Leihbibliothe deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 9. Eduard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„„= 3„—„„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurü kſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und deſecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ———— * . ——„— 8 J. F. Cooper's Amerikaniſche Nomane, neu aus dem Engliſchen übertragen. — Achter Band. Der rothe Freibeuter. Mit Stahlſtich. —— Dritte Auflage. Stuttgart. Hoffmann'ſche Verlags⸗Buchhandlung. 1853. —— ——— Parolles. Mars ſei Euch hold in Eurem Probejahr. Ende gut, Alles gut. Act. II. Sc. 1. Wer nur einigermaßen mit dem Gewühl und dem Leben einer Handelsſtadt bekannt iſt, würde in dem ſtillen, geſchäftloſen New⸗ port den Platz nicht wieder erkennen, der in früheren Zeiten für einen der wichtigſten und beſuchteſten Häfen an der ausgedehnten Küſten⸗ ſtrecke von Nordamerika galt. Newport auf Rhode⸗Island ſcheint beim erſten Blick der von der Natur begünſtigte Ort, der Alles in ſich vereinigt, was den Bedürfniſſen des Seemanns entgegen kom⸗ men und ſeine Wünſche verwirklichen kann. Ein bequemer Hafen, ein ruhiges Becken, ein ſicherer Ankerplatz, eine gute Rhede mit einer klaren Abfahrt in die offene See. Im Beſitz dieſer Vorzüge war in den Augen unſerer europäiſchen Vorfahren Newport der Platz, den ſie zur Aufnahme großer Flotten und zur Bildung eines Stammes kühner und geſchickter Matroſen beſtimmt hatten. Letzteres iſt nicht ganz ohne Erfolg geblieben; aber wie wenig iſt die erſte Erwartung in Erfüllung gegangen! In der Nähe des von der Natur anſchei⸗ nend zu ihrem Liebling auserkorenen Ortes hat ſich ein glückli⸗ cherer Rival eingefunden, welcher alle Berechnungen kaufmänniſchen Scharfſinns zu Schanden gemacht, und zu den neunhundert und neunundneunzig Beweiſen, daß des Menſchen Weisheit eitel Thor⸗ heit ſei, den tauſendſten geliefert hat. Es gibt nur wenig Städte von einigem Belang in unſerem faſt gränzenloſen Gebiet, in welchen ſich, ſeit einem halben Jahrhun⸗ dert, Alles ſo unverändert erhalten hätte, als in Newport. Bis zum Zeitpunkt, wo ſich die ungeheuren Hilfsquellen des inneren Landes zu entwickeln anfingen, war die Provinz Rhode⸗Island Der rothe Seeräuber. 1 2 der Sammel⸗ und Ruheplatz, welchem die ſüdlichen Pflanzer zu⸗ ſtrömten, um ſich vor der Hitze und den übrigen Ungemächlichkei⸗ ten ihres brennenden Landſtrichs zu bergen. Sie zogen ſchaaren⸗ weiſe dahin, die ſtärkenden Züge der Seeluft einzuathmen. Da⸗ mals noch derſelben Regierung unterthan, ließen ſich die Einwohner beider Caroling's und Jamaica's freundſchaftlich in Newport nie⸗ der, theilten ſich gegenſeitig Gewohnheiten und Verfaſſungen mit, und überließen ſich der ſüßen Täuſchung, welche ihre Nachkommen vom dritten Geſchlecht ſich zurückzuwünſchen anfangen. Die einfachen, unerfahrenen Kinder der Puritaner nahmen aus dieſer Verbindung Gutes und Böſes an. Während ſie der Umgang mit den feineren und vornehmeren Bewohnern der ſüdlichen Kolo⸗ nien abgeſchliffener machte, weckte er in ihnen neue Begriffe von dem Unterſchiede der Stände, wovon ſie vorher wenig oder nichts ahneten, und die ihnen jetzt von den Ankömmlingen eingeimpft wurden. So ward unter allen Provinzen Neu⸗Englands Rhode⸗ Island die erſte, welche ſich von den Sitten und Meinungen ihrer ſchlichten Altvordern entfernte. Dadurch wurde dem ſtrengen, rauhen und unfreundlichen Benehmen, welches man früherhin als ein nothwendiges Bindungsmittel der wahren Religion, als eine äußere Bürgſchaft für die Geſundheit des innern Menſchen anſah, der erſte Stoß verſetzt; dadurch wurde der erſte merkbare Schritt veranlaßt, der von den puritaniſchen Grundſätzen abführte, die der abſtoßenden Außenſeite das Wort redeten. Ein ſeltſames Zuſam⸗ mentreffen und Gemiſch von Umſtänden und Eigenſchaften machte die Kaufleute von Newport zugleich zu Sklavenhändlern und zu Gentlemen... Wie aber auch der moraliſche Zuſtand der Einwohner im Jahre 1759 beſchaffen ſein mochte, ſo war doch Rhode⸗Island nie rei⸗ zender und verlockender, als damals. Die ſchwellenden Hügel⸗ rücken der Inſel waren mit hundertjährigen Wäldern bekränzt; die kleinen Thäler mit dem friſchen, lebendigen Grün des Nordens 3 überzogen; die anſpruchsloſen, dabei reinlichen und bequemen Land⸗ häuſer lagen von ſchattigen Gebüſchen und bunten Blumenbeeten umgürtet. Die Schönheit und Fruchtbarkeit der Gegend hatte dem Eiland einen Namen erworben, welcher mehr ausdrückte, als man in früheren Zeiten darunter verſtand. Die Einwohner nann⸗ ten nämlich ihre Beſitzungen den ‚Garten von Amerikat, und ihre Gäſte, die Ankömmlinge aus den brennenden Ebenen des Süden, fanden ſich nicht berufen, dieſe Benennung ſtreitig zu machen. Der Name hat ſich zum Theil faſt bis auf unſere Zeiten erhalten, und iſt nicht eher verſchwunden, bis der Reiſende in den Stand ge⸗ ſetzt worden, die Tauſende von weiten und lachenden Thälern zu durchwandeln, welche vor fünfzig Jahren noch in dem undurch⸗ dringlichen Schatten der Wälder begraben lagen*). Das ſo eben von uns angeführte Datum bezeichnet eine Periode, welche für die brittiſchen Beſitzungen in unſerem Feſtlande vom höchſten Intereſſe war. Ein blutiger Rachekrieg, deſſen Anfang Unglück und Niederlage gebracht, war im Begriffe, glorreich zu enden. Frankreich hatte ſein letztes Beſitzthum am Weltmeere ein⸗ gebüßt, während die unermeßliche Länderſtrecke zwiſchen der Hudſons⸗Bai und den ſpaniſchen Provinzen der engliſchen Macht unterworfen war. Die Kolonien hatten einen großen Antheil an den Erfolgen des Mutterlandes gehabt. Stolz und Freude über den glücklichen Ausgang ließen vergeſſen, was die thörichten Vor⸗ urtheile europäiſcher Anführer für Fehler begangen, für Verluſte und Schande herbeigeführt hatten. Braddocks grobe Verſtoße gegen die Kriegskunſt, Laudons Indolenz, Abercrombie's Schwäche waren durch die Kraft Amherſts und Wolfe's Genie erſetzt worden. In allen vier Welttheilen ſiegten die Waffen der Britten. Die loyalen Bewohner der Provinzen ſtimmten am lauteſten in die *) Es gibt einen Staat und eine Inſel, welche den Namen Rhode⸗Island trägt. Der erſte iſt der kleinſte von den 24 Schweſterſtaaten der amerikaniſchen Union, ſteht an Größe manchen engliſchen Grafſchaften nach, hat eine Bevölkerung von ungefähr 100,000 Seelen, und iſt wegen ſeines Gewerbsfleißes und ſeiner Fabriken berühmt. 4 44 Triumphe des Mutterlands ein, überließen ſich der reinſten Freude, und ſchloßen gutwillig die Augen bei den kargen Beifallsbrocken, die ihnen zugeworfen wurden;— denn auch hier zeigte ſich das gewöhnliche Verfahren großer Völker, welche nur mit Widerſtre⸗ ben einen kleinen Theil ihres Ruhmes an Diejenigen gelangen laſſen, die ſie als Abhängige anſehen; dem Geizigen gleich, der gern Alles für ſich allein behielte, und deſto habſüchtiger wird, je mehr ihm die Nachſicht einräumt. Das Syſtem von Unterdrückung und Regelloſigkeit, welches eine Losreißung zur Folge hatte, die früher oder ſpäter erfolgen mußte, hatte noch nicht angefangen. War das Mutterland auch nicht gerecht, ſo zeigte es ſich doch gefällig. Gleich allen alten und großen Nationen, überließ es ſich dem angenehmen aber ge⸗ fährlichen Genuß der Selbſtbeſchauung. Die Dienſte und Ver⸗ dienſte eines Volkstheils, welcher von ihm untergeſchätzt wurde, hatten das Schickſal, bald vergeſſen zu werden; oder wenn man ſich hier und da derſelben erinnerte, ſo war es, ſie zu mißdeuten, zu tadeln, zu ſchmähen. Die Herabſetzung nahm in dem Maaße zu, als die Uebereinſtimmung der Gemüther abnahm; das Unrecht wurde immer fühlbarer, die eitle Thorheit griff immer weiter um ſich. Männer, deren Beobachtungsgeiſt ſich hätte beſſer unterrich⸗ ten können und ſollen, waren die erſten, welche, ſelbſt in dem höchſten Rathe der Nation, ſchamlos erklärten, ihnen ſei der Cha⸗ rakter eines Volks unbekannt, das ihnen doch blutbefreundet war. Selbſtſchätzung gab der Meinung der Thoren Gewicht. Von ein⸗ ſchläferndem Dünkel eingenommen, machten graue Krieger ihrem edeln Handwerk Schande, Prahlereien ſich erlaubend, die man einem Stutzer, der kein Pulver gerochen, nicht unbeſtraft hätte hingehen laſſen. So gab z. B. ein Burgoyne in hochtrabendem Tone dem Unterhauſe das ſinnloſe Verſprechen, mit einer Macht, die er zu beſtimmen ſich nicht ſcheute, von Quebeck nach Boſton vor⸗ zudringen; ein Verſprechen, welches er in der Folge hielt, indem er 9 mit einer doppelt ſo ſtarken Macht, kriegsgefangen*), von Boſton nach Quebeck zurückging. So hat England, vom Thorheitsſchwin⸗ del ergriffen, in der Folge ſeine hunderttauſend Leben und ſeine hundert Millionen Pfund verſchwendet. Die Geſchichte dieſes denkwürdigen Kampfes iſt jedem Ameri⸗ kaner bis auf die kleinſten Umſtände bekannt. Damit zufrieden, daß ſein Land geſiegt, überläßt er es gern den Annalen der Welt, den ruhmvollen Ausgang in ihren Blättern aufzubewahren. Ihm genügt es, daß ſein Land auf einer breiten, natürlichen Grundveſte ruht, und nicht des Lobpreiſens feiler Federn bedarf; für ſeinen innern Frieden, ſo wie für ſeinen Charakter iſt es hinreichend, zu fühlen, daß der Wohlſtand der Republib nicht in der Herab⸗ würdigung angränzender Nationen geſucht werden darf. Unſer Geſchichtsfaden führt uns in jene ruhige Periode zurück, welche den Stürmen der Revolution vorausging. In den erſten Tagen des Octobermonats 1759 war Newport, wie jede andere Stadt von Amerika, mit dem doppelten Gefühle der Freude und des Schmerzes erfüllt. Mitten unter den Triumphen über ſeinen Sieg, beweinten die Einwohner Wolfe's Tod. Quebeck, das Boll⸗ werk von Canada, der letzte feſte Platz, den ein Volk, welches man ſeit der Kindheit gewohnt war, für den natürlichen Feind Englands anzuſehen, noch inne hatte, war gefallen und hatte den Herrn gewechſelt. Die loyale Anhänglichkeit an die Krone von England, welche ſo lange an⸗ und aushielt, bis das ſeltſame Prin⸗ zip, das ihr zum Grunde diente, nachgab und einſtürzte, hatte den höchſten Punkt erreicht. Es gab in den Kolonien vielleicht nicht einen Einzigen, der nicht ſeine eigene Ehre mit dem einge⸗ bildeten Ruhme des Oberhauptes aus dem Hauſe Braunſchweig gewiſſermaßen verflochten und vereinbaret hätte. Der Tag, an welchem die Handlung unſerer Geſchichte beginnt, war feierlich dazu angeſetzt worden, die Gefühle der guten Stadt⸗ *) Bei Saratoga, mit 6000 M., den 16. October 1777. 6 bewohner ſowohl, als des umliegenden Landvolks, über den Sieg, welchen die königlichen Waffeu erfochten, laut und lebendig wer⸗ den zu laſſen. Beim Anbruch deſſelben, wie in der Folge beim Anbruch vieler tauſend ähnlicher Tage, wurde mit allen Glocken geläutet; der Kanonendonner rollte, die Volksmenge ergoß ſich vom früheſten Morgen an in die Straßen, und legte in ihre Bewegungen den Eifer, der gewöhnlich die Freude begleitet, wenn ſie zum allgemeinen Volksfeſte wird. Der zur Feier des Tags beſtellte Redner hatte in einer Art proſaiſchen Trauergedichts zum Preiſe des verblichenen Helden ſeine ganze Beredſamkeit aufge⸗ boten und eine Probe gränzenloſer Loyalität dadurch abgelegt, daß er den Ruhm, welchen das Todesopfer des Generals Wolfe und vieler Tauſende ſeiner Mitſtreiter ſo theuer erkauft, auf das allerunterthänigſte dem Throne zu Füßen legte. Zufrieden mit dieſen Aeußerungen ihrer Treupflicht, fingen die Einwohner an, ſich allmählig wieder nach Hauſe zu begeben, als die Sonne ſich den unermeßlichen Gegenden zuneigte, welche ſich damals wie endloſe, unbetretene Wildniſſe im Weſten erſtreckten, jetzt aber mit den Erzeugniſſen und dem Segen des Kunſtfleißes üppig überſäet ſind. Die Landleute der Umgegend und jenſeits der Meerenge waren auf ihren zum Theil weiten Rückweg bedacht, und zwar aus jenen klugen Gründen der Sparſamkeit, welche dieſe Klaſſe arbeitſamer Menſchen mitten in ihren Vergnügungen nie verläßt. Sie eilten nach Haus, aus Furcht, daß der herannahende Abend ſie zu Koſten verleiten möchte, die mit dem eigentlichen Zweck ihres Ausfluges in die Stadt nichts gemein hatten. Die Zeit, die ſie auf das Feſt verwendet, war abgelaufen; der Haus⸗ vater machte ſich auf, mit den Seinen in die ruhig fließenden Kanäle der gewöhnlichen Geſchäfte wieder einzutreten, damit die auf das außerordentliche Schauſpiel verwandte Zeit, die er ſich ſchon halb und halb als verloren vorwarf, eingeholt würde. Auch in der Stadt wurden Hammer, Axt und Säge ſchon wie⸗ 7 der gehört, und die Läden von mehr als einer Werkſtatt halb ge⸗ öffnet, als wolle der Eigenthümer zwiſchen ſeinem Gewiſſen und ſeinem Verkehr ein Abfinden treffen. Die Inhaber der drei, da⸗ mals in ganz Newport befindlichen Wirthshäuſer ſtanden vor ihren Thüren, und ſahen auf die abgehenden Landleute mit Augen hin, welche deutlich zu erkennen gaben, daß ſie unter dem Landvölkchen, welches mehr vom Einnehmen als vom Ausgeben hält, doch auf Gäſte lauerten. Eine gar kleine Anzahl lärmender, gedankenloſer Seeleute, die zu den Schiffen im Hafen gehörten, zuſammt einem halben Dutzend bekannter Zechkunden, war Alles, was die Wirthe mit ihren Winken, ihrem Anrufen und Anreden, ihren Erkundi⸗ gungen nach dem Wohlſein der lieben Frauen und Kinder, und bei Einigen geradezu mit ihren Einladungen, einzutreten und ſich zu erfriſchen, erobern konnten. Weltliche Sorge und ein ſteter, nur zuweilen ſchiefer Blick auf die Zukunft, bildete den Hauptcharakterzug des ganzen Volks, welches damals auf dem Boden zerſtreut lebte, der unter dem' Namen von Neu⸗England bekannt war. Das große Ereigniß des Tages blieb unvergeſſen, ob man es ſchon für unnöthig hielt, ſich in der Wirthsſtube bei der Flaſche darüber zu beſprechen und die edle Zeit im Müſſiggange zu vergeuden. Die Abgehenden, welche in verſchiedenen Richtungen den Weg in's Innere einſchlugen, ſchloßen ſich in kleine Gruppen. Unter ſich in freimüthigen Ge⸗ ſprächen die Gegenſtände der Tagespolitik abhandelnd, berührten ſie die großen Staatsereigniſſe und die Art und Weiſe, wie ſie von den Männern vorgetragen wurden, denen der Auftrag ge⸗ worden, ſie zu entwickeln; doch ſetzten ſie keineswegs dabei die Achtung aus den Augen, die ſie dem Rufe der Hauptperſonen, welche aufgetreten, ſchuldig waren. Es wurde im Gegentheil all⸗ gemein zugegeben, daß die gehaltenen Gebete(zwar etwas im Con⸗ verſationstone und hiſtoriſch vorgetragen) durchaus fehlerfrei und eindringend geweſen. Es hatten wohl Einige Luſt, als Diſſenters 8 aufzutreten, unter andern die Clienten eines Advokaten, der einem der Redner entgegen war; allein das Reſultat blieb, daß aus keines Mannes Munde eine ſo vortreffliche, kunſtvolle Rede ge⸗ floſſen ſei, als die heutige. In demſelben Sinn und Geiſt fiel das Urtheil der Zimmerleute aus, welche an einem Schiffe arbei⸗ teten, das im Hafen erbaut wurde und der Gegenſtand der all⸗ gemeinen Bewunderung der Provinz war. Denn ſo wie der Hang zum Bewundern in kleinen Cirkeln ſo viel Gebäude, Brücken und ſelbſt Menſchen unſterblich macht, ſo wurde auch hier mit voller Ueberzeugung behauptet, daß dieſes im Bau begriffene Schiff das ſeltenſte Muſter eines in allen Theilen und Verhältniſſen durchaus vollkommenen Meiſterwerks der Schiffsbaukunſt ſei. Ehe ich weiter gehe, ſcheint es mir nothwendig, noch ein Wort von dieſem Redner zu ſagen, damit in unſerem ſchwachen, unbe⸗ deutenden Verzeichniſſe der Merkwürdigkeiten dieſes Tages, dieſes intellectuelle Wunder einen ſeiner würdigen Platz erhalte. Er war das gewöhnliche Orakel der Nachbarſchaft, ſo oft irgend ein großes Ereigniß, wie z. B. das heutige, ihn antrieb, ſich zuſammen zu nehmen. Er galt, in Vergleichung mit Anderen, für den allertiefſten, keuntnißreichſten Geiſt: ſo daß ſogar von ihm behauptet wurde, er habe mehr als einen europäiſchen Gelehrten, der es gewagt, im Felde der alten Literatur ſich mit ihm zu meſſen, in Erſtaunen geſetzt. Sein Ruf gewann, wie die Hitze, an Intenſität, je enger die Gränzen waren, die ihn umſchloßen. Dabei verſtand ſich Niemand beſſer als er darauf, ſeine hohen Gaben ausſchließlich zu ſeinem Vortheil anzuwenden. Nur ein einziges Mal verließ ihn die Klugheit. Der Himmel weiß, wie es kam, genug, er war nicht auf ſeiner Hut, und that einen Schritt, der ihm einen Theil des erworbenen Rufes raubte; er ließ es nämlich zu, daß einer ſeiner beredtſamen Aufflüge in Druck gegeben wurde; oder, wie ſich ſein witziger, aber nicht ſo hoch ſtehender Nebenmann, der zweite Rechtsgelehrte des Orts, ausdrückte: er gab es zu, daß die Preſſe —.———— 9 einen ſeiner flüchtigen Verſuche feſthielt. So wenig man aber weiß, welchen Eindruck die Schrift im Auslande gemacht, ſo ſehr trug ſie dazu bei, ſeinen Ruf in der Umgegend zu vergrößern. Von nun an ſtand er vor ſeinen Bewunderern in aller Pracht und Würde der gegoſſenen Lettern“, und machte es der erbärmlichen Brut Der Thierchen, welche durch Benagen Der körperlichen Theile des Genie's Ihr Leben friſten unmöglich, einen Ruf zu untergraben, der in dem Glauben ſo manchen Sprengels ſo tief eingewurzelt war. Die kleine Schrift wurde fleißig in die benachbarten Provinzen vertheilt, in Theege⸗ ſellſchaften geprieſen, in öffentlichen Blättern von einem geiſtver⸗ wandten Freunde hoch erhoben,— die gleiche Schreibart verrieth den Lobredner— und von einem frommen Gläubigen, vielleicht aus reinem Eifer, vielleicht aus näherer Theilnahme, dem nächſten Schiffe, welches nach Hauſe ſegelte(denn ſo nannte man da⸗ mals England), an Bord mitgegeben. Sie lag in einem Umſchlage, der keine ſchlechtere Ueberſchrift führte, als:„‚An Se. Königliche Majeſtät von England“. Es iſt nie bekannt worden, was ſie auf den geraden Sinn des dogmatiſchen Deutſchen, welcher damals den Thron des Conqueſtors einnahm, für eine Wirkung gemacht, obſchon Diejenigen, welche in das Geheimniß der Ueberſendung eingeweiht waren, lange vergebens auf die ausgezeichnete Beloh⸗ nung warteten, deren ſich ein ſo ſeltenes Erzeugniß des menſch⸗ lichen Verſtandes gewärtigen konnte. Dieſer hohen, wohlthätigen Geiſtesgaben ungeachtet, beſchränkte ſich der Mann, der ſo glücklich war, ſie zu beſitzen, nun wieder, als ſei er ſeiner Talente unbewußt, auf die Arbeiten ſeines ge⸗ wöhnlichen Berufs, welche mit der Beſchäftigung eines— Schrei⸗ bers die ſchlagendſte Aehnlichkeit hatten; ſo ſehr war ihm von der Natur, die ihn ſo trefflich ausſtattete, die Eigenſchaft der Selbſt⸗ ſchätzung verſagt worden, was um ſo mehr Wunder nehmen mußte, da ihn außer den kürzlichen Kraftäußerungen ſeines Geiſtes, der 10 Fleiß und die Pünktlichkeit, womit er ſeiner koſtbaren und un⸗ wiederbringlichen Augenblicke gewahr nahm, zu weit höheren An⸗ ſprüchen zu berechtigen ſchien. Nur ein kritiſcher Beobachter könnte vielleicht in der erzwungenen Demuth ſeines Aeußern Spuren ſeines 9 Triumphs über Quebecks Fall gefunden haben.— Wir überlaſſen dieſen Günſtling der Natur, dieſes Schooßkind des Glücks ſich ſelbſt und wenden uns von ihm zu einem ganz andern Individuum, in einem ſehr verſchiedenen Stadtviertel. Der Schauplatz, auf welchen wir unſere Leſer zu verſetzen wünſchen, iſt nichts mehr und nichts weniger, als eine Schneiderwerkſtätte. Hier ſehen wir den Mann, der nicht verſchmäht, ſich in höchſteigener geſchäftiger Perſon den geringſten Forderungen ſeines Berufes zu unterziehen. Die demüthige Hütte, die er ſeine Wohnung nannte, lag unweit des Waſſers, ganz am Ende der Stadt, und ſetzte ihn in den Stand, das heitere innere Becken nicht nur zu überſchauen, ſondern durch eine Waſſeröffnung zwiſchen zwei Inſeln den An⸗ blick des äußern Hafens, der ſich wie ein Landſee ausdehnte, zu— genießen. Eine ſchmale, unbeſuchte Kaje erſtreckte ſich vor dem Hauſe, und bewies durch ihren Verfall ſowohl, als durch den wenigen Verkehr, daß dieſer Theil des Hafens nicht zu den leb⸗ hafteſten und betriebſamſten gehörte. 5 Der Nachmittag glich einem Frühlingsmorgen. Der Kühlwind riffelte leicht das Becken. Sein Geſäuſel und ſeine Kühle machen bekanntlich den amerikaniſchen Herbſt ſo angenehm. Der fleißige Nadelheld genoß den ſchönen Abend in ſeiner ganzen Fülle. Er ſaß auf ſeinem Werktiſch am offenen Fenſter, beſſer mit ſich zu⸗ frieden, als Mancher, der ſein Glück darin ſucht, im höchſten Staate unter einem Baldachin von Sammet und Gold zu ſitzen. Draußen vor dem kleinen Hauſe ſtand, in der Stellung eines Lunge⸗ rers, ein langer, tölpiſcher, dabei ſtarker, wohlgewachſener Land⸗ mann; mit der Schulter lehnte er ſich an die Wand, als fänden es ſeine Beine eine zu ſchwere Laſt, für ſich allein die ganze Maſſe „„.““ 11 ohne fremde Hilfe zu tragen. Er wartete darauf, daß ein Kleidungs⸗ ſtück, woran der Meiſter emſig nähte, und womit er am nächſten Sonntag in ſeinem Dorfe Staat machen wollte, fertig würde. Um die Zeit zu verkürzen, und wohl auch zum Theil, weil der Mann mit der Nadel von Natur gern ſprach, vergingen wenige Minuten, ohne daß ihm oder dem Andern nicht ein Wort entfallen wäre. Und da, was ſie mit einander ſprachen, den Hauptgegen⸗ ſtand dieſer Erzählung berührt, ſo nehmen wir uns die Freiheit, aus ihrem Dialog dasjenige mitzutheilen, was über das, was fol⸗ gen wird, Licht verbreiten kann. Unſere Leſer dürfen nicht aus den Augen ſetzen, daß der Arbeiter ſchon in den abnehmenden Lebensjahren war, und daß ſeine Außenſeite zu erkennen gab, Mangel an Geſchick oder an Glück habe ihn in die Nothwendigkeit verſetzt, ſich kümmerlich durch die Welt zu winden, und nur durch äußerſten Fleiß und die ſtrengſten Entbehrungen ſei er der bittern Armuth entgangen. Sein müſſiger Zuſchauer hingegen war ein junger Mann, und gehörte zu einer Klaſſe, bei welcher ein neuer Rock und ein paar neue Beinkleider Epoche im Leben machen. „Ja,“ rief der unermüdete Kleidermacher aus, und begleitete dieſes Ja mit einem Seufzer, welcher ebenſogut für die Beſtäti⸗ gung ſeines innern Wohlgefühls, als für einen Beweis ſeines körperlichen Mißbehagens gelten konnte:„Ja, gewiß und wahr⸗ haftig, Pardon, ſtärkere Worte ſind ſelten einem Manne von den Lippen gefloſſen, als es die waren, welche der Squire am heuti⸗ gen Tage hören ließ. Als er von den Ebenen Vater Abrahams*) ſprach und vom Rauch und dem Donner der Schlacht, ja Pardon, da regte ſich ſo Etwas in mir, da fühlte ich in meinem Innern, ich weiß nicht was, ſo daß ich wahrhaftig glaube, ich würde das Herz gehabt haben, Nadel und Fingerhut von mir zu werfen und mich aufzumachen, um in's Feld, in die Schlacht zu ziehen, Ruhm zu ernten und für des Königs Sache zu fechten. *) Die Schlacht fiel in dieſer Gegend vor. 12 Der junge Mann, dem der Taufname, oder, wie es jetzt all⸗ gemein in Neu⸗England heißt, die Zugabe(given name) Pardon von ſeinen frommen Pathen beigelegt worden war, damit ihm ſeine künftigen Hoffnungen immer demüthig vor Augen lägen, drehte in dieſem Augenblicke den Kopf nach dem heldenmüthigen Schneider, mit einem Ausdruck drolliger Laune im Auge, welcher bewies, daß ihn die Natur in der Austheilung des Humors nicht ſtiefmütterlich bedacht habe, obſchon ſie dabei mehr auf Maaß als Feinheit geſehen. „Hört, Nachbar Homeſpun, da gibt's für einen Mann, der Ambition hat, eine prächtige Gelegenheit, ſich hervorzuthun, ſeit Se. Majeſtät Dero beſten General verloren hat.“ „Ja doch, ja,“ erwiederte der Nadelfädler, der als Knabe oder Jüngling den Hauptfehler begangen hatte, zu einem ganz verkehr⸗ ten Handwerk zu greifen,„eine herrliche Ausſicht für Einen, der fünfundzwanzig zählte; aber ach! der größte Theil meiner Tage iſt dahin, und ich muß meine übrigen paar Jahre, hier, wie Ihr ſeht, zwiſchen Zeug und Futter zubringen... Wer hat Euch das Tuch gefärbt, Pardy? Schöne, ächte Farbe! Ich habe, wer weiß wie lange, kein ſolches unter der Nadel gehabt.“ „Glaub's wohl! Ich lobe mir die Alte, die verſteht's Färben, wie's Weben. Gewiß und wahrhaftig, Nachbar Homeſpun, wenn Ihr dem Zeuge nur das rechte Anſehen gebt, daß es ſitzt, wie an⸗ gegoſſen, ſo ſoll auf der Inſel Keiner ſo glatt und drell einher⸗ gehen, als meiner Mutter Sohn!.... Aber, um wieder darauf zu kommen, könnt Ihr auch eben kein General ſein, Männchen, ſo könnt Ihr Euch wenigſtens damit tröſten, daß es mit dem Ba⸗ tailliren aus iſt, und es nicht mehr ohne Euch losgeht. Sagt man doch allgemein, daß ſich die Franzmänner nicht länger halten können, und daß wir Friede bekommen müſſen, weil wir keinen Feind mehr vor uns haben.“ 1 „Deſto beſſer, Freundchen, deſto beſſer; denn wer ſo viel von — —— — +₰‿& 8AE&X SSGXN8SOSSDOℳ O—— — 2 13 Kriegen und Kriegsnöthen erlebt hat, wie ich, weiß den Segen des Friedens zu ſchätzen— ja, zu ſchätzen.“ „Alſo ſeid Ihr nicht ſo ganz unerfahren in der Lebensart, wo⸗ zu Ihr ſo eben Luſt hattet?“ „Ich? Nichts weniger. Ich bin, wie Ihr mich ſeht, durch fünf blutige Kriege gegangen, und habe Gott zu danken, der mir aus allen fünfen geholfen hat ohne Wunde— nicht einmal ſo groß, als ein Nadelſtich. Fünf lange, blutige Kriege, ſag' ich, und ſetze hinzu: fünf glorreiche bin ich durchgegangen,— friſch und geſund wie ein Fiſch.“ „Das muß eine gefährliche Zeit für Euch geweſen ſein, Nach⸗ bar. Doch erinnere ich mich nur zweier Kriege mit den Franzoſen.“ „O, Ihr ſeid ja nur ein Kiek⸗in⸗die Welt, in Vergleichung mit Einem, wie ich, der über ſein Schock Jahre hinaus iſt. Zählt mir'mal nach. Erſtlich dieſer Krieg, der Gottlob das Anſehen hat, bald beendet zu werden; der Himmel, der Alles mit Weis⸗ heit regiert, ſei dafür gedankt und geprieſen! Dann, zweitens, der Vorgang von Fünfundvierzig, als der unerſchrockene Warren unſere Küſten auf und niederfuhr; eine Geißel für die Feinde Sr. Majeſtät, und eine Salvegarde für alle loyale Unterthanen. Dann, drittens, gab's einen Straͤuß in Germanien, von dem wir in den Zeitungen laſen, und viele, viele blutige Schlachten, in welchen die Menſchen fielen und weggemäht wurden, wie das Wieſengras unter Eurer Senſe. Das macht drei,— er ſchob ſeine Brille in die Höhe und zählte mit ſeinem Fingerhut an den Fingern der andern Hand.— Numero vier war die Rebellion von Fünfzehn, von der ich eben nicht viel geſehen zu haben mich rühmen kann, da ich nur erſt ein junger Knabe war; und zum fünften und letz⸗ ten rechne ich das entſetzliche Gerücht, welches durch alle Pro⸗ vinzen ging, daß ſich die Schwarzen und Indianer in Maſſe auf⸗ gewiegelt und zuſammengerottet hätten, uns allen guten Chriſten⸗ ſeelen in einer Minute das Lebenslicht auszublaſen.“ * „Ei, ſeht doch, Nachbar!“ verſetzte der verwunderte Landmann; „ich habe Euch von jeher für einen eingezogenen, ſtillen und friedli⸗ chen Mann gehalten, und hätte es mir nie im Traume einfallen laſſen, daß Ihr Euch in ſo vielen Kriegshändeln herumgetummelt.“ „Pardon, ich bin kein Prahler; ſonſt hätte ich die Liſte ver⸗ längern und noch andere, wichtige Händel hineinbringen können. Da war z. B. nicht länger als anno Zweiunddreißig im Oſten ein gefährlicher Krieg um den perſiſchen Thron. Ihr habt ohne Zweifel von den Geſetzen und der Regierungsform der Perſer und Meder geleſen. Nun gut, um den Beſitz dieſes Thrones, von wel⸗ chem jene unveräußerlichen Geſetze ausgingen, handelte es ſich in einem furchtbaren Kampfe, worin Blut floß wie Waſſer. Doch, da es kein Chriſtenblut war, ſo mag ich dieſen Krieg nicht zu mei⸗ nen eigenen Erfahrungen zählen. Nur hätte ich wohl mit gutem Fug und Recht des Porteous⸗Tumults*) erwähnen können, weil er in einem Theile des Landes vorfiel, welches mein Vaterland iſt.“ „Ihr müßt doch weit herumgekommen ſein, guter Freund, und Euch überall genau umgeſehen haben, da Ihr ſo Manches erlebt und mitgemacht, und immer Eure heile Haut davongetragen habt.“ „Ja, ja, ich will's geſtehen, Pardy, ich habe ein gut Stück der Welt mit meinen beiden Fuß⸗Ellen gemeſſen. Zweimal bin ich zu Lande nach Boſton geweſen, und einmal gar zu Waſſer durch den Great⸗Sound von Long⸗Island bis York gefahren. Das letzte beſonders war ein ſchweres, gefährliches Stück Arbeit, wenn man die Länge des Weges betrachtet, und vollends, wenn man bedenkt, daß man durch eine Stelle muß, deren Namen an den Eingang in's Thal Tophet erinnert.“ „Wie oft habe ich nicht von Hell⸗Gate, vom Höllen⸗Thor ge⸗ hört? Ja noch mehr, ich habe einen Mann von hier perſönlich ge⸗ kannt, welcher(ſtellt Euch vor!) zweimal durch das Loch gemußt; einmal, wie er nach York ging, und das andere, als er zurückkam.“ *) In Schottland. Vergl. Walter Scott, das Herz von Mid Lothian. ——.,—— 15 „Nun, der wird es ſatt haben, das bin ich gewiß. Hat er Euch erzählt von dem großen Topf, welcher kocht und brodelt, als brennten alle tauſend Beelzebubs Feuer unter ihm? und von dem Schweinsrücken, über welchen das Waſſer hinſchießt, als ſtürzte es ſich den großen Waſſerfall“*) im Weſten herab? Zu unſerem großen Glück hatten wir erfahrene Seeleute, und waren lauter beherzte Paſſagiere; ſo kamen wir denn dießmal mit einem blauen Auge davon; denn ſo viel kann ich Euch ſagen,— und ich kümmere mich nichts darum, wer es hört— es gehört eine tüchtige Portion Courage dazu, in die ſo ſchreckliche Straße mit offenen Augen einzulaufen. Wir gebrauchten Vorſicht, warfen in einiger Ent⸗ fernung bei ein paar Inſeln, welche einige Feldweges dieſſeits der gefährlichen Stelle liegen, unſere Anker aus, und ſchickten die Pinaſſe mit dem Kapitän und zwei ſtämmigen, mannhaften Ma⸗ troſen zum Recognosciren aus, damit ſie Alles genau unterſuchen und berichten möchten, ob der Schlund in friedlichem Stande ſei oder nicht. Und da ſich Alles erwünſcht befand, ſo ging's nun mu⸗ thig weiter; wir Paſſagiere wurden an's Land geſetzt, das Schiff ging zu Waſſer durch, und mit Gottes Hilfe lief beides glücklich ab. Wir hatten aber alle Urſache, uns zu freuen, daß wir uns vor der Ab⸗ fahrt den Gebeten unſerer Gemeine empfohlen hatten: ſie waren, wie Ihr ſeht, höheren Orts gnädiglich erhört worden.“ „Wie? Ihr umginget das Höllenthor zu Fuß?« fragte der aufhorchende Landmann. „Freilich! Es wäre ja ein ſündlicher, läſterlicher Trotz, ein unheiliges Verſuchen der Vorſehung geweſen, wenn wir anders gehandelt hätten. Was hatten wir für Pflicht und Beruf, uns der Gefahr auszuſetzen, und das Opfer unſers Lebens zu bringen? Doch jene Gefahr iſt nun, wie geſagt, glücklich vorüber, und ſo ver⸗ traue ich denn auch zu Gott, dieſer blutige Krieg, an welchem wir Beide Theil genommen, werde ebenfalls glücklich vorübergehen, *) Niagara. 16 und hoffe, Seine geheiligte Majeſtät werden Zeit und Raum ge⸗ winnen, ſein königliches Augenmerk auf die Seeräuber zu richten, welche die Küſten beunruhigen und verheeren, und werde einigen ſeiner beſten Seekapitäns Befehl geben, die Schurken mit eben dem Maaße zu meſſen, womit ſie ſich erfrechen, Andere zu meſſen. Was würde es in meinen alten Tagen eine Freude für mich ſein, wenn ich den berüchtigten, ſchon ſo lange vergeblich gehetz⸗ ten Red⸗Rover*) in dieſen Hafen einlaufen ſähe, von einem kö⸗ niglichen Kreuzer in's Schlepptau genommen 24 „Iſt denn der, von dem Ihr ſprecht, wirklich ein ſo abſcheu⸗ licher Bube?“ „Er? O, ſein Piratenſchiff ſteckt voll lauter Er's. Bis zum letzten Schiffsjungen ſind ſie Einer, wie der Andere, blutdürſtige heilloſe Räuber und Mörder. Lieber Pardy, es iſt herzbrechend und eine Noth, nur mit anzuhören, was dieſe Kanaillen auf der hohen See Sr. Majeſtät für Unheil und Greuel anrichten.“ „Ich habe oft,“ verſetzte der Landmann,„von dieſem Red⸗ Rover erzählen hören; doch nur im Allgemeinen; von den nähe⸗ ren Umſtänden habe ich bis jetzt noch nichts erfahren.“ „Wie ſollteſt du auch, junger Mann vom Lande? Woher kämen die Nachrichten von dem, was in offener See vorgeht, bis zu deinen Ohren. So etwas iſt nur für unſer Einen, der in einem ſo beſuchten Hafen lebt.... Aber mir iſt bange, Pardon, du wirſt ſpät nach Hauſe kommen—« ſetzte er hinzu, indem er zugleich auf gewiſſe Striche ſah, die er auf das Fenſterbrett gezogen, um mit deren Hilfe den Stand der Sonne bemerken zu können.—„Es geht ſtark auf Fünfe, und Ihr habt doppelt ſo viel Meilen zu gehen**) ehe Ihr an die nächſte Gränze von Eures Vaters Meie⸗ rei gelangt.“ „Ei was! Der Weg iſt eben, und die Leute ehrlich,“ erwiederte *) Red⸗Rover— der rothe Seeräuber. **) Zwei deutſche, da hier immer von engliſchen die Rede iſt. ⸗ ,——„—— 17 der Pachterſohn, dem es einerlei war, ob er erſt um Mitternacht ankomme, wenn er nur der Ueberbringer von Nachrichten aus der Stadt ſein und vor Allem von einem bedeutenden Seeraub erzäh⸗ len konnte; denn er wußte wohl, daß ein ganzer Haufen auf ihn mit der Frage einſtürmen würde: was bringſt du uns Neues?— „Und iſt er denn in der That ſo furchtbar, als man ſagt? Sucht man ihn wirklich auf?“. „Ihn aufſuchen? Ihn? Wird Tophet von einem betenden Chriſten aufgeſucht? Glaubt mir, auf dem mächtigen See⸗Element gibt es Wenige, ſollten ſie auch ſo tapfere Kriegsmänner ſein, als Joſua, der große jüdiſche Feldhauptmann, geweſen, die nicht tau⸗ ſendmal lieber Land, als die Bramſegel dieſes verwünſchten Piraten ſähen! Menſchen fechten des Ruhmes wegen. Das könnt Ihr mir glauben, Pardon, mir, der ich ſo viele Kriege erlebt habe; aber Niemand findet Vergnügen daran, es mit einem Feinde aufzuneh⸗ men, der beim erſten Schuß eine blutige Flagge aufzieht, und fertig und bereit iſt, beide Theile in die Luft zu ſprengen, wenn er findet, daß Satans Hand nicht mehr ſtark genug iſt, ihm zu helfen.“ „Iſt der Kerl ſo deſperat,“ ſagte der junge Mann, indem er ſich ſtolz in die Bruſt warf, und ſeine mächtigen Glieder reckte, „ſo begreife ich nicht, warum die Inſel und die Pflanzer auf der⸗ ſelben nicht ein Küſtenfahrzeug ausrüſten, ihn aufzubringen, damit er'mal lerne, wie ein ehrlicher Galgen ausſieht? Laßt nur heute oder morgen in unſerer Nachbarſchaft die Trommel rühren, und die Botſchaft ausrufen, und ich will meinen Hals verwetten, daß ſie wenigſtens Einen Freiwilligen mitnehmen wird.“ „Soaſprecht Ihr, weil Ihr kein Pulver gerochen habt! Wozu würden aller Welt Dreſchflegel und Heugabeln dienen, gegen Leute, die ſich dem Teufel verſchrieben haben? Wie oft iſt der Räu⸗ ber nicht von königlichen Kreuzern bei Nachtzeit oder bei Sonnen⸗ untergang geſehen worden? Wie oft glaubten ſie ſchon, ihn um⸗ zingelt und die Diebe im Netz zu haben? Wie oft hielten ſie ſie ſchon Der rothe Seeräuber. 2 18 in Gedanken im Folterſtock!— Wenn aber der Morgen graute, huſch! war die Priſe verſchwunden, auf einem oder dem andern Wege.“ „Sind denn die Kerle ſolche Bluthunde, daß man ſie die Rothen nennt?“ „Den Namen haben ſie von ihrem Anführer,“ erwiederte mit wichtiger Miene der ehrwürdige Kleidermacher, deſſen Kamm ſich zu heben anfing, je weiter er in der Mittheilung ſeiner intereſ⸗ ſanten Legende vorrückte.„Es iſt ſein Name und auch ſeines Schiffes Name; wenigſtens hat Niemand, der'mal einen Fuß darauf geſetzt, es wieder verlaſſen, um zu ſagen, ob es einen beſſern oder ſchlechtern führe; Niemand, das will ſagen, kein ehrlicher See⸗ mann oder braver Paſſagier. Das Schiff hat übrigens, wie man ſagt, die Größe einer Kriegsjacht, auch die Geſtalt, auch die Aus⸗ rüſtung; es iſt wie durch Wunder mancher tapfern Fregatte ent⸗ kommen; ja Einmal, Pardon— ſo ziſchelt man ſich in's Ohr, denn kein loyaler Unterthan würde es wagen, den Scandal laut nachzuſprechen— einmal lag es eine ganze Stunde unter den Batterien eines Linienſchiffs von fünfzig Kanonen, und ſchien dann, vor Al⸗ ler Augen, wie ein Klumpen Blei in den Grund zu ſinken. Aber im Augenblick, wo Alles voller Freude war, ſich die Hand ſchüttelte, ſich Glück wünſchte, daß die Buben nun Waſſer die Fülle zu trinken bekämen, lief ein Weſtindier in den Hafen ein, den der Seeräuber am Morgen nach der Nacht, in welcher Jedermann glaubte, daß er mit der ganzen Equipage in die Ewigkeit überge⸗ gangen ſei,— rein ausgeplündert hatte. Und was das Tollſte dabei war, Freund, iſt, daß während das durchſchoſſene Kriegsſchiff kielholen mußte, um ſich auszubeſſern, und die Lecke zu ſtopfen, das Raubſchiff die Küſte auf und nieder ſpazierte, ſo heil und ganz, wie es war, als es die Werkleute vom Stapel laufen ließen.“ „Nun, das iſt unerhört!“ rief der Landmann, auf den die Geſchichte anfing, einen tiefen Eindruck zu machen.„Wie ſieht denn das Schiff ſonſt wohl aus? Hat's eine gefällige Geſtalt? ein 19 angenehmes Aeußere? oder iſt es überhaupt ausgemacht, ob es ein— lebendes wirkliches Schiff ſei?“ „Man iſt verſchiedener Meinung. Einige ſagen Ja; Einige ſagen Nein. Aber ich bin mit Jemanden bekannt, welcher eine Woche mit einem Matroſen gearbeitet hat, der'mal bei einem Kühlwind nicht weiter als hundert Schritt von demſelben wegge⸗ ſegelt iſt. Sein und der Equipage Glück war's, daß des Herrn Hand ſo mächtig auf dem Meere war, und daß der Rover alle Hände voll mit ſich und ſeinem Schiff zu thun hatte, um nicht zu ſinken. Der Bekannte meines Freundes konnte den günſtigen Mo⸗ ment benutzen, Schiff und Kapitän in vollen Augenſchein zu neh⸗ men, ohne etwas dabei zu wagen. Er hat ausgeſagt, der Pirat ſei ein Mann, noch halb'mal ſo dick, als der lange Prediger jen⸗ ſeits des Waſſers; ſein Haar habe die Farbe der Sonne im Nebel; Augen habe er, in die kein Menſchlein zweites Mal gucken möchte. Er hat ihn ſo klar und deutlich geſehen, wie ich Euch in dieſem Augenblick, denn der Schurke hing in der Takelage ſeines Schiffs, und winkte mit einer Hand, ſo groß wie eine Rocktaſchpatte, dem ehrlichen Kauffahrer zu, auszuweichen, damit beide Schiffe nicht aneinander ſtoßen und ſich überſegeln möchten.“ „Das nenn' ich mir einen verwegenen Segler, dieſen Kauffah⸗ rer! Dem unbarmherzigen Schurken ſo nahe auf den Leib zu kommen.“ „Bedenkt doch nur, Pardon, es war wider ſeinen Willen; und die Nacht war ſo finſter, daß man....« „So finſter, ſagt Ihr?“ unterbrach Jener, der trotz ſeines Hanges zur Leichtgläubigkeit von der Neigung des Neu⸗Engländers, verfängliche Fragen zu ſtellen, nicht frei war.„Wie konnte er denn Alles ſo deutlich ſehen, und es nachher beſchreiben?“ „Das weiß kein Menſch,“ ſagte der Schneider,„s ſchadet aber nicht; genug, er ſah es, und ſah es gerade ſo, wie er es be⸗ ſchrieb, Alles haarklein, wie ich es Euch wiedererzählt habe. Noch 2* mehr; er merkte ſich das Schiff genau, damit er es wieder erkenne, wenn ein Ungefähr, oder die göttliche Vorſehung es wieder'mal ihm in den Weg führen ſollte. Es war ein langes, ſchwarzes Schiff, ging flach im Waſſer, wie die Schnecke im Graſe, hatte ein verzweifelt boshaftes Anſehen und eine ganz verrückte Bauart. Dann verſichert auch noch die ganze Welt, es ſcheine die Wolken zu überſegeln, und ſich wenig um den Wind zu kümmern, ſo daß man hinſichtlich ſeiner Geſchwindigkeit um kein Jota beſſer daran iſt, als mit ſeiner Ehrlichkeit.... Wenn ich es recht bedenke, Alles zuſammennehme, ſo hat das Schiff etwas von dem Fahrzeug dort, von dem Guineafahrer, welcher, der Himmel weiß, warum? ſeit voriger Woche im äußern Hafen liegt.“ Das alte Weib von Schneider hatte nothwendig beim Erzählen des Obigen einige köſtliche Augenblicke verloren; dieſe ſuchte er nun durch fleißigeres Nähen wieder einzuholen, und begleitete jeden Stich und jede Bewegung der Nadel mit korreſpondirendem Rucken mit dem Kopfe und den Schultern. Während deſſen drehte ſich der Bauer, der ſeinen dicken Kopf mit einer Laſt von wunder⸗ baren Nachrichten dergeſtalt angefüllt hatte, daß er ſie kaum nach Hauſe zu tragen vermochte, nach der Gegend, wohin Jener mit dem Finger wies, um ſich nun noch das Einzige, was ihm fehle, das Bild des Schiffs, zu verſchaffen, welches er, als Kupferſtich zu der Schneider⸗Relation, ſeinem Gedächtniſſe einprägen wollte. Hier⸗ durch, und durch die gleichzeitige Beſchäftigung beider Parteien, entſtand eine Pauſe. Der Schneider brach ſie zuerſt dadurch, daß er den Faden abknipste, denn das Kleidungsſtück war ſo eben fertig geworden. Jetzt warf er Alles von ſich, Rock, Nadel, Fingerhut, ſchob ſeine Brille an die Stirn hinauf, ſtützte ſeine Arme auf die Kniee, ſo daß er einer Pagode glich, und ſeine Glieder unterein⸗ ander ein wahres Labyrinth bildeten, und rückte den Vorderleib ſo weit zum Fenſter hinaus, daß er ebenfalls das Schiff, worauf er ſeinen Com⸗ pagnon aufmerkſam gemacht, in vollen Augenſchein nehmen konnte. —— u 2— i⏑—2— N— „ n+◻ 88 ⏑ 21 „Wißt Ihr wohl, Pardon,“ ſagte er zu gleicher Zeit,„daß ſich über dieſes Schiff da bei mir ſeltſame Gedanken und furcht⸗ bare Ahnungen entſponnen haben? Die Leute nennen es ein Skla⸗ venſchiff, und ſagen, es nehme Holz und Waſſer ein; und da liegt es ſchon ganzer acht Tage, und in all' dieſer Zeit iſt kein Stück Holz, dicker als ein Ruder, an Bord gebracht, und ich wollte wohl wetten, daß es zehn Tropfen Jamaica⸗Rum für einen Tropfen OQuell⸗Waſſer eingenommen hat. Und dann, ſeht nur nach, wo es vor Anker liegt; ſeht, wie es nur von einer einzigen Kanone der Bat⸗ terie beſtrichen werden kann. Wäre es ein gewöhnliches Handelsſchiff, welches Schutz ſucht, es würde ſich natürlich eine Stelle gewählt ha⸗ ben, wo ein Pirat, der ſich in den Hafen hineinwagen und ſich daran machen möchte, es unter dem vollen Feuer der Batterie finden würde.“ „Lieber, guter Alter,“ bemerkte der junge Landmann,„Ihr habt ein bewundernswürdiges Auge. Ich, für mein Theil, hätte mir dergleichen nicht ausgedacht, wenn auch das Schiff dicht vor der Batterie⸗Inſel läge.“ „So iſt's, Pardon. Gewohnheit und lange Erfahrung machen uns zu Menſchen. Ich verſtehe mich etwas auf Batterien, da ich ſo manchen Krieg geſehen, und ſogar einen Feldzug von acht Tagen im Fort ſelbſt mitgemacht, als es hieß, die Franzoſen wollten von Louisburg aus Kreuzer längs den Küſten ſenden. Da kam es denn, daß ich gerade vor jener Kanone Schildwache ſtand, und ſo habe ich, nicht ein⸗, ſondern wohl zwanzigmal ihren Lauf entlang viſirt, um den Fleck aufzufinden, den die Kugel treffen würde, wenn der Fall eintreten ſollte, was Gott verhüte! daß die Kanone wirk⸗ lich geladen und abgeſchoſſen werden müßte.“ „Aber wer ſind jene Leute dort?“ fragte Pardon mit jener Art träger Neugierde, welche durch die erzählten Wunder ein we⸗ nig aus ihrem Schlummer gebracht war.„Sind es Matroſen vom Sklavenſchiff, oder ſind es Newporter, die nichts zu thun ha⸗ ben, als die Straßen auf⸗ und abzugehen?“ 22 „Jene dort?“ rief der Schneider aus:„Gewiß und wahrhaftig, das ſind Fremde, und es thut in dieſen unruhigen Zeiten Noth, ein wachſames Auge auf ſie zu haben. Hier, Nab*), nimm mir das Stück ab; bügle die Nähte; hörſt du, faules Stück Fleiſch! Nachbar Hopkins iſt eilig, ſeine Zeit iſt edel, er iſt nicht wie du, deren Zunge geläufig iſt wie die eines Advokaten in der Gerichts⸗ ſtube. Nur die Ellbogen und die Armknochen nicht geſpart, Dirne; du haſt da ein feines Muslin aus Indien unter dem Bügeleiſen; das iſt ein Zeug, womit man Wände ausfüttern könnte. Ja, ja, Pardy, Eurer Mutter Gewebe bricht Nadel und Zwirn, und macht dem Nähter doppelte Arbeit.“— Mit dieſen Worten übergab er das ſo weit vollendete Stück einem linkiſchen ſchmollenden Mädchen, welches mit einer Nachbars⸗ klatſche in lebhaftem Gewäſch begriffen war, und das angenehme Geſchäft mit einem verdrießlichen vertauſchen mußte. Er ſelbſt ſchob ſeine kleine, hinkende Perſon— denn er hatte das Unglück gehabt, mit einem kürzeren Fuß auf die Welt zu kommen— vom Fenſter weg, zur Thür hinaus, in die freie Luft. Da wir aber den Leſer mit wichtigeren Perſonen bekannt zu machen haben, ſo ſchließen wir hier das erſte Kapitel, und gehen zum zweiten über. Zweites Kapitel.— Junker Tobias. Herrlich! ich wittre den Pfiff. . Was ihr wollt. II. Act, 3. Sc. Der Fremden waren drei; denn„Fremde ſind's!« wisperte der gute Homeſpun ſeinem Begleiter in's Ohr; und Homeſpun war ein Mann, der nicht nur die Namen, ſondern mehrentheils die ge⸗ heime Geſchichte aller Männer und Frauen, zehn Meilen ab von ſeiner Reſidenz, kannte.„Fremde ſind's, und überdieß(ſetzte er hinzu) Fremde von geheimnißvoller, drohender Art.“— Doch *) Abigail. der dar ge⸗ don er och 23 damit auch Andere über deſſen Zuſatz und deſſen Wahrſcheinlichkeit urtheilen mögen, ſcheint es uns nothwendig, einen genauen Abriß vom Aeußern dieſer verdächtigen Männer zu geben, welche das Unglück hatten, vom geſchwätzigen Schneider— nicht gekannt zu ſein, und ſo ungünſtig beurtheilt zu werden. Der Eine von ihnen, und bei weitem der, deſſen Aeußeres am meiſten hervorſtach, war ein junger Mann, welchem man ungefähr ſechs⸗ bis ſiebenundzwanzig Jahre geben konnte. Daß dieſer Theik ſeines Lebens nicht bei Tage in beſtändigem Sonnenſchein, bei Nacht nicht in ungeſtörter Ruhe verfloſſen, verriethen die Lagen von brauner Farbe, die ſich über ſeine Züge ſchichtweiſe und in einer ſo deutlichen Folge von Nüancen verbreitet hatten, daß ſeine ehemals feine, weiße Haut allmählig in dunkle Olivenfarbe überge⸗ gangen war, durch welche das ſchönſte Blut in Fülle der Geſund⸗ heit noch immer hervorſchimmerte. Seine Züge waren eher männlich und edel, als ſich durch genaues Ebenmaaß auszeichnend; ſeine Naſe mehr ſtolz und kühn hervorragend, als regelmäßig gebaut; ſeine Augenbrauen, buſchicht, bogenmäßig gekrümmt, gaben ſeiner Stirn und dem obern Theile des Geſichts einen entſchiedenen Ausdruck geiſtigen Vermögens, der den amerikaniſchen Phyſiognomien ſo eigenthümlich geworden iſt. Der Mund zeigte Feſtigkeit und Mann⸗ heit, und da ihn der Fremde zufällig, als ſich der neugierige Schnei⸗ der an ihn heranſchlich, zu einem bedeutenden Lächeln verzog, und ein paar Worte in ſich murmelte, zeigten ſich zwei Reihen glän⸗ zender Zähne, deren Weiße durch die braune Umgebung gehoben wurde. Das pechſchwarze Haar floß in wilden, ſtarken Locken auf die Schultern herab; die Augen waren nicht größer als gewöhnlich, grau, und obſchon von verſchiedenem Ausdruck und wandelbar, doch eher zur Milde als zur Strenge geneigt. Die ganze Geſtalt des jungen Mannes hielt das Mittel, welches Thätigkeit mit Kraft ver⸗ bindet, das glückliche Mittel zwiſchen richtigem Ebenmaaß und leichter Gefälligkeit. Gegen dieſe körperlichen Eigenſchaften und Vorzüge 1 24 ſtand die Kleidung des Fremden einigermaßen im Nachtheil; ſie war reinlich und geſchmackvoll, und wiewohl ganz die ſchlichte, ein⸗ fache eines gemeinen Seemanns, doch aber von der Art, daß ſie den bedächtigen Arbeiter in Steifleinen ſtutzig machte, und er mit ſich anſtand, ob er den Mann, deſſen Auge wie bezaubert auf das Sklavenſchiff im äußern Hafen geheftet ſchien, wohl anreden dürfe. Ein Zucken der Oberlippe, und ein zweites ſeltſames Lächeln und Gemurmel, in welches ſich ein ernſteres Gefühl zu miſchen ſchien, übte einen entſchiedenen Einfluß auf den unſchlüſſigen Geiſt unſeres Schneiderleins. Er wagte es nicht, den in ſich vertieften Fremd⸗ ling zu ſtören, der ſich an das Pfahlwerk, wo er ſtand, anlehnte, und nicht die leiſeſte Ahnung hatte, daß Jemand in der Nähe war und ihn beobachtete. Dieſer Jemand wendete ſich ſchnell von ihm zu den beiden Anderen. Von dieſen Beiden war der Eine ein Weißer, der Andere ein Neger. Beide waren über das Mittelalter hinaus; Beiden ſah man es an, daß ſie des Lebens Laſt und Hitze getragen, der Strenge des Klima's und den Stürmen der See ausgeſetzt geweſen. Ihre Tracht war die einfache, verſchoſſene, abgenutzte, betheerte Tracht der gemeinen Matroſen; ſie verriethen beim erſten Blick ihren Stand und Verkehr. Der Erſte war eine kurze, dicke, ſtämmige Geſtalt, theils von der Natur, theils durch lange Anſtrengung vorzüglich mit breiten, muskeligen Schultern und ſtarken, ſehnigen Armen be⸗ gabt, als wären gleichſam die unteren Theile nur dazu beſtimmt, den oberen zur Unterlage und zur Erleichterung ihrer Bewegungen und Kraftäußerungen zu dienen. Der Kopf ſtand im Verhältniß mit den oberen Gliedern; die Stirn rund, faſt ganz mit Haaren bedeckt; die Augen klein, ſtarr, bisweilen wild, bisweilen ſtumpf; die Naſe aufgeſtülpt, dick, gemeiner Art; der Mund breit und ge⸗ fräßig; die Zähne kurz, rein, vollkommen geſund; das Kinn breit, männlich, voll Ausdruck. Dieſer ſo ſonderbar geſtaltete Menſch hatte ſeinen Sitz auf einem leeren Faſſe genommen; mit überein⸗ ; ſie ein⸗ ß ſie mit fdas ürfe. und hien, ſeres kemd⸗ hnte, war ihm ke ein n ſah renge Ihre rracht Stand eſtalt, üglich en be⸗ immt, ungen ältniß daaren umpf; nd ge⸗ breit, Nenſch berein⸗ 25 ander geſchlagenen Armen ſaß er da, ebenfalls das Sklavenſchiff betrachtend, und ab und zu ſeinem Gefährten, dem Schwarzen Bemerkungen mittheilend, die ihm ſeine Beobachtungen und ſeine nicht gemeine Erfahrung eingaben. Der Neger nahm einen niedrigeren Poſten ein, der ſich beſſer für ſeine untergeordneten Verhältniſſe und Neigungen ſchickte. An Geſtalt und beſonderer Eintheilung der körperlichen Kraft glichen ſich Beide, nur daß der Schwarze einen höhern Wuchs und mehr Ebenmaaß in den Gliedern beſaß. Die Natur hatte zwar ſeinen Zügen die charakteriſtiſchen Zeichen ſeiner Abſtammung eingeprägt, aber nicht in jenem abſtoßenden Grade, womit ſie Manchen aus ſeinem Volke auf die widrigſte Art bezeichnet hat. Sein Geſicht war mehr ausgearbeitet als gewöhnlich; ſein Auge mild, der Frende leicht empfänglich, und wie das ſeines Gefährten bisweilen humo⸗ riſtiſch. Sein Haupthaar fing an zu grauen; ſeine Haut hatte die glänzende Pechfarbe verloren, die ſie in ſeiner Jugend auszeichnete; alle ſeine Glieder und Bewegungen bekundeten den Mann, deſſen Körper durch unaufhörliches Arbeiten hart und ſteif geworden. Er ſaß auf einem niedrigen Steine, und ſchien ſeine ganze Auf⸗ merkſamkeit auf kleine runde Kieſel zu richten, die er in die Luft warf, und mit großer Geſchicklichkeit wieder mit der Hand auffing, die ſie ſo eben in die Höhe geſchlendert hatte; ein Zeitvertreib, wel⸗ cher zugleich die natürliche Richtung ſeines Gemüths, an Kleinig⸗ keiten ſich zu vergnügen, und die Abweſenheit höherer Gefühle verrieth, welche die Folge einer gebildeteren Erziehung ſind, ob⸗ ſchon er auch geeignet war, die phyſiſchen Kräfte des Negers an⸗ ſchaulich zu machen. Um ſein triviales Spiel deſto ungehinderter und mit mehr Beauemlichkeit treiben zu können, hatte er den Aermel ſeiner groben Jacke bis zum Ellbogen aufgeſtreift, und zeigte einen entblößten Arm, der als Modell zu einem Herkulesarm hätte dienen können. Beide hier beſchriebene Perſonen hatten gewiß nichts ſo Im⸗ öoooöoöoͤoo“ ponirendes an ſich, daß ſie ein von Neugier ſo geplagtes Weſen, wie unſer ehrlicher Schneider war, hätten abhalten können, näher an ſie zu rücken. Gleichwohl hütete er ſich, ſeinem Gelüſte ſogleich Luft zu machen und geradezu auf ſie loszuſteuern; im Gegentheil wollte er die Sache ſo einleiten, daß ſein Begleiter, der Landmann, einen hohen Begriff von ſeiner Kunſt, in ein Geheimniß einzudrin⸗ gen, bekäme. Er fing damit an, ihm ein geheimes Zeichen von Behutſamkeit und Einverſtändniß zu geben; dann näherte er ſich dem Fremdenpaar von hinten mit leiſem Tritt und auf den Zehen, damit er Gelegenheit hätte, Heimliches aufzufangen, was dieſem und jenem der unachtſamen Seeleute in ihrer Unterredung entſchlüpfen könnte. Sein Aufpaſſen führte ihn jedoch zu keinem wichtigen Re⸗ ſultat; nur diente es dazu, ihn in dem Verdacht zu beſtärken, den er ſchon gegen dieſe Leute geſchöpft hatte, denn in jedem Laut, der über ihre Lippen kam, glaubte er neue offenbare Beweiſe zu hören, daß ſie nichts Geringeres als Landesverräther ſein müßten. Die Worte, die ſie ſprachen, waren freilich nicht ſo beſchaffen, daß ſie den Argwohn des guten Mannes hätten vermehren können; und obſchon es in ſeinen Augen ausgemacht war, daß ſie Verrath und Hochverrath enthielten, ſo konnte er doch nicht umhin, ſich ſelbſt zu geſtehen, daß ihre Reden ſo künſtlich geſetzt ſeien, daß ſich durch⸗ aus, ſelbſt von einem ſo ſcharfſinnigen Späher wie er, wider ſie nichts herausbringen ließe. Wir überlaſſen es dem Leſer, zu entſcheiden, ob er recht oder unrecht hatte. 3 „Sieh''mal die ſchöne Binnenbucht an, Guinea,“ bemerkte der Weiße, ſeinen Tabak im Munde rollend, und zum erſten Mal die Augen vom Schiffe abwendend;„iſt ſie nicht ein Plätzchen, in dem man gerne ſein Schiff untergebracht ſehen möchte, wenn man ohne Krücken*) vor einem Legerwall liegt? Ich bin doch auch ein Stück von einem Seemann, kann aber die Philoſophie jenes Bur⸗ ſchen nicht klein kriegen, der ſein Schiff draußen liegen hat, wenn *) Ohne Anker. ſen, iher eich heil unn, rin⸗ von ſich hen, eſem pfen Re⸗ ken, kaut, e zu zten. daß und und ſelbſt urch⸗ er ſie „ z9 eerkte Mal n, in man h ein Bur⸗ wenn 27 er es in einer halben Stunde hier im Mühlenteich einbringen könnte. Wozu läßt er ſeine Böte ſo unnütz arbeiten? Meinſt du nicht auch ſo, ſchwarzer S'ip? Heißt das nicht aus ſchönem Wet⸗ ter ſchlechtes machen?“ Der Neger hatte nämlich in der Taufe den Namen Scipio Africanus— abgekürzt S'ip— erhalten; eine Art von Witz, wel⸗ cher zur Zeit, als Amerika noch in Provinzen zerfiel, weit mehr Mode war, als ſeitdem es in Staaten getheilt iſt, und die niedri⸗ gen Dienerklaſſen mit Namen, wenigſtens mit Beinamen belegte, die mit den Philoſophen, Helden, Dichtern und Kaiſern des alten Roms ſeltſam kontraſtirten. Ihm, dem afrikaniſchen Scipio aus Guinea, war es im Grunde einerlei, ob das Schiff in offener See oder im Hafen lag, ſo daß er ohne ſein Kinderſpiel zu unterbre⸗ chen, mit großer Gleichgültigkeit zur Antwort gab: „Er mag denken, das Binnenwaſſer iſt nem Mars) verſchloſſen.“ „Ich ſage dir, Guinea,“ erwiederte Jener in hartem, nach⸗ drücklichem Tone,„der Kerl draußen iſt ein Strohmann. Würde ein Menſch, der nur ein Loth Grütze im Kopfe hätte, und mit einem Schiff umzugehen wüßte, ſich auf der Rhede abäſchern, wenn er ſein Gefäß, Steuer und Spiegel, in das ſchöne Becken brin⸗ gen könnte?“ „Rhede? Rhede?“— wiederholte der Schwarze mit dem Triumph der Unwiſſenheit, der es einmal gelingt, den Widerpart auf einem kleinen Irrthum zu ertappen.—„Rhede? was verſteht Ihr unter Rhede?“ Der Andere hatte nämlich den Außenhafen von Newport mit dem ſtürmiſchen Ankerplatze der Rhede verwechſelt; dieſes griff unſer Scipio mit derjenigen Gier auf, womit Leute ſeiner Art auf Nebendinge achten, wenn ſie die Hauptſache nicht anfechten können. „Ich habe nie, ſo lange ich lebe, einen Ankergrund, mit Land herum, Rhede nennen hören.“ „Hört, Meiſter Goldküſte,“ murmelte der Weiße, mit drohender Kopfbewegung ſeinem Gegner zunickend, ohne ihn mit einem Blicke zu beehren,„wenn Ihr Luſt habt, im nächſten Monat Eure Haut ganz zu behalten, ſo rathe ich Euch wohlmeinend, die Schlacken Eures Witzes bei Euch zu tragen, und darauf bedacht zu ſein, wie und wann Ihr ſie von Euch gebt. Antworte mir, S'ip, und das gleich! Iſt ein Hafen ein Hafen? und iſt die offene See die offene See.“ Die beiden Fragen waren von der Art, daß Scipio mit allem ſeinem Naturwitze nichts dagegen aufbringen konnte. Er nahm alſo die klügſte Partei; er berührte keine von beiden, und begnügte ſich, ſchweigend und mit großer Selbſtgefälligkeit den Kopf zu ſchütteln, wobei er innerlich über den Triumph, welchen er da⸗ von getragen zu haben glaubte, ſo herzlich lachte, als ob er keine Sorge kennte, und nicht lange Jahre der geduldige Gegenſtand von Mißhandlung und Demüthigung geweſen wäre. „Ei ſieh' doch!« brummte der Weiße, welcher inzwiſchen ſeine vorige Stellung eingenommen, und die Arme wieder übereinander geſchlagen, die ſich, als wollten ſie die ausgeſtoßene Drohung unter⸗ ſtützen, etwas von einander gegeben hatten.„Jetzt, da du anſtatt zu antworten, den Wind aus deiner Kehle pfeifen läſſeſt, wie ein Volk Uferkrähen, jetzt denkſt du wohl, groß Recht zu behal⸗ ten! Der Herr und Erſchaffer der Welt hat den Neger zum un⸗ vernünftigen Thiere gemacht; und ein erfahrener Seemann, wie ich, der beide Kaps umſegelt, und alles Gelände zwiſchen Fundy und Horn vor ſich über hat gehen laſſen, kann ſich die Mühe und den Athem erſparen, Einen deines Gelichters in die Schule zu nehmen. So viel ſage ich dir, Scipio, weil doch einmal Scipio der Name iſt, den du in unſeren Schiffsbüchern führſt, obſchon ich einen Monatsſold gegen einen hölzernen Bootshaken verwette, daß dein Vater zu Hauſe Quaſhee und deine Mutter Quaſheiba heißt— ſo viel ſage ich dir, Herr Scipio Africa, mit der afrika⸗ niſchen Farbe, daß jener Schuft in dem Außenraume des hieſigen Newport'ſchen Seehafens ſich auf keinen Ankerplat verſteht, Lin nac hak bew klei und „N das, gew Bei woh ſo! geſa anke nich kiſſe Maꝛ als er Geſe 2 erhe der ein gent mal See die „ welc hätt Blicke ſonſt hätte er ſeinen Kat⸗Anker hoffentlich hier herum in einer Haut Linie mit der Südſpitze des kleinen Eilandes fallen laſſen, das Schiff acken nachgeholt, und es mit guten Hanftauen und eiſernen Schlamm⸗ ,wie haken befeſtigt. Nun aber,“ fuhr er in einem Tone fort, welcher d das bewies, daß, was ſo eben vorgefallen, nur eines von den vielen See.“ kleinen Scharmützeln geweſen, welche ſie mit einander ausgefochten, allem und auf welche ſtets eine freundliche Windſtille gefolgt war,— nahm„Nun aber, S'ip, ſtrenge deinen Vernunftkaſten an, und achte auf nügte das, was ich dir ſagen will. Der Menſch da hat jenen Ankerplatz pf zu gewählt, entweder mit oder ohne Grund. Ich hoffe, Eines von er da⸗ Beiden wirſt du mir zugeben. Ohne Grund? ſo iſt's auf Gerathe⸗ keine wohl geſchehen, und ich habe nichts weiter zu ſagen; mit Grund? iſtand ſo hätte er auf jeden Fall beſſer gethan, wenn er, wie ich dir geſagt habe, hier herum und keinen Faden näher oder weiter ge⸗ ſeine ankert hätte, aber nicht da, wo das Schiff jetzt liegt; das war ander nicht ſchwerer, als eine Handvoll Federn in des Kapitäns Kopf⸗ unter⸗ kiſſen ſtecken. Haſt du nun etwas Kluges einzuwenden und dem anſtatt Manne einen andern Grund unterzulegen, ſo bin ich bereit, dir , wie als ein vernünftiger Menſch zuzuhören, und als Einer, der, wie behal⸗ er ſich zum Philoſophen gebildet, die gewöhnlichen Sitten der m un⸗ Geſellſchaft nicht abgelegt hat.“ , wie„Angenommen, daß ſich ein friſcher Wind hier aus Nordweſt Fundy erhebt,“ hob der Schwarze an, und ſtreckte zugleich den Arm nach he und der Gegend des Kompaßſtriches aus, die er andeuten wollte,„und ule zu ein Schiff will in der Eile in See gehen, muß es ſich nicht weit Scipio genug halten, um durch das Wetter zu kommen? Ha, knackt mir bſchon zmal dieſe Nuß auf, Miſſer Dick! Ihr ſeid ein grundgelehrter wette, Seemann, aber Ihr habt ebenſowenig ein Schiff dem Winde in iſheiba die Zähne ſegeln geſehen, als einen Affen ſprechen gehört.“ afrika⸗„Der Schwarze hat recht!“ rief der dritte Seemann aus, ieſigen welcher, wie es ſchien, dem Streite zugehört hatte, ſo ſehr man erſteht,f hätte glauben ſollen, er ſei mit etwas ganz Anderem beſchäftigt. ö 30 „Der Sklavenhändler hat ſein Schiff in dem äußern Hafen gelaſſen, weil er weiß, daß in dieſer Jahreszeit der Wind ſich mehrentheils weſtwärts hält; und dann ſeht Ihr überdieß⸗ daß er ſeine leichten Spieren oben nach dem Top hinauf hält; und doch gibt die Art und Weiſe, wie ſeine Segel beſchlagen ſind, deutlich zu erkennen, er liege feſt. Könnt ihr nicht herausbringen, gute Freunde, ob er ein zweites Anker unter ſich hat, oder blos an einem liegt?“ „Der Mann muß ein Narr ſein,“ erwiederte der Weiße, ohne zu bedenken, daß es bei Seeleuten auch andere Gründe geben kann, als die bloßen Regeln der Schifffahrt,„ein Narr, daß er ſich und ſein Schiff ohne einen Wurfanker, ja ſelbſt ohne einen Kedſche anzulegen, einer ſolchen Strömung von Ebbe und Flut überläßt. Daß er ſich überhaupt wenig auf's Ankern verſteht, will ich ihm allenfalls ſchriftlich geben; aber man muß den Ver⸗ ſtand verloren haben, wenn Alles ſo hoch hinaufgerollt und be⸗ ſchlagen iſt, das Schiff, Steuerbord und Backbord, einem einzi⸗ gen Tau zu vertrauen, wie jenes ſtößige Pferd, welches wir auf unſerem Landwege von Boſton mit einem langen Halfter an einen Baum gebunden antrafen.“ „Sieh' da,“ fiel der Neger ein, ſein glänzend Auge immer auf das Schiff gerichtet, und ſein Steinchen⸗Spiel immer fortſetzend, „ſieh' da! Sie haben den Wurfanker heruntergelaſſen und alle übri⸗ gen Anker geſtaut. Ich denke, man klemmt das Ruder ganz an Backbord, Miſſer Harry, und nimmt die Strömung unter ſeinen Bug. Glaubt Ihr nicht, er könne dann Trab und Galop davon gehen? Ei, ich möchte den Meſſer Dick ein Pferd reiten ſehen, was an einen Baum gebunden wäre!“ Der Einfall machte den Neger ſelbſt lachen und den Kopf ſchütteln, als ſähe er im Geiſte dem Ritt zu, den ſeine Phantaſie ihm vorbildete. Er lachte herzlich, während ſein weißer Gefährte wieder ſchwer und heftig gegen ihn loszog. Auf dieſen halb witzi⸗ gen, halb groben Streit ſchien der dritte Mann nicht zu achten; ⸗ aſſen, theils ichten e Art nnen, 2, ob egt?“ ohne geben daß er einen d Flut rſteht, n Ver⸗ ud be⸗ einzi⸗ vir auf ter an ner auf ſetzend, le übri⸗ anz an ſeinen davon ſehen, n Kopf hantaſie Befährte lb witzi⸗ achten; 31 dagegen waren ſeine Blicke auf das Schiff gefeſſelt, welches für ihn ein Gegenſtand des größten Intereſſes zu ſein ſchien. Auch er ſchüttelte das Haupt, nur ernſter als der Schwarze; und als ob ſich in dieſem Augenblick ſeine Zweifel löſeten, oder als hätte er nur das Ende des Ausbruchs der Negerfreude abwarten wol⸗ len, rief er aus: „Recht, Scipio, recht; du haſt recht, Junge. Das Schiff rei⸗ tet ganz auf ſeinem Wurfanker; Alles iſt in Bereitſchaft zum baldigen Aufbruch. In zehn Minuten würde es ſich außer dem Feuer der Batterie bringen, wofern es nur über eine Mütze voll Wind ſchalten könnte.“ „Sir, Sie ſcheinen ein guter Richter in dergleichen Dingen zu ſein,“ ließ ſich eine unbekannte Stimme hinter ihnen vernehmen. Der junge Mann drehte ſich ſchnell auf dem Abſatze um, und erſt jetzt merkte er, daß ſie Drei nicht mehr allein waren. Doch war er nicht der Einzige, den die Erſcheinung ſtutzig machte; denn dieſer unvermuthete Zuwachs der Geſellſchaft nahm den ge⸗ ſchwätzigen Schneider ebenſoſehr Wunder, wo nicht noch mehr, als irgend Einen von der Gruppe, die er ſo angelegentlich be⸗ horcht und beobachtet hatte, daß ihm für das Bemerken eines neuen Ankömmlings kein Raum übrig geblieben war. Dieſer Ankömmling war ein Mann zwiſchen dreißig und vier⸗ zig; Miene und Geſtalt waren nicht wenig dazu geeignet, die ſchon ſo angeregte Neugierde des guten, ehrlichen Homeſpun noch mehr anzufachen. Winzig von Perſon, ſah man ihm Leichtigkeit und ſelbſt ein Maaß von Kraft an, welches mit ſeiner kleinen Figur, von nicht ganz mittlerer Größe, in auffallendem Gegenſatz ſtand. Seine Haut wäre blendend, wie der feinſte Frauen⸗Teint geweſen, hätte nicht ein Dunkelroth, welches die unteren Geſichtszüge über⸗ zogen, und beſonders an ſeiner ſchönen Habichtsnaſe ſichtbar war, allen Verdacht von Weiblichkeit beſeitigt. Sein Haar war, wie ſeine Farbe, ſchön, und rollte längs den Schläfen in reichen, glänzen⸗ den, ſich üppig ringelnden Locken herab. Mund und Kinn waren fein gebildet; nur daß ſich am erſtern ein Zug von Spottliebe zeigte, und an beiden ein entſchiedener Charakter von Lüſternheit und Wolluſt. Das Auge blau, voll, doch nicht vorragend, und obſchon mehrentheils ruhig und ſogar ſanft, doch zuweilen unſtät und wild. Er trug einen hohen koniſchen Hut,halb auf einem Ohre, der ſeinen Zügen einen leichten Anſtrich von Ausſchweifung gab, einen hellgrünen Reitfrack, rehlederne Beinkleider, Stulpſtiefeln und Sporen. In der Hand hielt er eine dünne Reitgerte, mit welcher er, als er zuerſt entdeckt wurde, mit einem Schein von großer Gleichgültigkeit über die Entdeckung durch die Luft hieb. „Sie ſcheinen, Sir, wie ich ſagte, ein guter Richter in der⸗ gleichen Dingen zu ſein,“ wiederholte er, als er die erſte Be⸗ ſchauung und Augenunterſuchung des jungen Mannes überſtanden hatte, und etwas ungeduldig zu werden anfing;„Sie ſprechen dar⸗ über wie ein Mann, der es fühlt, daß er ein Recht hat, ſeine Meinung zu ſagen.“ „Wie? finden Sie darin etwas Merkwürdiges, daß unſer Einer in dem Beruf, in welchem er erzogen worden, und in dem Ge⸗ ſchäft, welches er lebenslang betrieben, nicht unwiſſend ſei?“ „Hum! das eben nicht. Nur etwas merkwürdig finde ich es allerdings, daß Jemand, deſſen Geſchäft ein bloßes Handwerk iſt, dieſem Treiben das ehrenvolle Beiwort Gewerbe beilegt. Wir ausgelernte Mitglieder der Rechtsgenoſſenſchaft, und ehemalige Zöglinge der Alma⸗Mater⸗Univerſität, bedienen uns keines höhern Ausdrucks.“ „Nun ſo nennen Sie es meinethalben Verkehr; denn ein See⸗ mann möchte nicht gern mit Herren von Ihrer Kunſt und Ihrem Gewerbe etwas gemein haben,“ erwiederte der junge Schiffer, ſich zugleich von dem Ankömmling wegwendend und ſein Mißbe⸗ hagen über ihn nicht verbergend. „In dem ſteckt edles Metall!“ murmelte der Grünrock; und was erke unb ſenh mit Mat Art verſ „ der ſend „ 2 in ſü * Nach ſchä zu ſ ger! dung ſpiel ) bald nur nem 4 neig der faßt der. der! weid De daren liebe uheit und inſtät Ohre, gab, n und elcher roßer 1 der⸗ e Be⸗ anden n dar⸗ ſeine Einer n Ge⸗ i2* ich es erk iſt, Wir malige keines See⸗ Ihrem chiffer, Mißbe⸗ ; und was er halblaut dachte, gab er durch Ausdruck und Lächeln zu erkennen. Dann ſetzte er hinzu:„Freund, laſſen Sie ein leichtes, unbedeutendes Wort uns nicht trennen. Ich geſtehe meine Unwiſ⸗ ſenheit in Allem ein, was das Seeformular betrifft, und würde mit Vergnügen von einem in ſeinem Gewerbe ſo geſchickten Manne, wie Sie, lernen. Wie mich dünkt, ließen Sie über die Art der Beankerung jenes Schiffes etwas fallen, und über die verſchiedene Lage der unteren und oberen Theile.“ „Der unteren und oberen?“ rief der junge Mann aus, Jenen, der die Frage gethan, mit einem Blicke von oben bis unten meſ⸗ ſend, der der vorigen Miene nichts nachgab. „Der unteren und oberen,“ wiederholte der Andere. „Ich ſprach nur von der netten Einrichtung oben, kann aber in ſolcher Ferne nicht über die unteren Theile urtheilen.“ „Dann habe ich mich geirrt und bitte um Verzeihung, bitte Nachſicht mit Jemanden zu haben, der in Sachen, die das Marinege⸗ ſchäft betreffen, ein Neuling iſt. Wie ich ſchon die Ehre gehabt habe zu ſagen, ich bin nichts mehr und nichts weniger als ein demüthi⸗ ger Anwalt, im Dienſte Seiner Majeſtät in einer beſonderen Sen⸗ dung begriffen.— Wäre es nicht ein gar ſo erbärmliches Wort⸗ ſpiel, ſo würde ich hinzuſetzen: ich bin für jetzt— kein Richter.“ „Es iſt kein Zweifel,“ erwiederte der Schiffer,„daß Sie nicht bald zu dieſer Würde und Auszeichnung gelangen werden, wofern nur die Miniſter Seiner Majeſtät ſich einen Begriff von ‚beſcheide⸗ nem Verdienſt' machen können; es wäre denn, daß Sie frühzeitig....“ Hier hielt er inne, biß in die Lippe, machte eine ſtolze Ver⸗ neigung mit dem Kopfe, und ging nun langſam und in Begleitung der beiden Schiffer, welche mit ihm das Fahrzeug in's Auge ge⸗ faßt hatten, und ein eben ſo entſchiedenes Weſen annahmen, auf der Kaje ſpazieren. Der Mann in Grün beobachtete die Bewegung der Drei mit ruhigem und dem Anſchein nach ſich an dem Anblick weidenden Auge, ſchlug mit der Gerte gegen den Stiefel, und Der rothe Seeräuber. 3 ſ 34 ſchien dann nachdenkend zu werden, wie Einer, der gern den Fa⸗ den eines Geſprächs wieder anknüpfen möchte. „Frühzeitig— gehenkt würden,“ murmelte er zuletzt, als wollte er den Satz, den Jener unvollendet gelaſſen, ergänzen. „Drollig genug, daß ſo ein Menſch ſich übernehmen ſollte, mir eine ſo hohe Beförderung vorauszuſagen!“ Er ſchickte ſich augenſcheinlich an, dem abgehenden Kleeblatte zu folgen, als er eine Hand fühlte, welche ſich ohne Umſtände auf ſeinen Arm legte. Nun blieb er ſtehen. „Ein Wort in's Ohr, Sir,“ ſagte der geſchäftige Schneider, und gab dabei mit einem bedeutenden Zeichen zu erkennen, er habe Sachen von Wichtigkeit mitzutheilen:„nur ein einziges Wort, Sir, da Sie ſich in Seiner Majeſtät beſonderen Dienſten befinden. Nach⸗ bar Pardon,“ ſetzte er mit vornehmer Gönnermiene hinzu,„die Sonne iſt im Sinken; Ihr habt noch weit bis nach Hanſe, und keine Zeit zu verlieren. Mein Mädchen wird Euch das Kleid geben. Gott behüte Euch. Sagt von Allem, was Ihr geſehen und gehört habt, nichts, bis ich Euch noch vorher geſprochen habe. Zwei Männern, welche in einem Kriege, wie der gegenwärtige, ſo manche Erfahrung gemacht haben, darf es nicht an der gehö⸗ rigen Behutſamkeit fehlen. Lebt wohl, guter Freund! Empfehlt mich dem werthen Pachter, Eurem Vater! bringt meinen freund⸗ ſchaftlichen Gruß Eurer Mutter, der guten Wirthin. Noch'mal, lebt wohl, ehrlicher Junge, lebt wohl!“ Als ſich auf dieſe Weiſe Homeſpun ſeines gaffenden und ſtau⸗ nenden Begleiters entledigt hatte, ſahe er ihm noch mit wichtigerem Blicke nach, bis Jener die Kaje hinunter war, und nun erſt wandte er ſich wieder zum Grünrock. Dieſer war mittlerweile ruhig ſtehen geblieben, ohne die geringſte Gemüthsbewegung zu äußern; er wartete darauf, daß der Schneider, welchen er Zeit genug gehabt hatte zu betrachten, und den er, wie man zu ſagen pflegt, ſchon ziemlich auf den erſten Blick weg hatte, ſeinen Vortrag fortſetzen möchte. n Fa⸗ , als änzen. „mir blatte ſtände neider, r habe , Sir, Nach⸗ „„die 2, und Kleid geſehen n habe. ärtige, gehö⸗ npfehlt freund⸗ ) mal, d ſtau⸗ tigerem wandte gſtehen eru; er gehabt „ſchon möchte. 35 Dieß geſchah mit großer Behutſamkeit von Seiten des Fra⸗ genden, welcher ſicher gehen wollte, ehe er ſich dem Fremden an⸗ vertraute:„Sie ſagen alſo, Sir, daß Sie in Dienſten Seiner Majeſtät ſtehen?“ „Ich ſage noch mehr; ich bin ſein Vertrauter.“ „Zu viel Ehre für mich, mit einem Manne, der ſo hoch ſteht, mich in ein Geſpräch einzulaſſen. Ich fühle die Gnade in allen Gliedern,“ verſetzte der Lahme, indem er mit der Hand über die ſpärli⸗ chen Haare fuhr und ſich tief zur Erde neigte,„ein ſo großes Glück.... eine ſo gnädige Erlaubniß.... es iſt die höchſte Auszeichnung....“ „Sei es, was es will, Freund, genug, ich nehme es auf mich, Euch im Namen Seiner Majeſtät willkommen zu heißen.“ „Eine ſo große Herablaſſung würde mir das ganze Herz auf⸗ ſchließen, ſollte auch Verrath und ſonſtiger Unrath darin verbor⸗ gen ſein. Ich fühle mich ſo glücklich, ſo geehrt, mein geehrteſter Herr, eine Gelegenheit.... dieſe Gelegenheit zu finden, meinen brennenden Eifer für den König einem Manne vorzulegen, der nicht ermangeln wird, meine devoteſten Bemühungen Seiner Ma⸗ jeſtät zu Ohren zu bringen.“ „Sprecht frei,“ unterbrach ihn der grüne Fremdling mit einer Miene fürſtlicher Herablaſſung, worin jeder Andere, den nicht, wie unſern Schneider, ſeine eigene, knospentreibende Ehre beſchäftigt hätte, entdeckt haben würde, daß er läſtig zu werden beginne, „ſprecht ohne Rückhalt, Freund, wie wir es bei Hofe gewohnt ſind.“ Hierauf mit der Gerte gegen das Stiefelleder ſchlagend und ſich auf dem Abſatze drehend, murmelte er mit gleichgültigem Blick in die Zähne:„Wenn der Kerl dieſen Brocken hinabwürgt, ſo iſt er noch dümmer als ſeine Gänſe!“ „Ich will ſprechen, Sir; ich will,— ich ſehe es als eine Gnade und Barmherzigkeit an, wenn ein ſo vornehmer Herr mir ſein Ohr leiht. Sie ſehen doch, Sir, jenes große Schiff im äußern Hafen dieſer loyalen Seeſtadt.“ 3* das Schiff ſcheint überhaupt die Aufmerkſamkeit der würdigen Einwohner ſehr zu beſchäftigen.“ „Ew. Herrlichkeit haben hierin den Scharfſinn meiner guten Mitbürger etwas zu ſehr überſchätzt. Das Schiff liegt hier ſchon „O ja; mehrere Tage, ohne daß ich über den Charakter und die Tendenz oder Abſicht deſſelben von einem ſterblichen Weſen ein ſterblich Wort hätte äußern hören, als— von mir ſelbſt.“ „Ei! ei!“ murmelte der Fremde, in den Griff ſeiner Reitgerte beißend, und ſeine blitzenden Augen feſt auf das Geſicht des meckernden Mannes heftend, während dieſer, über die Wichtigkeit ſeiner Entdeckung buchſtäblich anſchwoll.„Und worin beſtehen denn Eure Vermuthungen?“ 3 „Ich kann mich irren, Sir, und Gott wird mir's verzeihen, wenn ich's thue; aber ſo viel— nicht mehr und nicht weniger— denke ich mir über die Sache. Jenes Schiff da, und das Volk darauf, gilt bei den Einwohnern von Newport für ehrliche, unſchul⸗ dige Sklavenhändler⸗Equipage. Als ſolche werden die Leute hier angeſehen und gern zugelaſſen, das Schiff nämlich zu einem guten, ſichern Ankerplatz, die Mannſchaft in die Tavernen und Kramläden. Sie dürfen aber nicht etwa glauben, daß ein Einziger von ihnen einen einzigen Rock habe bei mir ausbeſſern oder gar anfertigen laſſen; nein, Sir, das ganze Geſchäft geht durch die Hände oder, beſſer zu ſagen, durch die Finger eines jungen Anfängers im Me⸗ tier, Namens Tape. Der verſteht es, auf alle Weiſe Kunden an ſich zu locken. Er ſpricht ſchlecht von ſeinen Mitmeiſtern hinter ihrem Rücken, ſpringt mit ihrem guten Namen herum, verſchleudert ſeine Arbeit; kurz.... Gewiß und wahrhaftig, ich habe auf dem ganzen Fahrzeuge noch keine Jacke für den kleinſten Schiffsjungen gemacht.“ „Da könnt Ihr von Glück ſagen, Freund,“ erwiederte der grüne Mann,„daß Ihr mit den Buben nichts zu ſchaffen gehabt. Doch Ihr habt vergeſſen, mir zu ſagen, worin die Beſchwerde beſteht, die ich dem Könige vortragen ſoll.“ der uten chon denz blich gerte des gkeit tehen ihen, er Volk ſchul⸗ hier zuten, läden. ihnen rtigen oder, Me⸗ en an ihrem ſeine ganzen aacht.“ te der gehabt. werde 37 „Ich komme ſogleich auf den Hauptpunkt. Ew. Herrlichkeit müſſen wiſſen, daß ich ein Mann bin, der viel geſehen und viel gelitten in Seiner Majeſtät Dienſten. Fünf grauſame, blutige Kriege bin ich durchgegangen, eine Menge anderer Abenteurer und Erfahrungen ungerechnet, denn es iſt die Pflicht eines jeden guten Unterthans, zu dulden und zu ſchweigen.“ „Dieß Alles, ich verſprech' es Euch, ſoll dem Könige zu beiden Ohren kommen. Uno nun, würdiger Freund, macht Eurem Her⸗ zen Luft, und theilt mir Euren Argwohn frei und unumwunden mit.“ „Dank, ehrenwerther Sir, tauſend Dank! So viele Güte ge⸗ gen mich darf nie vergeſſen werden; obſchon nicht von mir geſagt werden kann, daß die Ungeduld, zu der verſprochenen Gnade zu ge⸗ langen, mich bewogen, mein Geheimniß leichtſinnig und widerrecht⸗ lich aufzudecken. Ew. Gnaden müſſen alſo wiſſen, daß geſtern, um dieſe Stunde, als ich allein auf meinem Werktiſche ſaß, und über dieſes und jenes nachdachte— unter andern auch und hauptſächlich darüber, daß mein Nachbar und Brodneider alle neue Ankömmlinge mir vor der Naſe wegſchnappt— ja, Sir, der Kopf arbeitet, wenn die Hände nichts zu thun haben— als ich nun ſo daſaß, wie ich mit wenig Worten geſagt, und nachdachte über dieſes und jenes, über die Mühſeligkeit des Lebens, über meine Erfahrungen im Kriege— denn Sie müſſen wiſſen, Sir, außer den Händeln im Lande der Perſer und Meder, außer dem Porteous⸗Auflauf in Edinbro', habe ich in fünf grauſamen, blutigen Kriegen....“ „O, ich ſehe es Eurer Naſe ſchon an, daß Ihr gedient habt; 34 unterbrach ihn ſein Zuhörer, welcher nur mit Mühe verbarg, daß ihm die Geduld zu reißen anfing,„allein, da jeder Augenblick mir koſtbar iſt, ſo wünſchte ich genauer zu vernehmen, was Ihr über das Schiff vorzubringen habt.“ „Man behält, Sir, einen militäriſchen Ueberblick, wenn man unzählbare Kriege durchlebt hat, ſo daß ich, zu unſerm beiderſeiti⸗ gen Nutz und Frommen, zu dem Theile meines Geheimniſſes kommen 38 kann, welches die Natur und den Charakter des Schiffes vorzüg⸗ lich berührt. Hier ſaß ich alſo, wie geſagt, darüber nachdenkend, wie die Verdacht erregende Schiffsmannſchaft von meinem Nachbar, dem Zungendreſcher Tape, betrogen worden,— denn, Sir, ſo viel muß ich noch im Vorbeigehen erinnern, der Tape iſt ein deſpera⸗ tes Klatſchmaul, und dabei ein Gelbſchnabel, der auf's Höchſte Einen Krieg geſehen hat— wie ich nun ſo nachdachte, daß er mir meine Kunden wie die Fliegen wegfängt, und da bekanntlich ein Gedanke der Vater und Erzeuger eines andern iſt, ſo kam durch eine natür⸗ liche Schlußfolge— wie ſich unſer frommer Pfarrer wöchentlich in ſeinen erbaulichen und gelehrten Reden der Schlußfolgen bedient— Folgendes in mir auf: Wären jene Schiffer ehrliche, gewiſſenhafte Sklavenhändler, würden ſie wohl einen arbeitſamen Handwerksmann und Familienvater übergehen und ihr wohlverdientes Geld einem gemeinen Schwätzer in den Rachen ſchieben? Eine neue Schluß⸗ folge hatte zur Folge, daß ich folgerte: Nein, unmöglich! Ich war mit dieſem folgerechten Satz vollkommen zufrieden, und folglich lege ich Jedem, der mir zuhören will, die Frage vor: Sind es keine Sklavenhändler, was ſind es denn für Leute? Eine Frage, von welcher der König ſelbſt in ſeiner hohen Weisheit zugeben würde, daß ſie leichter aufzuwerfen, als zu beantworten ſei. Nun ſchloß ich weiter: Iſt das Schiff kein ehrliches Sklavenſchiff, oder etwa ein königlicher Kreuzer, ſo iſt es ja handgreiflich, und ein Kind muß einſehen, daß es nichts Anderes ſein kann, als das Schiff des heilloſen Piraten, des Red R over.“ 8* „Des Red Rover?“ rief der Fremde aus, mit einem o h türlichen Ausdruck von Ueberraſchung, daß dadurch ſeine ſchom dahinſterbende Aufmerkſamkeit auf des Schneiders Gewäſch plötz⸗ lich und mächtig wieder auflebte.„Ja, Freund, das wäre in der That eine Entdeckung, die ſich der Mühe verlohnte! Aber wie kommt Ihr darauf?“ 6 „Aus mehreren Gründen, die ich nach einander aufzählen will. Erſte geſet beka⸗ anlen Meit Wen zum lich alſo folge nigli 2 und Aufn der zu g vom ehe Mur bishe durch hinre zu ſe ken men in 1 ſtand ter * ſchli Köng Prei orzüg⸗ akend, chbar, o viel ſpera⸗ Einen meine edanke natür⸗ lich in tent— nhafte smann einem chluß⸗ ch war olglich dind es Frage, ugeben . Nun f, oder und ein ils das ſo na⸗ 2 ſchon h plötz⸗ in der der wie en will. 39 Erſtens iſt es ein bewaffnetes Schiff, Sir. Zweitens iſt es kein geſetzlicher Kreuzer, denn dieß würde allgemein, und mir vor Allen, bekannt ſein, da hier ſo leicht keines von des Königs Schiffen anlegt, bei welchem ich mir nicht ein paar Dreier verdienen ſollte. Mein dritter Beweis iſt das raubſüchtige und rohe Betragen der Wenigen vom Schiffsvolke, die an's Land gekommen ſind; und zum vierten und letzten, was hinlänglich bewieſen iſt, kann füg⸗ lich als ſubſtantiell beſtehend angenommen werden. Hier haben alſo Ew. Gnaden, was ich billig die Vorderſätze meiner Schluß⸗ folge hätte nennen ſollen, und ich bitte unterthänig, ſie der kö⸗ niglichen Prüfung Seiner Majeſtät vorzulegen.“ Der Anwalt im grünen Rock horchte auf die etwas verwirrte und verdrehte Folgereihe von Homeſpuns Gründen mit großer Aufmerkſamkeit, obſchon die Ordnung, in welcher der eifrige Schnei⸗ der ſie vortrug, nicht eben gemacht ſchien, ihnen größeres Gewicht zu geben. Sein durchdringendes Auge rollte ſchnell abwechſelnd vom Schiffe auf den Redner; und es vergingen einige Augenblicke, ehe er es für gut fand, ihm Antwort zu geben. Die ſorgloſe Munterkeit, mit welcher er ſich Anfangs eingeführt und die ihn bisher beim Reden nicht verlaſſen hatte, wich von ihm, und wurde durch ein nachdenkendes und abgezogenes Weſen erſetzt, welches hinreichend bewies, daß, ſo leicht und flüchtig er auch von Natur zu ſein ſchien, er gleichwohl ebenſogut ſich in ernſthafte Gedan⸗ ken vertiefen könne. Doch eben ſo ſchnell, als er ſie angenom⸗ men, legte er die ernſtſinnende Miene ab, nahm eine andere an, in welcher Ironie und Aufrichtigkeit in ſeltſamer Verbindung ſtanden, und, die Hand auf des geſpannten Kleidermachers Schul⸗ ter legend, erwiederte er: „Freund, Ihr habt mir über einen wichtigen Gegenſtand Auf⸗ ſchlüſſe gegeben, welche Euch als einen treuen, loyalen Diener des Königs bezeichnen. Ich weiß, und wir wiſſen Alle, daß ein hoher Preis auf den Kopf des geringſten Mitgenoſſen und Begleiters des ——— Red Rover geſetzt iſt, und daß eine reiche, ja, ich möchte ſagen, eine glänzende Belohnung auf Denjenigen wartet, den ſein Glück zum Werkzeug beſtimmt, durch welches der ganze Bund der ver⸗ ruchten Böſewichter in die Hände der Gerechtigkeit geliefert wird. Ich bin überzeugt, daß ein vorzügliches Zeichen der königlichen Gnade auf eine Entdeckung dieſer Art folgen werde. Da iſt ſchon zum Beiſpiel ein gewiſſer Phipps geweſen, ein Mann von gerin⸗ ger Abkunft, den der König zum Ritter gemacht Hat.... „Wie? zum Ritter?“ wiederholte der Schneider, vor Bewun⸗ derung und Reſpekt außer ſich. „Zum Ritter,“ wiederholte langſam und kalt der grüne Mann, „zum ehrenhaften, ritterlichen Ritter. Wie iſt Euer Taufname?“ „Meine Zugabe, mein Given name, gnädiger und huldvoller Herr, iſt Hector.“ 3 „Und Euer Haus⸗ und Familienname, der alte Name Eures Stammes?“ „Iſt jederzeit Homeſpun geweſen.“ „Nun, Sir Hector Homeſpun wird eben ſo wohl klingen, als ein anderer. Aber, lieber Freund, um Euch Euern Lohn nicht ent⸗ gehen zu laſſen, müßt Ihr beſonnen und verſchwiegen ſein. Ich bewundere Euren Scharfſinn, und gebe mich Eurer Logik gefangen, Ihr habt den Grund Eurer Vermuthungen ſo klar auseinander geſetzt, daß ich ebenſowenig daran zweifle, jenes Schiff ſei das des berüchtigten Piraten, den man den Rothen nennt, als daß Ihr nächſtens Sporen tragen und Sir Hector genannt ſein werdet. 3 Beides hat ſich zugleich in meinem Kopfe feſtgeſetzt, aber es iſt nothwendig, daß wir behutſam und klug zu Werke gehen. Nicht wahr, ich kann mich darauf verlaſſen, daß noch kein Anderer von Euch Licht und Aufklärung in der Sache erhalten hat?“ „Keine Gottes⸗Seele. Tape ſelbſt würde auftreten und ſchwö⸗ ren, daß die ganze Eguipage aus gewiſſenhaften Sklavenhändlern beſteht.“ 2 komm Abend dem Beobe jeder zu de poſau Klugl werde gen, unſer „2 bückte Hut „. lichen mit d lang, Das wie Glück obſch den k geize — 8 getre — agen, Glück ver⸗ wird. ichen ſchon gerin⸗ wun⸗ Nann, me?“ voller Eures 1, als öt ent⸗ Ich angen, nander ei das aß Ihr verdet. es iſt Nicht ter von ſchwö⸗ indlern 41 „Deſto beſſer. Erſt müſſen wir der Sache auf den Grund kommen; daun folgt die Belohnung von ſelbſt. Trefft mich dieſen Abend eilf Uhr an jener niederen Stelle, wo die Landzunge nach dem äußeren Hafen ausläuft. Von da aus wollen wir unſere Beobachtung anſtellen, und ſobald der Erfolg ſie gekrönt hat und jeder Zweifel verſchwunden iſt, ſoll von der Maſſachuſetts⸗Bai bis zu den Niederlaſſungen von Oglethorpe die Entdeckung laut aus⸗ poſaunt werden. Bis dahin laßt uns ſcheiden, denn es iſt der Klugheit nicht gemäß, daß wir länger in Unterredung betroffen werden. Denkt an dreierlei, lieber künftiger Ritter, an Schwei⸗ gen, an Pünktlichkeit und an die Gunſt des Königs. Dieß ſeien unſere Loſungsworte.“ „Adieu, hochgeehrteſter Herr,“ antwortete der Schneider, und bückte ſich wieder bis auf die Erde, während Jener kaum an dem Hut rückte. „Adieu, Sir Hector,“ rief ihm der Grünrock zu, mit freund⸗ lichem Kopfnicken, wohlwollendem Lächeln und leichter Bewegung mit der winkenden Hand. Hierauf ging er langſam die Kaje ent⸗ lang, vor dem Hauſe der Familie Homeſpun vorbei, und verſchwand. Das Haupt dieſes alten Stammes ſtand eine Weile unbeweglich da, wie ſo mancher Vorgänger und Nachfolger, dergeſtalt über ſein Glück entzückt, und dergeſtalt verblendet in ſeiner Thorheit, daß, obſchon ſein phyſiſches Auge die Rechte von der Linken unterſchei⸗ den konnte, ſeine geiſtigen Sehnerven, von den Wolken des Ehr⸗ geizes umhüllt, durchaus verfinſtert und erblindet waren. Drittes Kapitel. Alonzo. Guter Bootsmann, trage Sorge. Der Sturm. Act I. Sc. 1. Sobald der grüne Fremde ſich vom leichtgläubigen Schneider getrennt hatte, verlor er ſein angenommenes Weſen, und gewann ein natürlicheres und geſetzteres. Doch ſchien es bald, als ſei auch dieſes eine zweite Maske, wenigſtens ein ungewohntes, läſtiges Joch, das er abzuſchütteln ſuchte, denn nach einer Minute klopfte er ſchon wieder mit der Reitgerte gegen den Stiefel, und trat in die Haupt⸗ ſtraße des Orts mit leichtem Gange und umherſchweifenden Blicken ein. Seinem Schnellblick, ſo ſehr er von einem Gegenſtande auf den andern überſprang, entgingen wenige der Vorübergehenden; und ſelbſt die Eile, womit er um ſich ſchaute und Alles zu umfaſſen ſchien, gab zu erkennen, daß ſein Geiſt eben ſo thätig und regſam war, als ſein Auge. Ein Fremder in dieſem Aufzuge, und dem man es auf den erſten Blick anſehen mußte, daß er ein Fremder war, konnte der Aufmerkſamkeit der wachſamen Gaſtwirthe, deren wir im erſten Kapitel dieſer Geſchichte Erwähnung gethan, un⸗ möglich entgehen. Allein er entzog ſich den Scharrfüßen und Höflichkeiten der beiden vornehmſten, und ließ ſich— ſeltſam genug!— vom dritten in ſein Haus komplimentiren, welches die gewöhnliche Herberge des Hafengeſindels war. Als er in die Gaſtſtube dieſer Taverne eintrat(denn ſie führte dieſen edleren Namen, obſchon ſie im Mutterlande kaum auf den einer Bierſchenke hätte Anſpruch machen dürfen), fand er das Zim⸗ mer mit den gewöhnlichen Trinkkunden vollgepfropft. Das Erſchei⸗ nen eines Gaſtes, welcher an Geſtalt und Kleidung ſich über die Klaſſe der täglichen Beſucher des Hauſes erhob, brachte eine augen⸗ blickliche Unterbrechung hervor; doch hörte die Pauſe bald auf, als der Neueingetretene ſich auf eine Bank geworfen, und den Wirth mit ſeinen Wünſchen und Bedürfniſſen bekannt gemacht hatte. Die⸗ ſer holte das Verlangte, ſetzte es dem Fremden vor, und machte ihm, und zugleich Denen, die ihm zunächſt ſaßen, eine Art von Entſchuldigung, daß ein Mann, am andern äußerſten Ende des langen, ſchmalen Tiſches, nicht allein das Monopol der Rede, ſon⸗ dern auch die Aufmerkſamkeit aller Gäſte durch das Verſprechen an ſich geriſſen, ihnen etwas ganz Ungeheures erzählen zu wollen. De ſich be im W ein M laſſen, dicken nur d tingal De den Li des k verſtee ten H zu ſp Ganzze ſilbern gehob ſchein zu ſei zählu 1 genſa * haben gende ein g Seine .) ) i auch Joch, ſchon Haupt⸗ Blicken de auf n; und nfaſſen regſam nd dem emder „deren n, un⸗ en und ſeltſam hes die führte nauf den as Zim⸗ Erſchei⸗ iber die augen⸗ auf, als Wirth te. Die⸗ machte Art von ende des de, ſon⸗ echen an vollen. Der würdige Zögling und Aufwärter des Bacchus ſetzte hinzu, ſich beſonders an den Grünen wendend:„Sauire, der Mann dort im Winkel iſt der Bootsmann des Sklavenſchiffes im äußern Hafen, ein Mann, der ſich den Seewind manches Jahr um die Naſe wehen laſſen, und ſo viel Gefechte und Wunder erlebt hat, daß er einen dicken Quartanten damit anfüllen könnte. Man nennt ihn hier nur den alten Boreas; ſein wahrer Name iſt aber Jack Nigh⸗ tingale)..... Iſt der Toddy**) nach des Squire's Geſchmack?“ Der Fremde beantwortete die zweite Frage mit einer ſchmatzen⸗ den Lippenbewegung, einer leichten Verneigung und dem Abſetzen des kaum berührten Glaſes auf den Tiſch. Zugleich drehte er den Kopf nach der ſo eben beſchriebenen Perſon hin, welche, nach der Art, wie ſie declamirte, zu urtheilen, für einen zweiten„Red⸗ ner des Tages“ gelten konnte.. Eine Geſtalt, weit über ſechs Fuß hoch; ein fürchterlicher Backenbart, der die gute Halbſcheid ſeines grimmigen Ausſehens verſteckte; eine Schmarre, welche als Zeuge eines ſchlecht geheil⸗ ten Hiebes auftrat, der einſt dieſe Halbſcheid in zwei Viertheile zu ſpalten gedroht hatte; der Gliederbau im Verhältniß; das Ganze durch die Seemannstracht und durch eine lange, ſchmutzige, ſtlberne Kette und eine kleine Pfeife daran, von demſelben Metall, gehoben. Ohne durch das Eintreten eines Mannes aus einer an⸗ ſcheinend höhern Klaſſe im Geringſten aus der Faſſung gekommen zu ſein, fuhr dieſer Sohn des Oceans in ſeiner angefangenen Er⸗ zählung fort, mit einer Stimme, welche die Natur ihm als Ge⸗ genſatz und Verſpottung ſeines muſtkaliſchen Namens gegeben zu haben ſchien; denn in der That hatten ſeine Laute eine ſo ſchla⸗ gende Aehnlichkeit mit dem tiefen Gebrülle eines Stiers, daß ein gewohntes Ohr erfordert wurde, ſie in Worte zu überſetzen. Seinen gebräunten Arm mit der geſchloſſenen Fauſt ausſtreckend, *) Nachtigall. *) Eine Art Punſch oder Miſchung von geiſtigen Getränken mit Waſſer. und den Norden des Seekompaſſes mit dem Daumen bezeichnend, fuhr er fort: „Wohl! angenommen, die Guineaküſte liege hier; todter Wind von der Küſte, ſeht ihr, nichts als Bö und gebrochener Wind, wie wenn eine Katze pruſtet, oder wenn der alte Graubart*), der ihn in ſeinem Schlauche für uns aufbewahrt, bisweilen den Pfropfen durch die Finger fahren läßt, und dann gleich wieder die Schnur doppelt um die Oeffnung des Sacks herumſchlägt— Ihr wißt doch, was ein Sack iſt, Bruder?“ Mit dieſer abgebrochenen Frage wandte er ſich an den ſchafs⸗ köpfigen Landmann, der dem Leſer ſchon bekannt iſt, und, ſein neues Kleidungsſtück unter dem Arme, mit offenem Munde daſaß, die Wunder⸗Erzählung verſchlingend, um ſie, zuſammt mit den Brocken, die ihm der Schneider mitgetheilt, ſeinen Freunden und Gevattern vom Lande brühend heiß zu hinterbringen. Ein allge⸗ meines lautes Gelächter erfolgte, auf Koſten des horchenden Par⸗ don. Nightingale warf einen vielſagenden Blick auf zwei oder drei von ſeiner Bekanntſchaft, und die Gelegenheit benutzend, „ſeine Lippen anzufeuchten“— wie er ſich witzig ausdrückte— — goß er ein Nöſſel Rum mit Waſſer hinunter, und fuhr, im Predigtton, in ſeiner Erzählung fort: „Und die Zeit wird kommen, Bruder, wo Ihr lernen werdet, was eine Rundſchnur iſt, wenn Ihr nicht ehrlich bleibt. Eines Menſchen Hals iſt dazu gemacht, daß er den Kopf über Waſſer halte, nicht daß er wie eine alte, windſchiefe Luke aus den Fugen gereckt werde. Deßwegen macht Eure Rechnung bei Zeiten, und folgt dem Bleiloth des Gewiſſens, auf daß Ihr nicht auf die Un⸗ tiefen der Verſuchung gerathet.“— Hierauf ſeinen Tabak im Munde rollend, blickte er um ſich, wie Einer, der ſich einer mora⸗ liſchen Verbindlichkeit entledigt hatte, und fuhr fort:„Nun weiter. Dort liegt das Land, und, wie geſagt, von hier kam der Wind *) Aeolus. Oſt zu er ſtar lage un werth des We anders Beinen zu gebe ſen, B bensver hörigen mir ſas tunke, dem eit hinten ſich der ſchieden welchen lich ein mich in wenn ie wie ich tän, de der Sch zugeger jenem Sir!“ a ſchuldig ſagte ie eine Se und Ja chnend, r Wind Wind, bart*.), len den wieder lägt— ſchafs⸗ d, ſein 2 daſaß, mit den den und n allge⸗ ſen Par⸗ bei oder nutzend, ückte— uhr, im werdet, Eines Waſſer en Fugen ten, und die Un⸗ abak im er mora⸗ n weiter. der Wind Oſt zu Süd, vielleicht auch Oſt zu Süd halbſüd. Bisweilen blies er ſtark, bisweilen ließ er nach, daß die Segel ſich an der Take⸗ lage und den Spieren zerrieben, als wäre ein Segelbolz nicht mehr werth wie eines reichen Mannes Segen. Mir waren die Anſichten des Wetters gar nicht angenehm; ich ſah voraus, es werde etwas anders geben, als eine ruhige Wache. Ich blieb alſo auf den Beinen, um mich in den Stand zu ſetzen, meine Meinung von mir zu geben, wenn etwa danach gefragt würde. Ihr müßt aber wiſ⸗ ſen, Brüder, daß in Folge meiner Begriffe von Religion und Le⸗ bensverhalten ein Menſch zu nichts gut iſt, wenn es ihm am ge⸗ hörigen Maaß der Sittlichkeit fehlt; deßwegen wird man nie von mir ſagen können, daß ich an des Kapitäns Back*) den Löffel ein⸗ tunke, wenn ich nicht von ihm eingeladen werde, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil mein Tiſchlein vorne und das ſeinige hinten ſteht. Ich will nicht entſcheiden, an welchem Schiffsende ſich der beſſere Mann befindet; dieſes iſt ein Punkt, worüber ver⸗ ſchiedene Leute verſchiedener Meinungen ſind, obſchon die meiſten, welchen ein Urtheil in der Sache zuſteht, in ihren Anſichten ſo ziem⸗ lich einig ſind. Nun, wie geſagt, ich blieb auf den Beinen, um mich in den Stand zu ſetzen, meine Meinung von mir zu geben, wenn ich darnach gefragt würde. Und ſiehe da, Alles ereignete ſich, wie ich es vorhergeſehen.„Miſter Nightingale,“ ſagte unſer Kapi⸗ tän, denn er iſt ein Gentleman, und vergißt ſich nie im Punkte der Schicklichkeit am Deck, oder wenn Jemand von der Mannſchaft zugegen iſt;„Miſter Nightingale,“ ſagte er,„was haltet Ihr von jenem Wolkenlappen dort in Nord⸗Weſt,“ ſagte er.— ‚Wohl, Sir!’ antwortete ich dreiſt, denn ich bleibe Niemanden eine Antwort ſchuldig, wenn man mich anredet, wie's ſich ſchickt. ‚Wohl, Sir!“ ſagte ich. ‚Mit Ew. Gnaden Erlaubniß'— eine bloße Redensart, eine Schnurre, denn der Kapitän war gegen mich, an Erfahrungen 3 oder ſonſt etwas Warmes, gegen den Wind, ‚mit Ew. Gnaden Er⸗ laubniß, meine Meinung wäre, die drei Topſegel zu beſchlagen und den Klüver zu ſtauchen. Wir haben keine Eile, aus dem ein⸗ fachen Grunde: wo Guinea heute Abend liegt, wird es morgen früh auch liegen. Und um das Schiff bei gebrochenem Winde im Schick zu halten, haben wir das Schönfahr⸗Segel....“ „Euer Schönfahr⸗Segel hättet Ihr ebenfalls beſchlagen ſollen,“ ließ ſich von hinten her eine Stimme vernehmen, eben ſo ent⸗ ſcheidend, nur etwas weniger brüllend, als die des wortführenden Bootsmannes. „Was für ein Ignorant ſagt das?“ fragte Nightingale im ſtolzen Ton, als wenn eine ſo grobe und dreiſte Unterbrechung ſeinen ganzen innern Zorn rege gemacht hätte. „Kein Ignorant; ein Mann, der Afrika von Kap Bon bis zum Vorgebirge der guten Hoffnung, und das mehr als einmal beſchifft hat, und eine weiße Bö von einem bunten Regenbogen zu unterſcheiden verſteht.“— Alſo ſprach Dick Fid der Weiße, der mit ſeinem Begleiter, dem Neger Scipio, eingetreten war, und ſeine kleine, unterſetzte Perſon dem wüthenden Bootsmann, der ſich durch den dichten Haufen, der ihn umgab, kraft ſeiner maſſiven Schultern Platz gemacht hatte, ſtämmig entgegenſtellte, und hin⸗ zuſetzte:„Ja, ja, Bruder, ein Mann bin ich, unwiſſend oder vielwiſſend, gleichviel, der es nie ſeinem Kapitän rathen würde, ſo viel Hinterſegel auf dem Schiffe zu behalten, wenn Gefahr wäre, daß es backwärts vom Winde gepackt würde.“ 4 Auf die kühne Aufſtellung einer Meinung, welche allen Um⸗ ſtehenden ſo verwegen vorkam, erfolgte ein allgemeines lautes Gemurmel. Aufgemuntert durch dieſes unverdächtige Zeugniß ſeiner größern Popularität, blieb Nightingale's derbe ausfallende Antwort nicht aus. Zugleich fiel ein ſchreiendes Concert aus den höheren und kreiſchenden Stimmen der Geſellſchaft ein, welches mit dem tieferen Baß, in welchem die— Hauptſänger ihre 1 beider fochte Ei erörte men; den W Fid ſer des L Arme gleich lenken zu kor das al gegner toriſch feindl. res al „ an, o ſo vie Zunge drecke Ausna ſein ſchnig Segel jede 2 2 „ ein L Dick. daß e verſte den Er⸗ ſchlagen em ein⸗ morgen inde im 4 ſollen,“ ſo ent⸗ ihrenden igale im brechung Bon bis s einmal nbogen zu „der mit und ſeine der ſich maſſiven und hin⸗ ſend oder en würde, an Gefahr allen Um⸗ nes lautes Zeugniß zusfallende tt aus den u, welches inger ihre 47 beiderſeitigen Meinungen durch Gründe und Gehengründt ver⸗ fochten, abwechſelte. Eine Zeitlang war es unmöglich, nur einen Theil der Streit⸗ erörterungen aufzufaſſen, ſo groß war die Verwirrung der Stim⸗ men; zugleich fehlte es nicht an Symptomen von beiden Seiten, den Wortſtreit in einen handgreiflichen zu verwandeln. Schon hatte Fid ſeinen ſtarken Gliederbau der koloſſalen Geſtalt ſeines Gegners, des Bootsmannes, entgegengeſtämmt; ſchon fielen vier athletiſche Arme dieß⸗ und jenſeits gegeneinander aus, vier knotige Arme, gleich indianiſchen Knotenſtöcken, aus Maſſen von Knochen, Ge⸗ lenken und Sehnen beſtehend, welche Alles, was ihnen entgegen zu kommen wagen würde, zu zerſchmettern drohten. Jedoch, als das allgemeine Geſchrei allmählig abnahm, fing man an, die Haupt⸗ gegner anzuhören; und dieſe, damit zufrieden, daß man ihren rhe⸗ toriſchen Kräften Aufmerkſamkeit ſchenken wollte, ließen von der feindlichen Stellung ab, und verließen ſich auf ein noch ſiegreiche⸗ res aber weniger furchtbares Glied, als ihre braungebrannten Arme. „Ihr ſeid ein verwegener Seemann, Bruder,“ fing Nightingale an, als er ſeinen Sitz wieder eingenommen,„und wenn Reden ſo viel wäre als Handeln, ſo würdet Ihr bald dem Schiffe eine Zunge leihen. Ich aber, der ich Flotten von Zwei⸗ oder Drei⸗ dreckern geſehen habe, und das von allen Nationen— jedoch mit Ausnahme eurer Mohawks, deren Krenzern ich nie begegnet zu ſein geſtehen muß— ich, der dieſe Flotten habe liegen ſehen, ſchnigge wie die Seemöven mit ihren eingereiften Schönfahr⸗ Segeln, ich verſtehe mich auf den Lauf des Schiffs, und auf jede Wendung deſſelben.“ „Ich werde Euch in alle Ewigkeit nicht zugeben, daß man ein Boot mit Hilfe der Hinter⸗Raaſegel halten muß,“ erwiederte Dick.„Ich will zugeben, daß Ihr ihm die Stagſegel gebt, ohne daß es unrecht ſei; aber kein ächter Seemann, der ſein Handwerk verſteht, wird nur einen Sack poll Wind zwiſchen den großen Maſt und die Borgwandtaue durchlaſſen. Aber Worte ſind wie der Donner, welcher oberhalb rollt, ohne je eine Barkuſe hinab zu gleiten; laßt uns daher die Frage einem Dritten vorlegen, der das Waſſer kennt, und etwas vom Schiff und Schiffsleben verſteht.“ „Wäre der älteſte Flotten⸗Admiral Sr. Majeſtät hier zugegen, er würde bald entſchieden haben, wer von uns Beiden recht und wer unrecht hat. Hört, Brüder, wenn es Einen unter euch Allen gibt, der auf der See erzogen iſt, ſo ſtehe er auf, und ſpreche, damit die Sache'mal zum Spruch komme, und nicht wie ein Splitzeiſen zwiſchen einem Braſſenblock und einer beſchmierten Raa feſtſetze.“ „Hier denn,“ rief Fid,„hier iſt der Mann.“ Zugleich ſtreckte er den Arm aus, ergriff Scipio beim Kragen, zog und ſchob ihn ohne viele Umſtände mitten in den Kreis, welcher ſich um die beiden Streiter gebildet hatte.—„Hier iſt ein Mann für Euch, der noch eine Reiſe mehr zwiſchen Amerika und Afrika gemacht hat, als ich, und zwar aus dem Grunde, weil er daſelbſt gebo⸗ ren iſt. Nun paſſ' auf, S'ip, und antworte wie Einer, der vom Tauwerk herabruft: unter welches Segel würdeſt du, an deines Landes Küſte, ein Schiff bringen, wenn es Gefahr liefe, einen Windſtoß aushalten zu müſſen?“ „Unter gar keines; ich würde es lenſſen.“ „Aber hör' mich doch an; wenn du ſicher gehen wollteſt, wür⸗ deſt du das Schiff unter ein Schönfahrſegel bringen, oder blos das Vorſegel gebrauchen?“ 5 „Darauf weiß ja jeder Narr die Antwort,“ brummte Scipio verdrießlich, weil ihm die Katechismusfragen läſtig zu werden an⸗ fingen.„Wenn Ihr die Vorſegel weglaßt, wie wollt Ihr es mit dem großen Segel machen? Gebt mir Antwort, Miſter Dick!« „Meine Herren,“ ſagte Nightingale mit Gravität rund um ſich blickend,„ich überlaſſe es Ihnen zu entſcheiden, ob es ſich ſchicke, einen Neger auf eine ſo ganz ungewöhnliche Weiſe auftreten zu laſſen, damit er einem Weißen ſeine Meinung in die Zähne werfe?“ D mit a hielt, ohne 3 das H ſich zu ſeiner der un figkeit Wider Gefähr Zeugn. zug ni fand, ſich eit nachde zugeru hätte, De Freude „»G denheit ſeht, d von Le und de auch n hat, ich, d finden der ab zu r das teht.“ egen, d wer gibt, damit zeiſen ſetze.“ reckte b ihn n die Euch, macht gebo⸗ vom deines einen wür⸗ blos Scipio n an⸗ s mit ckle m ſich chicke, ten zu erfe?“ 49 Dieſes Appelliren an die verletzte Würde der Geſellſchaft wurde mit allgemeinem Gemurmel beantwortet. Scipio, der ſich bereit hielt, ſeine auf Erfahrung geſtützte Meinung zu behaupten, und ſie ohne Zweifel gegen Jedermann durchgeſetzt haben würde, hatte nicht das Herz, der Aeußerung, daß es ihm nicht zukomme, mitzuſprechen, ſich zu widerſetzen. Ohne ein Wort zu ſeinen Gunſten oder zu ſeiner Entſchuldigung zu ſprechen, ſchlug er die Arme über einan⸗ der und verließ das Haus mit der Nachgiebigkeit und Unterwür⸗ figkeit eines Menſchen, welcher, an Unterdrückung gewöhnt, zum Widerſtand ſich zu ſchwach und demüthig fühlt. Nicht ſo ſein Gefährte Fid, der ſich mit einem Male von ihm verlaſſen und ſeines Zeugniſſes beraubt ſah. Er ſchwieg zu dieſem unerwarteten Ab⸗ zug nicht, remonſtrirte und proteſtirte laut dagegen; als er aber fand, daß es zu nichts half, that er einen herzhaften Fluch, ſtopfte ſich ein paar Zoll Tabak in den Mund und folgte dem Compagnon, nachdem er ſeinen Gegner nochmals feſt in's Auge gefaßt und ihm zugerufen hatte:„Wenn ſein Kamerad nur eine ſchmucke Haut hätte, würde er von Beiden der Weiſeſte ſein!“ Der Triumph des Bootsmannes war nun vollſtändig und ſeine Freude darüber unmäßig. „Gentlemen,“ ſagte er hierauf, mit zunehmender Selbſtzufrie⸗ denheit, die bunte Geſellſchaft anredend, die um ihn ſtand,„Ihr ſeht, daß Vernunft einem Schiffe gleicht, das auf beiden Seiten von Leeſegeln niedergehalten wird, dem geraden Kielwaſſer folgend und den Maſt ſchonend. Aber ich mag mich nicht rühmen, weiß auch nicht, wer der Menſch iſt, der ſich ſo eben davon gemacht hat, um ſeine Ehre in Zeiten zu wahren;— nur ſo viel ſage ich, daß der Mann zwiſchen Boſton und Weſt⸗Indien noch zu finden iſt, welcher beſſer als ich ſich darauf verſteht, ein Schiff gehen oder ſtehen zu machen, vorausgeſetzt, daß....“ Hier ſtockte mit einem Male der tiefe Baß Nightingale's, ſein Auge ſtarrte, er ſtand wie bezaubert da, weil ihn der Blitz⸗Blick Der rothe Seeräuber. 4 50 des grünen Mannes traf, deſſen Geſtalt und Züge plötzlich unter den gemeinen Geſichtern der Menge hervorragten.— „Mag ſein,“ fuhr jetzt der Bootsmann fort, die Worte halb verſchluckend aus Beſtürzung, daß er ſich einem ſo niederſchmet⸗ ternden Auge gegenüber ſah,„mag ſein, daß dieſer Herr einige Seekenntniß hat und den vorliegenden Streit entſcheiden kann.“ „Wir ſtudiren auf der Univerſität nicht die Seetaktik,“ erwie⸗ derte der Andere kurz abgebrochen,„obſchon ich nach meiner ge⸗ ringen Kenntniß geſtehe, daß ich für das Lenſſen bin.“ „Er ſprach dieſes letzte Wort mit einem Nachdruck aus, welcher auf den Gedanken bringen konnte, er wolle einen Scherz, ein Wortſpiel) machen; um ſo mehr, da er gleich darauf ſeine Zeche auf den Tiſch warf, ſich lenſſte und Nighlingalen das Feld räumte. Nach einer kurzen Pauſe ſetzte dieſer ſeine Erzählung fort; nur, ſei's aus Ermüdung, ſei's aus einer andern Urſache, weniger entſchieden als vorher und auffallend abgekürzt. Kaum war ſie zu Ende und ſein Grog⸗Krug leer, als er dem Ufer zu⸗ wankte, wo bald nachher ein Boot anlegte, um ihn nach dem Schiffe zu bringen, welches, wie wir geſehen, das beſtändige Augenmerk des guten Homeſpun geblieben war. Unterdeſſen hatte der grüne Fremdling ſeinen Gang durch die Hauptſtraße des Ortes fortgeſetzt. Fid war ſeinem beſchämten Begleiter Scipio nachgeeilt, nicht ohne verächtliche Bemerkungen über des Bootsmanns Seekenntniſſe vor ſich in den Bart zu mur⸗ meln. Als er den Schwarzen eingeholt hatte, änderte er den An⸗ griff und ſiel mit Vorwürfen über ihn her.„Wie konnteſt du,“ fuhr er ihn an,„einen ſo einfachen Punkt fahren laſſen? Es iſt ja ſo klar, wie die Sonne am Himmel, daß der Schooner doch ſchneller fortkommen würde, mit dem Wind von beiden Seiten, als vom Winde geklemmt.“ 4—) To scud heißt in der Seeſprache lenſſen, fortt eiben; in der gewöhn⸗ lichen: ſich auf die Beine machen. 3 fen ſ Heöh 2 æs m oder beſtie in ei um e verlo men. ſeine Ehren ſie ei der 2 ſeinen Stell gema niß d dankt 85 leicht „5 Ausdr wenn C 28 freun! didat „2 Seem bald „2 der K .0 *) unter te halb ſchmet⸗ einige kann.“ erwie⸗ ner ge⸗ welcher rz, ein te Zeche as Feld zählung Urſache, Kaum Ifer zu⸗ ich dem ſtändige urch die ſchämten rkungen zu mur⸗ den An⸗ teſt du,“ 2 Es iſt ner doch Seiten, er gewöhn⸗ Der grüne Mann folgte dem vor ihm herſchlendernden Paare; es mochte ihm nun ihr Betragen in der Schenke aufgefallen ſein, oder aus bloßer Laune. Sie ſchlugen ſich um das Waſſer hin, beſtiegen eine Anhöhe; die Beiden, eine Strecke voraus; der Grüne, in einiger Entfernung von ihnen; bis dieſer ſie, beim Umbiegen um eine Straßen⸗ oder vielmehr Feldſtraßenecke aus dem Geſicht verlor, denn ſchon war man aus der Stadt und Vorſtadt gekom⸗ men. Jetzt verdoppelte der Rechtsgelehrte(wofür er ſich gegeben) ſeine Schritte, und war froh, als er nach einigen Minuten beide Ehrenmänner an einem Zaune ſitzend wiederfand. Hier hielten ſie ein frugales Mahl aus dem Inhalt eines kleinen Kobers, den der Weiße bisher unter dem Arm getragen hatte, und wovon er ſeinem Compagnon freigebig zukommen ließ.— Scipio hatte ſeine Stelle nahe genug eingenommen, zum Beweiſe, daß der Friede gemacht war, doch etwas mehr im Hintergrund, aus Anerkennt⸗ niß des höhern Ranges, den der Andere ſeiner weißen Farbe ver⸗ dankte. Der Fremde näherte ſich ihnen und ſprach: „Da ihr mit dem Kober ſo gaſtfrei umgeht, ſo möchte viel⸗ leicht euer dritter Mann ohne Abendeſſen zu Bette gehen müſſen.“ „Wer prait?“*) rief Dick, von ſeinem Knochen mit einem Ausdruck aufſehend, der dem Blicke eines Bullenbeißers glich, wenn man ihn bei einer ähnlichen Beſchäftigung ſtören würde. „Ich wünſchte nur,“ erwiederte Jener im Cavaliertone,„Euch freundſchaftlich zu erinnern, daß ſich noch ein dritter Speiſekan⸗ didat vorfindet.“ „Wollt Ihr eine Schnitte? Da nehmt, Bruder,“ ſagte der Seemann, mit Matroſenfreigebigkeit den Kober hinreichend, ſo⸗ bald er zu merken glaubte, daß es auf dieſen abgeſehen ſei. „Nicht doch, Ihr verſteht mich unrecht; hattet Ihr nicht auf der Kaje einen dritten Compagnon?“ „Ja, ſo! Der iſt dort in der Abfahrt, wo Ihr das Stück *) Ruft. H 52 von einer Feuerbake ſeht, welche ſchlecht genug verteiet iſt, man müßte denn gewollt haben, daß ſie den Ochſengeſpannen und inländiſchen Händlern den Kanal zeigen ſolle. Dort, dort Gentleman, wo Ihr den Steinhaufen ſeht, welcher alle Augen⸗ blicke ſcheint heruntergerollt kommen zu wollen.“ Der Fremde ſah in die angegebene Richtung hin und erblickte den jungen Seemann, nach welchem er ſich erkundigt hatte, nicht weit von der Stelle, wo ſie waren, am Fuße eines alten verfallenen Thurmes ſtehen, welcher, vom Zahne der Zeit zerfreſſen, alle Augen⸗ blick den Einſturz drohte. Den beiden Schiffern eine Handvoll Münze zuwerfend, wünſchte er ihnen eine geſegnete Mahlzeit und ſprang über den Zaun, in der Abſicht, ebenfalls die Ruine zu betrachten. „Der Burſche,“ ſagte Dick, indem er mit ſeiner Kinnladenbe⸗ wegung inne hielt und dem Abgehenden einen freundlicheren Blick nachſchickte, als der beim erſten Empfang geweſen war:„der Burſche iſt freigebig mit ſeinen Kupferpfennigen; da ſie aber da, wo er ſie geſäet, nicht wurzeln würden, ſo hebe ſie auf, S'ip und ſtecke ſie mir in die Taſche. Das nenn' ich, traun! einen raſchen, freien Handel, Afrika; ſo ſind ſie aber Alle, die Geſetzhändler. Ihre Pence werfen ſie dem Teufel in den Rachen; dafür wiſſen ſie auch mehr zu bekommen, wenn Ebbe in ihrer Lade iſt.“ Wir laſſen den Neger das Geld aufſammeln und es pflicht⸗ mäßig, zwar nicht ſeinem eigentlichen Herrn und Gebieter, doch aber Einem, der ſich das Anmaßungsrecht erlaubte, einhändigen, und folgen dem Fremden auf ſeinem Gang nach dem den Ein⸗ ſturz drohenden Gebände. An der Ruine ſelbſt war nicht viel, was das Beſchauen derſelben einem Manne lohnen konnte, welcher, ſeinen Verſicherungen zufolge, Gelegenheit gehabt hatte, weit impoſantere Ueberbleibſel der alten Zeit, jenſeits des Oceans, in Augenſchein zu nehmen. Es war ein kleiner, runder Thurm; er ſtand auf rohen Pfeilern, welche durch Bogen unter ſich verbunden waren, und mag, in der Kindheit des Landes, zu einer Schutzwehr erbau einem kleine Zuſta ſeit d der U der ar nicht vollen ten un die R Lande brache den S Stiefe merkſe merkte „T Proſp Waldi Herren Stein et iſt, pannen , dort Augen⸗ rblickte ,, nicht allenen Augen⸗ Münze ſprang rachten. adenbe⸗ en Blick Burſche wo er id ſtecke „freien Ihre iſſen ſie pflicht⸗ er, doch indigen, en Ein⸗ iel, was welcher, 2e, weit ans, in urm; er rbunden hutzwehr 53 erbaut worden ſein, obſchon es weit wahrſcheinlicher iſt, daß er zu einem andern als einem kriegeriſchen Gebrauch gedient habe. Dieſes kleine Gebäude, mit ſeiner ſonderbaren Geſtalt, ſeinem verfallenen Zuſtand und Baumaterial, iſt auf einmal, fünfzig Jahre und darüber ſeit der Periode, von welcher es ſich hier handelt, ein Gegenſtand der Unterſuchungen einer ſehr gelehrten Klaſſe von Männern— der amerikaniſchen Alterthumsforſcher— geworden. Es darf uns nicht Wunder nehmen, daß eine Ruine, die man einer ſo ehren⸗ vollen Aufmerkſamkeit gewürdigt hat, die Veranlaſſung zu lebhaf⸗ ten und tiefen literariſchen Erörterungen geworden iſt. Während die Ritter in den ſchönen Künſten und in den Alterthümern des Landes um jene einfallenden Mauern ſo manche tapfere Lanze brachen, ſahen die minder gelehrten oder eifrigen Umſtehenden den Streitenden mit eben dem Grade von Ver⸗ und Bewunderung zu, welche ſie zu erkennen gegeben hätten, wären ſie Zuſchauer und Zeugen des Kampfes des berühmten Ritters von Mancha mit Windmühlen anderer Art geweſen, eines Kampfes, welchen uns der unſterbliche Cervantes ſo ſinnreich beſchrieben hat. Als der grüne Mann den Ort erreicht hatte, gab er ſeinem Stiefel mit der Reitgerte einen kräftigen Schlag, um die Auf⸗ merkſamkeit des vertieften Seemanns auf ſich zu ziehen, und be⸗ merkte dann mit freiem, leichten Weſen. „Wie maleriſch liegt dieſe Ruine? wie ſchön würde ſie im Proſpekt laſſen, wenn man ſie, mit Epheu bewachſen, durch eine Waldöffnung erblickte? Doch ich muß um Verzeihung bitten; Herren von Ihrem Gewerbe haben mit Wäldern und verwitterten Steinen wenig zu thun. Dort(mit dem Finger auf die hohen Maſten des Schiffes im äußern Hafen zeigend) dort iſt der Thurm, den Sie lieben; ein Wrack iſt Ihre Ruine!“ „Sie ſcheinen, Sir,“ antwortete Jener kalt,„mit unſerem Geſchmack vertraut.“ „So iſt es aus Inſtinkt; denn gewiß, ich habe bis jetzt wenig Gelegenheit gehabt, durch Umgang mit. Männern vom.... Ge⸗ werbe, in dieſem Fach Kenntniſſe zu ſammeln, und ich darf nicht hoffen, daß ich in gegenwärtigem Augenblicke glücklicher ſein werde. Doch laſſen Sie uns frei ſein, Freunde werden und ein freundliches Wort mit einander reden. Was für ein Vergnügen finden Sie an dieſem Steinklumpen? Wie kann er Sie nur einen Augenblick von der Betrachtung jenes ſchönen, netten, wohl aus⸗ ſtaffirten Schiffes abhalten?“ „Nun, wenn ich, ein Seemann ohne Anſtellung, ein Schiff betrachten wollte, das mir gefiele, ſelbſt in der Abſicht, Dienſte darauf zu nehmen, würde Sie das ſo befremden?“ „Der Kapitän müßte ein ganzer Narr ſein; der einen Mann wie Sie abwieſe! Aber Sie ſcheinen für eine der niedrigen Berths*) zu gebildet und wohlerzogen.“ „Berths?“ wiederholte der Andere ſtutzend und die Augen ſcharf auf den Grünen richtend. „Berths oder Births. Dieß iſt ja wohl in der Schiffer⸗ ſprache das Wort für Stelle, Lage, Stellung Iſt's nicht ſo? Wir Rechtsgelehrte verſtehen uns wenig auf's Seewörter⸗ buch; aber ich ſollte meinen, ich hätte den doriſchen Dialekt ge⸗ troffen. Sind Sie auch der Meinung?“ „Das Wort iſt in der That noch nicht obſolet, und als Fi⸗ gur iſt es in dem Sinne, worin Sie es nehmen, correct.“ „Obſolet?“ wiederholte der Mann in Grün mit eben der Miene, womit Jener ſein Berths aufgefaßt hatte;„das iſt wohl der Name eines Schifftheils? Sie verſtehen vielleicht unter Figur die Figur am Spiegel und unter Obſolet das lange Boot?“ Der junge Seemann lachte, und als hätte dieſer Scherz die Schranke ſeiner Zurückhaltung durchbrochen, ſchien es, als ver⸗ liere ſein Benehmen von nun an und im übrigen Theile der Un⸗ terredung viel von dem anfänglichen kalten Zwange. *) Stellen. „. daß i gewe gen; warte nach Schn „ Wän baut Anſe Ihr wir aber habe *) Umſt Woll men . Ge⸗ ) darf er ſein nd ein gnügen einen ol aus⸗ Schiff Dienſte Mann edrigen Augen ſchiffer⸗ s nicht wörter⸗ lekt ge⸗ als Fi⸗ ben der ſt wohl Figur vot?* zerz die als ver⸗ der Un⸗ 55 „Es iſt gerade ſo klar,“ ſagte er,„daß Sie die Schiffsplanken, als daß ich die Schulbänke gedrückt habe. Da wir nun Beide ſo glücklich geweſen ſind, ſo laſſen Sie uns ehrlich zu Werke gehen und aufhö⸗ ren, in Parabeln zu reden. Und, um den Anfang zu machen, frage ich Sie, was Sie von dieſer Ruine halten, von der Abſicht und dem Gebrauche derſelben, als ſie noch in gutem Stande war.“ „Um dieſes beſſer zu beurtheilen und beantworten zu können,“ erwiederte der Grüne,„iſt es nothwendig, ſie genauer zu unter⸗ ſuchen, und vor Allem, ſie zu beſteigen.“ Zugleich kletterte er auf einer vorgefundenen morſchen Leiter bis zum Fußboden über dem Bogengewölbe, durch welches eine offene Fallthüre führte. Sein Compagnon nahm Anſtand, zu fol⸗ gen; als er aber ſah, daß Jener oben auf der Leiter auf ihn wartete, ihm zuwinkte und ihm die Oeffnung zeigte, ſprang er nach und erreichte die Höhe mit derjenigen Behendigkeit und Schnelle, die ihm bei ſeiner Lebensart geläufig war. „Hier ſind wir!“ rief der grüne Mann, ſich nach den nackten Wänden umſehend, welche aus ſo kleinen, ungleichen Steinen ge⸗ baut waren, daß ſie dem Gebäude ein hinfälliges, gefährliches Anſehen gaben.„Wir haben gute eichene Planken zum Deck, wie Ihr ſagen würdet*), und den Himmel zum Roof.... ſo nennen wir auf der Univerſität den Obertheil des Hauſes. Nun laßt uns aber ſprechen von Dingen der niedern Welt. Hm! hm!.... habe ich doch vergeſſen, wie Ihr Euch gewöhnlich nennt.“ „Das hängt von Verhältniſſen ab. So wie die Lagen und Umſtände verſchieden waren, war es auch meine Benennung. Wollt Ihr mich aber Wilder nennen, ſo werde ich auf den Na⸗ men hören und antworten.“ „Wilder! ein guter Name; doch dünkt mich, würdet Ihr nichts dabei verlieren, wenn Ihr Euch Wildfang*) nenntet. *) Seit der Annäherung verändert ſich das Sie in Ihr und Euch. **) Engl. Wortſpiel mit Wilder und Wild-one. 56 Ihr jungen Schiffsburſchen ſteht im Rufe, zuweilen in euren Launen wild umher zu ſchweifen. Wie manches zärtliche Herz habt ihr in ſchattigen Lauben über euren Flatterſinn ſeufzen und brechen laſſen, während ihr das ſalzige Waſſer des Oceans durch⸗ pflügtet.... iſt das nicht der Ausdruck, durchpflügen? Nachdenkend, dabei aber ſichtbar empfindlich über die Art von Katechismus⸗Examen, erwiederte der junge Mann:„Nur Wenige haben über mich geſeufzt.... Doch laßt uns die Unterſuchung des alten Thurmes fortſetzen. Was dünkt Euch ſeine Beſtimmung geweſen zu ſein?“ „Wozu er jetzt dient, iſt deutlich; wozu er früher gedient hat, iſt auch nicht ſchwer zu errathen. Gegenwärtig ſchließt er, wie wir ſehen, zwei leichte Herzen ein, und, wo ich nicht irre, zugleich zwei leichte Köpfe, die nicht ſchwer an Weisheit geladen haben. Früherhin waren dieſes hier Kornböden und die Bewohner kleine Thierchen, eben ſo leichtfüßig, als wir leichtſinnig an Kopf und Herz; mit einem Wort und auf gut Engliſch: es war eine Mühle.“ „Andere wollen behaupten, es ſei eine Veſte geweſen.“ „Hm! zur Nothdurft hätte man den Ort dazu gebrauchen können,“ verſetzte der Grüne, ihn ſchnell und aufmerkſam betrach⸗ tend,„aber ſo viel iſt gewiß, eine Mühle iſt es geweſen, ſo gern man ihm einen edleren Urſprung beilegen möchte. Die dem Winde günſtige Lage, die Pfeiler, die das Ungeziefer von unten abhalten ſollen, Geſtalt, luftiger Bau, innere Einrichtung, Alles dient zum Beweiſe. Whirr.. irr... irr, Klatter... atter... atter.. atter: mich dünkt, ich höre noch den alten Lärmen der Flügel und Rä⸗ der... St! ſtill! ich höre noch jetzt eine Art von Geklapper!“ Mit dieſen Worten ſprang er an eine der Oeffnungen hinan, welche dem Gebäude ehedem zu Luftlöchern oder Fenſtern gedient hatten, und ſteckte den Kopf durch, zog ihn nach einer halben Minute zurück und winkte ſeinem Gefährten, ſich ſtill zu verhalten. 3 Dieſer Beide von welche wo ſie unger! unſere ſich ar D Frauer Ander Schw Ueberg Vierte wechſe in eine hatten trauen Di waren „U welche gemach nehme meiner euren he Herz gen und durch⸗ 12* Art von Wenige ſuchung mmung ent hat, er, wie zugleich haben. r kleine opf und Mühle.“ rauchen betrach⸗ ſo gern Winde abhalten ent zum . atter: and Rä⸗ per 1* t hinan, gedient halben rhalten. 57 Dieſer verſtand und befolgte das Zeichen, und bald vernahmen Beide, was der Leſer mit ihnen vernehmen wird. Zuerſt ließen ſich in kleiner Entfernung weibliche Silberſtim⸗ men hören. So wie die Redenden näher kamen, ſtiegen die Laute von unten den Thurm gerade hinauf zu den Ohren der Beiden, welche ſich, alles Geräuſch vermeidend, ein Plätzchen aufſuchten, wo ſie, ſelbſt ungeſehen, ſehen und hören, und— wir ſagen es ungern, weil es der guten Erziehung zweier Hauptperſonen in unſerer Geſchichte nicht eben zur Ehre gereicht— horchen und ſich am Horchen beluſtigen konnten. 3 Viertes Kapitel. Sie narren mich, daß mir die Geduld beinah’ reißt. Hamlet. Act III. Sc. 2. Die Geſellſchaft unten beſtand aus vier Perſonen, lauter Frauenzimmer. Die Eine war eine Lady im ſinkenden Alter; die Andere über die Mitte der Jahre hinaus; die Dritte auf der Schwelle der Thür, welche man ‚Leben“ nennt, inſofern ſie der Uebergang zu den geſellſchaftlichen Verhältniſſen der Welt iſt; die Vierte war eine Negerin, welche einige fünfundzwanzig Jahres⸗ wechſel geſehen haben mochte. Sie ſchloß ſich den Uebrigen zwar in einem untergeordneten Verhältniſſe an, denn Zeit und Umſtände hatten ſie in die dienende Klaſſe gebracht; allein ſie genoß Ver⸗ trauen und Achtung von Seiten der Herrſchaft. Die erſten verſtändlichen Worte der alten Lady an die junge waren folgende: „Und nun, liebſtes Kind, da ich dir die Weiſung gegeben habe, welche die Umſtände und dein eigenes vortreffliches Herz nöthig gemacht, will ich dieſes unfreundliche Geſchäft mit einem ange⸗ nehmeren vertauſchen. Du wirſt deinen Vater von der Fortdauer meiner Zuneigung verſichern und ihn an ſein Verſprechen erinnern, 58 dich noch einmal zu mir zu ſchicken, ehe wir uns auf immer ſollten trennen.“ ten, Die Anrede war, wie geſagt, an das jüngſte Frauenzimmer„7 gerichtet, und wurde, wie zu vermuthen war, eben ſo zärtlich und nigen aufrichtig aufgenommen als gehalten. Die junge Perſon ſcchiug der ve die Augen auf, worin Thränen glänzten, welche ſie vergeblich zu Erziel unterdrücken bemüht war, und antwortete mit einer Stimme, war deren Töne in den Ohren der beiden Lauſcher melodiſch wie Si⸗ Stim renenmuſik klangen.„8 „Liebſte Tante, es iſt unnöthig, mich an ein Verſprechen zu mein! erinnern, woran mich mein eigener Vortheil ſo dringend mahnt. Ich Der?2 hoffe Sie ſogar öfter zu beſuchen, als Ihnen vielleicht lieb iſt; und tig in wenn mein Vater nicht nächſtes Frühjahr mit mir herüberkommt, Hande ſo wird es gewiß nicht an meinen inſtändigen Bitten liegen.“ einen „Unſre gute Frau Wyllys wird uns beiſtehen,“ erwiederte die daß z Tante, ſich gegen das ältere Frauenzimmer mit einem Geſicht voll woller Freundlichkeit und Anſtand neigend, welches den eingeführten Formen wobei der damaligen Zeit, wenn ein Oberer einen Untergebenen anredete, Erfole eigen und angemeſſen war.„Sie iſt durch ihre treuen Dienſte völlig W zu dem Einfluß berechtigt, den ſie über den General Grayſon übt.“ ſei, u „O ſie iſt zu Allem berechtigt, was Liebe und Herz geben Admit kann!“ rief die Nichte mit einer Haſt und einem Ernſte, welcher wiede dazu dienen ſollte, die zu förmliche Höflichkeit der Tante durch und i die Wärme ihrer eigenen Ausdrücke zu heben.„Mein Vater wird Eleve ihr ſchwerlich Etwas verſagen!“ was „Sind wir auch gewiß, daß Miſtreß Wyllys ſich zu uns ſchlägt?“„L fragte die Tante, ohne ſich durch die lebhafteren Gefühle der Nichte nach von ihrem angenommenen Gange ableiten zu laſſen.„Mit einem einzuc ſo mächtigen Alliirten wird unſer Bund unüberwindlich ſein!“„1 „Ich bin ſo ganz der Meinung, daß die geſunde Luft dieſer„Meit heilbringenden Inſel meinem jungen Fräulein zuträglich iſt, Ma⸗ Güter dame, daß, wenn auch keine andere Gründe in Betracht kommen ganze immer azimmer lich und n ſchlug blich zu Stimme, wie Si⸗ echen zu hnt. Ich iſt; und rkommt, gen.“ derte die ſicht voll Formen anredete, ſte völlig on übt.“ rz geben welcher nte durch ter wird ſchlägt?“ er Nichte lit einem ſein!“ ift dieſer iſt, Ma⸗ kommen 59 ſollten, Sie auf den geringen Beiſtand, den Sie von mir erwar⸗ ten, ſicher rechnen könnten.“ „Frau Wyllys ſprach Dieſes mit Würde, aber auch mit demje⸗ nigen Grade von beſcheidener Zurückhaltung, welche das Verhältniß der vermögenden, hochgeborenen Tante zu der bezahlten, abhängigen Erzieherin der Erbin ihres Bruders, ihr zur Pflicht machte. Dabei war ihr Anſtand edel und ziemend, und ihre Stimme, wie die Stimme ihres jungen Zöglings, ſanft und entſchieden weiblich. „Folglich können wir den Sieg für entſchieden achten, wie ſich mein verſtorbener Gemahl, der Contre⸗Admiral, auszudrücken pflegte. Der Admiral de Lacey hatte, meine liebe Miſtreß Wyllys, frühzei⸗ tig im Leben die Maxime zur Regel genommen und ſein ganzes Handeln danach eingerichtet,— und er verdankte dieſer Maxime einen großen Theil des Rufes, worin er auf der See ſtand—, daß zum Gelingen nur Eines erfordert werde, nämlich: es zu wollen; eine ſchöne, edle und ermuthigende Maxime, eine Maxime, wobei es nicht fehlen konnte, daß ſie ihn zu den ausgezeichneten Erfolgen geführt hatte, welche uns Allen bekannt ſind.“ Wyllys verneigte ſich, zum Zeichen, daß ſie völlig der Meinung ſei, und zum Beweis, wie ſehr ſie das Verdienſt des verſtorbenen Admirals anerkenne, hielt es aber nicht für nöthig, etwas zu er⸗ wiedern. Anſtatt ſich länger mit dieſem Gemeinſatz zu beſchäftigen und ihn wortreich auszuſpinnen, drehte ſie ſich zu ihrer jungen Eleve und bemerkte mit einem Tone und Weſen, aus welchem Alles, was Zwang und Zurückhaltung heißen mag, verbannt war. „Liebſte Gertraud, Sie werden das Vergnügen haben, wieder nach dieſer lieblichen Inſel zurückzukehren, die kühlenden Seewinde einzuathmen....“ „Und meine Tante wieder zu ſehen,“ ſetzte Gertraud hinzu. „Meine Wünſche wären, daß mein Vater ſich entſchlöße, ſeine Güter in Carolina loszuſchlagen, nach Norden zu ziehen und das ganze Jahr hier zuzubringen.“ „Es iſt nicht ſo leicht, wie du wohl glauben magſt, mein Kind, ſich großer Landbeſitzungen zu entäußern,“ erwiederte Frau von Lacey.„So ſehr ich auch wünſchen mag, daß ſich dein Plan ver⸗ wirklichen laſſe, ſo habe ich doch nie meinem Bruder darum an⸗ gelegen. Ueberdieß weiß ich nicht, ob, wenn die Familie eine Ab⸗ änderung treffen wollte, ſie nicht ganz und gar nach Hauſe gehen würde. Es iſt jetzt über ein Jahrhundert, Miſtreß Wyllys, daß die Grayſons in die Kolonien gekommen ſind, weil zwiſchen ihnen und der Regierung in England Etwas vorgefallen war. Mein Ur⸗ Großvater, Sir Everard, war mit ſeinem zweiten Sohne unzufrie⸗ den, und die Spannung brachte meinen Großvater nach der Provinz Carolina. Doch, da der Bruch ſeit langer Zeit geheilt iſt, ſo habe ich oft gedacht, ob mein Bruder nicht wieder in die Hallen unſerer Väter zurückkehren möchte. Doch wird viel darauf ankommen, wie wir unſer Beſitzthum dieſſeits des Meeres unterbringen werden.“ Hier ſchloß die gutmüthige, aber etwas redſelige und mit ſich zufriedene Dame zugleich ihre Rede und ihren Mund, und ſah ſich mit einem forſchenden Blicke nach ihrer jungen Nichte um, welcher der Schluß ihrer Rede vollkommen entgangen war. Gertraud hatte, wie gewöhnlich, wenn Frau von Lacey die Gouvernante mit Fa⸗ miliennachrichten zu unterhalten geruhte, den Kopf gewendet, und die von Geſundheit, vielleicht auch dießmal von einer kleinen Scham brennenden Wangen dem kühlenden Abendwinde hingehal⸗ ten. Aber ſobald ihre Tante zu reden aufgehört hatte, ſchloß ſie ſich von Neuem ſchnell den Beiden an, und auf ein Schiff zeigend, deſſen Maſten— da es im innern Hafen lag— über die Stadt⸗ dächer vorragten, rief ſie, in der Abſicht, der Unterredung irgend eine andere Wendung zu geben: „Und in jenem finſtern Kerker ſollen wir, liebſte Wyllys, den ganzen nächſten Monat zubringen?“ „Ich will hoffen, Ihre Abneigung gegen die See hat bei Ihnen das Zeitmaaß verlängert,“ entgegnete ſanft die Erzieherin; ſamke ſamn Bänk Schw möge junge Punk 5 275 Reiſe die U Sie ſ Admit Kind, iu von n ver⸗ m an⸗ ne Ab⸗ gehen 8, daß ihnen ein Ur⸗ zufrie⸗ Provinz ſo habe unſerer n, wie erden.“ nit ſich ſah ſich welcher hatte, nit Fa⸗ et, und kleinen ngehal⸗ hloß ſie eigend, Stadt⸗ irgend ys, den hat bei eherin; 61 „die Ueberfahrt von hier nach Carolina iſt oft in einem weit kür⸗ zeren Zeitraume gemacht worden.“ „Daß dieß der Fall ſei, kann ich bezeugen,“ ſetzte hier die Ad⸗ miralswittwe hinzu, welche gar zu gern einen Gedanken verfolgte und ausſpann, wenn er einmal in ihr rege geworden war und in ihr Lieblingsfach einſchlug.„Mein verſtorbener, würdiger und(ich bin überzengt, Niemand werde mir hierin widerſprechen) mein tapferer Gemahl führte einſt ein Geſchwader ſeines königlichen Herrn von einem Ende der amerikaniſchen Beſitzungen Sr. Majeſtät zum andern in kürzerer Zeit, als die von meiner Nichte angegebene. Freilich mag zur Eile, mit welcher er ſegelte, zum Theil der Umſtand bei⸗ getragen haben, daß er die Feinde des Königs und des Reichs verfolgte; ſo viel aber bleibt gewiß und ausgemacht, daß die Reiſe in weniger als einem Monate vollendet werden kann.“ »Da iſt das furchtbare Henlopen mit ſeinen Sandbänken und Schiffbrüchen von der einen Seite und der ſogenannte Golfſtrom von der andern!“ rief Gertraud mit einem Schauder und Ausbruch weiblichen Entſetzens, welches hin und wieder ſogar die Furcht⸗ ſamkeit anziehend macht, wenn es mit Jugend und Schönheit zu⸗ ſammenfällt.„Wäre nicht Henlopen, und die Stürme, und die Bänke, und der Golf, ich könnte mich dem Vergnügen, meinen geliebten Vater wieder zu ſehen, ganz überlaſſen.“ Frau Wyllys, welche ihrem Zöglinge nie in ſolchen natürlichen Schwachheiten, ſo liebenswürdig ſie auch in anderen Augen ſcheinen mögen, nachgeſehen hatte, wendete ſich mit feſter Miene zu der jungen Lady, indem ſie kurz und entſchieden, und als wollte ſie den Punkt der Furcht auf einmal in's Reine bringen, bemerkte: „Wenn alle Gefahren, liebe Gertraud, die Sie auf Ihrer Reiſe anzutreffen beſorgt ſind, wirklich ſtattfänden, ſo würde ja die Ueberfahrt nicht täglich, ja ſtündlich ſicher geſchehen können. Sie ſelbſt, Madame, ſind gewiß oft mit Ihrem Gemahl, dem Admiral de Lacey, aus Carolina hier eingelaufen?« „Nie,“ erwiederte die Wittwe ſchnell und etwas trocken.„Die Waſſerreiſe war meiner Conſtitution zuwider; deßwegen habe ich jederzeit die Reiſe zu Lande gemacht. Dabei müſſen Sie aber wiſſen, Wyllys, daß ich, die Gattin und Wittwe eines Flaggen⸗ Offiziers, nichts weniger als unerfahren in der Seewiſſenſchaft geblieben bin. Es werden gewiß wenige unter den brittiſchen Damen ſein, welche mit Schiffen bekannter und vertrauter ſind, als ich, ſowohl mit einzelnen Fahrzeugen, als mit ganzen Ge⸗ ſchwadern. Dieſe Kenntniß habe ich mir als die Gemahlin eines Offiziers verſchafft, deſſen höchſtes Glück es war, Flotten anzu⸗ führen. Mit Ihnen, Wyllys, mag es anders ſein; ich vermuthe, was zur Schifffahrt gehört, ſind böhmiſche Dörfer für Sie.“ Die ruhige, würdevolle Haltung der Gouvernante nahm hier augenblicklich einen trübern Anſtrich von Schwermuth an. Es war ihr freilich ſchon vorher anzuſehen, daß tiefliegende, lang gehegte, peinliche Erinnerungen ihren Zügen einen dauernden, doch ſanften Kummer eingegraben hatten, welcher die Spuren ihres Grund⸗ charakters, der immer noch aus ihren Augen ſprach, mehr mil⸗ derte als verwiſchte. Sie war eine Zeitlang unſchlüſſig, ob ſie nicht lieber abbräche, faßte ſich aber, und antwortete: „Ich bin keineswegs ein Fremdling auf der See. Mein Ver⸗ hängniß hat gewollt, daß ich manche lange und manche gefähr⸗ liche Fahrt habe machen müſſen.“ „Doch nur als Paſſagier. Wir Gattinnen von Seehelden ſind die einzigen unſeres Geſchlechts, welche auf die edle Wiſſenſchaft Anſpruch machen können. Kann es wohl ein ſchöneres und erha⸗ beneres Schauſpiel geben,“ fuhr die verwittwete Seeheldin mit einer Art von Begeiſterung über dieſen Gegenſtand fort,„als der Gang eines ſtattlichen Schiffs, das die Wellen durchſchneidet, deſſen Hackebord, wie mein ſeliger Admiral wohl tauſendmal geſagt hat, die See furchet, deſſen Schaft einen hellen Streifen hinter ſich läßt, wie die Windungen einer Schlange, wie ein lebendes Thier die S lys, mein dieſer groß T Gour erwel die F verra hören im Gt ſchwe Getre wund zulaſſ einem verlie Mül D zeigte verfoe Sie Beſitz 92 „Die abe ich ie aber laggen⸗ enſchaft ttiſchen er ſind, zen Ge⸗ in eines n anzu⸗ rmuthe, zie.“ hm hier Es war gehegte, ſanften Grund⸗ ehr mil⸗ , ob ſie ein Ver⸗ gefähr⸗ den ſind ſenſchaft and erha⸗ mit einer der Gang t, deſſen l geſagt en hinter lebendes 63 Thier, welches auf dem Lande daherfliegt und den Hinterfuß in die Stapfen des Vorderfußes einſetzt! Ich weiß nicht, liebſte Wyl⸗ lys, ob ich mich Ihnen verſtändlich mache, ſo viel aber iſt gewiß, meinem geſchärften, unterrichteten Auge ſtellt ſich zugleich mit dieſer reizenden Beſchreibung ein Bild dar, welches Alles, was groß und ſchön iſt, weit hinter ſich läßt.“ Das heimliche Lächeln, welches ſich in den Mundwinkeln der Gouvernante zu zeigen anfing, weil ſie ſich nicht des Gedankens erwehren konnte, der ſelige Admiral ſei ein Schalk geweſen, der die Frau Admiralin oft zum Beſten gehabt, würde ſie vielleicht verrathen haben, wenn ſich nicht von oben herab ein Geräuſch hätte hören laſſen, das dem Ruſcheln des Windes in Blättern glich, aber im Grunde nichts weiter war, als ein unterdrücktes Gelächter. Noch ſchwebten die Worte:„O wie allerliebſt! auf den Lippen der jungen Getraud, welche das ſo eben entworfene Gemälde der Tante be⸗ wunderte, ohne ſich in die Kleinigkeitskrämerei der Wortkritik ein⸗ zulaſſen, als auf einmal ihre Stimme ſtockte und ihre Stellung einem Standbilde glich. Nach einigen Sekunden fragte ſie: „Haben Sie Nichts gehört?“ „Die Ratten treiben noch immer ihr Weſen in der Mühle!“ war die ruhige Antwort der Frau Wyllys. „In der Mühle? Liebſte Wyllys, bleiben Sie noch immer dabei, dieſe pittoreske Ruine eine Mühle zu ſchelten?“ „So ſehr das Gebäude dadurch in achtzehnjährigen Augen verlieren mag, ſo kann ich es nicht anders nennen als— eine Mühle.“ Das liebenswürdige Mädchen lachte, aber ihr feuriger Blick zeigte zugleich den Ernſt, mit welchem ſie ihre Lieblingsmeinung verfocht:„Gibt es denn der Ruinen ſo viel hier zu Lande, daß Sie ſich kein Gewiſſen daraus machen, den wenigen, in deren Beſitz wir ſind, Namen und Werth zu rauben?« „Deſto beſſer! Je weniger Ruinen, um ſo glücklicher das Land! word Ruinen ſind einem Lande, was ſie dem Geſichte ſind, nämlich Zei⸗ 4. Keine chen des Verfalls, traurige Folgen der Mißbräuche und Leiden⸗ ſchaften, welche das Umſichgreifen der Zeit beſchleunigen. Unſere bekat Provinzen, liebſte Gertraud, ſind, wie Sie, in ihrer Friſche und Dien Jugend, und, um die Vergleichung fortzuſetzen— in ihrer Un⸗ Begr ſchuld. Laſſen Sie uns hoffen, daß beide Theile noch lange in auf C dieſem glücklichen Zuſtande bleiben werden.“ als d „Ich danke Ihnen in meinem und meines Vaterlandes Namen ſchne für die Wünſche, kann mich aber nicht entſchließen, dieſe male⸗ ner, riſche Ruine für eine ehemalige Mühle zu halten.“ D „Was ſie auch geweſen ſein mag, ſo viel iſt gewiß, ſie hat der b den Platz hier lange eingenommen und wird ihn, allem Anſchein auf de nach, viel länger einnehmen, als das, was Sie ſo eben ‚einen Ruin finſtern Kerker' nannten, das ſtattliche Schiff dort, welches wir lichen in kurzer Zeit beſteigen werden. Trügen meine Augen mich nicht, Dunn d Madame, ſo bewegen ſich die Maſten langſam über die Schorn⸗ ſteine der Stadt hin.“ was! „Sie ſehen ganz recht, Wyllys. Es ſind die Matroſen, welche 5 das Schiff in den äußern Hafen bugſiren; dort werden ſie es vor Ratte Anker legen und es ſo lange warpen, bis ſie die Segel aufrollen, Jas um mit dem Früheſten in See zu ſtechen. Dieſes iſt ein Manöver,— welches oft unter meinen Augen vorgenommen worden, eines von Wie denen, die mir mein Admiral ſo deutlich erklärt hat, daß ich wenig rauber Schwierigkeit finden würde, es in eigener Perſon anzuordnen, paar wenn es ſich für mein Geſchlecht und meinen Stand ſchickte.“ wie e „Alſo ein Wink für uns, liebſtes Kind, mit unſern Anſtalten d zur Reiſe zu eilen. So reizend auch dieſer Ort— und Ihre Ruine zuſam — Ihnen ſcheinen mag, ſo müſſen wir ihn doch, wenigſtens auf ſaben einige Monate, verlaſſen.“ Schin ten ſie „Ja, ja,“ fuhr Frau von Lacey fort, indem ſie der Gouvernante, ſelſeit die ſich bereits in Bewegung geſetzt, langſam nachfolgte:„Auf 8 ſei dieſe Weiſe ſind oft ganze Flotten bugſirt, vor Anker gelegt, gewarpt 17 — lich Zei⸗ Leiden⸗ Unſere ſche und prer Un⸗ lange in Namen ſe male⸗ ſie hat Anſchein en ‚einen ches wir ich nicht, Schorn⸗ u, welche le es vor aufrollen, Manöver, eines von ich wenig zuordnen, zickte.“ Anſtalten hre Ruine ſſtens auf vernante, te:„Auf , gewarpt 65 worden, bis ſich der günſtige Wind zum Abſegeln eingefunden. Keiner von unſerem Geſchlecht ſind die Gefahren des Oceans ſo bekannt, als mir, die ſo eng mit Offizieren von hohem Rang und Dienſten verbunden geweſen: keine von ihnen kann einen ſo vollen Begriff und Genuß von der wirklichen Größe des edelſten Berufs auf Erden haben. Kann es wohl ein ſchöneres Schauſpiel geben, als das eines ſtattlichen Schiffs, deſſen Hackebord die Wellen durch⸗ ſchneidet, deſſen Schaft das ſpurloſe Waſſer furchet, wie ein Ren⸗ ner, der im ſchnellſten Lauf in ſeine eigenen Fußſtapfen tritt?“ Die Antwort der Frau Wyllys entging den lauſchenden Ohren der beiden Thurmbewohner. Gertraud hatte ſich mit den Anderen auf den Weg gemacht; aber in einiger Entfernung von ihrer lieben Ruine blieb ſie ſtehen, um von den gebröckelten Mauern einen zärt⸗ lichen Abſchied zu nehmen. Die Pauſe hielt über eine Minute an. Dann aber ſprach ſie zu dem ſchmelzfarbenen Mädchen, das ihr den Arm gab:„Caſſandra, dort in den Steinklumpen iſt Etwas... was mich wünſchen ließe, es wäre mehr als eine Mühle.“ „Ratten ſind's,“ antwortete die Negerin,„nichts weiter als Ratten; habt Ihr's nicht gehört? Miſtreß Wallys hat's geſagt.“ Gertraud drehte ſich zu ihr, lachte, klopfte ihr die ſchwarzen Backen mit Fingern, welche wie Schnee darauf ließen, zur Strafe wie es ſchien, weil Jene wünſchte, ihr die ſüße Täuſchung zu rauben, der ſie ſich ſo gern überließ; und nun ſprang ſie mit ein paar Sätzen den Hügel hinab, der Tante und Erzieherin nach, wie eine junge, raſche, fröhliche Atalante. Die beiden Männer, welche der Zufall ſo ſonderbar im Thurm zuſammengebracht hatte, ſtanden jeder vor ſeinem Fenſterloch, und ſahen dem lieblichen Mädchen nach, ſo lange noch der ſchwächſte Schimmer ihres weißen Gewandes zu erblicken war. Alsdann kehr⸗ ten ſie ſich um, ſtanden da, ſahen einander an, und ſuchten wech⸗ ſelſeitig Einer in des Andern Augen den Ausdruck ſeiner Gedan⸗ ken zu leſen. Endlich rief der Anwalt aus: Der rothe Seeräuber. 5 „Ich bin bereit, vor dem Lord Großkanzler die eidliche Aus⸗ ſage zu machen, daß dieſes hier nie eine Mühle geweſen!“ „Ei, ei! Ihr habt ja Eure Meinung ſchnell geändert!“ „O ich bin zur Ueberzeugung gekommen, ſo wahr ich hoffe, einſt Richter zu werden. Der Prozeß iſt von einem unwiderſtehli⸗ chen Sachwalter geführt und mir ſind die Augen geöffnet worden.“ „ und doch ſind Ratten im Thurme.“ „Landratten oder Waſſerratten?“ fragte ſchnell der Grüne, auf ſeinen Gefährten einen von den ſuchenden, eindringenden Blicken heftend, die ſeinem forſchenden Auge ſo ſehr zu Gebote ſtanden. „Von beiden Gattungen, wie mich dünkt,“ war die trockene, ſtechende Antwort;„wenigſtens von der erſten, oder das Gerücht müßte den Herren im langen Talar ſehr unrecht thun.“ Der Anwalt lachte, und ſchien ganz und gar nicht empfindlich über den Stich, der ſeinen gelehrten und hochachtbaren Kollegen verſetzt worden war. „Ihr Herren vom Ocean habt einen ſo verehrlichen und kurz⸗ weiligen Freimuth an euch,“ ſagte er,„daß ich zu Gott verſichere, ihr ſeid unwiderſtehlich. Ich muß überhaupt eure Seeſprache be⸗ wundern. Sie iſt ſo edel, und bisweilen ſo geſchickt und gewählt in ihren Ausdrücken und Redensarten.„Kann es wohl ein herr⸗ licheres Schauſpiel geben, als ein ſtattliches Schiff, die Wellen mit ſeinem Hackebord zertheilend und mit ſeinem Schafte jagend, wie ein Roß im Wettlauf'.“ „Und den Hinterfuß einſetzend, daß es einen Streifen gibt, wie eine Feuerbacke, ac. ac. 27.* Beide fanden eine ſolche Ergötzlichkeit an den Bildern und Gleichniſſen der würdigen Relicte des tapfern Admirals, daß ſie zugleich in ein unmäßiges, weitſchallendes Gelächter ausbrachen, ſo daß der Thurm, wie in den Zeiten ſeines beſten Windes, erklang. Der Anwalt war der erſte, der über ſich Herr wurde, denn die Luſtigkeit des jungen Seemanns war leichterer Art und mehr ausgelaſſen. lus⸗ offe, ehli⸗ den.“ rüne, licken nden. ckene, erücht ndlich llegen kurz⸗ ichere, che be⸗ ewählt n herr⸗ len mit d, wie 1 gibt, rn und daß ſie chen, ſo ig. Der uſtigkeit gelaſſen. 67 „Dieß iſt hier ein gefährlicher Grund,“ ſagte er, nachdem er ſein Lachen eben ſo plötzlich eingeſtellt, als er es ſich erlaubt hatte,„ein gefährlicher Grund, eine Sandbank für Alle, nur nicht für die Wittwe eines Seemanns. Was für ein leckerer Biſſen, was für ein heiteres, liebenswürdiges Geſchöpf iſt aber jene Jün⸗ gere, die keine Liebhaberin von Mühlen iſt! Es ſcheint, ſie iſt die Nichte der alten ſeekundigen Dame.“ Jetzt hörte auch der junge Seemann zu lachen auf, weil es ihm unangenehm auffiel, wie unſchicklich es ſei, eine ſo nahe Ver⸗ wandte der ſchönen Erſcheinung, die er ſo eben gehabt, zum Ge⸗ genſtand des Spottes zu machen. Er mochte ſich insgeheim denken, was er wollte, genug, er begnügte ſich mit der kurzen Antwort: „Sie hat es ja ſelbſt geſagt.“ „Sagt mir, Freund,“ fuhr Jener fort, dem Seemann näher rückend, wie Einer, der ein wichtiges Geheimniß in eine Frage einkleidet,„kommt es Euch nicht vor, als liege etwas Merkwür⸗ diges, Inniges, Außerordentliches, Herzrührendes in der Stimme der Frau, die ſie Wyllys nannten?“ „Habt Ihr es auch bemerkt?“ „Sie klang in meinen Ohren, wie die Töne eines Orakel⸗ ſpruches, wie das Geliſpel der Phantaſie, wie die Worte der Wahr⸗ heit ſelbſt. Es war eine ſeltene, überredende Stimme.“ „Ich geſtehe ebenfalls, daß ſie einen tiefen Eindruck auf mich gemacht, und mich angeſprochen hat, ich kann nicht erklären, wie.“ „Es ſteckt eine Art von Zauber dahinter!“ ſagte der Rechts⸗ gelehrte, im kleinen Raum auf und ab ſchreitend. Jede Spur von Humor und Jronie war von ihm gewichen, oder hatte ſich in einen Blick tiefen und ſorgſamen Nachſinnens verwandelt. Sein Gefährte ſchien wenig geſtimmt, ihn und ſeine Betrachtungen zu ſtören. Er ſtand gegen die nackte Wand gelehnt, und überließ ſich ebenfalls ſeinen Gedanken. Endlich ſchüttelte der Erſte mit jener Raſchheit, die in ſeinem Weſen lag, die ungewohnte Laſt ab, ſtellte ſich an 5* 68 ein Fenſter, zeigte Wildern das Schiff im äußern Hafen, und fragte ihn kurz und abgebrochen: „Hat bei Euch aller Antheil, den Ihr an jenem Schiff nahmt, aufgehört?“ „Gerade das Gegentheil; es iſt juſt ein Fahrzeug, wie es ein Seemanns⸗Auge am liebſten betrachtet.“ „Wollt Ihr verſuchen, es zu beſteigen?“ „In dieſer Stunde des Tages? Allein? Ich kenne weder den Kapitän, noch die Mannſchaft.“ „Es braucht ja nicht eben dieſe Stunde zu ſein, und ein Schiffer iſt bei ſeinen Kameraden immer willkommen.“ „Nicht doch; die Sklavenſchiffe haben's gewöhnlich nicht gern, daß man ſie beſucht; ſie ſind bewaffnet, und wiſſen, wie man die Fremden zurückweiſet.“ „Gibt es nicht, in der Maurerei Eures Gewerbes, Loſungs⸗ worte, woran ein Bruder den andern erkennt? Worte z. B. wie ‚die Wellen mit dem Hackebord zertheilen“ oder dergleichen Kunſt⸗ Phraſen, wie wir ſo eben gehört haben?“ Hier warf Wilder einen feſten Blick auf den Andern, als er ſich ſo befragt ſah, und ſchien ſeine Antwort lange abzuwägen. „Wozu dieſe Fragen?“ ſagte er endlich kühl.— „Wie ich glaube, daß ein blödes Herz keine Schöne gewinnt, ſo glaube ich auch, daß ein unſchlüſſiges kein Schiff erobert. Ihr wünſcht, ſagt Ihr, eine Anſtellung; und ſo viel iſt gewiß, wäre ich Admiral, ich machte Euch zum Flaggenkapitän. Wenn wir Anderen in den Aſſiſen ein Dokument nachſuchen, ſo haben wir unſere Weiſe, den Wunſch zu erkennen zu geben. Vielleicht gehe ich aber mit einem Fremden, wie Ihr mir ſeid, auf's Gerathe⸗ wohl zu weit. Nur vergeßt nicht, daß der Rath, wenn er auch von einem Rechtskundigen kommt, Euch unentgeldlich gegeben wird.“ „Und kann ich mich, aus dieſem Grunde, um ſo mehr darauf verlaſſen, daß er gut ſei?“ agte hmt, ein den bein gern, n die ungs⸗ wie dunſt⸗ als er gen. vinnt, . Ihr wäre n wir en wir t gehe erathe⸗ ich von wird.“ darauf 69 „Darüber müßt Ihr ſelbſt urtheilen,“ ſagte der Grünrock, ſetzte den Fuß auf die Leiter, und ſtieg ſo weit hinab, bis der Kopf allein über der Oeffnung zu ſehen war.„Hier durchſchneide ich buchſtäblich die Wellen mit einem Hackebord!“ ſetzte er hinzu, indem er rücklings weiter hinabſtieg, und ſchien auf die Worte einen beſondern Nachdruck zu legen.„Adieu, Freund; ſollten wir uns nicht wiederſehen, ſo vergeßt wenigſtens die Ratten in der Ruine von Newport nicht!“ Mit dieſen Worten verſchwand er, und im zweiten Augen⸗ blick war ſeine leichte Geſtalt auf dem Boden. Mit bewunderns⸗ würdiger Kälte drehte er ſich um die Leiter, und gab ihr mit dem Fuße einen Stoß, daß ſie abrutſchte, umfiel, und dem Manne oben den einzigen Weg zur Rückkehr unmöglich machte. Hierauf zum beſtürzten Wilder hinaufblickend, nickte er ihm mit dem Kopfe vertraulich zu, wiederholte ſein: ‚Adieu, Freund!e und ſchlüpfte mit Einem Satze aus dem Gewölbe in's Freie. „Das iſt ſeltſam, ja ſogar unverſchämt,“ murmelte Wilder, der auf dieſe Weiſe in der Ruine gefangen blieb. Nachdem er ſich überzeugt hatte, daß ein Sprung durch die Oeffnung ihm ein Bein und vielleicht beide koſten könnte, lief der junge Schiffer nach einem von den Fenſtern, um ſeinen Gefährten mit Vorwür⸗ fen zu überhäufen, und vor Allem ſich zu vergewiſſern, ob es ihm Scherz oder Ernſt dabei ſei. Aber der Anwalt war ſchon über alle Berge, und ehe ſich Wilder noch beſinnen konnte, was zu thun ſei, hatte der Leichtfuß die Vorſtadt erreicht und ſich zwiſchen den Gebäuden verloren. Während der Zeit, als alles Dieſes, vom erſten Beſteigen des Thurmes an, vorfiel, hatten ſich Fid und der Neger fleißig an den Inhalt des Kobers gehalten, und waren nicht vom Zaune gewichen, bei welchem wir ſie verlaſſen haben. Nur als die Eßluſt des Er⸗ ſten etwas befriedigt war, ſtellte ſich ſeine didaktiſche Stimmung wieder ein, und gerade in dem Augenblick, wo Wilder in den 70 Thurm eingeſperrt wurde, hielt Fid dem Neger eine Vorleſung über das Benehmen in gemiſchten Geſellſchaften. „Folglich ſiehſt du, Guinea,“ ſo ſchloß er ſie,„daß, wenn es in Geſellſchaft heißt: Rückwärts das Ruder! Du niemals ganz abfallen und, das hinterſte voran, aus einem Disput ſteuern mußt, wie es dir zu thun beliebt hat. Wenn ich ſelbſt kein Dummkopf bin, ſo iſt es ausgemacht, daß Maſter Nightingale beſſer hinter einen Gaſttiſch in der Wirthsſtube gehört, als in eine Bö. Hätteſt du luv angemacht, und in ſeine Windvierung geſchoſſen, als du ſahſt, daß ich dwarsab mich mit meinen Grün⸗ den quer vor ſeine Klüſen legte, ſo ſiehſt du wohl, daß wir ihm die Rede regelmäßig bekniffen und ihm vor allen Umſtehenden Schande gemacht hätten.... Was iſt das? Wer praiet da? Wo wird ein Schwein abgeſtochen?“. „Herr Jemine! Miſſer Fid,“ rief der Neger,„da ſteckt Miſſer Harry den Kopf aus einer Stückpforte, dort oben, des Weges da, in dem Leuchtthurm, und gröhlt wie ein Matroſe im Boote, das er auspropt.“ „Ei! laſſ' ihn praien, ſo viel er Luſt hat, als wenn er beim Bramſegel, oder beim Klüverbaum ſtände! Der Kerl hat eine Stimme wie ein Waldhorn, wenn er ſie anſtrengt. Aber was Teufel fällt ihm ein, ſich an das vom Wind und Wetter gepeitſchte Wrack zu machen. Auf jeden Fall laſſ' ihn ſeine Künſte allein treiben, wie's ihm beliebt; warum geht er zum Sturm ohne die Trommel gerührt, ohne Poſten ausgeſtellt und die Mannſchaft gemuſtert zu haben!“ Da gleichwohl Dick und ſein Kumpan ſich gleich Anfangs auf die Beine gemacht hatten, dem Rufenden zu Hilfe zu kommen, ſobald ſie ſeine Noth inne geworden, ſo waren ſie während des Redens ſo weit vorgerückt, daß ſie ſich ihm verſtändlich machen konnten. Wilder rief ihnen mit dem kurzen, nachdrücklichen Tone eines kommandirenden Seeoffiziers zu, ſie möchten die Leiter wieder —— 71 aufſtellen. Sie thaten es, und als er ſich befreit ſah, fragte er ſie mit ſehr bedeutender Miene, ob ſie die Richtung bemerkt hät⸗ ten, welche der Mann in Grün genommen? „Meint Ihr den geſtiefelten Kunden, der vorhin dort auf der Kaje ſein Ruder in eines Andern Rojeklampen ſchieben wollte?« „Richtig, den meine ich!“ „Der hat den Wind quer durchſchnitten, bis er luvwärts um die Scheune gekommen; dann hat er lavirt Oſt Süd⸗Oſt, dann iſt er mit Leeſegeln oben und unten in die hohe See gegangen, und hat ſchon, wie ich glaube, eine tüchtige Strecke zurückgelegt.“ „Ihm nach!“ ſchrie Wilder, ſich auf den Weg hinſtürzend, welchen Fid angegeben, ohne weiter auf die mit Seeredensarten ausſtaffirten Weiſungen der Anderen zu achten. 3 Ihm folgten Beide: doch war die Jagd vergebens, obſchon ſie ihre Nachforſchungen bis nach Sonnenuntergang fortſetzten. Niemand konnte ihnen die geringſte Nachricht geben, was aus dem grünen Mann geworden war. Einige hatten ihn zwar geſehen, und ſich über ſein ſonderbares Koſtüm und ſeinen kecken, um ſich ſchauenden Blick gewundert; aber aus Allem ergab ſich's, daß er eben ſo geheimnißvoll aus der Stadt verſchwunden war, als er hineingekommen. Fünftes Kapitel. Biſt du ſo trotzig? Wart, man ſoll gleich mit dir ſprechen! Coriolan. Act IV. Sc. 5. Die guten Einwohner der Stadt Newport pflegten ſich zeitig zur Ruhe zu begeben. Sie zeichneten ſich durch eine Regelmäßig⸗ keit und Ordnungsliebe aus, welche noch heutigen Tages ein Charakterzug der Sitten und Gewohnheiten der Neu⸗Engländer iſt. Um zehn Uhr waren alle Thüren in der ganzen Stadt verſchloſſen; und es iſt mehr als wahrſcheinlich, daß eine Stunde ſpäter von 72 allen den Augen, welche den Tag über eigene Geſchäfte, vielleicht auch wohl Geſchäfte der Nachbarn wach erhalten hatten, kein ein⸗ ziges mehr offen war. Der Wirth zum ‚Unklaren Ankere, ſo hieß die Schenke, wo es zwiſchen Nightingale und Fid beinahe zur Prügelei gekommen wäre, ſchloß ſeine Thüre pünktlich um acht Uhr; hiermit wollte er nämlich im Schlafe diejenigen kleinen Sünden abbüßen, welche er ſich am Tage erlaubt haben mochte. Ueberhaupt war es in der Stadt zur allgemeinen Regel geworden, daß Diejenigen, welche die meiſte Mühe gehabt, ihren Namen und Ruf rein zu erhalten, ſich frühzeitig von den Sorgen und Umtrieben der Welt zurückzo⸗ gen. So war's auch der Fall mit der Admiralswittwe. Sie hatte zu ihrer Zeit, durch ſpätes Aufbleiben und ſpäte Beleuchtung ihres Hauſes, wenn Alles ſchlief oder ſchlafen ſollte, kein kleines Aergerniß gegeben.— Ueberdieß war in ihrem Leben und Um⸗ gang Manches vorgefallen, wodurch die gute Frau ſich der ta⸗ delnden Beurtheilung ihrer weiblichen Bekanntſchaft ausgeſetzt hatte. So pflegte ſie z. B., ungeachtet ſie zur biſchöflichen Kirche gehörte, ſich am Samſtag Abend mit der Nadel zu beſchäftigen, obſchon ſie keineswegs im Ruf ſtand, eine fleißige Arbeiterin zu ſein. Sie that es nur, um auf dieſe Weiſe zu erkennen zu geben, ihrem Glauben und ihrer Meinung nach ſei der Sonntag Abend der wahre orthodoxe Abend des war zwiſchen ihr und der Frau des Hauptpfarrers in der Stadt eine Art offener Fehde, doch ohne Kriegserklärung und Feind⸗ ſeligkeit.— Die Frau Paſtorin begnügte ſich nur, das Wieder⸗ vergeltungsrecht auszuüben. Sie brachte ihren Nähbeutel alle Sonntag Abend zur Frau Admiralin, unterbrach bisweilen die Unterredung, um zur Arbeit zu greifen, nähte emſig und fleißig fünf bis ſechs Minuten hintereinander, und knüpfte alsdann den Faden des Diskurſes wieder an. Während der Pauſe und Sab⸗ bathsſchändung wußte ſich Frau von Lacey gegen die Gefahr der Sabbaths. In dieſem Punkte eicht ein⸗ wo imen te er ze er 1 der helche ilten, ickzo⸗ hatte ytung leines Um⸗ r ta⸗ geſetzt Kirche tgen, rin zu geben, Abend Punkte Stadt Feind⸗ Vieder⸗ el alle len die fleißig un den d Sab⸗ ahr der 73 Anſteckung nicht anders zu decken, als daß ſie in einem vor ſich liegenden Gebetbuche blätterte. Sie dachte vermuthlich dabei an den Grundſatz der Kirche, daß man durch Weihwaſſer den Teufel in Reſpekt und in der gehörigen Entfernung halten könne*). Doch wir gehen hier nicht weiter in den Text, und laſſen die Sache auf ſich beruhen. Genug, daß am erſten Tage dieſer Ge⸗ ſchichte, Abends zehn Uhr, Newport ſo ſtill war, als wenn es keine lehendige Seele beherbergt hätte. Ich ſage mit Bedacht: Abends zehn Uhr, und nicht: als der Wächter rief:„Zehn iſt die Glock!“« denn es gab damals keine Nachtwächter in Newport, aus dem ganz einfachen Grunde, weil es noch keine Schelme und Spitzbuben in der Provinz gab, die ihr Handwerk in der Nacht trieben. Als daher Wilder und ſeine zwei Gefährten ſich um dieſe Zeit in den Straßen ſehen ließen, fanden ſie die Stadt menſchen⸗ leer und ausgeſtorben. Kein Licht brannte; keine Seele rührte ſich. Dieß mochte unſeren Abenteurern wohl bewußt ſein, denn anſtatt an die Thüre eines Gaſthofes zu klopfen und den ſchläfrigen Wirth herauszupochen, ſchlugen ſie ſich gleich auf die Waſſerſeite. Wilder führte den Trupp an, Fid folgte auf ihn, und Scipio, wie gewöhnlich ſtill und unterthänig, machte den Nachtrab. Am Strande fanden ſie mehrere kleine Fiſcherböte am Fuße einer nahen Kaje. Wilder gab den Beiden ſeinen Auftrag, und ſchritt ſelbſt weiter, eine bequeme Stelle zum Einſteigen ſuchend. *) Die Puritaner glaubten, daß der Sabbath mit dem Sonnen⸗Untergange des Samſtags beginne und mit derſelben Stunde des Sonntags zu Ende gehe. Dieſer letztere Abend wurde daher, und wird es zum Theil noch, mehr zu Feſtlichkeiten, als zur Gottesverehrung verwendet, während man den des Samſtags auf's Förmlichſte und mit aller Ruhe der Andacht beging. Der Verfaſſer gegenwärtiger Novelle hatte einmal über dieſen Punkt mit einem Geiſtlichen Neu⸗Englands einen Wortkampf, und obgleich der letztere für ſeine Anſicht keine gewichtige bibliſche Autorität aufzuſtellen wußte, ſo mußte ihm doch darin recht gelaſſen werden: es liege etwas Tröſtliches und Großartiges in dem Gedanken, daß die ganze Chriſtenheit den Sabbath genau zu derſelben Zeit feiere. Aber freilich tritt hier der Einwurf dazwiſchen, daß, abge⸗ ſehen von der Beſchränkung dieſes Gebrauchs auf einzelne Sekten, die Zeitberechnun⸗ gen ſich unter verſchiedenen Längegraden anders herausſtellen. Anm. d. Verf. 74 Nach Verlauf kurzer Zeit kamen zwei Boote zugleich an's Land, das eine geführt vom Neger, das andere von Fid. „Was iſt das?“ fragte Wilder.„Warum zwei? Ihr habt gewiß unrecht verſtanden!“ „Nicht doch,“ erwiederte Fid, das Ruder flach liegen laſſend, und ſich mit den Fingern in das Haar fahrend, wie Einer, der mit dem, was er gethan, zufrieden iſt.„Hier iſt ebenſowenig Mißverſtändniß, als wenn Jemand bei klarem Wetter und ſtil⸗ lem Waſſer in See ſticht. Scipio iſt im Boote, welches Ihr ge⸗ dungen habt; aber ich dachte gleich, als Ihr den Handel ab⸗ ſchloßet, daß er nicht tauge; und ſo folgte ich meiner Regel und meinem Sprichwort: Beſſer bewahrt als beklagt!* und weil ich denn Lunte gerochen und den Betrug entdeckt habe, ſo bringe ich Euch dieß Boot; wenn es nicht das beſte, feſteſte von allen iſt, ſo mögt Ihr ſagen, ich verſtehe nichts davon; und doch würde der Pfarrer meines Kirchſpiels Euch bezeugen, wenn er hier wäre, daß mein Vater ein Bootbauer geweſen; ja, er würde es beſchwö⸗ ren, wenn Ihr ihn dafür bezahltet.“ 3 „Kerl,“ erwiederte Wilder aufgebracht,„du wirſt mich dahin bringen, daß ich dich über kurz oder lang wegjage. Gleich rudre das Boot wieder an den Ort hin, wo du es genommen haſt, und mache es feſt, wie vorher.“ „Mich wegjagen?“ antwortete Fid frei und entſchloſſen.„Mich wegjagen? das hieße, Meiſter Harry, mit einem Hieb Euer gut Wetter meilenweit abſchneiden. Ihr würdet, Ihr und Scipio Afrika, nicht viel Kluges anfangen, wenn wir uns trennen ſoll⸗ ten. Habt Ihr wohl je im Log nachgemeſſen, wie lange wir zufammengeſegelt ſind?“ „Freilich hab' ich's; doch gibt es der Fälle, wo man eine zwanzigjährige Freundſchaft abbricht.“ „Mit Eurer Erlaubniß, Meiſter Harry, will ich verdammt ſein, wenn ich ſo etwas glaube. Hier ſteht Guinea, er iſt nichts Land, habt ſſend, , der wenig dſtil⸗ ör ge⸗ el ab⸗ l und eil ich ige ich en iſt, würde wäre, ſchwö⸗ dahin ) rudre ſt, und „Mich ier gut Scipio en ſoll⸗ ꝛge wir an eine rdammt t nichts 75 8 beſſer als ein Neger, und folglich weit entfernt, ein geeigneter Geſellſchafter für einen Weißen zu ſein! da ich aber gewohnt bin, ſeht Ihr, zweiundzwanzig Jahre in ſein ſchwarzes Geſicht zu ſchauen, ſo hat ſeine Farbe Eingang bei mir gefunden, und ge⸗ fällt mir nun wie eine andere. Ueberdieß läßt ſich zur See, in ſtockfinſterer Nacht, nicht leicht ſchwarz von weiß unterſcheiden. Nein, nein, Maſter Harry, ich bin Eurer noch nicht überdrüſſig, und eine Kleinigkeit wie dieſe ſoll uns nicht trennen.“ „Dann mußt du aber auch die Gewohnheit ablegen, mit dem Eigenthum Anderer wie mit dem deinigen umzugehen.“ „Nichts, gar nichts lege ich ab. Niemand kann auftreten und ſagen: er habe mich ein Deck verlaſſen ſehen, ſo lange noch eine Planke mit dem Balken zuſammenhing, und ich ſollte meine Rechte fahren laſſen, oder ablegen, wie Ihr es nennt? Was hab' ich denn ſo groß verbrochen, daß das Schiffsvolk zuſammengeru⸗ fen werde, weil ein alter Seemann beſtraft werden ſoll? Ihr habt einem ungehobelten Fiſcher, einem Kerl, der nie in tieferem Waſſer geweſen, als wo ſeine Angel den Grund finden kann, Ihr habt ihm, ſage ich, einen blanken Spanier*) gegeben für den magern Gebrauch ſeines Kahns auf eine Nacht, oder allen⸗ falls auch auf einen Theil des Morgens. Nun was hat Richard Fid gethan? Er hat zu ſich ſelbſt geſprochen:— denn Gott ſoll mich verdammen, wenn ich jemals im Schiff umhergezogen bin und geplappert, und mich bei der Mannſchaft über einen Offizier beſchwert habe— Nein, zu ſich ſelbſt hat Dick geſprochen: ‚Das iſt zu viel Geld!“ und dann iſt er hingegangen und hat für we⸗ niger Geld einen beſſern Nachbarskahn gedungen. Geld kann man vereſſen, und, was noch beſſer iſt, vertrinken; folglich muß man es nicht, wie der Schiffskoch die kalte Aſche, über Bord werfen. Ich bin ferner überzeugt, beim Lichte beſehen, daß die Eigenthümer dieſer Jolle und jenes Kahns Vettern und Muhmen *) Piaſter. 76 ſind, und daß von der ganzen Familie das Geld in Tabak und ſtark Bier verzehrt wird, ſo daß es zuletzt auf Eines hinausläuft, und Niemanden unrecht geſchehen iſt. Wilder gab dem Andern ein Zeichen der Ungeduld und den ſchweigenden Befehl zu gehorchen, und ging am Strande auf und nieder, bis er zurück ſei. Fid widerſtand nie einem ausdrücklichen deutlichen Gebot; nur wenn es ein weniger beſtimmtes war, nahm er ſich Zeit, ihm nachzukommen. Dießmal ging's alſo raſch vor ſich; unverzüglich ruderte er das Boot zurück; doch er⸗ laubte er ſich dabei den kleinen Subordinationsfehler, unterwegs vor ſich hin zu proteſtiren. Sobald Alles wieder in Ordnung war, beſtieg Wilder das Boot, die beiden Anderen griffen zu den Rudern, und Jener wies ſie an, mit ſo wenig Geräuſch als möglich ſich zum Hafen hinauszuarbeiten. Fid ſteckte die Linke in den Buſen, und führte mit der Rechten das Ruder mit Kraft, ſo daß die Jolle leicht und ſchnell dahinglitt. Er ſagte dabei: „Erinnert Ihr Euch noch der Nacht, wo ich Euch bis in Louisburg hineinruderte, um zu recognosciren? Damals wickelten wir uns ein wie Windelkinder, und hatten keine Zunge. Wenn es Noth thut, der Equipage einen Knebel in's Maul zu ſtecken, ſo habe ich nichts dagegen; in anderen Fällen aber bin ich der Mei⸗ nung, daß die Zunge zum Sprechen gemacht iſt, wie die See zum Leben, und habe gern ein vernünftiges Geſpräch und eine geſellſchaftliche Unterhaltung.... S'ip! Junge! wo willſt du hin? Die Inſel liegt ja rechts, und du ruderſt gerade links auf die Kirche zu!“ „Legt die Ruder an,“ unterbrach Wilder befehlend,„laßt das Boot vor dem Schiffe vorbeitreiben.“ Sie waren in dieſem Augenblick dem Schiffe nahe, welches unweit der Kaje vor Anker lag, und welches, wie der junge Seemann heimlich im Thurme erfahren hatte, am folgenden Mor⸗ gen mit Frau Wyllys und der bezaubernden Gertraud nach Caro⸗ lina trach Ste lage ten, ter auf Fid ren. Sch⸗ vorü — verg brach herv „ mach „ mit nahe mich zum zwar Sche Kind und zeug wird * gebo war k und läuft, d den uf und klichen war, s alſo och er⸗ erwegs rdnung ffen zu ſch als e Linke Kraft, dabei: bis in vickelten Genn es cken, ſo der Mei⸗ die See und eine villſt du links auf laßt das welches her junge den Mor⸗ ach Caro⸗ 77 lina abſegeln ſollte. Während das Boot vorüberſchwamm, be⸗ trachtete Wilder mit Seemanns⸗Augen das Schiff beim ſchwachen Sternenlicht. Kein Theil des Rumpfs, die Spieren, die Take⸗ lage, nichts entging ſeiner Unterſuchung; und als ſie ſich entfern⸗ ten, und Alles in einander floß und wie eine dunkle Maſſe hin⸗ ter ihnen lag, da lehnte ſich der junge Mann mit dem Kopfe auf den Bootsrand, und fiel in ein langes und tiefes Nachdenken. Fid fand ſich nicht berufen, ihn in ſeinen Betrachtungen zu ſtö⸗ ren. Er hielt ſie für eine natürliche Folge der Anſicht des Schiffs, für eine Sitte des Seemanns, kein Segel unbeachtet vorüber zu laſſen, und ſomit für eine Art heiliger Beſchäftigung. — Scipio ſchwieg ebenfalls, weil er überhaupt gern ſchwieg. So vergingen mehrere Minuten. Wilder war der Erſte, der die Stille brach, und, ſich plötzlich faſſend und beſinnend, die paar Worte hervorſtieß: „Ein großes, feſtes Schiff; ein Schiff, das eine lange Jagd machen könnte!“ „Ja, und im Stande wäre, beim Vortheil des Windes, und mit vollen Segeln, einem königlichen Kreuzer bis zum Entern nahe zu kommen; aber eingeklemmt wie es iſt, wäre ich der Mann, mich mit der naſeweiſen Hebe an ſeine Windſeite zu....“ „Burſchen!“ unterbrach Wilder,„es iſt Zeit, daß ich euch zum Theil von meinen Bewegungen unterrichte. Wir ſind ſeit zwanzig Jahren und drüber, Schiffsgenoſſen— ich möchte ſagen Schiffskameraden— geweſen. Ich war nicht viel beſſer als ein Kind, als du, Fid, mich zum Patron deines Schiffes brachteſt, und nicht nur der Retter meines Lebens, ſondern auch das Werk⸗ zeug warſt, das mich in der Folge vielleicht zum Offizier erheben wird!“ „Sprecht doch nicht davon, Maſter Harry: Ihr wart ja bald geborgen und machtet nicht viel Umſtände. Eine kleine Hängematte war Euch eben ſo viel werth, als des Kapitäns Kajüte.“ 78 „Nein, Fid, ich bin dir viel ſchuldig für dieſen erſten Dienſt, und nicht weniger für deine Anhänglichkeit in der Folge.“ „Darin habt Ihr recht, Maſter Harry; in dieſem Punkt bin ich nie von der Bahn gewichen, und habe beſonders nie meinen Enterhaken fahren laſſen, ſo oft Ihr auch geſchworen, mich weg⸗ zujagen. Was den Schuft hier, den Guinea, betrifft, der macht immer ſchön Wetter mit Euch, und hängt den Mantel nach dem Winde, wogegen zwiſchen uns Beiden bald ein kleiner Sturm auf⸗ ſtößt, wie z. B. der Handel mit dem Boote....“ „Nichts mehr davon,“ unterbrach ihn Wilder, deſſen Gefühle durch die Rückerinnerung an ſo viel Ereigniſſe ſeines Lebens, an ſo viel bittere Auftritte aufgeregt waren.„Du weißt, daß nur der Tod uns trennen kann, du müßteſt mich denn jetzt verlaſſen wollen. Ihr müßt nämlich Beide wiſſen, daß ich in einem ver⸗ zweifelten Handel begriffen bin, daß ich einen Plan verfolge, der mich leicht, und Alle, die mich begleiten, in Tod und Verderben ſtürzen kann. Es ſchmerzt mich, liebe Freunde, wenn ich von euch ſcheiden müßte, vielleicht auf immer, aber ich kann nicht um⸗ hin, euch die ganze Gefahr meiner Lage zu entdecken.“ „Iſt dabei viel Wegs zu Lande?“ fragte Fid herausplatzend. „Nein, das ganze Geſchäft, ſo weit es ſich erſtreckt, macht ſich zu Waſſer ab.“ „Nun, ſo ſchlagt Eure Schiffsbücher auf, und macht mein Zei⸗ chen, nämlich ein paar Anker kreuzweiſe, denn das hat immer ſo viel bedeutet, als wenn ganz ausgeſchrieben da ſtände: Richard Fid.“ „Vielleicht aber, wenn Ihr erſt erfahret....“ „Ich brauche von der Sache nichts zu wiſſen und zu erfahren, Maſter Harry. Bin ich nicht oft mit Euch bei verſiegelter Ordre geſegelt? Sollte ich meinePflicht vergeſſen, und meinen alten Leichnam Euch nicht noch mal anvertrauen? Und was ſagſt du dazu, Guinea.“ Willſt du mit? oder ſollen wir dich dort auf jene flache Landſpitze ab⸗ ſetzen, und dich mit den Stechmücken Bekanntſchaft machen laſſen?“ Hienſt, kt bin neinen hweg⸗ macht h dem n auf⸗ hefühle is, an ß nur rlaſſen n ver⸗ ge, der derben ch von ht um⸗ zend. macht in Zei⸗ ſo viel Fid.“ fahren, Ordre ichnam iinea.“ itze ab⸗ ſſen?« 79 „Ich will ſie mir hier ſchon abwehren,“ murmelte der Neger, der gern mitging. „Seht doch, Maſter Harry, Guinea iſt wie die Barkaſſe eines Küſtenfahrers, immer bereit, ſich in Euer Kielwaſſer bugſiren zu laſſen. Ich hingegen lege mich oft quer vor Euxe Klüſen, oder ſchieße auf die eine oder die andere Weiſe Eurem Schiff in die Windviering. So viel aber iſt ausgemacht, wir gehen mit Euch auf den Kreuzzug aus, und ſind mit allen Umſtänden vollkommen zufrieden. Sagt uns nur noch, was wir zu thun haben, und dann kein Wort weiter parlamentirt!“ „Denkt an die Weiſung, die Ihr von mir erhalten habt,“ er⸗ wiederte Wilder, weil er wohl ſah, daß die Ergebenheit ſeiner Begleiter keines Sporns bedurfte, und eine lange Erfahrung ihm ihre Treue und Anhänglichkeit verbürgte, und daß er nur über kleine Fehler und Verſtöße, Folgen ihres Standes und ihrer Er⸗ ziehung, wegzuſehen habe;„denkt an meine Erklärung, und nun geradezu auf das Schiff im Außenhafen.“ Fid und der Schwarze gehorchten, und bald ſtrich das Boot neben der kleinen Inſel vorbei, in die ſogenannte große See. So wie ſie dem Schiffe näher kamen, gingen die Ruder erſt leiſer, dann hörten ſie zugleich ganz auf. Wilder zog es vor, die Jolle dem Strome zu überlaſſen, damit er das Schiff gemächlich unter⸗ ſuchen könnte, bevor er an Bord ginge. „Hat das Schiff nicht die Finkenetten, wie zum Gefecht, um die Takelage gelegt?« fragte er mit einer Stimme, deren leiſer Ton unbemerkt bleiben ſollte, und dennoch den Antheil verrieth, den er an der Antwort nahm. „Sehe ich recht, ſo iſt es ſo,“ entgegnete Fid.„Die Skla⸗ venhändler haben kein gut Gewiſſen, und ſind nie ohne Furcht, außer wenn ſie an der Küſte von Congo Jagd auf einen jungen Neger machen. Und doch iſt hier in dieſer Nacht ſo wenig Gefahr, daß ſich ein franzöſiſch Segel ſehen laſſe, bei dieſem Landwinde 80 und klaren Himmel, als ich zu befürchten habe, Lord Groß⸗Admiral von England zu werden; wenigſtens nicht ſobald, weil meine Ver⸗ dienſte, leider! Sr. Majeſtät dem Könige zur Zeit noch unbekannt ſind.“ 10 „In der That,“ fuhr Wilder fort, welcher den Ausſchmückun⸗-⸗ e gen, womit Fid ſeine Reden pikant zu machen ſuchte, keinen Ge⸗ d ſchmack abgewann,„die Leute ſind in Bereitſchaft, Jeden, der zu laf entern verſuchte, heiß zu empfangen. Es würde kein leichtes Stück Arbeit ſein, ein ſo gut ausgerüſtetes Schiff anzugreifen und weg⸗ du zunehmen, wenn ſich der Kapitän auf ſeine Leute verlaſſen kann.“ daſ „Ich wollte wohl wetten, daß ein gut Viertheil der Wache in zur dieſem Augenblicke zwiſchen den Kanonen ſchläft, mitten in dem abe weiten Ausguck von Krahnbalken und Hackebord. Ich ſtand'mal fan in der Hebe, bei der Fockraa, an der Wetterſeite, als ich von Süd⸗ fäh⸗ Weſt ein Schiff mit raumem Winde auf uns zukommen ſah...“ „Still! man rührt ſich auf dem Verdeck!“ die „Ja, gewiß und wahrhaftig. Der Koch ſpaltet ein n Brett, der hin Kapitän ruft nach ſeinem Nachttrunk.“ Bel Fids Stimme verlor ſich in einen Anruf vom Schiffe, welcher aus klang wie das Brüllen eines Seeungeheuers, das unvermuthet den ſcha Kopf aus dem Waſſer hervorſtreckt. Die geübten Ohren unſerer Rü Seefahrer begriffen im erſten Augenblick, was es war, nämlich die Art und Weiſe, wie man ein Boot anholt*). Ohne an die Mög⸗ dem lichkeit zu denken, daß mehr als Eines in der Nähe ſein könne, entf bildete er ſich ein, es gelte ſeinem, ſtand auf, und gab Antwort. wie „Was iſt das?“ rief jene Ungeheuer⸗Stimme.„Das iſt kei⸗ war ner von Denen, die hier am Bord Brod eſſen, der Antwort gab. ſo Wo ſteckt ihr, die ihr mir zuruft?“ fuhr er fort zu fragen. die „Hier unter Eurem Backbord⸗Bug, im Schatten des Fahrzeugs.“ teur „Und was habt Ihr hier zu ſuchen im Bereich meiner Klüſen?“ Blie „Ich durchſchneide die Wellen mit meinem Hackebord,“ erwie⸗ ſich derte Wilder nach einer Pauſe. aufg *) Anruft.. D niral Ver⸗ nd.“ kun⸗ Ge⸗ r zu btück weg⸗ un.“ de in dem 'mal Süd⸗ 44 . der lcher tden ſerer nlich NRög⸗ une, vort. kei⸗ gab. gs.“ en?“ wie⸗ 81 »Wer iſt der Narr, der auf das Schiff hier lostreibt?“ mur⸗ melte der Fragende.„Hervor mit dem Tölpel! Laßt ſehen, ob der Kerl im Stande iſt, eine vernünftige Antwort zu geben.“ „Halt!“ rief e ine Stimme in ruhigem aber befehlendem Tone vom äußerſten Ende des Schiffes.„Alles iſt, wie es ſein ſoll; laſſ' ſie näher kommen.“ Der Mann im Bug hieß ſie näher kommen, und die Unterre⸗ dung hatte ein Ende. Erſt jetzt fand Wilder Zeit zu bemerken, daß das Anholen ein anderes Boot betroffen hatte, welches weiter zurück war, und daß er zu frühzeitig Antwort gegeben. Da es aber zu ſpät war, ſich zurückzuziehen, und vielleicht auch, da er fand, daß es in ſeinen erſten Plan paßte, ſo hieß er ſeine Ge⸗ fährten heranrudern. „Die Wellen mit dem Hackebord durchſchneiden, iſt zwar nicht die ſchicklichſte Antwort auf ein Anholen,“ murmelte Fid vor ſich hin, als er das Ruder fallen ließ.„Allein es liegt doch auch keine Beleidigung darin. Wollen ſie dort, Maſter Harry, uns durch⸗ aus was am Zeuge flicken, ſo laßt es aus dem Walde heraus ſchallen, wie es hinein ſchallt, und. rechnet auf uns, Euch den Rücken zu decken.“ Dieſe mannhafte Verſicherung blieb von Wilder unbeantwortet, denn inzwiſchen war das Boot nur noch einige Fuß vom Fahrzeuge entfernt. Wilder beſtieg nun das Schiff, unter einer tiefen, und wie er ſelbſt fühlte, nichts Gutes verſprechenden Stille. Die Nacht war dunkel, obſchon von den hier und dort ſichtbaren Sternen ſo viel Licht herabſchien, daß das Auge eines geübten Seemannes die Gegenſtände unterſcheiden konnte. Sobald unſer junger Aben⸗ teurer das Deck erreicht hatte, warf er einen ſchnell forſchenden Blick um ſich, als ſollten die Zweifel und Eindrücke, womit er ſich lange getragen, mit einem Male durch dieſes erſte Umſichſchauen aufgelöſ't und erklärt werden. Auf Einen, der ſolch' Schauſpiel nie geſehen, würde die Ordnung Der rothe Seeräuber. 6 82 und Symmetrie des Schiffs, die hohen, wolkenanſteigenden Spie⸗ ren, die ſchwarze Maſſe des Rumpfs, die in der Luft hangende Takelage, das dunkel ſich durchkreuzende Tauwerk, das ganze an⸗ ſcheinend verwirrte, verwickelte, und doch ſo kunſtreich eingerich⸗ tete und berechnete Labyrinth, einen unbeſchreiblichen Eindruck ge⸗ macht haben. Für Wilder waren die ihm bekannten Gegenſtände kaum anziehend. Den erſten, ſchnellen Blick hob er zwar, nach Seemanns Sitte, aufwärts, dann aber durchlief er kurz und als Kenner die oben erwähnten Theile. Mit Ausnahme eines Einzi⸗ gen, welcher, in einen großen Wachtmantel bis an die Augen ver⸗ mummt, ein Offizier ſchien, war keine Menſchenſeele auf den Ver⸗ decken ſichtbar. Von jeder Seite zeigte ſich eine finſter drohende Batterie, in der ſchönen, impoſanten Ordnung aufgeſtellt, wodurch ſich die Marine⸗Artillerie und Architektur auszeichnet. Nirgends aber konnte er eine Spur von Menſchengruppen entdecken, welche gewöhnlich das Deck eines bewaffneten Schiffs einnehmen, oder nur die Mannſchaft, die zur Bedienung des Geſchützes erforder⸗ lich iſt. Es mochte ſein, daß die Leute in ihren Hängematten lagen, wie es zur Nachtzeit zu ſein pflegt; aber wo blieb dann der Theil der Equipage, der die Wache hatte, und für die Sicherheit ſorgen ſollte? Einem einzigen Individuum gegenüber, fing unſer Waghals an, das Befremdende und Unrichtige jener Lage inne zu werden, und ſah ſich gedrungen, eine Erklärung einzuleiten. „Ihr wundert Euch mit Recht, Sir, daß ich eine ſo ſpäte Stunde zu meinem Beſuche gewählt habe.“ „Ihr wurdet freilich früher erwartet!“ war die lakoniſche Antwort. „Erwartet?“ 3 „Ja, erwartet. Habe ich nicht geſehen, wie Ihr und Eure beiden Gefährten im Boote uns den halben Tag über von der Kaje aus, und ſelbſt vom alten Thurm auf dem Hügel beobachtet habt? Was konnte all' dieſe Neugierde bedeuten, als die Abſicht, an Bord zu kommen?“ ko⸗ hie bei ein Ab wo der ſch ie⸗ ide an⸗ ch⸗ ge⸗ nde ach als zi⸗ er⸗ Jer⸗ nde irch nds lche der der⸗ gen, heil gen hals den, päte vort. Lure Kaje abt? an 83 »Seltſam! ich muß es geſtehen!« rief Wilder nicht ohne Unruhe aus.„Alſo war Euch meine Abſicht bekannt?“ „Hört, Freund,“ unterbrach ihn der Andere, ſich ein kurzes, leiſes Lächeln erlaubend,„nach Eurem Aeußern und Ausſehen zu urtheilen, muß ich Euch für einen Seemann halten. Glaubt Ihr denn, daß wir keine Ferngläſer auf dem Schiffe haben, und daß wir ſie nicht zu gebrauchen wiſſen?«“ „»Ihr müßt wichtige Gründe haben, auf die Bewegungen der Fremden am Strande ſo genau Acht zu geben.“ „Hm! Vielleicht warten wir auf Ladung vom Lande. Aber Ihr ſeid wohl nicht in ſtockfinſterer Nacht hergekommen, Euch un⸗ ſere Declaration zeigen zu laſſen? Doch, Ihr wollet ja den Ka⸗ pitän ſprechen?« „Seh' ich ihn nicht hier?« „Wo?« fragte der Andere mit einer Beſtürzung, welche bewies, daß er ihn hinter ſich ſtehend vermuthete. „In Eurer Perſon.“ „Ich? So hoch ſteh' ich nicht, obſchon es mit der Zeit dahin kommen mag. Hört aber, Freund, Ihr ſeid doch, auf dem Wege hieher, am Spiegel jenes Schiffs vorbeigerudert?« „Ja; es liegt, wie Ihr ſeht, gerade auf meinem Wege.“ „Ein ſchönes, künſtlich gebautes, geſundes Schiff; eines der beſten, die ich ſah. Bereit zur Abfahrt, wie man mir geſagt.“ „So ſcheint es; die Segel ſind angeſchlagen; es flotet wie ein Gefäß, das ſeine volle Ladung hat.“ „Und dieſe Ladung?“ fragte Jener abgebrochen. »Nun, ich ſoll denken, die Artikel ſtehen auf der Declaration. Aber Ihr ſcheint noch leicht; und wenn Ihr hier ladet, ſo mögen wohl noch ein paar Tage verſtreichen, ehe Ihr abfahrt.“ „Hm! ich ſollte meinen, kaum ein paar Stunden ſpäter, als der Nachbar.“ Dieſe Worte ſtieß der Andere etwas trocken aus, ſchien aber ſich zu beſinnen, als habe er zu viel geſagt, und ſetzte 6* 84 — hinzu„Wir Sklavenſchiffer laden, wie Ihr wißt, nicht viel mehr, als die Schellen für unſere Neger, und ſo viel Reis, als wir brauchen. Den Ballaſt machen Kanonen aus, und die Munition.“ „Bringt es denn der Gebrauch mit ſich, daß Handelsſchiffe ſchweres Geſchütz führen?“ „Bisweilen ja, bisweilen nein. hier an der Küſte wenig geſetzliche Ordnung, und der ſtarke Arm kommt oft ſo weit, und noch weiter, als der rechtliche. Daher kommt's, daß unſere Patrone es nicht für überflüſſig halten, ſich mit Geſchütz und Kriegsvorrath zu verſorgen.“ „Dann müßten ſie ſich aber auch mit Leuten verſehen, die da⸗ mit umzugehen wiſſen“ „Freilich haben ſie das in ihrer Weisheit, oder Unweisheit, vergeſſen.“ Die letzten Worte wurden von derſelben rauhen Stimme halb erſtickt, welche Wilders Boot angeholt hatte, und jetzt wieder Töne in die See„hineinbrüllte, welche ſo viel bedeuten ſollten, als: „Boot, halt!“ Die Antwort erfolgte ſchnell, kurz und ſeemänniſch; aber leiſe und mit Vorſicht gegeben. Der Mann, mit dem Wilder die zwei⸗ deutige Unterredung gewagt hatte, ſchien über die plötzlich einge⸗ tretene Störung verlegen, und ungewiß, wie er ſich bei dem neuen⸗ Auftritt zu benehmen habe. Schon wollte er dem Fremden anbie⸗ ten, ihn in die Kajüte zu führen, als das Plätſchern der Ruder die Nähe des Bootes meldete, und es zu ſpät war. Er bat ihn alſo, einen Augenblick zu verweilen, und ſprang nach der Lauf⸗ planke hin, den Leuten im Boote entgegen. So ſah ſich der verlaſſene Wilder ganz allein im Beſitz des⸗ jenigen Theils des Schiffes, worauf er ſtand. Dieß erleichterte ihm zugleich eine zweite Muſterung der ihn umgebenden Gegen⸗ ſtände, und eine erſte der neuen Ankömmlinge. Fünf bis ſechs Matroſen von athletiſcher Geſtalt ſtiegen von Die Wahrheit zu ſagen, ſo iſt euen⸗ nbie⸗ ruder ihn Lauf⸗ des⸗ hterte hegen⸗ n von 85 dem Boot auf's Schiff, das tiefſte Schweigen beobachtend. Eine kurze, leiſe Zwiſchenſprache erfolgte mit dem Offizier, welcher ihren Bericht anzuhören und ihnen einen Befehl zu ertheilen ſchien. Nachdem dieſes vorläufige Geſchäft beendigt war, wurde ein Seil vom Klapläufer der großen Raa gerade auf das Boot herabge⸗ laſſen, und gleich nachher ſah Wilder zwiſchen Waſſer und Spie⸗ ren eine Laſt ſchweben, erſt hoch, dann wieder nachgelaſſen, bis ſie, mit vieler Sorgfalt geleitet, das Verdeck erreicht hatte. Während dieſer ganzen Verrichtung, welche an und für ſich nichts Seltenes und Außerordentliches iſt, und täglich bei Auf⸗ und Abladen der Schiffe im Hafen vorkommt, hatte Wilder ſeine Augen dergeſtalt angeſtrengt, als wollten ſie aus ihren Höhlen hervordringen. Die dunkle Maſſe, welche aus dem Boote geluf⸗ tet wurde, hatte ihm, als ihr die Sterne zum Hintergrunde dien⸗ ten, etwas von den Verhältniſſen einer Menſchengeſtalt gezeigt. Die Matroſen drängten ſich bald um den Klumpen, oder Körper, oder was es ſonſt war, hoben die Laſt auf, trugen ſie fort, und verſchwan⸗ den mit ihr hinter die Maſten, Boote und Kanonen am Vordertheil. Das Ereigniß war vollkommen geeignet, die ganze Aufmerk⸗ ſamkeit Wilders zu feſſeln. Doch war ſein Auge nicht ſo ganz auf die Leute gerichtet, die ihre Bürde nach der Laufplanke tru⸗ gen, daß es nicht zugleich ein Dutzend ſchwarzer Gegenſtände ent⸗ deckt haben ſollte, welche hinter den Spieren und andern dunkeln Maſſen des Schiffs ſichtbar wurden. Es konnten in der Luft ſchwe⸗ bende Blöcke ſein, gleichwohl hatten ſie eine wunderbare Aehnlich⸗ keit mit Menſchenköpfen. Die gleichförmige Weiſe, auf welche ſie abwechſelnd ſichtbar wurden und wieder verſchwanden, ſchien ihn in der letztern Meinung zu beſtärken, ſo daß er bald gar nicht daran zweifelte, die Neugier, ihn zu ſehen, bringe dieſes Auf⸗ und Nieder⸗ ducken der Köpfe aus ihren Verſtecken hervor. Doch hatte er nicht Muße, ſich die Sache genauer zu überlegen, denn jetzt kam der Offizier zurück, der, allem Anſchein nach, mit ihm ganz allein auf dem Deck war. 86 „Ihr wißt, wie ſchwer es hält, die Mannſchaft vom Lande wieder in's Schiff zu bringen, wenn die Abfahrt nahe iſt.“ „Wie es ſcheint,“ erwiederte Wilder,„ſo macht Ihr kurzen Prozeß, und habt Eure unvergleichlichen Mittel, das Volk zuſam⸗ menzuholen.“ „O, Ihr meint den Kerl, den wir heraufgewunden? Guter Freund, Ihr müßt gute Augen haben, daß Ihr in einer ſolchen Weite ein Jackknief von einem Spitzeiſen unterſcheiden könnt. Aber der Burſch war meuteriſch— zwar nicht eigentlich ein Meu⸗ terer, aber betrunken; ein Meuterer, wie man es ſein kann, wenn man weder ſitzen, noch ſtehen, noch ſprechen kann.“ Mit ſeinem eignen Humor eben ſo zufrieden, als mit dieſer einfachen Erklärung, lachte Jener, und ſchüttelte ſich auf eine Art, welche zu erkennen gab, wie ſehr er ſich in dieſem Humor gefiel. „Aber Ihr ſteht ja hier eine Ewigkeit auf dem Deck, und der Kapitän wartet auf Euch in der Kajüte; kommt, ich will Euch hinein lootſen.“ „Halt,“ ſagte Wilder,„wollt Ihr mich nicht vorher melden.“ „Er weiß ſchon, daß Ihr da ſeid; es gibt hier auf dem Schiffe wenige Stellen, wohin ſein Ohr nicht reichen ſollte.“ Wilder machte keinen Einwurf, und zeigte ſich bereit, zu folgen. Jener führte ihn nun zu dem Verſchlag, welcher die Hauptkajüte von dem Hinterdeck trennt, zeigte dann auf eine Thür, und flüſterte mmehr als er ſprach:„Pocht zweimal; und gibt er Antwort, ſo tretet ein.“ Wilder that, wie ihm geheißen. Das erſte Anpochen wurde entweder überhört oder blieb unbeachtet. Das zweite Mal rief man: Herein! Der junge Seemann machte die Thüre auf— mit einem Andrang von Gefühlen, welche in der Folge unſrer Erzählung ihren Aufſchluß finden werden— und ſtand nun, im Scheine einer gewaltigen Lampe, dem Fremden im grünen Rock gegenüber. it Sechstes Kapitel. Der gute alte Plan, Den, wem die Macht, entwerfen ſollte, Ausführen, wer da kann. Wordsworth. Das Zimmer, in welchem ſich unſer Abenteurer befand, gab keinen ſchlechten Begriff vom Charakter ſeines Bewohners. Es war an Raum und Form den gewöhnlichen Kajüten ähnlich; aber an Geräth und Einrichtung ein ſonderbares Gemiſch von Pracht⸗ und Waffenliebe. Die Lampe, welche an der Decke ſchwebte, war von maſſivem Silber, und obſchon zu ihrer jetzigen Beſtimmung künſtlich eingerichtet, verrieth ſie, durch Bau und Zierrathen, daß ſie zu einem heiligen Gebrauch— auf einem Altar— gedient hatte. Maſſive Candelaber vom ſelben Metall, und deren Form ebenfalls einen früheren kirchlichen Dienſt andeuteten, ſtanden auf einem ehrwürdigen Tiſche von Mahagony, glänzend von der Poli⸗ tur eines halben Jahrhunderts, getragen von vergoldeten Klauen und kannelirten Säulen, und deſſen urſprüngliche Stelle ſicher keine Schiffskajüte geweſen war. Längs dem Heckbalken ſtand das Bette mit einer Sammtdecke. Den Schotten gegenüber ein mit blauer Seide überzogener Divan, deſſen Geſtalt, Material und Kiſſenwülſte zu erkennen gaben, daß Aſien zur Bequemlichkeit des jetzigen Beſitzers beitragen müſſen. Das Ameublement vollſtändig zu machen, ſah man Kupferſtiche, geſchliffene Gläſer, Rahmen, Spiegel, Silberzeug, und ſogar Tapeten und Gardinen. Jedes Stück ſchien aus einer andern Gegend zuſammengebracht; keines glich an Facon und Grundſtoff dem Nachbar. Ueberhaupt war es einleuchtend, daß in der Wahl und Zuſammenſtellung mehr auf Pracht und Eleganz geſehen worden, als auf Geſchmack, und daß hier Alles nur die Beſtimmung hatte, der Laune oder der Be⸗ quemlichkeit des Beſitzers zu dienen. Mitten unter dieſem Gemengſel von Reichthum und Luxus ſah 88 man eine zweite Gattung von Möbeln,— drohendes, furchtbares Kriegsgeräth. In der Kajüte ſtanden vier ſchwarze Kanonen, deren Anzahl und Kaliber zuerſt Wilders Augen auf ſich zogen. Ob⸗ ſchon von den vielen Prachtſtücken halb verſteckt, die wir ſo eben gemuſtert, bedurfte es nur eines Seemannsblicks, herauszubringen, daß ſie zum wirklichen und ernſtlichen Gebrauch da waren, und daß fünf Minuten erforderlich wären, das Zimmer von allem Flit⸗ terſtaat zu ſäubern, und es in eine heiße Batterie umzuſchaffen. Piſtolen, Säbel, Halbpiken, Streitäxte und das ganze Zeughaus kleiner Seewaffen war in der Kajüte auf eine Art aufgeſtellt und aufgehängt, die ihr zum Kriegsſchmuck, und im Nothfall bei einem Angriff zur Wehr diente. Rund um den Maſt bildeten ebenfalls Musketen einen Kreis, und ſtarke, hölzerne Riegel, offenbar dazu beſtimmt, in Träger zu paſſen, und die Thüre von beiden Seiten zu verrammeln, gaben den Beweis ab, daß die Schotten leicht in ein Bollwerk verwan⸗ delt werden konnten. Alles deutete darauf, daß man die Kajüte zur Citadelle des Schiffs machen wollen. Was dieſe Abſicht vol⸗ lends verrieth, war eine Lukenklappe, welche mit den Zimmern der Subaltern⸗Offiziere zuſammenhing, und zu den Vorräthen führte. All' dieſe Einrichtungen wichen von dem ab, was Wilder bisher in anderen Schiffen geſehen hatte, und fielen ihm auf, ob er ſchon nicht Muße genug hatte, reiflich darüber nachzudenken. Der Fremde in Grün(der noch immer in dieſer Farbe geklei⸗ det war) zeigte, als er aufſtand, ſeinen Gaſt zu bewillkommnen, auf ſeinem Geſichte eine geheime Selbſtzufriedenheit, mit einem kleinen Zuſatz von ironiſcher Freude. Beide ſtanden einen Augenblick einander gegenüber, ohne zu ſprechen, bis es endlich dem vermeinten Anwalt gefſiel, das läſtige Schweigen zuerſt zu brechen. Er fragte: „Welchem glücklichen Umſtande habe ich die Ehre dieſes Be⸗ ſuchs zu danken?« — & 89 Wilder antwortete mit eben der Feſtigkeit und Ruhe, welche Jener in ſeine Frage gelegt:„Ich glaube, ſagen zu können, der Einladung des Schiffskapitäns.“ „Hat er Euch ſein Patent gezeigt, als er ſich dieſen Titel gab? Es darf ſich ja wohl kein königlicher Kreuzer zur See ohne Patent ſehen laſſen.“ „Was ſagen die Herren von der Univerſität über dieſen Punkt?« „Nun, ich ſehe, daß ich auf alle Fälle beſſer thue, meinen Ad⸗ vokatentalar abzuwerfen, und zum Marlpfriem zu greifen,“ erwie⸗ derte der Grüne lächelnd.„Es liegt ſo etwas in unſerem Ver⸗ kehr— Gewerbe hört Ihr es lieber nennen— alſo in unſerm Gewerbe, was uns Einen dem Andern verräth. Nun ja, Herr Wilder,“ fuhr er fort, ſich ſetzend, und dem Andern mit Würde und Höflichkeit winkend, Platz zu nehmen,„ich bin, wie Ihr, ein Seemann, und habe das Glück hinzuſetzen zu können,, der Com⸗ mandeur dieſes braven Fahrzeugs.“ »„So müßt Ihr auch zugeben, daß ich mich nicht ohne hinrei⸗ chende Bürgſchaft hier einfinde.“ „Ich gebe es zu. So wie Euch mein Schiff vortheilhaft in's Auge gefallen iſt, ſo Ihr mir. Euer Weſen, Eure ganze Perſon hat mir gefallen, und ich wünſchte, wir wären früher bekannt ge⸗ worden. Sucht Ihn Anſtellung?“ „In dieſen aufgeregten, unfreundlichen Zeiten wär's Schande, müſſig zu gehen.“ „Ihr habt recht. Wir leben in einer wunderlichen, verkehr⸗ ten Welt, Maſter Wilder. Jener dünkt ſich auf einer Grundlage in Gefahr, die ſo feſt und unerſchütterlich iſt, wie die Terra⸗Firma; während Andere zufrieden ſind, wenn ſie ihr Heil zur See verſu⸗ chen können. So gibt es wieder Manche, welche ſich einbilden, der Menſch müſſe nichts thun als beten, und Andere, die mit ihrem Athem wirthſchaftlich umgehen, und ſich nehmen, was ihnen anſteht, weil ſie weder Luſt noch Zeit haben, darum zu bitten. 90 Nicht wahr, Ihr habt mit Euch ſelbſt über die Art und Weiſe unſers Verkehrs nachgedacht, ehe Ihr hergekommen ſeid, eine An⸗ ſtellung zu ſuchen?“ „Es wird allgemein in Newport von den Einwohnern geſagt, daß Ihr ein Sklavenſchiff ſeid.“ „O, ſie irren ſich nie, Eure Kleinſtädter und Dorfklatſchen! Hat es jemals Hexen und Hexerei in der Welt gegeben, ſo war der erſte Hexenmeiſter im Orte der Schenkwirth, der zweite der Doktor, der dritte der Prieſter. Um die vierte Stelle mögen ſich Schneider und Bartſcheerer prügeln... Roderich!“ Der Kapitän unterbrach ſich ſelbſt ohne Umſtände durch dieſen Ausruf. Zugleich ſchlug er an eine Gong*), welche nebſt andern Seltſamkeiten an einem Deckbalken des obern Verdecks aufgehängt war, ſo daß er ſie mit der Hand erreichen konnte. „Roderich!“ rief er,„ſchläfſt du?“ Ein lebhafter, leichtfüßiger Burſche ſprang aus einer der bei⸗ den Nebenkojen, und meldete ſich. „Iſt das Boot zurück?“ „Ja. „Iſt Alles gut gegangen?“ „Der General iſt in ſeiner Kajüte, Sir, und kann Euch beſſer Antwort geben als ich.“ „So laſſ' den General kommen, und berichten, wie ſein Feld⸗ zug abgelaufen.“ Wilder war viel zu ſehr mit ſich beſchäftigt, um das plötzliche Nachſinnen zu ſtören, in welches ſein Geſellſchafter gefallen war, der mehr zu ſchlafen als zu wachen ſchien. Der Junge glitt durch die Fallthüre der Luke, wie eine Schlange in ihr Loch, oder viel⸗ mehr, wie ein Fuchs in ſeinen Bau. Jetzt herrſchte eine Todten⸗ ſtille in der Kajüte. Der Schiffskapitän lehnte den Kopf auf die *) Gongo, Gongon, ein Kriegs⸗Inſtrument in Kongo, das wie eine Glocke klingt. 91 Hand, und ſchien ſich der Gegenwart eines Zweiten ganz unbe⸗ wußt. Das Schweigen würde leicht noch viel länger gedauert haben, wäre es nicht durch die Erſcheinung eines Dritten unter⸗ brochen worden. Plötzlich aber hob ſich durch die Luke eine lange, lange, gerade, ſteife Figur empor, zu vergleichen mit den Geiſtern auf der Bühne, die aus einer Fallthür hervorkommen. Die Ge⸗ ſtalt war erſt halb ſichtbar, als ſie im Steigen inne hielt und ſich ſchulgerecht und rapportirend gegen den Kapitän kehrte. „Ich erwarte Ordre,“ ließ ſich eine murmelnde Stimme aus kaum bewegten Lippen vernehmen. Wilder ſtutzte über das unerwartete Weſen, dem es in der That an nichts fehlte, was dieſes Erſtaunen hervorbringen und rechtfertigen konnte.— Das Geſicht war das eines Mannes in den Fünfzigen, und von der Zeit mehr abgehärtet, als abgenützt. Die Farbe war ein überall gleichmäßig vertheiltes Roth, mit Aus⸗ nahme einer ausdruckvollen, markirten Schmarre auf jedem Backen, den Krümmungen der Rebe nicht unähnlich, und die hier als Com⸗ mentar zu dem bekannten Sprichworte dienen konnte:„Guter Wein bedarf keines Aushängeſchilds.« Die Scheitel war kahl; über den Ohren hing ein Büſchel grau werdenden Haars, ſtark pomadirt, und in ſteife, militäriſche Locken ausgehend. Den lan⸗ gen, dünnen Hals umgab eine ſchwarzſeidene Krauſe; Arme, Schultern und Bruſt verriethen einen ſtarken Körperbau. Das Ganze ſtak in einem Ueberrock, welcher, obſchon er das Anſehen haben wollte, nach der Mode zu ſein, nicht übel einem Domino glich. Kaum hatte ſich die Stimme vernehmen laſſen, als der Ka⸗ pitän auffuhr, den Kopf in die Höhe hob, und rief: „Ha! General, ſeid Ihr auf Eurem Poſten? Habt Ihr Land gefunden?“ „Ja.“ „Und die Stelle? Und den Mann?« „Beide.“ 92 „Und was habt Ihr weiter gethan?“ „Ordre parirt.“ „So iſt's recht. Ihr ſeid ein Juwel, General, in der Aus⸗ führung; als ſolches trage ich Euch in meinem Herzen. Jammerte der Kerl?2 „Er war geknebelt.“ „Eine gute, heilſame Methode, die Klagen verſtummen zu laſſen. Alles iſt, wie es ſein ſollte, General— wie immer. Ihr habt meinen Beifall verdient.“ „Aber auch meinen Lohn.“ „Worin beſteht dieſer? Steht Ihr nicht ſo hoch, als ich Euch ſtellen kann? Der nächſte Schritt müßte die Ritterwürde ſein.“ Pſhaw! Was kann mir das! Aber meine Leute! Sie ſehen aus wie Landmiliz; ſie haben keine Röcke.“ „Sie ſollen welche haben. Die Garden Sr. Majeſtät ſollen nicht halb ſo ſchmuck ausſehen. General, ich wünſche Euch eine gute Nacht.“ Jetzt ſtieg die Geſtalt mit eben der geſpenſtiſchen ſteifen Bewe⸗ gung wieder hinunter, wie ſie heraufgekommen war, und ließ Wilder mit dem Kapitän in der Kajüte allein. Der Letzte ſchien . einen Augenblick betroffen, daß die närriſche Unterredung in Ge⸗ genwart eines Dritten vorgefallen, der nicht viel beſſer, als ein Fremder war, und fand es daher für gut, ihm eine Art von Er⸗ klärung zum Beſten zu geben. „Mein Freund,“ ſagte er mit zwar hohem, doch dabei erläu⸗ terndem Tone,„hat das Kommando über das, was man bei einem mehr in der Regel ſtehenden Kreuzer die„Garde⸗Marine’ nennen würde. Er iſt ſtufenweiſe, vom Range eines Subalternen zu der hohen Station geſtiegen, die er jetzt einnimmt. Ihr werdet be⸗ merkt haben, daß er nach dem Lager riecht.“ „Mehr als nach dem Schiff. Iſt es aber Gebrauch bei den Sklavenhändlern, ſo militäriſch bemannt zu ſein? Ich finde Euch mit allen Waffen vollſtändig ausgerüſtet.“ us⸗ erte ſen. habt kuch in.“ ehen icht ht.“ we⸗ ließ hien Ge⸗ 93 „Ihr möchtet gern mehr von uns wiſſen, ehe wir unſern Han⸗ del ſchließen, nicht wahr?« antwortete der Kapitän mit einem Lä⸗ cheln. Zugleich öffnete er ein Käſtchen, das auf dem Tiſche ſtand, und zog ein Pergamentblatt heraus, welches er Wildern kaltblü⸗ tig einhändigte. Dann fuhr er fort, ſeine Rede mit einem der ſcharfen Blicke begleitend, die ihm eigen waren:„Ihr werdet hieraus erſehen, daß wir Kaper⸗Briefe haben, und bevollmächtigt ſind, für den König zu ſtreiten, auch wenn wir mitunter unſre eignen friedlichen Geſchäfte betreiben.“ »Dieß iſt ja die Vollmacht für eine Brigg!« »Nicht doch, nicht doch! Ich gab Euch das unrechte Papier. Leſet dieſes hier; Ihr werdet es genauer finden.“ „Ihr habt recht, das iſt Eure Ausfertigung, für ‚das gute Schiff der ſteben Schweſtern“. Aber wie iſt's mit dem Punkt der Kanonen? Ihr führt deren mehr als zehn; und dieſe hier in der Kajüte ſind keine Vierpfünder— es ſind Nennpfünder.“—. »Ei, Ihr ſeid mit Eurem Punkte auch gar zu pünktlich; ge⸗ rade, als wäret Ihr der Anwalt und ich der confuſe Seemann. Habt Ihr nie von einer gewiſſen Freiheit gehört, die man ſich herausnimmt? von ſo etwas, was man eine Ausfertigung aus⸗ dehnen, erweitern nennt?« fuhr der Kapitän trocken fort, das Papier wieder in das Käſtchen unter eine Menge ähnlicher ſchie⸗ bend.— Hierauf ſtand er auf, ſchritt ſchnell auf und ab, und fuhr fort:„Ich brauche Euch nicht zu ſagen, daß wir ein gewagtes Geſchäft treiben. Einige nennen es geſetzwidrig. Da ich mich aber nicht gern mit theologiſchen Streitigkeiten abgebe, ſo wollen wir die Frage unentſchieden laſſen. Ihr ſeid jedoch nicht herge⸗ kommen, ohne unſer Geſchäft zu kennen?“ „Ich ſuche eine Anſtellung.“ „Ohne Zweifel habt Ihr Euch die Sache reiflich überlegt, und Euch ſelbſt über den Betrieb des Schiffs befragt, ob es nach Eurem Geſchmack iſt oder nicht. Um alſo keine Zeit zu verlieren, um 94 frei und offen zu Werke zu gehen, wie es zwei ehrlichen See⸗ fahrern geziemt, will ich Euch mit einem Worte geſtehen, daß ich Eurer bedarf. Ein braver, geſchickter Mann, ein älterer als Ihr, aber, wie ich mir ſchmeicheln darf, kein beſſerer, bewohnte vor einem Monat die Backbord⸗Kajüte. Aber der arme Teufel iſt Futter für die Fiſche geworden.“ „Iſt er ertrunken?“ „Nicht doch! Er ſtarb mitten im Gefecht mit einem Schiffe Sr. Majeſtät.“ „Des Königs? Habt Ihr denn Eure Ausfertigung ſo weit aus⸗ gedehnt, daß Ihr darin eine Erlaubniß gefunden habt, Euch mit Sr. Majeſtät Kreuzern herumzuſchlagen?“ „Als ob es keinen andern König gäbe, als Georg den Zwei⸗ ten! Vielleicht trug das Schiff die weiße Flagge, vielleicht eine däniſche. Aber wieder auf meinen Lieutenant zu kommen; er war wahrhaftig ein tapferer Kerl; und nun iſt ſeine Stelle noch eben ſo unbeſetzt, als an dem Tage, wo er in die See geworfen wurde. Er war der Mann, der beſtimmt ſchien, mein Nachfolger zu ſein, hätte mich ein feindliches Loos betroffen. Ich glaube, ich würde ruhiger ſterben, wüßte ich, daß dieſes edle Schiff Einem zufiele, der es zu leiten verſtände.“ „Wir wollen hoffen, daß der Eigenthümer für einen ſol⸗ chen ſorgen würde, wenn ſich das Unglück ereignen ſollte.“ „Meine Schiffseigenthümer,“ erwiederte der Andere mit einem bedeutſamen Lächeln, während er auf Wilder einen forſchenden Blick warf, der dieſen nöthigte, die Augen niederzuſchlagen,„be⸗ unruhigen mich ſelten mit läſtigen Aufträgen und Befehlen.“ „Sie ſind ſehr gütig... Doch, wie ich ſehe, ſind in Eurem Inventarium die Flaggen nicht vergeſſen. Geben Eure Eigenthü⸗ mer Euch ebenfalls die Erlauhniß, unter ihnen diejenige zu wählen, die Euch gefällig iſt?“ Bei dieſer Frage begegneten ſich die ausdrucksvollen, verſtändlichen bee⸗ ich hr, vor iſt iffe u s⸗ mit vei⸗ eine war ben rde. ein, irde hele, ſol⸗ nem den „be⸗ rem thü⸗ len, chen 95 Blicke der beiden Seemänner. Der Kapitän zog eine Flagge nach der andern aus einer Schieblade hervor, in welcher Wilder ſie hatte liegen ſehen, rollte ſie auseinander, und ſagte bei jeder: „Dieß ſind die Lilien, wie Ihr ſeht; kein ſchlechtes Sinnbild der fleck⸗ und makelloſen Franzoſen. Ein Wappenſchild, welches Anſprüche ohne Tadel aufſtellt, dabei aber doch etwas beſchmutzt, und durch vielen Gebrauch abgenutzt.— Hier habt Ihr den Rech⸗ ner, den Holländer, ſchlicht, ſubſtantiell und bei dem wenig zu holen. Ich liebe die Flagge nicht. Iſt das Schiff von Werth, ſo ſchlagen es die Eigenthümer nur zu hohen Preiſen los.— Hier iſt unſer Windmacher, der Hamburger. Er fühlt ſich reich im Beſitz ſeiner einzigen Stadt, und prahlt mit dem Reichthum, wel⸗ cher in ſeinen Wappenthürmen ſteckt. Von ſeinen übrigen Be⸗ ſitzungen ſagt die Allegorie weislich kein Wort.— Hier iſt der türkiſche Halbmond; ein mondſüchtiges Volk, das ſich für die Er⸗ ben des Himmels hält. Laſſ' es ſein eingebildetes Recht der Erſt⸗ geburt in Frieden genießen; nur ſelten geht es dahin aus, ſein Glück auf dem Meere zu machen.— Und hier ſind die kleinen Trabanten, die um den mächtigen Mond ſpielen: die afrikaniſchen Staaten der Barbarei. Ich habe nicht viel Umgang mit dieſem weitbehoſeten Volke, denn es iſt nicht viel bei ihnen zu holen. Und doch—“ hier glänzten ſeine Augen, indem er ſie auf den ſeidenen Divan warf, auf welchem Wilder ſaß—„und doch habe ich mit den Cujonen zu ſchaffen gehabt, und ſie ſind nicht davon gekommen, ohne Haare zu laſſen!— Aha, hier kommt aber der Muſſjöh, den ich lieb habe, der goldene, prächtige Spanier. Das gelbe Feld der Flagge erinnert an den Reichthum ſeiner Minen; und die Krone— man ſollte ſagen, ſie ſei von maſſivem Golde, und möchte gleich eine Hand ausſtrecken, um nach dem Schatze zu greifen! Was für ein herrliches Wappen für eine Gallione!— Hier iſt der ſchon demüthigere Portugieſe, und doch iſt ſein Blick der eines mächtigen Reichen. Ich habe mir oft eingebildet, in dieſem 2₰ 96 königlichen Kinderſpiel wirkliche Diamanten aus Braſilien zu ſehen. Jenes Crucifix, welches Ihr da nahe an der Thür der Kajüte links hangen ſeht, iſt ein Pröbchen ſolcher ächten Edelſteine, wie ich ſie gern habe.“— Wilder drehte ſich um, und erblickte in der That das koſtbare Emblem, wenige Zoll von der Stelle, die der Andere bezeichnet hatte. Nach geſtillter Neugierde wollte er ſeine Aufmerkſamkeit ſchon wieder auf die Flagge richten, als ein zwei⸗ ter Blick auf ihn ſiel, wie ſie ſein Geſellſchafter auf Diejenigen zu werfen pflegte, in deren Augen er in ihrer Seele leſen wollte. Es mochte dieſes Mal ſeine Abſicht ſein, zu entdecken, welchen Eindruck das verſchwenderiſche Auskramen ſeines Reichthums auf den Beſucher machen würde. Dem ſei wie ihm wolle, Wilder lächelte, denn er konnte ſich des Gedankens nicht erwehren, alle dieſe Schätze und Verzierungen der Kajüte ſeien ſorgfältig und abſichtlich aufgeſtellt worden, weil man ihn erwartet habe, damit ſie ſeine Sinne und ſein Herz beſtächen. Der Andere las dieſen Gedanken in ſeinen Augen; vielleicht aber las er auch unrecht, verfehlte den Sinn, und glaubte in der Miene des Fremden eine Aufmunterung zu finden, mit dem Vorzeigen der Flaggen fortzu⸗ fahren, welches er noch gefälliger und emſiger that, als Anfangs. „Dieſe doppelköpfigen Ungeheuer ſind Landvögel, und wagen ſelten einen Flug über See. Sie ſind nicht für mich. Der kühne, tapfere Däne, der muthige Trotzkopf, der Schwede; ein Neſt klei⸗ nerer Fiſchbrut,“ fuhr er fort, mit der Hand ſſchnell über ein Dutzend Rollen wegeilend, die in engeren Fächern lagen,„lauter Duodezſeeſtaaten, die ihr Tuch auch flaggen laſſen;— und dann der üppige Neapolitaner; aber vor Allem die Flagge mit den Him⸗ melsſchlüſſeln! Das iſt eine Flagge, unter der man ſterben muß! Ich lag einſt Raa⸗Nocken an Raa⸗Nocken mit einem ſchweren Cor⸗ ſar von Algier, und hatte dieſen Lappen aufgezogen... 4 „Was? Ihr fandet für gut, unter dem Banner der Kirche zu fechten?“ 1. — hen. nks ich der der eine vei⸗ gen llte. chen auf lder alle und amit eſen echt, eine tzu⸗ ngs. agen ähne, klei⸗ ein auter dann Him⸗ nuß! Cor⸗ de zu 97 „»Aus lauter Andacht. Ich malte mir im Geiſte die Ueber⸗ raſchung des Heiden, wenn er finden würde, daß wir keine Lita⸗ neien ſängen. Wir gaben ihm nur eine bis zwei Lagen, als er rief: Alla habe ihn prädeſtinirt, ſich zu ergeben. Das war ein köſtlicher Augenblick, als ich beim Winde an ſeine Seite aufſtach. Ich glaube, der Muſelmann dachte nicht anders, als das ganze heilige Conclave ſei flott, und das Verderben Muhameds und ſeiner Kinder hereingebrochen. Ich muß bekennen, daß ich ihm die friedlichen Schlüſſel abſichtlich gezeigt hatte, um ihn zu locken. Der Narr mochte glauben, ſie dienten nur dazu, der Chriſtenheit den Himmel zu öffnen.“ „Als er aber ſeinen Irrthum einſah und eingeſtand, ließet Ihr ihn laufen?“ »Mit meinem Segen. Wir tauſchten einige Artikel um, deren wir gegenſeitig benöthigt waren, und dann ſetzte Jeder ſeinen Weg fort. Ich verließ ihn, ſeine Pfeife ſchmauchend, bei ſchwerem Wet⸗ ter, ſeine Vorſtange ſeitwärts liegend, ſeinen Beſahn⸗Maſt unter der Gilling, mit ſechs bis ſieben Löchern im Bauch, welche gerade ſo viel Waſſer einließen, als die Pumpe herausſchaffen konnte. Ihr ſeht, daß er ſich auf gutem Wege befand, zu ſeinem himmliſchen Erbe zu gelangen. Aber der Himmel wollte es ſo, er war präde⸗ ſtinirt, und ſomit hatte er alle Urſache, zufrieden zu ſein!“ „Ihr habt aber mehrere Flaggen überſprungen? welche ſind's? Sie ſcheinen reich und mannigfaltig.“ „Hier dieſe iſt England, ariſtokratiſch wie das Land, welches ſie vorſtellt, in Parteien getheilt, und guten Theils mit Humor und Laune gezeichnet. Die Flagge hat Raum genug, alle Stände und Klaſſen zu enthalten, und ſo ſollte es auch ſein; ſind nicht alle Menſchen vom ſelben Fleiſch und Bein? Sollten nicht alle Bewohner Eines Reichs mit den nämlichen Farben und Sinnbil⸗ dern ſegeln?— Hier iſt Mylord Groß⸗Admirals⸗Flagge, ein Sanct Georg, mit den rothen und blauen Streifen, je nachdem Der rothe Seeräuber. 7 98 der Humor geſtimmt iſt. Hier die Streifen von Indien. Hier die königliche Standarte ſelbſt.“ „Was? die königliche Standarte?“ 3„Warum nicht? Iſt der Schiffscommandeur nicht ein Monarch in ſeinem Schiff? Ja, ja, dieß iſt des Königs Standarte, und was noch mehr, ich habe ſie in Gegenwart eines Admirals aufgezogen.“ „Das verdient eine Erklärung,“ rief der Zuhörer aus, welcher die Art von Scheu und Abſcheu zu fühlen ſchien, die einen Geiſt⸗ lichen bei Entdeckung eines Kirchenraubes anwandeln würde.„Wie? die königliche Standarte vor einer andern Flagge aufzuziehen! Wir wiſſen Alle, welchen Verdrießlichkeiten, welchen Gefahren ſich Der⸗ jenige ausſetzt, der nur zum Scherze eine bloße Wimpel flattern ließe, wenn ein königlicher Kreuzer im Anzuge iſt.“ „Ei ja doch, aber mir macht es Spaß,“ unterbrach der Andere mit gedämpftem doch bitterem Lachen,„mich gegen die Schufte in die Bruſt zu werfen. O, es iſt köſtlich, ſie herauszufordern! Um mich ſtrafen zu können, müſſen ſie ſtark genug ſein; ſie haben es mehrmals verſucht, aber immer auf ihre Koſten. Nichts macht ſo richtige Rechnung, als wenn man dem Landesgeſetz ein tüch⸗ tiges Stück Segelzeug entgegen halten kann. Mehr brauche ich nicht zu ſagen.“ „Aber welcher von dieſen Flaggen bedient Ihr Euch am öfte⸗ ſten?« fragte Wilder nach einer Pauſe augenblicklichen Nachdenkens. „Beim bloßen Segeln, muß ich Euch ſagen, bin ich ſo wetter⸗ wendiſch und wankelmüthig wie ein Mädchen von zehn Jahren in der Wahl ihrer Bänder. Ich wechsle oft die Flagge, ein Dutzend Mal des Tages. Wie mancher ehrliche Kauffahrer hat, wenn er einen Hafen verließ, verſichert: er habe in offener See mit einem Holländer oder Dänen geſprochen? Wenn's aber an ein Gefecht ging, wo ich freilich auch manchmal meiner Laune Gehör gab, und es war mir recht Ernſt dabei, ſo war es vor Allem Eine, von der ich mir den meiſten Erfolg verſprach.“ ————„ — —. ₰ 22—SA dier arch was en. cher eiſt⸗ Vie? Wir Der⸗ tern dere zufte hern! aben nacht tüch⸗ e ich öfte⸗ kens. etter⸗ en in tzend in er einem efecht gab, Eine, 8 99 „Und dieſe iſt?« Hier ließ der Kapitän eine Zeitlang ſeine Hand auf der Rolle ruhen, zu welcher er gegriffen hatte, und ſchien tief in der Seele des Andern leſen zu wollen, ſo eindringend und ſcharf war ſein Blick die ganze Weile. Dann gab die Hand nach, der Lappen rollte ſich langſam auf, und es wurde ein dunkelrothes, blutrothes Feld ſichtbar, ohne irgend ein Zuſatz von Bild, Wappen oder anderweitigen Zierraths. Zugleich ſagte der Kapitän mit empha⸗ tiſchem Nachdruck: „Dieſe!“ „Dieß iſt ja die Farbe eines Räubers!“ „Hm— ſie iſt roth, wie Ihr ſeht, und Roth iſt mir lieber als Eure dunklen ſchwarzen Felder mit Todtenköpfen und anderen kindiſchen Vogelſcheuchen. Dieſe Flagge droht nicht, ſie ſagt nur: „Dieß iſt der Preis, um den man mich erkauft!— Herr Wilder,“ ſetzte er hinzu, den gemiſchten Ton der Ironie und des Scherzes ablegend, mit welchem er bis jetzt geſprochen, und die Miene des Anſehens und des Uebergewichtes annehmend:„Herr Wilder, wir verſtehen, dünkt mich, einander. Es iſt Zeit, daß Jeder von uns ſeine Flagge aufziehe. Ich brauche Euch nicht zu ſagen, wer ich bin.“ »Ich ſelbſt halte es für unnöthig,“ verſetzte Wilder.„Aus die⸗ ſen handgreiflichen Beweiſen zu ſchließen, ſtehe ich hier dem....« „Red Rover gegenüber,“ fuhr der Andere fort, als er ſah, daß Jener Bedenken trug, den Beinamen auszuſprechen.„Ja ich bin es, und ich hoffe, unſer erſtes Zuſammentreffen werde der Anfang einer langen und dauerhaften Bekanntſchaft ſein. Ich kann den geheimen Drang nicht erklären; aber vom erſten Augenblick an, als ich Euch ſah, hat mich ein unwiderſtehliches, unausſprechliches Etwas zu Euch gezogen. Vielleicht war es das Gefühl der Leere, worin ich ſeit einiger Zeit lebe;— ſei es nun aber auch, was es wolle, genug, ich empfange Euch mit offnem Herzen und offnen Armen.“ Es war wohl aus Allem, was dieſem freimüthigen Geſtändniß 7*6 2 100 vorausgegangen, nicht zu bezweifeln, daß Wilder Ahnung und Kenntniß von der Beſtimmung und dem Charakter des Schiffes hatte, worauf er ſich befand; gleichwohl konnte er ſich bei dieſen Worten einer gewiſſen Verwirrung nicht erwehren. Der Ruf des berüchtigten Freibeuters, ſeine Vermeſſenheit, ſein Gemiſch von Liberalität und Zügelloſigkeit, ſeine bei allen Gelegenheiten gezeigte deſperate Gleichgültigkeit gegen den Tod, mochte ſich in dieſem Augenblicke unſerem jüngeren Abenteurer lebhaft vormalen, und Schuld an der Art von Gemüthserſchütterung ſein, der wir Alle mehr oder weniger unterworfen ſind, wenn uns irgend ein wich⸗ tiges Ereigniß, worauf wir vorbereitet waren, wirklich aufſtößt. „Ihr habt Euch,“ gab er endlich zur Antwort,„weder in mei⸗ nen Abſichten, noch darin geirrt, daß ich Euch für Den halte, der Ihr ſeid. Ich geſtehe offenherzig, daß ich Euch und Euer Schiff geſucht habe. Ich gehe in Euer Anerbieten ein, und von dieſem Augenblicke an mögt Ihr mich hinſtellen, wo Ihr wollt und wo Ihr glaubt, meines Dienſtes Euch erfreuen zu können.“ „Ihr ſeid von nun an der Erſte nach mir. Morgen früh ſoll dieſe Erklärung auf dem Hinterdecke bekannt gemacht werden, und auf den Fall meines Todes— ich müßte mich denn in dem Manne geirrt haben— werdet Ihr mein Nachfolger.... Dieß kann Euch mit Recht befremden. Die zutrauliche Eröffnung ſcheint etwas ſchnell zu kommen, und kommt auch wirklich ſo, aber un⸗ ſere Schiffsernennungen ſind nicht wie die Königlichen, werden nicht in den Hauptſtraßen der Hauptſtadt mit Trommelſchlag an⸗ gekündigt; und dann— ich müßte denn ein ſchlechter Kenner und Beurtheiler des menſchlichen Herzens ſein, oder mein offenes, feſtes Vertrauen in Euch wird ſeinen Zweck nicht verfehlen, und mir das Eurige nebſt Eurem Wohlwollen gewinnen.“ „So iſt's!“ rief Wilder plötzlich und mit tiefem Nachdruck. Der Rover fuhr lächelnd und mit ruhiger Stimme fort: „Junge Männer von Eurem Alter pflegen einen großen Theil i 1 d 8 und ffes eſen des von igte ſem und Alle dich⸗ ößt. mei⸗ der chiff eſem wo ſoll und anne ann heint un⸗ rden an⸗ und nes, und ruck. cheil 101 ihres Herzens auf den Händen zu tragen. Aber trotz der anſchei⸗ nenden Sympathie unter uns Beiden, muß ich Euch doch ſagen, damit Ihr die gehörige Achtung vor der Behutſamkeit Eures Freundes und Führers bekommt, daß ich Euch ſchon früher geſehen habe. Ich war von Eurer Abſicht mich aufzuſuchen, und von Eurem Entſchluß Euch mir anzubieten, unterrichtet.“ „Unmöglich,“ rief Wilder,„kein menſchliches Weſen....“ „Kann ſicher ſein, daß Niemand um ſeine Geheimniſſe wiſſe,“ unterbrach ihn der Andere,„wenn es ein ſo unverhülltes Geſicht trägt als Ihr. Es ſind nur vierundzwanzig Stunden her, daß Ihr in Boſton waret.“ „Ich geb' es zu; aber....“ „Ihr werdet auch das Uebrige zugeben. Ihr waret zu neu⸗ gierig, zu eifrig bei Euren Erkundigungen über den Eſel, der dort Klage führte, er ſei von mir um Schiff und Ladung gebracht worden. Der falſchzüngige Bube! Es ſteht ihm zu wünſchen, daß ich ihn nicht auf meinem Wege betreffe, ſonſt würde ich ihm eine Lehre geben, daß ſeiner Ehrlichkeit und Wahrheitsliebe die Augen übergehen ſollten! Glaubt er, ſo ein armſeliges Wild, wie er, könne mich veranlaſſen, auch nur einen Zoll Segel auszuſetzen oder ein Boot in's Waſſer zu laſſen?“ „Iſt denn ſein Bericht erlogen?“ fragte Wilder mit einer Be⸗ ſtürzung, die er nicht einmal zu verbergen verſuchte. „Sein Bericht? Bin ich denn wirklich, was der Ruf aus mir gemacht hat? Schaut mal dem Ungeheuer in's Geſicht, damit Euch keiner ſeiner Züge entgehe!“ entgegnete der Rover, bitter auflachend, und hinter dem ſpöttiſchen Lachen das Gefühl des beleidigten Stolzes verbergend.„Wo ſind die Hörner und der Pferdefuß? Zieht die Luft ein, Freund! Riecht; iſt ſie nicht mit Schwefel geſchwängert? .... Doch genug davon, und wieder auf Euch zurück. Ich wußte um Eure Erkundigungen, und mir gefiel Eure Perſon. Kurz, ich ſtudirte Euch aus, und ob ich gleich dabei behutſam zu Werke 102 ging, ſo kam ich Euch doch nahe genug, um einen Entſchluß faſſen zu können. Ihr gefielt mir, Wilder, und ich hoffe, wir werden gegenſeitig mit einander zufrieden ſein.“ Der neuangeſtellte Buccanier neigte ſich bei dem Kompliment ſeines Obern, und ſchien um die Antwort etwas verlegen. Als habe er Luſt, den Punkt ganz abzubrechen, bemerkte er etwas haſtig: „Da wir nun unter uns einverſtanden ſind, ſo will ich nicht länger beſchwerlich fallen, Euch noch für dieſe Nacht verlaſſen, und morgen früh mich zu meiner Pflicht einſtellen.“ „Mich verlaſſen!“ erwiederte der Rover, ſo plötzlich ſtill ſtehend, und den Andern mit einem Blick durchbohrend.„Es iſt nicht Ge⸗ brauch bei meinen Offizieren, mich ſo ſpät allein zu laſſen. Ein Seemann muß ſein Schiff lieb haben, und nie die Nacht außer demſelben zubringen, es ſei denn aus Noth oder Zwang.“ „Wir müſſen vor allen Dingen uns recht verſtehen,“ verſetzte Wilder raſch.„Iſt es darauf abgeſehen, daß ich Euer Sklave, oder wie einer von den Bolzen niet⸗ und nagelfeſt am Schiffe ſei, und könnt Ihr mich nur auf dieſem Fuße brauchen, ſo iſt unſer Handel null und nichtig.“ „Hm! ich bewundere Eure Entſchloſſenheit mehr als Eure Ueberlegung. Ihr werdet in mir einen anhängigen Freund finden, einen Freund, der ſich ungern von Euch trennt, auch nur auf eine kurze Zeit. Iſt hier auf meinem Schiffe nicht genug, was Euch zufrieden ſtellen kann? Ich rede nicht von dem, was niedrige Seelen, was ſinnliche Menſchen befriedigt. Ihr habt gelernt, den Werth der Vernunft einzuſehen und zu würdigen, und hier ſind Bücher; Ihr habt Geſchmack, hier iſt Eleganz; Ihr ſeid arm, hier iſt Reichthum und Pracht.“ „Dieß iſt Alles ſo viel als Nichts, wo Freiheit fehlt,“ erwie⸗ derte der Andere kaltblütig. „Und was verſteht Ihr unter Freiheit? Ich will nicht hoffen, junger Mann, daß Ihr geſonnen ſeid, das Vertrauen, das ich 103 Euch eben geſchenkt habe, ſo bald zu verrathen? Unſere Bekannt⸗ ſchaft iſt blatjung, und ich bin vielleicht zu raſch in meinen Er⸗ öffnungen gegen Euch geweſen.“ „Ich muß an's Land,“ wiederholte Wilder mit Nachdruck, „wäre es auch nur, um zu erproben, daß Ihr mir trauet, und ich nicht Euer Gefangener bin.“ „Darin liegt entweder eine ſehr edle Geſinnung oder ein tief an⸗ gelegter Bubenſtreich,“ erwiederte der Rover nach einer Minute ernſten Nachſinnens.„Ich will hoffen, das erſte. Gebt mir alſo die Ver⸗ ſicherung, daß, während Ihr Euch in Newport aufhalten werdet, keine Seele durch Euch den wahren Charakter dieſes Schiffs erfahren ſoll.“ „Mit einem Eid!“ unterbrach ihn Wilder mit Feuer. „Auf dieſes Kreuz,“ fuhr der Rover mit ſarkaſtiſchem Lachen fort,„auf dieſes mit Brillanten beſetzte Kreuz?... Nein, Sir,“ ſetzte er mit ſtotz aufgeworfener Lippe hinzu, das Kreuz verächtlich wieder auf die Seite legend,„Eide ſind für Diejenigen, welche des Zwanges der Geſetze bedürfen, um ihr gegebenes Verſprechen zu halten; ich bauche nichts weiter, als das klare, unzweideutige Wort eines Ehreimannes.“ „Nun dann, klar und unzweideutig erkläre ich hiermit, daß⸗ ſo lange ich noch in Newport verweile, ich wider Euern Willen, oder ohne Euern Befehl, Niemanden den Charakter dieſes Schiffs entdecken will. Ii noch mehr....“ „Nichts weiter. Es iſt der Klugheit gemäß, mit Euren Betheu⸗ rungen wirthſchaftich umzugehen, und nicht mehr zu verſprechen, als was gefordert vird. Es mag vielleicht eine Zeit kommen, wo es Euch helfen kam, ohne mir zu ſchaden, daß Ihr nicht durch Euer Wort gefeſſelt ſeid.... In einer Stunde ſollt Ihr an's Land gehen; die Zviſchenzeit braucht Ihr dazu, Euch mit den Bedingungen Eurer Anſtellung bekannt zu machen, und meine Schiffsliſte mit Euran Namen zu beehren....Roderich!“ rief er, indem er wieder an die Gong ſchlug,„Roderich, komm herauf!“ 104 Eben der flinke Burſche, der ſich ſchon einmal gezeigt, fand ſich wieder ein, die kleine Treppe im Fluge heraufeilend, und meldete ſich durch ſein:„Hier bin ich!“ „Roderich,“ fuhr der Rover fort,„du ſiehſt hier meinen künf⸗ tigen Lieutenant, deinen künftigen Offizier, und meinen Freund. Wünſcht Ihr eine kleine Erfriſchung, Sir? Da iſt der Roderich; der wird Euch ſo ziemlich Alles geben, was Ihr begehren könnt.“ „Ich danke, Sir; ich bedarf Nichts.“ „Nun, ſo habt die Güte, dem Knaben zu folgen. Er wird Euch in die große Kajüte führen, und Euch die geſchriebenen Schiffsartikel zuſtellen. In einer Stunde könnt Ihr den Aufſatz durchgeleſen haben, dann bin ich wieder bei Euch, Leuchte beſſer auf die Leiter, Junge;.... doch, ich müßte mich ſehr irren, oder Ihr könnt der Leiter entbehren, um hinunterzukommen; ſonſt würde ich ja in dieſem Augenblicke ſchwerlich das Vergnügen haben, Euch bei mir zu ſehen.“ Das vielſagende Lächeln des Rover blieb von dem Manne unbeantwortet, dem der Scherz galt, und dem es nicht entging, daß Jener ſchalkhaft den Streich in Erinnerung brachte, den er ihm im Thurme geſpielt hatte. Er drückte ſein Mißfallen über die unzeitige Erwähnung da⸗ durch aus, daß er ernſt und ſchweigend ſich anſchickte, dem Kna⸗ ben zu folgen, welcher, das Licht in der Hand die Treppe ſchon halb hinabgeſtiegen war. Der Kapitän trat Wildern mit einem Schiitte entgegen, und theils um das Geſchehene wieder gut zu machen, theils um zu zeigen, daß es ihm nicht an Takt und feiner Erziehung fehle, ſprach er mit Grazie und einiger Raſchheit: »„Maſter Wilder, ich habe Euch noch meite Entſchuldigung zu machen, daß ich Euch dort im Thurme ſo mnartig und unhöflich verlaſſen habe. Ich ſah Euch zwar ſchon fir den Meinigen an, war aber doch der Sache nicht ganz gewiß. Ihr werdet begreifen, 105 wie nothwendig es für Einen in meiner Lage war, ſich damals. einen... Begleiter vom Halſe zu ſchaffen.“ Wilder kehrte ſich um, zeigte ein Geſicht, worauf ſich keine Spur von Mißfallen befand, und winkte ihm zu, nicht weiter davon zu reden. Er ſelbſt ſagte:— „Es war mir in der That nicht wohl zu Muthe, als ich mich in dem Mäuſethurm wie in einem Gefängniß eingeſperrt ſah; aber ich ſehe vollkommen ein, was Euch ſo handeln ließ. Ich würde vielleicht das Nämliche gethan haben, mir zu helfen, wenn ich gerade ſo viel Geiſtesgegenwart gehabt hätte.“ „Der Spukgeiſt, der in der Newports⸗Ruine hauſet und ver⸗ kehrt, iſt wirklich zu bedauern, denn alle Ratten ſind ihm davon⸗ gelaufen,“ ſagte der Rover in luſtigem Tone, als ſein Lieutenant dem Vorleuchter folgte. Wilder ſtimmte abgehend in die Laune des Kapitäns, und ließ ihn allein. Siebentes Kapitel. Romeo. Die Welt hat kein Geſetz, dich reich zu machen: Drum ſei nicht arm, brich das Geſetz, und nimm. Apotheker. Nur meine Armuth, nicht mein Wille, weicht. Nomeo und Julie, Act v. Sc. 1. Der Rover blieb zurück und ſah dem Abgehenden nach. Eine Minute ſtand er da, in der Stellung eines Mannes, der ſich zu einem hohen Triumphe Glück wünſcht, der über ſeinen glücklichen Erfolg nicht nur ſtolz, ſondern entzückt iſt. Verrieth aber auch der lebhafte Ausdruck ſeines geiſtreichen Geſichts die innere Freude, ſo machte ſie ſich doch durch kein äußeres Zeichen eines wilden Ausbruchs kund. Man hätte allenfalls an ihm das frohe Gefühl bemerken können, daß ihm ein Stein vom Herzen gefallen ſei, nicht die eigennützige, gierige Freude über den neuangeworbenen Diener. Ja noch mehr, ein tieferer Menſchenkenner würde viel⸗ 106 leicht in ſeinen unſtäten Augen, auf ſeinen zuckenden Lippen den geheimen Vorwurf und eine Art von Reue über den eben errun⸗ genen Sieg geleſen haben. Doch dieſe ſtreitenden Gefühle gingen ſchnell vorüber, und ſeine Züge nahmen bald wieder die Lage ein, die er ihnen in den Stunden der Einſamkeit zu geben ge⸗ wohnt war. 4 Er ließ dem Knaben die gehörige Zeit, den Fremden an den Ort ſeiner Beſtimmung führen und ihm die Disciplinargeſetze einhändigen zu können. Dann ſchlug er an den Gong, erwartete ſeine Rückkehr, verſiel aber zugleich in ſo tiefe Gedanken, daß der Knabe Zeit hatte heraufzukommen, ſich neben ihn zu ſtellen, ſich dreimal zu melden, ehe ſein Herr ihn bemerkt hatte.„Roderich!“ rief er endlich,„biſt du da?“ „Ich bin da,“ antwortete der Kleine mit leiſer, und wie es ſchien, kleinlauter Stimme. „Aha! Du gabſt ihm das Regulativ?“ „Ja, Herr.“ „Und er lieſet es durch?“ „Ja, Herr.“ „s iſt gut. Ich muß den General ſprechen,— ſag's ihm! Roderich, du bedarfſt der Ruhe. Beſtell' den General zu mir; und dann gute Nacht, gute Nacht, Roderich.“ Der Knabe ſprach ſein:„Ja, Sir,“ aber anſtatt ſchnell ab⸗ zugehen, und mit gewohntem Feuer den Befehl auszurichten, ver⸗ weilte er noch immer am Stuhle ſeines Herrn. Als er aber ſah, daß der Verſuch, ihm in's Auge zu ſchauen, nicht gelingen wollte, ging er langſam und wider Willen die Stiege nach den unteren Kojen hinab, und ward nicht mehr geſehen. Wir haben nicht nöthig, die zweite Erſcheinung des Generals umſtändlich zu beſchreiben. Sie war faſt ganz dieſelbe wie ſeine erſte Entrée, nur daß er dieſes Mal gleich ganz daſtand, eine lange, gerade Figur, mit natürlichem Anſtand und richtigen Hit Ich den zun⸗ gen kage ge⸗ den ſetze tete der ſich ch 16⁵ e es 107 Verhältniſſen, dabei ſo ganz militäriſch zugeſtutzt, daß jedes Glied ſeine einzelne Bewegung verloren hatte, und ſich keines regte, ohne daß die übrigen ſich, wie im Tempo, mitregten. Der lebende, eingeübte Gliedermann trat auf, verbeugte ſich, ging auf einen Stuhl zu, blieb eine Weile davor ſtehen, rückte daran, ſetzte ſich darauf und ſchwieg. Der Rover ſchien ihn nicht ſogleich zu bemerken, begrüßte ihn dann mit einem freundlichen Kopf⸗ nicken, ließ ſich aber nicht im Nachſinnen ſtören, ſo wenig brachte ihn die Erſcheinung aus ſeinem wachen Traum. Endlich, nach⸗ dem er die Audienz mit ſeinen Gedanken aufgehoben, gab er dem Manne Gehör, und redete ihn an: „General, der Feldzug iſt noch nicht geſchloſſen.“ „Was bleibt übrig? Das Schlachtfeld iſt behauptet, der Feind gefangen.“ „Ei, Ihr habt das Eure gethan und geſiegt; Ich aber bin noch nicht fertig.„Habt Ihr den jungen Mann in der großen Kajüte geſehen?“ „Ja.“ „Wie findet Ihr ihn? Sein Aeußeres?....“ „Seemänniſch.“ „Das will ſo viel ſagen als, er gefällt Euch nicht.“ „Ich liebe das Militäriſche.“ „Ich müßte mich ſehr irren, oder Ihr werdet ihn auf dem Hinterdeck nach Eurem Geſchmack finden. Doch, das bei Seite! Ich habe Euch um eine Gefälligkeit zu bitten.“ „Um eine Gefälligkeit? es iſt ſpät.“ „Sagte ich Gefälligkeite Es iſt eine Dienſtſache.“ „Ich warte auf Ordre.“ „Es muß behutſam zu Werke gegangen werden; denn wie Ihr wißt....“ „Ich warte auf Ordre,“ wiederholte der Andere lakoniſch. Der Rover zog den Mund zuſammen; ein Lächeln wollte ſich 108 von der untern Lippe ſchleichen, er verbiß es aber, und halb mit freundlicher, halb mit befehlender Miene fuhr er fort: „Ihr werdet zwei Matroſen in einem Boot hart am Schiffe finden; der eine iſt weiß, der andere ſchwarz. Beide müßt Ihr auf das Schiff bringen, in eine der Vorderkojen; da müßt Ihr ſorgen, daß ſie über und über betrunken werden.“ „Soll geſchehen!“ erwiederte der Mann mit dem Generalstitel, ſtand auf und ging mit langen Schritten der Thüre zu. „Noch einen Augenblick!« rief der Rover.„Weſſen wollt Ihr Euch dabei bedienen?“ „Nightingale iſt der Mann, Einen unter den Tiſch zu trinken.“ „Der hat heute ſchon ſeine Ladung weg. Ich ſchickte ihn dieſen Morgen an's Land, um zu ſehen, ob er ein paar dienſtloſe Leute für das Schiff werben könnte. Dort fand ich ⸗ihn in einer Taverne, mit ſchwerer Zunge lallend, und wie ein Advokat dekla⸗ mirend, der ſich von beiden Parteien hat bezahlen laſſen. Ueber⸗ dieß gerieth er mit einem der Beiden im Boote in Streit, und es wäre leicht möglich, daß ſie wieder anbänden, und ſich die Gläſer an den Kopf ſchmiſſen.“ „Nun ſo will ich's ſelbſt übernehmen. Ohnehin wartet meine Schlafmütze*) auf mich, und ich habe weiter nichts zu thun, als ſie etwas feſter zu ſchnüren.“ Der Rover ſchien mit dem Anerbieten zufrieden, und gab ſeinen Beifall mit vertraulichem Kopfnicken zu erkennen. Nun wollte der Krieger abgehen, wurde aber zum zweiten Male auf⸗ gehalten. „Noch Eines, General! da iſt Euer Gefangener....“ „Soll ich ihn auch betrunken machen?“ „Bewahre! Laſß't ihn herbringen.“ „Gut,“ ſagte der General, und ging. „Es wäre unbeſonnen von mir,“ dachte der Rover, die Kajüte W *) Mein Schlaftrunk. mit hiffe Ihr Ihr itel, Ihr en.“ ihn kloſe einer ekla⸗ ber⸗ und die neine als gab Nun auf⸗ ajüte 109 wieder auf⸗ und abgehend,„wenn ich einem offenen Gefühl und einem jugendlichen Enthuſiasmus zu ſehr vertraute. Ich müßte mich ſehr irren, wenn der junge Mann nicht Gründe hätte, mit der Welt unzufrieden zu ſein, und ſich nicht in der Abſicht ein⸗ ſchiffte, irgend einen Roman zu ſpielen. Mich von ihm betrügen laſſen, könnte ſchlimme Folgen haben; und auf jeden Fall kann man nicht behutſam genug zu Werke gehen. Er iſt mit den beiden Matroſen genau bekannt und eng verbunden. Ich muß tiefer in ſeine Geſchichte eindringen. Das Alles muß mir mit der Zeit klar werden. Ich behalte für's Erſte die Beiden als Bürgen für ſeine Rückkehr und ſeine Treue— Kommt es heraus, daß er ein Be⸗ trüger iſt,— ei nun! die beiden Männer ſind ja ein paar Schif⸗ fer, und wie viel ihres Gleichen ſind ſchon im wilden Seedienſt daraufgegangen! Ja, ſo iſt's am beſten; und überdieß kann der junge Mann keinen angelegten Plan von meiner Seite ahnen, wenn er ſelbſt, wie ich hoffe und wünſche, es ehrlich meint.“ So, oder ungefähr ſo, dachte der Rover über dieſe Angelegen⸗ heit, und beſchäftigte ſich damit einige Minuten nach dem Abgange des Generals. Seine Lippen bewegten ſich beim Denken; bald lächelte er, bald war ſein Blick ernſter und finſter, während ſeine Züge zu ſprechen ſchienen. Alles an ihm gab Zeugniß, daß ſein Geiſt tief und heftig arbeitete. So wie er abwechſelnd dachte, ſo wechſelten auch Gang und Schritt und Geberde; ſie waren bald ſchneller, bald langſamer, bald excentriſcher. Plötzlich aber und mit einem Male hielt er inne, als ihm gegenüber eine Ge⸗ ſtalt ſich zeigte, oder vielmehr eine Erſcheinung. Denn indeſſen er ſich allein glaubte und ſich ganz ſich ſelbſt überließ, waren zwei handfeſte Matroſen eingetreten, und hatten ſich, nachdem ſie ein menſchliches Weſen hereingetragen und ab⸗ geſetzt, in aller Stille wegbegeben. Vor dieſer Maſſe ſtand nun der Rover. Das Staunen war gegenſeitig, und wurde lange von keinem Theil unterbrochen. Befremden und Unentſchloſſenheit hielten 110 den Rover ſtumm; Beſtürzung und Schrecken ſchienen alle Leibes⸗ und Seelenkräfte des Andern zugleich verſteinert zu haben. End⸗ lich ermannte ſich Jener, rief ein erkünſteltes Lächeln zu Hilfe, nahm eine ruhigere Miene an und rief aus: „Sir Hector Homeſpun, ſeid mir willkommen.“ Der außer ſich geſetzte Schneider— denn es war kein Ande⸗ rer, als das ſchwatzhafte Männchen, mit welchem unſere Leſer ſchon bekannt ſind, und der in die Netze des grünen Mannes ge⸗ fallen war— rollte ſein Augenpaar von der Rechten zur Linken, ließ es auf das Gemiſch der Eleganz eines Prunkzimmers und der Kriegsgeräthe eines Zeughauſes umherſchweifen, von denen es aber immer wieder auf die vor ihm ſtehende Geſtalt zurückfiel und ſie zu verſchlingen ſchien. „Ich heiße Euch noch'mal willkommen, Sir Hector Home⸗ ſpun!“ ſagte der Rover. „Der Herr ſei den Sünden eines miſerablen Vaters von ſieben kleinen Würmern gnädig!“ heulte der Schneider.„Ach Gott! ach Gott! Tapferer Pirat, was kann ein armer Handwerksmann, wenn er auch von Morgens früh bis Abends ſpät aufſitzt, durch ſein bischen Arbeit und ſeinen ſauren Schweiß erſchwingen?“ „Ei, was ſind das für ſchlechte Redensarten im Munde eines Ritters, Sir Hector!“ unterbrach ihn der Rover, griff nach der kleinen Reitgerte, welche zufällig auf dem Tiſch lag, und klopfte damit, wie ein zweiter Merlin, dem ‚verwunſchenen Schneider’ auf die Schulter, um ihn zu entzaubern.„Munter, du ehrlicher, loyaler Unterthan; Fortuna hat endlich aufgehört, dir zu ſchmol⸗ len! noch vor Kurzem, vor wenigen Stunden, beſchwerteſt du dich, daß dir keine einzige Jacke von dieſem Schiffe zukäme; jetzt biſt du auf dem Wege, die ganze Kundſchaft zu erhalten.“ „Ach ehrwürdigſter, großmüthigſter Herr Rover,“ verſetzte Homeſpun, deſſen Redſeligkeit mit ſeiner Beſinnung zurückgekehrt war,„ich bin ein ganz verarmter, zu Grunde gerichteter Mann. des⸗ nd⸗ lfe, nde⸗ eſer ge⸗ ken, und enen kfiel me⸗ eben ott! ann, urch ines der pfte auf cher, mol⸗ t du jetzt ſetzte kehrt ann. 111 Mein Leben iſt eine Folge von ſchweren Leiden und harten Prü⸗ fungen. Fünf blutige, grauſame Kriege....“ „Genug. Ihr habt's gehört. Das Glück fängt an Euch zu lächeln. Kleider ſind Leuten unſeres Gewerbes eben ſo nöthig als dem Pfarrherrn Eurer Stadt. Ihr ſollt ohne baare Bezahlung keine Naht bügeln. Seht!“ ſetzte der Rover hinzu, auf die Feder eines geheimen Schiebfachs drückend, welches aufſprang und einen großen, gemiſchten Haufen Goldes von faſt allen Geprägen der Chriſtenheit zeigte,„wir ſind im Stande, treue Dienſte zu bezahlen.“ Dieſer Anblick des glänzenden Goldberges, der bei weitem Alles überſtieg, nicht nur was dem Schneider bisher von Schätzen vorerzählt worden, ſondern was ſich ſeine eigene Einbildungskraft nur denken konnte, verfehlte ſeine Wirkung auf die Sinne und Empfindungen des guten Mannes nicht. Seine Augen wühlten in dem Goldklumpen, ſo lange es dem Rover gefiel, ihm den Schmaus zu gönnen; als dieſer aber ihn bald nachher ſeinen Blicken entzog, fragte er den beneideten Beſitzer ſo großer Reich⸗ thümer mit einem Tone, der in eben dem Grade vertraulicher und zuverſichtlicher wurde, als ſein Inneres durch die Entdeckung dieſer Goldgrube ſich geſtärkt und ermuthigt fühlte: „Und was habe ich zu thun, mächtiger Seeherr, um an dieſem Peru einen kleinen Antheil zu bekommen?«. „Was Eures Gleichen täglich zu Lande thun— zuſchneiden, nähen, bügeln, Kleider machen. Vielleicht werdet Ihr auch bei mir Gelegenheit finden, von Zeit zu Zeit an Maskenanzügen Euer Talent zu verſuchen.“. „Masken und Larven ſind geſetz⸗ und religionswidrige Erfin⸗ dungen des leidigen Satans, die Menſchen zu Sünden und welt⸗ lichen Greueln zu verleiten. Aber, würdigſter Seeheld, da iſt noch meine troſtloſe— bald hätte ich geſagt, Wittwe— meine Deſideria; das gute Weib iſt zwar weit in Jahren vorgerückt und eine Widerbellerin, eine Zunge, wie's keine gibt; aber doch 112. bei dem Allen iſt ſie meine eheliche, geſetzliche Hälfte und die Mutter meiner zahlreichen Kinder.“ „Sie ſoll keinen Mangel leiden. Mein Schiff iſt überhaupt ein Aſyl für unglückliche Ehemänner. Ihr Alle, denen es an Herz und Kraft gebricht, zu Hauſe das Kommando zu führen, kommt in mein Schiff, als zu einem Zufluchtsorte! Du wirſt der Sie⸗ bente ſein, der ſeine verlorene Hausruhe in dieſem Heiligthume wieder gefunden.— Die andern Sechſe ſind glücklich; ihre Fa⸗ milien ſind durch Mittel geborgen, die mir am beſten bekannt ſind. Beide Theile ſind zufrieden, und dieß iſt nicht die kleinſte meiner wohlthätigen Handlungen.“ „O wie preiswürdig und gerecht, hochverehrter Herr Kapitän! Ich hoffe, meine Deſideria und ihre Kindlein ſollen nicht vergeſſen werden. Der Arbeiter iſt ſeines Lohnes werth; und ſollte es ſich ereignen, daß ich in Euren Dienſten abmagern,— wie ſoll ich ſagen?— in Zwang und Noth mich placken und arbeiten muß, ſo hoffe ich, edelſter Sir, Eure Freigebigkeit wird dafür Weib und Kinder mäſten und fett machen.“ „Ihr habt mein Wort; es ſoll ihnen an nichts fehlen.“ „Vielleicht, allverehrteſter Herr, ließe ſich von dieſem Goldberge etwas zu einem Vorſchuß für mein geängſtetes Weib trennen, damit ſie ſich nicht zu ſehr über meinen Verluſt gräme und ihn deſto leichter ertrüge. Ich bin ſo ziemlich mit dem Temperament meiner Deſideria vertraut, und weiß ſicherlich, daß, ſo lange ſie ſich mit dem Gedanken an Mangel und Noth quälen wird, kein Augenblick Ruhe in ganz Newport zu erwarten iſt. Nun aber, da der Himmel ſo gnädig iſt, mir etwas Ruhe zu gönnen, ſo iſt ja der Wunſch, daß ſie von Dauer ſein möge, gewiß keine Sünde.“ Obſchon der Rover keinen Grund hatte, wie ſein Gefangener, zu fürchten, daß die Stimme der Frau Deſideria den Frieden und die Harmonie des Schiffes ſtören möchte, ſo war er doch gerade einmal in dieſer Stunde zur Gefälligkeit geſtimmt, drückte wieder die nupt derz umt Sie⸗ ume Fa⸗ innt uſte tän! ſſen ſich ich nuß, Veib 113 an die Feder, nahm eine Handvoll Gold aus der Lade, hielt ſie Homeſpun hin nnd ſagte: »Wollt Ihr Handgeld nehmen und mir Treue ſchwören, ſo iſt das Gold Euer.“ „Der Herr führe mich nicht in Verſuchung, ſondern erlöſe mich vom Böſen!“ ſchrie der erſchrockene Schneider, und ſprach dann weiter:„Heldenmüthiger Rover, ich habe Furcht vor dem Geſetze. Sollte Böſes über Euch kommen, in der Geſtalt eines königlichen Kreuzers, oder ein Sturm Euch auf den Strand jagen, ſo dürfte ich Gefahr laufen, mit Eurer Mannſchaft einerlei Schickſal zu haben. Es würde leicht heißen: mitgefangen, mitgeh.... Die klei⸗ nen Dienſte, die ich Euch aus Zwang geleiſtet hätte, würde man wahrſcheinlich überſehen;.... dagegen, großmüthiger, würdiger, vortrefflicher Commandeur, darf ich wohl hoffen, daß Ihr ſie nicht ergeſſen werdet, ſo oft ſich Gelegenheit zeigen wird, Euren recht⸗ ſchaffenen Erwerb mit mir zu theilen?“ „Das nenn' ich mir, was man bei Schneidern den Abfall nennt, oder ein Mäntelchen umhängen. Die Katze läßt vom Mau⸗ ſen nicht, der Schneider nicht vom Stehlen,“ murmelte der Rover für ſich, drehte ſich um den Haken und klopfte an den Gong mit einer Gewalt, daß der Schall durch jede Ritze des Schiffes drang. Vier bis fünf Köpfe zeigten ſich durch ebenſoviel Oeffnungen; es wurde gefragt, was der Kapitän befehle?. „Bringt ihn in ſeine Hängematte!“ war die ſchnelle Antwort. Der gute Homeſpun, der aus Furcht oder Verſtellung außer Stande ſchien, ſich zu rühren, wurde von rüſtigen Armen in die Höhe gehoben, um in die Schanze transportirt zu werden. Schon waren ſie mit ihm halb zur Thüre hinaus, als er rief: „Halt! ich habe noch ein Wort zu ſagen. Achtbarer, loyaler Re⸗ bell, ich nehme zwar eigentlich keine Dienſte bei Euch, indeſſen weiſe ich ſie keineswegs auf eine unziemende, beleidigende Weiſe von mir. Ich widerſtehe nur einer gefährlichen Verſuchung, und Der rothe Seeräuber. 8 114 möchte gern mit allen Fingerſpitzen darnach greifen, wenn ſie nur nicht gar zu gefährlich wäre. Laßt uns einen Vertrag mit einander ſchließen, worunter kein Theil leiden ſoll, und womit hoffentlich beide Theile zufrieden ſein werden; denn mein ſehnlichſter Wunſch iſt, mächtiger Commodore, einen ehrlichen Namen mit mir in's Grab zu nehmenz ferner iſt es auch mein ſehnlichſter Wunſch, bis an das Ende der mir von Gott beſtimmten Tage— zu leben, das iſt, eines natürlichen Todes zu ſterben; denn, da ich mit Ehren, bei gutem Ruf und ohne Wunde durch fünf blutige, grauſame Kriege....“ Hier wurde er mit Heftigkeit unterbrochen.„Fort mit ihm!“ „Und verſchwunden war mit einem Mal und wie durch Zauber „Homeſpun. Keine Spur von ihm; der Rover wieder allein und „ſeinen Betrachtungen überlaſſen. Es rührte ſich kein Fuß, es er⸗ „folgte kein Laut. Im ganzen Schiffe kein hörbarer Athemzug; „überall die Stille des Grabes; eine Folge der ſtrengen See⸗Dis⸗ VKirche; die wilde, ungezügelte Mannſchaft wie in eine Wüſte ge⸗ „baunt; ſelbſt die nothwendigſten Dienſttöne leiſe und erſtickt, wie I„abgeſtorben. Ab und zu gröhlte ein unmuſtkaliſcher Bruder Luſtig im Bauche des Schiffs ein paar Strophen aus einem Schifferlied⸗ 3„chen⸗ welche den Waldhornklängen eines Anfängers nicht unähn⸗ 7„, lich waren; aber auch dieſe Harmonie nahm ab und verhallte „endlich ganz. Aber jetzt ruſchelte, bei der allgemeinen Stille, eine Hand an der Thürklinke der Kajüte. Der Rover blickte auf, und F 8 ö7 3— 4 4 dciplin. Alles im Schiffe ſtill und ſtumm, wie in einer einſamen 7 — 5 74 G der General trat ein, um zu rapportiren. In ſeinem Gange, ſeinen Augen, ſeinem Weſen zeigte ſich Etwas, das zugleich zu erkennen gab, daß er ſeinen letzten Auftrag zwar erfüllt habe, dabei aber für ſeine Perſon nicht ganz leer ausge⸗ gangen ſei. Was er die Beiden machen ſollte, war er zum Theil ſelbſt geworden— berauſcht. Der Rover, welcher beim Eintreten ſeines Freundes ein wenig aufgeſchreckt und vom Stuhl aufge⸗ ſprungen war, ließ ihn erzählen. 115 „Der Weiße iſt ſo weit, daß er nicht einmal liegen kann, ohne ſich an dem Maſt zu halten; aber der Neger iſt entweder ein Gau⸗ ner, oder ſein Kopf iſt ein Kieſel.“ „Ich will nicht hoffen, daß Ihr zu früh von ihm abgelaſſen habt?“ „Ich? von ihm ablaſſen? Eher hätte ich ein ganzes Gebirge eingeſchoſſen! Nein, ich nahm meinen Abzug keine Minute zu früh. Alles iſt.... wie es ſein ſoll.“ Der Rover heftete bei den Worten, ‚wie es ſein ſolle, ſeinen Blick auf den General, um ſeiner Sache gewiß zu ſein, ob Alles auch wirklich ſo ſei. Nachdem er den Zuſtand des Mannes genau unterſucht, begnügte er ſich zu ſagen: 3 „Gut; wir wollen uns ſchlafen legen.“ Bei dieſen Worten rückte der General ſeine lange Perſon be⸗ dächtig in die Höhe, kehrte ſich um, und brachte ſein Geſicht mit der Lukentreppe, ſo gut es ſich thun ließ, in eine Linie. Dann ermannte er ſich mit einem Male deſperat, und verſuchte mit ge⸗ wohntem militäriſchen Schritt und gerader Haltung einherzuſchrei⸗ ten. Er machte zwar im Gehen ein paar kleine Abweichungen von der kürzeſten Linie, welches der Kapitän nicht zu bemerken ſchien, ſchlug ein paarmal die Beine eines über das andere, und ſegelte dann, ſeiner Meinung nach, ſchnurgerade, ohne zu ſtolpern, der Stiege zu; nur war der moraliſche Menſch in ihm nicht ganz im Stande, die kleinen Unregelmäßigkeiten und Krümmungen ſeines phyſiſchen Mitmenſchen richtig zu beurtheilen. Der Rover ſah nach ſeiner Uhr, und als er vermuthen konnte, daß er dem Gene⸗ ral ſo viel Zeit gelaſſen, als nöthig, mit ſeinem— feſten, abge⸗ meſſenen Schritt ſein Ziel zu erreichen, machte er ſich ſelbſt auf den Weg und ſtieg die Treppe hinab. Die unteren Kajüten des Schiffs waren zwar nicht ſo elegant möblirt, aber doch ſo eingerichtet, daß es ihnen weder an Rein⸗ lichkeit noch an Bequemlichkeit fehlte.— Ein paar Kojen für die Aufwärter nahmen das äußerſte Ende ein, und ſtanden mit dem 8* * ſ 116 Speiſezimmer der Offiziere zweiten Ranges, aber wie man es nach Schiffsgebrauch zu nennen pflegt, der großen untern Schan⸗ zen⸗Kajüte, in Verbindung. Auf beiden Seiten lagen die ſoge⸗ nannten Staats⸗Kajüten, ein impoſanter Name für die Schlaf⸗ kammern Derer, denen die Ehre zu Theil wird, die Schanze zu betreten. Weiter vorwärts, und an die große Kajüte anſtoßend, lag das Zimmer für die unterſten Offiziere, und dieſem gerade gegen⸗ über war die kleine Wohnung des langen Generals, welche eine Art von Scheidewand zwiſchen der gemeinen Mannſchaft und ihren Vorgeſetzten ausmachte. Dieſe Einrichtung der verſchiedenen Abtheilungen wich nur von derjenigen ab, welche auf Kriegsſchiffen von der Größe und Dimenſion des hier beſchriebenen ſtattfand; nur war es dem ſcharfen Blick Wilders nicht entgangen, daß die Querwand, welche die Kajüten und Offizierzimmer von der übrigen Mannſchafttrennte, weit ſtärker und feſter gebaut war, als gewöhnlich, und daß eine kleine Haubitze bereit ſtand, ein Wort mit zu ſprechen, wenn, wie ſich ein Arzt ausdrücken würde, ſich eine kleine innerliche Unord⸗ nung einſtellen ſollte. Die Thüren waren ebenfalls von unge⸗ wöhnlicher Dicke, und die Mittel, ſie zu verrammen, glichen mehr der Vorkehrung zu einer Belagerung, als den gewöhnlichen Maß⸗ regeln gegen Zimmereinbruch.— Musketen, Doppelhaken, Piſto⸗ len, Säbel, Halbpiken u. ſ. w. waren an Deckbalken und Scheer⸗ ſchocken befeſtigt, und dienten nur ſcheinbar zur Verzierung der Schanze, denn ihre Anzahl war ſo bedeutend, daß man es beim erſten Blick weg hatte, ſie ſeien zum Gebrauch, keineswegs zur Ausſchmückung da. Dem Auge des Seemanns verrieth die ganze Einrichtung einen Zuſtand der Dinge, wobei es von Seiten der Oberen abgeſehen war, ſich gegen die Verſuche von Inſubordina⸗ tion und Gewalt ſicher zu ſtellen, mit dem Uebergewicht ihres An⸗ ſehens jedes Vertheidigungsmittel zu verbinden, und durch Wach⸗ ſamkeit und Vorſichtsmaßregeln dasjenige zu erſetzen, was ihnen, 117 im Verhältniß mit dem größern Haufen, an phyſiſcher Kraft ing. Im größten der unteren Zimmer, in der Schanzenkajüte, fand der Rover ſeinen neuen Lieutenant, anſcheinend beſchäftigt, das Dienſtreglement des Schiffs durchzuleſen, womit er ſich bekannt machen ſollte. Wilder ſaß in einem Winkel, im Leſen vertieft, als ihn der Rover anredete: 3 „Ich will hoffen, Maſter Wilder, Ihr findet unſere Geſetze hin⸗ reichend feſt und beſtimmt.“ „Mangel an Feſtigkeit und Beſtimmtheit iſt gewiß kein Vorwurf, den man ihnen machen kann,“ erwiederte dieſer, indem er auf⸗ ſtand und den Kapitän grüßte.„Und wenn bei ihrer Anwendung ebenſo feſt und beſtimmt zu Werke gegangen werden kann, ſo iſt Alles, wie es ſein ſoll. Ich wenigſtens habe niemals ſo ſtrenge Regeln gefunden, ſelbſt nicht in....“ „In? Worin, Sir?“ fragte der Rover, als er merkte, daß ſein Compagnon ſtockte. „Ich wollte ſagen... ſelbſt in Sr. Majeſtät Dienſten,“ ver⸗ ſetzte Wilder, leicht erröthend.„Ich weiß übrigens nicht, ob es ein Unrecht oder eine Empfehlung iſt, auf einem königlichen Schiffe gedient zu haben.“ »Das Letzte; und ich muß um ſo mehr alſo denken, da ich ſelbſt mein Handwerk in einem ſolchen Dienſte gelernt habe.“ „Auf welchem Schiff?“ unterbrach ihn Wilder mit Feuer. „Auf mehreren,“ war die kalte Antwort.„Doch, Ihr findet unſere Vorſchriften ſtreng. Ihr werdet bald einſehen lernen, daß in einem Dienſte, wo es weder Gerichtshöfe zu Lande gibt, um uns zu be⸗ ſchützen, noch Kreuzer zur See, um unſer Wohl wahrzunehmen, nichts übrig bleibt, als dem Commandeur eine große Portion Gewalt ein⸗ zuräumen. Ihr ſeht, mein Anſehen iſt ein gut Theil ausgedehnt.“ „Sagt lieber, unbeſchränkt,“ erwiederte Wilder mit einem Lächeln, das für ironiſch hätte gelten können. 118 „Ich will nicht hoffen, daß Ihr je Anlaß finden vedae ſagen, daß ich es willkürlich ausübe,“ entgegnete der Rover, ohlle dieß Lächeln bemerkt zu haben, oder vielleicht ſich das Anſehen gebend, als hätte er es nicht bemerkt.„Doch, die Stunde iſt abge⸗ laufen; Eure Zeit iſt da; Ihr habt die Freiheit, an's Land zu gehen.“ Der junge Mann verneigte ſich dankbar und ſchien bereit. Als Beide wieder oben in der Kajüte waren, drückte der Kapitän ſein Bedauern aus, daß die ſpäte Stunde und die Nothwendigkeit, das Incognito ſeines Schiffes beizubehalten, ihm nicht erlaubten, einen Offizier von ſeinem Range auf die ſeiner Ehre zukommende Weiſe an's Land zu ſchicken. „Doch,“ ſetzte er hinzu,„da liegt ja immer noch das Boot, worauf Ihr angekommen ſeid, dem Schiffe zur Seite; Eure beiden kräftigen Begleiter werden Euch bald hingerutſcht haben. Apro⸗ pos, die beiden Leute ſind doch mit in unſern Vertrag begriffen?“ „Sie haben mich ſeit meiner Kindheit nicht verlaſſen, und wür⸗ den es gewiß jetzt nicht thun wollen.“ „Es iſt bei alle Dem ein beſonderes Band, welches zwei Männer wie ſie, mit einem Manne wie Ihr zuſammenbringt, der an Er⸗ ziehung und Sittlichkeit ſo ſehr von ihnen abweicht.“ Bei dieſer Bemerkung ſah der Rover dem Andern dreiſt in's Geſicht, zog aber den Blick ſogleich wieder ab, als Jener zu bemerken ſchien, wie viel ihm an ſeiner Antwort gelegen war. „Ihr habt recht,“ erwiederte Wilder mit Ruhe,„doch bei See⸗ leuten iſt der Unterſchied nicht ſo groß, als man's wohl Anfangs glauben ſollte. Ich will jetzt zu ihnen, und auf die Art und Weiſe denken, wie ich es ihnen beibringe, daß ich geſonnen bin, in Eure Dienſte zu treten.“ 5 Der Rover entließ ihn nun, und folgte ihm auf die Schanze mit langſamen, nachläſſigen Schritten, als ſei es ihm blos um die friſche Nachtluft zu thun. Das Wetter hatte ſich nicht geändert; der Himmel war trübe, —— — 6. 119 die Luft mild. Auf dem Verdeck herrſchte immer noch die ge Stille, und mit einer einzigen Ausnahme, ließ ſich keine nſchengeſtalt unter den dunkeln Maſſen ſehen, welche Wilder früher bemerkt hatte, und für nothwendige Schiffsbedürfniſſe zu halten ſchien. Jene Ausnahme war eben die Perſon, die den jungen Abenteurer bei ſeinem erſten Eintritt in Empfang genommen hatte, und die jetzt, wie vorher, in den Nachtmantel gehüllt, das Verdeck auf und ab ging. Wilder wendete ſich wieder an ſie, und machte ſie mit ſeinem Vorhaben, das Schiff zu verlaſſen, bekannt. Der eingehüllte Mann hörte die Mittheilung mit Zeichen der Ehrer⸗ bietung an, welche Wildern deutlich zu erkennen gaben, ſeine An⸗ ſtellung und ſein Rang ſei kein Geheimniß, und er ſelbſt nur dem einzigen Rover im Anſehen untergeordnet. „Ihr wißt, Sir,“ war die höfliche, aber feſte Antwort,„daß ohne Befehl des Kapitäns Niemand zu dieſer Stunde das Schiff verlaſſen darf.“ „So vermuthe ich: allein ich habe dieſen Befehl und theile ihn Euch mit. Ich ſoll auf meinem eigenen Boote landen.“ Der Andere hatte ſchon die Geſtalt erblickt und ſie für die des Kapitäns erkannt; ſie ſtand nahe genug, das Geſpräch mit anhö⸗ ren zu können. Er wartete ein Weilchen, ob ſie reden würde: als ſie aber ſchwieg und kein Zeichen gab, ſo hielt er es für eine Einwilligung, und zeigte Wildern die Stelle, wo das Boot lag. Dieſer, im Begriff hinab zu ſteigen, trat verwundert ein paar Schritte zurück und rief aus: „Die Männer haben das Boot verlaſſen! Wo ſind die Schufte hin? 2⁴ „Sir, ſie ſind nicht fort und ſind keine Schufte. Sie ſind im Schiffe und müſſen aufgefunden werden.“ Zugleich mit dieſer entſchiedenen Antwort wartete er ab, wie ſie von der Geſtalt, welche ſich noch immer in der nämlichen Ent⸗ fernung im Schatten des Maſtes hielt, aufgenommen werden würde. 120 Als wieder kein Zeichen und keine Bewegung von dort erfolgte, ſo hielt er dieß Zeichen für einen Befehl zu gehorchen, erbot ſich, demzufolge, die Leute aufzuſuchen, fing das Viſitiren mit dem vordern Theile des Schiffes an, und ließ Wildern— wie dieſer es wenigſtens glaubte— im alleinigen Beſitz der Schanze. Doch blieb er nicht lange in dem Wahn, denn als der Rover merkte, daß ſein neuer Lieutenant das Verdeck mit ſtarken Schritten auf und nie⸗ der ging und anfing, ſich ſeinen Grillen auf eine unangenehme Weiſe zu überlaſſen, ſchlenderte er an ihn heran, das Geſpräch auf das Schiff lenkend, um ihnen eine andere Richtung zu geben. „Ein treffliches Seeboot, Maſter Wilder, nicht wahr? Ein Schiffchen, das niemals einen Tropfen Flugwaſſer hinter ſeinem großen Maſt ſchäumen läßt. Es iſt gerade ſolch' ein Gefäß, wie es der Seemann liebt und lobt; ſtark gebaut, leicht in der Ta⸗ kelage, beweglich in der Welle. Ich nenne es ‚der Delphine, weil es wie der Delphin die Fluten durchſchneidet; vielleicht auch, werdet Ihr ſagen, oder wenigſtens denken, weil es wie der Del⸗ phin vielfarbig iſt.— Nun, Ihr wißt ja, das Matroſenvolk muß einen Namen für das Schiff haben, und ich kann nun'mal Eure Mord⸗ und Brandbenennungen, Eure Spit⸗fires, Eure Bloody⸗ murders) für den Tod nicht ausſtehen.“ „Ihr habt von Glück zu ſagen, ſolch' ein Schiff zu beſitzen. Habt Ihr es ſelbſt bauen laſſen?“ „Die meiſten Schiffe unter ſechshundert Tonnen, die aus den Häfen der Kolonien ſegeln, ſind für mich gebaut,“ entgegnete der Rover mit Lächeln; er wollte, wie es ſchien, ſeinem Neugeworbe⸗ nen Muth und Luſt machen, indem er ihm die Vortheile und Goldminen ihrer Verbindung vor Augen legte.„Dieſes Schiff,“ fuhr er fort,„iſt urſprünglich für Se. allerglaubigſte Majeſtät gezimmert worden, und, wie mich dünkt, beſtimmt, entweder ein Geſchenk oder eine Geißel für Algier zu ſein; allein... allein, es *) Feuerſpeier, blutige Mörder. — 121 hat, wie Ihr ſeht, den Eigner gewechſelt, und iſt von ſeiner erſten Beſtimmung etwas gewichen; wie? und warum iſt eine Kleinig⸗ keit, um die wir uns in dieſem Augenblick nicht kümmern. Ich hab's in den Hafen gezogen, habe einige Verbeſſerungen damit vorgenommen, und jetzt iſt es zu einer langen... Tour beſtimmt und eingerichtet.“ „Wagt Ihr Euch bisweilen innerhalb der Forts?“ Des Rovers Antwort war ausweichend.„Ich will Euch mein Privat⸗Tagebuch mittheilen; da werdet Ihr, bei Muße, manches Intereſſante finden... Nicht wahr, Herr Wilder, mein Schiff iſt ſo beſchaffen, daß ſich kein Seemann deſſen ſchämen darf?“ „Im Gegentheil, Sir. Eben das ſchöne, nette Ausſehen zog mein Auge und meine Aufmerkſamkeit auf ſich und bewog mich, es näher kennen zu lernen.“ „Ihr machtet ſchnell die Entdeckung, daß es nur an Einem Anker lag,“ erwiederte der Rover lachend.„Aber ich wage nichts ohne Grund, nicht einmal den Verluſt meines Ankertaues. Es würde mir zwar ein Kleines ſein, bei den tüchtigen Batterien des Schiffs jedes Fort zum Schweigen zu bringen, aber es könnte ſich doch unverſehens ein Zufall ereignen, und deßwegen will ich Alles zu einer ſchnellen Abfahrt bereit haben.“ „Es muß doch bei alle Dem unangenehm ſein, ſich in Gefechte einzulaſſen, wo man im äußerſten Fall ſeine Flagge nicht ſtreichen darf,“ ſagte Wilder halblaut und mehr zu ſich ſelbſt, als zum Andern. „Geht's nicht ſo, ſo geht's ſo,“ war die lakoniſche Antwort. „Und dann, im Vertrauen zu Euch geſprochen, ich halte, meinem Grundſatze getreu, gewaltig viel auf meine Spieren.— Ich laſſe ſie täglich unterſuchen, wie die Hufe eines Pferdes; denn es trifft oft der Fall ein, daß Tapferkeit der Klugheit weichen muß.“ „»Und wie und wo beſſert Ihr Euch aus, wenn das Schiff im Sturm oder im Gefecht gelitten hat?“ „Hm! wir finden Mittel, und halten bis dahin die See, wie und ſo lange wir können.“ 122 Er ſchwieg, und Wilder, als er ſah, daß Jener ſich ihm nicht ganz entdecken wollte, ſchwieg ebenfalls. Während der Pauſe kam der Offizier zurück, brachte aber nur Einen mit ſich, den Schwarzen. Ein paar Worte waren hinreichend, über den Zuſtand, worin Fid angetroffen worden, Auskunft zu geben. Dem jungen Mann war es anzuſehen, daß er nicht nur zur Unzeit aufgehalten, ſondern tief gekränkt war. Er ahnte aber ſo wenig Liſt und Betrug bei der Sache, daß er es für Pflicht hielt, den Rover wegen des Um⸗ ſtandes um Verzeihung zu bitten, um den Mann, ſo gut ſich's thun ließ, zu entſchuldigen. Die Art, wie er es that, war ſo offen und aufrichtig, daß ſich nicht der geringſte Argwohn verrieth, als habe ſonſt Jemand, als Fid ſelbſt, dazu beigetragen, ihn in dieſe unwürdige Lage zu verſetzen. „Ihr wißt,“ ſagte Wilder,„wie das Schiffsvolk iſt; Ihr kennt es zu gut, um meinem Manne ſein Vergehen als ein Verbrechen auszulegen, das Euren Haß verdient. Kein beſſerer Seemann lag je auf einer Raa und beſtieg eine Strickleiter, als Richard Fid; aber leider muß ich zugeben, daß er ſich vergißt, und in guter Geſellſchaft des Guten zu viel thut.“ „Ihr könnt von Glück ſagen, wenigſtens noch Einen zu haben, der Euch an den Strand rudern kann,“ warf der Rover nachläſſig hin. „Das kleine Geſchäft kann ich ganz allein beſorgen; überdieß möchte ich nicht gern die Beiden von einander trennen. Mit Eurer Erlaubniß wird der Schwarze wohl dieſe Nacht im Schiffe beher⸗ bergt werden können. „Wie es Euch beliebt. An ledigen Hängematten fehlt es uns ſeit dem letzten Strauße nicht.“ Wilder ließ hierauf den Neger zu ſeinem Kameraden zurückgehen, um ſo lange über ihn zu wachen, als er ſelbſt abweſend ſein würde. Der Schwarze, in deſſen eigenem Kopfe es nichts weni⸗ ger als klar war, verſprach Alles. Hierauf nahm der junge Mann nicht kam zen. Fid war dern bei Um⸗ ich's r ſo ieth, nin ennt chen lag Fid; uter ben, iſſig dieß urer her⸗ uns hen, ſein eni⸗ ann 123 Abſchied und ſtieg in das Boot. Während er mit kräftigem Arme vom dunklen Schiffe abſtieß, waren ſeine Augen mit wahrem See⸗ manns⸗Vergnügen über das ſchöne, nette Gebäude, erſt auf die Kardeelen, dann auf den Rumpf geheftet. Eine leichtgliedrige, zuſammengeduckte Geſtalt war am Fuße des Bugſpriets ſichtbar, und ſchien auf ſeine Bewegungen Acht zu geben. Der Himmel war bewölkt, das Sternenlicht ſchien trübe durch das Gewölk; gleichwohl entging es ſeinen ſcharfen Blicken nicht, daß die Perſon, die ſo vielen Antheil an ihm und ſeiner Abfahrt nahm, Niemand anders Par, als der Rover ſelbſt. Achtes Kapitel. Julia.—— Wer iſt dort der Herr? Wärterin. Tiberio's, des alten, Sohn und Erbe. Julia. Wer folgt ihm da, der gar nicht tanzen wollte? Wärterin. Ich weiß nicht. Nomeo und Julia. Act. I. Sc. 5. Eben ſtieg die Sonne aus den Waſſergefilden hervor, in wel⸗ chen die blauen Inſeln von Maſſachuſetts ſchwimmen, als die Einwohner von Newport anfingen, ihre Thüren und Fenſter zu öff⸗ nen, und ſich mit derjenigen Friſche und Lebendigkeit an ihr Tage⸗ werk zu machen, die einem Volke eigen iſt, welches ſeine Zeit weislich in zwei Hälften theilt, deren eine es der Ruhe, die andre den Geſchäften und Erholungen widmet. Die Morgengrüße der Nachbarn erfolgten freundlich, ſo wie Jeder ſeine Fenſterläden und Thüren aufſchloß; die gewöhnlichen Fragen ergingen und wurden beantwortet; man erkundigte ſich nach dem Fieber einer Tochter, nach der Gicht einer alten Großmutter. Der Wirth zum, Unklaren Anker', dem ſo ſehr daran lag, den Ruf ſeines Hauſes durch frühe Beurlaubung ſeiner Abendgäſte zu erhalten, war einer der Erſten, der des Morgens auf den Beinen war, und vor ſeiner Thür ſtand, um etwa im Vorübergehen einen 124 Kundmann zu haſchen, der das Bedürfniß fühlte, die böſen Dünſte der Nacht wegzuwaſchen, und ſeinem Magen eine kleine Stärkung zukommen zu laſſen. Eine ſolche Herzſtärkung wurde in den brittiſchen Provinzen allgemein, jedoch unter verſchiedenen Namen, zu ſich genommen. Je nachdem die Provinzen ſelbſt von einander abwichen, wichen auch die Namen ab, und hießen ‚ein Gläschen Bitters', ‚etwas wider den böſen Nebel, ‚eine Juleppee, ‚ein Mor⸗ genſchnappse, ‚ſtärkende Tropfen“ u. ſ. w. Die Gewohnheit iſt zwar etwas in Abnahme gekommen, behält aber noch viel von dem ehrwürdigen Charakter bei, welchen das Alterthum mit ſich führt. Es darf uns nicht Wunder nehmen, daß dieſer an und für ſich edle, löbliche Gebrauch, die Unreinigkeiten des phyſiſchen Menſchen⸗ ſyſtems wegzuwaſchen, ſeit einiger Zeit, wo es ihm überall an einem moraliſchen Fürſprecher fehlt, und er allen Begriffen und Uebeln ausgeſetzt iſt, die das Erbtheil des Fleiſches ſind, die Ame⸗ rikaner den Witzeleien ihrer europäiſchen Brüder preisgegeben hat. Wir ſind gewiß nicht die Letzten, welche den überſeeiſchen Philanthropen dankbar ſind für den warmen Antheil, den ſie in dem Maße an unſerm Wohl nehmen, daß ſie eine republikaniſche Schwäche ſelten an uns bemerken, ohne derſelben, wie ſie es ver⸗ dient, die cauſtiſche Verdammniß ihrer Federn einzubrennen. Unſere Dankbarkeit iſt vielleicht um ſo größer, da wir ſie mit einer Ge⸗ genbemerkung erwiedern können. Wir glauben nämlich bemerkt zu haben, daß ſie den Eifer für unſere unmündige Staaten— denn obſchon ziemlich robuſt und ein wenig widerbelleriſch, ſind ſie doch noch als Kinder zu betrachten— ſo weit treiben, und in der Re⸗ form unſerer cisatlantiſchen Sünden ſich ihrem Feuer ſo ſehr über⸗ laſſen, daß ſie über den Splitter in unſerem Auge den Balken in dem ihrigen überſehen. Die Anzahl der Miſſionäre, welche das Mutterland zu dieſem frommen, wohlwollenden Bekehrungsgeſchäft zu uns herüber geſchickt hat, iſt Legion; nur müſſen wir bedauern, daß ihre Bemühungen ſo wenig mit Erfolg gekrönt worden ſind. Wit dige lege ten nich Ver ſtär wich des kom libe ſie lich rege gen keit Und unb nur gnü Ein zwa Gen dürf die beid mor beid weil habe ſion Ver denn doch Re⸗ ber⸗ in das häft ern, ind. 125 Wir haben das Glück gehabt, die Bekanntſchaft eines dieſer wür⸗ digen Männer zu machen, und müſſen geſtehen, daß er keine Ge⸗ legenheit verabſäumt hat, über die Infamie der von uns erwähn⸗ ten Gewohnheit zu declamiren. Ja, er ging ſo weit, daß er es nicht nur für unmoraliſch, ſondern, was weit ärger, für einen Verſtoß gegen die gute Erziehung hielt, vor der Tiſchzeit etwas ſtärkeres als Halbbier zu ſich zu nehmen. Nur nach Verlauf dieſer wichtigen Tagesperiode erklärte er es für erlaubt, die Ertödtung des Fleiſches aufhören zu laſſen, und dem alten Adam zu Hilfe zu kommen. Dieſe Erlaubniß ertheilte er aber auch mit einer ſo liberalen Freigebigkeit, einer ſo orthodoxen Nachſicht, und benutzte ſie für ſeine Perſon ſo unbeſchränkt, daß er regelmäßig und täg⸗ lich um Mitternacht in's Bett gebracht werden mußte, aber auch regelmäßig und täglich es wieder verließ, um am folgenden Mor⸗ gen ſeinen philanthropiſchen Vortrag über die tauſend Scheußlich⸗ keiten, die eine Folge des frühzeitigen Trinkens ſind, zu wiederholen. Und hier nehmen wir Gelegenheit, zu erklären, daß wir für unſere unbedeutende Perſon uns beider Schändlichkeiten enthalten, und nur bedauern, daß Diejenigen in beiden Regionen, welche Ver⸗ gnügen daran finden, noch nicht haben zu einem freundſchaftlichen Einverſtändniß gebracht werden können, welche von den vierund⸗ zwanzig Stunden des Tages diejenigen ſind, an denen chriſtliche Gentlemen, deren Mutterſprache die engliſche iſt, ſich betrinken dürfen, ohne einen Verſtoß gegen den guten Ton zu machen. Daß die Kommiſſarien, welche den letzten Freundſchaftstraktat zwiſchen beiden Nationen entworfen haben, dieſen ſo überaus wichtigen moraliſchen Punkt überſehen haben, iſt ein neuer Beweis, daß beide Theile des nutz⸗ und zweckloſen Krieges ſatt und müde waren, weil ſie ſonſt einen ſo hurleburlen Frieden nicht zuſammengeflickt haben würden. Doch, es iſt nicht zu ſpät, noch jetzt eine Commiſ⸗ ſion in Betreff dieſer Sache niederzuſetzen; und damit dieſe nach Verdienſt und Würden verhandelt werde, ſchlagen wir vor, daß 4 3 126 man der ausübenden Gewalt unter den Fuß geben möge, zum Commiſſar von unſerer Seite einen Mann zu ernennen, der es im Syſtem der Schnäpſe, Kühltränke und gebrannten Waſſer zu einer ſo gediegenen Kenntniß gebracht, um deſſen Verfechter und An⸗ walt ſein zu können. Wir zweifeln keineswegs, unſerem würdigen und willfahrenden Mutterlande werde es ſeinerſeits nicht ſchwer fallen, in den Reihen ſeiner zahlreichen und wohlerzogenen Diplo⸗ maten uns einen erfahrenen Opponenten entgegen zu ſtellen. Nachdem wir nun unſere eigenen liberalen Grundſätze und Vorſchläge, und zugleich die Wichtigkeit und das hohe Intereſſe, welches die genaue, und wie wir hoffen, endliche Erörterung dieſer Frage mit ſich führt, auseinander geſetzt, ſei es uns erlaubt, in unſerer Erzählung fortzufahren, ohne ſelbſt als Advokaten für Morgen⸗Herzſtärkungen, oder für Abend⸗Räuſche auftreten zu dürfen; denn dieß ſind doch die beiden Hälften, worin die ganze Frage zerfällt, wie es uns unzählige Beiſpiele und Beobachtungen an die Hand geben. Der Wirth zum ‚Unklaren Anker' war, wie wir geſagt, früh auf den Beinen, um von den Anhängern des Morgen⸗Syſtems, welche auf dem Schenkaltar ſeines Hauſes dem Bacchus ein Opfer zu bringen gewilligt wären, ein paar ehrlich erworbene Pence zu verdienen. Er war um ſo flinker dahinter her, weil ſein Nachbar erſt vor Kurzem auf den Einfall gekommen war, um neue Kunden anzulocken, das rothe Geſicht eines Mannes im Scharlachrock als Schild auszuhängen, und das geklexte Bild ‚Zum Kopfe Georg des Zweiten’ zu benennen. Und wirklich blieb die Thätigkeit des früh munter gewordenen Wirths nicht unbelohnt, denn die Kun⸗ denflut ſtrömte in der erſten halben Stunde dem Hafen ſeines einladenden Schenktiſches ſo mächtig zu, daß er nicht ohne Hoff⸗ nung blieb, die eindringende Flut werde dieſes Mal die gewöhn⸗ liche Zeitgränze überſteigen, ſelbſt als es ſchon wieder Ebbe zu werden anfing. Jedoch nahm letztere immer mehr zuz; die Trinker be⸗ gabe tung ſche beid dare Ein kom nom Wef dem Erfe der hab den anz) die ſcht mor iſt ſchü hier eine ſein gle 127 gaben ſich, Einer nach dem Andern, zur gewohnten Tagesverrich⸗ tung, ſo daß er es rathſam fand, ſeinen Standort hinter den Fla⸗ ſchen zu verlaſſen, und ſich vor die Thüre hinaus zu machen, mit beiden Händen in beiden Taſchen ſich hinſtellend, und Vergnügen daran findend, mit den neuen runden Einquartirten zu klimpern. Ein Fremder, der nicht mit den Uebrigen in die Schenkſtube ge⸗ kommen, und demnach auch nicht au ihren Libationen Theil ge⸗ nommen, ſtand einige Schritte von der Thür ab, die Hand in der Weſte und den Kopf in Gedanken vertieft. Die Geſtalt entging dem umſchauenden Auge des Wirths nicht; er wußte aus langer Erfahrung, daß wer ſchon ſo frühe auf ſeinem Geſicht die Spur der Tagesſorgen trage, noch keinen Morgentrunk zu ſich genommen habe.— Er zog hieraus den ſtreng logiſchen Schluß: bei jenem Frem⸗ den ſei etwas zu verdienen, nur müſſe er es beim rechten Ende anzufangen wiſſen. Somit leitete er das Geſpräch ein. „Eine reine Luft,“ ſagte er,„eine friſche Luft, guter Freund, die Nebel und Dünſte der Nacht zu vertreiben.“ Und zugleich ſchnupfte er den herrlichen, ſtärkenden Duft eines heitern October⸗ morgens ein.„Dieſen Vorzug haben wir auf unſrer Inſel; ſie iſt die allergeſündeſte auf Gottes Erdboden, ſo wie ſie die aller⸗ ſchönſte iſt. Eine reine Luft!.... Der Herr iſt wahrſcheinlich hier fremd?“ „Geſtern Abend ſpät angekommen,“ war die Antwort. „Ein Seefahrer, nach der Tracht zu urtheilen? Wie es ſcheint, eine Anſtellung ſuchend?“ ſetzte der Wirth kichernd, und ſich mit ſeinem Scharfſinn etwas wiſſend, hinzu.„Wir haben hier oft Der⸗ gleichen, die ſichmelden. Newport iſt zwar ein blühender Ort; gleich⸗ wohl darf man nicht denken, daß immerStellen offen ſind. Hat der Herr ſchon in dem Hauptorte von Maſſachuſetts⸗Bai ſein Heil verſucht?“ „Ich verließ Boſton erſt vorgeſtern.“ „Wie das eingebildete Stadtvolk*) konnte kein Schiff für Euch —* Boſton wurde Stadt Boſton(town of Boston) genannt, bis es, erſt in der neueſten Zeit, den Rang und Titel einer Hauptſtadt(city) erhielt, da ſich nur Städte V —— 128 finden? Ja ja, ſprechen können ſie wie gedruckt, und es iſt wahr, ſie ſtellen ihr Licht nicht unter'n Scheffel, und ich muß ſagen, es gibt unter ihnen Leute, die ich für aufgeklärte Köpfe halte, und die der Meinung ſind, Narraganſett⸗Bai ſei auf gutem Wege, bald eben ſo viel Segel zu zählen, als Maſſachuſetts... Seht „mal dort hin, Freund; da liegt eine ſtattliche Brigg ſegelfertig; ſie geht noch dieſe Woche ab, um Pferde in Rum und Zucker um⸗ zuſetzen; und hier iſt ein Schiff, welches ſchon geſtern Abend in den Strom angeholt worden. Ein ſchönes, prächtiges Fahrzeug, und hat Kajüten, wie ſie kein Prinz beſſer wünſchen kann! Es ſticht mit dem erſten günſtigen Winde in die See, und ich bin der Meinung, wer ſich zu einem Dienſte meldete, würde nicht mit leerer Hand abgewieſen werden. Dann iſt noch im Außenhafen, am Fort vorüber, der Sclavenhändler, wenn Euch eine Anſtellung belieben ſollte, wo Ihr, ſtatt Geld, ein paar Woll⸗Köpfe in Zah⸗ lung bekämet.“ „Und iſt es gewiß, daß das Schiff im inneren Hafen mit dem erſten Winde ſegelt?“ fragte der Fremde. „So gewiß als etwas. Meine Frau iſt Geſchwiſterkind mit des Einnehmers Schreibers Frau; ich habe die Papiere mit Augen geſehen; alles iſt fertig und expedirt; es fehlt blos am Winde. Ich treibe, wie Ihr denken könnt, einigen Verkehr mit den Blau⸗ jacken, denn bei den jetzigen ſchweren Zeiten darf ein ehrlicher Mann, wenn er durchkommen will, nichts von der Hand weiſen... Nun ja, da liegt es, das Schiff, ein ſehr bekanntes Schiff, die „Royal Carolina“; ſie macht regelmäßig einmal des Jahres die Reiſe zwiſchen den Provinzen und Briſtol, legt auf dem Hin⸗ und Herwege hier an, bringt uns Vorräthe und Bedürfniſſe, nimmt Holz und Waſſer ein, und geht von hier nach England oder nach den Carolina's, wie es die Umſtände mit ſich bringen.“ von mehr als 50,000 Einwohnern dieſes letzteren Rechtes, wie auch einer demgemäß eingerichteten, beſondern innern Verwaltung erfreuen.. A. d. Verf. ——— 129 „Bitte, Sir, iſt die Carolina gut bewaffnet?“ fuhr der Fremde fort, welcher hier aufing, ſein nachdenkendes Weſen zu verlieren und an der Rede des Andern einen lebhaften Antheil zu nehmen. „Ja, ja! ſie iſt nicht ohne ein halbes Dutzend Bullenbeißer, für ſie zu bellen, wenn es darauf ankäme, ihr Recht zu verfechten, oder auch ein Wort für die Ehre Sr. Majeſtät des Königs mit⸗ zuſprechen, welchen Gott erhalte... Judith! Judith!“ rief er überlaut einem Negermädchen zu, welches auf dem Schiffbauer⸗ damm Späne ſammelte,„ſpring' zu Nachbar Homeſpuns hin; klappre mit den Fenſterläden ſeiner Schlafkammer; der Mann hat die Zeit verſchlafen.'s muß ganz was Neues mit ihm vor ſein; die Glocke hat ſieben geſchlagen, und die durſtige Kehle hat ihr Bitteres noch nicht hinunter!“ Die Epiſode brachte eine kurze Pauſe im Geſpräch hervor, und das Mädchen that, was ihr der Herr befohlen. Aber das Geklapper hatte weiter nichts zur Folge als ein ſchrilles„Wer da?« von Seiten der Dame Deſideria, deren gellende Stimme durch die dünne Wand hervordrang, wie durch ein durchlöchertes Sieb. Einen Augenblick darauf öffnete ſich das Fenſter, und die ver⸗ ehrliche Dame ſchob ihr verſtörtes Antlitz in die friſche Morgen⸗ luft hinaus. „Na! und dann? Nal! und dann!“ fragte die aufgebrachte und, ihrer Meinung nach, vernachläſſigte Haus⸗ und Ehefrau; denn ſie zweifelte keinen Augenblick, daß es nicht ihr Herumläufer, ihr Nachtſchwärmer ſei, der ſo ſpät zu ſeiner häuslichen Lehns⸗ pflicht zurückkehrte, und ſich unterſtehe, ſie im Schlafe zu ſtören. „Seid Ihr nicht zufrieden, die ganze lange Nacht aus Bett und Haus geblieben zu ſein? Müßt Ihr Euch noch unterſtehen, die unſchuldige Ruhe einer Familie von ſieben lieben Kindern und ihrer Mutter zu unterbrechen. O Hector! Hector! Was für ein Beiſpiel gebt Ihr der jungen, leichtſinnigen Brut? Was für Kummer macht Ihr der armen Mutter?“ Der rothe Seeraͤuber. 9 130 „Bring' mir mein ſchwarzes Notandum⸗Buch,“ ſagte der Wirth zu ſeiner Frau, welche das Wehklagen der Schneiderin an's Fenſter gelockt hatte.„Mich dünkt, die Frau murmelte ſo etwas von einem Abſtecher ihres Mannes; iſt er eines ſolchen Streiches fähig, der Philoſoph, ſo muß ein Ehrenmann wie ich nach ſeinen Buch⸗ ſchulden ſehen. Sieh' da, ſo wahr ich lebe, Ketzija, du haſt dem hinkenden Bettler ſiebzehn und ſechs Pence Kredit gegeben, und das für lauter Morgenſchnäpſe und Nachttränke!“ „»Na, na! guter Freund, nicht ſo hitzig, ohne allen Grund! Hat er unſerm Jack nicht ein Kleidchen zur Schule gemacht? Du wirſt finden, daß...“ „Still, gutes Weib,“ erwiederte der Wirth, das Buch zu⸗ ſchlagend, es der Frau zurückgebend, und ihr winkend, ſich zu entfernen.„Wie ich ſage, Alles findet ſich zu ſeiner Zeit, und je weniger Lärmen wir über die Abſprünge unſerer Nachbarn machen, deſtoweniger wird man uns ſelbſt Böſes nachſagen. Der Mann,“ ſetzte er hinzu, ſich an den Fremden wendend,„iſt ein guter, fleißi⸗ ger Arbeiter, aber Einer, dem die Sonne niemals hat in die Fenſter ſcheinen wollen, obſchon, weiß es der Himmel, das Glas nicht ſo dick iſt, daß ihre Strahlen nicht durchkönnten.“ „Wie könnt Ihr aber auch nur, bei ſo ſchwachen Vermuthun⸗ gen und Beweiſen glauben, daß ſich ein ſolcher Mann wirklich davon gemacht habe?“ „Ei,“ entgegnete der Wirth, mit gefalteten Fingern beide Hände über die Bruſt legend, und ſich ein wichtiges Anſehen ge⸗ bend,„dergleichen Unglück iſt wohl ſchon beſſern Leuten begegnet! Wir Gaſtwirthe ſind ſo ziemlich im Beſitz aller Stadtgeheimniſſe, weil ein luſtiger Trunk die Zunge zu löſen pflegt; wir müſſen folglich wohl wiſſen, wie es bei unſerm nächſten Nachbar zugeht. Könnte der gute Nachbar Homeſpun den Geiſt ſeiner Ehehälfte ſo zügeln und bügeln, wie eine Naht, ſo würde Manches nicht ge⸗ ſchehen,— aber.. Wollt Ihr nicht Eins trinken, Sir?“ d ————— irth ſter von hig, uch⸗ dem und nd! Du zu⸗ zu d je hen, an,“ eißi⸗ die Blas dun⸗ klich eide ge⸗ net! iſſe, ſſen eht. ſo ge⸗ 131 „Ein Gläschen von Eurem Beſten.“ „Nun, was wollte ich ſagen?“ fuhr der Andere fort, indem er den neuen Gaſt bediente.„Ja, das war's; wenn eine Gans von Schneider eben ſo die Falten aus dem krauſen Sinn ſeiner Frau plätten könnte, wie aus ihrem Rocke, ja dann ginge Alles gut; oder, wenn ein Mann, dem ſeine Frau alles mögliche Herze⸗ leid auftiſcht, es hinunter eſſen könnte, wie z. B. die Gans, die hier an der Wand hängt.... Wollt Ihr bei mir zu Mittag ſpei⸗ ſen, Sir?“ „Ich ſage nicht nein, aber auch nicht ja,“ erwiederte der Fremde, indem er für das Glas, woraus er nur genippt hatte, bezahlte.„Es wird vom Erfolg der Verſuche abhangen, die ich bei den Schiffern im Hafen machen werde.“ „Alsdann würde ich Euch, Sir, bei meiner Euch bekannten uneigennützigkeit rathen und empfehlen, in dieſem Hauſe Quartier zu nehmen, ſo lange Ihr in Newport verweilet. Bei mir gehen die meiſten Seefahrer ein und aus, und ich darf, ohne mich zu rühmen, den Wirth zum ‚Unklaren Anker“ als einen Mann auf⸗ ſtellen, der Euch mehr und beſſer, als irgend ein Anderer, Alles ſagen kann, was Ihr zu wiſſen wünſcht und nöthig habt.“ „Ihr habt mir ſchon den Rath gegeben, mich an den Com⸗ mandeur jenes Schiffs im Strome zur Anſtellung zu melden; wird es gewiß ſo bald abgehen, wie Ihr ſagt?“ „Mit erſtem Winde. Ich bin mit der ganzen Geſchichte des Schiffs bekannt, von dem Tage an, wo man die Blöcke zu ſeinem Kiel gelegt, bis zur Minute, wo es auf der Stelle, wo Ihr es ſeht, das Anker fallen ließ. Die reiche Erbin von Süden, General Grayſons ſchöne Tochter, iſt eine der Paſſagiere; ſie und ihre Er⸗ zieherin, ihre Gouvernante, wie man ſie nennt, eine gewiſſe Frau Wyllys, warten nur auf das Zeichen zur Abfahrt, hier ganz in der Nähe, im Hauſe der Frau von Lacey. Die Dame iſt die Wittwe des Contre⸗Admirals dieſes Namens, und eine leibliche Schweſter 9 38 132 des Generals, folglich die Tante der jungen Lady, wenn ihr Stamm⸗ baum mich nicht trügt. Man iſt allgemein der Meinung, daß das Vermögen beider Köpfe auf ſie übergehen wird, und in dieſem Falle würde der Mann, dem Miß Getty Grayſon ihre Hand gäbe, nicht blos ein glücklicher, ſondern auch ein reicher Gatte ſein.“ Der Fremde, welcher bis zum Schluß dieſes genealogiſchen Vortrags einen ziemlich gleichgültigen Zuhörer abgegeben hatte, fing nun an, einen Antheil daran zu nehmen, der mit den darin erwähnten Perſonen in näherer Verbindung ſtand, und benutzte die erſte Pauſe, welche der Wirth, um Athem zu ſchöpfen, machen mußte: ihm in die Rede zu fallen und ſchnell zu fragen: „Ihr ſagt alſo, das Haus in der Nähe, auf der Anhöhe, ſei die Wohnung der Frau von Lacey.“ „Hab' ich das geſagt, ſo weiß ich nicht, was ich geſagt habe. In der Nähe' ſoll heißen: über ein paar tauſend Schritt von hier. Dort liegt nämlich ein Haus, wo eine Dame von ihrem Range wohnen darf, und nicht in einer von den Hütten hier herum, wo man ſich nicht umdrehen kann, ohne ſich an den Ellbogen zu ſtoßen. O Ihr würdet das Haus ſchon allein an den ſchönen grünen Blenden, und an den hohen grünen Bäumen erkennen. Ich will behaupten, daß es in ganz Europa keinen ſo kühlen Schatten gibt, als vor der Hausthüre der Frau von Lacey.“ „Sehr wahrſcheinlich,“ murmelte der Fremde, welcher, kein ſo großer Enthuſiaſt ſeiner Provinz wie der Wirth, ſchon wieder in ſein Nachſinnen verfallen war. Anſtatt den Gegenſtand des Ge⸗ ſprächs fortzuſetzen, brach er es plötzlich nach einigen Gemeinplätzen ab; dann wiederholte er, daß er wahrſcheinlich zum Eſſen zurück⸗ kommen werde, und nahm ſeinen Abmarſch, ſchnurgerade in der angegebenen Richtung des Hauſes der Frau von Lacey. Dem ſchlauen, beobachtenden Wirthe würde dieſer abgebrochene Schluß der Unterredung und der eben ſo plötzliche Abzug des Fremden nicht entgangen ſein, und zu mancher Ueberlegung Anlaß gegeben 133 haben, wäre nicht eben in dieſem Augenblick Frau Deſideria aus ihrer Wohnung herausgeſtürmt, und hätte durch die pikante Art und Weiſe, womit ſie ihren armen Sünder von Mann abſchilderte, die ganze Nachbarſchaft, folglich auch den Wirth, aufmerkſam gemacht. Unſere Leſer haben gewiß ſchon längſt vermuthet, daß die Perſon, welche ſich mit dem Wirth als Fremder unterhielt, kein Fremder für ſie, mit einem Wort kein Anderer als Wilder iſt. Nachdem er, einem geheimen Zuge folgend, den wortreichen Mit⸗ redner hatte ſtehen laſſen, war er ſchnell die Höhe hinangeſtiegen, an welche die Stadt ſich lehnt, und hatte ſchon die Vorſtadt erreicht. Es fiel ihm nicht ſchwer, ſelbſt von Weitem, unter einem Dutzend ähnlicher Landwohnungen das geſuchte Haus herauszufinden, da es ſich durch ſeine ‚Schattene, wie ſich der Wirth in einem gewohnten Provinzialism ausdrückte, von den anderen unterſchied. Dieſe Schatten beſtanden in einigen hohen Ulmen, welche den kleinen Vorhof überdeckten. Seine Vermuthung ging bald in Ge⸗ wißheit über; Vorübergehende, die er befragte, beſtätigten ſie, und nun eilte er ſinnend der Wohnung zu. Es war voller Morgen geworden, ein ſchöner Morgen, der Vorbote eines ſchönen, milden Herbſttages, wie ſie in dortiger Gegend ſo gewöhnlich, ſo wohlthuend ſind. Ein Lüftchen, das aus Süden wehte, fächelte wie ein Kühlwind im Juni das Geſicht des jungen Mannes an, wenn er bisweilen im Steigen ſtill ſtand, um die Schiffe im Hafen zu überſchauen. Mit einem Worte, es war ein Wetter, wie es der Spaziergänger ſich nur wünſchen kann, wie es aber der Schiffer unter die verlorenen Tage rechnet. Wilder ging immer weiter. Als er eine niedrige Mauer ent⸗ lang kam, weckten ihn aus ſeinen Betrachtungen Stimmen, die ihm ganz nahe zu ſein ſchienen. Unter anderen war eine, welche ſeine Pulſe in Bewegung ſetzte, und auf eine ihm unerklärliche Weiſe jede Saite ſeines Nervenſyſtems anſchlug. Der Ort war ihm günſtig; es fand ſich in einem Einbug der Mauer eine Bank. 134 Auf dieſe ſtieg er, und war nun, ſelbſt ungeſehen, den Redenden ganz nahe. Die Mauer lief um den Garten und den Grünplatz der Be⸗ ſitzung, welche er nicht mehr verkennen konnte. Ein ländlicher Pavillon, zu ſeiner Zeit in Laub und Blumen begraben, ſtand auf einer kleinen Erhöhung nahe an der Straße. Lage und Ausſicht waren unvergleichlich. Man überſah die Stadt, den Hafen, nach Oſten zu die Inſeln der Maſſachuſetts⸗Bai, nach Weſten die Pflan⸗ zungen von Providence, nach Süden den unermeßlichen Ocean. Die Laubdecke war ziemlich dünn geworden, man konnte durch die freiſtehenden Pfeiler, die den Dom des Luſthäuschens trugen, bis tief hinein ſehen. Hier war es, wo Wilder eben die Perſonen entdeckte, deren Unterredung er Tags vorher, als er mit dem Rover in der Ruine verborgen war, zugehorcht hatte. Die Ad⸗ miralswittwe und Frau Wylllys ſtanden im Vorgrunde, im Geſpräch mit einem Manne begriffen, welcher, wie er ſchloß, außerhalb der Mauer am Wege ſtand, aber Wilders ſcharfes Auge entdeckte bald die reizenden Umriſſe der blühenden Gertraud im Hintergrund des Pavillons. Doch wendete er eben ſo bald den Blick von ihr ab, um die Stimme aufzuſuchen, die ſo eben der alten Dame Antwort gab. Er traf bald die Richtung, und bemerkte nun einen Mann, alt, aber noch grün, der, auf einem Steine ſitzend und ſeine müden Glieder ruhend, ſich mit den Damen in der Sommerlaube unterhielt. Sein Haar war grau; der lange Stab, der ihm zur Stütze dienen ſollte, zitterte ab und zu in ſeiner Hand; dabei war in ſeinem Weſen, ſeiner Haltung, ſeiner Stimme etwas, woraus ſich augenſcheinlich ſchließen ließ, er ſei früherhin ein Seemann geweſen. „Lieber Gott,“ ſagte er mit zitternder Stimme, worin ſich jedoch die unverkennbaren charakteriſtiſchen Töne ſeines Gewerbes hören ließen,„Euer Gnaden müſſen wiſſen, daß wir alten See⸗ hunde niemals in den Kalender gucken, wenn wir in See ſtechen, den Be⸗ cher auf icht nach an⸗ ran. die bis nen dem Ad⸗ räch der vald des ab, vort inn, eine ube zur war aus ann ſich bes See⸗ hen, 135 um zu erfahren, was es am morgenden Tage für Wetter ſein wird. Uns genügt es, daß der Befehl zum Abſegeln am Bord iſt, und der Kapitän von ſeiner Lady Abſchied genommen hat.“ „Die nämlichen Worte meines armen beweinten Admirals!“ rief die alte Dame aus, mit inniger Freude über die Gelegenheit, von ihrem Steckenpferde herab mit einem alten See⸗Invaliden wei⸗ ter ſprechen zu können,„alſo ſeid Ihr der Meinung, mein ehr⸗ licher Freund, daß wenn ein Schiff ſegelfertig iſt, es in See gehen muß, ſei das Wetter wie es wolle?“ „Hier kommt ein zweiter Seekundiger, wie gerufen!“ unter⸗ brach Gertraud, welche ſo eben ihrerſeits den jungen Wilder be⸗ merkt hatte. Sie ſprach die Worte mit einigem Ungeſtüm, denn ihr war daran gelegen, ihre Tante zu verhindern, im Streite über Wind und Wetter, der ſich vorhin zwiſchen ihr und Frau Wyllys angeſponnen hatte und mit der Abreiſe in Verbindung ſtand, mit Beiſtand des alten Mannes einen entſcheidenden dogmatiſchen Aus⸗ ſpruch zu thun. Darum ſetzte ſie hinzu:„Laſſen Sie Jenen Schiedsmann ſein.“ „Gertrand hat recht,“ ſagte Frau Wyllys.„Bitte, Sir, was halten Sie vom Wetter? Iſt es rathſam, heute abzufahren, oder nicht?“ Ungern wendete der junge Seefahrer den Blick von der er⸗ röthenden Gertraud, welche, als ſie ihn zuerſt gewahrte, ſchnell näher gerückt war, um ſich zu überzeugen, ob's auch ein Seemann ſei, jetzt verſchämt ſich in die Mitte des Sommerhäuschens zurück⸗ zog, wie Eine, die ſich ihre Dreiſtigkeit vorwirft. Er richtete nun ſeine Augen auf die Fragende, und heftete ſie dabei ſo lange und ſo unverwandt auf ſie, daß Frau Wyllys, in der Meinung, was ſie geſagt, ſei nicht deutlich genug geweſen oder nicht recht verſtanden worden, die Frage wiederholte. „Dem Wetter iſt nicht zu trauen, Madame,“ war die ſpät erfolgende Antwort.„Man müßte nur wenig Kenntniß von der Seefahrt haben, um daran zu zweifeln.“ 136 In Wilders Stimme lag etwas ſo Sanftes, Wohlgezogenes, und doch zu gleicher Zeit Männliches, daß die Damen, wie durch einen gemeinſchaftlichen Impuls, ſich zu ihr hingezogen fühlten.— Dabei war ſein Anzug, obſchon ganz der eines Matroſen, ſo nett, ſo ſchmuck und glatt, ſo gentlemännig, daß man leicht auf die Vermuthung kommen konnte, er gehöre zu einer höhern Klaſſe der Geſellſchaft, als die, in deren Tracht er auftrat. Dieß Alles er⸗ höhte den Eindruck, den er machte.— In der Ungewißheit, wen ſie vor ſich habe, und mit dieſer Ungewißheit die Abſicht verbindend, gegen den Unbekannten höflich zu ſein, machte ihm Frau von Lacey eine tiefere Verbeugung als ſie gethan haben würde, wenn ſie nicht geglaubt hätte, im zweifelhaften Falle etwas weiter gehen zu müſſen, und fuhr fort: „Dieſe beiden Ladie's ſind im Begriff, ſich jenes Schiffs zu be⸗ dienen, um nach Carolina zu ſegeln, und wir waren eben beſchäf⸗ tigt, uns zu befragen, von welcher Seite der Wind heute kommen werde. Doch bei einem ſolchen Schiffe, Sir, iſt wohl nichts zu befürchten, er mag günſtig ſein oder nicht?“ „Im Gegentheil,“ war die Antwort.„Mir ſcheint das Schiff ſo beſchaffen, daß es nicht viel leiſten werde, wie auch der Wind ſei.“ .„Es ſteht im Rufe ein guter Segler zu ſein. Was ſage ich: im Rufe! Wir haben davon die volle Ueberzeugung, da es in der kurzen Zeit von ſieben Wochen von England in die Kolonieen gekommen iſt. Aber Seeleute haben, glaub' ich, wie wir arme Sterbliche zu Lande, ihre Vorliebe und ihre Vorurtheile. Ent⸗ ſchuldigen Sie mich daher, Sir, wenn ich dieſen ehrlichen Veteran über ſeine Meinung in dieſer Sache weiter befrage.... Lieber Freund, was haltet Ihr von jenem Schiffe? Iſt es ein guter Segler? Ich meine das Schiff dort mit den überhohen Vorbram⸗ bäumen und den vorragenden runden Marſen.“ Wilders Lippe zuckte, er mußte ein unfreiwilliges Lächeln zurückhalten; aber er verbiß es und ſchwieg. Der alte Seemann nes, urch hett, die der er⸗ wen end, von enn ehen be⸗ häf⸗ men zu chiff ei.“ ich: 8in ieen rme Ent⸗ ran ber iter am⸗ deln ann 137 hingegen ſtand auf, ſchaute aus nach der Gegend des Schiffs, ſchien es ſorgfältig zu unterſuchen, und die etwas untechniſche Kunſtſprache der Admiralswittwe vollkommen zu verſtehen. Jetzt erſt, nach vollendeter Prüfung, wendete er ſich wieder zur Lady und ſagte:— „Das⸗Schiff da, im innern Hafen, welches, wie ich vermuthe, dasjenige iſt, welches Ew. Gnaden meinen, iſt gerade ſolch' ein Schiff, wie es der Seemann liebt und gern betrachtet. Es iſt ein braves, ſicheres, oder, wie wir zu ſagen pflegen, ein heiles Schiff, darauf will ich ſchwören; und was das Segeln anbelangt, ſo iſt's zwar kein Zauberer, kein Luftſegler, aber kunſt⸗ und kraft⸗ voll eingerichtet, und vollkommen gut beſchaffen, oder ich will nichts vom blauen Waſſer oder von Solchen verſtehen, die darauf leben.“ „Hier ſind alſo zwei verſchiedene Meinungen ,“ ſagte Frau von Lacey.„Es iſt mir lieb, daß Ihr das Schiff ein heiles nennt; denn wenn ſchon Seefahrer ein ſchnelles Schiff lieben, ſo möchten dieſe Damen hier doch lieber ein ſicheres.... Ich hoffe, Sir, 4 Sie werden dem Schiffe nicht abdisputiren, daß es ein heiles ſei?“ „Eben dieſe Eigenſchaft iſt es,“ war Wilders lakoniſche Antwort,„die ich ihm ſtreitig mache.“ „Seltſam! Höchſt ſeltſam! Hier ſteht ein alter Seemann, der ganz verſchiedener Meinung iſt.“ 4 „Er mag zu ſeiner Zeit gute Augen gehabt haben, und beſſere, als ich, Madame, aber ich zweifle, ob ſie jetzt noch ſo gut ſind als vordem. Wir ſind etwas zu weit vom Schiffe, um von hier aus die Eigenſchaften und Mängel deſſelben beurtheilen zu kön⸗ nen; ich bin ihm näher geweſen.“ „Alſo ſind Sie wirklich der Meinung, Sir, daß Gefahr iſt?“ fragte Gertrauds ſanfte Stimme, deren Furcht über das Mißtrauen die Oberhand gewann. „Ja, gewiß. Hätte ich Mutter oder Schweſter“— hier, bei 138 dem Worte Schweſter rückte er am Hute, verbeugte ſich vor der ſchönen Zitternden, und ſprach das Wort mit Nachdruck aus— vich würde Bedenken tragen, ſie ſich einſchiffen zu laſſen. Auf meine Ehre, Myladie's, ich halte das Schiff da für gefährlicher, als irgend eines, welches dieſen Herbſt aus einem der Häfen der Provinz ausgelaufen iſt oder noch auslaufen wird.“ »Mir unbegreiflich!“ bemerkte Frau Wyllys.„Dieß iſt ganz und gar nicht die Beſchreibung, die man uns von dem Schiffe ge⸗ macht hat; und iſt dieſe Beſchreibung nicht übertrieben, ſo kann man ſich ihm als einem ſichern, bequemen anvertrauen. Dürft' ich bitten, Sir, auf welche Umſtände Sie Ihre Meinung gründen?« „Sie ſpringen in die Augen. Es iſt zu ſcharf in der Run⸗ dung vom Bug bis zu den Vorſteven; es iſt zu voll in der Gil⸗ ling des Spiegels zum Steuer. Dann ſtehen die Seiten gerade wie Kirchenmauern, und haben keine Einweichung, und das Schiff ſtauet zu hoch über der Waſſerlinie.— Ueberdieß hat es kein Vorſegel, und wird überhaupt nach hinten gepreßt, dadurch in den Wind geklemmt, und mehr als ſein ſollte, back gedrängt. Es kommt gewiß mit ihm dahin, daß das Vorderſte ſich zu hinterſt kehrt.“ Die weiblichen Zuhörer hörten dieſem Vortrage, welchen Wil⸗ der entſchieden und im Orakeltone hielt, mit der Aufmerkſamkeit, dem blinden Glauben und der demüthigen Folgſamkeit zu, die der Ununterrichtete gewohnt iſt dem Manne vom Fache zu zollen, wenn dieſer die Geheimniſſe ſeiner Kunſt oder Wiſſenſchaft vorträgt. Keine von Beiden hatte freilich einen deutlichen Begriff von ſeiner Auseinanderſetzung; ſo viel aber fanden ſie in ſeinen Worten: es ſei augenſcheinliche Gefahr und ſelbſt Lebensgefahr vorhanden. Frau von Lacey ſuchte jedoch, wie immer, ſo auch bei dieſer Ge⸗ legenheit, zu zeigen, wie ſehr ſie in der Schiffskunſt bewandert ſei. Sie verſicherte, die angegebenen Fehler vollkommen einzu⸗ ſehen, nannte ſie große, ernſthafte, weſentliche Fehler, konnte es vor 9— Auf cher, der ganz ge⸗ kann ich en 2« Run⸗ Gil⸗ rade jchiff kein h in Es terſt Wil⸗ keit, der venn ägt. iner . es den. Ge⸗ dert nzu⸗ e es 139 nicht begreifen, wie es möglich ſei, daß ihr Agent ſie nicht darauf aufmerkſam gemacht, und ſchloß mit der Frage, ob es noch ſonſt etwas gebe, was dem Auge des jungen Tadlers in dieſer Ferne nicht entgangen ſei und die Gefahr noch vermehren könne? „O ja, ſehr viel. Sie ſehen, Madame, daß die Bramſtengen nach hinten zu mit Splitzhörnern verſehen ſind; daß keines der oberſten Segel flattert; und dann noch, Madame, daß das Bug⸗ ſpriet, dieſer weſentliche Theil, ſich auf das Waſſerſtag und die Wuhlingen verläßt.“ „Nur zu wahr! nur zu wahr!“ ſagte Frau von Lacey mit innerem⸗Schauder.„Dieß Alles war mir entgangen, aber jetzt, da ich darauf aufmerkſam gemacht werde, ſehe ich es deutlich. Eine ſolche Fahrläſſigkeit iſt höchſt ſtrafbar; und vor Allem ſich auf Wuhlingen und Waſſerſtag zu verlaſſen, wenn der Bugſpriet feſt ſein ſoll! Gewiß und wahrhaftig, Miſtres Wyllys, ich kann's nun und nimmer zugeben, daß meine Nichte ſich ſolch' einem Schiffe anvertraue.“ Während Wilder ſprach, weilte das ruhige Auge der Frau Wyllys auf ſeinen Zügen, und als er zu Ende war, wandte ſie ſich mit ungetrübter Heiterkeit an die Admiralswittwe.„Vielleicht mag aber die Gefahr etwas vergrößert werden,“ bemerkte ſie. „Sollten wir nicht den andern Seefahrer über die verſchiedenen Punkte befragen und anhören?.... Hört, lieber Freund, ſeid auch Ihr der Meinung, daß es ſo gefährlich mit dem Schiffe aus— ſieht, und daß wir unrecht thäten, uns in dieſer Jahreszeit nach Carolina einzuſchiffen und jenes Schiff zu beſteigen?“ „Ei, du lieber Gott, Madame!“ ſagte der alte Seefahrer, ſich vor Lachen ausſchüttend,„der junge Mann da hat dem Schiffe ganz neumodiſche Fehler und Mängel abgeſehen, wenn es überhaupt wirklich Fehler und Mängel ſind. Zu meiner Zeit wurde derglei⸗ chen nie erwähnt, und ich muß meine Unwiſſenheit geſtehen, und daß ich nicht die Hälfte von dem, was er Ihnen vorgeſagt, ver⸗ ſtanden habe.“ 140 „Es mag wohl eine gute Zeit ſeit Eurer letzten Fahrt ver⸗ floſſen ſein, guter Alter,“ ſagte Wilder. „Fünf bis ſechs Jahre ſeit der keßten; fünfzig ſeit der erſten,“ war die Antwort. „Alſo ſeht Ihr keinen Grund zur Beſorgniß?“ fragte Frau Wyllys wieder. „So alt und abgenutzt ich bin, Madame, würde ich eine Anſtel⸗ lung auf dem Schiffe für eine Vergünſtigung anſehen und annehmen.“ „Noth ſucht ſich zu helfen,“ bemerkte Frau von Lacey mit leiſer Stimme und bedeutendem Blick, der für die Beweggründe des alten Mannes nicht ſonderlich ſchmeichelhaft war.„Ich halte es mit dem jungen Schiffer, der ſeine Meinung mit ſubſtantiellen, wiſ⸗ ſenſchaftlichen Gründen unterſtützt.“ Frau Wyllys hielt mit Fragen ein, ſo lange ſie glaubte, der Dame hierin aus Gefälligkeit willfahren zu müſſen. Nach dieſer Pauſe wendete ſie ſich zu Wilder und ſetzte die Unterredung fort. „Wie erklären Sie ſich aber, Sir, dieſe Verſchiedenheit der Meinungen zwiſchen zwei Männern vom Fach, denen jedem man ein kompetentes Urtheil zuſchreiben kann?“ „Ich ſollte denken,“ verſetzte der junge Mann lächelnd,„wir haben ein Sprichwort, das ſich hier anwenden ließe. Sollte aber auch nicht etwas darauf gegeben werden, daß ſich der Schiffbau vervollkommnet hat? Sollte nicht Rückſicht darauf genommen werden, auf welcher Gattung von Schiffen Jeder von uns gedient hat?“ „Beides ſehr wahr,“ ſagte Frau Wyllys.„Aber mich dünkt, in einem ſo alten Gewerbe kann ein halbes Dutzend Jahre keinen großen Unterſchied machen.“ 3 „Ich bitte ſehr um Verzeihung, Madame. Für Schifffahrer iſt eine beſtändige Uebung durchaus nothwendig. Und ich möchte wohl behaupten, daß jene würdige alte Theerjacke nicht mit der Weiſe bekannt iſt, wie ein Schiff mit vollen Segeln ‚die Wellen mit ſeinem Hackebord zertheilte.“ ver⸗ ten,“ Frau nſtel⸗ nen.“ mit ee des smit wiſ⸗ , der dieſer fort. t der man „wir aber ffbau rden, hat?“ ünkt, einen ahrer öchte t der zellen 141 „Unmöglich!“ rief hier die Admiralswittwe.„Der jüngſte, gemeinſte Seefahrer müßte ja von dem Anblick eines ſo herrlichen, einzigen Schauſpiels entzückt ſein!“ „Ja, ja!« fiel der alte Mann ein, welchem anzuſehen war, daß er ſich beleidigt fühlte, und der, wäre ihm auch irgend ein Zweig ſeiner Kunſt verborgen geblieben, ſich wohl gehütet haben würde, es einzugeſtehen,„o wie oft habe ich dieſes Schauſpiel genoſſen; wie manches ſtolze Schiff beſtiegen, das durch die Wellen flog! Ja, ja, wie die Lady ſagt: es iſt ein großes, herrliches, einziges Schauſpiel!“ Wilder ſchien beſchämt und vernichtet. Er biß ſich in die Lippen, wie Jemand, den entweder die Unwiſſenheit oder die Ver⸗ ſchmitztheit eines Andern zu Schanden gemacht; aber die Selbſtliebe der Frau von Lacey ſparte ihm die Verlegenheit der Antwort und ließ ihm Zeit zur Beſinnung. „Es würde freilich ein ganz eigener, außerordentlicher Fall ge⸗ weſen ſein,“ ſagte ſie,„wenn ein Mann, deſſen Haar auf der See grau geworden, niemals hätte Gelegenheit haben ſollen, von einem ſo nobeln Anblick entzückt zu werden. Gleichwohl, mein würdiger Alter, kommt es mir vor, daß Ihr das Schiff nicht gehörig unter⸗ ſucht habt, weil Euch die Fehler entgangen ſind, welche der junge... Gentleman doch ſo umſtändlich und namentlich angeführt hat.“ „Erlauben, Ew. Gnaden, es ſind keine Fehler. Gerade ſo pflegte mein verſtorbener, braver, trefflicher Commandenr ſein Schiff zu takeln; und ich bin ſtolz, verſichern zu können, daß nie ein beſſerer Seemann und ein edlerer Mann auf der Flotte Sr. Majeſtät ein Kommando geführt. „Alſo habt Ihr dem Könige gedient? Wie hieß Euer lieber Commandeur?“ „Wie hieß er?... Wir Anderen, die unter ihm dienten und ihn von innen und außen kannten, hießen ihn nie anders, als den Commandeur Fairweather, denn unter ſeinen Befehlen gab's 142 immer ſchön Wetter und gute Zeit; doch zu Lande war er unter dem Namen des tapfern, ſiegreichen... Contre⸗Admirals de Lacey bekannt.“ „Und ließ mein hochverehrter und erfahrener Gemahl wirklich ſeine Schiffe auf dieſe Weiſe auftakeln?“ fiel die Wittwe mit einer bebenden Stimme ein, welche das deutlichſte Zeugniß ablegte, wie groß und innig ihre angenehme Beſtürzung und ihr geſchmeichel⸗ ter Stolz war. Der alte Mann trat langſam und ehrfurchtsvoll näher, ver⸗ neigte ſich tief vor der Dame und ſagte: „Habe ich wirklich die Ehre und das Glück, die Lady meines Admirals zu ſehen, ſo iſt dieß ein Troſt und eine Freude für meine alten Tage, die ſich nicht beſchreiben läßt. Sechzehn Jahre habe ich auf ſeinem Schiffe gedient und zwanzig in ſeinem Geſchwader. Ich ſollte faſt denken, Ew. Gnaden müßten vom Aufſeher ſeines großen Mars gehört haben, von Bob⸗Bunt, von Robert Bunt.“ „Ja, mich dünkt, mich dünkt.... Der Admiral ſprach gern, ſehr gern von ſeinen treuen Dienern.“ „Gott hab' ihn ſelig und ſchenke ihm einen glorreichen Nach⸗ ruhm! Er war ein guter Herr, ein unvergleichlicher Offizier, der keines Freundes vergaß, gleichviel, auf der Raa oder in der Kajüte. Ja, er war des Seemanns Freund, der edle, brave Admiral!“ „Wie dankbar der Mann iſt,“ ſagte Frau von Lacey, ſich die Augen trocknend,„und dabei ein kompetenter Richter in ſeinem Fach. Seid Ihr auch ganz gewiß, lieber Freund, daß mein Gemahl, der ſelige Admiral, alle ſeine Schiffe eben ſo einrichten ließ, wie jenes da, von welchem wir ſprechen?“ „So gewiß, als ich hier vor Ihnen ſtehe, Madame; mit dieſen meinen eigenen Händen habe ich ſie vor ſeinen Augen ſo getakelt.“ „Auch den Waſſerſtag?“ 1 „Und die Wuhlingen, Milady. Wäre der Admiral noch am Leben und hier, er würde das Schiff ein heiles, geſundes, gut ausgerüſtetes nennen; darauf will ich ſchwören.“ dem int.“ klich einer wie chel⸗ ver⸗ eines neine habe ader. eines int.“ gern, ach⸗ der jüte. * die zach. der enes leſen elt. am gut 143 Frau von Lacey drehte ſich jetzt mit Majeſtät, Würde und Entſchloſſenheit zu Wilder und fuhr fort: „Mein Gedächtniß hat mich einen Augenblick verlaſſen; und das iſt kein Wunder, da ich ſo lange der Belehrung und des Beiſtandes eines Gatten habe entbehren müſſen, der mich leiten konnte. Wir ſind Ihnen, Sir, recht ſehr für Ihre Meinung ver⸗ bunden, können uns aber nicht enthalten, zu denken, daß Sie die Gefahr ein wenig übertrieben haben.“ „Auf Ehre, Madame,“ unterbrach Wilder, die Hand auf's Herz legend und mit beſonderem Nachdruck die Worte ſprechend,„auf meine Ehre, ich bin aufrichtig, wenn ich ſage, daß ich der Meinung bin, es ſei große Gefahr vorhanden, wenn man mit jenem Schiffe ab⸗ reiſet; und ich rufe den Himmel zum Zeugen, daß, indem ich ſo ſpreche, ich nicht im Geringſten die boshafte Abſicht habe, dem Commandeur, den Eignern des Schiffes, oder irgend Jemanden, der mit ihnen in Verbindung ſteht, nahe zu treten.“ „Wir zweifeln nicht im Mindeſten an Ihrer Aufrichtigkeit, Sir; wir glauben nur, daß Sie ſich vielleicht in Ihrem urtheil irren,“ erwiederte die Wittwe mit einem mitleidigen, oder, wofür ſie ſelbſt es hielt, mit einem herablaſſenden Lächeln.„Wir danken Ihnen nochmals recht für Ihre gute Abſicht... Kommt, ehrlicher Veteran, wir müſſen näher bekannt werden. Ihr dürft nur an die Hausthür klopfen; ich habe noch mehr mit Euch über die Sache zu ſprechen.“ Sie verneigte ſich nochmals kalt gegen Wilder, und ging von der Mauer tiefer in den Garten zurück, begleitet von den beiden Andern. Sie ſchritt mehr einher, als ſie ging, und ſtolzirte wie Jemand, der ſich aller ſeiner Vortheile bewußt iſt, während Frau Wyllys ihr ſtill, langſam und nachdenkend folgte. Gertraud ſchloß ſich der Letztern an, mit geſenktem Haupt und das Geſicht unter den Strohhut verbergend. Wilder ſchien zu bemerken, daß ſie einen verſtohlenen, ängſtlichen Blick auf ihn zurückwarf; doch, da er von den Gefahren der Fahrt geſprochen, konnte er nicht wiſſen, ob dieß 0 144 ein Blick der Theilnahme, des Gefühls, oder blos der Beſorgniß und Furcht war. Er ſah ihr nach, bis ſich die Gruppe unter das Geſträuch verloren hatte. Als er aber ſeinen Bruder Seefahrer aufſuchen wollte, um ſeinen ganzen Unwillen an ihm auszulaſſen, fand er, daß der alte Mann ſeine Beine und ſeine Zeit gut ange⸗ wendet hatte, und ſchon im Hauſe war, um den Lohn ſeiner Schmeichelei einzuernten. Neuntes Kapitel. Er lief hieher und ſprang die Gartenmauer Hinüber. Romeo und Julia. Act II. Sc. 1. Winer war aus dem Felde geſchlagen und nahm ſeinen Rück⸗ zug. Der Zufall, oder, wie er ſelbſt geneigt war, es zu nen⸗ nen, die Speichelleckerei des alten Seefahrers, hatte ſeiner klei⸗ nen Kriegsliſt entgegengearbeitet, und ihm alle Hoffnung benom⸗ men, auf irgend eine Weiſe ſich wieder in Vortheil zu ſetzen und ſeinen Plan auszuführen.— Man erwarte nicht, daß wir uns ſchon jetzt in eine Aufſtellung der Gefühle und Gründe einlaſſen, welche unſern Abenteurer vermocht haben können, dem anſchei⸗ nenden Intereſſe Deſſen zuwider, mit dem er ſich erſt vor Kur⸗ zem verbunden hatte, entgegen zu handeln. Es genügt uns, für's Erſte, dem Leſer die Thatſachen vor Augen zu legen. Der junge Seemann ging mürriſch und langſam zur Stadt zurück. Mehr als einmal ſtand er auf dem Abhange ſtill und heftete ſeine Augen Minuten lang auf die verſchiedenen Schiffe im Hafen. So oft er Halt machte, fand er Gelegenheit, dem Intereſſe, welches er an jedem fand, neue Nahrung zu geben. Doch ſchien es, als mache das für Carolina beſtimmte Schiff einen längern und tiefern Eindruck auf ihn; nur daß ſich ſein Blick ab und zu, auch neu⸗ gierig und ſogar ängſtlich über die anderen Fahrzeuge erſtreckte. gniß das hrer ſſen, nge⸗ iner kück⸗ nen⸗ klei⸗ vom⸗ und uns ſſen, chei⸗ Kur⸗ für's Ztadt ftete afen. lches als efern neu⸗ kte. 145 Die Stunde, welche zur Morgenarbeit rief, hatte geſchlagen; Alles kam in Bewegung; in jedem Viertel der Stadt rührten ſich fleißige Handwerker. Matroſenlieder ſchallten in die Morgenſtille hinein und wechſelten mit ihren gewohnten, langgedehnten, eigen⸗ thümlichen Jodeltönen ab. Das Schiff im innern Hafen war eines der erſten, aus welchem das Geräuſch und die Laute der Thätigkeit ſich hören ließen und deſſen nahe Abfahrt ankündigten. Dieſe Be⸗ wegungen und Vorkehrungen trafen zugleich Wilders Auge und Ohr, weckten ihn aus ſeinen tiefen Gedanken und feſſelten bald ſeine ganze Aufmerkſamkeit.— Er richtete ſie einzig auf das Schiff, ſah die Matroſen die Takelage eben ſo langſam und gemächlich hinaufklettern, als dieß ſchnell und eilig geſchieht, wenn Noth oder Sturm vor⸗ handen iſt; er ſah hie und da eine Menſchengeſtalt auf den ſchwarzen, ſchweren Ragen reiten. Dann, nach einigen Minuten, ſah er das feſt zuſammengerollte Vormarsſegel ſich von den Ragen löſen, in nachläſſig⸗lieblichen Feſtons hangen; dann, wieder nach einigen Minnten, ſah er die unteren Ecken des ungeheuern Segels ſich den Enden der damit in Verbindung geſetzten Spieren anſchließen; und dann endlich die ſchwere Raa langſam den Maſt hinaufgewunden werden, die flatternden Falten des Segels nach ſich ziehend, bis dieſes, an allen Ecken angezogen, ſich wie eine breite, ſchweeweiße Zeltfläche ausbreitete. Mit derſelben ſpielten die leichten Luftſtröme, fielen ein, ließen nach; das Segel ſchien ſeinerſeits mit dem ſchwachen Morgenwind zu ſpielen, blähte ſich auf, ſchlug ſich zuſammen, als wolle es die Ohnmacht des Angriffs zugleich anzeigen und ihm nur leicht begegnen. Jetzt wurde mit den Vorkehrungen inne gehalten; die Matroſen ſchienen die Kühlte ³) gelockt zu haben und nun ab⸗ zuwarten, in wiefern ihre Einladung von Erfolg ſein würde. Durch einen vielleicht nur zufälligen und natürlichen Uebergang ſchweiften Wilders Augen von dem Schiffe, auf welchem die Vor⸗ kehrungen zur Abfahrt für ihn ſo intereſſant waren, zu dem über, *) Den Kühlwind, the breeze, la brise. Der rothe Seeräuber. 10 146 das im äußern Hafen lag; vielleicht geſchah es aber auch, um zu ſehen, ob jene Bewegungen dort Eindruck gemacht und irgend eine Wirkung hervorgebracht hätten. Doch die genaueſte und ſtrengſte Unterſuchung würde hier zu keinem Reſultat geführt haben, woraus man irgend eine Verbindung zwiſchen den Intereſſen beider Schiffe hätte abnehmen können. Während im erſten Schiffe Alles in der größten Thätigkeit war, lag im zweiten Alles in der tiefſten Ruhe. Der Anker blieb ausgeworfen, das Schiff unbeweglich, und keine Spur gab zu erkennen, daß die ſchwarze, lebloſe Maſſe bewohnt ſei. So ſtill und regungslos ſchien ſie, daß Jemand, der in dieſem Fache ganz unbewandert geweſen wäre, hätte glauben ſollen, es ſei ein Felſen im Meere oder irgend ein ungeheures ſymmetriſches, von den Fluten herbeigewälztes Naturſpiel, oder gar eines von den fabelhaften, phantaſtiſchen Seeungethümen, an deren Daſein das Schiffsvolk glaubt, und welches der Boden des Oceans unter Nebel und Stürmen ausgeſpieen, nachdem es Jahrhunderte lang in ſeinem Schooß verborgen gelegen. Dem unterrichteten Auge Wilders gab dieſe ſchwarze Maſſe einen ganz andern Aufſchluß. Er durchſchaute die anſcheinend ſchlafende Geſtalt, und fand in ihrer Unbeweglichkeit ſelbſt Zeichen des nahen Aufbruchs. Anſtatt in langer, gedehnter Linie in's Waſſer zu laufen, war das Ankertau kurz, faſt ſenk⸗ recht, und hatte gerade nur ſo viel Spielraum außer Bord, als erforderlich war, der Flut zu widerſtehen, die den Kiel unterhalb in Bewegung ſetzte. Alle Boote waren ausgeſetzt und in Bereitſchaft, ſo daß es Wildern deutlich war, ihre Beſtimmung ſei, in der kurz⸗ möglichſten Zeit das Schiff zu bugſiren. Kein Segel, keine Raa war aus der Stelle, wie es ſonſt immer zu ſein pflegt, wenn ein Schiff im ſichern Hafen ſtill liegt, weil alsdann das Volk gewöhn⸗ lich mit Unterſuchen und Ansbeſſern derſelben beſchäftigt iſt. Auch fehlte kein einziges Tau von den Hunderten, die ſich in den obern Theilen des Schiffs kreuzen, und der blauen Himmelsdecke zu Vor⸗ hängen dienen. Alles war an ſeinem Platz, und ſchien auf den — 2 S8Sx P —. ———— zu eine gſte aus iiffe der ihe. eine hut ſem es zes, von das bel em gab ute keit ter nk⸗ als alb aft, rz⸗ daa ein hu⸗ uch ern or⸗ den — 147 Augenblick zu warten, wo es ſelbſt in Gang gebracht werden ſolle. So wenig das Schiff zur geringſten Bewegung ſich anzuſchicken ſchien, war es doch in ſolcher Lage, daß es augenblicklich die Anker lichten, oder, wenn es Noth thäte, ſich ſeiner Angriffs⸗ und Ver⸗ theidigungsmittel bedienen konnte. Die Finkenetten waren zwar wie Tags vorher zwiſchen den Regelingen ausgeſpannt; dieß ließ ſich aber als reine Vorſicht erklären. Es war Krieg; franzöſiſche Kreuzer konnten in der Nähe ſein. Man wußte, daß ſie von den weſtindiſchen Inſeln aus, längs den Küſten des Feſtlandes, ſchwärm⸗ ten. Das Schiff war im äußern Hafen ihrem Angriff ausgeſetzt und mußte auf ſeiner Hut ſein. Es glich in ſeiner Lage und bei ſeinen Anſtalten einem wilden Thiere oder einem giftigen Reptil, in anſcheinendem tiefen Schlafe, und ſo das keine Gefahr ahnende Opfer in ſeine Nähe lockend, damit es ſich deſto ſicherer auf das⸗ ſelbe ſtürze und ihm den tödtlichen Fang oder Stich verſetze. Wilder ſchüttelte ſein Haupt auf eine Weiſe, die ſattſam zu erkennen gab, wie ſehr er die verrätheriſche Ruhe durchſchaue. Dann ſetzte er ſeinen Weg nach der Stadt fort. So ging's eine Zeit weiter. Er ſchlenderte, vertiefte ſich ſchon wieder in Ge⸗ danken, und würde ſich noch mehr vertieft haben, hätte ihn nicht ein Schlag auf die Schulter geweckt. Dieß machte ihn ſtutzig; er kehrte ſich um und erblickte hinter ſich den alten Seemann, der ihn eingeholt, und den er in jener Geſellſchaft verlaſſen hatte, in welche er ſelbſt ſo gern wäre aufgenommen worden. „Maſter,“ redete Jeuer ihn an,„Eure jungen Beine hätten Euch, wie mich dünkt, ſchneller vorwärts bringen ſollen; Ihr ſegeltet ja dort ab, wie ein vorn ſcharf und voll gebauter Ber⸗ muder, und ſeht, jetzt habe ich Euch mit meinen alten Knochen ein⸗ und ausgeholt und braie Euch an.“ „O es mag Euch eine außerordentliche Freude machen,“erwiederte Wilder mit Hohnlächeln,„die Wellen mit Eurem Hackebord zu durch⸗ ſchneiden. Wer ſo ſegelt, kommt vorwärts, er weiß oft ſelbſt nicht wie.“ 10* 148 „Bruder, ich merke, Ihr ſeid empfindlich, daß ich es gemacht habe wie Ihr; denn, unter uns geſagt, ich bin blos Eurem Bei⸗ ſpiel gefolgt. Wie konntet Ihr Euch einbilden, daß ein alter Seehund wie ich, der ſo lange auf einem Flaggenſchiffe gedient, in irgend einer Sache, die das blaue Waſſer betrifft, ſeine Un⸗ wiſſenheit kund geben oder eingeſtehen würde? Wie, zum Henker! konnte ich wiſſen, ob es unter den tauſend Weiſen, ein Schiff zu lenken, nicht auch eine gibt, es rückwärts ſegeln zu laſſen, hätte ich es nicht von Euch gelernt? Man pflegt zu ſagen, ein Schiff ſei gebaut wie ein Fiſch; und wenn dieß der Fall iſt, ſo kann es ja wohl auch ein Krebs, eine Auſter ſein, nicht wahr? Nenn' ich das Ding nicht beim rechten Namen?“ „Schon gut, Alter. Ihr habt Euren Lohn eingeſtrichen, wie ich vermuthe. Ein hübſches Präſent von der Admiralswittwe; ſo daß Ihr nun eine ganze Zeit ruhig beilegen könnt, ohne Euch um die Art und Weiſe zu bekümmern, wie man nach Eurer Zeit die Schiffe baut. Sagt mir nur, ob Euch Euer Weg den Hügel hinabführt?“ „Bis ganz unten.“ „Das iſt mir lieb, Freund, denn meine Abſicht iſt, ihn wieder hinaufzugehen. Und da nun unſer Geſpräch ein Ende hat, ſo ſag' ich Euch auf Schiffermanier: ‚Schmuck Wetter auf die Fahrt!““ Der alte Schlaukopf lachte und ſchüttelte ſich auf die gewohnte. Weiſe, als er den jungen Mann linksum machen und die Höhe wieder hinanlaufen ſah. „Nein, Ihr ſeid mir nie mit einem Contre⸗Admiral auf Einem Schiffe geweſen,“ ſagte er, ſetzte ſeinen Stab weiter und ſchlich langſam fort, wie Einer, der die Laſt der Jahre mit ſich ſchleppt. „Nein, man wird mit den Seekniffen nicht eher fertig, bis man ein paar Campagnen auf einem Flaggenſchiffe gemacht, und das am Beſahnmaſt!“ Dieß murmelte er dem jungen Manne nach. Der junge Mann murmelte ſeiner Seits zwiſchen den Zähnen: „O des unleidlichen Heuchlers und Schmeichlers. Der Schurke hat 149 ſich ein gut Theil in der Welt umgeſehen, und benutzt nun ſeine Erfahrungen dazu, ein närriſches Weib zu ſeinem Vortheil zu ködern. Ich bin froh, daß ich den Kerl los bin, der ſich auf's Lügen legt, weil er ſieht, daß es mit der Arbeit nicht mehr fort will.... Nun wieder zurück. Die Küſte iſt klar; wer weiß, was ſich zutragen kann!“ Den Anfang der Rede hatte er, wie geſagt, unvernehmlich gemurmelt, das Ende dachte er jetzt mehr, als er ſprach; da es ihm aber an Zuhörern fehlte, war es ebenſogut, als wenn er ſich eines Sprachrohrs bedient hätte. Nur ſollte es ihm nicht gelin⸗ gen, die Hoffnung, die er ſich gemacht, ſobald in Erfüllung gehen zu ſehen. Er hatte ſchon den Hügel erſtiegen und ſich vorgenom⸗ men, wenn man ihn bemerken ſollte, ein gleichgültiges, nachläſ⸗ ſiges Weſen anzunehmen, um ſich nicht zu verrathen. Allein dieß war nicht einmal nöthig, denn obſchon er eine ganze Weile nach den Fenſtern der Frau von Lacey ſchielte, wollte es ihm nicht glücken, nur die Naſenſpitze einer der Bewohnerinnen zu entdecken. Lärmen und Geräuſch genug im Hauſe; es wurden Koffer und Gepäck von Bedienten nach der Stadt getragen; aber die Haupt⸗ verſonen mußten ſeiner Meinung nach im Innern verborgen ſein, um die wenigen Augenblicke noch im häuslichen Geſpräch zuzu⸗ „bringen und ſich auf den langen Abſchied vorzubereiten. Schon wollte er, getäuſcht und verdrießlich, ſich auf den Rückweg ma⸗ chen, ſchon ſchlich er ſich traurig längs der Gartenmauer hin, als er hinter derſelben weibliche Stimmen hörte.— Er lauſchte; die Stimmen kamen näher, und bald erkannte ſein horchendes Ohr die Muſik der jungen Gertraud. „Wir quälen uns ſelbſt, liebſte Madame,“ ſagte ſie, als Wil⸗ der die Töne unterſcheiden konnte,„wenn wir Dem, was ſolch' ein.... Individuum geſagt hat, den geringſten Eindruck auf uns zu machen geſtatten wollten.“ „Ich fühle vollkommen, liebſtes Kind, daß Sie recht haben,“ 150 erwiederte die Gouvernante mit ſchwermüthigem Tone,„und doch bin ich ſo ſchwach, daß ich eine Art von Aberglauben.... von Ahnung.... nicht überwinden kann. Liebe Gertraud, wünſchten Sie nicht, wie ich, den jungen Mann noch'mal zu ſprechen?“ „Ich, Madame?“ rief die junge Perſon mit einiger Unruhe aus.„Wie können Sie, und wie ſollte ich wünſchen, den Frem⸗ den wieder zu ſehen? aus einem ſo niedrigen.... vielleicht auch nicht niedrigen Stande...., aber gewiß einen Menſchen, der ſich nicht für die Geſellſchaft....“ „Wohlerzogener Ladie's eignet, wollten Sie ſagen. Und wor⸗ aus ſchließen Sie, daß der junge Mann ſo tief unter uns ſteht?« Wilder fand in der Stimme der jungen Lady ſo viel Melodie und Wohlklang, daß er das Perſönliche, welches ihre Antwort enthielt, verſchmerzte oder wohl gar überhörte. „Weit entfernt,“ ſagte ſie lachend,„daß ich in meinen Begrif⸗ fen von Stand und Geburt ſo ekel und vornehm ſein ſollte, als Tante Lacey; müßte ich doch, liebe Wyllys, Ihre eigenen Lehren und Unterweiſungen vergeſſen, wenn ich nicht fühlen ſollte, daß Erziehung und Sitten auf Meinungen und Charakter der Men⸗ ſchen einen ſtarken Einfluß haben.“ „Sehr wahr, mein Kind. Aber ich muß Ihnen geſtehen, daß ich von dem jungen Manne nichts geſehen oder gehört habe, was mich glauben machen könnte, er ſei ohne Erziehung und von ge⸗ meiner Abkunft. Im Gegentheil iſt ſeine Sprache und ſogar ſeine Ausſprache die eines Gentleman, und ſein Aeußeres ſtimmt mit dem Uebrigen zuſammen. Er hat die freien, einfachen Sitten ſei⸗ nes Gewerbes; ich darf Ihnen aber nicht erſt ſagen, liebſte Ger⸗ traud, daß junge Leute aus den beſten Häuſern hier zu Lande, in den Provinzen, ſo wie in England, oft unter der Marine dienen.“ „Als Offiziere, liebe Madame; dieſer.... Menſch trug aber Matroſenkleidung.“ nd d, zu he m⸗ ch er r⸗ 2 e 151 „Nicht ſo ganz. Das Zeug war feiner, der Zuſchnitt modi⸗ ſcher als gewöhnlich. Ich habe Admirale gekannt, welche in den Erholungsſtunden eben ſo einhergingen. Seefahrer von Rang lieben die Tracht ihres gewählten Standes, und verſchmähen die läppiſchen Ahzeichen.“ „Alſo ſind Sie der Meinung, daß es ein Offizier war? viel⸗ leicht in königlichen Dienſten?“ „Kann wohl ſein, obſchon der Umſtand, daß gegenwärtig kein Kreuzer im Hafen liegt, mit der Vermuthung nicht übereinſtimmt. Nicht aber dieſe Kleinigkeit iſt es, die in mir das unausſprech⸗ liche Intereſſe rege macht, das mich zu ihm zieht. Nein, liebſte Gertraud, es iſt ganz etwas Anderes. Mein Verhängniß hat es gewollt, daß ich in früheren Jahren viel unter Seeleuten gelebt habe, ſo daß ich ſelten einen Mann von dieſer Klaſſe in dem Alter und von dem geiſtreichen, männlichen Weſen ſehe, wie dieſen, ohne bedeutend aufgeregt zu werden. Doch ich mache Ihnen Langweil; ſprechen wir von etwas Anderem.. „Nicht im Geringſten, liebſte Madame,“ unterbrach Gertraud. „Da Sie den Fremden für einen Gentleman halten, ſo hat's nichts zu ſagen.... ſo iſt es, dünkt mich, nicht ſo unſchicklich, wenn wir von ihm reden. Ob er denn wirklich ſelbſt glauben mag, was er uns glauben machen wollte, daß wir Gefahr liefen, wenn wir uns dem Schiffe anvertrauten, von dem man uns ſo viel Gutes geſagt hat?“ „Möglich! Wenigſtens war ein unerklärbares Gemiſch von ſeltſamer, ich möchte faſt ſagen, wilder Ironie und inniger Theil⸗ nahme in ſeinem Weſen bemerkbar! Ueberdieß lag in einem Theile ſeiner Rede baarer unſinn; doch ſchien er ihn nicht ohne ſichtbar ernſthafte Abſicht zu ſprechen. Liebe Gertraud, Sie ſind mit der Seeſprache nicht ſo vertraut, als ich; vielleicht wiſſen Sie nicht zmal, daß Ihre gute Tante, die eine ſo große Bewunderin des edlen Seehandwerks iſt, welches ihr in ſo vieler Hinſicht theuer ſein muß, bisweilen Ausdrücke gebraucht, die... 152 „O ja, gewiß, das weiß ich längſt.... wenigſtens glaube ich es bemerkt zu haben,“ unterbrach die junge Lady auf eine Weiſe, die zu erkennen gab, es werde hier eine für ſie unange⸗ nehme Saite berührt, und ſie wünſche davon abzubrechen.„Es war gewiß ſehr anmaßend und unartig von dem Fremden, wenn er wirklich die Abſicht hatte, mit einer ſo harmloſen und allge⸗ meinen Schwäche, die wir überhaupt kaum eine Schwäͤche nen⸗ nen können, ſeinen Scherz zu treiben.“ „Ganz gewiß,“ fuhr Frau Wyllys mit einem beſtinunteren Tone fort,„und doch ſchien er mir nicht zu der Klaſſe hirnloſer Spötter zu gehören, welche Vergnügen daran finden, die Thor⸗ heiten Anderer aufzudecken. Erinnern Sie ſich noch, Gertraud, daß geſtern, bei der Ruine, Ihre Tante ſich gewiſſer Ausdrücke bediente, als ſie ihre Bewunderung über ein Schiff mit vollen Segeln ſchildern wollte?“ „Ja doch, ja, ich entſinne mich,“ ſagte die Nichte mit etwas Ungeduld. »Einer ihrer Ausdrücke war beſonders unrichtig, ſo weit näm⸗ lich mein ehemaliger Umgang mit Seefahrern mich mit ihrer Sprache bekannt gemacht hat.“ „Ich dachte mir's gleich,“ unterbrach Gertraud,„und konnte es Ihren Augen anſehen, aber....“ „»Merken Sie auf, Liebe! Es iſt gar nichts Außerordentliches, daß eine Dame, wenn ſie ſich der Seeſprache bedient, ſich in den Redensarten vergreift und ein Wort für's andere nimmt; daß aber ein Seekundiger, ein Seemann, in denſelben Fehler fällt, iſt aller⸗ dings merkwürdig. Und dieß that der junge Mann, von dem wir ſprechen; und, was noch auffallender iſt, der alte Mann wieder⸗ holte den Mißgriff, gerade als wären die Benennungen richtig.“ »Vielleicht,“ ſagte Gertraud etwas leiſer,„haben ſie erfahren, daß Tante Lacey die kleine Schwäche hat, ſich gern in Unterhal⸗ tungen dieſer Art einzulaſſen. So viel aber iſt gewiß, liebſte 153 Madame, wenn wir dieß genauer bedenken, können wir den Frem⸗ den nicht für einen wohlgezogenen Gentleman halten.“ „Ich würde gar nicht mehr an ihn denken, Liebe, wäre es nicht ein geheimes Gefühl, das mich zu ihm zieht, ein Gefühl, das ich nicht beſchreiben kann. Ich wünſchte, ihn noch Einmal ſprechen zu können.“ Ein leichter Schrei der jungen Lady unterbrach ſie; es fiel Etwas in den Garten, und im nächſten Augenblick ſprang der Ge⸗ genſtand ihres Geſprächs über die Mauer, anſcheinend den Rohr⸗ ſtock wiederzuholen, womit er die junge Dame erſchreckt hatte. Er ſtellte ſich beſtürzt, machte viele Entſchuldigungen, einen fremden Grund betreten zu haben, hob den Stock auf, und ſchien im Be⸗ griff, ſich langſam zurückzubegeben, als ſei Alles das Werk des Zufalls geweſen. Er legte aber in den ganzen Auftritt ſo viel Artigkeit, Anſtand und gute Sitte, daß man mit ziemlichem Grund daraus ſeine Abſicht hätte errathen können, der jungen Dame einen beſſern Begriff von ſeiner Erziehung beizubringen, und ihr den Irrthum zu benehmen, als gehöre er nicht zu einer gebildeten Klaſſe. Auch verfehlte er ſeinen Zweck nicht bei ihr. Frau Wyl⸗ lys war ebenfalls, allein auf eine andere Art, ergriffen worden; ſie erblaßte, ihre Lippen bebten, obſchon was ſie ſprach und wie ſie es ſprach, bewies, daß ſie nicht erſchrocken war. „Bleiben Sie noch einen Augenblick, Sir,“ ſagte ſie haſtig, „wenn es Ihnen die Zeit erlaubt, und Sie nicht anderswo er⸗ wartet werden. Ihre Erſcheinung hat ſo was Außerordentliches, daß es mir lieb ſein würde, ſie zu benützen.“ Wilder verneigte ſich und näherte ſich den Damen wieder, von denen er ſich nur in ſo weit entfernt hatte, als es nöthig war, ſie auf den Gedanken zu bringen, er habe blos das zufällig oder ungeſchickter Weiſe Verlorene wieder aufheben wollen. Als Frau Wylllys ſeine Bewegung bemerkte, und daß er ſich ſo bereit zeigte, ihrem Wunſche zu willfahren, gerieth ſie in einige Verlegenheit, wie ſie den Faden des Geſprächs anknüpfen ſollte. 1 154 „Ich habe mir die Freiheit nehmen wollen,“ ſtammelte ſle mehr, als ſie es ſprach,„mich mit Ihnen wegen des ſegelfertigen Schiffes im Hafen, und der von Ihnen vorhin darüber geäußer⸗ ten Meinung noch'mal zu beſprechen.“ „Die Royal Carolina?“ fragte Wilder nachläſſig. „So heißt es, glaub' ich.“ „Ich will hoffen, Madame,“ ſetzte er mit Feuer hinzu,„nichts von dem, was ich davon geſagt, werde Sie gegen das Schiff ſelbſt einnehmen. Ich verbürge mich dafür, daß es vortrefflich gezimmert iſt, und zweifle keineswegs, daß es einen geſchickten Commandeur hat.“ „Und doch haben Sie keinen Anſtand genommen, zu behaup⸗ ten, daß Sie eine Reiſe auf eben dieſem Schiffe für gefährlicher hielten, als auf jedem andern, was binnen einigen Monaten aus dieſem, oder ſonſt einem Hafen unſerer Provinzen auslaufen möchte.“ „Ja, Madame, das habe ich geſagt und behauptet,“ ſagte Wilder, und legte den größten Nachdruck auf jedes Wort. „Wollen Sie die Güte haben, Ihre Gründe anzugeben?“ „Irre ich nicht, ſo habe ich ſie der Dame auseinandergeſetzt, welche ich die Ehre hatte, vor einer Stunde zu ſehen.“ „Dieſe Dame, Sir, iſt nicht mehr hier, und gehört überhaupt nicht zu Denen, welche abſegeln ſollen. Dieſe junge Lady und ich ſind beſtimmt, das Schiff als Paſſagiere zu beſteigen.“ „So hatt' ich's auch verſtanden,“ erwiederte Wilder, ſeinen nachdenkenden Blick auf die ſprechende Miene der tief erregten Gertraud gerichtet. „Und nun, da kein Irrthum vorwaltet, und Sie wiſſen, wer die betheiligten Perſonen ſind, muß ich Sie erſuchen, mir noch⸗ mals die Gründe anzugeben, weßwegen Sie es für gefährlich halten, ſich auf die Carolina zu wagen?“ Wilder ſtockte, erröthete, ſchwieg, als ſein Blick dem ruhigen, aber forſchenden Blick der Frau Wyllys begegnete; endlich ſtammelte er: — ſle gen ger⸗ hts hiff ten up⸗ aus — 155 „Sie verlangen doch nicht, Madame, daß ich Ihnen wörtlich wiederhole, was ich ſchon geſagt habe?“ „Nein, das verlang' ich gewiß nicht; nur ein paar Worte dur Aufklärung der Sache, denn ich bin verſichert, daß Sie. Ihre Urſachen gehabt haben, zu ſprechen, wie Sie geſprochen.“ „Es iſt für einen Seemann äußerſt ſchwer, über ein Schiff zu reden, ohne ſich dabei der ihm geläufigen Kunſtſprache zu be⸗ dienen, und dieſe Sprache muß Perſonen Ihres Geſchlechts und Ranges durchaus unverſtändlich ſein. Sie waren nie zur See, Madame?“ „Ich? Sehr oft, Sir.“ „Dann will ich verſuchen, und zugleich hoffen, mich Ihnen verſtändlich zu machen. Es wird Ihnen nicht unbewußt ſein, daß die Hauptſache beim Schiff iſt, daß es im Gleichgewicht bleibe; wir Segler nennen das: ‚gerade aufſtehene. Nun darf ich einer ſo verſtändigen Dame nicht erſt zu bedenken geben, daß wenn die Carolina von der Richtung des mittelſten Balkens abfällt, für Alle an Bord augenſcheinliche Gefahr iſt.“ „Ich verſtehe vollkommen; nur wünſchte ich zu wiſſen, ob gleiche Gefahr nicht überhaupt jedem Schiffe droht?“ „Ohne Zweifel, wenn ein anderes anfährt*). Doch ich habe ſchon manches Jahr mein Geſchäft betrieben, ohne mehr als ein⸗ mal dieſes Unglück erlebt zu haben... Dann ſind, zweitens, die Hältniſſe des Bugſpriets....“ „So gut, als ſie aus der Hand des beſten Takelmeiſters kom⸗ men können,“ ließ ſich eine Stimme hinter ihnen vernehmen. Das Kleeblatt drehte ſich um, und ſah in einer kleinen Ent⸗ fernung den alten Seefahrer, den wir ſchon kennen gelernt haben, draußen ſtehen und mit dem Kopf über die Mauer wegſehen. „Ich bin,“ ſagte er,„auf den Wunſch der Frau von Lacey, der Wittwe meines edlen Commandeurs und Admirals, hingegangen **) Zweideutige Redensarten; Anſpielungen auf das Raubſchiff. 156 und habe mir das Schiff angeſehen. Mögen nun Andere denken, was ſie wollen, ich für meinen Theil bin bereit und erbötig, einen körperlichen Eid abzulegen, daß die Royal Carolina ihr Bugſpriet auf eine eben ſo gute Art befeſtigt hat, als das beſte Schiff, das die brittiſche Flagge führt. Und das iſt noch nicht Alles, was ich zum Vortheil der Carolina ſagen kann; das Fahrzeug iſt nett und leicht geſpieret, und weicht ſo wenig nach einer Seite hin, als jene Kirche den Einſturz droht. Ich bin ein alter Mann, und meine Rechnung ſteht auf dem letzten Blatt des Tagebuchs; auch habe ich bei jenem Schooner oder jener Brigg nicht das mindeſte Intereſſe, kann auch keines dabei haben; aber ſo viel ſage ich und werde es immer ſagen: ſchändlich iſt es, von einem wohlgebauten, geſunden Schiffe Böſes zu ſprechen, und eben ſo unverzeihlich, als es von einem guten Chriſten zu thun.“ Der alte Mann ſprach ſo nachdrücklich, und zeigte dabei einen ſo natürlichen, ehrlichen Unwillen, daß ſeine Rede Eindruck auf die Damen machte, und zugleich in Wilders Gewiſſen ein unan⸗ genehmes Gefühl erregte. „Sie ſehen, Sir,“ ſagte Frau Wyllys, nachdem ſie vergebens auf des jungen Mannes Antwort geharrt,„wie möglich es iſt, daß zwei Männer, die daſſelbe Gewerbe treiben, unter ſonſt glei⸗ chen Umſtänden, und bei gleichen Kenntniſſen, verſchiedener Mei⸗ nung ſein können. Wem iſt nun von Beiden zu glauben?“ „Dem, welchen Ihr vortreffliches, untrügliches Gefühl für den Glaubhafteſten hält. Ich wiederhole es, und bei dieſer meiner Betheuerung rufe ich den Himmel zum Zeugen meiner Aufrichtig⸗ keit an— ich würde nie meine Einwilligung geben, wenn Mutter oder Schweſter ſich in der Carolina einſchiffen wollten.“ „Unbegreiflich!“ ſagte Frau Wyllys, ſich zu Gertraud wen⸗ dend, und leiſe, für ſich allein verſtändlich, ſprechend:„Meine Ver⸗ nunft ſagt mir, daß der junge Mann ſein Spiel mit uns treibt; und doch iſt es ihm mit ſeinen Betheurungen ſo ſehr Ernſt, und — ten, nen riet iff, les, iſt eite nn, hs; das viel nem ſo nen auf an⸗ ens iſt, lei⸗ Nei⸗ für iner tig⸗ tter ven⸗ Ver⸗ ibt; und 157 er ſcheint es ſo aufrichtig zu meinen, daß ich mich nicht von ihm losmachen kann. Zu welchem von den Beiden finden Sie ſich, liebſte Gertraud, am ſtärkſten hingezogen? Wem glauben Sie am meiſten Ihr Vertrauen ſchenken zu können?“ „Sie wiſſen, liebſte Madame,“ erwiederte Gertraud, einen welkenden Strauß zerpflückend und ihre Augen feſt darauf heftend, „Sie wiſſen, meine Liebe, daß ich in dergleichen Dingen ganz unerfahren bin; nur ſo viel kommt mir vor, der alte Mann hat einen anmaßenden, widerwärtigen Blick.“ „Alſo ſcheint Ihnen der Jüngere ehrlicher und glaubwürdiger?« „Nun ja; haben Sie mir nicht ſelbſt geſagt, daß Sie ihn für einen Gentleman halten?“ „Ich ſehe nicht ab, wie ihm ein höherer Stand zu größerer Beglaubigung dienen kann. Wie Mancher hat dieſe Vorzüge er⸗ halten, um ſie zu mißbrauchen!.... Es thut mir leid, Sir,“ ſich Entſchluß bedauern.“ „Es ſtände ja nur bei Ihnen, ſich näher und deutlicher zu erklären.“ Wilder ſchwieg, dachte nach, ſtritt mit ſich ſelbſt; ein paar Mal ſchienen ſeine Lippen ſich zu bewegen, ſich zum Sprechen öffnen zu wollen. Frau Wyllys und Gertraud harrten mit ängſt⸗ licher Ungeduld auf ſeine Antwort; aber nach einer langen und zögernden Pauſe, im innern Kampfe begriffen, täuſchte er Beider Erwartung, indem er ſagte: „Es thut mir unendlich leid, mich nicht verſtändlicher machen zu bönnenz die Schuld liegt lediglich an mir und an meinem ungeſchick; ich kann nichts weiter thun, als nochmals betheuern, 158 daß in meinen Augen die Gefahr eben ſo hell und klar iſt, wie die Sonne am Himmel.“ „So bleibt uns nichts weiter übrig, als in unſerer Blindheit zu verbleiben,“ ſagte Frau Wyllys mit einer kalten Verneigung. „Ich danke Ihnen für Ihre guten, wohlwollenden Abſichten; nur können Sie es uns nicht verdenken, wenn wir einem Rathe nicht folgen, der ſich in ſo viel Dunkelheit einhüllt. Schließlich müſſen wir um Verzeihung bitten, daß wir ſo unhöflich ſind, Sie auf unſerem Grund und Boden zuerſt zu verlaſſen. Die Stunde der Abreiſe hat für uns geſchlagen.“ Wilder erwiederte den ernſten Gruß der Frau Wyllys mit einem eben ſo förmlichen; dann verneigte er ſich mit mehr Grazie und Herzlichkeit gegen die tiefe, aber kurze Verbeugung der Lady Gertraud Grayſon. Er blieb auf derſelben Stelle ſtehen, wo ſie ihn verlaſſen hatten, bis er ſie in das Haus eintreten ſah; es kam ihm vor, als werfe noch in der Thüre die junge Dame ihm, oder der Richtung, in welcher er ſtand, einen ſcheuen, ängſtlichen Blick gerade in dem Augenblick zu, als ihre leichte, ätheriſche Geſtalt verſchwand. Er drückte nun die rechte Hand auf den Mauerrand, und ſchwang ſich mit einem Sprung hinüber. So wie er den Bo⸗ den jenſeits berührte, und ſeine Lebensgeiſter zurückkamen, ſah er zu ſeinem Befremden, daß er nur ſechs Fuß von dem alten See⸗ mann ab war, welcher ſich zwiſchen ihm und dem Gegenſtand, der ihm ſo ſehr am Herzen lag, zweimal in den Weg geſtellt hatte. Doch ließ ihm der Alte nicht Zeit, ſeinem Mißmuth Luft zu machen; er kam ihm mit folgenden Worten zuvor: „Bruder,“ ſagte er in vertraulichem, freundſchaftlichem Tone, ihm die Hand ſchüttelnd, wie Einer, der ſeinem Gefährten zu er⸗ kennen geben wollte, ihm ſei der Betrug nicht entgangen, den Dieſer im Sinne gehabt,„kommt, Bruder, Ihr habt lange genug am Geitan geſtanden, es iſt Zeit, eine andere Stellung einzuneh⸗ men. Ei, ich bin zu meiner Zeit auch jung geweſen, und weiß, was es C Alte ſein End räth Wit und den! der gel Beg nie laſſ der müf blich wie heit ng. nur icht ſſen auf der mit azie ady ſie am der lick talt nd, Bo⸗ er hee⸗ nd, ellt uft ne, er⸗ den ug eh⸗ iß, 159 was es bedeutet, dem Teufel mehr als nöthig einzuräumen, wenn es Einem Spaß macht, in ſeiner Geſellſchaft zu ſegeln. Aber das Alter macht uns bedächtig, und wenn die Zeit kommt, wo man ſeine Rechnung abſchließen ſoll, und ein armer Schelm bald am Ende ſeines Lebenstaues iſt, ſo beginnt er mit ſeinen Schelmſtücken räthlicher umzugehen, gerade wie man auf dem Schiffe, wenn Windſtille eintritt, mit dem Waſſer haushält, und es nicht Wochen und Monate lang wie Regen über das Deck ſtrömen läßt. Nach⸗ denken kommt mit den Jahren, und der Menſch thut nicht übel, der ſich ein wenig von dieſem Proviant bei Zeiten zurücklegt.“ „Ich hoffte, als ich Euch am Fuße der Anhöhe verließ und den Hü⸗ gel ſelbſt wieder hinaufſtieg,“ erwiederte Wilder, ohne den unleidlichen Begleiter nur eines Blickes zu würdigen,„ich hoffte, wir würden uns nie wiederſehen. Da es aber das Anſehen hat, Ihr liebt die Höhe, ſo laſſe ich Euch Euer Gelüſte befriedigen, und kehre in die Stadt zurück.“ Der alte Mann ſchuffelte aber dem ſtark vorſchreitenden Wil⸗ der ſo raſchen Ganges nach, daß dieſer ſich hätte in Lauf ſetzen müſſen, welches er aber unter ſeiner Würde hielt. Einen Augen⸗ blick ſtand er mit ſich an, ob er ſeinen Verfolger und Peiniger nicht gewaltſam von ſich abhielte, aber auch dieſen Gedanken ver⸗ warf er, und nun entſchloß er ſich, mir nichts dir nichts ſeinen Weg langſamer fortzuſetzen, ſich um den Andern nicht zu beküm⸗ mern, und den Läſtigen zu verachten. Dieſer folgte immer in der Entfernung von ein paar Schrit⸗ ten, und rief ihm nach:„Maſter, vorhin ſetztet Ihr alle Eure Segel bei, ſo daß ich Mühe hatte, Euch nachzukommen; jetzt ſcheint Ihr vernünftiger, und ich kann ſchon eine freundſchaftliche Unterhaltung mit Euch anknüpfen. Wart Ihr im Garten dort nicht nahe daran, der alten Lady aufzubinden, die Royal Caro⸗ lina ſei eben ſo'n Schiff, wie der ‚fliegende Holländer“?“*) *) Ein bezaubertes Schiff; man ſehe die„Erzählungen eines Reiſenden“, von W. Irving. 16⁰ „Und was brauchtet Ihr der Alten den Irrthum zu beneh⸗ men?“« fragte ſtolz Wilder.. „Nicht wahr? Ihr wäret mir wohl aumuthen geweſen, nach fünfzigjährigen Seereiſen zu dulden, daß man in meiner Gegen⸗ wart von Holz und Eiſen auf eine ſo unehrbare Weiſe ſpreche!— Die Ehre eines Schiffs liegt einem alten Seehunde ebenſoſehr am Herzen, als die Ehre ſeines Weibes oder ſeiner Liebſten.“ „Hört mich an, Freund; Ihr lebt, wie ich denke, wie Andere Eures Gleichen, von Eſſen und Trinken?“ „Ein wenig von jenem, ein gut Theil von dieſem,“ erwiederte der Alte, ſich vor Lachen ausſchüttend. „Und um Euch Beides zu verſchaffen, macht Ihr's wie die meiſten vom Seevolk; ſchwere Arbeit, ſaurer Schweiß und be⸗ ſtändige Lebensgefahr?“ „Hm! Das Sprichwort ſagt:„Pferdearbeit, Eſelskoſte; ſo geht's uns Allen!“ „Nun ſo will ich Euch ein Mittel an die Hand geben,'mal leichter davon zu kommen, Geld zu verdienen ohne Müh', und es zu verthun nach Gefallen. Wollt Ihr Euch auf ein paar Stun⸗ den bei mir verdingen? Seht, da habt Ihr ein Handgeld, und für guten Lohn ſeid nicht beſorgt, wofern Ihr's ehrlich mit mir meint.“ Der alte Mann ſtreckte die Hand aus und griff nach der Guinee, die ihm Wilder über die Schulter hin hielt, ohne es einmal für nöthig zu halten, ſich nach ſeinem Rekruten umzuſehen. „s iſt doch keine falſche?“ ſagte er, und klopfte damit auf einen Stein. „Aecht Gold, rein Gold, wie es nur aus der Münze kom⸗ men kann.“ Der Alte ſteckte das Stück ruhig ein, und fragte dann mit roher, entſchiedener Stimme, wie Einer, der zu Allem bereit wäre: „Was für eine Hühnerlatte habe ich für das Geld zu ſtehlen?“ „Nichts ſo Erbärmliches und Niedriges. Ihr habt nichts weiter 161 teh⸗ zu thun, als was, wie mich dünkt, nichts Neues für Euch iſt: Könnt Ihr ein falſches Log“) angeben?“ ach„Ja, und im Nothfall darauf ſchwören. Ich verſteh' Euch; gen⸗ Ihr ſeid es müde, an der Wahrheit wie an einem neuangeſponne⸗ 1— nen Seile zu drehen, und möchtet gern, daß ich Euch die Arbeit ſehr abnähme.“ 1„So etwas Aehnliches. Ihr ſollt Alles, was Ihr von dem dere Schiffe geſagt habt, zurücknehmen, und da Ihr verſchmitzt genug geweſen ſeid, der Frau von Lacey die Windſeite abzugewinnen, ſo erte ſollt Ihr Euch dieſes Vortheils bedienen, und die Sache noch etwas ſchlimmer machen, als es von mir geſchehen. Sagt mir aber die vor Allem, damit ich Euch ganz kennen lerne, ſeid Ihr jemals be⸗ mit dem preiswürdigen Admiral gefahren?“ „So wahr ich ein frommer, ehrlicher Chriſt bin, habe ich von ſo dem preiswürdigen Herrn vorgeſtern früh kein Sterbenswort ge⸗ hört. O, Ihr müßt mich von dieſer Seite erſt recht kennen lernen. mal 4 Ich bin der Mann nicht, der in einer Hiſtorie ſtecken bleibt, wenn d es es ihm an Thatſachen fehlt.“ tun⸗„Das will ich glauben. Nun aber hört meinen Plan.“ für 1„Halt, würdiger Kamerad!“ unterbrach ihn Jener.„Steine nt.“ haben Ohren, pflegt man zu Lande zu ſagen, weil es zu Lande nnee, 4 Steine gibt. Wir Seeleute ſagen: Schiffspumpen haben für Ohren. Kennt Ihr in der Stadt eine gewiſſe Taverne, zum Unklaren Anker?“ auf 3„Ich bin da geweſen.“ „Ich will hoffen, Ihr habt ſie gut genug befunden, um wieder om⸗ hinzugehen, denn hier müſſen wir uns trennen. Ihr braßt die Segel ein wenig, da Ihr von uns Beiden der beſte Segler ſeid, mit* und geht ein paar Straßen auf und nieder, bis Ihr der Kirche äre: dort windwärts gekommen. Von da aus ſteuert Ihr geradezu n 2 α— in*) Die Angabe, vermöge eines Werkzeuges, von der Schnelligkeit des Laufes eines eiter Schiffes. Der rothe Seeräuber. 11 162 auf die Bucht des ehrlichen Joſeph Joram; hier findet Ihr einen ſchmucken Ankerplatz, wie ſich ihn kein Handelsmann beſſer in den Kolonien wünſchen kann. Ich werde indeſſen den kürzern Weg nehmen, den Hügel vollends hinabgehen, und dann ſo ziemlich mit Euch zugleich einlaufen.“ „Wozu die vielen Manöver, das Laviren, die Querzüge? Könnt Ihr denn kein vernünftig Wort vorbringen oder anhören, wenn die Rumflaſche nicht ihre Dienſte thut?“ „Keine Beleidigung, Bruder! Ich bin nicht der Mann, wofür Ihr mich anſeht. Ihr ſollt mich mit der Zeit beſſer kennen lernen. Einen ſo nüchternen Menſchen, wie ich, findet Ihr ſchwerlich zu Eurem Auftrag. Nein, Bruder, ich habe zu unſerer Trennung hier ganz andere Gründe. Geſetzt, Jemand merkte, daß wir die Straße zuſammengehen und uns unterhalten, Ihr, der in keinem guten Rufe bei der Lady ſteht, und ich, der ſo viel bei ihr gelte,— würde ich meine Glaubwürdigkeit nicht verlieren?“ „Ihr habt recht. Macht, daß Ihr fortkommt, und dann laßt mich Euch bald wieder treffen, denn da ſie im Begriff ſind, ſich einzuſchiffen, iſt keine Minute zu verlieren.“ „Seid ohne Sorgen; mit dem Einſchiffen hat's ſo bald keine Noth,“ ſagte der Alte, die flache Hand über den Kopf ausſtreckend, um den Wind aufzufaſſen.„Da iſt noch nicht„mal Luft genug, die rothen Wangen der jungen Lady dort oben abzukühlen. Ihr könnt gewiß ſein, daß ihnen das Zeichen nicht eher gegeben wird, bis ſich der Abfahrtwind eingefunden hat.“ Wilder winkte ihm zum Abſchiede mit der Hand, und trat den Weg an, den ihm Jener vorgezeichnet hatte. Im Gehen dachte er dem Eindruck nach, welchen die friſchen und jugendlichen Reize Gertrauds ſogar auf den alten herzloſen Mann gemacht, der ſich in dieſem Augenblick ihrer bildlich erinnert hatte, und ſie in ſeine Windprobe dichteriſch einwob. Der Eindruck war nicht tief, denn als er dem abgehenden Wilder eine kleine Weile mit pfiffigem —2& ———— 8S,ͤS—.,· A—O. nen den Veg mit nnt enn für nen. zu hier aße iten laßt ſich eine end, nug, Ihr dird, den e er keize ſich ſeine denn igem 163 Weſen und ironiſchem Blicke nachgeſehen, machte er ſich auf, ver⸗ doppelte ſeine Schritte, und eilte, um noch vor ihm den verab⸗ redeten Ort ihrer Beſtimmung zu erreichen. Zehntes Kapitel. Pertita. Warn'’ihn, daß er ſich ſchnöder Wort enthalte. Wintermärchen, Act IV. Sc. 3. Aëss Wilder ſich dem ‚Unklaren Anker’ näherte, traf ſein Auge und Ohr ein Schauſpiel, welches mit dem bisher ſo fried⸗ lichen Orte in vollem Widerſpruch ſtand, und in irgend einer außerordentlichen Aufregung ſeinen Grund zu haben ſchien.— Ueber die Hälfte der Frauen in der Nachbarſchaft, und ein gutes Viertel der Männer hatten ſich vor der Thür des Schenkhauſes verſammelt, und horten auf die ſcharfen, ſchrillenden, durchdrin⸗ genden Töne einer weiblichen Stimme, deren Declamation, Klage und Beſchwerde von der Art waren, daß es den Zuhörern in dem weiten Kreiſe, der ſie umgab, eben ſo unmöglich war, die Rednerin für kalt und unparteiiſch zu halten, als ſelbſt kalt und unparteiiſch zu bleiben. Bei dem Bewußtſein, daß er ſich ſelbſt neuerdings in Verbindungen eingelaſſen, deren Erfolg er nicht vorausſehen konnte, und bei dem innern Gefühl ſeines Wagſtücks, nahm unſer junger Abenteurer Anſtand, ſich in den Haufen zu miſchen, und hielt ſich abwärts. Es bedurfte eines aufmunternden Blickes, den der alte Seemann auf ihn warf, welcher inzwiſchen ebenfalls an⸗ gekommen war, mit Hilfe ſeiner Ellbogen ſich durch die Menge Raum machte, und ſo der Geſtalt, aus welcher die Wehklagen ertönten, bald nahe und gegenüber ſtand. Seinem Beiſpiele fol⸗ gend, rückte der junge Mann nun auch vor, begnügte ſich aber mit einer Stellung außer dem Gedränge, wo er ſehen und hören und auf den ſchlimmſten Fall ſich zurückziehen konnte, ohne von dem Strom aufgehalten oder fortgeriſſen zu werden. 11* 164 „Ich rufe euch Alle, die ihr hier ſeid, zu Zeugen, dich, Earthly Potter, und dich, Preſerved Green, und dich, Faithful Wanton,“ (ſo hörte Wilder die entrüſtete Deſideria ſchreien, dann einen Augenblick inne haltend, um Athem zu ſchöpfen, dann die ganze Nachbarſchaft weiter namentlich aufrufend)—„und dich, Upright Crook, und dich, Relent Flint, und dich, Wealthy Poor!*) Ich rufe euch zu Zeugen in meiner Sache. Ihr Alle, ſammt und ſonders, Alle für Einen, und Einer für Alle, gebt mir Zeugniß, wenn es Noth thut, daß ich von jeher und immerfort die ſklavi⸗ ſche, nachgebende Lebensgefährtin und Ehehälfte dieſes Mannes ge⸗ weſen bin, der mich in meinem Alter ſo ſchändlich verlaſſen, und mir noch obenein ſeine vielen Kinder auf den Hals gebürdet hat!“ „Aber,“ unterbrach ſie der Wirth zum Unklaren Anker ſehr zur Unzeit,„was habt Ihr denn für Gewißheit, daß er Euch verlaſſen und ſich aus dem Staube gemacht? Der geſtrige Tag war ein Tag der Freude, ein Siegestag, ein Feiertag; und ſo iſt es denn ganz natürlich, daß Euer Mann, wie ſo viele Andere, die ich nennen könnte— die ich aber nicht ſo dumm bin zu nennen— ein bis⸗ chen, wie ſoll ich ſagen? über die Schnur gehauen**), und nur etwas ſpäter als die Uebrigen ausſchläft. Ich gehe die Wette ein, daß der ehrliche Schneidermeiſter in wenig Minuten aus irgend einer Scheune hervorkriecht, und ſich ſeinen Morgenſchluck Bitters bei mir holt, ſo friſch und nüchtern, als hätte er am geſtrigen Feſte ſeine Kehle nur mit Waſſer benetzt.“ Ein allgemeines, halbunterdrücktes Lachen folgte dem Brannt⸗ weinwitze des Schenkwirths. Nur auf die verzerrten Geſichtszüge *) Dieſe Namen erinnern an die Sitte der Puritaner, ſtatt der gewöhnlichen Tauf⸗ namen ſich Benennungen und Eigenſchaften aus der heil. Schrift beizulegen. Daß ſie oft ſchlecht zu den Familiennamen paßten, ſollen die hier angeführten: Irdiſcher Töpfer; Eingemachter Grün; Treuer Lüderlich; Aufrichtiger Krumm; Weichherziger Kieſel; Vermögender Dürftig— zugleich beweiſen, und den Gebrauch lächerlich machen.— So ſonderbar übrigens dieſe Namen klingen, ſo ſind ſie doch alle der Chronik von Rhode⸗Island entnommen. **) Das Ori inal ſagt: ein bischen das geweſen, was man nennt: How-come-ye- fo, wörtlich: Wie kommt Ihr mir ſo(nach Hauſe)? —— 165 der jammernden Deſideria brachte er keine Veränderung, noch we⸗ niger ein Lächeln hervor; ihre Züge ſchienen im Geg entheil auf immer die Fähigkeit dazu verloren zu haben. „Nicht doch,“ rief ſie,„nicht doch, der Mann hat nicht'mal die Courage, ſich als ein loyaler Patriot und Vaterlandsfreund an einem Feſt⸗ und Freudentage auf die Geſundheit und den Ruhm Sr. Majeſtät zu betrinken; er kann weiter nichts, der erbärm⸗ liche Mann, als nähen und flicken. Ich hab' ihn blos der Arbeit wegen genommen; und nur, weil mir ſein Arm und ſeine Nadel fehlen, vermiſſ' ich ihn, ſonſt um gar nichts. Iſt es nicht ein Elend für mich armes, unterdrücktes Weib, nachdem ich den Mann ſo lange für mich arbeiten und Brod ſchaffen laſſen, daß ich mich nun mir nichts, dir nichts hinſetzen und ſelbſt für mich ſorgen ſoll? Aber ich will mich an ihm rächen, ſo lange noch in Rhode⸗ Island oder in Providence Recht und Gerechtigkeit zu finden iſt. Laſſ' ihn nur über die Zeit des geſetzlichen Termins wegbleiben! Laſſ' ihn dann nur kommen, und mir ſein O-Jemine's⸗Geſicht zeigen! Er ſoll ſchön anlaufen, der Vagabunde; er ſoll ſein Weib und ſeine Thür verſchloſſen finden, und nichts haben, wo er ſein hundsföttiſches Haupt hinlege!“*) Hier gewahrte ſie das aufmerkſame Geſicht des alten Seemanns, der ſich bis zu ihr hingedrängt hatte. Sie unterbrach ſich plötz⸗ lich, und ſetzte hinzu:„Hier ſteht ein Fremder, ein eben eintreffen⸗ der.... Sagt mir, Freund, iſt Euch auf Eurem Wege hierher ein Landläufer, ein Deſerteur aufgeſtoßen?“ „Liebe Frau,“ erwiederte Dieſer mit ungemeiner Faſſung,„ich habe, während ich mit meinem alten Rumpfe hier zu Lande ſegelte, *) Aus dieſer Erklärung folgt, daß gewiſſe Forſcher(nach alterthümlichen Geſetzen) vollkommen im Irrthum ſind, wenn ſie behaupten, die Gemeinde, welcher Deſideria angehörte, habe dieſer Dame den bis zur gegenwärtigen Stunde noch üblichen Ge⸗ brauch einer derartigen unceremoniellen Löſung des ehelichen Knotens zu danken, da ihre Aeußerung augenſcheinlich nur als eine Hindeutung auf ein Mittel zu betrach⸗ ten iſt, zu welchem ſchon in früheren Zeiten der gekränkte unſchuldige 3 ihres Geſchlechts ſeine Zuflucht nahm. A. d. Verf. 166 ſo viel mit mir zu thun gehabt, daß ich Namen und Raug Derer, die mir begegnet ſind, unmöglich habe in mein Logbuch eintragen können.... Doch mir fällt bei, einen armen Teufel zu Anfang der Tagwache*) auf dem Wege hieher im Gebüſch zwiſchen der Stadt und dem Stück Fähre, welches zum Meere führt, ange⸗ prait zu haben.“ „Wie ſah der Mann aus?“ fragten fünf bis ſechs Stimmen, ängſtlich und in einem Athem, unter welchen aber die der Frau Deſideria das Uebergewicht an Lungenkraft behauptete, ungefähr wie die Cadenzen einer Bravourſängerin über die ſchwächeren Triller der Choriſtinnen vorherrſchen. „Wie er ausſah, der Mann? Ei nun, wie ein Mann ausſieht, der die Armtakelage quer verſchränkt hat, und die Schenkelklam⸗ pen trägt, wie jeder andere Chriſtenmenſch. Wie ſoll er ſonſt aus⸗ ſehen?.... Doch, halt, ich beſinne mich: er ſchleppte ein Bein nach, wie ein lahmes Schaf, und ſchlenkerte ein gut Theil hin und her im Gehen.“ „Er iſt's! er iſt's,“ rief Alles im Chor. Sogleich ſtahlen ſich Fünf oder Sechs eilig davon, in der heimlichen Abſicht, dem Aus⸗ reißer nachzueilen, um ſich wegen einiger kleinen Reſte in der Rechnungsbilanz mit dem armen, verſchrieenen Schuldner abzu⸗ finden. Wir müſſen bedauern, daß es uns an Muße fehlt, die Art und Weiſe umſtändlich zu beſchreiben, wie jeder dieſer feinen Politiker ſich aus dieſen Handelsverwickelungen ziehen, und ſeine paar Pence retten wollte; wie Jeder bei dieſer geheimen Specu⸗ lation auf ſeinen Vortheil und auf die beſten Mittel ausging, ſeinem Nebenmann den Rang abzulaufen; wie Jeder ſeine kleine Liſt ausſann und einen ſchicklichen Vorwand vorſchützte, weßwe⸗ gen er nach Hauſe gehen müſſe; und wie Jeder, als Alle zugleich bei der Fähre zuſammentrafen, ſich betrogen fand, und Einer den Andern mit ſchafmäßigem Geſicht und langer Naſe anſah. *) Von 4 bis 8 Uhr Morgens. .„——, ht, m⸗ 1s8⸗ ein hin ich Us⸗ der zu⸗ die nen ine en⸗ ng, ine we⸗ eich den 167 Deſideria, welche in der Form Rechtens von ihrem Tagedieb nichts zu fordern, und in anderer Hinſicht nichts von ihm zu er⸗ warten hatte, war ſtehen geblieben, und fuhr fort, ſich bei dem Fremden nach ihm zu erkundigen. Ja, es bleibt ungewiß, ob die ſchöne Ausſicht der Freiheit, als Folge und in der Geſtalt einer förmlichen Eheſcheidung, ſich nicht vielleicht ihrem lebhaften Geiſte vorſpiegelte; ob ihre Phantaſie nicht noch einen Schritt weiter ging, und ihr den Honigmonat einer zweiten Ehe mit ganz an⸗ dern Farben ausmalte, als die Erinnerung an die vorherige ihn ihr vor Augen brachte. Genug, ſie ließ von ihrer erſten Heftig⸗ keit bedeutend nach, überließ ſich dem Etwas in ihrem Innern, was den erſten Aufruhr ihres Gemüths beſchwichtigte, und konnte nun in die Folge ihrer Erkundigungen mehr Ordnung, mehr Deut⸗ lichkeit und Kaltblütigkeit legen. „Hatte der Mann einen Diebesblick?“ fragte ſie, ohne den Abgang Derer bemerkt zu haben, die ſich ſo ſchnell hintereinan⸗ der fortgeſchlichen hatten, und noch eben in ihren gerechten Schmerz ſo ſympathetiſch einſtimmten.„Sah er aus wie eine Schlange, wie eine Blindſchleiche?“ „Was ſein Kopfſtück betrifft,“ ſagte der Alte,„ſo würdet Ihr zu viel von mir verlangen, wenn ich Euch eine genaue Beſchrei⸗ bung davon machen ſollte; doch beim Lichte betrachtet, ſah er ziemlich ſo aus, wie Einer, der eine geraume Zeit in den Spei⸗ gaten gelegen. Soll ich Euch meine wahre Meinung ſagen? Er kam mir vor, als trüge er ſchwer an einer guten Ladung....“ „Von Müſſiggang, wollt Ihr ſagen. Ja, ja, Müſſiggang iſt aller Laſter Anfang. Der Mann iſt ganzer acht Tage faſt ohne Arbeit geweſen; das hat er ſich zu Gemüth gezogen, und weil er nichts Beſſeres zu thun und zu denken hatte, ſo iſt er davon⸗ gegangen. So iſt's... Er trug ſchwer....“ „An ſeinem Weibe,“ unterbrach ſie der Alte mit pathetiſchem Nachdruck. Hier entſtand ein zweites Gelächter, weit mehr und 168 deutlicher auf Koſten der Dame Deſideria, als das erſte. Sie aber, nicht im geringſten dadurch aus der Faſſung gebracht, und ſowohl den groben Scherz des alten Seemanns, als den ſchallen⸗ den Beifall der Umſtehenden tapfer und als ein ächtes Mannweib verſchmähend, fuhr fort: „O, Ihr könnt nicht wiſſen, was und wie viel ich ſo lange Jahre mit dem Manne ausgeſtanden habe.... Sah er aus, wie Einer, der eben eine beleidigte, gekränkte Frau verlaſſen hat?“ „Ich will eben nicht behaupten, daß er geradezu mir geſagt hätte, in wiefern er ſeine Frau gekränkt und beleidigt, als er ſie vor Anker gelaſſen; ſo viel aber iſt gewiß, wo er ſie auch ge⸗ ſtauet haben mag, ſein Weib, oder auch nicht ſein Weib, viel Schiffsgut und Ladung hat er ihr nicht zurückgelaſſen. Der Mann hatte ſich den Hals mit weiblichen Flittern ausſtaffirt, ſo daß ich glauben mußte, er trage um den Nacken lieber ihren Schmuck, als ihre Arme.“ „Was!“ rief Deſideria mit wildem Blick,„hat er meine golde⸗ nen Bommeln geſtohlen? Was trug er von mir? Meine goldenen Bommeln?“ „Aecht oder unächt, will ich nicht ſchwören.“ „Der Böſewicht!“ fuhr ſie wüthend fort, wie Eine, die länger im Waſſer geblieben, als ihr lieb war, und nach dieſer unange⸗ nehmen Unterbrechung wieder zu Athem kommt. Zugleich drängte ſie ſich mit aller Gewalt durch die Menge, um die Größe des Raubes und ihres Verluſtes zu überſehen, und rief im Laufen: „Der Böſewicht! der Räuber! der Kirchenräuber! Sein Weib be⸗ ſtehlen, an deren Buſen er geruht! Die Mutter ſeiner Kinder be⸗ ſtehlen, und.... und....“ „Da höre mir Einer ganz was Neues!“ ſagte der Wirth zum Unklaren Anker.„Hab' ich doch mein Lebtage nicht gehört, daß man den guten Nachbar Homeſpun für einen Dieb gehalten; ſein Enkelname war Haſenherz, weil er unter dem Pantoffel ſtand.“ 169 Der alte Seemann ſchaute dem Wirth ſtarr in die Augen, und ſagte mit Bedeutung: „Hätte der ehrliche Schneider ſonſt Niemand beſtohlen, als ſeine Ehehälfte, ſo würde keine große Diebsſünde auf ihm haften; denn mit den Bommeln und Goldperlen, die er um den Hals trug, würde ich nicht'mal das Fährgeld bezahlt haben. Alles Gold, was er bei und auf ſich trug, könnte in meinem Augenwinkel Platz finden, ohne mich im Geringſten am Sehen zu hindern. Weil es aber eine Schande und Sünde iſt, die Thür einer ehr⸗ lichen Taverne ſo zu belagern wie einen Hafen, auf deſſen Schiffe man ein Embargo gelegt, ſo habe ich, wie Ihr ſeht, das Weib fortgeſchickt, nach ihren Bommeln zu ſuchen, und den ganzen Haufen hinterdrein, ſeine Neugierde zu ſtillen.“ Joſeph Joram ſtarrte den Fremden mit einem Paar Augen an, die ihm wie bezaubert im Kopfe ſtanden. Augen, Zunge, Hände und Füße blieben eine Minute lang unbeweglich. Endlich brach er in ein heftiges, mächtiges Gelächter aus, denn jetzt roch er Lunte, merkte den Pfiff, der die Menge von ſeiner Thür nach dem Schneiderhauſe weggefegt, erkannte den ſchlauen Fuchs, breitete die Arme nach ihm aus und ſagte: „Willkommen, ehrlicher Jan, ehrlicher Bob! Willkommen, alter Knabe, willkommen! Aus welcher Wolke ſeid Ihr geregnet? Wel⸗ cher Wind hat Euch hergeweht? Woher des Wegs? Wie und wann ſeid Ihr in Newport eingelaufen?“ „Zu viel Fragen auf einmal, um ſie in offener Rhede zu be⸗ antworten; und überhaupt iſt's hier zu trocken für eine geheime Unterredung. Quartirt mich in eine von Euern inneren Kajüten ein; ſetzt mir ein Kanne Flip*) und ein Stück gut Rhode⸗Island Rindfleiſch in Enterweite hin— und dann ſo viel Fragen, als Euch beliebt, und ſo viel Antworken⸗ als ſich mit meinen Kau⸗ werkzeugen ve vertragen.“ *) Bier, Branntwein und Zucker. 170 „Wer bezahlt mir aber die Muſikanten, Bob? Welcher Schiffs⸗ kaſſierer ſteht mir für den Tanz? ſagte der Wirth, indem er den ehrlichen Bob mit einer Bereitwilligkeit in's Haus ließ, welche dieſe Zweifel Lügen ſtrafen, oder wenigſtens durch zuvorkommende Artigkeit die Pille vergülden ſollte. „Wer?“ unterbrach Jener, das Goldſtück hervorholend, welches er von Wilder bekommen hatte, und es auf eine Weiſe zwiſchen den Fingern haltend, daß es auch von den paar Leuten geſehen werden konnte, welche noch vor der Thüre ſtanden, damit ſie in dieſem kleinen runden Dinge die beſte Schutzrede für deſſen Eig⸗ ner leſen möchten:„Wer ſonſt, als dieſer Gentleman! Ich bin ſtolz, in der Perſon Seiner Allerhöchſten Majeſtät des Königs, welchen Gott erhalte! einen Bürgen für mich aufſtellen zu können.“ „Welchen Gott erhalte!“ ſchallte es von allen loyalen Unter⸗ thanen wieder, die ſich auf der Straße befanden, und in einer Stadt, wo jetzt dieſer Ausruf gewiß ebenſoviel Staunen, nur weniger Beſtürzung verurſachen würde, als ein Erdbeben. „Welchen Gott erhalte!“ wiederholte Joram nochmals, als er eine innere Thür öffnete, und ſeinen Gaſt hineinließ.„Ihn, und Alle, die ſein Bild im Beutel führen! Tritt ein, alter Bob, und du ſollſt bald einen halben Ochſen entern.“ Inzwiſchen war Wilder, gerade als die Leute vor der Thür ſich zerſtreut hatten, und das verehrliche Paar, nämlich der Wirth mit dem Alten, tiefer in's Haus gegangen war, in die Gaſtſtube getreten. Er dachte eben nach, wie er ſich mit ſeinem Verbünde⸗ ten in Rapport ſetzen ſollte, ohne zu viel Aufſehen zu erregen, als der Wirth zurückkam, und ihm die Mühe des weitern Nachſinnens erſparte. Joram ſah ſich erſt ſchnell im Zimmer um, warf dann einen Blick auf den jungen Abenteurer und näherte ſich ihm halb zweifelhaft, mit einem Geſicht, welches zu ſagen ſchien: ‚kenn' ich ihn, oder kenn' ich ihn nicht. fs⸗ den che nde hes hen hen in ig⸗ bin igs, .“ ter⸗ ner nur als hn, zob, hür irth tube nde⸗ als nens ann halb ich 171 Endlich, als er den Fremden wieder erkannt, der am Morgen bei ihm eingeſprochen, fragte er: „Wie ſteht's, Sir? Ein Schiff gefunden? Schwerlich; es gibt mehr Nachfrager als Stellen.“ „Weiß nicht, ob es mit mir etwas wird. Als ich den Hügel hinaufging, begegnete ich einem alten Seemann,....“ „Hm!“ unterbrach ihn der Wirth, mit einem verſtohlenen be⸗ deutſamen Zeichen, ihm zu folgen.„Ich will Euch ein anderes Zimmer weiſen, wo Euch das Frühſtück beſſer ſchmecken ſoll.“ Wilder folgte dem Wirth, der ihn einen andern Weg aus der Gaſtſtube führte, als er den ehrlichen Bob geführt hatte, und dabei ein geheimes Weſen annahm, welches dem jungen Fremden auffiel. Er brachte ihn, tiefes Schweigen beobachtend, durch win⸗ kelige Umwege eine Hintertreppe hinauf, bis auf den Hausboden. Hier klopfte er leiſe an eine Thür. Mit hohler, ſchwerer Stimme, welche Wildern ſtutzig machte, wurde Herein! gerufen. Er trat ein, fand ſich in einer niedern, engen Dachkammer, und Niemand darin, als den ehrlichen Bob, die alte Bekanntſchaft des Wirths, der ihm beim Wiedererkennen, wie wir geſehen, dieſen Ehrentitel gegeben hatte. Während ſich Wilder mit einigem Befremden nach der Stimme, die er gehört zu haben glaubte, umſah, begab ſich der Wirth zurück, und ließ die Beiden allein. Der ehrliche Bob war bei einem wichtigen Geſchäft begriffen. Er zerlegte den halben Ochſen und begoß ihn reichlich mit einem Bier, welches, in Erwartung des beſtellten Flips, ebenſoſehr nach ſeinem Ge⸗ ſchmack war, als die Knochen⸗ und Fleiſchmaſſe. Ohne ſeinem Beſucher Zeit zum Nachdenken zu laſſen, lud er ihn ein, den ein⸗ zigen Stuhl im Kämmerchen einzunehmen, und ſetzte ſeine Section des Lendenſtückes ſo emſig fort, als ſei keine Unterbrechung vor⸗ gefallen. „Der ehrliche Joſeph Joram,“ ſagte er, nachdem er einen Zug gethan, der die Kanne faſt bis auf den Boden leerte,„muß beim —— —— 172 Metzgergewerk gute Freunde haben. Dieß Rindvieh ſchmeckt ſo gut, daß man es für ein Stück Hellbutte*) halten ſollte. Ihr ſeid weit geweſen, Landsmann; doch ich ſollte ſagen ‚Seemann“ oder noch lieber ‚Tiſchkamerad', da wir Beide an einem Tiſche an⸗ kern— nicht wahr, Ihr ſeid weit gereiſ't?“ „Ein gutes Theil; müßte ſonſt ein ſchlechter Seefahrer ſein.“ „Nun dann, ſo ſagt mir frei heraus, ſeid Ihr jemals in einem Lande geweſen, welches, wie unſer edles Amerika, wo wir Beide vor Anker liegen, und wo wir Beide, wie ich hoffe, geboren ſind, ſo viel Herrliches an Fiſch, Fleiſch, Geflügel und Obſt hervor⸗ bringt?« Wilder, der ſeine Urſachen hatte, das Geſpräch noch nicht auf den beabſichtigten Gegenſtand zu bringen, weil er ſeine Gedan⸗ ken erſt ſammeln und ordnen, und dabei gewiß ſein wollte, ob ihn Niemand behorche, ſagte: „Es hieße die Vaterlandsliebe zu weit treiben, wenn man dem Lande, das uns geboren, den Vorzug vor allen andern gäbe, Eng⸗ land, wie es allgemein angenommen wird, übertrifft uns in allen dieſen Gegenſtänden.“ „Allgemein angenommen? angenommen? von wem? von un⸗ ſeren Nichtswiſſern, von unſeren Alleswiſſern, von unſeren Sieben Jungenweiſen! Ich, ein Mann, der die vier Erdtheile geſehen, und die vier Waſſertheile dazu, ich ſtehe auf, und ſtrafe die Groß⸗ mäuler Lügen. Aber wir ſind Kolonien, mein Freund; wir ſind Kolonien, und in einer Kolonie iſt es eben ſo keck, der Mutter zu ſagen, daß die Tochter dieſen oder jenen Vorzug hat, als es ſich für Jack beim Fockmaſt ſchicken würde, ſeinem Offizier Unrecht zu geben, auch wenn er Unrecht hätte. Ich bin nur ein armer Wicht, Maſter. Wie nenn' ich Ew. Ehren.“ „Mich? Mein Name iſt.... Harris. *) Norwegiſche Scholle, deren Floßfedern für eine Delikateſſe gelten. ſo Ihr unn“ an⸗ in.“ nem eide ind, vor⸗ auf dan⸗ ob dem eng⸗ llen un⸗ ben hen, roß⸗ ſind tter es echt mer 173 „Ich bin, wie geſagt, nur ein armer Mann, Maſter Harris; aber ich habe zu meiner Zeit manchen Wachtpoſten kommandirt; und ſo alt und roſtig als ich Euch ſcheinen mag, bin ich manche lange Nacht auf dem Verdeck geweſen, ohne andere Beſchäftigung als meinen Gedanken nachzuhangen.— Freilich hab' ich dabei nicht ſo viel von der Philoſophie abgekriegt, als ein beſoldeter Herr Pfarrer, oder ein bezahlter Herr Richter. Laſſ't Euch's aber dennoch von mir ſagen, es iſt ein dumm Ding um Einen, der weiter nichts iſt, als der Bewohner einer Kolonie. Es benimmt Einem allen Stolz und allen Muth, und hilft Einen zu dem machen, wozu das Mutterland— ſein Herr und Meiſter⸗— ihn gern gemacht haben will. Ich will nichts mehr ſagen vom Obſt, von ſeinen Gerichten, von dem, was Leckerei heißt und aus dem Lande zu uns kommt, von dem Ihr und ich nur zu viel gehört haben; ich will nur mit dem Finger nach jener Sonne hinzeigen, und fragen:„Denkt Ihr, daß König Georg die Macht hat, ſie auf das Stück Inſel, wo er lebt, eben ſo wohlthätig ſcheinen zu laſſen, als ſie hier in ſeinen unermeßlichen Provinzen von Ame⸗ rika ſcheint?“ „Gewiß, nein; aber Ihr müßt doch zugeben, was Jeder be⸗ hauptet, nämlich: daß Englands Erzeugniſſe den Vorzug haben. Üüber.... „Ei was? Eine Kolonie ſegelt immer an der Leeſeite des Mutterlandes. So ſagt man und ſo iſt's; warum? weil man's ſagt. Ja, ſagen läßt ſich Vieles, Freund Harris. Mit Worten wird's abgethan. Worte— Worte— Worte! mit Worten kann man ſich ſelbſt ein Fieber an den Hals reden. Mit Worten eine ganze Schiffscompagnie bei den Ohren feſthalten. Mit Wor⸗ ten macht man Kirſchen zu Pfirſichen, eine Butte zum Wallfiſch.— Wimmelt nicht die unendliche Seeküſte von Amerika, wimmeln nicht alle unſere Flüſſe, See'n, Bäche von Fiſchen, vom Reichthum und Fett unſeres Landes? Und doch muß man mit anhören, daß die 174 Diener Sr. Majeſtät, die von jenſeits des Oceans kommen, von ihren Steinbütten, ihren Schollen, ihren Karpfen ſchwatzen, als habe Gott der Herr nur Steinbütten, Schollen und Karpfen er⸗ ſchaffen, und als hätte der Teufel, ohne deſſen Erlaubniß einzu⸗ holen, alle übrigen Fiſche zwiſchen den Fingern durchwitſchen laſſen.“ Bei dieſen Worten wendete ſich Wilder raſch nach dem Alten, und blickte ihn mit einigem Befremden an, während dieſer ruhig ſein Rindfleiſch verſchlang, unbekümmert über das, was er geſprochen, weil er es als eine Meinung anſah, wie man ſie in der gewöhnlichen Unterhaltung aufzuſtellen pflegt. Wilder, dem ſie mehr aufgefallen war, gab es durch ernſte Mienen und ernſte Worte zu erkennen. „Freund,“ ſagte er,„Ihr ſcheint mehr von Euxem Geburtslande, als von Loyalität zu halten.“ „Wenigſtens bin ich nicht fiſch⸗loyal, d. h. nicht ſtumm, wie ein Fiſch. Was Gott erſchaffen hat, darüber läßt ſich's, wie ich hoffe, vom Menſchen ſprechen, ohne Jemand zu beleidigen. Was aber die Regierung anbelangt, die iſt ein von Menſchenhand gedreh⸗ tes Seil, und...“ „Und was weiter?“ fragte Wilder, als er ſah, daß der Andere inne hielt.— „Hm! Nun, ich denke der Menſch kann ſein eigenes Werk um⸗ ſtoßen, wenn er nichts Beſſeres zu thun hat. Damit will ich aber nichts geſagt haben, und Niemanden zu nahe treten, hoff' ich.“ „Das habt Ihr ſo ſehr gethan, daß es mich mahnt, zu dem Geſchäft überzugehen, was uns hieher gebracht. Ihr habt doch Euren Miethspfennig nicht vergeſſen?“ Der alte Segler ſchob den Tiſch ein wenig von ſich ab, kreuzte die Arme, ſchaute ſeinem Gefährten voll in's Geſicht, und ant⸗ wortete mit Ruhe: „Wenn ich'mal in Jemandes Dienſte getreten bin, ſo läßt ſich's auf mich bauen wie auf Felſengrund. Ich hoffe, Ihr ſegelt denſelben Kurs, Freund Harris!“ von als er⸗ nzu⸗ en. ten, ſein hen, chen lllen nen. nde, ein offe, aber reh⸗ dere um⸗ aber .98 dem doch euzte ant⸗ läßt egelt 175 „Ich wäre ſonſt kein rechtſchaffener Menſch. Vor allen Dingen erlaubt mir aber, ehe ich Euch mit meinen Wünſchen und Entwür⸗ fen näher bekannt mache, das Nebenkämmerchen zu unterſuchen, um vollkommen gewiß zu ſein, daß wir allein ſind.“ „Ihr werdet nichts weiter darin finden, als das Bischen Staat von Jorams Schwiegertochter. Und da die Thüre nicht zmal gehörig ſchließt, ſo wird Eure Runde bald gemacht ſein. Sehen iſt beſſer als glauben.“ Wilder ſchien die Erlaubniß des Alten nicht abwarten zu wol⸗ len, denn er hatte ſchon die Thür aufgeſtoßen, als Jener noch ſprach, und nachdem er ſich nun auch überzeugt, daß dieß Cloſett nur die angegebenen weiblichen Fähnchen enthielt, kam er mit der Miene eines Mannes zurück, der ſich verrechnet hat. „Wart Ihr allein, als ich eintrat?“ fragte er nach einer nach⸗ denkenden Pauſe. 2 „Nur der ehrliche Joram und Ihr....“ „Sonſt Niemand?“ „Ich habe Niemand geſehen,“ verſetzte der Alte, aber auf eine Weiſe, welche ein wenig Verlegenheit verrieth.„Seid Ihr ande⸗ rer Meinung, ſo laßt uns das Zimmer viſitiren. Wehe dem Hor⸗ cher hier im Verſteck; er ſollte meine Fäuſte fühlen.“ „Halt! antwortet mir auf Eines; wer rief vorhin Herein?“ Bob, der ſchon aufgeſprungen war, die Winkel zu durchſuchen, verlor mit einem Male ſeine Lebhaftigkeit, dachte einen Augenblick nach, und dann plötlich ſich beſinnend, brach er in ein lautes Auflachen aus. „Aha! nun merk' ich, wo Euch der Floh ſitzt. Was man doch für Gedanken aushecken kann! Nicht wahr, wenn geklopft wird und Jemand Herein! ruft, der ein Pfund Rindfleiſch im Maule hat, ſo ſoll er eben die Stimme hahen, als wenn ſeine Zunge im ledigen Schiffsraume ſpazieren ginge?“ „Alſo Ihr waret es, der ſprach?“ 176 „Ich will darauf ſchwören,“ erwiederte Bob, und ſetzte ſich wie⸗ 1 der hin, wie Jemand, der ſich ganz zu ſeinem Vortheil aus einem lina böſen Handel gezogen. Dann fuhr er fort:„Nun, Freund Harris, und habt Ihr Luſt, mir Euer Inneres aufzuſchließen, ſo bin ich bereit, Euch anzuhören.“ und Wilder ſchien zwar nicht ganz durch dieſe Erklärung befriedigt. me⸗ Gleichwohl rückte er den Stuhl näher an den andern, und ſchickte ich ſich an, den Gegenſtand ihres Zuſammentreffens in's Licht zu ſetzen. „Nach dem, was Ihr geſehen und gehört habt, Freund, daß brauche ich Euch nicht erſt zu ſagen, daß ich nicht eben wünſche, müt die Dame, mit welcher wir dieſen Morgen geſprochen haben, und lieb ihre Gefährtin in der Royal Carolina abſegeln zu ſehen. Ich müt nehme es bei unſerer Verabredung für hinreichend an, dieſe That⸗ hine ſache zum Grunde zu legen, und es dabei bewenden zu laſſen; meine beſonderen Urſachen, weßwegen ich es gern ſähe, wenn die Frauen⸗ zimmer blieben, wo ſie ſind, können dem, was Ihr in der Sache beir zu thun habt, kein neues Gewicht geben.“ ſtei „Ihr habt ganz und gar nicht nöthig, einem alten Seemann zu Ror ſagen, wie er das Schlappſegel eines vorübereilenden Gedankens kan faſſen und zuſammenhalten ſoll,“ ſagte Bob, ſeinem Gefährten tref einen pfiffigen Wink zuwerfend, und ſich dabei ſchüttelnd, welche von vertrauliche Bewegung Letzterem mißfiel;„ich habe keine fünfzig zeut Jahre im blauen Waſſer zugebracht, ohne gelernt zu haben, es vom blauen Himmel zu unterſcheiden.“ 4 „Ihr glaubt alſo, Freund, meinen Beweggrund durchſchaut zu dieſ haben?“ daß „Es bedarf keines Fernglaſes zu dieſer Entdeckung. Wenn— die Alten ſagen: Geht! ſagen die Jungen: Bleibt! oder denken unſ es wenigſtens.“ daß „Ihr habt hier unrecht, und thut beiden Theilen der Jun⸗ ver gen unrecht; denn, auf Ehre, vorgeſtern habe ich die junge Per⸗ For ſon, die Ihr meint, nicht mit Augen geſehen.“ lich T bie⸗ em ris, eit, igt. ckte zen. nd, che, und Ich hat⸗ eine nen⸗ ache nzu ens rten lche fzig es t zu genn nken un⸗ Per⸗ 177 „Ah! Nun bin ich darauf gekommen. Die Eigner der Caro⸗ lina haben ſich gegen Euch nicht ſo artig betragen, wie ſie geſollt, und deßhalb erhalten ſie nun auch Euren Dank.“ „Dieß wäre freilich eine Wiedervergeltung in Eurem Sinne und nach Euren Grundſätzen,“ ſagte Wilder ſehr ernſt.„Mit den meinen iſt ſie nicht übereinſtimmend. Auf dem ganzen Schiff kenn' ich keine Seele.“ „Hm! So bleibt mir nichts weiter übrig, als der Gedanke, daß Ihr mit dem Schiff im äußern Hafen in Verbindung ſtehen müßt. Nun, nun, wenn Ihr auch Eure Feinde nicht haßt, ſo liebt Ihr doch Eure Freunde. Das iſt doppelt chriſtlich. Wir müſſen folglich auf Mittel bedacht ſein, die Ladie's in das Schiff hinein zu manövriren.“ „Gott bewahre!“ „Gott bewahre, ſagt Ihr? Freund Harris, jetzt kommt mir's beinahe vor, als ob Ihr die Pardunen Eures Gewiſſens etwas zu ſteif anzieht. Obſchon ich mit Euch, in dem, was Ihr von der Royal Carolina geſagt, weder übereinſtimme, noch übereinſtimmen kann, ſo iſt doch wohl unter uns kein Meinungs⸗Unterſchied in Be⸗ treff jenes Schiffes. Ich halte es für einen vollſtändigen Bau von dem ſchönſten Ebenmaaß in allen Theilen, kurz für ein Fahr⸗ zeug, welches ein König mit voller Sicherheit beſteigen könnte.“ „Ich bin nicht in Abrede, aber.... ich liebe es nicht.“ „Nicht? nun das höre ich gern; und da die Rede eben auf dieſen Gegenſtand fällt, ſo muß ich Euch ſagen, Maſter Harris, daß ich noch über dieſes Schiff ein paar Worte zu verlieren habe. — Ich bin ein alter Seehund, dem etwas Außerordentliches in unſerem Fache nicht ſo leicht entgeht. Sagt mir, findet Ihr nicht, daß es ſich nicht mit einer ehrlichen Gewerbs⸗ und Handelsweiſe verträgt, ſich wie jenes Schiff vor Anker zu legen, außerhalb des Forts, in einer ſo ſchläfrigen, unthätigen Lage, wie eine unbeweg⸗ liche Maſſe, zumal da es ihr bei alle Dem anzuſehen iſt, daß ſie Der rothe Seeräuber. 12 178 eine andere Beſtimmung hat, und eine andere Abſicht haben muß, als Auſter n zu fangen oder Schlachtvieh nach den Inſeln zu bringen?“ „Ich bin ganz Eurer Meinung, und halte es für ein voll⸗ kommen gutes, feſt⸗ und ſteifgebautes Schiff. Ihr ſcheint ihm aber ein faules Gewerbe zuzutrauen? Welches? Etwa fremde Waaren einzuſchwärzen?“— „Hm! ich ſollte nicht glanben, daß man ſich eines ſolchen Schiffes zum Schmuggeln bedienen würde, obſchon der Contre⸗ bande⸗Handel ganz und gar kein unebener ſein ſoll. Seht nur, was für eine ſchöne Batterie das Schiff hat, inſofern man ſie von hier aus beurtheilen kann.“ „Es kommt mir vor, als wollte ſie ſagen: Unſere Eigner ſind des Schiffs noch nicht überdrüſſig, und wir wollen ſchon dafür ſorgen, daß es nicht in die Hände der Franzoſen falle.“ „Wohl möglich! Kann ſein, daß ich mich irre; aber wenn mich meine alten Augen nicht ganz trügen, ſo leſe ich auf der Stirn des Sklavenhändlers, daß, ſelbſt wenn er gültige Papiere führt, und es mit ſeinen Kaperbriefen ſeine Richtigkeit hat, nicht Alles auf demſelben iſt, wie es ſein ſollte. Was meint Ihr da⸗ zu, ehrlicher Joſeph Joram?“ Wilder wendete ſich mit Ungeduld um, und erblickte den Wirth, der mit ſo leiſen Schritten eingetreten war, daß er, der ſeine ganze Aufmerkſamkeit auf die Rede des Alten gerichtet hatte, wie ſich's der Leſer wohl denken mag, nichts davon gewahr geworden. Jorams Beſtürzung über die Frage war weder Spiel noch Verſtellung; denn ſchon hatte der Fragende ſie in noch deutlicheren Worten wieder⸗ holt, ehe der Wirth ſich im Stande ſah, ſie zu beantworten. „Ich frage Euch noch mal, ehrlicher Joſeph, ob Ihr den Skla⸗ venhändler dort im äußern Hafen für ein ehrliches Schiff haltet?“ „Bob, Ihr fallt Einem immer ſo plump mit der Thüre in's Haus,“ erwiederte der Wirth, die Augen in ſchiefer Richtuug um ſich werfend, als wolle er ſich überzeugen, ob er auch alle ſeine nuß, n?“ oll⸗ ihm mde chen tre⸗ nur, von ſind afür venn der viere nicht da⸗ irth, ganze ſich's rams denn eder⸗ 1. Skla⸗ tet?“ in's g um ſeine 179 Zuhörer um ſich ſähe,„mit Euren verwünſchten Fragen, mit Euren verdammten Vermuthungen, ſo daß ich oft in der Klemme bin, und nicht weiß, wie ich meine fünf Sinne zuſammennehmen ſoll, Euch eine vernünftige Antwort zu geben.“ „Iſt es nicht poſſierlich,“ ſagte der alte Mann bedächtig und ruhig,„den Wirth zum Unklaren Anker verdutzt und duſchig zu ſehen? Ich frage Euch, ob Ihr nicht auch über das Sklavenſchiff Eure Vermuthung habt? ob Ihr nichts argwöhnet? Nichts? gar nichts?“ „Ich, argwöhnen? Guter Gott im Himmel, bedenkt, Maſter Robert, was Ihr ſprecht. Ich möchte nicht, und gälte es die Kundſchaft des Lord Groß⸗Admirals Sr. Majeſtät, daß in meinem Hauſe ein einziges ehrenrühriges Wort gegen den Ruf irgend eines makelloſen, rechtlichen Sklavenhändlers geſprochen würde. Gott wolle mich vor der Sünde bewahren, den Charakter irgend eines ehrlichen Unterthans Sr. Majeſtät des Königs anzuſchwärzen!“ „Seht Ihr, würdiger, zartſinniger Joram, an dem Schiffe dort draußen im Vorhafen nichts Unrichtiges?“ wiederholte Maſter Robert zum dritten Male, ohne ein Auge, ein Glied, eine Muskel zu verziehen. „Nun, da Ihr mir ſo nahe auf den Leib rückt, und durchaus wiſſen wollt, was ich meine; da Ihr überdieß ein Kundmann ſeid, der baar bezahlt, ſo will ich es denn von mir geben, daß, wenn ſich etwas Unregelmäßiges, etwas Vernunftwidriges, etwas ſelbſt Ungeſetzliches im Betragen des Gentleman zu erkennen gibt....“ „Ihr ſegelt ſo nahe beim Winde weg, Freund Joram,“ un⸗ terbrach der Seemann kalt,„daß man ſieht, Ihr möchtet es mit Niemanden verderben. Ich beſtehe alſo zum vierten Mal auf eine gerade, einfache Antwort: Habt Ihr an dem Schiffe etwas Unrichtiges bemerkt?“ „Na, wenn's denn ſo ſein muß, nichts, auf mein Gewiſſen nichts,“ platzte der Wirth heraus wie ein Wallfiſch, der aus dem Waſſer hervorſteigt, um Athem zu ſchöpfen,„nichts, ſo wahr ich 12* 180 ein armer Sünder bin, ein unwürdiger Zuhörer und Beichtiger des guten, ehrwürdigen Doktor Dogma.. nichts, nichts... gar nichts!“ „Gut, dann ſeid Ihr ein größerer Schafskopf, als ich mir von Euch eingebildet habe. Weiter im Text: habt Ihr auch nichts geargwohnt?“ „Bewahre mich der Himmel vor Argwohn! Der böſe Feind gibt uns Allen Zweifel ein, das iſt mal wahr; aber ſchwach und zum Böſen geneigt iſt Der, welcher ihnen nicht widerſteht. Die Offiziere und die übrige Mannſchaft des Schiffs ſind tapfere Zecher, und freigebig wie die Prinzen: und da ſie obenein nie vergeſſen, die Rechnung zu berichtigen, ehe ſie das Haus verlaſſen, ſo nenn' ich ſie mit Recht— ehrliche Leute.“ „Aber ich nenne ſie Piraten!“ „Piraten?“ hallte Joram wieder, und warf mit offenbarem Mißtrauen den Blick auf Wilder.„Pirat iſt ein hartes Wort, Maſter Robert, und ſollte keinem Gentleman an den Kopf ge⸗ worfen werden, ſo lange es an Beweiſen zu einem Injurienpro⸗ zeß fehlt, der die Sache, wie ſich's ſchickt, vor zwölf geſchworene, gewiſſenhafte Männer bringt. Aber ich will hoffen, Ihr wißt, was Ihr ſagt, und vor wem Ihr es ſagt.“ „Das weiß ich; und nun, da es ſcheint, daß Eure Meinung über dieſen Punkt gerade auf eine Null hinausläuft, ſo werdet Ihr wohl die Güte haben....“ „Alles zu thun, was Ihr befehlt,“ rief Joram, voller Freude, daß er der Unterhaltung eine andere Wendung geben konnte. „Hinzugehen und Eure Gäſte unten zu fragen, ob ſier nicht durſtig ſind,“ fuhr der Alte fort, und winkte dem Wirthe zu, des Weges, den er gekommen, wieder zurückzugehen. Dabei ſah er aus, wie Jemand, der gehört ſein will, und voraus weiß, daß man ihm gehorchen wird. Sobald der Wirth die Thüre hinter ſich zugemacht hatte, wendete ſich Jener zu ſeinem Compagnon, und fuhr fort: des 5 mir uch eind und Die fere nie ſſen, arem Bort, ge⸗ Cpro⸗ rene, vißt, nung erdet eude, nicht , des ah er „daß hatte, 181 „Ihr ſcheint mir eben ſo back⸗liegend, wie der ungläubige Joſeph, über das, was ich eben geſagt?“ „Ei was, alter Mann, Ihr erlaubt Euch da einen harten Argwohn, und thätet wohl, zu überlegen, ob Ihr ihn beweiſen könnt, eh' Ihr ihn wiederholt. Von welchem Piraten hat man hier auf der Küſte etwas gehört?“ „Da iſt der wohlbekannte Red Rover,“ erwiederte der Andere, die Stimme ſenkend und einen verſtohlenen Blick um ſich werfend, als hielt er es für nothwendig, bei der bloßen Erwähnung des furchtbaren Namens Vorſicht zu gebrauchen. „Von dem heißt es ja, er treibe ſein Weſen vorzüglich im caraibiſchen Meere.“— „Red Rover iſt Einer, der überall und nirgends iſt. Der König würde einen ſchönen Preis für Den ausſetzen, der den Schelm in die Hände der Geſetze lieferte.“ „Leichter gedacht als gethan,“ antwortete Wilder nachdenkend. „Mag ſein, mag auch nicht ſein. Ich bin ein alter Knaſt, auf der Neige, und mehr berufen bergab als bergauf zu gehen! Mit Euch ſteht's anders. Ihr ſeid ein neu ausgerüſtetes Schiff, Eure Takelage ſteif, Eure Spieren gerade; nichts Geworfenes, Gebogenes an Euch. Wie wär's, wenn Ihr Euer Glück machtet und das Gelichter dem Könige verhandeltet? Es heißt doch nur, dem Teufel ein paar Monate früher oder ſpäter ſein Futter gegeben!“ Wilder erſtarrte vor Entſetzen, und wendete ſich von ſeinem Mitgenoſſen ab, wie Einer, der über die Art, auf welche Jener ſich ausgedrückt, höchſt unzufrieden war. Doch da er wohl einſah, daß er Antwort geben müſſe, verwandelte er ſie in eine Frage: „Noch einmal, was für einen Grund habt Ihr, Euren Ver⸗ dacht für wahr zu halten? Oder was für Mittel habt Ihr, im Fall er wahr wäre, da es hier an königlichen Kreuzern fehlt, den Plan auszuführen?“ „Einen Eid kann ich nicht darauf ſchwören, daß ich recht habe; 182 wenn wir aber auch das Segel links wenden ſollten, ſo dürfen wir ja es nur wieder rechts wenden, ſobald wir den Irrthum ein⸗ ſehen. Was die Mittel anbelangt, ſo ſind ſie freilich leichter an⸗ gegeben, als herbeigeſchafft.“ „Geht doch, geht; das iſt eitler, leerer Schnickſchnack, ein 6 ausgehecktes Hirngeſpenſt Eures alten Kopfs,“ ſagte Wilder kalt. die „Je weniger davon geſchwatzt wird, deſto beſſer... Die ganze men Zeit haben wir darüber unſer eigen Geſchäft vergeſſen. Ich bin alle faſt der Meinung, Maſter Robert, daß Ihr falſche Lichter aufſteckt, vert um der Verbindlichkeit zu entgehen, welche Ihr ſchon halb bezahlt Sch bekommen.“ 1 kan Auf dem Geſichte des alten Matroſen zeigte ſich, während ſelb Wilder ſprach, ein ſolcher Zug von Zufriedenheit, daß der junge ank Mann ihn hätte bemerken und darüber ſtutzen müſſen, wäre er ihre nicht mitten in der Rede aufgeſtanden, und ſchnell und nachdenkend Kol das Kämmerchen auf und ab gegangen. Ber „Nun ja, nun ja,« nahm der Alte das Wort, und bemühte The ſich, ſeine Freude hinter den gewöhnlichen ſchroffen, ſelbſtiſchen uns Ton und Ausdruck ſeiner Stimme zu verbergen;„ich bin ein alter die Träumer, der ſich einbildet, mitten im Meere zu ſchwimmen, wenn ſtun er ſicher und ruhig am Ufer vor Anker liegt. Mich dünkt, ich von würde nicht unrecht thun, ſo bald als möglich mit dem Teufel geſ meine Rechnung abzuſchließen, damit jedes ſeinen Theil von meinem zu armen Gerippe erhalte, und ich in Zukunft mein eigener Herr und ſtůt ungeſchoren bliebe... Und nun, zu Euer Gnaden Befehl.“ Kü Jetzt nahm Wilder ſeinen Sitz wieder ein, und ſchickte ſich we an, ſeinem Mitverbündeten die nöthigen Inſtructionen zu geben, welche darauf hinausliefen, daß er Alles, was er vorhin zu Gun⸗ ger ſten der Carolina geſagt, wieder zurücknehmen ſollte. uin — beſ Fal fen in⸗ an⸗ ein alt. nze bin ickt, ahlt tend inge e er kend ühte ſchen alter venn ich eufel inem und ſich eben, Gun⸗ 483 Eilftes Kapitel. — Der Mann iſt bei alle Dem vermögend— dreitauſend Dukaten— ich denke, ich kann ſeine Bürgſchaft annehmen.“ Kaufmann von Venedig. So wie der Tag zunahm, fanden ſich auch nach und nach die Vorzeichen eines ſtarken Seewindes ein, und mit dem Zuneh⸗ men des Windes zeigten ſich auf dem Briſtoler Kauffahrteifahrer alle jene Bewegungen, welche die Abſicht, den Hafen zu verlaſſen, verrathen. Vor ſechzig Jahren war das Abſegeln eines größeren Schiffes ein Ereigniß von viel mehr Wichtigkeit in einem ameri⸗ kaniſchen Hafen, als heutzutage, wo man oft an einem und dem⸗ ſelben Tage, und in einem und demſelben Hafen zwanzig Schiffe ankommen und zwanzig andere abſegeln ſehen kann. Ungeachtet ihrer Anſprüche, Einwohner einer der vornehmſten Städte in der Kolonie zu ſein, blickten die guten Leute von Newport auf die Bewegung am Bord der Carolina, doch nicht mit jener Art von Theilnahmloſigkeit, welche aus Ueberſättigung entſpringt, und die uns Sterbliche auch gegen das ſeltenſte Schauſpiel, ſelbſt gegen die intereſſanteſten Evolutionen einer ganzen Floͤtte endlich ab⸗ ſtumpft. Im Gegentheil, in den Kajen wimmelte es unaufhörlich von Knaben, ja auch von erwachſenen Pflaſtertretern. Selbſt die geſetzteren, arbeitſameren Bürgersleute, die ſonſt mit Minuten zu geizen pflegten, erlaubten ſich von Zeit zu Zeit ein Muße⸗ ſtündchen, ſchlenderten aus ihren dumpfen Werkſtätten nach der Küſte hin, um ſich am erhabenen Anblick eines Schiffes in Be⸗ wegung zu ergötzen. Jedoch waren die Vorbereitungen der Carolina etwas zu zö⸗ gernd, um die Geduld der mehr als die Uebrigen auf die Zeit, die liebe Zeit, bedachten Bürger nicht endlich zu erſchöpfen. So kam es denn, daß nach und nach die Anzahl der Neugierigen aus der beſſeren Klaſſe bis auf die Hälfte geſchmolzen war; aber das Fahrzeug zog noch immer keine friſche Segel auf, noch immer 184 flatterte das ſchon genannte Segel einſam im Winde. Statt den Wünſchen von Hunderten, die ſich ſchon müde geſehen hatten, zu entſprechen, drehte ſich das edle Fahrzeug um ſeine eigenen Anker, und legte ſich bald auf die eine, bald auf die andere Seite, wie gerade der Wind den Kiel traf, einem raſchen Rennpferde gleich, das, noch am Zügel gehalten, am Gebiß ſchäumt, und es nicht abwarten kann, bis es die Luft durchfliege, hin an's Ziel. Nach⸗ dem man ſo eine Stunde gewartet hatte, und nicht begreifen konnte, was vorgefallen ſei, verbreitete ſich durch die Menge das Gerücht, daß Jemand, der ein wichtiges Amt im Schiffe ver⸗ ſah, einen bedeutenden Schaden genommen habe. Aber auch dieß Gerücht hielt ſich nicht lange, und war ſchon faſt vergeſſen, als auf einmal aus einer der Stückpforten der Carolina eine Wolke wirbelnden, aufſteigenden Rauches hervorkam, und dicht darauf ein Flammenblitz, dem eben ſo ſchnell der Knall einer Kanone folgte. Nun entſtand unter den von der Erwartung abgemüdeten Zuſchauern jenes rege Drängen und Treiben, welches der Ankün⸗ digung eines lang erſehnten Auftrittes voranzugehen pflegt, und bei jedem Einzelnen war's jetzt ausgemacht, nun würde es mit dem Schiffe vorwärts gehen, es möchte darin vorgefallen ſein, was wollte. 1 Dieſem langen Zaudern, den verſchiedenen Bewegungen an Bord, dem Signal zur Abfahrt und der Ungeduld der Menge hatte Wilder mit eben ſo vielem Ernſt als Aufmerkſamkeit zugeſchaut. Gelehnt gegen einen Anker, der zu einem verurtheilten Schiffe ge⸗ hörte, und auf einem von dem Gedränge etwas entfernten Löſch⸗ platze lag, war er eine Stunde lang in derſelben Stellung ſtehen geblieben, und hatte während der Zeit kaum den Blick vom Schiffe weggewendet. Als die Kanone abgefeuert wurde, ſchrak er zuſam⸗ men, nicht etwa aus jenem Eindruck auf die Nerven, der bei hun⸗ dert Andern dieſelbe Wirkung hervorbrachte; was ihn erſchreckte, ſchien vom Lande herzukommen, denn er warf einen ängſtlichen, den zu ker, wie ich, icht ach⸗ ifen das ver⸗ dieß als olke rauf none eten sün⸗ und mit ſein, an atte aut. ge⸗ öſch⸗ ehen hiffe ſam⸗ hun⸗ ickte, chen, 185 raſchen Blick nach den Straßen hin, die zur Kaje führten. Doch nahm er bald ſeine vorige Stellung wieder an, obgleich die Un⸗ ruhe in ſeinen Blicken und der ganze Ausdruck ſeines ſprechenden Geſichtes dem Beobachter leicht mußte merken laſſen, daß irgend Etwas, das des jungen Seemanns Gemüth ganz eingenommen hatte, zu geſchehen im Begriff wäre. Eine Minute nach der andern floh dahin, und mit ihnen ſeine Unruhe; ein Lächeln der Freude glänzte auf ſeinen Zügen, und ſeine Lippen bewegten ſich, als wenn er vor innerem Behagen ein Selbſtgeſpräch hielte. Allein kaum hatte er ſich dieſen angenehmen Betrachtungen überlaſſen, als mehrere Stimmen in der Nähe hörbar wurden, und wie er ſich umwandte, erblickte er eine ziemlich zahlreiche Geſellſchaft wenige Schritte von ſich. Bald entdeckte ſein ſpähender Blick die Geſtalt von Miſtreß Wyllys und Gertraud in Reiſekleidern, ſo daß es nun endlich gewiß war, daß ſie ſich einſchiffen würden. Keine Wolke, welche, die Sonne verhüllend, vorüberzieht, verän⸗ dert das Ausſehen der Erde ſo ſehr, als dieſer unerwartete Auftritt Wilders Antlitz. Er hatte ſich dem Glauben an das Gelingen einer Liſt ganz hingegeben, die zwar hinlänglich ſeicht war, von der er aber doch, auf die weibliche Furchtſamkeit und Leichtgläubig⸗ keit bauend, ſich volle Wirkung verſprochen hatte; und nun wurde er von dieſem ſchmeichleriſchen Wahn zu einer, alle ſeine Hoffnung zerſtörenden Wirklichkeit aufgerüttelt. Halb unterdrückte Verwün⸗ ſchungen über die Treuloſigkeit ſeines Mitverſchworenen vor ſich hinmurmelnd, verbarg er ſich ſo ſehr als möglich hinter dem Ankerflügel, und heftete den düſtern Blick auf das Fahrzeug. Die Geſellſchaft, welche die Abreiſenden bis an's Waſſer be⸗ gleitete, war, wie Geſellſchaften zu ſein pflegen, wenn der Ab-. ſchied von geſchätzten Freunden bevorſteht: ſchweigſam und un⸗ ruhig zugleich. Diejenigen, welche ſprachen, hatten etwas Raſches, Ungeduldiges im Tone, als wünſchten ſie die Trennung zu be⸗ ſchleunigen, die ihnen doch wehe that, und die Züge Derer, welche ———— 186 ein Schweigen beobachteten, waren beredt genug, um den innern Gram zu verrathen. Gar mancher liebevolle, herzliche Wunſch, gar manches abgezwungene Verſprechen ertönte von jugendlichen Stimmen, während dazwiſchen die weichen, trauernden Antworten aus Gertrauds Munde vernehmbar waren, aber Wilder that ſich Gewalt an, und erlaubte ſich auch nicht einen einzigen verſtoh⸗ lenen Blick dahin, wo die Sprechenden ſtanden. Endlich hörte er einige Schritte von ſich Fußtritte, und der Seitenblick, den er wagte, begegnete dem der Miſtreß Wyllys. Beide waren über das plötzliche gegenſeitige Sich⸗Erkennen etwas betroffen, allein die Dame gewann die Faſſung zuerſt wieder und bemerkte mit bewunderungswürdiger Ruhe:„Sie ſehen, mein Herr, wir laſſen uns von einem einmal unternommenen Plane durch gewöhnliche Gefahren nicht abſchrecken.“ „Ich wünſche, Madame, Sie mögen Ihren Muth nicht zu bereuen haben.“ Miſtreß Wyllys hielt einen Augenblick, ſchmerzlich ſinnend, inne, blickte dann hinter ſich, um ſich zu überzeugen, daß ſie nicht belauſcht werde, trat dann einen Schritt näher auf den Jüngling zu und ſprach mit noch leiſerer Stimme als zuvor: „Es iſt noch nicht zu ſpät: geben Sie mir nur einen Schatten von Grund zu Dem, was Sie behauptet haben, und ich will die Ankunft eines andern Schiffes abwarten. Thöricht genug, machen meine Gefühle mich geneigt, Ihren Worten zu glauben, wenn auch meine Vernunft mir ſagt, daß Sie mit unſerer weibiſchen Zaghaftigkeit Ihr Spiel treiben.“ „Spiel? Gilt es ſolches Wagniß, möchte ich mit Keiner Ihres Geſchlechts mein Spiel treiben, und am allerwenigſten mit Ihnen!“ „Sonderbar! von einem Fremden unbegreiflich! Sind Sie nicht im Stande, mir eine Thatſache, einen Beweggrund anzu⸗ führen, worauf ich mich bei den Verwandten meiner Pflegebefoh⸗ lenen ſtützen könnte?“ 187 „Das habe ich ſchon.“. „So muß ich denn, wie ungern ich es auch thue, annehmen, daß zwingende Rückſichten Sie beſtimmen, Ihren Beweggrund nicht mitzutheilen,“ erwiederte die Gouvernante mit einer Miſchung von Ruhe und gekränkter Empfindlichkeit,„und ich wünſche um Ihrer ſelbſt willen, er möge kein unedler ſein. Nehmen Sie meinen Dank hin für Ihre Abſichten, wenn ſie redlich, meine Verzeihung, wenn ſie es nicht waren.“ Sie ſchieden mit der Zurückhaltung, die ſich äußert, wenn man ſich gegenſeitig das Mißtrauen abfühlt. Wilder verharrte hinter ſeiner Bruſtwehr in ſtolzer Stellung, und dunkler Ernſt umwölkte ſein Geſicht. Allein die Nähe der Geſellſchaft nöthigte ihn, faſt Alles, was geſprochen wurde, mit anzuhören. Die am meiſten ſprach, war, wie ſich's bei einer ſolchen Gelegenheit gebührte, Frau von Lacey, deren Stimme ſich oft erhob in weiſen Ermahnungen, auf eine ſolche Weiſe mit ihren Anſichten über die Schifffahrts⸗ wiſſenſchaft vermiſcht, daß Alle darüber erſtaunten, wenn gleich Keine ihres Geſchlechts, die nicht etwa das ſeltene Glück genoß, in engſter Bindung mit einem Flaggenoffizier zu ſtehen, der Hoffnung Raum geben durfte, es Frau von Lacey gleich zu thun. „Und nun, meine theuerſte Nichte,“ beſchloß die Wittwe des Contre⸗Admirals, nachdem ſie ihren Athem und Weisheitsvorrath faſt erſchöpft hatte in zahlloſen Ermahnungen, als da ſind, die Ge⸗ ſundheit in Acht zu nehmen, recht oft zu ſchreiben, ihrem Bruder, dem General, Alles wörtlich auszurichten, wenn der Wind hoch gehe hübſch in der Kajüte zu bleiben, ausführliche Berichte aufzuſetzen von allem Merkwürdigen, was auf der Fahrt ſich ereignen könnte, kurz, in Allem, was es nur bei einem Abſchied dieſer Art zu er⸗ mahnen und zu erinnern gab,„und nun, meine theuerſte Nichte, befehle ich dich der mächtigen See und einem weit Mächtigeren— Dem, der ſie geſchaffen hat. Verbanne von deinen Gedanken alle Erinnerung an das, was du über die Mängel der Royal Carolina 188 gehört haben magſt; denn die Meinung des alten Seemanns, der mit meinem betrauerten Admiral ſegelte, beſtärkt mich in der Ueber⸗ zeugung, daß Alles nur aus Irrthum hervorgegangen iſt.“ „Der Verräther, der Schurke,“ murmelte Wilder. „Hat Jemand geſprochen?“ ſagte Frau von Lacey; wie ſie aber keine Antwort erhielt, fuhr ſie fort:„Nach einer reiflichen Ueberlegung finde ich, daß die Meinung des alten Matroſen auf ein Haar mit der meinigen übereinſtimmt. Es iſt freilich eine große Nachläſſigkeit, die Sicherheit des Bugſpriets den Waſſerſtagen und Wuhlingen zu überlaſſen, aber das iſt, wie auch mein Freund, der Alte, meint, ein Verſehen, welches mit Borgſtagen und Bindſeln wieder gut gemacht werden kann. Hab' dem Schiffer ein Billet geſchrieben(Gertraud, liebes Kind, daß du ja den Schiffer ‚Schiffer Nichols’ nennſt, denn nur die, welche von Sr. Majeſtät angeſtellt ſind, haben gerechte Anſprüche auf den Titel: Kapitän; es iſt ein ehrenvoller Poſten, dem die größte Ehrerbietung gebührt, denn eigentlich kommt er gleich nach dem Poſten eines Flaggen⸗ Offiziers), ich habe alſo dem Schiffer über die Sache geſchrieben, und er wird ſchon dafür ſorgen, alles Fehlende in Stand zu ſetzen, und ſomit, mein Kind, ſegne dich Gott; nimm dich ſo ſehr in Acht als möglich, ſchreib' mir mit jeder Gelegenheit, grüß' herzlich deinen Vater, und ſei ja recht ausführlich in deiner Beſchreibung von den Wallfiſchen.“ Beim Ende dieſer Rede waren die Augen der würdigen, gutherzigen Matrone voll Thränen, und das Natür⸗ liche in dem Zittern ihrer Stimme erfüllte Jeden, der ſie hörte, mit gleicher Rührung. In dieſer herzlichen Stimmung wurde endlich das letzte Lebewohl gegeben, und in der darauf folgenden Minute hörte man ſchon den Ruderſchlag der Bootsknechte, welche unſere Reiſenden zum Schiff hinführten. . Mit einer Aufmerkſamkeit, die an das Schmerzliche gränzte, und von der er ſich wohl ſelbſt keine Rechenſchaft geben konnte, lauſchte Wilder dem wohlbekannten Schlagen der Ruder. Aus 189 dieſem halb bewußtloſen Hinſtarren weckte ihn eine leiſe Berührung am Ellbogen. Etwas entrüſtet über die Zudringlichkeit wendete er ſich haſtig um, und ſah einen Knaben von ungefähr fünfzehn Jah⸗ ren vor ſich. Seine Abweſenheit des Geiſtes machte, daß er erſt beim zweiten Blick den Burſchen des Freibeuters wiedererkannte; unſere Leſer kennen ihn ſchon unter dem Namen Roderich. Sein Befremden über die zudringliche Unterbrechung ſeiner Be⸗ trachtungen ging nun in Unwillen über.„Was beliebt?“ fragte er. „Ich bin beauftragt, Ihnen dieſe Befehle zu übergeben,“ war die Antwort. „Befehle!“ erwiederte der Jüngling, indem er die Lippen auf⸗ warf:„wahrlich, die Macht verdient Gehorſam, deren hohe Ver⸗ fügungen durch ſolche Hände gehen.“ „Es iſt eine Macht, der man noch nicht ohne Gefahr unge⸗ horſam geweſen iſt,“ erwiederte mit Ernſt der Knabe. „So! da muß ich mich denn freilich ungeſäumt mit dem In⸗ halt bekannt machen, ſonſt dürfte wohl der Verzug verhängnißvoll ſein. Hat man dich geheißen, auf Antwort zu warten?“ Während dieſer Worte hatte er den Brief erbrochen, und als er bei der Schlußfrage aufblickte, war der Bote ſchon verſchwunden. Ein ſo behendes Weſen, wie Roderich, in dem Labyrinth von Gegen⸗ ſtänden aller Art, die auf dem Löſchplatz und dem Strand ent⸗ lang umherlagen, einzuholen, wäre vergebliches Bemühen gewe⸗ ſen, daher öffnete er das Papier und las, was folgt: „Ein Zufall hat den Schiffer des zum Abſegeln beſtimmten Fahrzeuges, die Royal Carolina genannt, unfähig gemacht, ſeinem Amte vorzuſtehen. Der, dem die Ladung übergeben iſt, hat kein Vertrauen in die Fähigkeit des Nächſten im Range auf dem Schiff; abſegeln muß es aber. Man lobt es als einen Scharfſegler. Wenn Sie Zeugniſſe über Ihre Aufführung und eignende Kenntniſſe beſitzen, benutzen Sie die Gelegenheit, und verdienen Sie ſich den Rang, den Sie 190 zu bekleiden beſtimmt ſind. Sie ſind Einigen von den Be⸗ theiligten vorgeſchlagen worden, und man hat nach Ihnen überall geſucht. Erreicht Sie Gegenwärtiges noch früh ge⸗ nug, ſo verlieren Sie keine Zeit, und handeln Sie ent⸗ ſchloſſen. Laſſen Sie ſich kein Befremden abmerken, wenn Sie unvermutheten Beiſtand finden. Ich habe mehr Leute im Sold, als Sie Anfangs glaubten. Die Urſache iſt klar; Gold iſt gelb, obgleich ich bin— Der Rothe.“ Der Inhalt und der Ton dieſes Briefes ließen Wilder nicht lange auf den Verfaſſer deſſelben rathen, wenn auch die Unterſchrift gefehlt hätte. Einen Blick um ſich her werfen und in einen Kahn ſpringen, war Sache einer Sekunde, und ehe noch die Reiſenden im Boote das Schiff erreicht hatten, hatte er den halben Weg da⸗ hin durchſchnitten; da er ſein Ruder mit träftigem und geſchicktem Arm handhabte, ſo ſtand er bald auf dem Verdeck, wo er ſich Bahn brach durch die Menge, welche auf einem Schiff, das eben in See ſtechen will, ſich noch Dieß und Jenes zu ſchaffen macht; ſo drang er bis zu dem Theil des Schiffes vor, wo ein Kreis von Menſchen ſtand, deren geſchäftige und ſorgliche Mienen ihm ſagten, daß ſie bei dem Schickſale des Schiffes am meiſten intereſſirt waren. Bis zu dieſem Augenblicke war er kaum zu Athem gekommen, geſchweige zum Nachdenken darüber, wie ſein plötzliches Erſchei⸗ nen aufgenommen werden dürfte. Hätte er ſich nun aber auch zurückziehen oder gar ſein Vorhaben aufgeben wollen, ſo war es jetzt zu ſpät dazu, wenn er nicht Gefahr bringenden Verdacht erregen wollte. Er nahm ſich daher ſchnell zuſammen und fragte: „Sehe ich hier den Eigenthümer der Carolina?“ „Das Schiff iſt an unſer Haus conſignirt,“ erwiederte ein ge⸗ ſetztes, bedächtiges Individunm mit ſchlauer Miene und in einem Anzug, der den reichen, aber ökonomiſchen Handelsmann verrieth. „Mir iſt geſagt worden, daß Euch ein erfahrener Offtzier fehle.“ 191 „Erfahrene Offiziere ſind eine troſtreiche Sache für den Eigen⸗ thümer eines Schiffes von Werth“ antwortete der Kaufmann.„Ich hoffe, die Carolina iſt damit wohl verſehen.“ „Ich hörte aber doch, man ſähe ſich ängſtlich nach Jemand um, der die Stelle des Commandeurs vertreten könne?“ „Sollte der Commandeur nicht im Stande ſein, ſeiner Pflicht zu entſprechen, ſo dürfte allerdings von ſo etwas die Rede ſein. Suchen Sie vielleicht einen Platz im Schiff?“ „Ich bin gekommen, mich um die leergewordene Stelle zu bewerben.“ „So? es wäre aber weiſer gehandelt geweſen, wenn Sie ſich erſt davon vergewiſſert hätten, daß eine Stelle wirklich leer gewor⸗ den ſei. Aber Sie verlangen doch wohl nicht ein Kommando in einem Schiff, wie das gegenwärtige, ohne ausreichende Zeugniſſe über Ihre Fähigkeit und daß Sie einem ſolchen Poſten gewachſen ſind?“ „Ich hoffe, dieſe Dokumente werden genügend ſein,“ ſagte Wilder, ihm einige entſiegelte Papiere einhändigend. Während des Leſens blickte das Männchen mit dem ſchlauen Auge mehrere Male über die Brille weg auf den Gegenſtand der Zeugniſſe, und ſeine abwechſelnden Blicke bald niederwärts auf's Papier, bald über die Brille weg auf den Jüngling, zeigten deut⸗ lich, daß es ſich aus eigenem Anſchauen von der Wahrheit des Geleſenen überzeugen wollte. „Hm, hm!l freilich ein ganz vortreffliches Zeugniß zu Ihren Gunſten, junger Herr; und da es von zwei ſo reſpektabeln und vermögenden Häuſern, wie Spriggs, Boggs und Comp. und Ham⸗ mer und Hacket ausgeſtellt iſt, allerdings glaubwürdig. Eine reichere und ſolidere Firma als die erſtere, dürfte wohl in allen Kolonien Sr. Majeſtät nicht anzutreffen ſein, und was die letztere anbelangt, ſo ſchätze ich ſie ſehr, wenn gleich einige Neidharde ſagen, daß ſie ſich etwas zu tief einlaſſe.“ „Wenn Sie eine ſo große Achtung für jene Häuſer haben, 192 ſo habe ich mich wohl nicht übereilt, indem ich ſo vermeſſen war, auf meine Freundſchaft mit denſelben als auf eine gute Empfeh⸗ lung zu rechnen.“ „Nicht im Mindeſten, nein, nicht im Mindeſten, Herr— hm — hm—(mit dem Zlick einen der Briefe durchlaufend) ja wohl, Herr Wilder; ein billiges Anerbieten in Geſchäftsſachen iſt niemals Vermeſſenheit. Ohne Anerbieten von Seiten des Käufers und Ver⸗ käufers würde unſere Waare nicht von der Hand gehen, Theuerſter, ha, ha! wohlverſtanden, junger Herr, nicht mit Profit von der Hand gehen.“ „Ich ſehe die Wahrheit Ihrer Bemerkungen ein und wiederhole daher mein Anerbieten.“ „Alles ganz ſchön und billig. Aber, Herr Wilder, Sie ver⸗ langen doch nicht, daß wir ausdrücklich eine Lücke machen, blos damit Sie ſie ausfüllen können;— ob zwar zugeſtanden werden muß, daß Ihre Zeugniſſe ganz vortrefflich ſind— ſo gut wie die Wechſel von Spriggs, Boggs und Comp. ſelber— ſo verlangen Sie doch nicht, daß wir ausdrücklich....«. „Ich ſtand im Wahn, der Schiffer ſei ſo bedenklich krank, daß...“ „Krank, aber nicht bedenklich,“ unterbrach der verſchmitzte Kommiſſionär, indem er mehrere der Betheiligten und einige andere Zuſchauer, die nahe genug ſtanden, um das Geſpräch mit anhören zu können, flüchtig anblickte;„krank allerdings, aber doch nicht ſo ſehr, daß er das Schiff verlaſſen müßte. Nein, nein, meine Herren; das traute Schiff Royal Carolina tritt ſeine Fahrt an, wie immer, unter der Leitung des alten und wohlerfahrenen Seemanns Nicholas Nichols.“ „So thut es mir leid, Herr, Sie in einem ſo geſchäftigen Augenblicke geſtört zu haben,“ ſagte Wilder, mit der Miene ge⸗ täuſchter Hoffnung, und trat einen Schritt zurück, um ſich wegzubegeben. „Nicht ſo eilig— nicht ſo eilig; ein Handel, junger Mann, ſchließt ſich nicht ſo raſch ab, wie ihr die Segeltücher von den 193 Raaen fallen laſſet. Kann ſein, daß Ihre Dienſte von Nutzen ſind, wenn gleich nicht in dem verantwortlichen Amte eines Offi⸗ ziers. Wie hoch ſchlagen Sie den Titel Kapitän an?“ „Ich kümmere mich wenig um den Namen, wenn nur das Schiff und der Oberbefehl darauf mir anvertraut werden.“ „Ein ſehr geſcheidter Junge!“ brummte der kluge Kaufmann, „der verſteht ſich auf den Unterſchied zwiſchen Schein und Sein. Jedennoch kann es einem Herrn von Ihrem Verſtande und Charakter nicht unbekannt ſein, daß ſich der Gehalt immer nach der Titular⸗ würde richtet. Handelte ich in dieſer Angelegenheit für meine eigene Perſon, ſo wäre das'was ganz Anderes, allein als Kommiſſionär befiehlt mir die Pflicht, das Intereſſe meines Prinzipals zu wahren.“ „Der Gehalt kommt bei mir nicht in Anſchlag,“ ſagte Wilder mit einer Haſtigkeit, die vielleicht Alles verdorben hätte, wenn Derjenige, mit dem er handelte, nicht ganz in Gedanken verloren geweſen wäre(was immer der Fall war, wenn es einen ſo löb⸗ lichen Gegenſtand, als Sparen, galt), wie er ſich wohl zu mög— lichſt wohlfeilem Preiſe des Andern Dienſte ſichern könnte,„mir iſt es nur um Beſchäftigung zu thun.“ „Die ſollen Sie denn haben, auch ſollen Sie an uns keine Knicker finden. Vorſchuß für ein Fährtchen von weniger als einem Monat werden Sie wohl nicht verlangen, ebenſowenig wie Acci⸗ dentien für's Stauen, da das Schiff ſchon bis zu den Luken an⸗ geſtaut iſt, ebenſowenig Gratificationen, da wir Sie hauptſächlich nehmen, um einem ſo braven Jünglinge einen Gefallen zu erzeigen, und die Empfehlungen eines ſo reſpektablen Hauſes, wie Spriggs, Boggs und Comp., zu honoriren; aber freigebig, über die Maßen freigebig ſollen Sie uns finden. Sachte— wer ſteht uns aber dafür, daß Sie die in dem Avi— wollte ſagen, in dem Empfeh⸗ lungsſchreiben genannte Perſon auch wirklich ſind?« „Iſt die Thatſache, daß ich die Briefe beſitze, nicht Bürge für meinen Charakter?« Der rothe Seeräuber. 13 194 „Das wäre ſie allerdings in Friedenszeiten, wo das Reich nicht von der Kriegesgeißel heimgeſucht wird. Eine Perſonbeſchreibung ſollte dem Dokumente angefügt ſein, wie ein Avisbrief einem Wechſel. Da wir demnach in dem vorliegenden Geſchäft einiges Riſico lau⸗ fen, ſo darf es Sie keineswegs befremden, wenn der Umſtand etwas auf den Preis wirkt. Wir ſind freigebig; kein Haus in den Kolonien belohnt meines Erachtens mit größerer Liberalität; aber man hat denn doch auch den Ruf der Discretion zu ſchonen.“ „Des Preiſes wegen, das ſagte ich Ihnen ſchon, werden wir nicht uneinig.“ „Gut; es freut Einen, bei ſo liberalen und ehrenwerthen Grundſätzen einen Handel zu ſchließen, aber doch wäre es mir lieb geweſen, wenn ein Notariatsſiegel oder eine Perſonbeſchreibung die Zeugniſſe begleitet hätte. Dieß iſt die Unterſchrift von Robert Boggs, ich kenne ſie wohl, und wollte, ich hätte ſie unter einer Verſchreibung von zehntauſend Pfund, wohlverſtanden mit einem verantwortlichen Endoſſeur; aber dieſe Unſicherheit, junger Mann, ſteht Ihrem pecuniären Intereſſe im Wege, da wir gleichſam dafür garantiren, daß Sie und kein Anderer die gemeinte Perſon ſind.“ „Damit Sie ſich hierüber vollkommen beruhigen, Herr Bale,“ rief eine Stimme aus dem Kreiſe der nahe ſtehenden Perſonen, welche mit ungewöhnlicher Theilnahme die Ohren ſpitzte, um kein Wort vom Gange des Handels zu verlieren,„ſo kann ich dafür Zeugniß ablegen, oder wenn's nöthig ſein ſollte, auch Bürgſchaft ſtellen, daß der junge Herr die gemeinte Perſon iſt.⸗ Wilder wendete ſich etwas raſch um, und war nicht wenig betroffen über die Bekanntſchaft, die der Zufall auf eine ſo außer⸗ ordentliche, möglich, auf eine ſo unangenehme Weiſe ihm zuführte, und noch dazu in einer Gegend, wo er wünſchte, vollkommen unge⸗ kannt zu bleiben. Zu ſeinem größten Erſtaunen fand er nämlich, daß der hinzutretende Sprecher kein anderer war, als der Wirth zum ‚Unklaren Anker'.— Da ſtand der ehrliche Joram, blickte vollkommen ruhig drein, mit einem Geſicht, dem man's anſah, es würde auch vor einer höhern Behörde ſeine Gelaſſenheit behalten, und erwartete, was ſeine Bürgſchaft auf die ſcheinbar noch ſchwan⸗ kende Geſinnung des Kommiſſionärs für Wirkung haben würde. »Ach, der Herr hat bei Euch eine Zeitlang logirt, und da könnt Ihr denn bezeugen, daß er pünktlicher Zahler und ruhiger Gaſt iſt! Was ich aber gern möchte, ſind Dokumente, um ſie der Korreſpondenz mit dem Eigenthümer daheim anzuweiſen.“ „Ich weiß zwar nicht, welche Sorte von Zeugniß Sie für dergleichen vornehme Geſellſchaft gut genug halten,“ erwiederte gelaſſen der Gaſtwirth, indem er mit der größten Unbefangenheit die Hand in die Höhe hielt;„wenn aber die auf Eid gegebene Erklärung eines Hauseigenthümers von der Sorte iſt, wie Sie es brauchen, nun ſo ſind Sie ja eine Magiſtratsperſon, und kön⸗ nen mir gleich den Eid vorſagen.“ „Mit nichten! Bin ich auch eine Magiſtratsperſon, ſo fehlt doch die Form bei dem Eid, und er würde alſo vor Gericht nicht bindend ſein. Aber ſagt, was wißt Ihr von dem in Rede ſtehen⸗ den jungen Manne?“ »Daß er für ſeine Jahre ein Seemann iſt, wie Sie ihn in den Kolonien nicht beſſer finden können. Einige mögen ihn viel⸗ leicht an Uebung und Erfahrung übertreffen; ſehr wahrſcheinlich finden ſich Solche; kommt es aber auf Thätigkeit, Wachſamkeit und Klugheit an, ſo würde es kein Leichtes ſein, ſeines Gleichen anzutreffen— ganz abſonderlich was die Klugheit betrifft.“ „So, Ihr ſeid alſo ganz gewiß, daß dieſe Perſon eine und dieſelbe mit dem in dieſen Papieren genannten Individuum iſt?“ Mit derſelben bewunderungswürdigen Ruhe, die er von An⸗ fang des Geſprächs an gezeigt hatte, nahm Joram die dargereich⸗ ten Zeugniſſe, und machte ſich dran, ſie mit der gewiſſenhafteſten Sorgfalt durchzuleſen. Um dieſes Stück zu bewirken, mußte er ſeine Brille aufſetzen, denn der Wirth zum Unklaren Anker ſtand 13*† 196 im abnehmenden Lebensviertel, und wie er ſo gemächlich das Leſe⸗ werkzeug herauszog, drängte ſich Wildern die unwillkürliche Be⸗ trachtung auf, daß er ein merkwürdiges Beiſpiel abgebe, wie ſelbſt die Verderbtheit den Anſchein der Ehrbarkeit erhalte, wenn eine ehrwürdige Außenſeite das Auge beſticht. „Alles ſehr wahr, was daſteht, Herr Bale,“ fuhr der Gaſt⸗ wirth nun fort, indem er die Brille eben ſo bedächtig, als er ſie aufgeſetzt hatte, wieder abnahm, und die Papiere dem Kaufmann hinreichte; aber man hat vergeſſen zu erwähnen, wie er dieMuntre Nanette' rettete, auf der Höhe von Hatteras, und wie er ohne Lootſen die ‚Margarethe' durch die Barre des Hafens von Savan⸗ nah führte, während die Batterien von Norden und von Oſten her ſpielten; ich aber, der ich, wie Sie wohl wiſſen, in meinen jungen Tagen zur See geweſen bin, habe gar oft die Seefahrer von beiden Umſtänden ſprechen hören, und ich kann wohl über die Schwierigkeit ein Urtheil fällen. Ich nehme Theil an dieſem Schiff, Nachbar Bale(denn wenn Sie auch ein reicher Mann ſind, ich aber nur ein armer, ſo ſind wir doch immer Nachbarn), ich ſage alſo, ich nehme Theil an dem Schiffe, weil es ein Fahr⸗ zeug iſt, das Newport ſelten verläßt, ohne klingende Münze in meiner Taſche zurückzulaſſen, ſonſt wäre ich heute nicht da, um zu ſehen, wie es die Anker lichtet.“ Bei dieſen Worten gab er hörbaren Beweis davon, daß ſein Beſuch nicht unbelohnt geweſen war, indem er mit der Hand in der Taſche einen Ton erklingen ließ, der den Ohren des haushäl⸗ teriſchen Handelsmannes nicht weniger angenehm war, als ſeinen eigenen. Die beiden Ehrenmänner lachten, wie Leute, die ſich ver⸗ ſtehen, und die aus ihrem Verhältniſſe zur Royal Carolina ihren reſpektiven Profit zu ziehen gewußt. Bale winkte dem Wilder bei Seite, und nach noch einigen Präliminarien wurden endlich die Be⸗ dingungen ſeiner Anſtellung feſtgeſetzt. Der eigentliche Schiffer ſollte nach dieſen Beſtimmungen an Bord bleiben, ſowohl als Bürge 197 für die Verſicherung des Schiffes, als zur Erhaltung des guten 18 Rufes deſſelben; aber man machte nun kein Geheimniß mehr dar⸗ aus, daß ſein Schaden, der in nichts Geringerem beſtand, als in einem Bruch des Beins, das die Chirurgen eben wieder zurecht⸗ ſetzten, ihn aller Wahrſcheinlichkeit nach nöthigen würde, über einen Monat ſeine Kajüte und Hängematte zu hüten. Seinem Amte und den Pflichten deſſelben ſollte nun während dieſer Zeit weſentlich unſer Abenteurer vorſtehen. Nachdem dieſe Verabredung noch eine Stunde weggenommen hatte, verließ der Kommiſſionär das Schiff, mit der klugen und ökonomiſchen Weiſe höchſt zufrieden, mit wel⸗ cher er ſeine Pflicht gegen ſeinen Prinzipal abgethan hatte. Um aber ſein eigenes Intereſſe nicht aus dem Geſicht zu verlieren, wählte er noch, bevor er in das Boot ſtieg, eine paſſende Gelegen⸗ heit, um den Wirth zu erſuchen, eine gehörige und förmliche Er⸗ klärung von Allem, was er aus eigener Erfahrung von dem eben angeſtellten Seeoffizier wiſſe, aufzuſetzen. Der ehrliche Joram ließ es auch an Verſprechungen nicht fehlen; als er aber Alles nach Genüge arrangirt ſah, ſo konnte er die Nothwendigkeit, ſich einem nutzloſen Riſico bloßzuſtellen, nicht einſehen, und wußte es ſo zu machen, daß er das Halten umging, höchſt wahrſcheinlich ſeine Entſchuldigung darin findend, daß ſeine Ausſage ja doch bei weitem nicht umſtändlich genug wäre, um vor den Gerichten bei genauerer Prüfung nach den erforderlichen Beſtimmungen von Gewicht zu ſein. Das geſchäftige Treiben, das Nachholen halbvergeſſener Ge⸗ ſchäfte, das Getöſe, die Wünſche, das Einſchärfen der Aufträge für den oder jenen entfernten Hafen, und alle ſich durchkreuzende, und ſcheinbar gar kein Ende nehmende Pflichten, die ſich in den letzten zehn Minuten vor der Abfahrt eines Kauffahrteifahrers drängen, beſonders wenn glücklicher⸗ oder vielmehr unglücklicher⸗ weiſe Paſſagiere darauf ſind— das Alles zu ſchildern wäre über⸗ flüſſig. Bei dergleichen Gelegenheiten verläßt eine gewiſſe Klaſſe 198 von Leuten ein Schiff mit derſelben Saumſeligkeit, wie irgend einen andern Ort, wo es'was zu verdienen gibt, indem ſie ſo träge an der Schiffsleiter hinabkriechen, wie der Blutegel, wenn 5 er ſich angefüllt, ſein blutiges Mahl aufgibt. Des gemeinen Matroſen Aufmerkſamkeit iſt zwiſchen den Anordnungen des Loot⸗ ſen und dem Abſchied von Bekannten getheilt, ſo daß er bald da, bald dorthin rennt, nur nicht wohin er ſollte, und das iſt viel⸗ leicht die einzige Zeit in ſeinem Seeleben, wo er den Gebrauch des ſo lang gehandhabten Tauwerks nicht zu kennen ſcheint. Trotz aller dieſer verdrießlichen Zauderei und herkömmlichen Beläſtigun⸗ gen, ward die ‚Royal Carolina' endlich doch aller ihrer Beſuche, mit der Ausnahme eines Einzigen, los, und Wilder konnte ſich nun einem Vergnügen überlaſſen, das Niemand als ein Seemann nach Würden zu ſchätzen weiß— reines Feld auf dem Verdeck und eine wohldisciplinirte Schiffsmannſchaft. Zwölftes Kapitel. — Guter Bootsmann, ſprecht mit den Matroſen! Greift friſch an, oder wir treiben auf den Strand. Der Sturm. Die eben erwähnten Auftritte hatten einen geraumen Theil des Tages dahingenommen. Ein ſtehender Wind hatte ſich wohl eingeſtellt, allein er war nichts weniger als ſtark. Sobald indeſſen 3 Wilder ſich von den Müſſiggängern vom Lande, und dem ſich in Alles miſchenden Kommiſſionär befreit ſah, warf er den Blick um ſich her, um das Schiff unter den Wind zu bringen. Er ließ da⸗ her den Lootſen holen, theilte ihm ſeinen Entſchluß mit, und zog ſich dann an einen Platz des Verdecks zurück, der geeignet war, ihm theils über die Gegenſtände ſeines neuen Kommando's einen Ueberblick, theils über die unerwartete und außerordentliche Lage, in welche er ſich verſetzt ſah, Muße zum Nachdenken zu geſtatten. 8 —+— N 199 Der Royal Carolina fehlten keineswegs gerechte Anſprüche auf den pompöſen Namen, den ſie führte. Es war ein Fahrzeug von jener glücklichen Mittelgröße, wo für die Bequemlichkeit am beſten geſorgt zu ſein pflegt. Der Brief des Freibeuters beſtätigte, daß es wegen ſeines ſchnellen Segelns in Ruf ſtehe, und mit in⸗ nigem Vergnügen gewahrte der ſinnige junge Commandeur, daß es dem Schiffe nicht an Mitteln fehlte, ſeine beſten Eigenſchaften ent⸗ wickeln zu können. Eine geſunde, muntre und geübte Mannſchaft, Spieren, die vollkommen der Größe des Fahrzeugs entſprachen, wenig Windfang Verurſachendes in den Marſen und Maſten, eine vortreffliche Form und Lage, mit einem Ueberfluß an leichten Se⸗ geln, boten alle Vortheile dar, die ſich ſeine Erfahrung nur wün⸗ ſchen konnte. Sein Auge glänzte, wie es über dieſe verſchiedenen, ſeinem Kommando unterworfenen Gegenſtände weggleitete, und ſeine Lippen bewegten ſich, wie die eines Menſchen, der ſich ſelbſt halblaut beglückwünſcht, oder ſich einer Selbſtgefälligkeit über⸗ läßt, die nach den Vorſchriften der Beſcheidenheit die Gränzen des Gedankens nicht überſchreiten ſoll. Jetzt war die Mannſchaft unter den Befehlen des Lootſen am Bratſpill verſammelt, und hatte ſchon angefangen, Kabel aufzuziehen. Dieſe Arbeit eignete ſich ganz dazu, die Kräfte des Einzelnen ſo⸗ wohl als die Geſammtkraft im vortheilhafteſten Lichte zu zeigen. Ihre Bewegung um das Bratſpill war taktmäßig, raſch und kräf⸗ tig; ihre Töne rein und munter. Unſer Abenteurer, gleichſam als ob er ſeinen Einfluß ſich fühlbar machen wollte, erhob nun mitten im ‚Ahoi!’ der Matroſen ſeine eigne Stimme mit einem jener ab⸗ gebrochenen und ermuthigenden Zurufe, durch welche Seeoffiziere ihre Leute aufzumuntern pflegen. Seine Ausſprache war männlich, lebhaft und Gehorſam gebietend. Feurigen Rennern gleich hielten. die Matroſen einen Augenblick inne, als ſie zuerſt dieß Signal ver⸗ nahmen, und Jeder warf einen Blick hinter ſich, als wollte er die Eigenſchaften ſeines neuen Befehlshabers prüfen. Wilder lächelte 200 mit einiger Selbſtzufriedenheit, wendete ſich, um auf der Schanze auf⸗ und abzugehen, und fand ſich wieder dem ruhigen, ſinnigen, aber doch erſtaunten Blicke der Miſtreß Wyllys gegenüber. „Nach der Meinung, welche Sie über dieß Schiff zu erkennen zu geben beliebten,“ ſagte die Dame mit ſcharfer Ironie,„hätte ich nimmermehr erwartet, Sie darauf ein Amt von ſolcher Ver⸗ antwortlichkeit verwalten zu ſehen.“ „Wahrſcheinlich wiſſen Sie, Madame, daß dem Schiffer ein trauriger Zufall begegnete?“ „Ja, auch hatte ich gehört, daß man vorläufig einem andern Offizier ſeine Stelle anvertraut hätte. Allein, ich ſollte meinen, daß, wenn Sie ſelbſt darüber nachdenken, es Sie nicht befremden muß, mich erſtaunt zu ſehen, indem ich nun finde, wer dieſer andere Offizier iſt.“ „»Unſere Unterredungen, Madame, haben Ihnen vielleicht eine ungünſtige Idee von meiner Sachkunde beigebracht. Indeſſen hoffe ich, daß Sie ſich über dieſen Punkt beruhigen werden, da....“ »„Sie verſtehen ſich ohne Zweifel auf Ihre Wiſſenſchaft! We⸗ nigſtens ſcheint es, daß eine geringfügige Gefahr nicht im Stande iſt, Sie davon abzuſchrecken, paſſende Gelegenheit zu ſuchen, Ihre Kenntniſſe zu zeigen. Werden Sie uns mit Ihrer Geſellſchaft für die ganze Reiſe, oder nur bis zur Mündung des Hafens erfreuen?« „Ich habe es übernommen, das Schiff bis zum Ziele ſeiner Reiſe zu führen.“ „Dann dürfen wir ja wohl hoffen, daß Sie die Gefahr, die Sie entweder ſahen, oder doch zu ſehen glaubten, jetzt für geringer halten, ſonſt würden Sie ja nicht ſo bereitwillig ſein, ſie mit uns zu theilen.“ „Si thun mir unrecht, Madame,“ erwiederte Wilder warm und unwillkürlich den Blick auf die ernſte aber mit der größten Spannung zuhörende Gertraud richtend; er fügte hinzu:„es gibt keine Gefahr, der ich nicht freudig die Stirn böte, um Sie oder dieſe junge Dame vor Leid zu ſchützen.“ 27—&ͤS S ͤ——„ — 201 „Ihr ritterliches Betragen kann ſelbſt dieſer jungen Dame nicht entgehen!« Miſtreß Wyllys entledigte ſich nun des Zwanges, den ſie bis jetzt in ihren Reden beobachtet hatte, und fuhr in einem natürlicheren, mit ihrer ſanften und ſinnigen Miene mehr im Ein⸗ klange ſtehenden Tone fort:„das ſonderbare Gefühl, daß Sie dennoch ein Freund der Wahrheit ſeien, wie ſehr auch meine Ver⸗ nunft es verwirft, bleibt immer ein mächtiger Fürſprecher für Sie, junger Mann, in meinem Innerſten. Da das Schiff Ihrer Dienſte bedarf, ſo will ich Sie jetzt nicht aufhalten; es kann uns nicht an Gelegenheiten fehlen, die uns in Stand ſetzen werden, ſowohl über Ihren Willen, als über Ihre Fähigkeit, uns nützlich zu ſein, ein Urtheil zu fällen. Liebe Gertraud, Frauenzimmer ſind gewöhnlich nur im Wege auf einem Fahrzeuge, beſonders wenn, wie jetzt der Fall iſt, eine dringende und ſchwere Dienſtpflicht ruft.“ Eine Röthe überflog Gertrauds Wangen bei dieſer Anrede, und ſie folgte haſtig ihrer Gouvernante zur entgegengeſetzten Seite der Schanze, während unſer Abenteurer ihr mit einem ſehnſuchts⸗ vollen Blicke nachſah, welcher deutlich genug ausdrückte, daß ihre Gegenwart ihm nichts weniger als läſtig war. Da aber die Damen einen von allen Anderen entfernten Platz einnahmen, wo ſie bei einer bequemen Ueberſicht aller Manöver doch ſelber am wenigſten der Regierung des Schiffes im Wege waren, ſo konnte der arme Wilder nicht ſchicklich das Geſpräch fortſetzen, obgleich er ſehr ge⸗ wünſcht hätte, die angenehme Unterhaltung nicht eher abbrechen zu dürfen, bis er durch die Uebernahme des Kommando's aus den Händen des Lootſen ſich dazu gezwungen ſähe. Inzwiſchen war der Anker bereits eingewunden, und die Matroſen waren vollauf damit beſchäftigt, mehr Segel beizuſetzen. Wilder gab ſich nun in ſehr aufgeregter Stimmung der Dienſtpflicht hin, ließ ſich von dem Offizier, welcher die nöthigen Befehle ertheilte, die Parole geben, und übernahm die unmittelbare Leitung des Schiffes ſelber. So wie ein Segeltuch nach dem andern von den Ragen fiel, 202 und durch den zuſammengeſetzten Mechanismus den Wind auffing, gewann das Intereſſe, welches ein Seemann ſtets an ſeinem Schiffe nimmt, mehr und mehr über jedes andere Gefühl die Oberhand. Als Alles in Ordnung war, von den Oberbramſegeln an bis zum Verdeck, und das Schiff mit ſeinem Vordertheil nach der Mündung des Hafens zugewendet war, ſo hatte unſer Abenteurer wahrſchein⸗ lich vergeſſen(freilich nur auf einen Augenblick), wie vollkommen fremd er Denen, über welche er durch eine ſo außergewöhnliche Wahl das Kommando erhalten hatte, noch immer ſein mußte, und welche koſtbare Fracht man ſeiner Feſtigkeit und Entſchloſſenheit anvertraut hatte. Nachdem Alles vom Verdeck bis zum Top hinauf, in die vortheilhafteſte Lage und das Schiff dicht in die Windlinie gebracht war, maß ſein Auge jede Raa, jedes Segel von den oberſten Flaggenknöpfen bis zum Rumpf, und überſchaute endlich auch noch die Außenſeite des Schiffes, ob auch der Lauf deſſelben nicht durch irgend ein heraushängendes Seil gehemmt werde. Da erblickte er ein winziges Boot, an der Leeſeite des Schiffes angebunden, in welchem ein Knabe ſaß, und welches, ſo wie die Maſſe des Schiffes ſich vorwärts bewegte, leicht und elaſtiſch wie eine Feder hinten nachtanzte. Wilder bemerkte, daß es ein Boot von der Küſte ſei, daher fragte er einen Seemann, wer der Eigenthümer davon wäre. Jener wies auf Joram, der gerade in dem Augenblick vom Schiffs⸗ raume heraufgeſtiegen kam, wo er mit einem Delinquenten, oder, was bei ihm gleichbedeutend war, einem Gaſt, der noch nicht be⸗ zahlt hatte, ſeine Rechnung in's Reine zu bringen beſchäftigt war. Der Anblick dieſes Mannes erinnerte Wilder an Alles, was des Morgens vorgefallen war, und wie bedenklich das Unternehmen ſei, dem er ſich hingegeben. Der Gaſtwirth ſeinestheils, deſſen Gedanken ſich alle um den Angelpunkt des Proſits drehten, ſchien bei dem Wiederbegegnen auf keine Weiſe bewegt. Er näherte ſich dem jungen Seemanne, redete ihn mit dem Titel: Kapitän an, und wünſchte ihm eine glückliche Reiſe, nebſt allem Andern, was man —' 7 203 zu wünſchen pflegt, wenn man zur See und bei einer ſolchen Gelegenheit von einander ſcheidet. „Der Herr Kapitän haben einen vortheilhaften Handel geſchloſ⸗ ſen,“ endigte er,„und ich hoffe, Sie werden eine ſchnelle Fahrt machen. Es wird Ihnen dieſen Nachmittag nicht an Wind fehlen, und wenn Sie bis nach Montauth hin brav Segel aufſetzen, werden Sie beim zweiten Wenden die offene See gewinnen, ſo daß Sie morgen ſchon die Küſte aus dem Geſicht haben. Wenn ich mich im Geringſten auf's Wetter verſtehe, ſo wird auch der Wind mehr von Oſten blaſen, als Euch vielleicht anſtehen dürfte.“ „Und wie lange glaubt Ihr wohl, daß meine Fahrt dauern wird?“ fragte Wilder in einem ſo leiſen Tone, daß außer dem Gaſtwirth Niemand ihn hören konnte. Joram ſah ſich verſtohlen um, und als er ſah, daß ſie ohne Zeugen waren, erlaubte er ſei⸗ nen Zügen, welche gewöhnlich eine abgeſtumpfte, ſinnliche Zufrie⸗ denheit ausſprachen, den Ausdruck einer verſtockten Verſchmitztheit, und, den Finger an die Naſe legend, erwiederte er: „Hab' ich dem Kommiſſionär nicht einen ſchönen Eid ange⸗ boten, Herr Wilder? „Ihr habt allerdings meine Erwartung übertroffen mit Eurer Bereitwilligkeit und....« „Auskunft!“ ſetzte der Gaſtwirth zum ‚Unklaren Anker⸗ hinzu, wie er Wildern in Verlegenheit nach einem Worte ſah;„ja, ja, ich bin ſtets merkwürdig geweſen wegen der Geſchäftigkeit meines Geiſtes in derlei Kleinigkeiten; allein, wenn Einer eine Sache ſchon durch und durch kennt, ei! da wäre es ja thöricht, ſeinen Athem mit zu vielen Worten zu vergeuden.« „Es iſt freilich ſehr vortheilbringend, ſo wohlunterrichtet zu ſein. Ihr verſteht Euch ohne Zweifel herrlich darauf, aus Euren Kenntniſſen ſo viel Profit als möglich zu ziehen.“ „Du lieber Gott! was ſollte denn auch in dieſen ſchweren Zeiten aus uns Allen werden, wenn wir einen redlichen Groſchen 204 nicht auf jede ſich darbietende Art anlegen wollten? Hab' mit Ehren mehrere hübſche Kinder groß gezogen, und an mir ſoll's nicht lie⸗ gen, wenn ich ihnen nicht auch noch'was zurücklaſſe, meinen guten Ruf gar nicht mitgerechnet. Na, na, das Sprüchwort geht: ein behender Groſchen iſt ſo gut wie ein müſſiger Thaler; ich aber lobe mir den Mann, der nicht da ſteht und Maulaffen feil hat, wenn ein Freund ſeines guten Wortes, oder des Aufhebens ſeines Fingers bedarf. Sie wiſſen nun, wo Sie jederzeit einen ſolchen Mann finden werden, wie unſere Staatsmänner zu ſagen pflegen, wenn ſie durch das Dicke und Dünne der Sache gegangen ſind, ſie mag nun gerecht oder ungerecht ſein.“ „Sehr lobenswerthe Grundſätze, in der That! ſie werden ge⸗ wiß dazu beitragen, Euch früher oder ſpäter in der Welt zu er⸗ heben! Doch, Ihr vergeßt meine eigentliche Frage zu beantwor⸗ ten: wird unſere Fahrt von langer oder kurzer Dauer ſein!“ „Ei der Tauſend, Herr Wilder! muß ein armer Gaſtwirth, wie ich, dem Meiſter dieſes ſtattlichen Schiffes erſt ſagen, woher der Wind zuerſt blaſen wird? Da haben Sie den werthen und ehren⸗ haften Schiffer Nichols, der drunten in ſeiner Staatskajüte liegt, der kann Euch mit dem Fahrzeuge anfangen, was er will; und warum ſoll ich glauben, daß ein Herr, wie Sie, mit ſo guten Empfehlungen, nicht ebenſoviel auszurichten vermag? Ich verſehe mich keines Andern, als mit nächſtem zu hören, daß Sie was ganz Apartes von einer Fahrt gemacht, und das gute Wort, das ich zu Ihren Gunſten geſprochen, vollkommen gerechtfertigt hätten.“ Wilder verwünſchte in ſeinem Herzen die vorſichtige Verſchmitzt⸗ heit des Spitzbuben, mit dem er unter den obwaltenden Umſtänden nothwendig im Bunde ſtand: denn er ſah klar ein, daß Joram durchaus entſchloſſen war, nicht mehr als das ſchlechthin Erfor⸗ derliche von ſeinem Geheimniß zu verrathen, und viel zu viel Umſicht beobachtete, um ſeinen eigenen Abſichten zu entſprechen. Nach einem augenblicklichen Beſinnen fuhr er haſtig fort: ren lie⸗ ten ein ber dat, nes hen en, nd, ge⸗ er⸗ or⸗ vie der en⸗ gt, und ten ehe unz zu zt⸗ den am or⸗ iel en. „Ihr ſeht, das Schiff läuft viel zu ſchnell, um uns zu geſtatten, unſere Zeit mit ausweichenden Redensarten zu vergeuden. Sagt, was wißt Ihr von dem Billet, das ich heute früh empfangen habe?“ „Aber, lieber Gott! halten Sie mich denn für einen Poſt⸗ meiſter, Herr Kapitän? Wie kann ich wiſſen, welche Briefe in Newport ankommen, und welche auf der See bleiben?“ „Ein eben ſo großer Haſenfuß als verſchmitzter Schurke!«“ murmelte der junge Seemann.„Aber das könnt Ihr doch wenig⸗ ſtens ſagen: Wird man mir auf der Ferſe folgen, oder erwartet man, daß ich unter irgend einem erdenklichen Vorwande das Schiff anhalten laſſe, ſobald es die offene See gewonnen hat?“ „»Der Himmel behüte Euch, junger Herr! was ſind das für ſeltſame Fragen von Einem, der friſch von der See kommt, an einen Mann, der ſie ſeit fünfundzwanzig Jahren nur vom Lande aus angeſehen hat. Alles, worauf ich mich beſinnen kann, iſt, daß Sie das Schiff ziemlich Süd halten müſſen, bis die Inſeln zurückgelegt ſind, und dann müſſen Sie Ihre Berechnung nach dem Winde machen, damit Sie nicht in den Golf kommen, wo, wie Sie wiſſen werden, der Strom Sie dahin treibt, während Ihr Kommando dorthin lautet.“ „Luv an! beim Wind gehalten, Herr!« rief nun der Lootſe mit barſcher Stimme dem am Steuer zu:„ſo ſehr als möglich beim Wind gehalten; um keinen Preis nach der Leeſeite des Sklavenhändlers dort!“ Sowohl Wilder als der Gaſtwirth ſchreckten zuſammen, als wenn das eben erwähnte Schiff etwas Beſorgnißerregendes für ſie hätte; der Erſtere wies auf das winzige Boot und ſagte: „Wenn Ihr nicht mit uns zur See gehen wollt, Herr Joram, ſo iſt es Zeit, daß jenes Boot ſeinen Eigenthümer empfange.“ „Ei ja wohl, ich ſehe, Sie ſind ſchon in vollem Gange, und muß Sie alſo verlaſſen, wie gern ich auch länger bliebe,“ erwie⸗ derte der Gaſtwirth zum Unklaren Anker, indem er geſchäftig und 206 ſo gut es gehen wollte, ſich über die Schiffsſeite hinüber und in ſein Schiffchen hinunter machte. „Na, Jungens, wünſch' euch gute Zeit, viel Wind und von der rechten Sorte, ſichere Reiſe auswärts und eine ſchnelle Zu⸗ rückkunft. Werft ab!“ Man gehorchte ſeinem Ruf; kaum war das Boot außer Ver⸗ bindung mit dem Schiffe geſetzt, ſo wich es aus der bisherigen Bahn, drehte ſich drei⸗, viermal um ſich ſelbſt und hielt dann einen Augenblick inne, während das große Schiff weiter zog mit der Stetigkeit eines Elephanten, von deſſen Rücken eben ein Schmetterling aufgeflogen. Wilder folgte dem Boote eine Se⸗ kunde mit den Augen, allein ſeine Gedanken wurden zurückgerufen durch die Stimme des Lootſen, die ſich nun wieder von der Vor⸗ derſeite des Schiffes her vernehmen ließ: „Etwas mehr in die Höhe mit den leichten Segeln, Junge, mehr in die Höhe; weich' keinen Zoll breit vom Winde, ſonſt kommſt du nimmer dem Sklavenhändler bei der Windſeite vorbei. Luv an, ſag' ich, Herr, Luv!“ „Der Sklavenhändler!“ murmelte unſer Abenteurer vor ſich hin, indem er haſtig nach einem Platz im Schiffe eilte, von wo aus er jenes wichtige, ihn zwiefach intereſſirende Schiff genau ſehen konnte;„ach ja, der Sklavenhändler! es mag freilich nicht leicht ſein, dem Sklavenhändler die Windſeite abzugewinnen!“ Ohne es zu wiſſen, fand er ſich neben Miſtreß Wyllys und Gertraud, welche Letztere ſich auf die Gallerie der Schanze ſtützte, und das fremde, vor Anker liegende Fahrzeug mit einem Vergnügen betrachtete, das für ein ſo junges Mädchen natürlich genug war. „Sie werden mich auslachen, liebe Frau Wyllys, mich unbeſtändig, ja leichtgläubig nennen,“ rief das argloſe Mädchen, gerade als Wilder die bezeichnete Stelle eingenommen hatte,„aber bei alle Dem wünſche ich doch, wir kämen auf eine gute Manier aus dieſer Royal Carolina und könnten unſere Fahrt in jenem ſchönen Schiffe dort machen. — 207 „Es iſt in der That ein ſchönes Schiff!“ erwiederte die Wyl⸗ lys,„doch möchte ich nicht behaupten, daß es ein ſichreres und bequemeres wäre, als das, in welchem wir uns befinden.“ „Welch' ein Ebenmaaß, welche Ordnung in den Tauen! und wie vogelähnlich es auf dem Waſſer ſchwebt!“ „Wenn Sie es mit einer Ente verglichen hätten, ſo wäre das Bild durchaus der Schifffahrtskunſt gemäß,“ ſagte die Gouver⸗ nante halb ernſthaft, halb lächelnd;„Sie zeigen Anlagen, liebes Kind, zur einſtigen Frau eines Seemannes.“ Gertraud erröthete ein wenig, und wie ſie den Kopf umwandte, um ihrer Gouvernante in demſelben ſcherzhaften Tone zu antworten, begegnete ihr Auge dem auf ſie gehefteten Blicke Wilders. Nun wuchs das ſanfte Erröthen zum Hochroth und ſie verſtummte; der große Strohhut, den ſie auf hatte, diente dazu, ihr Geſicht und die Verwirrung, die ſich ſo deutlich darauf malte, zu verbergen. „Sie antworten ja nicht, Kind, als überlegten Sie ernſthaft, was kommen könnte,“ fuhr Miſtreß Wylllys fort, deren nachden⸗ kender, abweſender Blick jedoch hinlänglich bewies, daß ſie kaum wußte, was ſie geſprochen hatte. „Die See iſt ein zu unſtätes Element für meinen Geſchmack,“ erwiederte Gertraud kalt.„Sagen Sie mir doch, liebe Wyllys, iſt das Schiff, dem wir uns nähern, ein königliches Schiff? es ſieht ſo kriegeriſch aus, ja faſt drohend.“ „»Der Lootſe hat es ſchon zweimal einen Sklavenhändler ge⸗ nannt.“ „»Ein Sklavenhändler! Wie trügeriſch iſt dann ſeine Schönheit und ſein Ebemaaß! Nie will ich dem Scheine wieder trauen, da ein ſo hübſcher Gegenſtand zu einem ſo abſcheulichen Zwecke ge⸗ braucht werden kann.“ „Ja wohl trügeriſch!“ rief Wilder mit einer eben ſo unwider⸗ ſtehlichen als unwillkürlichen Bewegung laut aus.„Ich wage es, zu behaupten, daß auf dem ganzen Ocean kein Schiff treibt, 208 welches ſo verrätheriſch wäre, wie dort der ſymmetriſche, bewun⸗ derungswürdig ausgerüſtete...“ „Sklavenhändler!“ fügte Miſtreß Wyllys hinzu, welche nun Zeit gehabt hatte, ſich umzuwenden und ihr ganzes Erſtaunen durch ihre Blicke auszudrücken, bis der junge Mann in der Mitte ſeines Satzes ſtockte. „Sklavenhändler!“ wiederholte er mit Nachdruck, indem er zu⸗ gleich eine Verbeugung machte, als wollte er ihr für das Wort danken. Nach dieſer Unterbrechung folgte eine tiefe Stille. Miſtreß Wylllys prüfte einen Augenblick die bewegten Züge des Jünglings mit einem Geſicht, welches eine beſondere, obgleich nicht ungemiſchte Theilnahme ausdrückte, dann ließ ſie den Blick auf's Meer fallen, in tiefen, wo nicht ſchmerzlichen Betrachtungen verſunken. Auch Gertrand, obgleich ihre ſylphenhafte, in den zarteſten Umriſſen gezeichnete Geſtalt noch gegen die Gallerie lehnte, hatte ihr vom Hut beſchattetes Köpfchen abgewendet, ſo daß Wilder ſich vergebens beſtrebte, noch einen Blick zu erhaſchen. Inzwiſchen nahte die Stunde, wo Dinge vorfallen ſollten, welche geeignet waren, ihn ſelbſt von ſeiner ſo angenehmen Beſchäftigung abzu⸗ ziehen und ganz in Anſpruch zu nehmen. Das Schiff war jetzt zwiſchen der kleinen Inſel und dem Punkte, wo Homeſpun eingeſchifft worden, hindurch, ſo daß es nun den innern Hafen vollkommen klarirt hatte. Schnurgerade dem Schiffe im Wege lag der Sklavenhändler dort, und Jedermann war in der größten Spannung, um zu ſehen, ob es noch möglich wäre, auf der Windſeite vorbeizukommen. Wünſchenswerth war es, theils weil ein Seemann ſtolz darauf iſt, jeden Gegenſtand, der ihm be⸗ gegnet, an der Ehrenſeite zu paſſiren, theils und vorzüglich, weil die Lage des fremden Schiffs von der Art war, daß man, wenn bei ſeiner Windſeite paſſirt werden konnte, nicht eher zu wenden brauchte, als bis zu dieſer Bewegung ein vortheilhafterer Punkt als der gegenwärtige erreicht ſein würde. Unſere Leſer werden & 209 indeſſen leicht begreifen, daß die Spannung des neuen Comman⸗ deurs der Carolina aus ganz anderen Gefühlen als bloßem Kunſt⸗ ſtolz oder Liebe zur Bequemlichkeit entſprang. In jeder Nerve fühlte Wilder die Wahrſcheinlichkeit, daß es nun zu einer Entſcheidung kommen werde. Man erwäge wohl, daß ihm die unmittelbaren Abſichten des Rover völlig unbekannt waren. Das Fort war keineswegs in dem Zuſtand, welcher Letzteren hätte verhindern können, ſeine Beute im Angeſicht der Stadtbe⸗ wohner aufzubringen, und, deren ſchwachen Vertheidigungsmitteln zum Hohn ſie mit ſich fortzuführen. Auch war die Stellung, in der ſich beide Schiffe zu einander verhielten, einem ſolchen Unter⸗ nehmen nichts weniger als ungünſtig. Unvorbereitet und verdacht⸗ los mußte die Carolina, welche ſich überhaupt mit einem ſo mäch⸗ tigen Gegner nicht meſſen konnte, demſelben ohne Mühe als Opfer fallen. Nur ſehr wenig Ausſicht war vorhanden, daß der Pirat mit ſeiner Priſe nicht ſollte weit genug abſegeln können, um jeden Schuß von der Batterie wirkungslos, wo nicht vollkommen un⸗ ſchädlich zu machen. Ueberdieß mußte das Wilde und Verwegene eines ſolchen Unternehmens für den verzweifelten Freibeuter, ſeinem Rufe nach zu urtheilen, ſogar etwas Lockendes haben, ſo daß die That einzig von ſeiner zufälligen Stimmung abzuhangen ſchien. Unter dieſen Eindrücken, und mit der Ausſicht einer baldigen Endſchaft ſeines nagelneuen Kommando's, darf es wohl nicht Wun⸗ der nehmen, daß unſer Abenteurer dem Ausgang mit weit größerer Geſpanntheit entgegenſah, als irgend Jemand in ſeiner Umgebung. Er erſtieg die Kuhl des Schiffes, und ſtrengte ſich an, den Plau ſeiner geheimen Verbündeten mittelſt eines der Zeichen, womit Seefahrer ſo vertraut ſind, durchſchauen zu können. Allein es ließ ſich in dem angeblichen Sklavenſchiff auch nicht die mindeſte Andentung erſpähen, daß es abzuſegeln oder irgendwie ſeine Stel⸗ lung zu ändern beabſichtige. Da lag es in derſelben tiefen, ſchönen aber verrathbrütenden Ruhe, in der es während des ganzen Der rothe Seeräuber. 14 210 ereignißreichen Morgens gelegen hatte. In dem ganzen Labyrinth ſeines Tauwerks, längs dem weiten Bereich ſeiner Spierſtangen, war nicht mehr als eine einſame Figur zu entdecken. Dieſe war ein Matroſe, der auf dem einen Ende eines der unteren Ragen ſaß, wo er ſich, wie das bei großen Schiffen beſtändig nöthig iſt, mit der Ausbeſſerung der Kardeelen zu beſchäftigen, und auf ſonſt nichts zu achten ſchien. Da der Mann auf der Windſeite ſeines Schiffes ſaß, ſo durchzuckte Wilder die Idee, daß er dorthin poſtirt wäre, damit er in die Takelage der Carolina nöthigenfalls einen Fang⸗ haken werfe, um die Schiffe auf einander treiben zu machen. Einer ſolchen unſanften Bewegung auszuweichen, beſchloß er raſch den Plan zu hintertreiben. Er rief dem Lootſen zu, daß der Verſuch bei der Windſeite zu paſſiren von ſehr zweifelhaftem Erfolg wäre, und ſtellte ihm vor, das Sicherſte ſei wohl, bei der Leeſeite vorüberzufahren. „Fürchten Sie Nichts, Kapitän, fürchten Sie Nichts,“ erwie⸗ derte der eigenſinnige Leiter des Schiffes, der wegen der kurzen Dauer ſeiner Herrſchaft nur deſto entſchloſſener war, ſie ohne Ein⸗ ſchränkung auszuüben, und dem Uſurpator eines Thrones gleich, voller Eiferſucht gegen die mehr berechtigte Macht, die er geſtürzt. „Laſſen Sie mich nur machen, Kapitän! Ich bin ſchon öfter über dieſen Boden getrollt, als Sie die See durchſchnitten haben, und kann Ihnen die Namen der Felſen auf dem Grunde bei den Fin⸗ gern herzählen, wie der Stadtbüttel die Straßen von Newport. Luv, Junge! laß das Schiff grade in den Wind hinein ſegeln, luv! ſo viel du kannſt.“ „Ihr ſeht, Herr,“ ſagte Wilder ernſt,„das Schiff zittert in allen Rippen. Wenn Ihr uns auf den Sklavenhändler treibt, wer zahlt die Zeche?“ „Ich habe Caution für Alles geſtellt,“ erwiederte der eingebil⸗ dete Lootſe;„meine Frau ſoll Euch jedes Loch, das ich in Eure Segel bringe, mit einer Nadel zuſammennähen, nicht dicker als ein Haar und einem Platen, nicht größer, als der Fingerhut einer Fee.“ 2 *— A ——,—-—-. A 211 „Das klingt recht ſchön, aber Ihr könnt ja ſchon jetzt das Schiff nicht mehr regieren, und ehe Ihr noch mit Euren Prahle⸗ reien zu Ende ſeid, liegt es gefeſſelt wie ein verurtheilter Dieb. Nicht höher mit den Segeln da, nicht höher damit, Junge!“ „Ja wohl, nicht höher,« wiederholte nun auch der Lootſe, welcher jetzt, da die Schwierigkeit, die Windſeite zu paſſiren, mit jeder Sekunde wuchs, in ſeinem Entſchluſſe zu wanken anfing. „Halt' die Segel voll und dicht beim Wind— ich hab's ja immer geſagt: voll und dicht beim Wind.— Es kann ſein, Kapitän, da der Wind etwas conträr geworden iſt, daß wir doch noch auf die Leeſeite müſſen: wenn das aber iſt, ſo müſſen Sie zugeben, daß wir werden wenden müſſen.“ Eigentlich war aber erſtlich, grade jetzt der Wind, obgleich etwas ſchwächer als vorher, nichts weniger als conträr, im Gegen⸗ theil um eine Kleinigkeit günſtiger geworden, und zweitens war es Wildern nie beigekommen zu läugnen, daß das Schiff, wenn es die Leeſeite des andern nähme, einige und zwanzig Minuten früher würde wenden müſſen, als in dem Fall, wenn Ihnen der ſchwierige Verſuch, auf der Ehrenſeite zu paſſiren, gelingen ſollte. Allein, je gemeiner eine Seele iſt, deſto ſchwerer kommt es ihr an, be⸗ gangene Fehler einzugeſtehen, daher ſuchte der überführte Lootſe ſein nothgedrungenes Nachgeben auf dieſe Weiſe zu bemänteln, um die Meinung, welche die Mannſchaft von ſeinem Scharfſinn haben mochte, nicht zu verringern. „Aus dem Wind mit dem Schiffe!“ ſchrie Wilder, der nach⸗ gerade anfing, aus dem Ton der Vorſtellung in den des Befehls überzugehen;„aus dem Winde, Herr, ſo lang' es noch geht, oder beim....“ Seine Lippen wurden hier regungslos, denn ſein Blick fiel auf das blaſſe, ſprechende und ängſtliche Antlitz Gertrauds. „Es wird wohl geſchehen müſſen, da der Wind einmal ge⸗ ſchralt hat. Laß fallen vor dem Wind, Junge,... nimm die Richtung nach dem Spiegel des Schiffes dort vor Anker!.. 14* 212 Halt!... wieder nach der Luvſeite hin. Hinein in den Wind, bis in's Mark hinein!... in die Höhe mit den Segeln... leichte Segel in die Höhe! Das fremde Schiff hat uns ja ein Ankerſeil quer über's Kielwaſſer geworfen! Wenn noch Geſetz in den Plantagen iſt, ſoll mir ſein Kapitän dieſes vor Gericht verantworten.“ „Was will der Menſch?“ fragte Wilder, ſich raſch auf eine Kanone ſchwingend, um beſſer ſehen zu können. Sein Gehilfe zeigte nach der Leeſeite des andern Schiffes, wo man nur zu deut⸗ lich ſehen konnte, wie ein langes Tau das Waſſer peitſchte, gerade als wenn man eben mit dem Ausſpannen deſſelben beſchäftigt wäre. Die Wahrheit durchblitzte nun das Gemüth unſeres jungen See⸗ manns. Der Pirat lag vor Anker mit einem heimlichen Spring auf dem Kapel, wahrſcheinlich um nöthigenfalls die Geſchützſeite ſeines Schiffes deſto leichter nach der Batterie richten zu können, und nun bediente er ſich dieſes Springtaues, um dem Kauffahrtei⸗ ſchiff die Leeſeite abzuſchneiden. Die Offiziere auf der Carolina waren nicht wenig über dieſe Vorkehrung befremdet, und ſtießen nicht wenig Verwünſchungen aus, obgleich Niemand außer dem Commandeur nur im Entfernteſten die eigentliche Urſache ahnen konnte, warum der Wurfanker ſo gelegt, und ein Sperrtau ſo zur Unzeit quer über den Pfad geſtreckt wurde. Einen gab es indeſſen auf dem Schiff, der ſich über den Umſtand freute, und das war der Lootſe. Er hatte nämlich das Schiff in eine ſolche Lage ge⸗ bracht, daß es eben ſo ſchwierig war, auf der einen wie auf der andern Seite vorwärts zu ſegeln; und es fehlte ihm nun nicht an einem hinlänglichen Grund zur Rechtfertigung, wenn bei dem höchſt mißlichen und nunmehr unvermeidlich gewordenen Manöver ein Unfall ſich ereignen ſollte. „Das iſt eine außerordentliche Frechheit am Eingang eines Hafens,“ brummte Wilder vor ſich hin, als er ſich durch den Augen⸗ ſchein von der Wirklichkeit überzeugt hatte.„Ihr müßt das Schiff bei der Windſeite vorbeiführen, Lootſe; es bleibt nichts Anderesübrig.“ Pn 213 „Ich waſche meine Hände in Unſchuld, was auch folgen möge, und rufe Alle am Bord zu Zeugen auf,“ erwiederte der Lootſe mit der Miene eines tiefbeleidigten Mannes, obgleich er innerlich froh⸗ lockte, daß er dieſelbe Maßregel, die er vor einer Minute hart— näckig durchſetzen wollte, nothgedrungen wieder ergreifen mußte. „Die Gerechtigkeit muß ſich drein legen, wenn's jetzt zerbrochene Stangen und zerzauste Takelage gibt. Luv auf ein Haar, Junge: luv kurz in den Wind, und verſuch' eine halbe Wendung!“ Der Mann am Steuer gehorchte dem Befehl, ließ die Spaken fahren, ſo daß das Steuerrad einen ſchnellen Umſchwung machte. Das Schiff, von Neuem durch den Wind getrieben, drehte ſich ſchwerfällig mit dem Vordertheil nach der Seite, von der es ge⸗ kommen war, während die Maſſen von Leinwand oben ein Ge⸗ flatter machten, wie ein eben auffliegendes Volk Waſſervögel. Allein kaum war es mit dem Steuer wieder in einer Richtung, ſo fiel es vom Winde ab wie vorher, kraftlos, weil es ſeinen Pfad verloren hatte, und quer auf den vermeinten Sklavenhändler hin⸗ treibend, mit einem Winde, der gerade jetzt, in dem bedenklichen Moment, wo ſeine vollſte Gewalt höchſt wünſchenswerth war, um Vieles nachgelaſſen hatte. Die Lage der Carolina war eine ſolche, die ein Seemann leicht begreifen wird. Durch Beiſetzung vieler Segel hatte ſie ſich weit genug nach vorne hingearbeitet, daß ſie gerade auf der Wind⸗ ſeite des fremden Schiffes lag, allein zu nahe, um nur im Minde⸗ ſten vom Winde abfallen zu können, ohne die höchſte Gefahr, auf daſſelbe zu ſtoßen. Der Wind war unbeſtändig, bald in leichten Stößen blaſend, bald wieder ſtill und lauernd. Bei jedem Stoße beugten ſich die hohen Maſten zierlich nach dem Sklavenhändler zu, als wollten ſie ihm Lebewohl ſagen, doch kaum ließ der augen⸗ blickliche Druck nach, ſo rollte das Schiff ſchwerfällig nach der Windſeite hin, ohne einen Fuß weiter zu kommen. Indeſſen be⸗ wirkte jeder ſolcher Wechſel eine wachſende Annäherung zu dem 214 gefährlichen Nachbar, ſo daß es jetzt dem unerfahrenſten Seemann im Schiffe klar ſein mußte, daß nichts als ein ſchnelles Wenden des Windes das Schiff in den Stand ſetzen konnte, gerade vorbei zu ſegeln, zumal da die Flut eben vom Meere hereinzukommen ſchien. Da die untergeordneten Offiziere der Carolina mit ihren Be⸗ merkungen über die Dummheit, welche ſie in eine ſo unbehilfliche und demüthigende Lage gebracht, nicht ſparſam waren, ſo verſuchte der Lootſe ſeinen Verdruß hinter zahlloſen und lärmenden Befehlen zu verbergen. Vom Schreien ging er bald zur Verwirrung über, bis die Mannſchaft müſſig daſtand, und nicht wußte, welches von den ſchwankenden und ſich widerſprechenden Kommando's ſie zuerſt ausführen ſollte. Inzwiſchen ſtand Wilder neben ſeinen weiblichen Paſſagieren mit verſchränkten Armen und ſcheinbar vollkommen gleichgültig. Miſtreß Wyllys ſtudirte emſig ſeine Blicke, um ſich durch deren Ausdruck über die Beſchaffenheit und Größe der Ge⸗ fahr Gewißheit zu verſchaffen, ſollte überhaupt Gefahr darin ſein, wenn ein Schiff, ſich auf ſpiegelflachem Waſſer faſt unmerklich vor⸗ wärtsbewegend, endlich auf ein anderes ſtößt, das ruhig vor Anker liegt. Die düſtere und unbewegliche Wolke, die ſich auf ſeiner Stirn zuſammenzog, gab ihr eine Unruhe, die ſie ſonſt, da der Anſchein von großer Gefahr nicht ſehr lebendig war, nicht gefühlt haben würde. „Iſt wirklich Gefahr da, mein Herr?« fragte die Gouvernante, indem ſie ihre eigenen Beſorgniſſe vor Gertraud zu verbergen ſtrebte. „Ich ſagte ihnen, Madame, es würde ſich ausweiſen, daß die Carolina ein unglückbringend Schiff iſt.“ Beide Damen betrachteten das eigenthümliche bittere Lächeln, womit Wilder dieſe Erwiederung machte, als ein ſchlimmes Zeichen, und Gertraud ſchmiegte ſich an ihre Reiſegefährtin, auf die ſie längſt gewohnt war, ſich kindlich vertrauend zu ſtützen. „Warum laſſen ſich die Matroſen des Sklavenſchiffs nicht ſehen, um uns beizuſtehen, um abzuwehren, daß wir nicht zu nahe kom⸗ men?“ fragte ſie ängſtlich. — 1““ 215 „Ja wohl, warum nicht! doch wir werden ſie, denk' ich, bald genug zu ſehen bekommen.“ „Nach Ihren Reden und Blicken zu urtheilen, junger Mann, halten Sie dieß Sehen für gefahrvoll!“ »Bleiben Sie an meiner Seite,“ erwiederte Wilder mit halb⸗ unterdrückten Worten.„Auf jeden Fall bleiben Sie mir ſo nahe als möglich zur Seite.“ „Den kleinen Leeſegelbaum windwärts angeholt!“ ſchrie der Lootſe;„laßt die Boote hinab und zieht das Schiff beim Vorder⸗ theil herum.... Tau vom Wurfanker los.... Klüverſegel ange⸗ holt.... große Segeltaue wieder zugeſetzt!“ Die erſtaunten Leute ſtanden da wie Bildſäulen, nicht wiſſend, wohin zuerſt, indem Einige einen Befehl kaum weiter gefördert hatten, als Andere ſchon wieder ein entgegengeſetztes Kommando⸗ wort riefen. Da ertönte eine achtunggebietende, ruhige Stimme: ⸗Schweigt im Schiff! Die Töne waren von jener Art, welche die vollkommene Beſonnenheit des Sprechers bekunden, und daher den Untergeordneten ſtets viel von der Zuverſicht des Befehlenden mit⸗ theilen. Jedes Ohr richtete ſich nach der Seite hin, woher der Ton kam, als wollte ein Jeder den nun zu folgenden Befehl zuerſt auffangen. Wilder ſtand auf dem Gangſpill, von wo aus er nach jeder Seite hin ſehen konnte, und es bedurfte nur eines einzigen Kennerblicks, um ihn über die Lage des Schiffs genau zu unter⸗ richten. Dann haftete ſein ängſtlicher Blick an dem Sklavenſchiff, als wollte er die verrathſchwangere Stille, die noch immer auf demſelben herrſchte, durchdringen, um zu erkennen, wie weit man ihm erlauben würde, ſeinem Schiffe nützlich zu ſein. Allein das fremde Fahrzeug lag bewegungslos wie auf das Waſſer hingezau⸗ bert; im ganzen Bereich ſeines künſtlich⸗verſchränkten Baues war auch nicht eine menſchliche Geſtalt ſichtbar, ausgenommen der ſchon erwähnte Matroſe, welcher ſeine Arbeit noch immer emſig fortſetzte, ſo ruhig, als ob die Carolina hundert Meilen weit von dem Orte 216 entfernt wäre, wo er ſaß. Wilders Lippen bewegten ſich, ob aus innerem Unmuth, ob aus Freude, war nicht zu erkennen, denn ein höchſt zweideutiges Lächeln hellte ſeine Geſichtszüge auf, als er in der vorherigen tiefen gebieteriſchen Stimme fortfuhr:„Legt alle Segel flatt gegen die Maſten, vorne und hinten!“ „Ja wohl!“ wiederholte der Lootſe wie ein Echo,„Alles flatt gegen die Maſten.“ „Iſt keine Schlupe am Bord des Schiffes?« fragte unſer Aben⸗ teurer. Ein Dutzend Stimmen antwortete bejahend.„Weiſet jenen Lootſen dort hinein.“ „Dieß iſt eine geſetzwidrige Ordre,“ ſchrie dieſer,„und ich verbiete es, irgend einem Kommando, außer dem meinigen, zu gehorchen.“ »Werft ihn hinein!“ wiederholte Wilder ſtrenge. Bei dem Geklatter, welches das Umbraſſen der Ragen verur⸗ ſachte, erregte der Widerſtand des Lootſen wenig oder gar kein be⸗ ſonderes Aufſehen. Die nervigen Arme zweier Matroſen hoben ihn, trotz ſeines Sträubens, welches ſich in den ſonderbarſten Be⸗ wegungen ſeiner Glieder äußerte, leicht in die Höhe, und warfen ihn dann in's Boot mit eben ſo wenig Umſtänden, als wäre er ein Klotz geweſen. Das andere Ende der Fangleine wurde ihm nachgeworfen, und ſo überließ man den beſiegten Wegweiſer höchſt gleichgültig ſeinen eigenen erbaulichen Betrachtungen. Inzwiſchen war der Befehl Wilders ausgeführt; die ungeheu⸗ ren Segeltücher, welche noch vor einem Augenblick theils in der Luft flatterten, theils ſich bald ein⸗ bald auswärts füllten, preßten nun alle gegen ihre reſpektiven Maſten, und nöthigten das Schiff, ſeinen irrthümlich genommenen Weg wieder zurückzumeſſen. Das Manöver war von der Art, daß nur die ungetheilteſte Aufmerkſamkeit und eine, ſelbſt das Geringfügigſte berückſichtigende Pünktlichkeit es glücklich ausführen konnte. Allein der junge Befehlshaber war ſeiner Aufgabe ganz gewachſen. Hier hob ſich ein Segel; dort ——&᷑ 217 wurde ein anderes flacher dem Winde zugekehrt; bald ſah man die leichteren Segeltücher flattern, bald waren ſie wie ein durchſich⸗ tiger Nebel, der plötzlich von der Sonne zerſtreut wird, wieder verſchwunden. Gebieteriſch und doch ruhig erklang die Stimme Wilders während der ganzen Scene. Das Schiff ſelber ſchien einem belebten Weſen gleich, ſich bewußt, daß ſein Schickſal nun anderen und geſchickteren Händen, als vorher, anvertraut ſei. Ge⸗ horſam der neuen Wendung rollte dieß unermeßliche Gewölk von Leinwand mit ſeinem ganzeu hohen Wald von Spieren und Tau⸗ werk zuerſt hin und her; bald aber war die bisherige Unthätigkeit des Schiffes überwunden, und dem Drucke nachgebend, trat es den beabſichtigten Rückweg an. Während der ganzen Zeit, die erforderlich war, um die Caro⸗ ling aus ihrer mißlichen Stellung zu bringen, war Wilders Auf⸗ merkſamkeit zwiſchen ſeinem eigenen Schiffe und ſeinem räthſelhaften Nachbar getheilt, deſſen impoſante, todtenähnliche Stille auch nicht durch einen Laut unterbrochen wurde. Kein Menſchenantlitz, ja kein einziges lauerndes Auge konnte man in irgend einem der zahl⸗ reichen Luglöcher entdecken, durch welche die Mannſchaft eines be⸗ waffneten Schiffs auf die See blicken kann. Der Matroſe oben auf der Rage ſetzte ſeine Arbeit fort, wie Einer, für den alle Gegenſtände außer ihm ſo gut wie nicht da ſind. Jedoch machte das Schiff langſam und faſt unbemerklich eine Bewegung, welche der trägen Wendung eines ſchlafenden Wallfiſches ähnlich, mehr die Folge bewußtloſer Willkür, als einer durch Menſchenhände bewirkten Thätigkeit zu ſein ſchien. Aber nicht die geringſte dieſer Veränderungen entging der ſchar⸗ fen und kennermäßigen Prüfung Wilders. Er ſah, wie ſich die Seite des Sklavenſchiffes nach und nach, ſo wie ſich ſein Schiff zurückzuziehen begann, demſelben zukehrte. Unaufhörlich klafften die Kanonenrachen des fremden Schiffes auf das ſeinige, ſo wie das Auge des lauernden Tigers die Bewegungen ſeines Opfers 218 verfolgt; und während der Zeit der größten Annäherung beider Schiffe war auch kein Augenblick, wo nicht eine volle Ladung des Erſtern das ganze Verdeck des Letztern hätte beſtreichen können. Bei jedem Befehl wendete unſer Abenteurer ſein Auge mit ſteigender Span⸗ nung ſeitwärts, um zu ſehen, ob man ihm die Ausführung deſſel⸗ ben vergönnen werde; nicht eher fühlte er ſich überzeugt, daß das Schiff wirklich von ſeinem alleinigen Befehl geleitet werde, als bis er ſah, daß es ſich aus ſeiner gefährlichen Nachbarſchaft zu ent⸗ fernen, und der neuen Richtung der Segel folgend, von dem leich⸗ ten Winde abzufallen begann, und einer Stelle zuſteuerte, wo er es nach Belieben handhaben konnte. Hier angelangt, fand er, daß der Strom ungünſtig und der Wind zu leicht war, um mit dem Vorſteven davor liegen zu bleiben; daher wurden die Segel an ihren Ragen in Feſtons zuſammengezogen, und ein Anker auf den Grund hinabgelaſſen.— Dreizehntes Kapitel. Was gibt's hier? einen Menſchen, oder einen Fiſch? Der Sturm. Act II. Sc. 2. Die Carolina lag nun innerhalb einer Kabellänge von dem vermeintlichen Sklavenhändler. Wilder hatte dadurch, daß er dem Lootſen den Laufpaß gegeben hatte, eine Verantwortlichkeit über⸗ nommen, vor der ein Seemann zurückzuſchrecken pflegt, indem er nicht blos die ganze Summe, zu der das Schiff verſichert iſt, zahlen muß, falls ſich beim Klariren des Hafens ein Unglück ereignen ſollte, ſondern ſich noch ſonſtigen Strafen ausſetzt. Wie vielen Ein⸗ fluß bei Wilder das Bewußtſein, daß er außer oder über dem Bereich des Geſetzes ſtehe, auf ſeine entſchiedene Handlungsweiſe gehabt haben mochte, wird ſich wahrſcheinlich aus dem Verfolg der Erzählung ergeben; die einzige unmittelbare Wirkung ſeines Schrit⸗ tes aber war die, daß ſeine Aufmerkſamkeit, die ſich vorher zwiſchen 5 b „ — 4 — — 4 219 ſeinen weiblichen Paſſagieren und dem Schiffe theilte, nun ganz der Leitung des Letzteren zugewandt wurde. Kaum indeſſen hatte er ſein Fahrzeug, auf eine Zeitlang wenigſtens, in Sicherheit gebracht, kaum waren ſeine Beſorgniſſe eines bevorſtehenden, heftigen Auf⸗ trittes beſchwichtigt, ſo fand er auch ſchon Muße zu ſeiner frühern, obgleich(für einen ſo ausgemachten Seefahrer) kaum angenehme⸗ ren Beſchäftigung. Der glückliche Erfolg ſeines ſchwierigen Ma⸗ növers gab ſeinem Antlitze eine Glut, wie nach einem errungenen Triumph; und als er ſich der Frau Wyllys und Gertraud näherte, verrieth ſein Schritt denjenigen Stolz, welchen das Bewußtſein dem Manne gibt, wenn er ſich durch Anwendung von großer Sach⸗ kenntniß aus einer bedenklichen Lage zu ziehen verſtand. Wenigſtens las die Erſtere der beiden Damen alles Dieſes in ſeinem flam⸗ menden Auge, in ſeiner triumphirenden Miene; möglich, daß die Letztere geneigt war, ſeine inneren Regungen nachſichtiger zu be⸗ urtheilen. Von den geheimen Gründen ſeines Frohlockens ahnte wahrſcheinlich weder die Eine noch die Andere das Geringſte; und es iſt wohl möglich, daß ein weit edleres Gefühl, als was Beide vermuthen konnten, auf ſeine freudige Stimmung Einfluß hatte. Dem mag aber ſein, wie ihm wolle, ſobald Wilder ſah, daß die Carolina ruhig vor ihrem Anker ſpielte, mithin ſeine Dienſte nicht unmittelbar vonnöthen waren, ſo ſuchte er Gelegenheit, ein Geſpräch wieder anzuknüpfen, welches bisher, wegen der vielen Unterbrechungen noch immer arm an Gehalt bleiben mußte. Miſtreß Wyllys war lange unverrückten Blickes im Anſchauen des fremden Schiffes verſunken; erſt als der junge Seemann ihr ganz nahe ſtand, wandte ſie von dem regungsloſen und ſchweigſamen Gegen⸗ ſtand das Auge auf ihn und begann das Geſpräch: „Das Schiff dort,“ rief ſie mit einem Tone des Erſtaunens, „muß eine außerordentliche, oder eine der Empfindung unfähige Mannſchaft in ſich ſchließen. Man wäre leicht verſucht, es für ein geſpenſtiges Schiff zu halten, wenn es dergleichen gäbe.“ 220 »Es iſt in der That ein wunderbar ebenmäßiges und ſchön ausgerüſtetes Kauffahrteiſchiff.“ „Trogen mich meine Beſorgniſſe? oder war wirklich Gefahr vorhanden, daß die beiden Schiffe auf einander trieben?“ „Es war allerdings Grund zu einiger Beſorgniß da; indeß, Sie ſehen, wir ſind geborgen....« „Was wir Ihrer Geſchicklichkeit zu verdanken haben. Die Art, wie Sie uns eben aus der Gefahr befreiten, widerſpricht ge⸗ radezu Allem, was Sie von dem uns Bevorſtehenden vorauszu⸗ ſagen beliebten.“. „Ich weiß wohl, Madame, daß mein Betragen ungünſtig aus⸗ gelegt werden kann, jedoch....« „Dachten Sie, es könne nicht ſchaden, ſich über die Schwachheit leichtgläubiger Frauen zu beluſtigen,“ vollendete lächelnd Frau Wyllys.„Gut, Sie haben Ihren Scherz genoſſen, und werden jetzt hoffentlich geneigter ſein, das, was eine natürliche Schwäche in dem weiblichen Gemüth ſein ſoll, zu bemitleiden.“ Bei dieſen letzteren Worten richtete ſie den Blick auf Gertraud, mit einem Ausdruck, der zu ſagen ſchien: es würde grauſam ſein, wenn er noch jetzt mit der Furcht eines ſo jungen, unſchuldigen Weſens ſein Spiel forttreiben wollte. Sein Blick folgte dem ihri⸗ gen, und als er antwortete, geſchah es mit einer Aufrichtigkeit, die wohl geeignet war, Ueberzeugung einzuflößen. „Bei der Wahrhaftigkeit, die ein Mann von Erziehung Ihrem ganzen Geſchlechte ſchuldig iſt, Madame, was ich Ihnen geſagt habe, iſt noch immer mein Glaube.« „»Wie, die Wuhlingen und die großen Bram-Maſten!“ »Nein, nein,“ unterbrach der junge Seemann lachend und ſtark erröthend zugleich,„vielleicht das Alles nicht. Aber hätte ich Mutter, Weib oder Schweſter, ſie ſollten dieſe Fahrt in der Royal Carolina mit meiner Zuſtimmung nicht machen.“ „Ihr Blick, Ihre Stimme und Ihre treuherzige Miene ſtehen ——,, ͤ 221 in ſeltſamem Widerſpruch mit dem, was Sie ſagen, junger Mann; denn während die erſteren mich verſuchen, Sie für aufrichtig zu halten, finde ich in ihrer Ausſage doch auch keinen Schatten von Grund oder Haltbarkeit. Ich geſtehe, obgleich ich mich der Schwäche ſchämen ſollte, die geheimnißvolle ewige Unbeweglichkeit, die in dem Schiffe dort herrſcht, hat mich mit einer unerklärlichen Unruhe er⸗ füllt, was wohl mit dem Treiben deſſelben irgendwie zuſammen⸗ hangen mag. Wiſſen Sie denn gewiß, daß es ein Sklavenhändler iſt?« „Wenigſtens iſt es gewiß ein ſchönes Schiff!« rief Gertraud. »Ein ſehr ſchönes!“ ſtimmte Wilder mit Ernſt ein. 3 »„Auf einer der Raaen ſitzt ein Mann, dem ſeine Beſchäftigung für alles Andere das Bewußtſein geraubt zu haben ſcheint,“ fuhr Miſtreß Wyllys fort, indem ſie gedankenvoll das Kinn auf die Hand ſtützte, und auf den Gegenſtand, von dem ſie ſprach, hin⸗ ſchaute.„Auch nicht ein einziges Mal während der ganzen Zeit, wo wir in ſo großer Gefahr waren, auf einander zu treiben, würdigte uns dieſer Matroſe auch nur eines verſtohlenen Blickes. Er gleicht dem einſamen menſchlichen Weſen in der Stadt der, Verwandelten“; denn kein Sterblicher befindet ſich auf dem Schiff, um ihm Geſell⸗ ſchaft zu leiſten, ſo weit wir wenigſtens entdecken können.“ „Seine Kameraden ſchlafen vielleicht,«“ ſagte Gertraud. »Schlafen! Matroſen ſchlafen nicht zu einer ſolchen Stunde, an einem ſolchen Tage! Sagen Sie uns, Herr Wilder(Sie als Seemann müſſen esja wiſſen), pflegt eine Schiffsmannſchaft zu ſchla⸗ fen, wenn ein fremdes Fahrzeug bis zur Berührung nahe iſt?“ „Nein.“ à „Ich konnte es mir wohl denken; denn ganz uneingeweiht in Gegenſtände Ihres verwegenen, Ihres kühnen, Ihres edlen Ge⸗ werbes bin ich eben nicht!“ erwiederte die Gouvernante mit vielem Nachdruck.„Und wie, wenn wir wirklich auf das Sklavenſchiff geſtoßen hätten, glauben Sie, die Mannſchaft deſſelben würde in ihrer Regungsloſigkeit verharrt ſein?“ 3 222 „Ich glaube nicht, Madame.“ „In dieſer ganzen angenommenen Ruhe iſt ein Etwas, was Einen wohl verleiten könnte, den ärgſten Verdacht von dem Trei⸗ ben dieſes Schiffes zu faſſen. Weiß man, ob welche von der Mannſchaft deſſelben mit der Stadt verkehrten, während es dort vor Anker lag?“ „Ja.“ „Ich habe mir ſagen laſſen, daß falſche Flaggen von der Küſte geſehen, und daß im letzten Sommer Schiffe geplündert, und ihre Mannſchaft und Paſſagiere mißhandelt wurden. Man glaubt ſogar, der berühmte Rover ſei ſeiner Exzeſſe in der ſpaniſchen See müde geworden: man hält ein Schiff, welches vor Kurzem in der carai— biſchen See geſehen wurde, für den Kreuzer jenes verzweifelten Freibeuters.“. Wilder erwiederte nichts hierauf. Er hatte bis jetzt die Spre⸗ chende feſt, obgleich ehrerbietig angeſehen, allein nun ließ er den Blick auf's Verdeck ſinken, und ſchien ruhig zu warten, bis es ihr gefallen würde, ihre Rede fortzuſetzen. Die Gouvernante ſann eine Sekunde, und mit verändertem Ausdruck im Geſichte, welcher zu erkennen gab, daß ihre Vermuthung von der Wahrheit doch zu leicht war, um ſich ohne weitere Beſtätigung in ihr feſtzuſetzen, fuhr ſie fort: „Genau genommen iſt das Geſchäft eines Sklavenhändlers arg genug, und unglücklicherweiſe jenem Schiffe nur zu ähnlich, um demſelben einen noch ſchlimmern Charakter beizulegen.— Könnte ich doch den Grund Ihrer befremdenden Behauptungen erfahren, Herr Wilder?2« „Ich bin nicht im Stande, ihn deutlich zu machen, Madame; wenn mein Weſen Sie nicht überzeugt, ſo ſchlagen meine Abſichten, die wenigſtens das Verdienſt der Aufrichtigkeit haben, durchaus fehl.“ „Iſt denn das Wagniß durch Ihre Gegenwart nicht verringert?« „Verringert wohl, aber immer ein Wagniß.“ ‿— 223 Bis jetzt ſchien Gertraud eher eine unwillkürliche Zuhörerin als eine Theilnehmerin des Geſpräches geweſen zu ſein, doch jetzt wandte ſie ſich raſch und nicht ganz ohne Ungeduld gegen Wilder, und fragte mit glühender Wange und einem Lächeln, welches wohl einen eigenſinnigeren Mann zum Geſtändniß hätte bewegen können: „Dürfen Sie denn nicht ausführlicher ſprechen?“ Der junge Befehlshaber zauderte, vielleicht ebenſoſehr, um den Blick auf den treuherzigen Zügen der Sprecherin weilen zu laſſen, als um ſich zu einer Antwort zu entſchließen. Seine ge⸗ bräunte Wange wurde röther und röther, und ſein Auge verrieth inneres Wohlbehagen: endlich, als ob er ſich plötzlich beſänne, daß er eine zu lange Pauſe gemacht habe, ſagte er: „Ich bin gewiß, daß ich nichts wage, indem ich mich auf Ihre Verſchwiegenheit verlaſſe.“ „Zweifeln Sie nicht daran,“ erwiederte Frau Wyllys,„Sie ſollen nicht verrathen werden, es mag kommen, was da will.“ „Verrathen? Für meine Perſon, Madame, befürchte ich wenig. Wenn Sie glauben, daß perſönliche Rückſicht mich beſtimmt, ſo thun Sie mir ſehr großes Unrecht.“ „Wir trauen Ihnen Nichts zu, was Ihrer unwürdig wäre,“ ſagte Gertraud haſtig,„allein wir ſtehen unſertwegen in großer Beſorgniß.“ 4 „So will ich Sie denn davon befreien, wenn auch auf Koſten mei.... Hier unterbrach ihn der Ruf eines Schiffsgehilfen an einen andern, und leitete ſeine Aufmerkſamkeit auf das naheliegende Schiff. „Die Leute im Sklavenſchiff haben juſt ausfindig gemacht, daß ihr Schiff nicht gemacht ſei, um unter ein Glas geſtellt und von Weibern und Kindern begafft zu werden,“ rief der Eine, laut ge⸗ nug, daß der Andere, der im Vormars beſchäftigt war, ihn deut⸗ lich verſtehen konnte. „Ganz recht,“ war die Antwort,„er ſieht, daß wir munter 224* ſind, der Kerl dort, und das erinnert ihn, daß er ſich ſelber auf die Beine machen muß. Halten ſie nicht Wache am Bord des Wichtes, wie die Sonne in Grönland; ſechs Monate über dem Verdeck, und ſechs Monate drunter!“ 4 Die komiſche Vergleichung erregte, wie gewöhnlich, ein helles Gelächter unter den Matroſen, die in dieſem Tone, doch aus Reſpekt gegen ihre Oberen, etwas leiſer ihre witzigen Ausfälle fortſetzten. Wilders Augen aber hatten ſich an das andere Schiff geheftet. Der Mann, welcher ſo lang auf der Kante der großen Raa ge⸗ ſeſſen hatte, war verſchwunden, und ein anderer Matroſe ſchritt bedachtſam längs der entgegengeſetzten Seite derſelben Spiere, mit der einen Hand ſich am Baum feſthaltend, während er in der andern das Ende eines Taues hielt, welches er im Begriff ſchien, da, wo es hingehörte, einzureffen. Gleich beim erſten Blick erkannte Wil⸗ der ſeinen Fid in ihm, der ſich von ſeinem Rauſch erholt hatte, ſo daß er auf der ſchwindeligen Höhe mit eben ſo großer, vielleicht 8 mit noch größerer Sicherheit ging, als er auf feſtem Boden, wenn ſeine Pflicht ihn herabgerufen hätte, nur immer hätte einherſchlen⸗ dern können. Das Antlitz des Jünglings, das vor einem Augen⸗ blick noch voll freudiger Erregung glühte, und deſſen Glanz auf 1 die Freude zurückſchließen ließ, die das ſich erſchließende Vertrauen ihm machte, dieß Antlitz umwölkte nun düſterer Verdruß und Zu⸗ rückhaltung. Miſtreß Wyllys, der die geringſte Schattirung in dem wechſelnden Ausdruck ſeines Geſichtes nicht entgangen war, nahm das Geſpräch mit einer gewiſſen Angelegentlichkeit wieder auf, da wo er es ſo kurz abgebrochen hatte. „Sie wollten uns von unſerer Unruhe befreien,“ ſagte ſie, 3 „auf Koſten Ihres....“ 1 1 „Lebens, Madame, aber nicht auf Koſten der Ehre.“ „Gertraud, laſſen Sie uns in die Kajüte gehen,“ ſagte Miſt⸗ 1 reß Wyllys mit einer Miene kalten, aus getäuſchter Hoffnung und aus Empfindlichkeit gemiſchten Mißfallens über das Spiel, welches, 1 1 8 225 wie ſie glaubte, mit ihr getrieben wurde. Gertrauds Auge war ebenfalls abgewendet, und drückte nicht weniger Kälte aus, als das ihrer Gouvernante, während der glänzendere Strahl deſſelben faſt ebenſoviel Empfindlichkeit verrieth. Wie ſie bei dem ſtummen Wilder vorübergingen, machten ſie eine vornehme Verbeugung und ließen dann unſern Abenteurer allein auf der Schanze ſtehen. Während die Mannſchaft geſchäftig die Taue aufſchoß, und die ſonſtigen, auf dem Deck zerſtreut umherliegenden Gegenſtände aus dem Wege räumte, lehnte ihr junger Befehlshaber ſein Haupt auf die Gallerie des Spiegels(jenen Theil des Schiffes, den die gute Wittwe des Contre⸗Admirals ſo ſeltſamer Weiſe mit einem ſehr verſchiedenen Gegenſtand am andern Ende des Schiffes ver⸗ wechſelt hatte), und blieb mehrere Minuten lang in einer Stellung gänzlicher Abweſenheit. Aus dieſen Träumen wurde er endlich aufgeſchreckt durch einen Ton, dem ähnlich, welchen das Heben und Fallen eines leichten Ruders hervorbringt. Er glaubte, neue Beſuche von der Küſte wären im Begriff, ihn zu beläſtigen, und ſchaute mürriſchen Blickes auf und über die Schiffsſeite weg, um zu ſehen, wer ſich denn nähere. Ein leichtes Boot, von der Gattung, deren ſich die Fiſcherleute in den Baien und ſeichten Gewäſſern Amerika's zu bedienen pflegen, lag innerhalb zehn Fuß vom Schiff, und zwar ſo, daß es einige Mühe koſtete, deſſen anſichtig zu werden. Nur ein einziger Mann befand ſich darin, den Rücken dem Schiffe zugekehrt, und ſchein⸗ bar das dem Eigenthümer eines ſolchen Fahrzeuges gewöhnliche Geſchäft treibend. „Sucht Ihr Ruderfiſche, mein Freund, daß ihr ſo dicht unter meinem Spiegel treibt?“ fragte Wilder.„Die Bai ſoll ja voll köſtlicher Barſe und anderer ſchuppiger Herren ſein, die Eure Mühe weit beſſer lohnen würden.“ „Der iſt hinlänglich belohnt, welcher gerade den Fiſch bekommt, nach dem er angelt,“ erwiederte der Andere, indem er den Kopf Der rothe Seeräuber. 45⁵ 226 umwandte, und das verſchmitzte Auge und ſelbſtzufriedene Geſicht des alten Robert Bunt(ſo hatte ſich Wilder's neulicher verräthe⸗ riſcher Bundesgenoſſe genannt) zeigte. „Wie wagſt du es, in fünf Faden tiefes Waſſer dich mir an⸗ zuvertrauen, nach dem Schurkenſtreich, den du für gut fandeſt....“ „St! edler Kapitän, ſt!“ unterbrach ihn Robert, einen Finger in die Höhe hebend, um des Andern Lebhaftigkeit zu dämpfen, und anzudeuten, daß ihre Unterredung keine ſo laute ſein dürfe; „mißbraucht nicht den Kommandoruf: ‚Ueberall! Alle zu Hauf!' als ob uns die Leute bei unſerem Geplauder helfen müßten. Auf welche Weiſe bin ich auf die Leeſeite Eurer Gunſt gerathen, Ka⸗ pitän?“ „Auf welche Weiſe, Kerl! Haſt du nicht Geld empfangen, um den Damen eine ſolche Schilderung von dem Schiffe zu machen, daß ſie, ich gebrauche deine eignen Worte, lieber in einem Kirch⸗ hof übernachten würden, als nur einen Fuß an Bord deſſelben ſetzen?“ „Es hat ſich freilich ſo was Aehnliches zwiſchen uns zugetra⸗ gen, Kapitän; doch Ihr habt die eine Hälfte der Bedingung ver⸗ geſſen, und ſo hab' ich an die andere Hälfte nicht gedacht; und ich darf einem ſo erfahrenen Schifffahrer wohl nicht erſt ſagen, daß zwei Halbe ein Ganzes machen. Es iſt alſo ganz natürlich, daß die Sache zwiſchen uns mitten durchgefallen iſt.“ „Was? iſt es nicht genug, daß du treulos biſt, mußt du auch noch lügen! Welchen Theil meines Verſprechens hätte ich nicht gehalten?“ „Welchen Theil?“ erwiederte der vermeintliche Fiſcher, indem er gemächlich eine Leine einzog, welche, wie der ſchnelle Blick Wilders leicht entdeckte, wohl reichlich mit Loth verſehen war, aber nicht mit dem eben ſo weſentlichen Werkzeuge, dem Wider⸗ haken;„welchen Theil, Kapitän? Keine geringere Kleinigkeit, als die zweite Guinee.“ „Sie ſollte die Belohnung eines ausgerichteten Dienſtes ſein, 227 aber nicht, wie ihr Gefährte, ein Aufgeld, um dich zur ernſt⸗ lichen Uebernahme des Geſchäftes zu bewegen.“ „Ha! Sie haben mir auf's rechte Wort geholfen. Ich dachte, die Guinee wäre nicht ernſtlich gemeint, wie die, welche ich be⸗ kam, und ſo ließ ich denn den Handel halb beendigt.“ „Halb beendigt, Schuft! Du haſt nie begonnen, was du zu vollenden ſo hoch und theuer beſchworen haſt.“ „Da ſeid Ihr auf falſcher Fahrt, mein Schiffspatron, grade als wenn Ihr Oſt⸗Oſt ſteuern wolltet, um den Nordpol zu errei⸗ chen. Ich habe gewiſſenhaft die eine Hälfte unſeres Ueberein⸗ kommens ausgeführt; und für eine Hälfte haben Sie nur bezahlt, wie ſie wiſſen.“ „Es ſoll dir ſchwer werden, zu beweiſen, daß du auch nur dieſes Wenige gethan haſt.“ „Wollen einmal unſer Logbuch darüber zu Rathe ziehen. Ich ließ mich dazu anwerben, den Hügel hinaufzugehen bis zum Hauſe der guten Admiralswittwe, und daſelbſt gewiſſe Abänderungen, die wir jetzt nicht erſt zu nennen brauchen, in meinen Behaup⸗ tungen zu machen.“ „Und die du nicht gemacht, ſondern im Gegentheil dadurch vereitelt haſt, daß du eine ſchnurſtracks entgegengeſetzte Geſchichte erzählteſt.“ „Wahr.“ „Wahr, Hallunke?« Wenn nach Recht mit dir verfahren würde, ſo ſollte die vertrautere Bekanntſchaft mit einem Strick deine wohlverdiente Belohnung ausmachen.“ „Hu, welch' ein Windſtoß von Worten!— Wenn Euer Schiff ebenſo in die Kreuz und Quer ſteuert wie Eure Gedanken, Ka⸗ pitän, ſo wird Eure Fahrt nach Süden ziemlich zickzack gehen. Haltet Ihr es für einen alten Mann, wie ich bin, nicht für leichter, ein paar Lügen zu ſagen, als jene lange und ſteile Anhöhe hinan⸗ 15* 228 zuklimmen? Streng genommen, hatte ich bereits mehr als meine halbe Obliegenheit erfüllt, als ich bei der gläubigen Wittfrau an⸗ langte; und dann beſchloß ich, den halben Lohn, den ich noch be⸗ kommen ſollte, auszuſchlagen, und mich lieber von der andern Partei beſchenken zu laſſen.“ „Niederträchtiger!“ ſchrie Wilder, den der heftige Unwille etwas verblendete,„ſelbſt deine Jahre ſollen dich nicht länger vor Strafe ſchützen. He, da vorne! bemannt die Schute, Maat, und bringt mir den alten Kerl dort in dem kleinen Boot an Bord des Schiffes. Achtet auf ſein Geſchrei nicht; das Geſchäft, das ich mit ihm ab⸗ zumachen habe, kann nicht ganz ohne Geräuſch in's Reine gebracht werden.“ Der Schiffsgehilfe, an den dieſer Zuruf gerichtet war, und der ihn erwiederte, ſprang nun auf die Gallerie, wo er das bleine Fahrzeug gewahrte, auf welches er Jagd machen ſollte. In we⸗ niger als einer Minute war er mit noch vier Mann in der Schute, und ruderte um das Schiff herum, um auf die Seite zu kommen, wo die Erreichung ſeines Zweckes möglich war. Der ſelbſtgetaufte Robert Bunt that einen oder zwei Ruderſchläge, und ſetzte feder⸗ leicht über die Wogen zwanzig bis dreißig Klafter weg, von wo er gehalten hatte, lachte in ſich hinein, wie Einer, der ſich über das Gelingen ſeiner Liſt freut, ohne im Mindeſten über die Fol⸗ gen beſorgt zu ſcheinen. Sobald jedoch die Schute nun hervor⸗ kam und ſichtbar wurde, legte er ſich mit kräftigen Armen an's Werk, und überzeugte bald die Zuſchauer im Schiffe, daß es einige Mühe koſten würde, ihn einzuholen. Eine Zeitlang war es zweifelhaft, was für einen Lauf der Flüchtling zu nehmen gedächte; denn er that nichts, als daß er in ſchnellen und plötzlichen Wendungen und Kreiſen eine geraume Zeit ſeine Verfolger verwirrte, und durch ſeine geſchickten und leichten Evolutionen ihre Anſtrengung vereitelte. Doch endlich war er dieſer höhnenden Beluſtigung müde, oder vielleicht auch y/ — Iu y/ 229 beſorgt, ſeine Kräfte zu erſchöpfen, und im Nul ſchoß er wie ein Pfeil in gerader Linie dahin, auf den Rover los. Die Jagd wurde nun heiß und ernſt, und erregte das Bei⸗ fallsgeſchrei der meiſten von den zuſchauenden Matroſen. Anfangs ſchien der Ausgang zweifelhaft: doch gewann endlich die Schute, nachdem ſie den Widerſtand des Stroms beſiegt hatte, dem Boote mehr und mehr Seeraum ab, obgleich ſie noch immer eine Strecke hinter demſelben zurückblieb. Allein es dauerte keine drei Minu⸗ ten, ſo ſchoß letzteres unter den Spiegel des andern Schiffes, und da der Rumpf deſſelben mit dem Laufe der Carolina in einer Linie lag, ſo verſchwand es den Augen der Zuſchauer ſowohl als ſeiner Verfolger. Dieſe ſäumten nun nicht, dieſelbe Richtung zu nehmen; und die Matroſen des letztgenannten Schiffes fingen nun an, lachend an der Takelage hinaufzuklimmen, um über den dazwiſchenliegen⸗ den Rumpf des Sklavenſchiffes wegſehen zu können. Indeſſen war auf der Meeresfläche jenſeits durchaus kein Boot zu ſehen, nichts bewegte ſich auf der See bis an die fernliegende Inſel mit ihrem kleinen Fort. In ein paar Minuten ſah man die Mannſchaft der Schute langſam ihren Weg zurückrudern, wie Leute, die in ihrer Erwartung getäuſcht worden. Alles lief nun an die Seite des Schiffes, um den Ausgang des Abenteuers zu hören; der Lärm der ſich auf einen Punkt hindrängenden Menge zog ſelbſt die beiden Damen aus der Kajüte auf's Verdeck. Statt jedoch den Fragen ihrer Kameraden mit dem, Seeleuten ſo gewöhnlichen Wortreichthum entgegen zu kommen, ſahen die Leute in der Schute ganz verdutzt und erſchrocken aus. Ihr Offizier ſprang auf's Deck, ohne einen Laut von ſich zu geben, und ſuchte ſeinen Commandeur. „Das Boot war zu behende für Sie, Herr Nighthead,“ be⸗ merkte gelaſſen Wilder, der während des ganzen Auftritts ſich nicht von ſeinem Platze bewegt hatte. 3 „Zu behende, Herr! Kennen ſie den Menſchen, der darin ruderte?2« »„Nicht ganz genau: aber ein Spitzbube iſt's, ſo viel weiß ich.“ 230 „Das kann freilich nicht anders ſein, da er mit dem Teufel verwandt iſt.“ „Ich getraue mir zwar nicht zu ſagen, daß es ſo arg mit ihm ſtehe, wie Sie zu glauben ſcheinen, wenn ich auch eben nicht viel Urſache habe, zu denken, er beſitze ſo viel überflüſſige Ehrlichkeit, daß er einiges davon über Bord werfen könnte. Was iſt aus ihm geworden?“ „Das iſt leicht gefragt, aber ſchwer zu beantworten. Erſtlich kniff der alte Graukopf ſein Schiffchen vorwärts, daß es Euch aus⸗ ſah, als ſchwämm' es in der Luft. Wir waren nicht eine Minute, höchſtens zwei, hinter ihm; als wir aber das Sklavenſchiff um⸗ ſegelt hatten, waren Boot und Bootsmann verſchwunden l“ „Sehr natürlich, er ſteuerte dicht an der Schiffsſeite herum, während Ihr bei dem Spiegel vorbeikreuztet.“ „Sie haben ihn alſo geſehen?“ „Ich geſtehe, nein.“ „Das konnte er nicht, mein Herr, wir ruderten weit genug vom Schiffe ab, um nach beiden Seiten hinſehen zu können; über⸗ dieß wußten die Leute auf dem Sklavenhändler nichts von ihm.“ „Saht Ihr die Mannſchaft des Sklavenſchiffs?“ „Ich hätte ſagen ſollen, der Mann darauf; denn dem Anſcheine nach iſt nur Einer am Bord.“ „Und wie war der beſchäftigt!“ „Er ſaß auf einem der Wandtaue, und ſchien eben vom Schlafe aufzuwachen. Es iſt ein träges Schiff, Herr, das ſich von ſeinem Eigenthümer wahrſcheinlich mehr geben läßt, als es verdient!“ „Kann ſein. Gut, laßt ihn laufen, den Spitzbuben. Maſter Earing, es ſcheint ein Seewind im Anzuge, wir wollen doch unſre Bramſegel wieder aufziehen, damit er uns zum Empfang bereit finde. Noch gebe ich die Hoffnung nicht auf, ſo weit zu kommen, daß wir die Sonne im Meere untergehen ſehen.“ Die Schiffsgehilfen und übrige Mannſchaft gingen nun munter 2 — „H — 231 an ihre Arbeit. Jedoch konnten die verwunderten Matroſen ſelbſt beim Aufziehen der Segel, um den Wind einzuladen, ihre Neu⸗ gierde nicht unterdrücken, und richteten an Die, welche in der Schute geweſen waren, mannigfaltige Fragen, wofür ſie gar feierliche Ant⸗ worten erhielten. Während deſſen wendete ſich Wilder zu Miſtreß Wyllys, die ſeinem kurzen Geſpräch mit dem Maat zugehört hatte. „Sie ſehen, Madame,“ ſagte er, daß wir unſre Reiſe nicht ohne bedeutſame Vorzeichen antreten.“ „Wenn Sie, räthſelhafter Menſch, mir mit jener Ihnen oft eigenen aufrichtigen Miene darzuthun ſuchen, daß wir nicht weiſe handeln, uns der See anzuvertrauen, ſo bin ich faſt geneigt, Ihren Worten Glauben beizumeſſen; allein der Verſuch, die Zauberei in Ihr Intereſſe zu ziehen, um Ihrer Zumuthung Eingang zu ver⸗ ſchaffen, kann nur die entgegengeſetzte Wirkung haben.“ „Anker gelichtet!“ ſchrie Wilder mit einem Blick, der ſeinen Reiſegefährtinnen zu ſagen ſchien: ‚„Wenn ihr denn ſo kühnen Muthes ſeid, an Gelegenheit, ihn zu zeigen, ſoll es euch nicht fehlen'.„Heda, Mannſchaft, an's Gangſpill! wir wollen noch einmal verſuchen, mit dem Winde in die freie See zu kommen, ſo lange es noch hell iſt.“ 3 Nun das Geklapper der Handſpeichen, nun der Geſang der Matroſen, wie ſie ſich, ſchweren, abgemeſſenen Trittes um das Gangſpill drehten. So wurde die Eiſenwucht in ein paar Minuten dem Boden entriſſen, und das Schiff zum zweiten Mal von den Banden, die es feſthielten, entfeſſelt. Der Wind kam bald friſch vom Meere her, klamm und mit ſalzigen Theilen des Elementes geſchwängert. So wie er in die ſchwellenden, gleichmäßig ausgebreiteten Segel ſiel, beugte ſich das Schiff tief vor dem willkommenen Gaſt, und als es ſich eben ſo zierlich wieder erhob, ertönte in dem Labyrinth des Tauwerks das Spiel des Windes, die lieblichſte Muſik für Matroſenohren. Die willkommenen Töne und die Friſche der ganz eigenthümlichen 23² Luft erhöhten das Kräftige in den Bewegungen der Leute. Das Anker wurde eingeſtaut, die leichteren Segel bei⸗, das Schiff in Gang geſetzt, die unteren großen Tücher von ihren Ragen losgelaſſen, und ehe wieder zehn Minuten vorüber waren, ſprühte der Waſſerſtaub zu beiden Seiten der Carolina, wie ſie vor dem Winde dahinrauſchte. Wilder hatte nun die Löſung der Aufgabe: das Schiff zwiſchen den Inſeln Rhode und Connannicut hindurchzuführen, ſelbſt über⸗ nommen. Bei der großen Verantwortlichkeit, der er ſich dadurch unterzogen, war es ein glücklicher Umſtand, daß die Durchfahrt durch die Meerenge nicht ſchwierig war, und der Wind ſich hin⸗ länglich nach Oſten gedreht hatte, um es ihm, nach einigem Segeln dicht beim Winde, leicht zu machen, den Kanal in einem einzigen Zuge zurückzulegen. Allein wenn er einen großen Theil ſeines vortheilhaften Pfades nicht verlieren wollte, ſo mußte er in ſeinem Zuge hart am Rover vorbei. Er war nicht unſchlüſſig. Sobald das Fahrzeug der Küſte luvwärts ſo nahe war, als nach ſeinem geſchäftigen Senkblei für rathſam erachtet werden konnte, ließ er durch den Wind wenden, ſo daß das Schiff mit ſeinem Vorder⸗ theil auf den noch immer bewegungs⸗ und ſcheinbar achtloſen Sklavenhändler zu liegen kam. Die zweite Annäherung der Carolina fand unter weit günſti⸗ geren Umſtänden Statt, als die frühere. Der Wind blies nicht in Flagen wie vorher, ſondern ſtetig, und die Mannſchaft hielt das Schiff im Zügel, wie ein gewandter Reiter das Feuer ſeines ſchnaubenden Hengſtes bändigt. Bei alle Dem war keine Seele auf dem Briſtoler Kauffahrer, welche die Vorüberfahrt nicht in athemloſe Erwartung deſſen, was da kommen ſollte, geſetzt hätte. Ein Jeder war aus einer verſchiedenen Urſache äußerſt geſpannt. Für die Seeleute hatte das Schiff nachgerade den Charakter des Wunderbaren angenommen; die Gouvernante und ihr Zögling waren bewegt— ſie wußten ſelbſt kaum warum— indeß Wilder nur zu gut unterrichtet war von der Art der Gefahr, in welcher F F — 233 Alle, er ſelbſt ausgenommen, ſchwebten. Schon war der Steuer⸗ mann im Begriff, ſeinem Matroſenſtolz huldigend, das Steuerrad wie vorher zu drehen, daß ſie luvwärts vorbeikämen, und aller⸗ dings war der Verſuch jetzt nicht ſo gefährlich; allein er erhielt die entgegengeſetzte Weiſung. „Bei der Leeſeite des Sklavenhändlers vorbeigefahren, Herr!“ ſagte Wilder zu ihm mit gebieteriſcher Geberde, und ging dann ſelbſt nach der Gallerie der Luvſeite, um, wie jeder andere müſſige Zuſchauer auf dem Verdeck, den Gegenſtand, dem ſie ſich nun ſo ſchnell näherten, mit prüfendem Blick anzuſchauen. Wie die Ca⸗ rolina kühn ſich nahte, den Wind gleichſam vor ſich hertragend, war aus dem fremden Schiffe kein anderer Ton zu vernehmen, als das Geſeufze des Windes durch das leiſe bewegte Tauwerk. Kein einziges menſchliches Antlitz, nicht einmal ein heimliches, neu⸗ gieriges Auge, war zu erſpähen. Die Vorüberfahrt war natürlich ſehr raſch; nur eine Sekunde; und kaum lagen Vordertheile und Spiegel beider Schiffe parallel, da glaubte Wilder, der vermeint⸗ liche Sklavenhändler würde thun, als bemerkte er gar nicht, daß ſie vorüberſegelten, allein er irrte ſich. Eine leichte, behende Ge⸗ ſtalt, in der Unteruniform eines Flottenoffiziers, ſprang auf den obern Theil des Spiegels und ſchwenkte die Mütze zum Gruß. Sobald die blonden Locken das Geſicht des Grüßenden umwehten, erkannte Wilder das feurige Auge und die ſprechenden Geſichtszüge des Rover. „Glauben Sie, daß ſich der Wind ſo halten wird, mein Herr?“ rief dieſer, ſo laut er konnte. „Wohl möglich, da er ſo ſteif angefangen hat.“ „Ein kluger Seemann würde ſeinen Oſtwind ganz und bei Zeit benutzen; mir riecht der Wind ziemlich weſtindiſch.“ „Sie ſind der Meinung, er wird ſich mehr nach Süden drehen?“ „Ja; doch die Segel nur ſtraff beim Winde gehalten, ſo ge⸗ winnt Ihr ſchon das Weite.“ Jetzt war die Carolina vorüber, und jetzt wendete ſie ſich ſchon 234 mit dem Winde, quer vor dem Sklavenhändler, wieder in ihr erſtes Kielwaſſer; da ſchwenkte die Geſtalt auf dem Hackbord noch ein⸗ mal die Mütze zum Lebewohl hoch in die Luft, und verſchwand. „Iſt es möglich, daß ein ſolcher Mann Handel mit menſchlichen Weſen treiben kann!“« rief Gertraud aus, als beider Stimmen nicht mehr ertönten. Da ſie keine Antwort erhielt, drehte ſie ſich um, ihre Gefähr⸗ tin anzuſehen. Die Gouvernante ſtand da, wie ein Weſen im Zuſtand der Verzückung. Ihre Augen blickten in das Leere, denn ſie hatten immer noch dieſelbe Richtung, obgleich das Schiff ſie ſchon längſt zu weit getragen hatte, um das Geſicht des Fremden noch erreichen zu können. Gertraud faßte ihre Hand und wieder⸗ holte die Frage, da kehrte ihr erſt die Beſinnung wieder, und mit der Hand über die Stirn hinfahrend, unſtäten Blickes, und ein Lächeln erzwingend, ſagte ſie: „Liebe, wenn ſich Schiffe begegnen, oder irgend ein Ereigniß zur See ſich vor meinen Augen erneut, ſo beleben ſich immer meine früheſten Erinnerungen. Gewiß, das war kein gewöhnliches Weſen, was ſich endlich blicken ließ in dem Sklavenſchiffe dort.“ „Ein höchſt ungewöhnliches, in der That, für einen Sklaven⸗ händler!« Die Wyllys ſtützte ihr Haupt einen Augenblick auf die eine Hand, und drehte ſich dann um, Wilder zu ſuchen. Der junge Seemann ſtand ihr nah, und prüfend ruhte ſein Auge auf ihrem Geſichte, mit einer Theilnahme, die faſt eben ſo auffallend war, als ihre eigene gedankenvolle Miene. „Sagen Sie mir, junger Mann, iſt jenes Individuum der Com⸗ mandeur des Sklavenſchiffes?« „Das iſt er.“ „Sie kennen ihn?« „Wir begegneten ſchon einander.“ „Und er heißt?“ ger ein ſein hat mer übe von leiſ Inſ Nor loſe Rei ſah es verf glaf im! „Befehlshaber jenes Schiffes. Weiter weiß ich keinen Namen von ihm.“ „Gertraud, ſuchen wir unſre Kajüte. Herr Wilder wird ſchon ſo gut ſein, uns ſagen zu laſſen, wenn das Land zu verſchwinden anfängt.“ Dieſer machte eine bejahende Verbeugung, und die Damen ver⸗ ließen das Verdeck. Die Carolina hatte nun die Ausſicht, unge⸗ ſäumt die offene See zu gewinnen. Um dieſes Ziel zu erreichen, hatte Wilder Alles, was weiter bringen konnte, ſo vortheilhaft als möglich beigeſetzt. Dennoch wandte er wohl hundertmal den Kopf um, einen verſtohlenen Blick nach dem überſegelten Schiff zu werfen. Es lag in der Bai noch ſo, als wie ſie vorüberfuhren, ein ſym⸗ metriſcher, ſchöner, aber unbewegter Gegenſtand. Nach jeder die⸗ ſer heimlichen Unterſuchungen blickte unſer Abenteurer unabänder⸗ lich auf die Segel ſeines eigenen Schiffes, wobei eine gewiſſe Auf⸗ geregtheit und Ungeduld unverkennbar waren, indem er bald das eine Segel ſtraffer an die Spiere anzuziehen, bald das andere an ſeiner Stenge geräumiger auszureffen befahl. Dieſe Beſorgkichkeit, verbunden mit ungemeiner Sachkenntniß, hatte die Wirkung, daß der Briſtoler Kauffahrteifahrer durch's Ele⸗ ment dahinſchoß, mit einer Schnelle, die er ſelten oder niemals übertroffen hatte. Es dauerte nicht lange, ſo hörte das Land auf von den Schiffsſeiten aus ſichtbar zu ſein; nur eine leiſer und leiſer werdende Spur davon war noch zu erkennen in den blauen Inſeln hinter ihnen, und in dem blaſſen Streif am Horizont nach Norden und Weſten hin, wo das unermeßliche Feſtland ſich zahl⸗ loſe Meilen lang ausſtreckt. Nun wurden die beiden weiblichen Reiſenden aufgefordert, vom Lande Abſchied zu nehmen, und man ſah die Offiziere mit der Aufzeichnung der Abreiſe beſchäftigt. Wie es zu dunkeln begann, und die Inſeln eben ganz in den Wogen verſanken, ſtieg Wilder auf eine der oberen Ragen mit einem Fern⸗ glaſe in der Hand. Er blickte lange, angelegentlich, und ganz im Anſtaunen verſunken, in die Ferne, doch ſtieg er mit einem be⸗ 236 ruhigtern Auge und gelaſſenerer Miene wieder herunter. Das Lächeln, welches guten Erfolg zu begleiten pflegt, ſpielte um ſeine Lippen; und in einer heitern, Muth einflößenden Stimme ertheilte er ſeine Befehle, denen eben ſo munter gehorcht wurde. Die ältlicheren unter den Matroſen wieſen auf die See hinter dem Schiffe hin, und behaupteten, daß die Carolina niemals in ſolchem Grade Fahrt gemacht habe. Die Gehilfen ließen die Loglinie ſchießen, und nickten ſich Beifall zu, als ſie ſich von dem ungewohnten Fluge des Schiffes überzeugten. Mit einem Worte, Zufriedenheit und Heiterkeit herrſchte am Bord; denn die Zeichen, unter welchen man die Reiſe begann, ſchienen ſo glückbedeutend, daß man einer baldigen und erwünſchten Beendigung derſelben entgegen ſah. Mitten unter dieſen ermuthigenden Vorbedeutungen tauchte die Sonne in den Ocean, im Sinken einen weiten Streif des kalten und düſteren Elementes mit Glanz bedeckend. Darauf fingen die Schatten der abendlichen Stunde an ſich zu ſammeln über der unabſehbaren Oberfläche der gränzenloſen See. Vierzehntes Kapitel. So trüb und hell ſah ich noch keinen Tag. Macbeth. Act I., Sc. 3. Die erſte Wache der Nacht war durch keinen Wechſel bezeich⸗ net. Wilder hatte ſich zu ſeinen Reiſegefährtinnen begeben, heiter und mit jenem freudigen Weſen, welches kein Seeoffizier ganz verbergen kann, wenn es ihm gelungen iſt, ſein Fahrzeug durch die Gefahren, die demſelben in der Nähe von Land in Menge drohen, unbeſchädigt hindurch zu führen, und wenn kein Zweifel mehr iſt, daß es ſich nun auf der weiten, pfadloſen, unergründ⸗ lichen Tiefe des Oceans befinde. Keine Anſpielung mehr auf das Gewagte der Fahrt, nein, er bemühte ſich durch die tauſend na⸗ menloſen Aufmerkſamkeiten, die ihm vermöge ſeiner Stellung zu mun Sch als droll trau weni matl neue von getre T Aben mand War ſeiner fühl, C gegen tend, Lüftch Das eine ilte Die dem hem ßen, uge und chen iner ſah. die lten die der Tag. eich⸗ iter ganz urch enge eifel ind⸗ das na⸗ zu 237 Gebote ſtanden, alle Erinnerungen an das Vergangene wegzu⸗ ſcheuchen. Miſtreß Wyllys gab ſich auch ſeinem nicht zu verken⸗ nenden Beſtreben, ihre Beſorgniſſe zu beſchwichtigen, willig hin, und wer nicht wußte, was ſich früher zwiſchen Beiden zugetragen, würde den kleinen, um die Abendmahlzeit verſammelten Kreis für eine Gruppe zufriedener Reiſenden genommen haben, die, einander vollkommen verſtehend und trauend, ihr Unternehmen unter den glücklichſten Vorbedeutungen beginnen. Es war indeſſen ein Etwas in dem gedankenvollen Auge und der umwölkten Stirne der Gouvernante, wenn ſie von Zeit zu Zeit den irren Blick auf unſern Abenteurer richtete, was nichts weniger als ein ruhiges Gemüth bezeichnete. Sie hörte ſeine munteren und, wegen der vielen Seeausdrücke, eigenthümlichen Scherze mit einem zugleich nachſichtigen und traurigen Lächeln an, als riefe ſeine jugendliche Heiterkeit, die ſich in einem beſonders drolligen, Seemännern eigenen Humor äußerte, wohlbekannte aber traurige Bilder ihr vor die Seele. In Gertrauds Vergnügen war weniger bittere Miſchung; ihr lachte die ſchöne Ausſicht einer Hei⸗ math, mit einem geliebten und liebenden Vater, und bei jedem neuen Ruck des Schiffes kam es ihr vor, als ſei nun wieder eine von den langweiligen Meilen, die ſie ſo lange von ihrem Vater getrennt hatten, glücklich beſiegt. Während dieſer kurzen aber angenehmen Stunden erſchien der Abenteurer, der auf eine ſo ſeltſame Weiſe den Beruf zum Kom⸗ mando des Briſtolers bekommen hatte, in einem neuen Lichte. War auch männliche Offenheit eines Matroſen der Hauptzug in ſeiner Unterhaltung, ſo war ſie doch gemildert durch ein Zartge⸗ fühl, welches auf eine höchſt ſorgfältige Erziehung ſchließen ließ. Gar manchmal kämpfte Gertrauds ſchöner Mund vergebens gegen ein Lächeln an, welches, ſich von den weichen Lippen flüch⸗ tend, auf den Grübchen in ihren Wangen ſpielte, gleich einem Lüftchen, das den Spiegel eines Silberbaches kräuſelt; und ein⸗ 238 oder zweimal, als der Humor Wilders plötzlich ihre jugendliche Einbildungskraft durchkreuzte, durchbrach die Natur allen Zwang der Etiquette, und das Mädchen überließ ſich der unwiderſtehli⸗ chen Neigung zur Fröhlichkeit. Eine Stunde zwangloſen Umgangs auf einem Schiffe erweicht eher die ſtarre, äußere Kruſte, welche die Welt um die beſten menſchlichen Gefühle zieht, als ganze Wochen der nichtsſagenden, nichtsbedeutenden Ceremonien auf feſtem Lande. Wer zur See geweſen iſt, und dieſe Wahrheit nicht an ſich erfahren hat, der thut wohl, in ſeine geſelligen Eigenſchaften einiges Mißtrauen zu ſetzen. Wenn der Menſch ſich einſam auf dem Meere ſieht, dann fühlt er am tiefſten und wahrſten, wie ſehr ſein Glück von ſeinen Mitgeſchöpfen abhängig iſt, dann werden ihm Gefühle heilig, mit denen er im Uebermuth des Ueberfluſſes freventlich ſpielte, dann gewährt ihm nichts erhebenden Troſt, als das Mitgefühl menſchlicher Weſen. Ge⸗ meinſchaftliche Gefahr erzeugt gemeinſchaftliche Theilnahme, mag es nun Perſonen oder Vermögen betreffen. Ein Pſychologe dürfte vielleicht noch hinzufügen, daß auf der See ein Jeder die Lage und das Schickſal des Andern als den bloßen Anzeiger ſeiner eigenen Lage, ſeines eigenen Schickſals betrachte, und deßwegen mehr Werth darauf zu legen ſcheine. Wenn dieſer Schluß Wahrheit enthält, ſo müſſen wir der Vorſehung danken, die Beſſeren unter den Menſchen ſo geſchaffen zu haben, daß dieſes niedrige Gefühl in ihnen zu tief verborgen liegt, um entdeckt, um von der Perſon ſelbſt gewahr zu werden. Wenigſtens gehörte Niemand von den Dreien, welche die erſten Stunden des Abends um den Tiſch in der Kajüte der Royal Carolina zubrachten, zu einer ſo ſelbſtſüchtigen Klaſſe. Die Frei⸗ herzigkeit des Augenblicks ſchien die ſo ausgezeichnet zweideutige Art ihres früheren Umgangs ganz in Vergeſſenheit gebracht zu haben; oder vielmehr die Erinnerung an das Geheimnißvolle der Umſtände und an die Theilnahme des jungen Mannes an ihrem Schickſal diente nur, ihn den Damen noch intereſſanter zu machen. 239 bliche Die Schiffsglocke hatte eben acht Uhr geſchlagen, und der vang heiſere, langanhaltende Ruf, welcher die ſchläfrigen Matroſen auf's tehli⸗ Verdeck rief, erſchallte, ehe die kleine Geſellſchaft gewahrt hatte, daß die Zeit ſchon ſo vorgerückt ſei. veicht»s iſt die mittlere Wache,“ ſagte Wilder und lächelte über beſten Gertraud, wie ſie bei dem unbekannten Ton zuſammenſchreckte und nden, aufhorchend daſaß, einem furchtſamen Reh ähnlich, wenn der Schall See des Jägerhorns ſein Ohr getroffen.„Wir Seeleute ſind nicht thut immer muſikaliſch, wie Sie hören können, meine Damen. Bei etzen. alle Dem aber klangen die Töne des Rufenden Ihnen bei weitem er am nicht ſo unmelodiſch als gewiſſen Ohren auf dieſem Schiffe.“ öpfen„Sie meinen die Schlafenden?“ ſagte Miſtreß Wyllys. er im„Ich meine die Wache unten, die zum Dienſt gerufen wird. t ihm Der Matroſe des Fockmaſts kennt in dieſer Welt nichts Süßeres Ge⸗ als den Schlaf, weil es eben der ungewiſſeſte aller ſeiner Genüſſe mag iſt. Der Commandeur hingegen kennt keinen Gefährten, der ver⸗ dürfte rätheriſcher wäre.“ e und„Und warum iſt dem Obern der Schlaf minder ſüß, als dem genen gemeinen Matroſen?« mehr„Weil das Kiſſen, worauf ſein Haupt ruht, Verantwortlichkeit thält, heißt.“ nſchen„Sie ſind ſehr jung, Herr Wilder, für das Ihnen anvertraute zu tief Kommando.“ ahr zu„Im Dienſte zur See wird man früher alt, als ſonſt.“ he die„So ſollte man ihn lieber aufgeben!“— ſagte Gertraud etwas Royal haſtig. e Frei⸗„Aufgeben!“ erwiederte er, und blickte ſie, einen Augenblick deutige inne haltend, feſt an.„Ich kann eben ſo leicht die Luft, die icht zu ich athme, aufgeben.“ lle der„Gehören Sie Ihrem jetzigen Stande ſchon ſo lange an?“ nahm ihrem Miſtreß Wyllys das Geſpräch wieder auf, indem ſich ihr Auge, welches nachen. bisher tief ſinnend auf Gertraud geruht hatte, auf Wilder wendete. 240 „Ich habe Urſache, zu glauben, daß ich zur See geboren wurde.“ „Glauben! Wiſſen Sie denn nicht, wo ſie geboren ſind? „Was dieſes wichtige Ereigniß im menſchlichen Leben betrifft, ſo muß wohl ein Jeder dem glauben, was ihm Andere davon ſagen, wiſſen kann er's nicht,“ ſagte Wilder lächelnd.„Meine höchſten Erinnerungen verſchmelzen ſich mit dem Anblick des Meeres, ſo daß ich mich wirklich kaum zu den Landgeſchöpfen zu rechnen wage.“ „Wenigſtens ſind Sie dann glücklich geweſen in Beziehung auf Die, welche über Ihre Erziehung und die Tage Ihrer Kindheit wachten.“ „Das bin ich!“ antwortete er mit vielem Nachdruck, fuhr mit der flachen Hand flüchtig über die Stirn, ſtand dann auf, und fügte traurig lächelnd hinzu:„Und nun zu meiner letzten Pflicht in den vierundzwanzig Stunden. Fühlen Sie ſich geneigt, einen Blick in die Nacht zu thun? Eine ſo erfahrene und muthige See⸗ fahrerin ſollte ihre Hängematte nicht eher beſuchen, als bis ſie ſich vom Zuſtand des Wetters unterrichtet hat.“ Sie nahm ſeinen gebotenen Arm an, und ſchweigend ſtiegen ſie die Treppe der Kajüte hinan, Beide ſcheinbar in Betrachtun⸗ gen verſunken. Die jugendlichere, regſamere Gertraud folgte, und Alle begaben ſich auf die Schanze des Schiffes. Die Nacht war nicht ſo ſehr finſter als nebelicht. Der volle und glänzende Mond war zwar aufgegangen; allein er verfolgte am Abendhimmel ſeinen Pfad hinter düſteren Wolkenmaſſen, die viel zu dicht waren, als daß ſeine erborgten Strahlen ſie hätten durchdringen können. Hier und dort machte ſich wohl ein ein⸗ ſamer Strahl Bahn durch einen minder dichten Dunſtkörper, und ſchimmerte auf dem Waſſer gleich der bleichen Erleuchtung eines fer⸗ nen Kerzenlichtes. Da der Wind ſtraff von Oſten blies, ſo ſchien der bewegte Spiegel der See mehr Licht auszuſtrahlen*) als er erhielt; *) Der Autor vermuthet, daß jeder Seemann ihm gerne die Thatſache bezeu⸗ gen wird, daß, zumal auf dem atlantiſchen Meere, das Leuchten der See bei Oſt⸗ de.“ von eine res, ge.“ auf heit mit und licht inen See⸗ ſich egen tun⸗ und volle egte die ttten ein⸗ und fer⸗ der ielt; bezeu⸗ Oſt⸗ 241 es folgten einander lange Linien weißen, gleißenden Schaumes, die, freilich nur auf Augenblicke, der Oberfläche der Gewäſſer eine Helle gaben, welche dem Himmel oben abging. Das Schiff neigte ſich ſtark auf eine Seite hin, und jedes Mal, wie es eine friſche Woge durchſchnitt, bildete ſich ein weiter Halbkreis von Schaum vor ihm her, gleichſam als tanzte das Element vor ſei⸗ nem Pfade daher. Allein wenn auch die Zeit günſtig war, der Wind nicht entſchieden conträr, und der Himmel wohl düſter, aber nicht drohend ausſah, ſo lieh ein gewiſſes irres, ‚für den Blick eines Nicht⸗Matroſen unnatürliches“, Licht der ganzen Scene das Anſehen der ödeſten Verlaſſenheit.“ Gertraud fuhr etwas in ſich zuſammen, als ſie auf's Verdeck kam, ein Ton ſchauerlichen Entzückens entſchlüpfte ihr unwillkürlich. Auf die dunkel wallenden Wogen am Horizont, wo jenes über⸗ natürliche Leuchten am ſtärkſten zu bemerken war, ſchaute auch Frau Wyllys hin, und fühlte tief, wie ſo ganz ſie ſich in den Händen des Weſens befände, welches die Waſſer wie das Land erſchaffen hat. Für Wilder hatte das Schauſpiel nicht mehr Er⸗ regendes, wie ein heiteres Himmelsgewölk für die auf dem Lande; er war des Anblicks zu gewohnt, um noch dadurch zur Andacht oder zum Entzücken hingeriſſen werden zu können. Aber anders war es mit ſeiner jugendlichen und ein wenig zur Schwärmerei geneigten Reiſegefährtin. Der Schauer des erſten Anblicks ging in die Flut der Bewunderung über, und ſie rief: „Eine monatlange Gefangenſchaft in einem Schiffe wird über⸗ ſchwänglich belohnt durch einen einzigen ſolchen Anblick! Ach, Herr Wilder, Sie ſind ein glücklicher Menſch, Sie können dieſes Schauſpiel genießen, ſo oft Sie wollen.“ „Ach ja, es iſt recht angenehm, gewiß. Ich wollte, der Wind räumte um einen oder zwei Punkte! Dieſer Himmel will mir winden lebhafter iſt, als bei Weſtwinden; obgleich er ſich nicht anmaßt, das Phä⸗ nomen phyſikaliſch erklären zu wollen. Der rothe Seeräuber. 16 242 nicht gefallen, jener nebelige Horizont auch nicht, und am allerwe⸗ nigſten dieſe ſo ſchlaffe Kühlte nach Oſten zu.“ „Das Schiff ſegelt ſehr ſchnell,“ erwiederte ruhig Miſtreß Wyllys, welche bemerkte, daß der junge Mann ſeine Gedanken unüberlegt laut werden ließ, und ſich keine gute Wirkung davon auf ihre Pflegebefohlene verſprach.„Wenn es ſo fort geht, ſo ſteht uns eine ſchnelle und glückliche Fahrt bevor.“ „Wahr!“ rief Wilder, als wenn er jetzt erſt ihre Gegenwart bemerkte,„wahr, ſehr wahr, höchſt wahrſcheinlich! Earing, die Luft wird zu ſtark für die Segeltücher, beſchlagt alle Bramſegel und braßt ſie dichter beim Winde. Wenn der Wind ſo fortfährt Oſt⸗ bei⸗Süd, ſo können wir nicht ſchnell genug weiter hinaus in's Freie.“ Die Antwort des Offiziers drückte diejenige Bereitwilligkeit und den Gehorſam aus, welcher Seeleuten gegen ihre Vorgeſetzten eigen iſt; einen Augenblick prüfte er, umherſchauend, die Wetter⸗ zeichen, und ſchritt alsdann zur Ausführung des Befehls. Wäh⸗ rend die Leute auf den Raaen die leichteren Segel zuſammenſchnür⸗ ten, nahmen die Damen einen andern Platz ein, um dem jungen Commandeur bei der Verrichtung ſeines Amtes nicht hinderlich zu ſein. Allein dieſe Verrichtung war Wildern eine ſo gewöhnliche, daß ſie ſeine Aufmerkſamkeit nicht feſſelte, und kaum hatte er den Befehl ertheilt, ſo ſchien er ſich deſſen auch nicht mehr bewußt. Noch ſtand er auf demſelben Fleck, wo er beim Heraufſteigen aus der Kajüte zuerſt den Ocean und den Himmel erblickt hatte; noch war ſein Blick wie angeheftet an den beiden Elementen, ob er gleich den wechſelnden Richtungen des Windes folgte, der zwar nicht ſtürmiſch war, doch in heftigen und mürriſchen Stößen auf die Segel eindrang. Nach langer ängſtlicher Unterſuchung murmelte er ſeine Gedanken vor ſich hin, und begann raſchen Schrittes auf dem Verdeck auf⸗ und abzugehen, doch nicht ohne zuweilen plötz⸗ lich auf eine Sekunde inne zu halten, während welcher er nach dem Punkt des Kompaſſes hinſchaute, von woher die Windſtöße 243 rwe⸗ kamen, als wenn er dem Wetter nicht ganz traute, und gerne mit dem ſcharfen Blick die Hülle der Nacht durchdringen möchte, ſtreß um irgend eine ſchmerzliche Ungewißheit los zu werden. Endlich nken hielt er bei einer jener raſchen Wendungen, die er jedesmal am von Ende ſeiner kurzen Spazierbahn zu machen pflegte, ſeine Schritte , ſo an. Miſtreß Wyllys und Gertraud ſtanden nahe genug, um in ſeinem ängſtlich forſchenden Geſicht leſen zu können. Sein Auge wart wendete ſich plötzlich nach der entgegengeſetzten Seite, und weilte „die auf einem entfernten Punkt im Meere. ſegel 3„Trauen Sie dem Wetter nicht?« fragte endlich die Gouver⸗ Oſt⸗ nante, als ſein langes, zögerndes Forſchen ihr von ſchlimmer eir. Vorbedeutung ſchien. gkeit„Wenn der Wind ſo wie jetzt ſteht, muß man ſich nicht lee⸗ tzten wärts nach den Wetterzeichen umſehen;“ war die Antwort. tter⸗„Was ſehen Sie denn dort, das Ihre Blicke ſo ſehr feſſelt?« Wäh⸗ Wilder erhob ſeinen Arm und wollte eben ſprechen; dann ließ dnür⸗ er ihn wieder ſinken, drehte ſich auf dem Abſatz herum, murmelte ngen etwas von ‚Täuſchung⸗ vor ſich, hin und ging noch raſcheren ch zu Schrittes als vorher auf und ab. liche, Seine Gefährtinnen beobachteten ſeine ungewöhnlichen, ſchein⸗ den bar unwillkürlichen Bewegungen mit Erſtaunen, und nicht ohne bußt. ein heimliches Regen des Entſetzens. Sie richteten nun die Blicke aus leewärts über die Ausdehnung des bewegten Meeres hin, konnten noch aber weiter nichts entdecken, als die ſich überſtürzenden Wogen, b er deren obere Umriſſe von weißem Schaume, der erſtarrenden Waſ⸗ nicht ſerwüſte ein noch öderes und ſchauerlicheres Anſehen gaben. f die„Wir können nichts ſehen,“ ſagte Gertraud, als Wilder wie⸗ nelte der im Gehen inne hielt, und wie vorher in's Leere hineinſtarrte. 3 auf„»Schaut!“ antwortete er, ihre Blicke mit dem Finger leitend: plötz⸗„Iſt nichts dort?« nach„Nichts.“ ſtöße„Sie ſehen auf's Meer. Hier, juſt wo das Himmelsgewölbe 16* 244 die Waſſer berührt, längs jenem Streifen nebeligen Lichtes, wo ſich die Wogen heben wie kleine Landhügel. Dort— jetzt fällt die Woge wieder, und mein Auge täuſchte mich nicht. Beim Himmel! es iſt ein Schiff!“ „Ein Segel, ahoi!“ rief eine Stimme aus dem Maſtkorb, die in den Ohren unſers Abenteurers wie das Kreiſchen eines böſen über die See hinſchwebenden Geiſtes tönte. „Weß Weges?“ wurde raſch gefragt. „Hier auf unſerer Leeſeite, Sir,“ ſchrie der Matroſe oben, ſo laut er konnte.„So viel ich erkenne, iſt's dicht beim Winde das Schiff; eine ganze Stunde hat's mehr einem Nebel als einem Schiffe gleich geſehen.“ „Ja wohl, er hat recht,“ brummte Wilder vor ſich hin;„und doch iſt's ſeltſam, daß ein Schiff gerade dort ſein ſollte.“. „Und warum ſeltſamer, als daß wir hier ſind 2 fragteßrauWyllys. „Warum!“« ſagte der Jüngling, ſie mit bewußtloſen Blicken anſtarrend.„Es iſt ſeltſam, daß es dort ſteht. Wollte Gott, es ſteuerte nordwärts.“ „Allein Sie erklären ſich nicht. Sollen wir immer,“ fuhr ſie mit einem Lächeln fort,„nur Warnungen von Ihnen bekommen, ohne Gründe? Halten Sie uns eines Grundes ſo ganz unwürdig, oder jedes Gedankens über Seegegenſtände für unfähig? Der Verſuch iſt Ihnen nicht gelungen, und Sie ſind zu raſch in ihrem Urtheil. Stellen Sie uns einmal auf die Probe, vielleicht halten wir uns beſſer, als Sie erwarten.“ Wilder lächelte leiſe und machte eine Verbeugung, als wenn er jetzt erſt zur Beſinnung käme, ließ ſich aber auf keine Erklärung ein, ſondern richtete wieder den Blick nach der Seite des Meeres, wo das fremde Segel ſein ſollte. Die Damen folgten ſeinem Beiſpiel, doch immer mit demſelben ſchlechten Erfolge. Gertraud drückte ihren Verdruß darüber aus, und die weichen Töne der Klagenden fanden den Weg zum Gehör unſeres Abenteurers. ge ge Se zar un kat der Ni paf in mö daß Go ſteu Höl in! oder Sie der und wo fällt Beim , die böſen oben, Linde einem „und yllys. licken Gott, hr ſie zmen, irdig, Der ihrem halten wenn ärung eeres, einem traud e der 8. 245 „Sie ſehen den Streifen bleichen Lichtes,“ ſagte er, den Fin⸗ ger über die See ausſtreckend.„Die Wolken haben ſich etwas gehoben dort, nun verſperrt uns der Waſſerſtaub den Anblick. Sehen nicht die Spieren im Wiederſchein des Gewölks wie ein zartes Spinngewebe aus, und doch ſehen Sie alle Verhältniſſe, und die drei Maſten eines ſtattlichen Fahrzeuges.“ Unterſtützt durch dieſe Leitung erſchaute Gertraud endlich den kaum bemerkbaren Gegenſtand, und es gelang ihr endlich auch, den Blick ihrer Erzieherin auf den rechten Punkt hinzuleiten. Nichts als ſchillernde Umriſſe waren noch ſichtbar, von Wilder paſſend genug mit einem Spinngewebe verglichen. „Es iſt ganz gewiß ein Schiff!« ſagte Frau Wyllys,„aber in ſehr großer Ferne.“ „Hm! wünſchte wohl, ſie wäre größer. Irgendwo, nur dort möchte ich das Schiff nicht ſehen.“ »Und warum nicht dort? Haben Sie Urſache, zu befürchten, daß ein Feind an jenem Flecken auf uns lauert?“ »Nein, aber doch will mir ſeine Lage nicht gefallen. Wollte Gott, es liefe nordwärts!«“ „Es iſt irgend ein Fahrzeug aus dem Hafen von Newport, und ſteuert einer der königlichen Inſeln in der caraibiſchen See zu.“ »Nein,“ ſagte Wilder kopfſchüttelnd;„kein Schiff von der Höhe von Neverſink konnte mit dem jetzigen Winde jenen Punkt in der offenen See erreichen.“ „Iſt's vielleicht ein Schiff, das mit uns dieſelbe Reiſe macht, oder nach einer Bai der mittleren Kolonien geht?“ »Wäre das, ſo würde ſein Pfad nicht ſo räthſelhaft ſein. Sieh! Der Fremde treibt im Winde.“ „Es iſt vielleicht ein Kauffahrer oder Kreuzer, der von einem der genannten Orte herkommt.“ 1 „Auch nicht. Dazu blies der Wind während der letzten acht⸗ undvierzig Stunden viel zu viel Nord.“ 246 „Es iſt ein Fahrzeug, das wir eingeholt haben, und welches aus den Gewäſſern des Sundes von Long⸗Island kommt.“ „Das iſt noch das Einzige, was wir hoffen können,“ melte Wilder mit halbunterdrückter Stimme. Die Erzieherin hatte die obigen Vermuthungen nur aufgeſtellt, um dem Befehlshaber der Carolina einige Auskunft, mit der er ſo hartnäckig an ſich hielt, zu entlocken, allein jetzt hatte ſie ihre ganze Sachkenntniß erſchöpft, und mußte entweder gerade herausrücken mit der Frage, oder abwarten, bis es ihm beliebte, ſich freiwillig näher zu erklären. Indeß war Wilder in einem viel zu aufgereg⸗ ten Gedankenzuſtande, um ihr zu geſtatten, den Gegenſtand über⸗ haupt für jetzt zu verfolgen. Er berief nach einer kleinen Weile den Erſten der Wache zu ſich, und ſie beriethen ſich heimlich meh⸗ rere Minuten lang. Der unerſchrockene, aber nichts weniger als ſcharfſichtige Seemann, der den zweiten Rang im Schiffe führte, konnte in der Erſcheinung eines fremden Segels gerade an dem Orte, wo die blaſſe Luftgeſtalt des unbekannten Schiffes noch im⸗ mer ſichtbar blieb, nichts ſonderlich Merkwürdiges finden, und erklärte es ohne Anſtand für einen ehrlichen Kauffahrer, der, wie ſie, eine rechtmäßige Handelsreiſe mache. Sein Oberer ſchien indeſſen nicht derſelben Anſicht zu ſein, wie aus dem kurzen Ge⸗ ſpräch, das ſie wechſelten, hervorging. „Iſt's nicht ungewöhnlich, daß es gerade dort ſteht?“ fragte Wilder, nachdem ſie abwechſelnd den ſchwachbemerkten Gegenſtand mit einem vortrefflichen Nachtweiſer näher erforſcht hatten. „Es wünſcht offenbar mehr in's Freie, hierherzu,“ erwiederte der nach ſeinem Buchſtaben gehende Seemann, welcher für nichts als die bloße nautiſche Lage des Fremden Auge hatte;„und ein Dutzend Meilen weiter Oſt, könnte in der That uns ſelbſt nicht ſchaden. Hält der Wind ſo fort, oſt⸗ſüd⸗halb⸗ſüd, ſo thut uns das Freie, ſo weit es nur zu ſehen, ſehr Noth. Zwiſchen Hat⸗ teras und dem Golf blieb ich auch einmal feſtſitzen....“ mur⸗ — 247 lches„Aber ſehen Sie denn nicht, daß es da ſteht, wo kein Fahr⸗ zeug ſtehen könnte oder ſollte, es müßte denn mit uns genau von mur⸗ einem und demſelben Ort herkommen?“ unterbrach ihn Wilder. „Nichts, was aus irgend einem Hafen, ſüdlich von Newport, ſtellt, ſegelte, konnte ſo weit nordwärts bei ſolchem Winde; von der⸗ er ſo Kolonie York aber kann nichts, was nach Oſten ſegeln will, ſo ganze mit dem Vordertheil ſtehen, und will es ſüdlich ſegeln, vollends ücken nicht an jenem Punkte.“ villig Dem langſamen, aber geſunden Ideengang des ehrlichen Maa⸗ ereg⸗ ten war dieſes Raiſonnement, das dem Leſer etwas unklar ſein über⸗ dürfte, deutlich genug; denn ſein Kopf enthielt eine Art Seekarte, Weile welche er zu jeder Zeit, mit klarer Unterſcheidung zwiſchen den meh⸗ zweiunddreißig Winden und allen verſchiedenen Punkten des Kom⸗ r als paſſes, zu Rathe ziehen konnte. Daher leuchtete nun, nach der ihrte, erhaltenen Anleitung, ſeinem ſeemänniſchen Verſtande bald ein, dem 1 daß es mit den Folgerungen ſeines jungen Vorgeſetzten doch wohl him⸗ ſeine Richtigkeit haben könnte; und nicht lange, ſo ging er weiter und nooch als dieſer, indem Verwunderung ſich ſeiner ſtumpferen Ur⸗ „wie theilskraft bemächtigte. ſchien„Ja wahrhaftig,'s iſt geradezu unnatürlich, daß der Wicht Ge⸗ juſt dort ſtehen ſollte!“ erwiederte er mit bedächtigem Kopfſchüt⸗ teln; wollte aber damit nichts weiter ſagen, als daß er es mit ragte ſeinen Ideen von Seefahrerkunſt nicht zuſammenreimen konnte; ſtand vich ſehe die Weisheit deſſen, was Sie ſagen, wohl ein, Herr Kapitän, und der Verſtand ſteht mir ſtille dabei. Es iſt aber derte doch, aller moraliſchen Gewißheit nach, ein Schiff!“ nichts„Das unterliegt keinem Zweifel; aber ein höchſt ſonderbar d ein ſtationirtes Schiff!“ nicht„Ich doublirte das Kap der guten Hoffnung im Jahre 46,“ uns fuhr der Andere fort,„und ſah ein Schiff liegen, da, auf unſerer Windſeite(dem Wicht dort juſt entgegengeſetzt, da er leewärts von uns ſteht), aber dort ſah ich ein Schiff eine ganze Stunde Hat⸗ 248 lang uns quer vor dem Kiel ſtehen, und ungeachtet, daß wir den Azimutal⸗Kompaß richteten, regte es ſich nicht einen Schritt wäh⸗ rend der ganzen Zeit, ſteuerbord oder backbord, was bei dem ſchlechten Wetter, das wir hatten, wenigſtens etwas Außerge⸗ wöhnliches genannt werden konnte.“ „Es war merkwürdig!“ erwiederte Wilder mit einem ſtieren Blick, welcher bewies, daß er ſich mehr mit ſich ſelbſt unterhielt, als auf die Rede ſeines Gefährten Acht gab. »Matroſen erzählen, daß der ‚fliegende Holländer“ auf der Höhe des Vorgebirges zu kreuzen pflege, und oft von der Windſeite her auf Fremde losſteure, als wollte er ſie entern. Gar mancher kö⸗ nigliche Kreuzer war, wie das Sprüchwort geht, kaum vom ſüßen Schlafe aufgewacht, da ſahen die Topgaſten oben einen Zweidecker, die Pfortgaten offen, die Batterien aufgepflanzt, in der Nacht auf ſie zuſegeln; indeſſen, dieſes dort kann doch kein dem Hollän⸗ der ähnliches Fahrzeug ſein, indem es höchſtens, wenn überhaupt ein Kreuzer, eine große Kriegsſchaluppe iſt.“ „Nein, nein,“ ſagte Wilder,„dieſes iſt auf keinen Fall der Holländer.“ „Das Fahrzeug zeigt gar keine Lichter, und was das anbe⸗ trifft, ſo hat es mir ein ſo nebeliges Ausſehen, daß noch die Frage iſt, ob es überhaupt ein Schiff ſei. Für's Andere läßt ſich der Holländer nur immer luo⸗ab ſehen, hingegen liegt das ſeltſame Segel dort ganz auf unſerer Leeſeite!“ „Es iſt kein Holländer,“ ſagte Wilder mit einem tiefen Athem⸗ zuge, wie Einer, der von einer Geiſtesabweſenheit ſich erholt. „Heda, im Maſtkorb oben, hoi!« Der angerufene Matroſe erwiederte den Gruß auf die übliche Weiſe, wie denn überhaupt daß kurze Geſpräch, das folgte, eher aus einem Geſchrei, als aus artikulirten Worten beſtand. »Wie lange ſchon ſiehſt du das fremde Segel?“ war Wilders erſte Frage. 5 den väh⸗ dem rge⸗ eren ielt, döhe her kö⸗ ißen ker, auf än⸗ nupt der lbe⸗ die ſich das em⸗ olt. iche her ers — —yp— 249 „Ich komme eben erſt herauf; aber der Kamerad, den ich ab⸗ löste, ſagte, ſchon über eine Stunde.“ „Und iſt der Andere, den du abgelöst haſt, herabgekommen? oder was ſeh' ich dort leewärts auf dem Maſte ſitzen?“ „'s iſt Robert Brace, Sir; er ſagt, er könne nicht ſchlafen, und wolle auf der Raa ſitzen bleiben und mir Geſellſchaft leiſten.“ „Schick' ihn herab, ich will ihn ſprechen.“ Unter der Zeit, daß der ſchlafloſe Matroſe am Tauwerk herunter⸗ ſtieg, verharrten die beiden Offiziere im Schweigen, und Jeder ſchien ganz mit dem Nachdenken über das Vorgefallene beſchäftigt. „Und warum biſt du nicht in deiner Hängematte?“ ſagte Wilder etwas rauh zu dem Matroſen, der eben in Folge ſeiner Ordre auf die Schanze herabkam. „Ich ſteuerte gerade nicht ſchlafwärts, Euer Gnaden, und da wollt' ich denn noch ein Stündchen droben zubringen.“ „Und warum biſt du, der du ſo ſchon zwei Nachtwachen haſt, ſo bereit, eine dritte freiwilligerweiſe zu thun?“ „Die Wahrheit zu geſtehen, Herr, ich habe einige ſchlimme Ahnungen, was dieſe Fahrt anbelangt, ſchon von dem Augenblick an, wo wir die Anker lichteten.“ Miſtreß Wyllys und Gertraud, welche dieß Geſpräch mit an⸗ hörten, traten bei den letzten Worten unwillkürlich näher, und lauſchten mit einer Aufmerkſamkeit, deren hoher Grad ſich durch das Spiel ihrer Nerven und den ſchnelleren Puls verrieth. „Haſt auch deine Zweifel, Kerl!“ rief der Kapitän etwas ver⸗ ächtlich.„Darf man fragen, was du hier am Bord geſehen haſt, um dem Schiffe nicht zu trauen?“ „Fragen iſt erlaubt, Euer Gnaden,“ erwiederte der Seemann, und zerknitterte den Hut zwiſchen ſeinen Händen, die einen Griff hatten, ſo feſt wie zwei eiſerne Schrauben,„drum hoff' ich, Antwor⸗ ten auch. Seht, ich ſchlug ein Ruder in der Schute heut' früh, die auf den Graubart Jagd machte, und ich müßte lügen, wenn 250 ich ſagte, daß mir die Art, wie er uns entwiſcht iſt, gefallen hätte. Zum Andern hat das Schiff dort auf der Leeſeite Etwas, das mir den Kopf durchkreuzt wie ein Wurfanker, und ich geſtehe, Euer Gnaden, ich würde wenig Fahrwaſſer zurücklegen im Schlafe, wenn ich's auch in einer Hängematte verſuchen wollt'.“ „Wie lange iſt's her, daß du das Schiff entdeckteſt?« fragte Wilder ſtreng. „Ich will nicht ſchwören, daß es überhaupt ein wirkliches leben⸗ diges Schiff iſt, was ich entdeckt habe, Herr. Etwas hab' ich ge⸗ ſehen, vor Schlag ſieben, und dort iſt's noch zu ſehen, von Jeder⸗ mann, der Augen hat, gerade ſo hell und juſt ſo trüb wie vorher.“ „Und wie hat es geſtanden, als du es zuerſt ſaheſt.“ „Mochte zwei oder drei Punkte mehr dwars ab ſtehen, als jetzt.« „Dann ſegeln wir ihm vorüber!“ ſchrie Wilder mit einer nicht zu verbergenden Freude.“. „Nein, Euer Gnaden, nein. Sie vergeſſen, daß das Schiff dichter in den Wind hält, ſeit die Mitternachtswache abgelöst iſt.“ „Wahr,“ erwiederte ſein junger Befehlshaber mit einem Tone getäuſchter Hoffnung;„wahr, ſehr wahr. Und hat es ſeine Rich⸗ tung nicht geändert, ſeit du es entdeckteſt?“ „Nicht nach dem Kompaß, Herr. Jenes iſt ein ſchnelles Boot, ſonſt könnt' es nimmermehr mit der Royal Carolina aushalten, noch dazu bei ſtraffen Segeln, wo ein Schiff erſt recht zeigt, was es kann, wie Jedermann weiß.“ „Geh', mach' daß du in deine Hängematte kommſt. Am Mor⸗ gen können wir den Wicht vielleicht beſſer beobachten.“ „Und, hör' Kerl!“ ſchärfte ihm der zweite Offizier, welcher aufmerkſam zugehört hatte, noch ein,„daß du die Leute unten nicht wach hältſt mit einer Erzählung ſo lang wie das kurze Ka⸗ beltau! Leg' dich ſchlafen, und laß die Uebrigen, die ein reines Gewiſſen haben, in Ruhe.“ „Herr Earing,“ ſagte Wilder, als der Matroſe ſich zögernd 251 ſtockte,„was Sie ſagen:.... Ueberdieß Niemand kann vorausſagen, wie lange eine Kühlte anhalten, oder von woher ſie blaſen mag.“ „Das iſt's, Niemand kann für Wetter ſtehen. Die Leute ſind noch kaum in ihren Hängematten; rufen Sie lieber alle auf Ein⸗ mal heraus, ehe ihre Augen vom Schlafe ſchwer ſind, und laſſen Sie uns dann das Schiff umdrehen.“ Sogleich ließ der Gehilfe den wohlbekannten Ruf ertönen, der die Wache unten aufforderte, ihren Gefährten auf dem Verdeck zur Hilfe zu eilen; es geſchah ohne Verzug. Nun kein vernehmbarer Laut, als die kurzen, gehorſamerregenden Kommando⸗Worte aus Wilders Mund. Nicht länger nach dem Winde hin gedrückt, be⸗ gann das Schiff ziemlich das Vordertheil aus den Wogen zu heben, und ſo den Wind recht von der Seite zu bringen. Darauf, ſtatt wie bisher, gegen die zahlloſen Wogen anſtemmend, und ſie wie ein Weſen, das ſich ſchwer auf ſeinem Pfade fortarbeitet, erklimmend, fiel das Schiff in eine hohle See, und flog nun wie ein Renner, der, nach⸗ dem er eine Anhöhe überwunden, mit verdoppeltem Fluge den Weg dahinſchießt. Einen Augenblick lang ſchien es, als wollte der Wind lunen, obgleich die langen Schaumräder der Wellen, welche von beiden Seiten des Schiffes herabrollten, hinlänglich bewieſen, daß es leicht vor dem Winde einherſchwamm. Noch einen Augenblick, ſo fingen die höchſten Spieren an, ſich wieder nach Weſten zu neigen, und das Schiff ſtieß gegen den Wind an, bis es wieder eben ſo heftig, wie zuvor, bald gegen die Wogen kämpfte, bald von ihnen herabſtürzte. Als jede Rage und jedes Segel gehörig geſetzt war, um der neuen Lage des Schiffes zu entſprechen, ſchaute ſich Wilder ängſtlich nach dem Fremden um. Eine Minute verging, — wo er nun ſtehen mußte, ausfindig m ſolchen Chaos von Waſſer, mit urtheilskraft, täuſcht ſich das Auge vertrauteren Gegenſtänden ehe er genau den Punkt, machen konnte; denn in eine keinem andern Wegweiſer als leicht, indem es an den näheren, ihm hangen bleibt. „Der Fremde iſt verſchwunden!“ ſagte Earing mit einer Stimme, von der ſich nicht leicht ſagen ließ, was in ihr vorherrſchte, das Befreitſein von einer Beſorgniß oder zages Mißtrauen, daß doch nicht Alles richtig ſein möchte. „Er muß doch auf dieſer Seite ſein; allein ich geſtehe, ich kann ihn nicht ſehen!“ „Ja, ja, Herr; gerade ſo ſoll der mitternächtliche Kreuzer am Vorgebirge der guten Hoffnung kommen und gehen. Es gibt Leute, welche ihn in einen Nebel gehüllt geſehen haben, während rund umher der ſchönſte Sternenhimmel glänzte, den ſie je in einer ſüdlichen Breite bemerkten. Aber das kann doch bei alle Dem der Holländer nicht ſein, da es ſo viele lange Meilen von der Küſte Nordamerika's bis zur Höhe des Kaps hin iſt.“ „Hier liegt er; und, beim Himmel, er hat ſchon gewendet!“ ſchrie Wilder. Die Wahrheit der eben von unſerm jungen Abenteurer ge⸗ machten Behauptung fiel in der That jetzt jedem Seemanne in die Augen. Dieſelben nebelichten, verjüngten Umriſſe waren wie vor⸗ her auf dem hellen Hintergrunde des drohenden Horizontes zu be⸗ merken, und ſahen den ſchwächeren Schatten nicht unähnlich, welche die Täuſchung einer Laterna Magica auf eine lichtere Fläche hinzuzaubern pflegt. Aber den Matroſen, welche die verſchiedenen Linien an den Maſten ſo genau unterſcheiden können, war es klar genug, daß das fremde Schiff plötzlich und gewandt ſeinen Lauf geändert habe, und nun nicht mehr, wie vorher, ſüdweſt, ſondern wie ſie ſelbſt, ſeine Fahrt nord⸗oſt machte. Die Thatſache machte offenbar einen großen Eindruck auf Alle; obgleich ſich aus einer dig nit uge den me, das doch ich am eute, rund einer Dem der det le⸗ ge⸗ n die vor⸗ u be⸗ nlich, Fläche denen s klar Lauf ondern nachte einer 253 Prüfung der Urſachen eines Jedweden ergeben hätte, daß dieſe von ſehr verſchiedener Gattung waren. »Das Schiff hat wirklich gewendet!“ rief Earing, nach einer langen Pauſe voll Nachdenkens und mit einer Stimme, in der das Mißtrauen mit der Furcht um die Herrſchaft ſtritt.„So lange ich die See befahre, habe ich noch nie ein Fahrzeug, einer ſolchen See von vorne trotzend, wenden geſehen. Der Wind muß es bei unſerem letzten Hinſchauen fürchterlich hin⸗ und hergerüttelt ha⸗ ben, ſonſt hätten wir es nicht aus den Augen verloren.« »Einem muntern und leicht gehandhabten Schiff iſt ſo Etwas ſchon möglich,« ſagte Wilder,„zumal wenn viele ſtarke Hände darauf ſind.“ „Fürwahr, die Hand Beelzebubs iſt immer ſtark; ihm iſt's ein Leichtes, das ſchwerfälligſte Fahrzeug zum Segeln zu zwingen.“ „Herr Earing,“ unterbrach ihn Wilder,„wir wollen vorſpan⸗ nen, ſo viel wir können, und verſuchen, ob unſere Carolina die⸗ ſen höhnenden Fremden nicht todtſegeln kann. Setzen Sie das große Halstau zu und laſſen Sie das Bramſegel los.“ Gern hätte der Gehilfe, dem dieß nicht einleuchten wollte, Gegenvorſtellungen gemacht, allein der Muth dazu fehlte ihm; in dem ruhigen, gemäßigten, dabei aber doch tiefen Tone des jungen Befehlshabers war ein gewiſſes Etwas, welches ihm ſagte, es ſei zu gewagt, ihm zu widerſprechen. Unrecht hatte er keines⸗ wegs, wenn er den eben erhaltenen Auftrag als einen ſolchen be⸗ trachtete, der nicht ohne Gefahr wäre. Schon bewegte ſich das Schiff unter ſo vielen Segeln, als ſeiner Anſicht nach ſich kaum mit der Klugheit vertrug, zumal bei einer ſolchen Stunde und ſo vielen am Horizont umher erſcheinenden Vorzeichen von noch ungünſtigerem Wetter. Die nöthigen Ordres wurden jedoch mit derſelben Saumloſigkeit, wie ſie Wilder ertheilte, weiter gefördert. Auch die Matroſen hatten ſchon angefangen, den Fremden näher in's Auge zu faſſen, und unter einander über deſſen Erſcheinung 254 und Stellung dieß und das zu ſchwatzen; ſie vollzogen die Be⸗ fehle mit einer Lebendigkeit, deren Urſprung wohl kein anderer war, als der geheime, von jedem Einzelnen gehegte Wunſch, aus der gefährlichen Nachbarſchaft zu kommen. Die Segel waren raſch eines nach dem andern beigeſetzt; und nun ſtand ein Jeder mit verſchränkten Armen da und ſchaute feſt und unverrückt hin auf den ſchattigen Punkt auf der Leeſeite, um zu erſpähen, was für Wirkung das Manöver haben würde. Die Royal Carolina ſchien, wie die Mannſchaft auf ihr, ein Gefühl zu haben, der größere Schnelligkeit Noth thue. Beim Druck der großen Maſſe Leinwand, die eben ausgebreitet wurde, beugte ſich das Schiff tiefer, ſo daß es auf dem Waſſer, welches auf der Leeſeite faſt bis zu den Speigaten ging, mehr zu liegen als zu ſegeln ſchien, während auf der andern Seite die ſchwarzen Planken und das polirte Kupfer mehrere Fuß breit entblößt lagen, obgleich oft beſpült von den Wellen, die längs dem Schiff pfeil⸗ ſchnell und zürnend daherwogten, noch immer wie gewöhnlich mit leuchtendem Schaum behelmt. Die Stöße, wie das Fahrzeug. gegen die Wogen ankämpfte, wurden von Augenblick zu Augen⸗ blick heftiger; und nach jedem Aufeinanderſtoßen erhob ſich eine durchſichtige Wolke Waſſerſtaubs, die endlich ſchimmernd auf's Verdeck herniederfiel, oder als glänzender Nebel vom Winde quer über die rollenden Gewäſſer leewärts gejagt wurde. Mit aufgeregter Miene, dabei aber mit der ganzen Beſonnen⸗ heit eines Seemannes beobachtete Wilder das Schiff. Ein⸗ oder zweimal, als es bebte und in ſeinem fürchterlichen Anlauf gegen eine Woge inne zu halten ſchien, ſo plötzlich, als wenn es gegen einen Felſen angelaufen wäre, öffnete er den Mund, um den Be— fehl zu geben, die Segel zu vermindern; doch immer ſchien der Blick auf das Nebelbild am weſtlichen Horizont ſeinen Vorſatz zu ändern. Gleich einem verzweifelten Abenteurer, der auf eine einzige Karte ſein ganzes Vermögen geſetzt hat, ſchien er den 255 Ausgang mit einer eben ſo ſtolzen als unbeſiegbaren Entſchloſſen⸗ heit abwarten zu wollen. „Die Stenge dort biegt ſich wie eine Peitſche,“ murrte der beſorgte Earing dicht an Wilders Seite. »Mag ſie doch brechen; wir haben genug Vorrath an Spieren, um ihre Stelle zu erſetzen,“ war die Antwort. „Ich habe noch immer gefunden, daß die Carolina Waſſer zog, wenn ſie über ihre Kräfte angeſtrengt wurde, durch ſchuelles Segeln gegen den Strom.“ „Wir haben Pumpen.“ »Sehr wahr; allein meiner geringen Meinung nach iſt die Hoffnung, ein Fahrzeug todt zu ſegeln, worin der Teufel in Per⸗ ſon kommandirt, wenn er es nicht ganz und gar allein handhabt, eine vergebliche.“ „Um dieß zu wiſſen, Herr Earing, muß man erſt den Verſuch machen.“ „Wir hatten es mit dem Holländer auch verſucht; und zwar nicht blos indem wir alle Segel ausbreiteten, ſondern auch beim günſtigſten Wind: und was hat es geholfen? Da lag er blos mit aufgeſpannten Treiber⸗, Klüver⸗ und drei Bramſegeln; und wir, mit Leeſegeln von unten bis hinauf gepackt, konnten ſeine Richtung nicht um einen Fuß ändern.“ „Man ſieht den Holländer nie in einer nördlichen Breite.“ „Ich kann freilich das Gegentheil nicht behaupten,“ erwiederte Earing mit einer Art von erzwungener Ergebung;„allein der, welcher jenen Vogel auf die Höhe des Kaps geſetzt hat, kann die Küſtenfahrt leicht ſo vortheilbringend gefunden haben, daß ihn die Luſt anwandelte, ein zweites Schiff in dieſe Gewäſſer zu ſchicken.“ Wilder gab keine Antwort. Entweder war er es müde, der abergläubiſchen Furcht ſeines Gehilfen zu Gefallen zu reden, oder ſein Geiſt war mit dem Hauptgegenſtand zu ſehr beſchäftigt, um bei etwas Anderem verweilen zu können. 256 Trotzdem, daß die Wogen, welche ſich dem Lauf des Briſtoler Kauffahrteiſchiffes entgegenſetzten, zahllos auf einander folgten, und daher deſſen Fortſchritt ſehr verzögerten, ſo hatte es ſich doch eine Stunde Wegs durch das bewegte Element vorwärts gekämpft. Beim Herabſtürzen von einer Woge zertheilte der Bug jedesmal eine Waſſermaſſe, die mit jeglichem Augenblick an Größe und Heftigkeit zuzunehmen ſchien; und mehr als einmal war der kämpfende Rumpf des Schiffes nach vornen zu ganz begraben in einer Woge, welche hinanzuklimmen oder zu zertheilen es gleich wenig im Stande war. Die Matroſen beobachteten genau die geringſte Bewegung ihres Fahrzeugs. Stundenlang verließ auch nicht Einer von ihnen das Verdeck. Die abergläubiſche Furcht, die den unaufgeklärten Geiſt des erſten Schiffsgehilfen befangen hielt, hatte ſich bald bis zu dem unterſten Schiffsjungen hinab verbreitet. Sogar der Unfall, der ihren früheren Commandeur betroffen, und die plötzliche und geheimnißvolle Art, wir der junge Offizier zuerſt unter ſie kam, welcher jetzt unter ſo ſchreckenerregenden Umſtänden mit einer auffallenden Feſtigkeit und Ruhe auf der Schanze auf⸗ und abging, trugen jetzt dazu bei, den fanatiſchen Eindruck zu ſteigern. Daß die Carolina ſo großen Druck der Segel in ihrer gegenwärtigen Lage ohne Schaden ertragen konnte, erhöhte die ſchon entflammte Verwunderung der Matroſen, und ehe noch Wilder mit ſich auf's Reine gekommen war, welches Schiff wohl am meiſten aushalten könne, ſeines oder das, welches ſo unerklärlich am Horizont hing, war er ſelbſt ſeiner eigenen Mannſchaft der Gegenſtand unnatür⸗ licher und empörender Vermuthungen geworden. oler ten, doch pft. mal und der n in feeich hres das zeiſt zu fall, und am, iner ing, Daß gen mte uf's lten ing, tür⸗ 257 Fünfzehntes Kapitel. ——„In der Wahrheit Namen! ſeid Ihr Hirngeſpenſte, oder wahrhaft, was Dem äußerlichen Blick ihr ſcheint?⸗ Macbeth. Act I. Sc. 3. Der Aberglaube iſt eine Eigenſchaft, die auf dem Meere hei⸗ miſch zu ſein ſcheint. Wenig gemeine Matroſen ſind von dem größern oder geringern Einfluß deſſelben frei; nur die Formen, in denen er ſich äußert, ſind verſchieden, je nach den verſchiedenen Eigenthümlichkeiten und Anſichten der Nationen, welchen die See⸗ leute angehören. Der Matroſe des baltiſchen Meeres hat ſeine geheimen Ceremonien und eigene Weiſe, um die Götter des Win⸗ des zu verſöhnen; der Schifffahrer des Mittelmeeres zerzaust ſich das Haar und wirft ſich vor das Bild irgend eines ohnmächtigen Heiligen nieder, nicht ahnend, daß ſeine eigene Hand den Dienſt thun könnte, um den er fleht; während der erfahrene Britte die Geiſter der Todten im Sturme zu ſehen, und in den Windſtößen, welche über die See, die er befährt, daherſauſen, das Kreiſchen eines ertrunkenen Schiffsgefährten zu hören glaubt. Selbſt der mehr unterrichtete, und noch mehr klügelnde Amerikaner hat den geheimen Einfluß einer Sinnesweiſe nicht von ſich abſchütteln kön⸗ nen, die mit ſeinem Stande untrennbar verwebt zu ſein ſcheint. Es liegt eine Majeſtät in der Macht der gewaltigen See, durch welche die Zugänge zu jener Leichtgläubigkeit ſtets offen ge⸗ halten werden, welche mehr oder weniger den Geiſt eines Jeden bewältigt, wie ſehr er auch durch den Gedanken gekräftigt und aufgeklärt ſein mag. Das Himmelsgewölbe über ſich, eine unab⸗ ſehbare Waſſerwüſte um ſeinen Pfad her, iſt der weniger begabte Seemann bei jedem Schritt ſeiner Pilgerſchaft der Verſuchung ausgeſetzt, Beruhigung in irgend einem glückverkündenden Vor⸗ zeichen zu ſuchen, und da einige dieſer Vorzeichen wegen ihrer Der rothe Seeräuber. 17 258 Begründung in Natur und Viſſenſchaft zuverläſſig ſind, ſo dienen ſie nur, den Glauben an die vielen anderen zu erhalten, die nur aus der erregten Einbildungskraft oder der zaghaften Stimmung entſpringen. Die Sprünge des Delphins, das ernſthafte und ge⸗ ſchäftige Vorüberziehen des Meerſchweines, das ſchwerfällige Spiel des ungeſchlachten Wallfiſches, und das Gekreiſch der Seevögel haben alle, gleich den Zeichen der Wahrſager des Alterthums, gewiſſe entſprechende gute oder ſchlimme Folgen. Die Verwir⸗ rung zwiſchen Dingen, die erklärt, und Dingen, die nicht erklärt werden können, bringt das Gemüth des Seemannes endlich in einen Zuſtand, wo jedes aufregende und nichtſinnliche Gefühl will⸗ kommene Aufnahme findet, und wäre es auch blos, weil es, gleich dem Element, auf dem er ſein Leben zubringt, das Gepräge einer übernatürlichen, das heißt, einer ihm unbegreiflichen Macht an ſich trägt. Die Schiffsmannſchaft auf der Royal Carolina beſtand insge⸗ ſammt aus Kindern jener entfernten Inſel, aus der Schwärme von Nationen ausgegangen ſind und noch immer ausgehen, und deren Geſchick es wahrſcheinlich ſein Nird, ihren Namen einer Zeit zu überliefern, wo der Urſitz ihrer verfallenen Macht und Herrlichkei als ein Gegenſtand der Neugierde beſucht werden wird, gleich den Ruinen einer Stadt in einer Wüſte. Das Geſammte der Ereigniſſe jenes Tages, von dem wir jetzt ſchreiben, war geeignet genug, den verborgenen Aberglauben dieſer Leute hervorzurufen. Daß der, ihrem frühern Befehlshaber be⸗ gegnete Unfall, und die Art, wie ein Fremder deſſen Nachfolger in der Macht geworden war, ihre zweifelſüchtige Stimmung be⸗ deutend vermehrt hatte, iſt bereits von uns erwähnt worden. Das Fahrzeug leewärts nun erſchien für die Beglaubigung des Charakters unſeres Abenteurers ſehr zur Unzeit, da er noch keine paſſende Gelegenheit gefunden hatte, um ſich in dem Vertrauen ſeiner Untergebenen feſtzuſetzen, als dieſe unerwünſchten Umſtände gleie ſeine bloß⸗ bend 9 wo zu v Weiſ dieſer pflan ihn l würd über die a zu ſte da al deutu des nen nur ung ge⸗ piel ögel ms, vir⸗ lärt in vill⸗ leich iner an sge⸗ rme und iner und rden jetzt ieſer be⸗ lger be⸗ den. des eine nuen inde 259 ſich vereinigten, ihn mit dem plötzlichen Verluſt ſeiner kaum er⸗ langten Autorität zu bedrohen. Nur einmal erſt hat ſich eine Gelegenheit dargeboten, den Leſer in die Bekanntſchaft des Maats einzuführen, welcher in der Rangordnung auf dem Schiffe gleich auf Earing folgte. Er hieß Nighthead*), ein Name, welcher einigermaßen auf eine gewiſſe Umnebelung ſeines Capitoliums hinwies. Von ſeinen geiſtigen Eigenſchaften kann man einen Begriff erhalten durch die paar Bemerkungen, welche er zu machen für gut fand, als der alte Matroſe, den Wilder ſeinen Unwillen fühlen laſſen wollte, der nachſetzenden Schute entwiſcht war. Blos einen Grad über dem gemeinen Matroſen ſtehend, war dieſes Individuum auch weit mehr mit ihren Gewohnheiten und Anſichten vertraut, als Earing, und übte deßhalb einen weit größern Einfluß auf ſie; denn ob⸗ gleich er ſeinem Gefährten untergeordnet war, ſo galten doch ſeine Ausſprüche in allen Dingen, bei denen es ſich nicht um eine bloße Ausführung unbedingter Befehle handelte, als maßge⸗ bende Norm. Nachdem das Schiff gewendet war, und während der Zeit, wo Wilder, um ſeinen unwillkommenen Nachbar aus dem Auge zu verlieren, Alles aufbot, um es auf die bereits geſchilderte Weiſe gegen die ankämpfenden Wogen fortzuzwingen, hatte ſich dieſer eigenſinnige und abergläubiſche Matroſe auf die Kuhl ge⸗ pflanzt, wo einige der älteren und erfahreneren Seeleute ſich um ihn herumſtellten. Dieſe beſprachen ſich mit ihm über die merk⸗ würdige Erſcheinung des Phantoms auf der Leeſeite, dann auch über die außerordentliche Art, wie ihr ungekannter Befehlshaber die ausdauernden Kräfte ihres eigenen Fahrzeugs auf die Probe zu ſtellen beliebte. Wir wollen unſere Erzählung des Geſprächs da anfangen, wo Nighthead für gut fand, ſeine entfernteren An⸗ deutungen mit unumwundenen Erklärungen über den Gegenſtand des Geſpräches zu vertauſchen. *) Nachthaupt. 17* 260 »„Ich habe mir von älteren ſeefahrenden Leuten, als irgend welche, die ſich auf dieſem Schiffe befinden, erzählen laſſen,“ ſo fuhr er fort,„es ſei bekannt, wie der Teufel manchmal einen ſei⸗ ner Maaten an Bord eines ehrlichen Kauffahrers ſchicke, um den⸗ ſelbigen auf Untiefen und Sandgetriebe zu führen, und ein Wrack draus zu machen, damit ihm die Seelen der Leute als ſein An⸗ theil an ſelbigem zufallen mögen. Wer kann dafür ſtehen, was für Einer in die Kajüte kommt, wenn ein Unbekannter an der Spitze der Namensliſte eines Schiffes ſteht?“ „Das fremde Fahrzeug iſt in einer Wolke eingehüllt!“ rief einer der Seeleute, welcher auf die Philoſophie ſeines Oberen lauſchte, und zugleich ein Auge feſt auf den geheimnißvollen Ge⸗ genſtand zur Leeſeite gerichtet hielt. „Schon gut; mich ſollte es nicht Wunder nehmen, wenn es in den Mond hineinſegelte, das Schiff dort! das Glück gleicht einem Drehreffsblock und ſeiner Rage: wenn der eine aufſteigt, ſteigt die andere nieder. Es heißt, die Rothröcke zu Land ſeien ſiegreich geweſen, da iſt's denn freilich Zeit, daß wir ehrlichen Seeleute uns auf Sturm und Unheil gefaßt halten. Ich habe Kap Horn in einem königlichen Schiffe doublirt, Brüder, und ich habe die Glanzwolke geſehen, die nie untergeht, und habe ein lebendiges Dverlicht*) in meiner leiblichen Hand gehalten. Aber *) Dverlichter oder Irrlichter ſind eine Erſcheinung an den hoch in die Luft ragenden Körpern des Schiffes. Man ſieht nämlich an den Spitzen und Ecken der Maſten und Raaen bei einer Gewitterluft zuweilen rauſchende Flammen, welche ohne Schaden eine Zeitlang fortdauern. Schon die Alten bemerkten es oft. Plinius er⸗ zählt, er ſelbſt habe Sterne auf den Lanzen der Soldaten, und auf den Maſten der Schiffe geſehen, die ziſchend von einem Ort zum andern gehüpft wären. Zwei ſol⸗ cher Sterne waren Vorbedeutungen einer glücklichen Fahrt, und wurden von den Schiffern Caſtor und Pollux genannt: einer allein, der Helena hieß, bedeutete Un⸗ glück. Im Mittelalter wurde es für die Erſcheinung eines Heiligen gehalten, und daher von den Spaniern, Portugieſen und Italienern Corpo santo genannt(daher der engliſche und franzöſiſche Name Corposant; der Name St. Elmo's Feuer hingegen iſt wahrſcheinlich das verſtümmelte Helena der Alten, mit dem Sancko der Neueren ſonberbar genug verbunden). Seitdem der Blitz als eine elektriſche Erſcheinung be⸗ kannt iſt, ſind auch die Irrlichter, den Phänomen des elektriſchen Lichtes gemäß, als Zeichen der in Spitzen und Ecken eindringenden Elektricität angeſehen worden. Eine das ein Bei iſt, wie ſche Kat in wor dem Alle weg wär Fad Ton und bleil Teu ſoll, die bleil „ hat, deſſe ches 2) Spitze teten? an. dieſem Gewit irgend n,“ ſo hen ſei⸗ n den⸗ Wrack in An⸗ „ was in der „ rief Dberen n Ge⸗ nn es gleicht ſteigt, ſeien llichen habe nd ich be ein Aber die Luft ken der de ohne ius er⸗ ten der bei ſol⸗ on den ate Un⸗ t, und (daher ngegen keueren ung be⸗ iß, als Eine 261 das ſind Dinge, die Jeder ſehen kann, der bei ſtarkem Wind auf eine Rage ſteigen oder an Bord eines Südſeefahrers gehen will. Bei alle Dem aber behaupte ich, daß es etwas Ungewöhnliches iſt, wenn ein Schiff ſeinen eigenen Schatten im Nebel ſehen kann, wie wir das jetzt können(ſeht, dort kommt's wieder!— da, zwi⸗ ſchen der Hinterſegelſtange und den Pardunen); oder, wenn ein Kauffahrer Segel trägt, auf eine Manier, die jedes Krummholz in einer Bombenkitſe ſollte arbeiten machen, wie die Zahnbürſten, womit die Paſſagiers in ihren Mäulern hin⸗ und herſiedeln, nach⸗ dem ſie ein Sträußchen mit der Seekrankheit beſtanden haben.“ »Und doch hält der Junge das Schiff im Zügel,“ ſagte der Allerälteſte unter den Matroſen, der das Auge von Wilders Be⸗ wegungen nicht abwendete;„er jagt die Carolina toll genng vor⸗ wärts, das geb' ich zu; aber doch, bis jetzt hat er noch keinen Faden Hanf verloren.“ „Faden!“ wiederholte Nighthead in einem höchſt verächtlichen Tone;„was wollen Faden ſagen, wenn das ganze Tau reißen ſoll, und auf eine Manier, daß für den Anker keine Hoffnung übrig bleibt, außer am Bojereep? Laß dir'was ſagen, alter Bill, der Teufel läßt ſeine Geſchäfte niemals halb gethan. Was kommen ſoll, das kommt leiblich; da gilt kein Fortſchaffen, als wenn du die Kapitänsfrau in's Boot hinabläßſt, während er auf'm Verdeck bleibt, um zuzuſehen, daß Alles geht, wie es ſoll.“ „Herr Nighthead verſteht's, wie man ein Schiff zu handhaben hat, das Wetter mag ſein, wie es wolle!« ſagte ein Anderer, deſſen ganzes Weſen hinlänglich das Vertrauen verkündigte, wel⸗ ches er auf die Geſchicklichkeit des zweiten Schiffsgehilfen ſetzte. »„Dafür iſt mir Niemand Dank ſchuldig. Ich habe den Dienſt Spitze nimmt nicht ſowohl aus der Wolke ſelbſt, als vielmehr aus der um ſie verbrei⸗ teten Luft, die Mittheilung der Elektricität ſehr leicht und auf eine große Entfernung an. Die Irrlichter erſcheinen daher gewöhnlich bei ſtarkem Wind, werden aber von dieſem nicht bewegt, und ſind als Zeichen eines abnehmenden oder ſich zertheilenden Gewitters anzuſehen.(Röding.) 262 von der Pike an durchgemacht, und jedes Seil gehandhabt vom Logger bis zum Zweidecker hinauf. Wenig Leute können mehr Empfehlendes von ſich anführen, als ich; denn mein bischen Wiſſen hab' ich nicht in der Schule, ſondern durch viele harte Arbeit mir erworben. Aber was will Wiſſen oder ſelbſt Seefah⸗ rerkunſt ſagen gegen Zauberei, oder gegen das Thun eines ge⸗ wiſſen Jemand, den ich nicht nennen mag, da man nun einmal keinen Herrn unnöthigerweiſe beleidigen ſoll? Ich ſage, Brü⸗ der, dieſes Schiff iſt auf eine Manier beſpannt, die kein See⸗ mann, der weiß, was er will, zugeben würde oder ſollte.“ Ein allgemeines Murren verkündigte, daß, wo nicht Alle, doch die Meiſten einerlei Meinung mit ihm waren. „Laßt uns beſonnen und vernünftig, und auf eine Manier, wie es aufgeklärten Engländern gebührt, den ganzen Thatbeſtand unterſuchen,“ fuhr der Maat fort, indem er quer über ſeine Schulter zurückblickte, wahrſcheinlich um ſich zu vergewiſſern, daß die Perſon, vor deren Mißfallen er eine ſo heilſame Furcht hatte, auch nicht gerade bei ſeinem Ellbogen ſtände.„Wir Alle, ohne Ausnahme, ſind auf die Welt gekommen und geboren als Inſu⸗ laner, da iſt nicht ein Tropfen ausländiſchen Bluts unter uns; nicht einmal ein Schottländer oder Irländer auf dem Schiff. Laßt uns daher die Philoſophie dieſer Angelegenheit betrachten, mit jener Manier von Beurtheilung, die ſich für unſere Erziehung gebühren thut. Erſtlich und zunächſt alſo, da muß Euch der ehr⸗ liche Nicolas Nichols von dem Waſſerfaß da abglitſchen und ein Bein brechen! Nun weiß ich aber, Kameraden, daß Leute ſchon von Stengenſpitzen und Ragen heruntergefallen ſind, und doch kein Bein gebrochen haben. Aber was kommt es einer gewiſſen Perſon darauf an, wie weit ſie ihren Mann wirft, da ſie blos einen Finger in die Höhe zu heben braucht, um uns Alle bau⸗ meln zu machen. Ferner und zweitens kommt Euch da am Bord hier ein Fremder mit einem Kolonie⸗Geſicht, und nicht mit einem 2A 263 vom offenen, geradezuen, glatten Engländer⸗Geſicht, was Einer mit mehr der flachen Hand bedecken kann.“ schen 1„Der Junge ſieht nicht übel aus,“ unterbrach der alte Matroſe. harte„J, darin liegt ja eben die ganze Teufelei dieſer Affaire oder eefah⸗ Angelegenheit! Er ſieht gut aus, zugegeben; aber es iſt nicht s ge⸗ das gute Ausſehen, welches einem Engländer zuſagt. Er hat inmal etwas Sprechendes an ſich, das mir nicht gefallen will; denn Brü⸗ mir gefällt niemals zu viel Sprechendes an Einem, weil man See⸗ da nicht immer wiſſen kann und herausfinden, was er eigentlich „vorhat. Weiter, drittens, dieſer Fremde nun weiß, Schiffpa⸗ Alle, tronsrang hier am Bord zu erlangen, oder was das Nämliche iſt, den Rang nächſt zu dem Patron; während Der, welcher auf anier, dem Verdeck ſein ſollte, in einer Stunde, wie der jetzigen, Be⸗ eſtand fehle zu ertheilen, unten in ſeiner Hängematte liegt, unfähig, ſich ſeine ſelbſt umzudrehen, geſchweige das Schiff zu wenden; und doch , daß weiß kein Menſch, wie es eigentlich zugegangen.“ hatte,„Er handelte mit dem Kommiſſionär um die Stelle, und nicht ohne wenig ſchien der ſchlaue Kaufmann ſich zu freuen, daß er einen Inſu⸗ ſo ſchmucken Jungen zur Führung der Carolina gefunden hatte.“ uns;„Ach, ein Kaufmann iſt, wie alle Uebrigen, nur aus Thon Laßt gemacht; und, was noch ſchlimmer iſt, aus einem Thon, der nicht mit mit Salzwaſſer zerſetzt iſt. Hat ſchon mancher Handelsmann die ehung Brille von der Naſe genommen, ſeine Bücher geſchloſſen und ſich ehr⸗ in's Fäuſtchen gelacht, weil er meinte, es ſei ihm gelungen, ſei⸗ d ein nen Nächſten zu übervortheilen, als er aber ſeine Bücher wieder ſchon aufmachte, ja, da fand ſich's, daß er nur ſich ſelbſt übervortheilt doch hatte. Herr Bale glaubte gewiß Wunder, was für einen ge⸗ viſſen ſcheidten Streich er für die Eigenthümer ausführte, als er dieſen blos Herr Wilder ſo ſpottwohlfeil bekam; er hat wahrſcheinlich nicht bau⸗ gewußt, daß er das Schiff verkaufte an den.... es geziemt einem Bord einfältigen Seemanne nicht, irgend Jemand, unter deſſen Befehl einem er nun einmal ſegelt, zu verachten; darum will ich ohne Noth — die Perſon nicht nennen, welche meines Dafürhaltens kein gerin⸗ ges Anrecht auf dieſes Fahrzeug erlangt hat, ſie mag nun ehrlich oder anderswie dazu gekommen ſein.“ „Ich habe noch nie ein Schiff hübſcher aus der Klemme briu⸗ gen ſehen, wie dieſen Morgen, als er die Führung der Carolina dem Lootſen entriß und ſelbſt übernahm.“ Hier brach Nighthead in ein gemeines Gelächter aus, was aber ſeine Zuhörer voller Bedeutſamkeit fanden. „Wenn ein Schiff einen Kapitän von einer gewiſſen Gattung hat, muß Einen nichts Wunder nehmen,“ antwortete er, von ſei⸗ nem bedeutſamen Lachen zurückkommend.„Für meine Perſon, ich habe mich zu Briſtol eingeſchifft, um nach den Carolina's und Jamaica zu gehen, und unterwegs hin und zurück in New⸗ port anzulegen; und ich geſtehe frei, ich habe gar keine Luſt an⸗ derswohin zu gehen. Nun ja, er hat die Carolina aus ihrem ſchlechten Kielwaſſer heraus⸗ und bei dem Sklavenhändler ge⸗ ſchickt genug vorbei gebracht; nur zu geſchickt für einen ſo jungen Seemann. Hüätte ich's ſelber gethan, es hätte faſt nicht beſſer ausfallen können. Aber, was haltet Ihr von dem Graubart in dem Boot, Brüder? So eine Jagd und ein ſolches Entwiſchen mit anzuſehen, das Glück wird wenig alten Seehunden zu Theil! Ich habe von einem Schmuggler erzählen hören, den die könig⸗ lichen Zollſchiffe wohl hundertmal bis in eine Bucht des Kanals verfolgt hatten, und wenn ſie nun glaubten: jetzt haben wir ihn, den Schuft aus Guernſey, riſch! ſegelte er Euch in einen dienſtfertigen Nebel hinein, aus dem ihn kein Menſch wieder herauskommen ſah! Dieſes Boot mag meines Wiſſens zwiſchen dem Guernſeyfahrer und der Küſte Dienſte gethan haben, ich aber habe keine Luſt, in einem ſolchen Boote ein Ruder zu führen.“ „Merkwürdig war jene Flucht allerdings!“ rief der alte See⸗ mann, deſſen Glaube an den guten Charakter unſeres Abenteurers 265 nach und nach durch dieſe Anhäufung von Beweiſen zum Wanken gebracht war.. „Das denk' ich auch,“ fuhr Nighthead fort,„Andere verſtehen es vielleicht beſſer als ich, der ich erſt fünfunddreißig Jahre zur See bin. Dazu kommt nun noch, daß das Meer nun auf einmal in Aufſtand geräth, kein Menſch weiß wie? und dann ſchaut ein⸗ mal dieſe Haufen von Wolken, die den Himmel verdunkeln, und trotzdem kommt Euch ſo viel Licht aus dem Meer hervor, daß Einer dabei leſen könnte, wenn er ſonſt ein tüchtiger Gelehrter iſt.“ „Ich habe doch aber ſchon oft Wetter wie das jetzige geſehen.“ „Das hat wohl Jeder. Es geſchieht ſelten, daß Einer, er mag kommen, von wannen er will, ſchon die erſte Seereiſe als Kapitän mitmachte. Wer dieſe Nacht zur See iſt, er ſei, wer er wolle, ich ſtehe dafür, der iſt nicht das erſte Mal da. Hab' auch ſchon ſchlimmer ausſehenden Himmel, ja ſogar ſchlimmer ausſehendes Waſſer über und unter mir gehabt; aber etwas Gutes iſt meines Wiſſens weder aus dem einen noch aus dem andern jemals gewor⸗ den. In der Nacht, wo ich ſchiffͤbrüchig wurde in der Bai....“ „He, ihr auf der Kuhl dort!“ erſchallte der ruhige Gebieter⸗ ton Wilders.— 4 4 Wäre eine warnende Stimme dem ſtürmiſch einherrauſchenden Ocean entſtiegen, nicht ſchrecklicher würde ſie den getroffenen Ohren der ſich ſchuldbewußten Matroſen geklungen haben, als dieſer plötzliche Ruf. Der junge Befehlshaber ſah ſich genöthigt, ihn zu wiederholen; denn Nighthead, dem es von Amtswegen zukam, zu antworten, konnte dazu nicht gleich Entſchloſſenheit genug aufbieten. „Setzt das Voroberbramſegel bei!“ fuhr Wilder fort, als end⸗ lich der gewöhnliche Erwiederungsrufihm ſagte, daß er gehört werde. Der Maat und ſeine Gefährten ſahen einander einen Angen⸗ blick mit dumpfer Verwunderung an, und manches melancholiſche Kopfſchütteln wechſelten ſie, ehe Einer von ihnen endlich ſich in 266 das Tauwerk der Luvſeite warf, und, voller Zweifel im Herzen, hinankletterte, um das genannte Segel von den Reffen loszumachen. Wilder ließ allerdings ſo verzweifelt viele Segel aufſpannen, daß ſelbſt Leute, die weniger abergläubiſch geweſen wären, als ſeine untergebenen, dadurch zum Mißtrauen in ſeine Abſichten oder in ſein Urtheil hätten veranlaßt werden können. Earing ſowohl als ſein weniger einſichtsvoller, und daher um ſo mehr eigenſinniger, Kollege hatten längſt eingeſehen, daß ihr junger Vorgeſetzter die gleichen Wünſche mit ihnen hegte, nämlich: dem geſpenſtigen Schiffe, das ſo unbegreiflicherweiſe ihren Bewegungen folgte, zu entkommen. Nur in der Art und Weiſe, dieß auszuführen, waren ihre Anſichten von den ſeinigen verſchieden; aber ſo ſehr weſentlich verſchieden, daß beide Gehilfen bei Seite gingen, um ſich mit einander zu be⸗ rathen, worauf Earing durch die dreiſtgeäußerte Meinung ſeines Zugeſellten ſelber etwas angeſpornt, auf ſeinen Commandeur losging, entſchloſſen, das Reſultat ihrer gemeinſchaftlichen Berathung mit derjenigen Unumwundenheit vorzutragen, welche der Drang des Augenblicks ihm zu erfordern ſchien. Allein in dem feſten Blick und in der gebieteriſchen Miene Wilders war Etwas, das ſeinen Entſchluß wanken machte, und er berührte den bedenklichen Ge⸗ genſtand mit einer Beſcheidenheit und auf Umwegen, die mit ſei⸗ nem Weſen in ganz eigenem Kontraſt ſtanden. Er beobachtete die Wirkung des erſt beigeſetzten Segels mehrere Minuten lang, ehe er ſich nur getraute, den Mund zu öffnen. Doch ein ſchreck⸗ liches Aufeinandertreffen des Schiffes und einer Woge, die ihr zürnendes Haupt mehrere Dutzend Fuß über das herankommende Vorderdeck erhob, ermuthigte ihn in ſeinem Vorſatz, indem die Gefahr längeren Schweigens ihm von Neuem vor die Augen trat. „Ich ſehe nicht, daß wir den Fremden aus den Augen ver⸗ lieren, obgleich ſich das Schiff ſo ſchwer durch's Waſſer vorwärts wälzt,“ ſag er an, ſich äußerſt behutſam und umſichtig endlich mit einer Vorſtellung herauswagend. zen, hhen. nen, ſeine r in als iger, die iffe, men. hten den, be⸗ eines ging, mit des Blick einen Ge⸗ ſei⸗ htete lang, reck⸗ ihr hende die trat. ver⸗ bärts dlich 267 Wilder blickte noch einmal auf den Nebelpunkt am Horizont, der ſchon ſo lange ſein Auge feſſelte, dann zürnend nach dem Punkte hin, wo der Wind ſtand, gleichſam als wollte er deſſen ganze Gewalt herausfordern; Earing wartete vergebens auf Antwort. „Wir haben die Leute immer unzufrieden geſehen, Sir, wenn's an's Pumpen gehen ſollte,“ nahm er ſeine Worte wieder auf, als er fand, daß ſeine Pauſe keine Antwort hervorzog;„ich darf einem Offizier, der ſeinen Dienſt ſo gut verſteht, wohl nicht erſt ſagen, daß Matroſen ſelten Freunde von Pumpen ſind.“ »Die Befehle, Herr Earing, die ich zu geben für nothwendig erachten werde, wird die Bemannung dieſes Schiffes eben ſo nothwendig vollziehen müſſen.“ Die geſtrenge, geſetzte Herrſchermiene, von der dieſe abgedrun⸗ gene Antwort begleitet war, verfehlte ihren Eindruck nicht. Earing wich auf eine ehrerbietige Weiſe einen Schritt zurück, und that, als wenn er im Anſchauen der vorbeitreibenden koloſſalen Wolken verloren wäre; ſich endlich ganz zuſammennehmend, verſuchte er den Angriff von einer andern Seite. „Iſt es Ihre reiflich erwogene Meinung, Herr Kapitän,“ ſagte er, indem er ſich begütigend eines Titels bediente, worauf unſeres Abenteurers Anſprüche freilich ſehr problematiſch waren; viſt's denn Ihre wirkliche Meinung, daß menſchliche Mittel im Stande ſeien, die Royal Carolinag dem Geſichtskreis des Fahr⸗ zeuges dort zu entführen?« „Ich fürchte, nein,“ verſetzte der Jüngling, ſo tief dabei Athem holend, als ob die geheimen Beſorgniſſe in ſeiner Bruſt um einen entſprechenden Ausdruck kämpften. „Und ich, mit gebührender Rückſicht auf Ihre beſſere Einſicht und Autorität, mein Herr, ſage ich es, ich weiß, daß es unmög⸗ lich iſt. Ich habe zu meiner Zeit viel dergleichen Partien ge⸗ ſehen; und weiß nur zu gewiß, daß alle Anſtrengung, einem ſol⸗ chen Vogel den Wind abzugewinnen, ſo gut wie vergeblich iſt.“ „Hier, Earing, nehmen Sie ſelber das Fernglas, und ſagen Sie mir, unter wie vielen Segeln der Fremde ſteuere, und wie weit er ungefähr von uns ab ſein mag,“ ſagte Wilder gedanken⸗ voll, ohne im Mindeſten auf die eben gemachte Bemerkung des Andern geachtet zu haben. Der ehrliche und wohlmeinende Gehilfe legte den Hut auf's Deck und that, wie ihm befohlen war. Er blickte lange, ernſt und unver⸗ rückt durch das Glas, drückte dann die Glieder des Fernrohres mit ſeiner gewaltigen flachen Hand zuſammen und antwortete endlich wie Einer, der nach vieler Ueberlegung mit ſich auf's Reine gekommen iſt: „Wenn das Segel dort wie jedes andere ſterbliche Schiff ge⸗ baut und ausgerüſtet wäre, ſo würde ich nicht anſtehen, es für ein wohlbetakeltes, mit ſeinen drei einfach gerefften Bramſegeln, großen Unterſegeln und Treiber und Klüver verſehenes Fahrzeug zu erklären.“ „Und hat es nicht mehr?“ „Dafür wollte ich mich verbürgen, wohlverſtanden, wenn ich mich erſt vergewiſſern könnte, daß es in jedem Betracht anderen Fahrzeugen gleiche.“ „Und doch, Earing, haben wir mit dieſem ganzen Segeldruck, wenn anders der Kompaß richtig zeigt, jenem Schiff keinen Fuß Weges abgewonnen.“ „Mein Gott,“ erwiederte der Gehilfe, mit dem Kopf nickend, wie Jemand, der von der Thorheit eines ſolchen Beginnens voll⸗ kommen überzeugt iſt,„und wenn Sie ſo viel beiſetzen, daß jedes Tuch im großen Segel platzt, durch's Schnellfahren verändern Sie die Stellung jenes Segels dort um keinen Zoll, bis zu Son⸗ nenaufgang! Dann freilich dürften gute Augen es in die Wolken hineinſteuern ſehen; obgleich ich für meine Perſon niemals das Glück oder das Unglück gehabt habe, daß mir einer dieſer Kreuzer bei hellem Tage aufgeſtoßen wäre.“ 3 „Und wie weit iſt es ab?“ ſagte Wilder:„Sie haben immer noch nicht geſagt, wie weit es entfernt iſt.“ 269 »Das kommt auf die Art an, wie man mißt. Kann ſein, daß es in dieſem Augenblicke hier liegt, nahe genug, um uns einen Zwieback in die Tops werfen zu können; kann aber auch ſein, daß es dort liegt, wo wir es zu ſehen ſcheinen, mit dem Rumpf ganz in den Horizont getaucht.“ „»Wenn es auch wirklich dort liegt, wie weit iſt's ab?2« „Je nun, dem Scheine nach iſt's ein Schiff von ungefähr ſechshundert Tonnen, und nach dem äußern Blick zu urtheilen, möchte man ſagen, es liege ein paar Stunden, drüber oder drun⸗ ter, leewärts ab von uns.“ „Das ſtimmt mit meiner Berechnung! Sechs Meilen*) windab iſt bei einer ſcharfen Jagd kein unbedeutender Vorſprung. Beim Himmel, Earing, ich will den Kerl hinter mir laſſen, und ſollte ich die Carolina bis auf's Trockene treiben!“ „Das wäre thunlich, wenn das Schiff Flügel hätte wie eine Seemöve; ſo aber glaub' ich, treiben wir es auf den Grund.“ „Es hält ſich noch immer gut unter der vielen Leinwand; Sie wiſſen nicht, was das Boot aushalten kann, wenn es angetrieben wird.“ „Ich habe es bei allen Gattungen von Wetter ſegeln ſehen, aber, Herr Kap....“ Sein Mund verſchloß ſich plötzlich. Eine ungeheure ſchwarze Woge erhob ſich zwiſchen dem Schiffe und dem öſtlichen Horizont, im Heranrollen alles ihr in den Weg Kommende zu verſchlingen drohend. Selbſt Wilder ſah dem Stoß mit athemloſer Angſt ent⸗ gegen, und für den Augenblick drängte ſich ihm das Gefühl auf, daß die Klugheit doch wohl nicht rechtfertige, das Schiff mit ſo großem Ungeſtüm gegen eine ſolche Waſſermaſſe angetrieben zu haben. Einige Klafter vor dem Bug der Carolina überſtürzte ſich die Woge und eine Flut von Schaum verhüllte das Verdeck. Eine halbe Minute lang verſchwand das Vordertheil des Schiffes, gleichſam als wollte es unter der Woge, die es nicht erklimmen *) Engliſche Meilen, wovon ungefähr fünf auf eine deutſche gehen. — 270 konnte, hinwegtauchen, dann hob es ſich langſam wieder, mit Mil⸗ lionen funkelnder Infuſionsthierchen des Oceans wie mit eben ſo vielen Brillanten überdeckt. Das Schiff hatte inne gehalten, indeß jede Fuge ſeines ſtarken und koloſſalen Baues bebte, und der Wiederantritt ſeines Laufes geſchah mit einer Langſamkeit, die warnend ſeine Leiter der Unbeſonnenheit zu bezüchtigen ſchien. Schweigend ſah Earing ſeinen Obern an, überzeugt, daß Nichts, was er vorzubringen vermöchte, einen ſchlagenderen Beweis enthalten könnte. Nun ſtanden die Matroſen nicht länger an, ihre Unzufriedenheit laut werden zu laſſen; ſie erkühnten ſich, über die Folgen ſolches ſchonungsloſen, tollkühnen Wagniſſes ihre Prophe⸗ zeihungen zu machen. Wilder hörte Nichts, oder wollte Nichts hören. Unerſchütterlich in ſeinem geheim gefaßten Entſchluſſe, würde er, um ihn auszuführen, noch größerer Gefahr die Stirne geboten haben. Allein ein durchdringender, obgleich halb zurück⸗ gehaltener Schrei vom Spiegel des Schiffes her, erinnerte ihn an das Zagen Anderer. Sich raſch auf dem Abſatze umdrehend, näherte er ſich der noch bebenden Gertrand und ihrer Erzieherin, die Beide während der letzten unſäglich bangen Stunden ſich zwar fern von ihm gehalten, aber mit ſchmerzlicher Spannung die geringſte ſeiner Bewegungen bewacht hatten. „Das Schiff hat dieſen Stoß ſo gut ausgehalten, daß ich mich auf ſeine Stärke vollkommen verlaſſe,“ ſagte er beſänftigend, um ſie in blinde Sicherheit einzulullen.„Mit einem feſten Schiff iſt ein tüchtiger Matroſe nie in Verlegenheit!“ „Herr Wilder,“ verſetzte die Gouvernante,„ich habe das fürchterliche Element, auf dem Sie Ihr Leben zubringen, in vie⸗ len Geſtalten geſehen; vergebens beſtreben Sie ſich, mich zu täuſchen. Ich weiß, daß Sie das Schiff auf eine ungewöhnliche Weiſe antreiben; haben Sie auch hinlänglichen Beweggrund zu dieſem verwegenen Unterfangen?“ „Den habe ich, Madame!“ 271 „Und ſoll er, wie ſo viele andere von ihren Beweggründen, ewig in ihrer Bruſt verſchloſſen bleiben, oder dürfen wir, gleich betroffen von deſſen Folgen, nicht auf gleichen Theil der Kennt⸗ niß davon Anſpruch machen?« „Da Sie ſo viele Sachkunde beſitzen,“ erwiederte der Jüngling mit einem erzwungenen Lachen, welches ſeinen Tönen etwasSchrecken⸗ erregendes gab,„ſo iſt es ja überflüſſig, Ihnen zu ſagen, daß man, um windwärts zu ſteuern, dem Schiffe Segel aufſetzen müſſe.“ „Eine von meinen Fragen wenigſtens werden Sie unverhole— ner beantworten können: Iſt dieſer Wind günſtig genug, um uns über die gefährlichen Untiefen des Hatteras zu führen?“ „Ich zweifle.“ „Warum denn nicht lieber dahin umbehren, woher wir kommen 2“ „Sie ſind es zufrieden, wieder umzukehren?« fragte der Jüngling mit der Blitzesſchnelle des Gedankens. „Zu meinem Vater will ich,“ ſagte die vor Sehnſucht glühende Gertraud mit einer, der ſeinigen ſo nahekommenden Schnellig⸗ keit, daß die wenigen Worte ihr faſt den Athem verſetzten. „Und ich, Herr Wilder,“ nahm ruhig die Gouvernante wie⸗ der das Wort,»wünſche, überhaupt dieſes Schiff zu verlaſſen. Ich verlange keine Erklärung aller ihrer geheimnißvollen Warnun⸗ gen; keine Frage ſoll Sie je wieder beläſtigen, nur geben Sie uns unſern Freunden in Newport zurück.“ „Es könnte geſchehen!« murmelte unſer Abenteurer;„es könnte geſchehen! Ein paar thätige Stunden bei dieſem Winde wären hinreichend;— Herr Earing!“ Der Gehilfe ſtand augenblicklich ihm zur Seite. Wilder wies mit dem Finger auf den trüben Punkt leewärts, und reichte ihm das Glas, um eine zweite Unterſuchung anzuſtellen. Sie blickten abwechſelnd Beide lang und ſcharf dahin. »Er zeigt keine Segel mehr!“ ſagte ungeduldig der Comman⸗ deur, als er einige Minuten lang ſtumm hingeſchaut hatte. 272 „Nicht einen Faden, Herr. Aber was liegt auch einem Fahr⸗ zeug dieſer Art daran, ob viel oder wenig Leinwand flattert, ob der Wind Oſt oder Weſt ſteht?“ „Hören Sie, Earing, der Wind hat zu viel von Süden in ſich; und dort der düſtere Wolkenſtreifen auf unſerer Windſeite verkündet eine Wettergall. Laſſen Sie das Schiff zwei Punkte oder etwas mehr vom Wind abfallen, und vermindern Sie den Druck an den Spieren durch das Anziehen der Luvbraſſen.“ Der argloſe Maat vernahm die Ordre mit einem Erſtaunen, das er gar nicht zu verbergen ſich beſtrebte. Denn der erfahrene Seemann ſah ohne Schwierigkeit, daß auf die Ausführung dieſer Ordre nichts anders erfolgen könnte, als daß ſie denſelben Weg, den ſie bereits hinter ſich hatten, wieder zurückgingen, was alſo weſentlich den Zweck der Fahrt aufgeben hieße. Er wagte es daher, mit der Ausführung zu zögern, um Gegenvorſtellungen zu machen. „Nehmen Sie es einem bejahrten Seemann, wie mir, nicht übel, Herr Kapitän, daß er ſich über das Wetter ein Urtheil er⸗ laubt. Wenn es der Vortheil des Eigenthümers verlangte, ſo hätte ich nichts dawider, umzukehren, denn ich mag nicht Land, auf das der Wind zu⸗, ſtatt abtreibt. Ich dächte aber, wir könn⸗ ten wohl das Meer behalten, wenn wir die Segel nur ein wenig anreffen; jeder Schritt von den Hatteras weg wäre ſchon baarer Gewinn. Zudem kann ſich ja der Wind zwiſchen heut und mor⸗ gen nach Nordweſt drehen.“ „Einige Punkte abgefallen, und die Luybraſſen angeholt, ſage ich!« rief Wilder aufgebracht. Längerer Verzug unter ſolchen Umſtänden war nicht des ehr⸗ lichen Earing Sache; er hatte ein zu friedfertiges, unterwürfiges Gemüth dazu. Daher förderte er die Ordres an die Subalternen, welche zwar gehorchten, wie ſich von ſelbſt verſteht, allein Night⸗ head und noch einige Veteranen von der Schiffsmannſchaft ließen doch über die unſchlüſſige und ſcheinbar unvernünftige Schwankung — ahr⸗ , ob n in ſeite inkte den nen, rene ieſer Weg, alſo nher, hhen. nicht [er⸗ ſo and, önn⸗ enig narer mor⸗ ſage ehr⸗ figes nen, ight⸗ eßen kung ——y 273 in den Willen ihres Commandeurs halb unterdrückte und bedeu⸗ tungsſchwere Töne hören. Bei allen dieſen Zeichen der Unzufriedenheit blieb Wilder, wie vorher, gleichgültig. Wenn er ſie überhaupt bemerkte, ſo ver⸗ ſchmähte er es entweder, die geringſte Notiz davon zu nehmen, oder that, dem Drange des Augenblicks ſich fügend, als merkte er nicht, worum es ſich handle. Inzwiſchen glitt das Schiff, gleich einem Vogel, welcher, durch langes Ankämpfen gegen den Luft⸗ ſtrom ermüdet, ſeinem Fluge eine andere, minder ſchwierige Rich⸗ tung gibt, über die Wellenſpitzen, oder durch die hohle See leicht einher, weil es nunmehr mit einem günſtigern Winde ſegeln durfte, und der Lauf des Stroms dem ſeinigen nicht länger entgegenge⸗ ſetzt war; in demſelben Grade, als es vom Winde abfiel, ſtellte ſich das Gleichgewicht ſeiner Kraft und des Segeldruckes wieder her. Doch war die ganze Mannſchaft der Meinung, daß bei einer ſo bedrohlichen Nacht noch immer des Segeltuches mehr als genug beigeſetzt wäre. Nicht ſo urtheilte der Fremdling, dem das Schick⸗ ſal des Schiffes anvertraut worden war. Mit einer Stimme, welche noch immer die Subalternen an die Gefahr des Ungehorſams erinnerte, befahl er, mehrere große Leeſegeltücher raſch nach ein⸗ ander beizuſetzen. Auf dieſe Weiſe von Neuem angetrieben, lief das Schiff in voller Carriere über die Wellen, ſeine Spur mit einer Maſſe Schaums bezeichnend, die der Größe und dem Glanze nach mit dem überſtürzenden Gipfel der ungeheuerſten Wogen hätte wetteifern können. Als Segel auf Segel beigeſetzt war, bis ſelbſt Wilder ſich geſtehen mußte, daß die Royal Carolina, ſo dauerhaft ſie war, doch nicht mehr tragen könne, begann er von Neuem, auf dem Deck raſch auf und ab zu gehen, und dabei umherzuſchauen, um den Erfolg ſeines neuen Verſuches zu beobachten. Die Verände⸗ rung in dem Laufe des Briſtoler Kauffahrers hatte eine entſprechende Veränderung in der Fahrt des fremden Schiffes zur Folge, welches Der rothe Seeräuber. 18 noch immer wie ein kleiner Nebelpunkt am Horizont dahinſchwebte, noch immer, wie der unfehlbare Kompaß den wachſamen Abenteurer lehrte, dieſelbe gleiche Richtung mit ihm behielt, wie damals, als er es zuerſt entdeckte*). Seine verzweifeltſten Anſtrengungen ſchie⸗ nen dem Fremden keinen Zoll abgewinnen zu können. Nach einer ſchnell dahin geflogenen Stunde ſah er am Geſchwindigkeitsmeſſer, daß das Schiff während derſelben drei Stunden Weges zurückge⸗ legt hatte, und dennoch, dennoch lag das fremde Schiff dort im Weſten, gleichſam als wäre es der Schatten der Carolina, den die fernen düſteren Wolken zurückgäben. Die einzige am Fremden zu gewahrende Veränderung beſtand darin, daß das Auge nun⸗ mehr eine größere Fläche ſeiner Segel beſtreichen konnte, eine Folge der neuen Richtung beider Schiffe. Es war aber bei der Entfer⸗ nung und der Finſterniß ſelbſt dem erfahrenen Earing nicht mög⸗ lich, zu entdecken, ob der Fremde neue Segel zugeſetzt habe. Wir wollen es nicht läugnen, die erregte Gemüthsſtimmung des guten Earing hatte ihn ſo ſehr zum Glauben an die Wunderkräfte des räthſelhaften Nachbars geſtimmt, daß ſeine geübten Sinne ihm dießmal die gewöhnlichen guten Dienſte verſagten. Allein Wilder ſelbſt, der ſein ſcharfes Auge durch oft wiederholtes Spähen auf's Aeußerſte anſtrengte, konnte ſich's nicht verbergen, daß das fremde Schiff durch die Meereswogen dahinglitt, mehr wie ein in der Luft ſchwebender Körper, als wie ein auf die gewöhnlichen Hilfsmittel der Schifffahrt gewieſenes Fahrzeug. Was Miſtreß Wyllys und ihre Pflegebefohlene betrifft, ſo hatten ſich Beide bereits in ihre Kajüte zurückgezogen; die Erſtere ſich innerlich über die Ausſicht glückwünſchend, recht bald ein Schiff verlaſſen zu können, das ſeine Fahrt unter ſo unglückweiſſagenden Umſtänden angetreten hatte, daß ſelbſt ihr durchgebildeter und ruhi⸗ *) Der Leſer begreift wohl, daß die ſcheinbare Richtung eines Schiffes zur See, von dem Decke eines andern aus geſehen, ſich mit der Kursveränderung des Letzte⸗ ren gleichfalls ändert, daß aber die wahre Richtung nur durch einen Wechſel der relativen Lage abgeändert werden kann. bte, urer als chie⸗ iner ſſer, kge⸗ t im den nden nun⸗ Folge tfer⸗ mög⸗ Wir zuten des ihm bilder auf's emde Luft nittel , ſo rſtere Schiff enden ruhi⸗ Letzte⸗ hſel der 275 ger Geiſt dadurch die Faſſung verlor. Der jugendlichen Gertraud ließ ſie von dem veränderten Laufe nichts merken; dem ungeübten Auge derſelben bot die öde See nichts dar, als eine ununterſcheid⸗ bare Fläche, und Wilder hätte die Richtung des Schiffes zwanzig⸗ mal verändern können, ohne daß ſie das Mindeſte gemerkt hätte. Ihm, dem wohlunterrichteten Seemanne, ging es freilich an⸗ ders. Für ihn gab es auf ſeinem mitternächtlichen Meerespfade weder äußerſte Finſterniß noch inneren Zweifel. Kein Stern hob ſich aus dem wogenden Bette der See, um an einem andern dun⸗ keln und unbeſtimmten Umriß des Waſſers wieder zu verſchwinden, der ſeinem Auge nicht längſt vertraut geweſen wäre; kein Wind auf dem Ocean berührte ſeine brennende Wange, von dem er nicht wußte, aus welcher Himmelsgegend ſeine Macht ſich ergieße. Nicht die geringſte Neigung des Schiffes luv⸗ oder leewärts, deren Urſache er nicht begriffen hätte, ſein Geiſt vermochte die zahlloſen Wendungen und Krümmungen auf dem ſpurloſen Pfade mit der größten Klarheit und Beſtimmtheit feſtzuhalten, und nur ſelten fühlte er bei der Lenkung ſeiner Fahrt, bei der Art und Weiſe, wie die Bewegungen ſeines künſtlich⸗-gebauten Schiffes geleitet werden müßten, das Bedürfniß, zu den äußeren Hilfsmitteln der Schifffahrtskunde ſeine Zuflucht zu nehmen. Aber all' ſein Wiſſen reichte nicht hin, ihm die außerordentlichen Evolutionen des Frem⸗ den zu erklären. Nahm er auch die unbedeutendſte Veränderung vor, ſo war es, als hätte der Fremde ſie vorausgeſehen, ſo ſchnell wurde ihr entſprochen, und des Fremden Behendigkeit im Ma⸗ növriren, und Ueberlegenheit im Segeln raubte ihm endlich die Hoffnung, der unermüdlichen Wachſamkeit deſſelben noch ent⸗ gehen zu können, ja alle ſeine Bildung konnte nicht verhindern, daß ſich ihm die Idee aufdrängte, hier ſeien mehr als natürliche Kräfte im Spiele. Während er ſich dergleichen niederſchlagenden Gedanken über⸗ ließ, gewann der Himmel und die See ein anderes Ausſehen. Die 18* 276 lichte Linie, die ſo lange über dem öſtlichen Horizont geweilt, und ausgeſehen hatte, als wenn der Vorhang des Firmaments ſich nur gelüftet hätte, um den Winden einen Durchgang zu gewähren, war plötzlich gefallen; ſchwere Maſſen ſchwarzer Wolken ballten ſich an jener Stelle, bis die ungeheuren Dunſtſäulen ſich ſo auf⸗ einander gehäuft hatten, daß keine Gränzlinie zwiſchen beiden Ele⸗ menten mehr zu unterſcheiden war. Auf der andern Seite, in Weſten, hob ſich das dunkle Gewölbe, umgürtet von einem grau⸗ ſenerregenden Lichtſtreifen, und in dem glänzenden, unheilver⸗ kündenden Nebel ſah man noch immer das fremde Schiff ſchwe⸗ ben, wenn auch dann und wann deſſen matte, phantaſtiſchen Um⸗ riſſe in Luft zu zerfließen ſchienen. Sechzehntes Kapitel. —— Schon wieder da? Was habt ihr hier zu ſchaffen? Sollen wir die Hände in den Schooß legen, und erſaufen? Habt ihr Luſt unterzugehen? Der Sturm. Act I. Sc. 1. Unſerem wachſamen Abenteurer entgingen dieſe ſchlimmen, wohlbekannten Vorzeichen nicht. Kaum erblickte er die eigen⸗ thümliche Atmoſphäre, die plötzlich das geheimnißvolle Bild, den Gegenſtand ſeines ängſtlichen, lang vergeblichen Forſchens, um⸗ gab, ſo ertönte warnend ſeine klare und kräftige Stimme: „Zu HaufW! die Leeſegel herunter! herunter damit!“ ſchrie er ſo raſch hinter einander, daß ſeine Untergebenen faſt die erſten Worte nicht hören konnten.„Herunter bis auf den letzten Lappen, vorne und hinten! Bemannt die Geitaue der Bramſegel, Earing. Geitaue auf und nieder! Herab mit Allem, ihr Leute, muntent herab damit!“ Das war der Mannſchaft der Carolina eine eben ſo bekannte als willkommene Sprache, denn der gemeinſte Matroſe darunter hatte ſchon lange ſeine eigenen Gedanken über die leichtſinnige Art, ien, gen⸗ den um⸗ er ſten ven, ing. ter! unte nter Art, 277 wie ſein Commandeur mit der Sicherheit des Schiffes ſein Spiel trieb, und frech den unglückverkündenden Symptomen des Wetters Trotz bot. Allein ſie verkannten den Scharfblick und die Beobach⸗ tungsgabe Wilders. Er hatte allerdings das Briſtoler Handelsſchiff zu einer, von demſelben bisher noch nicht erreichten, Schnelligkeit angetrieben; allein noch ſprach die Thatſache, daß ſeine ver⸗ meintliche Verwegenheit bis jetzt dem Schiffe keinen Schaden zu⸗ gezogen hatte, zu ſeinen Gunſten. Als indeſſen der raſche, plötz⸗ liche Befehl ertönte, war das ganze Schiff augenblicklich in einem Aufruhr. Ein Dutzend Matroſen riefen aus verſchiedenen Thei⸗ len des Schiffes einander zu, mit Stimmen, die es dem brül⸗ lenden Ocean zuvorzuthun ſuchten; es ſah aus, als wenn Alles ſich in einen allgemeinen Wirrwarr auflöſen wollte, allein der nämliche Herrſchergeiſt, der ſo unerwartet ihre regſte Thätigkeit hervorzurufen wußte, verſtand es auch, ihre kräftigen, aber ver⸗ wirrenden Anſtrengungen zur Ordnung zurückzuführen. Seine bisherigen Alarm⸗Rufe hatten zum Zweck, die Schläfrigen mun⸗ ter und die Trägen regſam zu machen; ſobald er aber dieſen Zweck erreicht, und Jeden in voller Thätigkeit ſah, ertheilte er ſeine Befehle, zwar nicht ohne den Nachdruck, den der Drang des Augenblickes gebot, aber doch mit einer Ruhe, durch welche die Kräfte jedes Einzelnen erſt dahin geleitet wurden, wo ſie nützen konnten.. 8 Die zahlloſe Maſſe von Segeln, welche am düſtern, drohen⸗ den Himmel wie eben ſo viele lichte Wölkchen ausgeſehen hatten, flatterten wild im Winde, als ſie von ihren hohen Stengen herab⸗ gelaſſen wurden, und nach einigen Minuten war das Schiff aus⸗ ſchließlich auf die Wirkung der ſchweren, größere Sicherheit darbie⸗ tenden, Segel beſchränkt. Die Herſtellung dieſes Zweckes hatte nicht blos eine feſte und entſchloſſene Leitung von Seiten des Comman⸗ deurs erfordert, ſondern auch alle Kräfte ſämmtlicher Mannſchaft bis auf's Aeußerſte in Anſpruch genommen. Darauf folgte eine 278 kurze, angſtvolle Pauſe der Erholung, während welcher jedes Auge nach der Gegend hin gerichtet war, wo die ſchlimmen Vorzeichen zuerſt entdeckt worden waren, und ein Jeglicher verſuchte die Be⸗ deutung derſelben zu entziffern, mit einer mehr oder minder rich⸗ tigen Einſicht, je nach dem Grade der geſammelten Erfahrung, während ſeiner kürzern oder längern Dienſtzeit auf dem verräthe⸗ riſchen, zu ſeiner Heimath gewordenen Elemente. Die matte Spur der Geſtalt des fremden Schiffes war in der lichten Nebelflut zerſchmolzen, die ſich jetzt die See entlang wälzte, wie fliegender Dampf, halb durchſichtig, geſpenſtiſch, und dem Scheine nach fühlbar. Der Ocean ſelbſt ſchien gewarnt vor einem bevorſtehenden ſchnellen und heftigen Wechſel. Nicht mehr brachen ſich die Wellen mit ſchäumenden und ſchimmernden Spitzen, nein, ſchwarze Waſſermaſſen ſah man ihre zürnenden Häupter gegen den öſtlichen Horizont erheben, die aber nun nicht, wie vorhin, jenes eigenthümliche funkelnde Geſchimmer von ſich gaben. Auch der bisher ſtraffe Wind, der ſich zuweilen zu einer kleinen Bö geſtei⸗ gert hatte, begann zu lunen und unſicher zu werden, gleichſam eingeſchüchtert von der höheren Macht, die ſich an der vom Hori⸗ zont begränzten Seelinie, nach der Richtung des nächſten Feſtlan⸗ des hin, zu ſammeln anfing. Mit jedem Moment verloren die öſtlichen Windſtöße an Kraft, und wurden ſchwächer und ſchwächer, bis man, nach wenigen Augenblicken, die ſchweren Segel gegen die Maſten anſchlagen hörte,— d'rauf eine ſchreckliche, ahnungs⸗ volle Stille. In dieſem Augenblick erleuchtete ein flüchtiger Blitz die Finſterniß des Oceans, und dann rollte ein Knall, wie der einer plötzlichen Entladung des Donners, auf dem Gewäſſer daher. Die Matroſen ſahen ſich erſchrocken an, und ſtanden verblüfft, als wenn ſie vom Himmel eine Warnung vernommen hätten, von dem was bevor⸗ ſtehe. Allein der mehr beſonnene und ſcharfſichtige Commandeur legte das Signal ganz anders aus. Im vollen Kennerſtolz die Lippen aufwer⸗ fend, murmelte er raſch und mit einer Art von Verachtung vor ſich hin: Auge ichen Be⸗ rich⸗ ung, ithe⸗ der lzte, dem nem chen nein, den enes der ſtei⸗ ſam vori⸗ lan⸗ die her, egen igs⸗ Blitz der her. denn vor⸗ egte ver⸗ hin: 279 »Er glaubt wohl, wir ſchlafen hier? Ha, er iſt ſelbſt mitten d'rin, und will uns gegen das Herannahende warnen! Wunder⸗ lich! er bildet ſich ein, wir ſeien müſſig geweſen, ſeit die Mit— ternachtswache abgelöſ't iſt!« Dann drehte er ſich auf der Schanze einige Mal um, den Blick unaufhörlich von einer Himmelsgegend nach der andern wendend, von dem ſchwarzen ſtillen Waſſer, auf dem ſein Schiff ſchlingerte, zu den Segeln, und von ſeinen ſtummen, in tiefer Erwartung ver⸗ ſunkenen Matroſen hinauf zu den matten Linien der Spieren, die ſich über ſeinem Haupt hin- und herbogen, und in dem düſtern Getriebe der Wolken ſich wie ſo viele kleine gekrümmte Stäbchen ausnahmen. „Braßt die Hinterragen in's Kreuz!“ rief er mit einer Stimme, die nur einen Ton über die gewöhnliche Sprechſtimme erhoben, aber doch einem Jeden auf dem Verdeck vollkommen vernehmlich war. Selbſt das Schwirren der Blöcke, als die Spieren langſam und ſchwerfällig in die genannte Lage gedreht wurden, ſteigerte das Erhabene des Augenblicks, und tönte in den Ohren der Erfahrene⸗ ren wie Signale furchtbarer Vorbereitung. „Holt die großen Segel an!« fuhr Wilder mit derſelben be⸗ redten Ruhe, nach einem kurzen Augenblick der Ueberlegung, in ſeinen Befehlen fort. Darauf ſah er noch einmal nach dem dro⸗ henden Horizont hin, und fügte dann mit Nachdruck hinzu:„Rollt ſie zuſammen, rollt ſie beide zuſammen.— Nehmt die Segel oben weg und beſchlagt die großen Unterſegel,“ ſchrie er hinauf;„rollt ſie zuſammen, friſch; zuſammen damit, Jungens, friſch, ſag' ich!“ Die Matroſen fühlten wohl, daß der Drang des Augenblicks groß war, und die Töne ihres Commandeurs beſeelten ſie Alle zur äußerſten Anſtrengung. In einem Augenblick ſah man zwanzig dunkle Geſtalten, wie Vierfüßler, munter die Takelage hinaufklet⸗ tern, und einen Augenblick darauf waren auch ſchon die ungeheuren, gewaltigen Segeltücher unſchädlich gemacht, und dicht zuſammen⸗ gerollt, an ihren verſchiedenen Spieren befeſtigt. Die Leute ſtiegen von den Ragen eben ſo ſchnell wieder herab, als ſie hinaufgeſtiegen waren, dann folgte noch eine kurze Erho⸗ lungspauſe. In dieſem Augenblick würde die Flamme eines Lichtes kerzengerade gen Himmel geſtiegen ſein, ſo windſtill war es. Der regelmäßig antreibenden Gewalt des Windes beraubt, ſchwankte das Schiff in den Vertiefungen zwiſchen den zunehmend kleiner werdenden Wellen. Es ſchien, als ob das aufgeſchreckte Element diejenigen ſeiner Theilchen, denen es kurz vorher erlaubt hatte, in der Geſtalt zahlloſer Wogen auf ſeiner Oberfläche wild herum zu tanzen, jetzt in den ſicheren Hort ſeines ungeheuern Schooßes zu⸗ rückriefe. Bald beſpülte das Waſſer mürriſch den untern Rand des Schiffes, bald, wenn das arbeitende Fahrzeug, von der einen Seite einer Woge herabſtürzend, ſich erhob, um eine neue zu erklimmen, ſchoß es in unzähligen kleinen ſchimmernden Cascaden vom Verdeck. Jede Schattirung am Himmel, jedes Rauſchen des Waſſers, jedes trübe und niederſchlagende Geſicht, das bei einem vorübergehenden Schimmer ſichtbar wurde, erhöhte die ſchmerzliche Spannung des Augenblicks. In dieſem kurzen Zwiſchenraum des Erwartens und Ausruhens näherten ſich die beiden Subalternen⸗Offiziere nochmals ihrem Commandeur. „Es iſt eine entſetzenerregende Nacht, Herr Kapitän,“ ſagte Earing, der, auf ſeinen höhern Rang ſich ſtützend, das Geſpräch einleitete. „Ich kenne manche Beiſpiele, wo das Umſetzen des Windes weit plötzlicher eintrat,“ war die Antwort. „Es iſt freilich wahr, Sir, wir hatten noch Zeit genug, unſere Drachen einzuziehen; aber bei alle Dem iſt dieſes Umſetzen von Warnungszeichen begleitet, vor denen wohl der älteſte Seemann Reſpekt hat!“ „Ja,“ fuhr Nighthead fort, mit einer Stimme, die an Rauh⸗ heit und Gewalt das Grauſenhafte der umgebenden Scene noch über⸗ bot;„ja wohl, eine Kleinigkeit iſt's nicht, die gewiſſe Leute, welche rab, rho⸗ htes Der nkte iner nent , in zu zu⸗ des heite nen, deck. edes den des und nals agte räch des ſere von ann zuh⸗ ber⸗ lche 281 ich nicht nennen will, in einer Nacht wie dieſer zur See ruft. Es war gerade ein ſolches Wetter, als ich die Bombenkitſe Veſuv an einen Ort gehen ſah, der ſo tief war, daß keine Bombe aus ihrem Mörſer bis in die freie Luft hätte reichen können, wär's auch an⸗ gegangen, da wo ſie lag, eine abzudrücken.“ „Ganz recht, ſolches Wetter war es auch, als der Grönländer an den Orkney⸗Inſeln ſtrandete, die todteſte Windſtille, die je auf der See gelegen.“ „Meine Herren,“ ſagte Wilder, mit einem eigenthümlichen und etwas ironiſchen Druck auf dieſes Wort:„was iſt eigentlich Ihr Verlangen? Kein Lüftchen rührt ſich, und das Schiff iſt bis zu den Tops von Segeln entblößt!« Dieſe Frage genügend zu beantworten, würde beiden Unzu⸗ friedenen ſchwer geworden ſein. Der innere Sporn, der ſie antrieb, war die unbeſtimmte, abergläubiſche Furcht vor etwas Geheimniß⸗ vollem, eine Furcht, welche das beſtimmtere und unzweideutigere Ausſehen der Nacht freilich nicht wenig ſteigerte; doch hatte keiner von Beiden ſeinen Muth und ſeemänniſchen Stolz ſo gänzlich ver⸗ loren, daß er ſich getraut hätte, die Blöße ſeiner ganzen Schwäche aufzudecken, zumal in einer Stunde, wo ſie jeden Moment aufge⸗ fordert werden konnten, ihre Entſchloſſenheit und Unerſchrockenheit durch die That zu beweiſen. Demungeachtet aber verrieth Earings Antwort, wie unumwunden ſie auch war, was für ein Gefühl ihn am meiſten beherrſchte. „Nun ja, das Fahrzeug iſt in ziemlich gutem Stande,“ ſagte er,„obgleich der Augenſchein uns Allen die Lehre gegeben hat, daß es in einem ſchwer befrachteten Schiffe keine leichte Sache iſt, mit einem Fahrzeug um die Wette zu ſegeln, von dem man nicht weiß, wer ſein Steuer regieren, oder nach welchem Kompaß es ſegeln, oder wie tief es Waſſer ziehen mag.“ „Das ſag' ich auch,« ſetzte Nighthead hinzu;„für ein ehr⸗ liches Kauffahrteiſchiff iſt die Carolina ſchnell genug, und wenig 282 Raaſegelſchiffe gibt's unter denen, die nicht die königliche Flagge führen, welche der Carolina den Wind abzugewinnen, oder ſie aus ihrem Fahrwaſſer zu bringen im Stande wären, wenn ſie ihre Lee⸗ ſegel beigeſetzt hat. Aber bei ſolchem Wetter, und in einer Stunde wie der gegenwärtigen, mag ſich ein Seemann in Acht nehmen! Seht dort jenes Nebellicht nach der Landſeite zu, das ſo ſchnell auf uns zukommt, und dann ſagt mir, ob es von der Küſte von Amerika herkommt, oder nicht vielmehr aus dem fremden Schiff. Glaubt mir, das Schiff iſt zwar lange unter unſerer Leeſeite geweſen; allein es gewinnt uns, ohne daß wir uns deſſen verſehen, endlich doch den Wind ab, wenn es nicht ſchon geſchehen iſt. Ich lobe mir zum Nachbar ein Schiff, deſſen Kapitän ich kenne, oder lieber gar keins,— mehr ſag' ich nicht!“ „Das iſt Ihr Geſchmack, Herr Nighthead,“ ſagte Wilder kalt;„kann ſein, meiner iſt zufällig von ganz anderer Art.“ „Nun ja,“ fiel der vorſichtigere und klügere Earing ein,„in Kriegszeiten, und mit Kaperbrieſen verſehen, kann man in allen Ehren wünſchen, einmal einem Schiffe zu begegnen, deſſen Befehls⸗ haber ein Fremder iſt, ſonſt würde man niemals auf den Feind ſtoßen. Aber, unter den jetzigen Umſtänden, geſtehe ich, obgleich ein geborner Engländer, ich würde das Schiff in dem Nebel dort von Herzen gern laufen laſſen, da man weder weiß, was für einer Nation es angehört, noch auf was für einer Fahrt es begriffen iſt. Ach, Herr Kapitän, was wir jetzt, zur Zeit der Morgenwache, dort erblicken, das iſt wahrlich nichts Tröſtliches! Gar manch' lie⸗ bes Mal hab' ich die Sonne im Oſten aufſteigen ſehen, ohne daß es was geſchadet hätte; aber nimmermehr kann ein Tag ſich gut endigen, wenn das Licht zuerſt in Weſten anbricht. Herzlich gern ſchenkte ich dem Prinzipal die Gage eines ganzen Monats, wie blutſauer ich ſie auch verdient habe, wüßte ich nur, unter welcher Flagge der Fremde dort ſegelt.“ 3 „Franzoſe, Spanier oder Satan, dort kommt er!“ ſchrie Wilder. gerit benu die Unge fällig nach, Alle, wollt einen agge aus Lee⸗ unde nen! auf erika aubt llein doch mir gar lder „in allen ehls⸗ eind leich dort einer iffen ache, lie⸗ daß gut gern wie ſcher lder. 283 Dann, ſich zu den ſtummen, aufpaſſenden Matroſen wendend, rief er mit einer Stimme, die, durch das Heftige und Bedeutungsſchwere darin, entſetzlich klang:„Laßt die Hinterfalltaue ſchießen! herum mit der Fockraa! herum damit, ihr Leute, den Augenblick!« Gar wohl verſtand die aufgeſchreckte Mannſchaft dieß Kom⸗ mando. Jede Nerve, jeder Muskel wurde angeſtrengt, den Ordres zeitig genug nachzukommen, um auf den Empfang des nahenden Sturmes bereit zu ſein. Kein Einziger gab einen Laut von ſich; ſondern Jeder verwandte ſeine Kräfte und Geſchicklichkeit, um der ernſten Stunde zu genügen. Auch war in der That kein Augenblick zu verlieren, noch der geringſte Theil menſchlicher Kräfte ohne mehr als hinreichenden Grund in Auſpruch genommen. Der lichte und furchtbar drohende Nebel, der während der letzten Viertelſtunde ſich in Nord⸗Weſt anballte, trieb nun auf ſie zu, mit der Geſchwindigkeit eines Rennpferdes. Schon hatte die Luft das eigenthümlich Klamme des Oſtwinds verloren; und zwiſchen den Maſtbäumen fing der Wind an in kleinen Kreiſen zu wirbeln— Alles Vorboten des kommenden Sturmwinds. Jetzt ſauſ'te ein heulender Ton über den Ocean dahin, deſſen Glätte ſtufenweiſe zu einer gekräuſelten Glanzfläche weißen, fleckenloſen Schaums ver⸗ wandelt wurde. Im nächſten enblick traf die Gewalt des Win⸗ des in vollſter Wuth das arbeitende Schiff. Wilder hatte, als er den herannahenden Sturm bemerkte, den geringen Vortheil, den ihm das Abwechſeln der Windſtöße darbot, benutzen wollen, um das Schiff vor den Wind zu bringen; allein die träge Bewegung des Schiffes entſprach weder ſeiner eigenen Ungeduld, noch dem Drange des Augenblicks. Langſam und ſchwer⸗ fällig, mit der Seite von Norden abfallend, war es, ſeiner Stellung nach, der vollen Lage des Windes ausgeſetzt. Glücklicherweiſe für Alle, die in dieſem wehrloſen Schiffe ein Leben zu verlieren hatten, wollte das Geſchick nicht, daß die ganze Wucht des Sturms mit einem Male darauf fiele. Die Segel flatterten und zitterten an 284 ihren ſtarken Raaen, indem ſie eine Minute lang abwechſelnd ſich füllten und wieder zuſammenſchrumpften; dann fuhr der jähe Orkan über ihre Spitzen weg. Die Carolina bewährte ſich in der Eigenſchaft eines ſtarken und doch leicht ſchwimmenden Schiffes, dem furchtbaren Druck des Sturmes nachgebend, bis ſie einem auf dem Waſſer liegenden Körper ähnlicher ſah, als einem darauf ſchwimmenden. Sodann, als ob das Schiff ein Bewußtſein von der Gefahr hätte, tauch⸗ ten ſeine Maſten von ihrer tiefen Neigung wieder in die Höhe, und nun mußte das Schiff jeden Schritt vorwärts durch den heißeſten Kampf ſich erringen. „Haltet das Steuer windwärts! ſo lieb euch euer Leben iſt, klemmt es luv!“ ſchrie Wilder mitten im Geheul des Sturms. Der Veteran am Steuerrad gehorchte der Ordre mit vieler Feſtigkeit; allein vergebens haftete ſein Blick an den Rand ſeines Vorſegels, um zu beobachten, wie das Schiff dem Manöver ge⸗ horchen würde. Noch zweimal, in eben ſo vielen Augenblicken, neigten ſich die hohen Maſten gegen den Horizont, tauchten eben ſo oft zierlich wieder auf, bis ſie, dem ungeheuern Druck unter⸗ liegend, den ganzen Bau flach aufis Waſſer legten. „Beſinnung!“ ſchrie e er Earing, der faſſungslos wie wahnſinnig, am ſteilen Deck hinan raunte, beim Arm ergriff; „Beſinnungl es iſt unſere Pflicht, gefaßt zu bleiben. Eine Axt herbei!“ Schnell, wie der Gedanke, der die Ordre eingab, gehorchte der Maat, ſprang an das Beſahnſegel, um den Befehl, der jetzt, wie er wohl wußte, folgen würde, mit eigenen Händen zu vollſtrecken. „Soll ich zuhauen?“ fragte er mit aufgehobenen Armen und kräftiger, gehaltener Stimme, welche ſeine augenblickliche Ver⸗ wirrung leicht vergeſſen machte. „Noch nicht! Gehorcht das Schiff i im Geringſten ſeinem Steuer?“ „Nicht einen Zoll, Sir.“ „Dann zugehauen,“ ſchloß Wilder ruhig das Kommando. es er, obg wer ein Sch aufl Sti Ern — wäh das dam flink 1 friſch falle. d ſich drkan arken k des nden dann, auch— döhe, den iſt, ns. ieler eines ge⸗ cken, eben nter⸗ slos riff; bei!« rchte jetzt, cken. und Ver⸗ v2 285 Ein einziger Hieb reichte hin. Das Reep, ohnedieß ſchon durch die ungeheure Wucht, die es aufrecht hielt, bis zum Reißen geſpannt, war kaum abgehauen, als die übrigen alle, eines raſch nach dem andern, von ſelber abriſſen, und es nunmehr dem Maſt allein überließen, das ſchwere und verwickelte Tauwerk zu tragen. Nun krachte das Holz, und nun fiel, gleich einem Baum mit längſt angefreſſenen Wurzeln, das ganze Tauwerk vollends in die See, die es, noch am Maſt, auch ſchon beinahe berührt hatte. „Fällt das Schiff jetzt ab?« rief Wilder ſogleich dem aufmerk⸗ ſamen Steuermann zu. „Es gab ein wenig nach, Herrz; allein dieſer friſche Stoß legt es wieder um. „Soll ich zuhauen?“ ſchrie Earing vom Haupttauwerk, wohin er, wie ein Tiger auf ſeine Beute, geſprungen war. „»Hau't zu!“« war die Antwort. Ein lautes und fürchterliches Krachen folgte dieſem Befehl, obgleich erſt verſchiedene Male in den Hauptmaſt ſelbſt eingehauen werden mußte. Die See verſchlang, wie vorher, das ganze hin⸗ einſtürzende Labyrinth von Raaen, Tauen und Segeln, und das Schiff, ſich augenblicklich von ſeiner ſeitwärts geneigten Lage aufhebend, rollte langſam winhwärts. „Es richtet ſich auf! es 1 ſich auf!« ſchrieen zwanzig Stimmen, die bisher in einer Leben und Tod in ſich ſchließenden Erwartung verſtummt waren. 3 „Laßt es gemach abfallen!« fügte die herrſcheriſche, aber fort⸗ während ruhige Stimme des jungen Commandeurs hinzu.„Herbei, das Vormarsſegel einzuſchnüren— laßt es einen Augenblick hangen, damit es das Schiff aus der Nähe des Wracks wegziehe— nun kappt, flink, ihr Leute, kappt zu, mit Aexten und Meſſern, was ihr könnt!“ Da die Matroſen jetzt durch die wiederkehrende Hoffuung mit friſcher Kraft arbeiteten, ſo waren die Taue, durch welche die ge⸗ fallenen Spieren noch mit dem Schiffe verwickelt blieben, gar bald 286 gekappt, und die Carolina, jetzt todt vor dem Winde hertreibend, ſchien den Schaum, der die See über und über bedeckte, kaum zu berühren. Der Wind kam das Meer entlang, heulend wie ferner Donner, und mit einer Wuth, welche das Schiff ſammt Allem, was drin war, aus ſeinem eigenen Element zu heben drohte. In dem Augenblick, wo der Sturm herannahte, hatte einer der Matroſen die Falltaue des einzigen Segels, das noch übrig war, ſehr weis⸗ lich und vorſichtig fahren laſſen: dadurch wurde das Bramſegel geräumiger, fiel aber auch tiefer am Maſt herunter, daher der Wind es jetzt ſo ſehr anfüllte, daß es den einzigen noch ſtehenden Maſt umzubrechen drohte. Wilder ſah die Nothwendigkeit ein, dieſes Segel aus dem Wege zu ſchaffen, aber auch zugleich die Unmög⸗ lichkeit, es zu beſchlagen. Daher rief er Earing zu ſich, wies auf den Gegenſtand der Gefahr hin und gab den nöthigen Befehl. „Die Spiere dort kann ſolche Stöße unmöglich lange mehr aushalten,“ ſchloß er,„und warten wir, bis ſie von ſelber bricht, ſo fällt ſie über die Seite, und bei der Schnelligkeit, mit der ſich das Schiff bewegt, verſetzt ſie ihm höchſt wahrſcheinlich einen ver⸗ derbenbringenden Schlag. Es müſſen ein paar Leute hinaufgeſchickt werden, um die Segel von den Ragen zu kappen.“ „Die Stange biegt ſich wie eine Weidengerte,“ erwiederte der Maat,„überdieß iſt das Untertheil des Maſtes ſchon geſprungen. Bei dieſem unbändigen Sturmwind um uns her, ſteht, wer ſich auf das Top dort hinaufwagt, in der augenſcheinlichſten Lebensgefahr.“ „Sie können recht haben,“ verſetzte Wilder, plötzlich von der Wahrheit dieſer Bemerkung überzeugt.„Bleiben Sie alſo hier; widerfährt mir was Menſchliches, ſo verſuchen Sie das Fahrzeug in Hafen zu bringen, ſo weit nach Norden zu, als die Vorgebirge von Virginien wenigſtens; auf keinen Fall ſtenern Sie auf Hatteras, in der gegenwärtigen Verfaſſung des. „Was haben Sie vor, Herr Kapitän?⸗ unterbrach der Ge⸗ hilfe ſeinen Commandeur, der bereits ſeine Matroſenmütze aufs ibend, um zu ferner ,was ndem troſen weis⸗ nſegel er der henden dieſes nmög⸗ es auf ehl. mehr bricht, er ſich n ver⸗ ſchickt te der ungen. ich auf fahr.« on der hier; hrzeug ebirge tteras, er Ge⸗ auf's 287 Verdeck geworfen hatte, und im Begriff ſtand, noch einige hinder⸗ liche Kleidungsſtücke auszuziehen, kräftig bei der Schulter faſſend. „Ich ſteige hinauf, um den Maſt von jenem Bramſegel zu befreien, ſonſt verlieren wir die Spiere und wahrſcheinlich das Schiff obendrein.“ „Sehr richtig, ich ſehe das nur zu gut ein; ſoll man aber dem Eduard Earing nachſagen: ein Anderer habe den Dienſt ge⸗ than, den er thun ſollte? Es iſt an Ihnen, das Fahrzeug bis zu dem Vorgebirge Virginiens zu führen, und an mir, das Bramſegel abzukappen. Geſchieht mir Leides, je nun, ſo tragen Sie es in's Logbuch ein, mit einem oder zwei Worten über die Art, wie ich meine Rolle ausgeſpielt habe. Das iſt immer die beſte und paſſendſte Grabſchrift für einen Matroſen.“ Wilder widerſetzte ſich ihm nicht, und unbefangen nahm er ſeine beobachtende und nachdenkende Stellung wieder an, denn er war zu lange ſelbſt zur Erfüllung der Dienſtpflicht angehalten worden, um es auffallend zu finden, daß einem Andern das Ge⸗ bieteriſche derſelben einleuchtete. Inzwiſchen ſchickte ſich Earing ſtandhaft an, das eben Verſprochene auszuführen. Auf der Kuhl des Schiffes verſah er ſich mit einer zweckmäßigen Axt, worauf er, ohne zu den in ſprachloſer Aufmerkſamkeit daſtehenden Leuten ein Wörtchen zu ſprechen, in da Vordertauwerk hineinſprang, wo der Sturm jede Ducht, jeden Schaft bis zum Reißen ſtraff ſpannte. Die erfahrenen Blicke ſeiner Beobachter begriffen bald ſeine Abſicht; und von demſelben Kennerſtolze, der ihn zu dem gefährlichen Un⸗ ternehmen angeſpornt hatte, bewegt, warfen auch ſie ſich auf die Linien, um ſich mit ihm in eine Höhe zu ſchwingen, wo die Luft von hundert Orkanen wimmelte. „derab aus dem Vordertauwerk,“ ſchrie Wilder durch einen Rufer;„herab, Alle außer dem Maat, herab!“ Seine Worte reichten wohl noch weiter als bis zu den Ohren der aufgeregten und pikirten Matroſen, die Earing nachkletterten; 288 allein eben dieſe Aufgeregtheit vereitelte die Wirkung ſeines Befehls. Sie waren jeder viel zu ſehr mit dem eigenen feſten Vorſatz be⸗ ſchäftigt, um auf die Töne des Rückrufs zu achten. Es dauerte keine Minute, ſo ſah man ſie, den Einen da, den Andern dort auf den Ragen vertheilt, bereit, dem Signal ihres Befehlshabers zu gehorchen. Der Maat warf einen Blick um ſich her, ergriff einen verhältnißmäßig günſtigen Moment des Wetters, und that einen Hieb auf das große Tau, welches eine der Ecken des geſpannten und faſt platzenden Segeltuches an der Unterraae feſthielt. Die Wirkung war beinahe dieſelbe, als wenn man den Schlußſtein eines ſchlecht zuſammengekitteten Gewölbes heraushiebe. Mit einer lauten Exploſion riß die Leinwand ſich von allen Befeſtigungen los, und einen Augenblick lang ſah man ſie in der Luft, gleichſam von Adler⸗ ſchwingen getragen, vor dem Schiffe vorbei ſegeln. Das Fahrzeug hob ſich auf einer trägen Welle, der zaudernden Nachzüglerin des frühern Windes, und ſchoß dann von der andern Seite der rollen⸗ den Woge wieder herab, gleich ſehr von ſeiner eigenen Wucht und der ſich erneuernden Heftigkeit des Sturms getrieben. In dieſem kritiſchen Augenblick, während die Matroſen droben noch immer nach der Richtung hinſchauten, wo die kleine Wolke Leinwand verſchwun⸗ den war, riß ein Taljereep des un tern Tauwerks mit einem ſolchen Geräuſch, daß ſelbſt Wilder auf dem Deck es hören konnte. „Herab!“ ſchrie er fürchterlich durch ſeine Trompete;„laßt euch an den Pardunen herunter, herab, wenn euch das Leben lieb iſt, ſag' ich, Alle herunter!“ Nur ein Einziger von ihnen Allen ließ ſich warnen, und man ſah ihn mit der Schnelligkeit des Windes nach dem Verdeck zu gleiten. Allein ein Tau nach dem andern ging los, und das ver⸗ hängnißvolle Abbrechen des Maſtes erfolgte ohne den geringſten Zwiſchenraum. Eine Sekunde ſchwankte das thurmhohe Labyrinth, und ſchien ſich nach jeder Himmelsgegend hinzuneigen; dann aber, der Bewegung des Schiffsrumpfes nachgebend, fiel das ganze mit fehls. tz be⸗ auerte tt auf rs zu einen einen unten Die eines auten „und ldler⸗ rzeug n des ollen⸗ tund ieſem nach wun⸗ lchen „laßt lieb man ck zu ver⸗ gſten inth, aber, emit 289 einem Krach in die See. Stagen, Taljereepen, kurz, jedes Tau riß der fallende Maſt wie einen Zwirnfaden los, und der nackte und entblößte Rumpf des Fahrzeuges trieb weiter vor dem Sturm, als wenn nichts Hemmendes ſich zugetragen hätte. Eine ſprachloſe und doch beredte Pauſe folgte auf dieſen Un⸗ fall. Es hatte den Anſchein, als ob die Elemente durch das, was ſie angerichtet, nunmehr verſöhnt wären; eingelullt ſchien das furchtbare Brüllen des Sturms auf einen Moment. Wilder ſprang auf die Seite des Schiffs und konnte deutlich die Opfer unterſcheiden, wie ſie ſich noch immer an ihren ſchwachen Stützen feſthielten, konnte ſehen, wie Earing mit der Hand Lebewohl winkte, mit einem ächten Matroſenherzen, und wie Einer, der nicht blos das Verzweiflungsvolle ſeiner Lage fühlte, ſondern auch ſich mit Ergebung in ſein Schickſal zu fügen wußte. Darauf verſchwand das Wrack von Spieren mit Allen, die ſich daran feſthielten, in dem entſetzlichen, übernatürlich ausſehenden Nebel, der ſich von allen Seiten, und vom Ocean bis zu den Wolken hinauf ausdehnte. „Herbei, laßt ein Boot hinab.!« ſchrie Wilder, ohne zu über⸗ legen, daß bei einem ſolchen Küſelwinde an Schwimmen, oder ſonſtige Hilfe nicht zu denken war. Allein die verblüfften und verwirrten Seeleute, welche noch am Bord waren, durften hier⸗ über auch nicht erſt belehrt werden. Keiner rührte ſich, Keiner gab auch das geringſte Zeichen des Gehorſams. Wild um ſich her ſchauend, ſuchte ein Jeder in dem trüben Angeſicht des Andern deſſen Meinung von dem Umfange des Uebels zu erſpüren; aber kein Mund öffnete ſich. „Es iſt zu ſpät— es iſt zu ſpät!« murmelte Wilder vor ſich hin;„menſchliche Geſchicklichkeit, menſchliche Anſtrengung konnte ſie nicht retten!“ „Segel, ahoi!« brüllte Nighthead mit einer Stimme voll aber⸗ gläubiſchen Entſetzens. „Mag's doch nun herankommen,“ erwiederte bitter ſein junger Der rothe Seeräuber. 19 290 Commandeur;„der Sturm hat ihm die Arbeit erſpart, das Unheil iſt geſchehen!“ »„Sollte aber das dort am Ende doch ein ſterbliches Schiff ſein, ſo iſt es unſere Pflicht, gegen die Eigenthümer und gegen die Reiſenden, es zu ſprechen, wenn anders man ſich in dieſem Orkan noch vernehmlich machen kann,“ fuhr der zweite Gehilfe fort, in⸗ dem er den Finger in den Nebel hinein ausſtreckte, auf den mat⸗ ten aber allerdings wirklich nahen Punkt hinzeigend. „Es ſprechen!— Reiſende!“ murrte Wilder, des Andern Worte unwillkürlich wiederholend.„Nein; lieber das Aergſte, als es ſprechen. Könnt Ihr das Fahrzeug ſehen, das ſo ſchnell auf uns lostreibt?« fragte er rauh den achtſamen Seemann, der das Steuerrad der Corolina noch immer nicht aufgegeben hatte. „Ja wohl, Sir,“ war die kurze, matroſenmäßige Antwort. „Dann umgeſchwait mit dem Schiffe, ſtreicht das Steuer ganz an Backbord— vielleicht ſegelt er in der Dunkelheit bei uns vor⸗ bei, da wir mit dem Verdeck beinahe das Waſſer berühren. Weit an's Bockbord geſtrichen, ſag' ich, Herr!“ Die nämliche lakoniſche Antwort wie zuvor erfolgte, und das Briſtoler Kauffahrteiſchiff ſtrich einige Augenblicke lang ein wenig aus der Linie, in welcher der Fremde herannahte; allein ein zwei⸗ ter Blick verſicherte Wilder von der Vergeblichkeit des Verſuches. Das fremde Schiff(und ein jeglicher am Bord hatte die innere Ueberzeugung, daß es kein anderes war als das, welches man ſo lange am nord⸗weſtlichen Horizont ſchweben ſah) fuhr, den Nebel durchſchneidend, mit einer Geſchwindigkeit heran, die der Blitzes⸗ ſchnelle des Sturmwindes faſt gleichkam. Nicht ein Faden Lein⸗ wand war am Bord deſſelben zu ſehen, dagegen war jede Spier⸗ linie, hinauf bis zu den in's Kleine verſchwindenden, und zart ausſehenden Oberbramſtengen, an ihrem gehörigen Ort, kurz, die Schönheit und das Ebenmaaß des ganzen Baues war erhalten, aber an keiner Stange war auch nur die Spur von einem dem —-„„R Unheil ff ſein, en die Orkan rt, in⸗ nmat⸗ Worte als es uf uns r das ort. r ganz s vor⸗ Weit nd das wenig zwei⸗ uches. innere nan ſo Nebel litzes⸗ Lein⸗ Spier⸗ d zart 3, die alten, dem 291 Winde dargebotenen Segel zu erblicken. Vor ſeinem Buge her wälzte ſich eine Schaummaſſe, welche, trotz der allge meinen Auf⸗ regung des Oceans, deutlich zu unterſcheiden war; und als es in den Bereich des Gehörs kam, glich das mürriſche Rauſchen dem Lärm eines Waſſerfalls. Anfangs glaubten die Zuſchauer auf dem Verdeck der Carolina, man ſähe ſie nicht, und einige der Matro⸗ ſen riefen wahnſinnig nach Lichtern, damit die Schrecken der Nacht ſich nicht mit dem gefürchteten Aufeinandertreiben endigen möchten. „Nein,“ ſchrie Wilder;„ſchon ſehen uns nur zu Viele!« „Ja, ja,“ murrte Nighthead;„braucht nicht zu fürchten, man ſieht uns nur zu gut, und zwar mit Augen, die nie aus einem ſterblichen Kopfe ſtierten.« Die Matroſen hielten inne. Noch einen Augenblick, und das lang geſehene, geheimnißvolle Schiff war ſchon innerhalb hundert Fuß Weges von ihnen. Die Gewalt des Windes, der die Wogen ſonſt zu erheben pflegte, drückte jetzt mit der Wucht von Gebirgen das Element in ſein Bett zurück; eine unendliche Fläche Schaums, aber keine, auch nicht die geringſte Erhebung über den Waſſer⸗ ſpiegel; und hob ſich hier und da doch eine unachtſame Welle aus der Sicherheit des Meeresſchooßes, ſo folgte die Strafe augenblick⸗ lich, der Küſelwind jagte ſie als glänzenden Waſſerſtaub weit, weit vor ſich her. Dieſe ſchäumende und doch verhältnißmäßig bewegungsloſe Fläche entlang kam nun der Fremde, alle Spieren ausgeſtreckt, ſtetig und erhaben, wie eine ſchwarze Wolke vor dem Winde treibt, heran. Nirgendswo ein Lebenszeichen! Wenn ja Menſchen darauf waren, die aus Luglöchern auf das bedrängte Wrack des Briſtolers hinſchauten, ſo thaten ſie es mit der ſorg⸗ fältigſten Heimlichkeit, und in einer Finſterniß, gleich der des Sturmes hinter ihnen. Wilder hielt, ſo lange der Fremde in der größten Nähe zu ihm war, in unſäglicher Spannung den Athem an ſich. Da er aber kein Signal des Erkennens, keine menſchliche Geſtalt, noch die geringſte Abſicht gewahrte, die wüthende Carriere 19* 292 wo möglich aufzugeben, ſo überflog ſein Antlitz ein Lächeln des Entzückens, und ſeine Lippen bewegten ſich, als wenn ihm nichts mehr Freude machen könnte, als in ſeiner ſchlimmen Lage vom Fremden unberückſichtigt zu bleiben. Dieſer jagte vorüber, wie ein finſtres Geſpenſt; und nach einer Minute fing ſeine Geſtalt ſchon an, in einer dichten Waſſerſtaubwolke immer weniger deut⸗ lich zu werden. „Es verſchwindet im Nebel!“ brach Wilder, atzembolend nach der fürchterlichen Pauſe der letzten Augenblicke, los. „Ja wohl im Nebel, oder in Wolken,“ erwiederte Nighthead, der jetzt ſeinem unbekannten Befehlshaber nicht von der Seite wich, und mit dem heftigſten Mißtrauen die geringſte ſeiner Be⸗ wegungen beobachtete. „In den Wolken oder in der See, mir gleich, wenn es nur fort iſt.“ 4 „Die meiſten Seefahrer würden ſich aber freuen, wenn ſie ſich, wie wir, auf einem bis auf's Verdeck geſchorenen Rumpf befänden, und ein fremdes Segel ihnen zu Geſichte käme.“ „ Die Menſchen laden aus Unwiſſenheit ihres wahren Wohles, oft das zu ſich ein, was ihnen den Untergang bereitet. Mag es weiter ſegeln, das iſt mein Loſungswort, mein Gebet! Es gehe vier Fuß, wenn wir einen gehen; und nun wünſch' ich nichts ſehnlicher, als daß dieſer Orkan fortblaſen möge bis zum Sonnenaufgang.“ Nighthead ſchrak zuſammen, und warf einen anklagenden Sei⸗ tenblick auf ſeinen Gefährten. Seine ſtumpfen Seelenkräfte, ſein von Aberglauben umdüſtertes Gemüth, konnte in einem ſolchen Aufruf an den Sturm nichts als die äußerſte Gottloſigkeit erkennen, zumal in einem Augenblick, wo die Winde ohnedieß ſchon ihre wildeſte Wuth zu erſchöpfen ſchienen. „Dieß iſt eine ſchwere Bö, ich geb' es zu,“ ſagte er,„und eine ſolche, wie ſie viele Seefahrer ihr ganzes Lebenlang nicht zu ſehen bekommen; Der aber weiß doch nur wenig von der See, fäh wu reie Ere abn See beit tigſ kun des ichts vom wie ſtalt eut⸗ nach ead, Seite Be⸗ nur ſich, den, hles, g es vier cher, ng.“ Sei⸗ ſein chen nen, ihre eine zu See, 293 welcher glaubt, da, wo dieſer Wind herkommt, gebe es nicht noch mehr.“ bazo er doch blaſen!“ ſchrie der Andere, und rieb ſich, nicht ohne ein klein wenig Schwärmerei, die Hände;„mein einziges Gebet iſt, daß er fortdaure!« Wenn Nighthead, in Hinſicht des Charakters des jungen Fremd⸗ lings, der ſo unbegreiflicherweiſe zum Beſitz von Nicolas Nichols Amt gekommen war, überhaupt noch Zweifel hatte, ſo verſchwan⸗ den ſie jetzt mit einem Male. Mit der Miene eines Menſchen, der ſo eben über Etwas eine entſchiedene Meinung gewonnen hat, ging er vorwärts, der ſtummen und gedankenvollen Mannſchaft entgegen. Wilder widmete indeſſen den Bewegungen ſeines Unter⸗ geordneten keine Aufmerkſamkeit, ſondern fuhr Stunden lang fort, auf und ab zu gehen, bald aufwärts nach dem Himmel ſchauend, bald ängſtlich hin und her am Horizont herumſpähend, während die Royal Carolina noch immer irrend vor dem Wind trieb, ein nacktes und geſchorenes Wrack. Siebzehntes Kapitel. Bleib' ſtill, und hör' das Ende unſ'rer Seenoth. Der Sturm. Act I. Sc. 2. Mi dem Augenblick, wo Earing und ſeine unglücklichen Ge⸗ fährten von ihrer ſchwindelerregenden Höhe in die See geſtürzt wurden, hatte auch der Sturm den Gipfelpunkt ſeiner Stärke er⸗ reicht. Obgleich der Wind noch lange nach dieſem verhängnißvollen Ereigniſſe zu wehen fortfuhr, ſo geſchah dieß doch mit immer abnehmender Heftigkeit. So wie die Bö aber abnahm, fing die See an, ſich zu heben, und das Schiff in demſelben Grade zu ar⸗ beiten. Nun folgten zwei Stunden der angeſtrengteſten, umſich⸗ tigſten Sorgfalt von Seiten Wilders, indem es ſeine ganze Sach⸗ kunde in Anſpruch nahm, zu verhüten, daß der entblößte Rumpf 294 des Briſtoler Kauffahrteiſchiffs eine Beute der gierigen Wellen N werde. Seine vollendete Geſchicklichkeit war indeſſen der zu lö⸗ ge ſenden Aufgabe ganz gewachſen; und mit den erſten Anzeichen des ſe Tagesanbruchs längs dem Oſten fingen Wind und Wogen an ſich da zu legen. Während dieſes ganzen Zeitraums waren zwei erfah⸗ rene Matroſen, die er vorher an das Steuerrad beordert hatte, di die einzigen von der ſämmtlichen Bemannung, welche ihm in ſei⸗ er nen Anſtrengungen Beiſtand leiſteten. Allein er war gegen die eh Vernachläſſigung der Uebrigen um ſo gleichgültiger, als wirklich fül nicht viel mehr erforderlich war, als ſein eigenes Urtheil, und Zu die pünktliche Befolgung deſſelben durch die beiden genannten, do⸗ unter ſeiner unmittelbaren Leitung handelnden Matroſen. der Der Morgen röthete ſich über einer Scene, die gar ſehr ver⸗ ten ſchieden war von der, welche von der ſtürmiſchen Gräßlichkeit wo der Nacht war bezeichnet worden. Es war, als wenn die Winde wu in ihrem unzeitigen Eifer ihre ganze Wuͤth erſchöpft hätten; von der mäßigen Bö, in die der Orkan ſich gegen das Ende der Mitter⸗ ſche nachtwache verwandelt hatte, ſielen ſie in eine ſchlaffe, unſtätige inde Kühlte, und ehe noch die Sonne aufging, hatte ſelbſt dieſes leiſe Bli Schwanken einer todten Windſtille Platz gemacht. Die See ſank mac gleichzeitig mit dem Hinſchwinden der Macht, die ſie aufgeregt hatte, zwa und wie nun der goldene Sonnenſtrahl das unbeſtändige Element bere mit ſeinem vollen Glanze übergoß, lag der Ocean mild und heiter zu! da, und die langen, langſamen Bewegungen ſeiner Wellen glichen dem ruhigen Athemholen eines ſchlafenden Säuglings. Sch Es war noch früh, und die Heiterkeit des Himmels und der wich See verhießen einen Tag, welcher Ruhe genug darbieten dürfte,, zur Erſinnung der nöthigen Mittel, um das Schiff einigermaßen die wieder unter die Gewalt ſeiner Mannſchaft zu bringen. 3 geſet „Unterſucht die Pumpen,“ ſagte Wilder, als er ſah, wie von auf der Mannſchaft Einer nach dem Andern aus ſeinem Schlupfwin⸗ wahr kel, wo er ſich mit ſeinen Sorgen während des letzten Theils der la. dellen u lö⸗ n des n ſich erfah⸗ zatte, ſei⸗ 1 die rklich und nten, ver⸗ hkeit Linde von ttter⸗ ätige leiſe ſank atte, ment ſeiter ichen der rfte, aßen von win⸗ der 295 Nacht verkrochen hatte, hervorzukommen begann.„Habt Ihr mich gehört, Herr?« fügte er ſtreng hinzu, als Niemand ſich anſchickte, ſeinem Kommando Folge zu leiſten.„Peilt die Pumpen, und ſchafft das Waſſer bis auf den letzten Zoll aus dem Schiffe.“ Nighthead, an den Wilder dieſe Worte gerichtet hatte, ſah düſter und von der Seite auf ſeinen Commandeur, dann wechſelte er ganz eigene Blicke des Einverſtändniſſes mit ſeinen Kameraden, ehe er für gut befand, auch nur die geringſte Bewegung zur Aus⸗ führung der erhaltenen Ordre zu machen. Allein es war etwas Zwingendes in der Gebietermiene ſeines Obern, das ihn endlich doch zum Gehorſam bewegte. Anfangs gingen die Matroſen zau⸗ dernd und mit einem gewiſſen fahrläſſigen Weſen an den erwähn⸗ ten Dienſt, allein als der Peilſtock in die Höhe ſtieg, und die wohlbekannten Kennzeichen eines furchtbaren Lecks ſich zeigten, da wurde der Verſuch ſchneller und mit größerer Genauigkeit wiederholt. „Wenn Zauberei das Waſſer aus einem Schiffe, deſſen Raum ſchon halb angefüllt iſt, herausſchaffen kann,“ ſagte Nighthead, indem er dem beobachtenden Wilder wieder einen ſeiner düſteren Blicke zuwarf,„ſo thäte ſie wohl daran, ſich bald an's Werk zu machen; denn es erfordert die⸗ ganze Kunſt eines Zauberers, und zwar eines ſolchen, der mehr als ein bloßer Pfuſcher in der Zau⸗ berei iſt, um die Pumpen der Royal Carolina nur zum Anſaugen zu bringen!“ „Iſt das Schiff leck?« fragte ſein Vorgeſetzter mit einer Schnelligkeit in der Ausſprache, die hinlänglich anzeigte, wie wichtig ihm die Nachricht ſchien. »„Noch geſtern würde ich meinen Namen unerſchrocken unter die Schiffsliſte irgend eines Fahrzeuges, das auf dem Ocean ſchwimmt, geſetzt haben; und hätte der Kapitän mich gefragt, ob ich mich auf die Beſchaffenheit und Eigenſchaften eines Schiffes verſtände, ſo wahr ich Franz Nighthead heiße, meine Antwort wäre geweſen, ja. Allein ich finde, der älteſte Seemann kann vom Waſſer noch 296 Lectionen nehmen, und wär's auch, indem er auf einem Schiffs⸗ brett über eine Fährte ſetzt.“ „Wie iſt das gemeint, Herr?“ fragte Wilder, der nun erſt das Meuteriſche in den Blicken ſeines Maaten, und die drohende Weiſe, wie dieſelben von der Mannſchaft unterſtützt wurden, zu gewah⸗ ren anfing.„Unverzüglich das Tau an die Pumpen angebracht, ſag' ich, und das Waſſer aus dem Schiffe geſchafft!“ Nighthead vollzog, obgleich mit Widerwillen, den erſten Theil der Ordre; und nach wenigen Augenblicken war Alles in Stand, um den nothwendigen, ja, wie es ſchien, dringenden Dienſt des Pumpens anzufangen. Allein Keiner legte Hand an das mühſame Werk. Wilder, der jetzt freilich Verdacht geſchöpft hatte, entdeckte bald mit ſcharfem Blicke dieſe Widerſetzlichkeit; ſtrengeren Tones wiederholte er die Ordre, und rief zwei der Matroſen beim Namen, ſie auffordernd, den Andern im Gehorſam voranzugehen. Allein ſie zauderten, und das gab dem Maat Gelegenheit, ſie durch ſeine Rede in ihrem meuteriſchen Vorhaben noch mehr zu beſtärken. „Wozu braucht's der Hände, um an den Pumpen zu arbeiten, in einem Schiffe wie dieſem?“ ſagte er, und ſſchlug dabei eine rohe Lache auf, in welcher zurückgehaltene Furcht und hervor⸗ brechende Bosheit ſich den Vorrang ſtreitig machten.„Nach Allem, was wir heut' Nacht mit angeſehen haben, würde ſich Keiner ver⸗ wundern, wenn das Schiff auf einmal, wie ein ſchnaubender Wallſiſch, das Salzwaſſer herauszublaſen anfinge.“ „Wie ſoll ich dieſes Zaudern, dieſe Redensarten verſtehen?“ ſagte Wilder, feſten Trittes ſich Nighthead nähernd, mit einem Auge, welches zu ſtolz war, um ſelbſt bei den unumwundenſten Zeichen der Inſubordination nicht grade und ohne Blinzeln drein zu ſchauen.„Seid Ihr es, der Ihr, in einem Augenblicke wie der jetzige, der vorderſte in der Pflichterfüllung ſein ſolltet, welcher es wagt, ein Beiſpiel des Ungehorſams zu geben?“ Der Gehilfe trat erſchrocken einen Schritt zurück, ſeine Lippen ſchiffs⸗ eſt das Weiſe, ewah⸗ racht, Theil btand, t des hſame deckte Tones amen, Allein ſeine een. eiten, eine rvor⸗ Ellem, r ver⸗ ender en?“ inem nſten drein ee der er es ppen 297 bewegten ſich, doch kein vernehmbarer Laut entkam ihnen. Mit einem ruhigen, gebietenden Tone hieß ihn Wilder nochmals ſelber Hand an den Pumpſtock zu legen. Nun kam Nighthead die Stimme wieder, um rund heraus eine Weigerung auszuſprechen. Im näch⸗ ſten Augenblick war er auch ſchon von ſeinem entbrannten Com⸗ mandeur, deſſen Schlag ſich zu widerſetzen, er weder Geſchicklich⸗ keit noch Kraft genug beſaß, auf die Erde geworfen. Dieſer ent⸗ ſcheidenden That folgte ein einziger Moment athemloſen, unge— wiſſen Schweigens unter der Mannſchaft, darauf ein gräßlicher Laut gleichzeitig aus jeder Kehle, und ein eben ſo allgemeines Eindringen auf unſern wehrloſen und alleinſtehenden Abenteurer — die unzweideutigen Signale erklärter Feindſeligkeit. Mitten in ihrem Vorhaben, als ein Dutzend Hände ſchon die Perſon Wilders ergriffen hatte, lähmte ſie ein Schrei von der Schanze her, und veranlaßte einen augenblicklichen Stillſtand. Es war der Angſt⸗ ruf Gertrauds, der ſelbſt auf das unmenſchliche Vorhaben ſolcher Weſen einen Einfluß ausübte, und zwar in einem Moment, wo ihre rohe und unbändige Leidenſchaften den höchſten Grad der Aufregung erreicht hatten. Wilder war befreit, ein und derſelbe Impuls hatte Aller Augen dahin gerichtet, woher der Ton gekom⸗ men war. Während der letzten, ereignißreichen Stunden der Nacht hatten die Meiſten Derjenigen, die ihre Pflicht auf dem Verdeck gehalten hatte, ſelbſt das Daſein von Paſſagieren in der Kajüte vergeſſen. Dachte ja irgend Jemand noch an ſie, ſo war es der junge See⸗ mann, der das Schiff leitete, in jenen flüchtigen Sekunden, wo ſein Gemüth Muße fand, verſtohlen, in der Erinnerung, auf ſanf⸗ tere Scenen als den wilden Krieg der Elemente, der um ihn her wüthete, hinzublicken. Nighthead hatte ihrer erwähnt, wie er irgend eines andern Theils des Cargo's erwähnt haben würde; ihr Geſchick konnte ſeine abgehärtete Natur nicht rühren. Miſtreß Wyllys hatte ſich mit ihrer Pflegebefohlenen die ganze Zeit hindurch un⸗ 298 ten gehalten, ſie blieben mithin von Allem, was ſich unterdeſſen we zugetragen, vollkommen ununterrichtet. In ihren Hängematten ſich vergraben, hatten ſie wohl das Gebrüll der Winde, und das un⸗ Sc abläſſige Anſchlagen des Waſſers gehört; allein eben dieſe gewöhn⸗ pfr lichen Begleiter eines Sturms hatten verhindert, daß ſie das Kra⸗ un chen der abbrechenden Maſtbäume, und die rauhen Schreie der dur Matroſen vernahmen. Während der paar Momente entſetzlicher ſeg Ungewißheit, wo das Briſtoler Schiff auf der Seite lag, blitzte frei⸗ hat lich im Gemüthe der erfahrenen Gouvernante eine Ahnung von Mi dem wahren Zuſtand der Dinge auf, allein da ſie fühlte, daß ſie doch nichts nützen könnte, und ihre minder erfahrene Reiſegefähr⸗ den tin nicht entſetzen wollte, ſo gewann ſie es über ſich, zu ſchweigen. Unj Die nun folgende Stille und verhältnißmäßige Ruhe verleitete ſie, geb ihre Beſorgniſſe für unbegründet zu halten; ſo daß ſie ebenſowohl als Gertraud, lange ehe der Morgen anbrach, in einen ſüßen und hen erfriſchenden Schlummer verſank. Beide waren endlich aufgeſtan⸗ der den und zuſammen auf's Verdeck geſtiegen, und noch in dem erſten Ausbruch ihres Erſtaunens über die Verheerung, die ihre Blicke redl traf, begriffen, als der geſchilderte, lange vorher beſchloſſene An⸗ die griff der Matroſen auf Wilder ſtattfand. Dar „Was bedeutet dieſer entſetzliche Wechſel?“ fragte Miſtreß ſie Wyllys mit zitternden Lippen und einer Wange, welche, trotz ihrer in d Selbſtbeherrſchung, von Todtenbläſſe überzogen war. Viel Tiefe Glut in den Augen, mit einer Stirn, finſter wie der zu r eben überſtandene Sturm, antwortete Wilder, drohend den Arm laſſe nach den Angreifenden ausſtreckend:„Meuterei bedeutet es, Ma⸗ chols dame, niederträchtige, feigherzige Meuterei!“ hätt „Konnte Meuterei die Maſten vom Schiffe wegſcheeren, und noch es als einen unbeholfenen Klotz auf der See laſſen?“« ohne „Hören Sie, Madame!“ unterbrach ſie der rohe Gehilfe;„mit War Ihnen will ich offen reden, denn Sie kamen an Bord der Caro⸗ ſpree lina als ein ehrlich zahlender Paſſagier, und Jedermann weiß, Loot deſſen atten s un⸗ vöhn⸗ Kra⸗ der licher frei⸗ von ß ſie fähr⸗ igen. e ſie, wohl und ſtan⸗ rſten licke An-⸗ ſtreß hrer der Arm Ma⸗ und ‚mit aro⸗ beiß, 299 wer Sie ſind. Heute Nacht habe ich den Himmel und die See ſich benehmen ſehen, wie ich ſie bisher niemals ſich benehmen ſah. Schiffe liefen vor dem Wind her, leicht und auftauchend wie Kork⸗ pfröpfe, die Spieren feſt und unbeweglich ausgereckt, da doch dem unſrigen jeder Maſt ſo glatt weggeſchoren wurde, wie Barthaar durch's Raſirmeſſer. Auf Kreuzer iſt man geſtoßen, die einher— ſegelten, ohne daß lebendige Hände darauf geweſen wären, ſie zu handhaben; kurz, kein Mann hier am Bord hat jemals ſo eine Mitternachtswache erlebt, wie die vergangene.“ „Und was hat das mit dem heftigen Auftritt zu ſchaffen, von dem ich eben Zeuge war? Hat denn das Geſchick jede Art von Unfall über dieß Schiff verhängt!— Können Sie mir Aufklärung geben, Herr Wilder?“ »Wenigſtens können Sie nicht ſagen, daß Sie ohne vorherge⸗ hende Warnung vor Gefahr das Schiff betraten,“ erwiederte Wil⸗ der mit einem bittern Lächeln. „Ja, ja,« fing der Gehilfe wieder an,„der Teufel ſelbſt muß redlich ſein, weil er dazu gezwungen iſt, und ſeine Helfershelfer, die unter ſeinem Oberbefehl ſegeln, die haben, dem Himmel ſei Dank, weder Muth noch Gewalt, anders zu handeln, wie ſehr ſie auch Luſt dazu fühlen. Sonſt wäre eine friedliche Seereiſe in dieſen unruhigen Zeiten eine ſolche Seltenheit, daß man nicht Viele treffen würde, kühn genug, ſich um's liebe Brod auf's Waſſer zu wagen.— Ohne Warnung! nein, nein, das müſſen wir Euch laſſen, Ihr habt oft und offen genug gewarnt. Als Nicolas Ni⸗ chols beim Einwinden des Ankers der Unfall traf— die Warnung hätte der Kommiſſionär nicht überſehen ſollen, denn es iſt mir noch niemals vorgekommen, daß ſo ein Zufall zu ſo einer Zeit, ohne das größte Unheil abgelaufen wäre. Dann hatten wir eine Warnung an dem Alten im Boot. Davon will ich gar nicht erſt ſprechen, daß es immer Unglück bringen muß, wenn man den Lootſen mit Gewalt aus dem Schiffe ſchickt. Als wäre das Alles 300 aber noch nicht genug, ſtatt die Warnung anzunehmen, und ruhig vor Anker liegen zu bleiben, müſſen wir die Anker lichten, und einen ſichern, freundlichen Hafen an einem Freitag, von allen Tagen der Woche grade an einem Freitag, verlaſſen*). Ich wundre mich nicht über das, was geſchehen iſt, im Gegentheil, ich wundre mich nur, daß ich mich noch unter den Lebendigen be⸗ finde; die einfältige Urſache hievon iſt aber die, daß ich meinen Glauben Dem geſchenkt habe, dem Glaube gebührt, nicht aber unbekannten Matroſen und fremden Commandeurs. Hätte der Eduard Earing es ebenſo gehalten, ſo würde er jetzt noch ein Brett zwiſchen ſich und dem Meeresboden haben; allein er war nur halb willig, die Wahrheit zu glauben, und neigte ſich im Ganzen zu ſehr auf die Seite des Aberglaubens und der Leicht⸗ gläubigkeit.“ Dieſes ausgearbeitete und charakteriſtiſche Glaubensbekenntniß des Maaten war Wildern vollkommen verſtändlich, den weiblichen Zuhörern aber ein unauflösliches Räthſel. Nighthead hatte in⸗ deſſen keinen halben Entſchluß genommen; er war fern von der Abſicht, nachdem er ſo weit gegangen, mit halb verrichteter Sache aufzuhören. Ohne viele Umſchweife erklärte er der Frau Wyllys die verzweifelte Lage des Schiffes, und wie es höchſt unwahrſchein⸗ lich ſei, daß es noch viele Stunden ſich über Waſſer halten könne, indem perſönliche Unterſuchungen ihn überzeugt hätten, daß der untere Schiffsraum ſchon halb mit Waſſer angefüllt ſei. „Was iſt aber zu thun?“ fragte die Erzieherin, einen Blick *) Der Aberglaube, daß Freitag ein Tag von ſchlimmen Vorbedeutungen ſei, be⸗ ſchränkt ſich nicht auf Nighthead, er herrſcht noch heutzutage, mehr oder weniger unter Seeleuten. Ein aufgeklärter Kaufmann von Connecticut wünſchte zur Aus⸗ rottung dieſes oft ſehr beſchwerlichen Wahnes das Seinige beizutragen. Zu dem Zweck ließ er den Kiel eines Schiffes an einem Freitag legen, ließ das Schiff an einem Freitag vom Stapel laufen, taufte es„Freitag“, und ließ es die erſte Reiſe an einem Freitag antreten. Zum Unglück für das Gelingen dieſes wohlgemeinten Verſuches hat man weder von der Mannſchaft, noch von dem Schiffe je wieder etwas gehört. Der Verf. bit „J ode mü naf me zw' Cot Am troſ Arg zeug Geſ dann ſpree ſtütze ten! Wild das kurz, das Schit den endli wärtt Wort überf druhig , und mallen . Ich ntheil, een be⸗ neinen t aber te der cch ein r war ch im Leicht⸗ untniß blichen te in⸗ on der Sache Vyllys ſchein⸗ könne, ß der Blick ſei, be⸗ veniger r Aus⸗ dem iff an e Reiſe neinten etwas rf. 301 bitteren Schmerzes auf die blaſſe zuhörende Gertraud werfend. „Iſt kein Segel nahe, das uns von dem Wrack aufnehmen kann? oder müſſen wir hilflos untergehen?« „Gott ſchütze uns gegen noch mehr fremde Segel!“ rief der mürriſche Nighthead.„Dort auf dem Spiegel hängt unſere Pi⸗ naſſe, und Land muß nord⸗weſt innerhalb einiger vierzig See⸗ meilen liegen. Trinkwaſſer und Mundvorrath iſt genug da, und zwölf ſtarke Hände könneu ſchon ohne Mühe ein Boot nach dem Continent von Amerika rudern! das heißt, wohlverſtanden, wenn Amerika da noch iſt, wo es geſtern bei Sonnenuntergang zu ſehen war.“ „Sie haben alſo vor, das Fahrzeug im Stich zu laſſen?“ „Ja. Zwar iſt der Nutzen des Prinzipals allen braven Ma⸗ troſen theuer, doch das Leben iſt ſüßer als Gold.“ „Der Wille des Himmels geſchehe! Aber Sie haben doch nichts Arges im Sinn gegen dieſen Herrn? Er hat, wie ich gewiß über⸗ zeugt bin, das Schiff unter höchſt kritiſchen Umſtänden mit einer Geſchicklichkeit geleitet, die weit über ſeine Jahre geht.“ „Nighthead murmelte ſeine Abſicht unverſtändlich vor ſich hin; dann ging er bei Seite, offenbar um ſich mit den Leuten zu be⸗ ſprechen, die bereits nur zu geneigt waren, ſeine Pläne zu unter⸗ ſtützen, ſie mochten noch ſo irrig, noch ſo geſetzlos ſein. Es folg⸗ ten nun ein paar Augenblicke der Ungewißheit, während welcher Wilder ruhig und gelaſſen daſtand, ein Lächeln der Verachtung, das um ſeine Lippen ſpielte, kaum zu unterdrücken im Stande, kurz, mehr mit der Miene eines Menſchen, der Gewalt hat, über das Schickſal Anderer zu entſcheiden, als eines Solchen, über deſſen Schickſal höchſt wahrſcheinlich in demſelben Augenblicke entſchie⸗ den wurde. Als die langſamen Willensmeinungen der Seeleute endlich zu einem Beſchluß gediehen waren, ſchritt der Maat vor⸗ wärts, um das Ergebniß zu verkündigen. Doch waren ſeine Worte zur Mittheilung des weſentlichen Theils ihres Beſchluſſes überflüſſig; denn eine Gruppe ſammelte ſich ſofort um das 30² Hinterboot, und ſchickte ſich an, es in die See zu laſſen, wäh⸗ rend die Uebrigen ſich damit beſchäftigten, den nöthigen Mund⸗ vorrath herbeizuholen. „Es iſt Raum genug in der Pinaſſe für alle Chriſten hier im Schiff,“ fing Nighthead wieder an;„und was Diejenigen betrifft, die ihr Vertrauen auf eine gewiſſe Perſonage ſetzen, je nun, die mögen ſich da nach Hilfe umſehen, wo ſie ſie bisher gefunden haben.“ „Soll ich aus allem Dem entnehmen,“ ſagte Wilder ruhig, „daß Eure Abſicht ſei, das Wrack und Eure Pflicht aufzugeben?“ Der halb zurückgeſchüchterte, aber rachgierige Gehilfe beglei⸗ tete ſeine Antwort mit einem Blicke, von dem es ſchwer war zu ſagen, ob Triumph, ob Furcht darin die Oberhand hatten. „Sie verſtehen ſich darauf, ein Schiff ohne Mannſchaft fort⸗ zuſchaffen, Sie werden daher wohl nie wegen eines Boots in Verlegenheit ſein. Sie ſollen ſich indeſſen bei Ihren Freunden, wer ſie auch ſein mögen, nie darüber zu beklagen haben, daß wir Sie ohne die Mittel, das Land zu erreichen, gelaſſen haben, wenn Sie anders wirklich ein Landvogel ſind. Dort iſt die Barkaſſe.“ „Dort iſt die Barkaſſe! Ihr wißt ja recht gut, daß ohne Sten⸗ gen alle eure vereinigten Kräfte nicht hinreichen, ſie nur vom Deck zu lüften; ſonſt würdet ihr ſie auch wohl nicht ſtehen laſſen.“ „dDas Geſindel, welches die Stengen von der Carolina weg⸗ genommen hat, kann ſie auch wieder einſetzen,“ rief ein Matroſe mit grinſendem Lachen;„es dauert gewiß keine Stunde nachdem wir fort ſind, ſo kommt ein Kiellichter heran, der wird Euch die Spieren ſchon wieder einſetzen, und dann könnt Ihr die Küſten⸗ fahrt in Geſellſchaft machen.“ Wilder ſchien jede Antwort zu verſchmähen. Er fing an, auf und ab zu gehen, tiefſinnig, dabei aber doch gelaſſen und mit voll⸗ kommener Selbſtbeherrſchung. Inzwiſchen machte der allgemeine Wunſch der Mannſchaft, das Wrack ſo bald als möglich zu ver⸗ laſſen, daß ihre Vorbereitungen unglaublich ſchnell zu Stande wäh⸗ Mund⸗ ier im etrifft, n, die aben.“ ruhig, ben?“ beglei⸗ var zu fort⸗ ots in unden, aß wir wenn kaſſe.“ Sten⸗ vom iſſen.“ weg⸗ atroſe chdem cch die Lüſten⸗ n, auf t voll⸗ meine u ver⸗ btande 303 kamen. Die erſtaunten und erſchreckten Damen hatten kaum Zeit, ſich über das außerordentliche ihrer Lage einen klaren Begriff zu bilden, als die Geſtalt des hilfloſen Schiffpatrons an ihnen vor⸗ über getragen wurde, und gleich darauf erging die Aufforderung an ſie, ihren Platz an deſſen Seite im Boot einzunehmen. Dringend auf dieſe Weiſe zum Handeln aufgefordert, fühlten ſie die Nothwendigkeit, endlich einen Entſchluß zu faſſen. Vor⸗ ſtellungen, befürchteten ſie, würden vergeblich ſein; die wilden, boshaften Blicke, die unter der Arbeit von Zeit zu Zeit auf Wilder geworfen wurden, ließen die Gefahr ahnen, wenn dieſe halsſtarrigen und unwiſſenden Gemüther zu neuen Thätlichkeiten wieder auf⸗ geregt würden. Die Gouvernante beabſichtigte Anfangs, ſich an den verwundeten Schiffspatron zu wenden; allein der zerſtreute, kummervolle Blick, den dieſer um ſich her that, als er auf's Ver⸗ deck gehoben ward, und der Ausdruck von körperlichen ſowohl als geiſtigen Schmerzen auf ſeinen rauhen Geſichtszügen, als er ſie unter den Decken, in denen er getragen wurde, wieder vergrub, kündigte nur zu deutlich an, daß in ſeiner gegenwärtigen Lage nur wenig Hilfe von ihm zu erwarten war. »Was bleibt uns zu thun übrig?“ fragte ſie endlich den ſchein⸗ bar empfindungsloſen Gegenſtand ihres Kummers. „»Das wünſchte ich ſelber zu wiſſen,“ antwortete er haſtig, indem er ſchnell und angeſtrengten Blickes den Horizont umher anſchaute.„Es iſt nicht unwahrſcheinlich, daß ſie die Küſte er⸗ reichen, ja, dauert die Windſtille vierundzwanzig Stunden, ſo er⸗ reichen ſie ſie gewiß.“ „Und wo nicht?“ »Bläst der Wind nordweſt, oder irgend woher von der Küſte, ſo iſt's um ſie geſchehen.“ „Aber das Schiff?« „Muß untergehen, wenn es verlaſſen wird.“ „Dann will ich noch einmal verſuchen, dieſe Herzen von Stein 304 zu Ihren Gunſten zu bewegen! Ich weiß nicht, warum ich an Ihrem Wohl ſo ſehr Theil nehme, unbegreiflicher, junger Menſch! doch die herbſten Leiden würde ich nicht ſcheuen, um nicht glau⸗ ben zu müſſen, daß Sie einem ſolchen Geſchick unterlegen ſeien.“ „Halten Sie ein, theuerſte Frau,“ ſagte Wilder, indem er die Fortgehende bei der Hand hielt.„Ich kann das Fahrzeug nicht verlaſſen.“ „Das wiſſen wir noch nicht. Die hartnäckigſten Naturen können zum Nachgeben gebracht, ja, der Stumpfſinn, taub gegen die Stimme der Belehrung, kann endlich bewogen werden, der des Flehens Gehör zu geben. Vielleicht gelingt es mir.“ „Sie haben ein Gemüth zu überwinden, ein Urtheil zu über⸗ zeugen, ein Vorurtheil zu beſiegen, über das Sie keine Gewalt haben.“ „Weſſen?“ „Mein eigenes.“ „Was haben Sie vor, Sir? Sie ſind doch nicht ſchwach ge⸗ nug, der Empfindlichkeit gegen ſolche Weſen zu geſtatten, Sie zu einer wahnſinnigen Handlung hinzureißen?“ „Habe ich das Anſehen eines Wahnſinnigen?“ fragte Wilder. „Das Gefühl, das mich leitet, kann irrig ſein, allein es iſt nun einmal mit meinen Gewohnheiten, meinen Anſichten, ja ich darf wohl ſagen mit meinen Grundſätzen, unzertrennlich verwebt. Die Ehre iſt es, die mir verbietet, ein Schiff, das ich befehlige, zu verlaſſen, ſo lange noch eine Planke davon ſchwimmt.“ „Was kann ein einzelner Arm in einer ſolchen Kriſe nützen?“ „Nichts,“ antwortete er mit einem traurigen Lächeln.„Ich muß aber ſterben, damit Andere, die in Zukunft nützlich ſein können, ihre Pflicht, ihre ganze Pflicht erfüllen.“ Tief, faſt bis zum Entſetzen ergriffen, ſahen ſowohl Miſtreß Wyllys als Gertraud in ſein ruhiges Antlitz mit dem Flammenauge. Die Erſtere las in der Gelaſſenheit ſeiner Miene das Unwiderrufliche einer Entſcheidung. Die Letztere ſchauderte ſichtbar zuſammen, wie 305 ch an ſich das Bild des grauſamen, ſeiner harrenden Geſchickes, ihrem enſch! Geiſte aufdrängte, und das Glutgefühl in ihrem jugendlichen glau⸗ Herzen ließ ſie ſeine Selbſtaufopferung ſogar für etwas Verdienſt⸗ eien.“ liches halten. Allein die Gouvernante ſah aus dem Entſchluſſe er die Wilders neue Gründe zu Beſorgniſſen entſpringen. Hatte ſie von nicht Anfang an Widerwillen dagegen gefühlt, ſich und ihre Pflegebefohlene einer Bande anzuvertrauen, wie die war, welche jetzt die oberſte Gewalt turen beſaß, ſo wurde derſelbe jetzt mehr als verdoppelt durch den rauhen gegen und lärmenhaften Ruf: zu eilen und unter ihnen Platz zu nehmen. , der„Wollte Gott, ich wüßte, was ich wählen ſoll!« rief ſie aus. „O ſprechen Sie, rathen Sie uns, junger Mann, wie Sie einer über⸗ Mutter und Schweſter rathen würden.“ ben.«„Wäre ich ſo glücklich, ſo nahe und theure Verwandte zu be⸗ ſitzen,“ erwiederte er mit Nachdruck,„ſo ſollte, in einer Stunde wie der gegenwärtigen, Nichts auf der Welt uns trennen.“ h ge⸗„Iſt denn Hoffnung für die auf dem Wrack Zurückbleibenden?« bie zu»Nur geringe.“ „Und im Boot?“ ilder. Wilder machte beinahe eine minutenlange Pauſe. Noch einmal nun wendete er den Blick rund am glänzenden Horizont umher, und darf ließ ihn beſonders an der Himmelsgegend, nach der Richtung des Die fernen Feſtlandes zu, mit unendlicher Anſtrengung forſchend weilen. e, zu Kein Zeichen, das die wahrſcheinliche Beſchaffenheit des Wetters andeuten konnte, entging ſeiner Beobachtung, während auf ſeinem en 2“ ſprechenden Geſicht alle die verſchiedenen Bewegungen, die in ſei⸗ „Ich nem prüfenden Geiſte auf einander folgten, deutlich zu leſen waren. nnen,„So wahr ich ein Mann bin, Madame,“ antwortete er innig, „deſſen Pflicht es iſt, Ihrem Geſchlecht rathend und ſchützend bei⸗ iſtreß zuſtehen, ich traue dem Wetter nicht. Ich glaube vielmehr, es auge. iſt eben ſo wahrſcheinlich, daß irgend ein vorüberſegelndes Schiff fliche uns erſpäht und aufnimmt, als daß Die, welche ſich in die Pinaſſe wie wagen, je das Land erreichen.“ Der rothe Seeräuber. 20 306 „So laſſen Sie uns bleiben,“ ſagte Gertraud, indem ihr das Blut, zum erſten Mal, ſeit ſie wieder auf dem Verdeck erſchienen war, mit Macht in die blaſſen Wangen ſtrömte.„Ich kann den Gedanken nicht ertragen, mit den Elenden dort in einem Boote zu ſein.“ „Raſch, raſch!“ rief Nighthead ungeduldig.„Jede Minute Tageslicht iſt für uns Alle eine Minute Lebens, und jede Sekunde Windſtille ein Jahr. Raſch, raſch, ſonſt laſſen wir euch zurück!“ Miſtreß Wyllys antwortete nicht, ſondern ſtand da, ein Bild des Zweifels und der ſchmerzlichſten Unentſchiedenheit. Sie hör⸗ ten bald das Plätſchern des Waſſers, und ſahen im nächſten Augenblick die Pinaſſe über das Element gleiten, von den ſtarken Armen ſechs rüſtiger Ruderer getrieben. „Halt!“ kreiſchte die Gouvernante, die nun nicht mehr unent⸗ ſchieden war:„nehmt mein Kind auf, und laßt mich zurück!“ Ein verneinendes Winken mit der Hand und ein undentliches Gebrumme der rauhen Stimme des Maaten war die einzige Ant⸗ wort auf ihren Ruf. Nun eine lange, tiefe, athemloſe Stille unter den Verlaſſenen! Das Schroffe in den Geſichtern der Matroſen in der Pinaſſe zerfloß bald in der Ferne, dann fing das Boot an, den Augen immer kleiner und kleiner zu erſcheinen, bis nur noch ein dunkler, ferner Punkt zu ſehen war, der mit den blauen Wogen ſtieg und fiel. Während dieſer ganzen Zeit entſchlüpfte Keinem auch das leiſeſte Wörtchen. Ein Jedes ſchaute bis zum Ermüden der Sehnerven hin auf den ſich entfernenden Punkt! erſt als das Auge ihm das winzige Bild nicht mehr zur Vorſtellung zu bringen vermochte, raffte ſich Wilder aus der ſtarren Betäubung, in die er verſunken war, wieder zuſammen. Nun heftete er den Blick auf ſeine Gefährtinnen, die Hand gegen die Stirn andrückend, gleichſam als ob die ſchwere Verantwortlichkeit, die er durch den Rath, daß ſie bleiben ſollten, übernommen, ihm das Gehirn verwirrt hätte. Doch dauerte dieſe tödtliche Furcht nicht lange, und an ihre Stelle trat Feſtigkeit, Entſchloſſenheit. Seine Seele war in Scenen hr das n war, danken ein.⸗ Ninute ekunde rück!“ Bild e hör⸗ chſten tarken nent⸗ 1 liches Ant⸗ unter en in „den ) ein ogen inem üden das ngen ie er auf ſam daß itte. telle enen 307 zweifelhaften Ausgangs zu oft erprobt worden, um lange der Faſſung und Selbſtbeherrſchung beraubt werden zu können. „Sie ſind fort!“ rief er, indem er einen langen und tiefen Athemzug that, wie Einer, der den Athem mit Gewalt an ſich gehalten. „Sie ſind fort!“ wiederholte die Erzieherin, indem ſie das vor in⸗ nigſtem Gram zuſammengezogene Auge auf die marmorgleiche, re⸗ gungsloſe Geſtalt ihrer Schülerin wendete.„Alle Hoffnung iſt dahin!“ Auch Wilders Blick ruhte auf dieſer ſtummen, lieblichen Bild⸗ ſäule, und zwar mit nicht geringerem Ausdrucke als der Blick Der⸗ jenigen, welche die Kindheit dieſer reichen Erbin aus dem Süden in Unſchuld und Liebe gepflegt hatte. Mit gedanbenvoller Stirn, feſtverſchloſſenem Mund ſaß er da, und muſterte mit angeſtreng⸗ ter, gründlicher Prüfung alle Hilfsmittel, die ſeine fruchtbare Einbildungskraft und lang geſammelte Erfahrung nur darboten. „Iſt noch Hoffnung vorhanden?« fragte die Erzieherin, welche den wechſelnden Ausdruck ſeines Geſichtes mit unabläſſiger Auf⸗ merkſamkeit bewachte. Die Düſterkeit entfloh aus ſeinen braunen Geſichtszügen, und das Lächeln, das ſie nun überglänzte, glich dem Sonnenſtrahl, der die ſchwärzeſte Wolke des treibenden Sturmwindes durchbricht. „Ja, es iſt noch Hoffnung!“ ſagte er mit Zuverſicht;„unſere Lage iſt keinesweges eine hoffnungsloſe.“. „Gelobet ſei Der, welcher über das Meer und das Land re⸗ giert!“ rief die dankbare Gouvernante, ihrem enggepreßten Herzen mit einem Thränenſtrom Luft machend. Gertraud warf ſich ihrer Wyllys an den Hals, und Beide gaben ſich einen Augenblick ganz ihren hervorbrechenden Gefühlen hin. „Und nun, meine Theuerſte,“ ſagte Gertraud, ſich aus der Umarmung ihrer mütterlichen Erzieherin windend,„laſſen Sie uns der Geſchicklichkeit des Herrn Wilder vertrauen;z er hat dieſe Gefahr vorausgeſehen und vorausgeſagt, warum ſollte er nicht mit gleicher Gewißheit unſere Rettung vorausſagen können?“ 20 7. 308 »Vorausgeſehen! vorausgeſagt!“ verſetzte die Andere auf eine Weiſe, welche zeigte, daß ihr eigener Glaube an die ſachkundige Vorausſicht des Fremdlings nicht ſo ganz unbedingt war, wie der ihrer jugendlichen und feurigen Gefährtin.„Kein Sterblicher konnte dieſes ſchreckliche Unglück vorausſehen, und am allerwenig⸗ ſten würde Einer, der es wirklich vorausſehen konnte, ſich der Gefahr aufgedrängt haben! Herr Wilder, ich will Sie nicht mit Bitten um Erklärungen beläſtigen, die jetzt von keinem Nutzen ſein würden, aber Sie werden uns gewiß nicht Ihre Gründe vor⸗ enthalten, die Sie zur Hoffnung ermuthigen.“ Wilder wußte wohl, eine ſolche Neugierde ſei eben ſo peinlich als natürlich, und beeilte ſich daher, ſie zu befriedigen. Die Meu⸗ terer hatten nämlich das größeſte, und bei weitem ſicherſte Boot auf dem Wrack zurückgelaſſen, weil ſie die Windſtille benutzen wollten, und es ihnen ſtundenlange, ſchwere Arbeit gekoſtet hätte, um es aus den Einſchnitten zwiſchen den beiden Hauptmaſten zu heben, und über die Seite des Schiffes in den Ocean hinab zu ſchwingen. Dieſe Arbeit, die mit Hilfe der gewöhnlichen Maſchi⸗ nerie eines Schiffes das Werk einiger Augenblicke geweſen wäre, würde alle ihre vereinigten, mit der äußerſten Achtſamkeit und Um⸗ ſicht gebrauchten Kräfte erfordert haben, ſo daß allerdings zu viele der Augenblicke drauf gegangen wären, die ſie mit Recht, der ſtür⸗ miſchen und unſtäten Jahreszeit wegen, für ſo koſtbar hielten. Wilders Vorſchlag ging nun dahin, ſo viel Lebensbedürfniſſe und Bequemlichkeitsgegenſtände in dieſe kleine Arche zu ſchaffen, als ſie eilig aus dem verlaſſenen Schiff zuſammenraffen könnten, dann mit ſeinen Gefährtinnen hineinzuſteigen, und den kritiſchen Augen⸗ blick abzuwarten, wo das Wrack unter ihnen wegſinken würde. „»Und das nennen Sie Hoffnung?« rief, als er mit ſeiner Er⸗ klärung geendigt hatte, die von Neuem wegen getäuſchter Er⸗ wartung erblaſſende Wyllys.„Ich habe mir ſagen laſſen, daß der Strudel, welchen untergehende Schiffe auf der Meeresfläche if eine undige die der blicher venig⸗ h der nicht Nutzen vor⸗ einlich Meu⸗ Boot nutzen hätte, en zu ab zu aſchi⸗ wäre, Um⸗ viele ſtür⸗ elten. und als dann igen⸗ de. Er⸗ Er⸗ daß äche 309 verurſachen, alle geringeren Gegenſtände in der Nähe an ſich ziehe und verſchlinge!“ „Das iſt zuweilen der Fall. Nicht um Welten möchte ich Sie hintergehen; doch ſage ich noch immer: es iſt eben ſo wahrſchein⸗ lich, daß wir entkommen, als daß wir ſammt dem Schiff im Strudel verſinken.“ „Das iſt fürchterlich!“ ſprach die Gouvernante leiſe,„doch der Wille des Himmels geſchehe! Kann denn Scharfſinn die Stelle der Kraft nicht erſetzen, um das Boot vom Verdeck zu werfen, ehe der verhängnißvolle Augenblick da iſt?“ Wilder ſchüttelte den Kopf, entſchieden verneinend. „Wir ſind nicht ſo ſchwach, wie Sie vielleicht glauben,“ ſagte Gertraud.„Leiten Sie nur unſere Bemühungen, und laſſen Sie uns verſuchen, was wir ausrichten können. Hier iſt Caſſandra,“ fügte ſie hinzu, ſich nach dem Negermädchen umdrehend, die bei unſern Leſern bereits eingeführt iſt, und die jetzt hinter ihrer jungen und eifrigen Gebieterin ſtand, den Mantel und den Shawl über den Arm geworfen, als ſollte ſie ſie eben auf eine Morgenpromenade begleiten,„hier iſt Caſſandra, die allein faſt ſo ſtark iſt wie ein Mann.“ »Und wenn ſie ſo ſtark wie zwanzig Männer wäre, ſo würde ich doch verzweifeln, ohne Maſchinerie das Boot über Bord zu ſchwingen. Doch wir verſchwatzen die Zeit; ich ſteige hinab, um über die wahrſcheinliche Dauer unſerer Zweifel ein Urtheil zu fällen, und dann zu unſeren Vorbereitungen! Selbſt Sie, ſchön und ſchwach wie Sie ſind, liebenswürdiges Weſen, werden dabei helfen können.“ Alsdann wies er auf verſchiedene nicht ſchwere Gegenſtände hin, die zu ihrer Bequemlichkeit dienen würden, ſollten ſie ſo glück⸗ lich ſein, vom Wrack gehoben zu werden, und rieth ihnen, ſelbige ungeſäumt in's Boot zu bringen. Während die drei Frauenzimmer auf dieſe Weiſe nützlich beſchäftigt waren, ſtieg er in den Schiffs⸗ raum hinab, um von der Zunahme des Waſſers zu berechnen, wie lange es noch dauern würde, bis der ſinkende Bau ganz verſchwände. 310 Der Thatbeſtand bewies, daß ihre Lage bei weitem bedenklicher war, als ſelbſt Wilder erwartet hatte. Seiner Maſten entblößt, hatte das Schiff ſo ſtark geſchlingert*), daß viele der Nahten zwi⸗ ſchen den Planken geſprungen waren, und in dem Grade, wie ſich die Obertheile des Schiffes unter die Meeresfläche ſenkten, nahm die Schnelligkeit des Hereinſtrömens des Elementes zu. Als der junge Seemann den ſachkundigen Blick überall umherwarf, konnte er nicht umhin, mit bitterem Herzen die Unwiſſenheit und den Aberglauben zu verwünſchen, der die Deſertion der überlebenden Mannſchaft verurſacht hatte. Denn in der That war kein Unglück geſchehen, das Anſtrengung und Geſchicklichkeit nicht hätten wieder gut machen können. Doch ſo, alles Beiſtandes beraubt, ſah er ohne Mühe ein, daß der Verſuch, die nun unvermeidlich gewordene Kataſtrophe auch nur einen Augenblick aufhalten zu wollen, der Gipfelpunkt aller Thorheit ſein würde. Schweren Herzens auf's Verdeck zurückkehrend, machte er ſich gleich an die Vorkehrungen, die nöthig waren, um die entfernteſte Ausſicht zur Rettung zu eröffnen. Während ſeine weiblichen Gefährten das Gefühl der Furcht durch ihre leichte, obgleich eben ſo nothwendige Beſchäftigung be⸗ täubten, ſetzte Wilder die beiden Bootmaſte ein, brachte die Segel in Ordnung, und legte alle übrigen Werkzeuge zurecht, die im Rettungsfall nützlich ſein konnten. Alſo beſchäftigt verflogen ein paar Stunden, als wären die Minuten zu Sekunden zuſammen⸗ gedrängt. Mit dem Ablauf dieſer Zeit war ſeine Arbeit fertig. Er kappte nun die beiden Krabber, welche dazu dienten, die Bar⸗ kaſſe während der Bewegung des Schiffes feſtzuhalten, ſo daß ſie, auf ihrer hölzernen Bettung ſtehend, außer aller ſonſtigen Verbin⸗ dung mit dem Rumpfe gebracht wurde, der ſich jetzt ſchon ſo tief hinabließ, daß in jedem Augenblick zu erwarten ſtand, er werde unter ihnen wegſinken. Nachdem dieſe Vorſichtsmaßregel genommen *) Bewegung des Schiffes nach der Richtung ſeiner Breite von einer Seite zur andern. 311 klicher war, lud er die Frauenzimmer ein, in's Boot zu ſteigen, aus Furcht, blößt, die Kriſe könnte näher ſein, als er es ſich dachte; denn er wußte n zwi⸗ recht gut, daß ein untergehendes Schiff, einer wankenden Mauer ie ſich gleich, jeden Moment dem Druck nach Unten folgen kann. Hierauf nahm machte er ſich an die kaum minder nothwendige Arbeit einer Aus⸗ Is der wahl unter dem Chaos von Gegenſtänden, womit der einſichtsloſe Eifer ſeiner Gefährtinnen das Boot ſo überfüllt hatte, daß kaum onnte 3 k Hafle, d den Platz für ihre unendlich koſtbareren Perſonen übrig blieb. Nun enden flogen, trotz der vielen Gegenvorſtellungen der Negerin, Schachteln, glück Koffer, Pakete aller Art rechts und links von der Barkaſſe nach allen Richtungen, als ob er nicht die geringſte Rückſicht habe für vieder 3. ah er die Bequemlichkeit und Pflege jenes liebenswürdigen Weſens, zu rdene deſſen Gunſten Caſſandra unbeachtet, wie ihre alte Namensbaſe der von Troja, ſo heftig remonſtrirte. Das Boot war bald von Allem auf's gereinigt, was, unter ihren Umſtänden, buchſtäblich in die Rum⸗ ngen, pelkammer gehörte, weil es nur im Wege ſtand. Es blieben in⸗ fnen. deſſen der Gegenſtände weit mehr als genug für alle Bedürfniſſe, urcht und für viele Bequemlichkeiten, auf den Fall, daß die Elemente ihnen den Gebrauch derſelben geſtatteten. 4 Jetzt, und nicht eher, ruhte Wilder von der Arbeit aus. Er e im hatte ſeine Segel ſo geordnet, daß er ſie augenblicklich aufhiſſen wein konnte; hatte ſorgfältigſt unterſucht, daß auch kein heraushangendes men⸗ Seil das Boot noch mit dem Wrack verbinde, und es dem unter⸗ rtig. gehenden Koloſſe nachziehe; endlich hatte er ſich darüber vergewiſ⸗ Bar⸗ ſert, daß Alles an ſeiner gehörigen Stelle und zur Hand liege, Spei⸗ ſie, ſen, Waſſer, Kompaß und die unvollkommenen Inſtrumente, die man hin⸗ damals noch hatte, um auszumitteln, in welcher Breite das Schiff tief ſich befindet. Als alle Vorbereitungen endlich ſo weit gediehen wa⸗ erde ren, nahm er ſeine Stellung im Spiegel des Bootes ein, und be⸗ men mühte ſich durch die Gelaſſenheit ſeines Weſens, den minder muthi⸗ gen Gefährtinnen einen Theil ſeiner Unerſchrockenheit mitzutheilen. Seite Der milde Sonnenſchein ruhte auf tauſend Stellen rechts und 312 links vom ſtillen, verlaſſenen Wrack. So todt war die Stille, die auf der See herrſchte, daß die rieſige, unbeholfene Maſſe, auf welcher ſich die Arche unſerer Erwartungsvollen befand, regungslos dalag; nur nach langen Pauſen ſchlingerte ſie einen Augenblick heftig, und ſenkte ſich dann etwas tiefer in das gierig verſchlingende Element. Bei alle Dem war das Verſchwinden des Rumpfes nur langſam, und das Allmählige hatte für Diejenigen ſogar etwas Langweiliges, die mit Sehnſucht dem Augenblick des gänzlichen Eintauchens ent⸗ gegenharrten, als des Wendepunktes ihres eigenen Geſchickes. Während dieſer Stunden ſchrecklicher, ermüdender Ungewißheit wurde die Unterredung zwiſchen den Aengſtlichwachenden in Tönen des Vertrauens, ja oft der Zärtlichkeit, geführt, aber ach! oft unterbrochen durch lange Zwiſchenräume tief ſinnenden Schweigens. Ein Jedes ſchlüpfte über die Erwähnung der gefährlichen Lage hinweg, um die Gefühle des Andern zu ſchonen; aber jene ewig⸗ wache Liebe zum Leben, die Allen gemeinſam war, gab ihnen ein um ſo lebendigeres inneres Bewußtſein der Gefahr, welche ſie liefen. So floßen Minuten, Stunden, der ganze Tag dahin; ſchon konnte man ſehen, wie die Finſterniß ſich längs des Oceans heran⸗ zuſchleichen begann, immer enger nach Oſten zu den Umkreis ihrer Ausſicht zuſammenziehend, bis endlich das Ganze der öden Scene beſchränkt war auf einen kleinen, düſtern Kreis, unmittelbar um den Fleck her, wo ſie ſich befanden. Dieſem Wechſel folgte noch eine bange Stunde, während welcher es den Anſchein bekam, als wolle der Tod ſie in der Umgebung ſeiner grauſenvollſten Schrecken beſuchen. Ein ſchwerer Schlag aufs Waſſer dröhnte durch die Luft, es war ein ſich heranwälzender Wallfiſch, der ſeine unge⸗ ſchlachte Geſtalt auf der Oberfläche hin⸗ und herwarf. Das mimiſche Blaſen von hundert Nachahmern in der Suite des Monarchen der Gewäſſer vermehrte das Gräßliche. Der entzündeten, fieberhaften Einbildungskraft Gertrauds kam es vor, als ob das Salzwaſſer alle ſeine Ungeheuer herbeiſende; umſonſt verſuchte Wilder ſie mit 313 die auf der Verſicherung zu beruhigen: dieſe gewohnten Töne ſeien eher velcher Vorboten des Friedens, als irgend einer friſchen Gefahr; in ihrem dalag; Geiſt ſah ſie die verborgenen Meeresabgründe klaffen, über denen g, und ſie, nur von einem Faden gehalten, ſchwebte, und es wimmelte ement. darin von den ekelhaften Bewohnern der großen Tiefe. Doch blieb gſam, der aufgeklärte Seemann ſelbſt nicht ohne Schrecken, als er die iliges, Finnen des gefräßigen Hai über die Oberfläche des Waſſers dunkel s ent⸗ hervorragen und das Ungeheuer in abgeſetzten Schüſſen ſich rund es. um das Wrack ſtehlen ſah, welches der Inſtinkt es zu lehren ſchien, ißheit daß der Inhalt des dem Untergang geweihten Schiffes nun bald Tönen ſſeine Beute werden müſſe. Nun ging der Mond auf, mit ſeinem ! oft milden, täuſchenden Zauberlicht über die ſtets wechſelnde, aber ggens. ſtets ſchreckenvolle Scene. Lage„Seht,“ ſagte Wilder, als der Himmelskörper ſein blaſſes, ewig⸗ trauriges Rund aus dem Meeresbette hob;„wir werden Licht n ein haben zu unſerem gewagten Schwung!“ ſe ſie„Iſt es ſchon ſo weit?“ fragte Miſtreß Wyllys, mit ſo viel ſchon Ausdruck von Entſchloſſenheit, als ſie nur immer in einer ſo her⸗ eran⸗ ben Lage ſammeln konnte. ihrer„Ja— ſchon ſteht das Schiff mit den Speigaten unter Waſſer. Scene Ein Fahrzeug hält es zuweilen aus, bis es von Salzwaſſer ganz um geſättigt iſt. Wenn unſeres überhaupt ſinkt, ſo ſinkt es bald.“ noch„Ueberhaupt ſinkt! Iſt denn Hoffnung da, daß es noch ſchwim⸗ als men könne?“ ecken„Keine!“ ſagte Wilder, und hielt inne, den hohlen, drohenden, die Tönen zu lauſchen, welche, während das Waſſer nun durch die nge⸗ Abtheilungen eindrang und ſich von einer Seite zur andern ſchon jſche 3 freie Bahn brach, hervordröhnten aus dem Boden des Schiffes, der gleich dem Geſtöhne eines gewaltigen Ungeheuers im letzten Kampfe flen der Natur.„Keine; ſchon verliert es ſeine waſſerrechte Linie.“ iſſer Auch ſeinen Gefährtinnen entging die Veränderung nicht, doch mit war keine von ihnen im Stande, eine Sylbe hervorzubringen, und 314 wenn es den Beſitz einer Welt gegolten hätte. Noch ein dumpfer, drohender, kollernder Ton, und von der im Raume eingeſchloſſe⸗ nen Luft getrieben, flog das Vordertheil des Verdecks in die Höhe, mit der Exploſion einer Kanone. „Jetzt die Seile angefaßt, die ich Ihnen gegeben!« ſchrie Wilder mit athemloſer Haſt. Seine Worte erſäufte das Rauſchen und Gurgeln des Strudels. Der Schiffskoloß that einen Fall wie ein ſterbender Wallfiſch, er hob ſeinen Spiegel hoch in die Luft, dann glitt er in die Tiefe, wie der Leviathan, wenn er in ſeine verborgenen Abgründe hinab⸗ ſchießt. Die feſtliegende Barkaſſe hob ſich natürlich mit dem Schiffe, ſo daß ſie endlich— eine fürchterliche Lage— beinahe einen rechten Winkel mit der Waſſerfläche bildete. So wie das Wrack hinabſank, kamen die Seiten der Barkaſſe in's Waſſer, und vergruben ſich ſo tief, daß die Wellen faſt darüber zuſam⸗ menſchlugen; doch leicht gebaut, tauchte ſie ſich elaſtiſch wieder empor, und von dem ſinkenden Schiffe einen gewaltigen Stoß gegen den Spiegel empfangend, ſchoß die kleine Arche vorwärts, als wäre ſie von einer Menſchenhand fortgeſtoßen. Allein, da das Waſſer eine geraume Strecke rings umher nach dem Strudel ſtrömte, ſo wurde Alles unwiderſtehlich mit fortgeriſſen, und kaum war die Barkaſſe aufgetaucht, ſo ſchoß ſte auch ſchon wieder pfeil⸗ ſchnell mit dem Gefälle, als könnte ſie nicht laſſen von dem größern Körper, deſſen Satellit ſie ſo lange geweſen, als müſſe ſie ihm durch die Kluft des wirbelnden Strudels in den Abgrund hinab folgen. Drauf ſtieg ſie wieder ſchaukelnd auf die Ober⸗ fläche, und einen Augenblick lang wurde ſie umhergeworfen und gedreht, wie eine Waſſerblaſe in den Kreiswellen eines Teiches. Dann ächzte das Meer tief auf und Alles ward wieder ruhig. dumpfer, eſchloſſe⸗ le Höhe, ſchrie trudels. iſch, er Tiefe, hinab⸗ it dem veinahe die das Vaſſer, zuſam⸗ wieder Stoß wärts, n, da trudel kaum pfeil⸗ dem müſſe grund Ober⸗ und ſches. 9. 315 Achtzehntes Kapitel. —— An jedem Tage Hat ein Matroſenweib, der Schiffspatron Von einem Kaufmann, und der Kaufmann ſelbſt Zu gleicher Klage Stoff. Der Sturm. Act II. Sc. 1. „Wir ſind geborgen!“ ſagte Wilder, der während des heftigen Kampfes, feſt gegen einen Maſt gelehnt, dageſtanden, und mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit die Art ihrer Rettung beobachtet hatte.„So weit wenigſtens ſind wir geborgen; dem Himmel allein ſei Dank dafür, da der größten Kunſt von meiner Seite auch die geringſte Aenderung hier unmöglich geweſen wäre.“ Die Frauenzimmer hatten das Geſicht in die Gewänder und Tücher, auf denen ſie ſaßen, tief vergraben, und ſelbſt der Gou⸗ vernante mußte ihr Reiſegefährte zweimal die Verſicherung geben, daß die höchſte Gefahr vorüber ſei, ehe ſie den Kopf in die Höhe hob. Sie und Gertraud brachten auf der Stelle dem höchſten Weſen ihren Dank auf eine Weiſe und mit Worten dar, weit unzweideutiger als der Ausdruck, welcher ſo eben von den Lippen des jungen Seemannes hervorgekommen war. Nach Verrichtung dieſer wohlthuenden Pflicht, gleichſam durch das Dankopfer ge⸗ ſtärkt, ſtanden ſie auf, um ihrer jetzigen Lage feſter in's Antlitz zu ſchauen. Nach jeder Seite hin dehnte ſich die ſcheinbar gränzenloſe Waſſerwüſte aus. Für ſie war ihr kleines, gebrechliches Zimmer⸗ werk nun die Welt. So lange das Schiff, obgleich im Unter⸗ gehen begriffen und verderbendrohend, ſich noch unter ihren Füßen befand, war eine Zwiſchenlinie zwiſchen ihrem Daſein und dem verſchlingenden Ocean, wenigſtens dem Scheine nach, vorhanden. Allein eine einzige Minute hatte ſie dieſer letzten trügeriſchen Hoffnung beraubt, und ſie ſahen ſich jetzt in einem Fahrzeuge, das nicht unpaſſend mit einer Waſſerblaſe verglichen werden konnte, der See preisgegeben. Gertraud fühlte in dieſem Augenblick eine 316 ſolche Sehnſucht, daß, um jene Feſtland blos ſehen zu können, Der Andrang von Gefühlen, deren Heftigkeit in laſſenen Lage ſehr natürlich war, nahm indeß bald ab ihrer ver⸗ „ und nun n vergeſſen,« ſagte brach, wahrſchein⸗ tinnen durch eine ermehren wollte. „Wenn das Jahr um zwei Monate weniger vorgerückt wäre,“ ſetzte er nun etwas weniger zuverſichtlich hinzu. „Die Jahreszeit iſt alſo gegen uns; dieß größere Entſchloſſenheit von unſerer Seite.“ Wilder wendete den Blick nach der ſchönen Sprecherin hin, deren bleiches und ergebenes Antlitz in den verſilbernden Strahlen des Mondes nichts weniger als den Muth ausdrückte, die Müh⸗ die ſie, wie er nur zu gut wußte, noch fordert nur um ſo klam einen nen einig zu ſu ihr 2 Auffo einige rem! ſamer D ſichten ſigen Der Wilde durch ewohnte rt Mei⸗ Gränzen 8 Opfer er ver⸗ nd nun Mittel waren gekom⸗ kenen, r, die er Be⸗ etzten. tigem s Ge⸗ Tag en in nuten „.4 ſagte hein⸗ eine re,“ ſo din, len üh⸗ och 317 zu erdulden hatte, ehe ſie hoffen durfte, das Feſtland zu errei⸗ chen. Er ſann eine kleine Weile, hob dann den Arm nach Süd⸗ Weſt und fing mit der flachen Hand die Nachtluft auf. »Für Perſonen in unſerer Lage iſt nichts nachtheiliger als Müſſiggehen,“ ſagte er.„Es hat den Anſchein, daß der Luftzug von dieſer Seite herkommen werde; ich will mich zu ſeinem Em— pfange bereit halten.“ Hierauf breitete er ſeine beiden Everſegel aus, ſetzte ſie back und nahm ſeine Stellung am Steuer ein, wohl wiſſend, daß ſeine Dienſte in Kurzem vonnöthen ſein würden. Der Erfolg recht⸗ fertigte ſeine Erwartungen. Nicht lange, ſo fing die leichte Lein⸗ wand des Bootes an hin⸗ und herzuflattern; und nachdem er die Seiten deſſelben in die gehörige Richtung geſteuert hatte, begann das kleine Fahrzeug ſich langſam auf ſeinem irren Waſſerpfade vorwärts zu bewegen. Bald fühlten die Segel den Druck eines friſcheren, von der klammen Nachtluft durchdrungenen Windes. Das gab Wildern einen Vorwand, die Frauenzimmer zu ermahnen, unter dem klei⸗ nen Obdach von Theertüchern, das ſeine Vorſicht bereitet hatte, einige Ruhe auf den aus dem Schiffe mitgenommenen Matratzen zu ſuchen. Frau Wyllys und ihre Pflegbefohlene merkten, daß ihr Beſchützer allein zu ſein wünſchte, und folgten daher deſſen Aufforderung. Wenn ſie auch nicht ſchliefen, ſo hätte doch nach einigen Augenblicken Niemand ſagen können, ob ſich außer unſe⸗ rem Abenteurer noch ein anderes lebendiges Geſchöpf in der ein⸗ ſamen Barkaſſe befinde.. Die Mitternachtsſtunde ging vorüber, ohne daß ſich die Aus⸗ ſichten Derjenigen, deren Schickſal ſo ſehr von dem unzuverläſ⸗ ſigen Einfluſſe des Wetters abhing, weſentlich verändert hätten. Der Wind war bis zu einer tüchtigen Kühlte angefriſcht; nach Wilders Berechnung hatte das Boot ſchon viele Seemeilen quer durch den Ocean zurückgelegt, und zwar gerades Weges nach dem 318 öſtlichen Ende jenes langen und ſchmalen Eilandes zu, welches die Gewäſſer, ſo die Küſten von Connecticut beſpülen, von denen der offenen See abſchneidet. Flüchtig flogen die Minuten vorbei; denn das Wetter war günſtig, und des jungen Seefahrers Gedanken verloren in der Erinnerung eines kurzen, aber an Abenteuern reichen Lebens. Oft beugte er ſich vorwärts, um das leiſe Athem⸗ holen der Einzigen, die unter dem dunkeln und kunſtloſen Obdach ſchlief, aufzufangen, als ob er den ſanften Hauch ihres Schlum⸗ mers von dem ihrer Gefährtinnen hätte unterſcheiden können. Dann fiel er wieder in ſeinen Sitz zurück, und ſeine Lippe wölbte, ja bewegte ſich, wie ſich die phantaſtiſchen Gebilden ſeines Hirns unwillkürlich in leiſe Töne auflösten. Doch niemals, ſelbſt als er ſich ſeinen Träumen und Gedanken am meiſten hingab, vergaß er die unabläſſige, faſt inſtinktmäßige Pflicht, welche ſeine Lage ihm auferlegte. Ein flüchtiger Blick nach den Wolken, ein an⸗ derer ſeitwärts auf ſeinen Kompaß, dann wieder von Zeit zu Zeit ein langes Forſchen in das bleiche Antlitz des traurigen Mondes, dieß waren die gewöhnlichen Richtungen, welche ſeine geübten Augen nahmen. Noch immer ſtand der Mond im Zenith, und Wilders Stirn zog ſich in beſorgliche Furchen zuſammen, als er bemerkte, daß ſeine Strahlen in einer nebelloſen Atmoſphäre glänzten. Ihm würden ſelbſt jene drohenden wäſſerichten Kreiſe, von denen der Mond ſo oft umgeben iſt, und die gewöhnlich als Vorboten des Sturmes gelten, viel beſſer gefallen haben, als die durchſichtige, trockene Luft, durch welche jetzt die Mondesſtrahlen ſo hell auf die Waſſerfläche fielen. Jetzt hatte die Kühlte auch nichts mehr von der Feuchtigkeit an ſich, mit der ſie Anfangs geſchwängert war; und ſtatt derſelben entdeckten die ſcharfen, empfindlichen Sinnesorgane des Seemanns den Landgeruch, der zwar oft den Matroſen angenehm iſt, doch in dieſem Augenblick nichts weniger als willkommen war. Dieß Alles waren Anzeichen, daß die Winde vom Feſtlande her bald herrſchen würden, und zwar wie die 8 Vor; gege Stu und kame lange daß traf die p die n nur der z unter ſich e Vorſt Nord nehm lichen „8 erſte das k zu be ſchma Müth manch treibe deinen abläſt s die n der denn anken euern them⸗ bdach hlum⸗ nnen. ölbte, Hirns ſt als ergaß Lage n an⸗ eit zu arigen ſeine henith, n, als ſphäre Kreeiſe, ch als ls die rahlen e auch nfangs darfen, , der enblick eichen, , und 319 zwar mit einer der ſtürmiſchen Jahreszeit entſprechenden Gewalt, wie ihm die grotesken, langen, ſchmalen Wolken verkündeten, die ſich über dem weſtlichen Horizonte zuſammenzogen. Hätte Wilder in ſeinem Innern über die Genauigkeit dieſer Vorzeichen noch den geringſten Zweifel gehegt, ſo würde derſelbe gegen Anfang der Tagwache verſchwunden ſein. Denn in dieſer Stunde fing die ſchwankende Kühlte gänzlich hinzuſterben an; und noch ehe die anſchlagende Leinwand den letzten Stoß fühlte, kamen ſchon die Gegenwinde von Weſten her. Es bedurfte keines langen Sinnens von Seiten unſeres Abenteurers, um einzuſehen, daß der rechte Kampf jetzt erſt beginnen würde, und demzufolge traf er ſeine Vorkehrungen. Durch doppelte Reffe holte er jetzt die viereckigen Segeltücher, die ſo lange ausgebreitet waren, um die milden Südlüfte aufzufangen, zuſammen, daß ſie dem Winde nur ein Drittel der vorigen Fläche darboten, und verſchiedene der zu vielen Raum einnehmenden übrigen Artikel, deren Nutzen unter gegenwärtigen Umſtänden fraglich wurde, warf er, ohne ſich einen Augenblick zu bedenken, über Bord. Auch war dieſe Vorſicht nicht ohne hinlänglichen Grund, denn bald ließ ſich von Nordweſt das dumpfe Geſtöhn des Windes über der Tiefe ver⸗ nehmen, verbunden mit der erſtarrenden Rauhigkeit der unwirth⸗ lichen Regionen der Canada's. „Ach, ich kenne dich recht gut,“ murmelte Wilder, als der erſte Stoß dieſes unwillkommenen Gaſtes ſeine Segel traf, und das kleine Boot nöthigte, ſich unter ſeiner daherfahrenden Gewalt zu beugen;„ich kenne dich recht gut mit deinem Süßwaſſer⸗Ge⸗ ſchmack und deinem Landgeruch! Wollte Gott, du kühlteſt dein Müthchen auf den Landſee'n, und kämeſt nicht herab, um gar manchen müden Seemann in ſein früheres Kielwaſſer zurückzu⸗ treiben, und ihn zu zwingen, ſeine ſchon zu lange Fahrt unter deiner beißenden Kälte und ausharrenden Halsſtarrigkeit mit un⸗ abläſſigem Laviren fortzuſetzen!“ 320 „Sagten Sie Etwas?“ ſprach Gertraud, halb aus dem Theer⸗ tuchzelt hervorguckend, aber eben ſo ſchnell mit einem Schau⸗ der wieder zurückſchreckend, als ſie den Einfluß der veränderten Luft fühlte. „Schlafen Sie, Fräulein, ſchlafen Sie!“ antwortete er, als ob er in einem ſolchen Augenblicke ſelbſt von ihrer ſanften Sil⸗ berſtimme nur ungern unterbrochen würde. „Iſt neue Gefahr da?“ fragte das Mädchen, und erhob ſich leiſe von der Matratze, um die Ruhe ihrer Gouvernante nicht zu unterbrechen.„Fürchten Sie nicht, mir das Aergſte mitzutheilen: ich bin ja ein Soldatenkind!“ Er zeigte mit dem Finger auf die von ihm ſo wohl verſtan⸗ denen Vorboten hin, verharrte aber im Schweigen. „Ich fühle wohl, daß der Wind kälter iſt als vorher,“ ſagte ſie,„aber weiter ſehe ich keine Veränderung.“ „Und wiſſen Sie, welchen Weg das Boot jetzt nimmt?“ „Nach dem Lande zu, denk' ich. Sie haben uns ja die Ver⸗ ſicherung gegeben, und gewiß, Sie wollen uns nicht hintergehen.“ „Sie laſſen mir Gerechtigkeit widerfahren; und zum Beweis will ich Ihnen jetzt ſagen, daß Sie ſich irren. Wohl weiß ich, daß Ihr Auge auf dieſer öden Fläche die Richtungen des Kom⸗ paſſes nicht von einander unterſcheiden kann; allein ſo leicht kann nicht ich mich betrügen.“ „Wir ſegeln alſo nicht nach der Heimath zu?“ „So wenig, daß wenn dieſe Richtung fortdauert, wir erſt das ganze atlantiſche Meer hinüber müſſen, ehe wir Land erblicken können.“ Gertraud antwortete nicht, ſondern begab ſich traurig an die Seite ihrer Erzieherin zurück. Inzwiſchen zog der nun wieder allein gelaſſene Wilder ſeinen Kompaß und die Richtung des Win⸗ des zu Rathe. Er bemerkte, daß er ſich durch eine veränderte Stellung des Bootes dem Feſtlande von Amerika mehr würde Theer⸗ Schau⸗ nderten er, als n Sil⸗ vob ſich icht zu heilen: derſtan⸗ « ſagte 2⁴ ie Ver⸗ gehen.“ Beweis eiß ich, 8 Kom⸗ ht kann vir erſt rblicken an die wieder es Win⸗ ränderte würde 321 nähern können, vierte daher herum, und brachte das Vordertheil ſo nahe an Süd⸗Weſt, als der Wind nur geſtatten wollte. Allein dieſer unbedeutende Wechſel gab nicht viel Hoffnung. Mit jeder Minute wuchs die Gewalt des Windes, bis ſie einen ſo hohen Grad erreicht hatte, daß er ſeine Hinterſegel ganz ein⸗ holen mußte. Der ſchlafende Ocean zögerte nicht, aufzuwachen; und kaum war die Barkaſſe bequem unter einem enggerefften Stag⸗ fock geborgen, ſo begann ſie auch ſchon auf den ſchwarzen, wach⸗ ſenden Wogen ſich zu heben, dann hinabzuſtürzen in eine hohle See, um nach einer augenblicklichen Ruhe wieder in die Höhe zu ſteigen, wo ihrer die immer zunehmende Gewalt der Windſtöße warteten. Das Anſchlagen des Waſſers und das Heulen des Windes, der jetzt voll und ſchwer über die blaue Waſſerwüſte einherſtürmte, zog die Frauenzimmer bald an die Seite ihres Beſchützers. Auf ihre vielen und ängſtlichen Fragen gab er beſonnene, aber kurze Ant⸗ worten, wohl fühlend, daß die Stunde weit mehr zu Handlun⸗ gen als zu Worten aufforderte. Auf dieſe Weiſe verfloßen die letzten zögernden Minuten der Nacht, ſchwer durch eine mit den Augenblicken wachſende Angſt, die jedes friſche Anſchwellen des Windes geeignet war, doppelt qualvoll zu machen. Es kam der Tag, aber nur um die troſtloſe Ausſicht deutlicher vor Augen zu führen. Die Wogen ſahen jetzt grün und mürriſch aus, und hie und da ſtürzte ſchon von ihren Gipfeln der weiße Schaum herunter— der untrügliche Beweis, daß ein Kampf zwiſchen den Elementen bevorſtehe.— Drauf er⸗ ſchien die Sonne über dem ſchroffen, ungleichen Saum des öſtlichen Horizonts, langſam hinanklimmend am blauen Himmelsgewölbe, welches kalt, durchſichtig und wolkenlos herabſtarrte. Wilder beobachtete alle dieſe Wechſel der Stunde mit einer Angelegentlichkeit, welche bewies, wie bedenklich ihm ihre Lage vorkam. Ihm ſchien es mehr darum zu thun, ſich über die Zeichen der oberen Regionen zu unterrichten;z denn wenigbbeachtete er das Der rothe Seeräuber. 21 wilde Taumeln und Strömen des Waſſers, das gegen die Seiten des kleinen Fahrzeuges ſo fürchterlich anſchlug, daß ſeine Schick⸗ ſalsgenoſſen ihren unvermeidlichen Untergang vor ſich zu ſehen glaubten. Allein wie gefährlich dieſes Letztere dem minder unter⸗ richteten Sinne auch ſcheinen mußte, ſo war doch Wilder viel zu ſehr daran gewöhnt, um daraus über den eigentlichen Moment der Gefahr einen Schluß ziehen zu wollen. Ihm war es, was der Donner in ſeinem Verhältniß zu dem vorangehenden Blitz dem Naturforſcher iſt; er wußte, daß das Element, auf dem er ſchwamm, nur dann erſt Unglück bringen könne, wenn deſſen Kraft zu ſchaden durch die Macht eines verwandten Elementes in Chätigkeit geſetzt werde. „Was denken Sie jetzt von unſerer Lage!“ fragte Miſtreß Wyllys, ihn feſt anſchauend, gleichſam als traue ſie dem Ausdruck ſeiner Züge bei der Antwort mehr als dieſer ſelber. 8. „So lange der Wind dieſe Richtung behält, dürfen wir der Hoffnung immer Raum geben, uns in dem Pfade der von und nach den großen nördlichen Häfen ſegelnden Schiffe zu halten; wird aber eine ſchwere Bö daraus, und fangen die Wogen an, ſich heftiger zu brechen, ſo zweifle ich, daß das Boot ſtark genug ſein werde, um nicht aus dem Wege verſchlagen zu werden.“ „Dann bleibt uns wohl nur übrig, vor dem Winde zu laufen.“ „Freilich, wir müſſen dann lenſſen.“ „Welche Richtung nehmen wir in dieſem Fall?“ fragte Ger⸗ traud, deren Sinn für Oertlichkeit und Entfernungen durch die ſtarke Bewegung des Oceans und die kahle Ausſicht nach jeder Seite hin in der unentwirrbarſten Verworrenheit befangen war. „In ſolchem Falle,“ erwiederte unſer Abenteurer, ſie mit einem Blicke anſchauend, in welchem Mitleiden und gränzenloſe Theilnahme ſo ſeltſam verſchmolzen waren, daß Gertrauds ruhi⸗ ges, gerades Anſchauen in ein verſtohlenes, furchtſames Blin⸗ zeln eingeſchüchtert wurde,„in einem ſolchen Falle würden wir — —9,———- 2 iten zſick⸗ ihen ter⸗ zu der der dem er iſſen 3 in treß ruck der und ten; ſich ſein fen.“ Ger⸗ die jeder war. mit nloſe ruhi⸗ Blin⸗ wir — 323 uns von dem Lande entfernen, welches zu erreichen uns ſo wich⸗ tig iſt.“. „Dort, was dort?“ ſchrie Caſſandra, deren große, dunkle Augen nach jeder Richtung mit einer Neugier umherglotzten, die keine Sorge oder Gefühl von Gefahr zu unterdrücken vermochte; viſt groß, ſehr groß Fiſch auf die Waſſer.« „Es iſt ein Boot!“ rief Wilder, auf ein Querbrett ſpringend, um den dunkeln Gegenſtand, welcher den glänzenden Gipfel einer Woge durchſchnitt, innerhalb hundert Fuß von da, wo die Barkaſſe mit dem Waſſer kämpfte, genau zu betrachten.„Heda, ho!— Boot, ahoi!— Hallo dort!— Boot ahoi!“ Der dumpfe Ton des Windes fuhr an ihnen vorüber, aber keine menſchliche Stimme antwortete ſeinem Rufe. Sie waren nun wieder zwiſchen zwei Wogen in ein hohles Waſſerthal hinab⸗ gefallen, welches die Ausſicht durch zwei dunkle, wogende Schran⸗ ken von beiden Seiten beengte. „Gnädiger Himmel!“ rief die Gouvernante aus,„können noch andere Fahrzeuge ſo unglücklich ſein, wie wir!“ „Wenn mich mein richtiger Blick nicht verlaſſen hat, ſo war es ein Boot,“ erwiederte Wilder, indem er auf dem Brett ſtehen blieb, um den Moment, wo er einen zweiten Blick erhaſchen könnte, nicht zu verfehlen. Sein Wunſch wurde bald erfüllt. Er hatte während dieſer Zeit das Steuer den Händen Caſſandra's anver⸗ traut, welche die Barkaſſe ein klein wenig aus ihrer Richtung gehen ließ. Noch waren die Worte auf ſeinen Lippen, als der nämliche ſchwarze Gegenſtand von der Windſeite der Woge herabfuhr, und eine umgeſtürzte Pinaſſe floß in der hohlen See dicht bei ihnen vorbei. Plötzlich kreiſchte die Negerin auf, ließ die Ruderpinne fahren, fiel auf die Kniee und hielt ſich die Hände vor's Geſicht. Wilder erhaſchte inſtinktmäßig das Steuer, indem er ſich dabei nach der Gegend hinbog, wo der Gegenſtand ſein mußte, der den Blick Caſſandra's empört und zurückgeſcheucht hatte. Eine 21* 324 Menſchengeſtalt war es, die, bis zur Hälfte über dem Waſſer her⸗ vorragend, herangeſchwommen kam, mitten in einer überſtürzenden Wogenſpitze, die den dunkeln Abhang windwärts mit Schaum be⸗ deckte. Eine Sekunde lang ſtand die Geſtalt, von deren einge⸗ weichten Locken das Salzwaſſer heruntertriefte, aufrecht, wie ein Weſen aus der Tiefe, das gekommen war, um mit ſeinen ſcheuß⸗ lichen Zügen die Anſchauenden wahnſinnig zu machen— in der nächſten Sekunde trieb der lebloſe Körper des Ertrunkenen bei der Barkaſſe vorbei. Es dauerte keine Minute, ſo ſchwang ſich das Boot über eine Woge in ein zweites Thal, wo nichts mehr zu ſehen, und Alles vorüber war wie ein Traum. Nicht blos Wilder, ſondern auch Gertraud und Miſtreß Wyllys hatten das grauſenvolle Schauſpiel nahe genug geſehen, um das rauhe Geſicht Nightheads zu erkennen, durch den vom Tode zurück⸗ gelaſſenen Eindruck nur noch rauher und abſchreckender gemacht. Doch Niemand ſprach, oder gab ſonſt ſein Erkennen durch Zeichen zu verſtehen; nicht Wilder, weil er hoffte, daß ſeine Gefährtinnen von dem empörenden Wiedererkennen des Opfers verſchont geblieben wären; nicht die Frauenzimmer, weil ſie in dem unglücklichen Schickſal des Meuterers zu ſehr ein Vorſpiel ihres eigenen, obgleich mehr hinausgeſchobenen Geſchickes zu ſehen glaubten, um fähig zu ſein, dem tiefgefühlten Abſcheu Worte zu geben. Eine Zeitlang war nichts zu vernehmen, als das Geſeufze der Elemente, gleichſam das heiſere Requiem über die Opfer ihrer Kriegeswuth. „Die Pinaſſe hat ſich gefüllt!“ war Wilders Bemerkung, als er endlich an den blaſſen Zügen und ſprechenden Augen ſeiner Gefährtinnen ſehen konnte, daß längere Zurückhaltung ein ver⸗ gebliches Beginnen wäre.„Ihr Boot war zu gebrechlich, und bis an den Waſſerrand überladen.“ „Glauben Sie, daß Alle verunglückt ſind?“ fragte Wyllys mit leiſer, flüſternder Stimme. „Es iſt keine Hoffnung für jrgend Einen! Freudig wollte ich an her⸗ nden be⸗ inge⸗ ein euß⸗ der i der das dr zu yllys das rück⸗ acht. ichen nnen jeben ickſal mehr ſein, war hſam als einer ver⸗ dbis yllys e ich 325 einen Arm verlieren, könnte ich dem Aermſten dieſer verblendeten Matroſen helfen, die ihr unglückliches Geſchick durch Ungehorſam und Unwiſſenheit beſchleunigt haben.“ „Und von allen den menſchlichen Weſen, die ſo kürzlich den Hafen von Newport glücklich und leichten Sinnes verlaſſen haben, in einem Fahrzeug, das lange der Stolz der Seeleute war, von Allen ſind wir die Einzigen, die noch leben!« »Die Einzigen: dieſes Boot und ſein Inhalt iſt Alles, was noch an die Royal Carolina erinnert.“ „Es lag nicht in dem Bereich menſchlichen Wiſſens, dieſes Unglück vorherzuſehen,“ fuhr die Erzieherin fort, und blickte Wildern dabei an, als wollte ſie eine Frage thun, von der das Gewiſſen ihr jedoch ſagte, daß ſie aus demſelben Aberglauben, der den Un⸗ tergang des ſo eben vorübergeſchwommenen rohen Menſchen her⸗ beigerufen hatte, entſprungen ſei. „Nein.“ „Und die Gefahr, auf welche Sie ſo oft und ſo geheimnißvoll anſpielten, ſtand in keiner Verbindung mit der wirklich eingetretenen?« „Nein.“ „Iſt ſie denn nun durch die Veränderung unſerer Lage vorüber?« „Ich hoffe es.“ „Sieh'!“ unterbrach Gertraud, die Hand in ihrer Haſt auf Wilders Arm legend.„Gott ſei gelobt, dort iſt endlich etwas Erfriſchendes für den Blick.“ „Es iſt ein Schiff!« rief ihre Erzieherin, aber ach, eine nei⸗ diſche Woge erhob ihre grüne Mauer zwiſchen ihnen und dem Gegenſtand, und ſie ſanken in die Hohlſee hinab, als ob die Er⸗ ſcheinung ſich auf einen Augenblick ihnen gezeigt hätte, um ſie mit ihrem Bilde zu höhnen. Doch hatte Wilder im Hinabſinken die ſich an den Horizont malenden Spierenlinien flüchtig ſehen können, und als das Boot nun wieder aufſtieg, richtete er den geübten Blick ſo, daß er ſich auch im Nu überzeugte, es ſei ein Fahrzeug. Eine 326 Woge kam nach der andern, ein Augenblick folgte dem andern, wo der Fremde abwechſelnd mit dem Steigen der Barkaſſe erſchien, und mit ihrem Sinken wieder verſchwand. Aber dieſes kurze und flüchtige Erblicken war auch hinreichend, um das Auge Deſſen über alles Nöthige zu belehren, der auf dem Elemente, wo die Um⸗ ſtände jetzt ſo ausdauernde und unzweideutige Proben ſeiner Er⸗ fahrung heiſchten, erzogen worden war. In der Entfernung einer Viertelmeile war allerdings ein Schiff zu ſehen, das ſich auf denſelben Wogen, die der Barkaſſe jeden Fuß Weges ſtreitig machten, mit Grazie und nur geringem Seitenſchwanken, ohne ſcheinbare Anſtrengung, vorwärts bewegte. Nur ein einſames Segel war beigeſetzt, um der Bewegung des Schiffes mehr Stetig⸗ keit zu geben; aber auch dieſes Eine war ſo zuſammengerefft, daß es ſich zwiſchen den ſchwarzen, verworrenen Linien der Taue und Spieren wie ein kleines weißes Wölkchen ausnahm. Zuweilen wies die Spitze der hohen, ſchlanken Maſten nach dem Zenith, nicht ſelten ſchienen ſie ſogar ſich vom Winde wegzuwenden, dann neigten ſie ſich wieder in langſamen und zierlichen Schwingungen nach der gekräuſelten Meeresoberfläche hin, als wollten ſie im Schooße des be⸗ wegten Elementes einen Zufluchtsort für ihre eigene endloſe Bewe⸗ gung ſuchen. Es gab Augenblicke, wo der lange, niedrige und ſchwarze Rumpf des Schiffes deutlich zu ſehen war, auf einem Wogengipfel ruhend, und im Sonnenſtrahle glänzend, wenn das Waſſer ſeine Seiten beſpülte; dann wieder ſanken Barkaſſe und Schiff beide nieder in eine Hohlſee, und Alles verſchwand dem Blick, ſelbſt bis zu den feinen Linien, welche die alleroberſten Spieren in die Luft malten. Sowohl Frau Wyllys als Gertraud beugten das Antlitz tief, in ſtille Anbetung und Dank zerfloſſen, als ſie ſich von der Erfüllung ihrer Hoffnungen verſichert hatten. Dagegen war Caſſandra's Freude weniger zurückgehalten und geräuſchvoller. Das einfältige Neger⸗ mädchen lachte, weinte und jauchzte auf eine höchſt rührende Weiſe, bei der ſich eröffnenden Ausſicht, ihre junge Gebieterin und ſich ſelber nut ein bar der der ſch die zu noc dig befe wu end dief ſchi unt jetzt Sie erre geſ ver erm zu nich oder 327 nun einem Tode entriſſen zu ſehen, den der entſetzliche Anblick, vor einigen Augenblicken, ihrer Einbildungskraft unter einer ſo furcht⸗ baren Geſtalt vorgeführt hatte. Aber in dem trüben Auge Wil⸗ ders war nichts zu erſpüren, was eine Theilnahme an der Freude der Uebrigen zu erkennen gegeben hätte. „Jetzt,“ ſagte Myſtreß Wyllys, ſeine Hand in ihre beiden ſchließend,„dürfen wir Rettung hoffen; und dann wird uns ſchon die Gelegenheit vergönnt ſein, tapferer, trefflicher Jüngling, Ihnen zu beweiſen, wie ſehr wir Ihre Dienſte zu ſchätzen wiſſen.“ Wilder litt den Ausbruch ihrer Gefühle, ſprach aber nicht, noch äußerte er auf irgend eine andere Weiſe das geringſte freu⸗ dige Mitgefühl. Im Gegentheil, ſein Weſen drückte eine Art von befangener Beſorglichkeit aus. „Es ſchmerzt Sie doch nicht, Herr Wilder,“ ſetzte die ver⸗ wunderte Gertraud die Rede ihrer Erzieherin fort,„daß ſich uns endlich durch Gottes Barmherzigkeit eine Ausſicht erſchließt, aus dieſen ſchrecklichen Wellen gerettet zu werden?“ „Mit Freuden ginge ich in den Tod, um Sie vor Leid zu ſchützen,“ erwiederte der junge Seemann,„aber....“ „Jetzt iſt keine Zeit für was Anderes, als für Dank und Freude!“ unterbrach die Gouvernante.„Ich kann keinen kalten Ausnahmen jetzt Gehör geſtatten; was ſoll Ihr freudedämpfendes Aber?« »Vielleicht iſt die Erreichung jenes Schiffes nicht ſo leicht als Sie glauben..... der Wind kann es verhindern.... kurz, der Blick erreicht wohl manches Schiff zur See, was deßwegen doch nicht geſprochen werden kann.“ „Glücklicherweiſe iſt das nicht unſer grauſames Loos. Ich verſtehe übrigens— Sie wünſchen nicht Hoffnungen zu ſehr zu ermuntern, die noch getäuſcht werden könnten; allein zu lange und zu oft habe ich mich dieſem gefährlichen Elemente anvertraut, um nicht zu wiſſen, daß Der, welcher den Wind hat, ſprechen kann oder nicht, nach Belieben.“ 328 „Sie bemerken ganz richtig, Madame, daß wir die Windſeite der haben; und befände ich mich in einem größeren Fahrzeuge, ſo wäre Lage nichts leichter, als dem Fremden nahe genug zu kommen, um ihn ſtän ſprechen zu können. Das Schiff dort liegt freilich beim Winde, 4 ürſa allein der Wind iſt doch nicht ſtark genug, um ein ſo großes Fahr⸗ wele zeug einem ſo kleinen Segel nahe zu bringen.“ ihre „Nun, ſo wird manuns ſehen, und warten, bis wir heran kommen.“ doch „Nein, nein. Gottlob, noch ſieht man uns nicht! Dieſer kleine Caſſ Lappen Segel zerfließt im Waſſerſtaube für den Blick der Leute Zufl in jenem Schiff, oder ſie halten ihn für eine Seemöve.“ 3 verſt „Und dafür danken Sie dem Himmel!“ rief Gertraud aus, den daß, ängſtlichen Wilder mit einem Erſtaunen anſehend, das ſie nicht, wie 3 treff ihre Erzieherin, Kraft genug zu unterdrücken beſaß. dann „Habe ich demHimmelgedankt, daß wir nicht geſehen werden? Kann nacht ſein, daß ich nicht um das rechte dankte: es iſt ein bewaffnetes Schiff.“ Gefa „Vielleicht ein königlicher Kreuzer. Um ſo wahrſcheinlicher Dure harret unſer eine willkommene Aufnahme! Darum zögern Sie nicht, gerei ziehen Sie eine Nothflagge in die Höhe, ſonſt ſetzt man vielleicht für i mehr Segel bei, und läßt uns zurück.“ ohne „Sie vergeſſen, daß der Feind oft an unſeren Küſten kreuzt. aus d Es könnte ein Franzoſe ſein!“ es ei „Ich fürchte einen großmüthigen Feind nicht. Selbſt ein Cor⸗ ehe 1 ſar würde Frauen in unſerer Noth Obdach und Willkommen geben.“ fährt Hier folgte eine lange, tiefe Stille. Wilder ſtand auf dem Blick Querbrett, ſich anſtrengend, jedes Seeleuten verſtändliche Zeichen zu ob at leſen, eine Beſchäftigung, die ihm wenig Freude zu machen ſchien. der u „Wir wollen mit unſerem Boot nach vorne ſteuern,“ ſagte er, N „und da das Schiff anders beiliegt, ſo gelingt es vielleicht, uns noch ſo die g zu ſtellen, daß wir über unſre künftigen Bewegungen gebieten können.“ ſtattf Seine Gefährtinnen wußten nicht recht, was ſie gegen einen rade Vorſchlag, den ſie vielleicht nur halb verſtanden, einwenden ſollten. gleich Miſtreß Wyllys war ſo befremdet durch die ſonderbare Kälte, mit 4 gegen ſeite wäre m ihn Linde, Fahr⸗ men.“ kleine Leute „ den t, wie Kann chiff.“ licher nicht, lleicht reuzt. Cor⸗ ben.“ dem en zu chien. ze er, ich ſo nen.“ einen lten. mit 329 der er dieſe Ausſicht einer Zuflucht aus ihrer Lage aufnahm, einer Lage, welche, nach ſeinem eigenen unmittelbar vorhergehenden Ge⸗ ſtändniß, hilflos war, daß ſie ſich viel geneigter fühlte, über die Urſache dieſer Kälte nachzudenken, als ihn mit Fragen zu beläſtigen, welche, wie ſie wohl einſah, zu Nichts führen würden. Gertraud ihrerſeits verwunderte ſich, ja hatte faſt Luſt zu glauben, er könne doch recht haben, wenn ſie auch nicht wußte, warum. Die einzige Caſſandra war aufrühreriſch geſinnt.— Sie nahm wieder ihre Zuflucht zum lauten Remonſtriren gegen den geringſten Verzug, und verſicherte den zerſtreuten, nicht auf ſie achtenden, jungen Seemann, daß, wenn ihre junge Gebieterin durch ſeinen Eigenſinn ein Leid treffen ſollte, der Herr General Grayſon ſehr böſe ſein würde; und dann überließ ſie es ihm, über die Folgen eines Unwillens ſelbſt nachzudenken, der in dem Sinne des naiven Negermädchens ſo voller Gefahren war, als der Zorn eines Monarchen nur immer ſein kann. Durch ſein übermüthiges Nichtachten auf ihre Gegenvorſtellungen gereizt, vergaß die Negerin, geblendet durch Liebe und Ehrerbietung für ihre Herrin, alle Achtung, erhaſchte den Bootshaken, befeſtigte, ohne daß Wilder es bemerkte, mit großer Geſchicklichkeit eines der aus dem Wrack mitgenommenen linnenen Tücher daran, und hob es einige Minuten lang hoch über das eingereffte Segel hinweg, ehe noch ihr erfindſamer Streich von irgend einem ihrer Reiſege⸗ fährten entdeckt wurde. Dann freilich, als Wilders zürnender Blick ſie traf, beeilte ſie ſich, das Signal fallen zu laſſen. Allein ob auch der Triumph der Treue nur kurz war, ſo krönte ihn doch der unbedingteſte Erfolg. Noch herrſchte in der Barkaſſe jene ſtumme Zurückhaltung, die gewöhnlich nach einem plötzlichen Hervorbrechen des Unwillens ſtattfindet, als eine Rauchwolke aus der Seite des Schiffes, ge⸗ rade als es auf der Spitze einer Woge lag, hervordrang; und gleich darauf erdröhnte der dumpfe Knall einer Kanone, mühſam gegen den Wind ankämpfend. 330 „Jetzt iſt Beſinnen zu ſpät,“ ſagte Miſtreß Wyllys;„wir Matre werden geſehen, mag der Fremde Freund oder Feind ſein.“ raumi Wilder antwortete nicht, ſondern fuhr fort, jede Gelegenheit wand zu benutzen, um die Bewegungen des Fremden zu beobachten. Im gleich nächſten Augenblick ſah er, wie die Spieren vom Winde abfielen, und nach noch einigen Minuten, wie das Vordertheil des Schiffes eine veränderte Richtung, gerade auf ſie zu, erhielt. Nun erſchienen vier oder fünf breitere Segeltücher an verſchiedenen Theilen des zuſammengeſetzten Baues, während das Fahrzeug dem Winde nachgab, als ob es ſich noch tiefer unter ſeiner Gewalt beugte.— Zuweilen, C wenn es eine Woge beſtieg, ſchien ſein Kiel ganz und gar vom Elemente entblößt, und hohe Waſſerſtaubſtrahlen ſchoßen auf, die, nui 4 wie ſie in der Luft zerſtoben, von der Sonne erglänzten, oder die ſich ſa Segel und das Tauwerk wie mit ſo vielen Brillianten bedeckten. Scene „Ja wohl, jetzt iſt es zu ſpät,“ brummte unſer Abenteurer, Gegen indem er das Steuer aufhielt, und das Segel durch die Hände in den laufen ließ, ſo daß der Wind es faſt bis zum Berſten anfüllte. Fahrt Nun flog das Boot, das ſich ſo lange zwiſchen den Wogen fend e herumarbeitete, um dem Feſtlande ſo nahe als möglich zu bleiben, zer ge hinweg über die See, eine lange Spur von Schaum hinter ſich fahrvo laſſend; und ehe noch die Damen ihre Faſſung ganz wieder erlangt andern hatten, ſchwamm es ſchon in der verhältnißmäßigen Windſtille, die Zwecke der dazwiſchen liegende Rumpf eines großen Fahrzeugs zu verur⸗ lang d ſachen pflegt. um es Auf dem Tauwerk ſtand eine leichte, behende Geſtalt, einem zeit, i Hundert Matroſen die nöthigen Befehle ertheilend; und unter der Ge Verwirrung und Erſchrockenheit, die eine ſolche Scene in einem rin GC weiblichen Buſen aufzuregen geeignet iſt, wurden Gertraud und dem L Miſtreß Wyllys nebſt ihren beiden Begleitern wohlbehalten auf's die So Verdeck des Fremden gebracht. Sobald ſie und ihre Sachen in und di Sicherheit waren, überließ man die Barkaſſe, wie ein unnützes ger ni Stück Geräthe, dem Spiel der Wogen.— Nun kletterten zwanzig das g „wir uheit Im ielen, hiffes ienen n des hgab, eilen, vom . die, er die ckten. urer, dände lte. Logen eiben, r ſich langt , die erur⸗ einem r der inem und auf's en in ützes anzig 331 Matroſen auf den Seilen herum, Segel nach Segel öffnete ſich ge⸗ räumiger, bis das Fahrzeug, die ungeheuren Falten aller ſeiner Lein⸗ wand ausgebreitet, auf ſeinem ſpurloſen Lauf dahingetrieben wurde, gleich einer ſchnellen Wolke in der dünnen Luft der höheren Regionen. Neunzehntes Kapitel. Nun mag es wirken: du biſt im Gange; Unheil, Nimm welchen Lauf du willſt! Shakeſpeare. Erwägt der Leſer die Schnelligkeit, mit welcher das Fahrzeug vor dem Winde flog, ſo wird es ihn nicht befremden, daß, wenn wir von dem Zeitpunkte an, wo die bisher erzählten Ereigniſſe ſich ſchließen, eine Woche überſpringen, wir im Stande ſind, die Scene des gegenwärtigen Kapitels in einer ganz verſchiedenen Gegend zu eröffnen. Wir halten es für überflüſſig, dem Rover in den Krümmungen jener irren, und oft ſcheinbar ungewiſſen Fahrt zu folgen, während welcher ſein Kiel weit mehr als tau⸗ ſend Seemeilen durchſchnitten, mehr als einem königlichen Kreu⸗ zer geſchickt die Spur verdorben, und verſchiedene minder ge⸗ fahrvolle téte-à-tétes ebenſoſehr aus Neigung als aus irgend einem andern zu vermuthenden Grunde vermieden hatte. Zu unſerem Zwecke reicht es vollkommen hin, den Vorhang, der eine Zeit⸗ lang die Bewegungen des Fahrzeuges verhüllen mußte, zu lüften, um es in einem mildern Klima, und, bedenkt man die Jahres⸗ zeit, in einer günſtigern See, wieder auftreten zu laſſen. Genau ſieben Tage alſo, nachdem Gertraud und ihre Erziehe⸗ rin Genoſſen des Schiffes geworden waren, deſſen Charakter dem Leſer nicht länger verborgen ſein kann, befand es ſich, als die Sonne über ſeinen flatternden Segeln, ſymmetriſchen Spieren und dunklem Rumpfe aufſtieg, innerhalb des Geſichtskreiſes eini⸗ ger niedrigen, kleinen, felſigen Eilande. Wenn man auch nicht das geringſte Hügelchen blauen Landes ſich aus der Welt von 332 Gewäſſern hätte heben ſehen, ſo würde doch die Farbe des Ele⸗ mentes ſchon jeden Seemann belehrt haben, daß der Boden des Meeres ſich mehr als gewöhnlich der Oberfläche deſſelben nähere, und man folglich gegen die wohlbekannten, gefürchteten Gefahren der Küſte auf der Huth ſein müſſe. Kein Wind regte ſich; denn das ſchwankende, ungewiſſe Wehen, das von Zeit zu Zeit auf einen Augenblick die leichtere Leinwand des Fahrzeuges füllte, verdiente nur der Hauch eines Morgens genannt zu werden, der über dem Meere anbrach, ſanft, mild, und mit einem ſcheinbar ſo weichen Lüftchen, daß es dem Ocean den ſtillen Charakter eines ſchlafenden See's verlieh. Alles im Schiffe, was Leben hatte, war ſchon auf und mun— ter. Fünfzig kräftige und von Geſundheit ſtrotzende Kerle hingen in verſchiedenen Theilen der Takelage, Einige lachend und ſich leiſe mit Kameraden unterhaltend, die nachläſſig auf den nächſten Spieren ausgeſtreckt lagen, Andere gemächlich eine leichte und unbedeutende Arbeit verrichtend, mehr um nicht müſſig zu gehen, als weil ſie nöthig geweſen wäre. Eine noch größere Anzahl von Anderen ſchlenderte auf dieſelbe Weiſe ſorgenlos unten auf dem Verdeck umher.— Das Ganze trug das Gepräge von Leuten, die ſich Etwas, wenn auch noch ſo Unweſentliches zu thun mach⸗ ten, mehr um den Vorwurf der Trägheit zu vermeiden, als daß die Nothwendigkeit das Werk geboten hätte. Die Schanze, der geheiligte Fleck eines Fahrzeuges, das auf Disciplin oder auch nur auf den Schein derſelben Anſpruch macht, war von anderen Perſonen eingenommen, die freilich auch eben ſo unbeſchäftigt und nachläſſig waren, als die Uebrigen. Kurz, die Stille auf dem Schiffe glich der auf dem Ocean und in der Luft, die beide eine gelegenere Zeit zur Entfaltung ihrer Macht abzuwarten ſchienen. Drei oder vier Jünglinge, welche, beſonders wenn man die Beſchaffenheit ihres Gewerbes erwägt, nichts weniger als ein unangenehmes Aeußere hatten, erſchienen in einer Art von halber Schif keiner geacht Jeder Einer man Unifo⸗ Zeiche ſchlief Ein p wie T Gebra platz hatten alle d tönend ein S rung was u unbew Eine. ten, d lung u Rove nahe z volle überall Prüfen der S des Ele⸗ den des nähere, hefahren ); denn geit auf füllte, en, der heinbar darakter d mun⸗ hingen nd ſich nächſten te und gehen, ahl von uf dem Leuten, mach⸗ als daß ge, der r auch inderen igt und uf dem de eine hienen. an die ls ein halber 333 Schiffsuniform, bei deren Schnitt und Farbe jedoch die Mode keiner beſondern Nation vorzugsweiſe zu Rath gezogen war. Un⸗ geachtet der offenbaren Ruhe, die rings um ſie her herrſchte, trug Jeder von ihnen einen kurzen, geraden Dolch am Gürtel; und als Einer von ihnen ſich zufällig über die Gallerie lehnte, konnte man den Schaft eines Terzerols durch eine offene Falte ſeiner Uniform entdecken. Da indeſſen keine anderen unmittelbaren Zeichen der Vorſicht zu bemerken waren, ſo konnte man nur ſchließen, daß dieß gewöhnliche Tracht auf dem Schiffe ſein müſſe. Ein paar grimmige und verhärtet ausſehende Schildwachen, ganz wie Militär zu Lande uniformirt und bewaffnet, die, gegen den Gebrauch in Flotten, auf der Gränzlinie zwiſchen dem Sammel⸗ platz der Offiziere und dem Vordertheil des Verdecks ihren Poſten hatten, deuteten ebenfalls auf ungemeine Vorſicht hin. Allein alle dieſe Einrichtungen ließen die Matroſen in einer ſolchen Gleichgültigkeit, daß man wohl ſehen konnte, die Gewohnheit habe ſie längſt ſchon damit vertraut gemacht. Das Individuum, welches dem Leſer bereits unter dem hoch⸗ tönenden Titel General bekannt iſt, ſtand aufrecht und ſteif wie ein Schiffsmaſt da, und ſtudirte kritiſchen Blickes die Equipi⸗ rung ſeiner beiden Söldlinge, augenſcheinlich ſo achtlos auf Alles, was um ihn her vorging, als wenn er ſich buchſtäblich zu den unbeweglichen architektoniſchen Theilen des Schiffes rechnete. Eine Geſtalt aber zeichnete ſich unter Allen, die ſich umherbeweg⸗ ten, durch ihre würdevolle Miene und das ſelbſt in ruhiger Stel⸗ lung nicht zu verkennende gebieteriſche Weſen aus. Es war der Rover, der allein ſtand, indem es Niemand wagte, dem Fleck nahe zu kommen, wo es ihm beliebte, ſeine gewandte, grazien⸗ volle und impoſante Perſon hinzupflanzen. Seinen lebendigen, überall hingerichteten Blick verließ nie der Ausdruck des ſtrengen Prüfens, ſo wie er bald den einen, bald den andern Gegenſtand der Schiffgeräthe traf, und zuweilen, wenn ſein Auge eine der 334 durchſichtigen, gekräuſelten Wolken, die in dem blauen Aether ſchwammen, betrachtete, umzog ſeine Brauen jene Düſterheit, die man gewöhnlich als die Begleiterin angeſtrengten Denkens anzuſehen pflegt. In der That, ſo finſter und bedrohlich wurde zuweilen das Zürnen ſeines Auges, daß ſelbſt das blonde Haar, deſſen Locken unter einer ſchwarzſammtenen, mit einer tief herab⸗ hängenden Goldquaſte geſchmückten Kapitänsmütze hervorquollen, ſeinem Geſicht jenen milden Zug nicht zu verleihen vermochte, den es zu anderen Zeiten hatte. Gleichſam als verſchmähe er Verheimlichung und als gefalle er ſich in der Verkündigung ſeiner Macht, trug er ſeine Piſtolen offen in einem ledernen Gürtel, über einen blauen mit Gold zierlich eingefaßten Rock; außerdem trug er noch, mit derſelben Verachtung des Geheimnißvollen, einen leichtgearbeiteten, krummen, türkiſchen Säbel und ein Stilett im Gürtel, welches letztere, nach der Verzierung des Handgriffes zu urtheilen, wahrſcheinlich von den Händen eines italieniſchen Künſt⸗ lers verfertigt worden war. Auf dem Deck der Hütte, erhaben über die Anderen, und von der unten ſich bewegenden Menge zurückgezogen, ſtand Miſtreß Wyllys und das ihr anvertraute Mädchen. Weder in dem Blick noch im Weſen irgend Einer von ihnen war jene Aengſtlichkeit zu bemerken, die man als etwas Natürliches bei den Frauenzimmern vorausſetzen darf, welche ſich in einer ſo kritiſchen Lage, in der Geſellſchaft geſetzloſer Freibeuter, befinden. Im Gegentheil, als die Erſtere ihrer Anvertrauten den fernen mattblauen, über die Waſſer wie eine dunkle, genau begränzte Wolke hervor⸗ ragenden Hügel zeigte, da war in dem gewöhnlich ruhigen Aus⸗ druck ihres Geſichtes der rege Zug der Hoffnung nicht zu ver⸗ kennen. Sie rief auch Wildern mit heiterer Stimme herbei, und der Jüngling, der lange mit einer gewiſſen Eiferſucht auf der von der Schanze hinaufführenden Treppe geſtanden und ſie bewacht hatte, war im Nu an ihrer Seite. wir „iſt von ) etwo 1 einen „Haf ſeine ſo tl Aether ſſterheit, Denkens )h wurde e Haar, ff herab⸗ quollen, rochte, nähe er g ſeiner Gürtel, ißerdem i, einen ilett im riffes zu Künſt⸗ ind von Miſtreß Blick hkeit zu immern in der eil, als „ über hervor⸗ n Aus⸗ 1 zu ver⸗ ei, und der von bewacht 335 „Ich verſicherte Gertraud ſo eben,“ ſagte die Gouvernante mit jenem zutraulichen Tone, den gemeinſchaftlich ausgeſtandene Ge⸗ fahren zu erzeugen pflegen,„daß dort ihre Heimath läge, und wir hoffen dürften, ſie bald zu erreichen, wenn erſt der Wind ein⸗ trete; allein, nachdem wir ſo viele Schreckniſſe erlebt haben, will das eigenſinnige, furchtſame Kind ihren Sinnen durchaus nicht eher trauen, als bis ſie zum wenigſten die Wohnung ihrer Kindheit und das Antlitz ihres Vaters erblickt. Sie ſind doch vor dieſem ſchon oft an dieſer Küſte geweſen, Herr Wilder?“ „Oft, Madame.“ „Dann können Sie uns ja ſagen, was für Land das iſt, das wir in der Ferne ſehen.“ „Land!“ wiederholte unſer Abenteurer, ſich verwundert ſtellend; viſt denn irgendwo Land zu ſehen?“ „Irgendwo zu ſehen! Es iſt ja ſchon vor mehreren Stunden von dem Manne im Maſtkorbe angekündigt worden.“ „Kann ſein, wir Seeleute ſind nach einer durchwachten Nacht etwas ſtumpf, und hören oft wenig von dem, was um uns her vorgeht.“ Die Erzieherin warf, aus Furcht, ſie wußte ſelbſt nicht wovor, einen flüchtigen, verdachtvollen Blick auf ihn, ehe ſie fortfuhr: „Hat der Anblick des freundlichen, theuren Bodens von Amerika ſeinen Zauber bei Ihnen ſo ſchnell verloren, daß Sie ſich demſelben ſo theilnahmlos nähern? Ich habe es mir noch immer vergebens zu enträthſeln geſucht, wie die Leute ihres Faches für ein ſo ge⸗ fährliches, verrathvolles Element ſo bis zur Bethörung eingenom⸗ men ſein können?“ „Sind die Seeleute denn wirklich ihrem Beruf mit einer ſo ungetheilten Liebe ergeben?“ fragte Gertraud mit einer Haſt, von der es ihr ſchwer geweſen wäre, den innerſten Grund anzugeben. „Es iſt eine Schwäche, die man uns oft zur Laſt legt,“ er⸗ wiederte Wilder, ſie mit einem Lächeln anblickend, worin nicht der leiſeſte Schatten der frühern Zurückhaltung zu erkennen war. 2. 336 „Und mit Recht?“ fragte Gertraud. „Ich fürchte, mit Recht.“— »„Ach wohl!“ rief die Wyllys mit einer bedeutſamen Emphaſe aus, welche ſanften und doch bittern Gram verrieth;„ſie lieben die See oft mehr, als ihre ſtille, friedliche Heimath!“ Gertraud ſetzte das Geſpräch nicht weiter fort, allein ihr ſchönes, großes Auge ſenkte ſich auf das Verdeck, als ob ſie tief nachſinne über den verkehrten Geſchmack, der es lieber mit den wilden Gefahren des Oceans aufnimmt, als ſich den Freuden der Häuslichkeit hingibt. „Ich wenigſtens fühle mich von der letzten Beſchuldigung nicht getroffen,“ rief Wilder.„Mir iſt ein Schiff immer das geweſen, was Anderen die Heimath.“ „Auch ein großer Theil meines Lebens floß in einem Schiffe dahin,“ fuhr die Gouvernante, offenbar in ihrem tiefſten Innern Bilder langer Vergangenheit zurückrufend, fort.„Glücklich und traurig zugleich waren die Stunden, die ich auf der See zugebracht habe! Auch iſt dieß nicht das erſte königliche Schiff, in welches mein Schickſal mich geworfen. Und doch ſcheinen ſich die Gebräuche ſeit jenen Tagen ſehr geändert zu haben, wenn anders mein Ge⸗ dächtniß die Eindrücke eines Alters nicht zu verlieren beginnt, wo jenes Seelenvermögen am ſtärkſten zu ſein pflegt. Iſt es gebräuch⸗ lich, Herr Wilder, einem Erzfremden, wie Sie hier ſind, in einem Kriegsſchiff ein Kommando anzuvertrauen?« „Durchaus nicht!“ 8 „»Und doch führten Sie, wenn mein ſchwaches Urtheil nicht trügt, von dem Augenblicke an, wo wir als Schiffbrüchige, Hilfloſe dieß Fahrzeug betraten, das zweite Kommando darin.“ Unſer Abenteurer wendete abermals den Blick ab, und ſuchte augenſcheinlich nach Worten, ehe er erwiederte:„Ein Patent ge⸗ bietet überall Achtung; das meinige hat mir die Wichtigkeit ver⸗ ſchafft, von der Sie Zeuge waren.“ chen in Die aus ent ſich Off nen, „ ) allei gew habe 3 ſchw die ruhit er ſi erhal blicke ihrer ihm vom ſei, ihres einer wöht zuvo ſelbſt De mphaſe lieben ein ihr ſie tief nit den hen der g nicht weſen, Schiffe zunern ch und bracht belches räuche in Ge⸗ t, wo räuch⸗ einem nicht ilfloſe ſuchte it ge⸗ ver⸗ 4 337 »Sie ſind alſo ein königlicher Offizier?⸗ „Würde man irgend eine andere Autorität in einem königli⸗ chen Schiffe gelten laſſen? Durch den Tod wurde die zweite Stelle in dieſem Kreuzer vacant. Zum Glück für das Bedürfniß des Dienſtes, vielleicht auch für mich, war ich bei der Hand, die Stelle auszufüllen.“— „Aber ſagen Sie mir doch noch,“ fuhr die Gouvernante fort, entſchloſſen, die Gelegenheit nicht vorübergehen zu laſſen, ohne ſich noch mehr Aufklärung zu verſchaffen,„iſt es Sitte, daß die Offiziere eines Kriegsſchiffs bewaffnet unter ihren Leuten erſchei⸗ nen, wie es hier geſchieht?« „Es iſt der Wille unſeres Commandeurs.“ »Dieſer Commandeur iſt offenbar ein geſchickter Seemann, allein ſeine Capricen und ſeinen Geſchmack finde ich ebenſo außer⸗ gewöhnlich wie ſeine Miene. Ich muß ihn ſchon einmal geſehen haben, und wo ich nicht irre, erſt vor Kurzem.“ Miſtreß Wyllys verfiel in ein mehrere Minuten langes Still⸗ ſchweigen. Während der ganzen Zeit blickte ſie unverrückt hin auf die Geſtalt des regungsloſen Menſchen, der noch immer in ſeiner ruhigen Haltung verharrte, entfernt von dem ganzen Haufen, den er ſo gewandt in unbedingter Abhängigkeit von ſeinem Befehl zu erhalten wußte. Die Gouvernante ſchien in dieſen paar Augen⸗ blicken auch die flüchtigſte Eigenthümlichkeit ſeiner Perſon mit ihrem Auge einſaugen zu wollen, das ſie nicht müde wurde, auf ihm ruhen zu laſſen. Sie holte alsdann tief Athem und ließ vom Sinnen nach, indem ſie ſich erinnerte, daß ſie nicht allein ſei, und daß Andere, ſchweigend und ſie beobachtend, das Ergebniß ihres Nachdenkens abwarteten. Ohne Verwirrung jedoch wegen einer Geiſtesabweſenheit, an die ihre Schülerin ſchon zu ſehr ge⸗ wöhnt war, als daß ſie ihr auffallen ſollte, nahm ſie, den Blick wie zuvor auf Wilder gerichtet, das Geſpräch wieder da auf, wo ſie ſelbſt es unterbrochen hatte. Der rothe Seeräuber. 22 — 338 „Sind Sie denn ſchon lange mit dem Kapitän Heidegger be⸗ kannt? „Wir haben uns ſchon früher geſehen.“ „Dem Tone nach iſt der Name deutſchen Urſprungs, mir we⸗ nigſtens iſt er vollkommen neu.— Doch gab es eine Zeit, wo wenige, im Dienſte des Königs ſtehende Offiziere ſeines Ranges, dem Namen nach, mir unbekannt waren. Iſt ſeine Familie in England eine alte?“ „Dieſe Frage kann er ſelbſt wahrſcheinlich beſſer beantworten,“ ſagte Wilder, froh, erlöst zu ſein, denn der Gegenſtand des Ge⸗ ſpräches näherte ſich ihnen eben mit einer Miene, welche das Be⸗ wußtſein ausdrückte, daß Niemand in dem Schiffe ihm das Recht, an jedem ihm zuſagenden Geſpräch Theil zu nehmen, ſtreitig machen durfte.„Jetzt, Madame, ruft die Pflicht mich anderswohin.“ Wilder zog ſich offenbar nur ungern zurück, und wenn ſeine Reiſegefährtinnen überhaupt Verdacht gehegt hätten, ſo würde ihnen der mißtrauiſche Blick nicht entgangen ſein, womit er die Weiſe beobachtete, die ſein Commandeur annahm, als er den Da⸗ men einen guten Morgen wünſchte; und doch war nichts im We⸗ ſen des Rovers, was ein ſolches eiferſüchtiges Bewachen hätte ver⸗ anlaſſen können, im Gegentheil, etwas Kaltes und Abweſendes darin gab den Anſchein, daß er mehr aus Gaſtfreundlichkeit, als aus dem⸗Wunſch, ſich zu unterhalten, an der Unterredung Theil nehme. Indeſſen hatte ſein Benehmen viel Gütiges, und ſeine Stimme war mild wie die Luft, die von dem herrlichen Klima der nahen Inſeln herüberwehte. „Dort iſt ein Anblick,“ ſagte er, indem er auf den blauen Rand des Kontinents hinzeigte,„der den Landbewohner mit Wonne, und den Seemann mit Schrecken erfüllt.“ „Sind denn Seeleute dem Anblick von Regionen ſo abgeneigt, wo ſo viele Millionen ihrer Mitgeſchöpfe mit Vergnügen wohnen?“ fragte Gertraud, an die er ſeine Worte gerichtet hatte. Die er be⸗ ir we⸗ t, wo anges, llie in rten,“ 's Ge⸗ as Be⸗ Recht, treitig ohin.“ mſeine würde er die n Da⸗ i We⸗ te ver⸗ ſendes it, als Theil ſeine Klima blauen Vonne, eneigt, nen?“ Die 339 Offenherzigkeit, mit der ſie die Frage that, bewies hinlänglich, daß ihre flecken⸗ und argloſe Seele von ſeinem wahren Charakter nicht die entfernteſte Ahnung hatte. „Zu denen auch Fräulein Grayſon gehört,“ erwiederte er, ſich leiſe verbeugend, und mit einem Lächeln, hinter deſſen Heiterkeit ſich Ironie verbarg.„Nach den Gefahren, die Sie ſo kürzlich ausſtehen mußten, kann ſelbſt ich, ein ſo verſtocktes und hart— näckiges Seeungeheuer, Ihnen die Abneigung gegen unſer Element nicht verdenken. Doch iſt es, wie Sie ſehen, nicht ohne ſeine Reize. Kein See, von dem Feſtlande dort umkränzet, kann ruhiger und angenehmer ſein, als dieß Stückchen Meer. Befänden wir uns einige Grade ſüdlicher, ſo wollte ich Ihnen Landſchaften zeigen, zuſammengeſetzt aus Felſen, Gebirgen, Buchten, grüngetupften Hügelabhängen, ſpielenden Wallfiſchen, nachläſſig ausgeſtreckten Fiſchern, Bauernhütten in der Ferne und ſchlaffen Segeln— kurz, es würde ſich ſelbſt in einem Buche nicht übel ausnehmen, das die glänzenden Augen einer Dame mit Vergnügen leſen.“ „Und doch gehören die meiſten Gegenſtände, die Sie nannten, dem Feſtlande an. Zum Dank für dieß Gemälde möchte ich Sie nach Norden führen, Ihnen dort finſtere, drohende Wolken zeigen, ein grünes, verdrießliches Meer, Schiffstrümmer, Untiefen; auch Hütten, Hügelabhänge und Berge ſind da, aber nur in der Sehn⸗ ſucht der Ertrinkenden, endlich Segeltücher, gebleicht von Ge⸗ wäſſern, die den gefräßigen Haifiſch und den ekelhaften Polypen beherbergen.“. Gertraud hatte in ſeinem eignen, heitern Tone geantwortet; allein ihre blaſſe Wange und ein leiſes Zittern ihrer weichen, vollen Lippe verrieth nur zu deutlich, daß die Erinnerung mit ihren entſetzlichen Bildern in ihr geſchäftig war. Dieſer Wechſel entging dem ſcharfforſchenden Blicke des Rovers keinesweges, da⸗ her gab er, um jedes ſchmerzliche Andenken zu verbannen, auf eine 22* 340 eben ſo gewandte als zarte Weiſe, dem Geſpräche eine andere Wendung. „Es gibt Leute, welche glauben, die See habe nichts Unter⸗ haltendes,“ ſagte er.„Für ein ſchwächliches, ſee⸗ und heimweh⸗ krankes Weſen mag das freilich wahr ſein; allein Der, deſſen Geiſt kräftig genug iſt, die Vapeurs ſeines thieriſchen Theils zu unter⸗ drücken, weiß ein Anderes zu erzählen. So zum Beiſpiel haben wir regelmäßig unſere Bälle, und am Bord des Schiffes befinden ſich Künſtler, die vielleicht keinen ſo entſchiedenen rechten Winkel— mit ihren Beinen beſchreiben können, wie die Solotänzer in den Ballets, hingegen ihre Tanzſiguren im Sturmwinde zu machen wiſſen, was mehr iſt, als man von dem leichtfüßigſten Landhüpfer rühmen kann.“ „Ein Ball ohne Damen würde von ununterrichteten Leuten des Feſt⸗ landes wenigſtens für ein ungeſelliges Vergnügen gehalten werden.“ „Hm!— es könnte freilich nicht ſchaden, wenn eine oder zwei Damen dabei wären. Dabei haben wir unſer Theater, Poſſe, Luſt⸗ ſpiel, ſpaniſcher Stiefel, Alles kommt an die Reihe, um uns Kurz⸗ weil zu geben. Der Kerl, den Sie dort auf der Vormarsſegel⸗ rage ausgeſtreckt ſehen, wie eine träge Schlange, die ſich auf einem Baumzweige ſonnt, brüllt Ihnen ſo ſanft wie eine Lachtaube! Und da drüben ſteht ein Verehrer des Momus, der ſelbſt einen ſeekranken Mönch zum Lachen bringen würde: ich kann, glaube ich, nichts Empfehlenderes von ihm ſagen.“ „Das nimmt ſich in der Beſchreibung recht gut aus,“ erwie⸗ derte Miſtreß Wyllys,„allein wie viel gehört davon dem— Dich⸗ ter, oder ſoll ich Sie eher Maler nennen?“ „Keins von beiden, ſondern einen ernſt⸗ und wahrhaften Chro⸗ niſten.— Indeß, da Sie Ihre Zweifel haben, und da Sie ſo ſeenen ſind.... „Verzeihung!“« unterbrach die Dame.„Ich bin im Gegentheil ſeealt, ich habe den Ocean ſchon oft geſehen.“ andere Unter⸗ mweh⸗ Geiſt unter⸗ haben efinden Winkel in den nachen hüpfer s Feſt⸗ rden.“ r zwei Luſt⸗ Kurz⸗ zfegel⸗ einem kaube! einen glaube erwie⸗ Dich⸗ Chro⸗ ſeeneu ntheil 341 Der Rover, deſſen unſtäter Blick bis jetzt mehr das jugendliche Antlitz Gertrauds, als das ihrer Gefährtin getroffen hatte, richtete ihn hier auf die Letztere, ja ließ ihn ſo lange auf ihr weilen, daß ſie dadurch in einige Verlegenheit gerieth. „Es ſcheint Sie zu befremden, daß eine Dame ihre Zeit auf eine ſolche Weiſe zugebracht haben ſollte,“ bemerkte ſie, nicht ohne die Abſicht, ihn das Unſchickliche ſeines ſtieren Blickes fühlen zu laſſen. „Wir ſprachen von der See, wenn ich mich recht erinnere,“ fuhr er fort, wie Einer, der plötzlich von tiefem Nachdenken wieder zu ſich kommt.„Ja, ja, von der See war es, denn ich war etwas prahleriſch in meiner Lobeserhebung geworden, hatte Ihnen ge⸗ ſagt, dieß Schiff ſei ein beſſerer Schnellſegler, als....“ „Nichts von alle Dem!“ rief Gertraud, über ſeine Verwirrung herzlich lachend.„Sie ſpielten vielmehr den Ceremonienmeiſter in einem Schiffsball.“ „Wollen Sie eine Menuet tanzen? Wollen Sie meine Bretter mit den Grazien Ihrer Perſon beehren?“ „Ich, mein Herr? mit wem? Vielleicht mit dem Herrn, der ſeine Tanzfiguren in einem Sturmwinde machen kann?“ „Sie wollten unſere etwaigen Zweifel an den Vergnügungen der Seeleute beſeitigen,“ ſagte die Erzieherin, mit einem ernſten Blick die Ausgelaſſenheit ihrer Schülerin verweiſend. „Ja wohl, es war die Laune des Augenblicks, auch will ich ihren Lauf nicht hemmen.“ Hierauf wandte er ſich zu Wilder, der ſich nahe genug poſtirt hatte, um das Geſpräch mit anhören zu können, und fuhr fort:„Die Damen bezweifeln unſre Luſtig⸗ keit, Herr Wilder; der Bootsmann ſoll ſeinen Zauberruf ertönen laſſen; vertheilen ſie die Parole: ‚zum Unheil' unter die Leute.“ Unſer Abenteurer verbeugte ſich gehorchend, und gab den er⸗ forderlichen Befehl. Wenige Augenblicke, ſo erſchien ebendaſſelbe Individuum, mit welchem der Leſer bereits im Schenkzimmer des„Unklaren Ankers“ 342 Bekanntſchaft gemacht hat, in der Mitte des Schiffes, dicht bei der großen Luke, geſchmückt wie damals mit einer ſilbernen Kette, an der eine Pfeife befeſtigt war, und von zwei Gehilfen, geringeren Scholaren aus derſelben rohen Schule, begleitet. Nun ließ Nightingale mit ſeinem Inſtrumente einen langen, grellen Pfiff erſchallen, und als der Ton dem Ohre verhallt war, erhob er ſeine tiefe Baßſtimme:„Alle zu Hauf, zum Unheil, ahoi!“ Wir haben bei einer frühern Gelegenheit dieſe Töne mit dem Brüllen eines Stieres verglichen; in gegenwärtigem Fall ſinnen wir vergebens auf eine Vergleichung, die paſſender wäre, daher mag es bei der frühern ſein Bewenden haben. Ein jeder der bei⸗ den Bootsmannsgehilfen wiederholte nun die gebrüllte Aufforde⸗ rung, und damit war's genug. Wie ſchroff und unverſtändlich auch der Ruf dem muſikaliſchen Ohr Gertrauds klingen mochte, auf die Gehörorgane der Mehrzahl machte er einen abſonderlich angenehmen Eindruck.— Schon als die Schwingungen des erſten ſchwellenden und anhaltenden Tones die obere ſtille Luftregion er⸗ reichten, hob ſich hier der Kopf eines jungen Kerls, der auf einer Spiere ausgeſtreckt dalag, ſpitzte dort ein Anderer das Ohr, der auf einem Tau hin und her ſchaukelte, Jeder, um die Worte, die nun folgen würden, aufzufangen, wie ein wohldreſſirter Pudel aufpaßt, wenn er ſeinen Herrn ſprechen hört. Aber kaum war das emphatiſche Wort, das unmittelbar dem langgezogenen„Ahoi!“ folgte, womit Nightingale den Aufruf ſchloß, ausgeſprochen, ſo entlud ſich das dumpfe, bisherige Stimmengemurmel der Seeleute in einem gleichzeitigen und allgemeinen„Hurrah!“« Im Nu war jedes Zeichen von Läſſigkeit verſchwunden, und Alles in der leben⸗ digſten Regſamkeit. Die jungen, behenden Topgaſten ſchwangen ſich wie hüpfende Thiere in das Tauwerk des, jedem Einzelnen angewieſenen Maſtes, und erkletterten die ſich hin- und herſchwin⸗ genden Strickleitern wie Eichhörnchen, die auf das Signal von Ge⸗ fahr in ihre Schlupfwinkel flüchten.— Die ernſthafteren und ſchwer⸗ ht bei bernen hilfen, Nun grellen erhob i¹“ t dem ſinnen daher er bei⸗ fforde⸗ indlich nochte, derlich erſten on er⸗ einer e, der te, die Pudel war lhoi!« en, ſo eleute u war leben⸗ angen zelnen hwin⸗ n Ge⸗ hwer⸗ 343 fälligeren Matroſen des Vorkaſtells, die noch wichtiger ausſehen⸗ den Kanoniere und Quartiermeiſter, die minder ſchlauen und halb erſchrockenen Kuhlgaſten, endlich die ganz erſchrockenen Rekruten der Hinterwache, alle eilten inſtinktmäßig auf ihre verſchiede⸗ nen Poſten; die Geübteren, um heilloſe Pläne gegen ihre Kame⸗ raden zu ſchmieden, die Einfältigeren, um ſich über Vertheidigungs⸗ mittel zu berathen. Nun erſchollen auf den Tops und Raaen Gelächter und ge⸗ räuſchvoller Witz, indem bald der eine übermüthige Matroſe dro⸗ ben ſeinen Einfall dem Kameraden verkündigte, bald ein anderer ſchadenfroh zankend darauf drang, ſeine Erfindung, Unheil an⸗ zuſtiften, ſei die witzigere. Von der paſſiven Partei, andererſeits⸗ nämlich von dem Haufen, der ſich auf der Schanze und um den Fuß des großen Maſtes immer dichter zuſammenballte, wurden mißtrauiſche und oft wiederholte Blicke halb verſtohlen in die Höhe geworfen, die genugſam die Zaghaftigkeit an den Tag legten, mit der die Neulinge auf dem Verdeck dem beginnenden Kampf gegen den handgreiflichen Witz ihrer Kameraden entgegenſahen. Die ſolideren und ernſteren Seeleute auf der Back behaupteten jedoch ihren Poſten mit einer Art von ſtrenger Entſchloſſenheit, an der ſich das Vertrauen, welches ſie in ihre phyſiſche Kraft ſetzten, und ihre genaue Bekanntſchaft, ſowohl mit den Gefahren, als auch mit den luſtigen Launen des Seelebens, nicht verkennen ließ. Außer dieſen ſah man noch einen Knauel von Leuten, welche ſich, mitten im allgemeinen Wirrwarr und Getöſe, ſo haſtig, und doch ſo taktmäßig verſammelten, daß man bei ihnen einerſeits ein Bewußtſein von der dringenden Nothwendigkeit, unter obwal⸗ tenden Umſtänden vereint zu handeln, vorausſetzen mußte, ſowie andererſeits die Gewohnheit, in Maſſen zu agiren. Dieß waren die einexercirten ſoldatiſchen Abhänglinge des„Generals“. Zwi⸗ ſchen dieſen und den minder taktfeſten Seeleuten beſtand nicht blos jene faſt inſtinktmäßige, gegenſeitige Antipathie von Marine⸗ 344 ſoldat und Matroſe, ſondern eine erhöhtere, die, aus leicht ein⸗ zuſehenden Urſachen, in dem Schiffe, von dem wir ſchreiben, ſo ſehr genährt wurde, daß ſie oft in unruhige und faſt meuteriſche Zwiſte ausbrach. Es waren in Allem zwanzig Soldaten, die ſich ſo ſchnell verſammelten, und obgleich bei dergleichen Luſtbarkeiten Feuergewehr verpönt war, ſo konnte man dem erpichten Grimm im Geſicht dieſer ſchnurrbärtigen Helden leicht abfühlen, daß im Nothfall keinem von ihnen die Appellation an das Bajonet, das ſie an den Schultern hangen hatten, ſchwer ankommen dürfte. Ihr Commandeur zog ſich mit den übrigen Offizieren auf das Deck der Hütte zurück, um das Zwangloſe der Luſtbarkeiten, zu denen ſie einmal das Fahrzeug hergegeben hatten, durch ihre Ge⸗ genwart nicht zu ſtören. Es mochten wohl ein paar Minuten drauf gegangen ſein, bis die verſchiedenen, ſo eben geſchilderten Veränderungen zuwege ge⸗ bracht waren. Sobald aber die Topgaſten ſich überzeugt hatten, daß kein unglücklicher Nachzügler ihrer Partei irgend einer der unten verſammelten Gruppen nahe genug war, um ihrer wahr⸗ ſcheinlichen Wiedervergeltung ausgeſetzt zu ſein, ſo begannen ſie, dem Ruf des Bootsmanns buchſtäblich nachzukommen, indem ſie Pläne zum„Unheil« ſchmiedeten. Verſchiedentliche Eimer, wovon der größte Theil die Beſtim⸗ mung hatte, bei ausbrechendem Feuer Dienſte zu thun, ſahe man bald an den Klappläufertauen*) von den äußeren Enden der Ragen in die See herabkommen. Trotz des linkiſchen Widerſtandes der Untenſtehenden, waren die ledernen Gefäße bald gefüllt und in den Händen Derer, die ſie herunter gelaſſen hatten. Gar manch ein gaffender Kuhlgaſt und ſteifer Marine wurde jetzt mit dem Element, auf dem er ſchwamm, näher vertraut, als ihm lieb und bequem war. So lange indeſſen als die Späße ſich auf dieſe ‧) Ein Tau, das durch einen einſcheibigen Block läuft, heißt in der Seeſprache „ein Klappläufer“. dt ein⸗ n, ſo eriſche ie ſich keiten jrimm aß im „ das fte. f das 1, zu e Ge⸗ ,, bis e ge⸗ atten, der vwahr⸗ n ſie, m ſie ſtim⸗ man aaen 3 der d in auch dem und dieſe prache 345 erſt halb eingeweihten Individuen boſchränkten, kühlten die Top⸗ gaſten ihr Müthchen ungeſtraft; kaum aber war die Würde eines Kanoniers verletzt, als die ganze Bande von Unteroffizieren und Backgaſten in Maſſe aufſtand, die Schmach zu rächen, wobei ihre Geſchicklichkeit einen Beweis abgab, wie vertraut die ältern Ma⸗ troſen mit Allem waren, was in ihr Fach einſchlug. Eine kleine Kanone wurde nun auß's Vordertheil heraufgeſchafft, und gleich einer genau zielenden Batterie, die zum beginnenden Kampfe Platz macht, auf den nächſten Top gerichtet. Das laut lachende Ge⸗ ſindel droben machte ſich aber bald aus der Schußweite, Einige in die Höhe, Andere auf den nächſten Top, Alle auf Seilen und über ſchwindlige Höhen hinweg, die für jedes Thier, minder be⸗ hende als ein Eichhörnchen oder ein Affe, unerklimmbar ſchienen. Nun forderten die ſiegreichen und boshaften Matroſen die See⸗ ſoldaten heraus, doch Gebrauch von ihrem Vortheil zu machen. Schon durch und durch naß, aber gierig, ihren Peinigern die Unbill wieder zu vergelten, rückte ein halb Dutzend Soldaten heran, von einem Korporal angeführt, deſſen reich gepudertes Haupt⸗ haar durch eine zu innige Bekanntſchaft mit einem Waſſereimer in zuſammengepappte Zotteln metamorphoſirt war. Sie verſuchten an der Takelage hinanzuklettern, ein Heldenſtück, das ihnen ſchwerer ankam, als durch eine Breſche in die Feſtung zu ſtürmen. Die gottloſen Kanoniere und Quartiermeiſter, mit ihrem eigenen Er⸗ folg zufrieden, feuerten ſie zum Unternehmen noch mehr an; und Nightingale nebſt ſeinen Gehilfen, die ſich bald vor zurückgehal⸗ tenem Lachen die Zunge zerbiſſen, gaben mit ihren Flöten das Kommando:„Aufgehißt!“ Der Anblick dieſer waghalſigen Aben⸗ teurer, wie ſie langſam und bedächtig die Strickleitern hinan⸗ kletterten, hatte auf die zerſtreuten Topgaſten ungefähr dieſelbe Wirkung, wie Fliegen, die ſich einem Spinnengewebe nähern, auf ihre verborgene, blutdürſtige Feindinnen. Die Matroſen in der Höhe bekamen von denen unten durch ſprechende Blicke den Wink, 363 daß Marineſoldaten erlaubtes Wild ſeien. Daher waren Letztere noch kaum recht in's Netz gegangen, als ſchon zwanzig Topgaſten auf ſie losſtürzten, um ihre Priſen in Sicherheit zu bringen, ein Hauptſtreich, der unglaublich ſchnell ausgeführt war. Zwei oder drei der aufſtrebenden Ritter wurden da, wo der Feind auf ſie ſtieß, mit einer Tracht Prügel bewillkommt, ohne ſich vertheidigen zu können, da ſie ſich an einem Ort befanden, wo der Inſtinkt ſelbſt ihnen die unumgängliche Pflicht einzuſchärfen ſchien, mit beiden Händen ja recht feſtzuhalten; Andere von ihnen hatten ein ver⸗ ſchiedenes, obgleich nicht beſſeres Loos: man ſah ſie plötzlich ver⸗ mittelſt Klappläufertaue ihrem Orte enthoben, und nach verſchiede⸗ nen Spieren, wie ebenſoviele leichte Segel oder Ragen hinſchweben. Mitten in der geräuſchvollen Freude über dieſen Sieg, zeich⸗ nete ein Individuum ſich durch die Ernſthaftigkeit und geſchäftige Miene aus, mit der es ſeine Rolle in der Poſſe ſpielte. Auf dem äußern Ende einer der niederen Raaen ſitzend, ſo ſicher als be⸗ fände es ſich auf einer Ottomane, war es ſorgfältigſt damit be⸗ ſchäftigt, die Lage eines armen Gefangenen zu unterſuchen, der, dicht vor ſeinen Füßen, weder vor⸗ noch rückwärts konnte, wäh⸗ rend der loſe Befehlshaber auf dem Top herabſchrie, ihn vollends aufzuhiſſen, einen„Juwelen⸗Block“ aus ihm zu machen; eine Benen⸗ nung, die man den an gewiſſen Raaen⸗Enden herabhängenden Blöcken gibt, und die den Juwelenbommeln, welche man ſo oft an den Ohren des ſchönen Geſchlechtes glänzen ſieht, entliehen zu ſein ſcheint. „Ja, ja,“ brummte der bedächtige, ernſthafte Theer, der kein Anderer war als Richard Fid,„das Bindſel, das der Kerl mit⸗ bringt, iſt nicht vom haltbarſten; wenn er ſchon jetzt ſo quiekt, was wird er erſt thun, wenn er mit einem Tau durchrefft, in der Luft baumelt! Meiner Seel, Burſchen, ihr hättet den Jungen beſſer ausrheden ſollen, ehe ihr ihm die Ehre zudachtet, ihn herauf in gute Geſellſchaft zu ſchicken. Da ſind ja mehr Löcher in ſeiner Jacke als Kajütenfenſter in einer chineſiſchen Junke. Hilloa!— Du, und ſtopf 1 Poſt hina Verd erſte ſehen war der die. ein ande chine einge Auf aus, Gege gefal dung der 347 ieß ere Du, da unten!— Du, Guinea, faſſ' mir'mal ein Schneiderlein Aaſen und ſchick's herauf, um dieſem Kuhlgaſt die Windluken zu ver⸗ 211 en.“ 1 pder kue athletiſche Afrikaner, dem wegen ſeiner Rieſenſtärke ein eitß Poſten im Vorkaſtell angewieſen war, ſchaute einen Augenblick zen zu hinauf, dann ſchritt er im Trabe, mit verſchränkten Armen das ſelbſe Verdeck entlang, ſo ernſthaft, als wäre er in einem Dienſte von briden erſter Wichtigkeit begriffen. Ein höchſt kläglich und hilflos aus⸗ ede ſehendes Weſen, von dem Aufruhr über ſeinem Haupte aufgeſchreckt, b Ver. war von einem verborgenen Winkel des Bachdecks auf die Leiter chiede⸗ der Vorluke herausgekrochen. Nur mit dem halben Körper über vohen. die Planken hervorragend, eine Strehne Kameelgarn um den Hals, zeiche ein Stück Wachs in der einen Hand und eine Nähnadel in der zäftige andern, ſtand es da, und ſchaute ſtieren Blickes um ſich her. Ein i dem chineſiſcher Madarin, der plötzlich in die Geheimniſſe des Ballets l6 be⸗ eingeweiht werden ſoll, hätte nicht verdutzter ausſehen können. nit be⸗ Auf dieß Subjekt fiel das Auge Scipio's. Er ſtreckte einen Arm 3 der, aus, warf es ſich auf die Schultern, und ehe noch der verblüffte wiß⸗ Gegenſtand ſeines Angriffs wußte, in weſſen Hände er eigentlich llends gefallen, war auch ſchon ein Haken an den Gurt ſeiner Beinbeklei⸗ benen⸗ dung angebracht, und er ſelbſt unterwegs zwiſchen dem Waſſer und öcken der Spiere, wo Fid, dem er eben Geſellſchaft leiſten ſollte, thronte. u den„Gib Acht, daß der Mann nicht in die See fällt!« rief Wil⸗ cheint. der ſtreng, von ſeinem Stande auf dem Deck der Hütte her. 1 kein„Is Schneider, Meſſer Harry,“ erwiederte der Schwarze, ohne 1 mit⸗ eine Muskel zu verziehen;„wenn ſeine Hoſen halten nicht feſt, auiekt, er nur ſich ſelber mag Schuld geben.“ in der Während dieſes kurzen Zwiegeſprächs hatte der gute Mann ungen Homeſpun ſchon das Ziel ſeines erhabenen Aufſchwungs erreicht. berauf Hier wurde er von Fid ſtandesgemäß empfangenz ſelbiger hob ihn ſeiner an ſeine Seite, und nachdem er ihn bequem zwiſchen Rage und a!— Baum geſetzt, befeſtigte er ihn mit einem Riemen, damit das 4 348 Schneiderlein den freien Gebrauch ſeiner nähefertigen Hände ha⸗ ben möge. Pf „Ziehe'mal ein bischen mit der Hand auf und nieder auf die⸗: Ih ſen Kuhlgaſt da!“ ſagte Richard, nachdem er den guten Mann na⸗ gehörig ſicher geſetzt hatte;„ſo, beleg' mir die ganze Stelle da.“ Hierauf umſchloß er mit dem einen Kniegelenk den Hals ſeines der Gefangenen, faßte dieſen dann bei einer gewiſſen Partie des Kör⸗ in pers, die nun durch den Druck am Kopfgelenk in die Höhe ge⸗ tig ſchwungen wurde, und legte dieſe Partie ruhig dem erſchrockenen iſt Schneider in den Schooß.. loſe „Hier, Freundlein,“ ſagte er,„hanthiere jetzt mit deiner Nadel wie bei deiner gewöhnlichen Arbeit. Dein ſchlaues Metier fängt ohne⸗ ein dieß immer bei dem Fundament an, damit die Oberkardeele auch halte.M“ wer „Gott behüte mich und alle ſterblichen Sünder vor einem unzei⸗ ſche tigen Ende!“ ſchrie Homeſpun, den der Blick in die leere Luft, von gez ſeiner ſchwindligen Höhe, mit einem Gefühl erfüllte, das wahr⸗ wie ſcheinlich viel Aehnliches mit dem hatte, welches ein Lufſchiffer tha bei ſeiner erſten Fahrt haben mag, wenn er von oben herunterſchaut. unt „Laßt mir den Kuhlgaſt da wieder hinab,“ rief Fid wieder;„er ſtört alle vernünftige Unterhaltung durch ſein Geſchrei; dieſer Schneider ihn hier hat über ſeine Kardeele das Verdammungsurtheilgeſprochen, drum Er! mag der Schiffszahlmeiſter eine neue Ausſtaffirung für ihn beſtellen.“ die Die wahre Urſache jedoch, daß er den hangenden Geſellen fort⸗ blo⸗ ſchaffen ließ, war ein Funken von Menſchlichkeit, der noch in dem rohen Gemüthe des Theers ſchimmerte, denn er wußte, daß ſein krä Gefangener nur auf Koſten körperlichen Wohlbehagens in der Ra hangenden Stellung verbleiben konnte. Sobald ſein Wunſch er⸗ ſcht füllt war, wendete er ſich zur Wiederanknüpfung des Geſprächs— ben gegen den guten Schneider, eben ſo geruhig, als ſäßen ſie Beide ſein auf dem Verdeck, und ohne ſich im Mindeſten dadurch ſtören zu laſſen, daß über, neben und unter ihm, ein Dutzend Streiche von ſell derſelben Art wie der eben geſchilderte, ausgeführt wurden. 4 blo de ha⸗ f die⸗ Mann 2 da.“ ſeines Kör⸗ he ge⸗ kenen Nadel ohne⸗ alte.“ unzei⸗ t, von wahr⸗ chiffer chaut. rſtört neider drum llen.“ fort⸗ ndem ſein der h er⸗ rächs Beide en zu von . 349 „Warum glotzen denn Eure Augen ſo, Bruder, wie ein paar Pfortgaten?“ fing der Topgaſt an.„Das iſt lauter Waſſer, was Ihr da um Euch her ſeht, ausgenommen die blaue Hängmatte dort nach Oſten, was ein Stück Hochland in den Bahamas iſt, ſeht Ihr?“ „Ach, was iſt das für eine ſündenvolle, übermüthige Welt, in der wir leben,“ erwiederte der Schneider.„Niemand kann ſagen, in welchem Augenblick ſeine Tage abgeſchnitten werden. Fünf blu⸗ tige, grauſame Kriege habe ich erlebt und überſtanden, und doch iſt es nun mein beſchiedenes Loos, dieſes ſchmachvolle und gott⸗ loſe Ende zu nehmen.“ „Na, da du in den fünf blutigen und grauſamen Kriegen mit einem blauen Auge davongekommen biſt, ſo haſt du ja um ſo weniger Urſache zu brummen, daß dir ein bischen Seewaſſer zwi⸗ ſchen die Kleider kam, als ſie dich auf die Raanocke hier herauf⸗ gezogen. Kann dich verſichern, Brüderlein, hab' ſchon geſehen, wie ganz andere, kräftigere Bengels als du biſt, dieſen Schwung thaten, die nicht gewußt haben, wie oder wann ſie wieder hin⸗ unter gekommen ſind.“ Homeſpun, der Fids Anſpielung nur zur Hälfte berſtand, ſah ihn jetzt mit einem Blicke an, der einerſeits den Wunſch einer nähern Erklärung, andererſeits aber ſtarke Bewunderung ausdrückte über die Sorgloſigkeit, mit der ſein Gefährte ſich, ohne die geringſte Hilfe, blos durch ſeine equilibriſtiſche Fertigkeit, in ſeinem Sitze erhielt. „Ich ſage, Bruder,“ nahm Fid wieder auf,„daß mancher kräftige Seemann ſchon mit dem Klappläufertau zum Ende einer Raae hinaufgehißt wurde, der bei dem Signal eines Flinten⸗ ſchuſſes zuſammenſchreckte, oder der juſt ſo lange dort ſitzen blei⸗ ben mußte, als der Präſident des Kriegsgerichts zur Beſſerung ſeiner Ehrlichkeit für nöthig zu halten beliebte.“ »„Daß ſich Gott erbarm! ſelbſt der am wenigſten Schuldige, ſelbſt der gewiſſenhafteſte Seemann, der ſolche erſchreckliche Strafe, 5 blos zum Spaß, im Spiele ausführen ließe, würde ſich an der 350 Vorſehung ſowohl ſchrecklich als auch entſetzlich verſündigen; aber doppelt ſchwer iſt die Verſündigung, ſage ich, in der Mannſchaft eines Schiffes, welches jede Stunde von der Wiedervergeltung und der Reue getroffen werden kann. Es ſcheint mir unweiſe, die Vorſehung durch dergleichen Schauſpiele zu verſuchen.“ Fid warf einen ganz ungewöhnlich bedeutſamen Blick auf den Schneider, und ſchob ſogar die Antwort auf, bis er ſeine Gedan⸗ ken durch ein neues, großes Stück Tabak aufgefriſcht hatte, das er dem, welches ſeine Backen ſchon füllte, noch nachſtieß. Hierauf ſchaute er ſich um, ob auch keiner ſeiner lärmenden und zum Auf⸗ ſtand geneigten Kameraden innerhalb Gehöresweite ſich befände, dann heftete er einen noch ſprechenderen Blick auf den Schneider und ſagte: „Merk dir's, Brüderlein, der Richard Fid kann wohl viele gute Eigenſchaften an ſich haben, die nicht Jedermann bekannt ſind, aber das wiſſen alle ſeine Freunde, daß er kein großer Gelehrter iſt. Da aber nun dem ſo iſt, ſo hat er es nicht für gut gehalten, als er an Bord dieſes trauten Schiffes kam, erſt nach dem Schiffs⸗ patent zu fragen. Ich glaube jedennoch, daß es zum Vorſchein kommen kann, wenn's Noth thut, und daß kein ehrlicher Mann ſich zu ſchämen braucht, unter ſeiner Flagge die Küſte zu befahren.“ „Ach, wenn erſt die Stunde dieſes Kreuzers geſchlagen hat, ſo ſei der Himmel den Schuldloſen gnädig, die gezwungenerweiſe hier dienen!“ erwiederte Homeſpun.„Aber ich ſollte doch meinen, daß Ihr, als ein ſeefahrender und geſcheidter Mann, Euch nicht habt zu dieſer Fahrt einſchreiben laſſen, ohne das Handgeld zu empfan⸗ gen, und Euch zuerſt über die Beſchaffenheit des Dienſtes zu unterrichten.“ „Dem Teufel auch ließ ich mich einſchreiben, weder in der ‚Entrepriſe’ noch in dem, Delphine, wie ſie dieſes Schiff benamſen. Seht Ihr dort unten auf der Hütte den jungen Herrn, den Harry, der Euch zu einem Topgaſt heraufrufen kann, ſo lieblich, als wenn das Männchen vom Wallfiſch brüllte; dem ſeinem Signale aber ſchaft g und „ die af den dedan⸗ , das ierauf Auf⸗ dann ſagte: viele ſind, ehrter alten, hiffs⸗ ſchein Mann en.“ at, ſo e hier , daß habt pfan⸗ 's zu n der mſen. arry, „als gnale „ 351 folg' ich, ſeht Ihr. Mit Fragen, was für eine Richtung er heute oder morgen ſeinem Schiffchen geben wolle, laß ich ihn in der Re⸗ gel ungeſchoren, das iſt ſeine Sache.“ „Wie! wollt Ihr Eure Seele auf dieſe Art an Beelzebub ver⸗ kaufen; und noch dazu ohne Kaufſchilling?“ „Ich ſage, Freundchen, es könnte nicht ſchaden, wenn Ihr Eure Gedanken erſt etwas ſtraff anholtet, ehe Ihr ſie auf dieſe unmanierliche Art Eurer Zunge entfahren laßt. Nicht gern möcht ich einen Herrn, der ſich zu mir heraufbemüht hat, um mir einen Beſuch abzuſtatten, anders als mit derjenigen Höflichkeit behan⸗ deln, die meinem Top Ehre macht, wenn auch gleich die Mann⸗ ſchaft jetzt heilloſe Streiche ausführt, ſeht Ihr. Aber ein Offizier wie der, dem ich folge, beſitzt ſelber einen Namen, und braucht ſich nicht erſt einen von der Perſon, die Ihr eben zu nennen beliebtet, zu borgen. Ich verachte jämmerliches Drohen; aber einem Mann von Euern Jahren darf ich nicht erſt ſagen, daß es juſt ſo leicht iſt, von dieſer Spiere hier hinabzuſpazieren, als herauf, ſeht Ihr.“ Das Schneiderlein warf einen furchtſamen Blick auf das Salz⸗ waſſer hinab, und beeilte ſich, den ungünſtigen Eindruck zu ver⸗ löſchen, den die letzte unglückliche Frage ſo offenbar auf ſeinen ſonnverbrannten Geſellſchafter gemacht hatte. „Fern ſei es von mir, daß ich irgend Jemand einen andern, als ſeinen Tauf⸗ und Familiennamen beilege, wie das Geſetz es befiehlt,“ ſagte er;„ich wollte blos fragen, ob Ihr dem Herrn, dem Ihr dient, zu ſo einem unanſtändigen und verderblichen Ort, wie ein Galgen iſt, zu folgen Luſt hättet?“ Fid ſann eine Weile hin und her, ehe er für gut hielt, auf eine ſo erhabene, gehaltſchwere Frage zu antworten. Während des ihm ungewohnten Prozeſſes, des Nachdenkens, bewegte ſich das Kraut, von dem ſein Mund vollgeſtopft war, ungemein ſchnell, bald nach der einen, bald nach der andern Backe hin; drauf einen Strahl Tabaksſaft faſt bis zur Sprietſegelraae hinſpritzend, machte 352 er ſeinen Betrachtungen und dem Kauen zugleich mit folgenden entſchloſſenen Worten ein Ende: „Soll mich der Teufel holen, ich thäts! Nach einem vierundzwanzig⸗ jährigen, gemeinſchaftlichen Segeln mit dem Harry müßte ich ärger als der feigſte Kriecher ſein, wollte ich die Kameradſchaft aufſagen, weil eine Kleinigkeit von Galgen uns auf der Fahrt zu Geſicht käme.“ „Der Lohn in ſo einem Dienſte muß ſowohl reichlich als pünkt⸗ lich ſein, und Speiſe und Trank von der beſten Sorte,“ bemerkte Gevatter Homeſpun angelegentlich, ſo daß man ſehen konnte, eine Antwort würde ihm nicht unlieb ſein. Fid war auch gar nicht geſtimmt, ſeine Neugier unbefriedigt zu laſſen, vielmehr hielt er ſich, da er einmal den Punkt berührt hatte, dazu verpflichtet, ſel⸗ bigen von allen Seiten hinlänglich zu beleuchten. „Was den Lohn betreffen thut, ſeht Ihr,„ iſt's juſt ſo viel, als einem Matroſen gebührt. Ich würde mich verachten, weniger zu nehmen, als der beſten Fockmaſthand in einem Schiffe zukommt, denn ſeht Ihr, das wäre gerade, als wenn ich eingeſtände, daß ich nicht mehr verdienen thäte.— Aber der junge Herr, der Harry, hat ſeine eigene Manier, die Dienſte von unſer Einem zu berechnen; und wenn ſeine Gedanken in einer Sache dieſer Art einmal feſt eingeklemmt ſind, ſo kann ich ſie mit dem größten Splißhorn nicht wieder flott kriegen. Ich ſpielte einſt ſo von ferne darauf an, es wäre doch nicht unſchicklich, wenn er mir eine Quartiermeiſter⸗ ſtelle verſchaffen thäte; aber den Teufel auch wollte er ſich zu der Sache im Geringſten verſtehen, ſintemal, wie er ſelber ſagt, ich die Eigenheit an mir habe, von Zeit zu Zeit ein bischen beduſelt zu ſein, was mich nur der Gefahr, beſchimpft zu werden, aus⸗ ſetzen müßte; indem es männiglich bekannt iſt, je höher ein Affe die Takelage hinaufklettert, deſto leichter Jeder auf dem Verdeck ſehen kann, daß er einen Schwanz hat. Dann, was den Tiſch anbe⸗ langen thut, es iſt halters Matroſenkoſt; bald hat man eine Krume übrig für einen Freund, bald einen hungrigen Magen.“ enden anzig⸗ er als „weil je.“ zünkt⸗ nerkte „eine nicht eelt er „ſel⸗ viel, eniger zmmt, „ daß darry, hnen; al feſt nicht f an, eiſter⸗ zu der , ich duſelt aus⸗ Affe ſehen anbe⸗ rrume 353 „Aber da gibt's doch oft Vertheilung des hm.... hm.... des Priſengeldes in dieſem ſiegreichen Kreuzer?“ fragte der Ge⸗ vatter, mit abgewendetem Geſicht, wahrſcheinlich weil er wußte, daß es eine ungeziemende Geſpanntheit auf die Antwort ver⸗ rathen würde.„Ihr bekommt gewiß alle Eure Mühſeligkeit reich⸗ lich vergütet, wenn der Schatzmeiſter die Beute vertheilt.“ „Hör''mal, Schneiderlein,“ ſagte Fid, indem er wieder eine bedeutſame Miene annahm,„kannſt du mir ſagen, wo die See⸗ behörde ſitzt, die ſeine Priſen vertheilt?“ Gevatter Homeſpun erwiederte den Blick nicht ohne Angele⸗ gentlichkeit; aber ein ungewöhnlicher Lärm in einem andern Theil des Schiffes machte dem Geſpräch gerade da ein Ende, wo es, aller vernünftigen Wahrſcheinlichkeit nach, zu einer tröſtlichen Erklärung zwiſchen den Beiden gekommen wäre. Da aber die Handlung der Erzählung ſehr bald weiter vor⸗ rücken wird, ſo wollen wir uns die Urſache des Lärms bis zur Eröffnung des nächſten Kapitels verſparen.— Zwanzigſtes Kapitel. — Komm', und ſchaff' dir ein Schwert an, wenn auch nur von einer Latte gemacht. Sie ſind ſchon ſeit zwei Tagen auf. Heinrich IV.(II. Th.) Act IV. Sc. 2. Wahrend die Beiden auf der Nocke der Fockrage des Corſaren die kleine Zwiſchenhandlung, welche wir ſo eben erzählt haben, ſpielten, wurden anderswo tragikomiſche Scenen aufgeführt. Der oft erwähnte Kampf zwiſchen den Inhabern des Verdecks und den regſamen Bewohnern der Höhe war noch lange nicht zum Schluß gediehen. Mehr als einmal kam es von zornigen Worten zu Prügeln; und da dieſes letztere Ingrediens des Schauſpiels von einer Art war, worin die Marineſoldaten und Kuhlgaſten ſich mit ihren erfindungsreicheren Peinigern meſſen konnten, ſo fing der Der rothe Seeräuber. 23 7 354 Krieg nachgerade an, einigen Anſchein ſehr zweifelhaften Aus⸗ ganges zu gewinnen. Nightingale war indeſſen immer zur Hand, die ſtreitenden Parteien mit ſeiner wohlbekannten Bootsmanns⸗ flöte und ſeiner tiefen Baßſtimme zum Gefühl des Schicklichen zurückzurufen. Ein langer, greller Pfiff, nebſt den Worten:„Bei Laune geblieben, ahoi!“ war bisher hinreichend, den entbrennen⸗ den Zorn der verſchiedenen Betheiligten zu unterdrücken, wenn der Spaß dem aufbrauſenden Soldaten oder den, zwar minder feurigen, aber doch eben ſo racheluſtigen, Mitgliedern der Hinter⸗ wacht zu arg zu werden begann. Allein ein Verſehen von Seiten Deſſen, der ſonſt ein ſo wachſames Auge auf die Bewegungen aller unter ſeinem Befehle Stehenden zu haben pflegte, hätte beinahe weit ernſtlichere Ereigniſſe herbeigeführt. Bald nachdem die verſchiedenen rohen Spiele, die wir ſo eben mitgetheilt haben, unter der Mannſchaft ihren Anfang genommen hatten, ließ die Laune, die den Rover verleitet hatte, die Zügel der Disciplin auf einen Augenblick ſchlaffer zu halten, plötzlich nach. Das muntere, heitere Ausſehen, das er während des Geſpräches mit ſeinen weiblichen Gäſten(oder Gefangenen, wir wiſſen nicht, ob er ſie für das Eine oder das Andere zu halten geneigt war) behauptet hatte, war verſchwunden. Unter einer gedankenvollen und umwölkten Stirn glänzte ſein Auge jetzt nicht mehr von jenem Strahl ſpielender, ſarkaſtiſcher Laune, der er ſich ſo gerne über⸗ ließ, ſondern gewann einen ſchmerzlich⸗regungsloſen, abſchreckenden Ausdruck. Sein Geiſt war offenbar in das träumende Hinbrüten zurückgeſunken, welches ſo oft ſeine munteren und lebendigen Mienen verfinſterte, wie die Schatten eines vorüberziehenden Ge⸗ wölks die goldenen Tinten eines reifen, wogenden Aehrenfeldes. Während die meiſten Derjenigen, die nicht ſelber eine Rolle in den toſenden und luſtigen Streichen der Mannſchaft zu ſpielen hatten, aufmerkſame Zuſchauer derſelben abgaben, Einige mit Ueber⸗ raſchung, Andere mit Beſorglichkeit, doch Alle mehr oder weniger abzu jenen blick wo die, dem Verd Aus⸗ Hand, nanns⸗ elichen „Bei ennen⸗ wenn ninder dinter⸗ Seiten ungen hätte eben mmen el der nach. räches nicht, war) vollen jenem über⸗ enden rüten digen n Ge⸗ eldes. Rolle vielen leber⸗ niger 35⁵ von der allgemein herrſchenden Laune beſeelt, ſtand der Rover da, augenſcheinlich ohne alles Bewußtſein von dem, was in ſeiner Ge⸗ genwart vorging. Zwar hob er dann und wann die Augen in die Höhe auf die behenden Weſen, die wie Eichhörnchen an den Tauen hingen, oder ſenkte ſie auf die trägeren Bewegungen der Leute unterhalb ſeines Standpunktes; allein es war immer etwas Stieres in dem Blick, was bewies, daß das Bild, welches er dem Gehirn zuführte, trüb und weſenlos war. Die Blicke, die er hin und wieder auf Miſtreß Wyllys und ihre ſchöne, von den Spielen ganz in Anſpruch genommene Schülerin warf, verriethen, was in ſeinem innern Menſchen vorging. Nur in dieſem kurzen, aber bedeutſa⸗ men Anſchauen konnte man dem Urſprung der Gefühle, die ihn beherrſchten, einigermaßen auf die Spur kommen.— Jedoch würde der Verſuch, ein Urtheil über den ganzen Charakter der in ſeinem Gemüthe herrſchenden Bewegungen zu fällen, auch für den feinſten Beobachter eine ſchwere, wo nicht unauflösliche, Aufgabe geweſen ſein. Zuweilen war man zu glauben verſucht, daß eine unheilige, wollüſtige Leidenſchaft in ihm die Oberhand erhielte, doch nur eine Sekunde; dann überflog er mit dem Auge das keuſche Ma⸗ tronengeſicht der noch immer anziehenden Gouvernante, und es bedurfte nicht vieler Einbildungskraft, um Zweifel und tiefe Achtung zugleich in dieſem Blicke zu leſen. Wir überlaſſen ihn dieſer Beſchäftigung, um uns zu den Spie⸗ len zu wenden. Dieſe wurden fortgeſetzt, zuweilen mit vieler Laune, ſo daß ſie ſelbſt der halb erſchreckten Gertraud ein Lächeln abzwangen, allein immer mit einer Hinneigung zu jener Heftigkeit, jenem Hervorbrechen des Zorns, das in jedem gegebenen Augen⸗ blicke die Mannszucht in einem Schiffe mit Füßen treten konnte, wo es keine andere Mittel gab, Gehorſam einzuſchärfen, als nur die, welche die Offiziere unmittelbar aufzubieten vermochten. Mit dem Waſſer war man ſo verſchwenderiſch umgegangen, daß das Verdeck überall davon überſchwemmt war, und mehr als einmal 23* 356 wurde ſelbſt das privilegirte Deck der Hütte tüchtig beſpritzt. Keinen bei dergleichen Auftritten üblichen Schabernack ließen Die droben unbenutzt, um ihre minder günſtig auf dem Verdeck poſtirten Kame⸗ raden herzlich zu necken, ſo wie dieſe ihrerſeits ſich aller Mittel, die ihnen durch Uebung und Fertigkeit zu Gebote ſtanden, zur Wiedervergeltung bedienten. Hier ſah man ein großes Schwein und einen Kuhlgaſt unter einem Top an zwei Tauen baumeln, und ſich beim Zuſammenſchlagen derſelben unſanft begrüßen; dort ſtak ein Marine in der hin⸗ und hergeſchwungenen Takelage, und mußte ſich die Manipulationen eines kecken, abgerichteten kleinen Affen gefallen laſſen, der, auf den Schultern des armen Teufels poſtirt, ſeinen Kamm ſo ernſthaft und aufmerkſam handhabte, als wenn er bei einem Friſeur in die Lehre gegangen wäre; kurz, überall verkündigte ein oder der andere rohe, derbe Scherz, daß für den Augenblick die ungebundenſte Freiheit einer Klaſſe von Weſen ge⸗ ſtattet war, die, ſoll in einem bewaffneten Schiffe Disciplin, Be⸗ quemlichkeit und Sicherheit walten, in der Regel mit ſtrengem Zügel regiert werden muß. Mitten in dieſem wilden Lärmen drang eine, gleichſam dem Ocean entſteigende Stimme herauf, das Schiff mittelſt einer an dem äußeren Rand einer Klüsgate angebrachten Ruftrompete beim Namen begrüßend. „Wer ſpricht den Delphin?“ erwiederte Wilder fragend, als er ſah, daß der Gruß das Ohr ſeines Commandeurs zwar traf, ohne ihn aber von ſeinem Brüten zu der bevorſtehenden Hand⸗ lung zurückzuführen. „Vater Neptun befindet ſich unter Eurem Vorderkiel.“ „Was will der Gott?“ „Er hat vernommen, daß gewiſſe Fremdlinge in ſein Gebiet gekommen ſind, und erſucht um die Erlaubniß, an Bord des „patzigen Delphin' zu kommen, um ſich zu erkundigen, was ſie wollen, und das Logbuch ihrer Charaktere zu unterſuchen.“ Keinen droben Kame⸗ Mittel, 1, zur chwein n, und ert ſtak mußte Affen voſtirt, wenn überall ür den een ge⸗ n, Be⸗ tengem n dem ner an e beim d, als r traf, Hand⸗ Gebiet d des as ſie 6 357 „Er ſei willkommen. Laßt den alten Mann zum Galion in's Schiff herein. Er hat viel zu viel Schiffmannserfahrung, um zu wünſchen, durch die Kajütenfenſter einzuſteigen.“ Hier endete die Parlamentirung; denn Wildern wurde endlich ſeine Rolle in der Poſſe langweilig under drehte ſich auf dem Abſatz um. Eine athletiſche Matroſengeſtalt, dem Scheine nach unmittelbar dem Elemente entſtiegen, deſſen Gottheit er ſich zu repräſentiren vermaß, machte bald ihre Erſcheinung. Betheerte Kalfater⸗Quaſten, von Salzwaſſer triefend, vertraten die Stelle von greiſem Haupt⸗ und Barthaar. Aus Golfgräſern, wovon ganze Felder eine See⸗ meile weit um das Schiff her die Waſſerfläche bedeckten, war ſein Mantel nachläſſig zuſammengeflochten, und in der Hand führte er einen Dreizack aus drei, an die Stange einer Halbpike in gehö⸗ riger Ordnung befeſtigten Marlpfriemen beſtehend.— So koſtümirt ſchritt der Meeres⸗Gott, der keine geringere Perſon war, als der Vordermann im Vorderkaſtell, höchſt pathetiſch und würdevoll das Deck entlang, von einem Gefolge bärtiger Waſſernymphen und Najaden begleitet, deren Anzug nicht minder grotesk war als der ſeinige. Auf die Schanze in Fronte des Platzes, den die Offiziere einnahmen, angekommen, begrüßte die Hauptperſon die dortige Gruppe mit einer Neigung ihres Scepters, und nahm das abgebrochene Geſpräch mit Wilder, der ſich gezwungen ſah, die Stelle ſeines noch immer in Zerſtreuung verſunkenen Comman⸗ deurs zu vertreten, folgendermaßen wieder auf: „Fürwahr, ein trautes und wacker betakeltes Boot, in dem Ihr dießmal in See gegangen ſeid, mein Sohn; charmant an⸗ gefüllt mit einer edlen Raſſe meiner Kinder. Wie lange iſt es her, ſeit Ihr Land aus den Augen verloren habt, wenn's beliebt?« „Ungefähr acht Tage.“ „Kaum Zeit genug, die Kiek⸗in's⸗Meer⸗Leutchen das Gehen zu lehren. Ich werde ſie wohl an der Manier, mit der ſie ſich während einer Windſtille feſthalten, herausfinden.“ 358 Der General, welcher mit abgewendetem und wegwerfendem Blick ſich an die Beſahnwand feſthielt, aus keinem andern abzu⸗ ſehenden Grunde, als um vollkommen unbeweglich dazuſtehen, ließ hier den Arm plötzlich fallen; Neptun lächelte und fuhr fort: „Ich werde mich nicht bei der Frage aufhalten, welchen Hafen Ihr zuletzt beſucht habt, ſintemalen an Euren Ankerflügeln noch das Schilf von den Tiefen von Newport zu gewahren iſt. Hoffe, Ihr habt nicht viele neue Leute unter Euch, denn ich wittere ſchon den Stockfiſch am Bord eines Seefahrers vom baltiſchen Meere, der mit den Paſſatwinden herunterkommt, und keine hundert Seemeilen mehr von hier entfernt ſein kann; werde alſo nur wenig Zeit brau⸗ chen, um Eure Leute zu viſitiren und ihnen die Patente auszuſtellen.“ „Ihr ſeht ſie Alle vor Euch. Ein ſo erfahrener Matroſe wie Neptun kann ſchon einen ächten Theer ausfindig machen, ohne daß man ihm erſt ausführlich das Wenn und Wie zu erklären braucht.“ „So werde ich denn bei dieſem Herrn da den Anfang machen,“ fuhr der neckiſche Vormann des Kaſtells fort, indem er ſich gegen das noch immer regungsloſe Soldatenoberhaupt wendete.„Er ſieht mir ſehr nach dem Lande aus, und ich wünſchte zu wiſſen, wie viel Stunden es iſt, ſeit er zuerſt auf blauem Waſſer ſchwimmt.“ „Ich glaube, er hat ſchon viele Seereiſen mitgemacht; und ich will gut für ihn ſagen, daß er Ew. Majeſtät ſchon längſt den ſchuldigen Tribut bezahlt hat.“ „Na, ſchon gut,'s kann wohl ſein, obzwar ich Schüler ge⸗ kannt habe, die in der Zeit mehr gelernt hatten, wenn er wirk⸗ lich ſchon ſo lange zu Waſſer iſt, als Ihr ſagt. Wie ſteht's mit dieſen Damen?“ „Beide waren ſchon ehedem zur See, und haben ein Recht, unbefragt zu paſſiren,“ erwiederte Wilder etwas haſtig. „Die Jüngſte iſt hübſch genug, um in meinem Reiche geboren zu ſein,“ erwiederte der galante Souverän des Meeres;„allein Niemand darf einen Gruß, der unmittelbar aus dem Munde des fendem abzu⸗ n, ließ rt: Hafen och das e, Ihr on den ee, der meilen t brau⸗ tellen.“ Zſe wie de daß aucht.“ achen,“ gegen Er ſieht vie viel ſt.« ; und gſt den ler ge⸗ wirk⸗ t's mit Recht, geboren „allein de des 359 alten Neptun kommt, unerwiedert laſſen; wenn's daher Ew. Gna⸗ den nicht ſonderlich viel ausmacht, ſo will ich die junge Perſon ein wenig erſuchen, für ſich ſelbſt zu ſprechen.“ Hierauf, ohne den zornigen Blick, den Wilder auf ihn ſchoß, im Geringſten zu beachten, wendete ſich der rüſtige Gott geradezu an Gertraud. „Wenn, wie der Ruf von Euch ſagt, mein hübſches Jüngfer⸗ chen, Ihr wirklich ſchon ehedem blaues Waſſer geſehen habt, ſo könnt Ihr mir wahrſcheinlich ſagen, auf welchem Schiffe dieß ge⸗ ſchah, und noch einiges andere zur Fahrt Gehörige.“ Das Antlitz unſerer Heldin wechſelte die Farbe, von glühender Röthe zur Marmorbläſſe, wie der Abendhimmel ſich röthet, und dann wieder ſeine liebliche Perlfarbe annimmt; doch unterdrückte ſie ihre Gefühle hinlänglich, um mit Selbſtbeherrſchung die Worte herauszubringen: „Wenn ich Euch alle dieſe kleinen Einzelnheiten erzählen wollte, ſo würde das Euch von wichtigeren Gegenſtänden abhalten. Dieſe Beſcheinigung wird Euch vielleicht überzeugen, daß ich kein Neu⸗ ling zur See bin.“ Bei dieſen Worten fiel eine Guinee aus ihrer weißen Hand in die breite, ausgeſtreckte, hohle Hand des fragenden Gottes. „Die große Ausdehnung und wichtige Beſchaffenheit meiner Geſchäfte muß mich ſchon entſchuldigen, daß ich mich auf Ew. Gnaden nicht früher entſinnen konnte,“ erwiederte der freche Frei⸗ beuter, ſich mit der Miene roher Höflichkeit verbeugend, indem er dabei das Douceur in die Taſche prakticirte.„Hätte ich meine Bücher nachgeſehen, ehe ich an Bord dieſes Schiffes kam, ſo müßte ich das Verſehen gleich entdeckt haben; denn jetzt fällt mir eben ein, daß ich einem meiner Maler befohlen hatte, Ihr hübſches Geſicht abzukonterfeien, damit ich's meiner Frau zu Hauſe zeigen könnte. Der Kerl hat's ziemlich gut auf einer oſtindiſchen Auſter⸗ ſchale ausgeführt; ich werde nicht unterlaſſen, Ihrem Herrn 360 Gemahl, ſobald Sie einen zu wählen belieben, eine in Korallen eingefaßte Copie davon zu überſchicken.“ Hierauf, ſeine Verbeugung mit noch einem Kratzfuße wiederholend, wandte er ſich an die Erzieherin, um ſeine Unterſuchung fortzuſetzen. „Und Sie, Madame, iſt dieß das erſte Mal, daß Sie mein Gebiet betreten oder nicht?“ „Weder das erſte noch das zwanzigſte Mal; ich habe Ew. Majeſtät ſchon oft vor dieſem Seſehen. K „Eine alte Bekanntſchaft! In welcher Breite mag's denn wohl geweſen ſein, wo wir zuerſt auf einander trafen, wenn's beliebt?“ „Ich glaube, ich genoß dieſe Ehre zuerſt, vor mehr als dreißig Jahren, unter der Linie.“ „Ja, ja, dort pfleg' ich oft zu ſein, um mich nach den Indien⸗ fahrern und euren zurückkehrenden braſilianiſchen Kauffahrern um⸗ zuſchauen. In jener Zeit hab' ich gerade recht viel geentert, kann aber nicht ſagen, daß mir Euer Geſicht entſinnlich wäre.“ „Ich fürchte, dreißig Jahre haben es etwas verändert,“ erwie⸗ derte die Gouvernante, mit einem Lächeln, welches, obgleich trau⸗ rig, doch auch zugleich ſo würdevoll war, daß der Verdacht, als traure ſie über einen ſo eitlen Verluſt, wie der ihrer perſönlichen Reize, in Keinem aufkommen konnte.„Ich war in einem könig⸗ lichen Fahrzeuge, und zwar in einem ſolchen, das ſich durch ſeine Größe ein wenig auszeichnete, es war ein Dreidecker.“ Der Gott empfing die Guinee, die ihm heimlich dargeboten wurde; allein Erfolg mußte ſeine Habſucht wach gerufen haben; denn, ſtatt zu danken, ſchien er vielmehr nicht übel Luſt zu haben, ſich noch mehr beſtechen zu laſſen. „Das kann Alles ſo ſein; wie Ew. Gnaden da ſagen,“ ver⸗ ſetzte er;„doch die Sorge für mein Reich und meine zahlreiche Familie zu Haus, machen es nothwendig, daß ich über meine Ge⸗ rechtſame ein wachſames Augenmere führe. Wehte eine Flagge auf dem Schiff 2 wohl bt 2 eißig dien⸗ um⸗ kann wie⸗ trau⸗ als ichen jnig⸗ ſeine voten ben; aben, ver⸗ eiche Ge⸗ agge 361 „Ja.“ „Nicht wahr, ſie hatten ſie auf den Klüverbaum aufgehißt?“ „Sie wehte, wie gewöhnlich auf Admiralsſchiffen, vom Fock.“ „Gut geantwortet für eine Weibsperſon!“ brummte die Gott⸗ heit, ein wenig getäuſcht in ihrer Liſt.„'s iſt doch verzweifelt kurios, mit Reſpekt vor Ew. Gnaden ſei's geſagt, daß ich ein ſolches Schiff ganz vergeſſen haben ſollte: fiel nichts Außerordentliches vor, was Einem nicht leicht aus dem Gedächtniß zu entſchlüpfen pflegt?“ Die erzwungene Fröhlichkeit in den Zügen der Gouvernante hatte ſchon einem düſtern, ernſten Nachdenken Platz gemacht, und ihr Auge blickte in's Leere, als ſie, ſich vergeſſend, ihre Gedanken in der Antwort laut werden ließ: „Ich ſehe noch, wie ſchlau und ſchelmiſch der muntere Knabe, damals erſt acht Jahre alt, die Liſt des mimiſchen Neptun hinter⸗ trieb, und ſich für deſſen Neckereien volle Rache verſchaffte, indem er das Gelächter Aller, die an Bord waren, auf ſeine Seite brachte.“ „War er nicht älter als acht?“ fragte eine tiefe Stimme dicht bei ihr. „Nicht älter an Jahren, aber wohl an Schlauheit,“ erwiederte Miſtreß Wyllys, und erſt als ihre Augen dabei auf das Geſicht des Rovers fielen, ſchien ſie, wie von einer Verzückung, wieder zu ſich ſelbſt zu kommen. „Schon gut;“ unterbrach der Vormann des Vorderkaſtells, dem zur Fortſetzung ſeiner Unterſuchung der Muth entſank, als er ſah, daß ſein gefürchteter Commandeur Theil an dem Geſpräche nahm,„es wird wohl Alles ſeine Richtigkeit haben, werde in meinem Tagebuch nachſehen; finde ich's ſo, gut, wo nicht— ei nun, ſo ſchick' ich dem Schiffe ſo lange einen Wind entgegen, bis der Däne unterſucht iſt, und dann iſt's immer noch Zeit, den Reſt der Gebühren einzukaſſiren.“ Mit dieſen Worten eilte der Meeresgott hinweg von den Offi⸗ zieren, und leitete ſeine Aufmerkſamkeit auf die Marine⸗Garde. Sich 362 heimlich eingeſtehend, daß eine ſo ſtrenge Unterſuchung Jedem die Hilfe der Uebrigen nöthig machen dürfte, hatten die Soldaten eine dichte Gruppe gebildet.— Das Oberhaupt des Vorkaſtells war ſeinerſeits mi der Carriere, die jeder Einzelne in dem Corſarenſchiff gemacht hatun gar wohl bekannt, und nicht ganz ohne Beſorgniſſe, daß ihm ſein Macht plötzlich entriſſen werden könnte. Daher wählte er nicht den erſten Beſten, ſondern erſah ſich einen friſchen Rekruten vom Feſtlan ne, und hieß ſeine Begleiter das Opfer an einen entlegenen Ort ſchleppen, um die unbarmherzige Poſſe, die er nun zu ſpielen beabſichtigte, mit weniger Gefahr einer Unterbrechung durchführen zu können. Die Marinen, durch das auf ihre Koſten erregte Ge⸗ lächter längſt erboßt, und entſchloſſen, ihren Kameraden zu vertheidi⸗ gen, leiſteten dieſem Vorhaben Widerſtand. In dem langen, lauten und heftigen Streit, der jetzt folgte, beſtanden beide Parteien auf ihr Recht, ſo und nicht anders zu handeln. Auch dauerte es nicht lange, ſo ging man von Worten zu minder zweideutigen Feindſelig⸗ keitsbezeigungen über.— Während der ganzen Scene ſtand der Ge⸗ neral mit verhaltenem Ingrimm da, wegen der offenbaren Verletzung aller Disciplin, aber nicht eher als jetzt, wo der Friede im Schiffe gleichſam nur noch an einem Haare hing, brach er los, ſich an ſei⸗ nen noch immer in Gedanken verſunkenen Obern wendend. „Ich proteſtire gegen dieſes aufrühreriſche, unmilitäriſche Ver⸗ fahren. Ich hoffe, meine Leute haben von mir gelernt, wie ein Soldat fühlen muß, und darum betrachten ſie es mit Recht als die größte Schmach, die ihnen widerfahren kann, wenn Hand an ſie gelegt wird, es müßte denn in der regelmäßig heilſamen Ma⸗ nier geſchehen, nämlich mit der Fuchtel. Ich will daher Jeden gewarnt haben: daß, wird einer meiner Hunde nur mit dem Fin⸗ ger berührt, ausgenommen, wie geſagt, nach den Regeln der Dis⸗ ciplin, mit einem Schlage erwiedert werden ſoll.“ Der General hatte ſich keineswegs bemüht, ſeine Stimme zu dämpfen, daher ſie von ſeinen Untergebenen gehört wurde, und die — —————=—- —9—— +₰—& 8 8 —— — m die n eine 8 war nſchiff gniſſe, vählte kruten genen pielen ühren e Ge⸗ theidi⸗ lauten uf ihr nicht dſelig⸗ er Ge⸗ etzung Schiffe un ſei⸗ Ver⸗ ie ein öt als nd an Ma⸗ Jeden Fin⸗ Dis⸗ ne zu nd die — 363 natürliche Wirkung hervorbrachte. Ein kräftiger Fauſtſchlag des Unteroffiziers ließ dem Meeresgott zur Ader, und das Blut, welches dieſem entſtrömte, bewies unwiderſprechlich deſſen irdiſche Abkunft. Auf dieſe Weiſe aufgefordert, ſich als Menſch un enn zugleich geltend zu machen, gab der rüſtige Seemann den Gaß zurück und fügte noch einige ihm nöthig ſcheinende Verſchönerungen hinzu. Aber dieſer Höflichkeitsausbruch von Seiten zweier ſo bedeutſamen Perſonagen war nur das Loſungswort zum allgemeiten Kampfe, und ihre Untergebenen wurden handgemein. Der ungeheure Lärm beim Angriff erregte Fids Aufmerkſamkeit, der ſich alsbald von der Art des Spiels, das auf dem Verdeck vorging, überzeugte, ſeinen Gefährten auf der Raae ſitzen ließ, und an einer Pardune hinab⸗ gleitete, faſt mit derſelben Leichtigkeit, als es jene Karrikatur eines Menſchen, der Affe, hätte thun können. Seinem Beiſpiele folgten alle übrigen Topgäſte, und in weniger als einer Minute war jeder Anſchein vorhanden, daß die verwegenen Marinen von der überlege⸗ nen Anzahl ihrer Feinde überwältigt werden dürften. Allein beharr⸗ lich bei ihrem Entſchluſſe und im höchſten Grade erbittert, verſchmäh⸗ ten dieſe einexercirten, racheſchnaubenden Krieger jeden Rückzug, und ſchloßen ſich nur um ſo dichter an einander. Schon glänzten die Bayonette in der Sonne, ſchon legten die Matroſen, welche außer⸗ halb des ſich anballenden Haufens ſtanden, Hand an die kurzen Piken, die als kriegeriſcher Schmuck den Fuß des Hauptmaſtes umſtanden. „Haltet ein! Zurück, ſag' ich, ein Jeder von Euch!“ ſchrie Wilder, und ſtürzte ſich, rechts und links ſich Bahn brechend, in die Mitte des Gedränges. Seine Haſt dabei mochte wahrſcheinlich durch den Gedanken noch verſtärkt worden ſein, daß die unbeſchütz⸗ ten Frauen in doppelter Gefahr ſchwebten, wenn einmal der Ver⸗ band der Subordination von einer ſo regelloſen, verzweifelten Mannſchaft durchbrochen war.„Bei eurem Leben, zurück, und gehorcht! Und Sie, Herr, der Sie ein ſo guter Soldat ſein wol⸗ len, Sie fordere ich auf, Ihren Leuten Einhalt zu gebieten.“ 364 Wie ſehr auch der vorangegangene Auftritt den Zorn des Generals entflammt haben mochte, ſo war ihm doch aus mehr als Einer wichtigen Rückſicht zu viel an der Erhaltung des Friedens auf dem Schiffe gelegen, als daß er dieſer Aufforderung nicht hätte entſprechen ſollen. Alle Subalternoffiziere, die recht gut wußten, daß ihr Hab und Gut, ja ihr Leben auf dem Spiele ſtand, wenn der ſo unerwartet ausgetretene Strom nicht zurückgedämmt würde, unterſtützten den General; allein dieß diente nur zu zeigen, wie ſchwer es ſei, eine Autorität aufrecht zu erhalten, die nicht auf eine ge⸗ ſetzmäßige Gewalt gegründet iſt. Neptun hatte bereits ſeine Ver⸗ kleidung von ſich geworfen, und bereitete ſich, an der Spitze ſeiner rüſtigen Vorkaſtellmänner eifrig zu einem Kampfe, deſſen Ausfall ihm vielleicht ſchnell zu beſſeren Anſprüchen auf Unſterblichkeit ver⸗ holfen hätte, als die eben abgeworfenen. Theils durch Drohungen, theils durch Vorſtellungen, war es bis jetzt den Offizieren nur in ſo fern gelungen, den Aufruhr zu gewältigen, daß man ſich während der Zeit blos auf Thätlichkeiten vorbereitete, ſtatt zu dieſen ſelber zu kommen. Die Marinen hatten zu den Waffen gegriffen, und auf beiden Seiten des Hauptmaſtes bildeten die Matroſen zwei dichtgedrängte Haufen, die reichlich mit Piken, Lukenſtangen und Handſpaken bewaffnet waren. Ja, einer oder zwei der Beſonneneren unter den Letzten gingen noch weiter, ſie ſchnallten eine Kanone aus den Riemen, richteten ſie einwärts, und zwar ſo, daß ſie die eine Hälfte der Schanze beſtreichen konnte. Kurz, der Streit war ſo weit herangereift, daß ein einziger Schlag von der einen oder andern Seite das Schiff nothwendig der Plünderung und Metzelei preisgab. — Die Gefahr aber, daß eine ſolche Kriſis eintreten werde, vermehrte ſich mit jedem Augenblicke dadurch, daß Schmähungen aus fünfzig profanen Lippen hervorgeſtoßen wurden, und der Mund eines Jeden ſeinen Feind mit den gemeinſten Beſchimpfungen überſchüttete. Fünf Minuten ſchon hatten dieſe unheildrohenden Symptome der Inſubordination gedauert, und noch verharrte Der, welcher in — 88———— —2 82A ⏑———yy des als dens ätte zten, venn erde, wwer ge⸗ Ver⸗ iner sfall ver⸗ gen, r in rend eſen ffen, zwei und eren aus eine r ſo dern gab. hrte fzig eden ome rin 365 der Aufrechthaltung der Disciplin am meiſten betheiligt war, in der größten Gleichgültigkeit, oder vielmehr in vollkommener Be⸗ wußtloſigkeit deſſen, was ſo nahe bei ihm vorging. Mit verſchränk⸗ ten Armen, den Blick feſt auf die ruhige See geheftet, ſtand er da, regungslos wie der Maſtbaum, gegen den er lehnte. Längſt durch die Gewohnheit abgeſtumpft gegen den Lärm von Auftritten, wie der gegenwärtige, den er ſelbſt veranlaßt hatte, hörte er in dem verworrenen Getöſe, das ſein Ohr traf, nichts als die Unruhe, die gewöhnlich in dergleichen ausgelaſſenen Stunden zu herrſchen pflegt. Die Nächſten im Kommando waren bei weitem thätiger. Wil⸗ der hatte die Verwegenſten der Matroſen ſchon zurückgeſchlagen, ſo daß zwiſchen den beiden feindlichen Parteien ein Raum ent⸗ ſtand, den ſeine Gehilfen, wohl wiſſend, wie viel von ihrem jetzi⸗ gen Dienſte abhinge, in aller Eile einnahmen. Leicht hätte dieſer augenblickliche Sieg von ihnen zu weit getrieben werden können: unſer Abenteurer glaubte, der meuteriſche Geiſt ſei gänzlich ge⸗ dämpft, und machte Anſtalt, ſeinen Vortheil zu benutzen, indem er den Frechſten unter dem Haufen beim Kragen faßte, der aber ſeinem Griffe auf der Stelle von mehr als zwanzig der Meuterer entriſſen wurde. „Wer iſt dieſer, daß er ſich am Bord des Delphin zum Com⸗ modore aufwirft!“ ſchrie, ſehr zur Unzeit für das Anſehen des jüngſt ernannten Schiffslieutenants, eine Stimme aus dem Hau⸗ fen hervor.„Auf welche Weiſe iſt er in unſer Schiff gekommen, und in welchem Dienſte hat er ſein Handwerk gelernt?“ »Ja wohl, ja wohl,“ fügte eine zweite unheimliche Stimme hinzu,„wo iſt der Briſtoler Kauffahrer, den er uns in's Garn führen ſollte, und deſſentwegen wir ſo viele der profitabelſten Tage ungenützt vor einem müſſigen Anker zubrachten?“ Dieſem folgte der Ausbruch eines allgemeinen und gleichzei⸗ tigen Murrens, das ſchon allein, wäre ein ſolches Zeugniß erſt nöthig geweſen, beweiſen konnte, daß der ungekannte Offizier in 366 ſeinem jetzigen Amte nicht viel mehr Glück hatte, als in dem, welches er auf der Carolina bekleidete. Beide Parteien verwarfen einmüthig ſeine Dazwiſchenkunft, und von beiden Seiten ließen ſich verächtliche Aeußerungen über ſeine Herkunft vernehmen, ver⸗ miſcht mit gewiſſen bitteren, perſönlichen Beſchuldigungen. Durch dieſe handgreiflichen Beweiſe von der Gefahr, in der er ſich be⸗ fand, ließ ſich unſer Abenteurer jedoch keineswegs zurückſchrecken, er ſetzte vielmehr den zahlreichen Schmähungen ein wegwerfendes Lächeln entgegen, und forderte jeden Einzelnen ſeiner Gegner heraus, hervorzutreten, um ſein Wort mit einer entſprechenden Handlung zu begleiten, wenn er es wagte. „Hört, wie er ſpricht!“ riefen ſie Alle.„Sollte man nicht glauben, er ſei ein königlicher Offizier, der ein Contrebandſchiff verfolgt!“ rief Einer.—„Ja, ja, er hat Muth genug in einer Windſtille,“ ſagte ein Zweiter.—„Er iſt ein Jonas, der ſich zum Kajütenfenſter hereingeſchlichen hat,“ rief ein Dritter;„und ſo lange er im Delphin bleibt, hält ſich das Glück windab von uns.“—„In die See mit ihm! Ueber Bord mit dem Pilz! In die See mit ihm! Schon mancher kühnere und beſſere Mann, als er, hat den Sprung gemacht!“ erſchallte es von einem Dutzend zugleich, von denen Einige ſehr unzweideutig die Abſicht zu erkennen gaben, ihre Drohung ohne Verzug auszuführen. Da ſprangen mit Blitzesſchnelle zwei Geſtalten hinein in den Haufen, und warfen ſich, wüthenden Löwen gleich, zwiſchen Wilder und ſeine Feinde. Die eine, die in der Befreiung die vorderſte war, drehte ſich plötzlich gegen die ein⸗ dringenden Matroſen um, und warf mit einem unwiderſtehlichen Arme den Repräſentanten Neptuns zu Boden, als wäre es eine bloße Wachspuppe geweſen; die andere Geſtalt folgte wacker die⸗ ſem Beiſpiele, und wie der Haufe bei dieſer Deſertion aus ſeinen eigenen Reihen zurückfiel, ſah man Fid, denn kein Anderer war es, die Fauſt ſchwingen, die ziemlich die Größe eines nicht unbe⸗ trächtlichen Kindskopfes hatte; dabei ſchrie er mächtig: dem, arfen leßen ver⸗ durch )be⸗ cken, ndes gner nden nicht ſchiff einer ſich „und von n die hat von ihre nelle nden de in ein⸗ ichen eine die⸗ inen war nbe⸗ 367 „Fort mit euch, ihr Lümmel! fort mit euch! Wollt ihr gegen einen einzelnen Mann anlaufen, noch dazu gegen einen Offzier, und zwar einen Offizier, wie ihr noch keinen geſehen habt, außer zufällig in der Manier, wie die Katze den König anblinzelt? Möchte unter euch Den ſehen, der ein ſchweres Schiff in ſchma⸗ lem Waſſer handhaben kann, wie ich den jungen Herrn, den Harry hier, handhaben ſah die patzige....“ „Zurück!“ ſchrie Wilder, indem er ſich zwiſchen ſeinen Verthei⸗ digern hindurch zu den Feinden hervordrängte.„Zurück, ſage ich, laßt mich Allein den frechen Schurken die Stirne bieten!“ „Ueber Bord mit ihm! Ueber Bord mit ihnen Allen!“ ſchrieen die Seeleute,„er ſammt ſeinen Knappen!« „Können Sie es ruhig mit anſehen, wie ein Mord vor Ihren eigenen Augen begangen wird?“ rief Miſtreß Wyllys, die von ihrem zurückgezogenen Platz hervorſtürzte und den Rover haſtig beim Arm faßte. Er ſchrak zuſammen, wie Jemand, der plötzlich aus einem lei⸗ ſen Schlafe geweckt wird, und ſah ihr gerade und ſcharf in's Auge. „Sehen Sie!“ fuhr ſie fort, indem ſie auf den heftig ſich be⸗ wegenden Haufen unten, wo alle Merkmale eines zunehmenden Tumultes zu erkennen waren, hinzeigte.„Sehen Sie doch, man mordet Ihren Offizier, und Niemand iſt da, der ihm beiſtehe!“ Als ſein Auge flüchtig die Scene überflog, verſchwand die blaſſe Marmorfarbe, die ſo lange auf ſeinem Geſicht geruht hatte. Er bedurfte nur eines raſchen Blickes, um über die Beſchaffenheit deſſen, was vorging, vollkommen unterrichtet zu ſein; dieß brachte alles Blut in die Adern ſeiner Stirn. Ein Tau, das unmittelbar über ihm von einer Rage herabhing, erfaſſend, ſchwang er ſich vom Deck der Hütte hinab, und zwar in die volle Mitte des hellen Haufens hinein. Da ſtand er, leicht und voller Grazie, als wäre er von den Wolken herabgeſchwebt. Beide Parteien fielen zurück, und auf ein Geſchrei, welches das Rauſchen eines Kataraktes 368 überboten hätte, erfolgte augenblicklich eine Stille, in der man das Athemholen jedes Einzelnen vernehmen konnte. Stolz und wegwerfend hob er den Arm empor, und ſprach mit einer Stimme, die keine Veränderung wahrnehmen ließ, ja faſt leiſer und min⸗ der drohend als gewöhnlich tönte. Allein auch die leiſeſten und tiefſten ſeiner Accente erreichten jedes noch ſo entfernte Ohr, ſo daß Niemand über deren Bedeutung im Zweifel blieb. „Meuterei!“ ſagte er in einem Tone, der ſeltſam zwiſchen Ironie und Verachtung ſchwankte,„offene, gewaltſame und blut⸗ dürſtige Meuterei!— Seid ihr eures Lebens müde, meine Leute! Iſt unter euch Allen Einer, der zum Wohl der Andern ein Exem⸗ pel an ſich ſtatuiren laſſen will? Er hebe eine Hand, einen Finger, ein Härchen empor; er ſpreche, ſehe mir in's Auge, oder wage es, durch einen Wink, Athem oder Bewegung zu zeigen, daß Leben in ihm ſei!“ Er ſchwieg; und ſo allgemein, ſo zwingend war der durch ſeine Gegenwart und ſeine Miene hervorgebrachte Zauber, daß in dem ganzen Haufen roher, aufgeregter Menſchen auch nicht ein Einziger war, der gewagt hätte, ſeinem Zorne zu trotzen.— Ma⸗ troſen wie Marinen ſtanden eingeſchüchtert, gedemüthigt und unterwürfig da, wie Kinder, die etwas verbrochen haben, und ſich vor eine Autorität geſtellt ſehen, von der ſie ein tiefes, inneres Gefühl haben, daß ſie ihr nicht entfliehen können. Als keine Stimme antwortete, kein Glied ſich bewegte, ja kein Auge kühn genug war, ſeinem feſten, glühenden Blicke zu begegnen, fuhr er in demſelben, tiefen und gebieteriſchen Tone fort: „Schon gut: die Vernunft iſt zwar ſpät zurückgekommen, aber glücklicherweiſe für euch Alle, daß ſie wiederkehrte. Macht Raum, Raum, ſag' ich, ihr befleckt die Schanze nur.“— Hier fielen die Leute rechts und links einen oder zwei Schritte von ihm zurück.— „Daß die Waffen da wieder aufgeſtellt werden; es wird an der Zeit ſein, ſie zu gebrauchen, wenn ich verkünde, daß es nöthig ſei. * r man lz und rimme, dmin⸗ n und ör, ſo viſchen dblut⸗ Leute! Exem⸗ Finger, wage , daß durch daß in ht ein — Ma⸗ it und nd ſich nneres keine e kühn „ fuhr ,, aber Raum, len die 369 Und ihr, Kerle, die ihr ſo frech waret, eine Pike zu erheben, ohne Ordre dazu, nehmt euch in Acht, daß ſie euch die Hand nicht ver⸗ brenne!“— Hier fielen ein Dutzend Piken auf's Verdeck.—„Iſt ein Trommelſchläger im Schiff? Er ſoll hervorkommen!“ Ein erſchrockenes Weſen von kriechendem; feigem Ausſehen kam zum Vorſchein, das ſein Inſtrument gleichſam durch eine Art Inſtinkt, wie in der Verzweiflung, erhaſchte. „Jetzt laß dich hören, damit ich ohne Verzug erfahre, ob ich eine Mannſchaft ordnungsliebender, gehorſamer Leute kommandire, oder einen Haufen Rebellen, die erſt eine Reinigung paſſiren müſſen, ehe ich ihnen trauen darf.“ Die erſten Paar Trommelſchläge reichten hin, die Leute zu unterrichten, daß„auf eure Poſten“ getrommelt werde, und ohne einen Augenblick Schwankens und Zauderns zerſtreute ſich die Menge und jeder Delinquent ſchlich ſtumm nach ſeinem Poſten. Hiebei zeichnete ſich beſonders die Gruppe, welche die einwärts gerichtete Kanone bemannt hatte, durch die Geſchicklichkeit aus, womit ſie ſie ſo unbemerkt als möglich wieder in ihre Pfortgate zurückzuſchieben verſtand, eine Geſchicklichkeit, die ihnen im Gefecht von nicht geringem Vortheil ſein mußte. Während des ganzen Ver⸗ laufs hatte der Rover weder Zorn noch Ungeduld verrathen.— Tiefeingewurzelte Verachtung und hohes Selbſtvertrauen waren allerdings in ſeiner ſtolzanfgeworfenen Lippe, in ſeiner rückgebo⸗ genen Geſtalt nicht zu verkennen, aber keinen Augenblick erlaubte er dem Unmuth die Oberhand über ſeine Vernunft. Und nun, nachdem er ſeine Leute zur Pflicht zurückgerufen hatte, war er offenbar ebenſowenig vom Siege aufgeblaſen, als der unmittelbar vorhergehende Sturm, der ſeinem Anſehen gänzlichen Untergang drohte, ihn erſchreckt hatte. Statt jetzt ſeine zu nehmenden Maß⸗ regeln mit Uebereilung zu verfolgen, wartete er die Ausführung der geringfügigſten Förmlichkeit ab, die Herkommen und Dienſt bei ſolcher Gelegenheit üblich gemacht hatten. Der rothe Seeräuber. 24 370 Die Offiziere näherten ſich, und rapportirten über ihre reſpek⸗ tive kampffertige Abtheilungen, genau mit derſelben Regelmäßig⸗ keit, als wäre ein Feind im Anzuge. Die Topgaſten und Segel⸗ ſetzer wurden gemuſtert und bereit gefunden, Schießproppen und Stopper ausgetheilt, ja das Magazin geöffnet, die Waffenkiſten ausgeleert— kurz, die Vorbereitungen ließen auf etwas weit Außerordentlicheres als das tägliche Exercitium ſchließen. „Verſeht die Raaen mit Nothtauen, befeſtigt die Segel und Braſſen,“ ſagte er zum erſten Lieutenant, der jetzt dieſelbe genaue Bekanntſchaft mit dem militäriſchen Theile ſeines Gewerbes ent⸗ wickelte, als bisher mit dem nautiſchen.„Den Enterern ihre Piken und Axten gegeben, Sir; wir wollen den Kerlen zeigen, daß wir uns nicht fürchten, ihnen Waffen anzuvertrauen!“ Dieſen verſchiedenen Befehlen wurde pünktlich, bis zum Buch⸗ ſtaben, nachgekommen; dann folgte jene tiefe, ernſte Stille, die eine auf ihrem Poſten kampfbereit harrende Mannſchaft, ſelbſt Den⸗ jenigen, die vom Knabenalter her daran gewöhnt ſind, zu einem ſo impoſanten Schauſpiel macht. So wußte der gewandte Führer mit den Feſſeln der Mannszucht die gewaltthätigen Leidenſchaften dieſer Bande verzweifelter Freibenter zu zügeln. Nachdem er die Stimmung jedes Einzelnen wieder in die gehörigen Schranken zu⸗ rückgewieſen hatte, indem er ſie auf ihren verſchiedenen Poſten ſolcher Aufſicht unterwarf, daß ſie wohl wußten, ein Wort, ja ein Blick des Ungehorſams würde eine augenblickliche und furchtbare Strafe finden, ging er mit Wilder auf die Seite, und ließ ſich von demſelben den Hergang der Sache erzählen. Wie groß auch unſeres Abenteurers natürliche Hinneigung zur Milde ſein mochte, ſo war er doch zur See erzogen, und konnte daher das Verbrechen der Meuterei nicht mit Nachſicht betrachten. Selbſt wenn das Andenken an ſeine neuliche Rettung vom Wrack des Briſtoler Kauffahrers aus ſeinem Gemüth vertilgt geweſen wäre, blieben ihm doch noch die Eindrücke eines ganzen Lebens, eſpek⸗ äßig⸗ zegel⸗ und kiſten weit und enaue ent⸗ ihre eigen, Buch⸗ , die Den⸗ einem ührer aften r die n zu⸗ voſten a ein tbare 3 ſich g zur ounte hten. Vrack veſen bens, 371 die ihn die Nothwendigkeit lehrten, jene durch die Erfahrung als unentbehrlich bewährten Zügel ſtraff zu halten, um ſolche tumul⸗ tuariſche Bande, den Schranken der Geſellſchaft, dem beſänftigen⸗ den Einfluſſe des andern Geſchlechts entzogen, und aufgereizt durch die beſtändige Reibung von Gemüthern, die ſich einander eben ſo ſchonungslos beleidigen, als ſie zu Gewaltſamkeiten geneigt ſind, regieren zu können. Wenn er alſo dem Groll nicht verſtattete, in den Bericht, den er ablegte, Galle einfließen zu laſſen, ſo mil⸗ derte er doch auch keineswegs irgend einen Umſtand, ſondern legte ſämmtliche Thatſachen ſeinem Commandeur in der geraden, unum⸗ wundenen Sprache der Wahrheit vor. „Durch's Predigen kann man dieſe Menſchen nicht bei ihrer Pflicht halten,“ erwiederte der Corſaren⸗Häuptling, als der Andere geendigt hatte.„Wir haben kein Richtverdeck für unſere Delin⸗ quenten, keine gelbe Flagge, die der Flotte die fürchterliche Strafe verkündet, keine tief gelehrte Seerichter, die ein paar Folianten durchblättern, und endlich den Ausſpruch thun: Hängt ihn. Die Schurken wußten, daß mein Auge nicht auf ſie gerichtet war. Schon einmal hatten ſie mein Schiff zum lebendigen Beweis jener Stelle im Neuen Teſtament gemacht, die Allen die Demuth einſchärft, durch die Worte, daß die Letzten die Erſten, und die Erſten die Letzten ſein werden. Ich fand ein Dutzend Gleich⸗ macher in der Kajüte, ganz unceremoniös bei den Getränken, und ſämmtliche Offiziere als Gefangene im vordern Raum— ein Zu⸗ ſtand, der, wie Sie mir ohne Schwierigkeit einräumen werden, der Gebühr und Decenz etwas zuwiderlief.“ »„Ich erſtaune; und Sie brachten ſie wieder zur Subordination zurück?“ „Allein kam ich unter ſie, mit keiner andern Hilfe als einem Boot vom Lande; doch ich verlange nicht mehr als Platz, um Poſten faſſen zu können, und Raum für meinen Arm, um ein Tauſend ſolcher Geiſter bei der Ordnung zu erhalten. Jetzt . 24* 372 wiſſen ſie, wen ſie vor ſich haben, und nur ſelten mißverſtehen wir einander.“ „Sie müſſen ein ſtrenges Exempel ſtatuirt haben.“ „Die Gerechtigkeit iſt befriedigt worden.— Ich fürchte, Herr Wilder, Sie finden unſern Dienſt etwas unregelmäßig; allein nur ein Monat Erfahrung mehr, und Sie werden uns gleichſtehen, und eine Wiederholung dieſes Auftrittes nicht mehr zu befürchten haben.“« Bei dieſen Worten blickte der Rover ſeinen Neuling mit einem Geſicht an, in das er ſich bemühte, Heiterkeit zu bringen, allein trotz aller Gewalt, die er ſich anthat, hatte ſein Lächeln doch mehr Fürchterliches als Heiteres.„Kommen Sie,“ ſetzte er raſch hinzu,„dießmal hatte ich das Unheil in Gang geſetzt; und da Sie ſehen, daß wir wieder die Herren ſind, ſo darf es uns auf ein Bischen Gnade nicht ankommen. Und dann,“ fuhr er fort, indem er nach der Seite hinblickte, wo Miſtreß Wyllys und Gertraud, noch immer in tiefer Ungewißheit ſeine Entſcheidung erwartend, ſtanden,„es kann nicht ſchaden, wenn wir in einem ſolchen Au⸗ genblick das Geſchlecht unſrer Gäſte berückſichtigen.“ Hierauf entfernte ſich der Rover von ſeinem Untergeordneten, begab ſich in die Mitte der Schanze, und ließ die Rädelsführer des Tumultes aufbieten, dort vor ihm zu erſcheinen. Seinen Ver⸗ weiſen, in die er mehr als eine ermahnende Warnung gegen die Folgen eines zweiten Vergehens dieſer Art einſtreute, lauſchten die Leute wie Geſchöpfe, die ſich in der Gegenwart eines höhern We⸗ ſens befinden. Auch jetzt ſprach er in ſeinem gewöhnlichen, ruhigen Tone, doch ging, ebenſowenig wie vorher, die geringſte Sylbe, ſelbſt für die von ſeiner Mannſchaft am entfernteſten Stehenden, ver⸗ loren; und als er ſeine kurze Lection beendigt hatte, ſtanden die Leute vor ihm, nicht blos wie Verbrecher, die zwar begnadigt wor⸗ den, aber doch Verweiſe erhalten hatten, ſondern mit der Miene von Schuldigen da, die nicht minder von ihrem eigenen Gewiſſen, als von der allgemeinen Stimme verurtheilt werden. Unter Allen tehen Herr nnur ehen, chten mit igen, doch raſch Sie f ein adem kaud, tend, Au⸗ eten, ährer Ver⸗ m die die We⸗ igen elbſt ver⸗ die vor⸗ iene ſen, llen 373 war nur Ein Matroſe, der, vielleicht durch früher geleiſtete Dienſte ermuthigt, einige Worte zu ſeiner Rechtfertigung wagte. „Was die Marinen anbelangt, ſo wiſſen Ew. Gnaden, daß wir einander zu keiner Zeit beſonders grün ſind, obgleich gewiß iſt, daß die Schanze nicht ein paſſender Ort iſt, um unſere Zwi⸗ ſtigkeiten zu ſchlichten; aber was den Herrn anbetrifft, der für gut fand, einzutreten in das Kommando von....“ „Es iſt mein Wille, daß er es behalte,“ unterbrach haſtig ſein Commandeur.„Ueber ſein Verdienſt kann Niemand urtheilen als ich.“ „Gut; da es Ihr Wille iſt, je nun, ſo darf freilich Keiner was dagegen haben. Aber keine Rechenſchaft iſt von dem Briſtoler ge⸗ geben worden, obgleich man ſich hier an Bord ſo große Erwartung von jenem Schiff gemacht hatte. Ew. Gnaden ſind ein billiger Herr, und werden es nicht auffallend finden, daß Leute, die einem Weſtindier auflauern auf ſeiner Fahrt auswärts, ſich nur ungern ſtatt ſeiner mit einer leeren, zerſchellten Barkaſſe begnügen.“ „Doch, doch; wenn ich es will, ſo müßt Ihr mit einem Ruder, einer Pinne, einem Holzbolzen für Euer Antheil zufrieden ſein. Nicht weiter davon! Ihr habt mit eigenen Augen geſehen, in welcher Lage ſich ſein Schiff befand: und wo iſt der Matroſe, den nicht ein oder der andere unheilvolle Tag zu der Anerkennung zwang: daß ſeine Kunſt unnütz ſei, wenn ſich die Elemente gegen ihn verſchwören? Wer hat denn, während deſſelben Sturms, der uns die Priſe entriß, dieſes Schiff gerettet? War es Eure Ge⸗ ſchicklichkeit, oder war es die eines Mannes, der es ſchon oft gethan hat, und der Euch vielleicht einſt Eurer Unwiſſenheit überläßt, daß Ihr zuſehen möget, wie Ihr allein fertig werdet? Genug, ich halte ihn für treu, finde aber keine Zeit dazu, Euren Stumpfſinn von der Gehörigkeit eines jeden einzelnen Schrittes, den ich zu thun für gut finde, zu überzeugen. Fort, und ſchickt mir die beiden Männer, die ſich ſo wacker zwiſchen ihre Offiziere und die Meuterei geworfen haben.“ 374 Hierauf kam Fid, hinter ihm ſchlenderte der Neger einher, deſſen eine Hand den Hut zuſammen knitterte, während die andere linkiſch ſich in einem gewiſſen Theil ſeiner Hoſen zu verbergen ſuchte. „Haſt brav gehandelt, mein Junge, du und dein Tiſchkame⸗ rad.... „Mit nichten Tiſchkamerad, halten zu Gnaden, ſintemalen er ein Neger iſt,“ unterbrach Fid.„Der Kerl tiſcht mit den andern Schwarzen, aber wir thun zuweilen einen Zug aus einer Kanne miteinander.“ „Du und dein Freund alſo, wenn dir der Ausdruck lieber iſt.“ „Ganz recht, Sir, wir ſind ziemlich freundſchaftlich, wenn wir Zeit dazu übrig haben, obgleich ſich dann und wann eine kleine Bö zwiſchen uns erhebt. Der Guinea hat eine verzweifelt ſelt⸗ ſame Manier, windwärts zu blaſen, wenn er ſich mit Einem unter⸗ hält; und, das wiſſen Ew. Gnaden, es iſt einem Weißen nicht immer bequem, ſich von einem Schwarzen leewärts getrieben zu ſehen. Auch thue ich's ihm oft genug ſagen, daß es mir nicht immer bequem iſt, ſehen Ew. Gnaden. Aber nichtsdeſtoweniger und jedennoch iſt er, im Ganzen genommen, ein hinlänglich guter Kerl, Sir; und da er nun einmal ein Afrikaner nicht blos von Erziehung, ſondern auch was die Geburt anbelangen thut, iſt, ſo hoffe ich, Sie werden ſo gütig ſein und es mit ſeinen kleinen Schwachheiten nicht allzugeſtrenge nehmen.“ »Wollte ich's auch,“ erwiederte der Rover,„ſo würde ſein heutiges feſtes und wackeres Betragen ſein Fürſprecher ſein.“ „Ja, ja, Sir, er iſt etwas feſt, was ich nicht immer von mir ſelbſt ſagen kann. Ferner, was Seemannskunſt anbelangt, ſo über⸗ treffen ihn Wenige. Ich wünſchte, Ew. Gnaden wollten ſich in den vordern Raum bemühen und den Strang ſehen, den er erſt während der letzten Windſtille im großen Stengenſtag gedreht hat;z der Strang macht ſich aus einem ſtraffen Winde nicht mehr, als das Gewiſſen eines reichen Mannes aus einer kleinen Sünde.“ 375 nher,„Deine Beſchreibung genügt mir; du nennſt ihn Guinea?² ndere„Gleichviel bei welchem Namen, wenn er nur von ſeiner Küſte ichte. hergenommen iſt; denn, ſehen Sie, er iſt gar nicht eigen hierinnen, ame⸗ 5 ſintemalen er niemals getauft worden iſt, und nichts von den La⸗ gen und Diſtanzen der Religion weiß. Sein eigentlicher, geſetz⸗ en er mäßiger Name iſt S'ip, oder Scipio Afrika, was, wie ich ver⸗ dern muthe, daher kommt, daß er in Afrika zuerſt iſt eingeſchifft*) anne worden. Aber wie geſagt, in Betracht der Namen, iſt der Kerl ſo zahm wie ein Schaf; Sie können ihn rufen, wie Sie wollen, wenn iſt. Sie ihn nur nicht zu ſpät zu ſeinem Grog rufen.“ wir Während dieſer ganzen Zeit ſtand der Afrikaner dicht dabei, leine und glotzte mit ſeinen großen, dunklen Augen überall hin, nur ſelt⸗ nicht nach den Sprechenden, denn er lebte in der ruhigen Ueber⸗ nter⸗ zeugung, daß ſein langbewährter Schiffsgenoſſe und Dolmetſcher nicht ſein Intereſſe ſchon wahren würde. Die Aufgeregtheit, welche n zu. durch das kürzlich Vorgefallene in dem Gemüth des Corſaren⸗ nicht hauptes entſtanden war, ſchien ſich bereits zu legen; ſeine gerun⸗ niger zelte Stirn glättete ſich allmählig, und der ſtolze Zornblick ver⸗ zuter wandelte ſich in den milderen der Neugierde. von„Ihr ſeid lange zuſammen zur See, meine Jungen,“ fuhr er k, ſo nachläſſig fort, indem er weder den Einen noch den Andern von inen Beiden insbeſondere anredete. „Voll und dicht beim Winde, in mancher ſchweren Bö, und in ſein mancher Windſtille, halten zu Gnaden.'s ſind vierundzwanzig Jahre letztes Equinoctinm geworden, Guinea, ſeit der junge Harry mir uns quer über die Klüsgaten fiel; und damals waren wir ſchon ber⸗ drei Jahre im Donnerer zuſammen, nicht gerechnet die Fahrt h in ums Horn⸗) in dem Caper, die Bai.“ erſt„So? Ihr ſeid ſchon vierundzwanzig Jahre mit Herrn Wil⸗ hat;z——— als) Das Engliſche bietet hier ein im Deutſchen minder deutliches Wortſpiel .« zwiſchn Knub o 4 Fid den Schwanzen nennt, und ShippeY(eingeſchifft). 376 der? Dann iſt's freilich kein Wunder, daß ihr einen ſo hohen Werth auf ſein Leben ſetzet.“ „Das fällt mir ebenſowenig ein, als einen Preis auf die Krone des Königs zu ſetzen!“ unterbrach der ſchlichte Seemann.„Sehen Sie, Sir, ich hörte, wie die Jungens gerade ein Komplot mach⸗ ten, uns Drei über Bord zu werfen, da haben wir denn geglaubt, es ſei Zeit, ein Wort für uns ſelbſt zu ſprechen: da aber Worte nicht immer bequem zur Hand ſind, ſo hielt der Schwarze es für angemeſſen, die Lücke mit etwas Anderem auszufüllen, das eben ſo gute Dienſte thun würde. Denn, ſehen Ew. Gnaden, der Guinea da iſt kein großer Redner; und was dieſe Sache anbetreffen thut, ſo kann ich, in dieſem Betracht und Rückſicht, zu meinen eigenen Gunſten juſt auch nichts Sonderliches anführen; da wir inzwiſchen ihre Bewegungen mit einem Stopper gehemmt haben, ſo werden Ew. Gnaden zugeſtehen, daß es juſt ſo gut war, als wenn wir ſo hübſch geſprochen hätten, wie ein junger Seekadet, der friſch von der Schule kommt, und den Topgaſten immer die Befehle latei⸗ niſch zuruft, weil er, ſehen Sie, kein Engliſch verſtehen thut.“ Der Rover lächelte, und that einen Seitenblick, offenbar um unſern Abenteurer zu ſuchen. Da er ſah, daß derſelbe nicht in der Nähe war, fühlte er ſich verſucht, in ſeinen Erkundigungen verdeck⸗ terweiſe fortzufahren, denn er hatte zu viel Selbſtachtung, um ſeine brennende Neugierde in einer direkten Frage zu erkennen zu geben. Allein ein Augenblick Beſinnung rief ihn zu ſich ſelbſt zurück, und er verwarf dieſe Idee, als ſeines Charakters unwürdig. „Eure Dienſte ſollen nicht vergeſſen werden. Hier iſt Gold,« ſagte er, dem Neger, der ihm zunächſt ſtand, eine Handvoll davon anbietend.„Theilt es unter euch, wie redliche Schiffsgenoſſen, und ihr könnt euch meines Schutzes ſtets verſichert halten.“ Scipio zog ſich zurück, machte eine ablehnende Bewegung mit dem Ellbogen und erwiederte: „Ihro Gnaden geben das da Maſter Harry.“ — — hohen Krone Sehen mach⸗ aubt, Vorte s für een ſo uinea thut, genen ſchen erden vir ſo von latei⸗ t. um n der deck⸗ ſeine eben. und old,“ avon und mit —— 377 „Dein Herr Harry hat ſelber genug, Junge; der braucht kein Geld.“ „Dann S'ip auch keines nicht braucht.“ „Sie werden gütigſt Nachſicht mit den ſchlechten Manieren des Kerls haben, Sir,“ ſagte Fid, indem er ganz kalt ſeine eigene Hand dazwiſchen ſchob, und eben ſo ruhig die Gabe in die Taſche ſteckte; „ich brauche aber einem ſo alten Seemann, wie Ew. Gnaden, nicht erſt zu ſagen, daß Guinea kein Land iſt, wo Einer ein abgehobeltes Betragen lernen kann. Nichtsdeſtoweniger und jedennoch, ſo viel kann ich für ihn ſagen, nämlich, daß er ſich bei Ew. Gnaden herz⸗ lich bedankt, juſt als wenn Sie ihm das Doppelte gegeben hätten. Verbeuge dich gegen Seine Gnaden, Junge, daß man ſehen kann, du haſt dich zu guter Geſellſchaft gehalten. Und nun, da dieſe kleine Schwierigkeit wegen des Geldes durch meine Geiſtesgegen⸗ wart überwunden iſt, ſo will ich mit Ew. Gnaden Erlaubniß hinauf⸗ ſteigen, und das Bischen Schneiderlein da oben auf der Fockraa des Backbords von den Riemen losſchnüren. Der Wicht iſt einmal zum Topgaſt verdorben, was Sie an der Manier erſehen können, wie er ſeine unteren Stützen quer übereinander kreuzt. Der Kerl macht Euch mit ſeinen Beinen einen Kreuz⸗Knoten mit derſelben Leichtigkeit, wie ich mit einem Zwirnfaden.“ Der Rover entließ ihn mit einem Wink; und als er ſich herum⸗ drehte, ſtand Wilder vor ihm. Ihre Blicke begegneten ſich, und ein leiſes Erröthen des Corſaren verrieth, daß er ſich etwas ver⸗ geben hatte. Er erlangte jedoch augenblicklich ſeine gewöhnliche Selbſtbeherrſchung wieder, und ſprach lächelnd von Fids drolligem Charakter, ſodann nahm er die Commandeurmiene wieder an, und befahl ſeinem Lieutenant, zum„Rückzug von den Poſten“ trom⸗ meln zu laſſen. Die Flinten wurden nun wieder in Sicherheit gebracht, das Magazin verſchloſſen, die Trompriemen über die Pfortgaten der Kanonen gezogen, und von der Mannſchaft begab ſich ein Jeder an ſeine gewöhnliche Beſchäftigung, und bewies dadurch, daß ſeine 378 Gewaltthätigkeit durch einen Herrſchergeiſt vollkommen unterdrückt worden ſei. Hierauf wurde das Verdeck auf eine Zeitlang unter das Kommando des wachthabenden Offiziers geſtellt, und der Rover verſchwand. Einundzwanzigſtes Kapitel. Dieb. Er gibt uns nur aus Menſchenhaß dieſen Rath, damit wir bei unſerem heimlichen Handwerk verhungern mögen. Timon von Athen. Act. IV. Sc. 3. Wahrend dieſes ganzen Tages blieb das Wetter ſich gleich. Der ſchlafende Ocean lag da, ein glatter, glänzender Spiegel, und nur das Steigen und Fallen langer Wellenlinien deutete an, daß am entfernten Horizont eine ſtarke Bewegung im Anzuge ſein müſſe. Der, welcher es ſo gut verſtand, die wilde, unbändige Stimmung ſeiner Untergebenen unter ſeine Autorität zu beugen, war von dem Zeitpunkte an, wo er das Verdeck verlaſſen hatte, bis zu dem, wo die Sonne ihren Glutball in der See abkühlte, unſichtbar geworden. Zufrieden mit ſeinem Siege, ſchien er die Möglichkeit, daß Jemand zum Umſturz ſeiner Macht Kühnheit genug beſitzen könne, gar nicht zu befürchten; auch verfehlte dieſes offenbare Selbſtvertrauen der beabſichtigten Wirkung auf ſeine Leute nicht. Da keine Vernach⸗ läſſigung im Dienſte unbemerkt, kein Fehler ungeſtraft blieb, ſo ſetzte ſich bei ihnen der Glaube feſt, daß ein unſichtbares Auge ſie ſtets bewache, ein unſichtbarer Arm zu allen Zeiten ausgeſtreckt ſei, gleich bereit zu ſtrafen und zu belohnen. Durch dieſe Methode, nämlich, durchgreifend zu handeln, wenn der Augenblick es gebot, und wieder nachſichtig zu ſein, wenn Ausübung der Strenge nur dazu gedient hätte, die Gemüther zu erbittern, gelang es dem außer⸗ ordentlichen Mann, auf ſeinem Schiffe nicht blos den Verrath zu erſticken, ſondern auch ſeinen offenen Feinden, trotz ihrer ſchlaueſten Anſchläge und ausdauerndſten Verfolgungen, zu entgehen. drückt unter d der damit c. 3. leich. und daß nüſſe. nung dem „wo den. nand nicht der nach⸗ „ ſo ſie ſei, ode, bot, nur zer⸗ zu ſten 379 Als nun aber die Wache für die Nacht abgelöst war, und die gewöhnliche Stille das Schiff umgab, erſchien der Rover wieder auf dem Deck der Hütte, wo jetzt Niemand ſich aufhielt, raſchen Schrittes auf und ab gehend. Obgleich beiliegend, war doch das Fahrzeug mit dem Golfſtrom ſo weit nördlich gelaufen, daß die kleine, blaue Erhöhung in der Ferne längſt unter dem Meeres⸗ rand getaucht hatte, und für den Bereich menſchlicher Sehkraft wenigſtens, nur eine gränzenloſe Waſſerwelt rund umher lag. Da ſich auch nicht der leiſeſte Windhauch rührte, ſo waren ſämmtliche Segel beſchlagen, und die hohen, entblößten Spieren gaben in der Finſterniß der Nacht dem Schiffe das Anſehen, als läge es vor Anker. Mit Einem Worte, es war eine jener Stunden vollkom⸗ mener Ruhe, welche Abenteurern, die ihr Glück dem eigenſinnigen Spiel der verrätheriſchen und unbeſtändigen Winde anvertrauen, zuweilen von den Elementen vergönnt werden. Selbſt die Leute, denen der Dienſt das Wachen zur Pflicht machte, ließen ſich auf ihren Poſten durch die tiefe, allumgebende Stille zur Nachläſſigkeit verleiten; ſie lagen theils zwiſchen den Kanonen, theils an verſchiedenen anderen Theilen des Verdecks, und genoßen des ſüßen Schlafes, den ſie, der ſtrengen Mannszucht und guten Ordnung wegen, nicht in ihren Hängematten ſuchen durften. Ja, an manchen Stellen konnte man ſelbſt Offiziere, gegen ein Bollwerk oder eine, außerhalb des geheiligten Bezirks der Schanze ſtehende Kanone ſich anlehnend, und mit dem trägen Steigen und Sinken des Kiels takthaltend, im Schlafe nicken ſehen. Nur Eine Geſtalt ſtand aufrecht, munter, und offenbar mit einem wachſamen Auge über das Ganze. Es war Wilder, an den ſchon wieder, nach der regelmäßigen Eintheilung des Offizierdienſtes, die Reihe ge⸗ kommen war, auf dem Verdeck zu bleiben. Zwei Stunden gingen vorüber, ohne daß zwiſchen dem Rover und ſeinem Lieutenant die geringſte Mittheilung ſtattgefunden hätte. Beide vermieden vielmehr eine Unterredung; denn jeglicher 380 hatte ſeine beſonderen, geheimen Gegenſtände der Betrachtung. Als dieſe zwei Stunden Schweigens zu Ende waren, hielt der Erſtere im Gehen inne, und blickte lange und unverrückt hinab nach der noch immer regungslos auf dem Verdeck ſtehenden Ge⸗ ſtalt.— Endlich ſagte er: „Herr Wilder, hier oben auf der Hütte iſt die Luft friſcher, und den unreinen Dünſten des Schiffes weniger ausgeſetzt: wollen Sie heraufkommen?“ Der Angeredete gehorchte. Mehrere Minuten lang wandelten ſie, nach Seemannsſitte in ſtiller Nacht, ſchweigend und ſchritt— haltend, neben einander „Wir hatten einen unruhigen Tag, Wilder,“ fing der Rover endlich an, indem er dadurch unwillkürlich ſeine Gedanken ver⸗ rieth, aber doch immer ſo behutſam ſprach, daß der Ton nur die Ohren Deſſen, den er anredete, erreichen konnte;„ſind Sie dieſem allerliebſten Abgrunde, den man Meuterei nennt, ſchon einmal im Leben ſo nahe geſtanden?“ „Der, welchen die Kugel getroffen hat, muß der Gefahr doch wohl näher geweſen ſein, als Der, welcher blos den Druck der Luft fühlte.“ „Aha, Sie haben in Ihrem Schiffe offene Widerſetzlichkeit ge⸗ funden! Auch hier ließen einige von den Kerlen ſich einfallen, perſönlichen Haß gegen Sie zu äußern, aber beunruhigen Sie ſich nicht deßhalb; ich kenne ihre geheimſten Gedanken, wie Sie bald ſehen werden.“ „Ich läugne es nicht, an Ihrer Stelle würde ich bei ſolchen Beweiſen von der Geſinnung meiner Untergebenen auf Dornen ſchlafen. Wer bürgt Ihnen dafür, daß nicht heute oder morgen ein Aufruhr innerhalb weniger Stunden das Fahrzeug der Re⸗ gierung ausliefern, und Ihr Leben dem...“ „Henker! Und warum nicht auch Ihres?“ fügte der Rover haſtig hinzu, und ließ einen leiſen Anflug von Mißtrauen durch⸗ blicken.„Doch das Auge, welches viele Schlachten geſehen hat, iſt zu eine uns mei nige ſchif nun in d lang ſolle ſchle . ſei's Gen eben Sch — ihre ) die ſtete ötung. lt der hinab n Ge⸗ iſcher, wollen delten chritt⸗ Rover n ver⸗ ur die dieſem nal im )wohl ihlte.“ eit ge⸗ fallen, ie ſich e bald olchen Hornen norgen r Re⸗ Rover durch⸗ n hat, iſt nicht leicht zum Blinzeln zu bringen; meines hat der Gefahr zu oft gerade in's Angeſicht geſchaut, als daß mich der Anblick einer königlichen Flagge erſchrecken könnte. Ueberdieß halten wir uns auch nur ſelten an dieſer kitzlichen Küſte auf. Wir kreuzen meiſt bei den Inſeln und auf der ſpaniſchen See, was mit we⸗ nigern Gefahren verknüpft iſt.“ „Wie kommt es denn, daß Sie jetzt, wo einige über den Feind errungene Vortheile dem Admiral Zeit geſtatten, Sie von einer be⸗ deutenden Schiffsmacht verfolgen zu laſſen, ſich gerade hierher wagen?“ „Ich hatte meine Urſachen dazu. Nicht immer läßt ſich der Menſch von dem Befehlshaber trennen. Habe ich über die Sehnſucht des Erſten die Pflichten des Letztern hintenangeſetzt, ſo hat es doch bis jetzt wenigſtens noch keine nachtheiligen Folgen ge⸗ habt. Kann ja auch ſein, daß es mich langweilte, ewig Jagd auf die bequemen ſpaniſchen Dons zu machen, oder ſpaniſche Zoll⸗ ſchiffe in ihre Häfen zurückzutreiben. Dieß unruhvolle Leben liebe ich nun einmall ſelbſt einer Meuterei weiß ich Intereſſe abzugewinnen!“ „Ich kann Verrath nicht lieben, und geſtehe gern, daß es mir in dieſer Beziehung nicht beſſer geht, wie dem Bauer, der nur ſo lange Muth hat, als es hell iſt. So lange der Feind ſichtbar iſt, ſollen Sie mich ſo bewährt finden wie Einen, doch über einer Mine ſchlafen, iſt ein Vergnügen, das meinem Geſchmack nicht zuſagt.“ „Das kommt vom Mangel an Uebung! Gewagt iſt gewagt, ſei's auf welche Weiſe es wolle; der menſchliche Geiſt kann es durch Gewohnheit endlich dahin bringen, daß er bei geheimen Anſchlägen eben ſo großen Gleichmuth behält, als bei offenem Wagniß. Still! Schlug es da ſechs oder ſieben?“ „Sieben. Die Leute ſchlafen fort, wie Sie ſehen. Wäre es ihre Stunde, ſo würden ſie inſtinktmäßig aufwachen.“ „Gut. Schon fürchtete ich, die Zeit ſei vorüber. Ja, ich liebe die ſchwebende Ungewißheit, Wilder; ſie hält die Seelenthätigkeit ſtets regſam, und verweiſet uns auf die edleren Kräfte unſerer Natur. 382 Mag wohl ſein, daß es nur mein Eigenſinn iſt, aber wahrlich, ſelbſt ein conträrer Wind iſt nicht ohne Genuß für meinen Geiſt.“ „Und eine Windſtille?“ „Die mag für friedliebende Gemüther ihre Reize haben, allein es gibt nichts zu thun, nichts zu beſiegen dabei. Können wir auch die Elemente nicht zum Kampf herausfordern, ſo vermögen wir doch uns denſelben entgegenzuſetzen, und ihr Wirken zu vereiteln.“ „Sie haben doch dieß Ihr Handwerk nicht angetreten....“ „Ihr Handwerk!“ „Ich hätte ſagen können unſeres, da ich jetzt ebenfalls Pirat geworden bin.“ Der Scharfſinn des Rovers durchſchaute wohl, was Wilder ſagen wollte; ja, ſeine Antwort zeigte, daß er ſogar manche Zwiſchengedanken überſprang: „Sie ſind noch in ihrem Noviciat, und die Beichte, welche Sie mir von Ihren Wünſchen ablegten, gewährte mir nicht wenig Vergnügen. Sie wußten das eigentlich Gewollte ſo gut anzudeu⸗ ten, ohne es zu berühren; eine Gewandtheit, die mich in Ihnen einen gelehrigen Schüler voraus ſehen ließ.“ „Aber keinen büßenden, hoffentlich.“ „Das kommt auf die Umſtände an; Augenblicken der Schwach⸗ heit ſind wir Alle ausgeſetzt, zumal wenn wir das Leben anſehen, wie die Bücherſchreiber es ſchildern, und da, wo wir den Genuß ergreifen ſollten, nur die Prüfung erkennen. Ja, ich angelte nach Ihnen, wie der Fiſcher nach dem Karpfen. Auch glauben Sie nicht, daß ich die Gefahr des Verrathes aus dem Geſichte verlor. Im Ganzen genommen waren Sie treu, ob ich gleich für die Zukunft dagegen proteſtire, daß Sie, gegen meine Intereſſe, Intriguen ſpielen, um das Wild aus meinem Netz zu halten.“ „Wann, und wie hätte ich das gethan? Sie haben ſelbſt zugegeben. „Daß die vayn Carolina nicht ungeſchickt geführt worden und gar Läc deu kon 383 rlich, ihr Untergang nur dem Himmel zur Laſt falle. Allein ich ſpreche eiſt.“ jetzt von edlerem Wild, als das, worauf jeder Habicht Jagd machen kann. Sind Sie ein Weiberfeind, daß Sie Alles aufboten, um ellein das edelmüthige Weib und die liebliche Jungfrau, die in dieſem auch Augenblick hier unten ſind, von dem Vorzug und hohen Genuß wir Ihrer Geſellſchaft zurückzuſchrecken?“ eln.“„War Verrath in dem Wunſche, Frauen von dem Schickſale .. zu retten, das zum Beiſpiel erſt dieſen Tag Beide bedrohte? Denn, ſo lange in dieſem Schiffe Ihr Anſehen die Oberhand behält, Pirat glaube ich freilich nicht, daß ſelbſt die Liebliche das Geringſte zu beſorgen hat.“ ilder„Beim Himmel, Wilder, Sie laſſen mir nur Gerechtigkeit anche widerfahren. Ehe dieſe ſchöne Unſchuldige Leid treffen ſollte, würde ich mit dieſer Hand das Pulvermagazin anzünden, und ſie, Sie rein und fleckenlos wie ſie iſt, gen Himmel ſenden, von wo ſie denig. herabgekommen zu ſein ſcheint.“ deu⸗ Gierig lauſchte unſer Abenteurer dieſen Worten, ob ihm auch hnen der enthuſiaſtiſche Ausdruck der Bewunderung, in welchem der Rover ſein großherziges Gefühl einzukleiden für gut fand, nicht ſonderlich behagte. Endlich, nach einer Pauſe, die keiner von dach⸗ Beiden gern zu unterbrechen ſchien, fragte er: hen,„Wie kommt es, daß Sie von meinem Wunſch, den Damen enuß zu dienen, unterrichtet ſind?« nach»Konnte ich Ihre Sprache mißverſtehen? Mich dünkt doch, icht, 3 Sie haben ſich deutlich genug ausgeſprochen.“ Im»Ausgeſprochen!“ rief Wilder erſtaunt.„Am Ende habe ich unft gar meine eigentliche Beichte in einem Angenblicke abgelegt, wo guen ich mich deſſen am wenigſten verſah.“ Antwort gab der Rover keine; aber an dem vielſagenden elbſt Lächeln, das um ſeinen Mund ſpielte, konnte ſein Gefährte nur zu deutlich erkennen, daß er durch eine eben ſo verwegene, als voll⸗ und kommen gelungene Vermummung hintergangen worden war, und 384 daß er in der Perſon des alten Matroſen Bob Bunt mit Niemand anders, als mit ſeinem Commandeur ſelbſt verkehrt hatte. Das Benehmen Jorams und das räthſelhafte Verſchwinden des Nachens waren ihm jetzt völlig klar. Tief bewegt, vielleicht weil er nun die Entdeckung machte, wie verwickelt die Schlingen waren, in die er ſich geſtürzt, vielleicht auch aus Aerger, daß er ſich ſo zum Beſten haben ließ, machte er in ſtarken Schritten einige Gänge quer über das Deck, ehe er antwortete: „Ich habe mich hintergehen laſſen, ich gebe es zu, und unter⸗ werfe mich von nun an einem Meiſter, von dem man wohl Vieles lernen, den man aber nie übertreffen kann. Aber der Wirth zum „Unklaren Anker“, der hat doch wenigſtens in eigner Perſon ge⸗ handelt, wer auch immer der alte Matroſe geweſen ſein mag?“ „Der ehrliche Joram! Fürwahr, ein Matroſe in Noth kann ſich keinen nützlichern Mann wünſchen, das werden Sie nicht läugnen. Wie hat Ihnen denn der Newporter Lootſe gefallen?“ „Auch der Ihr Geſchäftsträger?“ „Blos zum Scherz. Solchen Schurken vertraue ich von mei⸗ nem Geheimniß nicht mehr, als ſie etwa von ſelbſt errathen kön⸗ nen. Doch ſachte! Hörten Sie nichts?“ „Mich dünkt, ich hörte ein Tau im Waſſer plätſchern.“ „Ganz recht, ſo iſt es. Nun werden Sie ſich überzeugen, wie durch und durch ich mich auf dieſe unruhigen Herren verſtehe.“ Hier brach der Rover das ſeinem Gefährten immer intereſſanter werdende Geſpräch kurz ab, ging leiſen Schrittes nach dem Spiegel des Schiffes, und lehnte ſich einige Augenblicke einſam über die Gallerie, wie Einer, der ein Vergnügen daran findet, die dunkle Oberfläche des Meeres anzuſchauen. Kaum indeſſen traf das Ohr ſeines Geſellſchafters ein leiſes Geräuſch von hin und her bewegten Tauen, ſo kam er heran und ſtellte ſich neben ihn, wo er bald noch mehr Beweiſe erhalten ſollte, wie fein der Commandeur ſo⸗ wohl ihn, als die übrige Schiffsbemannung zu überliſten verſtand. nand Das chens nun , in zum zänge inter⸗ Zieles zum n ge⸗ g 2⁴ kann nicht n 2 mei⸗ kön⸗ „ wie he.“« ſanter piegel er die dunkle 3 Ohr degten bald ur ſo⸗ ſtand. Ein Mann bewegte ſich äußerſt behutſam, und nicht ohne Schwierigkeit von der Stelle, wo er ſich befand, um die Schiffs⸗ viering hernm. Er erreichte auch ſeinen Zweck, indem er ſich theils mit Tauen, theils mit einigen Mallen vorwärts half, bis er an eine vom Hinterſchiff herabhangende Strickleiter gelangte.— Auf einer ihrer Sproſſen ſchwebend, ſtierte er nach den herüberlehnen⸗ den, ihm zuſehenden Geſtalten, ſich offenbar anſtrengend, auszu⸗ finden, welcher von Beiden das Individuum wäre, das er ſuchte. Der Rover berührte Wilder leiſe mit der Hand, um ihm zu verſtehen zu geben, daß er jetzt aufmerken ſollte, und ſprach dann flüſternd hinab:„Biſt du da, Davis? ich fürchte, man hat dich geſehen, oder doch gehört.“ »Nichts zu befürchten, Ew. Gnaden. Ich ſchlüpfte zum Schottengat der Kajüte hinaus; die ganze Hinterwacht ſchläft ſo tief, als wenn ſie die Wache im Raum unten hätte.“ „Gut. Was für Nachricht bringſt du von den Leuten?“ »Traun, Ew. Gnaden dürfen ihnen befehlen, in die Kirche zu gehen, und der derbſte Seehund unter ihnen würde nicht Herz genug haben, einzuwenden, er könne ſein Gebet nicht mehr auswendig.“ „Glaubſt du, ſie ſeien jetzt in beſſerer Stimmung als vorher?« „Ich weiß es, Sir. Nicht daß einem oder zweien von den Leuten der gute Wille zur Unordnung fehlte; aber ſie wagen es nicht, einander zu trauen. Ew. Gnaden haben ſo etwas Gewin⸗ nendes an ſich, daß Einer niemals weiß, ob er ſich auf ſicherem Bo⸗ den befinde, wenn er ſich beigehen läßt, ſich zum Herrn aufzuwerfen.“ „Ja, ja, das ſieht dem Charakter von Empörung ähnlich ge⸗ nug,“ brummte der Rover, ſo daß nur Wilder ihn hören konnte. „Gerade dazu, daß Einer des Andern Zutrauen genieße, fehlt ihnen ein bischen mehr Ehrlichkeit, als ſie beſitzen.(laut) Und wie haben die Kerle meine Gnade aufgenommen? War's wohlgethan, oder muß der Morgen auch ſeine Strafe mit ſich bringen?«“ „Laſſen Sie es beim jetzigen Stand der Dinge ſein Bewenden Der rothe Seeräuber. 25 386 haben, Sir. Die Leute kennen das gute Gedächtniß einer gewiſſen Perſon, und ſprechen ſchon von der Gefahr, noch ein Dito zu der Rechnung hinzuzufügen, von der ſie recht gut wiſſen, daß Ew. Gnaden ſie ſich angeſchrieben haben. Da iſt der Vordermann des Backs, der wie gewöhnlich etwas ſauer thut, und bei dieſer Ge⸗ legenheit um ſo mehr, wegen des Andenkens an die betänbende Fauſt des Negers.“ „Ich weiß ſchon, der iſt ſtets ein Störenfried; ich werde mit dem Schurken doch endlich einen Abrechnungstag halten müſſen.“ „Das wird nicht viel brauchen; Sie verwenden ihn auf irgend einen Dienſt im Boote, Sir; die Schiffsmannſchaft wird ſich um deſto beſſer befinden, wenn er aus dem Wege iſt.“ „Schon gut; nichts weiter von ihm,“ unterbrach der Corſar mit einiger Ungeduld, wahrſcheinlich weil er nicht wünſchte, daß ſein Gefährte, auf dieſer frühen Stufe ſeiner Einweihung, ſchon einen ſo tiefen Blick in ſeine Regierungsweiſe thun ſollte. „Ich werde ſchon ſorgen für ihn, aber du ſelbſt, Kerl! irre ich nicht, ſo haſt du deine Rolle heute ein wenig zu gut geſpielt, und zeigteſt dich etwas zu bereitwillig, die Matroſen anzuführen.“ „Ich hoffe, Ew. Gnaden werden ſich erinnern, daß die Boots⸗ mannspfeife einmal die Mannſchaft zum Unheil kommandirt hatte; zudem konnte es nicht viel ſchaden, einigen Marineſoldaten den Puder von den Köpfen zu waſchen.“ „Schon gut, aber du ſetzteſt das Spiel fort, nachdem dein Offizier für gut gefunden hatte, ſich dazwiſchen zu legen. Nimm dich in Acht, daß du in Zukunft deine Rolle nicht mit ſo vieler Natur und Wahrheit ſpielſt, ſonſt dürfte der Beifall nicht minder wahr und natürlich ſein!“ Der Kerl verſprach Vorſicht und Beſſerung, worauf er ſeine Belohnung in Gold erhielt, und mit der Einſchärfung ſtrenger Verſchwiegenheit entlaſſen wurde. Kaum war dieſe Zuſammenkunft vorüber, ſo verſicherte ſich der Rover zunächſt, daß kein Unberufener, 1 ———,— —2— ———+—— 2—9—-——₰, —„— viſſen zu der Ew. n des r Ge⸗ bende ſe mit ſſen.“ irgend ch um Corſar aß ſein einen ! irre ſpielt, hren.“ Boots⸗ hatte; en den dein Nimm vieler ninder rſeine renger nkunft ufener, 387 der ſich in ſeine heimliche Verbindung mit dem Spion einſtehlen könnte, in der Nähe weilte, und ſetzte dann ſein Auf⸗ und Abgehen mit Wildey'n fort. Nach einer langen, gedankenvollen und tiefen Stille fing er wieder an: 3 „In einem Schiffe wie dieſes ſind feine Ohren faſt eben ſo wichtig, als ein unerſchrockenes Herz. Die Schufte im Vorderraum dürfen nicht von dem Baum der Erkenntniß koſten, auf daß wir, die wir in den Kajüten ſind, nicht ſterben mögen.“ „Es iſt doch ein gefahrvoller Dienſt, den wir übernommen haben,“ bemerkte Wilder, ſeinen geheimen Gedanken unwillkür⸗ lich freien Lauf gebend. Der Rover ſchwieg. Lange ging er hin und her auf dem Deck, ehe er ſprach, und als er es that, war es mit einer Stimme, ſo einſchmeichelnd weich und ſanft, daß ſeine Worte mehr den er⸗ mahnenden Tönen eines beſonnenen Freundes glichen, als der Sprache eines Mannes, der lange der Gefährte von Weſen war, ſo rauh und grundſatzlos wie die, von denen man ihn jetzt um⸗ geben ſah. „Sie ſind noch an der Thürſchwelle Ihres Lebens, Herr Wil⸗ der; ganz liegt es vor Ihnen, und ladet Sie ein, zu wählen, wel⸗ chen Pfad Sie betreten wollen. Noch ſind Sie von keinem Auf⸗ tritte Zeuge geweſen, der eine Verletzung deſſen genannt werden könnte, was die Welt ihre Geſetze nennt; und es iſt noch nicht zu ſpät, zu ſagen, daß Sie es nie ſein werden. Mich hat viel⸗ leicht bei meinem Wunſche, Sie zu gewinnen, die Selbſtſucht regiert; doch ſtellen Sie mich auf die Probe, Sie werden finden, daß dieſe Leidenſchaft zwar oft thätig, aber nie in meinem Geiſte herrſchend wird, noch werden kann; Sie dürfen nur Ihren Wunſch: frei zu ſein, ausdrücken, und Sie ſind es; leicht laſſen ſich die geringen Spuren, daß Sie zu meiner Mannſchaft je gehört haben, vertilgen. Sehen Sie den blaſſen Lichtſtreifen dort, unweit davon iſt Land; ehe noch die morgende Sonne untergeht, können Sie es betreten.“ 25*¾ 388 „Ach, warum nicht auch Sie? Iſt dieß regelloſe Treiben für mich ein Uebel, ſo iſt es nicht minder eines für Sie. Dürfte ich der Hoffnung....“ Er ſtockte. Der Rover ſchwieg lange, ſo daß er ſich überzeu⸗ gen konnte, ſein Gefährte nehme Anſtand, fortzufahren; endlich fragte er ruhig: „Was wollten Sie ſagen? Sprechen Sie frei, Sie reden mit einem Freunde.“ „So will ich mich Ihnen denn wie einem Buſenfreunde eröff⸗ nen. Sie ſagen, das Land ſei dort im Weſten nahe. Beide zur See erzogen, würde es Ihnen und mir ein Leichtes ſein, dieß Boot in's Waſſer zu laſſen, und, indem wir uns die Dunkelheit zu Nutze machten, wären wir, lange ehe unſere Abweſenheit kund würde, den Augen der uns Suchenden entſchwunden.“ „Nach welcher Gegend möchten Sie zuſteuern?“ „Nach den Küſten Amerika's, wo Obdach und Friede in tau⸗ ſend verborgenen Orten zu finden ſind.“ „Können Sie wollen, daß ein Mann, der ſo lange als Fürſt unter ſeinen Leuten lebte, Bettler in einem Lande von Fremdlin⸗ gen werde?“ „Sie haben ja Gold. Sind wir nicht die Herren hier? Wer mag es wagen, unſer Thun auch nur mit einem beobachtenden Ange zu verfolgen, bis es uns gefällt, von ſelbſt die Antorität, womit wir bekleidet ſind, von uns abzuwerfen? Noch ehe die Mitternachtswache abgelöst iſt, könnte Alles geſchehen ſein.“ „Allein? Wünſchen Sie, daß wir allein gehen?“ „Nein... nicht ganz.... das heißt..... es würde uns, als Männern, kaum ziemen, die Damen der rohen Macht Derjenigen preiszugeben, die wir hier zurücklaſſen.“ »Und würde es uns, als Männern ziemen, Diejenigen ihrem Schickſale preiszugeben, die in unſere Treue ihre Zuverſicht ſetzen? Herr Wilder, Ihr Plan würde mich zu einem Niederträchtigen 389 machen! Geſetzlos bin ich, in der Meinung der Welt wenigſtens, ſchon lange; aber ein Verräther an meiner Treue und meinem gegebenen Worte war ich nie! Wohl wird einſt die Stunde ſchlagen, wo die Menſchen, deren ganze Welt jetzt von dieſem Schiffe um⸗ ſchloſſen iſt, auseinander gehen; allein die Trennung muß offen, freiwillig, manneswürdig ſein.— Haben Sie nie erfahren, was mich damals, als wir uns im Leben das erſte Mal in der Stadt Boſton trafen, nach dem Aufenthalt der Menſchen hinzog?“ „Nie,“ erwiederte Wilder in dem wehmüthigen Tone gänzlich getäuſchter Hoffnung.“ „So hören Sie. Ein handfeſter Kerl von meinen Leuten war von den Handlangern des Geſetzes erwiſcht worden. Gerettet ſollte und mußte er werden. Es war ein Mann, den ich nicht beſonders liebte, allein er war zu jeder Zeit ehrlich, nach ſeinen Begriffen von Ehrlichkeit. Ich konnte das Opfer nicht verlaſſen, und doch war außer mir keiner im Stande, ſeine Rettung zu bewirken. Dem Golde und der Liſt blieb der Sieg; und nun erfüllt der Kerl hier am Bord die Ohren der Mannſchaft mit Geſängen, Pſalmen und Hymnen zum Lobe und Preiſe ſeines Commandeurs. Soll ich mir nun den Verluſt eines, mit ſo vielem Wagniß er⸗ rungenen, guten Namens zuziehen?“ „Sie würden die gute Meinung von Spitzbuben verlieren, und dafür den Gewinn eines guten Rufes bei Menſchen, deren Lob eine Ehre iſt, eintauſchen.“ „Das weiß ich nicht. Sie verſtehen ſich wenig auf die Men⸗ ſchennatur, wenn Sie jetzt erſt lernen müſſen, daß Der, welcher ſich einmal Berühmtheit erworben hat, ſei's auch durch laſterhafte Thaten, ſeinen Stolz darein ſetzt, den ſo erworbenen Ruf aufrecht zu halten. Uebrigens paſſe ich nicht zu der Welt, wie ſie unter unterjochten Koloniſten geſtaltet iſt.“ „Sie ſind vielleicht ſtolz auf Ihre Geburt im Mutterlande?“ „Ich bin nur ein armer Teufel aus der Provinz, Sir! ein 390 demüthiger Satellit der mächtigen Sonne. Sie haben meine Flaggen geſehen, Herr Wilder:— eine einzige fehlte darunter; ach, dieſe eine, exiſtirte ſie, ſo wäre es mein Stolz, mein Ruhm geweſen, ſie mit meinem beſten Herzensblute zu vertheidigen.“ „Ich kann ihren Sinn nicht errathen.“ „Ich darf einem Seemann, wie Ihnen, nicht erſt ſagen, wie viel herrliche Ströme längs der Küſte, von der wir geſprochen haben, ihre Gewäſſer der See entgegenführen— wie viel weite und bequeme Hafen ſie beſitzt— oder wie viel Segel den Ocean beglänzen, bemannt von Leuten, die das Licht der Welt zuerſt in jenem geräumigen und friedlichen Lande erblickten.“ „Wohl kenne ich die Vorzüge meines Heimathlandes.“ „Ich fürchte, nein!“ erwiederte haſtig der Rover.„Kennten Sie und Andere, die Ihnen gleichen, jene Vorzüge, wie Sie es ſollten, ſo würde die Flagge, die ich meine, bald auf jedem Meere anzutreffen ſein, und unſere Landsleute den Miethlingen eines aus⸗ ländiſchen Fürſten nicht unterliegen dürfen.“ 1 „Ich will mich nicht ſtellen, als verſtände ich Sie nicht; denn ich kenne mehrere Enthuſiaſten, die wie Sie der Chimäre nach⸗ hangen, daß ein ſolches Ereigniß möglich wäre.“ „Möglich! So gewiß, als jener Stern dort ſich in den Ocean ſenkt, ſo gewiß der Tag auf die Nacht folgt, es iſt nothwen⸗ dig. O hätte jene Flagge geweht, Herr Wilder, kein Menſch würde je den Namen des Rothen Piraten gehört haben.“ „Der König hat ja auch eine Flotte, und der Dienſt darin ſteht Jedem ſeiner Unterthanen gleich offen.“ „Ja, ich konnte der Unterthan eines Königs ſein; aber Un⸗ terthan eines Unterthans, Wilder, das geht über die Gränzen meiner armen Geduld. Ich bin in einem ſeiner Schiffe erzogen, ich darf faſt ſagen, geboren; wie oft mußte ich mit blutendem Herzen fühlen, daß ein Ocean mein Geburtsland vom Schemel ſeines Thrones trennt! Werden Sie es glauben, Sir, einer ſeiner —-— 391 iggen Commandeurs wagte es, den Namen meines Vaterlandes mit einem dieſe Titel zu verbinden, den ich nicht wiederholen mag, um Ihr Ohr heſen, nicht zu verletzen!“ „Ich hoffe, Sie lehrten den Schurken Lebensart.“ Der Rover blickte ſeinen Gefährten ſtarr an: ein fürchterliches wie Lächeln durchzuckte ſeine ſprechenden Züge, als er antwortete: ochen„Nie wiederholte er die Beleidigung! Es galt ſein Blut, oder weite meins; er hat ſeine Rohheit theuer bezahlt.“ Dean„Ihr fochtet wie Männer, und das Glück war dem beleidig⸗ rſt in ten Theile günſtig, nicht wahr?“ „Wir fochten, Sir.— Allein ich hatte mich erkühnt, die Hand gegen einen Eingebornen der heiligen Inſel zu erheben!— inten Es iſt genug, Herr Wilder; der König brachte einen treuen Un⸗ ie es terthan zur Verzweiflung, und er hat vielleicht Urſache gehabt, keere es zu bereuen. Genug für jetzt; ein anderes Mal vielleicht mehr. aus⸗ Gute Nacht!“ Wilder ſah ſeinen Commandeur die Leiter hinabſteigen zur denn Schanze; und nun war er allein, und konnte ſeinen Gedanken, nach⸗ während einer Wache, die ſeiner Ungeduld endlos vorkam, freien Lauf geſtatten. cean— uſc Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Sie ſah ſo ſtarr mich an; fürwahr ich glaubte, Das Auge hab' die Zunge ihr gelähmt, darin So wirr ſprach ſie in abgebrochenen Sätzen. Was Ihr wollt. Act II. Sc. 2. 6 Wenn auch die Meiſten von der Mannſchaft des Delphin theils Un⸗ nzeu in ihren Hängematten, theils zwiſchen den Kanonen, in tiefen gen, Schlaf verſunken lagen, ſo gab es doch in einem andern Theile dem des Fahrzeugs glänzende Augen, die ſich vor Angſt nicht ſchließen emel wollten. Der Rover hatte den Damen gleich bei ihrer Aufnahme iner in'’s Schiff ſeine eigene Kajüte abgetreten; dorthin, in jenes Gemach, 392 mit deſſen Inhalt unſere Leſer bereits durch eine frühere Schil⸗ derung bekannt ſind, verlegen wir jetzt die Scene, indem wir die Handlung der Geſchichte an einen Zeitpunkt anknüpfen, wo das im vorhergehenden Kapitel mitgetheilte Geſpräch ſo eben erſt be⸗ gonnen hatte. Eine Beſchreibung der Gefühle, mit welchen die weiblichen Bewohner des Schiffes dem ſtürmiſchen Auftritte des Tages bei⸗ gewohnt hatten, wäre überflüſſig; der Argwohn und die Vermu⸗ thungen, welche dieſe in ihnen hervorbrachten, laſſen ſich aus dem Folgenden entnehmen.— Von der Lampe aus geſchlagenem, maſ⸗ ſivem Silber, die von der Decke herabhing, fiel ein ſchiefer Strahl des milden, weichen Lichtes auf das ſchmerzlich ſinnende Antlitz der Erzieherin; ein hellerer umglänzte das blühende und jugend⸗ liche Geſicht ihrer Gefährtin, das aber nicht ſo viel Ausdruck hatte, weil ſie weniger in Gedanken verſunken war. Den ſchattigen Hintergrund des Gemäldes bildete die ſchwärzliche Geſtalt der ſchlummernden Caſſandra. Wir lüften den Vorhang dieſer ruhigen Scene unſeres Drama's gerade in dem Augenblick, wo die Schülerin ſpricht, und in dem abgewendeten Zlicke ihrer Lehrerin die Antwort ſucht, die der Mund derſelben nur ungern zu geben ſcheint. „Ich bleibe dabei, theuerſte Madame, daß ſowohl die Fagon dieſer Verzierungen, als der Stoff, aus dem ſie beſtehen, etwas Außergewöhnliches in einem Schiffe ſind.“ „Und was ſchließen Sie daraus?« 4 „Ich weiß nicht, aber ich wünſchte, wir wären wohlbehaklten im Hauſe meines Vaters.“ „Gott gebe es! es wäre unklug, länger zu ſchweigen.... Gertraud, Alles, wovon wir heute Zeuge waren, hat mein Ge⸗ müth mit fürchterlichem, entſetzlichem Verdacht erfüllt.“ Das Mädchen erbleichte, und der Apfel in ihrem ſanften Auge zog ſich vor Schreck zuſammen, während jeder ängſtliche Zug. in ihrem Antlitz um eine nähere Erklärung zu bitten ſchien. — —— 393 „Ich war lange genug auf einem Kriegsſchiffe, um mit den Schiffsgebräuchen vertraut zu ſein,“ fuhr die Gouvernante fort, die eine ſo lange Pauſe gemacht hatte, um ſich ſelbſt erſt alle Gründe ihres Verdachtes klar werden zu laſſen;„allein niemals ſah ich Sitten wie die, welche ſich in dieſem Schiffe von Stunde zu Stunde deutlicher entwickeln.“ „Aber was für einen Verdacht haben Sie in Hinſicht des Schiffes?“ Der Zlick tiefer, zunehmender mütterlicher Angſt, den die liebenswürdige Frageſtellerin als Antwort erhielt, würde genügt haben, um eine Andere, die mehr als dieß reine Weſen gewohnt geweſen wäre, über die Verderbtheiten der menſchlichen Natur nachzudenken, mit einer beſtimmten Ahnung zu erfüllen; Ger⸗ trauden jedoch gab der Blick blos den allgemeinen Begriff von unbeſtimmter Gefahr. 3 „Warum ſehen Sie mich ſo an, meine Erzieherin— meine Mutter?“ rief ſie, indem ſie ſich vorwärts beugte, und mit einer bittenden Miene ihre Hand auf den Arm der Wyllys legte, als wollte ſie dieſelbe aus einer Verzückung zurückrufen. „Ja, ich will mein Schweigen brechen: beſſer iſt's, Sie wiſſen das Aergſte, als daß Sie bei Ihrer ſchuldloſen Unbefangenheit der Täuſchung ausgeſetzt bleiben. Ich traue dem Gewerbe dieſes Schiffes nicht, und ebenſowenig dem Charakter Aller, die dazu gehören.“ „Aller?“ „Ja, Aller.“ „Es kann freilich böſe und mißwollende Menſchen in der kö⸗ niglichen Flotte geben, aber ſie dürfen uns gewiß nichts zu Leide thun; die Furcht vor der Strafe, wenn nicht die Furcht vor Ent⸗ ehrung, wird uns ſchützen.“ „Ich fürchte, die unbändigen Gemüther, welche dieſes Schiff hegt, unterwerfen ſich nur den Geſetzen, die ſie ſelber ſich machen, und erkennen keine fremde Autorität an.“ „Dann wären ſie ja Seeräuber!“ 394 „Und daß ſie Seeräuber ſind, fürchte ich, werden wir erfahren.“ „Seeräuber? Wie? Alle 2 „»Nicht anders, Alle. Wo Einer eines ſolchen Verbrechens ſchuldig iſt, können ſeine Gefährten unmöglich unverdächtig ſein.« „Aber, theuerſte Wyllys, wir wiſſen ja doch, daß wenigſtens Einer darunter unſchuldig iſt; da er mit uns in's Schiff gekommen, und noch dazu unter Umſtänden, die gar keinen Trug zulaſſen.“ „Ich bezweifle es. Es gibt verſchiedene Grade von Verwor⸗ fenheit, ſo wie die davon befleckten Gemüther verſchieden ſind; aber ich fürchte, Alle, die auf Ehrlichkeit in dieſem Schiffe An⸗ ſpruch machen können, befinden ſich in dieſer Kajüte verſammelt.“ Hier ſank der Blick des Mädchens auf den Boden, und ihre Lippen bebten, theils unwillkürlich und daher unwiderſtehlich, theils vielleicht aus einer innern, ihr ſelbſt unerklärbaren Bewegung. Mit unterdrückter Stimme ſagte ſie: »Wie gegründet auch Ihr Verdacht gegen alle Uebrigen ſein mag, ſo glaube ich doch, daß Sie unſerem geweſenen Begleiter unrecht thun; wir wiſſen ja, woher er kommt.“ „Es kann ſein, daß ich in Beziehung auf ihn irre; doch iſt es wichtig, daß wir uns auf das Aergſte bereit halten. Faſſen Sie ſich, Liebe; unſer Diener kommt herauf: vielleicht kommen wir durch ſeine Mittheilungen der Wahrheit näher.“ Hier gab Miſtreß Wyllys ihrer Schülerin noch ein ausdrucks⸗ poolles Zeichen, eine ruhige Miene anzunehmen, und ging ihr mit dem Beiſpiel voran, indem ihr Ausſehen wieder jene gewohnte ſinnende Gelaſſenheit gewann, die ſelbſt von einem weit erfahreneren Weſen, als der Knabe, der jetzt langſam in die Kajüte trat, allen Verdacht fern gehalten hätte. Gertraud verhüllte das Geſicht in ihr Gewand, während die Wyllys den Knaben mit einer Stimme anredete, die von Güte und inniger Theilnahme zeugte: „Roderich, mein Kind, deine Augenlider werden ſchon ſchwer. Du biſt gewiß noch nicht an den Schiffsdienſt gewöhnt?“ ahren.“ rechens ſein.“« igſtens mmen, aſſen.“ erwor⸗ ſind; fe An⸗ melt.“ d ihre theils ggung. n ſein gleiter dch iſt Faſſen nmen eucks⸗ r mit ohnte neren allen öt in mme wer. 395 „Gewöhnt genug, um nicht einzuſchlafen, ſo lange ich auf meinem Poſten bin,“ erwiederte ruhig der Knabe. „Für ein Kind in deinen Jahren würde eine ſorgſame Mutter beſſer paſſen, als die Schule eines Bootsmanns. Wie alt biſt du, Roderich?“ „Für meine Jahre könnte ich immer weiſer und beſſer ſein?“ antwortete er, und ein leiſer Zug der Schwermuth umdüſterte ſeine Stivn.„Im nächſten Monat bin ich zwanzig Jahre alt.“ „Zwanzig! Du haſt meine Neugier zum Beſten, junger Schelm.“ „Sagte ich zwanzig, Madame? Fünfzehn würde der Wahrheit näher ſein.“ „Das glaube ich auch. Und wie viele von dieſen Jahren haſt du zu Waſſer zugebracht?“ „Eigentlich nur zwei; ob es mir zuweilen auch vorkommt, als wären es zehn; dennoch gibt es auch wieder Stunden, wo ſie mir nur ein einziger Tag ſcheinen.“ „Du ſchwärmſt früh genug, Knabe. Und wie gefällt dir das Kriegeshandwerk?“ „Kriegeshandwerk!“ „Allerdings. Ich ſpreche doch deutlich. Die, welche in einem Fahrzeug dienen, das ausdrücklich auf Schlachten berechnet iſt, folgen doch wahrlich dem Kriegeshandwerk.“ „Ach ſo! ja; der Krieg iſt allerdings unſer Handwerk.“ „Und haſt du ſchon etwas von ſeinen Schrecken geſehen? War dieß Schiff ſchon in einem Gefecht, ſeit du darauf dienſt?“ „Dieſes Schiff?“ „Nun ja, dieſesSchiff: haſt du denn ſchon in einem andern gedient?“ „Niemals.“ „Nun, ſo kann auch meine Frage nur r auf dieſes Schiff Be⸗ zug haben. Nicht wahr, Priſengelder werden rrht oft unter der Mannſchaft vertheilt?“ „Sehr oft; ſie leiden nie Mangel.“« 396 „Dann iſt der Kapitän und das Schiff bei den Leuten beliebt; der Matroſe pflegt immer das Fahrzeug und den Befehlshaber zu lieben, wo er ein rührig Leben findet.“ „Ganz recht, Madame, wir führen ein rühriges Leben hier. Und es gibt auch Einige unter uns, denen das Schiff und der Be⸗ fehlshaber lieb ſind.“ „Und haſt du eine Mutter, oder ſonſt Verwandte, denen deine Gage zu Gute kommt?“ „Habe ich... Der Ton von Betäubung, in welchem der Knabe ihre Fragen beantwortete, fiel hier der Gouvernante auf, daher wandte ſie ſich und überflog mit einem ſchnellen Blick ſein Geſicht, um deſſen Ausdruck zu leſen. In einer Art von Beſinnungsloſigkeit ſtand der Knabe da, und obgleich er ſie anzuſchauen ſchien, ſo war ſein Auge doch zu ſtier, als daß man hätte glauben können, er ſähe wirklich den Gegenſtand, auf den er blickte. „Sag' mir doch, Roderich,“ fuhr ſie fort, behutſam jede An— ſpielung auf ſeinen Zuſtand, die ſeine Empfindlichkeit hätte reizen können, vermeidend,„ſag' mir doch, wie findeſt du denn dieſe Lebensweiſe? nicht wahr, recht luſtig?« „Ich finde ſie traurig.“ „Seltſam. Die jungen Schiffsknaben gehören doch ſonſt immer zu den luſtigſten Sterblichen. Dein Offizier behandelt dich wahr⸗ ſcheinlich ſehr ſtrenge.“ Keine Antwort. „Ich hab's getroffen: Dein Kapitän iſt ein Tyrann.“ „Sie irren: nie hat er ein hartes, ungütiges Wort zu mir geſprochen.“ „Ach, er iſt alſo ſanft und gütig. Du biſt ſehr glücklich, Roderich. 6 „Ich.... glücklich, Madame?“ „Sprech' ich denn nicht deutlich? Ja, glücklich.“ „Ach ſo! ja; wir ſind Alle ſehr glücklich hier.“ ——————— beliebt; aber zu en hier. der Be⸗ n deine Fragen ſie ſich deſſen t ſtand ar ſein ſähe de An⸗ reizen n dieſe immer wahr⸗ u mir erich.“ 397 „Das iſt ſchön. Ein Schiff voller Unzufriedenen iſt kein Pa⸗ radies. Und dann befindet Ihr Euch auch wohl oft an Hafenorten, Roderich, um die Annehmlichkeiten des feſten Landes zu genießen.“ „Ich würde mich wenig um das feſte Land kümmern, wenn ich nur im Schiff Freunde hätte, die mich liebten.“ „Und haſt du denn keine? Iſt Herr Wilder nicht dein Freund?“ „Ich kenne ihn nur wenig; ich ſah ihn nie früher, als... 8 „Als, Roderich?“ „Als damals, wo ich ihn in Newport traf.“ „Ju Newport?“ „Nun ja; wiſſen Sie denn nicht, daß wir Beide zuletzt von Newport kamen?“ „Ach ja, ich verſtehe ſchon. Zu Newport machteſt du alſo die Bekanntſchaft des Herrn Wilder? Gewiß als Euer Schiff im An⸗ geſicht des dortigen Hafens lag?“ „Wohl. Ich brachte ihm ja den Befehl, daß er das Kom⸗ mando des Briſtoler Kauffahrteiſchiffs übernehmen ſollte, und den Abend vorher war er das allererſte Mal bei uns.“ „Erſt? Das war freilich eine ſehr junge Bekanntſchaft. Aber dein Commandeur, denk' ich, kannte ſeine Verdienſte?“ „Die Mannſchaft hofft es. Doch....“ „Was wollteſt du ſagen, Roderich?“ „Keiner am Bord darf ſich herausnehmen, den Kapitän nach ſeinen Urſachen zu fragen. Sogar ich muß verſtummen.“ „Sogar du!“ rief Miſtreß Wyllys mit einem Erſtaunen aus, das auf einen Augenblick ihre Zurückhaltung beſiegte. Allein der Knabe war ſo ſehr in Gedanken verſunken, daß er den plötzlichen Wechſel in ihrem Tone nicht bemerkte. Ig er hatte ſo wenig Bewußtſein von dem, was um ihn vorging, daß die Gouvernante, ohne im Mindeſten zu befürchten, er könne es gewahr werden, Ger⸗ traud bei der Hand faßte, und ſchweigend auf die beſinnungsloſe Geſtalt des Knaben hinwies. 398 »Was meinſt du, Roderich, würde er auch uns eine Antwort verweigern?« 3 Der Knabe ſchrak auf; und ſo wie ſein Blick auf das ſanfte, ſprechende Antlitz Gertrauds fiel, blitzte auch das Bewußtſein wie⸗ der durch ſeine Seele, und er antwortete feurig: „Ob ſie auch von ſeltener Schönheit iſt, ſo überſchätze ſie die— ſelbe nicht. Kein Weib vermag es, ſein Gemüth zu zähmen.“ „Iſt er denn ſo harten Herzens? Glaubſt du, daß eine Frage von dieſer Schönen keine Rückſicht bei ihm finden werde?« Mit eben ſo vielem Ernſt als Weichheit und Trauer in der Stimme antwortete er:„Hören Sie mich, Dame. Meine letzten zwei Jahre ſind ſo angefüllt mit Erfahrungen, ich habe ſo viel während derſelben geſehen, daß mancher Jüngling wohl zwiſchen ſeinen Kinder und Mannsjahren nicht mehr ſehen und erfahren kann. Dieß iſt kein Ort für Unſchuld und Schönheit. O, ver⸗ laſſen Sie das Schiff, ſelbſt wenn Sie es mit dem Zuſtande ver⸗ tauſchen ſollten, in dem Sie ſich bei Ihrer Ankunft befanden, ohne ein Verdeck, unter dem Sie das Haupt zur Ruhe legen können!“ „Leicht dürfte es zu ſpät ſein, dieſem Rath zu folgen,“ erwie⸗ derte tiefſinnig Miſtreß Wyllys, indem ſie einen Blick auf die ſchweigende Gertraud warf.„Doch ſag' mir mehr von dieſem außerordentlichen Schiffe. Roderich, du biſt nicht geboren, um eine ſolche Stelle, wie deine jetzige, zu bekleiden.“ Der Knabe ſchüttelte den Kopf, hob aber die Augen nicht vom Boden, offenbar abgeneigt, mehr über dieſen Punkt zu antworten. „Wie kommt es, daß der Delphin jeden Tag eine andere Flagge führt? Und warum iſt das Schiff ſeit mehreren Tagen ganz anders bemalt, ſo daß es dem Sklavenhändler von Newport gar nicht mehr ähnlich ſieht.“ „Und warum,“ erwiederte der Knabe mit einem halb traurigen, halb bittern Lächeln,„kann Niemand in das Intereſſe Deſſen hinein⸗ ſchauen, der dieſe Veränderungen ganz nach eignem Willen vornimmt? Intwort ſanfte, in wie— ſie die⸗ een.“ Frage 6 in der letzten ſo viel viſchen fahren , ver⸗ de ver⸗ ,ohne inen!“ erwie⸗ uf die dieſem n, um t vom orten. Flagge inders nicht rigen, inein⸗ nmt? 399 Wenn ſich im Schiffe weiter nichts veränderte, als die Farben, ſo ließe ſich noch immer glücklich darin leben!“ „So biſt du alſo nicht glücklich, Roderich? Soll ich Kapitän Heidegger für dich bitten, daß er dir deine Entlaſſung gebe?“ „Ich kann nicht wünſchen, je einem Andern zu dienen.“ „Wie! du klagſt, und doch umarmſt du deine Feſſeln?“ „Ich klage nicht.“ Die Gouvernante betrachtete ihn ſcharf; nach einer kleinen Pauſe fuhr ſie fort:„Fallen ſolche aufrühreriſche Auftritte, wie der, den wir heute geſehen haben, öfters unter den Leuten dieſes Schiffes vor.“ „O nein. Sie haben von den Leuten nur wenig zu beſorgen; Der, welcher ſie zur Ordnung zurückbrachte, verſteht ſich ſchon darauf, ſie zu bändigen.“ „Sind ſie denn nicht auf königlichen Befehl angeworben?« »„Auf königlichen? Ja wohl, der iſt wahrlich ein König, der keinen Höhern über ſich hat.“ „Sie wagten's aber doch, das Leben des Herrn Wilder zu be⸗ drohen. Pflegen Matroſen in königlichem Dienſte ſo frech zu ſein?“ Der Knabe ſchoß einen Blick auf Miſtreß Wyllys, der zu ver⸗ ſtehen gab, daß er recht gut ihre Verſtellung: als wäre ſie mit dem Gewerbe des Schiffes unbekannt, durchſchaue; indeſſen Ant⸗ wort gab er keine. „Glaubſt du, Roderich,“ fuhr die Gouvernante fort, die es jetzt freilich für überflüſſig hielt, ihre weiteren Fragen auf die bisherige verdeckte Weiſe zu thun;„glaubſt du, Roderich, daß der Pir— daß der Kapitän Heidegger uns erlauben würde, im erſten Hafen, der ſich uns darbietet, zu landen? »Wir ſind ſchon bei vielen vorüber gefahren, ſeit Sie im Schiffe ſind.“ »Wohl viele, allein es waren vielleicht ſolche, denen der Ka⸗ pitän ſich nicht gerne nähern mochte; wie aber, wenn wir einen 400 Hafen erreichen, in den ſein Schiff ohne Gefahr einlaufen kann?“ „Solcher Orte ſind nicht viele.“ „Aber wenn ein ſolcher Ort kommt, glaubſt du nicht, daß er uns erlauben wird, zu landen? Wir haben Gold, ihn für ſeine Mühe zu lohnen.“ „Er macht ſich nichts aus Gold. Er gibt mir immer eine Handvoll, wenn ich welches von ihm verlange.“ „Dann biſt du ja aber glücklich. Ueberfluß an Gold entſchä⸗ digt doch wohl für einen kalten Blick, den man dann und wann erhält.“ „Nie!“ erwiederte der Knabe ſchnell und ausdrucksvoll.„Hätte ich ein ganzes Schiff voll von dieſem Staube, ganz gäbe ich es dahin, um ſeinem Auge einen einzigen gütigen Blick damit zu entlocken.“ Das Feuer in der Sprache des Knaben erregte die höchſte Aufmerkſamkeit der Miſtreß Wyllys. Sie ſtand auf, näherte ſich ihm von der Seite, wo das Licht der Lampe voll auf ſeine Züge fiel, und ſah den großen Tropfen, der unter den langen, ſeidenen Augenwimpern hervorbrach, herabrollen über eine Wange, von der Sonne zwar gebräunt, die aber nun, vom durchdringenden Blick der Dame getroffen, in ein immer tiefer werdendes Roth aufglühte; langſam und ſcharf ließ nun die Gouvernante das Auge an der Geſtalt des Knaben hinabgleiten bis zu deſſen zarten Füßen, die kaum groß genug ſchienen, ihn zu tragen.— Das Sinnende und Gütige, der gewöhnliche Zug im Geſicht der Gouvernante, machte hier einem Blicke kalter, fremder Achtung Platz, und ihre ganze Geſtalt ſchien erhabener, als ſie ſtreng und mit der keuſchen Würde einer Matrone fragte: „Knabe, haſt du eine Mutter?« „Ich weiß nicht,“ war die halberſtickte Antwort aus kaum ſich trennenden Lippen.— wir bed kon ſeit wa eilt an in war moc denn Ant 401 laufen„Genug; ein andermal ſprech' ich mehr mit dir. Caſſandra wird künftig den Dienſt in der Kajüte verrichten; wenn ich deiner bedarf, werde ich die Gong anſchlagen.“ daß er Roderich ließ das Haupt faſt auf die Bruſt ſinken, ſo wenig ſeine konnte er das kalte, prüfende Auge der Matrone ertragen, das ſeine Geſtalt verfolgte, bis ſie in der Luke untertauchte. Kaum er eine war der Knabe verſchwunden, als Frau Wyllys auf Gertraud zu⸗ eilte, ſie umarmte und das erſchreckte Mädchen mit einem Feuer ntſchä⸗ an ihr Herz drückte, welches deutlich zeigte, wie bekümmert ſie wann in dieſem ſchrecklichen Augenblicke um ihren geliebten Pflegling war. Hätte Wie viel Stoff zum Nachdenken indeſſen Beide auch haben ich es mochten, ſo blieb ihnen doch keine Zeit zum Austauſch ihrer Ideen: mit zu denn es klopfte ſanft an die Thür, die Gouvernante gab die übliche Antwort, und der Rover trat in die Kajüte. höchſte 1 rte ſich ie Züge Dreiundzwanzigſtes Kapitel. 2 eidenen von der Ich ſchmelz', und bin nicht von ſtärkerem Thon als Andre. n Blick Coriolanus. Act. V. Sc. 2. glüßte; Der Zwang, womit die Damen ihren Beſuch empfingen, er⸗ an— ſcheint ſehr natürlich, wenn man ſich an den Inhalt des ſo eben en, die ſtattgefundenen Geſprächs erinnert. Gertraud fuhr plötlich in ſich de und zuſammen, ihre Erzieherin bewahrte jedoch die Unbefangenheit ihrer machte Miene mit größerer Faſſung, obgleich der forſchende Blick, den ſie 3 ganze auf den Ankömmling warf, als wolle ſie ſchon in ſeinen Zügen Würde den Zweck dieſes Beſuches leſen, ängſtliche Beſorgniß ausdrückte. Das Antlitz des Corſaren ſelbſt war gedankenvoll bis zum um ſich Tiefſinn. Als er in den Bereich des Lampenſcheins trat, verbeugte er ſich, einige leiſe raſche Sylben, mehr vor ſich hin murmelnd Der rothe Seeräuber. 26 3 40² als ſprechend, ſo daß ſie von den Damen nicht verſtanden werden konnten. In der That war die Geiſtesabweſenheit, in die er ver⸗ ſunken war, ſo groß, daß er offenbar nahe daran war, ſich auf den leeren Divan ohne weitere Erklärung oder Entſchuldigung hinzuwerfen, wie Jemand, der von ſeinem Eigenthume Beſitz nimmt, und die Erinnerung kam gerade noch zeitig genug, um dieſe Verletzung des Anſtandes zu verhindern. Lächelnd, und ſich noch tiefer verbeugend, trat er jetzt mit vollkommener Selbſtbe⸗ herrſchung vor bis zum Tiſch, und drückte die Beſorgniß aus, daß Miſtreß Wyllys ſeinen Beſuch ungelegen, wenigſtens nicht mit ge⸗ höriger Ceremonie angekündigt, finden möchte. Seine Stimme bei dieſer kurzen Einleitung war weich wie eine weibliche, und ſo ſehr trug ſeine Miene das Gepräge der Höflichkeit, daß man zu glauben verführt war, er fühle ſich wirklich unbeſcheiden, in die Kajüte eines Schiffes eingetreten zu ſein, in welchem er doch buchſtäblich Alleinherrſcher war. „Wie unpaſſend auch die Stunde iſt,“ fuhr er fort,„ſo würde ich doch meine Hängematte mit dem Bewußtſein beſtiegen haben, mangelhaft in der Pflichterfüllung eines höflichen und aufmerk⸗ ſamen Wirthes geweſen zu ſein, wenn ich es unterlaſſen hätte, Sie vorher nochmals von der Wiederherſtellung der Ruhe im Schiffe, nach dem Auftritte, den Sie heute mit angeſehen, zu ver⸗ ſichern. Es macht mir Vergnügen, Ihnen ſagen zu können, daß die Aufgeregtheit meiner Leute ſich ſchon ganz gelegt hat; Schafe in ihren nächtlichen Hürden können nicht friedlicher ſein, als ſie in dieſem Augenblick in ihren Matten.“ „Die Autorität, die ſo ſchnell die Unruhe dämpfte, iſt, glück⸗ lich für uns, ſtets gegenwärtig, uns zu ſchützen,“ erwiederte die vorſichtige Gouvernante,„wir vertrauen gänzlich Ihrer Klugheit und Ihrer Großmuth.“ „Sie ſchenken Ihr Vertrauen keinem Unwürdigen. Gegen die Gefahr der Meuterei wenigſtens ſind Sie geſichert.“ einn brau ſelte der eigen „ich er iſt iſt in Jung 96 erinn entſta irgen mind „. Untie „Sel Augen der b von werden er ver⸗ ſich auf ldigung e Beſitz ug, um und ſich Selbſtbe⸗ aus, daß mit ge⸗ Stimme und ſo man zu „in die er doch o würde n haben, aufmerk⸗ en hätte, Ruhe im , zu ver⸗ nen, daß Schafe ,als ſie ſt, glück⸗ derte die Klugheit Gegen die 403 „Wie gegen jede andere hoffentlich.“ „Wir wohnen auf einem wilden, unbeſtändigen Element,“ ant⸗ wortete er, den Sitz, zu welchem Miſtreß Wyllys ihn mit einer Bewegung der Hand einlud, nach einer dankenden Verbeugung einnehmend; allein Sie ſind mit demſelben ſchon vertrant, und brauchen nicht erſt unterrichtet zu werden, daß wir Matroſen ſelten Herren unſerer Bewegungen ſind. Wenn heute die Zügel der Mannszucht etwas lockerer gehalten wurden, ſo war es meine eigene Schuld,“ fügte er nach einer augenblicklichen Pauſe hinzu, „ich lockte gewiſſermaßen den Aufruhr, welcher darauf erfolgte: er iſt jedoch vorüber, wie der brauſende Orkan; und der Ocean iſt in dieſem Augenblick nicht glätter, als die Gemüther meiner Jungen.“ „Ich war oft auf königlichen Schiffen Zeuge dieſer rohen Spiele, erinnere mich aber nicht, daß jemals eine ernſtere Folge daraus entſtanden wäre, als etwa das Abmachen eines alten Grolls, oder irgend ein toller Streich ſeemänniſcher Laune, der aber nicht minder harmlos als drollig war.“ 3. „Richtig; allein das Schiff, welches ſich oft den Gefahren von Untiefen ausſetzt, ſtrandet zuletzt doch,“ murmelte der Rover. »Selten gebe ich die Schanze den Leuten Preis, ohne ein genaues Augenmerk auf ihre Launen zu haben: aber.... heute....“ „Heute! Sie wollten etwas hinzufügen.“ »„Neptun mit ſeinen großen Einfällen iſt Ihnen kein Fremdling, Madame.“ »„Nein, ich habe den Gott in früheren Zeiten ſchon geſehen.“ „So glaubte ich Sie verſtanden zu haben;— unter der Linie?« „Und anderswo.“ „Anderswo!“ wiederholte halb unwillig der Rover.„Ach ja, der barſche Deſpot iſt in jeder See anzutreffen, und Hunderte von Schiffen, ja ſogar von großen Schiffen, glühen unter den 26* 404 Windſtillen des Aequators— es war thöricht, an den Gegenſtand länger zu denken.“ „Sie beliebten etwas zu ſagen, allein ich habe Sie nicht ver⸗ ſtanden.“ Der Rover ſchrak zuſammen; denn er hatte die vorhergehen⸗ den Worte mehr vor ſich hingemurmelt, als geſprochen. Er warf einen haſtigen, prüfenden Blick um ſich her, gleichſam um gewiß zu ſein, daß kein unberufener Horcher ſich herangeſtohlen habe, ſich der Geheimniſſe ſeines Innern zu bemächtigen, das er ſelten ſeinen Schiffsgenoſſen zu erſchließen für gut fand. Und nun war er auch ſchon wieder im Beſitz beſonnener Gelaſſenheit, und ſetzte das Geſpräch ſo unbefangen fort, als wenn es gar keine Unter⸗ brechung erlitten hätte. „Ja, mir war entfallen, daß Ihr Geſchlecht eben ſo furcht⸗ ſam als ſchön iſt,“ ſagte er, und lächelte dabei ſo einnehmend ſanft, daß die Erzieherin unwillkürlich einen beſorgten Blick auf ihre Pflegebefohlene warf,„ſonſt würde ich mit meiner Verſiche⸗ rung, daß jeder Grund zur Furcht verſchwunden ſei, nicht ſo lange verzogen haben.“ „Sie iſt uns ſelbſt jetzt noch willkommen.“ „Und Ihre junge, ſanfte Freundin,“ fuhr er fort, ſich gegen das Mädchen verbeugend, während er ſeine Worte noch immer an die Gouvernante richtete;„hoffentlich wird ihr Schlummer wegen deſſen, was vorgefallen iſt, nicht ſchwerer ſein.“ „Der Unſchuldige findet ſelten ein hartes Kiſſen.“ „Dieſe Wahrheit enthält ein heiliges, ein unerforſchliches Ge⸗ heimniß: die Unſchuldigen ſchlafen ſo ruhig!— Wollte Gott, auch die Schuldigen könnten irgend einen Zufluchtsort gegen die Dolche ihrer Gedanken finden! Allein wir leben in einer Welt, in einer Zeit, wo Keiner gegen den Andern, ja, nicht gegen ſich ſelbſt, ſicher iſt.“ 3 3 Er ſchwieg, und blickte mit einem ſo wildentſtellenden Zug des Lächel lich ih das g von i ſo lat dieſer „ Sie ſein, der M „ bemer anhän „2 geling gewin „2 kanntt „1 „” Nicht: orden ſamm den ſi S darau Rover Verbi könnt werfe lichen Gefal genſtand icht ver⸗ hergehen⸗ Er warf m gewiß en habe, er ſelten nun war nd ſetzte e Unter⸗ furcht⸗ nehmend Blick auf Verſiche⸗ nicht ſo ch gegen ) immer hlummer ches Ge⸗ tt, auch e Dolche in einer h ſelbſt, Zug des 40⁵ Lächelus um ſich her, daß die ängſtliche Gouvernante unwillkür⸗ lich ihrer Schülerin näher rückte, gleichſam als wollte ſie ſie gegen das gewiſſe Vorhaben eines Wahnſinnigen ſchützen und wieder von ihr beſchützt werden. Der Rover verharrte jedoch in einem ſo langen und tiefen Schweigen, daß ſie endlich das Verwirrende dieſer Lage durch eigenes Sprechen beſeitigen zu müſſen glaubte. „Finden Sie Herrn Wilder eben ſo zur Gnade geneigt, als Sie ſelbſt ſind? Seine Nachſicht würde um ſo verdienſtvoller ſein, als gerade er offenbar der beſondere Gegenſtand des Zorns der Meuterer war.“ „Dennoch war er nicht ohne ſeine Freunde. Haben Sie nicht bemerkt, wie innig die beiden Leute, die ihm zu Hilfe eilten, ihm anhängen?“ „Allerdings; es iſt erſtaunlich, wie es ihm in ſo kurzer Zeit gelingen konnte, dieſe zwei rohen Naturen ſo ganz für ſich zu gewinnen.“ „Vierundzwanzig Jahre ſind freilich ein anderes, als die Be⸗ kanntſchaft von einem Tage!“ „Und ſchreibt ſich ihre Freundſchaft von ſo früher Zeit her?“ „Ich habe ſie dieſen Zeitraum unter ſich nennen hören. Nichts iſt gewiſſer, als daß der Jüngling durch irgend ein außer⸗ ordentliches Band mit dieſen ſeinen zwei niedrigen Gefährten zu⸗ ſammenhängt. Vielleicht war dieß nicht der erſte gute Dienſt, den ſie ihm geleiſtet haben.“ Schmerz trübte den Blick der Miſtreß Wyllys. Wohl war ſie darauf vorbereitet, Wilder für einen geheimen Verbündeten des Rover zu halten, doch hatte ſie ſich zu hoffen bemüht, daß ſeine Verbindung mit den Seeräubern aus Umſtänden erklärt werden könnte, die ein minder ungünſtiges Licht auf ſeinen Charakter werfen würden. Wie groß auch ſein Antheil an der gemeinſchaft⸗ lichen Schuld Derjenigen ſein mochte, die den Zufälligkeiten und Gefahren eines für vogelfrei erklärten Schiffes leichtſinnig ihr 406 Schickſal anvertraut hatten; davon hielt ſie ſich überzeugt, ſein Herz ſei zu edel, um wünſchen zu können, daß ſie und das junge, argloſe Mädchen der Willkür ſeiner Kameraden geopfert würden. Nunmehr bedurften ſeine häufigen und geheimnißvollen War⸗ nungen keiner Erklärung. In der That, Alles was ihr bisher ſo⸗ wohl von ihrer früheren unbegreiflichen Ahnung, als von dem ungewöhnlichen Betragen der Genoſſen dieſes Schiffes dunkel ge⸗ blieben war, wurde mit jedem Augenblicke klarer. Die Räthſel löſten ſich eines nach dem andern von ſelber auf. Jetzt brachte auch die Perſon und das Geſicht des Rover ihr die Erinnerung in die Geſtalt und die Züge des Individuums zurück, welches, in dem Tauwerk des Sklavenhändlers ſtehend, den vorüberſegelnden Briſtoler Kauffahrer begrüßt hatte,— eine Geſtalt, die ſich unbe⸗ greiflicherweiſe ſeit ihrer Anweſenheit in ſeinem Schiffe ihrer Einbildungskraft immer von Neuem aufdrängte, wie ein Bild aus trüber Ferne. Nun begriff ſie mit einem Male, wie ſchwierig Wilders Lage war, da er ihren Bitten ein Geheimniß zu verber⸗ gen hatte, auf welches nicht blos ſein Leben ſtand, ſondern auch die, für ein im Laſter nicht verhärtetes Gemüth eben ſo gefürchtete Strafe— der Verluſt ihrer Achtung. Kurz, viele von den Räth⸗ ſeln, die unſeren Leſern leicht zu entwirren wurden, löſ'ten ſich. nun auch dem Verſtande der Erzieherin, obgleich noch manche Dunkelheiten übrig blieben, die ſie ebenſowenig aufzuhellen, als von ſich zu verbannen vermochte. Sie hatte Muße, alle dieſe Ge⸗ danken zu durchlaufen; denn ihr Gaſt, oder Wirth, welche Bezeich⸗ nung nun auch die richtigere ſein mochte, gab nicht die entfern⸗ teſte Neigung zu erkennen, ſie in ihrem kurzen, traurigen Nach⸗ ſinnen zu unterbrechen. „Wunderbar!“ nahm ſie endlich das Geſpräch wieder auf, daß eine Anhänglichkeit, wie ſie ſich gewöhnlich nur unter Menſchen von Erziehung und Bildung zu zeigen pflegt, hier ihren Einfluß auf ſo rohe Weſen geltend macht.“ zt, ſein junge, vwürden. n War⸗ zher ſo⸗ on dem nkel ge⸗ Räthſel brachte merung ches, in gelnden h unbe⸗ e ihrer ild aus hwierig verber⸗ en auch ürchtete Räth⸗ ten ſich manche en, als eſe Ge⸗ Bezeich⸗ ntfern⸗ Nach⸗ if, daß enſchen Einfluß 407 „Es iſt wunderbar, wie ſie bemerken,“ erwiederte der Andere, gleich einem vom Traum Erwachenden.„Tauſend der blankſten Guineen, die je aus der Münze Georgs des Zweiten gekommen, gäbe ich darum, könnte ich die Geheimgeſchichte dieſes Jünglings erfahren.“. Mit der Schnelle des Gedankens unterbrach hier Gertraud fragend das Geſpräch:„Alſo iſt er Ihnen fremd?“ Der Rover ſtarrte ſie an, mit einem Auge aber, das ſich, je länger es ſchaute, in klareres Bewußtſein und ſolchen Ausdruck auflöste, daß der Fuß der Gouvernante hörbar bebte, und nach und nach ihre ganze Geſtalt. „Wer mag von ſich behaupten, das Menſchenherz zu kennen!“ antwortete er, mit einer Kopfneigung, welche zu ſagen ſchien, daß die Angeredete zu einer viel tiefern Huldigung vollkommen berech⸗ tigt ſei.„Alle ſind uns fremd, bis wir ihr geheimſtes Innere ge⸗ leſen haben.“ „Die Geheimniſſe der menſchlichen Seele durchdringen können, iſt ein nur Wenigen vergönnter Vorzug,“ bemerkte die Erzieherin. „Viele Erfahrungen und gründliche Kenntniß der Welt muß Der beſitzen, welcher ſich über die Beweggründe ſeines Neben⸗ menſchen ein Urtheil erlauben darf.“ „Und doch iſt's eine angenehme Welt; es kommt nur darauf an, daß man den Muth habe, ſie ſich dazu zu machen,“ rief der Rover; ein Gedankenſprung, der ſeiner Unterhaltungsweiſe charak⸗ teriſtiſch war.„Wer ſelbſtſtändig genug iſt, ungetheilt der natür⸗ lichen Richtung ſeines Geiſtes zu folgen, findet Nichts ſchwierig. Glauben Sie mir, das wahre Geheimniß des Weiſen beſteht nicht darin, die gegebene Lebeuszeit zu verlängern, ſondern ſie wirklich zum Leben zu verwenden. Wer nach Vollgenuß im fünfzigſten Jahre ſtirbt, hat mehr gelebt, als Der, welcher ſich mühſam durch ein Jahrhundert ſchleppt, ohne es je gewagt zu haben, die Ca⸗ pricen der Welt, dieſe ſchwere Bürde, von ſich zu werfen, der nie 408 ein lautes Wort ſprach, weil die Furcht, ſein Nachbar könnte etwas an ſeinen Worten auszuſtellen finden, ihn zum ewigen Flüſtern verdammte.“ „Dennoch gibt es Einige, die in der Ausübung der Tugend ihre Freude finden.“ „Die Worte laſſen Ihrem Geſchlechte gut,“ antwortete er mit einer Miene, in welcher die ſcharfſinnige Frau die Zügelloſigkeit des Freibeuters zu entdecken glaubte, und gern hätte ſie ihren Be⸗ ſuch jetzt entlaſſen; allein ein gewiſſer Blitz in ſeinem Auge, und die Fröhlichkeit, die er durch eine Art von unnatürlicher Anſtren⸗ gung gewonnen hatte, erinnerte ſie an die Gefahr, einen Menſchen der kein anderes Geſetz, als ſeinen Willen anerkannte, zu reizen. Daher ſuchte ſie dem Geſpräch geſchickt eine andere Wendung zu geben; mit einem Ton und einer Weiſe, die, obgleich der Würde ihres Geſchlechts nichts vergebend, doch von Strenge entfernt waren, zeigte ſie auf verſchiedene muſikaliſche Inſtrumente hin, die einen Theil des ſeltſam zuſammengeſetzten Ameublements der Kajüte ausmachten, und ſagte: „Der, deſſen Seele die Harmonie erweichen kann, deſſen Ge⸗ fühle dem Einfluſſe des Wohlklangs offen ſtehen, ſollte von den Freuden der Tugend nicht geringſchätzig ſprechen. Dieſe Flöte und die Guitarre dort, beide erkennen Sie als ihren Meiſter an.“ „Und wegen dieſer Tändeleien, die um mich her liegen, ſind Sie geneigt, mir die genannten Vollkommenheiten zuzutrauen! Dieß iſt wieder einer jener Mißgriffe, denen wir armſelige Sterb⸗ liche bloßgeſtellt ſind. Der Schein iſt das Alltagsgewand der Ehrlichkeit. Ebenſogut könnten Sie mir es zum Verdienſt an⸗ rechnen, daß ich jeden Morgen und jeden Abend vor dem glän⸗ zenden Spielzeug dort hinkniee!“ hier wies er auf das Crucifix aus Brillanten, welches an dem ſchon bezeichneten Orte, über der Thüre des Gemaches, hing. „Ich hoffe doch, daß Sie dem Weſen, an das jenes Bild er⸗ inne bew eine wer fahr den wer gege ſpre ihn. bege Arm ) Ten zu „ Pfal Wür Got „ nur einfe Aber als belie 8 an Trei * Gor e etwas Flüſtern Tugend er mit oſigkeit ren Be⸗ e, und lnſtren⸗ enſchen reizen. ung zu Würde utfernt te hin, nts der en Ge⸗ on den 2 Flöte er an.«— n, ſind rauen! Sterb⸗ nd der nſt an⸗ glän⸗ Crucifix ber der zild er⸗ 409 innern ſoll, Ihre Huldigung nicht verſagen. Im Stolze des Kraft⸗ bewußtſein und des Glücks, kann der Menſch die Tröſtungen, die eine ſtärkere Macht, als ſeine, einzuflößen vermag, verſchmähen; wer aber den Werth derſelben am meiſten in ſeinem Innern er⸗ fahren hat, wird auch am tiefſten von Anbetung und Dank gegen den Urheber alles Troſtes durchdrungen ſein.“ Sie hatte Anfangs von ihrem Geſellſchafter den Blick wegge⸗ wendet; allein während ihrer Rede, welche tiefgefühlte Ehrfurcht gegen das höchſte Weſen ſie nur in halb unterdrückten Tönen ſprechen ließ, fiel ihr mildes, ſinniges Auge allmählig wieder auf ihn. Ernſt und tiefſinnig, wie der ihrige, war der Blick, dem ſie begegnete. So leiſe, daß ſie es kaum fühlte, berührte er ihren Arm mit dem Finger, indem er die Frage äußerte: „Glauben Sie, es ſei unſere Schuld, wenn der Zug unſeres Temperamentes zum Böſen ſtärker iſt, als die Macht, demſelben zu widerſtehen?“ „Niemand ſtrauchelt, als wer ohne höhern Beiſtand auf dem Pfade des Lebens zu wandeln verſucht. Wird es Ihre männliche Würde beleidigen, wenn ich die Frage thue, ob Sie je ſich mit Gott unterhalten?“ „Seit langer Zeit, Madame, iſt dieſer Name in meinem Schiffe nur gehört worden, um jenem niedrigen, profanen Geſpötte, dem einfachere Rede nicht mehr pikant genug iſt, eine Würze beizufügen. Aber in Wahrheit, ſie, die ungekannte Gottheit, was iſt ſie mehr als das, was dem erfindſamen Menſchen aus ihr zu machen beliebte?“ Mit einer ſo feſten Stimme, daß ſelbſt Der, welcher ſo lauge an den Tumult und die großartigen Auftritte ſeines wilden Treibens gewöhnt war, bei den Tönen zuſammenſchrak, ſprach ſie: —„Der Thor ſpricht in ſeinem Herzen: Es iſt kein Gott.— Gürte deine Lenden wie ein Mannz ich will 410 dich fragen, antworte mir: Wo wareſt du, als ich die Erde gründete: Sage mir's, wenn du klug biſt?“ Er blickte lange und ſtumm das hocherröthete Antlitz der Spre— cherin an. Dann wendete er das Geſicht unwillkürlich ſeitwärts und brach in die Worte aus, die offenbar mehr ein Lautwerden ſeiner Gedanken, als eine Fortſetzung des Geſpräches waren: „Habe ich doch dieß Alles ſchon ſo oft gehört, und dennoch weht es jetzt meine Gefühle mit der Friſche heimathlicher Lüfte an!“ Hier erhob er ſich, trat auf ſeine ruhige, würdevolle Geſell⸗ ſchafterin zu, und ſagte halb flüſt ernd:„Dame, ſprich jene Worte noch einmal, verändere keine Sylbe daran, und laß in Allem die Betonung der Stimme dieſelbe ſein, ich bitte dich.“ Verwundert und innerlich erſchrocken über dieß Geſuch, ge⸗ währte es Miſtreß Wyllys, indem ſie die geheiligte Sprache der gotterfüllten Propheten mit einem Feuer wiedergab, das ſeine Nahrung und Gewalt aus ihrem innerſten Gefühle zog. Ihr Zuhörer lauſchte wie ein verzücktes Weſen. Faſt eine Minute ſtand er vor den Füßen Derjenigen, die ſo eindringlich für die Majeſtät Gottes geſprochen hatte, regungslos in Haltung und Blick, wie der Maſt hinter ihm.. „Ja, das heißt mit einem einzigen großen Schritte wieder zum Pfad des Lebens zurückkehren,“ ſagte er, und ließ ſeine Hand auf die ſeiner Geſellſchafterin fallen.„Ich weiß es nicht, warum ein Puls, der ſonſt Zeit hält wie ein Hammer, jetzt ſo wild und unregelmäßig ſchlägt. O Dame, dieſe kleine, ſchwache Hand wäre ſtark genug, ein Gemüth zu leiten, welches ſo oft ſchon Trotz geboten der Gewalt von....“ Plötzlich hielt er inne; denn als ſein Auge bewußtlos der Richtung ſeiner Hand folgte, fiel es auf die zarte, aber nicht mehr jugendliche Hand der Erzieherin, und mit einem tiefen Seufzer, gleichſam als erwache er von einer angenehmen, aber vollkom⸗ menen Täuſchung, wendete er ſich weg und ließ ſeine Rede unvollendet. wir nie wir Glo Wie ver! er ſ wiſſ für keit digk Als halt in d dicht die woh als eine einen Feue das nicht 4 men jüte, chen won ch die Spre⸗ twärts verden . ennoch Lüfte Geſell⸗ Worte em die b, ge⸗ che der 3 ſeine Ihr Minute für die ig und wieder e Hand warum ild und Hand t ſchon kos der t mehr beufzer, ollkom⸗ llendet. 411 „Sie verlangten ja Muſik!“ rief er nachläſſig.„So wollen wir denn Muſik haben, und ſollten wir der Gong die Sympho⸗ nie entlocken!“ Hierbei ſchlug das eigenſinnige und ſchwankende Weſen, das wir zu ſchildern verſucht haben, dreimal die bezeichnete chineſiſche Glocke, ſo raſch hintereinander und ſo heftig, daß das dröhnende Wiedergetön des Metalls alle andere Wahrnehmungen der Sinne verwirrte. Wie tief es auch die Gouvernante kränkte, theils daß er ſich ſo ſchnell dem Einfluß entzog, den ſie bis zu einem ge⸗ wiſſen Grade über ihn gewonnen hatte, theils daß er wieder für gut fand, mit ſo wenigen Umſtänden ſie ſeine Unabhängig⸗ keit fühlen zu laſſen, ſo vergaß ſie doch nicht, daß die Nothwen⸗ digkeit ihr die Verheimlichung ihrer Gefühle zur Pflicht machte. Als die betäubenden Töne verklungen waren, ſagte ſie: „Gewiß, dieß iſt nicht die Harmonie, zu der ich einlud; auch halte ich ſie nicht für geeignet, Diejenigen, welche Ruhe ſuchen, in den Schlaf zu wiegen.“ „Seien Sie unbeſorgt um die Leute. Der Matroſe ſchläft dicht bei der Mündung der Kanone, wenn ſie donnert, und nur die Bootsmannspfeife weckt ihn auf. Er iſt zu lange bei der Ge⸗ wohnheit in die Schule gegangen, um dieſes Geräuſch für mehr als einen Flötenton zu halten; vielleicht, wenn Sie wollen, für einen ſtärkern und vollern, als gewöhnlich, aber doch immer für einen ſolchen, der ihn nichts angeht. Ein vierter Schlag hätte Feuerlärm bezeichnet; aber drei bedeuten blos Muſik. Es war das Signal für das Muſikcorps; die Nacht iſt ſtill und ihrer Kunſt nicht abhold; lauſchen wir den ſüßen Klängen.“ Kaum hatte er geſprochen, ſo hörte man einige Blaſe⸗Inſtru⸗ mente tief intoniren. Die Künſtler ſtanden draußen vor der Ka⸗ jüte, wahrſcheinlich einem frühern Befehl ihres Kapitäns gehor⸗ chend. Nach einem Lächeln des Triumphes über die Schnelligkeit⸗ womit ſeinen Befehlen Folge geleiſtet wurde, die allerdings der 412 Macht, welche er beſaß, viel mehr einen zauberiſchen als deſpotiſchen Charakter verlieh, warfer ſich auf den Divan und lauſchte der Muſik. Die Klänge, welche jetzt durch die Nacht tönten, und ſanft und melodiſch über die Wellen dahinglitten, würden in Wahrheit weit ſchulgerechteren Künſtlern Ehre gemacht haben. Schwärme⸗ riſch wild und melancholiſch war die Weiſe, und vielleicht um ſo mehr im Einklang mit der augenblicklichen Laune des Mannes, für deſſen Ohr ſie geſpielt ward.— Darauf, dem aufregenden Charakter entſagend, concentrirte ſich die ganze Gewalt der Inſtru⸗ mente in ſanftere und weichere Klänge, und der Genius, der die Melodie erzeugt hatte, ſchien darin ſeine innerſten und erhaben⸗ ſten Gefühle erſchließen zu wollen. Die Gemüthsſtimmung des Rover entſprach dem wechſelnden Ausdruck der Muſik; ja, als die Klänge den höchſten Grad von Rührung ausdrückten, ließ er das Haupt ſinken wie ein Weinender. Miſtreß Wyllys und ihre Schülerin, obgleich ſelbſt von der Muſik ergriffen, konnten den Blick von dem ſo eigenthümlich ge⸗ ſchaffenen Weſen, in deſſen Hände ihr böſer Stern ſie geführt hatte, nicht abwenden. Bewunderung über den furchtbaren Ge⸗ genſatz von Leidenſchaften, die ſich unter ſo verſchiedenen und ſo gefährlichen Geſtalten in einem und demſelben Menſchen offen⸗ baren konnten, erfüllte die Erſtere, während Gertrand mit der, ihren Jahren eigenen Nachſicht und Theilnahme urtheilend, dem Glauben Raum gab, daß ein Menſch, deſſen beſſere Gefühle ſo leicht in's Leben gerufen werden konnten, wohl das Opfer der Verhältniſſe, aber nicht der Schöpfer ſeines unglücklichen Schick⸗ ſals ſein könne. Als der letzte Akkord dem Ohre verklungen war, ſagte der Rover:„Italien athmet in dieſen Tönen, das ſüße, träge, üppige, leichtſinnige Italien! Iſt es Ihnen je zu Theil worden, Madame, jenes Land zu ſehen, deſſen Erinnerungen eben ſo groß ſind⸗ als ſeine jetzige Lage ohnmächtig?“ tiſchen Muſik. ſanft ahrheit bärme⸗ um ſo annes, genden Inſtru⸗ der die haben⸗ ig des a, als ließ er on der ſch ge⸗ geführt en Ge⸗ und ſo offen⸗ it der, , dem ähle ſo ker der Schick⸗ te der üppige, adame, dd, als 413 Die Gouvernante gab keine Antwort, und die Neigung ihres Hauptes ließ ihre Gefährtin vermuthen, daß auch ſie dem erſchüt⸗ ternden Einfluſſe der Muſik huldige. Endlich dem Drange ſeines wechſelvollen Innern nachgebend, ſchritt der Corſar auf Gertraud zu, indem er mit der Galanterie, die einer ſehr verſchiedenen Scene Ehre gemacht hätte, und in einer Sprache, ganz im Cha⸗ rakter der Höflichkeit des Zeitalters, ſie folgendermaßen anredete: „Die, deren bloße Stimme ſchon Muſik iſt, hat ſicherlich die Gaben der Natur nicht vernachläſſigt. Sie ſingen?“ Wenn Gertraud das Talent, das er ihr zutraute, auch beſaß, ſo würde ihr die Stimme bei ſeiner Aufforderung doch den Dienſt verſagt haben. Sie machte eine erwiedernde Verneigung, und die Worte, welche ihre Entſchuldigung enthalten ſollten, waren ſelbſt dem angeſtrengt Lauſchenden kaum vernehmbar. Indeß beſtand er nicht auf einer Bitte, die offenbar unwillkommen war, wendete ſich, und that einen leiſen, aber doch erweckenden Schlag an die Glocke. „Roderich,“ fuhr er fort, als der leichte Tritt des Knaben auf der zur Kajüte herabführenden Treppe hörbar ward,„ſchläfſt du?“ Die langſame und halb unterdrückte Antwort war natürlich verneinend. „Apollo war nicht abweſend, als Roderich das Licht der Welt erblickte, Madame. Dem Knaben ſtehen Töne zu Gebote, an denen mehr als einmal ſchon die verhärteten Gefühle des Seemanns ſchmolzen.— Geh, lieber Roderich, ſtelle dich an die Kajüten⸗ thüre, und laß die Muſik deine Worte leiſe begleiten. Der Knabe gehorchte; die Stellung, die ſeine ſchlanke Geſtalt einnahm, war ſo beſchaffen, daß Denen, welche innerhalb der Be⸗ leuchtung der Lampe ſaßen, der Ausdruck ſeiner bewegten Züge unſichtbar bleiben mußte. Nun intonirten die Inſtrumente eine liebliche Einleitung, die bald zu Ende war; zweimal hatten ſie die Weiſe angefangen, und noch immer ließ ſich keine Stimme hören. 414 „Worte, Roderich, Worte; wir verſtehen uns ſchlecht darauf, den Sinn der Flötentöne zu deuten.“ Auf dieſe Weiſe an ſeine Pflicht erinnert, fing der Knabe an in einem vollen, reichen Contre⸗Alt, doch nicht ohne eine Bebung, die offenbar nicht zur Melodie gehörte, einige Strophen zu ſingen, welche wir, ſo viel davon vernommen werden konnte, dem Leſer mittheilen: Im Weſten, dort am Meeresrand, Dehnt weit ſich aus und ſchön Das ſüße, heil'ge Zauberland, Wo Fried' und Freiheit weh'n. Dort eilet nicht der Sonne Licht, Vergoldet jedes Tages Abend, Und ruht auf Baum und Seeln. Für dich, o Menſch, ſtrahlt es ſo labend, Strahlt es ſo ſchön Auf Thal und Baum und See'n! Das Mädchen ſehnſuchtsvoll durchirrt Mit ungewiſſem Fuß Den Hain; und ihm entgegen ſchwirrt Der Vögel Liebesgruß. O ſüß' Geſtad', wann Abend naht, Spricht Hoffnung.... „Genug hiervon, Roderich,“ unterbrach ungeduldig ſein Herr. „Dieſer Geſang hat zu viel vom verliebten Corydon, um der Laune eines Matroſen zuzuſagen. Singe uns von der See und ihren Freuden, Knabe; und heb' die Töne auf eine Weiſe hervor, die mit dem Geſchmack eines Seemanns in beſſerem Einverſtändniß ſtehe.“ Der Knabe blieb ſtumm; kann ſein, aus Abneigung gegen dieſe Aufforderung, vielleicht aber auch, weil er ihr wirklich nicht genügen konnte. „Wie, Roderich! verläßt dich die Muſe? oder wird dein Ge⸗ dächtniß ſchwach? Sie ſehen, das Kind iſt eigenſinnig in ſeinen Melodien; wenn er nicht von Liebe und Sonnenſchein ſingen kann, ſo weiß er nichts. Wohlan, meine Leute, gebt einen kräftigern Akkord, und laßt Leben in den Cadenzen wehen, ich will zur Ehre des Schiffes ein Seelied verſuchen.“ Das Corps, angeſteckt von der augenblicklichen Laune ſeines Her voll verr dur daß ſole Vor ſang dem war daß fehlt Geſe darauf, abe an ſebung, ſingen, u Leſer Herr. Laune ihren die mit ſtehe.“ n dieſe nicht in Ge⸗ ſeinen nkann, ftigern r Ehre ſeines 415 Herrn(denn wahrlich! den Namen verdiente er), ſpielte eine kraft⸗ volle und graziöſe Einleitung zu dem Geſang des Corſaren. Jene verrätheriſchen, berückenden Klänge, die ſich ſo oft, wenn er ſprach, durchhören ließen, mußten allerdings zu der Erwartung führen, daß ſeinem Geſang Fülle, Tiefe und Metall nicht fehlen werde; und ſolche Erwartung wurde nicht getäuſcht. Von dieſen natürlichen Vorzügen begünſtigt, und von einem ausgebildeten Ohre unterſtützt, ſang er folgende Stanzen auf eine Weiſe, die, ſeltſam genug, halb dem Lebemann, halb dem Sentimentalen angehörte. Die Worte waren höchſt wahrſcheinlich eigene Compoſition; denn außerdem, daß ſie im Ganzen das Gepräge ſeines Handwerks an ſich trugen, fehlten ihnen auch nicht Züge des dem Sänger eigenthümlichen Geſchmackes. Hier ſind ſie: Zu Hauf! Macht Anker licht! Nun ſchallet rauh und froh der Ton, Und keinen hält der ſüße Schlummer; Im Takte knarrt das Gangſpill ſchon, Der Bootsmann pfeift und ſcheucht den Kummer Das junge Schiffsvolk, freud'entbrannt, Jauchzt auf; es lärmt die Meng' am Strand: Zu Hauf! Macht Anker licht! Ein Segel dort! ahoi! Spannt alle Nerven zum Gefecht, Steuert muthig zu, den Feind zu faſſen; Ein ſtill Gebet für's heil'ge Recht, Für’s Weib, ſo wir daheim gelaſſen. Nun los von jedem Segelbaum! Zerſtiebt der Meeresfluten Schaum! Ein Segel! ho, ahoi! Dem Sieg dreimal Hurrah! Nicht folg' den Tapfern Klag' hinab; Nein; pflegt die Wunden eurer Brüder: Das Meer iſt des Matroſen Grab, Und Helden ſeh'n ſich droben wieder! Genug, daß uns das Werk gelang, Drum jauchzet hoch den Siegsgeſang; Hurrah! Hurrah! Hurrah! Gleich nachdem er dieſes Lied beendigt hatte, ohne zu warten, ob ſeiner Leiſtung, die, ſowohl in Hinſicht der Stimme, als des Vortrags, auf Vortrefflichkeit Anſpruch machen durfte, einige Worte der Anerkennung folgen würden, erhob er ſich, erſuchte ſeine Gäſte 416 über die Dienſte ſeines Muſikcorps nach Gefallen zu gebieten, wünſchte ihnen ſanfte Ruhe und angenehme Träume, und ſtieg dann ge⸗ laſſen, offenbar, um ſich gleichfalls zur Ruhe zu begeben, hinab in eines der untern Gemächer.— Miſtreß Wyllys und Gertraud, obgleich Beide ſich unterhalten, oder vielmehr verlockt fühlten, durch das Gewinnende einer Charakterweiſe, die bei allem Eigenſinn ſich nie der Rohheit näherte, hatten dennoch, als er verſchwand, ein ähnliches Gefühl, als wenn man, gezwungen lange in der einge⸗ ſchloſſenen Atmoſphäre eines Kerkers zu athmen, endlich ſo glücklich iſt, wieder freie Luft ſchöpfen zu dürfen. Die Erſtere betrachtete ihre Schülerin mit einem Blick, in welchem unverkennbare Liebe mit tief verborgener Beſorgniß kämpfte; doch ſprach Keine, denn eine leiſe Bewegung an der Kajütenthüre ſagte ihnen, daß ſie nicht allein wären. „Wünſchen Sie noch mehr Muſik, Madame?« fragte Roderich mit erſtickter Stimme, furchtſam während des Sprechens aus dem Schatten hervortretend;„ich will Sie in den Schlaf ſingen, wenn Sie es wünſchen; aber mir verſagt die Stimme, wenn er mir befiehlt, meinen Gefühlen Gewalt anzuthun und fröhlich zu ſein.“ Schon hatte ſich die Stirn der Gouvernante zuſammengezogen, und es war ihr anzuſehen, daß ſie ſich auf eine ſtrenge, zurück⸗ weiſende Antwort vorbereitete; da ſprach die trauernde Stimme, die eingeſchreckte, unterwürfige Geſtalt des Knaben ſo ſtark zu ihrem Herzen, und an die Stelle des halbzürnenden Blickes trat ein weicher, verweiſender Blick, wie man ihn oft das Zürnen mütterlicher Theilnahme mildern ſieht. 3 „Roderich, ich hatte geglaubt, du würdeſt dich für dieſe Nacht nicht mehr zeigen.“ „Sie hörten ja die Glocke. Ach, wenn er auch in ſeinen auf⸗ geräumten Augenblicken ſo heiter ſein, ſo das Innerſte ergreifend ſingen kann,— Sie haben ihn noch nie im Zorn gehört.« „Und iſt denn ſein Zorn ſo ſchrecklich?“ „Vielleicht iſt er es Anderen nicht ſo ſehr, aber ich kenne nichts — Für müt wie düſt oder aller von Kna ihre Sitt der bar 8 in il Opf ſich woll und einen Wach der Ocec ſchw De wünſchte ann ge⸗ 1, hinab eertraud, en, durch ſinn ſich nd, ein r einge⸗ glücklich rachtete ebe mit ine leiſe wären. koderich sus dem wenn er mir ſein.“ ezogen, zurück⸗ timme, ark zu s trat zürnen Nacht n auf⸗ eeifend nichts — 417 Fürchterlicheres, als ein einziges Wort von ihm, wenn ſein Ge⸗ müth düſter iſt.“ „Er iſt dann rauh gegen dich?“ „Niemals.“ „Du widerſprichſt dir ſelbſt, Roderich. Er iſt es, und iſt es wieder nicht. Erzählteſt du nicht, wie fürchterlich dir ſeine düſtere Rede ſei?« „Ja; denn ich finde ſie verändert. Einſt war er nie tiefſinnig oder übelgelaunt, allein ſeit Kurzem iſt er nicht mehr Er ſelbſt.“ Miſtreß Wyllys antwortete nicht. Des Knaben Rede war ihr allerdings weit verſtändlicher, als ihrer jungen aufmerkſamen, aber von allem Verdacht freien Gefährtin, die, während ſie ſelbſt dem Knaben einen Wink gab, ſich zu entfernen, nicht wenig Luſt zeigte, ihre Neugier zu befriedigen, und ſich von dem Leben und den Sitten des Freibeuters mehr erzählen zu laſſen. Indeß wurde der Wink gebieteriſch wiederholt, und der Knabe zog ſich, offen⸗ bar ſehr ungern, langſam zurück. Hierauf ging auch die Gouvernante und ihre Pflegebefohlene in ihre Staatskajüte. Viele Minuten weihten Beide dem ſtillen Opfer des Gebets und des Dankes, ein Opfer, von welchem ſie ſich nie durch Verhältniſſe, ſie mochten ſein, von welcher Art ſie wollten, abhalten ließen. Das Bewußtſein der Schuldloſigkeit und die Zuverſicht in einen allvermögenden Schutz, ſicherte ihnen einen ſüßen Schlaf. Außer der Schiffsuhr, die regelmäßig die Wachen der Nacht hindurch die Stunden ſchlug, ſtörte während der Dunkelheit kein anderer Ton die Ruhe, welche über den Ocean und Alles, was auf ſeinem Buſen ſchwamm, ihren be⸗ ſchwichtigenden Fittich gebreitet hatte. — Der rothe Seeräuber. 27 418 Vierundzwanzigſtes Kapitel. gehe ——„Das Wunder, in 2 Ich meine unſere Rettung,— aus Millionen Ben Geſchah's nur uns. Der Sturm. Act II. Sc. 1. ten, Men Wohl hätte man den Delphin, während jener Augenblicke Zeit trügeriſcher Stille, mit einem ſchlafenden Raubthiere vergleichen ihren können. Aber gleichwie der Ruhezeit der Geſchöpfe aus der Thier⸗ wede welt von der Natur gewiſſe Gränzen geſetzt ſind, ſo war auch, allem ren Anſcheine nach, die Unthätigkeit der Piraten nicht beſtimmt, von Geſe anhaltender Dauer zu ſein. Mit der Morgenſonne blies ein friſcher, 5 Landgeruch mit ſich führender, Wind über das Waſſer, und ſetzte Capr das träge Schiff abermals in Bewegung.— Mit breiter, längs in ſi allen Segelbäumen ausgeſpannter Leinwandsfläche, war ſein Lauf und dieſen ganzen Tag hindurch ſüdwärts gerichtet. Wachen folgten gezw Wachen, Nächte Tagen, immer eine und dieſelbe Richtung. Dann gleich hoben ſich die blauen Inſeln, eine nach der andern, über die Mee⸗ auch resflächen empor. Die Gefangenen des Rover, denn für ſolche ſache mußten die Damen nun ſich halten, beobachteten ſchweigſam jeden genhe grünen Hügel, bei welchem das Fahrzeug vorbeiglitt, jede kahle, ihre ſandige Kaje, jeden Abhang, bis ſie, nach der Berechnung der ſeine Gouvernante, ſchon mitten im weſtlichen Archipelagus ſteuerten. werb Während dieſer ganzen Zeit fiel keine Frage vor, die auch nur Pfleg auf die entfernteſte Weiſe dem Rover verrathen konnte, daß ſeine eines Gäſte recht wohl wüßten, er führe ſie nicht in den verſprochenen jenen Hafen des Feſtlandes. Gertraud weinte bei dem Gedanken an den Merk Schmerz ihres Vaters, welcher auf die Nachricht von dem verun- E glückten Briſtoler Kauffahrteiſchiffe nothwendig vermuthen mußte, das n ihr ſei ein gleiches Schickſal zu Theil geworden; doch floßen ihre dieſe Thränen nur heimlich, oder in den mitfühlenden Buſen ihrer Er⸗ die in zieherin. Wildern vermied ſie; denn ſie hatte nun das bis zur vieler Anſchauung klare Bewußtſein, daß er nicht das ſei, wofür ſie ihh welch lionen c. 1. enblicke gleichen Thier⸗ , allem at, von riſcher, d ſetzte längs n Lauf folgten Dann e Mee⸗ ſolche n jeden kahle, ng der nerten. ch nur ß ſeine ſchenen an den verun⸗ mußte, en ihre er Er⸗ is zur ſie ihn 419 gehalten; gegen alle Uebrigen im Schiffe aber bemühte ſie ſich, in Blick und Mienen ſtets gleich heiter zu erſcheinen. In dieſem Benehmen, das freilich weit rathſamer war, als ohnmächtige Bit⸗ ten, war ſie von ihrer Gouvernante kräftig unterſtützt, deren Menſchenkenntniß ſie längſt gelehrt hatte, daß die Tugend in Zeiten der Noth am meiſten Achtung gebiete, wenn ſie es verſteht, ihren Gleichmuth zu behaupten. Auf der andern Seite ſuchte weder der Befehlshaber des Schiffes, noch ſein Lieutenant ferne⸗ ren Umgang mit den Bewohnerinnen der Hauptkajüte, als die Geſetze der Höflichkeit durchaus nöthig machten. Der Erſtere, dem es bereits leid that, daß er die Launen und Capricen ſeines Gemüths ſo bloßgeſtellt hatte, zog ſich allmählig in ſich ſelbſt zurück, indem er Vertraulichkeit bei Keinem ſuchte und von Keinem geſtattete; während der Letztere zeigte, daß er die gezwungene Miene der Gouvernante, und den veränderten, ob⸗ gleich mitleidsvollen Blick ihrer Schülerin vollkommen verſtehe; auch bedurfte es der Erklärung keineswegs, um ihn mit der Ur⸗ ſache dieſes Wechſels bekannt zu machen. Statt aber eine Gele⸗ genheit zu ſuchen, ſeinen Charakter zu reinigen, zog er es vor, ihre Zurückhaltung nachzuahmen.— Mehr brauchte es nicht, um ſeine ehemaligen Freundinnen von der Beſchaffenheit ſeines Ge⸗ werbes zu überzeugen; bis jetzt hatte ſelbſt Miſtreß Wyllys ihrer Pflegebefohlenen noch zugegeben, daß ſeine Handlungsweiſe die eines Menſchen wäre, in welchem die Verworfenheit noch nicht jenen Grad erſtiegen hatte, wo das Gewiſſen, jenes untrüglichſte Merkmal der Schuldloſigkeit, gänzlich ſchweigt. Es würde den Lauf der Erzählung nur aufhalten, wollten wir das natürliche Bedauern ſchildern, dem ſich Gertraud überließ, als dieſe traurige Ueberzeugung ſich ihrem Verſtande aufdrängte, oder die innigen Wünſche beſchreiben, die ſie hegte, daß der Beſitzer ſo vieler männlicher, großartiger Eigenſchaften den Irrthum, in welchem ſein Leben befangen war, bald einſehen, und zu einer 27* 420 Laufbahn zurückkehren möchte, für die er, ſelbſt nach dem Ein⸗ geſtändniß ihrer kalt und ſcharf urtheilenden Erzieherin, von der Natur auf eine ſo ausgezeichnete Weiſe ausgeſtattet war. Ja, vielleicht riefen die Ereigniſſe der letzten zwei Wochen nicht blos Wünſche allgemeinen Wohlwollens in ihrem Buſen wach; viel⸗ leicht flocht ſie in ihre ſtille Andacht heiße Gebete, die eine per⸗ ſönlichere Beziehung hatten. Allein dieß iſt ein Schleier, welchen zu lüften wir uns nicht berufen fühlen; die Gefühle dieſer Reinen und Unbefangenen können nirgends würdiger aufbewahrt ſein, als in ihrem eigenen Herzen. Mehrere Tage lang hatte das Schiff gegen die ſtehenden Winde jener Regionen anzukämpfen.— Statt aber wie ein beladenes Kauffahrteiſchiff ſich zu bemühen, irgend einen beſtimmten Hafen zu erreichen, gab der Rover ſeinem Schiffe plötzlich eine neue Rich⸗ tung, und glitt durch eine der vielen ſich darbietenden Meeres⸗ engen hindurch, mit der Leichtigkeit des ſeinem Neſte zueilenden Vogels. Hundert Segel verſchiedener Größe hatte man zwiſchen den Inſeln ſteuern ſehen, allen wurde ausgewichen; denn Klugheit rieth dem Freibeuter die Nothwendigkeit der Mäßigung in einer von Kriegsſchiffen ſo überfüllten See. Nachdem das Fahrzeug durch eine der Meeresengen, welche die Ketten der Antillen durchſchneiden, hindurchgeſteuert war, kam es in Sicherheit auf die offenere See, welche jene Inſeln von dem ſpaniſchen Ocean trennt. Kaum war die Durchfahrt glücklich bewerkſtelligt, kaum ſtreckte ſich nach allen Seiten hin ein helles, landfreies Meer, ſo zeigte ſich in der Miene eines jeden Individuums der Mannſchaft eine nicht zu verkennende Veränderung. Jetzt glättete ſich die gefurchte Stirne des Rover, jetzt verſchwand der ängſtliche Blick, der über den ganzen Menſchen die Hülle der Zurückhaltung geworfen hatte; das Weſen, das wir mehrmals zu ſchildern verſucht haben, ſtand nun wieder in ſeinem ganzen Eigenſinn da, in ſeiner ganzen Sorgloſigkeit. Selbſt die Bemannung, welche, als ſie noch in den engeren See'n, zwiſchen den Dag hatt ſorg Ort, 8 Rich Beſo gab Gefa dem wied Grut ſo V konnt konnt gener erhitz fehlte ſchied 1 Ein⸗ on der . Ja, t blos viel⸗ ie per⸗ belchen Reinen in, als Winde adenes Hafen Rich⸗ Neeres⸗ llenden viſchen lugheit meiner Zdurch neiden, e See, m war h allen Miene nnende Rover, enſchen as wir ſeinem bſt die viſchen 421 den daſelbſt in ganzen Schwärmen ſegelnden Kreuzern durch die Daggen liefen, keines fremden Antriebes zur Behutſamkeit bedurft hatte, ſelbſt ſie ſchien jetzt freier Athem zu ſchöpfen,— kurz, Töne ſorgloſer, leichtſinniger Fröhlichkeit durchwallten wieder einmal einen Ort, welchen die Wolke des Mißtrauens ſo lange umdüſtert hatte. Allein der Betrachtung der Erzieherin entſtanden durch die Richtung, welche das Fahrzeug nunmehr nahm, neue Gründe zur Beſorgniß.— So lange die Inſeln noch im Geſichtskreis blieben, gab ſie, und zwar nicht ohne Grund, der Hoffnung Raum, ihr Gefangennehmer warte blos eine günſtige Gelegenheit ab, um ſie dem Schutze der Geſetze irgend einer der Kolonial⸗Regierungen wieder zurückzugeben. Ihre Beobachtungsgabe lehrte ſie, daß die Grundſatzloſigkeit der beiden vornehmſten Perſonen im Schiffe mit ſo Vielem vermiſcht war, was einſt gut, ja edel genannt werden konnte, daß ſie in ſolcher Erwartung nichts Uebertriebenes finden konnte. Selbſt in den Sagen der Zeitgenoſſen, welche die verwe⸗ genen Thaten des Freibeuters ſchilderten, hatte auch gleich eine erhitzte und übertreibende Einbildungskraft die Farben aufgetragen, fehlte es nicht an zahlloſen, merkwürdigen Beiſpielen von ent⸗ ſchiedener, ja ritterlicher Großſinnigkeit. Mit einem Worte, ſein Charakter war der eines Mannes, der, in erklärter Feindſeligkeit mit Allen lebend, dennoch einen Unterſchied zwiſchen den Schwa⸗ chen und den Starken zu machen verſtand, und dem es oft eben ſo viele Freude gewährte, ſich der Erſteren anzunehmen, als den Stolz der Letzteren zu demüthigen. Als aber nun die letzte Spitze der ganzen Inſelgruppe hinter ihnen in's Meer ſank, und außer dem Schiffe ſich weit und breit kein anderer Gegenſtand auf der Waſſerfläche zeigte, da ſank auch ihr die letzte Hoffnung auf die Großmuth des Corſaren. Der Rover, gleichſam unbekümmert, länger die Maske vorzuhalten, befahl, die Segel zu vermindern, und trotz der günſtigen Kühlte das Schiff nahe beim Wind anzulegen. Kurz, der Delphin wurde 422 mitten im Waſſer angehalten, und, als ſei nun das Hauptziel erreicht, und die unmittelbare Aufmerkſamkeit der Mannſchaft nicht weiter in Anſpruch genommen, überließen ſich die Offiziere ſowohl, als die Leute, ihren Vergnügungen oder dem Müſſiggang, je nachdem Laune oder Neigung ſie beſtimmte. Wie lange auch der Verdacht der Gouvernante, daß man ihnen nicht erlauben würde, das Schiff zu verlaſſen, ſchon rege ſein mochte, in Worten hatte ſie ihn noch nicht geäußert; als aber jetzt dem Koͤm⸗ mando, das Schiff beizulegen, gehorcht wurde, redete ſie den Kapi⸗ tän Heidegger, wie er ſich nemnen ließ, zum erſten Male wieder an: „Ich hatte gehofft, Sie würden uns, ſobald es ſich mit Ihrer Bequemlichkeit vertrüge, an einer der Seiner Majeſtät gehörenden Inſeln zu landen erlauben. Ich fürchte, Sie finden es beſchwer⸗ lich, Ihre eigene Kajüte ſo lange von Fremden beſetzt zu ſehen.“ „Sie kann nicht beſſer beſetzt ſein,“ antwortete er, fein aus⸗ weichend, obgleich die ängſtliche Dame zu entdecken glaubte, daß ſein Blick mehr Kühnheit und ſein ganzes Weſen weniger Zurück⸗ haltung verrathe, als bei einer früheren Gelegenheit, wo derſelbe Gegenſtand zur Sprache kam.„Verlangte es das Herkommen nicht, daß ein Schiff die Farbe einer oder der andern Nation führte, ſo ſollte über dem meinigen ſtets eine Flagge ſpielen, die die Farbe der Schönen trüge.“ „Und jetzt?« „Jetzt ziehe ich die Zeichen des Dienſtes auf, in dem ich mich befinde.“ „Während der fünfzehn Tage, ſeit ich Ihnen mit meiner Ge⸗ genwart läſtig fallen muß, bin ich noch nicht ſo glücklich geweſen, die Farbe aufgezogen zu ſehen, die Ihren Dienſt bezeichnete.“ „Nicht!“ rief der Rover, und ſchoß einen Blick auf ſie, als wollte er ihre innerſten Gedanken durchdringen:„Nun, dann ſollen Sie am ſechzehnten Tage von dieſer Ungewißheit befreit werden. Heda, wer iſt im Schiffe hinten 2* uptziel nſchaft ffiziere ggang, ihnen nochte, Koͤm⸗ 1 Kapi⸗ der an: t Ihrer Brenden ſchwer⸗ ſehen.“ in aus⸗ te, daß Zurück⸗ derſelbe ommen Nation len, die ich mich ner Ge⸗ geweſen, ete.“ ſie, als in ſollen werden. 423 „Kein beſſerer und kein ſchlechterer Mann als Richard Fid,“ erwiederte das Individuum dieſes Namens, den Kopf aus einem großen Wandkorbe hervorhebend, in den er ihn geſteckt hatte, als ſuchte er irgend ein verlegtes Stück Werkzeug, und als er ent⸗ deckte, wer der Fragende war, mit Haſt hinzufügend:„ſtets zu Ew. Gnaden Befehl.“ „Aha! es iſt der Freund unſeres Freundes,“ erwiederte der Rover mit einem Nachdruck, welcher der Andern verſtändlich ge⸗ nug war;„der ſoll mein Dolmetſcher ſein. Komm her, Burſch; ich habe ein Wort mit dir zu ſprechen.“ „Tauſend zu Ihren Dienſten, Sir,“ erwiederte Richard, indem er bereitwillig näher trat;„denn wenn ich auch kein großer Red⸗ ner bin, ſo hab' ich doch ſtets Etwas in meinen Gedanken zur Hand, was zur Noth unterhalten kann, ſehen Sie.“ »Ich hoffe, deine Hängematte in meinem Schiff wiegt ſanft in den Schlaf?“ „Ich kann's nicht läugnen, Ew. Gnaden; denn ein leichter ſegelndes Fahrzeug, ſonderlich wenn es auf's Handhaben ſeiner Raaſegeltaue ankommt, findet ſich nicht leicht.“ „Und die Fahrt ſelbſt? Ich hoffe doch, du findeſt auch die ſo, wie ſie ein Seemann gerne mag.“ „Schauen Sie, Sir, ich bin früh aus der Schule genommen und in die Fremde geſchickt worden; da nehme ich mir denn ſel⸗ ten heraus, das Schiffspatent des Kapitäns leſen zu wollen.“ „Aber demungeachtet, guter Mann, ſeid Ihr nicht ohne Eure Neigungen,“ ſagte Miſtreß Wyllys mit Feſtigkeit, entſchloſſen, die Unterſuchung weiter zu treiben, als ihr Geſellſchafter beabſichti⸗ gen mochte. »Kann nicht ſagen, daß es mir an natürlichen Gefühlen ge⸗ bricht, gnädige Frau,“ erwiederte Fid, indem er ſich bemühte, eine Probe von ſeiner Bewunderung des ſchönen Geſchlechts in einem Kratzfuß gegen die Dame, als Repräſentantin deſſelben, abzulegen, 424 „ob zwar Durchkreuzungen und Unfälle mir quer über den Weg gekommen ſind, was ſchon Vornehmern als mir geſchehen iſt. Ich hatte geglaubt, ein Nothankertau könne nicht ſtärker angeſplißt ſein, als ich an Käte Whiffle und ſie an mich; aber ja, da kam's Geſetz mit ſeinen Ordonnanzen und Schiffsreglements, das hat dicht bei meinem Glück vorbei querüber aufgeſtochen, und ohne Weiteres alle Hoffnungen der Dirne in ein Wrack verwandelt, und mit den meinigen eine flämiſche Rechnung gemacht.“ 4 „So? es wurde bewieſen, daß ſie ſchon einen Mann hatte, nicht wahr?“ ſagte der Rover, ſchlau mit dem Kopfe nickend. „Vier, Ew. Gnaden. Die Dirne hatte Geſchmack an Geſell⸗ ſchaft, und ſie kannte keinen größern Schmerz, als ein leeres Haus: Aber was that das? Mehr als Einer von uns konnte doch nicht zu gleicher Zeit im Hafen ſein; da hätte man keinen ſolchen Lärm um die Affaire machen ſollen, als man gemacht hat. Aber es war nichts als Neid, Sir; Neid und die Habſucht der Landhaifiſche.— Wenn ein jedes Weib in der Gemeinde ſich ſo vieler Männer zu rühmen gehabt hätte, wie die Käte, den Teufel auch würden ſie den Richtern und Geſchworenen die koſtbare Zeit damit verdorben haben, daß ſie ſich drum kümmern mußten, auf welche Weiſe ſo eine Dirne ihre ruhige Haushaltung führte.“ „Und ſeit jener unglücklichen Zurückweiſung haſt du dich dem Heirathen ganz aus dem Wege gehalten?“ „Ja, jaz ſeitdem, Ew. Gnaden,“ erwiederte Fid, und ſah ſeinen Obern wieder mit einem jener drolligen Blicke an, in denen eine ganz eigene Schlauheit mit der ſchlichteren, geradezu gehenden Ehrlichkeit um die Herrſchaft kämpfte;„ſeitdem, wie Sie ganz richtig bemerken, Sir; die Leute hatten freilich ihr Gerede von einer Kleinigkeit, die zwiſchen mir und einer andern Weibsperſon im Handel war, wie ſie aber die Sache näher unterſuchten, na, da fanden ſie, daß es nicht viel anders war, als mit der armen Käte; die Schiffsartikel wollten nicht ſtimmen, und ſie konnten halters, * ein: Lärm s war he.— ner zu en ſie dorben eiſe ſo h dem nd ſah denen henden e ganz de von perſon na, da Käte; alters, 425. ſehen Sie, nichts aus mir machen; da hat man mich denn durch und durch reingeſprochen und, weißgetüncht wie das Zimmer einer Königin, laufen laſſen.“ „Und das hat ſich Alles nach deiner Bekanntſchaft mit Herrn Wilder zugetragen?“ »Vorher, halten zu Gnaden, vorher. War ja zu der Zeit noch weiter nichts als ſo ein Auflaufer, ſintemalen es vierund⸗ zwanzig Jahre her iſt, wenn der Mai wieder kommt, ſeit der junge Herr Harry mich an ſein Schlepptau genommen hat. Da ich nun aber ſeit jenen Tagen eine Art von eigener Familie beſitze, ei, wozu ſoll ich da einem andern in die Hängematte kommen?“ „Wie, wolltet Ihr wirklich ſagen, es ſei ſchon vierundzwanzig Jahre, ſeit Ihr Herrn Wilders Bekanntſchaft machtet?« unter⸗ brach Miſtreß Wyllys. »Bekanntſchaft! Du lieber Gott, gnädige Frau, der wußte zu jener Zeit wenig von Bekanntſchaften; obgleich der liebe, gute Junge ſeitdem oft genug Gelegenheit gehabt hat, ſich dran zu erinnern.“ „Das Zuſammentreffen zweier Männer von ſo ſeltenem Ver⸗ dienſte muß gar nicht unintereſſant geweſen ſein,“bemerkte der Rover. „Was das anbelangen thut, ſo war's hinlänglich intereſſant, Ew. Gnaden; aber das Verdienſt dabei, ſehen Sie, der junge Herr, der Harry, der will das immer mit in die Rechnung ſetzen, aber bei mir iſt's ausgemacht,'s iſt ganz und gar kein Verdienſt dabei.“ „Ich geſtehe, in einem Falle, wo zwei Männer, die beide ein ſo gutes Urtheil haben, verſchiedener Meinung ſind, fühle ich mich in Verlegenheit, wem ich recht geben ſoll. Freilich, wenn ich wüßte, wie Alles hergegangen iſt, ſo wäre ich vielleicht im Stande, ein richtiges Urtheil zu fällen.“ „Ew. Gnaden vergeſſen den Guinea, der ganz meiner Meinung in der Sache iſt; der kann ebenfalls nicht ſehen, wo das Verdienſt im Dinge eigentlich ſtecken ſoll. Aber, wie Sie ſagten, der ein⸗ zige wahre Weg, zu wiſſen, wie geſchwind ein Schiff geht, iſt, * 428 dreimal bleſſirt und erfocht ſo viel Ehre, als ich nur immer be⸗ quem unter die Luken packen konnte. Gut, damals traf ich mit dem Guinea zuſammen,— das iſt der Schwarze, gnädige Frau, den ſie dort einen neuen Geitaublock eindrehen ſehen für das Steuerbord⸗Schotthorn des Fockſegels.“ „Schon gut; da kamſt du alſo mit dem Afrikaner zuſammen,“ ſagte der Rover.“ „Da war's, wo wir uns kennen lernten; und obgleich ſeine Farbe nicht weißer iſt, als der Rücken eines Wallfiſches, meinet⸗ wegen mag's hören, wer will, nächſt dem jungen Herrn Harry, lebt keine ehrlichere Haut auf der See, und Keiner, an deſſen Geſell⸗ ſchaft ich mehr Vergnügen fände. Allerdings, Ew. Gnaden, der Kerl iſt etwas rechthaberiſch, hat eine große Meinung von ſeiner Stärke, und glaubt, ſeines Gleichen ſei in keiner Nocke auf ner Windſeite oder in'nem Bramſegeltuch zu finden, aber dafür iſt's auch ein bloßer Schwarzer, und man muß nicht zu genau ſein mit den Fehlern von Menſchen, die nun einmal nichts dafür kön⸗ nen, daß ſie unſere eigentliche Nebengeſchöpfe nicht ſind.“ „Nein, nein; das würde äußerſt lieblos ſein.“ „Juſt die Worte, die der Schiffskaplan am Bord der Fregatte „Braunſchweig' loszulaſſen pflegte.'s iſt doch was ganz Anderes, wenn man'was in der Schule gelernt hat, Ew. Gnaden; denn wenn's auch zu weiter Nichts taugt, ſo macht es Einen doch geſchickt, ein Bootsmann zu werden, und da iſt man im beſten Fahrwaſſer, um ohne alles Laviren dem kürzeſten Weg nach dem Himmel zu⸗ zuſteuern. Aber wie geſagt, da wurde Guinea mein Schiffsgenoſſe und Freund, verſteht ſich, ſo weit ſich's mit der Vernunft vertrug, für die nächſten fünf Jahre, und dann kam die Zeit, wo uns der Unfall des Schiffbruchs in Weſtindien begegnete.“ „Was für ein Schiffbruch?“ fragte hier ſein Oberer. „Verzeihen Ew. Gnaden; ich ſchwenke niemals meine Vorder⸗ ragen, als bis ich gewiß weiß⸗ daß das Schiff nicht wieder in den be⸗ mit rau, das gen,“ ſeine inet⸗ lebt eſell⸗ , der feiner ner iſt's mſein kön⸗ egatte deres, denn ſchickt, vaſſer, el zu⸗ genoſſe rtrug, ns der border⸗ in den 429 Wind hinein luvt; ehe ich mich alſo auf das Nähere des Schiff⸗ bruchs einlaſſe, muß ich abermals meine Gedanken überſehen, ob auch nichts vergeſſen iſt, was von Rechtswegen vorher erwähnt werden müßte.“ Als der Rover an den ungeduldigen Seitenblicken ſeiner Geſell⸗ ſchafterin und am ganzen Ausdruck ihres Geſichtes ſah, wie ſehr ſie ſich ſehnte nach dem Verfolg der Erzählung, die mit ſo lang⸗ ſamen Schritten vorwärts rückte, und wie unangenehm ihr eine Unterbrechung ſein würde, ſo gab er ihr einen bedeutſamen Wink, daß ſie den ſchlichten Theer ſeinen eigenen Weg gehen laſſen möchte, als das beſte Mittel, endlich in den Beſitz der Thatſachen zu kom⸗ men, die zu wiſſen ſie Beide ſo ſehnlich wünſchten. Fid, als man ihn nun nicht mehr unterbrach, wiederholte noch einmal alles Er⸗ zählte auf die ihm eigene, drollige Weiſe, und wie er nun zum Glücke fand, daß er nichts ausgelaſſen hätte, was nach ſeinem Ermeſſen mit der gegenwärtigen Geſchichte in Verbindung ſtand, ſo ging er endlich zu dem weſentlicheren, und dem, ſeinen Zuhörern we⸗ nigſtens, bei weitem intereſſanteſten Theil ſeiner Erzählung über. „Gut,“ fuhr er fort,„Guinea war damals, wie ich Ew. Gnaden ſchon ſagte, am Bord der„Proſerpinat, ein ſchnellſegelnder Zwei⸗ unddreißiger, an der Marsraa angeſtellt, und ich gleichfalls; da ſtießen wir zwiſchen den Inſeln und der ſpaniſchen See auf einen winzigen Schmuggler, aus dem der Kapitän ohne Weiteres Priſe machte, und uns befahl, ihn in den Hafen zu ſchleppen, wozu er, wie ich nicht anders glauben kann, ſeine Ordre hatte, denn er war ein geſcheidter Mann. Aber dem mag nun geweſen ſein, wie ihm wolle, das Fahrzeug hatte ſeine längſte Fahrt gemacht, und ſtran⸗ dete, als wir ungefähr ein paar Tagefahrten leewärts von unſerem Hafen gekommen ſein mochten, in einem ſchweren Orkan, der uns eingeholt hatte. Gut,'s war nur ein kleines Ding; und da es den Einfall bekam, ſich erſt auf die Seite zu legen, ehe es vollends ſchlafen ging, ſo glitten der Gehilfe, welcher des Schiffpatrons 430 Stelle verſah, und noch drei Andere vom Verdeck hinab in den Meeresboden, wie ich immer Grund zu glauben hatte, da ich niemals das Gegentheil behaupten hörte. Hier war's, wo Guinea mir den erſten guten Dienſt leiſtete; denn, ob wir gleich früher ſchon oft Hunger und Durſt mit einander gelitten hatten, ſo war doch dieß das erſte Mal, wo er über Bord ſprang, um zu ver⸗ hüten, daß ich Salzwaſſer ſchluckte, wie ein Fiſch.“ „Das heißt, wenn er nicht geweſen wäre, wärſt du mit den Uebrigen ertrunken.“. „Das will ich nun gerade nicht ſagen, Ew. Gnaden; denn man kann nicht wiſſen, welcher glückliche Zufall mir denſelben guten Dienſt hätte leiſten können. Nichtsdeſtoweniger, ſintemalen ich nicht beſſer und nicht ſchlechter als eine Stangenkugel ſchwimmen kann, ſo bin ich immer geneigt geweſen, dem Schwarzen meine Rettung zuzuſchreiben, obgleich wir niemals viel über die Sache geſprochen haben, und zwar aus keinem andern Grunde, ſo viel ich abſehen kann, als weil eben der Abrechnungstag bis jetzt noch nicht herangekommen iſt. Gut, wir machten, daß wir das Boot vom Schmugglerſchiff flott kriegten, und genug hinein, um die Seele im Leibe zu halten, dann ſteuerten wir, ſo ſchnell wir konn⸗ ten, landwärts, da es doch nun einmal mit dem Schmugglerſchiffe aus und an keine weitere Fahrt darin zu denken war. Eine aus⸗ führliche Beſchreibung von dem, was zum Dienſt in einem Boote gehört, brauche ich der Dame hier wohl nicht zu geben, da es noch nicht lange her iſt, daß ſie ſelbſt einige Erfahrung hierin machte; aber ſo viel kann ich ihr ſagen: ohne jenes Boot, in welchem der Schwarze und ich an zehn Tage zubrachten, würde es ihr in ihrer neulichen Fahrt nicht ſonderlich ergangen ſein.“ „Erkläre dich deutlicher.“ „Mein Sinn iſt deutlich genug, Ew. Gnaden; nämlich, daß wenig Anderes, als die nette Manier, mit welcher der junge Herr, der Harry, ein Boot regiert, die Barkaſſe des Briſtoler den a ich rinea rüher war ver⸗ t den denn guten n ich mmen meine Sache iel ich t noch Boot m die konn⸗ rſchiffe e aus⸗ Boote da es hierin ot, in würde ein.“ ), daß junge riſtoler 431 Kauffahrers an dem Tage, wo wir Sie trafen, über Waſſer hätte halten können.“ „Aber was hat Euer Schiffbruch für Zuſammenhang mit der Er⸗ haltung des Herrn Wilder?“ fragte die Gouvernante, unfähig, die breite Erklärung des weitſchweifigen Seemanns länger abzuwarten. „Einen ſehr deutlichen und natürlichen Zuſammenhang, meine gnädige Frau, wie Sie ſelbſt ſagen werden, wenn Sie erſt den tragiſchen Theil meiner Erzählung werden gehört haben. Gut alſo, ich und Guinea, wir ruderten im Meere herum, hatten Mangel an Allem, nur nicht an Arbeit, aber immer ſteuerten wir doch, quer durch, nach den Inſeln zu; denn, ſehen Sie, wenn wir uns auch nicht ſonderlich auf den Kompaß verſtanden, ſo konnten wir doch das Land riechen, und da holten wir denn wacker aus, wenn Sie bedenken, daß die Wette in dieſem Rennen nichts Geringeres galt, als das Leben, bis wir bei Morgenanbruch, als wär's ungefähr hier Oſt zu Süden, ein kahlgeſchorenes Schiff gewahr wurden, wenn anders ein Schiff kahl zu nennen iſt, das nichts Beſſeres mehr auf⸗ recht ſtehen hat, als die Stümpfe ſeiner drei Maſten, und dieſe noch dazu ohne ein Stück Tau oder einen Fetzen Segel, woran man hätte ſehen können, was für Takelage es führte, oder welcher Nation es angehörte. Aber nichtsdeſtoweniger ließ ich's mir von dem Guinea nicht nehmen, daß es ein wohlbetakeltes Schiff müſſe geweſen ſein, wegen der drei Stümpfe, und wie wir nahe genug herangekommen waren, um den Rumpf ſehen können, erklärte ich geradezu, daß es in England gezimmert ſei.“ „Ihr entertet es,“ bemerkte der Rover. „Das war keine ſchwere Arbeit, gnädiger Herr, ſintemalen ein halbverhungerter Hund die ganze Bemannung war, die es auf⸗ ſtellen konnte, um uns davon abzuhalten. Es war ein feierlicher Anblick, als wir auf's Verdeck kamen, und ſo oft ich das Logbuch meines Gedächtniſſes aufſchlage,“ fuhr Fid mit einer immer ernſter werdenden Weiſe fort, verſchüttert es meine Männlichkeit.“ 430 Stelle verſah, und noch drei Andere vom Verdeck hinab in den Meeresboden, wie ich immer Grund zu glauben hatte, da ich niemals das Gegentheil behaupten hörte. Hier war's, wo Guinea mir den erſten guten Dienſt leiſtete; denn, ob wir gleich früher ſchon oft Hunger und Durſt mit einander gelitten hatten, ſo war doch dieß das erſte Mal, wo er über Bord ſprang, um zu ver⸗ hüten, daß ich Salzwaſſer ſchluckte, wie ein Fiſch.“ „Das heißt, wenn er nicht geweſen wäre, wärſt du mit den Uebrigen ertrunken.“. „Das will ich nun gerade nicht ſagen, Ew. Gnaden; denn man kann nicht wiſſen, welcher glückliche Zufall mir denſelben guten Dienſt hätte leiſten können. Nichtsdeſtoweniger, ſintemalen ich nicht beſſer und nicht ſchlechter als eine Stangenkugel ſchwimmen kann, ſo bin ich immer geneigt geweſen, dem Schwarzen meine Rettung zuzuſchreiben, obgleich wir niemals viel über die Sache geſprochen haben, und zwar aus keinem andern Grunde, ſo viel ich abſehen kann, als weil eben der Abrechnungstag bis jetzt noch nicht herangekommen iſt. Gut, wir machten, daß wir das Boot vom Schmugglerſchiff flott kriegten, und genug hinein, um die Seele im Leibe zu halten, dann ſteuerten wir, ſo ſchnell wir konn⸗ ten, landwärts, da es doch nun einmal mit dem Schmugglerſchiffe aus und an keine weitere Fahrt darin zu denken war. Eine aus⸗ führliche Beſchreibung von dem, was zum Dienſt in einem Boote gehört, brauche ich der Dame hier wohl nicht zu geben, da es noch nicht lange her iſt, daß ſie ſelbſt einige Erfahrung hierin machte; aber ſo viel kann ich ihr ſagen: ohne jenes Boot, in welchem der Schwarze und ich an zehn Tage zubrachten, würde es ihr in ihrer neulichen Fahrt nicht ſonderlich ergangen ſein.“ „Erkläre dich deutlicher.“ „Mein Sinn iſt deutlich genug, Ew. Gnaden; nämlich, daß wenig Anderes, als die nette Manier, mit welcher der junge Herr, der Harry, ein Boot regiert, die Barkaſſe des Briſtoler man Nati dem gewe heraꝛ ich g ſtellen Anbli meine werde den ich inea üher war ver⸗ den denn zuten n ich nmen neine Sache el ich noch Boot m die konn⸗ ſchiffe aus⸗ Boote da es hierin dt, in würde in.« , daß junge riſtoler 431 Kauffahrers an dem Tage, wo wir Sie trafen, über Waſſer hätte halten können.“ „Aber was hat Euer Schiffbruch für Zuſammenhang mit der Er⸗ haltung des Herrn Wilder?« fragte die Gouvernante, unfähig, die breite Erklärung des weitſchweifigen Seemanns länger abzuwarten. „Einen ſehr deutlichen und natürlichen Zuſammenhang, meine gnädige Frau, wie Sie ſelbſt ſagen werden, wenn Sie erſt den tragiſchen Theil meiner Erzählung werden gehört haben. Gut alſo, ich und Guinea, wir ruderten im Meere herum, hatten Mangel an Allem, nur nicht an Arbeit, aber immer ſteuerten wir doch, quer durch, nach den Inſeln zu; denn, ſehen Sie, wenn wir uns auch nicht ſonderlich auf den Kompaß verſtanden, ſo konnten wir doch das Land riechen, und da holten wir denn wacker aus, wenn Sie bedenken, daß die Wette in dieſem Rennen nichts Geringeres galt, als das Leben, bis wir bei Morgenanbruch, als wär's ungefähr hier Oſt zu Süden, ein kahlgeſchorenes Schiff gewahr wurden, wenn anders ein Schiff kahl zu nennen iſt, das nichts Beſſeres mehr auf⸗ recht ſtehen hat, als die Stümpfe ſeiner drei Maſten, und dieſe noch dazu ohne ein Stück Tau oder einen Fetzen Segel, woran man hätte ſehen können, was für Takelage es führte, oder welcher Nation es angehörte. Aber nichtsdeſtoweniger ließ ich's mir von dem Guinea nicht nehmen, daß es ein wohlbetakeltes Schiff müſſe geweſen ſein, wegen der drei Stümpfe, und wie wir nahe genug herangekommen waren, um den Rumpf ſehen können, erklärte ich geradezu, daß es in England gezimmert ſei.« „Ihr entertet es,« bemerkte der Rover. „Das war keine ſchwere Arbeit, gnädiger Herr, ſintemalen ein halbverhungerter Hund die ganze Bemannung war, die es auf⸗ ſtellen konnte, um uns davon abzuhalten. Es war ein feierlicher Anblick, als wir auf's Verdeck kamen, und ſo oft ich das Logbuch meines Gedächtniſſes aufſchlage,“ fuhr Fid mit einer immer ernſter werdenden Weiſe fort,„erſchüttert es meine Männlichkeit.“ 43² „Ihr fandet die Mannſchaft in bitterem Mangel.“ „Wir fanden ein edles Schiff, ſo hilflos wie eine Hellbütte in einem Zuber. Da lag es, ein Zimmerwerk von vierhundert Tonnen Laſt, oder drüber, von Waſſer angefüllt, und unbeweglich wie'ne Kirche. Es macht mich immer niedergeſchlagen, Sir, wenn ich ein ſtattliches Schiff ſehe, mit dem es einmal ſo weit gekom⸗ men iſt; denn, ſehen Sie, man kann es vergleichen mit einem Mann, dem die Floßfedern abgeſchoren ſind, und der nachgerade für weiter nichts mehr taugt, als auf einen Krahnbalken geſetzt zu werden, um aufzupaſſen, wo'ne Bö herkommt.“ „Das Schiff war alſo verlaſſen?“ „So war's; die Leute hatten ſich entweder davon gemacht, oder wurden in dem Sturme, der das Schiff umgelegt hatte, von den Wellen fortgeſpült; hab's niemals zur Gewißheit hierin bringen können. Der Hund mußte ſich wohl auf dem Verdeck unnütz ge⸗ macht haben, weßwegen man ihn wahrſcheinlich auf ein Inholz trieb, und das hat ihn gerettet, da er zum Glücke auf der Wind⸗ ſeite war, als der Rumpf ſich wieder etwas in die Höhe hob, nach⸗ dem die Maſten ſchon abgebrochen waren. Gut, Sir, da war alſo der Hund; Sonſtiges bekamen wir nicht viel zu ſehen, obgleich wir einen halben Tag im Schiffe umher ſtöberten, in der Hoffnung, irgend eine Kleinigkeit zu finden, die uns von Nutzen ſein könnte; aber da der Raum und die Kajüte mit Waſſer angefüllt waren, i nun, ſo mußte freilich unſer Bergelohn ſpärlich genug ausfallen.“ „Und dann verließet ihr das Wrack.“ „Noch nicht, gnädiger Herr. Wie wir ſo unter den Enden von Stricken und ſonſtigem Plunder, der das Deck belemmerte, herum⸗ ſuchten, ſagt Guinea, ſagt er: ‚Herr Dick*), ich höre, wie Jemand ihr miſerables Geſchrei drunten erhebene. Nun, Sir, ſollen Sie wiſſen, daß ich das Kreiſchen wohl auch gehört hatte; aber ich nahm es für ausgemacht an, es ſeien die Geiſter der Mannſchaft, — *) Vertrauliche Abkürzung für Richard. itte dert lich enn om⸗ nem rade ſetzt icht, von ngen ge⸗ mholz Sind⸗ nach⸗ alſo wir nung, nnte; ken, i lleu.“ n von erum⸗ mand Sie er ich ſchaft, 433 die über ihren Verluſt heulten, und ſchwieg aber ſtill davon, um den Aberglauben des Schwarzen nicht aufzuregen; denn, ſehen Sie, gnädige Frau, die Beſten von ihnen bleiben am Ende doch nur abergläubiſche, unwiſſende Neger; drum ſagte ich nichts von dem, was ich hörte, bis er ſelbſt davon anzufangen für gut dachte. Hierauf legten wir uns Beide mit allem Fleiß auf's Lauſchen; und wahrhaftig, das Geſtöhn wurde immer mehr menſchengleich. Es dauerte jedoch eine geraume Zeit, ehe ich darüber mit mir einig werden konnte, ob es weiter etwas wäre, als das Klagen des Schiffswracks ſelber; denn Sie wiſſen, gnädige Frau, daß ein Schiff, ehe es untergeht, ſein Wehklagen erhebt, ſo gut wie jedes andere lebendige Geſchöpf.“ „Ich weiß es, ich weiß es,“ erwiederte ſchaudernd die Gouver⸗ nante.„Ich habe ſie gehört, und die Töne werden nie aus mei⸗ nem Gedächtniß ſchwinden.“ „Ja wohl, ich konnte mir denken, daß Sie von den Tönen auch eine Geſchichte zu erzählen hätten; ſie haben was Feierliches an ſich, dieſe Töne; doch, da der Schiffsrumpf noch immer auf der Meeres⸗ oberfläche zu ſchlingern fortfuhr, und keine weitere Zeichen gab, daß er ſinken wolle, ſo dachte ich, es könnte nichts ſchaden, im Hinter⸗ theil ein Loch einzuhauen, um uns von da aus zu verſichern, daß kein Unglücklicher etwa in ſeiner Matte hangen geblieben, als das Schhiff ſich auf die Seite legte. Ei nun, guter Wille und eine Axt halfen uns bald hinter das Geheimniß, von wem das Gejammer herkam.“ „Ihr fandet ein Kind?“ »Mit ſeiner Mutter, gnädige Frau. Der glückliche Zufall fügte es, daß ſie ſich in einer Kajüte auf der Windſeite befanden, und das Waſſer war noch nicht bis zu ihnen gedrungen. Verſchloſſene Luft und Hunger hatten jedoch faſt denſelben ſchlechten Dienſt ge⸗ than, wie das Salzwaſſer. Die Frau war in den letzten Zügen, als wir ſie herausbrachten, und was den Knaben anbetreffen thut, ſtattlich und kräftig, wie Sie ihn dort auf der Kanone ſehen, Der rothe Seeräuber. 28 434 gnädige Frau, ſo war er Ihnen ſo miſerabel, daß es nicht wenig Mühe koſtete, bis er einen Tropfen Wein und Waſſer ſchlucken lernte, was der liebe Gott uns übrig gelaſſen hatte, damit, wie ich ſeitdem ſteif und feſt glaube, der Junge einmal der Stolz des Oceans werden möchte, was er denn in dieſem Augenblick auch wirklich iſt.“ „Aber die Mutter?“ „Die Mutter! Die hatte den einzigen Biſſen Zwieback, den ſie noch hatte, dem Kinde gegeben, und ſtarb, damit der Kieck⸗in⸗ die⸗Welt am Leben bliebe. Ich habe niemals ganz klug daraus werden können, gnädige Frau, wie ein Weib, das doch, wenn's auf Stärke ankommt, nicht viel beſſer iſt, wie ein Lascar, und wenn es Muth gilt, nicht beſſer, wie ein verhätſcheltes Mutterſöhnchen, bei dergleichen Gelegenheiten im Stande ſein kann, ſo ruhig das Leben fahren zu laſſen, wo doch mancher rüſtige Seemann um jeden Mundvoll Luft, welchen der liebe Gott aus Gnaden ſchenkt, bis auf's Blut fechten würde. Aber da ſaß ſie, weiß wie das Segeltuch, das der Sturm zerzauſ'te und alle Glieder hangen laſſend, wie eine Flagge in einer Windſtille, den abgemagerten, ſchwachen Arm um das Kind ge⸗ ſchlungen, und in der Hand den einzigen Biſſen, der ihr die Seele noch eine Weile im Leibe hätte halten können.“ „Womit war ſie beſchäftigt, als Ihr ſie heraus an das Tages⸗ licht gebracht?“ „Womit ſie beſchäftigt war!“ wiederholte Fid, deſſen Stimme hier rauh und heiſer wurde,„ei nun, es war ein verzweifelt ehr⸗ liches Stück Beſchäftigung; ſie gab dem Knaben die Krume, und winkte, ſo gut wie es eine Frau in den letzten Zügen vermochte, daß wir ein Auge auf ihn haben möchten... bis die Fahrt des Lebens vorüber war.“ „Und das war Alles?“ „Ich habe immer geglaubt, daß ſie noch betete; denn etwas muß zwiſchen ihr und Einem, der nicht zu ſehen war, vorgegangen ſein, nach der Manier zu urtheilen, wie ihre Augen aufwärts enig icken e ich eans iſt.“ den k⸗in⸗ erden tärke Muth eichen en zu Luft, echten bturm einer ud ge⸗ Seele Tages⸗ timme lt ehr⸗ e, und nochte, aröt des etwas gangen fwärts 43⁵ gerichtet waren, und wie ihre Lippen ſich bewegten. Ich hoffe, ſie hat unter andern auch für einen gewiſſen Richard Fid ein gutes Wort eingelegt; denn das iſt gewiß, wenn irgend Einer nicht nöthig hat, für ſich ſelbſt zu bitten, ſo war ſie's. Aber was ſie ſprach, wird wohl Niemand erfahren, ſintemalen ihr Mund von der Zeit an ſich auf immer geſchloſſen.“ „Sie ſtarb!“ „Es thut mir leid, daß ich's ſagen muß, ja.— Aber die arme Frau konnte nichts mehr zu ſich nehmen, als ſie in unſere Hände kam, und überdieß hätten wir ihr auch nur wenig geben können. Ein Quart Waſſer, mit ungefähr einer Viertelpinte Wein, ein Zwieback und eine Handvoll Reis, war keine übergroße Portion für zwei geſunde Kerle, die ein Boot etliche und ſiebenzig Seeſtunden innerhalb der Wendepunkte fortrudern ſollten. Als wir nun ſahen, daß nichts weiter auf dem Wrack zu ſuchen war, und daß es, nun die Luft durch das Loch, welches wir eingehauen hatten, herausge⸗ laſſen war, raſch zu ſinken anfing, hielten wir's für gerathen, uns davon zu machen; und, meiner Treu! es war nicht im Geringſten zu früh, denn es ging unter, juſt als wir unſer Boot ſo weit ge⸗ rudert hatten, daß der Strudel es nicht mehr anziehen konnte.“ „Und der Knabe, das arme, verlaſſene Kind!« rief die Gouver⸗ nante, deren thränenvollen Augen jetzt zwei große Tropfen entquollen. „Da ſteuern Sie auf ganz unrichtigem Pfade, gnädige Frau. Weit entfernt davon, ihn zu verlaſſen, nahmen wir ihn mit, wie auch das einzige, andere lebendige Geſchöpf, das auf dem Wrack zu finden war. Allein, wir hatten noch eine lange Reiſe vor uns, und, was Uebel ärger machte, das Kielwaſſer der Kauffahrer verloren. Ich erklärte alſo, unſer Fall mache einen allgemeinen Schiffsrath nothwendig; der beſtand nun freilich nur aus mir und dem Schwarzen, ſintemalen der Junge zum Sprechen zu ſchwach war, und auch in unſerer Lage nicht viel Anderes hätte vorbringen können. So fing ich denn ſelber an: Guinea, ſagte ich, wir müſſen entweder den Hund 28* 436 hier, oder den Knaben hier, eſſen. Eſſen wir den Knaben, ſo ſind wir nicht beſſer, als das Volk bei dir zu Hauſe, welches, wie Sie wiſſen, gnädige Frau, lauter Kannibalen ſind; eſſen wir den Hund, mager wie er iſt, ſo kriegen wir vielleicht ſo viel heraus, daß wir Seele und Leib zuſammen halten, und dem Kinde das Uebrige geben können. So ſagte der Guinea, ſagt' er: Ich gar nichts zu eſſen brauche, dem Knaben die Speiſe lieber geben, ſagt' er, denn er klein iſt und fehlt ihm an Kräften.— Indeſſen, dem jungen Herrn, dem Harry, wollte der Hund nicht ſonderlich behagen, der bald zwiſchen uns alle wurde, denn warum, er war gar zu dünn. Wie das vorbei war, gab's für uns Beide eine hungrige Zeit; denn wenn wir das Leben in dem Jungen nicht feſtgehalten hätten, ſo wäre es uns durch die Finger geſchlüpft, ſehen Sie.“ „Und ihr nährtet alſo das Kind, indem ihr ſelbſt faſtetet?“ „Nein, ganz müſſig waren wir gerade nicht, gnädige Frau; unſere Zähne übten ſich wacker an der Haut des Hundes, obgleich ich nicht behaupten will, daß die Koſt zu ſchmackhaft geweſen wäre. Für's Zweite, da uns das Eſſen nicht viel Zeit wegnahm, ſo hielten wir uns um ſo lebhafter an's Rudern. Gut, nach einiger Zeit er⸗ reichten wir eine der Inſeln, aber freilich konnte weder der Neger, noch ich uns auf Stärke oder Gewicht viel zu Gute thun, als wir die erſte Küche, auf die wir ſtießen, zu Geſicht bekamen.“ „Und das Kind 2« „O, der Junge befand ſich ziemlich wohl; denn, wie uns nach⸗ her die Doktors ſagten, die kleine Portion, die auf ſein Theil fiel, hatte ihm nicht geſchadet.“ 1 „Suchtet ihr ſeine natürlichen Freunde nicht auf? „Ei nun, was das anbetrifft, gnädige Frau, ſo weit ich wenigſtens entdecken konnte, ſo war er eigentlich ſchon bei ſeinen beſten Freunden. Wir hatten weder Seekarten, noch eine Liſte der Landungsplätze bei uns, nach welchen wir hätten ſteuern können, um ſeine Familie aus⸗ findig zu machen. Er nannte ſich Maſter Harry, ein Beweis, daß — —— — ʒ—— 437 er von vornehmer Geburt ſein mußte, wie man ihn denn auch nur anzuſehen braucht, um davon überzeugt zu ſein; ſonſt aber konnte ich über ſeine Verwandten, Vaterland und dergleichen kein Wort mehr erfahren; da er indeſſen Engliſch ſprach und in einem eng⸗ liſchen Schiffe gefunden wurde, ſo ſteht, aller natürlichen Urſache nach, zu vermuthen, daß er in England gezimmert iſt.“ „Habt Ihr den Namen des Schiffes nicht erfahren können 2« fragte der aufmerkſame Rover, in deſſen Geſicht der Zug der leben⸗ digſten Theilnahme auf das Deutlichſte zu unterſcheiden war. „Schauen Ew. Gnaden, was das anbelangen thut, ſo waren Schulen in meiner Gegend nicht ſehr häufig; und in Afrika iſt, wie Sie wiſſen, auch nicht viel Erhebliches von Gelehrſamkeit anzutreffen, ſo daß, wenn der Name des Schiffes auch noch über Waſſer ge⸗ weſen wäre, was er aber nicht war, wir mit dem Leſen deſſelben doch nicht hätten zurecht kommen können. Dafür aber war ein Schlageimer, der wahrſcheinlich auf dem Verdeck herumfuhr, glück⸗ licherweiſe in den Pumplöchern feſtſitzen geblieben, und ging alſo nicht über Bord, als bis wir ihn mitnahmen. Gut, auf dieſer Putſe war ein Namen gemalt; und wie wir Zeit dazu hatten, ließ ich den Guinea, der ein natürliches Talent zum Tätowiren beſitzt, den Namen mit Schießpulver mir in den Arm einreiben, als den kürzeſten Weg, dergleichen Kleinigkeiten in's Logbuch einzutragen. Ew. Gnaden ſollen ſehen, wie der Schwarze mit dem Abſchreiben fertig geworden iſt.“ Hierbei zog Fid ganz ruhig ſeine Schiffsjacke aus, und ent⸗ blößte bis zum Ellbogen hinauf einen ſeiner ſtämmigen Arme, auf welchem die bläuliche Inſchrift noch ſehr deutlich ſtand. Obgleich die Buchſtaben nur ſehr roh auf dem Fleiſche nachgeahmt waren, ſo war es doch nicht ſchwer, die Worte zu leſen:„Arche von Lynnhaven.“ „Hier hattet ihr alſo gleich einen Schlüſſel zur Auffindung der Verwandten des Knaben,“ bemerkte der Rover, nachdem er die Schrift entziffert hatte. 438 „Es ſcheint doch nicht, Ew. Gnaden; denn wir nahmen das Kind mit uns an Bord der Proſerpina, und unſer würdiger Kapitän ſpannte alle Segel nach den Leuten aus; allein Niemand konnte uns irgend eine Nachricht geben von ſo einem Fahrzeuge, wie die Arche von Lynnhaven, und nach einem Zwölfmond oder drüber mußten wir die Jagd aufgeben.“ „Konnte das Kind ſelbſt nichts über ſeine Verwandten berich⸗ ten?“ fragte die Erzieherin. „Nur Weniges, gnädige Frau; aus dem einfachen Grunde, weil es nur wenig über ſich ſelbſt wußte. Daher gaben wir denn die Sache endlich ganz auf, und machten uns ſelbſt, das heißt, ich, der Guinea, der Kapitän ſammt allen Uebrigen, daran, dem Knaben Erziehung zu geben. Sein Seemannshandwerk hat er vom Schwarzen und mir gelernt, vielleicht auch etwas von ſeinen guten Sitten. Seine Schifffahrerkunſt und Lateiniſch aber, das hat er vom Kapitän, welcher ſein Freund geworden iſt, bis zu der Zeit, wo er für ſich ſelber ſorgen konnte, und, kann wohl ſein, auch noch einige Jahre nachher.“ „Und wie lange blieb Herr Wilder in einem königlichen Schiff?“ fragte der Rover nachläſſig und ſcheinbar auf eine gleichgültige Weiſe. „Lange genug, um Alles zu lernen, was dort gelehrt wird, Ew. Gnaden,“ war die ausweichende Erwiederung. „Er hat es wohl bis zum Offizier gebracht?“ „Wenn das nicht iſt, ſo verliert der König am meiſten bei dem Handel.— Doch was ſeh' ich da von der Seite, zwiſchen der Pardune und dem Geerdentau; es ſieht aus wie ein Segel; oder iſt's nur eine Möve, die die Flügel ſchwingt, ehe ſie aufſteigt?“ „Segel, ho!“ rief der Matroſe im Maſtkorbe. „Segel, ho! ging's wie ein Echo vom Top bis zum Deck herunter, indem der ſchimmernde, obgleich entfernte Gegenſtand von einem Dutzend ſpähender Augen in einem und demſelben Moment erblickt wurde. Einem ſo oft wiederholten Rufe konnte der Rover ſeine Aufmerkſamkeit nicht vorenthalten; und Fid benutzte den —-— L 439 Umſtand, um von der Hütte zu ſpringen, was er mit einer Haſt that, welche bewies, daß die Unterbrechung ihm gar nicht unan⸗ genehm war. Hier erhob ſich auch die Gouvernante, und ſuchte, gedankenvoll und traurig, die Einſamkeit ihrer Kajüte. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. „Sie ſchicken heute ſich zur Seeſchlacht an.“ Antonius und Kleopatra. Act IV. Sc. 10. „Segel ho!« war in der wenig beſuchten See, wo der Corſar lag, ein Ruf, der im Buſen ſeiner Mannſchaft jeden langſamern Herzensſchlag belebte. Viele Wochen waren nun, nach ihrer Be⸗ rechnungsweiſe, mit den ſchwärmeriſchen und profitloſen Plänen ihres Obern vollkommen nutzlos zugebracht worden. Sie waren keineswegs in einer Laune, um die unabänderlichen Beſtimmungen des Geſchickes, welche das Briſtoler Kauffahrteiſchiff ihrem Netze entführte, mit in Anſchlag zu bringen; für dieſe rohen Naturen war es genug, daß der reiche Fang ihnen einmal entgangen war. Ohne ſich erſt auf Unterſuchung der Urſache dieſes Verluſtes ein⸗ zulaſſen, fühlten ſie ſich, wie unſere Leſer geſehen haben, nur zu geneigt, den unſchuldigen Offizier, dem ein Fahrzeug anvertraut war, welches ſie ſchon als ihre Priſe betrachteten, ihre getäuſchten Erwartungen ſchwer entgelten zu laſſen. Jetzt alſo zeigte ſich end⸗ lich eine Gelegenheit, den Verluſt zu vergüten. Das fremde Segel war im Begriff, in einer Gegend der See mit ihnen handgemein zu werden, wo Hilfe eine, ſo gut wie vergebliche, Hoffnung war, und wo die Freibeuter Zeit genug hatten, jeden errungenen Sieg bis zum Aeußerſten zu benutzen. Jeder von den Schiffsgenoſſen ſchien eine Idee von dieſen Vortheilen zu haben; und wie die Worte vom Maſte bis zu den Ragen, von den Ragen bis auf's Verdeck hinabtönten, wurden ſie von mehr als fünfzig Stimmen 440 wiederholt, bis ſie wie ein heiteres, vieltöniges Echo in den ab⸗ gelegenſten, innerſten Theilen des Schiffes wiederhallten. „Der Rover ſelbſt bezeugte mehr als gewöhnliches Vergnügen, bei dieſer Ausſicht auf eine Priſe. Ihm entging keineswegs, daß irgend eine glänzende, oder gewinnbringende That auszuführen un⸗ umgänglich nothwendig ſei, um die erregten Gemüther ſeiner Leute zu beſchwichtigen; und lange Erfahrung hatte ihn gelehrt, daß er die Zügel der Mannszucht niemals ſtrare anneiſert, als in ſolchen Augenblicken, die offenbar die A. u ſeiſkes per⸗ ſönlichen hohen Muthes und die Anwendung ſeiner vollendeten Kenntniſſe erforderten. Er ſchritt daher zu den Leuten in den Vorder⸗ raum, mit einem nicht mehr von Zurückhaltung umwölkken Ge⸗ ſicht, ſprach mit mehreren, indem er ſie beim Namen antede, ja, verſchmähte es nicht, ſie um ihre Meinungen über das Segel der Ferne zu befragen. Auf dieſe Weiſe wußte er ihnen ſtill⸗ nd die Verſicherung beizubriugen, daß ihr neuliches meuteriſches Be⸗ tragen nicht gerügt werden ſollte; und nun ließ er Wildern, den General und einen oder zwei von den andern höheren Orczieren zu ſich auf's Verdeck der Hütte entbieten, wo ſie ſich alle anſchickten, mit Hilfe eines halben Dutzends vortrefflicher Ferngläſer genauere und zuverläſſigere Beobachtungen anzuſtellen.“ Eine geraume Weile wurde jetzt in ſtiller, angeſtrengter Un⸗ terſuchung zugebracht. Der Himmel war frei ve Wolken, der Wind friſch, ohne ſtürmiſch zu ſein, die See ging in zangen, gleich⸗ mäßigen, und keineswegs hohen Wellen, kurz, alle Umſtände ver⸗ einigten ſich, ſofern eine ſolche Vereinigung auf dem raſtloſen Ocean nur möglich int, nicht blos, um ihr Spähen zu unterſtützen, ſondern auch die Evolutionen zu begünſtigen, von welchen es mit jedem Augenblicke wahrſcheinlicher wurde, daß ſie unumgänglich nöthig ſein und bald erfolgen würden. „Es iſt ein Schiff l' rief der Rover, der Erſte, der das au wen men b⸗ 441 „Fernrohr vom Auge nahm, und das Ergebniß ſeines langen und genauen Forſchens verkündete. „Es iſt ein Schiff!“ wiederhallte es von dem Munde des Ge⸗ nerals, welcher, trotz der Gewalt, die er gewöhnlich über ſeine Geſichtszüge beſaß, ein lebendiges Aufglänzen der Freude nicht ganz unterdrücken konnte. Fin vollſtändig aufgetakeltes Schiff!“ ſetzte ein Dritter hin⸗ er sbenfalls das Glas vom Auge nahm und das grim⸗ ie eune u ldaten erwiederte. oize Segelbäume führen gewiß keine Kleinigkeit,“ e mar Commandeur das Wort wieder auf.„Sie haben ein une Werth unter ſich.— Doch Sie ſagen ja nichts, Herr ausm Wofür halten Sie es?“ ein Schiff von mehr als gewöhnlicher Größe,“ erwiederte G9n 2 keurer, der, obgleich er bis jetzt geſchwiegen, weit da⸗ von entfernt war, bei ſeiner Unterſuchung geringeres Intereſſe als die Uebrigen zu fühlen.— Trügt mich mein Fernglas,.. oder... „Oder was, Sir?« „Mir iſt es ſchon bis zum Anfang ſeiner großen Unterſegel ſichtbar.“ »Sie ſehen es, wie ich. Es iſt ein ſtattliches Schiff, das ſeine Raaſegeltaue leicht handhabt, und aufgeſetzt hat, was nur immer zie“ all. Und ſeine Richtung iſt gerade auf uns zu. Seine unteren Segel ſind innerhalb dieſer letzten fünf Minuten aufgezogen worden.“ „Das dacht' ich mir auch. Aber....«. „Aber was, Sir? Es kann nur geringem Zweifel unterliegen, daß es Nord⸗bei⸗Oſt einſetzt. Wohlan, da es ſo gütig iſt, uns die Mühe des Jagdmachens zu erſparen, ſo brauchen wir uns um ſo weniger mit unſeren Bewegungen zu beeilen. Mag es herankom⸗ men! Wie gefällt Ihnen das Avanciren des Fremden, General?« .. 442 „Nicht ſehr militäriſch, aber außerordentlich lockend! Man kann ihm die Goldbergwerke ſchon an den Bramſegeln anſehen.“ „Und Sie, meine Herren, ſehen Sie ebenfalls die Manier einer Galione an ſeinen oberen Segeln?“ „Es iſt nichts Unvernünftiges in der Annahme,“ antwortete einer der Subalternen.„Es heißt, die Dons machen oft die Fahrt durch dieſe Gewäſſer, um uns Herren, die wir mit ſelbſt⸗ ausgeſtellten Kaperbriefen ſegeln, nicht ſprechen zu müſſen.“ „Ah! Ein Don iſt euch ein Fürſt der Erde! Aus purer Liebe ſchon muß man ihm die goldene Bürde leichter machen, damit der Segler nicht drunter ſinke, wie die römiſche Matrone unter der Wucht der Sabinerſchilde. Nicht wahr, Herr Wilder, Sie können nichts von dieſer goldenen Schönheit an dem Fremden entdecken?“ „Es iſt ein ſchweres Schiff!“ „Um ſo wahrſcheinlicher führt es eine edle Fracht. Sie ſind neu, Sir, in dieſem unſerm luſtigen Handwerk, ſonſt würden Sie wiſſen, daß Größe eine Eigenſchaft iſt, die wir immer an den uns Beſuchenden vorzüglich ſchätzen. Führen ſie königliche Flaggen, ſo überlaſſen wir ihnen, nach geſchehener Begrüßung, Zeit, über den oft langen Weg ‚zwiſchen Löffel und Mund' ihre Betrachtun⸗ gen anzuſtellen; und ſind ſie mit keinem gefährlicheren Metall angeſtaut, als dem aus den Minen von Potoſt, ſo ſegeln ſie in der Regel um ſo ſchneller, nachdem ſie ein paar Stunden in unſerer Geſellſchaft zugebracht haben.“ „Hängt der Fremde nicht Signale aus?“— fragte Wilder gedankenvoll.. „Sieht er uns ſo bald ſchon?— Es gehört eine aufmerk⸗ ſame Wache dazu, ein Fahrzeug, das nur ſeine Stagſegel los hat, aus ſolcher Ferne zu entdecken. Wer ſo auf ſeiner Hut iſt, der führt ganz gewiß eine koſtbare Ladung.“ Es folgte eine Pauſe, während welcher Alle, dem Beiſpiele Wilders folgend, die Fernröhre von Neuem anſetzten und nach dem kend es ſi Vern 443 Fremden ſchauten. Die Meinungen fielen verſchieden aus: Einige beſtätigten, Andere bezweifelten den Umſtand von ausgehängten Signalen. Der Rover ſelbſt beobachtete ſcharf und anhaltend, äußerte aber keine Meinung. „Wir haben uns die Augen abgemüdet, ſo daß uns die Ge⸗ ſichtsgegenſtände ineinanderſchillern,« ſagte er endlich.„Ich habe es von Nutzen gefunden, friſche Organe zu Hilfe zu rufen, wenn die meinigen mir den Dienſt verſagten. Komm' her, Junge,“ fuhr er fort, indem er einen Mann anredete, der auf der Hütte, unweit des Flecks, wo die Gruppe von Offizieren ſtand, mit einem künſtlichen Stück Matroſenarbeit beſchäftigt war.„Komm' her: Sag' mir, was du an dem Segel hier, vom ſüdweſtlichen Bord aus, entdeckſt?“ Der Mann, der wegen ſeiner Geſchicklichkeit zur Ausführung dieſes Auftrags gewählt wurde, war kein Anderer als Scipio. Er legte ſeine Mütze auf's Verdeck, mit einer Ehrfurcht, die noch tiefer war, als der Seemann in der Regel gegen ſeine Oberen bezeigt, dann hielt er mit der einen Hand das Glas vor's rechte Auge, während er mit der andern das linke, welches er in dem Augenblick nicht brauchte, bedeckte. Aber kaum hatte er mit dem ſchwan⸗ kenden Inſtrumente den fernen Gegenſtand getroffen, ſo ließ er es ſinken, und heftete den Blick mit einer Art von verblüffter Verwunderung auf Wilder. „Haſt du das Segel geſehen?“ fragte der Rover. „Herr, ihn kann ſehen mit dem Aug' nackt.“ „Gut, aber was entdeckſt du daran mit Hilfe des Fernrohrs?« „Er ein Schiff is, Sir.“ „Wahr. Welche Richtung?« „Er die Steuerbordſegel auf hat, Sir.“ „Auch wahr. Hat er aber Signale aufgezogen?“ „Er die drei neue Stück Tücher in die große Bramſegel hat, Sir.“ 2 444 „Um ſo beſſer für ihn, wenn ſeine Segel hübſch ausgebeſſert ſind. Haſt du aber ſeine Flaggen geſehen?“ „Er Flaggen keine zeigen thut, Herr.“ „Das dacht' ich mir auch. Geh' wieder in den Vorderraum, Junge— halt— man kommt oft auf eine Wahrheit, indem man ſie da ſucht, wo man ſie nicht vermuthet. Welche Größe glaubſt du hat das fremde Schiff?“ „Er juſt ſiebenhundert und fünfzig Tonnen, Herr.“ „Was iſt das, die Zunge Ihres Regers, Herr Wilder, iſt genau wie das Winkelmaaß eines Zimmermanns. Der Kerl gibt die Größe eines Schiffes, deſſen Rumpf noch gar nicht zu ſehen iſt, gerade ſo abſprechend und beſtimmt an, wie es nur immer von einem königlichen Zolleinnehmer geſchehen könnte, nachdem er das Schiff amtlich gemeſſen hätte.“ „Sie werden die Unwiſſenheit des Schwarzen berückſichtigen; Menſchen in ſeinem unglücklichen Zuſtande ſind ſelten geſchickt, Fragen zu beantworten.“ „Unwiſſenheit!“ wiederholte der Rover, und ſchoß den unruhi⸗ gen Blick, mit einer ihm eigenthümlichen Schnelligkeit, bald auf den Einen, bald auf den Andern, und dann auf den am Horizont emporſteigenden Gegenſtand:„Geſchickt! Ich weiß nicht: der Menſch ſieht nicht aus als ob er zweifelte.— Und du glaubſt, ſeine Laſtfähigkeit ſei durchaus nicht größer und nicht geringer, als du angegeben haſt?“ 3 Die großen dunklen Augen Scipio's rollten abwechſelnd von ſeinem neuen Obern auf ſeinen frühern Herrn, während ſeine Seelen⸗ vermögen in eine unauflösbare Verwirrung gerathen zu ſein ſchienen. Doch dieſe Ungewißheit dauerte nur einen Augenblick. Kaum las er den finſtern Zorn, der ſich auf Wilders gefurchter Stirn zu⸗ ſammenzog, ſo trat an die Stelle der Zuverſichtlichkeit, womit er ſeine vorige Meinung ausgeſprochen hatte, ein Blick von ſo hartnäckiger Zurückhaltung, daß man alle Hoffnung aufgeben mi zu To⸗ fuh wal um einma deck ſo tre mehr W bezeig an die als da Spitze ſſert aum, man aubſt iſt gibt ſehen rvon r das igen; hickt, ruhi⸗ d auf rizont denſch ſeine ls du von eelen⸗ lenen. m las en zu⸗ vomit on ſo geben mußte, ihn durch gute oder böſe Worte jemals wieder auch nur zu dem Schein eigenen Denkens zu vermögen. „Ich verlange zu wiſſen, ob der Fremde nicht ein Dutzend Tonnen größer oder kleiner ſein könne, als du genannt haſt?“ fuhr der Rover fort, als er fand, daß er auf ſeine erſte Frage wahrſcheinlich nicht ſobald eine Antwort erhalten würde. „Er juſt is, wie Herr wünſcht,“« erwiederte Scipio. „Nun, dann wünſche ich, daß er tauſend Tonnen groß ſei; um ſo reicher wäre die Priſe.“ „Ich ihn halte gerade für Dauſent, Sir.“ »Ein nettes Schiff von drei Hundert, mit Gold angefüllt, wäre zwar auch nicht zu verachten.“ „Er ausſieht ſehr wie ein Dreihunderter.“ „Mir ſcheint es eine Brigg zu ſein.“ „Ich ihn auch für einen Brick halte, Sir.“ „Kann am Ende auch ſein, daß der Fremde ein Schooner iſt, mit vielen hohen und leichten Segeln.“ „Ein Schuner oft ein Bramſegel führt,“ erwiederte der Schwarze, entſchloſſen, ſich durchaus in Alles, was der Andere ſagte, zu fügen. „Wer weiß, ob es überhaupt ein Segel iſt! He, da vorne! Es kann nicht ſchaden, über einen ſo wichtigen Gegenſtand mehr als Eine Meinung anzuhören. Heda, im Vorderraume, Ihr, ſchickt einmal vom Vormars den Matroſen, Namens Fid, auf's Hütten⸗ deck herab. Ihre Begleiter, Herr Wilder, ſind ſo verſtändig und ſo treu, daß es Sie nicht Wunder nehmen muß, wenn mich etwas mehr als gebührlich nach ihrer Belehrung verlangt.“ Wilder drückte die Lippen zuſammen, und der Reſt der Gruppe bezeigte nicht wenig Erſtaunen; Dieſe waren indeß zu lange ſchon an die Capricen ihres Commandeurs gewöhnt, und Jener zu weiſe, als daß ſie in einem Augenblicke, wo ſeine Reizbarkeit die höchſte Spitze erſtiegen zu haben ſchien, Einrede für rathſam erachtet 446 hätten. Indeſſen dauerte es nicht lange, bis der Topgaſt ſeine Erſcheinung machte, worauf der Commandeur das Schweigen brach und alſo fortfuhr: 3 „Du hältſt es alſo für zweifelhaft, Scipio, ob's überhaupt ein Segel iſt?“ „Er g'wiß nichts is als ſo'n Ding, das wegfliegt,“ erwiederte der hartnäckige Schwarze. „Ihr hört, was Euer Freund, der Neger, ſagte, Herr Fid: er glaubt, der Gegenſtand dort leewärts, der ſo ſchnell zu Ge⸗ ſicht ſteigt, ſei gar kein Segel.“ Da der Topgaſt keinen hinlänglichen Grund ſah, ſein Erſtau⸗ nen über dieſe närriſche Meinung zu verbergen, ſo legte er es mit allen den Verſchönerungen an den Tag, welche dem Indivi⸗ duum, von dem wir ſprechen, bei jeder lebhaften Gemüthsbewe⸗ gung ſo natürlich waren. Nachdem er einen kurzen Blick nach der Richtung des fremden Schiffes hin gethan hatte, um ſich zu über⸗ zeugen, daß auch wirklich keine Täuſchung vorhanden ſei, wendete er die Augen mit großem Unwillen auf Scipio, als wollte er die Ehre der Kameradſchaft durch einige Geringſchätzung der Unwiſſen⸗ heit des Kameraden ſelbſt retten. „Und was zum Teufel iſt es denn, du Guinea? eine Kirche?“ „Ich glaube er'ne Kirche is,“ wiederholte der beifällige Schwarze wie ein Echo. „Gott ſteh' dem ſchwarzhäutigen Narren bei! Ew. Gnaden iſt bekannt, daß das Gewiſſen in Afrika ganz verfl—t verwahrlost wird, und werden den Neger nicht zu hart beurtheilen, wegen eines kleinen Schnitzers, den er vielleicht in Bezug auf ſeine Re⸗ ligion machen thut. Aber der Kerl iſt ein ausgemachter Seemann, und ſollte ein Bramſegel von einem Thurmknopfe unterſcheiden können. Sieh', S'ip, zur Ehre deiner Freunde, wenn dich dein eigener Stolz nicht rührt, ſag Seiner....“ „Iſt ſchon gut!“ unterbrach ihn der Rover.„Nehmt Ihr — ſeine brach haupt derte Fid: Ge⸗ rſtau⸗ er es ndivi⸗ bewe⸗ ch der über⸗ endete er die biſſen⸗ rche?“ fällige naden hrlost wegen ie Re⸗ mann, heiden h dein t Ihr — 447 das Fernglas, und gebt Euer eigenes Dafürhalten über das Se⸗ gel vor uns.“ Fid machte einen langen Kratzfuß und tiefen Bückling, zum Dank für das Kompliment; hierauf legte er ſeinen kleinen theer⸗ leinwandenen Hut auf's Hüttendeck, und ſetzte gemächlich, und wie er ſich ſchmeichelte, kennermäßig ſeine Perſon in Poſitur zu der verlangten Operation. Der Topgaſt ſchaute weit anhaltender, wahrſcheinlich alſo auch viel genauer, als der ihm befreundete Schwarze. Statt jedoch gleich mit ſeinem Gutachten herauszu⸗ platzen, ſenkte er, nachdem ſein Auge müde war, das Glas und zugleich auch den Kopf, und ſtand da in der Stellung eines Men⸗ ſchen, dem ſich ein Gegenſtand von großer Wichtigkeit zum Nach⸗ denken plötzlich aufdrängt. Während dieſes Denkprozeſſes paſſirte das Tabakskraut in ſeinem Munde mit ungewöhnlicher Schnellig⸗ keit von Wange zu Wange; die eine Hand ſteckte er quer in die Weſte, gleichſam als wolle er alle ſeine Seelenkräfte bei einer ganz außerordentlichen innern Anſtrengung zum Beiſtand aufrufen. „Ich warte auf Eure Meinung,“ nahm der ihm zuſehende Commandeur ſeine Rede wieder auf, als er glaubte, die Pauſe ſei lange genug geweſen, um ſelbſt das Urtheil eines Richard Fid zur Reife zu bringen. 3 »Wollen Ew. Gnaden mir blos ſagen, was das heut' wohl für ein Tag im Monat iſt, und, wenn's angeht, zugleich auch den Tag der Woche, wenn es Ihnen nicht zu viel Mühe macht.“ Seine beiden Fragen wurden ohne Verzug beantwortet. „»Wir hatten den Wind Oſt⸗zum⸗Süd am erſten Tag der Fahrt, dann ſetzte er Nachts um, und blies ſchußweiſe Nord⸗Weſt, wo er ſich hielt, mag ſein eine Woche lang. Drauf kam ein irländiſcher Orkan, gerade von oben herunter, einen Tag: dann ſind wir in dieſe Paſſatwinde hier hinein gerathen, welche die ganze Zeit über ſo unabänderlich angehalten haben, wie ein Schiffskaplan bei einer Bowle Punſch.“ 448 Hier ſchloß der Topgaſt ſeinen Monolog, um den Tabak wie⸗ der in Bewegung zu ſetzen, indem es ihm nicht gelingen wollte, den Kau⸗ und Sprechprozeß zu vereinbaren. „Nun, was hältſt du von dem Fremden?“ fragte der Rover etwas ungeduldig. „'s iſt keine Kirche, ſo viel iſt gewiß, Ew. Gnaden,“ ſagte Fid mit großer Beſtimmtheit. „Läßt er Signale flattern?“ „Er ſpricht vielleicht durch ſeine Flaggen, aber zu wiſſen, was er eigentlich ſagen wollen thut, dazu gehört ein größerer Gelehrter, als Richard Fid. So viel ich ſehen kann, hat er drei neue Stücke Leinwand in ſeinem großen Oberbramſegel, aber kein Flaggentuch.“ „Das Schiff iſt glücklich, daß ſein Segeltuch ſo gut in Stande iſt. Herr Wilder, ſehen auch Sie die dunkleren Stücke Leinwand, von denen die Rede iſt?“ „Es iſt allerdings Leinwand, die man verſucht wird, für ſpäter aufgezogen zu halten, als die übrige. Ich glaube, ich habe ſie vorher, als die Sonne auf das Segel ſchien, aus Irrthum für Signale genommen.“ „Dann ſieht man uns noch nicht, und wir können noch eine Zeitlang ruhig vor Anker bleiben, obgleich wir den Vortheil vor⸗ aushaben, daß wir dem Fremden Fuß vor Fuß, bis zu den neuen Tüchern in ſeinem Bramſegel hinauf, meſſen können.“ Der Ton, in dem der Rover ſprach, war ſeltſam zwiſchen Satire und Argwohn getheilt. Eine ungeduldige Bewegung, die er nun machte, zeigte den beiden Matroſen an, daß ſie die Hütte verlaſ⸗ ſen ſollten. Als er ſich wieder allein mit ſeinen Offizieren ſah, die ſprachlos und voller Ehrfurcht da ſtanden, wendete er ſich zu ihnen, und ſetzte ſeine Rede auf eine Weiſe fort, die zugleich ernſt und begütigend war: „Meine Herren, unſere Muße hat ein Ende; das Glück hat uns wieder in den Pfad regſamer Thätigkeit geführt. Ob das wie⸗ llte, over agte was rter, tücke ich.“ ande and, bäter e ſie 1 für eine vor⸗ geuen ſchen die er erlaſ⸗ ſah, ch zu ernſt 2 hat p das 449 Schiff vor uns genau ſiebenhundert und fünfzig Tonnen groß ſei, iſt mehr als ich zu behaupten im Stande bin, aber etwas gibt es, was jeder Seemann wiſſen kann. Aus der Art, wie deſſen obere Ragen gebraßt ſind, an dem Ebenmaaß derſelben, endlich an der Wucht von Leinwand, die es im Winde führt, erkenne und erkläre ich, daß es ein Kriegsſchiff iſt. Iſt irgend Jemand anderer Mei⸗ nung? Herr Wilder ſprechen Sie.“ „Ich fühle die Wahrheit aller Ihrer Gründe, und ſtimme Ihnen bei.“ Das finſtere Mißtrauen, welches ſich während des vorherge⸗ henden Auftrittes auf der Stirn des Rover verbreitet hatte, hellte ſich um einen Schatten auf, als er die unumwundene, offene Aus⸗ ſage ſeines erſten Lieutenants hörte. „Sie glauben alſo, daß es eine königliche Flagge führe? Dieſe männliche Feſtigkeit in Ihrer Antwort gefällt mir. Der nächſte Punkt, den wir nun zu überlegen haben, iſt: Sollen wir uns mit dem Schiff in ein Gefecht einlaſſen?« Nicht ſo leicht war es, auch auf dieſe Frage eine beſtimmte Antwort zu geben. Jeder Offizier wollte erſt in den Augen ſeiner Kameraden deren Meinung leſen, ehe er ſelbſt eine gabz daher hielt der Commandeur für gut, ſeine Anfrage perſönlicher zu ſtellen: »Wohlan, General, hier iſt ein Punkt, der ſich ganz beſonders für Ihre Weisheit eignet. Sollen wir einer königlichen Flagge den Kampf anbieten? oder die Flügel ausbreiten und uns davon machen 2« „Auf die Retirade ſind meine Hunde nicht einexercirt. Geben Sie ihnen jedes andere Stück Arbeit, und ich verbürge mich da⸗ für, daß ſie Stand halten.“ »„Sollen wir uns aber in ein Wagniß einlaſſen, ohne hinläng⸗ lichen Grund dazu?« „Der Spanier ſchickt ſeine Goldbarren oft unter der Larve eines bewaffneten Kreuzers nach Hauſe,“ bemerkte einer der Subal⸗ ternen, dem ſelten ein Riſico behagte, das keine Ausſicht auf eine Der rothe Seeräuber. 29 450 verhältnißmäßige Beute darbot.„Laſſen Sie uns dem Fremden erſt den Puls fühlen; führt er noch Etwas außer ſeinen Kanonen, ſo wird er es verrathen durch ſeine Abgeneigtheit, uns zu ſpre⸗ chen; iſt er aber arm, ſo werden wir ihn kampfluſtig finden, wie einen halbſatten Tiger.“ „Ihr Rath iſt vernünftig, Brace, er ſoll berückſichtigt werden. So gehen Sie alſo, meine Herren, Jeder an ſeinen Poſten. Die halbe Stunde, die es noch dauern wird, ehe der Rumpf des frem⸗ den Schiffes zu Geſichte ſteigt, wollen wir dazu anwenden, daß wir unſere Kardeelen in Ordnung bringen und die Kanonen viſi⸗ tiren. Da kein Beſchluß zur Schlacht gefaßt iſt, ſo laſſen Sie alles Nöthige ſo ausführen, daß nichts von unſerer Vorbereitung zu merken iſt. Meine Leute dürfen nichts ſehen, was ſie auf den Gedanken bringen könnte, daß wir einen ſchon gefaßten Beſchluß wieder fahren ließen.“ Er winkte, und die Gruppe zerſtreute ſich, indem ein Jeder ſich zur Beſorgung eines Theils der Vorbereitung anſchickte, wel⸗ cher ſeinem Poſten im Schiffe anheimfiel. Wilder war im Begriff, ſich mit den Uebrigen zu entfernen, als ſein Oberer ihn zu ſich winkte, ſo daß Beide allein auf der Hütte blieben. „Die Eintönigkeit unſerer Lebensweiſe, Herr Wilder, wird nun wahrſcheinlich eine Unterbrechung leiden,“ fing der Rover an, nach⸗ dem er zuvor um ſich her geſchaut hatte, ſich zu vergewiſſern, daß ſie allein wären.„Ich habe von Ihrem Muth und Ihrer Ausdauer genug geſehen, um überzeugt zu ſein, ſollte der Zufall mich außer Stand ſetzen, die Schickſale dieſer Menſchen zu leiten, daß meine Autorität in feſte und geſchickte Hände fallen wird.“ „Wenn uns ein unfall treſſen ſollte, ſo hoffe ich, der Ausgang werde Ihre Erwartungen nicht täuſchen.“ „Ich habe Vertrauen, Sir; und wo ein tapferer Mann ſein Vertrauen ſetzt, da iſt er zur Hoffnung berechtigt, es werde nicht gemißbraucht werden. Habe ich recht?“ den en, re⸗ vie en. Die em⸗ daß iſi⸗ Sie ung den luß eder vel⸗ riff, ſich nun ach⸗ daß auer ußer heine gang ſein nicht „Ich ſehe die Richtigkeit Ihrer Worte ein.“ „Ach, Wilder, ich wünſchte, wir hätten uns früher gekannt. Doch was nützt fruchtloſes Bedauern! Ihre Kerle da haben ein ſchar⸗ fes Geſicht, daß ſie jene Segeltücher ſo bald unterſcheiden konnten.“ „Die Bemerkung war von der Art, wie ſie ſich von Leuten dieſer Klaſſe erwarten ließ: Sie aber waren der Erſte, welcher die feineren Unterſcheidungen entdeckte, die das Schiff als einen kö⸗ niglichen Kreuzer bezeichnen.“ „Und dann die ſieben Hundert und fünfzig Tonnen des Schwarzen!— das heißt doch wirklich ſeine Meinung mit großer Beſtimmtheit geben!“ „Es iſt die Eigenſchaft der Unwiſſenheit, poſitiv zu ſein.“ „Sehr wahr. Richten Sie doch einmal den Blick auf den Fremden, und ſagen Sie mir, wie geſchwind er herankommt.“ Wilder gehorchte, offenbar froh, von einem Geſpräch befreit zu ſein, das ihn vielleicht in Verlegenheit geſetzt hätte. Lange ſchaute er, bevor er das Glas ſenkte; während der Pauſe ſprach ſein Commandeur keine Sylbe. Als ſich Wilder nun aber zu ihm wendete, um das Reſultat ſeiner Beobachtung zu geben, begegnete er einem auf ſein Geſicht gehefteten Blick, der bis in ſein Innerſtes dringen zu wollen ſchien. Hoch erröthend, vielleicht wegen des Argwohns, den ein ſolcher Blick verrieth, ſchloß Wilder die zum Sprechen ſchon halb geöffneten Lippen. „Und das Schiff?« fragte Rover mit tiefer Betonung. „Das Schiff zeigt ſchon ſeine unteren großen Segel; noch einige Minuten, ſo können wir den Rumpf ſehen.“ „Ein ſchnelles Fahrzeug; es iſt geradezu auf uns gerichtet.“ „Ich glaube nicht. Es liegt mit dem Vordertheil mehr nach Oſten zu.“ „Von dieſem Umſtand muß ich mir doch ſelbſt Gewißheit ver⸗ ſchaffen. Sie haben recht,“ fuhr er fort, nachdem er auf das ſich nähernde Segelgewölk hingeblickt hatte;„Sie haben ganz recht. 29* —,—. 45² Wir ſind noch immer unentdeckt. Vorne da! Nehmt das Vorſtag⸗ ſegel dort herunter; wir wollen das Schiff mit bloßen Raaen im Gleichgewicht halten. Nun mag er alle ſeine Augen zuſammen⸗ nehmen und gucken; ſie müſſen ſcharf ſein, wenn ſie dieſe nackten Steangen aus ſolcher Ferne erblicken wollen.“ Ohne eine weitere Erwiederung zu machen, gab unſer Aben⸗ teurer ſeinen Beifall zu dem Geſagten durch ein bloßes Kopfnicken zu erkennen. Drauf ſetzten ſie ihr Auf⸗ und Abgehen innerhalb des beſchränkten Raumes des Hüttendecks fort, ohne daß Einer oder der Andere beſondere Neigung zeigte, das Geſpräch zu erneuern. „Wir ſind ganz gut auf die Alternative: zu fechten oder zu fliehen, gerüſtet,“ bemerkte endlich der Rover, indem er einen Ueberblick über die Vorbereitungen that, welche, ohne äußeres Aufſehen zu erregen, von dem Augenblicke an, wo die Offiziere ſich an ihre Poſten zurückbegeben hatten, in Gang geſetzt worden.„Ich will Ihnen nur geſtehen, Wilder, daß es mir Freude macht, zu glauben, der verwegene Narr dort führe das ſtolze Patent des Deutſchen, der die Krone Britanniens trägt. Iſt er uns ſo ſehr überlegen, daß es Tollkühnheit wäre, uns im Kampfe mit ihm meſſen zu wollen, ſo will ich ihm wenigſtens Hohn ſprechen; ſollte ſich's aber zeigen, daß wir ihm gewachſen ſind, wie ſchön, den heiligen Georg in's Waſſer herabflattern zu ſehen! Würde Ihnen der Anblick nicht Freude machen?“ „Ich hatte den Wahn, daß Leute unſres Handwerks die bloße Ehre Albernen überließen, und keinen Schlag thäten, deſſen Echo nicht von einem koſtbarern Metall, als bloßem Stahl, zurücktönt.“ „So urtheilt die Welt von uns; ich meines Theils aber möchte lieber den Stolz der Kreaturen des Königs Georg demüthigen können, als die Schlüſſel zu ſeinem Schatz erringen!— Habe ich recht, General?“ ſetzte er hinzu, als dieſer ſich näherte.„Habe ich recht, wenn ich behaupte, daß es eine herrliche Freude iſt, eine königliche Flagge dem Spiel der Wogen preiszugeben?“ — ag⸗ im en⸗ ten den⸗ cken halb der ern. zu inen eres ſich „Ich , zu des s ſo mit chen;. chön, zürde bloße Echo önt.“ löchte higen be ich ‚Habe „eine * 453 „Wir kämpfen um den Sieg,“ erwiederte der Haudegen.„Ich bin jede Minute ſchlagfertig.“ »Prompt und entſchieden, wie's einem Soldaten ziemt. Sagen Sie mir doch, angenommen, das Glück oder der Zufall, oder die Vorſehung— welcher von dieſen Mächten Sie nun einmal als Führerin huldigen mögen— ſtellte Ihnen die Wahl unter den Lebensgenüſſen frei, welchem Genuß würden Sie, als dem höch⸗ ſten, den Vorzug geben, General?“ Der Soldat überlegte einen Augenblick, ehe er antwortete: „Ich habe mir oft gedacht: könnteſt du über die Dinge auf Erden gebieten, du würdeſt, unterſtützt von einem Dutzend deiner wackerſten Hunde, den Eingang derjenigen Höhle angreifen, in die der Schneiderburſch, der ſogenannte Aladdin, eintrat.“ »Der Wunſch eines ächten Freibeuters! An den bezauberten Bäumen würden dann nicht lange die goldenen Früchte prangen. Doch wäre der Sieg nicht ſehr ruhmbringend, da die Waffen der Kämpfenden in nichts als Beſchwörungen und Zauberformeln be⸗ ſtehen. Gilt Ihnen die Ehre Nichts?“ „Hm! Um Ehre habe ich die Hälfte eines ziemlich langen Lebens gefochten; am Ende aller meiner Fährlichkeiten fand ich mich gerade ſo federleicht, als beim Anfang. Nein, nein! die Ehre und ich haben Abſchied von einander genommen; es müßte denn die ſein, als Eroberer aus dem Kampfe hervorzugehen. Ich haſſe allerdings eine Niederlage; aber die bloße Ehre des Sieges kann man zu jeder Zeit wohlfeil von mir haben.“ „Laſſen Sie es gut ſein. Der Dienſt bleibt, der Sache nach, ſo ziemlich derſelbe, mögen Sie Ihre Beweggründe hernehmen, woher Sie wollen.— Was iſt das! Wer hat ſich unterſtanden, das Bramſegel da oben loszulaſſen?« Die heftige Veränderung in der Stimme des Rovers machte Alle, die ihn hörten, zittern. Jeder einzelne Ton drückte tiefen, bittern und drohenden Unwillen aus, und Jeglicher richtete den 454 Blick hinauf, um zu ſehen, auf weſſen unglückliches Haupt das Gewicht des furchtbaren Zorns ſeines Befehlshabers fallen würde. Da nichts den Augen im Wege war, als entblößte Raaen und angeſtraffte Taue, ſo überzeugten ſich Alle in einem und demſel⸗ ben Moment von der Wahrheit der Sache. Fid ſtand auf der Spitze der Spiere, welche zu dem ihm angewieſenen Gebiete im Schiffe gehörte, und das genannte Segel, an allen ſeinen Kardeelen los, flatterte hoch und weit in den Wind hinein. Das laute Rauſchen der Leinwand mußte ſein Ohr betäubt haben; denn ſtatt auf jenen tiefen, mächtigen Ruf des Commandeurs zu hören, ſtand er da, verſunken in der Anſchauung ſeines Werkes, und ſchien ſich nicht im Geringſten zu kümmern, was Die unter ihm dazu ſagen würden. Allein ein zweiter Ruf erſchallte in viel zu fürchterlichen Tönen, als daß er ſelbſt vom ſchwerhörenden Ohr des Delinquen⸗ ten unbeachtet bleiben konnte. „Auf weſſen Befehl wagteſt du dieß Segel loszulaſſen?“ ſchrie der Rover hinauf. „Auf Befehl Sr. Majeſtät des Windes, Ew. Gnaden; der beſte Seemann muß nachgeben, wenn eine Bö die Oberhand gewinnt.“ „Schnür' es an! hiß es auf, und ſchnür' es an!“ rief der aufgebrachte Anführer.„Rollt mir's zuſammen, und ſchickt den Kerl herab, der ſich erfrechte, in dieſem Schiffe eine andere Macht anzuerkennen, als meine, und wäre es auch die eines Orkans.“ Ein Dutzend behender Topgaſten ſtiegen in die Höhe, dem Fid zu helfen. Nach einer Minute war das ſtark bewegte Segeltuch eingeholt, und Richard unterwegs nach der Hütte. Während dieſes kurzen Zwiſchenraums war die Stirn des Corſaren finſter und zürnend, wie die ſchwarze Oberfläche des Elements, auf dem er hauste, unter dem einherbrauſenden Sturm. Wildern, der ſeinen neuen Commandeur noch nie in ſolcher Aufregung geſehen hatte, wurde bange um das Schickſal ſeines alten Gefährten, und wie dieſer ſich näherte, trat auch er dichter heran, um Fürbitte für — — 455 das ihn zu thun, ſollten die Umſtände eine ſolche Dazwiſchenkunft de. unumgänglich nothwendig machen. ind 4„Und wie kommt das?“ fragte der ſtrenge und zornige Au⸗ ſel⸗ 7 führer den Delinquenten.„Wie kommt's, daß du, den ich erſt ſo der kürzlich zu beloben Urſache hatte, es wagen darfſt, ein Segel in im einem Moment loszulaſſen, wo es von Wichtigkeit iſt, daß das elen Schiff vor Top und Takel ſtehe?“ aute„Ew. Gnaden werden zugeben, daß dem geſcheidteſten Mann tatt zuweilen der Verſtand durch die Finger ſchlüpft, warum alſo nicht and ein Stückchen Leinwand?“ antwortete gelaſſen der Delinquent. ſich„Wenn ich die Beſchlagſeiſſing etwas zu locker an die Raa an⸗ gen holte, ſo iſt's'n Vergehen, für das zu büßen ich bereit bin.“ chen„Wahr geſprochen, du ſollſt den Fehler theuer büßen. Bringt uen⸗ ihn nach der Laufplanke, und laßt ihn mit der Peitſche Bekannt⸗ 4 . ſchaft machen.“. E chrie.„Iſt keine neue Bekanntſchaft, Ew. Gnaden, ſintemalen wir ſchon früher aufeinander geſtoßen ſind, und zwar bei Gelegenheiten, beſte derentwegen ich Urſache hatte, mein Haupt zu verbergen; hier unt.“ aber ſind's vielleicht blos viel Hiebe und wenig Schande.“ der.„Darf ich eine Fürbitte für den Fehlenden thun?“ unterbrach den Wilder angelegentlich und haſtig.„Er macht oft dumme Streiche, Kacht allein wenn es ihm ebenſowenig an Kenntniſſen als an gutem 8.“ Willen gebräche, ſo würde er ſelten fehlen.“ n Fid„Verlieren Sie kein Wort darüber, Maſter Harry,“ verſetzte ltuch der Topgaſt, mit einem ſonderbaren Seitenblick.„Das Segel dieſes flatterte allerliebſt, es iſt zu ſpät, es läugnen zu wollen; und ſo und muß das Factum wahrſcheinlich auf den Rücken von Richard Fid em er f aufgetragen werden, wie man irgend einen andern Unfall in's einen Logbuch einzutragen pflegt.“ hatte,„Ich wünſchte, er könnte Pardon erhalten. Ich getraue mir, d wie in ſeinem Namen das Verſprechen zu thun, daß es ſein letztes te für Verrgehen ſein ſoll.“. 456 „Mag's vergeſſen ſein,“ erwiederte der Rover, mächtig gegen ſeinen Zorn ankämpfend.„Ich will in einem Augenblicke, wie dem gegenwärtigen, unſere Eintracht dadurch nicht ſtören, daß ich Ihnen, Herr Wilder, eine ſo kleine Bitte abſchlage; indeß darf ich Ihnen nicht erſt ſagen, was für üble Folgen eine ſolche Ver⸗ nachläſſigung herbeiführen konnte. Geben Sie mir das Fernglas; ich will doch ſehen, ob das flatternde Segel den Augen des Fremden entgangen iſt.“ Der Topgaſt warf einen verſtohlenen aber triumphirenden Blick auf Wilder, der ihm raſch zuwinkte, ſich zu entfernen, und ſeinem Commandeur wieder an die Seite trat, um gemeinſchaft⸗ lich mit demſelben die Unterſuchung fortzuſetzen. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. „So wahr ich ein ehrlicher Mann bin, er iſt blaß: Sag', biſt du krank oder haſt du Verdruß gehabt?“ 3 Viel Lärm um Nichts. Act V. Sc. 1. Das fremde Segel kam ſo raſch näher, daß es von Augen⸗ blick zu Augenblick dem nackten Auge erkennbarer wurde. Der kleine, weiße Punkt, der zuerſt am entfernten Rande der See, gleich einer auf dem Gipfel einer Woge ſchwimmenden Möve, erſchien, war während der letzten halben Stunde allmählig in die Höhe geſtiegen, bis eine erhabene Pyramide von Segeln ſich aus dem Waſſer em⸗ porhob. Als Wilder nochmals das Auge auf dieſen immer wach⸗ ſenden Gegenſtand heftete, gab ihm der Rover das Glas zurück, und in dem Ausdruck ſeiner Züge konnte unſer Abenteurer deutlich die Worte leſen: die Nachläſſigkeit Ihres Dieners hat uns, wie Sie ſehen können, bereits verrathen! Doch lag mehr Bedauern als Vorwurf in dem Blick; auch entfuhr dem Munde nicht ein Wört⸗ chen, das den ſprechenden Sinn des Auges beſtätigt hätte. Im Gegentheil, aller Anſchein war dafür, daß der Commandeur eifrig den Wunſch hegte, den neuen Freundſchaftsvertrag zwiſchen ihnen unverletzt zu erhalten; denn als der junge Seemann eine etwas unbeholfene Erklärung der wahrſcheinlichen Urſachen von Fids Verſehen zu machen verſuchte, wurde ihm mit einer gelaſſenen Geberde entgegnet, die ihm verſtändlich genug die Verſicherung gab, daß dem Delinquenten verziehen ſei. „Unſer Nachbar hält einen guten Ausguck, wie Sie ſehen. Er hat gewendet, und legt ſich uns kühn gerade vor den Vorſte⸗ ven. Wohlan, er mag ſich nahen; wir werden bald ſeine Batte⸗ rien zu Geſicht bekommen, und dann können wir ja beſtimmen, von welcher Art die Zuſammenkunft ſein ſoll.“ „»Wenn Sie dem Fremden eine ſo große Annäherung erlauben, ſo dürfte es ſchwer ſein, ihn bei der Jagd aus der Fahrt zu wer⸗ fen, im Fall es wünſchenswerth ſein ſollte, ihn vom Hals zu haben.“ „Das Fahrzeug muß ſchnell ſegeln, dem der Delphin nicht ein Bramſegel vorausgeben kann.“ „Ich weiß nicht, Sir. Das Segel dort kann munter bei dem Wind ſegeln, es iſt alſo nicht unwahrſcheinlich, daß es vor dem Winde nicht träger ſein wird. Mir iſt ſelten ein Schiff vor⸗ gekommen, das ſo raſch zu Geſichte ſtieg, wie dieſes, ſeit wir es zuerſt entdeckten.“ Der Jüngling ſprach mit ſo vieler Angelegentlichkeit, daß er die Aufmerkſamkeit ſeines Commandeurs von dem gemeinſamen Gegenſtand ab⸗ und auf ſein Geſicht zog. „Herr Wilder,“ ſagte er raſch und entſchieden,„Sie kennen das Schiff!“. „Ich will es nicht läugnen. Meiner Meinung nach wird es ſich als ein Schiff ausweiſen, das dem Delphin zu ſchwierig iſt, und das wenig hat, was uns zu dem Verſuch einladen könnte, es aufzubringen.“ „Seine Größe?« 458 „Sie wiſſen ſie bereits vom Schwarzen.“ „Alſo auch Ihre Begleiter kennen es 9* „Ein Topgaſt verkennt nicht leicht den Zuſchnitt und die Hal⸗ tung der Segeltücher, zwiſchen denen er Monate, ja mehrere Jahre zugebracht hat.“ „Ich verſtehe nun die drei neuen Tücher in deſſen Bram⸗ ſegel! Herr Wilder, es iſt noch nicht lange her, daß Sie jenes Schiff verlaſſen haben 2 „Nicht länger als meine Ankunft in dieſem.“ Der Rover ſchwieg, mehrere Minuten mit ſich ſelbſt zu Rathe gehend. Sein Geſellſchafter machte zwar keinen Verſuch, ihn zu ſtö⸗ ren, doch verrieth er durch oftmalige, verſtohlene Blicke, daß ihm das Reſultat dieſer Selbſtberathung nichts weniger als gleichgültig war. „Und ſeine Kanonenzahl“ fragte endlich abgebrochen ſein Com⸗ mandeur. „Es zählt vier mehr, als der Delphin.“ „Das Kaliber?“ „Iſt verhältnißmäßig noch ſtärker. In jeder Hinſicht iſt das Schiff dem Ihrigen überlegen.“ „Es gehört doch auch ganz gewiß dem König an?“ „Ganz gewiß.“ „Dann ſoll es ſeinen mein werden!“ Wilder ſchüttelte den Kopf, mit einem bloßen ungläubigen Lächeln antwortend. „Sie zweifeln. Kommen Sie hier her, und ſchauen Sie auf's Verdeck hinab. Kann der, den Sie ſo kürzlich verließen, Kerle, wie dieſe muſtern, die ſeinem Wink gehorchen?“ Die Bande auf dem Delphin, gewählt von einem Manne, der ſich meiſterhaft auf Das verſtand, was zum Charakter eines Ma⸗ troſen gehört, beſtand aus Leuten von allen Völkern der chriſtlichen Welt. In ganz Europa gab es keine ſchifffahrttreibende Nation, Herrn wechſeln, beim Himmel, es ſoll 7 das 459 die unter dieſer Truppe unruhiger Wagehälſe nicht ihren Reprä⸗ ſentanten gehabt hatte. Selbſt der Abkömmling der urſprünglichen Beſitzer von Amerika war bewogen worden, die Gewohnheiten und Anſichten ſeiner Vorfahren aufzugeben, und auf einem Element herum zu ſchweifen, das Jahrhunderte die Küſten ſeines Geburts⸗ landes beſpülte, ohne in der Bruſt ſeiner einfach geſinnten Väter den Wunſch zu erregen, in deſſen Geheimniſſe einzudringen. Ein wildes Abenteuerleben zu Lande und zu Waſſer hatte Alle zu ihrem jetzigen, rechtloſen Treiben geeignet gemacht; nimmt man nun hinzu, daß ſie von einem Geiſt geleitet wurden, der es ver⸗ ſtand, ihr Thun und Laſſen ſeiner deſpotiſchen Gewalt zu unter⸗ werfen, und in dieſer Unterwerfung ſtets zu erhalten, ſo kann man nicht läugnen, daß ſie eine höchſt gefährliche, und durch ihre An⸗ zahl unwiderſtehliche Bande bildeten. Ihr Commandeur lächelte triumphirend, wie er den tiefen Ernſt bemerkte, womit Wildern die Beobachtung erfüllte: daß der Anſchein eines herannahenden Kampfes Einige in vollkommenem Gleichmuth ließ, Viele mit wil⸗ der Freude begeiſterte. Selbſt die Neulinge darunter, die armen Kuhlgaſten und Hinterwachmänner, waren offenbar eben ſo voller Zuverſicht, daß der Sieg ihnen gewiß ſei, als Die, deren Ver⸗ wegenheit durch häufigen Erfolg und nie erfahrene Niederlage einigermaßen entſchuldigt war. „Rechnen Sie Dieſe für Nichts?“ fragte der, dicht an der Seite ſeines Lieutenants ſtehende Rover, nachdem er ihm Zeit ge⸗ laſſen hatte, einen Ueberblick über die ganze ſchreckliche Truppe zu thun.„Sehen Sie nur! hier iſt ein Däne; er hat Wucht und Ausdauer, wie die Kanone, an der ich ihm bald ſeine Stelle an⸗ weiſen werde. Glied vor Glied läßt er ſich abhauen, doch ſteht er wie ein Thurm, bis der letzte Stein des Fundaments untergraben iſt. Und hier, ſeine Nachbarn und würdigen Kammeraden an dem⸗ ſelben Stück Geſchütz, der Schwede und der Ru ſſe; ich verbürge mich dafür, ſie bleiben rührig, ſo lange ein Mann von ihnen übrig 460 Lunte anzünden, oder einen Wiſcher e einen vierſchrötigen, athletiſchen Kerl aus einer der Hanſeſtädte. Ihm iſt unſre Freiheit lieber, als die ſeiner Geburtsſtadt; und Sie werden finden, daß die ehrwürdigen Inſtitutionen des Hanſebundes eher weichen, als er von dem Fleck, den ich ihm zu vertheidigen befehle. Dort links ſehen Sie ein paar Engländer: beſſere Leute in der Noth findet man nicht leicht, obgleich ſie von dem Eilande ſind, das ich ſo wenig liebe. Geben Sie ihnen Futter und Prügel, ſo ſtehe ich dafür, ſie ſind eben ſo tapfer als prahlſüchtig. Können Sie den bedächtigen, ſtarkknochigen Schurken dort in der Ecke ſehen, der ſelbſt mitten in aller ſeiner Spitzbüberei die Miene von Gottſeligkeit nicht ablegt? Der Wicht war ein Häringsfänger, bis er einmal Rindfleiſch zu koſten bekam; ſeitdem empörte ſich ſein Magen gegen die frühere Speiſe, und endlich gewann die Sucht, reich zu werden, die Uebermacht in ihm. Er iſt ein Schotte, aus einer der Buchten des Norden.“ „Und iſt er zum Schlagen zu bringen 2* „O ja, wenn Geld— die Ehre der Macs*)— und ſeine Re⸗ ligion die Loſungsworte ſind. Bei alle Dem iſt er ein durchtriebener, verſchmitzter Kopf, und ich habe ihn bei einem Streit gern auf meiner Seite. Aha! das dort iſt ein Burſch, wenn's heißt: Greift an! Ich hieß ihn einſt ein Tau in der Geſchwindigkeit kappen; ſtatt es unter ſeinen Füßen zu thun, kappte er es über ſeinem Kopfe, und machte, zur Belohnung für die That, einen Flug von einer Unterraa in die See hinab. Seit jener Zeit hört er nicht auf ſeine Geiſtesgegenwart zu rühmen, die ihn vom Ertrinken ge⸗ rettet habe! In dieſem Augenblick ſind gewiß alle ſeine Ideen in heftiger Gährung; und könnte man nur dahinterkommen, ich wäre bereit, eine große Wette zu thun, daß das fremde Fahrzeug ſich durch irgend einen geheimnißvollen Prozeß in ſeiner furchtbaren Einbildungskraft in ein halbes Dutzend Linienſchiffe verwandelt hat.“ iſt, der eine Kanone mit der handhaben kann. Dort ſehen Si ——— *) Häufiger Vorname der Schotten. 461 „Dann denkt er wohl an die Flucht?« „Nichts weniger; er entwirft viel wahrſcheinlicher Pläne, wie er mit dem Delphin die ſechs feindlichen Schiffe umzingeln könne. Flucht iſt die letzte Idee, die dem ächten Irländer einen un⸗ ruhigen Augenblick verurſacht. Betrachten Sie den nachdenklichen, blaſſen Sterblichen dicht bei dem Hibernier*). Dieß iſt ein Menſch, der mit einer Art von Sentimentalität in den Kampf geht. Er hat eine Anlage für das Ritterliche, die man in ihm zum Herois⸗ mus ſteigern könnte, hätte man Gelegenheit und Neigung dazu. Doch wird er auch ſo niemals verfehlen, einen Funken ächt kaſti⸗ liſchen Feuers zu zeigen. Sein Kamerad kommt vom Felſen Liſſabonsz nicht gern würde ich ihm trauen, böte ſich bei uns viel Gelegenheit dar, vom Feinde beſtochen zu werden. Ach! hier iſt ein Junge, wie man ſich ihn zu einem Sonntagstanz nur wün⸗ ſchen kann. Alles an ihm iſt in Bewegung in dieſem Augenblick, Fuß und Zunge. Es iſt ein Geſchöpf, das aus lauter Widerſprüchen zuſammengeſetzt iſt. Ihm gebricht es ebenſowenig an Gutmüthig⸗ keit, als an Witz; demungeachtet würde es ihn bei Gelegenheit nichts koſten, einem Menſchen den Hals abzuſchneiden, ſo ſeltſam iſt in dieſer Beſtie die Miſchung von Bonhomie und von Grauſamkeit. Ich beabſichtige, ihm einen Enterhaken zu geben; denn wir werden kaum handgemein geworden ſein, ſo wird ſeine Ungeduld auch ſchon den Sieg mit einem einzigen coup-de-main davontragen wollen.“ „»Und was iſt der Matroſe dicht bei ihm für ein Landsmann?“ fragte Wilder, für den die Weiſe, wie der Rover ſeine Leute ſchil⸗ derte, ſehr viel Anziehendes gewann;„er ſcheint jetzt damit beſchäf⸗ tigt, einige überflüſſige Kleidungsſtücke von ſich abzulegen.“ „Ein haushälteriſcher Holländer. Der hat ausgerechnet, daß es juſt eben ſo weiſe wäre, ſich in einer alten Jacke todtſchla⸗ gen zu laſſen, als in einer neuen; höchſt wahrſcheinlich hat er auch ſeinem Nachbar, dem Gascogner, dieſen erſprießlichen Rath *) Irländer. 46² gegeben, welcher ihn aber verſchmäht hat, weil er entſchloſſen iſt, mit Anſtand zu ſterben, wenn's geſtorben ſein muß. Glücklicher⸗ weiſe hat der Erſtere ſeine Vorkehrungen zum Kampfe noch zeitig genug angefangen, ſonſt könnte ſich's leicht treffen, daß der Feind uns ſchon geſchlagen, ehe er noch halb fertig wäre. Hätten dieſe zwei Ehrenmänner dieſen Streit gegen einander auszufechten, ſo würde der flinke, mercurialiſche Franzoſe ſeinem flamändiſchen Nachbar eine Niederlage beibringen, ehe dieſer kaum gewahr würde, daß der Kampf ordentlich begonnen habe; ließe jener aber den glücklichen Moment unbenutzt, ſo würde der Holländer, glauben Sie mir, ihm nicht wenig zu ſchaffen machen. Haben Sie ver⸗ geſſen, Wilder, daß es eine Zeit gab, wo die Landsleute dieſes langſam ſich bewegenden, ſchwerfälligen Lümmels die Meeresengen befuhren, mit einem Beſen am Top ihrer Maſten*)?“ Wild lachte der Rover bei dieſen Worten, und mit Bitterkeit ſprach er ſie aus. Sein Gefährte konnte jedoch nicht ſehen, was für Grund zum Triumphiren in der Erinnerung des Sieges eines auswärtigen Feindes liegen könne; daher begnügte er ſich damit, durch ein bloßes Kopfnicken anzuzeigen, daß er die Wahrheit der geſchichtlichen Thatſache zugebe. Drauf verſetzte er etwas haſtig, gleichſam als ob er ſich die demüthigende Beachtung, zu welcher jenes ſchmerzliche Eingeſtändniß führte, ſo bald als möglich aus dem Sinn ſchlagen wolle: „Sie haben die beiden derben Matroſen vergeſſen, die dort mit ſo viel ernſter Beobachtung die Größe des fremden Schiffes an ſeinem Tauwerk ausfindig machen wollen.“ „Ja, ja; die Kerle kommen aus einem Lande, an dem wir *) Ein Beſen am Top des Maſtes bedeutet, daß das Schiff zum Verkauf aus⸗ geſtellt ſei, und erregt bei Matroſen einen verächtlichen Eindruck. Doch ſcheint es in dem im Terte erwähnten Fall ein Herausforderungszeichen von Seiten der Hol⸗ länder geweſen zu ſein, als hätten ſie den Engländern damit ſagen wollen:„Um wie viel iſt euch eure ganze Flotte feil?“ Der Ueberſ. 463 Beide einigen Theil nehmen. Die See iſt nicht unbeſtändiger, als jene Schelme in ihrer Spitzbüberei. Nur halb entſchloſſen ſind ſie zum Seeraub,— ein rauhes Wort, Herr Wilder, allein ich fürchte, ein paſſendes für unſer Treiben. Dieſe Schurken jedoch machen ſich einen Gnadenvorbehalt inmitten aller ihrer Verwor⸗ fenheit.“. „Ihre Blicke auf den Fremden ſcheinen anzudeuten, als ſähen ſie Grund, die Klugheit, ihn ſo nahe herankommen zu laſſen, in einigen Zweifel zu ziehen.“ „O, es ſind bekannte Rechenmeiſter. Am Ende haben ſie gar die vier von Ihnen erwähnten Kanonen, die der Fremde mehr zählt als wir, entdeckt; denn bei Sachen, wo ſie ſich betheiligt fühlen, ſcheinen ihre Geſichtsorgane eine mehr als natürliche Schärfe zu haben. Aber Sie ſehen, die Kerle haben Mark in den Knochen; und was mehr ſagen will, es gibt Köpfe, die ſie lehren, aus die⸗ ſen Vorzügen ſo vielen Vortheil als möglich zu ziehen.“ »Sie trauen ihnen wohl nicht zu viel Muth zu?“ „Fürwahr! wenn ſie erſt einen Punkt für weſentlich erachten, ſo ſtellt man ihren Muth gewiß nicht ungeſtraft auf die Probe. Sie ſtreiten nicht leicht bloßer Worte wegen, und verlieren ſelten gewiſſe abgedankte Grundſätze aus den Augen, die, nach ihnen, in einem Buche ſtehen, dem Sie und ich, wie zu befürchten ſteht, ge⸗ rade kein ſehr angeſtrengtes Studium gewidmet haben. Nicht oft thun ſie einen Schlag, wenn weiter nichts als bloßer Ritterruhm dabei zu gewinnen ſteht; und hätten ſie auch die Neigung dazu, ſo verſtehen ſich die Schufte zu gut auf die Logik, um, wie Ihr Schwarzer, ein Schiff für eine Kirche anzuſehen. Sehen ſie erſt in ihrem wichtigen Dafürhalten Grund vorhanden, ſich in den Kampf einzulaſſen, wahrlich! ſo thun die beiden Kanonen, die ſie regieren, beſſere Dienſte, als alle andere Batterien; falls ſie aber andrer Meinung ſind, ſo würde es mich nicht Wunder nehmen, von ihnen den Vorſchlag zu hören: doch lieber das Pulver auf eine 464 profitablere Gelegenheit zu verſparen. Ehre, fürwahr!— die Hunde ſind viel zu verſchmitzt bei ſtreitigen Fällen, um nicht zu wiſſen, welchen Rang der Ehrenpunkt in unſerem Gewerbe ein⸗ nimmt*). Doch wir plaudern über Kleinigkeiten, es iſt Zeit, an wichtigere Dinge zu denken. Herr Wilder, jetzt unſere Segel gezeigt!“ Plötzlich, wie ſeine Sprache, veränderte ſich auch die ganze Weiſe des Rover. Den tändelnden Scherz, dem er ſich hingegeben hatte, abbrechend, nahm er eine, ſeinem Anſehen paſſendere, Miene an, und entfernte ſich, während der Subaltern zur Ausführung ſeiner Befehle die nöthigen Ordres ausgab.— Nightingale blies das gewöhnliche Signal, und rief dann mit rauher Stimme: „Zu Hauf! ſetzt Segel bei, ahoi!“ Die Betrachtungen, welche die Mannſchaft des Delphin mitt⸗ lerweile über das ſo raſch herankommende Segel angeſtellt hatte, entſprachen der beſondern Denkweiſe eines Jeden. Einige trium⸗ phirten bei der Ausſicht auf eine Priſe; Andere, beſſer mit der Handlungsweiſe ihres Commandeurs vertraut, hielten es für noch gar nicht ausgemacht, daß ſie überhaupt mit dem Fremden zum Handgemenge kommen würden; die Wenigen, an das Nachdenken Gewöhnteren, ſchüttelten beim Herannahen des Fremden die Köpfe; ſie ſchienen die Nachbarſchaft für etwas bedenklich zu halten. Un⸗ bekannt jedoch mit jenen geheimen Mitteln, ſich von der Lage des Feindes zu unterrichten, Mittel, die ihrem Befehlshaber oft bis zu dem Grad des Wunderbaren zu Gebote ſtanden, hatten Alle gedul⸗ dig ſeine Entſcheidung abgewartet. Als nun aber der obengenannte Aufruf erſcholl, bewies die allgemeine lebendige Thätigkeit, womit demſelben entſprochen wurde, daß der Mannſchaft nichts willkomm⸗ ner ſein konnte. Nun hatte Wilder, kraft ſeines Ranges im Schiffe, *) Die letzte Schilderung ſcheint zwei Eingeborne der Nordamerika's zum Gegenſtand zu haben; wir vermuthe andern Grunde als weil unſer Amerikaniſcher Verfaſſer nicht für gut befunden hat, das Vaterland der zuletzt genannten beiden Subjekte, wie das der Vorhergehenden, namhaſt zu machen. Der Ueberſ. Vereinigten Staaten en dieß indeſſen aus keinem „eit 229 465 die in raſcher Aufeinanderfolge die Ordres auszutheilen. Es ſchien ein zu und derſelbe Geiſt zu ſein, welcher den Schiffslieutenant und die ein⸗ Mannſchaft beſeelte, denn ſämmtliche nackte Spieren des Delphin an 4 waren nach wenigen Minuten mit ungeheuren faltigen Maſſen gt!“ ſchneeweißer Leinwand bekleidet. Ein Segeltuch nach dem andern anze fiel, eine Rage nach der andern hob ſich zum Top ihres Maſtes, eben bis das Fahrzeug ſich ſowohl vor dem Winde beugte, als auch iene nach den Seiten zu in Schwung kam, obgleich die Ragen ſo ge⸗ rung ordnet waren, daß ſie es an ſeinem Poſten feſthielten.— Jetzt wa⸗ lies ren alle Vorkehrungen zur Vollendung gediehen, das Schiff lag be⸗ me: reit, jeden Pfad, der für nothwendig erachtet würde, einzuſchlagen. 3 Seinem Obern hierüber Rapport abzuſtatten, ſtieg Wilder hinauf zur nitt⸗ Hütte. Er fand den Rover, aufmerkſam das fremde Schiff betrach⸗ atte, 3 tend, deſſen Rumpf ſo eben zum Vorſchein kam, und an welchem, der ium⸗ ganzen Länge nach, eine gelbe, mit ſchwarzen Punkten bezeichnete t der Linie zu ſehen war. Kein Auge auf dem Delphin bedurfte der noch Belehrung, daß dieſe Punkte die Pforten der Kanonen waren, die zum des Schiffes Stärke beſtimmten. Miſtreß Wyllys und Gertraud enken ſtanden nahe beim Rover, Erſtere tiefſinnig, wie gewöhnlich, aber öpfe; doch aufmerkſam auf jeden noch ſo kleinen Vorfall. Un⸗„Es iſt fertig, dem Schiffe den Wind abzugewinnen,“ ſagte ee des Wilder;„wie warten blos, bis Sie den Strich angeben.“ dis zu Der Rover ſchrak zuſammen, und trat näher auf ſeinen Lieu⸗ gedul⸗ tenant zu, ehe er, ihm gerade und ſcharf in'’s Geſicht ſchauend, annte folgende Frage that: vomit„Wiſſen Sie auch gewiß, Herr Wilder, daß Sie jenes Schiff omm⸗ kennen?“. chiffe,„Gewiß,“ war die ruhige Antwort. „Iſt es nicht,“ unterbrach mit großer Haſt die Gouvernante, oaten vein königlicher Kreuzer?« den hat,„Allerdings; dafür habe ich es bereits erklärt.“ Penden⸗»Herr Wilder, wir wollen ſeine Schnelligkeit auf die Probe Der rothe Seeräuber. 30 466 ſetzen. Laſſen Sie die großen Segel losſchnüren, und richten Sie die Fockſegel in den Wind.“ Der junge Seemann verbeugte ſich gehorchend und ſetzte die Befehle ſeines Commandeurs in Vollzug. Doch war, als er die nöthigen Befehle austheilte, eine Befangenheit, wo nicht gar ein Zittern zu bemerken, das in auffallendem Kontraſte ſtand mit der Ruhe und Gelaſſenheit, welche die Rede des Rover bezeichneten. Selbſt der Bemerkung einiger älteren Matroſen entging Wilders bebende Stimme nicht; und während der Pauſen, wo ſie auf ſeine Worte hören mußten, warfen ſie einander Blicke von ganz eigen⸗ thümlicher Bedeutung zu. Wie wenig ſie jedoch an ſolche Stimme gewöhnt ſein mochten, ſo leiſteten ſie ihr doch denſelben Gehorſam, wie dem unbefangenen, gebieteriſchen Ruf des gefürchteten Häupt⸗ lings ſelbſt. Die Vorderraaen waren nunmehr dem Winde zuge⸗ kehrt, die Segel ſchwollen an, und der ganze Bau, der ſo lange leblos auf dem Waſſer geſtanden, gerieth langſam in Bewegung und fing an die Wellen zu durchſchneiden. Nach und nach gewann das Schiff ſeine eigenthümliche Schnelligkeit wieder, und nun war ein Jeder auf den beginnenden Wettlauf auf's Aeußerſte geſpannt. Der Fremde war in dieſem Augenblick innerhalb einer halben Seeſtunde leewärts von dem Delphin. Jedes geübte Auge in dem letztern Schiffe hatte ſich durch anhaltendere und genauere Beobach⸗ tungen bereits von der Beſchaffenheit und Stärke des fremden Fahrzeuges einen richtigen Begriff gebildet. Eine wolkenloſe Sonne ſandte ihre Strahlen auf deſſen Batterieſeite, und der Schatten ſeiner Segel malte ſich weit hin über die Meereswellen in einer dem Delphin entgegengeſetzten Richtung. Dann und wann konnte man mit dem Fernglaſe durch die Pfortgaten in's Innere des Schiffes dringen, noch aber ſchillerten die Bewegungen, die man ſah, zu ſehr ineinander. Auf verſchiedenen Theilen des Tauwerks hingegen waren einige menſchliche Geſtalten deutlich zu ſehen; ſonſt bot das Ganze einen Anblick derjenigen Ruhe dar, welche 222 4 467 zie die Begleiterin ſtrenger Ordnung und vollkommener Disciplin zu ſein pflegt. die. Der Rover, als er das Geräuſch der durchſchnittenen Wogen die 8 hörte, und die kleinen Waſſerſtaubſäulen ſah, welche ſein wackeres ein Fahrzeug vor ſich her in die Höhe ſendete, gab ſeinem Lieutenant der einen Wink, ſich zu ihm herauf auf das Deck der Hütte zu ver⸗ en. fügen. Lange richtete er ſein Kennerauge auf das fremde Segel, ers genau deſſen Stärke erwägend, endlich ſchien ſein Zweifel über ine einen gewiſſen Punkt gelöst. en⸗„Herr Wilder,“ ſagte er,„den Kreuzer da muß ich ſchon ein⸗ me mal geſehen haben.“ am,»Nicht unwahrſcheinlich; er hat ſchon die meiſten Theile des pt⸗ atlantiſchen Meeres beſchifft.“ ge⸗»Ja, ja, dieß iſt gewiß nicht das erſte Mal, daß wir auf ein⸗ nge ander treffen! Ein bischen Farbe hat dem Schiffe äußerlich ein und anderes Ausſehen gegeben; allein mich dünkt, ich kenne die Art, das wie ſeine Maſten geſetzt ſind.“ ein 3„Sie haben den Ruf dafür, daß ihr Ausſchuß kein gewöhnlicher iſt.“ „Sie beſitzen dieſen Ruf nicht ohne guten Grund. Haben Sie lben lange an Bord deſſelben gedient?“ 3 dem„Jahre lang.“ ach⸗»Und Sie verließen es....« nden„Um zu Ihnen zu gehen.“ 6 onne„Sagen Sie, Wilder, hat man Sie auch behandelt, wie ein tten Weſen geringerer Klaſſe? Wie, ſagte man bei allen Ihren Ver⸗ iiner dienſten nicht auch: er iſt doch nur aus einer Kolonie? Las man nnte nicht Amerika in Allem, was Sie thaten?“ des„Genug, ich habe das Schiff verlaſſen, Kapitän Heidegger.“ man„Gut, man hat Ihnen ohne Zweifel Urſache dazu gegeben. erks Dieß eine Mal wenigſtens haben Sie mir einen Freundſchafts⸗ hen; dienſt erwieſen. Aber Sie waren noch dort während der Früh⸗ elche lings⸗Nachtgleichen, nicht wahr?2« 30* 468 Wilder machte eine kleine bejahende Verbeugung. „Ich konnt' es mir denken. Und kämpften Sie nicht mit einem Fremden bei einem Sturme?— Winde, See und Menſchen, Alles war vollauf in Arbeit.“ „So iſt es. Wir hatten Sie erkannt, und glaubten ſchon, Ihre Stunde hätte geſchlagen.“ „Ihre Offenherzigkeit gefällt mir. Wir trachteten einander nach dem Leben, aber wie es Männern geziemt; jetzt, da wir Freunde geworden ſind, werden wir um ſo feſter an einander hal⸗ ten. Ich will über jene Affaire keine weiteren Fragen an Sie thun, Wilder: Verrath gegen einen früheren Herrn iſt nicht die Art, wie man ſich in meinem Dienſte Gunſt erwerben kann. Es genügt mir, daß Sie jetzt unter meiner Flagge ſegeln.“ „Und was für eine iſt das?“ fragte dicht bei ihm eine milde, aber feſte Stimme. 1 Der Rover wendete ſich haſtig um, und begegnete abermals dem auf ihn gehefteten, ruhigen, prüfenden Auge der Gouvernante. Einige in Widerſtreit mit einander ſtehende Regungen ſchimmerten, ſeltſam vermiſcht, durch ſeine Geſichtszüge hindurch, die ſich aber nach und nach in einen Ausdruck von einſchmeichelnder Höflichkeit aufhellten, ein Ausdruck, den er im Geſpräche mit ſeinen Ge⸗ fangenen am häufigſten anzunehmen pflegte. „Eine Dame muß zwei Matroſen an ihre Pflicht erinnern!“ rief er.„Wir haben die Galanterie vergeſſen, dem Fremden unſere Farben zu zeigen! Laſſen Sie ſie aufziehen, Herr Wilder, damit wir keine Förmlichkeit, die der Schiffsgebrauch mit ſich bringt, unterlaſſen.“ „Aber das Schiff vor uns führt ja auch nur eine nackte Gaffel.“ „Wenn auch; ſo kommen wir demſelben in der Höflichkeit zuvor. Die Farben gewieſen!“ Wilder öffnete das Kiſtchen, in welchem wohl ein Dutzend von den am meiſten gebrauchten Flaggen zuſammengerollt in verſchiedenen —e— r —— 469 Fächern lagen. Zweifelhaft bei der Wahl unter ſo vielen, ſagte Wilder halb fragend: „Ich weiß kaum, welche von dieſen Fahnen Sie aufzuziehen befehlen.“ „Necken Sie ihn mit dem ſchwerfälligen Holländer. Der Com⸗ mandeur eines ſo ſtattlichen Schiffes muß in allen Zungen der chriſtlichen Welt bewandert ſein.“ Der Lieutenant gab dem dienſtthuenden Quartiermeiſter ein Zeichen; und nach einer Minute wehten über dem Delphin die Wimpel der General⸗Staaten. Die beiden Offiziere beobachteten genau, welche Wirkung es auf den Fremden machen würde; dieſer weigerte ſich indeſſen, auf das falſche Signal, das ſie wieſen, ein erwiederndes Zeichen zu geben. 1 „Er ſteht recht gut, daß unſer Kiel nicht für die Untiefen Hol⸗ lands gebaut iſt. Wer weiß, vielleicht kennt er uns gar?« ſagte der Rover, einen forſchenden Blick auf ſeinen Gefährten ſchießend. „Ich glaube es nicht. Man iſt am Delphin zu freigebig mit dem Antünchen geweſen, als daß ſelbſt ſeine Freunde ihn an der Außenſeite wieder erkennen ſollten.“ „Das Schiff hat viel von einer Kokette, allerdings, lächelnd der Rover.„Verſuchen wir vielleicht finden braſtlianiſche Di “„ erwiederte wie der Portugieſe auf ihn wirkt: amanten mehr Gunſt bei ihm.“ Die eben aufgezogenen Farben wurden herabgelaſſen, und ſtatt derſelben das Sinnbild des Hauſes Braganza dem Winde preisge⸗ geben. Noch immer verharrte der Fremde, ſeinen Pfad verfolgend, in mürriſcher Achtloſigkeit, und ſchien einzig darauf bedacht, ſich dichter an den Wind zu bringen, um die Entfernung zwiſchen ſich und dem Gegenſtande ſeiner Jagd ſo gering als möglich zu machen. „Ein verbündetes Land kann ihn nicht zum Zorne reizen,“ ſagte der Rover.„Wohlan! ſo mag er ſich dann die hohnſprechende weiße Flagge, den Drapeau blanc, anſehen.“ Wilder gehorchte ſchweigend. Portugals Wimpel flatterte 470 auf's Deck herunter, und das weiße Feld Frankreichs wurde in die Höhe gezogen. Kaum hatte dieſe Fahne noch die Gaffelſpitze er⸗ reicht, ſo hob ſich vom Verdeck des Fremden, gleich einem unge⸗ heuern aufſteigenden Vogel, ein breites, glänzend⸗bemaltes Tuch, und breitete oben zierlich ſeine Falten dem Winde auf. In dem⸗ ſelben Augenblick prallte eine Rauchſäule aus ſeiner Seite hervor, und trieb ſchon rückwärts durch ſeine Takelage, ehe der Knall des herausfordernden Schuſſes, der ſich gegen die Richtung des ſtarken Paſſatwindes den Weg bahnen mußte, von der Mannſchaft auf dem Delphin gehört werden konnte. „Das kommt von der freundſchaftlichen Geſinnung zwiſchen den beiden Völkern her!“ bemerkte trocken der Rover.„Der Holländer läßt ihn ſtumm, die Krone von Braganza rührt ihn nicht; aber zeigt ihm nur ein Tafeltuch, ſo regt ſich die Galle in ihm! Mag er ſich die Farbe, die ihm ſo wenig zuſagt, noch eine Weile be⸗ trachten, Herr Wilder; wenn wir müde ſind, ſie zu zeigen, ſo finden wir wohl noch eine andere in unſerer Flaggenkiſte.“ Wirklich ſchien es, als ob der Anblick der Flagge, die der Rover zu zeigen für gut hielt, auf den Fremden ungefähr denſelben Eindruck machte, wie das Stückchen Scharlachtuch des flinken Ma⸗ tadors auf den wüthenden Stier. Raſch wurden noch verſchiedene kleinere Segel am Fremden beigeſetzt, die von keinem weſentlichen Nutzen ſein konnten, aber zu erkennen geben ſollten, daß er den Augenblick nicht erwarten könne, wo er auf ſeinen Feind ſtieße; jede Braſſe, jede Bulinie ſogar wurde noch mit einem Stück Segeltuch beſchwert. Kurz, der Fremde ſah ganz aus, wie ein Rennpferd, das, obgleich ſchon mit der äußerſten Schnelligkeit die Bahn daher⸗ fliegend, noch die Peitſche des Jockey zu fühlen bekommt, ungeachtet kein Anſpornen von Außen, kein eigenes Feuer einen Flug beſchleu⸗ nigen kann, der ohnedieß ſchon den höchſten Grad erreicht hat. Auch ſchien das fremde Schiff keinesweges dieſer außerordentlichen Anſtrengung zu bedürfen. Der Wettlauf, der zeigen ſollte, welches — ——x—— 471 ie von den Fahrzeugen das andere todtſegeln würde, war nun im r⸗ vollen Gange. Wie berühmt aber auch der Delphin als Schnell⸗ e⸗ ſegler war, ſo konnte doch auch das ſtärkſte Auge nicht entdecken, , 2 daß er dem fremden Schiffe überlegen wäre; keines konnte dem n⸗ andern einen ſichtbaren Vorſprung abgewinnen.— Schon gehorchte or, des Freibeuters Schiff dem Winde, ſchon zerſtoben die Wogen vor es ihm her in höheren und weiter hinſchießenden Strahlen; allein ten der Fremde ſchwamm eben ſo ſchnell und zierlich, wie ſein Neben⸗ ꝛuf buhler über die wogenden Waſſer, denn jeder Windſtoß füllte die Segel des einen wie des andern Schiffes. den»Der Bau dort durchſchneidet das Waſſer, wie eine Schwalbe der die Lüfte,“ bemerkte der Corſarenhäuptling gegen den Jüngling ber an ſeiner Seite, der ſich bemühte, eine mit jedem Augenblicke dag wachſende Gemüthsbewegung zu unterdrücken.„Hat es denn einen be⸗ Ruf als Schnellſegler?“* ſo 1„Der Brachvogel fliegt kaum ſchneller. Meinen Sie nicht, daß Leute, wie wir, die unter keinem beſſern Patent ſegeln, als der 4 ihr eigenes Belieben, ſich nicht näher heranwagen ſollten?« lben Der Blick des Rovers auf ſeinen Gefährten drückte unwilligen Ma⸗ Verdacht aus, verwandelte ſich aber in ein Lächeln ſtolzer Ver⸗ dene wegenheit, ehe er antwortete: ſccheen»Mag er dem Aar in ſeinem höchſten und raſcheſten Fluge den gleichen, er ſoll an uns keine Nachflügler finden! Woher dieſer jede Ihr Widerwillen, einem der Krone angehörigen Schiffe eine Vier⸗ ltuch telmeile nahe zu ſein.“ 4 ferd,„Weil ich ſeine Stärke kenne, und die Hoffnungsloſigkeit eines aher⸗ Kampfes mit einem ſo überlegenen Feinde,“ erwiederte Wilder mit ſcchet Feſtigkeit.„Kapitän Heidegger, Sie können ſich mit keiner Ausſicht hleu⸗ von Erfolg in's Gefecht mit jenem Schiffe einlaſſen; und wenn wir hat. uns die noch beſtehende Entfernung nicht auf der Stelle zu Nutze lichen machen, ſo können Sie ihm nicht einmal mehr entfliehen. Ja, ich elches weiß nicht, ob es nicht jetzt ſchon zu ſpät ſei, Letzteres zu verſuchen.“ 472 „Das, Sir, iſt die Meinung eines Menſchen, der die Macht ſeines Feindes überſchätzt, weil Gewohnheit und Großſprecherei ihm eine Ehrfurcht vor derſelben, wie vor etwas Uebermenſchlichem, beigebracht haben. Niemand, Herr Wilder, iſt verwegener, und Niemand beſcheidener, als der, welcher längſt auf ſeine eigene Kraft, als ſeine einzige Zuflucht, gewieſen iſt. Ich war einer königlichen Flagge ſchon näher, und dennoch führe ich, wie Sie ſehen, dieſen Krieg auf Tod und Leben noch in dieſem Augenblicke fort.“ „Horch! Eine Trommel. Der Fremde macht ſich an ſeine Kanonen.“ Der Rover konnte, nach einem Augenblick Lauſchens, das wohl⸗ bekannte Signal unterſcheiden, das die Bemannung eines Linien⸗ ſchiffes an ihre Poſten ruft. Nachdem er zunächſt einen Blick aufwärts auf ſein Segelwerk gethan, und einen zweiten, gleich raſchen prüfenden Ueberblick auf alles Einzelne, ſeinem Befehle Unterworfene, antwortete er gelaſſen: „Wir wollen ſeinem Beiſpiele folgen, Herr Wilder. Geben Sie die Ordre.“ Zis jetzt waren die Leute auf dem Delphin theils beſchäftigt mit der Ausführung der nöthigen, ihnen angewieſenen Dienſtpflich⸗ ten, theils verloren in der neugierigen Anſchauung des Schiffes, das ſo eifrig zu wünſchen ſchien, ihrem eigenen gefährlichen Fahr⸗ zeuge ſo nahe als möglich zu kommen. Ein tiefes, aber fortwäh⸗ rendes Geſumme von Stimmen— lautere Töne verbot die Dis⸗ ciplin— war das Einzige, woran bis jetzt ihre Theilnahme an der Scene zu erkennen war; doch kaum wurde der erſte Trommel⸗ ſchlag vernommen, ſo fuhr jede Gruppe aus einander, und Jeder⸗ mann begab ſich geſchäftig und regſam an ſeinen ihm bekannten Poſten. Das Geräuſch unter der Mannſchaft dauerte nur einen einzigen Moment; ihm folgte jene tiefe Stille, deren in dieſen Blättern früher bei einer ähnlichen Gelegenheit ſchon Erwähnung geſchah. Jedoch ſah man die Offiziere, wie ſie durch raſches und 3 8 473 ht bündiges Fragen bei den Leuten unter ihrem reſpektiven Kommando m 4 ſich unterrichteten, daß Alles ſich in gehöriger Ordnung befinde. n, 4— Die Kriegsmunition, die nun ſchnell aus den Magazinen her⸗ nd 3 vorgeſchafft wurde, verkündete eine mehr als gewöhnlich ernſtge⸗ ft, meinte Vorbereitung. Der Rover ſelbſt war verſchwunden; allein en nicht lange, ſo erſchien er wieder auf ſeinem erhabenen Platze, ge⸗ en waffnet zum Kampfe, der bevorzuſtehen ſchien, und, wie immer, damit beſchäftigt, die Eigenſchaften, Kräfte und Mannövers des ne herannahenden Feindes zu unterſuchen. Diejenigen indeſſen, die ihren Chef am beſten kannten, waren der Meinung, daß er über hl⸗ 1 die Frage: ob geſchlagen werden ſolle? noch gar keinen feſten Ent⸗ en⸗ ſchluß gefaßt habe. Hundert neugierige Blicke waren auf ſein ſich lick zuſammenziehendes Auge gerichtet, als wollten ſie das Geheimniß, eich in welches er ſein wahres Vorhaben noch immer einhüllte, durch⸗ hle ſchauen. Da ſtand er, die Seemannsmütze abgenommen, das 4 blonde Haar eine Stirne umwallend, die geſchaffen ſchien, weit ben edlere Gedanken zu bergen, als die, welche er während ſeines 1 ganzen Lebens gepflogen zu haben ſchien. Vor ſeinen Füßen lag tigt eine Art von ledernem Helm, deſſen Beſatz ſo beſchaffen unde ich⸗ er dem Geſicht des Tragenden ein gräßliches, unnatürliches,“ rau⸗ fes, ſames Ausſehen gab. Sobald er dieſe Entermütze aufhatte, wuß⸗ ahr⸗ ten Alle im Schiffe, daß der Augenblick ernſten Kampfes gekom⸗ äh⸗ men ſei; noch aber ließ ihr Anführer dieſes untrügliche Zeichen Dis⸗ feindſeliger Abſicht unbemerkt liegen. 4 an Inzwiſchen war jeder Offizier mit Unterſuchung ſeines Dienſt⸗ mel⸗ zweiges fertig, und erſtattete Bericht über den Zuſtand deſſelben, der⸗ worauf die todtenähnliche Stille, die bis jetzt unter der Mannſchaft nten— geherrſcht hatte, durch eine Art von ſtillſchweigender Erlaubniß inen der Oberen, ſich in dumpfe, aber angelegentliche Unterhaltung der leſen Leute unter einander auflöste, eine Abweichung von den gewöhn⸗ nung lichen Vorſchriften auf regelmäßigeren Schiffen, die der berechnende und Häuptling deßwegen zugab, um die Stimmung ſeiner Mannſchaft, 474 auf die, bei ſeinen verzweifelten Unternehmungen, kam, vorher genauer kennen zu lernen. oft ſo viel an⸗ Siebenundzwanzigſtes Kapitel. ——„Mich macht' es toll, Daß er ſo blank ausſah, und roch ſo ſüß Und ſchwatzte wie ein Kammerfräulein. Heinrich IV. Th. I. Act I. Sc. 3. Es war dieß ein Augenblick hoher und ernſter Spannung. Die Befehligenden der verſchiedenen Abtheilungen des Schiffes hatten ein Jeder den Zuſtand ſeines Departements mit derjenigen Aufmerkſamkeit unterſucht, die ſtets ungetheilter zu werden pflegt, wie der Zeitpunkt heranrückt, wo die That beweiſen muß, wiefern man ſeinem Amt und deſſen Verantwortlichkeit gewachſen ſei. Schon hatte ſich der Quartiermeiſter nach der Ordnung aller der verſchiedenartigen Taue und Ketten, die zur Sicherheit des Schiffes weſentlich waren, erkundigt, und man hörte nicht mehr ſeine barſche Stimme; aber⸗ und abermals hatte jeder Chef einer Batterie ſich verſichert, daß ſein Geſchütz zum augenblicklichen und wirkſamen Dienſt in Bereitſchaft ſtehe. Selbſt die Extra⸗Kriegsmunitionen waren ſchon aus ihren dunklen, geheimen Behältniſſen herbeigeholt, und das Bevorſtehende nahm ſo ausſchließlich die Theilnahme in Anſpruch, daß nun auch das leiſere Geſumme der Sprechenden verſtummte. Der lebendige, überall hinſchweifende Blick des Rovers konnte nirgends den geringſten Grund entdecken, der Feſtigkeit ſeiner Leute zu mißtrauen. Ernſthaft waren ſie, wie es die Tapfer⸗ ſten und Ausdauerndſten in der Stunde der Prüfung immer zu ſein pflegen; allein dieſer Ernſt war mit keinem Zeichen von ielmehr ſchien er die Wirkung des auf einen Furcht vermiſcht; vi umelten, auf's Aeußerſte gefaßten Entſchluſ⸗ einzigen Punkt geſan chen Geiſt zu Thaten ſtärkt, die mehr Muth ſes, der den menſchli erfordern, als die gewöhnlichen Wagniſſe kriegeriſcher Unter⸗ an⸗ ung. ffes igen egt, fern ſei. der iffes rſche ſich amen onen hholt, ne in enden overs igkeit apfer⸗ er zu von einen ſchluſ⸗ Muth Anter⸗ nehmungen. In dieſem allgemein aufmunternden Ausdruck der Kampfluſt entdeckte der umſichtige Anführer nur drei Ausnahmen, und zwar in ſeinem Lieutenant und deſſen beiden merkwürdigen Gefährten. Wir haben bereits erwähnt, daß Wilders Benehmen nicht ganz ſo beſchaffen war, wie es einem Manne ſeines Ranges in einer Stunde von hoher Wichtigkeit geziemt.— Wiederholentlich hatte der ſcharfe, unwillige Blick des Rover dieß Benehmen wahrgenommen, allein trotz alles Sinnens konnte er ſich über den wirklichen Grund deſſelben keine genügende Rechenſchaft geben. Die Geſichtsfarbe des Jünglings war eben ſo friſch, die Haltung ſeines Körpers eben ſo feſt, als in den Stunden gänzlicher Sicherheit, um ſo mehr mußte das unſtäte Herumſchweifen ſeines Auges, das zweifelvolle, unentſchiedene Ausſehen, auf Zügen, die nur für entgegengeſetzte Eigenſchaften geſchaffen ſchienen, den Anführer nachdenklich machen. Gleichſam als hoffte er in dem Benehmen der Gefährten Wilders eine Auflöſung dieſes Räthſels zu finden, ſuchte ſein Auge Fid und den Neger auf. Sie hatten Beide ihre Stellung an einer Kanone angewieſen bekommen, die dem Platze, den er ſelbſt ein⸗ nahm, zunächſt ſtand, und bei der Fid den Kanonierdienſt hatte. Feſt und unbeweglich, gleich den Nippen des Schiffes, war die Haltung des Topgaſtes, wie er von Zeit zu Zeit einen Seitenblick längs des Schaftes ſeiner Kanone that. Auch war in ſeinem Weſen jeue trauliche, faſt väterliche Sorgfalt nicht zu verkennen, die des Seemanns Theilnahme an dem ihm anvertrauten Kom⸗ mando ſo vortheilhaft auszeichnet. Und dennoch ſaß hohes verwirr⸗ tes Befremden in ſeinen rauhen Geſichtszügen, und es war nicht ſchwer zu entdecken, daß, jedesmal wenn ſein Blick vom Antlitze Wilders auf den Feind hinüberſchweifte, er darüber erſtaunte, Beide einander gegenüber zu ſehen. Wie außerordentlich ihm aber auch offenbar ein ſolches Ereigniß vorkam, ſo erlaubte er ſich doch keine Bemerkung oder Klage, ſondern ſchien ganz im Geiſte jenes 476 wohlbekannten Seegrundſatzes zu handeln, welcher den discipli⸗ nirten Matroſen einſchärft:„dem Schiffsbefehl werde parirt, wenn auch der Schiffsherr dabei crepirt!“ Jeder Theil der athletiſchen Geſtalt des Negers war regungslos, ausgenommen ſeine Augen. Dieſe großen, kohlſchwarzen Augäpfel rollten wie die des Top⸗ mannes unabläſſig, nur ſchülerhafter, zwiſchen Wilder und dem fremden Segel hin und her, und bei jedem friſchen Blicke ſchien ſein Erſtaunen zu wachſen.. Ueberraſcht durch dieſe klaren Beweiſe eines außerordentlichen und doch gemeinſchaftlichen Gefühls zwiſchen Beiden, benutzte der Rover ſeine Stellung und die Entfernung ſeines Lieutenants, um ſie anzureden. Mit jenem vertraulichen Tone, den der Befehls⸗ haber gegen ſeine Untergebenen anzunehmen pflegt, wenn der Mo⸗ ment ihrem Dienſte hohe Wichtigkeit verleihet, ſagte er, indem er ſich über das dünne, den Abhang der Hütte von der Schanze abtheilende Geländer hinüberlehnte: „Ich hoffe, Maſter Fid, man hat Euch an eine Kanone ge⸗ ſtellt, die zu ſprechen verſteht.“ „Es gibt auf dem ganzen Schiffe keinen glatteren Lauf, noch geräumigeres Maul, als die von meinem Blitz⸗Wilhelm hier,“ erwiederte der Topgaſt, und ſtreichelte dabei liebkoſend den Gegen⸗ ſtand ſeiner Lobeserhebung.„Ich verlange nichts weiter, als einen reinen Wiſcher und einen feſten Kabelgarnpfropfen. Guinea, leg mir'mal ein halbes Dutzend Kugeln zurecht, nach deiner eigenen Manier, als wenn du mit einem Paar Kugeln das Anker vom Tau losmachen wollteſt; wenn die Affaire vorüber iſt, ſo mögen die, welche ſie überleben, an Bord des Feindes gehen, und ſchauen, wie Richard Fid ſeine Körner gepflanzt hat.“ „Ihr ſeid kein Neuling im Treffen, Maſter Fid?“ „Behüte Gott, was denken Ew Gnaden? Ich mache mir aus Schießpulver nicht mehr, wie aus einer Priſe trockenen Schnupf⸗ tabaks!— obzwar ich geſtehen muß....** —— —— —— — 477 „Was wolltet Ihr ſagen?« »Daß ich mich zuweilen bei dergleichen Geſchichten ganz am unrechten Orte finde,“ erwiederte der Topmann, indem er zuerſt einen Blick auf die Flagge Frankreichs, und dann auf das ferne Sinnbild Englands that,„ungefähr wie ein rückwärts gebogener Klüverbaum zuweilen einem Hinterſegel zum Stump dienen muß. Na, ich denke, der junge Herr, der Harry, hat es Alles Schwarz auf Weiß in der Taſche; aber ſo viel muß ich ſagen, daß, wenn einmal mit Steinen geworfen ſein muß, ſo ſähe ich's doch lieber, daß Sie des Nachbars Geſchirr entzweiſchmiſſen, als meiner eige⸗. nen Mutter ihres— Guinea, hör' doch, noch ein paar Kugeln leg' her, ſag' ich; denn ſoll's Spiel doch einmal losgehen, ei nun, ſo ſoll's nicht an mir liegen, wenn der Blitz⸗Wilhelm ſeinem Namen nicht Ehre macht.“. Der Rover zog ſich gedankenvoll und ſchweigend zurück, und be⸗ gegnete dem Blicke Wilders, dem er nochmals winkte, näher zu treten. „Herr Wilder,« ſagte er mit weicher Stimme,„nun begreife ich, was in Ihnen vorgeht. Da nicht Alle in jenem Fahrzeuge Sie beleidigt haben, ſo würden Sie es lieber ſehen, wenn Ihr Dienſt gegen jene übermüthige Flagge bei einem andern Schiffe anfangen könnte. Ueberdieß iſt wenig weiter als hohle Ehre in dieſem Kampfe zu gewinnen;— aus Schonung Ihrer Gefühle werde er vermieden.“ „Es iſt zu ſpät,« ſagte Wilder, traurig den Kopf ſchüttelnd. „Sie ſollen ſehen, daß Sie ſich irren. Der Verſuch koſtet uns vielleicht nur eine volle Lage, aber gelingen ſoll er. Gehen Sie, führen Sie unſere Gäſte hinab an einen ſicherern Ort, als die Kajüte iſt, und wenn Sie wieder zurückkehren, ſoll ſich die Scene verwandelt haben.“ Mit Vergnügen eilte Wilder in die Kajüte, wohin Miſtreß Wyllys ſich bereits zurückgezogen hatte; dort entdeckte er beiden Damen die Abſicht ſeines Commandeurs, ein Gefecht zu vermeiden, 478 und geleitete dieſelben tiefer in die Schiffsräume hinab, damit kein zufälliges Ereigniß ihnen einſt das Andenken an dieſe Stunde noch mehr verbittere. Nachdem ſich unſer Abenteurer dieſer an⸗ genehmen Pflicht ſchleunig und ſorgfältig entledigt hatte, eilte er mit Blitzesſchnelle wieder auf's Verdeck hinauf. Ungeachtet ſeine Abweſenheit ihm nur einen Augenblick ge⸗ dauert zu haben ſchien, ſo war doch die Scene, wie der Rover verſprochen hatte, vollkommen verwandelt; alle feindſelige Zeichen waren verſchwunden. Statt der Flagge Frankreichs ſah er Eng⸗ lands Fahne an der Gaffel des Delphin flattern, während zwiſchen beiden Fahrzeugen ein raſcher Austauſch von wohlverſtandenen Signalen thätig im Gange war. Von dem ganzen Gewölk von Leinwand, unter welchem ſich das Schiff des Rover noch vor we⸗ nigen Minuten beugte, waren die Bramſegel die einzigen, die der Wind noch füllte; die übrigen hingen in Feſtons, und flatterten loſe vor einer günſtigen Kühlte. Das Schiff ſelbſt lief ſchnurge⸗ rade auf den Fremden zu, der ſeinerſeits, offenbar ungern, wie Jemand, dem eine werthvolle, ſchon erbeutet geglaubte Priſe ent⸗ wiſcht iſt, mürriſch die leichteren Oberſegel einholte. „Klar iſt's, dem Kerl dort thut's leid, daß er den, welchen er ſo kürzlich erſt für ſeinen Feind hielt, jetzt als Freund betrachten muß,“ ſagte der Rover, und machte ſeinen Lieutenant auf die Zu⸗ verſicht aufmerkſam, mit welcher das nahe Schiff ſich durch die falſchen Signale berücken ließ.„Es iſt eine lockende Verſuchung; allein ich widerſtehe ihr, Wilder, Ihretwegen.“ Der Blick des Lieutenants ſchien verwirrt, er antwortete nicht. Auch war in der That nur wenig Zeit zum Geſpräch oder zum Nachdenken übrig. Schnell ſchoß der Delphin auf ſeinem Pfade hin, und jeden Augenblick zerfloß der Nebel mehr und mehr, in welchem die kleineren Gegenſtände am Bord des Fremden durch die Ferne eingehüllt waren.— Kanonen, Blöcke, Taue, Bolzen, Menſchen, ſogar Geſichtszüge, wurden in raſcher Aufeinanderfolge, in dem Vei noc nig ſein und zu! Wit Leich ſie i unte welch Fein Klug Leute Umſt Mien loſen Luvſe vom! den ſe nen e rühren unverſ ſchäft vielſag 479 Verhältniſſe, wie der Kiel des Freibeuters vorwärts durch die noch zwiſchenliegenden Wogen drang, deutlich ſichtbar. Noch we⸗ nige Minuten, ſo fuhr der Fremde, nachdem er den größten Theil ſeiner kleinen Segel angeſchnürt hatte, mit dem Winde heran; und bald darauf kam er mit dem Rumpf zum Stilleſtehen, indem zu dieſem Zwecke die Hinterſegel breitgebraßt waren, ſo daß der Wind ſie von der Außenſeite treffen mußte. Die Leute auf dem Delphin hatten inſofern die zuverſichtliche Leichtgläubigkeit des königlichen Kreuzers nachgeahmt, daß auch ſie ihre ſämmtlichen höheren Segel einholten; denn es gab Keinen unter ihnen, der nicht, ſelbſt bei einer ſo bedenklichen Nähe, bis zu welcher es ſeinem räthſelhaften Anführer beliebte, einen ſo mächtigen Feind herankommen zu laſſen, das unbedingte Zutrauen in deſſe Klugheit und Muth geſetzt hätte— Eigenſchaften, welche, wie die Leute aus Erfahrung wußten, ihnen ſchon in viel ſchwierigeren Umſtänden, als die gegenwärtigen, zu Statten kamen.— Mit dieſer Miene vermeſſener Zuverſicht glitt der furchtbare Pirat ſeinem arg⸗ loſen Nachbar entgegen, bis auf einige hundert Fuß von deſſen Luvſeite, wo er, einen zierlichen Halbkreis im Drehen beſchreibend, vom Winde abfiel und zum Stehen kam. Indeſſen konnte Wilder, den ſämmtliche Bewegungen ſeines Vorgeſetzten mit ſtummem Stau⸗ nen erfüllten, bald bemerken, daß der Vorſteven des Delphin eine von dem andern Schiffe verſchiedene Richtung bekam, und daß die Hemmung im Laufe nur durch eine entgegenwirkende Vertheilung der Vorderragen hergeſtellt wurde; ein Umſtand, welcher, bei der etwaigen Nothwendigkeit einer Zuflucht zu den Kanonen, den Vor⸗ theil darbot, daß man das Schiff beſſer in der Gewalt behielt. Noch dauerten die von der ſo eben beendigten Bewegung her⸗ rührenden Schwankungen des Schiffes fort, als rauh und beinahe unverſtändlich die gebräuchliche Aufforderung: Namen und Ge⸗ ſchäft anzugeben, über das Waſſer herüberſchallte. Mit einem vielſagenden Blick auf ſeinen Lieutenant ſetzte der Rover das 480 Sprachrohr an den Mund, und nannte zur Antwort den Namen eines bekannten königlichen Schiffes, deſſen Größe und Stärke genau denen des ſeinigen entſprachen. „Richtig,“ rief eine Stimme im andern Fahrzeug,„ich hab' mir's ſchon bei Euren Signalen gedacht, daß Ihr kein Andrer wäret.“ Nun erfolgte der Gegengruß mit Nennung des Namens vom königlichen Kreuzer, und zugleich eine Einladung von Seiten des Befehlshabers an ſeinen Herrn Amtsbruder, ſeinen Vorgeſetzten zu beſuchen. Bis jetzt war nichts weiter vorgefallen, als was zwiſchen See⸗ leuten, die unter einer und derſelben Flagge dienen, die herkömmliche Sitte mit ſich bringt; allein der Zeitpunkt nahte mit raſchen Schritten, wo die meiſten Menſchen es ſchwierig gefunden haben würden, die Täuſchung länger aufrecht zu halten.— Doch weder Zaudern noch Zweifel konnte Wilders beobachtendes Auge in der Haltung ſeines Obern entdecken. Man hörte im Kreuzer die Trommel: zum Rück⸗ zug von den Poſten, rühren; mit der unbefangenſten Gelaſſenheit befahl auch er daſſelbe Zeichen, wodurch ſeine Leute von ihren Ka⸗ nonen abgerufen wurden. Mit einem Worte, in fünf Minuten war— zwiſchen beiden Schiffen, die bald im tödtlichſten Kampfe gegen ein⸗ ander begriffen geweſen wären, hätte das eine den Charakter des andern geahnt, jeder Anſchein von Freundſchaft und unbedingtem Vertrauen hergeſtellt. Als des Rovers zweifelhaftes Spiel dieſe Stufe erreicht hatte, und die Einladung Wilders Ohren noch nicht verklungen war, winkte Jener ihn an ſeine Seite: „Sie hören die Aufforderung, daß ich meinem Senior im königlichen Dienſte einen Beſuch abſtatten ſoll,“ ſagte er, indem ein ironiſches Lächeln um ſeine höhnende Lippe ſpielte.„Wün⸗ ſchen Sie nicht, von der Partie zu ſein?“ Die Verwunderung, welche dieſer verwegene Vorſchlag in Wil⸗ der erregte, war nichts weniger als erkünſtelt. Kaum konnte er Worte finden, ſich auszudrücken, endlich rief er: alle blit Klu das daß Acht mit 8 ſeine ten ſo jt gen. wurd Amte faſt: ſchön zu de raſch dergle Kaum er ſic „ men ärke hab' ret. vom des tzten See⸗ liche tten, „die noch eines Rück⸗ nheit Ka⸗ war ein⸗ rdes gtem dieſe nicht r im ndem Wün⸗ Wil⸗ tte er 481 „Sie werden doch nicht ſo tollkühn ſein, dieſe Gefahr zu laufen!* „Wenn Sie für Ihre Perſon etwas befürchten, ſo kann ich auch allein gehen.“. „Befürchten!“ gab der Jüngling mit erglühender Wange und blitzendem Auge zurück,„nicht Furcht, Kapitän Heidegger, ſondern Klugheit räth mir, mich nicht zu zeigen. Meine Gegenwart würde das Geſchäft dieſes Schiffes verrathen. Sie ſcheinen zu vergeſſen, daß in jenem Kreuzer Niemand iſt, der mich nicht kennt.« „In der That, dieſen Theil des Drama's hatte ich ganz außer Acht gelaſſen. Wohlan, ſo bleiben Sie, und laſſen Sie mich allein. mit Sr. Majeſtät Kapitän die Komödie ſpielen.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, ging er voran, und winkte ſeinem Lieutenant, ihm hinab zu folgen. Wenige Augenblicke reich⸗ ten hin, ſeine blonden, goldenen Locken, die ſeinem Geſichte ein ſo jugendliches, munteres Ausſehen gaben, in Ordnung zu brin⸗ gen. Das phantaſtiſche Negligéhabit, das er gewöhnlich trug, wurde nun erſetzt durch einen, ſeinem angenommenen Range und Anmte entſprechenden Anzug, der ſeiner Perſon auf das ſorgfältigſte faſt mit einer ſtutzerhaften Aufmerkſamkeit auf das in der That ſchöne Ebenmaaß ſeiner Geſtalt angepaßt war. Alles Uebrige, was zu der Maske gehörte, die ihm anzunehmen beliebte, war eben ſo raſch beendigt, ſo daß man nothwendig auf den Gedanken kam, dergleichen Vermummungen flegten nichts Seltenes bei ihm zu ſein. Kaum war dieſe Veränderung in ſeinem Aeußern bewirkt, ſo ſchickte er ſich auch zur Ausführung ſeines Vorhabens an. „Es ſind ſchon viel ſicherere und ſchärfere Augen getäuſcht worden,“ bemerkte er gelaſſen, indem er ſich beim Sprechen vom Spiegel weg zu ſeinem Lieutenant wendete,„als die, welche das Geſicht des Kapitäns Bignall zieren.“ „Sie kennen ihn alſo?« „Herr Wilder, mein Treiben bringt es mit ſich, daß ich Manches wiſſen muß, was Andere nicht wiſſen. Ha, ha, ich ſehe es Ihnen Der rothe Seeräuber. 31 482 am Geſichte an, Sie halten dieſes Abenteuer für entſetzlich hoff⸗ nungslos und verzweifelt, und doch iſt keines leichter zu beſtehen. Am Bord des Pfeils, davon bin ich überzeugt, iſt weder ein Offizier noch ein Gemeiner, der das Schiff, deſſen Namen ich für gut fand, anzugeben, jemals geſehen hätte. Es iſt zu jung von den Werften, als daß ich in dieſer Hinſicht eine Gefahr liefe. Zweitens iſt es nicht wahrſcheinlich, daß ich, in meinem angenom⸗ menen Charakter, mit irgend einem der Offiziere bekannt zu ſein brauche; denn Sie wiſſen wohl, dieß, Ihr ehemaliges Schiff, iſt ſeit vielen Jahren nicht in Europa geweſen, und wenn Sie ſich bemühen wollen, in dem genealogiſchen Verzeichniſſe hier nach⸗ zuleſen, ſo wird Ihnen einleuchten, daß ich kein Anderer bin, als der Sohn eines Lords, ein privilegirter Sterblicher, und daß das Schiff dort von England abweſend war, lange ehe ich noch zum Kommando, ja, ehe ich zum männlichen Alter heranreifte.“ „Dieſe günſtigen Umſtände habe ich freilich aus Mangel an Scharfſinn überſehen. Aber wozu wollen Sie überhaupt das Wage⸗ ſtück unternehmen?“ „Wozu?... Vielleicht habe ich den tief angelegten Plan: in Erfahrung zu bringen, ob die Priſe die Mühe, ſie zu nehmen, lohne; vielleicht... iſt's meine Laune ſo. Das Abenteuer hat einen furchtbar ſtarken Reiz für mich.“ „Nicht minder furchtbar iſt die Gefahr.“ „Gilt es ſolchen Genuß, zähle ich nicht erſt die Koſten.— Wilder,“ fuhr er fort, mit einem Blicke offenen, gutmüthigen Vertrauens näher auf ihn zutretend,„ich gebe in Ihre Bewah⸗ rung mein Leben, meine Ehre; denn mir wenigſtens gilt es als Entehrung, meine Leute im Stich zu laſſen.“ „Ich werde das Pfand zu achten wiſſen,“ erwiederte unſer Abenteurer in einem ſo tiefen, unterdrückten Tone, daß ſeine Worte kaum vernehmbar waren. Der Rover that noch einen feſten Blick auf das ehrliche Geſicht ſeines Gefährten, lächelte dann, hoff⸗ ehen. ein h für von liefe. nom⸗ mſein f, iſt ſich nach⸗ als 3 das zum el an Vage⸗ n: in hmen, r hat n.— thigen ewah⸗ es als unſer Worte feſten dann, 483 gleichſam als wollte er ſeine Zufriedenheit mit der gegebenen Ver⸗ ſicherung ausdrücken, machte mit der Hand eine Abſchiedsbewegung, und wendete ſich, um die Kajüte zu verlaſſen; da begegnete ſein Auge einer dritten Geſtalt. Die Hand leiſe auf die Schulter des ſich ihm in den Weg drängenden Knaben gelegt, fragte er etwas ſtreng: „Was willſt du mit dieſer Reiſefertigkeit, Roderich?“ „Meinem Herrn in das Boot folgen.“ „Knabe, man verlangt deine Dienſte nicht.“ „Ach, ſelten verlangt man die ſeit einiger Zeit.“ „Wozu unnöthigerweiſe noch mehr als Ein Leben in Gefahr bringen, wo Alles zu verlieren iſt, und Nichts zu gewinnen?“ „Wagſt du dein eigenes Leben, ſo wagſt du mein Alles,“ ant⸗ wortete er mit unendlicher Hingebung, und in einer ſo leiſe be⸗ benden Stimme, daß die halberſtickten Töne nur von dem gehört wurden, für den ſie geſprochen waren. Der Rover hielt inne, ſeine Hand ruhte noch immer auf des Knaben Schulter. Sein feſt auf ihn gerichtetes Auge, deſſen Strahl die Menſchen oft bis in das tiefverborgenſte Geheimniß des fremden Herzens dringen läßt, las des Knaben bewegte Züge. Endlich ſagte er, mit weit mehr Milde und Güte in der Stimme: „Roderich, dein Loos ſei das meine; wir gehen zuſammen.“ Haſtig fuhr er mit der Hand über die Stirn, und ſtieg dann mit dem Knaben die Leiter hinauf; ihm folgte das Individuum, in deſſen Treue er ſo großes Vertrauen ſetzte. Feſt war der Tritt des Rover auf ſeinem Verdeck, und die Haltung ſeiner Geſtalt ſo unerſchrocken, als ſähe er nicht das geringſte Wagniß in ſeinem Vorhaben.— Mit der Genauigkeit eines Seemanns weilte ſein Blick auf jedem Segel; keine Braſſe, Rage noch Bulinie entging ſeinen prüfenden Kenneraugen. Dann erſt ſchritt er an die Seite, wo das Boot, das er zu beſteigen im Begriff war, längſt für ihn bereit gehalten wurde. Jetzt zum erſten Male brach ein matter Schein des Mißtrauens und des Zweifels durch die ſtolze, kühne Ent⸗ 31* 484 ſchloſſenheit ſeiner Züge, einen Augenblick zauderte ſein Fuß, als er ſchon auf der Leiter ſtand.„Davis,“ rief er rauh dem Menſchen zu, von dem er durch eigene Erfahrung wußte, daß er im Verrath hinreichend geübt ſei,„verlaſſe das Boot!— Ruft mir ſtatt ſeiner den barſchen Vormann des Vorkaſtells; wer gewöhnlich ſo groß thut im Sprechen, wird wohl, wo es ſein muß, auch zu ſchweigen verſtehen.“ Die Abänderung wurde auf der Stelle getroffen: denn dem Herrſcherblick, den er angenommen hatte, war noch Keiner im Schiffe jemals vermeſſen genug, nicht den augenblicklichſten Gehorſam zu leiſten. Noch einen Augenblick ſtand er in tiefſinniger Stellung da, und dann verſchwand der letzte Schatten von Sorge von ſeiner Stirn, und mit hochherzigem Vertrauen ſprach er: „Wilder, leben Sie wohl! Ich laſſe Sie zurück als Anführer meiner Leute, als Herrn meines Schickſals, feſt überzeugt, daß ich in beiden Beziehungen einem Würdigen vertraue.“ Gleichſam als verſchmähte er die leere Förmlichkeit überflüſſiger Verſicherungen, ſtieg er ſchnell, ohne auf eine Antwort zu warten, in's Boot, das man auch ſchon im nächſten Augenblick unerſchrocken auf den königlichen Kreuzer losrudern ſah. Während der darauf⸗ folgenden kurzen Zwiſchenzeit, von dem Moment an, wo die Aben⸗ teurer abſtießen, bis zu ihrer Ankunft auf dem feindlichen Schiffe, blieben die Zurückgelaſſenen in einer ſchmerzlichen Spannung. Der⸗ jenige indeſſen, den der Ausgang zunächſt und am meiſten anging, verrieth weder durch Blick noch Bewegung etwas von der Aengſt⸗ lichkeit, welche die Gemüther ſeiner Untergebenen erfüllte. Unter den, ſeinem angeblichen Range gebührenden Ehrenbezeigungen ſtieg er an der Schiffsſeite ſeines Feindes hinan, mit einer freien Unbe⸗ fangenheit, welche Denen, die da wähnen, daß vornehmes Leben und hohe Geburt Grazie und Würde verleihen, offenbar als Aus⸗ druck dieſer Eigenſchaften erſcheinen mußte. Frei, männlich, und der Seemannsſitte gemäß, empfing ihn der ehrliche Veteran, deſſen gegenwärtiges Kommando für ſeine lange und ſchwere Dienſtzeit 485 nur eine magere Belohnung abgab. Dieſer nun führte gleich nach den erſten üblichen Begrüßungen ſeinen Gaſt in ſeine eigenen Gemächer. „Nehmen Sie den Schiffsraum ein, Kapitän Howard, der Ihnen am beſten behagt,“ ſagte der, wenig Umſtände machende, alte Theer, und nahm dabei, um der treuherzigen Einladung mit eigenem Bei⸗ ſpiele voranzugehen, ohne weitere Ceremonien ſelber Platz.„Ein Herr von ihren außerordentlichen Verdienſten verſchleudert gewiß nicht gern ſeine Zeit mit leerem Wortſchwall, obgleich Sie noch ſo jung ſind— das heißt, jung, hinſichts des charmanten Ranges, den Sie zu bekleiden ſo glücklich ſind.“ „Im Gegentheil, ich verſichere Ihnen, nachgerade komme ich mir vor, als wäre ich ſchon vor der Sündflut geboren,“ erwie⸗ derte der Rover, indem er ſich ruhig an der entgegengeſetzten Seite des Tiſches niederließ, um ſeinem halbverdrießlichen Geſellſchafter dann und wann beſſer in's Geſicht ſchauen zu können:„Werden Sie es mir glauben, Sir, wenn ich dieſen Tag auslebe, ſo habe ich kein geringeres Alter, als mein dreiundzwanzigſtes Jahr, erreicht.“ „Ich hatte Ihnen ein paar Jahre mehr zugetraut, mein junger Herr; doch zu London kommen die menſchlichen Geſichter eben ſo ſchnell zur Reife, als unter der Linie.“ „Sie haben niemals ein wahreres Wort geſprochen, Sir. Jedes Fahrwaſſer, nur behüt' mich der Himmel vor dem von St. James. Auf Ehre, Bignall, der Dienſt dort ruinirt Ihnen die derbſte Conſtitution. Es hat Augenblicke gegeben, wo ich wahr und wahr⸗ haftig glaubte, ich würde jener demüthige, ennuyante Sterbliche — ein Lieutenant, bis zu meinem ſeligen Ende verharren.“ „Dann wären Sie freilich an einer galopirenden Schwindſucht geſtorben!“ murmelte der verdrießliche Alte.„Nun, hat man ihnen doch endlich ein ganz artiges Boot gegeben, Kapitän Howard.“ »Erträglich, lieber Bignall, aber klein, entſetzlich klein. Ich habe es meinem Vater frank heraus geſagt, daß, wenn der See⸗ miniſter keine Reform in den Dienſt einführte, indem er bequemere 486 Schiffe baute, die Flotte mit Nächſtem ganz und gar vom Bürger⸗ pack beſetzt ſein würde. Finden Sie die Motion in Ihrem Ein⸗ decker nicht ungeheuer langweilig, Bignall?« „Wenn ſich ein Mann erſt fünfundvierzig Jahre lang von der See hat hin und her ſchleudern laſſen, Kapitän Howard,“ verſetzte ſein Wirth, indem er ſich, in Ermangelung eines andern Mittels, ſeinen Zorn zurückzuhalten, die grauen Locken ſtrich,„ſo kümmert er ſich wenig mehr darum, ob ſein Schiff einen Fuß höher ſtampft, oder einen Fuß niedriger.“. „Aha! dergleichen pflegt man philoſophiſchen Gleichmuth zu nennen; mein Humor iſt es aber nicht. Geduld indeſſen! nach dieſer Reiſe ſoll ich placirt werden; ich will mir dann ſchon Gönner ſichern, damit man mir ein Wachtſchiff in der Temſe anvertraue; Sie wiſſen, Bignall, heutzutage braucht man weiter nichts als Gönner.“ Der ehrliche, alte Theer verſchluckte ſeinen Unwillen ſo gut es gehen wollte, und, als das wirkſamſte Mittel, die nöthige Faſſung zu behalten, um ſeiner Gaſtfreundſchaft Ehre zu machen, beeilte er ſich, das Geſpräch auf einen andern Gegenſtand hinzuleiten. „Ich hoffe, Kapitän Howard, es iſt noch nicht, mit ſo vielem Andern, aus der Mode gekommen, die Flagge von Alt⸗England über dem Admiralitätspalaſt flattern zu ſehen. Sie trugen dieſen Morgen ſo lange die Farben von Louis, daß die nächſte halbe Stunde uns wahrſcheinlich im Handgemenge gefunden hätte.“ „Ha, ha ha! das war eine excellente Kriegsliſt! Ganz gewiß, von dieſer Maskerade werde ich eine ausführliche Beſchreibung nach Hauſe ſchicken.“ „Thun Sie das; thun Sie das, Sir; man ſchlägt Sie viel⸗ leicht zum Ritter wegen dieſer martialiſchen That.“ „Abſcheulich, Bignall, Ritter! Ihre Herrlichkeit, meine Mutter, würde, bei der bloßen Idee davon, in Ohnmacht ſinken. Seit der Zeit, wo Ritterſein noch für vornehm galt, iſt Niemand in der Familie ſo was Gemeines geweſen, als bloßer Ritter!« ger⸗ Ein⸗ der etzte tels, nert pft, zu nach ner Sie er. es ung er lem and ſen lbe iiß, ing iel⸗ ter, der der — 487 „Laſſen wir das, Kapitän Howard; aber glücklich war's doch für uns Beide, daß Ihr franzöſiſcher Humor Sie ſo bald verließ, denn das geringſte, längere Zaudern hätte mir eine volle Lage abgeärgert. Beim Himmel, Sir, noch fünf Minuten, ſo gingen „die Kanonen dieſes Schiffes von ſelber los!“ „Beſſer ſo, beſſer ſo. Womit amüſiren Sie ſich denn, Bignall, (gähnend) in dieſer langweiligen Weltgegend?« „Ei nun, Sir, die Zeit, die ich nicht brauche, um dem Feinde Sr. Majeſtät auf dem Nacken zu ſitzen, oder für mein eigenes Schiff zu ſorgen, die vertreibe ich mir in Geſellſchaft meiner Of⸗ fiziere, da gibts alſo wenig Langeweile.“ „Ach! Ihre Offiziere. Wahr, Offiziere müſſen Sie ja wohl am Bord haben, wenn ſie auch wahrſcheinlich etwas altmodiſch ſein mögen, da ſie Ihnen Kurzweil machen können. Wollen Sie mir gefälligſt die Liſte einmal zeigen?“ Der Befehlshaber des Pfeils erfüllte dieß Verlangen, und reichte ſeinem unbekannten Feinde die Schlachtrolle ſeines Schiffes hinüber, ohne daß ſeine Aufrichtigkeit es über's Herz bringen konnte, einem ſo verächtlichen Weſen auch nur einen Blick zu gönnen. „Welch' eine Liſte von Mouth-Städtern! Da ſind, auf Ehre, nichts als Namen von Jarmouth und Plymouth, und Ports⸗ month, und Exmouth. Hier ſind ja ſo viel Schmidts, daß ſie allein die ganze Schmiedearbeit im Schiffe verrichten könnten. Aha! hier iſt ein Kerl, der in einer Sündflut von gu⸗ ten Dienſten ſein würde, Heinrich Arche! Wer iſt denn dieſer Heinrich Arche, den ich als Ihren erſten Lieutenant hier auf⸗ geführt ſehe?“ »Ein Jüngling, dem nur ein paar Tropfen Ihres adeligen Blutes fehlen, Kapitän Howard, um einſt an der Spitze der kö⸗ niglichen Flotte zu ſtehen.“ „»Nun, wenn er denn von ſo außerordentlichem Verdienſte iſt, Kapitän Bignall, ſo erſuche ich Sie höflichſt, ihn zu bitten, daß er 488 uns mit ſeiner Geſellſchaft beehre. Ich pflege meinem Lieutenant jeden Morgen eine halbe Stunde zu widmen— wenn er von Adel iſt, verſteht ſich.“ „Der arme Junge! Gott weiß, wo er in dieſem Augenblick ſein mag. Der wackere Burſche hat aus freiem Willen einen höchſt gefährlichen Dienſt übernommen, und ich weiß von ſeinem Erfolg nicht eine Sylbe mehr, als Sie. Nichts wollte helfen, weder Gegen⸗ vorſtellungen noch Bitten. Der Admiral brauchte ſehr dringend .ein paſſendes Subjekt, und das Wohl der Nation forderte das kühne Unternehmen, und dann wiſſen Sie ja, daß Leute von nied⸗ riger Geburt ſich in ganz anderem Fahrwaſſer, als dem zu St. James, ihre Beförderung erwerben müſſen; denn der tapfere Junge perdankt ſogar ſeinen Namen, der Ihnen ſo ſonderbar vorzukommen ſcheint, einem Schiff⸗Wrack, wo er als Kind gefunden wurde.« „Und doch iſt er in Ihrer Schlachtrolle noch als erſter Lieute⸗ nant mitaufgeführt?“ „Und wird's hoffentlich bleiben, bis er, wie er es ſo wohl verdient, ein eigenes Kommando bekommt.— Aber gütiger Himmel, iſt Ihnen unwohl, Kapitän Howard? Knabe, he, ein Glas Grog!“ „Ich danke Ihnen, Sir,“ erwiederte ruhig lächelnd der Rover, indem er das angebotene Getränk ablehnte. Das Blut ſtrömte jetzt in ſein Geſicht zurück, mit einer Heftigkeit, welche drohte, die Adern zu durchbrechen.— Es iſt weiter nichts als ein Uebel, das ich von meiner Mutter erbte. Wir nennen es in der Familie: das Elfenbein der De Veres*), was, ſo viel ich darüber erfahren konnte, keinen andern Grund hat, als daß eine meiner weiblichen Ahnen, in gewiſſen Umſtänden, durch einen Elephantenzahn gar ſehr erſchreckt wurde. Man ſagt, es gebe uns ein liebenswürdi⸗ ges Ausſehen, ſo lange es anhält.“ „Es gibt Einem das Ausſehen, als gehöre man mehr in die *) De Vere iſt der Familienname der engliſchen Herzöge von St. Albans, die mit den Howards durch viele Zwiſchenheirathen in naher Verwendiſchaft ſtehen. . Ueberſ. in ſi flatten unge men 46 ute⸗ vohl nel, g 1 ver, mte hte, bel, lie: dren chen gar rdi⸗ die die 489 Ammenſtube ſeiner Mama, als auf die ſtürmiſche See. freut's indeſſen, daß es ſo bald vorüber gegangen iſt.“ „Heutzutage behält Niemand lange ein und daſſelbe Geſicht Bignall.— Dieſer Herr Arche iſt alſo am Ende denn doch eigent⸗ lich Niemand.“ 4 „Ich weiß nicht, was Sie, Sir, Jemand nennen mögen; allein, wenn ächter Muth, große Verdienſte um ſein Fach, und unerſchütterliche Anhänglichkeit an ſeinen König auf Ihrem kürz⸗ lich verlaſſenen Boden etwas gelten, Kapitän Howard, ſo wird Heinrich Arche bald eine Fregatte kommandiren.“ „Wenn man wüßte, worauf ſich eigentlich ſeine Anſprüche grün⸗ den,“ fuhr der Rover fort, mit einem ſo freundlichen Lächeln, und einer ſo einſchmeichelnden Stimme, daß die Wirkung ſeiner angenommenen Manier dadurch halb geſchwächt wurde,„ſo könnte man vielleicht in einem Brief nach Hauſe ein Wörtchen fallen laſſen, das dem jungen Manne nicht nachtheilig ſein würde.“ „Wollte Gott, ich dürfte nur von der Beſchaffenheit des Dien⸗ ſtes, den er jetzt ausführt, ein Wort ſagen,“ erwiederte eifrig der warmherzige alte Seemann, der eben ſo ſchnell von ſeinem Un⸗ willen zurück⸗, als hineinzukommen pflegte.„So viel können Sie indeſſen beſtimmt von ſeinem allgemeinen Charakter ſagen daß er voller Ehre, ohne Scheu vor Gefahr iſt, und nichts auvers als das Wohl der Unterthanen Sr. Majeſtät im Auge hat. Ich läugne nicht, es iſt noch kaum eine Stunde her, daß ich glaubte, ſein Unternehmen ſei ihm vollkommen geglückt.— Pflegen Sie oft Ihre oberen Segel beizuſetzen, Kapitän Howard, während die größeren Unterſegel angeſchnürt bleiben? Für mich hat ein Schiff in ſolchem Aufzuge ungefähr das Ausſehen eines Menſchen, der ſeinen Rock anzieht, ehe er ſeine Beine in das Futteral ſeiner Hoſen geſteckt hat.“ 8 „Sie ſprechen von dem Umſtand, daß mein großes Bramſegel flatterte, als Sie mich zuerſt gewahr wurden?« 490 „Von nichts Anderem. Wir hatten wohl Eure Spieren mit Mühe durch Ferngläſer geſehen; dann aber verloren wir Euch wieder gänzlich aus dem Geſichte, als auf einmal ein Ausguck die wehende Leinwand entdeckte. Es war auffallend, um mich am mildeſten darüber auszudrücken, und hätte kurios genug aus⸗ fallen können.“ „Ach! ich mache oft ſolche Streiche, blos um drollig zu ſein. Drollig ſein, wie Sie wiſſen, iſt ein Beweis von Geſchicklichkeit. Doch, auch ich komme mit einem beſondern Auftrage in dieſe Meeresgegenden.“ 4 „Und der wäre?“ fragte barſch ſein Geſellſchafter, mit einer Unruhe auf ſeiner ſich furchenden Stirn, welche zu verbergen er zu viel Einfalt beſaß. „Mich nach einem gewiſſen Schiffe umzuſehen, das mir aller⸗ dings ungeheure Beförderung verſchaffen wird, ſollte ich ſo glück⸗ lich ſein, demſelben zu begegnen. Eine Zeitlang glaubte ich, Sie wären kein Anderer, als der Herr, dem ich nachſpüre, und wenn Ihre Signale nicht ſo ſehr alle Zweifel beſeitigten, auf Ehre, ſo hätte es zwiſchen uns zu'was Ernſtlichem kommen können.“ „Und für wen hielten Sie mich, wenn man ſo frei ſein darf?“ „Für Niemand Anders, als jenen berüchtigten Schelm, den rothen Piraten.“ „Was zum Teufel dachten Sie! Glauben Sie denn, Kapitän Howard, daß irgend ein Freibeuter auf der See ſchwimmt, der ſolches Tau⸗ und Segelwerk über ſich führt, wie an Bord des Pfeils anzutreffen? So einen Beiſatz der Segel— ſo einen Ausſchuß der Maſten— und ſo einen Schritt des Kiels? Zur Ehre Ihres Schiffes, Sir, will ich hoffen, daß der Irrthum ſich nur auf deſſen Kapitän beſchränkte?“ „Bis wir nahe genug kamen, um die Signale leſen zu können, war wenigſtens die Hälfte der wichtigeren Urtheile auf meinem Schiffe gegen Sie, Bignall, ich erkläre es auf Ehre. In der The lich etw ſo i Cor erzu in End halt zuge ſchaf Freil alleit erwa chen raſch offen! keln zu übe 491 That, Ihr ſeid ſo lange von Hauſe weg, daß der Pfeil ordent⸗ lich ein ſeeräuberiſches Ausſehen bekommt. Es mag Sie vielleicht etwas empfindlich machen, allein ich ſage Ihnen nur als Freund: ſo iſt die Sache.“ „Und, da Sie mir die Ehre erzeigt, mein Fahrzeug für einen Corſaren anzuſehen,“ erwiederte der alte Theer, ſeinen Zorn durch erzwungene ironiſche Heiterkeit unterdrückend, wodurch ſein Mund in ein grimmiges Lächeln verzogen wurde,„ſo haben Sie am Ende dieſen ehrbaren Herrn hier gar für den Gott⸗ſei⸗bei⸗uns ge⸗ halten? Wie?“ Der Commandeur des Schiffes, dem ſo ein gehäſſiges Gewerbe zugetraut wurde, leitete bei dieſen Worten das Auge ſeines Geſell⸗ ſchafters auf die Geſtalt eines dritten Individuums, das mit der Freiheit einer bevorrechteten Perſon in die Kajüte getreten war, allein ſo leiſen Schrittes, daß man es nicht hörte. Als dieſe un⸗ erwartete Geſtalt dem ſcharfen, ungeduldigen Blick des angebli⸗ chen königlichen Offiziers begegnete, erhob dieſer ſich unwillkürlich raſch von ſeinem Sitze, und eine halbe Minute lang verließ ihn offenbar jene bewunderungswürdige Gewalt, die er über ſeine Mus⸗ keln und Nerven zu üben pflegte, und die ihm ſo trefflich in der Fortſetzung ſeines Spiels zu Statten kam. Doch war er nur eine zu kurze Zeit außer Faſſung, um aufzufallen, und nun erwiederte er die Begrüßung eines alten Mannes, deſſen Blick Milde und Demuth ausdrückte, ruhig und mit jenem freundlichen, höflichen Weſen, das ihm ſo natürlich ſtand. Nachdem die gegenſeitigen Verbeugungen zwiſchen ihm und dem Fremden vorüber waren, ſagte er:„Dieſer Herr iſt Ihr Kaplan, Sir, wie ich aus ſeinem geiſtlichen Anzuge ſchließe? „Ja, Sir— ein würdiger und ehrlicher Mann, den ich mich nicht ſchäme, Freund zu nennen. Der Admiral hat die Güte ge⸗ habt, mir ihn, nach einer dreißigjährigen Trennung, für dieſe Reiſe zu überlaſſen; und wenn auch mein Fahrzeug keines von den größ⸗ 492 ten iſt, ſo fühlt er ſich doch hier eben ſo glücklich, als auf dem Admiralſchiffe.— Dieſer Herr, lieber Doktor, iſt der ehren⸗ werthe*) Herr Howard, Kapitän des königlichen Schiffes, die Gazelle. Ueber ſeine Verdienſte darf ich nicht erſt viel ſagen, da das Kommando, welches er in ſeinen Jahren führt, ein hinläng⸗ licher Beweis davon iſt.“ Im Anſchauen des Geiſtlichen, als ſein Blick zuerſt auf die Züge des vermeinten Ahnen⸗Sprößlings fiel, war eine Art von verwirrter Ueberraſchung nicht zu verkennen; doch war ſie minder ſichtbar und von weit geringerer Dauer, als die des Angeſchauten. Er verbeugte ſich nochmals mit mildem Anſtande und jener tiefen Ehrfurcht, welche lange Gewohnheit ſelbſt den beſtgeſinnten Men⸗ ſchen einflößt, wenn ſie mit der eingebildeten Erhabenheit erblicher Größe in nähere Berührung gebracht werden; er ſchien indeß nicht zu glauben, daß die Gelegenheit mehr als die gewöhnlichen Be⸗ grüßungsworte von ihm verlangte. Daher wendete ſich der Rover ruhig wieder zu ſeinem Geſellſchafter, dem Veteran, und ſetzte das Geſpräch mit der ihm ſo natürlichen Würde fort: „Kapitän Bignall, es iſt meine Pflicht, bei gegenwärtigem Vorhaben Ihren Bewegungen gehorchend zu folgen. Ich will jetzt in mein Schiff zurückkehren; und wenn, wie ich zu vermuthen be⸗ ginne, wir Beide in dieſer Seegegend gleichen Auftrag haben, ſo können wir bei größerer Muße einen, durch Ihre Erfahrung voll⸗ kommen durchdachten, Cooperationsplan entwerfen, der uns zur Erreichung unſeres gemeinſchaftlichen Zieles führen wird.“ Durch dieſe Einräumung ſeiner reifern Erfahrung und ſeines höhern Ranges ſehr beſänftigt, nöthigte der Befehlshaber des Pfeils mit Herzlichkeit ſeinen Gaſt zu dieſem und jenem, und ſchloß ſeine Höflichkeiten mit der Einladung zu einem Schiffsgaſtmahl auf den Nachmittag. Den erſteren gaſtfreundſchaftlichen Nöthigungen ſetzte der Rover eine höfliche Ablehnung entgegen, die letzte aber *) Ehrenwerth, ſehr ehrenwerth, ſind engliſche Adelstitel. Ueberſ. nah digt ſein wür alte in d und ſucht Zöge Dahe keit reich alſo Sohn Unter den 9 nigſte woller nannt leicht reepst hatten etwas nun ei er den herzlich laſſend ternen. als der keit etn denden allein n dem ren⸗ die , da äng⸗ die von nder iten. iefen Nen⸗ icher nicht Be⸗ over das igem jetzt mbe⸗ , ſo voll⸗ zur ines des hloß auf igen aber erſ. 493 8 nahm er an, und benutzte die Einladung ſelbſt zu einer Entſchul⸗ digung, daß er ſchleunig in ſein Schiff zurück müſſe, um Diejenigen ſeiner Offtziere auszuwählen, die er für die Würdigſten erachten würde, an dem verſprochenen Gaſtmahl Theil zu nehmen.— Der alte und wirklich höchſt verdiente Bignall hatte, ungeachtet ſeines in der Regel derben, barſchen Charakters, zu lange in Dürftigkeit und verhältnißmäßiger Dunkelheit gedient, als daß ihm die Sehn⸗ ſucht nach Beförderung, welche nach ſchwerem Dienſt und langer Zögerung dem Menſchen ſo natürlich iſt, fremd geblieben wäre. Daher behielt er bei aller ſeiner angebornen männlichen Redlich⸗ keit dennoch ein wachſames Auge auf die Mittel, die ihm zur Er⸗ reichung ſeines erſehnten Ziels verhelfen könnten, und es darf alſo nicht Wunder nehmen, daß ſein Abſchied von dem geglaubten Sohn eines mächtigen Mannes bei Hofe freundlicher war, als die Unterredung ſelbſt. Mit beſtändigen Verbeugungen begleitete er den Rover aus der Kajüte auf das Verdeck zurück, ſo daß es we⸗ nigſtens den Schein hatte, als erwiederte er das bezeigte Wohl⸗ wollen. Hier angelangt, warfen die unruhigen Augen des ſoge⸗ nannten Kapitäns Howard einen raſchen, argwöhniſchen, und viel⸗ leicht unruhigen Blick auf die Geſichter Aller, die ſich um die Fall⸗ reepstreppe, an der er im Begriff war, hinabzuſteigen, gruppirt hatten; indeß nahm er bald wieder ſeinen nachläſſigen und zugleich etwas wegwerfenden Ausdruck an, um der Rolle, die ſeiner Laune nun einmal zu ſpielen beliebte, ganz zu genügen. Hierauf ſchüttelte er dem würdigen und vollkommen getäuſchten alten Seemanne herzlich die Hand, und mit einer halb hochmüthigen, halb herab⸗ laſſenden Miene berührte er den Hut zum Abſchied von den Subal⸗ ternen.— Er war ſchon im Hinabſteigen in ſein Boot begriffen, als der Kaplan oben ſeinem Kapitän, mit großer Angelegentlich⸗ keit etwas in's Ohr flüſterte. Eilig rief hierauf dieſer ſeinen ſchei⸗ denden Gaſt zurück, ihn mit auffallendem Ernſt erſuchend, ein Wort allein mit ihm und dem Geiſtlichen zu ſprechen. Der Rover ließ 494 ſich von Beiden bei Seite führen, und die Ruhe in ſeiner Hal⸗ tung, als er daſtand und ihre Eröffnung erwartete, machte ſeinen Nerven nicht wenig Ehre. „Kapitän Howard,“ fing nun der warmherzige Bignall an, „haben Sie einen Geiſtlichen auf Ihrem Schiffe?“ „Zwei, Sir,“ war die ſchnellfertige Antwort. „Zwei! Es iſt eine Seltenheit, in einem Kriegsſchiff einen überzähligen Geiſtlichen zu finden. Doch,“ murmelte er vor ſich hin,„der Kerl bekäme ſelbſt einen Biſchof durch ſeinen Einfluß bei Hofe.— Sie ſind in dieſer Hinſicht glücklich, junger Herr, denn ich verdanke die Geſellſchaft meines würdigen Freundes hier mehr der Neigung, als dem Gebrauche. Er hat mich aber ausdrücklich gebeten, daß ich den geiſtlichen.... ich wollte ſagen, die geiſt⸗ lichen Herren in Ihrem Schiffe in der Einladung mit einſchließe.“ „Sie ſollen ſie haben, die ganze Theologie, die in meinem Schiffe iſt, Bignall, ich ſchwöre es.“ „Ich glaube doch, Ihren erſten Schiffslieutenant ebenfalls ausdrücklich genannt zu haben?“ „O, der ſoll, todt oder lebendig, von Ihrer Partie ſein, ver⸗ laſſen Sie ſich darauf,“ erwiederte der Rover mit einer Haſt und Heftigkeit in der Ausſprache, die ſeinen beiden Zuhörern bis zum Erſchrecken auffiel.— Er iſt vielleicht nicht gerade eine Arche, auf die Sie den müden Fuß ſetzen können; doch, ſo wie er einmal iſt, ſteht er zu Ihren Dienſten. Und nun, noch einmal, leben Sie wohl.“ Sich abermals verbeugend, ſchritt er mit ſeinem vorherigen gemeſſenen Weſen auf die Fallreepstreppe zu, und blickte beim Hinabſteigen das erhabene Kardeelenwerk des Pfeils feſt und un⸗ gefähr ſo an, wie ein Stutzer den Anzug eines erſt kürzlich aus der Provinz Angekommenen zu betrachten pflegt.— Sein Vorge⸗ ſetzter wiederholte die Einladung mit Wärme, und winkte ihm gutmüthig ein: Lebewohl! auf Wiederſehen! zu, nicht wiſſend, daß er ſo den Mann entwiſchen ließ, deſſen Gefangennehmung ihm ſchl. mun mit ſeine plötz geden oder einen ſich ß bei denn mehr cklich geiſt⸗ jeße.“ einem nfalls „ver⸗ ſt und 8 zum e, auf al iſt, vohl.“ erigen beim d un⸗ h aus Vorge⸗ e ihm d, daß g ihm 495 die lange verſchobenen und noch immer erwarteten Vortheile ver⸗ ſchafft haben würde, nach deren Beſitz er mit der ganzen Sehn⸗ ſucht einer grauſam hingehaltenen Hoffnung ſchmachtete. Achtundzwanzigſtes Kapitel. Si megen iennerhin ſh glzpepunte ſchmieden. Coriolanus. Act III. Sc. 2. „Ja ¹„ murmelte der Rover mit bitterer Ironie, als ſein Boot unter dem Spiegel des königlichen Kreuzers wegruderte;„ja! ich und meine Offiziere wollen von Eurem Gaſtmahl koſten! Aber die Speiſen ſollen von der Art ſein, daß dieſe Miethlinge eines Königs wenig Appetit dazu haben ſollen!— Ausgeholt! wacker ausgeholt! meine Leute; in einer Stunde ſollt Ihr zur Belohnung die Vor⸗ rathskammern dieſes Narren durchwühlen!“ Die gierigen Freibeuter, welche die Ruder bemannten, unter⸗ drückten nur mit Mühe ihr Freudengeſchrei und heuchelten jenen Schein von Mäßigung, den die Klugheit noch immer zur Pflicht machte; dagegen äußerten ſie ihre innere Aufgeregtheit durch ver⸗ doppelte Anſtrengung beim Vorwärtsſtoßen der Pinaſſe, ſo daß ſich ſämmtliche Abenteurer nach einer Minute wieder unter dem Schutze der Kanonen des Delphin befanden. Aus den ſtolzen Blitzen, die in den Augen des Rover leuchteten, als ſein Fuß das Deck ſeines eigenen Schiffes wiederum betrat, ſchloßen ſeine Leute, daß der Zeitpunkt einer wichtigen Unterneh⸗ mung gekommen ſei. Einen Augenblick weilte er auf der Schanze, mit einer Art von grimmiger Freude die handfeſten Gegenſtände ſeines geſetzwidrigen Kommandv's überblickend; darauf ſchoß er plötzlich, ohne zu ſprechen, hinab in ſeine Kajüte, entweder unein⸗ gedenk, daß er Anderen den Gebrauch derſelben überlaſſen hatte, oder, in ſeinem jetzigen aufgeregten Gemüthszuſtande, ſich gar 496 nicht daran kehrend. Den erſchrockenen Frauenzimmern, welche bei dem gegenwärtigen freundſchaftlichen Benehmen zwiſchen beiden Schiffen ſich von dem geheimen Ort, wohin ſie Wilder in Sicherheit gebracht, wieder heraufgewagt hatten, verkündete ein plötzlicher und furchtbarer Schlag auf die chineſiſche Glocke nicht blos, daß er angekommen, ſondern auch in welcher Laune er angekommen ſei. „Man ſage dem erſten Lieutenant, daß ich ihn erwarte,“ war der düſtre Befehl, welcher auf die Erſcheinung des gerufenen Be⸗ dienten erfolgte. Während der kurzen Zeit, die verfloß, bis ſeinen Befehlen nach⸗ gekommen werden konnte, ſchien der Rover mit einer Bewegung zu kämpfen, die ihm faſt den Athem verſetzte. Als ſich aber nun die Thüre der Kajüte öffnete, und Wilder vor ihm ſtand, da hätte der argwöhniſchſte und ſchärfſte Beobachter von dem wilden Zorne, der in ſeinem Innern wüthete, vergebens auch nur die geringſte äußerliche Spur geſucht. Mit der Rückkehr ſeiner Faſſung kam ihm auch die Erinnerung wieder an die Art und Weiſe ſeines ſtürmiſchen Einbrechens in einen Ort, der nach ſeinem eigenen Be⸗ fehl, bevorrechtet ſein ſollte. Jetzt erſt blickte er ſich nach den eingeſchüchterten Geſtalten der Damen um, und eilte, ſie von dem Schreck, der nur zu deutlich auf ihren erblaßten Geſichtern ſaß, durch eine entſchuldigende Erklärung zu befreien. „Die Ungeduld, einen Freund zu ſprechen, hat mich vergeſſen laſſen, daß ich ſo glücklich bin, Wirth von ſolchen Gäſten zu ſein, obgleich die Bewirthung weit hinter der Ehre zurückbleibt.“ „Erſparen Sie ſich alle Artigkeiten, Sir,“ ſagte Miſtreß Wyllys würdevoll.„Wir werden viel leichter vergeſſen, daß dieſe Kajüte uns eingeräumt wurde, wenn Sie vollkommen ſo handeln, als wäre es nicht geſchehen.“ 3 Der Rover führte die Damen erſt zu ihren Sitzen, und winkte dann mit einem Lächeln vornehmer Höflichkeit ſeinem Lieutenant, ebenfalls Platz zu nehmen, als ob er dächte, die außerordentliche ⸗ thun ſchont Der lche iden heit cher ß er ſei. war Be⸗ nach⸗ gung nun dätte orne, gſte kam eines Be⸗ den dem ſaß, eeſſen ſein, yllys ajüte als inkte nant, tliche 497 Gelegenheit ſei eine hinlängliche Entſchuldigung für dieſe Abwei⸗ chung von der üblichen Sitte. „Sr. Majeſtät Schiffsbauer haben ſchon ſchlechtere Fahrzeuge, als der Pfeil iſt, in die See laufen laſſen, Wilder,“ fing er mit einem bedeutſamen Blick an, welcher dem Andern zu ſagen ſchien, daß er ſich das Uebrige zu den Worten hinzudenken möge;„aber ſeine Miniſter hätten ein gewandteres Subjekt zum Kommando des Schiffes wählen ſollen.“ „»Kapitän Bignall beſitzt den Ruf eines tapfern und redlichen Mannes.“— „Der iſt ihm allerdings zu wünſchen, denn ſtreift man ihm dieſe Eigenſchaften ab, ſo bleibt wenig übrig. Er gibt mir zu verſtehen, daß er in dieſer Breite mit dem ganz beſondern Auf⸗ trage abgeſchickt ſei, ein Schiff aufzuſuchen, von dem wir Alle haben ſprechen hören, ſei's nun Gutes oder Schlechtes; ich meine den Rothen Piraten!“ Das unwillkürliche Zuſammenſchrecken der Wyllys, und die ängſtliche Haſt, mit welcher Gertraud den Arm ihrer Erzieherin faßte, blieben von dem zuletzt Redenden zwar nicht unbemerkt, allein auch nicht die leiſeſte Andeutung davon erſchien in ſeiner Weiſe. Bewunderungswürdig wetteifernd mit der Selbſtbeherr⸗ ſchung des Rover war die Faſſung Wilders, der mit höchſt na⸗ türlicher Unbefangenheit antwortete: „Seine Reiſe wird erfolglos ſein, wo nicht gar gefahrvoll.“ „»Vielleicht Beides. Und doch verſpricht er ſich keine geringen Dinge.“ 4 „Ihm geht es wahrſcheinlich wie allen Anderen: er hat einen unrichtigen Begriff von dem Charakter Desjenigen, den er ſucht.“ „Inwiefern unrichtig?“ „Inſofern er wähnt, es mit einem gemeinen Seeräuber zu thun zu haben,„einem rohen, raubgierigen, unwiſſenden, und ſchonungsloſen, wie Andere ſeiner..... Der rothe Seeräuber. 32 498 „Seiner was, Sir?“ „Seiner Klaſſe, wollt' ich ſagen; allein ein Seemann, wie Der, von dem wir ſprachen, bildet eine Klaſſe für ſich.“ „Laſſen Sie uns ihn immerhin bei dem Namen nennen, Herr Wilder, unter welchem er einmal bekannt iſt— Rover, See⸗ wanderer*). Doch, antworten Sie mir, iſt es nicht merkwürdig, daß ein ſo alter, erfahrener Seemann gerade in dieſer wenig be⸗ ſuchten See ein Schiff aufſucht, deſſen Treiben viel eher darauf hinführen muß, es in lebendigeren Gegenden zu ſuchen.“ „Er kann dem Schiff vielleicht bei deſſen Durchfahrt durch die Meeresengen der Inſeln auf die Spur gekommen ſein, und kann den Strich, auf dem man es zuletzt geſehen, verfolgt haben.“ „Ja wohl kann er das,“ erwiederte der Rover tiefſinnig. „Ein ausgemachter Seemann weiß Euch, trotz allen möglichen Fällen, ſeinen Weg durch Wind und Waſſerſtrömungen zu finden, wie ein Vogel in den Lüften. Aber wenigſtens müßte er doch eine Beſchreibung von dem Schiffe haben, die ihn bei der Jagd leite.“ Wilder mußte, trotz aller Mühe, vor dem ihn durchdringen⸗ den Blick des Rover ſein Auge bei folgender Antwort auf den Boden gleiten laſſen: „Vielleicht fehlt ihm auch dieſe Kenntniß nicht.“ „Vielleicht nicht. In der That, er gab mir zu glauben Ur⸗ ſache, daß ſein Spion das Geheimniß des Feindes beſitze. Ja, er hat es geradezu geſtanden und zugegeben, daß ſeine Ausſicht eines guten Erfolgs allein von der Geſchicklichkeit und der Mit⸗ theilung jenes Subjektes abhinge, das ohne Zweifel ſeine gehei⸗ men Mittel beſitzt, die erſchlichene Kenntniß der Bewegungen ſeiner gegenwärtigen Genoſſen weiter zu befördern.“ „Nannte er die Perſon?“ *) Dieß iſt die eigentliche Bedeutung der Benennung: Rover, und bezeichnet inſofern einen Seeräuber, als dieſer keinen beſtimmten Hafen zum 3 ſeiner Fahrt zu haben pflegt. eer Ueberſ. „Er war?..« „Heinrich.... Arche, ſonſtgenannt Wilder.“ „Es wäre vergebens, wollte ich läugnen, ſich von ſeinem Platze erhebende Abenteurer, Miene, hinter welcher er aber eine Anwandlun verbergen ſtrebte;„ich ſehe, Sie kennen mich.“ „Als einen treuloſen Verräther.“ „Kapitän Heidegger, es iſt freilich keine Gefahr dabei, wenn Sie an dieſem Orte ſich dergleichen Schmähungen erlauben.“ Der Rover kämpfte mit ſich, bis es ihm gelang, ſeines em⸗ pörten Innern Herr zu werden; doch ließ die Anſtrengung, die es ihn koſtete, heftige und bittere Verachtung durch ſeine Züge durchſcheinen. 3 „So theilen Sie denn auch dieſe Thatſache Ihrem Vorgeſetz⸗ ten mit,“ ſagte er mit höhnender Ironie.„Das Ungeheuer der Meere, der, welcher wehrloſe Fiſcherleute plündert, unbeſchützte Küſten verheert, und der Flagge des Königs Georgs ausweicht, wie andere Schlangen ſich beim Herannahen von Menſchentritten in ihren Höhlen verkriechen, darf in der Sicherheit ſeiner eigenen Kajüte und an der Spitze von hundert und fünfzig Freibeutern ohne Gefahr ſeine wahre Meinung ausſprechen.— Vielleicht auch weiß er, daß er in der Atmoſphäre des friedlichen und friedeſtiftenden Weibes athmet.“ Wilders erſte Ueberraſchung war indeſſen vorüber, und nunmehr vermochten ihn weder Schmähungen zu einer harten Gegenrede anzu⸗ ſtacheln, noch Drohungen bis zu Bieten einzuſchüchtern. Gelaſſen und mit verſchränkten Armen ſagte er blos: „Ich habe dieſes Wagniß beſtanden, um eine Peſt des Oceans zu vertilgen, an der alle bisherigen Verſuche geſcheitert waren. “„ ſagte der junge, mit einer ſtolzen g von Unruhe zu Ich wußte, was ich wagte, und werde vor der Strafe nicht fliehen.“ „Das ſollen Sie nicht, Sir!« erwiederte der Rover, und 32* 500 ſchlug dabei nochmals mit Rieſengewalt auf die Gong. Laßt den Neger und ſeinen Kameraden, den Topgaſt, in Feſſeln werfen, und erlaubt ihnen unter keiner Bedingung, weder durch Worte noch durch Signale, den geringſten Verkehr mit dem andern Schiffe!“ Als der Vollſtrecker ſeiner Strafbefehle, der auf den wohlbekannten Aufruf erſchienen war, ſich wieder zurückgezogen hatte, wendete der Rover ſich wieder gegen die feſt und regungslos vor ihm ſtehende Geſtalt Wilders, und fuhr fort:„Herr Wilder, die Verbrüderung, in die Sie ſich ſo verrätheriſch einzuſtehlen wußten, hat ein Ge⸗ ſetz, wodurch dieſelbe zuſammengehalten wird, und welches Sie und Ihre elenden Mitverſchwornen der Raanocke überliefert, in demſelben Augenblick, wo meine Leute von Ihrem wahren Cha⸗ rakter unterrichtet ſind. Ich darf nur die Thüre öffnen und die Beſchaffenheit Ihres Verraths kund thun, ſo ſind Sie den barm⸗ herzigen Händen der Mannſchaft überantwortet.“ „Das werden Sie nicht thun! Nein, das werden Sie nicht!“ jammerte eine Stimme dicht bei ihm, die ſelbſt ſeine eiſernen Nerven erſchütterte.„Wenn Sie auch die Bande, welche die Menſchen unter einander vereinigen, nicht achten, ach, Grauſamkeit iſt Ihrem Herzen doch nicht natürlich. Bei allen Erinnerungen Ihrer früheſten und glücklichſten Tage, welches der Zärtlichkeit, dem Mitleid, das liebevoll über Ihre Kindheit wachte, bei dem heiligen, allwiſſenden Weſen, das nicht duldet, daß dem Unſchuldi⸗ gen ein Haar ungeſtraft gekrümmt werde, beſchwöre ich Sie, inne zu halten, ehe Sie Ihre eigene ſchreckliche Verantwortlichkeit vergeſſen. Nein! Sie werden nicht— können— dürfen nicht ſo erbarmungslos ſein!“ „Welches Loos bereitete er mir und meinen Leuten, als er dieſes verrathvolle Unternehmen begann?“ fragte dumpf der Corſar. „Göttliche und menſchliche Geſetze ſind auf ſeiner Seite,“ fuhr die Gouvernante fort, und zagte nicht, als ihr zuſammengezogenes Auge von dem ſtrengen Blicke des ihr Gegenüberſtehenden getroffen nich gere rung „) Thei einm auf den und noch fe 1 nten der ende ung, Ge⸗ Sie „ in Cha⸗ d die arm⸗ cht!“ ernen e die mkeit ungen hkeit, i dem huldi⸗ inne ichkeit nicht ls er orſar. fuhr ggenes rroffen 501 wurde.„Hören Sie in meiner Stimme die der Vernunft; hören Sie die Stimme der Gnade, die, ich weiß es, in Ihrem Herzen ſpricht. Die Sache, der Beweggrund heiligen ſeine Handlungen, während Ihre Laufbahn keine Rechtfertigung findet, weder vor dem Richterſtuhl des Himmels noch der Erde.“ „Dieß iſt eine kühne Sprache für die Ohren eines blutdürſti⸗ gen, ſchonungsloſen Piraten!« ſagte der Rover, und ſchaute mit einem Lächeln ſtolzen Selbſtgefühls um ſich her, welches kund gab, daß er recht gut wiſſe, die Sprecherin fuße auf Eigenſchaften, denen, die er nannte, gerade entgegengeſetzt. „Es iſt die Sprache der Wahrheit; und ein Ohr wie das Ihrige kann gegen ihren Klang nicht verſchloſſen ſein, wenn.... „Hören Sie auf, Madame,“ unterbrach der Rover, indem er mit Ruhe und Würde den Arm ausſtreckte.„Mein Entſchluß war bereits von Anfang an gefaßt; und keine Vorſtellung, keine Furcht vor den Folgen vermag ihn zu ändern. Herr Wilder, Sie ſind frei. Wenn Sie mir nicht ſo treu dienten, als ich erwartete, ſo haben Sie mir wenig⸗ ſtens eine Belehrung über die Kunſt der Phyſiognomik gegeben, die mich für den Reſt meiner Tage um Vieles weiſer gemacht hat. Sich ſelbſt verurtheilend und gedemüthigt ſtand der ſchuldige Wilder da. Welcher Kampf in ſeinem Innerſten vorging, war leicht auf ſeinem bewegten, von Scham und Schmerz bedeckten Geſicht zu leſen, von dem die Maske der Liſt nunmehr abgefallen war. Doch dauerte dieſer Kampf nur einen Augenblick. „Sie kennen vielleicht den ganzen Umfang meines Planes nicht, Kapitän Heidegger,“ ſagte er;„es war auf nichts Gerin⸗ geres abgeſehen, als den Verluſt Ihres Lebens und die Zerſtö⸗ rung oder Zerſtreuung Ihrer Leute.“ „Das war es freilich, nach dem beſtehenden Gebrauch jenes Theilchens Erde, welches den Reſt derſelben unterdrückt, weil es einmal die Macht dazu hat. Gehen Sie, Sir; begeben Sie ſich auf Ihr Schiff; noch einmal, Sie ſind frei.“ 50² „Ich kann Sie nicht verlaſſen, Kapitän Heidegger, ohne ein Wort der Rechtfertigung.“ „Wie! kann der gehetzte, vogelfreie und verurtheilte Freibeu⸗ ter noch auf eine Erklärung Anſpruch haben! Kann der tugend⸗ ſame Diener der Krone das Bedürfniß fühlen, ſeine gute Mei⸗ nung zu beſitzen!“ „Bedienen Sie ſich triumphirender und vorwurfsvoller Aus⸗ drücke, ganz nach Ihrem Belieben, Sir,“ erwiederte der Andere, indem ihm beim Sprechen das Blut bis an die Schläfe ſtieg; „mich kann jetzt Ihre Rede nicht beleidigen; doch möchte ich Sie nicht gern verlaſſen, ohne einen Theil des Haſſes zu beſeitigen, den ich in Ihrem Dafürhalten verdiene.“ „So ſprechen Sie frei. Sie ſind mein Gaſt, Sir.“ Obgleich der beißendſte Spott den reuigen Wilder nicht tiefer hätte verwunden können, als dieß großmüthige Betragen, ſo be⸗ hielt er ſeine Gefühle doch genug in der Gewalt, um fortzufahren: „Sie erfahren es jetzt gewiß nicht zum erſten Mal, daß das gemeine Gerücht Ihren Handlungen und Ihrem Charakter eine Farbe geliehen habe, die nicht geeignet iſt, die Achtung der Menſchen zu gewinnen.“ „Sie werden vielleicht Zeit finden, die Farben noch ſtärker aufzutragen,“ unterbrach ihn raſch ſein aufmerkſamer Zuhörer, ob⸗ gleich das Beben in ſeiner Stimme deutlich durchſchauen ließ, wie tief er die Wunde fühle, die eine Welt ihm ſchlug, welche er zu verachten affektirte. „Wenn Sie überhaupt wollen, daß ich ſpreche, Kapitän Hei⸗ degger, ſo erwarten Sie von mir nur die Wahrheit. Urtheilen Sie ſelbſt, ob es ſo erſtaunlich ſei, daß, begeiſtert für einen Dienſt, den Sie ſelber einſt für ehrenvoll hielten, ich mich ſollte willig finden laſſen, das Leben zu wagen, ja, die Heuchelei zu ver⸗ ſchmähen, um eine That zu vollbringen, die, wäre ſie gelungen, nicht blos Belohnung, ſondern Ruhm verſchafft hätte? Solche Ge⸗ fühle beſeelten mich, als ich zuerſt das Wagniß übernahm; allein, beilen ienſt, villig ver⸗ ngen, e Ge⸗ allein, 503 der Himmel iſt mein Zeuge, Ihr männliches Vertrauen hatte mich auch ſchon halb entwaffnet, als mein Fuß noch kaum über Ihre Schwelle gekommen war.“ „Und dennoch kehrten Sie nicht um?« „Vielleicht waren mächtige Gründe vorhanden, die mich zum Gegentheil bewogen,“ nahm der ſich Vertheidigende wieder auf, in⸗ dem er beim Sprechen unwillkürlich einen Seitenblick auf die Da⸗ men warf.„Ich blieb meinem Worte zu Newport treu; und wä⸗ ren meine zwei Leute damals aus Ihrem Schiffe befreit geweſen, ſo würde ich es gewiß mit keinem Fuße betreten haben.“ „Junger Mann, ich glaube Ihnen nicht ungern. Es war ein gewagtes Spiel, was Sie ſpielten; und ſtatt daß es Sie ſchmerzen wird, es verloren zu haben, werden Sie ſich einſt darüber freuen. Gehen Sie, Sir; ein Boot wird Sie zum Pfeil führen.“ „Geben Sie dem Glauben nicht Raum, daß Ihre Großmuth, wie tief ich ſie auch anerkenne, mich gegen meine Pflicht blind zu machen vermöge: Sie würden ſich täuſchen, Kapitän Heidegger. In dem Augenblick, wo ich den Befehlshaber des von Ihnen ſo eben genannten Schiffes ſehe, wird Ihr Gewerbe verrathen.“ „Ich erwarte es.“ „Auch wird meine Hand nicht müſſig ſein bei dem Kampfe, der unausbleiblich folgen muß. Es hängt von Ihnen ab, ob ich hier ſterben ſoll, ein Opfer meines Irrthums: allein in dem Moment, wo ich frei bin, bin ich Ihr Feind.“. „Wilder!“ rief der Rover, indem er deſſen Hand mit einem Lächeln der Begeiſterung erfaßte,„warum haben wir uns nicht früher gekannt! doch bedauern iſt vergeblich.— Gehen Sie; er⸗ führen meine Leute die Wahrheit, ſo würde meine Gegenvorſtellung ſo wenig gehört werden, wie Geflüſter in einem Sturmwinde.“ „Als ich zuletzt auf den Delphin kam, ſo geſchah es in Begleitung.“ „Iſt es nicht genug,“ verſetzte der Rover, mit Kälte einen Schritt zurücktretend,„daß ich Ihnen Freiheit und Leben anbiete 2 504 „Von welchem Nutzen kann ein weibliches Weſen, hilflos und unglücklich wie Dieſe, in einem Schiffe ſein, welches einem Ge⸗ ver werbe, wie das des Delphin, geweiht iſt?“ Au „Soll ich denn auf immer getrennt bleiben von der Gemein⸗ lich ſchaft der beſten meiner Mitgeſchöpfe! Gehen Sie, Sir, laſſen Sie in mir den Schatten der Tugend wenigſtens, wenn mir auch das Weſen derſelben fehlt.“ wel „Kapitän Heidegger, einſt, begeiſtert von Ihren beſſeren Ge⸗ zur fühlen, verpfändeten Sie Ihr Wort zu Gunſten dieſer Damenz ich ſich hoffe, es kam Ihnen vom Herzen.“ thig „Ich weiß, worauf Sie ſich beziehen, Sir. Was ich damals kalt ausſprach, iſt nicht vergeſſen, wird es nie ſein. Allein wohin wollen er Sie Ihre Gefährtinnen bringen? Gewährt nicht ein Fahrzeug auf der bem hohen See eben ſo große Sicherheit, als ein anderes? Soll ich mich einesjeglichen Mittels, mir Freunde zu erwerben, berauben laſſen?— erka Verlaſſen Sie mich, Sir,— gehen Sie— Sie möchten ſonſt zaudern Sie bis meine Erlaubniß zu gehen Ihnen nichts mehr helfen würde.“ lune „Was unter meine Obhut geſtellt iſt, werde ich nie verlaſ⸗ ſind ſen,“ ſagte Wilder feſt. zu: „Herr Wilder,— oder Herr Lieutenant Arche, wie ich Sie vielmehr nennen ſollte,— Sie werden ſo lange mit meiner Nach⸗ Geſe ſicht ſpielen, bis der Augenblick Ihrer eigenen Sicherheit vorüber iſt.“ Got „Handeln Sie mit mir nach Ihrem Gutdünken: ich ſterbe— auf meinem Poſten, oder gehe in Begleitung Derjenigen, mit de⸗ verle nen ich gekommen bin.“ von „Sir, die Bekanntſchaft, die Sie ſo ſtolz macht, iſt nicht. älter als die meinige. Wer ſagt Ihnen, daß die Damen Sie ſo t als Beſchützer vorziehen? Ich müßte mich ſehr getäuſcht haben, i, und weit hinter meinen Abſichten zurückgeblieben ſein, wenn ſie unten Grund gefunden hätten, ſich zu beklagen, ſeit ihr Wohl und ihre laß Zufrieden heit meiner Sorgfalt anvertraut ſind. Schöne, ſprechen G Sie, wen wollen Sie zu Ihrem Beſchützer?“ ein 6 und Ge⸗ nein⸗ Sie das Ge⸗ z ich mals ollen if der mich 12— dern rde.“ erlaſ⸗ Sie Nach⸗ iſt.“ ſterbe it de⸗ nicht Sie aben, an ſie d ihre rechen 505 „Fort, fort,“ ſchrie Gertraud, als er mit dem einnehmenden, verrätheriſchen Zuge um den Mund ſich ihr nahte, und bedeckte die Augen mit beiden Händen, als wollte ſie ſich gegen den verderb⸗ lichen Zauber eines Baſtliskenblicks ſchützen.„Ach, wenn Mitleid in Ihrem Herzen wohnt, laſſen Sie uns Ihr Schiff verlaſſen!“ Ungeachtet der erſtaunenswürdigen Gewalt, die der Mann, welchen ſie ſo ſtürmiſch und aus ihrem tiefſten Innern von ſich zurückſtieß, in der Regel über ſeine Gefühle ausübte, konnte er ſich doch beim Anhören dieſer Worte eines Blickes tiefer, demü⸗ thigender Kränkung, trotz aller Anſtrengung, nicht erwehren. Ein kaltes, wildentſtellendes Lächeln durchzuckte ſeine Geſichtszüge, als er mit einer Stimme, die er eben ſo vergeblich zu unterdrücken bemüht war, vor ſich hin murmelte: „Dieſen Abſcheu habe ich mir von allen meinen Mitmenſchen erkauft, und theuer, ſehr theuer muß ich ihn büßen!— Dame, Sie und Ihre liebenswürdige Mündel ſind Herrinnen Ihrer Hand⸗ lungen. Dieß Schiff, dieſe Kajüte ſtehen Ihnen zu Befehl; indeß ſind Andere bereit, Sie zu empfangen, wenn Sie wählen, beide zu verlaſſen.“ „Unſer Geſchlecht kann nur unter dem pflegenden Schutze der Geſetze wahre Sicherheit finden,“ ſagte Miſtreß Wyllys.„Wollte Gott.... »Genug! Sie ſollen ihren Freund begleiten. Wenn Alle mich verlaſſen haben, ſo wird die Leere in dieſem Schiffe nur ein Bild von der in meinem Herzen ſein.« „Riefen Sie?“« fragte eine leiſe Stimme nahe bei ihm, aber ſo traurig und weich, daß er ſie nicht überhören konnte. „Roderich,“ antwortete er mit einiger Verwirrung,„du wirſt unten Beſchäftigung finden. Verlaß uns, lieber Roderich. Ver⸗ laß mich auf einen Augenblick.“ Gleichſam als wünſchte er, dem Auftritt ſo bald als möglich ein Ende zu machen, gab er hierauf noch ein Signal durch die 506 Gong. Er befahl, daß man Fid und den Schwarzen in das Boot bringen ſolle, wohin auch die wenigen Sachen ſeiner weiblichen er 1 Gäſte geſchafft wurden. Sobald dieſe kurzen Vorbereitungen voll⸗ ſein endet waren, bot er mit gewählter Höflichkeit der Gouvernante ruhi den Arm, führte ſie längs der Reihen ſeiner überraſchten Leute unze nach der Schiffsſeite, wo er wartete, bis ſie, ihre Pflegbefohlene hoch und Wilder ihre Sitze in der Pinaſſe eingenommen hatten. Zwei ſtral Matroſen ſaßen an den Riemen. Hierauf winkte er mit der Hand auf ein ſtummes Lebewohl hinab, und verſchwand. Den Damen kam einen ihre gegenwärtige Befreiung, ſo wie vorher ihre Gefangenſchaft lich wie ein Trugbild des Traumes vor. Wol Allein den Ohren Wilders war die Drohung, daß die Mann⸗. ſchaft des Delphin ſich ſelber könnte Recht verſchaffen wollen, noch ges nicht verklungen. Ungeduldig gab er den Ruderern ein Zeichen, lebe, tüchtig auszuholen, und lenkte vorſichtig das Steuer des Bootes in wir eine ſolche Richtung, welche es am ſchnellſten aus dem Bereich der C Kanonen des Freibeuters führte. Als ſie unter dem Spiegel des Del⸗ dumg phin wegruderten, ſchallte ein rauher Anruf über die Waſſerfläche; es ſeine war die Stimme Rovers, der den Commandeur des Pfeils anredete:„. „Ich ſchicke Ihnen einige Ihrer Gäſte; die ganze Theologie zitter meines Schiffes befindet ſich unter Ihnen.“ Leben „Nur kurz war die Ueberfahrt, ſo daß die Befreieten noch nicht Dam aus ihrer Gedankenverwirrung gekommen waren, als man ſie ſchon ſprach aufforderte, die Treppe des königlichen Schiffes zu beſteigen. Reinl „Hilf Himmel!“ rief Bignall, als er durch ein Kanonengat 85 Damen unter den Beſuchenden entdeckte;„der Himmel helf' uns„Gert Beiden, Herr Prediger! Der junge, gedankenloſe Schlingel ſchickt einſan uns ja ein paar Schürzen an Bord; und die nennt der gottloſe Es Schelm ſeine Theologie! Es läßt ſich leicht errathen, wo er dieſe men d Standesperſonen aufgeleſen haben mag; na, laſſen Sie's nur gut entzog ſein, lieber Doktor; bei fünf Faden Waſſer, es iſt keine Sünde, wöhnl wenn man ſich einmal ohne Geiſtlichkeit behilft!“ ſanftm Zoot chen voll⸗ ante eute lene wei dand kam haft ann⸗ noch hen, s in der Del⸗ ; es hete: ogie nicht chon ngat uns hickt tloſe dieſe gut nde, 507 Das aufgeräumte Lachen des alten Commandeurs verrieth, daß er mehr als halb geneigt war, es mit der vermutheten Frechheit ſeines dreiſten Untergebenen nicht ſo genau zu nehmen, und be⸗ ruhigte die Umſtehenden, daß die fröhliche Stunde durch keine unzeitigen Scrupel getrübt werden würde. Als aber Gertraud hochroth durch das Aufregende der ſo eben erlebten Ereigniſſe, und ſtrahlend von der der Unſchuld eigenthümlichen Liebenswürdigkeit, auf dem Verdeck erſchien, rieb der Veteran ſich die Augen mit einem Erſtaunen, das nicht größer hätte ſein können, wenn wirk⸗ lich ein Herr im geiſtlichen Ornat vor ſeinen Füßen von den Wolken herabgefallen wäre. „Der herzloſe Schurke!« rief der wackere Theer;„ein ſo jun⸗ ges und liebenswürdiges Weſen zu verführen! Ha! ſo wahr ich lebe, mein eigener Lieutenant! Was iſt das, Herr Arche! Leben wir denn in den Tagen der Wunder?“ Ein Schrei, tief aus dem Innerſten der Gouvernante, und ein dumpfer, trauernder Ton von den Lippen des Geiſtlichen unterbrachen ſeine Aeußerungen von Unwillen und Erſtaunen. „Kapitän Bignall,“ bemerkte der Geiſtliche, hinzeigend auf die zitternde Geſtalt, die ſich auf Wilders Arm ſtützte,„bei meinem Leben, Sie haben einen falſchen Begriff von dem Charakter dieſer Dame. Es ſind über zwanzig Jahre, ſeit wir uns das letzte Mal ſprachen, allein ich verpfände meinen eigenen Charakter für die Reinheit und Aechtheit des ihrigen.“ „Führt mich in die Kajüte,« ſprach leiſe Miſtreß Wyllys. „Gertraud, meine Liebe, wo ſind wir? Ach führt mich an einen einſamern Ort.“ Es wurde ihr willfahren, indem die ganze Gruppe ſich zuſam⸗ men den neugierigen Blicken der das Verdeck füllenden Zuſchauer entzog. Jetzt gewann die tiefbewegte Frau einen Theil ihrer ge⸗ wöhnlichen Faſſung wieder, und es ſuchte ihr ängſtlicher Blick das ſanftmüthige, gerührte Antlitz des Schiffskaplans. 8 508 „Dieß iſt ein ſpätes und herzzerreißendes Wiederfinden,“ ſagte ſie, indem ſie die Hand, die er ihr darreichte, an ihre Lippen führte. den „Gertraud, in dieſem Herrn ſehen Sie den Geiſtlichen, welcher mich Sei mit dem Manne verband, der einſt der Stolz und das Glück mei⸗ fren nes Daſeins war.“ Loos „Trauern Sie nicht über ſeinen Verluſt,“ flüſterte der ehrwür⸗ ich dige Geiſtliche, ſich mit väterlicher Theilnahme über die Stuhllehne der zu ihr herabbeugend.„Er iſt Ihnen früh genommen worden; allein ſetzte er ſtarb, wie Alle, die ihn liebten, ihm nur hätten wünſchen können.“ hier „Ach, ohne ein Kind zurückzulaſſen, das, mit ſeinem ſtolzen rer Namen, auch das Andenken ſeiner Tugenden der Nachwelt über⸗„ liefern könnte! O ſagen Sie, guter Merton, iſt nicht die Hand Gefü der Vorſehung in dieſem Verhängniß zu erkennen?— Sollte ich ware mich nicht vor ihr demüthigen, und es als eine gerechte Strafe ſeit! hinnehmen für meinen Ungehorſam gegen einen zwar unerbittlichen, wir! aber liebevollen Vater?“ Glüch „Wer mag ſich erkühnen, in die Geheimniſſe des gerechten Eigen Regierers zu dringen, der nichts ordnet, nichts thut, was nicht§ wohlgethan und wohlgeordnet wäre. Genug für uns, wenn wir daß uns in ſeinen Willen fügen lernen, in dem unbedingten kindlichen ſei, Glauben, daß er der beſte, der gerechteſte ſei.“„ „Aber,“ fuhr die Gouvernante fort, mit einer ſo bedeckten täns: Stimme, daß man ſehen konnte, wie ſtark ſie die Verſuchung fühlte, Ober! ſeine Ermahnung zu vergeſſen,„war es nicht genug mit Einem„ Leben? Mußte ich Aller beraubt werden?“ gemac „Faſſen Sie ſich, Madame! Was geſchehen iſt, geſchah in Freun Weisheit, und, ich lebe des Vertrauens, aus Gnade.“ Wittn „Sie reden die Wahrheit. Ich will das Ganze der traurigen„2 Ereigniſſe vergeſſen, nur nicht inſofern ſie auf meinen eigenen Wan⸗ Erziel del Einfluß auszuüben geeignet ſind. Und Sie, würdiger, güti⸗„S ger Merton, wo und wie ſind Ihre Tage dahingefloſſen, ſeit der erwied Zeit, von der wir reden?“— dieſer ſagte ährte. mich mei⸗ wür⸗ lehne allein nen.“ olzen über⸗ Hand te ich ztrafe ichen, cchten nicht n wir lichen eckten ihlte, knem äh in rigen Wan⸗ güti⸗ t der 509 „Ich bin nur der glanz⸗ und geräuſchloſe Hirt einer wandern⸗ den Heerde,“ erwiederte der milde Diener Gottes mit einem leiſen Seufzer.„Gar manche entfernte Meere habe ich beſucht, und viele fremde Geſichter und noch fremdere Gemüthsarten war es mein Loos auf dieſer Pilgerfahrt anzutreffen. Erſt vor Kurzem kehrte ich vom Oſten in die Hemiſphäre zurück, wo ich zuerſt das Licht der Welt erblickte; und kam, mit der Erlaubniß meiner Vorge⸗ ſetzten, auf dieſes Schiff, um einen Monat bei meinem Freunde hier zuzubringen, deſſen Freundſchaft ſich ſogar von noch frühe⸗ rer Zeit herſchreibt, als die unſrige.“ „»Ganz richtig, Madame,“ erwiederte der wackere Bignall, deſſen Gefühle durch die vorhergehende Scene nicht wenig aufgeregt waren;„ganz recht, es iſt ſo ziemlich ein halbes Jahrhundert her, ſeit der Prediger und ich Knaben zuſammen waren, und da haben wir denn auf dieſer Reiſe alte Erinnerungen wieder aufgewärmt. Glücklich ſchätze ich mich, daß eine Dame von ſo lobenswerthen Eigenſchaften gekommen iſt, um von unſerer Partie zu ſein.“ Haſtig unterbrach ihn der Geiſtliche, gleichſam als wiſſe er, daß der wohlmeinenden Biederkeit ſeines Freundes mehr zu trauen ſei, als deſſen Klugheit: „Sie ſehen in dieſer Dame die Tochter des verſtorbenen Kapi⸗ tänssen, und die Wittwe von dem Sohne unſeres ehemaligen Obern, Contre⸗Admirals de Lacey.“ „Hab' ſie Beide gekannt;'s waren tapfere Männer und aus⸗ gemachte Seeleute, die Beiden! Die Dame war ſchon als Ihre. Freundin, Merton, willkommen, allein ſie iſt es doppelt als die Wittwe und Tochter der Herren, die Sie nannten.“ „De Lacey!“ flüſterte bebend vor Rührung eine Stimme der Erzieherin in's Ohr. „Das Geſetz gibt mir ein Recht, dieſen Namen zu führen,“ erwiederte die Gouvernante(denn wir werden fortfahren, ſie unter dieſer einmal angenommenen Benennung anzuführen), indem ſie ihre 510 weinende Schülerin lange und innig an ihr Herz drückte.„Der Schleier iſt nun unerwartet weggezogen worden, Theure, es wäre Ziererei, noch länger verborgen bleiben zu wollen. Mein Vater war Kapitän auf dem Admiralſchiffe. Die Dienſtpflicht zwang ihn, mich öfter in der Geſellſchaft Ihres jungen Verwandten zu laſſen, als er gethan haben würde, hätte er die Folgen davon vorausſehen können. Allein ich kannte ſowohl ſeinen Stolz, als ſeine Armuth zu gut, um es zu wagen, ihn über mein Schickſal entſcheiden zu laſſen, nachdem die bloße Ungewißheit für meine unerfahrene Ein⸗ bildungskraft größere Schrecken hatte, als ſein Zorn ſelbſt. Wir wurden heimlich durch dieſen Herrn verbunden, und weder ſein Vater noch der meinige ahneten das Verhältniß. Der Tod....“ Die Stimme der Wittwe ſtockte, und ſie winkte dem Kaplan, als wünſchte ſie, daß er in der Erzählung fortfahren möchte. „Herr de Lacey und ſein Schwiegervater fielen in derſelben Schlacht, als noch kein Monat ſeit der Trauung verfloſſen war,“ fügte Merton mit gedämpfter Stimme hinzu.„Sie ſelbſt, theuerſte Frau, kennen die tragiſche, aber herzerhebende Scene noch nicht, die ihrem Ende voranging. Ich war der einſame Zeuge ihres Todes; denn mir wurden ſie in der Verwirrung der Schlacht über⸗ laſſen. Das Blut Beider floß in einander. Ihr Vater umarmte noch den jungen Helden, und ſegnete in ihm, ohne es zuwiſſen, ſeinen Sohn.“ „Ach, ich habe den Edlen getäuſcht, und ſchwer und theuer dafür gebüßt!“ rief die ſich demüthigende Wittwe.„Sagen Sie mir, Merton, erfuhr er noch meine Vermählung?“ „Nein. Herr de Lacey ſtarb zuerſt, an Ihres Vaters Buſen, der ihn ſtets wie einen Sohn liebte; allein die Gedanken, welche ihre Seelen in jenen Augenblicken füllten, hatten Anderes als fruchtloſe Aufklärungen zum Gegenſtande.“ „Gertraud,“ ſagte die Gouvernante mit tiefer, reuiger Stimme, „es gibt nirgendswo Friede für unſer Geſchlecht, als in der Unter⸗ werfung; nirgendswo ein Glück, als im Gehorſam.“* „ga räu ſein von mit von ſtät ich i Pira einen Adel⸗ und V der a Mühe eigen 2 lieuten terer! und zu Herirre war da ſeines Statt uerſte nicht, ihres über⸗ noch ohn.“ heuer Sie zuſen, velche 3 als mme, inter⸗ 511 „Es iſt ja nun vorbei,“ ſagte leiſe das weinende Mädchen; „ganz vorbei und vergeſſen. Ich bin Ihr Kind— Ihre Gertraud — bin Alles, was ich bin, nur durch Sie.“ „Aber Harry!« ſchrie nun Bignall, indem er ſich ſo gewaltig räuſperte, daß man ihn oben auf dem Deck hören konnte, dabei ſeinen in andere Räume entrückten Lieutenant beim Arm faßte und von der Scene bei Seite zerrte.„Harry! Was zum Teufel geht mit dem Jungen vor! Sie vergeſſen ja, daß ich dieſe ganze Weile von Ihren eigenen Abenteuern gerade ſo viel weiß, als Sr. Maje⸗ ſtät erſter Miniſter von der Schifffahrtskunde.— Wie kommt's, daß ich in dieſem Augenblick, wo, wie ich glaubte, Sie den Schein⸗ Piraten ſpielten, Sie hier vor mir, und zwar als Beſuchenden aus einem königlichen Schiffe ſehe? Und wie kam das gelbſchnablige Adelsreis da drüben in den Beſitz einer ſo ſtattlichen Geſellſchaft und eines ſo wackern Schiffes?“ Wilder holte einen langen und tiefen Athemzug, wie Jemand, der aus einem angenehmen Traume erwacht, und war nur mit Mühe von einem Fleck wegzuziehen, wo er— das ſagte ihm ſein eigenes Gefühl— ewig hätte weilen können, ohne zu ermüden. Neunundzwanzigſtes Kapitel. — Heiß ſie mich erſt bezwingen, Dann mein Gebein verhandeln. Heinrich V. Act IV. S. 3. Der Commandeur des Pfeils und ſein halbverzückter Schiffs⸗ lieutenant erreichten ſchweigend die Schanze. Das Erſte, was Letz⸗ terer hier that, war, daß er ſich nach dem nahen Schiffe umſah, und zwar mit einem Blick, deſſen ungewiſſes, bewußtloſes Hin⸗ und Herirren das Bild eines augenblicklichen Wahnſinns gab. Doch war das Fahrzeug des Rovers, in dem vollen, ſchönen Ebenmaaße ſeines bewunderungswürdigen Baues, klar genug vor Augen. Statt noch in einem Zuſtande der Ruhe zu liegen, hatte man, 512 ſeit er es verlaſſen, die Vorderraaen umgeſchwungen, ſo daß das ſtolze Gebäu, deſſen Segel nun der Wind füllte, bereits angefan⸗ ihm gen, ſich zierlich, obgleich nicht ſehr ſchnell, vorwärts zu bewe⸗ dem gen. Das Man'över trug indeß auch nicht den fernſten Anſchein ſo ſ eines Verſuchs, die Flucht zu ergreifen. Im Gegentheil, die. höheren, leichteren Segel waren alle angeſchnürt, und Einige ſich ließen eben mit vieler Geſchäftigkeit jene dünneren Spieren auf's Man Verdeck hinab, die zum Ausbreiten der zur ſchleunigern Flucht„ nöthigen Leinwand durchaus unentbehrlich geweſen wären. Mit auf; banger Beſorgniß wendete Wilder ſich weg von dem Anblick; gar hat wohl war ihm bekannt, daß dieß die Vorkehrungen waren, welche Beſte erfahrene Seeleute zu treffen pflegen, wenn Sie beſchloſſen haben, Salzz im Kampfe das Aeußerſte zu wagen.„ „Ha, ha, dort geht mein Seeheld von St. James, hat ſeine dreißi drei Bramſegel voll, und ſeinen Beſahn heraus, als wenn er„ 7 ſchon vergeſſen hätte, daß er bei mir zu Mittag eſſen ſoll, und ich ha daß ſein Name auf der Commandeursliſte an dem einen Ende zu undzw finden iſt, und meiner an dem andern,“ brummte der unwillige„A Bignall.„Doch er wird ſchon zu rechter Zeit wieder rechtsum„3 machen, denk' ich, wenn ihm ſein Appetit ſagt, es ſei Eſſenszeit. ter un Uebrigens könnte er immer in Gegenwart eines Aeltern im Amte Jahre ſeine Flagge aufziehen, unbeſchadet ſeiner adeligen Würde. Beim füllen Himmel, Harry, er handhabt die Ragen dort allerliebſt! Na, ſein, d was gilt's, irgend eines ehrlichen Mannes Sohn iſt ihm unter Junker der Geſtalt eines Premier⸗Lieutenants zur Amme mit an Bord unmög. gegeben worden; da wird er uns denn bei Tiſche die Ohren volle der Ker prahlen, als da iſt: ‚Dieſes mache ich auf meinem Schiffe ſot, eine Vo und ‚Jenes leide ich auf meinem Schiffe nichte, und dergleichen Kriegsſ mehr. Ha, ha, nicht wahr, Sir? er hat einen ausgelernten„Si Matroſen zu ſeinem Premier?“ ſolchen „Wenig Leute,“ erwiederte Wilder,„verſtehen die Schifffahrts⸗ ſein Co kunde beſſer als der Kapitän jenes Fahrzeuges in eigener Perſon.“„Wa Der ro 3 das efan⸗ bewe⸗ ſchein „die einige auf's Flucht Mit 3 gar velche aben, ſeine nn er und dde zu villige btsum aszeit. Amte Beim Na, unter Bord voll⸗ fe ſo⸗, eichen ernten ahrts⸗ rſon.“ —— 513 „Den Teufel auch mag er davon verſtehen! Sie haben mit ihm über derlei Dinge geſchwatzt, Herr Arche, und da hat er denn dem Pfeil dieß und jenes abgelernt, das iſt Alles. Ich kann eben ſo ſchnell hinter die Wahrheit kommen, als irgend ein Anderer.“ „Ich verſichere Sie, Kapitän Bignall, es iſt höchſt gefahrvoll, ſich durch den Glauben an die Unwiſſenheit des außerordentlichen Mannes in jenem Schiffe ſicher machen zu laſſen.“ „Aha, nun komme ich auf's rechte Fahrwaſſer, in Beziehung auf ſeinen Charakter. Der junge Hund iſt ein Spaßvogel, und hat einen Matroſen aus der alten Schule, wie er es nennt, zum Beſten gehabt. Hab' ich's, Sir? Der hat vor dieſer Reiſe ſchon Salzwaſſer geſehen, ha, ha?« „Die See iſt faſt ſeine Heimath; er lebt ſchon länger als dreißig Jahre auf dem Element.“ „Da, Harry, hat er Sie nicht übel angeführt. Ha, ha, ha! ich habe es aus ſeinem eigenen Munde, daß er morgen erſt drei⸗ undzwanzig Jahre alt wird.“ „Auf mein Wort, er hat Sie hintergangen, Sir.“ „Ich weiß nicht, Herr Arche. Mich hintergehen, das iſt leich⸗ ter unternommen, als ausgeführt. Fünf und ein Drittel⸗Dutzend Jahre mögen wohl die Füße etwas ſchwerfällig machen; dagegen füllen ſie aber auch den Kopf mit gewichtiger Klugheit! Kaun ſein, daß ich eine zu geringe Meinung von der Geſchicklichkeit des Junkers faßte, aber was ſeine Jahre anbetrifft, ſo kann ich mich unmöglich ſehr geirrt haben.— Aber, wo zum Teufel ſteuert denn der Kerl hin? Will er ſich erſt von ſeiner gnädigen Frau Mamma eine Vorſteckſerviette holen, um ſein Mittagsmahl am Bord eines Kriegsſchiffes einzunehmen?“ „Sieh! er ſtellt ſich wirklich ſeewärts!« rief Wilder mit einer ſolchen Haſt und Freude, daß ein aufmerkſamerer Beobachter, als ſein Commandeur, Verdacht hätte ſchöpfen müſſen. „Was Sie ſagen iſt wahr, oder ich weiß nicht mehr den Der rothe Seeräuber. 33 514 Spiegel eines Schiffes von ſeinem Vorkaſtell zu unterſcheiden,“ erwiederte der Andere etwas barſch.„Wiſſen Sie was, Herr Arche, ich habe große Luſt, den Stutzer Reſpect gegen ſeinen Vor⸗ geſetzten zu lehren, und ihm noch ein bischen mehr Raum zum Rudern zu geben, um ſeinen Appetit zu ſchärfen. Ja, beim Him⸗ mel, ich will's; mag er dann in ſeinen nächſten Depeſchen nach Hauſe auch von dieſem Manöver einen Bericht abſtatten. He! braßt die Hinterraaen voll, Sir; braßt ſie voll!— Da dieſem ehrenwerthen Jüngling beliebt, ſich mit einer Schnellſegelpartie zu amüſiren, ei nun, ſo darf's ihn nicht verdrießen, wenn Andere dieſelbe Laune haben.“ Der Lieutenant der Wache, an den die Ordre ergangen war, gehorchte, und nach einer Minute fing der Pfeil an, ſich vor⸗ wärts zu bewegen, allein in einer Richtung, welche der des Del⸗ phin gerade entgegengeſetzt war.— Dem alten Manne machte ſein ſchnellfertiger Entſchluß nicht wenig Freude, die er durch hun⸗ dert Späße und ſelbſtgefälliges Händereiben zu erkennen gab. Er war zu ſehr mit dem eben gethanen Schritt beſchäftigt, um gleich wieder auf den Gegenſtand, der ihm vor einigen Augenblicken der angelegentlichſte war, zurückzukommen; und die beiden Schiffe, ein jedes auf ſeinem Striche ſich leicht und ſtetig bewegend, hatten ſchon ein breites Waſſerfeld zwiſchen ſich gelaſſen, als er erſt wieder daran dachte, das Geſpräch fortzuſetzen. „So; mag er dieß in ſein Logbuch eintragen, Herr Arche,“ nahm der reizbare alte Theer wieder auf, indem er zu Wilder, der in der Zwiſchenzeit ſich nicht von ſeinem Platze gerührt hatte, zurückkehrte. „Mein Koch verſteht ſich zwar nicht darauf, wie man einen Froſch ſchmackhaft zubereite, wer aber koſten will, ob er ſonſt was zube⸗ reiten könne, der muß zu ihm kommen. Beim Himmel, Junge, es wird ihm zu ſchaffen machen, wenn er es unternimmt, mit dieſer Wendung zu uns heran zu kommen.— Doch, durch welchen Zufall ſind der „ Brie 2 anhe *) ich o er hä „ eſſen dem k ich ſe gebe findet ſein. als w Offizie „l »N unterbe „Mir i doch w verſchä ſo wie ſchlecht hatte ie gefütter er Ihne Einfälti Zweck ei Harry; iden,“ Herr Vor⸗ n zum Him⸗ mnach He! dieſem partie Andere war, h vor⸗ 3 Del⸗ machte h hun⸗ b. Er gleich ken der ffe, ein hatten er erſt nahm in der kehrte. Froſch s zube⸗ Junge, t dieſer Zufall 515 ſind denn Sie in ſein Schiff gerathen? Von dieſem ganzen Theil der Reiſe weiß ich ja noch kein Sterbenswörtchen.“ „Ich habe Schiffbruch gelitten, Sir, ſeit Sie meinen letzten Brief erhalten haben.“ „Wiel ſo iſt denn der rothe Patron dem Teufel endlich doch anheimgefallen?2« „Der Unfall ereignete ſich in einem Schiffe aus Briſtol, wo ich als eine Art von Priſenmeiſter angeſtellt war. Wahrhaftig, er hält ſich langſam aber ſtetig, nordwärts!“ „So laſſen Sie doch den jungen Stutzer laufen! Sein Abend⸗ eſſen wird ihm um ſo beſſer ſchmecken. Da ſind Sie alſo von dem königlichen Schiffe, die Gazelle, aufgenommen worden. So; ich ſehe nun ſchon, wie das Ganze hergegangen iſt. Ja, ja, man gebe einem alten Seehund nur ſeinen Strich und Kompaß, ſo findet er ſeinen Weg zum Hafen, mag die Nacht noch ſo dunkel ſein. Aber wie kam's, Sir, daß dieſer Herr Howard ſich ſtellte, als wäre Ihr Name ihm unbekannt, als er denſelben auf meiner Offiziersrolle ſah?“ „Unbekannt! Schien mein Name ihm unbekannt? vielleicht....« .. „»Mir iſt dergleichen vornehme Behandlung gleichfalls widerfahren; doch wir ſtehen über ihnen, hoch über ihnen, mit ſammt ihren Un⸗ verſchämtheiten. Niemand braucht ſich zu ſchämen, ſich ſeinen Rang ſo wie Sie und ich, durch ſauern, ſchweren Dienſt, bei gutem und ſchlechtem Wetter, ſelber erworben zu haben. Zum Henker, Junge, hatte ich nicht einen dieſer Aufkömmlinge einſt eine ganze Woche gefüttert, und wie ich in den Straßen Londons auf ihn ſtoße, ſtiert er Ihnen nicht quer über die Straße eine Kirche an, ſo daß ein Einfältiger geglaubt hätte, der Gelbſchnabel wiſſe wirklich, zu welchem Zweck ein ſolches Gebäu diene? Denken Sie nicht weiter daran, lieber Harry; mir ſind ſchon ärgere Dinge paſſirt, ich verſichere Sie.“ 33* 516 „Ich ging unter meinem angenommenen Namen, ſo lange ich in jenem Schiffe war,“ gewann endlich Wilder Gewalt über ſich, hinzuzufügen.„Selbſt die Damen, welche mit mir Schiffbruch litten, kennen mich unter keinem andern.“ „Ach, das war vernünftig; ſo hat das junge Adelsreis am Ende doch nicht aus vornehmem Stolz Unwiſſenheit vorgeſchützt. Na, Maſter Fid, wie geht's? Du biſt willkommen wieder hier auf dem Pfeil.“ „Ich habe mir die Freiheit genommen, mich beinahe ſelbſt ſchon willkommen zu heißen, gnädiger Herr,“ verſetzte der Topgaſt, der ſich nicht weit von ſeinen beiden Offtzieren etwas zu ſchaffen machte, offenbar, um ihre Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen.„s iſt ein hübſches Zimmerwerk, das dort, hat einen kühnen Befehlshaber, und derbe, wackere Mannſchaft: aber, was mich anbelangen thut, ſintemalen ich einen Charakter zu verlieren habe, ſo iſt's doch mehr nach meinem Geſchmack, in einem Schiffe zu ſegeln, das ſein Patent aufweiſen kann, wenn es von Denen, die befugt ſind, dazu aufgefordert wird.“ Die Farbe wechſelte auf Wilders Wange, wie der röthlich ſchillernde Abendhimmel, und ſein Auge nahm jede Richtung, nur die nicht, in welcher es dem erſtaunten Blicke ſeines Freundes, des Veterans, begegnen mußte. „Verſtehe ich auch den Burſchen nicht unrecht, Herr Arche? Jeder Offizier in der königlichen Flotte, vom Kapitän bis zum Bootsmann, das heißt nämlich, ein Jeder, der nur ſeine fünf Sinne beiſammen hat, führt zur See die ſchriftliche Befugniß zu ſeinem Amte bei ſich; ſonſt könnte er ſich leicht einmal in einer Lage be⸗ finden, die nicht minder kitzlich wäre, als die eines Piraten.“ „Das iſt's ja eben, was ich ſage, Sir; nur daß Ew. Gnaden durch Studia und die lange Uebung beſſer mit Worten aufgetakelt ſind. Guinea und ich haben die Sache oft hin und her beſprochen, und fürwahr, Kapitän Bignall, wir ſind mehr als einmal nicht wen Sch gege und Glei ſagte der wide genw Ihnen doch darin das S unterb die Sf gleitete Ernſt Erzähl dieſer ſtens he ling ſo Manne erfahren rufunge ge ich er ſich, fbruch eis am ſchützt. er hier t ſchon ſt, der nachte, iſt ein Shaber, n thut, h mehr as ſein röthlich ig, nur eundes, Arche? is zum Sinne ſeinem age be⸗ eu.“ Gnaden getakelt brochen, al nicht 517 wenig nachdenklich dabei geworden.„Angenomment, frug ich den Schwarzen, zangenommen, einem der Schiffe Sr. Majeſtät ſtößt gegenwärtiges Fahrzeug auf, und es kommt zum Handgemenge und Losbrennen, was“, frug ich, ‚was würden zwei unſeres Gleichen, Guinea, bei einer ſolchen Beſcheerung thun?— Nun⸗, ſagte der Schwarze, wir thäten bei unſeren Kanonen halten, auf der Seite von Maſter Harry⸗, ſagt er; ich hatte auch nichts da⸗ wider einzuwenden; aber mit ſchuldigem Reſpekt vor ſeiner Ge⸗ genwart und Ew. Gnaden Ihrer muß ich geſtehen, ich war ſo frei, hinzuzuſetzen, daß, nach meiner geringen Meinung, es doch viel bequemer wäre, auf einem ehrlichen Schiffe getödtet zu wer⸗ den, als auf dem Deck eines Buccaniers.“ „Eines Buc... caniers!« ſchrie der Commandeur mit großen Augen und offenem Mund. „»Kapitän Bignall,“ ſagte Wilder,„ich habe vielleicht die von Ihnen erfahrene Nachſicht gemißbraucht, daß ich ſo lange ſchwieg; doch hören Sie meine Erzählung an, ich hoffe, einige Stellen darin werden zu meiner Entſchuldigung ſprechen. Das Fahrzeug, das Sie dort ſehen, iſt das Schiff des berühmten Red Nover— unterbrechen Sie mich nicht, ich beſchwöre Sie bei aller Liebe, die Sie mir ſo lange bewieſen haben, laſſen Sie mich vollenden, und dann tadeln Sie, wenn Sie können.“ Wilders Worte und der männliche Ernſt, mit dem er ſie be⸗ gleitete, hielten den aufſteigenden Unwillen des ehrlichen Alten zurück. Ernſt und hoch geſpannt lauſchte er der bündigen, aber klaren Erzählung, die ſein Lieutenant ſich ihm zu geben beeilte; und ehe dieſer noch fertig war, war auch er von jenem dankbaren, wenig⸗ ſtens hochherzigen Gefühl großentheils eingenommen, das den Jüng⸗ ling ſo abgeneigt gemacht hatte, den anſtößigen Charakter eines Mannes zu verrathen, von dem er eine ſo großmüthige Behandlung erfahren hatte. Einige ſtarke, ſeinem Fache eigenthümliche, Aus⸗ rufungen der Ueberraſchung und der Bewunderung unterbrachen 8 518 wohl den Bericht hier und da; im Ganzen aber zähmte er ſeine Ungeduld und ſeine Gefühle auf eine Weiſe, die merkwürdig genug war, wenn man das Temperament des Kapitäns in Erwägung zieht. „In der That wunderbar!“ rief er, als der Andere geendigt hatte;„und jammerſchade, daß ein ſo grundehrlicher Kerl ein ſolcher Erzſpitzbube iſt. Aber, Harry, bei alle Dem können wir ihn doch nicht frei paſſiren laſſen: unſre Unterthanenpflicht, wie unſre Reli⸗ gion verbieten es. Wir müſſen wenden und auf ihn zuſteuern; wenn er mit guten Worten nicht zur Vernunft bewogen werden kann, ſo bleibt kein anderes Mittel, als Zuſchlagen, ſo viel ich davon verſtehe.“ „Ich fürchte, unſre Pflicht läßt uns keine andere Wahl, Sir,“ erwiederte der junge Mann mit einem tiefen Seufzer. „Auch unſre Religion nicht.— Und ſo iſt alſo der Schwatz⸗ hans, den er mir an Bord ſchickte, gar nicht einmal ein Kapitän geweſen! Aber doch hat er mich in Hinſicht auf das Aeußere und das Benehmen eines Mannes von Stande nicht hintergehen können. Ich ſtehe dafür, es war irgend ein junger Taugenichts aus guter Familie, ſonſt könnte er den vornehmen Wüſtling nicht ſo gut ge⸗ ſpielt haben. Hören Sie, Herr Arche, wir müſſen verſuchen, ſeinen Namen geheim zu halten, damit keine Schande auf ſeine Angehöri⸗ gen falle. Unſere ariſtokratiſchen Säulen, wenn ſie auch anfangen einige Sprünge und Ritzen zu bekommen, ſind denn doch am Ende die Stützen des Throns, und es geziemt uns nicht, gemeine Augen zu deutlich ſehen zu laſſen, daß ſie morſch ſind.“ „Das Individuum, das den Pfeilbeſuchte, war der Corſar ſelber.“ „Ha! der rothe Freibeuter auf meinem Schiff, ja ſogar in meiner perſönlichen Gegenwart! ſchrie der alte Theer, mit einer Art heiligen Abſcheues.„Es gefällt Ihnen, meine Leichtgläubig⸗ keit zum Beſten zu haben, Sir.“ „Ich müßte tauſend Verbindlichkeiten erſt aus den Augen ſetzen, ehe ich ſo dreiſt ſein könnte. Nehmen Sie meine feierliche Ver⸗ ſicherung, Sir, es war kein Anderer.“ auß es g Züg von Stit gen, 2 rüch fähr! hinte „K er nic als ich lung bringe könnte ſeine genug zieht. endigt olcher ndoch Reli⸗ wenn in, ſo tehe.“ Sir,« hwatz⸗ npitän ke und ennen. guter ut ge⸗ ſeinen ehöri⸗ angen Ende Augen lber.“ ſogar einer iubig⸗ ſetzen, Ver⸗ — „Das iſt unbegreiflich! Außerordentlich bis zum Wunderbaren außerordentlich! Seine Vermummung war ſehr vollſtändig, ich muß es geſtehen, da er im Stande war, Jemand, der ſich ſo genau auf die Züge im menſchlichen Geſicht verſteht, zu täuſchen. Ich habe nichts von ſeinem borſtigen Backenbart geſehen, nichts von ſeiner beſtialiſchen Stimme gehört, kurz, bemerkte keine jener monſtröſen Entſtellun⸗ gen, die dieſen Menſchen, wie allgemein bekannt iſt, auszeichnen.“ „Alles dieß ſind nur Ausſchmückungen, die das gemeine Ge⸗ rücht ihm geliehen. Ich fürchte, Sir, die verwegenſten und ge⸗ fährlichſten unter der Anzahl menſchlicher Laſter verbergen ſich oft hinter der anziehendſten Außenſeite.“ 8 „Aber der mißt ja nicht einmal ſeine Zolle, Sir.“ „Sein Körper iſt nicht groß, allein er umfaßt einen Rieſengeiſt.“ „Und halten Sie, Herr Arche, jenes Schiff für daſſelbe Fahr⸗ zeug, das mit uns vergangenen März in den Nachtgleichen hand⸗ gemein war?« „Ich weiß es ganz gewiß.“ „Na, hören Sie, Harry, Ihretwegen will ich großmüthig mit dem Schelm verfahren. Einmal iſt er mir entwiſcht, daran war aber der Verluſt einer oberen Stenge und das ungünſtige Wetter Schuld; doch jetzt haben wir einen guten, wirkſamen Wind, auf den man mit Sicherheit rechnen kann, und eine herrliche, ruhige See. Ich brauche alſo blos zu wollen, ſo iſt er mein,— denn ich denke wirklich, daß er nicht vorhat, Reißaus zu nehmen.“ „Ich fürchte, nein,“ erwiederte Wilder, und verrieth in den Worten unwillkürlich ſeine eigentlichen Wünſche. „Kämpfen, mit der geringſten Hoffnung guten Erfolgs, kann er nicht; und da er eine ganz andere Perſonnage zu ſein ſcheint, als ich mir ihn dachte, ſo wollen wir verſuchen, was Unterhand⸗ lung bei ihm vermag. Wollen Sie es übernehmen, der Ueber⸗ bringer meiner Bedingungen zu ſein?— doch, ſeine Mäßigung könnte ihn vielleicht gereuen.“ 520 „Meine Ehre zum Unterpfand, er hält Wort,“ rief Wilder mit Eifer.„Laſſen Sie eine Kanone leewärts löſen. Aber nicht zu vergeſſen, Sir, alle Zeichen müſſen freundſchaftliche Abſichten andeuten; eine Parlamentärflagge wehe von unſerm Hauptmaſt, ſo will ich mich jeder Gefahr unterziehen, um ihn in den Schooß der Geſellſchaft zurück zu führen.“ „Beim heiligen Georg, es wäre wenigſtens eine chriſtliche That,“ erwiederte der Commandeur, nach einer augenblicklichen Ueberlegung;„und wenn wir auch des Sieges verluſtig gehen, und ſomit nicht zu Rittern auf Erden geſchlagen werden, ſo wer⸗ den unſer um ſo ſanftere Hängematten dort oben warten.“ Kaum hatten der warmherzige und vielleicht etwas ſchwärmeriſche Kapitän des Pfeils und ſein Lieutenant dieſe Maßregel beſchloſſen, ſo trafen ſie auch eifrig die nöthigen Vorkehrungen, um den Erfolg derſelben zu ſichern. Das Ruder wurde leewärts gelenkt; und als das Vorkaſtell ſich dem Winde zuwendete, blitzte eine Feuerſäule aus einer Pfortgate auf der Leeſeite, und ſchickte die herkömmliche, freund⸗ ſchaftliche Aufforderung über das Waſſer, daß die, welche den Pfeil regierten, den Bewohnern des andern Schiffes eine Mittheilung zu machen hätten. Zu gleicher Zeit ſah man eine kleine Flagge mit ſchneeweißem Felde von der höchſten Spitze des Spierenwerkes wehen, während die Wimpel Englands von der Gaffel herabgelaſſen wurden. Eine halbe Minute tiefer Beſorgniß im Buſen Derjenigen, welche dieſe Signale zu geben befohlen hatten, folgte jetzt. Indeſſen wurde ihrer Ungewißheit bald ein Ende gemacht. Eine Rauchwolke aus dem Fahrzeug des Rover trieb vor dem Winde, und gleich darauf erſcholl der dumpfe Knall der erwiedernden Kanone. Eine der ihrigen ähnliche Flagge flatterte, gleichſam wie die Fittige einer fliegenden Taube, hoch über allen Stengentops; dagegen war an der Spitze, wo man gewöhnlich die Farben ſieht, welche die Nation eines Küſtenfahrers andeuten, durchaus kein Signal der Art zu entdecken. „Der Kerl iſt doch ſo beſcheiden, in unſerer Gegenwart mit nac auf auf wir Se nerl Wil zuri Sog man Beri der 5) Stre der? wir der T 3Sch zuſich gen e alle wenig dich, die n denn etwas Lilder nicht ſichten aſt, ſo ſchboß ſtliche kllichen gehen, wer⸗ eriſche loſſen, Erfolg nd als le aus reund⸗ Pfeil ung zu ee mit vehen, urden. velche wurde ke aus darauf hrigen eenden Spitze, eines decken. et mit nackter Gaffel zu fahren,“ ſagte Bignall, indem er ſeinen Gefährten auf den Umſtand, als eine ihren Wünſchen günſtige Vorbedeutung aufmerkſam machte.„Bis zu einer mäßigen Entfernung wollen wir auf ihn losſteuern, und dann ſollen Sie das Boot beſteigen.“ Dieſem Entſchluß gemäß, wurde der Pfeil gewendet, und mehr Segel beigeſetzt, um die Schnelligkeit zu vermehren. Als ſie in⸗ nerhalb einer halben Kanonenſchußweite gekommen waren, brachte Wilder ſeinem Obern bei, daß es rathſam wäre, nicht weiter vor⸗ zurücken, um den Anſchein feindſeliger Geſinnung zu vermeiden. Sogleich wurde das Boot hinab in die See gelaſſen und be⸗ mannt; eine Waffenſtillſtandsflagge vorn aufgepflanzt, und dann Bericht abgeſtattet, daß Alles bereit ſei, um den Ueberbringer der Botſchaft aufzunehmen. »Sie können ihm dieſe ſchriftliche Auseinanderſetzung unſerer Streitkräfte einhändigen, Herr Arche; denn da er ein Mann iſt, der Vernunft annimmt, ſo wird ihn dieß Papier belehren, wie ſehr wir im Vortheil ſtehen,“ ſagte der Kapitän, nachdem er ſich in der Wiederholung ſeiner mannigfaltigen Inſtructionen erſchöpft hatte. „Ich denke, Sie können ihm immer Verzeihung für das Vergangene zuſichern, wenn er nämlich in meine ſämmtlichen übrigen Bedingun⸗ gen einwilligt; in jedem Fall aber können Sie ſo viel ſagen, daß alle mögliche Verwendung geſchehen ſoll, um für ſeine Perſon wenigſtens eine vollſtändige Reinigung zu erwirken. Gott erhalte dich, Junge! Daß Sie ja nichts fallen laſſen von der Haverie, die wir in der Affaire vom vergangenen März gelitten haben; denn... hem... denn die Winde der Nachtgleichen blieſen gerade etwas ſcharf, wie Sie wiſſen. Adieu! und guten Erfolg!“ Das Boot ſtieß von der Seite des Schiffes ab, als er fertig war, und nach wenigen Augenblicken war Wilder, obgleich er ſich zu hören anſtrengte, ſchon zu weit, um von dem fernern guten Rath, den der Alte noch nachrief, ein Wort vernehmen zu können. Während des Ruderns nach dem noch ziemlich entfernten Corſaren⸗ 522 ſchiffe hatte unſer Abenteurer hinlänglich Muße, über die außeror⸗ dentliche Lage, in welcher er ſich jetzt befand, ſeine Betrachtungen anzuſtellen. Ein⸗ oder zweimal durchzuckte ſeine Seele ein Schimmer von Mißtrauen in die Klugheit des Schrittes, den er zu thun im Be⸗ griff war; doch war er nur flüchtig und vorübergehend, denn die Erinnerung an die großartige Geſinnung des Mannes, dem er ſich an⸗ vertraute, ließ dieſe Beſorgniß nicht vorherrſchend werden. Ungeach⸗ tet der Bedenklichkeit ſeiner Lage wurde doch, ſo wie er dem Fahrzenge des Rover näher kam, das Intereſſe am Seeweſen immer mächtiger, ein Intereſſe, das jedem ächten Matroſen ſo charakteriſtiſch iſt, und in ſeinem Buſen ſelten ganz verſtummt. Das vollkommene Eben⸗ maaß der Spieren, das anmuthige Auf⸗ und Niederſchweben des ganzen Gebäudes, indem es auf den langen, regelmäßigen Wogen, wie ſie ſich unter Paſſatwinden zu geſtalten pflegen, ſich gleich einem Seevogel wiegte, endlich das zierliche, ſchiefe Aufſchießen der ſchlan⸗ ken Maſten, wie ſie ſich Bahn brachen vorwärts durch den blauen, von dem künſtlich verwickelten Netzwerk der Taue durchſchnittenen Aether, waren reizende Gegenſtände für ein Auge, das ihre Schön⸗ heit nicht blos im Ganzen fühlte, ſondern auch die Anordnung jedes einzelnen Theils dieſes ſchönen Ganzen würdigen konnte. In der Kenntniß eines Bauwerks, zu deſſen Lob ſich Alle ver⸗ einigen, erlangt der Matroſe nach und nach einen ſo feinen, ſo höchſt ausgebildeten Geſchmack, daß man denſelben mit dem leben⸗ digen Gefühl vergleichen darf, welches der Künſtler ſich durch lan⸗ ges und ſtrenges Studium der edelſten Denkmäler des Alterthums erwirbt. Dieſer Geſchmack iſt es, der ihn Unvollkommenheiten ent⸗ decken läßt, die jedem weniger geübten Auge entgehen würden; er iſt es, der das Wohlbehagen, welches der Anblick eines Schiffes zur See zu erregen pflegt, noch dadurch ſteigert, daß er den Verſtand fähig macht, Theil an dem Genuß der Sinne zu nehmen. Dieſer mäch⸗ tige, dem Nicht⸗Matroſen unbegreifliche Zauber bildet jenes ge⸗ heimnißvolle Band, wodurch der Seemann ſo innig ſeinem Fahrzeuge zuzu Gebe nicht davo Ereis ſprich deſſe Beſit V der g gläub Seem Dieß er ein er hat konnte „L winkte eror⸗ ngen nmer n Be⸗ n die h an⸗ each⸗ zeuge tiger, und Eben⸗ n des ogen, einem hlan⸗ auen, tenen ſchön⸗ dnung nte. e ver⸗ n, ſo leben⸗ ) lan⸗ hums n ent⸗ n; er es zur fähig mäch⸗ es ge⸗ rzeuge 523 anhängt, wodurch die Eigenſchaften ſeines Schiffes ihm dieſelbe Achtung einflößen, wie Anderen die Tugenden eines Freundes, ja, wodurch er endlich in deſſen Schönheiten eben ſo verliebt wird, wie. in die ſeines Mädchens. Andere Menſchen mögen wohl dieſen oder jenen lebloſen Gegenſtand mit Bewunderung betrachten; allein dieſes Gefühl durchdringt und beſeelt nicht ihr ganzes Weſen, wie die liebende, immer wachſende Anhänglichkeit des Seemanns für ſein Schiff. Es bildet ſeine Heimath, ſeinen Herd, ſeine Hütte, den Gegenſtand ſeiner unabläſſigen und nicht ſelten ſchmerzlichen Theil⸗ nahme, und iſt oft die Quelle ſeines Stolzes, ſeines Triumphs! Je nachdem das Schiff ſeine begeiſterte Erwartung erfüllt oder täuſcht, in ſeiner Schnelligkeit, oder in der Schlacht, in Untiefen und bei Sturm, lobt er es wegen Vorzügen, tadelt es wegen Fehler, welche in Wahrheit eben ſo oft der Geſchicklichkeit oder Unwiſſenheit Derer zuzuſchreiben ſind, die das Schiff regieren, als irgend einer dem Gebäude ſelbſt zugehörigen Eigenſchaft. Das ficht aber den Matroſen nicht an; immer iſt es das Schiff, das bei ihm den Lorbeer des Sieges davon trägt, die Schande der Niederlage und des Unglücks erleidet. Ereignet ſich etwas, was ſeinem Begriffe von dem Schiffe nicht ent⸗ ſpricht, ſo ſieht er das als eine außerordentliche Abweichung von deſſen allgemeinem Charakter an, ganz ſo, wie wenn der Bau in Beſitz von Selbſtbewußtſein und eigner Willenskraft wäre. Wenn nun auch Wilder in dieſer Beziehung nicht ſo ſehr, wie der gemeine Matroſe, von dieſer Art leicht⸗ oder vielmehr aber⸗ gläubiſcher Einbildung befangen war, ſo übte doch Alles, was den Seemann begeiſtert, einen ſtarken Einfluß auf ſeine Gefühle aus. Dieß war bei der gegenwärtigen Gelegenheit ſo ſehr der Fall, daß er einen Augenblick ganz vergaß, was für eine wichtige Botſchaft er hatte, als das Schiff, welches mit Recht darauf Anſpruch machen konnte, ein Juwel des Oceans zu ſein, nun klar vor ſeinen Augen lag. „Laßt einmal eure Ruder ruhen, Burſchen,“ ſagte er, und winkte den Leuten, den Lauf des Boots anzuhalten;„ſetzt die Ruder 524 beiſeit! Haſt du je ſchöner aufſchießende Maſten, als dieſe da, ge⸗ ſehen, Maſter Fid, oder Segel, die herrlicher gebraßt geweſen wären?“ Der Topmann, welcher an dem Hauptruder in der Pinaſſe ſaß, warf einen Blick über ſeine Schulter, und nachdem er ſich die eine Wange mit einem Stück Rollentabak angeſtaut hatte, das dreiſt mit einem Kanonenpfropfen verglichen werden darf, ließ er ſich bei einer Gelegenheit, wo ſo unmittelbar ein Gutachten von ihm verlangt wurde, ohne Zögern alſo vernehmen: „Ich kümmere mich nicht, wer es hört, denn mag's nun von ehrlichen Kerlen oder von Spitzbuben gehandhabt werden, ſo hab' ich doch den Vorkaſtellmännern auf dem Pfeil gleich in den erſten fünf Minuten, nachdem ich wieder bei ihnen angelangt war, gerade heraus geſagt, daß ſie einen ganzen Monat im Portsmouther Hafen liegen könnten, ehe ſie einen ſo leichten, und doch ſo gute Dienſte thuenden Windfang zu ſehen bekämen, wie der am Bord dieſes Herumſchwärmers. Iſt doch ſein unteres Tauwerk eingefädelt und ſchlank, wie Jungfer Lene Dale, wenn ſie die Stagtaljereepen an ihrem Schnürleibchen wacker angeholt hat! Da iſt auch nicht ein einziger Block, der da, wo er ſitzt, größer ausſähe, als in dem niedlichen Mädchengeſicht die Guckäugelein. Sehen Sie dort das Taugewinde an dem Fockbraſſenblock? das iſt von der Hand eines gewiſſen Richard Fid verfertigt, und das Herz in dem großen Stag, das hat der Guinea hier eingedreht: man muß zwar bedenken, daß er nur ein Neger iſt, aber nach Schiffsart iſt es doch gemacht, ſag' ich.“ „Es iſt in allen ſeinen Theilen herrlich, das Schiff!“ rief Wilder, tief Athem holend.„Zugerudert, Leutchen, zugerndert! Glaubt ihr denn, ich ſei da, um die Seetiefen zu ſondiren?« Die Leute ſchraken zuſammen bei der Haſt, womit ihr Lieute⸗ nant ſprach, und nach einer zweiten Minute war das Boot an der Seite des Piratenſchiffs. Die wilden, drohenden Blicke, die ihn trafen, als er die Planken betrat, machten ihn einen Augenblick unſchlüſſig, ob er ſich mitten durch die Mannſchaft vorwärts wagen ge⸗ en?2* ſaß, eine dreiſt h bei ihm von hab' rſten erade dafen enſte ieſes und n an t ein dem das eines Stag, aß er ich.“ rief dert! 6 eute⸗ nder ihn blick agen 5²⁵ ſollte, oder nicht.— Allein die perſönliche Gegenwart des Rover, welcher mit der ihm eigenthümlichen, hohen, impoſanten Herr⸗ ſchermiene auf der Schanze ſtand, ermuthigte ihn, nach einem Zaudern, das von zu kurzer Dauer war, um bemerkt werden zu können, ſeinen Gang fortzuſetzen. Schon öffnete er die Lippe zum Sprechen, da gab ihm der Andere einen Wink, worauf ſich Beide ſchweigend in die einſame Kajüte zurückzogen. „Der Argwohn unter meinen Leuten iſt wach geworden, Herr Arche,“ hob der Rover, als ſie allein waren, das Geſpräch an, und legte einen beſondern, bedeutſamen Nachdruck auf den Namen des Angeredeten.„Der Verdacht regt ſich unter ihnen, ob ſie gleich vor's Erſte kaum wiſſen, was ſie eigentlich glauben ſollen. Die Bewegungen beider Schiffe ſind nicht von der Art geweſen, wie ſie ſie zu ſehen gewohnt ſind, und es fehlt nicht an Stimmen, deren Einflüſterungen gerade nicht ſehr günſtig für Sie lauten. Sie haben nicht wohl gethan, Sir, daß Sie wieder zu uns zurückkehrten.“ „Ich bin auf Befehl meines Obern gekommen, und unter dem Schutze einer Parlamentärflagge.“ »Wir geben uns wenig damit ab, über die geſetzlichen Unter⸗ ſcheidungszeichen der Welt zu vernünfteln, und könnten leicht Ihre Rechte in Ihrer ſo neuen Eigenſchaft verkennen. Doch,“ fügte er raſch und mit Würde hinzu,„wenn Sie der Ueberbringer einer Botſchaft ſind, ſo darf ich wohl vorausſetzen, daß ſie für meine Ohren beſtimmt iſt.“ „Und für keine anderen. Wir ſind nicht allein, Kapitän Heidegger.“ „Achten Sie auf den Knaben nicht; wenn ich will, ſo iſt er taub.“ „Ich wünſchte, die Anerbietung, die ich überbringe, Ihnen allein mittheilen zu können.“ „Dieſer Maſt iſt nicht bewußtloſer, als Roderich,“ ſagte der Andere ruhig, aber mit Entſchiedenheit. »Wohlan, ſo muß ich denn reden, auf jede Gefahr hin.— Der Commandeur des Schiffes dort, angeſtellt von unſerem könig⸗ 526 lichen Herrn, Georg dem Zweiten, hat mir befohlen, Folgendes Ihrer reiflichen Erwägung vorzulegen: Unter der Bedingung, daß Sie dieß Fahrzeug mit ſeinen ſämmtlichen Magazinen, Waffen⸗ rüſtungen und ſonſtiger Kriegsmunition unbeſchädigt übergeben, will er ſich mit zehn aus Ihrer Mannſchaft durch's Loos auszuhebenden Geiſeln, Ihnen ſelbſt, und noch einem Ihrer Offiziere begnügen; den Reſt will er entweder in königliche Dienſte aufnehmen, oder demſelben erlauben, auseinander zu gehen und ſich einem ehrenvolleren und, wie ich wohl jetzt ſagen darf, ſichereren Beruf zu widmen.“ „Dieß iſt die Großmuth eines Fürſten! Ich ſollte hinknieen und das Deck küſſen vor Einem, deſſen Lippen ſolche Gnaden⸗ worte entſtrömen.“ „Ich wiederhole blos die Worte meines Vorgeſetzten,“ fuhr Wilder fort, und das Blut ſchoß nach ſeinen Wangen.„Was Sie ſelbſt betrifft, ſo macht ſich derſelbe ferner anheiſchig, ſich höchſt angelegentlich zu verwenden, um einen Pardon zu erhalten, unter der Bedingung, daß Sie das Meer verlaſſen, und dem Namen eines Engländers auf ewig entſagen.“ „Letzteres iſt bereits geſchehen: Aber darf ich die Urſachen er⸗ fahren, warum man Einem, deſſen Name ſo lange von den Menſchen proſcribirt iſt, ſolche milde Bedingungen macht?« „Kapitän Bignall hat vernommen, wie großmüthig Sie ſeinen Offizier, wie zart Sie die Tochter und Wittwe zweier ehemaligen Waffenbrüder behandelt haben. Er geſteht, das Gerücht habe Ihrem Charakter keine ſonderliche Gerechtigkeit widerfahren laſſen.“ Mit einer mächtigen Anſtrengung gelang es dem Zuhörenden, den Triumph, der auf ſeinen Zügen leuchtete, zu unterdrücken, ſo daß er durchaus gelaſſen, ohne äußerliche Bewegung, und mit einer gewiſſen Kälte die, offenbar zum Fortfahren auffordernde, Zwiſchenbemerkung hinwarf: „Man hat ihn falſch berichtet, Sir.“ „Dieß räumt er ohne Anſtand ein. Eine Berichtigung des allgemein ndes daß ffen⸗ will nden gen; oder leren den.* nieen den⸗ fuhr Sie öchſt nter men er⸗ ſchen inen igen rem den, ſo mit nde, nein 527 verbreiteten Irrthums an den gehörigen Ort ergehend, wird Gewicht genug haben, um die verſprochene Amneſtie für das Vergangene, ja wie er hofft, glänzendere Ausſichten für die Zukunft herbeizuführen.“ „Und gibt er keinen Grund an, warum ich dieſe meine ganze Lebensweiſe ſo gewaltſam ändern, warum einem Element entſagen ſoll, das mir ebenſoſehr wie das, welches ich athme, zum Bedürf⸗ niß geworden iſt, und warum ich namentlich den vielgeprieſenen Vorzug aufgeben ſoll, mich einen Britten zu nennen? Gibt er zu alle Dieſem keinen weitern Grund an, als ſein hohes Belieben?“ „Ja. Hier dieſe Beſchreibung ſeiner Streitkräfte, die Sie, wenn Sie wollen, mit eigenem Auge unterſuchen können, muß Sie überzeugen, daß Widerſtand hoffnungslos ſei, und wird, denkt er, Sie bewegen, ſeine Anerbietungen anzunehinen.“ „Und was iſt Ihre Meinung?“ fragte der Andere mit einem vielſagenden Lächeln und ganz eigenthümlichen Nachdruck, indem er die Hand ausſtreckte, um das Papier in Empfang zu nehmen. „Doch ich bitte um Verzeihung,“ ſetzte er ſchnell hinzu, und kehrte, als er das ernſte Antlitz ſeines Gefährten gewahr wurde, ſelbſt zum Ernſt zurück.„Ich ſcherze, während der Moment uns ſo ſehr zum Gegentheil auffordert.“ Raſch durchflog er die Schrift; nur zwei oder drei Punkte, welche am meiſten ſeiner Aufmerkſamkeit würdig zu ſein ſchienen, feſſelten ſeinen Blick etwas länger, und gewannen ihm eine flüch⸗ tige Aeußerung von größerem Intereſſe ab. „Sie finden doch durch dieſe Auseinanderſetzung meine Be⸗ hauptung von unſerer Ueberlegenheit beſtätigt?« fragte Wilder, als das Auge des Andern von dem Papier wegſah. „Ja.“ 3 „Darf ich nun fragen, was Sie für einen Entſchluß faſſen auf dieß Anerbieten?“— „Zuerſt ſagen Sie mir, welchen Rath gibt Ihr eignes Herz? Dieß iſt nur die Sprache eines Dritten.“ 528 „Kapitän Heidegger,“ ſagte Wilder erröthend,„ich will nicht zu läugnen ſtreben, daß ich andere Ausdrücke gewählt haben würde, hätte die Abfaſſung der Botſchaft von mir allein abge⸗ hangen; demungeachtet, bei der lebendigſten und wärmſten Erin⸗ nerung an Ihre Großmuth, und als ein Mann, der mit Wiſſen und Willen ſelbſt ſeinen Feind zu keinem entehrenden Schritt ver⸗ leiten möchte, rathe ich Ihnen dringend zur Annahme derſelben. Erlauben Sie mir zu ſagen, daß ich ſchon während unſeres Um⸗ gangs vor Kurzem nicht ohne Grund in Ihnen die Einſicht voraus⸗ ſetzen durfte, daß in Ihrer jetzigen Lebensweiſe weder der Charak⸗ ter, den Sie gewiß zu verdienen wünſchen, noch die Zufriedenheit, nach der Alle ſich ſehnen, zu finden ſei.“ „Ei, ei, daß ich in Herrn Heinrich Wilder einen ſo haarfeinen Caſuiſten bewirthete, ließ ich mir in der That nicht träumen. Haben Sie außerdem noch etwas vorzubringen, Sir?“ „Nichts,“ erwiederte der ſchmerzlich getäuſchte Abgeſandte des Pfeils. „Doch, doch, noch etwas,“ ſprach eine eifrige Stimme hinter dem Rover, aber ſo leiſe, daß die Sylben mehr hervorgehaucht, als wirklich ausgeſprochen ſchienen;„noch nicht die Hälfte ſeines Auftrags hat er ausgerichtet, oder er iſt des heiligen Vertrauens zu ihm auf eine ſchreckliche Weiſe uneingedenk.“ „Der Knabe hat oft ſeine Träume,“ unterbrach der Rover mit dem wohlbekannten, wild entſtellenden Lächeln.„Er läßt zu⸗ weilen ſeine inhaltsloſen Gedanken in äußere Geſtalt heraustreten, indem er ſie in Worte einkleidet.“ „Nicht inhaltlos ſind meine Gedanken,“ fuhr Roderich lauter, und bei weitem kühner geworden, fort.„Ach, wenn ſein Frieden, ſein Wohl Ihnen theuer iſt, verlaſſen, verlaſſen Sie ihn noch nicht. Halten Sie ihm ſeinen hohen, ehrenvollen Namen vor; ſeine Jugend; jenes theure und tugendhafte Weſen, das er einſt ſo unſäglich liebte, deſſen Andenken er noch, ja noch immer, anbetet. Da Sie zu „L kann r „3 erzwun herrſch iſt viel Der: nicht daben abge⸗ Erin⸗ siſſen ver⸗ lben. Um⸗ aus⸗ arak⸗ heit, einen men. 2 des inter ucht, eines uens kover t zu⸗ eten, uter, den, iccht. end; ebte, e zu 529 ſprechen verſtehen, o ſprechen Sie mit ihm von dieſen Dingen; und bei meinem Leben, ſein Ohr wird nicht taub, ſein Herz kann nicht hart bei Ihren Worten bleiben.“ „Das kleine Weſen iſt wahnſinnig!« „Ich bin nicht wahnſinnig; oder wenn ich es bin, ſo iſt es durch die Verbrechen, die Gefahren Derer, die ich liebe. Ach! Herr Wilder, verlaſſen Sie ihn nicht. Seit Sie bei uns waren, iſt er weit mehr wieder das, was er, ich weiß es, einſt geweſen. Weg mit dieſer ſchlecht berechneten Aufzählung Ihrer Streitkräfte; Drohungen verhärten ihn nur. Als Freund ermahnen Sie; aber hoffen Sie nichts als Diener der Rache; Sie kennen das furcht⸗ bare Gemüth dieſes Mannes nicht, ſonſt würden Sie nicht einem reißenden Strome Einhalt zu thun verſuchen. Jetzt,— ach jetzt reden Sie! Sieh', ſein Auge wird ſchon milder.“ „Aus Mitleid, Knabe, daß ich ſehen muß, wie deine Ver⸗ nunft wankt.“ „O, daß ſie nie mehr als in dieſem Augenblick gewankt hätte, Walter! Dann würde es zwiſchen dir und mir der Rede eines Dritten nicht bedurft haben; dann würden meine Worte beachtet, meine Stimme laut genug geweſen ſein, um von dir vernommen zu werden.— Ach, warum ſind Sie ſtumm? Eine einzige Sylbe könnte ihn jetzt retten.“ „Wilder, das Kind iſt durch dieſe Aufzählung von Kanonen und Truppen in Schrecken gejagt. Er fürchtet den Zorn Ihres geſalb⸗ ten Herrn. Gehen Sie; ſchenken Sie ihm einen Platz in Ihrem Boot, und empfehlen Sie ihn der Gnade Ihres Vorgeſetzten.“ „Hinweg, hinweg!« ſchrie Roderich.„Ich werde nicht, will nicht, kann nicht dich verlaſſen. Wer bleibt mir hienieden noch außer dir?“ „Ja,“ fuhr der Rover fort, in deſſen Ausdruck nicht mehr die erzwungene Ruhe, wohl aber tiefes, trauriges Nachdenken vor⸗ herrſchte;„ſo wird es wirklich beſſer ſein! Schauen Sie her, hier iſt viel Gold; Sie werden ihn der Sorgfalt jenes vortrefflichen Der rothe Seeräuber. 34 1 530 Weibes anempfehlen; ihr iſt ja ohnedieß ſchon ein Weſen anver⸗ traut, kaum weniger verlaſſen, obgleich vielleicht weniger....“ „Schuldig! ſprich es immerhin aus, das Wort, Walter! Verdient habe ich den Zuſatz, und werde nicht zittern, ihn ausſprechen zu hören. Sieh',“ ſagte er, haſchte dabei die ſchwere Goldbörſe, die Wildern hingehalten wurde, und hielt ſie mit Verachtung hoch über ſein Haupt weg,„dieß kann ich wegwerfen; aber das Band, das mich mit dir verbindet, ſoll nie zerriſſen werden.“ Während des Sprechens hatte der Knabe ſich einem offenen Fenſter der Kajüte genähert; es ertönte das Geplätſcher eines fallen⸗ den Körpers, und ein Schatz, der einem Menſchen von mäßigen Wün⸗ ſchen ein immerwährendes Auskommen hätte ſichern können, war für den Gebrauch Derer, die demſelben den Werth beigelegt, auf ewig verloren. Der Lieutenant des Pfeils eilte herbei, um den Zorn des Rovers zu beſchwichtigen; allein keine Spur von einem an⸗ dern Gefühl als Mitleid konnte ſein Auge auf den Zügen des ge⸗ ſetzloſen Häuptlings entdecken, aber ein Mitleid, ſo innig, daß es ſelbſt durch ſein ruhiges, unbewegliches Lächeln hindurchdrang. „Roderich würde einen ſchlechten Zahlmeiſter abgeben,“ ſagte er.„Dennoch iſt es nicht zu ſpät, ihn den Seinigen wieder zu ſchenken. Der Verluſt des Goldes iſt nicht unwiederbringlich; aber wenn ein wirkliches Leid das Kind träfe, es wäre auf immer um meinen Seelenfrieden geſchehen.“ „So behalten Sie ihn in Ihrer Nähe,“ liſpelte der Knabe, deſſen heftige Erſchütterung ihn erſchöpft zu haben ſchien.„Gehen Sie, Herr Wilder, gehen Sie; Ihr Boot wartet; längeres Bleiben iſt zwecklos.“ „Das befürchte ich!“ erwiederte unſer Abenteurer, der während des vorhergehenden Geſprächs unaufhörlich den Blick voll männ⸗ lichen Bedauerns auf das Antlitz des Knaben geheftet hielt;„ſehr befürchte ich das!— Da ich indeſſen als Abgeſandter eines Drit⸗ ten hier bin, Kapitän Heidegger, ſo iſt es nun an Ihnen, auf meinen Antrag eine zweckmäßige Antwort zu geben.“ ein, Hie ſein auf See laſſe wed 7 auf hinge als d „. doch „ ſeiner Chef Ihren „ werk Seem Lippen voll m „S unver⸗ alter! rechen börſe, ghoch Band, ffenen allen⸗ Wün⸗ ar für ewig Zorn n an⸗ 's ge⸗ aß es ung. ſagte der zu glich; mmer deſſen „Herr klos.“ hrend nänn⸗ „ſehr Drit⸗ ,, auf 531 Hierauf nahm ihn der Rover beim Arme, und führte ihn an eine Stelle, von wo aus man ſehen konnte, was draußen vorging. Hier zeigte er mit dem Finger hinauf auf ſeine Spieren, machte ſeinen Geſellſchafter auf die geringe Anzahl Segel, die er führte, aufmerkſam, und ſprach dieſe wenigen Worte:„Sir, Sie ſind Seemann, und was Sie ſehen, wird Sie meine Abſichten errathen laſſen.— Ich werde den prahlenden Kreuzer Ihres Königs Georg weder ſuchen noch vermeiden.“ Dreißigſtes Kapitel. ———„Stirn gegen Stirn Bring' dieſen Feind Auf Schwertes Läng' mir nah“; gerechter Himmel, Entkommt er dann, magſt du ihm auch vergeben! Macbeth. Act IV. Sc. 3. „Die bringen mir die dankbare Unterwerfung des Piraten auf meine Anerbietungen!“ rief der zu leicht der Hoffnung ſich hingebende Commandeur des Pfeils ſeinem Abgeſandten entgegen, als dieſer kaum mit dem Fuß das Verdeck wieder betrat. „Ich bringe nichts als Trutz,“ war die überraſchende Antwort. „Und Sie haben mein Dokument vorgewieſen? Sie werden doch eine ſo weſentliche Schrift nicht vergeſſen haben, Herr Arche?“ „Nichts iſt vergeſſen worden, was die wärmſte Theilnahme an ſeiner Sicherheit nur eingeben konnte, Kapitän Bignall. Allein der Chef des geſetzloſen Schiffes dort weigert ſich nichtsdeſtoweniger, Ihren Bedingungen zu entſprechen.“ „Er wähnt vielleicht, Sir, der Pfeil ſei mit ſeinem Spieren⸗ werk nicht recht im Stande,“ erwiederte der etwas voreilige, alte Seemann, und drückte mit einem Blicke verletzten Stolzes die Lippen zuſammen;„oder aber er ſpannt ſein ſchnellfüßiges Schiff voll mit Segeln und meinet ſo zu entwiſchen.“ „Sieht das aus wie Vorbereitung zur Flucht?“ fragte Wilder, 34* 8 532 den Arm ausſtreckend, und auf die faſt ganz entblößten Spieren und die regungsloſe Maſſe des nahen Schiffes hinweiſend.„Das Aeußerſte, was ich erlangen konnte, iſt die Verſicherung, daß er nicht der angreifende Theil ſein wolle.“ „Traun, beim heil'gen Georg, es iſt doch ein barmherziger Jüngling! Das nenn' ich mir eine lobenswürdige Mäßigung, in der That! Er will mit ſeiner buntſcheckigen, undisciplinirten See⸗ räuberhorde nicht unter die Kanonen eines brittiſchen Kriegsſchif⸗ fes rennen, weil er der Flagge ſeines Herrn einige Ehrfurcht ſchuldig iſt! Laſſen Sie ſich'was ſagen, Herr Arche, den Umſtand wollen wir doch erwähnen, wenn wir von den Gerichten zu Hauſe verhört werden. Zum Kuckuk auch mit den Narrenspoſſen! Die Leute an ihre Kanonen beordert, Sir, und das Schiff gehalſet, ſonſt ſchickt er uns noch ein Boot an Bord, um uns über unſere amtliche Befugniſſe zu unterſuchen.“ „Kapitän Bignall,“ ſagte Wilder, indem er ſeinen Commandeur weiter wegführte, um von den Subalternen nicht gehört zu werden, „ich darf Anſpruch machen, daß meine Dienſte unter Ihren eigenen Augen und Befehlen einiger Berückſichtigung nicht unwerth ſind. Sollte mein früheres Betragen mir ein Recht zu der Kühnheit geben, einem Mann von Ihrer großen Erfahrung einen Rath zu geben, ſo erlauben Sie mir dringend, einen kurzen Verzug vorzuſchlagen.“ „Verzug! Kann Heinrich Arche zaudern, wenn der Trutz der Feinde ſeines Königs, ja mehr, der Feinde der Menſchen, ihn an ſeine Pflicht mahnt.“ „Sir, Sie mißverſtehen mich. Ich zögere, damit die Flagge, unter der wir ſegeln, fleckenlos bleibe, und nicht aus der Abſicht, ein Gefecht zu vermeiden.— Es iſt unſerem, wenn Sie wollen, meinem Feinde, nunmehr bekannt, daß er, im Falle des Gefangen⸗ werdens, wegen ſeiner frühern Großmuth nur gütige Behandlung zu erwarten habe. Dennoch, Kapitän Bignall, bitte ich um Zeit, damit ich den Pfeil auf einen Kampf, der alle ſeine gerühmten Eig und nich — kenn zum hörie unſe 2 willi britt auf d Lunt⸗ ſeeme ihre, pflegt Polte im S recht D wurde womit bewill übrig; bereite zeuge Poſten renden man Mannf und de bieren „Das daß er rziger ig, in See⸗ zſchif⸗ furcht nſtand Hauſe 1 Die dalſet, inſere ndeur erden, genen ſind. geben, geben, gen.“ tz der on an lagge, bſicht, ollen, ngen⸗ dlung Zeit, hmten 533 Eigenſchaften auf die Probe ſtellen wird, in Bereitſchaft ſetzen, und die nöthigen Anſtalten treffen könne, um uns eines, gewiß nicht ohne Preis zu erlangenden, Sieges zu verſichern.“ „Aber wenn er nun entwiſchte....“. „Bei meinem Leben, er wird keinen Verſuch dazu machen. Ich kenne nicht blos den Mann, ſondern auch ſeine furchtbaren Mittel zum Widerſtande. Eine kleine halbe Stunde genügt, um uns ge⸗ hörig in Stand zu ſetzen, und gereicht weder unſerem Muthe noch unſerer Klugheit zur Unehre.“ Der Veteran gab gezwungen nach, begleitete indeſſen die Ein⸗ willigung mit nicht wenigem Gebrumme über die Schande, daß ein brittiſches Kriegsſchiff nicht ohne Weiteres dem kühnſten Piraten auf dem Ocean Seite an Seite liefe und denſelben mit einer einzigen Lunte in die Luft puffte. Wilder war aber ſchon an die ehrlichen ſeemänniſchen Prahlereien gewöhnt, womit die Seeleute jener Zeit ihre allerdings feſte und männliche Entſchloſſenheit auszuſchmücken pflegten; daher ließ er ihm gerne ſein verdrießlich gutmüthiges Poltern, und ging an Beſchäftigungen, die kraft ſeines Ranges im Schiffe in ſein Gebiet fielen, und deren Beſorgung, wie er recht gut einſah, jetzt von der höchſten Wichtigkeit war. Die Ordre:„Alle zu Hauf! Das Schiff kampffertig gemacht!« wurde nochmals ausgegeben, und mit der Fröhlichkeit empfangen, womit Matroſen jeden wichtigeren Wechſel in ihrem Seeleben zu bewillkommen gewohnt ſind. Es blieb jedoch wenig zu thun übrig; denn größtentheils befanden ſich alle Sachen noch in dem bereiten Zuſtand, in den ſie bei dem erſten Begegnen beider Fahr⸗ zeuge geſetzt worden waren. Jetzt erſchallte der Trommelſchlag: Poſten gefaßt! und die ernſteren, einen ſchrecklichen Anblick gewäh⸗ renden, Vorkehrungen zur bevorſtehenden Schlacht folgten. Als man mit dieſen verſchiedenen Anordnungen fertig war, die Mannſchaft bei ihren Kanonen, die Segelſetzer an ihren Braſſen und die Offtziere auf ihren reſpektiven Batterien, wurden die 1 534 Hinterraagen umgeſchwungen, und das Schiff abermals in Bewe⸗ gung geſetzt. Während dieſer kurzen Zwiſchenzeit lag das Schiff des Rover in der Entfernung von ungefähr einer Viertelſtunde vollkommen ruhig und ohne den Schein, daß es ſich an die unzweideutigen Be⸗ wegungen ſeines feindlichen Nachbars im Mindeſten kehre. Als aber der Pfeil dem Druck des Windes nachgab, und allmählig ſeine Schnelligkeit vermehrte, ſo daß das Waſſer unter ſeinem Vorſteven ſchon eine kleine, rollende Schaumwoge zu bilden begann, da fiel das Vorkaſtell des Andern von der Richtung des Windes ab, das Bramſegel füllte ſich, und der Delphin erhielt nun auch ſeinerſeits die nöthige Bewegung, um beſſer regiert werden zu können. Jenes breite Feld, welches ſchon über den Gefahren und dem Blutver⸗ gießen von tauſend Schlachten triumphirend geweht hatte, und dießmal während der Zuſammenkunft von der Gaffel des Pfeils herabgelaſſen war, wurde nun wieder hinaufgehißt. Die Flaggen⸗ ſpitze des Feindes wies indeß kein erwiederndes Signal. Auf dieſe Weiſe gewannen beide Schiffe einander Raum ab, und bewachten ſich gegenſeitig mit Augen ſo gierig, als wären es zwei ſich meſſende Seeungeheuer geweſen, jedes ſich bemühend, den Gegner die beabſichtigte Evolution des nächſten Augenblicks nicht errathen zu laſſen. Die ungewöhnlich ernſte Haltung Wilders ver⸗ fehlte nicht, in dem ſchlichten Seemann, der dem Pfeil als Com⸗ mandeur vorſtand, eine entſprechende Wirkung hervorzubringen; nachgerade fühlte er ſich nicht weniger als ſein Lieutenant geneigt, ohne Uebereilung und mit gemeſſener Vorſicht in den Kampf zu gehen. Wolkenlos war bis jetzt der Tag geweſen. Noch nie hatte ein reineres Blau, als das des ſich während der letzten Stunden über den Häuptern unſerer Seeabenteurer wölbenden Bogens, die Mee⸗ reswüſte angelächelt. Allein, gleichſam als zürnte die Natur ob ihres jetzigen, blutigen Vorhabens, verwiſchte eine finſter drohende Nebelmaſſe die Umriſſe von Himmel und Ocean, ſo daß beide, nac tun⸗ woh die für Kan „ und Syn nehn ſtraf 2 von erlan ſeinen auch Georg wonne reichun holte d Zewe⸗ Rover nmen 1 Be⸗ aber ſeine ſteven a fiel , das rſeits Jenes itver⸗ und feils ggen⸗ n ab, en es , den nicht 3 ver⸗ Com⸗ ngen; neigt, gehen. te ein über Mee⸗ ur ob hende beide, 535 nach der dem ſtetig anhaltenden Windſtrich entgegengeſetzten Rich⸗ tung hin, in einander zu fließen ſchienen.— Nicht entgingen dieſe wohlbekannten, ſchlimmen Vorboten der Wachſamkeit Derer, welche die feindlichen Schiffe bemannten, doch hielt man die Gefahr noch für zu entfernt, um die Aufmerkſamkeit, die allein dem nahen Kampfe gewidmet war, dadurch theilen zu laſſen. „Eine Bö braut ſich dort im Weſten aus,“ ſagte der erfahrene und umſichtige Bignall, und zeigte beim Sprechen auf die finſteren Symptome hin;„doch wir können ſchon den Piraten in die Mache nehmen, und Alles wieder in Ordnung haben, ehe ſie ſich dieſer ſtraffen Kühlte entgegengearbeitet hat.“ Wilder ſtimmte ihm bei; denn nunmehr ſchwoll auch ſein Buſen von hohem, ſeemänniſchem Stolze, und ein hochherziger Wetteifer erlangte die Oberhand über Gefühle, die höchſt wahrſcheinlich mit ſeiner Pflicht nicht in beſtem Einklang ſtanden, wie natürlich ſie auch einem dem Guten ſo offenen Gemüthe ſein mochten. „Der Rover läßt ſogar ſeine leichteren Maſten fallen!« rief der Jüngling;„er muß dem Wetter doch gar nicht trauen.“ „Wir wollen mit nichten ſeinem Beiſpiele nachahmen; denn er wird wünſchen, ſie wären wieder, wo ſie geweſen ſind, ſobald wir ihn nur hübſch unterm Spiel unſerer Batterien haben. Beim König Georg, er hat doch ein allerliebſtes, munteres Boot unter ſich! Losgelaſſen das große Unterſegel, Sir, los damit, ſonſt haben wir Nacht, ehe wir mit dem Schelm Seite an Seite ſind.“ Die Ordre wurde vollzogen: und nun, unter dem mächtigen Druck der vorwärtsdrückenden Segel, verdoppelte der Pfeil ſeine Schnelligkeit, gleich einem belebten Weſen, das ſich durch Furcht oder Verlangen zu friſcherer Thätigkeit angeſpornt fühlt. Jetzt hatte er bereits eine Stellung auf der Luvſeite ſeines Gegners ge⸗ wonnen, ohne daß dieſer das geringſte Streben verrieth, die Er⸗ reichung eines ſo weſentlichen Vortheils zu vereiteln. Im Gegentheil holte der Delphin bei voller Ausſpannung ſeines großen Unterſegels, 536 immer mehr von ſeinem obern Windfang ein, und ließ auf dieſe Weiſe ſo viel Wucht, als nur möglich, von der ungeheuern Höhe ſeiner ſchlanken Maſten in den ſicherern Rumpf herunter. Noch immer war, der Meinung Bignalls zufolge, der Raum zwiſchen ihnen zu groß, um den Kampf beginnen zu können, und zu gleicher Zeit drohte die Leichtigkeit, mit welcher ſein Gegner vor ihm her ſegelte, den wichtigen Moment viel zu lange hinauszuſchieben. Nicht minder bedenklich war's, eine Maſſe von Segeln aufzuſpannen, welche, wenn das Schiff erſt vom Rauch umhüllt und von der Schlacht bedrängt wurde, die Verwirrung nur vermehren mußten.“ „Wir wollen ihn bei ſeinem Stolze faſſen, Sir, da Sie ihn für einen Mann von Feuer halten,“ ſagte der Veteran zu ſeinem treuen Gehilfen:„löſen ſie eine Kanone von der Luvſeite, und weiſen Sie ihm noch einige Flaggen ſeines Herrn.“ Der Knall des Geſchützes und das ſchnell hinter einander fol⸗ gende Aufflattern von noch drei Feldern Englands aus verſchiede⸗ nen Theilen des Pfeils waren vergebens; der ſcheinbar empfin⸗ dungsloſe Nachbar that vollkommen, als habe er nichts geſehen und nichts gehört. Der Delphin verfolgte ſeinen Pfad, machte dann und wann einen zierlichen Satz an den Wind heran, und bog gleich darauf wieder leewärts ab, wie ein Meerſchwein, das, längs ſeines ſalzigen Pfades, träge ſpielend, von Zeit zu Zeit nach der Seite ſchnappt, um den Wind einzuſchnuppern. „Nichts, was beim regelmäßigen, gewöhnlichen Kriege als Trutz⸗ zeichen gilt, macht Eindruck auf ihn,“ ſagte Wilder, als er die Gleichgültigkeit ſah, mit der man ihre Herausforderung aufnahm. „Verſuchen wir's denn mit einem Schuß.“ Jetzt wurde eine Kanone gelöst, und zwar aus der Seite, die dem ſich noch immer zurückziehenden Delphin zugekehrt war. Der eiſerne Abgeſandte ſprang in kleinen Bogen längs der Meeresober⸗ fläche leicht von Woge zu Woge, ſpritzte eine kleine Wolke Waſſer⸗ ſtaub auf's Deck des Feindes, und ſchoß harmlos am Rumpfe war gebrei milcht! vom enthü ſchlün Ien dieſe Höhe mmer en zu rohte , den inder elche, hlacht e ihn einem und fol⸗ hiede⸗ pfin⸗ ſehen achte und das, Zeit Trutz⸗ r die ahm. , die Der ober⸗ aſſer⸗ mpfe 537 vorüber. Ein zweiter, ein dritter folgte; vom Rover war nicht das geringſte Signal zu ertrotzen. „Was iſt denn das?“ ſchrie der unwillige Bignall.„Hat er einen Zauber für ſein Schiff, daß alle unſere Kugeln an ihm vor⸗ beifliegen und ihm nur Waſſer auf's Verdeck ſpritzen können! Maſter Fid, könnt Ihr denn zum Kredit ehrlicher Leute, und zur Ehre einer königlichen Flagge gar nichts thun? Laßt uns doch Eure alte Geliebte wieder einmal hören; ſie hat vordem doch immer gewußt, wann ſie ſprechen ſollte!“ „Ganz richtig, Sir,“ erwiederte der ſchmiegſame Richard, deſſen plötzliche Glückswechſel im Leben es wollten, daß er ſich jetzt als Ka⸗ nonier an einem Stücke Geſchütz befand, das er ausnehmend liebte und lange blank zu putzen pflegte.„Ich habe die Kanone nach Jungfer Whiffle) getauft, Ew. Gnaden, weil die Eine wie die Andere kei⸗ nes Dritten bedarf, wenn's zu reden gilt. Jzo, bei Seite geſtan⸗ den, Jungens, und laßt die Schwatz⸗Käte auch eins mitſprechen.“ Richard hatte während des Sprechens mit großer Ruhe ſein Ziel genommen, legte nun mit eigener Hand die Lunte an, und ſchickte mit einer Beſonnenheit, die für einen bloßen Söldling höchſt rühm⸗ lich zu nennen war, einen„völligen Geradeausmarſchirer“, wie er mit großem Selbſtvertrauen den Schuß nannte, quer über's Waſſer ſei⸗ nen ehemaligen Kameraden zu. Nun folgten, wie gewöhnlich, ein paar Augenblicke der Erwartung, dann aber verkündigten die in der Luft umhergeſchleuderten Fetzen, daß die Kugel durch das Segel⸗ werk des Delphin gegangen war. Augenblicklich, faſt zauberhaft, war die Wirkung. So plötzlich, wie wenn ein Voögel ſeine aus⸗ gebreiteten Fittige ſchließt, verſchwand ein langer Streifen von milchweißer Leinwand, der längs der Linie der Kanonenpforten vom Vorſteven bis zum Spiegel künſtlich ausgeſpannt war, und enthüllte einen breiten, blutrothen Gürtel, aus dem die Kanonen⸗ ſchlünde des Schiffes hervorgähnten. Zugleich ſtieg eine Fahne von *) Von whit Geflüſter. 538 derſelben unheilverkündenden Farbe über dem Hüttendecke empor, finſter und wild bis an die Gaffelſpitze hinanflatternd. „Jetzt gibt er ſich kund als den Schurken, der er iſt!“ ſchrie der aufgeregte Bignall;„Seht! er hat die falſche Schminke abge⸗ wiſcht, und fletſcht jetzt mit dem wohlbekannten blutigen Rachen, von dem er ſeinen Namen hat. Haltet euch bei euren Kanonen, Leute! Der Pirat ſcherzt nun nicht mehr.“ Noch hatte er nicht ausgeſprochen, als längs des rothen Strei⸗ fens, deſſen Wirkung auf die abergläubiſche Furcht der gemeinen Matroſen ſo gut berechnet war, ein leuchtendes Flammenmeer her⸗ vordrang, und gleich darauf der gleichzeitige Knall aus faſt einem Dutzend weitmäuliger Kanonen. Kein Herz war ſo kühn am Bord des königlichen Kreuzers, auf das der grelle Wechſel von Achtloſigkeit und Gleichmuth zu dieſer That muthiger und entſchiedener Feind⸗ ſeligkeit nicht eine ſtarke Wirkung gemacht hätte. In Blick und Haltung regungslos und tief geſpannt brachte Jeder den Augenblick der Ungewißheit zu. Jetzt hörte man den eiſernen Sturm klappernd durch die Lüfte ſchrecklich heranrauſchen; und nun verkündigte ein Krach, vermiſcht mit Menſchengeſtöhn, und ſchnell darauf das Ge⸗ knarre zerſchmetterter Planken, das Umherfliegen von tauſend Höl⸗ zern, Tauen, Blöcken und Kriegsgeräthe, mit welcher verhäng⸗ nißvollen Genauigkeit die volle Lage gezielt war.— Allein nur einen Augenblick dauerte der Schreck, und die ihn begleitende Ver⸗ wirrung. Männlich und raſch von dem allerdings empfindlichen Stoß ſich erholend, ſchickten die Engländer mit hellem Hurrahge⸗ ſchrei dem todverbreitenden Angriff eine Erwiederung zurück. Jetzt folgte die regelmäßigere Kanonade eines gewöhnlichen Seegefechtes. Begierig, den Ausgang zu beſchleunigen, drangen beide Schiffe während des Schießens näher an einander, bis nach wenigen Augenblicken das doppelte weißliche Rauchgewölke, das die Maſſen eines jeden der Schiffe umwirbelt hatte, in Eines zuſammen⸗ floß, und inmitten einer Scene weitumhin auf den glänzenden Wellen ſchl net Wie dem ſich die erm See mit Lebe Alte 2 Geſe Sege ſeine Beſte Held T verge ſie 3 Beide ſie ne Flam durch Spier waren wie ei Pfei nöthig auf de Kapite npor, ſchrie abge⸗ ichen, onen, Strei⸗ einen her⸗ einem d des gkeit eind⸗ und ablick dernd e ein Ge⸗ Höl⸗ däng⸗ nur Ver⸗ ichen aähge⸗ ichen ngen nach 8 die men⸗ ellen 539 ſchlummernde Stille den einſamen Fleck blutigen Zwiſtes bezeich⸗ nete. Heiß, dicht, und Schlag auf Schlag, war das Kanonenfeuer. Wie ſehr aber auch die feindlichen Parteien ſich gleichkamen in dem Wetteifer, Zerſtörung um ſich her zu verbreiten, ſo erhielt ſich doch ein eigenthümlicher Unterſchied zwiſchen ihnen, der auf die Charakterverſchiedenheit beider Mannſchaften hinwies. Lautes ermunterndes Geſchrei begleitete jede volle Lage des geſetzlichen Seefahrers, während die Leute des Rovers ihr mörderiſches Werk mit der Todtenſtille der Verzweiflung fortſetzten. Das Getös, der allgemeine Aufruhr der Scene ſtrömte neues Leben in das Blut des Veteranen Bignall, deſſen Kreislauf das Alter etwas minder feurig gemacht hatte. »Der Kerl hat ſeine Kunſt nicht vergeſſen!“ rief er, als die Geſchicklichkeit ſeines Feindes ſich nur zu deutlich in den zerfetzten Segeltüchern, zerſplittertem Spierenwerk und wankenden Maſten ſeines Schiffes zu zeigen anfing.„Hätte er nur die königliche Beſtallung in ſeiner Taſche, ſo könnte man ihn dreiſtweg einen Helden nennen!« Der Augenblick war zu drangvoll, um die Zeit mit Worten zu vergenden. Wilder antwortete nur durch Zurufen an ſeine Leute, ſie zu ihrem gräßlichen und mühevollen Geſchäft aufmunternd. Beide Schiffe hatten nunmehr eine ſolche Stellung gewonnen, daß ſie neben einander vor dem Winde liefen, dabei aber nicht aufhörten, Flammenſäulen auszuſpeien, welche die ungeheuren Rauchwirbel durchleuchteten.— Nichts blieb von den Schiffen ſichtbar, als die Spieren, und auch dieſe in häufig durchbrochenen Linien. So waren viele Minuten verfloſſen, die den Kämpfenden freilich nur wie ein Augenblick erſchienen; da gewahrte die Mannſchaft auf dem Pfeil, daß ſich ihr Schiff nicht mehr mit der, ihrer Lage ſo nöthigen, Leichtigkeit regieren ließ. Der wichtige Umſtand wurde auf der Stelle vom dritten Offizier Wildern, und von dieſem dem Kapitän rapportirt. Eine eilige Berathung über die Urſache und 540 Folgen dieſes unerwarteten Ereigniſſes war natürlich das, wozu unmittelbar geſchritten wurde. „Schauen Sie!“ ſchrie Wilder;„ſchon flappen die Segel gleich Lumpen gegen die Maſten; die Artillerie der Schiffe hat den Wind unwirkſam gemacht.“ „Horch!“ antwortete der erfahrenere Bignall,„da dröhnt die Artillerie des Himmels zwiſchen der unſrigen. Die Bö iſt uns ſchon über den Köpfen.— Am Backbord das Steuer, Sir, und gieren Sie das Schiff aus dem Rauch! Ganz an Backbord mit dem Ruder, Sir, nicht inne gehalten! Dicht an's Backbord damit, ſag' ich!“ Allein die träge Bewegung des Schiffes entſprach keineswegs der Ungeduld ſeiner Lenker, und ebenſowenig dem drangvollen Heiſchen des Augenblicks. Mittlerweile, während Bignall, nebſt den durch die Pflicht in ſeiner nähern Umgebung gehaltenen Offizie⸗ ren und den Segelſetzern unterſtützt— auf dieſe Weiſe beſchäftigt war, ließen die Kanoniere an den Batterien von ihrem todver⸗ breitenden Werk nicht ab. Fortwährend und faſt betäubend brüllte das Geſchütz, obgleich das tiefe, bedeutungsſchwere Geheul in der Atmoſphäre ſich von Zeit zu Zeit nur zu deutlich unterſcheiden ließ. Um aber ein beſtimmtes Urtheil über ihre Lage erlangen zu können, hätte das Auge dem Gehör der Seeleute zu Hilfe kommen müſſen, was unmöglich war. Denn gleich umgeben waren Schiffe, Spie⸗ ren und Segel von den Rauchwirbeln, die ohne Unterſchied Him⸗ mel, Luft, Fahrzeug und Ocean mit Einem weißlichdunkeln, dichten Nebelmantel verhüllten. Selbſt die Menſchengeſtalten, wie ſie an den Kanonen arbeiteten, waren nur auf Augenblicke durch ſchnell wieder verwiſchte, lichte Raumpunkte ſichtbar. „Hab' ich doch noch niemals den Rauch ſich ſo feſt auf dem Verdeck aufeinanderſchichten ſehen,“ ſagte Bignal mit einer Be⸗ ſorgtheit, die er, bei aller Vorſicht, dennoch nicht zu unterdrücken vermochte.„Halten Sie das Ruder am Backbord— drücken Sie's nigen E Wort auf u endet Ueber finſten dentli wozu gleich Wind it die ſchon zieren zuder, ich!“ wegs vollen nebſt ffizie⸗ iftigt dver⸗ rüllte n der ließ. inen, iſſen, Spie⸗ Him⸗ chten e an hnell 541 hart an! Beim Himmel, Harry, die Spitzbuben wiſſen recht gut, daß Sie um ihr Leben kämpfen!“ „Wir fechten ja ganz allein!“ ſchrie der zweite Schiffslieutenant von den Kanonen her, ſich das Blut aus einer ſchweren von einem zerſchmetterten Holz empfangenen Geſichtswunde beim Sprechen trocknend, und viel zu ſehr mit ſeinem eigenen unmittelbaren Dienſt beſchäftigt, um die Wetterzeichen gewahr zu werden.„Faſt ſchon eine Minute lang hat er auch mit keinem einzigen Schuß geantwortet.“ „Beim Georg, die Schurken haben genug!“ rief der entzückte Bignall.„Dem Sieg ſei dreimal Hur 4 „Halten Sie ein, Sir!« unterbrach Wilder, mit einem ſo be⸗ ſtimmten Ton, daß ſein Commandeur mitten in ſeinem vorſchnellen Triumphiren verſtummte.„Bei meinem Leben, unſer Werk iſt ſo bald noch nicht zu Ende. Freilich ſchweigen ſeine Kanonen, ich geſtehe es;— doch ſehen Sie! der Rauch fängt an, ſich zu heben. Hören wir nur zu feuern auf, ſo iſt die Ausſicht in we⸗ nigen Minuten klar.“ Ein Aufjauchzen der Leute an den Batterien unterbrach ſeine Worte, und gleich darauf erſcholl das Geſchrei, daß die Piraten auf und davon ſegelten. Doch nur zu bald und mit Schrecken endete das Frohlocken ob dieſes vermeintlichen Beweiſes ihrer Ueberlegenheit. Ein blendender jäher Blitz durchzuckte den ver⸗ finſterten Dunſtkreis, der ſie noch immer auf eine höchſt außeror⸗ dentliche Weiſe umgab; ihm folgte ein Krach aus den Wolken, gegen welchen der gleichzeitige Knall von fünfzig Stücken Geſchütz nur wie ſanftes Gemurmel geklungen hätte. „Rufen Sie die Leute von ihren Kanonen ab!« ſagte Bignall, mit jener Dämpfung in der Stimme, deren erzwungene, unnatür⸗ liche Ruhe die Schrecken nur noch erhöht;„Rufen Sie ſie alle ab, Sir, und holen Sie die Leinwand ein!« Weniger entſetzt durch Worte, an die er ſchon längſt gewöhnt war, als durch die Nähe und offenbare Furchtbarkeit des Sturms, ... . 542 zauderte Wilder nicht, die ſo dringend erſcheinende Ordre auszu⸗ theilen. Die Leute verließen ihre Batterien, wie Kämpfer die Schranken, Einige blutend und abgemattet, Andere noch im vollen Grimm, Alle durch die wüthende Scene, in der ſie ſo eben Mit⸗ ſpielende waren, mehr oder weniger aufgeregt. Viele erreichten die ihnen wohlbekannten Taue durch einen Sprung, Andere ſtie⸗ gen auf den Strickleitern hinan, und verloren ſich bald in der noch immer über dem Schiff ſich lagernden Wolke. „Soll ich blos reffen oder ganz beſchlagen laſſen?“ fragte Wilder, die Trompete an die Lippen haltend, und bereit, den nöthigen Befehl hinaufzurufen. „Halt, Sir; noch eine Minute, ſo haben wir eine Oeffnung.“ Der Lieutenant gehorchte; denn auch ihm entging nicht, daß jetzt allerdings der Schleier, der ihren wahren Zuſtand verhüllte, weggezogen werden ſollte. Der Rauch, welcher, gleichſam nieder⸗ gedrückt von der darauf liegenden Wucht der Atmoſphäre, bis jetzt ſich nicht vom Verdeck regen wollte, kam zuerſt in Bewegung, umwirbelte dann die Maſten, bis endlich oben der gewaltige Windzug ihn faßte und wild vor ſich hertrieb. Jetzt lag die Aus⸗ ſicht in der That enthüllt vor ihnen da. Statt der herrlichen Sonne und des blauen Gewölbes, das erſt vor einer halben Stunde ſie umglänzt hatte, war der Himmel mit einem ungeheuern ſchwarzen Schleier überzogen. Die Ober⸗ fläche der See gab zürnend die ſchreckenweiſſagende Farbe zurück. Schon ſtiegen und ſanken die Wogen nicht mehr mit der bisherigen Regelmäßigkeit, ſondern taumelten hin und her, als ob ſie mit Ungeduld der Macht entgegenſähen, von der ſie ihre Richtung und größere Gewalt erhalten. Die Zlitze kamen nicht in ſchneller Aufeinanderfolge aus den Wolken, allein die wenigen, welche die düſtere Scene durchbrachen, blendeten durch ihren Glanz und ihre Majeſtät, und es begleitete ſie der entſetzliche Donner der Wende⸗ kreiſe, von dem man ohne Läſterung ſagen könnte, er ſei die Sti ſchö mat len das den Man Gefe 4 gen Pfe⸗ dreht zu fo faſt Alleit währ Das mernd wuth zuſam Beim munte Muth „B ſpät it herab, Eit den Le leicht Unglüch uszu⸗ r die vollen Mit⸗ ichten ſtie⸗ n der fragte den ung.« daß büllte, ieder⸗ s jetzt gung, altige Aus⸗ das mmel Ober⸗ urück. erigen e mit g und neller de die ihre hende⸗ ei die 543 Stimme, in welcher der Schöpfer des Weltalls mit ſeinen Ge⸗ ſchöpfen redet. Mit einem Worte, man mochte hinſchauen, wohin man wollte, ſo trat dem Auge der Anblick des wilden, gefahrvol⸗ len Kampfes der Elemente entgegen. Leicht und behende lief dort das Fahrzeug des Rovers vor einer friſchen, ſtoßweiſe bereits aus den Wolken kommenden Kühlte, die Segel eingezogen, und die Mannſchaft, beſonnen, aber emſig damit beſchäftigt, die in dem Gefecht erhaltene Haverie auszubeſſern. faſt unbrauchbar gewordene Leinwand an die Raaen anzuholen. Allein koſtbare Augenblicke hatte man, vielleicht unwiederbringlich, während der Verhüllung durch den Rauch dahinſchwinden laſſen. Das dunkle Grün der Wogen verwandelte ſich jetzt in ein ſchim⸗ merndes Weiß, und jach hörte man nun die entſetzliche Sturmes⸗ wuth mit unwiderſtehlicher Gewalt einherbrauſen. „Munter, Leute!“ ſchrie Bignall ſelbſt, in der Noth, welcher ſein Fahrzeug ausgeſetzt war.„Rollt die Tücher zuſammen; Alles zuſammengerollt— nicht einen Fetzen vor der Bö flattern gelaſſen! Beim Georg, Herr Arche, dieſer Wind verſteht keinen Spaß; muntern Sie die Leute bei ihrer Arbeit auf; ſprechen Sie ihnen Muth zu, Sir!« „Beſchlagt ohne Weiteres!« ſchrie Wilder,„kappt, wenn's zu ſpät iſt; arbeitet mit den Meſſern, mit den Zähnen— herab, Alle herab,— ſo lieb euch das Leben iſt, kommt Alle herab!« Ein gewiſſes Etwas in der Stimme des Lieutenants ließ ſie den Leuten wie einen übernatürlichen Schrei vorkommen. Viel⸗ leicht war es der Umſtand, daß er erſt ſo kürzlich einem ähnlichen Unglück, wie dem jetzt drohenden, beigewohnt hatte, der ſeinen 544 Tönen dieß Entſetzenerregende verlieh. Einige Dutzend Geſtalten ſah man flink durch eine Finſterniß, die man greifen zu können ſchien, heruntergleiten. Auch war ihre Flucht, welche mit der des nach ſeinem Neſt ſenkrecht herabſchießenden Vogels verglichen wer⸗ den kann, um keine Sekunde zu eilig. Das hohe, überladene Spie⸗ renwerk, von keinem Tau mehr feſtgehalten, und an zahlloſen Stellen beſchädigt, hatte ſchon längſt geſchwankt, und unterlag nun vollends dem Sturm; eine Stenge nach der andern ſtürzte auf den Rumpf hernieder, bis nichts mehr ſtehen blieb, als die drei feſteren, aber entblößten und beinahe nutzloſen, niederen Maſten. Die bei weitem größere Anzahl der Matroſen erreichte noch das Deck zei⸗ tig genug zur Rettung, einige jedoch waren zu eigenſinnig, und noch zu ſehr von der Kampfeswuth erfüllt, um den warnenden Stimme Gehör zu geben. Dieſe Opfer ihrer eigenen Halsſtarrig⸗ keit ſah man noch die Trümmer der Spieren umklammern, als der Pfeil in einer Wolke Schaums bei dem Fleck, wo ſie ſchwam⸗ men, vorüberſchoß, bis der Anblick ihres Jammers durch die Ferne den traurig Nachſchauenden entzogen wurde. „Es iſt die Hand Gottes!“ rief mit heiſerer Stimme der Veteran, und ſtierte bangen Auges auf die Verheerung um ſich her.„Hören Sie mich, Heinrich Arche: ich werde ſtets be⸗ theuern, daß es nicht die Kanonen des Corſaren waren, die uns ſo zugerichtet haben.“ Wenig geneigt, denſelben armſeligen Troſt zu ſuchen, wie ſein Commandeur, ſtrengte ſich Wilder vielmehr an, ſo ſehr es die Um⸗ ſtände erlauben wollten, dem Schaden entgegenzuwirken, der jedoch, wie er ſich nur zu klar überzeugte, in dieſem Augenblicke nicht wieder gut zu machen war. Inmitten des Sturmgeheuls und des Donnergekrachs, bei einer Atmoſphäre, bald grell vom Blitz er⸗ leuchtet, bald wieder von der dicken Finſterniß des Dunſtes aufge⸗ ſogen, die entſetzliche Wirkung des Gefechtes friſch, gräßlich, blu⸗ tend vor Augen— blieb die Mannſchaft des brittiſchen Kreuzers ſich ſein fehl thei Zun Die ſatm die zum 2 vor ſich i bezei walt werd gewa ſeiner Schi Mack zweit parte inner kehru Schif zur H N wechſe des F tete ſ kehr d der, 1 „T Der talten önnen er des nwer⸗ Spie⸗ lloſen g nun if den ſteren, ie bei ck zei⸗ „ und genden arrig⸗ , als wwam⸗ Ferne ie der m ſich s be⸗ le uns ie ſein e Um⸗ edoch, nicht nd des itz er⸗ aufge⸗ „blu⸗ euzers 545 ſich ſelbſt und ihrem alten Rufe treu. Die Stimmen Bignalls und ſeiner Offiziere, den Orkan durchdringend, erſchollen theils in Be⸗ fehlen, mit denen Alle durch lange Erfahrung vertraut geworden, theils in Zurufungen, um die Leute bei ihrer Arbeit aufzumuntern. Zum Glück war der Kampf der Elemente nur von kurzer Dauer. Die Bö fuhr bald über den Fleck Meeres dahin, ſo daß die Paſ⸗ ſatwinde wieder in ihren früheren Strich zurückkehren konnten, und die Wogen durch die Gegenwirkung der ſtreitenden Winde eher zum Stehen gebracht wurden, als aufgeregt blieben. Allein kaum ſah die Mannſchaft des Pfeils die eine Gefahr vor ihren Augen ſchwinden, als eine, beinahe eben ſo furchtbare, ſich ihrem Blicke aufdrängte. Alle Erinnerungen an frühere Gunſt⸗ bezeigungen, jegliches Gefühl der Dankbarkeit verbannte der ge⸗ waltige Seemannsſtolz und die dem Krieger endlich zur Natur werdende Ruhmliebe aus Wilders Seele, als er nun den Delphin gewahr wurde, mit dem unverſehrt gebliebenen ſchönen Ebenmaaße ſeiner Spieren und der vollkommenſten Ordnung ſeiner Takel. Schien es doch, als ob ein Zauber ihn ſchütze, oder eine übernatürliche Macht dabei thätig geweſen wäre, ihn auch in der Wuth dieſes zweiten Sturmes unbeſchädigt zu erhalten. Rüchterneres und un⸗ parteilicheres Nachdenken zwangen jedoch unſerm Abenteurer das innere Geſtändniß ab, daß die Wachſamkeit und die weiſen Vor⸗ kehrungen des außerordentlichen Individuums, das nicht blos das Schiff, ſondern auch deſſen Schickſale zu regieren ſchien, nicht wenig zur Herbeiführung eines ſo günſtigen Reſultats beigetragen hatten. Nur kurze Muße war ihm vergönnt, über den eigenen Glücks⸗ wechſel Betrachtungen anzuſtellen, oder darüber, wie der Vortheil des Feindes zu vereiteln ſei. Das Fahrzeug des Letztern entfal⸗ tete ſchon zahlreiche, große Segeltücher, und, da ihm die Rück⸗ kehr des Paſſatwindes jetzt die Luvſeite gab, ſo nahte es ſich wie⸗ der, und zwar unausweichbar und mit Blitzesſchnelle. 4 „Beim Georg, Herr Arche, das Glück ſicht heute durchgängig Der rothe Seeräuber. 8 35 546 auf der Seite des Unrechts,“ ſagte der Veteran, als er an der vom Delphin eingeſchlagenen Richtung bemerkte, daß das Treffen wahrſcheinlich von Neuem beginnen würde.„Schicken Sie die Leute wieder an ihre Poſten, und laſſen Sie die Kanonen löſen;: denn es hat allen Anſchein, daß wir noch einen Strauß mit dem Spitzbuben zu beſtehen haben.“ „Einen kurzen Verzug, ich rathe Ihnen ſehr dazu,“ bemerkte Wilder angelegentlich, als er ſeinen Obern den Leuten die Ordre ertheilen hörte: ſich bereit zu halten, in dem Augenblick abzufeuern, wo ihr Feind innerhalb eines erreichbaren Punktes käme.—„Ich beſchwöre Sie, noch zu warten; wir kennen ja ſeine gegenwärtige Abſicht noch nicht.“ „Niemand ſoll den Fuß auf's Verdeck ſetzen, der nicht die Autorität des königlichen Herrn des Schiffes anerkennt,“ erwiederte der ſtrenge, alte Theer.„Gebt es ihm, meine Leute! Sprengt die Hallunken von ihren Kanonen! damit ſie erfahren, wie gefährlich es ſei, einem Löwen nahe zu kommen, und wär' er auch verkrüppelt!“ „Zu ſpät, das ſah Wilder, waren jetzt Gegenvorſtellungen; denn der Pfeil hatte dem Rover von Neuem eine volle Lage entgegen⸗ geſchleudert, was jede großmüthige Abſicht, die er hegen mochte, nothwendig vernichten mußte. Das Corſarenſchiff war im Heran⸗ ſegeln begriffen, als es den eiſernen Sturm empfing, worauf es ſogleich mit Leichtigkeit auf eine ſolche Weiſe aus dem Strich lenkte, daß ein zweiter nicht treffen konnte. Jetzt jagte es auf den faſt ſeeunfähig gemachten Kreuzer zu, und dumpf erſcholl der Befehl herüber, die Flagge zu ſtreichen. „Kommt heran, ihr Schurken!“ ſchrie der erhitzte Bignall. „Kommt, und thut es mit eigenen Händen!“ Das zierliche Fahrzeug, als fühle es die höhnende Herausfor⸗ derung ſeines Feindes, ſprang näher an den Wind, und ſchoß Kanone nach Kanone quer in den Vorſteven des Pfeils, mit einer ſolchen beſonnenen, todbringenden Zielrichtigkeit, daß jede Kugel n der reffen e die öſen; t dem nerkte Ordre zuern, „Ich irtige t die derte gt die ich es delt!“ denn egen⸗ ochte, eran⸗ uf es Strich 3 auf ll der nall. sfor⸗ ſchoß einer dugel 547 genau dieſen wehrloſen Theil des Gegners traf. Und nun das Krachen zweier aufeinanderſtoßenden Körper, und gleich darauf die Erſcheinung fünfzig grimmigausſehender Kerle, mit den Werkzeugen des Kampfes von Mann gegen Mann bewaffnet, zum Schauplatz blutigen Gemetzels vordringend. Ein ſo nahes, verderbenſprühen⸗ des Gewehrfeuer mußte, im erſten furchtbaren Augenblicke der Ueberraſchung, den Widerſtand der Angegriffenen lähmen; als aber nun der Rauch zerſtob, und Bignall und ſein Lieutenant auf ihrem eigenen Verdeck die finſteren Geſtalten erblickten, ſo forderte Jeder von ihnen mit einer Stimme, die ſelbſt jetzt noch den voll⸗ kommenen Herrſcherklang hatte, einen Haufen Krieger zu ſich heran, an deſſen Spitze ſie ſich dem von den entgegengeſetzten Laufplanken her eindringenden, reißenden Feindesſtrom muthig entgegenwarfen, um ihn aufzuhalten. Entſetzlich, tödtlich war der erſte Stoß; beide Parteien wichen zurück, um auf Verſtärkung zu warten und Athem zu ſchöpfen. „Heran, ihr Raubmörder!« ſchrie der unerſchrockene Veteran, an der Spitze ſeines Haufens, und erkennbar an den grauen Locken um ſeinen entblößten Scheitel,„das Gewiſſen ſagt's Euch doch, daß der Himmel dem Rechte beiſtehe!“ Die grauſen Freibeuter fielen zurück und machten eine Lücke in der Linie; da kam ein Blitz aus der Seite des Delphin durch eine leere Stückpforte des Pfeiles hindurch, mit hundert tödt⸗ lichen Geſchoßen in ſeiner Mitte. Bignalls Schwert flog in wil⸗ den Schwingungen in die Lüfte, und die Worte, die er noch ſchrie, bis er röchelnd fiel, waren: „Heran, ihr Schurken! heran!.... Harry.... Harry Arch.... O Gott!.... Hurrah!« Gleich einem Baumſtamme ſtürzte er nieder, und ſtarb ohne zu wiſſen, daß ihm der Rang wirklich geworden, um den er ein mühe⸗ und gefahrvolles Leben hindurch gearbeitet hatte.— Bis jetzt hatte Wilder ſeinen Poſten auf dem Verdeck behauptet, 35* 548 obgleich von einer Bande bedrängt, die an Wuth und Muth der ſeinigen nicht nachſtand; doch jetzt in der ſchreckenvollen Kriſe wurde eine Stimme mitten im Gemetzel laut, die ihm durch jede Nerve dröhnte, ja ſelbſt die Gemüther ſeiner Leute mit Entſetzen erfüllte. „Platz gemacht, ihr da, Platz gemacht!“ erſcholl der tiefe, volle Herrſcherton,„macht Platz und mir gefolgt; keine andere Hand als die meine ſoll jene prahleriſche Flagge ſtreichen!“ „Bleibt getreu, meine Leute!“ ſchrie Wilder ſeinerſeits. Wildes Gerufe, Schwüre, Flüche und Geſtöhn bildeten die gräßliche Be⸗ gleitung dieſes heißen Handgemenges, das indeſſen viel zu heftig war, um anhaltend ſein zu können. Mit tödtlichem Schmerz ſah Wilder, wie ſeine Handvoll Truppen vor den unwiderſtehlich ein⸗ dringenden Maſſen nach allen Seiten zerſtob; und zu wiederholten Malen brachte er ſie durch ſeinen Ruf wieder zuſammen, oder befeuerte ihren erſterbenden Muth durch ſein Beiſpiel. So fiel Freund nach Freund vor ſeinen Füßen, bis er ſich an den äußerſten Rand des Verdeckes getrieben ſah. Hier gelang es ihm nochmals, eine kleine Rotte zu ſammeln, die gegen mehrere wüthende Angriffe Stand hielt.“ „Ha!“ kreiſchte eine Stimme, die er wohl kannte;„Tod allen Verräthern! Spießt den Spion gleich einem Hund! Eingehauen, Jungens; ein Korporalſäbel dem Helden, der ſein Herz durch⸗ bohrt!“ „Aus dem Weg, du Lümmel!“ ſchrie ihm der ausdauernde Richard in barſchen Tönen entgegen.„Thut dir ein Spieß Noth? hier ſteht ein Weißer und ein Neger, dir zu dienen.“ „Zwei Andere von der Bande!“ fuhr der General fort, und zielte beim Sprechen einen Streich von oben herab, der den Top⸗ mann zu vernichten drohte. Eine dunkle, halbnackte Geſtalt warf ſich dazwiſchen, und fing die herabfahrende Klinge mit dem Stiel einer Halbpike auf, die von derſelben wie ein Schilf entzweigehauen wurde. Ohne die ſcen mich 549 mindeſte bange Rückſicht auf den wehrloſen Zuſtand, in welchem er ſich befand, brach ſich Scipio Bahn zur Fronte, wo Wilder focht. Hier theilte er, von allen Kleidungsſtücken bis an die Len⸗ den entblößt, ohne andere Waffen, als ſeine muskelvolle Arme, Fauſtſchläge aus, achtlos auf die Schwerthiebe und Stöße, denen ſeine Athletengeſtalt ohne entſprechende Gegenwehr ausgeſetzt war. „Gib's ihnen, rechts und links, Guinea,“ ſchrie Fid;„hier iſt Einer, der dich verſtärken ſoll, wenn er erſt dem Marinen da den Garaus gemacht hat.“ Nichts halfen in dieſem Augenblick dem unglücklichen General ſeine Fechterſtöße; alle ſeine Künſte vereitelte ein Hieb von Richard, er drang durch die Entermütze und Hirnſchale bis zum Genick. Das Geſicht unſeres Abenteurers wurde umnebelt, denn er ſah den Neger, zwei von den Angreifenden mit ſich niederreißend, auf's Verdeck ſtürzen; und in demſelben Augenblick erſchallte dicht bei ſeinen Ohren eine Stimme, deren hohler Ton der Schreckens⸗ ſcene ganz entſprach: 1 „Unſer Werk iſt gethan! wer noch Einen Schlag thut, macht mich zu ſeinem Feinde.“ — Einunddreißigſtes Kapitel. — Reißt ihn fort; Die ganze Welt ſoll ihn nicht retten. Cymbeline. Act v. Sc. 5. Schrecklicher und ſchneller war die letzte Bö nicht über das Schiff dahingefahren, als die ſo eben geſchilderte Scene. Aber der lächelnde Anblick des ruhigen Himmelsgewölbes, und die glänzende Sonne über der caraibiſchen See fand nichts, was mit 5⁵0 den grauſenvollen Momenten, die auf das Gemetzel folgten, in Vergleichung gebracht werden konnte. Die augenblickliche Ver⸗ wirrung, welche Scipio's Fall begleitete, löſ'te ſich bald, und Wilder überblickte nunmehr das ganze ſcheußliche Gefolge der Schlacht, die Zertrümmerung aller der gerühmten Kräfte ſeines Kreuzers, die Zerſtörung ſo vieler Menſchenleben. Es genüge die bisherige Schilderung des Geſchehenen; zu den darauf folgen⸗ den Ereigniſſen können wir aber nicht übergehen, ohne zuvor mit Wilder einen Ueberblick über die Blutbühne und den Zuſtand der darauf handelnden Perſonen zu thun. Wenige Schritte von dem Ort, den er einnahm, ſtand regungs⸗ los die Geſtalt des Rover. Indeſſen mußte er ſich durch einen zweiten Blick erſt überzeugen, ob es auch wirklich deſſen milde Geſichtszüge ſeien, da ihnen die ſchon erwähnte Entermütze ein etwas grauſenhaft Wildes ankünſtelte. Als Wilders Auge die gerade Geſtalt maß, in deren Stellung ſich noch der Triumph ausſprach, wurde es ihm ſchwer, ſich der Einbildung zu verweh⸗ ren, daß ſie plötzlich und unbegreiflich höher geworden ſei. Die eine Hand ruhte auf dem Griff eines türkiſchen Säbels, und die längs der gekrümmten Klinge herabperlenden Blutstropfen deute⸗ ten an, welche ſchreckliche Dienſte die Waffe im Gemetzel geleiſtet hatte; der eine Fuß trat wie mit übernatürlicher Wucht auf jenes Nationalzeichen, welches herunterzureißen ſein Stolz geweſen. Ernſt und prüfend ſchweifte ſein Auge über die Scene; allein weder durch Worte noch auf irgend eine andere Weiſe verrieth er, wie innig ihn das Geſchehene ergreife. Ihm zur Seite und faſt im Kreiſe ſeines Armes ſtand halb gekrümmt der Knabe Ro⸗ derich, ohne Waffen, in blutbeſpritztem Gewand, das Auge unru⸗ hig und furchtſam blinzelnd, und das Geſicht blaß wie Diejeni⸗ gen, in denen die Lebensflut ſo eben ihren Kreislauf geſchloſſen. An verſchiedenen Stellen traten dem Blicke die verwundeten Gefangenen entgegen, deren düſtere Geſichter verkündeten, daß ihr 1 Ge glü die das Par ſchä ren Maꝛ deſſe von das heiß⸗ des Herz befre das Züge Zorn *9 wie hat ſ für d 5 könne erkann 551 Geiſt unbeſiegt blieb, während Viele ihrer beinahe eben ſo un⸗ glücklichen Feinde auf dem Verdeck umher in ihrem Blute lagen, die Seele noch immer mit rachſüchtigen Gedanken erfüllt, wie das wilde Blitzen ihrer Augen bewies. Diejenigen von beiden Parteien, welche gar nicht oder nur leicht verwundet waren, be⸗ ſchäftigten ſich bereits, die Einen mit der Plünderung, die Ande⸗ ren eben ſo emſig mit Verſteckung der Habſeligkeiten. Wie tief mußte die vom Anführer der Freibeuter eingeführte Mannszucht Wurzel gefaßt haben, wie unumſchränkt die Macht deſſelben ſein, da kein Schuß, kein Degenhieb, kein Schlag vorfiel, von dem Augenblicke an, wo ſein Verbot vernommen wurde! Aber das Zerſtörungswerk war auch ausgedehnt genug, um ſelbſt die heißeſte Blutgier zu ſtillen, ſelbſt wenn ſie der einzige Beweggrund des Angriffs der Freibeuter geweſen wäre. Wildern blutete das Herz, als er die marmorblaſſen Todtengeſichter ſo manches ihm befreundeten Subalternen, ſo manches treuen Dieners überſchaute; das tiefſte Weh aber ergriff ihn, als ſein Auge auf die ſtarren Züge ſeines veteranen Commandeurs fiel, die der Ausdruck des Zorns noch nicht verlaſſen hatte. „Kapitän Heidegger,“ ſagte er, ſich bemühend mit Feſtigkeit, wie es für den Moment geziemend war, zu ſprechen;„das Glück hat ſich heute für Sie erklärt; ich bitte um Gnade und Schonung für die Uebriggebliebenen.“ „Beides ſoll Denen, die mit Recht Anſpruch darauf machen können, zu Theil werden. Ich wünſche, der Ausgang möge zei⸗ gen, daß dieſes Verſprechen Alle in ſich ſchließe.“ Feierlichkeit und tiefe Bedeutung lag in der, Stimme des Rover; ſie ſollte offenbar mehr ſagen, als die Worte ausdrückten. Aber Wilder würde über den Doppelſinn in der erhaltenen Antwort lange vergebens nachgeſonnen haben, wenn nicht die Annäherung der feindlichen Mannſchaft, unter welcher er ſogleich Denjenigen erkannte, der ſich bei der Meuterei auf dem Delphin am meiſten — — 552 ausgezeichnet hatte, ihm nur zu bald den Schlüſſel zu dem ver⸗ borgenen Sinne der Worte ihres Befehlshabers gegeben. „Wir fordern die Vollſtreckung unſerer alten Geſetze!“ hob der Vormann der Rotte an, ſeinen Chef mit einer Kürze und wilden Frechheit anredend, die um ſo verzeihlicher war, als in ihr ſich noch die Hitze des erſt geendeten Gefechtes ausdrückte. „Was wünſcht ihr?“ „Den Tod der Verräther!“ war die grimmige Antwort. „Euch ſind die Bedingungen unſeres Dienſtes bekannt. Wenn ſich irgend Solche in unſerer Gewalt befinden, ſo führt ſie ihrem Schickſal entgegen.“ Hätte Wilder noch im Geringſten zweifelhaft ſein können, Wen dieſe furchtbaren Ankläger meinten, und was ſie beabſichtigten, ſo würde ihm doch jetzt die entſetzliche Gewißheit aufgegangen ſein, als man ihn und ſeine beiden Gefährten mit rohen Drohungen vor den Freibeuter⸗Häuptling ſchleppte. Stark zwar regte ſich in ſei⸗ ner Bruſt die Liebe zum Leben, allein ſelbſt in dieſem ſchrecken⸗ vollen Augenblicke zeigte er ſie nur, wie ſie dem Manne ziemt, und verſchmähte jede erniedrigende Bitte. Sein Geiſt war auf der Stelle gefaßt und frei von jeder Verſuchung, ſich der minde⸗ ſten Ausflucht zu bedienen, die ſeines Standes oder ſeines Cha⸗ rakters unwürdig wäre. Statt deſſen heftete er einen geſpannten, forſchenden Blick auf das Auge des einzigen Mannes, deſſen Macht ihn noch retten konnte. Ihm entging der kurze, aber hef⸗ tige, innere Kampf des Mitleids nicht, welcher Bewegung in die ſtarren Geſichtsmuskeln des Rovers brachte, aber ebenſowenig die kalte, ruhige Faſſung, die ſich im nächſten Augenblick wieder über ſeine verſuchten Züge verbreitete. Dieß war für ihn Andeutung genug, daß die Pflichten des Chefs über die Gefühle des Men⸗ ſchen den Sieg davon getragen, und mehr bedurfte es nicht, um ihn von der gänzlichen Hoffnungsloſigkeit ſeiner Lage zu unter⸗ richten. Der Jüngling verſchmähte es, ſich zu fruchtloſen Vor⸗ ver, die „ * 4 eben tung ſen! nes preis zen ſeine Alleit ner l menſ an ih gehal „8 ſich ſ Tode für ſi wußte „2 gewen umzin ſchenk He Jüngl „S ver⸗ bder ilden ſich Cenn hrem Wen , ſo ſein, vor ſei⸗ ken⸗ emt, auf nde⸗ Cha⸗ ten, eſſen hef⸗ die die iber ung den⸗ um ter⸗ Lor⸗ 553 ſtellungen herabzulaſſen; feſt, unbeweglich und ſtumm ſtand er auf dem Fleck, wohin es ſeinen Anklägern gefallen hatte, ihn zu ſtellen. »Und was iſt euer Begehr?« ſagte nach langer Pauſe der Ro⸗ ver, mit einer Stimme, die trotz ſeiner unerſchütterlichen Nerven die innere Bewegung nicht verbergen konnte.„Was verlangt ihr?« „Das Leben der Verräther!« „Ich verſtehe euch; geht; es ſei euch überlaſſen.“ Wie vorbereitend auch die Schreckensſcene, die der Jüngling eben erlebt hatte, wie groß auch ſeine heldenmüthige Lebensverach⸗ tung im Kampfe ſein mochte, ſo wurde denn! h ſein ganzes We⸗ ſen von dem langſam und feierlich ausgeſprochenen Urtheile ſei⸗ nes Richters, das ihn einem ſchnellen und ſchmachvollen Tode preisgab, bis zur Bewußtloſigkeit erſchüttert. Zurück zum Her⸗ zen ſtrömte all' ſein Blut, und die betäubende Empfindung in ſeinem Hirn drohte, ſeine Vernunft zum Wanken zu bringen. Allein der Stoß ging im Augenblick vorüber, und ließ ihn in ſei⸗ ner bisherigen aufrechten, ſtolzen und feſten Haltung, ſo daß ein menſchliches Auge wenigſtens keine Zeichen ſterblicher Schwäche an ihm hätte entdecken können, als er mit bewunderungswürdig gehaltener Stimme Folgendes ſprach: „Für mich verlange ich nichts. Ich weiß, die Geſetze, die Sie ſich ſelbſt vorgeſchrieben haben, verurtheilen mich zu einem elenden Tode; doch dieſe Treuen, die mir mit blindem Vertrauen folgten, für ſie fordere, erſuche, bitte, ja flehe ich Gnade von Ihnen; ſie wußten nicht, was ſie thaten, und.. „An Dieſe hier wenden Sie ſich!« ſagte der Rover, mit ab⸗ gewendetem Geſicht auf den Haufen zeigend, der den Bittenden umzingelte:„Dieſe ſind Ihre Richter, und ſie allein können Gnade ſchenken.“ Heftiger, faſt unbeſtegbarer Ekel ſprach ſich in dem Weſen des Jünglings aus; allein eine Kraftanſtrengung, und er überwand ihn. „So will ich denn,“ fuhr er fort, indem er ſich zu der Mannſchaft —— 5⁵4 wendete,„mich ſelbſt gegen dieſe bis zum Flehen demüthigen,— ihr ſeid Menſchen, ſeid Seefahrer....“ „Fort mit ihm!« ertönte Nightingale's Rabengekrächze;„er will uns bepredigen! Fort mit ihm an die Raanocke! Fort!“ Auf den grellen, langgezogenen Ton, welchen der hartherzige Bootsmann nun aus ſeiner Pfeife erſchallen ließ, antwortete der rauhe, mißtönende Wiederhall zwanzig verſchiedener Stimmen von Menſchen aus eben ſo vielen verſchiedenen Nationen: „An die Raanocke! alle Drei, fort!« Zum letzten Mal blickte Wilder auffordernd nach dem Corſaren⸗ haupt hin; allein ihm wurde kein erwiedernder Blick von einem Antlitz, das abſichtlich weggewendet war. Mit glühendem Gehirn fühlte er ſich jetzt fortgeſtoßen von der Schanze. Man brachte ihn nach dem Centrum, dem weniger bevorrechteten Theile des Verdecks. Die Heftigkeit dieſer Fortbewegung, das haſtige Einſchießen der Seile, ſammt allen den ſchrecklichen Vorbereitungen bei einer Hin⸗ richtung zur See, mußte dem, welcher dem Rande der Ewigkeit ſo nahe ſtand, nur wie das Geſchäft einer Sekunde vorkommen. „Eine gelbe Richtflagge!“ brüllte der rachſüchtige Vormann des Vorkaſtells;„laßt den Herrn ſeine letzte Seereiſe unter der Spitzbubenflagge machen!“ „Eine gelbe Flagge! eine gelbe Flagge!“ wiederhallte es höh⸗ nend aus zwanzig Kehlen.„Herunter mit der Seewanderer⸗ flagge, hinauf die Farbe des Profos⸗Marſchalls! Eine gelbe Flagge! eine gelbe Flagge!“ Fid, der bis jetzt die rauhe Behandlung geduldet hatte, ohne ein Wort zu ſprechen, und zwar aus keinem andern Grunde, als weil er glaubte, ſein Oberer ſei beſſer geeignet, das Wenige, was nöthig ſein möchte, vorzubringen, vergaß bei dem rohen Geläch⸗ ter und luſtigen Geſpötte, womit der grobe Einfall aufgenommen wurde, die Mäßigung, welche Klugheit heiſchte, und erfüllt von Verachtung und Ingrimm platzte er heraus: „L lümm Rache ſelber mann ſchoſſe eurem Alle e ihr H. Zeit i S » eine, läufer Zu Ausbrr und un „E zu Ge Im fordert Antwo Herrſch „Be berührt Frevler eine G Kaplan Sod fluchent der Ge⸗ Strafſe „Se n,— will erzige e der nvon aren⸗ inem ehirn eihn decks. n der Hin⸗ eit ſo 1. nann der höh⸗ rer⸗ gge! ohne als was äch⸗ men von 55⁵ „Schert euch zum T—l, ihr Schufte! Ihr halsabſchneideriſche lümmelhafte Schufte! Denn daß ihr Schufte ſeid, iſt euch in eure Rachen hinein zu beweiſen, da ihr euer Schiffspatent vom Teufel ſelber habt; und daß ihr gleicherweiſe Lümmel ſeid, kann Jeder⸗ mann ſehen an der Art, wie ihr dieſes Tau mir um den Hals ge⸗ ſchoſſen.'s wird ein hübſches Gedreh geben mit dieſer Kinke in eurem Klappläufer! Aber ſchon gut, mit der Zeit werdet ihr ſchon Alle erfahren, wie man Einen mit Anſtand hängt, das werdet ihr, ihr Hallunken ihr. Ja, ja, zu der Kenntniß werdet ihr ſeiner Zeit in aller Ehrlichkeit gelangen, ja!“ „Die Bugt glatt gemacht und aufgehißt mit ihm!“ brüllten eine, zwei, drei Stimmen nach einander;„ein kinkenfreier Klapp⸗ läufer gibt eine raſche Fahrt gen Himmel!“ Zum Glück wurde die ſofortige Ausführung durch einen neuen Ausbruch pöbelhaften Lärms von einer der Luken her gehemmt; und nun drangen die Stimmen einiger Schreier durch: „Ein Prieſter! ein Prieſter! So recht, pfeift die Schurken erſt zu Gebet, ehe ſie auf leerer Luft ihr Tänzchen tanzen.“ Im Nu, als wenn Der, deſſen Macht ſie ſo läſterlich heraus⸗ forderten, von ſeinem Gnadenthron herab auf ihren Hohn eine Antwort ſendete, verſtummte ihr wildes Gelächter, da eine tiefe Herrſcherſtimme in ihrer Mitte ſich erhob: 4 „Beim Himmel, wird ein Gefangener in dieſem Schiffe frech berührt von Einer Hand, Einem Blick, ſo trifft mein Zorn den Frevler ſo ſchrecklich, daß er ſich das Loos dieſer Unglücklichen als eine Gnade ausbitten ſoll. Bei Seite, befehle ich, und laßt den Kaplan herantreten.“ Sogleich fiel jede verwegene Hand, verſtummte bebend jeder fluchende Mund, ſo daß der entſetzte, ſchreckenerfüllte Geiſtliche, der Gegenſtand ihres frechen Spottes, Raum gewann, ſich dem Strafſchauplatze zu nähern. „Schauen Sie hierher,“ ſagte der Rover mit mehr Ruhe, aber 5⁵6 mit demſelben hohen Herrſcherton:„Sie ſind ein Diener Gottes, und Ihr Amt iſt heilige Menſchenliebe: Wenn Sie irgend etwas haben, was Ihren Nebenmenſchen die letzten Augenblicke verſüßen kann, ſo eilen Sie, es mitzutheilen.“ „Womit haben Dieſe ſich vergangen?“ fragte der Geiſtliche, als er endlich zu ſprechen vermochte. „Gleichviel womit; genug, ihre Stunde iſt nahe! Wenn Sie wünſchen, Ihre Stimme in Gebet zu erheben, ſo fürchten Sie nichts: ſelbſt hier ſollen die ungewohnten Töne willkommen ſein. Ja, dieſe Abtrünnigen, von denen Sie ſich ſo frech umgeben ſehen, ſollen ſprachlos auf den Knieen liegen, wie Weſen, deren Seelen von der heiligen Ceremonie gerührt ſind. Spötter ſollen ſtumm, Ungläubige ehrfurchtsvoll ſein, auf einen bloßen Wink.— Reden Sie frei!“ „Zuchtruthe der Meere!“ begann der Geiſtliche, deſſen bleiche Züge die Glut heiliger Begeiſterung röthete,„gefühlloſer Verletzer der Geſetze der Menſchen! frecher Verächter der Gebote deines Goöttes! Fürchterliche Wiedervergeltung wird Rache nehmen für dieß Verbrechen. Iſt es nicht genug, daß du an dieſem Tage ſo Viele unvorbereitet dem Tode weihteſt, daß deine Rachgier mit noch mehr Blut ſich ſättigen muß? Zittre ob der Stunde, wenn dieß Alles heimgeſucht wird, wenn die Allmacht dein eigenes Haupt der Strafe welhen wird.“ „Sehen Sie doch!“ ſagte der Nover, lächelnd zwar, allein mit einem Ausdruck voller Gewiſſensbiſſe, trotz der erzwungenen, un⸗ natürlichen Triumphmiene um ſeine bebende Lippe;„hier ſind die Beweiſe von der Art, wie der Himmel das Recht beſchützt!“ „Iſt auch ſeine hehre Gerechtigkeit eine Zeitlang aus uner⸗ forſchlicher Weisheit verborgen, täuſche dich nicht, die Stunde ſchlägt, da ſie mit Majeſtät erſcheinen und ſich fühlbar machen wird!“ Hier erſtarb dem Kaplan plötzlich die Stimme; denn ſein wanderndes Auge war auf das zürnende Todtenantlitz Bignalls gefallen, das von dem Flaggentuch, welches der Rover mit eigener Hand über die Leiche bot in der E „Man erſtick Tagen er iſt drang, Herzen nur eit Ueberr „D „D welche Füßen wilde d nicht d ich ſage gekomn Sie de der Per Vater n „Ka der Sch Menſch Was ſa Hottes, etwas rſüßen ſtliche, n Sie nichts: „dieſe ſollen on der äubige frei!“ bleiche erletzer deines en für age ſo r mit wenn ggenes n mit uner⸗ blägt, iird!“ rndes „das er die 557 Leiche geworfen hatte, nur halb bedeckt war. Der ehrwürdige Mann bot indeſſen alle ſeine Kräfte auf, und mit dem ungetrübten Tone der Ermahnung, der ſeinem heiligen Berufe ziemte, fuhr er fort: „Man ſagt mir, das Gefühl für Ihre Nebenmenſchen ſei nur halb erſtickt in Ihnen; der Same beſſerer Grundſätze, der in beſſeren Tagen in Ihr Herz gepflanzt wurde, mag unterdrückt ſein, allein er iſt noch da, und kann belebt werden zu frommen....“ „Schweigen Sie! Sie ſprechen umſonſt. An Ihre Pflicht mit dieſen Männern, oder ſchweigen Sie.“ „Iſt ihre Strafe unwiderruflich?« „Sie iſt's.“ „Wer ſagt es?“ erhob ſich dicht beim Rover leiſe fragend eine Stimme, die erſchütternd ihm bis in die verborgenſten Nerven drang, und das Blut aus ſeinen Wangen in den Mittelpunkt ſeines Herzens zurücktrieb. Demungeachtet hielt er mit ſeiner Antwort nur eine Sekunde inne, und gab ſie dann ruhig, denn mit der Ueberraſchung war auch ſchon die Schwäche vorüber: „Das Geſetz.“ „Das Geſetz!“« wiederholte die Gouvernante;„können Die, welche aller Ordnung Trotz bieten, jede menſchliche Einrichtung mit Füßen treten, von Geſetz ſprechen? Sagen Sie, es ſei herzloſe, wilde Rachgier, wenn Sie wollen; aber legen Sie der Handlung nicht den geheiligten Namen: Geſetz, bei. Doch nicht dieß wollte ich ſagen! Ich bin auf die Kunde von dieſem grauſenvollen Auftritt gekommen, um Ihnen Löſegeld für die Fehlenden anzubieten. Nennen Sie den Preis, und laſſen Sie ihn bedeutend ſein, damit er mit der Perſon des Losgekauften in einigem Verhältniß ſtehe; ein dankbarer Vater wird ihn freudig hergeben, es gilt dem Erhalter ſeines Kindes.“ »Kann Gold euch zufrieden ſtellen,“ fiel hier der Andere mit der Schnelligkeit des Gedankens ein,„kann Gold das Leben dieſer Menſchen von euch erkaufen; es iſt in Haufen da, zur Stelle da. Was ſagen meine Leute? Wollen ſie Löſegeld annehmen?“ 558 Die Freibeuter ſannen eine Weile brütend nach; doch bald ent⸗ ſtand ein dumpfes Murren von ſchlimmer Vorbedeutung unter der Menge, denn nur zu klar bewies es ihre Abgeneigtheit, der Rache zu entſagen. Das Glutauge des Rover ſchoß einen Blick der Ver⸗ achtung auf die grimmigen Geſichter, die ihn umgaben; ſeine Lippen bewegten ſich heftig, aber kein Ton entkam ihnen; er ließ ſich zu keiner Verwendung mehr herab, ſondern zu dem Geiſtlichen ſich wen⸗ dend, fuhr er mit ſeiner ganzen, bewunderungswürdigen Ruhe fort: „Vergeſſen Sie Ihre heilige Pflicht nicht.... die Zeit entflieht,“ hier verſchleierte die Gouvernante ihr Geſicht, und entfernte ſich von der empörenden Scene, und auch er, ihrem Beiſpiel folgend, wollte langſam weggehen, als Wilder ihn anredete: „Für den Dienſt, den Sie mir ſo gern noch erzeigen wollten, danke ich Ihnen von Grund der Seele. Wenn Ihnen daran liegt, zu wiſſen, daß ich Sie verſöhnt verlaſſe und in Frieden ſcheide, ſo geben Sie mir noch eine feierliche Verſicherung, ehe ich ſterbe.“ „Welche?“ „Schwören Sie, daß Die, welche mit mir in Ihr Schiff ka⸗ men, es unangefochten und bald verlaſſen ſollen.“ „Schwöre, Walter!“ ertönte feierlich aus dem Kreiſe eine kaum hörbare Stimme.. „Ich ſchwöre.“ 4 „Es iſt Alles, was ich verlange. Und nun, du ehrwürdiger Knecht Gottes, verrichte dein heilig' Amt bei meinen Gefährten. Verlaſſe ich dieſes glänzende, herrliche Licht des Tages gedankenlos ohne Dankbarkeit gegen das Weſen, welches, wie ich in Demuth vertraue, mir das Erbtheil noch größerer Herrlichkeit geſchenkt hat, ſo fündige ich mit Bewußtſein, und darf keine Vergebung hoffen. Allein Dieſen hier kann Ihr Dienſt von Nutzen ſein; ſie ſind un⸗ wiſſend, für Dieſe beten, Dieſe tröſten Sie.“ Hehr und tief war die Stille, als der Kaplan ſich den ver⸗ urtheilten Gefährten Wilders näherte. Man hatte ſie, in Vergleich zurufe in's E denn der Ze Vaterl Krieche was bl Junge Chriſte Bratſp Fauſt ſen kor „S ich ein ld ent⸗ ter der Rache r Ver⸗ Lippen ſich zu h wen⸗ e fort: flieht,“ ate ſich olgend, vollten, nliegt, ide, ſo erbe.“ iff ka⸗ kaum irdiger ihrten. kenlos emuth bt hat, Hoffen. dd un⸗ n ver⸗ gleich 559 mit ihren Oberen, als nur von geringer Bedeutung betrachtet, und daher während des größten Theils des vorhergehenden Auftrittes, ganz außer Acht gelaſſen. In dieſer Zwiſchenzeit, in der ſie ſo ſich ſelbſt überlaſſen blieben, war in ihrem Zuſtand eine weſentliche Ver⸗ änderung vorgegangen: mit aufgeknöpfter Weſte, den verhängniß⸗ vollen Strang um den Hals, ſaß Fid auf dem Verdeck, und ſtützte dem ſchon beinahe erſtarrten Neger das Haupt, welches er mit einer ganz beſondern Zärtlichkeit auf ſeinem Schooße hielt. „Dieſer Mann wenigſtens wird die Bosheit ſeiner Feinde ver⸗ eiteln,“ ſagte der Geiſtliche, indem er die ſteife, ſchwarze Hand in die ſeine nahm;„das Ende ſeiner Leiden und ſeiner Erniedrigung naht; bald wird die Ungerechtigkeit der Menſchen ihm nichts mehr anhaben können.— Freund, wie nennt man deinen Kameraden?“ „'s macht wenig Unterſchied! wie Sie einem ſterbenden Matroſen zurufen,“ erwiederte Fid mit einem tragiſchen Kopfſchütteln. Er iſt in's Schiffbuch gewöhnlich unter dem Namen Scipio Afrika einge⸗ logt worden, weil er, ſehen Sie, von der Küſte von Guinea kam; aber rufen Sie ihn S'ip, das wird er gleich verſtehen.“ „Iſt die Taufe an ihm vollzogen? Iſt er ein Chriſt?“ „Wenn er kein Chriſt iſt, ſo weiß ich nicht, wer zum Teufel denn einer iſt!“ gab Fid zurück, mit einer Heftigkeit, die freilich der Zeit nicht ſehr angemeſſen ſcheinen dürfte.„Wenn Einer ſeinem Vaterlande dient, ſeinen Tiſchkameraden treu iſt, und ſonſt nichts Kriechendes an ſich hat, ſo nenn' ich ihn einen Heiligen, in dem, was blos die Religion anbelangen thut. Hör' doch, Guinea, lieber Junge, gib dem Kaplan einen Händedruck, wenn du dich einen Chriſtenmenſchen nennſt. Die Schraube an einem ſpaniſchen Bratſpill kann nicht ſtärker faſſen, als noch vor einer Stunde die Fauſt des Negers; und jetzt.... ſo weit kann's mit einem Rie⸗ ſen kommen, ſeht Ihr.“ „Sein letzter Augenblick iſt in der That nahe, wollt Ihr, daß ich ein Gebet ſpreche für das Heil ſeiner ſcheidenden Seele?« 560 „Ich weiß nicht, weiß nicht!“ antwortete Fid, ſeine Worte zurückſchluckend, und dann ein Hm! herausräuſpernd, deſſen Baß nicht gewaltiger in den glänzendſten und glücklichſten ſeiner Tage erdröhnen konnte.„Wenn einem armen Teufel zu dem, was er auf dem Herzen hat, nur noch ſo kurze Friſt gelaſſen iſt, ſo iſt's wohl das Beſte, wenn man ihm erlaubt, die Hauptperſon im Geſpräch abzugeben. Vielleicht fällt ihm was bei, was er gern ſeinen An⸗ gehörigen in Afrika noch ſagen laſſen möchte; in dem Fall könnt' es nicht ſchaden, daß wir uns nach einem paſſenden Boten um⸗ ſähen. Ha! was iſt es, Junge! Sie ſehen, er verſucht ſchon einen von ſeinen Gedanken heraufzuhiſſen.“ „Miſter Fid.... er nimm ab den Halsband,“ ſtammelte der Neger hervor. »Schon gut,“ erwiederte Fid, indem er ſich abermals räuſperte, und dabei rechts und links wilde Blicke ſchoß, als ſuchte er einen Gegenſtand, an dem er ſeinen Grimm auslaſſen könnte. Schon gut, Guinea; ſei du nur ganz ruhig hierüber, und, was das an⸗ belangen thut, über alles Andere gleichermaßen. Du ſollſt ein Grab haben, ſo tief wie die See, und auch chriſtliche Beſtattung, lieber Junge, wenn der Prediger da ſeine Schuldigkeit thun will. Haſt du irgend'was an deine Verwandten ſagen zu laſſen? Es ſoll in's Logbuch kommen, und geſorgt werden, daß ſte's zu hören kriegen. Haſt deiner Zeit viel ſchlecht Wetter gehabt, Guinea, und's kann wohl ſein, daß einige Windſtöße dir um die Ohren geſaust haben, mit denen man dich verſchont hätte, wenn deine Farbe um ein paar Schatten heller geweſen wäre. Und was das anbetreffen thut, ſo kann's auch ſein, daß ich ſelbſt, Junge, zu hart auf dich geſtoßen bin, wenn ich mir in der Hitze auf meine Haut was Rechts einbilden that; für alles Dieſes möge der Herr mir ſo reichlich Vergebung ſchenken, als, wie ich hoffe, du mir ſchen⸗ ken wirſt.“ 3 Der Neger machte einen vergeblichen Verſuch, ſich zu erheben, — — — —— —— Vorte Baß Tage er auf wohl präch 1 An⸗ önnt' um⸗ ſchon e der verte, einen Schon 3 an⸗ t ein tung, will. 2 Es hören inea, dhren deine 3 das hart Haut mir ſchen⸗ eben, ⸗ 561 und ſuchte umher nach Fids Hand, die er endlich faßte und die Worte ſprach: »Miſſer Fid, Pardon bitt von eine ſchwarze Mann! Herr da droben Alles ſchon hat vergeſſen, Miſſer Fid, er nicht mehr dran denkt.“ „Wenn er's thut, ſo wird's, ſag' ich, eine verd—t großmüthige Handlung ſein,“ erwiederte Fid, deſſen rohes Gefühl der Schmerz und das Gewiſſen bis auf einen außerordentlichen Grad geſteigert hatten.„Da iſt die Affaire, wie ich von dem Schmuggler⸗Wrack in's Meer rutſchte; darüber haben wir auch noch keine eigentliche Rechnung geſchloſſen; und viele andere kleine Dienſte der Art, wofür ich dir, ſiehſt du, nur gleich, ſo lang's noch Zeit iſt, meinen Dank abſtatte; denn wer ſteht mir dafür, daß du und ich jemals wieder in eine und dieſelbe Schiffsliſte eingeſchrieben werden?“ Hier machte der Gefährte des Topmanns eine ſchwache Bewe⸗ gung; dieſer hielt inne, und bemühte ſich, den Sinn derſelben, ſo gut es gehen wollte, zu errathen. Richard, in deſſen Charakter eine Miſchung von Selbſtgefälligkeit keineswegs fehlte, wurde es nicht ſchwer, das, was der Sterbende ſagen wollte, zu ſeinen Gunſten auszulegen, daher fuhr er alſo in ſeinem gutmüthigen Geſchwätze fort:„Ja, meinſt du? Nun ja, kann ſein, daß du recht haſt. Höchſt wahrſcheinlich thun ſie da oben auch die Leute zu⸗ ſammen, die ſich am beſten zu Kameraden paſſen, wie hier unten, und da kommen wir am Ende doch wenigſtens in Rufnähe, ich und du. Geſtegelt ſind unſere Patente ohnedem ſchon alle beide, nur gewinnſt du mir den Wind ab, da dein Kabel wahrſcheinlich ſchon gekappt ſein wird, ehe die Diebe da fertig ſind, meines zu lichten. Ich will dir nicht erſt weitſchweifig auseinanderſetzen, was du für Signale zu geben haſt, Guinea, damit wir uns droben auch nicht verlieren, denn ich nehm's für ausgemacht an, daß du wegen des geringen Vortheils: ein bischen früher den Hafen klarirt zu haben, doch unſern Maſter Harry nicht überſehen wirſt, und ich, Der rothe Seeräuber. 36 . 562 ſieh', ich will mich ſchon ſeinem Fahrwaſſer ſo nahe als möglich halten, was mir den zwiefältigen Nutzen bringen wird, erſtlich ſicher zu ſein, daß ich nicht auf eine unrechte Fahrt gerathe, und zweitens, daß ich auf dich ſtoße....“ „Dieß ſind gottloſe Worte, und verderblich ſowohl für Euern eigenen Frieden, als für den Eures unglücklichen Freundes,“ un⸗ terbrach der Geiſtliche.„Er muß ſein Vertrauen auf Einen ſetzen, der in allen Eigenſchaften verſchieden iſt von Eurem Offizier; dieſem folgen, ſeiner ungewiſſen Führung Euch überlaſſen, wäre die höchſte Spitze des Wahnſinns. Richtet auf einen Andern Euern Glauben...“ „Wenn ich das thue, ſoll mich der... 64 „Still,“ ſagte Wilder.„Scipio will mir etwas ſagen.“ Dieſer hatte die Augen nach ſeinem Offizier hingewendet, und machte eben wieder eine vergebliche Anſtrengung, die Hand aus⸗ zuſtrecken. Wilder legte die ſeinige in die des ſterbenden Negers, dem es gelang, ſie an die Lippen zu führen, und nun ſchwang ſich noch einmal mit einer krampfhaften Bewegung der herkuliſche Arm, der noch ſo kürzlich ſeinen Herrn glücklich vertheidigt hatte, und erſtarrt ſank er dann nieder. Aber noch immer heftete der Verblichene ſein ſtieres Auge voller Anhänglichkeit auf das Antlitz, das er ſo lange geliebt, und das in allen Unbillen, die dem Dulder widerfuhren, nie verfehlt hatte, deſſen liebenden, hingebungsvollen Blick mit einem wohlwollenden, gütigen zu belohnen. Nun ent⸗ ſtand zunächſt dumpfes Gemurmel, welches bald in lautes Murren ausbrach, bis mehr als eine brummende Stimme tiefen Unwillen darüber ausſprach, daß man die Rache ſo lange aufgeſchoben hatte. „Fort mit ihnen!“ ſchrie eine unheimliche Stimme aus dem Haufen.„In die See mit der Leiche, und hinauf mit den Lebenden.“ „»Hinweg!“ ſtieß Fid aus der tiefſten Bruſt hervor, mit einem Baß, der ſelbſt in dieſen zügelloſen Augenblicken ſo furchtbar war, daß er die frevelvollen Bewegungen hemmte.— Wer wagt's, einen 563 Matroſen dem Salzwaſſer zu übergeben, ſo lange der Todesblick ihm noch in den Lichtern ſteht, und ſein letztes Wort ſeinem Ka⸗ merad noch in den Ohren klingt? Ha! könnt ihr einem Mann die Finnen nicht beſſer ſtoppern, wie einer Hummer die Scheeren? Da ſeht, was ihr für ſchiffsjungenmäßige, unbeholfene Knoten ſchießen könnt!“ Bei dieſen Worten zerriß der aufgebrachte Top⸗ mann die Leine, welche loſe um ſeine Ellbogen geſchlungen war, und ſchnürte damit die Leiche des Schwarzen an ſeinen eigenen Körper feſt. Obgleich er dieß alles mit der größten ſeemänniſchen Genauigkeit ausführte, ſo erlitt das Hervorſprudeln ſeines Zorns dadurch nicht die mindeſte Unterbrechung.—„Wo,“ fuhr er fort, „wo iſt der Mann in eurer ganzen lümmelmäßigen Schiffsmann⸗ ſchaft, der ſo über eine Raae weglehnen konnte, wie der Schwarze da, oder die Segelnocke an der Leeſeite anholen, und doch zu gleicher Zeit das Reffband von der Luvſeite feſthalten konnte? wer von euch Allen hat je, einem kranken Tiſchkameraden zu Lieb', ſeine eigene Ration aufgegeben, oder in einem Boot zwei Riemen ge⸗ handhabt, um den ſchwachen Arm eines Freundes zu ſchonen? Zeigt mir'mal Den, der unterm Feuer gerad' und ohne Zittern, wie ein geſunder Hauptmaſt ſtehen kann, der ſoll hier Einen ſehen, der ihn darin noch übertreffen thut. Jetzt iſt's genug! hißt nun an eurem Klappläufer, und dankt Gott, daß das ehrliche Ende aufſteigt, indeß ihr Spitzbuben am andern noch eine Zeitlang ein Brett unterm Fuß behaltet.“ „Drauf losgehißt!“ rief Nightingale ihm nach, und begleitete den rauhen Ton ſeiner Stimme mit ſeiner Bootsmannspfeife;„nach dem Himmel mit ihnen, fort!“ „Halt!“ ſchrie der Kaplan, und erhaſchte noch glücklich das Seil, ehe es ſeinen verhängnißvollen Dienſt gethan.„Um Deſſentwillen, deß Gnnde vielleicht der Allerverhärtetſte unter euch einſt anflehen wird, halt! gewährt noch die Friſt eines einzigen Augenblicks! Was bedeuten dieſe Worte! Leſe ich recht?„Arche, von Lynnhaven! 36 ⸗ 4 8 564 „Ganz recht!“ ſagte Richard, indem er ſich den Strick etwas loſer machte, um freier ſprechen zu können, und die Gelegenheit zu⸗ gleich benutzte, um aus ſeiner Tabaksdoſe den letzten Biſſen in den Mund zu bringen;„ſintemalen Sie ein hochſtudirter Herr ſind, ſo iſt's kein Wunder, daß Sie's ſo leicht herauskriegen, obgleich es von einer Hand geſchrieben iſt, die ſtets mit dem Marlpfriemen beſſer umzugehen wußte, als mit einer Federpoſe.“« „Aber woher die Worte? und warum tragt Ihr dieſen Namen ſo unvertilgbar in Eure Haut eingegraben?— Geduld, ihr Leute! ihr Ungeheuer! ihr Dämonen! Könnt ihr dem Sterbenden die ein⸗ zige Minute koſtbarer Lebensfriſt rauben wollen, die Allen ſo thener iſt, wenn der Tod herannaht?“ „Noch eine Minute gewartet!“ befahl eine Stimme aus dem Hintergrunde. „Woher kommen dieſe Worte, verlange ich zu wiſſen?“ fragte der Geiſtliche zum zweiten Mal. „Sie ſind nichts mehr und nichts weniger, als die Art, wie ein Vorfall eingelogt worden, der jetzt von keiner Bedeutung iſt, ſintemalen es mit der Fahrt Aller, die es vornehmlich angehen thut, bald aus iſt. Der Schwarze hat vom Halsband geſprochen, weil er meinte, ich bliebe noch im Hafen, während er zwiſchen Himmel und Erde herumſteuert und Ankergrund ſucht.“ „Hier iſt Etwas, was mich zu wiſſen angeht!“ unterbrach Miſtreß Wyllys mit haſtiger, zitternder Stimme.„O Merton! warum dieſe Fragen? War das Geſchrei meines Herzens prophe⸗ tiſch? Gibt die Natur ein ſo geheimnißvolles Ahnen ihrer Rechte?“ „Stille, theuerſte Frau! Sie hoffen das Unwahrſcheinliche, und Verwirrung umfängt mir die Sinne.— Arche, von Lynnhaven war der Name eines Landguts auf den Inſeln, das einem innig⸗ geliebten Freunde angehörte; dort war es, wo ich das koſtbare Pfand, ſo Sie meiner Sorgfalt anvertrauten, empfing, und von dort aus war es, daß ich es zu Schiffe ſchickte. Aber....“ * 565 „Weiter!“ ſchrie die Dame, ſtürzte wie wahnſinnig auf Wilder zu, erfaßte den Strang, der einen Augenblick vorher beinahe bis zum Erſticken zuſammengezogen war, und riß denſelben ihm vom Halſe mit einer ſcheinbar übermenſchlichen Kraft und Gewandt⸗ heit;„es war alſo nicht der Name eines Schiffes?“ „Eines Schiffes! gewiß nicht. Doch was hoffen, was zittern Sie?“ „Das Halsband? Das Halsband? ſprecht, wie war's mit dem Halsband?“ „J nu, damit hat's gerade nicht viel auf ſich, gnädige Frau,“ erwiederte Fid, indem er ſich ganz ruhig die Beguemlichkeit, die Wildern geworden war, dadurch ſelber verſchaffte, daß er mit ſeinen entfeſſelten Armen ſich den Strick vom Halſe losmachte, ungeachtet einer Bewegung von Einem der Mannſchaft, es zu verhindern, die indeſſen durch einen ſtrafenden Blick des Anführers gezügelt wurde. „Erſt will ich dieſes Seil hier loſe machen; ſintemalen es für einen unwiſſenden Mann, wie ich bin, weder anſtändig noch ſicher i*ſt, in einer ſo unbekannten Seefahrt vor ſeinem Offizier voran zu ſteuern. Das Halsband hatten wir am Hund gefunden, hier trägt's der arme S'ip um den Arm, welcher in den meiſten Dingen, ſehen Sie, ein Mann war, deſſen Gleichen man lange vergebens ſuchen würde.“ „Leſen Sie es,“ ſagte die Gouvernante, deren Augen ihr den Dienſt verſagten;„leſen Sie es!“ rief ſte nochmals, und gab mit bebender Hand dem Geiſtlichen einen Wink, die deutliche Aufſchrift auf der meſſingenen Platte zu leſen. „Heiliger Geber alles Guten! was ſehe ich! Neptun, das Eigenthum von Paul de Lacey!« Die Gouvernante that einen lauten Schrei; eine einzige Se⸗ kunde hob ſie die gefalteten Hände in die Höhe; ihre Seele war in Dank aufgelöſet; aber ſchon in der nächſten kehrte die Erinnerung zurück; da drückte ſie Wilder mit Liebe, mit Wahnſinn an ihre Bruſt, und in den erſchütternden Tönen der allmächtigen Natur ſchrie ſie: ——— —, 566 »Mein Kind! mein Kind! Sie werden nicht... können dürfen nicht einer lang unglücklichen, beraubten Mutter ihr Kind nehmen.— Gebt mir meinen Sohn wieder, meinen edlen Sohn! O, ich will den Himmel mit Gebeten für euch ermüden. Ihr ſeid— tapfer, und könnt nicht taub gegen Gnade ſein. Ihr ſeid Men⸗ ſchen, habt in dem beſtändigen Anſchauen der Majeſtät Gottes ge⸗ lebt, ihr werdet eure Augen dieſem Beweiſe ſeines Willens nicht verſchließen. Gebt mir mein Kind, behaltet Alles andere, was ich habe. Er iſt von einem Geſchlecht, deſſen ruhmreicher Name den Meeren bekannt iſt, und kein Seemann bleibt unbewegt von deſſen Anſprüchen. Die Wittwe de Lacey's, die Tochter eenes ſchreit um Gnade; ihr vereintes Blut fließt in ſeinen Adern, ihr wollt es nicht vergießen! Eine Mutter windet ſich im Staube vor euch und fleht um Gnade für ihr Kind. O, gebt mir mein Kind! mein Kind!“ Als der Klang der flehenden Stimme erſtarb, herrſchte rings⸗ 3 umher ein Schweigen, jener hehren Stille ähnlich, welche ſich in der Seele des Sünders verbreitet, wenn ſie von beſſeren Gefüh⸗ len ergriffen wird. Zweifelvoll ſahen die wilden Freibeuter einan⸗ der an, und ſelbſt in ihren ſchroffen, ſtarren Zügen offenbarte ein Zucken das Wirken der unvertilgbaren Natur. Dennoch hatte die Sehnſucht nach Rache zu tiefe Wurzeln in ihre Gemüther ge⸗ ſchlagen, als daß ein bloßes Wort dieſelbe vernichten konnte, und der Ausgang wäre noch immer zweifelhaft geweſen, wenn nicht plötzlich Einer in ihrer Mitte erſchienen wäre, welcher nie einen Befehl gab, der unbefolgt blieb, und der es verſtand, ihre Nei⸗ gungen zu leiten, zu dämmen, oder denſelben entgegen zu treten, ganz nach eigenem Gutdünken. Eine halbe Minute lang blickte ü —— er um ſich her, und verfolgte mit den Augen den im Verhältniß mit ſeinem Umherſchauen immer mehr ſich erweiternden Kreis, bis ſelbſt Diejenigen, die am längſten ſchon gewohnt waren, ſeinem Willen zu gehorchen, über den außerordentlichen Ausdruck, womit ———=— 12— 8— RN§ a— 567 er jetzt denſelben kund that, zu erſtaunen anfingen. Wild und verwirrt war der Blick, ſein Antlitz erblaßt, wie das der bittenden Mutter ſelbſt. Dreimal öffnete er die Lippen, ehe der Laut dem Abgrund ſeiner Bruſt vernehmbar entſtieg, und dann ſchlug an das Ohr der athemlos lauſchenden Menge eine Stimme, der das innigſt aufgeregte Gefühl und hohes Machtbewußtſein unſägliches Gewicht verliehen. Mit einer ſtolzen Bewegung der Hand, und einer Haltung, die ſie zu gut kannten, um ihre Bedeutung nicht zu verſtehen, ſagte er: „Geht auseinander! Ihr wiſſet, ich handhabe Gerechtigkeit; aber ihr wiſſet, ich heiſche Gehorſam. Meinen Willen ſollt ihr morgen erfahren.“ 1 Zweiunddreißigſtes Kapitel. —— Dieſer iſt's. Der dieß Naturgepräg' noch heute trägt: Und darum hat Natur es ihm verlieh'n, Auf daß es jetzt ſein Zeugniß ſei. Shakeſpeare. Dieſes„morgen“ kam; und mit demſelben eine vollkommene Verwandlung der Scene und des Tons unſerer bisherigen Erzäh⸗ lung. Friedlich ſegelten der Delphin und der Pfeil Seite an Seite; die Fahne Englands wehte wieder vom Flaggentop des letztern, während der erſtere eine nackte Gaffelſpitze wies. Die Beſchädigungen, die der Sturm und das Gefecht verurſacht hatten, waren ſo weit wieder ausgebeſſert, daß beide ſtattliche Schiffe dem gewöhnlichen Auge gleich fähig erſcheinen mußten, die Gefahren der See oder des Krieges abermals zu beſtehen. Ein langer, blauer Nebelſtreif nach Norden zu, deutete die Nähe von Land an; und drei oder vier leichte Küſtenfahrer jener Gegenden, die unfern ſegelten, bewieſen, daß die Freibeuter jetzt nichts weniger als feind⸗ liche Abſichten im Sinne führten. 568 Was indeſſen ihre eigentliche Beſtimmung ſei, blieb noch immer ein in der Bruſt des Rover allein vergrabenes Geheimniß. Nicht blos auf den Zügen ſeiner Gefangenen, ſondern auch auf denen ſeiner eigenen Leute malten ſich abwechſelnd die Spuren von Zwei⸗ fel, Bewunderung und Mißtrauen; die ganze lange Nacht hin⸗ durch, die auf den letzten, ereignißreichen, wichtigen Tag folgte, hatte man ihn in brütendem Schweigen auf dem Hüttendeck auf⸗ und abwandeln ſehen. Nur dann und wann vernahm man einige Laute aus ſeinem Munde; es waren Kommandoworte in Beziehung auf die Richtung, die dem Schiffe gegeben werden ſollte; ein Wink, dem Niemand Gehorſam zu verſagen wagte, reichte hin, um Jeden zu entfernen, der ſo kühn war, ſich, ohne daß der Dienſt es er⸗ forderte, ſeiner Perſon zu nahen, und ſicherte ihm die gewünſchte Einſamkeit. Zwar ſah man ein⸗ oder zweimal den Knaben Rode⸗ rich ihn dicht umſchweben, allein es war ſo, wie man ſich einen um den Gegenſtand ſeiner Sorgfalt weilenden Schutzgeiſt denkt, und faſt dürfte man hinzuſetzen: unſichtbar. Als aber nun, glanz⸗ reich und herrlich, die Sonne dem öſtlichen Gewäſſer entſtieg, wurde eine Kanone abgefeuert, das Zeichen für eines der nahe⸗ ſegelnden Küſtenſchiffe, an die Seite des Delphin heranzukommen; und nun ſchien es, daß der Vorhang vor der Schluß⸗Scene des Drama's aufgezogen werden ſollte. Die Mannſchaft auf dem tie⸗ feren Deck vor ihm verſammelt, und die vorzüglichſten Perſonen ſeiner Gefangenen oben bei ihm auf dem Deck, redete der Rover die erſteren alſo an: „Jahre lang hat ein gemeinſames Loos uns vereinet. Lange gehorchten wir einem und demſelben Geſetze. Wenn ich ſchnell war in der Beſtrafung, ſo war ich nicht minder bereit, unſeren Geſetzen zu gehorchen. Ihr könnt mich keiner Ungerechtigkeit zeihen. Allein der Bund hat nunmehr ſeine Endſchaft erreicht. Zurück nehme ich mein gegebenes Pfand, zurück gebe ich euch eure ver⸗ pfändete Treue. Ihr zürnt? Ihr ſtutzt? Ihr murrt? Laſſet das! — 569 der Vertrag iſt zu Ende, und mit ihm unſere Geſetze. Damit ihr keinen Grund zum Vorwurfe habet, ſei mein Schatz euch geſchenkt. Seht,“ ſagte er, indem er jene blutige Flagge, mit der er ſo oft der Macht der Nationen Trotz geboten, wegzog, und die Säcke, voll des Metalls, das ſeit Jahrhunderten die Welt regiert, ſehen ließ;„ſeht! dieß war mein; es iſt nun euer. Es ſoll in jenes Küſtenſchiff gebracht werden; dort mögt ihr es ſelbſt unter Denen, die euch am würdigſten ſcheinen, vertheilen. Geht; das Land iſt nah. Zerſtreut euch, zu eurem eigenen Beſten, zerſtreut euch. Verzieht nicht, zu gehorchen; denn ohne mich, das wißt ihr gar wohl, würde dieß Fahrzeug des Königs von England, jetzt euer Herr ſein. Das Schiff ſelbſt gehört mir bereits, von dem Reſt der Beute verlange ich nichts, als dieſe Gefangenen. Lebt wohl!« Stummes Staunen folgte auf dieſe unerwartete Anrede. In der That zeigte ſich, einen Augenblick lang, einige Neigung zur Meuterei; allein zu gut hatte der Rover ſeine Maßregeln gegen Auflehnung genommen. Entlang dem Delphin lag der Pfeil, deſſen Mannſchaft mit brennenden Lunten an den ſchweren Seiten⸗ batterien kampffertig ſtand. Unvorbereitet, ohne Anführer und überraſcht wäre Widerſtand, Wahnſinn geweſen. Kaum waren ſie von ihrem erſten Staunen zurückgekommen, ſo ſtürzte ein jeder Freibeuter fort, ſeine eigenen Habſeligkeiten auf das Verdeck des Küſtenſchiffes, und dort in ſichere Verwahrung zu bringen. Als Alle, bis auf die Bemannung eines einzigen Bootes, den Delphin verlaſſen hatten, wurde das verheißene Gold ihnen geſchickt, und bald ſah man das beladene Fahrzeug dem Schutze einer verborge⸗ nen Bucht zueilen. Still wie der Tod ſchaute der Rover dieſem Auftritte zu. Hierauf wendete er ſich gegen Wilder, und fuhr, nach einer mächtigen, aber erfolgreichen Anſtrengung, um ſeine Gefühle zu unterdrücken, fort: „Und nun müſſen auch wir ſcheiden. Ihrer Sorgfalt empfehle ich meine Verwundeten. Ich muß ſie nothwendig in den Händen 570 Ihrer Wundärzte zurücklaſſen. Ich weiß, Sie werden für die S Ihnen Anvertrauten Sorge tragen.“ 1 ſch »Mein Wort als Unterpfand für ihre Sicherheit,“ erwiederte ko der junge de Lacey. M „Ich glaube Ihnen.— Madame,“ fuhr er fort, indem er ſich hit der älteren Dame mit einem Blicke näherte, in welchem der Kampf 4 wi zwiſchen Zaudern und Entſchloſſenheit ſichtbar erſchien,„wenn ein die verfolgter und ſchuldiger Mann Sie noch anreden darf, ſo ge— 5. ſlch währen Sie eine Bitte.“ un »Nennen Sie ſie; nie kann Dem, der einer Mutter das Kind Al erhielt, ihr Ohr verſchloſſen ſein.“ pli „Wenn für dieß Kind Ihre Gebete gen Himmel ſteigen, ſo 1 zur vergeſſen Sie nicht, daß es auch außer ihm noch ein Weſen gibt, t Ra dem ſie frommen können!— Genug.— Und jetzt,“ fügte er hinzu, Ge indem er, entſchloſſen das Weh des Augenblicks, es koſte, was es als wolle, ganz zu durchfühlen, den ſchmerzvollen Blick über das, vor Eit Kurzem von regem, toſendem Leben volle, nunmehr einſame Ver⸗ Ga deck ſchweifen ließ;„und jetzt— ja— jetzt ſcheiden wir! Das die Boot wartet Ihrer.“ 1 ger Wilder bedurfte nur wenig Zeit, um ſeine Mutter und Ger⸗ ſen traud in die Pinaſſe zu begleiten; allein er ſelbſt kehrte wieder we zurück; es war ihm, als könne er das Verdeck nicht verlaſſen. 4 öde „Und Sie,“ ſagte er,„was wird aus Ihnen werden?“ wo „Ich werde bald.... vergeſſen ſein.— Leben Sie wohl!“ geſt Die Art, wie der Rover dieſe Worte ſprach, verbot jedes längere ver Zandern. Der Jüngling ſtockte, drückte ihm die Hand und ging. hat Seinem eigenen Schiffe, deſſen Kommando durch Bignalls See Tod auf ihn überging, wiedergeſchenkt, ertheilte Wilder ſogleich Wr den Befehl, die Segel beizuſetzen, und auf den nächſten Hafen 1. 3 ſeines Vaterlandes zuzuſteuern. So lange als die Geſichtskraft rot die Bewegungen des auf dem Delphin zurückgebliebenen Menſchen 1 neue zu erxeichen vermochte, war kein Blick von dem regungsloſen. Do die erte ſich mpf ein ge⸗ ind ſo übt, zu, es vor ger⸗ Das er⸗ der lls en 571 Schiff abgewendet. Da lag es, das Oberbramſegel am Maſt, ein ſchöner Bau, lieblich anzuſehen in ſeinem Ebenmaaße und voll⸗ kommen in allen ſeinen Theilen, wie durch Feenmacht hingepflanzt. Man entdeckte eine menſchliche Geſtalt, die raſch auf der Hütte hin⸗ und herging, und ihr zur Seite ſchwebte ein Weſen, das ausſah, wie der verjüngte Schatten der bewegten Figur. Endlich verſchlang die Entfernung auch dieſe ſchillernden Bilder! das Auge mühte ſich nunmehr umſonſt, von den inneren Bewegungen des ferner und ferner zurückweichenden Schiffes eine Spur aufzufangen. Allein bald endete jeder Zweifel.— Ein Flammenſtreif blitzte plötzlich vom Verdeck hervor, wild aufwärts von einem Segel zum andern ſpringend. Nun entquoll dem Rumpfe eine ungeheure Rauchwolke, und dann das gedämpfte Gebrüll des losgehenden Geſchützes. Dieſem folgte das erhabene, nicht minder anziehende, als furchtbare Schauſpiel eines im Brande ſtehenden Schiffes. Eine unermeßliche Rauchhülle lagerte ſich über den Fleck, und das Ganze endete mit einem Krach, von dem, trotz der Entfernung, die Segel des Pfeils erzitterten und in ungewiſſe Schwankung geriethen, als wenn die Paſſatwinde ihren ewigen Strich verlaſ⸗ ſen hätten.— Als die ſchwarze Wolke ſich von der Meeresfläche weghob, blieb dem Blick nichts mehr, als eine fortgeſetzte Waſſer⸗ öde ſichtbar; vergebens ſtrebte das Auge, den Fleck wiederzufinden, wo ſo kürzlich jenes ſchöne Erzeugniß menſchlicher Geſchicklichkeit geſchwommen hatte. Einige von Denen, welche, mit Ferngläſern verſehen, die oberſten Stengen des königlichen Kreuzers erklettert hatten, glaubten zwar einen einſamen ſchwarzen Punkt auf der See zu erblicken; ob es aber ein Boot oder einige Trümmer des Wracks geweſen, hat man nie erfahren können. 5 Von jener Zeit an begann die Geſchichte des gefürchteten rothen Freibeuters ſich nach und nach, verdrängt durch die neuen Ereigniſſe auf jenen belebten Seegegenden, zu verlieren. Doch geraume Zeit noch pflegten Seefahrer ſich die langen Wa⸗ 572 chen der Nacht mit den Erzählungen tollkühner Thaten zu ver⸗ kürzen, welche unter deſſen Befehlen ausgeführt worden ſein ſoll⸗ ten. Das Gerücht verfehlte nicht, ſie auf alle erdenkliche Weiſe auszuſchmücken und zu entſtellen, bis der wahre Charakter, ja der Name des Individuums, mit dem anderer großer Frevler zuſammen⸗ floß. Auch traten Vorfälle von höherem, erhebenderem Intereſſe ein, die alle Einzelnheiten verwiſchten, und blos noch eine unbe⸗ ſtimmte, von Vielen für chimäriſch und unwahrſcheinlich gehaltene, Sage übrig ließen. Die brittiſchen Kolonien empörten ſich gegen die Regierung der Krone, und ein lang ſich hinziehender Krieg führte endlich den gewünſchten Erfolg herbei. Newport, die er⸗ öffnende Scene gegenwärtiger Erzählung, war bald von den Trup⸗ pen des Königs von England, bald von denen jenes Monarchen beſetzt, der eine ritterliche Schaar ſeines Volkes geſchickt hatte, um in dem Kampfe, der dem nebenbuhleriſchen Reiche deſſen un⸗ geheure Beſitzungen entriß, hilfreiche Hand zu leiſten. Der ſchöne Hafen hatte feindliche Flotten beherbergt und die friedlichen Landhäuſer gedröhnt unter dem Gejauchze jugendlicher Krieger. Ueber zwanzig Jahre waren ſeit den erzählten Ereig⸗ niſſen in das Buch der Zeiten eingetragen, als die Inſelſtadt aber⸗ mals der Schauplatz eines ſolchen Freudenfeſtes war. Die ver⸗ bündeten Truppen hatten durch Geſchicklichkeit und größere An⸗ zahl den unternehmendſten Anführer der Engländer gezwungen, ſich und ſeine Armee gefangen zu geben. Man glaubte, der Krieg ſei zu Ende, und die werthen Städter waren, wie gewöhnlich, etwas laut in dem Ausbruch ihrer Freude geweſen. Doch mit dem Tage nahmen auch die Luſtbarkeiten ein Ende; und als die Farbe der Abenddämmerung ſich in die ſchwärzere der Nacht zu verſchmel⸗ zen anfing, verbreitete ſich auch über den Ort die gewöhnliche Stille eines Provinzialſtädtchens. Eine ſtattliche Fregatte, welche gerade auf demſelben Fleck, wo das Fahrzeug des Rover zuerſt dem Leſer erſchienen iſt, vor Anker lag, hatte bereits die bunten, heiteren —— ver⸗ ſoll⸗ Veiſe der nen⸗ reſſe nbe⸗ tene, egen ieg er⸗ rup⸗ chen atte, un⸗ die cher eig⸗ ber⸗ ver⸗ An⸗ gen, ieg ich, dem rbe nel⸗ ille ade ſer ren 573 Farben der Aliirten, die, weil es ein Gala⸗Tag war, vereint ge⸗ flattert hatten, niedergelaſſen, und nur eine einzige Flagge von gemiſchten Farben, mit einer Gruppe glänzender, aufgehender Sterne, ſah man noch an ihrer Gaffelſpitze wehen. In dieſem Augenblick erſchien auf der offenen See draußen ein Fahrzeug, bei weitem kleiner, das aber ebenfalls die Flagge der jungen Staa⸗ ten führte. Da die Flut eben zurückkehrte und der Wind die Segel nicht faßte, ſo ließ es in der Durchfahrt zwiſchen den Eilanden Connanicut und Rhode ein Anker fallen, und ſofort wurde ein Boot ſichtbar, das von den Armen ſechs ſtämmiger Männer nach dem innern Hafen zuruderte. Als die Barke einen etwas abge⸗ legenen und verlaſſenen Theil der Kaje erreichte, konnte ein Menſch, der einſam daſtand, und ihre Bewegungen beobachtet hatle, unter⸗ ſcheiden, daß ſie eine mit Vorhängen verhüllte Tragbahre und eine einzige weibliche Geſtalt enthielt. Ehe noch der Neugierde, die ein ſolcher Anblick in der Bruſt eines ſolchen Zuſchauers, wie des genannten, zu erregen geeignet iſt, Zeit geſtattet war, ſich in allerhand Muthmaßungen zu ergehen, waren ſchon die Ruder aus dem Waſſer aufgeſchwungen— berührte das Boot die Schälung, und die Tragbahre, von den Seeleuten getragen und von dem Weibe begleitet, hielt vor ihm. „Sagen Sie mir, ich bitte Sie,“ erklang es von einer Stimme, in deren Tönen Schmerz und Entſagung wunderbar vereint waren, „ob Kapitän Heinrich de Lacey, von der Continental⸗Marine*), ein Haus in dieſer Stadt Newport beſitzt?“ „Das hat er,“ antwortete der von dem Frauenzimmer ange⸗ redete Alte:„das hat er; oder wie man eigentlich ſagen könnte, zwei; indem die Fregatte dort nicht weniger ſein iſt, als das Wohn⸗ gebäude hier auf der Anhöhe.“ „Du biſt zu alt, um uns den Weg zu zeigen; doch, wenn *) Den Seetruppen der Vereinigten Staaten Nordamerika's. 574 ein Enkelchen oder irgend Jemand, der nichts zu thun hat, in der Nähe iſt, hier iſt Silber, ihn zu belohnen.“ „Ei du guter Gott, gnädige Frau!“ erwiederte der Andere, ſie wegen ihrer demüthigen Erſcheinung mit einem Seitenblick be⸗ trachtend, der gleichſam den gegebenen Titel wieder zurücknehmen ſollte, und dabei mit ganz beſonderer Sorgfalt die angebotene kleine Münze in die Taſche ſteckend.„Ei du guter Gott, Ma⸗ dame! bin ich auch alt und einigermaßen geſchwächt durch Stra⸗ pazen und wunderbare Abenteuer zu See und zu Land, ſo will ich doch gern für Jemand in Ihrer Lage einen ſo kleinen Dienſt thun. Folgen Sie mir, und Sie werden ſehen, daß Ihr Lootſe nicht ganz unbekannt mit dem Pfade iſt.« Noch ehe der Alte mit dieſer ſelbſtgefälligen Anpreiſung ſeiner Tüchtigkeit fertig war, hatte er rechtsum geſchwenkt, und den Weg, der von der Kaje abführte, eingeſchlagen. Die Seeleute und das Frauenzimmer folgten, letztere an der Seite der Tragbahre, in ſtille Schwermuth verſunken. „Solltet Ihr etwa Erfriſchungen nöthig haben,“ ſagte ihr Wegführer, und zeigte dabei über die Schulter weg,„dort iſt ein wohlbekanntes Wirthshaus, das ſeiner Zeit von Matroſen ſtark beſucht wurde. Nachbar Joram und der ‚Unklare Anker'’ ſind in ihren Tagen berühmt geweſen, ſo gut wie der größte Krieger im Lande; der ehrliche Joram iſt freilich eingethan zu ſeinen Vätern, aber das Haus ſteht noch ſo feſt, wie an dem Tage, da er es zuerſt betrat. Er iſt als ein gottſeliger Chriſt geſtorben, und jeder bange Sünder ſollte zum Heil ſeiner Seele deſſen frommes Beiſpiel vor Augen haben.“ Hier vernahm man aus dem Innern der Tragbahre einen tiefen, dumpfen Seufzer; der Wegweiſer ſtand ſtille und lauſchte, allein kein ferneres Zeichen bot ſich dar, wodurch er hätte auf die Spur kommen können, wer ſich wohl drinnen befinden möchte. „Der kranke Mann leidet,“ nahm er wieder auf;„aber kör⸗ —-— in dere, be⸗ men tene Ma⸗ btra⸗ will ienſt ootſe einer den und ahre, e ihr ſt ein ſtark nd in er im itern, er es und mmes einen iſchte, e auf böchte. kör⸗ — ——;— 575 perlicher Schmerz und alle Leiden, die wir im Fleiſche erfahren, dauern nur eine beſtimmte Zeit. Sieben blutige und grauſame Kriege hab' ich erlebt, der ſiebente, der jetzt wüthet, wird, Gott woll' es, der letzte ſein. Im ſechsten hab' ich Ihnen Wunder ge⸗ ſehen, Gefahren ausgeſtanden— ihres Gleichen hat noch kein Auge geſchaut, kann keine menſchliche Zunge ausſprechen!“ „Die Zeit iſt rauh mit Euch umgegangen, Freund,“ unterbrach ihn ſanft das Frauenzimmer,„hier habt Ihr Gold; vielleicht trägt es dazu bei, Euch die übrigen Lebenstage zu verſüßen.“ Der Krüppel, denn der Wegführer war nicht blos alt, ſondern auch lahm, empfing das Geſchenk mit großer Dankbarkeit, und war von nun an zu ſehr beſchäftigt, den Belauf deſſelben bei ſich zu überſchlagen, um in ſeiner Redſeligkeit fortzufahren. Das kurze Dämmerlicht war verſchwunden, während die Träger noch im Hinanſteigen des Abhangs begriffen waren, und es war Nacht, als die Gruppe in tiefem Schweigen an der Hausthüre der Villa anlangte. Nachdem der Alte die Klingel ſtark angezogen hatte, wurde ihm bedeutet, daß ſeine Dienſte nun nicht weiter vonnöthen ſeien. „Viele und ſchwere Fährlichkeiten hab' ich mitgemacht,“ wendete er ein,„und gar wohl weiß ich, daß ein kluger Seefahrer den Lootſen nicht eher entläßt, als bis das Schiff ſicher vor Anker liegt. Vielleicht iſt die alte Madame d⸗„Lacey ausgegangen, oder der Kapitän mag vielleicht nicht. „Genug, Freund, hier iſt ſchon Jemand, der uns Auskunft ge⸗ ben wird.“ Die kleine Thüre wurde jetzt geöffnet; und ein Mann mit einem Licht in der Hand erſchien auf der Schwelle. Die Erſchei⸗ nung des Thürſtehers war gerade nicht von der aufmunterndſten Art.— Ein gewiſſes Ausſehen, das Keiner, der es nicht hat, zum Schein anzunehmen, Keiner, der es hat, von ſich abzulegen ver⸗ mag, ließ ſogleich den Sohn des Oceans erkennen, und ein höl⸗ 576 zerner Fuß, der ſeinen noch immer vierſchrötigen, athletiſchen Kör⸗ per ſtützen half, bewieſen hinlänglich, daß die Erfahrungen, die er in ſeinem verwegenen Berufe gemacht haben mochte, nicht ohne einige perſönliche Gefahr erkauft waren. Seine Züge, beſchienen von dem Lichte, das er hoch über dem Kopf weghielt, um die ver⸗ ſchiedenen Perſonen, welche die Gruppe vor der Thür bildeten, genauer zu unterſuchen, hatten etwas Abſprechendes, Düſteres, ja Wildes. Doch unterſchied er gar bald den Krüppel, den er ziem⸗ lich barſch fragte, was„eine ſolche Bö zur Nacht“ bedeuten ſolle. „Hier iſt ein verwundeter Seemann,“ erwiederte das Frauen⸗ zimmer, mit ſo bebendem Ton, daß das Herz des nautiſchen Cer⸗ berus auf der Stelle dadurch erweicht wurde;„er kommt, um das Recht der Gaſtfreundſchaft von einem Kriegsgenoſſen anzuſprechen, und um eine Herberge für die Nacht zu bitten. Wir wünſchten, den Kapitän Heinrich de Lacey zu ſprechen.“ „Dann haben Sie an der rechten Küſte Anker geworfen, Ma⸗ dame,“ erwiederte der Theer,„wie der junge Herr, der Paul hier, in ſeines Vaters Namen, nicht minder als in dem dey gnädigen Frau, ſeiner Mutter, Ihnen verſichern wird; und auch, nicht zu vergeſſen, im Namen der alten gnädigen Frau, ſeiner Großmama, die, was das anbelangen thut, ſelber kein Neuling, oder Süß⸗ waſſer⸗Fiſch iſt; ja, das wird Maſter Paul da Ihnen verſichern.“ „Herzlich gern,“ ſagte ein männlich ſchöner Jüngling von un⸗ gefähr ſiebzehn Jahren, der die Uniform eines Seekadets trug, und von hinten dem alten Seemann neugierig über die Schultern geſehen hatte.„Ich will meinem Vater den Beſuch melden, und du Richard, du ſuchſt ohne Verzug einen ſchicklichen Raum für unſere Gäſte.“ Die Weiſe, wie dieſer Befehl gegeben wurde, verrieth, daß Selbſthandeln und Gebieten dem Jüngling ſchon nichts Ungewohn⸗ tes waren. Richard gehorchte auf der Stelle. Das Gemach, das er Kör⸗ die öhne enen ver⸗ ten, „ ja iem⸗ olle. uen⸗ Cer⸗ das hen, dten, Ma⸗ hier, igen t zu amma, Süß⸗ rn.“ un⸗ rug, tern und für daß ohn⸗ as er 577 wählte, war das gewöhnliche Wohnzimmer im Hauſe, wo die Träger die Bahre nach wenigen Augenblicken niederſtellten, und darauf entlaſſen wurden, ſo daß das Frauenzimmer allein blieb mit dem in der Bahre Befindlichen und dem barſchen Diener, der ſie mit ſo vieler Derbheit empfangen hatte. Der Letztere befließ ſich, die kurze Zwiſchenzeit bis zur Erſcheinung ſeiner Herrſchaft durch Sprechen ſo wenig langweilig als möglich zu machen, dabei hatte er allerhand zu ſchaffen, putzte die Lichter, legte friſches Holz auf das hellflackernde Feuer, ohne deßwegen die geringſte Pauſe eintreten zu laſſen.— Jetzt öffnete ſich eine innere Thür, und der bereits erwähnte Jüngling führte die drei Hauptperſonen des Hauſes in's Zimmer. Zuerſt kam ein Mann von mittleren Jahren, in der Negligée⸗ Uniform eines Schiffs⸗Kapitäns der neuen Staaten, eine Helden⸗ geſtalt. Ruhig war ſein Blick und noch immer feſt ſein Schritt, wenn auch die Zeit und Strapazen ſeinem Haupthaar ſchon die Miſchung von Grau gaben. Den einen Arm trug er in einer Binde, ein Beweis, daß er erſt vor Kurzem in Action geweſen ſein mußte; am andern ſchmiegte ſich eine Matrone, deren noch immer blühende Wangen und glänzendes Auge die Spuren ge⸗ reifter hoher Schönheit trugen. Dieſen Beiden folgte eine Dame, mit zwar weniger elaſtiſchem Schritte, deren ganze Perſon aber von dem friedlichen Abend eines ſtürmiſchen Lebenstages zeugte. Die Drei grüßten höflich die Fremde, ohne ihr Zartgefühl durch irgend eine vorſchnelle Frage nach der Urſache ihres Beſuches zu verletzen. Auch war dieſe Rückſicht nichts weniger als überflüſſig; denn der ganze Körper der unbekannten Dame, der ohnedieß von Schmerz und Schwäche erſchöpft ſchien, fing an zu zittern, und zeigte nur zu deutlich, daß ihr eine Pauſe Noth that, um ihre Kraft zu ſammeln und ihre Gedanken zu ordnen. Sie weinte lange und ſchmerzlich, ganz als wäre ſie einſam; erſt als längeres Schweigen Verdacht erregt haben würde, ver⸗ Der rothe Seeräuber. 37 578 ſuchte ſie zu ſprechen. Sie trocknete die Thränen von einer Wange, auf welcher ein hektiſcher, rother Punkt glänzte, und dann vernahmen ihre erſtaunten Wirthe zum erſten Mal den Ton ihrer Stimme: „Sie ſehen dieſen Beſuch vielleicht als eine Zudringlichkeit an: doch Der, deſſen Wille mir Geſetz iſt, wollte hierher ge⸗ bracht ſein.“ „Mit welchem Wunſche?“ fragte der Offizier ſanft, als er bemerkte, daß ihr die Rede ſchon verſagte. „Zu ſterben!“ flüſterte ſie mit erſtickter, ſchluchzender Stimme. Bei dieſen Worten fuhr ein jeder ihrer Zuhörer erſchreckt zuſammen; hierauf trat der ältere Herr an die Bahre, zog ſanft den Vorhang beiſeit, und enthüllte den bis jetzt unſichtbaren Be⸗ wohner den forſchenden Augen aller Anweſenden. Helles Be⸗ wußtſein lag in dem Blick, der dem ſeinigen begegnete, obgleich die blaſſen Züge des Verwundeten nur zu unverkennbar das Gepräge des Grabes trugen. Nur ſein Auge ſchien noch der Erde anzugehören; das ganze Antlitz hatte bereits das Starre der letz⸗ ten Stufe menſchlicher Schwäche angenommen, ſein Ange allein blieb glänzend, voller Bewußtſein, glühend,— faſt möchte man ſagen ſtrahlend.. Nach einer langen, feierlichen Pauſe, während welcher alle Umherſtehenden trauernd in dem tragiſchen Anblick ſchwindender Sterblichkeit befangen waren, fragte Kapitän de Lacey!„Können wir durch irgend Etwas zu Ihrem Troſte beitragen, Ihren Wünſchen entgegenkommen?“ Das Lächeln des Sterbenden hatte etwas Geſpenſtiges, und doch war in dem Ausdruck deſſelben, eben ſo ſeltſam als ſchreck⸗ lich, Zärtlichkeit mit Schmerz vermiſcht. Er antwortete nicht, allein ſein Auge ſchweifte von einem Geſicht zum andern, bis es, wie durch eine Art von Zauber, auf dem der älteſten Dame haf⸗ ten blieb. Seinen ſtieren Augen erwiederte ein nicht minder an⸗ geſt gege der „me 5 breit „Ih Rech die in d die ich wo? der „ uns auf ſcha ſein den wol verl „W ich, Geg heit eing me. reckt anft Be⸗ Be⸗ leich das Erde letz⸗ llein man alle nder anen hren und reck⸗ iicht, 3 es, haf⸗ an⸗ 579 geſtrengter Blick; ja, ſo ſehr trat nach und nach das mächtige gegenſeitige Gefühl der Beiden hervor, daß es der Bemerkung der übrigen Zuſchauer nicht entgehen konnte. 3 „Mutter!“ ſagte der Offizier mit liebevoller Beſorgtheit; „meine Mutter! was fehlt Ihnen?“ „Heinrich.... Gertraud,“ antwortete die Ehrwürdige, und breitete, dem Hinſinken nahe, die Arme nach ihren Kindern aus; „Ihr habt, meine Theuern, Euer Haus Einem geöffnet, der ein Recht hat es zu betreten. O, es iſt in dieſem Augenblicke, wo die Leidenſchaften ſchweigen und unſere Hinfälligkeit ſich offenbart, in dieſem Augenblicke der Schwäche und der Krankheit iſt's, wo die Natur ihr urſprüngliches Gepräge wiedererkennt! Ganz ſehe ich es in dieſem bleichen Antlitz, in dieſen eingeſunkenen Zügen, wo Alles verſchwunden iſt, nur nicht der letzte dauernde Ausdruck der Familie, der Verwandtſchaft!“ „Verwandtſchaft!“ rief Kapitän de Lacey:„unſer Gaſt mit uns verwandt!“ „Ein Bruder;“ antwortete die Dame, indem ſie das Haupt auf die Bruſt ſinken ließ, als ob ſie einen Grad der Verwandt⸗ ſchaft ausgeſprochen habe, der ſie nicht minder ſchmerze, als erfreue. Der Fremde, zu ſehr ergriffen, um ſprechen zu können, gab ſeine Beſtätigung durch eine freudige Geberde zu erkennen, ohne den Blick von ihr abzuwenden, der ſeine Richtung behalten zu wollen ſchien, ſo lange als das Leben demſelben Bewußtſein verlieh. „Ein Bruder!“ wiederholte ihr Sohn mit innigem Erſtaunen. „Wohl wußte ich, daß Sie einen Bruder beſaßen; doch glaubte ich, er ſei ſchon im Knabenalter geſtorben.“ „Ich ſelbſt glaubte es lange, obgleich eine bange Ahnung vom Gegentheil mir oft die Seele mit Wehmuth erfüllte; die Wahr⸗ heit ſteht aber zu klar auf dieſem hingewelkten Antlitz, in dieſen eingefallenen Zügen geſchrieben, als daß ſie noch verkannt werden 580 könnte. Armuth und Unglück trennten uns. Ich glaube, wir wähnten uns gegenſeitig todt.“ Eine zweite ſchwache Bewegung verkündete die Beiſtimmung des Verwundeten. „Es iſt kein Grund zur Verheimlichung mehr vorhanden. Heinrich, der Fremde iſt dein Oheim... mein Bruder... einſt mein Pflegling.“ „Ich wünſchte, ihn in glücklicheren Umſtänden zu treffen,“ erwiederte der Offizier mit ſeemänniſcher Offenherzigkeit;„doch als ein Verwandter iſt er von Herzen willkommen. Die Armuth wenigſtens ſoll Sie Beide nicht wieder von einander trennen.“ „Sehet doch, Heinrich— Gertraud!“ fuhr die Mutter, ſich die Augen beim Sprechen bedeckend, fort,„dieß Antlitz iſt euch ja nicht fremd. Seht ihr denn nicht die traurigen Trümmer von Einem, den ihr zugleich liebet und fürchtet?“ Erſtaunt verſtummten ihre Kinder, und ſchauten, bis ſich ihr Auge umdämmerte, ſo lange, ſo angeſtrengt war ihr forſchender Blick. Ein hohles Stöhnen aus der Bruſt des Fremden ſteigerte ihre Aufmerkſamkeit bis zum höchſten Grade, und als ſeine leiſe, aber deutliche Sprache ihrem Ohre erklang, da ſchwand aller Zweifel, alle Verwirrung. „Wilder,“ ſagte er, ſeine letzten Kräfte aufbietend,„ich bin gekommen, mir den letzten Dienſt von Ihnen zu erbitten.“ „Kapitän Heidegger!“ ſchrie der Offizier.“ „Der rothe Freibeuter!“ ſprach zitternd und erſchreckt die jüngere Frau de Lacey, und trat unwillkürlich einen Schritt rückwärts. „Der Red Rover!“ wiederholte ihr Sohn, und drang mit un⸗ bezähmbarer Neugier einen Schritt vorwärts. „Endlich abgetakelt!“ war Fids barſche Bemerkung, als er mit ſeinem hölzernen Fuß näher zur Gruppe heranhinkte, die Feuerzange in der Hand, die er bisher in Einem fort gehand⸗ —— 581 habt hatte, um einen Vorwand dafür zu haben, daß er im Zim⸗ mer blieb. Als die augenblickliche Ueberraſchung ſich einigermaßen gelegt hatte, fuhr der Sterbende fort:„Lange hatte ich meine Reue, wie meine Schande, dem Blicke der Welt entzogen; aber dieſer Krieg rief mich aus meiner Verborgenheit hervor. Unſer Vater⸗ land brauchte uns Beide, und Beide hat es gehabt! Sie haben gedient, wie Einer dienen durfte, der ſich nie ein Vergehen zu Schulden kommen ließ: allein eine ſo heilige Sache mußte ein Name wie meiner, nicht beflecken. Wenn die Welt einſt von meinen ſchlechten Thaten ſpricht, möge auch des wenigen Guten, ſo ich gethan, gedacht werden! Meine Schweſter, meine.... Mutter— verzeih' mir!“ „Der da ſeine Geſchöpfe mit einer ſo furchtbaren Verſchie⸗ denheit der Gemüther bildet, Gott, blicke gnädig auf unſere Schwachheit hernieder!“ betete Madame de Lacey knieend, mit himmelwärts gehobenen Augen und Händen.„O, Bruder, Bru⸗ der! Dir ward in deiner Kindheit von dem heiligen Geheimniß unſerer Erlöſung viel geſagt, du darfſt nicht erſt unterrichtet werden, auf welchen Fels ſich deine Hoffnung auf Vergebung gründen muß!“ „Hätte ich nie jene Vorſchrift vergeſſen, mein Name dürfte auch fortan mit Ehren erwähnt werden. Doch, Wilder!“ fügte er abſpringend und kräftig hinzu,„Wilder!....« Aller Augen waren auf den Sprechenden geheftet. Er hielt eine Rolle, auf der er bis jetzt wie auf einem Kiſſen geruht hatte, in der Hand. Uebernatürliche Kraft ſchien ihn zu durchſtrömen, als er ſich mit halbem Körper in der Bahre erhob; und beide Hände hoch über ſein Haupt emporhebend, ließ er jene glanzreiche, buntgeſtreifte Flagge mit ihrem blauen Feld aufgehender Sterne) *) Die Flagge der Vereinigten Staaten von Nordamerika. 582 vor ihnen herniederrollen, und wie in ſeinen ſtolzeſten Tagen leuchtete noch einmal die Glut hohen Triumphs auf allen ſeinen Zügen. „Wilder!“ ſchrie er, und gewann dem Tode noch ein krampf⸗ „haftes Lachen ab.„Wir haben geſiegt!“— dann fiel er er⸗ ſtarrt zurück, und die triumphirende Miene umſchattete der Tod, wie ſchwarze Wolken das Lächeln der glänzenden Sonne. — ,-=— — Druck von C. Hoffmann in Stuttgart.