat noch keinen Gatten, der ihr Herz theilte, und ihre ganze Liebe koncentrirt ſich nun in ihrem Bruder.“ Beulah warf ihrem Vater einen Blick zu— ganz ohne Vorwurf, denn etwas der Art würde ſie ſich nie gegen ihn erlaubt haben— aber doch ſo voll Schmerz und Betrübniß, daß ihre Mutter ſich gezwungen fühlte, ihre Tochter in die Arme zu ſchließen. „Hugh, du biſt ungerecht gegen Beulah,“ verſetzte die ängſtliche Mutter;„auch dieſes theure Weſen wird niemals dazu gebracht werden, daß ſie ihre Anhänglichkeit an Eines von uns vergäße.“ Durch ſeine raſche Erklärung, ſeinen zärtlichen Kuß rief der Kapitän auch auf Beulahs Züge ein leiſes Lächeln zurück, das aber durch Thränen hindurchſchimmerte. Alles war augenblicklich vergeſſen, denn die Betheiligten verſtanden ſich gegenſeitig.— Maud benützte dieſen Auftritt, und ſchlüpfte aus dem Zimmer. Dieſe Flucht machte der Unterredung ein Ende; der Kapitän ermahnte Gemahlin und Tochter, den übrigen Frauen ein Beiſpiel von Stärke zu geben, und verließ dann das Haus, um ſeinen Pflichten unter der Mannſchaft nachzukommen. Joels Abweſenheit warf einen Schatten des Zweifels auf die — 347 Gemüther der Unzufriedenen. Ihre Zahl war vergleichungsweiſe bedeutend, denn mit Ausnahme des Korporals und der Schwarzen umfaßte ſie alle geborenen Amerikaner der Kolonie. Strides hatte es leichter gefunden, ſeine Pläne bei den eigenen Landsleuten durch Bearbeitung ihrer guten, wie ihrer ſchlimmen Eigenſchaften in Aus⸗ führung zu bringen. Viele von dieſen Leuten— ſogar die meiſten — meinten es noch gut; aber ihre Anhänglichkeit an die Sache ihres Geburtslandes machte ſie Angriffen zugänglich, vor welchen Mike und Jamie Allen durch ihr ganzes Weſen geſichert waren. Erſtens war Kapitän Willoughby ein Engländer, zweitens ein alter Offizier der Armee, und ſein einziger Sohn ſtand anerkann⸗ ter Maßen in Waffen gegen Amerika's Unabhängigkeit. Man ſieht leicht ein, wie wohl ein Demagoge, der, gleich Joel, freien Zu⸗ tritt zu den Ohren ſeiner Kameraden hatte, ſolche Umſtände für ſeine beſonderen Zwecke benützen konnte. Nichts deſto weniger hatte er immer noch mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Obgleich Kaplan Woods fortwährend auf ſeinen Ge⸗ beten für den König beſtand, ſo wußte man gleichwohl, daß der Kapitän dieſe ſeine Ehrfurcht vor dem Kaiſer verlachte; ſtand auch Major Willoughby als Major in königlichen Dienſten, ſo war dafür Evert Beekman Obriſt bei den Kontinentalen; mochte der Herr der Kolonie urſprünglich aus England ſtammen, ſo zählten doch ſeine Frau und Kinder zu den Eingebornen des Landes, und war der würdige Kapitän noch nicht ſo weit ge⸗ langt, alle Maßregeln der Provinzialen gut zu heißen, ſo hatte man ihn gleichwohl ſchon oft die Ueberzeugung ausſprechen hören, daß die meiſten derſelben gerecht ſeien. Dann waren auch die Meiſten unter den Amerikanern der Nie⸗ derlaſſung den ſelbſtſüchtigen, engherzigen Abſichten Joels und des Müllers gänzlich fremd. In der Hauptſache hegten ſie Alle den Wunſch, recht zu handeln, und waren ſie gleich nicht von der Anklage freizuſprechen, daß ſie gewiſſe Vorurtheile unterhielten, welche 8 ¹ — 4 4 1 3 348 ganz beſonders dazu geeignet waren, ſie zum Spielwerke eines Demagogen zu ſtempeln, ſo blieben ſie doch immer noch manchen beſſeren Eindrücken zugänglich, und hatten keineswegs die Abſicht, ſich einer Handlung offenbarer Ungerechtigkeit ſchuldig zu machen. Die tadelloſe Rechtlichkeit, mit der ſie von jeher behandelt worden waren, blieb gleichfalls nicht ohne Einfluß; auch die Freundlichkeit wurde nicht verkannt, welche Mrs. Willoughby jederzeit gegen ihre Weiber und Kinder an den Tag gelegt hatte, und Beulahs Schön⸗ heit, Mauds Schönheit, Geiſt und Edelmuth blieben unvergeſſen.— Mit einem Worte, als ſich der Kapitän ſeinen Leuten, welche alle zu dieſem Zwecke innerhalb der Palliſaden unter's Gewehr getreten waren, zur Beaufſichtigung näherte, war es mehr ein wankendes, als geradezu ein unzufriedenes, rebelliſches Korps, was er vor ſich hatte. „Achtung!“ kommandirte Joyce, als ſein Befehlshaber vor die Front der Schlachtlinie trat, welche Männer von verſchiedener Farbe und Geſtalt, von mancherlei Alter, Kleidung und Phyſiog⸗ nomie, aus allerhand Ländern, mit vielerlei Sitten— kurz, eine wahre Muſterkarte der Bevölkerung der geſammten Kolonie, wie ſie damals beſtand— enthielt:„Achtung! Präſentirt's Gewehr!“ Der Kapitän nahm höflich den Hut ab, zum Danke für dieſe Begrüßung, konnte aber ein Lächeln nicht unterdrücken, als er die Art und Weiſe bemerkt, wie das Kommando ausgeführt wurde. Die Holländer hielten alle ihre Gewehre vollkommen regel⸗ recht, denn ſie folgten pünktlich demjenigen unter ihren Kamera⸗ den, der in ſolchen Dingen gewöhnlich den Takt angab. Mike dagegen hatte einen Handgriff' erfunden, der jeden Andern — nur ihn ſelbſt nicht— in keine geringe Verlegenheit gebracht haben würde. Er ſtreckte nämlich den Kolben ſeines Gewehrs, ohne alle Rückſicht auf Richtung im Glied, dem Kapitän gerade entgegen, während der Lauf an ſeiner Schulter ruhte. Dabei reckte der Leitrimer die Arme aus, ſo weit er vermochte, und glaubte gleichwohl, ſeine Sache weit beſſer, als alle Andern, zu machen. —,— 349 Jamie hatte von der häufigen Anwendung des Senkblei's her einen ziemlich genauen Begriff von einer perpendikulären Linie, machte aber nur den unbedeutenden Mißgriff, daß er ſein Gewehr verkehrt— mit dem Schloß auswärts— präſentirte. Die Yankee's waren beim Exerciren ziemlich exakt, nur hielten ſie kein Tempo und keine Richtung; einer nach dem andern brachte ſein Gewehr herunter— dieß war nämlich genau die Weiſe, wie ſie ihren Führern bei Meinungsſtreitigkeiten zu folgen pflegten. Das Manöver der Neger zu beſchreiben, iſt rein unmöglich: daß ſie Fehler machten, war wohl natürlich, denn Jeder mußte doch den Kopf über die Linie hinaus ſtrecken, um zu ſehen, wie die ‚Handgriffe' gingen, und da konnte er denn unmöglich die Aufmerkſamkeit auf ſeine eigene Dienſtverrichtung lenken. Der Sergeant war verſtändig genug, um einzuſehen, daß ſeine Dreſſur noch nicht den höchſten Grad der Vollkommenheit erreicht hatte: er ließ deßhalb ſeine Leute ihre Gewehre ſo bald als mög⸗ lich wieder ſchultern. Dieß gelang auch vortrefflich, den einzigen Umſtand abgerechnet, daß die eine Hälfte ihre Gewehre an die rechte, die andere an die linke Schulter brachte. „Wir werden's ſchon beſſer machen, Euer Gnaden, wenn die Leute etwas mehr dreſſirt ſind,“ entſchuldigte ſich Joyce mit mi⸗ litäriſcher Begrüßung.„Korporal Strides hat einen ziemlichen Begriff vom Exercitium, und macht gewöhnlich den Vorgreifer. Wenn der wieder zurück iſt, dann ſoll's ſchon beſſer kommen.“ »Wenn er wieder zurück iſt, Sergeant!— Könnt Ihr oder irgend Jemand wiſſen, wann das geſchehen wird?« „Ja, Euer Gnaden,“ ſprudelte Mike, mit dem Eifer eines Knaben.„Hier ſteht der Mann, der Euch das ſagen wird.“ „Du?— Was kannſt du wiſſen, mein guter Michael, das nicht uns Allen bekannt wäre?“ „Ich weiß was ich ſehe; und wenn das dort nicht Miſchter Strides iſt, ſo müßte ich mich nicht auf ſeinen geſpreizten Gang verſtehen.“ ——— 350 Und in der That— in dem Augenblicke, da Mike ſeine Be⸗ theurung ſchloß, erſchien Joel am Thore. Wie er dahin gelangte — das wußte Niemand, denn die Gegend nach der Mühle zu war fortwährend wohl bewacht worden, und doch ſtand jetzt der Aufſeher, wie aus den Wolken gefallen, am Thore, und bat um Einlaß! Dieſer wurde ihm natürlich nicht verweigert, ſo unerwartet er auch kam, und in weniger als einer Minute befand ſich Ioel vor ſeinen alten, wenn auch nicht Waffen⸗, ſo doch wenigſtens Hacke⸗ und Pflug⸗Kameraden. Seine Rückkehr war durch die Kinder in unglaublich kurzer Zeit im ganzen Hauſe verbreitet, und, Mrs. Strides mit ihrer jun⸗ gen Brut an der Spitze— kam die geſammte weibliche Bevölke⸗ rung aus dem Hofe geſtrömt, um ſeine Neuigkeiten zu erfahren. „Habt Ihr mir Etwas insgeheim mitzutheilen, Strides?“ fragte der Kapitän, indem er ſich mühte, einen Schein von Kaltblütigkeit zu behaupten, der ſeinem Herzen völlig fremd war—„oder könnt Ihr Euren Bericht hier vor der ganzen Einwohnerſchaft erſtatten?“ „Ganz wie's dem Kapitän beliebt,“ erwiederte der verſchmitzte Demagog;„obwohl das Volk meiner Anſicht nach ein Recht hat, in einer Angelegenheit, welche das allgemeine Intereſſe berührt, Alles zu erfahren.“ „Achtung, ihr Leute!“ kommandirte der Sergeant—„Zug, rechtsum!“ „Nichts da, Joyce,“ ſiel der Kapitän ein, indem er mit der Hand winkte;„die Leute mögen da bleiben.— Ich weiß, Ihr habt mit unſeren Gäſten geſprochen, nicht wahr, Strides?“ „Ja, Kapitän Willoughby, und eine verzweifelte Gattung von Gäſten iſt das. Eine abſcheulichere Rotte von Mohawks und Onondaga's iſt mir noch nie vor Augen gekommen!“ „Nun, wie ſie ausſehen, das iſt mir ganz gleichgültig.— Was aber iſt der Zweck ihres Beſuchs?“ „Ich meine, abſcheulich von Gemüth— ſie verdienen wahrlich 351 alles Schlimme, was ich ihnen nachſage. Ihr Zweck iſt, nach ihrer eigenen Ausſage, kein anderer, als— den Kapitän mit ſei⸗ ner Familie im Namen der Kolonien gefangen zu nehmen.“ Bei dieſen Worten warf Joel einen Blick an der Paradelinie hinab, um die Wirkung ſeiner Rede in den Mienen ſeiner Freunde zu leſen. Daß dieſelbe bei Einigen nicht verloren gegangen, war eben ſo klar, als daß Andere wiederum ſie nicht gefaßt hatten. Der Kapitän ſchien unbewegt; ja in dem Lächeln, das um ſeine Lip⸗ pen ſpielte, lag ſogar ein leichter Anſtrich von Ungläubigkeit. „Das alſo wäre nach Eurem Berichte die Abſicht, welche jenes Streifkorps zu uns hergeführt hat?“ fragte er ruhig. „Ja, Sir— und eine abſcheuliche Abſicht iſt's in jetzigen Zeiten.“ „Befindet ſich eine Perſon von Anſehen bei jenem Korps, das im Auftrage der Kolonie mit ſo hohen Plänen umzugehen behauptet?“ „Es ſind allerdings ein paar Weiße darunter— wenn der Ka⸗ pitän das gemeint hat— ſie behaupten in aller Form ermächtigt und angewieſen zu ſein, zum Beſten des Volks ſo zu handeln.“ Bei jeder Anſpielung auf das Volk' blickte Joel unabänderlich auf ſeine Parteigänger, um den Effekt, den dieſes Wort bei ihnen äußerte, genau kennen zu lernen. Dießmal wagte er's ſogar, dem Müller einen Wink zuzuwerfen. „Wenn ſie auf höheren Befehl gekommen ſind, warum laſſen ſie ſich nicht hier ſehen? Ich bin doch nicht der Mann, der dem Geſetze widerſtrebte, und wer mit dem Mantel des Rechts beklei⸗ det zu mir kommt, braucht wahrlich keinen Widerſtand zu fürchten.“ „Ei, ich vermuthe, ſie räſonniren ungefähr folgendermaßen: Gegenwärtig ſind zwei Geſetze in Wirkung— das des Königs und das des Volks. Ich ſtehe dafür, jenes Korps kommt kraft des Volksgeſetzes, wogegen das Geſetz, das der Kapitän meint, wahrſcheinlich jenes des Königs iſt. Der Unterſchied iſt ſo groß, das eines oder das andere den Sieg davonträgt, je nachdem gerade die Freunde des Königs oder die des Volks die ſtärkeren ſind. 4 1 1 1 352 Nun mögen dieſe Leute nicht gerne auf ihr Geſetz bauen, wäh⸗ rend der Kapitän vielleicht für das Sicherſte hält, ſich ein wenig auf ſein eigenes zu verlaſſen.“ „Und all' Das haben ſie Euch geſagt, Strides, damit Ihr mir's wiederholen ſollet?“ 1 „Ei bewahre— kein Woͤrtchen—'s iſt nichts, als meine eigene Vermuthung in der Sache. Es wurde nur Wenig zwiſchen uns verhandelt.“ „Und nun,“ fuhr der Kapitän fort, und ſuchte ſeine Bruſt durch einen Seufzer zu erleichtern—„darf ich wohl auch nach Eurem Beglei⸗ ter fragen. Ihr habt wahrſcheinlich ausfindig gemacht, wer er iſt?“ „Herr Gott, ich war ganz ſprachlos vor Verwunderung, Ka⸗ pitän Willoughby, als die Wahrheit mich plötzlich überraſchte! In ſolchem Aufzuge hätte ich den Major weder in dieſer, noch in jener Welt erkannt; er hat aber in ſeinem Gange ſo viel Aehnlichkeit mit dem Kapitän, und als ich ſo hinter ihm drein ging, ſagte ich zu mir: ‚wer kann das nur ſein?“ und dann fiel mir ſo gleichſam der Gang ein— auch entſann ich mich der ver⸗ gangenen Nacht, wie ich da dem Kapitän mit einem Fremden be⸗ gegnete, wie dieſer das Zimmer nächſt der Bibliothek bewohnte, und lauter ſolche Dinge— als ich ihm endlich in's Geſicht ſah, da war's der Major, wie er leibt und lebt!“ Das Alles war die reine Lüge, denn Joel hielt ſich jetzt für ſicher, da ihm Niemand widerſprechen konnte. „Ihr habt nun zwar die Art und Weiſe erklärt, Strides, wie Ihr meinen Sohn erkannt habt,“ fuhr der Kapitän fort—„wenn Ihr mir aber jetzt erzählen wolltet, was aus ihm geworden iſt, würde ich Euch dafür dankbar ſein.“ „Er befindet ſich bei den Wilden. Waren ſie einmal ſo weit, den Vater ergreifen zu wollen, ſo lag's wohl nicht in ihrer Na⸗ tur, den Sohn frei ausgehen zu laſſen, nachdem er dem Löwen geradezu in den Rachen gelaufen war— oder meint Ihr? ½ u— ———— A K— 2* — 353— „»Und wie konnten die Wilden wiſſen, daß er mein Sohn iſt? Erkannten ſie ihn etwa auch an ſeinem Familiengang?« Strides fühlte ſich durch dieſe Frage im Rücken angegriffen, und ließ ſich ſogar herab, ein klein wenig zu erröthen. Er ſah wohl, daß er ſich in einer kritiſchen Lage befand, denn neben den Einflüſterungen ſeines Gewiſſens kannte er auch den Kapitän hin⸗ länglich genau, um zu wiſſen, daß er nichts weniger als zum Scher⸗ zen aufgelegt ſein würde, ſobald ſein Verdacht einmal erwacht wäre. Er wußte wohl, daß er den Galgen verdiente, und Joyce war ganz der Mann dazu, um die Strafe augenblicklich an ihm zu vollſtrecken, ſobald ſein Kommandant ihn dazu befehligte. Der Gedanke machte den Verräther im Innerſten erbeben. „Oho, ich bin meiner Erzählung etwas vorangeeilt,“ verſetzte er haſtig.„Vielleicht iſt's am beſten, wenn ich Alles der Reihen⸗ folge nach berichte.“ 3 „Das wird allerdings das Klarſte und Einfachſte ſein. Um jeder Unterbrechung vorzubeugen, wollen wir uns auf mein Zim⸗ mer verfügen, wohin Joyce uns nachfolgen wird, ſobald er ſeine Leute entlaſſen hat.“. Dieß geſchah; ein paar Minuten ſpäter ſaß der Kapitän mit Joel im Bibliothekzimmer und Joyce ſtand daneben— der alte Sergeant lehnte es nämlich jedesmal ab, bei ſeinem Vorgeſetzten ſich eine Ver⸗ traulichkeit zu erlauben, wie ſeiner Anſicht zufolge das itzen war. Wir wollen den weſentlichen Inhalt von Joels Bericht in un⸗ ſerer eigenen Sprache wieder geben, indem wir ſie bei all' ihrer Mangelhaftigkeit der des Aufſehers vorziehen, welche übrigens den beſten Beweis von ſeineréiſt, Verrätherei und Niederträchtigkeit lieferte. Dieſem Berichte nach ſcheint es, daß die beiden Flaggenträger freundlich von den Indianern aufgenommen wurden. Die Männer auf der Felſenplatte, zu welchen ſie geführt wurden, waren die Häuptlinge des Haufens, von denen ſie mit geziemender Achtung behandelt wurden. Die plötzliche Bewegung hing— ſo erklärte Wyandotte. 23 3 354 man ihnen— mit dem bevorſtehenden Mahle zuſammen; ſpäter be⸗ gaben ſich die Häuptlinge, von Strides und dem Major begleitet, nach dem Hauſe des Müllers. Hier hatte der Major mit Hilfe eines Weißen, der als Dolmetſcher diente, die Fremden über den Beweggrund gefragt, der ſie in die Niederlaſſung geführt habe. Als Antwort folgte geradezu die Aufforderung, das Blockhaus mit Allem, was es enthielt, den Behörden des Kontinentalkongreſſes zu übergeben. Der Major hatte verſucht, den Weißen, der zu Allem, was er that, geſetzliche Berechtigung zu haben behauptete— von der völlig neutralen Stellung ſeines Vaters zu überzeugen: doch zu ſeinem größten Erſtaunen— ſo erzählte Joel— ward ihm er⸗ wiedert, daß man Robert Willoughby recht wohl kenne, und der Weiße fragte höhniſch, ob es wohl wahrſcheinlich ſei, daß ein Mann, der einen Sohn in der königlichen Armee habe, und die⸗ ſen Sohn in ſeinem eigenen Hauſe verborgen halte, für den Triumph der königlichen Sache gleichgültig bleiben könne. „Sie haben da einen wundervoll ſcharfſinnigen Mann als Ma⸗ giſtratsperſon geſendet, das kann ich Euch wohl ſagen,“ fuhr Joel mit Nachdruck fort, und er drängte den Major faſt eben ſo ſcharf wie ein Advokat vor einem Gerichtshof. Wie er überhaupt ausfin⸗ dig machen konnte, daß der Major ſich im Blockhauſe aufhält, iſt freilich etwas befremdend, da ſogar Keiner von uns es wußte— aber ſie haben eben heutzutage außerordentliche Hilfsmittel.“ „Und hat Major Willoughby ſeine Identität eingeſtanden, nach⸗ dem man ihm ſeine Stellung in des Königs Dienſte vorgeworfen?“ „Allerdings— wie ein ächter Gentleman. Er beſtand blos auf der einen Behauptung, daß er nämlich einzig und allein zum Beſuche ſeiner Familie hieher gekommen ſei, und ſogleich nach Ablauf ſeines Urlaubs nach York zurückkehren werde.“ „Wie wurde dieſe Erläuterung von der Perſon, deren Ihr erwähntet, aufgenommen?“. „Nun, die Wahrheit zu geſtehen, er lachte darüber, wie alle — 8———— * 355 Uebrigen. Mir ſcheint, ſie glauben dem Major keine Sylbe von Allem, was er ſagt. In meinem Leben hab' ich noch keine Menſchen mit ſo ungläubigen Geſichtern geſehen! Nachdem ſie, ſo lang ihnen beliebte, geplaudert hatten, ließen ſie den Major in eine Speiſe⸗ kammer einſperren, und ſtellten einen Indianer als Schildwache vor die Thüre— dann nahm das Examen mit mir ſeinen Anfang.“ Joel fuhr nun in ſeinem Berichte— nicht zu vergeſſen, immer noch ſeiner eigenen Ausſage— fort und erzählte Alles, was zwiſchen ihm und den Fremden vorgefallen war. Sie hatten ihn über die Vertheidigungsmittel des Blockhauſes, über die Stärke der Beſatzung und deren Stimmung, über die Anzahl und Beſchaffen⸗ heit der Gewehre und den Vorrath an Munition ſcharf ausgefragt. „Ich erſtattete einen guten Bericht— darauf könnt Ihr Euch verlaſſen,“ fuhr der Aufſeher höchſt ſelbſtgefällig fort.„Erſtlich ſagte ich ihnen, der Kapitän habe einen Lieutenant bei ſich, der den ganzen franzöſiſchen Krieg mitgemacht habe; die Beſatzung gab ich zu fünfzig Mann an,— ich konnte das ja eben ſo gut ſagen, als dreiunddreißig. Von den Gewehren behauptete ich, mehr als die Hälfte führe Doppelläufe, und der Kapitän beſonders beſitze eine Büchſe, welche in einem Gefechte neun Wilde auf einmal getödtet habe.“ „Da habt Ihr Euch ſtark geirrt, Joel. Es iſt wahr, ein be⸗ rühmter Häuptling fiel einmal durch jene Büchſe; doch auch das iſt keine Sache, deren man ſich rühmen ſoll.“ „Ei, der, der mir's erzählte, behauptete, zwei ſeien durch ſie ge⸗ fallen— ich machte ſogleich neun daraus, um eine gute Geſchichte noch beſſer zu geſtalten. Nenn Mann klang doch weit ſchrecklicher als zwei; wenn man einmal aufſchneidet— ei ſo muß man's nicht allzu ängſtlich nehmen. Mir kam's jedenfalls vor, als ob ſie ziemlich ſchweigſam würden, als ich ihnen von dem Feldſtücke erzählte.“ »Dem Feldſtück, Strides!— Wie konntet Ihr eine ſolche Uebertreibung wagen, welche bei ihrem erſten Vorrücken bloß⸗ geſtellt werden muß?“ 23* — 8 4 1 1 4 — 3 6 356 „Das wollen wir ſchon ſehen, Kapitän— wollen ſchon ſehen. Feldſtücke ſind trefflich dazu geeignet, den Muth der Indianer abzukühlen, und ſo dachte ich, ich wollte ihnen einmal einen Sechspfünder einſchenken, um ihren Charakter zu prüfen. Als ich ihnen von der Kanone erzählte und was ſie ſchon Alles mit⸗ gemacht habe— da ſchauten ſie drein— nicht anders, als ob's zur Exekution ginge.“ „Und was ſoll ſie denn Alles mitgemacht haben— laßt doch hören!“ „Ich ſagte ihnen, es ſei eben dieſelbe Kanone, welche der Kapitän, wie wir Alle erzählen hörten, den Franzoſen abgenommen habe; ſie muß, wie Jedermann weiß, ein verzweifeltes Stück ge⸗ weſen ſein, das bekanntlich mehr als hundert Reguläre hinſtreckte, ehe der Kapitän einen Bajonetangriff darauf machte und es eroberte.“ Dieß war ein fein erſonnener Kunſtgriff; denn er enthielt eine Anſpielung auf die ausgezeichnetſte Heldenthat in Kapitän Willough⸗ by's militäriſchem Leben— eine That, auf welche er wohl mit allem Rechte ſtolz ſein durfte, wenn er nicht alle menſchliche Eitelkeit verläugnen wollte. Alle, die ihn kannten, hatten ſchon von dieſem Abenteuer gehört, und Joel hatte es deßhalb liſtiger Weiſe auf oben erwähnte Art in ſeine Erzählung hereingezogen. Die Anſpielung diente dazu, gewiſſe höchſt unerfreuliche Verdachts⸗ gründe, welche in der Bruſt ſeines Vorgeſetzten ſich zu regen an⸗ fingen, für den Augenblick wenigſtens wieder einzuſchläfern. „Ei, es war nicht gerade nothwendig, Strides, von jener Affaire etwas zu erwähnen,“ fiel der Kapitän mit Beſcheidenheit ein. „Es iſt ſchon gar lange her, und dürfte deßhalb wohl in Vergeſ⸗ ſenheit gerathen. Dann beſitzen wir auch, wie Ihr wißt, keine Kanone, die Euren Bericht beſtätigte— und kommt das erſt an den Tag, dann wird Alles der einen Urſache zugeſchrieben: daß wir nämlich unſere wirkliche Schwäche dadurch verſtecken wollten.“ „Verzeihen Euer Gnaden,“ fiel Joyce ein—„ich glaube, Strides hat in dieſer Sache durchaus militäriſch gehandelt. Es iſt voll⸗ N u 357 kommen nach den Regeln der Kriegskunſt, wenn die Belagerten ſtärker zu ſein vorgeben, als ſie ſind, und ſelbſt die Belagerer nehmen zuweilen eine beſſere Miene an, als die Wahrheit eigent⸗ lich geſtatten würde. Militäriſche Berichte gelten, wie Euer Gna⸗ den ja wohl wiſſen, eigentlich nirgends für ein Evangelium— höchſtens unerfahrene Seeleute machen hierin eine Ausnahme.“ „Dann,“ fuhr Joel fort,„wußte ich auch recht wohl, woran ich war, ſintemalen wir wirklich über eine Kanone verfügen kön⸗ nen, ſobald ſie ſich nur erſt auf eine Laffette bringen läßt.“ „Ich glaube Strides zu verſtehen, Euer Gnaden,“ begann der Sergeant von Neuem.„Ich habe zur Verzierung des Thorwegs einenQuäcker*) ausgeſchnitzt, den ich in der Mitte auseinander⸗ ſägen, und die Stücke kreuzweis über dem Eingange anbringen wollte, wie Euer Gnaden dergleichen oft in Garniſonen geſehen haben— ich meine ungefähr wie die meſſingnen Dekorationen an den Artilleriehütten, Euer Gnaden. Nun, die Kanone iſt fertig und bemalt; ich wollte ſie eigentlich noch in dieſer Woche zerſägen und aufſtellen. Ich vermuthe, Joel hat nach Quäcker⸗Art gerade dieß im Sinne gehabt.“ „Der Sergeant hat recht: das Stück ſieht einer Kanone eben ſo ähnlich, wie ein Katechismus dem andern. Die Mündung iſt über einen Fuß tief, und hat ein verteufelt ſchießluſtiges Ausſehen!“ „Die Kanone ſteht aber nicht auf Laffetten, und ſelbſt dann könnte ſie doch nur als Schauſtück dienen,“ bemerkte der Kapitän. „Stellt ſie nur einmal auf, und ich wette darauf, kein Inſchjön wird ihr in's Geſicht ſchauen. Sie nützt uns jedenfalls ſo viel, als ein Dutzend Schildwachen,“ gab Joel zur Antwort.„Was die Laffette betrifft,— an die habe ich ſchon gedacht, noch ehe ich eine Sylbe davon ſprach. Da wären z. B. die neuen Blockräder im Hofe unten, die könnten ſie ganz gut tragen: die Zimmerleute *) So nennt man in England große Deicheln, welche zu⸗ Brunnenauſſähen be⸗ nützt werden... — 1 ¹ 1 358 würden das Hintertheil des Ganzen in ein paar Stunden her⸗ ſtellen, ſo daß kein Inſchjön den Unterſchied zwiſchen dieſer und einer wirklichen Kanone auf zehn Schritte anzugeben vermöchte.“ „Das läßt ſich hören, Euer Gnaden,“ meinte Joyce in aller Ehrerbietung; es beweist, daß Korporal Strides“— Joel behauptete zwar ſteif und feſt, er ſei Sergeant, allein der wirkliche ‚Simon Rechthaber' titulirte ihn niemals höher als: Korporal—„es beweist, daß Korporal Strides doch etwas vom Kriege verſteht. Wenn wir das Feldſtück auf Räder ſetzen und umſichtigen Gebrauch davon machen— wenn wir's im rechten Augenblicke zurückziehen und dann wieder ſehen laſſen— ſo könnte es uns ſowohl bei einer Belagerung, als beim Sturm die weſentlichſten Dienſte leiſten. Wollten Euer Gnaden meine Freiheit entſchuldigen, ſo möchte ich ehrerbietigſt rathen, dem Quäcker auf die Beine zu helfen, und ihn als Mah⸗ nungsapoſtel an den Eingang zu ſtellen.“ Der Kapitän beſann ſich eine Weile, und befahl ſodann dem Aufſeher, in ſeiner Erzählung fortzufahren. Der Reſt von Joels Geſchichte war bald erzählt. Nach ſeinem Bericht von der Sache war's ihm gelungen, die Fremden durch den Anſchein der größten Offenherzigkeit ſo gänzlich hinter's Licht zu führen, daß ſie ihn als eine Art von Verbündeten betrachteten und nicht einzuſperren beſchloſſen. Zwar wurde er unter Aufſicht geſtellt: allein die Bewachung ward ſo nachläſſig betrieben, daß er in einem paſſenden Augenblicke die Thalſchlucht hinabſchleichen und eine Rich⸗ tung einſchlagen konnte, wo man ſich keinerlei Bewegung verſah: ſo hatte er ſich gänzlich in den Wäldern begraben, ohne daß die Verfolgung, ſelbſt wenn ſie verſucht worden wäre, ihm gefährlich werden konnte. Nach einem weiten, ſtundenlangen Umwege hatte er das Thal umgangen und das Blockhaus erreicht, indem er, unter dem Schutze des Flüßchens und ſeines Buſchwerks, faſt ganz den⸗ ſelben Weg einſchlug, auf welchem er mit Mike am Abend vor des Majors Ankunft zu Mauds Aufſuchung ausgezogen war. Von 7 * ₰8— 359 letzterem Umſtand wurde jedoch nichts erwähnt, denn Joel hatte hiezu ſeine beſonderen Gründe. „Ihr habt uns noch nichts von Mr. Woods erzählt, Strides,“ bemerkte der Kapitän, nachdem Joel ſeinen Bericht beendigt hatte. „Mr. Woods! Ich weiß dem Kapitän nichts von ihm zu ſa⸗ gen; ich glaubte, er ſei hier.“ Die Art und Weiſe, wie der Kaplan das Blockhaus verlaſſen und in der Thalſchlucht verſchwunden war, wurde ſofort dem Aufſeher erklärt, der ſich offenbar ſchon aus der Mühle wegge⸗ ſchlichen und den Rückweg angetreten haben mußte, ehe der Geiſt⸗ liche ſeine Heldenthat vollführt hatte. Als Joel dieſe Erzählung vernahm, wurde in ſeinem Auge ein düſterer Ausdruck ſichtbar, welcher mißtrauiſchere Perſonen, als die beiden Kriegsleute waren, beunruhigt haben würde: der Heuchler beſaß aber Geſchicklichkeit genug, um alle ſeine Gedan⸗ ken und Gefühle zu verbergen. „Wenn Mr. Woods den Inſchjöns in ſeinem Kirchenhemd in die Hände fiel,“ begann der Aufſeher auf's Neue,„ſo iſt er— was nämlich Gefangenſchaft betrifft— rettungslos verloren. Unter anderen Beſchuldigungen gegen den Kapitän wurde auch die vor⸗ gebracht, daß der Kaplan, den er halte, noch eben ſo regelmäßig für den König bete, als er zu der Zeit zu thun pflegte, da dieß als geſetzliche Handlung dem Gefühle des Volkes noch beſſer zu⸗ ſagte.“ „Habt Ihr das etwa während Eures Examens vor der erwähn⸗ ten Magiſtratsperſon vernommen?“ fragte der Kapitän. „So ungefähr— ja, und obendrein noch mancherlei derglei⸗ chen. Der Sauire ſchimpfte greulich darüber, daß ein Geiſtlicher noch für den König und deſſen Familie zu beten wage, während doch das Land im Kampf gegen dieſelben begriffen ſei.“ „Darin gehorchen Seine Ehrwürden, Mr. Woods, einzig und allein höherer Ordre,“ bemerkte der Sergkant. 8 „Sie aber ſagen— nein. Es iſt jetzt die Ordre ergangen, behaupten ſie, daß Niemand mehr für dieſelben beten ſoll.“ „Ja, Ordre von der Obrigkeit vielleicht., Aber Seine Ehrwür⸗ den, Mr. Woods, ſind ein Geiſtlicher, und haben ihre eigenen kirch⸗ lichen Vorgeſetzten: dieſe müſſen erſt ihre Befehle erlaſſen, wenn er gehorchen ſoll. Ich glaube, Euer Gnaden, wenn der Erzbiſchof von Canterbury oder der kommandirende General der Kirche, wer er auch ſein mag, eine allgemeine Ordre erließe, daß kein Geiſt⸗ licher mehr für König Georg beten dürfe— Seine Ehrwürden, Mr. Woods, würden ohne allen Anſtand gehorchen. Was anders aber iſt's, wenn ſo ein Friedensrichter ſich der Geiſtlichkeit als Ton⸗ angeber aufdrängen will. Es kommt mir gerade vor, wie wenn ein Schiffskapitän ein Regiment kommandiren wollte!“ „»Armer Woods!“ rief der Kapitän;„hätte er meinem Rathe gefolgt, und dieſe Gebete unterdrückt— es ſtünde jetzt beſſer um uns Beide. Er iſt aber ganz Eurer Meinung, Sergeant, und glaubt, ein Laie dürfe ſich über einen Prieſter keine Autorität anmaßen.“ „Und hat er nicht recht, Euer Gnaden? Erinnert Euch nur, welchen Miſchmaſch oft die Milizoffiziere anrichten, wenn ſie ſich mit einem regulären Korps meſſen wollen. Manche der größten Schwie⸗ rigkeiten im letzten Krieg entſtanden für uns durch ſolche ungeſchickte Hände, ſobald ſie Maſchinen zu handhaben verſuchten, von denen ſie nichts verſtanden. Was das Beten betrifft, Euer Gnaden, ſo kommt mir's durchaus nicht darauf an, für wen oder für was ich bete, ſo lange es überhaupt durch Generalordres, vom rechten Haupt⸗ quartier erlaſſen— befohlen iſt.— Ich glaube, Seine Ehrwürden, Mr. Woods, ſollten nach derſelben Regel beurtheilt werden.“ Da der Kapitän von einer Verlängerung der Unterredung kei⸗ nen weiteren Nutzen erwartete, ſo entließ er ſeine Gefährten. Er für ſeine Perſon ſuchte ſodann ſeine Gattin auf, um auch ſie mit dem jetzigen Stande der Dinge bekannt zu machen. Letzteres war eine peinliche Pflicht, wenn gleich Mrs. Willoughby 3641 und ihre Töchter ſeinen Bericht mit weniger Aengſtlichkeit an⸗ hörten, als der Gatte und Vater befürchtet hatte. Die ſeitherige Ungewißheit war ſo ſchrecklich geweſen, daß die nunmehrige Wahr⸗ heit ihnen noch als Troſt erſchien. Die Mutter glaubte nicht, daß die Kolonialbehörden ihrem Sohne etwas zu Leid thun würden, denn ſie meinte, alle Menſchen müſſen ihn in gewiſſem Grade eben ſo lieben, wie ſie ihn liebte. Beulah dachte, ihr eigener Gemahl müßte als Bobs Beſchützer auf⸗ treten, und Maund fand noch vergleichungsweiſe Glück in dem Ge⸗ danken, daß ſie den Geliebten unverletzt und in ihrer Nähe wußte. Nachdem der Kapitän dieſe unerfreuliche Pflicht erfüllt hatte, war er ernſtlich auf Löſung ſeiner militäriſchen Aufgabe bedacht. Nach weiterer Ueberlegung und Beſprechung mit Joyce willigte er endlich darein, daß der Quäcker auf Räder geſetzt werden ſollte. Die Zimmerleute machten ſich ſogleich an's Geſchäft, bei welchem der Sergeant freiwillig die Oberaufſicht übernahm. Joel war den größten Theil des Morgens über mit Frau und Kindern, ſowie mit dem Müller beſchäftigt: der Tag rückte immer wei⸗ ter vor, und neigte ſich ſogar ſeinem Ende entgegen, ohne daß er ſich, wie er ſonſt gewohnt war, unter den übrigen Koloniſten ſehen ließ. Dieſe ganze Zeit über lag die Gegend außerhalb der Palliſa⸗ den in das tiefe Schweigen der Natur begraben. Mit der vollen⸗ Pracht eines Sabbathtages in den Wäldern warf die Sonne ihre Strahlen ſchräg über das liebliche Thal: nirgends aber war eine Menſchengeſtalt zu ſehen. Weder feindliche Indianer, noch weiße Bewohner ließen ſich blicken, und der Kapitän fing ſchon an zu vermuthen, daß die Feinde, mit ihrem Raube zufrieden, den Rück⸗ weg nach dem Fluſſe eingeſchlagen, und ſeine eigene Gefangen⸗ nahme auf eine andere Gelegenheit verſchoben hätten. Dieſe Beſorgniß gewann bei ihm gegen Abend ſo ſehr die Oberhand, daß er ſich bereits damit beſchäftigte, an einige einfluß⸗ reiche Freunde in Albany und am Mohawk zu ſchreiben, und ſie um 362 ihre Vermittlung zu Gunſten ſeines Sohnes zu bitten, als der Sergeant gegen neun Uhr— um dieſe Zeit hatte er nämlich Befehl, die Wache für die erſte Hälfte der Nacht zu verleſen— an der Thüre des Zimmers erſchien, um eine wichtige Meldung zu machen. „Was gibt's, Joyce?“ fragte der Kapitän.„Sind einige un⸗ ſerer Leute ſchläfrig, oder ſchützen ſie Unwohlſein vor?“ „Schlimmer als das, Euer Gnaden, ſo fürchte ich ſehr,“ lau⸗ tete die Antwort.„Von den zehn Mann, welche Euer Gnaden mir zur Wache zu beordern befahlen, werden fünfe vermißt. Ich glaube, ſie ſind deſertirt.“ „Deſertirt! Das klingt allerdings bedenklich; laßt das Signal zum allgemeinen Antreten geben— die Leute können noch nicht zu Bett gegangen ſein. Wir wollen die Sache gleich unterſuchen.“ Joyce zählte zu ſeinen Glaubensartikeln vor allen den einen: „der Ordre zu pariren“, und ſo wurde auch dieſer Befehl ur⸗ plötzlich in Ausführung gebracht. In fünf Minuten erſchien eine Ordonnanz, um dem Kapitän zu melden, daß die Garniſon im Hofe in's Gewehr getreten ſei. Unten ſtand der Sergeant vor ſeiner kleinen Abtheilung, in der einen Hand die Laterne, in der andern die Verlesliſte haltend. Schon der erſte Blick ſagte dem Kapitän, daß ſeine Streitkräfte eine bedeutende Verminderung erlitten hatten: er führte deßhalb den Sergeanten bei Seite, um ſeinen Rapport zu vernehmen. „Was iſt das Reſultat Eurer Nachforſchungen, Joyce?“ fragte er mit größerer Unruhe, als er wahrſcheinlich hätte vor den An⸗ dern verrathen mögen. „Wir haben gerade die Hälfte unſerer Leute verloren, Sir. Der Müller mit der Mehrzahl der Yankee's und zweien von den Hölländern erſchienen nicht beim Verleſen— auch iſt keiner von ihnen in ſeinem Quartier zu finden. Sie ſind entweder zum Feinde übergegangen, Kapitän Willoughby, oder haben ſie ſich, — O⏑Q—:—·:—·:—⸗„2.2·—— 363 unzufrieden mit dem Stande der Dinge im Blockhaus, der Sicher⸗ heit halber in die Wälder geflüchtet.“ „Und Weib und Kind im Stich gelaſſen, Sergeant? Das wird wohl Keiner über's Herz bringen.“ „Ihre Weiber und Kinder ſind gleichfalls deſertirt, Sir. Im ganzen Blockhauſe iſt weder Kind noch Kegel von einem der Flüchtlinge zu finden.“ Neunzehntes Kapitel. Die Welſchen all', ſenan ſie todt dich wähnten, Zu Bolingbroke floh’n ſie, zerſtreut nach allen Enden. Richard II. Dieß war allerdings eben jetzt, bei Einbruch der Nacht, und unter den Umſtänden, welche mit dieſem Falle verbunden waren— eine höchſt beunruhigende Hiobspoſt. Selbſt bei den Zurückgeblie⸗ benen hielt Kapitän Willoughby für klug, ſich nach Namen und Charakter zu erkundigen, um zu wiſſen, auf welchem Grunde er ſtehe, und um ſein künftiges Verhalten darnach zu bemeſſen. Sobald er daher den Sergeanten ſo weit von den Uebrigen ab⸗ ſeits führen konnte, daß er gewiß ſein durfte, von ihnen nicht vernommen zu werden, richtete er ſeine Fragen an denſelben. „Zurückgeblieben ſind Michael O'Hearn, Jamie Allen, die bei⸗ den Zimmerleute, die drei Neger, Joel und die drei Holländer, die erſt neulich in die Kolonie aufgenommen wurden, nebſt den beiden Burſchen, welche Strides zu Anfang dieſes Jahres an⸗ warb,“ ſo lautete die Antwort.„Euer Gnaden und mich mit eingerechnet, macht das gerade fünfzehn Mann, und dieſe Zahl ſollte, denk' ich, hinreichen, um das Haus im Falle eines Stur⸗ mes zu ſichern, wogegen aber die Außenwerke, wie ich fürchte, unnd alle dergleichen Punkte verlaſſen werden müſſen.“ 364 „Im Ganzen ſind dieß unſere beſten, ich meine nämlich unſere zuverläſſigſten Leute,“ verſetzte der Kapitän.„Auf Mike, Jamie und die Schwarzen dürfen wir eben ſo ſicher, wie auf uns ſelbſt, vertrauen. Auch Joel kann uns manches Hilfsmittel gewähren, wenn er nur im feindlichen Feuer ſeine Schuldigkeit thun will.“ „Korporal Strides hat ſich als Soldat noch nicht erprobt, Euer Gnaden, doch haben auch Rekruten zuweilen ſchon Wunder gethan. Die Wache werde ich jetzt natürlich auf die Hälfte ihrer früheren Stärke reduziren, Sir, da die Leute doch auch einiger Ruhe bedürfen.“ „Wir müſſen uns heute Nacht am meiſten auf Eure und meine Wachſamkeit verlaſſen, Joyce. Ihr werdet die Wache bis um ein Uhr übernehmen: den Reſt der Nacht will ich ſodann aufbleiben. Ehe Ihr die Leute entlaßt, will ich aber noch zuvor ein ermun⸗ terndes Wort an ſie richten— ich denke, das kann uns unter den jetzigen Umſtänden ein ganzes Peloton erſetzen.“ Es geſchah höchſt ſelten, daß der Sergeant mit den Plänen ſeines kommandirenden Offiziers nicht übereinſtimmte, und ſo kam auch dieſer Vorſchlag augenblicklich zur Ausführung. Die Laterne wurde ſo aufgeſtellt, daß der Kapitän die ganze Reihe heterogener Geſichter, welche vor ihm ſtanden, im Auge hatte— dann begann er folgendermaßen: „Es ſcheint, meine Freunde, daß einige von unſeren Leuten, von paniſchem Schrecken ergriffen, deſertirt ſind. In ihrem Unver⸗ ſtand ſind ſie nicht nur ſelbſt geflohen, ſondern haben auch ihre Weiber und Kinder zum Nachfolgen veranlaßt. Nur ein wenig Ueberlegung wird euch zeigen, welchem Elende ſie auf ihrer übel berechneten Flucht ausgeſetzt ſein müſſen. Wir zählen fünfzig Meilen bis zu der nächſten bedeutenden Niederlaffung, und über dreißig, ehe wir nur eine einzige Hütte erreichen, wenn man nicht etwa die Jägerbaracken hieher rechnen will: ſo müſſen alſo, ſelbſt wenn ſie dem wilden Feinde, der, wie wir wiſſen, in den Wäldern 36 umherſchwärmt, glücklich entrinnen, noch ganze Tage verſtreichen, bis die Armen zu einem ſicheren Zufluchtsorte gelangen. Weiber und Kin⸗ der werden weder hinlängliche Liſt zum Verbergen ihrer Spuren, noch ſo viel Stärke beſitzen, um viele Stunden lang Hunger und Durſt ertragen zu können. Möge Gott ihnen vergeben, was ſie ge⸗ than haben, und ſie durch die Mühſeligkeiten und Gefahren geleiten, von denen ſie bedroht ſind! Was uns betrifft, ſo müſſen wir uns entſchließen, entweder unſere Pflicht in vollem Maaße zu thun, oder uns ſogleich mit gegenſeitigem Einverſtändniſſe zurück zu ziehen. Iſt alſo Einer unter euch, der von dem Ausharren unter den Waffen und von der Vertheidigung dieſes Hauſes üble Folgen für ſich be⸗ fürchtet— der trete vor, und bekenne es offen: er hat volle Er⸗ laubniß, mit Allem, was ihm gehört, frei abzuziehen, und ſoll dazu Subſiſtenz⸗ wie Vertheidigungsmittel mitbekommen. Ich will nicht, daß Einer anders, als freiwillig und mit ganzem Herzen bei mir und den Meinen zurückbleibe. Die Nacht iſt bereits dunkel: wer alſo das Blockhaus frühzeitig genug verläßt, kann noch einen ſolchen Vorſprung vor jedem Verfolger gewinnen, daß er ſich vor Tagesanbruch in vergleichungsweiſer Sicherheit befindet. Iſt dem⸗ nach ein Solcher unter euch, ſo möge er ehrlich und ohne Furcht ſprechen— das Thor ſoll ſeinem Auszuge offen ſtehen.“ Hier hielt der Kapitän inne— doch keine Seele gab Antwort. Ein gemeinſames Gefühl von Loyalität ſchien jeden von den Zu⸗ hörern an ſeine Pflicht zu knüpfen. Die ſchwarzen Augen der Neger rollten an der kleinen Reihe hinab, um zu ſehen, wer zuerſt ihren Herrn verlaſſen würde, und ihr freudiges Grinſen bewies den Triumph, mit welchem ſie das Reſultat ſeiner Auf⸗ forderung betrachteten. Mike's Gefühle waren zu heftig, um ſtumm bleiben zu können— er mußte laut die Gedanken außern, die ihm durch den Sinn zogen. „O, o!“ knurrte der Leitrimer,„ich ſollte den Ausreißern gar noch eine glückliche Reiſe wünſchen? Gott behüte— laßt ſie nur e 366 Hunger leiden, während ſie ſich durch die Wälder hinſchleppen, und ihr eigenes Gewiſſen ſie fortwährend zur Rückkehr mahnt— die Allerweltsdiebe!— ja, das ſind ſie Alle zuſammen, jeder Mutter Sohn, Weiber und Alle. Nein, wahrhaftig— nimmermehr würde ich das thun— nein, und wenn ich auch vom Scheitel bis zu den Fußſohlen ein einziger Skalp wäre, und an jedem Zoll meines Körpers ein Inſchjön hinge, um ſich einen Sommerrock aus meinem Felle auszuſchneiden! Da komm' Einer mit Religion bei ſolchen Kreaturen! Kein Einziger von ihnen hat auch nur ſo viel Moral, um ſelbſt das kürzeſte Gebet zu Ende zu bringen, das der Herr einem Chriſten zu ſprechen geſtattet. Ich ſage, der Teufel ſoll ſie holen— das iſt der freundlichſte Wunſch, den ich ihnen nachzu⸗ ſchicken habe.“ Der Kapitän wartete geduldig, bis dieſer Monolog zu Ende war; dann entließ er die Leute mit einigen Worten der Ermuthigung und des Dankes für die Treue, die ſie zuletzt bewieſen hatten. Die Nacht war unterdeſſen mit ihrem vollen Dunkel hereinge⸗ brochen: am finſterſten zeigte ſich der Hof wegen des Schattens, den die Gebäude darauf warfen; die Punkte außerhalb blieben leichter zu unterſcheiden. Als der Kapitän ſich nach Joyce umwandte, um ihm ſeine letzten Weiſungen zu ertheilen, entdeckte er beim Lichte der Laterne, welche dieſer trug, nicht weit vor ſich eine menſchliche Geſtalt, die ſich wegen der Nähe des Blockhauſes nur undeutlich erkennen ließ. Ein Menſch war's— ſo viel ſtand feſt, und da mit Ausnahme einer einzigen, außerhalb des Hofes aufgeſtellten Schildwache ſämmt⸗ liche waffenfähigen Bewohner aller Wahrſcheinlichkeit nach in dem kleinen Haufen, der noch beiſammen ſtand, verſammelt waren, ſo erkannten die beiden alten Krieger gleichzeitig die Nothwendigkeit, das Weſen dieſes unvorhergeſehenen Beſuchers zu erforſchen. Beide näherten ſich mit raſchen Schritten der regungsloſen Ge⸗ ſtalt: Joyce hob die Laterne in die Höhe— bis ihr Licht auf ein 367 paar wilde, glühende, ſchwarze Augen und auf das rothe Geſicht eines Indianers fiel. „Nick!“ rief der Kapitän,„biſt du's? Was hat dich hierher gebracht, und wie biſt du bis in den Hof gelangt? Kommſt du als Freund uns zu Hilfe, oder ſollen wir dich als Feind betrachten?“ „Viel zu viel fragen, Kap'in— viel zu viel— gerade wie'ne Squaw Alles auf einmal. Gehen in's Buchzimmer, Nick folgen; Alles erzählen, was er haben zu ſagen.“ Der Kapitän ermahnte flüſternd den Sergeanten, daß er ſich von der Wachſamkeit der Schildwache außen überzeugen ſolle, und ging dann in das Bibliothekzimmer voran, wo er Frau und Töchter, wie er ſich gedacht hatte, in ängſtlicher Erwartung feiner Ankunft verſammelt fand. „O Hugh, ich hoffe, es ſteht nicht ſo ſchlimm, wie wir fürch⸗ teten!“ rief die Mutter, als der Kapitän und dicht hinter ihm der Tuscarora in's Zimmer trat:„unſere Leute können nicht ſo herzlos ſein, uns in einem ſolchen Augenblicke zu verlaſſen.“ Der Kapitän küßte ſeine Gattin, ſprach einige ermunternde Worte, und deutete dann auf den Indianer. „Nick!“ riefen die drei Frauen in einem Athem, wenn gleich der Klang ihrer Stimmen bei dem unerwarteten Wiederſehen ihres alten Bekannten einen ſehr verſchiedenartigen Eindruck verrieth. Mrs. Willoughby's Ruf tönte wie ein Freudenſchrei, denn ſie betrachtete den Indianer als ihren Freund; Beulah fühlte ſich von Angſt ergriffen, denn der Gedanke an den kleinen Evert und an die Mordmeſſer der Wilden zuckte plötzlich durch den aufgeregten Sinn der jungen Mutter; in Mauds Stimme dagegen lag jene düſtere Entſchloſſenheit, welche ſie aufgeboten hatte, um ſich in dieſer fürchterlichen Prüfung aufrecht zu erhalten. „Ja, Nick— der trotzige Nick,“ wiederholte der Indianer in ſeinen Gutturaltönen.—„Alter Freund, Ihr micht froh, ihn ſehen?“ 368 „Das wird von deinem Auftrage abhängen,“ fiel ihm der Kapitän in's Wort.„Gehörſt du auch zu jenem Korps, das jetzt bei der Mühle lagert?— Doch halt; wie kamſt du in unſere Palliſaden? Zuerſt beantworte mir dieß!« „Kommen herein. Baum nicht gut, um Inſchjön aufzuhalten. Helfen nix mit Aeſten, wie ſollen alſo ohne ſie? Brauchen viel Musketen und, viel Soldaten, um dat zu thun. Dieß keine Garniſon, Kap'in, vor der Nick ſich fürchten. Ich immer ſagen zu viel Loch, um feſt zu ſein.“ „Das iſt keine Antwort auf meine Frage, Burſche. Durch was für Mittel gelangteſt du über die Palliſaden?« „Was für Mittel?— Inſchjön Mittel natürlich. Kommen wie'ne Katze, ſpringen gleich Hirſch, kriechen gleich Schnecke. Nick großer Tuscarora⸗Häuptling: wiſſen wohl, wie Krieger marſchiren, wenn ſie Kriegsaxt ausgraben.“ „Und Nick iſt in den Garniſonen immer ein großer Schmarotzer geweſen, und ſollte wiſſen, wie ich ſeinen Rücken zu bearbeiten verſtehe. Du wirſt dich erinnern, Tuscarora, daß ich dich zu meiner Zeit mehr als einmal durchgepeitſcht habe.“ Der Kapitän ſagte dieß in drohendem Tone, und vielleicht mit mehr Hitze als Klugheit. Die Zuhörer fuhren zuſammen, wie wenn eine neue Gefahr plötzlich vor ihren Augen aufgeſtiegen wäre, und die angſtvollen Blicke, denen er allenthalben begegnete, erinnerten den Kapitän, daß er zu weit zu gehen im Begriffe war. Der Indianer ſelbſt— die aufgethürmte Donnerwolke iſt nicht ſchwärzer, als ſein Geſicht wurde, da er dieſe Worte vernahm: als ob jeder entehrende Schlag, den er erduldet, ſeinen Körper noch in dieſem Augenblicke zerfleiſchte, ſo ſchien ſich ſeine Seele in ihrem Schmerze zu krümmen, und die erlittene Schmach mit tiefſtem Ingrimm von ſich abzuwehren. Kapitän Willoughby erſchrak über das, was er angerichtet hatte; jetzt war's aber zu ſpät, um einen anderen Weg einzuſchlagen; 369 er verharrte deßhalb in würdevoller Ruhe, und wartete, bis der Tuscarora ſich wieder etwas gefaßt hatte. Wohl länger als eine Minute blieb Nick völlig ſtumm. Nach und nach— wiewohl ſehr langſam— änderte ſich der Ausdruck ſeiner Miene. Endlich wurde ſein Geſicht regungslos wie Marmor, und zeigte im höchſten Grade jenen Stoicismus, wie die ſtrengſte Angewöhnung ihn nur je dem menſchlichen Antlitze aufzuprägen 1 vermochte. „Hören,“ begann dann der Indianer voll tiefen Danſtes. 3 „Kap'in alter Mann. Haben Haupt wie Schnee auf dem Felſen. Er kühner Krieger; beſitzen aber nicht Weisheit genug für graue Haare. Warum ſonſt rauhe Hand auf die Stelle legen, wo Peitſche hingefallen? Weiſer Mann thun niemals das. Letzten Winter er kalt; brauchen Feuer, um warm zu werden. Viel Eis, viel Sturm, viel Schnee. Welt ſehen aus ſchlimm— nur für Bär und Schnecke tauglich, die ſich im Felſen einniſten. Nun— Winter vorbei; Eis vorbei! Schnee vorbei; Sturm vorbei. Som⸗ mer erſcheinen an ihrer Statt. Alles gut, Alles lieblich. Warum alſo an Winter denken, wenn Sommer kommen, und ihn mit hellem Himmel vor ſich hertreiben?“ „Deßhaͤlb, um mich vor ſeiner Wiederkehr zu verwahren. Wer in den Tagen des Glücks der ſchlimmen Stunde nie gedenkt, wird endlich finden, daß er nicht nur eine Pflicht, ſondern ſelbſt die Lehren der Weisheit vernachläſſigt hat.“ „Er nicht weiſe!“ erwiederte Nick mit Nachdruck.„Kap'in Bleichgeſicht⸗Häuptling. Haben Beſatzung; haben Krieger; haben Gewehr. Gut— er peitſchen Kriegers Rücken, daß Blut fließen. Das ſchlimm genug: noch ſchlimmer, wenn legen Finger auf alte Wunde, und machen Schmerz und Scham auf's Neue wiederkehren.“ „»Vielleicht wäre es edelmüthiger geweſen, Nick, wenn ich gar nichts davon erwähnt hätte. Du ſiehſt aber, in welcher Lage ich mich befinde: außen den Feind, meine Leute deſertirt, die Schild⸗ Wyandotts. 24 ———— —— 2— 54 wache nachläſſig, ſo daß Einer ſogar bis in den inneren Hof ein⸗ dringen konnte, ohne daß ich wüßte, wie es zuging.“ „Nick ſagen Kap'in, wie's zuging. Wenn rother Mann draußen — erſchießen ihn; wenn Garniſon davon laufen— peitſchen Garniſon; wenn nicht wiſſen— lernen; nur nicht peitſchen wieder auf alte Wunde!“ „Nun gut denn; ſprich nichts mehr davon, Nick. Da haſt du einen Thaler— kauf dir Rum dafür: jetzt aber laß uns von anderen Dingen reden!“ Niick würdigte die Gabe keines Blicks, obgleich ſie ihm eine ſchöne Weile höchſt verführeriſch vor Augen gehalten wurde. Dar⸗ aus entnahm der Kapitän, das der Tuscarora jetzt den Krieger und Häuptling ſpielte, was er zu Zeiten und zwar jedesmal ſehr gut durchzuführen gewohnt war; er ſteckte alſo ſein Geld wieder zu ſich, und ſuchte auch ſein eigenes Auftreten danach einzurichten. „Jedenfalls habe ich ein Recht, darauf zu beſtehen, daß du mir ſagſt, erſtens— auf welche Art du in die Palliſaden herein⸗ kamſt, und zweitens— was dich ſo plötzlich und bei Nacht zu uns hergeführt hat.“— „Fragen Nick Alles, was Recht zu fragen haben, Kap'in; nur alte Peitſche nicht wieder berühren.— Wie ich durch die Palliſaden kommen?— Wo ſein Schildwachen, um Inſchjön aufzuhalten? Eine am Thor: gut— aber rings herum ſonſt keine. Kommen herein, da oben, dort unten, ſo da drüben. Zehn, zwanzig, drei Stellen. Denken wohl Baum?— klettern darüber. Denken wohl Palliſade? — klettern ebenfalls drüber. Was alſo helfen?— Soldat außen am Thor, wenn Nick über's andere Ende ſpringen! Kommen in den Hof, wenn's ihm belieben. Halbes Thor, gar kein Thor. So leicht, daß mich ſchämen, darüber zu prahlen. Kap'in ſonſt Nick's Freund— manchen Kriegspfad mit ihm gewandelt; das in alter Zeit. Beide Krieger: Beide gegen Franzmanns Garniſon ausge⸗ zogen. Gut; wer kroch herein zum offenen Thor dicht neben der 1 —— 371 Kanone, und ließ die Bleichgeſichter ein? Großer Tuscarora thun das: keine Peitſche dann; heute Nacht nicht ſprechen von alter Wunde!“ »Das iſt Alles vollkommen wahr, Wyandotté.“— Dieß war nämlich Nick's ſtolzeſter Titel, und ein ſchwaches, aber grimmiges Lächeln überflog ſein Geſicht, als er dieſen Namen aus dem Munde des Mannes vernahm, der ihn damals noch gekannt hatte, als ſein Kriegsruf den Schrecken in das Herz ſeiner Feinde jagte.—„Das Alles iſt wahr, Wyandotté, und ich habe dich darum bewundert. Damals warſt du kühn wie der Löwe und liſtig wie der Fuchs. Du erwarbſt dir große Ehre durch jene Heldenthat!“ »Das iſt anders, als alte Wunde, hum?“ rief Nick, plötzlich auffahrend, ſo daß Mrs. Willoughby bis in's Innerſte erbebte. „»Nennen Nick nicht Hund heute Nacht. Er blos Krieger damals — ganz Geſicht— Nichts von Rücken.“ 4 „Ich ſagte, du wurdeſt für dein damaliges Benehmen hoch geehrt, Nick, und reichlich belohnt.— Jetzt laß aber hören, was dich heute Nacht zu uns hergeführt hat, und woher du kommſt?“ Es erfolgte eine abermalige Pauſe. Das Geſicht des Indianers wurde immer weniger wild, bis endlich der ſeitherige Ausdruck boshafter Rachgierde einem anderen, menſchlicheren Gefühl und freundlicheren Regungen Platz machte. „Squaw gut,“ verſetzte er endlich in ſauftem Tone, indem er Mrs. Willoughby mit der Hand zuwinkte.—„Haben Sohn; lieben ihn wie kleinen Knaben. Nick kommen früher ſechs, zweimal als Bote von ihrem Sohn.“ „Mein Sohn, Wyandotté!« rief die Mutter.„Bringt Ihr vielleicht auch jetzt Nachrichten von meinem Jungen?“ „»Nicht Nachrichten bringen— zu ſchwer; Indianer nicht gerne ſolche Laſt tragen— bringen Brief.“ Ein Freudenruf ertönte aus dem Munde der drei Frauen; jede ſtreckte ihm unwillkürlich die Hand entgegen, um das Schreiben 24* 372 in Empfang zu nehmen. Nick zog daſſelbe aus einer Falte ſeines Gewandes, und legte es Mrs. Willoughby mit ſo ruhiger Grazie in die Hand, daß ſelbſt ein Höfling darin vergeblich mit ihm gewetteifert haben würde. Der Brief war kurz, und nur mit Bleiſtift auf ein ſchmutziges Blatt Papier geſchrieben, das aus irgend einem Buche geriſſen zu ſein ſchien: die Handſchrift aber wurde ſogleich als Robert Willoughby's erkannt. Der Brief hatte weder Adreſſe noch Unter⸗ ſchrift, und enthielt blos folgende Zeilen: „Verlaßt euch auf eure Vertheidigungsanſtalten, und auf nichts Anderes. Unter dem feindlichen Korps befinden ſich viele Weiße, als Indianer verkleidet. Man argwöhnt, wer ich bin, vielleicht daß ich auch ſchon erkannt wurde. Man wird euch deßhalb zuſetzen, doch thut ihr am Beſten, wenn ihr ſtandhaft bleibet. Iſt Nick ehrlich, ſo kann er euch mehr erzählen; iſt er falſch, ſo wird dieſer Brief euch jedenfalls zu Geſicht kommen, wenn er ihn auch aus⸗ liefert. Sichert die inneren Thore, und bauet mehr auf's Haus, als auf die Palliſaden. Für mich fürchtet Nichts— mein Leben kann nicht in Gefahr kommen.“ Eines nach dem Andern las den Brief; Maud wandte ſich abſeits, um ihre Thränen zu verbergen, welche beim Durchleſen raſch hinter einander auf das Papier niederfielen. Sie las ihn zuletzt, und durfte ihn alſo auch behalten— das koſtbare Pfand, doppelt koſtbar in einem Augenblicke, wo faſt jedes Gefühl ihres Daſeins ſich in der innigen Theilnahme für den Gefangenen koncentrirt hatte. „Wegen der näheren Umſtände werden wir auf dich verwieſen, Nick,“ bemerkte der Kapitän;„ich hoffe, du wirſt uns nichts als Wahrheit berichten. Eine Lüge iſt zu unwürdig für den Mund eines Kriegers!“ 3 „Haben Nick gelogen mit dem Biberdamm? Finden Kap'in nicht gut, wie Indianer ſagen?“ „Darin haſt du ehrlich gehandelt; ich muß dich drum loben. ——— 1. 373 Hat außer dir, dem, der ihn ſchrieb, und uns, noch ſonſt Jemand dieſen Brief zu Geſicht bekommen?“ „Wozu fragen? Wenn Nick ſagen nein, Kap'in glauben, er lügen. Selbſt Fuchs ſprechen zuweilen Wahrheit— warum nicht auch Inſchjön? Nick ſagen— nein.“ „Wo und wann haſt du meinen Sohn verlaſſen?— Wo be⸗ findet ſich das Korps der Rothhäute in dieſem Augenblick?« „Alle Bleichgeſichter voll Uebereilung! Fragen zehn, eine, vier Fragen auf einmal.— Gut; antworten auch ſo. Hier unten bei der Mühle— dort unten bei der Mühle; halbe Stunde, ſechs, zwei, zehn Uhr.«, „Du willſt wohl ſagen, Major Willoughby war bei der Mühle, als du ihn zuletzt ſahſt, und zwar noch vor einer halben Stunde?“ Der Tuscarora nickte bejahend mit dem Kopfe, gab aber keine Antwort. Seine Augen ſtreiften dabei über die bleichen Züge der Frauen, und zeigten einen Ausdruck, der das Mißtrauen des Ka⸗ pitäns auf's Neue erweckte. Dieſer ſtellte deßhalb ſeine Fragen ſeiner früheren Gewohnheiten, als zu der freundlichen Weiſe paßte, welche er ſeit den letzten Jahren angenommen hatte. „Du kennſt mich, Nick,“ fuhr er ernſthaft fort,„und ſollteſt meinen Unwillen fürchten.“ „Was Kapiin jetzt meinen?“ fragte ruhig der Indianer. 8 „Daß noch dieſelbe Peitſche hier im Fort iſt, welche du in unſerer früheren Garniſon an mir kennen lernteſt, und daß ich auch deren Gebrauch noch keineswegs vergeſſen habe.“ Der Tuscarora betrachtete den Kapitän mit ſehr beunruhigen⸗ den Blicken; doch ließ ſein Geſicht im Ganzen mehr Ironie als Wildheit erkennen. „Wozu wieder von Peitſchen ſprechen?“ erwiederte er.„So⸗ gar der Yengeeſe⸗General verſtecken die Peitſche, wenn er Feind vor ſich ſehen. Soldat kann nicht fechten, wenn Rücken ſchmerzen. 374 Wenn Schlacht nahe, dann Alles gut Freund; wenn Schlacht vor⸗ über, dann peitſchen, peitſchen, peitſchen. Warum ſo ſprechen?— Kap'in niemals ſchlagen Wyandotté.“ „Dein Gedächtniß muß ſehr kurz ſein, um ſo Etwas zu be⸗ haupten! Ich glaubte, ein Indianer behalte das, was er erlebt, beſſer im Kopfe.“ „Niemand wagen, Wyandotté zu ſchlagen!“ rief der Indianer mit Nachdruck.„Niemand— Bleichgeſicht oder Rothhaut— kann Wyandotté einen Schlag auf den Rücken geben, und noch die Sonne untergehen ſehen!“ „Nun gut, Nick; wir wollen nicht länger über dieſen Punkt ſtreiten, aber laß nun Vergangenes auch vergangen ſein. Was ge⸗ ſchehen iſt, iſt geſchehen, und ſoll hoffentlich nicht wieder vorfallen.“ „Das geſchehen Nick, trotzigem Nick— armem, betrunkenem Nick— dem Wyandotté niemals!“ „Ich glaube, ich fange an, dich zu verſtehen, Tuscarora, und freue mich ſehr, ſtatt eines armen, elenden Verſtoßenen einen Häuptling und Krieger in meinem Hauſe zu haben. Darf ich mir das Vergnügen machen, unſern hemaligen Feldzügen zu Ehren ein Glas für dich zu füllen?“ 4„Nick immer trocken— Wyandotté zeinen keinen Durſt. Nick Bettler— verlangen nach Rum— bitten um Rum— denken an Rum— ſprechen von Rum— lachen um Rum— ſchreien um Rum.— Wyandotté bennen keinen Rum, auch wenn er ihn ſehen. Wyandotté bitten um Nichts— nein, nicht einmal um, ſeinen Skalp.“ „Das Alles klingt recht hübſch, und ich bin ebenſo erfreut als bereitwillig, dich in dem Range eines Häuptlings, in welchem du, wie du mir zu verſtehen gibſt, nunmehr gekommen biſt— in meinem Hauſe zu empfangen. Ein Krieger von Wyandotté's hohem Namen iſt zu ſtolz, um eige geſpaltene Zunge im Munde zu führen, und ich werde alſo nichts als Wahrheit von ihm vernehmen. So ſage mir 375 denn Alles, was du von dieſem Korps bei der Mühle weißt: was ſie hergebracht hat, wie du mit meinem Sohne zuſammenkamſt und was ſeine Feinde wohl zunächſt vornehmen werden. Beantworte die Fragen nach der Reihenfolge, wie ich ſie dir vorlegte.“ „Wyandotté kein Zeitungsblatt, um Alles auf einmal zu erzählen. Laßt den Kap'in ſprechen, wie ein Häuptling mit dem andern.“ „Nun, ſo ſage mir zuerſt, was du von dieſem Korps bei der Mühle weißt. Sind viele Bleichgeſichter darunter?« „Stellt ſie in den Fluß,“ gab der ſpruchreiche Indianer zur Antwort;„Waſſer ſagen die Wahrheit.“ „Du meinſt, es ſeien Viele darunter, welche das Waſſer weiß waſchen würde?« „Wyandotté weiß das. Wann zogen rothe Krieger auf ihrem Pfade einher wie eine Heerde Schweine? Eine Rothhaut dort, wie großer Geiſt ſie machen, neben ihr zwei Rothhäute, welche Bemalung dazu machen. Das bald ſehen an ihrer Fährte.“ „Du fandeſt alſo ihre Fährte, und gerietheſt auf dieſe Art in ihre Geſellſchaft?“ Ein abermaliges Nicken bezeichnete die Bejahung des Indianers. Da der Kapitän bemerkte, daß der Tuscarora nicht weiter ſprechen wollte, ſo fuhr er in ſeinen Fragen fort. „Und wie konnte denn die Fährte dieß Geheimniß verrathen, Häuptling?“ „Zehenſpitze auswärts gekehrt— Schritt zu kurz— Fährte zu breit— Fährte zu deutlich— Marſch zu kurz.“ „Da mußt du ihnen alſo eine ziemliche Strecke gefolgt ſein, Wyandotté, um all' das zu bemerken?“ „Folgen vom Mohawk— ſie treffen an der Mühle. Tuscarora liebt nicht zu viel wandern mit Mohawk.“ „Deiner Erzählung nach können aber nicht viel Rothhäute unter dem Haufen ſein, wenn die Weißen 4e ſehr an Zahl vorſchlagen.“ 376 Nick erhob jetzt ſeine Rechte, und ſtreckte viermal hinter ein⸗ ander jedesmal alle fünf Finger in die Höhe. Dann erhob er ſie wieder, dießmal aber bloß Daumen und Zeigfinger. „Das macht zweiundzwanzig, Nick. Rechneſt du dich ſelbſt auch darunter?“ „Wyandotté iſt Tuscarora— er nur zählen Mohawks.“ „Richtig. Befinden ſich vielleicht auch noch andere Rothhäute darunter? 8 „Oneida— ſo;“ hier hielt er blos vier Finger in die Höhe, dann kam ein einziger Finger, und er fuhr fort:„Onondaga— ſo!“ „Zweiundzwanzig Mohawks, vier Oneida's und ein einziger Onondaga— machen im Ganzen ſiebenundzwanzig. Wie viel Weiße habe ich dazu zu rechnen; du zählteſt ſie doch auch?“ Jetzt ſtreckte der Indianer beide Hände mit allen zehn Fingern von ſich, und wiederholte dieſe Geberde viermal; dann kam noch die eine Hand ganz und von der andern zwei Finger. „Siebenundvierzig— zu den Rothhäuten addirt gibt vierund⸗ ſiebenzig als Totalſumme. Ich hätte ſie eher für ſtärker gehalten, Wyandotté.“ „Nicht ſtärker— nicht ſchwächer— gerade ſo. Auch viele alte Weiber unter den Bleichgeſichtern.“ „Alte Weiber!— Das meinſt du nicht wörtlich ſo, Nick? So viel ich geſehen habe, waren es lauter Männer.“ „Tragen Bart, aber doch alte Weiber. Schwatzen— ſchwatzen und immer— ſchwatzen— niemals handeln. Das nennen India⸗ ner— altes Weib. Das Korps— armſeliger Haufen; Kap'in ſchlagen ſie, wenn er noch wie ehemals fechten.“ „Nun, das lautet einmal ermuthigend, Wilhelmina, und Nick ſcheint ehrlich mit uns zu verfahren.“ „Ja, Hugh— aber frage jetzt auch mehr über Robert,“ bat ſeine Gattin, in deren Mutterherzen ihre Kinder immer die erſte Stelle einnahmen. 377 „Du hörſt, Nick— meine Frau wünſcht jetzt zunächſt etwas von ihrem Sohne zu erfahren.“ Während des vorhergehenden Zwiegeſprächs hatte die Miene des Indianers fortwährend einen ziemlich zweideutigen Ausdruck beibehalten. Alles, was er über das feindliche Korps, deſſen An⸗ zahl, ſowie über die Art, wie er mit ihnen zuſammengetroffen, erzählte, war Wort für Wort wahr, und man konnte deutlich in ſeinem Geſichte leſen, daß er es aufrichtig meinte. Doch glaubte der Kapitän noch immer eine verſteckte Wildheit in Augen und Miene des Tuscarora zu entdecken, und war trotz dem, daß er ſeiner Ausſage Glauben ſchenkte, gleichwohl nicht ganz ohne Un⸗ ruhe. Kaum aber hatte Mrs. Willoughby ſich eingemiſcht, als jener trotzige Anſtrich ſich milderte, der ſo leicht und bereitwillig über das ſchwärzliche Antlitz des Wilden hinzog, und einem freundlichen— manchmal ſogar ſanften— Blicke Platz machte. „Guͤt, wenn haben Mutter,“ gab Nick freundlich zur Antwort. „Wyandotté haben keine Squaw— Weib todt, Nutter todt, Schweſter todt— Alle in's Land der Geiſter gegangen— mit der Zeit auch Häuptling nachfolgen. Niemand werfen Stein auf ſein Grab! War vor langer Zeit ſchon einmal auf dem Todes⸗ pfade, doch Kap'in's Squaw ſagen: ‚Halt, Nick; noch etwas zu früh; nehmen Arznei und gehen gut.: Squaw dazu gemacht, um zu thun gut. Häuptling immer lieben die Squaw, wenn ſeine Seele nicht durch den Krieg wild wird.“ 1 „Und Eure Seele, Wyandotts, iſt jetzt nicht wild vom Kriege — nicht wahr?“ ſo redete ihn Mrs. Willoughby in ernſtem Tone an.„Ihr werdet einer Mutter helfen, ihren Sohn aus den Händen erbarmungsloſer Feinde zu befreien?“ „Warum Ihr ſie glauben erbarmungslos? Weil Bleichgeſich⸗ ter ſich als Inſchjön verkleiden und Euch zu betrügen ſuchen?“ „Das mag die eine Urſache ſein: ich fürchte aber, es gibt noch manche andere. Sagt mir, Wyandotté, wie habt Ihr entdeckt, 378 daß Robert ein Gefangener iſt, und durch welche Mittel gelang es ihm, Euch dieſen Brief einzuhändigen?“ Der Indianer nahm eine ſtolze, ja ſogar etwas hochmüthige Haltung an, denn er fühlte, daß nunmehr die Darlegung der Mittel, wodurch er ſeine Entdeckungen gemacht, die Ueberlegenheit der Rothhaut über das Bleichgeſicht in ein helles Licht ſtellen könne. „Leſen Buch auf dem Boden,“ gab Nick ernſthaft zur Ant⸗ wort.„Zwei Bücher liegen jederzeit vor dem Häuptling offen: eins am Himmel, das andere an der Erde. Buch am Himmel prophezeien Wetter— Schnee, Regen, Wind, Donner, Blitz, Krieg: Buch auf der Erde ſagen, was vorgeht. „Und was hatte dieſes Buch auf der Erde mit meinem Sohne zu ſchaffen, Wyandotté?“ „Will alles ſagen, was ihn angehen. Majors Fährte zuerſt bei der Mühle geſehen. Kein Moccaſſin— viel Stiefel. Soldatenſtie⸗ fel wie ein Brief: ſagen viel in wenig Worten. Zuerſt glauben, er gehören dem Kap'in: dann aber wiſſen, daß der Major ſein.“ „Das lautet wohl ganz gut, Nick,“ fiel der Kapitän ein; „nimm mir aber nicht übel, ich meine, das heiße zu weit gegan⸗ gen. Daß du die Fußſpur als die meines Sohnes erkannt haben ſollteſt— das ſcheint mir doch unmöglich. Wie in aller Welt konnteſt du das gewiß wiſſen?“ „Wie ich konnte, he? Wer folgen der Fährte hier vom Hauſe aus bis zum Hudſonfluſſe? Glauben Nick blind, daß nicht können ſehen? Tuscarora leſen ſein Buch ſo gut wie Bleich⸗ geſicht leſen die Bibel.“ Hier ſah ſich Nick einen Augenblick um, erhob ſeinen Zeigefinger und fuhr in gedämpftem, aber ernſtem Tone fort:„Sehen ihn bei Bunkershill— erkennen ihn unter zehn, ſechs, zweitauſend Kriegern. Kennen dieſen Fuß, wenn ihm einſt begegnen auf den glücklichen Jagdgründen.“ „Und warum gerade den Fuß meines Sohnes? Der Stiefel wird ſo oft gewechſelt, kann nie ſeinem Vorgänger vollkommen ähn⸗ lich gemacht werden, ein Stiefel ſieht dem andern ſo gleich— pah, pah, das Ding ſcheint mir ganz unmöglich. Dieſe Stiefel⸗ geſchichte macht, daß ich deiner ganzen Geſchichte mißtraue, Nick.“ „Was ſein Mißtrauen!“ fragte der Indianer mit Blitzesſchnelle. „Es bedeutet Zweifel— Ungewißheit— Mißtrauen.“ „Ihr nicht glauben, he?“ „Ja, das iſt's— du haſt's ſo ziemlich getroffen. ‚Ich glaub's blos halb und halb', das käme der Sache eigentlich noch näher.“ „Ach was, alter Krieger immer mißtrauen— Squaw niemals. Fragen Mutter— ha!— Ihr glauben, Nick kennen nicht ihres Sohnes Fährte— ſchöne Fährte, wie von jungem Häuptling?“ „Ich glaube in der That, Hugh, daß Nick Bobs Fußſpur wohl erkennen mochte,“ fiel Mrs. Willoughby voll Vertheidigungseifer ein.„Er hat einen Fuß, der unter Tanſenden kenntlich iſt. Du wirſt dich erinnern, als er noch Knabe war— wie Jedermann ſeinen ſchönen Fuß zu rühmen pflegte. Jetzt, da er Mann iſt, ſcheint mir dieſe Eigenthümlichkeit nur noch auffallender.“ „Ja, ja, Nick, mache nur ſo fort und meine Frau wird dir Alles glauben, was du ſagſt. Einer Mutter Parteilichkeit weiß freilich nichts von Mißtrauen. Du biſt ein alter Höfling, und würdeſt ſogar zu St. James dein Glück machen.“ „Major niemals erzählen von Fuß?“ fragte Nick ernſthaft. „Ich kann mich nichts erinnern; hätte er von ſo Etwas ge⸗ ſprochen, ſo müßte ich's gehört haben. Doch laſſen wir jetzt die Geſchichte— Du ſahſt alſo die Fußſpur und erkannteſt ſie für die meines Sohnes. Verlangteſt du Zutritt in ſein Gefängniß, oder geſchah Euer Verkehr insgeheim?“ „Wyandotté zu weiſe, um zu handeln wie Squaw oder Knabe. Sehen ihn ohne Blick— ſprechen, ohne Worte— hören ohne Ohren. Major ſchreiben Brief, Nick ihn nehmen. Alles geſchehen mit Aug' und Hand, nichts mit der Zunge oder am Berathungsfeuer. Mohawk blind wie'ne Nachteule!“ 380 „Darf ich dir glauben, Tuscarora; oder biſt du, von böſen Geiſtern geſendet, nur gekommen, um mich zu hintergehen?“ „Alter Krieger ſehen immer zweimal, ehe weiter gehen, den⸗ ken zehnmal, ehe er ſagen ja. Alles gut. Nick nicht beſchimpft — machen's ſelber ſo, und glauben es Recht. Kap'in darf Alles glauben, was Nick ſagen.“ „Vater!“« rief Maud mit dem Nachdrucke der Unſchuld,„ich ſelbſt will mich für die Ehrlichkeit des Indianers verbürgen. Er hat Robert ſo oft geführt, iſt in ſo manchen gefahrvollen Scenen mit ihm geweſen— er kann es nimmermehr über's Herz brin⸗ gen, ihn oder uns zu verrathen. Schenken Sie ihm alſo Ihr Vertrauen: er kann uns von unendlichem Nutzen ſein.“ Selbſt Kapitän Willvughby, ſo wenig er auch geneigt war, Nick günſtig zu beurtheilen, war über die zarte, männliche Freund⸗ lichkeit betroffen, welche aus den dunkeln Zügen des Indianers leuchtete, als dieſer die glühende Wange und das ſtrahlende Antlitz des heißfühlenden, ſchönen Mädchens betrachtete. „Nick ſcheint geneigt, wenigſtens mit dir einen Waffenſtill⸗ ſtand zu ſchließen, Mand,“ erwiederte der Vater lächelnd,„und ich weiß jetzt doch, wo ich mich nach einem Vermittler umzuſe⸗ hen habe, wenn Streit zwiſchen uns entſtehen ſollte.“ „Ich kenne Wyandotté ſeit meiner Kindheit, theurer Vater, und er iſt immer mein Freund geweſen. Beſonders verſprach er mir, mit Bob ehrlich zu verfahren, und ich bin ſo glücklich, ſa⸗ gen zu können, daß er jederzeit ſein Wort gehalten.“ Damit geſtand das Mädchen übrigens blos die Hälfte der Wahrheit. Maud hatte dem Indianer häufige Geſchenke gemacht, und beſonders im vergangenen Jahr, als er bei des Majors Rück⸗ kehr nach Boſton dieſem als Führer dienen ſollte— für alle ſeine Bedürfniſſe reichlich geſorgt. Nick hatte ihren rechten Vater gekannt, und war bei ſeinem Tode gegenwärtig geweſen; ſo war er alſo mit ihrer eigentlichen Stellung in der Willoughby'ſchen Familie wohl 381 bekannt und— was in der gegenwärtigen Bedrängniß noch weit wichtiger wurde— er hatte unſrer Heldin mit einem Scharfblicke, deſſen dieſe ſelbſt ſich nicht rühmen konnte, bis auf den Grund ihres Herzens geſchaut. Maud hatte bei einem ſolchen Weſen ihre ge⸗ wöhnliche Vorſicht für unnöthig gehalten und ſich gerade durch ihre Beſorgtheit verrathen, ſo daß es dem ſcharfblickenden Tus⸗ carora gelingen mußte, ein Geheimniß zu entdecken, welches der Beobachtung von Vater, Mutter und Schweſter entgangen war. Hätte Nick zu derjenigen Klaſſe der Bleichgeſichter gezählt, mit welcher er gewöhnlich umging, ſo würde ſeine Entdeckung, mit Spöttereien und Uebertreibungen ausgeſtattet, in der ganzen Ko⸗ lonie die Runde gemacht haben: ſo aber beſaß dieſer ritterliche Sohn des Waldes— denn dieß war Wyandotté trotz ſeiner Ent⸗ artung und ſeiner zahlreichen Fehler— zu viel Zartgefühl, um die Herzensneigung eines Weibes zum Gegenſtande der Beluſti⸗ gung oder gemeiner Reden zu machen. Mauds Geheimniß hätte ihrem leiblichen Bruder nicht heiliger ſein können— wenn über⸗ haupt ein ſolcher vorhanden und ihr Vertrauter geweſen wäre— als es in dieſem Falle der trotzige Nick hielt. „Nick des Jungen Freund,“ bemerkte der Indianer ruhig; „das genug; was Nick ſagen, Nick meinen. Was Nick mei⸗ nen, er thun.— Kommen, Kap'in; es nun Zeit, um Squaw zu verlaſſen und über Krieg ſich beſprechen.“ Dieſer Wink war zu deutlich, um mißverſtanden zu werden, und der Kapitän hieß deßhalb den Indianer in den Hof voraus⸗ gehen, wohin er ihm alsbald zu folgen ſprach, ſowie er mit Joyce, der nunmehr zur Berathung heraufbeordert wurde, eine kurze Un⸗ terredung gepflogen hätte. Gegenſtand dieſer Berathung war die Art und Weiſe, wie der Tuscarora in die Stockade gelangt war, und ob man ihm über⸗ haupt mit Sicherheit vertrauen durfte. Der Sergeant war ge⸗ gen alle Rothhäute zum Mißtrauen geneigt, und gab den Rath, 382 Nick in Arreſt zu ſetzen, und ihn wenigſtens bis zur Rückkehr des Tages im Blockhauſe zu behalten. „Ich möchte faſt ſagen, Euer Gnaden, daß die Ordre es eigentlich ſo verlangt, Sir. Der ‚Rathgeber für Militärs, welche gegen die Wilden Krieg führen“, ſagt: das beſte Mittel ſei— Verrätherei wieder mit Verrätherei zu bezahlen, und letztere iſt das wahre Exercitium einer Rothhaut. Da iſt z. B. O'Hearn— der Burſche wird eine vortreffliche Schildwache abgeben, denn er iſt ſo treu, wie der beſte Stahl in der Armee. Mr. Woods Zim⸗ mer iſt leer und dabei ſo abgelegen, daß nichts leichter ſein wird, als den Wilden ſicher genug zu verwahren. Ueberdieß könnten wir's ja ſo einrichten, daß er ſich einbildete, es geſchehe Alles nur ihm zu Ehren.“ „Wir wollen ſehen, Sergeant,“ gab der Kapitän zur Antwort. „Die Sache hat zwar einen ſchlimmen Anſchein, wird aber doch vielleicht das Beſte ſein, was wir thun können. Zuerſt aber laßt uns die Runde machen, und Nick der Sicherheit halber mitneh⸗ men; iſt dieß geſchehen, dann wollen wir uns entſcheiden.“ Zwanzigſtes Kapitel. Die Hand ſtand ſtill— wie? wußt' er nicht, Denn geiſterhaft wogt's in die Runde— Vom tiefblauen Himmel kommt das Geſicht, Steigt auf vom duftigen Grunde: Von Liebe erzählt es, verſchwendet um ihn In Sonnenſchein gleichwie in Wettern— Von Liebesthaten, die ihn ſchützend umzieh'n, Wenn Gefahr ihn droht zu zerſchmettern. Mrs. Seba Smith. Die Deſertion der Koloniſten erweckte nicht allein bei dem Kapitän, ſondern anch bei ſeinem Adjutanten und Bundesgenoſſen, dem Sergeanten, die ernſtlichſten Beſorgniſſe. Ein Hang dieſer Art wird gar zu leicht anſteckend, denn, gleichwie die Ratten bekannter⸗ ——— 383 maßen ein ſinkendes Schiff ſogleich verlaſſen, ſo iſt auch der Menſch gar bald geneigt, eine mißglückende Sache aufzugeben. Man darf ſich daher keineswegs wundern, wenn das Mißtrauen, mit welchem die unerwartete Erſcheinung des Tuscarora die beiden alten Krie⸗ ger erfüllte, durch den Abfall, welchen ein Theil der Beſatzung ſich hatte zu Schulden kommen laſſen, nur noch geſteigert wurde. „Ich glaube, Euer Gnaden,“ bemerkte Joyce, während Beide zuſammen in den Hof traten,„auf O'Hearn, Jamie und Strides können wir uns verlaſſen. Auf Letzteren natürlich deßhalb, weil er Korporal oder— wie er ſich ſelber nennt— Sergeant iſt; auf beide Erſtgenanunte aber, weil ſie keine anderen Bande ken⸗ nen, als ſolche, durch die ſie wohl mit aller Treue an dieſe Fa⸗ milie geknüpft ſein müſſen. Doch hier iſt der Korporal und kann für ſich ſelber ſprechen.“ Bei dieſen Worten ſah man Korporal Strides— ſo wurde nämlich Joel unwiderruflich und zwar deßhalb von dem Ser⸗ geanten genannt, weil er ſelbſt nur eine einzige Stufe über ihm ſtand, und der Aufſeher demnach gerechter Weiſe nicht wohl einen höheren Rang anſprechen konnte— auf den Kapitän zu⸗ kommen, den er mit ſeinem militäriſchen Gruße empfing— eine Höflichkeit, zu welcher ihn Joyce's hundertfältige Ermahnungen in früheren Zeiten niemals vermocht hatten. „Das iſt'ne traurige Geſchichte, Kapitän Willoughby,“ be⸗ merkte Joel mit ſeiner ganzen jeſuitiſchen Falſchheit,„und mir iſt ſie vollends ganz unerklärlich! Mir ſcheint es ſo durchaus unnatürlich, daß ein Mann in der Stunde der Gefahr ſeinen eigenen Haushalt, ſeine Heimath verlaſſen ſollte. Ein Menſch, der bei Frau und Kindern nicht auszuhalten entſchloſſen iſt, läßt ſich von dem wohl erwarten, daß er ſeine Pflichten überhaupt erfüllen werde?“ „Ganz richtig, Strides,“ gab der vertrauensvolle Kapitän zur Antwort;„übrigens ſind dieſe Deſerteure doch nicht ganz ſo ſchlimm, 384 als Ihr ſie darſtellt, da ſie, wie Ihr Euch erinnern werdet, doch wenigſtens ihre Frauen und Kinder mit ſich genommen haben.“ „Ich glaube ſo, Sir— ja, ja, das muß man als wahr zu⸗ geben, und das iſt's eben, was mir am außerordentlichſten vor⸗ kommt. Gerade Diejenigen, auf die man als Familienhäupter ſollte rechnen können— ſind deſertirt, während die Zurückgeblie⸗ benen meiſtens aus Junggeſellen beſtehen!“ „Wenn wir Junggeſellen auch keine eigenen Weiber und Kin⸗ der beſitzen, für die wir fechten, ſo haben wir wenigſtens Kapitän Willoughby's Gemahlin und Kinder,“ entgegnete Joyce, nicht ganz ohne eine Aufwallung militäriſchen Stolzes;„und wer ſein Leben theuer zu verkaufen wünſcht, braucht der ſich wohl nach einem beſſeren Beweggrunde umzuſehen, Strides?“ „Ich danke Euch, Sergeant,“ verſetzte der Kapitän voll Herz⸗ lichkeit.„Auf Euch kann ich, wie auf mich ſelber, bauen. So lange ich Euch und unſern Joel hier, ſo lange ich Mike, die Schwarzen und die übrigen braven Burſchen, die bis jetzt bei mir ausgehalten, beſitze— ſo lange darf ich noch nicht verzweifeln. Wir können das Haus ſelbſt gegen die zehnfache Anzahl von Feinden vertheidi⸗ gen.— Doch jetzt iſt's Zeit, uns nach den Indianern umzuſehen.“ „Eben Nicks wegen wollte ich eigentlich den Kapitän ſprechen,“ fiel Joel ein, der die vorangegangene Lobrede auf ſeine eigene Treue nicht ganz ohne Gewiſſensbiſſe mitangehört hatte.„Ich muß ſagen, die Art und Weiſe, wie er zwiſchen den beiden Par⸗ teien hin und her gegangen iſt, will mir gar nicht gefallen; mir kam's immer ſo vor, als ob der Burſche dem Kapitän eine tödt⸗ liche Beleidigung ſchuldete, und ſobald dieß bei einem Inſchjön der Fall iſt, darf man mit ziemlicher Sicherheit darauf rechnen, daß er ſeine Schuld in vollem Maaße heimzahlen wird.“ „Das iſt mir auch ſchon durch den Sinn gegangen, Joel, ich will's nur geſtehen: doch bin ich mit Nick ſtets auf ziemlich gutem Fuße geſtanden, wenn man einerſeits ſeinen Charakter, anderer⸗ 385 ſeits aber den Umſtand erwägt, daß ich der Kommandant einer Gränz⸗ garniſon war. Mußte ich ihn gleich ein paarmal durchpeitſchen laſ⸗ ſen, ſo fand ich auch wieder Gelegenheit, ihm hie und da einen Tha⸗ ler und jedenfalls mehr Rum, als ihm gut war, zukommen zu laſſen.“ „Darin möchte ſich der Kapitän denn doch verrechnen,“ bemerkte Joel mit einem Scharfblick und einer Menſchenkenntniß, welche ihm alle Ehre gemacht haben würde, wenn er ſie auf ſich ſelbſt ange⸗ wendet hätte.„Sobald der Durſt vorüber iſt, dankt Euch Keiner für Euren Rum, weil er weiß, daß er einen Feind in ſeinen Ma⸗ gen aufgenommen hat: mit dem Geld war's beinahe daſſelbe, wie mit dem Getränk, denn es wurde doch jedesmal in Rum verwan⸗ delt, ſobald der Inſchjön zu der Mühle hinabtraben konnte. Eurem Rum und allen andern Gaben zum Trotze wird der Menſch den⸗ noch nach Rache ſinnen, ſobald das Gefühl der Beleidigung bei ihm die Oberhand gewinnt. Ueberdieß wird der Kapitän vermuth⸗ lich wiſſen, daß man ſich einer Kränkung noch lange erinnert, nachdem man eine genoſſene Gunſt längſt wieder vergeſſen hat.“ „Das mag wahr ſein, Strides; jedenfalls werde ich den In⸗ dianer ſcharf im Auge behalten. Könnt Ihr irgend eine beſondere Handlung anführen, die Euren Verdacht erregt hat?“ „Glaubt der Kapitän nicht, daß Nick mit der Deſertion eini⸗ germaßen in Verbindung ſtehen könnte?— Ein Dutzend Menſchen deſertirt nicht leicht auf einmal, ſo zu ſagen— ohne daß Einer den Antrieb dazu gegeben hätte.“ 3 Das war freilich vollkommen wahr, nur daß Joel wohlweis⸗ lich ſeine eigenen Machinationen und Intriguen bei der Sache ganz und gar aus dem Spiele ließ. Der Kapitän fühlte ſich durch dieſe Vermuthung betroffen, und beſchloß, ſeinen urſprünglichen Plan in Betreff des Indianers augen⸗ blicklich zur Ausführung zu bringen. Doch mußte man jedenfalls mit Vorſicht zu Werke gehen, denn bei dem jetzigen Zuſtande des Wyandotté. 25 ————— 3 1 386 Blockhauſes war eine geeignete Bewachung und ein paſſendes Ge⸗ fängniß nicht ſo leicht aufzutreiben. Der Aufſeher wurde auf dieſe Umſtände aufmerkſam gemacht; er führte ſofort die beiden Krieger nach demjenigen Theile des Ge⸗ bäudes, der von ſeiner eigenen Familie eingenommen wurde. Dort öffnete er die Thüren, und dentete nicht ohne Abſicht auf Phöbe, welche in demſelben Augenblicke, da ſo viele Andere ſich abtrünnig bewieſen hatten, mit ihren Kindern ganz wie gewöhnlich zu Bette lag. Sein vorgegebener Zweck war der, dem Kapitän ein kleines Kämmerchen unter ſeinen eigenen Zimmern zu zeigen, das ſich ganz wohl zu Nicks Gefängniß zu eignen ſchien, da der Wilde, wie er bemerkte, in der That ein höchſt erfinderiſcher Burſche ſein müßte, wenn er der Wachſamkeit ſo vieler auf ihn gerichteter Augen zu entrinnen vermöchte. „Das glaube ich auch, Strides,“ verſetzte der Kapitän lächelnd, während er ſich wieder von dem Orte entfernte;„wollte er Phöben und ihren Kindern entwiſchen— da müßte er wahrlich von Queck⸗ ſilber ſein. Doch habe ich noch ein beſſeres Gefängniß im Auge. Es freut mich übrigens, Eure ganze Familie zu Bette zu finden, da ich es als einen Beweis Eurer eigenen Treue betrachte, denn es gibt Leute, welche mir ſogar gegen Euch Verdacht einflößen möchten.“ ——„Gegen mich!— Nun, das muß ich ſagen— wenn der Ka⸗ pitän nicht einmal auf ſeinen Aufſeher zählen kann, dann möchte ich wohl wiſſen, auf wen er überhaupt noch rechnen darf. Ma⸗ dame Willoughby und die jungen Ladies werden ſich kaum treuer, als ich ſelbſt, beweiſen— ſo ſollt' ich meinen. Was in aller Welt, bei unſerer Vernunft und unter allen geſetzlichen Gegen⸗ ſtänden— was könnte mich—— Joel war im Begriff, in jenes Uebermaaß des Rechtfertigungs⸗ eifers auszubrechen, das gar zu leicht die eigene Schuld verräth; der Kapitän aber machte ſeiner Rede mit der Bemerkung, dieß Alles ſei unnöthig, ein Ende, ermahnte ihn ſchließlich noch zur Vor⸗ ſicht, und entfernte ſich dann, um den Tuscarora aufzuſuchen. Er fand den Indianer unter dem Bogen des Thorwegs: dort ſtand er aufrecht, regungslos und geduldig. Der Thorbogen wurde als eine Art Wachhaus verwendet, weßhalb man eine Laterne daſelbſt brennend erhielt, mit deren Hilfe man leicht den Zuſtand des noch uneingehängten Thorflügels unterſuchen konnte. Der Flügel war jedoch durch ſtarke Balken in ſeine Stelle eingeſtemmt, ſo daß ihn vielleicht Manche für die feſtere Hälfte der Barrikade gehalten haben würden. Kapitän Willoughby bemerkte beim Eintreten, wie der Indianer dieſe Vorkehrung mit Aufmerkſamkeit betrachtete— ein Umſtand, der ihn nicht wenig beunruhigte, und ſeinen Entſchluß, ſich des Wilden zu verſichern, beſchleunigte. „Nun, Nick,“ begann er, ſeine Abſicht unter dem Scheine der Gleichgültigkeit verbergend,„du ſiehſt, unſere Thore ſind wohl befeſtigt: ſichere Fäuſte und ſcharfe Augen werden das Uebrige thun. Es wird ſpät, und ich möchte dich gerne bequem unter⸗ gebracht ſehen, bevor ich mich ſelbſt zur Ruhe niederlege. Folge mir, und ich will dir ein Plätzchen zeigen, wo du dich ganz wohl befinden ſollſt.“ Der Tuscarora begriff augenblicklich des Kapitäns Abſicht, ſo⸗ bald dieſer von einer bequemen Wohnung für ihn ſprach, da ihm ein Bett bei ſeiner Lebensweiſe ein völlig unbekanntes Ding war. Er erhob jedoch keine Einwendung, ſondern folgte ruhig des An⸗ dern Fußſtapfen, bis ſich Beide in dem Schlafzimmer des abwe⸗ ſenden Mr. Woods befanden. Die Gemächer des Kaplans lagen oberhalb der Bibliothek, alſo in demjenigen Flügel des Hauſes, der durch die Klippe geſichert war, weßhalb man ſie mit Dachfenſtern, die auf den Wald zu gingen, verſehen hatte. Die Höhe dieſer Fenſter ſollte, wie der Kapitän meinte, das ſicherſte Mittel gegen einen Entweichungsverſuch abgeben; 25* 8 1 — — 4 1 388 wurde vollends Mike und einer von den Pliny's als Schildwachen aufgeſtellt, die ſich zu ihrer Erleichterung alle vier Stunden ab⸗ zulöſen hatten, ſo konnte der Tuscarora— dieß glaubte er ſicher— recht gut bis zu Tagesanbruch gefangen gehalten werden. Die Stunde, von der er am eheſten Gefahr befürchtete, war die un⸗ mittelbar vor Tag, da der Schlaf um jene Zeit am ſchwerſten auf die Augenlider der Schildwachen drückt, während die Angreifen⸗ den ſich unterdeſſen durch Ruhe geſtärkt haben. „Hier, denk' ich, ſollſt du die Nacht zubringen, Wyandotté,“ bemerkte der Kapitän mit der höflichſten Manier von der Welt, als ob er einem eingeladenen, geehrten Gaſte die Honneurs des Hauſes erzeigte.„Ich weiß, du verachteſt Betten— hier ſind aber auch Teppiche, und wenn du dieſe auf dem Boden ausbreiteſt, ſo wirſt du dich ſchon nach deiner Art zurecht zu finden wiſſen.“ Nick machte eine bejahende Geberde, und ſchaute ſich vorſichtig, doch ohne den geringſten Anſchein von Neugierde— in Letzterem ſeinem Stolze mehr als ſeiner Liſt folgend— nach allen Seiten um. Doch dieſer einzige Blick genügte, um ihn mit der ganzen Beſchaffenheit der Lokalität bekannt zu machen. „Es iſt gut,“ erwiederte er endlich;„ein Tuscarora⸗Häuptling nicht denken an Schlaf. Schlaf kommen im Stehen, Gehen, wo er will, wann er will. Hund frißt, dann liegen nieder zu ſchla⸗ fen: Krieger aber jederzeit. bereit. Leben wohl, Kap'in— mor⸗ gen Früh ſehen ihn wieder.“ „Gute Nacht, Nick. Ich habe Mike, dem Irländer, deinem alten Freunde, befohlen, dir für den Fall, daß du heute Nacht irgend Etwas bedürfteſt, Geſellſchaft zu leiſten. Du biſt, glaub' ich, gut Freund mit Mike; eben deßhalb habe ich dieſen gewählt.“ Auch dieſen Kunſtgriff verſtand der Indianer; doch kein zorni⸗ ger Blick, kein Lächeln oder ſonſtiges Zeichen verrieth, daß er des Kapitäns Beweggründe begriffen habe. „Mike gut,“ gab er mit Nachdruck zur Antwort.„Lange 389 Zunge— kurz Gedächtniß. Sprechen viel— meinen wenig. Herz geſund wie harte Eiche— Geiſt wie Heu— brennen raſch, aber nicht ſehr ſtark.“ Dieſe ſpruchreiche, aber treffende Schilderung von Mike's Cha⸗ rakter entlockte dem Kapitän ein Lächeln; da übrigens O'Hearn in dieſem Augenblicke eintrat und ſein volles Vertrauen beſaß, ſo hielt er eine Erwiederung für unnöthig. Eine Minute ſpäter befanden ſich die beiden Ehrenmänner im alleinigen Beſitze des Schlafzimmers; Michael hatte zuvor noch eine ſehr ernſtliche Ermahnung erhalten, daß er ſich nicht zum Trinken verleiten laſſen ſollte. Es war nunmehr ſo ſpät, daß der Kapitän die regelmäßige Wache für die Nacht aufziehen zu laſſen beſchloß. Er hielt eine kurze Berathung mit Joyce, welcher die Aufſicht für die erſte Hälfte der Nacht übernahm, und legte ſich ſodann in ſeinen Klei⸗ dern auf eine Matratze nieder: unter denſelben Verſichtsmaßre⸗ geln ſchlief auch ſeine zärtliche Gattin neben Enkel und Töchtern im anſtoßenden Zimmer. Bald war jeder Fußtritt im Blockhauſe verklungen, und wer mit dem wirklichen Zuſtande des dortigen Haushalts unbekannt geweſen wäre, hätte ſich leicht einbilden können, der Friede und die Ruhe, welche ſonſt um Mitternacht hier zu hauſen pflegten, übten auch jetzt noch die gewohnte Herrſchaft.. Es war gerade zwei Uhr Morgens, als der Sergeant leiſe an die Zimmerthüre ſeines kommandirenden Offiziers pochte. Dieſe Mahnung war jedoch hinreichend, um den Kapitän zum Aufſtehen zu bewegen; kaum war dieß geſchehen, als er ſich augenblicklich erkundigte, was es Neues gebe.“ „Nichts weiter als Schildwachenrapport, Euer Gnaden,“ be⸗ richtete Joyce.„Ich bin noch ſo friſch wie ein Regiment, das eben aus der Kaſerne abmarſchirt, und kann die Wache recht gut bis Tagesanbruch behalten. Da ich aber Ordre hatte, Euer Gnaden 390 um zwei Uhr zu wecken, ſo konnte ich, wie Ihr wißt, nicht we⸗ niger thun, Sir.“ „Ganz richtig, Sergeant; ich will mir nur geſchwinde die Augen auswaſchen, und werde in einer Minute bei Euch ſein.— „Wie iſt die Nacht vorübergegangen?“„ „O, wunderbar ruhig, Sir. Nicht einmal eine Nachteule hat die Stille geſtört. Die Schildwachen haben die Augen weit offen gehalten— die Furcht vor dem Skalpirmeſſer war ein herrlicher Wecker— und keine Spur eines Allarms ließ ſich gewahren. Ich will im Hofe auf Euer Gnaden warten, da der Augenblick der Ab⸗ löſung von einem liſtigen Feinde häufig zum Sturme benützt wird.“ „Ja, ja,“ ſprudelte der Kapitän, den Kopf ſoeben aus dem Waſchbecken erhebend,„ſobald er nämlich weiß, wann die Ablö⸗ ſung ſtattfindet. Eine Minute ſpäter ſtanden die beiden alten Kriegsgenoſſen im Hofe beiſammen und harrten auf Jamie Allens Rapport; dieſer war nämlich zur Runde abgeſchickt worden, um die friſche Wache aus den Betten zu rufen, und mußte jeden Augenblick zurückkehren. Es dauerte nicht lange, bis man den alten Mann mit haſtigen Schritten nach dem Punkte eilen ſah, wohin Joyce ihn beſchieden hatte. „Der Herr möge ſich unſer und aller armen Sünder erbarmen!“ rief Jamie, ſobald er ſo nahe war, daß er, ohne die Stimme allzu⸗ ſehr zu erheben, vernommen werden konnte;„da ſind die Betten der drei Connecticutter Burſche, welche des Lairds Wache über⸗ nehmen ſollten— ſammt und ſonders leer, wie das Neſt eines Rothkehlchens, nachdem die Jungen davongeflogen ſind.“ „Ihr wollt doch nicht ſagen, Jamie, daß die Burſche deſertirt ſind?“— „Nicht anders, Euer Gnaden;'s iſt gar nicht nöthig, das Ding bei einem andern Namen zu nennen. Faſt ſcheint's, als ob das Haus Hannover den Burſchen allen nebſt ihren Weibern und Kindern den Teufel in den Leib gejagt und einen Geiſt der Abneigung hervor⸗ ¼ f 3 5 1 ſeinen beiden Begleitern über den Hof: an Ceremonien war bei 391 gerufen habe, der uns bald nichts mehr übrig laſſen wird, als dieſen ſchrecklichen Krieg mit unſern eigenen Herzen und Glied⸗ maßen auszufechten!“ „Mit Euer Gnaden Erlaubniß möchte ich Korporal Allen fragen, ob die Deſerteurs mit Waffen und Gepäck davongegangen ſind,“ warf der Sergeant ein. „Mit Waffen?— Ja, auch mit Beinen und Allem, was ihnen gehörte, ſo wie mit einer Maſſe von unſeres Lairds geſetzlichem Ei⸗ genthume. Nicht eines Feuerſteins Werth haben ſie zurückgelaſſen.“ „Dann dürfen wir darauf rechnen, die Burſche alle in des Feindes Reihen zu ſehen,“ bemerkte der Sergeant, und ſteckte gemächlich eine Tabakrolle in den Mund; während der ganzen vorangegangenen Nacht hatte er ſich nämlich dieſen Genuß verſagt, da er zu ſtrenge auf ſeine Kriegsgebräuche hielt, als daß er im Dienſte Tabak ge⸗ raucht oder auch nur gekaut hätte.„Das gibt eine ſchwierige Arbeit, Euer Gnaden, denn auf dieſe Art zählt jeder Deſerteur für zwei. Die Bürgerkriege ſind übrigens bekannt durch dieſe Art des Schwenkens und Rechtsumkehrens, wonach ein und derſelbe Mann in einem einzigen Feldzuge zwei⸗ bis dreimal die Fahne wechſelt.“ Kapitän Willoughby empfing die Nachricht dieſer Vermehrung ſeines Unglücks mit einer Miene kriegeriſcher Faſſung, obwohl ihm in Wirklichkeit die Rolle des Gemahls und Vaters gerade jetzt weit eher, als die des Helden am Herzen lag. An Selbſtbeherrſchung gewöhnt, gelang es ihm auch wirklich, die Größe ſeiner Unruhe zu verbergen, und er begann unverzüglich die Ausdehnung des Uebels zu unterſuchen. „Joel ſoll die Wache mit mir theilen,“ befahl er;„vielleicht daß er einiges Licht über die Sache zu geben weiß. Wir wollen ihn ſogleich herbeirufen, denn die nächſten Minuten ſchon können für uns von Wichtigkeit ſein.“ Während er noch dieſe Worte ſprach, eilte der Kapitän mit ſolcher Veranlaſſung nicht zu denken, und ſo traten alle Drei ohne Weiteres in Strides Quartier. Alles ſtand leer! Mann, Frau und Kinder hatten den Ort zu⸗ mal, wie es ſchien, und keineswegs mit leeren Händen verlaſſen. Die Art und Weiſe, wie das Zimmer ausgeleert war, gab dem Kapitän die erſte Thatſache an die Hand, welche ihm den Glauben aufzwang, daß ein Menſch, dem er ſo oft und ſo lange ſein Ver⸗ trauen geſchenkt— ihn in ſolcher Noth habe verlaſſen können. An ein Mißverſtändniß war hier nicht zu denken, und als Gatte und Vater)fühlte er ſein Herz einen Augenblick lang von einer Muth⸗ loſigkeit ergriffen, wie ſie etwa nur aus der plötzlichen Ueberzeugung, daß ſeine Feinde den Sieg davon tragen müßten, hervorgehen konnte. „Laßt uns weiter nachſehen, Joyce,“ begann er von Neuem, „damit wir jetzt gleich den Umfang des Uebels erfahren.“ „Das iſt ein ſehr ſchlimmes Beiſpiel, Euer Gnaden, was Korporal Strides den Leuten gegeben hat, und wir dürfen uns auf noch mehr Deſertionen gefaßt machen. Ein Unteroffizier hätte wahrlich zu viel Stolz zu ſo Etwas beſitzen ſollen! Ich habe in der Armee noch immer bemerkt, Sir, daß ein Unteroffizier, der ſeine Fahne verließ, faſt jedesmal ein ganzes Peloton hinter ſich nachzog.“ Die Unterſuchung beſtätigte auch wirklich die Anſicht des Ser⸗ geanten. Sämmtliche Quartiere der Blockhausbewohner wurden viſitirt, und es ergab ſich, daß, mit Ausnahme Jamie Allens, des Sergeanten und eines jungen Taglöhners aus New⸗England, mit Namen Blodget— alle andern weißen Koloniſten den Ort geräumt hatten. Jeder hatte Waffen und Munition mitgenommen, und die Zimmer ſo arm an Vertheidigungsmitteln zurückgelaſſen, als ſie vor der Beſatzung geweſen waren. Auch Weiber und Kinder waren ſämmtlich auf und davon, zum Beweiſe, daß die Flucht wohl über⸗ legt und mit gegenſeitigem Einverſtändniſſe angetreten worden war. So zählte das Blockhaus nur noch acht Vertheidiger im Ganzen, nämlich den Eigenthümer, den Sergeanten, die beiden Pliny's, — 393 einen jungen Abkömmling derſelben Farbe, Jamie Allen, Blodget und Mike, der von ſeiner Wache bei dem Indianer noch nicht abgelöst worden war— ein kleines Häuflein, das höchſtens noch von den vier Schwarzen des weiblichen Küchenperſonals einen Zuwachs an Kräften erwarten durfte. Der Kapitän beſichtigte dieſe kleine Streitmacht, welche, Mike allein ausgenommen, in Linie vor ihm aufmarſchirt war: er that es mit trauriger Miene, denn er bedachte, wie ganz anders dieſes Korps kaum den Tag zuvor noch ſich ausgenommen hatte, da auch noch ſein tapferer Sohn, der allein ſchon ein Kriegsheer erſetzte, an ſeiner Seite geſtanden war. Sein Kummer wurde noch durch den kränkenden Gedanken vermehrt, daß er dieſen großen Verluſt erleiden ſollte, ohne einen einzigen Schlag zur Vertheidigung ſeiner theuren Familie und ſeiner geſetzlichen Rechte zuvor verſucht zu haben. „Wir müſſen ſogleich das Hofthor ſchließen und verrammeln, Joyce,“ bemerkte der Kapitän, ſobald er ſich von dem wahren Stande ſeiner Streitkräfte überzeugt hatte.„Es wird vollkommen genügen, wenn wir das Haus mit dieſer Handvoll Leute ver⸗ theidigen, und jeden Gedanken an eine Beſetzung der Stockade aufgeben. Die Leichtigkeit, mit der man den offenen Thorweg paſſiren kann, hat all' dieſes Unheil veranlaßt.“ „Das weiß ich denn doch nicht, Euer Gnaden. Hat erſt die Deſertion ſich in die Gemüther eingeſchlichen, ſo iſt's wunderbar, zu ſehen, wie erfinderiſch die Menſchen ſich im Herbeiſchaffen der Mittel zur Erreichung ihrer Wünſche beweiſen. Korporal Strides hat ſeine Familie und ſeinen Anhang ohne Zweifel durch beide Thore hinausgeſchafft, denn da er einmal ein Amt bekleidete, ſo waren unſere Leute wohl ſchwerlich disciplinirt genug, um den Unterſchied zu begreifen, der zwiſchen einem Unteroffizier auf Wache und einem außer der Wache beſteht. Hätten wir aber auch gar keine Thore gehabt, ſo wären dem Unglück gleichwohl noch hundert Wege offen geſtanden.— Jamie, nehmt einen von den 394 Schwarzen, und verrammelt dann das innere Thor.— Was haben Euer Gnaden zunächſt zu befehlen?“ „Ich wollte, ich könnte mich über den Tuscarora beruhigen. Hätten wir Nicks Beiſtand als Bote und Spion, und ſelbſt als Scharfſchütze, ſo wären wir um ein gut Theil ſtärker. Ihr müßt ſelbſt nach dem Thore ſehen, Sergeant; dann könnt Ihr mir in Mr. Woods Zimmer folgen.“ Dieß geſchah; der Kapitän erwartete ſeinen Gefährtin auf der Schwelle der Außenthüre. Sie ſtiegen die enge Treppe hinauf, und befanden ſich bald auf dem oberen Gange; dort fanden ſie die Thüre von des Tuscarora Gefängniß, welche der Vorſicht halber und zum heilſamen Beiſtande von O'Hearns Scharfſinn von Außen verriegelt worden war, zu ihrer großen Beruhigung noch in dem⸗ ſelben Zuſtande, in welchem man ſie verlaſſen hatte. Die Riegel wurden zurückgeſchoben, der Sergeant trat einen Schritt bei Seite, um ſeinem Vorgeſetzten, wie ſich dieß für ihre beiderſeitige Stellung geziemte, den Vortritt zu laſſen, der Kapitän ging mit der Laterne voran, und fand— ein leeres Zimmer. Nick und Mike waren Beide entflohen— wie ſie aber das Ge⸗ mach verlaſſen hatten, das war nicht leicht ausfindig zu machen. Die Thüre war unverſehrt, die Fenſter geſchloſſen, das Kamin zu eng, um einen menſchlichen Körper durchzulaſſen. Des Irländers Abtrünnigkeit ſchmerzte den Kapitän in tiefſter Seele; ſelbſt der Sergeant war höchlich überraſcht. Mike's Treue hatte man von jeher als bewährt betrachtet, und einen Augenblick kang war der Herr des Hauſes zu dem Glauben geneigt, ein böſer Geiſt ſei unter ſeinen Leuten thätig geweſen, und habe ſie zum Abfalle verführt. „Das iſt mehr, als ich erwarten konnte, Joyce!“ rief er, von Zorn und Kummer erfüllt.„Eben ſo gut hätte ich mir des alten Pliny's Deſertion träumen laſſen, als daß ich an Mike's Abfall geglaubt hätte!“ † 395 „In der That außerordentlich, Sir; da ſieht man aber, wie man ohne die vollendetſte Disciplin niemals ſicher iſt. Jede Woche einmal, und zwar nur Samſtag Nachmittags, auf ein paar Stunden Exerciren— ja, das mag wohl eine Art von Landmiliz zu Wege bringen, Kapitän Willoughby, für's Feld aber heißt das ſo viel wie gar Nichts. ‚Kommt mir nicht mit Eurem einjährigen Ein⸗ rolliren, Sergeant Joyce— ſo ſprach im letzten Kriege der alte Obriſt Flanker eines Tags zu mir— ‚man braucht ja ein volles Jahr, nur um einen Soldaten eſſen zu lehren. Glauben da die thörichten Burſche in den Provinzialverſammlungen, weil Einer Zähne, Magen und Appetit habe, ſo müſſe er auch zu eſſen verſtehen — ja, proſit die Mahlzeit: das Eſſen iſt eine Kunſt, Sergeant, und militäriſch zu eſſen viel ſchwerer, als alle andern Zweige dieſes Faches; ich behaupte, ein Soldat wird nicht leichter eſſen lernen' — wie ein Soldat, meinte nämlich der Obriſt, Euer Gnaden— ‚als er einen Feldzugsplan zu entwerfen verſteht, wenn er einmal die Handgriffe durchgemacht hat.“— Ich meines Theils war immer der Anſicht, Kapitän Willoughby, daß Einer die fünf erſten Jahre ſeiner Dienſtzeit dazu bedarf, um gehörig Ordre pariren zu lernen.“ „Ich hatte geglaubt, dem Irländer ſitze das Herz auf dem rechten Flecke, Joyce, und habe auf ihn ſo ſicher wie auf Euch ſelbſt gerechnet!“ „Auf mich, Kapitän Willoughby!“ verſetzte der Sergeant in gekränktem Tone.„Ich ſollte meinen, Euer Gnaden wünden zwiſchen Dero alter Ordonnanz— einem Manne, welcher dreißig Jahre in Eurem eigenen Regimente, und die meiſte Zeit in Eurer eigenen Kompagnie gedient hat— und ſo einem Stück von wildem Irländer, den Ihr erſt ſeit zehn Jahren kennt, und der in ſeinem ganzen Leben noch nie ein Bataillon in Schlachtordnung paradiren ſah— einigen Unterſchied machen!“ „Ich erkenne jetzt meinen Irrthum, Joyce; aber dieſer Michael hatte oder ſchien wenigſtens ſo viel zutäppiſche Ehrlichkeit an ſich 396 zu haben, daß ich mich völlig von ihm zum Narren haben ließ. Jetzt kommt die Reue freilich zu ſpät; der Burſche iſt fort, und es bleibt uns nur noch übrig, die Art und Weiſe ſeiner Flucht zu unterſuchen.— Kann nicht Joel die Riegel an der Thüre geöffnet haben, ſo daß er und der Indianer mit allen übrigen Deſerteurs zumal entwiſchte?“ „Ich verriegelte die Thüre mit eigener Hand, wie der Dienſt es vorſchreibt, Sir, und weiß gewiß, daß wir ſie noch ebenſo angetroffen haben, wie ich ſie verließ. Doch hier— das Bett Seiner Ehrwürden, Mr. Woods, ſcheint in Unordnung zu ſein: vielleicht kann uns dieß einigen Aufſchluß geben.“ Dieß war auch wirklich der Fall; der Zuſtand des Bettes löste das Räthſel. Die Schnur des Bettvorhangs war zurückgeſchoben, und beide Leintücher, ſo wie einer von den Teppichen wurden ver⸗ mißt. Dadurch ward die Unterſuchung nach den Fenſtern gelenkt, von denen eines nicht ganz geſchloſſen war. In der Nähe des letzteren befand ſich ein Kamin, mittelſt deſſen man ohne viel Mühe den Gipfel des Daches erreichen konnte. Um die innere Seite des Dachſtuhls lief der ſchon oben erwähnte Rundgang: war man einmal dort, ſo konnte man in völliger Sicherheit rings um das Dach herumgehen. Joyce ſtieg nach dem Giebel empor, ihm folgte der Kapitän, und mit einiger Anſtrengung erreichten Beide den Rundgang; von dort gingen ſie um das ganze Gebäude, um nachzuſehen, ob das Seil, an dem die Flüchtlinge hinabgeſtiegen ſein mußten, nicht noch irgendwo an der Seite herabhänge.— Wie man erwartet hatte, ſo fand es ſich auch wirklich vor, und wurde augenblicklich eingezogen, um den Feinden nicht auch noch das Hereinklettern in'’s Haus zu erleichtern. Dieſe Entdeckungen ließen keinen Zweifel an Michaels Ver⸗ brechen übrig. Er war offenbar mit ſeinem Gefangenen durchge⸗ gangen, und durfte mit Nächſtem in den Reihen der Belagerer 4 . 397 erwartet werden. Die Wahrheit, ſo handgreiflich dargelegt, ver⸗ ſetzte den Kapitän nicht nur in Unruhe— ſie bereitete ihm viel⸗ mehr tiefen Kummer, denn der Leitrimer war der Liebling der ganzen Familie, beſonders aber bei ſeiner Tochter Maud ſehr gut angeſchrieben geweſen. „Ihr, Joyce und die Schwarzen, ihr werdet mich nicht ver⸗ laſſen— nicht wahr?“ begann der bekümmerte Hausherr, wäh⸗ „rend er mit dem Sergeanten die Haupttreppe in den Hof hinab⸗ ſtieg.„Auf euch kann ich mich verlaſſen, wie auf meinen edlen Sohn, wenn er in dieſem Augenblick an meiner Seite ſtünde.“ „Ich bitte Euer Gnaden um Verzeihung— wenig Worte ſprechen für einen Mann am deutlichſten, wo Thaten ſeine Schul⸗ digkeit ausmachen— wollen aber Euer Gnaden die Gewogenheit haben, Dero Befehle zu erlaſſen, ſo ſoll die Art, wie ich ihnen gehorchen werde, die Sache am kürzeſten erläutern.“ „Das freut mich, beruhigt mich vollkommen, Sergeant; jetzt gilt es, Schulter an Schulter in der Breſche zu ſterben, wenn es Noth thut, denn den Platz aufgeben— nein, das ſoll nim⸗ mermehr geſchehen!“ Die beiden Veteranen waren mittlerweile wieder in den Hof gelangt, wo ſie die ganze männliche Bevölkerung beiſammen tra⸗ fen; die Leute waren in der That in zu großer Unruhe, als daß ſie daran denken konnten, ihre Pritſchen aufzuſuchen, ſo lange ſie das Haus nicht beſſer geſichert ſahen. Kapitän Willoughby gab dem Sergeanten Befehl, die Mannſchaft wiederholt in Linie auf⸗ zuſtellen, worauf er ſie abermals wie folgt, anredete: „Meine Freunde,“ ſo begann der Kapitän,„es würde mir wenig nützen, wollte ich euch unſere wirkliche Lage zu verhehlen ſuchen— auch würde dieß meiner Offenheit widerſtreben. Ihr ſeht hier den ganzen Reſt unſerer Mannſchaft, auf den ich nun⸗ mehr bei Vertheidigung meiner Familie und meines Herdes zählen kann. Mike iſt mit den Uebrigen davongegangen, und der Indianer 398 in ſeiner Geſellſchaft entflohen. Ueber die Wahrſcheinlichkeit eines Sieges für unſere Partie mögt Ihr nun Eure eigenen Vermu⸗ thungen anſtellen— mein Entſchluß iſt jedenfalls gefaßt. Ehe ich jenen erbarmungsloſen Schurken da draußen, welche, ſchlimmer als die Söhne der Wildniß, alle böſen und keine der verſöhnenden Eigenſchaften dieſer Naturkinder beſitzen— ehe ich ihnen das Thor meines Hauſes öffne, will ich mich lieber unter den Trümmern dieſer Wohnung begraben. Ihr aber ſeid nicht verbunden, mein Beiſpiel nachzuahmen, und wenn daher Einer unter euch, ſei es Weißer oder Schwarzer, es bereut, in dieſem Augenblicke hier zu ſein, ſo ſoll er auch jetzt noch Waffen, Munition und Lebensmittel erhalten, die Thore ſollen ſich öffnen und frei mag er hingehen, im Walde Sicherheit zu ſuchen. Nur um Gotteswillen keine Deſertion mehr; wer mich verlaſſen will, verlaſſe mich jetzt, ich werde ihm nichts in den Weg legen— iſt aber dieſe Friſt abgelaufen, dann muß das Kriegsgeſetz herrſchen, und ich werde Befehl geben, jeden, der über einer Verrätherei ertappt wird, niederzuſchießen, wie ich einen räudigen Hund niederſchießen würde.“ Dieſe Anrede wurde in tiefem Schweigen vernommen. Keiner rührte ſich: keine Sylbe wurde erwiedert. „Blodget,“ fuhr der Kapitän fort,„Ihr ſeid noch nicht ſo lange, wie dieſe hier, in meinen Dienſten und könnt alſo auch nicht dieſelbe Anhänglichkeit, wie ſie, für mich und die Meinigen fühlen. Joyce ausgenommen, ſeid Ihr von uns Allen der einzige geborene Amerikaner— denn die Schwarzen kommen bei Aufzählung des Vaterlandes nicht in Betracht— Ihr mögt mir alſo gleichfalls übel deuten, daß ich aus England gebürtig bin, wie dieß, fürcht' ich, bei Euren übrigen Freunden der Fall war. Ich ſollte vielleicht nicht von Euch verlangen, daß Ihr bei mir bleibet— ſo nehmt denn Eure Waffen und ſucht, ſo gut Ihr könnt, nach den Niederlaſſungen durch⸗ zukommen. Solltet Ihr Albany erreichen, ſo könntet Ihr mir ſogar einen weſentlichen Dienſt erweiſen, wenn Ihr einen Brief, den ich 4 ———— 399 Euch anvertrauen würde, und der uns wirkſame Hilfe bringen müßte, daſelbſt übergeben wolltet.“ Der junge Mann gab keine Antwort; ſeine Finger umklammer⸗ ten den Lauf ſeiner Flinte, deren Kolben er abwechslungsweiſe bald auf den einen, bald auf den andern Fuß ſtützte— das einzige Zei⸗ chen, wodurch er die Erſchütterung ſeines Gefühls an den Tag legte. „Ich glaube Euch zu verſtehen, Kapitän Willoughby,“ erwie⸗ derte er endlich,„dagegen kommt mir's vor, als ob Ihr mich nicht verſtündet. Ich weiß, ihr Männer aus dem alten Lande ſeid ge⸗ neigt, von uns, die wir aus dem neuen abſtammen, gering zu denken; doch ich vermuthe, das Alles liegt in der Natur der Dinge; dann will ich auch zugeben, daß Joel Strides Aufführung Euch Urſache gegeben hat, uns Andere hart zu beurtheilen. Allein auch unter uns findet ſich eben ſo gut wie unter den Engländern ein ſtar⸗ ker Unterſchied; Einige von uns— ich will nicht ſagen, daß ich dazu gehöre; doch Thaten ſprechen lauter als Worte, und am Ende wird ſich Alles herausſtellen— Einige von uns werden ſo gut wie andere Leute ihrem gegebenen Worte treu erfunden werden.“ „Brav geantwortet, mein Junge,“ rief der Sergeant in der Freude ſeines Herzens, und blickte voll Triumph auf ſeinen Kom⸗ mandanten, um ihm zu dem Beſitze eines ſolchen Anhängers Glück zu wünſchen.„Das iſt ein Mann, der durch Dick und Dünn Ordre pariren wird, dafür will ich Euer Gnaden garantiren. Der küm⸗ mert ſich wenig darum, wer König oder wer Statthalter iſt, ſo lange er ſeinen Kapitän und ſein Korps vor ſich ſieht.“ „Da irrt Ihr Euch doch, Sergeant Joyce,“ verſetzte der Jüngling in feſtem Tone. Ich halte zu meinem Lande und würde dieß Haus auf der Stelle verlaſſen, wenn ich glauben müßte, daß Kapitän Willoughby der Krone anhänge. Allein ich habe lang genug hier gewohnt, um zu wiſſen, daß er höchſtens neutral iſt, wiewohl ich glaube, daß er ſich eher auf die Seite der Kolonieen als auf die der Krone hinüberneigt.“ * 400 „Da habt Ihr ganz richtig geurtheilt, Blodget,“ bemerkte der Kapitän.„Ich vermag zwar dieſe Unabhängigkeitserklärung nicht ſonderlich zu loben, kann aber auch den Kongreß kaum darum tadeln, daß er ſie erlaſſen hat. Unter den beiden Parteien ge⸗ höre ich jedenfalls mehr zu den Amerikanern als zu den Englän⸗ dern. Ich wünſche, daß Ihr dieß wohl auffaſſet, Joyce.“ „Wirklich, Sir?— Nun gut, ganz nach Euer Gnaden Belie⸗ ben. Ich wußte nicht, mit welcher Seite Ihr's zu halten gedäch⸗ tet, auch macht dieß für die Meiſten von uns keinen bedeutenden Unterſchied. Ordre bleibt Ordre, komme ſie nun vom König oder von den Kolonien.— Ich möchte mir die Freiheit nehmen, Euer Gnaden darauf aufmerkſam zu machen, daß dieſer junge Mann eigentlich befördert werden ſollte. Durch Strides Deſertion iſt unter den Korporalen eine Stelle vakant geworden, und wir brauchen auch noch einen für die Wache. Es wird doch kaum angehen, daß man einen Neger zum Korporal macht.“ „Ja, ja, Joyce, das mögt Ihr ganz nach Euren Wünſchen einrichten,“ unterbrach ihn der Kapitän etwas ungeduldig, denn er merkte wohl, daß er es bei Blodget mit einem Geiſte zu thun hatte, der ſolche Kleinigkeiten nach ihrem wahren Werthe zu be⸗ urtheilen vermochte.„Für die Zukunft alſo haben wir Korporal Allen und Korporal Blodget.“ „Hört ihr's, ihr Leute?— das iſt eine Generalordre. Die abgelöste Wache kann jetzt einrücken und ſich ein wenig durch Schlummer ſtärken, denn eine halbe Stunde vor Tag wird wie⸗ der Appell geſchlagen.“ O Jammer! die abgelöste Wache beſtand, gleich der Ablöſung ſelbſt, aus— zwei Mann, nämlich Korporal Blodget und Plinius dem Jüngeren; der alte Pliny wurde nämlich zur Beſorgung der häuslichen Geſchäfte verwendet und nicht zum Kriegsdienſt beigezogen. Dieſe Fünf brachten mit Einrechnung des Kapitäns und des Sergeanten 401 die Zahl der Garniſon auf ſieben Köpfe— die ganze männliche Einwohnerſchaft, welche übrig geblieben war. Trotz deſſen gab Kapitän Willoughby dem Sergeanten und deſſen beiden Gefährten die Weiſung, ihre Pritſchen aufzuſuchen: er ſelbſt übernahm das Amt des Ausguckers, und benützte dieſe Gelegenheit, um ſich mit dem Charakter ſeines neuen Korporals beſſer bekannt zu machen, als die Umſtände bis jetzt zugelaſſen hatten. Einundzwanzigſtes Kapitel. Sir kämpften für dich, ſie fielen für dich, hr Eid— für dich nur er flehte: Ier Hörner Geſchmetter— es tönte für dich, Wie der ſterbenden Krieger Gebete. Percival. Die gegenſeitige Abneigung, welche vor dem Revolutions⸗ kriege zwiſchen der Bevölkerung Neu⸗Englands und jener der anſtoßenden Kolonien herrſchte— iſt eine hiſtoriſche Thatſache. Eben dieſe Geſinnung war es, welche Schuyler, einen der fähig⸗ ſten und beſten Männer im Dienſte ſeines Vaterlandes, ein Jahr nach der Periode unſerer Erzählung ſo ganz in Schatten ſtellte. Das Gefühl hatte einen ſehr natürlichen Entſtehungsgrund, und konnte unter den obwaltenden Umſtänden bei einer Revolution nicht wohl unthätig bleiben. New⸗England und New⸗York waren zwar Gränznachbarn; gleichwohl beſtand in ihrem geſellſchaftlichen Zuſtande ein mächtiger Unterſchied zwiſchen beiden. Erſteres zählte außerhalb der größeren Städte faſt gar keinen begüterten Adel, während letzteres, als eroberte Provinz, ganz in den Rahmen des engliſchen Syſtems ein⸗ gezwängt, ſeine großen Gutsherren und noch verſchiedene andere Fragmente des Feudalſyſtems aufzuweiſen hatte. So groß war in der That die Gleichheit der geſellſchaftlichen Stellung im Innern von Neu⸗Englands Provinzen, daß ſogar die üblicheren Unter⸗ Wyandotte. 26 40² ſcheidungszeichen civiliſirter Gemeinweſen beinahe gänzlich weg⸗ fielen, und alle Klaſſen einander erſtaunlich nahe gerückt wurden: hievon machten blos die niederſten und, in ſeltenen Fällen, nur ſolche Individuen eine Ausnahme, welche ſich— vielleicht noch unterſtützt durch den Zufall der Geburt oder die Vortheile der Erziehung,— durch ungewöhnlichen Reichthum über ihre Nachbarn erhoben. Die Reſultate eines ſolchen Geſellſchaftszuſtandes laſſen ſich leicht verfolgen. Gewohnheit war an die Stelle von Grundſätzen getreten, und ein Volk, das ſich gewöhnt hatte, ſogar ſolche Fragen, welche in den Bereich der Familie gehörten, entweder dem Urtheil der Kirche oder dem der öffentlichen Meinung unterworfen zu ſehen— das von den gewöhnlichen Scheidungslinien im geſelligen Verkehr wenig oder gar nichts wußte— ein ſolches Volk konnte ſich den Gebräuchen anderer Lebensverhältniſſe nicht ohne beſondere Abneigung, ohne das hartnäckigſte Widerſtreben unterwerfen. Dem Bewohner Neu⸗ Englands galt anno 1776 großer Reichthum für das Höchſte— eine Vorliebe, durch welche er ja auch noch heutzutage bekannt iſt: dagegen widerſtritt es allen ſeinen Gewohnheiten und Vorur⸗ theilen, der Stellung in der Geſellſchaft an ſich irgend Werth bei⸗ zulegen. Ausgeſchloſſen von dem Umgang mit der damals ſo ge⸗ nannten großen Welt in den Provinzen, wußte er deren Manieren und Anſichten nicht zu ſchätzen, und affektirte— wie dieß bei Pro⸗ vinzialen in der Regel geſchieht— eine Verachtung alles Deſſen, was er weder in der Theorie, noch in der Praxis begriffen hatte. Dadurch wurde er gegen jede Anerkennung verſchiedener Rang⸗ klaſſen eingenommen, und führte ihn je einmal der Zufall in die benachbarte Provinz, ſo machte er ſich ſogleich dadurch bemerkbar, daß er die Gebräuche, die er dort antraf, verſpottete und ſie mit ganz beſonderer Selbſtgenügſamkeit— manchmal freilich nicht ganz mit Unrecht, weit öfter aber mit der ganzen Unwiſſenheit und engherzigen Bigotterie einer Landpomeranze— mit denen ſei⸗ ner Heimath in Parallele zog. 403 Einen ähnlichen Zuſtand— nur in weit größerem Maaßſtabe — haben wir ſeit dem Frieden von ˙83 vornehmlich im weſtlichen New⸗York erlebt, denn die großen Schaaren von Einwanderern, welche aus den Staaten Neu⸗Englands herüberkamen, haben jenen Landſtrich faſt ganz in eine öſtliche Kolonie verwandelt. Männer von Welt werden zwar zugeben, daß, was Thätigkeit, praktiſche Lebensbildung und Unternehmungsgeiſt betrifft, ſehr große Fort⸗ ſchritte gemacht wurden, können aber doch nicht umhin, die Raſch⸗ heit und Vollſtändigkeit dieſer Charaktermiſchung zu bedauern, da nach einem offenbaren Naturgeſetze keines der koſtbaren Geſchenke, die aus Menſchenhänden kommen, ohne irgend eine Verſchlechte⸗ rung genoſſen werden ſoll. Die Lage, in welcher ſich Kapitän Willoughby nunmehr be⸗ fand, ließ ſich ſo ziemlich auf Urſachen zurückführen, wie ſie mit den oben berührten Anſichten und Sitten in Verbindung ſtanden. Joel Strides z. B. und einige ſeiner Genoſſen fanden es uner⸗ träglich, daß die weite Kluft im geſelligen Leben, welche die Fa⸗ milie des Blockhausbeſitzers von ihrem eigenen Hausweſen trennte, niemals enger werden wollte. Zu dieſer um ſich freſſenden Eifer⸗ ſucht über jene Stellung— der unruhigſten und niedrigſten aller menſchlichen Leidenſchaften— geſellte ſich noch die lebhafteſte Habgier— die Hoffnung auf Konfiskationen oder ein freiwilliges Verlaſſen des Landguts. Außer Stande, die Größe des Abſtandes zu bemeſſen, welcher Männer von Bildung von dem niedrigden⸗ kenden rohen Pöbel ſcheidet, begann jener Demagoge die über⸗ triebene, mißverſtandene Gleichheitslehre: ‚ein Menſch iſt ſo gut wie der andere“, zu predigen— eine Lehre, welche ſogar in den demokratiſchſten unſerer heutigen Inſtitutionen nirgends Eingang fand, weil ſie jede Wahl unmöglich machen, und uns bei Beſetzung von Aemtern, ungefähr ebenſo wie bei der Ernennung von Jury⸗ mitgliedern— nichts als das Loos übrig laſſen würde. Unter gewöhnlichen Umſtänden würden Strides' böswillige 26* 404 Umtriebe wahrſcheinlich ohne Folgen geblieben ſein; bei der jetzi⸗ gen Stimmung der öffentlichen Meinung aber fand er keine große Schwierigkeit darin, durch unausgeſetztes, wohlberechnetes Auf⸗ ſtacheln des Neides und der Habgier ſeiner Gefährten die Popu⸗ larität ſeines Herrn zu untergraben. Kapitän Willoughby's Red⸗ lichkeit, ſeine Freigebigkeit u männliche Aufrichtigkeit machte zwar ſeine Plane oftmals zu Schanden; aber gutta cavat lapi- dem non semel sed saepe cadendo*), und ſo gelang es auch Joel, durch Beharrlichkeit und Liſt den Einfluß dieſer edlen Ei⸗ genſchaften zu paralyſiren und zu überwinden, wobei kei s der reichen Hilfsmittel des Vaters der Lüge geſpart wurde. Joels Betheiligung bei dem letzten Einfalle der Indianer wird übrigens erſt im Verlaufe unſerer Erzählung deutlicher hervortreten, weßhalb wir denn die noch rückſtändigen Erläuterungen an ihre ge⸗ eignete Stelle in dem Fortgang dieſer Geſchichte verweiſen wollen. Joyce war ſo ganz das Geſchöpf der Dreſſur, daß er ſchon drei Minuten, nachdem er ſich auf die Pritſche geworfen hatte, im geſundeſten Schlafe lag;— auch der Neger, der zu ſeiner Wache gehörte, hielt für's Beſte, dem Sergeanten in dieſem zeitſparen⸗ den Eifer mit gleicher Kaltblütigkeit nachzuahmen. Jamie Allen dagegen, der nachdenkliche Schotte, ſchien ſich für dieſe Nacht mit dem Schlafe gänzlich überworfen zu haben. Die Wahrheit zu geſtehen— er fühlte ſich durch Mike's Untreue nicht allein überraſcht, ſondern völlig getäuſcht. Er blieb deßhalb im Hofe zurück, um ſich, nachdem ſeine Kameraden eingeſchlafen wa⸗ ren, mit dem„Laird' über die Sache zu beſprechen. „Das hätte ich von Mike niemals geglaubt,“ begann er;„er hatte ſo ein ehrliches Weſen an ſich, und ſchien ſo tapfer, daß ich ihn all' mein Lebenlang niemals der Deſertion für fähig gehalten hätte. Wie oft hörte ich ihn mit Eidſchwüren betheuern— denn Michael war dieſem Laſter auf eine ſchreckliche Weiſe ergeben, wenn *) Regen höhlet den Stein nicht plötzlich— durch öfteres Fallen. D. U. nicht gerade geſetztere Leute in der Nähe waren, die's ihm ver⸗ wieſen— aber oft hat er geſchworen, Madame und ihre lieblichen Töchter ſeien der Stolz— ja, und die Freude ſeines Herzens!“ „Der arme Burſche iſt meinem böſen Geſchicke gewichen, Ja⸗ mie,“ erwiederte der Kapitän,„und ich denke manchmal, es wäre beſſer, wenn ihr Alle ſeinem Beiſpiele nachgeahmt hättet.“ „Bitt' um Verzeihung, Kapitän Willoughby, daß ich mir ſo Etwas herausnehme, aber mit dieſem Gedanken habt Ihr durch⸗ aus unrecht— von Anfang bis zu Ende. Kein Menſch— wenn er anders ein Herz im Leibe hat— wird Euch in ſolcher Zeit verlaſfan wollen— davon iſt alſo gar nicht mehr die Rede. Auch glaube ich t, daß Euer Mißgeſchick mit Michaels Abtrünnigkeit etwas zu ſchaffen hat, Ihr müßtet dieſes Mißgeſchick nur darin finden, daß er in einer irreleitenden Religion geboren und erzo⸗ gen wurde. Wenn Ihr die Sache genauer unterſucht, ſo werdet Ihr finden, daß nichts als ſein katholiſches Weſen an Michaels ganzem Abfalle Schuld iſt.“ „Ich ſehe nicht ein, Allen, wie dieß bewieſen werden ſollte; alle Sekten der chriſtlich een Religion lehren uns, glaub' ich, un⸗ ſern Verbindlichkeiten treu zu bleiben, und unſere Pflichten pünkt⸗ lich zu erfüllen.“ „Ohne Zweifel, ohne Zweifel, Squire Willoughby; dem An⸗ ſcheine nach gehen alle Kirchen darauf aus, um dieß zu lehren; aber Ihr werdet doch nicht läugnen können, daß die Kreatur von Rom eine Maske trägt, und daß Kotholicität im beſten Falle nur eine gottloſe Form iſt, um zur Verehrung Gottes zu gelangen.“ „Katholicismus, Jamie, bedeutet Anhänglichkeit an die katho⸗ liſche Kirche——« „Ganz recht— ganz recht,“ fiel der Schotte hitzig ein;„das iſt's ja gerade, was ich verwerfe. Alle Proteſtanten— mögen ſie nun der ganz reinen oder nur der halbreinen Lehre angehören, wie denn Letzteres bei der engliſchen Kirche der Fall iſt— alle 406 2* Proteſtanten ſtimmen darin überein, daß ſie ſchon das bloße Wort Katholik als Symbol und Zeichen des babyloniſchen Kebsweibes verdammen.“ 5 „Das heißt, Jamie, ſie verdammen Etwas, was ſie gar nicht verſtehen. Es ſollte mir leid thun, wenn ich mich nicht ſelbſt für ein Mitglied der katholiſchen Kirche anſehen dürfte.“ „Ihr ſelbſt!— Nein, Kapitän Willoughby, Ihr ſeid kein Ka⸗ tholik, wenn Ihr auch vielleicht ſo ein bischen damit verwandt ſeid. Ich weiß wohl, Mr. Woods, der ſich jetzt in den Händen der Wilden befindet, betet für die Katholiken und bekennt ſich zum Glauben der ‚heiligen katholiſchen Kirche“, wie er's nennt; allein ich dachte mir immer, das geſchehe aus lauter chriſtlicher Milde, denn im Beichtſtuhle iſt man natürlich genöthigt, ſich einer geziemenden Sprache zu bedienen, und wär's auch nur, um den Schein zu wahren— das werdet Ihr gewiß zugeben, Sir?“ „Ja, ja, Jamie; wir werden wohl noch eine paſſendere Gele⸗ genheit zum Beſprechen ſolcher Gegenſtände finden, und wollen die Sache auf eine gelegenere Zeit verſchieben. In einer oder zwei Stunden bedarf ich vielleicht Eurer Dienſte, und es wird gut ſein, wenn Jeder friſch und mit hellem Kopfe zur Arbeit kömmt. Legt Euch alſo noch ein bischen nieder, und macht Euch auf einen frühen Appell gefaßt.“ Der Maurer war nicht der Mann, der ſich einem ſolchen Be⸗ fehle, beſonders wenn er vom Laird’ ausging— widerſetzt hätte; er entfernte ſich alſo, und ließ den Kapitän ganz allein in der Mitte des Hofes, denn der junge Blodget war auf den Rund⸗ gang, der die innere Seite der Dächer begränzte, hinaufgeſtiegen, während der wachhabende Neger am Thorwege— als dem ein⸗ zigen Punkte ſtand, der möglicherweiſe durch einen Handſtreich weggenommen werden konnte. Da die erſte der genannten Stellungen den beſten Ueberblick nach Außen darbot, ſo ſtieg der Kapitän wieder die Treppe empor, ————— ☛ NA 407 welche er kaum zuvor herabgekommen war, und traf oben den jungen Rhode⸗Isländer auf ſeinem Poſten. Die Nacht war ſternenhell, der Standpunkt aber, auf dem un⸗ ſere Schildwachen ſtanden, zu hoch, und ſomit einem Auffinden des etwa lauernden Feindes ſehr ungünſtig. Von dem Dachgiebel aus geſehen, verſchwammen die Gegenſtände mit dem Hintergrund, auf dem ſie ruhten, wiewohl Blodget dem Kapitän verſicherte, er glaube kaum, daß ein Mann ungeſehen über die Palliſaden klettern könne. Der Poſten auf der ſüdlichen Front des vierſeitigen Rundganges beherrſchte eine ziemlich weite Ausſicht in dieſer Richtung, ſowie gleichzeitig über beide Flanken. Der Rundweg war aber nicht ohne bedeutende Gefahr zurückzulegen, da Kopf und Schultern desjenigen, der am Giebelrande des Gebäudes hinwandelte, faſt mit Gewißheit das Auge eines außenſtehenden Indianers auf ſich ziehen mußten. Dieß war das Erſte, was dem Kapitän, als er an der Seite ſeines Gefährten war, auffiel, und Dankbarkeit veranlaßte ihn, Letzteren darauf aufmerkſam zu machen, damit er wenigſtens⸗ einigermaßen der Gefahr ausweichen könnte. „Ich denke, Blodget, dieß iſt wohl Euer erſter Dienſt dieſer Art,“ bemerkte Kapitän Willoughby,„und es iſt keineswegs leicht, einem jungen Manne die Wichtigkeit unausgeſetzten Wachſamſeins gegen die Kriegsliſt der Wilden gehörig einzuprägen.“ „Was Ihr da ſagt, Sir, iſt Alles wahr, das gebe ich zu,“ erwiederte Blodget;„doch glaube ich kaum, daß irgend ein Verſuch gegen das Haus gemacht werden wird, ehe die Nordſeite eine andere Fahne, wie der Sergeant es nennt, eingelaſſen hat.“ „Welchen Grund habt Ihr zu dieſer Vermuthung?“ fragte der Kapitän, nicht wenig überraſcht. „Nun— es kommt mir unvernünftig vor, daß Leute ihr Leben auf's Spiel ſetzen ſollten, wenn ein leichterer Weg zur Eroberung ſich vor ihnen zu eröffnen ſcheint. Das iſt Alles, was ich meine, Kapitän Willoughby.“ 408 8 X „Ich glaube Euch zu verſtehen, Blodget. Ihr meint, nachdem es Joel und ſeinen Freunden ſo gut gelungen, mir meine Leute abſpenſtig zu machen, könnten ſie leicht noch ein bischen zuwarten wollen, um ſich zu überzeugen, ob ſich nicht auf demſelben Wege noch weitere Vortheile erlangen ließen.“ Blodget geſtand, daß ſolche Gedanken ihm in der That in den Sinn gekommen ſeien, erklärte ſich aber zu gleicher Zeit überzeugt, daß die Abtrünnigkeit nicht weiter um ſich greifen würde. „Ich wüßte auch nicht wohl, wie das zugehen ſollte,“ verſetzte der Kapitän mit bitterem Lächeln, denn er dachte daran, wie Manche von ſeinem Brode geſpeist, in Krankheit und Unglück von ihm gepflegt worden waren, und ihn nun dennoch in der Noth ver⸗ laſſen hatten,„ſie müßten nur noch mein Weib und meine Töchter überreden, dem Beiſpiele der Vorangegangenen zu folgen.“ Blodget ſchwieg eine Minute lang aus Achtung vor ſeinem Ge⸗ bieter; dann machte er aber ſeiner Unruhe in den Worten Luft: „Ich hoffe, Kapitän Willoughby mißtraut Keinem von denen, welche bei ihm geblieben ſind— wäre dieß der Fall, ſo könnte kein Anderer als ich der Beargwöhnte ſein.“ „Warum Ihr gerade, junger Mann? Mit Euch habe ich doch gewiß alle Urſache, zufrieden zu ſein.“ „Sergeant Joyce kann's nicht ſein, denn der bleibt ſtehen, bis er Eure Ordre zum Abmarſch erhält,“ erwiederte der Jüngling nicht ganz ohne Humor;„der Schotte iſt alt, und Leute von ſeinen Jahren werden nicht leicht ſo lange warten, wenn ſie einmal Verrätherei im Schilde führen. Die Neger lieben Euch Alle wie ihren Vater, und ſo iſt alſo außer mir Niemand übrig, der Euch verrathen könnte.“ „Ich danke Euch für dieſe gedrängte Aufzählung meiner Streit⸗ kräfte, Blodget, da ſie mir neue Zuverſicht auf die Treue meiner Leute einflöst. Euch will ich nicht, den Andern kann ich nicht mißtrauen, und ein Gefühl ſtolzer Zuverſicht— Habt Ihr Etwas ch 7 409 geſehen?— /warum ſenkt Ihr Euer Gewehr?— macht Ihr Euch etwa ſchußfertig?« „Da unten, rechts vom Thore, zeigt ſich die Geſtalt eines Menſchen, Sir, der über die Palliſaden zu klettern ſucht. Ich habe ſchon längere Zeit mein Auge darauf geheftet, und bin jetzt meines Zieles gewiß.“ „Haltet einen Augenblick, Blodget; wir wollen erſt ſicher ſein, ehe wir handeln.“ Der junge Mann ſenkte die Mündung ſeiner Büchſe, und wartete geduldig und kaltblütig auf die Entſcheidung ſeines Vorgeſetzten. Eine menſchliche Geſtalt war's, das ließ ſich nicht bezweifeln: man ſah ſie langſam und vorſichtig bis zum Gipfel der Stockade emporklettern, wo ſie inne zu halten und ſich umzuſehen ſchien. Ob Rothhaut oder Bleichgeſicht— war unmöglich zu unterſcheiden: ſo viel aber ging unzweifelhaft aus dem ganzen Manöver hervor, daß ein Angreifer oder Spion über die äußere Vertheidigungs⸗ mauer zu gelangen ſuchte. „Wir dürfen den Burſchen nicht ſchonen,“ flüſterte der Kapitän nicht ohne einiges Bedauern,„das wäre mehr, als wir gewähren können. Ihr müßt ihn herunterputzen, Blodget. Sobald Ihr abgefeuert habt, eilt Ihr nach dem andern Ende des Rundganges, wo wir das Reſultat abwarten wollen.“ Mit dieſen Worten ſchlich ſich der Kapitän kluger Weiſe von ſeinem Poſten: ſobald er die entgegengeſetzte Ecke des Ganges erreicht hatte, drehte er ſich um, in der Abſicht, das Verfahren ſeines Untergebenen zu beobachten. Blodget übereilte ſich keineswegs. Er wartete, bis er ſeinen Gegenſtand ſicher auf dem Korne hatte— dann aber hörte man plötzlich den ſcharfen Knall einer Büchſe die Stille der Nacht unterbrechen, und ein Feuerſtrahl blitzte durch die Dunkelheit. Die Geſtalt fiel gleich dem Vogel, der von der Stange herabge⸗ ſchoſſen wird, nach Außen, und lag zuſammengeballt am Fuße der m, 419. Stockade. Kein Schrei, kein Seufzer verrieth, daß die Natur von heftigem, unerwartetem Schmerze überraſcht worden war. Einen Augenblick ſpäter ſtand Blodget wieder an Kapitän Wil⸗ loughby's Seite. Seine Handlungsweiſe war ein unverkennbares Unterpfand der Treue, und ein warmer Händedruck bezeugte dem Jüngling die Anerkennung ſeines Vorgeſetzten. Die höchſte Vorſicht war übrigens von jetzt an erforderlich; der Ausgang mußte mit raſtloſer Aufmerkſamkeit beobachtet werden. 9 Joyce wie die übrige Mannſchaft war ſogleich wach geworden, und wurde mit allen ſeinen Gefährten unverzüglich auf den Rundgang heraufbeordert, ſo daß der Neger ganz allein zur Bewachung des Thorweges zurückblieb. Auch an die Frauen wurde Botſchaft ab⸗ geſendet, um ſie zu beruhigen, und ihnen die Weiſung zu ertheilen, daß die beiden Smaſh's nebſt ihrem Anhang ſich bewaffnen und„ hinter den Schießſcharten aufſtellen ſollten. Dieß Alles geſchah ohne Verwirrung und mit ſo wenig Geräuſch, daß die außerhalb Befindlichen von dieſen Vorkehrungen Nichts vernehmen konnten. Der Schreck brachte die Neger, die Uebrigen die Disciplin zum Schweigen.— Da ſämmtliche Bewohner völlig angekleidet zu Bett gegangen waren, ſo dauerte es keine Minute, bis man jedes lebende Weſen im Blockhauſe in Bewegung ſah. Die ſtummen Gebete, die widerſtreitenden Gefühle, womit Mrs. Willoughby und ihre Töchter ſich zum Kampfe vorbereiteten— dür⸗ fen wir billig übergehen; ſelbſt die zarte, liebliche Mand bot die ganze Kraft ihrer Nerven auf, um der Gefahr eines Gränzſturms gewachſen zu ſein. Auch Beulah, von Natur das ſanfteſte, harm⸗ loſeſte, friedfertigſte aller Weſen, fühlte ſich beim Anblicke des kleinen Evert von dem ganzen Muthe einer Mutter beſeelt, uͤnd ein feſter, entſchloſſener Ausdruck— bei ihr eine völlig neue Erſcheinung— war auf ihrem ſonſt ſo milden Antlitze zu bemerken. Ein Augenblick genügte, um Joyce und ſeine Begleiter mit dem Stande der Dinge bekannt zu machen. Die Zahl der Bewaffneten, -,— — 411 welche ſich nunmehr auf dem Rundgange befanden, betrug gerade vier Mann, ſo daß Jeder eine der drei bedrohten Seiten des Ge⸗ bäudes zur Bewachung übernahm, während der Herr des Hauſes ſich von einem Poſten zum andern verfügte, um die Rathſchläge ſeiner Untergebenen anzuhören, ihre Rapporte zu empfangen und die nöthigen Befehle zu ertheilen. Sobald der Sergeant auf dem Rundwege erſchienen war, hatte man ihn auf den dunkeln Gegenſtand am Fuße der Palliſaden aufmerkſam gemacht, und ihm deſſen Beobachtung aufgetragen; er ſollte ſich überzeugen, ob er ſich bewege, oder ob ein Verſuch zur Wegſchaffung des Leichnams gemacht würde. Die amerikaniſchen Indianer ſind gewohnt, den ganzen Ruhm oder die volle Schmach einer Schlacht nach der Eroberung oder dem Verluſte von Skalpen zu beurtheilen, und zu ihren Kriegs⸗ gebräuchen gehört beſonders der, daß ſie die Gefallenen um jeden Preis zu entfernen ſuchen, um ſie der üblichen Verſtümmelung zu entziehen. Einige Stämme halten es ſogar für eine Schande, den Leichnam eines Getödteten vom Feinde berühren zu laſſen, und mancher Krieger hat ſchon ſein Leben über dem Verſuche eingebüßt, die Leiche eines Kameraden dieſer vermeintlichen Be⸗ ſchimpfung zu entziehen. Sobald das kurze Geräuſch, welches der Allarmirung der Mann⸗ ſchaft im Blockhauſe folgte, vorüber war, herrſchte rings um den Platz dieſelbe tiefe Stille, welche vor dem Schuſſe zu bemerken ge⸗ weſen. Von der Mühle her war keine Spur eines Lärms zu hören; nirgends ließ ſich ein Schrei, ein Ruf oder ein Zeichen zum Kampfe vernehmen— Alles lag in die Todtenruhe der Mitternacht begraben. So verſtrich eine halbe Stunde, bis der Lichtſtreif, der am öſtlichen Horizonte erſchien, den Anbruch des Tages verkündigte. Die nächſte Viertelſtunde wurde von der Beſatzung in der an⸗ geſtrengteſten Aufmerkſamkeit verlebt. Das langſam heraufdäm⸗ mernde Tageslicht machte einen Gegenſtand nach dem andern in dem 4˙2 kleinen Panorama ſichtbar, und erweckte jeden Augenblick neue Vermuthungen und Beſorgniſſe, um ſie im nächſten alsbald zu zer⸗ ſtreuen. Zuerſt wurde die graue Maſſe der Palliſaden ſichtbar; dann kam die Kapelle mit ihren düſteren Umriſſen: auch der Saum der Waldungen, die verſchiedenen Hütten, welche dieſelben begränzten, das Vieh auf den Feldern und die ringsum auftau⸗ chenden Baumgruppen traten allmälig aus der Dunkelheit hervor. Der Sergeant hatte unterdeſſen den Blick fortwährend auf den Gegenſtand am Fuße der Stockade geheftet, und erwartete jeden Augenblick, daß ein Verſuch zu ſeiner Wegräumung ge⸗ macht werden würde. Endlich war es ſo hell geworden, daß das Auge die ganze Oberfläche des natürlichen Glacis außerhalb der Stockade über⸗ blickte, ohne daß ein Feind in der Nähe bemerkt worden wäre. Da das vorwärtsgelegene Terrain, mit Ausnahme einiger Obſt⸗ bäume und Gebüſche, welche vom Rundgange aus bei einem Wechſel der Stellung gleichfalls von allen Seiten beobachtet wer⸗ den konnten— völlig unbewachſen war, ſo konnte man ſich ſehr leicht vor dieſer Thatſache überzeugen. Auch die Hecken waren licht und durchſichtig, ſo daß es einem Hinterhalte oder vorrücken⸗ den Feinde durchaus unmöglich war, ſich hinter denſelben zu verſtecken. Mit einem Wort— das Tageslicht brachte den Be⸗ wohnern des Blockhauſes die beruhigende Gewißheit, daß aber⸗ mals eine Nacht ohne Sturm vorübergegangen war. „Wir werden heute Morgen, glaub' ich, unangefochten davon kommen, Joyce,“ bemerkte der Kapitän, die Büchſe von ſich le⸗ gend, und ohne ſeinen Oberleib länger hinter dem Dache zu ver⸗ ſtecken.„Nirgends iſt etwas zu bemerken, was auf einen Angriff ſchließen ließe, und keiner unſerer Feinde iſt in der Nähe.“ „Ich will mich noch einmal recht ſcharf nach allen Seiten um⸗ ſehen, Euer Gnaden,“ gab der Sergeant zur Antwort, und ſtieg auf den Giebel des Daches, wo er auf die Gefahr hin, ſeine ganze — — 413 Perſon der Kugel eines Feindes preiszugeben, falls ein ſolcher in der Nähe lauerte, den unweſentlichen Vortheil einer größeren, gleichzeitigen Ueberſicht genoß—„erſt dann dürfen wir uns der Sicherheit überlaſſen.“ Joyce war ein Mann, der ohne Schuhe ſeine vollen ſechs Fuß maß; dabei ging durch ſeine jetzige Stellung kein Theil ſeiner Ge⸗ ſtalt verloren, und ein Scharfſchütze hätte ſich nie einen beſſeren Gegenſtand zum Ziele wünſchen können, als der Sergeant ihm dar⸗ bot. Auch dauerte es nicht lange, bis der Knall einer Büchſe die Ohren der Beſatzung begrüßte; dann folgte das Pfeifen der Kugel, welche gegen das Blockhaus heranſchwirrte. Der Schuß hallte übrigens von ſo ferne herüber, daß man ſogleich bemerken konnte, wie das Gewehr hinter dem Rande des Waldes abgefeuert ſein mußte, und dieß gab den ſicheren Beweis für zwei wichtige Thatſachen: erſtens, daß der Feind ſich in die ſchützen den Forſte zurückgezogen hatte, und zweitens, daß das Haus ſehr ſcharf bewacht war. Es gibt Nichts, was die Nerven eines jungen Soldaten mehr anreizt, als das Ziſchen entfernter Geſchoſſe. Je langſamer eine Kugel herankommt, deſto mehr Geräuſch macht ſie, und da das Sauſen länger, als man gewöhnlich glaubt, anhält, ſo bildet ſich der Unerfahrene nur gar zu leicht ein, das gefährliche Geſchoß komme geraden Wegs auf ihn zugeflogen. Der Raum ſcheint vor ihm zuſammen zu ſchwinden, ſo daß man oft die rauheſten Krieger ſich vor einer Vollkugel niederbücken ſieht, während dieſe vielleicht auf hundert Schritte an ihnen vorüberfliegt. So ging's dießmal dem jüngeren Pliny, welcher ſich ängſtlich hinter dem Dache niederkauerte. Jamie hielt es füre klug, einige Stücke ſeines eigenen Mauerwerks, welche zu allem Glück in einem benachbarten Kamin zu ſolchem Zwecke niedergelegt waren, zwiſchen dem Orte, wo er ſtand und dem, wovon der Knall aus⸗ ging, einzuſchieben. Blodget ſchaute in die Luft empor, als ob er die Kugel dort zu ſehen erwartete. qõqo 4 1 4 1 414 Kapitän Willoughby kümmerte ſich nichts um das Geſchoß, fondern blickte nur nach dem Rauche am Saume der Waldungen, um ſich dieſen Punkt zu merken. Joyce ſelbſt ſtand mit gekreuz⸗ ten Armen unerſchütterlich auf ſeinem Giebel, und beobachtete das Thal nach einer anderen Richtung, wohl wiſſend, daß ein ſo entferntes Feuer nicht ſehr gefährlich ſein konnte. Jamie's Berechnung erwies ſich als ziemlich richtig. Die Kugel ſchlug gegen das Kamin, durchlöcherte einen der Ziegel, und fiel dann auf die Dachſchindeln nieder. Joyce ſtieg im nächſten Augenblicke herab, las ſie auf und wog das flachgedrückte Blei ein paar Mi⸗ nuten lang mit einer Ruhe und Kaltblütigkeit in der Hand, wie wenn er gar nicht wüßte, was er zwiſchen den Fingern halte. „Der Feind belagert uns, Euer Gnaden,“ dieß war ſein er⸗ ſtes Wort;„angreifen wird er uns aber vorderhand nicht. Dürfte ich mir einen Vorſchlag erlauben, ſo glaube ich, daß wir wohl thun würden, wenn wir hier auf dem Rundgange eine einzige Schildwache ließen, denn wenn der Mann ſeine Schuldigkeit thut, ſo kann Niemand ungeſehen den Palliſaden nahe kommen.“ „Ich habe eben auch daran gedacht, Sergeant; wir wollen Blodget für's Erſte hier poſtiren. Auf ihn dürfen wir uns ver⸗ laſſen: rückt der Tag unterdeſſen weiter vor, ſo wird auch eine weniger einſichtsvolle Schildwache genügen. Zugleich muß er aber angewieſen werden, ſeine Aufmerkſamkeit auch auf die hin⸗ tere Front des Blockhauſes zu richten, denn die Gefahr kommt oft gerade von der Seite, wo man ſie am wenigſten erwartet.“ Sobald dieß Alles geſchehen war, verfügte ſich die übrige Mann⸗ ſchaft in den Hof hinab. Kapitän Willoughby befahl, das Thor aufzu⸗ riegeln, und ging ſodann hinaus, um jenen lebloſen Körper zu unter⸗ ſuchen, den man noch immer da, wo er gefallen war, am Fuße der Stockade liegen ſah. Joyce und Jamie Allen begleiteten ihren Herrn; der Schotte trug einen Spaten bei ſich, da man— als 415 kürzeſtes Mittel, des unerfreulichen Gegenſtandes los zu werden — den Wilden ſogleich zu beerdigen beſchloſſen hatte. Unſere beiden Veteranen wußten nichts von jener Scheu vor einer Bloßſtellung, wie ſie den Neuling in der Kriegskunſt ſo leicht befällt. Da das Haus genügend mit Schildwachen verſe⸗ hen war, ſo fühlten ſie keine Beſorgniß vor Gefahren, welche nicht exiſtirten, und gingen feſten, zuverſichtlichen Schrittes überall hin, wo ihre Pflicht es forderte. Nicht allein das innere— auch das äußere Thor wurde zu ihrem Durchlaſſe geöffnet; die einzige Vorſichtsmaßregel, welche man traf, beſtand darin, daß man einen Mann an die erſtgenannte Pforte ſtellte. Sobald der Kapitän die Palliſaden hinter ſich hatte, näherte er ſich mit ſeinen beiden Begleitern dem Körper des Unbekann⸗ ten. Die Sonne ſtieg eben über die Spitzen der Hügel empor, und vergoldete dieſe mit ihrem Lichte: in das Thal aber waren ihre Strahlen noch nicht gedrungen. Da lag der Indianer, genau ſo wie er gefallen war: kein Krieger hatte es verſucht, ſeinen Leib vor dem Skalpirmeſſer zu retten. Sein Haupt hatte zuerſt den Boden erreicht: Rumpf und Beine waren auf eine Weiſe darauf hingeſunken, daß das Ganze weit eher einer wirren Maſſe von Gewändern und Gliedmaßen, als einem kühnen, zur Ruhe des Todes ausgeſtreckten Wilden ähnlich ſah. „Armer Burſche!“ rief der Kapitän, nachdem die Drei den Kapitän erreicht hatten;„wir wollen hoffen, daß Blodgets Ku⸗ gel getreulich ihren Dienſt verrichtete, ſonſt müßte er ſchwer an dieſem Falle gelitten haben.“ „Beim Jupiter, das iſt ja nichts, als ein ausgeſtopfter Krieger!“ ſchrie Joyce, indem er den ſinnreich zuſammengefügten Bündel mit den Füßen auseinander rollte;„Blodgets Kugel iſt ihm gerade durch den Kopf gedrungen! Das iſt eine indianiſche Teufelei, Sir; ſie wollten nur ſehen, ob unſere Schildwachen wachen oder ſchlafen.“ ——— — 416 „Mir kommt es eher vor wie der plumpe Kunſtgriff eines Weißen. Der Burſche wurde zwar einem Indianer ähnlich ge⸗ ſtaltet, aber ich wollte wetten, daß Leute unſerer eigenen Farbe die Hand dabei im Spiele hatten.“ „Mag dem nun ſein wie ihm wolle, ſo iſt's jedenfalls ein Glück, Sir, daß unſer junger Korporal ſo wache Augen und ſo flinke Finger hatte. Sehen Euer Gnaden, hier iſt der Pfahl, mit welchem der Popanz da auf den Rand der Palliſaden emporgehoben wurde, und dort iſt noch im Graſe die Spur zu erkennen, welche unſer lebender Feind hinterlaſſen hat. Der Schurke ſcheint eiligſt davon gekrochen zu ſein— ſeine Fährte iſt ſo deutlich, wie die einer ganzen Kompagnie.“ Der Kapitän unterſuchte die im Graſe zurückgebliebenen Spuren und war der Meinung, es müſſe mehr als ein Mann mit dem Auf⸗ ſtellen der Puppe beſchäftigt geweſen ſein, was an und für ſich ſchon wahrſcheinlich erſchien, wenn man das Gewicht des ausgeſtopften In⸗ dianers und die Gefahr, welcher man ſich mit ihm ausſetzte, in Rech⸗ nung zog. Jedenfalls aber war der alte Kommandant ſehr erfreut, Niemand wirklich verletzt zu ſehen, denn er nährte noch immer die Hoffnung, es könnte ihm gelingen, ſich mit ſeinen Feinden ſo weit zu verſtändigen, daß keine weiteren Gewaltſchritte nothwendig würden. „Auf alle Fälle will ich den Quäcker mitnehmen, Euer Gnaden,“ meinte Joyce, die Puppe auf die Schulter ladend.„Er wird wenigſtens unſerer Quäckerkanone als Bemannung dienen, und uns möglicher⸗ weiſe dadurch nützlich werden, daß er einen und den andern unſerer Feinde in größeren Schrecken verſetzt, als er dieß bei uns vermochte.“ Kapitän Willoughby erhob keine Einwendung; dagegen machte er Joyce bemerklich, daß der Feind durch die vorangegangenen De⸗ ſertionen eine vollſtändige Liſte ihrer Streitkräfte und Vertheidi⸗ gungsmittel mit ſammt der Geſchichte der hölzernen Kanone erhalten haben könnte. Hatten ſich Joel und ſeine Mitverbrecher mit dem Haufen bei der Mühle vereinigt, ſo waren Namen, Alter, Charakter, und Geſinnung jedes einzelnen Mitgliedes der jetzigen Garniſon den feindlichen Häuptlingen bekannt, ſo daß Quäcker wie Puppe, im Fall eines Sturmes, nur wenig Hoffnung gewährten. Der Kapitän trat zuletzt durch das Thor der Palliſade, und riegelte und ſchloß es mit eigener Hand. Jetzt erſt hatten alle unmittelbaren Beſorgniſſe vor dem Feinde ein Ende. Zwar wußte er, daß es ſeine jetzigen Widerſtandsmittel wahrſcheinlich überſteigen würde, wenn er einen kräftigen Sturm aushalten ſollte; auf der andern Seite war er aber auch über⸗ zeugt, daß die Indianer am hellen Tage niemals der Stockade nahe kommen und ſich der Gefahr ausſetzen würden, fünfzehn bis zwanzig ihrer Kameraden vor Eroberung des Platzes zu verlieren. Dieß widerſtritt allen ihren Anſichten vom Krieg, und weder Vortheile noch Ehrbegier konnte ſie zu einem ſolchen Unternehmen verleiten, denn was die letztere betraf, ſo wurde der Ruhm in den Augen der Wilden einzig und allein durch die Zahl der gewonnenen und verlorenen Skalpe beſtimmt, und wenn man auch die ganze Bevöl⸗ kerung des Blockhauſes, Männer und Frauen, zuſammenzählte, ſo gab das immer nicht Köpfe genug, um für den wahrſcheinlichen Verluſt während des Sturmes genügenden Erſatz zu bieten. Dieß Alles verhandelte der Kapitän in wenig Worten mit dem Sergeanten; dann verfügte er ſich zu ſeiner Familie, welche ihn mit Bangigkeit erwartete. 2 »Gott hat gnädig auf uns herabgeſehen, und uns heute Nacht in Schutz genommen,“ rief die dankbare Mrs. Willoughby mit überſtrömenden Augen, während ſie die herzliche Umarmung ihres Gatten erwiederte.„Wir können ihm gar nicht genug danken, wenn wir unſere theuren Töchter und den lieben kleinen Evert betrachten. Wenn nur Robert bei uns wäre— es würde mir Nichts zu meinem Glücke fehlen!“ „So iſt der Menſch, ja ſieh' nur, meine kleine Mand,“ ver⸗ ſetzte der Kapitän, indem er ſeinen Liebling zu ſich herzog, und ſie auf ihre reine Stirne küßte.„Der bloße Gedanke an unſere Wyandotté.. 58 2 7 4* — 4 1 4 418 gegenwärtige Noth würde deine Mutter früher ſo elend gemacht haben, wie nur ihr ſchlimmſter Feind es hätte wünſchen können — wenn's nämlich wirklich ein ſolches Ungeheuer auf Erden gäbe, das ihr Feind ſein könnte— und jetzt iſt ſie ganz entzückt darüber, daß man uns in letzter Nacht nicht ſammt und ſonders die Kehlen abgeſchnitten hat. Den Tag über ſind wir, denk' ich, ſicher genug, und— wenn ich dieß anders durchzuführen vermag— ſo ſoll Keines von euch eine zweite Nacht im Blockhauſe verleben. Habt ihr bis jetzt blos von Deſertation gehört, ſo will ich euch noch ein anderes Mittel nennen— es heißt:„Auszugt.“ „Hugh! was kannſt du in aller Welt damit meinen? Be⸗ denke, wir ſind rings von der Wildniß umgeben.“ „Ich kenne unſere Lage durch und durch, geliebtes Weib, und denke, dieſe Kenntniß, ſo Gott will, zu unſerem Nutz und Frommen⸗ anzuwenden. Ich bin entſchloſſen, den alten Hugh Willoughby dem Xenophon und unſerem Waſhington an die Seite zu ſtellen, und der Welt zu zeigen, was ein Mann auf einem Rückzuge leiſten kann, wenn er ein ſolches Weib, zwei ſolche Töchter und einen Enkel, wie dieſen, auf dem Gewiſſen hat. Bob möchte ich jetzt um keinen Preis hier haben. Der junge Springinsfeld würde mir die Hälfte meines Ruhmes wegſchnappen.“ Die Frauen waren zu glücklich, ihren Gatten und Vater ſo wohlgemuth zu ſehen, um ſeine Worte allzu genau zu nehmen; bald darauf ſetzten ſich Alle bei guter Zeit zum Frühſtück nieder, um ihren Appetit, ſo gut ſie's vermochten, zu befriedigen. 3 1 * — —— — 419 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Und doch gedenk ich wohl Der Gunſtbezeigung dieſer Männer, die einſt mein: Wie oft wünſcht' mir ihr Zuruf Heil und Segen! So handelt, Judas einſt am Herrn: doch unter Zwölfen Fand Wahrheit er bei Allen außer Einem— Ich ſuch' ſie unter zwölfmal Tauſenden vergebens. Nichard II. Was Kapitän Willoughby vorhin ſcheinbar im Scherze geſagt hatte, wurde eigentlich in vollem Ernſte von ihm beabſichtigt. Der Gedanke, mit nur ſechs Vertheidigern gegen die mehr als zehnfache Anzahl der Belagerer— nachdem dieſen das ganze Geheimniß ſeiner Schutzmittel durch die Treuloſigkeit der eigenen Leute ver⸗ rathen worden, abermals eine Nacht im Blockhauſe zuzubringen — war ihm im höchſten Grade peinlich. Wäre ſein Leben allein auf dem Spiele geſtanden, ſo würde ihn vielleicht ſein militäriſcher Stolz zum Bleiben verleitet haben— ſo aber waren die ihm an⸗ vertrauten Pfänder zu koſtbar, als daß ſie ſolcher eitlen Rückſichten halber einer Gefahr ausgeſetzt werden durften. Kaum war daher das Frühſtück vorüber, als der Kapitän ſeinen Sergeanten zur Berathung dieſes Vorhabens zu ſich berief. Die Unterredung wurde auf dem Bibliothekzimmer gehalten, wo der Sergeant auf die Ordre ſeines Vorgeſetzten alsbald erſchien. Wegen des außenſtehenden Feindes war man ganz außer Sorgen, ſo lange der Tag anhielt, und die Schildwachen auch nur halb⸗ wegs wachſam blieben. „Ich ſollte meinen, Sergeant,“ begann Kapitän Willoughby, „einem Soldaten von Eurer Erfahrung braucht man nicht zu ſagen, welches das nächſte Hilfsmittel eines kommandirenden Offiziers iſt, wenn er ſich außer Stande ſieht, gegen den Feind vor der Front das Feld zu behaupten?« 27* 420 „Das iſt der Rückzug, Euer Gnaden. Die Straße, die nicht paſſirt werden kann, muß umgangen werden.“ „Ganz richtig bemerkt. So iſt es denn auch meine Abſicht, das Blockhaus zu räumen, und unſer Glück in einer rückwärtigen Bewegung zu verſuchen. Ein Rückzug, mit Geſchick ausgeführt, iſt eine ehrenvolle Sache, und jeder andere Schritt ſcheint mir dem einen vorzuziehen, wodurch wir die theuren Weſen dort im Neben⸗ zimmer den Gefahren eines nächtlichen Sturmes preisgeben.“ Joyce ſchien von dieſer Anſicht— nach dem Ausdrucke ſeines Ge⸗ ſichts zu ſchließen— nichts weniger als angenehm überraſcht zu ſein. „Ließen Euer Gnaden mich rufen,“ fragte er endlich nach längerem Nachſinnen,„um mir Befehle in Betreff dieſes Rückzugs zu ertheilen, oder war es Euer Wunſch, das, was ich etwa darüber zu ſagen hätte, zu vernehmen? „Das Letztere; ich werde nicht eher Befehle geben, als bis ich Eure Anſicht von der Sache kenne.“ „Es iſt eben ſo gut Pflicht eines Untergebenen, ſeine Meinung, wenn er darum befragt wird, offen zu äußern, Kapitän Willoughby, als er verbunden iſt, ſchweigend zu gehorchen, ſobald er nichts als Befehle erhält. Dieſer meiner Anſicht nach werden wir beſſer thun, unſern Platz zu behaupten, und die Vertheidigung des Hauſes gegen dieſe Landſtreicher nach Kräften zu verſuchen, als uns geradezu den Wäldern anzuvertrauen.“ „Natürlich habt Ihr Gründe für dieſe Eure Anſicht, Joyce?“ „Allerdings, Euer Gnaden. Erſtlich verſtößt es, glaub' ich, gegen die Regeln der Kriegskunſt, wenn man einen wohl verproviantirten Platz räumen wollte, ohne zuvor einen Sturm auszuhalten. Letzteres iſt bis jetzt noch nicht geſchehen, Sir. Zwar ſind unſere Reihen durch Deſertion gelichtet, aber ich hab's noch nie erlebt, daß ein militäriſch beſetzter Ort oder ein Haus einiger weniger Deſerteure wegen kapitulirt hätte, und— das wage ich dreiſt zu behaupten— eine Räumung iſt blos der nächſte Schritt zur Kapitulation.“ 421 „Ja, aber unſerer Deſerteure waren nicht wenige, Joyce, ſondern viele. Unſere ſonſtigen Verluſte mit eingerechnet, iſt die Zahl der Deſerteure gerade dreimal ſo ſtark, als die der Zurück⸗ gebliebenen. Wo der Verluſt eigentlich herrührt, iſt ziemlich gleich⸗ gültig, ſo lange es ein wirklicher Verluſt iſt.“ „Ein Rückzug mit Weibern und Gepäck iſt immer eine ſehr kitz⸗ liche Operation, Euer Gnaden, beſonders wenn der Feind unſere Arrieregarde drängt! Dann haben wir auch eine Wildniß vor uns; die Damen könnten den weiten Marſch von hier bis zum Mohawk wohl ſchwerlich aushalten, und ehe ſie dieſen Fluß erreicht haben, finden ſie nirgends dieſelbe Sicherheit, deren ſie hier genießen.“ „Ich habe auch keinen ſolchen Marſch vor Augen, Joyce. Er⸗ innert Euch doch jener wohnlichen Hütte, welche wir vor drei Jahren im Sommer, als wir eine Lichtung zur Schafweide auszuroden an⸗ fingen, nur eine Meile von hier, am Abhange des Berges errichteten. Sie iſt rings von fetten Wieſen umgeben: dort vermöchten wir, mit einer oder zwei Kühen verſehen, einen vollen Monat in Sicher⸗ heit auszuharren. Was Kleidung und Lebensmittel betrifft, ſo könnten wir, beſonders mit Hilfe der Kühe, auf mehrere Wochen genügenden Vorrath auf dem Rücken mitnehmen.“ „Ich bin herzlich froh, daß Euer Gnaden auf dieſen Gedanken gerathen ſind,“ bemerkte der Sergeant, deſſen Geſicht ſich immer mehr aufhellte, je länger er zuhörte. Der Rückzug in jene Stellung gibt jedenfalls eine hübſche Operation, wenn wir uns hier nicht länger zu halten vermögen. Der einzige Einwurf gegen unſern hie⸗ ſigen Platz war mir von jeher der Mangel eines ſolchen Aufnahm⸗ poſtens, Kapitän Willoughby, denn ſo ganz allein in der Wildniß kam mir unſere Beſatzung immer vor, wie ein Regiment, das durch einen Moraſt oder Graben im Rücken abgeſchnitten iſt.“ „Ich ſehe mit Vergnügen, daß Ihr an dem Manöver wenigſtens Gefallen findet, Sergeant. Meine Abſicht iſt nun die, ſo lange es Tag iſt, die nöthigen Anſtalten zur Räumung des Blockhauſes zu 3 1 3 6 4 1 7 422 treffen, ſo daß wir uns mit Eintritt der Dunkelheit durch das Hofthor und die Palliſaden das Flüßchen entlang zurückziehen kön—— Was gibt's, Jamie? Ihr ſeht aus, wie wenn Ihr Neuigkeiten mitzutheilen hättet?“ Jamie Allen war in der That mit ſolcher Haſt in's Zimmer getreten, daß er die gewöhnliche Ceremonie des Anmeldens, ja ſelbſt das Anpochen überſehen hatte. „Neuigkeiten!“ wiederholte der Maurer mit einer Art ver⸗ wunderten Lächelns—„ja, ja, deßhalb bin ich gekommen. Was haltet ihr Beide davon, ihr Herrn, daß unſere Leute ſich wieder in ihren Hütten befinden, Suppen kochen und Braten röſten, nicht anders, als ob wir das Thal in der tiefſten Ruhe vor uns ſähen, und als gnädige Lairds nur darauf paßten, daß ſie uns aufwarteten und unſere Wünſche erfüllten!«“ „Ich verſtehe Euch nicht, Jamie— wen meint Ihr denn mit Eurem ‚unſere Leute“?“ „Nun, wen anders als die Deſerteure?— Joel, den Müller, Michael und die Uebrigen.“ „Und die Hütten— die Suppe— der Braten— das iſt ja lauter Kauderwälſch!“ „Ich weiß wohl, ich habe, was ihr Engländer einen ‚Accent“ nennt, doch ſollten ſich jene Worte, mein' ich, auch ohne Wörterbuch verſtehen laſſen, Kapitän Willoughby. Ich will blos ſagen, daß Joel Strides, Daniel, der Müller, nebſt all' den Andern, welche vergangene Nacht entflohen ſind, ihre Wohnungen eingenommen, ihren Herd angezündet, Keſſel und⸗Töpfe an's Feuer geſtellt, und ſich wieder ganz nach ihren häuslichen Gewohnheiten niedergelaſſen haben, gerade wie wenn dieſer Biberdamm einer der Londonerparks wäre!“ „Den Teufel haben ſie! Wenn das der Fall wäre, Sergeant, dann müßte unſer Ausfall frühzeitiger, als wir ausgemacht, in's Werk geſetzt werden. Einer ſolchen Beſchimpfung werde ich mich nun und nimmermehr unterwerfen.“ — 423 Kapitän Willoughby war zu aufgeregt, um viele Worte zu verſchwenden; er nahm ſeinen Hut und verließ das Zimmer, um ſich unverzüglich mit eigenen Augen von dem Gehörten zu über⸗ zeugen. Der Rundgang auf dem Dache gewährte die beſte Aus⸗ ſicht, und es dauerte nicht über eine Minute, bis er denſelben mit ſeinen beiden Begleitern erreicht hatte. „Da ſchaut nur hin: bald werdet Ihr den Rauch in Joels Wohnung mit eigenen Augen gewahren, und dort drüben bei ſei⸗ nem Vetter Seth iſt das Gleiche zu bemerken,“ begann Jamie, nach der erwähnten Richtung hindeutend. „Rauch iſt da, das iſt kein Zweifel: aber die Indianer können ja eben ſo gut jene Feuer in der Küche zu ihrem eigenen Frühſtück angezündet haben. Das ſieht ganz darnach aus, Sergeant, als ob die Burſche uns enger, als bisher, einzuſchließen gedächten.“ „Ich glaube kaum, Euer Gnaden; Jamie hat recht, oder meine Augen müßten nur einen Mann nicht mehr von einer Frau unter⸗ ſcheiden können. Das dort drüben in Joels Garten iſt ganz ge⸗ wiß ein Weib— ja, ja,'s iſt Phöbe, die für ihren Mann, den hungrigen Schurken, Zwiebel ausſticht.“ Kapitän Willoughby trug ſtets ſein kleines Taſchenteleſkop bei ſich, das nun alsbald auf den erwähnten Gegenſtand gerichtet wurde. „Beim Jupiter! Ihr habt recht, Joyce,“ rief er.„Es iſt Phöbe, nur daß der alte Drache nicht Zwiebel ſticht, ſondern Unkraut ausjätet! Aha! jetzt wird auch Joel ſelber ſichtbar: der Schuft viſitirt einige Hauen, und zwar mit einer Ruhe, wie wenn ſie und Alles in ihrer Nähe ihm gehörten. Das iſt wahrhaftig eine ſonderbare Lage!“ Dieſe letztere Bemerkung war in der That richtig; die Lage derer im Blockhaus war im höchſten Grade ſonderbar. Bei nähe⸗ rer Unterſuchung ergab ſich, daß jede Hütte wieder bewohnt war; von den bei dem Kapitän Zurückgebliebenen war nämlich Keiner verheirathet. Mit Hilfe des Glaſes, das nach und nach auf jede 424 einzelne Hütte gerichtet wurde, entdeckte der Kapitän ſo ziemlich einen Deſerteur nach dem andern: von allen fehlte auch nicht Einer— nur Mike machte eine Ausnahme. Da waren ſie Alle mit Weibern und Kindern im ruhigen Be⸗ ſitze ihrer verſchiedenen Wohnungen. Und dieß war noch nicht Alles— die Arbeit im Thale ſchien ihnen eben ſo ſehr, als dieß ſeit Jahren der Fall geweſen, am Herzen zu liegen. Kühe wur⸗ den gemelkt, Schweine gemäſtet, das Federvieh herbeigelockt und gefüttert, und jede Haushaltung traf die üblichen Vorbereitungen zu ihrer Morgenmahlzeit. So ausſchließend war der Kapitän mit dieſer ungewöhnlichen Scene beſchäftigt, daß er eine volle Stunde auf dem Rundgange verweilte, um den Lauf der Ereigniſſe zu beobachten. Das Frühſtück war bei den Koloniſten bald vorüber; ſie hatten es ſpäter als ſonſt und ziemlich haſtig eingenommen: dann ging's aber an die wichtigeren Beſchäftigungen des Tages. Ein Feld war bereits zur Hälfte umgepflügt und zur Aufnahme der Winterſaat vorbereitet; dorthin wandte ſich Joel mit den erforderlichen Ochſen⸗ geſpannen, begleitet von den Taglöhnern, welche ihm bei dieſem beſonderen Zweige der Landwirthſchaft behilflich zu ſein pflegten. Bald waren drei Pflüge in voller Arbeit— Alles mit einer Ord⸗ nung, einer Regelmäßigkeit, als ob die Ruhe des Thales nicht im geringſten geſtört worden wäre. Dieſem zunächſt ließen ſich aus der Tiefe des Waldes die Aexte der Holzhacker vernehmen, welche Feuerung für den nahenden Winter beſorgten; auch an einem halbvollendeten Graben ſah man mehrere Arbeiter beſchäftigt, welche emſig den Boden aushoben und die Vertiefung ebneten. Mit einem Wort— die bisher unterbrochene Arbeit wurde in der größten Planmäßigkeit und Ordnung wieder aufgenommen. „Dazmöchte der Teufel ſelber verzweifeln, Joyce,“ begann der Kapitän nach halbſtündigem Stillſchweigen.„Stehen da die Burſche alle ſo kaltblütig an ihrer Arbeit, als ob ich Jedem ſein 425 Geſchäft aufgetragen hätte— und ſeht nur, wie ſie fleißig ſind, 3 weit mehr als je zuvor. Dieſer ungewohnte Eifer iſt ſchon an und für ſich ein ſchlimmes Zeichen.« „Euer Gnaden wollen einen Umſtand nicht überſehen— nicht ein Einziger von den Schurken wagt ſich auf Schußweite zu uns heran, denn auf ſolche Entfernung unſere Munition zu verſchwen⸗ den, wäre rein unmilitäriſch und wohl auch gänzlich nutzlos.“ „Halb und halb habe ich doch im Sinn, ſie mit einer Salve auseinander zu jagen,“ verſetzte der Kapitän unſchlüſſig.„Einige Kugeln würden keine üble Wirkung unter jenen Pflügenden her⸗ vorbringen, wenn man nur machen könnte, daß ſie auch träfen.“ „Und unter dem Zugvieh nicht minder,“ bemerkte der Schotte, der eben ſo ſehr auf den ökonomiſchen, wie auf den militäriſchen Theil dieſes Manövers bedacht war.„Eine Kugel in einem ſol⸗ chen Scharmützel würde ein Roß ſo gut wie einen Menſchen zu Boden ſtrecken.“ „Das iſt allerdings wahr, Jamie; auch iſt dieß keineswegs diejenige Art von Kriegführung, die ich wünſche— denn ich möchte nicht gerne auf Leute feuern, welche noch vor Kurzem meine Freunde waren.— Die Schufte haben, ſo viel ich ſehe, keine Waffen bei ſich, Joyce?“ „Nicht eine einzige Muskete, Sir; es fiel mir ſogleich auf, als Joel zuerſt ſeine Leute abtheilte.— Wär's wohl möglich, daß die Wilden ſich zurückgezogen hätten?“ „Bewahre— ſonſt wäre Mr. Strides und ſeine Freunde ganz ge⸗ wiß mit ihnen gezogen. Nein, nein, Sergeant; dahinter ſteckt ein tief verborgener Plan, um uns in dieſer Sache in eine Art von Hin⸗ terhalt zu locken, und wir müſſen uns wohl vor ihnen in Acht nehmen.“ Joyce betrachtete die Scene noch eine Zeitlang in tiefem Still⸗ ſchweigen; dann näherte er ſich dem Kapitän in ſteifer Haltung, und begann mit ſeinem militäriſchen Gruße— einer Ceremonie, welche er ſeit dem Augenblicke, da die Garniſon ſo zu ſagen unter 426 das Kriegsgeſetz geſtellt worden war, bei jeder paſſenden Gelegen⸗ heit pünktlich beobachtet hatte.. „Wenn Euer Gnaden erlauben,“ hub er an,„ſo will ich ein Detaſchement abſchicken; ich will ſelbſt ausziehen und zwei oder drei Deſerteure einfangen, damit wir endlich hinter ihr Geheim⸗ niß kommen.“ „Ein Detaſchement, Joyce!“ verſetzte der Kapitän, ſeinen Ser⸗ geanten etwas neugierig fixirend;„was für Truppen ſchlagt Ihr vor, zu dieſem Dienſt zu verwenden?“ „Nun, Euer Gnaden, da iſt Korporal Allen und der alte Pliny — die ſind jetzt dienſtfrei; ich denke, mit ihnen ließe ſich die Sache ausführen, wenn Euer Gnaden die Gewogenheit haben und Kor⸗ poral Blodget befehlen wollten, daß er mit den beiden Schwarzen hinter einer von den Hecken unſern Aufnahmspoſten bilde.“ „Eine treffliche Dispoſition!— So würde alſo Kapitän Wil⸗ loughby ganz allein als Garniſon zurückbleiben! Ich danke Euch für Euer tapferes Anerbieten, Sergeant— aber die Klugheit ſpricht dießmal: nein! Wir dürfen Strides und ſeine Genoſſen als eben ſo viele Schurken betrachten und—“ „Ja, ja, das dürft Ihr!“ ſo tönte Mike's wohlbekannte Stimme aus der Luke herauf, welche ſich nach dem Rundgange öffnete, und vor der die beiden alten Veteranen ſich eben beſprachen—„das dürft Ihr, ohne die Wahrheit, oder Gerechtigkeit, oder wie Ihr das Ding nennen wollt— zu verletzen. O, o! wenn ich mit den Schel⸗ men anfangen dürfte, was ich wollte— jeder von den Schurken müßte mir, an Händen und Füßen gebunden, ſo lange unter jenen hübſchen Waſſerfall dort bei der Mühle gelegt werden, bis er von ſeinen Sünden rein gewaſchen wäre. Würden ſie dann wohl beich⸗ ten?— O, ganz gewiß, und Geheimniſſe kämen da an's Tageslicht, wie ſie ſelbſt das Gewiſſen eines Schweines befriedigen würden.“ Während Mike ſeinem Herzen mit dieſen Worten Luft machte, war er mittlerweile auf den Rundgang heraufgekommen. Dort ſtand 3 — er, ſeine Beinkleider feſtknüpfend, und ſein Geſicht zeigte ein be⸗ deutungsvolles Grinſen, das ſeinem feſten Kinn und dem weit⸗ läufigen Mund einen eigenthümlichen Ausdruck ſchwerfälliger Ver⸗ ſchmitztheit mittheilte; dazwiſchen aber lächelte eine Ehrlichkeit, eine Gutmüthigkeit aus ſeinen Zügen, welche faſt jedesmal, ſo oft er ein Mitglied von des Kapitäns Familie anredete, an dem wohlmeinenden Burſchen zu bemerken war. Joyce warf einen Blick auf den Kapitän, wie wenn er von ihm den Befehl zur Ergreifung des zurückgekehrten Deſerteurs erwartete. Der Kommandant ertheilte aber keine derartige Ordre, denn auf den erſten Blick leuchtete ihm nur die Treue und Ehr⸗ lichkeit ſeines alten Dieners entgegen. „Du haſt uns, aus mehr als einer Urſache, keine kleine Ueber⸗ räͤſchung bereitet, O'Hearn,“ bemerkte der Kapitän, welcher eine größere Strenge in ſeinem Weſen zu entfalten für angemeſſen hielt, als ſein Gefühl ihm eigentlich diktirt hätte.„Du biſt nicht nur für deine eigene Perſon durchgegangen, ſondern haſt auch deinen Ge⸗ fangenen entwiſchen laſſen. Selbſt die Art, wie du wieder in's Block⸗ haus zurückkamſt, fordert eine Erklärung. Ich will erſt hören, was du zu ſagen haſt, ehe ich mich über dein Benehmen zufrieden gebe.“ »Will ich denn nicht ſprechen?— O ja, das will ich, und zwar ſo lange, als Euer Gnaden mich anhören mögen. O, o! was doch der trotzige Nick ein wunderlicher Kauz iſt! Hol' mich der Teufel, wenn ich glaube, daß in ganz Ameriky, ſo voll es auch von Inſch⸗ jöns und trotzigen Burſchen ſteckt, ſeines Gleichen gefunden werden kann! Nicht wahr, Sergeant, wenn Ihr anders Euer Herz öffnen und die volle Wahrheit ſagen wollt— Ihr habt gewiß geglaubt, ich ſei mit Miſchter Strides und ſeines Gleichen auf und davon gegangen?“ „Ihr ſeid als Deſerteur bezeichnet, O'Hearn, und zwar als einer, der vom Poſten deſertirte.“ „Vom Poſten! Wäre ich das geweſen, dann hätt' ich mich gewiß nicht mehr blicken laſſen, und Ihr entbehrtet all' der Nach⸗ 428 richten, die ich Euch von dem Major, von Mr. Woods, von den Wilden und jenem anderen Geziefer mitbringe.“ „Von meinem Sohn?— iſt das möglich, Michael? Haſt du ihn geſehen? Kannſt du uns irgend Etwas von ſeiner Lage erzählen?« Mike legte einen Finger an die Naſe, und deutete mit höchſt geheimnißvoller, wichtiger Miene auf Jamie und die Schildwache. „Ich betrachte zwar den Sergeanten als ein Mitglied der Fa⸗ milie,“ bemerkte der Leitrimer, nachdem er mit ſeiner Pantomime fertig war—„es iſt aber doch nicht ſchicklich, Geheimniſſe in der ganzen Nachbarſchaft auszuplappern! Und dann, was den alten Nick, oder den trotzigen Nick, oder wie Ihr ihn ſonſt nennen mögt, betrifft— o, ol iſt er nicht ein hübſcher Inſchjön! Ihr könnt ganz Ameriky durchwandern, und werdet nirgends ſeines Gleichen treffen.“ „So kommen wir nicht zu Ende, O'Hearn. Was du auch immer zu ſagen haſt— es muß deutlich und ſo einfach wie mög⸗ lich geſagt werden. Folge miv in's Bibliothekzimmer; dort will ich deinen Bericht anhören.— Joyce, Ihr werdet uns begleiten!“ „Laßt ihn nur kommen, wenn er wunderbare Geſchichten zu hören wünſcht!“ gab Mike zur Antwort, und trat bei Seite, um den Kapitän die Treppe hinabſteigen zu laſſen, worauf er ſelbſt, fortwäh⸗ rend plaudernd, nachfolgte.„Er wird jetzt nicht mehr vor meines Gleichen mit ſeinen Feldzügen prahlen, nachdem ich ihn zehnmal— ja vierzigmal und drüber ausgeſtochen habe. O, o! dieſer Nick iſt ein Teufel— ich will ihm aber damit nichts Böſes nachſagen!“ „Vor Allem, O'Hearn,“ begann der Kapitän auf's Neue, ſo⸗ bald die Drei im Bibliothekzimmer allein waren,„mußt du uns deine eigene Deſertion erklären.“ „Meine Deſertion! Mein Gott, Euer Gnaden wollen doch nicht ſagen, ich ſei von Euer Gnaden, von der Miſſes, von Miß Beuly, der herzigen Miß Maud und dem Kinde weggelaufen? oder dennoch?“ ——— —„— 429 Mike ſagte dieß mit ſo viel Einfalt und Natürlichkeit, daß der Kapitän nicht das Herz hatte, ſeine Frage zu wiederholen, obwohl Joyce bei ſeiner vollendeten Dreſſur weniger durch dieſe Erwiederung erſchüttert ſchien. Erſterer fühlte ſogar eine Thräne in ſeinem Auge blinken, und ſo unerklärlich auch des Irländers Benehmen ſeinem kühleren Verſtand erſchien und erſcheinen mußte — an ſeiner Treue konnte er jetzt nicht mehr zweifeln. Mike's Ehrgefühl war aber nun einmal durch die Frage be⸗ unruhigt, und konnte nur durch weitere Erklärungen wieder be⸗ ſchwichtigt werden. „Euer Gnaden wollen mir nicht antworten, wenn ch noch einmal dieſelbe Frage ſtelle?“ wiederholte der ehrliche Burſche in zweifelndem Tone. „Offen geſtanden, Mike, es ſah etwas verdächtig aus, als wir nicht nur dich ſelbſt, ſondern auch den dir zur Bewachung anvertrauten Indianer vermißten.“ „So, wirklich?“ meinte Mike nachdenklich.„Nein, das kann ich nicht zugeben, ſintemalen Zweck und Abſicht gut waren. Und dann— ich nahm ja den Indianer nicht mit mir; vielmehr war ich es, der mit ihm ging.“ „Ich denke, Euer Gnaden,“ fiel Joyce lächelnd ein,„wir wol⸗ len O'Hearns Namen in unſerem Roſter an den alten Platz ſtel⸗ len, ohne ihm am Zahlungstag eine ſchlimme Note zu geben.“ „Ja, ja, Joyce, ſo wird's wohl ausfallen. Wir müſſen Geduld haben, und Mike die Geſchichte auf ſeine eigene Weiſe erzählen laſſen.“ „Eine Geſchichte— will ich eine erzählen? Aha! dazu wäre eigentlich Nick am beſten geeignet. Seht nur, er hat mir vier Stäbchen mitgegeben, von denen jedes auf ſeine Art eine Geſchichte zu erzählen hat.— Hier iſt das erſte— das heißt: enthülle dem Kapitän das Geheimniß deines Rückzugs, wie du aus dem Fenſter ſtiegſt und, als dein Fuß ausglitt, beim Falle beinahe den Hals brachſt, wie wir dann an einem Seile vom Dach herab rutſchten, 430 wie Jeder davon um den Nacken ein verteufeltes Stück Seil geſchlun⸗ gen hatte, das wir Beide ſo feſt umklammert hielten, als ob es der Glaubensanker der Kirche ſelbſt wäre; wie Nick dich zu dem Loche hinausließ, aus dem wir Beide wie die Katze zurThüre hinauskrochen.“ Mike hielt inne und grinste mit kluger Miene, als er die Art und Weiſe ſeiner Flucht wieder erzählte, welche ſeinen Zu⸗ hörern übrigens, noch ehe er begann, in ihren allgemeinen Um⸗ riſſen ſchon vorher bekannt war. „Nun, wirf jetzt nur deinen Stab weg, und ſage uns lieber, wo dieſes Loch iſt und was du damit meinſt.“ „Nein, nein,“ erwiederte Mike, ſein Stäbchen mit unentſchloſſe⸗ ner Miene betrachtend,„mit Euer Gnaden Erlaubniß will ich's nicht eher wegwerfen, bis ich Euch erzählt habe, wie wir in den Waldbach gelangten und darin fortwadeten, bis wir den Forſt er⸗ reichten, wo wir wie zwei Kleehaufen in einem Heuſchober geborgen waren. Ja, Nick iſt ein Menſch, der ſich auf's Verbergen verſteht!“ „Sprich weiter,“ ermahnte der Kapitän ganz geduldig, da er wußte, daß bei Mike's eigenthümlicher Manier, ſeine Gedanken mit⸗ zutheilen, ein haſtiges Drängen nutzlos war.„Was kam zunächſt?“ „Das will ich und der Grund kommt zunächſt, wie Ihr an dieſem zweiten Stabe ſehen ſollt. Und ſo— Nick und ich waren in des Kaplans Zimmer ganz allein, und keiner von uns Beiden hatte Luſt zu trinken— Nick, weil er ein Gefangener war, und ſich vornehm und voll mächtiger Würde fühlte— ich ſelbſt, weil ich eine Schildwache vorſtellte, und Sergeant Joyce mir, Gott weiß wie oft, geſagt hatte, wenn ich meinen Dienſt pünktlich verſehe, könne ich noch Korporal, und ihm an Rang der Nächſte werden— ich erwog alſo, daß ich eine Schildwache war, und eine betrunkene Schildwache iſt eine Schmach für einen Mann, an Leib und Seele und Muskeln.“. „So trank alſo keiner von euch Beiden!“ fiel der Kapitän erinnernd ein. 431 „Aus dieſem nämlichen und noch einem beſſeren Grund— weil wir nämlich nichts zu trinken hatten.„Nun“, ſagt Nick, ‚Mike“, ſagt er, ‚du lieben Kap'in, und Miſſes und Miß Beuly und Miß Maud und das kleine Püppchen⸗?—„Hol mich der Teufel, Nick“, ſag' ich, warum fragſt du nur ſo närriſches Zeug? Ob ich ſie liebe, willſt du wiſſen?— Nun dann, frag' dich nur ſelbſt, ob du dein eigen Fleiſch und Blut liebſt— dann haſt du die Antwort'.“ „»Und Nick machte dir bei dieſer Antwort ſeinen Vorſchlag,“ ergänzte der Kapitän,„welcher darin beſtand—— „Hier iſt er, da an dem Stäbchen.„Nunt, ſagt Nick, ſagt er,„laufen davon mit Nick und ſehen Major, bringen Neuigkei⸗ ten zurück. Nick Kap'ins Freund, aber Kap'in nicht wiſſen, wol⸗ len nicht glauben“. Meiner Treu, ich kann Euer Gnaden nicht Alles erzählen, was Nick in ſeiner Art ſagte, und ſo will ich's eben mit Eurer Erlaubniß, auf meine Weiſe berichten.“ „Ganz wie du willſt, Mike, wenn du's nur erzählſt.“ „Nick— nein, das iſt ein Kerl! Sein Plan war der: wir ſollten Beide durch's Fenſter auf die Plattform ſteigen, und mittelſt der Vorhangſchnur und ſonſtigen Hilfsgeräths bis auf den Boden hinabklettern— und das thaten wir auch! So wahr und leib⸗ haftig Euer Gnaden und der Sergeant hier vor mir ſtehen— wir thaten das, und haben nicht den Hals gebrochen! ‚Nunt, ſag' ich, ‚Nick, jetzt wären wir zwar hier; wie meinſt du aber, daß wir weiter kommen werden? Willſt du etwa über die Palliſaden klettern, und dich von einer Schildwache niederſchießen laſſen“?— wenn nämlich eine dageweſen wäre, Euer Gnaden, was aber nicht der Fall war, da Alle mit einander die Flucht ergriffen hatten— ‚und willſt du vielleicht hier bleiben“, ſag' ich, ‚und dich abermals als Kriegsgefangener ergreifen laſſen, in welchem Falle du zwei Gefangene vorſtellſt, ſintemalen du ſchon einmal ergriffen wurdeſt— nun, willſt du das, Nick⸗? ſag' ich. Nick ſprach kein Wort, ſondern hob den Finger in die Höh' und machte ein Zeichen, daß ich 432 folgen ſollte, was ich auch that; ſo krochen wir durch die Palliſaden, und von da an ging's über den Raſen und auer durch die Wieſen — in der That, ein ſauberer Spaziergang war dieſer ganze Weg!“ „Ihr krocht durch die Palliſaden, Mike! Es iſt ja nirgends eine Oeffnung von hinreichender Größe.“ „Das Loch iſt freilich verdammt eng; doch haben wir uns gleichwohl durchgeklemmt. Und dann taugt es eben ſo gut zum Ein⸗ wie zum Auslaß, wie ich denn eben heute Morgen auf die nämliche Art hereinkam. O, o! Nick, das iſt ein liſtiger Burſche? Und wie glaubt Ihr wohl, daß das Loch trotz aller Aufſicht beim Einrammen der Pfähle dennoch hineinkam?“ „Nun, abſichtlich wurde es doch hoffentlich nicht gemacht, O'Hearn?“ „Es wurde von Joel eingerichtet; der ſägte einen von den Klötzen entzwei, ſo daß man nur einen oder zwei Bolzen hinaus⸗ drücken darf, um wie durch eine Thüre durchzuſchlüpfen. O, ol ˙s wurde ſehr pfiffig veranſtaltet, und gewiß nur in bösartiger Abſicht,“ „Halt, da muß ſogleich nachgeſehen werden,“ rief der Kapi⸗ tän;„gehe voran, Mike, und zeige uns die Stelle.“ Der Irländer war ſogleich dazu erbötig, ſo daß ſich alle Drei bald im Hofe befanden, wo Mike ſie durch den Thorweg, und rund um das Gebäude bis zu dem Punkte führte, wo die Stockade auf der öſtlichen Seite den Klippen nahe kam. Dort leitete der Pfad, welcher längs der Palliſaden hinlief, zu dem oben erwähnten Brunnen hinab— derſelbe Pfad, auf welchem Maud in jener Nacht des Ueberfalls in das Blockhaus gelangt war, und auf dem auch Kapitän Willoughby ſeinen Rückzug anzutreten gedachte. An einer paſſenden Stelle der Palliſade war ein Stück ſo dicht am Boden abgeſägt, daß die Raſen, welche dort abgeſtochen, dabei aber beweglich waren, den Schaden verdeckten; die Köpfe der Bolzen, welche die Stämme an die Querlatten befeſtigen ſollten, ſteckten in ihren Löchern, ſo daß Alles ganz in Ordnung ſchien. — — 433 Nahm man aber die Raſen weg, und ſchob den Balken bei Seite, ſo entſtand eine Oeffnung, mittelſt der, wie der Kapitän ſich über⸗ zeugte, ein Mann ganz leicht durch die Stockade kriechen konnte. Dieſe Ecke war die abgelegenſte Stelle der ganzen Umfaſſung, und es ſchien jetzt nicht länger zweifelhaft, daß das Loch von ſämmtlichen Deſerteuren, mit Einſchluß der Frauen und Kinder, benützt worden war.— Wie übrigens Nick damit bekannt geworden, darüber gab es vor der Hand blos Vermuthungen. Der Kapitän wollte eben den Befehl zum Schließen dieſes Durchgangs ertheilen, da fiel ihm plötzlich ein, daß er ihm ſelbſt beim Antreten ſeines Rückzugs von Nutzen ſein könnte. Mit dieſem Plane beſchäftigt, entfernte er ſich eilends von der Stelle, damit kein forſchendes Auge ihn daſelbſt gewahren und die Urſache errathen möchte. Im Bibliothekzimmer angekommen, ward Mike's Verhör von Neuem aufgenommen. Um dem Leſer die Verwirrung, in welche er durch die eigen⸗ thümliche Ausdrucksweiſe des Leitrimers verſetzt werden muß, zu erſparen, wollen wir der Kürze halber nur den weſentlichen Inhalt ſeines Berichtes mittheilen. Nach Allem ſchien ſo viel daraus hervorzugehen, daß es Nick gelungen war, den Irländer zu überreden, erſtlich, daß er, der Tus⸗ carora, ein treuer Freund des Kapitäns und ſeiner Familie ſei, und von Erſterem zum größten Nachtheile für die Intereſſen ſämmtlicher Blockhausbewohner blos deßhalb gefangen gehalten werde, weil die eigentliche Natur der Geſinnungen des Indianers in falſchem Lichte betrachtet würde, und daß der Irländer, zweitens, den Willoughby's gar keinen beſſeren Dienſt erweiſen könne, als wenn er Nick ent⸗ wiſchen laſſe, und in eigener Perſon mit ihm davon gehe. Mike ſelbſt dachte keinen Augenblick an Deſertion; der einzige Beweggrund, der ihn dazu veranlaßte, das Blockhaus zu verlaſſen, war der Wunſch, den Major zu ſehen, und ihm wo möglich zur Flucht behilflich zu ſein. Sobald ihm dieſe Hoffnung vor Augen Wyandotts. 28 434 gehalten wurde, ſchien er auch alsbald geneigt, des Indianers Begehren zu erfüllen. Gleich allen Menſchen, welche von einem übertriebenen Eifer beſeelt ſind, fühlte auch der Irländer ein unwiderſtehliches Verlangen nach Thätigkeit, und die Ausſicht, denen, die er ſo ſehr liebte, ohne daß ſie es ſelbſt wußten, einen großen Dienſt zu erweiſen— erfüllte ihn mit einer Art komiſchen Entzückens. So lautete die Geſchichte von Mike's anſcheinender Deſertion: es bleibt uns nun noch übrig, die ſpäteren Vorfälle zu berichten, welche erſt, nachdem er die Stockade verlaſſen hatte, ſtattfanden. Eine halbe Stunde, nachdem man den Tuscarora mit ſeinem Wächter in Mr. Woods Zimmer allein gelaſſen hatte, führte Erſterer ſeinen Begleiter aus dem Blockhaus. Joel hatte unterdeſſen bereits ſeine Flucht angetreten, und Nick, welcher dieſes Ereigniß ahnte, legte ſich deßhalb eine Zeitlang in Hinterhalt, um ſich zu überzeugen, ob die Deſertion noch weiter um ſich greifen würde. Erſt nachdem er hierüber das Gewünſchte erfahren, ſetzte er ſeinen Weg nach der Mühle in aller Ruhe weiter fort. Um nicht vom Hauſe aus geſehen zu werden, machte Nick einen bedeutenden Umweg, gab ſich aber ſonſt keine weitere Mühe, den Wald zu erreichen, oder einen jener Kunſtgriffe in's Werk zu ſetzen, wie ſie, in Zeiten wirklicher Gefahr geboten, von ſämmt⸗ lichen Deſerteuren angewendet worden waren. Er ging in aller Gemächlichkeit über die Wieſen, bis er die Heerſtraße erreichte, auf welcher er bis zum Gipfel der Felſen weiter zog. Die Art, wie dieß Alles vorgenommen wurde, verrieth, daß er ſich hier zu Hauſe fühlte, und keine Beſorgniſſe von einem Hinterhalte hegte. Dieß mochte entweder in ſeiner Bekanntſchaft mit dem Terrain, oder auch in dem Bewußtſein ſeinen Grund haben, daß es Freunde und nicht Feinde waren, denen er ſich näherte. Auf den Felſen angekommen, hielt es Nick nicht länger für ge⸗ rathen, ſeinen Begleiter ohne einige vorläufige Sicherheitsmaßregeln ——i— 435 weiter zu führen. Mike wurde alſo in einer von den Felsſpalten verſteckt, während der Indianer ſeinen Weg allein fortſetzte. Letzterer blieb über eine Stunde aus: endlich erſchien er wieder, gab Mike eine Menge Ermahnungen, ſich ſtill und klug zu verhalten, und führte ihn dann nach des Müllers Hütte in die Butterkammer, wo Robert Willoughby eingeſperrt war. Dieſe Butterkammer hatte nur ein Fenſter, das aber ſo klein war, daß eine Flucht auf dieſem Wege unmöglich ſchien, weßhalb man keine Schildwache an die Außenſeite geſtellt hatte. Der Major hatte zu ſeiner eigenen Bequemlichkeit, und um ſeine enge Wohnung wenigſtens für ſich allein zu haben, eine Art von Ehrenwort abge⸗ legt, wodurch er ſich verbindlich machte, bis zum nächſten Sonnen⸗ aufgang in Verhaft bleiben zu wollen. Aus dieſen beiden Gründen war es Nick möglich geworden, ſich dem Fenſter zu nahen und mit dem Gefangenen zu verkehren, worauf er nach beendigter Unterredung nach dem Felſen zurückkehrte, und Mike auf dieſelbe Stelle führte. Major Willoughby hatte der Dunkelheit wegen nicht viel ſchreiben können: was er alſo mittheilen konnte, hatte erſt in des Irländers Gehirne die Feuerprobe zu beſtehen, und erfreute ſich demnach keiner ſonderlichen Klarheit, wiewohl es Mike gelang, ſeinen Zuhörern etwa Folgendes verſtändlich zu machen. Der Major genoß in der Hauptſache einer guten Behandlung, nur hatte man ſchon einige Andeutungen fallen laſſen, daß man ihn als Spion behandeln würde. Flucht ſchien beinahe unmöglich, doch wollte er die Hoffnung dazu nicht ſo leicht aufgeben. Nach Allem, was er geſehen hatte, zeigte das feindliche Korps einen ſo unzu⸗ verläſſigen Charakter, daß eine Kapitulation ausnehmend gewagt erſchien, weßhalb er ſeinem Vater den Rath gab, bis zum letzten Augenblicke auszuhalten. In militäriſcher Beziehung ſchilderte er ſeine Feinde als ganz verächtlich; viele von den Männern, beſonders die Wilden, ſchienen zwar ſehr wild und trotzig, aber ihnen fehlte das Wichtigſte— ein Anführer. Geſprochen wurde im Ganzen ſehr 28* 436 wenig und nur behutſam; der Major hatte nur wenig Engliſch gehört⸗ war aber überzeugt, daß ſich weit mehr Weiße darunter befanden, als er im Anfange geglaubt. Mr. Woods hatte er nicht geſehen, wußte auch nichts von ſeiner Arretirung oder Gefangenhaltung. So viel war Mike im Stande, dem Kapitän begreiflich zu machen; der größte Theil des Auftrags war aber bei der eigen⸗ thümlichen Verwirrung, welche in dem Geiſte des Boten vorwaltete, verloren gegangen. Mike hatte dagegen noch eine weitere Mit⸗ theilung zu machen, welche wir übrigens für die Ohren derjenigen Perſon aufſparen, für welche ſie insbeſondere beſtimmt war. Dieſe Neuigkeiten veranlaßten Kapitän Willoughby, mit ſeinem Entſchluß noch länger an ſich zu halten. Ein Reſt ſeines Jugend⸗ feuers wurde in ihm rege, und er berathſchlagte mit ſich ſelbſt, ob es wohl möglich wäre, einen Ausfall zu machen, und, als vor⸗ läufigen Schritt zum Sieg, oder wenigſtens zu einem erfolgreichen Rückzug— ſeinen Sohn zu befreien. Mit jedem Fußbreit ſeines, zu ſo kühnen Schritten ganz beſonders geeigneten, Grundes und Bodens war er auf's Genaueſte bekannt, und der Plan fand mit jeder folgenden Minute mehr Gnade vor ſeinen Augen, bis er endlich zum feſten Entſchluſſe reifte. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Und neue Lieb' Begann ſich in das leere Garn zu winden. Doch ach! der goldne Faden blieb, Der meiner Schweſter Herz ſollt' an das meine binden. . Willis. Wahrend Kapitän Willoughby und Joyce ihre ferneren Pläne bei ſich überlegten, machte ſich Mike an die Ausführung eines ganz beſonders kitzlichen Auftrags, welchen Robert Willoughby ihm anvertraut hatte.. nz m 437 Die Nachricht ſeiner Rückkehr verbreitete ſich im Blockhauſe mit reißender Schnelligkeit, und der ehrliche Burſche hatte von den Pliny's und Smaſh's manch' herzlichen Gruß und Händedruck aus⸗ zuſtehen, ehe er endlich wieder hinlängliche Freiheit fand, um ſeinen Auftrag in's Werk zu ſetzen. Die Köchin beſonders, ſobald ſie ver⸗ nahm, daß er noch nicht gefrühſtückt habe, beſtand darauf, daß er vor Allem, und ehe ſie in ſeine Entfernung willige, in einer Art Geſindeſtube ein herzhaftes Mahl zu ſich nehme. Der Leitrimer war von jeher mit Meſſer und Gabel raſch bei der Hand; auch dießmal leiſtete er keinen ſehr entſchloſſenen Widerſtand, und in wenigen Minuten ſah man ihn damit beſchäftigt, einem kalten Schinken, ſowie dem übrigen Zugehör eines kernhaften amerika⸗ niſchen Frühſtücks, gebührende Ehre zu erweiſen. Die Schwarzen waren mit Einſchluß der Smaſßh's durch das Erſcheinen des feindlichen Korps ernſtlich erſchreckt worden. Zwi⸗ ſchen ihnen und dem ganzen Geſchlechte der Rothhäute beſtand eine Art angeborenen Widerwillens, der ſich von ihrer Farbe, ihrem Haarwuchs, ihren Sitten herſchrieb, und durch die Furcht vor den Skalpirmeſſern keineswegs vermindert wurde. „Wie du nur ohne dein Wollkopf ausſehn, alter Plin?“ hatte die dicke Smaſh in vorwurfsvollem Tone, kaum fünf Minuten ehe Mike in der Küche erſchien, als Antwort auf eine Entſchuldigung ihres Gatten bemerkt, welcher nämlich behauptete, die Abſichten der Wilden ſeien weniger feindſelig, als er anfänglich geglaubt habe—„wie du behaupt, ſie nit tödten und ſtehlen und mord⸗ brennen, wenn du doch wiſſen, daß es Inſchjön ſein! Natur bleib Natur— dat hören ich Domine Woods dreimal an einem Sonntag ſagen. Was Domine oft ſagen, er auch meinen, und man alſo nit brauch ſagen, ſie wollen uns nit Leid anhaben.“ Great Smaſh war das Orakel ihres Stammes— da galt kein Widerſpruch gegen ihre Lehren, und Plinius der Aeltere mußte auf dieſe Art den Kürzeren ziehen. Mike aber war, wie man wußte, 438 in der Nähe, wenn nicht gar in dem feindlichen Lager ſelber ge⸗ weſen, und war noch überdieß ein Liebling der Schwarzen— die Gegenwart eines ſolchen Mannes mochte alſo ſehr leicht den Streit von Neuem anfachen. In der That verſammelten ſich ſämmtliche Neger in der Halle, ſobald der Irländer ſich zu Tiſche geſetzt hatte, Einige voll Eifer zu ſprechen, die Anderen voll Begierde zuzuhören. „Wie nah Ihr geweſen den Wild, Michael?“ fragte die dicke Smaſh, und ihre beiden großen, kohlſchwarzen Augen ſchienen ſich in demſelben Verhältniſſe zu erweitern, als ihr Intereſſe an der Antwort zunahm. „Ich kam ihnen ſo nahe, als es anging, Smaſh, und das war näher, als wohl Euer Mann und ſeines Gleichen zu ſpazieren wünſchten. Ungefähr ſo weit wie von meinem Teller hier bis dort zu jener Thüre— mag ſein, vielleicht auch nicht ganz ſo weit.'s iſt ein ſchmutziges Pack, und ich wünſche ihnen nicht näher zu kommen.“ „Wie ſie ausſehen im Dunkeln?“ fragte Little Smaſh— „eben ſo ſchrecklich wie bei Tag?.. „O, ich bin keineswegs ſtill geſtanden, um ſie zu bewundern. Nick und ich hatten unſer Geſchäft vor Augen, und wenn man Eile hat, ſo iſt's doch unvernünftig, zu glauben, man könne noch lange den Kopf umwenden, blos um Geſichter zu ſehen.“ „Was mach ſie mit Miſſer Woods? Was brauchen Wild den Domine?“ „Freilich, mein Schatz, die Frage iſt ſehr natürlich. Ein Prieſter — und wäre er ſelbſt nur ein Ketzer, kann bei einer ſolchen Verſammlung keinen ſonderlichen Beruf zum Predigen empfinden. Und ich glaube doch nicht, daß die Schurken verſtockt genug ſind, um einen Geiſtlichen zu ſkalpiren.“ Nun folgte eine Flut von unzuſammenhängenden Fragen, die von ſämmtlichen Schwarzen zumal an Mike geſtellt und mit aller⸗ hand höchſt bedeutſamen Blicken begleitet wurden, welche die Be⸗ ſorgniß der ernſtlichſten Unglücksfälle ausſprachen; dazwiſchen hörte 439 man wieder ſchallendes Gelächter, wodurch die frohe Laune der Fragenden ſich Luft zu machen ſuchte, ſo daß der Miſchmaſch von Anregungen eben ſo poſſirlich, als ſonderbar erſchien. Mike fand bald, daß das Antworten hier eine zu ſchwere Aufgabe war, um ernſtlich verſucht zu werden, und gelangte daher zu dem philoſophi⸗ ſchen Entſchluſſe, ſeine Anſtrengung einzig auf's Kauen zu beſchränken. Trotz des Schreckens, der in der That unter den Schwarzen vorherrſchte, war übrigens doch der Entſchluß bei ihnen zu gewahren, lieber mit den Waffen in der Hand zu ſterben, als ſich der Gnade der Wilden zu unterwerfen. Der Haß trat hier gewiſſermaßen an die Stelle des Muthes; doch war auch nicht zu läugnen, daß beide Geſchlechter etwas von jener Entſchloſſenheit angenommen hatten, welche, einzig und allein das Reſultat der Gewohnheit, bei dem Leben an der Gränze, deren Bewohner immer mehr oder weniger, und jedes⸗ mal in der für den einzelnen Fall paſſenden Weiſe durchdringt. Dieſes Gefühl beſchränkte ſich übrigens keineswegs auf die Männer allein — o nein; die beiden Smaſh's insbeſondere waren zwei Frauensper⸗ ſonen, welche unter Umſtänden, die ihre Empfindlichkeit aufgeſtachelt hätten, die heroiſchſten Thaten zu vollführen fähig geweſen wären. »Nun, ihr Smaſhes,“ begann Mike auf's Neue, ſobald er ſei⸗ ner Berechnung nach nur noch drei Minuten bis zur Beendigung ſeines Frühſtücks vor ſich hatte,„ihr werdet nun thun, was ich euch ſage, und keine weiteren Fragen mehr ſtellen. Sucht die Laddies, die Miſſes, Miß Beuly und Miß Mand auf, und richtet ihnen allen meinen unterthänigen Reſpekt aus— der Teufel ſoll euch aber holen, wenn ihr eins von den dreien dabei vergeßt— nein, nein, ihr müßt euren Auftrag hübſch ordentlich und gerade ſo ausrichten, als ob ihr ſelber ein Laddy wäret— ihr verſichert ihnen alſo pflichtſchuldigſt meinen Reſpekt, aber wohl gemerkt, allen Dreien, das ſag' ich euch, und meldet, daß Michael O'Hearn um die Ehre bitte, den Damen einen guten Morgen wünſchen zu dürfen.“ Little Smaſh kreiſchte laut auf bei dieſer Botſchaft, entfernte ſich 440 aber dennoch, um ſich derſelben zu entledigen, was übrigens nicht ohne die greulichſte Uebertreibung von Michaels galanter Manier geſchah. „O'Hearn hat uns etwas von Robert zu ſagen,“ meinte Mrs. Willoughby, welche des Irländers Heldenthaten und Rückkehr bereits erfahren hatte;„er muß, ſo bald er es wünſcht, vorgelaſſen werden.“ Mit dieſer Antwort war Little Smaſhs Sendung beendigt. „Und nun, meine Damen und Herren,“ ſprach Mike voll Gra⸗ vität, indem er ſich erhob, um die Geſindeſtube zu verlaſſen, „empfanget meinen Segen und meine beſten Wünſche. Ein herz⸗ haftes Mahl wurde mir von euren Händen und eurer Kochkunſt verabreicht, was meinen beſten Dank verdient. Was die Inſchjöns betrifft, ſo könnt ihr euch vollkommen beruhigen, denn für heute wird noch keines von euch ſkalpirt, da die Wilden dieſen Morgen noch vor der Mühle kampiren und, wie ich von Nick ſelber weiß, einen großen Kriegsrath halten. Mög' es euch alſo unterdeſſen wohl ergehen, und Jedes den Kopf auͤf der Schulter und die Wolle auf dem Haupte behalten!“ Mike's Grinſen beim Abgange bewies, daß er von der mun⸗ terſten Laune beſeelt war, wie dieß bei einer ſo ſinnlichen Orga⸗ niſation und ſeinem gerade in dieſem Augenblicke kaum gefüllten Magen ſehr natürlich ſchien. Ein gellendes Geſchrei war die Erwiederung auf ſeinen Ausfall— beide Theile ſchieden in der beſten Stimmung und in vollkommener Eintracht. In dieſer Gemüthsverfaſſung fand der Leitrimer den von ihm gewünſchten Eintritt bei den Damen. Einige erläuternde Worte bildeten eine genügende Einleitung, um Mike augenblicklich in Gang, und auf den Hauptgegenſtand des Geſprächs zu bringen. „Der Major iſt keineswegs niedergeſchlagen,“ ſagte er,„ſondern befahl mir, ſeiner verehrten Mutter und ſeinen Schweſtern den pflichtſchuldigſten, verbindlichſten Reſpekt zu vermelden.„Erzähle ihnen, Mike“, ſagte er, nämlich der Major, daß ich ganz eben ſo für ſie fühle, wie wenn ich ihr Vater wäre; und ermahne ſie“, —OOY—ꝛ —— 441 ſagte er, ‚daß ſie ihren Muth aufrecht erhalten, dann wird am Ende noch Alles recht werden. Wir leben in einer unruhigen Welt: wer aber gegen Gott und Menſchen, und gegen die Kirche ſeine Pflicht erfüllt, wird auf der langen Lebensbahn den rechten Pfad, ſogar durch's Fegfeuer, bis in's Paradies nicht verfehlen.“ „Aber, Michael, mein Sohn, mein theurer Robert, hat uns doch gewiß keine ſolche Botſchaft geſendet?“ „Wort für Wort und noch weit mehr, was unterdeſſen mei⸗ nem Gedächtniß wieder entfallen iſt,“ gab der Irländer zur Antwort; das Bisherige war allerdings rein ſeine eigene Erfin⸗ dung, aber er glaubte wenigſtens einen ſehr frommen Betrug zu begehen.„Es würde den Miſſes im innerſten Herzen wohlgethan ha⸗ ben, wenn ſie dem Major hätten zuhören können, der mehr nach Art eines Prieſters, als in der Manier des Soldaten ſprach.“ Die drei Damen blickten ſich etwas beſchämt an; in Mauds Zügen ſah man ſogar einen leichten Anflug von Lächeln ſpielen, zum Beweiſe, daß ſie auf dem beſten Wege war, des Irländers Bericht nach ſeinem wahren Werthe zu ſchätzen. Mrs. Willoughby und Beulah, welche mit Mike's Gewohnheiten weniger vertraut waren, brauchten ſchon längere Zeit, um ſeine Manier, den Ideen Anderer ſeine eigenen flüchtigen Gedanken unterzuſchieben — zu durchſchauen. „Da ich beſſer mit Mike's Sprache bekannt bin, theure Mut⸗ ter,“ flüſterte Maud,„ſo wäre es vielleicht gut, wenn ich ihn in das Bibliothekzimmer nähme, und unter vier Augen ſo ein bis⸗ chen über das ſeither Vorgefallene befragte. Die Wahrheit werde ich herauskriegen, darauf darfſt du dich verlaſſen.“ „Thue das, mein Kind, denn es ſchmerzt mich in der That, Roberts Worte ſo entſtellt zu ſehen; der kleine Evert fängt auch ſchon an, ſich ſeine eigenen Gedanken zu machen, und da möchte ich wirklich nicht, daß dem lieben kleinen Jungen ſein Oheim in ſolchem Lichte erſchiene!“ 85 442 Mand verzog keine Miene bei dieſem Beweiſe von großmüt⸗ terlicher Schwäche, obwohl ſie dieſelbe in ihrer ganzen Abge⸗ ſchmacktheit erkannte. Bei der trefflichen Matrone trat nämlich das Herz immer dermaßen in den Vordergrund, daß Alle die, welche ſie liebte, nicht leicht etwas Anderes, als ihre Vorzüge, im Auge haben konnten, und am wenigſten unter Allen wagte ihre Tochter auch nur einen Augenblick einem Gedanken nachzuhängen, der ſich auf ihre Koſten luſtig gemacht hätte. Die erhaltene Erlaub⸗ niß benützend, gab Maud dem Irländer ein Zeichen, ihr zu folgen, und entfernte ſich dann nach dem von ihr bezeichneten Zimmer. Nicht ein Wort wurde zwiſchen beiden Theilen gewechſelt, bis ſie die Bibliothek erreicht hatten: dann ſchloß Maud ſorg⸗ fältig die Thüre, und richtete mit marmorblaſſem Geſichte ihre forſchenden Blicke auf ihren Gefährten. Der Leſer wird ſich erinnern, daß außer Mr. Woods und dem Sergeanten Joyce keine Seele im Blockhaus oder unter der Wil⸗ loughby'ſchen Bekanntſchaft von dem wirklichen Verhältniß unſerer Heldin zu dem Kapitän und ſeiner Familie etwas wußte. Zwar hatten einige von den älteſten Schwarzen früher einmaleine undeutliche Vorſtellung von der Sache gehabt: aber ihr Gedächtniß hatte ſich durch die Zeit verdunkelt, und die Gewohnheit war, wie bei dem ganzen leichtherzigen Stamm, ſo auch bei ihnen zur zweiten Natur geworden. „Das war mächtig ſinnreich von Euch, Miß Maud!“ begann Mike mit ſeinem ausdrucksvollen Grinſen und Kopfnicken.„Es beweist, wie Freunde keiner anderen Sprache als der ihrer Her⸗ zen bedürfen. Mißverſtändniſſe und Zwiſchenfälle abgerechnet, bin ich gewiß, daß Michael O'Hearn ſich Miß Maud Willoughby jederzeit auch ohne Worte verſtändlich machen kann.“ 3 „Da wäre alſo dein Erfolg weit größer, wenn du dich ſtumm ſtellteſt, als wenn du deiner Zunge den Lauf läſeeſt, Mike,“ gab die junge Dame zur Antwort; die zufällige Erwähnung des Namens „Willoughby entfernte alle Beſorgniſſe vor einer Mittheilung, welche ᷣ 8— 443 ſie hätte in Verlegenheit ſetzen können, ſo daß das Blut allmälig wieder auf ihre Wangen zurückkehrte;„was haſt du mir zu er⸗ zählen, das ich, wie du meinſt, geahnt haben ſollte?“ „Ach, Euresgleichen brauche ich gar nicht zu ſagen, daß der Major mir auftrug, mit Euch allein zu ſprechen, Miß Maud, und Euch ein Wörtchen zu ſagen, das ſonſt von Niemand ver⸗ nommen werden darf.“ 53„Das iſt ſonderbar— außerordentlich ſogar— du mußt mir aber noch mehr mittheilen, ſo ungewöhnlich du auch in jedem Betracht als Bote erſcheinſt.“ „Ich dachte mir wohl, daß Ihr das ſagen würdet, ſobald Ihr mich erſt recht kennen lerntet. Bin nicht ich der Bote? und wo gibt's wohl einen Andern, der Neuigkeiten mitbringen kann, ohne nebenher etwas davon zu verlieren? Nick— das iſt ein ganzer Kerl, das muß ich ſelber ſagen; aber der Major kannte ihn doch mil⸗ lionenmal zu gut, als daß er einem Inſchjön einen ſolchen Auftrag anvertraut hätte. Was Joel und ſein landſtreicheriſches Geſindel betrifft— die wollen wir erſt tüchtig in der Mühle mahlen, ehe wir die Rechnung mit ihnen abſchließen. Sie ſollen nur ja keine Gnade erwarten, wenn ſie nicht bitter getäuſcht ſein wollen!“ Maud erſchrak bei dem Gedanken, daß eines jener heiligen Gefühle, welche ſie an Robert Willoughby feſſelten— Gefühle, die von ihr ſo lange im innerſten Herzen genährt worden waren, durch die rauhe Berührung einer ſo ungeſchickten Hand verletzt werden könnte. Die letzte Unterredung mit dem jungen Krieger hatte ihr übrigens ſo Vieles enthüllt, und doch dabei ſo Man⸗ ches unerörtert gelaſſen, daß ſie Mike beinahe auf den Knieen um eine deutliche Erklärung hätte anflehen mögen. Ihre weib⸗ liche Zurückhaltung lehrte ſie aber, die Würde ihres Geſchlechts zu wahren, und den außeren Schein aufrecht zu erhalten. „Wenn Major Willoughby dir aufgetragen hat, mir insgeheim 444 eine Mittheilung zu machen,“ erwiederte ſie mit ſcheinbarer Faſ⸗ ſung,„ſo bin ich bereit, dich anzuhören.“ 3 „Ja, potz Blitz, er hat mir eigentlich gar keine Worte aufge⸗ tragen, Miß Maud, denn Alles wurde flüſternd zwiſchen uns ver⸗ handelt, doch will ich's Euch jetzt gleich wiederholen. Und da iſt mein Stäbchen, das Nick mir als Erinnerungsmittel anbefohlen hat — es leiſtet mir beſſere Dienſte als ein Buch, da ich doch keine Sylbe zu leſen verſtehe. ‚Und nun, Miker, ſagt der Major, ſagt er, ‚ſieh zu, daß du die hübſche Miß Mand allein ſprichſt—“ „Die hübſche Miß Maud!“ fiel ihm die junge Dame un⸗ willkürlich in's Wort. „O, ol das ſag' ich nämlich ſelber, und habe gewiß Grund genug dazu: alſo, ſo viel iſt abgemacht, das Alles wäre in Ord⸗ nung— ‚daß du die hübſche Miß Maud allein ſprichſt, und keine ſterbliche Seele Etwas davon wiſſen läßſt.“ Das waren des Majors Worte.“ „Sehr ſonderbar in der That!— Vielleicht wird's beſſer ſein, wenn du mir nichts, als was der Major ſelbſt ſprach, erzählſt. Eine Botſchaft der Art ſollte immer ſo viel wie möglich mit den eigenen Worten des Abſchickenden ausgerichtet werden.“ „Wor— r— tel— Ei, ich habe Euch eigentlich gar keine Wor— r— te zu hinterbringen.“ „Wenn dein Auftrag nicht in Worten beſteht, in was ſoll er denn ſonſt beſtehen? Doch nicht in Stäben— nicht wahr?“ „Darin!« rief Mike triumphirend;„und ich will wetten, wenn die Wahrheit an den Tag kommt= dieſes kleine Silberſtück⸗ chen wird ſo koſtbar als vierzig indianiſche Skalpe erfunden werden.“ Mit dieſen Worten händigte Mike ſeiner Dame ein kleines ſilbernes Döschen ein, welches dieſe ſogleich als Robert Willough⸗ by's Eigenthum erkannte; doch war hiebei nicht zu verkennen, daß der Irländer von der wahren Bedeutung deſſen, was er that, auch nicht die leiſeſte Ahnung hatte. —e — 445 Die kleine Doſe war ſehr hübſch gearbeitet, und Bobs Mutter, wie Beulah, hatten den Major ſchon oft darüber ausgelacht, daß er ſich, wenn auch kein Schnupfer, wie alle ſeine Freunde wußten — gleichwohl eines Gegenſtandes bediente, der damals für einen Mann vom feinſten Ton als unerläßlich betrachtet wurde. So weit war er entfernt, dieſes Reizmittel bei ſich anzuwenden, daß er ſo⸗ gar die Art, wie die mit einer geheimen Feder verſehene Doſe ſich öffnete, niemals zeigen wollte, und— ſo groß ſchien ſeine Scheu vor dieſer Eröffnung zu ſein— ſelbſt ſeine Schweſtern nur höchſt ungern dieſe verborgene Vorrichtung aufſpüren laſſen wollte. Kaum hatte Maud das Döschen erblickt, als ſie ihr Herz voll Ungeſtüm pochen fühlte. Eine geheime Ahnung ſagte ihr, daß ihr Schickſal ſeiner Löſung nahe ſtand. Sie beſaß übrigens noch ſo viel Selbſtbeherrſchung, daß ſie einen abermaligen Verſuch wagte, Alles zu erfahren, was ihr Gefährte ihr mitzutheilen hatte. »Major Willoughby gab dir dieß Döschen?“ fragte ſie, und ihre Stimme zitterte, trotz aller Anſtrengung, ihre Bewegung zu verbergen.„Hat er dir dabei irgend eine Botſchaft aufgetragen? Beſinne dich wohl— die Worte könnten von großer Wichtigkeit ſein.“ „Worr-te, meint Ihr? Wie geſagt, davon war zwiſchen uns wenig die Rede, denn die Inſchjöns ſtanden ſo nahe, daß wir nicht anders als flüſtern konnten.“ „Es muß aber doch noch irgend ein Auftrag damit in Ver⸗ bindung ſtehen.“ „Miß Maud, Ihr ſeid ſo klug wie die Schlangen, wie Pater O'Loony uns jeden Sonntag zu ſagen pflegte! Nichts von Wortem. „Gib Miß Maud das Döschen, ſagt der Major, ſagt er, ‚und melde ihr, ſie ſei jetzt Herrin meines Geheimniſſes“.“ „Sagte er das wirklich, Michgel?— Um des Himmels willen, biſt du auch ganz gewiß, daß du die Wahrheit ſprichſt?“ „Iriſcher Mike, Maſſer verlangt Euch ungeheuer dringend,“ 446 ſchrie der Jüngſte der drei Schwarzen, ſein glänzendes Geſicht zur Thüre hereinſtreckend, und verſchwand im nächſten Augenblicke wieder, ſobald er die Urſache ſeiner Störung vermeldet hatte. „Verlaß mich nicht, O'Hearn,“ bat Maud faſt athemlos,„ver⸗ laß mich nicht ohne die Verſicherung, daß hier kein Mißverſtänd⸗ niß obwaltet.“ „Hol' mich der Teufel, wenn ich Euch die Doſe, oder die Botſchaft, oder ſonſt Etwas überbracht haben würde, wenn ich gedacht hätte, daß es meine herzige Miß Maud in ſolche Unruhe verſetzen könnte.“. „Michael O'Hearn!“ rief der Sergeant vom Hofe herauf, mit dem höchſt gebieteriſchen Tone eines Vorgeſetzten, ſo daß an keine Weigerung zu denken war. Mike wagte nicht länger zu zögern; eine halbe Minute ſpäter ſtand Maud, mit Robert Willoughby's wohlbekannter Tabaksdoſe in der kleinen Hand, ganz allein mitten im Bibliothekzimmer. Portia's berühmte Juwelenkäſtchen hatten in ihrer Art wohl ſchwerlich größere Neugierde erregt, als des Majors ſilbernes Döschen in dieſem Falle in Mauds Seele erweckte. Sie erinnerte ſich, wie er einſtmals mitten unter jenen ſcherzhaften Ausreden, mit denen er ihr und Beulah das Geheimniß ihrer Maſchinerie vorzu⸗ enthalten ſuchte, in ernſtem, gefühlvollem Tone zu ihr geſagt hatte: „Wenn du den Inhalt dieſer Doſe erfährſt, theures Mädchen, dann wird dir das große Geheimniß meines Lebens klar werden.“ Jene Worte hatten damals— es war bei ſeinem letzten Be⸗ ſuche im vorigen Jahr— einen tiefen Eindruck auf ſie gemacht, waren aber bei dem Drange der ſpäteren Ereigniſſe und über mächtigeren Gefühlen, die ſie bewegten, wieder in Vergeſſenheit ge⸗ rathen. Mike's Botſchaft, noch mehr die Doſe, welche er über⸗ brachte, riefen ihr die Worte wieder in's Gedächtniß zurück; Maund glaubte jetzt, der Major halte ſeine Lage einigermaßen für gefährlich, und habe ihr deßhalb dieſes Spielzeug überſchickt, damit ſie ſein Geheimniß endlich kennen lerne. Vielleicht wollte er auch, daß ſie es den Andern mittheile. Perſonen in der Lage unſerer Heldin werden mehr dem Ge⸗ fühle, als ihrem Nachdenken folgen; vielleicht daß Mand, wenn ſie anders Muße gehabt oder ſich in einer Stimmung befunden hätte, um alle einzelnen Umſtände mit logiſcher Schärfe prüfen zu können— auf einen anderen Schluß gerathen wäre. Jetzt, da ſie ſich im Beſitze dieſes lang erſehnten Döschens befand— und geſehnt hatte ſie ſich danach, blos um einen Blick auf deſſen Inhalt werfen zu können— jetzt war ſie nicht nur un⸗ bekannt mit dem Geheimniſſe, wie es geöffnet wurde, ſondern hegte ſogar Zweifel darüber, ob ſie die Mittel zu deſſen Eröffnung, ſelbſt wenn ſie ſie beſäße, auch anwenden dürfe. Ihr erſter Gedanke war, Beulah das Spielzeug zu bringen, und ſie zu fragen, ob ſie der Springfeder beizukommen wiſſe— doch die Erinnerung, wie ſehr ein ſolcher Schritt ihr Geheimniß bloßſtellen könnte, brachte ſie alsbald von dieſem Entſchluſſe zurück. Je mehr ſie nachſann, deſto feſter fühlte ſie ſich überzeugt, daß Robert Willoughby die Doſe nicht gerade an ſie abgeſchickt haben würde, wenn ſie nicht auf ganz beſondere Weiſe mit ihrem Verhältniß in Verbindung ſtünde. Seit jener Unterredung in ihrem Malerſtübchen war die Wahrheit in Betreff ſeiner Gefühle in ihrer Seele einigermaßen aufgedämmert. Dieſes Dämmerlicht hatte auch dazu beigetragen, ſie den Zuſtand ihres eigenen Herzens genauer kennen zu lehren, und alle ihre Gefühle empörten ſich jetzt gegen den Gedanken, bei einer Erklärung, die ſich auf dieſen Gegenſtand beziehen könnte, einen Zeugen dulden zu müſſen. Auf alle Fälle, ſo be⸗ ſchloß ſie jetzt nach längerem Nachſinnen, ſollte keine lebende Seele von der Botſchaft oder von Roberts Geſchenk eine Sylbe erfahren. In dieſer Gemüthsſtimmung, ſchwebend zwiſchen Angſt und ſüßen Zweifeln, zwiſchen Beſorgniſſen, Scham und Hoffnung, dabei aber von dem tröſtenden Bewußtſein erfüllt, daß ſie in völliger 448 Unſchuld und aus Beweggründen handle, deren die Engel ſich nicht hätten ſchämen dürfen— ſtand Mand noch auf demſelben Fleckchen, wo Mike ſie verlaſſen hatte; neugierig drehte ſie die kleine Doſe zwiſchen den Fingern, bis ſie zufällig die Feder berührte und der Deckel auf⸗ ſprang. Einen Blick auf den Inhalt zu werfen, war natürlich und ge⸗ ſchah ſo unwillkürlich, daß ſie ſich unmöglich zuvor beſinnen konnte. Nichts als ein Stückchen weißes Papier war ſichtbar; daſſelbe war niedlich zuſammengefaltet und ſo in die Doſe gedrückt, daß es gerade den inneren Raum ausfüllte.„Bob hat geſchrieben,“ dachte Maud;„doch wie war ihm das möglich?— es war ja finſter, und er hatte weder Feder noch Papier.“ Ein zweiter Blick machte dieſe Vermuthung noch unwahrſchein⸗ licher, denn das Papier hatte einen Goldrand, und war von jener Gattung, wie es zu Billeten gebraucht wird, und in der Mühle oder in ſeiner eigenen Taſche ſich wohl ſehr ſchwerlich vorgefunden haben mochte.„Es muß aber doch ein Briefchen ſein,“ ſo fuhr's ihr durch den Sinn,„und natürlich war es dann geſchrieben, ehe er das Blockhaus verließ, ſehr wahrſcheinlich, ehe er überhaupt da⸗ ſelbſt anlangte, vielleicht ſogar das Jahr zuvor, als er davon ſprach, daß dieſe Doſe das große Geheimniß ſeines Lebens enthalte. Wie ſehnte ſie ſich jetzt wieder nach Mike, ſo unverſtändlich, täppiſch und unzuſammenhängend auch ſeine Mittheilungen geweſen waren; wie gerne hätte ſie ihn noch genauer um die eigentlichen Worte ſeines Auftrags befragt!„Vielleicht,“ dachte ſie,„wünſchte Bob über⸗ haupt nicht, daß ich die Doſe öffne, und wollte blos, ich ſollte ſie aufbewahren, bis er ſie bei ſeiner Rückkehr wieder einfordere. Sie enthält ein großes Geheimniß, und daraus, daß er dieſes Geheim⸗ niß den Indianern vorzuenthalten wünſcht, folgt darum noch nicht, daß er es mir zu enthüllen beabſichtigt. Ich will die Doſe wie⸗ der ſchließen, und ſein Geheimniß wie ein eigenes bewahren.“ Geſagt, gethan. Mit einem Orucke ſchloß ſich der Deckel, und Mand hörte mit Schrecken das Einſchnappen der Feder. Kanm n 449 war der Schritt geſchehen, als ſie ihn auch wieder bereute.„Bob hat die Doſe ganz gewiß nicht ohne beſondere Abſicht geſchickt,“ begann ſie bei ſich zu überlegen;„hätte er nicht gewünſcht, daß ich ſie öffne, ſo würde er es O'Hearn ſchon geſagt haben. Wie leicht wäre es ihm geweſen, zu ſagen— wie leicht hätte auch Mike wiederholt: ‚Sag' ihr, ſie ſolle die Doſe behalten, bis ich darnach frage; ſie enthält ein Geheimniß, und ich wünſche nicht, daß meine Feinde es inne werden“.— Nein, er hat die Doſe zu dem Zwecke geſchickt, daß ich deren Inhalt unterſuchen ſoll. Sein Leben ſogar kann von der Erfüllung dieſes Wunſches— ja, von der augenblicklichen Erfüllung deſſelben abhängen!“ Dieſer letztere Gedanke war nicht ſo bald in der Seele unſerer Heldin aufgeſtiegen, als ſie auch augenblicklich emſig nach der ver⸗ vorgenen Feder zu ſuchen anfing. Vielleicht daß auch Neugierde bei dem Eifer, mit dem ſie nunmehr das Geheimniß zu ergrün⸗ den ſtrebte, im Spiele war, oder daß ein zarteres, natürlicheres Gefühl hinter all' Dem verborgen lag. Jedenfalls waren ihre hübſchen, kleinen Finger noch nie flinker in Bewegung geweſen, und kein Theil an dem Aeußern der Doſe entging ihrem Druck. Aber die geheime Feder ſpottete aller ihrer Verſuche. Die Doſe hatte auf jeder Seite der Oeffnung zwei bis drei reich ver⸗ zierte Streifen in erhabener Arbeit, und Maud war überzeugt, daß die kleine Erhöhung, welche ſie ſuchte, unter ihnen verſteckt liegen müſſe. Dieß auszufinden, begann ſie ihre Verſuche ganz methodiſch und regelmäßig, entſchloſſen, auch nicht eine einzige Erhabenheit un⸗ geprüft zu laſſen.— Der Zufall begünſtigte ſie, wie zuvor, ſo auch dießmal: in einem Augenblicke, da ſie es am wenigſten erwartete, flog der Deckel auf, und das Papier lag abermals vor ihren Augen. Maud war wegen Wiedereröffnung der Doſe zu ſehr in Angſt geweſen, um jetzt noch einen Augenblick mit der Unterſuchung ihres Inhaltes zu zögern. Sie nahm das Papier heraus, und begann es langſam aus einander zu falten— ein leiſes Zittern überlief ihre Wyandotts. 29 ——-- ——— 450 ganze Geſtalt, während ſie dieß that. Einen Augenblick hielt ſie inne, um den zarten, köſtlichen Wohlgeruch einzuathmen, der das Innere erſt recht zu weihen ſchien: dann machten ſich ihre Finger wieder an die Arbeit. Mit jedem Moment erwarteten ihre Augen, Robert Willough⸗ by's wohlbekannten Schriftzügen zu begegnen. Das Papier war endlich entfaltet— aber unbeſchrieben: Maud ſtand überraſcht und einen kurzen Augenblick höchſt peinlich ergriffen— eine Haarlocke war Alles, was die Doſe neben dem Einſchlagpapiere enthielt. Ihr Blick wurde ängſtlich, ihr Antlitz todtenblaß; als ſie aber das Haar gegen's Licht hielt, die langen Ringeln ſich lösten, und ſie eine jener ſchönen Locken erkannte, welche eben in dieſem Au⸗ genblick ihr eigenes liebliches Antlitz in reicher Fülle umwallten— da ſtrahlten ihre Blicke von Neuem, und eine Röthe, jener Fär⸗ bung vergleichbar, womit die Morgendämmerung ihr Herannahen am nächtlichen Himmel verkündet, leuchtete auf ihren Wangen. Ihr eigenes Haar mit dem Kamme zu entwirren, um Bob Willoughby's Geheimniß zur Vergleichung der glänzenden Schat⸗ tirung daneben zu halten— war das Werk eines einzigen Augen⸗ blicks— er genügte aber auch vollkommen, um ſie von der gan⸗ zen Wahrheit zu überzeugen. Das Andenken an ſie alſo war es, was Robert Willoughby ſo hoch hielt, ſo lange mit Sorgfalt be⸗ wahrt hatte, und was er das Geheimniß ſeines Lebens nannte! Maud konnte dieß Alles unmöglich mißverſtehen. Robert Wil⸗ loughby liebte ſie, und hatte dieſe Art gewählt, ihr ſeine Leidenſchaft zu verrathen. Noch den Tag zuvor war er auf dem Punkte geſtan⸗ den, dieß mit Worten zu thun, und jetzt benützte er das einzige Mittel, das ſich ihm darbot, um jene Andeutung zu vervollſtändigen. Mand fühlte ihr Herz von den zärtlichſten Gefühlen überſtrömen, während ſie dieß Alles im Geiſte erwog, und von dieſem Augenblicke hörte ſie auf, ſich der Erinnerung ihrer eigenen Liebe zu ſchämen. Sie ihrem Vater, der Mutter oder Beulah einzugeſtehen— davor ———— — 451 mochte ſie ſich wohl noch ein wenig ſcheuen: ſich ſelbſt aber, der Welt und dem Gegenſtande ihrer Neigung— ja, das konnte ſie, dazu ſtand ſie nunmehr in ihren eigenen Augen völlig ermächtigt da. Die halbe Stunde, welche jetzt folgte, war die köſtlichſte ihres Lebens. Alle gegenwärtigen Gefahren verlor ſie für den Augen⸗ blick aus dem Geſicht; nur die Zukunft leuchtete vor ihren Blicken. Ihre Phantaſte malte ihr Scenen des Glücks, worin ihr häus⸗ liches Leben, Bob als geliebter, angebeteter Gemahl, Vater und Mutter glückſelig in der Wonne ihrer Kinder— die Hauptgeſtalt bildeten, während Beulah und der kleine Evert den Hintergrund des Gemäldes mit den ſanfteſten Farben ausfüllten. Doch dieß waren Illuſionen, welche nicht ewig dauern konnten: das Schreckgeſpenſt ihrer wirklichen Lage kehrte mit um ſo größerer Eindringlichkeit zurück. Sie durfte Bob jetzt wenigſtens lieben, ohne eine der zartfühlenden Anſichten ihres Geſchlechts zu verwunden, und mit dem tiefſten, heißeſten, leidenſchaftlichſten Danke lohnte ſie ihm für die Art und Weiſe, wie er in einem Augenblicke, wo er ſo viel Grund hatte, nur an ſich ſelbſt zu denken, gleichwohl darauf bedacht geweſen war, ihr den wahren Zuſtand ſeines Herzens zu enthüllen. Es war nunmehr Zeit, daß Maud zu Mutter und Schweſter zurückkehrte. Das Haar wurde wieder in das frühere Papier gehüllt, und das Döschen ſorgfältig verſteckt: ſo eilte ſie nach der Kindsſtube. Als ſie in's Zimmer trat, fand ſie, daß ihr Vater eben auch eingetreten war. Der Kapitän war ernſthaft, ja ſogar nachdenk⸗ licher wie gewöhnlich; ſeine Gattin, gewöhnt, ſeine Miene um ihres eigenen Glückes willen zu ſtudiren, bemerkte ſogleich, daß irgend Etwas ſchwer auf ſeiner Seele laſtete. »Iſt irgend etwas Ungewöhnliches vorgefallen, Hugh, was dich beunruhigt?“ fragte ſie. Der Kapitän rückte ſich einen Stuhl neben den ſeiner Gattin, ſetzte ſich nieder und ergriff ihre Hand, ehe er antwortete. Als ob er eine unangenehme Pflicht zu erfüllen hätte, ſpielte er eine 29 452 Weile mit dem kleinen Evert, welcher der Großmutter auf dem Schooße ſaß: dann erſt brach er das Stillſchweigen. „Du weißt, theuerſte Wilhelmina,“ begann der Kapitän end⸗ lich,„daß ich ſelbſt zu der Zeit, da ich noch aktiver Offizier war, und mein Leben ſo zu ſagen jeden Augenblick in der Hand hielt, dir niemals eine Gefahr verhehlte.“ „Und ich hoffe, wenn ich auch in ſolchen Augenblicken wie ein Weib fühlte, ſo haſt du mich dennoch jederzeit vernünftig und meiner Pflichten als Gattin eingedenk gefunden?“ „Ja, meine Liebe; das iſt der Grund, warum ich immer ſo offen bei dir zu Werke ging.“ „Wir verſtehen uns, Hugh. Jetzt ſage mir das Schlimmſte auf einmal.“ „Ich weiß nicht, Wilhelmina, ob du es gerade für das Schlimmſte anſehen wirſt, da es ſich dießmal um Bobs Befreiung handelt. Ich habe nämlich im Sinn, in eigener Perſon an der Spitze aller zurückgebliebenen Weißen auszuziehen, um ihn aus den Händen ſeiner Feinde zu befreien. Dadurch würdeſt du frei⸗ lich eine Zeitlang, vielleicht auf ſechs bis ſieben Stunden, allein im Blockhauſe zurückbleiben, und blos die drei Schwarzen nebſt dem weiblichen Perſonal als Schutz bei dir haben. Einen Sturm brauchſt du aber gar nicht zu fürchten, denn Alles verkündet eine ganz andere Abſicht auf Seiten unſerer Feinde— darüber dürft ihr euch nunmehr vollkommen beruhigen.“ Alle meine Beſorgniſſe und Gebete werden mit dir ziehen, mein Gemahl. Um nans ſelbſt kümmern wir uns nicht.“ „Das habe ich von dir erwartet, und eben um dieſe Beſorg⸗ niſſe zu vermindern, bin ich gekommen, dir meinen ganzen Plan mitzutheilen.“ Kapitän Willoughby ſchilderte nun mit ziemlicher Umſtändlichkeit den Inhalt von Mike's Bericht und ſeinen eigenen Plan, welchen wir bereits im Umriſſe mitgetheilt haben. Alles war in ſeinem 453 Geiſte gehörig zur Reife gediehen und verſprach den beſten Erfolg. Die Leute waren von dem Dienſte, zu welchem ſie verwendet werden ſollten, benachrichtigt, und hatten den beſten Geiſt be⸗ wieſen. Sie waren eben mit ihrer Ausrüſtung beſchäftigt: in einer halben Stunde ſollten ſie zum Abmarſche bereit ſein. Mrs. Willoughby vernahm dieß Alles ganz wie das ächte Weib eines Soldaten, das, bei aller Zärtlichkeit für den Gatten, an die Gefahren der Gränzkriege gewöhnt iſt! Beulahl drückte den kleinen Evert an's Herz,)und heftete das bleiche Antlitz auf den Vater, deſſen Rede ſie Sylbe für Sylbe zu verſchlingen ſchien. Maud fühlte ſich von Furcht und doch auch wieder von wildem Entzücken ergriffen. Bob befreit und ihrem Familienkreiſe wieder geſchenkt zu ſehen— das war für ſie des Glückes Vollendung; aber ſie zitterte auch vor neuem Unheil, und dieſe Furcht zu unterdrücken, das überſtieg ihre Kräfte. Der Kapitän war übrigens ſo klar in ſeinen Erläuterungen, ſo ruhig in ſeinem ganzen Weſen, und von ſo bewährtem Urtheil, daß ſeine Zuhörerinnen im Ganzen doch weit weniger Beſtürzung/ empfanden, als man eigentlich hätte erwarten dürfen. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Marſch!— Marſch!— Marſch! Mit Muſik zieh'n ſie voran, Hei! wie raſch geht's da hinan Auf der finſtern Todesbahn! Core. Die Zeit, welche Mand mit ihren Betrachtungen über die Doſe und deren Inhalt zugebracht, hatte der Kapitän auf die Vorkehrungen zu ſeiner Expedition verwendet. Joyce, der junge Blodget, Jamie und Mike, von ihrem Kommandanten in eigener —— 1 4 1 8 454 Perſon geführt, ſollten die ganze Streitmacht bilden, und wäh⸗ rend der letzten halben Stunde war Jeder mit Herbeiſchaffung von Waffen, Munition und Vorräthen beſchäftigt geweſen. Als daher Kapitän Willoughby von ſeiner Familie Abſchied genommen hatte, fand er ſchon Alles zum Aufbruche bereit. Die erſte Bedingung war die, ungeſehen das Blockhaus zu ver⸗ laſſen. Joel und ſeine Begleiter waren noch in der Ferne auf dem Felde beſchäftigt, vermieden aber alle ſorgfältig jene Seite der Herrenwohnung, welche ſie in deren Schußbereich gebracht haben würde: ſo blieb die ganze Partie hinter den Klippen un⸗ beobachtet, wenn nicht etwa Indianer nach jener Richtung hin im Walde lagen. Da aber Mike noch kaum zuvor auf jenem Wege hereingekommen war, ſo ſprach alle Wahrſcheinlichkeit dafür, daß das ganze Korps noch immer in der Nähe der Mühle verweilte, wo, allen Berichten zufolge, der Haupttheil ſich aufhielt. Des Kapitäns Plan ging deßhalb dahin, auf der Seite des Flüßchens, im Rücken des Hauſes, den Ausfall zu verſuchen, und von da unter dem Schutze der Büſche, welche den Rand des Baches begränzten, wie dieß ſeit dem neulichen Einfalle ſchon ſo häufig unternommen worden war, in den Wald vorzudringen. Die Hauptſchwierigkeit beſtand darin, ungeſehen das Haus zu verlaſſen, und ebenſo das Bette des Flüßchens zu erreichen. Dieſer Schritt wurde übrigens durch Joels Ausfallpforte ſehr erleichtert, denn der Aufſeher hatte alle etwa zu berückſichtigenden Vorſichts⸗ maßregeln gegen eine mögliche Entdeckung getroffen. Nichtsdeſto⸗ weniger hatte man immer noch den völlig unbedeckten Zwiſchen⸗ raum zwiſchen den Palliſaden und dem Fuße der Felſen, eine Strecke von etwa vierzig bis fünfzig Schritten, und zwar unter den Augen jedes zufälligen Zuſchauers, der dieſen Theil des Tha⸗ les beobachten mochte, zurückzulegen. Nach längerer Ueberlegung kamen endlich der Kapitän und der Sergeant zu dem Entſchluſſe, folgendes Verfahren hiebei anzuwenden. 45⁵5 Blodget ſchlüpfte ganz allein und unbewaffnet durch die Oeff⸗ nung, und kroch den Abhang bis zu dem Flüßchen hinab. Das Gebüſch, den Krümmungen des Baches folgend, zog hier ganz am Fuße der Klippen hin, ſo daß er ſich recht gut in einem Dickicht verſtecken konnte: hatte er einmal dieſes erreicht, ſo war wenig mehr von Entdeckung zu beſorgen. Sobald man überzeugt war, daß ſich der junge Mann unter dem öſtlichſten Fenſter des nörd⸗ lichen Flügels, dem einzigen der ganzen Reihe, welches dicht unter ſich ſolches Buſchwerk hatte— befand, wurden ſämmtliche Büchſen paarweiſe zu ihm hinabgelaſſen, wobei man Sorge trug, daß während dieſes Geſchäftes Niemand am Fenſter ſichtbar wurde. Dieß ließ ſich ſehr leicht ausführen: ein Schnerren am Seile gab das nöthige Zeichen, daß der Strick wieder eingezogen werden ſollte. Dann kam die Munition, und auf dieſe Art hatte man in kurzer Zeit alle erforderlichen Angriffs⸗ und Vertheidigungswaffen am Rande des Flüßchens aufgehäuft. Das Nächſte, was nun vorgenommen werden mußte, war, das Streifkorps Mann für Mann mit derſelben Vorſicht, wie Blodget, hinauszulaſſen. Jeder Einzelne trug ſeine eigenen Vorräthe, und die Meiſten noch irgend eine Waffe, wie Piſtolen, Meſſer oder der⸗ gleichen, bei ſich. In einer halben Stunde ſtanden die vier Mann völlig bewaffnet unter dem ſchützenden Obdach des Buſchwerks am Ufer des Flüßchens, und warteten nur noch auf ihren Führer. Kapitän Willoughby hatte den im Blockhaus Zurückbleibenden blos noch einige Inſtruktionen zu ertheilen, und wollte dann ſogleich nachfolgen. Plinius der Aeltere ſollte, vermöge ſeiner Jahre und ſeiner, wenn auch geringen, Bekanntſchaft mit der indianiſchen Kriegfüh⸗ rung, in Abweſenheit des Hausherrn das Kommando der Garniſon übernehmen. Wäre ein Weißer im Blockhauſe geblieben, ſo würde Pliny niemals dieſes Kommando erhalten haben: denn daß ein Neger einen Mann von anderer Farbe befehlige, das wurde als ein Verſtoß gegen alle Naturgeſetze betrachtet; ſo aber war dieß nicht der Fall, 456 und es ſchien nichts natürlicher, als daß Pliny Oberbefehlshaber wurde. Gleichwohl ſollte er nicht nur ſeiner alten, ſondern auch den beiden jungen Gebieterinnen gehorchen, welche eine unbe⸗ ſtrittene Autorität über ihn ausübten, ohne übrigens damit den ſämmtlichen erhaltenen Tagsbefehlen Eintrag zu thun. Der Kapitän ertheilte ihm ſomit ſeine ſchließliche Ordre, und befahl ihm, wach⸗ ſam zu ſein, und vor Allem die Thore geſchloſſen zu erhalten. Sobald dieß geſchehen war, begab ſich der Kapitän zu Frau und Kindern, um ihnen ein letztes Lebewohl zu ſagen. Er that dieß mit feierlicher Zärtlichkeit, dabei aber auch mit ſolcher Faſſung und Vorſicht, daß er ſeinen Zweck, allzu großen Beſorgniſſen ſeiner Lieben durch ſein Benehmen vorzubeugen— vollſtändig erreichte. „Ich werde kein anderes Signal oder Siegeszeichen als deine eigene Rückkehr erwarten, Hugh, welche in Begleitung unſeres theuerſten Sohnes geſchehen ſoll,“ ſprach ſeine weinende Gattin. „Wenn ich euch Beide in meinen Armen halte, dann werde ich mich glücklich fühlen, und ob auch alle Indianer des Feſtlandes im Thale verſammelt wären.“ „Verrechne dich nicht in der Zeit, Wilhelmina. Dein zärtliches Herz pflegt zuweilen Raum und Zeit zu überſpringen, ſo daß du dir nichts als unnöthigen Kummer bereiteſt. Bedenke, daß wir auf dem Hin⸗ und Rückweg mit der größten Vorſicht marſchiren müſſen, und daß wir allein zu dem Umwege, den ich beabſichtige, ſchon mehrere Stunden bedürfen. Ich hoffe, dich noch vor Sonnen⸗ untergang wieder zu ſehen, doch wäre es auch möglich, daß eine etwaige Verzögerung uns erſt bei Nacht zurückbrächte; ja, es könnte ſogar nöthig werden, daß wir den entſcheidenden Schlag bis zum Eintritte der Dunkelheit verſchöben.“ 3 Das war nun allerdings für die Frauen eine traurige Bot⸗ ſchaft; ſie vernahmen ſie aber dennoch mit Ruhe, und ſuchten den Anſchein von Faſſung, den ſie in ihrem Aeußeren zeigten, auch durch die That zu verwirklichen. Beulah empfing des Vaters Kuß 457 und Segen mit überfließenden Augen, und drückte den kleinen Evert an's Herz, ſobald Jener ſie losgelaſſen hatte. Maud war die Letzte, von der er Abſchied nahm. Er führte ſie ſogar mit ſanfter Gewalt und unter fortwährendem Geſpräche in den Hof, und ermahnte ſie, durch eigene Ruhe und Standhaftig⸗ keit den Muth ihrer Mutter aufrecht zu erhalten. »Bald werden wir Bob wieder im Blockhauſe haben,“ fuhr er fort,„und dieß wird uns Alle— außer dir, du kleine Bosheit— für mehr als die doppelte Gefahr belohnen; deine Mutter ſagt mir nämlich, in Folge einer jener Launen deines veränderlichen Geſchlechts ſeieſt du gegen den armen Jungen etwas fremder geworden.“ „Vater!« „O, ich weiß wohl, daß es nicht ſo ernſt gemeint iſt, doch hat ſogar Beulah mir erzählt, du habeſt ihn einſt ‚Infanteriemajor“ genannt.“ „So, wirklich?“ fragte Maud, am ganzen Körper zitternd, aus Beſorgniß, ſie möchte ihr Geheimniß gerade durch dieſe Verſuche, es zu verbergen, dennoch verrathen haben.„Meine Zunge iſt nicht immer mein Herz.“ „Das weiß ich, mein Schatz— ſo lange es mich nämlich nicht berührt. Nun, handle gegen den Sohn, wie du willſt, meine Maud; ich weiß gewiß: den Vater wirſt du immer lieben.“ Damit ſchloß er ſie an ſein Herz und küßte ſie auf Stirne, Augen und Wangen.„Du haſt jetzt alle deine Papiere in Händen, Maud, und kannſt den Stand deiner eigenen Angelegenheiten leicht ſelbſt ermeſſen. Wollte man ſie einmal unterſuchen, ſo würde man finden, daß jeder Schilling deines Vermögens zur Vermehrung deſſelben verwendet wurde. Ja, ja, du kleiner Schelm, du biſt nun faſt ſo ein Ding wie eine reiche Erbin geworden.“ „Was ſoll das heißen, liebſter, theuerſter Vater? Deine Worte erſchrecken mich ja!“ „Das ſollen ſie nicht, Liebe. Es heißt ja nicht, die Gefahr 458 vergrößern, wenn man ihr zu begegnen gefaßt iſt. Ich bin dein Vormund geweſen, und möchte dir gerne bemerklich machen, daß ich mich meiner Pflicht nicht ungetreulich entledigt habe. Das iſt Alles— und bin ich nicht hundertfältig belohnt durch den Beſitz eines ſo anhänglichen, ſüßen Kindes?“ 5 Maud ſiel ihrem Vater ſchluchzend um den Hals. Nie zuvor hatte er ſo deutliche Anſpielungen auf das wahre Verhältniß zwi⸗ ſchen ihnen Beiden gemacht; die Papiere, welche ſie beſaß, hatten für ſich ſelbſt geſprochen, und waren ihr ſchweigend ausgeliefert worden. Da er übrigens für jetzt nicht geneigt ſchien, das Geſpräch weiter fortzuſetzen, ſo richtete ſich das arme Mädchen, mit aller Kraft nach Selbſtbeherrſchung ringend, was ihr auch theilweiſe ge⸗ lang, wieder auf, empfing den Segen ihres Vaters, den ihr dieſer voll feierlicher Zärtlichkeit ertheilte, und ſah ihn mit einem Anſchein von Ruhe ſcheiden, welche ſie ſpäter ſelbſt in Erſtaunen ſetzte. Wir müſſen nunmehr die intereſſante Gruppe, welche im Blockhauſe zurückblieb, verlaſſen, um unſere Abenteurer auf ihrem Marſche zu begleiten. Kapitän Willoughby war genöthigt, beim Paſſiren der Palli⸗ ſaden das Beiſpiel ſeiner Leute nachzuahmen. Er hatte zu dieſem Zwecke das leichte Hemd und die weiten Beinkleider der ameri⸗ kaniſchen Jäger angezogen, und da er ſich in neuerer Zeit nur ſelten dieſes Koſtüms bedient hatte, ſo war auch für den Fall, daß er geſehen würde, die Wahrſcheinlichkeit des Erkanntwerdens um ſo geringer. Joyce erſchien in gleicher Tracht; Jamie und Mike aber hatten ſich nicht zur Annahme einer Kleidung überreden laſſen, welche, wie ſie ſteif und feſt behaupteten, jener der Indianer ſo ſehr ähnlich ſah. Blodget endlich trug den gewöhnlichen Anzug eines Taglöhners. Sobald der Kapitän den Fuß der Klippen erreicht hatte, gab er dem alten Pliny ein Zeichen der Benachrichtigung, indem er ihn vorſichtig und nur ſo laut anrief, daß dieſer ihn eben auf dem 5D5——,+△ρ ———— ε 8———— un— — —y 459 Rundgange des Daches, gerade über ſeinem Haupte, vernehmen konnte. Der Schwarze war nämlich angewieſen worden, Joel und ſeine Gefährten zu bewachen, um ſich zu überzeugen, ob dieſe in ihren Bewegungen eine Bekanntſchaft mit dem, was eben jetzt im Blockhauſe vorging, verriethen. Der Rapport lautete günſtig.„Alle Männer ganz wie zuvor an der Arbeit, Sir,“ verſicherte Pliny ſeinem Herrn;„JIoel hämmern am Pflugſtiel— ſein immer noch der alte Keſſelflicker. Nicht ein Auge kehren auf dieſe Weg, Maſſer.“ Durch dieſe Verſicherung ermuthigt, ſchlich ſich die ganze Ab⸗ theilung durch die Büſche, welche jene Partie des Klippenrandes begränzten, bis zu dem Bette des Baches. Man war eben im September, und der Waſſerſtand zeigte ſich ſo niedrig, daß die Streifpartie trockenen Fußes dicht am Rande des Flüßchens hin⸗ wandern konnte, und nur hie und da von Stein zu Stein ſchreiten mußte. Das letztere Mittel wurde ſo oft, als es die Umſtände nur irgend zuließen, angewendet, um möglichſt wenige Spuren ihrer Fährte zurückzulaſſen. Sonſt waren ſie vollſtändig hinter dem um⸗ gebenden Gebüſche geborgen; die Krümmungen des Flüßchens hin⸗ derten jeden entferntſtehenden Zuſchauer, ihren Weg der Länge nach zu beſtreichen, während die dichte Bewachſung an beiden Ufern die Bewegungen der Abenteurer vor zufälligen Seitenblicken verbarg. In dieſer Richtung hatte Kapitän Willoughby anfänglich einen Sturm erwartet. Doch gewährte das Haus durch ſeine erhöhte Lage einen Vortheil, deſſen der Feind unten im Thale entbehrte, und dann ſtellte auch der Felsabhang jeder Ueberraſchung auf dieſer Seite der Verſchanzung ſehr ernſtliche Hinderniſſe entgegen. Gleichwohl war man noch keineswegs ſicher, ob man nicht bei der nächſten Wendung auf eine Abtheilung des vorrückenden Feindes ſtoßen würde, und der Kapitän führte ſomit ſeine Leute vorſichtig weiter, indem er den Blick fortwährend auf den ſchmalen vor ihm liegenden Pfad heftete. 460 Ein Zuſammentreffen dieſer Art, das ſo unerfreulich geweſen wäre, fand übrigens nicht ſtatt; man erreichte vielmehr den Saum des Waldes, ohne wie es ſchien, entdeckt zu ſein, und jedenfalls ohne etwas vom Feinde geſehen zu haben. Dicht hinter dem Rande des Waldes ging der Lauf des Flüß⸗ chens eine Strecke geradeaus, und konnte von dem hinteren Flügel des Gehäudes recht gut beobachtet werden. Dieſe Partie bot in der That von dort aus geſehen einen ſehr ſchönen Anblick dar; die phantaſiereiche Maud hatte eine höchſt geſchmackvolle Skizze entworfen, auf der man das Flüßchen wie ein ſchmales Silberband ſich im Hintergrund des Forſtes verlieren ſah, und oft ſchon hatte ſie die Andern auf die liebliche Schönheit dieſer Ausſicht aufmerkſam gemacht. Hier befahl der Kapitän Poſto zu faſſen: dann drehte er ſich um, und bedeutete dem alten Pliny durch Zeichen, daß er deſſen Antwort erwarte. Dieſe ſiel ſehr günſtig aus; der Neger gab das Signal, daß noch Alles in Ordnung ſei. Kaum war dieß geſchehen, als man den treuen alten Schwar⸗ zen zu ſeiner Herrin hinabeilen ſah, um ihr die Botſchaft von der ungefährdeten Ankunft des Detaſchements im Walde mitzutheilen,) während unſere Abenteurer ſich wieder umwandten, das Ufer des Flüßchens hinanſtiegen, und ihren Weg auf feſterem Grunde weiter verfolgten. Kapitän Willoughby und ſeine Leute hatten alle Aufmerkſam⸗ keit auf ihre Expedition gerichtet, und Jeder fühlte die Wichtigkeit und Verantwortlichkeit der Verpflichtung, welche er übernommen hatte. Selbſt Mike mußte ſich, gern oder ungern, dem Gebot des Stillſchweigens unterwerfen, denn ein einziger unvorſichtiger Laut konnte den etwa herumſtreifenden feindlichen Spähern ihren Zug verrathen. Sogar beim Auftreten auf die trockenen Baumzweige wurde die höchſte Vorſicht beobachtet, damit nicht ihr Krachen dieſelbe Wirkung hervorbrächte. 461 Im Rücken der Hütten war der Klang der Axt zu vernehmen; er kam aus einem Stück Waldland, das der Kapitän in der ge⸗ doppelten Abſicht der Herbeiſchaffung von Brennholz, ſowie der Ver⸗ größerung ſeines Obſtgartens zu lichten befohlen hatte. Jener Punkt war faſt eine Viertelmeile von der Niederung entfernt, da man dem Plane getreu blieb, letztere für immer vom Waldſaume umkränzt zu laſſen; die Lichtung war ſeit vier bis fünf Jahren be⸗ gonnen worden, und mochte etwa ein halbes Dutzend Morgen umfaſſen. Zwiſchen ihr und den Hütten ſich durchzuſchleichen, wäre wohl allzu⸗ gewagt geweſen, und ſo war man genöthigt, die Marſchrichtung ſo zu nehmen, daß dieſelbe umgangen wurde. Als Wegweiſer dienten faſt eine volle Meile lang die Kuh⸗ pfade, mit deren Krümmungen Mike auf's Genaueſte bekannt war. Der Kapitän und der Sergeant führten übrigens jeder einen Ta⸗ ſchenkompaß bei ſich, ohne welchen ſich überhaupt nur Wenige tie⸗ fer in die Wälder hineinwagten. Auch die Axtſchläge vertraten die Stelle von Signalen, welche den Abenteurern ihre jedesma⸗ lige Stellung anzeigten und ihnen, während ſie die Lichtung im Kreiſe umgingen, die beſtändige Verſicherung des Weiterrückens und ihrer wahrſcheinlichen Sicherheit gaben. Der Leſer wird ſich die Beſchaffenheit des Terrains, auf welchem unſere Streifpartie marſchirte, leicht vorſtellen können. Die Nie⸗ derung“, wo der alte Biberdamm geſtanden, haben wir ſchon frü⸗ her beſchrieben. Das Thal wurde gegen Süden von den oberhalb der Mühle ſtehenden Felſen geſchloſſen, und zeigte weiterhin nur noch den Charakter einer Schlucht oder wilden Bergkluft. Im Oſten ſah man Berge von beträchtlicher Höhe in unbegränzter Reihe; gegen Norden dehnte ſich das Land meilenweit über eine Hochebene, welche die Niederung des Biberdamms um viele Fuße überragte, während an den wechſelnden Abhängen im Weſten in der Richtung, die unſere Abenteurer eingeſchlagen hatten, breite Waldſtrecken ihre reichbewachſene Oberfläche entfalteten, welche für die Zukunft die 462 ſchönſten Hoffnungen darbot. Die höchſte Anſteigung dieſes wel⸗ lenförmigen Forſtes ſah man dicht bis in die Nähe des Blockhauſes vortreten, und ſie war es allein, welche der ganzen Landſchaft den Charakter eines Thales mittheilte. Kapitän Willoughby's Plan ging dahin, den Gipfel dieſes letz⸗ teren Landrückens zu erreichen, der eine volle Meile hinter den Mühlen in der Höhe jener Felſen, welche den Waſſerfall bildeten, endete, und ihn ſomit auf dem tauglichſten Wege ſeinem Ziele entgegenführte. Auch von der Lichtung der Holzhacker konnte er ſich auf dieſe Art ſo weit als nöthig entfernen, und der feindli⸗ chen Stellung gerade in den Rücken kommen. Hatte er erſt den ſteilen Fels⸗Abhang vor ſich, der durch irgend ein geologiſches Phänomen auf der Oberfläche des Bodens aufgethürmt worden war, ſo konnte er ſeinen Weg nicht mehr verfehlen, da die ſchrof⸗ fen Gebirgszacken ihn von ſelbſt nach der Stellung leiten muß⸗ ten, welche der Feind bekanntlich eingenommen hatte. In einer halben Stunde hatte man den erſehnten Bergrücken erſtiegen; jetzt änderte das Detaſchement ſeinen Marſch, und ver⸗ folgte längs des Höhenzugs faſt ganz die Richtung nach Süden. „Der Klang der Aexte kommt näher und näher, Sergeant,“ bemerkte Kapitän Willoughby, nachdem der Marſch lange Zeit in tiefſter Stille fortgeſetzt worden war.„Wir müſſen dem Punkte, wo die Leute arbeiten, ganz nahe ſein.“ „Haben Euer Gnaden auch ſchon darüber nachgedacht, warum jene Burſchen in einer Zeit, wie dieſe, ſo außergewöhnlich fleißig ſind? Mir kommt die Sache gerade vor wie ein Hinterhalt.“ „Mit einem Hinterhalte kann ſie nichts zu ſchaffen haben, Joyce; es denkt ja Niemand daran, daß wir uns auf dem Marſche befinden. Einer Beſatzung kann man ja doch, wie Ihr wißt, keinen Hinterhalt legen.“ 3 „Ich bitte Euer Gnaden um Verzeihung— kann aber eine — b — 463 Streifpartie nicht eben ſo gut wie ein marſchirendes Korps in einen Hinterhalt gelockt werden?“ „Ja, in dem Sinne mögt Ihr vielleicht recht haben. Da Ihr die Sache gerade auf's Tapet gebracht habt, ſo muß ich geſtehen: ich finde es höchſt auffallend, daß bei dieſen Holzhackern in einem ſolchen Augenblicke ſo großer Fleiß herrſcht. Sobald wir ihre Aexte gerade vor uns vernehmen, wollen wir halten und ein wenig rekognosciren, um zu ſehen, welchen Anſchein die Dinge für uns gewinnen.“ 1 „Ich erinnere mich noch, Sir, wie Euer Gnaden zwei Kom⸗ pagnien unſeres Regiments, nebſt einer von den königlichen Irlän⸗ dern, zur Rekognoscirung anführten; von Rechtswegen war das eigentlich ein Majorskommando, und ſollte die linke Flanke der Franzoſen am Vorabende jenes Tages beobachten, wo wir die feind⸗ lichen Werke bei Ty——, nun, wie heißt's nur gleich— ſtürmten.“ „Euer Gedächtniß wird nachgerade ungetreu, Joyce,“ fiel ihm der Kapitän lächelnd in's Wort.„Wir waren weit entfernt, jene Werke zu ſtürmen, da wir ja zweitauſend Mann davor verloren hatten, ohne einen Blick in's Innere werfen zu können.“ „Ich ſchätze einen militäriſchen Verſuch immer gerade ſo, als ob das Ding geſchehen wäre, Euer Gnaden. Größere Tapferkeit, ſtandhafteren Muth, als wir damals bewieſen, habe ich noch nie mitangeſehen, und wenn wir auch, wie ich zugeben will, zurück⸗ geſchlagen wurden, ſo möchte ich jenen Angriff doch eben ſo gut eine Erſtürmung nennen!“ „Nun, Joyce, das könnt Ihr halten, wie Ihr wollt. Am Morgen vor Eurer Erſtürmung führte ich allerdings drei Kom⸗ pagnien— doch mehr gegen die Front, als gegen eine der Flan⸗ ken des Feindes. Ich ſollte, wie ich mich noch wohl erinnere, einen vermeintlichen Hinterhalt der Franzoſen demaskiren.“ „Das iſt's gerade, Euer Gnaden, was mir nicht mehr genau beifiel. Der General ſchickte Euch, als älteſten Kapitän, mit drei 464 Kompagnien ab, um die Falle zu ſprengen, ehe er ſelbſt mit dem Fuße darein gerieth.“ „Das that er allerdings, und unſer Manöver hatte auch den gewünſchten Erfolg.“ „O, jetzt kommt mir's immer beſſer, Sir. Ich erinnere mich: es wurde auf uns gefeuert, wir verloren etliche zehn bis fünfzehn Mann; ob aber der Marſch glücklich oder unglücklich ablief, das getraue ich mir nicht mehr zu ſagen, denn in der Generalordre am nächſten Tage wurde nichts davon erwähnt, Sir—“ „Am nächſten Tage hatten wir andere Gegenſtände, welche uns beſchäftigten. Es war eine blutige, traurige Affaire für England und ſeine Kolonien.“ „Ja, Euer Gnaden, das hat aber mit unſerem Manöver nichts zu ſchaffen, denn das war erfolgreich, wie Ihr ſelber ſagt.“ „Ganz richtig, Joyce; nur war das große Unglück am folgen⸗ den Tage das Hinderniß, welches unſern kleinen Sieg am Morgen vorher in der Generalordre nicht aufkommen ließ. Was ſoll aber das Alles bezwecken— ich weiß, Ihr wollt Etwas damit andeuten?“ „Es war blos ein reſpektvoller Wink, Euer Gnaden, daß, un⸗ ſerer eigenen alten Kriegsregel gemäß, der Untergebene nunmehr zum Rekognosciren der Lichtung abgeſchickt werden ſollte, wäh⸗ rend der kommandirende General zur Deckung des Rückzugs beim Gros der Armee zurückbleibt.“ „Ich danke Euch, Joyce, und werde nicht ermangeln, Euch bei allen paſſenden Gelegenheiten zu verwenden. Für jetzt iſt es meine Abſicht, mit Euch zu gehen, und unſere Leute in einem geeigneten Verſteck ausruhen zu laſſen.“ Damit gab ſich Joyce zufrieden, und wartete geduldig auf weitere Befehle. Sobald man an dem Wiederhall der Axtſchläge be⸗ merkte, daß man weit genug vorgerückt war, und die Geſtaltung des Terrains den Kapitän überzeugte, daß er gerade die gewünſchte Stelle erreicht hatte, befahl er den Leuten zu halten, und ſich unter 8 C( 3 8 8————„ — ₰½ be dem Laubdache eines umgeſtürzten Baumes zu verſtecken. Dieſe Vorſicht wurde beobachtet, damit nicht etwa ein Wilder im Herum⸗ ſtreifen ihrer anſichtig würde, wenn ſie während des Kapitäns Abweſenheit ſich in dem etwas lichten Walde ſo frei aufſtellten. Sobald dieſe Anordnung getroffen war, unterſuchten der Ka⸗ pitän und der Sergeant vor Allem das Zündkraut ihrer Büchſen, und ſchlichen dann mit der nöthigen Vorſicht bis zum Rande der Holzhackerslichtung vor, wobei die Art ihnen als genügender Führer diente. Sie waren noch nicht weit vorgedrungen, als das Licht durch die Bäume zu ſchimmern begann, an und für ſich ſchon ein Beweis, daß ſie ſich einer offenen Stelle des Waldes näherten. „Wir ſollten etwas links biegen, Euer Gnaden,“ bemerkte Joyce in ehrerbietigem Tone;„ich weiß hier herum einen nackten Felſen, von dem man die Lichtung vollkommen überſieht und ſelbſt einen Blick auf das Herrenhaus gewinnt. Ich habe ſchon oft da⸗ ſelbſt ausgeruht, wenn ich vom Jagen ermüdet war, denn zunächſt nach der Freude, in der Heimath zu weilen, kommt die, dieſelbe vor ſich zu ſehen.“ „Ich erinnere mich der Stelle, Sergeant, und bin mit Eurem Rathe einverſtanden,“ antwortete der Kapitän mit einer Haſt, welche man ſonſt nicht an ihm gewöhnt war.„Ich werde mit leichterem Herzen weiter marſchiren, wenn ich wieder einen Blick auf das Blockhaus geworfen und mich von ſeiner Sicherheit überzeugt habe.“ Da ſomit beide Theile eines Sinnes waren, ſo iſt's wohl kein Wunder, wenn ſie ſich emſig nach dem fraglichen Punkte umſahen. Es war ein iſolirter Felſen, der ſich etliche fünfzehn bis zwanzig Fuß über die Oberfläche erhob, und doppelt ſo breit und tief ſein mochte— einer jener Auswüchſe, wie ſie häufig in Wäldern vor⸗ kommen, und meiſt nur für den Geologen Intereſſe haben. Ein ſolcher Gegenſtand war in einem lichten Walde nicht ſchwer zu finden, und ihr Nachforſchen wurde bald durch die Entdeckung 3 belohnt. Kaum hatten ſie ihre Schritte nach jener Gegend gerichtet, Wyandotts. 30 6 ——— 466 als ſie auch ſchon am Fuße der Erhöhung ſtanden. Wie gewöhnlich war der Gipfel dieſes Felſengetrümmers mit Gebüſch bewachſen; auch aus dem warmen, fruchtbaren Boden ſeiner Baſis, oder richtiger geſagt, ſeiner Vereinigung mit der Erde, war üppiges Geſträuch in Fülle aufgeſchoſſen. Joyce erſtieg den Gipfel zuerſt, und ließ ſeine Büchſe einſt⸗ weilen unter der Obhut des Kapitäns. Letzterer folgte, nachdem er ſeinem Gefährten beide Gewehre hinaufgereicht hatte, denn Keiner der zwei Veteranen hatte Luſt, ſich von dieſen wichtigen Helfern in der Noth zu trennen. Sobald ſie ſich auf der Felsplatte befanden, wandten ſich Beide nach dem öſtlichen Rande, wobei ſie ſorgfältig darauf bedacht waren, nicht aus dem deckenden Gebüſch herauszutreten. Dort ſtanden ſie nun neben einander, und blickten durch die Oeffnungen im Gebüſch auf den Schauplatz, der ſich zu ihren Füßen ausbreitete. Der Kapitän ſah ſich zu ſeiner Verwunderung nur auf halbe Gewehrſchußweite von der Hauptmaſſe des feindlichen Korps ent⸗ fernt. Um einen Brunnen in der Mitte der Lichtung war ein regelmäßiges Bivouak entſtanden; die Baumſtämme waren ſo auf einander gethürmt, daß ſie eine Art von Schanze bildeten, welche durch die in einander geſchlungenen Aeſte ſehr kunſtlos, aber doch wirkſam vor Kugeln geſchützt wurde. Mit einem Worte— man hatte eine jener feſten, einfachen Waldverſchanzungen errichtet, welche, be⸗ ſonders bei guter Vertheidigung, ohne Geſchütz nur ſehr ſchwer einzu⸗ nehmen ſind. Bei ihrer Lage in der Mitte der Lichtung konnte nicht leicht ein Sturm verſucht werden, ohne die Angreifer großer Gefahr auszuſetzen, während der Garniſon durch den Brunnen jederzeit das wichtigſte Erforderniß— nämlich Waſſer— geſichert war. In der ganzen Anordnung war eine Zweckmäßigkeit, eine Ord⸗ nung unverkennbar, welche die beiden alten Krieger höchlich über⸗ raſchte. Daß die Indianer auf dieſes Hilfsmittel verfallen waren — daran glaubte Keiner von Beiden; aber auch die ſorgloſen, 467 unwiſſenden und unerfahrenen Weißen vom Ufer des Mohawk konnten dieſe Befeſtigung unmöglich ohne die Anleitung eines mit den Gebräuchen der Gränzkriege genau vertrauten Mannes aus⸗ geführt haben. Solche Leute waren aber leicht zu finden, und man hatte jetzt wenigſtens den Beweis, daß von den Männern, welche, mit Recht oder Unrecht, jetzt auf Autorität Anſpruch machten, etliche dabei anweſend ſein mußten. Auch in der Art und Weiſe, wie die Fremden in einem ſolchen Augenblicke unthätig, und ohne ſich zu irgend einem Dienſte zu rüſten, herumſchlenderten, lag etwas ſehr Befremdendes. Als Mann vom Fach, der in Beurtheilung von Truppen geübt war, zählte Joyce nicht weniger als neunundvierzig dieſer Müſſiggänger, welche größtentheils in der Nähe der Blockhausſchanze herumlungerten, während einige Andere am Saume der Lichtung umherſtanden, ſich mit den Holzhackern unterhielten, oder gleichgültig und ſcheinbar ohne beſonderen Beobachtungspunkt ihre Betrachtungen anſtellten. „Für eine militäriſche Expedition iſt das der ſonderbarſte An⸗ blick, den ich jemals erlebt habe, Euer Gnaden,“ flüſterte der Sergeant, nachdem beide Veteranen eine volle Minute lautlos die feindliche Stellung beaugenſcheinigt hatten.„Eine ziemlich gute Bruſtwehr aus Baumſtämmen, das will ich zugeben, Sir; auch Leute genug, um ſie gegen den hitzigſten Angriff zu vertheidigen: aber keine Spur von einer Wache, nicht einmal ein einziger Schild⸗ wachpoſten. Dieß iſt ja ein wahrer Schimpf für die Kriegskunſt, Kapitän Willoughby; und für uns vollends iſt's eine ſolche Be⸗ leidigung, daß wir, wenn Alle ebenſo wie ich empfänden, den Poſten ganz gewiß durch Ueberfall wegnehmen würden.“ „Es iſt jetzt keine Zeit zu unüberlegten Handlungen oder auf⸗ geregten Gefühlen, Joyce. Ja, wenn mein tapferer Junge bei mir wäre, dann könnten wir wohl mit ſehr triftigen Ausſichten auf Erfolg einen Angriff auf die Burſche machen.“ „Ja, Euer Gnaden; aber auch ohne ihn wird's gehen. Ein 30* —— — O— —— 468 ſicheres Feuer, drei Hurrahs und ein kräftiger Angriff würde die Schurken ſammt und ſonders in die Wälder jagen.“ „Wo ſie ſich ſammeln, ihrer Seits die Angreifer machen, uns umringen, und entweder zur Uebergabe zwingen oder aushungern würden. Nein, nein— ehe wir den Plan zur Befreiung Major Wil⸗ loughby's ausgeführt haben, darf keinenfalls etwas der Art unter⸗ nommen werden. Seit ich finde, daß der Feind ſeinen Hauptpoſten hier errichtet hat, wo er, ſelbſt in gerader Linie, eine gute halbe Meile von der Mühle entfernt ſein muß, hat ſich meine Hoffnung auf Erfolg bedeutend geſteigert.— Ihr habt den Feind gezählt?“ 3 „Vor uns haben wir deren neunundvierzig, und acht bis zehn mögen da unter den Bäumen herum ſchlafen, denn ich ſehe von Zeit zu Zeit immer wieder neue Geſichter vom Boden auftauchen. Seht nur, Sir— haben Euer Gnaden das Manöver geſehen?“ „Was denn, Sergeant? Ich kann keine weſentliche Verän⸗ derung bemerken.“ „O, ein Indianer iſt dort mit Holzhacken beſchäftigt, Kapitän Willoughby— weiter Nichts— in ſeiner Art ein eben ſo großes Wunder, als wenn ein Weißer ſich bemalte.“ Die ganze feindliche Abtheilung, welche ſich in der Nähe der Lichtung gelagert hatte, trug nämlich, wie der Leſer ſogleich bemerkt haben wird, indianiſches Koſtüm; Hände und Geſichter zeigten jene wohlbekannte röthliche Farbe, wodurch ſich die Eingebornen Amerika's von den übrigen Raſſen unterſcheiden. Die beiden Veteranen konnten allerhand Züge entdecken, welche jenen Aufzug als bloßen Betrug kund gaben, hielten es aber doch für ſehr wahrſcheinlich, daß auch Rothhäute unter den Bleichgeſichtern ſtecken mochten. So wenig be⸗ achteten indeß die Angreifenden die Nothwendigkeit, in ihrer gegen⸗ wärtigen Lage der angenommenen Rolle treu zu bleiben, daß in der That einer der anſcheinenden Wilden auf einen Baumſtamm ſtieg, einem der Holzhacker die Axt aus der Hand nahm, und mit ſolcher Kraft und Geſchicklichkeit drauf los zu zimmern begann, daß bald —ꝗꝗꝙ·ęêêᷓêᷓʒʒQ— — ᷣ —Q—-Ʒ—— 469 die Spähne auf eine Art umherflogen, wie ſie nur ein wohlge⸗ übter Holzhauer aus dem Innern Amerika's mit Erfolg nachzu⸗ ahmen vermag. „Recht hübſch das, Sir, für eine Rothhaut,“ meinte Joyce ſchmunzelnd.„Wenn der Burſche dort nicht weißes Blut, und zwar Yankeeblut in ſeinem Arme führt, ſo will ich ihm von meinem eigenen geben, um der Farbe etwas aufzuhelfen. Wollen Euer Gnaden nicht hierher treten— nur ein paar Schritte näher— ſo, Sir; wenn Ihr gerade über dem Platze, wo dieſer vermeintliche Inſchjön ſeine Holzſpähne um ſich ſchleudert, als ob es lauter Gerſten⸗ körner wären, die er ſeinen Hühnern vorwirft— durch die Oeffnung hindurchſchaut, ſo werdet Ihr das Blockhaus vor Augen haben.“ Und ſo war's auch in der That. Durch eine kleine Aenderung ſeines Standpunktes bekam Kapitän Willoughby das ganze Herren⸗ haus vollſtändig zu Geſicht. Den Raſen außerhalb der Verſchanzung konnte man zwar nicht ſehen, auch ein Theil der Stockade war ver⸗ deckt; dafür aber trat der ganze weſtliche Flügel, und mit ihm eine volle Seitenanſicht des Gebäudes dem Beſchauenden vor Augen. In dem Hauſe und deſſen Nähe ſchien Alles ſo ſicher und ruhig, als ob die ganze Landſchaft einen Sonntagmorgen in der Wildniß feierte. Selbſt in der erhabenen Stille ſeiner Wohnung lag etwas ungemein Imponirendes, und der Kapitän erkannte jetzt, daß ebenſo wie die geheimnißvolle Unthätigkeit und Ruhe der Angreifenden ihn ſelbſt betroffen und beunruhigt hatte, auch dieſe ihrerſeits beim Hinblick auf die tiefe Stille des Blockhauſes und die anſcheinende Sicherheit ſeiner Garniſon ſo ziemlich dieſelben Empfindungen ge⸗ hegt haben mochten. Wäre nicht Joels Deſertion und die Kunde, welche ſie dem Feinde verſchafft hatte, dazwiſchen getreten— der Feind hätte ohne Zweifel den Einfluß ſolcher Eindrücke in ſehr be⸗ deutendem Grade empfinden müſſen. Aber ach— ſo wie die Dinge jetzt ſtanden, war es nicht wahrſcheinlich, daß ſie ſich auch durch den größten Anſchein von Ruhe noch lange imponiren laſſen würden! — ————— 470 Kapitän Willoughby konnte ſich nur mit Widerſtreben von dem Anblicke der Wohnung losreißen, welche für ihn ſo manches theure Leben in ſich faßte. Sogar Joyce ſchaute mit Vergnügen nach dem Hauſe; hatte es ihm ja doch ſchon ſo manches Jahr als Quartier gedient, und ſollte, wie er ſich dachte, bis zum Ende ſeiner Tage ſein Aufenthalt bleiben. Durch ein, für ihn unzer⸗ trennliches Band an ſeinen ehemaligen Kommandanten gefeſſelt— ſo weit nämlich menſchliche Wünſche die Ereigniſſe des Lebens zu beherrſchen vermögen— konnte der Sergeant von jenem Orte, wo ſo viele theure Weſen faſt ganz allein unter dem Schutze der Vorſehung zurückgeblieben waren, in einem ſolchen Augenblick unmöglich ohne Rührung ſcheiden. Tiefe Stille herrſchte, während Jeder von Beiden mit dieſen Ge⸗ danken beſchäftigt war. Die feindlichen Arbeiter ſchienen wenigſtens ſo weit dreſſirt, daß ſie nur leiſe ſprachen, weßhalb auf dem Felſen kein Wort von ihrer Unterhaltung gehört wurde. Die Holzhauer allein unterbrachen die Stille der Wälder, und für Männer, deren Gehör an ihre Schläge gewöhnt war, brachten ſie keine Störung. Mitten in dieſer beredten Stille hörte man es plötzlich in den Büſchen des Felſens raſcheln, als ob ein Eichhörnchen oder eine Schlange durchgeſchlüpft wäre. Erſtere gab's im Ueberfluß; von letzterer Gattung aber bot die Gegend nur wenige und höchſt unſchädliche Exemplare. Kapitän Willoughby drehte ſich um, in der Erwartung, eines jener kleinen ruheloſen Geſchöpfe hervorkommen zu ſehen— da begegnete ſein Blick, faſt auf Armeslänge vor ſich, einem ſchwärz⸗ lichen Geſicht und zwei glühenden Augen. Daß es ein wirklicher Indianer war, ſtand außer Zweifel: die Kriſis geſtattete aber keinen Aufſchub, und ſo zog der alte Offizier ſeinen Dolch, und hatte den Arm ſchon zum Stoße erhoben, als Joyce den Schlag parirte. „Es iſt Nick, Euer Gnaden; iſt er Freund oder Feind 24 fragte der Sergeant. —᷑— ²⁸——⁴ 4— —— ð—— △ 471 „Was ſagt er ſelber?“ gab der Kapitän zur Antwort, indem er unſchlüſſig die Hand ſenkte.„Laßt ihn für ſeine eigene Haut reden.“ 3 Bei dieſen Worten trat Nick näher, und ſtand nun furchtlos und ruhig neben den beiden Weißen. In ſeinen Blicken war wil⸗ der Trotz, in ſeinen Bewegungen Unentſchloſſenheit zu leſen. Er konnte die Abenteurer mit jedem Augenblicke verrathen, und dieſe fühlten die ganze Unſicherheit ihrer Lage. Der Zufall hatte aber Nick gerade vor die Oeffnung geführt, durch welche das Blockhaus ſichtbar war. Während er ſich von dem einen zu dem andern der beiden Krieger wandte, faßte ſein raſcher Blick die Gebäude in's Auge, und blieb wie durch Zauber⸗ kraft daran gefeſſelt. Die Wildheit wich allmälig aus ſeinen Zügen, welche wieder ſanft und menſchlich wurden. „Squaw im Wigwam,“ ſprach der Tuscarora, die Hand aus⸗ ſtreckend und mit dem Zeigefinger auf das Haus deutend.„Alte Squaw— junge Squaw. Gut. Wyandotté krank, ſie ihn heilen. Blut in Inſchjön Körper; dick Blut— niemals vergeſſen Gutes— niemals vergeſſen Schlimmes.“ Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Kecker wird und feſt der Schritt, Laute hör' ich, ſchwere, dumpfe; Ein Skelett iſt's nach dem Tritt, Einen Schädel auf dem Rumpfe! Hei! das thönerne Gebein, Hoch den Kopf in ſtolzem Brauſen, Gleitet's über Stock und Stein Dahin wo die Todten haufen! Core. In Nicks Geſicht ſpiegelte ſich der ganze Inhalt ſeiner Seele; auch ſeine Worte beabſichtigten keine Täuſchung. Nie vergaß der Wyandotté das Gute oder Böſe, was man ihm angethan hatte. 472 Nachdem er eine Zeitlang aufmerkſam das Blockhaus betrachtet, wandte er ſich plötzlich an ſeine beiden Gefährten. „Warum hieher kommen?“ fragte er haſtig.„Lieben Ihr, Feind zu ſehen zwiſchen Euch und Wigwam?“ Nick ſprach dieß mit der höchſten Behutſamkeit, als ob er ganz in die Nothwendigkeit einginge, vor den gefährlichen Nach⸗ barn in der Lichtung verborgen zu bleiben— und flößte dadurch den Veteranen neues Vertrauen und zugleich die Hoffnung ein, daß er ihnen zu dienen geneigt ſein möchte. „Darf ich dir wie einem Freunde vertrauen?“ fragte der Ka⸗ pitän, dem Indianer feſt in's Auge ſchauend. „Warum nicht vertrauen? Nick kein Held— fortgegangen— kommen niemals wieder— Wyandotté Held— wer nicht ver⸗ trauen Wyandotté? Yengeeſe immer vertrauen großem Häuptling.“ „Ich werde dich beim Wort nehmen, Wyandottsé, und dir Alles erzählen, da ich dich zum Bundesgenoſſen zu gewinnen hoffe. Zuerſt aber erkläre mir, warum du in vergangener Nacht das Blockhaus verließeſt— ein Freund kann doch nicht ſeinem Freunde deſertiren.“ „Warum verlaſſen Wigwam? Weil nöthig. Wyandotté kommen, wenn er brauchen— gehen, wenn er brauchen. Mike gehen auch. Wollte Sohn ſehen— kommen zurück; erzählen Geſchichte, ha?“ „Ja, es ging ſo ziemlich, wie du ſagteſt, und ich will glauben, daß Alles in der beſten Abſicht geſchah. Kannſt du mir irgend Etwas von Joel und den Andern, die mich verließen, erzählen?“ „Wozu erzählen? Kap'in hingucken— er ſehen. Die Einen zimmern— die Andern pflügen— Einige ſäen— wieder Andere machen Loch. Alles wie ehemals. Kriegsaxt begraben— müde des Kriegspfads— warum Kap'in fragen?“ „Ich ſehe Alles, was du da erzählſt. Du weißt alſo, daß jene Burſche mit der feindlichen Partie einen Freundſchaftsbund geſchloſſen haben?“ 473 »Nicht nöthig wiſſen— ſehen. Schau— Inſchjön zimmern, Bleichgeſicht zuſehen! Nennen das Krieg?“ „Ja, ja, das eben überzeugt mich, daß die bemalten Leute da unten nicht lauter Rothhäute ſind.“ „Nein— Kap'in recht— ſagen ihm ſo im Wigwam. Das aber Mohawk— Hund— Schurke— Nicks Feind!“ Der Indianer begleitete dieſe Worte mit einem wilden Blicke, der über ſein ſchwärzliches Geſicht hinzuckte, und deutete mit dro— hender Geberde auf einen ächten Wilden, der ſich gleichgültig an einen Baum gelehnt hatte, und eine ſo kurze Strecke vom Felſen entfernt war, daß man ſogar ſeine Geſichtszüge unterſcheiden konnte. Der leere Ausdruck ſeines Geſichts zeigte deutlich, daß er keine Ahnung von der ihm drohenden Gefahr hatte. Er beobachtete ganz den unerſchütterlichen Gleichmuth des Indianers in einem Zuſtande vollkommener Ruhe, wenn ſein Magen gefüllt, ſein Kör⸗ per geſtärkt, und ſeine Seele friedlich geſtimmt iſt. „Ich glaubte, Nick ſei nicht hier,“ bemerkte der Kapitän ruhig und mit etwas ironiſchem Lächeln gegen den Tuscarora. »Kap'in recht— Nick nicht hier. Gut für den Hund da, daß ſo ſein. Zu gering für Wyandotté, ihn zu berühren.— Wozu Kap'in herkommen? Ha! Beſſer erzählen Häuptling— Kriegsrath halten ohne Berathungsfeuer.“ „Ich ſehe keinen Grund, warum ich dir meinen Plan verber⸗ gen ſollte, Wyandotté“— Nick ſchien hoch erfreut, ſo oft dieſer Name von Andern ausgeſprochen wurde—„und will dir ihn alſo offen mittheilen. Doch haſt du mir zuvor noch Einiges zu berichten.— Wie kamſt du hierher? Und auf welche Art gelang dir's, uns zu entdecken?“ „»Folgen Fährte— kennen Kap'ins Fuß— kennen Sergeants Fuß— kennen Mike's Fuß— ſehen ſo viele Füße, folgen ihm. Laſſen ſo viele“— hier hielt er drei Finger in die Höhe—„im Gebüſch; ſo viele“«— hier folgten zwei Finger—„kommen hierher. 474 Fuß ſagen, wer hierkommen— Wyandotté Häuptling— er fol⸗ gen Häuptling.“ „Wann trafſt du zum erſten Mal auf unſere Fährte, Tus⸗ carora?“ „Hier oben— dort unten— da herum.“ Dieß ſollte, wie Ka⸗ pitän Willoughby wußte, bedeuten, daß der Indianer die Fährte an verſchiedenen Stellen durchkreuzt und geſehen hatte.„Viel Spur, viele Fuß, genug zu ſagen Alles was nöthig. Wyandotté ſehen Fuß von Freund— warum er nicht folgen, hm?“ „Ich hoffe, dieß Alles verhält ſich wirklich ſo, alter Kriegs⸗ kamerad, und du willſt dich in der That als meinen Freund be⸗ währen. Wir ſind in der Hoffnung ausgezogen, meinen Sohn zu befreien, und kamen hierher, um den Feind und ſein Vorhaben zu beobachten.“.. Die Augen des Tuscarora lauerten wie Spione, während er dem Kapitän zuhörte; doch ſchien er zufrieden, daß man ihm die Wahrheit geſagt hatte. Er fragte den Kapitän mit theilnehmen⸗ der Miene, ob er wiſſe, wo der Major gefangen ſitze. Wenige Worte genügten zur Erklärung, und die beiden Partien hatten ſich bald verſtändigt. „Kap'in recht,“ bemerkte Nick.„Sohn noch immer in Speiſe⸗ kammer; aber viele Krieger in der Nähe, um ein Auge auf ihn zu haben.“. „Du kennſt ſeine Lage, Wyandotté, und kannſt uns, wenn du willſt, ſehr weſentliche Hilfe leiſten. Was ſagſt du dazu, Häuptling; willſt du noch einmal unter deinem früheren Kom⸗ mandanten Dienſte nehmen?“ „Wem er dienen? König Georg— Kongreß— hm?“ „Keinem von Beiden. In dem gegenwärtigen Kampfe verhalte ich mich neutral, Tuscarora. Ich will nur mich ſelbſt und die Rechte vertheidigen, welche die Geſetze mir zuſichern,— das Land mag dann, wer da will, regieren.“ 475 „Das ſchlimm. Niemals neutral in heißem Kriege. Werden beraubt von beiden Seit. Immer auf der einen oder andern ſein, Kaprin.“ „Du magſt wohl recht haben, Nikolas; ein gewiſſenhafter Mann kann aber vielleicht keiner von beiden ganz recht oder ganz unrecht geben. Ich wünſche niemals die Streitaxt zu erheben, außer wenn mein Streit auch gerecht iſt.“ „Inſchjön das nicht verſtehen. Schleudern Streitaxt auf den Feind— was er auch ſagen mag— Gut oder Bös. Er Feind — das genug.— Nehmen Skalp vom Feind— Freund aber nicht berühren.“ „Das mag für eure Art von Kriegführung wohl angehen, Tuscarora— für die meinige aber würde ſich's wohl ſchwerlich ziemen. Ich muß wiſſen, daß ich das Recht auf meiner Seite habe, ehe ich bereit bin, Andern das Leben zu nehmen.“ „»Kap'in immer ſprechen ſo, hm? Wenn er Soldat war und General ſagen: ‚ſchießen zehn, vierzig, tauſend Franzmannt, dann er ſagen: „Halt, General— keine Eile— laſſen Kap'in zuvor nachdenken“. O, o — nach und nach werden ſchon gehen und Skalp nehmen— nicht?“ So weit konnte der alte Krieger ſich doch nicht beherrſchen, daß ihm bei dieſem Ausfalle nicht das Blut in's Geſicht ſtieg, denn er fühlte, daß die Liſt des Indianers ihn in einen ſchein⸗ baren Widerſpruch verwickelt hatte. „»Das war, als ich noch in der Armee diente, Wyandotté,“ gab er trotz ſeiner Verwirrung zur Antwort;„damals beſtand meine erſte und höchſte Pflicht darin, dem Befehl meiner Oberen zu gehorchen. Damals handelte ich als Soldat; jetzt aber habe ich als Menſch zu handeln.“ „»Gut— Indianer Häuptling immer in der Armee. Immer hohe Pflicht und Oberen gehorchen— gehorchen Manittu und nehmen Skalp vom Feind. Kriegspfad immer offen, wenn Feind am andern Ende.“ — 1 — 1 4 6 3 1 8 476 „Hier iſt nicht der Ort, um ſolche Fragen zu beſprechen, Häuptling; auch haben wir hiezu keine Zeit.— Wirſt du mit uns gehen?“ Der Indianer nickte bejahend, und bedeutete dem Andern durch Zeichen, daß man den Felſen verlaſſen ſollte. Der Kapitän zö⸗ gerte einen Augenblick, und betrachtete mit angeſtrengter Aufmerk⸗ ſamkeit die Scene in der Lichtung unten. „Was ſagſt du dazu, Tuscarora? der Sergeant hat vorge⸗ ſchlagen, dieſe Verſchanzung zu erſtürmen.“ „Nicht gut, Kap'in. Ihr feuern, ſchreien, drauflosſtürzen— gut; tödten vier, ſechs, zwei— Uebrige laufen davon. Inſchjön unten bei der Mühle hören Büchſe, folgen dem Rauch— wo dann Major? Erſt Major holen— an den Feind hernach denken.“ Mit dieſen Worten wiederholte Nick ſein Zeichen zum Ver⸗ laſſen des Felſens, und man gehorchte ihm ſtillſchweigend. Der Kapitän führte ſie nun zu ſeinem Detaſchement zurück, welches ſie auch in kurzer Zeit erreichten. Alle waren über Nicks Ankunft erfreut, denn man mußte, daß er eine ſichere Büchſe führte, furchtlos wie ein Kampfhahn war, und in den Wäldern eine Spürkraft beſaß, welche ſich häufig zu einer Art von prophetiſcher Ahnung ſteigerte. „Wer führen, Kap'in oder Inſchjön?“ fragte der Tuscarora in ſeiner ſpruchreichen Weiſe. „O, o, Nick, Ihr ſeid einmal ein Kerl!“ murmelte Mike.„Hol' mich der Teufel, Jamie, aber ich glaube, unſer Streifzug würde jetzt eher über die Baumwipfel hingehen, als daß wir des Ma⸗ jors Wohnung verfehlten.“ „Nicht eine Sylbe darf geſprochen werden,“ mahnte der Kapitän, und erhob die Hand mit der Geberde des Vorwurfs.„Ich will den Zug führen; Wyandotté geht neben mir, und flüſtert mir ſeinen Rath in die Ohren. Joyce kommandirt den Nachtrab. Blodget, Ihr müßt ein ſcharfes Augenmerk auf die linke Flanke richten, 4 477 Jamie wird daſſelbe bei der rechten beobachten. Wenn wir den Mühlen näher kommen, könnten wir wohl einzelne Herumſtreifende in den Wäldern treffen, und müſſen alſo unſern Marſch mit der äußerſten Vorſicht ausführen. Jetzt folgt und ſchweigt ſtill.“ Der Kapitän und Nick gingen voran; die ganze Abtheilung folgte, und beobachtete das ihnen auferlegte Stillſchweigen. Die übliche Art, auf dem Kriegspfad in Wäldern zu marſchiren, beſtand darin, daß Mann für Mann hinter einander, und zwar der Nachfolgende immer in den Fußſtapfen des Vorhergehenden ging — eine Anordnung, welche den Zweck hat, die Fährte zu ver⸗ mindern, und dem Feind die eigene Stärke zu verbergen, weßhalb ſie auch ſeitdem den Namen Indianiſche Marſchlinie' erhalten hat. Dießmal wünſchte der Kapitän übrigens, Nick neben ſich zu haben, weil er über des Tuscarora's Treue immer noch eine Unruhe empfand, welche er nicht ganz zu unterdrücken vermochte. Der Vorwand, den er hiefür gebrauchte, war natürlich ein ganz anderer, wie ſich der Leſer leicht denken kann. So wie man nämlich die Spur eines Mokaſſins neben der ſeines Stiefels be⸗ merkte, mußte wohl jeder Späher, der die Fährte zu Geſicht bekam, auf die Vermuthung gerathen, daß ſie von einer Abthei⸗ lung aus der Lichtung oder der Mühle herrühre. Nick ſtimmte ganz ruhig dieſer Betrachtung bei, und ſetzte ſich ohne Weigerung neben dem Kapitän in Bewegung. Nach allen Seiten der Marſchlinie wurden wachſame Blicke gerichtet; doch hoffte und glaubte man, die Straße, welche die Abenteurer eingeſchlagen, liege zu weit weſtlich, um einer Unter⸗ brechung ausgeſetzt zu werden. Eine Viertelmeile näher bei der Niederung konnten ſie vielleicht auf einzelne Patrouillen ſtoßen; ſo aber, auf dem Gipfel des Bergrückens, lag ſchon eine gewiſſe Sicherheit in der Indolenz ihres Feindes, welche ſeine Müſſig⸗ gänger von dem Erſteigen einer Anhöhe wohl abhalten mochte. Jedenfalls ſtießen ſie auf keine ſolche Unterbrechung, ſondern 478 erreichten ungefährdet den Ausläufer des Bergrückens— jene Felſen, welche die Grundwand des Waſſerfalls bildeten. Dieß war ein genügender Beweis, daß ſie weit genug gegen Süden marſchirt waren. Der eben erwähnte Abgrund war zwar im Laufe der Zeiten durch das Anſteigen der Niederung beinahe aus⸗ gefüllt worden; ſein Rand aber trat noch deutlich genug hervor, um eine gute Deckungsmauer zu gewähren. 5 Das Streifkorps ſtieg zu dem unteren Plateau hinab; der Kapitän und Nick bogen nun gegen Oſten, um die Mühlen von der Rückſeite her zu erreichen. Da die Gebäude ſelbſt in der Thalſchlucht lagen, ſo konnte dieß nur durch ein raſches Hinab⸗ ſteigen unmittelbar in deren Nähe geſchehen, und bis dahin machte die Geſtaltung des Bodens bis auf Piſtolenſchußweite von ihrem Ziele den Marſch ſo ziemlich ſicher. Nick erzählte ſeinen Gefährten, er ſei ſchon mehrere Mal über eben dieſes Plateau ge⸗ kommen, ohne eine Spur von Fußtritten zu bemerken, woraus er ſchloß, daß die Feinde ſich nicht die Mühe genommen hatten, die ſteilen Felſen am weſtlichen Rande der Thalſchlucht zu erſteigen. Die Annäherung gegen den Gipfel der Klippe geſchah mit Vorſicht; in der linken Flanke waren die Abenteurer ohnedieß durch den ſteilen Abſturz der oberen Terraſſe geſchützt, den ſie bereits hinter ſich hatten. So blieb eigentlich blos die rechte Flanke und die Front zu bewachen, da das Zurücktreten des Landes gewiſſermaßen von ſelbſt eine Deckung für den Nachtrab bildete. Es war demnach kein Wunder, daß man vollkommen unent⸗ deckt den Rand der Thalſchlucht erreichte. Das Terrain war äußerſt günſtig, und der Kapitän führte ſeine Leute augenblicklich einen gewundenen Pfad hinab, der in der Richtung der Mühle dicht mit Gebüſchen eingefaßt war. Die Schlucht bei den Mühlen war ſo eng, daß der Raum nur mit Mühe für die Gebäude ſelbſt, ſo wie für drei bis vier Tag⸗ löhnershütten ausreichte. Die Mühlen ſtandeu vorn ſo nahe als 479 möglich am Waſſer; die Wohnungen der Taglöhner dagegen wa⸗ ren auf einige Felsplatten, oder wo ſich ſonſt ein Fleckchen Erde darbot— hingeklebt. So kam es, daß das Haus des Müllers Daniel, wo man den Major noch immer gefangen glaubte, ganz allein und zum Glück gerade am Fuße des Pfades ſtand, auf welchem unſere Abenteurer herabkamen. Dieß Alles geſtaltete die Sache höchſt günſtig, und war von Kapitän Willoughby da⸗ mals, als er den Plan zu dem gegenwärtigen Streifzuge entwor⸗ fen hatte, als weſentlicher Vortheil in Rechnung gezogen worden. Sobald man das Kamin der Hütte über das Gebüſch hervor⸗ ragen ſah, ließ Kapitän Willoughby ſein Detaſchement Halt ma⸗ chen, und wiederholte Joyce mit flüſternder Stimme die erforder⸗ liche Inſtruktion. Der Sergeant erhielt Befehl, in ſeiner gegen⸗ wärtigen Stellung zu bleiben, bis er ein Zeichen zum Vorrücken empfinge. Der Kapitän ſelbſt wollte ſo nahe als möglich zu der Butterkammer der Mühle hinabſteigen, und dort rekognosciren, ehe er den endlichen Befehl ertheilte. Dieſe Butterkammer befand ſich in einem angelehnten Winkel, wie ein ſolcher kleiner Anbau an die Hauptwohnung in der Sprache des Landes genannt wurde; man war bei der Erbauung haupt⸗ ſächlich auf Schatten und Kühle für Aufbewahrung der Milch, welche zu dieſer Jahreszeit in der Regel in reichlichem Maaße vor⸗ räthig war, bedacht geweſen, und hatte ſie deßhalb bis dicht an den Felſen zurückgeſchoben, wo ſie zwiſchen jungen Bäumen und Sträu⸗ chern halb verſteckt lag. Sie enthielt nur ein einziges, kleines Fen⸗ ſter, das zur Abhaltung von Katzen und ſonſtigem der Milch ſchädlichen Ungeziefer mit einem hölzernen Gitter verſehen war. Die Kammer ſelbſt hatte weder Latten⸗ noch Gyps⸗Verkleidung, denn dieſe beiden Arten innerer Ausſtattung wurden in den Blockhütten an der Gränze nur ſelten getroffen. Dafür be⸗ ſtand ſie aber aus feſten, mit Mörtel verbundenen Stämmen, und bildete, wenn die Thüre gehörig bewacht wurde, ein ſehr feſtes 480 Gefängniß, da man dem Gefangenen alle ſchneidenden Inſtru⸗ mente abgenommen hatte. Dieß Alles war dem Vater ſchon zu der Zeit, da er ſich zur Be⸗ freiung ſeines Sohnes angeſchickt hatte, bekannt geweſen, und eben ſo wie die Lage der Gebäude ſelbſt bei der Ermeſſung der Wahr⸗ ſcheinlichkeit eines Gelingens wohl von ihm erwogen worden. Sobald Kapitän Willoughby ſeine Befehle ertheilt hatte, ſtieg er, blos von Nick begleitet, den Fußpfad vollends hinab. Er hatte ſeine Abſicht dahin ausgeſprochen, daß er den Tuscarora zur Re⸗ kognoscirung voranſchicken, ſich ſelbſt aber durch das Gebüſch zwiſchen dem Anbau und dem Felſen durchdrängen, und dort mittelſt der Ritzen in den Baumwänden eine Verbindung mit dem Major bewerkſtel⸗ ligen würde. Je nachdem Nicks Rapport lautete, wollte er ſich von den Umſtänden leiten laſſen, und ſein Verfahren darnach einrichten. „Gott ſegne Euch, Joyce,“ ſprach der Kapitän, indem er dem Sergeanten zum Abſchiede die Hand drückte.„Wir ſind an einem kitzlichen Unternehmen, und müſſen dabei unſern ganzen Verſtand auf⸗ bieten. Sollte mir irgend Etwas zuſtoßen, ſo vergeßt nicht, daß meine Familie dann hauptſächlich auf Euren Schutz angewieſen iſt.“ „Ich werde das als Euer Gnaden Ordre anſehen, Sir, und weiter brauche ich nicht zu wiſſen, Kapitän Willoughby.“ Der Kapitän lächelte ſeinem alten Kriegsgefährten freundlich zu, und Joyce glaubte, in den edlen, männlichen Zügen ſeines Vorgeſetzten niemals einen ruhigeren, milderen Ausdruck bemerkt zu haben, als eben in dem Augenblicke, da er ſeinen eigenen Händedruck erwiederte. Dieſe beiden einſamen Wanderer ſchritten Beide höchſt vor⸗ ſichtig und geräuſchlos dahin. Die oben lauſchten in athemloſem Schweigen, doch das ſtetige Heranſchleichen der Katze gegen den Vogel hätte nicht ſtiller vor ſich gehen können, als das Herab⸗ ſteigen dieſer beiden erfahrenen Krieger. —/„. Der Punkt, wo Joyce mit dem Reſte des Detaſchements zurückgelaſſen worden war, mochte etwa fünfzig Fuß über dem Dache der Hütte und beinahe ſenkrecht über der engen Thalſpalte liegen, welche den Anbau bekanntlich von den Felſen trennte. Das Gebüſch und die Bäume ſtanden hier aber ſo dicht, daß ſie, ſelbſt wenn die Geſtalt der Klippe dieß erlaubt hätte, auch nicht den flüchtigſten Blick auf die Gegenſtände unten geſtatteten, ja ſogar dem Schalle den Zutritt verwehrten. Joyce glaubte nichtsdeſtowe⸗ niger ein Raſcheln in den Büſchen zu vernehmen, während der Kapitän ſich zu dem engen Raume, den er einnehmen ſollte, Bahn brach, und er betrachtete dieß als ein gutes Zeichen, da es wenigſtens ſo viel bewies, daß Jener auf keinen Widerſtand geſtoßen war. Eine halbe Stunde lang herrſchte völlige Stille in den Wäldern, welche nur durch das Plätſchern des Waſſerfalls über ſeinem natürlichen Damm unterbrochen wurde. Gegen das Ende dieſer ermüdend langen Periode ließ ſich ein Schrei vorne bei den Mühlen vernehmen, und das Detaſchement erhob ſchon die Büchſen in der unbeſtimmten Beſorgniß, daß das Unternehmen entdeckt ſei, und eine Entſcheidung herannahe. Es ereignete ſich jedoch nichts Weiteres, was dieſen Eindruck ver⸗ ſtärkt hätte, und ein gelegentliches Gelächter, das offenbar von Weißen herrührte, diente eher dazu, jene Beſorgniſſe wieder zu beſchwichtigen. So verſtrich abermals eine halbe Stunde, ohne daß irgend eine Unterbrechung vernommen wurde. Jetzt begann Joyce unruhig zu werden, denn es war nunmehr ein Zuſtand eingetreten, welcher in ſeiner Inſtruktion nicht vor⸗ geſehen worden war. Schon war er im Begriff, Jamie das Kom⸗ mando zu übertragen, und ſelbſt zur Rekognoscirung hinabzuſteigen, als man einen Fußtritt den Pfad heraufkommen hörte. Nur bei der tiefen Aufmerkſamkeit und athemloſen Stille der Mannſchaft war es möglich, einen faſt ganz geräuſchloſen Schritt ſo deutlich zu vernehmen; aber gehört wurde er in einem jener Augen⸗ blicke, wo jeder Sinn bis auf's Aeußerſte angeſtrengt war. Die Wyandotts. 3 31 482 Büchſen wurden zum Empfange eines Angreifers in Bereitſchaft geſetzt, aber ſogleich wieder geſenkt, als Nick langſam und be⸗ dächtig zum Vorſchein kam. Der Tuscarora war ruhig in ſeinem Weſen, als ob kein Zwi⸗ ſchenfall die bisherige Anordnung geſtört hätte; nur ſeine Blicke ſchweiften rings umher, als ob er eine abweſende Perſon ſuche. „Wo Kap'in?— Wo Major?“« fragte Nick, ſobald ſein Auge alle Anweſenden betrachtet hatte. „Das müſſen wir dich fragen, Nick,“ erwiederte Joyce.„Wir haben den Kapitän, ſeit er uns verlaſſen hat, nicht mehr geſehen, auch keine Befehle von ihm erhalten.“ Dieſe Antwort ſchien den Indianer mehr zu überraſchen, als er dieß ſonſt zu verrathen pflegte, und man ſah ihn eine Weile in offenbarer Unruhe nachſinnen. „Kann nicht immer hier bleiben,“ murmelte er endlich.„Am Beſten gehen zu ſehen. Allgemach auch Störung kommen— dann zu ſpät.“ Der Sergeant war nichts weniger als geneigt, ohne Befehl ſeinen Ort zu verlaſſen. Er hatte ſeine Inſtruktion, wie er in allen wahrſcheinlichen Vorkommniſſen verfahren ſollte, doch kein Wort über den Fall, daß die unten Befindlichen völlige Unthätigkeit an den Tag legen könnten. Gleichwohl war bereits doppelt ſo viel Zeit verſtrichen, als nöthig war, um die Dinge zur Entſcheidung zu bringen, und noch war weder ein Zeichen, noch ein Schuß oder ſonſtiger Allarm zu ſeinen Ohren gedrungen. „Weißt du irgend Etwas von dem Major, Nick?“ fragte der Sergeant, entſchloſſen, die Sache erſt ganz genau zu unterſuchen, ehe er zu einem Entſchluſſe käme. „Major dort— ſehen ihn an der Thüre— voll Schildwach. Alles gut— aber wo Kap'in?“ „Wo haſt du ihn denn verlaſſen? Du kannſt jedenfalls die letzte Nachricht von ihm geben.“ — S.. — 483 „Gehen hinter Speiſekammer— unter Felſen— viel Buſch — Alles recht— Sohn dort.« „Da muß nachgeſehen werden— vielleicht haben Seine Gnaden einen Schlaganfall gehabt— ſo Etwas kann zuweilen vorkommen, und ein Mann, der für ſein eigen Kind zu Felde zieht, wird nicht gerade eben ſo empfinden, Jamie, wie Einer, der ſo zu ſagen nur nach allgemeinen Prinzipien kämpft.“ „»Na— da habt Ihr recht, Sergeant Joyce— Ihr werdet ein freundliches und kluges Werk verrichten, wenn Ihr ſelber hinab⸗ geht, und mit eigenen Augen die Sache unterſucht.“ Dieß beſchloß Joyce zu thun; Nick befahl er, ihn als Führer zu begleiten. Der Indianer ſchien mit Freuden zu gehorchen, und ohne Verzug wurde der Marſch angetreten. Es bedurfte blos einer Minute, um die enge Spalte zwiſchen Felſen und Anbau zu erreichen. Die Büſche wurden ſorgfältig bei Seite geſchoben, und Joyce trat in das Dickicht. Bald entdeckte er das Jagdhemd ſeines Herrn, und wollte ſich ſchon zurückziehen, in der Meinung, er ſchwebe im Irrthum, und ſei den Befehlen vorangeeilt— doch ein kurzer Blick auf ſeinen Kommandanten entfernte alle Zweifel. Er bemerkte nämlich, wie dieſer auf einem Felsvorſprunge ſaß und den Körper vorwärts beugte, indem er ſich offenbar auf die Baumſtämme der Wohnung ſtützte. Dieß ſchien ſeinen erſten Gedanken wegen eines Schlag⸗ anfalls zu beſtätigen, und der Sergeant eilte raſch vorwärts, um ſich von der Wahrheit zu überzeugen. Joyce berührte den Kapitän beim Arm; aber Letzterer gab kein Zeichen des Bewußtſeins von ſich. Dann richtete er den Körper ſeines Oberen auf, und lehnte ihn mit dem Rücken an den Felſen— fuhr aber zurück, als er deſſen Geſicht mit der Bläſſe des Todes bedeckt ſah. Im erſten Augenblick war bei dem Sergeanten der Gedanke an einen Schlaganfall vorherrſchend; als er aber ſeine eigene Stellung änderte, erblickte er eine Blutlache 31* 484 zu ſeinen Füßen, welche mit einem Male verkündete, daß hier eine Gewaltthat verübt worden war. Der Sergeant war zwar ein Mann von großer Nervenfeſtigkeit und von unveränderlichem Gleichmuthe; dennoch zitterte er, als er ſich von der bedenklichen Lage ſeines alten, geliebten Kommandanten überzeugte. Doch war er jedenfalls zu ſehr Soldat, um irgend Etwas, das die Umſtände erforderten, zu vernachläſſigen. Bei näherer Unterſuchung entdeckte er zwiſchen zweien von den Rippen eine tiefe, gefährliche Wunde, welche offenbar mit einem ge⸗ wöhnlichen Meſſer beigebracht worden war. Der Stich war gerade in's Herz gedrungen, und es blieb kein Zweifel mehr: Kapitän Wil⸗ loughby war todt! Nur ſechs Fuß von ſeinem tapferen Sohne entfernt, hatte er ſeinen letzten Athem ausgehaucht; dieſer wußte nichts von Allem, was vorging, und ließ ſich wohl nicht träumen, daß ſich ſein theurer Vater, und zwar in ſo trauriger Lage, in ſeiner Nähe befand. Joyce war ein Mann von ſehr kräftigem Körperbau, und in dieſem Augenblicke fühlte er Rieſenſtärke in ſeinen Gliedern. So⸗ bald er überzeugt war, daß der Verwundete wirklich zu athmen aufgehört hatte, ſchlang er deſſen Arme um ſeine Schultern, nahm ſeinen Körper auf den Rücken, und verließ den Ort. Dieſelbe Auf⸗ merkſamkeit wie beim Eintritte wurde jetzt nicht mehr beobachtet, doch ging Joyce wenigſtens ſo behutſam, daß jeder Bloßſtellung vorgebeugt wurde. Nick ſtand da, und bewachte ſeine Bewegungen mit verwun⸗ dertem Blicke; ſobald aber der Raum es geſtattete, half er ihm die Leiche hinauftragen. So zogen die Beiden mit ihrer lebloſen Bürde den Pfad auf⸗ wärts. Ein Wink bedeutete Jamie, den beiden Trägern mit ſeiner Abtheilung voranzugehen, und der Sergeant ſtand nicht eher ſtill, um Athem zu ſchöpfen, als bis er den Gipfel der Klippe glücklich erreicht hatte; dann machte er Halt an einer abgelegenen Stelle, wo man keine unmittelbare Entdeckung zu fürchten hatte. 485 Der Körper des Kapitäns wurde nun mit ehrerbietiger Scho⸗ nung auf den Boden gelegt, und Joyce erneuerte jetzt ſeine Unter⸗ ſuchung mit größerer Ruhe und Pünktlichkeit, bis er ſich vollkommen überzeugt, daß der Kapitän faſt ſchon ſeit einer Stunde den Athem aufgegeben haben mußte. Das war ein ſchwerer, ſchrecklicher Schlag für die ganze Abthei⸗ lung. Keiner dachte in jenem Augenblicke daxan, die Art und Weiſe zu erforſchen, wie ihr trefflicher Gebieter um's Leben gekommen war; Aller Gedanken waren allein auf die Größe dieſes Unglücks oder auf die Mittel zum Rückzug nach dem Blockhauſe gerichtet. Joyce war die Seele des ganzen Haufens. Sein rauhes Geſicht gewann einen ernſten, gebietenden Ausdruck; jedes Zeichen von Schwäche war verſchwunden. Eilig ertheilte er ſeine Befehle, und⸗ die Leute erſchraken ſogar, wenn er ſprach: ſo ſtreng ſchien er auf pünktlichen Gehorſam halten zu wollen. Die Büchſen wurden zu einer Tragbahre verwendet; die Leiche ward darauf gelegt, die vier Mann hoben dann die Laſt in die Höhe, und traten in melancholiſchem Schweigen den Rückweg an. Nick ging voraus, und machte ſie auf alle Schwierigkeiten des Weges aufmerkſam; er that dieß mit einem unverdroſſenen Eifer, mit einer Sanftheit in ſeinem Weſen, wie dieß keiner der An⸗ weſenden je zuvor an dem Tuscarora bemerkt hatte. Es ſchien — um uns eines ſeiner eigenthümlichen Ausdrücke zu bedienen— als ob er völlig zum Weib geworden wäre. Keiner ſprach ein Wort; Alle leiſteten mit dem beſten Willen Hilfe, und trotz der Bürde, welche man zu tragen hatte, geſchah der Rückzug weit raſcher, als das Vorrücken geweſen war. Nick machte fortwährend den Führer, und wählte mit nie getäuſchtem Blicke ſogar noch beſſere Wege, als die Weißen auf ihrem Marſche aufzufinden vermocht hatten. Er war oft als Jäger über alle dieſe Hügel gekommen; ihm waren die Zugänge in den Wäldern ebenſo bekannt, wie dem Bürger die Straßen ſeiner Geburtsſtadt. Er bot 486 ſich nicht zum Träger an— dieß hätte die Gebräuche ſeines Volkes beleidigt— in allem Andern aber bewies der Indianer die größte Zartheit und Bekümmerniß. Er ſchien zu beſorgen— und äußerte es auch— die Mohawks möchten den Skalp des Todten nehmen— ein Schimpf, auf deſſen Verhütung er eben ſo ſehr bedacht ſchien, als Joyce, nur daß der Sergeant dabei mehr die Gefühle der Ueber⸗ lebenden, als die Eingebungen militäriſchen Stolzes im Auge hatte. Trotz der eiſernen Entſchloſſenheit, welche bei den Leuten vor⸗ herrſchte, war der Rückmarſch immerhin noch ſehr lang und beſchwer⸗ lich. Die Entfernung an ſich betrug über zwei Meilen; dazu kamen noch die Unebenheiten und ſonſtigen Hinderniſſe des Waldes, die ſich ihnen entgegenſtellten. Ausdauer und Feſtigkeit überwanden aber alle dieſe Schwierigkeiten, und nach Verfluß von zwei Stunden näherte ſich die Abtheilung dem Punkte, wo man genöthigt war, entweder in das Bette des Flüßchens hinabzuſteigen, oder den trau⸗ rigen Marſch auf offenem Feld fortzuſetzen, und ihn jedem Feinde, der im Rücken des Blockhauſes herumſtreifen mochte, bloßzuſtellen. Eine Art verzweifelter Entſchloſſenheit hatte die Leute bis jetzt auf ihrem Rückmarſche beſeelt; ſie achteten nicht auf Entdeckung und deren Folgen, was eben ihren jetzigen Rückzug ſo ſehr begünſtigt hatte, denn der kühne Wagehals wird in Kriegsunternehmungen häufig weit weniger Schwierigkeiten antreffen, als der bedächtige, furchtſame Klügler. Jetzt aber ſtellte ſich ihnen eine Verlegenheit vor Augen, welcher weit ſchwieriger, als allen ſeitherigen perſön⸗ lichen Gefahren zu begegnen war. Sie ſollten der liebenden Familie des Verſtorbenen entgegen treten, ſollten Gattin und Töchter von dem ſchrecklichen Verluſte benachrichtigen, welchen die göttliche Vorſehung ſo plötzlich über ihr Haus verhängt hatte. „Laßt den Körper nieder, ihr Leute,“ ſagte Joyee in gebieteriſchem Tone, obwohl mit zitternder Stimme;„wir müſſen Halt machen, und über unſern nächſten Schritt mit einander berathſchlagen.“ Eine kurze, ehrerbietige Pauſe folgte, während welcher die 487 Mannſchaft den lebloſen Körper mit dem Geſicht nach oben, die Gliedmaßen ausgeſtreckt, auf das Gras niederlegten, alles mit einem Anſtand, der ihren tiefen Reſpekt vor dem empfindungs⸗ loſen Leichnam, ſelbſt nachdem der edle Geiſt ihres Gebieters gänzlich entwichen war— am beſten bezeugte. Mike allein konnte ſeine ſtarke, angeborene Vorliebe zum Schwatzen nicht unterdrücken. Der ehrliche Burſche hob die Hand ſeines ehemaligen Herrn in die Höhe, küßte ſie voll tiefer Zärtlichkeit, und brach in folgendes Selbſtgeſpräch aus: »Du bedurfteſt keines Prieſters und keiner letzten Oelung,“ begann er mit einer Stimme, deren Klang mehr durch Schmerz, als durch Furchtſamkeit vor etwaigen Folgen gehemmt war.„Dei⸗ nes Gleichen haben immer ein reines Gewiſſen, und das Meſſer, das dein Herz durchbohrte, fand Nichts, deſſen du dich zu ſchämen brauchteſt! Der Schmerz kommt bitter über mich, denn dein Ver⸗ luſt trifft mich eben ſo hart, wie wenn ich die Nachricht erhielte, Alt⸗Irland ſei in die ſalzige See verſunken— was niemals ge⸗ ſchehen kann, niemals geſchehen wird; nein, nicht einmal am jüngſten Gericht, da Alle darin übereinſtimmen, daß die Welt ver⸗ brennen und nicht ertrinken wird. Und wer ſoll jetzt dieſe Nachricht der Miſſes und Miß Beuly, der hübſchen Miß Maud und dem Klei⸗ nen noch obendrein überbringen, und hol' mich der Teufel— aber Michael O'Hearn, der thut es nicht, denn der hat eigenen Kummer genug, und braucht nicht noch herumzulaufen und ihn anderen Leuten mitzutheilen.— Sergeant, das wird wohl Eure Pflicht werden, und ich bedaure den Mann, der ſie zu erfüllen hat.“ „»Niemand ſoll mich vor einer Pflicht zurückbeben ſehen, O'Hearn,“ ſprach Joyce in feſtem Tone, während er ſeine Thränen, welche einer Quelle entſtrömten, die aus ſolcher Veranlaſſung ſeit zwan⸗ zig Jahren nicht mehr übergefloſſen war— nur mit der größten Mühe zurückzuhalten vermochte.„Mag es meinem Herzen auch noch ſo hart dünken— ich ſage nicht, daß dieß nicht der Fall 488 iſt— aber Pflicht iſt Pflicht, und muß nun einmal erfüllt wer⸗ den.— Korporal Allen, Ihr ſeht, wie die Sachen ſtehen; der kommandirende Offizier iſt unter der Zahl der Todten, und nichts wäre einfacher, als unſer Verhalten, wenn Madame Willoughby — Gott ſegne ſie und nehme ſie in Seinen heiligen Schutz— und die jungen Ladies nicht wären. Ihretwegen müſſen wir uns jetzt ein wenig berathen, und ſo frage ich Euch, als den Ael⸗ teſten und Erfahrenſten, zuerſt um Eure Meinung.“ „Kummer iſt ein unwillkommener Gaſt, ob man ihn nun er⸗ wartet oder ohne vorherige Kunde getroffen haben mag. Das Herz der Wittwe und der vaterloſen Waiſen muß nun einmal verwun⸗ det werden, und unſer Troſt, unſer Hin⸗ und Herreden wird gar wenig gegen die Gefühle der Natur vermögen. Philoſophie und Religion belehren uns, daß, wenn der Geiſt entflohen, der Körper nicht mehr werth iſt, als ein Erdklumpen dort aus dem Thale; aber unſer Herz bleibt unfähig, auf die Stimme der Weisheit zu hören, wenn der Kummer noch ſo friſch iſt, und uns die unvorher⸗ geſehene, bittere Wahrheit immer wieder auf's Neue vor Augen hält. Ich weiß demnach nichts Beſſeres zu thun, als einen Boten vorauszuſchicken, der für die Ankunft der Wahrheit in der Geſtalt des Todes ſelber— den Weg zuvor ein wenig anbahnt.“ „Ich habe auch ſchon daran gedacht: wollt Ihr, als ein Mann von Verſtand und von Jahren, dieſes Amt auf Euch nehmen, Jamie?“ „Na, na— Ihr werdet weit beſſer thun, einen Jüngeren zu ſchicken. Das Alter hat mein Gedächtniß geſchwächt, und ich könnte leicht manche von den Umſtänden überſehen, was doch bei einer ſolchen Veranlaſſung höchſt unpaſſend wäre. Da iſt z. B. Blodget, ein Jüngling von flinkem Verſtand und geläufiger Zunge.“ „Ich— ich möchte es nicht thun, Maurer, und wenn ich zehn ſolche Landgüter, wie dieſes hier, dafür erhielte!“ rief der junge Rhode⸗Isländer, und trat in der That einen Schritt rückwärts, als ob er ſich vor einem gefürchteten Feinde zurückzöge. 489 „Nun, Sergeant, dann haben wir noch Michael hier; er ge⸗ hört zu einer Kirche, welche mit dem Proteſtantismus ſo wenig ſympathiſirt, daß dadurch das Peinliche des Auftrags für ihn ſehr gemildert werden muß. Der Tod iſt ein naher Verbündeter der Religion, und wenn Michael die Sache vom religiöſen Stand⸗ punkte betrachtet, ſo kann er ſein Herz wohl in eine ſo gefühlloſe Stimmung hineinbringen, daß er faſt nichts zu thun hat, als das Vorgefallene zu erzählen, indem er es Gott in Seiner Gnade überläßt, den Wind für das geſchorene Lamm zu ſänftigen.“ „Hörſt du, O'Hearn?« fragte der Sergeant ernſthaft—„Jeder⸗ mann ſcheint zu erwarten, daß du dieſe Pflicht übernehmeſt!« „»Pflicht!— Nennt ihr das Pflicht für einen Mann in meiner Lage, wenn er der Miſſes und Miß Beuly, der hübſchen Miß Maud und dem Kindlein das Herz brechen ſoll— denn Kinder haben eben ſo gut ein Herz, wie der ſtattlichſte Mann auf der ganzen Welt. Der Teufel ſoll mich holen, wenn ihr aus meinem Munde auch nur die leiſeſte Andeutung darüber herausbringt, daß der Kapitän todt, daß er von uns gegangen iſt, für immer und ewig, Amen! Ihr könnt mich zwar hineinſchicken, denn ihr ſeid Korporale und Ser⸗ geanten und dergleichen; ich werde euch auch wie ein Soldat ge⸗ horchen, denn er würde es nicht anders gewünſcht haben, hätte der Athem in ſeinem Körper ausgehalten, wie er dieß nicht gethan, ſondern die Seele hier auf Erden zurückgelaſſen hat, um mit dem leiblichen Theil nach den Wohnungen der Seligen voranzugehen— die heilige Maria erbarme ſich ſeiner, hier und dort— aber der Kapitän war nicht der Mann, der von einem treuen Diener ver⸗ langt hätte, die Miſſes zu betrüben, und ſo will ich nichts mit einer ſolchen Botſchaft zu ſchaffen haben— nicht um die ganze Welt!“ „Nick gehen,“ ſprach jetzt der Indianer ruhig.„Schon gewohnt, Botſchaft zu überbringen— bringen noch einmal für Kapyin.“ „Gut, Nick, das ſollſt du auch thun, wenn du Luſt haſt,“ gab Joyce zur Antwort, der lieber die Dienſte eines Chineſen 490 angenommen, als das Amt in eigener Perſon verrichtet hätte. „Vergiß aber nicht, vorſichtig mit den Ladies zu ſprechen, und die Nachricht nicht zu raſch mitzutheilen.“ „Ja— Sauaw ſanftes Herz— Nick wiſſen— hatte Mutter — hatte Weib— hatte Kindlein.“ „Ganz gut; das iſt ein weiterer Vortheil, denn ſo iſt Nick unter uns der einzige Verheirathete, und ſolche Männer müſſen doch am beſten mit Frauen umzugehen wiſſen.“ Joyce hielt nun mit dem Tuscarora eine geheime Unterredung, welche fünf bis ſechs Minuten dauerte; dann ſprang Letzterer raſch in das Flußbette hinab, und verſchwand bald darauf hinter den Gebüſchen des Ufers. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Herz wallt zum Herzen— die heilige Flut, Die uns wärmt— gleich wärmt ſie uns Alle; Der treffliche Greis— ſein redliches Blut Uns Allen weiht' er's im Falle. „ Sprague. So raſch und eifrig auch Nick ſeinen Gang angetreten hatte, ſo ließ doch ſeine Eile alsbald nach, ſowie er der im Walde zu⸗ rückgebliebenen Abtheilung aus den Augen war. Noch ehe er den Fuß der Klippe erreichte, hatte ſich ſeine Eilfertigkeit bis zum förmlichen Spazierſchritte ermäßigt, und als er ſich wirklich der Stockade gegenüber ſah, ſetzte er ſich auf einen Stein, um, wie es ſchien, über das zu beobachtende Verfahren nachzudenken. Während er ſo— regungslos— auf dem Steine verharrte, ſpiegelte ſich ein ſteter Wechſel von Gefühlen in der Miene des Tuscarora. Anfangs war der Ausdruck ſtolz, wild, triumphirend; dann wurde er weicher, ſanfter, ſogar reuevoll. Er zog ſein Meſſer aus der ledernen Scheide, und betrachtete die Klinge mit unruhi⸗ gen Blicken. Sobald er bemerkte, daß da, wo die Klinge mit dem Handgriff zuſammentraf, ein Klümpchen Blut zurückgeblieben —☛ε N 491 war, wuſch er ſogleich jede Spur ſorgfältig mit Waſſer ab. Dann ſtreifte ſein Blick über ſeine ganze Geſtalt hin, um ſich zu über⸗ zeugen, ob noch mehr ſolcher Blutflecken übrig ſeien, welche ſein furchtbares Geheimniß verrathen könnten— und jetzt erſt ſchien er beruhigter zu ſein. „Wyandotteé's Rücken jetzt nicht mehr ſchmerzen,“ brummte er vor ſich hin.„Alte Wunde heilen zu. Warum Kap'in ihn berüh⸗ ren? Glauben, Inſchjön kein recht Gefühl? Gut Mann zu Zei⸗ ten; bös Mann zu Zeiten. Manchmal leben; manchmal ſterben. Warum Wyandotts ſagen, ihn wieder peitſchen, wenn er gerade in Feindes Lager gehen? Nein; Rücken jetzt wohl fühlen und nie wieder ſchmerzen.“ Sobald dieſes Selbſtgeſpräch beendigt war, ſtand Nick auf, warf einen Blick nach der Sonne, um ſich zu überzeugen, wie viel noch vom Tage übrig war, betrachtete das Blockhaus, als ob er deſſen Vertheidigungsfähigkeit ermeſſen wollte, ſtreckte ſich wie Einer, der ſehr ermüdet iſt, und lugte dann hinter den Büſchen hervor, um zu ſehen, wie die Yankee's auf dem Felde noch immer beſchäftigt waren. Sobald dieß geſchehen war, ord⸗ nete er ſeine leichte Kleidung mit ganz beſonderer Ueberlegung und Ruhe, und machte ſich bereit, ſich vor der Gattin und den Töchtern des Mannes zu zeigen, welchen er drei Stunden früher, ohne alle Gewiſſensbiſſe, ermordet hatte. Während der dreißig Jahre, welche ſeit ſeiner erſten Beſtrafung und dem gegenwärtigen Augenblicke verſtrichen waren, hatte Nick dieſe verrätheriſche Handlung oftmals im Schilde geführt; die Um⸗ ſtände wollten ihm aber deren Ausführung niemals mit voller Sicher⸗ heit in die Hand geben. Durch die ſpätere Züchtigung war ſein Wunſch einige Jahre lang noch mehr geſteigert worden; doch die Zeit hatte ſeinen Durſt nach Rache wieder ſo weit in Vergeſſenheit gebracht, daß er ohne die unglückſeligen Anſpielungen des Schlacht⸗ opfers ſelber vielleicht nie mehr zur Thätigkeit erwacht wäre. 492 Kapitän Willoughby war ein engliſcher Krieger aus der Schule des letzten Jahrhunderts. Von Natur gerecht und menſchlich, glaubte er gleichwohl an den militäriſchen Grundſatz, daß ‚die Regimenter, bei welchen die Peitſche am meiſten gehandhabt werde, auch am beſten fechtene;— ein Grundſatz, der, auf den gemeinen Mann in England angewendet, wohl nicht ſo unrichtig ſein mochte. Auf einen amerikaniſchen Wilden bezogen, war es aber ein ſehr gefährlicher Irrthum, beſonders wenn dieſer Wilde früher die Stellung eines Häuptlings bekleidet, und noch nicht alle Gefühle dieſer Kaſte verloren hatte. Zu allem Unglück hatte der Kapitän gerade in einem Augen⸗ blicke, da Alles von der Treue des Tuscarora abhing, ſein frühe⸗ res Hilfsmittel, ſich des Gehorſams des Wilden zu verſichern, wieder auf's Tapet gebracht, und Jenen— wie zur heilſamen Er⸗ mahnung, an dieſe frühere Züchtigungsweiſe erinnert.„Die alte Wunde ſchmerzte auf's Neue,“ wie Nick dieß ausgedrückt haben würde; der ſeit dreißig Jahren in ihm ſchlummernde Plan er⸗ wachte plötzlich und mit neuer Stärke wieder, und ſein Meſſer fuhr dem Schlachtopfer ſo blitzſchnell in's Herz, daß dieſem keine Zeit mehr übrig blieb, Gott um ſeine Gnade anzurufen.— In einer halben Minute hatte Kapitän Willoughby den Geiſt aufgegeben. So hatte der Mann gehandelt, der jetzt durch die offenen Palli⸗ ſaden in die frühere Wohnung ſeines Schlachtopfers eintrat. Tiefe Stille herrſchte im Blockhaus und in deſſen Nähe; Niemand er⸗ ſchien, um den unerwarteten Ankömmling auszufragen. Nick ging mit ſeinem gewohnten geräuſchloſen Schritte rund⸗ herum bis an's Hofthor, das er verſchloſſen fand. So mußte er denn anpochen, und that es auch ſo wirkſam, daß bald ein Thün⸗ ſteher herbeikam. „Wer da?“ fragte der ältere Pliny von innen. „Gut Freund— zbor öffnen. Kommen mit Botſchaft vom Kap'in.“ 4 2——A 493 Der natürliche Widerwille gegen die Indianer, wie er die Schwarzen des Blockhauſes beſeelte, erſtreckte ſich auch auf den Tuscarora. Jene Abneigung war nicht ganz ohne eine Beimiſchung von Furcht, und für ſo ungebildete, unwiſſende Weſen war es aller⸗ dings ſchwer, zwiſchen Indianer und Indianer richtig zu unterſchei⸗ den. In ihrer wunderſüchtigen Phantaſte drängten ſich Oneida's, Tuscarora's, Mohawks, Onondaga's und Jrokeſen— alle in unauf⸗ löslicher Verwirrung unter einander; Rothhaut blieb Rothhaut, und Wilder blieb Wilder— dieß war nun einmal ihre Weiſe zu denken. So war es alſo kein Wunder, wenn Plinius der Aeltere noch zögerte, ehe er das Thor öffnete, und einen Mann jenes verab⸗ ſcheuten Stammes einließ, mochte dieſer Mann in ſeiner eigen⸗ thümlichen Stellung zur Familie ihnen Allen auch noch ſo gut bekannt ſein. Zum Glück war Great Smaſh zufällig in der Nähe, ſo daß ihr Gatte ſie durch eines jener Zeichen, wie ſie unter ihnen ſo häufig im Gebrauch waren, an's Thor rufen konnte. »Wen glauben du da draußen 2« fragte der ältere Pliny ſeine Gefährtin mit ſehr bezeichnendem Blicke. „Wie du glauben ich errath, alter Plin? Mein du, Neger⸗ weib ſein wie weiſe Albonny Frau, daß ſie ſehen durch ein Thor, und wiſſen Alles und noch ein bischen mehr?« „Nun, das Trutz Nick. Was du ſagen jetzt?“ „Wiſſen du gewiß, alter Plin?« fragte Miſtreß Smaſh, und in ihrem Blicke leuchtete die Ahnung eines Unglücks. „So gewiß wie Ohr. Geſprochen mit ihm— er wollen her⸗ ein. Was du glauben?“ „»Niemals öffnen Thor, alter Plin, bis Miſtreß ſelber ſagen. Du bleib hier— da; lehnen mit aller Macht gegen das Thor — daz ich rufen Miß Maud; ſie ganz allein im Bibliothen, und wird ſchon wiſſen, was das Beſt. Aber lehn' dich ja recht gegen's Thor, alter Plin.“ Der ältere Pliny nickte bejahend, ſtemmte ſeine Schultern voll 494 Entſchloſſenheit gegen die maſſiven Balken, und ſtand da, einem zweiten Atlaſſe vergleichbar, welcher die Welt ſtützt— als feſte Schutzmauer, welche einem Sturmbocke recht anſehnlichen Wider⸗ ſtand entgegengeſetzt haben würde. Sein Dienſt dauerte übrigens nicht lange, denn bald kehrte ſeine Ladye mit Mand zurück, welche faſt athemlos herbeieilte, um die Nachrichten des Indianers zu erfahren. „Biſt du's, Nick?“« rief die ſüße Stimme unſerer Heldin durch die Ritzen der Balken. Der Tuscarora fuhr zuſammen, als ihm dieſe vertrauten Töne ſo unerwartet zu Ohren drangen; einen Augenblick lang ſah er finſter vor ſich hin, dann zeigte ſeine Miene Beſtürzung und Mit⸗ leid, und auch in ſeiner Antwort lag nicht ſo ganz jene abgeriſſene Kürze der Kehllaute, wie ſie ſonſt zu ſeiner Gewohnheit gehörte. „Nick— Trutz Nick— Wyandotté iſt es, Blume der Wäl⸗ der,“ ſo wurde nämlich Maud oft von dem Indianer genannt. „Bringen Neuigkeit— Kap'in ihn ſenden. Treffen ſein Häuflein und gehen mit ihm. Niemand hier als Wyandotté. Nick ſehen auch Major— ſagen Etwas junger Squaw.“ Dieß entſchied die Sache: das Thor ward aufgeriegelt, und in einer halben Minute ſtand Nick im Hofe. Great Smaſh warf einen verſtohlenen Blick hinaus, und winkte dem älteren Pliny, daß er mit ihr das außerordentliche Schauſpiel betrachten, und Joel mit ſeinen Genoſſen auf den Feldern arbeiten ſehen ſollte. Als ſie die Köpfe wieder hereinſtreckten, war Mand mit ihrem Begleiter bereits im Bibliothekzimmer. Robert Willoughby's Bot⸗ ſchaft hatte unſere Heldin veranlaßt, dieſes Zimmer aufzuſuchen, denn ſie hatte nur wenig Vertrauen zu dem Zartſinne des Boten, und vor allen Andern wollte ſie um keinen Preis ſeine Worte vernehmen. Nick beeilte ſich aber keineswegs mit ſeiner Rede; er nahm den Stuhl, welchen Mand ihm anwies, und betrachtete das Mäd⸗ chen auf eine Weiſe, welche bald ihre ganze Unruhe erregte. —— —— 495 „»Erzähle mir, Wyandotté, wenn dein Herz Etwas von Mit⸗ leid weiß— erzähle mir— iſt Major Willoughby ein Unglück zugeſtoßen?“ „»Er wohl— lachen, ſchwatzen, gut fühlen; nichts beküm⸗ mern. Er Gefangener, Niemand ſein Skalp berühren.“ »„Wozu alſo dieſer unheilverkündende Blick?— Dein Geſicht iſt ja ein wahrer Vorbote von Unglück.“ „Schlimme Neuigkeiten, wenn Wahrheit kommen muß. Was Euer Name, junge Squaw 2« „Nun, das mußt du doch wiſſen, Nick. Ich heiße Maud— deine alte Freundin Maud.“ „Bleichgeſicht haben zwei Namen— Tuscarora haben drei. Manchmal Nick, manchmal Trutz Nick, manchmal Wyandotté!“ „Du weißt, ich heiße Manud Willoughby,“ erwiederte unſere Heldin, bis an die Schläfe erröthend in dem geheimen Bewußt⸗ ſein ihrer Täuſchung, obwohl ſie vorzog, gerade in dieſem Augen⸗ blicke die hergebrachte Anſicht ſo mancher Jahre noch feſter zu halten. „Eures Vaters Name heißen aber Meredith, nicht Willoughby.“ »Himmliſche Vorſehung! auch dieſes große Geheimniß war dir bekannt, Nick.“ „Gar kein Geheimniß— er Alles wiſſen. Wyandotté dort. Sehen Major Meredith erſchoſſen. Er guter Häuptling— nie⸗ mals peitſchen— niemals ſchlagen Inſchjön. Nick kennen Va⸗ ter— kennen Mutter— kennen Squaw noch als Püppchen.“ „Und warum haſt du gerade dieſen Augenblick gewählt, um mir das Alles zu erzählen? Steht es in irgend einer Verwandt⸗ ſchaft zu deiner Botſchaft— zu Bob— zu Major Willoughby, wollt' ich ſagen?“ fragte Mand, welcher der Athem beinahe verſagte. „»Keine Verwandtſchaft, ſagen Euch,“ erwiederte Nick etwas ärgerlich.„Warum machen Verwandtſchaft, wenn gar keine Ver⸗ wandtſchaft da ſein. Meredith— nicht Willoughby. Fragen Mutter; fragen Major; fragen Kaplan— Alle Wahrheit erzählen! 496 Nicht nöthig, ſo zärtlich zu ſein— nicht Euer Vater— durch⸗ aus nicht.“ „Was kannſt du nur mit all' Dem meinen, Nick? Warum blickſt du ſo wild— ſo trotzig— ſo freundlich— ſo bekümmert— ſo ärgerlich? Du mußt mir ſchlimme Nachrichten zu berichten haben.“ „Warum ſchlimm für Euch?— Er nicht Vater— nur Va⸗ ters Freund. Ihr kennen doch nicht helfen— Vater ſterben, als Ihr noch Püppchen— warum ſich alſo für dieſen grämen?« Maud fühlte ſich einer Ohnmacht nahe. Eine ſchreckliche Ah⸗ nung der Wahrheit zuckte durch ihre Phantaſie, nur war ſie natür⸗ lich noch in den Nebel der Ungewißheit eingehüllt. Sie wurde bleich wie der Tod, und preßte die Hand auf's Herz, als ob ſie deſſen Pochen Einhalt thun wollte. Endlich machte ſie eine verzweifelte Anſtrengung, um einige Faſſung zu erringen, und gewann auch dieſe, ſo wie ihr Sprachvermögen wirklich wieder. „O, ſteht es ſo, Nick!— kann es ſo ſtehen? Mein Vater wäre bei dieſer ſchrecklichen Unternehmung gefallen?“ „Vater vor zwanzig Jahren getödtet; wie oft das noch er⸗ zählen?“ gab der Tuscarora ärgerlich zur Antwort. Die nächſte Bemühung des wunderlichen Wilden, der für Maud eine ganz beſondere Zuneigung empfand, welche durch ihr ſanftes, freund⸗ liches Weſen, wie ſie es bei hundert Veranlaſſungen gegen ihn bethätigt hatte, genährt worden war— ging nämlich dahin, die jetzige Trauerbotſchaft für ſie zu mildern, und er dachte, ſobald ſie nur wiſſe, daß Kapitän Willoughby nicht ihr wirklicher Vater ſei, müſſe ſich auch ihr Kummer über ſeinen Verluſt vermindern. „Warum Ihr nennen Dieſen Vater, wenn Jener Vater? Nick kennen Vater und Mutter. Major kein Bruder.“ Trotz des Sturmes, der ſie beinahe zu Boden drückte, fühlte doch Maud bei dieſer Anſpielung ihre Wangen von verrätheriſchem Blute ſich röthen, und beugte das Geſicht zur Erde. Dadurch gewann ſie Zeit, ihre Geiſteskräfte wieder zu ſammeln; ſie erkannte, wie ——“ ——— K/ 1 44— w n 6 ͤ—6 497 hochwichtig es für Alle ſein müſſe, daß ſie ſich ihre Selbſtbeherr⸗ ſchung bewahre, und konnte jetzt auch wieder mit einem Theil jener Stärke, welche der Indianer an ihr zu ſehen hoffte, das Antlitz zu ihm emporheben. „Treibe nicht länger dein Spiel mit mir, Wyandotts, ſondern laß mich lieber gleich das Schlimmſte vernehmen. Iſt mein Vater todt? Unter Vater verſtehe ich nämlich Willoughby.“ „»Dann verſtehen falſch— kein Vater, ſagen Euch. Warum junge Squaw ſo ganz wie Mohawk 2“ „Menſch— iſt Kapitän Willoughby getödtet?“ Der Indianer ſtarrte Mand eine halbe Minute lang aufmerk⸗ ſam in's Geſicht, und nickte dann zur Bejahung. Trotz ihres feſten Entſchluſſes, ſtandhaft zu bleiben, wäre unſere Heldin dieſem Schlage beinahe erlegen. Zehn Minuten lang ſprach ſie kein Wort: das Haupt auf die Knie geſtützt, ſaß ſie in einer Gedankenverwirrung da, welche eine Zeit lang den Verluſt des Ver⸗ ſtandes bei ihr fürchten ließ. Zum Glück fand ſie Erleichterung in einem Strome von Thränen, und wurde dadurch etwas ruhiger. Dann fiel ihr bei, wie nöthig es ſei, das Nähere zu wiſſen, um mit Um⸗ ſicht handeln zu können, und ſo fragte ſie Nick auf eine Weiſe, die Alles, was der Wildé zu enthüllen für gut fand, aus ihm herausbrachte. Mauds erſter Gedanke war der, des Kapitäns Leiche aufzuſu⸗ chen, um ſich ſelbſt zu überzeugen, ob keine Hoffnung mehr vor⸗ handen ſei. Nicks Bericht hatte ſo lakoniſch gelautet, daß ihr noch Manches dunkel blieb; der Schlag war ſo plötzlich eingetreten, daß ſie der Wahrheitinihrer vollenusdehnung kaum Glaubenſchenkenkonnte. Vorher aber hatte ſie dieſe ſchreckliche Nachricht noch jenen theuren Weſen mitzutheilen, welche bei all ihrer Aengſtlichkeit doch niemals ein ſolches Unglück auch nur geahnt hatten. Sogar Mrs. Willoughby, ſo zärtlich ſie war, und ſo ſehr ſie ſich ſelbſt um derer willen, denen ihr ganzes Herz gehörte, zu vergeſſen pflegte— ſogar ſie war ſo lange daran gewöhnt, ihren Gatten ungeſtraft jeder Ge⸗ Wyandotte. 32 498 fahr ausgeſetzt zu ſehen, daß ſie angefangen hatte, ſich, wenn auch nicht dem Glauben, ſo doch dem Gefühle hinzugeben, als ob ſein Leben durch irgend einen Zauber geſchützt wäre. Ihrer Mutter die Sache zu erzählen— nein, das ging nicht; auch unter anderen umſtänden würde ſie ſich kaum entſchloſſen haben, dieſes traurige Amt zu übernehmen; ſo lange aber auch nur noch ein Schatten von Zweifel über den wirklichen Tod ihres Vaters übrig blieb, erſchien ihr der bloße Gedanke daran als eine Grauſamkeit.— So entſchloß ſie ſich denn, Beulah rufen zu laſ⸗ ſen, was auch alsbald mittelſt einer der Negerinnen geſchah. So lange wir fühlen, daß wir Andere durch unſere Standhaf⸗ tigkeit aufrecht zu erhalten haben, werden ſelbſt die Schwächſten eine Feſtigkeit beſitzen, welche ihnen ſonſt fremd geblieben wäre. Im Wider⸗ ſpruch mit Allem, was ihre zarte, aber elaſtiſche Geſtalt, ihre nicht eben ſtarke Organiſation anzudeuten ſchien, war Maud dennoch ein Mäd⸗ chen, das der kühnſten Thaten, nur nicht des Blutvergießens, fähig geweſen wäre. Ihre Erziehung auf der Gränze hatte ſie über den größten Theil der gewöhnlichen Schwächen ihres Geſchlechts em⸗ porgehoben, und was feſten Willen betraf, ſo waren wenig Män⸗ ner einer höheren Entſchloſſenheit fähig, ſobald die Umſtände de⸗ ren Entfaltung verlangten. Ihr Plan war unnmehr entworfen: ſie wollte fortgehen, um ihres Vaters Leiche aufzuſuchen, und nichts als der Befehl ihrer Mutter hätte ſie daran zu hindern vermocht. In dieſer Stimmung befand ſich unſere Heldin, als Beulah endlich in's Zimmer trat. „Maud!“ rief die jugendliche Matrone,„was iſt vorgefallen? — warum biſt du ſo bleich?— warum ließeſt du mich rufen? Bringt uns Nick Nachrichten aus der Mühle?“ „Die ſchlimmſten, die es geben kann, Beulah. Mein Vater! — mein theurer, geliebter Vater iſt verwundet! Sie haben ihn bis zum Saume des Waldes zurückgetragen, und ſind dort ſtehen ge⸗ blieben, um uns nicht ſo plötzlich zu überraſchen. Ich will der— ——*hͦſðY— fi 4.* 499 den Leuten entgegengehen, und den Vater hereinbringen. Du mußt die Mutter auf die böſe Trauerbotſchaft vorbereiten— ja, Beulah, mache ſie auf das Schlimmſte gefaßt, denn Alles hängt jetzt von Gottes Weisheit und Güte ab le „Ach, Maud, das iſt ja ſchrecklich!“ rief die Schweſter, in einen Stuhl ſinkend;„was wird aus der Mutter— aus dem kleinen Evert— aus uns Allen werden!“ »Die Vorſicht des allmächtigen Beherrſchers Himmels und der Erde wird uns in Ihren Schutz nehmen! Küſſe mich, theuerſte Schweſter; wie kalt du biſt! Raffe dich auf, Beulah, um unſe⸗ rer Mutter willen: bedenke, um wie viel größer der Schmerz iſt, den ſie empfinden muß, als der, den wir möglicherweiſe füh⸗ len können— bedenke dieß und ſei entſchloſſen.“ „Ja, Maud, du haſt recht; kein Weib kann wie eine Gattin fühlen— höchſtens eine Mutter—« Hier machte eine Ohnmacht Beulahs Worten ein Ende. „Du ſiehſt, Smaſh,“ ſprach Mand, und deutete mit auffallen⸗ der Entſchloſſenheit auf ihre Schweſter,„du ſiehſt, ſie bedarf Luft und etwas Waſſer— auch hat ſie, wie ich weiß, ſtärkende Tropfen bei ſich. Komm, Nick, wir haben keine Zeit mehr zu verlieren; du mußt mein Führer ſein.“ Der Tuscarora war ein ſtummer Beobachter dieſer Scene ge⸗ weſen, und wenn ſie auch keine Gewiſſensbiſſe in ſeiner Bruſt erweckte, ſo rief ſie wenigſtens Gefühle hervor, wie ſie noch nie zuvor darin gehaust hatten. Der Anblick zweier ſolcher Weſen, welche unter einem Schlage litten, den ſeine eigene Hand vollführt hatte, war ihm gänzlich neu, und er wußte nicht, was er eigentlich in ſich auf⸗ kommen laſſen ſollte, ob das Gefühl, welches mit Reue verwandt war, oder einen wilden Ingrimm, daß die beiden Töchter es wagten, ſolche Vorwürfe zu erheben, obwohl ſie nur dem für ihre Lage ſo natürlichen Kummer gehorchten. Maud hatte aber eine ſolche Herr⸗ ſchaft über ihn erlangt, daß er nicht zu widerſtehen vermochte: 32* 500 die Augen immer noch auf Beulahs bleiches Antlitz geheftet, folgte er ihr aus dem Zimmer. Letztere wurde übrigens durch die Pflege der erfahrenen Ne⸗ gerinnen im Laufe weniger Minuten aus ihrem bewußtloſen Zu⸗ ſtande zurückgerufen. Mand aber wartete nicht länger. Sie winkte dem Tuscarora ungeduldig, voranzugehen, und glitt mit einer Schnelligkeit hin⸗ ter ihm her, welche ſeiner eigenen ſchleichenden Bewegung vollkom⸗ men gleich kam. Sie fanden keine Schwierigkeiten beim Paſſiren der Stockade; Nick beobachtete übrigens dabei die Arbeiter auf dem Felde, und überzeugte ſich, daß ihr Abgang unbemerkt geblieben war. Sobald ſie den Pfad, der längs des Flüßchens hinführte, er⸗ reicht hatten, eilte Maud mit Verſchmähung aller Vorſichtsmaßre⸗ geln immer weiter. Sie trug ein dunkles Gewand, das einem fernen Späher nicht leicht auffallen konnte; auch war ſie theilweiſe durch das Buſchwerk geborgen. Nick hatte ſeinen Waldanzug, wel⸗ cher dem Jagdhemde der Weißen ziemlich ähnlich ſah, ohnedem ganz dazu eingerichtet, um ungeſehen hin und her gehen zu können. Noch waren keine drei Minuten verfloſſen, ſeit Maud mit dem Indianer das Thor verlaſſen hatte, und ſchon näherten ſie ſich dem Trauergeleite, das im Walde Halt gemacht hatte. Unſere Heldin wurde erkannt, noch während ſie ihnen entgegenkam, und als ſie eilends nach der Stelle hinaufſtürzte, wurde ihr von Allen Platz gemacht, worauf man ſie neben dem lebloſen Körper auf die Knie ſinken, das friedliche Geſicht des Todten in ihren Thrä⸗ nen baden, und mit ihren Küſſen bedecken ſah. „Iſt keine Hoffnung mehr? Ach, Joyce,“ rief ſie, kann es denn möglich ſein, daß mein Vater wirklich todt iſt!“ „Ich fürchte, Miß Maud, Seine Gnaden haben ihren letzten Marſch angetreten. Er hat Befehl erhalten, von hier abzumar⸗ ſchiren, und wollte als tapferer Krieger, der er immer war, ohne Murren Ordre pariren,“ gab der Sergeant zur Antwort, indem er * 501 ſich mühte, ſelbſt feſt und wie ein Krieger zu erſcheinen.„Wir haben einen edlen, menſchlichen Kommandanten, und Sie den trefflichſten, zärtlichſten Vater verloren.“ 1„Nicht Vater,“ knurrte Nick neben dem Sergeanten, indem er ihn zu gleicher Zeit, um ſeine Aufmerkſamkeit zu erregen, am Aermel zupfte.„Sergeant kennen ihren Vater: er dabei— ich dabei, als Irokeſe ihn erſchießen.“ „Ich verſtehe dich nicht, Tuscarora, und glaube, daß du auch uns nicht ganz verſtehſt; je weniger du alſo ſprichſt, deſto beſſer wird es für alle Betheiligten ſein. Es iſt unſere Pflicht, Miß Maud, mit den Frommen zu ſagen: ‚Gottes Wille geſchehe“; ein Soldat, der in Erfüllung ſeiner Pflichten ſtirbt, iſt überhaupt niemals zu beklagen. Ich wünſche aufrichtig, daß Seine Ehr⸗ würden, Mr. Woods, hier wären; er würde uns dieß Alles auf eine Weiſe ſagen, welche keinen Widerſpruch geſtattete. Was mich betrifft, ſo bin ich ein einfacher Mann, Miß Maud, und meine Zunge kann nicht die Hälfte deſſen ausſprechen, was mein Herz in dieſem Augenblick empfindet.“ „Ach Joyce! welch' einen Freund— welch' einen Vater hat Gott hier in ſeiner Allmacht zu ſich gerufen!“ „Ja, Miß Maud, das darf man mit dem beſten Rechte ſa⸗ gen; wenn Seine Gnaden uns aus Gehorſam gegen die General⸗ ordre verlaſſen haben, ſo geſchah es nur, um dort in einem Dienſte, der niemals ermüdet und niemals endet, die verdiente Beförderung zu erhalten.“ „So gütig! ſo wahr! ſo ſanft! ſo gerecht! ſo zärtlich!“ ſchluchzte Maud händeringend. 1„Und ſo tapfer, junge Dame. Seine Gnaden, Kapitän Wil⸗ 2 loughby, gehörte nicht zu denen, die immer von Schlachten erzählen, 4 ſchreiben und prahlen; ſo oft es aber Etwas zu thun gab, da 4 wußte der Obriſt jedesmal, wen er zur Expedition auszuſchicken 502 hatte. Die Armee hätte keinen tapferern Offizier verlieren kön⸗ nen, wenn er im Dienſte geblieben wäre.“ „O, mein Vater! mein Vater!“ rief Mand in der Bitterkeit des Schmerzes, warf ſich auf die Leiche und umarmte ſie, wie ſie in ihren Kinderjahren gewohnt geweſen war;„ach, daß ich ſtatt deiner hätte ſterben können.“ „Warum laßt Ihr ſie ſo fortmachen?“ knurrte Nick aber⸗ mals.„Nicht ihr Vater— Ihr wiſſen das, Sergeant.“ Joyce war nicht in der Stimmung zum Antworten. Nur ſein militäriſcher Stolz hatte bis jetzt ſeine eigenen Gefühle zurück⸗ gehalten; nun drohten ſie ihn aber dermaßen zu übermannen, daß er ſich genöthigt ſah, einen Schritt bei Seite zu treten, um ſeine Schwäche zu verbergen. Große Thränen tröpfelten über ſein rauhes Geſicht, dem Waſſer gleich, das aus den Ritzen der geſpaltenen Eiche hervordringt. Jetzt erwachte übrigens Jamie Allens angeborene Klugheit, und er erinnerte die Abtheilung an die Nothwendigkeit, endlich den Schutz des Blockhauſes zu erreichen. „Der Tod iſt freilich zu Zeiten ſchrecklich,“ begann der Mau⸗ rer;„doch muß er Jung und Alt gleichermaßen befallen. Und der Kummer, den er bringt, kommt aus dem Herzen, und iſt nur eine Unterwerfung unter das Geſetz der Natur. Nichtsdeſto⸗ weniger haben wir Alle unſere Pflichten, ſo lange wir im Fleiſche wandeln, und es iſt Zeit, daß wir daran denken, wie wir den Leichnam an einen ſicheren Ort bringen wollen, wobei wir unſe⸗ rer eigenen Lage klugerweiſe auch nicht vergeſſen dürfen.“ Maud war aufgeſtanden, und trat bei dieſer Aufforderung ſanft zurück, indem ſie den Leuten mit einer Miene erzwungener Faſſung fortzufahren winkte. Die Leiche wurde auf dieſen Befehl wieder vom Boden erhoben, und der Trauerzug ſetzte ſich in Marſch. Um ihr Vorhaben vor fremden Zuſchauern verborgen zu halten, führte Joyce ſeine Leute in das Strombette hinab, während Maud *²◻—— 503 dieſe Bewegungen etwas tiefer im Walde abwartete. Sobald er mit den andern Trägern im Waſſer war, wandte ſich Joyce um, und be⸗ fahl Nick, die junge Dame wieder trockenen Fußes auf demſelben Pfade, auf dem ſie herausgekommen war, zurückzuführen. Dann ſetzte ſich der Sergeant mit ſeinen Gefährten wieder in Bewegung. Maud betrachtete das traurige Schauſpiel zu ihren Füßen, als ob ſie in einem Traume läge, bis ſie ſich am Aermel gezupft fühlte, und den Tuscarora neben ſich bemerkte.. „Nicht in's Blockhaus gehen,“ ſagte Nick ernſthaft;„gehen mit Wyandotté.“ „Meines theuren Vaters Ueberreſten nicht folgen! Meine ge⸗ liebte Mutter in ihrer Todesangſt nicht aufſuchen! Du weißt nicht, was du verlangſt, Indianer— geh', und laß mich weiter.“ „Nicht heimgehen— nix nutz— nicht gut. Kap'in todt— was anfangen ohne Kommandant? Komm mit Wyandotté— finden Major— daran wohl gut thun.“ Maud fuhr plötzlich zuſammen, ſo ſehr war ſie überraſcht. Es lag etwas ſo wahrhaft Nutzbringendes, ſo Tröſtliches und Süßes in dieſem Vorſchlag, daß ſie ihr Ohr augenblicklich dafür einge⸗ nommen fühlte. „Den Major finden!“ erwiederte ſie.„Iſt das möglich, Nick? Mein armer Vater verlor ſein Leben über dem Verſuch— welche Hoffnung kann alſo ich auf das Gelingen ſetzen?“ „Fülle von Hoffnung— ſo viel man brauchen— Alles was brauchen. Komm mit Wyandotté— er großer Häuptling— zei⸗ gen junger Squaw, wo Bruder zu finden.“ Hier gab Nick wieder einen neuen Beweis von ſeiner vollen⸗ deten Menſchenkenntniß. Er verſtand ſich zu gut auf das weibliche Herz, um jetzt nicht jede Anſpielung, als ob das wahre Verhältniß zwiſchen Maud und Robert Willoughby ihm bekannt wäre— zu vermeiden, obgleich er noch kaum zuvor auf den Mangel natür⸗ licher Familienverwandtſchaft als auf einen Grund hingewieſen — —— —— ——ÿ—ÿ———— 504 hatte, weßhalb ſie ſich nicht grämen ſollte. Dadurch, daß er ihr den Major als ihren Bruder vor Augen hielt, mochte er die Wahrſcheinlichkeit ſeines eigenen Erfolgs um Vieles vergrößern. Maud ſelbſt fühlte ihr Herz bei dieſem ungewöhnlichen Vor⸗ ſchlage von den mannigfaltigſten Gefühlen beſtürmt. Bob zu be⸗ freien, ihn nach dem Blockhauſe zurückzuführen, ihrer Mutter, Beulah und dem kleinen Evert in einem ſolchen Augenblicke ſeinen männlichen Schutz anzubieten— das feſſelte ihre Einbildungs⸗ kraft, und erweckte alle ihre Gefühle. „Kannſt du das thun, Tuscarora?“ fragte ſie ernſthaft, und preßte ihre Hand auf's Herz, als ob ſie deſſen Schläge hemmen wollte.„Kannſt du mich wirklich zu Major Willoughby führen, ſo daß ich dabei einige Hoffnung auf ſeine Befreiung haben kann?« „Gewiß— Ihr gehen, er kommen. Ich gehen, er nicht kom⸗ men. Kann Nick nicht leiden— glauben alle Inſchjön ein Inſch⸗ jön— und ein Inſchjön alle Inſchjön. Ihr gehen— er kommen — er bleiben, finden auch Meſſer und ſterben gleich Kap'in. Junge Squaw folgen Wyandotté und ſehen.“ Maud bedurfte nicht mehr. Um Bob, ihrem theuren Gelieb⸗ ten, den ſie ſo lange im Geheimen verehrt hatte, das Leben zu retten, wäre ſie ſelbſt mit einem weit weniger bekannten und ver⸗ trauten Manne, als dem Tuscarora, weiter gezogen. Voll Eifer bedeutete ſie dem Indianer, daß er vorangehen ſolle, und bald befanden ſie ſich in den Irrgängen des Waldes auf dem Weg nach der Mühle. Nick war weit entfernt, alle die Vorſichtsmaßregeln zu beob⸗ achten, welche der Kapitän bei ſeinem unglücklichen Marſche ge⸗ troffen hatte. Mit der Gegend in der Nachbarſchaft des Biber⸗ damms war er auf's Genaueſte bekannt, die Anſtalten der Feinde hatte er mit eigenen Augen beobachtet, und ſo fand er nicht für nöthig, den oben beſchriebenen weiten Umweg zu machen, ſondern ſchlug eine weit geradere Richtung ein. Statt das Thal im Bogen 0 505 und die Lichtung auf der weſtlichen Seite zu umgehen, wandte er ſich kurzweg nach der entgegengeſetzten Richtung, überſchritt den Bach auf dem gefallenen Baumſtamm, und zog am öſtlichen Rande der Niederung hin. Auf dieſer Seite des Thales waren keine Feinde, wie er wußte, und die Lage der Hütten und Scheu⸗ nen machte es ihm möglich, einen Pfad zu verfolgen, der gerade tief genug im Walde verſteckt lag, um ſeine Bewegungen zu ver⸗ bergen. Neben dem Vortheil eines guten und großentheils betre⸗ tenen Weges gelang es dem Tuscarora, auf dieſe Weiſe die ganze Entfernung auf eine bloße Meile zu verringern. Maud ſelbſt ſtellte keine Fragen, verlangte keine Pauſen, zeigte keinen Augenblick eine phyſiſche Schwäche. So raſch auch der Indianer unter den Bäumen dahinſchritt— ſie blieb ihm immer dicht an der Ferſe, und hatte kaum erſt über das angefangene Unternehmen nachzudenken begonnen, als auch ſchon das Rauſchen des Fluſſes und die Geſtaltung des Landes verkündete, daß ſie den Rand der Schlucht unterhalb der Mühle erreicht hatten. Hier wurde ſie von Nick angewieſen, einen Augenblick ſtille zu ſtehen, während er ſelbſt, um zu rekognosciren, zu einem wohl⸗ beſchützten Punkte des Felſens voranſchlich. Von hier aus hatte der Indianer die Angreifer im Thale zum erſten Male beobachtet und ſich von ihrem wahren Charakter überzeugt, ehe er ſich ſelbſt unter ſie gewagt hatte. Dießmal galt es, nachzuſehen, ob Alle noch ebenſo wie damals, da er das letzte Mal dieſen Punkt ver⸗ ließ— in und bei der Mühle beiſammen waren. „»Kommen,“ ſprach Nick, und winkte Maud, zu folgen;„wir gehen— die Thoren ſchlafen, eſſen und ſchwatzen. Major jetzt noch Gefangener; in einer halben Stunde Major frei.“ Für die glühende, hingebende, hochherzige Maud war dieß vollkommen genug. Sie ſtieg den vor ihr liegenden Pfad ſo ſchnell hinab, als ihr Führer voranzugehen vermochte, und nach fünf wei⸗ teren Minuten erreichten ſie das Stromufer in der Schlucht auf 0 506 einem Punkte, wo das Flüßchen durch eine Krümmung jedem Beobachter in der Mühle entzogen wurde. Hier war eine ungeheure Fichte quer über den Fluß gelegt worden; ihr oberer Rand war geebnet, ſo daß ſie für Fußgänger von feſtem Tritt und ſtetem Auge eine ganz ſichere Brücke abgab. Im Hinübergehen über den Steg wandte ſich Nick nach ſeiner Begleiterin, um ſich zu überzeugen, ob ſie auch im Stande ſei, darüber zu kommen; ein einziger Blick ſagte ihm, daß bei ihr alle Beſorgniſſe unnöthig waren. Eine halbe Minute ſpäter ſtan⸗ den Beide wohl geborgen am weſtlichen Ufer. „Gut!“ murmelte der Indianer;„junge Squaw geben Weib für Krieger.“ Maud beachtete aber weder die Artigkeit, noch den Ausdruck in ſeinem Geſichte, womit er ſie begleitete. Sie bezeichnete blos durch eine ungeduldige Geberde ihren Wunſch, weiter zu gehen. Nick betrachtete aufmerkſam das aufgeregte Mädchen, und einen Augenblick lang ſchien er ſogar ſelbſt in ſeinem Entſchluſſe zu wanken; doch Maud wiederholte ihren Wink, ſo daß er ſich um⸗ drehte und aufwärts nach der Schlucht voranging. Jetzt wurde Nicks Gang natürlich vorſichtiger und langſamer. Bald war er genöthigt, den gewöhnlichen Pfad zu verlaſſen, und ſich des Verſteckes halber mehr links gegen die Klippe zu wenden. Von dem Augenblicke, da er über die kunſtloſe Brücke gegangen war, bis zu dem, wo er dieſe Vorſichtsmaßregeln traf, hatte er ſeinen Kurs längs der Heerſtraße, wie man's hätte nennen kön⸗ nen, genommen, auf welcher man aber immer der Gefahr ausge⸗ ſetzt blieb, einem Boten aus oder nach dem Thale zu begegnen. Nick war aber nie um Wege verlegen; er kannte deren in Fülle, und der neu eingeſchlagene brachte ihn bald zu demjeni⸗ gen, auf welchem Kapitän Willoughby nach dem kleinen Anbau herabgeſtiegen war. Als ſie den Punkt erreichten, wo Joyce Halt gemacht hatte, 507 blieb Nick ſtehen, und horchte mit angeſtrengter Aufmerkſamkeit, ob nicht ein Geräuſch zu vernehmen ſei, das auf eine gefährliche Nachbarſchaft ſchließen ließe. „Junge Squaw kühn,“ redete er dann ſeine Gefährtin in er⸗ muthigendem Tone an;„jetzt brauchen Herz eines Kriegers.“ „Ich kann folgen, Nick; nachdem ich ſo weit gegangen bin, kannſt du da noch an mir zweifeln?« „Weil er hier— dort unten— Weib lieben Mann— Mann lieben Weib— das recht; aber es ja nicht zeigen, wenn Skalp in Gefahr.“ „Ich verſtehe dich vielleicht nicht, Tuscarora; doch ich ver⸗ traue auf Gott— er iſt eine Stütze, welche jeder Schwäche auf⸗ helfen kann.“ „Gut!— Bleiben hier— Nick kommen zurück in einer Minute.“ Nick ging jetzt bis zu der Spalte zwiſchen Anbau und Felſen hinab, um ausfindig zu machen, ob ſich der Major noch in ſeinem Ge⸗ fängniſſe befinde, ehe er ſich mit Maud unnöthiger Gefahr ausſetzte. Hievon hatte er ſich bald überzeugt, worauf er nur noch die Vorſicht gebrauchte, die Blutlache auf dem Felſen mit Steinen und Erde zu verdecken. Nachdem er ſofort alle ſonſt nöthigen „Beobachtungen mit Genauigkeit angeſtellt, und Säge und Meißel nebſt den andern Werkzeugen, welche dem Kapitän, ſobald er die tödtliche Wunde erhalten, entfallen waren— zum augenblicklichen Gebrauche zurecht gelegt hatte, ging er wieder den Pfad zu ſei⸗ ner Gefährtin hinauf. Kein Wort wurde zwiſchen unſerer Heldin und ihrem Führer gewechſelt. Dieſer winkte ihr, zu folgen, und ging dann nach der Hütte voran. Bald hatten Beide die enge Kluft erreicht, und einem Zeichen ihres Begleiters folgend, ſetzte ſich Maud auf eben derſelben Stelle nieder, wo man ihren Vater mit der Todeswunde im Herzen ge⸗ funden hatte. 508 Nick zeigte für das Alles die vollkommenſte Gleichgültigkeit. Alle Wildheit war aus ſeinem Geſichte gänzlich verſchwunden; „ſeine Wunden ſchmerzten nicht länger“, um uns ſeiner eigenen bildlichen Sprache zu bedienen, und der Ausdruck ſeines Auges war ſanft und freundlich, doch ohne irgend eine Spur von Zerknirſchung. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Auf ihrem bleichen Antlitz glänzt ein Schimmer, Der ird'ſche Schönheit, dünkt mich, überſtrahlt. Das große, wilde, thränenfeuchte Auge Auf mich geheftet, wendet ſie ſich um, Aus tief zerriſſ'nem Herzen ſeufzend, ruft ſie: „Todt! todt! ach, todt Hillhouſe. Maud war bis jetzt in ſo tiefer Aufregung geweſen, daß ſie kaum über die Eigenthümlichkeit und Neuheit ihrer Lage nachzu⸗ denken vermochte, bis ſie ſich, wie wir am Schluſſe des vorher⸗ gehenden Kapitels erzählt, auf dem Felſenſitze niedergelaſſen hatte. Jetzt kam ihr freilich in den Sinn, daß ſie ſich in ein Unterneh⸗ men von ſehr zweifelhaftem Erfolge eingelaſſen habe, wobei ſie ſich beſonders darüber wundern mußte, wie ſie überhaupt nur bei demſelben nützlich ſein ſollte. Doch wurde ſie von ihrem Muthe nicht verlaſſen, und auch ihre Hoffnungen ſanken nicht ganz darnieder. Sie ſah, daß Nick, ernſtlich beſchäftigt war, und ſeinen Zweck, wie es ſchien, um je⸗ den Preis zu verfolgen beabſichtigte— dieſer Zweck war, wie ſie zuverſichtlich Tlanbte, kein anderer, als Robert Willougßbys Befreiung. Nick ſelbſt machte ſich alsbald mit großem Eifer au's Geſchäft, ſowie er ſeine Gefährtin daſitzen ſah, und für ſeine Perſon eine geeignete Stellung gefunden hatte. Wir haben oben bemerkt, daß der Anbau, wie die Hütte ſelbſt, aus Baumſtämmen erbaut war— was eben die ſichere Verwahrung n u 8 509 des Gefangenen ſo ſehr begünſtigte. Die Baumſtämme des An⸗ baues waren aber um Vieles dünner, als die des Hauptgebäudes ſelbſt: beide beſtanden aus Weißtannen, einer in dieſer Gegend vorherrſchenden Baumgattung, welche, ſo wie hier verwendet, zwar ſehr dauerhaft, aber auch mittelſt ſchneidender Werkzeuge ſehr leicht zu bearbeiten iſt. Nick hatte eine kleine Säge, einen ſchweren Meißel und ſein Meſſer. Mit dem Meißel begann er ſehr vorſichtig ein Loch zur Verbindung mit dem Innern des Anbaues zu eröffnen, indem er den Mörtel, welcher die Ritzen zwiſchen den Baumſtämmen aus⸗ füllte, entfernte. Dieß dauerte blos einen Augenblick. Sobald er damit fertig war, hielt er ſein Auge an die Oeffnung und warf einen Blick in das Innere. Als er ſich wieder zurückzog, murmelte er das Wort„gut!“ und lud Maud durch ein Zeichen ein, auch ihrerſeits hineinzuſchauen. Dieß that denn auch unſere Heldin— da ſaß Robert Willoughby.⸗ nur wenige Schritte vor ihr, und las in einem Buche; auf ſeinem Geſichte lag eine Ruhe, welche ſeine gänzliche Unbekanntſchaft mit dem traurigen Ereigniſſe anzeigte, das noch vor Kurzem, und beinahe im Bereiche ſeines Armes ſtattgefunden hatte. „Squaw ſprechen,“ flüſterte Nick;„Stimme ſüß wie die des Zaunkönigs— dringen dem Major in's Ohr wie Geſang des Vogels. Squaw ſprechen Muſik für jungen Krieger.“ Maud trat zurück, ihr Herz pochte ungeſtüm, kaum konnte ſie noch athmen, und das Blut ſtrömte ihr bis in die Schläfe. Ein ernſtlicher Wink von Nick erinnerte ſie aber, daß jetzt keine Zeit zum Zaudern war, und ſo brachte ſie den Mund an die Oeffnung. „Robert— theurer Robert!“ liſpelte ſie leiſe,„wir ſind hier— und ſind gekommen, um dich zu befreien.“ Mauds Ungeduld vermochte nicht länger zu warten; kaum hatte ſie geendet, als ſte das Auge wieder an die Oeffnung hielt, um die Wirkung dieſer Worte zu beobachten. 510 Daß der Gefangene ſie gehört hatte, war aus dem Umſtande erſichtlich, daß dem Major— ein Zeichen, wie vollſtändig er über⸗ raſcht wurde— das Buch ſogleich aus der Hand gefallen war. „Er kennt ſogar mein Geflüſter,“ dachte Maud, und ihr Herz fing noch heftiger an zu pochen, als ſie bemerkte, wie der junge Krieger mit verzückten Blicken um ſich ſtarrte, als ob er das Flüſtern eines ſchützenden Engels vernommen zu haben glaubte. Niick hatte mittlerweile ein großes Stück Mörtel bei Seite ge⸗ ſchoben, und ſchaute nun ebenfalls in die Butterkammer. Um endlich ein Verſtändniß herbeizuführen, ſteckte der Indianer den Meißel durch die Oeffnung, und bewegte ihn hin und her, ſo daß Wil⸗ loughby's Aufmerkſamkeit bald dadurch gefeſſelt wurde. Dieſer trat augenblicklich näher, und hielt ſein Auge an die weite Spalte, bis er das ſchwärzliche Geſicht des Tuscarora vor ſich erblickte. Willoughby wußte wohl, daß die Anweſenheit des Indianers an einem ſolchen Orte und unter ſolchen Umſtänden die höchſte Vorſicht von ſeiner Seite nöthig machte. Er ſprach nicht ſogleich, ſondern machte zuerſt eine bezeichnende Geberde gegen die Thüre ſeines engen Gefängniſſes, um die unmittelbare Nachbarſchaft von Schildwachen anzudeuten, und fragte dann flüſternd nach dem Zweck ſeines Beſuches. „Kommen, um Major in Freiheit zu ſetzen,“ gab Nick zur Antwort.— „Kann ich dir vertrauen, Tuscarora? Zuweilen bin ich geneigt, dich als meinen Freund, zuweilen aber auch als meinen Feind zu betrachten. Ich weiß, daß du mit meinen Gefangenwärtern auf gutem Fuße zu ſtehen ſcheinſt.“ „Das gut— Inſchjön wiſſen, wie man auf zwei Art ausſehen — Krieger müſſen ſogar, wenn großer Häuptling.“ „Ich wollte, ich hätte eine Probe, Nick, daß du treulich an mir zu handeln gedenkſt.“ „Nun ſo nennen das Probe!“ brummte der Wilde, indem er ——— 511 6 Mauds kleine Hand ergriff, und durch die Oeffnung ſteckte, noch ehe 2 das betroffene Mädchen ſo recht begriff, was er eigentlich wollte. Willoughby erkannte die Hand auf den erſten Blick. Er würde 3 ſie in dieſer Waldeinſamkeit ſchon an ihrer Regelmäßigkeit und r Weiße, an ihrer Zartheit und Fülle erkannt haben; aber einer der 3 zierlichen Finger trug einen Ring, welchen Maud in neuerer Zeit häufig bei ſich führte— einen Diamantreif, der, wie ſie erfahren 4 hatte, ein Lieblingsſchmuck ihrer eigenen Mutter geweſen war. ) So iſt's wohl nicht zu verwundern, daß er das koſtbare Unter⸗ l pfand, das ihm ſo unerwartet dargeboten wurde, ergriffen und mit ſeinen Küſſen bedeckt hatte, noch ehe Maud ſo viel Geiſtesgegen⸗ wart oder Stärke gewann, um ihre Hand zurückzuziehen. Dieß 3 wollte ſie übrigens in einem ſolchen Augenblicke auch nicht thun, ohne alle die Beweiſe einer glühenden Liebe, welche er an ihrer eigenen Hand verſchwendet hatte, durch einen ſanften Druck der e ſeinigen, mit welcher er ihre Finger umfaßte— zu erwiedern. „„Das iſt ſo ſonderbar, Maud!— ſo ganz außerordentlich, daß e ich nicht weiß, was ich denken ſoll,“ flüſterte der junge Mann, ſobald er das Antlitz des ſüßen Mädchens einigermaßen deutlich n vor ſich ſah.„Warum kommſt du hierher, Geliebte, und in ſolcher Geſellſchaft?“ 8 r„Mir wirſt du vertrauen, Bob— Nick kommt als dein Freund. Hilf ihm jetzt, ſo viel du kannſt, und ſei ſtill. Biſt du frei, dann erſt iſt es Zeit, Alles zu erfahren.“ u Der Major gab ein Zeichen der Zuſtimmung, und trat einen Schritt f zurück, um zu ſehen, was Nick zunächſt vorzunehmen beabſichtige. Der Indianer hatte mittlerweile die Arbeit mit dem Meſſer n begonnen, und ſchob nun dem Gefangenen den Meißel zu, welcher ihn ergriff, und denſelben alsbald in den nämlichen Baumſtamm, n an welchem der Tuscarora das Holz wegſchnitzelte, nur von der entgegengeſetzten Seite, hereinzutreiben begann. r Ihre Abſicht war, eine Oeffnung für die Säge zuwege zu bringen, 512 was allerdings keiner kleinen Arbeit bedurfte. Der obere Baum⸗ ſtamm wurde ebenſo wie der untere durchgeſchnitten, und ſo gelang es ihnen bei dem Eifer, mit welchem ſie ſich ihrer Arbeit widmeten, in wenigen Minuten den nöthigen Raum zu gewinnen. Dann bot Nick die Säge durch die Oeffnung hinein, denn ein ſolches Inſtrument mit Behendigkeit zu regieren, das überſtieg ſeine Geſchicklichkeit. Jetzt machte ſich Willoughby mit dem vollen Ernſt und Eifer eines Gefangenen, der einen Strahl von Freiheit vor ſich leuchten ſieht, an ſeine Arbeit, ging aber gleichwohl mit Verſtand und Vor⸗ ſicht zu Werke. Der Teppich, den ihm ſeine Gefangenwärter als Nachtlager gegeben hatten, hing an einem Nagel; er gebrauchte nun die Vorſicht, dieſen Nagel herauszuziehen, und gerade über ſeinem jetzigen Standpunkte einzuſtecken, um den Teppich darüber herhängen, und ſein nunmehriges Vorhaben vor einem Beſuche, der etwa von Außen herkäme, verbergen zu können. Sobald dieß Alles geſchehen und der Vorhang an ſeiner Stelle war, begann er ſein Inſtrument in langſamen, weit ausgeholten Zügen zu handhaben, um das Knarren unhörbar zu machen. Dieß war zwar eine kitzliche Aufgabe; da die Arbeit übrigens hinter dem Teppiche ver⸗ richtet wurde, ſo gelang es doch, das Geräuſch ſo ziemlich zu dämpfen. Je weiter das Werk voranſchritt, deſto höher ſtieg Willoughby's Hoffnung, und bald empfing er von Nick die freudige Nachricht, daß es Zeit ſei, die Säge an einer andern Stelle einzuſetzen. Ein glücklicher Erfolg verleitet nur gar zu leicht zur Sorg⸗ loſigkeit; je näher man dem Ziele kam, deſto raſcher begann Willoughby's Arm zu arbeiten, bis ein Geräuſch an der Thüre die Schreckenskunde brachte, daß ein Beſuch von Außen bevorſtand. Es blieb gerade noch ſo viel Zeit, den letzten Zug zu beendigen, und den Teppich herabfallen zu laſſen, ehe die Thür ſich öffnete. Sägmehl und Spähne waren im Verlauf der Arbeit ſorgfältig aufgeleſen worden, ſo daß Nichts übrig blieb, was das Geheimniß hätte verrathen können. 513 Major Willoughby mochte ſich noch keine Viertelsminute mit ſeinem Buch in der Hand niedergeſetzt haben, als die Thüre der Hütte aufging. So kurz auch dieſer Zwiſchenraum war, ſo ge⸗ nügte er Nick dennoch, um den zuletzt abgeſchnittenen Holzblock wegzuſchieben, und die Handhabe der Säge zu entfernen, wodurch es möglich wurde, den Teppich ſo dicht über das Loch zu bringen, daß dieſes vollſtändig verdeckt war. Die eingetretene Schildwache war zwar dem Aeußern nach ein Indianer, in der That aber nichts weiter, als ein plumper weißer Bauer. »„Ich glaubte den Klang einer Säge zu vernehmen, Major,“ begann er in gleichgültigem Tone;„und doch iſt Alles hier ganz ruhig und in Ordnung!“ „Woher ſollte ich ein ſolches Werkzeug erhalten?« erwiederte der Major kaltblütig;„und was gibt's überhaupt hier zu ſägen?« „ s war aber ſo natürlich der Klang, wie nur ein Zimmermann ihn herausbringen kann.“ „Vielleicht hat einer eurer Müſſiggänger die Mühle in Be⸗ wegung geſetzt, und Ihr habt dann die große Säge vernommen, welche in der Entfernung faſt eben ſo wie eine kleinere in der Nähe tönen mag.“ Der Mann ſchaute ſeinem Gefangenen eine Weile ungläubig in's Geſicht; dann ging er nach der Thüre, und ſchien entſchloſſen, ſich von der Wahrheit dieſer Vermuthung zu überzeugen. Mit lauter Stimme rief er einem ſeiner Kameraden, der ihn begleiten ſollte. Willoughby wußte, daß jetzt keine Zeit mehr zu verlieren war. Noch eine halbe Minute— und er war durch das Loch geſchlüpft, hatte den Teppich davorgezogen, und ſchob nun, mit dem einen Arm Mauds ſchlanke Taille umſchlingend, mit dem andern die Büſche bei Seite, indem er Nick aus der engen Kluft zwiſchen Felſen und Anbau in's Freie folgte. Der Major ſchien weniger auf ſeine eigene Ret⸗ tung, als darauf bedacht, Mand aus dieſem Bereiche zu entfernen. Wyandotté. 33 514 Ihr Fuß berührte kaum den Boden, während ſie zu der Stelle hinanſtiegen, wo Joyce Halt gemacht hatte. Hier ſtand Nick einen Augenblick ſtill, und hob den Finger in die Höhe, zum Zeichen, daß er aufmerkſam horchte. Sein geübtes Ohr hatte in dem Anbau, der kaum fünfzig Fuß entfernt war, den Klang von Stimmen vernommen. Männer riefen einander beim Namen, dann hörte man gerade unter ihnen eine Stimme, wie wenn Einer den Kopf aus dem Fluchtloche herausgeſtreckt hätte. r „Da haſt du deine Säge, und da iſt auch ihr Kunſtwerk!“ rief dieſe Stimme. d „Und hier iſt auch Blut,“ ſchrie ein Anderer.„Seht nur! unter dieſen Steinen iſt eine ganze Lache.“ Maud ſchauderte zuſammen, als ob ihre Seele die irdiſche Hülle verlaſſen wollte, und Willoughby gab Nick ein ungeduldiges Zeichen, weiter zu gehen. Der Wilde ſchien aber einen kurzen Augenblick lang ganz verwirrt. Doch die Gefahr unten nahm mit jeder Sekunde zu, und kam nun offenbar ſo nahe, daß er ſich e ——-I—„— ☛⁵H ☛ A 8 umwandte, und die Anhöhe hinaneilte. h Im nächſten Augenblick erreichten die Flüchtlinge den abſchüſſigen Pfad, der von dem größeren, auf dem ſie ſich eben befanden, abbog; h es war derſelbe, auf welchem Nick und Maud noch nicht lange vor⸗ 2 her die Klippe in diagonaler Richtung erſtiegen hatten. Hierher eilte Nick, da das vorliegende Gebüſch ihre Geſtalten vor jedem ſt Verfolger auf dem oberen Pfade verbergen mußte. i Etwas weiter unten lag eine lichte Stelle, und der ſchnell be⸗ 3 ſonnene Wilde entſchloß ſich, dort hinter einem dichten Buſche Halt zu machen, da in dem Falle, daß ihre Verfolger ihnen an der u Ferſe hingen, eine Flucht ohnehin nutzlos geweſen wäre. h Kaum hatten die Flüchtlinge einige Sekunden Halt gemacht, als d ſich die Stimmen ihrer Verfolger, welche längs der Höhe die Jagd 8 auf ſie begannen, von oben herab vernehmen ließen. Willoughby d fühlte ſich einen Augenblick verſucht, mit Mand auf den Armen den n den 515, Pfad hinabzurennen, doch Nick ſtemmte ſich mit ſeinem eigenen Körper gegen ein ſo übereiltes Verfahren. Es war jetzt keine Zeit, ſich herumzuſtreiten, denn auf dem Kreuzwege über ihnen hörten ſie viele Stimmen, welche ſich— ein klarer Beweis, daß ihre Verfolger engliſcher Geburt oder Abſtammung ſein mußten— in deutlichem Engliſch über den einzuſchlagenden Weg berathſchlagten. „Geht auf dem unteren Pfade,“ rief Einer von hinten;„er wird den Strom hinabrennen, und ſich nach den Niederlaſſungen am Hudſon wenden. Er hat dieß ſchon einmal gethan, wie ich von Strides ſelber weiß.“ „Den Henker auch mit deinem Strides!“ gab der Vordere zur Antwort.„Er iſt ein ſchnüffelnder Spitzbube, der die Freiheit nicht anders liebt, als wie die Sau ihr Korn— blos um gut leben zu können. Ich ſage, geht den oberen, denn dort gelangt er auf die Höhen und in die Nähe von ſeines Vaters Blockhaus.“ „Auf dem oberen Pfade ſind Fußſpuren zu gewahren,“ bemerkte ein Dritter;„ſie ſcheinen aber den Hügel hinab und nicht hinauf zu leiten.“ „Das iſt die Fährte der Burſche, welche ihm zur Flucht ver⸗ holfen haben. Nur friſch vorwärts, den Hügel hinan, in zehn Minuten haben wir ſie Alle wieder. Vorwärts! Vorwärts!“ Damit war die Sache entſchieden. Willoughby glaubte wenig⸗ ſtens ein Dutzend Menſchen, brennend vor Verfolgungseifer, und ihres Erfolges zum Voraus gewiß, über ſeinem Haupte hinrennen zu hören. Nick aber wartete nicht länger, ſondern glitt den Abhang hinab, und war bald auf dem breiten Pfade, der am Rande des Stromes hinzog, und zum gewöhnlichen Fahrwege vom Blockhaus zur Mühle diente. Hier waren die Flüchtlinge zwar eben ſo gut als auf dem Herwege der Gefahr eines zufälligen Zuſammentreffens ausgeſetzt; doch zum Glück ließ ſich Niemand ſehen oder hören, und ſo kam man in voller Sicherheit über die Brücke. Nick wandte ſich nun 8 33* 1 1 1 1 4 — 516 geradezu nach Norden, und drang wieder in die Wälder, indem er dem Kuhpfade folgte, der ihn erſt vor Kurzem in die Schlucht hinabgeführt hatte. Auch hier wurde keine Pauſe gemacht. Willoughby hatte einen Arm um Mauds Hüfte geſchlungen, und trug ſie mit einer Geſchwindigkeit weiter, welcher ihre eigenen Kräfte keineswegs gewachſen ſchienen. Noch waren keine zehn Minuten ſeit der Flucht des Gefangenen verfloſſen, und ſchon hatten die drei Wanderer den Felſen beim Waſſerfall, d. h. die Ebene des Biberdammes, erreicht. Da man mit ziemlicher Gewißheit annehmen durfte, daß keiner der Verfolger bis in dieſe Partie des Thales vorgedrungen war, ſo ſchien weitere Eile unnöthig, und Maud durfte endlich wieder Athem ſchöpfen. Der Halt war übrigens nur kurz, denn unſere Heldin fühlte, daß der Major erſt dann in Sicherheit ſei, wenn er die Palliſaden hinter ſich habe. Umſonſt bemühte ſich Willoughby ihre Furcht zu beſchwichtigen, und ſie von ſeiner vergleichungsweiſen Sicherheit zu überzeugen: Mauds Nerven waren nun einmal angegriffen, und dann hatte ſie Robert auch noch jene Schreckensnachricht mit⸗ zutheilen, welche ſo ſchwer auf ihrer Seele laſtete, und alle ihre natürlichen Regungen und Gefühle beſchleunigte. Nick gab bald wieder das Zeichen zum Weitergehen, und die Drei begannen nunmehr die Niederung im Bogen zu umgehen, wie wir es ſchon beim Vordringen Mauds und ihres Gefährten beſchrieben haben. Sobald ſie einen günſtigen Punkt erreichten, ließ der Indianer abermals Halt machen, und gab ſeine Abſicht zu erkennen, bis an den Rand des Waldes vorzugehen, und dort zu rekognosciren. Dieſe Nachricht wurde von ſeinen beiden Gefährten mit Freude vernommen; denn der Major brannte vor Begierde, Maud jenes Geſtändniß, das er vermittelſt der Doſe ſo klar angedeutet hatte, mit eigenen Worten zu wiederholen, und die Verſicherung, daß ſie nicht beleidigt ſei, von ihr zu erbitten; Maud dagegen fühlte die Nothwendigkeit, dem Major die Trauerbotſchaft, welche ſie ihm 517 noch mitzutheilen hatte, unverzüglich zu berichten. Mit dieſen weit auseinander liegenden Gefühlen im Herzen, ſahen die beiden Lie⸗ benden in ungeduldiger, ruheloſer und tiefbewegter Stimmung ihren bisherigen Führer verſchwinden. Willoughby hatte für Maud auf einem Baumſtamme einen Sitz aufgefunden; er nahm nun neben ihr Platz, ergriff ihre Hand, und drückte ſie ſchweigend an ſein Herz. „So hat ſich alſo Nick trotz aller meiner Zweifel und ſchlimmen Ahnungen als treuer Freund erwieſen, theuerſte Mand,“ begann er endlich. „Ja; er gab mir zu verſtehen, daß du ihm ſchwerlich trauen würdeſt, und dieß war der Grund, warum ich mich verleiten ließ, ihn zu begleiten. Wir dachten Beide, Bob, mir würdeſt du ſchon Glauben ſchenken.“ „Der Himmel ſegne dich! Er ſegne dich, geliebte Maud! Aber ſage, haſt du Mike nicht geſehen?— hat er nicht eine Unterredung mit dir gehabt?— mit einem Worte, hat er dir nicht mein Döschen übergeben?“ Mauds Gefühle waren ſo aufgeregt, daß Roberts Liebes⸗ erklärung, ſo theuer ſie auch ihrem Herzen war, gleichwohl jene äußeren Merkmale nicht hervorrief, wie ſie ſich bei zartſinnigen, gefühlvollen Perſonen ihres Geſchlechts in dem Augenblicke, da ſie zum erſten Male dieſe einſchmeichelnde Sprache vernehmen, zu zeigen pflegen. Ihre Gedanken waren von jenem furchtbaren Ge⸗ heimniſſe belaſtet, und ſie ſann fortwährend auf Mittel, wie ſie es dem Major auf die beſte, ſchonendſte Weiſe beibringen könnte. So war bei jener an ſie gerichteten Frage nur ein leiſes Erröthen auf ihren Wangen zu bemerken, und ihr Auge blieb noch immer voll ernſter Zärtlichkeit auf ihren Begleiter geheftet. „Ich habe Mike geſehen, theurer Bob,“ gab ſie mit einer Feſtigkeit zur Antwort, welche in der Eigenthümlichkeit ihres Vorſatzes ihren Grund hatte;„er hat mir das Döschen gezeigt und gegeben.“ ——õ——yõÿy— 1 1 1 4 1 518 „Haſt du mich aber auch verſtanden, Maud? Du wirſt dich erinnern, daß jene Doſe das große Geheimniß meines Lebens enthielt!“ „Ich weiß es wohl— ja, die Doſe enthält das große Ge⸗ heimniß deines Lebens.“ „Aber— du ſcheinſt mich doch nicht verſtanden zu haben, Maud — ſonſt würdeſt du mich nicht ſo unbefangen— ſo offen anſehen — ich wurde nicht verſtanden, und bin jetzt ganz unglücklich!“ „Nein, nein, nein,“ fiel Maud haſtig ein,„ich verſtehe Alles, was du mir ſagen wollteſt, und du haſt keine Urſache, dich—« Maud konnte nicht weiter ſprechen, denn ſie erinnerte ſich des harten Schlages, den ſie noch für ihn im Rückhalt hatte. „Das Alles iſt ſo auffallend, ſo ganz gegen deine gewöhnliche Weiſe, Maud, daß nothwendig irgend ein Mißverſtändniß obwalten muß. Die Doſe enthielt nichts als dein eigenes Haar, Theuerſte!“ „Ja; nichts Anderes. Es war mein Haar, ich erkannte es auf den erſten Blick.“ „Und hat es dir nicht ein Geheimniß enträthſelt? Warum war Beulahs Haar nicht auch dabei? Warum liebte ich dein Haar, Maud, und deines allein? Du haſt mich doch nicht verſtanden!“ „Doch, doch, lieber, theurer Bob! Du liebſt mich; du wollteſt' mir ſagen, daß wir in Wahrheit nicht Bruder und Schweſter ſind; daß wir eine Neigung für einander fühlen, welche weit ſtärker iſt— eine Neigung, welche uns für's ganze Leben ver⸗ knüpfen wird. Sieh' mich nicht ſo unglücklich an, Bob; ich ver⸗ ſtehe Alles, was du ſagen wollteſt.“ „Das iſt ſo außerordentlich!— ſo ganz dir unähnlich, Maud, daß ich nicht weiß, was ich daraus machen ſoll! Ich ſchickte dir jene Doſe, Geliebte, um dir zu ſagen, daß du mein ganzes Herz beſitzeſt; daß ich Tag und Nacht nur an dich denke; daß du das große Ziel meines Daſeins biſt; daß ohne dich nur Elend, mit dir aber eben ſo gewiß die größte Glückſeligkeit mein Loos ſein wird 519 — mit einem Wort, daß ich dich liebe, Maud, und nie eine Andere lieben kann!“ „Ja, ſo verſtand ich dich, Bob.“— Trotz dem, daß alle ihre Gefühle ſich auf jenes furchtbare Geheimniß koncentrirt hatten, mußte Maud hier dennoch erröthen.—„Es war zu klar, um mißverſtanden zu werden.“ „Und wie wurde meine Erklärung aufgenommen? Sag' es mir ſogleich, theures Mädchen, mit deiner ganzen Offenheit und Wahr⸗ heitsliebe— kannſt du, willſt du mich wieder lieben 2« Dieß war eine Gewiſſensfrage, welche vielleicht bei einer anderen Gelegenheit eine Scene der Verwirrung und Unſchlüſſigkeit herbei⸗ geführt hätte; doch Maud begrüßte mit Entzücken den Gedanken, daß es jetzt in ihre Macht gegeben war, die Heftigkeit des Schlages, der ihren Geliebten treffen mußte, dadurch zu mildern, daß ſie ihn wenigſtens über dieſen wichtigen Punkt beruhigte. „Ich liebe dich, Bob,“ gab ſie zur Antwort, während in jedem Zuge ihres engelgleichen Antlitzes die glühendſte Hingebung leuchtete; „habe dich Jahre lang geliebt— wie konnte es auch anders ſein? Ich habe ja kaum einen Andern geſehen, den ich hätte lieben können, und wie konnte ich dich ſehen und nicht lieben?“ „Süße, himmliſche Maud!— Das Alles iſt aber ſo befrem⸗ dend— ich fürchte, du verſtehſt mich doch nicht— ich ſpreche nicht von der Liebe, welche Beulah für mich hegt, wie Bruder und Schweſter ſie für einander fühlen; ich ſpreche von jener Liebe, welche meine Mutter an meinen Vater feſſelte, von der Liebe zwiſchen Mann und Frau—“ Ein Seufzer Mauds gebot dem heftigen jungen Manne Still⸗ ſchweigen; die Aermſte ließ ihr Haupt halb ohnmächtig auf den Buſen niederſinken, und erſchrocken ſchloß er ſeine Gefährtin in die Arme. „Iſt dieß Unwillen, Theuerſte, oder iſt es Beifall?« fragte er, ganz verwirrt von Allem, was er gehört hatte. „Ach, Bob!— der Vater— Vater— Vater!“ 520 „Mein Vater!— was iſt's mit ihm, Maud? Wie konnte der Gedanke an ihn dich in dieſen Zuſtand verſetzen?“ „Sie haben ihn getödtet, liebſter, theuerſter Bob, und du mußt jetzt Vater, Gatte, Bruder, Sohn, Alles in Allem ſein. Wir haben Niemand mehr, als dich!“ Eine lange Pauſe folgte. Für Robert Willoughby war der Schlag furchtbar, doch kämpfte er dagegen wie ein Mann. Mauds unzuſammenhängendes, räthſelhaftes Weſen war nun erklärt, und während Eines dem Andern Beweiſe der unausſprechlichſten Zärt⸗ lichkeit gab— einer Zärtlichkeit, welche durch das eben Vorgefallene ſogar noch zugenommen hatte, wurde gleichwohl kein Wort mehr von Liebe geſprochen. Der gemeinſame Kummer ſchien ihre Herzen noch enger aneinander zu feſſeln; aber ſie bedurften keiner Worte mehr, um ſich ihrer gegenſeitigen Neigung zu verſichern. Robert Willoughby's Gram miſchte ſich in Mauds Bekümmerniß, und als er die Geliebte an ſein Herz ſchloß, war das Antlitz des Einen buchſtäblich von den Thränen des Andern befeuchtet. Es dauerte einige Zeit, bis Willoughby fragen oder Maud eine Erläuterung geben konnte. Dann erzählte Letztere in der Kürze Alles, was ſie wußte, während ihr Begleiter mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit zuhörte. Dem Sohn dünkte der Vorfall ehen ſo außerordentlich, als betrübend: doch hatte man jetzt keine Zeit zu näherer Unterſuchung. Es war vielleicht ein Glück für die beiden Liebenden, daß Nick durch ſein Geſchäft ferne gehalten wurde. Er blieb noch volle zehn Minuten aus, und kehrte dann langſam, nachdenklich, vielleicht ſogar nicht ganz ohne einige Verwirrung zurück. Sobald Willoughby ſeinen Tritt vernahm, ließ er Maud aus ſeinen Armen gleiten, und Beide waren bemüht, ſo viel Ruhe, als der Zuſtand ihrer Gefuͤhle erlaubte, an den Tag zu legen. „Beſſer marſchiren,“ meinte Nick in ſeiner ſpruchreichen Weiſe; „Mohawk ganz raſend.“ ——„·„·–— —3—++—*☛ uDSſ ⏑A&̈* „Haſt du Zeichen davon wahrgenommen 2 fragte der Major, kaum wiſſend, was er ſagte. *„Skalp verlieren machen Inſchjön immer raſend. Gefangener entfliehen, nehmen Skalp mit ſich.“ „Ich glaube, Nick, du thuſt meinen Gefangenwärtern doch unrecht; weit entfernt, ſo grauſame Wünſche zu hegen, haben ſie mich vielmehr— in Anbetracht der Verhältniſſe— ſo wie des Umſtan⸗ des, daß wir uns in den Wäldern befinden— recht gut behandelt.“ „Ja; ſchonen Skalp, weil Strick ſchon bereit glauben. Nie⸗ mals trauen Mohawk— Alle ſchlechte Inſchjön.“. Unter die großen Schwächen der Wilden aus den amerikani⸗ ſchen Wäldern gehörte allerdings auch die, daß ſie die benachbar⸗ ten Stämme ungefähr eben ſo betrachteten, wie der Engländer bekanntermaßen den Franzoſen und dieſer Jenen, der Deutſche Beide zuſammen, und Alle mit einander den Yankee anſehen. Mit einem Wort— der eigene Stamm umfaßt Alles, was nur irgend vortrefflich iſt, bei den Pawnee's, Oſagen und Pottawat⸗ tomie's— wie Paris in den Augen des bourgeois— London in denen des Cockney*), und Amerika in denen ſeiner eigenen, er⸗ leuchteten Bürger das Köſtlichſte der ganzen Welt in ſich ſchließt: das feindliche Gemeinweſen dagegen wird ohne Gewiſſensſkrupel der zarten Sorgfalt jener Weſen anheimgegeben, welche Nationen wie Judividuen in den Abgrund des Verderbens locken. So hatte Nick, trotz der verhältnißmäßig liberalen Anſichten, welche ſeinem Geiſte durch den Verkehr mit den Weißen eingeprägt worden waren, von den Eindrücken ſeiner Kindheit gleichwohl noch ſo viel an ſich behalten, daß er die Handlungen ſeiner Mitbewerber ſtets im ſchlimmſten, ſeine eigenen dagegen im vortheilhafteſten Lichte darzuſtellen beſtrebt war, und in dieſem Sinne warnte er ſeine Gefähr⸗ ten, doch ja kein Vertrauen in die Milde der Mohawks zu ſetzen. Major Willoughby hatte übrigens Grund genug, auch ohne *) So wird das Londoner Stadtkind genannt. D. U. 5 4 4 ——— 522 Rückſicht auf die feindſeligen Abſichten ſeiner Gegner den Weiter⸗ marſch ohne Verzug anzutreten. Daß ſeine Flucht den boshaf⸗ ten Wunſch nach Rache hervorrufen würde, konnte er ſich leicht vor⸗ ſtellen; doch das Bild ſeiner Mutter, ſeiner verehrten, tiefbetrübten Mutter, das Bild der geduldigen, trauernden Beulah ſchwebte ihm beſtändig vor Augen: ſo faßte er mit Freuden Maud unterm Arm, und machte ſich auf den Weg, ſobald Nick vorangegangen war. Wir würden Unwahrheit berichten, wenn wir behaupten woll⸗ ten, er habe das liebliche, vertrauensvolle Weſen vergeſſen, das, wie die Weinrebe den Baumſtamm, ſo jetzt ſeinen Arm umklammerte — oder ſich alles Deſſen, was ſie ſo aufrichtig zu ſeinen Gunſten ge⸗ ſtanden, nicht lebhaft erinnert: nur daß die Hoffnung, welche in ihm erwacht war, unter den nunmehrigen Urſachen der Betrübniß vor der Hand blos aus der Ferne ſchimmerte, gerade wie das Tagsgeſtirn mit ſeinen Strahlen die tiefſten Räume des Himmels erleuchtet, während ſein Antlitz durch eine Sonnenfinſterniß völlig verdeckt iſt. „Haſt du Zeichen von Bewegungen gegen das Blockhaus be⸗ merkt, Nick?“ fragte der Major, nachdem die drei Wanderer mehrere Minuten lang rings am Waldſaume hingeeilt waren. Der Tuscarora drehte ſich um, nickte mit dem Kopfe, wäh⸗ rend er mit den Augen auf Maund deutete. „Sprich offen, Wyandotté.—* „Gut!“ fiel der Indianer mit Nachdruck ein, indem er in ſei⸗ ner Haltung eine Würde annahm, welche der Major nie zuvor an ihm geſehen hatte.„Wyandotté kommen— Nick fortgegangen für immer. Nie ſehen Trutz⸗Nick wieder beim Biberdamm.“ „Das vernehme ich mit Freuden, Tuscarora, und, wie Maud mir ſagt, wirſt du offen mit mir reden.“ „Drum für's Beſte halten, bereit zu ſein. Mohawk nehmen mehr übel, als wenn er zehn, drei, ſechs Skalpe verlieren. Inſchjön kennen Inſchjön Gefühle. Bleichgeſicht kann nicht Roth⸗ hant zurückhalten, wenn Blut wild werden.“ 523 „Vorwärts alſo, Wyandotté, um's Himmels willen!— Laß mich wenigſtens als Vertheidiger meiner geliebten Mutter ſterben!“ „Mutter,— gut! Doktern Tuscarora, als Tod ſchon in's Geſicht grinſen. Sie auch meine Mutter!“ Der Wilde ſprach dieß mit einem Nachdruck, der ſeine Zuhö⸗ rer mit voller Zuverſicht hoffen ließ, der kriegeriſche Tuscarvra werde als treuer Bundesgenoſſe zu ihnen halten. Sie hatten freilich keine Ahnung davon, daß dieß nämliche wunderliche We⸗ ſen,— ein Spielball der Leidenſchaft und wilden Rachſucht für eigene, eingebildete Unbill— die Urſache jenes furchtbaren Schla⸗ ges war, der ſie vor Kurzem erſt betroffen hatte. Noch war's eine Stunde bis zu Sonnenuntergang, als Nick ſeine Begleiter zu dem Baumſtamme führte, auf welchem ſie abermals über das Flüßchen zu ſetzen hatten. Hier ſtand er ſtill, und deutete auf das Dach des Blockhauſes, das man eben durch die Bäume hervorlugen ſah, wie wenn er ſagen wollte, daß nun⸗ mehr ſein Führeramt zu Ende ſei. „Ich danke dir, Wyandotté,“ ſprach der Major;„wenn es Gottes Wille iſt, daß wir ungefährdet über dieſe Kriſis hinüber⸗ kommen, ſollſt du reichlich für deinen Dienſt belohnt werden.“ „Wyandotté Häuptling— brauchen kein Thaler. War Inſch⸗ jön Bote— jetzt Inſchjön Krieger. Major folgen— Squaw folgen— Mohawk haben Eile.“ Das war genug. Von Willoughby gefolgt, kam Nick raſchen Schrittes aus dem Walde geeilt— wäre Maud nicht geweſen, ſo hätte er wohl ſeinen gewohnten ſpringenden Gang von Neuem angenommen. Der Major hielt wieder ſeine Geliebte umfaßt, und trug ſie während des Gehens, ſo daß ihre leichte Geſtalt kaum den Boden berührte. In dieſem Augenblicke hörte man in der Richtung der Mühlen, und längs dem weſtlichen Rande der Wieſen den Klang einiger Muſcheln. Eine ſchien der andern zu antworten, und dann ließ ſich jenes hölliſche Geheul, welches als das Kriegsgeſchrei der Indianer bekannt 1 4 1 ——— 524 iſt, auf der entgegengeſetzten Seite der Gebäude vernehmen. Dem Lärm nach zu ſchließen, mußten die Wieſen von Feinden wim⸗ meln, die ſich zum Sturme gegen die Palliſaden anſchickten. In dieſem Momente des Schreckens erſchien Joyce auf dem Giebel des Daches, und rief mit einer Donnerſtimme, welche ſelbſt bis in die entfernteſten Winkel des Thales hörbar war: „Tretet unter's Gewehr, ihr Leute: da unten kommen die Schurken; wartet mit Eurem Feuer, bis ſie über die Stockade zu klettern verſuchen.“. Eigentlich war dieß eine ganz leere Drohung, aber jedenfalls ein neuer Beweis des feſten Muthes, welchen Gewohnheit wie Naturanlage dem Sergeanten verliehen hatte. Der Veteran kannte die Schwäche ſeiner Beſatzung und glaubte, ein kecker Kriegsruf von ſeiner Seite könnte vielleicht dem wilden Geſchrei, das ſich jetzt ringsum aus allen Feldern vor dem Blockhauſe ver⸗ nehmen ließ, als Gegengewicht dienen. Nick und der Major eilten unaufhaltſam weiter; Beide waren zu ernſthaft und aufgeregt, um auch nur ein Wort zu ſprechen. Der Indianer ſchätzte die Entfernung nach dem Gehör und glaubte, wenn man keinen Augenblick verliere, ſo werde man immer noch Zeit gewinnen, den erſehnten Zufluchtsort zu erreichen. Bis an den Fuß der Klippe brauchten ſie gerade eine Minute; hinauf zu dem Loch in der Palliſade halb ſo viel Zeit, und fünfzehn Sekunden, um durch die Oeffnung zu ſchlüpfen. Mand wurde, ſo ſchnell ſie auch lief, doch immer noch raſcher fortgezogen, und als endlich die Drei in eiligem Laufe rund um die Palliſade gegen das Thor herrannten, da war der Augenblick der höchſten Gefahr für ſie gekommen. Sie wurden vom Feinde erblickt, und alsbald hörte man fünfzig Gewehre gleichſam auf gemeinſames Kommando losfeuern. Die Kugeln ſchlugen gegen die Holzſtämme des Blockhauſes und gegen die Palliſaden— getroffen wurde aber Niemand. Willoughby's — Stimme öffnete das Thor, und im nächſten Augenblicke befanden ſich die Drei im Schutze des Hofes. Achtundzwanzigſtes Kapitel. Doch nicht verloren ſind ſie— nein! Der Stimme Wohllaut und die Worte, die ſo ſüß erklangen. Des Lächelns holder Zauberſchein, Der hohen Seele Bild, die Züge, die zum Himmel drangen; Dieß Alles, Alles kehrt auf's Neu'; Der reinen Neigung Band— es knüpft ſich wieder: Das Böſe nur vernichtet ſei, Gefangen ſitz' in deinem Reich des Kummers Hyder! Und wiederſehen werd' ich bald Den güt'gen Vater, der mir gab das Leben, Und ſie, die jetzo ſtill und kalt, So jung und ſchön im Grabe ruht daneben! Bryant'sVergangenheit“. Die Scene, welche nunmehr folgte, zog wie ein Orkan, der das Thal durchfegt, vorüber. Joyce war auf dem Dachgiebel ge⸗ blieben, bis zum letzten Augenblicke bemüht, ſeine kleine Beſatzung zu ermuntern, und die Feinde außerhalb einzuſchüchtern. Der Hagel der feindlichen Kugeln hatte zwar Palliſaden und Gebäude getroffen; doch er ſtand immer noch unverletzt da. Aber des Majors Stimme unten, und das Geſchrei, Miß Maud und Nick ſtehen am Thore— bewirkte eine plötzliche Aen⸗ derung in allen ſeinen Vertheidigungsanſtalten. Der Sergeant eilte ſelbſt hinab, um dem neuen Kommandanten Rapport zu er⸗ ſtatten, und deſſen Befehle zu empfangen, während ſämmtliche Neger, Frauen wie Männer, im Hofe zuſammenliefen, um ihren jungen Herrn und die Vermißte zu begrüßen. 526 Die Minute, welche jetzt folgte, nachdem Willoughby und Maud von den Schwarzen umringt waren, läßt ſich nur ſchwer beſchrei⸗ ben. Das Entzücken dieſer ungebildeten Weſen ſtand ganz im Verhältniß mit ihrer ſeitherigen Todesangſt. Ihres Herrn Tod, Maſſer Bobs Gefangenſchaft und Miß Mauds Verſchwinden war ihnen wie ein plötzlicher Untergang der Willoughby'ſchen Familie vorgekommen— hier aber konnten ſich ihre Hoffnungen auf's Neue beleben— eine Ausſicht, welche eben ſo unerwartet, wie das frühere Unglück, eingetreten war. Niiten unter dem Rufen und Schreien, dem Weinen, Klagen und dem Gelächter unbezwinglicher Freude vermochte Joyce kaum einen Augenblick zu finden, um ſich ſeiner Pflicht zu entledigen. „Ich ſehe, wie's ſteht, Sergeant,“ rief Major Willoughby; „der Sturm iſt im Anzug, und Ihr verlangt Eure Ordre.“ „Wir haben keinen Augenblick zu verlieren, Major Willoughby; der Feind ſteht bereits an den Palliſaden, und außer Jamie und dem jungen Blodget iſt Niemand auf ſeinem Poſten!“ „Auf eure Poſten, ihr Leute! ⸗auf eure Poſten, alle mit einan⸗ der! Das Haus muß auf jeden Fall vertheidigt werden. Um's Himmels willen, Joyce, gebt mir Waffen. Ich fühle, daß meines Vaters Tod unſere Rache fordert.“ „Robert! lieber, theurer Robert!« rief Mand, ihre Arme um ſeinen Nacken ſchlingend:„dieß iſt kein Augenblick für ſo bittere Gefühle. Vertheidige uns, wie ich weiß, daß du es thun wirſt, nur vertheidige uns wie ein Chriſt.“ Ein Kuß war Alles, was die Zeit geſtattete, dann eilte Mand in's Blockhaus, um ihre Mutter und Beulah aufzuſuchen, in der Hoffnung, daß die Nachricht von Bobs Rückkehr dem tiefen Schmerze, unter dem ſie leiden mußten, einigermaßen zur Erleichterung dienen werde. Willoughby hatte nicht Zeit zu frommen Tröſtungsverſuchen. Das Blockhaus mußte gegen ein Heer von Feinden vertheidigt werden; das Krachen der Büchſen vom Rundgang und von den 527 Feldern verkündete, daß der Kampf jetzt ernſtlich begonnen hatte. Joyce übergab ihm eine Büchſe, und Beide ſtiegen raſch mit ein⸗ ander auf das Dach. Hier fanden ſie Jamie Allen und Blodget, welche, ſo ſchnell ſie konnten, ihre Gewehre luden und abfeuerten, auch in Kurzem durch ſämmtliche Neger verſtärkt wurden. Sieben Mann waren jetzt auf dem Rundgange verſammelt; von dieſen ſtellte der Major drei an die vordere, und je zwei auf die Seitenfronten; er ſelbſt war überall zu finden, wo die Umſtände ſeine Gegenwart heiſch⸗ ten. Mike, der ſich nur wenig auf den Gebrauch von Feuer⸗ waffen verſtand, wurde als Thürhüter an's Hofthor beordert. Die Wilden waren ſo gar nicht an einen Angriff bei hellem Tage, ohne ihre ſonſtigen Hilfsmittel der Ueberraſchung, gewöhnt, daß die Stürmenden ſelbſt ziemlich verwirrt erſchienen. Der Angriff wurde in einem plötzlichen Anfalle von Racheluſt wegen der Flucht des Gefangenen und gegen die Wünſche der angeſehe⸗ neren Weißen des Haufens unternommen; Letztere wurden in den Strom der Ereigniſſe hineingeriſſen, und mußten ſich noch den Anſchein geben, als ob ſie ein Unternehmen, das ſie eigentlich mißbilligten, zu unterſtützen geneigt ſeien. Solche plötzliche Ausbrüche ſind bei der indianiſchen Kriegfüh⸗ rung keineswegs ungewöhnlich, und haben ſchon öfter bedeutende Niederlagen herbeigeführt. Das Schlimmſte, was ihnen übrigens dießmal begegnen konnte, war ein abgeſchlagener Angriff— ein Unſtern, welchem ſich die Führer— lauter Demagogen, welche ihr Anſehen den Exceſſen und der Noth der Zeiten verdankten— vorkommenden Falles wohl oder übel unterwerfen mußten. Der erſte Anlauf geſchah wild und ohne alle Vorſicht. Sobald die Salve gegen den Major abgefeuert war, brachen die Angreifer⸗ aus ihren Verſtecken hervor, und die Felder wimmelten von Menſchen. Dieß war der Augenblick, wo die Vertheidigung Jamie und Blodget ganz allein überlaſſen blieb— ſonſt hätte der Feind ſeine 528 Unvorſichtigkeit wohl theuer büßen müſſen. So aber ſtreckte nur Letzterer einen der Kühnſten unter den Indianern zu Boden, wo⸗ gegen der Maurer ſein Gewehr zwar mit ſehr gutem Willen, aber ohne ſichtliche Wirkung abfeuerte. Das Geheul, welches dieſer Entwicklung der anſcheinenden Stärke der Garniſon folgte, war eine wilde Miſchung von Triumph und Zorn, und der ganze Haufe ſtürzte nun in raſchem Laufe ge⸗ gen die Palliſaden. Als der Major ſeine Verſtärkungsmannſchaft anſtellte, wim⸗ melte die Stockade bereits von Feinden; die Einen kletterten hinauf, Andere feuerten von oben gegen das Blockhaus, wieder Andere hal⸗ fen ihren Kameraden heraufklettern, und Einer fiel in die Umfaſſung herein— ein abermaliges Opfer von Blodgets nie fehlender Büchſe. Die Salve, welche jetzt vom Dache herabdonnerte, machte die Wilden ſtutzig; die meiſten ſprangen von der Stockade herab, und ſuchten außerhalb— raſch und behend wie ſie waren— einen Verſteck aufzufinden. Drei oder vier aber hielten's für ſicherer, innerhalb der Palliſaden herabzuklettern, und unmittelbar unter den Seitenwänden des Gebäudes Schutz zu ſuchen. Der Anblick dieſer Wenigen, welche, ſo lange die Beſatzung keinen Ausfall machte, vor ihrem Feuer gänzlich geſichert waren, gab den Außenſtehenden einen Begriff von dem, was ihnen bis dahin gefehlt hatte— nämlich Ordnung und Uebereinſtimmung im Angriff. Bald war auch etwas dem Aehnliches in ihren Anſtal⸗ ten zu bemerken: das Feuern wurde jetzt auf beiden Seiten mit großer Wachſamkeit, und darum auch ohne Erfolg, betrieben, die angreifende Partie hielt ſich, ſo gut ſie konnte, hinter Bäu⸗ men und Hecken verborgen, während die Beſatzung, nur ſo oft es nöthig war, über die Gallerie des Daches hervorlugte. Sobald der Kampf zum Ausbruch gekommen war, hatten alle ehemaligen Angehörigen Kapitän Willoughby's, welche von ihm deſertirt waren, ihre verſchiedenen Geſchäfte in Feld und Wald —9 D—————, — A — O£—— — 529 eingeſtellt, um ſich in und um ihre Hütten, mitten unter Weibern und Kindern, zu verſammeln. Joel allein ließ ſich nicht bei ihnen blicken. Er hatte ſeine Freunde unter den Anführern des Korps hinter einem Heuhaufen aufgeſucht, der ſich in ehrerbietiger Entfernung vom Blockhauſe befand, und mittelſt des Flüßchens und ſeiner bewachſenen Ufer einen ſicheren Zugang geſtattete. Der kleine Kriegsrath, der auf dieſem Punkte gehalten wurde, hatte eben in dem Augenblicke be⸗ gonnen, da man jenes halbe Dutzend Indianer, welche in's Innere der Palliſaden gedrungen waren, unter den Mauern des Gebäudes ſich verſtecken ſah. „»Die Natur gibt euch einen Wink für euer ferneres Benehmen,“ bemerkte Joel, indem er die Angeſehenſten unter ſeinen Gefährten auf dieſen Umſtand aufmerkſam machte, während ſie Alle über den oberen Theil des Heuhaufens nach dem Blockhauſe hinlugten. „Ihr ſeht jene Männer unter der Dachrinne ſtehen—'s iſt ein unleidlicher Anblick— ſie ſind ja ſicherer da droben, als wir hier unten; wäre mir's nicht um den Anſchein der Dinge zu thun, ſo möchte ich wahrlich bei ihnen ſein. Das Haus da wird niemals ohne verzweifelten Kampf eingenommen werden, denn der Kapitän iſt ein alter Krieger, und ſcheint den Pulverdampf gerne zu riechen“ — der Leſer wird ſich erinnern, daß außer Denen im Hauſe Niemand um den Tod des Veteranen wußte—„der wird ſich ganz gewiß nicht ergeben, ſo lange er noch einen Schuß Pulver im Lauf hat. Hätt' ich aber zwanzig Mann— nein, dreißig wären doch noch beſſer— da wo jene Burſche ſtehen, ſo könnte man den Platz, glaub' ich, in wenigen Minuten einnehmen; dann erſt würde die Freiheit zu ihrem Rechte gelangen, und jene Anhänger der Monarchie müßten unterliegen, wie ſie es Alle verdienen.“ „Was thun alſo?“ fragte der Führer der Mohawks in ſeinem abgebrochenen Gutturalengliſch.„Nicht ſchieß— kann nicht tödten Block.“ Wyandotts. 34 530. „Nein, Häuptling, das iſt ebenſo vernünftig als unbeſtreitbar; an dem inneren Thore aber iſt nur ein Flügel eingehängt, und ich habe die Sachen ſo zweckmäßig eingerichtet, daß man die Pfeiler der andern Hälfte, welche nicht in den Angeln ruht, um⸗ ſtürzen kann, was eben ſo viel heißt, als wenn wir die Pforte aufſchlöſſen. Wenn ich nur den rechten Mann dazu hier hätte, ich wollte mit der Arbeit bald zu Ende ſein.“ „Gehen ſelbſt,“ erwiederte der Mohawk, nicht ohne einen Aus⸗ druck von Mißtrauen und Verachtung. „Jeder Schuſter bei ſeinem Leiſten, Häuptling. Mein Gewerbe iſt der Friede, die Politik und Freiheit, Eures aber iſt der Krieg. Nichtsdeſtoweniger kann ich Euch und wer noch ſonſt zu fechten Luſt hat, auf die rechte Spur verhelfen, und dann wollen wir ſchon ſehen, wie die Sachen ſich ausführen laſſen.— Ei, du meine Güte! wie dieſe verzweifelten Teufel auf dem Dach dort oben Einen ſo gerne wegputzen möchten! Es ſollte mich gar nicht Wunder nehmen, wenn ſie Jemand erſchöſſen, oder gar ſelbſt noch verwundet würden.“ So lauteten Joel Strides Rathſchläge für eine Schlacht. Die in⸗ dianiſchen Häuptlinge gaben jetzt einige ihrer gewöhnlichen Signale, um ihre„jungen Männer“ mehr unter ihr Kommando zu bringen, und ſchickten Boten mit Befehlen nach verſchiedenen Richtungen ab; dann verließen ſie den Heuhaufen, und zwangen Joel, ſie zu begleiten. Die Reſultate dieſer Vorkehrungen kamen bald zum Vorſchein. Die Kühnſten unter den Mohawks ſtiegen nördlich vom Blockhauſe in das Flußbette hinunter, und ſtanden in kurzer Zeit am Fuße der Klippe. Eine vorläufige Rekognoscirung überzeugte ſie, daß die von Joel angedeutete Oeffnung ſeit dem Eintritte Willoughby's und ſeiner Gefährten noch nicht verſchloſſen worden war. Von ihrem Häuptling geführt, ſchlichen ſich die Krieger den Abhang hinauf, und fingen an, durch dieſelbe Pforte hereinzukriechen, welche in der vorigen Nacht ſämmtlichen Deſerteurs mit Weibern und Kindern als Auslaß gedient hatte. b —ᷓÿᷓyÿqc daäaùöůᷓ—́́-ͥ f u*5 —Q—Q————— —— 531 Die vorn ſtehenden Indianer hatten Befehl, ſo lange dieſes Manöver im Rücken ausgeführt wurde, die Aufmerkſamkeit der Beſatzung durch ihre Bewegungen zu beſchäftigen. Auf ein ge⸗ gebenes Zeichen brachen ſie mit wildem Geſchrei aus ihren Verſtecken hervor, feuerten eine Salve ab, und machten einen Scheinangriff gegen die Palliſaden. Dieß war der Augenblick, den man zum Paſſiren der hintern Ausfallpforte gewählt hatte. Die ſieben vorderen Wilden gelangten auch wirklich wohlbehalten in's Innere der Stockade— der Achte wurde von Blodget, noch während er im Loche ſteckte, erſchoſſen. Sein Körper ward augenblicklich an den Beinen herausgezogen, worauf ſich die Uebrigen in den Schutz der Klippe zurückſchlichen. Jetzt begriff Willoughby die eigentliche Abſicht des neuen An⸗ griffs, und traf alsbald ſeine Gegenanſtalten. Joyce wurde mit einem Theile der Mannſchaft zur Behauptung der Hinterpforte zurückgelaſſen; er ſelbſt verfügte ſich unter den nöthigen Vorſichts⸗ maßregeln mit Blodget und Jamie in das Bibliothekzimmer. Zum Glück waren dort die Fenſter ausgehoben, und eine plötzliche Salve jagte die Indianer, welche unter den Felſen Schutz geſucht hatten, in Unordnung auseinander. Doch flohen dieſe nicht weiter als bis zum Fluſſe, wo ſie ſich, von den Büſchen gedeckt, wieder ſammelten, und ein heftiges Feuer gegen die Fenſter unterhielten. Mehrere Minuten lang blieb der Kampf auf dieſen Punkt be⸗ ſchränkt; Willoughby eilte an der ganzen Nordſeite des Hauſes von einem Fenſter zum andern, und richtete ſelbſt mehrere wohl⸗ gezielte Schüſſe auf die unten ſtehenden Feinde. Bis jetzt hatten blos die Stürmenden Verluſte erlitten; aber auch von der Beſatzung waren mehrere, beſonders Willoughby und Joyce, nur mit genauer Noth den feindlichen Kugeln entgangen. Ein volles Dutzend der Feinde war verwundet, im Ganzen aber nur vier getödtet. Der Kampf hatte jetzt gerade eine Stunde gedauert, 34* 8 1 1 — 1 1 4 1 532 und die Schatten des Abends begannen allmählig über dem Thale heraufzudämmern. Daniel, der Müller, war von Joel abgeſchickt worden, um die von Beiden vorbereitete Mine zu ſprengen, hatte aber mit der bei Unerfahrenen ſo gewöhnlichen Unentſchloſſenheit gezögert, um erſt die Andern die Oeffnung paſſiren zu laſſen, und war demzufolge vom Strome des Haufens nach dem deckenden Gebüſch des Fluſſes hinabgeriſſen worden. Willoughby hielt mit Joyce eine kurze Berathung, und machte ſich dann ernſtlich an die nöthigen Vertheidigungsanſtalten gegen einen nächtlichen Sturm. Auf dem nördlichen Flügel des Blockhauſes wurden die kugelfeſten Fenſterladen mit etwas Mühe und perſönlicher Gefahr ſämmtlich geſchloſſen, ſo daß dieſer Theil des Gebäudes völlig uneinnehmbar ſchien. So konnte man das Haus, nachdem dieß geſchehen und das Thor des inneren Hofes feſt verriegelt war, einem gegen den Sturm in Verfaſſung geſetzten Schiffe vergleichen, das mit ge⸗ refften Segeln gegen den Wind beigedreht hat. Der innerhalb der Palliſaden verſammelte Feind ſchien völlig machtlos, da aller Wahrſcheinlichkeit nach die ſteinernen Grundmauern jedem Einlegen von Feuer Trotz boten. Für das Dach blieb in letzterer Beziehung allerdings einige Gefahr zu beſorgen, weil die Indianer ſich zu dieſem Zwecke häufig brennender Pfeile bedienten: man trug deß⸗ halb Sorge, Gefäße mit Waſſer auf dem Rundgange außzuſtellen, um ſie nöthigenfalls zum Löſchen zu verwenden. Dieſe Vorkehrungen nahmen einige Zeit weg, und bis man damit zu Ende kam, war es völlig Nacht geworden. Das Feuern hatte aufgehört, zu thun blieb nichts mehr übrig, und ſo benützte der Major die nächſte Pauſe zum Nachdenken. „Für den Augenblick wären wir jetzt ſicher, Joyce,“ bemerkte Willoughby, während er mit dem Sergeanten auf dem Rundgange ſtand, nachdem er ſich mit Letzterem über den nunmehrigen Stand — —Q———————᷑—Q—.OUꝑL˖ 533 der Dinge beſprochen hatte;„ich habe jetzt eine feierliche Pflicht zu er⸗ füllen— meine theure Mutter— und der Leichnam meines Vaters!« „Ja, Sir; ich ſelbſt wollte nicht davon ſprechen, ſo lange Euer Gnaden über dieſen Gegenſtand zu ſchweigen beliebten. Madame Willoughby iſt völlig darniedergeſchmettert, Sir, wie Euer Gnaden ſich vorſtellen können, und was meinen tapferen alten Kommandanten betrifft— der ſtarb in ſeinem Harniſch, wie's einem Soldaten geziemt.“ »Wo habt Ihr die Leiche hingebracht?— hat meine Mutter ſie geſehen?“ „Der Himmel ſegne Euch, Sir; Madame Willoughby ließ Seine Gnaden in ihr eigenes Zimmer ſchaffen, und dort iſt ſie und Miß Beulah“— ſo wurde nämlich Evert Beekmans Gattin von Allen im Blockhauſe fortwährend genannt—„ſie und Miß Beulah knien davor, beten und weinen, wie Damen immer thun, wenn ihr Herz von einem Unglück betroffen worden— Ihr wißt's ja ſelber, Sir. Gott ſegne ſie Beide, ſo ſagen, ſo denken wir Alle, ach ja, und ſo beten auch wir, Sir.“. „Ganz recht, Joyce. Auch einem Krieger iſt's erlaubt, über der Leiche ſeines Vaters eine Thräne zu weinen. Gott allein weiß, was dieſe Nacht noch mit ſich bringen wird, und ich finde vielleicht keinen ſo günſtigen Augenblick mehr, als den jetzigen, um eine ſo feierliche Pflicht zu erfüllen.“ „Ja, Euer Gnaden“— Joyce dachte nämlich, durch des Ka⸗ pitäns Tod ſei der Major in dieſen Titel eingetreten—„ja, Euer Gnaden, die Gebote, welche Seine Ehrwürden, Mr. Woods, uns Sonntags vorzuleſen pflegte, haben uns alles Nöthige hierüber geſagt, und ich glaube, es iſt eben ſo gut Pflicht eines Chriſten, dieſe Gebote zu befolgen, als der Soldat verbunden iſt, Ordre zu pariren. Gott ſegne Euch, Sir, und geleite Euch gnädig auf Eurem Gange. Ich hatte ſelbſt mit Miß Maud eine ſolche Scene, und weiß, was es heißen will. Es iſt ſchon ſchlimm genug, ſeinen alten Kommandanten auf ſo unerwartete Art zu verlieren, auch 8 1 1 4 —— 534 ohne dieſes Unglück obendrein mit ſo ſüßen Weſen, wie die Be⸗ wohnerinnen dieſes Hauſes, durchfühlen zu müſſen. Wegen den Schurken da unten im Innern der Palliſaden laßt Euch nur ja nicht beunruhigen, denn ſie zu beſchäftigen iſt leichte Arbeit, ver⸗ glichen mit dem, was Euer Gnaden zu thun haben.“ Die traurige Miene, mit welcher Willoughby ſich entfernte, ſchien zu verkünden, daß er über dieſen herzbrechenden Gegenſtand dieſelbe Anſicht hegte, wie der Sergeant. Allein der Augenblick war zu ſolchem Zwecke günſtig, und Aufſchub erſchien nicht rathſam. Willoughby's Stimmung forderte ihn auf, ſeine Mutter zu tröſten, wenn er auch für ſeine eigene Perſon über der Leiche des Dahin⸗ geſchiedenen mit ihr weinen mußte. Trotz des wilden Getümmels, das nicht nur außerhalb, ſondern auch im Blockhauſe ſelbſt die Oberhand gewonnen hatte, herrſchte dennoch in dem Theile des Hauſes, welchen die trauernde Wittwe mit ihren Töchtern einnahm, vollkommene Grabesſtille. Alle Dienſtboten waren entweder auf dem Rundgange oder an den Schießſcharten, und Küche, wie Kammern ſtanden verlaſſen. Der Major trat zuerſt in ein kleines Vorgemach, das zwiſchen einer Vorrathskammer und dem gewöhnlichen Wohnzimmer ſeiner Mutter lag; dieß war der Weg, auf welchem man in der Regel immer zu ihr gelangte. Hier ſtand er ſtill, und horchte eine volle Minute, ob er nicht einen Laut von Innen vernehmen könnte, der ihn auf die Scene, welche ſeiner wartete, vorbereiten möchte. Kein Flüſtern, kein Wehklagen, kein Schluchzen— Nichts war zu vernehmen, und ſo wagte er endlich, leiſe an die Thüre zu klopfen. Dieß blieb unbeachtet; ſo wartete er denn, eben ſo wohl aus Furcht, als aus Achtung, noch eine zweite Minute, und drückte dann auf die Thürſchnalle mit der ehrerbietigen Scheu eines Menſchen, der in die Gruft eines ihm theuren Weſens hinabſteigt.— Eine einzige Lampe beleuchtete die Geheimniſſe dieſes feierlichen Ortes. In der Mitte des Zimmers auf einer großen Tafel lag die männliche Geſtalt des Urhebers ſeiner Tage. Das Geſicht war aufwärts gekehrt, die Glieder anſtändig geordnet, wie man es bei einem Todten, für den man Sorge trägt, zu thun pflegt. Sein Anzug war derſelbe geblieben— der Kapitän trug noch ſein Jagd⸗ hemd, das er beim Streifzuge angehabt hatte; die blutige Färbung der einen Seite war durch Great Smaſhs unverdroſſene Bemü⸗ hung verhüllt worden. Der Uebergang vom Leben zum Tode ſchien ſo plötzlich eingetreten zu ſein, daß in den Zügen des Geſichts der gewöhnliche, wohlwollende Ausdruck zurückgeblieben war, und nur die Bläſſe, welche die Stelle der friſchen, blühenden Geſichts⸗ farbe eingenommen, deutete darauf hin, daß nicht die Erholung, ſondern der Tod den jetzigen Schlummer herbeigeführt hatte. Seines Vaters Leiche war der erſte Gegenſtand, welcher des Majors Blicken begegnete. Der Tafel ſich nähernd, lehnte er ſich darüber hin, und küßte voll Ehrfurcht die marmorgleiche Stirn des Todtenz ſein Schluchzen verrieth die Anſtrengung, die es ihn koſtete, um einen unmännlichen Ausdruck des Schmerzes zu unterdrücken. Erſt jetzt ſah er ſich nach den andern, ihm ſo theuren Weſen um. Beulah ſaß in einer Ecke des Zimmers, als ob ſie dort Schutz für ihr Kind ſuchen wollte; ſie hielt ihren Liebling an's Herz ge⸗ preßt, und den angſtvollen Blick fortwährend auf die lebloſe Ge⸗ ſtalt deßjenigen geheftet, den ſie mit mehr als Tochterliebe ver⸗ ehrt hatte. Selbſt ihres Bruders Gegenwart' vermochte kaum ihr Auge von dieſem traurigen Anblicke abzuwenden; als ſie es endlich that, beugte ſich die jugendliche Matrone in krampfhaftem Weinen auf ihres Kindes Antlitz nieder. Der Major, dem ſie am nächſten war, ging auf ſie zu, und küßte ſie voll tiefer Zärtlichkeit auf den Nacken.— Seine Abſicht wurde verſtanden: Beulah, unfähig emporzublicken, reichte ihm die Hand, um den brüderlichen Druck, den ſie empfing, zu erwiedern. Mand kniete ganz nahe an der Seite des Bettes. Ihre ganze Haltung verkündete die Abweſenheit ihrer Seele, welche ganz in F 1 6 1 6 536 heiliger Andacht aufgelöst war. So ſehr ſich auch Robert von ſeinem Herzen aufgefordert fühlte, ſie in ſeine Arme zu ſchließen, zu tröſten, und ihr für die Zukunft ſeinen eigenen Schutz durch's ganze Leben anzubieten, ſo achtete er dennoch ihre gegenwärtige Beſchäftigung viel zu ſehr, als daß er ſie mit unehrerbietigem Ei⸗ fer darin hätte ſtören mögen. Seine Blicke wendeten ſich deßhalb von der Geliebten ab, und ſuchten ängſtlich nach ſeiner Mutter. Mrs. Willoughby's Geſtalt war durch die Stellung, welche ſie eingenommen hatte, dem Auge ihres Sohnes anfänglich entgan⸗ gen. Die tiefgetroffene Gattin ſaß in einem Winkel des Zimmers, theilweiſe hinter der Draperie eines Fenſtervorhanges— das Letztere offenbar mehr durch Zufall, als aus Abſicht— verſteckt. Bei dem erſten Blicke, den Robert auf das geliebte Antlitz ſeiner Mutter warf, fuhr er erſchrocken zurück, und Fieberſchauer fröſtelten durch alle ſeine Glieder. Da ſaß die Theure— aufrecht, regungslos, ohne Thränen, ohne eine jener lindernden Schwächen eines weni⸗ ger ſengenden Schmerzes, das milde Antlitz von dem Scheine der Lampe beleuchtet, die Augen auf das Geſicht des Todten geheftet. Stundenlang war ſie ſchon in dieſer Stellung geblieben: nicht die zarte Sorgfalt ihrer Töchter, nicht die Aufmerkſamkeit der Dienſtboten, nicht der Ausbruch eigenen Jammers hatten eine Aenderung bei ihr hervorgebracht— ſelbſt das Toben des Stur⸗ mes war wie ein unbeachteter Windhauch an ihr vorübergezogen. »Mutter! arme, theure, tiefgebeugte Mutter!“— brach ihr Sohn bei dieſem Anblicke aus, indem er auf ſie zueilte und vor ihr niederkniete. Aber Bob, ihr Liebling Bob, der Stolz und die Freude ſeiner Mutter— auch er blieb unbeachtet. Das Herz, das ſo lange nur für Andere geſchlagen, das nie einen Wunſch oder Putsſchlag, außer für die Gegenſtände ſeiner Liebe, gefühlt hatte— dieß Herz war nicht ſtark genug, um einem Streiche zu widerſtehen, von dem es ſo plötzlich betroffen worden war! Nur ſo viel Leben ſchien 537 übrig geblieben zu ſein, um den Körper noch eine Zeitlang aufrecht zu erhalten, und auch der Wille mochte noch ſeine Gewalt über die rein animaliſchen Funktionen ausüben. Ihr Sohn verſperrte ihr den Anblick der Leiche, und ſie wies ihn jetzt mit einer Ungeduld bei Seite, welche ſie nie zuvor auf ſolche Art bewieſen hatte. Unausſprechlich erſchüttert ergriff der Major mit ſanfter Ge⸗ walt ihre Hände, welche er mit ſeinen Küſſen bedeckte und buch⸗ ſtäblich in ſeinen Thränen badete. „»O Mutter!— liebſte, theuerſte Mutter!« rief er,„erkennſt du mich nicht— willſt du mich nicht erkennen? Es iſt Robert— Bob — dein vielgeliebter, dankbarer, treu ergebener Sohn! Iſt auch der Vater in die unmittelbare Nähe des Gottes vorangegangen den er verehrte und welchem er diente, ſo bin wenigſtens ich als Stütze deiner ſpäteren Jahre dir übrig geblieben. Zunächſt nach dem Vater im Himmel darfſt du auf mich vertrauen, Mutter!« „Wird er je wieder aufwachen, Robert?“ flüſterte die verwitt⸗ wete Mutter.„Du ſprichſt zu laut, und könnteſt ihn vor ſeiner Zeit erwecken. Er verſprach mir, dich zurückzubringen, und er hat von jeher ſein Verſprechen gehalten. Er hatte einen langen Marſch, und iſt jetzt müde. Sieh' nur, wie ſanft er ſchläft!“ Robert Willoughby beugte ſein Haupt auf ſeiner Mutter Kuie und ſtöhnte laut. Als er ſein Antlitz wieder emporrichtete, ſah er Maud die Arme gegen den Himmel ausbreiten, als ob ſie für ihre Mutter jenen Troſt, welchen ihre Seele in inbrünſtigem Gebet von dem Allmächtigen erflehte, herabholen wollte. Dann blickte er ſeiner Mutter abermals in's Geſicht, in der Hoffnung, endlich einem Ausdrucke des Erkennens zu begegnen, der auf eine Wiederkehr der Vernunft ſchließen ließe.— Umſonſt; die Sanftheit, die Milde wohnte noch immer wie ſonſt in ihren Zügen; aber der unnatürliche Zuſtand eines bis zum Irrſein, wenn nicht gar bis zum Wahnſinn erſchütterten Geiſtes war gleichfalls nicht darin zu verkennen. In dieſem Augenblicke hörte man Beulah einen leiſen Schrei 3 4 3 1 4 1 4 1 5 538 ausſtoßen, der wie ein Schreckensruf erklang, und als ſich Robert nach ſeiner Schweſter umdrehte, ſah er ſie den kleinen Evert noch feſter als zuvor an die Bruſt drücken, während ihre Augen auf die Thüre gerichtet waren. Ihrer Richtung folgend gewahrte er Nick, der ſich heimlich in's Zimmer geſchlichen hatte. Die unerwartete Erſcheinung des Wyandotté konnte die jugend⸗ liche Mutter wohl in Schrecken verſetzen. Er hatte ſeit dem Ein⸗ tritte in's Blockhaus ſeine Kriegsbemalung angenommen, was zwar ſeine Abſicht, für die Vertheidigung des Hauſes zu kämpfen, aus⸗ ſprach, gleichwohl aber einen ſchauderhaften Anblick gewährte. Seinem Beſuche lag indeß keineswegs eine feindliche Abſicht zu Grund. Nicht Freundſchaft allein— nein, ſogar zärtliche Beſorgniß für die Frauen der Familie hatte ihn hergeführt, denn trotz des furchtbaren Schlages, welchen er gegen ihr Glück gerichtet hatte, waren jene gleichwohl in ſeiner Achtung immer ſehr hoch geſtanden. Wohl war er an die ſtrenge Unterſcheidung zwiſchen Individuen und Farben gewöhnt— er würde aber dennoch— wenn dieß irgend angegangen wäre— keinen Anſtand genommen haben, die Wittwe durch das Anerbieten ſeiner eigenen Hand zu tröſten. Major Willoughby entnahm ſogleich aus dem Weſen des In⸗ dianers die Abſicht ſeines Beſuchs, und wollte ihn ſeinen eigenen Weg verfolgen laſſen, in der Hoffnung, daß vielleicht ſeine Mutter hiedurch deſto eher zu einem Bewußtſein ihrer ganzen Umgebung erweckt werden möchte. Nick wandte ſich ruhigen Schrittes nach der Tafel, und ſchaute ſeinem Schlachtopfer mit einer Kälte in's Geſicht, welche bewies, daß Zerknirſchung ihm völlig fremd war. Den Körper zu be⸗ rühren, zögerte er übrigens dennoch; er hatte ſchon die Hand in dieſer Abſicht erhoben, ließ ſie aber wieder ſinken, wie wenn ſein Gewiſſen ihn gemahnt hätte. Robert war dieß nicht entgangen, und zum erſten Male fühlte er ſeine Seele von einem Schatten des Verdachts ergriffen. Maud —————-—- 539 hatte ihm Alles erzählt, was ſie von ihres Vaters Tode wußte, und ſein altes Mißtrauen begann ſich auf's Neue, vor der Hand aber noch ſo ſchwach zu regen, daß es für jetzt keine weiteren Folgen veranlaßte. Dieſe Geberde der Unentſchloſſenheit abgerechnet, würde auch der ſcharfſichtigſte Beobachter, der lauerndſte Argwohn an dem In⸗ dianer kein Zeichen von Rührung wahrgenommen haben. Der todte Körper vor ihm war nicht empfindungsloſer, als er zu ſein ſchien, ſo weit nämlich das menſchliche Auge ihn zu durchſchauen ver⸗ mochte.— Und der Wyandotts ſchien nicht blos ſo,— er war es wirklich. Dadurch, daß er die Wunden ſeines Rückens auf dieſe Art geheilt hatte, glaubte er nicht anders gehandelt zu haben, als wie es einem Tuscarora⸗Krieger, einem Häuptling geziemte. Mögen auch die ſich ſo nennenden Chriſten aus der civiliſirten Geſellſchaft einen heiligen Abſcheu vor dieſem Beiſpiele der Ge⸗ rechtigkeitspflege eines Wilden affektiren— ſo lange ſie ſelbſt die ganze Macht der Geſetze ihrer Körperſchaften zur Rache für ver⸗ meintlich erlittene Unbilden aufbieten, ſo lange ſie ſtatt des Skal⸗ pirmeſſers den Dolch der Verleumdung gebrauchen, ſo lange ſie ihre Schlachtopfer mit der Hilfe des Goldes und der Macht in allen Formen und Weiſen, welche eine„geſetzliche' Rachgier theils rechtfertigt, theils wenigſtens duldet, gleich wilden Beſtien herum⸗ zerren und zerreißen, ja dieſe breiten Gränzen oft ſogar noch überſchreiten, und hinter Meineid und Betrug Strafloſigkeit für ſich ſelbſt aufſuchen— ſo lange wird ihr Schmerzensruf als Heu⸗ chelei verklingen. Nick ließ ſich bei ſeiner Unterſuchung des Leichnams weder durch Uebereilung noch durch Rührung ſtören. Nachdem er damit zu Ende war, drehte er ſich ruhig um, und betrachtete die Töch⸗ ter des Verſtorbenen. „Warum Ihr ſchreien?— warum ſo erſchrocken?“— mit dieſen Worten näherte er ſich Beulah, und legte ſeine ſchwärzliche Hand auf das Haupt ihres ſchlafenden Kindleins.„Gute Squaw— gutes 540 Püppchen. Wyandotté für ſie Sorge tragen in den Wäldern. Später gehen nach Bleichgeſicht Stadt und ſchlafen ruhig.“ Was der Wilde ſagte, war zwar rauh geſprochen, aber gut gemeint. Beulah nahm es auch ſo auf, und verſuchte eben jenem Weſen dankbar in's Geſicht zu lächeln, von welchem ſie ſich un⸗ ter allen lebenden Geſchöpfen mit dem höchſten Entſetzen abgewendet haben würde, wenn ihre geiſtige Sehkraft das furchtbare Geheimniß hätte aufſpüren können, das in des Wilden Bruſt begraben lag. Der Indianer verſtand ihren Blick, und machte eine ermu⸗ thigende Geberde: dann begab er ſich zu dem trauernden Frauen⸗ bilde, das ſeine eigene Hand zur Wittwe gemacht hatte. Die Erſcheinung des Wyandotté bewirkte keine Aenderung in dem Ausſehen und Betragen der Matrone. Der Indianer ergriff ihre Hand und ſprach: „Squaw ſehr gut,“ ſagte er mit Nachdruck.„Warum ſo traurig ausſehen— Kap'in gegangen auf die glücklichen Jagdgründe ſeines Volkes. Alles gut dort— Häuptlings Zeit kommen, müſſen gehen.“ Die Wittwe erkaunte die Stimme; ſie rief ihr durch irgend eine geheime Gedankenverbindung die Bilder der Vergangenheit zurück, und ſchien auf einen Augenblick ihre geiſtigen Fähigkeiten wieder zu erwecken. „Nick, Ihr ſeid mein Freund,“ entgegnete ſie ernſthaft.„Geht und ſprecht mit ihm; ſeht nach, ob Ihr ihn nicht erwecken könnt.“ Der Indianer fuhr zurück, als er dieſen Vorſchlag vernahm. Dieſe Schwäche dauerte aber blos einen Augenblick, worauf er, wenigſtens zum Schein, wieder eben ſo ſtoiſch wie zuvor wurde. „Nein,“ ſagte er;„Squaw verlaſſen jetzt Kap'in. Krieger gehen auf letzten Pfad ganz allein; brauchen keinen Begleiter. Sie ſchauen hie und da auf das Grab, ſonſt aber glücklich ſein.“ „Glücklich!“ wiederholte die Wittwe,„was iſt das, Nick?— was iſt glücklich, mein Sohn? Es ſcheint ein Traum— ich muß einſt gewußt haben, was es iſt, aber ich vergeſſe jetzt Alles. — 8 ½̈ᷣ 25——½. 1 ——————2— ——,——— ——— 3 Ol es war grauſam, grauſam, grauſam, einen Gatten und Vater zu erſtechen— nicht wahr, Robert? Was ſagt Ihr, Nick; ſoll ich Euch noch mehr Medizin geben? Ihr werdet ſterben, India⸗ ner, wenn Ihr ſie nicht nehmen wollt. Bedenkt, daß eine chriſt⸗ liche Frau es Euch ſagt, und ſeid gehorſam. Hier, laßt mich den Becher halten— da! nun werdet Ihr am Leben bleiben!“ Nick trat einen ganzen Schritt zurück, und betrachtete das immer noch ſchöne Schlachtopfer ſeiner erbarmungsloſen Rachgier mit einem Ausdruck, wie ihn noch Niemand in ſeiner Miene beobachtet hatte. Seiner halbciviliſirten Anſchauung entging kein Schatten von dem ſchaudervollen Gemälde, das ihm vor Augen lag, und er fing jetzt an, die Wirkungen ſeiner ſo raſch ausgeführten That beſſer zu begreifen — einer That, welche er zwar Jahre lang in ſich herumgetragen, zuletzt aber doch nur in einem plötzlichen Anfalle von Leidenſchaft in's Werk geſetzt hatte.— Die verwittwete Mutter war übrigens außer Standes, von dieſem Wechſel etwas wahrzunehmen. „Nein, nein, nein, Nick,“ fuhr ſie haſtig und kaum nur flüſternd fort,„weckt ihn nicht auf! Gott wird's ſchon thun, wenn er Seine Geſegneten am Fuße Seines Thrones ve ſnnthne Laßt uns Alle niederliegen und mit ihm ſchlafen. Robert, du legſt dich hier neben ihn, mein edler, edler Junge— Beulah mit dem kleinen Evert auf die andere Seite— Mand, dein Platz iſt ihm zu Häupten — ich will zu ſeinen Füßen ſchlafen, und Nick ſoll wachen und uns verkünden, wenn's wieder Zeit iſt aufzuſtehen und zu beten!“ Die tiefe, ſprachloſe Aufmerkſamkeit, mit welcher alle Anwe⸗ ſenden das ſanfte, aber rührende Irrereden einer ſo reinen, arglo⸗ ſen Seele mit anhörten, wurde durch ein Heulen und Schreien unterbrochen, das ſo wild, ſo furchtbar und teufliſch herüberklang, daß es wirklich ſchien, als ob die letzte Trompete erſchallte, und alle Sterblichen aus ihren Gräbern zum jüngſten Gerichte abriefe. Willoughby war faſt mit einem Sprunge aus dem Zimmer, Maud folgte ihm, um die Thüre hinter Schloß und Riegel zu legen, 542 als ſie ſich plötzlich von Nicks Arme umfaßt uͤnd gegen Schlachtgetöſe hingetragen fühlte. Neunundzwanzigſtes Kapitel. O Zeit! O Tod! Mit ſichrem Schritte Eilt ihr dahin, Nichts hält euch auf: Erfaſſend gleich in eurem Lauf Palaſt und Thron, ſo wie die Hütte! Sands. Maud hatte wenig oder keine Muße zum Nachdenken. Dem Heulen und Schreien folgte bald der Schlachtruf der Kämpfenden und das Knallen der Büchſen. Nick trug ſie ſo eilenden Laufes davon, daß ſie keinen Athem zu einer Frage oder Weigerung finden konnte, bis ſie die Thüre eines kleinen Vorrathskämmerchens erreicht hatten, wo ihre Mutter Haushaltungsgegenſtände, welche wenig Raum be⸗ durften, aufzubewahren pflegte. In dieſes Kämmerchen wurde ſie von Nick geſchoben, worauf ſie ihn alsbald den Schlüſſel abziehen hörte. Einen einzigen Augenblick beſann ſich der Wyandotté, ob er nicht Mrs. Willoughby und ihre andere Tochter in denſelben Zufluchtsort zu ſchaffen ſuchen ſollte; doch das Näherkommen des Lärms im Innern des Gebändes belehrte ihn von der Fruchtloſig⸗ keit eines ſolchen Verſuches. Er hörte, wie Robert Willoughby's volle, männliche Stimme die Beſatzung zur Standhaftigkeit auf⸗ forderte: da erhob er den Schlachtruf ſeines Stammes zur Er⸗ wiederung des Kampfgeheuls der Mohawks, und ſtürzte ſich mit der Verzweiflung der Raſerei und dem wilden Entzücken eines Teufels mitten in das Gewühl des Kampfes. Um die Urſache dieſer plötzlichen Veränderung zu begreifen, wird es nöthig ſein, in der Zeitfolge unſerer Erzählung etwas rückwärts zu gehen. Während Willoughby bei Mutter und Schweſtern war, hatte 543 Mike das Hofthor zu bewachen: der Reſt der Beſatzung ſtand entweder an den Schießſcharten oder auf dem Dache. Mit zuneh⸗ mender Finſterniß gewann auch Joel ſo viel Muth über ſich, daß er durch die Oeffnung kroch und ſich mit der Abtheilung am Thore vereinigte. Ohne ihn fand man es unmöglich, ſeine Mine zu ſprengen, und unter der Bedingung, daß man ſeinen Gefühlen nicht ſo weit Gewalt anthun und ihn zum Betreten eines Hauſes zwingen wollte, in welchem er ſo viele glückliche Tage verlebt hatte, war es endlich gelungen, ihn zu dieſem gewagten Schritte zu vermögen. Die Vorkehrung, mittelſt welcher dieſer Verräther eine ganze Familie der zartfühlenden Barmherzigkeit ſolcher Wilden preiszu⸗ geben beabſichtigte, war ausnehmend einfach. Man wird ſich er⸗ innern, daß an dem inneren Thore blos ein Flügel eingehängt, der andere dagegen nur eingeſchoben und durch eine Stütze befeſtigt war. Dieſe Stütze beſtand aus einem einzigen Balken, der mit dem einen Ende im Boden, mit dem andern dagegen in der Mitte des Flügels ſteckte, welch' letzterer durch hölzerne, am Ende des Balkens in das maſſive Bretterwerk des Thores eingetriebene Nägel am Ausgleiten gehindert wurde. Das untere Ende des Balkens ruhte auf einem Ueberreſte des Felſens, welche die Natur gerade an dieſer Stelle zu Tage kommen ließ. Da das Thor in großer Eile verbarrikadirt worden war, ſo hatte man es für nöthig ge⸗ funden, zwiſchen dem unteren Ende des Balkens und dem Felſen drei Keile einzuſchlagen, um den Thorflügel in ſeiner Zarge ge⸗ hörig feſtzuhalten, da er ohne dieſe Vorrichtung vielleicht auf eine Seite gewichen, und natürlich bei Anwendung einer hinreichenden Kraft von Außen ohne Mühe umgeſtürzt worden wäre. Joel hatte an jener ganzen Arbeit Theil genommen, und kannte alſo auch alle ihre ſtarken und ſchwachen Seiten. Er hatte in einem günſtigen Augenblicke die Keile aufgelockert, ſie aber an Ort und Stelle gelaſſen, und nur der Vorſicht halber ein dünnes, aber ſtarkes Seil an dem wichtigſten der drei Pfoſten befeſtigt: das 544 Seil war im Boden verſteckt, und lief um einen nahe an der Mauer in den Boden getriebenen Stab— von da durch das Loch einer der Angeln nach der Außenſeite des Flügels. Das Ganze war mit ſo viel Sorgfalt angelegt, daß es der Wachſamkeit gelegentlicher Beobachter wohl entgehen konnte; der Hauptzweck des Aufſehers war dabei geweſen, ſeinen Freunden einen Eintritt in's Blockhaus zu eröffnen, nachdem er bereits durch die Flucht für ſeine eigene Sicherheit geſorgt hatte. Der Umſtand, daß Niemand die Seite des Thorwegs betrat, wo der uneingehängte Flügel ſtand, war Schuld daran, daß das halbverſteckte Seil durch keinen zufälligen Fußtritt in Unordnung gebracht wurde. Sobald Joel die Mauer des Blockhauſes erreicht hatte, ging ſeine erſte Sorge dahin, ſich zu überzeugen, ob er vor allen Ge⸗ ſchoſſen aus den Schießſcharten ſicher ſei. Nachdem er hierüber beruhigt war, ſchlich er bis zum Thorwege hin, und hielt mit dem Mohawk⸗Häuptling eine Berathung über das Springen ſeiner Mine. Das Seil wurde an ſeinem Platze gefunden; Joel zog es ſachte an, und merkte bald, daß er den Keil herausgetrieben hatte, ſo wie daß man jetzt den uneingehängten Thorflügel mit einigem Kraftaufwand leicht umſtürzen könne. Gleichwohl ging er mit Vorſicht zu Werke. Der untere Theil des Flügels wurde mittelſt eines Hebels ſo weit zurückgeſchoben, daß er mit Gewißheit vorausſah, er würde gegen die innere Seite ſtürzen; dann verkündigte er dem ernſten Krieger, der das ganze Verfahren wohl bewacht hatte, daß der Augenblick gekommen ſei, wo man ſeiner Hilfe bedürfe. Unter dem Haufen von Wilden, welche am Thorwege verſam⸗ melt waren, mochten ſich etwa ein Dutzend gleichgültige Weiße be⸗ finden; von dieſen wurde eine gehörige Anzahl mit Brechſtangen verſehen, um den beabſichtigten Einſturz zu Stande zu bringen. Man hatte dabei folgenden Plan: an den Obertheil des Flü⸗ gels ſollten Hebebäume geſtemmt werden, um ihn in's Innere des Thorweges zurückzuſchleudern, während zu gleicher Zeit zwiſchen der 545 Angelwand und der Mauer Brechſtangen und Hacken eingeſchoben wurden— auf letztere hatte Joel in ſeiner Alles berechnenden Vorſorge gehörig Bedacht genommen— um das Ganze auf die entgegengeſetzte Seite zu werfen. Zu allem Unglücke war Mike als Schildwache am Thorweg zurückgelaſſen worden. Eine unglücklichere Wahl hätte man nie⸗ mals treffen können, denn der treuherzige Burſche beſaß ſo viel Selbſtvertrauen und ſo wenig Vorausſicht, daß er das Thor für völlig uneinnehmbar hielt. Er hatte ſich ein Pfeifchen angezündet und rauchte ſo ruhig vor ſich hin, wie er nur jemals in ſeinen täglichen Schmauchſtunden gethan hatte— als mit einem Male der uneingehängte Thorflügel gegen diejenige Seite des Thorwegs hereinſtürzte, wo er eben ſaß, wobei blos der Umſtand, daß der obere Rand gegen die Wand über ihm anpolterte, ſeinen Kopf vor dem tödtlichen Schlage rettete. In demſelben Augenblick ſtürzten ein Dutzend Indianer durch die Oeffnung und ſprangen unter gellendem Geſchrei in den Hof. Mike folgte, mit ſeinem Shillelah bewaffnet, denn ſeine Muskete⸗ hatte er in der Ueberraſchung vergeſſen— und begann mit einem Ernſte auf ſeine Feinde loszuſchlagen, der ihr Geſchrei keines⸗ wegs verminderte. Dieß war der Moment, wo Joyce, von Blodget und Jamie tapfer unterſtützt, vom Dache aus eine Salve in den Hof hinab⸗ ſandten, worauf der Kampf erſt allgemein wurde. So weit war derſelbe bis jetzt gediehen, als Willoughby und wenige Augen⸗ blicke ſpäter auch Nick in den Hof geſtürzt kamen. Die Scene, welche jetzt folgte, iſt ſchwer zu beſchreiben. Es war ein Handgemenge im Dunkeln, auf kurze Zeit von dem Blitzen der Gewehre erleuchtet, fürchterlich durch das Brüllen, die Flüche, das Jammern und das Kriegsgeſchrei, das unaufhörlich erſchallte. Mike ſäuberte die Mitte des Hofes, und vereinigte ſich bald mit dem Major, worauf Beide gegen eine von den Thüren ſtürzten, und Wyandotte. 35 ———————— 546 ſich glücklich zu ihrer eigenen Mannſchaft auf dem Dache Bahn brachen. Der junge Krieger hatte übrigens keineswegs im Sinne, hier zu bleiben, während ſeine Mutter mit Beulah, und, ſo viel er wußte, auch Maud, den Wilden unten preisgegeben war. Mit⸗ ten unter einem Hagel von Kugeln ſammelte er ſeine ganze Streitmacht, und ſtand ſchon auf dem Punkte, einen Ausfall in den Hof zu machen— als das Wirbeln einer Trommel von Außen Alles zum Stillſtehen brachte. Der junge Blodget, der während des kurzen Kampfes mit der Tapferkeit eines Helden und der Kaltblütigkeit eines Veteranen ge⸗ fochten hatte, ſprang unbewaffnet die Treppe hinab, eilte unbemerkt durch die ſtaunende Menge im Hofe und ſtürzte gegen die Außenpforte. Er hatte kaum ſo viel Zeit, dieſelbe aufzuriegeln, als unver⸗ züglich, von einem hochgewachſenen, männlich ausſehenden Kom⸗ mandanten geführt, ein Truppenkorps einmarſchirte; neben dem Führer ging ein Mann, in welchem er trotz der Dunkelheit augen⸗ blicklich Mr. Woods in ſeinem Chorrocke erkannte. Im nächſten Augenblick waren die Fremden, wenigſtens fünfzig an der Zahl, mit feſtem, militäriſchem Schritte in den Hof gezogen, wo ſie ſich jetzt, quer vor dem Eingang, in guter Ordnung aufſtellten. „Im Namen des Himmels, wer ſeid Ihr?“ rief Willoughby aus einem Fenſter.„Antwort, oder wir geben Feuer!“ „Ich bin Obriſt Beekman,“ lautete die Antwort,„ſtehe an der Spitze eines regulären Korps, und wenn Ihr, wie ich ver⸗ muthe, Major Willoughby ſeid, ſo werdet Ihr jetzt wiſſen, daß Ihr nichts zu beſorgen habt.— Im Namen des Kongreſſes be⸗ fehle ich allen guten Bürgern, Friede zu halten, ſonſt wird die Strafe für ihre Widerſpenſtigkeit nicht ausbleiben.“ Mit dieſer Ankündigung hatte der Krieg ein Ende; Beekman und Willoughby ſchüttelten ſich im nächſten Augenblicke herzlich die Hände. „Ach, Beekman!“ rief der Letztere,„in welchem Zeitpunkte 547 hat Gott Euch hierher geſendet! Dem Himmel ſei Dank! was ſonſt auch vorgefallen iſt, Euer Weib und Kind werdet Ihr we⸗ nigſtens wohlbehalten finden. Stellt Schildwachen an beide Thore, denn der Verrath iſt hier thätig geweſen, und ich werde ſtrenge Gerechtigkeit verlangen.“ „Sachte, ſachte, mein guter Junge,“ gab Beekman zur Ant⸗ wort, indem er ihm die Hand drückte.„Eure eigene Stellung iſt etwas kitzlicher Natur, und wir müſſen mit Mäßigung zu Werke gehen. Ich erfuhr noch gerade zu rechter Zeit, daß ein Haufe mit ſchlimmen Abſichten hierher unterwegs ſei; ich erwirkte mir die nöthige Vollmacht, eilte in die nächſte Garniſon, bekam eine Kom⸗ pagnie, und trat meinen Marſch ſo ſchnell als möglich an. Hätten wir nicht Mr. Woods getroffen, der aus den Niederlaſſungen Hilfe herbeiholen wollte, ſo wären wir wohl zu ſpät gekommen. So aber ſind wir, Gott ſei Dank, noch eben zur rechten Zeit angelangt.“ und ſo war es auch wirklich. Die Indianer hatten den eifrigen Kaplan als einen Wahnſinnigen von ſich gewieſen und ihn genöthigt, den Weg nach den Niederlaſſungen einzuſchlagen, da ſie aus Achtung für dieſe unglückliche Menſchenklaſſe ſein abermaliges Zuſammentref⸗ fen mit ihren Feinden verhindern wollten. Er vermochte Beekmau Thatſachen genug mitzutheilen, um dieſen zu einer Beſchleunigung ſeines Marſches zu veranlaſſen, ſo daß er mit ſeinen Begleitern in demſelben Augenblicke am Thore erſchien, wo der Unterſchied einer Minute der ganzen Garniſon vielleicht das Leben gekoſtet hätte. So ſehr es auch Beekman drängte, Beulah und ſein Kind auf⸗ zuſuchen, ſo hatte er gleichwohl militäriſche Pflichten zu erfüllen, welche er nicht vernachläſſigen wollte. Es wurden Schildwachen ausgeſtellt und Befehle gegeben, in der Mitte des Hofes ein Feuer, auch ſonſt überall Laternen anzuzünden, ſo daß man den wahren Zuſtand des Schlachtfeldes in Augenſchein nehmen konnte. Ein Wundarzt hatte Beekmans Korps begleitet, und war bereits an der Arbeit, ſo weit nämlich die Dunkelheit es geſtattete. Als⸗ 35* 6 1 1 — 4 1 1 548 bald ſah man viele Hände geſchäftig; Brennmaterialien waren leicht aufzutreiben, und ſo dauerte es nicht lange, bis das ge⸗ wünſchte Licht den Schauplatz des Schreckens beleuchtete. Ein volles Dutzend der Feinde lag im Hofe zerſtreut: drei bis vier darunter ſollten nicht wieder zum Leben auferſtehen. Unter den Uebrigen befanden ſich nicht weniger als vier mit zerſchlage⸗ nen Schädeln: O'Hearns Shillelah hatte ſie getroffen, und wenn ſeine Schläge auch nicht tödklich waren, ſo hatten ſie die Krie⸗ ger doch jedenfalls kampfunfähig gemacht. Von der Beſatzung ward auf dieſem Theile des Kampfplatzes unter den Erſchlagenen nicht ein Einziger getroffen. Bei einer ſpäteren Unterſuchung aber fand ſich, daß der arme ſchottiſche Maurer an einem von den Fenſtern, und zwar gerade durch den letzten Schuß, welcher abgefeuert worden war, eine tödtliche Wunde erhalten hatte. Unter den Leichen der erſchlagenen Feinde wurde beim Um⸗ wenden auch Daniel, der Müller, entdeckt. Noch andere von den Mohawks ſah man mit ihren glühenden Augen in den Winkeln des Hofes niedergekauert, wie ſie den eigenen kunſtloſen Verband auf ihre verſchiedenen Wunden legten; im Ganzen gelang ihnen der Hauptzweck der Heilkunſt eben ſo gut als denen, welche ſich dem Lichte der Wiſſenſchaft anvertraut hatten. Von unverwundeten Feinden waren übrigens auffallend Wenige zu bemerken, nachdem einmal die Laternen brannten. Einige waren noch vor dem Ausſtellen der Schildwachen durch das Thor ent⸗ ſchlüpft, Andere hatten den Weg auf's Dach, und von da durch verſchiedene Mittel auf den Boden gefunden, während noch einige Wenige in den Gebäuden verſteckt lagen, bis ſich ein günſtiger Augenblick zur Flucht wahrnehmen ließe. Unter denen, welche im Hofe getroffen wurden, befand ſich nicht Einer, der auf irgend ein amtliches Anſehen Anſpruch gemacht hätte.— Kurz, nach Ver⸗ lauf von fünf Minuten hatten ſich Beekman und Willoughby über⸗ 549 zeugt, daß keine Streitmacht mehr übrig war, welche ihnen den Beſitz des Blockhauſes ſtreitig gemacht hätte. „Wir haben ſchon zu lange gezögert, Major Willoughby, die Weſen, die uns ſo theuer ſind, von ihren Beſorgniſſen zu befreien,“ begann Beekman endlich.„Wollt Ihr nicht gefälligſt nach dem Theile des Hauſes vorangehen, wo Eure— meine Mutter und meine Gattin zu finden ſind— ich will Euch ungeſäumt folgen.“ »Halt, Beekman— noch hab' ich Euch eine traurige Botſchaft mitzutheilen— nein, erſchreckt nicht— Beulah und ihren Knaben habe ich kaum vor einer Viertelſtunde in völligem Wohlſein ver⸗ laſſen; aber mein verehrter, ehrwürdiger, angebeteter, geliebter Vater ward auf höchſt ſonderbare Weiſe getödtet, und Ihr werdet Wittwe und Töchter über ſeiner Leiche weinend antreffen.“ Dieſe Hiobspoſt verurſachte einen neuen Halt; Willoughby er⸗ zählte Alles, was er über die Art und Weiſe von ſeines Vaters Tod wußte, wie er es in der Kürze durch Maud erfahren hatte. Sobald dieſe Pflicht erfüllt war, gingen die beiden Herren, jeder mit einem Lichte in der Hand, nach dem Gemache der Trauernden. Willoughby ſtieß einen unwillkürlichen Schrei aus, als er die Thüre zu ſeiner Mutter Zimmer offen fand. Er hatte gehofft, Maud würde ſo viel Geiſtesgegenwart beſitzen, um die Thüre mit Schloß und Riegel zu verſperren— und jetzt fand er ſie weit aufgeriſſen, als ob ſie den Feind zum Eintritte habe einladen wollen. Auch das Licht im Zimmer war erloſchen: dagegen waren, mit Hilfe der Laternen, im Vorzimmer und bis zur Thür⸗ ſchwelle große Flecken Bluts zu bemerken. Dieß Alles beſchleunigte ſeine Schritte— im nächſten Augen⸗ blicke ſtand er in dem Zimmer des Todes. So kurz der Kampf auch gedauert hatte, ſo mußte der Durſt nach Skalpen dennoch einige von den Wilden in dieſes Heilig⸗ thum herlocken. Sobald die Indianer den Hof erreicht hatten, waren etliche der Wildeſten in das Gebäude geſtürzt, und bis in 550 die innerſten Schlupfwinkel vorgedrungen, um dieſe mit Mord zu beflecken. Der erſte Gegenſtand, der Willoughby's Blicken begegnete, war einer jener erbarmungsloſen Wilden, der ausgeſtreckt auf dem Boden lag, während ein lebender Indianer, auszvielen Wunden blutend, über ihm ſtand; die Augäpfel des Letzteren loderten in dem wilden Feuer des Tigers, wenn er ſich plötzlich ſeinem Feinde gegenüber ſieht. Der Major machte eine unwillkürliche Bewegung gegen die Büchſe, welche der lebende Indianer führte— der nächſte Blick ſagte ihm aber, daß dieſer kein Anderer als Nick war. Erſt jetzt ſah er ſich genauer in dem verhängnißvollen Zimmer um, bis die ſchauderhafte Wirklichkeit ſich ſeinen Blicken offenbarte. Mrs. Willoughby ſaß noch in dem Stuhle, wo er ſie zuletzt geſehen hatte— aber völlig leblos. Kein Zeichen von Gewaltthat war an ihrem Körper zu entdecken, und es blieb kein Zweifel, daß ihre treue Seele in Folge des Schlags, der ſie von ihrem Gatten getrennt hatte, dieſem in die andere Welt nachgefolgt war. Beulah war erſchoſſen— nicht abſichtlich, wie man ſich ſpäter überzeugte, ſondern durch eine jener verirrten Kugeln, von denen ſo viele im Blockhauſe herumgeflogen waren. Das Geſchoß war ihr mitten durch's Herz gedrungen, und ſo lag ſie, den kleinen Evert an die Bruſt gedrückt, am Boden, und jene Miene ſtandhafter, uner⸗ ſchütterlicher Zärtlichkeit, welche jede Handlung ihres ſchuldloſen, liebevollen Daſeins bezeichnete, hatte ſie auch im Tode nicht ver⸗ laſſen. Der Knabe ſelbſt— Dank ſei es der tigerähnlichen Rit⸗ terlichkeit des Tuscarora— war unverletzt davon gekommen. Der Wyandotts hatte ſechs ſeiner Feinde in der Richtung dieſes Zimmers vordringen ſehen, und war ihnen in inſtinktartiger Ahnung ihrer Abſichten gefolgt. Sobald ihr Führer in's Zimmer trat und die drei Leichname gewahrte, ſtieß er in der Freude ſeines Herzens, ſo viele Skalpe in Ausſicht zu haben, ein triumphirendes Geheul aus; im nächſten Augenblicke waren ſeine Finger bereits mit Kapi⸗ —— ,—— ———— — A— ͤ——— Nà N— —— 1 551 tän Willoughby's Haaren beſchäftigt— da fiel er unter dem Schlage des Wyandotté. Nick löſchte dann ſogleich das Licht aus, und nun erfolgte eine Scene, welche nicht einmal eine der handelnden Per⸗ ſonen ſelbſt hätte beſchreiben können. Ein zweiter Mohawk fiel; die Uebrigen hatten bereits von Nicks ſcharfem Meſſer, ſo wie durch die Stöße, die ſie ſich gegenſeitig verſetzten, furchtbar gelitten, und zogen ſich zurück, indem ſie dem Tuscarora das Feld überließen. Letzterer erwiederte den halb wahnſinnigen Blick des Majors mit einem grimmigen, triumphirenden Lächeln, während er auf die Leichen der drei geliebten Weſen deutete. „Sehen!“ ſprach er—„Alle behalten Skalp! Tod nichts!— Skalp aber Alles!“ Wir wollen nicht verſuchen, den Ausbruch des tödtlichen Schmerzes zu ſchildern, der Gatten und Bruder bei dieſem An⸗ blicke erfüllte. Es war ein Augenblick der wildeſten Verzweiflung, der alle Schranken der Männlichkeit vor ſich niederwarf— ein Augenblick, wie er übrigens in den Kolonien an der amerikani⸗ ſchen Gränze keineswegs ſelten war. Beekmans ruhiges, aber tief fühlendes Temperament erlitt eine Erſchütterung, welche ſeine Lebenskraft beinahe zerſtört hätte. Endlich vermochte er, Beulahs noch warme Leiche vom Boden auf⸗ zuheben, um ſie in ſeine Arme zu ſchließen. Zum Glücke für ſeine Vernunft brach ihm— mehr aus der Seele als aus den Augen— eine Flut von Thränen, ſo wie Frauen ſie vergießen, mit denen er das immer noch ſüße, milde Antlitz der Todten benetzte. Es hieße Robert Willoughby großes Unrecht thun, wenn wir behaupten wollten, er habe das namenloſe Elend nicht gefühlt, das ſo plötzlich über eine Familie hereinbrach, welche durch ihre gegen⸗ ſeitige Zärtlichkeit, durch ihr ſtilles Glück vor vielen andern her⸗ vorragte— o nein, er wankte förmlich von dem erlittenen Schlage; aber ſein Herz verlangte nach weiteren Nachrichten. Der Indianer hatte ſeine ganze Aufmerkſamkeit, zum Theil aus 5⁵² Verwunderung, doch mehr noch aus Mitleid, auf Beekmans Kummer gerichtet— da fühlte er ſich plötzlich mit eiſernem Drucke am Arme erfaßt. „Maud— Tuscarora!“ ſtöhnte der Major dieſem in das Ohr,„iſt dir irgend etwas von Maud bekannt?“ „Nick machte eine bejahende Geberde und winkte dem Andern, ihm zu folgen. Er ging nach dem Vorrathskämmerchen voran, zog den Schlüſſel hervor und riß die Thüre weit auf— im nächſten Augenblick lag die weinende Maud in Robert Willoughby's Ar⸗ men. Er wollte ſie nicht in das Todtengemach führen, ſondern drängte ſie mit ſanfter Gewalt in das Bibliothekzimmer. „Gott ſei gelobt für ſeine Gnade!“ rief das Mädchen voll heißer Empfindung, die Hände und die überſtrömenden Augen gen Himmel erhebend.„Ich weiß nicht, ich kümmere mich nicht darum, wer Sieger geblieben, wenn nur Du gerettet biſt!“ „Ach, Maud, geliebtes Mädchen, wir müſſen einander jetzt Alles in Allem ſein. Die Andern hat der Tod hingerafft.“ Dieſe neue Trauerkunde war dem tief betrübten Sohne plötz⸗ lich und unerwartet entſchlüpft— doch war es unter den jetzigen Verhältniſſen ſo am beſten. Es dauerte lange, bis Maud auch nur einen Umriß der näheren Umſtände anzuhören vermochte; doch trug ſie die Botſchaft mit mehr Standhaftigkeit, als Willoughby hoffen durfte: die Aufregung war indeß ſo hoch geſtiegen, daß ſie ihre Seele fähig machte, jedem menſchlichen Uebel Trotz zu bie⸗ ten. Der Kummer, welcher ſpäter folgte, obwohl durch ſo manche zarte Rückerinnerung, ſo manche ſchuldloſe Hoffnung verſüßt, war aber gleichwohl tief und dauerte lange. Unſer Gemälde würde ohne dieSchilderung der Kataſtrophe, welche über das Blockhaus hereingebrochen war, der nöthigen Vollſtändigkeit entbehrt haben; jetzt aber, nachdem dieſe peinliche Pflicht erfüllt iſt, ziehen wir vor, die übrigen Erlebniſſe jener furchtbaren Nacht mit dem Schleier der Dunkelheit zu bedecken. Noch einmal wurde die Kn — 553 Stille des Ortes auf einige Minuten durch das Geſchrei der Ne⸗ gerinnen geſtört, als dieſe den Tod ihrer alten und jungen Gebie⸗ terin erfuhren: dann aber lagerte das Schweigen des Todes über dem Gebäude, wie es einem Hauſe, wo ſolche Trauer herrſchte, ziemte. Bei weiterer Nachforſchung fand ſich auch, daß Great Smaſh, nachdem ſie zuvor einen Oneida erſchoſſen hatte, von einem Andern erſchlagen und ſkalpirt worden war. Auch der jüngere Pliny hatte wie ein wildes Thier gefochten, und bei der Vertheidigung des Eingangs zu den Gemächern ſeiner Gebieterinnen den Tod gefunden. Erſt am folgenden Morgen, bei der Wiederkehr des Tages⸗ lichts, war es möglich, einen deutlicheren Ueberblick über den wirklichen Zuſtand des Thales zu gewinnen. Die Feinde hatten mit Zurücklaſſung ihrer Todten und Verwundeten ſammt und ſonders den eiligſten Rückzug angetreten; die Mehrzahl der Deſerteure war ihnen ſammt ihren Familien gefolgt. Obriſt Beekmans Name, ſein wohlbekannter Einfluß und das Amt, das er bekleidete, hatten dieſe Aenderung herbeigeführt, denn die ungeregelten Gewalthaber, welche den Zug in Bewegung geſetzt hatten, wollten ihre Mitwirkung bei der Sache lieber verbergen, als ſich auf den gewagten Verſuch einlaſſen, eine Belohnung ihrer patriotiſchen Dienſte in Anſpruch zu nehmen, was bei Revolutio⸗ nen auch für die ſelbſtſüchtigſten Handlungen, für die erbarmungs⸗ loſeſten Thaten ſo häufig geſchieht. Die Weißen unter dem Hau⸗ fen waren zwar nicht eigentlich in der Abſicht gekommen, irgend Jemand von der Familie perſönlich zu verletzen: dagegen hatten ſie das Ganze auf Joels Anreizung als eine günſtige Gelegenheit betrachtet, ihre öffentliche Tugend leuchten zu laſſen, während ſie ſich zugleich einen Weg zur Erwerbung von Reichthümern er⸗ öffneten. Der Angriff, welcher wirklich erfolgte, war einer jener unbezähmbaren Ausbrüche indianiſcher Wildheit, welche den Schran⸗ ken der Disciplin ſo oft Trotz geboten haben. Auch Nick war nirgends zu finden. Man hatte ihn zuletzt 4 1 4 — 4 1 4 1 554 noch damit beſchäftigt geſehen, ſeine Wunden mit ächt indianiſcher Geduld und Geſchicklichkeit zu verbinden, wobei er Kräuter und Wurzeln bedurfte, zu deren Aufſuchung er gegen Mitternacht in den Wald hinausgezogen war. Da er nicht zurückkehrte, ſo fürchtete Willonghby, er möchte allein und verlaſſen an ſeinen Wunden lei⸗ den, und beſchloß, ſobald die letzte traurige Pflicht an den Todten erfüllt wäre— eine Nachſuchung nach ihm anſtellen zu laſſen. Es verſtrichen aber noch zwei Tage, bis das betrübende Amt an den drei Leichen vollzogen werden konnte. Die Leichname Aller gefallenen Wilden wurden ſchon am Morgen nach dem Sturme beerdigt: der von Jamie Allen aber wurde eben ſo wie die Leichen der Hauptperſonen der Familie, für das fromme Trauergeleite liebevoller Zärtlichkeit aufbewahrt. Das Leichenbegängniß gewährte einen rührenden Anblick. Der Kapitän, ſeine Gattin und Tochter wurden neben einander bei der Kapelle beerdigt: ſie waren die Erſten und Letzten ihres Stammes, welche jemals in der amerikaniſchen Wildniß ihr Grab fanden. Mr. Woods las das Todtenamt, mußte aber alle geiſtige Kraft aufbieten, um bei der Verrichtung dieſes feierlichen Gottesdienſtes nicht zu unterliegen. Willoughby hielt die weinende Maud um⸗ ſchlungen, welche ſeine zärtliche Bekümmerniß durch ein Lächeln zu belohnen verſuchte— ohne daß es ihr gelang. Obriſt Beek⸗ man trug den kleinen Evert auf ſeinen Armen, und beugte ſich über das Grab mit der Miene eines gefaßten, von ſchwerem Un⸗ glück getroffenen Mannes— an und für ſich ſchon eines der er⸗ greifendſten Schauſpiele der menſchlichen Natur. „Ich bin die Auferſtehung und das Leben, ſpricht der Herr,“ tönte es in die Stille des Thales hinaus, als ob eine Stimme vom Himmel in die zermalmten Herzen der Trauern⸗ den Troſt gießen wollte. Maud richtete ihr Haupt von Willough⸗ by's Schulter empor, und heftete ihr blaues Auge auf die wolken⸗ loſe Himmelsdecke— das Flehen um Gnade, und das Gelöbniß 355 der Reſignation ſprach aus dieſem Blicke. Die Truppenlinie im Hintergrund bewegte ſich wie auf gemeinſamen Antrieb, und dann gaben ſogar dieſe rohen Weſen durch ein athemloſes Stillſchwei⸗ gen ihren Wunſch zu erkennen, von dem Vortrage des Geiſtlichen keine Sylbe zu verlieren. Als Mr. Woods weiter fortfuhr, wurde auf jeder ſeiner Wangen ein runder, rother Fleck ſichtbar; ſeine Stimme gewann immer mehr Stärke, bis ſelbſt ihr leiſeſter Ton klar und deutlich zu Jedermanns Ohre drang. In dem Augenblicke, da man im Begriffe ſtand, die Leichen in die beiden Gräber zu verſenken— der Kapitän, ſeine Frau und Tochter ſollten nämlich in dieſelbe Gruft gelegt werden— ſah man Nick mit ſeinem geräuſchloſen Schritte der Gruppe der Leidtragenden nahe treten. Er war erſt vor ein paar Minuten aus dem Walde gekommen, begriff aber ſogleich den Zweck der Ceremonie, und näherte ſich ſo raſch, als die von ſeinen Wunden herrührende Schwäche es erlaubte. Auch er hörte mit tiefer Aufmerk⸗ ſamkeit auf den Kaplan; ſein Auge hing an deſſen Munde, bis es endlich einen Blick auf die warf, welche jetzt in der Gruft ruhten. „Ich hörteeine Stimme vom Himmel, welche ſprach: Verkündige— Geſegnet ſind hinfüro die Todten, die in dem Herrnſterben; und ſo ſpricht der Geiſt Gottes, denn ſie ruhen von ihrer Arbeit,“ fuhr der Kaplan fort, während ein Zittern in ſeiner Stimme vernehmbar ward und der Blick des Tuscarora glänzend wurde, wie der des Panthers, wenn er ſein Schlachtopfer entdeckt. Thränen folgten, und einen Augen⸗ blick lang verſagte dem Geiſtlichen die Stimme. „Warum Ihr Weib?“ fragte wild der Indianer.„Alle Skalpe gerettet!“ Dieſe ſonderbare Unterbrechung blieb aber ganz ohne Wirkung. Beekman war der Erſte, der ſeinem Schmerze erlag; Maud und Willoughby folgten; auch Mr. Woods war nicht länger fähig, der ———— 556 doppelten Gewalt der Sympathie und ſeiner eigenen Empfindung zu widerſtehen— er machte ſein Buch zu und weinte wie ein Kind. Es dauerte mehrere Minuten, bis die Trauernden ihre Selbſt⸗ beherrſchung wieder erlangt hatten. Dann aber knieten alle, auch die ferner ſtehenden Truppen, vor dem Grabe nieder, und das Schluß⸗ gebet wurde in gemeinſamer Andacht zum Throne Gottes geſendet. Dieſer Akt der Frömmigkeit machte es den Leidtragenden eher möglich, ſo lange einen Anſchein von Ruhe zu behaupten, bis die Gräber zugedeckt waren. Die Truppen rückten vor, um über des Kapitäns Grabe drei Salven abzufeuern, und dann zogen ſich Alle nach dem Blockhauſe zurück.. Maud hatte den kleinen Evert von den Armen des Vaters zu ſich genommen und drückte ihn an die Bruſt: die mutterloſe Waiſe ſchien geneigt, ſich in dieſer Lage dem Schlummer hinzugeben. So ging ſie mit dem Kleinen voran; dicht hinter ihr kam der Vater, der ſeinen Knaben nunmehr als ſeinen einzigen Sohn liebte. Willoughby war der Letzte am Grabe; nur Nick war noch bei ihm zurückgeblieben. Der Indianer war von den Zeichen tiefen Kummers, welche er vor ſich geſehen hatte, tief betroffen, und fühlte eine Unruhe, welche ihm ſelbſt etwas unerklärlich vorkam. Es war wieder eine jener Launen unſerer wunderlichen Natur, welche ihm den Wunſch eingab, diejenigen zu tröſten, welchen er ſelbſt ſo ſchweres Leid zugefügt hatte. Er näherte ſich alſo Robert Willoughby und legte eine Hand auf ſeinen Arm, bis es ihm gelang, des Majors Blicke auf ſein eigenes rothes, ſprechendes Geſicht zu lenken. „Warum ſo traurig, Major?“« fragte er.„Krieger ſterben nur einmal— müſſen einmal ſterben.“ „Da unten liegt mein Vater, meine Mutter, meine einzige Schweſter, Indianer— iſt das nicht genug, um ſelbſt das feſteſte Herz zu brechen? Du kannteſt ſie ja auch, Nick— haſt du jemals edlere Geſchöpfe geſehen?“ — 2 557 „Squaw gut— beide Squaw gut— Nick ſehen kein Bleich⸗ geſicht Squaw, welche er ſo ſehr lieben.“ „Ich danke dir, Nick! Dieſer rohe Tribut, den du den Tu⸗ genden meiner Mutter und Schweſter darbringſt, iſt für mich weit wohlthuender, als das berechnende, wohlgeregelte Beileid der Welt.“ »Keine Squaw ſo gut wie alte Squaw— nichts als Herz— lieben Jedermann, außer ſich ſelbſt.“ Dieſe Lobrede war für ſeine Mutter ſo charakteriſtiſch, daß Willoughby von dem Scharfblicke des Wilden ganz betroffen wurde, wenn auch ſein Nachdenken ihm ſagte, daß eine ſo lange Bekannt⸗ ſchaft mit ſeiner Familie ſogar einen Hund mit dieſem ſchönen Charakterzuge ſeiner Mutter hätte vertraut machen müſſen. „Und mein Vater, Nick!“ rief der Major voll tiefen Gefühls —„mein edler, gerechter, freigebiger, ritterlicher Vater! Auch ihn haſt du wohl gekannt und mußt ihn geliebt haben.“ „Nicht ſo gut wie Squaw,“ gab der ſpruchreiche Tuscarora nicht ganz ohne eine Anwandlung von Unwillen zur Antwort. „Wir ſind ſelten ſo gut, Nick, wie unſere Weiber, unſere Mütter und Schweſtern, ſonſt wären wir Engel, ſchon hier auf Erden. Aber ſelbſt die Schwächen von uns Männern zugegeben, ſo war mein Vater doch gerecht und gut.“ „Zu viel peitſchen,“ erwiederte der Wilde in ſtrengem Tone, „machen Inſchjöns Rücken wund.“ Dieſe ſonderbare Rede fiel dem Major damals weniger auf, als ſpäter, wo er über Alles, was er in dieſer ereignißreichen Woche erlebt und gehört hatte, ernſtlich nachzudenken anfing. Derſelbe Fall war's auch mit dem, was jetzt folgte. „Du biſt kein Schmeichler, Tuscarora, das habe ich bei un⸗ ſerem ganzen Verkehre gefunden. Wenn mein Vater dich jemals mit Strenge beſtrafte, ſo wirſt du mir wenigſtens geſtatten, zu glauben, daß es verdient war.“ „Zu viel peitſchen, ſag ich,“ fiel der Wilde heftig ein.„Kein 558 Unterſchied machen— ob Häuptling oder nicht. Berühren alte Wunden gar zu unſanft. Gut zuweilen, bös zuweilen. Ganz wie Wetter— bald Sturm, bald Sonnenſchein.“ „Jetzt iſt jedenfalls nicht die Zeit, Nick, um dieſe Punkte zu beſprechen. Du haſt tapfer für uns gefochten, und ich danke dir dafür. Ohne deine Hilfe wären dieſe geliebten Weſen nicht allein erſchlagen, ſondern auch verſtümmelt worden, und Maud! meine ſüße, geſegnete Maud ſchliefe nun vielleicht gleichfalls an ihrer Seite!“ Nicks Geſicht war wieder ganz in Sanftheit verwandelt, und Willoughby's Händedruck wurde mit warmer Aufrichtigkeit erwiedert. Dann trennten ſich Beide. Der Major eilte zu Maud, um ſie an ſein Herz zu ſchließen und durch ſeine Liebe zu tröſten; Nick aber ging in den Wald, und ward nie wieder im Blockhauſe geſehen. Sein Weg führte ihn am Grabe vorüber. Dort ſah man ihn auf der Seite, wo Mrs. Willoughby ruhte, eine Blume niederlegen, welche er auf der Wieſe gepflückt hatte, wogegen er nach der andern, welche die Leiche ſeines Feindes barg, drohend den Finger erhob. Hierin blieb er ſeiner Natur getreu, welche ihn anwies, niemals eine Gunſt zu vergeſſen, aber auch nie ein Unrecht zu verzeihen. Dreißigſtes Kapitel. Fortleben werde ich in Ewigkeit: Gott ſei's gedankt, noch bin ich nur ein Keim, Des großen Geiſtes Anfang— ach ſo klein! Atom nur, das einſt füllt äiendlichtete oxe. Vierzehn Tage verſtrichen, ehe Willoughby und die Seinen ſich von einem Schauplatze losreißen konnten, der ihnen ſo viel häusliches Glück gewährt hatte, jetzt aber vom Froſte des Todes befallen worden war. Während dieſer Zeit wurden von den Ueberleben⸗ den die nöthigen Anſtalten für die Zukunft getroffen. Beekman ward mit der Herzensneigung bekannt gemacht, welche zwiſchen — 559 Mand und ſeinem Schwager beſtand, worauf er eine augenblick⸗ liche Verbindung anrieth. „Seid glücklich, ſo lange Ihr's könnt,“ ſprach er mit bitte⸗ rem Nachdruck.„Wir leben in ſtürmiſchen Zeiten, und der Him⸗ . mel weiß, wann wir beſſere vor uns ſehen werden. Maud hat in ganz Amerika keinen einzigen Blutsverwandten, wenn nicht etwa in der brittiſchen Armee ſich einer befindet. Wir würden uns zwar Alle glücklich ſchätzen, das theure Mädchen lieben und ſ beſchützen zu dürfen, doch wird ſie wahrſcheinlich die Nähe derer vorziehen, welche die Natur ihr zu Freunden angewieſen hat. Mir wird ſie immer wie eine Schweſter ſein, ſo wie auch Ihr — ewig mein Bruder bleiben werdet. Wenn ihr euch aber ſogleich mit . einander verbindet, ſo wird jeder Schein des Unpaſſenden vermie⸗ 1 den, und mit der Zeit— Gott wolle Euch vor allem Unglück ſchützen— werdet Ihr Eure Gattin auch ihren engliſchen Ver⸗ wandten vorſtellen können.“ 1„Ihr vergeßt, Beekman, daß Ihr dieſen Rath einem Manne 3 ertheilt, der auf ſein Ehrenwort Gefangener iſt, und vielleicht gar als Spion behandelt werden kann.“ „Nein, nein, das iſt unmöglich. Schuyler, unſer edler Kom⸗ mandant, iſt eben ſo gerecht, als er ein ächter Gentleman iſt— er wird nichts der Art zugeben. Eure Auswechslung wird keine Schwierigkeit finden, und das abgerechnet, was Euch hier noch bevorſteht, kann ich für alles Andere meinen Schutz verbürgen.“ Willoughby war nicht abgeneigt, dieſem Rathe zu folgen, und ſuchte ihn bei Maud, als die ſicherſte und klügſte Maßregel, die ſie ergreifen könnten, geltend zu machen. Unſere Heldin war 1 aber ſo weit entfernt, ſo kurz nach den Verluſten, die ſie erlit⸗ 1 ten hatte, auch nur den Schein von Glück annehmen zu wollen, daß ihr Geliebter keine kleine Aufgabe vor ſich hatte, als er ſie 1 zu dieſem Schritte überreden wollte. Maud war bei dem feinſten Gefühle für Weiblichkeit doch 560 gänzlich frei von aller Ziererei. Ihr Verkehr mit Robert Wil⸗ loughby war immer der zarteſten, vertrauensvollſten Art geweſen, erhaben über jeden Schein von Heimlichkeit, und geheiligt durch die Scenen, welche ſie zuſammen erlebt hatten. Sie zögerte kei⸗ nen Augenblick, ihre Liebe, ihre leidenſchaftliche, Alles verſchlin⸗ gende Neigung für ihn zu bekennen; aber ſeine Verlobte konnte ſie nicht werden, ſo lange an eben dem Herde, an dem ſie ſaßen, die Blutflecken noch ſo friſch erſchienen. Sie ſah noch immer die Geſtalt der Todten an ihren gewohnten Plätzen, glaubte ihr La⸗ chen, ihr trauliches Geplauder, das Flüſtern der Mutter, die ſcherzhaften Vorwürfe des Vaters, oder Beulahs ſanftes Rufen fortwährend zu vernehmen. 5 „Und doch, Robert,“ ſprach Mand, denn jetzt durfte ſie ihn bei dieſem Namen nennen und konnte den vertraulichen Klang des früheren„Bob“ fallen laſſen—„und doch, Robert, könnte es uns wohl eine melancholiſche Freude gewähren, wenn wir unſere Gelübde an dem Altar derſelben kleinen Kapelle ablegten, wo wir ſo oft zuſammen gebetet haben— ſie, die Theuren, welche uns verließen, und wir, die wir allein zurückblieben.“ „Ja, theuerſte Maud; und dann gibt's noch einen zweiten Grund, warum wir nur als Mann und Frau dieſen Ort verlaſ⸗ ſen ſollten. Beekman hat zugegeben, daß unter den Behörden in Albany über das eigentliche Weſen meines Beſuches wohl einiger Streit entſtehen könnte. Es würde ihm das Aufbieten eines Grades von Einfluß erſparen, der ihn leicht beläſtigen könnte, wenn ich als Ehemann und nicht als Spion erſchiene.“ Das Wort„Spion“ entſchied die Sache. Die Beſorgniſſe, welche es einflößte, mußten bei Maud alle andern Rückſichten ſchwinden laſſen, und ſo gab ſie unverweilt ihre Zuſtimmung, noch an demſelben Tage Roberts Gattin zu werden. Die Ceremonie wurde natürlich von Mr. Woods vollzogen, und die kleine Kapelle ſah Thränen bitterer Erinnerung ſich in das Lächeln miſchen, womit die Braut, nachdem der Segen geſprochen war, die herzliche Umarmung ihres Gatten empfing. Alle fühlten aber, daß unter den jetzigen Umſtänden jeder Aufſchub unweiſe geweſen wäre. Maud erblickte eine Art heiliger Weihe in einer Feierlichkeit, welche mit den vorangegangenen trüben Scenen in ſo nahem Zuſammenhange ſtand. 3 Ein paar Tage nach der Vermählung ſah man Alle, welche von den früheren Bewohnern des Blockhauſes noch übrig waren, insgeſammt das Thal verlaſſen. Was irgend Werth hatte, ward eingepackt und in die Boote transportirt, welche unterhalb der Mühle im Fluſſe lagen. Vieh, Schweine ꝛc. wurden geſammelt und nach den Niederlaſſungen getrieben; die Pferde dagegen für Maud und die übrigen Frauen bereit gehalten, welche den Weg nach dem Fort Stanwir einſchlagen ſollten. Mit einem Wort— das ZBlockhaus ſollte verlaſſen werden, da es während des Kriegs nicht wohl zur Wohnung taugte. Nur Taglöhner konnten oder mochten zurückbleiben, und Beekman hielt es für's Beſte, die Gegend für die nächſten paar Jahre rein der Natur zu überlaſſen. Es waren einige Gerüchte von Konfiskationen von Seiten des neuen Staates umgelaufen, und Willvughby hatte deßhalb beſchloſſen, ſein Eigenthum Sicherheits halber lieber einem Manne zu über⸗ tragen, der einem ſolchen Schickſale mit Gewißheit entgehen würde, als es ſelbſt in Händen zu behalten. Teſtament hatte man keines gefunden, und es folgte alſo der Sohn dem Vater als rechtmäßiger Erbe: nur der kleine Evert war— wenn auch nicht dem Geſetze, doch der Billigkeit gemäß— zu einem Theile der Erbſchaft mitbe⸗ rechtigt. Mr. Woods, der ſich auf ſolche Sachen verſtand, mußte deßhalb eine Urkunde ausfertigen, nach welcher das Landgut beim Biberdamm dem Kinde als Lehen übertragen wurde. Die dreißigtauſend Pfund des Majors, das mütterliche Ver⸗ mögen, das er erbte, ſicherten, mit Mauds Kapitalien und den Wyandotts. 36 ——————— 562 Einkünften ſeiner Offiziersſtelle, dem neuvermählten Paare ein reichliches Auskommen. Nachdem Willoughby ſein ganzes Vermögen geſammelt und untergebracht hatte, ſah er ſich im Beſitze von drei bis viertauſend Pfund jährlicher Renten, was, mit Einſchluß des ihm von der brittiſchen Regierung geſicherten Einkommens, für die damalige Zeit eine höchſt bedeutende Summe ausmachte. Als er die Rechnungen über Mands Beſitzthum prüfte, hatte er alle Urſache, die ſtrenge Rechtlichkeit, die edle Uneigennützigkeit, womit ſein Vater ihre Angelegenheiten beſorgt hatte, zu bewundern. Jeder Pfennig ihres Einkommens war zum Kapital geſchlagen worden, ſo daß ſich die urſprüngliche Summe im Laufe ihrer langen Minderjährigkeit beinahe verdoppelt hatte. Ohne es zu 4† wiſſen, hatte er eine der reichſten Erbinnen in den amerikaniſchen Kolonien geheirathet. Auch Maud war dieß gänzlich unbekannt: als ſie endlich die Wahrheit erfuhr, ſchien ſie ſich um ihres Gatten willen höchlich darüber zu freuen. Man erreichte Albany in gehöriger Zeit, doch nicht ohne die gewöhnlichen Hinderniſſe überwunden zu haben. Hier trennte ſich die Geſellſchaft. Die zurückgebliebenen Plinies und Smaſhes wurden freigelaſſen, nachdem für ihre kleinen Bedürfniſſe reichlich geſorgt worden und bei den Verwandten ihrer früheren Herrſchaft gute Stellen für ſie ausfindig gemacht waren. Mike erklärte ſeinen Entſchluß, in ein Korps einzutreten, das aus⸗ drücklich zum Kriege wider die Indianer beſtimmt war. Er hatte mit Letzteren eine lange Rechnung abzuſchließen, und da er weder Weib noch Kinder beſaß, ſo glaubte er ſich während der Revolution auf dieſe Art eben ſo gut wie auf jede andere angenehm beſchäftigen zu können. „Wenn Euer Gnaden ſo irgendwo in die Nachbarſchaft der Grafſchaft Leitrim fortzögen,“ erwiederte er als Antwort auf Wil⸗ loughby's Anerbieten, ihn bei ſich zu behalten,„dann möchte ich ſchon mitgehen, ſintemal man doch auch hie und da ein altes ——— ——— 563 Geſicht wieder gerne vor ſich ſieht. Tauſend Dank für dieſen Beutel mit Gold; ich werde mir Skalpe davon kaufen, denn hol' mich der Teufel, wenn ich's nicht für eine Zeitlang auf dieſen Handel abgeſehen habe. Drei Meſſerſchnitte, ein halb Dutzend Seitenpüffe und ein Streifſchuß am Kopfe, können Einen ſchon an das Vorgefallene erinnern, zu geſchweigen den Kapitän und Madame Willoughby und Miß Beuly— Gott habe ſie ſelig und erhalte ſie alle Drei! Wenn's nur ſo ein Ding wie eine Kirche hier zu Land gäbe, würde ich dieſes Gold nicht zu Meſſen verwenden?— ja, das würd' ich, dann könnten mir die Skalpe zum Teufel wandern.“ Damit haben wir die Quinteſſenz von Michael O'Hearns An⸗ ſichten vor uns. Willoughby's Beweiſe vermochten durchaus Nichts über ſeinen Entſchluß; er zog ab, mit dem beſten Willen von der Welt, ſeine Laufbahn dadurch zu verherrlichen, daß er ſich zur Sühne für das an„Madame Willoughby und Miß Beuly“ be⸗ gangene Unrecht ſo viele Indianer⸗Skalpe verſchaffte, als ihm nur immer unter die Hände kommen mochten. „Und Ihr, Joyce,“ fuhr der Major in einer Unterredung fort, welche er kurze Zeit nach ihrer Ankunft zu Albany mit dem Ser⸗ geanten hielt,„ich hoffe, wir werden uns nicht trennen. Ich bin, Dank Obriſt Beekmans Einfluß und Eifer, bereits ausgewechſelt, und werde in nächſter Woche nach New⸗York aufbrechen. Ihr ſeid Soldat, und bei gegenwärtiger Zeit iſt ein guter Soldat gar wohl zu ſchätzen. Ich glaube, Euch kecklich eine Offiziersſtelle in einem der neu zu errichtenden Provinzialregimenter anbieten zu dürfen.“ „Ich danke Euer Gnaden, fühle mich aber außer Stande, Euer Anerbieten anzunehmen. Ich war bei Kapitän Willoughby auf Lebenslang in Dienſten; hätte er das Leben behalten, ich wäre ihm gefolgt, wohin er mich geführt hätte: dieſe Dienſtzeit iſt nun aber abgelaufen, und ich bin jetzt wie ein Rekrut, ehe er das Hand⸗ geld empfängt. In ſolchen Fällen hat Einer immer das Recht, ſich ſein Korps ſelbſt zu wählen. Von Politik verſtehe ich nicht 36* 8 6 41 1† 1 4 1 83 564 viel, wenn ſich's aber um die Frage handelt, ob Einer für oder gegen ſein Vaterland den Drücker ziehen ſoll, ſo hat ein Un⸗ eingetheilter ein Recht zu wählen. Zwiſchen den Beiden— damit will ich Euch ſelbſt, Major Willoughby, durchaus keinen Vorwurf machen, da Ihr ſchon vor Beginn des Kriegs in aller Ordnung auf der andern Seite Dienſt genommen hattet— aber zwiſchen den Beiden möchte ich lieber gegen die Engländer, als gegen die Amerikaner zu Felde ziehen.“ „Ihr mögt vielleicht recht haben, Joyce; mein Dienſt iſt aber, wie Ihr ſelbſt ſagt, nun ſchon einmal genommen. Ich hoffe, Ihr folgt, wie ich ſelbſt, der Stimme Eures Gewiſſens: doch werden wir uns niemals in Waffen begegnen, wenn ich's zu hindern ver⸗ mag. Ich ſtehe wegen einer Obriſtlieutenantsſtelle in Unterhandlung, welche mich, wenn der Handel gelingt, nach England führen würde. Ich will keine Stunde länger gegen dieſe Kolonien dienen, ſo lange es in meiner Macht ſteht, dieß zu vermeiden.“ „Gegen dieſen Staat, mit Eurer Erlaubniß, Major Wil⸗ loughby,“ gab der Sergeant etwas ſteif zur Antwort.„Das hör' ich mit Freuden, Sir; denn wenn ich mir auch gute Soldaten als Feinde gegenüber wünſche, ſo möchte ich doch den Sohn meines ehemaligen Kapitäns nicht gerne darunter ſehen. Obriſt Beekman hat mir die Stelle eines Sergeant⸗Majors in ſeinem eigenen Regimente ange⸗ boten, und wir werden Beide in nächſter Woche dahin abgehen.“ Joyce hielt auch wirklich Wort. Er wurde Sergeant⸗Major, und endlich Lieutenant und Adjutant in Beekmans Regiment. Er focht in den meiſten Hauptſchlachten des Kriegs, und zog ſich nach dem Frieden mit einem vortrefflichen Abſchiede zurück. Zehn Jahre ſpäter ſiel er als grauköpfiger Infanterie⸗Hauptmann bei einem jener mörderiſchen Gefechte gegen die Indianer, wie ſie während der erſten Präſidentſchaftsperiode vorkamen. Die Art ſeines Todes war wohl nicht zu beklagen, da er ſie ſich ſein Lebenlang nicht beſſer gewünſcht hatte; ein ſonderbarer — — 565 Umſtand war aber der, daß Mike über ſeiner Leiche ſtand, und ſie vor Verſtümmelung ſchützte. Der Leitrimer war nämlich aus reiner Liebhaberei für die Skalpe Soldat geblieben, und ließ ſich, ſo oft er frei war, auf's Neue einſchreiben, um bei jeder ſchicklichen Gelegenheit die gewünſchte Beute davon zu tragen. Auch Blodget war Joyce in den Krieg gefolgt. Die Entſchloſ⸗ ſenheit und Intelligenz des jungen Mannes, ſein erprobter Muth brachten ihn bald vorwärts, ſo daß er als wirklicher Kapitän aus der Revolution hervorging. Seine Bildung und ſeine Manieren hielten gleichen Schritt mit ſeiner Beförderung, und es iſt noch nicht lange, daß er ſeine Laufbahn in einem der neuen Staaten als einflußreicher Politiker und General der Miliz beſchloß— für ein Mitglied des konſtituirenden Kongreſſes, und dazu noch für einen Mann, der im Blockhaus Korporal geweſen war, kein ſo außerordentliches Avancement. Schlimmere Leute ſind ſchon oft in allen möglichen Rollen unter uns aufgetreten, und mit Recht ſagte man bei General Blodgets Leichenbegängniß, daß„abermals ein Revolutionsheld geſchieden ſei«— ein Lob, das bei ſolchen Gelegenheiten nicht immer mit voller Wahrheit geſpendet wird. Beekman hatte man ſeit dem Augenblicke, da Beulahs Leiche mit dem kleinen Evert in ihren Armen zum erſten Mal ſeinen Blicken begegnet war— nie wieder lächeln ſehen. Er diente getreu faſt bis zum Schluſſe des Kriegs, wo er nur wenige Monate vor dem Frieden in einem Gefechte den Tod fand. Sein Knabe war ihm in's Grab vorangeeilt, und hinterließ ſeinen Oheim, da Konfiskationen mittlerweile aus der Mode gekommen waren— als geſetzlichen Erben deſſelben Beſitzthums, welches Jener auf ihn übertragen hatte. Willoughby und Maud gelangten wohlbehalten nach New⸗York, wo Erſterer wieder zu ſeinem Regimente ſtieß. Unſere Heldin traf hier ihren Großoheim, General Meredith, den erſten ihrer eigenen Blutsverwandten, den ſie ſeit ihrer Kindheit vor ſich ſah. Sie 1 4 1 ½ — 1 4 1 1 566 fand bei ihm eine ihr höchſt wohlthuende Aufnahme, und da er in Jahren und Sitten wie im Aeußern viel Aehnlichkeit mit ihrem verehrten Pflegvater beſaß, ſo trug ſie einen großen Theil jener Zärtlichkeit, die ſie für immer in deſſen Gruft eingeſcharrt glaubte, auf dieſen ehrwürdigen Verwandten über. Er fühlte ſich ſelbſt in hohem Grade zu ſeiner lieblichen Nichte hingezogen, und zehn Jahre ſpäter fand Willoughby ihr Einkommen durch ſeinen Tod gerade um's Doppelte vermehrt. Nach Verfluß von ſechs Monaten verkündigte die von England angekommene Zeitung die Beförderung„Sir Robert Willvughby's, Baronets, bisherigen Majors im—ten, zum Obriſtlieutenant durch Kauf in Seiner Majeſtät—tem Infanterie⸗Regiment.“— So durfte Willoughby Amerika verlaſſen, ohne daß er im Verlaufe des Kriegs wieder nach dieſem Welttheil zurückgeſchickt worden wäre. Von dieſem Kriege ſelbſt zu reden, finden wir uns keineswegs veranlaßt. Sein Verlauf und ſein Ende ſind längſt Eigenthum der Geſchichte geworden. Die Unabhängigkeit Amerika's wurde im Jahre 1783 von England anerkannt; unmittelbar nachher begannen die Republikaner die Eroberung ihrer weitausgebreiteten Beſitzungen durch die Künſte des Friedens. Anno 1785 wurde der erſte große Einbruch in die Wildniß nach jener Bergregion hin unternommen, welche unſerer Erzählung als Hauptſchauplatz gedient hat. Die Vertreibung der Indianer war— eine Folge der Ereigniſſe der Revolution— in großem Maaßſtabe durchgeführt worden, und die Eigenthümer der noch unter der Krone bewilligten„Patente“ fingen an, ihre Ländereien in den unbeſetzten Wäldern aufzuſuchen. Die⸗ jenigen iſolirten Familien, welche in den Niederlaſſungen Schutz geſucht hatten, begannen nach ihren verlaſſenen Beſitzungen zurück⸗ zukehren, und bald ſah man die Sonne durch die aus den Lichtungen aufſteigenden Rauchwolken ſich verdunkeln. Whitestown, Utica(auf der Stelle des ehemaligen Forts Stanwix gelegen), Cooperstown, ſeit Jahren der Sitz der Gerechtigkeitspflege für ein Gebiet von —,— ——M——44—-— 567 mehreren tauſend Quadratmeilen an Ausdehnung, wurden alle zwiſchen den Jahren 1785 und 1790 gegründet. Plätze wie Oxford, Binghamton, Norwich, Sherburne, Hamilton und zwanzig andere, mit denen der frühere Schauplatz unſerer Erzählung nunmehr überſäet iſt, exiſtirten damals nicht einmal dem Namen nach, denn zu jener Zeit folgten Name und Aufzeichnung erſt dem Orte ſelber nach, wogegen jetzt der Erſtere dem Letzteren vorhergeht. Die zehn Jahre, welche zwiſchen 1785 und 1795 verfloſſen, hatten in allen dieſen bergigen Diſtrikten Wunder bewirkt. Noch günſtigere Ländereien lagen weit im Weſten ausgebreitet, aber der Mangel an Straßen und ihre große Entlegenheit von den Märkten hinderten deren Beſetzung. So ergoß ſich denn der Strom der Einwanderung, welche, ſowie der Friede proklamirt war, von den öſtlichen Staaten her begonnen hatte, mehrere Jahre lang allein nach den in unſerem Eingangskapitel erwähnten Grafſchaften— damals freilich nur ärmliche Trümmer einer Grafſchaft, jetzt aber in der That groß gewachſene Grafſchaften. Die New⸗Yorker Zeitung, ein Tageblatt, das häufig Thatſachen berichtete, welche wirklich vorgefallen waren, meldete in ſeiner Nummer vom 13. Juni 1795:„Seiner Majeſtät Packetboot, das ſo eben ankommt“— es bedurfte nämlich ein halbes Jahrhundert, um die Journaliſten dieſes Landes zu belehren, daß„Seiner brittiſchen Majeſtät Packetboot“ weit paſſender geſagt ſei, als„Seiner Majeſtät Packetſchiff“, ein Beweis von richtigem Takt und gutem Geſchmack, den Manche ſogar jetzt noch zum Muſter nehmen könnten—„hat unter ſeinen Paſſagieren ausgeſchifft«— heimgebracht wäre wohl beſſer geweſen—„den Generallieutenant Sir Robert Wil⸗ loughby nebſt Gemahlin. Beide ſind aus dieſem Staate gebürtig, und wir heißen ſie willkommen in dem Lande ihrer Abſtammung, wo ſie, wie wir verſichern können, allen alten Streitigkeiten zum Trotz, die herzlichſte Aufnahme finden werden. Major Willough⸗ by's Freundlichkeit gegen amerikaniſche Gefangene iſt noch immer ———————— 568 in dankbarem Andenken; auch hat man nicht vergeſſen, wie er gegen ein anderes Regiment zu tauſchen wünſchte, um nicht länger in unſerem Lande dienen zu müſſen.“ Für das Jahr 1795, wo man bei ſolchen Veranlaſſungen doch noch einige Mäßigung und Wahrheitsliebe, einiges Schicklichkeits⸗ gefühl zu beobachten pflegte, war dieß, wie man zugeben wird, eine recht reſpektable Klatſcherei. Die Folge davon war, daß der Name des engliſchen Generals im Staate von New⸗York in Aller Mund kam, denn ein Baronet machte damals in Amerika weit mehr Senſation, als heutzutage ein Herzog erregen würde. Doch hatte dieß für General Willoughby auch noch die weitere Wirkung, daß er gar viele von ſeines Vaters und ſeinen eigenen alten Freunden um ſeine Perſon verſammelt ſah, und ſich zwölf Jahre nach Be⸗ endigung des Streites ganz eben ſo gut in New⸗York aufgenommen fand, wie wenn er auf der andern Seite gefochten hätte. Das Dazwiſchentreten der franzöſiſchen Revolution und die Aus⸗ breitung der ſogenannten jakobiniſchen Lehren hatte nämlich frühzeitig zwiſchen der Mehrzahl der amerikaniſchen Whigs und der engliſchen Tories— auf der amerikaniſchen Seite des Oceans wenigſtens— alle Spannung und Verſtimmung entfernt, und nur die Vorſehung allein weiß, welche Folgen dieß gehabt haben würde, wenn jenes Gefühl auf der andern Seite gehörig gewürdigt worden wäre. Wir müſſen übrigens alle politiſchen Fragen übergehen, um zu der Schlußſcene unſerer Erzählung zu eilen. Sir Roberts und Lady Willoughby's Beſuch in ihrem Geburts⸗ lande hatte eines Theils die Befriedigung ihrer eigenen Sehnſucht, andern Theils aber auch Vorſorge für das künftige Wohl ihrer Kinder zum Zweck. Der Baronet hatte den alten Stammſitz ſeiner Familie in England an ſich gekauft; er beſaß einen einzigen Sohn und zwei Töchter, und ſo fiel ihm denn ein, daß ſein amerikaniſches Beſitzthum, das wir unter dem Namen des Blockhauſes kennen, eine ſehr zeitgemäße Vermehrung des Kapitals gewähren könnte, das die Ueberreſte ſo manches theuren Lebens in ſich bargen. Tages in Anſpruch. Vom Fort Stanwiy an hatte man eine ziemlich 569 er von ſeinem Einkommen nach und nach geſammelt hatte. Dann fühlten auch Beide, er ſowohl als ſeine Gemahlin, eine tiefe Sehnſucht nach dem abermaligen Anblicke jener Schauplätze, wo ſie ſich zuerſt lieben gelernt hatten— Schauplätze, die noch immer So wurde denn die Kajüte einer paſſenden Schaluppe gemiethet, und die Reiſegeſellſchaft, beſtehend aus Sir Robert, deſſen Gattin, einem männlichen und einem weiblichen Dienſtboten, nebſt einer Art amerikaniſchen Läufers, der für dieſen Ausflug in Dienſt genommen worden war— ſchiffte ſich am Morgen des 25. Juli ein. Am 30. Nachmittags kam die Geſellſchaft wohlbehalten zu Albany an, wo ein Wagen beſtellt wurde, um den übrigen Theil der Reiſe zu Land zurückzulegen. Man wählte den Weg über das alte Fort Stanwix, wie Utica damals noch immer genannt wurde. Am Abend des dritten Tages hatten unſere Reiſenden jenen Punkt erreicht; die„Sandebene“, welche man jetzt in weniger als einer Stunde paſſirt, nahm damals über die Hälfte des erſten G 4 1 5 1 gangbare Landſtraße vor ſich, auf welcher unſere Wanderer weiter zogen, bis ſie eine Schenke erreichten, welche mit der Einfachheit der Gränze viele von den Bequemlichkeiten einer beginnenden Civiliſation vereinigte. Hier gab man ihnen zu verſtehen, daß ſie nur noch ein Dutzend Meilen bis zum Blockhauſe zu wandern hätten. Man war genöthigt, den Reſt des Weges zu Pferd zurückzu⸗ legen. Zwiſchen der Heerſtraße und dem Thal lag ein großes, unbewohntes Landgut, wo noch keine öffentliche Straße angelegt worden war. Fußpfade gab's dagegen eine Menge, und das Flüßchen wurde ohne Mühe aufgefunden. Es war vielleicht ein Glück für die Verborgenheit des Blockhauſes, daß es nicht in der Richtung einer frequenten Straße lag; vereinzelte Anſiedler waren damals noch ſelten, und ſo ſah Willoughby, ſobald er den Pfad, der den Krümmungen des Fluſſes folgte, erreicht hatte, 570 daß dieſer in dem Zwiſchenraum von neunzehn Jahren, welche ſeit ſeiner letzten Anweſenheit verfloſſen waren, nur ſelten betreten worden war. Die Beweiſe hiefür mehrten ſich mit jedem Schritte, den ſie weiter hinauf zogen, bis die Reiſenden endlich die Mühle erreichten. Hier hatte der Geiſt der Zerſtörung, der bei einem loſen Geſell⸗ ſchaftszuſtande, wie er in allen neuen Ländern exiſtirt, ſo gewaltig vorherrſcht, ſein Werk bereits begonnen. Am Waſſerfall waren alle Gebäude niedergebrannt, wahrſcheinlich eben ſo wohl deßhalb, weil es in der Macht eines ſorgloſen Wanderers gelegen hatte, daſelbſt Unheil anzuſtiften, als aus irgend einem andern Grunde. Daß das Ganze das Reſultat einer augenblicklichen Eingebung war, ging ſchon aus dem Umſtande hervor, daß der Schaden ſich nicht weiter erſtreckte. Von der Maſchinerie der Mühlen war allerdings mancherlei 4 fortgenommen, um anderwärts verwendet zu werden, wie denn in allen Niederlaſſungen an der Gränze der Grundſatz ſehr weit aus⸗ gedehnt wird, wonach man die zeitweiſe Nichtbenützung eines Beſitz⸗ 4 thums als ein förmliches Aufgeben deſſelben betrachtet. Es war ein ſchmerzlich ſüßer Augenblick, als Willoughby und Mand die Felſen erreichten, und den alten Biberdamm zum erſten Mal wieder vor ſich liegen ſahen. Alle Gebäude waren noch vorhanden, und hatten ſich für das Auge im Laufe der Jahre erſtaunlich wenig verändert., Die Thore des Blockhauſes waren verſchloſſen worden, als man den Platz im Jahr 1776 verlaſſen hatte, und da die Herrenwohnung keine zugänglichen Außenfenſter beſaß, ſo war ſie auch völlig unbe⸗ rührt geblieben. Die Palliſaden waren zwar zur Hälfte ganz abge⸗ fault, das Blockhaus ſelbſt aber hatte den Verheerungen der Zeit widerſtanden. Wohl war ein Feuer neben der Mauer angezündet worden; doch die ſteinernen Wände hatten ſeinen Verheerungen ein 4 Hinderniß entgegengeſetzt, und der Verſuch, einen Feuerbrand auf das Dach zu werfen, hatte ſeinen Zweck verfehlt, da die Schindeln nicht Feuer faſſen wollten. Bei näherer Unterſuchung fand man —= 571 das Schloß der inneren Pforte noch feſt verriegelt. Der Schlüſſel wurde aufgefunden und alsbald der Eingang in den Hof eröffnet. Welch' ein Augenblick für Maud, als ſie, nachdem ſie kaum die Ueppigkeit ihrer engliſchen Heimath verlaſſen, den Schauplatz ihrer Jugend wieder betrat, deſſen ſie ſich ſo oft und ſo gerne erinnert hatte. Ueppiges Gras wucherte im Hofe, verſchwand aber bald vor den Sicheln, welche man in Erwartung ſolcher Dinge mitgebracht hatte. Dann wurden alle Thüren geöffnet und das ganze Haus emſig durchſucht. Alles wurde noch ganz in derſelben Lage getroffen, wie man es verlaſſen hatte; nur ein ganz klein wenig Staub hatte ſich im Lauf der Zeiten angeſammelt. Maud ſtand noch immer in der Blüthe weiblicher Schönheit; ſie war voll warmen Gefühls und noch eben ſo offen, eben ſo lauter als damals geblieben, da ſie dieſe Wälder verlaſſen hatte: nur ihr ſchwärmeriſches Weſen hatte ſich im Verkehr mit der Welt ein wenig gemäßigt. Arm in Arm mit Willoughby ging ſie von einem Zimmer zum andern, ohne daß ihnen ſonſt Jemand folgen durfte. Die gewöhnlichen Hausgeräthſchaften waren bei dem damaligen Auszuge alle zurückgelaſſen worden, da man das Blockhaus im Laufe weniger Jahre wieder bewohnt zu ſehen hoffte— dieß trug weſentlich zur Erhaltung ſeiner Identität bei. Das Bibliothek⸗ zimmer war noch faſt ganz wie früher: Schlaf⸗ und Wohnzimmer, ſelbſt das Malerſtübchen, wurden in einem Zuſtande getroffen, wie ſie etwa nach einer mehrmonatlichen Abweſenheit ausgeſehen haben würden.— Lady Willoughby ſtrömten die Thränen über die Wangen, während ſie von Zimmer zu Zimmer wanderte, und ihrem Gemahl die verſchiedenen Ereigniſſe in's Gedächtniß zurückrief, welchen jene als ſtumme Zeugen angewohnt hatten. So verſtrichen ein paar Stunden in unausſprechlicher Rührung, welche mit einer gewiſſen heiligen Trauer vermiſcht war. Mittlerweile hatten die Dienſtboten, deren viele gemiethet worden waren, die 4 1 1 4 4 1 572 Kammern u. ſ. w. in Beſitz genommen, und ſuchten das Blockhaus abermals in bewohnbaren Stand zu ſetzen. Bald wurde auch von den Mähenden, welche in der Vorausſicht, daß man ihrer Dienſte bedürfen würde, herbeigekommen waren, die Meldung überbracht, daß nach den Trümmern der Kapelle und den Gräbern der Familie ein breiter Pfad durch das Gras angelegt worden ſei. Die Sonne war ihrem Untergang nahe, die Stunde alſo für die traurige Pflicht, die noch zu erfüllen blieb, vollkommen günſtig. Willoughby wanderte mit Maud zu den Gräbern, indem er ſich jede weitere Begleitung verbat. Die Gräber waren in einem kleinen Dickicht angelegt, das früher der arme Jamie Allen unter Mauds perſönlicher Leitung angepflanzt hatte. Sie war damals der Meinung geweſen, man würde den Ort eines Tages wohl zu irgend etwas benützen können. Das Geſträuch, aus Syringen und ſpaniſchem Flieder beſtehend, war in dem fruchtbaren Erdreich zu einer ungeheuren Höhe auf⸗ geſchoſſen, und verſchloß den inneren Raum, der etwa fünfzig OQuadratfuß betragen mochte, vollkommen vor den Blicken der Außenſtehenden. Das Gras war übrigens ringsum abgemäht und von den Taglöhnern auch eine Oeffnung durch das Gebüſch gemacht worden, die freien Zutritt zu den Gräbern geſtattete. Als man ſich dieſer Oeffnung näherte, ließen ſich Stimmen von Innen vernehmen; Willoughby fuhr voll Unwillen auf, und wollte die Eingedrungenen zurechtweiſen, als Maud ſeinen Arm an ſich drückte, und ihm zuflüſterte: „Horch, Willoughby— dieſe Stimmen kommen mir ſonderbar bekannt vor! Wir haben ſie ſchon früher gehört.“ „Ich ſage dir, Nick— alter Nick oder trotziger Nick, oder wie auch ſonſt dein Name ſein mag,“ ſprach die Stimme innerhalb mit ächt iriſchem Accent,„der Jamie, der Maurer, was er früher war, liegt gerade da vor dir unter jenem Stück Raſen— und Seine Gnaden und die Miſſes und Miß Beuly ſind weiter dort ¹ 573 beerdigt. O, o, du biſt ein ganzer Kerl, Nick; auf's Skalpenehmen verſtehſt du dich zwar recht gut, von Gräbern aber weißt du Nichts, höchſtens die Anzahl der Todten, welche du dahin befördert.“ „Gut,“ antwortete der Indianer.„Kap'in hier; Squaw hier; Tochter hier.— Wo Sohn?— wo das andere Mädchen?“ „Hier,“ gab Willoughby zur Antwort, und führte Maud durch die Hecke.„Ich bin Robert Willoughby, und dieß hier iſt Maud Meredith, meine Gemahlin.“ Mike fuhr betroffen zurück, und zeigte ſogar nicht übel Luſt, ſeine im Gras liegende Muskete zu ergreifen. Dagegen hätte ein Baum in den Wäldern nicht regungsloſer daſtehen können, als der Indianer bei dieſer unerwarteten Unterbrechung verblieb. Alle Vier verharrten regungslos in ſchweigender Bewunderung, um die Veränderungen zu beobachten, welche die Zeit mehr oder weniger bei Jedem hervorgebracht hatte. Willoughby ſtand noch im vollen Stolze der Männlichkeit. Er hatte mit Auszeichnung gedient: dieß zeigte ſein Geſicht wie ſeine Geſtalt, obwohl keines von beiden mehr gelitten hatte, als gerade nöthig war, um ihm ein höchſt militäriſches und dabei geſundes, kräftiges Ausſehen zu verleihen. Seine Gattin mit ihrer zierlichen Geſtalt, die ſich in einem Reitanzug auf's Vortheilhafteſte entfalten konnte, ihren feinen Geſichtszügen mit dem milden Ausdruck— würde Niemand für älter als dreißig, das heißt gerade zehn Jahre jünger, als ſie wirklich war, geſchätzt haben. Anders dagegen ſtand es mit Mike und Nick. Beide hatten nicht nur in der That, ſondern auch dem Ausſehen nach gealtert. Der Irländer hatte die Sechzig überſchritten; ſein hartes, derbes Geſicht, von der Luft und dem Santa⸗Cruz feuerroth wie die Sonne, wenn ſie durch den Nebel leuchtet, war ziemlich runzlig und abgezehrt; der Körper aber ſchien noch kräftig und bei voller Stärke. Sein Anzug ſah nicht zum Beſten aus: auf den erſten Blick ließ ſich erkennen, daß er großentheils militäriſch war. F 8 4 4 574 In der That hatte man dem armen Burſchen wegen ſeines Alters und ſeiner Gebrechen den Wiedereintritt in die Armee verweigert, und Amerika war damals nicht das Land, das ſeinen Veteranen einen Rückzugsgehalt bewilligte. Doch bezog Mike eine erkleckliche Penſion für ſeine Wunden, und man konnte nicht ſagen, daß er gerade darbte. Er war mit Joyce, in deſſen Kompagnie er als Korporal O'Hearn gedient hatte, in ein und derſelben Schlacht verwundet worden, nur daß ſein tapferer Kommandant nicht wie der Untergebene zu abermaligem Kampfe wiedererſtanden war. Wyandotts zeigte noch größere Veränderungen. Er hatte bereits ſeine Siebenzig hinter ſich, und durfte wohl bald zu dem„dürren, gelben Laube“ gerechnet werden. Sein Haar wurde allmählig grau, und ſein Körper würde bei aller noch übrigen Muskelkraft gleichwohl jenen außerordentlichen Märſchen, wie er ſie früher gemacht hatte, unterlegen ſein. An ſeiner Kleidung war nichts Beſonderes zu bemerken; der gewöhnliche indianiſche Anzug war noch in eben ſo gutem Zuſtand, als dieß wohl ſonſt bei ihm der Fall geweſen. Willoughby glaubte übrigens, ſein Auge ſei weniger wild, als da er ihn früher gekannt hatte; auch war jede Spur von Unmäßigkeit aus ſeinem Geſichte ſowohl, wie aus ſeinem ganzen Weſen verſchwunden. Von dem Augenblicke an, da Willoughby erſchien, kam eine merkliche Veränderung über Nicks Züge. Sein ſchwarzes Auge, das noch immer viel von ſeinem Glanze beibehalten hatte, richtete ſich öfter auf die benachbarte Kapelle, und er ſchien ſich ſehr er⸗ leichtert zu fühlen, als ein Raſcheln in den Büſchen einen nahenden Fußtritt verkündete. Noch hatte Niemand ein weiteres Wort geſprochen, als die Fliederbüſche bei Seite geſchoben wurden und— Mr. Woods, ein kleiner, munterer, wohlerhaltener Greis, auf dem Begräbnißplatze auftrat. Willoughby hatte den Kaplan ſeit ihrem Abſchiede zu — ——— Albany nicht wieder geſehen, und die Begrüßung war deßhalb ebenſo warm, als ſie unerwartet kam. „Seit dem Tode Eurer ſeligen Eltern habe ich eine Art Ein⸗ ſiedlerleben geführt, mein theurer Bob,“ ſprach der Geiſtliche, indem er ſich die Thränen aus den Augen wiſchte.„Dann und wann wurde ich durch einen koſtbaren Brief von Euch ſelbſt oder von Maud erfreut— ich nenne euch Beide bei den Namen, die ich Euch in der Taufe gegeben— hieß es ja doch auch: ‚„ich Maud, nehme dich, Robert“, als ihr in jenem kleinen Gebäude dort vor dem Altare ſtandet— ihr werdet mir darum vergeben, wenn ich etwa mit einem Generaloffizier und ſeiner Lady zu vertraulich ſpreche— „Vertraulich!“ riefen Beide in einem Athem, und Mauds zarte, weiße Hand war mit vorwurfsvollem Ernſte gegen den Kaplan er⸗ hoben.—„Wir, die wir von Ihnen zu Chriſten getauft wurden, und ſo viele Urſache haben, Ihrer ſtets in Liebe zu gedenken!“ „Gut, gut; ich ſehe, daß ihr immer noch Robert und Maud geblieben ſeid!“ bei dieſen Worten kamen ihm die Thränen gewalt⸗ ſam aus den Augen geſchoſſen.„Ja, ich brachte euch Beide in Got⸗ tes ſichtbare Kirche auf Erden, und ihr wurdet von einem Manne getauft, der ſeine Weihen von dem Erzbiſchofe von Canterbury ſelber erhielt—“ hier lächelte Maud etwas ſchalkhaft—„und der, wie er demüthig hofft, ſein Einweihungsgelübde niemals vergeſſen hat. Ihr ſeid aber nicht die Einzigen, die ich zu Chriſten getauft habe — auch Nikolas zähle ich jetzt unter dieſe Zahl—“ „Nick?“ fiel Sir Robert ein. „Wyandotté?“ fügte ſeine Gattin mit feinerem Takte bei. „Ich nenne ihn jetzt Nikolas, weil er auf dieſen Namen ge⸗ tauft wurde— mit dem Wyandotté hat's nun ſo gut wie mit dem trotzigen Nick ein Ende.— Ich habe Euch ein Geheimniß mitzu⸗ theilen, Major Willoughby— bitte um Verzeihung, Sir Robert, Ihr werdet aber alte Gewohnheiten entſchuldigen— wenn Ihr vielleicht dieſen Weg mit mir einſchlagen wolltet.“ — 576 Willoughby blieb mit dem Kaplan eine volle halbe Stunde aus; Maud weinte unterdeſſen an den Gräbern ihrer Lieben, und die Uebrigen blieben in ehrfurchtsvollem Schweigen in der Nähe. Nick ſtand wie eine Bildſäule— ein Stein hätte nicht regungs⸗ loſer ſein können. Gleichwohl ſprach Reue aus ſeinen Zügen, das Auge war zu Boden geſchlagen— ſogar die Bruſt wogte in ungewöhn⸗ licher Erſchütterung: er wußte, daß der Kaplan dem Sohne des Kapitäns erzählte, auf welche Art er ſeinen Vater erſchlagen hatte. Endlich kehrten die beiden Herren langſam zu den Gräbern zurück: der General tief bewegt, mit gerunzelter Stirn und gerötheten Wangen; Mr. Woods ſanften Ausdrucks und voller Hoffnung. Willoughby hatte ſich durch ſeine Bitten und Entſchul⸗ digungsgründe zu einer Verzeihung bewegen laſſen, welche er nur mit Widerſtreben und vielleicht eben ſo ſehr aus Mangel an einem würdigen Erſatzmittel, als aus chriſtlicher Pflicht gewährte. »Nikolas,“ begann der Kaplan,„ich habe dem General Alles erzählt.“ „Er wiſſen ihn?«rief der Indianer mitleidenſchaftlichem Nachdruck. „Ja, Wyandotts, ich weiß es, und habe es mit tiefem Kummer erfahren. Du haſt mir das Herz wieder bitter gemacht.“ Nick war furchtbar bewegt. Die Anſichten ſeiner Jugend lagen in ſchrecklichem Kampfe mit denen, welche er erſt im Herbſte ſeines Lebens in ſich aufgenommen hatte: das Reſultat war eine wilde Miſchung ſeines indianiſchen Gerechtigkeitsſinnes und der Unterwürfigkeit unter die Lehren ſeines neuen und nur unvoll⸗ kommen aufgefaßten Glaubens. Einen Augenblick lang gewann erſterer die Oberhand. Er näherte ſich dem General mit ſicherem Schritt, legte ſeinen eigenen ſcharfen und glänzenden Tomahawk in deſſen Hände, kreuzte die Arme über die Bruſt, neigte ſein Haupt und ſprach in feſtem Tone: „Schlagen zu— Nick tödten Kap'in— Major tödten Nick.“ „Nein, Tuscarora, nein!“ gab Sir Robert Willoughby zur Pene n ——