Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 3 — Leih- und eſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends§ Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. „„3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zuruͤckgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 6 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: I Ner— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3.„—„ 3„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und er Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gef⸗ 6. Schadenersatz. —— d rriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. A J. F. Cooper's 83 8 Amerikaniſche Romane, neu aus dem Engliſchen übertragen. Vierundzwanzigſter Vand. Satanstoe, oder die Familie Littlepage. Stuttgart. Verlag von S. G. Lieſching. 1846. —— 12 84 Satanstoe, oder die Familie Littlepage. Eine Erzählung aus der Colonie von . James Fenimore Cooper. Aus dem Engliſchen. Die einzige Erdenblume, die nie welkt, Iſt Tugend; Wahrheit iſt der einz'ge Schatz. Spenſer. —ego— Stuttgart. Verlag, von S. G. Lieſching. 1846. Druck(auf einer Schnellpreſſe) von K. Fr. Hering& Comp. ——— 84 Vorrede. Jede Geſchichte von Sitten und Lebensgewohnheiten hat einen gewiſſen, Werth. Wenn die Sitten und Gebräuche mit Grundſätzen zuſammenhängen, in ihrer Entſtehung, in ihrer Entwicklung oder in ihrem Ausgangspunkt, ſo bekommen ſolche Schilderungen eine doppelte Wichtigkeit; und weil wir einen ſolchen Zuſammenhang zwiſchen den Thatſachen und Vorfällen der Handſchriften der Familie Littlepage und gewiſſen wichtigen Theorien unſerer Zeit zu entdecken glauben, übergeben wir hiemit erſtere der Welt. Es iſt vielleicht ein Fehler unſeres hier vorgeführten Geſchicht⸗ ſchreibers, daß er zu Viel auf philoſophiſche und zu Wenig auf beſcheid⸗ nere und niedrigere Kräfte und Mächte zurückführt. Die Keime großer Ereigniſſe liegen oft fern in ſehr launenhaften und unberechen⸗ baren Leidenſchaften, Beweggründen oder Impulſen. Der Zufall . wirkt gewöhnlich ebenſo ſehr auf das Geſchick von Staaten als auf das von Individuen ein; oder wenn dabei überhaupt Berechnungen und Abſichten wirkſam ſind, ſo ſind es die Berechnungen und Ab⸗ ſichten einer Macht, welche höher iſt als jede menſchliche. VIII Wir finden uns bewogen, dieſe Handſchriften der Welt mitzu⸗ theilen, theils durch die obigen Erwägungen, theils auch in Betracht der Beziehung, in welcher die zwei Werke, die wir Satanstoe und Kettenträger nennen, unmittelbar zu der großen Tages⸗ frage von New⸗York, dem Antirentismus, ſtehen, welche Frage man ziemlich vollſtändig und gründlich in dem dritten und letzten Werke des Cyklus erörtert finden wird. Dieſe drei Werke, welche die ſämmtlichen Handſchriften der Familie Littlepage enthalten, bil⸗ den keine ſtrenge Fortſetzung von einander als Erzählungen von zuſammengehörigen Begebenheiten oder vom Schickſale von Per⸗ ſonen, wohl aber in dem Sinne, daß die Grundſätze in einem innern Verhältniß zu einander ſtehen. Der Leſer wird z. B. finden, daß die frühere Laufbahn, die Neigung, die Heirath von Mr. Cor⸗ nelius Littlepage in dem vorliegenden Buche vollſtändig berichtet werden, während die Erlebniſſe ſeines Sohnes, Mr. Mordaunt Littlepage, ebenſo vollſtändig in dem folgenden Werke, dem Ketten⸗ träger, gegeben werden ſollen. Man hofſt, daß der Zuſammen⸗ hang, welcher allerdings zwiſchen dieſen drei Werken beſteht, eher dazu beitragen wird, den Werth jedes einzelnen zu erhöhen, als daß er die gewöhnliche Folge der Fortſetzungen im eigentlichen, ſtrengen Sinn hätte, welche, wie man weiß, darin beſteht, das Intereſſe zu ſchwächen, welches eine Erzählung ſonſt wohl dem Leſer hätte einflößen mögen. Jedes dieſer drei Bücher hat ſeinen eigenen Helden, ſeine eigene Heldin, und ſeine eigenthümliche Sit⸗ tenſchilderung vollſtändig für ſich, obgleich letztere durch ihre Sei⸗ ten⸗ und Gegenſtücke mehr oder weniger gehoben werden mag und es wirklich wird. = ₰ IX Wir glauben, es bedarf keiner Entſchuldigung, wenn die Frage des Antirentismus mit der größten Freimüthigkeit behandelt wird. Nach unſerer Anſicht von der Sache iſt das Beſtehen wahrer Frei⸗ heit in Amerika, die Fortdauer der Inſtitutionen und die Sicher⸗ ſtellung der öffentlichen Moral ganz davon abhängig, daß gänzlich, gründlich und unbedingt den falſchen und unehrlichen Theorieen und Behauptungen ein Ende gemacht werde, welche in Beziehung auf dieſen Gegenſtand ſo keck vorgetragen worden ſind. Nach un⸗ ſerer Anſicht iſt New⸗York in dieſem Augenblick der bei weitem am ſchmählichſten daſtehende Staat in der Union, trotzdem daß er nie ermangelt hat, die Zinſen aus ſeiner Staatsſchuld zu bezahlen; und ſeine Schmach hat ihren Grund in dieſem Umſtande, daß die Geſetze daſelbſt mit Füßen getreten werden, ohne daß irgend eine der Wichtigkeit der Sache entſprechende Anſtrengung gemacht würde, ſie aufrecht und in Kraft zu erhalten. Wenn Worte und Ver⸗ ſicherungen den Nuf und Charakter eines Gemeinweſens retten und ſichern können, ſo mag Alles noch gut ſtehen; aber wenn Staaten, wie Individuen, nach ihren Handlungen zu beurtheilen ſind, und der Baum aus ſeinen Früchten erkannt werden muß, ſo möge uns Gott helfen! Wir unſers Theils find der Ueberzeugung, daß der ächte Pa⸗ triotismus darin beſteht, jedes öffentliche Gebrechen oder Laſter offen darzulegen und dergleichen Dinge mit ihrem wahren Namen zu nennen. Der große Feind unſers Geſchlechts hat binnen der letzten zehn oder zwölf Jahre unter uns mächtig um ſich gegriffen, unter dem Schein und Vorwand eines verwerflichen, falſchen Zartgefühls, wo es gilt, nationale Uebel und Fehler aufzudecken; und es iſt an der X Zeit, daß Solche, die ſich nicht ſcheuten zu loben, wo das Lob verdient war, auch nicht zurücktreten vor der Pflicht zu tadeln, wo das Unterlaſſen rechtzeitiger Warnung eine Quelle der verhängniß⸗ vollſten Uebel werden kann. Der große praktiſche Mangel von In⸗ ſtitutionen wie die unſrige iſt der Umſtand, daß um das, worum ſich Jedermann kümmert, kein Einzelner ſich beſonders kümmert— eine Nachläßigkeit und Gleichgültigkeit welche der Thätigkeit des Schurken ein ſehr gefährliches Uebergewicht gibt über die langſameren Beſſerungsverſuche des ehrlichen Mannes. Juni 1845, 4 * Satanstoe, oder die Familie Kittlepage. Erſtes Kapitel. Seht Ihr, wer kommt da? Ein junger Mann, ein Alter, ernſthaft ſchwatzend. Wie es Euch gefällt. Es iſt leicht vorauszuſehen, daß Amerika beſtimmt iſt, große und raſche Veränderungen durchzumachen. Die der Geſchichte im eigentlichen Sinne angehörigen wird ohne Zweifel die Geſchichte ſich angelegen ſeyn laſſen aufzuzeichnen, und zwar vermuthlich mit der beſtreitbaren Wahrhaftigkeit und dem Vorurtheil, welche gar leicht Einfluß üben auf die Leiſtungen gerade dieſer Muſe; aber wenig Hoffnung iſt, daß die Züge der amerikaniſchen Geſellſchaft in ihrem mehr innerlichen und häuslichen Charakter, unter uns werden er⸗ halten bleiben durch irgend eines der Mittel, welche ſonſt gewöhn⸗ lich hiezu ſich darbieten. Ohne eine Bühne— im nationalen Sinne wenigſtens,— im Beſitze von kaum irgend einem Memoirenbuche, das ſich mit einem innerhalb unſerer Landesgrenzen hingebrachten Leben beſchäftigte, und gänzlich entblößt von einer eigenen leichten Literatur, die uns treu nachgeahmte Bilder unſerer Sitten und Gebräuche und der Tagesmeinungen gäbe,— ſehe ich kaum eine Art und Weiſe ab, wie die nächſte Generation das Gedächtniß und die Anſchauung der unterſcheidenden Denkweiſe, der Sitten und Gebräuche der jetzigen ſich bewahren ſollte. Zwar wird ſie Tradi⸗ tionen von gewiſſen hervorſtechenden Zügen des geſellſchaftlichen Zu⸗ ſtands der Colonie haben, aber kaum irgend zrinndlüche Berichte; Satanstoe. 2 und ſollten die nächſten zwanzig Jahre in eben dem Grade wie die zwanzig letztverfloſſenen darauf hinwirken, an die Stelle der Abkömmlinge unſrer nächſten unmittelbaren Väter ein ganz neues Geſchlecht zu ſetzen: ſo wäre die Prophezeihung wohl kaum allzu gewagt, daß auch dieſe Traditionen in dem Wirbel und der Auf⸗ regung der Maſſe und des Gewühls von Fremden verloren gehen werden. In Erwägung all dieſer Umſtände habe ich daher den Ent⸗ ſchluß gefaßt, einen Verſuch zu machen, wie ſchwach er auch aus⸗ fallen möge, wenigſtens einige Züge von dem häuslichen Leben in New⸗York aufzubehalten, und habe zugleich auch einige Freunde in New⸗Jerſey und im ferneren Süden anzuſpornen geſucht, daß ſie in jenen Gegenden des Landes ſich dieſelben Aufgaben ſetzen möchten. Welchen Erfolg dieſe meine Aufforderungen und Ermahnungen haben werden, vermag ich nicht zu ſagen; aber damit das Wenige, was ich ſelbſt zu leiſten vermag, nicht verloren gehe aus Mangel an Unterſtützung, habe ich in meinem Teſtament meinen ernſten Wunſch ausgeſprochen, daß diejenigen, welche nach mir kommen, ſich dazu verſtehen möchten, dieſe Erzählung fortzuſetzen und ihre Erfahrungen, ſo wie ich die meinigen, dem Papiere zu überliefern, wenigſtens bis auf meinen Enkel herab, falls ich je einen habe. Vielleicht fängt man bis zum Ende der Laufbahn des Letztern in Amerika an, Bücher herauszu⸗ geben, und erſcheinen dann die Früchte unſrer vereinigten Familien⸗ bemühungen gereift genug, um der Welt vorgelegt zu werden. Es iſt möglich, daß, was ich jetzt zu ſchreiben im Begriff ſtehe, als zu einfach und geringfügig erſcheint; daß es ſich zu ſehr auf per⸗ ſönliche und Privat⸗Angelegenheiten bezieht, als daß es hinlängliches Intereſſe in den Augen des Publikums habe; aber man darf nicht vergeſſen, daß die höchſten und erhabenſten Intereſſen des Menſchen aus einer Sammlung von an ſich niedriger ſtehenden und geringeren beſtehen; und daß, wer ein getreues Bild gibt von nur Einer wich⸗ tigen Scene aus dem Verlauf eines einzelnen Lebens, ſchon einen Schritt dazu thut, das größte hiſtoriſche Bild ſeiner Zeit zu malen. 3 Wie ich ſchon geſagt, die wichtigſten Begebenheiten meiner Zeit wer⸗ den ihren Weg finden auf die Blätter von viel bedeutenderen Wer⸗ ken als das meinige, in der einen oder der andern Form, mit mehr oder weniger Treue gegen die Wahrheit, gegen die Wirklich⸗ keit der Ereigniſſe und gegen die eigentlichen Motive; während die untergeordneten Dinge, welche zu berichten und zu ſchildern meine Aufgabe ſeyn ſoll, gänzlich werden überſehen werden von Schrift⸗ ſtellern, erfüllt von dem Beſtreben, ihre Namen denen der Tacituſſe früherer Jahrhunderte anzureihen. Es mag jedoch paſſend ſeyn, gleich hier zu bemerken, daß ich gar nicht den hiſtoriſchen Griffel zu führen mir beigehen laſſe, ſondern mich damit begnüge, die Ge⸗ fühle, Geſinnungen, Ereigniſſe und Intereſſen des bloßen Privat⸗ lebens zu ſchildern, und ſie nicht mehr mit Dingen von allgemei⸗ nerer Bedeutung in Verbindung ſetzen werde, als dieß unerläßlich iſt, um die Erzählung verſtändlich und genau zu machen. Nach dieſen Erläuterungen, welche hier gegeben werden, um die Perſon, die zufällig zuerſt die Lektüre dieſer Handſchrift beginnt, abzuhalten, ſie in's Feuer zu werfen als einen einfältigen Verſuch, einen noch einfältigeren Roman zu ſchreiben, gehe ich ſofort zum Anfang mei⸗ ner Aufgabe über. Ich bin geboren am dritten Mai 1737 auf einem„Landhals,“ genannt Satanstoe, in der Grafſchaft Weſt⸗Cheſter, in der Colonie New⸗York; einem Theil des weitgedehnten Reiches, welches damals unter dem Scepter Seiner geheiligten Majeſtät, Gregors II., ſtand, Königs von Großbritannien, Irland und Frankreich, Vertheidiger des Glaubens, der, wie ich wohl hinzufügen darf, zugleich Schild und Wehr der proteſtantiſchen Thronfolge war, Gott ſegne ihn! Ehe ich Etwas von meiner Abſtammung ſage, will ich dem Leſer zuerſt einen Begriff geben von der Gegend und eine genauere Vor⸗ ſtellung von dem Ort, wo ich das Licht der Sonne erblickte. * Satanszehe. 4 Ein„Landhals“ bedeutet nach dem Sprachgebrauch von Weſt⸗ Cheſter und Long Island Etwas, das man beſſer„Kopf und Schul⸗ tern“ nennen würde, wenn man bloß die Geſtalt und die Ausdeh⸗ nung im Auge hätte. Halbinſel würde das paſſende Wort ſeyn, wenn wir uns geographiſcher Kunſtausdrücke bedienen wollten; aber ſo wie die Sachen ſtehen, finde ich es nothwendig, bei dem landes⸗ üblichen Ausdruck zu bleiben, welcher beiläufig bemerkt, auch nicht bloß unſrer Grafſchaft eigen iſt. Der„Landhals“ oder die Halb⸗ inſel Satanstoe enthält genau vierhundert und dreiundſechszig und einen halben Acre vortrefflichen Weſt⸗Cheſter Landes; und damit iſt, wenn die Steine herbeigeſchleppt und zu Mauern gefugt ſind, ſo viel zu ſeinen Gunſten geſagt, als von irgend einem Boden der Erde geſagt zu werden braucht. Satanstoe hat zwei Meilen Ufer und kann eine entſprechende Maſſe Seegras zur Düngung ſammeln, nebendem, daß es beinahe hundert Acres Salzgras⸗ und Schilfwie⸗ ſen beſitzt, welche bei dem guten Boden des eigentlichen„Landhalſes“ nicht eingerechnet ſind. Da mein Vater, Major Cvans Littlepage, dieß Gut von ſeinem Vater, Kapitän Hugh Littlepage erben ſollte, konnte es ſchon zur Zeit meiner Geburt als ein altes Familienbe⸗ ſitzthum gelten, weil es wirklich ſchon von meinem Großvater er⸗ worben worden war, durch ſeine Frau, etwa dreißig Jahre nach der endlichen Abtretung der Colonie von Seiten der urſprünglichen Beſitzer, der Holländer, an die Engländer. Hier hatten wir alſo ſchon beinahe ein halbes Jahrhundert in gerader Linie gehaust, als ich geboren wurde, und um ein Beträchtliches länger, wenn man die Ahnen von mütterlicher Seite einrechnet; hier wohne ich jetzt im Augenblick wo ich dieſe Zeilen ſchreibe, und hier hoffe ich ſoll mein Sohn nach mir wohnen. Ehe ich auf eine genauere Schilderung von Satanstoe eingehe, iſt es vielleicht paſſend, ein Wort zu ſagen über ſeinen etwas ſon⸗ derbaren Namen. Der„Landhals“ liegt in der Nähe eines wohl⸗ bekannten Paſſes, welcher ſich findet in dem ſchmalen Meeresarm, N —8—— N — 8S— 8— er 5 welcher die Inſel Manhattan von ihrer Nachbarin, Long Island, trennt, und Hell Gate(Höllenthor) genannt wird. Nun gibt es eine Tradition, freilich, ich muß es geſtehen, ſo ziemlich nur auf die Schwarzen der Umgegend ſich beſchränkend, welche beſagt: der Vater der Lügen habe bei einer beſondern Gelegenheit, als er ge⸗ waltſam ausgetrieben ward, aus gewiſſen tumultuariſchen Gaſthäu⸗ ſern in den Neuen Niederlanden, ſeinen Abzug bewerkſtelligt durch dieſen bekannten, gefährlichen Paß; er habe ſeinen Fuß etwas haſtig weggezogen zwiſchen den Hummerlöchern, deren es in dieſen Ge⸗ wäſſern eine Menge gibt, als Spuren und Fußtapfen ſeines Durch⸗ zuges auf dieſer Straße den Schweinsrücken, den Topf und all die Strudel und Klippen zurückgelaſſen, welche die Schifffahrt durch dieſe berühmte Meerenge ſo ſchwierig machen, und ſeinen Fuß dann eilig auf den Fleck geſetzt, wo jetzt eine große Bucht ſüdlich und öſtlich von dem„Landhals“ ſich ausdehnt, letztern aber mit dem Ballen ſeiner großen Zehe berührt, wie er ſich nach Oſten wandte, aus welcher Gegend des Landes er nach der Behauptung eines Theils unſrer Leute urſprünglich gekommen ſeyn ſollte. Manche glaubten, die Geſtalt und die Linien unſeres väterlichen Gutes hätten eine Aehnlichkeit zu haben geſchienen mit einer umgekehrten Zehe(denn man ſetzte voraus, daß der Teufel Alles, was er be⸗ rühre oberſt zu unterſt verkehre), ein Umſtand, welcher vermuthlich auch dazu beitrug, dem Namen bleibende Geltung zu verſchaffen. Daher wurde der Platz ſeit unvordenklichen Zeiten Satanstoe genannt; denn unvordenklich iſt leicht die Zeit in einem Lande, in welchem die civiliſirte Zeit vor noch nicht anderthalb Jahrhunderten begann; und Satanstoe heißt er noch jetzt. Ich geſtehe, ich bin kein Freund von unnöthigen Veränderungen, und ich hoffe von ganzem Herzen, dieſer„Landhals“ wird ſeine alte Benennung be⸗ halten, ſo lange das Haus Hannover auf dem Throne dieſer König⸗ reiche ſitzen, oder ſo lange das Waſſer fließen und das Gras wach⸗ ſen wird. Man hat in ganz neuen Zeiten einen Verſuch gemacht, die Leute in der Nachbarſchaft zu bereden, der Name ſey irreligiös und eines erleuchteten Volkes, wie das von Weſt⸗Cheſter, unwürdig; aber der Verſuch hat keinen großen Erfolg gehabt. Er ging aus von einem Mann aus Connektikut, deſſen Vater, heißt es, ein Geiſtlicher iſt von der„ſtehenden Klaſſe;“ ſo genannt, glaube ich, weil ſie beim Beten ſtehen; und welcher ſelbſt in der Eigenſchaft eines Schulmeiſters zu uns kam. Dieſer junge Mann ſuchte, wie ich erfahren habe, die Nachbarſchaft zu bereden, Satanstoe ſey eine durch die Holländer eingeführte Verfälſchung von Devils Town (Teufelsſtadt), und dieß wieder eine Entſtellung von Dibbleston; die Familie nämlich, von welcher es meines Großvaters Schwieger⸗ vater gekauft, habe, ſagte er, Dibblee geheißen. Er brachte ein halb Dutzend von dem ſentimentalen Theil der Bewohner dazu, den „Landhals“ Dibbleton zu nennen; aber der Verſuch hat keine Wahr⸗ ſcheinlichkeit eines größern Erfolgs auf die Länge, da wir Leute ſind, die keine große Geneigtheit haben, die Sprache ſo wenig als die Gebräuche unſrer Vorfahren zu ändern. Zudem haben meine holländiſchen Vorfahren das Land von keinem Dibblee gekauft, und hat daſſelbe nie einer ſolchen Familie gehört, ſondern es iſt dieß ein keckes Vorgeben des Yankee um ſeine Behauptung dadurch wahr⸗ ſcheinlicher zu machen. So wie Satanstoe ſeiner Ausdehnung nach wenig mehr als ein guter Pacht⸗ oder Bauernhof iſt, ſo iſt es auch ſeiner Be⸗ bauung und den Verſchönerungen nach nicht viel mehr als ein vorzüglich gutes Bauerngut. Alle Gebäude ſind von Stein, bis auf die Schweinekoben und die Schuppen hinaus, ſehr gut behauen und gefugt, und mit Feldmauern, welche einem befeſtigten Platze Ehre machen würden. Das Haus gilt allgemein als eines der beſten in der Colonie, mit Ausnahme einiger wenigen von der neuen Schule. Es iſt zwar, wie ich geſtehen muß, nur anderthalb Stock eerke hoch, aber die Zimmer unter dem Dache ſind ſo gut al nd welche bieſer Art, die mir bekannt ſind, und ihre⸗ innere 7 Einrichtung iſt von der Art, daß ſie ſelbſt den obern Zimmern eines Hauſes in New⸗York keine Unehre machen würden. Das Gebäude hat die Form eines L oder von zwei Seiten eines Parallelogram⸗ mes, wovon die eine eine Fronte von fünfundſiebzig Fuß hat, die andere fünfzig Fuß lang iſt. Die Tiefe beträgt, von einem Ende der Mauer bis zum andern, ſechsundzwanzig Fuß. Das beſte Zimmer hatte ſchon in den Zeiten meiner Knabenjahre einen Teppich, wel⸗ cher zwei Drittheile des geſammten Fußbodens bedeckte, und in den meiſten der beſſern Gänge fand ſich Wachstuch. Der Schenktiſch im Speiſezimmer, oder dem kleinſten Geſellſchaftszimmer, wurde ganz beſonders bewundert, und ich zweifle, ob es bis zu dieſer Stunde einen ſchönern in der Grafſchaft gibt. Die Zimmer waren wohl geformt und von hübſcher Größe: die größern Geſellſchafts⸗ zimmer nahmen, bei verhältnißmäßiger Länge, die ganze Tiefe des Hauſes ein, und das Getäfel war höher als gewöhnlich, nämlich elf Fuß, mit Ausnahme derjenigen Räume, wo die größern Bal⸗ ken und Sparren der obern Schlafzimmer ſichtbar wurden. Da die Familie außer dem„Landhals“ auch Geld beſaß, und die Littlepage's Offiziere des Königs, mein Vater in ſeinen frühern Jahren Fähnrich und mein Großvater ebenſo Kapitän in der Linie geweſen waren, zählten wir immer zu der Gentry der Graſſchaft. Wir hausten in einem Theile von Weſt⸗Cheſter, wo es keine ſehr große Güter gab, und Satanstoe galt als ein Beſitzthum von einer gewiſſen Bedeutung. Es iſt wahr, die Morriſes waren auf Morriſania und die Felipſes oder Philipſes, wie dieſe böh⸗ miſchen Grafen damals genannt wurden, hatten einen Sitz am Hudſon, der ſich bis auf zwölf Meilen von uns erſtreckte, und ein jüngerer Zweig von den de Lanceys hatte ſich ſelbſt noch näher bei uns niedergelaſſen, ſo wie auch die Van Cortlandts, oder ein Zweig von ihnen, in der Nähe von Kingsbridge hausten; aber das waren lauter Leute, welche an der Spitze der Colonie ſtanden, und mit welchen zu wetteifern Niemanden von der kleineren Gentry ſich ein⸗ fallen ließ. So behaupteten denn die Littlepages eine ſehr achtbare Stellung zwiſchen der höhern Klaſſe der Neomanry und denjenigen, welche, vermöge ihrer Güter, Erziehung, Verwandtſchaften und Ver⸗ bindungen, ihres amtlichen Ranges und ererbten Anſehens, die Ariſtokratie der Colonie,— ſo darf man ſich wohl ausdrücken,— bildeten. Mein Vater ſowohl als mein Großvater hatte ſeiner Zeit in der Aſſembly geſeſſen, und Beide, wie ich ſagen gehört, mit Ehren. Was meinen Vater betrifft, ſo hielt er einmal eine Rede, deren Vortrag elf Minuten ausfüllte,— ein Beweis, daß er Etwas zu ſagen hatte; und es war dieß eine Quelle großen, aber wie ich hoffe, beſcheidenen Jubels in der Familie bis auf den Tag ſeines Todes und noch ſpäter. Dann hoben uns auch gar ſehr die Militärdienſte der Familie. In jener Zeit hieß es Etwas, Fähnrich ſelbſt in der Miliz zu ſeyn, und noch weit mehr, dieſen Poſten bei einem regulären Re⸗ giment zu bekleiden. Zwar diente keiner meiner Vorfahren ſehr lange unter den Truppen des Königs, und namentlich mein Vater ver⸗ kaufte ſeine Stelle ſchon nach dem Ende ſeines zweiten Feldzuges; aber die militäriſche Erfahrung, und ich darf hinzufügen, der krie⸗ geriſche Ruhm, welche Beide in der Jugend ſich erwarben, leiſteten ihnen ihr ganzes übriges Leben hindurch gute Dienſte. Beide er⸗ hielten Offtziersſtellen bei der Miliz, und mein Vater ſtieg wirklich bis zum Major in dieſem Corps, und dieſen Rang beſaß, dieſen Titel trug er während der letzten fünfzehn Jahre ſeines Lebens. Meine Mutter war eine Holländerin von beiden Eltern her; ihr Vater war ein Blauvelt, ihre Mutter eine Van Buſſer geweſen. Ich habe ſagen hören, es habe ſogar eine Verwandtſchaft zwiſchen den Stuyveſants und den Van Cortlandts und den Van Buſſers beſtan⸗ den; aber ich vermag nicht den Grad und die Art der Verwandt⸗ ſchaft oder Verſchwägerung genau anzugeben. Ich vermuthe, daß ſie nicht ſehr nahe gewefen, ſonſt würde ich wohl Genaueres dar⸗ über erfahren haben. Ich habe immer dafür angenommen, daß —— 8— 2— * N==g — N NR — N n 9 meine Mutter meinem Vater dreizehnhundert Pfund(in Papieren, nicht in Baarem) als Heirathsgut zubrachte, was, man muß geſtehen, für eine junge Frau im Jahr 1733 ein ganz anſtändiges Vermögen war. Nun weiß ich recht gut, daß ſechs⸗, acht⸗, zehn⸗ tauſend Pfund in dieſer Weiſe oft zugebracht werden, und ſelbſt noch viel mehr bei den vornehmen Familien, aber es braucht ſich Keiner zu ſchämen, der fünfzig Jahre rückwärts blickt, und findet, daß ſeine Mutter ihrem Gatten tauſend Pfund beibrachte. Ich war weder das einzige Kind noch der Erſtgeborene. Ein Bruder ging mir voran und zwei Schweſtern folgten mir, aber ſie ſtarben Alle in der Kindheit, und ſo blieb ich als einziger Spröß⸗ ling für die zäͤrtliche Pflege und Erziehung meiner Eltern übrig. Mein kleiner Bruder hatte den Namen Evans vorweggenommen, und da er einige Zeit noch nach meiner Taufe lebte, bekam ich den holländiſchen Namen von meinem Großvater mütterlicher Seits zu meinem Antheil an der Familien⸗Nomenclatur, welcher Cornelius war, und Corny war demgemäß der Diminutivname, mit welchem ich von ſämmtlichen Weißen meiner Bekanntſchaft während der erſten ſechszehn oder ſiebenzehn Jahre meines Lebens, und von mei⸗ nen Eltern ſo lange ſie am Leben blieben, genannt wurde. Corny Littlepage iſt an ſich kein übler Name, und ich hege das Vertrauen, diejenigen, welche mir die Gunſt erzeigen, dieſe Handſchrift zu leſen, werden ſie weglegen mit dem Eindruck, daß der Name nicht ſchlimmer geworden iſt durch die Art und Weiſe, wie ich ihn ge⸗ führt habe. Ich habe ſchon geſagt, mein Vater und mein Großvater ſeyen Beide zu ihrer Zeit in der Aſſembly geſeſſen; mein Vater zweimal, mein Großvater nur einmal. Obgleich wir dem Flecken Weſt⸗ Cheſter ſo nahe wohnten, ſaßen ſie doch nicht für dieſen Ort darin, ſondern für die Grafſchaft, denn die de Lancey's und die Morriſes ſtritten um die Beherrſchung des Fleckens in einer Art, welche den kleinen Fiſchen wenig Ausſicht ließ, in dem trüben Waſſer, das ſie 2 10 nothwendig aufrühren mußten, zu ſchwimmen. Doch ſtellte dieſe politiſche Auszeichnung, wie man ſich denken kann, meinen Vater der Welt vor Augen, und war das Mittel, ihm ein perſönliches Anſehen zu verſchaffen, das ihm ſonſt vielleicht nicht zu Theil ge⸗ worden wäre. Die Vortheile und vielleicht auch einige der Nach⸗ theile davon, in ſolcher Weiſe aus dem regelmäßigeren Verlauf unſers gewöhnlich ſo friedlichen Lebens hinausgerückt zu werden, dürften ſich im Fortgang unſrer Erzählung darſtellen. Ich habe mich immer deßhalb glücklich geprieſen, daß ich nicht in den frühern Kindertagen der Colonie geboren wurde, wo die auf dem Spiele ſtehenden Intereſſen, und die Ereigniſſe, welche auf ſie Einfluß übten, nicht groß und wichtig genug waren, um dem Geiſt und den Hoffnungen den Schwung und die Ausdehnung zu verleihen, wie ſie Perioden der vorgeſchrittenen Geſittung und wich⸗ tigerer Begebenheiten eigen ſind. In dieſer Beziehung trat meine Erſcheinung in dieſer Welt in einem ſehr glücklichen Zeitpunkt ein, wie Jeder einſehen muß, Wer den Zuſtand und die Wichtigkeit der Colonie in der Mitte des gegenwärtigen Jahrhunderts erwägen will. New⸗York kann zur Zeit meiner Geburt nicht viel weniger als ſiebzigtauſend Seelen enthalten haben, beiderlei Farben gerechnet; denn man nimmt an, daß heute, wo ich dieß ſchreibe, volle hun⸗ derttauſend darin leben. In einem ſolchen Gemeinweſen hat ein Mann nicht nur den Raum, ſondern auch Stoff und Gelegenheit um aufzutreten und eine Figur zu machen; während mein Vater, als er geboren wurde, wie ich ihn oft habe ſagen hören, einer nicht die Hälfte der kleineren genannten Zahl betragenden Bevöl⸗ kerung angehörte. Ich bin für dieſen Vortheil dankbar geweſen, und ich hoffe, es wird ſich durch die hier beizubringenden Beweiſe und Zeugniſſe herausſtellen, daß ich weder an einem Orte der Welt, noch zu einer Zeit gelebt habe, welchen große Ereigniſſe ganz fremd geblieben wären. Meine früheſten Erinnerungen beziehen ſich natürlich auf 11 Satanstoe und auf den häuslichen Familienherd. In meiner Kind⸗ heit und Jugend hörte ich gar Viel reden von der proteſtantiſchen Erbfolge, vom Hauſe Hannover und König George II.; immer untermiſcht mit ſolchen Namen wie George Clinton, General Monkton, Sir Charles Hardy, James de Lancey und Sir Dan⸗ vers Osborne, die offiziellen Repräſentanten des Königs in der Colonie. Jedes Zeitalter hat ſeine alten und ſeine neuen Kriege, und ich kann mich noch recht gut deſſen erinnern, welcher zwiſchen den Franzoſen und uns in den beiden Canada's 1744 ge⸗ führt wurde. Ich war damals ſieben Jahre alt, und es war ein Ereigniß, das auf ein Kind von dieſem zarten Alter wohl einen Eindruck machen konnte. Mein geehrter Großvater lebte damals noch, und noch lange Zeit ſpäter, und er nahm an den militäri⸗ ſchen Bewegungen jener Zeit lehhaften Antheil, wie dieß bei einem Soldaten ganz natürlich war. New⸗York hatte keinen Antheil an der berühmten Expedition, welche Louisbourg, damals das Gibral⸗ tar von Amerika, im Jahr 1745 einnahm; aber das konnte einen alten Soltaten wie Kapitän Littlepage nicht abhalten, mit ganzer Seele auf die Sache einzugehen, wenn ihm auch verwehrt war, dabei mit der Fauſt thätig zu ſeyn. Da dem Leſer vielleicht nicht all die verborgenen Triebfedern bekannt ſind, welche die offenkundi⸗ gen Begebenheiten herbeiführten und in Bewegung ſetzten, iſt es wohl nicht unangemeſſen, hier einige Worte zur Erläuterung ein⸗ zuſchalten. Es beſtand und beſteht noch jetzt wenig Sympathie, was die nationale Gefühlsweiſe betrifft, zwiſchen den Colonien von Neu⸗ England und denen welche weiter ſüdlich liegen. Wir ſind Alle loyal, die im Oſten ſowohl als die im Südweſten und im Süden; aber es beſteht, und beſtand von jeher ein ſo großer Unterſchied in unſern Sitten und Gebräuchen, unſerer Herkunft, in religiöſen An⸗ ſichten und in der Geſchichte, daß dadurch eine breite geiſtige Schei⸗ delinie, was die Gefühls⸗ und Anſchauungsweiſe betrifft, zwiſchen 12 der Colonie New⸗York und den öſtlich vom Fluß Byram gele⸗ genen gezogen wird. Ich habe ſagen hören, die meiſten Auswan⸗ derer nach den Staaten von Neu⸗England ſeien von dem Weſten Englands gekommen, wo noch manche ihrer geſellſchaftlichen Eigen⸗ thümlichkeiten und Viel von ihrer Sprache zu finden ſeyn ſollen; während die weiter ſüdlich gelegenen Colonien ihre Bevölkerung aus den mehr im Mittelpunkt gelegenen Grafſchaften und aus den Gegenden und Bezirken der britiſchen Inſel erhielten, welche nur weniger provinzielles und eigenthümliches Gepräge haben ſollen. Ich will nicht behaupten, daß es ſich buchſtäblich ſo verhält, obgleich allbekannt iſt, daß wir in New⸗York lange her gewohnt ſind unſere Nachbarn in Neu⸗England als ganz von uns verſchiedene Leute an⸗ zuſehen, während ich faſt glaube, daß unſere Nachbarn in Neu⸗ England uns als nicht minder verſchieden von ſich, und in ſofern eben ſo weit entfernt von der Vollkommenheit betrachtet haben. Sei dem wie ihm wolle, ſo viel iſt gewiß, daß Neu⸗England ein von dem übrigen Reiche gewiſſermaßen getrennter Theil iſt, zu ſeinem Vortheil und zu ſeinem Nachtheil. Es bekam ſeinen Na⸗ men von dem Umſtande, daß die engliſchen Beſitzungen auf der weſtlichen Grenze an die der Holländer ſtießen, welche ſo von den andern Colonien von rein Anglo⸗Sächſiſchem Urſprung getrennt wurden durch ein weites Gebiet von weit größerer Ausdehnung als das Mutterland ſelbſt. Ich fürchte, es liegt etwas im Charakter dieſer Anglo⸗Sachſen, was ſie geneigt macht, andere Nagen zu ver⸗ lachen und die Naſe über ſie zu rümpfen; denn ich habe bemerkt, daß die Eingebornen des Mutterlandes ſelbſt, welche zu uns kom⸗ men, dieſe Neigung blicken laſſen in Bezug auf uns Bewohner von New⸗York ſelbſt, ſo wie auf die von Neu⸗England; während die Leute in dem letztern Lande eine Geſinnung gegen uns, ihre Nach⸗ barn, an den Tag legen, welche nichts weniger als jene Demuth verräth, die doch als eine Zierde der chriſtlichen Denkungsart betrach⸗ tet wird, auf welche ſie ſo gerne ganz beſondere Anſprüche machen. -9 doͤ8eOͤ—-&—Scd,d +₰— —.——½ N. 8*½——111 13 Mein Großvater jedoch war ein Eingeborner des Mutter⸗Landes und ging nur wenig auf die Eiferſüchteleien der Colonien ein. Er hatte von ſeinen Knabenjahren an in New⸗York gewohnt und da⸗ ſelbſt geheirathet, und war nicht der Mann irgend jene übertriebe⸗ nen Begriffe von Ueberlegenheit an den Tag zu legen, die uns manchmal bei eingebornen Engländern vorkommen; obwohl ich mich erinnere, daß er einige Male auf Mängel und Gebrechen in unſrer Civiliſation hinwies, ſo wie auch, daß er gelegentlich mit Wohlge⸗ fallen bei der Größe und Macht ſeiner Heimathinſel verweilte. Ich glaube auch, hierin hatte er ganz Recht, denn Wenige unter uns haben je Luſt gehabt, die Ueberlegenheit und den gerechten Vorzug Englands zu beſtreiten in allen Dingen die nur wünſchenswerth ſind und die Grundlage menſchlicher Trefflichkeit bilden. Ich erinnere mich noch wohl einer Reiſe, welche Capitän Hugh Littlepage im Jahr 1745 nach Boſton machte, um ſich die Vorkeh⸗ rungen zu beſehen, welche man zu der großen Erpedition traf. Ob⸗ gleich ſeine eigene Colonie bei dieſem Kriegszuge in militäriſcher Hinſicht nicht betheiligt war, machten ihn doch ſeine frühern Kriegs⸗ dienſte für die damals an der Küſte von Neu⸗England verſammel⸗ ten Männer zu einem Gegenſtand des Intereſſes. Man hat ge⸗ ſagt, die Expedition gegen Louisbourg, damals der ſtärkſte Platz in Amerika, ſei von einem Rechtsgelehrten entworfen, von einem Kauf⸗ mann geführt und geleitet, und von Bauern und Handwerkeru aus⸗ geführt worden; aber wenn dieß auch im Ganzen ſeine Richtigkeit hatte, ſo erlitt doch die Regel manche Ausnahmen. Es waren viele alte Soldaten, welche bei frühern Kriegen auf dieſem Continent ge⸗ dient hatten, und unter ihnen befanden ſich einige alte Bekannte meines Großvaters. Mit dieſen verbrachte er manche fröhliche Stunde vor dem Tage der Abfahrt, und ich habe ſeither oft ge⸗ dacht: nur meine Anweſenheit habe ihn abgehalten, ſich auch auf der Flotte einzuſchiffen. Der Leſer wird vielleicht denken, ich ſei gar jung geweſen, um bei einer ſolchen Gelegenheit auf eine ſo weite Reiſe mitgenommen zu werden, aber es kam ſo: Meine treffliche Mutter meinte, es ſeien mir nach überſtandenen Blattern einige Krankheitsſymptome geblieben, für welche eine Reiſe wohlthätig ſeyn möchte, und ſie vermochte ihren Schwiegervater mich mit ſich zu nehmen, als er im Winter 1744— 45 ſeine Heimath verließ um Boſton zu beſuchen. In jener frühen Zeit war es in dieſen Colo⸗ nien nicht immer eine ſo leichte und bequeme Sache, eine Ortsver⸗ anderung zu machen, und da mein Großvater in einem Schlitten reiste, welcher nach Oſten fuhr mit einigen Privatvorräthen, die für die Expedition geſammelt worden waren, bot ſich eine günſtige Gelegenheit dar, mich mit meinem ehrwürdigen Ahnen fortzuſchicken, welcher ſehr gutmüthig ſich dazu verſtand, mich meine Reiſen unter ſeiner eigenen unmittelbaren Obhut und Leitung anfangen zu laſſen. Die Dinge, die ich bei dieſer Gelegenheit ſah, haben einen we⸗ ſentlichen Einfluß auf mein künftiges Leben gehabt. Ich habe eine Neigung zu Abenteuern gefaßt, und beſonders zu kriegeriſchem Ge⸗ pränge und Glanz⸗ welche mich nachher mehr als einmal in ſchwie⸗ rige Lagen brachte. Capitän Hugh Littlepage, mein Großvater, war entzückt über Alles was er ſah, bis die Expedition unter Segel gegangen war, wo er zu brummen und zu ſchelten anfing über die religiöſen Ceremonien und Gebräuche, welche die Frömmigkeit der Puritaner mit ihrem meiſten ſonſtigen Thun und Treiben verband. Gewiß betrachtete uns das Volk von Neu⸗England als nicht viel beſſer denn Heiden, und thut es vielleicht noch; während wir von New⸗York ſie als frömmelnde Schwätzer und Salbader, und in nothwendiger Folgerung als Heuchler anſahen, und nach Allem, was mir bekannt iſt, auch wohl noch jetzt dieſe Anſicht haben mögen. Ich maße mir nicht an zu entſcheiden, welche Partei Recht hat; doch hat ſich mir oft der Gedanke aufgedrängt, es wäre beſſer, wenn Neu⸗England etwas weniger Selbſtgerechtigkeit beſäße, und New⸗York etwas mehr Gerechtigkeit ohne das Selbſt. Jedoch was Pfunde, Schil⸗ linge und Pence betrifft, werden wir ihnen niemals den Rücken — ö—— 15 kehren, da wir im Ganzen in Geldſachen wohl eher das zuver⸗ läßigere Volk unter beiden ſeyn dürften, zumal in allen ſol⸗ chen Fällen, wo man ſich Habe und Gut des Nachbars zueignen kann, ohne gerade zu abſolut gewaltthätigen Mitteln zu greifen. Dieß iſt jedenfalls die Anſicht in New York, mögen ſie auf dem andern Uſer des Byram von der Sache denken wie ſie wollen. Mein Vater traf zu Boſton einen alten Feldzugskameraden mit Namen Hight; Major Hight, wie er genannt wurde, welcher auch her gekommen war, um die Rüſtungen zu ſehen, und die al⸗ ten Soldaten brachten die meiſte Zeit mit einander zu. Der Ma⸗ jor war von Jerſey, hatte zu ſeiner Zeit etwas ungebunden gelebt und noch manche ſeiner Jugendneigungen im Alter beibehalten, wie es gar leicht geſchieht bei Solchen, die ein Laſter hegen und pflegen wie eine Treibhauspflanze. Der Major liebte die Fla⸗ ſchen und trank gewaltig viel Madeira, deſſen damals in Boſton ein guter Vorrath war, denn er brachte ſelbſt einigen dahin; und ich kann mich unterſchiedlicher Scenen erinnern, welche zwiſchen ihm und meinem Großvater nach dem Mittagsmahl vorfielen, wenn ſie im Gaſthauſe ſaßen und ſich über den Verlauf der Dinge und über die Ausſichten für die Zukunft beſprachen. Hätten die beiden alten Soldaten zu den Truppen der Provinz gehört, in welcher ſie ſich befanden, ſo hätte man in jedem Athem einen„Capitän“ und „Major“ zu hören bekommen; denn in keinem Theile der Erde iſt man titelſüchtiger als bei unſern öſtlichen Brüdern“; während ich doch glauben muß, daß wir Anſprüche hatten auf ächtere Einfach⸗ heit des Charakters und der Sitten, trotzdem daß New⸗York immer für die ariſtokratiſchſte unter allen nördlichen Colonien gegolten hatte. Da meine beiden alten Soldaten von früher Jugend an genau be⸗ freundet geweſen, nannten ſie einander Joey und Hodge,— letzte⸗ * Man wird ſich erinnern, daß Mr. Littlepage vor mehr als ſiebenzig Jah⸗ ren ſchrieb, wo dieſer Charakterzug dem Oſten ausſchließlich gehoren mochte; aber der Weſten hat jetzt auch Anſprüche darauf. 16 res nämlich war die Abkürzung von einem der Namen meines Groß⸗ vaters, Roger,— wenn nicht einfach der Name Hugh zwiſchen ihnen gebraucht wurde, wie auch bisweilen geſchah. Hugh Roger Little⸗ page, dieß hätte ich früher ſagen ſollen, war der vollſtändige Name meines Großvaters. „Mir würden dieſe Nankees beſſer gefallen, wenn ſie weniger beteten, mein alter Freund,“ ſagte eines Tages der Major, nachdem ſie ſich über die An⸗ und Ausſichten der Dinge beſprochen hatten, unter die Rauchzüge hinein, die er aus ſeiner Pfeife that.„Ich kann keinen rechten Nutzen davon abſehen, wenn man ſo viel Zeit verliert, indem man dieſe Aufenthalte macht um zu beten, wenn der Feldzug einmal ordentlich eröffnet iſt.“ „Es war immer ſo ihre Art, Joey,“ verſetzte mein Großvater, ſeine Zeit erſehend, wie dieß bei Rauchern gewöhnlich iſt.„Ich er⸗ innere mich noch, wie wir mit einander im Felde ſtanden, im Jahr 17, daß die Truppen von Neu⸗England immer ihre Pfarrer hatten, welche gleichſam die Rolle von zweiten Oberſten ſpielten. Man ſagt mir, Seine Exeellenz habe ein wöchentliches Faſten, zum Be⸗ huf öffentlicher Gebete, während der ganzen Dauer des Feldzugs befohlen.“ „Ja, Maſter Hodge, beten und plündern— ſo machen ſie es immer,“ verſetzte der Major, die Aſche aus ſeiner Pfeife klopfend um ſie dann von Neuem zu füllen; eine Beſchäftigung, welche ihm Gelegenheit gab, ſeine Gefühle auszuſprechen, ohne doch einen Zug aus der Pfeife zu verſäumen.—„Ja, Maſter Hodge, beten und plündern,— ſo machen ſie es immer. Nun, erinnert Ihr Euch noch des alten Watſon der unter dem Aufgebot von Maſaachuſetts war, im Jahr 122— des alten Tom Watſon, der Unterlieutenant war unter Barnwell bei unſerem Zuge gegen Tuscarora? 2“ Mein Großvater nickte bejahend mit dem Kopf, und dieß war die einzige Antwort, die ihm das Geſchäft des Rauchens in dieſem „— 17 Augenblicke bequemer Weiſe zuließ, wenn man nicht eine Art von zuſtimmendem Brummen als eine Bekräftigung deuten wollte. „Nun, er hat einen Sohn, der dieſe Affaire mitmacht; und der alte Tom, oder Oberſt Watſon, wie er ſich jetzt gar gerne nennen hört, iſt mit ſeinem Weib und zwei Töchtern hier, um den Fähn⸗ drich abſegeln zu ſehen. Ich ging hin um dem alten Cameraden einen Beſuch zu machen; und ich traf ihn und die Mutter und die Schweſtern Alle ſo geſchäftig wie die Bienen, des jungen Tom's Gepäck zum Abmarſch fertig zu machen. Vor meinen Augen lag ſeine ganze Equipirung, und die günſtigſte Gelegenheit, ſie ganz mit Muße zu beſichtigen.“ „Was Ihr auch nach all Eurem Vermögen thatet, ſonſt wäret Ihr nicht mehr der Jore Hight vom Jahr 10,“ ſagte mein Groß⸗ vater, ſeiner Seits jetzt die Aſche ausklopfend und wieder zur Ta⸗ backsbüchſe greifend. Der alte Hight dampfte und puſtete jetzt wie ein Grobſchmid, welcher das Eiſen weißglühend zu machen ſucht, und es dauerte einige Zeit, bis er die geeignete Antwort vorbrachte auf die halb behauptende halb fragende Bemerkung ſeines Freundes. „Deſſen dürft ihr gewiß ſeyn,“ ſprudelte er endlich hervor; und dann, als ſeine Pfeife recht brannte, erzählte er die ganze Geſchichte, gelegentlich inne haltend, um eine Rauchwolke auszuſtoßen, um den errungenen Vortheil nicht zu verlieren.„Was ſagt Ihr zu einem Halbdutzend Schnüre rother Zwiebeln, als Artikel unter der Aus⸗ rüſtung eines Subalternoffiziers?“ Mein Großvater brummte wieder in einer Art, die wohl für ein Lachen gelten mochte: „Und Ihr ſeyd gewiß, ſie waren roth, Joey?“ fragte er endlich. „So roth wie ſeine Uniform. Dann war da ein Krug, mit Sirup gefüllt, ſo groß als die Matroſenflaſche dort,“ und der alte Hight warf einen Blick auf das Gefäß, welches ſein Getränke enthielt.„Aber ich achtete darauf kaum, denn ein großer leerer Sack zog gar Satanstoe..2 18 ſehr meine Aufmerkſamkeit auf ſich. Ich konnte mir nicht einbil⸗ den, wozu der junge Tom einen ſolchen Sack brauchen könne; aber wie ich die Sache dem Major vortrug, gab er mir ſehr offenherzig zu verſtehen, daß Louisbourg für eine ſehr reiche Stadt gelte, und man könne nicht wiſſen, was das gute Glück oder die Vor⸗ ſehung— ja bei George, er ſagte, die Vorſehung— ſeinem Sohn Tommy in den Weg führen möge. Da nun der Sack leer war und er vor der Hand Nichts zu thun hatte, wollten die Mädchen ſeine Bibel und ſein Geſangbuch hineinſchieben, als an einen Ort, wo der junge Mann wahrſcheinlich darnach ſehen würde. Ich glaube faſt, Hodge, Ihr habt nie auf irgend einem Eurer zahlreichen Feld⸗ züge weder Bibel noch Geſangbuch bei Euch gehabt?“ „Nein, auch keinen Sack zum Plündern, keinen Sirupkrug, und keine Schnüre rother Zwiebeln,“ brummte mein Großvater zur Antwort. Wie gut erinnere ich mich noch dieſes Abends. Eine Fülle von Colonialvorurtheilen und Nachbarsantipathieen kam zu Tage in dem Geſpräche der zwei Veteranen, welche eine ſeltſame Art von geringſchätziger Achtung für ihre Mitunterthanen von Neu⸗ England zu hegen ſchienen; und dieſe ihrer Seits, davon bin ich überzeugt, bezahlten ſie in gleicher Münze,— mit reichlich eben ſo viel Hochmuth und Tadel und mit manchem Gran Achtung weniger. An dieſem Abend wurden Major Hight und Capitän Hugh Roger Littlepage Beide ein wenig benebelt, indem ſie große Pokale auf das Gelingen der„NYankee⸗Erpedition,“ wie ſie ſie nannten leerten, gerade während ſie beſtändige Seitenhiebe auf die Mängel, Schwächen und Gewohnheiten des Volkes führten. Dieſe Zeichen nachbarlicher Schwäche beſchränken ſich nicht ausſchließlich auf die Bevölkerung der an einander grenzenden Provinzen New⸗York und Neu⸗England. Ich habe oft bemerkt, daß die Engländer ziemlich ſo von den Franzoſen denken und ſprechen, wie die Yankees von uns ſprechen; während die Franzoſen, ſo weit ich im Stande ge⸗ inbil⸗ aber derzig und Vor⸗ Sohn war ſeine wo laube Feld⸗ krug, zur Fülle Tage Art Neu⸗ ich : ſo iger. ugh kale aten iel, chen die und lich von ge⸗ 19 weſen, ihre etwas ſchwer verſtändliche Sprache zu verſtehen,— die nie einen Anfang und nie ein Ende zu haben ſcheint,— die Eng⸗ länder als die Puritaner der alten Welt behandeln. Wie ich bisher ſchon zu verſtehen gegeben, wir in New⸗York waren in meinen jüngern Tagen nicht ſehr ausgezeichnet durch Religioſität, während ich mich ganz richtig ſo ausdrücken darf, die Religion ſey bei unſern öſtli⸗ chen Nachbarn etwas ſehr in die Augen Fallendes geweſen. Ich erinnere mich von meinem Großvater gehört zu haben, er ſey be⸗ kannt geweſen mit einem Oberſt Heathcote, einem Engländer von Geburt, wie er ſelbſt, dem Bruder eines gewiſſen Sir Gilbert Heathe⸗ cote, welcher früher einen hohen Poſten bei der Bank von Eng⸗ land bekleidete. Dieſer Oberſt Heatheote kam noch jung unter uns, heirathete hier, und ließ Nachkommenſchaft zurück; er war Beſitzer des Gutes Scarsdale und Mamaroneck in unſerer Grafſchaft Weſt⸗ cheſter. Nun, dieſer Oberſt Heathcote erzählte meinem Großvater, wie ſie über die Religion ſich beſprachen, daß er bei ſeiner Ankunft in der Colonie ſich ſehr entſetzt, als er den verwahrlosten Zuſtand der Religion in dieſem Lande entdeckt habe; ganz beſonders auf Long Island, wo die Leute in einer Art von Heidenthum lebten. Da er ein Mann von Auszeichnung war und in Verbindung mit der Regierung ſtand, wandte ſich die Geſellſchaft für Ausbreitung des Evangeliums in fremden Ländern an ihn, damit er ihr Bei⸗ ſtand leiſte, die Wahrheiten der Bibel in der Colonie zu verbreiten. Der Oberſt willigte ſehr gern ein; und ich erinnere mich von mei⸗ nem Großvater gehört zu haben, ſein Freund habe ihm von der Antwort erzählt, die er jenen guten Männern in England gegeben. „Ich war ſo betroffen über den heidniſchen Zuſtand des Volkes bei meiner Ankunft hier,“ ſchrieb er ihnen,„daß ich als Befehlshaber der Miliz der Colonie, die Capitäne der verſchiedenen Compagnien anwies, ihre Leute jeden Sonntag mit Sonnenaufgang zuſammen zu berufen und ſie einzuüben bis Sonnenuntergang; wenn ſie ſich nicht dazu verſtänden, ſich an einem geeigneten Ort einzufinden und * 20 das Morgen⸗ und Abendgebet auzuhören, ſo wie auch zwei erbau⸗ liche Predigten, vorgetragen von einer dazu geeigneten Perſon, in welchem Falle die Leute entſchuldigt ſeyn ſollten, beim Erxerciren zu erſcheinen“.“ Ich glaube, daß man dieß in Neu⸗England we⸗ nigſtens nicht nöthig finden würde, wo viele Leute vermuthlich das Exerciren dem Predigen vorziehen würden. Aber all dieß Geplauder von dem moraliſchen Zuſtand der benachbarten Colonien New⸗York und Neu⸗England führt mich von meiner Erzählung ab, und erregt geringe Hoffnungen für den Zu⸗ ſammenhang und das Intereſſe des übrigen Manuſeripts. * In Beziehung auf dieſe Erzählung kann der Herausgeber verſichern, daß er einen veröffentlichten Brief geleſen vom Oberſt Heatchcote, welcher vor mehr als hundert Jahren zu Mamaroneck, in der Grafſchaft Weſt Cheſter geſtorben, worin dieſer Gentleman der Geſellſchaft für die Ausbreitung des Evangeliums Rechenſchaft ablegt von ſeinem Verfahren, welche bei⸗ nahe wörtlich übereinſtimmt mit der Erzählung des Hergangs, wie ſie Mr. Cornelius Littlepage hier gibt. Das Haus, in welchem Oberſt Heatch⸗ cote wohnte, wurde kurz vor der Revolution vom Feuer verzehrt; aber das Gut, auf welchem es ſtand, und das jetzige Gebäude gehören noch in dieſem Augenblick ſeinem Urenkel, dem hochwürdigen William Heatchcote de Lancey, dem Biſchof vom weſtlichen New⸗York. Was das Plündern anbelangt, ſo will der Herausgeber hier nur bemerken, daß ein naher Verwandter, deſſen Großvater bei der Einnahme von Louisbourg Major war, und nachmals einer der erſten Brigadiers, welche 1775 ernannt wurden, ihm neulich einen Brief gezeigt hat, welcher an jenen Offizier während der Expedition von ſeinem Vater geſchrieben wurde; worin ſich, neben vielen frommen Räthen und wirklich trefflichen religiöſen Ermahnungen, auch eine ſehr lebhafte Erkundigung nach den Ergebniſſen der Plünderung findet. Der Herausgeber. bau⸗ , in eiren we⸗ das der von Zu⸗ daß r vor heſter itung bei⸗ die ſie eatch⸗ aber öch in cheote nur ahme diers, elcher eben lichen ) den 21 Zweites Kapitel. Ich wollte es gäbe kein Alter zwiſchen zehn und dreiundzwanzig Jahren; ober die Jugend könnte das Uebrige verſchlafen. Wintermährchen. Es iſt nicht näöthig, daß ich von den vierzehn erſten Jahren meines Lebens Viel ſage. Sie verfloſſen, wie die Kindheit und Ju⸗ gend der Söhne der meiſten Gentlemen in unſerer Colonie zu da⸗ maliger Zeit verfloß, nur mit Einem Unterſchiede. Es gab eine Claſſe unter uns, welche ihre Knaben in der Heimath erziehen ließ. Dieſe Claſſe war allerdings nicht ſehr zahlreich, auch war es nicht immer die hinſichtlich des Vermögens und Ranges am höchſten ſtehende. Viele von den großen Grundeigenthümern waren natür⸗ lich von holländiſcher Abkunft; und dieſe ſandten zur Zeit meiner Kindheit ſelten oder nie ihre Kinder nach England um dort Etwas zu lernen. Ich höre, daß jetzt einige Wenige ihre alten Vorur⸗ theile in dieſem Punkte überwinden, und ſich allgemach überzeugen, daß Cambridge oder Orford ganz eben ſo gelehrte Schulen ſeyn mögen, wie die zu Leyden; aber während meiner Knabenjahre hätte man keinem Van dieſen Glauben beibringen können. Manche von den holländiſchen Grundbeſitzern geben ihren Kindern überhaupt nur ſehr wenig Bildung und Erziehung irgend welcher Art, obwohl die Meiſten ihnen Lehren der Rechtſchaffenheit einprägten, welche eben ſo nützlich waren als das Wiſſen, wenn Beides wirklich un⸗ zertrennlich geweſen wäre. Ich für meinen Theil, während ich gerne zugebe, daß im Lande viel Kenntniß und Wiſſen im Umlauf i*ſt, das gerade hinreicht um Einen in Stand zu ſetzen, ein Mit⸗ geſchöpf um ſeine Rechte zu bringen und zu überliſten, werde doch nie der Meinung beitreten, welche unter dem holländiſchen Theil unſrer Bevölkerung ſo vorherrſchend iſt und die Behauptung auf⸗ ſtellt: daß die Schulen der Provinzen von Neu⸗England der Grund — ——B—B—B—f- 22 2 ſeyen, warum die Abkömmlinge der Puritaner in dieſer Beziehung ſich nicht des beſten Rufes erfreuen. Ich glaube, ein Knabe kann tüchtig unterrichtet werden und dadurch nur um ſo rechtſchaffener wer⸗ den; obgleich ich zugebe, daß man freilich wohl einen jungen Men⸗ ſchen eben ſo gut in falſchen Grundſätzen und Begriffen heranziehen und ſchulen kann, als in wahren und geſunden. Aber wir hatten eine Klaſſe, hauptſächlich von engliſcher Abſtammung, welche ihre Söhne gut erziehen ließ, indem ſie ſie gewöhnlich in das Heimath⸗ land auf die großen engliſchen Schulen ſandte, und zuletzt auf den Univerſitäten ihre Bildung beendigen ließ. Dieſe Leute jedoch leb⸗ ten vorzugsweiſe in der Stadt, oder, wenn ſie Güter am Hudſon hatten, brachten ſie hier ihren Winter zu. Zu dieſer Klaſſe gehörten die Littlepages nicht; denn weder ihr Vermögen noch ihre Lebens⸗ gewohnheiten verſuchten ſie, einen ſo hohen Flug zu nehmen. Was mich betrifft, ſo lernte ich hinreichend Latein und Griechiſch um in das Collegium treten zu können, bei dem hochwürdigen Thomas Worden, einem engliſchen Geiſtlichen, welcher Rektor von St. Jude war, dem Kirchſpiel, welchem unſre Familie angehörte. Dieſer Gentleman galt für einen guten Gelehrten und war ſehr beliebt bei der Gentry der Grafſchaft; er beſuchte alle Gaſtmahle, Clubs, Wettrennen, Bälle im Umkreis von ſeinem Wohnſitz. Seine Pre⸗ digten waren dürftig und kurz, und er ſprach immer von den halb⸗ ſtündigen Predigern als von ungebildeten, unwiſſenſchaftlichen Schwä⸗ tzern, welche es nicht verſtünden, ihre Gedanken zuſammen zu drän⸗ gen. Zwanzig Minuten war ſein Maß, obwohl ich mich erinnere, von meinem Vater gehört zu haben, er wiſſe Fälle, wo er zweiund⸗ zwanzig Minuten lang geſprochen. Wenn er ſie auf vierzehn Mi⸗ nuten zuſammen drängte, betheuerte jedesmal mein Großvater, wie entzückt er ſey. Ich blieb bei Mr. Worden, bis ich die zwei erſten Bücher der Aeneis und das ganze Evangelium Matthäi ziemlich geläufig über⸗ ſetzen konnte; und dann begannen mein Vater und mein Groß⸗ 23 hung vater— der Letztere ganz beſonders, denn der alte Herr hielt gar kann große Stücke auf Gelehrſamkeit,— in ihrem Gemüthe zu überle⸗ wer⸗ gen, in welches Collegium ich geſandt werden ſolle. Wir hatten Men⸗ die Wahl unter zweien, in welchen beiden die gelehrten Sprachen iehen und die Wiſſenſchaften in einem Grade und in einer Vollkommen⸗ atten heit gelehrt werden, welche für ein ſo junges Land wirklich über⸗ ihre raſchend iſt. Dieſe Collegia ſind Yale, zu New⸗Haven, in Con⸗ nath⸗ nektikut, und Naſſau⸗Hall, welches ſich damals zu Newark in New⸗ f den Jerſey befand, nachdem es eine kurze Zeit in Elizabethtown gewe⸗ leb⸗ ſen, das aber ſeitdem nach Princeton verlegt worden iſt. Mr. idſon Worden lachte über beide; ſagte, in keinem finde ſich ſo viel Ge⸗ örten lehrſamkeit als in einer engliſchen Grammatikſchule zweiten Ranges; bens⸗ und einer der geringern Knaben von Elton oder Weſtminſter könnte Was auf beiden den Magiſtergrad erwerben, und obenein noch für ein m in Wunder von Kenntniſſen gelten. Mein Vater, der, in der Colonie omas geboren, ein gut Theil ächter Colonialgeſinnung beſaß, war hier⸗ Jude über, wie ich mich erinnere, ärgerlich; während mein Großvater, HDieſer im alten Lande geboren, aber in den Colonien erzogen, in Verle⸗ eliebt* genheit war, wie er die Sache anſehen ſollte. Der Capitän hatte lubs, große Achtung vor ſeinem Heimathlande, und betrachtete es unver⸗ Pre⸗ kennbar als das Paradies auf Erden, obgleich er keine ſehr deut⸗ halb⸗ liche Erinnerungen mehr davon hatte; aber zugleich liebte er Old⸗ chwä⸗ York, und Weſt⸗Cheſter insbeſondere, wo er geheirathet und ſich in drän⸗ Satans⸗Toe niedergelaſſen hatte; oder, wie er es buchſtabirte und anere, ſchrieb, und wir Alle jetzt ſchon manchen Tag her: Satanstoe. iund⸗ Ich war anweſend bei der Unterredung, wo die Frage entſchie⸗ Mi⸗ den wurde, welche meine fernere Bildung betraf, und welche , wie ſtatt fand in dem gewöhnlichen Geſellſchaftssimmer, um ein lodern⸗ des Feuer herum, etwa acht Tage vor Weihnachten, in dem Jahre er der wo ich Vierzehn alt wurde. Zugegen waren Capitän Hugh Roger, über⸗ Major Evans, meine Mutter, der hochwürdige Mr. Worden und Groß⸗ ein alter Gentleman von holländiſchem Namen und Ablkunft, 24 genannt Abraham Van Valkenburgh, von ſeinen Freunden vertrau⸗ lich Bram Follock, oder Oberſt Follock oder Volleck genannt, je nachdem dieſe mehr oder weniger ceremoniös, oder mehr oder we⸗ niger holländiſch waren. Follock jedoch glaube ich war die Lieb⸗ lingsbenennung. Dieſer Oberſt Van Valkenburgh war ein alter Waffenbruder meines Vaters und überdieß ein Verwandter, eine Art von Vetter, von meiner Urgroßmutter her, neben dem daß er ein Mann von vielem Anſehen und von Gediegenheit war. Er wohnte im Rockland, gerade über dem Hudſon drüben, verfehlte aber nie um dieſe Jahrszeit einen Beſuch in Satanstoe zu machen. Dießmal war er begleitet von ſeinem Sohne, Dirck, welcher mein Freund war, und gerade ein Jahr jünger als ich. „Nun denn,“ begann der Oberſt, in holländiſchem Accent, das Geſpräch, indem er die Aſche aus ſeiner Pfeife zum zweiten Mal dieſen Abend ausklopfte, nachdem er erſt einen Schluck heißen Flip,— ein damals wie noch jetzt ſehr beliebtes Getränke*,— genommen hatte—„nun denn, Erans, was iſt Euer Vorhaben mit dem Kna⸗ ben? Soll er ein Collegiumsgelehrter werden, wie ſein Großvater, oder nur ein in der Schule Unterrichteter, wie ſein Vater?“ Die Anſpielung auf den Großvater war ein Scherz des Oberſts, wel⸗ cher behauptete, alle im alten Mutterlande Gebornen ſeyen durch Inſtinkt ſchon Collegiumsgelehrte. „Die Wahrheit zu geſtehen, Bram,“ verſetzte mein Vater,„das iſt ein noch nicht ganz feſt ausgemachter Punkt, denn es ſind ver⸗ ſchiedene Meinungen über den Ort, wohin er geſchickt werden ſollte, vorausgeſetzt auch, daß er überhaupt hingehen ſoll.“ Der Oberſt heftete ſeine großen, vorſtehenden blauen Augen auf meinen Vater, in einer Art und Weiſe, welche ſehr ſprechend ſeine Ueberraſchung zu erkennen gab. „ Wie denn, gibt es hier ſo viele Collegien, daß es ſchwer iſt zu wählen?“ fragte er. * Von Zucker, Bier und Branntwein. 25 „Es ſind nur zwei, welche für uns zweckdienlich ſeyn können, denn Cambridge iſt viel zu weit entfernt, als daß man daran den⸗ ken könnte, den Knaben dahin zu ſchicken. Wir hatten einmal Cambridge im Sinne, aber der Gedanke iſt aufgegeben.“ Wo iſt denn Cambridge?“ fragte der Holländer, die Pfeife aus dem Munde nehmend, um eine ſo wichtige Frage zu thun,— eine Ceremonie die er für gewöhnlich nicht nöthig fand. „Es iſt ein Collegium in Neu⸗England, in der Nähe von Boſton, keine halbe Tagereiſe davon entfernt, glaube ich.“ „Schickt den Cornelius nicht dahin!“ ſprudelte der Oberſt heraus, indem er dieſe Worte neben der Mundſpitze der Pfeife her⸗ aus zu bringen wußte. „Ihr meint nicht, Oberſt Follock?“ miſchte ſich die ängſtlich beſorgte Mutter ein;„darf ich Euch nach dem Grund dieſer Eurer Meinung fragen?“ „Zu viel Sonntag, Matam Littlepage— der Knabe wird verderbt werden durch die Pfaffen. Er wird hingehen als ein ehr⸗ licher Junge, und zurückkommen als ein Schelm. Er wird beten und betrügen lernen.“— „Ei pfui! mein edler Oberſt!“ rief der hochwürdige Mr. Wor⸗ den, größere Entrüſtung heuchelnd, als er in Wahrheit empfand. „Alſo bildet Ihr Euch ein, die Geiſtlichkeit und zu viel Sonntag ſeyen im Stande einen ehrlichen Jungen in einen Schurken zu verwandeln!“ Der Oberſt gab keine Antwort und rauchte nur philoſophiſch fort, obgleich er die Gelegenheit ergriff, während er die Pfeife in einer der periodiſch wiederkehrenden Friſten aus dem Munde nahm, eine bedeutungsvolle Geberde damit gegen Sonnenaufgang zu ma⸗ chen, deren Sinn von allen Anweſenden verſtanden wurde, und ſo viel hieß als: nach Oſten zu, wie man ſagt, um die Colonien von Neu⸗England zu bezeichnen. Daß er von dem hochwürdigen Mr. Worden verſtanden wurde, iſt höchſt wahrſcheinlich, denn dieſer 26 Gentleman fuhr fort, den Flip aus einem Gefäß in ein anderes zu gießen, damit die Beſtandtheile der Miſchung ſich noch inniger vermiſchten, mit einer Kaltblütigkeit, als wäre gar keine Bemerkung über ſeinen Beruf gefallen. „Was haltet Ihr von Yale, Freund Bram?“ fragte mein Vater, welcher jene Geberde ſo gut als Einer der Anweſenden verſtand. „Iſt kein Unterſchied, Evans; ſie Alle predigen und beten zu viel. Rechtſchaffene Leute haben nicht ſo viele Religion nöthig. Wenn ein Menſch wirklich gut iſt, ſo thut ihm die Religion nur Schaden. Ich meine die Yankee⸗Religion.“ „Ich habe eine andere Einwendung gegen Yale,“ bemerkte Capitän Hugh Roger, und das iſt ihr Engliſch.“ „Oh!“ rief der Oberſt—„Ihr Engliſch iſt entſetzlich! Aerger als irgend Etwas für unſer holländiſch Ohr!“ „Ha, das wußte ich nicht,“ ſagte mein Vater.„Sie ſind Engländer, Sir, ſo gut wie wir, und warum ſollten ſie die Sprache nicht ſo gut wie wir ſprechen?“ „Warum ſpricht ein Mann von Yorkſhire oder vin Cornwall nicht ſo gut wie ein Londoner? Ich will Euch Etwas ſagen, Evans, ich will den beſten Kampfhahn auf dem Landhals gegen den geringſten Düngerhaufenhahn ſetzen, den der Pfarrer hat, der Präſident von Yale ſpricht peen aus wie pen und roof wie ruff u. ſ. f.“ „Meine Vögel ſind alle von der Gattung der Kämpfer,“ be⸗ merkte der Geiſtliche dazwiſchen;„ich halte keine andere Zucht.“ „Wahrhaftig Mr. Worden, Ihr ermuntert und billigt doch wohl nicht Hahnenkämpfe durch Eure Gegenwart?“ ſagte meine Mutter, mit einem ſo vorwurfsvollen Ton und Weſen, als ſich nur irgend mit dem heiligen Amt des Angeredeten und mit ihrer eigenen ſanften Gemüthsart vertrug. Der Oberſt blinzelte meinem Vater zu und lachte durch ſeine Pfeife, ein Kunſtnück, das er, wie man ſagen konnte, beinahe ſtündlich machte. Mein Vater lächelte ebenfalls; — 8 — 8 2 —— ———,— — 27 deres denn, die Wahrheit zu geſtehen, er war wirklich ein paar Male zu⸗ niger gegen geweſen, wo die Neugier des Pfarrers dieſen verlockt hatte, kung ein wenig zuzuſchauen; mein Großvater aber machte ein ſehr ernſtes und würdevolles Geſicht. Mr. Worden ſelbſt begegnete dem Ver⸗ mein dacht wie ein Mann. Um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen: nden wenn er kein Ascetiker war, ſo war er auch kein ſeufzender und weinender Heuchler, wie es nur zu häufig der Fall iſt bei Solchen, n zu welche Schüler und Diener unſeres heiligen Herrn ſeyn wollen. thig.„Warum nicht, Madame Littlepage?“ fragte Mr. Worden nur mannhaft.„Es gibt ſchlimmere Plätze als die der Hahnenkämpfe; denn, bemerkt das wohl, ich wette nie, nein! auch nicht bei Pferde⸗ nerkte rennen; und das iſt eine Gelegenheit, wo jeder Gentleman ein paar Guineen ganz ehrenhafter und anſtändiger Weiſe daran wagen darf. erger Es gibt in dieſem Lande ſo wenige Unterhaltungen für Perſonen von Erziehung, Madame Littlepage, daß man nicht allzu wähleriſch ſind ſeyn darf Freilich wenn es hier Hunde und Jagd gäbe, wie im rache Heimathland, ſolltet Ihr nie von meiner Anweſenheit bei einem Hahnenkampf hören, das verſichere ich Euch.“ wall„Ich muß ſagen, ich billige die Hahnenkämpfe nicht,“ verſetzte ien, meine Mutter ſanft,„und ich hoffe, Corny wird man nie bei einem egen ſehen. Nein— nie— nie!“ der„Darin habt Ihr Unrecht, Matame Littlepage,“ bemerkte der f.⸗ Oberſt,„denn der Anblick des Muthes der Hähne wird dem Kna⸗ be⸗ ben ſelbſt Muth geben. Mein Tirck, hier, geht zu allen in der Nachbarſchaft, und er iſt ſelbſt ein Kampfhahn, laßt mich Euch ſa⸗ doch gen. Komm, Tirck,— komm mein Hähnchen, zeig' dich!“ ſeine Dieß war völlig wahr, wie ich recht gut wußte, ſo jung ich nur war. Dirck, der dem Anſchein nach ein ſo ſchwerfälliger, träger enen und unbeweglicher Knabe war, wie man unter Tauſenden kaum Einen gater finden konnte, war im Grunde ſeines Weſens durchaus kampfluſtig, man und er war, wie er mir ſelbſt erzählt hatte, ſchon bei manchem alls; Strauß geweſen. Wie viel von ſeinem Muth und ſeiner Kampfluſt 28 die Folge davon war, daß er ſolchen Schauſpielen angewohnt hatte, will ich mir nicht anmaßen zu entſcheiden; denn ich habe in den neuern Zeiten bezweifeln hören, ob ſolche Schauſpiele den Muth der Zuſchauer wirklich erhöhen oder nicht. Aber Dirck hatte Feuer, und zwar im Ueberfluß, und in dieſem Punkte wenigſtens täuſchte ſich ſein Vater nicht. Des Oberſts Meinung hatte immer Gewicht bei meiner Mutter, ſowohl wegen ſeiner holländiſchen Abkunft als wegen ſeiner anerkannten Rechtſchaffenheit; und die Wahrheit zu geſtehen, ein Grundſatz oder ein Wort von ihm hatte bei ihr viel mehr Geltung und Gewicht als dieſelben im Munde des Geiſtlichen gehabt hätten. Sie ſchwieg daher für den Augenblick von den Hahnenkämpfen, was dem Capitän Hugh Roger Gelegenheit gab, den Gegenſtand der engliſchen Sprache weiter zu erörtern. Der Großvater, ein eingefleiſchter Liebhaber jener Art von Unterhaltung, würde ſich hier gern in das Geſpräch eingemiſcht haben, aber er hatte eine große Zärtlichkeit für meine Mutter, welche beiläufig be⸗ merkt von Jedermann geliebt wurde, und er bezwang ſich, froh darüber, daß ein ſo wichtiges Intereſſe in ſo gute Hände wie die des Oberſts, gefallen war. Er wäre eben ſo leicht von der Kirche als von einem Hahnenkampf weggeblieben, und doch hielt er ſehr ſtreng auf Beobachtung der religiöſen Pflichten. „Ich würde Evans nach Yale geſchickt haben, wäre nicht die erbärmliche Art, das Engliſche zu ſprechen, die ſie in Neu⸗England haben,“ begann mein Großvater wieder;„und ich wünſchte nicht, einen Sohn zu haben, der für einen Cornwalliſer gelten könnte. Wir werden dieſen Knaben nach Newark, in New⸗Jerſey, ſchicken müſſen. Die Entfernung iſt nicht ſo groß, und wir werden dann auch die Gewißheit haben, daß er keine ſolche rundköpfiſche Begriffe von der Religion einſaugt. Oberſt Bram, Ihr Holländer ſeyd auch nicht ganz frei von dieſen leidigen Thorheiten!“ „Zum Henker damit!“ brummte der Oberſt durch ſeine Pfeife; denn kein Anhänger des Liberalismus und Latitudinarismus in der Religion konnte ein größerer Feind der Ertra⸗Frömmigkeit ſeyn als ☛—— 2 29 gatte, er. Der Oberſt gehörte jedoch nicht der holländiſchen reformirten den Kirche an, er war ein Episkopale, wie wir auch, ſeine Mutter hatte Nuth dieſen Zweig der Follocks in die Kirche gebracht; und daher theilte euer, er mit Herz und Hand alle unſre Geſinnungen in Betreff der Re⸗ ſchte ligion. Vielleicht ſtand Mr. Worden bei keinem Mitglied der vier vicht Kirchſpiele in größerer Gunſt als bei Oberſt Abraham Van Valken⸗ als burgh. t zu„Ich würde mich weniger bedenken, Corny nach Newark zu viel ſchicken,“ ſagte meine Mutter,„wäre es nicht, daß er übers Waſ⸗ ichen ſer muß!“ den„Ueber's Waſſer muß!“ wiederholte Mr. Worden.„Das Newark gab, das wir meinen, Madame Littlepage, iſt nicht in dem Heimathland; Der das Jerſey, von dem wir ſprechen iſt die nahe gelegene Colonie ung, dieſes Namens.“ 4 r er„Ich weiß das wohl, Mr. Worden; aber es iſt nicht möglich, be⸗ nach Newark zu kommen, ohne die fürchterliche Reiſe zwiſchen New⸗ froh York und Powles’ Hook zu machen. Nein, Sir, es iſt unmöglich; die und jedesmal, wenn das Kind heim kommt, iſt dieſe Gefahr zu be⸗ irche ſtehen. Es würde mir manche ſchlafloſe Nacht verurſachen!“ ſehr„Er kann auf Tobb's Fähre hinüber kommen, Madam Little⸗ page,“ bemerkte der Oberſt ruhig. die„Dobb's Fähre kann nur ſehr wenig beſſer ſeyn als die bei land Powles' Hook,“ verſetzte die zärtliche Mutter.„Eine Fähre iſt eine iicht, Fähre; und der Hudſon bleibt der Hudſon, von Albany bis New⸗ inte. York. Waſſer iſt eben Waſſer.“ icken Da dieß Alles unbeſtreitbare Sätze waren, ſo führten ſie eine dann Pauſe im Geſpräch herbei; denn die Menſchen gebahren mit neuen riffe Ideen nicht ſo leicht und frei wie mit den alten. ſeyd„Es gibt ein Mittel, Evans, wie Ihr und ich aus Erfahrung wiſſen,“ begann der Oberſt, wieder meinem Vater zublinzelnd,„näm⸗ eife; lich ganz um den Hudſon herumzugehen. Allerdings iſt es ein der langer Weg und geht ein Bischen durch die Wälder; aber beſſer als 30 man unternimmt das, als man läßt den Knaben ſeine Kenntniſſe wieder verlieren. Die Reiſe läßt ſich wohl in zwei Monaten ma⸗ chen, und die Bewegung und Anſtrengung wird ihm gut thun. Der Major und ich waren nie friſcher, als wie wir an den Quellen des Hudſon operirten. Ich will Corny den Weg beſchreiben.“ Meine Mutter ſah daß man über ihre Beſorgniſſe ſpottete, und ſie war klug genug, um zu ſchweigen. Die Erörterung aber hatte nichtsdeſtoweniger ihren Fortgang, bis nach einer ſtundenlan⸗ gen weitern Erwägung der Gründe für und wider, entſchieden war, daß ich nach Naſſau⸗Hall in Newark, in New⸗Jerſey, geſchickt, und mit dem Collegium jenen Ort verlaſſen ſollte, wenn immer dieß Er⸗ eigniß eintrete. „Ihr werdet Dirck auch dahin ſchicken,“ ſagte mein Vater, ſo⸗ bald die Sache in Betreff meiner ganz entſchieden war.„Es wäre Schade die Knaben zu trennen, nachdem ſie ſo lange bei einander geweſen und ſich ſo ſehr an einander gewöhnt haben. Ihre Cha⸗ raktere ſind ſich auch ſo verwandt, daß ſie mehr wie Brüder als ſehr entfernte Verwandte ſind.“ „Sie werden einander nur um ſo lieber haben, wenn ſie ein wenig verſchieden werden,“ antwortete der Oberſt trocken. Dirck und ich waren einander ſo unähnlich als ein Pferd und ein Maulthier. 3 „Ja, aber Dirck iſt ein Junge, der einer Erziehung Ehre ma⸗ chen wird— er iſt ſolid und ernſt, und bei einem ſolchen Jüng⸗ ling wird die Gelehrſamkeit nicht verloren ſeyn. Wäre er in Eng⸗ land, dieſer geſetzte Knabe könnte es wohl zum Biſchof bringen.“ „Ich brauche keine Biſchöfe in meiner Familie, Major Evans; auch brauche ich keine große Gelehrſamkeit. Keiner von uns hat je ein Collegium geſehen, und wir haben uns Alle ganz gut durch die Welt gebracht. Ich bin Oberſt und Mitglied der Aſſembly; mein Vater war auch Oberſt und Mitglied der Aſſembly; und mein Großvater wäre auch Oberſt und Mitglied der Aſſembly geworden, Er⸗ ſo⸗ väre nder Cha⸗ als ein und ma⸗ üng⸗ Eng⸗ .ℳ ans; hat durch bly; mein rden, 31 aber es gab zu ſeiner Zeit keine Oberſten und Mitglieder der Aſ⸗ ſembly; Tirck aber dort kann wohl Oberſt und Mitglied der Aſ⸗ ſembly werden, ohne über das Waſſer zu gehen auf der entſetzlichen Fähre, welche der Matam Littlepage ſo große Angſt macht.“ Es lag meiſt etwas Humor in Allem, was Oberſt Follock ſagte und that; obwohl man geſtehen muß, es war Humor nach holländiſchem Zuſchnitt; Niederländerſpaß, wie Mr. Worden es zu nennen pflegte. Dennoch war es Humor; und all die jüngern Generationen der Familie Littlepage hatten holländiſches Blut ge⸗ nug in ſich, um ſich daran zu erfreuen. Mein Vater verſtand ihn, und meine Mutter hörte noch manchesmal von der entſetzlichen Fähre ſprechen, bis nicht nur ich, ſondern das Collegium ſelbſt Newark verlaſſen hatten; denn die Anſtalt wurde, einige Zeit ehe ich mei⸗ nen Grad erwarb, nach Princeton verlegt, wo ſie ſich noch jetzt befindet. „Ihr habt Euch ganz gut in der Welt fortgebracht ohne eine Collegiums⸗Erziehung, wie Jedermann zugeben muß, Oberſt,“ ant⸗ wortete Mr. Worden; aber Niemand weiß, wie viel beſſer es Euch noch ergangen wäre, wenn Ihr ein Artium Magister gewor⸗ den. Ihr hättet im letztern Falle General und Mitglied des Ge⸗ heimenrathes werden können.“ „Es gibt keinen General in der Colonie, den Oberbefehls⸗ haber und Statthalter Seiner Majeſtät ausgenommen,“ erwiederte der Oberſt.„Wir ſind keine Yankee's, daß wir aus Bauern Generale machten.“ Hierauf klopften der Oberſt und mein Vater in demſelben Augenblick die Aſche aus ihren Pfeifen und Beide lachten,— eine Heiterkeit, in welche der Pfarrer, mein Großvater, meine gute Mutter und ich ſelbſt einſtimmten. Selbſt ein Negerknabe, etwa von meinem Alter, deſſen Name Jakob, oder Jaap war, aber ge⸗ wöhnlich Naap genannt wurde, grinste bei dieſer Bemerkung, denn er hegte eine gründliche Verachtung gegen das Yankee⸗Land und 32 alle ſeine Bewohner; eine beinahe ſo gründliche Verachtung, als die war, welche das YNankee⸗Land gegen New⸗York und ſeine holländi⸗ ſche Bevölkerung hegte. Dirck war der Einzige von allen Anweſen⸗ den, der ein ernſthaftes Geſicht behielt; aber Dirck war ſeinem gan⸗ zen Weſen nach ſo ernſt und geſetzt, als wäre er dazu geboren, ein Bürgermeiſter zu werden. 3 „Ganz recht Brom,“ rief mein Vater;„Oberſte ſind gut genug für uns; und ſelbſt wenn wir Einen dazu machen, ſehen wir ein Bischen darauf, daß er achtbar und für den Poſten tüchtig iſt. Dennoch wird Gelehrſamkeit dem Corny nicht ſchaden, und in's Collegium ſoll er, mögt Ihr auch mit Dirck thun, was Euch beliebt. So iſt alſo dieſe Sache abgemacht, und braucht nicht wei⸗ ter davon geſprochen zu werden.“ Und abgemacht war die Sache, und in's Collegium ging ich ab, und zwar obendrein auf der grauenvollen Fähre von Powle's⸗ Hook. So nahe der Stadt wir wohnten, machte ich doch auf der Inſel Manhattan meinen erſten Beſuch an dem Tage, wo mein Vater und ich nach Newark uns auf den Weg machten. Ich hatte eine Tante, welche in Queen⸗Street wohnte, nicht ſehr weit ent⸗ fernt vom Fort, und ſie hatte mich und meinen Vater freundlich eingeladen einen Tag bei ihr, auf unſerm Wege nach New⸗Jerſey, zuzubringen, und dieſe Einladung ward angenommen. In meiner Jugendzeit war die Welt überhaupt nicht darauf aus, herumzu⸗ fegen, wie es jetzt der Brauch wird, und weder mein Großvater noch mein Vater reisten mehr als zweimal im Jahr in die Stadt, außer wenn ihr Beruf bei der Legislatur ſie dahin rief. Meiner Mutter Beſuche daſelbſt waren noch ſeltener, obwohl Mrs. Legge, meine Tante, ihre leibliche Schweſter war. Mr. Legge war ein Advokat von vielem Ruf, aber er hatte Neigung, Oppoſition zu machen, oder er ſtellte ſich in der Politik auf die volksthümliche Seite; und zwiſchen einem Manne von dieſer Geſinnung und unſrer Familie konnte keine ſehr große Herzlichkeit beſtehen. Ich erinnere ls die ländi⸗ veſen⸗ gan⸗ voren, d gut ſehen üchtig und Euch t wei⸗ ag ich wle's⸗ uf der mein hatte t ent⸗ ndlich derſey, neiner umzu⸗ ßvater Stadt, Neiner Legge, r ein on zu mliche unſrer innere 33 mich noch,— wir waren keine Stunde im Hauſe, als ſchon eine ſehr warme Erörterung zwiſchen meinem Vater und meinem Oheim ſich entſpann über die Frage, ob der Unterthan das Recht habe, die Regierungshandlungen zu prüfen und zu tadeln. Wir waren von Hauſe abgereist unmittelbar nach einem zu guter Zeit einge⸗ nommenen Frühſtück, um vor Dunkel die Stadt zu erreichen; aber ein langer Aufenthalt bei der Fähre zu Harlem nöthigte uns, in dieſem Ort zu Mittag zu eſſen, und es war ganz Nacht, bis wir in Queen⸗Street ankamen. Meine Tante beſtellte das Nachteſſen recht frühe, damit wir bald in's Bett kämen, uns von unſern Strapazen erholten und am nächſten Tage friſch wären, um Alles zu ſehen. Wir ſetzten uns deßhalb binnen weniger als einer Stunde nach unſrer Ankunft zum Nachteſſen; und während wir zu Tiſche ſaßen, fand die oben erwähnte Erörterung Statt. Wie es ſcheint, hatte ſich in der Stadt unter den Unloyalen, und ich möchte faſt ſagen, den Mißvergnügten eine Partei aufgethan, welche für den Unterthan das Recht in Anſpruch nahm, zu erfahren, auf welche Art jeder Shilling des durch Steuern aufgebrachten Geldes verausgabt werde. Dieſer ganz offenbar ungeeigneten Einmiſchung von Seiten der Regierten in Sachen, die ſie nichts angingen, ward von Seiten der Regierenden entgegengetreten, und zwar mit Nachdruck; inſo⸗ fern ſolche Erkundigungen und Nachforſchungen ganz natürlich zu Ergebniſſen führen konnten, welche die Autorität der Regierung in Mißachtung bringen, die Regierten anmaßend und vorlaut in ihren Geſinnungen machen, und viele Unordnung und Ungelegenheit für den regelmäßigen und wohlthätigen Gang der Regierung herbei⸗ führen würden. Mein Vater verneinte die Frage, während mein Oheim ſie bejahte. Ich erinnere mich wohl noch, wie meine arme Tante ſo ängſtlich und mißbehaglich ausſah, und dem Geſpräch eine andere Wendung zu geben bemüht war, indem ſie unſre Neu⸗ gier auf einen neuen Gegenſtand zu lenken ſuchte. „Corny hat ganz beſonderes Glück gehabt, daß er gerade jetzt Satanstoe. 3 ——— 34 in die Stadt gekommen iſt, da wir morgen eine Art Galatag für die Schwarzen und die Kinder haben werden.“ Ich fühlte mich nicht im Mindeſten beleidigt, ſo in Einer Reihe mit den Negern aufgezählt zu werden, denn ſie nahmen an den meiſten Ergötzlichkeiten von uns jungen Leuten Theil; aber es ge⸗ fiel mir nicht ſo ganz, unter die Kinder gezählt zu werden, da ich jetzt vierzehn Jahre alt und auf dem Wege in das Collegium war. Trotzdem ermangelte ich nicht, in meinem Geſicht Intereſſe zu ver⸗ rathen, was nun kommen würde⸗ Mein Vater zögerte nicht, ſich Aufklärung zu erbitten. „Dieſen Morgen iſt durch eine ſchnellſegelnde Schaluppe die Nachricht eingelaufen, daß der Patroon von Albany ſich auf dem Wege nach New⸗York befindet, in ſeiner Kutſche mit vier Pferden und mit zwei Vorreitern, und daß zu erwarten ſey, er werde im Laufe des morgenden Tages die Stadt erreichen. Einige meiner Bekannten haben eingewilligt, ihre Kinder eine Strecke weit auf's Land hinaus zu ſchicken, um ihn kommen zu ſehen; und was die Schwarzen betrifft, ſo wißt Ihr, es iſt das Beſte, ihnen Erlaubniß zu geben, mitzugehen, da ſonſt doch die Hälfte von ihnen ungefragt hinausziehen würde.“ „Das wird eine treffliche Gelegenheit ſeyn, Corny Etwas von der Welt ſehen zu laſſen,“ rief mein Vater,„und ich möchte ſie ihn unter keiner Bedingung verſäumen laſſen. Ueberdieß iſt es auch nützlich, jungen Leute frühe ſchon die zuträgliche Lehre einzu⸗ prägen, die Höhern und Aelteren zu ehren.“ „In dieſem Sinne mag es ſchon recht ſeyn,“ brummte mein Oheim, der, obwohl in ſeinen politiſchen Anſichten ein ſtarker La⸗ titudinarier, doch nie ermangelte, alle für's Privatleben nützlichen und nothwendigen Grundſätze anzuempfehlen,„da der Patroon von Albany Einer der Achtbarſten und Reichſten unter unſrer geſamm⸗ ten Gentry iſt. Ich habe nichts dagegen, daß Corny zu dieſem Schau⸗ ſpiel gehe, und ich hoffe, meine Liebe, Ihr werdet Pompejus und g für Reihe n den 2s ge⸗ da ich war. u ver⸗ ſich pe die f dem ferden rde im meiner t auf's das die aubniß gefragt as von hhte ſie iſt es einzu⸗ te mein ker La⸗ tzlichen on von eſamm⸗ Schau⸗ jus und 35 Cäſar auch daran Theil nehmen laſſen. Es wird den Burſchen Nichts ſchaden, wenn ſie ſehen, in welcher Art und Weiſe der Pa⸗ troon ſein Fuhrwerk und ſeine Pferde hält.“ Pompejus und Cäſar waren demzufolge auch von der Partie, doch geſellte ſich der Letztere erſt zu uns, nachdem Pompejus mich durch die ganze Stadt geführt und mir die Hauptſehenswürdigkei⸗ ten gezeigt hatte, da man annahm, der Patroon habe zu Kings⸗ bridge geſchlafen und werde wahrſcheinlich erſt gegen Mittag die Stadt erreichen. New⸗York war freilich im Jahr 1751 nicht die Stadt wie jetzt; aber doch war es ſchon zu der Zeit, als ich in das Collegium reiste, eine große und wichtige Stadt, von nicht weniger als zwölftauſend Seelen, die Schwarzen mit eingeſchloſſen. Das Stadthaus iſt ein prächtiges Gebäude, das oben in der Broad⸗Street ſteht; und dahin führte mich Pompejus, noch ehe meine Tante zum Frühſtück herabgekommen war. Ich konnte dieſes ſchöne Gebäude kaum genug bewundern, das hinſichtlich der Größe, Architektur und Lage kaum jetzt in allen Colonien ſeines Gleichen hat. Es iſt wahr, die Stadt hat ſich in den letzten zwanzig Jahren ſehr vergrößert und verſchönert; aber York war ſelbſt ſchon in der Mitte dieſes Jahrhunderts ein ſtattlicher Ort! Nach dem Frühſtück begaben Pompejus und ich uns nach Broadway, in der Nähe des Forts, am Bowling⸗Green, und wanderten eine Strecke über den Anfang von Wall⸗Street hinaus, wohl eine Viertelmeile. Und hier war noch nicht das Ende der Stadt; obgleich ihre vornehmſte Ausdeh⸗ nung am Ufer des Eaſt⸗River hin ſich erſtreckt oder damals erſtreckte. Trinity⸗Church konnte ich auch kaum genug bewundern; denn es ſchien mir, dieſe Kirche ſey geräumig genug, um ſämmtliche Kir⸗ chengenoſſen in der ganzen Colonie zu faſſen.* Es war ein ehr⸗ * Der einſichtsvolle Leſer wird natürlich die provinziale Bewunderung des Mr. Littlepage gehörig zu würdigen wiſſen, welcher, wie man leicht be⸗ greift, ſich einbildete, was ihm als das Höchſte erſcheine, ſey auch für Andere das Höchſte. Die Trinitätskirche jener Zeit brannte ab bei der 36 würdiger Bau, der damals die Sommerhitze und den Winter⸗ ſchnee beinahe ein halbes Jahrhundert auf ſeinen Dächern und an ſeinen Mauern empfunden und ertragen hatte, und noch ſteht er da, ein Denkmal frommen Eifers und gebildeten Geſchmacks. Auch andere Kirchen waren natürlich da, andern Glaubensweiſen angehörig, die des Sehens wohl werth waren; um Nichts zu ſagen von den Märkten. Ich glaubte niemals müde zu werden, die Pracht der Buden und Läden zu betrachten, beſonders die der Silberarbei⸗ ter, von welchen einige einen Werth von tauſend Dollars in Silberge⸗ ſchirr hinter ihren Fenſtern, oder ſonſt dem Auge des Beſchauers ausgeſetzt, liegen haben mußten. Aehnliches könnte ich auch von den andern Läden ſagen, welche mit vollem Recht einen Theil mei⸗ ner Bewunderung in Anſpruch nahmen. Gegen eilf Uhr zeigte uns die Maſſe von Kindern und von Schwar⸗ zen, die man gegen Bowery⸗Road hin ſich bewegen ſah, daß es Zeit war, jene Richtung einzuſchlagen. Wir befanden uns gerade in dem obern großen Feuersbrunſt von 1776. Das Gebäude, welches beim Frieden von 1783 an ihre Stelle trat, hat auch ſchon einer Nachfolgerin Platz ge⸗ macht, welche mehr Anſprüche hat, mit moderner engliſcher Kirchenarchi⸗ tektur in Städten in Eine Reihe geſtellt zu werden, als irgend ein an⸗ deres Gebäude in der Union. Wenn wieder eine andere Kirche an die Stelle von dieſer treten wird, um ſo Vieles größer und ausgearbeiteter denn ihre Vorgängerin, als dieſe die ihrige übertraf, und dann noch eine neue erſtehen, welche daſſelbe Verhaltniß zu ihr hat, dann wird das Land ein Bauwerk haben, das Europa's erſten gothiſchen Kathedralen und Domen gleich ſteht. Es wäre eine nichtige Behauptung, daß die neue Trinitäts⸗ kirche ohne Fehler ſey, von welchen einige vermuthlich die Folgen von beſondern Umſtänden und der Nothwendigkeit ſind; aber wenn der acht⸗ bare Baumeiſter, der ſie gebaut, auch kein anderes Verdienſt hätte, ſo würde er doch ſchon den Dank jedes Mannes von Geſchmack im Lande daburch verdienen, daß er ſeiner Bevölkerung Kirchthürme von verhältnißmäßiger Größe, Breite und Würde vor Augen ſtellte. Die ſpöttliche Kleinheit der amerikaniſchen Kirchthürme iſt jedem einſichtsvollen, gereisten Amerikaner ein Dorn im Auge geweſen, ſeitdem das Land koloniſirt wurde. Der Herausgeber. von ge⸗ chi⸗ an⸗ die eter eine ein men äts⸗ von icht⸗ ürde urch iger der iner 37 Theile von Broadway, und Pompejus ſchritt mit mir vor, um ſich dem Strome anzuſchließen, wobei er ſich ſo ſehr beeilte, als er konnte, da man dachte, der Reiſende könnte gegen den Eaſt⸗River herabkommen und Queen⸗Street erreichen, ehe wir an dem Punkt ankämen, wo er die Wahl zwiſchen zwei Straßen hatte. Zwar war die alte Stadtreſidenz Stephan de Lancey's, welche oben im Broadway, gerade über Trinity⸗Church ſtand,“ in ein Gaſthaus verwandelt worden, und wir wußten nicht anders, als der Patroon werde wohl hier abſteigen, da dieß das vornehmſte Gaſthaus der Stadt war; aber doch zogen die meiſten Leute Queen⸗Street vor, und die neue City⸗Tavern war ſo vom Wege ab, daß Fremde beſonders nicht gerne dort einſprachen. Cäſar kam ganz außer Athem daher gerannt, gerade als wir auf's freie Feld kamen. Broadway verlaſſend gingen wir auf der Landſtraße fort, welche damals öſtlich ſich abbog, welche aber jetzt allmälig eine Art von Vorſtadt anſetzt, und die nach Queen⸗Street führende Straße paſ⸗ ſirend, zweifelten wir jetzt nicht mehr, dem Reiſenden zu begegnen, deſſen Wagen, wie wir bald erfuhren, noch nicht vorbeigekommen war. Da in dieſem Stadttheil verſchiedene Gaſthäuſer für Land⸗ leute waren und noch ſind, gingen die Meiſten von uns ganz auf's freie Feld hinaus, und wanderten zu bis zu den Landhäuſern der Bayard's, de Lancey's und anderer vornehmer Leute, deren einige entlang von Bowery⸗Road ſtehen. Unſere Geſellſchaft machte Halt unter einigen Kirſchenbäumen, nicht über eine Meile von der Stadt entfernt, faſt gegenüber dem Landhauſe des Lieutenant⸗Gouverneurs de Lancey; ur viele Knaben aber u. ſ. w. gingen noch eine weite Strecke auf's Land hinaus und beſchloſſen den Tag damit, daß ſie Nüſſe und Aepfel ſammelten in den Beſitzungen Petersfield und * Die Lage des jetzigen Stadthofes(City-Hotel.) Der Herausgeber. ** Jetzt die Lancey⸗Street. Der Herausgeber. 38 Roſehill, den Landreſidenzen der Familien Stuyveſant und Watt, oder wie letztere jetzt genannt wird, Watts. Ich hatte Luſt, ſelbſt auch ſo weit vorzugehen, denn ich hatte viel gehört von dieſen bei⸗ den großen Gütern; aber Pompejus ſagte mir, es ſey nothwendig, daß wir bis halb zwei Uhr zum Mittagseſſen zurück ſeyen, da ſeine Gebieterin ſich dazu verſtanden, die Stunde ein Wenig hinauszu⸗ ſchieben, um meinem natürlichen Wunſche, ſo viel als möglich während meines Aufenthalts in der Stadt zu ſehen, Genüge zu leiſten. Es waren nicht lauter Kinder und Schwarze, welche an die⸗ ſem Tage nach Bowery⸗Road zogen; viele Handwerker waren auch unter uns, deren lederne Schürzen bei der Gelegenheit ſeattlich paradirten. Ich ſah ein paar Perſonen, welche Degen trugen, in den Gäßchen und Gehölzen herumſchlendern, Beweis, daß ſelbſt Gentlemen ein Verlangen trugen, eine ſo vornehme Perſon wie den Patroon von Albany vorbeiziehen zu ſehen. Ich werde mich nicht lange bei dem Vorüberzuge des Patroons aufhalten. Er kam an uns vorbei gegen Mittag, wie man erwartete, in ſeiner Kutſche mit vier Pferden, mit zwei Vorreitern und einem Kutſcher u. ſ. w. in Livereien, wie es bei den Familien der Gentry gewöhnlich iſt, und mit einem Zug ſchwerer, ſchwarzer, holländiſch ausſehender Noſſe, welche Cäſar, wie ich mich erinnere, für Thiere von der ächten flämiſchen Zucht erklärte. Der Patroon ſelbſt war ein ſtatt⸗ licher, gutgekleideter Gentleman, trug einen Scharlachrock, eine fliegende Perrücke und einen Stülphut; und ich bemerkte, daß der Griff ſeines Degens von maſſivem Silber war.“* Aber mein Vater * Dieſer Patroon muß Jermiah Van Renſſelaer geweſen ſeyn, welcher ein Jungeſell von vierzig Jahren war, ehe er heirathete. Wenn kein Ana⸗ chronismus obwaltet, ſo heirathete bieſer Gentleman Miß Van Cortlandt, eine der ſieben Töchter des Stephanus Van Cortlandt, Beſitzers des großen Gutes Cortlandt, in der Grafſchaft Weſt⸗Cheſter, welcher ſeiner Zeit die wichtigſte Perſon in der Colonie war. Die ſieben Töchter dieſes 39 trug auch einen Degen mit Griff von maſſivem Silber, ein Ge⸗ ſchenk von meinem Großvater, als Erſterer in die Armee trat. Er verbeugte ſich im Vorbeifahren zum Danke für die Begrüßungen, womit man ihn empfing, und ich dachte, alle Zuſchauer müßten ver⸗ gnügt ſeyn über das herrliche Schauſpiel, eine ſolche Equipage in die Stadt einfahren zu ſehen. Ein ſolcher Anblick kommt nicht jeden Tag in den Colonien vor, und ich fühlte mich ausnehmend glücklich, daß mein guter Stern mir beſchieden hatte, Zeuge davon zu ſeyn. Ein kleiner Zufall begegnete mir, der mir dieſen Tag noch lange merkwürdig machte. Unter den bei dieſer Gelegenheit an der Straße verſammelten Zuſchauern befanden ſich auch einige Gruppen von Mädchen, welche den beſſern Klaſſen angehörten, und welche auf das freie Feld hinausgekommen waren, entweder durch Neugier verlockt, oder durch Veranſtaltung der verſchiedenen ſchwarzen Wärterin⸗ nen, welche ſie unter ihrer Obhut hatten. Unter einer dieſer Gruppe befand ſich ein Mädchen von etwa zehn, vielleicht auch von elf Oberſts Van Cortlandt begründeten dadurch, daß ſie in die Familien de Lancey, Bayard, Van Renſſelaer, Beekmann, M'Gregor, Skinner u. ſ. w. heiratheten, eine Verwandtſchaft, deren Gewicht man in den politiſchen Angelegenheiten von New⸗York lange Zeit empfand. Die Schuyler's waren durch eine frühere Heirath mit ihnen verſchwägert, und ebenſo viele andere gewichtige Familien, namentlich von Long Island, durch frühere Heirathen. Dieſe Verwandtſchaft bildete die Hofpartei, welcher eine Oppoſition ſich entgegenſtellte, an deren Spitze die Livingſtons, Morris und andere Namen von ihrer Verwandtſchaft ſtanden. Dieſer alte Jung⸗ geſelle Jeremiah Van Renſſelaer entäußerte ſich, weil er glaubte, er werde nie mehr heirathen, zu Gunſten ſeines nächſtälteſten Bruders und muth⸗ maßlichen Erben der Beſitzungen Greenbuſh und Claverack,— Theile jener gewaltigen Beſitzungen, welche in unſern Tagen hauptſächlich in Folge der ſtrafbaren Gleichgültigkeit oder des erbärmlichen Demagogismus derjenigen, welche mit der Sorge für die offentliche Wohlfahrt beauf⸗ tragt ſind, der Vorwand geworden ſind, einige der einfachſten Geſetze der Moral zu verletzen, welche Gott den Menſchen mitgetheilt hat Der Herausgeber. 40 Jahren, deren Anzug, Haltung und Miene alsbald meine Aufmerk⸗ ſamkeit auf ſich zog. Ihre großen, glänzenden, vollen, blauen Augen erſchienen mir ganz beſonders einnehmend; und Knaben von vierzehn Jahren ſind nicht ganz unempfindlich gegen die Schönheit beim andern Geſchlecht, obwohl ſie vielleicht öfter im Falle ſind, ſie bei älteren Mädchen, als ſie ſelbſt ſind, als bei jüngern zu be⸗ achten. Pompejus war zufällig bekannt mit Silvia, der Negerin, welche die Aufſicht über meine kleine Schönheit hatte, gegen welche er ſich verbeugte und ſie als Miß Anneke(abgekürzt von Anna Corne⸗ lia) anredete. Anneke ſchien mir auch ein ſehr hübſcher Name, und einige kleine Schritte zu einer Bekanntſchaft wurden dadurch ge⸗ macht, daß ich ihr einige Früchte anbot, welche ich am Wege ge⸗ pflückt hatte. Die Sache gerieth ſchnell in den beſten Gang, und ich hatte ſchon verſchiedene Fragen an ſie gerichtet, 3. B.„ob Miß Anneke je ſchon einen Patrvon geſehen?“—„ob ein Edelmann, der vor kurzer Zeit als Offizier in der Colonie geweſen, oder der Patroon, wohl die ſchönere Kutſche habe?“ als ein Flei ſchersjunge, welcher vorbeiging, roher Weiſe Anneken einen Apfel aus der Hand ſchlug, ſo daß ſie eine Thräne vergoß. Bei dieſer muthwilligen Beleidigung fing ich Feuer, und ver⸗ ſetzte dem Burſchen einen Stoß in die Rippen, der ihm bemerklich machte, daß das junge Frauenzimmer einen Beſchützer habe. Der Junge war etwa von meinem Alter und meiner Größe, und er be⸗ trachtete mich eine Minute lang mit einer Art von Verachtung, dann aber winkte er mir, ihm in einen Obſtgarten ganz in der Nähe zu folgen, der aber dem Auge von der Straße aus entzogen war. Trotz Anneken's dringenden Bitten ging ich mit ihm, und Pompejus und Cäſar folgten. Wir hatten Beide ſchon uns kampf⸗ fertig gemacht, ehe die Neger herbeikamen, denn ſte waren in einem lebhaften Streite, ob man mir den Kampf geſtatten ſolle oder nicht. Pompejus behauptete, das Mittageſſen würde dadurch verzögert wer⸗ den; Cäſar aber, der, wie ſeinem Namen geziemte, mehr Herz hatte, 41 beſtand darauf, da ich Jenem einen Schlag verſetzt, ſey ich ver⸗ pflichtet, Genugthuung zu geben. Zum Glück war Mr. Worden geſchickt im Boxen, und er hatte mir und Dirck vielfache Unter⸗ weiſung darin gegeben, ſo daß ich bald fand, daß ich der Ueber⸗ legene war. Ich zeichnete den Fleiſchersjungen mit einer blutigen Naſe und einem blauen Auge, worauf er den Kampf aufgab und ich als Sieger abtrat; jedoch nicht ohne auch ein paar Fauſtſchläge in's Geſicht erhalten zu haben, welche mir bei meiner Ankunft im Collegium einen Ruf verſchafften, den ich kaum verdiente; nämlich den eines regelrechten Fauſtkämpfers. Als ich nach dieſem Strauß wieder auf die Straße zurückkehrte, war Anneke verſchwunden, und ich war ſo ſchüchtern und einfältig, daß ich mich nicht einmal nach ihrem Familien⸗Namen erkundigte bei Cäſar dem Großen oder Pompejus dem Kleinen. Drittes Kapitel. „Glaube mir, du ſchwatzeſt von einem bewundernswerth einge⸗ bildeten Geſellen. Hat er irgend welche glatte Waaren?“ „Ich bitte dich, bring ihn herein; und laß ihn ſingend ſich nähern.“ Wintermährchen. Ich habe nicht die Abſicht, mich vom Leſer durch das Colle⸗ gium begleiten zu laſſen, wo ich die gewöhnliche Zeit von vier Jah⸗ ren blieb. Dieſe vier Jahre wurden nicht im Müſſigang vertändelt, wie dieß manchmal geſchieht, ſondern zu wirklichem Fortſchreiten benützt. Ich las das ganze Neue Teſtament im Griechiſchen; einige von Cicero's Reden, jede Zeile von Horaz's Satiren und Oden; vier Bücher von der Ilias; den ganzen Tullius de Oratore; und außerdem widmete ich die gebührende Aufmerkſamkeit der Geogra⸗ phie, der Mathematik und andern gewöhnlichen Fächern. Beſon⸗ ders die Moral⸗Philoſophie ſtudirte ich fleißig in meinem letzten Jahre, 42 3 ſo wie auch Aſtronomie. Wir hatten ein Teleskop, welches uns alle er ſey de vier Monde des Jupiter zeigte. In andern Beziehungen konnte— diger gey Naſſau der Sitz der Gelehrſamkeit heißen. Einer von unſerer Klaſſe dem Ged kaufte in der Hauptſtadt ein Exemplar des Euripides aus zweiter wäre.( Hand, und wir hatten es ganze ſechs Monate im Collegium, ob⸗ 44 tüchtigen gleich mir nie das Glück zu Theil ward, es zu ſehen, da der junge mehr Ne Mann, dem es gehörte, nicht ſehr geneigt war, ſeinen Schatz von wahr ſexr profanen Augen beſchauen zu laſſen. Dennoch bin ich überzeugt, hatten, daß das Exemplar jenes Werkes wirklich im Collegium ſich befand; daß unſ und wir trugen Sorge, die Leute zu Yale mehr als einmal davon Wa hören zu laſſen. Ich glaube, ſie haben nie einen Euripides auch 3 unangen nur von außen geſehen. Was das Teleskop betrifft, ſo kann ich war, dac von dieſem aus eigener Anſchauung und Kenntniß zeugen; denn ich ſie zu ich habe mit meinen eigenen Augen, mittelſt feiner Vergrößerungs⸗ der aller gläſer, die Monde des Jupiter wohl zehnmal geſehen. Wir hatten endlichen einen Lehrer, der in der Sternkunde ſehr bewandert war, und der, gedankt, wie man allgemein glaubte, im Stande geweſen ſeyn würde, den 2 auf dieſe Ring des Saturn zu ſehen, wenn er nur den Planeten ſelbſt ge⸗ dem Col funden hätte; aber das gelang ihm eben nicht. viel gröt Meine vier Jahre im Collegium waren glückliche Jahre. Die 3 ausſetzen Ferien kamen oft, und ich ging jedesmal in meine Heimath, und beſtimmt auf dem Hin⸗ oder Herweg brachte ich einen oder zwei Tage bei noch ver meiner Tante Legge zu. Die Erwerbung von Kenntniſſen war mir aber in jederzeit angenehm; und ich darf es jetzt, hoffe ich, ohne Eitelkeit mehr ſo ſagen, ich errang den dritten Ehrengrad in meiner Klaſſe. Wir Es würden unſerer Viere graduirt worden ſeyn, aber Einer von unſrer Mannes Klaſſe war gegen das Ende des erſten Curſus genöthigt, uns wegen welchem leidender Geſundheit zu verlaſſen. Er ſtudirte mit ungewöhnlichem. welche Eifer und Fleiß, und man anerkannte allgemein, daß er, wäre er* hatten, geblieben, den erſten Platz behauptet haben würde. Es herrſchte anfäng⸗ hörten e lich die Anſicht, daß wir unſere Sachen recht löblich gemacht hätten; hielt, ur doch hörte ich nachher meinen Großvater gegen Mr. Worden äußern, wodurch *4 43 er ſey der Anſicht: die Vorträge würden männlicher und preiswür⸗ diger geweſen ſeyn, wenn weniger von dem erſtaunlichen Wachsthum, dem Gedeihen und der Macht der Colonieen geſprochen worden wäre. Er habe Nichts einzuwenden gegen die Ermunterung einer tüchtigen, geſunden patriotiſchen Geſinnung; aber ihm ſcheine, etwas mehr Neues würde den Zuhörern beſſer gefallen haben. Das mochte wahr ſeyn, da wir drei Alle Etwas über dieſen Gegenſtand zu ſagen hatten, und es iſt ein Beweis, wie gleich unſre Denkweiſe war, daß unſre Sprache ſich beinahe ebenſo glich wie unſre Ideen. Was die Fähre von Powles' Hook betrifft, ſo war das eine unangenehme Sache, wie ich zugeben muß; aber ſo lang ich jünger war, dachte ich nicht daran. Meine Mutter jedoch war froh, als ich ſie zum letzten Male hinter mir hatte. Ich erinnere mich noch der allererſten Worte, die ihr entſchlüpften, als ſie mich nach meiner endlichen Rückkehr vom Collegium geküßt hatte:„Nun, Gott ſey gedankt, Corny, jetzt wirſt Du nicht mehr in den Fall kommen, auf dieſer entſetzlichen Fähre überſetzen zu müſſen, nachdem du mit dem Collegium fertig biſt!“ Meine arme Mutter ahnte nicht, wie viel größeren Gefahren ich mich ſpäter in einer anderen Nichtung ausſetzen ſollte. Auch hatte ſie mit ihren Erwartungen in dieſem beſtimmten Punkte nicht einmal Recht, da ich im ſpätern Leben noch verſchiedene Male auf der fraglichen Fähre übergeſetzt bin; aber in den ſpätern Jahren erſchienen auch die Entfernungen nicht mehr ſo groß, als ſie allerdings in meiner Jugend zu ſeyn ſchienen. Es war gleichſam eine Feder auf der Mütze eines jungen Mannes, durch das Collegium gegangen zu ſeyn, im Jahr 1755, in welchem ich promovirte. Es iſt wahr, die Univerſitäts⸗Männer, welche ihre Bildung und Gelehrſamkeit im Mutterlande geholt hatten, waren mehr oder minder zahlreich vorhanden; aber ſie ge⸗ hörten einer Claſſe an, welche ſich von der niedern Gentry entfernt hielt, und die meiſten von ihnen wurden bald in ein Amt eingeſetzt, wodurch dann die Würde eines öffentlichen Charakters zu ihren 8 44 geiſtigen Erwerbniſſen kam, und zwar wurden letztere von jenem ſo ziemlich in Schatten geſtellt. Ich aber ſtand dem Gemeinweſen näher, und meine Stellung machte ganz natürlich möglich, Vor⸗ züge zu unterſcheiden und zu vergleichen. Niemand denkt viel an gewiſſe Gewohnheiten und Anſichten, an gewiſſe Eigenthümtlichkeiten des Benehmens und des Geſchmacks in dem Kreiſe, wo man ſie als von ſich ſelbſt verſtehend vorausſetzt; etwas ganz anderes aber iſt es da, wo alle ſolche Eigenthümlichkeiten oder dieſe und jene die Ausnahme bilden. Ich fürchte, man verſprach ſich mehr von meiner Bildung im Collegium, als je in Erfüllung ging; aber das will ich doch zu Gunſten meiner Alma mater ſagen, daß ich mir nicht bewußt bin, meine im Collegium erworbenen Kenntniſſe ſeyen mir je nachtheilig geweſen, und ich glaube vielmehr, ſie haben eini⸗ germaßen wenigſtens zu dem kleinen Erfolg beigetragen, der mich auf meiner beſcheidnen Laufbahn begleitet hat. Ich hielt fortwährend Freundſchaft mit Dirck Follock ſo lange ich im Collegium blieb. Er ſetzte die Lektüre der Claſſiker unter Anleitung Mr. Worden's fort, zwei Jahre nachdem ich die Schule verlaſſen hattte; aber ich konnte keine irgend der Erwähnung wer⸗ then Fortſchritte bei ihm entdecken. Sein Lehrer pflegte dem Oberſt zu ſagen:„Dircks Fortſchritte ſeyen langſam aber ſicher“; und dieß befriedigte immer einen Mann, der von Haus aus eine Abneigung hatte gegen die Alles überſtürzende Art und Weiſe, die Sachen zu betrei⸗ ben, welche unter der engliſchen Bevölkerung herrſchte. Oberſt Follock, wie wir ihn immer nannten, außer wenn mein Vater oder Großvater ihn aufforderten, ein Glas Wein mit ihnen zu trinken, oder ſeine Geſundheit in dem erſten Glaſe tranken, nachdem das Tiſchtuch weggenommen war, wo er unabänderlich Oberſt Van Val⸗ kenburgh, in ganzer Länge ſeines Namens, betitelt wurde— Oberſt Follock war ganz zufrieden damit, daß ſein Sohn und Erbe nicht Mehr wiſſen ſollte, als er wußte, den Unterſchied an Jahren und an Erfahrung gebührend in Rechnung genommen. Bis zu der 45 Zeit jedoch, wo ich nach Hauſe zurückkehrte, war eine weſentliche Veränderung in der Schule eingetreten. Mr. Worden ward Erbe eines mäßigen Vermögens in ſeinem Heimathlande, und in Folge hievon gab er das Unterrichten auf, als eine Beſchäftigung, woran er nie Freude gehabt hatte. Man wollte ſogar finden, er ſey um einen Grad minder eifrig in Erfüllung ſeiner ſeelſorgerlichen Pflich⸗ ten, als er es früher geweſen, ſeitdem er dieſe fünfzig Pfund Ster⸗ ling jährlich beſaß; doch bin ich weit entfernt, dieß als entſchiedene Thatſache behaupten zu wollen. Jedenfalls vermochten fünfzig Pfund jährlich den Mr. Worden nicht gleichgültig zu machen in Betreff der Kirche, denn er blieb fortwährend ein höchſt eifriger Kirchenmann bis auf die Stunde ſeines Todes; und dieß war ſchon Etwas, ſelbſt zugegeben, daß er nicht ganz ebenſo eifrig geweſen wäre als Chriſt. Da die Kirche die Inhaberin und Trägerin des Glaubens iſt, wenn auch nicht der Glaube ſelbſt, ſo folgt daraus, daß ihre Freunde der Religion nahe ſtehen, wenn ſie auch nicht eigentlich religiös ſind. Ich habe immer einen Mann um ſo mehr leiden mögen, wenn er war, was ich einen tüchtigen, warmen Kirchenmann nenne, moch⸗ ten auch ſeine Lebensgewohnheiten etwas frei ſeyn⸗ Es war nöthig, die Stelle wieder zu beſetzen, welche durch den Rücktritt Mr. Worden's erledigt worden war, oder eine Schule aufzugeben, welche der Kern der gelehrten Kenntniſſe in Weſt Cheſter geworden war. Zuerſt machte ſich der natürliche Wunſch gel⸗ tend, wieder einen Gelehrten aus dem alten Heimathlande dafür zu gewinnen; aber da ſich kein geeigneter Mann darbot, wurde ein Graduirter aus dem Collegium von Yale angenommen, jedoch nicht ohne vielfaches Widerſtreben und großes Mißtrauen. Im Augen⸗ blick, wo er erſchien, zogen Oberſt Follock und Major Nicholas Oothout, ein anderer achtbarer, holländiſcher Nachbar, ihre Söhne aus der Schule zurück; und von dieſer Stunde an beſuchte Dirck die Schule nicht mehr. Es iſt wahr, Weſt Cheſter war nicht eigentlich eine holländiſche Grafſchaft, wie Rockland, Albany und Orange, 46 und einige andere dem Fluß entlang, aber es enthielt manche acht⸗ bare, von Holland her kommende Familien, ohne ſolcher gewichti⸗ gen Leute zu gedenken, wie die Van Cortlandts, Felipſes, Beek⸗ manns und zwei oder drei andere Familien dieſes Schlages. Die meiſten unſrer angeſehenen Familien auf dem Lande hatten eine an⸗ dere Abkunft, wie dieß der Fall war bei den Morriſes von Morri⸗ ſania und von dem Herrenhauſe Fredham, den Pells von Pelham, den Heatheotes von Mamaroneck, dem Zweige der de Lanceys zu Weſt Farms, den Jays von Rye u. ſ. w. Alle dieſe waren von engliſcher oder hugenottiſcher Abſtammung. Unter den Letztern jedoch fand ſich mehr oder weniger holländiſch Blut; obgleich die holländiſchen Vorurtheile bei ihnen nicht wenig erſchüttert und ver⸗ mindert waren. Obgleich Wenige von dieſen Familien ihre Knaben in die Schule ſchickten, wurden ſie doch bei der Wahl eines Lehrers zu Rathe gezogen; und ich bin immer der Meinung geweſen, daß ihre Gleichgültigkeit die Schuld davon getragen habe, daß die Graf⸗ ſchaft am Ende mit den Dienſten eines Yankee von Yale ſich be⸗ gnügen mußte. 5 Der Name des neuen Pädagogen war Jaſon Newceome, oder wie er ſelbſt ihn ausſprach Noocome. Da er ſich einer pedantiſchen Art befliß, die letzte Sylbe lang auszuſprechen, ſo wie ſie der Schrift nach ausgeſprochen werden mußte, nannte er ſich Noo⸗comb, ſtatt Neweum, wie nach engliſcher Ausſprache das Wort geſprochen wer⸗ den müßte, woher er bald den Spottnamen Jaſon Old⸗Comb* unter den Knaben bekam; und ſeine glattgeſtrichenen, kohlſchwarzen und etwas fett und ſchmierig ausſehenden langen Haare trugen auch Etwas dazu bei, ihm dieß sobriquet zu verſchaffen, wie die Fran⸗ zoſen, glaube ich, den Spitznamen bezeichnen. Da dieſer Mr. Newcome in der folgenden Erzählung eine weſentliche Rolle ſpielen wird, ſo iſt es wohl paſſend, etwas näher auf die Schilderung des⸗ ſelben einzugehen. * Comb heißt Kamm; New neu, Old alt. 47 Ich fand bei meiner Rückkehr vom Collegium Jaſon ſchon ganz feſtgeſeſſen in der Schule. Ich erinnere mich, unſere Begegnung war ganz wie die zweier fremden Vögel, welche ſich zum erſten Mal auf demſelben Düngerhaufen ſehen; oder wie die zweier Thiere bei ihrem erſten Zuſammentreffen in derſelben Herde. Es war der Gegenſatz von New Haven gegen Newark; obgleich die Anſtalt, nach⸗ dem ſie ſo viele Wanderungen gemacht, wie das Haus von Loretto, endlich eine feſte Stätte im Princeton gewann, kurze Zeit ehe ich meinen Grad davontrug. Ich war demzufolge berechtigt, mich einen Graduirten von Newark zu nennen, und ein ſolcher Gelehrter iſt auf dem Lande eine ebenſo große Merkwürdigkeit, als ein Heller aus der Königin Anna Zeit, oder ein Druck aus dem fünfzehnten Jahrhundert. Ich erinnere mich des erſten Abends, den wir mit einander in Geſellſchaft zubrachten, ſo gut, als wenn es erſt geſtern Nacht geweſen wäre. Es war zu Satanstoe, und Mr. Worden war auch anweſend. Jaſon hatte einen reichlichen Schatz von pu⸗ ritaniſchen Begriffen, mit welchen ſein moraliſches, und ich hätte beinahe geſagt, ſein phyſiſches Syſtem ganz getränkt war; doch war er auch im Stande aufzuthauen; und ich bemerkte wirklich gleich an dieſem Abend einen Schimmer von halbverdeckter Freude in ſeinem düſtern Geſicht, als ein paar Stunden vor dem Abendeſſen — welche Mahlzeit wir immer warm und recht behaglich einnahmen, — das warme Getränke, die Karten und die Pfeifen gebracht wur⸗ den. Dieſe halb verdeckte Zufriedenheit gab ſich jedoch nicht ohne gewiſſe mißtrauiſche Mienen kund, wie wenn der Neophyte bei die⸗ ſen unſchuldigen Genüſſen immer an ſeinem Rechte zweifelte, ſich ſeinen Theil davon zuzueignen. Ich erinnere mich, namentlich als meine Mutter zwei oder drei neue ſaubere Spiele Karten auf den Tiſch legte, daß Jaſon einen verſtohlenen Blick über die Achſel warf, als wollte er ſich vergewiſſern, daß die Sache nicht von dem Geiſt⸗ lichen oder von den Nachbarn bemerkt worden ſey.— Den Nach⸗ barn!— Welch ein verächtliches Weſen wird doch der Menſch, der 48 in beſtändiger Furcht vor den Gloſſen und Urtheilen dieſer geſell⸗ ſchaftlichen Beobachter und Spione lebt! und zu welchem Elenden hat die Gewohnheit, nach keinem beſſern Prinzip, als nach ihrer Entſcheidung ſich zu richten, Manchen gemacht, der urſprünglich den Stoff zu etwas Beſſerem in ſich hatte, als was durch die Beauf⸗ ſichtigung und Bevormundung der Unwiſſenheit, des Neides, der Gemeinheit, der Klätſcherei und Lüge entwickelt worden iſt! In den Fällen, wo Erziehung, geſellſchaftliche Stellung, Gelegenheit und Erfahrung einen weſentlichen Unterſchied bei den Parteien begründet haben, gibt Derjenige, welcher einer ſolchen Beherrſchung ſich unter⸗ wirft, das Bild eines Rieſen, der von einem Zwerg in Banden gehalten wird. Ich habe auch immer bemerkt, daß diejenigen, welche am meiſten berechtigt wären, in dieſem Nachbarſchaftstribunal zu ſitzen, ſich am entfernteſten davon halten, weil es ihrem Geſchmack und ihren Lebensgewohnheiten widerſtrebt, und ſo die Fällung der Entſcheidungen dem Theile des Gemeinweſens überlaſſen, welcher am wenigſten geeignet iſt, ein gerechtes oder aufgeklärtes Urtheil zu fällen. Ich fühlte eine Neigung überlaut zu lachen über die Art und Weiſe, wie Jaſon das ängſtliche Bewußtſein eines halben Verbre⸗ chens verrieth, als er meine ſanfte, unſchuldige, harmloſe, gerechte und warmfühlende Mutter an dieſem Abend die Karten auf den Tiſch legen ſah. Sein Schuldbewußtſein war rein konventionell, während meiner Mutter Unſchuldbewußtſein auf dem Nichtvorhanden⸗ ſein falſcher Anſichten und beigebrachter Vorurtheile und auf der Reinheit ihrer Geſinnung beruhte. Man hatte ihr keine überſpann⸗ ten und falſchen Begriffe von der Sünde beigebracht,— Begriſfe, die ſogar gottlos ſind, da es offenbar gottlos vom Menſchen iſt, Handlungen, die an ſich betrachtet, vollkommen unſchuldig ſind, zu förmlichen Uebertretungen des Geſetzes Gottes zu ſtempeln und zu verdrehen,— während er erzogen worden war in den engen und ühertriebenen Begriffen einer provinziellen Sekte, und eine Art von 49 Gewiſſen ſich angeeignet hatte, welches ganz abhängig war von ſeiner erbärmlichen Unterweiſung. Ich habe meinen Großvater ſagen hören, Jaſon habe wirklich die Augen aufgeriſſen, daß man das Weiße daran geſehen, als er das erſte Mal den Mr. Worden die Karten ausgeben geſehen, und er machte auch die ganze Zeit, ſo lange wir beim Whiſt ſaßen, ein Geſicht, als wenn er erwartete, es werde Jemand eintreten und aller Welt ſeine Sünde verkündigen. Ich entdeckte bald, daß Jaſon weit größere Scheue davor hatte, wegen ſolcher Dinge in's Geſchrei zu kommen, als ſie wirklich zu thun, wie ein Spielchen Whiſt oder das Trinken eines Glaſes Punſch ſind; und daraus folgerte ich, daß ſein eigentliches und wahres Ge⸗ wiſſen einen deutlichen Unterſchied machte zwiſchen den Handlungen und den Strafen, welche er gewohnt geweſen, darauf folgen zu ſehen. Er hatte eine große Neigung zu einer gewiſſen Art von Schwachheit; aber es blieb bis an's Ende eine feige und ſchüchtern ſich verkriechende Neigung. Das Beluſtigendſte aber an dieſem erſten Abend unſerer Be⸗ kanntſchaft war die Art und Weiſe, wie Mr. Worden die vertraute Bekanntſchaft ſeines Nachfolgers mit den Claſſikern bemerklich zu machen wußte. Jaſon hatte nicht den mindeſten Begriff von der Quantität der Sylben; und er ſprach das Lateiniſche ungefähr ſo aus, wie Einer die Mohawk⸗Sprache leſen würde nach einem Wör⸗ terbuch, das ein Jäger gefertigt, oder ein Gelehrter von der fran⸗ zöſiſchen Alademie. Da ich Mr. Worden's eignen Unterricht genoſ⸗ ſen, verſtand ich mich beſſer darauf, und überhaupt übertraf meine Bekanntſchaft mit den Claſſikern die Jaſon's weit. Auch des Letz⸗ tern Engliſch war lange für uns Alle eine Quelle der Ergötzlichkeit, obgleich mein Großvater oft lebhaften Verdruß darüber kund gab. Selbſt Oberſt Follock trug kein Bedenken, uüber Newcome's Engliſch zu lachen, das, wie er häufig zu bemerken Gelegenheit nahm, ihm gar wunderbarlich laute. Da dieſe Eigenthümlichkeit Jaſon's ſich ziemlich tief in die Anglo⸗Sächſiſche Race hinein exltre ite, in der Satanstoe. 50 Gegend des Landes, wo er geboren war, iſt es vielleicht am Platze, das, was ich meine, etwas ausführlicher zu entwickeln. Jaſon war der Sohn eines gemeinen Landwirthes von Konnek⸗ tikut, aus der ganz alltäglichen Sphäre, mit keinen weitern An⸗ ſprüchen auf Erziehung und Bildung, als ſofern er deren in einer gewöhnlichen Schule theilhaft geworden war, und ohne weitere Lek⸗ türe, außer der Schrift, einem Halbdutzend Bände Predigten und polemiſcher Werke, welche Letztere insgeſammt ſo kräftig und derb als einſeitig waren, und einigen wenigen Büchern, die ausdrücklich in der Abſicht geſchrieben waren, Neu⸗England zu verherrlichen, und die ganze übrige Erde herabzuſetzen. Da die Familie Nichts von der Welt jenſeits der Grenzmarken ihrer Stadtgenoſſenſchaft wußte, einen gelegentlichen Beſuch in Hartford ausgenommen, an einem ſogenannten Wahltag, war Jaſon's früheres Leben nothwen⸗ dig ſehr arm an Erfahrung. Sein Engliſch war, wie natürlich, eben das ſeiner Nachbarſchaft und der Claſſe, der er im Leben angehörte, und daher keineswegs weder ſehr elegant noch ſehr doriſch. Aber auf der ländlichen, provinzialen oder vielmehr dörflichen Unterlage hatte Jaſon einen Oberbau von New Havener Verhältniſſen und Zierlichkeit aufgeführt. Da er Unterricht gab, ehe er ins Collegium kam, während er im Collegium verweilte, und nachdem er es ver⸗ ließ, richtete ſich die ganze Energie ſeiner Natur in ſeltſamer Weiſe gerade auf ſolche Reformen in der Sprache, wie ſie die Einbildungs⸗ kraft eines Pädagogen von ſeinem Schrot und Korn reizen konn⸗ ten. Erſtlich hatte er von Haus eine große Menge von Lauten mitgebracht, welche entſchieden gemein nnd fehlerhaft waren; und während dieſe bei ihm ſelbſt in kräftigſter Blüthe ſtanden, begann er ſein Reformſyſtem an andern Leuten. Wie es bei allen Anfän⸗ gern und Dilettanten der Fall zu ſeyn pflegt, er glaubte, ſehr we⸗ nige Kenntniſſe geben ſchon eine genügende Berechtigung zu ſehr großartigen Theorieen. Sein erſter Schritt war, die Sprache da⸗ durch zu verbeſſern, daß er den Laut in Uebereinſtimmung brachte 51 mit der Art wie man buchſtabirt und ſchreibt; und ſo ſprach er beharrlich an-gel, weil a-n, buchſtabirt, an geben, chamber, cham-ber, aus demſelben Grunde; und ſo durch ein langes Ver⸗ zeichniß ähnlicher Wörter hindurch. English ſprach er nicht aus wie Inglish, ſondern wie Eng lish; und nothing(im Engliſchen nuthing lautend) wie noth- ing; oder vielleicht würde ich richti⸗ ger ſagen nawthin'. Während er ſo gezierterweiſe none(nun) aus⸗ ſprach wie knowyn, trug er kein Bedenken stone wie stun und home wie hum auszuſprechen. Der Gedanke clerk auszuſprechen, wie es ſich gehört, clark, war ihm ſehr anſtößig und ebenſo hearth wie warth; obwohl er ſich nicht beſann, ſtatt earth zu ſagen'arth, been ſprach er natürlich wie ben aus, und roof— ruff, trotz all ſeines Purismus. Aus dieſen Proben, einem Halbdutzend unter tauſend, kann ſich der Leſer eine genaue Vorſtellung machen von dieſer Schwäche in Jaſon's Charakter. Sie ward noch geſteigert durch den Umſtand, daß der junge Mann den Anfang mit ſeiner Bildung— wie ſie nun war— erſt ziemlich ſpät machte, und es iſt in der That ſelten, daß Kenntniſſe oder Geſchmack, in ſolcher Art angeeignet, ganz frei von Uebertreibungen bleiben. Obgleich Jaſon mehrere Jahre älter war als ich, hatte er doch auch wie ich erſt jüngſt promovirt, und man wird ſich ſehr leicht die zahlloſen Erörterungen vorſtellen können, welche zwiſchen uns ſtattfanden, über unſre beiderſeitigen erworbenen Kenntniſſe. Ich dürfte nicht ſagen, unſre gemein⸗ ſamen Kenntniſſe, denn es war daran in der That gar nichts Gemeinſames. Weder unſre elaſſiſchen Kenntniſſe, unſre Philoſophie, noch auch unſre Mathematik ſchienen Eines und daſſelbe zu ſeyn, ſondern Jeder hatte, dem Anſchein nach, ſeine eigene beſondere Wiſſenſchaft und Sprache, die er aus der Anſtalt geſchöpft, worin er gebildet worden war. In der klaſſiſchen Bildung war ich weit der Stärkere, namentlich in der Quantität(Proſodie), aber Jaſon war in der Mathematik weiter voran. Trotz ſeiner Einbildung, 52 ſeiner Gemeinheit, ſeinem Engliſch, ſeinen Provinzialismen, und dem lin⸗ kiſchen Weſen, womit er ſein mühſam erworbenes Wiſſen an Mann brachte, hatte dieſer Menſch doch auch ſeine ſtarken Seiten, und beſaß eine natürliche Schlauheit, die aber mehr zu ſeinen Gunſten geſprochen haben würde, wäre ſie nicht gepaart geweſen mit einem gewiſſen auswei⸗ chenden Weſen, das Einem beſtändiges Mißtrauen gegen ſeine Auf⸗ richtigkeit einflößte, und oft diejenigen, welche viel mit ihm verkehr⸗ ten, auf den Glauben brachte, er habe einen geheimen, ſündhaften Hang, der ihn zum Heuchler mache. Jaſon hegte eine große Verachtung gegen New York; ein Ge⸗ fühl, das er nicht immer geneigt war, zu verhehlen, und natürlich ſtellte er gewöhnlich Vergleichungen an mit dem Zuſtand der Dinge in Connektikut, und zwar ſehr zum Vortheil von dieſem. Vor Einem jedoch hatte er die größte Achtung, vor dem Gelde New Yorks nämlich. Connektikut hatte damals und hat auch wohl jetzt nicht Einen Mann, der in New York reich genannt würde, und Jaſon, trotz ſeiner Provinzialeinbildung, trotz ſeiner überſchwänglichen Be⸗ griffe von moraliſcher und intellektueller Ueberlegenheit, konnte ſo wenig ſeines tiefen Reſpekts vor dem Gelde ſich entſchlagen, als er an die Stelle einer in Gemeinheit und Verwahrloſung verlebten Kindheit die Feinheit, den Wohlanſtand und die Kenntniſſe ſetzen konnte, welche die Knaben von den glücklicheren Claſſen im Leben ſich gleich⸗ ſam, ohne es zu wiſſen, aneignen. Ja, Jaſon beugte ſich vor dem goldenen Kalbe, trotz ſeines Puritanismus, trotz ſeiner Frei⸗ heitsliebe, ſeiner Anſprüche auf allgemeine Gleichheit und trotz ſeines ganzen geſpreizten und hoffärtigen Weſens und Benehmens. Dieß iſt die Skizze des Charakters und der Eigenſchaften eines Mannes, den ich bei meiner Rückkehr vom Collegium an der Spitze von Mr. Worden's Schule fand. Wir wurden bald bekannt, und ich weiß nicht, Wer im Laufe der erſten vierzehn Tage vom Andern die meiſten Ideen überkam. Unſere Unterhaltung und unſere Ar⸗ gumente waren ungezwungen und frei, beinahe bis zur Grobheit, NR AH—— — v 53 und gegenſeitig zeigten wir wenig Schonung gegen unſere beider⸗ ſeitigen Vorurtheile. Jaſon war ultra⸗gleichmacheriſch geſinnt in ſeinen Anſichten von der Geſellſchaft, während ich die Anſichten meiner Colonie hegte, in welchen die Unterſchiede der Claſſen weit ſtärker bezeichnet ſind, als es in Neu⸗England, über die Grenze von Boſton und der nächſten Umgegend hinaus, gewöhnlich iſt. Dennoch hatte Jaſon Reſpekt auch vor Namen, ebenſo wie vor dem Geld, obwohl in einer ganz andern Art und Weiſe als ich. Neu⸗England war und iſt loyal gegen die Krone: aber da es das Recht hat, viele von ſeinen Gouverneurs zu ernennen, und manche andere politiſche Vorrechte beſitzt in Kraft der ſeinem Volke bewilligten Freibriefe, um es zu vermögen, auf dieſem Theil des Continents ſich nieder⸗ zulaſſen: zeigt es dieſe ſeine Geſinnungen nicht immer in einer Art, welche denen behagt, die eine eigentlich geziemende Ehrfurcht vor der Krone haben. Jaſon und ich hatten verſchiedene Erörterungen über das Thema der Profeſſionen, Gewerbe und Berufsarten. Es war unverkennbar, daß er den Beruf eines Schulmeiſters der Ehre nach zunächſt an den eines Geiſtlichen anreihte. Die Geiſtlichkeit bildete nach ſeinen Begriffen eine Art Ariſtokratie; aber kein Menſch konnte das Leben unter günſtigeren Auſpicien anfangen, als indem er Schulunterricht ertheilte. Folgendes Geſpräch hatten wir einmal über dieſen Gegenſtand; und ich war ſo betroffen von der Neuheit der Begriffe meines Genoſſen, daß ich es aufzeichnete, ſobald wir uns getrennt hatten. „Ich muß mich wundern, daß Eure Leute nicht daran denken, Euch Etwas zu thun zu geben, Corny“, begann Jaſon eines Tages, nachdem unſere Bekanntſchaft zu einer Art kriegführender Vertrau⸗ lichkeit herangereift war.„Ihr ſeid nahezu neunzehn Jahre alt jetzt, und ſolltet nachgerade darauf denken, Etwas einzubringen, zum Er⸗ ſatz für all die Auslagen.“ Unter„Eure Leute“ verſtand Jaſon die Familie Littlepage; und das Blut dieſer Familie empörte ſich ein wenig in mir bei dem Ge⸗ 4 54 danken, in der von ihm angedeuteten Weiſe nutzbar verwendet zu werden, weil ich das reife und nutzbare Alter von neunzehn Jahren erreicht hätte. „Ich verſtehe Euch nicht recht, Mr. Newcome, was das Ein⸗ bringen heißen ſoll,“ antwortete ich mit hinlänglichem, würdevollem Ernſt, um einen Menſchen von gewöhnlichem Zartgefühl vorſichtig zu machen in ſeinen Aeußerungen. „Etwas einzubringen iſt doch wohl ein verſtändlicher, guter Ausdruck, hoffe ich, Mr. Littlepage. Ich meine, Eure Erziehung hat Eure Leute genug gekoſtet, um ſie zu berechtigen, von Euch nunmehr auch ein kleines Intereſſe zu fordern. Wie Viel meint Ihr denn wohl, daß auf Eure Erziehung verwendet worden ſey, von der Zeit an, wo Ihr zuerſt zu Mr. Worden kamet, bis zu dem Tage, wo Ihr Newark verließet?“ „In der That, ich habe davon nicht den mindeſten Begriff; ich habe an die Sache gar nie gedacht.“ „Haben die alten Leute nie mit Euch darüber geſprochen? nie die Totalſumme zuſammen addirt?“ „Gewiß, ich ſehe gar nicht ein, wie dieß hätte geſchehen kön⸗ nen, denn ich konnte ihnen nicht im Mindeſten dabei helfen.“ „Aber Eures Vaters Bücher müßten darüber Aufſchluß geben, da ohne Zweifel Alles Euch zu Laſten eingetragen darin ſteht.“ „Mir zu Laſten eingetragen darin ſteht!— Wie, Sir, meint Ihr denn, mein Vater führe in einem Buch eine Rechnung zu mei⸗ nen Laſten, und trage es ein, ſo oft er ein paar Pfund für meine Erziehung bezahlt?“ 3 „Gewiß! wie könnte er ſonſt wiſſen, wie Viel Ihr empfangen habt?— Jedoch, wenn ich es näher überlege, da Ihr ein einziges Kind ſeid, macht es keinen ſo großen Unterſchied. Wahrſcheinlich bekommt Ihr doch am Ende Alles.“ „Und wenn ich einen Bruder oder eine Schweſter hätte, Mr. 5⁵ Newcome, meint Ihr dann, es würde jeder Shilling, den wir aus⸗ gäben, in ein Buch eingetragen werden, zu unſern Laſten?“ „Wie denn ſonſt, um's Himmels willen, könnte man wiſſen, Welches Mehr gehabt hat; oder wie könnte irgend Gerechtigkeit zwi⸗ ſchen Euch beobachtet werden?“ „Gerechtigkeit würde geübt und beobachtet werden dadurch, daß unſer gemeinſchaftlicher Vater Jedem gerade ſo Viel von ſeinem Gelde gäbe, als ihm angemeſſen ſchiene. Was ginge es mich an, wenn ihm beliebte, meinem Bruder ein paar hundert Pfund mehr zu geben, als er mir geben wollte? das Geld iſt ſein, und er kann damit thun, was ihm gefällt.“ „Hundert Pfund iſt ein entſetzliches Geld!“ rief Jaſon, und ſein Geſicht verrieth, wie tief er von dieſer Wahrheit durchdrungen war.„Wenn Ihr das Geld in ſolchen großen Summen bekommen habt, ſo habt Ihr um ſo mehr Grund und Aufforderung, Etwas zu ergreifen, um es dem alten Gentleman wieder hereinzubringen. Warum nicht eine Schule aufthun?“ „Sir?“ „Warum nicht eine Schule aufthun, ſage ich? Ihr hättet meine Stelle bekommen können, wenn Ihr etwas älter wäret; aber ein⸗ mal darin, feſt darin, iſt mein Spruch. Aber es fehlt immer noch an Schulen, und Ihr könntet eine ganz erträgliche Empfehlung bekommen. Ich glaube gewiß, Euer Lehrer würde Euch ein Cer⸗ tifikat ausſtellen.“ „Und meint Ihr wirklich, daß Einer, der Satanstoe erben ſoll, klug daran thäte, Schullehrer zu werden? Erinnert Euch, Mr. Newcome, daß mein Vater und mein Großvater Beide Offiziere des Königs geweſen ſind, und daß der letztere es in dieſem Augenblick noch iſt, durch ſeinen Stellvertreter, den Gouverneur.“ „Was ſoll das Alles? Was gibt es für eine beſſere Beſchäfti⸗ gung als eine Schule halten? Wenn Ihr in Euren Begriffen und Wünſchen hoch hinauf wollt, ſo bemüht Euch, Tutor an dem Col⸗ · 56 legium zu New Jerſey zu werden. Bedenkt, daß ein Tutor in einem Collegium doch Etwas heißen will. Ich hoffte für mich auf eine ſolche Stelle, aber da ich den Sohn eines Gouverneurs als Candi⸗ daten gegen mich hatte, blieb mir keine Ausſicht.“ „Eines Gouverneurs Sohn Candidat um die Stelle eines Tu⸗ tors bei einem Collegium! Es beliebt Euch, mit mir zu ſpaßen, Mr. Neweome!“ „Es iſt ſo wahr wie das Evangelium. Ihr meint, ein kleine⸗ rer Fiſch habe mich ausgeſtochen, aber es war der Sohn des Gou⸗ verneurs. Aber warum gebt ihr dem Bauernhof Eures Vaters dieſen gemeinen Namen?— Satanstoe iſt nicht anſtändig, und doch, Corny, habe ich Euch vor Eurer eigenen Mutter dieſen Namen ausſprechen hören.“ „Das könnt Ihr jeden Tag hören, und meine Mutter ſelbſt gebraucht ihn auch vor ihrem eigenen Sohn. Was findet Ihr für Fehler an dem Nämen Satanstoe?“ „Fehler!— erſtlich iſt er irreligiös und profan; ſodann iſt er unnobel und gemein, und nur geeignet in ſchlechter Geſellſchaft ge⸗ braucht zu werden. Ueberdieß iſt er auch der Geſchichte und der Offenbarung entgegen, da der Böſe einen Huf hat, wenn Ihr wollt, aber keine Zehen. Ein ſolcher Name könnte ſich nicht vierzehn Tage vor der öffentlichen Meinung in Neu⸗England be⸗ haupten.“ „Ja, das mag ganz wahr ſeyn, aber wir kümmern uns hier in der Colonie New York nicht ſo viel um Seine Sataniſche Ma⸗ jeſtät, daß wir ihn mit ſo viel Reſpekt behandelten. Was dann die Hufe betrifft—“ und hier führte die Verſchiedenheit in der Art, wie wir dies Wort ausſprachen, zu einer kleinen abſchweifenden Erörte⸗ rung über die Sprache von New York und Neu England in deren Verlauf Jaſon ſagte:„Ich kümmere mich Nichts um die Ausſprache von York, von welcher Jedermann weiß, daß ſie ganz holländiſch und voll Entartungen iſt. Ihr werdet in dieſer Colonie niemals Åρiỹ 2 N 57 etwas der Rede Werthes leiſten, Corny, als bis Ihr auf Eure Schulen mehr Aufmerkſamkeit verwendet.“ dr „Ich weiß nicht, was Ihr Aufmerkſamkeit nennt, Mr. Jaſon, wenn wir ſie nicht ſchon in vollem Maße bewieſen haben. Hier habe ich die Einleitung zu einem Geſetz gerade über dieſen Gegen⸗ ſtand, die ich aus dem Statutenbuch abgeſchrieben, um ſie Euch zu zeigen, und die ich Euch jetzt vorleſen will, zum Beweiſe, wie die Sachen in der Colonie in Wahrheit ſtehen.“ „Lest nur,“ verſetzte Jaſon, mit der Miene ſelbſtgefälliger Ver⸗ achtung. 2 uUnd ich las folgende bündige und inhaltsreiche Worte:„Da die Jugend in dieſer Colonie, nach vielfältigen Erfahrungen, bewie⸗ ſen hat, daß ſie in ihren natürlichen Anlagen der Jugend keines andern Landes auf der Welt nachſteht, deßwegen wird verfügt und verordnet* u. ſ. w.“* ᷣ& * Dieſe Anführung ſcheint ganz genau zu ſeyn, und es iſt wohl von Inte⸗ reſſe, den Gründen nachzugehen, warum dem Geſetz ein ſo eigenthümlicher Eingang voran geſchickt iſt. Sollte es nicht herrühren von den oft vor⸗ gebrachten, kecken Behauptungen der Europaäer, daß der Menſch in dieſer Hemiſphäre ausarte? Jeder Amerikaner, welcher die Anſichten von Eu⸗ ropa in der Nähe betrachtet und kennen gelernt hat, ſelbſt noch in unſern Tagen, muß nicht ſelten beluſtigt worden ſeyn durch die Kundgebung von Ueberraſchung und Zweifel, welche den Bewohnern der alten Welt ſo oft entſchlüpft, wenn ſie etwas entdecken, was von einem beſondern, der neuen Welt entſtammenden Talente zeugt. Ich zweifle kaum daran, daß dieſer außergewöhnliche Eingang eine Art von indirekter Antwort ſeyn ſoll auf eine Anſchuldigung, von der man in jener Zeit wußte, daß ſie ebenſo all⸗ gemein war, als man ihre Ungerechtigkeit fühlte. Meine eigene Erfah⸗ rung würde mich zu der Annahme führen, daß angeborenes Talent in Amerika häufiger vorkomme, als in den mittlern Ländern Europa's, und ganz ebenſo häufig als ſelbſt in Italien; und ich habe oft engliſche und franzöſiſche Lehrer anerkennen hoören, daß ihre Schüler aus Amerika und Weſtindien im Durchſchnitt die willigſten und geſcheuteſten in ihren Schu⸗ len ſeien. Das große Uebel, unter welchem unſer Land in dieſer Hinſicht leidet, iſt die Herrſchaft der Zahl und Maſſe, welche immer die Mittel⸗ * 58 „Da, Sir,“ ſagte ich im Triumph,„habt Ihr Capitel und Vers zum Zeugniß für den wahren Charakter der heranwachſenden Generation in der Colonie New York.“ „Und wozu führt dieſe Einleitung?“ fragte Jaſon, etwas be⸗ troffen darüber, daß er die Gleichheit unſerer New Yorker Köpfe mit andern ſo klar und deutlich in einer legislativen Akte ausgeſpro⸗ chen fand. „Es iſt die Einleitung zu einer Akte, welche die Freiſchulen von New York organiſirt, in welchen die gelehrten Sprachen jetzt ſchon ſeit zwanzig Jahren gelehrt werden; und Ihr werdet Euch gefälligſt erinnern, daß vor nicht langer Zeit ein Geſetz erlaſſen worden iſt, welches in der Hauptſtadt ein Collegium organiſirt.“ „Nun, es kommen manchmal ſeltſame Geſetze in das Statuten⸗ buch, und man muß ſie dann eben nehmen, wie man ſie findet. Ich glaube gewiß, Connektikut hätte wohl auch ein Wort zu ſagen über denſelben Gegenſtand, wenn man ihm Gelegenheit gäbe. Habt Ihr die wundervollen Neuigkeiten aus Philadelphia gehört, Corny, welche vor Kurzem eingelaufen ſind?“ „Ich habe neuerlich Nichts gehört; denn Ihr wißt äa⸗ ich bin drüben geweſen in Rockland, mit Dirck Follock, während der letzten vierzehn Tage, und Neuigkeiten kommen nie in jene Familie, ja nicht einmal in jene Grafſchaft.“— „Nein, das iſt ganz wahr,“ antwortete Jaſon trocken.„Neuig⸗ keiten und ein Holländer haben keine Verwandtſchaft, oder Anzie⸗ hungskraft, wie wir in der Philoſophie ſagen würden; obwohl auf einer Seite Gravitation genug iſt, he, Junge?“ mäßigkeit und das unächte Talent zu hohen Stellen emporhebt. In Ame⸗ rika haben wir einen höhern Durchſchnitt des Talents, während wir weit weniger Talent von der höhern Gattung beſitzen; und ich ſchreibe dieſen letztern Umſtand dem überwiegenden Einfluß ſolcher Leute zu, welche nie im Beſitz der Mittel geweſen ſind, die Trefflichkeit zu würdigen. . Der Herausgeber. 59 Hier lachte Jaſon überlaut, denn er hatte immer eine große Freude, ſo oft er den Kindern Hollands einen Seitenhieb verſetzen konnte, welche er als eine Race zu betrachten ſchien, die den Platz zwiſchen der menſchlichen Gattung und der höchſten Claſſe der ver⸗ nunftloſen Thiere einnehme. Aber es iſt unnöthig, länger bei die⸗ ſem Geſpräch zu verweilen, da meine Abſicht nur war, im Allgemeinen die Geſinnung und Denkweiſe Jaſons zu zeigen, um beſſer verſtan⸗ den zu werden, wenn ich dazu komme, ſeine Anſichten in Verbindung zu ſetzen mit ſeinen Handlungen. Dirck und ich waren nach meiner Rückkehr vom Collegium viel zuſammen. Ich brachte ganze Wochen bei ihm zu, und er erwie⸗ derte meine Beſuche mit der größten Bereitwilligkeit und Freiheit. Wir Beide waren jetzt vollkommen erwachſen, und es hätte das Herz Friedrichs von Preußen erfreuen müſſen, meinen jungen Freund zu ſehen, nachdem er ſein neunzehntes Jahr vollendet hatte. Sei⸗ ner Größe nach maß er genau ſechs Fuß drei Zoll und er verſprach vollkommen eine damit im Verhältniß ſtehende Breite und Stärke zu erreichen. Dirck war keiner von den zierlich gerundeten Apollo⸗ mäßig gewachſenen Burſchen, ſondern er hatte Schultern, die ſeine kleine, kurze, ſolide aber etwas trüb ausſehende Mutter, die von der ächten Race war, kaum umſpannen konnte, wenn ſie ſeinen Kopf zu ſich niederzog, um ihm einen Kuß zu geben, was ſie, wie Dirck ſelbſt mir ſagte, jedes Jahr regelmäßig zwei Mal that, an Weihnachten nämlich und zu Neujahr. Seine Geſichtsfarbe war hell, ſeine Glieder groß und wohl proportionirt, ſeine Haare blond, ſeine Augen blau, und die meiſten Leute würden ſein Geſicht für hübſch erklärt haben. Ich will jedoch nicht läugnen, daß mein Freund eine gewiſſe Schwerfälligkeit von Körper und Geiſt an ſich hatte, welche ſich mit den gewöhnlichen Begriffen von Anmuth und Lebendigkeit nicht vertrug. Dennoch war Birck ein gediegener Burſch, ſo treu wie Stahl, ſo muthig wie ein Kampfhahn und ſo ehrlich wie das Mittagslicht.. * 60 Jaſon war in vielen weſentlichen Punkten eine ganz andre Art Menſch. Von Wuchs war auch er groß, aber er war eckig und ſeine Gliedmaßen hingen locker zuſammen und waren ſchlenkerig oder ſchlotterig. Doch war er nicht ohne Leibesſtärke, da er bis beinahe in ſein zwanzigſtes Jahr auf einem Bauernhofe gearbeitet hatte, und er war ſo beweglich wie eine Katze, was den, der ihn nicht kannte, einigermaßen überraſchte, wenn man nur ſeinen ſchlott⸗ rigen Körperbau ins Auge faßte. Was das Denken betrifft, ſo machte Jaſon hierin wohl zwei Schritte, bis Dirck einen machte, aber ich bin ganz und gar nicht überzeugt, ob immer auch ſo richtig und ſicher. Ließ man dem Holländer Zeit, ſo war er ganz der Mann dazu, am Ende das Rechte zu finden, während Jaſon, wie ich bald entdeckte, ſehr dem ausgeſetzt war, auf falſche Ergebniſſe und Schlüſſe zu kommen, und dieß ganz beſonders in allen Dingen, welche ihm ein wenig gegen den Mann gingen und welche ſeine eigenen offenbaren Intereſſen berührten. Dirck war überdieß einer der gutmüthigſten Menſchen, welche es auf der Welt gab, und es war beinahe unmöglich, ihn zum Zorn zu reizen; wenn es jedoch dazu kam, ſo konnte kaum ein Erdbeben fürchterlicher ſeyn. Ich habe ihn in Wuth geſehen, und ich wollte eben ſo gerne einem wilden Eber auf offnem Feld begegnen, als mich ihm in einem ſolchen Ausbruch gegenüber ſtellen. Die Beſcheidenheit erlaubt mir nicht wohl, Viel von mir ſelbſt zu ſagen. Ich war gut gewachſen, thätig, rüſtig und ſtark für meine Jahre, und, ſo bin ich geneigt zu glauben, ſah erträglich gut aus, obgleich mir lieber wäre, wenn dieß von irgend einem Andern und nicht von mir ſelbſt geſagt und bezeugt würde. Dirck und ich verſuchten oft als Knaben unſre Mannhaftigkeit gegen einander, und ich war der Stärkere, bis mein Freund ſein achtzehntes Jahr er⸗ reichte, wo das ſchwere Metall des jungen holländiſchen Rieſen bei unſern Kämpfen ſich geltend machte. Nach dieſer Periode fand ich Dirck zu ſtark für mich im Ringkampf von Mann gegen Mann, 61 obgleich meine außerordentliche Behendigkeit die Ungleichheit weniger augenfällig machte, als ſie ſonſt wohl geweſen wäre. Ich hätte den Ausdruck außerordentlich in keiner Beziehung von mir ſelbſt gebrauchen ſollen, aber das Wort entſchlüpfte mir unbewußt, und ich will es ſtehen laſſen. Eines jedoch will ich doch noch bemer⸗ ken, mag der Leſer davon denken, was er will: ich war gutmüthig und wohlwollend gegen meine Mitgeſchöpfe, und hatte keine größere Liebe zum Geld, als nöthig war, um mich zu einem in ſolchen Dingen vernünftigen Menſchen zu machen. Dieß iſt der Umriß des Charakters und des äußern Weſens von dreien der Hauptperſonen bei den nun zu erzählenden Sce⸗ nen, welche einiges Intereſſe für Solche haben werden, die gerne die Erzählung von Begebenheiten und Abenteuern in einem neuen Lande leſen, wie wenig ſie auch die Theilnahme Anderer in Anſpruch nehmen mögen, wenn ich von dem Zuſtand und den Be⸗ gebniſſen des civiliſirteren Zuſtands der Geſellſchaft ſpreche, deſſen man ſelbſt ſchon in meiner Jugend in ſolchen alten Graſfſchaften, wie Weſt Cheſter, und in ſolchen Städten wie York, ſich erfreute. Viertes Kapitel. Laſſet uns denn rüſtig handeln, Stark das Herz, frei jeder Schuld, Unſre Bahn uns mannhaft wandeln, Lernet Arbeit und Geduld. Longfellow. Im Frühling des Jahres, wo ich zwanzig alt wurde, machten Dirck und ich unſern erſten Beſuch in der Stadt in der Eigenſchaft von jungen Männern. Obgleich Satanstoe nicht über fünfund⸗ zwanzig Meilen von New York entfernt war, auf dem Wege über Kings⸗Bridge, die Straße, welche wir immer einſchlugen, um die Fähre zu vermeiden, war es doch damals keineswegs ſo gewöhnlich, 62 die Hauptſtadt zu beſuchen, wie es jetzt geworden iſt. Ich weiß Gentlemen in unſrer Nachbarſchaft, die jetzt wohl alle vierzehn Tage hin und zurück reiſen, oder wohl gar alle acht Tage; aber vor dreißig Jahren war das Etwas, was man ſelten that. Meine liebe Mutter reiste immer zweimal jährlich hin, im Frühjahr, um die Oſterwoche dort zuzubringen, und im Herbſt, um ihre Winter⸗ einkäufe zu machen. Mein Vater reiste gewöhnlich viermal hin im Verlauf von zwölf Monaten, aber er ſtand im Rufe eines Herum⸗ rutſchers, und viele Leute meinten, er gehe ſo oft von Hauſe weg, als er kaum ſollte. Mein Großvater ging, da bei ihm das Alter heranrückte, ſelten mehr von Hauſe weg, wenn nicht etwa, um ver⸗ abredete Beſuche bei gewiſſen alten Kriegskameraden zu machen, welche in mäßigen Entfernungen wohnten, und bei welchen er un⸗ wandelbar jeden Sommer einige Wochen zubrachte. Der von mir erwähnte Beſuch ſiel einige Zeit nach Oſtern, einer Zeit des Jahres, welche viele von unſern Landfamilien in der Stadt zuzubringen pflegten, um den Vortheil zu haben, täglich dem Gottesdienſt in der alten Trinity⸗Kirche anwohnen zu können, wie die Hebräer ſich nach Jeruſalem begaben, um das Paſaahfeſt zu fei⸗ ern. Meine Mutter reiste in dieſem Jahre nicht hin, wegen meines Vaters Podagra, und ich ward, um ihren Platz auszufüllen, zu meiner Tante Legge geſchickt, welche ſo lange ſchon gewohnt war, um dieſe Zeit Eines von der Familie bei ſich zu ſehen, daß ich dießmal ſubſtituirt wurde. Dirck hatte ſelbſt auch Verwandte, bei welchen er ſich aufhielt, und ſo war Alles glatt und eben gemacht. Um nach Bequemlichkeit aufbrechen zu können, kam mein Freund in der Woche zuvor über den Hudſon herüber, und nachdem er in Satanstoe drei Tage ſich verſchnaubt hatte, verließen wir den Land⸗ hals, um nach der Hauptſtadt zu reiſen, auf einem Paar ſo guter Roſſe, als in der Grafſchaft zu finden waren, und das will viel heißen; denn die Morriſes und de Lancey's und die Van Cortlandts hielten Alle Rennpferde und gaben uns manchmal im Herbſte eine 63³ treffliche Kurzweil mit Jagen und Rennen. Weſt Cheſter, und damit iſt nicht Mehr geſagt als billig, war eine Grafſchaft mit einer auf⸗ geweckten Gentry, deren keine Colonie ſich hätte zu ſchämen ge⸗ braucht. Meine Mutter hatte ein höchſt zärtliches Herz und war voll ängſtlicher Beſorgniß um ihr einziges Kind. Sie wußte, daß das Reiſen immer mit mehr oder weniger Gefahr verknüpft iſt, und wünſchte deßhalb, daß wir uns bei Zeiten aufmachen ſollten, um gewiß zu ſeyn, daß wir die Stadt vor Anbruch der Nacht erreichen würden. Landſtraßenräuber waren, Gott ſey geprieſen! und ſind noch jetzt etwas in den Colonieen Unbekanntes; aber es gab andere Gefahren, welche meiner trefflichen Mutter große Sorgen machten. Nicht alle Brücken galten als zuverläſſig; die Straßen waren, wie noch jetzt, nicht in gerader Linie gezogen und es war ſehr leicht ſich zu verirren; und man ſagte, es ſeien Fälle vorgekommen, daß Leute die Nacht auf Harlem⸗Common zugebracht, einer unbewohnten Oede, welche etwa ſieben oder acht Meilen von der Stadt, gegen uns zu, entfernt liegt. Meiner Mutter erſte Sorge war daher, daß Dirck und ich früh am Morgen aufbrächen; deßhalb ſtand ſie bei Licht ſchon auf, gab uns unverweilt unſer Frühſtück, und ſetzte uns ſo in Stand, Satanstoe zu verlaſſen, gerade als die Sonne den öſt⸗ lichen Himmel mit ihren Flammenfarben entzündet hatte. Dirck war an dieſe mMorgen in allerbeſter Laune, und, die Wahrheit zu geſtehen, Corny empfand Nichts von jener Niederge⸗ ſch agenheit, welche, nach den Geſetzen der Schicklichkeit, vielleicht den erſten wahrhaft freien Ausflug eines ſo jungen Abenteurers aus dem Schatten des väterlichen Daches hätte begleiten ſollen. Wir zogen unſeres Weges dahin, lachend und plaudernd wie zwei Mäd⸗ chen, die ſo eben der Penſion entflogen ſind. Ich hatte Dirck nie mittheilſamer geſehen, und ich gewann ganz neue Blicke in ſeine Gefühle, Geſinnungen, Hoffnungen und Ausſichten, wie wir an jenem Morgen die Heerſtraße der Colonie entlang ritten, welche 64 nachmals für uns Beide Gegenſtände von ſehr großem Intereſſe wer⸗ den ſollten. Wir waren noch nicht eine Meile von den Kaminen von Satanstoe entfernt, als mein Freund ſich alſo vernehmen ließ: „Ich vermuthe, Ihr habt gehört, Corny womit die beiden al⸗ ten Gentlemen die letzte Zeit beſchäftigt geweſen ſind?“ „Euer und mein Vater?— Ich habe nicht eine Sylbe Neues gehört.“ „Sie haben von dem Gouverneur und dem Rath ein gemein⸗ ſames Patent ausgewirkt für den Strich Land, den ſie von den Mohawks gekauft, als ſie das letzte Mal mit einander beider Colo⸗ nie⸗Miliz Dienſte thaten.“ Ich muß hier erwähnen, daß, obgleich meine Väter nur wenige Feldzüge im regulären Heere gemacht hatten, doch Jeder mehrere in der beſcheidenen Eigenſchaft eines Milizofftziers mitgemacht hatte. „Das iſt mir etwas Neues, Dirck,“ antwortete ich.„Warum mögen wohl die alten Gentlemen ſo heimlich in der Sache zu Werke gegangen ſeyn?“ „Das kann ich Euch nicht ſagen, wenn es nicht das war, daß ſie dachten: Schweigen ſey das Beſte, um die Nankees fern zu halten. Ihr wißt, mein Vater hat eine große Scheue davor, daß ein Yankee bei irgend einem Handel von ihm die Hand ins Spiel bringe. Er ſagt, die Yankees ſeyen die Heuſchrecken des Weſtens.“ „Aber wie erfuhret denn Ihr Etwas von der Sache, Dirck?“ „Ich bin kein Yankee, Corny.“ „Und Euer Vater hat es Euch anvertraut, auf den Grund dieſer Empfehlung hin?“— „Er ſagte es mir, wie er mir die meiſten Dinge ſagt, von wel⸗ chen er für gut hält, daß ich ſie wiſſe. Wir rauchen zuſammen und dann ſchwatzen wir mit einander.“ „Ich würde das Rauchen auch lernen, wenn ich glauben könnte, dadurch auch zum Beſitz ſo nützlicher Kenntniſſe und Mittheilun⸗ gen zu gelangen.“ N 65 „Es läßt ſich Viel lernen bei der Pfeife!“ ſagte Dirck, und hier nahm er einen leiſen holländiſchen Accent an, wie es bei ihm manchmal der Fall war, wenn ſein Geiſt eine geheime Richtung gegen Holland annahm, obwohl er für gewöhnlich ein ſo gutes Engliſch ſprach wie ich, und ein unendlich beſſeres, als das Wun⸗ der von Geſchmack, Gelehrſamkeit und Tugend, Mr. Jaſon New⸗ come, A. B.(Artium Baccalaureus) von Yale, und muthmaßlicher Vorſteher dieſes oder irgend eines andern Inſtitutes. „So ſcheint es wirklich, wenn Euer Vater Euch in den Stun⸗ den, wo Ihr mit einander raucht, Geheimniſſe mittheilt. Aber wo iſt dieß Land, Dirck?“ „Es iſt im Mohawk⸗Lande, oder vielmehr es liegt in der Ge⸗ gend nahe bei den Hampſhire⸗Grants, und nicht weit entfernt vom Mohawk⸗Lande.“ „Und wie viel mag es ſeyn?“ „Vierzigtauſend Acres; und zum Theil gute fruchtbare Ebenen, heißt es; ſo wie ſie ein Holländer liebt.“ „Und Euer und mein Vater haben all dieß Land gemeinſchaft⸗ lich gekauft, ſagt Ihr, zu gleichen Theilen, halbpart, wie man zu ſagen pflegt?“ „So iſt es.“ „Ei, und ſagt mir doch auch, wie viel ſie für einen ſo großen Strich Land bezahlen!“ Dirck nahm ſich Zeit, dieſe Frage zu beantworten. Zuerſt zog er aus ſeinem Buſen ein Taſchenbuch, welches er öffnete, ſo gut er es bei der Bewegung des Reitens konnte, denn Keiner von uns mäßigte den raſchen Schritt ſeines Pferdes, da es unerläßlich war, vor Nacht die Stadt zu erreichen. Endlich gelang es mei⸗ nem Freunde, des Papiers das er ſuchte, habhaft zu werden, wor⸗ auf er es mir reichte.. „Da,“ ſagte er,„dieß iſt das Verzeichniß der Artikel, welche den Indianern bezahlt worden ſind, die ich mir abgeſchrieben habe, Satanstoe. 5 66 und dann ſind dem Gouverneur und ſeinen Beamten einige hundert Pfund Sporteln und Gebühren bezahlt worden.“ Ich als das Verzeichniß wie folgt, und die Worte kamen nur ſtoßweiſe hervor, ſo wie das Traben meines Pferdes mir das Leſen geſtattete: „Fünfzig Decken, jede mit gelben Schnüren und gelbem Be⸗ ſatz; zehn eiſerne Töpfe, jeder vier Gallonen haltend; vierzig Pfund Schießpulver; ſieben Musketen; zwölf Pfund kleine Perlen; zehn Schnüre Wampuim; fünfzig Gallonen Rum, reiner Jamaika von beſter Sorte; zwanzig Maultrommeln, und drei Dutzend Toma⸗ hawks von beſter engliſcher Arbeit.“ „Nun, Dirck!“ rief ich, ſo bald ich mit dem Leſen fertig war, „das iſt nicht Viel für vierzigtauſend Acres Land in der Colonie New⸗York. Ich glaube faſt, um hundert Pfund Courant(250 Dollars) kann man das Alles kaufen, ſelbſt den Rum und die Tomahawks von beſter engliſcher Arbeit.“ „Neunundſechszig Pfund, dreizehn Schilling, ſieben Pence, drei Heller war die Totalſumme der ganzen Berechnung,“ antwortete Dirck bedächtlich, indem er ſich anſchickte, ſeine Pfeife anzuzünden; denn er konnte ganz behaglich rauchen, ſo lange er nicht raſcher trabte als um ſechs Meilen in einer Stunde zurück zu legen. „Ich finde das nicht Viel für vierzig tauſend Aeres; ich ver⸗ muthe, die Musketen, der Rum und andre Dinge wurden aus⸗ drücklich für den Handel mit den Indianern gefertigt.“ „Gar nicht, Corny; Ihr wißt wie es mit den alten Gentle⸗ men iſt— ſo ehrlich wie der Tag.“ „Deſto beſſer für ſie, und deſto beſſer für uns! Aber was ſoll mit dem Land geſchehen, nachdem ſie es nun einmal haben?“ Dirck antwortete nicht, bis wir etwa zwanzig Ruthen weiter geritten waren; denn während dieſer Zeit hatte er mit ſeiner Pfeife zu ſchaffen, und von dem Augenblick an, wo der Rauch ſichtbar 67 wurde, hielt er ſein Auge darauf geheftet bis er eine helle Gluth vor ſeiner Naſe ſah. „Das Erſte, Corny, wird ſeyn, daß man es findet. Wenn ein Patent unterzeichnet und förmlich ausgeſtellt und übergeben iſt, dann müßt Ihr eine geeignete Perſon abſchicken, um das Land ausfindig zu machen, über welches darin verfügt iſt. Ich habe von einem Gentleman gehört, welchem vor fünf Jahren zehntauſend Acres be⸗ willigt wurden; und obgleich er ſeither jeden Sommer Jagd darauf macht, hat er das Stück Land doch noch nicht finden können. Zehn⸗ tauſend Acres ſind freilich ein kleiner Fleck Land, wenn man ihn in den Wäldern ſuchen ſoll.“ „Und unſre Väter beabſichtigen dieß Land zu ſuchen, ſo bald die gute Jahrszeit eintritt?“ „Nicht ſo ſchnell, Corny, nicht ſo ſchnell! das war der Plan von Euers Vaters welſchem Blut, aber der meinige geht mit mehr Bedachtſamkeit zu Werke. Laßt uns warten bis zum nächſten Jahr, ſagte er, und dann können wir die Knaben hinſchicken. Bis da⸗ hin wird auch der Krieg eine Art Geſtalt annehmen, und wir wer⸗ den beſſer wiſſen, wie wir für die Kinder ſorgen ſollen. Der Ge⸗ genſtand iſt reiflich beſprochen worden zwiſchen den beiden Patentir⸗ ten, und wir ſollen im nächſten Frühjahr bei guter Zeit hingehen, aber dieß Jahr noch nicht.“ Die Idee, Jagd auf ein Stück Land zu machen, war mir ganz und gar nicht zuwider; auch war es mir kein unangenehmer Ge⸗ danke, daß ich unwartſchaft haben ſollte, als Erbe, auf zwanzig⸗ tauſend Aeres Land, neben den Beſitzungen von Satanstoe. Dirck und ich beſprachen im Weiterreiten die Sache, bis wir Beide anfin⸗ gen zu bedauern, daß die Erpedition noch in ſo weiter Ferne liege Der Krieg, deſſen Dirck erwahnte, war wenige Monate vor un⸗ ſerem Beſuch in der Stadt ausgebrochen; ein Mr. Waſhington von Virginien,— derſelbe welchen ſeither ſo berühmt g⸗worden iſt als Oberſt Waſyington durch den Sieg üver Praddock und an⸗ 68 dere Ereigniſſe im Süden, war mit einer Abtheilung ſeiner Leute gefangen worden in einem kleinen Fort, welches in der Nachbar⸗ ſchaft der Franzoſen, an den den Ohio verſtärkenden Flüſſen errich⸗ tet worden war: und dieſer Fluß ergießt ſich bekanntlich in den Miſſiſſippi, in ſehr großer Entfernung weſtlich. Ich wußte damals, wie auch jetzt noch, ſehr wenig von dieſen entfernten Gegenden, außer daß es ſolche Orte gibt, und daß ſie manchmal von Deta⸗ chements, Streifparteien, Jägern und andern Abenteurern von den Colonien heimgeſucht werden. Mir ſcheint es kaum der Mühe werth, um ſolche entfeinte und wüſte Gebiete zu kämpfen; denn Jahrhunderte müſſen ja verſtreichen, ehe ſie irgend für die Zwecke der Civiliſation brauchbar ſind. Dirck und ich, wir Beide bedauer⸗ ten, daß der Sommer wahrſcheinlich verſtreichen werde, ohne daß wir den Feind zu ſehen bekommen würden; denn wir gehörten Familien an, welche gewöhnlich bei ſolchen Geiegenheiten verwen⸗ det wurden. Wir dachten, unſre beiden Värer dürften ausziehen; obgleich auch das noch ein Punkt war, der noch unentſchieden blieb. Wir aßen zu Mittag und raſteten zu Kingsbridge, und hatten im Sinne in der Hauptſtadt zu Nacht zu eſſen. Während das Eſſen gekocht wurde, machten Dirck und ich einen Spaziergang auf die Höhen, welche die Ausſicht auf den Hudſon haben; denn ich kannte dieſen herrlichen Fluß weniger, als ich ihn zu kennen wünſchte. Wir unterhielten uns unterwegs mit Geſprächen; und mein Gefährte, welcher den Fluß weit beſſer kannte als ich, da er häufig Gelegenheit gehabt, ihn auf⸗ und abwärts zu paſſiren, zwi⸗ ſchen dem Dorf Haverſtraw und der Hauptſtadt, auf ſeinen häufigen Beſuchen bei ſeinen Verwandten weiter unten, gab mir manche nützliche Aufſchlüſſe. „Schaut hier, Corny,“ ſagte Dirck, nachdem er ſich offenbar viele Mühe gegeben, um eines Gegenſtandes in der Ferne, den Fluß hinab, anſichtig zu werden,„ſchaut hier hinaus, Corny! ſeht Ihr das Haus dort, in der kleinen Bucht unter uns mit dem Raſen, 8 ,N— 8N A— ☛ G ͤ—————⏑ 69 der ſich bis ans Waſſer erſtreckt, und den herrlichen Obſtgarten da⸗ hinter?“ Ich ſah, auf was Dirck hindeutete. Es war ein nahe am Fluß ſtehendes, aber geſchirmtes und abgeſchloſſenes Haus, mit dem genannten Raſenplatz und Obſtgarten, obwohl in einer Entfernung von zwei oder drei Meilen nicht alle Schönheiten des Platzes er⸗ blickt werden konnten, und ich viele derſelben meinem von Bewun⸗ derung derſelben erfüllten Begleiter aufs Wort glauben mußte. Doch ſah ich ziemlich deutlich die genannten Hauptgegenſtände, und unter andern das Haus, den Obſtgarten und den Raſenplatz. Das Ge⸗ bäude war von Stein— wie überhaupt die meiſten beſſeren Häu⸗ ſer in der Gegend,— lang, unregelmäßig, und hatte jenes Ausſehen ſolider Behaglichkeit, welches man gewöhnlich an ſolchen Gebäuden findet. Die Mauern waren nicht geweißt, gemäß dem lebhaften Geſchmack unſerer holländiſchen Mit⸗Coloniſten, welche alle ihre Lebhaftigkeit in der Pfeife und in der Bürſte zu erſchöpfen ſcheinen, ſondern ſie hatten ihre natürliche, graue Farbe; ein Umſtand, wel⸗ cher die Geſtalt und die Dimenſionen des Gebäudes auf den erſten Blick etwas weniger deutlich hervortreten ließ, als wohl ſonſt der Fall geweſen wäre. Wie ich jedoch eine Weile hinſchaute, wollte es mich nachgerade reizend bedünken, das Bild auf dieſe Weiſe etwas gedampft zu finden, und ich haite mein Vergnügen daran, durch einige Anſtrengung des Sehorgans die verſchiedenen Winkel, Mauern, Dächer und Kamine aus dem Hintergrund hervorzuziehen. Im Ganzen kam mir vor, die kleine abgeſchloſſene Bucht, die be⸗ waldeten und ſelſigen Küſten, der kleine aber gut angelegte Raſen⸗ platz, der Obſtgarten und all die übrigen Beſtandtheile bildeten mit einander eines der hübſcheſten Beſitzthümer der Art, die ich je geſehen. Da ich ſo dachte, ſäumte ich auch nicht, meinem Gefähr⸗ ten meine Gedanken mitzutheilen. Ich galt dafür, einigen Geſchmack in ſolchen Dingen zu beſitzen, und war von ein paar Nachbarn in der Grafſchaft zu Rathe gezogen worden bei der Anlage von Grundſtücken. — 70 „Weſſen Haus iſt dieß, Dirck?“ erkundigte ich mich;„und wie kommet Ihr dazu, Etwas davon zu wiſſen?“ „Das iſt Lilaksbuſch,“ antwortete mein Freund,„und es gehört dem Vetter meiner Mutter, Herman Mordaunt.“ Ich hatte ſchon von Herman, oder wie man den Namen ausſprach Harman Mordaunt gehört. Er war ein Mann von nicht geringem Anſehen in der Colonie, da er der Sohn eines Major Mordaunt war, von der britiſchen Armee, welcher die Erbin eines reichen holländiſchen Kaufmanns geheirathet hatte, woher der Name Herman ſtammte, welcher mit dem Geld auf den Sohn über⸗ gegangen war. Die Holländer hatten eine ſolche Vorliebe für ihr Blut, und einen ſolchen Stolz darauf, daß ſie nie verfehlten, die⸗ ſem Mr. Mordaunt ſeinen Taufnamen zu geben; und ſo war er in der Colonie gemeinhin unter dem Namen Herman Mordaunt befannt. Weiteres wußte ich Wenig von dem Gentleman, wenn nicht etwa das, daß er für reich galt und daß er der Annahme nach zu der beſten Geſellſchaft gehörte, obgleich er nicht eigentlich ein Mitglied der begüterten oder politiſchen Ariſtokratie der Colo⸗ nie war. „Da Herman Mordaunt Eurer Mutter Vetter iſt, Dirck,“ ver⸗ ſetzte ich,„ſo vermuthe ich, daß Ihr ſchon in Lilaksbuſch geweſen ſeyd, und Euch vergewiſſert habt, ob das Innere des Hauſes eben ſo angenehm und ſtattlich iſt wie das Aeußere.“ —„Oft, Corny; ſo lange Madame Mordaunt lebte, pflegte meine Mutter und ich jeden Sommer hin zu gehen. Jetzt iſt die arme Dame todt, aber ich gehe doch noch hin.“ 3„Warum rittet Ihr nicht bis nach Lilaksbuſch, und requirirtet ein Mittageſſen bei Euren Verwandten? Ich ſollte meinen, Her⸗ man Mordaunt könnte es empfindlich nehmen, wenn er erfährt, daß ein Bekannter, oder ein Verwandter in einem Gaſthauſe nur ein paar Meilen von ſeinem Hauſe entfernt, eingekehrt ſey. Ich glaube faſt, er kennt den Major und den Capitän Littlepage, und ich ver⸗ ͤ——: NM N 71 ſichere, ich finde es nothwendig, ihm ein Billet mit einer Entſchul⸗ digung zu ſchicken daß wir nicht bei ihm einſprachen. Dergleichen, Dirck, ſollte nicht vorkommen unter Perſonen von einem gewiſſen Schlag, von welchen man vorausſetzen darf, ſie wiſſen, was ſich ſchickt.“ 3 „Das wäre Alles ganz recht, Corny, wäre Herman Mordaunt oder ſeine Tochter in Lilaksbuſch; aber ſie wohnen im Winter in Crown⸗Street in der Hauptſtadt und kommen nie früher heraus als nach den Pinkſter⸗Feiertagen, mögen dieſe nun einfallen, wann ſie wollen.“ „Oh! iſt er ein ſo vornehmer Mann, wirklich?— hat ein Haus in der Stadt und auf dem Lande? Aber am Ende weiß ich doch nicht, ob es anginge, bei einem Manne von ſeiner Stellung in der Welt ſich die Freiheit zu nehmen, nur ſo ohne Weiteres, ohne vorhergegangene Benachrichtigung, zum Mittageſſen zu kommen 2“ „Unſinn, Corny! Wer nimmt Anſtand vor irgend eines Gent⸗ leman's Thüre Halt zu machen, wenn man auf der Reiſe iſt? Herman Mordaunt würde uns aufs herzlichſte willkommen geheißen haben, und ich wäre nach Lilaksbuſch geritten, wüßte ich nicht ge⸗ wiß, daß die Familie zu dieſer Jahrszeit in der Stadt ſich aufhält. Oſtern iſt dieß Jahr frühe gefallen, und morgen iſt der erſte Tag der Pinfſter⸗Feiertage. So bald ſie vorüber ſind, werden Herman Mordaunt und Anneke herauskommen, um ſich ihres Lilaks und ihrer Roſen zu erfreuen.“ „Ah, ah! iſt alſo auch eine Anneke da, neben dem alten Gent⸗ leman? Bitte, wie alt mag Miß Anneke ſeyn, Maſter Dirck?“ Wie ich dieſe Frage that, wandte ich mich um, meinem Freund ins Geſicht zu ſehen, und ich ſah, daß ſein ganzes ſchönes, glattes, helles, holländiſches Antlitz von einer rothen Glut bedeckt war, welche ſich gewöhnlich von ſeinen derbrötblichen Wangen nicht ſo weit erſtreckte. Dirck war jedoch zu ſehr ein Mann, um ſich abzuwenden, oder ſich zu bemühen, ſolche verrätheriſche Röthen zu verhehlen; ſondern er 72 verſetzte ſtandhaft:„Meine Baſe, Anneke Mordaunt, hat gerade ihr ſiebzehntes Jahr angetreten; und ich will Euch etwas ſagen. Corny“— „Wohl— ich höre mit beiden Ohren um Euer Etwas zu vernehmen.— Heraus damit, Freund! meine beiden Ohren ſind offen.“ „Nun, Anneke iſt eines der allerhübſcheſten Mädchen in der Colonie!— Und was noch mehr iſt, ſie iſt ſo hold und gut als ſie hübſch iſt!“ und wie Dirck dieß mit Lebhaftigkeit ſagte, verfiel er in den holländiſchen Accent. Ich war ganz erſtaunt über die Energie und das Gefühl, wo⸗ mit er dieß ſagte Dirck war ein ſo realiſtiſcher Camerad, vaßnich nie geträumt hätte, er könnte der Leidenſchaſt der Liebe zugangtlm ſeyn; auch hatte ich mir nie die Mühe genommen, die Natur un⸗ ſerer Freundſchaft genauer zu zergliedern. Wir hatten fürs Erſte einander gern vermuthlich aus Gewohnheit; ſodann hatten wir ſo weſentlich verſchiedene Charaktere, daß unſre Anhäng ichkeit an ein⸗ ander verſtärkt wurde durch jene Art von Reiz und Aufregung, welche das Kind des Gegenſatzes und Widerſpruches iſt. Als wir älter wurden, erwarben Dirck's gute Eigenſchaften ihm nachgerade meine Achtung, und die Vernunft hatte nun mehr Antheil an meiner Neigung für ihn. Ich war ganz übe zeugt, daß mein Geſpiele ein warmer Freund ſeyn könne und werde: aber die Möglichkeit, daß er je ein Liebhaber werden könnte, war mir nie in den Sinn gekommen. Auch jetzt war der Eindruck, welchen das oben Erzählte auf mich machte, nicht ſehr tief nech bleibend, obgleich ich mich wohl noch der Ver⸗ wunderung und des Staunens erinnere, womit ich ſeine flammende Wange, ſein belebtes Auge und ſein begeiſtertes Weſen betrachtete. In dieſem Augenblict beſaß Dirck in der That ein belebtes und Achtung gebietendes, einnehmendes Weſen und Beneymen. „Nun, Anneke iſt eines der allerhübſcheſten Mädchen in der Colonie!“ hatte mein Freund ausgerufen. 73 3 „Und Eure Baſe?“.— „Meine Baſe im zweiten Grade. Ihrer Mutter Vater und meiner Mutter Mutter waren Bruder und Schweſter.“ „In dieſem Falle hoffe ich die Ehre zu haben, binnen Kurzem der Miß Anneke Mordaunt vorgeſtellt zu werden, welche gerade ihr ſiebzehntes Jahr angetreten hat, eines der hübſcheſten Mädchen in der Colonie, und eben, ſo gut als hübſch iſt“ „Ich wünſchte, Ihr ſähet ſie, Corny, und das ehe wir wieder heim kommen,“ verſetzte Dirck, und alle ſeine Philoſophie oder ſein Phlegma— welche Bezeichnung immer die Philoſophie andrer Leue paſſender finden mag— kehrte ihm zurück.„Kommt, laßt ur an das Gaſthaus zurückfkehren; unſer Mittageſſen wird ſonſt werden.“ Ich ſann, während wir nach dem Gaſthauſe zurückwanderten, über meines Freundes ungewohntes Weſen und Benehnien nach; aber dieß war bald vergeſſen über der Genugthuung, ein gutes tüchtiges Mahl zu verzehren, beſtehend in geröſtetem Schinken mit heißen Kartoffeln, geſottenen Eiern, Beefſteak aus feinſte zurecht gemacht, nebſt den Zuthaten von gepöckeltem Fleiſch, kalter Küche, Apfelpaſtetchen und Cider. Dieß iſt ein gewöhnliches New⸗Yorker Gaſthausmittageſſen für Reiſende; und ich muß ſagen, ich habe mich damit ganz befreundet. Oft habe ich es mir behagen laſſen nach einem tüchtigen Morgenritt; ja und beſſer hat mir ein ſolches Mahl geſchmeckt als Gaſtereien, bei welchen welſche Hahnen, Auſtern, Schinken, Hachée's und andere Schüſſeln figurirten, welche in viel höherem Anſehen ſtehen. Selbſt Schildkrötenſuppe, wegen welcher wir in New⸗York doch einigermaßen berühmt ſind, hat mir nicht in dem Maße geſchmeckt. 4 Dirck, um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, aß herzhaft; denn es hielt ſchwer, ihm den guten Appetit zu benehmen. Wie gewöhnlich trug ich die Koſten des Geſprächs, und es wurde dieſes geführt mit unſrer Wirthin, die, ſobald ſie vernahm, daß ich der 74 Sohn ihres vielgeſchätzten und treuen Gaſtes, Major Littlepage, ſey, ſich einfſand, um den Nachtiſch und den Käſe zu präſentiren und mir die Ehre erwies, ein Geſpräch mit mir zu beginnen. Ihr Name war Light(Licht), und allerdings warf ſie ein Licht auf Alles, was ſie beſprach; das heißt: ein Gaſtwirthslicht, welches einiger⸗ maßen theilnimmt an der Finſterniß, die ſo gerne einen nicht ge⸗ ringen Theil des Geiſtes ihrer vielen Gäſte und Kunden beſchattet. „Bitte, Mrs. Light,“ fragte ich, als eine günſtige Pauſe ein⸗ trat, was nicht eher geſchah, als bis die gute Frau ihren Athem zu Ehren der Familie Littlepage erſchöpft hatte,—„wißt Ihr wohl zufällig Etwas von einer Familie hier herum mit Namen Mordaunt?“ „Ob ich zufällig Etwas von ihr weiß, Sir?— Ha, Mr. Littlepage, beinahe eben ſo gut hättet Ihr mich fragen können, ob ich je ſchon von einer Familie Van Cortlandt, oder Philipſe, oder Morris, oder irgend ſonſt einer von der Gentry hier herum gehört habe. Mr. Mordaunt hat ein Landgut, und dazu ein ſehr hübſches, nur zwei und eine halbe Meile weit von uns, und er und Madame Mordaunt kamen nie an unſrer Thüre vorbei, wenn ſie auf das Land gingen, um Madame Van Cortlandt zu beſuchen, ohne an⸗ zuhalten, um ein Wort mit mir zu ſprechen und einen Shilling zu verzehren. Die arme Lady iſt todt; aber es lebt ein junges Ebenbild ihrer Tugenden, das nach ihr kommt, welches gewiß eini⸗ ges Unheil in der Colonie anrichten wird. Sie iſt die Beſcheiden⸗ heit ſelbſt, Sir, ſo glaubte ich denn, ich würde ihr nichts Leides thun, wenn ich ihr ſagte, als ſie das letztemal hier war: man ſollte ſie einſperren wegen der Diebſtähle, die ſie wahrſcheinlich noch begehen werde, wo nicht wegen derjenigen, die ſie ſchon begangen. Sie erröthete, Sir, und ſah wahrlich auf und nieder aus wie die Schaale des zarteſten geſottenen Krebſes, der Euch je vor Augen gekommen. Sie iſt wahrlich eine entzückende junge Lady.“ „Herzensdiebſtähle meint Ihr natürlich, meine gute Mrs. Light?“ . 75⁵ „Nichts Anderes, Sir; junge Ladies ſind gar geneigt, Herzen zu ſtehlen, wißt Ihr. Mein Wort darauf, Miß Anneke wird eine große Räuberin werden; auf ihre eigene Art, wißt Ihr, Sir.“ „Und bitte, mit Weſſen Herzen wird ſie denn vermuthlich da⸗ von laufen? Es würde mich freuen, die Namen einiger ihrer Opfer zu hören.“ „Guter Himmel, Sirb! ſie iſt noch zu jung, als daß ſie ſchon Viel könnte gethan haben, aber wartet nur zwölf Monate, dann will ich Eure Frage beantworten.“ Ich bemerkte während der ganzen Zeit wohl, daß Dirck ſich etwas unbehaglich fühlte, und es beluſtigte mich, das Arbeiten ſei⸗ nes Geſichts zu beobachten. Meine boshaften Abſichten jedoch er⸗ litten eine plötzliche Unterbrechung. Wie um weitere Geſpräche und zugleich auch weiteres Ausſpioniren abzuſchneiden, ſtand mein junger Freund vom Tiſche auf und beſtellte die Pferde und die Rechnung. Während unſeres Rittes nach der Stadt war nicht mehr die Rede von Lilaksbuſch, von Herrman Mordaunt und von ſeiner Toch⸗ ter Anneke. Dirck war ſchweigſam, aber das war ſeine Gewohn⸗ heit ſo nach dem Mittageſſen, und ich war hinlänglich in Athem erhalten durch die Aufgabe, die Straße zu finden, welche durch den Gemeindeanger führte, da wir in dieſer Richtung zu reiten wün⸗ ſchten. Zwar hätten wir in die Stadt kommen können auf dem Wege über Bloomingdale, Greenwich, die Wieſen und Collekt, und ſo hinabwärts an dem Gemeindeanger vorbei nach dem Anfang von Broadway; aber meine Mutter hatte ausdrücklich gewünſcht, daß wir durch Bowery⸗Lane kommen, an den Häuſern, die ſich in die⸗ ſem Viertel befinden, vorbei paſſiren und ſo bald als möglich in die Queen⸗Street gelangen möchten. Wenn wir dieſen Weg ein⸗ ſchlügen, dachte ſie, würden wir um ſo weniger leicht unſern Weg in der Stadt ſelbſt verfehlen können, welche freilich voll enger und verwickelter Gaſſen und Gänge iſt. Mein Oheim Legge war nach Duke⸗Street gezogen, in der Nähe von Hanover⸗Square; und ich wußte wohl, daß wir durch die Queen⸗Street gerade vor ſeine Thüre hin geführt werden würden. Queen⸗Street iſt in der That die große Pulsader von New⸗York, durch welche ſein meiſtes Blut cirkulirt. Es war gegen die Abenddämmerung, als wir dem Stalle zu trotteten, wo wir unſere Pferde ſtehen ließen, und nachdem wir einen Schwarzen bekommen, der unſere Mantelſäcke auf die Schul⸗ tern nahm, begannen wir das Labyrinth der Hauptſtadt zu Fuße zu durchwandern. YPew⸗York war ohne Frage ſchon im Jahr 1757 ein wegen ſeines Handels bewundernswerther Platz! Schiffe be⸗ gannen ſichtbar zu werden ſchon in einiger Entfernung öſtlich von Fly⸗Market, und es lagen ſicherlich nicht weniger als zwanzig Schiffe, Briggs und Schoner in dem Caſt⸗River, als wir die Queen⸗Street hinab wandelten. Natürlich ſchließe ich bei dieſer Schätzung alle Schiffe ein, welche in der See gehen. Im gegenwärtigen Augen⸗ blick wäre natürlich eine doppelt ſo große Zahl zu ſehen. Hier blie⸗ ben Dirck und ich mehr als einmal unwillkührlich ſtehen, um das Schauſpiel von Reichthum und Handel zu betrachten, das ſich uns darbot, je tiefer wir in das Innere der Stadt gelangten. Meine Mutter hatte mich ganz beſonders davor gewarnt, daß ich nicht auf dieſe Art meine ländliche Abkunft verrathen ſolle, und ich fühlte mich ſehr beſchämt, ſo oft ich zu dieſer Schwäche mich wieder ver⸗ leiten ließ; aber ich fand die Verſuchung unwiderſtehlich. Endlich trennten wir uns, ich und mein Freund, und Jeder begab ſich nach dem Hauſe ſeiner Tante. Ehe wir jedoch von einander gingen, verabredeten wir, am folgenden Morgen auf den Feldern oben bei Broadway uns zu treffen, auf dem Gemeindeanger, der, wie wir gehört, der Schauplatz der Pinkſterbeluſtigungen ſeyn ſollte. In Duke⸗Streent wurde mir ein herzlicher Empfaug zu Theil, ſowohl von Seiten meines Obeims als meiner Tante; der Erſtere war ein gutherziger Mann, obwohl ein wenig zu geneigt in Ueber⸗ ſchwänglichkeiten zu verfallen, wo es ſich von den Rechten des Pöbels 77 handelte. Ich war vergnügt über den Willkomm der mir wurde und genoß ein vortreffliches warmes Nachteſſen, zu welchem wir uns um halb neun Uhr zu Tiſche ſetzten, denn meine Tante hielt gar ſehr auf die in der Stadt üblichen Stunden, ſowohl des Mit⸗ tag⸗ als des Nachteſſens, und ließ beide Mahlzeiten etwas ſpäter bereiten als meine Mutter, weil ſie es für vornehmer und faſhio⸗ nabler hielt* Da ich nicht umhin konnte, zu bekennen, daß ich von dem langen Ritte etwas erſchöpft war, zog ich mich ſogleich nach dem Eſſen auf mein Zimmer zurück. * Das Mittageſſen(dinner) des letzten halben Jahrhunderts iſt, in gewiſſem Sinne, nur ein Erſatz und anderer Name für die petits soupers der paar vor⸗ angegangenen Jahrhunderte. Es iſt ſo ganz vernünftig und naturgemäß, daß gebildete Leute von verfeinerten Bedürfniſſen und Geſchmack ſich zu⸗ ſammenfinden, um der Genüſſe der Geſelligkeit ſich zu erfreuen, wenn die Geſchafte des Tages vorüber ſind, daß das Souper nur demſelben Mahl unter einem andern Namen Platz gemacht hat, und zu Stunden, welche von den früher üblichen wenig abweichen. Der Pariſer dinirt um halb ſieben Uhr und bleibt bis acht Uhr am Tiſche ſitzen. Der Eng⸗ länder, ſpäter in allen ſeinen Stunden und ſchwerfälliger in ſeinen Ge⸗ wohnheiten, ſetzt ſich zum Eſſen zu der Zeit wo der Franzoſe aufſteht, und verläßt den Tiſch zwiſchen neun und zehn Uhr. Der Italiener be⸗ zahlt ſeinem Klima ſeinen Tribut und hat ſein frühes Mittageſſen und ſein leichtes Abendbrod, die er beide gewohnlich allein einnimmt, da die Sitten des Landes ihm zur geſelligen Unterhaltung die Oper und die Conversazione anweiſen. Aber was iſt der Amerikaner? Ein Miſchmaſch aus denſelben ſinnloſen Widerſprüchen in ſeinen geſelligen Gewohnheiten, wie er es in ſeinen politiſchen Meinungen und politiſchen Sitten und Bräuchen immer mehr zu werden droht; ein im Uebergang begriffenes Weſen, durch die Umſtände auf der einen und von der Nachahmungsſucht auf der andern Seite gedrängt, abgeneigt, beinahe unfähig ſelbſt zu den⸗ ken und zu handeln. Der einzige Amerikaner, der zur Zeit in ſolchen Dingen uunabhangig iſt, iſt der noch nicht flügge, ungehobelte Provinziale, in der ganzen Friſche ſeiner Dorfeinbildung und ſeiner Dorfgewohnheiten, der, bis er durch Verkehr mit der Welt belehrt und geſitrigt wird, ſich einbildet, die Südweſtecke des nordweſtlichen Kirchſpiels in der Stadt Hebron, in der Grafſchaft Jericho, Staat Konnektikut, ſey der einzige 78. Der nächſte Tag war der erſte von den Dreien, welche den Pinkſtervergnügungen, den großen Saturnalien der Schwarzen in New⸗York, gewidmet ſind. Obgleich dieß Feſt immer mit mehr Leb⸗ haftigkeit in Albany als in New⸗York gefeiert zu werden pflegt, wird es doch auch in letzterem durchaus nicht vernachläßigt. Ich hatte meiner Tante, ehe ich ſie verließ, geſagt, ich würde nicht auf das Frühſtück warten, ſondern mit der Sonne aufſtehen und Dirck aufſuchen, damit wir einen Gang an den Werften hin machen könnten, ehe es Zeit wäre uns auf den Platz zu begeben, wo die Kurzweil zu ſehen war. Demgemäß verließ ich bei guter Zeit das Haus, obwohl eine Stunde ſpäter, als ich beabſichtigt hatte; denn ich hörte das Klirren von Taſſen in dem kleinen Geſellſchaftszim⸗ mer,— das Zeichen, daß man auf dem Tiſche die gewöhnlichen Vorbereitungen zum Frühſtück machte. Da ſiel mir nun ein, daß die Meiſten von der Dienerſchaft, wo nicht Alle, ſieben an der Zahl, Erlaubniß erhalten würden, ſich den Feiertag zu Nutze zu machen, und daß ich gut thun würde, alle meine Mahlzeiten draußen auf dem Feld einzunehmen. Ich eilte in das Zimmer zu⸗ rück, ſetzte Juno, das Mädchen, welches ich die Geſchäfte von Pompe⸗ jus verrichten fand, von dieſer meiner Abſicht in Kenntniß und ver⸗ ließ mit einem Sprunge das Haus. Ich dachte, in einer ſo großen, mit Lebensmitteln ſo reich verſehenen Stadt wie New⸗York, ſey die Gefahr, Hungers zu ſterben, nicht groß; und der Erfolg rechtfer⸗ tigte vollkommen dieſe wohlbegründete Meinung.— Gerade als ich Hanover⸗Square betrat, ſah ich einen grau⸗ köpfigen Neger, welcher ſich einen Penny verdienen wollte, ehe er an den Ergötzlichkeiten des Tages Antheil nahm, zwei Eimer tra⸗ Punkt auf der ganzen Erdkugel, wo die Vollkommenheit zu Hauſe ſey. Wenn es ſich trifft, daß er eine Schule hält oder eine Zeitung heraus⸗ gibt, ſo wird das Gemeinweſen, in einem geringeren Grade wenigſtens, ſeiner ſeltenen Vorzüge und ſeiner unermeßlichen Erfahrung theilhaft! Der Herausgeber. 79 gend, mit holländiſcher Reinlichkeit und Sauberkeit geſcheuert, welche er an einem Joch, über Hals und Schultern gelegt, hängen hatte. Er ſchrie:„Weißer Wein— Weißer Wein!“ mit klarer und ſo⸗ norer Stimme, und ich war in einem Nu bei ihm.„Weißer Wein“ war, und iſt noch, mein Lieblingstrunk Morgens; und ich kaufte einen köſtlichen Trunk des reinſten und beſten Communipaw⸗Ge⸗ wächſes, wozu ich einen Kuchen verſpeiste. So erquickt begab ich mich in das Square, deſſen Schönheit mir aufgefallen war, als ich es am Abend zuvor durchwandert hatte. Zu meiner Ueberraſchung — Wen mußte ich ganz im Mittelpunkt von Queen⸗Street finden, mit dem unaustilgbarſten Weſen eines Connektikuts⸗Mannes um ſich gaffend— Wen anders, als Jaſon Newrome! Eine kurze Er⸗ läuterung erklärte mir das Geheimniß ſeiner Anweſenheit. Seine Knaben waren Alle heimgegangen, um ſich der Pinkſterfeiertage zu erfreuen mit den ſchwarzen Dienern ihrer Familien; und Jaſon hatte dieſe Gelegenheit ergriffen, um der großen Hauptſtadt der Colonie ſeinen erſten Beſuch abzuſtatten. Er war auf Reiſen, wie ich ſelbſt auch. „Und was hat Euch hieher geführt?“ fragte ich, nachdem mir der Pädagog ſchon geſagt, daß er ſeine Wohnung in einer Schenke der Vorſtädte genommen, wo man Unterkunft für Pferde und Men⸗ ſchen zu„räſonablem Preiſe fand.„Die Pinkſterplätze ſind über dem Anfang von Broadway, auf dem Gemeindeanger.“ „So höre ich,“ antwortete Jaſon,„aber ich möchte zuerſt ein Schiff ſehen und Alles was dahin gehört. Es wird in zwei oder drei Stunden noch Zeit genug für Pinkſter ſeyn, wenn anders ein Chriſt ſolche Eitelkeiten mitanſehen darf. Könnt Ihr mir ſagen, wo ich Hanover⸗Square finde, Corny?“ „Ihr ſeyd eben jetzt darin, Mr. Newcome; und nach meiner Anſicht iſt es ein ſehr ſtattlicher Platz!“ „Dieß Hanover⸗Square!“ wiederholte Jaſon;„ha, es hat ja 80 gar nicht die Geſtalt von einem Square;“ es gleicht eher einem Triangel.“ „Nun, was trägt das aus, Sir? Unter einem Square in einer Stadt verſteht man nicht nothwendig einen Platz mit vier gleichen Seiten und eben ſo viel rechten Winkeln, ſondern nur einen offenen Platz, der der Luft und der Schönheit wegen frei ge⸗ laſſen worden iſt. Hier findet man Luft und Schönheit genug, um jeden vernünftigen Menſchen zu befriedigen. Ein Square kann ein Parallelogramm oder ein Dreieck ſeyn oder jede andere beliebige Geſtalt haben.“. „Das iſt alſo Hanover⸗Square!— ein New⸗York⸗Square, oder ein Naſſau⸗Hall⸗Square, Corny; aber kein Yale⸗College⸗Square, darauf gebe ich Euch mein Wort! Es iſt überdieß auch ſo klein!“ „Klein!— Die Weite der Straße am weiteſten Ende muß beinahe hundert Fuß betragen; ich ſtehe Euch dafür, am andern 4 Ende beträgt ſie nicht halb ſo viel, aber das kommt von der Nähe der Häuſer her.“ „Ja, es kommt Alles von der Nähe der Häuſer her, wie Ihr es nennt. Nach meinen Begriffen nun ſollte Hanover⸗Square, von welchem man auf dem Lande ſo viel ſchwatzen hört, fünfzig bis ſechszig Acres Raum umſchließen, und Statuen vom ganzen Hauſe Braunſchweig ſollten überdieß darin aufgeſtellt ſeyn. Warum hat man denn das Neſt von Häuſern mitten in Eurem Square ſtehen laſſen?“ „Sie ſind nicht darin, Sir. Das Square hört auf, wo es an die Häuſer kommt. Sie ſind zu koſtbar, um niedergeriſſen zu werden, obgleich davon die Rede geweſen iſt. Mein Oheim Legge hat mir geſtern Abend geſagt, dieſe Häuſer ſeyen zu wenigſtens zwölftauſend Dollars geſchätzt; und manche Leute ſchlagen ſie gar zu ſechstauſend Pfund an.“ * Square heißt Quadrat, Viereck. 81 Dieß ſöhnte Jaſon mit den Häuſern aus: denn er ermangelte nie, vor dem Gelde Reſpekt zu haben, in welcher Geſtalt es ihm auch begegnen mochte. Es war die einzige Quelle menſchlicher Auszeichnung, die er klar faſſen und begreifen konnte, obwohl er eine leiſe Ahnung und Vorſtellung hatte von der Würde der Krone, und von der Achtung, welche ihren Stellvertretern gebühre. „Corny,“ ſagte Jaſon in leiſem Tone, und zugleich ergriff er mich am Arme, um mich bei Seite zu führen, obgleich kein Menſch in der Nähe war, wie Einer, der ſich nach einem wichtigen Ge⸗ heimniß erkundigen, oder ein ſolches eröffnen will,„was habt Ihr denn, wie ich geſehen, für einen Bittern genommen, vor einer kleinen Weile“ „Bittern? Ich verſtehe Euch nicht, Jaſon. Nichts Bitteres habe ich heute noch gekoſtet; auch kann ich nicht ſagen, daß ich irgend Luſt bätte, etwas Bitteres über den Mund zu bringen.“ Ha, ich meine das Getranfe, das Ihr von dem Neger kauf⸗ tet, der jetzt durch das Square, wie Ihr es nennt, zurück kommt, und das Euch ſo herrlich zu ſchmecken ſchien. Ich bin ſelbſt auch ganz trocken, und es würde mir ein Trunk wundervoll behagen.“ „Oh, der Burſche verkauft weißen Wein, und Ihr werdet ihn köſtlich finden. Wenn Ihr Euern ‚Bittern’ haben wollt, wie Ihr Euch ausdrückt, ſo könnt Ihr nichts Beſſeres thun, als ihn anhal⸗ ten und ihm einen Penny geben.“ „Wird er es ſo entſetzlich wohlfeil geben?“ fragte Jaſon, und ſeine Augen zwinkerten in der freudigen Erwartung von einem „Bittern.“ „Das iſt der ſtehende Preis. Haltet ihn kecklich an; hier iſt all Eure Connektikut⸗Beſcheidenheit nicht am Platz. He, Freund, dieſer Gentleman wünſcht einen Becher von Euerm weißen Weine.“ Jaſon wandte ſich voll Angſt um, zu ſpähen, wer ihn etwa ſehen fönnte und als er den Becher in der Hand hatte, ſchloß er die Augen, entſchloſſen, deſſen Inhalt auf Einen Zug zu leeren, in Satanstoe. 6. 5 8² der erprobteſten Art, den„Bittern“ zu trinken. Etwa die Hälfte der Flüſſigkeit floß ihm in die Kehle hinab, das Uebrige ſprudelte er in einem kleinen weißen Strome zurück. „Buttermilch, beim Jingo!“ rief der getäuſchte Pädagog, wel⸗ cher ſich auf irgend eine köſtliche Miſchung von Gewürzen und Rum gefaßt gemacht hatte. St. Jingo war der einzige Heilige, und ein darnation, oder darn you“ die einzigen Flüche, deren ſeine puri⸗ taniſche Erziehung ihm geſtattete ſich je zu bedienen. Fünftes Kapitel. Auſtern, ſchöne Auſtern! So weiß wie Schnee. Die Auſtern wachſen auf Rockaway's Höh'! New⸗BYorker Ausrufer. Es ſtand einige Zeit an, bis Jaſon's beleidigte Würde und ſein Verdruß über die Täuſchung ihm geſtatteten, über das Miß⸗ verſtändniß zu lächeln; und wir waren eine ziemliche Strecke weit gegen Old⸗Slip zu gewandert wo ich Dirck treffen ſollte, ehe der Pädagog auch nur den Mund öffnete. Und dann war die einzige Aeußerung, die er über den weißen Wein that, die, daß er es einen „verdammten holländiſchen Betrug“ nannte; denn Jaſon hatte un⸗ bedingt darauf gerechnet, jenes eigenthümliche Getränke ſeiner Kaſte zu bekommen, das unter dem Namen des„Bittern“ bekannt iſt. Was er mit holländiſchem Betrug ſagen wollte, weiß ich nicht; weun er nicht anders glaubte, Buttermilch ſey etwas eigenthümlich Holländiſches, und dieſe Buttermilch eine Täuſchung. Dirck erwartete mich bei Old⸗Slip; und auf meine Erkundi⸗ gung erfuhr ich, daß er ſeinen Trunk weißen Wein ebenſo wie ich * Statt: damnation, damn you— Verdammniß! ſeyd verflucht. zu 8 —r .„—, 8³ zu ſich genommen hatte, und ſofort zu jeder Wanderung bereit war. Wir wanderten nun mit einander die Werften entlang, und be⸗ wunderten die verſchiednen Schiffe, welche dort lagen. Gegen neun Uhr gingen wir alle Drei Wall⸗Street hinauf, wo auf den Stufen der Häuſer ſchon ein nicht geringer Theil der Bewohner ſaß, an dem Anblick der Neger ſich ergötzend, wie ſie mit glücklich glänzen⸗ den Geſichtern die Häuſer verließen, um nach dem„Pinkſter⸗Feld“ zu eilen. Unſer Zug durch die Straße erregte nicht geringe Auf⸗ merkſamkeit; denn da wir alle Drei Fremde waren, war nicht zu erwarten, daß wir ſo in einem Haufen beiſammen erblickt werden könnten, ohne Bemerkungen hervorzurufen. So Etwas wäre kaum in London ſelbſt zu erwarten geweſen. Nachdem wir Jaſon City⸗Hall, Trinity⸗Church und City⸗Ta⸗ verne gezeigt hatten, gingen wir zur Stadt hinaus und ſchlugen die Nichtung ein nach einer großen Heide, welche von den Offtzieren des Königs lange als Paradeplatz benützt worden war, und ſeither der Park genannt worden iſt, obwohl ſchwer zu ſagen wäre, warum? da der Umfang kaum der eines kleinen Geheges iſt, und gewiß nie⸗ mals wildere Geſchöpfe darin gehalten und geſehen wurden, als die Knaben der Stadt. Ich vermuthe, es wird dereinſt noch ein Park werden, obgleich der Platz für jetzt noch wenig hat, was mit meinen Vorſtellungen von einem ſolchen übereinſtimmt. Auf dieſer Heide war der Pinkſter⸗Platz, jetzt ganz angefüllt mit Menſchen und voll von Leben. Eine Pinkſter⸗Luſtbarkeit hatte nichts Neues weder für mich noch für Dirck, während Jaſon den ganzen Vorgang mit Staunen angaffte. Er war nur ſiebzig Meilen von dieſem Orte entfernt geboren, hatte aber zuvor nicht den mindeſten Begriff von einem ſolchen Feſt⸗ und Feiertag wie Pinkſter. Es gibt glaube ich, wenig Schwarze in Connektikut, und dieſe ſind in der puritaniſchen Mühle ſo zermalmt und zerrieben, daß ſie weder Fiſch, noch Fleiſch, noch Häring ſind, wie wir von etwas ganz Abnormem zu ſagen 84 pflegen. Niemand hat in Neu⸗England von einem Feſt gehört, das nicht in unmittelbarer Beziehung zu den Heiligen oder zur Politik ſtände. Jaſon war Anfangs wie betäubt von dem Getöſe, dem Tan⸗ zen, der Muſik und den Spielen, welche da im Gange waren. Es waren jetzt neun Zehntheile von den Schwarzen der Stadt, ja von dem ganzen Lande auf dreißig bis vierzig Meilen im Umkreiſe, zu Tauſenden auf den Feldern verſammelt, Schellentrommeln ſchlagend, afrikaniſche Lieder ſingend, trinkend, was das Aergſte war, lachend in einer Weiſe, daß ihr Herz an die Rippen zu raſſeln ſchien. Al⸗ les hatte den Anſtrich von guter Laune, obgleich es gute Laune in den derbſten und roheſten Geſtalten war. Alle Arten Spiele waren aufgeboten, während auch das Trinken keineswegs vernachläßigt wurde. Dennoch war kein Menſch betrunken. Ein betrunkener Neger iſt in der That etwas Ungewöhnliches. Die Züge, welche eine Pinkſter⸗Luſtbarfeit von den gewöhnlichen Scenen auf Jahr⸗ märkten und bei ähnlichen Gelegenheiten unterſcheiden, ſind jedoch von afrifaniſchem Urſprung. Es iſt wahr, es waren ſchon damals nicht viele in Afrika geborene Schwarze unter uns, und jetzt ſind deren noch weniger; aber die Traditionen und Gebrauche ihrer ur⸗ ſprünglichen Heimath hatten ſich ſo weit bei ihnen erhalten, daß dadurch ein auffallender Unterſchied zwiſchen dieſem Feſte und einem von europäiſchem Urſprung bewirkt wurde. Unter Anderem mach⸗ ten Einige Muſik dadurch, daß ſie auf Felle ſchlugen, welche über die Enden hohler Scheiter geſpannt waren, während Andere dazu tanzten in einer Weiſe, die von ihrem unendlichen Entzücken zeugte. Dieß namentlich ſoll eine Sitte iyrer afrikaniſchen Eltern gewe⸗ ſen ſeyn. Hunderte von Weißen wandelten als vergnügte Zuſchauer durch⸗ die Felder. Unter dieſen waren ſehr viele Kinder von den beſſern Klaſſen, welche gekommen waren, um der Kurzweil derjenigen zu⸗ zuſehen, welche ihnen bei ihren gewöhnlichen Unterhaltungen Geſell⸗ 8⁵ ſchaft leiſteten. Manche kohlſchwarze Wärterin ſah ich an dieſem Tage, welche ihren jungen Maſter, oder ihre junge Miſtreß, oder Beide zugleich, durch die verſchiedenen Gruppen geleitete, von Allen den Reſpekt heiſchend und empfangend, welchen Jedes von dieſer Klaſſe der andern zu zollen gewohnt war. Sehr viele junge Fräulein im Alter zwiſchen fünfzehn und zwanzig Jahren befanden ſich auch auf dem Felde, theils von männ⸗ lichen Begleitern eskortirt, theils, was ebenſo gewiß ihnen von allen Seiten Aufmerkſamkeit und Artigkeit ſicherte, unter der Obhut alter Wärterinnen, welche eben der Race angehörten, von welcher das Feſt gefeiert wurde. Wir ſelbſt waren zwei Stunden auf dem Feld geweſen, und ſelbſt Jaſon geruhte nachgerade beluſtigt zu wer⸗ den, als ich unverſehens und unbewußt von meinen Begleitern ge⸗ trennt wurde und allein die Gruppen durchwanderte, wobei ich auf eine Geſellſchaft junger Mädchen ſtieß, welche unter der Obhut zweier oder dreier runzliger und grauköpfiger Negerinnen ſtanden, ſo gut gekleidet, daß man ſogleich in ihnen die vertrauten Dienerin⸗ nen von vornehmeren Familien erkannte. Was die jungen Ladie's ſelbſt betrifft, ſo ſtanden die meiſten noch im Alter von Schulmäd⸗ chen: doch waren auch Einige davon jenem zweideutigen Alter, wo die Knoſpe gerade zur aufbrechenden Blüthe ſich geſtaltet, und ein paar noch um Etwas Aeltere, junge Damen nach Geſtalt und Haltung, obwohl kaum den Jahren nach. Eine unter Zweien der letztern Art ſchien mir alle Anmuth einer gereiften Jungfrau zu beſitzen, ſtrahlend gehoben durch das harmloſe Lachen, die leicht⸗ herzige Schalkhaftigkeit und die mädchenhafte Unſchuld von ſiebzehn Jahren. Sie war einfach aber ſehr hübſch gekleidet, und Alles in ihrem Anzug, ihrem Weſen, ihrer Haltung und ihrem Benehmen bezeichnete eine junge Lady der höhern Klaſſe, gerade alt genug, um zu füͤhlen, welche Rückſichten der Schicklichkeit ihre Lage ihr vorſchreibt, und zugleich doch noch jung genug, um an all der Kurz⸗ weil und den Poſſen Freude zu finden. Als ſie mir nahe kam, 86 war mir, als ob ich ſie kennte; aber erſt als ich ihre ſüße, fröh⸗ liche Stimme hörte, erkannte ich wieder das hübſche kleine Ge⸗ ſchöpf, für welches ich beinahe ſechs Jahre zuvor auf Bowery⸗Road mit dem Fleiſchersknaben einen Gang gemacht hatte. Als ihre Ge⸗ ſellſchaft der Stelle, wo ich ſtand, ganz nahe war, wurde, was Anfangs nur Vermuthung war, zur Gewißheit erhoben. In der Ueberraſchung des Augenblicks war ich, als ich zufäl⸗ lig ſo glücklich war, dem Blicke des jungen Geſchöpfs zu begegnen, ſo kühn, ihr einen tiefen Bückling zu machen. Zuerſt lachelte ſie, wie wenn ſie glaubte einen Bekannten zu erkennen; dann wurde ihr Geſicht ſcharlachroth, und ſie erwiederte meinen Bückling mit einer ſehr ladymäßigen, aber zugleich auch ſehr fremden Verben⸗ gung; worauf ſie, ihre blaue Augen auf den Boden heftend, ſich wegwandte, anſcheinend um mit ihrer Begleiterin zu ſprechen. Auf dieß hin konnte ich nicht ſo weit gehen, ſie anzureden, obgleich ich ſtarke Hoffnung hegte, die alte ſchwarze Wärterin, die bei ihr war, werde mich wieder erkennen; denn ſie hatte bei Gelegenheit meines Zwiſtes mit dem jungen Fleiſcher mir viele Theilnahme bezeigt. Dieß geſchah aber nicht, und die alte Katrinke, wie ich die Negerin nennen hörte, watſchelte weg, und erklärte einem Haufen ſehr acht⸗ ſamer Zuhörerinnen die Bedeutung der verſchiedenen Ceremonien ihrer Race, ohne mir irgend Aufmerkſamkeit zu widmen. Die Zungen der hübſchen kleinen Geſchöpfe gingen, wie eben die Zun⸗ gen von Mädchen zu gehen pflegen, während jedoch meine unbe⸗ kannte Schöne all die Zurückhaltung und das geſetzte Benehmen beibehielt, welches ſich für ihre gereiftere Jungfräulichkeit und ihre anſcheinende Stellung im Leben ziemte. „Da, Miß Anneke!“ rief plötzlich Katrinke;„da kommt ein Genttleum, der Euch Vergnügen bringen wird, das weiß ich.“ „Anneke,“ wiederholte ich bei mir ſelbſt,„und ein Gentle⸗ man, der durch ſeine Erſcheinung Vergnügen verurſachen wird! Kann es wohl Dirck ſeyn?“ dachte ich. Und wirklich war es auch 87 Dirck, welcher raſch auf die Gruppe zu ſchritt, im Allgemeinen grüßte, zuletzt mit meiner ſchönen jungen Unbekannten die Hände ſchüttelte und ſie mit dem Namen:„Couſine Anneke“ anredete. Das war alſo Annie Mordaunt, wie ſie in den engliſchen Cirkeln gewöhnlich genannt wurde, das einzige Kind und die Erbin von Hermann Mordaunt von Crown⸗Street und Lilaksbuſch! Nun, Dirck beſaß mehr Geſchmack, als ich ihm zugetraut hatte! Gerade als dieſer Gedanke mir durch die Seele zuckte, wurde mein Freund meiner anſichtig, und mit einer Miene des ſtolzen, freudigen Triumphs winkte er mir, näher zu kommen, obgleich ich ſchon jetzt mich ziemlich in die Nähe zu machen gewußt hatte. „Couſine Anneke,“ ſagte Dirck, welcher ſich nie umſchreibender Redewendungen bediente, wenn er überhaupt auf direktem Wege zu ſeinem Zweck kommen konnte,„dieß iſt Corny Littlepage, von welchem Ihr mich ſo oft habt ſprechen hören, und für welchen ich Euern beſten Knixr und Euer holdeſtes Lächeln in Anſpruch nehme.“ 7 Miß Mordaunt war freundlich genug, ſein Verlangen buch⸗ ſtäblich zu erfüllen; ſie knirte und lächelte genau ſo wie er ſie ge⸗ beten hatte, obwohl ich bemerkte, daß ſie auch eine leiſe Neigung verſpürte zu lachen. Ich machte noch meinen Bückling, und mur⸗ melte ein unverſtändliches Compliment, als Katrinke einen kurzen Ausruf ausſtieß, und der Freiheit, die einer alten, vertrauten Die⸗ nerin zuſtand, ſich bedienend, ihre junge Gebieterin lebhaft am Aermel zupfte und ihr haſtig etwas ins Ohr flüſterte. Anneke er⸗ röthete, wandte ſich ſchnell gegen mich, heftete ihr Auge kühner und ſteter auf mein Geſicht— und da bildete ich mir ein, daß das ſüßeſte Lächeln, welches je einem Sterblichen zu Theil gewor⸗ den, oder auch das, welches ich ſo eben von ihr empfangen, von ihrem jetzigen Lächeln weit überſtrahlt werde. „Mr. Littlepage iſt mir, glaube ich, nicht völlig fremd, Couſin Dirck,“ ſagte ſie.„Katrinke erinnert ſich ſeiner noch als eines 88 jungen Gentleman, der mir einmal einen wichtigen Dienſt leiſtete; und jetzt glaube ich ſelbſt die Aehnlichkeit wieder zu finden. Ich meine den Vorfall mit dem Knaben, der mich auf Bowery Road beleidigte, Mr. Littlepage, und Eure ritterliche Einmiſchung zu meinen Gunſten.“ „Wären es zwanzig Knaben geweſen, Miß Mordaunt, eine Beleidigung gegen Euch wäre von jedem Manne von gewöhnlichem Geiſt und Herz geahndet worden.“ Ich weiß nicht, ob irgend ein Jüngling, der plötzlich ſeinen Witz aufzubieten gehabt, um höflich, oder ſentimental, oder gefühl⸗ voll zu ſeyn, etwas viel Beſſeres vorgebracht haben würde, als Dieß. Anneke war, wie ich glaube, auch dieſer Meinung, denn ihr Erröthen ſtieg, und machte ſie zum Entzücken liebenswürdig, und ſie ſah ganz erſtaunlich vergnügt aus. „Ja,“ fiel Dirck mit Energie ein,„laßt Zwanzig, oder Hun⸗ dert es verſuchen, wenn ſie Luſt haben, Anneke, Männer oder Knaben— ſie werden jederzeit Leute finden, bereit Euch zu be⸗ ſchuben /⸗ „Euch zum Beiſpiel, natürlich Vetter Dirck,“ verſetzte das rei⸗ zende Mädchen, die Hand meinem Freunde hinbietend mit einer Offenheit, die ich ihr in dieſem Falle gerne erlaſſen hätte;„aber ihr werdet Euch erinnern, Mr. Littlepage, oder Maſter Littlepage, was er damals war, war ein mir Unbekannter, und ich hatte an ihn keine ſolche Anſprüche zu machen, wie allerdings an Euch!“ „Nun, Corny, es iſt aber ſeltſam von Euch, daß Ihr mir da⸗ von kein Wort geſagt habt! Als ich ihm Lilaksbuſch zeigte und von Euch und Eurem Vater ſchwatzte da ſagte er nicht ein Wort von der Sache!“ „Damals wußte ich nicht, daß es Miß Mordaunt geweſen, der ich zu dienen das Glück gehabt hatte; aber da ſteht Mr. Newrome ganz in Eurer Nähe, Follock, und ſtirbt vor Verlangen vorgeſtellt zu werden, da er ſieht, daß ich vorgeſtellt worden bin.“ —- — — 89 Anneke wandte ſich und lächelte und knixte gegen Jaſon, welcher ſeinen Bückling in ſehr ſchulmeiſterlicher Art machte, wäh⸗ rend ich bemerkte, wie der Umſtand, daß ich mit meiner Hel⸗ denthat nicht geprahlt hatte, ihr in den Augen des ſüßen Geſchöpfes einen neuen Werth verlieh. Was Jaſon betrifft— ſobald ſeine Vorſtellung vorüber war, die erſte, bilde ich mir ein, die er in regelmäßiger Form durchgemacht hatte, ſo benützte er einige Fragen, welche weiß Mordaunt an Dirck richtete, ſeine Mutter und die übrige Familie betreffend, kam zu mir herum, zog mich mittelſt eines Nucks am Aermel bei Seite, und gab mir zu verſtehen, daß er mir etwas heimlich mitzutheilen habe. „Ich wußte bisher nicht, daß Ihr je Schule gehalten, Corny,“ flüſterte er mir halb ins Ohr und zwar ſehr angelegentlich. „Wie wißt Ihr es denn jetzt, Mr. Neweome, da dieß gar nie der Fall geweſen iſt?“ „Wie kommt es denn aber, daß dieſe junge Dame Euch Ma⸗ ſter Littleyage nannte?“ „Pah! Jaſon, wartet nur ein Jahr oder zwei, dann werdet Ihr ſchon anfangen, richtigere Vorſtellungen von uns New⸗Yorkern zu bekommen.“ „Aber ich habe es mit eigenen Ohren gehört— Maſter Little⸗ page; ſo deutlich, als nur je Worte geſprochen wurden.“ „Nun, ſo muß alſo wohl Miß Mordaunt Recht haben, und ich habe die Sache vergeſſen⸗ Ich muß einmal eine Frauenſchule irgendwo in meinen jüngern Jahren gehalten, es aber ganz ver⸗ geſſen haben.“ „Nun das iſt Nichts als Euer verzweifelter Yorkſcher Stolz, Corny: aber ich denke deßhalb nur um ſo beſſer von Euch. Ha, da es nicht kann geweſen ſeyn, nachdem Ihr ins Collegium kamet, müßt Ihr ſogar mir vorangeeilt ſeyn! Aber der Hochwürdige Mr. Worden iſt auch der Mann, um einen Jüngling mit einem guten Kapital auszuſteuern, wenn er dazu Luſt hat. Ich geſtehe, er ver⸗ 90 ſteht ſich auf die todten Sprachen. Es iſt Schade, daß er ſo gar todt iſt in religiöſen Dingen.“ „Wohl— wohl— ich will Euch Alles ein ander Mal erzäh⸗ len; Ihr begreift jetzt, daß Miß Mordaunt weiter zu gehen wünſcht, und uns nicht gern allzu raſch verläßt. Laßt uns ihr folgen.“ Jaſon bequemte ſich dazu, und ein paar Stunden hatten wir das Vergnügen, die jungen Frauenzimmer zu begleiten, wie ſie unter den Buden und den verſchiedenen Gruppen dieſer eigenthümlichen Verſammlung herumſchlenderten. Wie ſchon geſagt, die meiſten von den Schwarzen waren in der Colonie geboren, doch befanden ſich auch einige geborene Afrikaner darunter. New⸗York hat nie Sklaven gehabt nach dem Syſtem der ſüdlichen Pflanzer, oder in Schaaren von Hunderten, um unter Aufſehern auf den Feldern zu arbeiten, in eigenen Hütten abgeſondert wohnend; vielmehr war unſer Sklavenſyſtem ein ſtreng häusliches, indem der Neger beinahe ohne Ausnahme unter demſelben Dache mit dem Herrn lebte, oder wenn ſeine Wohnung abgeſondert war, was allerdings in manchen Fällen vorkam, ſo war ſie doch ganz in der Nähe, ſo daß beide Ragcen doch als Theile einer zuſammenhängenden Familie erſchienen. Auf dem Lande arbeiteten die Neger nicht anders auf dem Feld, denn als gewöhnliche Feldarbeiter; und bei denjenigen, welche ihre Güter als Eigenthümer, oder als Pächter eines großen Grundbeſitzers bewirthſchafteten, verrichtete der Schwarze ſeine Arbeit an der Seite ſeines Gebieters. Sodann waren alle, oder faſt alle unſre Diener und Dienerinnen im Hausweſen Schwarze und ſind es noch, und hatten das Departement der häuslichen Oekonomie beinahe aus⸗ ſchließlich in Händen, mit Ausnahme der Fälle, wo weiße Weiber auch zu ſolchen Geſchäften ſich herbeiließen, nebſt der gewohnten Oberaufſicht der Hausfrauen. Bei den Holländern namentlich war die Behandlung des Negers die allermildeſte ein zuverläſſiger Feld⸗ ſtlave hatte da oft in Betreff der Feldbeſtellung und der Ernte ſo +⁸— 82 8 — 5——0 6——— —* 8 8 0ᷣ— 91 viel zu ſagen, als Derjenige, welchem das von ihm bearbeitete Feld und er ſelbſt gehörte. Eine Gruppe eingeborener Afrikaner hielt uns eine halbe Stunde gefeſſelt. Die Stene ſchien ihre frühen Erinnerungen und Gemah⸗ nungen neu belebt zu haben und ſie wurden von ihrer eigenen Auf⸗ führung halbwilder Spiele und Kurzweil hingeriſſen. Die in Amerika geborenen Schwarzen gafften ebenfalls mit lebhaftem Intereſſe dieſe Gruppe an, und betrachteten ſie als eben ſo viele Geſandte aus dem Lande ihrer Vorfahren, die ſie unterweiſen konnten in Gebräuchen und abergläubiſchem Wiſſen, wie es ihrer Rage ganz beſonders eigen war. Die Letztern beſtrebten ſich ſogar, das Thun und Treiben der Erſtern nachzuahmen, und ſo ſpaßhaft oft die Verſuche ausfielen, ſo fehlte es doch gewiß nie am Ernſte des Wollens und der Abſicht. Nichts war als Karikatur gemeint, ſondern Alles geſchah aus Ach⸗ tung und Neigung Damit die Sitten und Gewohnheiten dieſer Generation nicht dahinſchwinden und vergeſſen werden, wovon ich ſchon drohende Spuren ſehe, will ich eines Gebrauches erwähnen, welcher ganz ge⸗ wöhnlich war bei den Holländern, und der einigermaßen auch in die engliſchen Familien überging, die mit den Abkömmlingen Hol⸗ lands Verbindungen ſchloſſen. Zwei ſolche Verſchwägerungen hatten die Littlepages ſo ſehr Jenen genähert, daß der in Rede ſtehende Gebrauch auch bei mir in Anwendung kam. Der Brauch war dieſer: wenn ein Kind von der Familie das Alter von ſechs oder acht Jah⸗ ren erreichte, ſo wurde ihm, ein junger Sklave dem Knaben, eine junge Sklavin dem Mädchen, von gleichem Alter mit einiger Förm⸗ lichkeit und Feierlichkeit zugegeben, und von dieſem Augenblick an wurde das Schickſal Beider gewiſſermaßen, ſo weit es die Verſchie⸗ denheit der Stellung und des Lebensberufes geſtattete, wie das von Mann und Frau, betrachtet. Es iſt wahr, es kommen Scheidungen vor, aber nur in Fällen von ſehr ſchlimmer Aufführung und völlig ebenſo oft fällt das ſchlechte Benehmen dem Herrn als dem Sklaven 92 zur Laſt. Ein Trunkenbold mag in Schulden gerathen und genöthigt werden, ſich von ſeinen Schwarzen zu trennen, und mit den Uebri⸗ gen auch von dieſem Einen; aber dieſer Neger bleibt bei ihm, ſo lange ihm nur irgend Etwas bleibt. Sklaven, welche ſich fortge⸗ ſetzt ſchlecht halten, werden gewöhnlich auf die Inſeln geſchickt, wo die Arbeit auf den Zuckerpflanzungen ſich als eine ganz genügende Strafe erweist. Am Tage, wo ich ſechs Jahre alt wurde, ward mir in der er⸗ wähnten Weiſe ein Knabe zugegeben, und er iſt bis auf dieſen Augenblick nicht nur mein Eigenthum, ſondern mein Factotum geblieben. Dieſer Knabe war Yaap, oder Jakob, der Neger, deſſen ich ſchon zu erwähnen Gelegenheit gehabt. Anneke Mordaunt, deren Großmutter, wie man ſich erinnern wird, von einer holländiſchen Familie war, hatte hier, auf dem Pinkſter⸗Feld, eine Negerin ganz von ihrem Alter bei ſich, welche Mari genannt wurde; nicht Mary oder Maria, ſondern ſo wie der letztere Name mit Weglaſſung des a am Schluſſe ausgeſprochen werden würde. Dieſe Mari war eine kecke, glänzende, glatte, lachende, ſchmucke, ſchwarze Hexe, mit rothen Lippen, Perlenzähnen und ſchwarzen Augen, die ganz zu oſſen und Kurzweil geboren ſchien, und es koſtete oft ihre geſetz⸗ eere, wohlgezogene Gebieterin nicht geringe Mühe ſie in Ordnung zu halten. Mein Geſelle trieb ſich auch auf dem Felde herum, denn ich hatte ihm Erlaubniß gegeben, in die Stadt zu gehen, um Pinkſter zu halten; und er ſollte Satanstoe in einer Schaluppe verlaſſen, eine Stunde nach meiner Abreiſe. Der Wind war günſtig geweſen und ich hatte mich noch gar nicht erkundigt, ob er ange⸗ kommen ſey, obwohl ich ihn bis jetzt noch nicht geſehen hatte. Ich hätte Anneke und ihre Geſellſchaft den ganzen Tag auf dieſem Schauplatz unverfälſchter Fröhlichkeit herum begleiten können, ohne einen Mangel an Intereſſe zu empfinden. Ihre bloße Gegen⸗ wart machte unmittelbar einen Eindruck; ſelbſt die geborenen Afri⸗ kaner mäßigten ihr ausgelaſſenes Benehmen und dämpften, ſo gut 93 es gehen wollte, ihr gellendes Freudengeſchrei, um ihrem verfeiner⸗ ten Geſchmack deſto beſſer zuzuſagen. Niemand in unſrer Geſellſchaft dünkte ſich zu gut und zu vornehm um zu lachen, als Jaſon. Der Pädagog, es iſt wahr, gab oft ſeinen Widerwillen gegen die Luſt⸗ barkeiten und Poſſen der Neger zu erkennen, erklärte, ſie ſeien widerliche menſchliche Geſchöpfe, und legte noch ſonſt jene Neigung zur Hyperkritik an den Tag, woran man ſo häufig Denjenigen erkennt, der in ſeinem eigenen Fach ein ungeübter Neuling und Anfänger iſt. Dieß war der Stand der Dinge, als Mari auf ihre junge Gebieterin her geſtürzt kam, und mit weit aufgeriſſenen Augen und erhobenen Händen rief, mit einem ſo gellenden Tone, daß wir noth⸗ wendig Alle ihre Mittheilung auch hörten: „Oh! Miß Anneke!— Was glaubt Ihr wohl, Miß Anneke! Hättet Ihr Euch je ſo etwas träumen laſſen, Miß Anneke?“ „Sagt mir doch ſogleich, was Ihr geſehen oder gehört habt, Mari, und laßt dieſe einfältigen Ausrufungen weg,“ ſagte die gü⸗ tige Gebieterin, mit einem Erröthen, welches zeigte, daß ſelbſt ihr das Benehmen ihres Mädchens ungewohnt war. „Wer hätte auch das denken können, Miß Anneke! Dieſe Neger da haben in ihr ſo weit entferntes Land geſchickt und haben einen Löwen fangen laſſen für Pinkſter!“ Das war freilich eine wichtige Neuigkeit, wenn es ſich wirklich ſo verhielt. Keiner von uns Allen hatte je einen Löwen geſehen; denn wilde Thiere waren damals ausnehmend ſelten in den Colo⸗ nien, mit Ausnahme derjenigen, die man in unſern eigenen Wäl⸗ dern fing. Ich hatte bis jetzt einige kleine braune Bären, und manchen Wolf, auch einen ausgeſtopften Panther geſehen; aber ich hatte es nie für eine Möglichkeit gehalten, daß ich einem lebendigen Löwen ſollte ſo nahe kommen können. Nähere Erkundigungen zeig⸗ ten indeſſen, daß Mari Recht hatte, mit Ausnahme des Umſtandes, daß das Thier nicht ausdrücklich für dieſe Gelegenheit gefangen worden 94 war. Das wilde Thier gehörte einem herumziehenden Manne, wel⸗ cher auch der Beſitzer eines ſehr beweglichen und ergötzlichen Affen war. Der Einlaßpreis war ein Viertelsdollar für einen erwachſenen Weißen; Kinder und Neger bezahlten die Hälfte. Nachdem man über dieſe Präliminarien im Reinen war, wurde ſofort verabredet, daß Alle, welchen hinlänglich Geld und Muth zu Gebote ſtand, in Einem Haufen hingehen und den König der Thiere beſchauen ſollten. Ich ſage Muth, denn es war deſſen nicht wenig erforderlich für ein an ſo Etwas nicht gewöhntes weibliches Weſen, um ſich einem lebendigen Löwen ſo nahe zu wagen. Der Löwe war natürlich in einem Käfig, welcher in einem für kurze Zeit aufgeſchlagenen Brettergebäude auf dem Pinkſter⸗ Felde ſich befand. Als wir uns der Thüre näherten, ſah ich die Wangen einiger von den hübſchen jungen Geſchöpfen, welche zu der Geſellſchaft Anneke'ns gehörten, bleich werden; ein Zei⸗ chen von Schwäche, das, ſo ſeltſam es ſcheinen mag, ſehr merk⸗ lich auch auf die meiſten der ſie begleitenden Negerinnen ſich erſtreckte. Mari jedoch blieb unerſchüttert; und als es zur Ent⸗ ſcheidung und Probe für das weibliche Geſchlecht kam, waren ſie und ihre Gebieterin die Einzigen, welche bei dem urſprünglichen Beſchluſſe beharrten, hineinzugehen. Einige Zeit verlor man über der Bemühung, zwei oder drei von ihren älteren Begleiterinnen zu bereden, auch mit hineinzugehen; aber als ſich Alles fruchtlos zeigte, ſagte Miß Mordaunt ruhig mit einem ſchwachen Lächeln „Nun, Gentlemen, ſo müſſen eben Mari und ich den weib⸗ lichen Beſtandtheil der Geſellſchaft ausmachen. Ich habe noch nie einen Löwen geſehen, und möchte um Alles nicht dieſe Gelegenheit verſäumen. Wir werden bei unſerer Zurückkunft unſere Freundinnen finden, wie ſie auf die Stücke von uns warten, welche nicht gefreſ⸗ ſen worden ſind.“ Wir waren jetzt der Thüre nahe, wo der Mann ſtand, welcher das Geld einnahm und die Karten ausgab. Zufälligerweiſe war 95 Dirck aufgehalten worden von einem Gentleman von ſeiner Bekanntſchaft, der gerade die Bude verlaſſen hatte, und lachend einen Vorfall erzählte, welcher ſich drinnen ereignet hatte. Ich ſtand auf der einen Seite von Anneke, Jaſon auf der andern, und dicht hinter uns folgte Mari. „Einen Vierteldollar für jeden Gentleman und die Lady“, ſagte der Thürſteher,„und einen Shilling für die Schwarze.“ Auf dieſen Wink zog Jaſon, zu meiner großen Ueberraſchung (denn gewöhnlich war er bei ſolchen Gelegenheiten ſehr rückhältig,) eine Börſe heraus, ſchüttete einiges Silbergeld auf die Hand, und ſagte mit ſtattlichem Tone: „Erlaubt mir, Miß— es iſt eine Ehre, die ich mir ſehr aus⸗ bitte; einen Viertel für Euch und einen Shilling für Mari.“ Ich ſah Anneke erröthen und ihren Blick haſtig auf Dirck wer⸗ fen. Ehe ich Zeit hatte, Etwas zu ſagen, oder Etwas zu thun, antwortete ſie mit Feſtigkeit: „Macht Euch keine Mühe Mr. Neweome; Mr. Littlepage wird mir den Gefallen thun, Karten für mich zu löſen.“ Jaſon hatte das Geld zwiſchen den Fingern, und ich ging an ihm vorbei und kaufte die Karten, während er betheuerte: „Es mache ihm eine Freude— er ſey ſtolz auf die Gelegenheit; ein ander Mal könne ihr ruder ſeinen Schweſtern denſelben Dienſt leiſten, und er habe deren ſechs“, und andere ſolche Redensarten. Ich händigte einfach die Karten Anneke'n ein, welche ſie mit einer Aeußerung des Dankes empfing, und wir gingen Alle weiter; und Dirck, als er herbeikam, erkundigte ſich bei ſeiner Baſe, ob er ihr Karten holen ſolle. Ich erwähne dieſes kleinen Vorfalls, weil er den weiblichen Takt beweist, und will Alles, was ſich darauf bezieht, erzählen, ehe ich zu Weiterem übergehe. Anneke ſagte Nichts über dieſe Sache mit den Karten, bis wir die Bude verlaſſen hatten, wo ſie ſich mir näherte, und mit der Einfachheit und Anmuth, welche einem wohlerzogenen weiblichen Weſen bei ſolcher Gelegenheit zu Gebote ſtehen, ganz ruhig ſagte: 96 „Ich bin Eure Schuldnerin, Mr. Littlepage; Ihr habt meine Karten bezahlt;— ſie koſten drei Schillinge, glaube ich.“ Ich verbeugte mich und hatte die Freude, der Miß Mordaunt ſchöne kleine Hand beinahe zu berühren, als ſie mir das Geld gab. In dieſem Augenblick wurde ich am Ellbogen angeſtoßen, daß ich beinahe die Silbermünzen fallen ließ. Es war Jaſon, der ſich dieſe Freiheit genommen hatte, und mich jetzt bei Seite führte, mit einem Ernſt in ſeinem Weſen, den man für gewöhnlich nicht leicht an ihm bemerkte. Ich ſah an dem geheimnißvollen Ausdruck von des Pä⸗ dagogen Geſicht und an ſeinem wichtigthuenden Weſen, daß etwas Außerordentliches ſeinen Geiſt beſchäftigte, und erwartete mit einer kleinen Neugier zu erfahren, was es wohl ſeyn möchte „Ei, was, ums Himmels willen, Corny, was denkt ihr doch?“ rief er, beinahe zornig.„Hat je ein Sterblicher davon gehört, daß ein Gentleman eine Lady eine Zeche bezahlen ließ? Wißt Ihr wohl, Ihr habt Miß Anneke eine Zeche bezahlen laſſen.“ „Eine Zeche, Mr. Neweome?“ „Ja, eine Zeche, Mr. Corny Littlepage! Wie oft glaubt Ihr, daß junge Lady's Euch zu Schauſtellungen und Bällen und andern Spektakeln begleiten werden, wenn Ihr ſie bezahlen laßt?“ Dann gab ein höhniſches Lachen Jaſons Worten noch mehr Nachdruck. „Bezahlen!— konnte ich denn mir herausnehmen, zu glauben, Miß Mordaunt werde zugeben, daß ich für ſie oder ihre Dienerin Geld bezahle?“ 8 „Ihr bringt mich beinahe auf die Meinung, Ihr ſeyet ein Dummkopf! Junge Männer bezahlen immer für junge Damen und da braucht es gar keine Fragen. Habt Ihr nicht bemerkt, wie flott ich mich erbot, dieſe Miß freizuhalten, und wie gut ſie es auf⸗ nahm, bis Ihr vortratet und mich ausſtachet?— Ich ließ es mir gefallen, denn es erſparte mir drei Neunpeneeſtücke.“ Ich bemerkte, wie Miß Mordaunt zurückbebte vor der Ver⸗ traulichkeit, mit der Ihr ſie ſchlechthin Miß nanntet, und wie + G½ u—9—,— 97 abgeneigt ſie war, Euch die Karten kaufen zu laſſen; und ich ver⸗ muthe, das war nur deßhalb, weil ſie ſah, Ihr hattet die Abſicht, ſie frei zu halten, nach Eurem Ausdruck.“ Ich kann nicht auf die Philoſophie der Sache eingehen, aber ſicherlich iſt im Engliſchen Nichts gemeiner, als eine junge Lady mit Miß anzureden, ohne einen Namen hinzuzuſetzen, während ich weiß, daß es im Franzöſiſchen die höchſte Feinheit iſt, Mademoiſelle zu ſagen; und ich habe mir ſagen laſſen, daß die Spanisr, Italie⸗ ner und Deutſchen des gleichbedeutenden Wortes ſich ganz ebenſo bedienen. Ich hatte mich erzürnt über Jaſon's Vertraulichkeit, als er Anneke,— die liebliche Anneke! Miß anredete; und ich freute mich der Gelegenheit, ihm zu verſtehen zu geben, wie ich über die Sache dachte. „Welch ein Kind ſeyd Ihr aber doch, Corny!“ rief der Päda⸗ gog, welcher viel zu gutmüthig war, um über eine Kleinigkeit be⸗ leidigt zu werden.„Ihr ein Baccalaureus artium! Aber dieſe Sache muß ins Reine gebracht werden, wäre es auch nur um der Ehre meiner Schule willen. Die Leute könnten glauben, Ihr ſeyet in der Schule geweſen, ſeit ſie unter meiner Leitung ſteht, und ich möchte um Alles in der Welt nicht, daß man ſagte, ein Jüngling aus mei⸗ ner Schule habe unter ſolchen Umſtänden verſäumt, eine Dame zech⸗ frei zu halten.“ Ueberzeugt, daß es nutzlos ſey, mit mir weiter zu ſtreiten, be⸗ gab ſich Jaſon ſofort zu Anneke, von welcher er ſich Erlaubniß er⸗ bat, ihr ein Wort unter vier Augen zu ſagen. So begierig war mein Genoſſe, den Flecken auszutilgen, und ſo überraſcht war die junge Lady, welche mild es ablehnte, ſich mehr als einen Schritt von den Uebrigen zu entfernen, daß das Geſpräch in meiner unmit⸗ telbaren Nähe Statt fand, ohne daß Eines oder das Andere wußte, daß ich nothwendig Alles, was vorging, ſehen und hören mußte. „Ihr müßt Corny entſchuldigen, Miß,“ begann Jaſon, ſeine Börſe wieder ziehend, in welcher er ſofort nach einem Vierteldollar Satanstoe. 7 98 und einem Shilling zu fahnden anfing,„er iſt noch ſo ganz jung und verſteht ſo wenig, daß es nicht der Rede werth iſt, von dem, was unter den Menſchen Sitte iſt. Ha! da iſt gerade das Geld; drei Neunpenceſtücke oder drei Yorker Shillinge. Da, Miß, ent⸗ ſchuldigt Corny, und überſeht Alles; wenn er älter iſt, wird er keine ſolche Böcke mehr machen.“ „Ich weiß nicht gewiß, ob ich Euch recht verſtehe, Sir!“ rief Anneke, welche ſchon ein wenig zurückgeſcheut hatte bei dem„Miß!“ und jetzt den Jaſon ihr die Silbermünzen hinbieten ſah, mit einem Staunen, welches zu verhehlen ſie ſich keine Mühe gab. „Das iſt der Preis der Karten— ja das iſt Alles. Nichts weiter, auf Ehre; Corny, Ihr erinnert euch, war ſo entſetzlich dumm und blöde, daß er Euch bezahlen ließ, gerade als wenn Ihr ein Gentleman wäret.“ Anneke lächelte jetzt und da ſie in demſelben Moment einen Blick auf mich warf, übergoß ein leuchtendes Erröthen ihr Ange⸗ ſicht, obgleich der Ausdruck meines Blickes ſie, wie ich leicht be⸗ merken konnte, ſtark zum Lachen reizte. „Es iſt ganz gut ſo, wie es iſt, Mr. Newcome, obgleich ich mich Euch ſehr verpflichtet fühle, für Eure freigebigen Geſinnungen und Abſichten,“ ſagte ſie, und zugleich wandte ſie ſich, um wieder an ihre Geſellſchaft ſich anzuſchließen;„in New⸗York iſt es gebräuch⸗ lich, daß Ladies für Alles dergleichen ſelbſt bezahlen. Wenn ich nach Connektikut komme, werde ich Euch unendlichen Dank wiſſen für ein ſolches Anerbieten.“ Jaſon wußte nicht, was daraus machen. Er blieb noch lange nachher feſt dabei, die junge Lady ſey eigenſinnig geweſen, und ſie habe ſich geweigert, das Geld zu nehmen, blos weil ſie ſo beleidigt worden ſey. „Es gibt eine Art, Corny, wißt Ihr,“ ſagte er,„etwas Gen⸗ teeles zu thun— nämlich auch auf eine genteele Weiſe. Ich be⸗ zweifle ſehr, ob etwas Genteeles auf eine ungenteele Weiſe gethan —,— —,— 99 werden kann. Für Eines bin ich dankbar, und das iſt: daß ſie nicht weiß, daß Ihr je in Eurem Leben in dem Seminar⸗Inſtitut geweſen“; dieſen Namen nämlich hatte Jaſon aufgebracht für das, was Mr. Worden einfach eine Knabenſchule genannt hatte. Keh⸗ ren wir aber jetzt zu der Bude zurück. Der Löwe hatte ſtarken Beſuch und wir hatten einige Mühe, Plätze zu finden. Natürlich ſtand Anneke vorn, denn die meiſten Männer in der Bude machten ihr mit achtungsvoller Aufmerkſam⸗ keit Platz. Zum Unglück trug die junge Lady einen ausnehmend hübſchen Shawl, in welchem Scharlach die vorherrſchende Farbe war; und dieſem Umſtande wurde zugeſchrieben, was nun ſich be⸗ gab, obwohl ich weit entfernt bin, zu behaupten, daß es ſich ei⸗ gentlich ſo verhalten habe. Anneke zeigte anfänglich durchaus keine Furcht; aber da der Kreis der Zuſchauer von hinten auf ſie drückte, kam ſie dem Käfig ſo nahe, daß das Thier eine Pfote herausſtreckte, den Shawl förmlich packte und das erſchrockene Mädchen ganz an das Gitter hinzog. Ich war an Anneke'ns Seite, und mit einer Gei⸗ ſtesgegenwart, über die ich mich jetzt wundern muß, gelang es mir, den Shawl von den Schultern des köſtlichen Geſchöpfs loszumachen, ſie raſch vom Boden aufzuheben und ſie in ſicherer Entfernung von der wilden Beſtie niederzuſetzen. Alles dieß ging ſo ſchnell, daß die Hälfte der anweſenden Perſonen von dem Vorgefallenen gar Nichts wußten, bis er ganz vorüber war; und was mich am meiſten ver⸗ wundert, iſt, daß ich nicht die mindeſte Erinnerung mehr habe von dem Vergnügen, das ich empfinden mußte, als mein Arm den ſchlan⸗ ken Leib von Anneke Mordaunt umſpannte, und während ſie ganz von mir emporgehoben ward. Der Wärter legte ſich ſogleich ins Mittel, und der Löwe ließ den Shawl fahren und ſah ſehr miß⸗ vergnügt und ärgerlich aus, als er fand, daß die ſchöne Eignerin nicht mehr darin war. Anneke ward befreit, ehe ſie Zeit gehabt, die ganze Größe der Gefahr, in welcher ſie geſchwebt hatte, zu faſſen. Selbſt Dirck konnte 100 nicht ihr zu Hülfe herbeieilen, obgleich er die drohende Gefahr ſah und begriff, welcher das Weſen ausgeſetzt war, das er am innigſten auf der Welt liebte; aber Dirck war immer ſo langſam. Jaſon muß ich die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, zu bezeugen, daß er ſich gut benahm, obgleich er in einer Lage war, daß er keine wirk⸗ liche Hülfe leiſten konnte. Er rannte herzu, um Anneken beizu⸗ ſtehen, und blieb, um den Shawl wegzuziehen, ſobald es dem Wär⸗ ter gelungen war, den Löwen dahin zu bringen, daß er ihn fahren ließ. Aber das Alles ging ſo raſch, daß Einem wenig Gelegenheit blieb, die einzelnen Vorfälle ſich zu merken. Anneke war allerdings nicht wenig erſchrocken über dieſes Aben⸗ teuer mit dem Löwen, wie aus ihrer wechſelnden Farbe und eini⸗ gen Thränen, welche ihr ins Auge traten, deutlich erhellte. Den⸗ noch genügte ein Glas Waſſer und ein Paar Minuten Ruhe, während ſie in einem Seſſel ſaß, ihre Faſſung gänzlich wieder herzu⸗ ſtellen, und ſte blieb mit uns noch eine halbe Stunde, ihren furcht⸗ baren Feind betrachtend und bewundernd. Und hier ſey mir erlaubt hinzuzuſetzen, für diejenigen, welche nie Gelegenheit gehabt, den König der Thiere zu ſehen, daß er ein Anblick iſt, wohl werth, daß man ihn aufſucht! Ich habe nie einen Elephanten geſehen, von welchem gereiste Gentlemen mir ſagen, daß es ein noch auſſerordentlicheres Thier ſey, obgleich es mir ſchwer iſt, mir etwas in ſeiner Art Schöneres zu denken, als der Löwe war, welcher um ein Kleines an der holden Anneke Mordaunt ſich vergriffen hätte. Ich bezweifle, ob irgend Eines von uns den gan⸗ zen Umfang der Gefahr, der ſie ausgeſetzt war, erkannte, bis wir anfingen, kühler darüber nachzudenken, als ſich nun Zeit und Muße dazu ergab. Sobald die erſte, natürlich dadurch verurſachte Er⸗ ſchütterung des Gemüths ſich gelegt hatte, ſchien der Vorfall ver⸗ geſſen; und wir verließen nach einem langen Aufenthalt die Bude und beſprachen uns weitläufig über das Thier und ſeinen Charakter, anſcheinend ganz vergeſſend, daß der Löwe durch Einen Schlag mit 101 ſeiner gewaltigen Tatze Einem der holdeſten, glücklichſten und un⸗ ſchuldigſten Weſen in der ganzen Provinz, ohne das rechtzeitige und barmherzige Dazwiſchentreten der gütigen Vorſehung, hätte verderb⸗ lich werden können. Nach dem kleinen Vorfall mit den Karten ſchritt ich mit An⸗ neke weiter, welche ihren Vorſatz ausſprach, das Feld zu verlaſſen, da die glücklich beſeitigte Gefahr jetzt doch ihre Lebensgeiſter angriff, und ſie beſorgte, ein beſonders theilnehmender Freund oder eine Freundin möchte ihrem Vater eine übertriebene Nachricht von dem Vorgefallenen überbringen. Dirck erbot ſich, ſie heim zu begleiten, denn Mr. Mordaunt hielt keinen Wagen, oder wenigſtens keinen, der gewöhnlich als Equipage in der Stadt benützt worden wäre. Wir waren Alle bis an die Grenze des Feldes mit Anneke gegan⸗ gen, als das holde Mädchen ſtehen blieb, mich ernſt und innig an⸗ ſah, und während ſie die Farbe wechſelte und die Thränen ihr ins Auge traten, ſagte:„Mr. Littlepage, es kommt mir jetzt erſt recht zum Bewußtſeyn, was ich Euch ſchuldig bin. Die Sache ging ſo plötzlich vor ſich, und ich war ſo erſchrocken, daß ich im Augenblick nicht wußte, wie ich mich ausdrücken ſollte, auch weiß ich noch jetzt 3 nicht, ob ich es recht zu thun vermag. Glaubt mir jedoch, daß ich dieſen Morgen niemals vergeſſen kann, und ich bitte Euch, wenn Ihr eine Schweſter habt, ihr das Anerbieten der Freundſchaft von Anneke Mordaunt zu überbringen und ihr zu ſagen, daß ihr Ge⸗ bet für ihren Bruder nicht aufrichtiger ſeyn kann, als das meinige.“ Ehe ich mich ſo weit ſammeln konnte, um eine paſſende Ant⸗ wort zu geben, hatte Anneke einen Knix gemacht und ſich, das Ta⸗ ſchentuch vor den Augen, entfernt. 10² Sechstes Kapitel. Nein, ſeyd kurz! Ich ſeh' das Ende ſchon, und bin beinah Ein Mann. Cymbeline. Da Dirck Miß Mordaunt nach ihres Vaters Haus in Crown⸗ Street“ begleitete, ergriff ich eine Gelegenheit, mich Jaſon's zu ent⸗ ledigen, da ich nicht in der Stimmung war, ſeine Vorleſungen über das, was im Leben ſchicklich ſey, anzuhören, und verließ das Pinkſter⸗ Feld ſo ſchnell ich konnte. Trotz der Größe und Bedeutung von New⸗York mußte doch ein ſolcher Feſt⸗ und Feiertag nothwendig große Menſchenmaſſen herbeilocken, welche Zuſchauer der Spiele und Kurzweil abgaben. Im Jahr 1757 ſtand James de Lancey an der Spitze der Regierung der Provinz, ſo wie überhaupt, thatſächlich, während eines großen Theils ſeines Lebens; und ich erinnere mich auf meinem Weg in die Stadt, ſeinem Wagen begegnet zu ſeyn, welcher die jüngern Kinder der Familie auf das Feld hinaus führte. Da der Tag vorrückte, ſah man Wagen von verſchiedner Art im Broadway erſcheinen, hauptſächlich mit den Kindern ihrer Eigen⸗ thümer beſetzt. Alle dieſe gehörten Leuten vom höchſten Range; und ich ſah das Schiff, das Wappenabzeichen der Livingſtons, die Lanze der de Lancey's, das brennende Schloß der Morriſes, und an⸗ dere in der Provinz wohlbekannte heraldiſche Abzeichen. Allerdings waren Wagen im Jahr 1757 nicht ſo allgemein, wie ſie es ſeitdem geworden ſind; aber die meiſten unſerer vornehmen Leute fuhren in ihren Kutſchen, Chaiſen oder Phaetons, oder welche Namen ihre Fuhrwerke ſonſt haben mochten, wenn es eine Gelegenheit gab zu einem ſo weiten Ausflug aus der Stadt wie der Gemeindeanger, da wo jetzt der Park iſt. Die Straßen auf der Inſel Manhat⸗ tan waren recht hübſch und maleriſch, zogen ſich zwiſchen Felſen und durch Thäler hin, und waren mit Hainen und Gehölzen ein⸗ * Jetzt Liberty⸗Street. Kronenſtraße— Freiheitsſtraße. 103 gefaßt, ſo daß die Fahrt darin etwas ganz Ländliches und Heim⸗ liches hatte. Da und dort kam man an ein Landhaus, den Wohn⸗ ſitz irgend einer bedeutenden Perſon, welches durch Behaglichkeit und Zierlichkeit genügendes Zeugniß von Reichthum und gutem Ge⸗ ſchmack ablegte. Mr. Speaker Nicoll* hatte ſeit einer langen Reihe von Jahren eine Wohnung dieſer Art inne, welche etwa eine Stunde von der Stadt entfernt lag und welche noch jetzt ſteht, denn ich komme auf meinen Reiſen zwiſchen Satanstoe und York * Die hier gemeinte Perſon war William Nicoll, Esquire, Patentirter von Islip, einem großen Gut auf Long⸗Island, welches noch der Familie gehört, in Folge eines im Jahr 1683 bewilligten Patents. Dieſer Gent⸗ leman war ein Sohn des Staatsſekretärs Nicoll, welcher, wie man glaubt, ein Verwandter von Oberſt Nicoll war, dem erſten engliſchen Gouver⸗ neur. Mr. Speaker(Sprecher) Nicoll, wie der Sohn genannt wurbe, weil er dieß Amt beinahe ein Menſchenalter hindurch bekleidete, war der direkte Stammvater der Nicolls von Islip und Shelter⸗Island, ſo wie von einem Zweige, der längſt in Stratford, in Connektikut, ſich angeſtedelt hat. Das von Mr. Littlepage als eine Reliquie aus der alten Zeit— der ameri⸗ kaniſchen alten Zeit, darf man nicht vergeſſen!— erwähnte Haus ſtand vor wenigen Jahren, wenn es nicht noch ſteht, auf dem Punkt, wo die alte Boſtoner Straße und die Neue⸗Straße ſich vereinigen, faſt gerade gegenüber dem Schluß der langen Allee, welche nach Roſehill, urſprüng⸗ lich einem Lanbſitze der Watt's, führte. Das Haus ſtand in kleiner Ent⸗ fernung über dem jetzigen Union⸗Square, und nicht weit von dem jetzigen Gramercy. Es war, oder iſt ein backſteinernes, einſtockiges Haus, mit einem kleinen Hofplatz vornen; das Zufluchthaus ſtand in geringer Entfernung rechts davon. Wenn es noch ſteht, muß es eines der älteſten Gebäude überhaupt in einer Stadt von 400,000 Seelen ſeyn! Da Mr. Speaker Nicoll im Jahr 1718 auf den Stuhl verzichtete, muß dieß Haus wenig⸗ ſtens 1:0 oder 140 Jahre alt ſeyn; und es dürfte ſich fragen, ob ein Dutzend ſo alte öffentliche oder Privat⸗Häuſer auf der ganzen Inſel zu finden wären. Da die gewöhnlichen Familienwohnſitze der Nicoll's in Suffolk wa⸗ ren, oder auf ihren Gütern, ſo iſt wahrſcheinlich, daß der erwähnte Sitz gewiſſermaßen von einer Verſchwägerung mit den Watt's herrühren mochte, ebenſowohl als von dem Umſtande, daß der Sprecher nothwendig viele Zeit am Sitze der Regierung zubringen mußte. Der Herausgeber. immer daran vorbei. Ich habe den Patentirten nie ſelbſt geſehen, da er lange vor meiner Geburt ſtarb; aber ſein Haus in der Nähe der Stadt ſteht noch, wie ich geſagt, zum Andenken an vergangene Zeiten! Die ganze Stadt ſchien auf den Beinen zu ſeyn, und Jeder⸗ mann trug ein Verlangen, auch einen Blick auf die Kurzweil auf dem Pinkſter⸗Feld zu werfen; obwohl die Geſetzteren und Gebilde⸗ teren Selbſtverläugnung genug beſaßen, ſich davon entfernt zu hal⸗ ten, da es ſich mit ihren Jahren und mit ihrer Stellung nicht ver⸗ tragen haben würde, daß man ſie an einem ſolchen Ort geſehenn hätte. Der Krieg hatte jedoch viele Regimenter in die Provinz ge⸗ führt, und ich begegnete wenigſtens zwanzig jungen Offizieren, welchen zu der Scene der Unterhaltung hinausſchlenderten, während ich in die Stadt zurückkehrte. Ich will geſtehen, ich gaffte dieſe Junglinge mit Bewunderung und nicht ganz ohne Neid an, wie ſie paarweiſe an mir vorüberkamen, lachend und ſich beluſtigend an den grotes⸗ ken Gruppen von Schwarzen, denen ſie gelegentlich begegneten, wie ſie von ihrer Kurzweil zurückkehrten. Dieſe jungen Männer hatten, das wußte ich, das Glück gehabt, in der Heimath gebildet zu werden, ein Theil von ihnen wahrſcheinlich auf den Univerſitäten, und Alle inmitten der hohen Civiliſation und des Geſchmackes von England. Doch es iſt übereilt, wenn ich ſage, Alle; denn es waren auch junge Männer von den Colonien darunter, welche vermuthlich die⸗ ſer Vortheile ſich nicht zu erfreuen gehabt haben. Das bequeme Weſen, die Zuverſicht, und der ruhige— wie ſoll ich es nennen?— Uebermuth wäre ein zu ſtarkes Wort, und ein Ausdruck, den ich, der Sohn und Enkel ehemaliger Offiziere des Königs, nicht gern gebrauchen möchte, und doch kommt er dem am nächſten, was ich meine, um das Tieferliegende im Benehmen dieſer jungen Männer zu bezeichnen— aber, was es auch war, dieſer eigenthümliche Ton und Anſtrich hauptſtädtiſcher Ueberlegenheit gegenüber von provin⸗ zialer Unwiſſenheit und provinzialer Abhängigkeit, welcher ganz ge⸗ 105 wiß alle die jüngeren Männer dieſer Claſſe auszeichnete, machte einen Eindruck auf mich, welchen ich ſchwer finde, zu beſchreiben. Ich war ein loyaler Unterthan— liebte den König— und zwar ganz beſonders, ſeitdem er ſo mit der proteſtantiſchen Erbfolge iden⸗ tificirt wurde— liebte Alle vom königlichen Geblüte, und hegte für Nichts heißere Wünſche, als für die Ehre und den Glanz der eng⸗ liſchen Krone. Ein junger Mann von ſolchen Geſinnungen mußte wohl nothwendig die Offiziere des Königs mit wohlwollenden und freundſchaftlichen Gefühlen betrachten; und doch, ich will es geſte⸗ on gab es Momente, wo dieſer Ton übelverhehlter Ueberlegenheit, dieß Benehmen, welches ſo ſehr dem des Herrn gegen den Diener, „os Vornehmen gegen den von ihm Abhängigen, des Patrons ge⸗ gen den Clienten glich, mich tief kränkte, und mich mit ſo bittern Gefühlen erfüllte, daß ich ernſtlich kämpfen mußte, ſie zu unter⸗ drücken. Aber damit greife ich der Zeit vor und unterbreche den ordentlichen Verlauf meiner Erzählung. Ich bin geneigt, zu glau⸗ ben, es müſſe immer viel von dieſem Gefühl da vorhanden ſeyn, wo das Verhältniß von Oberherrlichkeit und Abhängigkeit beſteht, wie zwiſchen verſchiednen Territorien. 4 Ich war ziemlich aufgeregt und auch etwas erſchöpft durch den Spaziergang und die Vorfälle des Morgens, und beſchloß, mich ſofort nach Duke⸗Street zu begeben, und an dem kalten Mittag⸗ eſſen meiner Tante Theil zu nehmen; denn wenige Privatfamilien in New⸗York, deren Eſſen ihren regelmäßigen Köchen oder Köchinnen über⸗ tragen war, bekamen an dieſem und an den zwei folgenden Tagen etwas Warmes auf ihren Tiſch. Hier und dort fanden ſich jedoch weiße Stellvertreter, und wir hatten um halb zwei Uhr das Glück, einen ſolchen Beiſtand zu bekommen. Es war dieß der engliſche Diener eines Oberſts Moſely, eines Offiziers der Armee, welcher mit dem Hauſe meines Oheims genau bekannt war, und die Artigkeit hatte, bei dieſer Gelegenheit ſeinen Koch anzubieten. Ich erfuhr nachmals, daß viele Offiziere daſſelbe Wohlwollen gegen mehrere andere Fa⸗ 106 milien an den Tag legten, mit welchen ſie auf vertrauterem Fuße ſtanden. Heirathen zwiſchen jungen engliſchen Offizieren und unſern lieblichen, zarten Yorker Schönheiten kamen ſehr häufig vor, und ich hatte ein paarmal an dieſem Morgen eine Herzbeklemmung ver⸗ ſpürt, wegen Anneke'’ns, als ich an jungen Männern vom 55ſten Regiment, vom 60ſten, den Loyalen Amerikanern, dem 17ten und andern vorbeikam, welche damals in der Provinz ſtanden. Meine Tante kam eben vom Geſellſchaftszimmer herab, in förmlichem Anzug zum Eſſen,— denn das unterläßt eine Lady nie, wenn ſie auch nur einen kalten Pudding zum Eſſen bekommt. Als ich die auf die Straße gehende Thüre aufmachte, kam Mrs. Legge nicht bloß herunter, um ihren Sitz am Tiſch einzunehmen. ſondern da ſie, in Folge der Abweſenheit des größten Theils ihres Geſindes einige auſſerordentliche Obliegenheiten zu beſorgen hatte, war ſie eben hiemit beſchäftigt. Als ſie jedoch mich erblickte, blieb ſie auf dem Treppenabſatz ſtehen und winkte mir zu ſich. „Corny,“ ſagte ſie,„was habt Ihr denn gethan, mein Sohn, das Euch eine ſolche Ehre eingebracht hat?“ „Ehre!— Ich wüßte nicht, daß mir irgend eine zu Theil ge⸗ worden wäre! Was meint Ihr denn wohl, meine liebe Tante?“ „Da iſt Herman Mordaunt gekommen und wartet, um Euch zu ſehen, im Geſellſchaftszimmer. Er hat ganz beſonders angele⸗ gentlich nach Euch gefragt; wünſcht Euch zu ſehen; drückt ſein Bedauern aus, daß Ihr nicht zu Hauſe ſeyet, und ſchwatzt nur von Euch!“ „In dieſem Fall muß ich wohl ſo ſchnell als möglich die Trep⸗ pen hinauf eilen, um ihn zu begrüßen. Ich will Euch Alles über Tiſch erzählen, Tante;— für jetzt entſchuldigt mich.“ Fort eilte ich mit pochendem Herzen, um einen Beſuch von Anneke’ns Vater anzunehmen. Ich vermag kaum einen Grund an⸗ zugeben, warum dieſer Gentleman gewöhnlich, wenn man von ihm 107 ſprach, und manchmal auch, wenn man mit ihm ſprach, Her⸗ man Mordaunt genannt wurde, wenn es nicht anders daher rührte, daß, weil er zum Theil von holländiſcher Abkunft war, der Name, welcher dieß andeutete—(Hermanus, von den Holländern Her⸗ maanus ausgeſprochen),— von einem Theil der Leute zur Bezeich⸗ nung dieſes Umſtandes gebraucht wurde, und daß dann Andere die⸗ ſer Gewohnheit ſich beqguemten. Aber Herman Mordaunt wurde er gewöhnlich genannt; und zwar in achtungsvoller Weiſe, und nicht ſo, wie gemeine Perſonen von Vorgeſetzten und Höheren zu reden ſich oft herausnehmen, um ſich gleichſam ihrer vertrauten Bekanntſchaft mit denſelben zu rühmen. Ich hätte es zu jeder Zeit meines Lebens zur Ehre geſchätzt, einen Beſuch von Herman Mor⸗ daunt zu empfangen; aber mein Herz pochte förmlich, wie ſchon geſagt, als ich die Treppen hinauf ſprang, um Anneke'ns Vater zu begrüßen. Mein Oheim war nicht zu Hauſe und ich fand meinen Beſuch allein mich im Geſellſchaftszimmer erwartend. Wohl bekannt mit dem Zuſtand unſerer, ſo wie in der That aller Familien während der Pinkſter⸗Zeit, hatte er darauf beſtanden, daß meine Tante ihn ver⸗ laſſen ſollte, während er einige neue Bücher durchſah, welche vor Kurzem vom Mutterlande angekommen waren; und unter dieſen befand ſich eine neue und ſehr ſchöne Ausgabe vom Spectator, einem Werke, welches ſich in allen Colonien einer verdienten Be⸗ rühmtheit erfreut. Mr. Mordaunt trat mir, ſo bald ich mich näherte, zur Be⸗ grüßung entgegen mit kunſtgerechter Artigkeit, aber mit einer Wärme, welche nicht wohl. erheuchelt ſeyn konnte. Bei alledem war ſein Betragen bequem und natürlich; und mir erſchien er als der feinſt⸗ gebildete Mann, den ich je geſehen. „Ich bin dem Himmel dankbar, daß ich die Verpflichtung, in der ich Euch ſtehe, mein junger Freund,“ ſagte er ſogleich und ohne irgend eine Einleitung, wenn man nicht ſein Benehmen dafür 108 gelten laſſen wollte,„dem Sohne eines Gentleman ſchulde, welchen ich ſo hoch achte, wie Evans Littlepage. Ein loyaler Unterthan, ein rechtlicher Mann und ein Gentleman von guter Herkunft und guten Verbindungen wie er, mag wohl der Vater eines muthigen Jünglings ſeyn, welcher ſich nicht bedenkt, ſelbſt Löwen entgegen zu treten, wenn es die Vertheidigung des ſchwächern Geſchlechts gilt.“ „Ich will mir nicht die Miene geben, als verſtände ich Euch nicht, Sir,“ antwortete ich,„und ich wünſche Euch von ganzem Herzen Glück, daß die Sache nicht ſchlimmer ablief, obwohl Ihr die Gefahr gar ſehr überſchätzt. Ich zweifle, ob ſelbſt ein Löwe das Herz hätte, Miß Mordaunt ein Leid zu thun, wenn ſie in ſeiner Gewalt wäre.“ Ich denke, das war eine ganz hübſche Rede für einen zwanzig⸗ jährigen Jüngling; und ich geſtehe, ich erinnere mich derſelben noch jetzt mit Wohlgefallen. Wenn ich gelegentlich Schwächen dieſer Art blicken laſſe, ſo bitte ich den Leſer zu bedenken, daß ich die Rolle eines ehrlichen Geſchichtſchreibers ſpiele, und daß mein Be⸗ ſtreben dahin geht, nichts zu verhehlen, was man wiſſen ſollte. Herman Mordaunt ſetzte ſich nicht wieder, weil es ſchon ſo ſpät, halb zwei Uhr, war; aber er verſicherte mich vielfach ſeiner Freundſchaft, und lud mich auf Freitag zum Mittageſſen ein— als die früheſte Zeit, wo er wieder über die Dienſte ſeines Geſindes ge⸗ bieten könne. Die Armee hatte ſpätere Stunden eingeführt, als früher üblich war, die Einladung lautete auf drei Uhr; und es wurde damals, wie ich mich wohl erinnere, geſagt, daß die Leute nach der Mode und vom guten Ton in London ſogar noch ſpäter ſich zu Tiſche ſetzten. Nachdem er noch fünf Minuten bei mir geblieben, verabſchiedete ſich Herman Mordaunt. Natürlich be⸗ gleitete ich ihn bis unter die Thüre, wo wir unter vielen Bücklin⸗ gen uns trennten. Beim Mittageſſen erzählte ich meinem Oheim und meiner 8— Rd 109 Tante Alles, was vorgefallen war, und freute mich, Beide ſo gün⸗ ſtig von meinen neuen Bekannten ſprechen zu hören. „Herman Mordaunt könnte ein noch viel angeſehenerer Mann ſeyn, als er iſt,“ bemerkte mein Oheim,„wenn er Luſt hätte, ins öffentliche Leben einzutreten. Er hat Talente, eine gute Erziehung und Bildung, ein ſehr ſchönes Beſitzthum, und gewiß recht gute Verbindungen in der Colonie; Manche behaupten, auch im Mut⸗ terlande.“. „Und Anneke iſt ein holdes junges Geſchöpf,“ ſetzte meine Tante hinzu;„und wenn Corny einmal einer jungen Lady bei⸗ ſpringen ſollte, ſo bin ich herzlich froh, daß es Anneke war. Sie iſt ein treffliches Weſen, und ihre Mutter war eine meiner ver⸗ trauteſten Freundinnen, und ebenſo von meiner Schweſter Little⸗ page. Ihr müßt heute Abend hingehen und Euch nach ihrem Be⸗ finden erkundigen, Corny. Eine ſolche Aufmerkſamkeit iſt unerläß⸗ lich, nach Allem was vorgefallen iſt.“ Ob ich wünſchte, dieſem Rathe zu folgen? Ohne alle Frage; doch aber war ich zu jung und zu wenig frei und unbefangen, als daß ich ohne mancherlei Bedenklichkeiten zu dieſer Ceremonie mich hätte entſchließen ſollen. Zum Glück kam Abends Dirck in unſer Haus; und als meine Tante ihre Meinung vor meinem Freunde wiederholte, erklärte er ſogleich, er finde dieß ganz ſchicklich, und er glaube, Anneke habe wohl das Recht, es zu erwarten. Da er ſich mir zum Begleiter anbot, befanden wir uns bald auf dem Wege nach Crown⸗Street, wo Mr. Mordaunt ein treffliches Haus beſaß und bewohnte. Wir wurden von Mr. Mordaunt ſelbſt ein⸗ gelaſſen, da noch keiner, von ſeinen Schwarzen vom Pinkſter⸗Feld zurückgekommen war. Dirck ſchien nicht nur mit Herman Mordaunt, ſondern auch mit ſeiner reizenden Tochter auf dem beſten Fuße zu ſtehen. Ich hatte bemerkt, daß die Letztere ihn immer:„Couſin Dirck“ nannte, und ich wußte ſelbſt nicht recht, ob ich dieß als ein Zeichen von 110 beſonderer, perſönlicher, oder von Familien⸗Vertraulichkeit anſehen ſollte. Daß Dirck Anneke Mordaunt lieber hatte als irgend ein menſchliches Weſen, konnte ich leicht erkennen; und ich geſtehe, daß dieſe Entdeckung mir ſchon einiges Mißbehagen zu verurſachen an⸗ fing. Ich liebte Dirck, und ich wünſchte, daß er eher jedes andere Weſen geliebt hätte, als gerade dasjenige, auf welches ſich, wie ich fürchtete, ſeine Neigung geworfen hatte. Herman Mordaunt führte mich die ſtattliche, breite, mit Ma⸗ hagoniholz bekleidete Treppe ſeines Hauſes hinauf und in ein ſehr hübſches, obwohl nicht ſehr großes, aber wohlerleuchtetes Geſell⸗ ſchaftszimmer. Hier ſaß Anneke, ſeine Tochter, in der Lieblichkeit ihrer jungfräulichen Reize, etwas ſorgfältiger vielleicht gekleidet als gewöhnlich, denn ſie hatte drei oder vier junge liebenswürdige Mäd⸗ chen bei ſich und fünf oder ſechs junge Männer; und unter dieſen befanden ſich nicht weniger als drei Scharlachröcke. Ich will nicht verſuchen meine Schwäche zu verhehlen. Erſt zwanzig Jahre alt, unerfahren und nicht an ſtädtiſche Geſellſchaften gewöhnt, fühlte ich mich befangen und unbehaglich, ſobald ich in das Zimmer trat; auch verlor ſich während der erſten halben Stunde dieſe Empfindung nicht. Anneke trat mir ein paar Schritte ent⸗ gegen zur Begrüßung; und ich konnte bemerken, daß ſie beinahe ebenſo verwirrt und verlegen war, wie ich. Sie erröthete, wie ſie mir für den Dienſt dankte, den ich ihr geleiſtet, und drückte ihre Freude darüber aus, daß ihr Vater ſo glücklich geweſen, mich zu Hauſe zu treffen, und Gelegenheit gehabt habe, einem Theil ſeiner Gefühle über dieſen Vorfall Worte zu geben. Dann lud ſie mich ein, Platz zu nehmen, nannte der Geſellſchaft meinen Namen und ſagte mir von zweien oder dreien der jungen Damen, wer ſie ſeyen. Von dieſen Letztern wurde mir manches beifällige Lächeln zu Theil, was ich als Dankſagung für den ihrer Freundin geleiſteten Dienſt nahm, während ich nicht umhin konnte zu bemerken, daß ich für die Meiſten der anweſenden Männer ein Gegenſtand der genauen 111 Beobachtung und Prüfung war. Die drei Offtziere insbeſondere betrachteten mich am ſchärfſten und am längſten. „Ich hoffe, Euer kleiner Unfall, der an ſich von keiner großen Bedeutung ſeyn konnte, da Ihr ſo leicht davon kamet, hat Euch doch nicht verhindert, den koſtbaren Spaß dieſer Pinkſter⸗Geſchichte zu genießen?“ ſagte Einer der Scharlachröcke, ſobald die Bewegung, welche mein Empfang verurſacht hatte, vorüber war. „Ihr nennt es einen kleinen Unfall, Mr. Bulſtrode,“ erwie⸗ derte Anneke mit einem vorwurfsvollen Schütteln ihres Köpfchens, „aber ich kann Euch verſichern, es iſt keine Kleinigkeit für eine junge Lady, ſich in den Tatzen eines Löwen zu ſehen.“ „Alſo ein ernſter Unfall; denn ich ſehe, Ihr ſeyd entſchloſ⸗ ſen, Euch als ein Opfer zu betrachten,“ verſetzte der Andere;„aber ich hoffe doch, nicht ernſthaft genug, um Euch um den Spaß zu bringen?“ „Das Pinkſter⸗Feld und die Pinkſter⸗Luſtbarkeiten ſind für uns nichts Neues, Sir, da wir ſie jedes Jahr haben; und ich bin alt genug, daß ich ſie in den letzten zwölf Jahren nie verſäumt habe.“ „Wir hörten, Ihr ſeyet draußen geweſen,“ bemerkte ein an⸗ derer Rothrock, welchen ich hatte Billings nennen hören,„begleitet von einer kleinen Armee Leichter Infanterie, wie Bulſtrode ſie nannte.“ Hier miſchten ſich drei oder vier von den andern jungen Frauen⸗ zimmern in das Geſpräch und legten ſofort Einſprache dagegen ein, daß Mr. Bulſtrode ihre jüngern Schweſtern ſo cavalierement unter die Armee ſtecke; eine Anklage, welche Mr. Bulſtrode zu pariren ſuchte, indem er ſeine Hoffnung ausſprach, ſie Alle über kurz oder lang nicht nur in der Armee, ſondern ſogar in ſeinem eigenen Regiment zu ſehen. Auf dieß entſtand eine gewiſſe Heiterkeit, und wurden mehrfache Proteſtationen laut, die Abgeneigtheit ausſprechend, ſich anwerben zu laſſen, woran jedoch, wie ich zu meiner Freude bemerkte, weder Anneke, noch ihre vertrauteſte Freundin, Mary 112 Wallace, Theil zu nehmen für paſſend fanden. Mir geſiel ihr zu⸗ rückhaltendes Benehmen weit beſſer, als die kindiſche Schwazhaftig⸗ keit ihrer Freundinnen; und ich bemerkte wohl, daß die Männer ſie nur um ſo mehr deßhalb achteten. Es folgten nun mancherlei allgemeine unzuſammenhängende Geſpräche, welche ich nicht weiter verfolgen und berichten will, ſondern mich auf ſolche Beobachtungen beſchränke, welche Bezug hatten auf Dinge, die mich perſönlich be⸗ rührten. 4 Da keiner von den jungen Soldaten mit ſeinem militäriſchen Titel angeredet wurde,— denn dergleichen geſchah, wie ich jetzt ent⸗ deckte, nie in den beſſern Kreiſen, und am wenigſten in denjenigen, welche Beziehungen mit dem Heere hatten, konnte ich damals den Nang der drei Rothröcke nicht erfahren; jedoch erfuhr ich ſpäter, daß der Jüngſte ein Fähnrich war, mit Namen Harris, faſt noch ein Knabe, und der jüngere Sohn eines Parlamentsgliedes. Der im Alter auf ihn Folgende, Billings, war Kapitän und es hieß, er ſey der natürliche Sohn eines Edelmannes; während Bulſtrode wirklich der älteſte Sohn eines Baronets war, von drei bis viertauſend Pfund jährlicher Ein⸗ künfte, und, obgleich erſt vierundzwanzig Jahre alt, durch Stellen⸗ kauf ſich ſchon zum Major hinaufgeſchwungen hatte. Dieſer Letztere war wirklich ein hübſcher Burſch; und ich hatte kaum eine Stunde in ſeiner Geſellſchaft zugebracht, als ich ſchon deutlich genug er⸗ kannte, daß er ein eifriger Bewunderer von Anneke Mordaunt war. Die zwei Andern bewunderten offenbar zu ſehr ſich ſelbſt, als daß ſie ſehr lebhafte Gefühle für andere Perſonen hätten haben können. Was Dirck betrifft, ſo hielt er, jünger noch als ich, und ſchüchtern ſo wie langſam von Natur, ſich ganz im Hintergrund, und un⸗ terhielt ſich die meiſte Zeit mit Herman Mordaunt über Land⸗ wirthſchaft. Wir waren eine Stunde beiſammen geweſen, und ich hatte hinlängliche Unbefangenheit erlangt, daß ich von meinem Sitz auf⸗ ſtand und ein paar Gemälde betrachtete, welche die Wände zierten 113 und Originale aus der alten Welt ſeyn ſollten; denn, die Wahr⸗ heit zu geſtehen, die Malerkunſt hat in den Colonien noch keine großen Fortſchritte gemacht. Wir haben zwar Maler, und man behauptet, ein paar derſelben ſeyen Männer von ſeltenem Ver⸗ dienſt, und die Damen ſitzen ihnen ſehr gern zu Portraits; aber das ſind Ausnahmen. In künftigen Tagen, wenn Kritiker die Namen Smybert, Watſon und Blackburn werden unſterblich gemacht haben, werden die Leute dieſer Provinzen die Talente kennen ler⸗ nen, welche ſie einſt in ihrer Mitte beſaßen; und die Enkel der⸗ jenigen, welche dieſe genialen Männer zu ihren Lebzeiten vernach⸗ läßigt haben,— ja, ihre entfernteſten Nachkommen werden die dem Verdienſt und Talent widerfahrenen Unbilden bis ans Ende der civiliſirten Zeit rächen. Es iſt ein Fehler der Colonien, daß ſie mißtrauiſch ſind gegen ihre eigenen Meinungen; aber ich habe Gentlemen, welche in der Heimath erzogen wurden, und einen ge⸗ bildeten, feinen Geſchmack beſaßen, verſichern hören, daß die Ma⸗ ler Europa's, wenn ſie dieſe Hemiſphäre beſuchten, all ihre Vor⸗ züge behalten und eben ſo frei und gut unter der amerikaniſchen wie unter der europäiſchen Sonne gemalt haben. Was eine Schwe⸗ ſterkunſt betrifft— die Theſpiſche Muſe war wirklich fünf Jahre vor meinem Beſuch in der Stadt im Jahr 1757, alſo im Jahr 1752, unter uns erſchienen, und ein Theater war im Jahr 1753 erbaut und eröffnet worden in Naſſau⸗Street, worauf eine Geſell⸗ ſchaft unter der Leitung des gefeierten Hallam und ſeiner Familie ſpielte. Dieß Theater zu beſuchen hatte ich, ſeit es ſtand, vor Be⸗ gierde gebrannt, denn ich hatte noch nie eine theatraliſche Darſtel⸗ lung geſehen; aber meiner Mutter dringende Vorſtellungen hielten mich ab, hinzugehen, ſo lang ich im Collegium war.„Wenn du alt genug biſt, Corny,“ pflegte ſie zu ſagen,„ſollſt du meine Er⸗ laubniß haben, ſo oft hinzugehen, als ſchicklich iſt; aber jetzt biſt du noch in einem Alter, wo Shakſpeare und Rowe dein Latein und Griechiſch über den Haufen werfen könnten.“ Der Gehorſam Satanstoe. 8 war mir nicht allzu ſchwer gefallen, ſintemal das Gebäude in Naſſau⸗ Street, das zweite regelmäßige Theater, welches im britiſchen Amerika erbaut worden, niedergeriſſen und an der Stelle deſſelben eine Kirche aufgeführt wurde*. Die Schauſpieler gingen nach den Inſeln, und waren bis zu dem Zeitpunkt, von welchem ich hier erzähle, noch nicht wieder auf dem Continent erſchienen; auch fand ihre Rückkehr erſt im folgenden Jahre ſtatt. Daß ſie jedoch erwartet wurden, und ein neues Haus, in einer andern Gegend der Stadt, für ſte gebaut worden war, wußte ich, obgleich Monat um Monat verſtrich und die heißerſehnte Truppe nicht kam. Ich hatte jedoch vernommen, daß die große militäriſche Macht, welche ſich in der Colonie zuſammenzog, ſie vermuthlich bald zurückführen werde, und das Geſpräch nahm bald eine Wendung, welche zeigte, wie leb⸗ haftes Intereſſe die jungen, muntern und ſchönen Herren und Da⸗ men an der Sache nahmen. Ich betrachtete noch immer ein Ge⸗ mälde, als Mr. Bulſtrode ſich mir näherte und ein Geſpräch mit mir anknüpfte. Man wird ſich erinnern, daß dieſer Gentleman vier Jahre älter war als ich; daß er eine Univerſität beſucht hatte; der Erbe einer Baronetſchaft war; die Welt kannte; ſich zum Ma⸗ jor in der Armee aufgeſchwungen hatte, und von Natur wie in Folge ſeiner Erziehung und Bildung angenehm und fein war, wenn er dazu Luſt hatte. Dieſe Umſtände gaben ihm, wie ich nicht um⸗ hin konnte zu fühlen, einen ungeheuren Vortheil über mich; und ich wünſchte von ganzem Herzen, wir möchten lieber an jedem an⸗ dern Orte ſtehen, als vor dem Auge von Anneke Mordaunt, als ihm ſo beliebte, mich durch eine Art von tete-à- téte, oder ein abgeſondertes Geſpräch zum Behuf einer nachtheiligen Vergleichung zu iſoliren. Doch konnte ich mich nicht beklagen über ſein Beneh⸗ men, welches artig ſowohl als achtungsvoll war; obgleich ich mich kaum des Gedankens erwehren konnte, daß er ſich insgeheim die ganze Zeit über mich luſtig machte. * Dieſe Kirche wird jetzt in ein Poſtgebäͤude verwandelt. 115 „Ihr ſeyd ein glücklicher Mann,“ begann er,„Mr. Littlepage, daß Ihr im Falle geweſen, der Miß Mordaunt einen ſo wichtigen Dienſt zu leiſten. Wir Alle beneiden Euer gutes Glück, während wir Euren entſchloſſenen Muth bewundern, und ich bin überzeugt, die Männer unſeres Regiments werden gebührende Kunde davon nehmen. Miß Anneke iſt im Beſitz der Hälfte unſerer Herzen, und wir müßten noch herzloſer ſeyn, wenn wir einen ſolchen Dienſt über⸗ ſehen könnten.“ Ich murmelte eine halb verſtändliche Antwort auf ſein Kom⸗ pliment, und mein neuer Bekannter fuhr fort: „Ich bin beinahe erſtaunt, Mr. Littlepage,“ ſagte er,„daß ein Mann von Eurem lebhaften Geiſt in ſo lebhaften und bewegten Zeiten wie die jetzigen nicht auch zu uns kommt. Man ſagt mir, Euer Vater und Großvater haben gedient, und Ihr ſeyet ganz Euer ei⸗ gener Herr. Ihr werdet gar viele Männer von Verdienſt und von gutem Ton unter uns finden, und ich hege keinen Zweifel, ſte wür⸗ den dazu beitragen, Euch die Zeit recht angenehm vertreiben zu helfen. Es werden große Verſtärkungen erwartet, und wenn Ihr Luſt zu einer Fahne hättet, ſo weiß ich, glaube ich, ein Bataillon, in welchem ein paar erledigte Stellen ſind, und welches gewiß in den Colonien dienen wird. Es würde mir großes Vergnügen machen, Euch behülflich ſeyn zu können in Erreichung Eurer Ab⸗ ſichten und Wünſche, falls Ihr geneigt ſeyn ſolltet, ſie auf die Armee zu richten.“ Nun ſagte er das Alles mit anſcheinend ſehr offenem und auf⸗ richtigem Weſen, welches, wie mir ſchien, um ſo ſichtbarer hervor⸗ trat in Folge des Umſtandes, daß Anneke ſo ſaß, daß ſie noth⸗ wendig jedes Wort hören mußte, das geſprochen wurde. Ich be⸗ merkte ſogar, daß ſie ihr Auge auf mich heftete, als ich antwortete, obwohl ich mir nicht getraute, ſie meinerſeits ſo ſcharf zu beobach⸗ ten, daß ich den Ausdruck ihres Geſichts geſehen hätte. „Ich bin Euch ſehr verbunden, Mr. Bulſtrode, für Eure groß⸗ 116 müthigen und wohlwollenden Geſinnungen,“ antwortete ich, ziemlich förmlich, denn mein Stolz kam mir zu Hülfe;„aber ich fürchte, es ſteht nicht in meiner Macht, ſofort oder auch überhaupt je, mir dieſelben zu Nutze zu machen. Mein Großvater lebt noch, und er übt einen großen Einfluß über mich und mein Schickſal, und ich weiß, es iſt ſein Wunſch, daß ich in Satanstoe bleibe.“ „Wo?“ fragte Bulſtrode, mit mehr Lebhaftigkeit und Neugier, als ſich vielleicht mit guter Lebensart im ſtrengen Sinne vertrug. „In Satanstoe; ich wundere mich nicht, daß Ihr lächelt, denn es klingt gar ſeltſam, aber es iſt der Name, den mein Großvater dem Familienbeſitzthum in Weſt⸗Cheſter gegeben hat. Gegeben, ſage ich, obwohl ich vielleicht richtiger ſagen würde: überſetzt, da, wie ich gehört habe, die jetzige Benennung eine ziemlich buchſtäbliche Uebertragung aus dem Holländiſchen ins Engliſche iſt.“ „Mir gefällt der Name ausnehmend, Mr. Littlepage, und ich bin überzeugt, mir würde auch Euer guter, alter, ehrlicher, angel⸗ ſächſiſcher Großvater gefallen. Aber, verzeiht, iſt es wirklich ſein Wunſch, daß Ihr zu Satansfoot* bleibt?“ „Satanstoe, Sir; wir machen nicht Anſpruch auf den ganzen Fuß. Es iſt meines Großvaters Wunſch, daß ich zu Hauſe bleibe bis zu meiner Volljährigkeit, das heißt jetzt noch einige Monate.“ „Um Euch fern zu halten von den Fußtapfen des Satans, ver⸗ muthe ich. Nun, dieſe alten Gentlemen haben oft Recht. Solltet Ihr jedoch Eure Abſichten ändern, mein lieber Littlepage, ſo vergeßt mich nicht, ſondern erinnert Euch, daß Ihr zählen könnt auf einen Mann, der einigen geringen Einfluß beſitzt, und immer bereit ſeyn wird, ihn geltend zu machen zu Gunſten deſſen, welcher der Miß Mordaunt einen ſo wichtigen Dienſt geleiſtet. Sir Harry iſt ein Märtyrer des Podagras und ſpricht davon, mich bei der Auflöſung des Parlaments an ſeine Stelle treten zu laſſen. In dieſem Falle * Würde Satans fuͤß heißen. ☛——— 117 werden natürlich meine Wünſche ein noch ſtärkeres Gewicht haben. Der Name Satanstoe gefällt mir ganz raſend.“ „Ich bin Euch unendlich verbunden, Mr. Bulſtrode, obgleich ich geſtehen will, daß ich nie daran gedacht habe, dadurch in der Welt vorwärts zu kommen, daß ich meine Freunde in Anſpruch nehme. Es mag Einer geſtehen, daß er Hoffnungen hat, gegründet auf Verdienſt und Rechtſchaffenheit—“ „Pah! pah!— mein lieber Littlepage, Rechtſchaffenheit iſt etwas ganz Artiges, um davon zu ſchwatzen, aber ich denke, Ihr erinnert Euch, was Juvenal über dieſen intereſſanten Gegenſtand ſagt: Probitas laudatur et alget. Ich glaube faſt, Ihr ſeyd noch ſo friſch vom Collegium her, daß Ihr des bündigen Satzes Euch noch erinnert.“ Ich habe den Juvenal nie geleſen, Mr. Bulſtrode, und trage auch gar kein Verlangen darnach, wenn Dieß die Tendenz deſſen iſt, was er lehrt—“ „Juvenal war ein Satiriker, wißt Ihr,“ unterbrach mich Bul⸗ ſtrode etwas haſtig, denn mittlerweile hatte auch er bemerkt, daß Anneke uns zuhörte, und er verrieth einige Ungeduld, von einem ſo ruchloſen Satz loszukommen,„und Satiriker reden von den Dingen ſo wie ſie ſind, und nicht wie ſie ſeyn ſollten. Ich glaube, Rom verdiente Alles, was es abbekam, denn die Moraliſten entwerfen ein ſehr trauriges Bild von ſeinem Zuſtand. Unter allen großen Hauptſtädten, von welchen wir Kunde haben, iſt London die einzige Stadt von einigermaßen leidlicher Sittlichkeit.“ Was der junge Bulſtrode weiter vorzubringen ſich erkühnt haben würde, vermag ich nicht zu errathen; aber eine gewiſſe Miß Warren, welche ſich in der Geſellſchaft befand und vorzugsweiſe die Jugend⸗ liche ſpielte, rief in dieſem kritiſchen Augenblick glücklicher Weiſe aus: .„ Ich bitte Euch nur um einen Augenblick Gehör, wenn es Euch gefällig iſt, Mr. Bulſtrode; iſt es wahr, daß die Gentlemen von der Armee das neue Theater haben in Bereitſchaft ſetzen laſſen, 118 und uns mit einigen Vorſtellungen zu beglücken beabſichtigen? Ein Geheimniß dieſer Art iſt ſo eben verlautet von Mr. Harris, welcher ſogar hinzufügt, daß Ihr uns Alles ſagen könntet.“ 3 „Mr. Harris muß dafür. Arreſt bekommen, obgleich ich höre, der Oberſt habe ſchon in der vorigen Woche, an der Tafel des Lieutenant⸗Gouverneurs, die Katze aus dem Sack gelaſſen.“ „Ich kann Euch verſichern, Mr. Bulſtrode,“ bemerkte Anneke ruhig,„daß ich ſolche Gerüchte ſchon ſeit vollen vierzehn Tagen gehört habe. Ihr müßt nicht den Mr. Harris allein tadeln, denn Euer ganzes Regiment hat allerorten dahin gehende Andeutungen fallen laſſen.“ „Dann wird der Delinguent dieß Mal frei ausgehen. Ich ge⸗ ſtehe die Anſchuldigung zu; wir haben das neue Theater gemiethet, und beabſichtigen uns um die Ehre zu bewerben, daß die Ladies kommen und hören, wie ich Cato und Scrub ermorde; ein hüb⸗ ſcher Klimar von Charakteren, das werdet Ihr zugeben, Miß Mordaunt!“ „Ich weiß Nichts von Scrub, obgleich ich Mr. Addiſons Trauer⸗ ſpiel geleſen habe, und glaube, Ihr habt Euch der Rolle Cato's nicht zu ſchämen. Wann ſoll das Theater eröffnet werden?“ „Wir laſſen nur den ſchwarzen Herrſchaften den Vortritt. Sobald St. Pinkſter ſeinen gebührenden Theil Aufmerkſamkeit em⸗ pfangen hat, werden wir Dom Cato und Mr. Serub Euch vorzu⸗ führen und bekannt zu machen die Ehre haben.“ Alle die jungen Damen, mit Ausnahme von Anneke und ihrer Freundin Mary Wallace, lachten, und wiederholten zwei oder drei⸗ mal die Worte:„St. Pinkſter“, als ob ſie etwas viel Witzigeres enthielten, als man für gewöhnlich zu hören bekam. Eine allge⸗ meine Fluth von Ausrufungen, von Kundgebungen der Freude, von Fragen und Antworten folgte, wobei man immer zwei oder drei Stimmen zu gleicher Zeit hörte, und während dem wandte ſich Anneke zu mir, der ich in ihrer Nähe ſtand, da wo Bulſtrode eine — 2 3 1¹9 Minute vorher geſtanden war, und ſchien ſehr verlangend, mir Et⸗ was zu ſagen. „Denkt Ihr wirklich im Ernſt an die Armee, Mr. Littlepage?“ fragte ſie und erröthete ſelbſt über die Kühnheit ihrer Frage. „Bei einem Kriege wie dieſer, kann Keiner wiſſen, wann er berufen werden mag, auszuziehen,“ antwortete ich.„Aber, wenn überhaupt, doch nur als Vertheidiger des heimiſchen Bodens.“ Anneke Mordaunt ſchien mir mit dieſer Antwort wohl zufrie⸗ den zu ſeyn. Nach einer kurzen Pauſe nahm ſie das Geſpräch wieder auf. „Natürlich verſteht Ihr Latein, Mr. Littlepage, obgleich Ihr die Univerſitäten nicht beſucht habt?“ „So wie es auf unſern Collegien gelehrt wird, Miß Mordaunt.“ „Und das genügt um mir zu ſagen, was der Sinn von Mr. Bulſtrode's Citat iſt— falls es ſich für mich ſchickt, es zu hören.“ „Er würde ſich ſchwerlich erkühnen, ſelbſt in lateiniſcher Sprache Etwas in Eurer Gegenwart zu ſagen, was Euer Ohr verletzen könnte. Der Satz, welchen Mr. Bulſtrode dem Juvenal zuſchreibt, heißt einfach ſo viel: die Rechtſchaffenheit wird geprieſen und darbt.“ Es ſchien mir, ein gewiſſes Mißfallen lagere ſich auf die ſchöne, glatte Stirne der Miß Mordaunt, welche, wie ich bald erkannte, für ein ſo junges Weſen viel Charakter und hochſinnige Grundſätze beſaß. Sie ſagte jedoch Nichts, obgleich ſie einen ſehr bedeutungs⸗ vollen Blick mit ihrer Freundin Mary Wallace wechſelte. Ihre Lippen bewegten ſich, und ich glaubte zu ſehen, wie ſie, doch un⸗ hörbar, die Worte liſpelten:„die Rechtſchaffenheit wird geprieſen und darbt!“ „Und ihr ſollt den Cato geben, höre ich, Mr. Bulſtrode,“ rief eines der jungen Frauenzimmer, welches mehr an Scharlachröcke dachte, als ihr zuträglich war.„Wie entzückend! Werdet Ihr die Rolle in Uniform oder in Bibertuch— in altem oder modernem Koſtüm ſpielen?“ „In meiner robe de chambre, etwas verändert für die Gele⸗ genheit, wenn nicht St. Pinkſter und ſeine Kurzweil ein paſſenderes Koſtüm an die Hand geben,“ antwortete der junge Mann leichthin. „Wißt Ihr genauer, was für ein Feſt Pinkſter iſt?“ fragte Anneke etwas ernſt. Bulſtrode erröthete wirklich, denn es war ihm nie eingefallen, ſich näher nach der Natur dieſes Feſtes zu erkundigen; und die Wahr⸗ heit zu geſtehen, die Art, wie es von den Negern in New⸗York begangen wurde, konnte ihn hierüber auch ſehr wenig aufflären. „Das iſt ein Punkt, über welchem ich der Miß Mordaunt für Belehrung verbunden ſeyn werde, wie ich merke.“ „Ich werde Eure Erwartung nicht täuſchen, Mr. Bulſtrode; Pinkſter iſt nicht Mehr und nicht Weniger als das Feſt des Weißen Sonntags oder das Pfingſtfeſt. Ich hoffe, wir werden jetzt Nichts mehr von Eurem Heiligen hören.“ Bulſtrode nahm dieſe kleine Zurechtweiſung, welche ſehr mild aber mit Feſtigkeit ertheilt wurde, mit vollkommen guter Laune auf, und mit ſo ehrerbietigem Weſen, daß man wohl ſah, welch eine Macht Anneke über ihn beſaß. Er verbeugte ſich unterwürſig, und ſte lächelte ſo freundlich, daß ich wünſchte, die Gelegenheit zu dieſer kleinen Pantomime hätte ſich nicht ergeben. „Unſere Vorfahren, Miß Mordaunt, haben nie Etwas von Pinkſter gehört, wie Ihr bedenken müßt, und das muß meine Un⸗ wiſſenheit entſchuldigen„“ ſagte er beſcheiden. 7 „Aber von den meinigen haben die Einen und die Andern es längſt verſtanden und das Feſt begangen;“ verſetzte Anneke. „Ja, von holländiſcher Seite, aber wenn ich mir erlaube, von unſeren Vorfahren zu ſprechen, ſo meine ich diejenigen, in Bezug auf welche ich mich der Ehre rühmen darf, ſie als Euch und mir gemeinſame zu bezeichnen.“ „So ſeyd alſo Ihr und Mr. Bulſtrode verwandt?“ fragte ich, gleichſam unwillkürlich und beinahe zu haſtig. — —cr—l 121 Anneke jedoch antwortetete in einer Weiſe, welche zeigte, daß ſie unter den gegebenen Umſtänden die Frage natürlich„und gar nicht unpaſſend finde. „Meines Großvaters Mutter und Mr. Bulſtrode's Großvater waren Geſchwiſter,“ war ihre ruhige Antwort.„Dieſe macht uns gewiſſermaßen zu Verwandten, nach den holländiſchen Begrifſen, die er ſo ſehr verachtet, obwohl ich glaube, daß es im Heimathlande nicht Viel gelten würde.“ Bulſtrode betheuerte das Gegentheil und erklärte, er wiſſe aus der nachdrücklichen und ernſten Weiſe, womit ſein Vater ihm em⸗ pfohlen, die Bekanntſchaft mit der Familie zu kultiviren, ſobald er in New⸗York ankomme, welchen Werth derſelbe auf die Verwandt⸗ ſchaft mit Mr. Mordaunt lege. Ich ſah hieraus, auf welchem Fuße der furchtbare Major mit der Familie ſtand, und Jedermann, außer mir, ſchien mit Anneke Mordaunt verwandt zu ſeyn. Ich ergriff noch an demſelben Abend eine Gelegenheit das liebe Mädchen über ihre holländiſchen Verwandten auszufragen, und gab ihr zu⸗ gleich Nachweiſungen über die meinigen; aber mit all unſerm Be⸗ mühen und trotz des Beiſtandes von Herman Mordaunt, welcher an dergleichen Gegenſtänden ein Intereſſe fand, gleichſam ex of- ficio, konnten wir doch keine Verwandtſchaft herausbringen, welche der Rede werth geweſen wäre. Siebentes Kapitel. „Sir Valentin, ich frage Nichts nach ihr.“ „Ich acht' ihn einen Narren, der ſein Leben Wagt um ein Mäbchen, welches ihn nicht liebt.“ „Nicht ich begehre ſie, drum iſt ſie dein.“ Zwei Edelleute von Verona. Ich ſah Anneke Mordaunt mehrere Male, theils auf der Straße, theils in ihrem Hauſe, zwiſchen jenem Abend und dem Tage, wo 12²2 ich bei ihrem Vater ſpeiſen ſollte. Am Morgen dieſes letztern Tages beehrte mich Mr. Bulſtrode mit einem Beſuche, und verkündigte mir, er werde auch von der Geſellſchaft in Crown-Street ſeyn; und die ganze Geſellſchaft werde ſich dann ins Theater begeben, um am Abend ſeinen Cato und Serub zu ſehen. „Wenn Ihr Euch die Mühe nehmen wollt, in der Krone und Bibel, ganz hier in der Nähe, vorzuſprechen, in Hanover Square, oder Queen Street, dem Hauſe des ehrlichen Hugh Gaine, ſo wer⸗ det Ihr dort eine Anzahl Billete finden für Euch, für Mr. und Mrs. Legge, und Euren Verwandten Mr. Dirck Follock, wie, glaube ich, der Gentleman genannt wird. Dieſe Holländer haben ganz außergewöhnliche Namen, das müßt Ihr zugeben, Mr. Littlepage.“ „So mag es einem Engländer erſcheinen, obgleich unſre Na⸗ men für Fremde ebenſo ſeltſam lauten. Aber Dirck Van Valken⸗ burgh iſt kein Verwandter von mir, wohl aber von den Mordaunt's, Euren Verwandten.“ „Nun, es iſt Alles einerlei! Ich wußte, daß er verwandt ſey mit Jemand den ich kenne, und ſo bildete ich mir ein, mit Euch. Gewiß, ich ſehe ihn nie, ohne zu wünſchen, daß er in unſerer Grenadierkompagnie wäre.“ „Dirck würde jedem Corps Ehre machen, aber Ihr wißt, wie es mit den holländiſchen Familien iſt, Mr. Bulſtrode; ſie behalten immer viel von ihrer Anhänglichkeit an Holland und nehmen nicht ſo häufig Dienſte in der Armee oder Flotte, wie wir von engliſcher Abkunft.“ „Ich hätte geglaubt, ein Jahrhundert könnte ſie etwas abge⸗ kühlt haben in ihrer Verehrung für die Wieſen von Holland. Im Heimathlande iſt man der Meinung, daß New⸗York eine ganz be⸗ ſonders wohlgeſinnte Colonie ſey.“ „Das iſt es auch, wie ich von allen Seiten höre. Was die Holländer unter uns betrifft, ſo habe ich meinen Großvater ſagen hören, die Regierung König Wilhelms habe einen mächtigen Einfluß geübt, 123 ſie mit dem neuen Gouvernement auszuſöhnen, aber ſeit ſeiner Zeit ſeyen ſie weniger loyal als früher. Dennoch gelten die Van Valken⸗ burghs für ſo gute Unterthanen, als das Haus Hannover nur irgend welche hat. Unter keiner Bedingung möchte ich ihnen in Eurer Meinung Schaden thun.“ „Gut oder ſchlecht, wir hoffen Euren Freund zu ſehen, der irgendwie, nach Eurer Angabe, ein Verwandter Mordaunt's iſt. Ihr werdet nur eine ſchwache Vorſtellung von Dem bekommen, was eines der königlichen Theater iſt, Littlepage, wenn Ihr dieſer unſerer Vorſtellung anwohnt, obgleich es ſchon gut ſeyn mag, die Zeit zu tödten. Aber ich muß jetzt zur Probe; wir ſehen uns wieder um drei Uhr.“ Hier machte mir mein munterer und tapferer Major ſeinen Bückling und verabſchiedete ſich. Ich begab mich nach dem Hauſe mit dem Schild der Krone und Bibel, wo ich eine Menge Leute verſammelt fand, welche kamen um Karten zu holen. Da die Elite der Stadt für ſich allein noch kein hinlängliches Publikum bildete, um den hochſtrebenden Ehrgeiz der Schauſpieler zu befriedigen, wurden mehr als die Hälfte der Billete verkauft, und das Geld für die kranken Familien von Soldaten beſtimmt, welche keine Anſprüche auf Unterſtützung von der Regie⸗ rung hatten. Es wurde als eine ſehr ſchmeichelhafte Auszeichnung angeſehen, wenn man Freibillete bekam, obgleich Alle, welche ſo glücklich waren, ſichs zur Pflicht machten, bei Mr. Gaine ein Ge⸗ ſchenk für den Fond zurückzulaſſen. Nachdem ich meine Karten in Empfang genommen, verließ ich den Laden, und da es die Stunde zum Morgenſpaziergang war, ging ich Wall⸗Street hinauf, nach dem Wall, wie Trinity Church Walk damals ſchon genannt wurde. Hier erwartete ich Dirck zu treffen und hoffte Anneke zu ſehen, denn der Platz wurde Morgens und Abends von den muntern jungen Leuten ſehr fleißig beſucht. Die Muſikbanden verſchiedener Regi⸗ gimenter waren auf dem Kirchhof aufgeſtellt und die ſich einfindende Geſellſchaft wurde oft mit reichlicher, ſchöner, kriegeriſcher Muſik 124 regalirt. Einige Wenige von den Skrupulöſen hielten ſich auf über dieſe Entweihung des Kirchhofs, aber die Armee hatte ſo ziemlich in Allem ihren eignen Willen. Da man vorausſetzte, daß ſie nichts thue, als was auch in der Heimath geſtattet und gebilligt werde, achtete man wenig auf die abweichende Meinung, und ich glaube, die Armee würde ſich nicht viel darum gekümmert haben, wären auch die Beſchwerdeführer zahlreicher geweſen. Ich glaube wohl fünfzig junge Damen ſpazierten auf dem Kirchhofweg, als ich ihn erreichte, und beinahe ebenſo viele junge Männer, die ihnen das Geleite gaben; nicht Wenige von den Letz⸗ tern waren Scharlachröcke, obgleich auch die Biberröcke hier ihre Vertreter zählten. Auch einige Blaujacken waren unter uns, denn es lagen zwei oder drei königliche Kreuzer im Hafen. Da Niemand ſich zur Promenade auf den Wall heranwagte, wer nicht ein ge⸗ wiſſes Gepräge von Achtbarkeit hatte, war die ganze anweſende Ge⸗ ſellſchaft hübſch gekleidet; und ich will geſtehen, daß ich das erſte Mal, als ich mich unter dieſer bunten, müſſiggängeriſchen Welt zeigte, von dem Schauſpiel, das der Platz gewährte, ſehr überraſcht wurde. Der Eindruck jenes Morgens auf mich war ſo lebhaft, daß ich verſuchen will, die Scene zu ſchildern, wie ſie mir jetzt vor der Seele ſteht. Erſtlich war da die ſtattliche Straße, völlig achtzig Fuß breit, wo ſie am engſten iſt, und allmälig ſich erweiternd, wenn man ge⸗ gen die Bucht hinſah, bis ſie ſich auf dem Platz, welcher Bowling⸗ Green heißt, zu mehr als der doppelten Breite ausdehnt. Dann kam das Fort, eine ſcharfe Höhe krönend, und Alles in dieſem Stadt⸗ theil überſchauend. Hinter dem Fort oder vor demſelben, wenn man den Standpunkt auf dem Waſſer nahm, lagen die Batterien, auf den Felſen erbaut, welche das ſüdweſtliche Ende der Inſel bil⸗ den. Ueber dieſen Felſen, welche ſchwarz und maleriſch waren und den Batterien, welche ſie trugen, hatte man die Anſicht auf die herr⸗ liche Bucht, da und dort beſät mit Segeln oder wohl auch mit 125 einem Fahrzeug, das in ihrem friedlichen Schooße vor Anker lag. Von den zwei Reihen eleganter Häuſer, meiſt von Backſtein, und mit ſehr wenigen Ausnahmen durchweg zwei Stockwerke hoch, iſt kaum nöthig, zu ſprechen, da es wohl nur Wenige gibt, die nicht von Broadway ſprechen gehört und ſich eine Vorſtellung davon ge⸗ bildet haben,— von dieſer Straße, welche nach allgemeiner Ueber⸗ einſtimmung dereinſt der Stolz der Weſtwelt ſeyn wird. In der andern Richtung war, wie ich gern zugebe, die Anſicht nicht ebenſo ausgezeichnet, da die Häuſer meiſt aus Holz beſtanden und ein minder vornehmes Ausſehen hatten. Dennoch behauptete man, daß die Armee dieſe Häuſer ebenſo fleißig beſuchte, als irgend welche in der Stadt. Nachdem man den Common, jetzt Park ge⸗ nannt, erreicht hatte, wo die große Boſtoner Straße auf das freie Feld hinausführte, war die Anſicht gerade das Gegentheil von der⸗ jenigen auf der entgegengeſetzten Seite. Hier war Alles binnen⸗ ländiſch und ländlich. Zwar ſtand hier das neue Bridewell aufge⸗ führt und auch ein neues Gefängniß, beide gegenüber dem Com⸗ mon; und hinten hatten die königlichen Truppen Baracken; aber hohe, ſcharf abgeſchnittene, kegelförmige Hügel, mit tiefem Marſch⸗ land, Obſtbäumen und Wieſen verliehen dieſem ganzen Theile der Inſel einen eigenthümlich neuen und ziemlich maleriſchen Charakter. Viele der Hügel in dieſer Gegend und in der That über den größ⸗ ten Theil der Inſel hin, ſind jetzt geziert mit Landhauſern, wie de⸗ ren auch ſchon damals einige vorhanden waren, namentlich Peters⸗ field, der alte Sitz der Stuyveſant's, und das Landgut, das nach dem Rücktritt des alten hollaändiſchen Gouverneurs genannt, der da⸗ hin führenden Straße den Namen Bowery oder Bouerie gegeben hat, und Bowery⸗Hauſe, wie es hieß, der Landſitz des damaligen Lieutenant⸗Gouverneurs, James de Lancey: Mount Bayard, der achtharen Familie dieſes Namens angehörend; Mount Pitt, das Eigenthum der Mrs. Jones, der Gattin von Mr. Juſtin Jones, einer Tochter von James de Lancey, und verſchiedene andere Berge, 126 Häuſer, Hügel und Landſitze, welche der Gentry und dem Volke von New⸗York wohl bekannt ſind. Aber der Leſer kann ſich ſelbſt den Eindruck vorſtellen, welchen eine ſolche Straße wie Broadway macht, beinahe eine halbe Meile lang, auf der einen Seite ſich ſchließend mit einem hohen, weithin herrſchenden Fort, mit dem Hintergrund von Batterien, Felſen und der Bucht, und auf der andern mit dem Common, worauf jetzt fortwährend Soldaten paradirten, mit Bridewell und dem Gefängniß und der ſo eben beſchriebenen neuen Scenerie. Auch iſt die Trinity⸗ Kirche ſelbſt nicht zu vergeſſen. Dieß Gebäude, immerhin eines der edelſten, wo nicht das edelſte ſeiner Art in allen Colonien, mit ſeiner gothiſchen Architektur, ſeinen in Stein gemeißelten Statuen und ſeinen Seitenmauern gehörte noch ganz mit zu der Anſicht und verlieh dem Ganzen moraliſche Großartigkeit und Weihe. Wie ge⸗ ſagt, ich fand die Mall wimmelnd von jungen Leuten von Stand und gutem Ton. Dieſe Mall hatte eine Länge von beinahe hun⸗ dert Schritten, und daraus erhellt, daß eine anſehnliche Maſſe von Jugend und Schönheit da zu ſchauen ſeyn mochte. Das ſchöne Wetter hatte angefangen; der Lenz war förmlich gekommen; Pink⸗ ſter⸗Blumen(das wilde Geißblatt) hatte man ſchon die ganze Woche im Ueberfluß geſehen, und Alles, Menſchen und Dinge, ſchien fröh⸗ lich und glücklich. Ich konnte bemerken, daß meine Perſon in dieſem Menſchen⸗ gewühl die Aufmerkſamkeit auf ſich zog— als ein Fremder. Ich ſage als ein Fremder; denn ich möchte nicht gern ſo viel Eitelkeit verrathen, daß ich die Art und Weiſe, wie viele Augen mich verfolg⸗ ten, eingebildeter Weiſe dem Umſtand zuſchreiben möchte, daß ich gekannt oder bewundert worden wäre. Doch will ich die mir von einer gütigen Vorſehung verliehenen Gaben auch nicht ſo verläug⸗ nen und herabſetzen, daß ich behaupten oder vermuthen laſſen ſollte, mein Geſicht, meine Perſon, mein äußeres Weſen überhaupt ſey be⸗ ſonders unangenehm. Das wäre unrichtig; und ich habe jetzt ein 5 127 Lebensalter erreicht, wo man die Wahrheit ſagen darf, ohne der Einbildung beſchuldigt zu werden. Meine Mutter rühmte oft ge⸗ gen ihre nächſten Bekannten:„Corny ſey einer der beſtgewachſenen, hübſcheſten, rüſtigſten und artigſten Jünglinge in der Colonie.“ Das weiß ich; denn dergleichen Dinge kommen aus; aber man weiß, daß die Mütter in Bezug auf ihre Kinder ganz beſondere Schwãä⸗ chen haben. Da ich das einzige am Leben gebliebene Kind meiner theuren Mutter, und ſie eine der wohlwollendſten, liebevollſten Frauen war, die je gelebt haben, iſt es ſehr wahrſcheinlich, daß die Mei⸗ nung, die ſie von ihrem Sohn hegte, gar ſehr gefärbt war von ihrer Liebe zu mir. Es iſt wahr, man hat meine Tante Legge mehr als Einmal eine ziemlich gleichlautende Anſicht ausſprechen hören; aber es iſt wohl Nichts natürlicher, als daß Schweſtern, in einer Familienſache dieſer Art gerade, gleichen Sinnes ſind; zumal da meine Tante Legge nie ein eignes Kind hatte, welches ſie hätte lieben und preiſen können. Mag alle dem ſeyn wie ihm will, tüchtig angegafft wurde ich, als ich mich an dem bezeichneten Tage unter die Müſſiggänger von Trinity Church Walk miſchte. Was mich ſelbſt betrifft, ſo heftete ſich mein Auge begierig auf das Angeſicht eines jeden hübſchen, zarten, jungen Geſchöpfes, das an mir vorbeikam, in der Hoffnung, Anneke zu ſehen. Ich wünſchte und fürchtete zugleich, ihr zu be⸗ gegnen; denn die Wahrheit zu geſtehen, mein Gemüth war wohl mehr als die halbe Zeit mit ihrer Schönheit, ihrem Geſpräch, ihren gefühlvollen Reden, ihrer Anmuth und Sanftheit, und beſonders mit ihrem Geiſte beſchäftigt. Ich empfand einige Beklemmungen, ich will es geſtehen, wegen Dirck's; aber Dirck war ſo jung, daß am Ende doch ſeine Gefühle nicht ſehr tief. betheiligt ſeyn konnten; und dann war Anneke ſeine Baſe im zweiten Glied, und das war offenbar eine zu nahe Verwandtſchaft, um einander zu heirathen. Mein Großvater hatte ſich immer aufs entſchiedenſte gegen jede Ver⸗ bindung zwiſchen näher als im dritten Gliede Verwandten erklärt; 128 und ich erkannte jetzt, wie triftig ſeine Gründe waren. Wenn ſie noch entfernter verwandt ſeyen, ſagte er, nur um ſo beſſer; und um ſo beſſer war es auch! Wenn mich der Leſer fragen ſollte, warum ich unter dieſen Umſtänden fürchtete, Anneke Mordaunt zu begegnen, ſo dürfte ich in Verlegenheit ſeyn, ihm eine ganz verſtändliche Antwort geben zu können. Ich fürchtete mich ſelbſt, das holde Antlitz zu ſehen, das ich ſuchte; und oh! wie ſanft, mild und engelhaft war es in dem Knoſpenalter von ſiebzehn Jahren!— aber obgleich ich beinahe bange davor war, es zu ſehen: als ich endlich ſie, welche ich ſo ängſtlich und begierig geſucht hatte, ſich mir nähern ſah, Arm in Arm mit Mary Wallace, Bulſtrode an ihrer Seite und Harris an der Seite ihrer Freundin, da wandte ich plötzlich mein Auge weg, als wäre es ganz unerwartet auf etwas Widerliches gefallen. Ich waͤre an ihnen vorbeigegangen, ohne ſie auch nur mit einem Bück⸗ ling zu begrüßen, wären nicht meine Bekannten unbefangen und mehr an die freie Art und Weiſe des Stadtlebens gewohnt geweſen, als dieß bei mir der Fall war. „Was iſt denn das, Cornelius Coeur de Lion!“ rief Bulſtrode, indem er ſtehen blieb, und ſo die ganze Geſellſchaft veranlaßte, auch ſtehen zu bleiben, wenn ſie nicht das Anſehen haben wollten, als wünſchten ſie mir auszuweichen;„wollt Ihr uns nicht wieder erken⸗ nen, obgleich es noch keine Stunde iſt, ſeit wir beide uns trennten? Ich hoffe, Ihr habt die Karten bekommen: und wenn Ihr: Ja! geantwortet habt, hoffe ich, Ihr werdet umkehren und mir die Ehre erweiſen, dieſen Ladies eine Verbeugung zu machen.“ Ich entſchuldigte mich, und ich fürchtete, daß ich erröthete; denn ich bemerkte, daß Anneke mich, wie mir ſchien, mit einiger Theil⸗ nahme betrachtete, als ob ſie Mitleid empfände mit meiner linkiſchen, unſtädtiſchen Verlegenheit. Was Bulſtrode betrifft, ſo verſtand ich ihn damals nicht; denn es gieng über meine Beobachtungsgabe hin⸗ aus, mit Sicherheit auszumachen, ob er mich für wichtig genug an⸗ 2 129 anſah oder nicht, um bei ſeiner ſehr augenfälligen Bewerbung um Anneke meinetwegen wirkliche Unruhe zu empfinden. Dennoch hatte ich keine Veranlaſſung, mich beleidigt zu glauben, da er mir mit Herzlichkeit und Achtung begegnete, während er eine ſo freimüthige Sprache gegen mich führte. Natürlich kehrte ich um und wandelte mit der Geſellſchaft weiter, nachdem ich die Damen und Mr. Har⸗ ris gehörig begrüßt hatte. „Coeur de Lion iſt ein beſſerer Name für einen Soldaten als für einen Civiliſten,“ ſagte Anneke während wir weiter ſchritten; „und wie ſehr auch Mr. Littlepage den Tiel verdienen mag, weiß ich doch nicht ſo gewiß, Mr. Bulſtrode, ob er ihn nicht lieber Euch Gentlemen überlaſſen würde, die Ihr dem Könige dient.“ „Ich freue mich der Gelegenheit, Mr. Littlepage, Euch für meine Partei anzuwerben, in einem Kriege, den ich mit Miß Anneke Mordaunt zu führen gezwungen bin,“ ſagte der Major munter.„Er betrifft das große Verdienſt von uns armen Burſchen, die wir das weite atlantiſche Meer durchſchifft haben, um die Colonien zu ſchützen— New⸗York unter andern, und ſeine Bewohner, Miß Mordaunt und Miß Wallare eingeſchloſſen, gegen die Krallen und Klauen ihrer verruchten Feinde, der Franzoſen. Erſtgenannte junge Lady hat eine Art, die Sache anzuſehen und darzuſtellen, der ich nicht beipflichten kann, und ich bin geneigt, Euch zum Schieds⸗ richter zwiſchen uns zu wählen.“ „Ehe Mr. Littlepage dieß Amt annimmt, iſt es paſſend, daß er deſſen Obliegenheiten und Verantwortlichkeiten kennen lerne,“ ſagte Anneke lächelnd.„Erſtlich wird er finden, daß Mr. Bul⸗ ſtrode, trotz der lauten Betheuerungen ſeiner Anhänglichkeit an die Colonien, ſehr geneigt iſt, ſie für Provinzen zu halten, welche ihre Eriſtenz ſelbſt England verdanken; während ich behaupte, Englän⸗ der ſind es aber nicht England, die ſo Viel in Amerika geleiſtet haben. Was New⸗York betrifft, Mr. Littlepage, und insbeſondere Euch und mich, ſo können wir auch zu Gunſten von Holland ein Satanstoe. 9 130 Wörichen ſagen. Ich bin ſehr ſtolz auf meine holländiſchen Ver⸗ wandten und meine holländiſche Abkunft.“ Ich war ſehr erfreut und geſchmeichelt durch das„was Euch und mich betrifft“; obwohl ich mich, glaube ich, weniger um Hol⸗ land kümmerte als ſie. Ich gab eine Antwort, wie ſie mir der Augenblick und ſeine Aufregung eingab; das Geſpräch wandte ſich bald auf das militäriſche Theater, welches eröffnet werden ſollte. „Ich fürchte Euch ſehr als Kritikerin, Couſine Annie,“ ſo nannte Bulſtrode öfters Anneke, wie ich bald bemerkte;„ich finde, Ihr ſeyd gegen uns Leute von der Cokarde nicht allzufreundlich geſinnt, und ich glaube, Ihr habt auf unſer Regiment einen ganz beſondern Zahn. Ich weiß, daß auch Billings und Harris die größtmögliche Angſt vor Euch haben.“ „Dann fürchten ſie ſich vor einer ſehr unwiſſenden Kritikerin; denn ich war in meinem Leben noch nie bei einer theatraliſchen Vorſtellung zugegen,“ antwortete Anneke mit vollkommenſter Auf⸗ richtigkeit.„So viel ich weiß, iſt nur Einmal eine regelmäßige Truppe in dieſer Colonie geweſen; und das war zu einer Zeit, wo ich noch ein ſehr kleines und ſehr junges Mädchen war— wie ich denn auch jetzt noch weder eine ſehr große noch ſehr alte Jung⸗ frau bin.“ „Ihr ſeht, Littlepage, mit welcher Gewandtheit und Einſicht meine Couſine vermeidet hinzuzuſetzen ‚noch auch ſehr unintereſſant, ſehr häßlich, ſehr unangenehm und ſehr ungeſucht,“ und fünfzig andere Eigenſchaften, welche ſie auch mit vollkommenſter Wahrheit und Beſcheidenheit hinzuſetzen dürfte. Aber iſt es wahr, daß das Theater nur Einmal eine Zeitlang hier eröffnet war?“ „So ſagt mir mein Vater, aber ich weiß ſehr wenig von der Sache ſelbſt. Heute Abend werde ich mich zum erſten Mal einer Bühne gegenüber beſinden, während Ihr, Mr. Bulſtrede, wie ich vorausſetze, zum erſten Mal auf einer Bühne auftretet.“ „In einem Sinne iſt Letzteres wahr, in einem andern aber — v 131 nicht ganz. Als Schulknabe habe ich oft geſpielt in Schultheater⸗ ſtücken; aber dieß iſt etwas ganz Neues für uns, in einem Lieb⸗ haber⸗Theater aufzutreten.“ 8 „Es mag undankbar erſcheinen, da Ihr Euch ſo viele Mühe gebt, hauptſächlich, wie ich überzeugt bin, um uns jungen Damen eine Unterhaltung zu verſchaffen, wenn ich frage, ob dieß eben ſo klug gethan, als neu iſt. Ich muß dieß als Couſine fragen, wißt Ihr, Henry Bulſtrode, um ganz dem Vorwurf der ungehörigen Zudring⸗ lichkeit zu entgehen.“ „In der That, Anneke Mordaunt, ich bin nicht ſo ganz feſt überzeugt, ob es klug iſt. Unſere Sitten fangen jedoch an ſich zu ändern, und ich kann Euch verſichern, daß verſchiedene Edelleute Unterhaltungen dieſer Art auf ihren Landſitzen geſtattet haben. Die Sitte iſt franzöſiſch, wie Ihr vermuthlich wißt, und alles Franzöſi⸗ ſche findet bei uns in Friedenszeiten ungehenern Beifall. Sir Henry billigt es nicht ganz, und was die Lady, meine Mutter, be⸗ trifft, ſo hat ſie wirklich über dieſen Gegenſtand mehr als ein ab⸗ mahnendes Wort in ihren Briefen fallen laſſen.“ „Ein unumſtößlicher Beweis, daß Ihr ein höchſt pflichtgetreuer Sohn ſeyd. Vielleicht jedoch, wenn Sir Henry und Lady Bulſtrode von Euern großen Erfolgen hören, werden ſie das Feld überſehen, auf welchem Ihr Eure Lorbeeren gewonnen habt. Aber unſere Stunde iſt gekommen, Mary; wir haben gerade nur noch Zeit, die⸗ ſen Gentlemen für ihre Höflichkeit zu danken und dann nach Hauſe zurückzukehren, um uns zum Eſſen anzukleiden. Ich habe ſelbſt eine Rolle beim Diner zu ſpielen, wie Ihr, hoffe ich, Alle Euch erinnern werdet.“ Mit dieſen Worten machte Anneke ihre Knirxe in einer Art, welche jedes Anerbieten, ſie nach Hauſe zu begleiten, ausſchloß, und ging ihres Weges mit ihrer ſchweigſamen aber verſtandig aus⸗ ſehenden und hübſchen Freundin. Bulſtrode nahm meinen Arm mit einer Miene der unbefangenen, zuverſichtlichen Ueberlegenheit und 13² ſchritt mit mir ſeiner Wohnung zu, welche in Duke⸗Street ſich be⸗ fand. Harris ſchloß ſich einer andern Geſellſchaft an, denn er that es nicht anders, als daß er immer ſpät zum Eſſen kam. „Das iſt nicht nur eines der hübſcheſten, ſondern auch eines der bezauberndſten Mädchen in den Colonien, Littlepage!“ rief mein Begleiter, ſobald wir uns von ihnen getrennt hatten, und dabei ſprach er mit einem Ernſt und einem Gefühl, wie ich es bei ihm gar nicht erwartete.„Wäre ſie in England, ſie würde mit Hülfe von etwas Ton und Schule eine der erſten Frauen dort vorſtellen; und nur ganz wenig wäre erforderlich, denn es liegt ein Reiz in ihrer Naivetät, der mehr werth iſt als die Kunſt von fünfzig Frauen von gutem Ton und Faſhion.“ „Faſhion iſt Etwas, das Jede entbehren kann, die nicht zu⸗ fällig eine angebetete und gefeierte Dame iſt,“ verſetzte ich, trotz der großen Ueberraſchung, die ich fühlte.„Was die Schule betrifft, ſo kann ich an Miß Mordaunt, ſo wie ſie iſt, Nichts als Vollkom⸗ menheit entdecken, und würde alle Lehre und Bildung mir verbit⸗ ten, die Etwas daran änderte.“ Ich glaube, es war jetzt die Reihe an Bulſtrode, überraſcht zu ſeyn, denn ich fühlte, daß er mich mit ſcharfſpähendem Blicke be⸗ trachtete, obwohl ich ihn nicht erwiedern mochte. Mein Begleiter ſchwieg eine Minute; dann, ohne weiter Anneke'ns zu erwähnen, fing er an ſehr verſtändig vom Theater und von Schauſpielen zu ſprechen. Ich fühlte mich unterhalten und belehrt; denn Mr. Bul⸗ ſtrode war ein gebildeter und geſcheuter Mann, und ein ſeltſames Gefühl kam jetzt über den Geiſt meines Traumes, wie ich ſeinem Geſpräche zuhörte. Dieſer Mann, dachte ich, bewundert Anneke Mordaunt, und wahrſcheinlich wird er ſte mit ſich nach England führen und ihr die Schule und Faſhion angedeihen laſſen, wovon er ſo eben geſprochen hat. Bei ſeinen Vorzügen und Vortheilen in Geburt, Perſönlichkeit, Vermögen, Bildung und militäriſchem Rang kann ihm ſeine Bewerbung ſchwerlich fehlſchlagen, wenn er v & 1 2 v 133 einen ernſtlichen Verſuch macht; und es wird nicht mehr als der Klugheit gemäß ſeyn, meine eigenen Gefühle zu beherrſchen, damit ich nicht das hoffnungsloſe Opfer einer ernſten Leidenſchaft werde. So jung ich war, ſah ich doch dieß Alles ein und faßte dieſe Vorſätze; und als ich von meinem Begleiter ſchied, dünkte ich mich ein viel wei⸗ ſerer Mann zu ſeyn, als da wir zuſammentrafen. Wir trennten uns in Duke⸗Street mit dem Verſprechen von meiner Seite, eine halbe Stunde ſpäter in der Wohnung des Majors vorzuſprechen und mit ihm nach dem Hauſe Herman Mordaunt's mich zu begeben. „Es iſt ein Glück, daß es in New⸗York Mode iſt, zu Fuß zu einem Diner zu gehen,“ ſagte Bulſtrode, als er wieder meinen Arm ergriff auf unſerm Wege nach Crown⸗Street;„denn dieſe engen Straßen müſſen äußerſt unbequem ſeyn für Wägen, obgleich ich gelegentlich einen darin ſehe. Was Sänften betrifft, ſo verabſcheue ich ſie, weil es mir eines Mannes unwürdig ſcheint, ſich darin tragen zu laſſen.“ „Viele von unſern vornehmſten Familien halten Wagen, und ſie ſcheinen damit ganz gut fortzukommen,“ anwortete ich.„Dennoch iſt es ganz üblich, auch für die Ladies, zu Fuße zu gehen. Ich vermuthe, daß ein großer, vielleicht der größte Theil Eures Publi⸗ kums heute Abend zu Fuß nach dem Schauſpielhauſe ſich begeben wird.“ „Man ſagt mir das auch,“ verſetzte Bulſtrode, und verzog da⸗ bei die Lippe einwenig in einer Art, die mir nicht ganz gefiel.„Dem⸗ ungeachtet werden viele reizende Geſchöpfe darunter ſeyn und wir werden ſie willkommen heißen. Nun, Littlepage, ich verzweifle nicht daran, Euch noch unter uns zu ſehen; denn, um aufrichtig zu ſeyn, ohne daß ich doch den Prahler machen möchte, ich glaube, Ihr werdet an dem—— ſten Regiment eine ſo freigeſinnte Schaar jun⸗ ger Männer finden als nur irgend im Dienſt iſt. Es herrſcht der Wunſch, die Biberröcke unter uns zu haben, anſtatt uns Schar⸗ lachröcke gänzlich abzuſchließen. Dann haben auch Euer Vater und 134 Großvater Beide gedient, und das wird eine famoſe Empfehlung und Vorſtellung geben.“ Ich verſicherte, daß ich dazu ganz ungeſchickt ſeyn würde, da ich in meinem Leben nie dergleichen geſehen und mitgemacht hätte; aber mein Begleiter wollte davon Nichts hören; und wir ſuchten unſern Weg, ſo gut wir konnten, durch William⸗Street, den Wall hinauf; und dann durch Naſſau nach Crown⸗Street; denn Her⸗ man Mordaunt beſaß ein neues Haus, nicht weit von Broadway entfernt, in der letztern Straße. Es war dieß ein ziemlich entlege⸗ ner Stadttheil; aber die Lage hatte den Vortheil einer guten Luft, und wenn eine Stadt ſich ausdehnt, müſſen immer auch Leute auf den äußerſten Punkten wohnen. „Ich wünſchte mein guter Vetter wohnte nicht ſo ganz in der Vorſtadt,“ ſagte Bulſtrode, als er in ſehr patrieiſcher Weiſe an⸗ pochte;„es iſt nicht ſehr beguem, wenn man ſo weit von ſeinen gewöhnlichen Revieren weg muß, um Beſuche zu machen. Mich wundert, wie Mr. Mordaunt dazu kam, ſo weit aus der Welt hin⸗ aus zu bauen.“ „Aber die Entfernungen in London müſſen noch viel größer ſeyn; doch freilich, dort habt Ihr Kutſchen.“ „Wahr! aber kein Wort mehr von dieſer Sache; ich möchte nicht, daß Anneke glaubte, ich fände je den Weg weit, ihr Beſuche zu machen.“ 3 Wir waren die Letzten, mit Ausnahme des einzigen verzöger⸗ lichen Mr. Harris, welcher darauf hielt, immer der Letzte zu ſeyn. Wir fanden Anneke Mordaunt umgeben von zwei oder drei Ladies von ihrer Verwandtſchaft, und eine verſammelte Geſellſchaft von einem vollen Dutzend Perſonen. Da die meiſten Anweſenden ein⸗ ander täglich, und oft zwei⸗ oder dreimal jeden Tag ſahen, waren die Begrüßungen und Complimente bald vorüber, und Herman Mordaunt begann ſich umzuſchauen, Wer denn noch fehle. „Ich glaube Alle ſind da, außer Mr. Harris,“ bemerkte der v —.,— 83 5 135 Vater gegen ſeine Tochter, und unterbrach ein Geſpräch von Mr. Bulſtrode, um dieſe Thatſache kund zu thun.„Sollen wir auf ihn warten, meine Liebe? Er iſt gewöhnlich ſo unzuverläßig und kommt ſo ſpät.“ „Aber er iſt doch ein ſehr wichtiger Mann,“ bemerkte Bul⸗ ſtrode,„da er berechtigt iſt, in Kraft ſeiner Geburt, die Dame des Hauſes zu Tiſche zu führen; das hat es zu bedeuten, wenn man der vierte Sohn eines iriſchen Barons iſt! Wißt Ihr, daß Harris' Vater ganz neuerlich geadelt worden iſt?“ Dieß war eine Neuigkeit für die Geſellſchaft, und ſichtlich wurde dadurch der Zweifel ſehr geſteigert, ob es ſchicklich ſey, ſich in Ab⸗ weſenheit des fraglichen jungen Mannes zu Tiſche zu ſetzen. „In Ermanglung dieſes Sohnes eines neuen iriſchen Barons bildet Ihr Euch vermuthlich ein, ich werde genöthigt ſeyn, meine Hand dem älteſten Sohn eines engliſchen Baronets zu geben,“ ſagte Anneke lächelnd, ſo daß ſie dadurch einer kleinen Ironie, welche ich in ihrem Benehmen leiſe durchſchimmern ſah, die Spitze abbrach. „Ich wünſchte zum Himmel, Ihr thätet es, Anneke Mordaunt,“ flüſterte Bulſtrode, laut genug, daß ich es hörte,„und ſo, daß das Herz die Hand begleitete!“ Mir kam dieß keck und entſchieden geſprochen vor; und ich ſah Anneke mit geſpannter Aufmerkſamkeit an, um zu ſehen, welchen Eindruck es auf ſie mache; aber ſie nahm es ſichtlich nur als eine Redensart auf, denn gewiß iſt, daß ſie durchaus keine Gemüths⸗ bewegung verrieth bei einer Rede, die mir ſo bedeutſam erſchien. Ich wünſchte, ſie hätte ein wenig Unmuth blicken laſſen; und dann war ſie noch ſo jung, um ſo mit verfänglichen Reden gedrängt zu werden! „Es wäre das Beſte, das Diner auftragen zu laſſen, Sir,“ bemerkte ſie ruhig gegen ihren Vater.„Mr. Harris würde es faſt übel nehmen, wenn er nicht ſchon Alle bei Tiſche findet. Es würde —————ͦ⸗--nQ,ñn—— 136 ein Beweis ſeyn, daß ſeine Uhr falſch ginge, und daß er um eine halbe Stunde zu früh gekommen wäre.“ Herman Mordaunt nickte zuſtimmend, und verließ ſeine Toch⸗ ter, um die nöthigen Befehle zu ertheilen. „Ich glaube, Harris wird dieß beklagen,“ ſagte Bulſtrode.„Ich wünſchte wiederholen zu dürfen, was er erſt geſtern über dieſen Gegenſtand mir zu ſagen die Verwegenheit hatte.“ „Ueber die Schicklichkeit eines ſolchen Verfahrens muß Mr. Bul⸗ ſtrode für ſich ſelbſt entſcheiden; doch vermeidet man in der Regel am beſten Wiederholungen dieſer Art.“ 1139 „Nein, der Burſche verdient es; ſo will ich es nur Euch und Mr. Littlepage im Vertrauen ſagen. Ihr müßt wiſſen, als der Aeltere an Jahren und als ihm vorgeſetzter Offtzier überdieß, deutete ich dem Mr. Harris an, daß es unſchicklich ſey, wenn er immer ſo ſpät zum Eſſen komme; und hier habt Ihr die Antwort, die mir mein Ehrenmann gab: ‚Ihr wißt,“ ſagte er, ‚daß, mit Ausnahme von Lord Loudon, dem Oberbefehlshaber, dem Gouverneur und eini⸗ gen Staatsbeamten, ich jetzt den Vortritt vor beinahe allen Män⸗ nern hier habe; und ich finde, wenn ich frühe zum Diner mich einfinde, ſo werde ich alle die ältlichen Damen zu Tiſche führen und meinen Platz neben ihnen einnehmen müſſen, während ich, wenn ich etwas ſpäter komme, mich neben ihren Töchtern einſchlei⸗ ꝛchen kann.“ In dem vorliegenden Falle nun wird er freilich gar ſehr zu Schaden kommen, da die Lady des Hauſes noch nicht ganz fünfzig Jahre zählt.“ „ Ich hatte dem Mr. Harris nicht ſo viel kecke Aufrichtigkeit zugetraut,“ ſagte Annecke ruhig.„Aber hier iſt er, um ſeine Rechte in Anſpruch zu nehmen.“ „Ha, der Burſche hat an Euer Alter und wahrſcheinlich auch an Eure Anziehungskraft gedacht!“ In dieſem Augenblick wurde das Diner angekündigt, und al⸗ ler Augen richteten ſich auf Harris, in Erwartung, er werde vor⸗ 9 1 — „ treten, um Anneke die Treppen hinab zu führen. Der junge Mann, noch jünger als ich, hatte nicht wenig mauvaise honte; denn ob⸗ gleich er der Sohn eines vor zwei Monaten geſchaffenen iriſchen Peers war, war doch die Familie eigentlich nicht iriſch, und er be⸗ ſaß ganz und gar kein ehrgeiziges Verlangen, in dieſer Weiſe zu figuriren. Nach Allem, was ich ſpäter von ihm ſah, glaube ich, daß nur das Gefühl der Pllicht gegenüber ſeinem Stande ihn ver⸗ mochte, dieſe Vorrechte des Rangs überhaupt zu beachten, und daß er in der That eben ſo gern als der Letzte zu einem Diner gegan⸗ wäre, wie als der Erſte. Im jetzigen Falle jedoch ward er bald aus der Verlegenheit gezogen durch Herman Mordaunt, wel⸗ cher im Heimathland erzogen worden war und ſich auf die Ge⸗ bräuche der Welt trefflich verſtand. „Gentlemen,“ ſagte er,„ich muß Euch bitten, die Vorrechte des Nanges für heute aufzugeben zu Gunſten von Mr. Cornelius Littlepage. Dieſe geehrte Geſellſchaft iſt hauptſächlich verſammelt zu Ehren ſeines Muthes und ſeiner Hingebung für ſeine Mitmen⸗ ſchen, und er wird mir die Gunſt erweiſen, Miß Mordaunt die Treppe hinunter zu führen.“ Dann bezeichnete Herman Mordaunt dem ehrenwerthen Mr. Harris die der Dame des Hauſes zunächſt ſtehende Lady, und dem Mr. Bulſtrode eine dritte; worauf die übrigen Alle für ſich ſelbſt ſorgten. Was mich betrifft, ſo fühlte ich mein Angeſicht von einer Glut übergoſſen bei dieſer unerwarteten Aufforderung, und getraute mir kaum, Anneke anzuſehen, als wir den Uebrigen voran nach dem Speiſeſaal ſchritten. So beſchämt und ſchüchtern war ich, daß ich kaum die Spitzen ihrer ſchmalen zarten Finger berührte, und meine Hand während der ganzen Zeit, wo ſie dieſe Obliegen⸗ heit zu erfüllen hatte, beſtändig zitterte. Natürlich hatte ich bei die⸗ ſem Bankett meinen Siz neben dem der jungen und liebenswürdi⸗ gen Herrin des Hauſes. Was ſoll ich von dem Diner ſagen? Es war das allererſte 138 Gaſtmahl dieſer Art, bei dem ich zugegen war, obgleich ich mir am Tiſche meiner Tante Legge einige Begriffe von den ſtädtiſchen Gewohnheiten bei ſolchen Gelegenheiten erworben hatte. Zu mei⸗ nem Erſtaunen kam hier Suppe,— eine Schüſſel, die Satanstoe nie geſehen hatte, außer wenn es ganz familiär zuging; hier aber nahmen alle Anweſenden davon, als Etwas das ſich von ſelbſt verſtehe. Alles war elegant und vortrefflich gekocht. Ueberſluß je⸗ doch war ein Hauptzug des Eſſens; was, wie ich ſagen gehört, bei allen Gaſtgeboten in New-York der Fall zu ſeyn pflegt. Dennoch bin ich immer der Meinung geweſen, daß, was Eſſen und Trin⸗ ken betrifft, die amerikaniſchen Colonien wenig Grund haben, ſich zu ſchämen. „Hätte ich dieß Diner vorausſehen können, Miß Mordaunt,“ ſagte ich, als Alle beſchäftigt waren, und ich eine paſſende Ge⸗ legenheit zu haben glaubte, meiner ſchönen Nachbarin Etwas zu ſagen,„ſo würde ſich mein Vater ſehr glücklich geſchätzt haben, einen Hammelskopf in die Stadt zu ſchicken für dieſe Gelegen⸗ heit.“ Anneke dankte mir, und dann begannen wir vom Wildpret zu ſprechen. Weſt⸗Cheſter war und iſt noch berühmt wegen ſeiner Reb⸗ hühner, Schnepfen, Wachteln, Enten und Lerchen, und ich ver⸗ ſtand mich trotz Einem darauf, über ſolche Gegenſtände mich zu verbreiten. Alle Littlepages waren Schützen; und ich weiß Fälle, daß mein Vater zehn Paar Schnepfen an einem Morgen in den feuchten Dickichten von Satanstoe in ſeine Jagdtaſche ſchob; und das mit einem Hühnerhunde zweiten Ranges, und zwar nur mit einem einzigen. Bulſtrode und Harris hörten, was ich hierüber ſagte, mit großer Aufmerkſamkeit an, und es würde bald das Alles verſchlingende Geſprächsthema geworden ſeyn, hätte nicht Anneke ſcherzend geſagt: „Alles ganz gut, Gentlemen; aber Ihr werdet Euch erinnern, daß weder Miß Wallace noch ich Schützinnen ſind.“ 9 139 „Außer mit den Pfeilen Cupido's,“ verſetzte Bulſtrode munter; „mit dieſen richtet Ihr ſo viel Schaden an zwiſchen Euch,“ und er legte beſondern Nachdruck auf die Worte, ſo daß ich, der ich zwiſchen ihnen ſaß, ein gar verblüfftes Geſicht machte,„daß Ihr dazu verurtheilt werden ſolltet, ein ganzes Jahr Nichts zu hören als Geſpräche vom Schießen von Vögeln.“ Dieß veranlaßte ein Gelächter, ein wenig auf meine Koſten, glaube ich; obgleich ich ſah, daß Anneke erröthete, während Mary Wallace nur ſchwach lächelte; aber als jetzt die Geſundheiten began⸗ nen, hatten die Poſſen ein Ende. Und ein Ernſt iſt es, Jedermann mit Namen zuzutrinken an einer großen Tafel; ein Ernſt, meine ich, für einen jungen Anfänger. Herman Mordaunt jedoch entle⸗ digte ſich dieſer Obliegenheit mit einer Anmuth und Würde, welche, wie ich glaube, ſelbſt bei einem königlichen Bankett ſich bemerklich gemacht haben würde. Die Ladies machten ihre Sache bewunderns⸗ werth, und vergaßen Keinen; und ſelbſt Harris fühlte die Nothwen⸗ digkeit, es mit dieſem unerläßlichen Punkte der guten Lebensart genau zu nehmen. So gut ging dieſe Ceremonie von Statten, daß ich glaube, verſichern zu können, Jedes hatte mit Jedem getrunken, fünf Minuten nachdem Herman Mordaunt den Anfang gemacht hatte; und es war augenſcheinlich, daß, nachdem Alles abgemacht war, mehr Unbefangenheit und wahre Heiterkeit an der Tafel herrſchte, als vorher. Aber die glückliche Zeit jedes Gaſtmahles iſt, wenn das Tiſch⸗ tuch weggenommen worden. Wenn auf dem Grunde des dunkeln, polirten Mahagoniholzes die funkelnden Flaſchen, die Obſt⸗ und Kuchen⸗Körbe die Runde machen, dann ſcheint dieſer Anblick ſchon Einem das Verlangen nach heiterer Fröhlichkeit einzuflößen. Her⸗ man Mordaunt forderte zu Toaſten auf, nachdem das Tiſchtuch verſchwunden war, in der Abſicht glaube ich, Alle in eine recht un⸗ befangene Stimmung zu verſetzen und das Geſpräch allgemeiner zu machen. Man bat ihn mit gutem Beiſpiel voranzugehen, und er 140 brachte ſogleich einen Toaſt aus auf„Miß Markham“, die, wie man mir ſagte, eine unverheirathete Lady von vierzig Jahren war, mit welcher er eine kleine Liebeständelei gehabt hatte. Dann kam die Reihe an Anneke, und ſie brachte einen Toaſt aus in Form eines Spruches, trotz aller Gegenvorſtellungen von Bulſtrode, welcher durchaus auf einen Gentleman, drang. Es gelang ihm nicht, ſie dazu zu bringen, Anneke blieb ſeſt bei ihrem Spruch:„das Theſpiſche Corps vom—— ten Regiment; möge es eben ſo glücklich ſeyn in den Künſten des Friedens, wie es ſich oft in ſeiner militäriſchen Eigenſchaft in denen des Krieges bewährt hat.“ Großer Beifall begleitete dieſen Toaſt, und Harris ließ ſich von Bulſtrode bereden aufzuſtehen, und einige Worte im Namen und zur Ehre des Regi⸗ ments zu ſprechen. Welch eine Rede!— Sie erinnerte mich an ein Pferd, welches um dieſe Zeit in London als eine Merkwürdigkeit gezeigt und auspoſaunt wurde, und von welchem es hieß: es habe den Schwanz da wo der Kopf ſeyn ſollte. Bulſtrode aber klatſchte in die Hände und rief bei jedem dritten Wort:„Hört!“ unter Betheuerungen, das Regiment werde durch die Dankſagung ebenſo geehrt wie durch den Trinkſpruch. Harris ſchien nicht unzufrieden mit ſeiner Leiſtung, und, in Kraft ſeines Ranges, trank er, ohne auf eine Aufforderung zu warten:„Auf die Schönen von New⸗ York; hervorragend ebenſo durch Schönheit als durch Geiſt,— mögen ſie nur ebenſo gnädig und huldvoll werden, als ſie ſieg⸗ reich ſind!“ 3 „Bravo!“ rief wieder Bulſtrode.„Harris iſt förmlich inſpirirt und bringt es immer weiter. Hätte er noch hinzugeſetzt: Furcht einjagend, ſo hätte er noch wahrer geſprochen, denn ihr Stirnrun⸗ zeln iſt ebenſo drohend, als ihr Lächeln bezaubernd.“ „Soll das als Euer Trinkſpruch gelten, Mr. Bulſtrode, und ſollen wir darauf trinken?“ fragte Herman Mordaunt. „Keineswegs, Sir; ich habe die Ehre, Lady Dolly Merton zu nennen.“ 141 Wer Lady Dolly war, wußte, glaube ich, Niemand, obgleich wir in den Colonien immer auf eine betitelte Perſon im Heimath⸗ lande, welche einen bekannten Namen hatte, mit ſehr viel achtungs⸗ voller Aufmerkſamkeit, um nicht zu ſagen, Verehrung, tranken. Andere Toaſte folgten, und dann wurden die Damen gebeten zu ſingen. Anneke erfüllte dieſen Wunſch ohne vieles Zureden, wie dieß ihrer Stellung geziemte, und nie vernahm ich ſüßere Laute, als die ihren Lippen entſtrömten! Das Lied war einfach, aber ganz Melodie und der Tert hatte gerade genug vom innigſten Gefühle des Weibes, um anſprechend zu ſeyn, ohne daß es das Mindeſte enthalten hätte, was für die jungfräulichen Lippen der Sängerin unpaſſend geweſen wäre. Bulſtrode war, wie ich wohl ſah, beinahe verzückt: und ich hörte ihn murmeln:„Ein Engel, beim Himmel!“ Er ſelbſt ſang ein Liebeslied voll Zartheit und in einer Art, daß man ſah, er hatte der Kunſt der Muſik ſich mit großem Eifer gewidmet. Auch Harris ſang und ebenſo Mary Wallace; der Erſtere ſo wie er ſprach; die Letztere wehmüthig, aber entſchieden gut. Selbſt Her⸗ man Mordaunt gab eine Strophe zum Beſten und dann kam die Reihe an mich. Singen war gewiſſermaßen eine ſtarke Seite bei mir, und ich habe Grund zu glauben, ich machte meine Sache ſo gut als Einer. Ich weiß, daß Anneke zufrieden ſchien und ich ſah Thränen in ihren Augen, als ich mein Lied beendigte, welches ganz auf eine ſolche Wirkung berechnet war. Endlich ſtand die jugendliche Dame des Hauſes auf, ihren Vater vorſorglich erinnernd, daß er den vornehmſten Schauſpieler des Abends an ſeinem Tiſche habe, als drei oder vier von uns die Damen nach dem Geſellſchaftszimmer geleiteten. Statt an den Tiſch zurückzukehren trat ich auch in dieß Zimmer und Bulſtrode that daſſelbe, unter dem Vorwand, er dürfe durchaus nicht Mehr trinken in Betracht der ihm noch bevorſtehenden Aufgabe. 142 Achtes Kapitel. „Poz Wetter, Mann! viel beſſer. Behandelt jeden Menſchen nach ſeinem Verdienſt, und Wer iſt vor Schlägen ſicher? Behandelt ſie nach eurer eigenen Ehre und Würdigkeit; je weniger ſie verdienen, deſto mehr Verdienſt hat eure Güte.“ Hamlet. „Harris wird in Kampfunfähigkeit geſetzt werden,“ bemerkte bald Bulſtrode,„wenn ich es nicht dahin bringe, ihn vom Tiſche zu entfernen.— Ihr wißt, er ſoll dieſen Abend die Marcia ſpielen, und wenn gleich ein wenig Wein ihm Feuer und Muth zu der Rolle geben mag, dürfte doch zu viel ihren weiblichen Schönheiten Eintrag thun. Addiſon war nicht gemeint, daß die tugendhafte Marcia, während ſie über ihr Geſchlecht emporragt, aus einer Goſſe oder unter dem Tiſche hervorgezogen werden ſolle. Harris iſt ein ächter iriſcher Peer, wo Claret ins Spiel kommt.“ Alle Ladies hielten die Hände empor und proteſtirten dagegen, daß man dem Mr. Harris geſtatte, eine Traveſtie auf ihr Geſchlecht auf die Bühne zu bringen. Bis jeßt hatte noch Niemand gewußt, wie die Rollen ausgetheilt waren, außer daß Bulſtrode den Cato geben ſollte, denn man hatte ſehr ſorgfältig darauf gehalten, daß Niemand die Theaterzettel zu ſehen bekomme, damit die Zuſchauer die Genugthuung hätten, ſelbſt ausfindig zu machen, Wer jeder der Auftretenden ſey. Nach dem Schluß jedes Stückes ſollte unter den wenigen Begünſtigten ein Theaterzettel berum geſchickt werden, wel⸗ cher die Wahrheit enthüllte. Da Anneke erklärte, daß ihr Vater ſeine Gäſte nie einſchließe und mit Zuverläſſigkeit verſprochen habe, binnen einer halben Stunde Alle zum Kaffee heraufzubringen, ward beſchloſſen, der Sache eben den Lauf zu laſſen. Wirklich erſchien nach Ablauf der genannten Friſt Herman Mordaunt mit allen männlichen Gäſten vom Tiſche. Harris war nicht benebelt, was bei ihm, wie ich erfuhr, nach dem Eſſen 143 gar leicht der Fall war, aber er war auch nicht nüchtern. Nach Bulſtrode's Begriffen mag er gerade Feuer genug gehabt haben, um die tugendhafte Marcia zu ſpielen. Nach wenigen Minuten eilte der Fähnrich weg, und erklärte, wie Hamlet's Geiſt, ihre Stunde ſey gekommen. Um ſieben Uhr verließ die ganze Geſellſchaft mit einander das Haus, um ſich in das Theater zu begeben. Herman Mordaunt hielt keine angemeſſene ſtädtiſche Equipage und wäre dieß auch der Fall geweſen, ſo hätte ſie nicht den vierten Theil unſerer Geſellſchaft gefaßt. Hierin jedoch zeichneten wir uns nicht vor An⸗ dern aus, denn neun unter zehn von dem Publikum jenes Abends, d. h. neun unter zehn von dem ſchönen Geſchlecht, gingen zu Fuß ins Theater. Statt geradezu Crown⸗Street hinab zu gehen, nach Maiden⸗ Lane, was der nächſte Weg zum Theater geweſen wäre, ſchlugen wir die Richtung nach Broadway ein und über Wall⸗Street, da dort beſſer zu gehen und die Goſſen entfernter von den Damen waren; denn in den engern Paſſagen der Stadt war die Mitte der Straße nicht weit von den Häuſern entfernt. Wir fanden eine große Menge wohlgekleideter Leute in derſelben Richtung wie wir unterwegs. Herman Mordaunt bemerkte, er habe noch nie ſonſt ſo viele Reif⸗ röcke, Cardinäle, aufgekrämpte Hüte und Degen auf einmal auf der Straße geſehen, wie an dieſem Abend. Alle Wagen, die in der Stadt rollten, fuhren an uns in Wall⸗Street vorbei, und bis wir William⸗Street erreichten, bot das Pflaſter ganz eigentlich das Schauſpiel einer Proceſſion dar. Da Alle in vollem Putz waren, war der Eindruck gefällig, und da der Abend ſchön war, trugen die meiſten Gentlemen die Hüte in der Hand, um ihre gekräuſelten Locken nicht zu verwüſten, was dem Ganzen den Anſtrich einer gro⸗ ßen Aufwartungsſcene gab. Nie ſah ich ein liebenswürdigeres Ge⸗ ſchöpf als Anneke Mordaunt mir bei dieſer Gelegenheit an der Spitze unſerer Geſellſchaft erſchien. Der Puder hatte ſich ein Wenig aus ihren ſchönen braunen Haaren verloren, und auf dem Theile des Kopfes, der nicht verſteckt war von einem Hut, welcher halb 144 ihr ſchönes Antlitz beſchattete, war es, als ob die reiche natürliche Hauptbedeckung alle Feſſeln durchbrechen und mit ihrer Fülle ihre ganze Büſte beſchatten wolle. Ihr Negligée beſtand aus reicher Seide, vorn mit einer Falbel beſetzt, während die Spitzen, welche an ihren Ellbogen herabhingen, ausſahen, wie von Feen gewoben, und beſtimmt, von einer Fee getragen zu werden. An den Schu⸗ hen trug ſie Schnallen mit Paſten, und ich glaubte, nie einen ſolchen Fuß geſehen zu haben, wie er gelegentlich unter ihren Ge⸗ wändern hervorlugte, als ſie zierlich, aber mit der Anmuth einer Königin an meiner Seite dahin ſchritt. Ich beſchreibe Anneke nicht ſo, in der Abſicht dem Leſer die Vorſtellung beizubringen, als ſey ſie vornehm und abſtoßend geweſen; im Gegentheil, gewinnende Freundlichkeit und natürliche Grazie waren in ihrem Weſen ebenſo unverkennbar und auffallend, als Schönheit, Verſtand und Gefühl in ihrem Angeſicht. Mehr als einmal, wie wir ſo neben einander ſchritten, drängte ſich mir peinlich das Bewußtſeyn auf, wie un⸗ würdig ich ſey, die mir zu Theil gewordene Stelle auszufüllen. Ich glaube, dieſe Beſcheidenheit und Demuth iſt eines der ſicherſten Zei⸗ chen ächter, aufrichtiger Liebe. Endlich erreichten wir das Theater und es wurde uns der Ein⸗ tritt geſtattet. Alle vordern Sitze waren von Schwarzen beſetzt, hauptſächlich in New⸗Yorker Livreen; das heißt mit Aufſchlägen, Kragen und Taſchenklaxpen von anderem Tuch als der Rock; doch hatten einige cH¼⅓h. Freſſen. Dieſe Letzteren gehörten den vornehmſten Fanealten an, von welchen einige beinahe ſo koſtbare Farben und Zierrathen ihrer Dienerſchaft gaben, als man, wie ich höre, im Heimathland immer zu geben pflegt. Ich erinnere mich wohl noch, daß zwei ganze Logen beſetzt waren von Dienern mit Schulterngehängen und viel reicheren Kleidern als gewöhnlich, von welchen eine dem Lieutenant⸗Gouverneur, die andere dem Lord Loudon, damaligem Oberbefehlshaber, gehörte. Wie die Geſellſchaft eintrat, verſchwanden dieſe Diener, wie es gebräuchlich iſt, und wir 145 nahmen unſere Sitze ein auf den uns ſo vorbehaltenen Bänken. Bulſtrode's Aufmerkſamkeit war unverkennbar in der Art, wie er für Anneke und ihre Geſellſchaft geſorgt hatte, welche, ich wage kühn es zu behaupten, eine der ausgezeichnetſten war, was Jugend und hübſches Ausſehen betraf, welche das Haus an dieſem Abend beſuchte. Groß war die Neugier und tief das Intereſſe, welches beſonders unter dem jüngern Theil der Anweſenden an jenem wichtigen Abend herrſchte, als eine Geſellſchaft nach der andern ſich ſetzte. Das Haus war wie ein Theater verziert und es kam mir ungeheuer ge⸗ räumig vor, obgleich Herman Mordaunt mich verſicherte, es ſey, nach ſeiner Größe betrachtet, eben nichts Sonderliches, verglichen mit den Schauſpielhäuſern im Heimathland. Aber die Ornamente, und die Lichter, und der Vorhang, das Parterre, die Logen, die Gallerie— das Alles waren ebenſo viele Gegenſtände des lebhaften Intereſſes. Wenige von uns ſprachen Etwas; aber unſere Blicke ſchweiften über Alles hin mit einem Entzücken, wie es nach meiner Ueberzeugung nur einmal in einem Theater empfunden werden kann. Anneke'ns ſüßes Angeſicht war ein Bild der jugendlichen Erwartung, — einer Erwartung jedoch, bei welcher Verſtand und Beſonnenheit keineswegs ausgeſchloſſen waren. Es wurde behauptet, das Orcheſter habe eine ungebührlich große Menge von Blasinſtrumenten enthal⸗ ten; aber ich bemerkte Damen im ganzen Hauſe. Alche i in unſerer Loge mit eingeſchloſſen, wie ſie die Verbeu Sn vielen der Muſiker erwiederten, welche, wie man mir ſagte, Waettanten von der Armee und von den Salon's der Stadt waren. Endlich traten der Oberbefehlshaber und der Lieutenant⸗Gou⸗ verneur mit einander ein und traten in Eine und dieſelbe Loge, obgleich man zwei ihnen vorbehalten hatte; und ihre Begleitung nahm die zweite in Beſitz. Kaum hatte ſich die Bewegung, welche die Ankunft dieſer Perſonen verurſacht hatte, gelegt, als der Vor⸗ hang ſich hob, und eine neue Welt ſich unſern Auanan darſtellte. Satanstoe. 146 Von dem Spiel will ich mir nicht erlauben Viel zu ſagen, obgleich es mir als die höchſte Vollendung erſchien. Bulſtrode gewann an jenem Abend großen Beifall; und ich hörte, daß verſchiedene Gentle⸗ men, welche entweder in England gebildet worden waren, oder doch längere Zeit dort zugebracht hatten, erklärten: ſein Cato würde jedem der königlichen Theater Ehre gemacht haben. Sein Anzug ſchien mir ganz ſo, wie er ſeyn mußte, obgleich ich ihn nicht zu beſchreiben vermag. Ich erinnere mich, daß Syphax die Uniform eines Dragoneroberſten und Juba die eines Generals trug; und daß ſehr viel Kritik aufgewendet und Anſtoß daran genommen wurde, daß die Gentlemen, welche dieſe Rollen ſpielten, mit Wollenhaaren und mit geſchwärzten Geſichtern auftraten. Man machte gegen dieſe Anſichten geltend, dieſe Perſonen der Tragödie ſeyen Afrikaner; und man könne, wenn man nur einen Blick auf die Gallerie werfe, ſehen, daß die Afrikaner gewöhnlich ſchwarz ſeyen und wollige Haare haben; eine Beweisführung, die, wie ich mir einbildete, das Aerger⸗ niß nur noch erſchwerte. Abgeſehen von dieſem kleinen Mißgriff ging Alles ganz gut von Statten, bis auf Harris' Martia hinaus. Es iſt wahr, einige mißwollende Leute flüſterten, die„tugendhafte Marcia“ ſey ein wenig exaltirt geweſen; aber Bulſtrode verſicherte mich nachmals, ſein Zuſtand habe ihm zum Verwundern durchge⸗ holfen, und habe ſeinem Auge einen feuchten Glanz gegeben, wel⸗ chen man ſonſt würde vermißt haben. Die Schuhe mit hohen Ab⸗ ſätzen ſchienen ihm läſtig und ſtörſam zu ſeyn; aber einige Perſonen meinten, es gebe ihm Dieß etwas angenehm Schwankendes im Gange, was ſehr viel zur Illuſton beitrage. Im Ganzen wurde das Stück zum Erſtaunen gut durchgeſpielt, wie ich an Lord Loudon und dem Lieutenant⸗Gouverneur bemerken konnte, welche Beide unendlich vergnügt zu ſeyn ſchienen. Herman Mordaunt lächelte ein oder zwei Mal, wenn er hätte ein ernſtes Geſicht machen ſollen; aber dieſes ſchrieb ich dem Umſtand zu, daß er in neuern Zeiten außer Uebung gekommen war, Bühnendarſtellungen anzuwohnen. Gewiß 147 war er ein Mann von Urtheil und Einſicht, und mußte wohl wiſſen, was die geeigneten Momente ſind, dieſe oder jene innere Bewegung oder Empfindung kund zu geben. Während der Zwiſchenzeit zwiſchen der Tragödie und der Farce kamen die Schauſpieler zu uns heraus, um die wohlverdiente Hul⸗ digung entgegenzunehmen, und laute Beifallsbezeugungen wurden ihnen geſpendet. Anneke'ns glänzendes Auge leuchtete von Vergnü⸗ gen, als ſie ohne Rückhalt Bulſtrode geſtand, welches Wohlgefallen ſie empfunden, und bekannte, ſie habe bisher noch keinen Begriff gehabt von der Schönheit und Macht der theatraliſchen Darſtellung, unterſtützt, wie dieſe es war, von den Hülfsmitteln der Beleuchtung, des Anzugs und der Scenerie. Zwar die Frauen ſeyen ein wenig abgeſchmackt geweſen, und ganz beſonders die tugendhafte Marcia, aber die ſchönen Sentiments Addiſons, obgleich ſie, wie Herman Mordaunt bemerkte, all die Zierlichkeit und Steifheit eines pedan⸗ tiſchen Zeitalters hatten, ſeyen doch ſchön und treffend genug ge⸗ weſen, um die Mängel des ehrenwerthen Mr. Harris zuzudecken. Anneke ſprach ihre Hoffnung aus, das Nachſtück werde ebenſo allge⸗ mein verſtändlich ſeyn, ſo daß ſie ſich Alle ebenſo wie an dem Hauptſtück ſelbſt daran erfreuen könnten. Die andern jungen Damen ſprachen ebenſo entſchieden ihr Lob und ihren Beifall aus, obwohl mir auffiel, daß Anneke bei dieſer Gelegenheit am meiſten fühlte. Daß der Major durch ſeine Be⸗ mühungen und Leiſtungen einen großen Vortheil gewonnen hatte, konnte ich mir nicht verhehlen; und die Thorheit, meinerſeits An⸗ ſprüche erheben zu wollen bei einem Weſen, welches von einem ſolchen Nebenbuhler bewundert und geſucht wurde, begann ſich meiner Einbildungskraft mit ſchmerzlicher Gewalt aufzudrängen. Aber bald rief die Glocke die tapfern Schauſyieler wieder ab, um ſich für die Faree anzukleiden. Die lange Zwiſchenzeit zwiſchen den beiden Stücken gab Einem Muße und Gelegenheit genug, ſeine Bekannten zu beſuchen und die 4 148 Meinungen zu vergleichen. Ich ging in die Loge meiner Tante, und fand ſie ganz wohl befriedigt, obwohl minder lebhaft als die jüngern Damen im Ausdruck ihres Wohlgefallens. Mein Oheim war ganz wie er immer war; gutmüthig, aber nicht geneigt, irgend ein übermäßiges Lob zu ſpenden oder gelten zu laſſen. „Ganz hübſch für Knaben, Corny,“ ſagte er,„obgleich der Junge, welcher die Marcia ſpielte, beſſer gethan hätte, noch in der Schule zu bleiben. Ich weiß ſeinen Namen nicht, aber er hat aus der Marcia alle Tugend herausgezogen. Er muß ihren Cha⸗ rakter an einem der Frauenzimmer ſtudirt haben, welche dem Lager folgen.“ „Mein lieber Oheim, wie ganz anders urtheilt Ihr, als Alle in unſerer Loge! Dieſer Gentleman iſt der ehrenwerthe Mr. Harris, der erſt achtzehn Jahre alt iſt, Fähnrich im—— ten Regiment, Sohn von Lord Ballybannon, oder Bally⸗ ſo und ſoweiter, und er gilt dafür, die weichſte Stimme in der Armee zu haben.“ „Ja und den weichſten Kopf dazu, dafür will ich ſtehen. Ich ſage Euch, Corny, der ehrenwerthe Mr. Ballybilly, der erſt acht⸗ zehn Jahre alt und Fähnrich im— ten Regiment iſt, und die weichſte Stimme in der Armee hat, wäre beſſer in der Schule ge⸗ blieben, ſtatt die Tugend der ‚tugendhaften Marcia“ zu untergraben, wie er ſo offenbar gethan hat; Bulſtrode machte ſeine Sache gut genug, vortrefflich für einen Dilettanten, und muß ein kapitaler Kamerade ſeyn. Beiläufig geſagt, Jane“— das war der Name meiner Tante,—„man ſagt mir, er werde wahrſcheinlich die aus⸗ nehmend hübſche Tochter Herman Mordaunts binnen Kurzem hei⸗ rathen und ſee zur Lady Bulſtrode machen.“ „Warum denn das nicht, Mr. Legge?— Anne Mordaunt iſt ein ſo liebenswürdiges Mädchen als es nur irgend in der Colonie gibt und hat eine ſehr achtbare Familie und Verwandtſchaft. Man ſagt ſogar, die Mordaunts ſeyen von einer hohen Familie im Mutter⸗ lande. Mary Wallace hat mir geſagt, Herman Mordaunt und 2 K—*ð 149 Sir Henry Bulſtrode ſelbſt ſeyen verwandt; und Ihr wißt, mein Lieber, wie vertraut die Mordaunts und die Wallaces miteinander ſtehen.“ „Ich nicht! ich weiß Nichts von ihrer vertrauten Bekanntſchaft, obwohl ich gern glaube, daß Alles wahr ſeyn mag. Mordaunt's Vater war, wie ich immer gehört habe, ein engliſcher Gentleman von ziemlich guter Familie, obwohl ſo arm wie eine Kirchenmaus, als er eine unſerer holländiſchen Erbinnen heirathete; und was Herman Mordaunt ſelbſt betrifft, ſo bewies er dadurch, daß er auch wieder eine Erbin, obwohl nicht eben eine Holländerin, heirathete, daß er den Inſtinkt nicht verloren. Da iſt nun Anneke, die das Alles erbt, und ich will dafür ſtehen, daß man dafür Sorge getra⸗ gen, ſie wieder mit einem Erben zu vermählen.“ 4 „Nun, Mr. Bulſtrode iſt ein Erbe, und der älteſte Sohn eines Baronets. Ich freue mich immer, wenn eines unſerer Mädchen eine gute Partie im Mutterlande macht, denn das bringt der Colonie Ehre. Es iſt etwas Treffliches darum, Corny, daß unſere Inte⸗ reſſen im Mutterlande gut vertreten werden— zumal vor dem Geheimen⸗Rathe, wie man mir ſagt.“ „Nun, aber mich freut es nicht,“ verſetzte mein Oheim.„Ich glaube, es iſt ehrenvoller für die Colonie, wenn ihre Jungfrauen mit ihren jungen Männern, und ihre jungen Männer mit ihren Jungfrauen ſich verheirathen. Ich wünſchte, Anne Mordaunt wäre dieſen Abend an der Stelle des ehrenwerthen Ballyſhannon geweſen. Gewiß hätte ſie tauſendmal beſſer die„tugendhafte Marcia“ dar⸗ geſtellt.“ „Ihr wollt doch hoffentlich nicht, daß eine achtbare junge Lady in ſolcher Weiſe vor dem Publikum auftreten ſollte, Mr. Legge?“ Mein Oheim ſagte Etwas hierauf, denn er war nicht leicht um eine Antwort verlegen, um„Jane“ niederzudiſputiren; aber da ich die Loge verließ, hörte ich ſeine Antwort nicht. So ſchien es alſo nach der Anſicht der Meiſten eine ausgemachte Sache, daß Bulſtrode Anneke heirathen ſollte! Ich kann nicht beſchreiben, wie mich dieſe ſo geäußerte Meinung auf's Neue erſchütterte; aber ich kam dadurch gleichſam erſt recht zum Bewußtſeyn, welchen tiefen Eindruck der Verkehr einer Woche auf mich gemacht hatte. Die Wirkung auf mich war ſo ſtark, daß ich nicht zu der Geſellſchaft zurückkehrte, welche ich verlaſſen hatte, ſondern mir einen Platz in einem entfernteren Theile des Theaters ſuchte, jedoch einen ſolchen, von welchem aus ich diejenigen deutlich ſehen konnte, welche ich ver⸗ laſſen hatte. Bald begann die„Schöne Kriegsliſt“, und Bulſtrode trat wie⸗ der auf in der Rolle Serub's. Diejenigen, welche ſich auf die Bühne am beſten verſtanden, erklärten ſein Spiel für vortrefflich— für viel beſſer in der Rolle des Bedienten als in der des römiſchen Senators. Das Stück ſelbſt ſiel mir auf als ſo plump und derb, daß es kaum zu ertragen war; aber da es einen Namen und bedeu⸗ tenden Ruf im Mutterland hatte, wagten unſere Matronen Nichts dagegen einzuwenden. Ich bemerkte jedoch mit Freuden, daß das Lächeln bald aus Anneke'ns Angeſicht verſchwand, und entdeckte, daß ſie kein Wohlgefallen fand an Scenen, welche ſo wenig für ihre Jahre und ihr Geſchlecht paßten. Die raſchen, kurzen Blicke, welche zwiſchen Anneke und Mary Wallace gewechſelt wurden, ent⸗ gingen mir nicht, und die Art, wie ſie Beide aufſtanden, ſobald der Vorhang fiel, verrieth deutlich genug die Haſt, mit welcher ſie das Theater zu verlaſſen ſuchten. Ich erreichte die Thüre ihrer Loge gerade zu rechter Zeit, um ihnen durch das Gedränge durchzuhelfen. Keines von uns ſprach ein Wort, bis wir die Straße erreich⸗ ten, wo zwei oder drei von der Miß Mordaunt Freundinnen ihre Zufriedenheit laut ausſprachen. Weder Anneke noch Mary Wallace ſagte Etwas, und ich verſtand ihre Gefühle ſo gut, daß auch ich mit keiner Sylbe der Farce gedachte. Die Uebrigen ſtimm⸗ ten nur in das ein, was die allgemeine Meinung zu ſeyn 151 ſchien, und ſie waren mehr zu bemitleiden, als zu verdammen. Es war vielleicht um ſo entſchuldbarer, wenn ſie ein ſolches Stück ganz in der Ordnung fanden, weil ſie gehört haben mußten, es werde im Mutterlande ſehr gelobt und erhoben,— ein Umſtand, welcher jeder Sitte und jedem Brauch ein gewiſſes Privilegium in den Colonien verlieh. Ein Mutterland hat viel von der Verant⸗ wortlichkeit einer natürlichen Mutter, weil ſeine Anſicht und ſein Beiſpiel ebenſo gern von der von ihm abſtammenden Colonie zur Rechtfertigung ihrer Anſichten und ihrer Handlungsweiſe angeführt zu werden pflegen, wie dieß bei einer Tochter in Beziehung auf die Mutter der Fall iſt. Ich glaube aber trotzdem, dieſe Verantwortlichkeit macht den Miniſtern oder dem Volke von England wenig Sorge, weil ich nie irgend ein lebhaftes Gefühl ihrer Pflichten hinſichtlich dieſes Punktes habe entdecken können. Wir traten Alle in Herman Mordaunts Haus, nachdem wir den Weg zurück ebenſo wie den Herweg ge⸗ macht hatten, und nahmen ein leichtes Souper ein, nebſt köſtlicher Chokolade. Gerade als wir uns zu Tiſche ſetzten, fand ſich Bul⸗ ſtrode bei uns ein, um die Lobſprüche, die er verdient hatte, in Empfang zu nehmen, und ſich ſeines Triumphes zu erfreuen. Er kam gerade mir gegenüber zu ſitzen, auf Anneke'ns linke Seite, und begann bald ein Geſpräch. „Vor Allem,“ rief er,„müßt Ihr Alle zugeſtehen, daß Tom Harris dieſen Abend Wunder that als Miß Marcia Cato. Ich hatte meine ganz eigene Noth mit dem Schelmen, denn man hat kein Beiſpiel von einer benebelten Marcia; aber wir erhielten ihn doch gerade und aufrecht, und das war der ſchwierigſte Theil meiner Leiſtungen, das kann ich Euch verſichern.“ „Ja,“ bemerkte Herman Mordaunt trocken,„ich glaube ſelbſt, daß, Tom Harris nach dem Diner gerade und aufrecht zu halten, eine ſehr ſchwierige Aufgabe iſt— eine ſolche, die in der That eine ſehr einſichtsvolle Behandlung erheiſcht.“ 152 „Ihr waret ſo gütig, Eure Zufriedenheit mit der Darſtellung des Cato auszuſprechen, Miß Mordaunt,“ ſagte Bulſtrode in ſehr unterwürfiger und beſorgter Weiſe;„aber ich bezweifle, ob die ganze Vorſtellung Euch ebenſo Freude machte.“ „Gewiß nicht. Hätte die Vorſtellung mit dem erſten Stücke geſchloſſen, ſo würde ich, muß ich fürchten, allzu lebhaft bedauert haben, daß uns eine regelmäßige Bühne fehlt; aber die Farce wird dieß Bedauern gar ſehr ſchwächen.“ „Ich fürchte, ich verſtehe Euch, Couſtne Anne, und ich bedaure ſehr, daß wir nicht eine andere Wahl trafen,“ erwiederte Bulſtrode mit einer Demuth, welche ihm gar nicht gewöhnlich war, ſelbue m Geſpräche mit Anneke Mordaunt;„aber ich kann Euch verſiche das Stück ſteht in ungeheurer Gunſt im Mutterlande, und der Cha⸗ rakter des Scrub insbeſondere iſt gewöhnlich ein großenmnteng. Ich ſehe jedoch aus Eurer Miene, daß genug davon geſlgeicn iſt; nachdem ich aber dieſen Abend ſo Viel gethan habe, dieße verehrte Geſellſchaft zu unterhalten, ſchmeichle ich mir, das Recht erworben zu haben, jede der hier anweſenden Ladies zu einem Geſange aufzu⸗ fordern, ſobald die geeignete Zeit dazu kommt. Vielleicht dürfte ich auch die Bitte um einen Spruch und einen Toaſt hinzufügen.“ Und Geſang, Toaſte und Sprüche bekamen wir auch, wie gewöhnlich, im Augenblick wo das Eſſen zu Ende war. Es war, und iſt noch, in der That bei uns ſogar gewöhnlicher, dieſer un⸗ ſchuldigen Fröhlichkeit nach dem Souper als nach dem Diner ſich zu überlaſſen; und dieſen Abend überließen ſich Alle mit Lebhaftig⸗ keit und beſter Laune dem Gefühl des Augenblicks. Herman Mor⸗ daunt nannte„Miß Markham,“ wie er beim Diner gethan hatte, und dieß mit einem ſo beſtimmten Weſen, daß man wohl ſah, er würde nie einen andern Toaſt preisgeben. „Es beſteht ein Vertrag zwiſchen Miß Markham und mir, während unſers übrigen Lebens auf einander Toaſte auszubringen,“ rief der Herr des Hauſes lachend;„und wir ſind Beide zu ehrlich ihn zu verletzen.“ — —— 153 „Aber Miß Mordaunt hat keine ſolche Verpflichtung,“ bemerkte ein gewiſſer Mr. Benſon, welcher im Laufe des Tages ein lebhaftes Intereſſe für die ſchöne junge Herrin des Hauſes an den Tag ge⸗ legt hatte;„und ich hoffe, wir werden von ihr nicht mit einer ſolchen Entſchuldigung abgewieſen werden.“ „Es iſt nicht in der Regel, von Zweien deſſelben Stammes nach einander Toaſte zu verlangen,“ verſetzte Herman Mordaunt. „Mr. Buſſtrode hier ſtirbt vor Verlangen, uns eine andere engliſche Schöne zu nennen.“ „Von Herzen gern,“ ſagte Bulſtrode luſtig.„Dießmal ſoll es Zetty Baddington ſeyn.“ Bermählt oder ledig, Bulſtrode?“ fragte Billings, wie ich zu jaubte, mit einiger Schalkheit. eeinerlei, wenn ſie nur eine Schönheit iſt und ein zube, es iſt jetzt mein Recht, eine Lady aufzufordern: und mir einen Gentleman von Miß Wallace.“ Ein Ausdruck von unangenehmer Ueberraſchung war in An⸗ neke’'ns holden Zügen ſichtbar geworden bei der Neckerei zwiſchen Billings und Bulſtrode; denn wir, in der Einfachheit unſerer Pro⸗ vinzſitten, hielten es für nicht ganz ſchicklich, daß Unverheirathete Toaſte auf Verheirathete ausbrachten, und umgekehrt; aber im Au⸗ genblick, wo ihre Freundin ſo aufgefordert ward, zeigte ſich darin der Ausdruck freundlicher Theilnahme. Mary Wallace jedoch zeigte gar keine Aufregung und nannte:„Mr. Francis Fredham.“ „Ja, Frank Fredham, von ganzem Herzen,“ rief Herman Mor⸗ daunt.„Ich hoffe, er wird in ſein Heimathland ſo geradſinnig, ehrlich und gut zurückkehren, als er es verlaſſen hat.“ „Mr. Fredham iſt alſo im Ausland?“ fragte Bulſtrode.„Der Name klang mir neu.“ „Wenn man das Mutterland Ausland nennen darf. Er ſlu⸗ dirt das Recht im Tempel.“ Dieſe Antwort gab Mary Wallace, welche dabei ausſah, als 154 ob ſie nur ein freundſchaftliches Intereſſe für den jungen Templer fühlte, und Nichts weiter. Sie forderte jetzt Dirck auf, ſeine Dame zu nennen. Während dieſes ganzen Tages hatte man Dircks Stimme kaum gehört; eine Schweigſamkeit, welche mit ſeiner Jugend und anerkannten Schüchternheit ganz wohl ſich vertrug. Dieſe Auffor⸗ derung jedoch ſchien plötzlich Alles, was von Mannhaftigkeit in ihm war, zu wecken; und deſſen war, wie ich den Leſer verſichern kann, nicht wenig, ſobald eine Gelegenheit kam, es zu zeigen. Dirck's Weſen war die Ehrlichkeit ſelbſt; und er fühlte, daß die Aufforde⸗ rung zu offen, die Gelegenheit zu ernſt war, um ſich zweideutig auszuſprechen. Er liebte nur Eine, achtete nur Eine, fühlte nur für Eine; und es lag nicht in ſeiner Natur, ſeine Neigung durch den Verſuch einer Täuſchung zu verſchleiern. Er erröthete bis an die Ohren, ſchien in Verlegenheit und Noth, ermannte ſich dann und ſprach den Namen:„Anneke Mordaunt“ aus. Ein allgemeines Gelächter war der Lohn für dieſen Bock,— allgemein, mit Ausnahme des ſchönen Weſens, welches dieſen un⸗ 3 willkürlichen Tribut der Huldigung erhoben hatte, und meiner, der ich Dirck's Charakter zu gut kannte, um nicht zu begreifen, wie ernſt es ihm ſeyn mußte, daß er ſo das theuerſte Geheimniß ſeines Herzens enthüllte. Die Heiterkeit währte eine Zeitlang fort, und Herman Mordaunt ſchien eine ganz beſondere Freude zu haben und applaudirte der Aufrichtigkeit ſeines Verwandten mit einigen ſehr vernehmlichen Bravo's. Was Anneke betrifft, ſo bemerkte ich, daß ſie gerührt war, während ſie etwas betroffen ſchien, als wünſchte ſie, die Sache wäre ungeſchehen geblieben. 1 „Aber, Dirck, ſo ſehr ich Euren Muth und Eure Offenheit be⸗ wundere, lieber Junge,“ rief Herman Mordaunt,„Miß Wallace kann doch eigentlich einen ſolchen Toaſt nicht paſſiren laſſen. Sie wird darauf beſtehen einen andern zu haben.“ „Ich?— Ich betheure, ich bin ganz erfreut darüber und wünſche mir keinen andern!“ rief die in Rede ſtehende Lady.„Kein αᷣ +& RK 155 Toaſt kann mir angenehmer ſeyn, als Anneke Mordaunt, und ich muß denjenigen höchlich achten, von welchem er herrührt.“ „Wenn man Freundinnen in Dingen dieſer Art trauen darf,“ bemerkte Bulſtrode, etwas empfindlich,„ſo hat Mr. Follock alle Urſache zufrieden zu ſeyn. Hätte ich jedoch gewußt, daß die Ge⸗ bräuche in New⸗York geſtatten, einen Toaſt auf eine anweſende Dame auszubringen, ſo wäre dieſer Gentleman nicht der Erſte ge⸗ weſen, der das Verdienſt gehabt, dieſe Entdeckung zu machen.“ „Auch iſt es nicht gebräuchlich,“ ſagte Herman Mordaunt; „und Dirck muß eine andere Dame aufſtöbern, um meine Tochter zu erſetzen.“ Aber in der Seele Dirck Follock' wollte ſich keine andere auf⸗ treiben laſſen. Hätte er auch ein Dutzend Namen in Reſerve ge⸗ habt, nicht Einen würde er doch zum Beſten gegeben haben unter Umſtänden, welche den Schein auf ihn laden konnten, als verläugne er die dem einmal genannten Mädchen gewidmete Huldigung; aber er vermochte wirklich kein anderes Frauenzimmer zu nennen. So gab denn die Geſellſchaft, nach einigen Neckereien, indem ſie Dirck's Zögern auf Rechnung ſeiner Jugend und ſeiner Unbekanntſchaft mit der Welt ſchrieb, den Verſuch auf, und verlangte von ihm, er ſolle nun ſeinerſeits Anneke ſelbſt zu einem Toaſt auffordern. „Couſin Dirck Van Valkenburgh,“ ſagte Anneke, mit der ihrem Geſchlecht eigenen größern Geiſtesgegenwart und Gewandt⸗ heit, obgleich ſie um volle zwei Jahre jünger war, als mein Freund; und ſie legte dabei einigen Nachdruck auf das Wort Couſin. „So!“ rief Dirck, mit einem triumphirenden Blick auf Bul⸗ ſtrode;„ſeht Ihr nun, Gentlemen und Ladies, daß es geſtattet iſt, einen Toaſt auf eine anweſende Perſon auszubringen, wenn man gerade dieſe Perſon achtet und hochſchätzt.“ „Woraus wir erkennen ſollen, Sir, wie ſehr Miß Mordaunt Mr. Dirck Van Valkenburgh achtet und hochſchätzt,“ verſetzte Bul⸗ ſtrode ernſt.„Ich fürchte, es liegt nur zu viel Richtigkeit in einer Meinung, die, beim erſten Erröthen, nach Eigenliebe zu ſchmecken ſcheinen könnte.“ „Eine Anſchuldigung und Vermuthung, die ich weit entfernt bin, zu läugnen,“ erwiederte Anneke mit einer ſichern Haltung, welche eine wundervolle Selbſtbeherrſchung verrieth, falls ſie wirk⸗ lich Dircks Neigung irgend erwiederte.„Mein Vetter nennt mich in ſeinem Toaſt und ich ihn in dem meinigen. Iſt denn daran etwas Unnatürliches?“ Hier begann ein Ausbruch von Neckereien auf Koſten Anne⸗ kens, welche die junge Lady mit einer Kaltblütigkeit und Faſſung ertrug, die mich anfänglich ganz in Erſtaunen ſetzte. Aber als ich mich beſann, daß ſie in der That ſchon einige Jahre an der Spitze ihres Vaters Hausweſen ſtand, und immer viel mit älteren Perſo⸗ nen, als ſie, umgegangen war, ſchien es mir doch begreiflicher; denn es iſt gewiß, man kann die Entwicklung des Charakters ent⸗ weder verfrühen oder aufhalten, dadurch, daß man eine Perſon in genauen Verkehr mit Solchen bringt, welche durch ihr Geſpräch, ihr Benehmen und ihre Talente und Kenntniſſe vorzugsweiſe geeignet ſind, das Eine oder das Andere zu bewirken. In wenigen Minu⸗ ten war die Epiſode von denjenigen vergeſſen, welche nicht beſon⸗ ders dabei betheiligt waren, und das Singen nahm ſeinen Anfang. Ich hatte durch meine Leiſtung beim Diner mich ſo empfohlen, daß mir die große Freude wurde, von Anneke ſelbſt zum Singen noch eines Liedes aufgefordert zu werden. Natürlich willigte ich ein, und die Geſellſchaft ſchien mir wohl zufrieden zu ſeyn. Was meine junge Wirthin betrifft, ſo ſah ich, daß ſie über meinen Geſang er⸗ freuter ſchien, als über das Nachſtück, und darauf durfte ich mir wohl etwas zu Gute thun. Dirck hatte Gelegenheit, wieder einiger⸗ maßen gut zu machen, was er durch den Verſtoß beim Toaſt ein⸗ gebüßt hatte, denn er ſang ein treffliches komiſches Lied in hollän⸗ diſchem Volksdialekt. Es iſt wahr, nicht die Hälfte der Geſellſchaft verſtand es, aber die andere Hälfte lachte, daß ihnen die Thränen 157 über die Wangen rollten, und es lag etwas ſo Drolliges in meines Freundes Vortrag, daß Alle entzückt waren. Die Glocken ſchlugen Zwölf, ehe wir aufbrachen. Ich blieb nur noch ein paar Tage in der Stadt, begegnete je⸗ doch meinen neuen Bekannten jeden Tag, und wohl auch zweimal, auf Trinity⸗Church⸗Walk. Ich machte Abſchiedsbeſuche mit ſchwe⸗ rem Herzen, zumal bei Anneke und ihrem Vater. „Ich erfuhr von Follock,“ ſagte Herman Mordaunt, als ich ihm die Abſicht meines Beſuchs nannte,„daß Ihr morgen die Stadt verlaſſen wollt. Miß Mordaunt und ihre Freundin, Miß Wallace, gehen dieſen Nachmittag nach Lilaksbuſh, denn es iſt hohe Zeit, nach dem Garten und den Blumen zu ſehen, von welchen viele jetzt in voller Blüthe ſtehen. Ich werde mich am Abend auch dahin be⸗ geben, und ich mache Euch jungen Männern den Vorſchlag, auf Eurem Wege nach Weſt⸗Cheſter ein ſpätes Frühſtück bei uns ein⸗ zunehmen. Eine Taſſe Kaffe, ehe Ihr aufbrecht und Euch in den Sattel ſchwingt, um ſechs Uhr wird Alles ins Gleichgewicht bringen. Ich verſpreche Euch, daß Ihr bis ein Uhr wieder unterwegs ſeyn ſollt, ſo daß Euch Zeit genug bleibt, vor Einbruch der Nacht Sa⸗ tanstoe zu erreichen.“ Ich ſah Anneke an und glaubte zu bemerken, daß der Aus⸗ druck ihres Geſichts günſtig und ermunternd war. Dirck überließ mir Alles, und ich nahm die Einladung an. Dieſe Verabredung kürzte meinen Beſuch in Crown⸗Street ab, und ich verließ das Haus mit leichterem Herzen, als ich es betreten hatte. Es iſt immer ſo an⸗ genehm, eine unangenehme Pflicht verſchoben zu ſehen! Am nächſten Tage waren wir, Dirck und ich, mit dem Glocken⸗ ſchlag Sechs im Sattel, und wir ritten durch die Straßen, gerade als die Schwarzen ihre Treppen und Trottoir's abwuſchen, obwohl die letztern in meiner Jugend noch ſelten waren. Es iſt dieß ein ſehr bequemer Fortſchritt, der jetzt ziemlich allgemein angenommen und bei welchem ſchwer zu begreifen iſt, wie die Damen denſelben 158 miſſen könnten; alle neuen Straßen ſind, wie ich ſehe, in dieſer Art verſchönert. Es war ein ſchöner Maimorgen und die Luft war voll ſüßer Gerüche, beſonders vom Lilak, als wir auf's Land hinausritten. Gerade als wir nach Bowery⸗Lane kamen, ſahen wir einen Reiter aus einer der Nebenſtraßen heraus und unſeres Weges reiten. So⸗ bald er der zwei Reiſenden anſichtig wurde, welche die gleiche Rich⸗ tung wie er verfolgten, ſpornte er ſein Pferd, um uns einzuholen, da er allein war und vermuthlich Geſellſchaft zu haben wünſchte. Da es unfreundlich geweſen wäre, die Geſellſchaft eines Reiſenden unter dieſen Umſtänden abzulehnen, zogen wir die Zügel an und ließen unſere Pferde im Schritt gehen, bis der Fremde uns erreichte; wo es ſich zu unſerer Ueberraſchung zeigte, daß es Jaſon Neweome war. Der Pädagog war nicht minder erſtaunt, als er uns erkannte, und ich glaube, er war mit der Entdeckung nicht ganz zufrieden; denn Jaſon war ein ſolcher Liebhaber von neuen Bekanntſchaften, daß es ihm immer Freude machte, wenn er dazu Gelegenheit fand. Er war, ſo ſchien es, auf der Inſel geweſen, um einen Verwand⸗ ten zu beſuchen, welcher ſich verheirathet und daſelbſt niedergelaſſen hatte; und das war der Grund, warum wir ihn ſeir dem Morgen des Löwenabenteuers nicht mehr getroffen hatten. Natürlich trab⸗ ten wir mit einander weiter, und es war uns weder lieb noch leid, dieſen weitern Begleiter zu haben. Ich habe mir nie das Verfahren erklären können, mittelſt deſ⸗ ſen Jaſon ſich in die Geheimniſſe von Jederman einzudrängen wußte. Es iſt wahr, er trug kein Bedenken, Frgen zu machen, und erlaubte ſich ſolche, welche die Meiſten als durch die Sitten und Gebräuche des geſelligen Lebens ausgeſchloſſen und unterſagt betrachten würden, mit ſo wenig Bedenken, als ſolche, welche Jeder⸗ mann für zuläſſig hält. Die Bewohner von Neu⸗England ſind überhaupt dafür berühmt, und ich erinnere mich, folgende Erklä⸗ rung dieſer Eigenthümlichkeit von Mr. Worden gehört zu haben: + u n 7 N 159 Alles und Jedermann wurde bei den Puritanern unter ſtrenges und ſtarres Kirchenregiment geſtellt, und wenn ein ganzes Gemeinweſen auf den Glauben kommt, es habe über jede Handlung eines ſeiner Glieder zu Gericht zu ſitzen, ſo iſt es ganz natürlich, daß es dieß Recht darauf ausdehnt, auch nach allen ihren Angelegenheiten zu fragen. Eines iſt gewiß: unſre Nachbarn in Connektikut nehmen ſich eine Bevormundung der Handlungen und Meinungen der In⸗ dividuen heraus, wovon man in New⸗York ſich nicht träumen läßt; und es ſcheint mir ſehr wahrſcheinlich, daß die Gewohnheit, mit Fragen in Privatangelegenheiten ſich einzudrängen, unter dem Ein⸗ fluß jener Praxis ſich ausgebildet hat. Wie man ſich leicht denken kann, ſuchte Jaſon, wenn ihm ein Verſuch fehlſchlug, mittelſt mehr oder minder offener Fragen ſich Aufſchluß über gewiſſe Sachen zu verſchaffen, ſeinem Zweck durch Vermuthungen näher zu kommen; indem er die plauſibelſten auf⸗ ſtellte, wenn ſolche aufzufinden waren, aber, wenn ſich nichts Beſ⸗ ſeres darbot, auch mit ſolchen verlieb nahm, welchen nicht einmal dieſe zweideutige Empfehlung zukam. Er verfiel in Folge hievon natürlich immer in die gröbſten Irrthümer und Mißgriffe; denn da er nothwendigerweiſe ſeine Schlüſſe auf Vorausſetzungen baute, wie ſie ſeine Unwiſſenheit und Unerfahrenheit ihm an die Hand gab, beging er gleich von vorn herein die gröbſten Fehlſchlüſſe. Und dieß war noch nicht das Schlimmſte; da die menſchliche Na⸗ tur eben nicht immer gerade die größte Neigung zum Wohlwollen zeigt, vermiſchten ſich oft in ſeinem Geiſte die liebloſeſten Deutun⸗ gen mit den abgeſchmackteſten Fehlſchlüſſen, und ich habe es oft er⸗ lebt, daß er ſich Behauptungen zu Schulden kommen ließ, welche keine beſſere Grundlage hatten, als jene Hypotheſen, und die ihm ſchwere gerichtliche Strafen hätten eintragen können. Bei der jetzigen Gelegenheit ſäumte Jaſon nicht lange, ſich zu vergewiſſern, wohin unſere Reiſe ging. Dieß geſchah in ſo charak⸗ teriſtiſcher und ſinnreicher Weiſe, daß ich es doch erzählen muß. 160 „Ei, Ihr ſeyd heute früh auf der Bahn, Gentlemen!“ rief Jaſon, ſich ganz erſtaunt ſtellend.„Was, um aller Welt willen, veranlaßte Euch, vor dem Frühſtück aufzubrechen?“ „Der Wunſch, heute Abend ja nicht unſer Nachteſſen in Sa⸗ tanstoe zu verſäumen,“ antwortetete ich. „Nachteſſen? Ha, Ihr werdet ja faſt bis Mittagseſſenszeit heim kommen; das heißt zu Eurer Yorker Mittagseſſenzeit. Vielleicht gedenkt Ihr unterwegs einen Beſuch zu machen?“ „Vielleicht, Mr. Newcome; es ſind manche angenehme Fami⸗ lien zwiſchen hier und Satanstoe.“ „Daß weiß ich. Da iſt der vornehme Mr. Van Cortlandts auf Yonkers; vielleicht gedenkt Ihr dort Halt zu machen.“ „Nein, Sir; wir haben das nicht im Sinne.“ „Dann iſt da der reiche Count Philips, am Fluß; das läge nicht viel vom Wege ab?“ „Es iſt weiter, als wir von der Straße abzugehen gedenken.“ „Oh, alſo habt Ihr wirklich die Abſicht, einen kleinen Ab⸗ ſtecher zu machen! Nun, da iſt der Mr. Mordaunt, deſſen Tochter Ihr aus den Tatzen des Löwen geriſſen habt— er hat ein Haus in der Nähe von Kings⸗Bridge, genannt Lilaksbuſh.“ „Und wie habt Ihr das erfahren, Jaſon?“ „Durch Fragen. Meint Ihr, ich ſey der Mann, der, wenn ſo etwas ſich zuträgt, ſich nicht ein wenig nach der jungen Lady erkundigte? Es ſchadet nie etwas, wenn man ſich ein Bischen auf's Fragen legt und Nachrichten einzieht; und ich habe dieſe Regel in Beziehung auf ſie nicht vergeſſen.“ „Und Ihr habt erfahren, daß der Vater der jungen Lady ein Beſitzthum, Lilaksbuſh genannt, in dieſer Gegend hat?“ „Ja wohl; und eine kurioſe Yorker Mode iſt es, einem Hauſe einen Namen zu geben, gerade als wenn es ein chriſtliches Weſen wäre; das muß ein römiſch⸗katholiſcher Brauch ſeyn, und irgend⸗ wie mit Abgötterei und Bilderdienſt zuſammenhängen.“ 161 „Ohne allen Zweifel. Es iſt zum Beiſpiel weit beſſer, zu ſa⸗ gen, wir wollen bei Mr. Mordaunt frühſtücken, als zu ſagen, wir beabſichtigen in Lilaksbuſh Halt zu machen.“ „Oh, iſt es ſo, wirklich? Nun, ich dachte mir doch gleich, ein ſolches Haus unterwegs müſſe Euch ſo frühe aus den Federn ge⸗ jagt haben. Aber es wird ein verzweifelt ſpätes Frühſtück ſeyn, Corny!“ 3 „Es wird zehn Uhr werden, Jaſon, und das iſt freilich ziem⸗ lich ſpäter als gewöhnlich; aber unſer Appetit wird um ſo beſſer ſeyn.“ Dem ſtimmte Jaſon bei und begann dann eine Reihe von Manöuvres, um auch in unſre Geſellſchaft beim Frühſtück aufge⸗ nommen zu werden. Dieß jedoch wagten wir nicht zu thun, und alle Winke und Anſpielungen Jaſon's blieben unbeachtet, bis end⸗ lich, durch unſre ausweichenden Antworten zur Verzweiflung getrie⸗ ben, er plump heraus den Vorſchlag machte, mit uns zu gehen, und wir ihm eben ſo rund heraus erklärten, daß wir uns keine ſolche Freiheit herausnehmen dürften bei einem Manne von Herman Mor⸗ daunt's Jahren, Stellung und Charakter. Ich weiß nicht, ob wir ſo großes Bedenken getragen haben würden, hätten wir Jaſon als einen Gentleman betrachtet, aber das war unmöglich. Der Brauch in der Colonie geſtattete in dieſer Hinſicht große Freiheit, und weicht in dieſen Punkten von dem im Mutterlande, nach allen Berichten, bedeutend ab; dabei war aber immer vorausgeſetzt, daß die Perſo⸗ nen, die man mitbrachte, eine gewiſſe Bildung und Stellung im Leben hatten,— Eigenſchaften, auf welche Jaſon ſicherlich keinen Anſpruch machen konnte. Der Fall wurde etwas verwickelt und wir waren verlegen, als das Erſcheinen von Mordaunt ſelbſt zum Glück die Schwierigkeit beſeitigte. Jaſon war nicht der Mann, der ſich ſo leicht abſchüt⸗ teln ließ; aber hier war ein Mann, welcher die Kraft hatte, und auch die Neigung zeigte, die Dinge ins rechte Bulziſe zu bringen. Satanstoe. 162 paar Meilen weit die Straße herab Abſicht, uns auf einem wenig bekann⸗ wir Nichts wußten, nach ſeinem zu unſrer Geſellſchaft ſer Begleiter ſehr gern Herman Mordaunt war ein uns entgegen geritten, in der ten kürzern Weg, von welchem v Sitze zu führen. Sobald er ſah, daß Jaſon gehöre, erbat er ſich als eine Gunſt, was un als eine Wohlthat angenommen hätte. Neuntes Kapitel. Der Lieb' mißtraut' ich, deren Strahl Aus Himmelsglorien bricht; Die Liebe ſchien zu ſagen d'rauf: Es dämpften Thränen ihr Licht. Heber. Es war nicht lange, nachdem die Erklärung in Betreff Jaſon's ſtattgefunden hatte, und die Einladung erfolgt war, welche ihn auch in unſre Geſellſchaft einſchloß, als Herman Mordaunt ein Thor öffnete und uns auf die Felder führte. Eine ganz ordentliche Straße führte uns durch einige Wälder nach den Höhen, und wir befanden uns bald auf einem erhöhten Terrain, welches die Ausſicht auf eine weite Strecke des Hudſon hatte, von Haverſtraw nördlich bis Staten⸗ Island ſüdlich,— eine Strecke von beinahe vierzig Meilen. Auf dem andern Ufer erhob ſich die mauerähnliche Schranke und Scheide⸗ wand der Paliſaden, das Tafelland auf ihren Spitzen einige hun⸗ dert Fuß ſich emporhebend. Der ſtattliche Fluß ſelbſt, volle drei⸗ viertel Meilen breit, war von keinem Lufthauch gekräuſelt und lag wie eine weitgedehnte friedliche Spiegelfläche da, unter den Strah⸗ len der glänzenden Sonne, geſchmolzenem Silber ähnlich. Ich er⸗ innere mich kaum eines lieblicheren Morgens; Alles ſchien im Ein⸗ klang mit der herrlichen aber ruhigen Großartigkeit der Ausſicht und mit den reichen Verheißungen einer verſchwenderiſchen Natur. Die 163 Bäume waren meiſt mit dem ſchönen Gewande des jungen grünen Laubes bedeckt; die Vögel hatten ſich gepaart und bauten ihre Ne⸗ ſter beinahe auf jedem Baum; die wilden Blumen ſchoßen unter den Hufen unſrer Pferde empor; und jeder Gegenſtand in der Nähe und in der Ferne ſchien meinem jungen Auge im Bunde mit Liebe und Harmonie. „Das iſt ein Lieblingsweg von mir zum Reiten, wobei mir Anneke oft Geſellſchaft leiſtet,“ ſagte Herman Mordaunt, als wir auf der Höhe mit, der weiten Ausſicht anlangten, von welcher ich oben geſprochen habe.„Meine Tochter iſt eine muthige Reiterin, und begleitet mich oft auf meinen Morgenritten. Sie und Mary Wallace ſollten in dieſem Augenblick irgendwo auf den Bergen hier herum ſeyn, denn ſie verſprachen mir zu folgen, ſobald ſie mit dem Reitanzug fertig geworden wären.“ Ein Schrei, der ein Ausbruch des wilden Entzückens zu ſeyn ſchien, entfuhr Dirck's Munde, und im nächſten Augenblick galop⸗ pirte er fort nach einem nahen Bergrücken, auf deſſen Scheitel die ſchönen Geſtalten der zwei Mädchen eben jetzt ſichtbar wurden, ge⸗ hoben noch durch knappanſchließende Gewänder und Hüte mit ſchwan⸗ kenden Federn. Ich deutete Herman Mordaunt auf dieſe reizenden Gegenſtände hin und folgte meinem Freunde in etwas mäßigerem Schritte meines Pferdes. Nach ein paar Minuten war die ganze Geſellſchaft beiſammen. Nie hatte ich Anneke Mordaunt ſo vollendet liebenswürdig ge⸗ ſehen, wie ſie an dieſem Morgen mir erſchien. Die Bewegung und die friſche Luft hatten ihre Farbe noch erhöht, welche immer ſchön und blühend war; und ihre Augen bekamen einen neuen Glanz durch die Glut ihrer Wangen. Obgleich wir erwartet wurden, wollte mich doch bedünken, ſte empfange uns als ganz beſonders willkommne Gäſte; während Mary Wallace in ihrer Begrüßung eine unge⸗ wohnte Lebhaftigkeit zeigte. Jaſon war nicht vergeſſen, ſondern als alter Bekannter anerkannt und gebührend der Freundin vorgeſtellt. 164 „Ihr macht häufig ſolche Ritte, erzählt mir Mr. Mordaunt,“ fagte ich, mein Pferd neben das von Anneke drängend, als die ganze Geſellſchaft ſich in Bewegung ſetzte;„und ich bedaure, daß Sa⸗ tanstoe ſo entfernt iſt, daß wir uns nicht öfters an einem ſchönen Morgen treffen können. Wir haben manche ausgezeichnete Reiterin in Weſt⸗Cheſter, welche ſtolz ſeyn würde auf eine ſolche Bekannt⸗ ſchaft. „Ich kenne verſchiedene Ladies auf Eurer Seite des Harlem⸗ Fluſſes,“ antwortete Anneke,„und reite häufig in ihrer Geſellſchaft; aber Keine, die ſo weit entfernt wohnte, wie Euer Wohnſitz und ſeine nächſten Umgebungen. Mein Vater ſagt mir, er habe als Jüngling oft auf den Feldern von Satanstoe geſchoſſen; und er ſpricht noch immer mit großen Lobeserhebungen von Euern Vögeln.“ „Ich glaube, unſre Väter waren früher Jagd⸗ und Waidge⸗ noſſen. Mr. Bulſtrode hat verſprochen zu kommen, und ihr gu⸗ tes Beiſpiel nachzuahmen. Jetzt, nachdem Ihr Zeit gehabt, über die Schauſpiele, die Ihr geſehen, Euch zu bedenken, empfindet Ihr noch das gleiche Intereſſe an dergleichen Darſtellungen wie Anfangs?“ „Ich wünſchte nur, daß ich nicht ſo Viel daran zu tadeln und zu verdammen häͤtte. Ich glaube, Mr. Bulſtrode hätte es zu etwas Ausgezeichnetem bringen können als Schauſpieler, hätte nicht das Schickſal es ihm in gewiſſem Sinne unmöglich gemacht, als einem alteſten Sohne und einem Mann von Familie.“ „Mr. Bulſtrode, ſo ſagt man mir, iſt nicht nur der Erbe einer alten Baronetſchaft, ſondern auch eines großen Vermögens?“ „So iſt es wirklich, glaube ich. Findet Ihr es nicht löblich, Mr. Littlepage, daß ein Mann in einer ſolchen Lage wie er, ſich entſchloß, ſeinem König und ſeinem Vaterlande in einem ſo be⸗ ſchwerlichen Kriege, wie der in unſern Colonien, zu dienen?“ Ich konnte nicht umhin, beizuſtimmen, obwohl ich herzlich ge⸗ wünſcht hätte, daß Anneke'ns Sprache weniger lebhaft und aufrich⸗ tigtheilnehmend geweſen wäre, als ſie dieſe Frage an mich richtete. 165 Dennoch wußte ich noch immer nicht recht, was ich von ihren Ge⸗ ſinnungen gegen dieſen Gentleman denken ſollte; denn ſonſt hörte ſie immer ſeinen Namen nennen mit einer Ruhe und Unbefangen⸗ heit, die, wie ich beobachtet hatte, nicht allen ihren jungen Freun⸗ dinnen eignete, wenn ſich eine Gelegenheit ergab, von dem luſtigen und einſchmeichelnden Soldaten zu ſprechen. Ich brauche kaum zu ſagen, daß es für Mr. Bulſtrode in einer engliſchen Colonie keine üble Empfehlung war, daß er der Erbe einer Baronetſchaft war. In der Entfernung vom Mutterlande ſind wir, wie dieß nun kom⸗ men mag, ein wenig zu ſehr geneigt, ſolche zufällige Vorzüge zu überſchätzen: und ich habe Engländer ſelbſt anerkennen hören, daß ein Baronet in New⸗York ein angeſehenerer Mann ſey, als ein Her⸗ zog in London. Dieſe Dinge gingen mir durch den Kopf, wie ich an Anneke'ns Seite hin ritt; obwohl ich ſo klug und vorſichtig war, meine Gedanken nicht laut werden zu laſſen. Herman Mordaunt ritt mit Jaſon voraus; und er führte die Geſellſchaft auf reizenden Reitpfaden beinahe zwei Meilen weit auf den Höhen hin, gelegentlich ein Thor öffnend, ohne abzuſteigen, bis er einen Punkt erreichte, welcher Lilaksbuſh überſchaute, welches wir kaum eine halbe Meile von uns entfernt ſahen. „Da ſind wir jetzt auf meinem Grund und Boden,“ ſagte er, indem er den Zügel anzog, um uns zu erwarten;„dieß letzte Thor ſcheidet mein Beſitzthum von dem meines nächſten Nachbars gegen Süden. Dieſe Berge nützen nicht viel, außer als frühe Waiden, aber ſie bieten manche ſchöne Ausſicht dar.“ „Ich habe eine Weiſſagung gehört,“ bemerkte ich,„es werde einmal eine Zeit kommen, wo die Ufer des Hudſon viele ſolche Land⸗ ſitze enthalten würden, wie der der Familie Philips, zu Yonker's, und ein paar andere ähnliche, die, wie man mir ſagt, jetzt auf den Hochlanden ſtehen.“ „Ganz wohl möglich; es iſt nicht leicht vorherzuſagen, was in einem ſolchen Lande geſchehen mag. Ich glaube faſt, daß man mit 166 der Zeit Städte und Landſitze an den Ufern des Hudſon ſehen, und daß ein mächtiger und zahlreicher Adel die letztern inne haben wird. Beiläufig bemerkt, Mr. Littlepage, Euer Vater und mein Freund Oberſt Follock haben eine werthvolle Erwerbung, von Ländereien gemacht, indem ſie ein Patent ausgewirkt für eine ausgedehnte Strecke Landes in der Gegend von Albany.“ „Es iſt nicht ſo ſehr ausgedehnt, Sir, denn das Ganze beträgt nur etwa vierzig tauſend Aeres; auch iſt es nicht ſo in der Nähe von Albany, nach dem was ich höre, denn es muß etwa vierzig Meilen oder mehr von dieſer Stadt entfernt ſeyn. Nächſten Win⸗ ter jedoch ſollen wir, Dirck und ich, das Land aufſuchen, wo wir dann alle nähern Umſtände erfahren werden.“ „Dann treffen wir uns vielleicht in jener Gegend. Ich habe wichtige Angelegenheiten in Albany zu beſorgen, welche allzulang vernachläſſigt worden ſind; und es war meine Abſicht, einige Mo⸗ nate in der nächſten guten Jahreszeit und zwar recht früh, im Nor⸗ den zuzubringen. Vielleicht treffen wir uns in den Waͤldern.“ „Ihr ſeyd ſchon in Albany geweſen, vermuthe ich, Mr. Mor⸗ daunt.“ „ Schon oft, Sir; die Entfernung jedoch iſt ſo groß, daß die Verſuchung nicht ſo ſtark iſt, dahin zu reiſen, wenn man nicht durch „Geſchäfte dahin gerufen wird, wie dieß bei mir der Fall war. Ich war in Albany vor meiner Verheirathung, und habe ſeither ver⸗ ſchiedne Male Veranlaſſung gehabt, es zu beſuchen.“ „Mein Vater war als Soldat dort; und er ſagt mir, es ſey ein Theil der Provinz, welchen es ſich wohl verlohne, zu ſehen. Jeden Falls werde ich im nächſten Jahre die Anſtrengung und Ge⸗ fahr daran wagen; denn es iſt für junge Leute nützlich, die Welt zu ſehen. Dirck und ich können auch den Feldzug mitmachen, ſollte einer in dieſer Richtung ſtatthaben.“ Mir ſchien, Anneke lege einiges Intereſſe an dieſem Geſpräch an den Tag; aber wir ritten weiter, und ſtiegen bald vor der Thüre XN— NK 167 von Lilaksbuſh ab. Bulſtrode war nicht um den Weg, und ſo hatte ich die ausnehmende Freude, der Miß Mordaunt beim Ab⸗ ſteigen behülflich zu ſeyn, als wir einen Augenblick, ehe wir das Haus erreichten, Halt machten, um die Ausſicht recht zu genießen. Ich habe dem Leſer ſchon im Allgemeinen eine Vorſtellung vom Aus⸗ ſehen des Hauſes gegeben; aber man mußte ihm näher kommen, um ſich einen rechten Begriff von ſeinen Schönheiten zu machen. Wie ſchon der Name andeutete, waren der Raſenplatz, das Haus und die Nebengebäude ganz umkränzt von oder begraben in Lilaks, welche ſämmtlich jetzt in voller Blüthe ſtanden. Die Blumen erfüllten die Luft mit einer Art von Purpurlicht, welches einen warmen, milden Schimmer ſelbſt auf das roſige Antlitz Anneke'us warf, als ſie mir dieſen zauberiſchen Lichteffekt zeigte. Ich kenne keine Blume, welche in ſo hohem Grade eine Landſchaft verſchönerte, wie der Lilak in großen Maſſen, ſo gewöhnlich er auch iſt, und ſo all⸗ täglich uns ſeine Farben und ſein Duft geworden ſind. „Wir lieben den Monat, wo unſere Lilaks blühen, mehr als jeden andern Monat im Jahr,“ ſagte Anneke, lächelnd über meine Ueberraſchung und mein Entzücken,„und wir halten darauf, den größten Theil deſſelben hier zuzubringen. Ihr werdet wenigſtens geſtehen, Mr. Littlepage, daß Lilaksbuſh ſeinen Namen mit Recht führt.“ „Der Eindruck iſt ganz und gar wie eine Bezauberung!“ rief ich:„Ich wußte nicht, daß der einfache, beſcheidene Lilak Etwas ſo ſchön machen könne!“ „Einfachheit und Beſcheidenheit ſind an und für ſich ſolche Reize, Sir, daß ſie mächtige Verbündete ſind,“ bemerkte die tief⸗ fühlende aber ſchweigſame Mary Wallace. Dem ſtimmte ich natürlich bei, und wir Alle folgten Mr. Mordaunt in das Haus. Ich war ebenſo entzückt von dem Innern von Lilaksbuſh, wie es ſich mir darſtellte, als ich es vom Aeußern geweſen war. Ueberall, ſo ſchien es mir, ſah ich die Spuren von 168 Annekens Geſchmack und Einſicht. Ich wünſche nicht den Leſer auf den Glauben zu bringen, daß das Haus ſelbſt eines vom höch⸗ ſten Rang in ſeiner Art war, denn darauf konnte es keinen An⸗ ſpruch machen. Aber es war ein feſtes, einundeinhalbſtockiges Ge⸗ bäude, in dergleichen die meiſten unſrer erſten Familien auf dem Lande zu wohnen ſich gerne begnügten und noch begnügen; und es glich in dieſen Punkten gar ſehr dem guten alten Hauſe in Satans⸗ toe. Die Einrichtung und Meublirung war in größerem, ſtädtiſch⸗ zierlicherem Style, als wir bei uns für nöthig erachteten; und das kleine Zimmer, in welchem wir frühſtückten, war das Muſter eines Speiſezimmers. Die Tiſche in den Ecken waren ſo glänzend polirt, daß man ſich darin ſpiegeln konnte; die kleinen Schränke waren mit verſilberten Bändern und Schlöſſern geziert, und die Tafel ſelbſt glänzte wie ein Spiegel. Ich weiß nicht wie es kam, aber das Porzellan ſchien mir ſauberer und koſtbarer als gewöhnlich, unter Anneke'ns zierlicher kleiner Hand; während das maſſive und zierlich gearbeitete Silbergeſchirr zum Frühſtück von der Art war, daß es nur in England verfertigt ſeyn konnte. Mit Einem Wort, während Alles ſolid und reich erſchien, hatte das Ganze einen ge⸗ wiſſen unbeſchreiblichen Anſtrich von Behagen, Sauberkeit und An⸗ ſpruchloſigkeit, was einen ganz ungewohnten Eindruck auf mich machte. „Mr. Littlepage ſagt mir,“ bemerkte Herman Mordaunt, wäh⸗ rend wir beim Frühſtück ſaßen, u dſune im nächſten Winter eine Reiſe in den Norden zu machen, und vielleicht fügt es unſer gutes Glück ſo, daß wir ihn dort treffen. Das——ſte Regiment erwartet dieſen Sommer auch bis nach Albany beordert zu werden; und vielleicht können wir unter den Holländern alle unſere Geſänge und Scherze mit Bulſtrode und ſeinen Genoſſen erneuern.“ Ich war entzückt über dieſe Ausſicht, Anneke Mordaunt im Norden wieder zu ſehen, und verfehlte nicht, dieß auch auszuſpre⸗ 169 chen, obwohl vielleicht, fürchte ich, in einer etwas linkiſchen Art und mit einiger Verlegenheit. „Ich habe es gehört, Sir, während des Rittes,“ antwortete die Tochter.„Ich hoffe, Couſin Dirck wird auch von der Geſell⸗ ſchaft ſeyn?“ Couſin Dirck verſicherte ſie deſſen, und wir beſprachen im Vor⸗ aus das Vergnügen, welches alte Bekannte fühlen müßten, ſo fern von der Heimath ſich wieder zu ſehen. Keines von uns, Herman Mordaunt ausgenommen, war je hundert Meilen weit von ſeinem Geburtsort weggekommen, wie ſich ergab, als man die Angaben verglich. Ich war der am weiteſten Gereiste; denn Princeton iſt der Straße nach gerechnet, achtzig bis neunzig Meilen von Satans⸗ toe entfernt. „Vielleicht bin ich noch der Allernächſte daran,“ ſagte Jaſon, „denn meine jüngſte Reiſe nach der Inſel muß, von Danbury aus gerechnet, beinahe dieſe Entfernung betragen. Aber Ladies, ich kann Euch verſichern, ein Reiſender hat viele Gelegenheit, nützliche Dinge zu lernen, wie ich weiß aus dem Unterſchied, welcher zwiſchen York und Connektikut beſteht.“ „Und welchem von beiden gebt Ihr den Vorzug, Mr. New⸗ come,“ fragte Anneke, mit einem etwas komiſchen Ausdruck um ihre lächelnden Augen.. „Das iſt eigentlich kaum eine erlaubte Frage, Miß“;(keine Zurechtweiſung konnte Jaſon ſeiner gemeinen Ausdrucksweiſe ent⸗ wöhnen;)„denn es kann Einem Feinde machen, wenn man in ſolchen Dingen ausſpricht, wie es Einem ums Herz iſt. Es gibt Vergleichun⸗ gen, die man nie anſtellen ſollte, in Betracht von Umſtänden, welche mächtiger ſind als alle Regeln der Höflichkeit. New⸗York iſt eine große Colonie— eine ſehr große Colonie, Miß; aber es war ein⸗ mal holländiſch, wie Jedermann weiß— ich bitte Mr. Follock um Verzeihung!— und man muß geſtehen, Connektikut hat von An⸗ fang an beinahe unerhörter Vortheile und Vorzüge ſich zu erfreuen 170 gehabt in dem moraliſchen und religiöſen Charakter ſeiner Bewoh⸗ ner, in der Trefflichkeit ſeines Landes, und in der Reinheit ſeines Volkes und ſeiner Kirche.“ Herman Mordaunt ſchaute voll Ueberraſchung und Erſtaunen auf bei dieſer Rede; Dirck aber und ich hatten ſchon ſo viele ähn⸗ liche gehört, daß uns dieſe als nichts Ungewöhnliches auffiel. Was die Ladies betrifft, ſo hatten ſie zu viel gute Lebensart, um Blicke zu tauſchen, wie Mädchen manchmal thun; aber ich ſah wohl, daß Beide den, der ſo geſprochen, für einen ſehr ſonderbaren Menſchen hielten. „Ihr findet alſo einen Unterſchied zwiſchen den Sitten und Gebräuchen der beiden Colonien, Sir?“ fragte Herman Mordaunt. „Wahrlich, einen ungeheuren Unterſchied, Sir. Es fiel da eine Kleinigkeit vor mit Eurer Tochter,„Squire Mordaunt, gleich das erſte Mal, da ich ſie ſah,“— er ſah ſie jetzt zum zweiten Mal,— „Etwas was ſo wenig in Connektikut hätte vorfallen können, als man die ganze Provinz in dieſe Theetaſſe ſchieben kann.“ „Mit meiner Tochter, Mr. Neweome!“ „Ja, Sir, mit Eurer Tochter, mit der Miß, die hier daſitzt und ſo unſchuldig ausſieht, als wäre nie Etwas dergleichen ge⸗ ſchehen.“ „Das iſt ſo außerordentlich, Sir, daß ich Euch um eine Er⸗ klärung bitten muß.“— „Ihr dürft es wohl außerordentlich nennen, denn außerordent⸗ lich würde man es in ganz Connektikut finden; und ich wenigſtens werde nie zugeben, daß, wenn dieß wirklich Yorker Sitte iſt, York Recht hat oder haben kann.“ „Ich bitte dringend, Euch deutlicher zu erklären, Mr. New⸗ come.“ „Nun, Sir, Ihr müßt wiſſen, Corny hier, und ich und Dirck dort gingen hinein um den Löwen zu ſehen, von welchem Ihr ohne Zweifel ſo Viel gehört haben müßt, und Corny be⸗ ☛ N 171 zahlte das Billet der Miß. Nun, das war Alles ganz recht, aber— 4 „Hoffentlich, Anneke, haſt Du doch nicht vergeſſen, Mr. Little⸗ page das Geld zu erſetzen?“ „Hört nur geduldig zu, mein lieber Sir, ſo werdet Ihr die ganze Geſchichte erfahren, meine Sünden und Schuld mit einge⸗ ſchloſſen, wenn mir ſolche zur Laſt fallen.“ „Das gerade hat ſie gethan,„Squire Mordaunt, und ich be⸗ haupte, es iſt kein Mann in ganz Connektikut, der es angenom⸗ men hätte. Wenn nicht Ladies ſollen freigehalten werden können bei Schauſpielen und andern Ergötzlichkeiten, ſo möchte ich doch wiſſen, wer denn ſonſt es ſoll?“ Herman Mordaunt ſah zuerſt den Redenden ernſt an, aber nachdem er den Ausdruck unſrer Augen bemerkt hatte, antwortete er mit dem Takt eines Mannes von der beſten Lebensart, wie er ſich auch gewiß bei jeder Gelegenheit zeigte, wo er in den, Fall kam: „Ihr müßt es der Miß Mordaunt nachſehen, daß ſie an ihren eigenen Gewohnheiten und Bräuchen feſthält, Mr. Neweome, in Betracht ihrer Jugend und ihrer geringen Bekanntſchaft mit der Welt, ſofern dieſe über ihren nächſten kleinen Kreis hinaus geht. Wenn ſie einmal Gelegenheit gehabt hat, Danbury zu beſuchen, ſo wird ſie ohne Zweifel dieſe Gelegenheit ſich zu Nutze machen.“ „Aber Corny, Sir— bedenkt nur, daß Corny einen ſolchen Mißgriff begehen konnte!“ „Was Mr. Littlepage betrifft, ſo muß ich vermuthen, er leidet unter derſelben Ungunſt der Verhältniſſe. Wir ſind hier weniger galant, als Ihr in Connektikut wohl ſeyd; daher Eure Ueberlegen⸗ heit. In künftigen Tagen vielleicht, wenn die geſellſchaftliche Bil⸗ dung größere Fortſchritte unter uns gemacht haben wird, werden unſere jungen Männer auch die unſchicklichkeit einſehen, das ſchöne Geſchlecht für ſich ſelbſt bezahlen zu laſſen für irgend Etwas, wären 172 es auch ihre Bänder. Ich weiß ſchon lange, Sir, daß Ihr in Neu⸗England darauf Anſpruch macht, Eure Frauen beſſer zu be⸗ handeln, als ſie in irgend einem Theile der bewohnten Welt behan⸗ delt werden, und dieſem Umſtand iſt es wohl zuzuſchreiben, daß ſie ſich des Vortheils erfreuen, freigehalten zu werden.“ Mit dieſem Zugeſtändniß war Jaſon dem Anſchein nach zu⸗ frieden. Wie oft und viel habe ich ſeit der Zeit die Kundgebungen dieſer provinzialen Geſtnnungen, entſprungen aus provinzialer Un⸗ wiſſenheit, beobachtet! Es iſt gewiß, daß unſere Mitunterthanen von den öſtlichen Provinzen es nicht lieben, ihr Licht unter den Scheffel zu ſtellen, ſondern alle ihre Vorzüge und Vortheile beſtens benützen. Daß ſie uns in New⸗York in einigen Hinſichten über⸗ legen ſind, will ich ganz gerne zugeben; aber gewiß gibt es auch Punkte, in welchen dieſe Ueberlegenheit weit weniger augenfällig iſt. Was Jaſon betrifft, ſo war er gänzlich befriedigt von Herman Mordaunt's Antwort, und erinnerte ſpäter wieder oftmals daran, zu meiner Beſchämung, wie er glaubte, und mit nicht geringer Selbſtgefälligkeit. Gewiß iſt es eine ſchwere Aufgabe, einem ſelbſt⸗ gefälligen, eigenliebigen Coloniſten es in den Kopf zu bringen, daß ſein kleiner Winkel der Erde nicht der Inbegriff alles deſſen ſeyn ſoll, was billig, gerecht, gut und geſchmackvoll heißt! Ich verließ an jenem Tage Lilakbuſh mit gewaltiger Liebe im Herzen. Ich würde es für unmännlich halten, wenn ich dieß zu verhehlen ſuchen wollte. Anneke hatte von Anfang an einen leb⸗ haften Eindruck auf mich gemacht, aber dieſer Eindruck war jetzt tiefer eingedrungen als nur in die Phantaſie und hatte das Herz fühlbar ergriffen. Vielleicht mußte man ſie in der Zurückgezogen⸗ heit des rein häuslichen Kreiſes ſehen, um alle ihre Reize in ihrem ganzen Zauber zu würdigen und zu empfinden. In der Stadt hatte ich ſie gewöhnlich unter vielen Menſchen geſehen, umgeben von Bewunderern oder von andern jungen Leuten ihres Geſchlechts, und da war weniger Gelegenheit, den Einfluß zu beobachten, wel⸗ 173 chen die Natur oder die Gefühle des Herzens auf ihr Weſen und Benehmen übten. Aber hier, wo ſie Mary Wallace an ihrer Seite hatte, fehlte ihr nie die Genoſſin, gegen welche ſie dieſe Gefühle hinlänglich außern konnte, ſo daß die ganze Liebenswürdigkeit ihres Weſens, ohne Anſtrengung und ohne Ziererei ſich offenbarte. Anne Mordaunt ſprach nie zu ihrer Freundin, ohne daß in ihrem Weſen eine Veränderung ſichtbar wurde. Innige Liebe tönte in ihrer ſüßen Stimme, Vertrauen ſtrahlte in ihrem Auge, und Achtung und Hochſchätzung malten ſich in der erwartungsvollen Hingebung ihres Antlitzes. Mary Wallace war zwei Jahre älter als ſie, und dieſe zwei Jahre, in Verbindung mit ihrem Charakter, berechtigten ſie, dieſen Tribut von ihrer vertrauteſten Freundin zu empfangen; aber alle dieſe Gefühle floßen ganz freiwillig und ungeſucht aus dem Herzen, denn nie war der Umgang von zwei Angehörigen des ſchö⸗ nen Geſchlechts freier von allem Gemachten. Ein Beweis davon, daß die Leidenſchaft mich überwältigte, war, daß ich jetzt Dirck, ſeine offenbare Neigung, ſeine älteren An⸗ ſprüche, die Möglichkeit ſeines Erfolges ganz vergaß. Ich weiß nicht woher oder warum, aber gewiß war es, daß Herman Mor⸗ daunt große Freundſchaft und Achtung für Dirck Van Valkenburgh zeigte. Die Verwandtſchaft mochte dieß theilweiſe erklären, und es war möglich, daß der Vater ſchon die Vortheile erwog, die aus einer ſolchen Verbindung erwachſen würden. Oberſt Follock galt für einen reichen Mann, nach unſerem damaligen Maßſtabe für Reichthum; und der junge Menſch ſelbſt beſaß neben einer ſchönen männlichen Geſtalt, welche ſich raſch zu der eines jugendlichen Her⸗ kules entwickelte, eine vortreffliche Gemüthsart und einen guten Ruf. Dennoch beunruhigte mich dieſer Gedanke nie. Von Dirck befürchtete ich Nichts, während Bulſtrode mir von Anfang an ſehr bange machte. Ich ſah alle ſeine Vorzüge und Vortheile, und mag ſie ſogar vergrößert haben, während die meines nächſten und vertrauteſten Freundes mir gar keine Beſorgniß machten. Es iſt mög⸗ 174 lich, wenn Dirck ſich öfter oder deutlicher meinem Geiſte dargeſtellt hätte, daß ein Gefühl der Großmuth mich hätte veranlaſſen können, mich bei Zeiten zurückzuziehen, und ihm ein Feld einzuräumen, auf welches er die früheren Anſprüche hatte. Aber nach dem Morgen in Lilaksbuſh war es zu ſpät zu einem ſolchen Opfer von meiner Seite, und ich ritt an der Seite meines Freundes von dem Hauſe weg, ſo wenig an ſeine Neigung zu Anneke denkend, als wenn er nie eine ſolche empfunden hätte. Was meine Hoffnungen und An⸗ ſprüche in Bezug auf Anneke Mordaunt betraf, ſo hatte hier von jetzt an die Großmuth keine Stimme mehr. „Nun,“ begann Jaſon, ſobald wir nur erſt recht im Sattel ſaßen,„dieſe Mordaunt's ſtehen doch eine Sproſſe ſelbſt über Euren Leuten, Corny! Es war mehr Silbergeſchirr in dem Zimmer, wo⸗ rin wir aßen, als ſich in dieſem Augenblick in ganz Danbury findet! Der Aufwand geht bis zur Verſchwendung. Der alte Gentleman muß verzweifelt reich ſeyn, Dirck?“ 8 „Herman Mordaunt hat ein ſchönes Beſitzthum, und ſehr we⸗ nig davon iſt für Silbergeſchirr hinausgegangen, Jaſon; was Ihr geſehen habt, iſt alt und entweder von Holland oder von England, dem einen oder dem andern Mutterland gekommen.“ Oh! Holland iſt für mich kein Mutterland, mein Junge. Verlaßt Euch darauf, all dieß Silber iſt da nicht umſonſt aufge⸗ ſtellt. Wenn man der Wahrheit auf den Grund kommen könnte, ſo führt dieſer Herman Mordaunt, wie Ihr ihn nennt, obgleich ich nicht einſehe, warum Ihr ihn nicht Squire Mordaunt nennen könntet, wie andere Leute, nun dieſer Mr. Mordaunt führt, vermuthe ich, die Abſicht im Schilde, ſeine Tochter an einen dieſer engliſchen Offiziere los zu werden, deren gerade jetzt ſo viele in der Provinz ſind. Ich habe zwar den Gentleman nicht ſelbſt geſehen, aber es wurde gar oft ein gewiſſer Bulſtrode genannt dieſen Vormittag“— Jaſon's Morgen ging immer mit ſeiner gewöhnlichen Frühſtückſtunde zu Ende,—„und ich vermuthe faſt, er wird bei dem Rennen den 175 Preis davon tragen, das iſt meine Berechnung, und meine Berech⸗ nungen ſind ſelten falſch.“ „Habt Ihr einen beſondern Grund, Mr. Neweome, daß Ihr eine ſolche Meinung auszuſprechen Euch erlaubt?“ fragte ich etwas finſter. „Ei, fangen wir doch nicht hier, auf der Landſtraße, an„Mi⸗ ſter“ zu einander zu ſagen. Ihr ſeyd Corny, Dirck iſt Dirck, und ich bin Jaſon. Der kürzeſte Weg iſt gewöhnlich der beſte, und ich liebe es, wenn Freunde einander mit ihrem Namen kurzweg nennen. Ob ich einen beſondern Grund habe?— Ja, Gründe genug, und zwar ſehr gute. Erſtlich hat kein Mann eine Tochter, der nicht nachgerade darauf dächte, nach ſeinen Kräften und Vermögen ſie in der Welt anzubringen; ſodann, wie ich ſchon geſagt habe, dieſe Leute vom Mutterlande ſind entſetzlich reich, und reiche Männer ſind immer den Eltern angenehm, wie ſie auch den Kindern ſelbſt gefallen mögen. Ueberdieß werden auch einige dieſer Offiziere Erben von Titeln werden, und das iſt eine verzweifelte Verſuchung für ein Weib in der ganzen Welt. Ich glaube, es iſt kein junges Frauenzimmer in Danbury, das einem wirklichen, ächten Titel widerſtehen könnte.“ Es iſt mir immer als etwas Beſonderes aufgefallen, daß die Leute aus der Gegend der Provinzen, wo Jaſon herſtammte, einen ſo gewaltigen Reſpekt vor Titeln hatten. In keinem Theile der Welt herrſchen einfachere Sitten und Gewohnheiten, und nicht leicht iſt es, ein civiliſirtes Volk zu finden, unter welchem größere Gleich⸗ heit der wirklichen Lebensverhältniſſe herrſchte, die, ſo ſollte man glauben, nothwendig auch Gleichheit in der Geſinnung erzeugen müßte, als in Connektikut noch in dieſem Augenblick. Ungeachtet dieſer Umſtände iſt die Titelſucht ſo groß, daß ſogar der Titel Ser⸗ geant oft dem Namen eines Mannes auf ſeinem Grabſtein, oder bei Heiraths⸗ oder Todes⸗Anzeigen vorgeſetzt wird; und der Lieu⸗ 176 tenants und Fähnriche von der Miliz iſt kein Ende. Diacon iſt ein wichtiger Titel, der ſelten weggelaſſen wird; und Wehe dem⸗ jenigen, der vergäße, einen Magiſtrat„Esquire“ anzureden. Bei uns herrſchten dieſe Gebräuche nicht; oder wenn auch, doch nur unter dem Theile der Bevölkerung unſerer Colonie, welcher aus Neu⸗England ſtammt und noch einen Theil der dortigen Bräuche und Sitten beibehalten hat. Sodann wird in keinem Theil der Colonie engliſchem Range größere Ehrfurcht gezollt, als in Neu⸗ England durchgängig, obgleich die meiſten dieſer Provinzen das Recht haben, beinahe alle ihre Beamten ſelbſt zu wählen. Ich gebe zu, daß auch wir in New⸗York Männern von Rang und Geburt aus dem Mutterlande viele Ehre bezeigen, und daran thun wir wohl recht; aber ich glaube nicht, daß unſere Huldigung und Ehr⸗ erbietung ſo groß oder irgend ſo allgemein iſt, wie in Neu⸗Eng⸗ land. Es iſt möglich, daß der Einfluß der Holländer ſeine Wir⸗ kungen auf den geſelligen Zuſtand noch fortwährend äußert, obwohl man mir geſagt hat, daß die Colonien weiter ſüdlich in dieſem Punkte ſo ziemlich denſelben Charakter bethätigen, wie wir. Wir erreichten Satanstoe etwas ſpät, in Folge des Aufenthalts zu Lilaksbuſh, und wurden mit Wärme und Zärtlichkeit bewill⸗ kommnet. Meine treffliche Mutter war hoch erfreut, mich wieder nach Hauſe zurückgekehrt zu ſehen nach einer ſo langen Abweſenheit, und zwar einer Abweſenheit, die ihr nicht ganz gefahrlos erſchien, in Betracht, daß ich ganze vierzehn Tage unter den Verſuchungen und Bezauberungen der Hauptſtadt verlebt hatte. Ich ſah ihr Thränen in den Augen ſtehen, als ſie mich zu wiederholten Malen küßte, und fühlte ihre ſanfte, warme Umarmung, als ſie mich voll mütterlichen Dankes gegen Gott an ihre Bruſt drückte. Natürlich hatte ich nun Bericht zu erſtatten von Allem, was ich geſehen und gethan hatte, Pinkſter, das Theater und den Löwen mit eingeſchloſſen. Ich ſagte jedech Nichts von den Mordaunt's, bis ich von meiner Mutter über ſie gefragt wurde, volle vierzehn 5r⸗——=——„, ——— — ᷣ——, 8— +— 58 K r 177 Tage, nachdem Dirck nach Rockland hinüber gegangen war. Eines Morgens, als ich in meinem Zimmer daſaß, bemüht ein Sonett zu dichten, trat dieſe treffliche Mutter herein und ſetzte ſich an mei⸗ nen Tiſch mit der Vertraulichkeit, welche bei dem Verhältniß der Mutter zum Sohn ſo natürlich und gerecht iſt. Sie ſtrickte zugleich, denn nie war ſie müßig als im Schlafe. Ich ſah aus dem freund⸗ lichen Lächeln ihres Geſichts, das, der Himmel ſegne ſie! noch ganz glatt und ſchön war, daß ſie Etwas auf dem Herzen hatte, was ihr durchaus nicht unangenehm war; und ich erwartete mit einiger Neugier, was ſie mir eröffnen würde. Dieſe treffliche Mutter! Wie ganz handelte ſie nach ihren eigenſten Antrieben in Allem, was den entfernteſten Bezug auf meine Hoffnungen und auf mein Glück hatte! „Beendige deine Schreiberei, mein Sohn,“ begann meine Mut⸗ ter, denn ich hatte inſtinktmäßig das Sonett zu verbergen geſucht: „beendige deine Schreiberei; bis du fertig biſt, will ich ganz ſtill ſeyn.“ „Ich bin jetzt fertig, Mutter, es war nur eine Copie von Verſen, welche ich vollends ins Reine ſchreiben wollte— wißt Ihr, — das heißt— ins Reine ſchreiben, wißt Ihr.“ „Ich wußte nicht, daß Du ein Dichter ſeyeſt, Corny,“ ver⸗ ſetzte meine Mutter, noch vergnügter lächelnd, denn es will Etwas heißen, die Mutter eines Dichters zu ſeyn. „Ich!—. Ich ein Dichter, Mutter?— Eher wollte ich Schul⸗ meiſter werden als Dichter. Ja, lieber wollte ich Jaſon Neweome ſelbſt ſeyn, als es auch nur für möglich halten, daß ich ein Poes ſeyn könnte.“ „Nun, laß es gut ſeyn; die Leute werden, glaube ich, nie Poeten mit offenen, ſehenden Augen. Aber was iſt denn das, was ich höre, daß Du eine ſchöne junge Lady aus dem Rachen eines Löwen gerettet habeſt, während Deines Aufenthalts in der Stadt? und warum mußte ich alle dieſe Nachrichten erſt von Mr. Neweome erfahren?“. Satanstoe.. 12 Ich glaube mein Geſicht wurde ſcharlachroth, aber mein Gefühl war, wie wenn es in Feuer ſtände, und meine Mutter lächelte noch entſchiedener als je zuvor. Sprechen! ich hätte nicht ſprechen können, und wenn mich Anneke ſo angelächelt hätte. „Es iſt gar nichts daran, deſſen Du dich zu ſchämen hätteſt, Corny, wenn Du eine junge Lady aus dem Rachen eines Löwen ret⸗ teteſt, oder in das Haus ihres Vaters gingſt, um den Dank der Familie zu empfangen. Die Mordaunt's ſind eine Familie, welche Jedermann mit Vergnügen beſuchen kann. War die Schlacht zwi⸗ ſchen dir und dem Thier ein ſehr verzweifelter Kampf, mein Kind?“ „Pah, Mutter!— Jaſon iſt ein Neuigkeits⸗ und Wunder⸗ Krämer und macht Berge aus Maulwurfshäufen. Erſtlich ſtatt Rachen müßt Ihr ſagen Tatzen, und ſtatt eine junge Lady ihren Shawl!“ „Ja, ich hörte, es ſey der Shawl geweſen; aber ſie hatte ihn um die Schultern, und ſie hätte nicht rechtzeitig ſich deſſelben ent⸗ ledigen können, um ſich zu retten, hätteſt Du nicht ſo viel Geiſtes⸗ gegenwart und Muth bewieſen. Was den Rachen betrifft, ſo war das, glaube ich, mein Mißverſtändniß, denn Mr. Neweome hat allerdings von Tatzen geſprochen.“ 3 „Nun, Mutter, es ſoll ſeyn, wie Ihr wollt. Ich leiſtete einen kleinen Dienſt einer ſehr reizenden jungen Dame und ſie und ihr BVater waren artig gegen mich, wie es ganz natürlich war. Her⸗ man Mordaunt iſt ein uns Allen bekannter Name, und wie Ihr ſagt, es iſt eine Familie, welche beſuchen zu dürfen Jedermann ſtolz und gewiß auch erfreut ſeyn mag 14 „Wie ſonderbar das iſt, Corny!“ ſagte meine Mutter, halb nachdenklich und mit ſich ſelbſt ſprechend—„Du biſt ein einziges Kind, und Anneke Mordaunt iſt auch ein einziges Kind, wie mir Dirck Follock oft geſagt hat.“ „Alſo hat Dirck früher ſchon öfters von Anneke mit Euch ge⸗ ſprochen, Mutter?“ 179 „Oft und viel; ſie ſind verwandt, wie Du gehört haben mußt; und das biſt Du eigentlich auch, wenn Du es nur gewußt hätteſt.“ „Ich?— verwandt mit Anneke Mordaunt?— aber doch nicht zu nahe?“ Meine gute Mutter lächelte wieder, während ich mich im näch⸗ ſten Augenblick arg ſchämte wegen meiner Frage. Ich glaube, daß von dieſem Augenblick an die Ahnung der Wahrheit, in Betreff meiner jugendlichen Leidenſchaft, in der Seele dieſer zärtlichen Mut⸗ ter auflebte.. „Allerdings verwandt, Corny, und ich will Dir ſagen, wie? Meine Ururgroßmutter, Alida van der Heyden, war eine Baſe im erſten Glied von Herman Mordaunt's Ururgroßmutter von mütter⸗ licher Seite, welche eine Van Kleeck war. So, ſiehſt Du, biſt Du mit Anneke wirklich verwandt.“ 1 „Gerade nahe genug, Mutter, um ſich in ihrem Hauſe heimiſch zu fühlen, und nicht ſo nahe, daß die Verwandtſchaft läſtig würde.“ „Man ſagt mir, mein Kind, Anneke ſey ein holdſeliges Geſchöpf!“ „Wenn Schönheit, Sittſamkeit, Anmuth, Sanftmuth, Geiſt, Verſtand, Zartgefühl, Tugend und Frömmigkeit eine Jungfrau von ſiebzehn Jahren zu einem holdſeligen Geſchöpf machen können, Mut⸗ ter, ſo verdient Anneke dieſen Namen.“ Meine gute Mutter ſchien überraſcht über die Wärme, womit ich ſprach, aber ſie lächelte noch zufriedener und freundlicher als vorher. Statt jedoch den Gegenſtand weiter zu verfolgen, erachtete ſie für paſſend, ihn mit einem andern zu vertauſchen und ſie be⸗ gann von den Ausſichten des Jahres zu ſprechen, und von den vielen Gründen, die wir zur Dankbarkeit gegen Gott hätten. Ich vermuthe, ſie hatte mit dem Inſtinkt des Weibes für den Augenblick genug erfahren, um damit zufrieden zu ſeyn. Bald folgte der Sommer auf den Mai, welcher für mich ſo wichtig geworden war, und ich ſuchte Beſchäftigung auf dem Felde. Aber es wollte mit der Beſchäftigung nicht recht„gehen. Anneke 180 ſtand vor meiner Seele, wohin ich gehen mochte; und froh war ich, als Dirck, gegen Mitte des Sommers, bei einem ſeiner perio⸗ diſchen Beſuche in Satanstoe den Vorſchlag machte, wir wollten wieder nach Lilaksbuſh reiten und dort einen Beſuch machen. Er hatte ein Billet geſchrieben, des Inhalts, daß wir uns gerne für einen der nächſten Tage ein Diner und Betten erbäten, falls es nicht unbequem wäre; und er wartete die Antwort auf dem Landhals ab; dieſe Antwort kam zur gehörigen Zeit mit der Poſt, und ſie lautete, wie wir es nur wünſchen konnten. Herman Mordaunt hieß uns herzlich willkommen, und gab uns die erfreuliche Nachricht, ſeine Tochter und Mary Wallace würden Beide anweſend ſeyn, uns zu empfangen. Ich beneidete Dirck um die mannhafte Geſinnung, welche ihn dieſen einfachen und ehrenhaften Weg zu ſeinem Zweck hatte einſchlagen machen. Wir ritten alſo demgemäß über Feld und kamen einige Stun⸗ den vor dem Mittageſſen in Lilalsbuſh an. Anneke empfing uns mit glänzender Röthe im Antlitz und freundlichem Lächeln, doch konnte ich nicht den leiſeſten Unterſchied in ihrem Benehmen gegen den Einen oder den Andern entdecken. Gegen Beide war ſie an⸗ muthig, verbindlich, wie es einem Mädchen von Bildung ziemt. Keine Erwähnung früherer Vorfälle fand ſtatt, ausgenommen einige Bemerkungen, welche über das Theater gemacht wurden. Die Of⸗ fiziere hatten fortgefahren, Vorſtellungen zu geben, bis das— te Regiment den Strom hinauf beordert wurde, worauf ſich denn Bul⸗ ſtrode, Billings, Harris, die tugendhafte Marcia, und Alle mit ein⸗ ander nach Albany begaben. Anneke war der Meinung, es ſey an dieſen Vorſtellungen ungefähr ebenſo Viel zu tadeln, als zu loben, eben ſo viel Mißfälliges als Erfreuliches, obgleich ihr Aufbruch aufs Land ſie verhindert hatte, überhaupt mehr als drei zu ſehen. Allgemein jedoch wurde zugeſtanden, daß Bulſtrode bewunderswür⸗ dig ſpiele; und es wurde ſogar von gewiſſen Perſonen bedauert, daß er ſich nicht ganz dem Theater gewidmet habe. 181 Wir blieben über Nacht in Lilaksbuſh und verweilten am näch⸗ ſten Morgen noch ein paar Stunden nach dem Frühſtück daſelbſt. Ich hatte eine herzliche Einladung von meinen beiden Eltern an Herman Mordaunt mitgebracht, mit den jungen Ladies hinüberzu⸗ reiten und die Fiſche des Sound zu koſten; und wirklich wurde unſer Beſuch im Laufe des Monats September erwiedert. Meine Mutter empfing Anneke wie eine Verwandte; obwohl, glaube ich, Herman Mordaunt und ſeine Tochter überraſcht waren, als ſie erfuhren, daß ſie in den Kreis der doch ſo weit ausgedehnten, holländiſchen Ver⸗ wandtſchaft fielen. Es ſchien ihnen jedoch gar nicht zu mißfallen, denn der Familienname meiner Mutter war gut, und mit ihr ſelbſt perſönlich verwandt zu ſeyn, deſſen hätte ſich kein Menſch ſchämen dürfen. Unſere Gäſte blieben nicht über Nacht, ſondern verließen uns etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang in einer Art Chaiſe, welche Herman Mordaunt zum Behuf von Reiſen über Land hielt. Ich beſtieg mein Pferd, begleitete die Geſellſchaft etwa fünf Meilen weit auf dem Rückweg, und verabſchiedete mich dann von Anneke,— und zwar, ſo wie es ſich fügte, für viele, viele traurige Monate. Das Jahr 1757 war denkwürdig für die Colonien wegen der Fortſchritte, welche der Krieg machte, und zwar in New⸗York nicht weniger als in andern Provinzen. Montcalm war bis an den Lake George vorgerückt, hatte das Fort William Henry genommen, und ein fürchterliches Blutbad unter der Beſatzung hatte ſtattgefun⸗ den. Dieſe kühne Operation ſicherte dem Feind den Beſitz von Champlain; und der ſtarke Poſten Tikonderoga ward angemeſſen be⸗ ſetzt von einer furchtbaren Macht. Die politiſchen Angelegenheiten der Colonie bekamen durchaus ein trübes Anſehen; und es war all⸗ gemeine Meinung, daß im nächſten Feldzug eine gewaltige Anſtren⸗ gung gemacht werden müſſe, um den Verluſt wieder gut zu machen. Das Gerücht ſprach von großen Verſtärkungen aus dem Mutterlande und von noch ſtärkern Aushebungen und Aufgeboten in den Colo⸗ nien ſelbſt, als man bisher verſucht hatte. Lord Loudon ſollte zurückgerufen werden, und ein Veteran mit Namen Abererombie ihm im Commando ſämmtlicher Streitkräfte des Königs folgen. Regimenter langten nach und nach von Weſtindien an, und im Verlauf des Winters von 1757 auf 58 hörten wir in Satanstoe von den Luſtbarkeiten, welche dieſe neuen Streitkräfte in der Stadt veranlaßt hatten. Unter andern war eine regelmäßige Schauſpieler⸗ truppe aus Weſtindien angekommen. Zehntes Kapitel. Mein Haſty⸗Pudding, ſo ganz ohn' Verhoffen Hab' ich, welch Glück! dich in Savoien getroffen! Verurtheilt, unſtet durch die Welt zu wandern, Von einem Haus und Klima fort zum andern, Fühl' ich getroſt jetzt alle Sorgen ſchwinden, Weil ich den langverlornen Freund durft' finden. Barlow. Der Winter neigte ſich bald zum Ende und mein einundzwan⸗ zigſter Geburtstag war vorüber. Mein Vater und Oberſt Follock, der in dieſem Winter häufiger als gewöhnlich herüber kam, um mit meinem Vater eine Pfeife zu ſchmauchen, begannen von der Reiſe zu ſprechen, welche Dirck und ich unternehmen ſollten, um das pa⸗ tentirte Land zu ſuchen. Karten wurden angeſchafft, Berechnungen angeſtellt, und von den Familiengliedern verſchiedene Arten des⸗ Verfahrens beantragt. Ich will geſtehen, daß der Anblick der gro⸗ ßen groben Pergamentkarte von Mooſeridge⸗Patent, wie die neue Erwerbung genannt wurde, weil die Vermeſſer ein Elendthier auf einem Hügelrücken inmitten deſſelben geſchoſſen hatten, in meiner Seele gewiſſe habgierige Gefühle rege machte. Da waren Flüßchen, die ſich zwiſchen Bergen und Thälern hinſchlängelten, kleine Seen oder Teiche zeigten ſich auf der Ebene; und es fehlten nicht all die künſtlichen Anzeichen und Beweiſe eines werthvollen Beſitzthums, die 183 nur ein guter Landkartenzeichner erſinnen konnte, um dem Ganzen einen gefälligen und vielverſprechenden Anſtrich zu geben.“ Wenn es nicht übel war, der Erbe von Satanstoe zu ſeyn, ſo war es noch viel beſſer, mit meinem Freund Dirck gemeinſchaftlicher Beſitzer all dieſer weiten Ebenen, lachenden Gründe, der luſtigen Flüßchen, der maleriſchen Seen zu werden. Mit einem Wort, zum erſtenmal in der Geſchichte der Colonien waren die Littlepages Beſitzer eines Landgutes geworden, was man mit Recht ſo nennen konnte. Nach unſerm New⸗Yorker Sprachgebrauch ſind ſechs oder achthundert Acres noch kein Gut(estate); auch zwei oder dreitauſend kaum; aber zehn oder zwanzigtauſend, und wie viel mehr gar vierzigtau⸗ ſend konnten wohl den Ehrennamen eines Gutes anſprechen! Der erſte häklige Punkt, welcher erörtert wurde, war: die Art und Weiſe zu beſtimmen, wie Dirck und ich nach Mooſeridge kom⸗ men ſollten. Bis Albany boten ſich zwei Arten zu reiſen dar, und uns für die eine oder die andere zu entſcheiden, war die erſte Sorge. Wir konnten warten, bis der Fluß aufging und bis Albany in einer Schaluppe reiſen, dergleichen jede Woche ein paar von der Stadt abgingen, wenn die Geſchäfte lebhaft in Gang waren, wie dieß für das Frühjahr mit Sicherheit zu erwarten ſtand. Man glaubte jedoch, die Armee werde die meiſten Transportmittel dieſer Art, welche ſich darbieten würden, in Anſpruch nehmen, und wir wür⸗ den uns manchen Unbequemlichkeiten und Verzögerungen ausſetzen, wenn wir die langſamen Bewegungen und Verhandlungen von * Vor vierzig Jahren kaufte ein Gentleman in New⸗York eine anſehnliche Maſſe unkultivirten Landes auf das Zeugniß der Landkarte hin. Als er ſein neues Beſitzthum beſah, fand ſich, daß es demſelben ſehr an fließendem Waſſer fehlte. Der Vermeſſer ward aufgeſucht und es wurden ihm Vorwürfe gemacht, daß ja die Karte zahlreiche Bäche u. ſ. w. enthalte.„Warum habt Ihr denn all dieſe Waſſer hingezeichnet, da ſich doch keine finden?“ fragte der erzürnte Käufer, auf die Karte deutend.„Warum?— Ei, wo Teufels habt Ihr denn je eine Landkarte ohne Flüſſe geſehen?“ war die Antwort. Der Herausgeber. Quartiermeiſtern und Vermiethern abwarten ſollten. Mein Groß⸗ vater ſchüttelte den Kopf, als man der Sache erwähnte, und rieth uns, uns ſo unabhängig als möglich zu erhalten. „Habt ſo wenig als möglich mit ſolchen Leuten zu ſchaffen, Corny,“ ſagte mein Großvater, jetzt ein grauer, ehrwürdig aus⸗ ſehender alter Gentleman, der nicht die halbe Zeit ſeine Perrücke trug, ſondern ſich begnügte, zu jeder Stunde in einer ſpitzigen Nacht⸗ haube und im Schlafrock zu erſcheinen, bis unmittelbar ehe das Eſſen angekündigt wurde, wo er jedesmal ohne Ausnahme als Gentleman gekleidet erſchien,„habt ſo wenig als möglich mit dieſen Leuten zu thun, Corny. Geld und nicht Ehre iſt ihr Augenmerk; und Ihr werdet wie ein Faß Rindfleiſch oder wie ein Kartoffelnſack behandelt werden, wenn Ihr in ihre Hände fallt. Wenn ihr über⸗ haupt mit der Armee reist, ſo haltet Euch zu den wirklichen Sol⸗ daten, mein Junge; und vor Allem geht den Lieferanten und Ak⸗ kordanten aus dem Wege!“ Demgemäß entſchied man ſich dahin, daß es zu unſicher und zeitraubend ſey, abzuwarten, bis ſich eine Gelegenheit zur Reiſe nach Albany zu Waſſer zeige; denn man wußte, daß die Reiſe ſelbſt oft zehn bis vierzehn Tage währte, und es konnte ſo ſpät werden, bis wir abſegelten, daß dieſe Verzögerung ſehr unbequem werden mußte. Die andere Art zu reiſen, war, uns auf den Weg zu ma⸗ chen, ehe der Schnee auf den Straßen geſchmolzen war, mittelſt deſſen es möglich war, die Strecke zwiſchen Satanstoe und Albany in drei Tagen zurückzulegen. Gewiſſe ökonomiſche Rückſichten kamen auch in Betracht, und wir entſchieden uns für folgenden Plan, der, wie mich däucht, ſelbſt jetzt noch verdient erwähnt zu werden wegen ſeiner Klugheit und Umſicht. Es war bekannt, daß große Nachfrage nach Pferden für die Armee ſtattfinden würde, ſowie auch nach Vorräthen, Lebens⸗ mitteln verſchiedener Art. Nun hatten wir auf dem Landhals meh⸗ rere ſtarke Pferde, welche nachgerade alt wurden, jedoch noch dienſt⸗ — — 185 tüchtig und gut zu einem Feldzug. Oberſt Follock hatte eben ſolche Pferde, und als man die Cavallerie der beiden Höfe ſämmtlich zu Satanstoe verſammelte, fand es ſich, daß es nicht weniger als vier⸗ zehn dieſer achtbaren Thiere waren. Dieſe machten gerade drei vier⸗ ſpännige Züge, und es blieb noch ein Paar für eine leichtere Laſt übrig. Alte, ſchwere Rumpelſchlitten wurden gekauft, oder hervor⸗ geſucht und ausgebeſſert, und Naap nebſt zwei andern Schwarzen wurden an der Spitze der Brigade von Rumpelſchlitten, wie mein Vater ſie nannte, abgeſchickt und die Schlitten waren ſämmtlich mit dem entbehrlichen Schweinefleiſch und dem Mehl der beiden Familien beladen. Der Krieg hatte dieſe Artikel ſehr im Preiſe ſtei⸗ gen gemacht; aber die um Weihnachten geſchlachteten Schweine waren noch nicht verkauft; und es wurde entſchieden, daß Dirck und ich, als Leute, welche auf den betreffenden Höfen und Gütern zu kaufen und zu verkaufen hätten, unſere Laufbahn auf keine für uns und unſere Eltern muthmaßlich nützlichere Weiſe beginnen könnten. Da Yaap's Bewegungen nicht anders als langſam ſeyn konnten, wurde ihm geſtattet, zwei ganze Tage früher als Dirck und ich abzureiſen, und ſo hatte er Zeit, aus den Hochlanden wegzukommen, ehe wir Satanstoe verließen. Die Neger ſchleppten das Futter für ihre Pferde, einen großen Theil ihrer eigenen Nahrungsmittel, und ſämmtlichen Cider, deſſen ſie auf der Reiſe bedurften. Niemand ſchämte ſich, in ſolcher Weiſe ſeine Sklaven nutzbar zu machen, denn das geſetzlich erlaubte Inſtitut der Sklaverei ſelbſt exiſtirte hauptſächlich als ein Mittel zum Gelderwerb. Ich erwähne dieſer geringfügigen Dinge, damit die Nachwelt die in der Colonie gäng und gäbe gewordene Denkweiſe über ſolche Punkte begreifen lerne. Als Alles bereit war, hatten wir eine Menge guter Räthe von unſern Verwandten anzuhören, ehe ſie uns in die Welt hinauszie⸗ hen ließen. Was Oberſt Follock zu Dirck ſagte, hat mir der Letz⸗ tere nie erzählt; aber Nachfolgendes war nach Form und Inhalt das Weſentliche deſſen, was mir mein Vater von guten Räthen 186 mit auf den Weg gab— und das Geſpräch fand ſtatt in einem kleinen Gemach, welches er ſein Geſchäftszimmer, Jaſon aber ſein Studierzimmer nannte. „Hier Corny, ſind all die Rechnungen oder Fakturen, gehörig ausgefertigt,“ begann mein Vater, indem er mir ein kleines Bün⸗ del Papiere einhändigte,„und Du wirſt gut thun, ſie zu Rathe zu ziehen, ehe Du irgend einen Verkauf abſchließſt. Hier ſind Empfeh⸗ lungsbriefe an einige Gentlemen im Heere, deren Bekanntſchaft du nach meinem Wunſche kultiviren ſollteſt. Dieſer insbeſondere iſt an meinen alten Kapitän, Charles Merrewerther, der jetzt Oberſt⸗ lieutenant iſt und ein Bataillon von den Königlichen Ameri⸗ kanern kommandirt. Du wirſt, wie ich nicht zweifle, finden, daß er Dir große Dienſte leiſten kann, ſo lange Du beim Heere bleibſt. Schweinefleiſch, ſo ſagt man mir, von der Qualität wie Du es bringſt, ſoll drei halbe Joſephsſtücke das Fäßchen gelten— und ſo viel darfſt Du wohl fordern. Sollte Dir der Zufall eine Einla⸗ dung an den Tiſch des Oberbefehlshabers verſchaffen, wie das wohl möglich iſt mittelſt der Freundſchaft Oberſt Merrewerther's, ſo hoffe ich, Du werdeſt der Loyalität der Littlepage's Ehre machen. Ha, und dann iſt auch das Mehl; es ſollte in Zeiten wie die jetzigen auch zwei halbe Joſephsſtücke werth ſeyn. Ich habe ein paar Briefe an einige von den Schuyler's beigelegt, mit welchen ich, als ich in Deinem Alter ſtand, diente. Es ſind Leute von der erſten Sorte, merke Dir das, und zählen zu den höchſten Familien in den Colo⸗ nien; voll von gutem altem Van Cortlandt⸗Blut, und trefflich ge⸗ kreuzt mit den Renſſelaer's. Sollte Dich Einer von ihnen fragen wegen des Fäßchens mit Zungen, welches Du mit einem Z. be⸗ zeichnet finden wirſt—“ „Einer von welchen, Sir? von den Schuyler's, den Cortland's, oder den Renſſelaer's?“ „Pah, Einer von den Marketendern oder Lieferanten, meine ich natürlich— ſo kannſt Du ihnen ſagen, daß ſie zu Hauſe be⸗ 187 ſorgt worden, und daß Du ſie wohl empfehlen dürfeſt als paſſend für die Tafel des Oberbefehlshabers ſelbſt.“ So lauteten die Weiſungen und Ermahnungen meines Vatexs beim Abſchied. Meine Mutter führte eine andere Sprache. „Corny, mein liebes Kind,“ ſagte ſie,„das wird eine Reiſe von entſcheidender Wichtigkeit für Dich werden. Nicht nur gehſt Du weit weg von der Heimath, ſondern auch in eine Gegend des Landes, wo es gar Viel zu ſehen gibt. Ich hoffe, Du wirſt Dich erinnern, was Deine Pathen für Dich bei der Taufe verſprochen haben, und auch was Du Deinem eigenen guten Namen und dem Deiner Familie ſchuldig biſt. Die Briefe, die Du mitnimmſt, wer⸗ den Dich vermuthlich in gute Geſellſchaft einführen, und das iſt ein wichtiger Anfang für einen jungen Mann. Ich wünſche, daß Du die Geſellſchaft achtbarer Frauen fleißig aufſuchſt, Corny. Mein Geſchlecht übt einen großen Einfluß auf das Benehmen und die Aufführung des Deinigen in Deinem Lebensalter, und ſowohl Dein äußeres Benehmen als Deine Grundſätze werden gewinnen, wenn Du ſo viel als möglich mit Frauen von erprobtem Ruf umgehſt.“ „Aber, Mutter, wenn wir eine ziemliche Strecke weit mit der Armee ziehen, wie mein Vater und Oberſt Follock wünſchen, wird es auch in unſrer Macht ſtehen, häufig in Geſellſchaft von Damen zu ſeyn?“ „Ich ſpreche von der Zeit, die Ihr in Albany und in der Nähe zubringen werdet. Ich erwarte nicht, daß Ihr gebildete Frauen in Mooſeridge finden werdet, und auch wenn Ihr eine Strecke weit mit den Truppen reist, obwohl ich keine Veranlaſſung ſehe, daß Ihr auch nur einen Schritt weit mit ihnen ziehen ſolltet, vermuthe ich nicht, daß Ihr viele reſpektable Frauen im Lager treffen werdet; aber benütze jede günſtige Gelegenheit in gute Geſellſchaft zu gehen. Ich habe Dir einen Brief verſchafft von einer Lady aus einer der großen Familien dieſer Grafſchaft, an Madame Schuyler, welche, 188 wie man mir ſagt, über allen Frauen ſteht, in und um Albany. Sie mußt Du ſehen, und ich empfehle Dir bei Deiner Pflicht, die⸗ ſen Brief abzugeben. Es iſt auch möglich, daß Herman Mor⸗ daunt—“ „Was iſt es mit Herman Mordaunt und Anneke, Mutter?“ „Ich habe nur von Herman Mordaunt ſelbſt geſprochen, und Anneke'ns gar nicht erwähnt, mein Sohn,“ verſetzte meine Mut⸗ ter lächelnd,„obwohl ich nicht zweifle, daß die Tochter bei dem Vater iſt. Sie haben die Stadt vor zwei Monaten verlaſſen, um nach Albany zu reiſen, ſchreibt mir meine Schweſter Legge, und beabſichtigen, den Sommer im Norden zuzubringen. Ich will Dich nicht täuſchen, Corny, und ſo ſollſt Du Alles hören, was Deine Tante über dieſen Gegenſtand geſchrieben hat. Erſtlich ſchreibt ſie, Herman Mordaunt ſey dahin gereist im Dienſte der Regierung und habe einen wichtigen, geheimen Auftrag auszuführen, der ihn, wie man wiſſe, in der Nähe von Albany und der nördlichen Poſten 5 bis zum Schluſſe der guten Jahreszeit zurückhalten wird, obgleich er vor der Welt vorgibt, er mache die Reiſe wegen Laͤndereien, die er in der Grafſchaft Albany beſitzt. Seine Tochter und Mary Wallace begleiten ihn, nebſt einigen Dienern, und ſie haben eine Schlittenlaſt von Sachen, die ſie bedürfen, mitgenommen; das deutet auf einen längern Aufenthalt. Nun ſollſt Du auch das Uebrige hören, mein Kind, obwohl ich durchaus keine Beſorgniß hege, wenn ein ſolcher Jüngling wie Du mit irgend einem andern Mann in der Colonie in die Schranken tritt. Ja, obgleich ich Deine Mutter bin, glaube ich doch das ſagen zu dürfen!“ „Was iſt es, Mutter?— Seyd meinetwegen unbeſorgt; es wird mir ſchon gut gehen, verlaßt Euch darauf— das heißt— 2 aber was iſt es, liebe Mutter?“ 5 1 „Nun, Deine Tante ſchreibt, man flüſtere in einem kleinen, einem ſehr kleinen Kreiſe, in der Stadt, aber man flüſtere doch, 189 Herman Mordaunt habe den erwähnten Auftrag nur darum über⸗ nommen, um einen Vorwand zu haben, Anneke in die Nähe des — ten Regiments zu bringen, in welchem, wie es ſcheint, der Sohn eines Baronets ſtehe, eine Art Verwandter von ihm, mit welchem er Anneke zu vermählen wünſche.“ „Dann thut es mir leid, daß meine Tante Legge nur auf ſolch elendes Geklatſche hört!“ rief ich entrüſtet.„Ich will mein Leben zum Pfande ſetzen, daß Anneke Mordaunt nie an etwas ſo Unzar⸗ tes dachte!“ „Niemand glaubt, daß Anneke daran gedacht habe oder denke. Aber die Väter ſind nicht die Töchter, Corny; ja, und auch die Mütter nicht, das darf ich frei herausſagen, ſintemal Du mein einziges Kind biſt. Herman Mordaunt kann das Alles in ſeinem Herzen beabſichtigen, und Anneke doch ſo unſchuldig und feinfüh⸗ lend als möglich ſeyn.“. „Und, wie können die Zuträger meiner Tante Legge wiſſen, was in Herman Mordaunt's Herzen vorgeht?“ „Wie?— Ich vermuthe, ſie ſchließen aus dem, was ſie in ihrem Herzen finden, mein Sohn; ein gewöhnliches Mittel, die Fehler des Nächſten zu errathen, obwohl, glaube ich, die Tugenden ſelten auf dieſem Wege entdeckt werden.“ „Ja, und ſie beurtheilen Andere nach ſich ſelbſt. Das Mittel mag ſehr gewöhnlich ſeyn, Mutter, aber es iſt nicht unfehlbar.“ „Gewiß nicht, Corny; und Das iſt ein Grund zur Hoffnung für Dich. Merke dieß, mein Kind, Du kannſt mir keine Tochter bringen, die ich halb ſo lieb haben könnte, als ich, das fühle ich, Anneke Mordaunt lieb haben kann. Wir ſind auch verwandt; ihres Vaters Ururgroßmutter—“ „Laßt die Ururgroßmutter beruhen, meine liebe, gute, treffliche Mutter. Von nun an vill ich nicht mehr verſuchen ein Geheim⸗ niß vor Euch zu haben. Wenn nicht Anneke Mordaunt einwilligt, Eure Tochter zu werden, ſo werdet ihr nie eine bekommen.“ 190 „Sage das nicht, Corny, ich bitte Dich!“ rief meine Mutter, nicht wenig erſchrocken.„Bedenke, man kann den Geſchmack nicht erklären und nicht dafür ſtehen; die Armee iſt eine furchtbare Neben⸗ buhlerin, und am Ende kann dieſer Mr. Bulſtrode— ſo haſt Du ihn, glaube ich, genannt,— Anneke'n eben ſo annehmlich erſchei⸗ nen als ihrem Vater. Sage nichts ſo Grauſames, ich bitte Dich, liebſter, beſter Corny!“ „Es iſt noch nicht eine Minute, Mutter, daß Ihr geſagt habt, wie wenig Ihr wegen meiner beſorgt ſeyet, wenn man mich irgend einem andern Manne in der Provinz gegenüber ſtelle.“ „Ja, mein Kind, aber Das iſt etwas ganz Anderes, als Dich Dein ganzes Leben als herzloſer, unbehaglicher alter Junggeſell hin⸗ bringen ſehen. Es ſind wohl fünfzig junge Frauenzimmer in dieſer Grafſchaft, mit welchen ich Dich lieber vermählt ſehen möchte, als daß ich ein ſolches Unglück erleben ſollte!“ „Nun, Mutter, wir wollen nicht weiter davon ſprechen. Aber iſt es wahr, daß Mr. Worden wirklich beabſichtigt, ſich unſrer Ge⸗ ſellſchaft anzuſchließen?“ „Mr. Worden und auch Mr. Newcome, glaube ich. Wir wer⸗ den uns kaum darein finden können, den Erſtern zu entbehren, aber er meint, es ſey ſein Beruf, die Armee zu begleiten, bei wel⸗ cher ſo wenige Feldprediger ſind; und im Krieg werden die Seelen ſo plötzlich zu ihrer letzten, furchtbaren Rechenſchaft abgerufen, daß man ihm nicht verweigern kann, ihn ziehen zu laſſen.“ Meine arme, vertrauensvolle Mutter! Wenn ich auf die Ver⸗ gangenheit zurückblicke, und mich erinnere, in welcher Art und Weiſe Mr. Worden ſich der Pflichten ſeines heiligen Amtes ent⸗ ledigte während des folgenden Feldzuges, ſo kann ich nicht umhin zu lächeln über die Art, wie das Vertrauen ſich beim Weibe kund gibt. Dieß Geſchlecht hat eine natürliche Geneigtheit, ſein Ver⸗ trauen Prieſtern zu ſchenken, in Folge eines ſehr einfachen Prozeſ⸗ ſes, daß ſie nämlich ihre eignen Gefühle und Geſinnungen in die 191 Herzen derjenigen übertragen, von welchen ſie glauben, daß ſie ſich ausſchließlich heiligen Dingen gewidmet haben. Nun, wir leben und lernen. Ich glaube gerne, daß Viele ſind, was ſie zu ſeyn behaupten, aber ich habe jetzt lange genug gelebt, um zu wiſſen, daß nicht Alle das ſind. Was den Mr. Worden betrifft, ſo hatte er jeden Falls Eine gute Eigenſchaft. Seine Freunde und ſeine Feinde ſahen das Schlimmſte an ihm. Er war kein Heuchler, ſon⸗ dern ſeine Umgebungen und Bekannten ſahen den Mann ziemlich ſo wie er war. Dennoch bin ich weit entfernt davon, dieſen aus England herübergekommenen Geiſtlichen als ein Muſter chriſtlicher Geſinnung und Art der Bewunderung meiner Nachkommen dar⸗ ſtellen zu wollen. Niemand kann feſter überzeugt ſeyn als ich, daß ſehr oft Sektirer geneigt ſind, ihre eigenen eingeſchränkten Begriffe von Recht und Unrecht an die Stelle des göttlichen Geſetzes zu ſetzen und an ſich völlig unſchuldige Handlungen für Sünde zu erklären; aber zugleich weiß ich auch recht gut, daß man in Sachen der Moral immer auf den äußern Schein achten und wachen muß, und daß in Sachen des äußern Benehmens anſtändig zu ſeyn, eine untergeordnetere Tugend iſt. Der Hochwürdige Mr. Worden trieb allerdings, was auch ſeine Geſinnung und Handlungsweiſe ihrem innern Weſen nach ſeyn mochte, die Ungezwungenheit und Freiheit des äußern Benehmens bis an die Grenze der Unvorſichtigkeit. Ein paar Tage nach der erzählten Unterredung verließ die Ge⸗ ſellſchaft Satanstoe mit einigem éclat. Das Geſpann gehörte gleich⸗ mäßig der Familie Follock und der Familie Littlepage, denn das eine Pferd war das Eigenthum meines Vaters, das andere des Oberſts Follock. Der Schlitten, alt, aber für dieſe Gelegenheit neu angeſtrichen, war ausſchließliches Eigenthum des letztern Gentle⸗ man, und war Dirck überantwortet, um ihn zu verkaufen, ſobald wir das Ziel unſerer Reiſe erreicht hätten. Außen war er hell himmelblau angeſtrichen, innen aber karmoiſinroth, eine Farbe, welche für dieſe Art von Fuhrwerk ſehr beliebt war und noch iſt, weil ſie ſich mit der Vorſtellung von Wärme verbindet; ſo ſagen wenig⸗ ſtens die alten Leute, obwohl ich geſtehen muß, daß es mich nie weniger in meine Zehen fror in einem ſolchen, als in einem blau angeſtrichenen Schlitten, welche letztere Farbe man gewöhnlich als beſonders erkältend für die Füße anſieht. Wir hatten drei Büffelhäute, oder vielmehr zwei Büffel⸗(Biſon⸗) Häute und eine Bärenhaut. Die letztere mit ſcharlachrothem Tuch beſetzt, hatte ein ganz beſonders warmes und behagliches Ausſehen. Die größte Haut ward auf den hintern Sitz gebreitet, und über die Rückwand des Schlittens geſchlagen, wie ſich von ſelbſt ver⸗ ſteht; und obgleich dieſe Rückwand hoch genug war, um den Wind von Kopf und Hals abzuhalten, bedeckte nicht nur die Haut die⸗ ſelbe, ſondern hing auch noch zwei oder drei Fuß hinten hinab, wie es ſich beim Schlitten eines Gentleman gebührt; die andere Büffelhaut war auf dem Boden des Schlittens ausgebreitet, als Fußteppich für alle Vier, wobei noch ein Stück übrig blieb als Schürze, womit Dirck und ich unſern Schooß bedeckten, um uns gegen die Kälte zu ſchützen. Die Bärenhaut diente uns beiden vorn Sitzenden als Polſter, und Mr. Worden und Jaſon, welche hinten ſaßen, als Schürze. Unſere Koffer waren auf dem Rumpelſchlitten abgegangen, das heißt, der meinige und Dirck's Koffer waren ſo vorrausgeſchickt worden, während unſere beiden Begleiter für die ihrigen Raum fanden in dem Fuhrwerk, in welchem wir felbſt reisten. Der Morgen, an welchem wir Satanstoe verließen, dieſe denk⸗ würdige Reiſe anzutreten, war der erſte März 1758. Der Winter war ſo, wie er in unſerer Breite gewöhnlich zu ſeyn pflegt, ob⸗ gleich an der Küſte ungewöhnlich viel Schnee gefallen war. Salz⸗ waſſer und Schnee vertragen ſich nicht gut mit einander; aber ich war den größten Theil des Monats Februar hindurch in mei⸗ nem Schlitten auf dem Landhals herumgefahren, obgleich am Tage, ehe wir abreisten, Symptome von Thauwetter und von Südwind 193 ſich einſtellen. Mein Vater bemerkte dieß, und er rieth mir die Straße mitten durch die Grafſchaft einzuſchlagen und ſobald als möglich mich nach den Bergen zu wenden. Nicht nur war in jener Ge⸗ gend immer mehr Schnee, ſondern er widerſtand auch dem Einfluß des Thauwetters viel länger, als derjenige, welcher mehr in der Nähe des Meeres oder der Meerenge gefallen war. Ich empfing meiner Mutter letzten Kuß, meines Vaters letzten Händedruck, meines Großvaters Segen, ſtieg in den Schlitten, nahm die Zügel aus Dirck's Händen und fuhr ab. Eine Geſellſchaft in einem Schlitten muß aus ſehr trübſinni⸗ gen Leuten beſtehen, wenn ſie nicht luſtig wird. Bei uns waren Alle zur Heiterkeit aufgelegt; obgleich Jaſon in der Colonie New⸗ York nicht auf der Straße reiſen konnte, ohne ſeiner provinzialen konnektikutiſchen Hyperkritik Luft zu machen. Alles war holländiſch, nach ſeiner Art die Dinge anzuſehen! und wenn es nun doch nicht holländiſch war, nun ſo hatte es das Gepräge der Colonie New⸗ York. Die Thüren waren nicht am rechten Orte, die Fenſter wa⸗ ren zu groß, wenn ſie nicht zu klein waren; die Dinge ſahen aus wie Kohlköpfe; die Menſchen rochen nach Taback, und das Haſty⸗ Pudding hieß ihm eine Suppe. Aber das waren Kleinigkeiten; und da wir daran gewohnt waren, ſo achtete Niemand ſonderlich auf das, was unſer puritaniſcher Reiſegefährte in der Demuth und Beſcheidenheit ſeiner Seele auszukramen beliebte. Mr. Worden lachte in ſich hinein, und trieb Jaſon immer weiter, in der Hoff⸗ nung, Dirck zu reizen; aber Dirck rauchte zu Allem fort, mit einer Gleichgültigkeit, welche bewies, wie ſehr er in der That den Kriti⸗ ker verachtete. Ich war der Einzige, der dieſe übermüthige Un⸗ wiſſenheit übel empfand, aber auch ich fühlte mich oft mehr ver⸗ ſucht zu lachen, als zornig zu ſeyn. Die Symptome von Thauwetter nahmen zu, als wir einige Meilen von Hauſe entfernt waren, und bis wir die Weißen Ebnen erreichten, wehte der Südwind nicht mehr gelind, ſondern ſtark, und Satanstoe. 13 194 der Schnee auf den Straßen wurde ſchmutzig, und man ſah Waſſer⸗ bäche an den Bergen herunterſtrömen, in einer Art, welche der Schlittenbahn Verderben drohte. Wir fuhren jedoch weiter, und tiefer und tiefer kamen wir in die Berge hinein, bis wir nicht nur mehr Schnee antrafen, ſondern auch weniger Symptome, ihn zu verlieren. Unſre erſte Tagfahrt brachte uns wohlbehalten nach dem Sitze der Van Cortlandt's, wo wir die Nacht zubrachten. Am näch⸗ ſten Morgen wehte noch immer der Südwind, und brauste über die Schneefelder hin, geſchwängert von der Salzluft des Meeres; und entblößte Stellen begannen ſich zu zeigen an allen Abhängen und Höhen— eine Mahnung für uns zur Eile. Wir frühſtückten in den Hochlanden und zwar in einer wilden, abgelegenen Gegend, wo ſich jedoch noch Schnee und fahrbare Bahnen fanden. Wir waren dem Thauwetter entkommen und hegten jetzt keine Beſorgniß mehr, ob wirauch das Ziel unſrer Reiſe im Schlitten erreichen könnten. Am zweiten Tage kamen wir ganz aus den Bergen hinaus zu den Ebenen von Dutcheß, ſo daß wir zu Fiſhkill zu Mittag eſſen konnten. Dieß war eine ſehr gedeihliche Anſiedlung, und die Leute ſchienen mir im Ueberfluß zu leben, wenigſtens lebten ſie gewiß in Frieden und Ruhe. Sie machten wenig aus dem Kriege und rich⸗ teten viele Fragen an uns, das Heer, ſeine Befehlshaber, ſeine Stärke und ſeine Abſichten betreffend. Es waren einfache, und dem An⸗ ſchein nach zu urtheilen, ehrliche Leute, welche ſich das, was in der Welt vorging, ſehr wenig kümmern ließen. Nachdem wir Fiſhkill verlaſſen hatten, fiel uns eine große Ver⸗ anderung auf, nicht nur in der Gegend, ſondern auch im Wetter. Erſtere war im Ganzen eben, und weit mehr mit Anſiedlungen be⸗ deckt, als ich ſo weit im Innern des Landes für möglich gehalten hätte. Was das Wetter betrifft, ſo kamen wir in ein ganz anderes Klima, als dasjenige war, welches wir jenſeits der Hochlande ver⸗ laſſen hatten. Nicht nur war der Morgen kalt, ſo kalt als es einen Monat früher bei uns geweſen war, ſondern der Schnee lag auch ———— —— zwei oder drei Fuß tief in gleicher Höhe, und die Schlittenbahn war ſo gut, als man ſich nur wünſchen mochte. Dieſen Nachmittag holten wir YNaap und die Brigade der Numpelſchlitten ein. Alles war gut gegangen, und nachdem ich dem Burſchen einige neue Weiſungen ertheilt hatte, fuhr ich an ihm vorbei und wir ſetzten unſre Fahrt fort. Ehe wir uns jedoch wie⸗ der trennten, wurden folgende Worte zwiſchen uns gewechſelt: „Nun, Yaap,“ erkundigte ich mich, um ſo das vorangegangene Geſpräch abzuſchließen,„wie gefallen Euch die obern Grafſchaften?“ Ein lautes Negergelächter folgte, und eine Wiederholung der Frage war nöthig, um eine Antwort von ihm herauszubekommen. „Ach Gott, Maſſer Corny, wie glaubt Ihr denn, ich wiſſe das, wenn man doch nichts als Schnee ſieht?“ „Es lag auch Schnee genug in Weſt⸗Cheſter; und doch glaube ich gewiß, würdet Ihr über Eure Heimath wohl eine Meinung aus⸗ ſprechen können.“ „Weil ich ſie kenne, Herr, von innen und außen und von al⸗ len Seiten, Maſſer Corny.“ „Wohl; aber Ihr ſeht doch die Häuſer und die Obſtgärten und Scheunen und Zäune und andere Dinge der Art.“ „Die ſind alle ſo ziemlich wie die unfrigen, Maſſer Corny; warum ſetzt Ihr Nigger mit ſolchen Fragen 30 2“ Hier folgte wieder ein Ausbruch von lautem, herzlichem„yah— hah— yah!“ und Naap ließ ſeinem Gelächter den Lauf, ehe ein weiteres Wort aus ihm herauszubringen war, worauf ich ihm die Frage zum dritten Mal vorlegte.. „Nun denn, Maſſer Corny, weil Ihr es durchaus wiſſen wollt, dieß iſt meine Meinung. Dieſe Gegend iſt gar nicht zu vergleichen mit unſerem ganzen Lande, Sah. Die Häuſer ſcheinen armſelig, die Scheunen ſehen leer aus, die Gehege und Zäune ſind niedrig, und die Nigger, Einer wie der Andere, ſehen kalt aus, Sah!— ja, Sah!— ſie ſehen ſehr kalt und erfroren aus!“ * * 196 Da ein„fkalter Neger“ etwas höchſt Jammervolles und Kläg⸗ liches war in den Augen eines Negers, ſah ich aus dieſem ſumma⸗ riſchen Urtheil, daß Naap ſeine Reiſen ſo ziemlich mit derſelben hochmüthigen Geſinnung begonnen hatte, wie Jaſon Newcome. Es fiel mir damals als ſeltſam auf; aber ſeit jener Zeit habe ich mich überzeugt, daß dieſe Geſinnung ziemlich allgemein die Leute beglei⸗ tet, welche ihre erſte Reiſe antreten. Unſere dritte Nacht brachten wir in einem kleinen Weiler zu, Rhinebeck genannt, auf einer Anſiedlung, wo ſich mehrere deutſche Namen fanden. Hier reisten wir durch die gewaltigen Güter der Livingſton's,— ein in unſrer Colonialgeſchichte wohlbekannter Name. Wir frühſtückten in Claverack, und kamen durch einen Ort Kinder⸗ hook genannt,— ein Dorf von niederdeutſchem Urſprung und ziem⸗ lich alt. An dieſem Abend gelang es uns, in die Nähe von Al⸗ bany zu kommen, indem wir eine ſehr ſtarke Fahrt machten. Da wo wir übernachteten, war kein Dorf; aber es war ein behagliches Haus und ein ausnehmend ſauberer holländiſcher Gaſthof. Seit⸗ dem wir Fiſhkill verlaſſen, hatten wir bald mehr, bald weniger vom Fluß geſehen, bis wir durch Claverack kamen, wo wir von ihm Abſchied nahmen. Er war mit Eis bedeckt und Schlitten beweg⸗ ten ſich, anſcheinend mit großer Sicherheit, auf ihm; aber wir moch⸗ ten es nicht verſuchen. Unſere ganze Geſellſchaft zog eine ſolide Landſtraße vor, wo keine Gefahr war, daß der Boden unter uns brechen konnte. Da wir jetzt im Begriff ſtanden, in Albany einzuziehen, der zweitgrößten Stadt in der Colonie, und einer der größten Binnen⸗ landſtädte des ganzen Landes, wenn dieſer Name mit Recht einer Stadt gegeben werden kann, welche an einem ſchiffbaren Strom liegt, hielten wir für nöthig, einige Vorkehrungen zu treffen, um es auf eine anſtändige Weiſe zu thun. Statt daher das Gaſthaus mit Tagesanbruch zu verlaſſen, wie wir früher zu thun gewohnt gewe⸗ ſen, blieben wir daſelbſt bis nach dem Frühſtück und zogen inzwi⸗ 197 ſchen unſre Koffer zu Rathe. Dirck, Jaſon und ich hatten uns für die Reiſe mit Pelzmützen mit Ohr⸗Lappen und andern dergleichen Hülfsmitteln, um ſich warm zu halten, verſehen. Dirck's Kappe und die meinige waren von ſehr feinem Marderpelz, und da ſie rund und hoch waren, und beide oben einen ſchönen Schweif hat⸗ ten, welcher hinten herabfiel, nahmen ſie ſich ganz flott und mili⸗ täriſch aus. Ich meinte, ich hätte Dirck nie ſo ſtattlich und gut ausſehend gefunden, wie in dieſer Kappe, und ich nahm auch einige Complimente ein wegen meines Ausſehens in der meinigen, obwohl nur von meiner Mutter, die, glaube ich, geneigt war, mich zu rüh⸗ men und zu preiſen, wenn ich auch erbärmlich ausſah. Die Mütze Jaſon's ſtand mehr im Verhältniß zu ſeinem Beutel; ſie war nie⸗ derer und von Fuchspelz, obgleich ſie auch einen Schweif hatte. Mr. Worden hatte es abgelehnt, in einer Kappe zu reiſen, als nicht paſſend zu ſeinem heiligen Amt. Daher trug er ſeinen geiſtlichen Biberhut, der ein wenig abwich von den gewöhnlichen aufgekrämp⸗ ten Hüten, welche wir Alle trugen, als etwas, das ſich von ſelbſt verſtand, doch nicht ſo ſehr, daß es beſonders auffiel. Wir Alle hatten Oberröcke, wohl mit Pelz beſetzt, und der meinige und Dirchk's ſeiner waren wirklich ſchön, mit Marderpelz verbrämt, während die unſrer Begleiter weniger glänzend und koſt⸗ bar waren. Nach einiger Berathung entſchieden Dirck und ich uns dahin, daß es dem guten Geſchmack mehr entſpreche, in Reiſekleidern als in andern in der Stadt einzuziehen, und wir putzten und ſtutz⸗ ten uns nur ein wenig auf, um als Gentlemen zu erſcheinen. Bei Jaſon war es ein ganz anderer Fall. Nach ſeinen Ideen mußte Einer auf Neiſen ſeine beſten Kleider tragen, und ich war über⸗ raſcht, ihn beim Frühſtück erſcheinen zu ſehen in ſchwarzen Bein⸗ kleidern, geſtreiften wollenen Strümpfen, große verſilberte Schnal⸗ len an den Schuhen, und in einem Rock, den er, wie ich wohl wußte, gewiſſenhaft nur für hohe Feſt⸗ und Feiertage aufſparte. Dieſer Rock war von heller erbſengrüner Farbe und für die Jahres⸗ 198 zeit wenig paſſend; aber Jaſon wußte überhaupt in Geſchmacksſachen ſehr wenig, was paſſend und ſchicklich war; Dirck und ich trugen unſre gewöhnlichen ſchnupftabacksfarbenen Röcke unter unſern Pel⸗ zen; Jaſon aber zog alle Ueberkleider aus, als wir uns Albany näherten, um in ſeinem beſten Staat ſeinen Einzug zu halten. Zum Glück für ihn war der Tag mild und eine glänzende Sonne ſandte ihre warmen Strahlen auf das erbſengrüne Gewand, ſo daß ſein Blut doch nicht ganz erſtarrte. Mr. Worden trug einen Mantel von ſchwarzem Tuch und legte alles Pelzwerk bei Seite, bis auf einen Pelzkragen und Muff, welche er bei kaltem Wetter gewöhnlich zu tragen pflegte. In dieſem Aufzug alſo verließen wir das Gaſthaus etwa um neun Uhr Morgens und gedachten gegen zehn Uhr die Ufer des Fluſſes zu erreichen. Auch ward unſre Erwartung nicht getäuſcht, denn die Straßen waren vortrefflich und ein leichter Schneefall wäh⸗ rend der Nacht hatte die Bahn wieder in beſten Stand geſetzt. Es war für uns Alle ein intereſſanter Augenblick, als die Spitzen und Dächer dieſer alten Stadt, Albany, zuerſt ſichtbar wurden! Wir waren von beinahe der ſüdlichen Grenze der Colonie bis zu einem Punkt gereist, welcher nicht ſehr entfernt war von den nördlichen Grenzniederlaſſungen. Die Stadt ſelbſt nahm ſich hübſch aus, wie wir uns ihr von der entgegengeſetzten Seite des Hudſon näherten. Da lag ſie, die Niederung am Rande des Fluſſes entlang auf dem weſtlichen Ufer hin ſich dehnend, geſchützt von hohen Bergen, an deren Seite die Hauptſtraße eine volle Viertelmeile lang ſich hin⸗ zog. In der Nähe des obern Endes dieſer Straße ſtand das Fort, und wir ſahen auf dem freien Platz in der Nähe davon eine Bri⸗ gade paradiren, ſich ſchwenken und marſchiren. Die Thurmſpitzen von zwei Kirchen waren ſichtbar; eine, die ältere, ſtand auf der Nie⸗ derung, mitten in der Stadt, die andere auf der Höhe, nicht ſehr weit entfernt vom Fort, oder etwa halbwegs die Anhöhe hinauf, welche auf dieſer Seite des Fluſſes die Grenze gegen das innere ——— 1 Land hin bildet. Dieſe beiden Gebäude waren natürlich von denn hölzerne Gebäude traf man ſehr ſelten in der Colonie New⸗ 8 York, obwohl ſie weiter weſtlich etwas ſehr Gewöhnliches waren. Ich will geſtehen, daß Keinem von unſerer Geſellſchaft der Gedanke ſonderlich behagte, mit einem beladenen Schlitten, auf dem Eiſe und dazu im Monat März den Hudſon zu paſſiren. Wir hatten in unſerer Nähe keine Flüſſe, die man in ſolcher Weiſe paſ⸗ ſirte, auch war die Kälte eigentlich nicht groß genug, um einen ſolchen Uebergang ganz ſicher zu machen, und es war uns zu Muthe wie es eben unerfahrenen Menſchen unter ſolchen Umſtänden zu Muthe ſeyn kann. Ich muß Jaſon die Gerechtigkeit widerfahren laſſen und zugeben, daß er mehr einfachen, praktiſchen, geſunden Menſchenverſtand an den Tag legte, als wir Alle, nnd am Ende durch ſeine Anſicht von der Sache unſer Verfahren beſtimmte. Den Mr. Worden jedoch konnte Nichts bewegen, ſich auf das Eis zu wagen in einem Schlitten oder in der Nähe eines Schlittens, ob⸗ gleich Jaſon ihm Vorſtellungen machte in folgenden Ausdrücken: „Nun, ſo ſchaut doch einmal her, Hochwürdiger Mr. Wor⸗ den“— Jaſon vergaß ſelten Jemanden ſeinen Titel zu geben,— „Ihr dürft ja nur einen Blick auf den Fluß werfen, um zu ſehen, daß er weit und breit mit Schlitten überſät iſt. Es ſind da Land⸗ ſtraßen nach Norden und Süden, und wenn das die Stelle iſt, wo die Ueberfahrt nach der Stadt zu geſchehen pflegt, ſo iſt es eher eine Art Straße als ein gefährlicher Platz. Nach meiner Anſicht müſſen die Leute, die hier herum wohnen, wiſſen, ob es gefährlich iſt oder nicht.“ So einleuchtend dieſe Wahrheit war, ließ uns doch der„Hoch⸗ würdige Mr. Worden“ auf feſtem Lande halten, und verließ den Schlitten, um zu Fuß den Strom zu paſſiren. Jaſon erlaubte ſich ein paar Anſpielungen auf den Glauben und ſeine Tugenden, wäh⸗ rend er ſich bis auf ſein erbſengrünes Gewand entpuppte, um in anſtändigem Aufzug in der Stadt einzuziehen, und Alles bei Seite F 200 warf, was ſeinen Staat verhüllte. Dirck und ich, wir behaupteten mannhaft unſere Sitze und trabten über den Fluß hinüber auf dem Punkte, wo wir Fußgänger und Schlitten ziemlich zahlreich hin und her ſich bewegen ſahen. Der Hochwürdige Mr. Worden jedoch begnügte ſich nicht damit, den betretenen Pfad einzuſchlagen, denn er wußte, daß es ſo wenig ſicher ſey, auf dem Eiſe neben einem Schlitten her zu gehen, als in einem zu ſitzen, und daher bog er von der Bahn ab, welche in der Richtung der Fähre und in einer Diagonale flußabwärts nach den Werften der Stadt hin lief. Es ſchien mir eine Art Feiertag für die jungen und müſſigen Leute zu ſeyn, da ein Schlitten um den andern an uns vorbei kam, gefüllt mit jungen Männern und Frauenzimmern, Alle ſtrahln von der Aufregung des Augenblicks und voll jugendlicher Munter⸗ keit und Laune. Wir kamen an nicht weniger als vier ſolchen Schlitten auf dem Fluß vorbei, und das Geläute der Glocken, die raſche Bewegung, das Gelächter und die Fröhlichkeit und das Be⸗ lebte der ganzen Scene übertraf weit Alles der Art, was ich früher geſehen hatte. Wir hatten beinahe den Fluß paſſtrt, als ein Schlit⸗ ten ſchöner equipirt als irgend einer, den wir bisher geſehen, vom Ufer herab flog und wie ein Komet an uns vorbei brauste. Er war mit Ladies angefüllt, mit Ausnahme eines Gentleman, welcher kutſchirend vorn aufgerichtet ſtand. Ich erkannte Bulſtrode, in Pelzwerk wie wir Alle gehüllt, mit einer Kappe und Schweif, wo nicht mit Federn, während ich unter dem Halbdutzend Paaren glän⸗ zender Augen, welche ſich mit den lächelnden Geſichtern ihrer In⸗ haberinnen gegen uns wandten, eines erkannte, welches ich nicht vergeſſen konnte, und welches Anneke Mordaunt gehörte. Ich zweifle, ob wir erkannt wurden, denn der Vorüberflug war wie der eines Meteors; aber ich konnte mich nicht enthalten mich umzu⸗ wenden und der muntern Geſellſchaft nachzuſchauen. Dieſe meine veränderte Stellung ſetzte mich in Stand, Zeuge zu ſeyn von einer ſehr beluſtigenden Folge von Mr. Worden's Verſuch. Ein Schlit⸗ — = 201 ten kam in derſelben Richtung wie der unſrige, und als die Geſell⸗ ſchaft darin einen Mann, der als Geiſtlicher leicht erkennbar war, auf dem Eiſe zu Fuß gehen ſah, bog ſie auf die Seite und näherte ſich ihm im Galopp, um einem Manne von ſeinem heiligen Beruf höflicherweiſe einen Sitz anzubieten. Unſer Geiſtlicher hörte das Glockengeläute und voll Angſt einen Schlitten ſo ganz in ſeiner Nähe zu haben, begann er ſtracks zu fliehen; von den Leuten im Schlitten verfolgt, ſo ſchnell nur ihre Pferde laufen konnten. Je⸗ dermann auf dem Eiſe machte Halt, um verwundert dieſem ſelt⸗ ſamen Schauſpiel zuzuſehen, bis die ganze Geſellſchaft das Ufer erreichte, der Hochwürdige Mr. Worden nicht wenig erhitzt und Athem, wie ſich der Leſer leicht vorſtellen kann. Elftes Kapitel. Laßt Aerzte unſer Blut zur Ruh beſprechen, 5 5 Mit Gründen laßt ſie ſtimmen unſern Puls: Dann ſucht mit Worten beizukommen der Liebe! Boung. Da die Straße von der Fähre nach der Stadt am Ufer des Fluſſes hinlief, erreichten wir den Punkt, wo der Hochwürdige Mr. Worden gelandet, gerade in demſelben Augenblick mit ſeinen Ver⸗ folgern, welche genöthigt geweſen waren, einen kleinen Umweg zu machen, um vom Eiſe wegzukommen. Ich weiß nicht, Wer von beiden Theilen den anderen mit größerem Erſtaunen anſah— der Gejagte oder die Jagenden. Der Schlitten enthielt zwei gut aus⸗ ſehende junge Männer, welche das Engliſche mit einem leiſen hol⸗ ländiſchen Accent ſprachen, und drei junge Frauenzimmer, deren glänzende, kohlſchwarze Augen Erſtaunen verriethen, etwas gemä⸗ ßigt durch den Drang zu lachen. Sehend, vermuthlich, daß wir Alle Fremde ſeyen, und daß wir den Flüchtigen als zu unſerer Geſellſchaft gehörend, in Anſpruch nahmen, lüftete Einer der jungen Männer ſehr achtungsvoll ſeine Mütze und eröffnete das Geſpräch damit, daß er in ſehr höflichem Tone fragte: „Was fehlt denn dem Hochwürdigen Gentleman, daß er ſo ſchnell gelaufen iſt?“ „Gelaufen?“ rief Mr. Worden, deſſen Lungen wie Blaſebalge eines Grobſchmids gearbeitet hatten,„gelaufen! und Wer wäre nicht gelaufen, um ſich vor dem Ertrinken zu retten!“ „Ertrinken!“ wiederholte der junge Holländer, rings auf dem Fluß ſich umſehend, als wollte er ſich überzeugen, ob das Eis wirklich in Bewegung gerathe—„warum glaubt denn der Domi⸗ nie, es drohe irgend eine ſolche Gefahr?“ Da Mr. Worden's Lungenblaſebälge noch immer heftig arbei⸗ teten, erläuterte ich den jungen Albaniern, wir ſeyen Fremde, eben erſt aus der Nachbarſchaft von New⸗York angekommen; wir ſeyen der überfrorenen Flüſſe nicht gewohnt, und hätten nie früher einen ſolchen auf dem Eiſe paſſirt; unſer hochwürdiger Begleiter habe vorgezogen in einiger Entfernung von der Bahn zu Fuß hinüber⸗ zugehen, um weniger in Gefahr zu ſeyn, falls ein Geſpann ein⸗ bräche, und ſo ſey er auch natürlich davon gerannt, um ihrem Schlitten auszuweichen, als er ihn ſich nahe kommen geſehen. Die Albanier hörten dieſe Erklärung mit achtungsvollem Schweigen an, obwohl ich bemerken konnte, daß die beiden jungen Männer einan⸗ der ſchlaue Blicke zuwarfen, und daß ſelbſt die Ladies einige Mühe hatten, ihr Lächeln ganz zu unterdrücken. Als ich fertig war, bat der ältere Holländer,— ein hübſcher, verwegen und renomniſſtiſch ausſehender Burſch von vier oder fünfundzwanzig Jahren, deſſen Anzug und Haltung jedoch einen Angehörigen der höhern Klaſſen verrieth, tauſendmal um Verzeihung wegen ſeines Mißgriffs, ſtieg von ſeinem Schlitten, und beſtand darauf, die Ehre zu haben mit uns Allen die Hände zu ſchütteln. Sein Name ſey Ten Eyck, ſagte er, ‚Guert Ten Eyck“, und er erbot ſich, da wir Fremde ſeyen, uns die Honneurs von Albany zu machen. Jedermann in der Stadt kenne ihn, verſicherte er, was auch, wie wir nachher fanden, ganz der Wahrheit gemäß war, denn er ſtand wegen ſeiner Poſſen und luſtigen Streiche in einem ſolchen Rufe, wie es ſich gerade noch zur Noth mit der Reſpektabilität vertrug; er ſtand, gleichſam, auf der äußerſten Grenzlinie der anſtändigen Leute, ohne doch völlig die⸗ ſelbe überſchritten zu haben. Die jungen Damen bei ihm ſtanden um eine Nuance unter ihm in ihrer geſellſchaftlichen Stellung und ertrugen und duldeten ſeine ausgelaſſenen Poſſen in Betracht dieſes Umſtands, zumal da ihm auch ein ganz ausnehmend männliches Geſicht, und eine ebenſolche Perſönlichkeit, ein herzliches, offenes Lachen, eine volle Börſe und vielleicht auch die geheime Hoffnung zu Statten kam, das glückliche Weſen zu ſeyn, welches von der Vorſehung dazu erkoren ſey, einen gebeſſerten Taugenichts zum be⸗ ſten Gatten umzuwandeln. Mit Einem Wort, er war jederzeit willkommen bei ihnen, wenn die ein wenig über ihnen Stehenden ſich vielleicht verſucht fühlten, ihm ein finſteres Geſicht zu machen. Natürlich war dieß Alles uns damals unbekannt, und wir nahmen Guert Ten Eyck's höfliche Anerbietungen in dem Geiſte an, in welchem ſie uns gemacht wurden. Er erkundigte ſich, in welchem Gaſthauſe wir einzukehren beabſichtigten und verſprach, uns bald zu beſuchen. Dann ſchüttelte er uns Allen wieder mit großer Herz⸗ lichkeit in der Runde die Hand und nahm Abſchied. Sein Beglei⸗ ter zog eine ſehr flotte, hohe Mütze von Wolfspelz vor uns ab, und das ſchwarzäugige Trio auf dem hintern Sitze lächelte huldvoll, und davon fuhren ſie in raſendem Jagen, alle Echo's von Albany mit ihrem Schellengeklingel wachrufend. Mittlerweile hatte Mr. Worden ſeinen Sitz wieder eingenommen, und wir folgten ihnen in gemäßigterem Schritte, da unſer Geſpann Nichts von dem hol⸗ ländiſchen Feuer der zwei Pferde hatte, welche friſch aus dem Stalle kamen. Das waren die Umſtände, unter welchen wir unſern Ein⸗ zug hielten in der alten Stadt Albany. Wir hofften Alle, die 204 kleine Geſchichte mit der Jagd werde bald vergeſſen ſeyn; denn Niemand ſieht ſich gern in irgend eine Verbindung geſetzt mit einem lächerlichen Vorfall; aber wir machten die Rechnung ohne den Wirth, Guert Ten Eyck war nicht von ſolcher Gemüthsart, daß er einen ſolchen Vorfall hätte ſchlafen laſſen, ſondern, wie ich nachher er⸗ fuhr, er erzählte ihn mit den luſtigen Ausſchmückungen, wie ſie ſei⸗ nem ausgelaſſenen Charakter gemäß waren, ſo emſig, bis zuletzt der hochwürdige Mr. Worden in dieſer ganzen Gegend unter dem Spitz⸗ namen des„ſpringenden Dominie“ bekannt wurde.. Der Leſer darf verſichert ſeyn, daß wir unſre Augen auftha⸗ ten, als wir durch die Straßen der zweiten Stadt in der Colonie fuh⸗ ren. Wir waren ſchon an Häuſer, in holländiſchem Styl gebaut, in New⸗York gewöhnt worden, obwohl daſelbſt ſeit einem halben Jahrhundert die engliſche Bauart am beliebteſten geworden war. Nicht ſo verhielt es ſich in Albany, das im Jahr 1758 im Weſent⸗ lichen noch ganz eine holländiſche Stadt war. Wir hörten im Durchfahren wenig außer Holländiſch. Die Weiber ſchalten ihre Kinder auf niederländiſch, beiläufig bemerkt ein Gebrauch, für wel⸗ chen ſich die Sprache ganz beſonders gut zu eignen ſcheint; die Neger ſangen holländiſche Lieder. Die Männer riefen einander auf Holländiſch zu, und überall klang uns Holländiſch in die Ohren, wie wir unſre Pferde im Schritt durch die Straßen nach dem Gaſt⸗ haus gehen ließen. Es waren viele Soldaten um den Weg, und es fehlte nicht an ſonſtigen Anzeichen von der Anweſenheit einer bedeutenden Militärmacht; dennoch fiel mir die Stadt, nach New⸗ York, als ſehr provinzmäßig und eigenthümlich auf. Beinahe alle Häuſer hatten die Giebel gegen die Straße zu gebaut und jedes hatte ſchwerfällige, hölzerne holländiſche Treppen, mit Sitzen an der Thüre. Nur wenige hatten vorn kleine Hofräume, und da und dort fand ſich ein Gebäude, welches etwas mehr vorſtellte als die übrigen. Ich glaube jedoch nicht, daß ſich fünfzig Häuſer in der 205 Stadt fanden, deren Giebel in gleicher Linie mit den Straßen ge⸗ baut waren. Sobald wir nur ein Unterkommen gefunden, machten Dirck und ich uns auf den Weg, um uns die Stadt zu betrachten. Da waren wir jetzt in einer der älteſten Städte Amerika's, in einem Ort, der ſich eines mehr als hundertjährigen Daſeyns rühmen konnte, und es war natürlich, daß wir uns neugierig umſchauten. Unſre Herberge war in der Hauptſtraße, in derjenigen, welche den Berg hinauf zum Fort führte. Dieſe Straße war eine weite Allee, welche Broadway ganz verdunkelte, ſofern es ſich nur um die Breite han⸗ delte. Die Straßen jedoch, welche davon ausliefen, waren meiſt wenig beſſer als Gäßchen, wie wenn der Raum, welcher zwei oder drei Hauptſtraßen eingeräumt worden war, den übrigen abgezogen worden wäre. Die„hohe Straße“, wie ſie nach engliſchem Sprach⸗ gebrauch heißen würde, war angefüllt mit Schlitten mit Holz zum Verkauf, Schlitten beladen mit Gänſen, zahmen und wilden Putern und Geflügel aller Art; Schlitten mit Wildpret noch in der Haut, in Haufen aufgethürmt u. ſ. w., und alle dieſe Nahrungsmittel wa⸗ ren, wie man uns ſagte, in ungewöhnlicher Menge zuſammengebracht, um die außerordentliche Nachfrage zu befriedigen, die durch die Be⸗ dürfniſſe der verſchiednen Militärtiſche entſtanden war. Hirſche wa⸗ ren uns nichts Fremdes, denn Long⸗Island war voll von allen Ar⸗ ten Wildpret, ſo wie auch die obern Gegenden von New⸗Jerſey. Selbſt Weſt⸗Cheſter, obgleich es jetzt ſo lange Zeit ſchon ſo ſtark von Anſiedlungen beſetzt war, entbehrte doch des Wildes nicht ganz, und nichts war leichter, als in den Hochlanden einen Rehbock zu ſchießen; doch hatte ich noch nie Wildpret, wilde Puter und Störe in ſolcher Maſſe geſehen, als ſie an jenem Tage in den Hauptſtra⸗ ßen von Albany zu ſchauen waren. Die in der Straße verſam⸗ melte Menſchenmenge, die vorbei ſauſenden Schlitten mit jungen Männern und Mädchen angefüllt, das unaufhörliche Geklingel der Schlittengeläute, das Schnarren und Geifern auf Niederländiſch, die herzhaften engliſchen Flüche von Sergeanten und Marketendern und Offiziersköchen, das laute Gelächter der Schwarzen und die Schönheit des kalten, hellen Tages— das Alles zuſammen machte einen ähnlichen Eindruck auf mich, wie ich empfunden, als ich ins Theater ging. Das nicht am wenigſten auffallende Bild dieſer Scene war Jaſon, mitten in der Straße nach allen Seiten hin gaffend, in dem aufgekrämpten Hut, dem erbſengrünen Rock und den geſtreiften wollenen Strümpfen. Dirck und ich beſichtigten natürlich die Kirchen. Es waren ih⸗ rer zwei, wie ſchon oben erwähnt wurde, eine für die Holländer, die andere für die Engländer. Jene war die ältere. Sie ſtand auf dem Punkte, wo die zwei Hauptſtraßen einander kreuzten, in der Mitte der Straße, ſo jedoch, daß rings um ſie herum die Gänge hinlänglich breit waren. Das Gebäude war ein Quadrat, mit einem hohen ſpitzen Dache, und hatte oben einen Glockenthurm und einen Wetterhahn, Fenſter mit Spiegelſcheiben und gemaltem Glas, und ein Portal, wie es für das Klima und für den Styl des Gan⸗ zen paßte. 1 4 Wir beſichtigten eben dieß Gebäude, als Guert Ten Eyck uns in ſeiner freimüthigen kecken Art anredete: „Euer Diener, Mr. Littlepage; Euer Diener, Mr. Follock!“ rief er, wieder Jedem herzhaft die Hand ſchüttelnd.„Ich war auf dem Wege nach dem Gaſthaus, um nach Euch zu ſehen, als ich Euch zufällig hier erblickte. Einige wenige Gentlemen von meiner Bekanntſchaft, welche des Winters mit einander zu Nacht zu eſſen pflegen, kommen heute zuſammen, um ſich für heuer zum letzten Male einen vergnügten Abend zu machen, und ſie haben Alle den Wunſch ausgeſprochen, das Vergnügen Eurer Geſellſchaft zu ha⸗ ben. Ich hoffe, Ihr erlaubt mir, ihnen zu ſagen, daß Ihr kom⸗ men werdet? Wir kommen zuſammen um neun, eſſen zu Nacht um zehn und brechen auf um zwölf Uhr, ganz regelmäßig, Alles in der geſetzteſten und vernünftigſten Weiſe.“ 8 207 Es lag etwas ſo Offenes und Herzliches, ſo Einfaches und Zu⸗ trauliches in dieſer Einladung, daß wir nicht wußten, wie ſie ab⸗ lehnen. Wir wußten Beide, daß der Name Ten Eyck in der Colo⸗ nie geachtet war; unſer neuer Bekannter war gut gekleidet, er ſchien in guter Geſellſchaft, als wir ihn zuerſt ſahen, ſein Schlitten und ſeine Pferde waren in der That flotter geweſen, als man ſie ge⸗ wöhnlich ſah, und ſein eigner Aufzug hatte all die Eigenthümlich⸗ keiten, welche den Gentleman bezeichnen, neben einem entſchiedene⸗ ren und feineren Geſchmack als bei den Meiſten ſich fand. Es iſt wahr, der Styl dieſer Eigenthümlichkeiten war nicht gerade derjenige, welchen ich in dem Benehmen, Weſen und Anzug von Billings und Harris beobachtet hatte; aber deßhalb waren ſie nicht minder augenfällig und nicht minder anziehend; denn die beiden Englän⸗ der waren„Makaroni's““* von London, und Ten Eyck ein„Bock“** von Albany. „Ich danke Euch recht herzlich, Mr. Ten Eyck,“ antwortete ich, „für mich ſowohl als für meinen Freund—“ „Und ich darf alſo um halb neun Uhr kommen, Euch abzu⸗ holen und den Weg zu zeigen?“ 3 „Nun ja, Sir, das wollte ich ungefähr ſagen, wenn es Euch nicht zu viel Mühe macht.“ „Sprecht nicht von Mühe,“ verſetzte er,„und ſagt nicht mein Freund, ſondern meine Freunde.“ „Was die Zwei betrifft, welche nicht zugegen ſind, ſo kann ich für ſie keine beſtimmte Zuſage geben; dort jedoch ſteht der Eine, welcher für ſich ſelbſt ſprechen mag.“ „Ich ſehe ihn, Mr. Littlepage, und ich ſelbſt will, auf meine Verantwortung, für ihn gut ſprechen. Verlaßt Euch darauf, der wird kommen. Aber der Dominie— er hat ein herzhaftes Aus⸗ ſehen und kann wohl einen Puter eſſen und ein Glas guten Ma⸗ * Stutzer. er Wildfang. deira ausſchlürfen helfen— ich glaube, auf den kann man ſich auch verlaſſen. Ein Menſch kann ſich doch nicht ſolche gewaltige Be⸗ wegung machen ohne Nahrung.“ „Mr. Worden iſt ein ſehr umgänglicher Mann und ein treff⸗ licher Geſellſchafter bei einem Nachteſſen. Ich will ihm Eure Ein⸗ ladung mittheilen, und hoffe ihn vermögen zu können, von der Geſellſchaft zu ſeyn.“ 4 „Das iſt genug, Sir,“ verſetzte Ten Eyck, oder Guert, wie ich ihn hinfort gewöhnlich nennen werde,„wo der Wille da iſt, da läßt ſich auch Alles machen. So ſegne Euch denn Gott, mein lieber Mr. Littlepage und mache uns zu bleibenden Freunden. Euer Geſicht gefällt mir und mein Auge täuſcht mich in ſolchen Dingen nie.“(Guert ſagte dieß in einem ſtark holländiſch gefärbten, faſt gebrochnen Engliſch, wie er nicht ſelten ſprach, während er ſonſt wieder es faſt ſo gut ſprach wie Einer von uns.) Noch einmal ſchüttelte uns jetzt Guert ſehr herzlich die Hand und verließ uns dann. Dirck und ich ſchlenderten nun den Berg hinauf bis zur engliſchen Kirche, welche auch mitten in der Haupt⸗ ſtraße ſtand, ein achtunggebietendes, maſſives Gebäude von Stein. Mit Ausnahme der Trinity⸗Church in„New⸗York war dieß das größte und unbedingt das ſtattlichſte Gebäude, das ich je geſehen, unter den dem Cultus meiner Kirche gewidmeten. In Weſt⸗Cheſter waren einige Kirchen aus den Zeiten der Königin Anna, aber keine in einem Maßſtab gebaut, daß ſie ſich mit dieſer hätten vergleichen laſſen. Unſre kleinen Gebäude waren gewöhnlich ohne Gallerien, ohne hohe Spitzen, Thürme und Glocken; während die St. Peters⸗ kirche in Albany, zwar nicht mit der St. Peterskirche in Rom vergleichbar, aber doch ein Gebäude war, auf das Ei⸗ ner ſtolz ſeyn dürfte. Einigermaßen zu unſrem Erſtaunen fan⸗ den wir, daß der Hochwürdige Mr. Worden und Mr. Jaſon New⸗ come unter der Thüre dieſes Tempels ſich getroffen und einen Kna⸗ ben an den Küſter geſchickt hatten, um den Schlüſſel zu holen. 209 Nach ein paar Minuten kam der Bube wieder und brachte nicht nur den Schlüſſel zur Kirche, ſondern auch die Entſchuldigungen des Küſters, daß er nicht ſelbſt komme. Die Thüre wurde geöffnet und wir traten ein. Ich habe immer die anſtändige und geiſtliche Art bewundert, wie der hochwürdige Mr. Worden in ein Gebäude trat, welches der Anbetung und Verehrung der Gottheit geweiht war. Ich weiß nicht, wie ich ſie beſchreiben ſoll; aber man ſah daraus, wie vollkommen er in den Geſetzen des Anſtands, wie ſie ſein Beruf vorſchrieb, ein⸗ geſchult und eingeübt war. Natürlich nahm er den Hut ab; und ſein Weſen, wie luſtig und ſcherzhaft es den Augenblick zuvor ge⸗ weſen ſeyn mochte, wurde in einem Nu ganz Ernſt und Anſtand. Anders war es bei Jaſon. Er trat in die St. Peterskirche zu Al⸗ bany ganz mit demſelben gleichgültigen und eyniſchen Weſen, mit welchem er, ſeitdem er die Colonie York betreten, Alles außer dem Geld zu betrachten ſchien. Gewöhnlich trug er ſeinen aufgekrämp⸗ ten Hut auf dem Hinterkopf, wodurch er ſich ein nachläſſigbequemes und zugleich doch herausforderndes Anſehen gab; aber ich bemerkte, daß, während wir Alle unbedeckt waren, er ſich ſeinen Biberhut bis über die Augbrauen ins Geſicht drückte, mit einer Art von militäriſchem, herausforderndem Trotze. Den Hut in einer Kirche abnehmen, war, nach ſeiner Art die Sache anzuſehen, eine Art Abgötterei; es konnten Bilder um den Weg ſeyn, wenigſtens war er vom Gegentheil nicht überzeugt;„und es konnte Einer nie genug auf der Hut ſeyn, um nicht von ſolchen böſen Täuſchungen fortge⸗ riſſen zu werden,“ wie er mir früher einmal geantwortet hatte auf meine Vorſtellungen, als er in unſerer eigenen Kirche den Hut auf dem Kopfe behielt. Ich fand das Innere der St. Peterskirche ebenſo impoſant wie das Aeußere. Drei Kirchenſtühle hatten Baldachine, auf welchen ſich Wappen befanden. Dieſe gehörten, wie uns der Knabe ſagte, den Familien Van Renſſelaer und Schuyler. Alle waren mit ſchwar⸗ Satanstoe. 14 210 zem Tuch bedeckt, in Folge der Trauer um einen Todesfall in dieſen alten Familien, welche eng unter ſich verſchwägert waren. Ich war ſehr betroffen von dem würdigen Ausſehen, welches dieſe patrieiſchen Sitze dem Hauſe Gottes verliehen. Auch waren einige Wappen von Verſtorbenen an den Wänden aufgehangen, die einen zum Andenken an Offiziere von Rang aus dem Heimathlande, welche im Dienſte des Königs in der Colonie gefallen waren, andere um den Tod von ausgezeichneten Perſonen unſeres Volkes anzuzeigen. Mr. Worden ſprach ſeine Zufriedenheit aus über den Eindruck, welchen das Gebäude von außen und von innen machte; Jaſon aber betrachtete Alles mit wenig verhehlter Abneigung. „Was bedeuten denn die Kirchſtühle mit den Dächern daran, Corny?“ flüſterte mir der Pädagog zu, fürchtend durch ſeine Kritik die Bemerkungen des Geiſtlichen herauszufordern. „Es ſind die Kirchſtühle von vornehmen Familien in dieſer Stadt, Mr. Neweome; und die Baldachine, oder Dächer, wie Ihr ſie nennt, ſind ehrende Zeichen vom Stande ihrer Inhaber.“ „Meint Ihr, die Inhaber derſelben werden im Paradieſe unter ſolchen Decken ſitzen, Corny?“ fuhr Jaſon fort mit höhniſchem Lächeln. „Das kann ich Euch unmöglich ſagen, Sir; es iſt jedoch wahr⸗ ſcheinlich, daß die Gerechten keiner ſolcher Zeichen bedürfen werden, ſie von den Ungerechten zu unterſcheiden.“. „Laßt mich ſehen,“ ſagte Jaſon ſich umſchauend und ſich an⸗ ſtellend als zähle er ſie;„es ſind gerade drei— Biſchof, Prieſter und Diakon, vermuthe ich. Nun, da kommt ein Sitz auf jeden, und ſie haben es dann hier ganz behaglich, was auch drüben kommen mag.“ Ich wandte mich weg, nicht geneigt, über dieſen Gegenſtand zu diſputiren, denn ich wußte wohl, daß ſich ebenſo wenig erwarten ließ, ein Mann von Danbury werde je über einen ſolchen Gegen⸗ ſtand denken und fühlen, wie ein New⸗Yorker, als umgekehrt, ein — 211 New⸗Yorker werde ſich je zu der Geſinnung und Denkweiſe eines Danburyers bekehren laſſen. Was jedoch die Argumentation betrifft, ſo habe ich oft Gründe ungefähr von demſelben Kaliber gegen die drei Stufen des geiſtlichen Standes geltend machen gehört. Als wir die Kirche St. Peters verließen, theilte ich die Einla⸗ dung Guert Ten Eyck's dem Mr. Worden mit, und redete ihm zu, ſich der Geſellſchaft anzuſchließen. Ich bemerkte wohl, daß die Vor⸗ ſtellung eines guten Nachteſſens dem Miſſionär nichts weniger als zuwider war. Doch hatte er ſeine Bedenklichkeiten, ſofern er ſeinen hochwürdigen Amtsbruder, den Geiſtlichen von St. Peter noch nicht geſehen hatte, ſeine Gemüthsart und Denkweiſe nicht genau kannte, und ein beſonderes Verlangen trug, am nächſtbevorſtehenden Sonn⸗ tag in Gegenwart der angeſehenſten Perſonen der Stadt für ihn zu funktioniren. Er hatte ein Billet an den Kaplan geſchrieben, denn der Geiſtliche, welcher die Seelſorge für die Genoſſen der Epis⸗ kopalkirche hatte, beſaß dieſen Nang in der Armee, und St. Peter war ebenſo eine der Regierung gehörende Kapelle wie eine Gemeinde⸗ kirche; und er mußte ſich erſt mit dieſem Manne beſprechen, ehe er ſich entſcheiden konnte. Zum Glück begegneten wir, als wir die Straße hinab nach unſerer Herberge gingen, gerade dem in Rede ſtehenden Manne. Die Abzeichen des gemeinſamen Berufes, welche dieſe beiden Geiſtlichen in ihrer Kleidung an ſich trugen, waren hinreichend, ſie einander auf den erſten Blick erkennen zu machen. In fünf Minuten hatten ſie ſich die Hände geſchüttelt, hatte Jeder des Andern Angaben über ſeine perſönlichen Verhältniſſe gehört, hatten ſie die Einladung zum Predigen ergehen laſſen und angenom⸗ men und ſtanden überhaupt ſchon auf einem ganz ungezwungenen bequemen Fuße. Mr. Worden ſollte im Fort mit dem Kaplan zu Mittag ſpeiſen. Dann ſchritten wir weiter, der Herberge zu. „Beiläufig bemerkt, Mr.——,“ ſagte Mr. Worden in einer Parentheſe des Geſprächs,„die Familie Ten Eyck iſt vollkommen reſpektabel hier in Albany?“ 212 „Ganz gewiß, Sir,— eine Familie, die in hoher Achtung ſteht. Ich zähle darauf, daß Ihr mir Morgens und Abends Bei⸗ ſtand leiſtet, mein lieber Mr. Worden.“ Es iſt erſtaunlich wie die Geiſtlichkeit auf gegenſeitigen„Bei⸗ ſtand“ ſich verläßt! „Trefft Eure Einrichtungen ganz dieſer Vorausſetzung gemäß, mein lieber Collega— ich bin ganz friſch und habe einen guten Vorrath Predigten mitgebracht, da ich nicht wußte, wie Viel es ſonſt bei der Armee zu thun geben könnte. Corny,“ fuhr er in halb flüſterndem Tone fort,„Ihr könnt unſern neuen Bekannten zu wiſſen thun, daß ich mit ihnen zu Nacht eſſen will; und merkt es wohl!— laßt auch einen Wink gegen ſie fallen, daß ich ganz und gar keiner von den Puritanern ſey.“ 3 So fanden wir denn Alles auf dem beſten Wege, gleich in den erſten zwei Stunden nach unſerer Ankunft, ganz in die Geſell⸗ ſchaft in Albany eingeführt zu werden. Mr. Worden war einge⸗ laden am übernächſten Tage zu predigen, und war gleich für dieſen Tag zum Nachteſſen gebeten. Alles ſah glückverſprechend aus, und ich eilte voraus, um nachzuſehen, ob Guert Ten Eyck ſeinen verheißenen Beſuch abgeſtattet habe. Wie zuvor begegnete ich ihm auch jetzt wieder auf der Straße, und ſetzte ihn gebührend in Kenntniß, daß der Dominie die Aufforderung angenommen. Guert ſchien über dieſen Erfolg ſehr erfreut, und er verließ mich mit dem Verſprechen, pünktlich zu der genannten Stunde ſich einzufinden. Mittlerweile lag uns ob, zu Mittag zu eſſen. Das Mittageſſen war gut; und, wie Mr. Worden bemerkte, es war ein rechtes Glück, daß das Hauptgericht Wildpret war, eine ſo leicht zu verdauende Speiſe, daß ſie dem vollen Genuß des Nachteſſens ſehr wenig Eintrag zu thun drohte. Er wolle ſich deßwegen für das Mittageſſen an das Wildpret halten, erklärte er, und rieth uns allen Dreien, ſeinem Beiſpiel zu folgen. Aber gewiſſe hol⸗ ländiſche Gerichte zogen das Auge und den Gaumen Dirck's an, N—— 8 213 während Jaſon ſich an eine Schüſſel gehacktes Fleiſch von dieſer oder jener Gattung machte, von welcher er nicht abließ, bis er ſte ſo ziemlich verſorgt hatte. Was mich betrifft, ich geſtehe, das Wildpret war ſo nach meinem Geſchmack, daß ich mich ganz zu dem Pfarrer hielt. Wir tranken auch unſern Wein, und verließen den Tiſch zu guter Zeit, um nicht mit der Aufgabe des Abends in Colliſion zu kommen. Nach dem Mittageſſen wurde der Vorſchlag gemacht, mit ein⸗ ander einen Gang zu machen, um die Stadt weiter in Augenſchein zu nehmen und zu ſehen, ob wir nicht vielleicht einem Armeeliefe⸗ ranten begegneten, welcher Luſt hätte, Dirck und mir einen Theil unſerer Güter abzunehmen. Das Glück führte uns wieder Guert Ten Eyck in den Weg, welcher auf der öffentlichen Straße zu woh⸗ nen ſchien. Im Verlauf einer kurzen Unterredung, weliche ſich ent⸗ ſpann, um nicht ohne einen Gruß und ein Wort an einander vor⸗ beizugehen, ſprach ich zufällig den Wunſch aus zu erfahren, wo man wohl einige Pferde und zwei bis drei Schlittenlaſten Mehl, Schweinefleiſch u. ſ. w. abſetzen könnte. „Mein lieber Mr. Littlepage,“ ſagte Guert mit offenem Lächeln und freundſchaftlichem Händeſchütteln,„ich bin hoch erfreut, daß Ihr dieſer Dinge gegen mich Erwähnung gethan habt; ich kann Euch gerade zu dem Mann führen, den Ihr zu ſprechen wünſcht; zu einem gewichtigen Armeelieferanten, der Alles der Art aufkauft, wozu er nur gelangen kann.“ Natürlich war ich ſo ſehr erfreut als Guert es nur immer ſeyn konnte, und verließ meine Geſellſchaft mit der größten Eil⸗ fertigkeit, um mich ſogleich nach dem Bureau des Lieferanten zu begeben und Dirck begleitete mich. Unterwegs rieth uns unſer neuer Freund, nicht rückhaltig zu ſeyn in der Forderung des Preiſes, da ihn ja doch am Ende der König bezahle. „Reiche Käufer müſſen gut bezahlen,“ fügte er hinzu;„und ich kann Euch ſagen, was Euch vielleicht nützlich ſeyn dürfte zu —y qõ— wiſſen, daß erſt geſtern Befehle angekommen find, Alles der Art, was angeboten wird, zu kaufen. Bietet Schlitten und Geſchirr und Alles in Einem Haufen den Dienern des Königs an!“ Die Idee ſchien mir nicht übel und ich verſprach, ſie mir zu Nutze zu machen. Guert hielt vollkommen, was er verſprochen, und ich wurde bei dem Lieferanten in beſter Form eingeführt. Sobald ich meines Anliegens Erwähnung gethan, wurde ich aufgefordert, einen Boten in die Ställe zu ſchicken, damit mein Fuhrwerk, Ge⸗ ſpann und Alles ſofort ſich zeigten. Was die Artikel betraf, die noch unterwegs waren, ſo machten mir dieſe ſehr wenig Sorge. Der Lieferant kannte meinen Vater, und ſobald er hörte, daß Mr. Littlepage von Satanstoe der Eigenthümer der Mundvorräthe ſey, ſo kaufte er das Ganze auf die Garantie ſeines Namens hin. Für das Schweinefleiſch ſollte ich zwei halbe Joſephsſtücke für das Fäß⸗ chen bekommen und für das Mehl einen. Das war ein guter Han⸗ del. Die Pferde ſollten auch genommen werden, wenn ſie dienſt⸗ tüchtig ſeyen, woran der Lieferant nicht zweifelte, ſo wie auch die Rumpelſchlitten, obwohl die Preiſe nicht eher beſtimmt werden konn⸗ ten, als bis man alle die Thiere und ſonſtigen Gegenſtände geſehen und geprüft hatte. Es iſt zum Erſtaunen, wie der Krieg den Handel begünſtigt, ſo wie er andererſeits ihm nachtheilig iſt! Die Nachfrage nach Allem, was die Einſicht meines Vaters als verkäuflich vorausge⸗ ſehen hatte, war ſo groß, daß der Lieferant mir ganz offenherzig erklärte, die Schlitten würden in Albany gar nicht abgeladen, ſon⸗ dern weiter nördlich geſchickt werden auf der Linie, wo man er⸗ wartete, daß die Armee vorrücken würde, um dem Verſchwinden des Schnee's und dem Aufgehen der Straße zuvorzukommen. „Ihr ſollt reichlich für Eure Geſpanne, Geſchirre und Schlit⸗ ten bezahlt werden,“ fuhr er fort,„obgleich, ehe ich ſie geſehen, ſich keine Summe nennen läßt. Es ſind dieß keine Zeiten, wo die Operationen wegen einiger Thaler mehr oder weniger verzögert wer⸗ N HR 215 den dürfen, denn der Dienſt des Königs muß ſeinen Fortgang ha⸗ ben. Ich weiß recht gut, daß Major Littlepage und Oberſt Follock Beide verſtehen, was ſie vorhaben, und daß ſie uns die rechte Art Sachen geſchickt haben. Die Pferde ſind höchſt wahrſcheinlich etwas alt, aber ſchon gut für Einen Feldzug; beſſer vielleicht als wenn ſie jünger wären; und wären es die munterſten Hengſtfüllen, wir können doch weiter nichts mit ihnen anfangen. Dieſe Züge in den Wäldern ruiniren Menſchen und Thiere und koſten ganze Schätze von Geld. Ha! da kommt Euer Geſpann!“ Wirklich kam auch der Schlitten vom Gaſthaus herum gefah⸗ ren und wir gingen Alle hinaus, um die Pferde u. ſ. w. zu be⸗ ſehen. Jetzt wurde Guert eine wichtige Perſon. Im Kapitel der Pferde galt er als ein Orakel, und er ſchwatzte, bewegte ſich und geberdete ſich in jeder Hinſicht wie ein ſolches. Das Erſte, was er that, war, daß er vorn zu den Thieren hin trat und beiden nach einander ins Maul ſah. Die ſachverſtändige Art, wie er dieß that, die Kaltblütigkeit womit er ſich der Sache annahm, und die ſtatt⸗ liche, männliche Perſon und Geſtalt des auf eigene Fauſt bei dem Handel Mitſprechenden würden ihm ſofort eine gewiſſe Wichtigkeit und Einfluß auf das was hier vorging gegeben haben, wenn auch nicht ſein Ruf als Pferdekenner in dieſer Gegend des Landes weit und breit feſt gegründet geweſen wäre. „Auf mein Wort, zum Verwundern gute Mäuler!“ rief Guert, als er fertig war.„Ihr müßt Euer Korn ſchroten laſſen, Mr. Littlepage, ſonſt hätten ihre Zähne dabei nicht⸗ ſo gut bleiben können!“ „Welches Alter gebt Ihr den Thieren, Guert?“ fragte der Lieferant. „Das läßt ſich nicht ſo leicht ſagen, Sir. Ich gebe zu, daß es alte Pferde ſind: aber ſie mögen acht, oder neun, oder auch zehn Jahre alt ſeyn, nach dem was ſich aus den Zähnen abnehmen 216 läßt. Nach dem Ausſehen der Glieder ſollte ich denken, ſie möchten nächſtes Frühjahr neun Jahre alt ſeyn.“ „Das Sattelpferd iſt elf Jahre alt,“ ſagte ich,„und das Hand⸗ pferd, glaubt man, iſt—“ G „Pah, pah! Littlepage,“ unterbrach mich Guert, indem er mir zuwinkte, ſtill zu ſeyn,„Ihr mögt glauben, das Handpferd ſey zehn Jahre alt, aber ich würde es zu neun tariren.— Seine Zähne ſind vortrefflich und es hat nicht einmal Windgallen an den Füßen. Dieß Thier hat flämiſches Blut in den Adern.“ „Nun, und was ſagt Ihr, daß das Thier werth ſey, Maſter Guert?“ fragte der Lieferant, welcher ein gewiſſes Vertrauen zu ſeines Bekannten Urtheil zu haben ſchien, trotz ſeines freien und rückſichtsloſen Weſens.„Zwölf halbe Joſephsſtücke für Beide?“ „Das reicht nicht, Mr. Contraktor,“ verſetzte Guert den Kopf ſchüttelnd.„In Zeiten wie dieſe müſſen ſolche ſtarke Thiere, die noch dazu in ſo geſundem, ſtattlichem Zuſtand ſind, fünfzehn gelten.“ „Seyen es denn fünfzehn, wenn Mr. Littlepage einwilligt. Jetzt zu den Schlitten, Geſchirr und Häuten. Ich denke, Mr. Littlepage wird auch die Häute ablaſſen, da ſie ihm ohne den Schlit⸗ ten doch nichts nützen können?“ „Aber Euch etwa, Mr. Contraktor?“ fragte Guert etwas raſch.„Dieſe Bärenhaut ſticht mir gewaltig ins Auge, und wenn Mr. Littlepage eine Guinee dafür nehmen will, ſo iſt hier das Geld.“ Da dieß ein annehmlicher Preis war, ſo wurde er ange⸗ nommen, obwohl ich Guert die Bärenhaut als Geſchenk aufdrän⸗ gen wollte, zum Andenken an unſere ſo zufällige Bekanntſchaft. Dieſem Anerbieten jedoch widerſtand er mit Achtung, aber mit Feſtigkeit. Und hier will ich die Gegenheit ergreifen, damit nicht der Leſer irre geführt werde durch das, was man in fingirten, roman⸗ haften Geſchichten und andern leichten und müßigen Produktionen 217 findet, zu erklären, daß bei all meinem Verkehr und meinen ſpätern Verbindungen mit Guert ich ihn in Geldſachen ſtreng ehrenhaft ge⸗ funden habe. Es iſt wahr, ich würde kein Pferd auf ſeine Empfeh⸗ lung hin gekauft haben, wenn er der Eigenthümer des Thieres ge⸗ weſen wäre; aber wir wiſſen ja Alle, die beſten Männer wanken in ihrer Moral, wenn ſie ſich auf den Pferdehandel einlaſſen. Ich hätte faum von Mr. Worden erwartet, daß er bei ſolchen Käufen orthodor geblieben wäre. Aber in allen ſonſtigen Geldangelegen⸗ heiten war Guert Ten Cyck einer der ehrlichſten Kameraden, mit welchen ich je zu thun gehabt habe. Der Lieferant nahm den Schlitten, Geſchirr und Häute um weitere ſieben halbe Joſephsſtücke, ſo daß der ganze Betrag dreiundzwanzig aus⸗ machte. So hatte ich in der That zwei halbe Joſephsſtücke mehr erlöst, als mein Vater erwartet hatte; und ich verdankte den Ge⸗ winn von ſechszehn Dollars Guert's freundſchaftlicher und kecker Einmiſchung. Sobald die Preiſe beſtimmt waren, wurde mir das Geld in gutem ſpaniſchem Golde bezahlt; und ich händigte Dirck den Antheil ein, welcher ſeinen Vater traf. Da ausgemacht war, daß die übrigen Pferde, Schlitten, Geſchirr, Lebensmittel u. ſ. w. im Augenblick wo ſie ankämen, nach einer billigen Schätzung ge⸗ kauft werden ſollten, enthob das Geſchäft dieſer Einen Stunde meinen Freund und mich jeder weitern Mühe und Sorge, die uns anvertrauten Güter und Vorräthe betreffend. Und ein Troſt war es, ſo leichten Kaufs einer Verantwortlichkeit entledigt zu wer⸗ den, welche uns Beiden eben ſo neu war, als ſie ſchwer auf uns laſtete. Der Leſer wird ſich einen Begriff machen von dem Drang der Umſtände, und davon, wie ſehr man die Nothwendigkeit fühlte raſch zu Werke zu gehen im Monat März— einer Jahrszeit, wo vierundzwanzig Stunden eine Veränderung der Jahrszeit herbeifüh⸗ ren konnten— aus dem Umſtande, daß der Lieferant ſein neu an⸗ gekauftes Fuhrwerk von der Thüre ſeines Bureau's weg fortſchickte, um es beladen zu laſſen, mit dem Befehl ſich nach Norden zu be⸗ geben mit Vorräthen für ein Depot, welches er ſo nahe dem See George anlegte, als die Vorſicht dieß zu geſtatten ſchien, da die Franzoſen mit bedeutender Macht bei Ticonderoga und Crown⸗ Point ſtanden; zwei Poſten oben am Champlain, in einer Entfernung von weit nicht hundert Meilen von Albany. Was, ſo lange der Schnee liegen blieb, bis an den See George gebracht wurde, konnte dann mit der Armee weiter gebracht werden bei den zu erwartenden Operationen des bevorſtehenden Sommers, mittelſt der zwei Seen und ihrer nördlichen Oeffnungen.. „Nun Mr. Littlepage,“ rief Guert herzhaft,„dieſe Ange⸗ legenheit iſt gut ins Reine gebracht. Ihr habt gute Preiſe bekom⸗ men, und der König, hoffe ich, gute Pferde. Sie ſind vielleicht ein wenig ehrwürdig; aber was thut das? Die Armee würde das beſte und jüngſte Thier in der Colonie auf Einem Feldzug in den Wäldern aufreiben; und Schlimmeres kann dem aͤlteſten und ſchlechte⸗ ſten auch nicht widerfahren. Wollen wir auf die Hauptſtraße hin⸗ aus ſpazieren, Gentlemen? Dieß iſt ungefähr die Stunde, wo die jungen Damen ihre Nachmittagsſchlittenfahrt zu machen pflegen.“ „Ich vermuthe, die Ladies von Albany ſind ausgezeichnet durch ihre Schönheit, Mr. Ten Eyck,“ verſetzte ich, da ich einem Mann etwas Angenehmes zu ſagen wünſchte, der ſo befliſſen ſchien mir zu dienen.„Die Muſter die ich dieſen Morgen ſah, als ich den Fluß paſſirte, müſſen einen Fremden auf dieſen Glau⸗ ben bringen.“ „Sir,“ verſetzte Guert, auf die große Allee der Stadt zu ſchreitend, „wir ſind mit unſern Ladies zufrieden,— im Allgemeinen, denn ſie ſind reizend, von warmem Gefühl und liebenswürdig; aber es ſind die⸗ ſen Winter von Eurer Gegend her Gäſte bei uns angekommen, welche beinahe das Eis auf dem Hudſon ſchmelzen gemacht haben.“ Mein Herz pochte ſchneller, denn ich konnte mir nur Ein Weſen des ſchönen Geſchlechts denken, welches möglicherweiſe einen ſolchen 219 Eindruck hervorbringen konnte. Dennoch konnte ich mich nicht ent⸗ halten, geradezu eine weitere Frage deßhalb an ihn zu richten. „Aus unſerem Theile der Colonie, Mr. Ten Eyck!— Ihr meint vermuthlich aus New⸗York?“ „Ja, Sir, natürlich. Es ſind mehrere ſchöne engliſche Frauen mit der Armee hieher gekommen; aber kein Oberſt, Major oder Kapitän hat ſolche Wunder von Schönheit mit ſich gebracht, als Herman Mordaunt, ein Gentleman, der Euch vielleicht dem Na⸗ men nach bekannt iſt?“ „Auch perſönlich, Sir. Herman Mordaunt iſt ſogar ein Ver⸗ wandter von Dirck Follock, meinem Freunde hier.“ „Dann iſt Mr. Follock zu beneiden, daß er mit einer ſo rei⸗ zenden jungen Lady, wie Anneke Mordaunt auf dem Fuß von Couſin und Couſine verkehren kann.“ „Wahr, Sir, ſehr wahr!“ unterbrach ich ihn lebhaft;„An⸗ neke Mordaunt gilt für das reizendſte Mädchen in York!“ „Ich weiß nicht, ob ich ganz ſo weit gehen würde, Mr. Little⸗ page,“ verſetzte Guert, ſeine Wärme in einer Weiſe mäßigend, die mich ein wenig überraſchte, obgleich ſein ſchönes Geſicht noch glühte von aufrichtiger, natürlicher Bewunderung,„denn es iſt eine Miß Mary Wallace in ihrer Geſellſchaft, von welcher man hier in Al⸗ bany ebenſo große Stücke hält, als von ihrer Freundin Miß Mordaunt!“ Mary Wallace! der Gedanke, die ſchweigſame, nachdenkliche, obwohl vortreffliche Mary Wallace mit Anneke zu vergleichen, wäre mir nie in den Sinn gekommen! Und doch war Mary Wallace gewiß ein ſehr reizendes Mädchen. Sie war ſogar ſchön; ſie hatte einen friedlichen, heiligenartigen Geſichtsausdruck, der mir oft auf⸗ gefallen war, eine eigenthümliche ſchön entwickelte Geſtalt, und hätte wohl in jeder andern Geſellſchaft als in der Anneke'ns die ernſteſte Aufmerkſamkeit ſelbſt des wähligſten Beſchauers auf ſich ziehen müſſen. 2 220 Und Guert Ten Eyck bewunderte— liebte vielleicht— Mary Wallace! Das war alſo ein neuer Beweis, wie geneigt wir Alle find, die uns gerade Entgegengeſetzten zu lieben; enge Freundſchaften zu ſchließen mit Solchen die uns am wenigſten ähnlich ſind, ausgenom⸗ men die Grundſätze, denn die Tugend kann ſich nie an das Laſter anſchließen, und wie viel mehr Intereſſe die Neuheit in der menſch⸗ lichen Bruſt erregt, als die Wiederholung deſſen, woran man ge⸗ wohnt iſt. Nie konnien zwei Weſen einander weniger ähnlich ſeyn als Mary Wallace und Guert Ten Eyck; und doch bewunderte der Letztere die Erſtgenannte! „Miß Wallace iſt eine ſehr reizende junge Lady, Mr. Ten Eyck,“ antwortete ich, ſobald mein Erſtaunen mich zum Worte kommen ließ,„und es überraſcht mich nicht, Euch von ihr in Aus⸗ drücken ſo großer Bewunderung reden zu hören.“ Guert blieb mitten in der Straße plötzlich ſtehen, ſchaute mir voll in's Geſicht mit einem Ausdruck von Wahrheit, der unmöglich erheuchelt ſeyn konnte, preßte mir mit Heftigkeit und Wärme die Hand, und verſetzte mit einer wunderbaren Offenherzigkeit, die ich nicht hätte nachzuahmen vermocht, wenn man mir die ganze Welt ge⸗ boten hätte:„Bewunderung, Mr. Littlepage, iſt kein hinlänglich ſtarkes Wort zur Bezeichnung deſſen, was ich für Mary fühle! Ich würde ſie in der nächſten Stunde heirathen, und ſie mein ganzes übriges Leben hindurch lieben und hegen. Ich bete ſie an und möchte die Erde küſſen, die ſie betreten.“ „Und Ihr habt ihr dieß geſagt, Mr. Ten Eyck?“ „Wohl fünfzig Mal, Sir. Sie iſt jetzt ſeit zwei Monaten in Albany und meine Liebe ſtand binnen der erſten Woche unerſchüt⸗ terlich feſt. Ich fürchte nur, ich legte mich ihr zu bald zu Füßen; denn Mary iſt ein vorſichtiges, verſtändiges junges Frauenzimmer, und Mädchen von dieſem Charakter mißtrauen gern dem jungen Manne, welcher ihnen zu raſch entgegen kommt. Sie haben es — — ðàu xE— 221 gerne, Sir, wenn man ihnen ſieben Jahre dient, und wieder ſieben Jahre, wie Joſeph diente um Potiphar.“ „Ihr meint wahrſcheinlich, Mr. Ten Eyck, wie Jakob um Rahel diente.“. „Wohl, Sir, es mag ſo ſeyn wie Ihr ſagt, obgleich ich glaube, in unſern holländiſchen Bibeln ſtehe, daß Joſeph ſo um Potiphar gedient habe,— aber Ihr wißt ſchon was ich meine, Mr. Littlepage. Wenn Ihr die Ladies zu ſehen wünſcht und mit mir kommen wollt, ſo will ich Euch an einen Ort führen, wo Herman Mordaunt's Schlitten unfehlbar um dieſe Stunde vorbei kommt, denn die Ladies leben beinahe ganz in der freien Luft. Ich verſäume nie die Gelegenheit, ſie zu ſehen.“ Jetzt hatte ich den Schlüſſel zur Erklärung des Umſtandes, daß Guert ſich ſo viel auf der Straße umtrieb. Er hielt jedoch Wort, denn er ſtellte ſich mit mir in der Nähe der holländiſchen Kirche auf, wo ich bald das Glück hatte, Anneke und ihre Freun⸗ din auf ihrer Abendſchlittenfahrt vorbeikommen zu ſehen. Wie blühend und lieblich ſah die Erſtere aus! Der Mary Wallace Auge wandte ſich, und zwar mit Bewußtſeyn und Abſicht, wie mich be⸗ dünken wollte, nach dem Punkte, wo Guert ſich aufgeſtellt hatte, und ſie erröthete als ſie ſeine Verbeugung erwiederte. Aber das überraſchte Auffahren, das Lächeln und das aufleuchtende Auge Anneke'ns, wie ſie mich ſo unerwarteter Weiſe ſah, füllte meine Seele mit einer Wonne, faſt zu mächtig um ſie zu ertragen. 222 Zwölftes Kapitel. In die Köpfe ſteigt ihnen dann der Wein, Und hinaus drängt den Witz er zum Schwärmen, Uud ſtatt ſeiner zieht nun der Unſinn ein, Und die Späße erſticken im Lärmen. Die ſpaßhafte Geſellſchaft. Guert Ten Eyck ſah mich bedeutungsvoll an, als der Schlitten um eine Ecke des Gebäudes wirbelte und verſchwand. Dann ſchlug er vor, wir wollten weiter gehen. Als wir die Hauptſtraße hinauf ſchritten, war ich nicht wenig überraſcht über die Unterhaltung und Kurzweil, welche ich hier im Gange ſah, und an welcher mir alle jungen Leute der Stadt Theil zu nehmen ſchienen. Unter jungen Leuten verſtehe ich hier nicht Burſche von zwölf bis vierzehn Jah⸗ ren, ſondern Jünglinge von achtzehn bis zwanzig Jahren, und die Kurzweil beſtand darin, in Schlitten die Anhöhe herunter zu rutſchen. Die Anhöhe war ſehr ſteil, und lang genug, um den Schlitten recht in Schuß zu bringen, welcher eine kleine Strecke unter der engliſchen Kirche in Bewegung geſetzt wurde,— in einen Schuß, der ihn bis über die holländiſche Kirche hinab trieb, eine Entfernung von etwas mehr als eine Viertelmeile. Die dazu be⸗ nützten Handſchlitten waren nach Geſtalt und Bau den Körperver⸗ hältniſſen der darauf Fahrenden angemeſſen; und natürlich war kein New⸗Yorker, der nicht gelernt hätte, die Bewegung dieſer Fuhr⸗ werke zu lenken, und zwar mit der pünktlichſten Feinheit und größ⸗ ten Leichtigkeit ſelbſt wenn ſie die ſteilſte Höhe hinunter glitten. Als Kinder, oder als Knaben bis zum vierzehnten Jahre, hatten alle Mannsperſonen in der Colonie, und nicht wenige Frauenzim⸗ mer, ſich dieſe Kunſt zu eigen gemacht; aber dieß war der erſte Ort, wo ich je Erwachſene dieſe Kurzweil treiben ſah. Der zu⸗ fällige Umſtand, daß ein Berg von der Hauptſtraße eingenommen wurde, verbunden mit der Strenge des Winters, hatte erwachſenen 223 Leuten ein Vergnügen annehmlich gemacht, welches ſonſt ausſchließ⸗ lich nur von Kindern genoſſen wurde. Bis wir zur Höhe der engliſchen Kirche hinaufgeſtiegen waren, kam eine Geſellſchaft junger Offiziere vom Fort herab, luſtig von den Bechern und dem Geſang des Regimentstiſches. Sobald ſie den Abfahrtsplatz der Schlitten erreichten, bemächtigten ſich drei oder vier der Jüngeren eben ſo vieler Schlitten, und herab fuhren ſte, wie die Kugel aus dem Rohr. Niemand ſchien dieß ſonderbar zu finden; im Gegentheil, ich bemerkte, daß die älteren Leute mit einem wohlgefälligen und beifälligen Ernſt zuſahen, welcher anzu⸗ deuten ſchien, wie lebhaft ihnen dieß Schauſpiel die Tage ihrer eignen Jugend in die Erinnerung zurückrufe. Ich kann jedoch nicht ſagen, daß die Fremden ſonderlich glücklich geweſen wären in Hand⸗ habung und Leitung ihrer Schlitten, denn meiſt blieben ſie damit ſitzen, ehe ſie den Fuß des Berges erreicht hatten. „Wollt Ihr auch einen Schlitten nehmen, Mr. Littlepage?“ fragte mich Guert mit höflichem Ernſt, welcher zeigte, wie ernſthaft er dieſe Kurzweil nahm.„Hier iſt ein großer und ſtarker Schlitten, der eine doppelte Laſt tragen kann, und Ihr dürft Euch mir ſicher anvertrauen, wenn auch ein Regiment Cavallerie unten in Parade da ſtände.“ „Aber ſind wir nicht ein wenig zu alt für eine ſolche Unter⸗ haltung in den Straßen einer großen Stadt, Mr. Ten Eyck?“ antwortete ich in zweifelndem Tone, indem ich mich mit unſicherm Weſen umſah, wie Einer, der ſich Etwas nicht recht getraut, und doch Bedenken trägt, eine ablehnende Antwort zu geben.„Die kö⸗ niglichen Offtziere, wißt Ihr, ſind privilegirte Leute.“ „Niemand hat ein höheres Privilegium, ſich der Straßen von Albany zu bedienen, als Mr. Cornelius Littlepage, Sir, das kann ich Euch verſichern. Die jungen Ladies beehren mich oft mit ihrer Geſellſchaft und noch nie hat ſich ein Unfall ereignet.“ 224 „Und wagen die jungen Ladies dieſe Straße hinab zu fahren, Mr. Ten Eyck?“ „Nicht oft, Sir, das gebe ich Euch zu; aber doch iſt es auch ſchon geſchehen in Mondſcheinnächten. Es gibt jedoch einen abge⸗ legeneren Ort, nicht weit von dieſer Straße entfernt, welchen die Frauenzimmer vorziehen. Seht, Mr. Littlepage!— da gleitet der ehrenwerthe Kapitän Monſon, vom—— ten Regiment, herab, und er wird den Berg drunten und wieder oben ſeyn, ehe wir abfahren, wenn Ihr Euch nicht beeilt. Nehmt Euren Sitz ein, nach Damen⸗ art, und überlaßt mir die Führung des Schlittens.“. Was konnte ich machen? Guert war ſo gar höflich geweſen, es war ihm jetzt ſo ſehr Ernſt, Jedermann ſchien es von mir zu erwarten, und der ehrenwerthe Kapitän Monſon war ſchon hundert Schritte weit auf ſeiner Fahrt den Berg hinab, mit der Geſchwin⸗ digkeit eines Pfeiles dahin ſchießend. So nahm ich denn meinen Sitz ein und ſtellte meine Füße zuſammen auf den vordern Bogen nach Damenart, wie ich angewieſen war. In einem Augenblick war Guert's männliche Geſtalt hinter mir, ein Bein auf jeder Seite des Schlittens ausgeſtreckt, deſſen Lenkung, wie jeder nördlich vom Potomak geborene Amerikaner wohl weiß, durch leichte Berührun⸗ gen des Bodens mit den Ferſen geſchieht. Guert rief den Knaben zu ihm Bahn zu machen, und hinab ſchoßen wir wie das Schiff vom Stapel in ſein ihm beſtimmtes Element, nach dem Ausdruck der Dichter. Wir ſtießen glücklich ab und verließen den Platz wie der Pfeil vom Bogen fliegt. Soll ich die Wahrheit ſagen, und bekennen, daß ich einen Augenblick Vergnügen fand an der Aufregung, welche die ſchnelle Bewegung verurſachte, das Wettrennen, das wir mit einem andern Schlitten anſtellten, und die Geſchicklichkeit und Sicherheit, womit Guert, beinahe ohne den Boden zu berühren, uns unverletzt durch verſchiedene enge Paſſagen und an der Reihe von mit Holz und Wildpret beladenen Schlitten vorbei ſteuerte, ſo daß wir faſt die — — π☛⏑—+——— 225 Naſen ihrer Pferde ſtreiften. Ich vergaß, daß ich dieſe ſeltſame Schauſtellung meiner eignen Perſon an einem fremden Ort und in der Geſellſchaft eines beinahe Fremden zum Beſten gab. So ſchnell jedoch war die Bewegung des Schlittens, daß die Gefahr, erkannt zu wer⸗ den, nicht ſehr groß war, und ſo Viele waren da, welche die Auf⸗ merkſamkeit der Anweſenden theilten, daß der tolle Streich ganz überſehen worden ſeyn würde, ohne einen höchſt unerwarteten und unerwünſchten Zufall. Wir hatten mit beſtem Glück den ganzen Raum zwiſchen den beiden Kirchen durchflogen,— unter dem lau⸗ ten und gellenden Zuruf einiger geſetzten, ernſten, reſpektabel aus⸗ ſehenden alten Bürger:„Bravo Guert!“— denn Guert ſchien der allgemeine Liebling zu ſeyn, wenigſtens im Punkte der Kurzweil und luſtigen Streiche,— als wir, um eine Ecke des alten hollän⸗ diſchen Tempels biegend, in der ehrgeizigen Abſicht daran vorbei zu fliegen und noch weiter hinab und den Uferdamm hinauf zu fahren, uns in drohendſter Gefahr ſahen, unter die Vorderfüße zweier ſchäumenden Roſſe zu gerathen, welche mit einem Schlitten um eben dieſe Ecke der Kirche herum brausten. Nichts rettete uns als Guert's Geiſtesgegenwart und phyſiſche Stärke. Indem er eine Ferſe in den Schnee hineinſtieß, bewirkte er, daß der Schlitten in einem rechten Winfkel von ſeiner frühern Bahnlinie weg, und wir herunter flogen, kopfüber kopfunter, ohne viele Rückſicht auf An⸗ ſtand in Stellung und Lage; der Neger, welcher den Schlitten kut⸗ ſchirte, zog in demſelben Augenblick den Zügel ſo heftig an, daß ſeine Pferde ſich auf die Hanken ſetzten. Das Ergebniß dieſer Be⸗ wegungen zuſammen war, daß Guert und ich dergeſtalt hinunter⸗ rollten, daß wir gerade neben dem Schlitten wieder auf unſere Füße zu ſtehen kamen. Wirklich legte ich, als ich aufſtehen wollte, eine Hand auf die Seite des Fuhrwerks, um mir ſo einen Halt zu geben bei meinem Beſtreben. Welch ein Anblick bot ſich meinen Augen dar! Vorn ſtand der Neger, von einem Ohr bis zum andern grinſend; denn ihm ſchien Satanstoe. 15 226 jeder Unſtern, welcher den Schlittenrutſchern zuſtieß, ein ganz na⸗ türlicher Anlaß zur Luſtigkeit. Wer hätte nicht gelacht, ſo oft er einen Schlitten umſtürzen geſehen?— und es war demgemäß ganz in der Ordnung, zu lachen bei einem Schauſpiel, wo zwei erwach⸗ ſene Knaben von einem Handſchlitten herunter purzelten. Ich hätte den Schuft von Herzen gern zu Boden ſchlagen mögen, aber es wäre nicht angegangen eine Luſtigkeit zu ahnden, welche einen ſo vollgültigen Grund hatte. Wäre ich aber auch geneigt geweſen an⸗ ders zu handeln, ſo wäre die erforderliche Kraft und der Muth, um ſo Etwas zu thun, ganz in mir vernichtet geweſen durch den Um⸗ ſtand, daß ich mich, nur drei Fuß entfernt, gerade Anneke Mor⸗ daunt und Mary Wallace gegenüber ſah! Die Beſchämung, ſo ertappt und entdeckt zu werden bei dem unglücklichen Ausgang eines ſo knabenhaften Schlittenfluges überwältigte mich Anfangs beinahe. Was Guert's Empfindungen waren, weiß ich nicht, aber einen Au⸗ genblick wünſchte ich ihn in die tiefſte Tiefe des Hudſon, und ganz Albany, ſeine holländiſche Kirche, Schlitten, Berg und ſchmau⸗ chende Bürger mit eingeſchloſſen, hinter ihm drein. „Mr. Littlepage!“ entfuhr den roſigen Lippen Annekens, in einem Tone, der nicht zu mißdeuten war. „Mr. Guert Ten Eyck!“ rief Mary Wallace, in einem Ton und mit einem Weſen, welche Unmuth verriethen. „Zu Euren Dienſten, Miß Mary!“ verſetzte Guerk, der etwas verdutzt ausſah über den Ausgang ſeines Unternehmens, obwohl aus einem Grunde, den ich zuerſt nicht begriff, indem er ſich zu⸗ gleich den Schnee von der Mütze wiſchte;„zu Euren Dienſten jetzt und immerdar, Miß Mary. Aber glaubt ja nicht, es ſey Unge⸗ ſchicklichkeit geweſen, was dieſen Zufall verurſacht hat, ich bitte Euch darum. Es war ganz und gar die Schuld des Knaben, wel⸗ cher aufgeſtellt iſt, um ein Zeichen zu geben, wenn Schlitten unter der Kirche herankommen, und der ſeinen Poſten verlaſſen haben muß. Wenn irgend einmal Eine von Euch jungen Ladies mir die 8x N R+⏑— RK—— α 227 Ehre erzeigen will, einen Sitz auf meinem Schlitten einzunehmen, ſo will ich meinen guten Namen als ein Albanier verpfänden, ſie an den Fuß des höchſten und ſteilſten Berges in der Stadt her⸗ unterzuſteuern, ohne daß ihr ein Band verrückt werden ſoll.“ Mary Wallace antwortete Nichts, und es wollte mich bedün⸗ ken, ſie ſehe etwas traurig aus. Es iſt möglich, daß Anneke ihre Empfindung bemerkte und verſtand, denn ſte antwortete mit einer Lebhaftigkeit, die ich früher nie an ihr bemerkt hatte: „Nein, nein, Mr. Ten Cyck,“ ſagte ſie,„wenn Miß Wallace oder ich den Wunſch haben ſollten, auf dem Schlitten den Berg herab zu rutſchen und wieder kleine Kinder zu werden, ſo werden wir uns Knaben anvertrauen, welche vermöge beſtändiger Uebung vermuthlich erfahrener ſeyn werden, als Männer es ſeyn können, welche die Zeit gehabt haben, die Gewohnheiten ihrer Kinderjahre zu vergeſſen. Pompejus, wir wollen nach Haus zurückfahren.“ Die kalte Verbeugung des Hauptes, welche auf dieſe Worte folgte, und die doch noch artig genug war, um die Geſetze der Höflichkeit nicht zu verletzen, zeigte nur zu deutlich, daß weder Guert noch ich durch dieſe knabenhafte Schauſtellung ſeiner Geſchick⸗ lichkeit mit dem Handſchlitten in der Achtung unſrer Angebeteten geſtiegen waren. Wären die beiden jungen Ladies Albanierinnen ge⸗ weſen, ſo hätten ſie vermuthlich über unſer Mißgeſchick gelacht; aber da kein hoher Berg gerade nach New⸗York ſich hineinzog, herrſchte der in Albany übliche Brauch in der Hauptſtadt nicht. Nur kleine Knaben bedienten ſich in jener Gegend der Colonie des Handſchlittens, während bei den ſtabileren und beharrlicheren Hol⸗ ländern der Geſchmack daran ſich länger erhielt. Natürlich blieb uns Nichts weiter zu thun übrig, als tiefe Bücklinge zu machen und den Neger fortfahren zu laſſen. „Da haben wir's, Littlepage,“ rief Guert mit einer Art von Seufzer;„jetzt werde ich die ganze nächſte Woche nur eiskalte Blicke bekommen, und das Alles nur darum, weil ich den Berg vier oder 228 fünf Jahre älter, als die Regel iſt, hinabgefahren bin. Jedermann hier herum beluſtigt ſich mit dem Handſchlitten bis ins achtzehnte Jahr oder ſo, und ich bin erſt fünfundzwanzig alt. Bitte, wie alt ſeyd denn auch Ihr, mein lieber Kamerad?“ „Einundzwanzig, erſt ſeit etwa einem Monat. Ich wünſchte von ganzem Herzen, ich wäre erſt zehn.“ „Alſo um die Ecke herum!— nun, das iſt unglücklich; aber wir müſſen die Sache ſo gut drehen und wenden, als wir können. Mein Geſchmack ſind Poſſen, und das habe ich der Miß Wallace öfters geſtanden; aber ſie erklärt mir, nach einer gewiſſen Altersperiode ſollten Männer ihre Blicke auf ernſtere Dinge richten und an ihr BVaterland denken. Sie hat mir ſchon einmal eine Vorleſung ge⸗ halten über den Gegenſtand des Schlittenrutſchens, obwohl ſie zugibt, daß Schlittſchuhlaufen eine männliche Uebung iſt.“ „Wenn eine Lady ſich die Mühe nimmt, Einem eine Vorleſung zu halten, ſo iſt das ein ſicheres Zeichen, daß ſie einiges Intereſſe für ihn hat.“ „Bei St. Nicolas! daran habe ich nicht gedacht, Littlepage!“ ſchrie Guert, der trotz der großen Vortheile, die ihm ſein Geſicht und ſeine Geſtalt gaben, dennoch, wie ſich zeigte, weniger Eitelkeit auf ſeine Perſon hatte, als faſt jeder andere Mann, der mir vor⸗ gekommen.„Eine Vorleſung hat ſie mir gehalten, und das mehr als Einmal!“ 3 „Die Lady, die mir eine Vorleſung hält, Sir, wird meiner gewiß am Ende derſelben nicht los!“ „Das iſt männlich gedacht! Das gefällt mir, Littlepage; und Ihr gefallt mir auch. Ich ſehe voraus, wir werden vertraute Freunde werden; und wir wollen ein ander Mal mehr von dieſer Sache ſprechen. Nun, Mary hat mir vom Krieg geſprochen und darauf hingedeutet, daß ein unverheiratheter Mann wie ich, dem die ganze Welt offen ſteht, wohl etwas thun könnte, ſeinen Namen in ihr bekannt zu machen. Mir geſiel das nicht; denn ein Mäd⸗ »„——,— 229 chen, das einen jungen Burſchen liebte, würde nicht wünſchen, daß er todt geſchoſſen würde.“ „Ein Mädchen, das kein Intereſſe für ihren Anbeter hätte, Mr. Ten Eyck, würde nicht darnach fragen, ob er Etwas thue oder nicht. Aber ich muß Euch jetzt verlaſſen, da ich mich verpflichtet habe, um ſechs Uhr bei Mr. Worden in dem Gaſthauſe zu ſeyn.“ Guert und ich ſchüttelten uns jetzt, zum zehnten oder zwölften Mal an dieſem Tage, die Hände, und trennten uns mit der Ver⸗ abredung, daß er bei uns vorſprechen ſolle, um unſere Geſellſchaft zu dem Nachteſſen zu begleiten, um die früher ſchon feſtgeſetzte Stunde. Als ich dem Gaſthaus zuſchritt, ſann ich in höchſt ärger⸗ licher und mißmuthiger Stimmung über das ſo eben Vorgefallene nach. Daß Anneke Mißfallen an der Sache empfunden, war nur allzu ſichtbar; und ich fürchtete ſehr, ihr Mißfallen ſey nicht ganz ohne eine Beimiſchung von Verachtung. Was Guert betraf, ſo ſchien mir ſein Fall nicht halb ſo verzweifelt zu ſtehen als der mei⸗ nige; denn es war gar nichts Unnatürliches, ſondern gewiſſermaßen gerade das Gegentheil, wenn Frauen von Verſtand und geſetztem Weſen, falls ſie einen jungen Mann von entgegengeſetzter Gemüths⸗ art gerne ſehen— und ich erinnerte mich, von meinem Großvater gehört zu haben, daß dieß nicht ſelten der Fall ſey,— ihre Anbeter in ihren Lebensbeſtrebungen und ihrem Charakter zu heben ſuchten. Hätte Anneke ſich die Mühe genommen, mir Vorſtellungen zu ma⸗ chen über die Thorheit deſſen, was ich gethan, ſo hätte ich wieder Muth gefaßt; aber die kalte Gleichgültigkeit ihres Benehmens, um nicht zu ſagen: Verachtung, ſchnitt mir tief und bitter ins Herz. Es iſt wahr, Anneke ſchien mehr für ihre Freundin zu fühlen; aber ich konnte die Miene der erſtaunten Ueberraſchung nicht miß⸗ deuten, womit ſie mich, Cornelius Littlepage, unter ihrem Schlit⸗ ten aufſtehen, und mich den Schnee von meinen Kleidern wegbürſten ſah, mich großes Kalb, das ich war! Kein Mann kann es ertra⸗ gen, lächerlich zu werden in Gegenwart der Geliebten! In der Nähe des Gaſthauſes begegnete ich Dirck, ſein ganzes Geſicht leuchtend im Ausdruck der Freude. „Ich bin ſo eben Anneke und Mary Wallace begegnet!“ ſagte er,„und ſie ließen ihren Schlitten halten, um mit mir zu ſprechen. Herman Mordaunt iſt ſchon den halben Winter hier und er gedenkt den größten Theil des Sommers zu bleiben. Es wird dieß Jahr kein Lilaksbuſh geben, ſagten mir die Mädchen, aber Herman Mordaunt hat ein Haus gemiethet, wo er mit ſeinen eigenen Die⸗ nern wohnt, und ſich ſein Fleiſch im eigenen Topfe ſiedet, wie er es nennt. Wir werden da natürlich ganz zu Hauſe ſeyn, denn Ihr ſteht in ſo hohen Gunſten, Corny, ſeit jener Geſchichte mit dem Löwen! Anneke habe ich nie ſo ſchön geſehen, wie heute.“ „Hat Miß Mordaunt geſagt, ſie werde ſich freuen, uns auf dem alten Fuß wieder zu ſehen, Dirck?“ „Ob ſie das geſagt?— Ich denke wohl. Sie ſagte: ich werde mich freuen, Euch zu ſehen, Couſin Dirck, ſo oft Ihr kommen könnt, und ich hoffe, Ihr werdet manchmal den Geiſtlichen mit⸗ bringen, von welchem Ihr geſprochen habt.“ „Aber Nichts von Jaſon Newcome oder Corny Littlepage? Sagt mir die Wahrheit gerade heraus, Dirck; mein Name ward nicht genannt?“ „Doch genannt wurde er; ich nannte ihn mehrere Male, und erzählte ihnen, wie lange wir unterwegs geweſen, und wie Ihr kutſchirtet, und wie Ihr den Schlitten ſammt den Pferden ſchon verkauft habet, und ein Dutzend andre Sachen. Oh! wir ſprachen gar Viel von Euch, Corny; das heißt, ich, und die Mädchen hörten zu.“ „Ward mein Name ausdrücklich genannt, Dirck, von einer oder der andern der jungen Ladies?“ „Ganz gewiß; Anneke hatte Etwas über Euch zu ſagen, ob⸗ gleich es ſo gar nicht in den Gang des Geſprächs hereingehörte, daß ich Euch im Augenblick kaum ſagen kann, was es war. Oh, jetzt erinnere ich mich; ſie ſagte:„Ich habe Mr. Littlepage geſehen 231 und ich meine, er ſey gewachſen ſeit wir zuletzt zuſammen waren; er verſpricht über kurz oder lang ein Mann zu werden.’ Was konnte das meinen, Corny?“ „Daß ich ein Narr bin, ein großer, vollausgewachſener Knabe und wünſche, daß ich Albany nie geſehen hätte; das meint es. Kommt, laßt uns hineingehen; Mr. Worden wird uns erwarten. Ha, Wer Teufels iſt das, Dirck?“ Ein lauter holländiſcher Ausruf entfuhr Dirck, ohne daß er beachtete, daß er ſich auf der Straße befand, und ſein ganzes Ge⸗ ſicht ſtrahlte auf in hellem, theilnehmenden Lächeln. Ich war eines Schlittens anſichtig geworden, welcher die Anhöhe hinunterglitt, die wir langſam hinauf ſtiegen, und welcher an uns vorbeiflog gerade als jene Worte aus meinem Munde gingen. Es ſaß Niemand dar⸗ auf als Jaſon, welcher ebenſo entzückt ſchien von der Unterhaltung als irgend ein anderer großgewachſener Knabe auf dem Berge. Dahin flog er, den Stülphut hoch auf dem Haupte, darunter den erbſengrünen Rock und die geſtreiften wollenen Strümpfe und die ſchweren überſilberten Schnallen auf beiden Seiten hinausgeſtreckt, die Bewegungen des Schlittens lenkend mit der Sicherheit eines mit der Sache ganz vertrauten Jungen. „Das muß ein kapitaler Spaß ſeyn, Corny!“ ſagte mein Be⸗ gleiter, der ſich kaum zu halten wußte in der Freude, die er em⸗ pfand.„Ich habe große Luſt ſelbſt auch einen Schlitten zu ent⸗ lehnen und eine Fahrt zu machen.“ „Aber ja nicht, wenn Ihr die Abſicht habt, die Miß Mordaunt zu beſuchen, Dirck. Nehmt mein Wort darauf, ſie ſieht es nicht gern, wenn Männer die Kurzweil von Knaben nachmachen.“ Dirck ſtarrte mich an, aber da er von Natur ſchweigſam war, ſagte er Nichts, und wir traten in das Haus. Dort fanden wir Mr. Worden, eine alte Predigt überleſend, die er für den nächſten Sonntag bereit hielt; und ſich hinſetzend, begann er über die Stadt und ihre Vortheile vergleichende Betrachtungen anzuſtellen. Der 232 Geiſtliche war ganz in Entzücken. Was die Holländer betraf, ſo kümmerte er ſich nicht viel um ſie und hatte nur Wenige derſelben geſehen, ganz in der Art eines Hauptſtadtbewohners ſie überſehend; aber er hatte ſo viele engliſche Offiziere getroffen, hatte ſo viel vom Mutterlande gehört und ſo viele Einladungen erhalten, daß ſein Feldzug Nichts als Annehmlichkeiten verſprach. Wir ſaßen da, über dieſe Dinge plaudernd, bis der Thee gebracht wurde, und nachher noch ein paar Stunden. Meine Verkäufe wurden gerühmt, meine raſche Gewandtheit— die raſche Gewandtheit Guert's wäre richti⸗ ger geweſen— wurde geprieſen, und man ſagte mir, meine Eltern ſollten den ganzen Verlauf der Sache getreulich erfahren. Kurz, unſer Mentor, weil er für ſeine Perſon in guter Laune und Stim⸗ mung war, war geneigt, auch gegen jeden Andern die freundlichſte Stimmung und Geſinnung zu zeigen. Zu der verabredeten Stunde kam Guert, um uns an den Ort der Zuſammenkunft zu begleiten. Er war höflich, aufmerkſam und ſo friſch und frei wie die Luſt, die er athmete, in ſeinem Beneh⸗ men. Mr. Worden fand ausnehmend Geſchmack an ihm, und man ſah bald, daß er und der junge Ten Cyck leicht die beſten Freunde werden dürften. „Ihr müßt wiſſen, Gentlemen, daß die Geſellſchaft, zu welcher ich Euch einzuladen die Ehre gehabt habe, aus einigen der tüchtig⸗ ſten, herzhafteſten jungen Männern in Albany, wo nicht in der Co⸗ lonie, beſtehen wird. Wir kommen jeden Monat einmal zuſammen im Hauſe eines alten Junggeſellen, welcher zu uns gehört, und hoch erfreut ſeyn wird, mit Euch, Mr. Worden, über die Religion ſich unterhalten zu können. Mr. Van Brunt iſt ſehr bewandert in der Religion und wir machen ihn zum Schiedsrichter in allen unſern Streitigkeiten und Wetten auf dieſem Gebiete.“ Dieß klang etwas ominös, wie mir ſchien; aber Mr. Worden war nicht der Mann, der ſich durch ein halb Dutzend unüberlegte Worte von einem guten warmen Nachteſſen wegſchrecken ließ. Er 233 konnte ſelbſt eine religiöſe Erörterung ertragen, wenn er eine ſolche Ausſicht vor ſich hatte. Er ſchritt Seite an Seite mit Guert wei⸗ ter, und bald befanden wir uns an der Thüre des Hauſes Mr. Van Brunt's, des Baccalaureus“ der Theologie, wie ich ihn witziger Weiſe nannte. Guert trat hinein ohne anzupochen, und führte uns zu unſerm quasi-Wirth. Wir fanden in dem Zimmer eine Geſellſchaft von gerade zwölf Perſonen, Guert mit eingeſchloſſen; denn dieß war die Zahl des Clubs. Es fuhr mir, auf den erſten Blick, der Gedanke durch den Kopf, daß die ſämmtliche Geſellſchaft das Ausſehen von Bergher⸗ abrutſchern habe, und daß wir vermuthlich die ganze Nacht opfern würden. Meine Bekanntſchaft mit Dirck und überhaupt meine Verwandtſchaft und Verbindung mit dem alten Stamme hatten mich mit einer gewiſſen Eigenthümlichkeit im holländiſchen Charak⸗ ter hinlänglich vertraut gemacht. Nüchtern, geſetzt, ja phlegmatiſch, wie ſie gewöhnlich zu ſeyn ſchienen, trieben ſie es in ihren luſtigen lärmenden Gelagen ziemlich hoch und toll, wenn einmal ein rechter Anfang gemacht war. Wir waren der Meinung, daß ein junger Burſch von dem alten Stamme in Weſt⸗Cheſter drunten Zweien vom Anglo⸗Sächſiſchen Stamme vollkommen gewachſen ſey, wenn es zu einem harten Strauß bei Tiſche kam; denn keine gewöhnliche Kurzweil und Tollheit befriedigte die kecken Phantaſien eines ein⸗ mal aufgeregten, in Zug gekommnen Holländers. Die Tradition hatte mich in eine Menge Geheimniſſe, ihre Erceſſe betreffend, ein⸗ geweiht, und ich hatte oft von den jungen Albaniern reden gehört, als Solchen, welche es zu dem höchſten Punkte, zur höchſten Mei⸗ ſterſchaft gebracht. Nichts konnte jedoch anſtändiger und rückſichtsvoller ſeyn, als unſre Einführung und unſer Empfang. Die jungen Männer ſchie⸗ nen ganz beſonders vergnügt darüber, einen Geiſtlichen in ihrer * Bachelor heißt Junggeſelle und zugleich Bacealaureus,— ein akademi⸗ ſcher Grad. Geſellſchaft zu ſehen, und ich zweifle nicht, die Abſicht war, daß der Abend in ungewöhnlicher Nüchternheit und Mäßigkeit hinge⸗ bracht werden ſollte. Ich hörte das Wort„Dominie“ von Mund zu Mund flüſtern, und es war leicht zu ſehen, welchen Eindruck es machte. Die meiſten Augen hefteten ſich auf Van Brunt, einen etwas diſſolut ausſehenden, vierſchrötigen Mann von etwa fünfund⸗ vierzig Jahren, mit einem rothen Geſicht, welcher die Entſchuldi⸗ gung für ſeinen Umgang mit ſo viel jüngeren Männern in ſeinen Lebensgewohnheiten und vielleicht in der Nothwendigkeit des Falles zu finden ſchien, da Männer von ſeinen Jahren wohl ſchwerlich an ſeiner Geſellſchaft Geſchmack fanden. „Aber Gentlemen, es iſt ein trockenes Geſchäft, ſo dazuſtehen und einander anzuſehen,“ bemerkte Mr. Van Brunt;„und wir wollen etwas Punſch trinken, um unſre Herzen ebenſo wie unſre Kehlen anzufeuchten. Guert, dort iſt der Krug.“ Guert war nicht faul mit dem Kruge, und Jeder bekam ſein Glas Punſch,— ein Getränke, das damals, wie auch noch jetzt, in der Colonie ſehr gebräuchlich war. Ich muß geſtehen, daß die Miſchung mit großer Sachkunde zuſammengebraut war, obwohl ich, ſobald ich nur mein Glas geleert hatte, bemerkte, daß der Punſch verdammt ſtark war. Anders verhielt es ſich mit Guert. Nicht nur Ein Glas leerte er, ſondern er ſchüttete, raſch auf einander, zwei hinunter, wie Einer, der argen Durſt hat; und dabei ſtand er in ſchöner, männlicher, aufrechter Stellung da, wie ein Mann, der mit Etwas tändelt, was ſeine Kraft nicht halb in Anſpruch nimmt. Der Krug, obwohl ſehr groß, ward auf dieſen Einen Angriff ge⸗ leert, und zum Beweis hievon ward er von Guert ſelbſt umgeſtürzt. Nun folgten Geſpräche, meiſt in engliſcher Sprache geführt, aus Rückſicht für den Dominie, von welchem man nicht vorausſetzte, daß er Holländiſch verſtehe. Dieß jedoch war ein Irrthum, denn Mr. Worden kam ganz ordentlich in dieſer Sprache fort, wenn er es verſuchte. Ich ward beglückwünſcht wegen der Verkäufe, die ich e——=—— 23⁵ mit dem Contraktor abgeſchloſſen, und viele freundliche und gaſt⸗ liche Verſuche wurden gemacht, mich in herzlicher und zutraulicher Weiſe unter Fremden willkommen zu heißen. Ich geſtehe, ich ward gerührt durch dieſe ehrlichen und aufrichtigen Bemühungen, es mir recht heimiſch zu machen, und als ein zweiter Krug mit Punſch herbeigebracht wurde, nahm ich recht gerne noch ein Glas, während Guert, wie gewöhnlich, zwei trank; aber das Getränke, das er zu ſich nahm, brachte, wie ich ſpäter bei vielen Gelegenheiten mich über⸗ zeugte, bei ihm ſo wenig irgend welche ſichtbare phyſiſche Wirkun⸗ gen und Folgen hervor, als wenn er Nichts geſchluckt hätte. Guert war kein Trunkenbold, keineswegs; er konnte nur Alle um ihn her⸗ um unter den Tiſch trinken und ſelbſt feſt auf ſeinem Stuhl ſitzen bleiben. Solche Leute entgehen gewöhnlich der Beſchuldigung, Säu⸗ fer zu ſeyn, obwohl ſie ſehr häufig am Schluß ihrer Laufbahn ihre frühern Erfolge und Großthaten zu büßen haben. Es ſind dieß die Männer, die mit Sechzig, wo nicht noch früher, zuſammenbre⸗ chen, und an Gicht, Lähmungen und Unverdaulichkeit und andern ähnlichen Uebeln zu leiden haben. Dieß war der Stand der Dinge, und die Geſellſchaft kam all⸗ mählig in eine ſehr vergnügte Stimmung, als Guert aus dem Zimmer gerufen wurde von einem der Schwarzen, der, während er ſich ſeines Auftrags entledigte, ein höchſt ominöſes Geſicht machte. Er war kaum einen Augenblick weg, als er wieder zurückkam mit einem gewiſſen Ausdruck von Beſtürzung in ſeinem ſchönen Geſicht. Mr. Van Brunt ward in eine Ecke gerufen, wo noch zwei oder drei der Hauptperſonen ſich bald in lebhaftem Geſpräche, in halb flü⸗ ſterndem Tone geführt, ſammelten. Ich ſaß dieſer Gruppe ſo nahe, daß ich gelegentlich ein paar Worte hörte, ohne jedoch den Schlüſ⸗ ſel zum Ganzen finden zu können. Die Worte, die ich vernahm, waren:„der alte Cuyler,“—„fapitales Nachteſſen,“—„Wildpret und Enten,“—„Rebhühner und Wachteln,“—„kennt uns Alle,“ —„geht nimmermehr an,“—„der Dominie der Mann,“— 236 „Fremde,“—„Wie es machen?“ und verſchiedne andere Ausdrücke, welche mir den unbeſtimmten Eindruck machten, daß unſer Nacht⸗ eſſen aus irgend einem Grunde in großer Gefahr ſchwebe; aber was der Grund ſeyn möge, konnte ich nicht errathen. Guert war offen⸗ bar die Hauptperſon bei dieſer Berathung, und Alle ſchienen ſeinen Vorſchlägen mit Aufmerkſamkeit und Achtung zu lauſchen. End⸗ lich trat unſer Freund aus dem Kreiſe heraus, und theilte uns die obwaltende Schwierigkeit in höflicher, gefaßter Weiſe mit folgenden Worten mit: „Ihr müßt wiſſen, Hochwürdiger Mr. Worden und Mr. Litt⸗ lepage und Mr. Follock, und Mr. Neweome, daß wir jungen Leute in Albany gewiſſe eigenthümliche Bräuche unter uns haben, welche Euch Gentlemen in der Nähe der Hauptſtadt vielleicht nicht bekannt ſind. Die Wahrheit iſt, daß wir nicht immer ſo weiſe und ſo nüch⸗ tern ſind wie unſre Eltern und Großeltern beſonders es wohl wün⸗ ſchen möchten. Wir halten es manchmal für einen guten Spaß, die Hühnerhäuſer und Geflügelhöfe der Bürger heimzuſuchen, und von den Früchten einer ſolchen Fouragierung ein Nachteſſen zu halten. Ich weiß nicht, wie es bei Euch iſt, Gentlemen; aber ich will ge⸗ ſtehen, daß mir Enten und Gänſe, welche auf ſolche unſchuldige, an die Jagd erinnernde Weiſe gewonnen ſind, weit beſſer munden, als die auf den Markthallen gekauften; unſer eignes heutiges Nacht⸗ eſſen war ein gekauftes, aber essiſt das Opfer einer kleinen Aus⸗ dehnung des eben erwähnten Brauches geworden.“ „Wie!— wie iſt das, Freund Ten Eyck?“ rief Mr. Worden mit ungeheuchelter Beſtürzung.„Das Nachteſſen ein Opfer ge⸗ worden, ſagt Ihr?“ „Ja, Sir; um frei und offen mit der Sprache herauszugehen, es iſt fort! fort bis auf das letzte Huhn, Beefſteak und die letzte Kartoffel. Sie haben uns nicht eine Schüſſel übrig gelaſſen.“ „Sie!“ wiederholte der Pfarrer.„Und Wer ſind denn wohl die ſie?“ ——.—— 237 „Das iſt ein erſt noch zu ermittelnder Punkt, denn das Ma⸗ nöuvre iſt auf eine ſo feine und gewandte Art ausgeführt worden, daß keiner unſrer Schwarzen Etwas von der Sache merkte. Es ſcheint, es brach eben ein Feuerlärm aus und zog alle Neger auf die Straße hinaus; und während dieſer Zeit wurden alle unfre Speiſevorräthe zuſammengepackt und unſichtbar.“ „Gnädiger Himmel! gnädiger Himmel, welch ein Unfall! welch ein ſchurkiſcher Diebſtahl! Habt Ihr noch keine Spuren davon?“ „Nein, Sir, es thut mir leid ſagen zu müſſen, daß wir noch keine haben; aber wir geben auch einem luſtigen Streich keine ſo harte Namen, ſelbſt wenn wir unſer Nachteſſen dadurch verlieren. Es iſt ein Streich von Genoſſen und Freunden von uns, welche heute Nacht auf unſere Koſten zu ſchmauſen gedenken, und ohne Zweifel auch ihre Abſicht erreichen werden, wenn Ihr, Gentlemen, nicht Euch dazu verſteht, uns behülflich zu ſeyn, um unſere verlorenen Gerichte wieder zu erlangen.“ „Euch behülflich ſeyn, meine lieben Sir— ich will Alles thun, was Ihr nur wünſchen könnt,— was wollt Ihr daß ich thue? Soll ich auf das Fort gehen und Beiſtand von der Armee herbei holen?“ „Nein, Sir; unſer Zweck kann auch ohne dieß erreicht werden. Ich bin feſt überzeugt, wir können, was uns fehlt, nur zwei oder drei Häuſer von hier finden, wenn Ihr uns ein wenig, ein ganz klein wenig Beiſtand leiſten wollt.“ „Sprecht nur, ſprecht nur ſogleich, ums Himmels willen, Mr. Guert. Die Schüſſeln müſſen ja mittlerweile kalt werden,“ rief Mr. Worden, mit Lebhaftigleit aufſpringend und ſich nach ſeinem Hut und Mantel umſehend. „Der Dienſt, um den wir Euch bitten, Genlemen, iſt einfach dieſer,“ verſetzte Guert mit einer Kaltblütigkeit, die, als ich die Be⸗ gebenheiten jener Nacht überlegte, mir immer als ganz ſtaunens⸗ werth erſchienen iſt.„Unſer Nachteſſen, und zwar ein ganz vor⸗ 238 treffliches, befindet ſich, wie ich geſagt, ganz in der Naͤhe. Nichts wird leichter ſeyn, als es auf unſern eigenen Tiſch im nächſten Zimmer zu bringen, könnten wir es nur möglich machen, die alte Doortje von ihrer Küchenpflicht abzurufen und ſie etwa fünf Minu⸗ ten auf dem Thorplatz ihres Hauſes hinzuhalten. Uns kennt ſie Alle, und würde den Lunten im Augenblick riechen, wenn wir uns zeigten; aber Mr. Worden und Mr. Littlepage hier könnten ſie wohl die erforderliche Zeit täuſchen und hinhalten, ohne alle Mühe. Sie iſt eine außerordentliche Freundin von Dominies, und würde nicht im Stande ſeyn, Eure Spur in dieſes Haus zu ver⸗ folgen, ſo daß wir das Nachteſſen im Frieden verzehren könnten. Und wenn es ſo weit iſt, ſo fragt Niemand nach dem Uebrigen.“ „Ich will es thun!— Ich will es thun!“ rief Mr. Worden, auf den Gang hinaus eilend, um ſeinen Hut und Mantel zu ſuchen. „Es iſt nicht mehr als billig, daß Ihr das Eurige wieder bekommt, und die Mahlzeit würde entweder verzehrt oder verkocht und ver⸗ ſotten ſeyn, wenn wir erſt Conſtables herbeiholen wollten.“ „Seyd ganz ruhig wegen der Conſtables, Mr. Worden, wir bedienen uns ihrer nie bei unſern Geflügelkriegen. Alles was wir, die wir gern unſer Nachteſſen wieder hätten, erwarten können, iſt nur: ein Wenig heißes Waſſer oder ein Scharmützel mit unſern Bekannten.“ Die näheren Umſtände der Operation wurden jetzt deutlich und klar feſtgeſetzt. Guert ſollte ſich an die Spitze einer Schaar ſtellen, mit großen Körben verſehen, welche in die Küche, während Doortje's Abweſenheit, eindringen und die Gerichte wegnehmen ſollten, welche noch nicht aufgetragen ſeyn konnten, da alle Leute in Albany, welche einer gewiſſen Klaſſe angehörten, ſich pünktlich um neun Uhr zum Nachteſſen niederſetzten. Was Doortje betraf, ſo ſollte ein Neger, der im Hauſe war, um einem der Gäſte, ſeinem Herrn, aufzu⸗ warten, ſie heraus locken auf den Platz vor die Hausthüre, da das Haus eine Kellerküche hatte, wo es dann Mr. Worden's Obliegen⸗ &&ᷣ S A +⏑ auf zen. imt, ver⸗ wir wir, iſt ſern und llen, tje's elche elche zum eger, ufzu⸗ das egen⸗ 239 heit ſeyn ſollte, ſie drei oder vier Minuten hinzuhalten. Zu meinem Erſtaunen ging der Pfarrer auf die Ausführung des tollen Strei⸗ ches mit knabenhaftem Eifer ein, verſichernd, daß er das Weib wohl eine halbe Stunde hinhalten könnte, wenn es nöthig wäre, indem er ihr eine Vorleſung halten würde über die wichtige Pflicht, das achte Gebot zu beobachten. Sobald die Präliminarien ſo in's Reine gebracht waren, machten ſich die beiden Parthieen auf, um das ihnen Obliegende zu beſorgen, da die Stunde an die Noth⸗ wendigkeit mahnte, keine Zeit unnöthig zu verſäumen. Mir gefiel dieſer ganze Handel von Anfang an nicht, denn das Experiment mit dem Bergherunterrutſchen hatte mein Vertrauen zu Guert Ten Cyck's Urtheil und Einſicht etwas geſchwächt. Den⸗ noch ſchickte es ſich für mich nicht recht, zurückzubleiben, wenn Mr. Worden ſich an die Spitze ſtellte, und am Ende war ja auch eben nichts ſonderlich Unrechtes daran, wenn wir ein Nachteſſen wieder zu gewinnen ſuchten, welches man uns aus unſerem Hauſe geraubt hatte. Guert ſchlug nicht wie wir, den Weg über die Straße ein, ſondern er ging mit ſeinen Genoſſen zu einer Hinter⸗ thür hinaus auf ein Gäßchen und wollte in den Hof des mit einem Angriff bedrohten Hauſes mittelſt eines ähnlichen Hinterthores ge⸗ langen. Einmal in dieſem Hofe angekommen, war das Eindrin⸗ gen in die Küche und der Rückzug ziemlich leicht, vorausgeſetzt, daß die Köchin in einem ſo wichtigen Augenblick von ihrer Pflichterfül⸗ lung ſich abziehen ließ. Alles hing daher von der Geſchicklichkeit des im Hauſe befindlichen jungen Negers, ſo wie von der unſeri⸗ gen ab. Als wir das Thor des Hauptplatzes erreichten, blieben wir ſtehen, während unſer Neger hinabſtieg, um Doortje heraus zu holen. Dieß ließ uns einen Augenblick Zeit, das Gebäude zu be⸗ ſichtigen. Das Haus war groß, viel größer als die meiſten in der Nähe, und was mir als ungewöhnlich auffiel: es war eine ange⸗ zündete Lampe über der Thüre. Dieß ſah ſo aus, als ob es eine 240 Art von Schenke oder Speiſehaus wäre, und machte mir die ganze Sache begreiflicher. Unſere kecken und ausgelaſſenen Plünderer hatten ohne Zweifel die Abſicht, ihre Beute in dieſer Schenke zu verzehren. Der Neger war kaum eine Minute weg geweſen, als er mit einem jungen Schwarzen wieder heraus kam, einem Diener, den er unter einem ſelbſterſonnenen Vorwand von ſeinem Poſten wegge⸗ lockt hatte, und die Köchin folgte ihm faſt auf dem Fuß. Doortje machte viele Knixe, ſobald ſie den Stülphut und den ſchwarzen Man⸗ tel des Dominie ſah, bat ihn um Verzeihung und erkundigte ſich nach ſeinen Befehlen. Jetzt begann Mr. Worden eine ernſte und nachdrückliche Vorleſung über die Sünde des Stehlens und hielt die verblüffte Doortje volle drei Minuten mit ſeiner Rede hin. Um⸗ ſonſt betheuerte die Köchin, ſte habe Nichts genommen; ihres Herrn Eigenthum ſey heilig in ihren Augen; ſie habe nie ohne Befehl auch nur alte Speiſen weggegeben, und ſie könne ſich nicht denken, warum man mit ihr in ſolcher Weiſe ſpreche. Mr. Worden, um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, ſpielte ſeine Rolle bewun⸗ dernswerth, obwohl er allerdings nur mit einem unwiſſenden Weibs⸗ bild es zu thun hatte, welchem ſein Beruf den tiefſten Reſpekt ein⸗ flößte. Endlich hörten wir ein ſchrillendes Pfeifen von dem Gäß⸗ chen her, das Signal eines glücklichen Erfolges, worauf Mr. Wor⸗ den Doortje feierlich gute Nacht wünſchte und mit all der ernſten Würde eines Prieſters weg ſchritt. Nach ein paar Minuten waren wir wieder in dem Hauſe und wurden von Guert mit herzlichem Händeſchütteln, mit Dank für unſern willkommenen Dienſt und mit der Aufforderung zum Nachteſſen begrüßt. Es ſcheint, daß Doortje in der That Alles angerichtet hatte, denn alle Schüſſeln ſtanden an einem heißen Feuer und erwarteten nur den Glockenſchlag Neun, um aufgetragen zu werden. Bei dieſem Stand der Dinge nun war die einzige Veränderung, welche das Nachteſſen erfuhr, die, daß es eine kurze Strecke weit durch das Gäßchen getragen nze erer zu mit er ge⸗ rtje an⸗ ſich und die Um⸗ errn efehl rken, um vun⸗ eibs⸗ ein⸗ Gäß⸗ Vor⸗ nſten daren chem und daß iſſeln chlag Dinge fuhr, ragen 241 2 und auf unſern Tiſch geſtellt werden mußte, ſtatt auf denjenigen, fur welchen es unmittelbar zuvor beſtimmt geweſen. Trotz der Schnelligkeit, womit dieſer Austauſch von Statten gegangen, wäre es doch für einen Fremden nicht ganz leicht ge⸗ weſen, irgend eine auffallende Unregelmäßigkeit bei unſerem Mahl zu entdecken. Es iſt wahr, es ſtanden zwei Gänge von Ge⸗ richten auf unſerem Tiſch, oder vielmehr Gerichte von zwei ver⸗ ſchiedenen Gängen; aber die Enten, das Wildpret u. ſ. w. waren nicht nur gehörig gekocht, ſondern auch warm und gut. Daher machten ſich Alle mit gutem Appetit ans Werk, und fünf Minuten lang hörte man Wenig außer dem Klirren und Raſſeln von Meſ⸗ ſern und Gabeln. Dann lam das Trinken von Geſundheiten, und endlich die Toaſte, die Geſänge und die Geſchichten. Guert ſang ſuperb, mit einer ſchönen, klaren, weichen, männ⸗ lichen Stimme, und er gab einige Melodien mit engliſchem und holländiſchem Tert zum Beſten. Eben hatte er eines dieſer Lieder geendigt, und noch dauerte das laute und lebhafte Händeklatſchen, als der junge Mann von Mr. Worden eine Dame oder einen Trink⸗ ſpruch verlangte. „Kommt, Dominie,“ rief er, denn mittlerweile hatte das Gaſt⸗ mahl ſchon einen ziemlichen Grad von Vertraulichkeit bewirkt— „Kommt, Dominie, Ihr habt Euch ſo trefflich gehalten als er⸗ mahnender Zuſprecher, daß wir Alle vor Begierde ſterben, Euch predigen zu hören.“ „Eine Dame, ſagt Ihr, Sir?“ fragte der Pfarrer, der ſo luſtig war als wir Alle. „Eine Dame,— eine Dame!“ brüllten ſechs oder ſieben Stimmen auf einmal;„des Dominie's Dame— des Dominie's Dame!“ „Nun, Gentlemen, wenn Ihr es durchaus verlangt, ſo ſollt Ihr eine haben. Ihr müßt Euch nicht beklagen, wenn ſie etwas ehrwürdig iſt,— aber ich gebe Euch: die Mutter Kirche!“ Satanstoe. 16 Dieß veranlaßte ein unſinniges Gelächter, wie bei dergleichen Fällen gewöhnlich iſt, und dann kam die Reihe an mich. Mr. Van Brunt verlangte in aller Form eine Dame von mir. Nachdem ich mich einen Augenblick beſonnen, ſagte ich, mit Geiſt, wie ich mir ſchmeichle: „Gentlemen, ich will Euch eine beinahe ebenſo himmliſche ge⸗ ben— Miß Anneke Mordaunt!“ „Miß Anneke Mordaunt!“ wiederhallte es rings um den Tiſch, und ich entdeckte bald, daß Anneke der allgemeine Liebling und be⸗ reits ein ſehr gewöhnlicher Toaſt in Albany war. „Jetzt werde ich Mr. Guert Ten Cyck bitten, ſeine Lady zu nennen,“ ſagte ich, ſobald die Stille wieder hergeſtellt war, denn es folgten in dieſer Nacht die Becher in ſehr kurzen Pauſen auf einander. Dieſe Aufforderung verwandelte den ganzen Ausdruck von Guert's Geſicht. Es wurde in einem Augenblick ernſt, wie wenn die Erinnerung an Diejenige, deren Namen er auszuſprechen im Begriffe ſtand, ſeiner beinahe wilden Luſtigkeit Zaum und Zügel anlegte. Er erröthete, erhob dann die Augen, ſchaute ſich finſter rings um, wie wenn er herausfordernd fragen wollte, Wer ihm zu widerſprechen wage, und gab:. „Miß Mary Wallace!“ „Ja, Guert, wir ſind jetzt an dieſen Namen gewöhnt,“ ſagte Van Brunt etwas trocken.„Dieß iſt das zehnte Mal, daß ich ihn binnen zwei Monaten von Euch höre.“ „Ihr werdet ihn wahrſcheinlich noch zwanzigmal hören, Sir; denn ich werde Mary Wallace und keine Andere als Mary Wallace geben, ſo lange die Lady Mary Wallace bleibt. Ei wie, Mr. Con⸗ ſtable! Was mag denn die Veranlaſſung ſeyn, daß uns zu dieſer Nachtzeit die Ehre eines Beſuchs von Euch zu Theil wird?“ 243 Dreizehntes Kapitel. Ihr Herrn, es iſt bewieſen ſchon, daß Ihr Viel mehr nicht ſeyd als lügenhafte Schelme, Und binnen Kurzem wird man's nah' zu glauben. Dagberry. Die plötzliche Erſcheinung des Stadt⸗Conſtable's, eines Beam⸗ ten, deſſen Perſon den Meiſten von der Geſellſchaft nicht unbekannt war, brachte alle am Tiſch Anweſenden auf die Beine, den Hoch⸗ würdigen Mr. Worden, Dirck und mich miteingeſchloſſen. Ich für meinen Theil ſah keinen ſonderlichen Anlaß zur Beſorgniß, obwohl mir ſogleich einſiel, dieſer Beſuch dürfte wohl Bezug haben auf das erbeutete Nachteſſen, da das Geſetz nicht in allen Fällen Einem erlaubt, ſogar ſein Eigenthum durch Täuſchung und Ge⸗ walt wieder an ſich zu bringen. Was den Conſtable ſelbſt betrifft, einen kleinen, gedrungenen, ſtumpfnaſigen, ächt holländiſch gebau⸗ ten Mann, der das Engliſche ſprach, wie wenn es ihm in der Natur zuwider wäre, ſo war er der Kaltblütigſte von der ganzen Geſellſchaft. „Nun, Mr. Guert,“ ſagte er mit einer Are von gutmüthig gebieteriſchem Brummen,„da muß ich ſchon wieder kommen! Mr. Mayor würde ſich glücklich ſchätzen, Euch zu ſehen, und den Do⸗ minie, der in Eurer Geſellſchaft iſt, und den Gentleman, der die Nolle des Küſters ſpielte, als er der alten Doortje, Mr. Mayors Köchin, die Ermahnung ertheilte.“ Mr. Mayors Köchin! da kam alſo das Geheimniß heraus, wie es mit der Rache und Vergeltung ſtand! Guert hatte nicht ſein eigenes geraubtes Nachteſſen wieder in Beſitz genommen, das, ein⸗ mal in die Hände der Philiſter gefallen, hoffnungslos dahin war; ſondern er hatte in der That geſtohlen und verzehrt das Nachteſſen, welches zubereitet war für den Mayor von Albany, Peter Cuyler, einen Mann von Anſehen und Geltung in jeder Beziehung; einen 244 Beamten, welcher ſeit unvordenklicher Zeit dieſen Poſten bekleidete;— die Lampe war das Symbol der Autorität, und nicht das Zeichen einer Schenke oder eines Speiſehauſes;— das Nachteſſen war über⸗ dieß nicht für Einen Mann, oder Eine Familie zubereitet, ſondern ganz gewiß zur anſtändigen Bewirthung einer trefflichen Geſellſchaft beſtimmt geweſen; fünfzehn kräftige Maͤnner hatten zuerſt ihren Hunger daran geſtillt, und die Ueberbleibſel wurden in dieſem Augen⸗ blick bearbeitet von einem Halbdutzend großmäuliger, glänzender Negergeſichter in der Küche! Unter ſolchen Umſtänden ſah ich den Hochwürdigen Mr. Worden forſchend an— und ebenſo bedenklich ſah der Hochwürdige Mr. Worden mich an. Dem Anſchein nach gab es jedoch hier keine Abhülfe; aber nach einer kurzen Berathung mit Guert nahmen wir, die Vorgeladenen, unſere Hüte, und folg⸗ ten Dogberry nach der Reſidenz des Mr. Mayors. „Ihr dürft Euch keine Sorge machen, Gentlemen, wegen die⸗ ſer kleinen Unterbrechung unſerer Luſtbarkeit,“ ſagte Guert, zwiſchen Mr. Worden und mich ſich eindrängend, während wir unſeres Weges gingen,„denn dergleichen Dinge kommen bei uns ſehr häufig vor. Ihr ſeyd, wißt Ihr, unter allen Umſtänden unſchuldig, da Ihr glaubtet, das Nachteſſen ſey unſer eigenes— durch unmittelbare Selbſthülfe wieder erobert, ſtatt zu der ſch Geſetzes unſere Zuflucht zu nehmen.“ „Und Weſſen Nachteſſen, Sir, mag denn das geweſen ſeyn, das wir ſo eben verzehrt haben?“ fragte Mr. Worden. „Nun, es kann jetzt Nichts ſchaden, wenn ich die Wahrheit ſage, Dominie; und ich will daher bekennen, es gehörte rechtlicher Weiſe dem Mr. Mayor Cuyler. Es hat jedoch keine große Gefahr damit, wie Ihr ſehen werdet, wenn ich Euch die Sache erkläre. Ihr müßt wiſſen, daß des Mayors Frau eine Schuyler war und daß meine Mutter etwas von dieſem Blut in ihren Adern hat, und daß wir in Albany die Vettern zählen ſo weit man ſehen kann. Es heißt daher nur, auf eine von dem Gewöhnlichen etwas abwei⸗ äbigen Saumſeligkeit des 7 wei⸗ 245 chende Art mit ſeinen Verwandten zu Nacht eſſen, wie Ihr ein⸗ ſehen werdet, Gentlemen!“ „Habt Ihr in dieſer Sache redlich gegen mich und Mr. Litt⸗ lepage gehandelt, Sir?“ fragte Mr. Worden etwas finſter.„Ich konnte ganz ſchicklicher Weiſe einer Köchin eine Ermahnung halten über das achte Gebot, wenn dieſe Köchin zu einer Geſellſchaft ge⸗ hörte, welche Euch Euer Nachteſſen geraubt hatte; aber wie ſoll ich Sr. Ehren, dem Mr. Mayor antworten auf die Anſchuldigung, welche jetzt gegen mich wird erhoben werden? Nicht ſowohl wegen meiner ſelbſt, Mr. Guert, bin ich ſo ſehr angefochten und in Sor⸗ gen, als um den Ruf und Leumund meines heiligen Amtes, und das dazu noch unter Schülern von den Leydener Schulen!“ „Ueberlaßt Alles mir, überlaßt Alles mir,“ antwortete Guert, immer bereit, lieber ſich aufzuopfern, als einen Freund in Verlegen⸗ heit kommen zu laſſen.„Ich bin an ſolche kleine Vorfälle gewöhnt und will ſchon für Euch ſorgen.“ „Dafür will ich ſtehen,“ bemerkte hiezu der Conſtable, über ſeine Schulter einen Blick werfend.„Kein junger Springinsfeld in Albany iſt in dieſen Dingen beſſer bewandert als Mr. Guert hier. Wenn irgend Einer ſeinen Kopf aus der Schlinge ziehen kann, ſo iſt es Mr. Guert. Ja, ja, er verſteht ſich gewiß vortrefflich auf dieſe kleinen Sachen.“ Das war in Wahrheit ſehr ermuthigend! Unſer Genoſſe war ſo bekannt wegen ſeiner tollen und luſtigen Streiche, daß ſelbſt der Conſtable, der ihn gefaßt hatte, ganz zuverſichtlich auf ſeine Ge⸗ wandtheit zählte, ſich aus Verlegenheiten hinauszuhelfen! Ich be⸗ fürchtete nicht, daß irgend Einer von uns geradezu wegen förm⸗ licher Räuberei würde prozeſſirt und verurtheilt werden; denn ich wußte, wie weit die Holländer ihre Späſſe in dieſer Gattung trie⸗ ben, und wie nachſichtig die Aeltern gegen die Jüngern waren, be⸗ ſonders aber, wie ſehr geneigt alle Menſchen ſind, ein Unternehmen von der Art, wie das, in welches wir verwickelt waren, gelind zu beurtheilen, wenn es mit Gewandtheit und auf eine Lachen erregende Weiſe durchgeführt worden iſt. Dennoch war es kein Spaß, einem Mayor ſein Nachteſſen zu rauben, da dieſe Beamten gewöhnlich zu ihrer Würde durch den Probegrad eines Alderman emporſteigen. Guert war nicht frei von unbehaglicher Beſorgniß, wie dieß aus einer Frage erhellte, die er auf den Treppen von Mr. Cuyler's Hauſe und gerade unter dem Licht der amtlichen Lampe an den Con⸗ ſtable richtete. „Wie iſt der alte Gentleman dieſen Abend, Hans?“ fragte der Erſtere, mit einiger Unruhe in ſeinem Weſen.„Ich hoffe, er und ſeine Geſellſchaft haben zu Nacht gegeſſen 24 3 „Ha, das iſt mehr gefragt, als ich Euch ſagen kann, Mr. Guert. Er ſah faſt ſo aus, wie damals, als er die Roßdiebe von New⸗York in ſeine Hände bekommen, und wie ich ihn ſonſt nicht leicht geſehen. Es war aber auch gar zu arg, Mr. Guert, mit des Mr. Mayors eignem Nachteſſen davon zu laufen! Ich hätte Euch ſagen können, Wer Eure Enten und Euer Wildpret hatte.“ „Ich wünſche von ganzem Herzen, Ihr hättet das gethan, Hans! aber wir waren hart im Gedränge und ſollten einen fremden Dominie traktiren. Ihr wißt, eine Geſellſchaft muß für Gäſte gut ſorgen.“ „Ja, ja, das begreife ich, und ich kann mir denken, in wel⸗ chem Gedränge Ihr müßt geweſen ſeyn, um ſo Etwas zu thun; aber es war doch gar zu arg. Nun, wir ſind Alle jung, ehe wir alt werden— das weiß ja Jedermann.“ Mittlerweile war die Thüre geöffnet worden und wir traten ein. Der Mr. Mayor hatte Befehle ertheilt, wir ſollten Alle in das Geſellſchaftszimmer geführt werden, wo er, wie ich aus dem, was ſpäter erfolgte, ſchloß, die Abſicht hatte, Guert et⸗ was mehr als gewöhnlich zu züchtigen, indem er ihn vor den Au⸗ gen einer gewiſſen Perſon blos ſtellte. Jeden Falls kann der Leſer ſich mein Entſetzen vorſtellen, als ich fand, daß die Geſell⸗ ſchaft, deren Nachteſſen ich ſo eben hatte verzehren helfen, außer drei oder vier Söhnen und Töchtern des Hauſes, aus Herman Mor⸗ 247 daunt, Mary Wallace und Anneke beſtand! Natürlich wußten Alle, was verübt worden war; aber bis zu unſerm Eintritt in das Zim⸗ mer wußten nur der Mayor, Wer es gethan hatte. Von Mr. Worden und von mir wußte er ſelbſt auch noch nicht mehr, als was er aus Doortje's Erzählung vom Hergang der Sache erfah⸗ ren; und die Köchin hatte uns, wie ganz natürlich, als Spitzbuben geſchildert, welche ſich fälſchlich für Geiſtliche ausgegeben. Guert war ein durchaus mannhafter Burſche, und er war großmüthig und gerecht genug gegen uns, zuerſt in das Geſell⸗ ſchaftszimmer hinein zu treten. Der arme Kerl! ich kann mich ſelbſt jetzt noch nach ſo langer Zeit ganz in ſeine Gefühle hinein denken, als ſein Auge zuerſt auf der Mary Wallace blaſſes und ver⸗ ſtörtes Angeſicht ſiel. Sie konnten nicht viel weniger peinlich ſeyn, als die meinigen, wie ich zuerſt Anneke’ns flammendes Antlitz er⸗ blickte, und den Ausdruck von beleidigtem Schicklichkeitsgefühl, wel⸗ chen ich im Leuchten ihres befremdeten Auges zu entdecken glaubte! Mr. Mayor betrachtete ſichtlich den Mr. Worden mit Ueber⸗ raſchung und ebenſo auch mich; denn ſtatt Fremder erwartete er vermuthlich zwei jener Miſſethäter zu finden, deren Geſichter ihm durch verſchiedentliche ähnliche ſpaßhafte Räubereien, im Bereich ſei⸗ ner Jurisdiktion verübt, bekannt waren. Und dann konnte der Um⸗ ſtand, daß Mr. Worden ein wirklicher Dominie war, nicht bezwei⸗ felt werden von denjenigen, die ihn ſo Angeſicht gegen Angeſicht vor ſich ſtehen ſahen, mit allen Zeichen ſeines heiligen Berufes in Tracht und Weſen. „Ich glaube, hier muß ein Irrthum obwalten, Conſtable!“ rief Mr. Mayor.„Warum habt Ihr dieſe zwei fremden Gentle⸗ men zugleich mit Guert Ten Eyck hieher gebracht?“ „Mein Auftrag, Mr. Mayor, lautete: Doortje'us ſpitzbübiſchen Dominie und ſeinen ſpitzbübiſchen Freund hieher zu bringen; und das iſt der Eine und dieß iſt der Andere.“ „Dieſer Gentlemen hat das Ausſehen eines wirklichen 248 Geiſtlichen, und zwar überdieß eines Geiſtlichen von der Kirche von England.“ „Ja, Mr. Mayor, das iſt ganz richtig ſo. Er wird Euch fünf⸗ zehn Minuten fortpredigen, ohne aufzuhören, wenn Ihr ihm einen ſchwarzen Kirchenrock gebt, und eine Stunde lang beten in einem weißen Hemde.“ „Wollt Ihr mir die Gunſt erweiſen, Guert Ten Eyck, und mich die Namen der Fremden wiſſen laſſen, welche ich zu empfan⸗ gen das Vergnügen habe,“ ſagte der Mayor in etwas gebieteriſchem Tone. „Gewiß, Mr. Mayor, gewiß, und mit dem größten Vergnügen. Ich würde das ſogleich gethan haben, wären wir von einem An⸗ dern, als von dem Stadt⸗Conſtable in Euer Haus eingeführt wor⸗ den. So oft ich dieſen Herrn irgendwohin begleite, warte ich im⸗ mer, um erſt meiner Bewillkommnung gewiß zu ſeyn.“— Guert lachte ziemlich herzhaft bei dieſer Anſpielung auf ſeine bekannten Miſſethaten, während Mr. Cuyler nur lächelte. Ich be⸗ merkte aber, trotz der ſtrengen Maßregeln, zu welchen der Letztere in dieſem beſondern Falle gegriffen hatte, daß er gegen den Andern nicht unfreundlich geſinnt, und daß unſer Freund Guert nicht im buchſtäblichen Sinne zu den Räubern gerechnet war, wenn er auch mit uns hieher geführt worden war. „Dieſer hochwürdige Dominie,“ fuhr Guert fort, nachdem er ausgelacht, und einen raſchen, forſchenden Blick auf Mary Wallace zu werfen gewagt hatte,„iſt ein Gentleman aus England, welcher übermorgen in der St. Peterskirche predigen ſoll, Mr. Mayor, auf beſondere Einladung des Kaplans; wo wir Alle, wie ich nicht zweifle, ſehr erbaut ſeyn werden; Miß Mary Wallace unter den Uebrigen auch, falls ſie ihm die Ehre erweist, dem Gottesdienſt anzuwohnen— gut, engelhaft und verzeihend, wie ſie, das weiß ich, von Na⸗ tur iſt.“ Dieſe Rede machte, daß Aller Augen ſich auf die junge Lady 249 richteten, deren Antlitz ſcharlachroth wurde, obwohl ſie Nichts darauf erwiederte. Ich war jetzt ganz überzeugt, daß Guert's männliche, offene, zugeſtandene und aufrichtige Bewunderung das Herz der Mary Wallace gerührt hatte, während ihre Vernunft verdammte, was ihr natürliches Gefühl und ihr Herz ermuthigte, und der Kampf in ihrer Seele war damals und noch lange nachher für mich ein Gegenſtand des ernſtlichen Studiums und Nachdenkens. Was Anneke betrifft, ſo ſchien mir, ſie mißbillige dieß etwas unvorſich⸗ tige, um nicht zu ſagen, unzarte, obwohl indirekte Geſtändniß ſeiner Gefühle für ſeine Geliebte, und ſie ſehe Guert ſogar noch mit grö⸗ ßerer Kälte an, als zuvor. Keine von den beiden Ladies jedoch ſprach ein Wort. Während dieſes Schweigens hatte Mr. Cuyler Muße, ſich von ſeinem Erſtaunen zu erholen, über die Entdeckung, daß der Eine ſeiner Gefangenen wirklich ein Geiſtlicher war, und zu fragen, Wer denn der Andere ſey. „Dieſer Gentleman iſt alſo wirklich ein Geiſtlicher!“ verſetzte er.„Ihr habt vergeſſen, mir den Andern zu nennen, Guert.“ „Das iſt Mr. Corny Littlepage, Mr. Mayor— der einzige Sohn des Major Littlepage, von Satanstoe, in Weſt⸗Cheſter.“ Der Mayor ſchien ein wenig verblüfft und war, glaube ich, in einiger Verlegenheit, in welcher Weiſe er weiter verfahren ſolle. Der Einfall Guert's in ſein Haus übertraf an Keckheit weit Alles der Art, was je früher in Albany vorgekommen war. Es war bei jungen Männern ſeines Schlages etwas ganz Gewöhnliches, Hüh⸗ ner, Ferkel u. dgl. wegzuſchleppen und die Beute zu verzehren; und es waren Fälle vorgekommen, wie ich ſpäter erfuhr, wo riva⸗ liſtrende Parteien dieſer Freibeuter von einander zehrten,— ſo daß man Fälle wußte, wo dieſelben Beſtandtheile eines Nachteſſens zwei oder dreimal den Herrn gewechſelt hatten, ehe ſie wirklich verſpeist wurden,— aber kein Menſch hatte ſich, vor dieſem Abend, beigehen laſſen, einen Einbruch auch nur in dem Hühnerſtall des Mayors zu machen, vielweniger die Domänen ſeiner Köchin anzugreifen. 250 In der erſten Aufwallung ſeines Zornes hatte Mr. Cuyler den Con⸗ ſtable rufen laſſen; und da Guert's Club und deſſen Zuſammen⸗ kunftsort wohl bekannt war, weil dieſer Beamte ſchon oft Gelegen⸗ heit gehabt hatte, ihn zu beſuchen, ſo begab er ſich auch jetzt ſogleich dahin. Es iſt jedoch wahrſcheinlich, daß einige Ueberlegung den Mayor auf die Anſicht führte, ein luſtiger Streich dürfe doch nicht wie eine Miſſethat behandelt werden; und in den Adern Guert's fließe Etwas vom Blute ſeiner eignen Gattin. Als er fand, daß zwei reſpektable Fremde auch in die Sache verwickelt waren, wo⸗ von Einer ein wirklicher Geiſtlicher, ward dieß menſchenfreundliche Gefühl in ihm beſtärkt, und er änderte jetzt die Art und Weiſe ſei⸗ nes Verfahrens. „Ihr könnt jetzt wieder nach Hauſe gehen, Hans,“ ſagte Mr. Mayor, merklich milder geworden in ſeinem Ton und Benehmen. „Sollte die Gelegenheit Eure weitern Dienſte erheiſchen, ſo will ich Euch holen laſſen. Jetzt, Gentleman,“ fuhr er fort, ſobald ſich die Thüre hinter dem Conſtable geſchloſſen hatte,„will ich Euch überzeugen, daß der alte Peter Cuyler einen Tiſch beſetzen und ſeine Freunde ſättigen kann, ſelbſt wenn er Guert Ten Cyck zu ſeinem ſo nahen Nachbar hat. Miß Wallace, wollt Ihr mir die Ehre gönnen, Euch von mir zu Tiſche führen zu laſſen? Mr. Worden wird Mrs. Cuyler wohlbehalten ebendahin begleiten.“ Auf dieſen Wink trat der Miſſionär mit raſcher Lebhaftigkeit vor und führte mit der äußerſten Höflichkeit die Mrs. Mayoreß, hinter Mary Wallace, zu Tiſche. Guert that daſſelbe mit einer der jungen Ladies des Hauſes; Anneke ward von einem der jungen Männer geführt, und ich nahm die noch übrige junge Lady, die, wie ich vermuthete, auch zur Familie gehörte. Es war ganz offen⸗ bar, daß wir eine Gnadenfriſt, wo nicht gänzliche Begnadigung erlangt hatten; und wir Alle hielten für das Klügſte, ſo unbefan⸗ gen als möglich zu ſcheinen, um nicht die gute Laune des erſten Magiſtrats der alten Stadt Albany zu ſtören. A GN 251 Um dem Mr. Mayor Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, die verlorene Zeit war von Doortje ſo gut benützt worden, daß, wie ich einen Blick auf den Tiſch warf, mich bedünkte, das Nachteſſen, zu welchem ich auf ſo ſonderbare Weiſe eingeladen worden, ſey das beſſere von den beiden, welche ich an dieſem Abend zu Geſichte be⸗ kam. Zum Glück gab es Wildpret in Menge; und mittelſt Wach⸗ teln, Rebhühnern, Auſtern, Wildpretpaſteten und andern Gerichten der Art hatte die Köchin es möglich gemacht, um zehn Uhr ein ebenſo gutes Nachteſſen heraufzuſchicken, als urſprünglich eines auf neun Uhr in Bereitſchaft gehalten worden war. Ich will nicht behaupten, daß ich mich ganz behaglich gefühlt, als ich, zum zweiten Mal dieſen Abend, meinen Sitz am Tiſche einnahm. Alle jüngern Mitglieder der Geſellſchaft machten aus⸗ nehmend ernſte Geſichter, wie wenn ſie unſere Anweſenheit recht gerne entbehren würden; nur die Alten ſchienen mit einiger Laune auf die ſeltſame Scene einzugehen. Anneke ſah mich nicht einmal an, nach dem erſten ſtaunenden Blick, welchen ſie mir bei meinem Eintreten zugeworfen; auch erhob Mary Wallace nicht Einmal ihre Augen gegen Guert, nachdem wir im Speiſezimmer angekom⸗ men. Aber Mr. Mayor hatte nun einmal beſchloſſen, die Ge⸗ ſchichte wegzulachen; und er und Mr. Worden wurden bald die dickſten Freunde und begannen frei und ungezwungen ſich mit ein⸗ ander zu unterhalten. „Kommt, Vetter Guert,“ rief Mr. Mayor, nachdem zwei oder drei Gläſer Madeira ſein Herz noch mehr erwärmt hatten,„ſchenkt Euch ein und thut mir Beſcheid— wenn Ihr uns nicht lieber eine Dame nennt. Im letzteren Falle werden Alle von Herzen gern auf ihre Geſundheit trinken. Ihr eßt Nichts und müßt deſto mehr trinken.“ „Ach, Mr. Mayor, ich habe heute Abend ſchon eine Dame toa⸗ ſtet, und kann keine Andre toaſten.“ „Auch nicht, wenn die anweſende Geſellſchaft ausgenommen ſeyn ſoll, mein Junge?“ 252 „Nein, Sir, auch nicht einmal mit dieſer Vergünſtigung. Ich thue Euch von ganzem Herzen Beſcheid, und danke Euch von gan⸗ zem Herzen für dieſe großmüthige Bewirthung, nach meinem eignen tollen Streich;— aber Ihr wißt, Mr. Mayor, wie es bei uns jungen Leuten in Albany iſt; wenn unſer Stolz betheiligt iſt und ein Nachteſſen durchaus angeſchafft werden muß—“ „Nein, Guert, ich weiß gar Nichts von der Sache, aber ich würde ſehr gern Alles erfahren. Erſtlich, wie kamet Ihr zu einem ſolchen Gelüſten, nach dem Nachteſſen meiner Köchin? Bildet Ihr Euch ein, es ſey beſſer, als Van Brunt's Köchin es Euch geben könnte?“ „Das Nachteſſen von Arent Van Brunt's Köchin war ver⸗ ſchwunden— den Berg hinauf gewandert, bilde ich mir ein, unter die Rothröcke; und die Wahrheit zu geſtehen, wir mußten Eures haben oder keines. Ich hatte dieſe Gentlemen eingeladen, den Abend mit uns zuzubringen. Einer unſrer Schwarzen erwähnte zufällig, was hier vorgehe, und die Gaſtlichkeit verleitete uns zu einem ſol⸗ chen Fehltritt. Weiter war es Nichts, das kann ich Euch verſichern, Mr. Mayor.“ „Und ſo waren Eure gaſtfreundlichen Geſinnungen Schuld daran, daß Ihr Eure Gäſte um ihr Nachteſſen arbeiten ließet und ſie hinſchicket, um der alten Doortje zu predigen, während Ihr meine Enten und mein Wildpret anrichtetet?“ „Verzeihung, Mr. Mayor; Doortje hatte ſchon angerichtet, ehe ſie zu der Predigt ging. Eure Köchin iſt zu gut geſchult, um ihre Pflicht zu vernachläſſigen, gälte es ſelbſt eine Rede des Hochwürdi⸗ gen Mr. Worden zu hören. Aber dieſe Gentlemen wurden ſelbſt nicht minder betrogen als das alte Weib; denn ſie ſtanden im Wahne, wir jagten unſerm eignen verlorenen Gute nach, und wuß⸗ ten nicht, daß Ihr hier wohnet, und ſie ließen ſich ebenſo von mir hinter's Licht führen, wie die alte Doortje ſelbſt. Die Wahrheit verpflichtet mich dieß zu ihrer Rechtfertigung zu bekennen.“ 253 Bei dieſem offenherzigen Geſtändniß klärten ſich alle Geſichter am Tiſche auf; und ich bemerkte, daß Anneke ſelbſt ihre Blicke for⸗ ſchend und fragend auf den Redenden richtete, und das ein Lächeln den ausnehmenden Ernſt ihrer holden Züge milderte. Von dieſem Augenblick an trat eine ſehr merkliche Veränderung in den Gefüh⸗ len und in dem Benehmen des jüngern Theils der Geſellſchaft ein und die Unterhaltung wurde natürlicher und freier. Gewiß kam es uns ſehr zu Statten, daß bekannt wurde, daß wir nicht abſichtlich und in knabenhaftem Leichtſinn Antheil genommen hatten an einem frechen, muthwilligen Unternehmen, gerade dieſe ganz harmloſe Fa⸗ milie zu berauben und zu verhöhnen, ſondern daß Mr. Worden und ich der Meinung waren, wir ſeyen nur behülſlich, die Sachen wieder zu erlangen, welche von Rechtswegen unſern Wirthen ge⸗ hörten, und das auf eine Art und Weiſe, worüber die Geſellſchaft, gegen welche wir zu manöuvriren wähnten, ſich durchaus nicht zu beklagen das Necht hatte, ſofern ſie ſelbſt mit ihrem Beiſpiel vor⸗ angegangen. Guert ward ermuthigt, mit weiteren Erläuterungen herauszurücken, was er in der ihm eignen aufrichtigen und ehrlichen Weiſe that, und in der That dadurch uns von jeder Schuld frei⸗ ſprach, außer von der, daß wir etwas zu ſehr aufgelegt zu ſchalk⸗ haften Streichen waren, für einen Diener der Kirche, und ſeinen Zögling, der eben ſeine Reiſen angetreten hatte. Anneke'ns Antlitz erheiterte ſich mehr und mehr im Verlaufe der gegebenen Erklärungen; und bald nachdem ſie zu Ende waren, wandte ſie ſich zu mir mit höchſt huldvollem und freundlichem We⸗ ſen und erkundigte ſich nach meiner Mutter. Da ich ihr gerade gegenüber ſaß, und der Tiſch ſchmal war, konnten wir mit einan⸗ der ſprechen, ohne ſonderliche Aufmerkſamkeit auf uns zu ziehen; denn Mr. Mayor und ſeine andern Gäſte weiter unten am Tiſch machten fortwährend anſtändig laute und geräuſchvolle Scherze über die Vorfälle des Abends. „Ihr findet manche Bräuche in Albany, Mr. Littlepage, die 254 uns in New⸗York nicht bekannt ſind,“ bemerkte Anneke, nachdem einige einleitende Worte den Weg zu weiterem Geſpräche gebahnt hatten. „Ich weiß nicht recht, Miß Anneke, ob Ihr auf das anſpielt, was dieſen Abend, oder auf das, was heute Nachmittag vorgefallen iſt?“ verſetzte ich. „Auf beides, glaube ich,“ antwortete Anneke lächelnd, obwohl ſie erröthete, wie mir ſchien, in einer Art von weiblicher Verlegen⸗ heit;„denn ſicherlich iſt das Eine bei uns ſo wenig der Brauch als das Andere.“ „Ich bin höchſt unglücklich geweſen, Miß Mordaunt, in der Art mich zu produziren binnen der wenigen Stunden, welche ich an dieſem mir fremden Ort zugebracht habe. Ich fürchte, Ihr ſeht in mir etwas wenig Beſſeres als einen großaufgeſchoſſenen Knaben, dem ſeine Eltern erlaubt haben, die Heimath früher zu verlaſſen, als er hätte ſollen.“ „Das iſt Eure Deutung der Sache, nicht die meinige, Mr. Littlepage. Ich vermuthe, Ihr wißt— aber davon wollen wir im andern Zimmer oder zu einer andern Zeit ſprechen.“ Ich verſtand den Wink und ſprach über Tiſch nicht mehr von der Sache. Mr. Mayor, vermuthlich in Betracht, daß wir ſchon den Anforderungen einer andern Mahlzeit an dieſem Abend genügt hatten, geſtattete uns das Speiſezimmer viel früher zu verlaſſen, als gewöhnlich, und da es ſchon eine ſpäte Stunde war, brach die ganze Geſellſchaft alsbald auf. Ehe wir uns trennten jedoch, nã⸗ herte ſich mir Herman Mordaunt in freundſchaftlicher, offener Art, lud mich ein, am andern Tag um acht Uhr zum Frühſtück zu ihm in ſein Haus zu kommen, und bat ſich zugleich das Vergnügen der Begleitung Dirck's aus; die Einladung an Letztern ſollte ich über⸗ bringen. Ich brauchte kaum zu ſagen, mit welcher Freude ich zu⸗ ſagte, und welchen Troſt es mir gewährte, auf dieſe Weiſe ein Abenteuer ausgehen zu ſehen, welches mich eine Weile mit arger Schmach bedroht hatte. Hätte dem Mr. Mayor beliebt, den Han⸗ del mit der Entwendung ſeines erſten Nachteſſens in ernſter Weiſe zu verfolgen, ſo hätten die Folgen davon, obwohl die geſetzliche Ahndung mich ſchwerlich ſehr hart hätte treffen können, doch leicht ſehr beſchämend für mich werden können; und ich zweiſle nicht, ſie würden meinem Beſuch im Norden ein ſehr raſches Ende gemacht haben. So nun fühlte ich mich in meinem Gemüth unſäglich er⸗ leichtert, und ich glaube derſelbe Fall war es auch mit dem Hoch⸗ würdigen Mr. Worden. „Corny,“ ſagte dieſer Gentleman, nachdem wir Guert gute Nacht gewünſcht hatten, und uns unterwegs nach unſerm Gaſthauſe befanden,„dieß zweite Nachteſſen hat erſtaunlich dazu geholfen, das erſte zu verdauen. Ich zweifle, ob unſer neuer Bekannter hier uns wirklich ſehr nützlich werden dürfte.“ „Und doch, Sir, ſcheint Ihr ausnehmend Geſchmack an ihm zu finden, und ich glaubte, Ihr ſeyet die beſten Freunde.“ „Der Burſch gefällt mir auch ganz gut; denn er iſt herzlich, offen und gutmüthig; aber es war auch einige Politik dabei im Spiele, daß ich mich auf guten Fuß mit ihm zu ſtellen ſuchte. Ich fürchte, Corny, ich habe heute Morgen auf dem Eis die Würde meines heiligen Amtes nicht ganz gewahrt; es iſt ausnehmend un⸗ paſſend für einen Geiſtlichen, daß man ihn an einem öffentlichen Orte laufen und rennen ſieht, wie einen Schulbuben, oder wie einen jungen Laffen in einem Wettlauf. Ich meinte überdieß einen dieſer jungen Holländer mich den„Springenden Dominie“ nennen zu hören; und ſo, Alles zuſammengenommen, dachte ich, es werde das Klügſte ſeyn, mich mit dieſem Guert Ten Eyck auf einen guten Fuß zu ſtellen.“ „Ich verſtehe Eure Politik, Sir, und es kommt mir nicht zu, ſie zu beſtreiten. Was mich betrifft, ſo geſtehe ich, daß ich unge⸗ meines Wohlgefallen an Guert finde und ihn nicht leicht aufgeben werde, obgleich er mich in der kurzen Zeit unſerer Bekanntſchaft 256 ſchon in zwei ernſte Verlegenheiten verwickelt hat. Es iſt ein herz⸗ hafter, gutmüthiger, unbeſonnener junger Geſell, der, wie ein ächter Holländer, wenn er einen Anlauf nimmt, das Leben zu ge⸗ nießen, es auch mit ganzem Herzen thut.“ Dann erzählte ich dem Mr. Worden die Geſchichte mit dem Handſchlitten, und er gab mir jene Art von Troſt, deſſen man ſo viel einnimmt, wenn man ſich mit dem Ellbogen den Weg bahnt durch dieſe geſchäftige, ſelbſtſüchtige Welt. „Nun, Corny,“ ſagte mein alter Lehrer,„ich weiß wahrlich nicht, ob Ihr nicht noch närriſcher Euch ausnahmet, wie Ihr von jenem Schlitten herabfloget, als ich, wie ich vor unſern Freunden im Schlitten davonſprang!“ Wir Beide lachten, als wir in das Gaſthaus traten; ich um den Aerger zu verhehlen, den ich wirklich empfand, und Mr. Wor⸗ den, wie ich vermuthe, weil er ſich mit der Annahme ſchmeichelte, ich müſſe mich in ebenſo lächerlichem Lichte dargeſtellt haben, wie er. Am nächſten Morgen begab ich mich zu der früheſten Stunde, welche die Regeln der Geſellſchaft geſtatteten, nach Herman Mor⸗ daunt's Wohnung. Ich fand die Familie im Beſitz eines jener holländiſchen Gebäude, aus welchen Albany zum größten Theile be⸗ ſteht, und welche etwas von der Straße zurückſtanden, mit einem winzigen Hofe vorn, dem offenen Sitzplatz am ſchrägen Dach und den Giebel dem Hofe zugekehrt. Die Hauptmauern dieſes Hauſes verjüngten ſich gegen die hohe Spitze eines ſehr ſteilen Daches zu durch Stufen, wie wir Alle ſo gewohnt ſind, ſie zu ſehen, und über dem Ganzen ſchwebte ein eiſerner Wetterhahn, der ſich auf einer ziemlich hohen eiſernen Stange wiegte. Es war immer für die Holländer etwas ſehr Wichtiges, zu wiſſen, woher der Wind wehte; auch vertrug es ſich nicht mit ihrer angſtlichen Pünktlichkeit und Genauigkeit, ſich auf die gewöhnlichen Anzeichen zu verlaſſen, die unmittelbare Empfindung an der Haut, die Biegung der Aeſte an den Bäumen, die Richtung der Wolken und das Aufſteigen des Rau⸗ 257 ches; ſondern ſie mußten und wollten die ſichere Gewährleiſtung einer Maſchine haben, welche ausdrücklich zu dem Zweck eingerichtet war, ihnen dieß anzuzeigen. Der Rauch konnte irren, aber ein Wetterhahn nicht! Niemand war in dem kleinen Geſellſchaftszimmer, in welches ich von dem Diener gewieſen wurde, der mir das Haus öffnete, und in welchem ich Herman Mordaunt's erſten Diener, von ſeinem Ge⸗ ſinde in New⸗York, erkannte. Wie reizend erſchien mir dieß kleine Zimmer in den paar Minuten, welche ich allein darin blieb! Da lag eben der Shawl, welchen Anneke an dem Tage angehabt, wo ich ſie auf dem Pinkſterfelde traf; und ein Paar Handſchuhe, welche zu tragen keine andern Hände als die ihrigen mir klein genug ſchie⸗ nen, waren auf den Shawl nachläſſig hingeworfen, wie man Dinge der Art in der Eile von ſich wirft. Eine Anzahl anderer Artikel lagen da und dort herum, welche die Lebensgewohnheiten und die Gegenwart feingebildeter Frauen verriethen. Aber die Handſchuhe zogen am meiſten meine Aufmerkſamkeit auf ſich, und ich mußte durchaus aufſtehen, und ſie genauer beſichtigen. Es iſt wahr, dieſe Handſchuhe konnten auch der Mary Wallace gehören, denn auch ſie hatte eine gar hübſche kleine Hand; aber ich bildete mir nun ein⸗ mal ein, ſie gehörten Anneken. In dieſer Ueberzeugung hob ich ſie auf und führte ſie an meinen Mund, und war eben im Begriff, mit überſchwänglichem romantiſchem Gefühle meine Lippen darauf zu preſſen, als leichte Schritte im Zimmer mir ſagten, daß ich nicht allein war. Ich ließ die Handſchuhe fallen, wandte mich um, und erblickte Anneke'n ſelbſt. Sie ſah miche mit einem Ausdruck in ihrem Antlitz an, welchen ich mir damals nicht zu deuten wußte, und welchen ich noch jetzt kaum zu beſchreiben weiß. Erſtlich war ihr holdſeliges Geſicht von Erröthen übergoſſen, während ihr Auge erfüllt war vom Ausdruck ſanft gedämpfter Theilnahme, der mein Herz ſo gewaltig ſchlagen machte, daß ich nicht anders ver⸗ muthete, als es werde durch die Kehle herauf ſich drängen. Wie Satanstoe. 17 258 nahe war ich daran, in dieſem Augenblick alle meine Gefühle kund zu geben, mich dem lieben, theuern Geſchöpf zu Füßen zu werfen, zu geſtehen, wie ſehr und wie überwältigend ſie während des letzten Jahres meine Gedanken im Schlafen wie im Wachen erfüllt und beſchäftigt hatte, und ſie anzuflehen, meine übrigen Tage dadurch zu ſegnen, daß ſie meine Gattin würde! Nichts verhinderte dieſe Kühnheit, als die Bemerkung, welche Anneke machte, ſobald ſie ſich in Erwiederung meines verlegenen und linkiſchen Bücklings verneigt hatte, und welche ſo lautete: „Was findet Ihr denn ſo ſehr zu bewundern an der Miß Wallace Handſchuhen?“ fragte das ſchallhafte Mädchen, wie mir ſchien, ſich in die Lippe beißend, um ein Lächeln zu unterdrücken, obgleich ihre Wangen noch immer mit Purpur übergoſſen waren, und ihr Auge noch immer jenen unbeſchreiblichen Ausdruck bezau⸗ bernder Sanftheit hatte.„Es iſt ein Paar das mein Vater ihr ſchenkte, und ſie trug ſie geſtern Abend ihm zu Ehren.“ „Ich bitte um Verzeihung, Miß Mordaunt— Miß Anneke— das heißt— ich bitte um Verzeihung. Haben dieſe Handſchuhe nicht einen ganz köſtlichen Geruch an ſich— das heißt, ich meinte ſo, und ſuchte mich durch Riechen zu vergewiſſern, was es wohl ſeyn könnte.“ „Es muß der Lavendel ſeyn, womit wir jungen Ladies koketter Weiſe unſere Handſchuhe und Taſchentücher würzen— oder auch Moſchus. Mary iſt eine große Freundin von Moſchus, während ich Lavendel vorziehe. Aber was wir geſtern für einen Abend ge⸗ habt haben, Mr. Littlepage! und was für eine Einführung Ihr gehabt habt in Albany! und hauptſächlich, welch einen Ceremonien⸗ meiſter!“ „Mißfällt Euch denn Guert Ten Eyck als Bekannter, Miß Anneke?“. „Keineswegs. Es iſt ganz unmöglich, daß Einem Guert miß⸗ falle; er iſt ſo männlich, ſo bereit ſeine Schwächen zu geſtehen; —— ð——— 259 ſo aufrichtig in Allem, was er ſagt und thut; ſo gutmüthig; kurz, er hat ſo viele Eigenſchaften, wie man ſie ſich, als ſeine Schweſter, nur wünſchen möchte, und doch auch ſo viele, die eine Schweſter an ihm bedauern müßte.“ „Ich glaubte geſtern Abend zu bemerken, daß alle Ladies In⸗ tereſſe für ihn empfanden, trotz der zahlloſen Ausgelaſſenheiten und Unbeſonnenheiten, die er begeht. Iſt er nicht in hohen Gunſten bei Miß Wallace?“ Der raſche, ein etwas verletztes Gefühl verrathende Blick, wel⸗ chen Anneke mir zuwarf, ſagte deutlich genug, daß meine Frage unbeſcheiden war, und ſie war nicht ſobald über meinen Mund, als ich ſie auch ſchon bereute. Ein Schatten flog über das holdſelige Antlitz meiner Geſellſchafterin, und es folgte ein Augenblick tiefen, und wie mich bedünken wollte, ſchmerzlichen Nachſinnens. Dann verbreitete ſich aber ein Licht über Alles, ein Lächeln erhellte ihre Züge, worauf ein leichtmüthiges, mädchenhaftes Lachen zeigte, wie lebhaft die in ihrem Innern ſich bewegenden Kräfte waren, und wie ſtark ihre natürliche Hinneigung zu guter Laune und Zufriedenheit. „Am Ende, Corny Littlepage,“ ſagte Anneke, ihr Angeſicht gegen mich wendend, mit einem unbeſchreiblichen Ausdruck, in wel⸗ chem Schalkhaftigkeit und Gefühl ſo vermiſcht waren, daß ich ganz verdutzt darüber war,„müßt Ihr doch zugeben, daß Euer Aben⸗ teuer mit dem Handſchlitten lächerlich genug war, um einem jungen Manne einige Zeit nachgetragen zu werden.“ „Ich gebe Alles zu, Anneke, und werde mich wohl hüten, an einem fremden Ort mich wieder wie ein Knabe zu benehmen. Es freut mich jedoch zu finden, daß Ihr die närriſche Geſchichte mit dem Schlitten ernſter nehmt, als die mit dem Nachteſſen, von wel⸗ cher ich befürchtete, ſte möchte mich in ernſte, beſchämende Folgen verwickeln.“ „Keine von beiden iſt ſonderlich ernſthaft, Mr. Littlepage, ob⸗ wohl die letztere hätte recht verdrießlich werden können, wenn nicht 260 der Mayor die Art und Weiſe der jungen Männer in der Stadt kennte. Man verſichert jedoch, es ſey nichts ſo Keckes in dieſer Art je früher in Albany gewagt worden, ſo groß auch die Freihei⸗ ten ſind, welche man ſich häufig mit des Nachbars Hühnerſtällen nimmt.“ und ſie lachte, und zwar dießmal ganz natürlich, ohne den mindeſten Zwang. „Ich hoffe, Ihr werdet es nicht ſchimpflich an mir finden, wenn ich alle Schuld auf den Wildfang und Tollkopf Guert Ten Cyck ſchieben zu wollen ſcheine. Er zog mich in die beiden Ge⸗ ſchichten hinein, und zwar in die Letztere auf eine Art, daß ich ganz unſchuldig und unwiſſend war.“ „So wurde es angeſehen und ſo mußte es angeſehen werden, ſobald man erfuhr, daß Guert Ten Cyck in einer Beziehung zu der Sache überhaupt ſtand.“ „So darf ich denn auf Verzeihung hoffen, Anneke?“ ſagte ich, eine Hand ihr hinbietend, ſie auffordernd ſie anzunehmen, als Pfand der Verzeihung. Anneke war nicht ſo ſpröde, daß ſie ſich geweigert hätte, ihre kleine Hand in die meinige zu legen, obwohl ich nur die äußerſten Spitzen von zwei oder drei ſchlanken, feinen Fingern zu faſſen bekam; und ihr Erröthen ſtieg noch, als ſie mir dieſe Huld ge⸗ währte. „Ihr müßt um Verzeihung bitten, Corny,“ verſetzte ſie,— ich glaube, ſie bediente ſich jetzt dieſes vertraulichen Namens nur um zu zeigen, wie gänzlich ſie den kleinen Verdruß vergeſſen, den ſie ganz gewiß über meine ungeſchickte Heldenthat auf der Straße empfunden hatte,—„Ihr müßt um Verzeihung bitten bei Den⸗ jenigen, die das Recht haben ſie zu gewähren. Wenn Corny Littlepage Luſt hat, auf einem Schlitten den Berg herunter zu rut⸗ ſchen, welches Recht hat Anneke Mordaunt, es ihm zu wehren?“ „Das beſte Recht von der Welt— das Recht der Freundſchaft ——— 261 — das Recht eines überlegenen Geiſtes, einer überlegenen Bildung, das Recht, das meine—“ „Still! das iſt der Schritt Mr. Bulſtrode's auf dem Gange, und er wird dieſe Erörterung über meine mannigfachen Rechte nicht verſtehen. Es koſtet ihm jedoch einige Zeit ſeine Oberröcke und Pelze und ſeinen Degen abzulegen, und ich will Euch nur noch ſagen, daß Guert Ten Eyck ein gefährlicher Ceremonienmeiſter für Corny Littlepage iſt.“ „Und doch hat er Verſtand genug, Gefühl genug, Herz genug, Mary Wallare zu bewundern und zu lieben.“ „Hat er Euch das geſagt, ſo bald ſchon? Aber ich brauche das nicht zu fragen, da er ja von ſeiner Liebe Jedem vorſchwatzt, der ihm zuhören mag.“ „Und der Miß Wallace ſelbſt, unter Andern, glaubte ich gewiß. Der Mann, der liebt, und wahrhaft und innig liebt, ſollte den Gegenſtand ſeiner Liebe nicht lang irgend in Ungewißheit laſſen über ſeine Gefühle und Abſichten. Es iſt mir immer, Miß Mor⸗ daunt, als eine ganz niedrige und gemeine Geſinnung von einem Mann erſchienen, zu wünſchen, der Erwiederung ſeiner Liebe von Seiten einer Frau gewiß zu ſeyn, ehe er den mannhaften Muth gehabt hat, ſeiner Angebeteten ſeine eignen Wünſche zu entdecken. Wie ſoll ein zartfühlendes, weibliches Geſchöpf wiſſen, wann ſie zuverſichtlich ihren Geeffühlen ſich hingeben darf, ohne daß ihr An⸗ beter zu dieſer Offenherzigkeit ſich entſchloſſen hat? Ich will dafür ſtehen, daß Guert Ten Eyck ſich ſo offen und ehrlich gegen Mary Wallace benommen hat.“ „Das iſt ein Verdienſt, das ihm nicht beſtritten werden kann,“ antwortete Anneke in leiſem, nachdenklich ernſtem Tone.„Mary hat das zu wiederholten Malen aus ſeinem eignen Munde vernom⸗ men. Selbſt meine Gegenwart iſt kein Hinderniß für ſeine Erklä⸗ rungen geweſen, denn dreimal habe ich ihn Mary bitten gehört, ihn als einen Bewerber um ihre Hand zu betrachten, und ſie be⸗ 262 ſchwören, über ſeinen Antrag ſich nicht zu entſcheiden, bis er längere Zeit Gelegenheit gehabt, ſich ihre Achtung zu erwerben.“ „Und das, Miß Mordaunt, werdet Ihr zugeſtehen, gereicht ihm zur Ehre, iſt männlich und ſieht ihm ganz gleich?“ „Allerdings iſt es offen und ehrenhaft gehandelt, Mr. Little⸗ page, weil es die Miß Wallace in Stand ſetzt, den Zweck und die Abſicht ſeiner Aufmerkſamkeiten zu verſtehen, und keinen Zweifel, keine Ungewißheit in dieſer Hinſicht übrig läßt.“ „Es freut mich, daß Ihr ein ſolches ehrliches und offenes Be⸗ nehmen billigt;— obgleich nur noch ein Augenblick mir übrig bleibt, um zu ſagen, was ich wünſche, wird es doch genügen, wenn ich hinzuſetze, daß die Handlungsweiſe, welche Guert Ten Eyck gegenüber von Mary Wallare befolgt, Cornelius Littlepage wünſchte, gegenüber von Anneke Mordaunt zu befolgen.“ Anneke ſchrack zuſammen, wurde blaß; dann wurden ihre Wangen von Purpur übergoſſen, und ſie ſah mich mit ſcheuer Ueberraſchung an. Sie gab keine Antwort; aber der ernſte, innige dabei jedoch ſchüchterne Blick blieb lange Zeit, ja ich darf ſagen, er iſt mir noch jetzt meiner Erinnerung lebhaft eingeprägt. Er ſchien Erſtaunen, die Betroffenheit eines empfindlichen Gemüths, weibliche Verſchämtheit und mädchenhafte Scheue auszudrücken; aber mich bedünkte nicht, daß er Mißfallen zu erkennen gebe. Es war jedoch keine Zeit, um Erklärung zu bitten, denn man hörte jetzt die Stimmen Herman Mordaunte's und Bulſtrode's unmittelbar vor der Thüre, und im nächſten Augenblick traten Beide in das Zimmer. 263 Vierzehntes Kapitel. Mein ſchönes Roß! mein ſchönes Thier, ſteht da ſo fromm gemuth, Mit glänzend dunklem Schwanenhals, das dunkle Aug' voll Glut; Auf deinen Rücken ſpring' ich ſo, durch's Feld dahin wir rennen,— Dahin, dahin, wer mich holt ein, ſoll ſein dich dürfen nennen! Der Araber zu ſeinem Pferd. Bulſtrode ſchien ſehr erfreut, mich zu treffen, und beklagte ſich, daß ich ganz vergeſſen zu haben ſchiene, mit welcher Genugthuung alle New⸗Yorker, nach ſeiner Darſtellung der Sache, mich im vo⸗ rigen Frühjahr aufgenommen. Natürlich dankte ich ihm für ſeine Artigkeit, und wir wurden bald ſo gute Freunde, wie wir früher geweſen waren. Nach ein paar Minuten geſellte ſich Mary Wallace zu uns, und wir begaben uns Alle an den Frühſtücktiſch, wo ſich bald auch Dirck einfand, welcher durch Privatangelegenheiten etwas aufgehalten worden war. Herman Mordaunt und Bulſtrode führten während der erſten Minuten das Geſpräch hauptſächlich und ausſchließlich. Mary Wallace war ihrem Weſen und ihrer Art nach ſchweigſam, Anneke dagegen, ohne geſchwätzig zu ſeyn, war zum Sprechen hinlänglich aufgelegt. An dieſem Morgen jedoch ſprach ſie wenig, außer was die Artigkeit bei Tiſche der Herrin des Hauſes zur Pllicht machte, und dieß Wenige in ſo wenigen Worten als möglich. Ein paar Male konnte ich nicht umhin zu bemerken, daß ihre Hand auf der Handhabe eines köſtlich gearbeiteten Theekruges ruhen blieb, nachdem dieſe Hand ihre Obliegenheit ſchon erfüllt hatte, und daß ihr füßes, tiefes, blaues Auge ins Leere hinaus, oder auf einen Gegenſtand vor ihr mit leerem Blick hinſtarrte, wie Einem geſchieht, wenn man in tiefen Gedanken iſt. Jedesmal wenn ſie aus dieſen kleinen Träu⸗ mereien erwachte, zeigte ſich ein leichtes Erröthen auf ihrem Antlitz, und ſie ſchien befliſſen, die unwillkürliche Zerſtreutheit zu verhehlen. Dieſe Art von Abweſenheit dauerte fort, bis Bulſtrode, welcher mit 264 unſerem Wirth über die Bewegungen der Armee ſich unterhalten hatte, plötzlich das Wort an mich richtete. „Ich hoffe,“ ſagte er,„wir verdanken dieſen Euren Beſuch in Albany Euerer Abſicht, Mr. Littlepage, auf dem nächſten Feldzug Euch uns anzuſchließen. Ich höre von mehreren Gentlemen von den Colonien, welche uns auf unſerm Marſch nach Quebec zu be⸗ gleiten gedenken.“ „Das iſt etwas weiter, als ich zu gehen im Sinne hatte, Mr. Bulſtrode,“ war meine Antwort,„ſofern ich nie glaubte, daß die Streitkräfte des Königs einen ſo weiten Marſch beabſichtigten. Mein und Mr. Follock's Vorhaben iſt, uns Erlaubniß zu erbitten, an ein Regiment uns anzuſchließen, und wenigſtens bis Ticonderoga mitzuziehen, denn der Gedanke, daß die Franzoſen einen ſolchen Poſten, ſo weit in den Grenzen unſerer eigenen Provinz gelegen, inne haben, behagt uns gar nicht.“ „Wacker geſprochen, Sir; und ich hoffe, es wird mir erlaubt ſeyn, einigen Beiſtand zu leiſten, wenn die Zeit kommt, das Ein⸗ zelne in Ordnung zu bringen. Unſere Tiſchgeſellſchaft würde ſich immer glücklich ſchätzen, Euch unter ſich zu ſehen; und Ihr wißt, daß ich an ihrer Spitze ſtehe, ſeit der Oberſtlieutenant uns ver⸗ laſſen hat.“ Ich ſagte ihm meinen Dank und das Geſpräch nahm eine andere Richtung. „Ich begegnete Harris heute Morgen auf dem Wege hieher,“ fuhr Bulſtrode fort,„und er erſtattete mir auf ſeine konfuſe iriſche Weiſe,— denn ich bleibe dabei, er iſt ein Irländer, obwohl in London geboren,— nun, er erſtattete mir einen etwas verworrenen Bericht von einem Nachteſſen, dem er geſtern Abend angewohnt, welches, wie er ſagte, von einer fouragirenden Bande junger Alba⸗ nier weggeſchleppt und in die Lagerzelte gebracht worden, um einige unſerer Gentlemen damit zu traktiren. Das war arg genug, obgleich man mir ſagt, ein Holländer verzeihe immer einen ſolchen luſtigen N 8— 265 Streich; aber Harris ſtellt die Sache noch ärger dar, indem er weiter berichtet, die ihres Nachteſſens beraubte Geſellſchaft habe ſich ſchadlos gehalten durch einen Angriff auf die Küche Mr. Mayors, dem ſie ſeine Enten und Rebhühner weggetragen, und nicht eine Kartoffel übrig gelaſſen habe.“ Ich fühlte, daß ich im Geſicht roth wurde wie Scharlach, und ich bildete mir ein, Jedermann ſehe auf mich, während Herman Mordaunt es auf ſich nahm, zu antworten. „Die Geſchichte verliert natürlich nichts dadurch, daß ſie von Mund zu Mund geht,“ verſetzte unſer Wirth,„obwohl ſie in der Hauptſache wahr iſt. Wir Alle haben geſtern Abend bei Mr. Cuy⸗ ler geſpeist, und wiſſen, daß er viel mehr als eine Kartoffel auf ſeinem Tiſche hatte.“ „Alle!— Was, auch die Ladies?“ „Auch die Ladies— und Mr. Littlepage obendrein,“ antwor⸗ tete Herman Mordaunt, mir einen Blick zuwerfend und lächelnd. „Wir Alle ſammt und ſonders wollen bezeugen, daß er nicht nur ein reichliches Nachteſſen hatte, ſondern auch ein ſehr gutes.“ „Ich merke aus dem allgemeinen Lächeln,“ rief Bulſtrode,„daß hier ein sous-entendu waltet, und ich beſtehe darauf, auch in das Geheimniß eingeweiht zu werden.“ Herman Mordaunt erzählte jetzt die ganze Geſchichte, wobei er nicht eben ſehr befliſſen war, die komiſcheren Partieen zu ver⸗ hehlen, verweilte mit einigem Nachdruck bei der Vorleſung, welche Mr. Worden Doortje gehalten, und forderte mich auf, zu bezeu⸗ gen, ob ich ſie nicht vortrefflich gefunden. Bulſtrode lachte natür⸗ lich; aber mich wollte bedünken, die jungen Ladies hätten gewünſcht, daß nicht von der Sache die Rede geweſen wäre. Anneke verſuchten ſogar ein paar Mal ihren Vater von gewiſſen Bemerkungen, die er machte, und worin er von dergleichen Streichen und Kurzweil über⸗ haupt etwas leicht ſprach, abzuziehen. „Dieſer Guert Ten Eyck iſt ein Charakter!“ rief Bulſtrode, 266 und zwar einer, den ich manchmal in Verlegenheit bin zu begreifen. Einen männlicher ausſehenden, hübſcheren, keckeren, jungen Geſellen kenne ich nicht; und oft iſt er in ſeinen Anſichten und Urtheilen ebenſo männlich und achtbar, als er dem Auge erſcheint; während er zu Zeiten in ſeinem Geſchmack und ſeinen Neigungen kindiſch iſt. Wie erklärt Ihr dieß, Miß Anneke?“ „Einfach ſo, daß die Natur Guert Ten Eyck zu etwas Beſ⸗ ſerem beſtimmte, als Zufall und Erziehung, oder der Mangel an Erziehung ihn haben werden laſſen. Wäre Guert Ten Eyck in Orford gebildet worden, es wäre ein ganz andrer Menſch aus ihm geworden, als er jetzt iſt. Wenn Einer nur die Erziehung und Bildung eines Knaben empfängt, ſo wird er lange ein Knabe bleiben.“ Ich war überraſcht durch die Keckheit und Entſchiedenheit dieſer Anſicht, denn es war nicht Anneke'ns Art, ihre Urtheile über An⸗ dere ſo offen auszuſprechen; aber es ſtand nicht lange an, ſo machte ich die Entdeckung, daß ſie Guert in Gegenwart ihrer Freundin nicht ſchonte, in Folge einer tiefen Ueberzeugung, daß er der Macht über die Gefühle von Mary Wallace, die er ſichtlich gewann, nicht würdig ſey. Herman Mordaunt theilte und unterſtützte, wie mich bedünken wollte, die Anſichten ſeiner Tochter in dieſer Hinſicht; und es ergab ſich bald Gelegenheit zu bemerken, daß der arme Guert in dieſer Familie keine andere Verbündete hatte, als den Einen, wel⸗ chen ihm ſeine ſchöne, männliche Perſon, ſein offenes Weſen und Gemüth und ſeine ſeltene Treuherzigkeit und Freimüthigkeit in der Bruſt ſeiner Angebeteten gewonnen hatte. Gewiß lag etwas ſehr Gewinnendes und Einnehmendes in Guert's Art und Gewohnheit, ſich ſelbſt zu unterſchätzen, was ihm Alle geneigt machte, die ihn reden hörten; und ich für meine Perſon will geſtehen, ich wurde bald ſein Freund in dieſer ganzen Sache und blieb es bis ans Ende. Bulſtrode und ich verließen miteinander das Haus, und begaben uns Arm in Arm nach ſeinem Quartier, während Dirck bei den Ladies blieb. —„ ben 267 „Das iſt eine bezaubernde Familie,“ ſagte mein Begleiter, als wir zur Thüre hinaus waren,„und ich bin ſtolz darauf, daß ich im Stande bin, mich einiger Verwandtſchaft mit ihr zu rühmen, obwohl dieſe nicht ſo nahe iſt, als ſie, hoffe ich, dereinſt werden mag.“ 3 Ich fuhr zuſammen, riß meinen Arm beinahe aus dem des Majors heraus, und drehte mich zugleich halb um, ihm ins Geſicht zu ſchauen. Bulſtrode lächelte, behielt aber ſeine ganze Selbſtbe⸗ herrſchung, und ſetzte in der ſtoiſchen Art, welche Männern von vornehmem Ton und ſicherm Benehmen eigen iſt, ſein Geſpräch fort. „Ich ſehe, daß meine Offenheit Euch eine kleine Ueberraſchung bereitet hat,“ ſprach er weiter;„aber die Wahrheit iſt die Wahrheit; und ich halte es für unmännlich an einem Gentleman, der den Entſchluß gefaßt, als Bewerber um eine Lady aufzutreten, aus ſeinen Abſichten ein Geheimniß zu machen;— iſt das nicht auch Eure Geſinnung, Mr. Littlepage?“ „Gewiß, was die Dame betrifft, und vielleicht auch, was die Familie betrifft; aber nicht ebenſo auch in Beziehung auf alle Welt.“ „Ich verſtehe Eure Unterſcheidung, welche in gewöhnlichen Fäl⸗ len ganz gut ſeyn mag; aber in dem Falle von Anneke Mordaunt dürfte es doch der Menſchenliebe gemäß ſeyn, durch die Welt zie⸗ hende junge Männer, wie Ihr ſeyd, Corny, den wahren und wirk⸗ lichen Stand der Dinge wiſſen zu laſſen. Ich verſtehe Euer beſon⸗ deres Verhältniß zu der Familie Mordaunt recht gut; aber Andere dürften ſich ihr mit ganz verſchiednen und intereſſirteren Abſichten nähern.“ „Soll ich das ſo verſtehen, Mr. Bulſtrode, daß Miß Mordaunt Eure Verlobte ſey?“ „Oh, keineswegs; denn ſie hat ſich noch nicht entſchloſſen, mich zu erhören. Aber das ſollt Ihr wiſſen, daß ich Herman Mordaunt, mit Vorwiſſen und Zuſtimmung meines Vaters, meinen Antrag gemacht habe, und die Sache in petto iſt. Ihr könnt ſelbſt 268 entſcheiden über den muthmaßlichen Ausgang, da Ihr, als Zuſchauer, ein beſſeres Urtheil habt, als ich, der zunächſt Betheiligte, in welcher Weiſe Anneke meine Bewerbung anſieht und aufnimmt.“ „Ihr müßt bedenken, ich habe Euch ſeit zehn Monaten nicht mehr beiſammen geſehen bis dieſen Morgen; und ich ſetze voraus, Ihr wünſcht nicht, daß ich glaube, ſie habe Euch dieſe ganze Zeit auf eine Antwort warten laſſen.“ „Da ich Euch als einen ami de famille betrachte, Corny, ſehe ich keinen Grund, warum ich Euch nicht den ganzen Stand der Dinge offen darlegen ſollte, denn jene Geſchichte mit dem Löwen wird Euch immer zu einem halben Mordaunt machen. Ich hatte Anneken meinen Antrag gemacht, als Ihr mich zuerſt ſaht, und den gewöhnlichen Beſcheid, wie es bei den Ladies üblich iſt, erhal⸗ ten: das liebe Geſchöpf ſey zu jung, um daran zu denken, ſich durch ihr Wort zu binden, was allerdings damals wahrer war, als jetzt; daß ich Verwandte im Mutterland hätte, die ich befragen müßte; daß ihr Zeit gelaſſen werden müſſe, oder die Antwort würde nothwendig verneinend ausfallen, und was dergleichen herkömmliche Antworten mehr ſind, ſolange die Unterhandlung in dem einleiten⸗ den Stadium ſteht.“ „Und ſo ſteht die Sache ſeither 2“ „Keineswegs, mein lieber Kamerade, nichts weniger als das. Ich hörte Herman Mordaunt,— denn er hauptſächlich brachte der⸗ gleichen Reden vor,— mit der Geduld eines Heiligen an, bemerkte, wie ſchicklich ich das Alles fände, und erklärte meine Abſicht, Alles meinem Vater vorzulegen, und dann, verſtärkt durch ſeine Zuſtim⸗ mung und Ermächtigung die nähern Bedingungen anzubieten, von neuem zum Sturme vorzurücken.“ „Und das Alles bekamt Ihr mit umgehendem Schiffe, nachdem Ihr heim geſchrieben?“ fuhr ich fort; denn ich konnte mir gar nicht vorſtellen, wie ein Menſch ſich ſollte beſinnen können, Anneke Mordaunt zur Schwiegertochter anzunehmen. 269 „Ha, nicht gerade mit umgehendem Schiffe, obgleich Sir Harry viel zu viel gute Sitte hat, als daß er die Beantwortung eines Briefes vernachläſſigte. Ich habe nicht gehört, daß er in ſeinem Leben je das gethan hätte; nein, ſelbſt dann nicht, wenn ich ihn etwas hart drängte, wenn mein ausgeſetztes Geld zu Ende war vor dem Schluß des Vierteljahrs, wie Einem im Collegium wohl geſche⸗ hen kann, wißt Ihr, Corny. Euch die Wahrheit zu geſtehen, mein lieber Junge, Sir Harry's Einwilligung kam nicht mit umgehen⸗ dem Schiffe, wohl aber eine Antwort. Es iſt eine verwünſchte Entfernung über das atlantiſche Meer hinüber, und es braucht Zeit, eine Frage zu erörtern und mit den gehörigen Gründen zu unter⸗ ſtützen, wenn beide Theile tauſend Meilen von einander getrennt ſind.“ „Erörtern!— Welche Gründe mochten denn erforderlich ſeyn, um den Sir Harry Bulſtrode zu überzeugen, wie angemeſſen es wäre, daß Ihr Anneke Mordaunt zur Gattin nähmet, wenn Ihr könntet?“ „Das iſt aufrichtig und gerade heraus geſprochen, bei meiner Ehre!— Aber ich liebe Euch um der einfachen Ehrlichkeit Eures Characters willen, Corny, und werde daher Alles günſtig anſehen. Wenn ich könntel Nun, das werden wir erfahren am Ende des bevorſtehenden Feldzugs, wenn Ihr und ich zurückkommen von un⸗ ſerm Ausfluge nach Queber.“ „Ihr habt aber meine Frage noch nicht beantwortet, in Be⸗ treff Sir Harry Bulſtrode's?“ „Ich bitte Sir Harry und Euch um Verzeihung. Welche Gründe erforderlich geweſen, um meinen Vater zu überzeugen?— Nun, Ihr ſeyd nie im Mutterlande geweſen, Littlepage, und könnt deßwegen auch nicht vollkommen verſtehen, welche Geſinnungen 1 man dort eigentlich gegenüber von den Colonien hegt— und davon hängt Viel ab, müßt Ihr wiſſen.“ 4 „Ich hoffe, die Mutter liebt ihre Kinder, ſo wie die Kinder, das weiß ich gewiß, ihre Mutter lieben.“ 270 „Ja, Ihr ſeyd ganz loyal;— ich will das vollkommen gellen laſſen von Euch, obwohl Albany nicht gerade Bath iſt, und New⸗ York nicht Weſtminſter. Ich denke Ihr wißt, Littlepage, daß die Kirche auf dem Berge dort, welche St. Peterskirche genannt wird, obgleich eine ſehr gute Kirche und eine ſehr reſpektable Kirche, mit einer ſehr reſpektabeln Gemeinde, doch eben nicht Weſtminſter⸗Abtey, noch auch nur St. James iſt?“ „Ich glaube Euch zu verſtehen, Sir; und ſo blieb alſo Sir Harry hartnäckig auf ſeinem Kopfe?“ „Wie der Teufel!— Es brauchte nicht weniger als drei Briefe, und der letzte war ziemlich keck, um ihn herumzubringen, was mir am Ende doch gelang; und ſo iſt nun ſeine Einwilligung in beſter Form Herman Mordaunt eingehändigt worden. Ich kämpfte in der Sache mit einigem Vortheil auf meiner Seite, ſonſt wäre ich wohl nimmermehr Mei⸗ ſter geworden. Aber Ihr werdet bald ſehen, wie es war. Sir Harry iſt gichtiſch und aſthmatiſch und ſteckt überhaupt in keiner guten Haut, und jede Hufe Landes, die er beſitzt, iſt Familien⸗ Fideicommiß, und ſo handelte es ſich bei der ganzen Sache nur um einen Unterſchied in der Zeit.“ „Das Alles habt Ihr natürlich Anneke'n und Herman Mordaunt mitgetheilt?“ „Wenn ich das gethan, will ich mich hängen laſſen! Nein, nein, Maſter Corny, ein ſolcher Gelbſchnabel bin ich nicht, daß ich ſo handelte! Ihr Provinzialen ſeyd ſo dünnhäutig wie raisin de Fontainebleau, und man darf Euch nicht ſo grob anfaſſen. Ich glaube, Anneke würde den Herzog von Norfolk ſelbſt nicht hei⸗ rathen, wenn die Familie das mindeſte Bedenken blicken ließe, ſie aufzunehmen.“ „Und hätte Anneke nicht Necht, einem ſo achtungswerthen Ge⸗ fühle zu folgen?“ „Ha, Ihr wißt, ſie würde ja nur den Herzog heirathen, und nicht ſeine Mutter und Tanten und Oheime. Ich kann die Noth⸗ 271 wendigkeit nicht einſehen, daß eine junge Dame ſich deßhalb ſollte Sorgen und Bedenken machen. Aber wir ſind noch nicht daran, denn ich muß Euch erklären, Littlepage, daß ich noch nicht erhört bin. Nein, nein! Die Gerechtigkeit gegen Anneke verlangt, daß ich das ſage. Sie weiß jedoch von Harry's Einwilligung, und das iſt ſehr zu meinen Gunſten, wie Ihr zugeben müßt. Ich vermuthe, ihre Haupteinwendung wird ſeyn, daß ſie ihren Vater nicht verlaſſen wolle, der kein anderes Kind hat, und bei ihm wird es wirklich etwas hart gehen; und dann wird ſie vermuthlich Etwas vorbrin⸗ gen vom Tauſche des Vaterlandes, denn Ihr Amerikaner ſeyd Alle gewaltig darauf verſeſſen, in Euerem Lande zu leben und zu bleiben.“ „Ich ſehe nicht, wie Ihr uns das billiger Weiſe zum Vorwurf machen könnt, da doch allgemein unter uns zugeſtanden wird, daß im Mutterlande Alles beſſer iſt als in den Colonien.“ „Ich glaube in der That, Corny, erwiederte Bulſtrode, gut⸗ müthig lächelnd,„wenn Ihr jetzt der alten Inſel einen Beſuch ab⸗ ſtattetet, Ihr würdet ſelbſt geſtehen, daß manche Dinge es wirk⸗ lich ſind.“ „Ich England beſuchen!— Ich geſtehe, mir gar nicht vorſtel⸗ len zu können, wie ich dazu komme, als ein Solcher genannt zu werden, der es könnte läugnen wollen. Handelte es ſich um Guert Ten Eyck oder auch um Dirck Follock, ſo ließe es ſich eher begrei⸗ fen; aber ich, der ich aus engliſchem Blut abſtamme und einen in Eng⸗ land gebornen Großvater habe, welcher in dieſem Augenblick wohl und geſund zu Satanstoe lebt, darf nicht unter die gezählt wer⸗ den, welche England mit Abneigung betrachten.“ Bulſtrode drückte meinen Arm, und ſein Geſpräch nahm im weitern Verlauf einen vertraulicheren Ton an.„Ich glaube, Ihr habt Recht, Corny,“ ſagte er;„die Colonie iſt, der Himmel weiß, royaliſtiſch genug; aber ich finde, dieſe Holländer ſehen uns Roth⸗ röcke kälter an, als die Leute aus engliſchem Blut, weiter unten. 272 Sollte es dem Phlegma ihres Weſens zuzuſchreiben ſeyn, oder einem alten Groll und Verdruß, der noch von der Eroberung ihrer Colonie herrührt?“ „Wohl ſchwerlich iſt Letzteres der Fall, ſollte ich meinen, da ja die Colonie beim endlichen Friedensſchluſſe gegen eine Beſitzung ausgetauſcht wurde, welche die Holländer jetzt in Südamerika haben. Es hat jedoch nichts Auffallendes, wenn die Abkömmlinge vom Volke der Holländer Dieſe den Engländern vorziehe.“ „Ich verſichere Euch, Littlepage, man hat unter uns geſpro⸗ chen von der Kälte, womit wir von den Albaniern angeſehen wer⸗ den, obgleich die meiſten der angeſehenſten Familien uns gut be⸗ handeln und uns in Allem beiſtehen, wo ſie nur können. Sie ſoll⸗ ten bedenken, daß wir hier ſind, um ihre Schlachten zu fechten, und die Franzoſen abzuhalten, ſie zu überfallen.“ „Darauf würden ſie wahrſcheinlich antworten: die Franzoſen würden ſie nicht beläſtigen, ohne ihren Streit mit den Engländern⸗ Hier müſſen wir uns trennen, Mr. Bulſtrode, da ich Geſchäfte zu beſorgen habe. Noch ein Wort jedoch will ich hinzufügen, ehe wir auseinander gehen, und das iſt: daß König George II. keine loya⸗ lere Unterthanen in allen ſeinen Ländern hat, als die in ſeinen amerikaniſchen Provinzen wohnen.“ Bulſtrode lächelte, nickte beiſt wir trennten uns. Ich hatte für den Reſt dieſes Tages Beſchäftigung genug. Yaap kam gegen Mittag mit ſeiner„Schlitten⸗Brigade“ an, und ich ging, Guert aufzuſuchen, in deſſen Geſellſchaft ich mich wieder nach dem Bureau des Lieferanten begab. Pferde, Geſchirr, Schlit⸗ ten, Mundvorräthe und Alles wurde mir zu hohen Preiſen abge⸗ nommen und ich wurde für Alles in ſpaniſchem Golde bezahlt; denn Joſephs⸗ und halbe Joſephsſtücke waren damals bei uns wenigſtens eben ſo ſehr im Umlauf als das Geld des Königreichs. Spaniſches Silber hat immer unſere kleinere Müͤnze ausgemacht, immend, ſchwenkte die Hand, und 273 und ein engliſcher Shilling oder ein Sirpeneeſtück iſt etwas ganz Fremdes unter uns. Achtelsſtücke, oder Dollars ſind zwar unſer gewöhnliches Geld, aber bei allen größern Handelsgeſchäften bedie⸗ nen wir uns gerne des halben Joſephsſtücks. Ich habe in meinem Leben zwei oder drei Noten der engliſchen Bank geſehen, aber ſie kommen ſehr ſelten in den Colonien vor. Es gibt Colonie⸗Wechſel unter uns, aber ſie ſind nicht beliebt, und unſere meiſten Geldge⸗ ſchäfte werden mittelſt ſpaniſchen Goldes und ſpaniſchen Silbers abgemacht, welche von den Inſeln und von den ſpaniſchen Be⸗ ſitzungen ihren Weg zu uns finden. Der Krieg jedoch, von wel⸗ chem ich hier berichte, hat eine Menge Guineen unter uns in Um⸗ lauf gebracht, da die meiſten Truppen in dieſer Geldmünze bezahlt wurden; aber die Lieferanten fanden es in der Regel leichter, Jo⸗ ſephsſtücke als Guineen anzuſchaffen. Von erſteren hatten Dirck und ich, nachdem alle unſere Verkäufe beendigt waren, mit einan⸗ der nicht weniger als hundert und elf, oder achthundert und acht⸗ undachtzig Dollars dem Werthe nach in Händen. Ich fand Guert bei dieſer Gelegenheit ebenſo bereitwillig und ebenſo freundſchaftlich, als er ſich am Tage zuvor gezeigt hatte. Nicht nur wurden unſere Güter verwerthet, ſondern auch alle un⸗ ſere Neger, mit Ausnahme Naap's, wurden für die Armee auf die Dauer des Feldzuges gemiethet. Die Burſche, welche die Schlitten kutſchirten, gingen noch an demſelben Nachmittag mit ihren Ge⸗ ſpannen in beſter Laune nach dem Norden ab, ebenſo bereit zu luſtiger Kurzweil, als irgend welche weiße Jünglinge in der Co⸗ lonie. Ich erlaubte Naap auch mit ſeinem Schlitten weiter zu gehen und ein paar Tage auszubleiben, aber er ſollte umkehren und wieder bei uns eintreffen, ehe wir uns, nachdem der Winter ge⸗ brochen wäre, aufmachten, das„Patentland“ zu ſuchen. Es wurde ſpät Nachmittags bis Alles ins Reine gebracht war, worauf Guert mich einlud, mit ihm in ſeinem Schlitten eine Spa⸗ zierfahrt auf dem Fluß zu machen. Ich hatte mittlerweile erfahren, Satanstoe. 18 274 daß mein neuer Freund ein junger Mann von ſehr hübſchem Ver⸗ mögen war, ohne Vater und Mutter, und daß er auf einem ſo großen Fuß lebte, als es nur irgend die einfachen Lebensgewohn⸗ heiten ſeiner Umgebung geſtatteten. Unſere vornehmſten Familien in New⸗York zeichneten ſich einigermaßen aus durch ihren Ueberfluß an Silber, Tiſchweißzeug und anderen Haushaltungsſachen der Art, während ſich auch dann und wann Einer fand, welcher gute Ge⸗ mälde beſaß. Die Letztern jedoch waren ſelten, wie ich guten Grund habe zu glauben, obwohl gelegentlich das Werk eines Meiſters den Weg nach Amerika fand, hauptſächlich von Holland und Flandern. Guert hatte eine Junggeſellenwirthſchaft in einem hübſchen und guten Hauſe, mit dem Giebel gegen die Straße, wie dort gewöhn⸗ lich, jedoch nicht groß; aber Alles daſelbſt zeigte, daß ſeine alte ſchwarze Haushälterin unter einem régime gebildet worden, wo man auf ſtrengſte Sauberkeit hielt; denn was dieſen Punkt betrifft, ſo ſah Alles in Albany aus, als ob es von Zeit zu Zeit geſcheuert würde. An den Straßen ſelbſt konnte man, ſo lange Schnee lag, dieſe Operationen nicht vornehmen; aber ſobald man einmal unter ein Dach trat, ſo war Alles verbannt, was an Koth und Schmutz mahnte. In dieſem Punkte war Guert's Junggeſellen⸗Reſidenz ſo tadellos, als wenn derſelben eine Hausfrau vorgeſtanden hätte, und dieſe Hausfrau Mary Wallace geweſen wäre. „Wenn ſie je einwihligt, mich zu nehmen,“ ſagte Guert, und er ſeufzte förmlich bei dieſen Worten, und ließ ſeine Augen in dem ſehr hübſchen kleinen Geſellſchaftszimmer herumlaufen, welches ich ſo eben ſehr gerühmt hatte aus Gelegenheit des Beſuchs, den ich ihm dieſen Nachmittag in ſeiner Wohnung machte;„wenn ſie je einwilligt, mich zu nehmen, Corny, ſo werde ich mir ein neues Haus bauen müſſen. Dieſes iſt jetzt hundert Jahre alt, und ob⸗ gleich es zu ſeiner Zeit als ſehr ſtattlich galt, iſt es doch für Mary Wallace nicht halb gut genug⸗ Mein lieber Kamerad, wie beneide 275 ich Euch um die Einladung zum Frühſtück heute Morgen! in wel⸗ cher Gunſt müßt Ihr bei Herman Mordaunt ſtehen!“ „Wir ſind recht gute Freunde, Guert,“— denn vermöge der in unſern Colonien geltenden Freiheit des Benehmens hatten wir ſchon die vertrauliche Art angenommen, einander„Corny“ und „Guert“ zu nennen;—„wir ſind recht gute Freunde, Guert,“ antwortete ich,„und ich habe Grund zu vermuthen, daß ich Her⸗ man Mordaunt nicht zuwider bin. Es wurde mir das Glück vori⸗ ges Frühjahr der Miß Anneke einen kleinen Dienſt leiſten zu kön⸗ nen, und die ganze Familie war ſo gütig, dieß in freundlichem Andenken zu bewahren.“ „Das konnte ich auf den erſten Blick merken; auch Anneke iſt deſſen eingedenk. Ich habe die ganze Geſchichte von Mary Wallace gehört; es war mit einem Löwen. Ich wollte die Hälfte meines Vermögens darum geben, Mary Wallace in den Tatzen eines Lö⸗ wen oder irgend einer andern wilden Beſtie zu ſehen, nur um ihr beweiſen zu können, daß Guert Ten Eyck auch Herz im Leibe hat, ſo gut wie Corny Littlepage. Aber Corny, mein Junge, Etwas müßt Ihr mir jetzt thun; Ihr ſteht in ſolch hoher Gunſt, daß es für Euch ganz leicht iſt, es zu Stande zu bringen, obwohl ich vielleicht in Ewigkeit umſonſt es verſuchen würde.“ „Ich will Alles, was ſchicklich iſt, Euch zu Gefallen thun, Guert; denn Ihr habt Anſprüche an mich wegen der Dienſte, die Ihr mir geleiſtet habt.“— „Pah! ſagt Nichts von dergleichen Sachen; ich bin nie glück⸗ licher, als wenn ich ein Pferd kaufe oder verkaufe; und wenn ich Euch half, Eure alten Thiere los zu werden, ſo fügte ich dem Könige keinen Schaden zu und verſchaffte Euch einen Vortheil. Aber ich dachte eben an die Pferde. Ihr müßt wiſſen, Littlepage, es iſt kein junger Mann, und auch kein alter in einem Umkreis von zwanzig Meilen um Albany, der ein ſolches Paar Thiere lenkte wie ich.“ * 276 „Ihr verlangt doch hoffentlich nicht, daß ich dieſe Pferde an Mary Wallace verkaufe, Guert?“ verſetzte ich lachend. „Ja, mein Junge; und dieß Haus, und den alten Bauern⸗ hof, und zwei oder drei Magazine am Fluß hin, und Alles was ich habe, vorausgeſetzt, Ihr könnt mich auch mit verkaufen. Da jedoch die Ladies für jetzt keiner Pferde benöthigt ſind, indem Her⸗ man Mordaunt ſelbſt ein ſehr gutes Geſpann mitgebracht hat, welche Euch und mich, Corny, beinahe überfuhren, ſo bedarf es für jetzt keines Verkaufes; aber gern würde ich Mary und Anneke einige Meilen weit ſpazieren führen mit meinem Geſpann und mei⸗ nem eigenen Schlitten.“ „Das kann kein ſo ſchwieriger Handel ſeyn; denn junge Ladies willigen gewöhnlich ganz gerne ein, ſich durch eine Schlittenfahrt unterhalten zu laſſen.“ „Das Handpferd nimmt ſich mehr wie ein Oberſt an der Spitze ſeines Regiments aus, als wie ein unvernünftiges Thier!“ „Ich will die Sache Herman Mordaunt vortragen, oder Anneke ſelbſt, wenn Ihr es wünſcht.“ „Und das Sattelpferd hat die Bewegung einer Lady in einer Menuet, wenn man ihm die Zügel etwas anzieht. Ich fuhr mit dieſen Thieren, Corny, über die Fichtenebenen nach Schenektady in einer Stunde und ſechsundzwanzig Minuten, ſechszehn Meilen im geradeſten Zuge,— und nahe an ſechszig, wenn man all den Windungen der fünfzig Straßen folgt.“ „Nun, was ſoll ich thun? dieß den Ladies ſagen, oder ſie bit⸗ ten, einen Tag zu beſtimmen?“ „Einen Tag zu beſtimmen!— Ich wünſchte von ganzer Seele, es wäre ſchon ſo weit. Es ſind zwei Schönheiten.“ „Ja, das wird, glaube ich, Jedermann zugeben;“ antwortete ich unſchuldig.„und doch ſo ſehr verſchieden in ihren Reizen.“ „Ha, kein Bischen mehr ſich gleich, als für ein gutes Paar nothwendig iſt. Ich nenne den einen Jack, den andern Moſes. . 277 Ich habe nie ein Thier geſehen, welches Jack hieß, das nicht ſeine Schuldigkeit gethan hätte. Ich gäbe Viel darum, Corny, wenn Mary Wallace dieß Thier laufen ſähe!“ Ich verſprach Guert allen meinen Einfluß bei den Ladies auf⸗ zubieten, um ſie zu vermögen, ſich ſeinem Geſpann anzuvertrauen; und damit ich aus eigener Anſchauung und Erfahrung ſprechen könne, wurde ſofort der Schlitten vor die Thüre beſtellt, in der Abſicht, vor der Hand mit mir eine Fahrt zu machen. Die Winter⸗ equipage Guert Van Cyck's war in der That ſehr geſchmackvoll und zeugte von großer Kennerſchaft. Ich hatte oft ſchönere Schlitten geſehen, was Anſtrich, Firniß, Vordergeſtell und Simſe betrifft; denn darauf ſchien er ſehr wenig Aufmerkſamkeit zu wenden. Die Eigenſchaften, wegen welcher der Eigenthümer ſeinen Schlitten am meiſten ſchätzte, waren erſtlich die vortreffliche Art, wie er auf den Läufen ruhte, und hinten und vorn ganz leicht auflag; ſodann waren die Zugriemen mehr in gleicher Höhe mit den Pferden, doch nicht ſo hoch, daß ſie dem Ziehen Eintrag thaten. Die Farbe außen war himmelblau, eine Lieblingsfarbe der Holländer; innen feuerroth. Die Pelze waren ſehr groß und alle vom grauen Wolf. Da ſie mit ſcharlachrothem Tuche gefüttert waren, ſo erregte das Ganze eine Vorſtellung von behaglicher Wärme. Nicht vergeſſen darf ich die Glocken. Außer den vier Reihen, welche am Geſchirr be⸗ feſtigt waren, das gewöhnliche Erforderniß jeder Art von Schlitten⸗ geſchirr, hatte Guert auch zwei ungeheuere Riemen, lederne Strei⸗ fen, angeſchafft, welche von den Sätteln bis unter den Leib von Jack und Moſes hinabreichten; und noch ein Glockenriemen lief um den Hals eines jeden Pferdes; ſo daß das Geklingel beim Laufen um wenigſtens das Vierfache gegen die ſonſt übliche Menge von Glocken verſtärkt war. So alſo fuhren wir ab von der Thüre des alten Ten Eyck'⸗ ſchen Hauſes, und alle Schwarzen auf der Straße gafften uns voll Entzücken an und lachten, daß ihnen die Seiten ſchütterten— denn 278 ein Neger drückt ſeine Bewunderung von irgend welcher Sache, und wäre es auch eine Predigt, immer auf dieſe Weiſe aus. Ich erin⸗ nere mich, einen Reiſenden, der bis an den Niagara gekommen war, erzählen gehört zu haben, ſein Schwarzer habe die ganze erſte halbe Stunde, wo er dieſem gewaltigen Katarakt gegenüber geſtanden, nur ein ſchallendes, wieherndes Gelächter ausgeſtoßen. Auch blieben nicht allein die Schwarzen ſtehen, um Guert Ten Eyck, ſeinen Schlitten und ſeine Pferde zu bewundern. Alle jun⸗ gen Männer in der Stadt zollten Guert dieſe Huldigung, denn er galt einſtimmig als der beſte Kutſcher und als der erſte Pferdeken⸗ ner in Albany,— das heißt als der beſte Kenner für ſeine Jahre. Einige junge Frauenzimmer, welche in Schlitten ſaßen, ſchauten ſich um, als wir an ihnen vorbeifuhren, ein Beweis, daß die Be⸗ wunderung ſich auch auf das andere Geſchlecht erſtreckte. Das Al⸗ les ſah und fühlte Guert, und die Wirkung hievon war ſehr leicht zu bemerken in ſeinem ganzen Weſen, wie er da ſtand und ſein feuriges Paar durch die Holzſchlitten hin lenkte, welche noch immer in der Hauptſtraße gedrängt ſtanden. Unſer Weg ging den großen Flächen zu, welche ſich nördlich von Albany Meilen weit an der weſtlichen Küſte des Hudſon hin erſtrecken. Dieß war die Bahn, welche von den jungen Leuten der Stadt bei ihren Abendſchlittenfahrten gewöhnlich gewählt wurde; und nicht Wenige von der höhern Klaſſe hielten an, um der Ma⸗ dame Schuyler ihre Achtüng zu bezeugen, eine Wittwe aus derſel⸗ ben Familie, in welche ſie auch geheirathet hatte, die vermöge ihres Charakters, ihrer Verwandtſchaft und ihres Vermögens in dem ge⸗ ſellſchaftlichen Kreis der Nachbarſchaft eine hohe Stelle einnahm. Guert kannte dieſe Dame und ſchlug vor, daß ich ihr einen Be⸗ ſuch machen und ihr meine Achtung bezeugen ſolle— ein Tribut, den ſie von den meiſten Fremden von gutem Hauſe zu empfangen gewohnt war. Dahin fuhren wir alſo, ſo ſchnell die Rappen mei⸗ nes Begleiters uns ziehen konnten. Die Entfernung betrug nur 279 wenige Meilen, und bald flogen wir durch das offene Thor vor dem Hauſe vor, wo im Sommer ein ſehr hübſcher, obwohl kunſt⸗ loſer, Raſenplatz ſeyn mußte. „Beim Jupiter, wir haben Glück!“ rief Guert, im Augen⸗ blick, wo er der Ställe anſichtig wurde;„dort iſt Herman Mor⸗ daunt's Schlitten, und wir werden die Ladies hier finden.“ Alles dieß fand ſich wirklich ſo, wie Guert verkündigt hatte. Anneke und Mary Wallace hatten bei Madame Schuyler zu Mit⸗ tag geſpeist, und ihre Mäntel und Shawls waren ihnen gerade gebracht worden, um ſich zur Rückfahrt bereit zu machen, als wir eintraten. Ich hatte ſo viel von Madame Schuyler gehört, daß ich dieſer achtbaren Dame mich nicht ohne ſcheue Ehrfurcht nähern konnte, und zuerſt hatte ich keine Augen für ihre Geſellſchafterinnen. Ich ward gut aufgenommen von der Herrin des Hauſes, einer Frau von ſo bedeutendem Umfang, daß ſie mit großer Schwierigkeit von ihrem Stuhl aufſtand, aber deren Angeſicht gleichmäßig Verſtand, Grund⸗ ſätze, freie Bildung und Wohlwollen ausdrückte. Sobald ſie den Namen Littlepage hörte, warf ſie den jungen Freundinnen einen bedeutſamen Blick zu; mein Auge folgte dem ihrigen, und ſah, daß Anneke hoch erröthete und etwas beklommen ausſah. Was Mary Wallace betrifft, ſo ſchien ſie mir, wie nach meinem Dafürhalten jedesmal der Fall war, ſo oft Guert Ten Eyck ſich ihr näherte, mit einer Art ſchwermüthiger Freude zu ringen. „Ich brauche nicht erſt Eurer Mutter Namen zu hören, Mr. Littlepage,“ ſagte Madame Schuyler, mir die Hand bietend,„da ich ſie als junge Frau kannte. Um ihre twillen ſeyd Ihr will⸗ kommen; ſo wie Ihr es in Wahrheit auch um Eurer ſelbſt willen ſeyn würdet, nach dem hochwichtigen Dienſt, den Ihr, wie ich höre, meiner holden jungen Freundin hier geleiſtet habt.“ Ich konnte mich nur verbeugen und meinen Dank ausſprechen; aber es iſt überflüſſig, zu ſagen, wie angenehm mir Lob dieſer Art war, das, wie ich wohl wußte, urſprünglich von Anneke ſelbſt her⸗ 280 rühren mußte; dennoch konnte ich mich kaum enthalten, über Guert zu lachen, welcher die Achſeln zuckte und ſich gegen mich wandte mit einer Miene, die ſein komiſches Bedauern wiederholte, daß er nicht Mary Wallace in den Tatzen eines Löwen ſehen konnte! Das Geſpräch nahm dann die gewöhnliche Wendung, und ich bekam Ge⸗ legenheit, mit den jungen Damen zu ſprechen. Nach dem, was ich von dem Charakter der Madame Schuyler gehört, war ich nicht wenig überraſcht, zu finden, daß Guert in gewiſſer Art ein Liebling von ihr war. Aber ſelbſt die verſtändig⸗ ſten und feingebildetſten Frauen ſind häufig geneigt— das habe ich ſeither Gelegenheit gehabt zu lernen— ſchöne, männliche in müthige, leichtſinnige Geſellen, wie mein neuer Bekannter omes ziemlicher Nachſicht zu beurtheilen. Bei all ſeinem Leihitt mntits ſeiner Neigung, ſich in Exreſſe und tolle Streiche einzulafsn Guert Etwas an ſich, was es ſchwer machte, ihn zu veroichhi. Der Muth eines Löwen funkelte in ſeinem Auge, und ſeine Stirzie und ſeine Haltung waren gerade von der Art, wie ſie für Frauen am anziehendſten ſind. Zu dieſen Vorzügen kam noch eine anſchei⸗ nende Unbewußtheit ſeiner Ueberlegenheit gegenüber den Meiſten in ſeiner Umgebung, was die äußere Perſönlichkeit betraf, und eine Beſcheidenheit des Gemüths, die ihn oft ſeine Mängel in den Ta⸗ lenten und Kenntniſſen beklagen ließ, welche den Mann von ernſten Studien und geiſtiger Regſamkeit auszeichnen. Nur unter robuſten, rührigen, wilden Kameraden ließ Guert irgend den Ehrgeiz blicken, der Erſte zu ſeyn und ſich an die Spitze zu ſtellen. „Fahrt Ihr noch immer mit den feurigen Rappen, Guert?“ fragte Madame Schuyler in milder, leutſeliger Art, die ſie fähig und geneigt machte, ihr Geſpräch dem Geſchmack derjenigen anzu⸗ paſſen, mit welchen ſie zu verkehren Luſt hatte;„diejenigen meine ich, welche Ihr im Herbſt gekauft habt?“ „Deſſen dürft Ihr gewiß ſeyn, Tante,“— Jeder, der ſich nur der entfernteſten Verwandtſchaft mit dieſer liebenswürdigen Frau N=e ⏑—p — u—— —, N— 281 rühmen konnte, und Weſſen Jahre die Benennung nicht als unehrerbietig erſcheinen ließen, nannte ſie ‚Tante“,—„deſſen dürft Ihr gewiß ſeyn, Tante, denn ihres Gleichen ſind nicht in dieſer Colonie zu finden. Die Gentlemen von der Armee behaupten, kein Pferd könne gut ſeyn, das nicht, was ſie Blut nennen, habe; aber Jack und Moſes ſind Beide von der holländiſchen Zucht, und die Schuyler's und Ten Eychs werden nimmermehr zugeben, daß in dieſer Race kein Blut ſey. Ich habe jedem dieſer Thiere meinen eigenen Namen gegeben und nenne ſie Jack Ten Eyck und Moſes Ten Eyck.“ „Ich hoffe, Ihr werdet die Littlepagess und die Mordaunt's ſcht von Eurer Liſte von Diſſenters ausſchließen, Mr. Ten Eyck,“ Anneke lachend,„denn Beide haben ja auch holländiſches yren Adern.“ vehr wahr, Miß Anneke, und Miß Wallace iſt die einzige und ganze Engländerin hier. Aber, da Tante Schuyler von neinem Geſpann geſprochen hat, ich wünſchte, ich könnte Euch und Miß Mary bereden, daß Ihr Euch gleich heute Abend damit von mir nach Albany zurückführen ließet. Euer eigner Schlitten kann nachfahren; und da Eures Vaters Pferde engliſcher Abkunft ſind, ſo werden wir Gelegenheit haben, die beiden Racen zu ver⸗ gleichen. Die Anglo⸗Sachſen werden keine Laſt haben, wohl aber die Flamänder; dennoch will ich Thier gegen Thier wetten, daß die letztern ihre Sache am beſten machen und in der kürzeſten Zeit.“ Auf dieſen Vorſchlag wollte jedoch Anneke nicht eingehen; ohne Zweifel vergegenwärtigte ihr natürliches, inſtinktartiges Zartgefühl ſogleich ihrem Geiſte das Unpaſſende, wenn ſie ihren Schlitten ver⸗ ließe, um eine Abendfahrt zu machen im Schlitten eines jungen Mannes, der, wie Guert, anerkannt im Rufe tollen Leichtſinns und ausgelaſſener Luſtigkeit ſtand, und nicht immer ſo glücklich war, junge Damen der erſten Claſſen zu bereden, ſeine Begleite⸗ rinnen zu werden. Doch hatte die Wendung, welche das Geſpräch genommen, die Folge, ſo viele dringende Aufforderungen zu veran⸗ 282 laſſen, welche von mir unterſtützt wurden, eine Probe mit den Pfer⸗ den anzuſtellen, daß Mary Wallace verſprach, die Sache Herman Mordaunt vorzulegen, und, falls er es gut hieße, Guert, Anneke und mich auf einer Spazierfahrt in der nächſten Woche zu begleiten. Dieſe bedingte Zuſage wurde von dem armen Guert mit tief⸗ gefühlter Dankbarkeit aufgenommen; und er verſccherte mich, als wir nach der Stadt zurückfuhren, er habe ſich in den letzten zwei Monaten nie ſo glücklich gefühlt. „Es ſteht in der Macht eines ſolchen jungen Weibes— jun⸗ gen Engels, würde ich richtiger ſagen,“ ſetzte Guert hinzu,„aus mir zu machen, was ſie will! Ich weiß, ich bin ein Tagdieb und unſern holländiſchen Ergötzlichkeiten allzu ergeben, und habe den Büchern nicht die Aufmerkſamkeit gewidmet, die ich hätte ſollen; aber laßt mich nur dieß köſtliche Weſen bei der Hand nehmen, ſo werde ich in einem Monat ein ganz verwandelter Mann ſeyn. Junge Frauen können mit uns machen, was ſie wollen, Mr. Littlepage, wenn ſie es ſich ernſtlich vornehmen. Ich wollte, ich wäre ein Pferd, um das Vergnügen zu haben, Mary Wallace auf jener Spazierfahrt zu ziehen!“ Fünfzehntes Kapitel. Da macht des Lärmrufs Stimme ihm Die innerſte Seel' erſchauern: Hallo, Lord William! raſch ſteh auf, Die Fluth unterwühlt deine Mauern! Lord William. Der Beſuch bei Madame Schuyler fand an einem Samstag Abend ſtatt; und das Abenteuer der gemeinſchaftlichen Fahrt mit Jack und Moſes ſollte am nächſtfolgenden Montag entſchieden wer⸗ den. Als ich jedoch am Sonntag Morgen aufſtand und zu meinem 283 Fenſter hinausſah, da war wenig Ausſicht vorhanden, daß die Sache noch in dieſem Frühjahr zur Ausführung kommen könne, denn es regnete heftig und wehte ein ſtarker Südwind. Wir hatten jetzt den 21. März, einen Zeitpunkt des Jahres, wo ein entſchiede⸗ nes Thauwetter nicht nur für das Schlittenfahren unheilverkündend war, ſondern wirklich auch ein bleibendes Brechen und Aufhören der Winterkälte weiſſagte. Der Winter hatte lang angehalten und man glaubte, ein Witterungswechſel dürfte nicht ferne ſeyn. Regen und Südwind dauerten den ganzen Tag fort, Ströme von Waſſer ſtürzten die kurzen ſteilen Straßen herab und ſchwemm⸗ ten nachdrücklich allen Schnee fort. Mr. Worden predigte demun⸗ geachtet und zwar vor einer ſehr achtbaren Verſammlung. Dirck und ich wohnten der Predigt bei; Jaſon aber zog es vor, lieber während einer Predigt ein doppeltes Halbſtundenglas lang in der hollän⸗ diſchen Kirche dazuſitzen, obwohl ſie in einer Sprache gehalten wurde, von der er ſehr Wenig verſtand, als daß er den Ritus des engliſchen Gottesdienſtes mit ſeiner Gegenwart beehrt hätte. Anneke und Mary Wallace wagten ſich auf den Berg hinauf, in einem Wagen; ich bemerkte jedoch, daß Herman Mordaunt fehlte. Guert war auf der Gallerie, wo wir auch ſaßen; aber ich konnte nicht umhin, zu bemerken, daß keine der beiden Ladies während des gan⸗ zen Gottesdienſtes auch nur Einmal die Augen bis zu unſern Stüh⸗ len erhob. Guert flüſterte Etwas herüber, indem er die Treppen hinab eilte, um ihnen beim Einſteigen in den Wagen die Hand zu bieten, als die Gemeinde entlaſſen wurde, und bat mich zugleich, in Betreff der Verabredung für den nächſten Tag pünktlich die Zeit einzuhalten. Was er mit dieſer letzteren Erinnerung meinte, begriff ich nicht; denn die Berge begannen ſchon ihre nackte Bruſt zu zei⸗ gen, und es war in der That zum Erſtaunen, mit welcher Schnel⸗ ligkeit eine ziemlich ungewöhnliche Maſſe Schnee verſchwunden war Ich hatte keine Zeit, mir eine Erklärung auszubitten, da Guert zu beſchäftigt war, den Damen in den Wagen zu helfen, das Wetter 284 aber von der Art, daß ich keinen Augenblick länger auf der Straße verweilen mochte, als unerläßlich nothwendig war. Während der Nacht trat eine Wetterveränderung ein; der Re⸗ gen hatte aufgehört, obgleich die Luft noch mild blieb und der Wind noch immer von Süden wehte. Es war der Anfang des Frühjahrs; und wie ich nach Guert Ten Eyck's Hauſe ſpazierte, um ihn beim Frühſtück zu treffen, bemerkte ich, daß ſchon verſchiedene Fuhrwerke mit Rädern in den Straßen in Bewegung waren, und mehrere Perſonen Miene machten, ihre Schlitten von allerlei Art, als jetzt nicht mehr anwendbar, für den nächſten Winter zurück⸗ zuſtellen. Allerdings tritt bei uns das Frühjahr nicht ſo plötzlich ein, als in einigen Ländern der alten Welt, wovon ich geleſen habe; aber wenn der Schnee und der Winter bis in den März hinein währen, wie dieß im Jahr 1758 der Fall geweſen war, ſo iſt der Wechſel oft beinahe wie durch Zauber bewirkt. „So geht nun alſo das Frühjahr auf, ſagte ich zu Dirck, als wir durch die reichlich von Waſſer beſpülten Straßen ſchritten;„und in wenigen Wochen müſſen wir fort in den Buſh. Unſer Geſchäft mit dem Patentland müſſen wir abgemacht haben, ehe die Truppen ſich in Bewegung geſetzt, ſonſt verlieren wir die Gelegenheit einen Feld⸗ zug zu ſehen.“ Mit ſolchen Erwartungen und Gedanken betrat ich Guert's Junggeſellenreſidenz; und meine erſten Worte ſprachen meine Theil⸗ nahme wegen ſeines, wie ich annahm, vereitelten Planes aus. „Es iſt Jammerſchade,“ begann ich,„daß Ihr den Ladies nicht für Samstag eine Fahrt vorgeſchlagen habt; denn das war nicht blos ein milder Tag, ſondern die Schlittenbahn war auch vortreff⸗ lich. So aber werdet Ihr Euren Triumph wohl bis zum nächſten Winter verſchieben müſſen.“ „Ich verſtehe Euch nicht,“ rief Guert.„Jack und Moſes waren nie munterer und nie in beſſerem Stande. Ich glaube, ſie leiſten es, in zwei Stunden nach Kinderhook zu laufen!“ 285 „Aber Wer wird uns die Wege mit Schnee füllen? Wenn Ihr zum Fenſter hinausſchaut, werdet Ihr ſehen, daß die Straßen beinahe von Schnee entblößt ſind“ „Straßen und Wege! Wer fragt darnach, ſo lange wir den Fluß haben? Wir benützen hier oft Wochenlang an Einem fort den Fluß, nachdem der Schnee uns verlaſſen hat. Das Eis iſt dieſen ganzen Winter über ausgezeichnet geweſen, und jetzt, nach⸗ dem der Schnee weg iſt, hat es auch keine Gefahr mehr wegen der Luftlöcher.“ Ich geſtehe, der Gedanke, zwanzig Meilen weit auf dem Eis zu reiſen, behagte mir nicht ſonderlich, aber ich war viel zu ſehr ein Mann, um Einwendungen zu machen. Wir frühſtückten, und begaben uns dann miteinander nach der Wohnung Herman Mordaunt's. Anfangs, als die Ladies hörten, daß wir gekommen ſeyen, um die Erfüllung des halben Verſpre⸗ chens zu verlangen, das ſie bei Madame Schuyler gegeben, war ihre Ueberraſchung nicht geringer, als die meinige eine halbe Stunde zuvor geweſen war, ihr Unbehagen aber vermuthlich viel größer. „Gewiß können Jack und Moſes nicht alle ihre edeln Eigen⸗ ſchaften bewähren ohne Schnee!“ rief Anneke lachend,„obgleich ſie beide Ten Eyck's ſind.“ „Wir Albanier haben den Vortheil, auf dem Eis reiſen zu können, wenn uns der Schnee im Stich läßt,“ antwortete Guert. „Der Fluß iſt ganz in der Nähe, und nie war die Schlittenbahn darauf beſſer als in dieſem Augenblick.“ „Aber wohl oft ſicherer, ſollte ich meinen. Es ſieht jetzt ganz ſo aus, als ob der Winter ſich brechen und Abſchied nehmen wollte.“ „Das iſt ganz wahrſcheinlich und um ſo mehr ein Grund, es nicht aufzuſchieben, wenn Ihr und Miß Mary überhaupt Euch überzeugen wollt, was die Rappen leiſten können. Um der Ehre Hollands willen wünſche ich es, ſonſt würde ich nicht ſo kühn ſeyn. Ich fühle jede herablaſſende Güte der Art, welche mir von Euch „ 286 zwei Ladies zu Theil wird, in einer Art, die ich gar nicht beſchrei⸗ ben kann; denn Niemand weiß beſſer als ich, wie wenig ich der mindeſten Beachtung von Eurer Seite werth bin.“ Auf dieſe Worte zeigte ſich ſofort in dem milden Angeſicht von Mary Wallace die Geneigtheit nachzugeben. Guert's Selbſternie⸗ drigung verfehlte nie dieſe Wirkung hervorzubringen. Es lag ſo viele offenbare Wahrhaftigkeit in ſeinem Zugeſtändniß, eine ſo auf⸗ richtige Bereitwilligkeit, die Stelle einzunehmen, welche ihm Natur und Bildung oder richtiger der Mangel an Bildung anwies, und beſonders eine ſo innige, ſich unterordnende Anerkennung der gei⸗ ſtigen Ueberlegenheit Mary's ſelbſt, daß das weibliche Herz unmög⸗ lich widerſtehen konnte. Zu meiner Ueberraſchung war die Geliebte Guert's, ganz entgegen ihrer Gewohnheit in ſolchen Dingen, die Erſte, welche ihm beitrat und ſeinen Vorſchlag unterſtützte. Da Herman Mordaunt in dieſem Augenblick in das Zimmer trat, wurde die ganze Sache an ihn verwieſen, wie dieß billiger Weiſe geſchehen mußte. „Ich erinnere mich vor wenigen Jahren auf dem Hudſon ge⸗ reist zu ſeyn,“ verſetzte Herman Mordaunt,„die ganze Strecke von Albany bis Sing⸗Sing, und es war eine treffliche Fahrt; eine viel beſſere, als wenn wir zu Lande gereist wären, denn es lag wenig oder gar kein Schnee“ 4 „Gerade wie es jetzt der Fall iſt, Miß Anneke!“ rief Guert. „Eine gute Schlittenbahn auf dem Fluß, aber keine auf dem Land.“ „War es damals auch gegen Ende März, lieber Papa?“ fragte Anneke etwas ängſtlich. „Nein, allerdings nicht, es war zu Anfang Februars. Aber das Eis muß im jesigen Aunenblick beinahe achtzehn Zoll dick ſeyn, und ſtark genug, um einen beladenen Heuwagen zu tragen.“ „Ja, Maſſer Herman,“ bemerkte Cato, ein grauköpfiger Schwar⸗ zer, der ſeinen Herrn nie mit einem andern Namen genannt hatte, da er ihn von Kind an kannte;„ja, Maſſer Herman, eine Laſt Heu kommt herüber in dieſer Minute.“ 287 Es ſchien unvernünftig, der Stärke des Eiſes zu mißtrauen, nach dieſem Beweiſe für die entgegengeſetzte Meinung, und Anneke ergab ſich darein. Die Partie wurde ſofort verabredet und zwar in folgender Weiſe: die zwei Ladies, Guert und ich ſollten von den Rappen gezogen werden, während Herman Mordaunt, Dirck und Wen ſie ſonſt noch anwerben möchten, in dem New⸗Yorker Schlitten folgen ſollten. Man hoffte, eine ältliche Verwandte, Mrs. Bogart, welche in Albany wohnte, würde ſich dazu verſtehen von der Geſell⸗ ſchaft zu ſeyn, und der Plan war, eine den Mordaunt's verwandte Familie zu Kinderhook zu beſuchen und miteinander zu Mittag zu ſpeiſen. Während die Schlitten in Bereitſchaft geſetzt wurden, begab ſich Herman Mordaunt nach dem Hauſe des Mrs. Bogart, trug ſeine Bitte vor, und erreichte ſeine Abſicht. Die Glocke auf dem Thurm der engliſchen Kirche ſchlug Zehn, als beide Schlitten von Herman Mordaunt's Hausthüre wegfuhren. Es lag im buchſtäblichen Sinne kein Schnee mehr in der Mitte der Straßen; in der Nähe der Häuſer jedoch fand ſich, mit Eis unter⸗ miſcht, deſſen noch genug, um bis zur Fähre hinab gelangen zu können, dem Punkt, wo die Schlitten gewöhnlich auf den Strom hineinfuhren. Hier hielt Herman Mordaunt, welcher voranfuhr, ſeine Pferde an und wandte ſich um, mit Guert ſich zu beſprechen, ob es paſſend und gerathen ſey, weiter zu fahren. Das Eis in der Nähe des Ufers war offenbar in Bewegung geſetzt worden, denn der Fluß war um einen oder zwei Fuß geſtiegen, in Folge des Windes und Thauwetters, und eine Art Eiswelle war am Land aufgeworfen, über welche man durchaus hinüber mußte, um auf den eigentlichen Fluß zu gelangen. Da die Spitze dieſes Eisrückens oder dieſer Eiswelle gebrochen war, ſo lam ein Riß zum Vorſchein, welcher uns möglich machte, die Dicke des Eiſes zu ſehen, und darauf wies Guert hin, als einen Beweis ſeiner Stärke. Es war auch nichts Ungewöhnliches an einer kleinen Bewegung der Eisdecke des Fluſſes, wie ſie die Strömung öfters verurſacht; und wenn 288 nicht die ungeheuern Eisflächen weiter unten ſich in Bewegung ſetz⸗ ten, ſo war es für die obern in der That unmöglich, ihre Lage weſentlich zu verändern. Auch paſſirten noch immer Schlitten, welche Heu von den Ebenen des weſtlichen Ufers nach der Stadt führten, und ſo beſann man ſich nicht länger. Herman Mordaunt's Schlitten fuhr langſam über den Eishügel, weil man Sorge tragen mußte für die Füße der Pferde, und der unſrige folgte ebenſo vor⸗ ſichtig, obgleich die Rappen über, den Spalt ſprangen, trotz der Bemühungen ihres Herrn. Sobald wir jedoch auf dem Fluß uns befanden, gab Guert ſeinen Rappen die Peitſche, ließ ihnen die Zügel ſchießen, und da⸗ hin flogen wir wie der Wind. Der glatte Eisſpiegel des Hudſon war unſere Straße, denn das Thauwetter hatte ſehr wenige Spu⸗ ren übrig gelaſſen. Das Waſſer war alles durch Riſſe und Spalten irgend einer Art unter das Eis abgefloſſen, und ſo hatten wir eine ebene, trockene Fläche, auf der wir dahinfuhren. Der Wind wehte noch von Süden, doch nicht eigentlich mehr warm, während eine glänzende, unumwölkte Sonne dazu beitrug, die Fahrt ſo luſtig für das Auge zu machen, als ſie unſerer Empfindung angenehm war. In wenigen Minuten war jede Spur von Mißbehagen verſchwun⸗ den, dahin flogen wir, und die Rappen rechtfertigten vollkommen ihres Herrn Lobſprüche und Rühmen; ſie ſchienen kaum das Eis zu berühren, von welchem ihre Füße, wie von einer geheimen Feder⸗ kraft getrieben, emporzuſchnellen ſchienen. Herman Mordaunt's Rothbraunen folgten uns auf dem Fuß, und die Schlitten hatten binnen zwanzig Minuten, ſeit ſie den Fluß berührt, ſchon die be⸗ kannte Untiefe von Overſlaugh paſſirt. Jeder Amerikaner aus dem Norden iſt wohl bekannt mit der Wirkung, welche die Bewegung eines Schlittens unter begünſtigen⸗ den Umſtänden auf die Stimmung und Laune hervorbringt. Hätte unſere Geſellſchaft ganz aus Albaniern beſtanden, ſo wäre wahr⸗ ſcheinlich der Genuß und die Freude ganz ungetrübt geweſen, denn +— 6G 289 die Gewohnheit würde alle Beſorgniß ausgeſchloſſen haben; aber es bedurfte der oben genannten Friſt, um Anneke'n und Mary Wallace volles Vertrauen zu dem Eis einzuflößen. Bis wir jedoch Overſlaugh erreichten, war ihre Angſt verſchwunden; und Guert beſtärkte ſie in ihrem Sicherheitsgefühl dadurch, daß er ſie auf die Töne von den Hufſchlägen ſeiner Pferde aufmerkſam machte, welche allerdings den Eindruck machten, daß man ſich auf einem feſten Grund bewege. Mary Wallace war nie früher in meiner Gegenwart ſo mun⸗ ter geweſen, wie ſie an dieſem Morgen erſchien. Ein oder zwei⸗ mal däuchten mir ihre Augen faſt ſo glänzend wie die Anneke'ns, und gewiß war ihr Lachen ebenſo ſüß und muſikaliſch. Beide Mäd⸗ chen waren von glänzendſter Laune, und ein paar Kleinigkeiten fie⸗ len vor, welche in mir die Hoffnung erweckten, Bulſtrode habe kei⸗ nen Grund, ſich ſeiner Sache ſo gewiß zu glauben, als dieß manchmal bei ihm der Fall zu ſeyn ſchien. Eine zufällige Bemerkung Guert's entlockte Anneken einige Herzensmeinungen in Bezug auf dieſen Punkt— oder wenigſtens ſchienen ſie mir das zu ſeyn. „Ich bin erſtaunt, daß Mr. Mordaunt vergaß, den Mr. Bul⸗ ſtrode einzuladen, an unſrer heutigen Partie Theil zu nehmen,“ rief Guert, als wir über Overſlaugh hinaus waren.„Der Major iſt ein Freund vom Schlittenfahren, und er würde ganz angenehm den vierten Sitz im andern Schlitten ausgefüllt haben. Aber ein Platz in dieſem— der wäre ihm verweigert worden, und wenn er ſelbſt ein General wäre!“ „Mr. Bulſtrode iſt ein Engländer,“ verſetzte Anneke lebhaft, „und bildet ſich ein, amerikaniſche Ergötzlichkeiten ſtünden unter dem Geſchmack eines Mannes, der am Hofe von St. James prä⸗ ſentirt worden iſt.“ „Nun, Miß Anneke, ich kann nicht ſagen, daß ich in dieſer Eurer Anſicht von Mr. Bulſtrode ganz mit Euch übereinſtimme,“ erwiederte Guert unſchuldig.„Es iſt wahr, er iſt ein Engländer; Satanstoe. 19 290 er hält es für einen Vorzug, wie auch Corny Littlepage hier; aber wir müſſen der Liebe zum Heimathland und dem Mißtrauen gegen Ausländiſches doch immer Etwas nachſehen.“ „Corny Littlepage hier iſt nur halbengliſch, und dieſe Hälfte iſt in der Colonie geboren und erzogen,“ verſetzte das lachende Mädchen,„und er hat die Schlitten geliebt von der Zeit an, wo er zuerſt einen Berg herunter glitt—“ „Ach, Miß Anneke, laßt mich Euch bitten— „Oh, ich beabſichtige gar keine Anſpielung auf die holländiſche Kirche und deren Umgebungen;— aber die Spiele der Kindheit ſind uns immer theuer, ſowie manchmal auch deren Leiden. Ge⸗ wohnheit und Vorurtheil ſind innig verſchwiſtert; und ich ſehe nie einen dieſer Gentlemen aus dem Mutterlande ein ungewöhnliches Intereſſe an einem der eigenthümlichen Bräuche unſrer Colonie an den Tag legen, ohne daß ich gegen ein ungewöhnliches Maß von Gefälligkeit einiges Mißtrauen fühle, oder eine Art von Genuß bei ihm vermuthe, die wir eigentlich nicht theilen können.“ „Iſt das ganz billig gegen Bulſtrode, Miß Anneke?“ wagte ich zu fragen.„Er ſcheint Gefallen an uns zu finden, und ich bin gewiß, er hat allen Grund dazu. Daß er an Einigen von uns Wohlgefallen findet, iſt zu augenfällig, als daß es ſich verheh⸗ len oder abläugnen ließe.“ „Mr. Bulſtrode iſt ein geſchickter Schauſpieler, wie Allen be⸗ kannt ſeyn muß, die ſeinen Cato geſehen haben,“ entgegnete das reizende Mädchen, ihre ſchmollenden Lippen in einer Art zuſammen⸗ ziehend, die mir unausſprechlich lieblich erſchien;„und Wer ſeinen Serub geſehen, muß auch von der Biegſamkeit ſeiner Talente über⸗ zeugt ſeyn. Nein, nein; Major Bulſtrode iſt beſſer da wo er iſt, oder heute um vier ſeyn wird,— oben am Tiſche der Offiziersge⸗ ſellſchaft des—— ten Negiments, als daß er in einem hübſchen holländiſchen Geſellſchaftszimmer ſpeiste bei meiner Couſine, der würdi⸗ gen Mrs Van der Heyden, bei einem Mittageſſen, mit einer Gaſtlich⸗ 71 291 keit, einer Herzlichkeit und einer Einfachheit bereitet und geboten, wie ſie nun einmal in der Colonie zu Hauſe ſind. Die Bewirthung, die uns heute zu Theil werden wird, verfüßt durch einen vom Her⸗ zen gebenden Willkomm, kann nicht ihres gleichen haben und keine Gunſt finden in Ländern, wo man zwei Tage vor einem Beſuch einen Boten ſchicken muß, ſich die Erlaubniß auszubitten, zu kom⸗ men, wenn man nicht kalten Blicken und einer erkünſtelten Ueber⸗ raſchung ſich ausſetzen will. Ich würde immer vorziehen, lieber das Herz meiner Freunde als ihren Kopf zu überraſchen.“ Guert drückte ſein Erſtaunen aus, daß irgend ein Menſch nicht jederzeit erfreut und wihiig ſeyn ſollte, ſeine Freunde bei ſich zu empfangen, und blieb dabei, daß keine ſo ungaſtliche Sitten exi⸗ ſtiren könnten. Ich jedoch wußte, daß die Geſellſchaft in alten und in neuen Ländern nicht auf dem gleichen Fuß beſtehen könne,— bei einem Volke, auf welches ſeine große Zahl drückte, und bei einem ſolchen, welches die Uebel und Leiden der Uebervölkerung noch nicht empfunden hatte. Die Amerikaner ſind Leute, die auf dem Land wohnen und ſich immer freuen, ihre Freunde bei ſich zu ſehen; und ich erlaubte mir einige Bemerkungen über die Urſachen dieſer abweichenden Sitten und Gewohnheiten. Nichts der Erwähnung Werthes fiel vor auf unſrer Fahrt nach Kinderhook. Mrs. Van der Heyden hatte ihre Wohnung in einer kleinen Entfernung vom Strom, und die Rappen und die Roth⸗ braunen hatten einige Mühe, uns durch den Koth vor ihre Haus⸗ thüre zu ſchleppen. Aber ſobald wir uns dort befanden, rechtfer⸗ tigte und beſtätigte der Empfang, der uns daſelbſt wurde, vollkommen die Theorie von den Gewohnheiten und Sitten der Colonie, welche während unſrer Herfahrt beſprochen worden war. Annele'ns wür⸗ dige Verwandte freute ſich nicht nur, ſie zu ſehen, was wohl die Empfindung eines Jeden geweſen ſeyn würde, ſondern ſie hätte auch mit Freuden ſo Viele aufgenommen, als ihr Haus nur immer faſ⸗ ſen konnte. Wenige Entſchuldigungen waren nöthig. denn wir Alle 292 waren willkommen. Daß der Beſuch ihr Mittageſſen um eine Stunde hinausſchieben würde, geſtand ſie offen,— aber das hatte Nichts zu bedeuten; und Kuchen und Wein wurden uns einſtweilen vorgeſetzt, falls wir in Folge der zweiſtündigen Fahrt Hunger ver⸗ ſpürten. Guert ward gebeten, ſich alle Freiheit zu nehmen und in die Ställe zu gehen, um ſeine Befehle zu ertheilen. Mit Einem Wort, unſer Empfang war gerade ſo, wie wohl jeder Coloniſt ihn gefunden hat, wenn er unerwarteter Weiſe einen Freund oder den Freund eines Freundes beſuchte. Unſer Mittageſſen war vortrefflich, obwohl ohne viele Förmlichkeiten. Der Wein war gut; denn der Mrs. Van der Heyden verſtorbener Gatte war ein Kenner deſſen, was in dieſer Hinſicht wünſchenswerth war, geweſen. Alle waren in guter Laune; und unſre Wirthin beſtand darauf, uns vor unſ⸗ rer Abfahrt auch noch den Kaffee zu reichen. „Der Mond wird am Himmel ſtehen, Couſin Herman,“ ſagte ſie,„und die Nacht wird hell und angenehm werden. Guert kennt den Weg, welcher nicht wohl verfehlt werden kann, da er auf dem Fluß hin geht; und wenn Ihr mich um acht Uhr verlaßt, ſo wer⸗ det Ihr Eure Heimath gerade zu rechter Zeit erreichen, um Euch zur Ruhe zu begeben. Ich ſehe Euch ſo gar ſelten, daß ich das Recht habe, jede Minute in Anſpruch zu nehmen, die Ihr erübrigen könnt. Wir haben uns noch ſo Viel zu ſagen von unſern alten Freunden und beiderſeitigen Verwandten.“ Wenn ſolche Worte begleitet ſind von Mienen und Werken, welche ihre Aufrichtigkeit beweiſen, ſo iſt es nicht leicht, ſich von einem angenehmen Hauſe loszureißen. Wir plauderten darauf los, lachten, lauſchten auf Geſchichten und Colonie⸗Anekdoten, welche uns auf den letzten Krieg zurückführten, und hörten eine Menge Lobſprüche auf ſchöne Männer und Frauen, die wir jungen Leute unſer ganzes Leben lang als achtbare, ältliche, ganz alltägliche Per⸗ ſonen betrachtet hatten. Endlich kam die Stunde heran, wo Mrs. Bogart ſelbſt zu⸗ 293 gab, daß wir abreiſen müßten. Anneke und Mary wurden geküßt, in ihre Pelze eingewickelt und noch einmal geküßt, und dann nah⸗ men wir unſern Abſchied. Als wir das Haus verließen, bemerkte ich, daß die Uhr auf dem Gang Acht ſchlug. In wenigen Minu⸗ ten hatten Alle ihre Plätze eingenommen, und die Läufe der Schlit⸗ ten ſchlugen Feuer aus den Steinen des von Schnee entblößten Bodens. Es war weniger ſchwierig, das Ufer des Stroms hinunter als hinaufzufahren, obwohl kein Schnee mehr dort lag. Es war nicht eigentliche Frierkälte, auch hatte es ſeit dem Beginn des Thau⸗ wetters nicht mehr eigentlich gefroren, aber der Grund war doch ſeit dem Verſchwinden der Sonne etwas ſtarr geworden. Ich war ſehr erfreut, als die Rappen auf das Eis ſprangen und uns auf unſrem Heimwege faſt mit noch größerer Geſchwindigkeit dahin wir⸗ belten, als ſie am Morgen auf dem Herweg bewährt hatten. Ich dachte, es ſey hohe Zeit, daß wir uns zur Heimkehr in Bewegung ſetzten; und in Bewegung waren wir jetzt, wenn man ein Dahin⸗ fliegen zu elf Meilen in der Stundenſo nennen durfte. Das Licht des Mondes war nicht klar und glänzend, denn es war ein Dunſt in der Atmoſphäre, wie es leicht der Fall iſt bei mildem Wetter im März; aber es war doch hell genug, daß Guert mit ſo großer Geſchwindigkeit als nur wünſchenswerth war, zufah⸗ ren konnte. Wir waren Alle in beſter Laune; wer zwei jungen Männer um ſo mehr, als Jeder von uns ſich einbildete, an dieſem Tage Anzeichen bemerkt zu haben, daß ein zärtliches Intereſſe für ihn in der Bruſt ſeiner Geliebten vorhanden ſey. Mary Wallace hatte mit ächt weiblichem Takt es ſo zu lenken gewußt, daß ihr Anbeter ſelbſt in weiblicher Geſellſchaft als ein ganz anſtändiger und achtbarer Mann erſchien, und ihn zur Aeußerung von manchen Anſichten und Gefühlen veranlaßt, welche ein edles Gemüth und ein männliches Herz, wenn auch nicht einen gebildeten Geiſt beur⸗ kundeten; und Guert hatte Zuverſicht und Selbſtvertrauen gewon⸗ nen und dadurch auch die Mittel, ſeine Gaben in ein günſtiges 294 Licht zu ſtellen. Was Anneke betrifft, ſo kannte ſie jetzt meinen Zweck, und ich hatte einiges Recht, gewiſſe kleine Symptome von Gefühl, welche ſie im Verlaufe des Tages kund gab, zu meinen Gunſten zu deuten. Ich bildete mir ein, ihre Stimme, ſo ſanft ſie immer war, werde noch ſanfter, und ihr Lächeln noch ſüßer und gewinnender, wenn ſie mich anredete oder gegen mich lächelte; und ſie that beides gerade in genügendem Maße, ſo daß ſie nicht fremd, und doch gerade ſo wenig, daß etwas Bewußtes dabei zu Grunde zu liegen ſchien; wenigſtens waren dieß die Vermuthungen und Deutungen eines Menſchen, der, wie ich glaube, nicht mit Recht eines zu ſtarken Selbſtvertrauens beſchuldigt werden konnte, und deſ⸗ ſen natürliche Schüchternheit noch geſteigert wurde durch die ſich felbſt mißtrauende Verzagtheit der reinſten Liebe. Dahin fuhren wir, und Guerts verwickeltes Glockengeläute machte mit ſeinem luſtigen Geklingel eine ſolche Muſik, daß man es eine Meile weit hören mußte; die Pferde knirſchten an den Ge⸗ biſſen, denn ſie wußten, daß ihr eigner Stall am Endpunkt ihrer Tagereiſe lag, und Herman Mordaunt's Rothbraunen waren uns immer ſo nahe, daß, trotz des Lärmens, welchen wir mit unſern Glocken machten, der Schall der ſeinigen uns doch beſtändig im Ohre klang. Eine Stunde verſtrich raſch, und wir waren ſchon an Coejeman's vorbei, und hatten einen Weiler, der ſich am Strand hin erſtreckte und unmittelbar unter der hohen Hügeleinfaſſung des Stromes lag, in trüber, dämmernder Ferne im Geſicht. Dieſer Ort iſt ſeitdem unter dem Namen Monkey⸗Town bekannt geworden, und iſt inſofern nicht unbedeutend, als es die erſte Häuſergruppe an den Ufern des Hudſon iſt, wenn man Albany verlaſſen hat. Ich glaube faſt, es hat einen andern offiziellen Namen, aber Guert gab ihm die erwähnte Benennung. Ich habe geſagt, die Nacht habe ein trübes, nebliges Licht ge⸗ habt, indem der Mond am Himmel hinſchiffte durch einen tiefen, aber dünnen Ocean von Duft. Wir ſahen die Ufer deutlich genug, 8 9U— 8— ☛— 295 und wir ſahen die Häuſer und Bäume, aber es war ſchwer, klei⸗ nere Gegenſtände in einiger Entfernung zu unterſcheiden. Im Ver⸗ laufe des Tages waren etwa zwanzig Schlitten uns begegnet oder an uns vorbeigekommen, aber zu dieſer Stunde ſchien Jedermann außer uns den Fluß verlaſſen zu haben. Es wurde ſpät, nach den einfachen Lebensgewohnheiten derjenigen, welche an ſeinen Ufern wohnten. Als wir uns halbwegs zwiſchen den Inſeln gegenüber von Coejeman's und dem eben erwähnten Flecken befanden, benach⸗ richtigte uns Guert, welcher aufrecht daſtand, um zu kutſchiren, daß Leute, die auch ſpät auf der Bahn ſeyen, wie wir, herabkamen. Die Pferde der Fremden liefen in ſehr ſtarkem Trott und der Schlit⸗ ten ſchlug ſichtlich die Richtung nach dem weſtlichen Ufer ein, wie wenn deſſen Inſaßen in nicht großer Entfernung ans Land zu gehen beabſichtigten. Wie er an uns vorbeikam, mit großer Schnelligkeit, rief uns eine männliche Stimme Etwas in ſehr hohem und lautem Tone zu, aber unſre Glocken machten ein ſolches Getöſe, daß es nicht leicht war, ihn zu verſtehen. Auch ſprach er holländiſch, und das Ohr von Keinem von uns, Guert ausgenommen, war mit die⸗ ſer Sprache vertraut genug, um ſonderlich ſchnell zu faſſen, was er ſagte. So blieb denn ſein Zuruf unbeachtet; und dergleichen Dinge kamen gar häufig vor bei den Holländern, welche ſelten auf der Landſtraße an einander vorbeifuhren, ohne ſich auf die eine oder die andere Art zu grüsen. Ich dachte über dieſen Brauch nach und über die Punkte, welche unſre Art und Weiſe von denen der Leute in dieſem Theil der Colonie unterſchieden, als Schlitten⸗ glocken ganz in meiner Nähe ertönten, und als ich den Kopf um⸗ wandte, ſah ich Herman Mordaunt's Nothbraunen ganz dicht hin⸗ ter uns galoppirend, als wünſchte er uns gleich zu kommen. Im nächſten Augenblicke hatte er ſeinen Zweck erreicht und Guert hielt ſeine Pferde an. „Habt Ihr den Mann verſtanden, welcher flußabwärts fuhr, Guert?“ fragte Herman Mordaunt, ſobald alles Getöſe verſtummt 296 war.„Er rief uns zu, ſo laut er konnte, und hätte das ſchwerlich ohne einen beſtimmten Zweck gethan.“ „Dieſe Leute gehen nach einem Beſuch in Albany ſelten heim, ohne ihre Krüge zu füllen,“ verſetzte Guert trocken;„was konnte er uns weiter zu ſagen haben, als uns gute Nacht zu wünſchen?“ „Ich weiß es nicht; aber Mrs. Bogart meinte, ſie habe Etwas vernommen von Albany und vom Fluß.“ „Die Ladies bilden ſich immer ein, Albany verſinke nach einem ſtarken Thauwetter in den Fluß,“ antwortete Guert launig;„aber ich kann ihnen Beiden zeigen, daß das Eis ſechszehn Zoll dick iſt hier, wo wir uns befinden.“ f Dann gab mir Guert die Zügel, ſprang aus dem Schlitten, ging eine kleine Strecke weit zu einem großen Spalt, den er ge⸗ ſehen, während er ſprach, und kam zurück, einen Daumen an den Griff der Peitſche haltend, als Maßſtab um zu zeigen, daß ſeine Behauptung richtig war. Wirklich betrug die Dicke des Eiſes an dieſer Stelle wohl näher an achtzehn als an ſechszehn Zoll. Her⸗ man Mordaunt zeigte der Mrs. Bogart das Maß, deren Beſorg⸗ niß durch dieſen triftigen Beweis beſchwichtigt ward. Weder Anneke noch Mary zeigten irgend Furcht; ſondern im Gegentheil, als die Schlitten ſich wieder trennten, hatte Jede eine ſcherzhafte, aber ächt weibliche Bemerkung zu machen, auf Koſten der Einbildungskraft der armen Mrs. Bogart. Ich war, glaube ich, die einzige Perſon in unſerm Schlitten, welche nach dieſem kleinen Vorfall Unruhe empfand. Warum ge⸗ rade mich Beſorgniß anwandelte, vermag ich nicht genau anzuge⸗ ben. Es muß ganz um Annekens willen und nicht im Mindeſten um meiner ſelbſt willen geweſen ſeyn. Solche Unfälle, wie das Einbrechen von Schlitten kamen auf unſern Seeen und Fluſſen in New⸗York beinahe jeden Winter vor, und oft ertranken Pferde, ob⸗ gleich die Folgen ſelten auch für deren Eigenthümer ſo ernſthaft wurden. Ich vergegenwärtigte mir die Zerbrechlichleit des Eiſes, 297 die nothwendigen Wirkungen des ſtarken Thauwetters und des hef⸗ tigen Regens, und bedachte, daß gefrorenes Waſſer noch ſo ziemlich ſeine anſcheinende Dichtigkeit behalten könne, nachdem ſeine Feſtig⸗ keit ſchon gewaltigen Abbruch erlitten. Aber ich konnte Nichts thun! Wenn wir landeten, ſo wären die Straßen nicht fahrbar für Schlittenläufe, kaum für Räder geweſen, und binnen noch einer Stunde konnten die Ladies, mittelſt des Fluſſes, in ihrer behaglichen Hei⸗ math ſich befinden. Der Tag jedoch, der, bis zu dem Augenblick, wo wir dem unbekannten Schlitten begegneten, der allerglü tlichſte meines Lebens geweſen war, hatte plötzlich in meinen Augen ein ganz verändertes Anſehen befommen und ich betrachtete ihn nicht mehr mit Freude und Wohlgefallen. Wäre Anneke zu Hauſe ge⸗ weſen, ſo hätte ich mit Freuden einen Vertrag eingegangen, als Bedingung ihrer Sicherheit ſelbſt eine ganze Woche auf dem Eiſe zuzubringen. An die Andern dachte ich nur wenig, zu meiner Schande ſey es geſagt, obwohl ich nicht ſo ungerecht gegen mich ſelbſt ſeyn kann, zu glauben, daß ich, wenn Anneke weg geweſen wäre, auch nur ein Pferd verlaſſen haben würde, ſo lange noch Hoffnung war, es zu retten. Dahin fuhren wir! Guert fuhr raſch, aber mit Einſicht, und es ſchien, als wüßten ſeine Rappen, was man von ihnen erwartete. Es dauerte nicht lange, ſo trabten wir an dem erwähnten Flecken vorbei. Es ſchien, daß die Glocken der beiden Schlitten die Aufmerkſamkeit der Leute an der Küſte auf ſich zogen, welche insgeſammt noch nicht zu Bette gegangen waren; denn die Thüre eines Hauſes ging auf, und zwei Männer traten heraus, uns an⸗ ſtarrend, als wir vorbeifuhren in einem Schritt, der es Jedem ſchwer gemacht hätte, uns einzuholen. Auch dieſe Männer ſchrieen uns auf Holländiſch zu, und wieder galoppirte Herman Mordaunt an unſern Schlitten heran, um mit uns zu ſprechen. „Habt Ihr dieſe Männer verſtanden?“ rief er, denn dießmal 298 beliebte es Guert nicht, ſeine Pferde anzuhalten:„auch ſie hatten uns Etwas zu ſagen.“ „Dieſe Leute haben einem Schlitten von Albany immer Etwas zu ſagen, Mr. Mordaunt,“ antwortete Guert,„obwohl nicht oft Etwas, worauf zu hören gut und gerathen iſt.“ „Aber Mrs. Bogart meint, ſie haben auch wieder Etwas von Albany und von dem Fluß uns zugerufen.“ „Ich verſtehe ſo gut Holländiſch als die treffliche Mrs. Bogart,“ ſagte Guert etwas trocken,„und ich habe Nichts gehört, während ich mir einbilde, mich etwas beſſer auf den Fluß zu verſtehen. Dieß Eis würde ein Dutzend Laſten Heu in Einer Linie tragen.“ Dieß ſtellte wieder Herman Mordaunt und die Ladies zufrie⸗ den, aber mich nicht. Unſre Glocken machten ein vierfach ſo ſtar⸗ kes Getöſe als die von Herman Mordaunt's Schlitten; und es war ſehr wohl möglich, daß eine Perſon, welche vollkommen gut Hol⸗ ländiſch verſtand, einen Anruf in dieſer Sprache deutlich vernahm, wenn ſie in ſeinem Schlitten ſaß, während derſelbe Zuruf von der⸗ ſelben Perſon nicht verſtanden worden wäre, wäre ſie in Guert's Schlitten geſeſſen. Wir hielten aber nicht an, ſondern ließen die Pferde weiter traben, und eine weitere Meile ward zurückgelegt, ehe ein neues Vorkommniß unſre Aufmerkſamkeit erregte. Fröhliches Lachen erſchallte wieder unter uns, denn Mary Wal⸗ lace verſtand ſich dazu, ein Lied zu ſingen, welches einen etwas ko⸗ miſchen Anſtrich bekam durch die Begleitung der Schlittenglocken. Dieſes Lied, oder vielmehr die paar Verſe dieſes Liedes, denn die Sängerin kam nicht weiter wegen der ſogleich zu erwähnenden Un⸗ terbrechung, hatte meine und Guert's Aufmerkſamkeit nach hinten und von den Pferden abgezogen, als ein ſauſender Ton gehört ward, worauf ſogleich ein lauter Ruf folgte. Ein Schlitten fuhr, nur zehn Schritte von uns entfernt, ſtromabwärts an uns vorbei, und der ſanſende Ton rührte von dem dahinſchnurrenden Schlitten her, der Ruf aber von einem einzigen Mann darin, welcher auf⸗ 299 recht daſtand, die Peitſche ſchwang und uns mit lauter Stimme Etwas zurief, ſo lange man ihn hören konnte. Dieß dauerte jedoch nur einen Augenblick, da ſeine Pferde in vollem Rennen waren; und das Letzte, was wir von dem Manne bei dem dürftigen Mond⸗ ſchein ſehen konnten, war, daß er die Peitſche gegen ſein Geſpann gewendet hatte, um es zu noch raſcherem Lauf anzutreiben. In einem Augenblick war Herman Mordaunt wieder an unſerer Seite, zum dritten Mal dieſen Abend, und rief uns etwas gebieteriſch zu, anzuhalten. „Was mag das Alles zu bedeuten haben, Guert?“ fragte er. „Dreimal ſind uns Warnungen in Betreff Albany's und des Fluſſes zugerufen worden. Ich habe dieſen Mann ſelbſt dieſe beiden Worte ausſprechen hören und kann mich nicht getäuſcht haben.“ „Ich glaube gern, Sir, daß Ihr Etwas der Art gehört haben mögt,“ antwortete der noch immer ungläubige Guert;„denn dieſe Burſchen haben gewöhnlich eine Unverſchämtheit in Bereitſchaft, wenn ſie an einem Geſpann vorbeifahren, welches beſſer iſt als das ihrige. Meine Rappen da, Herman Mordaunt, erregen nicht gerin⸗ gen Neid, wohin ich mit ihnen komme; und ein Holländer wird Euch eher jeden andern Vorzug verzeihen, als ſich gefallen laſſen, daß Ihr ein veſſeres Geſpann habt als er. Dieſer letzte Mann hatte überdieß einen Sparren im Kopf und treibt in dieſem Augen⸗ blick ſein Vieh an mehr wie ein Narr als wie ein menſchliches vernünftiges Weſen. Ich glaube faſt, er fragte uns, ob uns Albany und der Fluß gehöre.“ Guert's Hinweiſung auf ſeine Pferde erregte allgemeines Lachen, und das Lachen iſt der kalten Ueberlegung nicht eben günſtig. Wir Alle ſchauten in die feierliche, ſchweigende Nacht hinaus, warfen unſere Blicke auf die weite und lange Linie des Stromes, auf wel⸗ chem wir uns befanden, und ſahen Nichts als den Frieden und die Ruge der Natur, welche bei der Einſamkeit und Stille der Stunde einen mächtigen, ehrfurchtgebietenden Eindruck machte. Guert wee⸗ 300 derholte lächelnd ſeine Verſicherungen, daß Alles in Ordnung ſey, und fuhr weiter. Dahin flogen wir wieder! Guert trieb ſichtlich ſeine Pferde an, als wünſche er doch ſehnlich, dieſer Angſt ſobald als möglich enthoben zu ſeyn. Die Nappen flogen mehr als ſie liefen, und wir begannen eben uns Alle der Heiterkeit zu überlaſſen, welche eine ſo ſchnelle und leichte Bewegung hervorruft, als ein Laut, den man etwa dem des gleichzeitigen Knalles von tauſend abgefeuerten Büchſen vergleichen mochte, ſich vernehmen ließ, und beide Schlittenlenker veranlaßte, Hait zu machen; die Schlitten hielten beide ganz nahe bei einander und beinahe in demſelben Au⸗ genblick; ein leiſer Ausruf entfuhr der alten Mrs. Bogart, Anneke aber und Mary blieben ſtumm wie der Tod. „Was bedeutet dieſer Laut?“ fragte Herman Mordaunt; und die Unruhe, die er empfand, verrieth ſich ſogar im Tone ſeiner Stimme.„Es ſcheint Etwas nicht richtig zu ſeyn.“ „Es iſt Etwas nicht richtig,“ verſetzte Guert kaltblütig aber mit großer Beſtimmtheit;„und es iſt Etwas, wornach man ſehen muß.“ 4 Wie er dieß ſagte, ſprang Guert auf das Eis, auf welches er mit der Ferſe nachdrücklich ſtampfte, um ſich von ſeiner Feſtigkeit zu verſichern. Ein zweites Krachen ward vernommen, und zwar offenbar hinter uns. Guert ſchaute mit angeſtrengtem Blicke fluß⸗ abwärts; dann legte er den Kopf ganz nahe an den Spiegel des Eiſes und ſchaute wieder hinab. Zu derſelben Zeit folgten drei oder vier jener erſchreckenden Laute in ſehr kurzen Pauſen auf ein⸗ ander. Guert ſprang augenblicklich wieder auf. „Jetzt verſtehe ich es,“ ſagte er,„und finde, daß ich doch zu zuverſichtlich geweſen bin. Das Eis jedoch iſt ſtark und ſicher, und wir haben von ſeiner Schwäche Nichts zu fürchten. Vielleicht wäre es aber doch beſſer den Fluß zu verlaſſen, obwohl ich keineswegs überzeugt bin, ob nicht das Gerathenſte wäre, weiter zu fahren.“ „Laßt uns auf einmal die ganze Gefahr wiſſen, Mr. Ten Eyck,“ 301 ſagte Herman Mordaunt,„damit wir uns entſcheiden, was zu thun das Beſte ſey.“ „Ha, Sir, ich fürchte, das Thauwetter und der Regen zuſam⸗ men haben eine ſolche Maſſe Waſſer in den Fluß geworfen, und ſo zu ſagen ganz auf einmal, daß das CEis emporgehoben und von den Ufern ſtückweiſe losgebrochen wurde. Wenn dieß oben geſchieht, ehe das Eis unten verſchwunden iſt, ſo werden dadurch manchmal Dämme gebildet, welche eine ſolche Wucht aufhäufen, daß die ganze Eisebene weit hinunter zu gebrochen wird, und Mau⸗ ern von Eisſchollen bis zu zwanzig Fuß hoch ſich bilden. Dieß iſt noch nicht geſchehen, und deßwegen auch keine unmittelbare Gefahr vorhanden, aber wenn Ihr die Köpfe ſenkt, könnt Ihr ſehen, daß ein ſolcher Bruch etwa eine halbe Meile abwärts von uns ſtatt gefunden hat.“ Wir thaten, wie Guert uns anwies, und ſahen, daß ein Damm über den Fluß herüber ſich gebildet hatte in einer kleineren als der von ihm bezeichneten Entfernung, welcher uns den Rückzug auf dem Wege, welchen wir herkamen, vollkommen abſchnitt. Das Ufer auf der weſtlichen Seite des Hudſon war dem Punkte gegenüber, wo wir uns befanden, hoch, und wie ich geſpannt darauf hinſchaute, erkannte ich aus der Art, wie die Bäume verſchwanden, die ent⸗ fernteren hinter den näheren, daß wir uns wirklich bewegten. Ein unwillkürlicher Ausruf machte, daß die ganze Geſellſchaft in dem⸗ ſelben Augenblick dieſes erſchreckenden Umſtandes inne wurde. Wir bewegten uns wirklich, obwohl ſehr langſam, auf dem Eiſe des geſchwellten Fluſſes, in der Stille und Einſamkeit einer Nacht, in welcher der Mond mehr nur dazu beitrug, uns die Gefahr ſichtbar und anſchaulich zu machen, als daß er uns geholfen hätte, ihr zu entgehen! Was war zu thun? Es war nothwendig, ſich zu ent⸗ ſcheiden, und das ſchnell und mit Umſicht. Wir erwarteten, daß Herman Mordaunt einen Rath geben werde, aber er ſtellte die Sache ſofort Guert's größerer Erfahrung anheim. „Wir können hier nicht landen,“ verſetzte der junge Mann,„ſo lange das Eis in Bewegung iſt, und ich halte für beſſer, weiter zu fahren. Jeder Fußbreit bringt uns doch Albany um ſo viel näher, und wir werden eine oder ein paar Meilen weiter flußauf⸗ wärts unter die Inſeln kommen, wo die Möglichkeit, landen zu können, ſich um ein Bedeutendes ſteigert. Zudem habe ich auch oft den Fluß auf einer Scholle paſſirt, denn ſie bleiben häufig ſtehen, und ich weiß Fälle, daß ſelbſt beladene Schlitten ſie benützten, um über den Fluß zu ſetzen. Bis jetzt iſt noch gar kein Anlaß zu gro⸗ ßer Beſorgniß;— laßt uns weiter fahren und uns den Inſeln zu nähern ſuchen!“ Dieß geſchah denn auch, obwohl man von Lachen und Geſang Nichts mehr bei uns hörte. Ich bemerkte wohl, daß Herman Mor⸗ daunt in Unruhe war um Anneke, obwohl er ſie nicht in ſeinen Schlitten nehmen und Mary Wallace allein bei uns laſſen konnte; auch konnte er ſeine achtbare Verwandte, Mrs. Bogart, nicht ver⸗ laſſen. Ehe wir wieder in die Schlitten ſtienen, ergriff ich eine Gelegenheit ihn zu verſichern, Annele ſolle der Gegenſtand meiner ganz beſondern Sorge ſeyn.. „Gott ſegne Euch, Corny, mein lieber Junge,“ erwiederte Herman Mordaunt, mir mit Wärme die Hand drückend.„Gott ſegne Euch, und ſetze Euch in Stand, ſie zu beſchützen. Ich war im Begriff, Euch zu bitten, den Platz mit mir zu tauſchen; aber Alles erwogen, glaube ich, mein Kind wird ſicherer ſeyn bei Euch a's ſie es bei mir ſeyn lönnte. Wir wollen Gottes Willen und Rathſchluß erwarten in der Lage, in welche uns der Zufall ver⸗ ſest hat!“ „Ich werde ſie nur mit dem Leben verlaſſen, Mr. Mordaunt. Seyd deßhalb ohne Sorgen.“ „Ich weiß, Ihr werdet das nicht— ich bin gewiß, Ihr wer⸗ 303³ det das nicht thun, Littlepage; die Geſchichte mit dem Löwen iſt mir ein Pfand, daß Ihr es nicht thun werdet. Wäͤre Bulſtrode mit gegangen, ſo wären wir ſtark genug geweſen, um—, aber Guert iſt ungeduldig weiter zu kommen. Gott ſegne Euch, mein Junge. Verſäumt mir mein Kind nicht!“ Guert war ungeduldig, und ſobald ich wieder im Schlitten ſaß, ging es wieder in reißender Cile fort. Ich ſagte einige Worte, den Mädchen Muth einzuſprechen, und dann ertönte kein Laut einer menſchlichen Stimme mehr in der düſtern, unheimlichen Scene. Sechszehntes Kapitel. Von Tobesangſt an jedem Glied Gezerrt, fuhr er empor; Er hörte nur den Sturm der Nacht, O Muſik war's ſeinem Ohr. Lord William. Dahin fuhren wir! Guert's Ziel waren die Inſeln, welche ihn der Heimath näher brachten und zualeich einen Zufluchtsort boten, falls die Gefahr ernſtlicher werden ſollte. Die ungeſtüme Schnellig⸗ keit unſerer jetzigen Fahrt ſchloß alles Geſpräch und ſogar beinahe die Ueberlegung aus. Das Krachen des berſtenden Eiſes jedoch wiederholte ſich immer häufiger, und ertönte zuerſt von oben und dann auch von unten. Mehr als einmal ſchien es, als wenn die ungeheure Wucht, die ſich offenbar irgendwo in der Nähe von Albany angeſammelt hatte, im Begriff ſtände in Ciner wilden Fluth gegen uns herabzuſtürmen, wo dann der Fluß von einer unwiderſtehlichen Strömung Meilen weit von Eis rein gefegt worden wäre. Dennoch ſetzte Guert ſeinen Weg fort; erſtens weil er wußte, daß es in der Nähe des Punktes, wo wir uns befanden, unmöglich ſeyn würde, an einem der Hauptufer ans Land zu gelangen, und zweitens weil 304 er, der oft ähnliche Andämmungen des Waſſers geſehen, ſich ein⸗ bildete, wir ſeyen noch nicht ernſtlich bedroht. Damit der entfernt wohnende Leſer von der Gefahr, in welcher wir ſchwebten, eine genauere Vorſtellung bekomme, dürfte es angemeſſen ſeyn, die Oert⸗ lichkeit etwas näher zu beſchreiben. Die Ufer des Hudſon ſind im Allgemeinen hoch und ſteil und an einigen Stellen ſind ſie wirklich bergig. Keine der Rede werthen Ebenen erſcheinen, bis man ſich Albany nähert; und die ſüdlich von dieſer Stadt liegenden ſind, mit der Größe des Stromes ver⸗ glichen, auch nicht von großer Ausdehnung. In dieſer Hinſicht iſt der Mohawk ein ganz anderer Fluß, denn er hat ausgebreitete Ebe⸗ nen, die, wie man mir geſagt hat, im Kleinen denen des Rheins gleichen. Was den Hudſon betrifft, ſo gilt er allgemein in der Colonie für einen ſehr reizenden Fluß; und ich erinnere mich, von ſehr verſtändigen Leuten vom Mutterland zugeben gehört zu haben, daß ſelbſt die majeſtätiſche Themſe kaum in höherem Grade beſucht zu werden verdiene, kaum mehr die Mühe und Neugier des gebildeten Reiſenden belohne und befriedige.* * Dieſe Bemerkung von Mr. Cornelius Littlepage entlockt vielleicht dem Leſer ein Lacheln. Aber wenige Perſonen von fünfzig Jahren dürften ſich finden, welche ſich der Zeit nicht mehr erinnern könnten, wo es eine Seltenheit war, irgend etwas Amerikaniſches für ſo gut zu halten als Daſſelbe oder etwas Aehnliches in England. Der Amerikaner, der em Buch ſchreiben konnte,— ein wirkliches, lebendiges Buch, war eine Art Wunderthier. Ebenſo war es mit dem, der ein Bild malen konnte, das über dem alltäglichen Portrait ſtand. Sogar die Früchte, das Obſt, die Naturprodukte der Heimath wurden mit Mißtrauen gewürdigt. Heutzu⸗ tage tritt in dieſer Denkweiſe ein raſcher, gründlicher Wechſel ein. Jetzt iſt es Mode und guter Ton, alles Amerikaniſche zu erheben, und ſtatt wie früher dem Gefühle der Colonial⸗ ubhangigkeit ſich beinahe bis zur Selbſtwegwerfung hinzugeben, iſt heutzutage das Land von der tiefſten provinzialen Selbſtbewunderung erfüllt. Es iſt zu hoffen, daß die nächſte Wandlung uns einigermaßen das Wahre und Rechte bringen werde. Der Herausgeber. uCfn—A ⏑ 305 Während in der Nähe von Albany ſich Ebenen von einiger Aus⸗ dehnung an den Ufern des Hudſon finden, bleibt doch die Formation der Umgegend im Ganzen dieſelbe,— hoch, kühn, und an einigen Punkten, beſonders gegen Norden und Weſten, gebirgig. Zwiſchen dieſen Bergen windet ſich der Fluß in mäandriſchen Krümmungen, ſechs⸗ zig bis achtzig Meilen nördlich über der Stadt hin, und nimmt, während er nach dem Meere hinbraust, tributbare Flüſſe auf. Eine kurze Strecke oberhalb Albany verändert ſich der Charakter des Fluſſes gänzlich; bis zu dieſem Punkte erſtreckt ſich die Fluth, macht ihn ſchiffbar, und die ganze Strecke von der See aufwärts im Som⸗ mer leicht zu befahren. Von den tributbaren Flüſſen iſt der wich⸗ tigſte der Mohawk, welcher eine große Strecke weit weſtlich fließt, — wie man mir ſagt, denn ich ſelbſt habe dieſe entlegenen Theile der Colonie nie beſucht,— zwiſchen fruchtbaren Ebenen hin, welche nördlich und ſüdlich von ſchroffen Hochlanden begrenzt ſind. Im Frühjahr nun, wenn die ungeheuern Maſſen Schnee, welche häufig vier Fuß tief in den Wäldern und in den Gebirgen und Thälern des Innern liegen, plötzlich in Folge der Regen und Südwinde ſchmelzen, treten nothwendig Ueberſchwemmungen ein, welche oft, wie man erfahren hat, großen Schaden angerichtet haben. Die Niederungen am Mohawk werden, ſo habe ich mir ſagen laſſen, jährlich unter Waſſer geſetzt, und eine mäßige Ueberſchwemmung gilt für ſegensreich; zuweilen aber verurſacht ein Zuſammenwirken der genannten Urſachen eine Art Sündfluth, welche einen gerade zu entgegengeſetzten Charakter hat. Da werden denn Häuſer fortge⸗ riſſen, und Brücken über die kleineren Bergbäche ſind ſchon, wie man geſehen hat, an den Werften von Albany vorbei geſchwommen, ins Meer hinunter. Zu ſolchen Zeiten bewirkt die Fluth des Mee⸗ res keine der des Fluſſes entgegengeſetzte Strömung; denn es iſt etwas ganz Gewöhnliches in den erſten Monaten des Frühjahrs, daß der Fluß ganze Wochen lang ſeiner ganzen Ausdehnung nach, Satanstoe. 20 306 in beſtändiger Bewegung dem Meere zu iſt und man das Waſſer bis New⸗York hinab ſüß findet. Dieß war im Allgemeinen die Art und Weiſe der Drangſal und Gefahr, mit welcher wir ſo unerwartet in Berührung kamen. Der Winter war ſtreng und der Schnee ungewöhnlich tief geweſen; und während wir wüthend dahinfuhren, fiel mir ein, von meinem Großvater die Prophezeihung außerordentlicher Ueberſchwemmungen im Frühjahr gehört zu haben, in Folge des Charakters des Winters, wie wir ihn auch ſchon vor meiner Abreiſe von Hauſe gefunden hatten. Das ſtarke Thauwetter und die heftigen Regengüſſe des neu⸗ lichen Sturmes hatten die gewöhnliche Wirkung herbeigeführt, und die hiedurch ſowohl auf den ferneren als auf den nähern Bergen frei gewordenen Gewäſſer ſtürzten jetzt in geſammter Macht gegen uns herab. In ſolchen Fällen iſt das Erſte, daß das Eis an den Küſten abgelöst wird; und da lokale Urſachen es zwingen, an be⸗ ſtimmten Punkten zu weichen, tritt ein Aufbrechen ſeines Spiegels ein, und Dämme werden gebildet, welche den Strom in Fluthen auf all das umliegende niedere Land zurückdrängen, dergleichen die Niederungen in der Nähe von Albany waren. Damals wußten wir das noch nicht; aber in dem Augenblick, wo Guert ſeine Rappen ſo zu übernatürlicher Anſtrengung antrieb— er jagte ſie förmlich wie bei einem Wettrennen,— da war ſchon eine große Strecke des Hudſon gegenüber der Stadt, eine kleine Strecke weit oberhalb, und in beträchtlicher Ausdehnung unterhalb derſelben von feſtſtehendem Eiſe ganz frei⸗ Ungeheure Schollen zwar trieben fortwährend herunter und verſtärkten den Damm, der ſich unten in der Nähe von Overſlaugh und daran gebildet hatte, wo ihm die Inſeln als Strebepfeiler dienten und unten aufſtand; aber die ganze feſte Eisfläche, von wo wir am Morgen ausgefah⸗ ren waren, war verſchwunden! Dieß wußten wir damals noch nicht, ſonſt hätte ſich Guert zu andern Maßregeln entſchloſſen; aber —9 F9u 8e — 8₰ le 307 ich erfuhr es nachher, als ich mich in der Lage befand, mich nach den Urſachen deſſen, was vorgegangen war, zu erkundigen. Herman Mordaunt's Glocken und das Stampfen ſeiner Pferde ließen ſich dicht hinter uns vernehmen, während unſer Schlitten auf dem Fluß dahinflog mit einer Schnelligkeit, die, wie ich feſt über⸗ zeugt bin, nicht viel weniger als zwanzig Meilen in der Stunde betragen konnte. Wie wir weiter nördlich kamen, nahmen die Laute vom Krachen des Eiſes an Stärke zu, und wiederholten ſich immer häufiger. Sie wurden in der That entſetzlich! Immer noch blieben die Mädchen ganz ſtill und behaupteten aufs bewunderns⸗ wertheſte ihre Faſſung und Selbſtbeherrſchung, obwohl ſie, wie ich nicht bezweifte, die wahre Beſchaffenheit der ſchauerlichen Lage, wo⸗ rein wir verſetzt waren, ihrem vollſten Umfange nach begriffen und fühlten. Dieß war der Stand der Dinge, als Guert's Rappen, weil ihnen nachgerade der Athem ausging, ſehr merklich in ihrer Schnelligkeit nachzulaſſen begannen. Sie galoppirten noch immer fort, aber nicht mehr mit der Schnelligkeit des Windes; und ihr Herr ſah die Thorheit ein, zu hoffen, er würde die Stadt noch vor dem Eintreten der Kataſtrophe erreichen. Er zog daher ſeinen keu⸗ chenden Roſſen die Zügel an und ſetzte ſie eben in einen mäßigeren Trab, als ein heftiges Krachen gerade vor uns ſich vernehmen ließ. Im nächſten Augenblick hob ſich das Cis, im buchſtäblichen Sinne unter den Hufen unſerer Pferde, einige Fuß hoch empor, in der Geſtalt vom Dach eines Hauſes. Es war zu ſpät, umzukehren, und Guert ſchwang, unter dem Rufe:„Jack!“—„Moſes!“ die Peitſche, und die muthigen Thiere kamen wirklich über den Eisberg hinüber, ſprangen über einen drei Fuß breiten Spalt, und erreichten das ebene Eis auf der andern Seite. Das Alles geſchah ſo zu ſagen in einem Nu. Während der Schlitten über dieſe Erhöhung flog, konnte ich nur mit Mühe die Mädchen auf ihren Sitzen erhalten, während Guert mannhaft und aufrecht ſtehen blieb, wie die Fichte, die zu tief gewurzelt iſt, als daß ſie dem Sturm erläge. Sobald jedoch die Gefahr vorbei war, zog er den Pferden die Zügel an und machte urplötzlich Halt. Wir hörten die Glocken von Herman Mordaunt's Schlitten auf der andern Seite der Scheidewand, konnten aber Nichts ſehen. Die zerbrochnen Schollen, gedrängt von Millionen Tonnen Wucht von oben, hatten ſich volle zehn Fuß hoch emporgehoben, in bei⸗ nahe ſcheitelrechter Senkung, ſo daß ſelbſt zu Fuß darüber hinüber⸗ zukommen, beinahe eine Unmöglichkeit war. Dann ertönte Herman Mordaunt's Stimme, voll väterlicher Todesangſt und menſchlichen Jammers, und ſteigerte noch das Entſetzliche dieſes fürchterlichen Augenblicks. „Ans Land! Ans Land!“ ſchrie er mit brüllender oder vielmehr gellender Stimme.„Im Namen der gnädigen Vorſehung, Guert, ans Land!“ Die Glocken mit ihrem Klingeln entfernten ſich dem weſtlichen Ufer zu und das Schnurren der Schlittenläufe begleitete dieſen Ton. Es war ein athemloſer Moment für uns Vier. Wir hörten das Kra⸗ chen und Knirſchen des Eiſes rings auf allen Seiten um uns her; wir ſahen die zerriſſenen Wände von Eis hinter und vor uns; wir hörten das Geläute von Herman Mordaunt's Glocken, wie es immer mehr ſich entfernte, und endlich ganz aufhörte, und es ward uns zu Muthe, als wären wir von allen übrigen Weſen unſerer Gat⸗ tung abgeſchnitten. Ich glaube nicht, daß Eines unter uns die Beſorgniß hegte, mit dem Eis einzubrechen; denn die Gewohnheit hatte uns mit dem Eisfeld des Fluſſes ſo vertraut gemacht, wäh⸗ rend die entſetzlichen Gründe zur Angſt ſo offen zu Tage lagen, daß Keines an die von dieſer Seite her drohende Gefahr dachte. Auch hatten wir in Wahrheit daher nicht Viel zu beſorgen. Das Thau⸗ wetter hatte nicht lange genug angedauert, um die Dicke oder die Feſtigkeit des gewöhnlichen Flußeiſes weſentlich zu vermindern, obwohl es ſich zu ſchwach erwies, dem ungeheuern Drucke zu widerſtehen, welcher von oben her darauf einbrach. Vermuthlich hätte eine 309 Scholle von der Größe eines Acre's nicht nur uns, ſondern auch unſern Schlitten und unſere Pferde getragen und uns wie ein Floß den Fluß hinunter geführt, wäre eine ſolche Scholle, frei von allen Hemmungen und Anſtößen, vorhanden geweſen. Selbſt die Mäd⸗ chen begriffen jetzt die Gefahr, welche in einer Weiſe über unſern Häuptern ſchwebte, wie die halbgelöste Schneekrone der Berge mit dem Sturz der Lavine droht. Aber es war kein Augenblick, wo Unentſchloſſenheit oder Unthätigkeit geſtattet war. Durch eine nicht zu überſchreitende Scheidewand von Eis ab⸗ geſchnitten von dem Wege, welchen Herman Mordaunt eingeſchla⸗ gen, mußten wir nothwendig einen Entſchluß über das von uns ſelbſt einzuſchlagende Verfahren faſſen. Wir hatten die Wahl zwi⸗ ſchen einem Verſuch, nach der weſtlichen Küſte hinüberzufahren, oberhalb der Eiswand, oder der nächſten von mehreren niedern In⸗ ſeln zuzuſtreben, welche in der entgegengeſetzten Richtung lagen. Guert entſchied ſich für letzteres und ließ ſeine Pferde im Schritt nach dieſer Landſpitze hin gehen, da keine Nothwendigkeit der Eile vor⸗ zuliegen ſchien, während die Thiere des Verſchnaufens ſehr benöthigt waren. Während dieſer Fahrt erklärte er uns, daß der Riß unten uns von dem einzigen Punkte abſchnitt, wo eine Landung auf dem weſtlichen Ufer thunlich wäre. Zugleich bediente er ſich auch eines frommen Betrugs, welcher eine vortreffliche Wirkung auf die Ge⸗ fühle und das Benehmen der beiden Mädchen während der übrigen bangen und angſtvollen Auftritte und Ereigniſſe dieſer fürchter⸗ lichen Nacht hervorbrachte, beſonders was Anneke betraf. Er ließ ſich über das gute Glück Herman Mordaunt's, daß er auf der rechten Seite der Eiswand geblieben, welche die Schlitten trennte, in einer ſolchen Weiſe aus, daß diejenigen, welche ſeinen Beweg⸗ grund dabei nicht merkten, ſich einbilden mußten, die übrige Ge⸗ ſellſchaft befinde ſich, in Folge dieſes zufälligen Umſtandes, in vollkom⸗ mener Sicherheit. So glaubte Anneke ihren Väie gereittet, und dadurch ward ſie einer tödtlich peinigenden Angſt größtentheils enthoben. Sobald der Schlitten der Spitze der Inſel ſich näherte, gab Guert mir die Zügel in die Hand, und ging voraus, um zu un⸗ terſuchen, ob es möglich ſey zu landen. Er blieb fünfzehn Minu⸗ ten aus, und kehrte erſt zu uns zurück, nachdem er den Zuſtand der Inſel unterſucht hatte. Es waren fünßzehn entſetzliche Minu⸗ ten; denn das Berſten der Eismaſſen oben und das knirſchende Sich⸗ reiben der Schollen an einander machte ein Getöſe wie das Toben und Brauſen des Meeres in einem Sturm. Trotz aller der un⸗ heimlichen Vorfälle und Eindrücke dieſer entſetzlichen Nacht konnte ich nicht umhin, Guert's Kaltblütigkeit und ſein vortreffliches Be⸗ nehmen zu bewundern. Er war mehr als entſchloſſen; denn er war kaltblütig, gefaßt und behielt die vollkommenſte Herrſchaft über alle ſeine Geiſteskräfte. So Vieles der Verſuch, nach der weſtlichen Küſte hin zu entkommen, in den Augen eines minder klaren und umſichti⸗ gen Beobachters für ſich haben mochte, hatte doch Guert Recht ge⸗ habt, wenn er ſich dafür entſchied, nach der Inſel zu ſich zu wen— den. Das Krachen und Knirſchen des Eiſes in einer andern Rich⸗ tung hin hatte ihn überzeugt, daß das Waſſer in der Nähe des feſten Landes ſich den Durchbruch erzwinge, und daß beinahe keine Hoffnung ſey, nach dieſer Seite hin zu entkommen. Als er ſich wie⸗ der bei uns einfand, rief er mich zu ſich vor die Pferde, um mit mir Rath zu halten, nachdem er zuvor unſern koſtbaren Begleiterin⸗ nen die feierliche Verſicherung gegeben, daß keine Gründe zu un⸗ mittelbarer Beſorgniß vorhanden ſeyen. Mary Wallace verlangte mit Aengſtlichkeit, daß er ihr die Verſicherung wiederhole, bei der Wahrheit, welche der Mann dem Weibe ſchuldig ſey; er that es, und dann geſtatteten ſie mir ohne weitere Widerrede, mich zu ihm zu begeben.. „Corny,“ ſagte Guert mit leiſer Stimme,„die Vorſehung hat mich densgeesflan meinen ſündhaften Wunſch, Mary Wallace in 311 den Tatzen eines Löwen zu ſehen; denn alle wilden Beſtien der alten Welt könnten uns kaum in eine verzweifeltere Lage bringen, als diejenige iſt, in der wir jetzt ſind. Wir müſſen jedoch kaltblütig ſeyn und die Mädchen retten, oder ſterben wie Männer.“ „Unſer Schickſal iſt und muß das gleiche ſeyn. Widmet Ihr Euch ganz Mary und überlaßt Anneke mir. Aber warum dieſe Sprache? Unſere Lage iſt doch gewiß nicht ſo ganz verzweifelt.“ „Es möchte für zwei rüſtige, kraftvolle junge Männer nicht ſo ſchwer ſeyn, ans Land zu kommen; aber ganz anders iſt es mit Frauen. Das Eis iſt rings um uns her in Bewegung; und die Schollen ſchieben und thürmen ſich auf einander aufs furchtbarſte empor. Wäre es hell genug, um zu ſehen, ſo wären wir weit beſſer daran; ſo aber wie es iſt, wage ich vor der Hand nicht, mit Mary Wallace weit von dieſer Inſel mich zu entfernen. Wir kön⸗ nen genöthigt werden, die Nacht hier zuzubringen, und müſſen dem⸗ gemäß unſere Vorkehrungen treffen. Ihr hört, wie das Eis an der Küſte knirſcht, ein Zeichen, daß Alles ſtromabwärts treibt. Gott gebe, daß das Waſſer bald durchbreche; obwohl es Alles mit ſich fortreißen kann, wenn es kommt. Ich fürchte, Corny, daß Her⸗ man Mordaunt und ſeine Geſellſchaft verloren ſind!“ „Barmherziger Himmel!“ rief ich,„ſollte es ſo ſchlimm ſtehen? Ich hoffe vielmehr, ſie haben das Land erreicht.“ „Das iſt unmöglich, bei der Richtung die ſie eingeſchlagen. Selbſt ein Mann würde betäubt und fortgeriſſen werden von dem Strome, welcher unter dem weſtlichen Ufer dahin braust. Dieſe Oeffnung, die das Waſſer bekommen hat, iſt es was uns rettet. Aber keine weitere Worte. Ihr begreift jetzt den Umfang der Ge⸗ fahr, und werdet verſtehen, was Ihr zu thun haben werdet. Wir müſſen unſere koſtbaren Schutzbefohlenen wo möglich ohne weitern Verzug auf die Inſel zu ſchaffen ſuchen. Eine halbe Stunde,— ja, eine halbe Minute, kann uns den Strom auf den Hals bringen.“—— 312 Guert übernahm die Anordnung von Allem. Selbſt während er ſprach, hatte ſich das Eis von der Stelle bewegt, und wir be⸗ fanden uns fünfzig Fuß weiter von der Inſel entfernt als zuvor. Dadurch, daß wir die Pferde vorgehen ließen, ward dieſer Unter⸗ ſchied bald wieder ausgeglichen; aber wir fanden es unmöglich, ſie über die zerbrochenen Schollen zu führen oder zu treiben, von welchen die Küſte der Inſel nachgerade eingefaßt wurde. Nach ein paar lebhaften und entſchloſſenen Verſuchen gab Guert die Sache auf, und bat mich, den Ladies aus dem Schlitten zu helfen. Nie benahmen ſich Frauen beſſer, als dieſe zarten und lieblichen Mäd⸗ chen, in einem ſo entſetzlich ängſtlichen Falle. Ohne Gegen⸗ vorſtellungen, Thränen, Ausrufungen oder Fragen thaten Beide, wozu ſie aufgefordert wurden; und ich kann das Gefühl von Zu⸗ verſicht und Sicherheit nicht beſchreiben, das ich empfand, nachdem ich Beiden über den zerborſtenen und knirſchenden Saum von wei⸗ ßem Eis, das uns vom Ufer trennte, hinüber geholfen hatte. Die Nacht war keineswegs kalt, aber der Boden war jetzt hinlänglich gefroren, ſo daß wir keine Unannehmlichkeiten davon hatten, daß wir auf einem ſonſt ſchlammigen und kothigen angeſchwemmten Grund hinſchritten; denn die Inſel war ſo nieder, daß ſie oft un⸗ ter Waſſer ſtand, wenn der Fluß eine ungewöhnliche Höhe erreichte. Darin beſtand auch in der That unſere Gefahr, nachdem wir ſie er⸗ reicht hatten. Als ich zu Guert zurückkehrte, fand ich ihn ſchon eine Strecke weit hinabgetrieben; und dießmal brachten wir den Schlitten ſo weit über die Landſpitze hinauf, daß die Gefahr geringer war, un⸗ ſere koſtbaren Schutzbefohlenen wieder aus dem Auge zu verlieren. Zu meinem Erſtaunen war Guert damit beſchäftigt, den Pferden das Geſchirr abzuſtreifen; und Jack ſtand ſchon ganz los und ledig da, Moſes war bald auch in demſelben Zuſtande. Ich wartete erſtaunt ab, was nun geſchehen würde, als Guert den Thieren die Zäume abnahm und mit ſeiner Peitſche kräftig knallte. Die befrei⸗ 313 ten Pferde ſprangen ſcheu zurück,— ſchnoberten, bäumten ſich, und ſich umkehrend jagten ſie den Fluß abwärts, frei wie der Wind und beinahe auch eben ſo ſchnell; und das unaufhörliche laute Klatſchen der Peitſche ihres Herrn diente keineswegs, ihre Eile zu vermindern. Ich fragte, was dieß zu bedeuten habe. „Es wäre grauſam, den armen Thieren nicht zu geſtatten, von der Kraft und dem ſcharfſinnigen Inſtinkt, womit die Natur ſie begabt hat, Gebrauch zu machen, um ihr Leben zu retten,“ ant⸗ wortete Guert, mit angeſtrengten Blicken Moſes nachſchauend, wel⸗ cher weiter dahinten war, ſo lange ſeine ſchwarze Geſtalt ſich noch unterſcheiden ließ, und ſich vorbeugend, um auf ihre Hufſchläge zu lauſchen, ſo lange das Getöſe um uns her ſie noch vernehmen ließ. „Für uns würden ſie nur eine hindernde Laſt ſeyn, da ſie über die Riſſe und Schollen im Geſchirr ſich doch nimmermehr hinüberzwin⸗ gen ließen; auch wäre es gar nicht ſicher und gerathen für ſie, dieſe Richtung einzuſchlagen, wenn ſie auch könnten. Der Schlitten iſt leicht, und wir ſind ſtark genug, ihn ans Land zu ſchieben, wenn ſich dazu Gelegenheit zeigt; oder können wir ihn auch auf der Inſel ſtehen laſſen.“ Nichts hätte mich nachdrücklicher überzeugen können, in wel⸗ chem Lichte Guert unſere Lage betrachtete, als daß ich ihn dieſe Thiere los laſſen ſah, von welchen ich wußte, wie hoch er ſie ſchätzte. Ich äußerte dieß gegen ihn, und er antwortete mit ſchwer⸗ müthigem Ernſt, welcher einen um ſo ſtaͤrkern Eindruck auf mich machte: „Es iſt möglich, daß ſie das Land erreichen, denn die Natur hat dem Pferde einen ſcharfen, lebhaften Inſtinkt gegeben. Sie kön⸗ nen auch ſchwimmen, wo Ihr und ich ertrinken würden. Jeden⸗ falls ſind ſie nicht vom Geſchirr gehemmt und gefeſſelt, ſondern ſie haben jede Möglichkeit, ſich zu retten, welche ihnen zu verſchaffen in meiner Macht ſteht. Sollten ſie ans Land kommen, ſo würde irgend ein Hofbeſitzer ſte in ſeinen Stall ſtellen, und ich würde bald 314 hören, wo ſie zu finden ſind; falls ich anders morgen früh noch lebe und dieſe Erkundigung anſtellen kann.“ „Was iſt nun zunächſt zu thun, Guert?“ fragte ich, ſeine Gefühle und ſeine Art zu folgern und zu berechnen jetzt wohl ver⸗ ſtehend. „Wir müſſen jetzt den Schlitten auf die Inſel ſchieben, worauf wir uns dann werden umſehen müſſen, ob es möglich iſt, die La⸗ dies auf das feſte Land zu ſchaffen.“ Demgemäß machten wir, Guert und ich, uns an die Aufgabe und zogen ohne große Schwierigkeit den Schlitten über die Eis⸗ ſchollen, obgleich ſie in Bewegung waren und ſich an einander rie⸗ ben. Wir ſchleppten ihn bis an den Baum, unter welchem Anneke und Mary ſtanden; worauf die Ladies hineinſtiegen, und in die Pelze gehüllt ihre Sitze einnahmen. Die Nacht war für die Jahres⸗ zeit nicht kalt und unſere Begleiterinnen waren warm angekleidet und hatten Halspelze und Muffe, und die Wolfshäute von Guert dienten, es ihnen behaglicher zu machen. Alle Beſorgniſſe wegen un⸗ mittelbar drohender Gefahr hörten jetzt für einige Zeit auf, und ich glaube, keine von den beiden Mäͤdchen ließ ſich einfallen, daß ſie irgend eine weitere Fährlichkeit zu beſtehen haben könnten, ſo lange ſie auf terra firma blieben, außer daß ſie der Nachtluft ausgeſetzt ſeyen. Dieß war jedoch nicht der Fall, wie eine ganz einfache Er⸗ läuterung dem Leſer darthun wird. Alle Inſeln in dieſer Gegend des Hudſon ſind nieder und be⸗ ſtehen ans fruchtbaren Wieſen von angeſchwemmtem Boden, einge⸗ faßt von Bäumen und Gebüſchen; die meiſten Bäume ſind Weiden, Sykomoren und Nußbäume. Die Fruchtbarkeit des Bodens hatte dieſe Bäume ſchnell wachſen gemacht, und ſie waren meiſt von ziemlicher Größe, aber nicht Einer darunter hatte jenen gewaltigen Umfang, wodurch ſich Stamm und Aeſte eines ehrwürdigen Wald⸗ baumes auszeichnen. Dieſer einzige Umſtand ſchon bewies, daß keiner von all dieſen Bäumen ſehr alt warz was ganz gewiß aus 315 den Verwüſtungen der jährlichen Ueberſchwemmungen erklärt werden mußte. Ich ſage den jährlichen; denn obgleich die Ueberſchwem⸗ mung, welche uns jetzt bedrängte, weit ernſthafter war als gewöhn⸗ lich, brachte doch jedes Jahr Etwas der Art; und die Inſeln wuch⸗ ſen beſtändig an oder verminderten ſich in Folge der Wirkung der⸗ ſelben. Um letzteres zu verhindern, war ein Dickicht von Bäumen oben an jeder Inſel übrig gelaſſen, um eine Art Barrikade zu bil⸗ den gegen den Andrang des Eiſes im Frühjahr. So niedrig jedoch war die Fläche des Landes oder der Wieſen, daß ein Steigen des Fluſſes um wenige Fuß ſie gänzlich unter Waſſer ſetzen mußte. Dieß Alles wird noch augenſcheinlicher werden durch unſer Vorneh⸗ men, nachdem wir die Damen in den Schlitten geſetzt hatten; und beſonders aus den gelegentlichen, flüchtigen Bemerkungen Guert's während ſeiner weitern Maßregeln und Bemühungen. Sobald Guert Ten Eyck die Damen für den Angenblick ge⸗ ſichert glaubte, ſchlug er mir vor, den Zuſtand des Fluſſes genauer mit einander in Augenſchein zu nehmen, um zu ſehen, welches die thunlichſten, anwendbarſten Mittel wären, um auf das feſte Uferland zu gelangen. Er ſagte dieß laut und in ganz heiterem Tone, wie wenn er jetzt keine Beſorgniſſe mehr hegte, wie mir nicht entging, um unſere Begleiterinnen zu ermuthigen. Anneke verlangte, daß wir gehen ſollten, und erklärte, da ſie ſich auf trockenem Land wiſſe, ſey alle ihre Furcht verſchwunden. Demgemäß gingen wir und richteten unſere Schritte zunächſt nach dem obern Ende der Inſel. Ganz wenige Minuten reichten hin, um die Grenzen unſeres kleinen Reiches zu erreichen; und als wir uns ihnen näherten, deutete mir Guert auf einen Damm von Eis hin, welcher ſich dahinter aufthürmte, als auf ein ſehr drohendes Symptom. „Darin liegt die Gefahr für uns,“ ſagte er mit Nachdruck, „und wir dürfen uns auf die Bäume nicht verlaſſen. Dieſe Ueber⸗ ſchwemmung überſteigt jede, die ich jemals auf dem Fluß erlebt habe; und kein Frühjahr vergeht, daß wir nicht eine ſtärkere oder 316 geringere haben. Seht Ihr nicht, Corny, was uns jetzt ret⸗ ten kann?“ „Wir ſind auf einer Inſel, und können, ſo lange wir hier bleiben, vom Fluß wohl nicht ſo ſehr bedroht werden.“ „Dem iſt nicht ſo, mein lieber Freund, dem iſt gar nicht ſo. Aber kommt mit mir und nehmt Euch wohl in Acht.“ Ich folgte Guert und nahm mich wohl in Acht. Wir ſpran⸗ gen auf die Eisſchollen, welche wohl dreißig Schuh hoch am obern Ende der Inſel aufgethürmt lagen und ſich rechts und links ſo weit erſtreckten, als unſere Augen bei dieſem nebligen Licht ſehen konnten. Es war eben nicht ſchwer auf dieſem maſſiven Eisdamm herumzugehen, da die Bewegung der Schollen jetzt langſam war und häufig unterbrochen wurde; aber die eigentliche Beſchafſfenheit und Größe der Gefahr konnte man ſich unmöglich verhehlen. Hätte nicht die Inſel und das unten anliegende Feſtland ihre Hinderniſſe in den Weg gelegt, ſo würde das Eis fortwährend gewaltſam den Strom hinunter getrieben haben, Scholle ſich über Scholle ſchiebend, bis das Ganze in dem breiteren Raum unten Luft bekommen und an den Ocean hinaus ſich ergoſſen hätte. Aber nicht nur unſere Inſel war hier, ſondern auch noch andere Inſeln lagen in der Nähe, welche die verſchiedenen Arme oder Kanäle dergeſtalt ein⸗ engten, daß dadurch die Bildung eines Dammes von Eis herbei⸗ geführt wurde; und von der Stärke dieſes Dammes hing unſere ganze Sicherheit ab. Wurde er irgendwo in unſerer Nähe durch⸗ brochen, ſo mußten wir unausbleiblich Alle miteinander fortge⸗ ſchwemmt werden. Guert glaubte jedoch, wie ſchon geſagt, die Waſſer hätten ſchmale Abflußwege dicht am Feſtland hin, öſtlich und weſtlich von uns, gefunden; und wenn ſich dieß als wahr erwies, ſo wäre Hoffnung, daß das große Unglück abgewendet werden würde. Mit andern Worten, wenn dieſe Schleuſen genügten, ſo konnten wir gerettet werden; im andern Falle war die Kataſtrophe gewiß. 317 „Ich kann es vor mir ſelbſt nicht rechtfertigen, wenn ich hier bleibe, ohne einen Verſuch zu machen, zu ſehen, was der Stand der Dinge in der Nähe des Ufers iſt,“ ſagte Guert, nachdem wir die raſch anwachſende Maſſe zertrümmerten Eiſes vor uns, ſo gut es das Licht geſtattete, in Augenſchein genommen, und die Mög⸗ lichkeit der Rettung, ſo wie die Art und Größe der Gefahr beſpro⸗ chen hatten.„Kehrt Ihr zu den Ladies zurück, Corny, und ſucht ihren Muth aufrecht zu erhalten, während ich über dieſen Kanal rechts von uns auf die nächſte Inſel hinübergehe, und ſehe, was ſich in dieſer Richtung zeigt.“ „Mir gefällt der Gedanke nicht, daß Ihr alle Gefahr allein beſtehen ſollt; zudem kann Etwas vorkommen, was die Kraft von Zweien ſtatt von Einem in Anſpruch nehmen mag, um überwun⸗ den zu werden.“ „Ihr könnt bis zur nächſten Inſel mit mir gehen, wenn Ihr Luſt habt, wo wir dann ſogleich im Stande ſeyn werden zu er⸗ kennen, ob es Eis oder Waſſer iſt, was uns von dem öſtlichen Ufer ſcheidet. Im erſtern Falle könnt Ihr ſo ſchnell als möglich zu den Ladies zurückkehren, während ich eine Stelle zum Ueber⸗ ſetzen ſuche. Mir gefällt das Ausſehen dieſes Dammes gar nicht, wenn ich ehrlich mit Euch ſprechen ſoll; und ich bin in großer Beſorgniß wegen derjenigen, die jetzt im Schlitten ſitzen.“ Wir waren eben im Begriff uns wegzubegeben, als ein lautes, krachendes Getöſe, wenige Schritte von uns entfernt, uns Beide erſchreckte; und nach dem Platz hinlaufend, woher es kam, ſahen wir, daß eine Weide entzwei geknickt war, wie ein Pfeifenſtiel, und die ganze Eiswand langſam, aber majeſtätiſch, vorrückte über den Stumpf hin, den geſtürzten Stamm und die Zweige unter ihrer Wucht zermalmend, wie das langſam gehende Rad des ſchwerbe⸗ ladenen Wagens ein Reis knickt und zerquetſcht. Guert packte mich am Arm und ſeine Finger drangen mir beinahe ins Fleiſch, ſo eiſern war der Griff ſeiner Fauſt. 318 „Wir müſſen dieſe Stelle verlaſſen,“ ſagte er mit feſter Stimme, „und das ſogleich. Laßt uns zu dem Schlitten zurück.“ Ich kannte Guert's Abſichten nicht; aber ich ſah, es war Zeit, mit Entſchiedenheit zu handeln. Wir eilten ſchnell nach der Stelle, wo wir den Schlitten gelaſſen hatten; und der Leſer mag ſich un⸗ ſer Entſetzen vorſtellen, als wir den Schlitten— nicht mehr dort fan⸗ den! Der ganze niedere Vorſprung der Inſel, wo wir ihn gelaſſen, war ſchon mit Eisſchollen bedeckt, welche in Bewegung waren, und ohne Zweifel während der wenigen Minuten unſeres Wegſeyns den Schlitten fortgeriſſen hatten! Als wir uns jedoch umſchauten, ſahen wir einen Gegenſtand auf dem Fluß etwas weiter unten, der mir der Schlitten zu ſeyn ſchien, und ich war im Begriff, darauf loszu⸗ ſtürzen, als eine angſt⸗ und jammervolle Stimme uns nach einer andern Richtung hin zog. Mary Wallace kam hinter einem Baume hervor, hinter welchem ſie Rettung geſucht hatte, und Guert's Arm faſſend, flehte ſie ihn an, ſie nicht mehr zu verlaſſen. „Wohin hat ſich Anneke gewendet?“ fragte ich in unbeſchreib⸗ licher Todesangſt.„Ich ſehe Nichts von Anneke!“ „Sie wollte den Schlitten nicht verlaſſen,“ antwortete Mary Wallace, beinahe nach Athem keuchend—„Ich flehte,— ich be⸗ ſchwor ſie, mir zu folgen, ſagte, Ihr müßtet bald zurückkommen; aber ſie weigerte ſich den Schlitten zu verlaſſen. Anneke iſt im Schlitten, wenn der jetzt aufgefunden werden kann.“ Ich hörte Nichts mehr; ſondern auf die noch immer ſich be⸗ wegenden Eisſchollen ſpringend, eilte ich hüpfend von Scholle zu Scholle, bis mir mein Auge zeigte, daß der Schlitten ſchon ganz auf dem Flußbett ſich befand, auf welchem er in langſamer Bewe⸗ gung hinabglitt, hinabgedrängt und geſchoben von der neuen Decke von Eis, welche raſch über dem urſprünglichen Eisſpiegel ſich la⸗ gerte. Anfänglich konnte ich Niemand in dem Schlitten ſehen; aber als ich ihn erreichte, fand ich Anneke in den Pelzen begraben. Sie 319 lag auf den Knieen; das köſtliche Weſen flehte um Hülfe und Bei⸗ ſtand zu Gott. Ich fand einen halb phantaſtiſchen, aber ſüßen Troſt darin, mich ſo gleichſam abgeſchnitten von allen Uebrigen meines Geſchlechts, inmitten dieſer ſchauerlich einſamen Scene der Verwüſtung, allein zu ſehen mit Anneke Mordaunt. Im Augenblick, wo ich ihr meine Gegenwart kund thun konnte, fragte ſie nach Mary Wallace, und fühlte ihr Herz ſehr erleichtert, als ſie erfuhr, daß ſie bei Guert ſey, und von ihm in dieſer Nacht keinen Augenblick mehr werde verlaſ⸗ ſen werden. Wirlich erblickte ich dammernd ihre Geſtalten, als ſie raſch über den Kanal ſchritten, welcher die beiden Inſeln trennte, und in dieſer Richtung unter den Büſchen verſchwanden, welche den Platz umſäumten, wohin ſie gegangen waren. „Laßt uns ihnen folgen,“ ſagte ich lebhaft.„Der Uebergang iſt noch offen und leicht; und auch wir können an das Ufer ent⸗ kommen.“ „Geht Ihr!“ ſagte Anneke, deren ſich eine augenblickliche phy⸗ ſiſche Starrſucht bemächtigt zu haben ſchien.„Geht Ihr, Corny,“ ſagte ſie; ein Mann kann ſich leicht retten; und Ihr ſeyd ein ein⸗ ziges Kind,— die einzige Hoffnung Eurer Eltern.“ „Theure, geliebte Anneke!— warum dieſe Gleichgültigkeit— dieſe Apathie in Beziehung auf Eure eigne Perſon? Seyd Ihr nicht auch ein einziges Kind, die einzige Hoffnung eines verwittwe⸗ ten Vaters?— Vergeßt Ihr ihn?“ „Nein, nein, nein!“ rief das liebe Mädchen haſtig.„Helft mir aus dem Schlitten, Corny; ſo, ich will mit Euch überall hin ge⸗ hen— überall hin— bis ans Ende der Welt, um meinem Va⸗ ter einen ſolchen Jammer zu erſparen!“ Von dieſem Augenblick an verſchwand die augenblickliche Schwä⸗ che und der Kleinmuth Anneke's, und ich fand ſie die wenige Zeit hindurch, wo wir noch in Gefahr unſers Lebens ſchwebten, ſchnell im Begreifen, und bereit, alle meine Bemühungen zu unterſtützen. 320 Es war dieſe vorübergehende Ergebung in ein eingebildetes unab⸗ wendbares Verhängniß einerſeits, und die betäubende, verwirrende Wirkung plötzlichen Schreckens andrerſeits, was die beiden Mäd⸗ chen getrennt hatte, und die Veranlaſſung zu der geſchilderten Tren⸗ nung der ganzen Geſellſchaft gab. Ich weiß kaum, wie ich beſchreiben ſoll, was nun folgte. So innig und tief war meine Angſt für Anneke, daß ich keck ſagen darf, ich dachte nicht im Mindeſten an mein eigenes Schickſal, ge⸗ trennt von dem ihrigen. Das hingebende Vertrauen, womit das liebe Mädchen alle ihre Hoffnung in mich zu ſetzen ſchien, würde für ſich ſchon dieſe Wirkung gehabt haben, wenn ſie nicht ſchon mein ganzes Herz beſeſſen hätte, wie mir dieß jetzt ſo ganz zum Bewußtſeyn kam. Augenblicke wie dieſe machen Einen für alle Gefühle des Herzens erſt recht empfänglich, und ſtreifen alle Hüllen ab, welche Gewohnheit, oder die konventionelle Verſtellung des Benehmens ſo leicht über unſre Empfindungen wirft. Ich glaube, ich ſprach mit Anneke während der nächſten paar Minuten, ich be⸗ nahm mich gegen ſie ſo, wie man ſich wohl an das Weſen, das Einem das Theuerſte auf der Welt iſt, vertrauensvoll anſchließt, an es Worte der Zärtlichkeit richtet; aber ich kann mir denken, daß der Leſer natürlich lieber erfahren wird, was wir unter ſolchen Umſtän⸗ den thaten, als was wir ſprachen oder empfanden. Ich wiederhole, es wird mir nicht leicht, zu beſchreiben, was nun folgte. Ich weiß, wir rannten zuerſt mehr als daß wir gin⸗ gen über den Kanal, auf welchem ich zuletzt die dämmernden Ge⸗ ſtalten von Guert und Mary erblickt hatte, und durchwanderten ſogar die Inſel nach der öſtlichen Seite hin, in der Hoffnung, im Stande zu ſeyn, in dieſer Richtung das Ufer zu erreichen. Der Verſuch war jedoch fruchtlos, denn wir fanden, daß das Waſſer in wilden Wogen ſich über das Eis herſtürzte. Nichts war von un⸗ ſern bisherigen Begleitern zu ſehen; und mein lautes, wiederholtes Rufen nach ihnen blieb unbeantwortet. N Q£& AN —8&— 8½— ᷣ— 5& d A— N Æ dNK= S=8RK àA S 321 „Unſere Lage iſt hoffnungslos, Cornelius,“ ſagte Anneke, und ſie ſprach dieß mit erzwungener Ruhe, als ſie die Flucht in dieſer Richtung unmöglich fand.„Laßt uns nach dem Schlitten zurück⸗ kehren und uns dem Willen Gottes unterwerfen.“ „Geliebte Anneke, gedenkt an Euern Vater und bietet Cure ganze Kraft auf. Das Bett des Fluſſes iſt noch feſt; wir wollen hinüber und es auf dem andern ufer verſuchen.“ So ſchritten wir denn hinüber, und meine zarte Begleiterin wurde ebenſoſehr von meinem unterſtützenden Arm, als durch ihre eigne Entſchloſſenheit aufrecht erhalten; aber wir fanden, daß auch hier daſſelbe Hemmniß unſerm Entkommen ſich in den Weg ſtellte. Die Inſel oben hatte die Gewäſſer nach den Seiten gedrängt, bis ſie an den beiden Ufern ſich Oeffnung und freie Bahn verſchafften und an den mit Weiden beſetzten Küſten mit der Schnelligkeit des Pfeiles dahinſchoſſen. Mittlerweile war, wie ich bemerkte, in Folge unſeres haſtigen Schrittes, Anneke ſo erſchöpft worden, daß es un⸗ erläßlich nothwendig war, eine Minute ſtehen zu bleiben, um Athem zu ſchöpfen. Dieſe Pauſe war auch nöthig, um uns umzuſehen und einen überlegten, bedächtigen Beſchluß zu faſſen über das von uns einzuſchlagende Verfahren. Und ſo kurz dieſe Pauſe war, trug ſie doch noch Vieles bei zu dem in die Augen fallenden Entſetz⸗ lichen und Grauenhaften unſrer Lage. Das Knarren oder Knirſchen des über uns Scholle an Scholle ſich drängenden und reibenden Eiſes tönte jetzt wie das Brauſen heftiger Winde oder wie das unaufhörliche Toben der Brandung am Meeresufer. Die aufgethürmten Schichten wurden vermöge ih⸗ rer Höhe und Nähe ſichtbar, ſo wie die zerriſſenen Wände von Eis langſam aber ſtetig ſich gegen uns herabbewegten; und der ganze Fluß ſchien mir in einer abwärts gehenden Bewegung begriffen. In dieſem ſchauerlichen Augenblick, wo ich anfing zu glauben, es ſey der Wille der Vorſehung, daß Anneke und ich mit einander um⸗ kommen ſollten, unterbrach ein fremdartiger Laut die fürchterliche Satanstoe. 21 322 Eintönigkeit dieſer entſetzlichen, einſamen Scene. Ich hörte, wie ich nicht bezweifeln konnte, die Glocken eines Schlittens; zuerſt nur fern und in Zwiſchenräumen, dann aber näher und in Einem fort, begleitet von dem Getöſe der Schlittenläufe auf dem Eis. Ich nahm meine Mütze ab und preßte die Hände an den Kopf, denn ich fürchtete, meine Sinne ſeyen geſtört. Aber es kam her⸗ an, deutlicher und immer deutlicher, bis das Stampfen der Huf⸗ ſchläge ſich zu dem andern Getöſe geſellte. „Können noch Andere auch ſo unglücklich ſeyn, wie wir?“ rief Anneke, ihre eigne Angſt in großherzigem Mitgefühl vergeſſend. „Seht, Littlepage— ſeht, lieber Cornelius, dort kommt wahr⸗ haftig noch ein Schlitten!“ Wirklich kam er, wie ein Sturm, oder wie die Windsbraut, fünfzig Fuß an uns vorübergebraust. Ich erkannte ihn auf den erſten Blick. Es war der Schlitten Herman Mordaunt', aber leer; und die Pferde, toll vor Angſt, rannten wohin ihre Furcht ſie trieb. Wie der Schlitten an uns vorbeikam, ward er auf eine Seite um⸗ geworfen; dann wurde er wieder emporgeriſſen, und kam uns aus dem Geſicht, während der dumpfe Ton der Schlittenläufe auf dem Eis mit dem Geklingel der Glocken und dem Stampfen der Hufe ſich miſchte. In dieſem Augenblick ließ ſich ein lauter, ferner Schrei von einer Menſchenſtimme unverkennbar hören. Es ſchien mir, als ob Je⸗ mand meinen Namen riefe; und Anneke ſagte, ſie habe es auch ſo verſtanden. Der Ruf, wenn es ein Ruf war, kam von Süden un⸗ ter dem weſtlichen Ufer her. Im nächſten Augenblick ertönte ein ſchauerliches Krachen von der obern Eiswand; und einen Arm um den ſchlanken Leib meiner holden Begleiterin ſchlingend, um ſie zu unterſtützen, begann ich ſo ſchnell ich konnte in der Richtung dieſes Ruſes mit ihr fortzueilen. Während des Verſuchs, das weſtliche Ufer zu gewinnen, hatte ich einen hohen Berg von zertrümmertem Eis bemerkt, welcher hinabſchwamm, oder vielmehr, welcher auf 323 dem glatten Spiegel des gefrorenen Stromes hinabgeſchoben wurde, voraus vor den kleineren Eisſchollen, welche in der Strömung hin⸗ unter trieben. Er nahm an Umfang zu durch Anlagerung dieſer ſchwimmenden Schollen, und drohte, ſobald er die gehörige Größe erreichte, in einem engern Paß unten einen neuen Damm zu bilden. Es drängte ſich mir der Gedanke auf, wir würden für den Augen⸗ blick geſichert ſeyn, wenn wir dieſen Berg erreichen könnten, denn er erhob ſich ſo hoch, daß vom Waſſer keine Gefahr drohte. Dort⸗ hin eilte ich denn, Anneke beinahe im Arme tragend; und unſere haſtigen Schritte wurden beſchleunigt durch die ſchrecklichen Laute von dem obern Damme. Wir erreichten den Eisberg und fanden die Schollen ſo aufge⸗ ſchichtet, daß man, obwohl nicht ohne Anſtrengung, hinauf ſteigen konnte. Nachdem wir ein paar Schichten erſtiegen hatten, wurde die zerbrochene Maſſe ſo unregelmäßig und zerriſſen, daß ich noth⸗ wendig zuerſt hinaufſteigen und Anneke mir nach hinaufziehen mußte. Dieß that ich, bis ich erſchöpft war, und dann ſetzten wir uns Beide auf die Kante einer Scholle, um wieder zu Athem zu kom⸗ men. Während dem machten mich neue, vom Fluß her kommende Töne aufmerkſam; und wie ich mich vorbeugte, um genauer hinzu⸗ ſehen, entdeckte ich, daß das Waſſer ſich durch den obern Damm Bahn gebrochen hatte und in wildem Strome gegen uns kam. 324 Siebzehntes Kapitel. Mein Herz jauchzt auf, ſo oft ich ſchau' Den Regenbogen entglommen! So war es als mein Leben begann, So iſt es jetzt, wo ich ein Mann, So ſey es, wenn ich werde grau,— Sonſt— ſey mir der Tod willkommen! Das Kind iſt der Vater von dem Mann; Und mir ſey immer Tag an Tag gereiht Durch ſtetes Band urkräft'ger Frömmigkeit. Wordsworth. Nur noch fünf Minuten auf dem Eiſe des Hauptkanals, und wir wären fortgeſchwemmt worden. Während wir da ſaßen und die furchtbare Gewalt der raſchen Strömung betrachteten, ſah ich, ſo gut das Dämmerlicht dieſer wolkigen Nacht es erlaubte, Guert Ten Cyck' Schlitten an uns vorbei geriſſen; und nur eine Minute ſpäter folgte Herman Mordaunt's Schlitten; und die armen erſchöpften Thiere kämpften ſich von ihrem Geſchirr zu befreien, um durch Schwimmen ihr Leben zu retten. Anneke hörte das Schnauben dieſer unglücklichen Thiere; aber ihr ungeübtes Auge entdeckte ſie, die in der Strömung tief eingeſunken waren, nicht; auch hatte ſie in dem an uns vorbeibrauſenden Schlitten nicht den Schlitten ihres Vaters erkannt. Etwas ſpäter ertönte ein kläglicher Schrei von einem der gefeſſelten Pferde— ein herzzerreißender Schrei, wie ihn bekanntlich das Pferd öfters ausſtößt. Ich ſagte Nichts darüber, da ich wußte, daß die Liebe zu ihrem Vater ein Hauptſporn war, welcher meine Begleiterin zur äußerſten Kraftanſtrengung angetrie⸗ ben hatte, und ich nicht Befürchtungen rege machen wollte, die im Augenblick ſchlummerten. Zwei oder drei Minuten Raſt waren Alles, was uns die Um⸗ ſtände geſtatteten. Ich bemerkte, daß Alles, was auf dem Fluß ſichtbar war, in Bewegung abwärts begriffen war; die Schichten von Eis, auf welchen wir uns befanden, ebenſo wie die Schollen, 325 welche in ihrem raſcheren Zuge an uns vorbei blinkten. Unſere Bewegung war langſam, in Folge der gewaltigen Maſſe, welche ohne Zweifel auf die Untiefen der weſtlichen Seite des Stromes drückte, ſo wie auch in Folge der Reibung an den Eisfeldern auf den Seiten und manchmal auch an der Küſte. Aber doch waren wir in Bewegung; und ich erkannte die Nothwendigkeit, jedenfalls ſo bald als möglich auf den weſtlichen Saum unſerer ſchwimmen⸗ den Inſel zu kommen, um irgend ein günſtiges Vorkommniß, wel⸗ ches einträte, uns zu Nutze zu machen.— Die liebe Anneke!— Wie bewundernswürdig ſie ſich benahm, in jener entſetzlichen Nacht! Von dem Augenblick an, wo fie wieder ihr völliges Bewußtſeyn gewann, nachdem ich ſie auf dem Boden des Schlittens betend gefunden, bis zu dem jetzigen Zeitpunkt hatte ſie mich bei meinen Verſuchen und Anſtrengungen ſo wenig gehemmt und beſchwert, als dieß nur irgend möglich und denkbar war. Vernünftig, entſchloſſen, ſich Allem fügend, und ganz frei von aller unzeitigen Aeußerung weiblicher Aengſtlichkeit hatte ſie Al⸗ les, was ich ſie zu thun anwies, ohne Beſinnen und mit einſich⸗ tiger Klugheit gethan. Beim Erſteigen des Eishügels— unter allen Umſtänden ein nicht leichtes Unternehmen,— waren wir im vollkommenen Einklang zu Werke gegangen; jede meiner Anſtren⸗ gungen war durch eine entſprechende von ihrer Seite unterſtützt worden, wobei mein Rath und meine größere Erfahrung ſie leitete. „Gott hat uns bisher nicht verlaſſen, theuerſte Anneke,“ ſagte ich jetzt, nachdem die Kraft meiner Begleiterin wieder einigermaßen zurückgekehrt ſchien,„und wir dürfen wohl noch auf Rettung hof⸗ fen. Ich kann mir ſchon ganz die Freude denken, womit wir das Herz Eures Vaters beglücken werden, wenn er Euch wieder unver⸗ letzt und in Sicherheit in ſeine Arme ſchließt!“ „Mein lieber, guter Vater! Welche Todesangſt muß er jetzt meinetwegen ausſtehen! Kommt, Corny, laßt uns ſofort zu ihm uns auf den Weg machen, wenn es möglich iſt!“ 326 Mit dieſen Worten ſtand das köſtliche Mädchen auf und legte ihren Halspelz in einer Weiſe zurecht, daß er ſie nicht hindern ſollte,— wie Jemand, der bereit iſt, mit Aufbietung aller Kräfte zur Ausführung einer ernſten Aufgabe zu ſchreiten. Den Muff hatte ſie auf dem Fluß fallen gelaſſen, denn Keines von uns hatte irgend Empfindlichkeit für die Kälte. Jedoch war die Nacht für dieſe Jahreszeit ganz mild, und wir hätten wahrſcheinlich auch bei weni⸗ ger gewaltſamen Anſtrengungen nicht vom Froſte gelitten. Anneke erklärte ſich bereit, weiter zu gehen; und ich machte mich ſofort an die ſchwierige und bedenkliche Aufgabe, ihr über eine Inſel aus Eisſtücken hinüber zu helfen, um deren weſtlichen Rand zu errei⸗ chen. Wir ſtanden volle dreißig Fuß hoch in der Luft, und ein Fall in eine der zahlreichen Höhlen und Vertiefungen, zwiſchen welchen unſer Weg hinging, wäre wohl tödtlich geweſen, hätte we⸗ nigſtens die ſchlimmſten Verletzungen zur Folge gehabt. Dann war auch die Oberfläche des Eiſes ſo glatt, daß darauf zu gehen eine ſehr kitzliche Aufgabe war, zumal da die Schollen in jeder Art von ſchiefen Senkungen da lagen. Zum Glück trug ich hirſch⸗ lederne Moccaſins über meinen Stiefeln: und dieß rauhe Leder half mir gar ſehr, feſt auf den Füßen mich zu halten. Auch Anneke hatte Ueberſocken von Tuch; ohne dieſe hätte ſie, glaube ich, un⸗ möglich vorwärts kommen können. Mittelſt dieſer Fußbekleidungen jedoch, und indem wir mit der äußerſten Vorſicht dahin ſchritten, war es uns wirklich gelungen, unſern Zweck zu erreichen, als die ſchwimmende Maſſe in einen Wirbel hineinſchoß, und in Folge dieſer neuen Einwirkung ſich langſam umdrehend, uns wieder auf die äußere Seite der Inſel verſetzte! Kein Laut des Murrens ent⸗ fuhr Anneke bei dieſer Vereitlung unſerer Hoffnung; ſondern mit einer Sanftmuth, welche bündiger als alle Worte es vermocht hät⸗ ten, von der natürlichen Trefflichkeit ihrer Gemüthsart zeugte, erklärte ſie ſich bereit, ihre Anſtrengungen zu erneuern. Darein wollte ich jedoch nicht willigen; denn ich ſah, daß der Strudel uns — 8&— 327 beſtändig umtrieb; und ich hielt für das Beſte, uns ſeinem Ein⸗ fluß wo möglich ganz zu entziehen, ſtatt unſere Kräfte nutzlos zu verſchwenden. Statt daher wieder über den Eisberg zurück zu klimmen, ſagte ich meiner holden Begleiterin, wir wollten auf eine Scholle herabzuſteigen ſuchen, welche eben auf dem Waſſer lag, und gegen die übrige Maſſe ſo vorſprang, daß ſie das Ufer berühren mußte, falls wir demſelben wieder näher kamen. Dieß Herabſteigen ward mit nicht geringer Mühe und Angſt bewerkſtelligt, aber ich war genöthigt, Anneke gänzlich in meine Arme zu nehmen, um es zu vollführen. Wirklich vollführte ich es auch; und ich ſetzte das füße Mädchen unverletzt an meiner Seite nieder auf der äußerſten und niederſten Scholle unſerer wirren Eisſchichte. In einigen Beziehungen war dieß eine günſtige Veränderung; in anderer verbeſſerte ſie unſere Lage eben nicht. Anneke und ich kamen dadurch hinter einen Schutz und Schirm gegen den Wind zu ſtehen, der, obwohl weder ſehr ſtark noch ſehr kalt, doch märzen⸗ haft genug war, um uns dieſen Wechſel angenehm finden zu laſſen. Auch wurde meine Begleiterin einer Stellung enthoben, wo die Bewegung ſchwierig und oft gefährlich war, und auf ein ebenes, gleichmäßiges Terrain verſetzt, wo ſie ſicher und leicht hinſchreiten und ſich durch Bewegung das Blut im Umlauf erhalten konnte. Auch befanden wir uns nunmehr in der möglichſt beſten Lage, jede Berührung des Ufers, in deſſen Nähe jetzt unſere Inſel langſam dahintrieb, uns zu Nutze zu machen. Ueber den Zuſtand des Fluſſes überhaupt konnte kein Zweifel mehr ſeyn. Er war aufgebrochen; der Frühling war gekommen, wie ein Dieb in der Nacht; und da das Eis unten gewichen war, während die Maſſe oben zu viel Gewalt gewonnen hatte, als daß ihr Etwas hätte widerſtehen können, war Alles in Bewegung ge⸗ kommen; und, wie beim Tode eines ſtarken Mannes, hatte die Los⸗ reiſſung und Zertrümmerung von an ſich ſo dicken und feſten Eis⸗ feldern einen Kampf herbeigeführt, welcher den gewöhnlichen Kampf 328 der Jahrszeiten weit hinter ſich ließ. Dennoch hatte die Bewegung abwärts ernſtlich begonnen, und die Mitte des Stromes war wie eine geöffnete Schleuſe, in ihrer Strömung die Maſſen fortreißend, welche ſo eben noch oben ein ſo drohendes Hinderniß gebildet hatten. Zum Glück war unſer Eishügel etwas ſeitwärts von dem gro⸗ ßen Zug und Strom abwärts. Ich habe ſeither gedacht, er habe wohl den Grund berührt, was ſeine Bewegung hemmte, und auch bewirkte, daß er ſich drehte. Wie dem auch ſeyn mochte, wir blie⸗ ben in einer kleinen Bucht, langſam uns im Kreiſe herum dreheuder und mit Freuden ſah ich, daß unſere niedere Scholle 340 5 Drehung wieder dem weſtlichen Ufer ganz nahe gerückt wurdes Hftzä erheiſchte der Augenblick Entſchloſſenheit; und ich bexeithilnnegnle darauf vor, zu Allem gefaßt zu ſeyn. Eine große, mindent fchutn Scholle hatte an das Ufer hingetrieben, und ragt Weitottdn daß wir uns verſprechen durften, unſere Schollersgr iße ſi mühüttn kreiſenden Bewegung berühren. Ich wußte, daß d s i 1R zen durchaus nicht in Folge ſeiner eigenen Schwäche gebrochen war, ſondern rein nur in Folge der Wucht eines ungeheuern Drucks von oben und der gewaltigen Macht der Strömung; und daß wir wenig oder keine Gefahr liefen, wenn wir uns auch dem äußerſten Rande eines irgend beträchtlichen Stückes anvertrauten. Daher nahmen wir unſere Stellung in der Nähe eines Vorſprungs der Scholle, auf welcher wir ſtanden, worauf wir die gehoffte Berührung erwar⸗ teten. In ſolchen Augenblicken wirkt das mindeſte Fehlſchlagen der Hoffnung mit der Gewalt der wichtigſten Ereigniſſe. Mehrere Male ſchien uns unſere Inſel auf dem Punkte zu ſeyn, die feſtſtehende Eisſcholle zu berühren, und ebenſo oft neigte ſie ſich auf die Seite; und nie kamen wir derſelben näher, als auf ſechs bis acht Fuß. Dieſe Entfernung zu überſpringen wäre für mich leicht genug geweſen; für Anneke aber war es eine ſo unüberſteigliche Kluft als der grenzenloſe Abgrund. Das holde Mädchen erkannte dieß; und ſie benahm ſich unter dieſen Umſtänden ganz ſo, wie es von ihr zu R— 9—* 329 erwarten war. Sie ergriff meine Hand, drückte ſie, und ſagte ernſt und mit ſüßer Ergebung und Geduld: „Ihr ſeht, wie es ſteht, Corny; es iſt mir nicht beſtimmt, mich zu retten; aber Ihr könnt leicht das Ufer erreichen. Geht denn, und laßt mich in der Hand der Vorſehung. Geht! ich werde nie vergeſſen, was Ihr ſchon für mich gethan habt; aber es hilft Nichts, wenn wir miteinander umkommen.“— Ich habe nie gezweifelt, daß es Anneke'n vollkommen Ernſt mit ihrem Wunſche, ich wenigſtens ſolle mein Leben retten. Huhl, womit ſie ſprach, die Verzweiflung, die ſich ihrer riote, und die Bewegung unſerer Eisinſel, welche in dieſem Miene machte, ganz vom Ufer wegſchießen zu wollen, den Gedanken eines allerdings ſehr gewagten und rege. Ich zittere ſelbſt noch nach ſo langer Zeit, un Umſtände niederſchreibe. Eine kleine Eisſcholle wiſchen uns und derjenigen, welche feſt am Ufer lag. Ih Wroöße war ſo, daß ſie zwiſchen beiden durchpaſſiren konnte, doch nicht ohne ihnen nahe und wenigſtens mit einer, wo nicht mit beiden in Berührung zu kommen. Ich bemerkte das Alles; und Anneke'n ein Wort der Ermuthigung zurufend, ſchlang ich einen Arm um ihren Leib— wartete den geeigneten Augenblick ab und ſprang vorwärts. Ich mußte, mit meiner koſtbaren Bürde im Arm, einen kurzen Satz machen, um dieſe ſchwimmende Brücke zu ge⸗ winnen; aber er war geſchehen und war gelungen. Kaum Anneke'n Zeit laſſend, mit dem Fuß dieſen zerbrechlichen Haltpunkt zu berüh⸗ ren, der unter unſerer beiderſeitigen Laſt ſchon zu ſinken begann, paſſirte ich mit zwei oder drei Schritten die Scholle und raffte all meine Kraft zu einer letzten, verzweifelten Anſtrengung zuſammen. Auch dießmal gelang es; und ich erreichte die feſtere Scholle mit einem Herzen ganz erfüllt von Dank gegen Gott; die Empfindung beim Auftreten ſagte mir ſogleich, daß wir gerettet waren; und im naͤchſten Augenblick erreichten wir die ſeſte Erde. Unter ſolchen 330 Umſtänden ſchaut man ſich gewöhnlich um, die eben überſtandene Gefahr noch einmal recht ins Auge zu faſſen. Das that auch ich; und ich ſah, daß die ſchwimmende Eisſcholle ſchon hinabgetrieben, und außer unſerm Bereich war; während die Maſſe, welche das Mittel unſerer Rettung geweſen, ihr langſam folgte, von der wü⸗ thenden Strömung des Fluſſes aufs Neue ergriffen und fortgedrängt. Aber wir waren gerettet; und aufs inbrünſtigſte dankte ich meinem Gotte, der uns ſo gnädig aus ſo drohenden Gefahren durch ſeinen Beiſtand gerettet hatte. Ich war genöthigt, auf Anneke zu warten, welche auf ihre Kniee ſiel und eine volle Minute im Gebete liegen blieb, ehe ich ihr den ſteilen Abhang hinauf helfen konnte, welcher an dieſer Stelle das weſtliche Ufer des Hudſon bildete. Wir erreichten jedoch binnen kurzer Friſt die Uferhöhe, nachdem wir ein paar Male ſtehen geblie⸗ ben, um Athem zu ſchöpfen; und jetzt erſt überſahen wir ganz die wahre Beſchaffenheit der Scene, der wir nunmehr glücklich entron⸗ nen waren. So trüb das Licht war, ſo reichte es doch hin, um von dieſem höhern Standpunkte aus eine beträchtliche Strecke des Fluſſes zu überſehen. Der Hudſon glich einem Chaos, das zwiſchen den hohen Ufern hin in wildem ſich Ueberſtürzen dahin brauste. Mit Eisſchollen, welche zum Theil einzeln vorbeiſchoßen, zum Theil haushoch emporgethürmt waren, war natürlich der Strom gefüllt; aber einen großen, dunkeln Gegenſtand ſah man eben den Kanal herabkommen, auf welchem Anneke und ich vor nicht einer Stunde geſtanden hatten, der ſich in der Strömung mit entſetzlicher Schnel⸗ ligkeit bewegte. Es war ein Haus; ein nicht ſehr bedeutendes zwar, aber doch groß genug, um dem Auge auf dem Fluß aufzufallen. Eine ziemlich anſehnliche Brücke folgte; und eine Schaluppe, welche auf den Werften von Albany weggeriſſen worden war, wurde bald darauf ſichtbar in dieſer ſeltſamen Geſellſchaft, welche ſich ſo plötz⸗ lich auf dieſer großen Pulsader der Colonie zuſammen fand. Aber es war ſpät Abends; ich hatte noch fur Anneke zu ſorgen; 331 es war nothwendig ein Obdach zu ſuchen. Fortwährend meine holde Begleiterin unterſtützend, welche jetzt ihre Beſorgniſſe wegen ihres Vaters und der andern Freunde zu äußern begann, ſchlug ich den Weg landeinwärts ein, da ich wußte, daß eine Landſtraße dem Fluß parallel und nicht weit entfernt von ihm hinlief. Wir erreichten binnen zehn Minuten dieſe Straße und wandten uns dann nörd⸗ lich, weil dieſe Richtung nach Albany führte. Wir waren noch nicht weit gekommen, als ich die Stimme von Männern hörte, die gegen uns kamen, und hoch erfreut war ich, darunter die Stimme Dirck Follock's unterſcheiden zu können. Ich rief ihnen laut zu, und die Antwort darauf war ein Jubelgeſchrei, der, wie ich nach⸗ her vernahm, ihm unwillkürlich entfuhr, als er die Geſtalt Anne⸗ ke'ns erblickte und erkannte. Dirck war entſetzlich aufgeregt und erſchüttert, als wir mit ihm zuſammentrafen; ich hatte nie früher einen ähnlichen Gefühlsausbruch an ihm geſehen, und einige Zeit ſtand es an, bis ich mit ihm ſprechen konnte. „Natürlich iſt Eure ganze Geſellſchaft in Sicherheit?“ fragte ich in etwas zweifelndem Tone; denn ich hatte in der That Alle, die in Herman Mordaunt's Schlitten geweſen, verloren gegeben. „Ja, Gott ſey Dank, Alle, bis auf den Schlitten und die Pferde. Aber wo ſind Guert Ten Eyck und Miß Wallace?“ „Ans Ufer gegangen auf der andern Seite des Fluſſes; wir trennten uns und ſie ſchlugen jene Richtung ein, während wir uns hieher wandten.“ Ich ſagte das, um Anneke'ns Beſorgniſſe zu beſchwichtigen, aber ich war in Angſt, ob ſie wirklich überhaupt das Land erreicht hätten.„Aber laßt mich nun hören, auf welche Weiſe Ihr der Gefahr entkommen ſeyd.“ Dirck erzählte uns nun was vorgegangen war; und die ganze Geſellſchaft kehrte mit uns um, ſobald ich ihnen ſagte, daß ihr Zweck— die Pferde aufzuſuchen,— ein nicht mehr zu erreichender ſey. Folgendes war das Weſentliche deſſen, was wir vernahmen: bei dem erſten Verſuch, das weſtliche Ufer zu gewinnen, war Her⸗ 332 man Mordaunt wirklich auf das von Guert vorausgeſehene Hinder⸗ niß geſtoßen, und er wandie ſich ſüdlich in der Hoffnung, wenn er weiter von dem oben entſtandenen Damm ſich entfernte, einen Platz zu finden, wo er ans Land kommen könnte. Nach wiederholten Verſuchen, bei welchen nahezu der Schlitten und die ganze Geſell⸗ ſchaft untergegangen wären, erreichten ſie einen Punkt, wo Herman Mordaunt beſchloß, auf jede Gefahr hin ſeine Begleiterin ans Ufer zu bringen. Dieß ſollte geſchehen durch Ueberſetzen über ſchwim⸗ mende Eisſchollen, in einer Strömung, welche ſchon die Geſchwin⸗ digkeit von vier oder fünf Meilen auf die Stunde hatte. Dirck blieb zurück, um über die Pferde zu wachen, während der Verſuch angeſtellt wurde; als er aber die Abenteurer in großer Gefahr ſah, eilte er zu ihrem Beiſtand herbei, worauf die ganze Geſellſchaft, wiewohl nicht tief, im Waſſer einſank. Sich ſelbſt überlaſſen und erſchreckt durch das Plätſchern im Fluß und das Knirſchen der Eisſchollen, gingen Herman Mordaunt's Rothbraune in der Ver⸗ wirrung des Augenblicks durch. Der Mrs. Bogart wurde der nö⸗ thige Beiſtand geleiſtet um ans Land zu kommen, und die nächſte Wohnung zu erreichen,— ein behagliches Pächterhaus, etwa eine Viertelmeile von dem Punkt entfernt, wo wir die Geſellſchaft ge⸗ troffen hatten. Dort war Mrs. Bogart in ein warmes Bett gebracht und die Gentlemen mit trockenen Kleidern verſehen worden, ſo gut die ländliche Garderobe dieſer einfachen Leute ſie zu liefern vermochte. Nachdem der Kleiderwechſel vorgenommen war, machte ſich Dirck wieder auf den Weg, um, wie ſchon erwähnt, zu erkunden, was aus dem Schlitten und den Pferden geworden ſey. Auf meine Erkundigungen erfuhr ich, daß die Stelle, wo An⸗ neke und ich ans Land geſtiegen waren, volle drei Meilen unter der Inſel ſich befand, auf welche Guert und ich den Schlitten gezogen hatten. Beinahe dieſe ganze Strecke waren wir mit dem Berg von zertrümmertem Eis, während der kurzen Zeit, die wir darauf ge⸗ weſen, hinabgeſchwommen; ein Beweis von der raſenden Eile, ———.,.„ 9. 8& & 333 womit die Strömung dahinbrauste. Niemand hatte Etwas von Guert und Mary gehört; aber ich ermuthigte meine Begleiter zu dem Glauben, ſie müßten ganz gewiß wohlbehalten auf dem andern Ufer des Fluſſes ſeyn. Allerdings hielt ich dieß ſelbſt für ſehr zweifelhaft, aber es nützte ja Nichts, ſich im Voraus das Schlimmſte vorzuſtellen. Als wir das Pächterhaus erreichten, da kann man ſich Herman Mordaunt's Entzücken und Dankbarkeit leichter vorſtellen, als ſchil⸗ dern. Er ſchloß Anneke an ſein Herz und ſie weinte wie ein Kind an ſeiner Bruſt. Auch ich ward nicht vergeſſen bei dieſer rühren⸗ den Scene, ſondern wurde zu meiner vollen Befriedigung berück⸗ ſichtigt. .„Ich brauche Nichts von den nähern Umſtänden zu hören, edler junger Mann,“— ich habe mir zur Aufgabe gemacht, die Wahrheit zu ſchreiben, und man muß es mir verzeihen, wenn ich derlei Dinge berichte, aber—„Ich brauche Nichts von den nähern Umſtänden zu hören, edler junger Mann,“ ſagte Herman Mordaunt, meine Hand preſſend,„um überzeugt zu ſeyn, daß ich, nächſt Gott, das Leben meines Kindes zum zweiten Mal Euch verdanke. Ich wünſchte zu Gott!— aber laſſen wir das— es iſt jetzt zu ſpät— eine andere Art und Weiſe kann und muß ſich darbieten. Ich weiß kaum, was ich ſage, Littlepage, aber was ich meine, iſt: ich möchte nur, wenn auch ſchwach, einen kleinen Theil der Dank⸗ barkeit an den Tag legen, die ich fühle, und Euch zu erkennen geben, wie tief und aufrichtig Eure Dienſte empfunden und gewür⸗ digt werden.“ Der Leſer mag es ſonderbar finden, daß dieſe unzuſammen⸗ hängende, aber inhaltsſchwere Rede für den Augenblick wenig Ein⸗ druck auf mich machte, abgeſehen von der wohlthuenden Ueberzeugung, Anneke'n und ihrem Vater wirklich den größten möglichen Dienſt geleiſtet zu haben; aber ſpäter hatte ich beſſere Gelegenheit, mich derſelben zu erinnern. 334 Es iſt unnöthig bei den Vorfällen in dem Pächterhauſe aus⸗ führlicher zu verweilen. Die guten Leute thaten, was ſie konnten, es uns behaglich zu machen, und binnen einer halben Stunde waren wir Alle warm im Bette. Am folgenden Morgen ward ein Wagen beſpannt, und wir verließen dieſe einfachen Landleute, Männer und Frauen,— welche jede Art Belohnung oder Erſatz ablehnten, als Etwas, das ſich von ſelbſt verſtehe,— und begaben uns nach Hauſe. Ich habe behaupten hören, wir Amerikaner ſeyen lohnſüchtig; das mag ſeyn; aber wahr⸗ ſcheinlich gibt es keinen Menſchen in den Colonien, der ſich für eine ſolche Hülfeleiſtung Geld bezahlen ließe! Wir brauchten zwei Stunden, bis wir mit dieſem Fuhrwerk Albany erreichten und fuh⸗ ren gegen zehn Uhr in der Stadt ein, in ganz anderm Aufzug, als wir ſie am Tage zuvor verlaſſen hatten. Im Hinfahren führte uns die Heerſtraße häufig auf Punkte, wo man die Ausſicht auf den Fluß hatte, und wir bekamen ſomit oft Gelegenheit, uns von den Folgen der Ueberſchwemmung zu überzeugen. Eis war ſehr wenig mehr da. Da und dort ſah man noch eine Scholle oder einen Haufen am Ufer haften und gelegentlich ſchwammen einzelne Stücke hinab; aber im Ganzen hatte der Strom alles rein vor ſich her fortgeſchwemmt. Ich richtete mein Augenmerk beſonders auf die Inſel, wo wir Zuflucht geſucht hatten. Sie ſtand gänzlich unter Waſſer, aber ihre Umriſſe waren erkennbar an den Gebüſchen, welche ihre niedern Ufer einfaßten. Die meiſten Bäume am obern Ende waren abgeknickt, und alle, die darauf wuchſen, wären ohne Zweifel hin geweſen, wenn nicht der Damm ſo bald nachgegeben hätte. Eine große Zahl von Bäumen war auf allen Inſeln umgeriſſen; und große Wipfel und ſchwere Stämme trieben noch im Strome dahin, welche kürzlich noch im Walde geprangt hatten und gewaltſam ent⸗ wurzelt und weggeführt worden waren. Wir fanden auch den ganzen untern Theil von Albany unter Waſſer. Boote fuhren förmlich durch die Straßen, und ein beträcht⸗ 33⁵ licher Theil der Einwohner hatte kein anderes Mittel, mit den Nachbarn zu verkehren. Eine Schaluppe von einiger Größe ſaß auf einem der niedrigſtgelegenen Punkte auf, und da das Waſſer ſchon ſank, hieß es, ſie würde hier bleiben, bis ſie von den Schiffs⸗ bauern weggeſchafft werde. Niemand in der Stadt war ertrunken, denn es iſt bei den Leuten in dieſen Colonien nicht der Brauch, zu ſolchen Zeiten im Bett liegen zu bleiben und abzuwarten, bis der Feind vor den Fenſtern ſich zeigt. Wir leſen oft von ſolchen Un⸗ glücksfällen, welche in der alten Welt Hunderten den Tod bringen; aber in der neuen Welt iſt das menſchliche Leben zu hoch geſchätzt, zu viel werth, als daß man es unnöthig wegwürfe, und daher laſ⸗ ſen wir es uns auch Anſtrengung koſten, es zu erhalten. Wie wir in die Straße fuhren, worin Herman Mordaunt wohnte, hörten wir einen jauchzenden Schrei, und als wir uns umwandten, ſahen wir Guert Ten Eyck ſeine Mütze gegen uns ſchwenken, und Freude malte ſich in jedem Zuge ſeines ſchönen Ge⸗ ſichts. Im nächſten Augenblick war er an unſerer Seite. „Mr. Herman Mordaunt,“ rief er, dieſem Gentleman mit der größten Herzlichkeit die Hand ſchüttelnd,„ich betrachte Euch wie Einen von den Todten wieder Auferſtandenen— Euch und meine vortreffliche Nachbarin Mrs. Bogart, und Mr. Follock hier! Wie Ihr vom Fluß heraus kamt, iſt mir ein Geheimniß, denn ich weiß ſehr gut, daß das Waſſer gewöhnlich zuerſt unter der weſtlichen Küſte durchbricht. Corny und Miß Anneke— Gott ſegne Euch Beide! Mary Wallace iſt in Angſt, es möchten von irgend Einem von Euch ſchlimme Neuigkeiten einlaufen; aber ich will voraneilen und ihr dieſe Botſchaften mittheilen.“ Guert hielt ſich nicht mit weiteren Reden auf. In einer Mi⸗ nute war er in Herman Mordaunt's Hauſe— noch nach einer Minute hielten ſich Anneke und Mary Wallace einander in die Arme geſchloſſen. Nachdem man ſich gegenſeitig begrüßt, wurde 336 Mrs. Bogart nach ihrer Wohnung geführt, und hiemit hatte dieſe denkwürdige Expedition ein Ende. Guert hatte Weniger von Gefahren und Wundern mitzuthei⸗ len als ich vermuthet hatte. Aus ſeiner Erzählung ging hervor, daß, als er und Miß Wallace den innern Rand der letzten Inſel erreichten, eine große Eisſcholle in den ſchmalen Paß eingedrungen war und ſich eingeklemmt hatte; oder vielmehr daß ſie durchpaſſirte, gedrängt von dem ungeheuren Druck von oben, obwohl nicht ohne große Stücke zu verlieren, wie ſie mit den Ufern in Berührung kam, und in Folge der Reibung einen großen Theil ihrer Maſſe zu Staub zu zermalmen. Guert's Geiſtesgegenwart und Entſchloſſenheit leiſte⸗ ten ihm hier vortreffliche Dienſte. Ohne einen Augenblick zu zögern, führte er, ſobald es ihm nur möglich war, Mary auf dieſe Scholle und ſchritt über den ſchmalen Arm des Fluſſes, der ihn allein noch von dem feſten Lande daneben trennte, trocknen Fußes. Das Waſ⸗ ſer begann über dieſe Scholle hereinzudringen, wie dieß bei den meiſten der Fall war, welche nieder lagen und in ihrem Fortrücken aufgehalten wurden, aber dieß legte ſo raſchentſchloſſenen Perſonen keine ernſten Hinderniſſe in den Weg. Selbſt gerettet und in Sicher⸗ heit, verweilten unſere Freunde noch, um zu ſehen, ob wir nicht dahin gebracht werden könnten, ihnen nachzufolgen; und der Zu⸗ ruf, den wir hörten, war von Guert, welcher wirklich noch einmal auf die Inſel hinüber gegangen war, in der Hoffnung uns zu tref⸗ fen und uns an eine ſichere Stätte zu geleiten. Guert ſelbſt ſagte nie Etwas zu mir von der Sache, aber ich entnahm nachmals aus der Erzählung von Mary Wallace, daß der junge Mann nicht ohne ſehr viele Gefahren und Schwierigkeiten, und nach langen vergeblichen Nachforſchungen nach ſeinen Begleitern, ſich wieder zu ihr fand. Als ſie keinen Zweck mehr dabei ſahen, noch länger am Ufer zu bleiben, ſchlugen Guert und ſeine Begleiterin den Weg nach Albany ein. Gegen Mitternacht erreichten ſie die Fähre gegen⸗ über der Stadt, nachdem ſie volle ſechs Meilen zu Fuß zurückge⸗ 8838GCRS + 2 ‿ R N 337 legt, voll Sorge und Unruhe um die Zurückgebliebenen. Guert war ein Mann von Entſchloſſenheit, und er entſchied ſich klüglich dafür, es werde beſſer ſeyn, ſelbſt für die Ueberfahrt zu ſorgen, als den Verſuch zu machen, Inſaßen eines der Häuſer zu wecken, an welchen ſie vorbei kamen. Der Fluß war jetzt der Hauptſache nach von Eis frei, obwohl er noch mit großer Schnelligkeit dahin ſtrömte. Aber Guert war ein erfahrener Ruderer, und als er ein Schiff fand, beredete er Mary Wallace hineinzuſteigen, und es ge⸗ lang ihm wirklich, mittelſt der Strudel, ſie kaum zehn Schritte von dem Platze ans Land zu ſetzen, wo nur wenige Tage zuvor der Handſchlitten ihn und mich abgeſetzt hatte. Von dieſem Punkt aus war es nicht ſchwer, nach Hauſe zu Fuß zu gelangen; und Miß Wallace ſchlief wirklich in dieſer ereignißreichen Nacht in ihrem eigenen Bette— falls ſie ſchlafen konnte! Dieß war der Ausgang unſeres Abenteuers,— eines Aben⸗ teuers, das ich wohl mit Recht denkwürdig genannt habe. Zuletzt kamen Jack und Moſes geſund und wohlbehalten an, welche ver⸗ muthlich ans Land geſchwommen waren. Sie wurden auf der öffentlichen Straße getroffen, in geringer Entfernung von der Stadt, und an demſelben Tage noch ihrem Herrn gebracht. Jeder, der einiges Intereſſe für Pferde hatte— und welcher Holländer hätte das nicht?— kannte Jack und Moſes; und ſo hielt es nicht ſchwer, auszumitteln, Wem ſie gehörten. Bemerkenswerth aber iſt: beide Schlitten bekam man wieder, obwohl zu verſchiedener Zeit und unter ſehr verſchiedenen Umſtänden. Der Schlitten Guert's ging mit Wolfspelzen und Allem die ganze Länge des Fluſſes auf dem Eis hinab und kam durch die Engpäſſe aufs Meer hinaus. Bei New⸗York muß er Nachts vorbeigekommen ſeyn, ſonſt hätte man ihn ohne Zweifel aufgegriffen; während die Schwierigkeit, ihn zu erreichen, oberhalb der Stadt ſein Schutz war. Nachdem er einmal die Engpäſſe paſſirt hatte, ward er von der Fluth und den Winden an die Küſte von Staaten Island geworfen, wo er ans Satanstoe. 22 338 Land gezogen und unter Dach gebracht wurde. Er wurde in un⸗ ſerer New⸗Yorker Zeitung gehörig angezeigt, und ſo erhielt Guert wirklich zu rechter Zeit Kunde davon, um ihn, mit Pelzen und Allem, in Empfang nehmen zu laſſen durch eine der erſten Scha⸗ luppen, welche in dieſem Jahre den Hudſon herauf fuhren, etwa vierzehn Tage nachdem der Fluß aufgegangen war. Das Jahr 1758 war ein ſehr unruhiges, wegen der Bewegungen der Armee, und man verlor damals keine Zeit unnöthigerweiſe. Ganz anders war die Geſchichte von Herman Mordaunt's Schlitten. Die armen Rothbraunen müſſen bald nachdem wir ſie in der Strömung an uns vorbeiſchwimmen ſahen, ertrunken ſeyn. Natür⸗ lich ſanken ſie, ſobald das Leben ſie verlaſſen hatte, auf den Grund des Stromes, und zogen den Schlitten mit ſich hinab, an welchen ſie noch geſpannt waren. Nach einigen Tagen kamen die Thiere wieder auf die Oberfläche des Waſſers, wie dieß bei allen geſchwol⸗ lenen Leichnamen der Fall zu ſeyn pflegt, und brachten auch den Schlitten wieder zum Vorſchein. In dieſem Zuſtand wurde das Wrack von einer abwärts ſegelnden Schaluppe eingeholt, deren Mannſchaft den Schlitten, das Geſchirr, die Pelze, die Fußſäcke und Alles rettete, was nicht hatte fortſchwimmen können. Unſer Abenteuer machte viel zu ſprechen in den Kreiſen von Albany; und ich habe Grund zu glauben, daß mein perſönliches Benehmen Beifall fand bei denjenigen, welche davon hörten. Bul⸗ ſtrode machte mir gleich am Tage meiner Zurückkunft eigens einen Dankſagungsbeſuch, wobei folgendes Geſpräch zwiſchen uns ſich entſpann: „Ihr ſcheint vom Schickſal beſtimmt, mein lieber Corny,“ ſagte der Major, nachdem er mir die herkömmlichen Complimente gemacht hatte,„mir immer die größten, weſentlichſten Dienſte zu leiſten, und ich weiß kaum, wie ich Euch alle meine Gefühle hier⸗ über ausſprechen ſoll. Erſt der Löwe, und dann dieſe Geſchichte mit dem Fluß,— aber dieſer Guert wird ertrinken oder davon⸗ 339 gehen mit der ganzen Familie, ehe der Sommer vorüber iſt, wenn nicht Mr. Mordaunt ſeiner Aufdringlichkeit ein Ziel ſetzt.“ „Dieſer Zufall war ein ſolcher, wie er den älteſten und vor⸗ ſichtigſten Mann in Albany hätte betreffen können. Der Fluß ſchien ſo feſt und zuverläßig wie die Straße, als wir ihn betraten; und in einer Stunde wären wir ſo noch ganz ſicher und wohlbehalten zu Hauſe geweſen.“ „Ja, aber dieſe Stunde hat nun beinahe Tod und Verderben über die entzückendſte Familie der Colonie gebracht; und Ihr ſeyd das Werkzeug geweſen, den ſchwerſten Theil des Schlages abzu⸗ wenden. Ich wünſche zu Gott, Littlepage, daß Ihr einwilligtet, in die Armee zu treten! Geht als Freiwilliger mit uns, ſobald wir aufbrechen, und ich will an Sir Harry ſchreiben, daß er Euch ein Fähnlein verſchaffe. Sobald er hört, daß wir Eurem Muth und Eurer Kaltblütigkeit das Leben der Miß Mordaunt zu verdanken haben, wird er Himmel und Erde bewegen, um ſeine Dankbarkeit zu bethätigen. Im Augenblick, wo dieſer gute Vater ſich entſchloß, Miß Mordaunt als Tochter anzunehmen, begann er auch ſie ganz als ſein Kind zu betrachten.“ „Und Anneke— Miß Mordaunt ſelbſt, Mr. Bulſtrode,— be⸗ trachtet ſie Sir Harry als einen Vater?“ „Ha, das muß natürlich allmälig kommen, wißt Ihr. Die Frauen finden ſich langſamer als die Männer in ſolche gänzlich neue Eindrücke und Anſchauungsweiſen; und ich glaube faſt, An⸗ neke denkt für jetzt ſey Ein Vater gerade genug für ſie; obgleich ſie dem Sir Harry artige Botſchaften ſendet, kann ich Euch verſichern, wenn ſie gerade in der Laune iſt. Aber was macht Euch ſo ernſt; mein guter Corny?“— „Mr. Bulſtrode, es iſt nicht mehr als billig, daß ich in dieſer Sache ſo ehrlich bin wie Ihr. Ihr habt mir geſagt, daß Ihr ein Bewerber ſeyd um der Miß Mordaunt Hand; ich will Euch jetzt geſtehen, daß ich Euer Nebenbuhler bin.“ *½ 340 Mein Geſellſchafter hörte dieſe Erklärung mit ruhigem Lächeln und vollkommenſter Gemüthsruhe an. „Alſo wünſcht Ihr ſelbſt der Gatte von Anneke Mordaunt zu ein, mein lieber Corny, wirklich?“ ſagte er, ſo kaltblütig, daß ich mir gar nicht erklären konnte, aus welchem Stoffe doch dieſer Mann gemacht ſeyn möchte. „Ja wohl, Major Bulſtrode; es iſt der erſte und letzte Wunſch meines Herzens.“ „Da Ihr geneigt ſcheint, mein Vertrauen zu erwiedern, wer⸗ det Ihr es nicht übel nehmen, wenn ich ein paar Fragen an Euch richte?“ 3 „Gewiß nicht, Sir; Euere Offenherzigkeit ſoll mir als Regel meines Benehmens dienen.“ „Habt Ihr ſchon Miß Mordaunt errathen laſſen, daß dieß Euere Wünſche ſind?“ „Ja, Sir, und das in den einfachſten Ausdrücken, die gar nicht wohl zu mißverſtehen waren.“ „Wie! geſtern Nacht? Auf dem verfluchten Eis? Während ſie glaubte, ihr Leben ſey in Eueren Händen?“ „Geſtern Nacht war davon gar nicht die Rede, denn wir hat⸗ ten andere Gedanken, mit welchen ſich unſere Seele beſchäftigte.“ „Es wäre höchſt ungroßmüthig geweſen, die Angſt einer Lady zu benützen—“ „Major Bulſtrode!— Ich kann nicht dulden—“. „Still, mein lieber Corny,“ unterbrach mich der Andere, mir aufs ruhigſte und freundſchaftlichſte die Hand hinbietend;„es darf kein Mißverſtändniß zwiſchen Euch und mir obwalten. Die Män⸗ ner ſind nie größere Einfaltspinſel, als wenn ſie von dem geheimen Bewußtſeyn ihrer Liebe zum Leben ſich zum Großthun und Pochen auf ihre Ehre hinreiſſen laſſen, während doch ihre Chre in der That mit der gerade vorliegenden Sache gar Nichts zu thun hat. Ich werde nicht mit Euch Händel anfangen; und muß Euch im Vor⸗ * 341 aus bitten, Euch meine Entſchuldigung gefallen zu laſſen wegen etwaiger kleiner Verletzungen der Schicklichkeit, wozu mich die Ueber⸗ raſchung hinreißen könnte; ſchwere Verletzungen der Schicklichteit aber werde ich zu vermeiden wiſſen.“ „Es ſind der Worte genug, Mr. Bulſtrode: ich bin kein Händel⸗ ſucher, daß ich mit einem Schatten Streit anfinge, und, ſo hoffe ich, nicht im mindeſten jenes allerverächtlichſte der menſchlichen Ge⸗ ſchöpfe, ein Raufbold in der Geſellſchaft, der bei jeder Gelegenheit mit dem Degen oder der Piſtole droht. Solche Männer thun gewöhnlich Nichts, wenn die Sachen zu einer Entſcheidung kom⸗ men; ſelbſt wenn ſie fechten, fechten ſie ſtümperhaft und un⸗ ſchädlich.“ „Ihr habt Recht, Littlepage, und ich ehre Euere Geſinnungen. Ich habe bemerkt, daß der erfahrenſte Fechter mit der Zunge und der tödtlichſte Schütze auf die Holzſcheibe, gewöhnlich ſo ſchuldlos wie Lämmer ſind, was wirkliches Blutvergießen anbelangt. Sie erhitzen ſich wohl bisweilen bis zu einer Begegnung mit einem Gegner, aber es geht über ihr Vermögen, ihre Waffen recht zu ge⸗ brauchen, wenn es zum Ernſt kommt. Der Renommiſt iſt immer im Grund des Herzens eine Memme, wie gut er auch eine Zeit lang ſeine Maske trage. Aber genug hievon. Wir verſtehen ein⸗ ander, und werden unter allen Umſtänden Freunde bleiben. Darf ich weiter fragen?“ „Fragt was Euch beliebt, Bulſtrode— Ich werde antworten oder nicht, nach meinem Gutdünken.“ „Dann erlaubt mir, mich zu erkundigen, ob Major Littlepage Euch ermächtigt hat, anſtändige Anerbietungen in Betreff des Ehekon⸗ trakts zu machen?“ „Ich bin zu keinerlei Anerbietungen ermächtigt. Auch iſt es nicht der Brauch in dieſen Colonien, daß der Gatte für ſeine Gat⸗ tin beſondere Zuſicherungen macht, anßer dem was das Geſetz, zu Gunſten ihres eigenen Vermögens, für ſie feſtſetzt und vorſorgt. 342 Ich ſollte erwarten, Herman Mordaunt werde ſeine Beſitzungen ſeiner Tochter und ihren rechtmäßigen Erben zuſichern und hinter⸗ laſſen, mag ſie heirathen Wen ſie will.“ „Ja, das iſt eine ächt amerikaniſche Denkweiſe; aber eine ſolche, 8 che Herman Mordaunt, der ſeiner Abſtammung eingedenk iſt, in ſfeiner Handlungsweiſe ſchwerlich befolgen wird. Nun, Corny, wir ſind Nebenbuhler, wie es den Anſchein hat; aber das iſt kein Grund, daß wir nicht Freunde bleiben ſollten. Wir verſtehen einander,— und doch ſollte ich Euch vielleicht Alles ſagen.“ „Es würde mich freuen, Alles zu erfahren, Mr. Bulſtrode; und ich kann, hoffe ich, mein Schickſal ertragen wie ein Mann. Was es mich auch koſte— wenn Anneke einen Andern vorzieht, wird mir ihr Glück theurer ſeyn als das meinige.“ „Ja, mein lieber Kamerad, ſo ſagen und denken wir Alle mit einundzwanzig Jahren, was ungefähr Euer Alter iſt, glaube ich. Mit zweiundzwanzig fangen wir an einzuſehen, daß unſer eigenes Glück die gleichen Anſprüche an uns zu machen hat; und mit drei⸗ undzwanzig räumen wir ihm ſogar den Vorzug ein. Indeſſen, ich will gerecht ſeyn, wenn ich auch ſelbſtſüchtig bin. Ich habe keinen Grund zu glauben, daß Anneke Mordaunt mich vorzieht; obwohl mein Vielleicht doch auch nicht ganz ohne Bedeutung iſt.“ „In dieſem Falle darf ich vielleicht fragen, auf was es ſich bezieht und gründet?“ „Es bezieht ſich auf den Vater; und ich kann Euch ſagen, mein trauter Geſelle, daß die Väter bei dem Arrangement von Hei⸗ rathen zwiſchen Parthien von einigem Stande nicht ohne Einfluß und Bedeutung ſind. Hätte nicht Sir Harry meinen Antrag gut geheißen und beſtätigt, was hätte ich angefangen? Nicht einen Pfennig Witthum hätte ich anbieten können, ſo lange er Sir Harry blieb; trotzdem daß ich den ungeheuern Vortheil des gebundenen, erblichen Beſitzthums hatte. Ich kann Euch ſagen, was es iſt, Corny; die beſtehende Gewalt iſt immer eine wichtige Gewalt, weil 343 wir Alle mehr an die Gegenwart als an die Zukunft denken. Das iſt der Grund, warum ſo Wenige von uns in den Himmel kom⸗ men. Was Herman Mordaunt betrifft, ſo halte ich mich für ver⸗ pflichtet, Euch zu ſagen, daß er mit Herz und Hand auf meiner Seite iſt. Ihm gefallen meine Anerbietungen in Betreff des Wit⸗ thums, ihm gefällt meine Familie, ihm gefällt mein bürgerlicher und militäriſcher Rang; und ich bin nicht ganz ohne Hoffnung, daß ich ſelbſt ihm gefalle.“ Ich gab darauf keine direkte Antwort, und das Geſpraͤch nahm bald eine andere Wendung. Bulſtrode's Erklärung erinnerte mich jedoch an die Rede, ſo wie an das ganze Benehmen Herman Mor⸗ daunt's, als er mir für die Rettung des Lebens ſeiner Tochter dankte. Ich begann jetzt darüber nachzudenken, und dachte während der näch⸗ ſten paar Monate viel darüber nach. Am Ende wird der Leſer er⸗ fahren, welchen Einfluß dieß auf mein Glück hatte. Achtzehntes Kapitel. „Was ſchreckſt du Mann? erregt dir Furcht, was doch So lieblich lautet?— In der Wahrheit Namen, Seyd Wahngebild Ihr, oder wirklich das, Was körperlich Ihr ſcheint?“ Banquo. Wie ich ſchon geſagt, das Abenteuer auf dem Fluß machte viel Aufſehen und Gerede in dieſem einfachen Gemeinweſen, und hatte die Wirkung, Guert und mich zu einer Art von Helden im Kleinen zu machen; ich wurde weit mehr bekannt, als ſonſt der Fall gewe⸗ ſen ſeyn würde. Ich glaubte, Guert insbeſondere würde davon gro⸗ ßen Vortheil ernten; denn verſchiedne ältere Perſonen, welche ſonſt die Stirne zu runzeln pflegten, ſo oft ſein Name genannt wurde, konnten jetzt, wie ich zu bemerken die Gelegenheit hatte, lächeln; 344 und man hörte zwei oder drei der herbſten Moraliſten von Albany ſagen:„Eigentlich habe dieſer Guert Ten Eyck viel Gutes an ſich.“ Ich werde dem Leſer kaum zu ſagen brauchen, daß ein Moraliſt von der erſten Klaſſe an einem ſo abgelegenen und iſolirten Ort wie Albany, nothwendig ein Weſen ſeyn mußte, welches ſich an den allerſtrengſten Coder hielt. Bei der Moral, wie ich die Sache ver⸗ ſtehe, läuft gar viel Conventionelles mit unter. Es iſt in der gan⸗ zen Welt, wie ich mir habe ſagen laſſen, eine Stadtmoral und eine Landmoral. Aber in Amerika war unſre Moral, und zwar ſchon ſeit langer Zeit, in drei große und ſehr ſcharf getrennte Gattungen geſchieden, nämlich in Neu⸗England⸗ oder Puritaner⸗Moral; mitt⸗ lere Colonien⸗ oder liberale Moral, und ſüdliche Colonien⸗ oder latitudinariſche Moral. Ich will mir nicht herausnehmen, alle Schattirungen von Unterſchieden in dieſen verſchiednen Schulen zu bezeichnen; obwohl diejenige, in welcher ich ſelbſt unterwieſen wor⸗ den war, nothwendigerweiſe meinem Geſchmack am beſten zuſagte. Es fanden ſich untergeordnete Schattirungen in Einer und derſelben Schule; und Guert und ich gehörten verſchiednen Klaſſen an. Seine Moral war hollandiſch, die meinige dagegen im eigentlichen Sinne engliſch. Der hauptſächliche charakteriſtiſche Zug der hollän⸗ diſchen Schule war die vorherrſchende Neigung zum Uebermaß, zu Exceſſen in phyſiſchen Genüſſen und Freuden. Bei ihnen regnete es nicht oft; aber wenn es regnete, ſo goß es auch gewiß in Strö⸗ men. Der alte Oberſt Follock war in dieſem Punkt ein wahres Muſterbild; und auch ſein Sohn Dirck, ſo jung und ſchüchtern er war, war doch auch nicht ganz eine Ausnahme von der Regel. Es gab im Ganzen keinen achtbareren Mann in der ganzen Colonie, als Oberſt Van Valkenburgh. Er hatte eine angeſehene Verwandtſchaft, beſaß ein ſchönes, ſchuldenfreies Beſitzthum und Geld auf Zinſen angelegt; er war eine der Hauptſtützen der Kirche in ſeiner Gegend; war geachtet als guter Gatte, guter Vater, treuer Freund, wohl⸗ wollender Nachbar, trefflicher und loyaler Unterthan und durchaus 345 ehrlicher Mann. Dennoch hatte Oberſt Van Valkenburgh ſeine ſchwachen Stunden und Zeiten. Er mußte manchmal ſeine Luſt⸗ barkeiten haben, und der Dominie war genöthigt, hinſichtlich dieſes Hanges ein Auge zuzudrücken. Mr. Worden nannte ihn oft im Scherz: Oberſt Frolic. Seine Luſtbarkeiten konnten in zwei Klaſ⸗ ſen getheilt werden; in mäßige nämlich und in ungemäßigte. Von erſteren kamen jährlich zwei oder drei Anwandlungen; und das wa⸗ ren die Gelegenheiten, wo er gewöhnlich Satanstoe beſuchte, oder meinen Vater bei ſich zu Rockrockarock ſah, wie ſein Gut in Rock⸗ land hieß. Bei dieſen Beſuchen, hüben oder drüben, fand ein ſtar⸗ ker Verbrauch von Taback, Bier, Cider, Wein, Rum, Citronen, Zucker und andern Ingredienzien zu Punſch, Toddy und Flip ſtatt; aber keine nach Zeit und Wirkungen zu weit gehenden Erceſſe. Es gab da viel Gelächter und viele gute Einfälle und Gedanken, manche Geſchichten und regelmäßige Wiederholungen alter Abenteuer, in dem Styl traditioneller Mähren und Erzählungen; aber Nichts, was man im eigentlichen Sinne Exceſſe nennen konnte. Es iſt wahr, mein Großvater, mein Vater, der hochwürdige Mr. Worden und Oberſt Follock pflegten ſich nicht ſelten mit etwas umnebeltem Gehirn zu Bette zu legen,— die Folge des ſtarken Tabackrauchens, wie Mr. Worden immer behauptete; aber Alles blieb doch anſtän⸗ dig und in Ordnung. Der Pfarrer zum Beiſpiel zog ſich unabän⸗ derlich am Freitag zurück, und nahm ſeinen Platz im Kreiſe erſt am folgenden Montag wieder ein; ſo daß er volle vierundzwanzig Stunden hatte, ſich abzukühlen, ehe er die Kanzel beſtieg. Ich will dieß anführen, zum Beweiſe, daß Mr. Worden ſehr ſyſtematiſch und methodiſch in Beobachtung aller ſeiner Pflichten ſich benahm; und ich habe es erlebt, daß er, wenn er ſpäter beim Mittageſſen erſchien, und entdeckte, daß mein Vater verſäumt hatte, das Tiſchgebet zu ſprechen, darauf drang, daß Alle Meſſer und Gabeln hinlegten, während er den himmliſchen Segen wünſchte, ſelbſt wenn der Fiſch ſchon verzehrt war. Nein, nein, Mr. Worden war in allen ſolchen 346 Dingen ein gar pünktlicher Mann; und man anerkannte allgemein, daß er es geweſen, durch welchen das Tiſchgebet bei verſchiedenen Familien in Weſt⸗Cheſter eingeführt worden, in welchen es gar nicht im Brauche geweſen war, ehe ſein Beiſpiel und ſeine Lehren ſte damit bekannt machten. Ich war keine vierzehn Tage mit Guert Ten Eyck bekannt, als ich ſchon ſah, daß auch er einen ſtarken Hang zu der Art von Luſt⸗ barkeiten hatte, wovon Oberſt Van Valkenburgh ein Freund war. Es wohnte in der Nähe von Satanstoe ein alter franzöſiſcher Hu⸗ genotte,— oder vielmehr der Sohn eines ſolchen, welcher noch die Sprache ſeines Vaters ſprach,— und welcher die Luſtbarkeiten des Oberſt Follock ſeine„grands couchers“ und ſeine„petits cou- chers“* nannte; ſofern er gewöhnlich bei den letztern ohne Hülfe zu Bette ging, während er bei den erſtern unerläßlich war, daß ihm einiger Beiſtand geleiſtet wurde. Dieſe grands couchers machte mein Vater niemals mit. Bei dieſen Gelegenheiten hielt der Oberſt ſeine Orgien ohne Ausnahme in Rockland drüben, in Geſellſchaft von Männern von rein holländiſcher Abkunft, und es hatte dieſe Art von Genuß einen etwas ausſchließenden Charakter. Ich habe gehört, die Luſtbarkeiten dieſer letztern Art hätten manchmal bei wirklich wich⸗ tigen Veranlaſſungen eine ganze Woche fortgedauert, während welcher ganzen Zeit der Oberſt und alle ſeine Freunde ſo vergnügt gewe⸗ ſen, wie Lords. Dieſe grands couchers jedoch kamen nur ſelten vor— und traten gleichſam nur wie die Schaltjahre ein, um den Kalender zu reguliren und die Zeitrechnung ins ordentliche Geleiſe zu bringen. Was meinen Freund Guert betrifft, ſo machte er während der Zeit meines Aufenthalts zu Albany keine Anſtalten zu einem grand coucher,— dieß verbot ihm ſeine Neigung zu Mary Wallace; * Eroßes und kleines Zubettegehen; der Gegenſatz von„grand lever“ und „petit lever“— Empfang bei Hofe. ——— N 8 347 aber ich errieth aus verſchiednen Winken und Anſpielungen, daß er wohl ſchon bei ein paar ſolchen Affairen betheiligt geweſen war, und daß er noch jetzt in allen Gliedern ein Verlangen darnach ſpürte. Ich bin feſt überzeugt, die Kunde von dem Vorhandenſeyn ſolcher Schwächen, und ihr lebhafter Widerwillen gegen Alles der Art allein machte, daß Mary Wallace noch zögerte, Guert's wö⸗ chentlich wiederholten Antrag anzunehmen. Die zärtliche Neigung, welche ſie unverkennbar für ihn empfand, leuchtete jetzt zu ſichtlich aus ihren Augen, als daß in meiner Seele noch ein Zweifel an Guert's endlichem Erfolge Raum fand; denn welche Frau hätte ſich noch lange geweigert, ſich zu ergeben, wenn das Bild des Be⸗ lagerers ſchon in der Citadelle ihres Herzens ſeinen Platz eingenom⸗ men hatte? Selbſt Anneke empfing Guert mit großer Gunſt und Freundlichkeit nach ſeinem trefflichen Benehmen auf dem Fluß; und ich bildete mir ein, es gehe Alles aufs Erwünſchteſte für meinen Freund, während mich däuchte, daß ich in meiner eignen Bewerbung keine Fortſchritte machte. Dieß wenigſtens war meine Anſicht vom Stand der Dinge gerade in dem Zeitpunkt, wo mein neuer Freund, wie es ſchien, beinahe zur Verzweiflung getrieben war. Es war gegen Ende Aprils, ungefähr einen Monat nach un⸗ ſerem gefahrvollen Abenteuer auf dem Eis, als Guert mich an einem ſchönen Frühlingsmorgen aufſuchte; halbe Verzweiflung malte ſich in ſeinem ſchönen männlichen Geſicht. Während dieſes ganzen Monats, dieß muß ich vorausſchicken, hatte ich Anneke'n nie von Liebe zu ſprechen gewagt! Meine Aufmerkſamkeiten und Beſuche hatten mit lebhafter Befliſſenheit fortgedauert, aber mein Mund war ſtumm geblieben. Die Schüchternheit der aufrichtig bewundern⸗ den Liebe hatte meine Zunge gebunden gehalten; und ich bildete mir närriſcher Weiſe ein, es würde ſcheinen, als wenn ich mir auf die neulich geleiſteten Dienſte hier Etwas herausnähme und darauf pochte, wenn ich ſo bald nach den oben beſchriebenen Vorfällen meine Be⸗ werbung lebhafter verfolgte. Ich war ſogar ſo romanhaft geſinnt, 348 zu meinen, es hieße mich eines ungebührlichen unredlichen Vortheils gegenüber von Bulſtrode bedienen, wenn ich meine Anſprüche in einem Augenblick geltend machen wollte, wo der Gegenſtand unſerer beiderſeitigen Wünſche und Bewerbung muthmaßlich von den Ein⸗ flüſſen einer lebhaften Dankbarkeit beherrſcht würde. Das waren, man muß es geſtehen, die Vorſtellungen und Gefühle eines ſehr jungen Mannes; aber ich wüßte nicht, daß ich mich derſelben zu ſchämen hätte. Jedenfalls waren ſie ſo in meiner Seele vorhanden; und ſie hatten die genannte Wirkung gehabt, indem ſie mich jeden Tag in verzweifeltere Liebe fallen machten, während ich in Förde⸗ rung meiner Bewerbung nicht merklich weiter kam. Guert war ſo ziemlich in derſelben Lage; mit dem Unterſchied jedoch: er machte ſichs zur Pflicht, jeden Montag früh ausdrücklich ſeinen Antrag zu machen, worauf er unabänderlich die Antwort erhielt:„Nein!“ falls er die Lady zu einer entſcheidenden Antwort zu drängen ge⸗ denke; wobei ihm aber doch ein Strahl von Hoffnung gelaſſen wurde, falls er ihr Zeit zu einem Entſchluß gönne. Der erwähnte Beſuch Guert's bei mir fand ſtatt nach einem dieſer allwöchent⸗ lichen Anträge, nebſt der gewöhnlichen Antwort; der Antrag ganz offen und beſtimmt, und das„Nein“ gemildert durch die zweifelnde nachdenkliche Stirne, das zärtliche Lächeln und das thränenfeuchte Auge. „Corny,“ ſagte mein Freund, indem er mit höchſt jämmerlicher Miene ſeinen Hut hinwarf; denn nachdem der Winter Abſchied ge⸗ nommen, hatten wir Alle unſre Pelzmützen bei Seite gelegt— „Corny! ich bin ſo eben wieder abgewieſen worden! Das Wort: „Nein!“ iſt nachgerade Mary Wallace ſo geläufig geworden, daß ich fürchte, ihre Zunge wird gar nicht mehr lernen, ein„Ja!“ aus⸗ zuſprechen. Wißt Ihr wohl, Corny, ich habe große Luſt, Mutter Doortje zu befragen?“ „Mutter Wen? Ihr meint doch hoffentlich nicht Mr. Mayor's Köchin?“ 1* * 349 „Nein; Mutter Doortje. Sie gilt für die beſte Wahrſage⸗ rin, die je in Albany gelebt hat. Aber vielleicht glaubt Ihr nicht an Wahrſagerinnen; manche Perſonen von meiner Bekanntſchaft glauben nicht daran.“ „Ich kann nicht ſagen, daß ich ſonderlichen Glauben oder Un⸗ glauben in dieſer Hinſicht habe, da ich noch nie etwas der Art ge⸗ ſehen habe.“ „Hat man alſo keine Wahrſager oder Wahrſagerinnen, keine Perſonen, welche ſich auf die ſchwarze Kunſt verſtehen, in New⸗ York?“ „Ich habe von ſolchen Leuten ſchon gehört, aber nie Gelegen⸗ heit gefunden, ſie ſelbſt zu ſehen oder zu hören. Wenn Ihr hin⸗ geht und dieſe Mutter Dorrichy, oder wie Ihr ſie nennt, beſucht, ſo würde es mich erſtaunlich intereſſtren, auch von der Geſellſchaft zu ſeyn.“ Guert war hocherfreut, dieß zu hören und ergriff mit Begierde mein Anerbieten. Wenn ich ihm den Freundſchaftsdienſt leiſten wolle, ſo wolle er ſogleich hingehen; aber er geſtand, daß er ſich nicht gern allein in die Nähe des alten Weibes getrauen möchte. „Ich bin vielleicht der einzige Mann meines Alters in ganz Albany, der nicht irgend einmal ſchon Mutter Doortje befragt hätte“; ſetzte er hinzu.„Ich weiß nicht, wie es iſt, aber woher es nun rühren mag, ich habe nie das Schickſal verſuchen mögen, in⸗ dem ich zu ihr gegangen wäre, ſie zu befragen. Man kann nie wiſſen, was ein ſolches Weſen Einem ſagen mag; und wenn es etwas Schlimmes iſt, ha, ſo könnte es einen Mann höchſt elend machen. Wahrhaftig, ich brauche ſo ſchon nicht mehr Sorge und Jammer, als mir der Umſtand macht, daß ich Mary Wallace ſo unentſchloſſen ſehe, ob ſie mich haben will!“. „Alſo habt Ihr am Ende doch nicht im Sinne hinzugehen! Ich wäre nicht nur bereit, ſondern ſehr begierig, Euch zu begleiten.“ „Ihr mißverſteht mich, Corny. Hingehen will ich jetzt, mag ſie mir 350 auch Dinge wahrſagen, daß ich mir darüber den Hals abſchneide— aber wir dürfen nicht hingehen ſo wie wir ſind; wir müſſen uns verkleiden, damit ſie uns nicht kennt. Jedermann geht verkleidet hin, und dann hat man Gelegenheit zu merken, ob ſie in guter Verfaſſung und Stimmung zum Wahrſagen iſt, oder nicht, indem man dann gleich darauf achtet, ob ſie Einem ſagen kann, was man im Leben treibt und was man für ein Anliegen hat. Wenn ſte es darin nicht triffl, ſo achte ich alles Uebrige nicht einen Stroh⸗ halm werth. So geht denn ans Werk, Corny, und kleidet Euch an für dieſen Gang— entlehnt Kleider von den Leuten im Hauſe hier, und kommt dann zu mir hinüber, ſobald Ihr Luſt habt; ich werde bereit ſeyn, denn ich gehe oft verkleidet zu Luſtbarkeiten— ja, ich unglücklicher armer Teufel, der ich bin, und komme auch verkleidet und vermummt zurück!“ Alles das geſchah, wie er es verlangte. Mit Hülfe eines Die⸗ ners in der Herberge ward ich auf eine, wie ich feſt überzeugt war, ſehr glückliche Weiſe herausſtaffirt; denn wie ich das Haus verließ, ging ich an Dirck vorbei und mein alter, vertrauter Freund erkannte mich nicht. Guert war ebenſo glücklich, denn in Wahrheit fragte ich ihn ſelbſt nach ihm, als er mir die Thüre öffnete. Sein Lachen jedoch und ſein ſchönes Geſicht weihten mich bald in das Geheimniß ein, und wir ſchlenderten in beſter Laune fort, beinahe unſre Be⸗ ſorgniſſe wegen der Zukunft vergeſſend über dem Spaß, an unſern Bekannten auf der Straße vorbeizugehen, ohne von ihnen erkannt zu werden. 3 Guert war mit weit mehr Kunſt und Geſchick verkleidet als ich. Wir hatten Beide die Kleider von Handwerkern angezogen; Guert trug einen Kittel, den er ſich als Liebhaber vom Fiſchen für dieſe Beſchäftigung im Sommer angeſchafft hatte— ich aber trug mein gewöhnliches Weißzeug, ſo daß man es ſah, und ebenſo auch die ſonſtigen untergeordneten Stücke meines täglichen Anzugs. Mein Freund deutete mir unterwegs auf einige dieſer Mängel hin, und 351 es ward ein Verſuch gemacht, ihnen abzuhelfen. Da wir Mr. Wor⸗ den's anſichtig wurden, beſchloß ich, ihn zu ſtellen, und mit verän⸗ derter Stimme anzureden, um zu ſehen, ob es möglich wäre, ihn zu täuſchen. „Euer Tiener, Tominie,“ ſagte ich mit einem linkiſchen Bück⸗ ling, ſobald wir dem Pfarrer nahe genug waren, um ihn anzu⸗ reden,„ſeyd Ihr der Tominie, welcher die Leute kopulirt um eine Kleinigkeit?“ „Ja, oder um eine Handvoll, und das letztere iſt mir lieber.— Ey, Corny, du Schelm, was ſoll das Alles bedeuten?“ Es war nothwendig, Mr. Worden in das Geheimniß einzu⸗ weihen; und ſobald er vernahm, was wir vor hatten, ſo drückte er den Wunſch aus, auch von der Geſellſchaft zu ſeyn. Da wir es ihm nicht abſchlagen konnten, kehrten wir um nach dem Gaſthaus, und ließen ihm Zeit, eine paſſende Verkleidung anzulegen. Da der Geiſtliche das Coſtüm ſeines Berufes ſtreng beobachtete, und aufs ängſtlichſte auf ſein kirchliches Aeußere hielt, war es für ihn ſehr leicht, in ſeinem Anzug eine ſolche Veränderung zu bewirken, daß er ein gänzliches Inkognito behaupten konnte. Nachdem Alles fer⸗ tig war, machten wir uns von Neuem auf den Weg. „Ich gehe mit Euch, Corny, auf dieſem närriſchen Gang,“ ſagte der Hochwürdige Mr. Worden, ſobald wir recht unterwegs waren,„um einem Verſprechen nachzukommen, das ich Eurer treff⸗ lichen Mutter gegeben, Euch nicht unter verdächtige Geſellſchaft ge⸗ hen zu laſſen, ohne ein väterliches Auge auf Euch zu haben. Nun betrachte ich eine Wahrſagerin als eine ſehr zweideutige Perſon und Geſellſchaft, und daher mache ich es mir zur Pflicht, Euch zu begleiten.“ Ich weiß nicht, ob es dem Hochwürdigen Mr. Worden gelang, ſich ſelbſt zu täuſchen, aber gewiß weiß ich, daß ihm nicht gelang, mich zu täuſchen. Die Wahrheit war: er liebte einen luſtigen Streich, und Nichts machte ihn glücklicher, als wenn er Gelegenheit fand, gerade an einem ſolchen Abenteuer, wie wir eines vor hatten, 352 Theil zu nehmen. Nach der Lage ihres Hauſes zu urtheilen und nach dem Ausſehen der Dinge darin und ſeiner Umgebung mußte das Geſchäft von Mutter Doortje eben nicht ſehr gewinnreicher Art ſeyn. Schmutz und Armuth waren zwei Dinge, denen man in Albany nicht leicht begegnete; und ich behaupte nicht, daß wir die entſcheidenden Spuren des einen oder der andern hier fanden; wohl aber weniger Sauberkeit, als ſonſt in dieſem überreinlichen Gemein⸗ weſen gewöhnlich war; und großer Ueberfluß fiel ſicherlich auch in keiner Weiſe ins Auge. Wir wurden eingelaſſen von einer jungen Frauensperſon, welche uns zu verſtehen gab, Mutter Doortje habe ſchon ein paar Kunden bei ſich; aber ſie lud uns ein, in einem äußern Zimmer uns zu ſetzen, und verſprach uns, die Reihe ſolle zunächſt an uns kommen. Demgemäß nahmen wir Platz und lauſchten, da die Thüre etwas geöffnet war, mit nicht geringer Neugier auf das, was drinnen vorging. Ich kam zufällig auf einen Platz zu ſitzen, von wo aus ich im Stande war, die Beine von einem Kunden der Wahrſagerin zu ſehen, und ich dachte ſogleich, die geſtreiften Strümpfe müßten mir doch bekannt ſeyn, als der näſelnde und überhaupt ganz eigen⸗ thümliche Ton Jaſon's die Sache zur zweifelloſen Gewißheit erhob. Er ſprach ſehr angelegentlich und eifrig, was ihn etwas unvorſich⸗ tig machte; während das Weib in ſehr leiſem, murmelndem Tone ſprach. Trotzdem hörten wir doch Alle folgendes Geſpräch: „Nun gut, Mutter Dorrichay,“ ſagte Jaſon mit ſehr zuver⸗ ſichtlichem Weſen,„ich habe Euch für dieſen Handel hier gut bezahlt, und ich möchte nun gerne wiſſen, ob eine Ausſicht iſt für einen armen Mann in dieſer Colonie, dem es nicht an Freunden, und man darf wohl ſagen, auch nicht an Verdienſt fehlt?“ „Der Mann ſeyd Ihr!“ flüſterte das Weib in der Art, wie man eine Entdeckung ankündigt.„Ja, ich ſehe aus den Karten, daß Eure Frage ſich auf Euch ſelbſt bezieht. Ihr ſeyd ein junger ei ——+8 x8&xi ——. ð—— 353 Mann, dem es nicht an Freunden fehlt; und Ihr habt Verdienſt! Ihr habt Freunde, die Ihr verdient; das ſagen mir die Karten!“ „Nun, ich will die Wahrheit deſſen, was Ihr behauptet, nicht läugnen; und ich muß ſagen, Dirck, es iſt in der That nicht wenig ſeltſam, daß dieſe Frau, die mich früher nie geſehen, mich ſo gut, gleichſam in meiner innerſten Natur, kennt. Aber glaubt Ihr, ich werde gut daran thun, die Sache mit der ich jetzt beſchäftigt bin, zu verfolgen, oder würde ich beſſer daran thun, ſie aufzugeben?“ „Gebt Nichts auf!“ antwortete das Orakel in ſehr orakelmä⸗ ßiger Art, zugleich die Karten miſchend;„nein, gebt Nichts auf, ſondern behaltet und behauptet, was Ihr nur könnt. Das iſt der Weg, es in der Welt zu Etwas zu bringen.“ „Veim Henker, Dirck, ſie gibt guten Rath, und ich denke, ich werde ihn befolgen. Aber wie iſt es mit dem Land und dem Mühl⸗ ſitz? oder vielmehr, wie iſt es mit den Dingen, an die ich eben jetzt denke?“ „Ihr denkt daran, zu kaufen— ja, die Karten ſagen zu kau⸗ fen; oder vielleicht zu diſponiren über—“ „Ha, da ich Nichts zu verkaufen habe, ſo kann ich nicht wohl diſponiren, Mutter!“ „Ja, ich habe Recht, dieſer Eichelbube entſcheidet die Sache klärlich— Ihr denkt daran, etwas Land zu kaufen. Ha; da fließt Waſſer bergabwärts und hier ſehe ich einen Teich. Ha, Ihr gedenkt einen Mühlſttz zu kaufen.“ „Beim Henker! Wer hätte das geglaubt, Dirck!“ „Keine Mühle; nein, es iſt noch keine Mühle gebaut; aber ein Mühlſitz. Sechs, König, Drei und Aß; ja ich ſehe, wie es iſt— und Ihr wünſcht dieſen Mühlſitz weit wohlfeiler als zum wahren Werth zu bekommen. Weit wohlfeiler: nicht um Wenig, ſondern um Vieles wohlfeiler!“ „Nun, das iſt doch wunderbar! Ich will mich nie wieder über das Wahrſagen aufhalten,“ rief Jaſon aus.„Dirck, Ihr müßt Satanstoe. 23 354 Nichts hievon ſagen und nicht weiter daran denken, da Alles im Vertrauen iſt, wißt Ihr. Nun gebt mir nur noch ein letztes Wort über das Lebensende, Mutter, und ich bin zufrieden geſtellt. Was Ihr mir von meinem Vermögen und Erwerb geweiſſagt habt, muß wohl wahr ſeyn, glaube ich, denn mein ganzes Herz iſt dabei; aber ich möchte gar gern auch wiſſen, was mir, nachdem ich ſo viel Reichthum und Glück genoſſen, als Ihr mir verheißen habt, für ein Lebensende bevorſteht?“ „Ein vortreffliches Ende— voll Gnade, Hoffnung und chriſt⸗ lichen Glaubens. Ich ſehe hier Etwas, das ausſieht wie der Rock eines Geiſtlichen— weiße Ermel,— Buch unterm Arm.“ „Das kann mich nicht bedeuten, Mutter, da ich kein Liebhaber von Formen bin, ſondern zu der Platform* gehöre.“ „Oh, jetzt ſehe ich, wie es iſt; Ihr könnt die Leute von der Kirche von England nicht leiden, und wäret im Stande, ſie mit Koth zu bewerfen. Ja, ja— hier ſeyd Ihr— ein presbyteria⸗ niſcher Diakon,— Einer, der bei einer Privatverſammlung im ge⸗ eigneten Fall den Ton angeben kann.“ „Kommt, Dirck, ich bin zufrieden geſtellt; laßt uns gehen; wir haben Mutter Doorichaiſe lang genug aufgehalten, und ich habe ſo eben Beſuche herein kommen gehört. Dank Euch, Mutter, Dank Euch von ganzem Herzen; ich glaube, am Ende muß doch an die⸗ ſer Wahrſagerei etwas Wahres ſeyn!“ Jetzt ſtand Jaſon auf und ſchritt zum Hauſe hinaus, ohne uns auch nur eines Blickes zu würdigen, und ſomit ohne daß wir von ihm erkannt wurden. Dirck aber zögerte noch eine Minute, noch nicht befriedigt mit Dem, was ihm gewahrſagt worden war. „Ihr glaubt alſo wirklich, ich werde mich nie verheirathen, Mutter?“ fragte er in einem Ton, welcher zur Genüge bewies, welche Wichtigkeit er der Antwort beilegte.„Ich wünſche dringend, dieß beſtimmt zu wiſſen, ehe ich von hier weggehe!“ * Bezeichnung von einer Kirchenordnung in Nordamerika. —.—— —+☚—— 35⁵ „Junger Mann,“ antwortete die Wahrſagerin in orakelhaftem Tone, was ich geſagt habe, das habe ich geſagt. Ich kann nicht ein Schickſal machen, ſondern nur es offenbaren und enthüllen. Ihr habt gehört, daß holländiſches Blut in Euern Adern iſt: aber Ihr wohnt in einer engliſchen Colonie. Euer König iſt auch ihr König, während ſie Eure Königin iſt, aber Ihr nicht der Ge⸗ bieter ihres Herzens. Wenn Ihr eine Frau von engliſchem Blute finden könnet, welche ein holländiſches Herz hat, und keine engliſchen Werber, ſo geht kühn auf Euer Ziel los und es wird Euch glücken; aber wo nicht, ſo bleibt wie Ihr ſeyd, bis ans Ende der Tage. Das ſind meine Worte und das ſind meine Gedanken. Mehr kann ich nicht ſagen.“ Ich hörte Dirck ſeufzen. Der arme Kerl! er dachte an Anneke; und er ſchritt durch das äußere Zimmer, ohne nur einmal die Augen vom Boden aufzuſchlagen. Er verließ Mutter Doortje ebenſo niedergeſchlagenen Geiſtes, als Jaſon ſie mit ſtolz gehobenem Muthe verlaſſen hatte; der Eine ſah der Zukunft mit ſelbſtſüchtiger, gieri⸗ ger Hoffnung entgegen, während der Andere ſie mit einem ſo troſtloſen Gefühle betrachtete, als die Zerſtörung aller ſeiner Jugend⸗ Wünſche und Phantaſien es ihm eingeben konnte beim Hinblick auf ſein künftiges Leben. Der Leſer fühlt ſich vielleicht verſucht zu lächeln über die Idee, daß Dirck Van Valkenburgh Jugendphanta⸗ ſien gehabt habe,— wenn er ſich den jungen Mann vergegenwär⸗ tigt mit dem ruhigen, anſpruchsloſen Weſen, wie er bisher von mir geſchildert worden iſt;— aber man würde ſeinem Herzen und ſeinen Gefühlen arges Unrecht thun, wenn man ſich ihn als einen Mann ohne tiefe Empfindungen dächte. Ich bin immer der Anſicht geweſen, daß dieſe Beſprechung mit Mutter Doortje einen bleiben⸗ den Einfluß auf das Schickſal des armen Dirck gehabt habe, auch bin ich nicht überzeugt, ob nicht der Eindruck davon lange im Gemüth und in der Stimmung anderer Perſonen haftete, die ich nennen könnte. Da jetzt die Reihe an uns gekommen war, wurden wir zu der Wahrſagerin berufen. Es iſt nicht nöthig, das Gemach zu beſchrei⸗ ben, in welchem wir Mutter Doortje trafen. Es hatte nichts Un⸗ gewöhnliches, mit Ausnahme eines Raben, welcher auf dem Boden herumhüpfte und auf dem vertraulichſten Fuß mit ſeiner Herrin zu ſtehen ſchien. Doortje ſelbſt war eine Frau von vollen ſechszig Jahren, runzlig, mager und herenhaft, und es ſchien mir, bei ihrer Kleidung ſey darauf Bedacht genomm en worden, den Eindruck die⸗ ſes ihres gewiß natürlichen Ausſehens noch zu ſteigern und zu ver⸗ ſtärken. Ihre Haube beſtand ganz aus ſchwarzer Mouſſeline, wäh⸗ rend ihr übriger Anzug grau war. Das Auge dieſes Weibes hatte die Farbe ihres Rockes, und es war durchdringend, raſtlos und tiefliegend. Im Ganzen ſah ſie völlig ihrer Rolle und ihrem Cha⸗ rakter entſprechend aus. Bei unſerm Eintritt legte Jeder von uns, nachdem wir die Wahrſagerin begrüßt, eine franzöſiſche Krone auf den Tiſch, an welchem ſie ſaß. Dieſe Münze war ſtark in Umlauf unter uns ge⸗ kommen, ſeit die franzöſiſchen Truppen in unſere Colonie einge⸗ drungen waren, und es wurde ſogar behauptet, ſie hätten damit von Einigen aus unſerm Volke Unterſtützung erkauft. Da wir den höchſten Preis, der je für dieſe Blicke in die Zukunft entrichtet wurde, bezahlt hatten, glaubten wir uns berechtigt, die Blätter des verſtegel⸗ ten Buches ganz offen vor uns aufgeſchlagen zu ſehen. „Wünſcht Ihr Alle miteinander mich zu ſprechen, oder ſoll ich mit Jedem beſonders verkehren?“ fragte Doortje, mit ihrer heiſern, dumpfen Grabesſtimme, die, wie mich däuchte, ihren eigenthümlichen Ton theils von der Natur, theils von der Kunſt hatte. Es wurde feſtgeſetzt, daß ſie mit Mr. Worden den Anfang machen, daß aber Alle die ganze Zeit im Zimmer bleiben ſollten; während wir dieſen Punkt beſprachen, blieben Doortje's Augen keineswegs auf Einem Gegenſtand ruhen, ſondern ich bemerkte, daß ſie von einer Perſon zur andern ſchweiften, wie wenn ſie Aufſchlüſſe 60 8D 10——— ge⸗ ge⸗ mit den rde, gel⸗ ich ern, chen ang ten; igen daß lüſſe 357 zu erhaſchen ſuchten. Viele Leute glauben gar nicht an die Wahr⸗ ſagekunſt, ſondern behaupten, es ſey lediglich Nichts daran, als Liſt, Geſchicklichkeit und Schlauheit; und in dieſem Falle wurde behaup⸗ tet, das Weib habe die Schwarzen der Stadt im Sold, daß ſie ihr Nachrichten zutrügen; und daß ſie nie etwas Wahres von der Ver⸗ gangenheit ausſage, was ihr nicht zuvor auf ſolche Weiſe mitgetheilt worden. Ich mag nicht behaupten, die Kunſt gehe ſo weit als Manche ſich einbilden, aber es kommt mir doch ſehr anmaßend vor, läugnen zu wollen, daß irgend etwas Wahres an dieſen Sachen ſey. Ich möchte nicht gern als leichtgläubig erſcheinen, aber da⸗ neben halte ich es doch für unrecht, wenn wir unſer Zeugniß That⸗ ſachen verweigern, von deren Wahrheit wir überzeugt ſind.* Doortje fing damit an, ein äußerſt ſchmutziges Kartenſpiel zu miſchen, welches vermuthlich ſchon tauſendmal denſelben Dienſt ge⸗ leiſtet hatte. Dann ließ ſie Mr. Worden dieſe Karten abheben; worauf eine ſcharfe, nachdenkliche Beſichtigung und Prüfung folgte. Während dieſer ganzen Zeit ward keine Sylbe geſprochen, wohl aber überraſchte uns ein leiſes Pfeifen des Weibes, welches den Raben auf ihre Schultern fliegen machte. * Es iſt ganz unverkennbar, daß Mr. Cornelius Littlepage bis auf einen gewiſſen Grad an die Wahrſagekunſt glaubte. Das war aber auch vor einem Jahrhundert etwas ganz Gewöhnliches. Ich kann es mir noch ganz gut erinnern, denn es war in den Tagen meiner Schulzeit, daß die Alba⸗ nier eine berühmte Meiſterin der ſchwarzen Kunſt hatten, wel guten Hausfrauen der Stadt regelmäßig wegen aller abh nen Löffel und wegen der Diebſtähle von Dienſtboten befragt wurde. Die Holländer, wie die Deutſchen, ſcheinen zu dieſer Art von Aberglauben große Neigung gehabt zu haben, von welchem auch die Perſonen von engliſcher Erziehung und Bildung vor hundert waren. Mademoiſelle Lenormant trieb ja noch i hundert ihr Weſen ſogar in der ſkeptiſchen Ha Aber in unſern Tagen tritt die Sonnambule Wahrſagerin. che von den anden gekomme⸗ Jahren keineswegs frei m gegenwärtigen Jahr⸗ uptſtadt von Frankreich. an die Stelle der alten Der Herausgeber. 358 „Nun, Mutter!“ rief Mr. Worden mit einiger Ungeduld über die Mummerei, was das Ganze nach ſeiner Anſicht war,„ich ſterbe vor Verlangen zu hören, was geſchehen iſt, damit ich um ſo mehr dem Glauben ſchenke, was geſchehen ſoll. Sagt mir Etwas von der Waizeneinſaat, die ich im letzten Herbſt machte; wie viele Bu⸗ ſhels ich geſät habe und auf wie viele Acres; ob auf altes oder auf Neubruch⸗Land?“ „Ja, ja, Ihr habt geſät!— und Ihr habt geſät!“ antwor⸗ tete das Weib in einem, für ihre Stimme, lauten Ton,„aber Euer Samen iſt unter die Dornen gefallen, und auf ſteinigen Grund und Ihr werdet nie eine Seele unter ihnen Allen ernten! Reichlich mögt Ihr ausſäen, aber klein wird Euer Ernteertrag ſeyn!“ Der Hochwürdige Mr. Worden ſtieß ein lautes Hm! aus, ſtemmte die Arme in die Seiten, und ſchien entſchloſſen, mit eher⸗ ner Stirne Stand zu halten, obwohl ich leicht bemerkte, daß es ihm ausnehmend ſchwül zu Muthe war. „Wie ſteht es mit meinem Vieh? und werde ich dieß Jahr viele Schafe auf den Markt ſchicken?“ „Ein Wolf in Schafskleidern?“ murmelte Doortje.„Nein, nein,— Ihr ſeyd ein Freund von warmen Nachteſſen und Enten, und von Lektionen, vor Köchinnen gehalten, mehr als davon, in der Ernte des Herrn zu arbeiten und zu ſammeln.“ „Kommt, Weib, das iſt lauter Thorheit!“ rief der Pfarrer zornig.„Gebt mir vernünftige Red' und Antwort für meine gute franzöſiſche Krone. Was ſeht Ihr in dieſem Eckſteinbuben, daß Ihr ſein Geſicht ſo ſcharf ſtudirt?“ „Einen ſpringenden Dominie!“ kreiſchte die Here mehrmals, mehr als daß ſie nur laut ſprach.„Seht, er läuft um ſein Leben, aber Beelzebub wird ihn doch einholen!“ Hier trat plötzlich eine Pauſe ein, ſtill wie das Grab, denn der Hochwürdige Mr. Worden hatte ſeinen Hut aufgerafft und ſtürzte aus dem Zimmer; er verließ das Haus mit einer Eilfertigkeit, wie 359 wenn er ſchon förmlich in dem angedeuteten Wettlauf begriffen wäre. Guert ſchüttelte den Kopf und machte ein ſehr ernſtes Geſicht; da er aber ſah, daß das Weib ſchon wieder ganz gefaßt und ruhig war, und wirklich ſchon für ihn die Karten miſchte, trat er vor, um ſein Schickſal zu vernehmen. Ich ſah Doortje's Augen ſcharf auf ihm haften, als er ſich nahe an den Tiſch hinſtellte, und die Win⸗ kel ihres Mundes zogen ſich in einem bedeutungsvollen Lächeln zuſam⸗ men. Was dieß eigentlich bedeutete, habe ich nie ermitteln können. „Ich vermuthe, Ihr wünſcht Etwas von der Vergangenheit zu erfahren, wie alle Uebrigen,“ murmelte das Weib,„damit Ihr um ſo mehr Vertrauen haben könnt zu Dem, was Ihr von der Zukunft hören werdet?“ „Ha, Mutter,“ antwortete Guert, mit der Hand über ſeinen ſchönen Kopf mit natürlichen Locken fahrend, und etwas raſch ſpre⸗ chend,„ich weiß nicht, ob es mit der Vergangenheit ſo Viel auf ſich hat. Was geſchehen iſt, das iſt geſchehen, und damit hat die Sache ein Ende. Ein junger Mann mag wohl keine große Luſt haben, von ſolchen Dingen zu hören in dem Augenblick gerade, wo er vielleicht ernſtlich darauf bedacht iſt, es beſſer zu machen. Wir ſind Alle einmal in unſerm Leben jung, und wir können nur alt werden, nachdem wir jenes geweſen ſind.“ „Ja— ja, ich ſehe, wie es iſt!“ murmelte Doortje.„So, ſo — Puter, Puter— Enten, Enten, quaak, quaak, gobble, gobble—“ Hier begann die alte Herxe eine ſolche Nachahmung des Geſchreis von Enten, Gänſen, welſchen Hahnen, Kampfhähnen und andern Vögeln, daß Jemand, der im äußern Zimmer geweſen wäre, ſich wohl hätte einbilden können, das Geſchnatter und Gekrähe eines förmlichen Geflügelhoſs zu hören. Ich ſelbſt war verblüfft, denn die Nachahmung war wirklich bewundernswürdig; Guert aber mußte ſich den Schweiß vom Geſicht wiſchen. „Das genügt,— das genügt ſchon, Mutter!“ rief der junge Mann.„Ich ſehe, Ihr wißt das Alles, und es nützt Nichts, gegen 360 Euch ſich verſtellen zu wollen. Jetzt ſagt mir nur, ob ich je hei⸗ rathen werde oder nicht. Mein Zweck hier iſt, über dieſen Umſtand belehrt zu werden, und ich kann das wohl gerade heraus geſtehen.“ „Die Welt hat gar viele Frauen— und ſchöne Geſichter gibt es in Albany genug,“ murmelte das Weib wieder, und beſichtigte zugleich die Karten mit großer Aufmerkſamkeit.„Ein junger Mann wie Ihr, könnte ſogar zweimal heirathen.“ „Nein, das iſt unmöglich; wenn ich nicht eine beſtimmte Lady heirathe, ſo heirathe ich gar nicht.“ „Ja— ja; ich ſehe, wie es iſt! Ihr ſeyd verliebt, junger Mann!“ „Hört Ihr das, Corny! Iſt es nicht zum Verwundern, wie dieſe Creaturen Alles errathen? Ich gebe die Wahrheit Eurer Worte zu; aber beſchreibt mir die Lady, die ich liebe.“ Guert hatte ganz vergeſſen, daß der Gebrauch des Wortes Lady den Umſtand, daß er in Verkleidung war, vollſtaͤndig ver⸗ rieth, da kein Mann von der Klaſſe, der er anzugehören ſich in ſeinem Weſen und ſeiner Tracht die Miene gab, ſeinen Schatz ſo zu nennen ſich einfallen laſſen würde.* Ich konnte jedoch dieſe kleinen Selbſtverräthereien nicht hindern; denn mein Begleiter war ſchon zu aufgeregt, um Vernunft anzunehmen. „Die Lady, die Ihr liebt,“ antwortete die Wahrſagerin bedächt⸗ lich, und mit dem Weſen einer Perſon, die mit großer Zuverſicht zu Werke geht,„iſt ſehr ſchön, fürs Erſte.“ „Wahr wie die Sonne am Himmel, Mutter!“ „Sodann iſt ſie tugendhaft, leutſelig, witzig und gut.“ „Das Evangelium kann nicht wahrer ſeyn! Corny, das über⸗ ſteigt allen Glauben!“ „Sodann iſt ſie jung. Ja, ſie iſt jung und ſchön und gut; drei Eigenſchaften, die ſie ſehr geſucht machen.“ * Dieß mochte wahr ſeyn im Jahre 1758, aber es iſt nicht wahr im Jahre 1845. Der Herausgeber. t⸗ — 361 „Warum bedenkt ſie ſich ſo lange über meinen Antrag, Mut⸗ ter? Sagt mir das, ich bitte Euch; aber wird ſie einwilligen, mich zu nehmen?“ „Ich ſehe es— ich ſehe es; es iſt Alles hier auf den Karten. Die Lady kann ſich nicht entſchließen.“ „Hört nur das, Corny; und ſagt mir jetzt nicht mehr, es ſey Nichts an dieſer Kunſt. Warum entſchließt ſie ſich denn nicht? Um'’s Himmels willen laßt mich das wiſſen? Ein Mann mag es müde werden, den Antrag zu machen, einen Engel zu heirathen und keine Antwort zu bekommen. Ich wünſchte den Grund ihrer Bedenklichkeiten zu erfahren.“ 3 „Die Seele einer Frau iſt nicht leicht zu ergründen. Die Einen ſind haſtig, Andere ſind es nicht. Ich bin der Meinung, Ihr wünſcht eine Antwort zu bekommen, ehe die Lady gefaßt iſt, eine zu geben. Die Männer müſſen warten lernen!“ „Sie ſcheint in der That Alles zu wiſſen, Corny! So viel ich auch ſchon von dieſer Frau gehört hatte, ſo übertrifft ſte doch alle meine Erwartungen! Gute Mutter, könnt Ihr mir ſagen, wie ich die Einwilligung meiner Geliebten gewinnen kann?“ „Die iſt nur zu erlangen durch Bitten. Bittet einmal, bittet zweimal, bittet dreimal.“ „Bei St. Nicholas! Ich habe ſie ſchon zwanzig Mal gebeten! Wenn das Bitten und Fragen es thäte, ſo wäre ſie ſchon ſeit einem Monat meine Gattin. Was meint Ihr, Corny?— nein, ich will es nicht thun!— es iſt nicht mannhaft, durch ſolche Mittel die Geheimniſſe eines weiblichen Herzens herauszukriegen— Ich will ſie nicht fragen!“ „Die Krone iſt bezahlt und die Wahrheit muß geſagt werden. Die Lady, die Ihr liebt, liebt Euch und ſie liebt Euch nicht; ſie möchte Euch haben und möchte Euch auch nicht haben, ſie denkt Ja, und ſagt Nein!“ Guert zitterte jetzt am ganzen Leibe wie ein Eſpenblatt. 362 „Ich glaube, es iſt nicht unrecht und kann Nichts ſchaden, Corny, wenn ich frage, ob ich durch die Affaire mit dem Fluß gewonnen oder verloren habe. Ja gewiß, darnach will ich ſie fragen. Sagt mir Mutter, bin ich beſſer oder ſchlimmer daran in Folge eines Vorfalls, der ſich vor etwa einem Monat zutrug,— um die Zeit, wo das Eis ging und wir eine große Ueberſchwemmung hatten?“ „Guert Ten Eyck, warum verſucht Ihr mich ſo?“ fragte die Wahrſagerin feierlich.„Ich kannte Euren Vater und ich kannte Eure Mutter. Ich kannte Eure Vorfahren in Holland und ihre Kinder in Amerika. Generationen auf Generationen habe ich Eure Familie gekannt, und Ihr ſeyd der Erſte, den ich ſo ſchlecht ge⸗ kleidet ſehe! Meint Ihr, Knabe, der alten Doortje Augen würden trübe und ſie erkenne die Leute von ihrer eigenen Nation nicht mehr? Ich habe Euch auf dem Fluſſe geſehen— ha! ha! es war ein luſti⸗ ges Schauſpiel— Jack und Moſes auch; wie ſie ſchnaubten und wie ſie galoppirten! Krack! krack! Das iſt das Eis! da kommt das Waſſer! Seht, dieſe Brücke kann Euch an den Kopf treffen! Tragt Ihr Sorge für dieſen Vogel, und Ihr für jenen— und Alles wird mit der Jahreszeit ſich machen. Antwortet mir Eines, Guert Ten Eyck, und antwortet mir wahrhaft. Keunt Ihr wohl einen jungen Mann, der bald in das Buſchland geht?“ „Ja, Mutter. Dieſer junge Mann, mein Freund, beabſichtigt in wenigen Tagen abzureiſen, oder ſobald wir beſtändige Witterung haben.“ „Gut; geht mit ihm— die Abweſenheit des Freiers macht ein junges Frauenzimmer ihr eigenes Herz kennen, wenn Bitten und Fragen Nichts fruchten. Geht mit ihm, ſage ich; und wenn Ihr Mus⸗ keten abfeuern hört, ſo nähert Euch denſelben; die Furcht löst manch⸗ mal einer jungen Dame die Zunge. Ihr habt Eure Antwort, und Mehr werde ich Euch nicht ſagen. Kommt her, junger Beſitzer von vielen halben Joſephsſtücken, und berührt dieſe Karten.“ Ich that, wie ſte mir gebot; worauf das Weib anfing, vor 363³ ſich hin zu murmeln, und das Kartenſpiel, ſo ſchnell ſie konnte, zu durchlaufen. Könige, Aſſe und Buben wurden nacheinander be⸗ ſichtigt, bis ſie die Herzkönigin in die Hand bekam, die ſie mir im Triumph entgegen hielt. „Das iſt Euere Lady. Sie iſt eine Königin von nur zu vielen Herzen! Der Hudſon hat Euch den Dienſt geleiſtet, den er früher ſchon manchem armen Manne geleiſtet hat. Ja, ja, der Fluß hat Euch genützt; aber das Waſſer macht ertrinken, ſo wie es Thränen verurſacht. Hütet Ihr Euch vor Knights Barrow⸗ nights*!“ Hier brach Mutter Doortje plötzlich ganz in ihren Enthüllun⸗ gen und Mittheilungen ab, und Keiner von uns vermochte ihr auch nur noch eine Sylbe über irgend einen Gegenſtand abzugewinnen; obgleich, unter uns geſagt, wohl zwanzig Fragen noch an ſie ge⸗ richtet wurden. Es wurde uns mit Zeichen bedeutet, daß wir gehen ſollten; und als das Weib unſere Abneigung, dieß zu thun, ſah, legte ſie mit würdevollem Weſen für Jeden von uns eine Krone auf den Tiſch, ging in eine Ecke, ſetzte ſich, und begann ſich zu dehnen und zu ſtrecken, als fiele ihr unſere Gegenwart zur Laſt. Nach einem ſo unzweideutigen Zeichen, daß ſie ihr Werk als be⸗ endigt betrachtete, blieb uns wohl nichts Anders übrig, als heim⸗ zukehren; wobei wir natürlich das Geld liegen ließen. * D. h. Rittern und Baronets. In der Colonie lebte längere Zeit nur Ein betitelter Mann. Es war der berühmte Sir William Johnſon, Baronet, von Johnſon Hall, Johnstown, Albany, jetzt Fulton County. Der Sohn Sir William Johnſon's wurde zu ſeines Vaters Lebzeiten zum Ritter erhoben, und war Sir John, während Sir William noch lebte Nach dem Tode ſeines Vater wurde er Sir John Johnſon, Knight(Ritter) und Baronet, und die gemeinen Leute nannten ihn gewöhnlich:„Knight, oder Barrownight.“ Der Herausgeber. 364 Neunzehntes Kapitel. Freundſchaft— welch ſeltner Tauſch! Tugend— wie ſchwach! Bald folgt der Liebe Rauſch Verzweiflung nach! 's Herz wohl erheben ſie— Flüchtig entſchweben ſie— Wir überleben ſie. Shelley. Auf Guert Ten Eyck hatte, was er bei dem Beſuch im Hauſe der Wahrſagerin gehört hatte, einen tiefen Eindruck gemacht. Es übte Einfluß auf ſeine Stimmung, und, wie man ſehen wird, auf ſeine ganze nachmalige Handlungsweiſe. Was mich betrifft, ſo will ich nicht behaupten, daß ich das Vorgefallene ganz unbeachtet ge⸗ laſſen; aber die Wirkung davon war bei mir weit geringer als bei meinem Freunde. Der Hochwürdige Mr. Worden jedoch behandelte die Sache ganz verächtlich. Er erklärte, er ſey in ſeinem Leben nie früher ſo beſchimpft worden. Die alte Hexe habe uns Alle früher ſchon geſehen und ihn wieder erkannt. Eine Kenntniß dieſer Art ſich zu Nutze machend— die an einem Ort von dem Umfang von Albany ſehr leicht zu erlangen war,— habe ſie die Gelegen⸗ heit ergriffen, aus einem elenden Geklatſche, das man auf ſeine Koſten in Umlauf geſetzt, Vortheil zu ziehen.„Der ſpringende Dominie, wahrhaftig!“ fuhr er fort,„als ob nicht jeder Menſch laufen würde, um ſein Leben zu retten! Ihr habt geſehen, wie es mit dem Fluß war, als er einmal anfing aufzugehen, und wißt, daß mein Entkommen ein halbes Wunder war. Ich verdiene ſo viel Ruhm und Lob wegen dieſes Rückzugs, Knabe, als Fenophon wegen ſeines Rückzugs mit den Zehntauſenden. Es iſt wahr, ich hatte keinen Rückzug von vierunddreißigtauſend ſechshundert und fünfzig Stadien auszuführen; aber man muß die Thaten mehr nach der Qualität als nach der Quantität ſchätzen. Die beſten Sachen 365 geſchehen meiſt ſo zu ſagen aus dem Stegreif; und in der Regel auf einem beſchränkteren Feld und in kleinerem Maßſtab. Dann was All das betrifft, was Ihr mir von Guert erzählt,— ha, das Menſch kannte ihn,— mußte ihn kennen in einer Stadt wie Albany, wo der Burſche in einem Rufe ſteht, daß alle Arten von Poſſen und Schelmenſtreichen auf ſeinen Namen kommen. Und dann gar Jack und Moſes! Meint Ihr, ſelbſt die Eingebung eines böſen Geiſtes oder von vierzigtauſend Teufeln würde eine Wahr⸗ ſagerin auf den Gedanken bringen, ein Pferd Moſes zu nennen? Jack möchte vielleicht noch angehen; aber Moſes würde nie ſelbſt einem Kobold in Kopf kommen! Bedenkt, Junge, Moſes war der große Geſetzgeber der Juden; und eine ſolche Kreatur könnte ſich ebenſo leicht einfallen laſſen, ein Pferd heiße Confucius, als daß ſie auf den Gedanken kommen könnte, es heiße Moſes!“ „Ich meine, die Eingebung oder Inſpiration, wie Ihr es nennt, Sir, würde eine geſchickte Wahrſagerin befähigen, die Dinge ſo zu geben und zu nennen, wie ſie ſind und wie ſie heißen; und die Pferde mit ihren wirklichen Namen zu nennen, welcher Art im⸗ mer dieſe ſeyn mögen.“ „Ja, eine ſolche Inſpiration, wie ſie dieſer erbärmlichen, alten, runzligen, unverſchämten Teufelin zu Theil wird! Sprecht mir nicht weiter davon, Corny; es gibt Nichts dergleichen, wie Wahr⸗ ſagerkunſt; wenigſtens Nichts, auf das man ſich in allen Fällen verlaſſen kann,— und dieſe hier iſt eben der helle, baare Betrug. „Der ſpringende Dominie!“ ei wahrhaftig!“ Dieß waren des Hochwürdigen Mr. Worden's Anſichten und Empfindungen über die Offenbarungen der Mutter Doortje. Er verlangte von uns Allen eine feierliche Zuſage, Nichts von der Sache kund werden zu laſſen, auch waren wir von ſelbſt ſchon nicht eben geneigt, Etwas auszuplaudern. Was jedoch Guert, Dirck, Jaſon und mich betraf, ſo trugen wir kein Bedenken, unter uns über die nähern Umſtände unſerer Beſuche uns zu beſprechen, 366 und wir ſahen insgeſammt die Sache in einem etwas andern Lichte an als unſer Mentor. Ich gewann die Ueberzeugung, daß Jaſon vergnügt war über das, was ihm geweiſſagt worden; denn ihm war Reichthum, nach ſeinen Begriffen und ſeinem Maßſtab, als ſein Lovs geweiſſagt worden, und mit dem Glück, ſey es nur ein in Ausſicht ſtehendes oder in Wirklichkeit, iſt der Menſch ſelten un⸗ zufrieden. Dirck, obwohl erſt zwanzig Jahre alt, begann von die⸗ ſer Zeit an davon zu ſprechen, daß er ledig bleiben werde; und kein Auslachen von meiner Seite konnte den armen Jungen da⸗ hin bringen, ſeine Anſichten zu ändern oder beſſere Hoffnungen zu faſſen. Auf Guert hatte der Vorfall, wie geſagt, tiefen Ein⸗ druck gemacht; und da er in dieſer Sache, was ihn ſelbſt betraf, ſich keinen Zwang glaubte auferlegen zu müſſen, ergriff er die Ge⸗ legenheit, von ſeinem Beſuche bei dem Weibe zu ſprechen an einem Morgen, als Herman Mordaunt, die beiden Ladies, Bulſtrode und ich bei einander ſaßen, und in der Ungezwungenheit eines jetzt ganz vertraulichen und täglichen Verkehrs zuſammen plauderten. „Sind derlei Dinge wie Wahrſagereien in England auch be⸗ kannt, Mr. Bulſtrode?“ fragte Guert auf einmal, und heftete zu⸗ gleich, wie er dieſe Frage that, ſein Auge auf Mary Wallace, denn mit ihr waren zu der Zeit ſeine Gedanken beſchäftigt. „Alle Arten von einfältigen Dingen finden ſich in Alt⸗England, Mr. Ten Cyck, ebenſo wie auch manches Kluge und Vernünftige. Ich glaube London hat eine oder ein paar Wahrſagerinnen; und ich meine von älteren Leuten gehört zu haben, die Mode ſich bei ihnen Raths zu erholen habe etwas zugenommen, ſeit der Hof ſo deutſch geworden iſt.“ „Ja,“ verſetzte Guert unſchuldig,„ich finde das auch leicht glaublich; denn es iſt eine allgemeine Annahme unter unſerem Volke, daß die deutſchen und niederländiſchen Wahrſagerinnen die bekannteſten ſeyen. Man hat in Neu⸗England Hexen gehabt oder zu haben behauptet; aber Niemand hier herum glaubt dieſem 367 Vorgeben. Es iſt wie all das Aufſchneiden dieſer prahleriſchen Yankees!“ Ich bemerkte, daß der Mary Wallace Antlitz dunkelroth wurde, und daß ſie, einen Faden abbeißend, die Gelegenheit benützte, ihr Angeſicht ſo wegzuwenden, daß Bulſtrode namentlich es nicht ſehen konnte. „Der Sinn von all dem iſt,“ verſetzte Major Bulſtrode,„daß unſer Freund Guert der Mutter Doortje einen Beſuch abgeſtattet hat, einer Frau von einiger Bedeutung, welche auf dem Berg wohnt, und unter dieſen guten Albaniern in der genannten Bezie⸗ hung einiges Anſehen genießt. Einige von unſerer Regimentstiſch⸗ geſellſchaft haben das alte Weib auch aufgeſucht.“ „So iſt es, Mr. Bulſtrode,“ verſetzte Guert in ſeiner männ⸗ lichen Art, und mit einem Ernſt, welcher zeigte, wie hoch er die Sache nahm.„Ich habe Mutter Doortje beſucht, zum erſten Mal in meinem Leben, und Corny Littlepage hier begleitete mich. So lang ich auch ſchon das Weib dem Namen nach kenne, habe ich doch mie lein neugieriges Verlangen empfunden, ihr einen Beſuch zu machen, bis dieſes Frühjahr. Wir ſind nun dort geweſen; und ich muß ſagen, ich bin höchlich erſtaunt über den Umfang der Kenntniſſe und des Wiſſens dieſer ganz auſſerordentlichen Perſon.“ „Hat ſie Euch geſagt, Ihr ſollet in dem Topf für das Einge⸗ machte den verlornen Löffel ſuchen, Mr. Ten Eyck?“ erkundigte ſich Anneke mit einer boshaften Schalkhaftigkeit im Auge und Stimme, welche mir ſelbſt das Blut vor Verwirrung ins Geſicht trieb.„Man ſagt, die Wahrſagerinnen ſchicken alle vorſichtigen aber vergeßlichen Hausfrauen an den Topf für das Eingemachte, um dort die ver⸗ lornen Löffel zu ſuchen! Viele, höre ich, ſind ſchon gefunden wor⸗ den in Folge dieſer wunderbaren Hellſicht.“ „Nun, Miß Anneke, ich ſehe Ihr habt keinen Glauben,“ ver⸗ ſetzte Guert, unruhig auf ſeinem Stuhle herumrückend,„und Leute die keinen Glauben haben, ſind nicht zu überzeugen. Trotzdem ſetze 368 ich ſo viel Vertrauen in das, was Doortje mir geſagt hat, daß ich im Sinn habe, ihrem Rathe zu folgen, mag dabei herauskom⸗ men, was da will.“ Hier hob Mary Wallace ihre ernſten, vollen, blauen Augen empor gegen das Angeſicht des jungen Mannes, und ſie drückte eine lebhafte Theilnahme mehr als nur oberflächliche Neugier aus, welche zu verbergen ſie bei all ihrem weiblichen Takt und ihrem weiblichen Zartgefühl nicht ſtark genug war. Dennoch ſprach Mary Wallace Nichts, ſondern überließ den andern Anweſenden die Weiterführung, des Geſprächs. „Natürlich werdet Ihr uns doch Alles gerne erzählen, Ten Eyck,“ rief der Major;„nichts macht leicht ſo großes Glück bei einer Zuhörerſchaft wie eine gute Geſchichte von Heren oder irgend etwas ſo Wunderbarem, daß wir, ehe wir ihm Glauben ſchenken, unſerem geſunden Verſtande Gewalt anthun müſſen.“ „Entſchuldigt mich, Mr. Bulſtrode, das ſind Dinge, die ich nicht wohl berühren kann, obwohl Corny Littlepage mir bezeugen wird, daß Alles ſehr wunderbar iſt. Jedenfalls werde ich dieß Frühjahr ins Buſchland gehen, und da Littlepage und Follock vor⸗ treffliche Genoſſen ſind, gedenke ich mich ihnen anzuſchließen. Es wird ſpät werden, bis die Armee zum Aufbruch bereit iſt, und bis dahin gedenken wir Alle drei uns an Euch anzuſchließen vor Ticon⸗ deroga, wenn Ihr anders wirklich ſo weit kommt.“ „Sagt vielmehr vor Montreal; denn ich hoffe, dieſer neue Oberbefehlshaber wird Mehr für uns zu thun finden als der vorige. Soll ich eine Schildwache vor Doortje's Haus ſtellen während Eurer Abweſenheit, Guert?“ Das Lächeln, welches auf dieſe Frage folgte, war allgemein, denn auch Guert ſelbſt entzog ſich bei ſeiner unben gränzten Gut⸗ müthigkeit demſelben nicht. Wenn ich jedoch ſagte, das Lächeln ſey all⸗ gemein geweſen, ſo hätte ich Mary Wallace ausnehmen ſollen, welche an dieſem Morgen wenig lächelte. 369 „So werden wir alſo Nachbarn werden,“ bemerkte Herman Mordaunt ruhig;„das heißt, wenn Ihr damit, daß Ihr Corny und Dirck in das Buſchland zu begleiten gedenkt, ſoviel ſagen wollt, als Ihr beabſichtigt, ſie nach dem vor Kurzem von den Meſſis. Littlepage und Van Valkenburgh erworbnen Patentland zu begleiten. Ich habe ein Beſitzthum in jener Gegend, das jetzt zehn Jahre alt iſt; und dieſe Ladies haben ſich dazu verſtanden, mit mir dorthin zu reiſen, ſobald die Witterung etwas beſtändiger iſt, und ich verſichert ſeyn kann, daß unſre Armee ſtark genug ſeyn werde, uns gegen die Franzoſen und Indianer zu ſchützen.“ 1 Ich brauche nicht erſt zu ſagen, mit welchem Entzücken Guert und ich dieſe Erklärung vernahmen. Auf Bulſtrode jedoch machte ſie einen gerade entgegengeſetzten Eindruck. Er ſchien mir nicht überraſcht über eine Ankündigung, die uns ſo neu war, aber einige Ausdrücke entfielen ihm, welche zeigten, daß er keine Ahnung da⸗ von hatte, daß die beiden Beſitzungen, die Herman Mordaunt's und die uns gehörende ſo nahe bei einander lagen. Wirklich erfuhr ich erſt mittelſt ſeiner Fragen die nähern Umſtände des Falles. Es ſchien hiernach, Herman Mordaunt's Geſchäft in Albany beſtand darin, einige Vorkehrungen zu treffen hinſichtlich dieſes Beſitzthums, auf welchem er vor zwei oder drei Jahren Mühlen bauen und einige andere Verbeſſerungen, wie ſte bei neuen Anſiedlungen üblich ſind, hatte vornehmen laſſen, und welches durch die Fortſchritte und Ereig⸗ niſſe des Krieges in größere Nähe von dem Feinde zu kommen ſchien, als wünſchenswerth war. Selbſt bei der jetzigen Stellung der Fran⸗ zoſen in Ticonderoga ſchon konnten ſeine Mühlen namentlich eini⸗ germaßen gefährdet erſcheinen, obgleich vierzig oder mehr Meilen davon entfernt, denn Abtheilungen von Wilden, angeführt von Wei⸗ ßen, marſchirten oft ſo weit durch die Wälder, um eine Anſiedlung zu zerſtören und einen Beutezug zu machen. Aber der Feind war im vorigen Sommer über den George⸗See gegangen, und hatte ſogar das Fort William Henry, an deſſen ſüdlichem Ende, durch Satanstoe. 24 370 Belagerung genommen. Es iſt wahr, dieß war die Grenze ihres Einfalles geweſen und man wußte jetzt, daß ſie dieſe kecke Erobe⸗ rung wieder aufgegeben und ſich auf Ty und Crown⸗Point, zwei der ſtärkſten militäriſchen Poſitionen in den britiſchen Colonien, zu⸗ rückgezogen hatten. Dennoch war Ravensneſt, ſo hieß Herman Mordaunt's Beſitzthum, noch keineswegs auſſer dem Bereich von feindlichen Einfällen; und er hatte ſeinen Aufenthalt in Albany nur deßhalb genommen, um den Gang der Ereigniſſe in jener Ge⸗ gend zu beobachten, und dem Schauplatz derſelben nahe zu ſeyn. Wenn er daneben einen Staatsauftrag hatte, ſo blieb dieſer ein tiefes Geheimniß. Eine neue Quelle von Verlegenheiten jedoch hatte ſich hervorgethan, und dieſe war es, die den Beſitzer beſtimmte, ſeine Güter perſönlich zu beſuchen. Die fünfzehn oder zwanzig Fami⸗ lien, welche auf ſeinem Beſitzthum anzuſiedeln, ihm mit vieler Mühe und großen Koſten gelungen war, waren ängſtlich geworden bei der Ausſicht eines in ihrer Nähe ſtattfindenden Feldzuges, und hat⸗ ten ihre Abſicht kund gegeben, ihre Hütten und Lichtungen zu ver⸗ laſſen, als die den Zeitverhältniſſen gemäßeſte Handlungsweiſe. Zwei oder drei waren ſchon auf und davon gegangen nach den Hamp⸗ ſhire Grants, woher ſie urſprünglich gekommen, den letzten Schnee benützend; und es ſtand zu fürchten, daß Andere das Beiſpiel die⸗ ſer Vorſicht nachahmen würden. Herman Mordaunt konnte ſich nicht von der Nothwendigkeit überzeugen, die mit ſo viel Mühe und Koſten errungenen Vortheile über die Wildniß aufzugeben. Die Mühe und Arbeit eines Weg⸗ zugs und einer Rückkehr reichte an ſich ſchon hin, den Bewegungen und dem Zuge ſeiner Anſiedler eine veränderte Richtung zu ge⸗ ben; und da ihre Ueberſiedlung in das Land durch ſeine Thätigkeit bewirkt und durch ſeine Mittel gefördert und unterſtützt worden war, wünſchte er natürlich die Leute, welche er mit ſo großen Schwierig⸗ keiten und Koſtenaufwand für ſein Gut gewonnen hatte, an ihrem Aufenthaltsorte ſo lang wenigſtens zurückzuhalten, als er es mit 371 der Vorſicht vereinbar hielt. Unter dieſen Umſtänden hatte er da⸗ her beſchloſſen, Ravensneſt in Perſon zu beſuchen, und wo nicht den ganzen Sommer, doch einen Theil deſſelben unter ſeinen Leu⸗ ten zuzubringen. Dieß, hoffte er, würde ihnen Vertrauen einflößen, und ihn in Stand ſetzen, ihre Thätigkeit neu zu beleben. Anneke und Mary Wallace hatten, ſo ſchien es, ſich geweigert, Mr. Mor⸗ daunt allein dahin reiſen zu laſſen, und im Glauben, es ſey keine Gefahr bei ſeinem Vorhaben, ſo wie er es beabſichtigte, hatte der Vater und Vormund— denn Mary Wallace war Herman Mor⸗ daunt's Mündel,— den dringenden Bitten und Beſtürmungen der beiden Mädchen nachgegeben; und es war förmlich feſtgeſetzt wor⸗ den, daß ſie Alle mit einander dahin reiſen wollten, ſobald die Jahreszeit etwas weiter vorgerückt wäre. Von dieſem Vorha⸗ ben hatte man die Anſiedler im Voraus benachrichtigt, und die Folge davon war, daß ihre Angſt beſchwichtigt wurde und ſie ſich bewo⸗ gen fanden, auf ihrem Poſten zu bleiben. Ich kann hier wohl auch hinzuſetzen, was ich erſt ſpäter im Verlauf der Ereigniſſe erfuhr. Bulſtrode war mit Herman Mor⸗ daunt's Plänen bekannt gemacht worden, da ſie geſchworene Freunde waren, und der Letztere die Bewerbung des Erſteren lebhaft begün⸗ ſtigte; und er hatte ſich dieſe Nachricht wohl zu Nutze zu machen gewußt. Es war jetzt Zeit, die Truppen in Bewegung zu ſetzen, und verſchiedne Abtheilungen waren ſchon nach dem Norden mar⸗ ſchirt und hatten an verſchiednen Punkten Poſto gefaßt, welche vor dem Beginn des Feldzugs zu beſetzen wünſchenswerth ſchien. Un⸗ ter andern Corps, welche Aufträge dieſer Art zu erfüllen hatten, befand ſich auch das von Bulſtrode befehligte; und er beſaß Ein⸗ fluß genug beim Hauptquartier, um durchzuſetzen, daß es nach dem Ravensneſt zunächſt gelegenen Punkte geſandt wurde, wodurch er den doppelten Vortheil erlangte, es in ſeiner Gewalt zu haben, die Ladies bei Gelegenheit zu beſuchen, während er ihnen zugleich ge⸗ wiſſermaßen im Lichte eines Beſchützers erſcheinen mußte. Meine 372 und Dirck's Abſicht, einen Beſuch im Norden zu machen, war kein Geheimniß; und man wußte allgemein, daß wir nach Mooſeridge gehen wollten, aber wir ſelbſt wußten nicht, daß Herman Mordaunt ſo ganz in der Nähe von uns eine Beſitzung hatte. Und dieſe Kunde war, wie geſagt, Bulſtrode ebenſo neu wie mir ſelbſt, wo⸗ von ich mich jetzt überzeugte. Die Kenntniß mancher kleinen Umſtände, deren ich ſo eben er⸗ wähnte, erlangte ich erſt ſpäter zu verſchiedenen Zeiten durch Beob⸗ achtung und Geſpräche. Dennoch wurden die Hauptpunkte ſchon feſtgeſetzt an dem Morgen, wo Guert von ſeinem Beſuche bei der Wahrſagerin ſprach, und zwar auf die genannte Weiſe. Die Un⸗ terredung dauerte eine Stunde und hörte nicht eher auf, als bis alle Anweſenden im Allgemeinen einen Begriff von dem hatten, was die verſchiednen Partien während des folgenden Sommers zu unternehmen beabſichtigten. Es traf ſich an dieſem Morgen zufällig, daß Bulſtrode, Dirck und Guert mit einander weggingen, weil die zwei Letztern ein Pferd anſehen wollten, welches der Erſtere eben gekauft hatte, und mich bei den jungen Ladies allein ließen. Sobald die Thüre ſich hinter den weggehenden Gliedern unſrer Geſellſchaft geſchloſſen hatte, ſah ich ein Lächeln um den ſchönen Mund Annekens kämpfen, während Mary Wallace fortwährend nachdenklich und ernſt, wo nicht traurig blieb. „Und Ihr waret auch von der Geſellſchaft bei der Wahrſage⸗ rin, wie es ſcheint, Mr. Littlepage,“ bemerkte Anneke, nachdem ſie, wie mich däuchte, mit ſich ſelbſt zu Rathe gegangen, ob es ſchick⸗ lich ſey, noch weiter auf den Gegenſtand einzugehen.„Ich wußte, daß es eine ſolche Perſon in Albany gebe, und daß ſparſame Haus⸗ hälterinnen ſie manchmal befragten; aber es war mir unbekannt, daß Männer, Männer von Bildung, ihr dieſe Ehre erwieſen.“ „Ich glaube, Geſchlecht und Gelehrſamkeit begründet keine Aus⸗ nahme hinſichtlich ihres Anſehens und Einfluſſes. Man ſagt mir, 373 daß die meiſten jüngern Offtziere ſie während ihres Aufenthalts hier beſuchen.“ „Ich möchte ſehr gern wiſſen, ob Mr. Bulſtrode auch einer davon iſt? Er iſt noch jung genug an Jahren, obwohl er ſchon einen ſo hohen Rang hat. Ein Major kann ſo neugierig ſeyn als ein Fähnrich, oder, möchte man eigentlich ſagen, liebe Mary, als eine Frau, welche ihrer Großmutter Lieblingsdeſſertlöffel verloren hat.“ Mary Wallace ſtieß einen leiſen Seufzer aus und erhob ſogar ihr Auge von ihrer Arbeit; aber ſie gab noch immer keine Antwort. „Ihr ſeyd ſtreng gegen uns, Anneke,“— denn ſeit dem Vor⸗ fall auf dem Fluß behandelte mich die ganze Familie mit einer Vertraulichkeit, als wäre ich ein Sohn oder ein Bruder—„Ich bilde mir ein, wir haben nicht mehr gethan, als was Mr. Mor⸗ daunt in ſeinen jungen Jahren auch gethan hat.“ „Das mag ganz wahr ſeyn, Corny, ohne daß deßwegen die Befragung des Weibes etwas ſonderlich Kluges und Weiſes würde. Ich hoffe jedoch, Ihr macht aus Eurem Schickſal kein Geheimniß, ſondern laßt Eure Freunde an den Euch gemachten Offenbarungen Theil nehmen.“ „Gegen mich war das Weib keineswegs ſehr mittheilſam, aber Guert Ten Eyck behandelte ſie beſſer. In Wahrheit ſagte ſie ihm viele außerordentliche Dinge, ſogar von der Vergangenheit, wenn ſie nicht anders ſchon wußte, Wer er ſey.“ „Iſt es wahrſcheinlich, Mr. Littlepage,“ ſagte Mary Wallace, „daß irgend eine Perſon in Albany Guert Ten Cyck, und einen guten Theil ſeiner frühern Geſchichte nicht kennen ſollte? Der arme Guert macht ſich überall bekannt, wo er iſt!“ „Ja, und das oft ſehr zu ſeinem Vortheil!“ ſetzte ich hinzu; eine Bemerkung, die mich Nichts koſtete, die aber Mary's Antlitz aufleuchten machte und ſelbſt ihren Lippen ein ſchwaches Lächeln abgewann.„Das Alles iſt wahr; aber doch hatte das Weib etwas 374 Wildes und Unnatürliches in ihrem Weſen, wie ſie dieſe Dinge ausſprach!“ 3 „Die Ihr alle für Euch zu behalten geſonnen ſcheint?“ be⸗ merkte Anneke im Ton einer Frage. „Es ginge kaum an, die Geheimniſſe eines Freundes zu ver⸗ rathen. Laßt Guert ſelbſt für ſich antworten; er iſt ſo offen wie der helle Tag, und wird kein Bedenken tragen, Euch Alles wiſſen zu laſſen.“ „Ich wünſchte, Corny Littlepage wäre nur ſo offen wie die Dämmerung.“ „Ich habe Nichts zu verhehlen— und am wenigſten vor Euch, Anneke. Die Wahrſagerin ſagte mir, die Königin meines Herzens ſey die Königin von nur zu vielen Herzen; der Fluß habe mir nicht geſchadet; und ich müſſe mich hauptſächlich vor den„Knights⸗ Barrownights“, wie ſie ſich ausdrückte, hüten.“ Ich betrachtete Anneke ſcharf, während ich ihr dieſe Warnung von Mutter Doortie berichtete, konnte aber den Ausdruck ihres hol⸗ den und nachdenklichen Angeſichts nicht deuten. Sie lächelte weder, noch runzelte ſie die Stirne; wohl aber erröthete ſie. Natürlich ſah ſie mich nicht an,— denn dadurch hätte ſte mich zur Beobach⸗ tung herausgefordert. Mary Wallace dagegen lächelte, und ſie ſah mich an. „Ihr glaubt Alles, was die Here Euch geſagt hat, Corny?“ ſagte Anneke nach einer kurzen Pauſe. „Ich glaubte, daß die Königin meines Herzens die Königin vieler Herzen ſey; daß der Fluß mir nicht geſchadet habe— obgleich ich nicht behaupten, noch ſehen konnte, daß er mir viel genützt hätte und daß ich viel zu fürchten habe von Knights⸗Barrownights. Ich glaubte jedoch das Alles, ehe ich überhaupt die Wahrſagerin ge⸗ ſehen hatte.“ Die nächſte Bemerkung, welche gemacht wurde, rührte von An⸗ neke her, und betraf— das Wetter. Die gute Jahrszeit kam raſch 375 und erwünſcht heran; und es konnte nicht mehr lange anſtehen, bis die großen kriegeriſchen Bewegungen dieſes Jahres beginnen muß⸗ ten. Einige Regimenter waren in den Colonien angekommen; und verſchiedne Offiziere von Auszeichnung und Rang hatten ſie beglei⸗ tet. Unter Andern, welche ſo zum erſten Mal über das atlantiſche Meer herüber kamen, befand ſich mein Lord Howe, ein junger Sol⸗ dat, von welchem das Gerücht ſehr günſtig ſprach, und von wel⸗ chem man in dem zu erwartenden Feldzuge des Jahres Großes er⸗ wartete. Während wir über dieſe Dinge ſchwatzten, trat Herman Mordaunt nach kurzer Abweſenheit wieder ins Zimmer und nahm mich mit ſich, um ſeine Vorkehrungen zum Transport der Ladies nach Navensneſt zu beſichtigen. Unterwegs ward das Geſpräch fort⸗ geſetzt, und ich erfuhr von meinem ältern und einſichtsvollen Be⸗ gleiter viele Dinge, die mir neu waren. „Neue Herrn, neue Geſetze, ſagt man, Corny,“ fuhr Herman Mordaunt fort;„und dieſer Mr. Pitt, der große Gemeine, wie ihn manche Leute nennen, iſt darauf bedacht, das britiſche Reich die Wahrheit dieſes Grundſatzes fühlen zu laſſen. Alles iſt in rüſtiger Bewegung in den Colonien, und die ſchläferige Periode von Lord Loudon's Kommando iſt vorbei. General Abercrombie, ein Offi⸗ zier, von welchem man ſich Viel verſpricht, ſteht jetzt an der Spitze der Truppen des Königs, und es iſt alle Ausſicht zu einem lebhaf⸗ ten und höchſt wichtigen Feldzug vorhanden. Die ſchmählichen Un⸗ fälle der letzten paar Jahre müſſen ausgelöſcht und der engliſche Name auf dieſem Continent wieder zu Ehre gebracht und gefürch⸗ tet werden. Der Lord Howe, von welchem Anneke ſprach, ſoll ein junger Mann von Verdienſt ſeyn, und das Blut unſrer hannöver⸗ ſchen Monarchen in ſeinen Adern haben, indem ſeine Mutter eine natürliche Halbſchweſter ſeiner jetzt regierenden Majeſtät ſeyn ſoll.“ Herman Mordaunt ſprach jetzt ausführlicher von ſeinen eignen Plänen für den Sommer,— ſprach ſeine Freude aus, zu verneh⸗ men, daß Dirck und ich ſeine Nachbarn, wie er ſich ausdrückte, 376 werden ſollten,— obgleich bei genauerer Berechnung ermittelt wurde, daß die nächſten Grenzen der beiden Patentlande Ravens⸗ neſt und Mooſeridge volle vierzehn Meilen, mit einem dichten, un⸗ gelichteten Wald dazwiſchen, von einander entfernt lagen. Dennoch wurden wir dadurch in einem gewiſſen Sinne Nachbarn; wie denn Gentlemen immer Leute von ihrer Claſſe Nachbarn nennen, wenn ſie in einer Entfernung wohnen, bei der man ſich beſuchen oder doch ein oder zwei Mal im Jahre ſehen kann. Und ſolche Menſchen ſind Nachbarn in dem weſentlichſten und wichtigſten Sinne des Wortes; ſie kennen einander beſſer, verſtehen einander beſſer, ſympa⸗ thiſiren beſſer miteinander und leben zwanzigfach inniger in dem Verkehr miteinander, welcher Einen über Beweggründe, Grundſätze und Charakter richtig urtheilen läßt, als derjenige, der zunächſt an der Pforte des Hauſes wohnt, aber den Eigenthümer von Haus und Gütern nur in ſeinen täglichen Geſchäften ein⸗ und ausgehen ſieht. Es gibt und kann keine größere Abgeſchmacktheit geben, als ſich einzubilden, die bloße einfache Nachbarſchaft, das nahe bei ein⸗ ander Stehen der Wohnungen und Häuſer mache die Menſchen mit einander bekannt. Das war eine von Jaſon Newcome's konnekti⸗ kut'ſchen Vorſtellungen. Weil er in einer Geſellſchaft aufgewachſen war, wo Alle auf einem gewiſſen Fuße von Vertraulichkeit mit einander verkehrten, und wo die Hälfte der Mißſtände, welche ein⸗ traten, der Kirche angezeigt wurden, bildete er ſich immer ein, er kenne die ganze Gentry von Weſtcheſter, weil er ein paar Jahre in der Grafſchaft gelebt hatte, während er in der That nicht mit Ei⸗ nem unter Zwölfen ein Wort geſprochen hatte. Ich konnte ihm jedoch dieſe Vorſtellung nie aus dem Kopf treiben; denn er blieb dabei, daß, einen Mann oft anſehen oder gelegentlich auf der Straße eine Verbeugung mit ihm tauſchen, ihn kennen heiße, oder wie er zu ſagen pflegte:„wohl bekannt ſeyn,“— ein Lieblingsausdruck des Mannes von Danbury; obgleich die beiderſeitigen Sympathien, Gewohnheiten, Anſichten und Gefühle eine ſo ungeheure Kluft — 377 zwiſchen beiden Theilen bildeten, daß ſie kaum Einer des Andern Ausdrücke und gewöhnliche Sprache verſtanden, wenn ſie anfingen mit einander ſich zu unterhalten, wie dieß manchmal geſchah. Trotz alledem blieb Jaſon ſtandhaft dabei, er kenne jeden Gentleman in der Grafſchaft, von welchem er im Geſpräch oft hatte reden gehört, wenn er ihn nur ein oder zwei Mal, auch nur etwa in der Kirche, geſehen hatte. Aber Jaſon hatte überhaupt ſehr ſchmeichelhafte Vorſtellungen von ſeiner Wichtigkeit und Tüchtigkeit, ſeinen. Kennt⸗ niſſen und Befähigungen in jeder Hinſicht. Herman Mordaunt hatte umſichtige Vorkehrungen getroffen für die beabſichtigte Reiſe; er hatte ein bedecktes Fuhrwerk bauen laſſen, welches nicht nur ihn und die Ladies, ſondern auch vieles Hausge⸗ räthe und Meubles, deren ſie während ihres Aufenthaltes im Wald⸗ lande benöthigt ſeyn würden, transportiren konnte. Ein zweites Fuhrwerk, ſtark, geräumig und bedeckt, wurde auch für die Schwar⸗ zen und weitern Effekten gefertigt. Er zeigte mir alle dieſe Vorbe⸗ reitungen mit großer Genugthuung und verweilte bei der Zärtlich⸗ keit und dem Muth der Mädchen mit einem Vergnügen, welches er nicht zu verbergen ſich bemühte. Was mich betrifft, ſo bin ich immer der Meinung geweſen, Anneke ſey bei Faſſung ihres kecken Entſchluſſes einzig und allein durch ihre reine, natürliche kindliche Liebe geleitet worden; während ihr Vater von der geheimen Hoff⸗ nung beherrſcht war, die Reiſe würde Gelegenheit geben, während des größten Theils des Sommers Beſuche und Mittheilungen von Bulſtrode zu empfangen. Ich lobte die getroffenen Vorkehrungen, machte ſelbſt auch ein paar Vorſchläge in Betreff Anneke'ns und Mary's, und dann begaben wir uns Jeder nach Hauſe. Ein paar Tage nach dieſem Beſuch in den Werkſtätten und nach dem berichteten Geſpräche trat das——te Regiment ſeinen Marſch nach dem Norden an. Die Truppen defilirten durch die engen Straßen in der Nähe der Lagerbaracken eine halbe Stunde nach Sonnenaufgang, und ein langer Zug von Bagagewagen ging 378 voraus und folgte ihnen. Sie marſchirten jedoch ohne Zelte, da Jedermann wußte, daß ſie in eine Gegend zogen, wo das Beil jederzeit Tauſenden von Männern ein Obidach ſchaffen konnte in ungefähr derſelben Zeit, in welcher ein Lager ausgeſteckt und die Leinwandzelte ausgeſpannt werden konnten. Hütten zimmern war die gewöhnliche Art und Weiſe, ein Heer in einem Wald unter Dach zu bringen, und mit etwa zwölf Märſchen konnte das Ba⸗ taillon den Punkt erreichen, wo es ſtehen bleiben ſollte, zur Unter⸗ ſtützung von zwei oder drei andern noch weiter vorgerückten Corps, und um die Verbindungslinien offen zu erhalten. Bulſtrode jedoch verließ Albany nicht zugleich mit ſeinem Re⸗ giment. Ich war mit Guert und Dirck eingeladen worden, an dieſem Morgen bei Herman Mordaunt zu frühſtücken; und als wir uns der Thüre näherten, ſah ich den Reitknecht des Majors ſein eigenes und ſeines Gebieters Pferd in der Straße nahebei auf und ab führen. Dieß war ein Zeichen, daß wir beim Frühſtück das Vergnügen von Bulſtrode's Geſellſchaft haben würden. Wirk⸗ lich trafen wir ihn auch, als wir in das Zimmer traten, in der Uniform eines Offiziers ſeines Ranges, im Begriff einen Marſch in die Wälder von Amerika anzutreten. Er ſchien mir ſchwer⸗ müthig, als ſtimmte ihn der Abſchied traurig; aber meine eiferſüch⸗ tigſte Beobachtung vermochte kein Anzeichen eines ähnlichen Gefühls auf Seiten Anneke'ns zu entdecken. Sie war nicht ganz ſo munter wie gewöhnlich, aber ſie war weit entfernt von Traurigkeit. „Ich verlaſſe Euch Ladies mit dem tiefſten Bedauern,“ ſagte Bulſtrode am Frühſtücktiſch,„denn Ihr habt mir dieß Land zu mehr als einer Heimath— Ihr habt es mir lieb und theuer gemacht.“ Er ſagte dieß mit Gefühl; mit mehr Gefühl als ich je früher Bulſtrode hatte an den Tag legen ſehen, und mehr als ich ihm überhaupt zugetraut hätte. Anneke erröthete ein wenig, aber kein Zittern war an der kleinen Hand bemerkbar, welche gerade in dieſem Augenblick einen zierlich gearbeiteten kleinen Theekrug über eine Taſſe eingießend hielt. d8 K— n ðg— „enm—n 9 8— d 379 „Wir werden uns bald wieder treffen, Harry,“ bemerkte Her⸗ man Mordaunt im Tone warmer Freundſchaft und Neigung; „denn unſere Geſellſchaft wird Euch in weniger als acht Tagen folgen. Vergeßt nicht, wir werden gute Nachbarn, nicht bloß Nachbarn, ſeyn; und wenn der Berg nicht zu Mahomed kommen will, ſo muß Mahomed zum Berge gehen.“ „Das heißt, Mr. Bulſtrode,“ ſagte Mary Wallace mit dem ihr eigenen ſüßen Lächeln, ſo offen und natürlich wie die Kindheit ſelbſt,„daß Ihr Mahomed ſeyd, und wir der Berg. Ladies kön⸗ nen in einer Wildniß nie mit Behaglichkeit reiſen, noch auch ſchick⸗ licherweiſe ein Lager beſuchen, wenn ſie auch wollten.“ „Man ſagt mir, ich werde gar nicht in ein Zeltlager kommen,“ antwortete der Soldat,„ſondern in gute, bequeme, hölzerne Ba⸗ racken, welche für uns gebaut worden ſind von dem Bataillon, das wir ablöſen. Ich bin nicht ohne Hoffnung, ſie ſeyen ſo, daß ſelbſt Damen im vorkommenden Fall nicht verſchmähen dürften, ſich ihrer zu bedienen. Es ſollte kein Mahomed ſeyn und kein Berg zwiſchen ſo alten und vertrauten Freunden.“ Die Unterhaltung ging jetzt über auf die Pläne und Erwar⸗ tungen der verſchiedenen Partien, und die gewöhnlichen Verſpre⸗ chungen wurden gemacht, fleißigen Umgang und gute Nachbarſchaft— zu halten, gemäß den erhaltenen Einladungen und Aufforderungen. Herman Mordaunt's Wunſch, Bulſtrode als zu ſeiner Familie gehörig zu betrachten, war unverkennbar,— und dieſe Geſinnung mochte ſich vor der Welt auf die zwiſchen ihnen beſtehende Bluts⸗ verwandtſchaft berufen; für mich aber war es leicht einzuſehen, daß ſte ihren Grund in etwas ganz Anderem hatte. Als Bulſtrode auf⸗ ſtand, um Abſchied zu nehmen, wünſchte ich mich weg, um nicht Zeuge der bekümmerten Theilnahme ſeyn zu müſſen, die ihn beglei⸗ tete; während der Wunſch, den Eindruck des Abſchieds auf Anneke zu beobachten, mich gleichſam im Boden hätte wurzeln machen, wenn es auch ſchicklich geweſen wäre, daß ich mich entfernt hätte. 380 Bulſtrode war gerührter, als ich mir möglich gedacht hätte. Er nahm eine Hand Herman Mordaunts in die ſeinige und preßte ſie mit Wärme einige Zeit, ehe er überhaupt ſprechen konnte. „Nur Gott weiß, was dieſer Sommer bringen wird, und ob wir uns je wiederſehen werden oder nicht,“ ſagte er dann;„aber komme, was da will, die Vergangenheit, die glückliche Vergangen⸗ heit iſt und bleibt denn doch der ſchaalen Alltäglichkeit abgewonnen. Wenn Ihr nichts mehr von mir hört, mein lieber Verwandter, ſo werden meine Briefe nach England Euch einen beſſern Beweis mei⸗ ner Dankbarkeit an die Hand geben, als irgend Etwas, das ich mit Worten ausſprechen könnte. Sie ſind geſchrieben worden, ſo wie mir Eure Güte und Freundlichkeit zu Theil wurde; und ſie ſchil⸗ dern treu die Gefühle, welche Eure Gaſtlichkeit und Freundſchaft in mir erweckte. Für einen möglichen und denkbaren Fall habe ich gebeten, daß ſie alle nach Amerika geſchickt werden, um von Euch insbeſondere geleſen zu werden—“ „Nein, mein lieber Harry, das heißt das Allerſchlimmſte ver⸗ muthen,“ unterbrach ihn Herman Mordaunt, eine Thräne aus dem Auge blinzend,„und es heißt dieß, eine ſehr kurze Trennung als ernſthaftere Sache nehmen, als billig—“ „Nein, Sir, ein Soldat, der im Begriff ſteht einen Poſten einzunehmen, wo es leicht zum Kampf mit dem Feinde kommen mag, kann nie mit Zuverſicht von Trennungen ſprechen, die nur kurz ſeyn werden. Dieſer Feldzug wird für mich entſcheidend ſeyn,“ — hier warf er einen Blick auf Anneke—„ich muß als Sieger in Einem Sinne zurückkommen, oder ich wünſche mir gar nicht zurück zu kehren. Aber Gott ſegne Euch, Herman Mordaunt, wie Eure eignen Landsleute Euch nennen; tauſend Jahre könnten nicht aus meinem Herzen die Erinnerung an alle Eure Güte aus⸗ löſchen.“ Dieß war gut ausgedrückt, und die Art, wie es vorgetragen wurde, war ebenſo gut als die Sprache. Bulſtrode zögerte einen X ◻ ———O u— G ⏑—-⸗ — u 381 Augenblick— ſah die beiden Mädchen zweifelhaft an,— und nä⸗ herte ſich zuerſt Mary Wallace. „Adieu, meine vortreffliche Mary Wallace,“ ſagte er, ihre dar⸗ gebotene Hand ergreifend, und ſie küſſend, aber ohne tiefere Ge⸗ müthsbewegung, ſo daß man wohl ſah, daß nur Freundſchaft und Achtung ihn dabei leiteten.„Ich glaube Ihr ſeyd eine ſtrenge Kri⸗ tikerin über Cato's und Scrub's; aber ich verzeihe Euch alle Eure kleinen Ausſtellungen und Verläſterungen in Betracht Eurer Milde und Rechtſchaffenheit im Ganzen. Ihr könnt tauſend bloßen Be⸗ kannten begegnen, ehe Ihr wieder Einen findet, der dieſelbe tiefe Verehrung für Eure viele Tugenden hegt, wie ich.“ Auch dieß war gut geſagt; und es hatte zur Folge, daß Mary Wallace ihr Taſchentuch vom Auge wegnahm und ihm mit einiger Bewegung ein herzliches Lebewohl ſagte. Die Fremden ſagen, unſre Frauen ſeyen ohne Gefühl, ohne Leidenſchaft; oder wenn ſie auch beides beſitzen, ſo ſey es verſchleiert durch eine Maske von Kälte, welche alle Liebenswürdigkeit und Wärme wegnehme; ſie ſeyen kin⸗ diſch und vertraulich, wo ſie lieber zurückhaltend ſeyn ſollten; und fremd und gezwungen, wo Gefühl und Natur ihr Recht behaupten ſollten. Daß ſie weniger Benehmen und Manier haben in jeder Hinſicht, in der Selbſtbeherrſchung und vielleicht auch in der Selbſtachtung, in ihrem gewöhnlichen Umgang und Verkehr, und bei ihrem Repräſentiren und Rollenſpielen, wo es einmal nöthig ſcheinen mag, das iſt, glaube ich, wahr; aber Wer einem ameri⸗ kaniſchen Mädchen das Herz abſpricht, der kennt ſie eben ganz und gar nicht. Sie iſt ganz Herz, und die anſcheinende Kälte iſt öfter die Folge davon, daß ſie ihren Gefühlen mißtraut, ſie nicht zu äußern wagt, und von ihrer Abneigung gegen alles Gemachte und Erkünſtelte überhaupt, als von einem Mangel an zarter und tiefer Empfindung. Zwei Mädchen jedoch von einer Bildung, wie ſie Anneke und Mary Wallace genoſſen, mußten ſich natürlich bei einer ſolchen Scene beſſer benehmen, als ſolche, welche weniger an 382 die Bräuche des verfeinerten Lebens, die immer mehr oder weniger konventionell ſind, gewohnt geweſen wären. Im gegenwärtigen Fall war Mary Wallace lebhaft ergriffen; es wäre bei einem ſo weichen und warmfühlenden Weſen wie ſie nicht anders denkbar geweſen, wenn ein angenehmer Geſellſchafter, ein Mann, mit dem ſie ſeit etwa zwei Jahren genau bekannt war, von ihr Abſchied nahm, um einen Zug anzutreten, der wie er ſelbſt glaubte, oder wenigſtens zu glauben ſo glücklich die Miene annahm, den traurigſten Ausgang haben konnte. Sie ſchüttelte mit Bulſtrode aufs wärmſte die Hände, wünſchte ihm gutes Glück und alles mögliche Gute und Angenehme; dankte ihm für ſeine gute Meinung, und ſprach ihre Hoffnung und ihren feſten Glauben aus, ſie würden Alle wieder zuſammenkommen vor Ablauf des Sommers, und wieder Eins in des Andern Geſellſchaft vergnügt ſeyn.— Nun kam die Reihe an Anneke. Sie hatte ihr Taſchentuch vor den Augen, und als ſie es wegnahm, war das Angeſicht blaß und die Wangen mit Thränen bedeckt. Das Lächeln, welches folgte, war die Holdſeligkeit ſelbſt; und ich will es geſtehen, es verurſachte mir arge Herzſtiche. Zu meinem Erſtaunen ſagte Bulſtrode Nichts. Er ergriff Anneke'ns Hand, drückte ſie an ſein Herz, küßte ſie, ließ ein Billet darin zurück, verbeugte ſich und trat weg. Ich ſchämte mich, das Geſicht der Miß Mordaunt unter ſolchen Umſtänden zu beobachten, und wandte mich beiſeite, damit nicht lauernde Blicke die Verlegenheit und Beklemmung noch ſteigerten, welche ſie ſichtlich empfand. Dennoch ſah ich genug, um mich ungewiſſer und zwei⸗ ſelhafter als je zu machen hinſichtlich des Erfolgs meiner eigenen Bewerbung. Anneke hatte die Farbe mehr als einmal gewechſelt, als Bulſtrode neben ihr ſtand und ſeine ſtumme Rolle des Abſchied⸗ nehmens durchſpielte, und mir ſchien ſie noch weit bewegter, als Mary Wallace geweſen war; dennoch waren ihre Gefühle immer lebhafter und ſchärfer als die ihrer Freundin; und was meine eifer⸗ 383 ſüchtige Aengſtlichkeit für die Rührung der zärtlichen Neigung nahm, konnte auch wohl Nichts weiter ſeyn, als gewöhnliches weibliches Gefühl und Freundſchaft. Zudem war Bulſtrode wirklich ihr Ver⸗ wandter. 4 Wir Männer begleiteten Alle Bulſtrode hinaus, wo er ſein Pferd beſtieg. Er ſchüttelte uns herzlich die Hand; und nachdem er im Sattel ſaß, ſagte er:„Dieſer Sommer wird heißer werden als gewöhnlich, ſelbſt in Eurem gemäßigten Klima. Meine Briefe von Haus geben mir Grund zu glauben, daß endlich ein Mann von Talenten an der Spitze der Geſchäfte ſteht und daß das bri⸗ tiſche Reich bis an ſeine äußerſten Enden den von ihm ausgehenden belebenden Anſtoß ohne Zweifel fühlen wird. Ich erwarte, daß Ihr drei jungen Männer als Freiwillige Euch dem——ten Regi⸗ ment anſchließen werdet, ſobald Ihr von unſerm weitern Vorrücken hört. Ich wünſchte, ich hätte tauſend Solche wie Ihr ſeyd; denn die Geſchichte auf dem Fluß zeigt, wo für den Fall der Noth Män⸗ ner zu finden ſind. Gott ſegne Cuch, Corny!“ und dabei lehnte er ſich im Sattel vor, um mir noch einmal die Hand zu ſchütteln; „wir müſſen Freunde bleiben, coüte que coũte!“ Dieſer Offenherzigkeit und ſolcher Gutmüthigkeit ließ ſich nicht widerſtehen. Wir ſchüttelten uns aufs herzlichſte die Hände, Bul⸗ ſtrode lüftete ſeinen Hut und verbeugte ſich, und dann ritt er fort, wie mir ſchien in ſehr langſamem Schritt, nachdenklich und mit innerm Widerſtreben. Trotz ſeiner Freundlichkeit und Herzlichkeit beim Abſchied hatte ich doch mehr Grund als je, zu beklagen, daß Bulſtrode unter uns erſchienen war; und die Seenen dieſes Morgens beſtärkten mich nur in einem ſchon früher gefaßten Entſchluſſe, An⸗ neke’n zu keiner Entſcheidung meines Schickſals in einem Augenblicke zu drängen, wo, meinem Gefühl nach, die Gefahr ſo groß war, ſie möchte ungünſtig ausfallen. 384 Zwanzigſtes Kapitel. Ein Text, gewählt wohl mit Bedacht, Euch recht ins Herz ſich präg' er: Wie ſeinen Vater Ham verlacht, Drob Canaan ward ein Neger. Burns. Zehn Tage nach dem Abmarſch des— ten Regiments verließ Herman Mordaunt und ſeine Familie nebſt unſrer Geſellſchaft Al⸗ bany, um das für den Sommer Beabſichtigte in Ausführung zu bringen. In dieſer Zwiſchenzeit jedoch hatte ſich im Ausſehen der kriegeriſchen und militäriſchen Verhältniſſe Vieles geändert. Ver⸗ ſchiedene Regimenter königlicher Truppen rückten den Hudſon hinauf, und die meiſten Schaluppen auf dem Fluß, deren nicht weniger als dreißig oder vierzig ſeyn konnten, waren dazu benützt worden, ſie und ihre Vorräthe zu transportiren. Zwei oder drei Corps kamen durch die Gegend, von den öſtlichen Colonien her, während ver⸗ ſchiedene Provinz⸗Regimenter erſchienen; denn Alles ſtrebte ſich auf dieſem Punkt, da wo die Schiffahrt auf dem Hudſon anfing, zu koncentriren. Unter andern angeſehenen Männern, welche die Trup⸗ pen begleiteten, war Lord Viscount Howe, der Edelmann, von wel⸗ chem Herman Mordaunt geſprochen. Er hatte für den Feldzug den Rang eines Brigadier* und ſchien eigentlich die Seele des Heeres zu ſeyn. Es war nicht ſein perſönliches Anſehen allein, was ihn in der Schätzung des Publikums und der Armee ſo hoch ſtellte, ſondern auch ſein Ruf und ſeine geleiſteten Dienſte als Soldat. Es * Der gewöhnliche amerikaniſche Leſer weiß vielleicht nicht, daß der Rang eines Brigadier bei der engliſchen Armee nicht, wie bei uns, eine Stufe in der regelmäßigen Linie der Beförderung bezeichnet. In England ſind die regelmäßigen militäriſchen Rangſtufen: Oberſt, Generalmajor, Gene⸗ rallieutenant, General, Feldmarſchall. Der Rang eines Brigadier, wie der eines Commodore bei der Flotte, wird nur in beſondern vorkommen⸗ den Fällen verliehen, meiſt als lokaler Rang, um der Regierung möglich zu machen, tüchtige Oberſte zu verwenden, wo es nothig iſt. — 38⁵ waren viele junge Männer von Rang im Heer anweſend; und was jüngere Söhne von Peers anlangte, ſo waren ihrer ſo viele, daß es zu Albany beinahe ſo viel Ehrenwerthe gab als zu Boſton. Die meiſten angeſehenen Familien der Colonien hatten auch Söhne im Dienſt; die von den mittlern und ſüdlichen Colonien bekleideten Offiziersſtellen in regelmäßigen Regimentern; während die Pro⸗ vinzial⸗Truppen von Oſten größtentheils, wie dieß in dieſer Gegend des Landes ſehr gewöhnlich war, von Männern aus der Klaſſe der Neomen geführt wurden; denn die Gewohnheiten der Gleichheit, welche in dieſen Provinzen herrſchten, ließen wenig Unterſchiede gelten in Betracht von Geburt und Vermögen. Doch wurde, wie ich mich erinnere, geſagt, der Gehorſam unter den Provinzialen von Maſſachuſetts und Connektikut ſey ebenſo muſterhaft, wie unter denjenigen, welche weiter von Süden her kamen, indem die Lute ſich der Autorität ihrer Vorgeſetzten als vom Geſetz ausgehend, willig unterwarfen. Es waren auch hübſche Truppen, beſſer als unſere Colonial⸗Regimenter, wie ich geſtehen muß, und ſie ſchienen einer höhern Klaſſe von Handwerkern oder Landleuten anzugehören; während zugegeben werden muß, daß ihre meiſten Offiziere eben nicht ſehr glänzende Repräſentanten von ſol⸗ chen Eigenſchaften, Talenten, Sitten und Lebensgewohnheiten waren, die ſie zum Commando ſonderlich befähigen konnten. Es müſſen aber Offiziere und Soldaten gut zuſammengetaugt haben, denn man hörte von allen Seiten, daß ſie gut angeführt wurden, was eben nicht immer der Fall war. Blos phyſiſch, als eine Heerſchaar von Männern betrachtet, wurde von Jedermann eingeräumt, daß es das ſchönſte Corps in der Armee war, reguläre Truppen und alle eingeſchloſſen. Ich ſah Lord Howe zwei oder drei Mal, namentlich im Hauſe der Madame Schuyler, der Lady, welcher ich ſchon Erwäh⸗ nung zu thun Gelegenheit gehabt und der ich den mir von meiner Mutter verſchafften Empfehlungsbrief übergeben hatte; denn die Satanstoe. 25 386 Mordaunt' beſuchten ſie ſehr fleißig und nahmen mich häufig mit ſich. Lord Howe ſelbſt befand ſich faſt immer im Hauſe der trefflichen Madame Schuyler, bei welcher in der That zu Zeiten Alles zu ſehen war, was von guter Geſellſchaft ſich in Albany verſammelt hatte. unſere Geſellſchaft war groß, und hätte können für ein kleines Corps der Armee ſelbſt gelten, welches vorrückte, wie dieß jetzt bei⸗ nahe täglich bei einzelnen Corps oder Theilen von ſolchen der Fall war. In der That hatte Herman Mordaunt unſern Aufbruch ab⸗ ſichtlich deßhalb verzögert, um die Gegend zur Neiſe ſicherer wer⸗ den zu laſſen, indem ſie ſich mit Detaſchements vom Heere bedeckte; und unſere Reiſe, nachdem wir uns einmal in Bewegung geſetzt hatten, ging im buchſtäblichen Sinne von Poſten zu Poſten, von Lager zu Lager. Es iſt vielleicht paſſend, unſere Stärke aufzuzäh⸗ len und die Ordnung unſeres Marſches zu berichten, damit der Leſer ſich eine deutlichere Vorſtellung von der Art unſerer Reiſe machen kann. Herman Mordaunt nahm, außer den Ladies, eine ſchwarze Köchin und ein ſchwarzes Dienſtmädchen mit ſich; einen Neger, um für ſeine Pferde zu ſorgen und einen zweiten als Diener im Hauſe. Ferner hatte er drei weiße Arbeiter bei ſich— Männer, die mit den Geſpannen zu thun hatten und das Beil zu führen wußten, um in den Wäldern Bahn zu hauen, Brücken über die Flüſſe zu machen, und andere ähnliche Arbeiten zu verrichten, wo es nöthig war. Was uns betrifft, ſo waren wir drei Gentlemen, Naap, mein treuer Neger, Mr. Traverſe, der Landvermeſſer, zwei Meß⸗ kettenträger und zwei Arbeiter mit Aexten und Beilen. Guert Ten Cyck führte auch einen Neger mit ſich, welcher Pete genannt wurde, da es gegen die boni mores war, ihn Peter oder Petrus zu nennen; letzteres war ſein eigentlicher Name. Somit waren wir zehn Mann ſtark, worunter acht Weiße und zwei Schwarze. Herman Mordaunt hatte im Ganzen eben dieſelbe Zahl, darunter aber vier Frauen. 387 Unſere Geſellſchaften zuſammengenommen bildeten wir im Ganzen eine Truppe von zwanzig Köpfen. Unter dieſer Zahl waren die Männer, Schwarze und Weiße, Alle gut bewaffnet; Jeder haite eine tüchtige Büchſe und jeder Gentleman noch überdieß ein Paar Piſtolen. Dieſe letztern trugen wir an einem Gürtel um den Leib, und die Waffen, klein und für den Dienſt berechnet, waren ſo nach hinten gerichtet, daß ſie von unſern Ueberkleidern verſteckt wurden. Auch die Gürtel wurden von den Klappen unſerer Kleider verſteckt. Somit waren wir gut bewaffnet, ohne daß man es uns doch an⸗ ſah; eine Vorſicht, die manchmal in den Wäldern nützlich iſt. Es iſt kaum nöthig zu ſagen, daß wir nicht in dem Anzug, in welchem wir gewohnt geweſen in den Straßen von New⸗York und Albany zu erſcheinen, uns in die Wälder hineinwarfen. Stülp⸗ hüte wurden ganz bei Seite gelegt; und dafür wurden Waldmützen, von ähnlicher Geſtalt wie die im Winter von uns getragenen, nur daß der Pelz wegblieb, aufgeſetzt. Die Ladies trugen leichte Biber⸗ hüte, wie ſie ſich für ihr Geſchlecht ſchickten; und unter dem dichten Baldachin des Waldes bedurfte es wenig Schatten für ihr Geſicht. Doch wurden grüne Schleier hinzugefügt, mit welchen ſich die amerikaniſchen Damen gewöhnlich zu ſchützen pflegen. Anneke und Mary reisten in Kleidern aus leichtem Frauentuch, ſo gemacht, daß ſie ihren herrlichen Geſtalten wie Handſchuhe paßten. Die Säume waren kurz, ſo daß ſie bequem gehen konnten, falls ſie genöthigt wären zu Fuße zu gehen. Ein paar Federn auf jedem Hute waren nicht vergeſſen— ein Tribut, dem natürlichen Hange ihres Ge⸗ ſchlechts, den Augen der Männer zu gefallen, dargebracht. Bei uns Männern bildete Wildleder den Hauptſtoff unſeres An⸗ zugs. Wir Alle trugen wildlederne Hoſen, Kamaſchen und Mok⸗ kaſins. Die letztern hatten Sohlen, wie ſie die Weißen zu tragen pfle⸗ gen; Guert jedoch nahm ein oder zwei Paare mit von rein indianiſcher Beſchaffenheit. Jeder von uns hatte einen Oberrock aus grobem Tuche; Alle aber führten wir Jagdhemden mit uns, die wir an⸗ 388 legen wollten, ſobald wir die Wälder betraten; dieſe Jagdhemden, grün von Farbe, mit Franzen und Zierrathen beſetzte Gewänder, in der Form von Hemden, um über Allem getragen zu werden, nahmen ſich ausnehmend ſchmuck und flott aus und paßten vor⸗ trefflich für die Wälder. Man war der Meinung, Franzen, Ge⸗ ſtalt und Farbe machten ſie dem Laubwerk ſo homogen und ähn⸗ lich, daß ſie in einiger Entfernung ſo zu ſagen unſichtbar, oder wenigſtens nicht leicht zu unterſcheiden wären. Sie ſtanden in hoher Gunſt bei allen Wald⸗Corps von Amerika und bildeten die gewöhn⸗ liche Uniform der Schützen in den Wäldern, ob ſie nun gegen Menſchen oder nur gegen die wilden Thiere auszogen. Weder Mr. Worden noch Jaſon zogen mit der Haupttruppe, und zwar gerade wegen dieſer ungewöhnlichen, auffallenden Anzüge. Was den Geiſtlichen betrifft, ſo hielt er gewiſſenhaft auf das Aeußere und die Formen, ſo daß er den Kirchenrock und das Chorhemd ſelbſt auf einer Miſſion zu den Indianern getragen haben würde; was, beiläufig bemerkt, auch jetzt ſein oſtenſibler Zweck war; und in den verſchiedentlichen Fällen, wo ich ihn bei Hahnenkämpfen ſah, be⸗ hielt er den prieſterlichen Rock und aufgekrämpten Hut bei. Mit Einem Wort, Mr. Worden vernachläßigte das Aeußere nie, was die Kleidung betraf, und ich bezweifle ſtark, ob er ſich dazu ver⸗ ſtanden haben würde, ein Gebet zu leſen ohne das Chorhemd, oder zu predigen ohne den Kirchenrock, hätte die Sehnſucht nach geiſt⸗ licher Stärkung auch noch ſo lebhaft ſeyn mögen. Ich erinnere mich noch recht gut, von meinem Vater gehört zu haben, wie der Pfarrer einmal auf einer Reiſe ſich geweigert, an einem Sonntag die kirchlichen Funktionen zu verrichten, um nur der Kirche nicht dadurch Etwas zu vergeben, daß er bei Erfüllung ſeiner geiſtlichen Obliegenheiten ohne all die außern Erforderniſſe ſeines klerikaliſchen Charakters aufgetreten wäre. „Mehr Schaden als Nutzen wird der Religion bereitet, Mr. Littlepage,“ ſagte der Hochwürdige Mr. Worden bei dieſer Gelegen⸗ — —— 389 heit,„wenn man ſo den Ritus in gemeinen Augen mindert und ſchwächt. Das Allererſte, mein lieber Sir, iſt, daß man die Menſchen heilige Dinge achten und ehren lehrt; und ein Geiſtlicher in ſeinem Kirchenrock und Chorhemd flößt dreifach ſo viel Reſpekt ein als ohne dieſelbe. Ich ſehe es deßwegen als eine heilige Pflicht an, die Würde meines Amtes bei jeder Gelegenheit aufrecht zu er⸗ halten und zu wahren.“ In Kraft dieſer Anſichten reiste der Geiſtliche in ſeinem geiſt⸗ lichen Hut und Rock, ſchwarzen Hoſen und Prieſterkragen, ſelbſt wenn er Jagd machte auf die Seelen rother Menſchen unter den Wilden von Nordamerika! Ich will mir nicht anmaßen zu behaup⸗ ten, dieſes Haften an ſolchen Gebräuchen habe nicht auch ſein Gu⸗ tes gehabt; aber das weiß ich gewiß, daß es den hochwürdigen Gentleman in große Unbequemlichkeiten verwickelte. Was Jaſon betrifft, ſo gab er einen Danbury ⸗Grund dafür an, daß er in ſeinen beſten Kleidern reiste. Jedermann mache es ſo in ſeiner Gegend; und er für ſeinen Theil betrachte es als reſpekt⸗ widrig gegen Fremde, wenn man in alten Kleidern unter ihnen erſcheine. Aber die Sache hatte auch noch einen andern, wahren Grund, und dieſer war— Sparſamkeit; denn die Soldaten hatten die Preiſe von Allem ſo geſteigert, daß Jaſon keinen Anſtand nahm Albany für den theuerſten Ort zu erklären, wo er je geweſen. Dieſe Behauptung hatte etwas Wahres; und da die Entfernung von New⸗ NYork nicht weniger als hundert und ſechszig Meilen betrug— nach offizieller Meſſung— ſo ſieht der Leſer leicht ein, daß es einen vollen Monat oder mehr Zeit erforderte, die geleerten Fächer der Läden wieder zu füllen. Die Holländer bewegten ſich nicht nur langſam, ſondern ſie waren auch methodiſch; und der Krämer, deſſen Vorräthe im April erſchöpft waren, dachte nicht leicht daran, ſie wieder zu ergänzen, bis die regelmäßige Friſt und Jahreszeit wiederkehrte. 4 In Folge dieſer Anſichten und Beweggründe verließen der Hoch⸗ 390 würdige Mr. Worden und Mr. Jaſon Neweome Albany vierund⸗ zwanzig Stunden vor der übrigen Geſellſchaft, mit der Verab⸗ redung, daß ſie ſich mit uns vereinigen ſollten an einem Punkte, wo der Weg in die Wälder führte, und wo man glaubte, daß der aufgekrämpte Hut und die Lederkappe in guter Harmonie mit⸗ einander reiſen könnten. Noch ein Grund aber, der noch nicht ge⸗ nannt worden, zur Trennung lag in dem Umſtand, daß Alle von meiner Schaar zu Fuß reisten, wobei drei oder vier Packpferde unſere Bedürfniſſe trugen. Nun war dem Mr. Worden ein Platz in einem Regierungsfuhrwerk angeboten worden, und Jaſon wußte ſich auch, auf eine mir unerklärliche Weiſe, einzuſchmuggeln und einzudrängen. Ich bin indeſſen Mr. Neweome das Zeugniß ſchul⸗ dig, daß ſein Talent, Gunſtbezeugungen und Gefälligkeiten jeder Art für ſich herauszuſchlagen, ganz außerordentlich war; und ge⸗ wiß iſt, daß er nie eine Gelegenheit, ſich einen Vorzug vor Andern zu verſchaffen, durch Saumſeligkeit im Bitten und Fragen ver⸗ ſäumte. In dieſer Hinſicht war mir Jaſon immer ein moraliſches Räthſel, denn in ſeiner Seele war lediglich Nichts zu finden von dem Gefühl für das Paſſende und Schickliche, ſofern es ſich von Anſprüchen und Rechten von Perſonen handelte, die ſich auf Rang, Bildung, Geburt und Erfahrung gründeten. Den Rang in amt⸗ licher Bedeutung verſtand er und reſpektirte er an dem, der ihn beſaß; aber von den Anſprüchen, zu welchen er den Inhaber, als einem daraus folgenden Genuß, berechtigte, ſchien er gar keinen Begriff zu haben. Für Eigenthum und Vermögen hegte er tiefe Achtung, ſo weit es ſich um Anerkennung von deſſen Wichtigkeit und Einfluß handelte; aber es würde weder ſeinem Gewiſſen noch ſeinem Gefühl den mindeſten Skrupel gemacht haben, wenn er ſich plötzlich in den Beſitz der ſtattlichen Häuſer der Patrone z. B. und ihrer Güter eingeſetzt geſehen hätte, vorausgeſetzt immer, daß er hätte glauben können, er vermöge ſeine Stellung zu be⸗ haupten. Der Umſtand z. B. daß er unter dem Dach wohne, das 391 von den Vorfahren eines Andern aufgerichtet worden, und daß Andere lebten, die ein beſſeres moraliſches Recht darauf hätten, würde ihm nicht die mindeſte Unruhe gemacht haben, ſo lange nur irgend ein Kniff oder eine Chikane des Geſetzes ihn im Beſitz hielt. Mit Einem Wort, Alles was in Sachen dieſer Art mit Zartgefühl zuſammenhing, war für Jaſon Neweome ſo gut wie nicht da, wel⸗ cher von der erſten Stunde an, wo er unter uns kam, lebte und handelte, als ob das Spiel des Lebens nur wie jenes Kinderſpiel wäre:„Frau Mutter leih mir die Scheer;“ wo Dasjenige, das unbedachtſam ſeinen Platz verläßt, ohne ihn ſich zu ſichern, den⸗ ſelben gewiß ſo bald als möglich von einem Andern eingenom⸗ men findet. Ich habe dieſen Hang Jaſon's etwas ausführlicher beſprochen, weil ich überzeugt bin, daß, ſollte dieſe Geſchichte von meinen Nachkommen weiter geführt werden, wie ich hoffe und wün⸗ ſche, man ſehen wird, daß dieſe Geneigtheit, das ganze menſchliche Geſchlecht als ebenſo viele gemeinſame, gleichberechtigte Beſitzer des von Adam hinterlaſſenen Gutes zu betrachten, am Ende zu etwas Außerordentlichem führen wird. Aber ich muß jetzt den Hochwür⸗ digen Mr. Worden und Mr. Jaſon ihre Reiſe in ihrem Regierungs⸗ fuhrwerk antreten laſſen und ſelbſt zu unſerer Geſellſchaft zurück⸗ kehren. Wir Männer Alle, mit Ausnahme derjenigen, welche die zwei Wägen Herman Mordaunt's führten, gingen zu Fuß. Jeder von uns trug, außer ſeiner Büchſe und Munition, einen Schnappſack; und man wird ſich leicht vorſtellen, daß unſer Tagewerk nicht ſehr lang war. Am erſten Tage machten wir bei der Madame Schuyler, auf ihre Einladung, Halt und ſpeisten daſelbſt Alle zu Mittag, den Feld⸗ meſſer mit eingeſchloſſen. Lord Howe war an dieſem Tag auch unter den Gäſten; und er ſchien den Muth von Anneke und Mary Wallace höchlich zu bewundern, daß ſie zu einer ſolchen Zeit eine ſolche Reiſe unternehmen wollten. „Ihr braucht jedoch keine Beſorgniſſe zu hegen, Ladies, da wir immer ſtarke Detaſchements zwiſchen Euch und den Franzoſen poſtirt haben werden,“ ſagte er am Ende ernſter, nach einigen ſcherzhaften Reden über den Gegenſtand.„Die Vorfalle des letzten Sommers, und die ſchmachvolle Art, wie der arms Munro ſeinem 8 Schickſal preisgegeben wurde, haben uns Alle mit dem lebhafteſten 8 Gefühl von der Nothwendigkeit und Wichtigkeit erfüllt, den Feind zu zwingen, am nördlichen Ende des George⸗See's ſtehen zu blei⸗ ben, da ſchon zu viele Schlachten dieſſeits geſchlagen worden ſind, mehr als für den Ruhm der britiſchen Waffen zuträglich iſt. Wir verbürgen uns für Euere Sicherheit.“ Anneke dankte ihm für dieſe Bürgſchaft und das Geſpräch ging auf andere Gegenſtände über. Es war ein junger Mann an⸗ weſend, welcher auch den Namen Schuyler trug, ein naher Ver⸗ wandter von der Frau des Hauſes, deſſen Miene, Benehmen, Hal⸗ tung und Erſcheinung mir ſehr aufſiel. Seine Tante nannte ihn Philipp; und da er ungefähr von meinem Alter war, kam ich wäh⸗ rend dieſes Beſuchs in ein Geſpräch mit ihm. Er ſagte mir, er ſey dem Commiſſariat unter General Bradſtreet beigegeben, und er werde mit der Armee vorrücken, ſobald die Vorbereitungen zum Marſch derſelben vervollſtändigt ſeyn würden. Dann ging er auf eine klare, einfache Erläuterung des muthmaßlichen Planes für den bevorſtehenden Feldzug ein. „Wir werden alſo, hoffe ich, Euch und Euere Freunde auch unter uns ſehen?“ ſagte er am Ende, wie wir miteinander vor der Ladung zum Mittageſſen auf dem Raſen luſtwandelten;„denn, Euch die Wahrheit zu geſtehen, Mr. Littlepage, es gefällt mir nur halb, daß wir ſo viele Truppen aus dem Oſten bei uns haben müſſen, um dieſe Colonie von ihren Feinden zu ſäubern. Es iſt wahr, eine Nation muß ihre Feinde bekämpfen, wo immer ſie ſich finden; aber wir und die Yankees haben ſo wenig Gemeinſames, daß ich wünſchen muß, wir wären ſtark genug, um die Franzoſen allein zurückzuſchlagen.“ — 393 „Wir haben den gleichen Souverän und die gleiche Untertha⸗ nenpflicht,“ antwortete ich,„was Ihr doch vielleicht als etwas Ge⸗ meinſames anerkennen werdet.“ „Das iſt wahr; doch denke ich, müßt Ihr genug holländiſches Blut in Euch haben, um mich zu verſtehen. Meine Pflicht ruft mich vielfach unter die verſchiedenen Regimenter; und ich muß ge⸗ ſtehen, ich habe viel mehr Mühe und Laſt mit Einem Regiment von Neu⸗England, als mit einer ganzen Brigade von den andern Truppen. Sie haben Generale und Oberſte und Majore genug für die ganze Armee des Herzogs von Marlborough.“ „Gewiß, es iſt kein Mangel an militäriſchen hohen Graden bei ihnen— und ſie haben eine ganz beſondere Freude daran, dieſe Titel zur Schau zu tragen.“ „Ganz richtig,“ verſetzte der junge Schuyler lächelnd.„Ihr werdet die Worte: General, oder Oberſt, in einer ihrer Canton⸗ nirungen an Einem Tage öfter ausſprechen hören, als im Haupt⸗ quartier in einem ganzen Monat. Sie haben auch gewiß treffliche Eigenſchaften; aber, woher dieß nun rühre, wir mögen einander nicht.“ Zwanzig Jahre ſpäter im Leben hatte ich Veranlaſſung, mich dieſer Bemerkung wieder zu erinnern, ſo wie auch Betrachtungen anzuſtellen über den Charakter des Mannes, der ſie geäußert. Ich, oder meine Nachfolger werden vermuthlich Gelegenheit haben, Dinge zu berühren, in den ſpätern Berichten über die Vorfälle der Zei⸗ ten, welche mit dieſer Geſinnung in Verbindung ſtehen. Ich hatte auch ein kurzes Geſpräch mit Lord Howe, welcher mir ein Compliment machte über das, was auf dem Fluß vorge⸗ fallen war. Er hatte offenbar eine Darſtellung dieſer Begebenheit aus einem mir ſehr befreundeten Munde gehört, und beliebte die Sache in einer für mich ſehr ſchmeichelhaften Weiſe zu erwähnen. Dieß kurze Geſpräch verlohnt ſich der Wiedererzählung nicht, aber 394 es bahnte den Weg zu einer Bekanntſchaft, welche ſpäter mit intereſſanten und wichtigen Begebenheiten zuſammenhing. Etwa eine Stunde nach dem Mittageſſen verabſchiedete ſich unſere Geſellſchaft von Madame Schuyler und zog weiter. Der Tagmarſch ſollte nur kurz ſeyn, obgleich die Straßen mittlerweile hergeſtellt und ziemlich gut waren. Aber nicht lange hatten wir uns der Vortheile von Straßen zu erfreuen, denn ſie erſtreckten ſich in der von uns verfolgten Richtung nur etwa dreißig Meilen nördlich von Albany. Mit Ausnahme der militäriſchen Route, welche gerade nach den Quellgewäſſern des Champlain⸗See's führte, war dieß ungefähr die Ausdehnung ſämmtlicher Wege, die, in dieſer Gegend des Landes, in das Innere eindrangen. Unſere Richtung ging nördlich und öſtlich, denn Mooſeridge und Ravensneſt lagen ſo ziemlich in der Richtung der Hampſhire Grants. Sobald wir den Scheidepunkt an der Great Northern Road, welche nach Skeenesborough führte, erreicht hatten, ſah ſich Her⸗ man Mordaunt genöthigt, ſeine Wagen zu verlaſſen und alle Frauen⸗ zimmer auf Pferde zu ſetzen. Die nothwendigſten Vorräthe wurden auf Packpferde geladen, und nach dem Verzug eines halben Tages, welche Zeit wir über dieſen Vorkehrungen verloren, ſetzten wir un⸗ ſern Marſch fort. Die Wagen ſollten folgen, aber in langſamem Schrilte, und die Ladies hatten ausſteigen müſſen, wegen der hol⸗ perigen Wege, auf welchen die ſchüttelnde und rüttelnde Bewegung unerträglich geweſen wäre. Unſere Cavalkade und die Fußgän⸗ ger zuſammen bildeten einen anſehnlichen, impoſanten Zug auf der unebenen Straße, welche bald nichts Beſſeres mehr war als eine durch den Wald gehauene Linie, gelegentlich mit Spuren von Rädern, wo aber nicht der mindeſte Verſuch gemacht worden war, durch irgend welche künſtliche Mittel die Oberfläche des Bodens auszugleichen. Dieß war der Ort, wo wir Mr. Worden und Ja⸗ ſon einholen ſollten, und wo wir auch wirklich ihre Effekten trafen; 395 die Beſitzer ſelbſt waren weiter gegangen und hatten zurückgelaſſen, wir würden unterwegs auf ſie ſtoßen. Guert und ich marſchirten voran, da unſre Kraft und Jugend uns in Stand ſetzte, dieß mit größter Bequemlichkeit zu thun. Da wir wußten, daß für die Ladies zu Pferde hinlänglich geſorgt war, eilten wir voran, um für ihre Aufnahme in einem Hauſe, einige Meilen weit entfernt, wo wir die Nacht zubringen wollten, Vorkehrung zu treffen. Dieß Gebäude beſtand natürlich aus Holzblöcken und ſtand ganz allein in der Wildniß, jedoch inmitten einer kleinen Lich⸗ tung von dreißig oder vierzig Acres Land; und es ging nicht wohl an, ſo wie der Tag ſtand, daran vorbeizugehen. Die Entfernung von dieſer einſamen Behauſung bis zur erſten Wohnung auf Her⸗ man Mordaunt's Beſitzthum betrug achtzehn Meilen; und das war eine Strecke Wegs, welche zurückzulegen bei unſern Umſtänden einen ganzen langen Maitag erforderte. Guert und ich mochten etwa eine Meile der übrigen Geſellſchaft voraus ſeyn, als wir eine Art von Halblichtung vor uns ſahen, die wir zuerſt irrig für unſern Raſtort hielten. Wenige Acres wa⸗ ren ausgerodet worden, und ließen das Licht des Tages hereinfallen in die Düſterheit des Waldes, aber der Nachwuchs von Bäumen ſchoß ſchon auf und bedeckte den Boden mit hohen Büſchen. Wie wir näher kamen, ſahen wir, daß es eine kleine aufgegebene Lichtung war. Wie wir hineinkamen, hörten wir in nicht großer Entfernung Stimmen, und blieben ſtehen; denn an einem ſolchen Platz hört man keine menſchlichen Stimmen, ohne daß der Reiſende ſtille ſteht und nach ſeinen Waffen greift. Dieß thaten wir auch; und dann lauſchten wir mit einiger Neugier und Vorſicht. „Ober!“ rief Jemand ganz deutlich auf Engliſch. „Jack!“ ſagte eine andere Stimme in einer Art von antwor⸗ tendem Second, welche nicht wohl zu verkennen war. „Hier drei untere;— iſt das gut?“ verſetzte die erſte Stimme. 396 „Schon gut, Sir; aber hier ſind Zehn und ein Aß. Zehn und drei und vier und zwei machen neunzehn;— ich bin kaput.“ „Obere, untere, Jack und kaput!“ flüſterte Guert;„da ſind Leute in der Nähe, welche Karten ſpielen; laßt uns weiter gehen und ihnen die Quartiere aufſchlagen.“ Dieß thaten wir und einige Büſche bei Seite ſchiebend, über⸗ fielen wir ganz unerwarteter Weiſe für alle Theile den Hochwürdi⸗ gen Mr. Worden und Jaſon Neweome, wie ſie das Spiel:„Alle Vier auf einem Stumpen,“ ſpielten; oder, wenn nicht im buchſtäb⸗ lichen Sinne in der klaſſiſchen Lage, ſich des Stumpen bedienen zu können, den Stamm eines gefällten Baumes zu ihrem Tiſche ma⸗ chend. Wie wir ſo plötzlich die Kartenſpieler überfielen, verrieth Jaſon durch unzweideutige Zeichen ſeine Geneigtheit, ſeine Beſchäf⸗ tigung zu verheimlichen, indem er die Karten, die er in der Hand hatte, in ſeinen Buſen ſteckte, das übrige Spiel aber haſtig unter den Schenkel ſchob, und es ſo zudeckte, daß man gar nichts davon ſah. Dieſe plötzliche Bewegung war rein nur die Folge einer pu⸗ ritaniſchen Erziehung, die ihn gewöhnt hatte, als Sünde anzuſehen, was an ſich ganz und gar nicht nothwendig eine Sünde war, und von ihm die Heuchelei forderte, welche der Tribut iſt, den das La⸗ ſter der Tugend bezahlt! Ganz anders war das Benehmen des Hoch⸗ würdigen Mr. Worden. Gewohnt, richtiger zu unterſcheiden, und nicht ſo beſchränkt, daß er willkürliche, ſelbſterſonnene Regeln für göttliche Gebote gehalten hätte, machte dieſer, in andern Dingen ziemlich weitherzige Befolger und Erfüller ſeiner Berufsobliegenhei⸗ ten, hierin eine ganz paſſende und vernünftige Unterſcheidung. Er gab nicht durch das mindeſte Zeichen Verwirrung oder Verlegenheit zu erkennen; und der Holzblock, worauf er ſaß, blieb nicht unbe⸗ weglicher, als er erſchien, wie wir ſo plötzlich vor ihm ſtanden. „Ich hoffe, Corny, mein lieber Junge,“ rief Mr. Worden, „daß Ihr nicht vergeſſen habt, einige Spiele Karten zu kaufen, was, wie ich klar einſehe, für uns in dieſen wilden Wäldern eine große 397 Quelle der Unterhaltung ſeyn wird. Dieſe Karten von Jaſon ſind ſo verbogen und zerknittert, daß es ſich für einen Gentleman kaum ſchickt, ſie anzurühren, wie ich Euch gleich zeigen will.— Ei, wo iſt denn das Kartenſpiel hingekommen, Maſter Neweome?— Sie lagen ja noch vor einer Minute auf dem Block!“ Jaſon erröthete wirklich! Ja, zum Wunder, die Beſchämung brachte Jaſon Newcome dazu, die Farbe zu wechſeln. Mit Wider⸗ ſtreben brachte er die Karten unter ſeinem Bein hervor, und da ſaß der Schulmeiſter, gleichſam in Anweſenheit ſeiner Schule, förm⸗ lich überwieſen der Begehung der verdammlichen Sünde, gewiſſe gefärbte und gefleckte Stücke Papier in Händen gehabt zu haben, erfunden und gebraucht zum Behuf der Combinationen eines Spiels, das zur Kurzweil geſpielt wird. „Wäre es Kegelſchieben geweſen,“ flüſterte Guert,„ſo würde es dem Mr. Newcome gar keine Unruhe machen; aber der Gedanke behagt ihm gar nicht über einem Spiel:„Alle Vier auf einem Stumpen,“ betroffen zu werden. Wir müſſen ein Wörtchen ſagen, um den armen Sünder in ſeiner Beklemmung aufzurichten. Ich habe Karten, Mr. Worden, und ſie ſollen mit Freuden zu Euren Dienſten ſtehen, ſobald wir zu unſern Effekten kommen können. Ich habe auch ein Spiel in meinem Schnappſack, aber es iſt vom Ge⸗ brauch etwas beſchmutzt, obwohl immer noch ſauberer, als dieſe hier. Wenn Ihr es wünſcht, will ich es Euch einhändigen. Ich reiſe nie, ohne ein paar ſaubere Spiele mit mir zu führen.“ „Nicht jetzt im Augenblick, Sir, ich danke Euch. Ich liebe ſehr ein Spielchen Whiſt oder Piquet, kann aber nicht ſagen, daß ich ein großer Bewunderer von Alle Vier bin. Da Mr. New⸗ come hier kein andres Spiel verſteht, ſchlugen wir nur eine halbe Stunde damit todt; aber ich habe für den ganzen Sommer daran genug. Ich bin jedoch froh, daß die Karten nicht vergeſſen worden ſind; denn ich glaube gewiß, wir können eine ſehr reſpektable Partie zum Whiſt zuſammenbringen, wenn wir Alle bei einander ſind.“ 398 „Das können wir, Sir, und eine Partie, bei welcher gut ge⸗ ſpielt werden wird. Miß Mary Wallace ſpielt ihr Whiſt ſo gut als es einer Dame anſteht, Mr. Worden; und es iſt das ein ſehr hübſches Talent, wenn eine Lady es beſitzt; nützlich, Sir, ſowie unterhaltend; denn Alles iſt beſſer als Whiſt mit einem Blinden oder Strohmann. Ich meine nicht, daß eine Frau ſo gut ſpielen ſoll wie ein Mann, da unſer Geſchlecht die natürliche Befugniß hat, in allen ſolchen Dingen voranzugehen und den Ton anzugeben; aber es iſt manchmal ſehr erwünſcht, eine Lady zu finden, welche mit Kaltblütigkeit und Geſchick die Karten zu halten und auszu⸗ ſpielen weiß.“ „Ich würde keine Frau heirathen, die nicht Piquet verſtünde,“ rief der Hochwürdige Mr. Worden aus,„nichts zu ſagen von Whiſt und ein paar andern Spielen. Aber laßt uns weiter ziehen, da es nachgerade ſpät wird.“ So zogen wir denn weiter, und zur gebührenden Zeit erreich⸗ ten wir den Ort, wo wir für die Nacht Halt machen wollten. Al⸗ lerdings hatte es den Anſchein, als ob wir damit auf einmal in die Wildniß hinein geriethen, denn das Haus hatte nur zwei Ge⸗ mächer, von welchen eines für die Frauen eingerichtet wurde, wäh⸗ rend die meiſten von uns Männern ihr Quartier in der Scheune nahmen. Anneke und Mary Wallace jedoch zeigten vollkommen gute Laune; und unſer Diner, oder Souper wäre der richtigere Name, beſtand aus köſtlich fetten und zarten gebratenen Tauben. Es war die Jahreszeit der Tauben; die Wälder waren voll von dieſen Vögeln; und man ſagte uns, wir dürften uns gefaßt ma⸗ chen, uns an den jungen bis zur Sättigung zu erlaben. Gegen Mittag am folgenden Tage erreichten wir die erſte Lich⸗ tung auf dem Beſitzthum Ravensneſt. Die Gegend, durch welche wir reisten, war mehr abwechſelnd, als kühn und wildromantiſch; aber ſie hatte etwas Großartiges und Erhabenes an ihren grenzen⸗ loſen Wäldern. Unſer Weg an dieſem Tage lief unter hohen Bo⸗ N N 399 gen von jungem Laub hin; die Knoſpen erſchloßen ſich gerade zu dem erſten Grün der Blätter; hohe, gerade Säulen, ſechszig, acht⸗ zig, zuweilen hundert Fuß hoch, ſtiegen die Baumſtämme beinahe ohne einen Aſt hinan. Die Fichten insbeſondere waren wahrhaft majeſtätiſch; die meiſten hatten eine Höhe von hundert und fünfzig, und einige, wie ich glaube, beinahe wo nicht volle zweihundert Fuß. Da im Wald Alles dem äußern Licht zu wächst, darf dieß diejenigen nicht befremden, welche gewohnt ſind, die Vegetation ihre Kräfte in weitausgebreiteten Wipfeln und in niedern, gekrümmten Aeſten entfalten zu ſehen, die beinahe den Boden berühren, wie dieß auf offenen Feldern und auf den Raſenplätzen älterer Gegenden der Fall iſt. Wie gewöhnlich in dem amerikaniſchen Urwald, war nur wenig Unterholz vorhanden, und wir konnten häufig eine be⸗ trächtliche Strecke weit durch dieſe langen Säulenreihen von Bäu⸗ men vor uns hin ſehen; oder eigentlich ſo weit, bis die Maſſe der Stämme die Ausſicht verſtellte. Die Lichtungen von Ravensneſt waren weder ſehr groß, noch ſehr einladend. Zu jener Zeit war die Urbarmachung neuer Län⸗ dereien ein langſames und mühſeliges Geſchäft, und verurſachte ge⸗ wöhnlich dem Beſitzer große Auslagen. Verſchiedne Mittel wurden verſucht, den Boden von ſeiner Laſt von Bäumen zu befreien; 4 * Der jüngſt verſtorbene ehrwürdige Hendreyck Ferh war ein allen Bewoh⸗ nern des Mohawkthales wohlbekannter Mann. Er war Freund, Zeitge⸗ noſſe und, wie man glaubt, ein Teſtamentsvollſtrecker des berühmten Sir William Johnſon, Bart. geweſen. Vor dreißig Jahren erzählte er dem Schreiber dieſes folgende Anekdote: Der junge Johnſon erſchien in dem Thale zuerſt als der Verwalter eines Gutes, das ſeinem Verwandten, Admiral Sir Peter Warren, K. B. gehörte, welcher durch eine Heirath in der Colonie mehrere Beſitzungen darin erworben hatte. Unter andern Grundſtücken war eines, Warrensbuſh genannt, am Mohawk, wo der junge Johnſon zuerſt ſeinen Sitz aufſchlug. Da er es ſchwierig fand, der Bäume um ſeine Wohnung herum los zu werden, ſchickte Johnſon zu dem Admiral in New⸗York hinunter, und ließ einige Spillen oder 400 denn damals belohnte der Handel der Colonie die Mühen des An⸗ ſiedlers noch nicht ſo reichlich, wie man es ſeitdem erlebt hat. Her⸗ man Mordaunt erzählte mir im Gehen von den Koſten und Mühen die er ſchon gehabt, um die zehn oder fünfzehn Familien, die ſich jetzt auf ſeinem Gute befanden, zuerſt an Ort und Stelle zu brin⸗ gen, und dann ſie zu bewegen, daſelbſt zu bleiben. Nicht nur war er genöthigt, Pachtungen auf drei Generationen, oder, in einigen Fällen, auf dreißig oder vierzig Jahre zu Pachtzinſen zu verwilli⸗ gen, welche eigentlich nur nominell waren, ſondern durchgängig durften auch die erſten ſechs oder acht Jahre die Pächter gar keine Rente bezahlen. Im Gegentheil mußte er ihnen viele Vergünſti⸗ gungen verſchiedner Art einräumen, welche im Laufe eines Jahres eine nicht unbeträchtliche Summe betrugen. Unter andern hielt ſein Agent und Bevollmächtigter einen kleinen Laden, die gewöhnlichſten Dinge und Werkzeuge enthaltend, deren Familien von der Klaſſe der Anſiedler bedürftig ſind, und dieſe verkaufte er ihnen zu einem wenig höhern Preis, als ſie ihn koſteten, ihrer Bequemlichkeit wil⸗ len, und empfing die Bezahlung in Artikeln, die ſie von ihren halb⸗ beſtellten Feldern, oder ihren Zuckerpflanzen ernteten, die er dann wieder erſt, nachdem ſie nach Albany transportirt worden, nach Ab⸗ lauf einer ziemlich langen Zeit, in Geld umſetzte. Mit Einem Wort, der Anfang einer ſolchen Niederlaſſung war ein ſchweres und ſaures Unternehmen, und der Verſuch gelang nicht leicht, wenn nicht der Beſitzer des Landes Kapital und Geduld beſaß. Winden holen, um damit die Bäume auf den Boden herunter zu ziehen, nachdem man die Wurzeln auf einer Seite aufgegraben und abgehauen. Ein Acre Wald war auf dieſe Weiſe niebergelegt, und natürlich lag im⸗ mer ein Baum in einem etwas größern Winkel am Boden als der zu⸗ nächſt unter ihm liegende. Eines Nachts kam ein Oſtwind, und zu ſeinem Erſtaunen fand Johnſon, als er am Morgen aufſtand, die Hälfte ſeiner Bäume wieder aufrecht daſtehen. Nun gab man die Methode des Lich⸗ tens durch Spillen und Winden auf. Der Herausgeber. 401 Derjenige, welcher ſich auf Nationalökonomie verſteht, entdeckt ohne alle Mühe die Urſachen dieſer ſo eben berührten Umſtände. Sie lagen darin, daß die Bevölkerung dünn, das Land aber im Ueberfluß vorhanden war. Bei einem ſolchen Stand der Geſell⸗ ſchaft hatte der Pächter die Wahl der Pachtgüter, ſtatt daß der⸗Ei⸗ genthümer des Landes ſeine Pächter hätte wählen können; und die Letztern mußten eben zu Bedingungen erkauft werden, wie ſie ihnen ſelbſt zuſagten. „Ihr ſeht,“ fuhr Herman Mordaunt fort, als wir im Gehen weiter über den Gegenſtand uns beſprachen,„daß meine zwanzig⸗ tauſend Acres mir nicht ſehr großen Nutzen verſprechen, wenn ſie ihn auch allenfalls meiner Tochter bringen können. Allerdings in hundert Jahren mögen meine Nachkommen von all dieſem Aufwand von Geld und Mühe Vortheil ziehen; aber es iſt nicht wahrſchein⸗ lich, daß ich oder Anneke je Kapital und Zins der Summe wieder ſehen und zu genießen haben dürften, welche für Straßen, Brücken, Mühlen und andere Dinge der Art werden aufgewendet werden. Jahre müſſen vergehen, bis die ärmlichen Renten, die erſt in ein paar Jahren anfangen werden bezahlt zu werden, und dann erſt von ganz wenigen Pächtern, eine hinlängliche Summe betragen, um die Koſten für die Unterhaltung der Anſiedlung zu beſtreiten, um Nichts zu ſagen von dem an die Krone zu entrichtenden Erbzins.“ „Das iſt nicht ſehr ermuthigend für einen jungen Anfänger im Geſchäft eines Landeigenthümers,“ antwortete ich;„und wenn ich mir dieſe Umſtände betrachte, ſo muß ich geſtehen, wundere ich mich, daß ſo viele Gentlemen in der Colonie geneigt ſind, ſolche große Summen jährlich in wilde Ländereien zu ſtecken.“ „Jeder Mann, der in ſeinen Geldangelegenheiten nicht beengt iſt, Corny, fühlt den Wunſch und die Geneigtheit, für ſeine Nach⸗ kommen Sorge zu tragen. Dieß Beſitzthum, zuſammengehalten und in der Hand eines Einzelnen, kann einen meiner Nachkommen einmal zu einem Mann von großem Vermögen machen. Ein hal⸗ Satanstoe. 26 5 40² bes Jahrhundert wird eine große Veränderung in dieſer Colonie herbeiführen, und nach Ablauf dieſer Friſt mag ein Kind Anneke'ns es mit Dank erkennen, daß ſeine Mutter einen Vater gehabt, wel⸗ cher bereit war, einige Tauſende aufzuopfern,— den Ueberſchuß eines Vermögens, welches ſonſt ſchon für ſeine Bedürfniſſe hin⸗ reichte, damit ſein Enkel dafür Zehntauſende oder Hunderttauſende ſein nenne.“ „Die Nachkommenſchaft wenigſtens wird zu einer Schuld der Dankbarkeit gegen uns ſich bekennen müſſen, Mr. Mordaunt; denn ich ſehe jetzt ein, daß Mooſeridge weder mich noch Dirck wahrſchein⸗ lich zu ſehr reichen Patroons machen wird.“ 4„Darauf dürft Ihr Euch verlaſſen. Satanstoe wird Euch mehr eintragen, als die großen Landſtrecken, die Ihr in dieſer Ge⸗ gend beſitzt.“ „Beſorgt Ihr nicht mehr, Sir, daß der Krieg und die Furcht vor verheerenden Einfällen der Indianer Eure Leute wegtreiben werde?“ „Für jetzt nicht ſonderlich, obwohl früher die Gefahr groß war. Der Krieg kann mir Nutzen ebenſowohl, als Schaden brin⸗ gen. Die Armeen verzehren Alles, was ſie bekommen können— und die Soldaten gleichen in dieſer Hinſicht den Heuſchrecken. Meine Pächter haben die Commiſſäre bei ſich gehabt; und man ſagt mir, jeder Grashalm, den ſie entbehren können, all ihr überflüſſiges Korn, Kartoffeln, Butter, Käſe, und mit Einem Wort, alles Eßbare, was ſie abgeben können und wollen, iſt ihnen durch Contrakte zu den höchſten Preiſen abgekauft worden. Der König bezahlt in Gold, und der Anblick der edeln Metalle hält ſelbſt einen Yankee an eine Stelle gebannt.“ 4 Ungefähr als dieß geſprochen ward, wurden wir des Punktes anſichtig, welchen Herman Mordaunt Ravensneſt getauft hatte, ein Name, der ſeither dem ganzen Beſitzthum beigelegt wurde. Es war ein Gebäude aus Holzblöcken, das am Rand eines niedern Riffes ⏑- au—8— 403 von Felſen ſtand, an einem Punkt, wo urſprünglich ein Rabe auf den höchſten Aeſten einer abgeſtorbenen Schierlingstanne ſein Neſt gehabt hatte. Das Gebäude war gerade an dieſem Platz errichtet, um beſſer vertheidigt werden zu können, worauf auch der Bau be⸗ rechnet war, und hatte eine Zeitlang den Familien der Pächter als Verſammlungspunkt gedient, wenn wegen Einfällen der Indianer Lärm entſtand. Zu Anfang des gegenwärtigen Krieges hatte Her⸗ man Mordaunt, in Betracht der ausgeſetzten Lage ſeiner Beſitzun⸗ gen an dieſer Grenze— Grenze, was die Anſiedlungen, nicht was die Territorialabmarkung betrifft— auf ſeine Vertheidigungswerke einige Aufmerkſamkeit verwenden laſſen; und obgleich ſie einen Vau⸗ ban nicht würden befriedigt haben, waren ſie doch nicht ganz ohne Verdienſt, ſofern ſie bei einem Ueberfall ſehr nützlich werden konnten. Das Haus bildete drei Seiten eines Parallelogramms; und der offene Theil des Hofes in der Mitte ſtand dem Felſen gegenüber. Ein ſtarkes Pfahlwerk diente hier als Schutzwehr gegen Kugeln, während die Wände von gewaltigen Holzblöcken gegen jeden An⸗ griff, wie er bei den Kriegen in den Wäldern vorkam, den Angriff des Feuers ausgenommen, ganz feſt und unzugänglich waren. Alle Fenſter gingen auf den Hof hinaus, während die einzige Thüre nach auſſen mit Pfahlwerk und mit ſtarken Dielen verwahrt war. Ich war froh, aus der Ausdehnung dieſes rohen Gebäudes, welches hun⸗ dert Schuh lang und fünfzig tief war, mich zu überzeugen, daß Anneke und Mary Wallace im Raume wohl nicht beengt ſeyn wür⸗ den. Dieß war auch ſo; denn Herman Mordaunt's Bevollmäch⸗ tigter hatte vier oder fünf Gemächer für die Familie in den Stand ſetzen laſſen, in welchen ſie es ſo behaglich fanden, als man es in einer ſolchen Lage nur immer erwarten konnte. Alles war einfach und Vieles war roh; aber ſchirmendes Obdach, Wärme und Sicher⸗ heit waren nicht auſſer Acht gelaſſen und vernachläͤſſigt. 404 Einundzwanzigſtes Kapitel. Noch lang wird den gezückten Speer Des Häuptlings, ſcheue Angſt hier ſchau'n, Wird's der Vernunft vor einem Heer Von Schatten und Wahnbildern grau'n. Freneau. Es iſt nicht nöthig bei der Art und Weiſe zu verweilen, wie Herman Mordaunt und ſeine Geſellſchaft ſich in Ravensneſt ein⸗ richteten. Zwei oder drei Tage genügten ihnen, um es ſich ſo be⸗ haglich zu machen, als die Umſtände es irgend geſtatteten; dann gedachten Dirck und ich weiter zu ziehen, um die Ländereien von Mooſeridge aufzuſuchen. Mr. Worden und Jaſon lehnten Beide ab, weiter zu reiſen; der Mühlſitz, welchen der Letztere aufſuchte, befand ſich, wie ich jetzt erfuhr, auf dem Gute Herman Mordaunt's, und war einige Zeit der Gegenſtand einer Negotiation zwiſchen dem Pädagogen und dem Landeigenthümer geweſen. Was den Geiſtlichen betraf, ſo erklärte er, er ſehe da, wo er ſey, ein geeignetes„Feld“ für ſeine Miſſionsbeſtrebung; während leicht zu ſehen war, daß er ſtark bezweifelte, ob es da, wohin wir gehen wollten, Felder irgend einer Art gebe. Unſere Geſellſchaft, als wir Ravensneſt verließen, beſtand aus Dirck und mir, Guert, Mr. Traverſe, dem Landvermeſſer, drei Meßkettenträgern, Jaap oder Yaap, Guert's Diener, Pete, und einem Waldmann oder Jäger. Hiemit hätte unſere ganze Macht aus zehn rüſtigen und wohlbewaffneten Männern beſtanden. Man hielt jedoch für angemeſſen, noch zwei Indianer mitzunehmen, in der doppelten Eigenſchaft als Jäger und als Läufer oder Boten. Einer von dieſen Rothhäuten wurde Jumper(Springer) genannt in der Sprache der Niederlaſſung, wo wir ſie trafen; und der zweite Trackleß(Spurlos); dieſer Spitznamen war ihm gegeben wor⸗ den wegen der Eigenſchaft, die er beſaß, auf ſeinen Wanderungen und Märſchen wenige oder gar keine Spuren zurückzulaſſen. Dieſer 405⁵5 Indianer war etwa ſechsundzwanzig Jahre alt und hieß ein Mo⸗ hawk, da er mit dem Volke dieſes Stammes zuſammen lebte, ob⸗ gleich er in der That, wie ich ſpäter erfuhr, der Geburt nach ein Onondago war. Sein eigentlicher Name war Susqueſus, was „krumme Wendungen“ bedeutet; ein Name, der zu ſeinem Vortheil oder Nachtheil gedeutet werden konnte, je nachdem man ihn als Bezeichnung ſeiner moraliſchen oder phyſiſchen Eigenſchaften anſah. „Nehmt dieſen Mann in alle Wege mit Euch, Mr. Littlepage,“ ſagte Herman Mordaunt's Geſchäftsführer, als die Sache der Er⸗ örterung unterlag.„Ihr werdet ihn in den Wäldern ſo nützlich finden wie Euren Taſchenkompaß, außerdem daß er ein ziemlich guter Jäger iſt. Er ging von hier aus ab als Läufer, während des ſtärkſten Schnee's, im vorigen Winter, und es wurde ein Ver⸗ ſuch gemacht, ſeine Spur zu finden, nur eine halbe Stunde nach⸗ dem er die Lichtung verlaſſen hatte, aber ohne Erfolg. Er war noch nicht eine Meile weit in den Wäldern, als ſchon alle Spuren von ihm ſo vollſtändig verſchwunden waren, wie wenn er die Reiſe durch die Luft gemacht hätte.“ Da Susqueſus im Rufe der Nüchternheit ſtand, wie dieß bei den Onondago's nicht ſelten der Fall war, wurde der Mann in Dienſte genommen, obwohl Ein Indianer für unſere Zwecke hin⸗ reichend geweſen wäre. Aber der Springer war früher ſchon ge⸗ miethet worden; und es wäre, in unſrer Lage, gefährlich geweſen, einen rothen Mann dadurch zu beleidigen, daß man ihn gegen einen Andern aufgab, ſelbſt wenn man ihn für ſeine vereitelte Er⸗ wartung vollſtändig entſchädigt hätte. Daher nahmen wir auf Mr. Traverſe's Nath Beide. Der indianiſche oder mohawl'ſche Name Jumpers war Quißquiß, ein Ausdruck, der, wie ich glaube, nichts ſehr Ehrenvolles oder Berühmtes bedeutete. Die Mädchen legten die innigſte Theilnahme für uns an den Tag, als wir Abſchied nahmen; mehr, kam mir vor, als Beide je zuvor hatten blicken laſſen. Guert hatte mir im Vertrauen von 406 ſeinem Vorſatz geſagt, Mary Wallace wieder einen Heirathsantrag zu machen; und ich bemerkte die Spuren davon in den thränenvol⸗ len Augen und den flammenden Wangen ſeiner Geliebten. Aber in einem ſolchen Augenblick hält man ſich nicht lange damit auf, viel an ſolche Sachen zu denken; denn es ſtanden Thränen in An⸗ neke'ns Augen ſo gut wie in denen ihrer Freundin. Wir tauſchten tauſend gute und freundliche Wünſche und verſprachen den Verkehr zwiſchen den beiden Partien mittelſt unſerer Läufer wöchentlich zwei Mal zu unterhalten. Die Entfernung, wechſelnd zwiſchen fünfzehn und dreißig Meilen, geſtattete dieß wohl, da jeder der beiden Läufer ſte zu dieſer Jahreszeit in einem Tage mit größter Leichtigkeit zurück⸗ legen konnte. Am Ende ſollte ja auch die Trennung nur kurz ſeyn, denn wir hatten verſprochen, an Herman Mordaunt's fünfzigſtem Geburts⸗ tag, welcher in drei Wochen einſiel, herüber zu kommen und bei ihm zu Mittag zu eſſen. Dieſe Verabredung machte uns jungen Männern den Abſchied erträglich, und unſere natürliche Munterkeit that das Uebrige. Eine halbe Stunde nach dem letzten Frühſtück in Ravensneſt waren wir Alle auf unſerm Wege, getroſt, wo nicht eigentlich vergnügt. Herman Mordaunt begleitete uns drei Meilen weit, bis an das Ende ſeiner Anſiedlungen und bis an den Saum des Urwaldes. Hier verabſchiedete er ſich von uns und wir verfolg⸗ ten mit der größten Emſigkeit und Aufmerkſamkeit Stunden lang unſern Weg, der Compaß unſer Führer, bis wir die Ufer eines kleinen Fluſſes erreichten, welcher unſerer Vorausſetzung nach etwa drei oder vier Meilen von den ſüdlichen Grenzen des von uns ge⸗ ſuchten Patents lag. Ich ſage unſerer Vorausſetzung nach; denn es herrſchte und herrſcht, glaube ich, noch große Unſicherheit in Be⸗ treff der Grenzen der verſchiedenen Güter und Beſitzungen in den Wäldern. Am Ufer dieſes Fluſſes, welcher tief aber nicht breit war, rief uns der Landvermeſſer ein Halt! zu, und wir trafen unſere Vorkehrungen zum Mittagsmahl. Leute, die ſo weit und ſo raſch 407 gegangen waren, wie wir, machten nur wenig Umſtände; und zwan⸗ zig Minuten lang waren Alle lediglich mit Stillung ihres Hungers beſchäftigt. Sobald jedoch dieß abgethan war, ſo berief Mr. Tra⸗ verſe die Indianer zu dem gefallenen Baum, auf welchen wir uns geſetzt hatten, und es ergab ſich jetzt die erſte Gelegenheit, das Maß der Intelligenz der beiden Läufer auf eine Probe zu ſtellen. Zu⸗ gleich wurde auch der erſte Meßkettenträger, ein Mann, der ſein ganzes Leben in ſeinem dermaligen Berufe hingebracht hatte, in folgender Weiſe mit in die Berathſchlagung verflochten: „Wir find jetzt an den Ufern dieſes Fluſſes, und ungefähr an dieſer Krümmung deſſelben,“ begann der Landvermeſſer, auf die Krümmung des Fluſſes auf einer vor ihm ausgebreiteten Karte deu⸗ tend, an welcher wir, nach ſeiner Vorausſetzung, eben jetzt ſtanden; „und das Nächſte iſt nun, daß wir den Hügelrücken auffinden, auf welchem das Elenn getödtet wurde, und über welchen, wie wir wiſſen, die Linie des von uns geſuchten Patents hinläuft. Dieſe Urkunde über das Patent weist uns an, einen Punkt aufzuſuchen, etwa eine oder anderthalb Meilen aufwärts von dieſer Krümmung des Fluſſes— eine ſchwarze Eiche, deren Wipfel vom Winde ab⸗ geknickt iſt, die inmitten eines Dreiecks ſtehe, gebildet durch drei Ka⸗ ſtanienbaume. Ich meine, Ihr habt mir geſagt, David, daß Ihr nie eine Meßkette auf einem dieſer Hügel getragen habt?“ „Nein, Sir, niemals,“ antwortete David, der ſchon erwähnte alte Meßkettenträger,„mein Geſchäft hat mich nie ſo weit öſtlich geführt.— Eine ſchwarze Eiche, beſonders kenntlich gemacht, der Wipfel vom Wind gebrochen und zwiſchen drei Kaſtanienbäumen ſtehend,— nun die kann doch gewiß nicht ſo gar ſchwer zu finden ſeyn für Jemand, der nur ein wenig mit der Gegend bekannt iſt. Dieſe Indianer werden wohl am eheſten den Baum kennen, wenn ſie überhaupt von Haus aus mit der Gegend bekannt ſind.“ Einen Baum kennen! Wir waren jetzt, und ſchon ſeit vielen Stunden, im Herzen des Waldes, und Bäume zu Tauſenden ſtan⸗ 408 den um uns herum: Bäume hatten ſich während unſeres Marſches erhoben, wie Horizont um Horizont ſich auf dem Meerre erhebt, und dieſer Meßkettenträger bildete ſich ein, es müſſe für Einen, der oft dieſe dunkeln, unbewohnten Labyrinthe durchwandert habe, mög⸗ lich ſeyn, einzelne von dieſen zahlloſen Eichen, Buchen und Fichten wieder zu erkennen! Dennoch ſchien Mr. Traverſe die Aeußerung David's gar nicht ſo ungeheuerlich zu finden, denn er wandte ſich zu den Indianern und redete ſie an. „Wie iſt's?“ fragte er;„Springer, wißt Ihr Etwas von einem ſolchen Baum, wie ich ihn beſchrieben habe?“ „Nein!“ war die kurze, bündige Antwort. „Dann, fürchte ich, iſt wenig Hoffnung vorhanden, daß Spur⸗ los Mehr weiß, da Ihr ein geborener Mohawk ſeyd, und er, wie man mir ſagt, eigentlich ein Onondago. Was ſagt Ihr, Spurlos? könnt Ihr uns den Baum auffinden helfen?“ Mein Auge war auf Susqueſus geheftet, von dem Augenblick an, wo der Indianer Erwähnung geſchah. Da ſtand er, aufrecht und grade wie der Stamm einer Tanne, leicht und gelenkig von Perſon, ohne andere Kleider als ſeine Hoſen, Mokkaſins, und ein blaues Calikohemd um die Lenden gegürtet mit einem Scharlachband, durch welches die Handhabe ſeines Tomahawk geſchoben, und an welchem ſeine Jagdtaſche ſammt Pulverhorn befeſtigt war, während er die Büchſe, den Kolben abwärts, an ſich gelehnt hatte. Trackleß (Spurlos) war ein ausgezeichnet ſchöner Indianer, und die unan⸗ genehmen Eigenthümlichkeiten ſeines Volkes waren nur ſchwach in ſeinem Geſicht und ſeiner Geſtalt angedeutet; während die edlern und ſchönern Eigenſchaften ſehr ſtark hervortraten. Seine Naſe war beinahe adlerartig, ſein Auge, dunkel wie die Nacht, war be⸗ weglich und durchdringend, ſeine Glieder Apollo⸗mäßig, und ſeine Stirne und Miene hatten ganz die furchtloſe Würde eines Kriegers, verbunden mit natürlicher Grazie. Der einzige auffallende Mangel war in ſeinem Gang bemerklich; denn, nach Art der Indianer, ging 409 er mit einwärts gekehrten Zehen und mit nicht geſtreckten Knien; aber dagegen waren ſeine Bewegungen leicht, ſpringend und behende. Seiner Geſtalt nach erſchien er mir als das wahre Ideal eines Läufers. Während der Landvermeſſer geſprochen, hatte das Auge des Sus⸗ queſus dem Anſchein nach ins Leere hinausgeſtarrt, und ich hätte den ſchärfſten Beobachter herausfordern mögen, in den Geſichtszügen dieſes Stoikers der Wälder eine Spur davon zu entdecken, daß er die mindeſte Kunde von dem nehme, was eben verhandelt wurde. Es war nicht ſeine Sache zu ſprechen, wenn ein älterer Läufer und älterer Krieger— beides war nämlich der Springer— anweſend war, und er wartete ab, ob Andere, die Mehr wiſſen konnten, mit ihrem Wiſſen herausrückten, ehe er das ſeinige preisgab. Aber als er ſo unmittelbar aufgefordert wurde, verſchwand alle Zurückhaltung und er trat zwei oder drei Schritte vor, warf einen neugierigen Blick auf die Landkarte und legte ſogar einen Finger auf den Fluß, deſſen unregelmäßigen Lauf er auf der Karte verfolgte, ganz wie ein Kind einem ſolchen Gegenſtand nachgehen würde, der ſeine Auf⸗ merkſamkeit auf ſich zöge. Susqueſus wußte Wenig von Karten, das war ganz klar; aber die Folge zeigke, daß er ſehr Viel von den Wäldern, dem natürlichen Felde ſeiner Thätigkeit, wußte. „Nun, was haltet Ihr von meiner Karte, Trackleß?“ wieder⸗ holte der Landvermeſſer.„Iſt ſie nicht nach Eurem Geſchmacke entworfen?“ „Gut!“ erwiederte der Onondago mit Nachdruck.„Jetzt zeigt dem Susqueſus Eure Eiche.“ „Hier iſt ſie, Trackleß. Ihr ſeht, es iſt ein Baum, mit Tinte gezeichnet, mit abgebrochenem Wipfel, und hier ſind die drei Ka⸗⸗ ſtanienbäume, eine Art Dreieck um ihn herum bildend.“ Der Indianer beſah den gezeichneten Baum mit einigem Inte⸗ reſſe und ein leiſes Lächeln erhellte ſein ſchönes obwohl dunkles Ge⸗ ſicht. Offenbar gefiel ihm dieſer Beweis von Genauigkeit bei den 3 410 Landvermeſſern der Colonie, und ohne Zweifel flößte ihm die Treue ihres Werkes einen um ſo beſſern Begriff von ihnen ein. „Gut!“ wiederholte er mit ſeiner leiſen, gutturalen, beinahe weiblichen Stimme, die einen ſo ſanften und milden Ton hatte. „Sehr gut. Die Bleichgeſichter wiſſen Alles! Nun möge mein Bruder auch den Baum ſelbſt finden!“ „Das iſt leichter geſagt als gethan, Susqueſus,“ antwortete Traverſe lachend.„Etwas Anderes iſt, einen Baum auf eine Land⸗ karte zeichnen, und etwas Anderes, ſeine Wurzel auffinden, ſo wie er im Walde ſteht, umgeben von Tauſenden andrer Bäume.“ „Das Bleichgeſicht muß ihn zuerſt ſehen, wie denn ſonſt ihn malen? Wo der Maler?“ „Ja, der Landvermeſſer hat den Baum einmal geſehen und ihn einmal ſich gemerkt, aber damit iſt er noch nicht wiedergefunden. Könnt Ihr mir ſagen, wo die Eiche ſteht? Mr. Littlepage wird dem Mann, der den Punkt findet, eine franzöſiſche Krone geben. Stellt mich nur irgendwo auf die Linie der alten Vermeſſung, ſo will ich Niemand weiter nach Etwas fragen.“ „Gemalter Baum da,“ ſagte Susqueſus, etwas höhniſch, wie mich dünkte, auf die Karte deutend.„Bleichgeſicht kann ihn nicht im Walde finden. Lebendiger Baum dort! Indianer weiß.“ Trackleß deutete mit großer Würde gegen Nordoſten, und ſtund während der Zeit bewegungslos wie eine Bildſäule, als wollte er die allerſchärfſte Prüfung herausfordern zur Unterſuchung der Rich⸗ tigkeit ſeiner Behauptung. „Könnt Ihr uns zu dem Baum hinführen?⸗ fragte Traverſe lebhaft.„Thut es, und das Geld iſt Euer!“ Susqueſus machte eine zuſtimmende Geberde; dann machte er ſich daran, die ſpärlichen Ueberbleibſel ſeines Mittagsmahls zu ſam⸗ meln, eine Vorſicht, die wir ihm nachmachten, da ein Nachteſſen in einigen Stunden ebenſo erwünſcht ſeyn mußte, als das ſo eben eingenommene Mahl. Nachdem Alles weggeräumt und die Päcke 411 auf unſern Schultern waren— nicht auf den Schultern der Indi⸗ aner, denn ſie ließen ſich ſelten herab, Laſten zu tragen, was ein Geſchäft für Weiber war— ſtellte ſich Trackleß an unſere Spitze und führte uns in der bezeichneten Richtung. Wohl verdiente, wie mir ſchien, der Onondago ſeinen Namen, wie er durch den dunklen, düſtern Wald hin, ohne Pfad, ohne Merkzeichen, ohne irgend eine für ein anderes Auge erkennbare Spur ſeinen Weg fand. Sein Gang hielt die Mitte zwiſchen eigentlichem Schritt und gelindem Trab, und wir mußten alle Kraft unſerer Muskeln aufbieten, um nicht hinter ihm zurückzubleiben. Er ſchaute weder rechts noch links, ſondern ſchien ſeinen Weg zu verfolgen, geleitet von einem Inſtinkt, oder ſo wie der Hund mit der ſcharfen Spürkraft den unſichtbaren Spuren des Wildes folgt. Dieß dauerte etwa zehn Minuten, wo Traverſe wieder Halt! rief, und wir uns zur Berathung zuſammen thaten. „Wie weit glaubt Ihr, daß es noch bis zu dem Baum ſey, Onondago?“ fragte der Landvermeſſer, ſobald die ganze Geſellſchaft in einem Kreiſe verſammelt war.„Ich habe einen Grund, dieß zu fragen.“ „So viele Minuten,“ antwortete der Indianer, fünf Finger, oder den Daumen und die vier Finger ſeiner rechten Hand empor⸗ ſtreckend.„Eiche mit gebrochenem Wipfel und Merkzeichen von Bleich⸗ geſichtern dort!“ Die Genauigkeit und Zuverſicht, womit Spurlos den Punkt bezeichnete, überraſchte mich nicht wenig, denn ich konnte mir nicht vorſtellen, wie ein menſchliches Weſen es dahin bringen konnte, eines ſolchen Umſtandes ſo ganz zweifellos gewiß zu ſeyn unter den Umſtänden, worin wir uns befanden. Aber ſo war es, und ſo wies es ſich am Ende aus. Inzwiſchen fuhr Traverſe fort, ſeine eigenen Plane zu verfolgen. „Da wir dem Baume ſo nahe ſind,“ ſagte der Landvermeſſer, denn er ſetzte nicht den mindeſten Zweifel in die Genauigkeit der 412 Angabe des rothen Mannes,„müſſen wir auch der Linie nahe ſeyn. Die letztere läuft auf dieſer Seite des Patents nördlich und ſüdlich, und wir werden ſie bald durchkreuzen. Zerſtreut Euch daher, Meßkettenträger, und ſeht Euch um nach Bäumen mit Brandzeichen; denn man mag mich, wo man will, auf die Grenzen hinſtellen, ich ſtehe dafür, daß ich jede Eiche, Buche und jeden Ahornbaum finden will, der angegeben iſt.“ Sobald dieſer Befehl gegeben war, gehorchten ſämmtliche Unter⸗ gebene des Landvermeſſers, erweiterten ihre Marſchlinie, und brei⸗ teten ſich dergeſtalt aus, daß ſie in der That viel beſſer im Stande waren, in größerem Umkreis Beobachtungen anzuſtellen. Als Alles bereit war, wurde dem Indianer ein Zeichen gegeben, weiter zu gehen. Susqueſus gehorchte, und bald waren wir wieder Alle in raſcher Bewegung. Guert bei ſeiner Rüſtigkeit und Kraft war im Stande dem Onondago zunächſt zu folgen, und ein freudiger Schrei aus einer kräftigen, volltönenden Kehle verkündete zuerſt das vollſtändige Ge⸗ 1 lingen der Nachforſchung. In einem Augenblick drangen wir Uebri⸗ gen vor und hatten bald das Ziel unſerer Reiſe erreicht. Da ſtand Susqueſus, ruhig an den Stamm der gebrochenen Eiche ſich lehnend, cohne den leiſeſten Ausdruck von Triumph in ſeiner Miene oder in ſei⸗ nem ganzen Weſen. Was er gethan hatte, das hatte er ganz als das Allernatürlichſte gethan, ohne daß eine Anſtrengung, oder eine Un⸗ ſicherheit ſichtbar geworden wäre. Für ihn hatte der Wald ſeine Zeichen und Abſchnitte und Merkmale— ſo wie der Bewohner der ungeheuern Hauptſtadt ſeine Mittel beſitzt, in ihrem Labyrinth mit der Leichtigkeit ſich zurecht zu finden, welche die Folge vertrauter, altgewohnter Bekanntſchaft iſt. Was Traverſe betrifft, ſo beſichtigte er zuerſt den Wipfel des Baumes, wo er den angemerkten Bruch und Riß fand; dann ſah er ſich um nach den drei Kaſtanienbäumen, von welchen jeder an ſeinem Platze war; und dann trat er näher, um nach den beſtimmten Zeichen zu ſehen, die für den Mann vom Fach berechnet waren und ſie fanden ſich auch; drei Seiten der Ciche, 413 nach innen gewendet, waren geſchält, zum Zeichen, daß es ein Grenzbaum und Winkelbaum war; und die vierte, welche keine ſolche Spur an ſich trug, ging nach Außen, abgewendet von dem Patent Mooſeridge. Gerade als alle dieſe erwünſchten Umſtände ermittelt wurden, verkündeten die freudigen Rufe der Meßkettenträger ſüdlich von uns, daß ſie die Linie entdeckt hatten— denn Männer ihrer Art waren ebenſo ſcharfſichtig in Auffindung ihrer eigenthümlichen Merkzeichen, wie der Eingeborne des Waldes es iſt, wenn es gilt, den Weg zu finden an einem Ort wo er einmal geweſen, und den er etwa wieder beſuchen will. Der Linie folgend, trafen die Männer bald bei uns ein, worauf ſie uns die weitere Nachricht brachten, daß ſie wirklich das Skelett des Elennthieres gefunden, welches dem Beſitzthum ſeinen Namen gegeben hatte. So weit war Alles gut, und unſer Erfolg übertraf weit unſre Hoffnungen. Die Jäger wurden ausgeſandt um eine Quelle zu ſuchen; und nachdem ſie in geringer Entfernung eine gefunden, be⸗ gaben wir uns Alle dahin und bereiteten uns für die Nacht eine Lagerſtätte. Nichts konnte einfacher ſeyn als unſer Lager, denn es beſtand aus Zelten von Baumzweigen gemacht, und zu Betten hatten wir Laub und Häute. Am nächſten Tage jedoch, wo Traverſe die Lage für ſeine Arbeit günſtig fand, beſchloß er die Stelle zu ſeinem Hauptquartier zu wählen; und wir Alle machten uns an die Er⸗ richtung eines Blockhauſes, worin wir eine Zuflucht im Fall eines Gewitters finden, und wo wir unſere Werkzeuge, Geräthſchaften, entbehrliche Munition und die Vorräthe, die wir auf dem Rücken tragend mit uns gebracht hatten, niederlegen könnten. Da Alle mit beſtem Eifer und Fleiß an der Errichtung dieſes rohen Gebäu⸗ des arbeiteten, und die Arbeiter im Gebrauch der Art ſehr bewan⸗ dert waren, hatten wir es bis zum nächſten Sonnenuntergang bei⸗ nahe fertig. Traverſe wählte dieſen Platz, weil er gutes Waſſer im Ueberfluß hatte, und ein kleiner Bühl in der Nähe der Quelle war, bedeckt mit jungen Fichten, die etwa vierzehn oder fünfzehn 414 Zoll im Durchmeſſer hielten, während ſie beinahe hundert Fuß hoch empor wuchſen, mit wenigen Aeſten, und ſo gerade wie der Onondago. Dieſe Bäume wurden gefällt, in Stücke von zwanzig und dreißig Fuß Länge zerhauen, an den Enden gekerbt und abwech⸗ ſelnd in einander geſchoben und geſchichtet, ſo daß ſie einen Raum einſchloſſen, der um ein Drittheil länger war als breit. Die Ker⸗ ben waren tief, ſo daß die Holzblöcke nur zwei oder drei Zoll von einander abſtanden; und die Zwiſchenräume wurden mit Stücken ge⸗ ſpaltenen Kaſtanienbaumholzes ausgefüllt; eine Holzart welche leicht und in geraden Linien ſplittert; und dieſe Stücke wurden feſt in die Lücken hineingetrieben, ſo daß ſie weder Wind noch Regen ein⸗ ließen. Da das Wetter warm und das Gebäude jedenfalls ziemlich luftig war, ließen wir die Fenſtereinſchnitte weg, hatten aber eine ſchmale Thüre in der Mitte einer der längeren Seiten. Zum Dach bedienten wir uns der Rinde der Schierlingstanne, welche in dieſer Jahrszeit in großen Stücken abſprang, und welche auf Pfähle ge⸗ legt wurde, die man mittelſt eines Querbalkens ſo hoch als man wollte, anſteigen ließ. Auf dieſe Art entſtand eines der gewöhnlichen Blockhäuſer der neuen Anſiedlungen, jedoch in kunſtloſerer Weiſe und mit größerer Eilfertigkeit als gewöhnlich der Fall war. Wir hatten keinen Ka⸗ min, denn unſer Kochen konnten wir im Freien beſorgen; und auf das Werk überhaupt und deſſen zierliche Vollendung ward weni⸗ ger Aufmerkſamkeit verwendet, als wohl geſchehen ſeyn würde, wenn wir die Abſicht gehabt hätten, den Winter hier zuzubringen. Der Fußboden war ziemlich grob, aber er erhob uns etwas über die Erde und machte unſer Quartier vollkommen trocken; ein Vortheil, den man in den Wäldern nicht immer hatte. Er beſtand aus auf drei Seiten roh behauenen Holzblöcken auf Unterhölzern ruhend. Zu meiner Ueberraſchung gab Traverſe die Weiſung, eine Thüre von geſpaltenen Scheitern zu machen, welche mittelſt Querhölzer an einander genagelt wurden und die in den gewöhnlichen hölzernen +2 R 8———⁴—— N 415 Angeln hing. Als ich von dieſem als einer unnöthigen Arbeit ſprach, deren Vollendung zwei Männer einen ganzen Tag in An⸗ ſpruch nehme, erinnerte er mich daran, daß wir weit über die An⸗ ſiedlungen vorgedrungen ſeyen; daß ein lebhaft geführter Krieg rings um uns im Gange ſey, und daß die Agenten der Franzoſen ſehr geſchäftig geweſen unter unſern Stämmen, während die in Canada oft ihre Streifparteien bis weit in unſere Grenzen hinein vorſchoben. Er habe immer ein Gefühl ebenſowohl von Genugthuung als von Sicherheit empfunden, wenn er eine Art Citadelle gehabt, in die er ſich habe zurückziehen können, wenn er Vermeſſungen an ſo aus⸗ geſetzten Punkten angeſtellt; und er vernachläßige daher nie die nöthige Vorſicht, wenn er ſich auch nur der mindeſten Gefahr aus⸗ geſetzt glaube. Wir brauchten eine ganze Woche zur vollſtändigen Herſtellung unſeres Hauſes; aber nach dem erſten Tage befaßten ſich auch der Landvermeſſer und ſeine Meßkettenträger nicht mehr weiter mit die⸗ ſer Arbeit, als daß ſie gelegentlich einen Rath gaben. Traverſe und ſeine Männer gingen ihrem beſondern Geſchäft nach, die Linien zu ziehen, um das Patent in die großen Loostheile zu vertheilen, von welchen jedes tauſend Aecres enthalten ſollte. Es muß erwähnt werden, daß die Vermeſſungen zu jener Zeit in der liberalſten Weiſe ſtatt fanden, ſo daß unſere vierzigtauſend Acres, wie ſich am Ende ergab, auf volle dreitauſend mehr ſich beliefen. So war es auch mit der Untereintheilung des Patents, von welchem jedes Stück auch mehr als die nominelle Fläche enthielt. Angebrannte Bäume und in die Rinde gehauene Merkzeichen dienten, die Linien anzuzeigen, während eine Karte gleichen Schritt mit der Arbeit hielt, und das Feldbuch eine Beſchreibung jedes Loostheils enthielt, damit der Ei⸗ genthümer des Gutes einige nähere Begriffe von der Beſchaffenheit des Bodens und der Oberfläche, ſo wie von der Beſchaffenheit und Größe der darauf ſtehenden Bäume erhalte. Die urſprünglichen Landvermeſſer, diejenigen, deren Arbeiten 416 dem von dem König bewilligten Patent zu Grunde lagen, hatten eine vergleichungsweiſe geringfügige Aufgabe zu erfüllen. So lang ſie nur einen erträglich richtigen Umriß von einem Areal gaben, welches vierzigtauſend Acres Land, etwas mehr oder weniger, ent⸗ halten ſollte, und keinen Uebergriff auf ſchon vergebenes Land ſich zu Schulden kommen ließen, konnte kein ſehr bedeutender Fehler und Schaden vorkommen, da in der Colonie kein Mangel an Bo⸗ denfläche war; aber Mr. Traverſe mußte etwas mehr ins Einzelne herabſteigen. Es iſt wahr, er vermaß ſeine hundert Aeres täglich, indem er die Winkel bezeichnete und die auf der Linie ſtehenden Bäume anſchälte oder anbrannte, wie es der Brauch iſt; aber er hatte doch nahezu die Arbeit eines Sommers vor ſich; dieß begriff er ſehr gut, und ſein Verfahren war ſo methodiſch und überlegt, wie die Beſchaffenheit ſeiner Lage und Aufgabe es erheiſchte. In ſehr wenigen Tagen waren die Dinge in ordentlichen Gang gekommen und Jeder auf irgend eine nutzenbringende Weiſe be⸗ ſchäftigt. Die landvermeſſende Geſellſchaft machte ſehr befriedigende Fortſchritte und theilte und maß ihre größern Looſe von einem Tage zum andern ab, während Dirck und ich die Bemerkungen über ihre Be⸗ ſchaffenheit aufſetzten, welche Mr. Traverſe uns diktirte. Guert that Wenig außer Schießen und Fiſchen, und hielt unſere Vorrathskam⸗ mer gut verſehen mit Forellen, Tauben, Eichhörnern und dergleichen, ſo gut die Jahreszeit es geſtattete, wo man doch manchmal auf ein freilich mageres Stück Wildpret ſtieß. Die Jäger lieferten auch ihren Theil Nahrungsmittel; und es ging uns in dieſem Punkte ganz gut, zumal da es Forellen im Ueberfluß gab. Yaap, oder Jaap, wie ich ihn in Zukunft nennen will, und Pete verrichteten die häuslichen Geſchäfte und übernahmen die Rolle von Köchen und Aufwärtern, obgleich der Erſtere viel beſſer geeignet war den Dienſt eines Waldmanns zu verſehen. Die zwei Indianer thaten die erſten vierzehn Tage nicht viel, als zwiſchen Ravensneſt und Mooſeridge hin und her laufen, wobei ſie Briefe und Botſchaften —— . u—— 8— 417 hin und her trugen und den Jägern als Führer dienten, welche während dieſer Friſt auch zweimal hin und her gingen, um uns Vorräthe von Mehl, Gewürzen und ſonſtigen Bedürfniſſen zu ho⸗ len; denn kein Verſprechen vermochte die Indianer dazu, Etwas zu tragen, was entweder dem Gewicht oder dem Ausſehen nach ſich einer Laſt näherte. Die landvermeſſende Geſellſchaft kehrte nicht immer des Nachts in die Hütte zurück, ſondern kampirte auswärts, wie ſie es nann⸗ ten, ſo oft ihr Geſchäft ſie weit auf die entgegengeſetzte Seite des Landſtrichs führte. Mr. Traverſe hatte den Punkt für ſein Haupt⸗ quartier mehr im Hinblick auf die Nähe der Anſiedlung zu Ravens⸗ neſt gewählt, als mit Berückſichtigung der Lage des Patents im Ganzen. Es lag ſo ziemlich in der Mitte des Patents, was die nördliche und ſüdliche Grenze betraf, aber ganz auf der weſtlichen Seite des Beſitzthums. Wie ſich daher die Vermeſſungen nach Oſten hin zogen, war er oft zu weit von dem Gebäude entfernt, als daß er jede Nacht zurückkommen konnte, obgleich ſein Ausbleiben nie über den Abend des dritten Tages hinaus ſich erſtreckte. In Folge dieſer Einrichtung waren ſeine Leute im Stande, die Nahrungs⸗ mittel, deren ſie für die Zeit ihres Wegſeyns bedurften, ohne Un⸗ bequemlichkeit mit ſich zu führen, und ſie kamen zurück, um friſche Vorräthe zu holen, wenn die gezogenen Linien ſie wieder nach Weſten führten. Die Sonntage wurden von uns Allen ſtreng als Ruhetage gehalten; eine Achtung des geheiligten Tages, an die man ſich in den Wäldern nicht immer bindet; denn Wer in der Einſamkeit der Wälder lebt, wie derjenige, der über die Wüſten des Oceans dahinſchweift, vergißt oft, daß der Geiſt des Schöpfers uns gleichmäßig auf dem Land und auf dem Meer nahe iſt, bereit die Huldigung von ſeinen Geſchöpfen zu empfangen, welche ein Tribut iſt, den ſich gebührt zu zollen einer unbegrenzten Güte, einer fleckenloſen Heiligkeit, einer weſenhaften, unveränderlichen Wahrhaftigkeit. Satanstoe. 27 418 Wenn Jumper oder Trackleß von ihren beſtändig erneuten Be⸗ ſuchen bei unſern Nachbarn zurückkamen, erwarteten wir jungen Leute mit Ungeduld den Brief, welchen der Bote gewiß mitbringen mußte; dieſer Brief war manchmal von Herman Mordaunt ſelbſt geſchrieben, öfter aber von Anneke oder von Mary Wallace. Er war an Keinen namentlich adreſſirt, ſondern hatte immer die gleiche neberſchrift:„An die Einſiedler von Mooſeridge;“ auch lag in der Sprache Nichts, was eine beſondere Aufmerkſamkeit für den Einen oder den Andern von der Geſellſchaft verrathen hätte. Viel⸗ leicht hätte es uns beſſer gefallen, wenn wir hätten Briefe bekom⸗ men können, welche in dieſem Punkte ein etwas ſchärferes Gepräge gehabt hätten; aber die uns wirklich zukommenden waren viel zu köſtlich, als daß ſie wirklich ernſten Grund zu Klagen hätten geben können. Einer von Herman Mordaunt erreichte uns am Abend des zweiten Samsstags, wo unſere ganze Geſellſchaft zu Hauſe und ums Nachteſſen verſammelt war. Er wurde überbracht von dem „Spurloſen“ und enthielt unter Anderem Folgendes: „Wir erfahren, daß bei den Armeen die Sachen jede Stunde ein ernſthafteres Ausſehen bekommen. Unſere Truppen rücken in großen Schaaren nach Norden vor, und man ſagt, daß die Fran⸗ zoſen Verſtärkungen an ſich ziehen. Da wir außer der geraden Marſchlinie und volle dreißig Meilen hinter den alten Schlachtfel⸗ dern uns befinden, würde ich gar keine Beſorgniſſe empfinden, wäre nicht ein Gerücht, das mir zu Ohren kommt, daß die Wälder voll von Indianern ſeyen. Ich weiß recht gut, daß ein ſolches Gerücht unausbleiblich das Herannahen von Feindſeligkeiten an den Grenz⸗ anſiedlungen begleitet, und nur mit großen Einſchränkungen ge⸗ glaubt werden darf, aber es iſt ſo wahrſcheinlich, daß die Franzo⸗ ſen ihre Wilden auf dieſer Flanke unſerer Armee vorſchieben werden, um ſie im Vorrücken zu beläſtigen, daß ich geſtehen muß, das Ge⸗ rücht macht einigen Eindruck auf mich. Wir haben uns noch ſtär⸗ ker befeſtigt, und ich möchte Euch rathen, eine ſolche Vorſicht nicht 419 ganz zu vernachläßigen. Die kanadiſchen Indianer ſollen ſchlauer und feiner ſeyn als die unſerigen, auch iſt die Regierung nicht ganz ohne Beſorgniß, es möchten auch die unſerigen gegen uns aufge⸗ ſtiftet worden ſeyn. Es hieß ſchon in Albany, man habe viel fran⸗ zöſiſches Silbergeld in den Händen der Leute von den Sechs Na⸗ tionen geſehen; und ſelbſt franzöſiſche Decken, Meſſer und Toma⸗ hawks fänden ſich in größerer Menge bei ihnen, als ſich aus den gewöhnlich bei ihrer Kriegführung vorkommenden Plünderungen er⸗ klären laſſe. Einer von Euren Läufern, der Mann, den man Track⸗ leß nennt, ſoll auſſerhalb ſeines eignen Stammes leben, und ſolche Indianer ſind immer verdächtig. Ihre Trennung von den Ihrigen rührt manchmal von Urſachen her, die ihnen zur Ehre gereichen, weit öfter aber von Urſachen entgegengeſetzter Art. Es dürfte ge⸗ rathen ſeyn, ein wachſames Auge auf das Benehmen dieſes Men⸗ ſchen zu haben. Am Ende ſtehen wir aber in den Händen eines gütigen und gnädigen Gottes, und wir wiſſen, wie oft ſeine Barm⸗ herzigkeit uns in ſchwereren Fällen und Gefahren als dieſe geret⸗ tet hat.“ Dieſer Brief ward mehrere Male von uns, Mr. Traverſe ein⸗ geſchloſſen, geleſen. Da die Meiſten von unſrer Geſellſchaft ſo weit von uns weg, daß ſie uns nicht hören konnten, mit Eſſen beſchäf⸗ tigt waren, und die Indianer uns verlaſſen hatten, veranlaßte der Brief natürlich ein Geſpräch, welches ſich mit den Gefahren be⸗ ſchäftigte, denen wir ausgeſetzt waren, und mit der Wahrſcheinlich⸗ keit, daß der Susqueſus falſch ſeyn könnte. „Was das Gerücht anlangt, daß die Wälder voll von India⸗ nern ſeyen,“ bemerkte der Landvermeſſer ruhig,„ſo verhält es ſich damit ganz ſo, wie Herman Mordaunt ſchreibt— man ſieht nie eine Decke, ohne daß die Sage einen ganzen Ballen daraus macht. Es ſteht Gefahr zu beſorgen von den Wilden, das will ich zugeben, aber nicht halb ſo viel als die Anſiedler ſich gewöhnlich einbilden. Was die Franzoſen betrifft, ſo werden ſie aller ihrer Wilden bei Ty 420 benöthigt ſeyn; denn man hat mir geſagt, General Abercrombie rücke mit dreifach ſtärkerer Mannſchaft gegen ſie an.“ „Wenigſtens mit ſo großer Ueberlegenheit,“ verſetzte ich;„aber iſt es nicht am Ende doch wahrſcheinlich, daß ein ſcharfblickender Offizier in der hier angegebenen Weiſe ſeine Flanke zu beunruhi⸗ gen ſuchen ſollte?“ „Wir befinden uns volle vierzig Meilen öſtlich von der Marſch⸗ linie; und wie ſollten ſich einzelne Parteien ſo fern vom Feinde weg ziehen?“ „Selbſt bei dieſer Vorausſetzung würden die Feinde gerade zwi⸗ ſchen uns und unſre Freunde zu ſtehen kommen; an ſich eine nicht ſehr tröſtliche Ausſicht. Aber was haltet Ihr von der Warnung den Onondago betreffend?“ „Daran mag etwas Wahres ſeyn— mehr als an dem Ge⸗ rücht, daß die Wälder voll von Wilden ſeyen. Es iſt gewöhnlich ein ſchlimmes Zeichen, wenn ein Indianer ſeinen Stamm verläßt; und dieſer unſer Läufer iſt ganz gewiß ein Onondago; das weiß ich, denn der Burſche hat zweimal Num ausgeſchlagen. Brod nimmt er, ſo oft man es ihm anbietet; aber Rum hat ſeine Lip⸗ pen nicht benetzt, ſeit ich ihn geſehen habe, mochte man ihm den⸗ ſelben bei ſchönem oder ſchlechtem Wetter anbieten.“ „Das iſt ein ſchlimmes Zeichen„“ bemerkte Guert, in einem für ihn etwas zuverſichtlich behauptenden Tone.„Der Mann, der in guter Geſellſchaft ſein Glas ausſchlägt, hat gewöhnlich etwas Fehlerhaftes in ſeinem moraliſchen Charakter.— Ich halte mich im⸗ mer entfernt von ſolchen Burſchen.“. Der gute Guert! Wie wahr war dieß, und welch einen Einfluß hatte die Meinung auf ſeinen Charakter und ſeine Lebensgewohn⸗ heiten. Ich ſelbſt konnte den Indianer nicht ſo hart beurtheilen. In ſeinem Geſicht lag Etwas, das mich geneigt machte, Vertrauen in ihn zu ſetzen, in dem Augenblick, wo ſein kaltes, abweſendes Be⸗ N Bͤͤ— N 421 nehmen— kalt und abweſend ſelbſt für eine Rothhaut in Geſell⸗ ſchaft von Bleichgeſichtern— Zweifel und Mißtrauen erregte. „Gewiß, Nichts iſt für einen Mann in ſeiner Lage leichter, als uns zu verkaufen,“ verſetzte ich nach einer kurzen Pauſe,„wenn er dazu Luſt hat. Aber was könnten die Franzoſen damit gewinnen, wenn ſie eine ſo friedlich beſchäftigte Geſellſchaft wie dieſe abſchnit⸗ ten? Es kann für ſie von keiner Bedeutung ſeyn, ob Mooſeridge dieß Jahr oder das nächſte in Loostheile vermeſſen wird.“ „Ganz wahr; und ich bin der Meinung, daß es Monſieur Montealm ſehr gleichgültig iſt, ob es überhaupt vermeſſen wird oder nicht,“ erwiederte Traverſe, der ein geſcheidter und leidlich ge⸗ bildeter Mann war.„Ihr vergeßt jedoch, Mr. Littlepage, daß beide Parteien dergleichen Dinge ausbieten, wie Preiſe für Skalpe! Ein Hurone kümmert ſich wohl wenig um unſre Linien, Winkel und Markbäume; aber er kümmert ſich viel darum, ob er mit leerer Schnur wieder heim kommt, oder mit einem Halbdutzend menſch⸗ licher Skalpe an ſeinem Gürtel.“ Ich bemerkte, daß Dirck mit der Hand durch ſein buſchiges Haar fuhr und ſein für gewöhnlich ſo gleichmüthiges Geſicht einen entrüſteten und halb wilden Ausdruck annahm. Etwas beluſtigt da⸗ durch ſchritt ich nach dem Holzblock hin, auf welchem Susqgueſus, nachdem er ſeine Mahlzeit beendigt hatte, in ernſtem Schweigen ſaß. „Was bringt Ihr uns Neues von den Rothröcken, Trackleß?“ fragte ich mit ſo vieler Unbefangenheit, als ich annehmen konnte. „Sind ſie in hinlänglicher Anzahl auf den Beinen, die Franzoſen aufzufreſſen?“ „Seht die Blätter an; zählt ſie,“ antwortete der Indianer. „Ja, ich weiß, es iſt ihrer eine große Menge; aber was haben die Rothhäute im Sinne? Iſt die Streitaxt begraben bei den ſechs Nationen, daß Ihr Euch damit begnügt, ein Läufer zu ſeyn, wäh⸗ rend um Tikonderoga herum Skalpe zu holen ſeyn dürften?“ „Susqueſus iſt ein Onondago,“ verſetzte der rothe Mann, 422 einen ſtarken Nachdruck auf den Namen ſeines Stammes legend. „Kein Mohawk⸗Blut fließt in ſeinen Adern. Sein Volk gräbt dieſen Sommer die Streitart nicht heraus.“ „Warum nicht, Trackleß? Ihr ſeyd Verbündete der Yengeeſe, und ſolltet uns Euren Beiſtand leihen, wenn wir ihn bedürfen.“ „Zählt das Laub, zählt die Yengeeſe. Zu viel für Ein Heer. Brauchen keine Onondago's.“ „Das mag vielleicht wahr ſeyn, denn wir ſind ſehr ſtark. Aber wie iſt es mit den Wäldern? Sind ſie ganz frei von Rothhäuten in ſo unruhigen Zeiten wie dieſe?“ Susqueſus machte ein ernſtes Geſicht, gab aber keine Antwort. Doch ſuchte er nicht dem ſcharfen Blick auszuweichen, den ich auf ſein Angeſicht heftete, ſondern ſaß gefaßt, ernſt, ſtarr vor ſich hin⸗ ſchauend, da. Wohl wiſſend, wie vergeblich es iſt, aus einem In⸗ dianer Etwas herausbringen zu wollen, wenn er einmal nicht ge⸗ neigt iſt, ſich mitzutheilen, hielt ich für das Klügſte, das Geſpräch zu ändern. Dieß that ich, indem ich einige allgemeine Fragen über den Zuſtand der Flüſſe an ihn richtete, die er mir alle beantwortete, worauf ich ihn verließ. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Seyd ohne Furcht, bis Birnam⸗Wald Her rückt auf Dunſinan. Maebeth. Ich kann nicht ſagen, daß ich mit dem Benehmen des Sus⸗ queſus ganz zufrieden geweſen wäre; aber auf der andern Seite war ich doch auch nicht gerade ſehr beunruhigt darüber. Es konnte Alles gut ſtehen; und wenn nicht, ſo konnte die Macht dieſes Men⸗ ſchen, uns zu ſchaden, nicht ſehr groß ſeyn. Ein neuer Vorfall jedoch erregte ſehr unangenehme Zweifel in Betreff ſeiner Ehrlich⸗ 423 keit. Da Jumper auf der Jagd aus war, wurde der Onondago das nächſte Mal wieder, auſſer ſeiner Reihe, nach Ravensneſt hin⸗ über geſchickt; aber ſtatt, wie Beide bisher gethan hatten, am näch⸗ ſten Tage zurückzukommen, blieb er beinahe vierzehn Tage lang ganz aus. Wie wir dieß plötzliche und unerwartete Verſchwinden beſprachen, kamen wir zu dem Schluß, daß der Burſche, weil er bemerkt, daß man ihm mißtraute, entlaufen ſey und ſich nicht mehr werde blicken laſſen. Während ſeiner Abweſenheit machten wir einen Beſuch zu Ravensneſt und brachten zwei oder drei glückliche Tage bei den Mädchen zu, welche wir ganz entzückt fanden von den wilden Reizen ihres Aufenthaltsortes, und ſo vergnügt, als Unſchuld, Geſundheit und ſtetiges Intereſſe an dem Waldleben und ſeinen Bräuchen ſie nur machen konnte. Herman Mordaunt, der ſein Haus, wie er glaubte, hinlänglich befeſtigt hatte, um gegen jede Gefahr eines Angriffs geſichert zu ſeyn, begleitete uns nach Mooſeridge hinüber, und brachte zwei oder drei Tage bei uns zu, beſchäftigt das Patent zu durchwandern und die Beſchaffenheit des Bodens, ſowie die Vortheile, welche die Gewäſſer darboten, in Au⸗ genſchein zu nehmen. Was Mr. Worden und Jaſon betrifft, ſo war der Erſtere zur Armee abgegangen, da er ſich von der ein⸗ fachen Koſt der Wälder hinweg nach den Fleiſchtöpfen eines Regi⸗ mentstiſches ſehnte; Jaſon aber war in langem Handel geſtanden mit Herman Mordaunt über den Beſitz eines Mühlſitzes, welcher Gegenſtand häufiger Erörterungen zwiſchen den Betheiligten gewe⸗ ſen war, und worüber der Pädagog es angemeſſen gefunden hatte, bei der Weisheit von Mutter Doortje ſich Raths zu erholen. Da der Leſer vielleicht neugierig iſt zu erfahren, wie ſolche Dinge im Jahr 1758 in der Colonie betrieben wurden, will ich die Bedin⸗ gungen des Kaufs berichten, wie er am Ende beiden genehm war, unterzeichnet und beſiegelt wurde. Herman Mordaunt erwartete für ſich ſelbſt keinen Vortheil und Gewinn von Ravensneſt, ſondern verſprach ſich erſt für ſeine Nach⸗ 424 kommen Einkünfte davon. Demgemäß wollte er Nichts davon ver⸗ kaufen, ſondern verpachtete nur Theile davon unter ſolchen Bedin⸗ gungen, welche Landwirthe anlocken konnten, ſich zu ihm zu wen⸗ den, in einem Lande, wo es viel mehr Grund und Boden gab als Menſchen. Aus Gründen, die mir nie recht klar geworden ſind, war ihm ganz beſonders viel daran gelegen, Jaſon Neweome für ſein Beſitzthum zu gewinnen, und keine irgend erträglichen Bedin⸗ gungen ſchienen ihm zu viel, um dieſen Zweck zu erreichen. Es darf daher nicht überraſchen, daß unſer Müller in spe bei dem Handel ſehr gut zukam, wie man aus den Bedingungen ſehen kann. Der Pacht wurde auf drei Generationen und einundzwanzig Jahre geſchloſſen. Dieß wäre etwa damals einem zweiundvierzig⸗ jährigen Pachtvertrag in Europa gleich geweſen; aber die Erfahrung zeigt, daß in Amerika in der That eine weit längere Zeit heraus⸗ kommt.* Die erſten zehn Jahre hatte er gar keine Rente zu bezah⸗ len. In den nächſten zehn Jahren hatte das Land, fünfhundert Aeres, für jeden Aecres ſechs Pence Courant zu entrichten, der Pächter aber hatte das Recht, nach Belieben Holz zu ſchlagen. Dieß war ein wichtiges Zugeſtändniß, da der Mühlſitz viele Tan⸗ nen und Fichten enthielt. Für den Reſt der Pachtzeit, mochte ſie länger oder kürzer ſeyn, ſollte ein Shilling für den Acre, oder etwa ſechs Pence Sterling für die Ländereien und vierzig Pfund Courant, oder hundert Dollars jährlich für den Mühlſitz bezahlt werden. Die Mühlen ſollte der Herr des Landes nach Ablauf des Pachts übernehmen nach einer Schätzung von Sachverſtändigen; der Pächter hatte die Steuern zu bezahlen. Dem Pächter ſtand das Recht zu, aller Materialien zu ſeinen Dämmen, Bauten u. ſ. w. ſich zu bedienen, die er auf dem Land fand. Die Politik der Eigenthümer von Mooſeridge war eine andere. * Man hat gefunden, daß eine Verleihung auf drei Generationen(eigent⸗ lich drei Leben, three lives) im Staate New⸗York einer Friſt von mehr als dreißig Jahren gleichkommt. Der Herausgeber. — — 425 Wir beabſichtigten zuerſt zu niedern Preiſen zu verkaufen, und zum ſpätern Verleihen ſolche Grundſtücke aufzubehalten, über welche nicht ſogleich verfügt werden konnte, oder für welche die Käufer den Kaufſchilling nicht bezahlten. Auf dieſe Art glaubteil wir bälder zum Erſatz unſerer Auslagen zu kommen und bälder„eine Anſiedlung auferbauen zu können,“ wie man zu ſagen pflegte. In Amerika nämlich, muß der Leſer wiſſen, wird Alles„ge⸗ baut.“ Der Prieſter„erbaut ſich“ eine Heerde, der Speeulant ein Vermögen; der Advokat einen Ruf; und der Landbeſitzer eine Anſiedlung; manchmal baut er ſogar, und hier iſt dann der Aus⸗ druck leidlich genau und richtig, eine Stadt. Jaſon war ein ganz glücklicher⸗Menſch, ſobald er ſeinen Pacht⸗ vertrag, unterſchrieben und beſiegelt, in Händen hatte. Er wurde dadurch eine Art von Landbeſitzer auf der Stelle, und zwar ein Solcher, der zehn Jahre lang Nichts zu bezahlen hatte. Gott ver⸗ zeihe es mir, wenn ich dem Manne Unrecht thue; aber von Anfang an hegte ich den Verdacht, Jaſon vertraue ſeinem guten Glücke, es werde es ſo fügen, daß der Tag des Bezahlens gar nie komme. Herman Mordaunt ſeiner Seits ſchien befriedigt, denn er glaubte einen Mann von einiger Bildung auf ſein Gut bekommen zu haben, welcher ſeinen Abſichten dadurch entſpreche, daß er das Gut civi⸗ liſire und ſonſt auch deſſen Intereſſen befördere. Gerade als die Strahlen der aufgehenden Sonne durch die Spalten unſers Blockhauſes hereinſchimmerten, und ehe Einer von uns Dreien von ſeinem harten Lager ſich erhoben hatte, hörte ich in meiner Nähe einen Fuß im Mokkaſin mit dem faſt geräuſchloſen Tritte eines Indianers ſich bewegen. Ich ſprang auf und ſah den vermißten Onondago vor mir ſtehen. „Ihr hier, Susqueſus!“ rief ich.„Wir glaubten, Ihr habet uns verlaſſen. Was hat Euch zurückgeführt?“ 3 „Zeit jetzt zu gehen,“ antwortete der Indianer ruhig.„Yen⸗ geeſe und Canada⸗Krieger bald fechten!“ 426 „Iſt das wahr?— Und wißt Ihr, könnt Ihr wiſſen, daß das wahr iſt? Wo ſeyd Ihr die letzten vierzehn Tage geweſen?“ „Fortgeweſen zu ſehen— geſehen— weiß es jetzt ganz gut. Kommit— ruft die jungen Männer— gehen auf den Kriegspfad!“ So war alſo das Räthſel und Geheimniß von des Onondago's Ausbleiben gelöst! Er hatte uns von unſerm Vorhaben ſprechen gehört, im letzten Augenblick mit den Truppen zu ziehen, und er war gegangen um zu rekognosciren, damit wir zuverläſſige Nach⸗ richten hätten, wann es nöthig wäre, den„Ridge“ zu verlaſſen, wie wir im vertraulichen Geſpräche das Patentland nannten. Ich fand hierin nichts Verrätheriſches, ſondern erblickte darin vielmehr den Beweis freundſchaftlicher Theilnahme für uns; obgleich er aller⸗ dings viel weiter„gelaufen“ war, als der Indianer Auftrag gehabt, und etwas von der Spur weggelaufen. Man konnte jedoch bei einem Wilden eine ſolche Unregelmäßigkeit überſehen, zumal da ich der Eintönigkeit unſrer dermaligen Lebensweiſe überdrüſſig zu wer⸗ den begann; und es mir nicht leid that, einen plauſibeln Grund zu einer Veränderung zu bekommen. Der Leſer kann überzeugt ſeyn, daß ich nicht lange es anſte⸗ hen ließ, die von Trackleß gebrachte Nachricht meinen Genoſſen mit⸗ zutheilen, welche ſie aufnahmen, wie eine Neuigkeit von ſo lebhaftem Intereſſe von jungen Männern aufgenommen werden mußte. Der Onondago ward in unſere Rathsverſammlung beſchieden, und wider⸗ holte ſeine Verſicherungen, es ſey Zeit für uns, uns in Bewegung zu ſetzen. 4 „Nicht aufhalten,“ antwortete er, als er wieder über den Gegenſtand befragt wurde.„Zeit zu gehen. Canoe bereit— Ge⸗ wehr geladen— Krieger gezählt— Häuptling aufgewacht— Raths⸗ feuer erloſchen. Zeit zu gehen.“ „Nun gut, Corny,“ ſagte Guert, aufſtehend und ſeine ſtatt⸗ liche Geſtalt ſtreckend wie ein Löwe, der von ſeinem Lager aufge⸗ ſcheucht iſt,„brechen wir auf. Heute können wir nach Ravensneſt 427 gehen und dort ſchlafen; und morgen wollen wir bis zur Heerſtraße wandern und auf die Marſchlinie des Heeres zu gelangen ſuchen. Ich werde wieder eine Gelegenheit haben, Mary Wallace zu ſehen, ihr zu ſagen wie ſehr ich ſie liebe. Das iſt in jedem Falle Viel gewonnen.“ „Nicht ſehen die Squaw— nicht gehen zu Neſt!“ ſagte der In⸗ dianer mit Nachdruck.„Kriegspfad dahin!“ und er deutete in einer Richtung hin, welche um ein Viertel eines Kreiſes von Her⸗ man Mordaunt's Anſiedlung abweichen machte.„Schlimm für Krieger, Squaw zu ſehen, wenn er die Streitart ausgräbt— nur macht ein Weib aus ihm. Nein! dahin gehen— hier Pfad— nicht dort— hier Skalp— dort Squaw.“ Da die Geberden des Onondago vollkommen ebenſo verſtänd⸗ lich waren, wie ſeine Sprache, war es uns nicht ſchwer, ſeine Meinung zu faſſen. Guert jedoch fuhr in ſeinen Fragen fort, wäh⸗ rend er ſich ankleidete, und wir überzeugten uns bald Alle aus den Worten des Onondago, ſo kurz und abgebrochen ſie waren, daß Abercrombie auf dem Punkte ſtand, mit ſeinem Heere auf dem George⸗See ſich einzuſchiffen, und daß wir uns ſehr beeilen müßten, wenn wir bei den zu erwartenden kriegeriſchen Operationen vor Ti⸗ konderoga anweſend ſeyn wollten. Unſer Entſchluß war bald gefaßt und unſere Vorbereitungen getroffen. Wir wären Alle zum Aufbruch bereit geweſen, ſobald Jeder ſeinen Schnappſack gepackt und auf die Schultern genommen und ſich bewaffnet hätte, aber ein kleiner Verzug wurde durch die Abweſenheit von Traverſe und den Meßkettenträgern veranlaßt. Wir ſchrieben jedoch einen Brief, erklärten darin den Grund un⸗ ſeres beabſichtigten Aufbruchs und verſprachen zurück zu kommen, ſobald die Operationen vor Ty beendigt wären. Dieſen Brief lie⸗ ßen wir dem Pete zurück, welcher als Koch dableiben ſollte; wäh⸗ rend Jaap ſehr geſchäftig war, einige für den Marſch unentbehrliche Bedürfniſſe auf feine breiten Schultern packte, ſeine Büchſe, Taſche 428 und Pulverhorn nahm und ſo raſch als Einer von uns zum Auf⸗ bruch fertig war. Ueberdieß that der Burſche das Alles ohne aus⸗ drücklichen Befehl; denn er hielt es für einen Theil ſeiner Pflicht, ſeinem jungen Gebieter zu folgen, ihm, wenn auch zum Schlim⸗ men, zu folgen. In Wahrheit, kein Hund konnte in dieſem Punkte treuer ſeyn als Jaap oder Jakob Satanstoe; denn er hatte den Namen des Landhalſes als ſeinen Familiennamen, wenn man ſo will, angenommen, ganz wie die Edelleute anderer Länder ſich nach ihren Beſitzungen nennen. Nachdem Alles bereit war, und wir im Begriffe ſtanden, die Hütte zu verlaſſen, entſtand ernſtlich die Frage, ob wir über Ra⸗ vensneſt oder auf dem uns von dem Onondago bezeichneten andern Wege gehen ſollten. Ein Pfad fand ſich in keiner von beiden Rich⸗ tungen, aber auf dem erſten hatten wir Landmarken, Quellen und andere bekannte Zeichen, während wir bei Einſchlagung der zweiten Richtung im buchſtäblichen Sinne Nichts wußten und kannten. Sodann ſprachen Anneke und Mary Wallace mit ihren ſtrahlenden, blühenden, ſonnigen Geſichtern— ſtrahlend und glücklich, ganz gewiß, neueſter Zeit ſo oft wir uns zeigten,— für die erſtere Rich⸗ tung, und ſogar Dirck rief aus:„Ueber Ravensneſt!“ Aber auf dieſer Route weigerte ſich der Onondago auch nur einen Schritt weit zu gehen. Er ſtand wie ein Wegweiſer da, nach Nordweſten deutend mit unerſchütterlicher Hartnäckigkeit, welche die Ordnung unſeres Marſches in einige Verwirrung zu bringen drohte. „Wir wiſſen Nichts von dieſer Route, Trackleß,“ bemerkte, oder vielleicht dürfte ich ſagen, antwortete Guert, denn des India⸗ ners Benehmen war ſo ausdrucksvoll, daß es beinahe wie eine förmliche Bemerkung war,„und wir möchten lieber auf einem Pfade reiſen, mit dem wir ein wenig bekannt ſind. Zudem wün⸗ ſchen wir auch den Ladies zum Abſchied unſer Compliment zu machen.“ —1—&=—=* 429 „Squaw nicht gut, jetzt— Kriegspfad nicht führt zur Squaw. Hurone— franzöſiſcher Krieger hier!“— „Ja, und dort ſind ſie auch. Wir werden ihnen bald genug auf den Ferſen ſeyn, wenn wir über Ravensneſt gehen.“ „Nicht bald genug—heht nicht an. Pfad lang, Zeit kurz. Bleichgeſicht⸗Krieger in großer Eile.“ „Die Freunde der Bleichgeſicht-Krieger ſind auch in großer Eile— und ſo werdet Ihr wohl daran thun, uns zu folgen, da wir nicht die Abſicht haben Euch zu folgen. Kommt, Gentlemen, wir wollen den Indianer führen, da der Indianer nicht geneigt ſcheint uns zu führen. Nach einer Meile oder zwei wird er es ehrenhafter finden, voranzugehen; und ſoweit, glaube ich, kann ich Euch den Weg zeigen.“ „Dieſer Weg gut für junge Männer, welche den Feind nicht zu ſehen begehren,“ ſagte Susqueſus mit ironiſchem Nachdruck. „Bei St. Nicholas, Indianer! was meinſt du?“ ſchrie Guert, ſich raſch auf den Ferſen umdrehend und haſtig auf den Onondago los⸗ gehend, welcher nicht auf den ihm drohenden Schlag wartete, ſon⸗ dern ſich auf dem Abſatz umdrehte und in raſchem Schritte die Rich⸗ tung gerade nach Nordweſten einſchlug. Ich glaube, Guert folgte ihm während der erſten Minute mit keiner andern Abſicht, als die Schulter des Miſſethäters ſeinen ge⸗ waltigen Arm fühlen zu laſſen; aber ich trat ſo raſch in ſeine Fuß⸗ tapfen und Dirck folgte mir und Jaap Dirck, daß wir Alle, faſt ehe wir es ſelbſt recht wußten, in indianiſcher Reihe, oder in der Reiſeart der Wälder, im Maßſtab von vier Meilen auf die Stunde, in Bewegung waren. Ein ſo gewaltſam wirkender Anſtoß iſt nicht in einer Minute vorüber, und ehe Einer von uns ſich ſo weit abge⸗ kühlt hatte, um vollkommen vernünftig zu ſeyn, hatte die ganze Geſellſchaft das Blockhaus ſchon völlig aus dem Geſichte verloren. Und hinfort ſchien keiner mehr an die Nothwendigkeit oder Räth⸗ lichkeit zu denken, zu dem urſprünglichen Vorhaben zurückzukehren. 2 430 Es war allerdings unvorſichtig, unbedingt auf die Treue eines Wil⸗ den oder wenigſtens eines Halbwilden zu vertrauen, den wir kaum kannten, und welchem wir entſchieden mißtraut hatten; aber wir thaten es, und genau in der Art und Weiſe und mit den Geſin⸗ nungen und Empfindungen, wie ich es beſchrieben habe. Ich weiß, daß wir Alle nach der erſten Meile die Unbeſonnenheit bedachten, deren wir uns ſchuldig gemacht hatten; aber Jeder war zu ſtolz, dem Andern ſeine Beſorgniſſe mitzutheilen. Ich ſage Alle, hätte aber Jaap ausnehmen ſollen, denn Nichts, was einer Gefahr gleich ſah, machte dem Neger je Unruhe, wenn es nicht ein„Spuck“ war. Vor Spuck fürchtete er ſich, aber vor Menſchen nicht. Susqueſus verrieth dieſelbe Zuverſicht zu ſeiner Kenntniß der Wälder, wie er uns Meile um Meile durch den dunkeln Forſt hin führte, wie zuvor, als er uns zu der Eiche mit dem gebrochenen Wipfel geführt hatte. Im gegenwärtigen Falle führte er uns mehr nach der Sonne und der Richtung im Allgemeinen als nach vor⸗ gängiger Bekanntſchaft mit den Gegenſtänden, an welchen wir vor⸗ bei kamen; obwohl er dreimal an dieſem Tage uns auf beſtimmte Dinge aufmerkſam machte, die wir früher geſehen, als wir die Wäl⸗ der in Richtungen durchwandert hatten, welche in mehr oder minder ſchrägen Winkeln die Linie unſerer jetzigen Route durchkreuzten. Was uns betraf, ſo war es, wie wenn ein Matroſe Einem einen Pfad auf dem pfadloſen Ocean zeigt. Wir hatten zwar unſere Taſchenkompaſſe und begriffen recht gut, daß ein nordweſtlich gehal⸗ tener Marſch uns ungefähr am untern Theil des George⸗See's her⸗ ausführen werde; aber ich zweifle ſehr, ob wir mit Hülfe deſſelben auch nur entfernt eine ſo gerade Linie hätten feſthalten können, als mit Hülfe des Indianers. Wir hatten, wie ich mich noch wohl erinnere, über dieſen Um⸗ ſtand eine Erörterung unter uns, als wir etwas nach Mittag Halt machten um zu eſſen. Fünf Stunden lang waren wir raſch zu gewandert, ſo ziemlich wie der Vogel fliegt, was die Richtung be⸗ 431 trifft; nie ſeitwärts ablenkend, als etwa um einem nicht zu über⸗ ſteigenden Hinderniß auszuweichen; und unſerer Berechnung nach mußten wir volle zwanzig von den vierzig Meilen gemacht haben, von den vierzig, die wir nach der Angabe des Onondago über die muthmaßliche Länge unſeres Marſches zurückzulegen hatten. Wir hatten unſere Sehnen und Muskeln dergeſtalt gehärtet und geſtählt, daß gewöhnliche Anſtrengungen und Strapazen nicht viel Einfluß auf uns übten; dennoch muß man geſtehen, daß der Indianer bei weitem der Friſcheſte von uns Fünfen war, als wir die Quelle er— reichten, wo wir unſer Mittagsmahl einnahmen. „Ein Indianer ſcheint eine Naſe zu haben faſt wie ein Hund,“ ſagte Guert, als unſer Hunger anfing geſtillt zu werden,„das muß man geſtehen. Dennoch glaube ich, Corny, ein Compaß würde einen Mann weit ſicherer durch die Wälder führen, als alle Zeichen an der Rinde der Bäume und alles Schauen nach der Sonne.“ „Ein Compaß kann natürlich nicht irren; aber es wäre gar läſtig, alle zwei Minuten ſtehen zu bleiben um nach dem Compaß zu ſehen, der, wie Ihr wohl wißt, Zeit haben muß, um ſtet zu werden, denn ſonſt würde er ein Führer ſeyn, ſchlimmer als gar keiner.“ „Alle paar Minuten! Sagt einmal in der Stunde, oder höch⸗ ſtens jede halbe Stunde. Ich wollte mich anheiſchig machen, in ſo gerader Linie zu reiſen wie der allerbeſte Indianer, indem ich jede halbe Stunde einmal nach meinem Compaß ſähe.“ 8 Susqueſus ſaß uns Dreien nahe genug, um unſer Geſpräch zu hören, und er verſtand das Engliſche vollkommen, obgleich er es in der gewöhnlichen, abgekappten Art eines Indianers ſprach. Ich meinte ein geheimes Zucken der Verachtung in ſeinem dunkeln Geſichte blitzen zu ſehen, als Guert ſich ſo berühmte; aber er äußerte Nichts. Wir beendigten unſere Mahlzeit, ruhten unſere Beine aus, und als unſere Uhren ſagten, daß es ein Uhr ſey, erhoben wir uns alleſammt, unſern Marſch wieder anzutreten. Wir erneuerten das 432 Pulver auf der Pfanne unſerer Büchſen, eine Vorſichtsmaßregel, welche Jeder täglich zweimal beobachtete, um die Folgen der Feuch⸗ tigkeit in den Wäldern zu verhüten; als der Onondago in aller Stille hinter Guert ſich hinſtellte, geduldig abwartend, was dieſem belieben würde zu thun. „Wir ſind alle bereit, Trackleß,“ ſchrie der Albanier;„gebt uns wieder Richtung und Schritt an, wie zuvor.“ „Nein!“ antwortete der Indianer,„der Compaß führen, jetzt. Susqueſus nicht mehr ſehen— blind wie ein junger Hund.“ „Oh, wollt Ihr da hinaus, wirklich? Nun, ſo ſey es ſo. Jetzt, Corny, ſollt Ihr ſehen, welche Tugend in einem Com⸗ paß iſt!“ Hierauf zog Guert ſeinen Compaß aus einer Taſche ſeines Jagdhemdes, ſtellte ihn auf einen Stamm, um beim Ausgangs⸗ punkt es recht ſcharf mit der Richtung nehmen zu können, und wartete ab, bis die zitternde Nadel ganz ruhig geworden war. Dann machte er ſeine Beobachtung und nahm eine große Schierlings⸗ tanne, welche etwa zwanzig Ruthen weit entfernt ſtand,— eine bedeutende Entfernung für das Auge in einem dichten Wald!— zu ſeinem Merkpunkt, ſtieß einen jauchzenden Ruf aus, raffte ſeinen Compaß auf und ſchritt uns voran. Wir folgten ihm natürlich und erreichten bald den Baum. Da Guert ſich einbildete, jetzt ganz die rechte Richtung eingeſchlagen zu haben, verſchmähte er es, ſeine Beobachtung prüfend zu erneuen, ſondern rief uns zu, weiter ihm nach zu kommen, da er ſchon einen andern Baum zum Führer habe und ganz in der rechten Richtung. In dieſer Art mögen wir eine halbe Meile weit zugewandert ſeyn, und ich dachte ſchon, Guert dürfte am Ende triumphiren— denn mir, für meine Perſon, ſchien es in der That, unſere Marſchlinie ſey ſo gerade, als ſie es nur je heute geweſen. Guert begann jetzt ſchon ſeines Erfolges ſich zu rühmen und ſchwatzte an mich hin, über den Indianer, der zwiſchen uns ging, über die Schulter wegſehend. 433 „Ihr ſeht, Corny, ich bin doch auch an den Buſch gewohnt, und bin oft bei den Mohawks und bei ihren Jagden geweſen. Die Hauptſache iſt, recht anzufangen; darnach hat man keine große Mühe mehr. Seyd nur der erſten zehn Ruthen ganz ſicher, ſo dürft Ihr unbeſorgt ſeyn wegen der folgenden zehntauſend. So iſt es im Leben, Corny, mein Junge; recht angefangen! ſo darf ein junger MNann ziemlich darauf bauen, daß er es auch recht hinaus führt. Ich machte beim Anfang der Bahn einen Mißgriff, und Ihr ſeht, welche Unluſt es mir gemacht hat. Aber ich wurde mit zehn Jah⸗ ren eine Waiſe, Littlepage; und der Knabe, der weder Vater noch Mutter hat, muß ein ungewöhnlicher Knabe ſeyn, um nicht, ehe er zwanzig alt wird, aus dem rechten Geleiſe herauszugerathen. Nun, Onondago, was ſagt Ihr jetzt dazu, wenn man dem Com⸗ paß folgt?“ „Am beſten, darnach zu ſehen— er angeben,“ antwortete Susqueſus, und unſre ganze Reihe machte Halt, um Guert dieſer Ermahnung nachkommen zu laſſen. „Dieſer verfluchte Compaß will gar nicht herum kommen!“ rief Guert, das kleine Inſtrument ſchüttelnd, um der Nadel auf den Punkt herum zu helſen, auf welchem er wünſchte, ſie ſtehen bleiben zu ſehen.„Dieſe kleinen Teufel kommen am Ende doch gar zu gern aus der Ordnung, Corny!“ „Verſucht mehrere— habt drei,“ ſagte der Indianer, ſo viel Finger, als er genannt hatte, emporhaltend, wie ſeine Gewohnheit war, ſo oft er Zahlen ausſprach. Auf dieſen Wink zogen Dirck und ich auch unſre Compaſſe heraus, und alle drei wurden auf einen Holzblock geſtellt, bei wel⸗ chem wir Halt gemacht hatten. Das Reſultat war, daß die drei nkleinen Teufel“ aufs genaueſte zuſammenſtimmten, und daß wir gerade in ſüdweſtlicher, ſtatt in nordweſtlicher Richtung marſchirten! Guert machte bei dieſer Gelegenheit beinahe eben das Geſicht, wie Satanstoe. 28 434 damals, als er vom Schnee aufſtand, nachdem der Handſchlitten mit uns umgeſtürzt war. Der Wahrheit konnte man ſich nicht widerſetzen; wir hatten gänzlich die Richtung verloren, ohne es zu wiſ⸗ ſen und zu merken. Der Umſtand, daß die Sonne dem Zenith ſo nahe ſtand, trug vermuthlich zu unſerm Mißgriff bei; aber Je⸗ der, der das Erxperiment machen will, wird ſich leicht überzeugen, wie leicht es iſt, in der Dunkelheit und bei den Ungleichheiten eines unbetretenen Waldes die Richtung zu verlieren. Guert gab die Führerſchaft auf, als ein rechter Mann, der er war, und der Indianer ſtellte ſich wieder an die Spitze, ohne durch das leiſeſte Zeichen Triumph oder Mißvergnügen an den Tag zu legen. Nichts Geringeres als einen Donnerkeil bedurfte es, um die gleichmüthige Faſſung dieſes Onondago zu erfchüttern! Von dieſem Augenblick an ging unſer Marſch wieder ſo ſchnell von Statten, als er vor dem Halt geweſen war, während unſre Richtung dem Anſchein nach ſo ſicher war wie der Flug der Taube. Susgueſus ſteuerte jedoch nicht gerade nordweſtlich, wie zuvor, ſon⸗ dern er neigte ſich mehr nördlich. Endlich, gerade als die Sonne ſich den Gipfeln der weſtlichen Berge näherte, wurde eine Oeffnung vor uns unter den Bogen der Wälder ſichtbar, und wir erkannten, daß ein See in der Nähe war und wir uns auf dem Gipfel des Hoch⸗ landes befanden, obwohl ſich noch nicht genau ſagen ließ, in wel⸗ cher Höhe. Unſer Weg hatte über Berge und durch Thäler und an kleinen Flüſſen hin geführt; obwohl, wie ich nachmals erfuhr, der Hudſon nicht ſo weit nördlich floß, daß er unſern Marſch hätte unterbrechen können; oder vielmehr, in Folge einer plötzlichen Bie⸗ gung nach Weſten ließ er unſre Bahn frei und offen. Hätten wir uns weſtlich gewendet, ſo hätten wir beinahe das wirklich thun kön⸗ nen, was Oberſt Follock einmal lachend meiner Mutter angerathen hatte, um die Gefahren der Powles Hook Fähre zu vermeiden— den Fluß umgangen nämlich. 43⁵ Jetzt zeigte ſich eine Lichtung, ein wenig rechts von uns; und darauf ſteuerte der Indianer zu. Dieſe Lichtung war nicht das Werk menſchlicher Arbeit, ſondern die Folge von einem jener Wald⸗ Zufälle, welche zuweilen dem Licht der Sonne Zugang verſchaffen zu den Myſterien der Wälder. Dieſe Lichtung befand ſich auf dem kahlen Scheitel eines felſigen Gebirges, wo ohne Zweifel Indianer oft kampirt hatten; und die Spuren ihrer Feuer bewieſen, daß die Winde von dem verſchwiſterten Element unterſtützt worden waren, die wenigen krüppelhaften Bäume wegzuſchaffen, welche einſt zwi⸗ ſchen den Felſenſpalten emporgewachſen waren. Es mochte früher hier ein offner Platz, zwei oder drei Aecres groß, geweſen ſeyn, der jetzt ſo nackt und kahl war, als hätte er nie eine anſpruchsvollere Vegetation gekannt, als den Heidelbeerbuſch oder das Geißblatt. Köſtliches Waſſer ſprudelte von einem höhern Felsrücken herab, welcher ſich nach Norden zog und in dieſer Richtung den Gipfel eines ausgedehnten Gebirges bildete. Bei dieſer Quelle bückte ſich Susqueſus um zu trinken; dann kündigte er uns an, daß unſer Tagewerk vollbracht ſey. Bis zu dieſer Verkündigung hatte, glaube ich, nicht einer von uns Allen ſich Zeit genommen, ſich umzuſchauen, ſo ernſt und ſchnell war unſer Marſch geweſen. Jetzt aber warf jeder ſeinen Bündel von ſich, legte ſeine Büchſe ab, und ſo entlaſtet wandten wir uns, um uns an einer der überraſchend ſchönſten Scenen zu. ergötzen, die mir je vor Augen gekommen ſind. Nach dem, was ich gehört und geleſen habe, bin ich jetzt voll⸗ kommen überzeugt, daß die großartigſten unſrer amerikaniſchen Sce⸗ nerien weit zurückbleiben hinter denjenigen, welche ſich zwiſchen den Seeen und Bergen der Alpen und an der beinahe wunderhaften Küſte des mittelländiſchen Meeres finden; und ich will nicht be⸗ haupten, daß die Anſicht, die ich jetzt vor mir hatte, ſich an Pracht mit manchen meſſen durfte, welche in jenen zauberiſchen Gegenden 436 ſich dem Auge darbieten. Aber doch war ſie großartig und zugleich freundlich; und ſie hatte einen Zug von Größe, an dem grünen Mantel von endloſen Wäldern, den man nicht oft in Ländern an⸗ trifft, welche ſchon lang der menſchlichen Herrſchaft unterworfen ſind. So wie ſie war, will ich verſuchen, ſte zu ſchildern. Unter uns, in einer Entfernung von beinahe tauſend Fuß, lag ein See vom durchſichtigſten und friedlichſten Gewäſſer, der eine ſchöne Mannigfaltigkeit der Geſtalt zeigte in Folge von Vorſprün⸗ gen, Buchten und Krümmungen der Küſten, und einen Umfang von beinahe vierzig Meilen hatte. Wir befanden uns an ſeinem öſtlichen Rande, ungefähr doppelt ſo weit vom einen als vom an⸗ dern der nördlichen und ſüdlichen Endpunkte deſſelben entfernt. Zahlloſe Inſeln lagen zu unſern Füßen, welche die Miſchung von Land und Waſſer gerade auf dieſem Punkte ſo reizend und man⸗ nigfaltig machten, als die menſchliche Einbildungskraft es nur wün⸗ ſchen mochte. Nach Norden dehnte ſich der ruhige Waſſerſpiegel in weiter Ferne aus, begrenzt von felſigen Höhen, durch einen ſchma⸗ len Schlund mit einer weitern und größern Seebucht zuſammen⸗ hängend. Gegen Süden ſchloß ſich der See in ovaler Geſtalt ab und da und dort trat eine Inſel über ſeinen Spiegel hervor. Nur in dieſer Richtung waren Spuren menſchlicher Thätigkeit und Flei⸗ ßes ſichtbar. Ueberall ſonſt boten die Schlünde, die zurücktretenden Thäler, die langen Bergketten und die kahlen Granitſcheitel dem Auge Nichts dar, als die nie ſchwindenden und nie ſättigenden Reize der Natur. So weit der Blick reichte, Berg über Berg ge⸗ ſchichtet, war die Erde mit ihrem grünen Mantel von üppigem Laub bedeckt, ſo wie die Vegetation nur auf einem jungfräulichen Boden unter einer wohlthätigen Sonne es erzeugen kann. Der wel⸗ lenförmige, in Schattirungen wechſelnde Teppich der Erde glich einem umgekehrten Firmament, mit Wolken von Laub. Am ſüdlichen Ende des Sees jedoch zeigte ſich eine Oeffnung von anſehnlichem Umfang in den Wald hinein, und zwar eine ſo 437 vollſtändig bewerkſtelligte, daß wenige oder keine Bäume mehr zu ſehen waren. Von dieſem Punkt waren wir einige Meilen entfernt, und bei dieſer Entfernung waren natürlich die Gegenſtände nicht deutlich zu unterſcheiden; doch gewahrten wir ohne große Mühe die Ruinen von ausgedehnten Befeſtigungen. Tauſend weiße Flecke waren ſichtbar, von welchen wir uns bald überzeugten, daß es Zelte waren, denn die Außenwerke waren Alles, was vom Fort William noch übrig war, und hier war das Heer Abererombie's gelagert; weit die größte Streitmacht, die je in Amerika unter den Fahnen Englands verſammelt geweſen war. Die Geſchichte hat uns ſeither belehrt, daß dieß Heer die furchtbare Zahl von ſechszehntauſend Mann enthielt. Hunderte von Booten, große Fahrzeuge, welche vierzig bis fünfzig Mann zu faſſen vermochten, bewezten ſich vor dem Lager hin und her, und ſo entfernt wir davon waren, ver⸗ mochten wir doch die Zeichen von Vorbereitungen und von nahe bevorſtehenden Bewegungen zu entdecken. Der Indianer hatte uns wenigſtens inſoweit nicht getäuſcht, ſondern ſich ebenſo als einſichts⸗ voller Beurtheiler deſſen was vorging, wie als treuer und zuver⸗ läſſiger Führer bewährt. Wir hatten die Nacht auf dem Berge zuzubringen. Unſere Betten waren nicht von den beſten, wie der Leſer ſich denken kann, und unſer Dach ſehr leicht und luftig; doch erinnere ich mich nicht, daß ich die Augen geöffnet hätte von dem Moment an, wo ich ſie ſchloß, bis ich am Morgen wieder erwachte. Die Anſtrengung eines gewaltſam beſchleunigten Marſches gewährte uns, was kein Daunen⸗ lager dem Lüſtling gewähren kann, und wir ſchliefen Alle ſo tief und geſund wie Kinder. Das Bewußtſeyn kehrte mir zurück in Folge eines leiſen Rüttelns an der Schulter, welches von Susque⸗ ſus herrührte. Wie ich mich erhob, ſah ich den Indianer noch neben mir ſtehen und ſein Geſicht drückte, zum erſten Mal ſeit ich ihn kannte, lebhafte Freude aus. Er hatte Keinen von den Andern geweckt, und er bedeutete mir, ihm zu folgen, ohne Einen meiner 438 Begleiter aus dem Schlafe wach zu rufen. Warum gerade ich, und ich allein, ſo erkoren worden zum Genuß des mir bevorſtehen⸗ den Schauſpiels, kann ich nicht ſagen, wenn nicht anders den Onon⸗ dago ſein natürlicher Scharfblick in Stand geſetzt hatte, die Bil⸗ dungsart und die Gefühlsweiſe von uns drei jungen Männern zu unterſcheiden und zu würdigen. Aber es war nun einmal ſo, und ich verließ allein das rohe Obdach, welches wir uns für die Nacht zurecht gemacht hatten. Ein prachtvolles Schauſpiel erwartete mich; die Sonne hatte eben die Berggipfel mit Gold gekrönt, während der See und die Thäler, ſogar die Bergabhänge und die ganze Welt unten noch im Schatten ruhten. Es ſchien mir wie das Erwachen der geſchaffe⸗ nen Dinge aus dem Schlafe der Natur. Einen Augenblick oder länger konnte ich nur das wundervolle Gemälde anſtarren, welches aus dem ſtarken Contraſt zwiſchen den goldnen Berggipfeln und den ſchattigen Abhängen derſelben entſprang— den Verheißungen des Tages und den Spuren der Nacht. Der Onondago aber war zu ſehr mit ſeinen eignen Empfindungen beſchäftigt, als daß er mich nicht bald auf das hätte aufmerkſam machen ſollen, was ihm als tete ich meinen Blick nach der fernen Küſte von William Henry, und entdeckte ſofort den Grund ſeiner ungewöhnlichen Aufregung. Sobald der Indianer gewiß war, daß ich die Gegenſtände erblickte, die ihn ſo ſehr anzogen, rief er mit ſtarkem, gutturalem, empha⸗ tiſchem Tone: „Gut!“ Abercrombie's Heer war wirklich in Bewegung. Sechszehn⸗ tauſend Mann hatten ſich in Booten eingeſchifft und ſteuerten dem nördlichen Ende des See's zu, mit achtunggebietender Macht und in ſchönſter Ordnung. Der von keinem Windhauch bewegte Spie⸗ 439 gel des See's war ganz gefleckt und überſät von der Flotille; hun⸗ derte von Booten durchkreuzten ihn in langen, dunkeln Linien, dem Punkt ihrer Beſtimmung zuſtrebend mit der ſichern Uebereinſtimmung einer Armee, die ihre Flügel entfaltet hat. Die letzte Brigade von Booten hatte gerade das Ufer verlaſſen, als ich zuerſt dieß hinrei⸗ ßende Schauſpiel ſah und das ganze Bild lag auf einen einzigen Blick vor mir ausgebreitet da. Amerika hatte nie früher ein ſol⸗ ches Schauſpiel erlebt; und es kann lang anſtehen, bis unſer Welttheil wieder Zeuge eines ähnlichen wird. Einige Minuten ſtand ich wie verzückt; und ich ſprach nicht eher, als bis die Strahlen der Sonne das dämmernde Licht, das auf der untern Welt lag, bis zu dem Fuß der weſtlichen Berge durchdrungen hatten. „Was ſollen wir thun, Susqueſus?“ fragte ich dann, wohl fühlend, wie ſehr der Indianer jetzt das Recht anſprechen durfte, unſere Bewegungen zu leiten. „Zuerſt Frühſtück einnehmen,“ antwortete der Onondago ruhig. „Dann Berg hinab gehen.“ „Keines von Beiden aber wird uns zu dieſer ſtattlichen Armee bringen, welcher uns anzuſchließen jetzt unſer Wunſch iſt.“ „Sehen, gemach thun. Indianer weiß— keine Eile jetzt. Eile kommt, wenn Franzoſen ſchießen.“ Mir gefiel weder dieſe Rede noch die Art wie ſie geſprochen ward; aber es waren jetzt gerade zu vielerlei Dinge zu bedenken, als daß ich mich lange mit ſchwankenden Vermuthungen über die ausweichenden Antworten und Andeutungen des Onondago hätte beſchäftigen können. Guert und Dirck wurden gerufen, um Theil zu nehmen an dem Vergnügen, welches ein ſolches Schauſpiel Je⸗ dem nothwendig gewähren mußte. Und jetzt erſt bekam ich eine rechte Vorſtellung von dem wahrhaft kriegeriſchen Charakter Ten Cyck's— denn ſo muß ich ihn bezeichnen. Seine ſchöne, männ⸗ liche Geſtalt ſchien ſich zu dehnen, ſein Geſicht verklärte ſich förm⸗ 2 440 lich, und der Ausdruck ſeines Auges, gewöhnlich ſo voll Guther⸗ zigkeit und muntrer Laune, ſchien ſeinen Charakter gänzlich zu ver⸗ wandeln, ſo wild, ſtreng und feurig wurde er jetzt. „Das iſt ein herrliches, ſtolzes Schauſpiel, Mr. Littlepage,“ bemerkte Guert, nachdem er eine Zeitlang ſchweigend die abgemeſſene, aber raſche Bewegung der Flotille betrachtet hatte,—„ein wahr⸗ haft herrliches und ſtolzes Schauſpiel! und es gereicht uns Dreien zum Vorwurf, daß wir ſo viel Zeit in den Wäldern verloren haben, wo wir hätten dort ſeyn ſollen, bereit die Franzoſen aus der Provinz zu jagen.“ „Wir kommen noch nicht zu ſpät, mein guter Freund, da ja noch der erſte Streich geführt werden muß.“ „Ihr habt Recht, und ich werde mich dieſem Heer anſchließen, wenn ich auch zu den Booten hinüber ſchwimmen muß. Es wird für uns nicht ſchwer ſeyn, von einer dieſer Inſeln zur andern zu ſchwimmen, und die Truppen müſſen mitten durch dieſelben hindurch kommen um in den untern See zu gelangen. Jeder vernünftige Mann würde dann anhalten, um uns aufzunehmen.“ „Nicht nöthig,“ ſagte der Onondago, in ſeiner ruhigen Weiſe. „Eßt Frühſtück; dann geht. Canoe angeſchafft, das iſt genug.“ „Ein Canoe? Bei St. Nicholas! Mr. Susqueſus, ich will Euch Etwas ſagen— es ſoll Euch nie an einem Freund fehlen, ſo lange Guert Ten Eyck lebt, und im Stande iſt Euch beizuſtehen. Dieſe Idee mit dem Canoe iſt höchſt verſtändig und wohlüberlegt, und beweist, daß ein vernünftiger Mann für uns Sorge getragen hat. Wir können jetzt den Truppen uns anſchließen, unſere Büch⸗ ſen in der Hand, wie es Gentlemen und Freiwilligen anſteht.“ Mittlerweile war auch Jaap aufgeſtanden und gaffte mit allen Augen nach der Scene. Es iſt kaum nöthig, den Eindruck derſel⸗ ben auf einen Neger zu ſchildern. Er lachte ſtoßweiſe, ſchüttelte den Kopf wie die Porzellanfigur eines Mandarinen, wälzte ſich auf den 441 Felſen herum, ſprang auf, ſchüttelte ſich wie ein Hund, der aus dem Waſſer kommt, lachte wieder, und jauchzte zuletzt laut auf. Da wir Alle an dieſe Ausbrüche von Negerfreude gewohnt waren, erregten ſie bei uns nur ein Lächeln und bei Dirck nicht einmal das. Der Indianer nahm von dieſen natürlichen, aber nicht ſehr würdevollen Zeichen des Entzückens von Seiten Jaap's ſo wenig Kunde, als wenn dieſer ein Hund oder ſonſt ein unvernünftiges Thier geweſen wäre. Keine Schwäche vielleicht hätte in dem Grad ſeine Verachtung ſich zugezogen, wie dieſe, wo er Zeuge war von einem ſo gänzlichen Mangel an Selbſtbeherrſchung, wie der rohe, ungezogene Neger bei dieſer Gelegenheit kund gab. Sobald unſre erſte Neugier und Aufregung ſich etwas gelegt hatten, machten wir uns an die nothwendige Pflicht, unſer Früh⸗ ſtück zu uns zu nehmen. Das Mahl war bald beendigt; und die Wahrheit zu geſtehen, es war nicht von der Art, daß es uns lang hätte von etwas Intereſſantem abziehen können. Sobald wir fertig waren, verließ die ganze Geſellſchaft den Bergſcheitel und folgte unſerm Führer wie gewöhnlich. 3 Der Onondago hatte uns abſichtlich an dieſen ihm wohlbekann⸗ ten Punkt, dieſen Luginsland, geführt, damit wir die Anſicht von deſſen Panorama genöſſen. Es war jedoch unmöglich, hier gerade an das Ufer des See's hinabzuſteigen, und wir mußten einen Um⸗ weg von drei oder vier Meilen machen, um eine Schlucht zu errei⸗ chen, mit deren Hülfe wir, jedoch auch nicht ohne Schwierigkeit, unſer Vorhaben ausführten. Hier fanden wir ein Rindencanoe, groß genug, um uns alle Fünf zu faſſen, und wir ſchifften uns ohne einen Augenblick zu zögern, ein. Der Wind war nach Süden umgeſprungen, als der Tag vor⸗ rückte, und die Flotille von Booten kam mit ſehr beſchleunigter Schnelligkeit heran. Bis wir uns durch die Inſeln hindurchgewun⸗ den und den Hauptkanal erreicht hatten, falls anders ein Paß unter ſo vielen dieſen Namen verdiente, war das erſte Boot der Armee ſo 442 nahe gekommen, daß man es anrufen konnte. Der Indianer ruderte tüchtig drauf los, und die Hand ſchwenkend, zum Zeichen der Freund⸗ ſchaft, brachte er uns bald in die Nähe des Fahrzeugs. Wie wir uns jedoch demſelben näherten, gewahrte ich die ſchöne große Ge⸗ ſtalt Viscount Howe's, welcher aufrecht im Vordertheil ſtand, ge⸗ kleidet in die Walduniform der leichten Infanterie, wie wenn er begierig wäre, im buchſtäblichen Sinne der Vorderſte bei einer Be⸗ wegung zu ſeyn, bei deren Gelingen die Ehre des britiſchen Reichs ſelbſt, wie man wohl fühlte, betheiligt war. — Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Meine Söhne? Entmannen könnt' es mir das Herz; es würden Die armen Kinder weinen; und was hah' ich Zu ihrem Troſt? nur hohle Hoffnungen Und ein erzwungnes Lächeln! Sardanapalus. Mein Lord Howe erkannte uns zuerſt nicht in unſern Jagd⸗ hemden. Mit Guert Ten Eyck jedoch war er während ſeines Auf⸗ enthalts in Albany ſo genau bekannt worden, daß er ihn an der Stimme wieder erkannte, und unſre Bewillkommnung war offen und herzlich. Wir erkundigten uns nach dem—ten Regiment, in⸗ dem wir unſre Abſicht ausſprachen, dieſem Corps uns anzuſchließen, von deſſen Commandanten wir Alle drei wiederholte und dringende Einladungen erhalten hatten, an ſeiner Kiſchgeſellſchaft Theil zu nehmen. Unſer Vorhaben jedoch, unſern Freund unverzüglich auf⸗ zuſuchen, erlitt eine Veränderung durch die Bemerkung unſeres jetzigen Gaſtfreunds und Wirthes— wenn man eines ſolchen Aus⸗ drucks ſich anders bedienen darf von dem Commandeur einer Brigade von Booten. „Bulſtrode's Regiment iſt in der Mitte und wird bald zum Schlagen kommen,“ ſagte er,„doch nicht ſobald als die Vorhut. Wenn Ihr gutes Eßen wünſcht, Gentlemen, ſo bin ich weit ent⸗ fernt Euch abrathen zu wollen, die Fleiſchtöpfe des——ten Regi⸗ ments aufzuſuchen; denn es iſt ein gewiſſer Mr. Billings bei jenem Corps, welcher ein außerordentliches Talent beſitzt, wie man mir ſagt, ein gutes Mittageßen aus faſt Nichts zu machen; aber wenn 444 es Euch um das Fechten zu thun iſt, ſo ſind wir gewiß die erſte Brigade, die zum Schlagen kommt; und bei einer Koſt, wie ſie mir zu Gebote ſteht, ſeyd Ihr höchſt willkommene Gäſte. Alles Uebrige muß erſt die Zeit lehren.“ Nach dieſem war nicht mehr die Rede davon, Bulſtrode aufzu⸗ ſuchen; doch gaben wir unſerm edeln Commandanten zu verſtehen, daß wir ſeine Gaſtlichkeit nicht länger in Anſpruch zu nehmen ge⸗ dächten, als bis wir ihn recht ins Feld rücken geſehen, nachdem die feindliche Abtheilung zurückgetrieben wäre, die, wie man erwartete, abgeſchickt werden würde, um ſich unſrer Landung zu widerſetzen. Sobald Susqueſus unſern Entſchluß erfahren, nahm er ſeinen Abſchied und ruderte ruhig der öſtlichen Küſte zu; und Niemand ſuchte ein Canoe aufzuhalten, welches man von dem Fahrzeug ab⸗ ſtoßen ſah, das, wie Jedermann wußte, den Befehlshaber der erſten Brigade trug. Der Wind wurde friſcher, ſowie die Sonne an Himmel ſtieg, und da die meiſten Boote irgend etwas Segelähnliches hatten, ging unſre Fahrt mit großer Schnelligkeit von Statten. Um neun Uhr befanden wir uns ſchon ganz im untern See und wir hatten alle Ausſicht, unſern Beſtimmungsort bis Mittag zu erreichen. Ich ge⸗ ſtehe, die Expedition, auf welcher wir begriffen waren, die Neuheit meiner Lage, und die Gewißheit, daß wir an Montealm einen er⸗ fahrenen und höchſt tapfern Feind treffen würden, das Alles zuſam⸗ men machte mich während der wenigen Stunden, die wir in dem Fahrzeug zubrachten, nachdenklich, doch, hoffe ich, nicht ängſtlich. Es iſt nicht zu verwundern, wenn bei völliger Unthätigkeit ein ſo junger Soldat ſich etwas ernüchtert fühlte durch die ernſten Gedanken, welche ſich ſo gerne des Gemüths bemächtigen bei dem möglichen Herannahen des Todes— wo nicht meines eignen, doch deſſen von Vielen, die mich umgaben. Es lag auch gar nichts Prahleriſches oder Aufgeblaſenes in dem Weſen oder im Geſpräch unſers ausge⸗ zeichneten Füͤhrers, welcher, ſo jung er war, doch in den Kriegen ſeines angeblichen Großvaters und ſeines Oheims in Deutſchland ſchon warme Kämpfe mitgefochten hatte. Im Gegentheil war mein Lord Howe an dieſem Tage ernſt und nachdenklich, wie einem Manne geziemte, welcher für das Leben von ſo Vielen verantwortlich war, obwohl er weder niedergeſchlagen noch unzuverſichtlich erſchien. Es waren zwar Augenblicke, wo er heiter mit den ihn Umgebenden ſprach; im Ganzen aber war ſeine Haltung, wie geſagt, ernſt und nachdenklich. Einmal bemerkte ich, daß ſein Auge mit einem trü⸗ ben Ausdruck auf mir ruhte; und ich vermuthe, daß eine Frage, die er bald darauf an mich richtete, mit dem Gegenſtande ſeiner Gedanken in jenem Augenblick zuſammenhing. „Was würde unſre treffliche, verehrungswürdige Freundin, Madame Schuyler, empfinden, wenn ſie unſre Lage in dieſem Augenblick ganz genau wüßte, Mr. Littlepage? Ich glaube dieſe treffliche Frau fühlt oft mehr Sorge und Unruhe um diejenigen, an welchen ſie Antheil nimmt, als dieſe ſelbſt für ſich empfinden.“ „Ich glaube, mein Lord, daß uns in einem ſolchen Augenblick gewiß ihr Gebet zu Hülfe käme.“ „Ihr ſeyd ein einziges Kind, hat ſie mir, glaube ich, geſagt, Littlepage?“ „So iſt es, mein Lord, und ich danke dem Himmel, daß meine Mutter von dieſer Scene keine Ahnung haben kann.“ „Auch ich habe Solche, die mich lieben, obwohl ſie gewohnt ſind, ſich mich als Soldaten zu denken, und den Gefahren des Sol⸗ daten ausgeſetzt. Glücklich iſt der Militär, der im Augenblick der Gefahr die volle Heiterkeit des Geiſtes und Gemüths ſich bewahren kann, frei von den ängſtigenden, obwohl angenehmen und ſonſt ſo ſüßen Banden der Zärtlichkeit und Liebe. Aber wir nähern uns der Küſte und müſſen an die Pflicht des Dienſtes denken.“ Das iſt das letzte Geſpräch, das ich mit dieſem braven Solda⸗ ten gehabt; und dieß waren die letzten Worte nicht amtlicher Art, die ich ihn überhaupt ſprechen hörte. Von dieſem Augenblick an 7 ſchien ſeine ganze Seele beſchäftigt mit der Erfüllung ſeiner Pflicht, mit dem Erfolg unſrer Waffen und dem Wunſch, die Feinde zu ſchlagen. Ich bin nicht Soldat genug um das, was nun folgte, in mili⸗ täriſcher oder überhaupt in recht verſtändlicher und anſchaulicher Weiſe zu ſchildern. Als die Brigade ſich dem Ende des See's näherte, wo eine ziemliche Strecke niederen Landes, jedoch haupt⸗ ſächlich Waldung ſich hinzog, wurden einige Fahrzeuge voran ge⸗ ſtellt, worauf ſich eine Anzahl ſchwerer Geſchütze befand. Die Franzoſen hatten eine ziemlich anſehnliche Streitmacht, um ſich unſrer Landung zu viderſetzen; aber wie es ſchien hatten ſie ihrer Seits nicht hinlänglich mit Geſchütz ſich verſehen, um mit Erfolg zu kämpfen; und als unſre Kartäſchen den Wald beſtrichen, trafen wir auf wenig wirklichen Widerſtand. Auch griffen wir ſie nicht gerade an dem Punkt an, wo wir erwartet wurden, ſondern etwas mehr rechts von ihrer Stellung. Auf das gegebne Signal ſteuerte die vorgerückte Brigade, von unſerem tapferen Befehlshaber geführt, 1 eilends auf das Ufer zu, und bald befanden wir uns Alle auf feſtem Grund und Boden, ohne einen nennenswerthen Verluſt zu erleiden. Wir Vier, das heißt Guert, Dirck, ich ſelbſt und Jaap hielten uns dem edeln Brigadier ſo nahe als möglich, welcher alsbald vorzu⸗ rücken befahl, um den ſich zurückziehenden Feind zu drängen. Das Gefecht war jedoch nicht ſehr hitzig, und wir gewannen raſch eini⸗ gen Grund, indem ſich der Feind in der Richtung von Tikonderoga zurückzog und wir ſeine Nachhut ſo raſch verfolgten, als die Vor⸗ ſicht und unſre Vorbereitungen es geſtatteten. Ich bemerkte, daß eine ganze Wolke von Indianern ſich uns gegenüber befand und ich will geſtehen, daß ich wegen eines Hinterhalts beſorgt ward; denn die liſtige Kriegführung, welche bei dieſen Geſchöpfen der Wälder im Brauche war, mußte nothwendig, wenigſtens durch Ueberlieferung, einem in den Colonien Geborenen und Aufgewachſenen wohlbekannt ſeyn. Wir hatten in einer Bucht gelandet, nicht eigentlich am Fuß —— zu li⸗ S t⸗ — 447 oder Ausgang des See's, ſondern etwas mehr weſtlich, und ſobald genug Raum gewonnen war, ſo ſetzte General Abercrombie den größten Theil ſeiner Streitmacht ans Land und formirte ſie ſo raſch als möglich in Colonnen. Dieſer Colonnen hatten wir vier; die zwei in der Mitte beſtanden ganz aus königlichen Truppen, ſechs Regimentern im Ganzen, welche mehr als ſechs tauſend Mann zählten; während fünftauſend Provinzialen auf den Flanken ſich befanden, und volle viertauſend der letztern bei den Booten zurück⸗ blieben, deren dieſe ungeheure Flottille in der That die große Zahl von eintauſend und fünfundzwanzig in ſich begriff. Jedoch hatten nicht alle unſre Boote den Landungsplatz erreicht; ſondern die mit den Vorräthen, der Artillerie u. ſ. w. waren noch eine Strecke weit zurückgeblieben. Unſere Geſellſchaft befand ſich jetzt bei der Colonne des rechten Centrums, an deren Spitze unſer edler Bekannter marſchirte. Der Feind hatte ein einziges Bataillon in einem Barackenlager in der Nähe des gewöhnlichen Landungsplatzes poſtirt; aber als deſſen Be⸗ fehlshaber erkannte, von welcher Streitmacht er angegriffen werden ſollte, ſteckte er ſeine Hütten in Brand und zog ſich zurück. Das Gefecht war jetzt ſogar noch unbedeutender als es bei der Landung geweſen war, und wir Alle rückten mit freudigſtem Muthe vor, ob⸗ gleich der Mangel an Wegweiſern, die Dichtigkeit der Wälder und die Schwierigkeiten des Terrains bald einige Verwirrung in unſerm Marſch verurſachten. Die Colonnen verwickelten ſich in einander, und keine ſchien im Stande zu ſeyn, ſich ſchnell aus dieſer widrigen Klemme und Verlegenheit herauszuziehen. Der Mangel an Weg⸗ weiſern war das Hauptübel, das uns zu ſchaffen machte,— ein Uebelſtand, welchem abzuhelfen es jetzt zu ſpät war. Trotzdem rückte unſre Colonne, oder vielmehr ihre Spitze fort⸗ während vor, und ihr tapferer Befehlshaber hielt gleichen Schritt mit ihrem vorderſten Peloton. Wir vier Freiwillige leiſteten Dienſte als Plänkler und Späher, etwas ſeitwärts; und ich hoffe, es wird 448 nicht als Prahlerei erſcheinen, wenn ich ſage, wir waren immer etwas voraus vor den erſten Gliedern. Während dieſes Stands der Dinge wurden vor uns franzöſiſche Uniformen ſichtbar und wir ſtießen auf eine ziemlich ſtarke feindliche Abtheilung, welche, wie wir, in einiger Unſicherheit der Route, die ſie einſchlagen ſollte, um in kürzeſter Zeit ihre Verſchanzungen zu erreichen, ſich bewegte. Natürlich konnte dieſe Abtheilung nicht an der Spitze unſerer Co⸗ lonne vorbeiziehen, ohne daß es zu einem, obwohl nur augenblick⸗ lichen Zuſammenſtoß gekommen wäre. Welche Partei zuerſt Feuer gab, kann ich nicht ſagen, glaube aber, es waren die Franzoſen. Die Salve war jedoch nicht ſehr bedeutend und wurde beinahe im ſelben Augenblick erwiedert. Ich weiß, daß wir Alle vier unſere Büchſen abfeuerten, und unter einer Deckung Halt machten um wieder zu laden. Ich hatte eben die Kugel hinabgeſtoßen, als ich der Anzeichen von einiger Verwirrung an der Spitze der Colonne anſichtig wurde, und ich den Leichnam eines Offiziers zurücktragen ſah. Es war der Leichnam Lord Howe's! Er war gefallen bei der erſten feindlichen Salve dieſes Feldzuges! Der Fall ihres Führers, ſo unmittelbar vor ihren Augen ſchien in der Colonne das Gefühl von der Nothwendigkeit zu beleben, etwas Nachdrückliches zu thun; ſie griff die ihr gegenüber ſtehende Abtheilung mit der Wuth von Tigern an und zerſtreute den Feind wie Spreu; es wurde eine an⸗ ſehnliche Zahl von Gefangenen gemacht, und nicht Wenige getödtet und verwundet. Nie habe ich einen Menſchen heftiger aufgebracht geſehen, als Guert Ten Cyck es bei dieſem kleinen Gefecht war. Er war von Lord Howe, während des Aufenthalts dieſes unglücklichen Edel⸗ mannes in Albany, ſehr ausgezeichnet worden; und der Verluſt deſ⸗ ſelben ſchien Alles zu wecken, was in der Natur meines ſonſt ſo milden und ſanftmüthigen albaniſchen Freundes Heftiges und Wil⸗ des lag. Er übernahm die Rolle unſeres unmittelbaren Befehls⸗ habers, und führte uns, den zurückziehenden Franzoſen auf der 449 Ferſe, vorwärts, bis wir ihrer Verſchanzungen anſichtig wurden. Jetzt ſahen wir freilich Alle die Nothwendigkeit für uns ein, uns zurückzuziehen; und Guert verſtand ſich auch zur Umkehr, obwohl mit finſterem Unmuth, und wie ein gehetzter Löwe. Eine Abtheilung Indianer drängte uns hart bei dieſem Rückzug, und wir ſchwebten in drohender Gefahr, unſere Skalpe zu verlieren; und ich bin im⸗ mer überzeugt geweſen, ſie wären alle verloren geweſen ohne Jaap's Entſchloſſenheit und herkuliſche Stärke. Der Zufall wollte, daß, während wir uns von Baum zu Baum drückten, unſere vier Büch⸗ ſen alle zu gleicher Zeit abgeſchoſſen waren, ein Umſtand, den ſich unſere Verfolger zu Nutze machten, um einen Angriff auf uns zu wagen. Zum Glück ſiel die Wucht dieſes Anfalls auf Jaap, wel⸗ cher ſeine Büchſe wie eine Keule ſchwang und die drei Indianer, die ſich ihm zuerſt näherten, im buchſtäblichen Sinne der Reihe nach zu Boden ſchlug. Dieſe Unerſchrockenheit und dieſer Erfolg gab uns Zeit wieder zu laden; und Dirck, immer ein kaltblütiger, trefflicher Schütze, ſtreckte den vierten Huronen, mittelſt einer Kugel durchs Herz, zu Boden. Jetzt hielt Guert mit Feuern inne und rief Jaap zu, ſich zurückzuziehen. Dieſer gehorchte; und unter dem Schutz unſerer zwei Büchſen kam unſere ganze Geſellſchaft davon; denn die Rothhäute waren, nach der ſo eben empfangenen Probe, aus welchem Zeuge wir gemacht waren, zu ſehr eingeſchüchtert, als daß ſie uns ſehr ſcharf gedrängt hätten. Wir verdankten jedoch unſere Rettung ebenſo ſehr einem an⸗ dern Umſtande, als dieſer Entſchloſſenheit Jaap's und der Klugheit Guert's. Unter den Provinzialen befand ſich ein ſehr angeſehener Soldat, mit Namen Rogers. Dieſer Offizier führte eine Abthei⸗ lung Schützen auf unſere rechte Flanke und trieb raſch die Plänk⸗ ler des Feindes zurück, wobei er ihnen beträchtlichen Verluſt zu⸗ fügte. Hiedurch wurden die Indianer vor uns im Schach gehalten, da zu beſorgen war, Major Rogers Abtheilung könnte ihnen in den Rücken fallen, wenn ſie den Verſuch machten, uns zu verfol⸗ Satanstoe. 29 450 gen, und ſie ſo von ihren Verbündeten abſchneiden. Es war gut, daß es ſo ging; denn wir mußten uns über eine Meile zurückzie⸗ hen, bis wir den Platz erreichten, wo Abercrombie ſeine Colonne Halt machen ließ und ſich für die Nacht lagerte. Dieſe Stellung war etwa zwei Meilen von den Werken vor Tikonderoga, und dem⸗ zufolge nicht ſehr weit von der Ausmündung des George⸗See's ent⸗ fernt. Hier wurde die Armee in gute Ordnung gebracht und nahm für eine kurze Zeit eine Stellung ein. 9 Es war nöthig die Ankunft der Vorräthe, der Munition und Ariillerie zu erwarten. Da das Herbeiſchaffen dieſes Materials in leiner Gegend, welche nicht viel mehr als jungfräulichey Urwald war, 3 eine nicht leichte Aufgabe darbot, beſchäftigte es uns volle zwei STage. Und melancholiſche Tage waren es; denn der Tod von Lord Howe wirkte auf das ganze Heer faſt wie eine Niederlage. Er war der Abgott der königlichen Truppen, und er hatte ſich bei uns Ameri⸗ kanern ebenſo beliebt gemacht, wie bei ſeinen Landsleuten. Eine Art unheilverkündender Traurigkeit herrſchte unter uns; und jeder Gemeine ſchien ſeinen Verluſt wie den eines Bruders zu empfinden. Wir ſuchten das——te Regiment auf und begaben uns zu Bulſtrode, ſobald wir den Platz erreicht hatten, der für das neue Lager gewählt worden war. Der Empfang, den wir bei ihm fan⸗ den, war freundſchaftlich und gütig, und er wurde noch wärmer, ſobald er vernommen hatte, daß wir die kleine Truppe bildeten, welche ſo keck auf der Flanke der rechten Centrums⸗Colonne ge⸗ plänkelt und ſcharmuzirt hatte, und von welcher man wußte, daß ſie in dieſer Gegend des Schlachtfeldes weiter vorgerückt war, als irgend ſonſt Jemand. So ſchloßen wir uns gleich beim Anfang mit einigem éclat an unſer Corps an, und Alle bewillkommneten uns herzlich und mit anſcheinender Aufrichtigkeit. Dennoch herrſchte auch beim——ten Regiment ſo gut wie bei allen andern Corps die allgemeine Niedergeſchlagenheit. Lord Howe war bei dieſem Regiment ſo beliebt wie bei irgend einem 451 andern; und unſere Begrüßung und unſer nachheriger Verkehr konnte nicht freudig heißen. Bulſtrode hatte ein für ſeinen Rang und ſeine Jahre ausgedehntes und wichtiges Commando, und er war allerdings ſtolz auf ſeine Stellung; aber ich bemerkte wohl, daß ſelbſt ſein elaſtiſches und gewöhnlich ſo munteres Gemüth von dem Vorgefallenen ſehr ergriffen und erſchüttert war. Wir machten in dieſer Nacht mit einander, getrennt von unſern Genoſſen einen Gang, wo er denn von unſerem Verluſt zu reden anfing. „Es mag Euch ſonderbar ſcheinen, Corny,“ ſagte er,„ſolche Niedergeſchlagenheit im Lager zu finden näch einer Landung, die doch gewiß glücklich gelang, und nach einem Gefecht, das uns, wie man verſichert, ein paar hundert Gefangene eingebracht hat. Aber ich ſage Euch, mein Freund, es wäre beſſer für dieß Heer, wenn es ſein beſtes Corps aufgerieben ſehen müßte, als daß es dieſen Mann gerade verlieren mußte. Howe war im buchſtäblichen Sinne die Seele der ganzen Streitmacht. Er war ein geborner Soldat und machte Alle um ihn her zu Soldaten. Was den Oberbefehls⸗ haber betrifft, ſo verſteht er Euch Amerikaner nicht, und wird Euch nicht ſo behandeln und gebrauchen, wie er ſollte; dann verſteht er auch die Art und Weiſe des Kriegführens auf dieſem Continent nicht und wird höchſt wahrſcheinlich Böcke ſchießen. Ich will Euch ſagen, wie es iſt, Corny. Howe hat ſo viel Einfluß auf Aber⸗ crombie gehabt wie auf jeden Andern; und es wird ein Verſuch ge⸗ macht werden, ſeine Art den Krieg zu führen und zu fechten zu befolgen und in Anwendung zu bringen; aber um die Ideen eines ſolchen Mannes, wie Lord Howe war, in Ausführung zu bringen, braucht es eben wieder einen Lord Howe. Das iſt der Punkt, an dem wir, fürchte ich, ſcheitern werden.“ All dieß klang mir ſehr vernünftig, obwohl ſehr wenig er⸗ muthigend; ich fand jedoch, daß nicht Bulſtrode allein dieſe Geſin⸗ nungen und Anſichten hegte, ſondern daß die Meiſten um mich herum ebenſo dachten. Inzwiſchen gingen die Vorbereitungen ihren 452 Gang fort; und man vernahm, daß der te der Tag ſeyn ſollte, der über das Schickſal von Tikonderoga entſcheiden würde. Das eigentliche Fort auf dieſer berühmten Station ſteht auf einer Halb⸗ inſel und kann nur von Einer Seite angegriffen werden. Die Außenwerke waren auf dieſer Seite ſehr ausgedehnt und man wußte, daß die Garniſon ſehr ſtark war. Da jedoch dieſe Außenwerke haupt⸗ ſächlich aus hölzernen Bruſtwehren beſtanden und man ſich ihnen durch offene Wälder nähern konnte, welche für ſich ſchon einigen Schutz darboten, ward beſchloſſen, einen Sturm darauf zu unter⸗ nehmen, und wo möglich mit dem zurückweichenden Feind in die Hauptwerke einzudringen. Hätten wir auf unſere Artillerie gewartet und Batterien aufgeführt, ſo wäre ein günſtiger Erfolg wohl ge⸗ wiß geweſen; aber der Ingenieur erſtattete einen günſtigen Bericht über den andern Plan; und vielleicht ſagte es der Stimmung und Ungeduld des ganzen Heeres beſſer zu, raſch vorzudringen, als zu den langſamen Operationen einer regelmäßigen Belagerung zu ſchreiten. Am Morgen des Sten alſo wurden die Truppen gemuſtert und zum Sturm geordnet, und unſere Geſellſchaft wurde, als Frei⸗ willige, auf die Flanke des—— ten Regiments geſtellt. Das Ter⸗ rain geſtattete nicht, ſich vieler Pferde zu bedienen, und Bulſtrode marſchirte mit uns zu Fuß. Ich kann nur Wenig von den Opera⸗ tionen und Bewegungen dieſes denkwürdigen Tages im Allgemeinen berichten, da die Wälder ſo Vieles, was auf beiden Seiten geleiſtet wurde, dem Auge entzogen. Das jedoch weiß ich, daß der Kern unſerer Armee in die Kampflinie gezogen wurde und beim Sturme voran war, reguläre Soldaten und Provinzialen mit inbegriffen. Das 42ſte Regiment, ein Hochländercorps, das in Amerika großes Intereſſe erregt hatte, ſowohl durch die äußere Erſcheinung als durch den Charakter ſeiner Leute, wurde auf einen Punkt geſtellt, wo man glaubte, daß der Kampf am härteſten, die Gefahr am größten ſeyn werde. Das ö55ſte Regiment, ebenfalls ein Corps, zu welchem 453 man großes Vertrauen hatte, wurde an die Spitze einer zweiten Colonne geſtellt. Da ſich ein Moraſt eine Strecke weit auf der allein einem Angriff ausgeſetzten Vorderſeite der Halbinſel hinzog, wurden dieſe beiden Corps dazu beſtimmt, die hölzerne Bruſtwehr wegzunehmen, welche da anfing, wo der Moraſt aufhörte; bei wei⸗ tem die ſchwierigſte Aufgabe des zu erwartenden Kampfes, da dieß der einzige zugängliche Punkt zu der Feſte ſelbſt war. Um ihre Stellung noch mehr zu ſichern, hatten die Franzoſen in der Linie dieſer Bruſtwehr mehrere Stücke Artillerie zu einer Batterie aufgeſtellt, während wir kein Stück Geſchütz vorn hatten, um unſer Vorrücken zu decken. Man ſagte, Abercrombie habe keinen der amerikaniſchen Offiziere in ſeiner Umgebung um Nath gefragt, ehe er den Angriff vom 8ten Juli beſchloß. Er hatte ſeinen erſten Ingenieur beaufteagt, Recog⸗ noseirungen anzuſtellen; und auf den Bericht dieſes Gentleman hin, daß die Vertheidigungswerke nach wiſſenſchaftlichen Grundſätzen keine ernſten Hinderniſſe darböten, wurde der Sturm beſchloſſen. Dieſer Bericht war ohne Zweifel nach den Grundſätzen und Erfah⸗ rungen europäiſcher Kriegführung richtig; aber er ſtand nicht im Einklang mit der Kampfesweiſe auf dieſem Continent. Zu bedauern jedoch war, daß die Erfahrung von 1755 und das Schickſal Brad⸗ dock's den königlichen Befehlshabern die Pflicht der umfaſſendſten Vorſicht und Beſonnenheit nicht nachdrücklicher eingeprägt hatte, als dieß der Fall war nach den Vorfällen dieſes Tages zu urtheilen. Das—=ſte Regiment war in Colonne aufgeſtellt unmittel⸗ bar hinter den Hochländern, welche bei dieſer Gelegenheit angeführt wurden von Oberſt Gordon Graham, einem altgedienten Offizier von großer Erfahrung und vom unerſchrockenſten Muthe.“* Na⸗ *² Die Annalen von Holmes beſagen, Sir John Murray habe an dieſem Tage das 42ſte Regiment befehligt. Ich denke, da Mr. Littlepage dabei war und dem fraglichen Corps ſo nahe ſtand, konnte er ſich nicht wohl irren. Mrs. Grant, von Laggan, welche damals in Albany verweilte 454 2 türlich ſah ich dieſen Offizier und dieß Regiment, da ſie unmittel⸗ bar vor mir ſtanden, aber ſonſt ſah ich Wenig; zumal nachdem der Pulverrauch der erſten Salve zu den andern Hinderniſſen des Se⸗ hens hinzukam. Eine ziemliche Zeit verſtrich über den Vorbereitungen; aber ſobald man Alles in Ordnung glaubte, ſetzten ſich die Colonnen in Bewegung. Die allgemeine Vorausſetzung war, daß die Trup⸗ pen das feindliche Feuer aushalten, dann auf die Bruſtwehr ſich ſtürzen, ſie, wenn es nöthig wäre, mit dem Bajonett erſtürmen, und in nächſter Entfernung erſt, oder auf die zurückziehenden Feinde feuern ſollten. Uns Freiwilligen und verſchiednen leichten Abthei⸗ lungen irregulärer Truppen wurde Erlaubniß ertheilt, auf die Fran⸗ zoſen ein Feuer zu eröffnen, wo wir ihrer anſichtig würden, da man von uns beim ſtürmenden Angriff Wenig ſich verſprach. Beinahe eine Stunde brauchte man dazu, ſich dem Punkte des Angriffs zu nähern, wegen der Schwierigkeiten des Terrains und der Nothwendigkeit, häufig Halt zu machen, um die Ordnung wie⸗ der herzuſtellen. Endlich kam der wichtige Augenblick, wo die Spitze der Colonne im Begriff ſtand, ſich zu demaskiren und folglich auch ſich dem feindlichen Feuer auszuſetzen. Ein kurzes Haltmachen ge⸗ nügte hier für die nöthigen Anordnungen, worauf die Sackpfeifen ihre aufregende Muſik begannen, und wir aus unſerm Verſteck her⸗ vorbrachen, mit lautem Jauchzen einander ermuthigend. Wir müſ⸗ ſen damals zweihundert Schritte von der Bruſtwehr entfernt gewe⸗ ſen ſeyn, und das erſte Gewehr, welches abgefeuert wurde, war das Jaap's, der, in das Dickicht des Moraſtes vordringend, uns eine Strecke vorangeeilt war und jetzt in der That einen franzöſiſchen Offizier niederſchoß, welcher auf das Holzwerk ſeiner Schanzen ge⸗ ſtiegen war, um zu recognosciren. Dieſer tödtliche Schuß jedoch und deren Vater die Schlacht mit machte, ſtimmt mit Mr. Littlepage darin überein, daß Gordon Graham das 42ſte Regiment anführte. Der Herausgeber. A 45⁵ ward furchtbar gerächt! Die Hochländer rückten wie ein Wirbelwind heran, ernſt, ſchweigend und feſt, nur von ihrer Muſik angefeuert, als ein flammender Blitz auf der feindlichen Linie hin zuckte, und die eiſernen und bleiernen Boten des Todes wie ein Sturm auf uns herein ſausten und pfiffen. Die Schotten wankten bei dieſem entſetzlichen Gruß; aber ſie faßten ſich ſogleich wieder und drangen vor. Das—— ſte Regiment kam keineswegs mit heiler Haut da⸗ von; während der wilde Lärm uns verrieth, daß der Kampf auf der ganzen Linie der Bruſtwehr gegen das Seeufer hin ſich ent⸗ ſponnen hatte. Wie viele von unſrer Colonne bei dieſer erſten Salve fielen, habe ich nie erfahren; aber das Blutbad war fürchter⸗ lich, und unter den Gefallenen war der Veteran Graham ſelbſt. Mit Sicherheit jedoch kann ich ſagen, daß der Angriffsplan von die⸗ ſem erſten Feuern an vollkommen vereitelt war, indem die Colon⸗ nen ſich ausbreiteten und ſobald als möglich ſelbſt auch zu feuern anfingen. Es war nicht möglich, ſich beſſer zu halten, als Alle, die ich ſehen konnte, thaten; wir Alle drangen vor nach den Bruſt⸗ wehren, bis wir auf gefällte Bäume ſtießen, welche als ſpaniſche Reiter gebraucht wurden. Dieſe Bäume waren, die Fronte der Bruſt⸗ wehre entlang, gefällt, ihre Zweige abgehauen und wie Pfähle ge⸗ ſpitzt worden. Es war unmsglich, in einiger Ordnung vorzudrin⸗ gen, und die Truppen machten Halt, als ſie ſie erreichten, und feuer⸗ ten fortwährend pelotonweiſe mit ſolcher Regelmäßigkeit wie bei einer Parade. Wenige Minuten dieſes Gefechts jedoch nöthigten mehrere Corps zum Rückzug, und der unnütze Kampf ward vier Stunden lang fortgeſetzt, von unſerer Seite faſt ganz mit einem ſtattlichen, aber wirkungsloſen Musketenfeuer, während die Franzoſen ihre Kar⸗ tätſchen in unſre Reihen ſchleuderten, beinahe ſo ſicher und ungeſtraft, wie auf einer Parade. Es wäre weit beſſer für unſre Mannſchaft geweſen, wenn ſie weniger gut disriplinirt und dem Commando ih⸗ rer Offiziere gehorſam geweſen wäre; denn unter ſolchen Umſtän⸗ den iſt die einzige Folge des feſten Standhaltens die, daß tapfere 456 und hingebungsvolle Truppen, welche nicht zurückweichen wollen, während ſie außer Stand ſind, vorzudringen, nur um ſo länger der Gefahr preisgegeben bleiben. Guert hatte auch mit den Uebrigen gejauchzt; und ich merkte bald, daß wir, ihm als unſerm Führer folgend, uns unverweilt mit⸗ ten im Gefechte befinden würden. Wirklich führte er uns auch bis zu den gefällten Bäumen vor; und hier eine Art von Schirm fin⸗ dend, ſetzten wir uns zwiſchen ihnen als Schützen und Plänkler feſt und thaten unſre volle Schuldigkeit. Als jedoch die Truppen zurückwichen, ſahen wir uns ſo ziemlich alleingelaſſen, und es war eine gefährliche Sache, uns zurückzuziehen; und da wir uns auſſer⸗ halb der Linie des Feuers von unſren eignen Leuten ſahen— ein nicht unweſentlicher Punkt bei einem ſolchen Gefecht!— behaupte⸗ ten wir unſern Poſten bis aufs Aeußerſte. Nach langer Zeit end⸗ lich an die Nothwendigkeit des Rückzugs gemahnt durch das Nach⸗ laſſen des Feuerns von unſrer Linie her, kamen wir mit heiler Haut davon, obwohl Guert die ganze Strecke das Angeſicht dem Feinde zugekehrt, und immer dazwiſchen feuernd, ſich zurückzog. Letzteres thaten wir in der That Alle, indem wir uns zu einigem Schutz der ich ging in den Moraſt hinein, um nach ihm zu ſehen. Ich brauchte nicht lange zu ſuchen, denn ich fand den Burſchen auch auf dem Rückzug begriffen, und er brachte einen ſtämmigen kanadiſchen In⸗ dianer als Gefangenen mit zurück. Er ließ ſeinen Gefangenen drei abgeſchoſſene Büchſen und Decken ſchleppen, welche zuvor theils ihm ſelbſt, theils zwei Männern ſeines Stammes gehört hatten, welche der Neger als blutige Trophäen ſeiner Thaten im Moraſt hatte liegen laſſen. Ich kann mich auf die Philoſophie der Sache 457 nicht tiefer einlaſſen, aber es ſchien mir immer, dieſer Neger kämpfe und fechte, wie wenn ihm dieß Geſchäft Kurzweil und Freude machte. Kaum hatte ich dieſe Thatſachen erfahren, als wir die wichtige Nachricht erhielten, es ſey Befehl zum allgemeinen Rückzug gege⸗ ben. Unſre ſtolze und gewaltige Armee war geſchlagen, und das von einer um zwei Drittheile ſchwächern Streitmacht! Es iſt nicht leicht, die jetzt folgende klägliche Scene zu ſchildern. Der Trans⸗ port der Verwundeten hinter das Heer zurück hatte immer fortge⸗ dauert; und wie dieß gewöhnlich der Fall, wo es geſtattet iſt, hatte es ſtark dazu beigetragen, die Reihen dünner zu machen! Dieſe Un⸗ glücklichen wurden zu Hunderten in die Fahrzeuge gebracht, wäh⸗ rend man die meiſten Todten auf dem Platze liegen ließ. So voll⸗ ſtändig waren unſre Hoffnungen vereitelt und unſer Muth nieder⸗ geſchlagen, daß die meiſten Boote noch in dieſer Nacht abfuhren, und alle Uebrigen das Ufer des Sees früh am nächſten Tage ver⸗ ließen. So endete die traurige Expedition von 1758 gegen Tikonde⸗ roga, und damit unſre Erwartungen, dieſen Sommer Monteral oder Quebec zu ſehen. Ich glaube gewiß, wir hatten an dieſem blutigen Tage volle zehntauſend Bajonette im Feld, und wenigſtens fünftauſend Mann kamen ins hitzige Gefecht. Der Fehler war, daß man verſuchte, einen beinahe unzugänglichen Poſten mit Sturm wegzunehmen, und dieß dazu noch ohne den Schutz und die De⸗ ckung von Artillerie. Der Feind, wurde behauptet, habe vier bis fünftauſend Mann auf dem Platz gehabt; und dieß mag wahr ſeyn, wenn man Alle dazu rechnet, welche innerhalb der Feſtungswerke ſich befanden; aber ich bezweifle, ob mehr als halb ſo Viele in die⸗ ſem unglücklichen Gefecht den Hahnen gegen uns abdrückten. Es iſt immer viele Uebertreibung ſowohl in den Prahlereien als in den Entſchuldigungen im Kriege. Unſer Verluſt bei dieſem traurigen Gefecht ward zu 548 Todten und 1356 Verwundeten angegeben. Vermuthlich entſprachen dieſe 458 Zahlen der Wahrheit; die Vermißten aber wurden zu einer erſtaun⸗ lich kleinen Zahl, dreißig oder vierzig im Ganzen, angegeben, da die Leute nirgends ſonſt hin als nach den Booten ſich flüchten konn⸗ ten. Von den Hochländern wurde behauptet, beinahe die Hälfte der Gemeinen, und fünfundzwanzig, d. h. beinahe alle Offiziere ſeyen getödtet oder verwundet worden. Ein Bericht behauptete ſogar ſämmtliche Offiziere dieſes Corps, welche auf dem Platz waren, ſeyen unter den Einen oder unter den Andern geweſen. Auch das 55ſte Regiment war fürchterlich zugerichtet. Zehn ſeiner Offiziere lagen todt auf dem Platze und viele waren verwundet. Dem— ſten war es etwas beſſer ergangen, weil es nicht an der Spitze einer Colonne geſtanden, doch war auch ſein Verluſt furchtbar. Bulſtrode wurde gleich zu Anfang des Gefechts ernſtlich verwundet, obgleich man ſeine Verletzung nie für gefährlich hielt. Billings blieb todt auf dem Platze, und Harris bekam einen Kratz, der ihm im ſpätern Leben Anlaß zum Schwatzen gab. Die Verwirrung war entſetzlich nach einem ſolchen Kampf und einer ſolchen Niederlage. Die Truppen ſchifften ſich wieder ein, ohne viel auf die Corps und auf die Regelmäßigkeit der Bewegun⸗ gen zu achten, und die Boote entfernten ſich, ſobald ſie nur ihre traurigen Ladungen aufgenommen hatten. Ungeheuer viel Hab' und Gut ging verloren, obwohl die gewöhnlichen militäriſchen Trophäen, wie ich glaube, gerettet wurden. Da die Provinzialen am wenigſten am Kampf Theil genommen und im Verhältniß zur Zahl bei wei⸗ tem am wenigſten gelitten hatten, ſo mußte eine große Maſſe von ihnen die Nachhut bilden, während die regulären Corps ihre Ver⸗ wundeten und ihr Kriegsmaterial fortſchafften. Was uns drei, oder vier, Jaap mit eingerechnet, welcher ſeinen Gefangenen nicht fahren ließ, betrifft, ſo wußten wir kaum, was jetzt anfangen. Alle, die ſich für uns intereſſirten, waren getödtet oder verwundet. Bulſtrode konnten wir nicht zu Geſicht bekommen; nicht einmal das Regiment konnten wir auffinden. Wenn uns 459 Letzteres auch am Ende gelang, ſo waren nur noch ſehr Wenige übrig, welche lebhafte oder nur irgend einige Theilnahme für uns empfanden. Unter dieſen Umſtänden hielten wir daher am Ufer des See's eine Berathung, ungewiß, ob wir um Aufnahme in eines der abfahrenden Boote bitten, oder bis zum andern Morgen bleiben ſollten, damit unſer Rückzug doch ein mannhafteres Anſehen habe. „Ich will Euch ſagen, wie es iſt, Corny,“ ſagte Guert Ten Eyck in etwas nachdrücklichem Tone,„je weniger wir von dieſem Feldzug und von unſerm Antheil daran ſprechen, um ſo beſſer. Wir ſind keine reguläre Soldaten, und wenn wir uns ſtill verhal⸗ ten, wird kein Menſch erfahren, was für Schläge wir drei ins⸗ beſondere bekommen haben. Mein Rath iſt, daß wir von dieſer Armee uns wegmachen, wie wir dazu gekommen ſind, das heißt, mittelſt einer Seitenbewegung, und in Zukunft immerdar reinen Mund darüber halten, daß wir irgend Etwas mit der Sache zu thun gehabt haben. Ich habe nie geſehen, daß Einer, dem es übel ergangen, wegen ſeines Mißgeſchicks wäre höher geachtet worden; und ich will geſtehen, daß ich, Schläge bekommen, als einen ſehr widrigen Theil eines Kampfes betrachte.“ „Ganz gewiß, Guert, bin ich ſo wenig geneigt, mich meines Antheils an dieſer Affaire zu rühmen, als Ihr oder irgend Jemand es ſeyn mag; aber es iſt viel leichter davon zu ſchwatzen, aus die⸗ ſem verworrenen Gewühl wegzukommen, als es wirklich auszufüh⸗ ren. Ich zweifle, ob eines dieſer Boote uns aufnehmen wird; denn ein geſchlagener Engländer iſt in der Regel nicht ſehr gutmüthig; und alle unſre Freunde ſind, ſcheint es, getödtet oder verwundet.“ „Wollt gehen?“ fragte eine leiſe indianiſche Stimme hart neben mir.„Genug bekommen, he?“ Ich wandte mich um und ſah Susqueſus nur einen Schritt von mir entfernt da ſtehen. Wir hielten nothwendiger Weiſe unſre Berathung mitten unter einer ſich drängenden Menſchenmenge; und der Onondago mußte ſich uns unbemerkt beim Beginn unſerer Be⸗ 460 ſprechung, genähert haben. Da ſtand er wirklich, obgleich ich da⸗ mals nicht vermochte, mir zu erklären, woher er gekommen und wie er uns auffand, und es auch ſpäter nie habe erfahren können. „Könnt Ihr uns helfen, von hier wegzukommen, Susqueſus?“ verſetzte ich.„Wißt Ihr ein Mittel über den See zu kommen?“ „Canoe gebracht. Das gut. Canoe gehn, wenn auch Yen⸗ geeſe laufen.“ „Das, in welchem wir uns der Armee angeſchloſſen, meint Ihr?“ Der Indianer nickte mit dem Kopf und gab uns ein Zeichen, ihm zu folgen. Es bedurfte wenig Ueberredung und wir folgten ihm ſämmtlich auf der Ferſe in der Richtung, in welcher er uns führte. Ich will geſtehen, daß, als ich unſern Führer öſtlich am Seeufer hin ſich wenden ſah, ich einiges Mißtrauen hegte hinſicht⸗ lich ſeiner Treue. Das war die Richtung, die uns dem Feind ent⸗ gegen, ſtatt von ihm weg, führen mußte; und es lag etwas ſo Geheimnißvolles in dem Benehmen dieſes Mannes, daß es mich unruhig machte. Da ſtand er jetzt mitten unter der engliſchen Armee, als die Verwirrung derſelben den höchſten Grad erreicht hatte, während er ſich vor der Schlacht derſelben nicht hatte an⸗ ſchließen wollen. Nichts war leichter, als ſich unter die Menſchen⸗ maſſe, in ihrer gegenwärtigen Verwirrung zu miſchen, und ſtunden⸗ lang unentdeckt ſich unter ihr umzutreiben, wenn man die nöthigen Nerven zu dem Wagſtück hatte; und an dieſer Eigenſchaft fehlte es, davon war ich überzeugt, dem Onondago nicht. Es lag eine Kalt⸗ blütigkeit in dem Weſen dieſes Mannes, eine ruhige Beobachtung, vermiſcht mit der anſcheinenden Gefühlloſigkeit einer Rothhaut, welche jede Bürgſchaft darboten, daß er einer ſolchen Aufgabe voll⸗ kommen gewachſen war. 3 Dennoch blieb uns keine andere Wahl, als unſerm Führer zu folgen, oder auf der Stelle mit ihm zu brechen. Zum Letztern hatten wir keine Luſt, obwohl wir uns mit einander darüber be⸗ 461 ſprachen, ſondern wir folgten ihm, die Hand am Schloß unſerer Büch⸗ ſen, bereit zum Kampfe, falls wir in Gefahr hineingeführt wür⸗ den. Susgueſus hatte jedoch keine ſolche verrätheriſche Abſichten, und er hatte ſein Canoe an einem Ort untergebracht, welcher von ſeiner Einſicht und Klugheit zeugte. Wir hatten eine volle Meile zu gehen, bis wir die kleine mit Buſchwerk bewachſene Bucht er⸗ reichten, in welcher er es verſteckt hatte. Ich habe immer gedacht, wir haben in großer Gefahr geſchwebt, daß wir ſo weit in dieſer Richtung vor gingen, da die feindlichen Indianer gewiß unſre Armee umſchwärmten, um Skalpe zu gewinnen; aber ich erfuhr nachher das Geheimniß von der Zuverſicht des Onondago, welcher erſt von der Sache ſprach, nachdem wir von der Küſte abgeſtoßen hatten, und auch dann erſt in Beantwortung einer Bemerkung Guert's. „Keine Gefahr,“ ſagte er,„der rothe Mann YNengeeſe⸗Skalpe bekommt auf dem Kriegspfad. Zu Viele getödtet, jetzt, braucht keine mehr.“ Da beide Regierungen die ſchändliche Politik befolgten, Preiſe für menſchliche Skalpe zu bezahlen, enthielt dieſe Andeutung ver⸗ muthlich die ganze Wahrheit. Ehe wir jedoch die Bucht verließen, war noch eine Schwierig⸗ keit zu beſeitigen. Jaap hatte ſeinen Gefangenen, den Huronen, mit ſich gebracht; und der Onondago erklärte jetzt, das Canve könne nicht Sechs tragen. Dieß wußten wir in der That aus Er⸗ fahrung, obgleich Fünf ganz bequem hineingingen. „Kein Platz,“ ſagte Susqueſus,„für rothen Mann. Fünf gut— ſechs ſchlecht.“ „Was ſollen wir mit dem Burſchen anfangen, Corny?“ fragte Guert mit einiger Lebhaftigkeit.„Jaap ſagt, es ſey ein ſchlauer Teufelskerl beim Lichte beſehen, und er habe mächtig viel Mühe ge⸗ habt ihn zu fangen und einzubringen. Fünf Minuten lang ſey es auf der Wage geſtanden, Wer unterliegen würde, und der Neger 462 gewann nach ſeinem eignen Schlachtbericht nur dadurch die Ober⸗ hand, daß die Rothhaut die unbegreifliche Tollheit beging, Jaap das Hirn einſchlagen zu wollen. Er hätte ebenſogut den Felſen von Gibraltar zerſchmettern können, wißt Ihr, als einen Neger⸗ ſchädel zerſchlagen, und ſo trug Euer Burſche den Sieg davon. Was ſollen wir mit dem Schurken anfangen?“ „Skalp nehmen!“ ſagte der Onondago kurz und bündig— „hat guten Skalp— Kriegslocke fertig— kriegeriſch bemalt— kapitaler Skalp.“. „Ja, das mag ſich beſſer für Euch ſchicken, Maſter Succetuſch,“ — ſo nannte Guert immer unſern Führer,„als es ſich für uns Chriſten geziemt. Ich fürchte, wir werden den raubgierigen Teufel 3 laufen laſſen müſſen, nachdem wir ihn entwaffnet.“ „Entwaffnet iſt er ſchon; aber auf dieſem Schlachtfeld kann es ihm nicht lang an einer Muskete fehlen. Ich bin Eurer Meinung, Guert; ſo laß denn ſofort deinen Gefangnen los, Jaap, damit wir ſo ſchnell als möglich nach Navensneſt zurückkehren können.“ „Das ſehr ſchlimm, Maſſer Corny, Sah!“ rief Jaap, welchem der erhaltne Befehl ganz und gar nicht behagte. „Keine Wort weiter, Burſche, ſondern ſchneide ſeine Bande los,“— Jaap hatte dem Indianer die Arme auf den Rücken ge⸗ bunden, als die bequemſte Manier ihn zu transportiren.„Kennſt du des Mannes Namen?“ „Ja, Sah— er ſagen ſein Name Muß,“— vermuthlich ein indianiſches Wort, das Jaap in ſeiner verſtümmelten Weiſe aus⸗ ſprach,„und in ein ſchlimmes Muß er gerathen, Maſſer Corny, wie er verſucht, Jaap bei der Wolle zu packen.“ Hier war ich genöthigt, mit der Hand plötzlich dem Schwarzen das Maul zuzuklappen, denn der Burſche war ſo entzückt in der Erinnerung an die Art und Weiſe, wie er ſeinen rothen Gegner überwältigt hatte, daß er in jenes unbezähmbare, ſchallende und wiehernde Gelächter ausbrach, welches ſeiner Race ſo gewöhnlich 463 iſt. Ich wiederholte meinen Befehl etwas finſter, daß Jaap die Stricke durchſchneiden und uns dann in das Canoe folgen ſolle, in welchem der Onondago und meine zwei Freunde ſchon ihre Plätze eingenommen hatten. Ich ſelbſt hatte den Fuß aufgehoben um in das Canoe zu treten, als ich gewaltige Streiche auf einen Rücken, ſo ſchien es mir, fallen hörte. Ich eilte zurück nach dem Orte, wo ich Jaap und ſeinen Gefangnen, Muß, verlaſſen hatte, und fand den Erſtern, wie er mit dem Ende des Seils, womit der Indianer noch an den Armen gebunden war, ihm auf den nackten Rücken grauſame Streiche verſetzte. Muß, wie Jaap ihn nannte, zuckte nicht und ſchrie nicht. Die Fichte ſteht nicht aufrechter und regungs⸗ loſer da an einem Sommermittag, als er daſtand unter dieſer Mar⸗ ter. Entrüſtet ſtieß ich den Neger weg, durchſchnitt mit eigner Hand die Bande des Indianers, und trieb meinen Sklaven vor mir her nach dem Canoe. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Bleich ſank die Sonn',— trüb ſank der Abend nieder, Der traur'ge Nachtwind heulte Grabeslieder; Ein Tag ſah ihre Krieger todt— ihr Haupt Gefangen— ihres Ruhmes Kranz entlaubt! Mrs. Hemans. Nie werde ich dieſe entſetzliche Nachtreiſe vergeſſen. Susqueſus ruderte allein, ohne unſern Beiſtand, das Canoe, denn wir waren von den Mühſalen des Tages zu erſchöpft, um noch viel zu arbei⸗ ten, nachdem wir uns geborgen und in Sicherheit ſahen. Selbſt Jaap legte ſich nieder und ſchlief einige Stunden— den Schlaf der Ermattung. Ich glaube jedoch, Keiner von uns ſchlief während der erſten paar Stunden, denn die Scenen, welche wir ſo eben er⸗ lebt hatten, und in der That auch diejenigen, die wir eben jetzt er⸗ lebten, wirkten dieſem Erholungsmittel und Genuß entgegen. Es muß etwa neun Uhr Abends geweſen ſeyn, als unſer Canoe die unſelige Küſte am Südende des George⸗See'’s verließ und ſtet und ſchweigend am öſtlichen Rande des Waſſerſpiegels dahinglitt. Bis zu dieſem Zeitpunkt waren wenigſtens fünfhundert Boote ab⸗ geſegelt, um dem obern Ende des See's zuzuſteuern, da der Rück⸗ zug lange vor Sonnenuntergang angefangen hatte. Bei dieſem traurigen Zuge wurde keine Ordnung beobachtet, ſondern jedes Fahrzeug ſtieß ab, ſobald es ſeine volle Ladung hatte. Alle Ver⸗ wundeten befanden ſich auf den friedlichen Gewaſſern des„Heiligen See's,“ wie einige Schriftſteller dieſen durchſichtigen klaren Waſſer⸗ ſpiegel genannt haben, als wir uns in Bewegung ſetzten; und die Laute von abfahrenden Booten zeigten uns an, daß die Unverletz⸗ ten ihnen ſo ſchnell folgten als die Umſtände es geſtatten wollten. Welch eine Nacht war das! Kein Mond ſtand am Himmel, und ein Schleier von dunklen Dünſten war über das Himmels⸗ gewölbe gezogen, die meiſten der milden Sommerſterne verhüllend, welche man zu ihres Schöpfers Ehre und Preis hätte funkeln ſehen ſollen. In der Tiefe, zwiſchen den Grenzen der Berge, rührte ſich kein Lüftchen, obgleich wir manchmal das Säuſeln gelinder Luft⸗ ſtrömungen in den Wipfeln der Bäume über uns vernahmen. Da die öſtliche Küſte weniger Krümmungen hatte als die weſtliche, folg⸗ ten die meiſten Boote ihrer dunkelemporragenden Maſſe, weil dieß die nächſte Route war, und wir befanden uns bald in der Linie der ſich zurückziehenden Fahrzeuge. Ich nenne es eine Linie, denn ob⸗ gleich keine Ordnung beobachtet wurde, und Alle nur ſo ſchnell ſie konnten dem gemeinſchaftlichen Beſtimmungsort zueilten, waren doch ſo viele Boote zu gleicher Zeit in Bewegung, daß, ſo weit das Auge bei dem trüben, dämmernden Lichte reichte, eine ununter⸗ brochene Folge derſelben ſichtbar war. Die Bewegung unſres Ca⸗ noe's war raſcher als die der ſchwerbeladenen und ſchwach mit Ru⸗ derern beſetzten Fahrzeuge; denn die Soldaten waren nach dem Tag, den ſie durchgemacht hatten, zu erſchöpft, um an den Rudern zu — ——— 465 arbeiten. Daher überholten wir faſt alle und kamen bald in paral⸗ lelen Curs mit den Booten, indem wir einige Ruthen näher dem Ufer hinfuhren als ſie. Dirck jedoch bemerkte, daß zwei oder drei kleine Fahrzeuge ſelbſt uns überholten. Sie fuhren in der That ſo nahe am Berge hin, ganz unter ſeinem Schatten, daß es ſchwer war zu ſagen, was ſie eigentlich waren; man vermuthete jedoch es ſeyen Walfiſchboote, deren mehr als hundert bei der Flotille waren und Offiziere von Rang trugen. Niemand ſprach. Es ſchien mir, keine menſchliche Stimme er⸗ hebe ſich unter dieſen gedemüthigten und geſchlagenen Tauſenden; das Plätſchern der Ruder allein unterbrach, ſo lange wir in eini⸗ ger Entfernung von der Linie waren, das Schweigen der Nacht; aber dieß dauerte auch unaufhörlich fort. Als jedoch unſer Canoe weiter vorwärts kam, etwa ein paar Stunden, nachdem wir das Ufer verlaſſen hatten und wir die Boote einholten, welche zuerſt abgeſtoßen waren, vermiſchte ſich das Stöhnen und Wimmern der Verwundeten mit den einförmigen Tönen der Nuder. In zwei Hinſichten jedoch hatten dieſe Unglücklichen, trotz ihrer Leiden, Ur⸗ ſache ſich noch glücklich zu preiſen. Keine Armee hätte ihre Ver⸗ wundeten mit weniger Schmerzen für die Verletzten transportiren können; und der fieberhafte Durſt, welcher immer die Folge von Blutverluſt iſt, konnte mittelſt des durchſichtigen Elements geſtillt werden, auf welchem wir Alle ſchwammen. Nachdem Susqueſus mehrere Stunden gerndert, wurde er von Jaap abgelöst; und Dirck, Guert und ich leiſteten auch gelegentlich einigen Beiſtand. Jeder hatte ein Ruder und bediente ſich deſſelben, wie es ihm paſſend ſchien, während der Onondago ſchlief. Gele⸗ gentlich nickte ich ein, wie auch meine Genoſſen; und wir Alle fühl⸗ ten uns erquickt durch die Nacht und den Schlaf. Endlich erreich⸗ ten wir den engen Paß, welcher den obern vom untern See trennte, und kamen jetzt auf den letztern. Dieß iſt in der Nähe des Platzes, wo die Inſeln ſo zahlreich ſind, und wir mußten unausweichlich Satanstoe. 30 466 ganz dicht an einigen der Fahrzeuge paſſiren. Ich ſage an einigen, denn die Linie wurde an dieſem Punkt unterbrochen, da jedes Boot durch die Waſſerſtraße fuhr, die ihm die bequemſte war. „Kommt näher mit dieſem NRindencanoe,“ rief uns ein Offizier von einem Fahrzeug an;„ich wünſchte zu erfahren, Wer darin iſt.“ „Wir ſind Freiwillige, welche ſich dem—— ſten Regiment an⸗ ſchloßen, an dem Tage, wo die Armee aufbrach, und waren Gäſte von Major Bulſtrode. Bitte, Sir, könnt Ihr uns wohl ſagen, wo dieſer Offizier zu finden iſt?“ „Der arme Bulſtrode! er erhielt eine ſehr verdrießliche Wunde, ſchon frühe am Tag, und ward an mir vorbei getragen. Er wird einige Monate weder gehen noch reiten können, wenn auch ſein Bein gerettet wird. Ich hörte den Oberbefehlshaber Befehl erthei⸗ len, ihn auf dem erſten Boot mit Verwundeten über den See zu befördern; und Jemand hat mir geſagt, Bulſtrode ſelbſt habe die Abſicht ausgeſprochen, ſich nach dem in einiger Entfernung befind⸗ lichen Hauſe eines Freundes tragen zu laſſen, um den Greueln eines Armeen⸗Hoſpitals zu entgehen. Der Burſche hat Pferde genug, um ſich in einer Pferdeſanfte bis Kap Horn transportiren zu laſſen, wenn er Luſt hat. Ich will Euch dafür ſtehen, Bulſtrode findet den Weg in ein gutes Quartier, wenn immer ein ſolches in Ame⸗ rika zu finden iſt. Ich vermuthe, dieſer mein Arm wird herunter müſſen, ſobald wir das Fort William Henry erreichen; und wenn der Spaß vorüber iſt, würde ich, muß ich geſtehen, ihm erſtaun⸗ lich gern Geſellſchaft leiſten. Fahrt zu, Gentlemen. Ich hoffe, ich habe Euch nicht aufgehalten, aber da ich ein Rinden⸗Canoe ſah, hielt ich für meine Pflicht, mich zu vergewiſſern, ob uns keine Spione folgten.“ Dieß alſo war auch wieder ein Opfer des Krieges! Er ſprach Arms mit einer Kaltblütigkeit, als uſt eines Zahnes gehandelt; aber den⸗ heim in Bitterkeit des zwar von dem Verluſt eines hätte es ſich nur um den Verl noch zweifle ich nicht daran, daß er insge 467 Herzens über dieß Unglück trauerte. Nie tragen die Menſchen mit größerer Geſchicklichkeit die Maske, als wenn ſie durch den Ehrgeiz der Waffen aufgeregt und aufgeſtachelt ſind. Und alſo Bulſtrode nach Ravensneſt! Er konnte ſich nirgendshin ſonſt ſo leicht tragen laſſen; und falls ſeine Wunde nicht von ſolcher Beſchaffenheit war, daß ſie beſtändige ärztliche Behandlung erheiſchte, wo konnte er beſſer untergebracht werden, als unter dem Dache Herman Mor⸗ daunt's? Soll ich geſtehen, daß dieſer Gedanke mich ſehr quälte, und daß ich Thor genug war, zu wünſchen, auch ich möchte im Falle ſeyn, zu Anneke zurückkehren und ihr Mitgefühl in Anſpruch nehmen zu können, indem ich ein verwundetes Glied mit mir ſchleppte? Unſer Canoe kam jetzt ganz nahe an einem andern Fahrzeug vorbei, deſſen kommandirender Offizier aufrecht daſtand, und, wie es ſchien, unſre Bewegungen beobachtete. Er ſchien unverletzt zu ſeyn, war aber vermuthlich mit einem beſondern Auftrage betraut. Wie wir vorbeiruderten, fand folgende ſonderbare Beſprechung ſtatt: „Ihr rudert ſchnell zurück, meine Freunde,“ bemerkte der Fremde. „Ich bitte Euch, mäßigt Euren Eifer. Andere ſind Euch ſchon vorangeeilt mit der ſchlimmen Zeitung.“ „Ihr müßt eine ſchlimme Meinung haben, Sir, von unſerm Patriotismus und unſrer Loyalität, daß Ihr meint, wir eilten ſo ſehr mit der Nachricht, daß den britiſchen Waffen Schach geboten worden,“ antwortete ich mit ſo trockenem Tone und in beinahe eben⸗ ſo zweideutiger Art, wie der Andere geſprochen hatte. „Schach geboten!— Ich bitte tauſendmal um Verzeihung— Ich ſehe, Ihr ſeyd Patrioten, und zwar vom reinſten Waſſer! Schach geboten, das iſt das rechte Wort; obwohl ſchachmatt noch anſchau⸗ licher und bezeichnender wäre; ein reizendes Spiel haben wir ge⸗ habt, Gentlemen! Was ſagt Ihr?— der Zug iſt jetzt an Euch!“ „Die Truppen haben viele Feſtigkeit und Tapferkeit an den Tag gelegt,“ antwortete ich,„was wir, die wir nur Freiwillige wa⸗ ren, jederzeit bereitwillig bezeugen werden.“. * 468 „Ich bitte Euch wiederholt um Verzeihung,“ erwiederte der Offizier, den Hut lüftend und ſich tief verbeugend—„ich wußte nicht, daß ich die Ehre habe, mit Freiwilligen zu reden. Ihr habt Anſpruch auf die allerhöchſte Achtung, Gentlemen, daß Ihr als Freiwillige zu einem ſolchen Kampf gekommen ſeyd. Ich für mei⸗ nen Theil finde die Ehre ganz erdrückend, obgleich ich mich keiner ſolchen überverdienſtlichen Tugend zu rühmen habe. Freiwillige! Auf mein Wort, Gentlemen, Ihr werdet viele Wunder zu erzählen haben, wenn Ihr in den Familienkreis zurückkommt?“ „Wir werden zu erzählen haben von der Tapferkeit der Hoch⸗ länder, denn wir ſahen Alles, was ſie thaten und was ſie litten.“ „Ha! So waret Ihr alſo in der Nähe dieſes tapfern Corps!“ rief der Andere; und jetzt zum erſten Mal ſchien ſeine Stimme und der Sinn ſeiner Worte wirklich ein ehrliches, natürliches Ge⸗ fühl zu verrathen;„ich ehre Männer, welche auch nur Zeugen und Zuſchauer von ſo viel Muth waren, zumal wenn ſie ihn in einiger Nähe in Augenſchein nahmen. Darf ich Euch um Eure Namen fragen, Gentlemen?“ Ich antwortete, nannte ihm unſre Namen, und erwähnte des Umſtandes, daß wir Bulſtrode's Gäſte geweſen, und wie verdrießlich und leid es uns ſey, nicht blos unſern Freund, ſondern auch ſein Corps verfehlt zu haben. „Gentlemen, ich ehre den Muth, mag er kommen, woher er will,“ ſagte der Unbekannte, mit lebhaftem, unverſtelltem Gefühl, „und bewundere ihn am meiſten, wenn ich ihn bei Eingeborenen dieſer Colonien in ihren eignen Händeln und Fehden finde. Ich habe gehört, daß Ihr in der Nähe des armen Howe geweſen, als er fiel, und ich hoffe mehr von Euch zu erfahren. Was den Mr. Bulſtrode betrifft, ſo iſt er jetzt vor einigen Stunden nach Süden zu abgegangen und beabſichtigt, ſich bei Verwandten, die er in die⸗ ſer Provinz hat, heilen zu laſſen. Laßt dieß nicht unſre letzte Un⸗ terredung ſeyn, ich bitte Euch darum, ſondern erinnert Euch des 469 Kapitäns Charles Lee, vom——ſten Regiment, der ſich freuen wird, Euch Allen insgeſammt die Hand zu bieten, wenn wir wie⸗ der ins Feld rücken.“ Wir ſprachen unſern Dank aus; aber da Susqueſus dem Ca⸗ noe plötzlich eine andere Richtung gegen das Ufer hin gab, ward die Unterredung auf einmal unterbrochen. Der Indianer war mittlerweile erwacht, und übte wieder ſein gebietendes Anſehen auf dem Canoe. Zwiſchen den Inſeln durch⸗ ſteuernd, ſetzte er uns bald ans Land, genau an demſelben Punkte, wo wir uns vor nur fünf Tagen eingeſchifft hatten. Nachdem der Onondago ſeine kleine Barke in Sicherheit ge⸗ bracht und befeſtigt hatte, führte er uns in die Schlucht hinauf, und nach einer ſtundenlangen, mühſeligen Anſtrengung gelangten wir wieder auf den kahlen Bergſcheitel, wo wir früher geſchlafen hatten. Wenn die Nacht ſo denkwürdig geweſen, ſo war es das Bild nicht minder, welches ſich unſern Augen mit Anbruch des Tages darbot! Wir erreichten den hohen Luginsland etwa um dieſelbe Zeit am Morgen, zu welcher mich einige Tage vorher der Indianer ge⸗ weckt hatte, und hatten, was die Natur und Landſchaft betrifft, die⸗ ſelbe Ausſicht. In einem gewiſſen Sinne waren auch die künſt⸗ lichen oder zufälligen Beſtandtheile derſelben die nämlichen, obwohl ſie ſich in einem ganz andern Lichte darboten. Ich glaube die Wahr⸗ heit um Weniges oder gar nicht zu überſchreiten, wenn ich ſage, auch jetzt ſeyen, wie früher, tauſend Boote ſichtbar geweſen. We⸗ nige, zwölf etwa zum Höchſten, ſchienen das obere Ende des See's erreicht zu haben; alle übrigen von der ungeheuren Flotille waren über die ruhige Fläche des reizenden Waſſerſpiegels hin zerſtreut und bildeten eine lange Zickzacklinie dunkler Flecke, welche ſich auf der einen Seite bis an den Strand unter Fort William Henry er⸗ ſtreckte, und auf der andern, ſo weit nur das Auge reichte. Aber wie ganz anders nahm ſich der traurige, unterbrochene Zug von 470 Booten aus, als die ſtattliche Ordnung, die kriegeriſchen Muſikban⸗ den, die freudigen Truppen und die Menge von feurigen jungen Männern, welche vor noch nicht einer Woche, erfüllt von Hoffnun⸗ gen und triumphirend im Gefühl ihrer Kraft, in ſchimmernden Bri⸗ gaden ſich vorwärts drängten! Wie ich auf das Schauſpiel hin⸗ ſtarrte, konnte ich nicht umhin, mir die ungeheure Summe von phyſiſchen Schmerzen, das bittre, geiſtige Leiden, und die tiefe Krän⸗ kung und Bekümmerniß auszumalen, welche unter dieſer Schaar zurückkehrender Abenteurer ſich finden mußte! Wir kamen ſo eben mitten von dieſer Scene menſchlichen Jammers und Elends her, und unſre Einbildungskraft vermochte ſich Einzelnheiten zu verge⸗ genwärtigen, welche auf dem hohen Standpunkt, den wir jetzt inne hatten, auſſer dem Bereich unſrer Sinne lagen. Eine Woche früher war der Name Abercrombie in Amerika in jedem Munde geweſen; die Erwartung hatte ſeinen Ruf auf jene ſchwindelnde Höhe geſtellt, wo die wirkliche Leiſtung ſelbſt ſich kaum ſicher fühlen darf. In der kurzen dazwiſchen liegenden Friſt war er vernichtet. Die geneigt geweſen waren, ihn zu ſegnen, häuften jetzt Flüche auf ſein verfehmtes Haupt, und Keiner war leicht ſo kühn, Etwas zu ſeinen Gunſten geltend zu machen. Die Menſchen in Maſſe ſind, wenn getäuſchte Erwartung ſie reizt und erbittert, nie gerecht. In der That iſt es für das Individuum ſchon ſchwer, es dahin zu bringen, dieß zu lernen; aber frei von der engeren, perſönlichen Verantwortlichkeit folgt der Einzelne dem großen Hau⸗ fen und beſchwichtigt ſeine eigne Beſchämung und ſeinen verletzten Stolz dadurch, daß er in das Geſchrei mit einſtimmt, welches ein Opfer bezeichnet und fordert. Und doch war Abercrombie nicht der thörichte und eigenſinnige Trotzkopf, als welchen Braddock ſich er⸗ wieſen hatte. Sein Unglück war, daß er der Kriegführung des Landes unkundig war, wo er Dienſte leiſten ſollte, und vielleicht daß er die eingebildete Unüberwindlichkeit der von ihm angeführten 471 Veteranen überſchätzte. In ganz kurzer Zeit ward er zurückberufen, und Amerika hörte Nichts mehr von ihm. Einige Vergütung für die Schmach, welche aufs Neue die britiſchen Waffen betroffen, war es, daß Bradſtreet, ein Soldat welcher das Land kannte, und wel⸗ cher viel Vertrauen in den jungen Mann ſetzte, den ich, einen An⸗ gehörigen ihrer Familie und ihres Hauſes, bei Madame Schuyler getroffen hatte, an der Spitze einer ſtarken Schaar von Provinzia⸗ len gegen Frontenac in Canada marſchirte; ein Unternehmen, das mit Talent geleitet und durchgeführt, mit einem Triumph endete. Aber mit all dieſem ſteht meine Geſchichte nicht eigentlich in Verbindung. Sobald wir den kahlen Berggipfel erreicht hatten, hieß der Onondago Jaap ein Feuer anzünden, während er aus einem früher hier zurückgelaſſenen Vorrathe einige nothwendige Be⸗ ſtandtheile einer Mahlzeit hervorholte. Da Keiner von uns ſeit dem Morgen des vorigen Tages eine Speiſe gekoſtet hatte, war dieſer Imbiß ſehr willkommen, und wir Alle ließen es uns wie Halbverhungerle ſchmecken. Der Neger bekam natürlich auch ſeinen Theil; und dann traten wir zu einem Rath über unſer weiteres Verfahren zuſammen. „Die Frage iſt, ob wir ſtracks nach Ravensneſt uns auf den Weg machen ſollen,“ bemerkte Guert,„oder ob zuerſt zu dem Land⸗ vermeſſer uns begeben, und ſehen, wie die Dinge dort gehen.“ „Da die Gefahr einer Verfolgung von Seiten der Franzoſen nicht ſehr groß ſeyn kann, weil ja alle ihre Boote auf dem andern See ſind,“ bemerkte ich,„ſo iſt der Zuſtand des Landes ſo ziem⸗ lich derſelbe wie vor dem Aufbruch der Armee.“ „Befragt darüber den Indianer,“ ſagte Dirck in bedeutungs⸗ vollem Tone. Wir ſahen Susqueſus fragend an, denn eine Miene genügte immer, uns ihm verſtändlich zu machen, wenn nur zuvor eine irgend deutliche Bemerkung geäußert worden war. 472 „Schwarzer Mann närriſche Sachen machen,“ bemerkte der Onondago. „Was ich gethan, Ihr Rothhautteufel?“ fragte Jaap, der eine Art natürlicher Antipathie empfand gegen alle Indianer, gute oder ſchlechte, treffliche oder mittelmäßige; ein Gefühl das der Indianer mit wenig verhehlter Verachtung erwiederte.„Was ich thun, rother Teufel, he? daß Ihr das Maſſer Corny zu ſagen wagt?“ Susqueſus zeigte keine Erbitterung über dieſe heftige und ziem⸗ lich grobe Frage, ſondern er blieb unbewegt ſitzen, als hätte er ſie nicht gehört. Dieß verdroß Jaap nur noch mehr; und da mein Burſche bei allen Veranlaſſungen, wo ſein Stolz gereizt wurde, ſehr kampfluſtig war, hätte es unverweilt zu einem Kriege zwiſchen den Beiden kommen können, hätte ich nicht einen Finger aufgeho⸗ ben, um auf einmal dem Ausbruch von Jakob Satanstoe's Zorn wirkſam zu wehren. „Ihr ſolltet keine ſolche Beſchuldigung gegen meinen Sklaven vorbringen, Onondago“ ſagte ich,„wenn Ihr ſie nicht zu beweiſen im Stande ſeyd.“ „Er geſchlagen rothen Krieger wie Hund.“ „Was das thun?“ brummte Jaap, durch meinen warnenden Wink nur halb beſchwichtigt.„Wer je gehört, Rothhaut verletzt, wenn mit Seilſtumpen geſchlagen?“ „Kriegers Rücken wie Squaw's Rücken. Schläge verletzen ihn. Nie vergeſſen.“ „Gut, er daran denken;“ grinste der Neger, ſeine Elfenbein⸗ zähne von einem Ohr bis zum andern zeigend.„Muß mein Ge⸗ fangener geweſen; und was mich nützen, wenn er laufen gelaſſen ohne Züchtigung? Ich wünſchen, Ihr das ſagen Maſſer Corny, ſtatt Unſinn zu ſchwatzen ihm. Wenn er mich peitſchen, Wer mich je gehört murren?“ „Ihr habt nicht halb genug Schläge bekommen, Jaap, oder 473 Euere Sitten müßten beſſer ſeyn,“ dieß hielt ich für nöthig ihm zu ſagen, denn der Burſche hatte nie früher in meiner Gegenwart eine ſolche Streit⸗ und Händelſucht an den Tag gelegt; höchſt wahrſcheinlich, weil ich ihn nie früher im Hader mit einem Indianer geſehen.„Laßt mich davon Nichts weiter hören, oder ich werde ge⸗ nöthigt ſeyn, Euch die Rückſtände auf der Stelle auszuzahlen.“ „Ein wenig Gerben thut einem Neger gut, manchmal,“ be⸗ merkte Guert bedeutungsvoll. Ich bemerkte, daß Dirck, der ſelbſt meinen Neger liebte, haupt⸗ ſächlich weil er mein war, den Widerſpenſtigen vorwurfsvoll anſchaute; und durch dieſe vereinigten Demonſtrationen gelang es uns, des Burſchen Zunge zu bändigen. „Nun, Susqueſus,“ fuhr ich fort,„wir Alle lauſchen, zu hören was Ihr meint.“ „Musquerusque Häuptling— Huronenhäuptling— hat ſehr empfindlichen Rücken; nie vergeſſen den Strick.“ „Ihr wollt uns zu verſtehen geben, daß meines Schwarzen Gefangener wohl einen Verſuch machen dürfte ſich zu rächen für die Schläge, die er von Jenem erhalten?“ 4 „Richtig. Indianer gutes Gedächtniß— nicht vergeſſen Freund, — nicht vergeſſen Feind.“ „Aber Euer Hurone wird in Verlegenheit ſeyn, uns zu finden, Onondago. Er wird uns bei der Armee vermuthen; und ſollte er auch wagen, uns hier aufzuſuchen, ſo ſeht Ihr wohl, er wird ſich getäuſcht ſehen.“ „Nicht wiſſen das. Wald voll Pfade— Indianer voll Liſten. Warum ſprechen von Ravensneſt?“ „Wurde der Name Navensneſt in Gegenwart des Huronen ge⸗ nannt?“ fragte ich, mehr beunruhigt durch einen ſo geringfügigen Gegenſtand, als ich wohl hätte geſtehen mögen. „Ja, es wurde etwas davon geſprochen, aber nicht ſo, daß 474 der Kerl es verſtehen konnte,“ antwortete Guert gleichgültig.„Möge er nur kommen, wenn er noch nicht genug von uns hat.“ Das war jedoch nicht meine Art, die Sache anzuſehen; denn die Erwähnung von Ravensneſt ließ Anneke vor meine Seele tre⸗ ten, umringt von den Schreckniſſen indianiſcher Rache. „Ich will Euch zu dem Huronen zurückſchicken, Susqueſus,“ fuhr ich fort,„wenn Ihr mir den Preis nennen könnt, mit wel⸗ chem ſich ſein Vergeſſen des Vorgefallenen erkaufen läßt.“ Der Onondago ſchaute mich einen Augenblick bedeutungsvoll an; dann beugte er ſich vor, fuhr mit dem Zeigefinger ſeiner Hand um den Kopf Jaap's herum, in der Linie, welche gewöhnlich von dem Meſſer des Kriegers beſchrieben wird, wenn er ſeinem Opfer die Siegestrophäe abſchneidet. Jaap verſtand den Sinn dieſer ſehr anſchaulichen Geberde ſo gut als Einer von uns, und die Art, wie er mit den Fäuſten in ſein Wollenhaar griff, gleich als wolle her den Skalp an ſeinem Platze feſthalten, machte uns Alle lachen. Der Neger theilte unſere Heiterkeit nicht; ſondern ich ſah wie er den Indianer anſtarrte, ungefähr wie der Bullenbeißer die Zähne weist, ehe er ſeinen Sprung macht. Ein wiederholtes Aufheben meines Fingers jedoch erſtickte ſeinen Ungeſtim. Es war noth⸗ wendig, dieſer Sache ein Ende zu machen, und Jaap erhielt Be⸗ fehl, unſere Bündel für den bevorſtehenden Marſch in Bereitſchaft zu ſetzen. Seiner Gegenwart entledigt baten wir Susqueſus, ſich deutlicher zu erklären. „Ihr kennt Indianer,“ verſetzte der Onondago.„Jetzt, er denkt Rothröcke verjagt und weggekehrt, er ausſehen nach Skalpen. Liebt alle Arten Skalpe— alten Skalp, jungen Skalp— Mannes Skalp, Weibes Skalp— Knaben Skalp, Müdchen Skalp— für alle bekommt Geld, bekommt Ehre. Kein Unterſchied für ihn.“ „Ja!“ rief Guert, mit gewaltigem Aufathmen, wie es wohl bei einem Manne vorkommt, der lebhaft empfindet;„er iſt ein ein⸗ gefleiſchter Teufel, wenn er einmal recht die Witterung vom Blut — 475 hat! Alſo erwartet Ihr, dieſe franzöſiſchen Indianer werden einen Einfall machen unter den Anſiedlern hier im Südweſten?“ „Gehn zu den Nächſten— fragen nicht Wer es ſey. Der Nächſte Euer Freund; würde Euch nicht lieb ſeyn, vermuthlich.“ „Ihr habt ganz Recht, Onondago, wenn Ihr das ſagt. Es würde mir nicht lieb ſeyn, und auch meinen Begleitern hier würde es nicht lieb ſeyn; und das Nächſte, was Ihr zu thun haben wer⸗ det, wird ſeyn, uns in geradeſter Richtung wie der Vogel fliegt, nach Ravensneſt zu führen; das verbarrikadirte Haus, wißt Ihr, wo wir unſere Schätzchen gelaſſen haben.“ Susqgueſus verſtand ohne Schwierigkeit Alles, was geſprochen wurde, und zum Beweiſe hievon lächelte er bei der Anſpielung darauf, welchen koſtbaren Werth die Bewohnerinnen des Hauſes für uns hätten, welches aufzuſuchen ihm Guert gebot. „Squaw hübſch genug,“ antwortete er ſchmunzelnd.„Kein Wunder, junger Mann an ihr Gefallen haben. Aber kann jetzt nicht dahin gehen. Erſt finden Freunde, das Land meſſen. Alles einmal indianiſches Land!“ Dieſe letzte Bemerkung wurde in einer Art ausgeſprochen, die mir nicht gefiel; denn der Gedanke ſchien dem Onondago ſo plötz⸗ lich durch den Kopf zu fahren, daß ihm die reine Erbitterung des Gemüthes dieſen kurzen Satz abpreßte. „Es würde mir ſehr leid thun, wenn das nicht der Fall wäre, Susqueſus,“ bemerkte ich,„denn unſer Rechtsanſpruch darauf iſt deßhalb nur um ſo beſſer, wie die Urkunde unſeres Kaufvertrags mit den Indianern darthun wird. Ihr wißt natürlich, daß mein Vater und ſein Freund, Oberſt Follock, dieß Land von den Mo⸗ hawks gekauft und ihnen den von ihnen geforderten Preis dafür be⸗ zahlt haben.“ „Rother Mann nie meſſen Land ſo. Er mit dem Finger deu⸗ ten, Buſch abbrechen, und ſagen: Da, nehmt von dieſem Waſſer bis zu jenem Waſſer.“ 476 „Alles ganz richtig mein Freund; aber da dieſe Art von Ver⸗ meſſung nicht dem Zweck entſpricht, abgeſonderte Güter zu bilden, ſind wir genöthigt, das Ganze wieder in kleinere Looſe vermeſſen zu laſſen. Die Mohawks gaben zuerſt meinem Vater und ſeinem Freunde ſo viel Land, als ſie in zwei Tagen umgehen könnten, die Nacht zum Raſten darein gerechnet.“ „Das guter Handel!“ rief der Indianer mit lebhaftem Nach⸗ druck.„Fuß kann nicht betrügen— Feder arger Schelm!“ „Nun, wir haben den Vortheil doppelter Bewilligung; denn die Eigenthümer umſchritten wirklich das Beſitzthum, und eine Ab⸗ theilung Indianer begleitete ſie, um zu ſehen, daß Alles redlich zugehe. Darnach unterzeichneten die Häuptlinge eine ſchriftlich ausgefertigte Urkunde, damit kein Mißverſtändniß obwalte, und dann erhielten wir die Billigung des Königs.“ „Wer gibt denn dem König Land, Wer?— Alles Land hier rothen Mannes Land; Wer es geben dem König?“ „Wer machte die Delawaren zu Weibern?— Die Krieger der Sechs Nationen; nicht ſo, Susqueſus?“ „Ja, mein Volk geholfen. Sechs Nationen große Krieger, und Unterröcke angezogen den Delawaren,— ſo können ſie nicht mehr betreten Kriegspfad. Was hat zu thun das mit Königs Land?“ „Nun, des Königs Krieger, wißt Ihr, mein Freund, haben von dieſem Lande Beſitz genommen, gerade wie die Sechs Nationen Beſitz nahmen von dem der Delawaren, ehe ſie ſie zu Weibern machten.“ „Was geworden aus Königs Krieger jetzt?“ fragte der India⸗ ner mit Blitzesſchnelle.„Wohin er entlaufen? Wo jetzt Land Ti⸗ konderoga? Weſſen Land jetzt das am andern Ende des See's?“ „Nun, des Königs Truppen haben allerdings einen Unfall er⸗ litten; und für den Augenblick ſind ihre Rechte und Anſprüche ge⸗ ſchwächt, das muß man zugeben. Aber über kurz oder lang kann dieß Alles ſich ändern, und der König wird ſein Land wieder be⸗ 477 kommen. Ihr werdet Euch erinnern, er hat nicht Tikonderoga an die Franzoſen verkauft, wie die Mohawks Mooſeridge an uns; und das macht, wie Ihr geſtehen müßt, einen großen Unterſchied. Ein Kauf iſt ein Kauf, Onondago.“. „Ja, Kauf, Kauf— das gut. Gut für rothen Mann, gut für Bleichgeſicht— kein Unterſchied— was Mohawk verkauft, er nicht wieder nehmen, ſondern es Bleichgeſicht laſſen— aber wie Mohawk und König dazu kommen, zu verkaufen? Eignes Land von Beiden, he?“ Das war eine Frage, die einem Indianer zu beantworten ſeine großen Schwierigkeiten hatte. Wir Weißen begreifen es ganz gut, daß eine humane Regierung, welche nach den unter civiliſtrten Na⸗ tionen anerkannten Grundſätzen Anſprüche hat auf die Jurisdiktion über ausgedehnte, in den Urwäldern liegende Territorien, die nur, und zwar nur gelegentlich, von gewiſſen wilden Stämmen als Jagd⸗ gründe benützt werden, es für recht und billig hält, dieſe Stämme durch Kauf zufrieden zu ſtellen, ehe ſie ihre Ländereien zum Behuf und für die Zwecke des civiliſirten Lebens vertheilt; aber nicht ſo leicht iſt es wohl, einem einfältig natürlichen Sinne begreiflich zu machen, daß ein und daſſelbe Gut zwei Eigenthümer haben ſoll. Das Verfahren iſt einfach und einleuchtend genug für uns und zeugt für unſre guten Geſinnungen, denn wir hätten die Macht, dieſe Ländereien zu verwilligen, ohne den indianiſchen Rechtstitel auszu⸗ löſchen, wie der Ausdruck lautet; aber es hat Schwierigkeiten für den Verſtand von Solchen, die nicht daran gewöhnt ſind, die Ge⸗ ſellſchaft von den vielfachen Intereſſen der Civiliſation umſponnen zu ſehen. In der That gewährt der Abkauf von den Indianern, nach unſern Geſetzen, keinen weitern Rechtstitel, als die Befugniß, bei dem Rathe einen Anſpruch auszuwirken, durch die Bewilligung der Krone zu erwerben, wofür letzterer eine ſolche Erkenntlichkeit zu entrichten iſt, als ſie in ihrer Weisheit zu verlangen für gut findet. Doch war es nothwendig, dem Onondago eine Antwort 478 auf ſeine Frage zu geben, damit er nicht das irrige Vorurtheil mit ſich nähme, als beſäßen wir unſer Eigenthum nicht mit Recht. „Geſetzt Ihr findet eine Büchſe nach Eurem Geſchmack, Sus⸗ queſus,“ ſagte ich, nachdem ich einen Augenblick über die Sache nachgedacht,„und es finden ſich zwei Indianer, welche Beide be⸗ haupten, ſie gehöre ihnen; wenn Ihr nun jedem Krieger den von ihm geforderten Preis bezahlt, iſt dann Euer Beſitzrecht deßwegen ſchlechter, weil Ihr dieß gethan habt? Iſt es nicht vielmehr beſſer?“ Der Indianer war über dieſe Antwort betroffen, welche ſeiner Denkweiſe zuſagte. Er ſtreckte ſeine Hand aus, faßte die meinige und ſchüttelte ſie herzlich, als wollte er damit ſagen, daß er zufrie⸗ den geſtellt ſey. Nachdem dieſe Epiſode ſo befriedigend abgemacht war, wandten wir uns zu der wichtigeren Frage, was wir zunächſt beginnen, wohin unſre Schritte richten ſollten? „Es ſcheint faſt, der Onondago erwartet, daß die franzöſiſchen Indianer jetzt einen Schlag gegen die Anſiedlungen führen werden,“ bemerkte ich meinen Begleitern,„und daß unſre Freunde zu Ra⸗ vensneſt unſrer Hülfe bedürfen könnten; aber zugleich iſt er der Meinung, wir ſollten zuerſt nach Mooſeridge zurückkehren und die Landvermeſſer aufſuchen. Welche Handlungsweiſe leuchtet Euch als die beſte ein, meine Freunde?“ „Laßt uns zuerſt die Gründe des Indianers hören, warum wir die Landvermeſſer aufſuchen ſollen,“ verſetzte Guert.—„Wenn er triftige Gründe für ſeinen Vorſchlag hat, ſo bin ich bereit ihm zu folgen.“ „Landvermeſſer hat Skalp, ſo gut wie Squaw,“ ſagte Sus⸗ queſus in ſeiner kurzen, bündigen Art. „Das muß die Sache ins Reine bringen!“ rief Guert.„Jetzt verſtehe ich Alles. Der Onondago meint, die Geſellſchaft in Moo⸗ ſeridge könne, allein und ohne Unterſtützung, abgeſchnitten werden, und wir ſollten ſie von dieſer Gefahr in Kenntniß ſetzen.“ „Alles ganz richtig,“ verſetzte ich;„und als unſre Leute haben t 479 ſie auch das Recht, dieß von uns zu erwarten. Dennoch, Guert, ſollte ich meinen, die Landvermeſſer ſeyen da, wo ſie jetzt ſind, mit⸗ ten im Herzen des Waldes, wohl noch ein ganzes Jahr ſicher. Ihr Geſchäft iſt gewiß nicht bekannt, und Wer ſollte ſie denn ver⸗ rathen?“ „Sehen!“ ſagte Susqueſus mit Ernſt.„Tödtet Hirſch, laßt ihn im Wald. Würde nicht Rabe das Aas finden?“ „Das mag ganz wahr ſeyn; aber der Rabe hat einen Inſtinkt, den ihm die Natur gegeben, um ihm ſeine Nahrung zu verſchaffen. Er fliegt hoch in der Luft, überdieß, und kann weiter ſehen als ein Indianer.“ „Nichts weiter ſehen als Indianer! Rothmann auch hoch fliegt. Sieht vom Salzſee bis zum ſüßen Waſſer. Kennt jedes Ding in den Wäldern. Kann ihm nichts ſagen, das er nicht kennt.“ „Ihr glaubt doch nicht, Susqueſus, daß die Huronenkrieger unſre Vermeſſer in Mooſeridge finden könnten?“ „Warum nicht ſie finden? Finden Elenn; warum nicht auch finden den Hügelrücken? Finden Mooſeridge, gewiß; finden Land⸗ vermeſſer.“ „Alles erwogen, Corny,“ bemerkte Guert nach einigem Nach⸗ ſinnen,„würden wir wohl daran thun, dem Rathe des Indianers zu folgen. Ich habe von ſo vielem Unglück gehört, welches Leute im Buſch betroffen hat, in Folge davon, daß ſie den Rath von Indianern verſchmäht haben, daß ich mich zu einigem Aberglauben in dieſem Punkt bekenne. Bedenkt nur, was geſtern ſich ereignet hat! Hätte man die Anſicht der Rothhäute beachtet, ſo möchte Abercrombie jetzt ein Sieger ſeyn, ſtatt ein elender, geſchlagener Mann!“ Susqueſus hob einen Finger auf und ſein dunkles Angeſicht wurde von einem Ausdruck erleuchtet, der noch beredter war als ſeine Zunge. „Warum nicht öffnen das Ohr der Rede des rothen Mannes?“ 480 fragte er mit Würde.„Mancher Vogel ſingt ein Lied, das gut— mancher ſingt ſchlechtes Lied— aber alle Vögel kennen ihren eig⸗ nen Geſang. Mohawk Krieger an den Wald gewohnt und verfol⸗ gen einen krummen Kriegspfad, wenn er begegnet vielen Feinden. Großer Yengeeſe⸗Häuptling denkt, ſein Krieger hat zwei Leben, daß er ihn hinſtellt vor Kanone und Büchſe, daß er ſteht und erſchoſſen wird. Kein Indianer ſo Thörichtes thun— nein nie!“ Da ſich gegen die Wahrheit dieſer Behauptungen Nichts ein⸗ wenden ließ, ſo ward die Sache nicht weiter erörtert; und nachdem wir unter uns beſchloſſen, uns von dem Onondago auf dem Weg, welchen wir gekommen, zurück führen zu laſſen, erklärten wir ihm unſre Bereitwilligkeit aufzubrechen, ſobald es ihm beliebe. Da er genugſam ausgeruht war, ſtand Susqueſus, der Alles ganz ſyſte⸗ matiſch that, und nie weder Ungeduld noch Verdroſſenheit blicken ließ, auf und führte uns von dannen. Unſre Richtung war jetzt gerade die entgegengeſetzte von derjenigen, die wir verfolgt, als wir von Mooſeridge auszogen; und ich ermangelte nicht zu bemerken, daß, ſo genau war die Ortskenntniß unſres Führers, wir an vie⸗ len Gegenſtänden vorbei kamen, an welchen uns früher unſer Weg vorbei geführt hatte. Da war Nichts von einem Weg oder einer Fährte, außer hin und wieder Fußtapfen von unſrem frühern Marſche her; aber es war unverkennbar, daß der Onondago dieſen nicht die mindeſte Aufmerkſamkeit zuwandte, da er andere, ſichrere Merkmale für ſeine Führung beſitzen mußte. Guert ſchritt zunächſt hinter dem Indianer und ich war der Dritte in der Linie. Wie oft, an dieſem mühevollen Tage, betrach⸗ tete ich meinen Vorgänger, voll Bewunderung ſeiner Geſtalt und Haltung! Die Natur ſchien ihn zum Soldaten beſtimmt zu haben. Obwohl ſo ſtark, war doch ſein Körper gelenkig, ein Punkt worin er von Dirck verſchieden war; denn an dieſem, ſo jung noch, waren doch ſchon Symptome einer nicht allzu fern bevorſtehenden Schwer⸗ fälligkeit zu bemerken. Sodann war Guert's Haltung eben ſo ſchön —— 481 als ſeine Geſtalt. Den Kopf hielt er aufrecht; das Auge hatte einen ebenſo ſteten als feurigen Blick; und der Tritt war elaſtiſch und feſt dabei. Bis zur letzten Stunde auf dieſem langen und ermüden⸗ den Marſch, ſprang Guert über Holzblöcke, und über Spalten und Schluchten auf dem Wege und beurkundete noch ſonſt, daß ſeine ſtählernen Sehnen und gehärteten Muskeln noch ihre volle Kraft beſaßen. Wie er vor mir her ſchritt, ſah ich erſt, daß ein Theil des Beſatzes ſeines Jagdhemdes im Gefecht abgeriſſen worden und eine Musketenkugel durch ſeine Mütze gegangen war. Ich erfuhr nachher, daß Guert wohl wußte, wie er ſo drohenden Gefahren entgangen, aber ſeine Natur war ſo mannhaft, daß er nicht daran dachte, es zu erwähnen. Wir machten wie früher nur ein einziges Mal halt, um zu Mittag zu eſſen; aber wenig ward bei dieſem Imbiß geſprochen und keine Abänderung unſeres Planes wurde beantragt. Wir befanden uns jetzt auf dem Punkt, wo wir von unſerer bisherigen Richtung abgehen mußten, wenn wir zuerſt nach Ravensneſt uns wenden wollten, aber obgleich Alle das wußten, wurde doch kein Wort über den Gegenſtand geſprochen. „Wir werden dem Mr. Traverſe und ſeinen Leuten unwillkom⸗ mene Zeitungen bringen,“ bemerkte Guert ein paar Minuten ehe wir wieder aufbrachen;„denn ich nehme als ausgemachte Sache an, daß die Neuigkeit uns nicht vorausgeeilt ſeyn kann.“ „Wir die Erſten,“ verſetzte der Onondago.„Noch zu bald für Huronen. Denke ſo— Niemand weiß.“ „Ich wünſchte, Corny,“ fuhr der Albanier fort,„wir hätten daran gedacht, ein Wort wegen dieſer verwünſchten Erpedition zu Doortje zu ſagen. Es taugt Nichts, wenn Einer ſich über ſeine Angelegenheiten hinweg ſetzt, und Wer ſich dem Schickſal in den Weg ſtellt, dürfte wohl dann und wann Nutzen davon ziehen, wenn er eine Schickſalsverkündigerin befragte.“ „Hätten wir das auch gethan, und es wäre uns Alles ſo ge⸗ Satanstoe. 31 482 weiſſagt worden, wie es geſchehen, meint Ihr es würde an den Er⸗ gebniſſen Etwas geändert haben?“ „Vielleicht nicht, da wir wohl die Leute geweſen wären, die das Vernommene wieder erzählt hätten. Aber Abercrombie ſelbſt hätte kein Bedenken tragen ſollen, dieß merkwürdige alte Weib zu beſuchen. Sie iſt ein wunderbares Geſchöpf, Corny, wie wir Alle geſtehen müſſen, und ein kluger General würde nicht ermangeln zu beachten was ſie ihm ſagte. Es iſt tauſendmal Schade, daß nicht entweder der Oberbefehlshaber oder der Generaladjutant bei Doortje einen Beſuch gemacht, ehe ſie Albany verließen. Meines Lord Howe koſtbares Leben wäre dann vielleicht erhalten worden.“ „Wie ſo, Guert? Ich vermag nicht recht einzuſehen, in welcher Weiſe etwas Gutes dabei herauskommen ſollte?“ „In welcher Weiſe? nun, in der allereinfachſten Weiſe. Setzt nur den Fall, Doortje hätte dieſe Niederlage geweiſſagt, ſo iſt klar, Abercrombie, wenn er irgend Glauben an das alte Weib gehabt, hätte den Angriff nicht gemacht.“ „Und ſo der Niederlage eine Niederlage beigebracht. Seht Ihr nicht, Guert, daß die Wahrſagerin im beſten Fall nur weiſſagen kann, was geſchehen wird, und daß, was kommen muß, auch kommt? Es wäre etwas Leichtes für Jeden von uns, einen gro⸗ ßen Namen als Wahrſager uns zu erwerben, wenn wir weiter Nichts zu thun hätten, als Mißgeſchicke zu weiſſagen, damit unſre Freunde ſie vermeiden könnten. Da in Folge der getroffenen Vor⸗ ſichtsmaßregeln, um die Uebel abzuwenden, dieſe nie eintreten wür⸗ den, würde ein ſolcher Ruf leicht und wohlfeil zu behaupten ſeyn.“ „Bei St. Nicholas! Corny, an das habe ich nie gedacht! Aber Ihr ſeyd in einem Collegium gebildet worden, und in einem Collegium gabelt man tauſenderlei Dinge auf, von welchen man ſich in einer Akademie nicht träumen läßt. Ich finde jeden Tag Grund, meinen Müſſiggang als Knabe zu beklagen, und es wird à N Amgm R 8 — AN 483 ein Glück ſeyn, wenn ich ihn nicht mein ganzes Leben lang zu beklagen habe!“ Der arme Guert! Er war immer ſo beſcheiden und demüthig, wenn das Geſpräch, auch noch ſo zufällig und unabſichtlich von meiner Seite, auf Erziehung und Bildung kam, daß nie dergleichen erörtert wurde, ohne daß es mir wehe that, und den Wunſch in mir erregte, es zu vermeiden. Da die Friſt der Raſt nunmehr verſtrichen, war es leicht für jetzt dieſer Erörterung ein Ende zu machen durch Erinnerung an jenen Umſtand, und durch Fortſetzung unſeres Marſches. Wir hatten für den Nachmittag einen harten Marſch, obgleich Keiner von allen Fünfen die mindeſte Geneigtheit zeigte, in unſerer Eile nachzulaſſen. Susqueſus ſchien mir gar nie Erſchöpfung oder Hunger zu fühlen. Ohne Zweifel kannte er beide Empfindungen wohl; aber ſo ſehr war er an ſtrenge Selbſtbeherrſchung gewöhnt, daß er, was er in dieſer ſowie in den meiſten andern Beziehungen etwa litt, vollkommen zu verbergen im Stande war. Die Sonne war dem Untergange nahe, als wir die Grenzen des Gutes Mooſeridge betraten. Wir überzeugten uns von dieſem Umſtande, als wir an den Grenzbäumen vorbei kamen, von welchen manche Figuren in die Rinde gehauen hatten, um die Nummern der großen Abtheilungen des Beſitzthums zu bezeichnen. Guert deutete auf dieſe Merkzeichen hin, denn er war mit den Wäldern viel vertrauter als Dirck und ich. Von dieſen Anhaltspunkten unter⸗ ſtützt, fiel es uns eben nicht ſchwer, in ziemlich gerader Richtung auf die Hütte zuzuſteuern. Susqueſus erachtete einige Vorſicht nöthig, als wir uns dem Endziel unſerer Reiſe näherten. Er hieß uns zurückbleiben, während er ſelbſt vorausging, um zu rekognosciren. Ein Signal von ihm führte uns jedoch bald auf den Punkt, wo er ſtand, wo wir dann die Hütte gerade ſo trafen, wie wir ſie verlaſſen hatten, aber keine Seele in der Nähe. Dieß mochte bloßer Zufall ſeyn, da die land⸗ 484 vermeſſende Geſellſchaft häufig lieber auswärts kampirte, als nach einem anſtrengenden Tagewerk noch einen langen Marſch machte; und Pete mochte es leicht vorgezogen haben, mit den andern Män⸗ nern zu gehen, ſtatt allein in der Hütte zu bleiben. Wir ſchritten daher zuverſichtlich auf das Gebäude zu. Als wir es erreichten, fanden wir das Haus leer, wie wir vermuthet hatten, aber alle Anzeichen ſprachen dafür, daß ſeine Inhaber es vor ganz kurzer Zeit, ſpäteſtens am Morgen, verlaſſen hätten. Jaap machte ſich ſofort daran ein Nachteſſen zu bereiten aus den regelmäßigen Vorräthen der Geſellſchaft, welche man ſämmtlich am rechten Orte und im Ueberfluß vorfand. Als ich den Burſchen genauer ausfragte, erfuhr ich, daß er der Meinung war, Mr. Tra⸗ verſe ſey an dieſem Tage gerade weggegangen, höchſt wahrſcheinlich nach einem entfernten Punkte des Patents, und habe Pete mit ſich genommen, da Alles mit einer Sorgfalt zugedeckt und aufgeräumt ſey, welche auf eine Abweſenheit für eine kurze Zeit hindeutet. Der Indianer hörte die dahin gehende Bemerkungen des Negers, und bedeutungsvoll den Kopf emporwerfend ſagte er: „Nicht nöthig vermuthen— gehen und ſehen— hell genug — Zeit genug. Indianer es bald ſagen.“ Er verließ auf der Stelle die Hütte und eilte ſofort, dieſe frei⸗ willig übernommene Pflicht zu erfüllen. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Du zitterſt, und die Bläſſe deiner Wange Zeugt klarer als dein Mund, was du uns bringſt. Shakeſpeare. Die Neugier trieb mich, dem Indianer zu folgen, um ſeine Bewegungen zu beobachten. Susqueſus entfernte ſich eine kleine Strecke von der Hütte und verließ den Hügel ganz, bis er niederes ne es 485 Land erreichte, wo Fußtapfen am eheſten ſichtbar ſeyn mußten, worauf er langſam den Platz zu umkreiſen begann, die Augen auf den Boden geheftet, wie die Naſe des Hundes der Witterung folgt. Das Vornehmen des Onondago intereſſirte mich ſo ſehr, daß ich mich zu ihm geſellte, mich jedoch hinter ihm hielt, um ihn in ſei⸗ nem Thun nicht zu ſtören. Fußtapfen waren da in Menge, zumal auf dem tiefliegenden feuchten Grund, wo wir uns befanden; aber mir ſchienen ſie alle dem Indianer für ſeinen Zweck durchaus keinen Aufſchluß geben zu können. Die meiſten von unſerer Geſellſchaft trugen Mokkaſins; und es war nicht leicht abzuſehen, wie unter dieſen Umſtänden und bei einem ſolchen Gewirre von Fußtapfen es möglich ſeyn ſollte, daß Einer feindliche von befreundeten Fußtapfen unterſchied. Daß Susqueſus aber die Sache doch für möglich hielt, ging deutlich hervor aus der Emſigkeit und Beharrlichkeit, womit er die Sache betrieb. Anfänglich hatten die Bemühungen meines Begleiters keinen Erfolg, oder wenigſtens kein ihn befriedigendes Ergebniß; aber nach⸗ dem er die Hütte zur Hälfte umkreist hatte, immer in einem Ab⸗ ſtand von etwa hundert Schritten davon ſich haltend, blieb er plötzlich ſtehen, bückte ſich ganz auf die Erde nieder, ſtand dann wieder auf, und einen zerbrochenen Aſt in den Boden ſteckend, als Merkzeichen, winkte er mir, mich ein wenig ſeitwärts zu halten, während er einen rechten Winkel mit ſeiner früher verfolgten Rich⸗ tung beſchrieb und hineinwärts nach unſrer Hütte zu ſich wandte. Ich folgte ihm langſam, Schritt für Schritt, ſeine Bewegungen beobachtend. In dieſer Weiſe erreichten wir die Hütte, wobei wir von der graden Linie etwas abwichen. An der Hütte ſelbſt nahm Susque⸗ ſus eine lange und genaue Prüfung und Unterſuchung vor; aber ſelbſt ich bemerkte, daß die Fußſpuren hier ſo zahlreich waren, daß ſie ihn verwirren mußten. Nachdem er hier ſeine Nachforſchung 486 beendigt, wandte ſich der Indianer und ging nach der Stelle zu⸗ rück, wo er den Aſt in den Boden geſteckt hatte. Hiebei jedoch folgte er ſeinen eigenen Fußtapfen, und kehrte genau auf demſel⸗ ben Umweg zurück, auf welchem er ſich genähert hatte. Dieß allein ſchon würde mich überzeugt haben, daß er mehr ſah als ich; denn, die Wahrheit zu geſtehen, ich hätte ihm dieß nicht gleichthun können. Als wir den Aſt erreichten, verfolgte Susqueſus die(für mich unſichtbare) Spur über den Kreis hinaus, in den Wald hinein, in gerader Linie von der Hütte und der Quelle. Ich blieb fortwäh⸗ rend in ſeiner Nähe, obgleich Kein er von uns während dieſer gan⸗ zen Unterſuchung, die jetzt eine volle halbe Stunde dauerte, ein Wort geſprochen hatte. Da es nunmehr dunkel wurde, und Jaap das Signal gab, daß unſer Nachteſſen fertig ſey, dachte ich, es möchte gut ſeyn endlich das Schweigen zu brechen. „Was macht Ihr aus all dieſem, Trackleß?“ fragte ich ihn. „Findet Ihr Zeichen von Fußtapfen?“ „Gute Spuren,“ antwortete Susqueſus.„Und friſche Spuren. Sehen aus wie von Huronen.“ Das war freilich erſchreckende Nachricht; jedoch, ſo ſehr ich geneigt war, im Allgemeinen der Einſicht meines Begleiters in ſolchen Dingen zu vertrauen, glaubte ich, er müſſe ſich in dieſem Falle irren. Erſtlich konnte ich, obwohl ich viele Fußtapfen in der Nähe der Hütte und auf dem niedern Grund hin geſehen hatte, wo der Indianer ſeinen Kreis beſchrieben, da wo wir jetzt ſtanden, keine entdecken. Ich bemerkte dieß dem Indianer und bat ihn, mir eigens eines der Anzeichen bemerklich zu machen, die ihn auf ſeine Vermuthung führten. „Seht,“ ſagte Susqueſus, ſich ſo tief bückend, daß er mit einem Finger das todte Laub berührte, welches immer im Wald eine Art Fußteppich bildet,„hier Mokkaſin geweſen— dieß Ferſe, dieß Zehen.“ 487 Mit ſolcher Nachhülfe vermochte ich eine ſchwache Fußtapfe zu entdecken, welche mit Hülfe der Einbildungskraft ſo gedeutet wer⸗ den konnte; obwohl der ſehr leiſe Eindruck auf dem Boden, der ſich entdecken ließ, wie mir ſchien beinahe ebenſowohl für irgend etwas Anderes angeſprochen werden mochte. „Ich ſehe, was Ihr meint, Susqueſus; und ich gebe zu, es kann eine Fußtapfe ſeyn,“ antwortete ich;„aber es kann auch ebenſo gut von irgend etwas Anderem herrühren, was gerade hier die Erde berührt hat. Es kann durch den herabgefallenen Zweig eines Bau⸗ mes verurſacht worden ſeyn.“ „Wo Zweig?“ fragte der Indianer mit Blitzesſchnelle. „Wahrhaftig, das iſt mehr als ich ſagen kann. Aber ich kann das nicht für Huronenfußtapfen halten ohne triftigere Be⸗ weiſe als Ihr mir bis jetzt gegeben.“ „Wie nennt Ihr das hier, dieß dort und jenes?“ fuhr der Indianer fort, raſch zurücktretend und auf vier ähnliche aber ſehr ſchwache Eindrücke auf dem Laub deutend;„es nicht ſehen, he? Und dazu die Schritte ganz auseinander!“ Dieß war allerdings wahr; und jetzt, nachdem meine Auf⸗ merkſamkeit dieſe Richtung, meine Sinne dieſe Nachhülfe erhalten hatten, entdeckte ich, muß ich geſtehen, verſchiedene Spuren von Fußtritten, welche ſonſt meiner ernſtlichen Nachforſchung entgangen ſeyn würden. „Ich ſehe, was Ihr meint, Susqueſus,“ ſagte ich,„und ich will zugeben, daß dieſe Linie von Eindrücken oder Spuren dazu beiträgt, ſie als Fußtritte erſcheinen zu laſſen. Aber jedenfalls tragen die Meiſten von unſerer Geſellſchaft Mokkaſins ebenſo wie die rothen Männer, und wie wißt Ihr, ob nicht einer oder der andere von den Landvermeſſern dieſen Weg gemacht haben?“ „Landvermeſſer keine ſolche Eindrücke machen. Zehen einwärts gekehrt.“ Auch dieß war wahr. Aber es folgte noch nicht daraus, daß 488 Fußtapfen von Huronen herrühren, weil ſie indianiſche waren. Denn, woher ſollten die feindlichen Krieger kommen in ſo kur⸗ zer Zeit, wie die zwiſchen der vorgefallenen Schlacht und dem jetzigen Augenblick liegende war? Es waltete kein Zweifel dar⸗ über ob, daß alle Streitkräfte der Franzoſen, Bleichgeſichter und Rothhäute, bei Tikonderoga zuſammengezogen waren, um den Eng⸗ ländern Widerſtand zu leiſten; und die Entfernung war ſo groß, daß es für eine Truppe beinahe unmöglich war, dieſe Stelle ſo bald zu erreichen, wenn ſie nach dem Eintritt der jüngſten Ereig⸗ niſſe aus der Umgegend der Feſte aufgebrochen war. Hätte nicht der See ein Hinderniß in den Weg gelegt, ſo hätte ich auf die Vermuthung kommen können, daß Abtheilungen von Plänklern der vorrückenden Armee in die Flanken geſchickt worden ſeyn möch⸗ ten, wodurch uns Feinde allerdings näher gekommen wären; aber der See war nun einmal da, welcher auf mehr als dreißig Meilen das Anrücken ſicher ſtellte, und den Gebrauch ſolcher Plänkler un⸗ nütz machte. Alles dieß drängte ſich mir im Augenblick auf, und ich ſprach es gegen meinen Begleiter aus, als ein Argument gegen ſeine Vermuthung. „Nicht wahr,“ antwortete Susqueſus, den Kopf ſchüttelnd. „Dieſe Spur— auch Huronenſpur. Kennt nicht rothe Männer, daß Ihr ſo ſprecht.“ „Aber rothe Männer ſind menſchliche Weſen ſo gut wie Bleich⸗ geſichter. Es müſſen ſtebzig Meilen ſeyn von hier bis an das un⸗ tere Ende des George⸗See's, und nach Eurer Vermuthung müßte eine Schaar Indianer dieſe Entfernung in weniger als vierund⸗ zwanzig Stunden zurückgelegt haben, um einige Zeit vor uns hier einzutreffen.“ „Wir doch auch ſo gereist, he?“ „Ich gebe Euch das zu, Trackleß; aber wir machten einen großen Theil der Reiſe in einem Canoe, wo wir Alle abwechſelnd 489 ſchliefen und ruhten. Dieſe Huronen aber müßen die ganze Strecke zu Land zurückgelegt haben.“ „Nicht ſo, Hurone Canoe rudern ſo gut wie Onondago. See dort, Canoe's genug. Warum nicht kommen?“ „Glaubt Ihr, Trackleß, daß von den franzöſiſchen Indianern ſich welche auf den See gewagt haben würden, während er von unſern Booten bedeckt geweſen, wie dieß vorige Nacht der Fall war?“ „Wozu unſere Boote gut, he? Verwundete Krieger führen— flüchtige Krieger führen— um was ſich kümmern? Glaubt Ihr, Huronen fürchten Boot? Hat Boot Augen, he? Boot ſehen, Boot hören, Boot ſchießen, he?“ „Vielleicht nicht; aber diejenigen, die in den Booten ſind, kön⸗ nen das Alles, und würden wenigſtens ein fremdes Canoe an⸗ rufen.“ „Boot anrufen mein Canoe; he? Onondago Canoe auch frem⸗ des Canoe.“ Alles dieß war klar genug, als ich darüber nachzudenken an⸗ fing. Allerdings war es für ein Canoe mit zwei oder drei Rudern wohl möglich, die ganze Länge des See's in weniger Zeit zu durch⸗ meſſen, als wir gebraucht hatten zu zwei Drittheilen dieſer Ent⸗ fernung; und eine Abtheilung, welche in der Nähe von William⸗ Henry landete, konnte allerdings den Ort, wo wir uns jetzt be⸗ fanden, noch einige Stunden vor uns erreichen. Dennoch blieben noch alle die andern für meine Anſicht von der Sache ſprechenden Unwahrſcheinlichkeiten. Es war unwahrſcheinlich, daß eine Truppe gerade in dieſer Weiſe dieſen Weg gemacht haben ſollte; es war noch unwahrſcheinlicher, daß eine ſolche Truppe, auf dem Kriegs⸗ pfad kommend aus einer fernen Gegend des Landes, genau wiſſen ſollte, wo unſere Hütte zu finden war. Nach augenblicklichem Be⸗ denken, während wir Beide langſam uns zu unſern Genoſſen be⸗ gaben, legte ich dem Onondago dieſe Einwürfe vor. 490 „Kennt nicht Indianer,“ verſetzte er mit ernſterer Lebhaftigkeit in ſeinem Benehmen, als bei ihm gewöhnlich war, wenn er ſich berabließ, mit einem Bleichgeſicht die Bräuche und Gewohnheiten der Stämme zu erörtern.„Er zuerſt fechten; dann Skalpe ſuchen. Schon todtes Pferd im Walde geſehen— nun, keine Krähen um es her, he? Krähen genug, nicht ſo? Gerade ſo Indianer. Ver⸗ wundete Krieger fortſchleppen und Indianer im Walde auflauern, hinter der Armee. Skalp zu bekommen. Skalp gut nach Schlacht. Ihm ſehr daran gelegen. Wald voll von Huronen, Pfad nach Al⸗ bany entlang. Yengeeſe der Muth geſunken, den Huronen geſtie⸗ gen. Skalp ſo gut, denkt an nichts Anderes.“ Mittlerweile erreichten wir die Hütte, wo wir Guert und Dirck ſchon an ihrem Nachteſſen trafen. Ich will geſtehen, daß mein Appetit nicht ſo gut war, als er ohne des Onondago Vermuthun⸗ gen und Entdeckungen geweſen ſeyn würde; obwohl ich Platz nahm und mit meinen Freunden zu eſſen anfing. Während des Mahles theilte ich meinen Genoſſen Alles mit, was vorgefallen war, und fragte insbeſondere Guert, welcher mit dem Buſch ganz ordentlich bekannt war, was er von der Wahrſcheinlichkeit des Falles halte. „Wenn feindliche Rothhäute wirklich in jüngſter Zeit hier ge⸗ weſen ſind,“ antwortete der Albanier,„ſo ſind es durchtrieben ſchlaue Teufel geweſen; denn kein Gegenſtand in oder auſſer der Hütte iſt auch nur verrückt worden. Ich habe ſelbſt darauf geachtet, ſobald wir ankamen; denn ich habe es für gar nicht unwahrſcheinlich ge⸗ halten, daß die Huronen ausziehen würden auf der Straße zwiſchen William⸗Henry und den Anſiedlungen, und verſuchen, Skalpe zu erbeuten von den Abtheilungen, welche mit verwundeten Offizieren zurückgeſchickt werden würden.“ „In welchem Falle auch unſer Freund Bulſtrode in Gefahr käme.“ „Er muß ſich auf Alles gefaßt machen, ſo wie wir Alle. Aber er wird vermuthlich nach Ravensneſt transportirt werden, als das i ARu —— 491 nächſte Neſt, wo er ein Unterkommen finden kann. Mir gefällt aber dieſe Spur gar nicht, Corny, denn eine Rothhaut vom Charakter des Onondago irrt ſich ſelten in ſolchen Dingen.“ „Es iſt jetzt zu ſpät, um heute Nacht noch Etwas anzufangen,“ bemerkte Dirck.„Zudem glaube ich auch nicht, daß irgend ein gro⸗ ßes Unglück Einem von uns zuſtoßen wird, ſonſt würde Doortje doch einen Wink deßhalb fallen gelaſſen haben. Solche Wahrſage⸗ rinnen laſſen ſelten eine ernſte Begebenheit hinaus, ohne davon auf die eine oder die andere Art Kunde zu nehmen. Ihr ſeht, Corny, wir ſind bei dem ganzen Handel bei Ty, ohne daß uns die Haut geritzt worden wäre, durchgekommen, was ſehr ſtark dafür ſpricht, daß das alte Weib Recht hatte.“ Der arme Dirck! jene Weiſſagung hatte einen tiefen Eindruck auf ſein Gemüth gemacht und war von großem Einfluß für ſein ganzes künftiges Leben. Es mußte Einer einen ſtarken Glauben haben, um ſich einbilden zu können, ein Uebergehen, ein Nichter⸗ wähnen dieſer Art ſchließe irgendwie die Bedeutung einer poſitiven, bejahenden Weiſſagung in ſich. Aber doch hatte Dirck in Einer Be⸗ ziehung die Wahrheit geſprochen. Es war zu ſpät, um an dieſem Abend noch Etwas anzufangen, und es blieb uns Nichts übrig, als Vorkehrungen zu treffen, um ſo ſicher als möglich der Ruhe zu genießen. Wir beriethen uns über dieſen Gegenſtand und beriefen auch den Indianer, um uns mit ſeinem Nathe an die Hand zu gehen. Nachdem wir die Sache beſprochen, ward beſchloſſen, zu bleiben wo wir waren, die Thüre zu ſchließen und zu verrammeln, und Alle in dem Gebäude zu verſammeln; denn die Neger und die In⸗ dianer hatten es ſtark in der Gewohnheit gehabt, draußen herum irgendwo zu ſchlafen, unter einem leichten Dach von Gehölz und Buſchwerk, das ſie ſich aufgeſchlagen. Man dachte, der Feind, falls er ein Feind war, werde, nachdem er einmal die Hütte beſucht und ſie leer gefunden, wohl ſchwerlich alsbald wieder dahin zurückkom⸗ 492 men, und wir durften uns ſchon in Folge dieſes Einen Umſtandes verhältnißmäßig ſicher glauben. Dann war aber auch ganz wohl möglich, daß die Fußſpuren von befreundeten, und nicht von feind⸗ lichen Indianern herrühren mochten, obgleich Susqueſus verneinend den Kopf ſchüttelte, ſo oft dieß erwähnt wurde. In jedem Fall hatten wir nur die Wahl zwiſchen drei Dingen: entweder das Pa⸗ tent zu verlaſſen, und in der Flucht Sicherheit zu ſuchen; oder auswärts zu kampiren, oder uns in unſre Feſte einzuſchließen. An das Erſte dachte für den Augenblick Niemand; und von den beiden andern Verfahrungsweiſen entſchieden wir uns für die letztere, als die bequemſte und, Alles erwogen, die ſicherſte. Ich zweifle, ob eine Stunde, nachdem wir zu dieſem Entſchluß gekommen, noch Einer von uns fünfen Allen Etwas davon wußte. Ich habe in meinem Leben nie feſter geſchlafen und meine Genoſ⸗ ſen verſicherten nachmals daſſelbe von ſich und der Art, wie ſie die Nacht zugebracht. Erſchöpfung, Jugend und Geſundheit verhalfen uns Allen zu einem erquickenden Schlaf; um neun Uhr legten wir uns nieder, und die Zeit bis zwei Uhr ſchwand uns in völliger Be⸗ wußtloſigkeit dahin. Ich ſage zwei Uhr, denn auf dieſe Stunde wies meine Uhr genau, als der Indianer mich weckte, indem er mich bei der Schulter ſchüttelte. Man gewöhnt ſich an die Wachſam⸗ keit in den Wäldern, und ich ſtand in einem Augenblick auf den Füßen. So dunkel es war, denn es war ſtickfinſtre Nacht, konnte ich doch unterſcheiden, daß Susqueſus allein auf den Beinen war und daß er die Thüre unſerer Hütte aufgeriegelt hatte. Wirklich ſchritt er durch die Oeffnung in die friſche Luft des Waldes hinaus, ſo⸗ bald er bemerkte, daß ich wach und munter ſey. Ohne mich zu be⸗ ſinnen, folgte ich ihm, und ſtand bald an ſeiner Seite, etwa fünf⸗ zehn oder zwanzig Fuß von der Hütte. „Das guter Platz zum Hören,“ ſagte der Indianer in leiſem, gedämpftem Tone.„Jetzt öffnen Ohren!“ —— aA— OoEN& A& AG 493 Welch eine Scene war es, die ſich jetzt meinen Sinnen darbot. Sie ſteht vor meiner Seele nach ſo langer Zeitferne, nach Jahren des friedlichen Glückes und Jahren der Mühſale und Abenteuer. Der Morgen, oder beſſer würde ich ſagen, die Nacht, war an ſich nicht ſehr finſter; aber die zu der Dunkelheit der Stunde hinzu⸗ tretende Düſterheit des Waldes lieh den Baumſtämmen eine tiefe Schwärze, in welcher ſie ſich alle ganz feierlich und leichenhaft aus⸗ nahmen. Es war unmöglich, auf einige Entfernung Etwas zu ſehen, und die Gegenſtände, welche ſichtbar wurden, waren nur die allernächſten, faſt greifbaren. Trotzdem konnte man ſich den Him⸗ melsbaldachin über den Wipfeln der Bäume vorſtellen und ihn mit dem Auge der Phantaſie erſchauen in der Majeſtät ſeiner ſchauer⸗ lichen Unermeßlichkeit. Töne und Laute waren im buchſtäblichen Sinne keine zu vernehmen, als mich der Indianer zuerſt lauſchen hieß, die Stille war ſo tief, daß ich glaubte das Seufzen der Nacht⸗ luft zwiſchen den obern Aeſten der höheren Bäume zu hören. Dieß mochte bloße Einbildung ſeyn; aber dennoch bildeten all die Wipfel der rieſenhaften Cichen, Ahornbäume und Fichten im Verhältniß zu uns eine Art von oberer Welt; eine Welt, mit welcher wir wäh⸗ rend unſers Aufenthalts in den Wäldern unten wenig Verkehr und Gemeinſchaft hatten. Der Rabe, der Adler und der Falke ſegelten in dieſer Region, über den Wolken des Laubes unter ihnen, und ſenkten ſich vielleicht gelegentlich herab, um auf ihre Beute zu ſto⸗ ßen; aber für alle übrigen Geſchöpfe war ſie unzugänglich und bis auf einen gewiſſen Grad unſichtbar. Aber für jetzt habe ich es mit der Welt zu thun, in welcher ich mich befand; und wie war dieſe Welt? Feierlich, ſchweigend, dunkel, unermeßlich und geheimnißvoll. Ich lauſchte vergebens, um die Schritte eines beweglichen Eichhorns zu hören, denn der Wald war bei Nacht ebenſoſehr wie bei Tag von kleinern Thieren belebt; aber in dieſem Augenblick war es, als ob Alles in das Schweigen des Todes verſunken wäre. 494 „Ich kann Nichts hören, Trackleß,“ flüſterte ich—„Warum ſeyd Ihr hier herausgegangen?“ „Ihr hören bald— mich aufgeweckt und ich hören zweimal. Bald wieder kommen!“ Und bald kam es wieder. Es war ein menſchlicher Schrei, menſchlichen Lippen in der Angſt und Qual des Todes entfahrend⸗ Ich hörte den Schrei nur einmal; aber ſollte ich hundert Jahre alt werden, ſo würde ich ihn nicht vergeſſen. Ich höre ihn noch oft in meinem Schlaf, und wohl zwanzigmal bin ich ſeither aufge⸗ wacht, und habe mir eingebildet, jener Schrei der Todesangſt töne in mein Ohr. Er war langgedehnt, laut, durchdringend, und das Wort: Hülfe! war ſo deutlich, als eine Zunge es ausſprechen konnte. „Großer Gott!“ rief ich aus—„es iſt Jemand angegriffen und ſchreit in ſeiner Noth um Hülfe! Laßt uns unſre Freunde wecken und ihm Beiſtand bringen. Ich kann nicht hier bleiben, Susqueſus, wenn mir ein ſolcher Schrei in den Ohren gellt.“ „Am beſten, gehen, das auch glauben,“ antwortete der Onon⸗ dago.„Aber nicht nöthig, zu rufen; Zwei beſſer als Vier. War⸗ tet eine Minute.“ Ich blieb dieſe kurze Friſt unverrückt ſtehen, und lauſchte mit peinlicher Ungewißheit, während der Indianer in die Hütte trat und daraus ſeine und meine Büchſe mitbrachte. Wir bewaffneten uns und machten die Thüre der Hütte zu, um wenigſtens die Nachtluft nicht hinein zu laſſen, und dann ſchritt Susqueſus mir voran mit ſeinem geräuſchloſen Schritt, in ſüdweſtlicher Richtung, derjenigen, in welcher wir den Schrei vernommen hatten. Unſer Marſch war zu raſch und unſer Herz zu beklommen, als daß wir viel hätten ſprechen können. Der Onondago hatte mich ermahnt, ſo wenig Geräuſch als möglich zu machen; und bei der Bangigkeit, die ich empfand, und bei meiner Befiiſſenheit, jener Ermahnung Folge zu leiſten, war die Gelegenheit und Verſuchung zu Geſprächen in der That nicht groß. Meine Empfindungen n π— RN 8—0 G ⏑ à— ũ Schrei gekommen. Hier machte Susqueſus Halt, und ſagte mit 495 waren ſtürmiſch erregt; aber da mein Vertrauen zu meinem Be⸗ gleiter groß war, folgte ich ihm in ſeinen Fußtapfen, ſo gut ich es bei aller Befliſſenheit vermochte. Susqueſus ſchritt faſt mehr in der Luft als auf dem Boden dahin, doch folgte ich ihm dicht auf der Ferſe, bis wir, meiner Berechnung nach, eine volle halbe Meile in der Richtung gegangen waren, von woher jener grauenvolle leiſer Stimme: „Nicht fern von hier— am beſten, ſtehen bleiben.“ Ich unterwarf mich in Allem den Weiſungen meines indiani⸗ ſchen Führers. Dieſer hatte die dunkeln Schatten von zwei oder drei jungen Fichten zu unſerm Verſteck gewählt, wo wir, unter ihre niedern Aeſte uns ſtellend, jedem Auge verborgen ſeyn mußten, das nur acht oder zehn Fuß von uns entfernt war. Sobald wir uns ſo poſtirt hatten, deutete der Onondago auf den Stamm eines ge⸗ fallenen Baumes, und wir ſetzten uns ſchweigend darauf. Ich be⸗ merkte, daß mein Begleiter den Daumen an dem Hahn ſeiner Büchſe und den Zeigefinger am Drücker hatte. Ich brauche kaum zu ſa⸗ gen, daß ich dieſelbe Vorſicht beobachtete. „Das gut,“ ſagte Susqueſus mit ſo leiſer und weicher Stimme, daß ſie nicht mehr Aufmerkſamkeit erregen konnte als ein Flüſtern; „das ſehr gut; bald es wieder hören— dann es wiſſen.“ Ein erſticktes Stöhnen ließ ſich wirklich hören, und zwar faſt im Augenblick, wo mein Begleiter aufgehört hatte, zu ſprechen. Ich fühlte mein Blut kochen— bei dieſen entſetzlichen Anzeichen von menſchlichem Leiden; und eine Aufwallung der Menſchlichkeit machte, daß ich mich bewegte, um aufzuſtehen. Die Hand des Trackleß hin⸗ derte dieſe Unklugheit. „Nicht gut,“ ſagte er finſter.„Sitzt ſtill. Krieger weiß ſtill zu ſitzen.“ „Aber, himmliſche Vorſehung! es muß ja Jemand ganz in 496 unſrer Nähe in Todesqualen ſchmachten, Mann! Habt Ihr nicht ein Stöhnen gehört, Trackleß?“ „Ganz gewiß, ihn gehört— Was weiter? Schmerz macht immer Stöhnen kommen bei Bleichgeſicht.“ „Ihr glaubt alſo, der Leidende ſey ein Weißer? Wenn dieß, ſo muß er von unſrer Geſellſchaft ſeyn, da ſonſt Niemand in unſrer Nähe iſt. Wenn ich es noch einmal höre, ſo muß ich ihm zu Hülfe eilen, Onondago!“ „Warum Ihr Euch benehmen wie Squaw? Was ein Bischen Stöhnen? Gewiß, das ein Bleichgeſicht; Indianer nie ſtöhnen auf Kriegspfad. Warum er ſtöhnen, glaubt Ihr? Weil Hurone ihm begegnet. Das Grund, daß er ſtöhnt. Ihr auch ſtöhnen, nicht ſtill ſitzen. Indianer weiß Zeit zu ſchießen— Zeit nicht zu ſchießen.“ Ich ſpürte den heftigſten Drang in mir, laut zu rufen und zu fragen: Wer der Hülfe benöthigt ſey? aber die Ermahnungen meines Begleiters, unterſtützt nicht wenig durch das düſtre Geheim⸗ niß dieſes unermeßlichen Waldes, in der Stunde der tiefſten Nacht, bewirkten, daß ich dieſen Drang bemeiſterte. Drei Mal jedoch wie⸗ derholte ſich noch das Stöhnen, und wie es mir ſchien, mit jedem Mal ſchwächer und ſchwächer. Es kam mir auch vor, als Alles im Walde ſtill war, und wir in athemloſer Erwartung da ſaßen, was uns nun zunächſt zu Ohren kommen würde, lauſchend auf jedes Seufzen der Nachtluft, und zuſammenſchreckend bei dem Na⸗ ſcheln jedes Blattes— als ob das letzte Stöhnen, ſicherlich das ſchwächſte von allen, die wir gehört, bei weitem das nächſte bei uns wäre. Einmal hörte ich, oder bildete mir ein zu hören, das Wort Waſſer mit leiſer, erſtickter Stimme beinahe unmittelbar an meinem Ohr gemurmelt. Ich meinte auch die Stimme zu kennen; ich meinte, ſie ſey mir gewohnt und vertraut; doch konnte ich bei dem augenblicklichen Zuſtande meiner Gefühle mich nicht beſinnen, Wem ſie denn eigentlich angehöre. 3 , 497 In dieſer Art brachten wir zwei Stunden zu,— für mich die zwei peinlichſten meines Lebens,— die langſame Rückkehr des Ta⸗ geslichts erwartend. Meine Ungeduld war beinahe unbezähmbar; während der Indianer dieſe ganze Zeit über dem Anſchein nach ſo fühllos daſaß, wie der Klotz, welcher ſeinen Sitz bildete, und bei⸗ nahe ebenſo regungslos. Zuletzt näherte ſich dieſe geſpannte, ängſt⸗ liche und auch körperlich peinliche und ſchmerzhafte Wache ihrem Ende. Die Zeichen des Tages ſchimmerten durch den Blätterbal⸗ dachin, und Strahlen trüben Lichts ſchienen ſich herabzukämpfen, ſo daß die Gegenſtände in der Dämmerung allmählig erkennbar wurden. Es ſtand nicht lange an, ſo überzeugten wir uns, daß wir uns ſo vollſtändig gedeckt und geſchirmt hatten, daß wir in unſrer Stellung unter den Zweigen der Fichten der Gegenſtände um uns her gar nicht anſichtig werden konnten. Dieß war jedoch erwünſcht und günſtig, um zu rekognoseiren, ehe wir unſern Verſteck ver⸗ ließen, und ſetzte uns in Stand, für unſre eigne Sicherheit Sorge zu tragen, während wir die Pflichten der Menſchlichkeit erfüllten. Susqueſus verfuhr mit der größten Vorſicht, indem er ſich überall umſchaute, ehe er den Verſteck verließ. Ich war hart an ſeiner Seite und lugte durch die Oeffnungen hinaus, welche ſich darboten; denn meine Neugier war ſo heftig, daß ich beinahe des Anlaſſes zur Beſorgniß vergaß. Es ſtand nicht lang an, ſo hörte ich von meinem Begleiter den ſo gewöhnlichen indianiſchen Ausruf: „hugh!“ ein Beweis daß ihm etwas Ungewöhnliches, Auffallendes zu Geſicht gekommen. Er deutete mir dahin, wohin ich blicken ſollte, und da ſah ich wirklich eines jener entſetzlichen Beiſpiele barbariſcher Grauſamkeit, welche durch die Gebräuche der Kriegfüh⸗ rung bei den Wilden, unter den Waldkriegern dieſes Continents ſanktionirt worden iſt, ſo weit unſre Geſchichte zurück reicht. Die Gipfel von zwei jungen Bäumen waren gegen einander mit Gewalt herabgebogen, die Hände des Opfers feſt an die obern Aeſte von Satanstoe. 32 498 beiden angebunden worden, und dann hatte man die Bäume zurück⸗ ſchnellen laſſen in ihre natürliche Stellung, ſo weit das empörende Bindemittel ihnen dieß geſtattete. Ich konnte kaum meinen Sinnen trauen, als mir mein Auge zuerſt die Wahrheit enthüllte. Aber da hing wirklich das Opfer, an den Armen ſchwebend, wenigſtens zehn bis fünfzehn Fuß über den Boden erhaben. Ich geſtehe, ich hoffte aufrichtig, er ſey todt, und die Regungsloſigkeit des Körpers gab mir Grund, dieß wirklich zu vermuthen. Aber doch mußten die wilden, hoffnungsloſen Rufe um Hülfe in Mitten eines unermeßli⸗ chen, unbewohnten Forſtes, das durch Qualen ausgepreßte Stöh⸗ nen, von ihm gekommen ſeyn. Wahrſcheinlich war er lebend ſo auf⸗ gehangen und verlaſſen worden. Selbſt der Onondago vermochte mich nicht zurückzuhalten, als ich die ganze Grauſamkeit recht ſah und begriff, die an dem un⸗ glücklichen Opfer verübt worden war, welches ſo gerade vor mei⸗ nen Augen da hing, und ich ſtürmte aus meinem Verſteck hervor, bereit, wie ich geſtehen muß, auf den erſten feindlichen rothen Mann, den ich ſehen würde, meine Büchſe loszudrücken. Höchſt wahrſchein⸗ lich zum Glück für mich hatten ſie den Platz längſt verlaſſen. Da der Unglückliche mit dem Rücken gegen mich hing, konnte ich nicht erkennen, Wer er war; aber ſein Anzug war grob, und von der Art, wie die niederſten Claſſen ſie tragen. Vieles Blut war von ſeinem Kopf herabgefloſſen, und ich zweifelte nicht, daß er fkalpirt worden war; obwohl die Höhe, in welcher er hing, und die Art und Weiſe, wie ſein Kopf auf die Bruſt vorwärts geſunken war, mich für den Augenblick über dieſen Umſtand mittelſt des Auges nichts Sicheres erkennen ließ. Nur ſo Viel, als ich angegeben, nahm ich wahr, ehe der Indianer zu mir trat. „Seht!“ ſagte Susqueſus, deſſen raſches Auge ſich nie lange irgend Etwas entgehen ließ;„Euch das geſagt! Hurone hier geweſen!“ Wie er dieß ſagte, wies der Indianer bedeutungsvoll auf die nde en 499 nackte Haut, welche ſichtbar war zwiſchen den ſchweren, plumpen Schuhen des unglücklichen Opfers und den Pumphoſen die er trug, worauf ich entdeckte, daß ſie ſchwarz war. Raſch vor ihn hin tre⸗ tend, ſo daß ich ihm ins Geſicht ſehen konnte, erkannte ich die ver⸗ zerrten Züge von Petrus, oder Pete, Guert Ten Eyck's Neger. Dieſer war, wie man ſich erinnern wird, bei den Landvermeſſern zurückgeblieben, und war entweder in die Hände ſeiner Mörder gefallen, während er in der Hütte mit ſeinen gewöhnlichen Oblie⸗ genheiten beſchäftigt geweſen war, oder ſie hatten ihn im Walde getroffen, wie er zu den Männern, die er bediente, ging oder von ihnen her kam, und hatten ihn dann ſo mißhandelt. Wir vermoch⸗ ten die nähern Umſtände nie auszumitteln, welche bis zu dieſer Stunde noch im Zweifel geblieben ſind. „Gebt mir Euern Tomahawk, Trackleß,“ rief ich, ſobald mich das Entſetzen wieder Worte finden ließ,„damit ich dieſen jungen Baum umhaue und das unglückliche Geſchöpf befreie.“ „Nicht gut— beſſer ſo,“ antwortete der Indianer.„Bär— Wolf kann ihn ſo nicht faſſen. Laßt Schwarzhaut hangen— gut wie begraben— nicht ſicher, hier lang verweilen. Umſchauen und Huronen zählen, dann gehen.“ „Umſchauen und die Huronen zählen!“ dachte ich bei mir ſelbſt, „und auf welche Weiſe ſoll das geſchehen?“ Inzwiſchen jedoch war es hell genug geworden, um Fußtapfen zu ſehen, falls ſolche vor⸗ handen waren, und der Onondago machte ſich daran, die Spuren von dem, was an dieſem entſetzlichen Orte vorgefallen war, zu be⸗ ſichtigen, ſoweit ſie einem Manne von ſeiner Erfahrung verſtändlich waren und Etwas ſagten. Am Fuß einer gewaltigen Eiche, einige Schritte von den zwei jungen Bäumen entfernt, fanden wir die zwei hölzernen, bedeckten Eimer, in welchen, wie wir wußten, Pete gewohnt geweſen, dem Mr. Traverſe und ſeinen Gehülfen das Eſſen zu bringen. Sie waren leer; aber ob die Mundvorräthe, die ſie ohne Zweifel ent⸗ 500 halten hatten, denjenigen zu Theil geworden, für welche ſie beſtimmt geweſen, oder den Peinigern und Mördern des Schwarzen, das erfuhren wir nie. Keine Spuren von Knochen, Kartoffelſchalen oder andere Speiſereſte waren zu entdecken; und wenn die Huronen die Speiſen weggenommen, ſo hatten ſie ſie ohne Zweifel mit ſich weggetragen, wo ſie ihre Vorräthe hatten, und ſich nicht damit auf⸗ gehalten, ſie zu verzehren. Susqueſus entdeckte aus Anzeichen, daß der Unglückliche am Fuß der Eiche geſeſſen, und an dieſer Stelle ergriffen worden war. Es waren daſelbſt viele Fußtapfen und einige Spuren eines leichten Kampfes. Auch waren auf den Blättern Blutſpuren, vom Fuß der Eiche bis zu dem Platz, wo der arme Pete hing; ein Beweis, daß er vorher ſchon Verletzungen erhalten, ehe er ſeinem grauſamen Schickſal überlaſſen worden war. Der wichtigſte Punkt aber, welcher Trackleß anlag, war: die Zahl unſrer Feinde auszumitteln! Dieſes konnte, nach ſeiner Anſicht von der Sache, bis auf einen gewiſſen Grad geſchehen mittelſt der Fußtapfen. An ſolchen Zeichen fehlte es nicht, da die Blätter an manchen Stellen ſehr aufgeſtört waren; jedoch hielt es mein Beglei⸗ ter nach einer kurzen aber genauen Nachſuchung für das Klügſte, ſich nach der Hütte zu begeben, damit nicht die darin Befindlichen im Schlaf überfallen werden möchten. Er gab mir zu verſtehen, der Feind ſcheine auf dieſer Stelle nicht zahlreich geweſen zu ſeyn, drei oder vier Mann höchſtens, obwohl es ganz möglich, ja höchſt wahrſcheinlich ſey, daß ſie ſich getrennt hätten und nicht ihre ganze Stärke bei dieſer entſetzlichen Scene zugegen geweſen. Es war heller Tag, als wir der Hütte wieder anſichtig wur⸗ den, und ich bemerkte, daß Jaap auf und mit ſeinen Töpfen und 2 Keſſeln bei der Quelle beſchäftigt war. Niemand ſonſt war ſicht⸗ 3 bar, und wir vermutheten, daß Guert und Dirck noch auf ihren 3 Pritſchen liegen würden. Wir nahmen von der Höhe aus, auf welcher wir ſtanden, den Wald um das Blockhaus herum lange und mit ängſtlicher Sorgfalt in Augenſchein, ehe wir näher heran — 501 zu treten wagten. Da wir keine Anzeichen von Gefahr entdeckten, und der Wald in einem ziemlichen Umkreis um die Hütte herum ganz frei von Unterholz und Buſchwerk war, und nur große Bäume enthielt, näherten wir uns hierauf ohne Beſorgniß. Wir empfan⸗ den dieſe lichte und offene Beſchaffenheit des Forſtes um unſern Wohnſitz als einen ſehr günſtigen Umſtand, da es hiedurch einem Feinde unmöglich wurde, uns bei Tage ſehr nahe zu kommen, ohne geſehen zu werden. Es rührte dieß daher, daß wir zu unſerm Bau⸗ weſen ſo viel von dem kleinern Holze gebraucht, und daß die Neger das meiſte Buſchholz als Brennſtoff verbraucht hatten. Wirklich fand ich auch meine beiden Freunde in tiefem Schlaf und nichts weniger als gegen etwaige Ueberfälle geſchützt. Als ſie geweckt wurden, und Alles erfuhren, was mir und dem Indianer begegnet, war ihr Erſtaunen groß und ihr Entſetzen nicht geringer. Jaap, der, als er uns beim Aufſtehen vermißte, vermuthete, wir ſeyen auf die Jagd gegangen, war uns in die Hütte gefolgt und hatte meine Erzählung mit angehört. Seine Entrüſtung war groß bei dem Gedanken, daß Einer von ſeiner Farbe ſo grauſam behan⸗ delt worden, und ich hörte ihn mit feſt über einander gebiſſenen Zähnen Rache geloben in nicht ſehr gemäßigten Ausdrücken. „Bei St. Nicholas!“ rief Guert, der ſich jetzt ganz angekleidet hatte, und mich ins Freie hinaus begleitete,„mein armer Burſche ſoll gerächt werden, wenn meine Büchſe mir nicht den Dienſt ver⸗ ſagt, Und auch ſkalpirt, ſagt Ihr, Corny?“ „So viel wir ſehen konnten, da er an den Bäumen hing. Aber gewiß muß er ſkalpirt worden ſeyn, da ein Indianer einem todten Gefangenen dieſe Verſtümmlung nie erläßt.“ „Und Ihr ſeyd drei Stunden im Wald draußen geweſen, ſagt Ihr mir, Corny?— Ihr und Trackleß?“ „Etwa ſo lange, wie mich dünkt. Das Herz müßte von Stein geweſen ſeyn, welches ſolchen Schreien hätte widerſtehen können.“ „Ich tadle Euch nicht, Littlepage, obgleich es freundlicher und 50² klüger geweſen wäre, hättet Ihr Eure Freunde mit Euch genom⸗ men. Wir müſſen in Zukunft feſt an einander halten, mag kom⸗ men was da will. Der arme Petrus! Mich wundert, daß Doortje keinen Wink hat fallen laſſen über das Schickſal dieſes Negers!“ Dann hielten wir eine lange Berathung über unſere weitere Verfahrungsweiſe. Es iſt unnöthig bei dieſer Beſprechung zu ver⸗ weilen, da man die Ergebniſſe derſelben aus dem weitern Verlaufe dieſer Erzählung erſehen wird; aber ſie ward zu einem Ende ge⸗ bracht durch eine ganz plötzliche Unterbrechung— durch die Laute von Arthieben im Walde. Die Schläge ertönten in der Richtung des Platzes her, wo Pete ermordet worden war, und wir hatten unſere Büchſen aufgerafft und wollten uns eben anſchicken, nach dem verdächtigen Punkte uns zu begeben, als wir Jaap auf die Hütte zu kommen ſahen, ſchwankend unter der Laſt von ſeines Freun⸗ des Leichnam. Der Burſche hatte ſich ungeſehen weggeſtohlen, um dieſe fromme Pflicht zu erfüllen, und ſein Vorhaben glücklich aus⸗ geführt. Nach ein paar Minuten hatte er die Quelle erreicht, und begann die empörenden Spuren der Abſchlachtung von dem Kopfe des Opfers der Huronen abzuwaſchen. Wir überzeugten uns jetzt, daß der arme Pete nicht nur ſkal⸗ pirt, ſondern auch mit Meſſern übel zugerichtet, und in der berich⸗ teten Weiſe aufgehangen worden war. Beide Arme ſchienen aus⸗ gerenkt, und die einzige theilweiſe Beruhigung für unſer empörtes Gefühl lag in der Hoffnung, daß das Beſtreben, ſo gräßliche Leiden zuzufügen, bald ſich ſelbſt vereitelt und aufgehoben haben müſſe. Guert insbeſondere ſprach ſeine Hoffnung aus, daß dieß der Fall geweſen, während mir die grauenvollen Töne der vergangenen Nacht noch zu friſch im Ohr gellten, als daß ich im Stande geweſen wäre, Alles zu glauben, was ich wohl in dieſer Beziehung gerne hätte glauben mögen. Ein Grab wurde gegraben und wir verſenkten ſofort den Leichnam, und wälzten ein paar große Holzklötze auf den Platz, um die wilden Thiere zu hindern, ihn auszuſcharren; 1 3 50³ Jaap arbeitete gewaltig um dem Todten dieſe letzten Dienſte zu erweiſen, und Guert Ten Cyck ſprach in der That das Gebet des Herrn und das Credo über dem Grabe, nachdem der Leichnam hin⸗ eingelegt war, mit einer Wärme und Inbrunſt, die mich einiger⸗ maßen überraſchte. „Es war nur ein Neger, Corny, es iſt wahr,“ ſagte der Al⸗ banier, nachdem Alles vorüber war, in halb ſich entſchuldigendem Tone vielleicht,„aber er war ein ſehr guter Neger fürs Erſte; ſo⸗ dann hatte er eine Seele, ſo gut wie ein weißer Mann;— Pete hatte ſeine Verdienſte, ſo gut wie ein Dominie, und ich hoffe, ſie werden nicht vergeſſen werden bei der letzten, großen Rechenſchaft. Er war ein trefflicher Koch, wie Ihr gefunden haben müßt, und ich kannte nie einen Neger, der mehr von der Treue des Hundes gegen ſeinen Herrn an ſich gehabt hätte. Der Burſche ging nie zu einer Luſtbarkeit, ohne ordentlich zu mir zu kommen und mich um Urlaub zu bitten; obgleich ich wahrhaftig in dieſen Dingen kein harter Herr war bei vernünftigen Gelegenheiten.“ Sodann nahmen wir unſer Frühſtück ein mit ſo viel Appetit als uns möglich war. Hierauf packten wir unſre Bündel auf die Schultern, ſtellten Alles in der Hütte und um ſie herum ſo viel als möglich in derſelben Ordnung hin, wie wir es getroffen hat⸗ ten, und traten, Susqueſus voran wie gewöhnlich, wieder unſern Marſch an. Wir gingen zuerſt, die Landvermeſſer aufzuſuchen, welche wir im ſüdöſtlichen Theile des Patents vermutheten, beſchäftigt wie ge⸗ wöhnlich, und Nichts ahnend von allem Vorgefallenen. Zuerſt hatten wir daran gedacht, unſre Büchſen abzufenern, als Signale, um ſie herbeizurufen; aber dieſe Signale konnten leicht ebenſo gut unſre Feinde als unſre Freunde von unſrer Anweſenheit in Kennt⸗ niß ſetzen; und die Entfernung war überdieß zu groß, als daß es wahrſcheinlich war, der Knall der Schüſſe werde von denjenigen vernommen werden, für welche allein dieß Signal beſtimmt geweſen wäre. 504 Der Weg, den wir einſchlugen, ward beſtimmt durch unſere Ver⸗ muthung hinſichtlich des Bezirkes des Patents überhaupt, in welchem die Landvermeſſer ſich jetzt befinden mußten, ſo wie auch durch die Rich⸗ tung, in welcher der Leichnam Pete's gefunden worden war. Der arme Kerl war gewiß entweder zu jener Geſellſchaft gegangen oder von ihr her gekommen, und da er in beſtändigem Verkehr mit ihr ſtand, wußte er ohne Zweifel genau, wo ſie beſchäftigt war. Dann wurden auch die verſchiedenen Fußtapfen der Landvermeſſer von Trackleß ganz leicht aufgefunden, und er ſagte uns, daß die friſche⸗ ſten in der bezeichneten Richtung hinführten. Gegen Südoſten nahmen wir daher unſern Weg und marſchirten, wie früher, im indianiſchen Reihen; der Onondago ſchritt voran, und der Neger ſchloß den Zug. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Es iſt zu grauſenhaft! Das traurigſte, mühſamſte ird'ſche Leben, Das Alter, Armuth, Siechthum und Gefängniß Aufbürden der Natur, ein Paradies iſt's Mit dem verglichen, was der Tod uns droht! Maß für Maft. Es dauerte nicht lange, bis wir den Punkt auf dem Patent erreichten, wo die Landvermeſſer thätig geweſen waren, wo es dann keine große Schwierigkeit haben konnte, ihren gegenwärtigen Auf⸗ enthaltsort aufzufinden. Die bezeichneten, angehauenen Bäume waren uns Führer, welche uns von dem ganzen Verlauf ihrer Ar⸗ beiten in Kenntniß ſetzten. Anderthalb Stunden jedoch ſchritten wir raſch voran, Susqueſus an unſrer Spitze, ſchweigend, ernſt, wachſam, und ich fürchte, ich muß hinzuſetzen: rachegierig. Keine Sylbe war während dieſer ganzen Zeit geſprochen worden, aber wir hatten alle unſre Sinne offen und geſpannt, und wir vermieden jedes ſtärkere Gebüſch, welches etwa einen Hinterhalt verſtecken konnte; plötzlich machte der Indianer Halt; im nächſten Augenblick war er hinter einem Baum. Wir Alle thaten es ihm, ſchnell wie ein Gedanke, nach; denn dazu waren wir zuvor angewieſen worden für den Fall, daß wir einem Feinde begegneten; und wir Alle be⸗ griffen wohl, wie wichtig es beim Waldkrieg war, einen deckenden Schirm zu haben. Dennoch war kein Feind ſichtbar. Nachdem wir ein paar Minuten lang den Wald in jeder Richtung durch⸗ ſpäht, und ihn ſo leer und ſtill wie nur je gefunden, verließen 506 Guert und ich unſere Bäume und begaben uns zu Trackleß, der am Fuß einer ungeheuern Fichte ſtand. „Wozu das, Susqueſus?“ fragte der Albanier etwas ſcharf; denn er begann zu argwöhnen, es ſey dieß ein wenig Komödie geſpielt, um die Wichtigkeit und Nützlichkeit des Indianers in ein um ſo glänzenderes Licht zu ſtellen;„hier iſt weder Bleichgeſicht noch Rothhaut. Laßt dieſe Thorheit fahren und führt uns weiter!“ „Nicht gut— Krieger hier geweſen; vielleicht fort, vielleicht nicht; bald ſehen. Auge aufthun und ſehen.“ Da eine Geberde dieſe Rede begleitete, ſchauten wir noch ein⸗ mal uns um, und dießmal in der rechten Richtung. Hundert Schritte von uns entfernt, ſtand ein Kaſtanienbaum, welchen man von den Wurzeln bis zu den Aeſten ſah. Auf dem Boden, zum Theil verſteckt von dem Baume, zum Theil frei, ſah man das Bein eines Mannes, in einer Lage, wie ſie dieß Glied haben mußte, vor⸗ ausgeſetzt daß der Mann ſchlafend auf dem Rücken dalag. Man ſah daran einen Mokkaſin und die gewöhnliche Fußbekleidung eines Indianers, der Schenkel aber und der ganze übrige Körper war verſteckt. Das ſcharfe Auge des Onondago war auf dieſen kleinen Gegenſtand ſchon in ſolcher Entfernung gefallen, hatte auf Einen Blick Alles gefaßt, und dann hatte er, wie erzählt, den ſchirmenden Verſteck geſucht. Guert und ich hatten einige Mühe dieſen Gegen⸗ ſtand zu erkennen, ſelbſt nachdem wir darauf hingewieſen worden waren; aber bald unterſchieden wir ihn und verſtanden Alles. „Iſt das das Bein einer Rothhaut?“ fragte Guert, die Mün⸗ dung ſeiner Büchſe ſenkend, wie wenn er im Begriff ſtände, ſeine Geſchicklichkeit daran zu verſuchen. „Weiß nicht,“ antwortete der Indianer;„hat Indianerſtrumpf, hat Mokkaſin; kann nicht Farbe ſehen. Sieht ſehr aus wie Bleich⸗ geſicht; dickes Bein.“ Was Einem möglich machen konnte, auf eine ſolche Entfernung zwiſchen dem Bein eines Weißen und dem Bein eines Indianers 50⁷ zu unterſcheiden, das überſtieg zuerſt alle unſre Begriffe und Muth⸗ maßungen weit; aber der Onondago erklärte es uns, auf unſer Befragen, in ſeiner gewohnten bündigen Weiſe, indem er ſagte: „Zehen auswärts gekehrt— Indianer einwärts— gar nicht gleich ſehen. Bleichgeſicht dick; Indianer nicht ſehr dick.“ Das Erſtere war ganz richtig beim Gehen, und es erſchien wahrſcheinlich, daß der Unterſchied auch beim Schlafen ſtattfinden möge. Guert erklärte jetzt, es nütze Nichts, noch länger zu zögern; ſey es ein Schlafender, ſo wolle er ſich dem Kaſtanienbaum vor⸗ ſichtig nähern, und den Unbekannten gefangen nehmen, falls er ein Indianer ſey, ehe er aufſtehen könne; ſey er ein Weißer, ſo müſſe es ein Angehöriger unſerer Geſellſchaft ſeyn, der vermuthlich nach einem anſtrengenden Marſch ein Schläfchen mache. Susqueſus mußte ſich inzwiſchen überzeugt haben, daß keine unmittelbare Ge⸗ fahr in der Nähe ſey; denn mit den Worten:„Alle zuſammen gehen,“ verließ er ſeinen Verſteck und ging auf den Kaſtanienbaum zu mit haſtigen aber geräuſchloſen Schritten. Da wir in Einem Haufen vorwärts gingen, erreichten wir alle Fünf den Baum in demſelben Augenblicke, und fanden dort Sam, einen von unſern Jägern, den wir bei Mr. Traverſe glaubten, auf dem Rücken lie⸗ gend, todt, mit einer Wunde von einem Meſſer in der Bruſt. Auch er war ſkalpirt worden! Die Blicke, die wir mit einander wechſelten, ſagten Alles, was ſich über dieſe wichtige und traurige neue Entdeckung ſagen ließ. Susqueſus allein ward nicht aus der Faſſung gebracht; ich glaube faſt, er hatte das vermuthet, was wir fanden. Nachdem er den Leichnam beſichtigt, ſchien er ſeiner Sache gewiß, und ſagte blos: „Getödtet, letzte Nacht.“ Daß der arme Sam ſchon einige Stunden todt war, ließ ſich nicht bezweifeln, und dieſer Umſtand beſeitigte jede Beſorgniß von einer unmittelbaren Gefahr von Seiten ſeiner Mörder. Die erbar⸗ mungsloſen Krieger der Wälder verweilten ſelten lang in der Nähe 5⁰8 des Ortes, wo ſie Verwüſtung und Gemetzel angerichtet, ſondern zogen vorüber wie ein Gewitter oder wie eine Windsbraut. Guert, der immer rüſtig und bereit war, wenn es Etwas zu thun gab, deutete auf eine natürliche Höhle in der Erde; eine jener Höhlen, welche im Wald ſo häufig vorkommen und gewöhnlich der Ent⸗ wurzlung von Bäumen in unvordenklicher Zeit zugeſchrieben wer⸗ den, und ſchlug vor, wir ſollten uns ihrer als eines Grabes be⸗ dienen. Demgemäß ward der Leichnahm in die Höhle gelegt, und wir bedeckten ihn ſo gut wir konnten; es gelang uns etwa einen Fuß tief leichten Lehm nebſt einigen flachen Steinen darauf zu ſchichten; und dann wälzten wir Holzklötze darauf, wie wir bei dem Grabe Pete's gethan hatten. Inzwiſchen waren Guert's Gefühle ſo mächtig aufgeregt, daß er, außer dem Vaterunſer und dem Credo, welche er wieder in ſehr anſtändiger und andächtiger Weiſe ſprach, die ganze Ceremonie noch mit einer kurzen Rede ſchloß. Und bei Allem, was Guert bei dieſen beiden feierlichernſten Gele⸗ genheiten ſagte und that, war es ihm voller, heiliger Ernſt; ſeine Worte, wie ſeine Handlungen, waren rein nur die Ergüſſe und Aeußerungen eines einfachen Gemüths, welches ein Verlangen nach Frömmigkeit und Schriftwahrheit empfand, ohne zu wiſſen, wie dieß Verlangen, dieſe Sehnſucht ausſprechen; und dieß Alles trotz der ſinnlichen Neigungen und der muntern Lebensgewohnheiten, welche die Folge ſeiner phyſiſchen Organiſation und ſeiner Tempe⸗ ramentsanlagen waren. „Der Tod, meine Freunde,“ ſagte Guert mit großem Ernſt, und mit ſtark holländiſchem Accent, wie gewöhnlich, wenn er warm wurde,„der Tod iſt ein plötzlicher Gaſt. Er kommt wie ein Dieb in der Nacht, wie Ihr Alle oft den Dominie habt ſagen hören, und glücklich iſt, Weſſen Lenden gegürtet und Weſſen Lampe ange⸗ zündet iſt. Das iſt, hoffe ich, bei Euch Allen der Fall; denn es läßt ſich nicht verhehlen, daß wir ernſte Arbeit höchſt wahrſcheinlich vor uns haben. Hier ſind ohne alle Frage Indianer geweſen, und — 509 zwar Indianer, welche aus ſind auf dem Kriegspfad, um engliſche Skalpe zu holen; oder, was für Mr. Follock und mich ebenſo wichtig iſt, auch holländiſche Skalpe in den Kauf; und dieß macht es um ſo mehr Jedem zur unerläßlichen Pflicht, auf ſeiner Hut zu ſeyn, und gewärtig ſeines Werkes, wann es kommen mag, wie der Bullenbeißer gewärtig und gefaßt iſt, den Stier zu packen. Gott verhüte, daß ich ſollte Rache predigen über dem Grabe eines Freundes; aber der Soldat ſicht nicht ſchlechter, wenn er weiß, daß er in ſeinen Gefühlen ſchwer verletzt worden, wie dieß ganz gewiß bei uns der Fall geweſen iſt. Vielleicht ſollte ich ein Wort über⸗ den Todten ſagen, da dieß das letzte und einzige Mal iſt, wo ein Mitgeſchöpf Anlaß hat, von ihm zu ſprechen. Sam war ein trefflicher Jäger, wie ihm ſein argſter Feind zugeſtehen muß; und nun er dahin iſt, ſind wenige Beſſere übrig. Er hatte Eine Schwachheit, welche ein ehrlicher Mann, an ſeinem Grabe ſtehend, nicht zu verhehlen ſuchen muß; er liebte gebrannte Flüſſigkeiten; aber darin ſtand er nicht allein da. Aber doch war er ehrlich und redlich; und ſein Wort galt, wo manchen Mannes Schein und Bürgſchaft nichtig waren; und ich empfehle ihn hiemit den gnädigen Händen ſeines Schöpfers. Meine Freunde, ich habe nur noch Weniges zu ſagen, und das iſt: dieſes Leben iſt ungewiß und der Tod iſt ſicher. Samuel iſt uns nur eine kleine Friſt voran⸗ gegangen; und mögen wir Alle ebenſo gefaßt und bereit ſeyn, zu unſerer großen Rechenſchaft uns zu ſtellen. Amen!“ Lächelte Einer von den Anweſenden bei dieſer Rede? Keines⸗ wegs. So ſeltſam, unzuſammenhängend und einfältig ſie Man⸗ chen erſcheinen mag,— ſie hatte ein großes Verdienſt, welches nicht immer in den Reden derer zu entdecken iſt, welche bei den kunſt⸗ gerechteſten Leichenbegängniſſen funktioniren. Es war Guert auf⸗ richtiger Ernſt, obwohl er weder ſehr logiſch noch ſehr klar ſeyn mochte. Das zeigte ſich in ſeinem Geſicht, in ſeiner Stimme, in ſeinem ganzen Weſen. Ich für meine Perſon will geſtehen, daß 510 ich damals an dieſer Rede nichts beſonders Unpaſſendes fand, und auch jetzt noch ſcheint ſie mir weder unfromm noch ſonſt ungeeignet und unzeitig geweſen zu ſeyn. Wir verließen das Grab des Jägers in der Tiefe dieſes endloſen Waldes, wie das Schiff von der Stelle im Ocean weiter ſteuert, wo es ſeinen Todten verſenkt hat. In künftigen Tagen vielleicht einmal wird die Pflugſchaar die Gebeine aufwühlen, und der Land⸗ mann grübeln und ſinnen über das muthmaßliche Schickſal des ſo einſam verſcharrten Mannes, deſſen Ueberreſte dann wieder an das Licht des Tages kommen werden. Als wir den Platz verließen, hielt uns der Indianer noch einen Augenblick zurück, um uns zur Wach⸗ ſamkeit zu ermahnen. „Huronen das gethan,“ ſagte er bedeutungsvoll.—„Keinen Unterſchied ſehen, he? Ihr nicht ſehen hangen wie Pete!“ „Das iſt ganz wahr, Susqueſus,“ verſetzte Guert; denn Guert hatte jetzt, vermöge ſeines Alters, ſeiner größern Vertrautheit mit den Wäldern, ſeines hohen Muthes und ſeiner perſönlichen Ent⸗ ſchloſſenheit und Kühnheit ohne Widerſtreben von unſrer Seite eine Art Hauptmannſchaft über uns angenommen.„Könnt Ihr uns aber den Grund ſagen?“ „Muß, ſo Ihr nennt Ihn, wunden Rücken— das Alles. Kenne ihn wohl, liebt nicht Schläge; kein Indianer liebt Schläge.“ „Und Ihr glaubt alſo, Jaap's Gefangener habe hier die Hand im Spiel, und der Kriegspfad ſtehe der Rache offen ebenſo wie dem öffentlichen Dienſt— wir werden gejagt und verfolgt, weniger um unſrer Skalpe willen, als damit ein Pflaſter auf den Rücken des Huronen gelegt werde?“ 1 „Gewiß. Drei Canoes an uns vorbei auf See— das Muß, wie Ihr ihn nennt. Kenne ihn wohl. Er will nicht ſchlafen, bis Rücken heil iſt. Seht wie er behandelt Neger! Ihn hängen an Baum— Bleichgeſicht nur tödten und nehmen Skalp!“ „Glaubt Ihr, er habe dieſen Unterſchied in der Behandlung —;— 511 ſeiner beiden Gefangenen wegen der Farbe gemacht? Er ſey ſo grauſam mit Petrus verfahren, weil⸗Jaap, auch ein Neger, ihn gepeitſcht?“ „Gewiß! ganz ſo. Ruücken weniger ſchmerzen nach dieſem. Gut für Rücken, Neger zu hängen. Jaap ſehen, in einiger Zeit.“ Ich will meinem Burſchen die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, und ihm bezeugen, daß, was den Muth betrifft, er Wenige ſeines Gleichen hatte. Wie ich früher geſagt, er fürchtete ſich nur vor dem Spuck, oder vor holländiſchen Geſpenſtern; denn die Scheue, die er vor mir hatte, war ſo gemiſcht mit Liebe, daß ſie den Na⸗ men Furcht nicht verdiente. Gewöhnlich wenn das Wetter nicht ſehr kalt war, hatte ſein Geſicht eine dunkele, ſchwarze, glän⸗ zende Farbe, Sargfarbe, wie die Knaben es manchmal nannten; aber jetzt bemerkte ich, daß ſeine Haut, trotz ſeiner ſtarken Nerven und ſeines lebhaften Verlangens nach Rache wegen der grauſamen Mißhandlung ſeines Genoſſen und Bruders, eine gräuliche Farbe annahm, wie man es in der Negel bei den Menſchen ſeiner Race nur bei ſtarkem Froſt ſieht. Es war unverkennbar, daß die Art, wie Trackleß geſprochen, nicht ohne Wirkung geblieben war; und ich bin immer der Anſicht geweſen, daß der Eindruck, den ſeine Worte auf Jaap machten, für uns von unendlichem Nutzen geweſen, ſofern dadurch alle Kräfte und Vermögen ſeines Leibes und Geiſtes in Bewegung geſetzt und in lebendiger Thätigkeit erhalten wurden. Ich überzeugte mich hievon während wir weiter zogen, indem Jaap eine Strecke weit mir dicht auf den Ferſen folgte, um ſeine Be⸗ kümmerniß und Beſorgniß in meiner Seele niederzulegen. „Ich hoffen, Maſſer Corny, Sah,“ begann der Neger,„Ihr Nichts halten von allem Dem, was Indianer hier ſagen 35 „Ich halte dafür, Jaap, daß es nöthig ſeyn wird, daß Du deine Augen aufthuſt, um ja nicht in die Hände deines Freundes Muß, wie Du ihn nennſt, zu fallen, ſonſt möchte er dich ſogar noch ſchlimmer bedienen, als er den armen Pete bedient hat. Ich 2* 512 hoffe auch, es wird dir dieß eine Warnung ſeyn, und dir die Noth⸗ wendigkeit einpragen, deine Gefangene menſchlich zu behandeln, ſollteſt du je wieder einen machen.“. „Ich nicht glauben, Maſſer Corny, Ihr die Sache recht er⸗ wägen, Sah. Was es nützen, ein Neger gefangen nehmen In⸗ dianer, wenn er ihn wieder laufen läßt und ihn nicht gerbt ein Bischen. Nur ein Bischen, Maſſer Corny. Alles ſo einladend, Sah— Strick ganz bereit, Rücken nackt und Herz wild, natür⸗ lich, weil ſo lange Zeit gebraucht, das Gezücht zu packen, Sah!“ „Nun, Jaap, was geſchehen iſt, iſt geſchehen, und es hilft jetzt Nichts mehr, es mit Worten zu bedauern. Eines jedoch darfſt du gewiß glauben: dir wird keine Gnade zu Theil werden, falls dieſer Burſche, Muß, wirklich hier herum, uns auf den Ferſen iſt, und du ſo unglücklich ſeyn ſollteſt, ihm in die Hände zu fallen!“ Der Neger gab brummend und halb heulend ſein Mißvergnü⸗ gen kund, und ich bemerkte deutlich, daß er entſchloſſen war, ſich mannhaft zu wehren, ehe er ſeine Wolle von dem Meſſer eines Wilden ſich würde in Unordnung bringen laſſen. Einen Augen⸗ blick trat er beiſeite, und ließ ehrerbietig Dirck den ihm gebührenden Platz in der Marſchlinie zunächſt hinter mir, einnehmen. Wir mochten zwei Meilen weit von dem Platze entfernt ſeyn, wo wir den Jäger begraben hatten, als der Indianer auf einem kleinen Bühl den Arm emporſtreckte, zum Zeichen daß er wieder eine Entdeckung gemacht. Dießmal jedoch ſchien die Geberde mehr Triumph als Entſetzen anzudeuten. Da er im ſelben Augenblick jählings Halt machte, drängten wir Alle uns plötzlich an ihn heran und gewahrten bald, was die Urſache ſeines plötzlich veränderten Benehmens war. Der Grund fiel eine Strecke weit vor uns in einer Art Wel⸗ lenlinie ab; und da die Bäume alle von der größten Art und ohne Unterholz und Gebüſch waren, hatte der Platz Etwas vom * — aon 8 1727 — 513 Ausſehen eines mächtigen Waldgebäudes, bei welchem der Blätter⸗ baldachin oben das Dach und die Stämme von Eichen, Linden, Buchen und Ahornbäumen die tragenden und ſtützenden Säulen zu bilden ſcheinen konnten. In dieſer weiten, düſtern doch nicht ungefälligen Halle war ein trübdämmerndes Licht, wie das, welches durch die Fenſter eines Gebäudes vom alten⸗ Bauſtyl fällt, und Alles ernſt und weich erſcheinen läßt. Eine Quelle ſüßen Waſſers ſprudelte aus einem Felſen, und daneben ſaßen im Kreiſe Mr. Traverſe und ſeine beiden Meßkettenträger, dem Anſchein nach ihre Morgenmahlzeit einnehmend, oder vielmehr nach derſelben ſich zur Ruhe legend, Eimer, Teller und Speiſereſte vor ſich; wie Männer die nach Stillung des Hungers noch ein Wenig raſten und einige Minuten müſſig mit Geplauder hinbringen. Tom, der zweite Jäger und Zimmermann lag etwas entfernt ſchlafend da. „Hier hat, Gott ſey Dank! noch nicht einmal ein Allarm ſtatt⸗ gefunden,“ ſagte Guert getroſt und heiter,„und wir kommen noch zu rechter Zeit, um ſie von ihrer Gefahr in Kenntniß zu ſetzen. Ich will ſie anrufen; es wird ihrem Ohr ſüß lauten.“ „Nicht Anruf,“ ſagte Trackleß raſch;„nicht gut jetzt, hallo zu rufen. Bald dort ſeyn und es ihnen ſagen mit leiſer Stimme.“ Da dieß offenbar der Klugheit gemäß war, wollten wir Alle mit einander vorwärts, ohne uns jedoch Mühe zu geben, unſer Herannahen zu verhehlen, ſondern in ziemlich lauten taktmäßigen Schritten auf ſie zu gehend. Ein ſeltſames Gefühl beſchlich mich, als wir uns näherten, und keiner von den Landvermeſſern ſich rührte! Eine Ahnung der entſetzlichen Wahrheit drängte ſich mei⸗ ner Seele auf; aber ich kann faum behaupten, daß deßwegen mein Entſetzen geringer geweſen, als wir, nahe kommend, an den fahlen Geſichtern, den ſtarren gläſernen Augen und dem herabhängenden Kinn ſahen, daß alle unſere Freunde todt waren. Mit wilder er⸗ finderiſcher Spaßhaftigkeit hatten die Indianer die Leichname in eine Satanstoe. 33 514 zurückgebeugte Stellung gebracht, und ihnen eine ſolche Lage ge⸗ geben, daß ſie eine entſetzliche Aehnlichkeit mit dem Zuſtande von Schlafenden oder Bequemausruhenden hatten. „Heiliger Himmel!“ rief Guert, den Kolben ſeiner Büchſe auf den Boden ſtoßend;„wir kommen zu ſpät!“ Niemand ſonſt ſprach ein Wort. Als die Mützen weggenom⸗ men wurden, fand ſich, daß Alle ſkalpirt worden, und daß die Männer insgeſammt, die wir vor wenigen Tagen verlaſſen, ſtolz in ihrer Kraft und in der Fülle des frohen Lebens, dahin waren und von uns nicht mehr lebendig wieder geſehen werden ſollten. Nur das Schickſal Jumper's, des andern Indianers, war noch nicht erkundet. Büchſenkugeln hatten hier das Todeswerk vollbracht; Alle vier waren von Schüſſen durchbohrt, und Mr. Traverſe hatte nicht weniger als drei Kugeln erhalten. Ich will geſtehen, daß ein Verdacht gegen den Oneida, jetzt zum erſten Mal, durch meine Seele zuckte; und ich trug kein Be⸗ denken, dieß meinen Begleitern auszuſprechen, ſobald wir nur wie⸗ der im Stande waren zu reden und zu hören. „Nicht wahr!“ ſagte Trackleß mit nachdrücklicher Beſtimmtheit. „Jumper armer Indianer— das ſo— liebt Rum— kein Schelm, Freunde zu tödten. Muſohoeenah ein Krieger das zu thun. Sieht ihm ganz gleich. Nein; Jumper Thor— liebt Rum— kein ſchlech⸗ ter Indianer!“ Wo blieb aber Jumper? Er allein von Allen, die wir hier zurückgelaſſen, blieb uns noch zu finden übrig. Wir ſuchten lange nach ſeinem Leichnam, aber ohne Erfolg. Susqueſus unterſuchte die Fußtapfen und die Leichname, und gab ſeine Meinung dahin ab, daß der Landvermeſſer und ſeine Gehülfen vor etwa drei oder vier Stunden getödtet worden ſeyn möchten; und daß die Mörder— denn als Solche erſchienen in unſern Augen diejenigen, welche die ſchnöde That verübt hatten— kaum zwanzig Minuten vor unſerer An⸗ kunft den Platz verlaſſen hätten. Es konnte ganz wohl vorgefallen ſeyn, 515 1 3 ohne daß wir den Knall der Büchſen hörten, da die Entfernung von der Hütte einige Meilen betrug, und wir vor zwei Stunden noch nicht weit von dem Ort entfernt geweſen ſeyn konnten, wo wir die Nacht zugebracht hatten. Daß der Angriff nach Tagesanbruch er⸗ folgte, war ziemlich gewiß; und da Pete ganz gewiß lebendig er⸗ griffen worden war, konnten die Wilden von ihm Auſſchlüſſe erhalten haben, welche ſie auf den Platz führten, wo die auswärts kampierende Geſellſchaft ihn vermuthlich erwartete. Dennoch blieb dieß immer eigentlich eine bloße Vermuthung, und wir erfuhren nie mit Sicherheit, welches Opfer zuerſt fiel, oder ob der Neger überhaupt nahe an dem Platz gefangen worden war, wo ſie ihn aufhingen. Die teufliſche Grauſamkeit ſeiner Peiniger mochte ihn eine Zeit lang als Gefangenen aufbewahren vor der endlichen Ka⸗ taſtrophe, und ſie konnten ihn ſo mit ſich herum führen, um dem Elenden möglichſt große Qualen zuzufügen, denn wie Susqueſus ſagte:„Muß's Rücken ſehr wund!“ Wir begruben den armen Traverſe und ſeine Meßkettenträger in der Nähe der Quelle, und bedienten uns dazu derſelben natür⸗ lichen Höhlen in der Erde, in deren einer wir den Jäger begraben hatten. Als wir nachſuchten, fanden wir, daß ihre Waffen ſammt Munition weg und die Taſchen der Todten ausgeleert waren. Der amerikaniſche Indianer iſt ſelten ein Dieb im gewöhnlichen Sinne des Wortes; aber er betrachtet das Eigenthum derer, die er tödtet, als das ſeinige. In dieſem Punkt unterſcheidet er ſich nicht weſent⸗ lich vom civiliſirten Soldaten, bei dem, glaube ich, die Plünderung, der Todten als rechtmäßiger Vortheil und Gewinn des Kriegers be⸗ trachtet wird. Die Huronen hatten ſich des Compaſſes und der Meßgeräthe bemächtigt, denn davon fanden wir Nichts, aber ſie hatten das Feldbuch und die Notizen von Traverſe liegen gelaſſen, als Dinge die ihnen unnütz waren. In andern Beziehungen ſchien aus manchen Zeichen zu erhellen, daß der Aufenthalt der Wilden auf dieſem unheilvollen Platze nur kurz und haſtig geweſen war. 516 Dießmal machte Guert keinen Verſuch in Moral oder Beredt⸗ ſamkeit. Das Entſetzen hatte uns Alle für ſo Etwas untüchtig gemacht, und wir entledigten uns unſerer Pflichten mit der ernſten Emſigkeit und Nachdenklichkeit von Menſchen, die nicht wußten, ob nicht der nächſte Augenblick ſie in einen tödtlichen Kampf ver⸗ wickeln würde. Wir begaben uns eifrig und etwas haſtig an die Arbeit, und waren bald bereit, uns wieder auf den Weg zu machen. Nach einer eilfertigen Berathung wurde beſchloſſen, den Spuren der Huronen zu folgen, als das ſicherſte Verfahren, um einerſeits ſie zu überraſchen, andrerſeits ſie zu hindern, uns zu überfallen. Dem Indianer konnte es nicht ſchwer fallen, die ſehr ins Auge fallenden Fußtapfen zu verfolgen, welche dem Anſchein nach von wohl einem Dutzend Männern herrühren mußten. Der Leſer, ſofern er mit den Gebräuchen der amerikaniſchen Wilden nicht bekannt iſt, darf nicht glauben, dieſe Bande habe den Wald in einer ungeordneten Gruppe durchzogen; gleichgültig, welche Spuren ihre Wanderung zurücklaſſe. Der eingeborne Krieger thut das nie; gewöhnlich marſchirt er in einer Linie von nur Einem Reihen, welche bei uns den Namen der indianiſchen Reihe erhalten hat; und wenn ſie dringende Gründe haben, ihre Zahl zu ver⸗ heimlichen, ſo haben ſie den Brauch, daß jeder Folgende ſo genau als möglich in den Fußtapfen des ihm vorangehenden Kriegers tritt, wodurch die Berechnung ihrer Zahl ſchwer, wo nicht unmöglich wird. Auf dieſe Art waren offenbar unſere Feinde marſchirt; Sus⸗ queſus aber, welcher die Merkmale um die Quelle herum genau unterſucht hatte, ſo lange wir mit Beerdigung der Todten beſchäftigt geweſen waren, ſprach ſeine Meinung dahin aus, daß unſere Feinde nicht weniger als zwölf Krieger zählen könnten; dieß war keine ſehr tröſtliche Nachricht, da der Sieg in einem etwaigen Kampf nahezu hoffnungslos erſchien. So wenigſtens kam mir die Sache vor, ob⸗ wohl Guert ſie in einem ganz andern Licht anſah. Dieſer im höchſten Grad unerſchrockene Mann konnte es nicht über's Herz 517 bringen, die Idee aufzugeben, ſo grauſame Feinde aus dem Lande zu jagen; und ich glaube, er würde ohne Bedenken hundert Wilden die Spitze geboten haben, als wir die Quelle verließen. Es fiel dem Onondago nicht ſchwer, die Spuren zu verfolgen, welche uns zuerſt eine Strecke weit in gerader Richtung nach Ra⸗ vensneſt zu führten, dann aber plötzlich gegen die Hütte hin ſich ſeit⸗ wärts wandten. Dieſer Bogen, und der Mangel an einem feſten Plan und Zweck auf Seiten der Huronen war vermuthlich Schuld daran, daß wir ihnen nicht begegneten auf unſerm Marſche nach der„blutigen Quelle,“ wie die Stelle, wo Traverſe getödtet worden war, ſpäter genannt wurde. Es ſtand nicht lange an, ſo befanden wir uns ganz in der Nähe unſrer eignen Fährte, obgleich wir, zum Glück für uns viel⸗ leicht, ſie nicht wirklich berührten. Wäre unſre Bewegung entdeckt worden, ſo wäre uns der Feind vermuthlich in den Rücken gekom⸗ men, eine Stellung, in welcher die Indianer höchſt furchtbar ſind. So jedoch hatten wir dieſen großen Vortheil auf unſrer Seite und verfolgten unſern Weg mit um ſo größerer Zuverſicht, als wir ge⸗ wiß wußten, daß nur von vorn Gefahr für uns zu beſorgen ſtehe, wohin wir Alle mit angeſtrengteſten Blicken ſpähten. Obgleich unſer rückwärts gehender Marſch raſch war, war er doch ſo ſtill wie ein Zug von Leidtragenden. Leidtragende waren wir auch in der That, denn unmöglich konnten menſchliche Herzen ſo verhärtet ſeyn, daß ſie gefühllos geblieben wären bei der Maſſe von Leiden, welche über unſere Genoſſen, die wir vor ſo kurzer Zeit noch friſch und geſund geſehen, ergangen ſeyn mußten und bei ih⸗ rem plötzlichen, jämmerlichen Tode. Keiner ſprach, und nie waren wir Susqueſus ſo dicht auf den Ferſen gefolgt, wie er uns an die⸗ ſem Morgen hinter ſich fand. Der Fuß des Zugführers hatte kaum ſeinen Platz verlaſſen, als auch ſchon der ſeines Nachtreters die ge⸗ räumte Stelle einnahm. Die Fährte führte uns ganz nahe an die Blockhütte, die wir 518 faſt um Mittag erreichten. Als wir uns derſelben näherten, ge⸗ brauchten wir die äußerſte Vorſicht, für den Fall, daß unſre Feinde im Hinterhalt darin lauerten. Die Fußtapfen reichten jedoch nicht ganz an das Gebäude hin, ſondern bogen in weſtlicher Richtung davon ab, auf einem Punkte, der etwa hundert Schritte von unſ⸗ rer Wohnung entfernt ſeyn mochte, wo man ſie aber ganz vor Au⸗ gen hatte. Hier fanden wir Spuren davon, daß ſich die Truppe zu einem Haufen verſammelt, und wir vermutheten hieraus, daß ein Nath gehalten worden darüber, ob man noch einmal in die Hütte gehen, oder ſich ſeitwärts wenden ſolle, um einen andern Zweck zu verfolgen. Susqueſus ſtellte auf dieſem Punkte eine genaue Un⸗ terſuchung an, und gab wieder ſeine Meinung dahin ab, daß die Feinde wenigſtens ein Dutzend, wie er ſchon behauptet hatte, ſtark ſeyn müßten. Er überließ es uns, etwaige Zeichen um unfre Woh⸗ nung herum zu beobachten, von Verſtecken aus, die wir zu dieſem Behuf aufſuchten, und er ſelbſt verfolgte die Fährte noch eine halbe Meile, um ſich zu verſichern, ob ſie ſich dem Blockhauſe nicht in der entgegengeſetzten Richtung nähere. So wenig jedoch war dieß der Fall, daß er vielmehr ſich überzeugte, ſie führe in geradeſter Linie nach Ravensneſt. Dieß war wo möglich eine noch leidigere Nachricht für Guert und mich, als wenn der Onondago die Beſtä⸗ tigung ſeiner erſten Vermuthung zurückgebracht hätte, daß die Huro⸗ nen uns vermuthlich in unſerm eignen, für einige Zeit uns zum Auf⸗ enthalt dienenden Hauſe auflauerten. Aber Klagen waren vergebens, und wir unterdrückten unſre Beſorgniſſe, ſo gut wir eben konnten. Susqueſus war nicht der Krieger, der in die Zeichen und Spu⸗ ren eines offen zu Tage liegenden Marſches ein unbedingtes Ver⸗ trauen geſetzt hätte. Erfahrene Waldmänner ließen häufig leicht ſichtbare Fährten zurück, ausdrücklich in der Abſicht, zu täuſchen; und der Onondago, welcher Muß, wie Naap ihn nannte, perſön⸗ lich kannte, wußte recht gut, daß er es mit einem gründlich liſtigen und ſchlauen Feind zu thun hatte. Selbſt durch das, was er ge⸗ 519 ſehen, noch nicht ganz überzeugt und befriedigt, warnte er uns, un⸗ ſern Verſteck anders als unter ſeiner Anführung zu verlaſſen; und dann fing er an, ſich der Hütte in einer Art zu nähern, welche rein indianiſch war, und welche in ihrer Art viel von dem Kunſtmäßi⸗ gen der Approchen tiviliſirterer Belagerer, mittelſt ihrer Schanz⸗ gräben und Zickzacks, an ſich hatte. Unſer Vorrücken ward fol⸗ gendermaßen geregelt: Jeder wurde angewieſen, je den nächſten Baum auszuwählen, der ihn dem Blockhaus näher brachte, und von dem alten Verſteck nach dem neuen ſo raſch und plötzlich vor⸗ zuſpringen, als ihm ſeine Behendigkeit nur immer möglich mache. Unter Beobachtung dieſer Vorſicht und mittelſt großer Eilfertigkeit hatten wir uns binnen zehn Minuten der Thüre der Hütte bis auf zwanzig Schritte genähert. Länger konnte ſich aber Guert zu die⸗ ſem langſamen, und wie er es nannte, unmännlichen Verfahren nicht bequemen; ſondern er verließ jetzt ſeinen Verſteck, ſchritt ſtrack und gerade auf die Thüre des Blockhauſes zu, riß ſie auf, und verkün⸗ dete uns, daß es leer ſey. Susqueſus unterſuchte noch einmal ge⸗ nau Alles um das Gebäude herum und ſagte uns, er ſey feſt über⸗ zeugt, das Haus ſey von Niemand beſucht worden, ſeit wir es am Morgen verlaſſen haͤtten. Das war uns allen eine angenehme Nachricht, da dieß die einzig denkbare Art geweſen wäre, wie unſre Feinde überhaupt unſre Rückkehr nach dem Patent hätten erfahren können. Jetzt erhob ſich die Frage, was wir weiter beginnen ſollten. Nichts ſtand zu gewinnen durch längeres Verweilen auf unſerm Grundſtück, während die Klugheit und die Gefahr unſrer Freunde gleichermaßen uns hinwegriefen. Wir erkannten, daß der Verſuch, Ravensneſt zu erreichen, etwas ſehr Gewagtes ſeyn würde; aber wir fühlten auch, daß dieß eine Gefahr ſey, welcher uns auszuſetzen wir die Verpflichtung hätten. Während die Sache beſprochen wurde, benützten diejenigen unter uns, welche Appetit hatten, den Aufent⸗ halt, um zu Mittag zu eſſen. Ein Indianer auf dem Kriegspfad 520 iſt gleich bereit zu eſſen, wie zu faſten; und was er in beiderlei Hinſicht aushalten und leiſten kann, ganz beſonders wenn die Speiſe in Wildpret beſteht, grenzt ans Wunderbare. Während Susqueſus und Naap inſonderheit mit großer Em⸗ ſigkeit ihr)e Rolle in dieſer Weiſe ſpielten und wir Uebrigen einige wenige Biſſen flüchtig einnahmen, mehr in der Art von Solchen, deren geiſtige und gemüthliche Empfindungen die phyſiſchen Bedürf⸗ niſſe und Triebe unterdrückten und entkräfteten, wurde ich ganz in der Ferne der Geſtalt eines Mannes anſichtig, wie ſie in ziemlichem Abſtand von uns durch die Bäume dahinſchlüpfte. Ueberraſchung und Grauſen waren ſo mächtig in mir, daß ich nicht reden konnte, ſondern nur mit dem Finger lebhaft in der geeigneten Richtung hinausdeutete, um dem Onondago denſelben Gegenſtand auch be⸗ merklich zu machen. Susqueſus jedoch entdeckte ſehr bald den Frem⸗ den; denn ich glaube, er muß ihn geſehen haben, ſogar noch ehe ich ihn gewahr wurde. Statt jedoch irgend eine Gemüthsbewe⸗ gung blicken zu laſſen, hörte der Onondago nicht einmal auf zu eſſen; ſondern er nickte nur mit dem Kopf und ſagte:„Gut— jetzt Neuigkeiten hören— Jumper kommen.“ Und wirklich war es Jumper; und ſeine leibhaftige Erſch einung nicht nur lebend, ſondern unverletzt, erregte einen allgemeinen lau⸗ ten Jubel unter uns, als er hereintrat, mit ſolchen langgedehnten, hüpfenden Schritten, wie ſie dem Gang eines Läufers eigenthümlich zu ſeyn pflegen. In einem Augenblick war er unter uns,— ruhig, gefaßt, regungslos. Er begrüßte uns nicht, ſondern ſetzte ſich ru⸗ hig auf einen Block; er wartete, bis er befragt wurde, ehe er redete; denn Ungeduld gilt als eine weibiſche Schwäche. „Jumper, mein ehrlicher Geſell!“ rief Guert, nicht ohne Ge⸗ müthsbewegung, denn die Freude kämpfte mächtig mit ſeinen Sprach⸗ organen,„Ihr ſeyd herzlich willkommen! Dieſe eingefleiſchten Teu⸗ fel, die Huronen, haben Euch wenigſtens kein Leid gethan!“ Geiſtige Getränke e artan Jumper's Geiſteskräfte im Ganzen 521 etwas ſtumpf gemacht, obwohl er jetzt vollkommen nüchtern war. Er warf eine Art trägen und matten Erkennungsblicks dem Reden⸗ den zu, und murmelte ſeine Antwort in leiſem, ſchläfrigem Tone her: „Huronen genug,“ ſagte er;„Lichtung voll; Bleichgeſichter im Fort ſenden Jumper mit Botſchaft.“ Wir würden den Burſchen mit Fragen überſchüttet haben, hätte er nicht einen Zipfel ſeines Caliko⸗Hemdes entfaltet und mehrere Briefe zum Vorſchein gebracht, deren jeder bald in den Händen des⸗ jenigen ſich befand, an den er adreſſirt war. Guert, Dirck und ich, Jeder bekam ſeine Epiſtel; und noch ein vierter Brief, von der Hand Herman Mordaunt's, hatte den Namen des armen Traverſe als Ueberſchrift. Spätere Ereigniſſe haben es mir möglich gemacht, Abſchriften von allen Briefen zu geben, die wir ſo erhielten. Mein eigner lautete alſo: „Mein lieber Vater iſt ſo beſchäftigt, daß er wünſcht, ich möchte Euch dieß Billet ſchreiben. Mr. Bulſtrode hat geſtern einen Erpreſſen geſchickt, welcher Ueberbringer der traurigen Zeitungen von Tikonderoga war. Er meldete uns auch ſeine bevorſtehende Ankunft, und wir erwarten ihn dieſen Abend in einer Pferdeſänfte. Gerüchte ſind in der Anſiedlung verbreitet, man habe in unſern Wäldern Wilde geſehen. Ich beſtrebe mich zu hoffen, daß dieß nur eines jener eiteln Gerüchte ſey, dergleichen in neueſten Zeiten ſo viele umgelaufen ſind. Mein Vater jedoch ergreift alle Vorſichtsmaß⸗ regeln und er trägt mir auf, Euch dringend die Nothwendigkeit vorzuſtellen, Eure ganze Geſellſchaft zu ſammeln, falls Ihr wieder in Mooſeridge ſeyd, und Cuch ohne Verzug zu uns zu begeben. Wir haben durch den von Mr. Bulſtrode vorausgeſchickten Mann gehört, daß Ihr wohlbehalten ſeyd, und wie tapfer Ihr Euch be⸗ nommen; ſein Gebieter hatte von Euch Allen gehört, daß Ihr wohl⸗ behalten in einem Canoe über den See gefahren, in der Nacht nach der Schlacht, von einem Mr. Lee, einem Gentleman von ſehr ex⸗ centriſchem Charakter, jedoch, wie es heißt, von großen Talenten, 522 mit welchem Papa zufällig bekannt iſt. Ich hoffe, dieß Billet wird Euch in Eurer Hütte treffen, und wir werden Euch Alle in mög⸗ lichſt kurzer Friſt bei uns ſehen. 3 -„Anneke.“ Dieß war freilich kein Brief, der die Sehnſucht eines Liebenden befriedigen konnte, doch empfand ich ſchon unendliches Vergnügen darüber, die zierlichen Schriftzüge, von der Hand Anneke'ns gezeich⸗ net, zu ſehen, und das Blatt küſſen zu dürfen, auf welchem dieſe Hand geruht haben mußte. Aber es fand ſich auch eine Nachſchrift — derjenige Theil eines Briefes, in welchem, wie behauptet wird, die Frauen immer am meiſten ihre wahren Gedanken zu erkennen geben. Sie lautete alſo:— „Ich ſehe, daß ich das mir unterſtrichen habe, wo ich von Papa's Wunſch geſchrieben, daß ich gerade und kein Anderes an Euch ſchreiben ſolle. Wir haben mit einander eine ſchreckliche Scene durchgemacht, und ich geſtehe, Corny, ich würde mich viel ruhiger fühlen, wenn, im Falle daß uns eine zweite bevorſtände, Ihr und die Eurigen bei uns hier, hinter den Vertheidigungswerken die⸗ ſes Hauſes, als im Walde, wie dieß nicht anders ſeyn könnte, allen Gefahren ausgeſetzt wäret. Kommt daher zu uns, ich wiederhole es, in möglichſt kurzer Friſt und ohne Verzug.“ Dieſe Nachſchrift gewährte mir weit größere Zufriedenheit als der eigentliche Brief; und ich war ganz ebenſo bereit, Anneke'ns Wunſch zu erfüllen, als ſie ſelbſt, das theure Mädchen, nur immer mir denſelben ans Herz legen konnte. Guert's Brief lautete wie folgt: „Mr. Mordaunt hat Anneke’n und mir befohlen, an Diejeni⸗ gen von Eurer Geſellſchaft zu ſchreiben, auf welche, wie er meint, Jede von uns den größten Einfluß habe, und Euch dringend aufzu⸗ fordern, ſo ſchleunig als möglich nach Ravensneſt zu kommen. Wir haben höchſt traurige Nachrichten erhalten, und ein paniſcher Schrecken herrſcht unter den armen Leuten auf dieſer Anſiedlung. — — 523 Wir erfahren, daß Mr. Bulſtrode, begleitet von Mr. Worden nur noch einige Stunden von uns entfernt iſt, und die Familien der Nachbarſchaft kommen angſtvoll und weinend zu uns. Ich wüßte nicht, daß ich für meine Perſon große Angſt empfände; mein großes Vertrauen beruht auf einer gnädigen Vorſehung; aber das hehre Weſen, auf welchem meine Hoffnung ſteht, wirkt durch menſchliche Werkzeuge; und ich wüßte Keinen, auf den ich mit größerer Zuverſicht vertrauen würde, als Guert Ten Cyck. Mary Wallace.“ „Bei St. Nicholas, Corny! Das ſind Aufforderungen, welchen Folge zu leiſten ſich nie ein Mann beſinnen kann,“ rief Guert, indem er aufſtand, und anfing ſeinen Bündel wieder auf die Schul⸗ tern zu nehmen.„Wenn wir uns tüchtig anſtrengen, können wir das Neſt doch noch erreichen, ehe die Familie zu Bette geht, und ſo nicht nur ihnen, ſondern auch uns mehr Sicherheit und Beha⸗ gen verſchaffen.“ Guert fand an mir einen willigen Zuhörer, und auch Dirck war gar nicht ſaumſelig und abgeneigt, darein zu willigen. Die Briefe ſpornten allerdings unſern Eifer ſehr; obgleich in der That uns nichts Anderes zu thun übrig blieb, falls wir nicht etwa Luſt hatten, auswärts zu kampiren, allen Gefahren einer rachgierigen und wilden Kriegsweiſe preisgegeben. Dirck's Brief war von Her⸗ man Mordaunt; und er ſprach die Wahrheit in einfacherer Sprache aus, als ſie von den beiden Ladies berichtet worden war. Hier iſt er: „Lieber Dirck!— Es iſt gewiß, daß ſich die Wilden uns nähern, mein guter Vetter! und es wird uns Allen zum Vortheil gereichen, wenn wir unſre Streitkräfte vereinigen. Kommt, um Gottes willen, mit Eurer ganzen Geſellſchaft ſo eilig als möglich zu uns herein. Ich habe Späher ausgeſchickt und ſie ſind Alle mit dem Bericht zurückgekommen, daß die Zeichen von Fußtapfen in den Wäldern in Menge ſich finden. Ich erwarte, daß bis morgen 524 wenigſtens hundert Krieger uns über den Hals kommen, und ich treffe dem gemäß meine Vorbereitungen. Wenn Ihr Euch dem Neſt nähert, möchte ich Euch rathen, die Schlucht nördlich vom Hauſe einzuſchlagen und Euch darin geſchirmt zu halten bis ihr den ſüdlichen Ausgang derſelben erreicht. So nähert Ihr Euch dem Thore bis auf hundert Ruthen und habt weit größere Ausſicht, herein kommen zu können, falls wir etwa bis zu Eurer Ankunft ſchon eingeſchloſſen ſeyn ſollten. Gott ſegne Euch, lieber Dirck, und führe Euch Alle wohlbehalten zu Euren Freunden. Ravensneſt 11. Julius 1758. „Herman Mordaunt.“ Guert und ich laſen noch in Haſt dieſen Brief, ehe wir unſern Marſch antraten. Dann die Hütte ſammt Allem was ſie enthielt, dem Belieben eines Jeden preisgebend, der des Weges kommen mochte, eilten wir mit raſchen Schritten unſerm Beſtimmungsort zu, Wenig mit uns nehmend außer unſern Waffen, Munition und die Nahrungsmittel, welche nöthig waren, um uns bei Kräften zu erhalten. Wie früher ging Trackleß voran, und behielt Jumper ein wenig an ſeiner Seite, da man die Gefahr, auf Feinde zu ſtoßen, jetzt als um Vieles geſteigert anſehen mußte. Zwar befanden wir uns noch im Rücken der Truppe, welche die Frevel auf Mooſeridge ver⸗ übt hatte; aber der Onondago folgte nicht mehr ihren Fährten; er ſchlug eine andere Richtung ein, eine ſolche welche gerade auf den von uns angeſtrebten Punkt hin führte. — — Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Mein Vater hatte eine Tochter; die Liebt' einen Mann— wie ich vielleicht, wär' ich Ein Weib, Euch lieben würde, Herr. Viola. Da der Leſer nunmehr eine ziemlich deutliche Vorſtellung von unſrer Art, in der Wildniß zu marſchiren, haben wird, will ich mich bei der Beſchreibung unſrer Reiſe nicht lange aufhalten. Wir marſchirten in raſchem Schritte vorwärts und unſer Führer hatte die gewöhnliche Route verlaſſen, welche nachgerade eine ziemlich leicht zu erkennende Fährte geworden war, und ſchlug eine andre ein, auf welcher er, wie mir ſchien, keinen andern Leiter und Weg⸗ weiſer hatte als ſeinen Inſtinkt. Guert hatte dem Susqueſus von der Schlucht geſagt, und wie wünſchenswerth es wäre, ſie zu er⸗ reichen, und zur Antwort nur ein ſtilles Nicken mit dem Kopf und einen leiſen Ausruf erhalten. Indeſſen betrachteten wir es als aus⸗ gemacht, daß wir uns der Feſte Herman Mordaunt's auf dieſem Zugang nähern würden.. Mittag war vorüber, als wir Mooſeridge verließen, und Kei⸗ ner von uns hoffte, Ravensneſt vor Einbruch der Nacht zu errei⸗ chen. Es kam, wie wir erwartet hatten; die Nacht zog ihren Schleier über die Landſchaft etwa eine halbe Stunde, ehe Trackleß in das nördliche, gegen den Wald zu gelegene Ende der Schlucht eindrang. Bis dahin hatten wir durchaus keine Anzeichen von der Nähe von Feinden bemerkt. Unſer Marſch war ſtill, raſch und 526 wachſam geweſen, war aber völlig ungeſtört geblieben. Wir wuß⸗ ten jedoch, daß der kritiſchſte Theil uns noch bevorſtand; und gerade als die Sonne unterging, hatten wir Halt gemacht, um nach unſern Waffen zu ſehen. Es dürfte jetzt angemeſſen ſeyn, auch ein paar Worte über die Lage von Herman Mordaunt's„Garniſon“ zu ſa⸗ gen, ſo wie über die umliegende Anſiedlung. Ich nenne Ravens⸗ neſt die„Garniſon,“ denn dieß Wort iſt vom New⸗Yorker Sprach⸗ gebrauch ſchon längſt auf die Feſte ſelbſt angewendet worden, nicht blos auf ihre Vertheidiger. Einige Kritiker behaupten, es fehle nicht an Autoritäten zur Rechtfertigung dieſer Praxis, und ich ſehe aus den Wörterbüchern, daß ſie nicht ganz Unrecht haben. Das Neſt ſtand eine volle halbe Meile von dem Wald, wo er am nächſten war, entfernt, ausgenommen einen Gürtel von Bäu⸗ men, welcher den Nand der Schlucht ſäumte und ihre Vertiefung füllte. Nahe dabei und dem Auge ganz offen befand ſich der Kern und Mittelpunkt der Anſiedlung ſelbſt, welche ſich in öſtlicher und weſtlicher Richtung volle vier Meilen weit erſtreckte. Dieſe Boden⸗ fläche war jedoch nur in der Weiſe der Anſiedlungen gelichtet, und es ſtanden ganze Strecken Urwaldes noch reichlich da und dort darauf unangerührt. Das Mühlloos, wie Jaſon's Pachtſtück genannt war, lag auf dem entfernteſten von dort aus ſichtbaren Punkte, aber bis jetzt war dort noch keine Axt angelegt worden. Ich hatte bei meinem vorigen Beſuch auf dem Grundſtück bemerkt, daß, wenn man vor Herman Mordaunt's Thure ſtand, etwa ein Dutzend Block⸗ häuſer zugleich in verſchiednen Theilen der Anſiedlung zu ſehen waren, und daß dieſe Zahl bis auf zwanzig ſich erhöhen mochte, wenn der Bevobachter ſeine Stellung veränderte. Natürlich war der ganze offene Platz mehr oder weniger ent⸗ ſtellt durch Stumpen, todte und geringelte Bäume, verkohlte Klötze, Haufen von Scheitern, Reiſig und Buſchwerk und all die übrigen unlieblichen Erſcheinungen, welche in den erſten acht bis zehn Jah⸗ ren der Erxiſtenz von einer neuen Anſiedlung unzertrennlich ſind. — 527 Man kann dieſe Periode in der Geſchichte eines Landes mit unſern Tölpel⸗ oder Flegeljahren vergleichen, wenn wir das Anmuthige der Kindheit verloren und die vollendeten Formen der männlichen Ge⸗ ſtalt noch nicht erreicht haben. Herman Mordaunt's Anſiedlung hätte in einer Hinſicht als ein ſtarker und günſtiger Punkt zu einem Gefecht gelten können, wäre genug Mannſchaft da geweſen, um einer feindlichen Partei von ei⸗ niger Stärke Widerſtand zu leiſten. Aber ich hatte ihn ſagen hören, er habe nur etwa ſiebzehn Büchſen oder Musketen, auf welche man ſich verlaſſen könne, da einige ſeiner Leute Europäer und mit dem Gebrauch und der Handhabung von Feuerwaffen unbekannt waren, während die Erfahrung gezeigt hatte, daß Andere, wenn ein Lärm⸗ ruf ſich erhob, jedesmal mit ihren Familien in die Wälder ſich flüch⸗ teten, ſtatt ſich um das Banner der Anſiedlung zu ſchaaren. Solche feige Pflichtverletzungen kommen, glaube ich, unter allen Umſtänden und bei allen Fällen vor, indem die Liebe des Lebens ein noch ſtärkerer Trieb und Inſtinkt iſt als die Liebe zu Hab' und Gut. Dann und wann jedoch verbarrikadirte ſich ein handfeſter, entſchloſ⸗ ſener Burſch unter ſeinem Rindendache, mit dem Entſchluß, es aufs Aeußerſte ankommen zu laſſen und ſich zu wehren; und manch⸗ mal kamen Vertheidigungen vor, welche einem Helden Ehre gemacht hätten. Es mußte Solchen, welche mit der Kriegführung der Wilden vertrauter waren, einleuchten, daß die Schlucht, als der einzige bewaldete Punkt in der Nähe von Herman Mordaunt's Feſte, der⸗ jenige Punkt ſey, in welchem am wahrſcheinlichſten ein Feind zu treffen ſeyn mußte, welcher ausſchließlich mittelſt natürlicher, begün⸗ ſtigender Hülfsmittel der Garniſon ſich zu nähern ſuchte. Wir erkannten dieß wohl; und Guert, welcher mit Eifer das Commando bei uns übernahm, als wir dem gefährlichen Punkte näher rückten, ertheilte ſeine Befehle, daß Jeder von uns wachſam und gerüſtet ſeyn ſolle, damit keine Verwirrung ſtattfinde. Wir hatten unſere 528 Weiſungen über die Art, wie wir uns benehmen ſollten, ſobald der Allarmruf erſchalle; und Guert, der ein vortrefflicher Mimiker war, hatte uns zuvor einige Anrufe und Vereinigungsſignale gelehrt, welche insgeſammt Nachahmungen des Geſchreis von verſchiedenen Waldbewohnern, hauptſächlich von Vögeln waren. Dieſe Signale rührten urſprünglich von den rothen Männern her, welche ſich ihrer oft bedienten; aber man behauptete, ſie würden mit noch mehr Er⸗ folg von unſern Jägern und Schützen angewendet, als ſelbſt von denjenigen, welchen ſie ihre Entſtehung verdankten. Als wir die Schlucht betraten, wurde unſere Marſchordnung geändert. Während Susqueſus und Jumper noch immer voran ſchritten, rückten Guert, Dirck, Jaap und ich in Einer Linie, eng an einander geſchloſſen, vor. Das dichte Laub und das tiefe Dun⸗ kel, welches im Innern dieſer höhlenartigen Schlucht herrſchte, machte dieſe Vorſicht nothwendig. Es wurde in der That ſo dunkel, daß unſer einziger Wegweiſer der Bach war, welcher in der Tiefe der Schlucht mit gurgelndem Geplätſcher dahinfloß und der, wie wir wußten, am Ende derſelben auf den offenen Grund herauskam, um ſich in ein Flüßchen zu ergießen, welches in mäandriſchen Krüm⸗ mungen natürliche Wieſen weſtlich von dem Neſt durchſtrömte, und in der Sprache des Landes creek“* genannt wurde. Dieſer Miß⸗ brauch guter alter engliſcher Worte wird, mit Leidweſen muß ich es ſagen, nur allzu gewöhnlich bei uns; und doch habe ich Ame⸗ rikaner prahlen gehört, daß wir die Sprache beſſer ſprechen als das Mutterland! Daß wir unter uns keine Klaſſe haben, welche einen unverſtändlichen Dialekt ſpricht, wie der von Lancaſhire oder York⸗ ſhire, iſt allerdings wahr; und daß bei uns weniger Perſonen ſind, welche entſchieden gegen die Geſetze der Grammatik ſündigen, als in England, mag auch wahr ſeyn; aber gewiß wäre uns zu rathen, erſt gar viele Fehler zu verbeſſern, in welche wir ohne Frage ver⸗ * Heißt eigentlich: Bucht. —=— e—-A—— N N R 529 fallen ſind, ehe wir ſo zuverſichtlich der Reinheit unſeres Engliſch uns rühmen. Doch zurück zu unſerer Schlucht! Wir waren in der dunkeln, tiefen Schlucht ſo weit vorgedrun⸗ gen, daß wir einen Punkt erreicht hatten, wo das ſchwache Licht des offenen Feldes und die Sterne am Firmament ſichtbar wurden, als wir uns plötzlich neben Trackleß und Jumper ſtehend fanden. Dieſe Indianer hatten Halt gemacht, denn ihre ſcharfen, adlerarti⸗ gen Blicke hatten die Anzeichen von Feinden entdeckt. Auch war dieſe Entdeckung nicht ſehr ſchwer zu machen geweſen, obgleich einige Vorkehrungen getroffen waren, um zu verbergen, was vor uns vorging. Eine Gruppe von etwa vierzig Wilden, Jeder in ſei⸗ ner Kriegsbemalung, hatten unter einem überhängenden Felſen ein Feuer angezündet und waren um daſſelbe herum mit ihrem Nacht⸗ eſſen beſchäftigt. Das Feuer hatte ſchon ſeine Schuldigkeit gethan, und gloſtete jetzt nur noch fort, wobei es ein ſchwaches, flackerndes Licht auf die dunkeln, wilden Züge der um daſſelbe verſammelten Gruppe warf. Wir hätten uns in jeder andern Richtung dem Platze nähern können, ohne der Gefahr zu rechter Zeit inne zu werden, um ihr noch auszuweichen, aber die gütige Vorſehung hatte die beiden Indianer gerade auf einen Punkt geführt, wo die erſterbende Glut ihnen unmittelbar ins Auge fiel, und wo ſie, wie geſagt, Halt machten. Ich glaube nicht, daß wir über vierzig Schritte von dieſer furchtbaren Bande von Wilden entfernt waren, als ich ihrer zuerſt anſichtig wurde; und ſo ſehr ich bis auf einen gewiſſen Grad abgehärtet worden war durch den Kriegszug und die Scenen, von welchen ich ſo eben herkam, will ich doch geſtehen, daß mir das Blut bei dieſem Anblick faſt erſtarren wollte. Nur in flüſterndem Tone konnten wir uns beſprechen. Da ſtanden wir, zuſammengeſchmiegt unter einer rieſigen Eiche, deren Schatten das Duntel, jetzt unſern einzigen Schutz, noch tiefer und ſchwärzer machte. So aufeinander gedrängt ſtanden wir da, daß ſogar Jaap mit mir in unmittelbare körperliche Berührung kam. Satanstoe. 34 5³⁰ Susqueſus ſchlug vor, auf einem Umweg den Feind zu umgehen, indem wir den Bach überſchritten, welcher zum Glück an dieſem Punkte über einige Felſen herabſtürzend ein uns ſehr zu Statten kommendes Getöſe machte, und ſo an unſren Feinden vorbei kä⸗ men, welche wahrſcheinlich mit ihrer Mahlzeit nicht zu Ende ſeyn würden, ehe wir die„Garniſon“ erreicht hätten. Dagegen aber legte Guert ſein Veto ein. Er war der Meinung— und ich habe es immer ſo angeſehen, daß dieß die Entſcheidung eines Mannes geweſen, der zum Soldaten geboren war,— daß wir uns in einer Lage und Stellung befänden, wie wir ſie uns nicht beſſer wünſchen könnten, um der Familie einen großen Dienſt zu leiſten und dem Feind einen paniſchen Schrecken einzujagen. Durch einen Angriff würden wir ganz gewiß die Schaar vor uns überraſchen und dieß würde einen ſolchen Eindruck auf ſie machen, daß ſie ſich entſchlie⸗ ßen dürften, die Anſiedlung zu verlaſſen. Dirck und ich traten dieſer Anſicht bei, welche auch durch Jaap's Stimme unterſtützt ward. „Ja, Sah!— ja, Maſſer Corny, jetzt Zeit zu rächen armen Pete!“ murmelte er, und zwar etwas lauter, als der Vorſicht gemäß ſchien.— Sobald Trackleß ſah, welchen Gang die Sache nehmen würde, ſo ſchickten auch er und Jumper ſich ſo kaltblütig als nur Einer von uns zum Kampfe an. Unſere Anordnungen waren ſehr ein⸗ fach und bald getroffen. Wir wollten nur Eine Salve geben von dem Punkt aus, wo wir ſtanden, laut jauchzen und dann mit Meſ⸗ ſer und Tomahawk angreifen. Es ſollte jedoch keine Zeit verſäumt werden; und ſtatt in der Nähe des Feuers, ſo ſchwach und trüb es war, zu verweilen, wollten wir nach der Mündung der Schlucht vordringen und von dort aus einzeln oder in Einem Haufen, wie es ſich gerade ſchicken würde, ſo ſchnell wir könnten nach dem Thore von Ravensneſt eilen. In einem Augenblick ſtanden wir in ſchuß⸗ fertiger Stellung und erwarteten die Befehlsworte. „Denkt an Traverſe!“ ſagte Guert finſter,„denkt an Sam — — — 531 und alle unſere ermordeten Freunde!“ Dieß ſprach er mit ganz holländiſchem Accent, wie er gewöhnlich in großer Aufregung zu thun pflegte. Und wir dachten an die Todten; und ich habe oft gedacht, obwohl nie mit völliger Gewißheit erfahren, es habe bei dieſer blutigen Gelegenheit Jeder von uns den Manen unſerer ver⸗ lorenen Genoſſen ein Opfer dargebracht. Unſere Büchſen knallten, oder krachten, wäre der richtige Ausdruck, beinahe in Einem Augenblick; ein gellender Schrei erhob ſich unter den Wilden um das Feuer; unſer wildes Jauchzen miſchte ſich in dieß Geſchrei, und wir ſtürzten uns vor, bemüht unſere Zahl wie die von Hunderten erſcheinen zu laſſen. Man behält von einem ſolchen in der Dunkelheit gemachten Angriff außer dem Allgemeinſten nur ſehr unbeſtimmte Züge und Bilder in der Erinnerung. Wir ſtürmten gerade unter die Getöd⸗ teten und Verwundeten hinein und ich hörte, wie Jaap ein paar fürchterliche Streiche auf die Leichname führte; aber Niemand lei⸗ ſtete uns Widerſtand. Einen Augenblick, nachdem wir an dem erlöſchenden Feuer vorbei waren, wurden drei oder vier Schüſſe auf uns abgefeuert, aber kein Zeichen verrieth, daß ſie Einen von unſrer Geſellſchaft getroffen. Die Entfernung vom Feuer bis zur Mün⸗ dung der Schlucht mochte hundert Schritte betragen; und das Licht von außen, oder die verminderte Dunkelheit würde der richtigere Ausdruck ſeyn, diente uns den Weg zu weiſen. Dorthin drängten wir uns, ſo ſchnell wir konnten, jedoch keineswegs in geſchloſſener Ordnung. Von hier an kann ich, was dieſe Affaire betrifft, nur von mir allein berichten. Ich ſah Männer raſch zwiſchen den Bäumen ſich bewegen, und ich vermuthete, daß es meine Genoſſen ſeyen; aber wir hatten uns getrennt, da verabredet war, daß jetzt Jeder für ſich ſelbſt ſorgen ſolle. Da unſre Büchſen abgefeuert waren, und wir keine Zeit hatten, ſie wieder zu laden, hätte es in der That wenig genützt, Halt zu machen. Dieß einſehend, trat ich aus der * 532 Schlucht nicht unmittelbar am Bache heraus, ſondern hielt mich mehr ſeitwärts und kam hervor etwas höher als die daran ſtoßende Ebene lag. Hier machte ich Halt, um zu laden, da der Verſteck gut und meine Stellung in jeder Hinſicht günſtig war. Während ich ſo beſchäftigt war, hatte ich Zeit, mich umzuſehen, und mich vom Stand der Dinge auf der Anſiedlung durch eigne Anſchauung zu überzeugen, ſoweit die Stunde und die Finſterniß es geſtatteten. Die Ebene flimmerte und gloſtete von den Ueberbleibſeln zwölf gewaltiger Feuer, den Ruinen ebenſo vieler Blockhäuſer und Scheu⸗ nen. Das Licht derſelben diente nur eben, die Dunkelheit der Nacht noch augenfälliger zu machen, und einen ſchwachen Begriff zu ge⸗ ben von dem Umfang der bereits verübten Verwüſtungen. Das Haus Ravensneſt jedoch war unberührt. Da ſtand es, und dunkel und düſter nahm es ſich aus; denn da es keine Fenſter nach auſſen hatte, ſah man kein anders Licht, als eine einzige Kerze, die ver⸗ muthlich in einer Lucke als Signal aufgeſteckt war. Tiefe Stille herrſchte in dem Gebäude und ringsumher, und machte den Ein⸗ druck von etwas Geheimnißvollem, was unter ſolchen Umſtänden an ſich ſchon als ein mächtiger Beiſtand gelten konnte. Das Licht war nicht hinreichend, um die Gegenſtände in einiger Entfernung unterſcheiden zu können und nachdem ich meine Büchſe wieder ge⸗ laden hatte, hielt ich fürs Klügſte, ſo ſchnell als möglich nach dem Thore zu eilen. In dieſem Augenblick hatte für mein Gefühl die Stille hinter mir etwas förmlich Grauſenerregendes an ſich. Allerdings war es ziemlich gewagt, in einem ſolchen Augenblick und unter ſolchen Verhältniſſen einen Verſteck zu verlaſſen; aber es war unumgänglich nothwendig, dieſen Gefahren mich auszuſetzen. Mein erſter Sprung brachte mich den halben Abhang hinunter, und bald befand ich mich auf ebenem Grund. Vor mir waren zwei Männer, wovon mir der Eine den Andern gepackt zu haben ſchien. Da ſie ſich zwar langſam, in der Richtung nach dem Hauſe hin bewegten, wagte ich zu fragen:„Wer da?“ 5³³ „Oh, Corny, mein Junge, ſeyd Ihr es?“ antwortete Guert. „Gott ſey geprieſen! Ihr ſcheint unverletzt, und kommt gerade zu rechter Zeit, um mir dieſen Huronen weiter ſchleppen zu helfen, auf den ich in der Dunkelheit ſtieß und den ich entwaffnet und ge⸗ fangen habe. Gebt ihm einen Tritt oder Puff, wenn Ihr ſo gut ſeyn wollt; denn der Kerl ſtraͤubt ſich und bleibt zurück wie ein widerſpenſtiges Schwein.“ Ich kannte jedoch die indianiſche Rachſucht zu gut, als daß ich zu dem angerathenen Mittel gegriffen hätte; ſondern ich packte den Gefangenen am einen Arm, während Guert den andern hielt, und ſo ſchleppten wir ihn in raſchem Lauf mit geringer Schwierigkeit hinauf zu dem Verhau, welcher dem Thor der Garniſon zum Schutz diente. Hier fanden wir Herman Mordaunt und ein Dutzend ſei⸗ ner Leute, Alle bewaffnet, bereit uns aufzunehmen. Sie erwarteten unſre Ankunft, ſowohl in Betracht der Stunde, als auch in Folge des Geſchreis in der Schlucht, welches man im Hauſe ganz deut⸗ lich gehört hatte. In weniger als einer Minute befanden ſich Alle ſicher und unverletzt drinnen. In der That war unſer Angriff ſo plötzlich erfolgt, daß wir Alles vor uns niedergeworfen oder verjagt und die Feinde nicht Zeit gehabt hatten, von ihrem paniſchen Schre⸗ cken ſich zu erholen, als bis wir Alle ſicher unter Dach gekommen waren. Einmal in den Thoren von Navensneſt liefen wir keine weitere Gefahren, als diejenigen, welchen ſolche hölzerne Feſten bei den Kriegen der Wildniß überhaupt ausgeſetzt ſind. Es wäre für eine ſo ungeübte Feder, wie die meinige, nicht leicht, den Uebergang zu ſchildern von der Düſterheit der Schlucht, dem kurzen, aber blutigen Angriff, dem Jauchzen, dem Stürmen und dem Rückzug draußen in der nächtlichen Welt, zu der Scene häuslicher Sicherheit, die wir in dem Neſt fanden, verſchönert durch Lni Anmuth und Lieblichkeit, und in mancher Hinſicht auch durch weibliche Eleganz. Anneke und ihre Freundin empfingen uns in einem hellen, freundlichen, behaglichen Gemach, das uns noch 534 viel anziehender wurde durch ihre Thränen und ihr Lächeln; und an beidem ließen es die Mädchen nicht fehlen. Ich bemerkte, daß Beide in entſetzlicher Unruhe und Gemüthsbewegung geweſen wa⸗ ren; aber die Freude gab ihren holdſeligen Geſichtern die Farbe wie⸗ der und führte das Lächeln zurück. Die Lage des Platzes war vielleicht von der Art, daß die Freude weder ſehr anhaltend, noch ſehr lebhaft ſeyn konnte; aber das zärtlichſte Weib kann ihr Herz plötzlich ſo ſeiner Bürde von Beſorgniſſen entlaſtet fühlen, daß ſie für den Augenblick vergnügt und glücklich ſcheinen mag mitten unter den ſie umgebenden Schreckniſſen des Krieges. Dieß ungefähr war der Charakter des Empfanges, der uns jetzt zu Theil wurde, neben tauſend Dankſagungen dafür, daß wir ihre Briefe ſo raſch in eigner Perſon und mündlich beantwortet. Die köſt⸗ lichen Geſchöpfe waren ſo freundlich und zartſinnig, daß ſie die raſche Willfährigkeit gegen ihre Wünſche, die wir an den Tag ge⸗ legt, gar nicht unſrer Beſorgniß um unſre eigne Sicherheit, ſon⸗ dern einzig unſerm Wunſche, ihnen gefällig zu ſeyn und ſie zu be⸗ ſchützen, zuzuſchreiben ſchienen. Der Leſer begreift wohl, daß alle Erklärungen von beiden Seiten nicht im erſten Augenblick gegeben werden konnten. Dazu kam es jedoch bald; denn die thatſächlichen Umſtände drängen ſich in ſolchen Augenblicken mit unwiderſtehlicher Gewalt und Schwere der Aufmerkſamkeit auf. Das Eis ward ge⸗ brochen dadurch, daß Herman Mordaunt in das Gemach trat, und uns mit der Miene eines Mannes anredete, welcher merkt, daß eine große Verſäumniß begangen worden. „Wir hatten das Thor geſchloſſen und die Späher an die Lucken geſtellt,“ ſagte er,„ehe ich erfahren, daß noch nicht Eure ganze Geſellſchaft hier iſt. Ich ſehe Nichts von Traverſe und ſei⸗ nen Meßgehülfen, noch von Sam und Tom, Euern Jägern. Sie ſind doch hoffentlich nicht im Walde zurückgeblieben?“ 1— Keiner von uns Dreien ſprach. Aber unſre Mienen müſſen 535 die traurige Geſchichte verkündet haben, denn Herman Mordaunt ſchien uns im Augenblick zu verſtehen. „Nein!“ rief er aus—„Iſt es möglich? Doch hoffentlich nicht Alle?“ „Alle, Mr. Mordaunt, und auch ſogar mein armer Sklave, Petrus,“ antwortete Guert mit feierlichem Ernſt.„Sie wurden zer⸗ ſtreut, ſo vermuthe ich, angegriffen, und ermordet, während wir noch auf unſerm Kriegszuge abweſend waren.“ Die lieben Mädchen rangen die Hände, und mir ſchienen An⸗ nekens blaſſe Lippen wie im Gebet ſich zu bewegen. Ihr Vater ſchüttelte den Kopf, und ſchritt eine Zeitlang ſchweigend im Zimmer auf und ab. Dann ermannte er ſich, wie Einer, der ſich der Noth⸗ wendigkeit bewußt iſt, kaltblütig und zur That bereit zu ſeyn, und ſetzte das Geſpräch fort. „Gott ſey Dank, daß Mr. Bulſtrode wohlbehalten bei uns eingetroffen, geſtern Abend, gerade nachdem wir den Läufer abge⸗ ſchickt hatten; er iſt nun doch für den Augenblick den Krallen die⸗ ſer Teufel entgangen!“ Nach dieſem waren wir im Stande, uns zuſammenhängender zu beſprechen, und wir tauſchten Erzählungen und Erklärungen aus, welche jede der beiden Parteien in Stand ſetzten ſich eine genaue Vorſtellung von dem Zuſtand und den Verhältniſſen der andern zu bilden. Dann wurden wir nach Bulſtrode's Gemach geführt, denn er hatte den Wunſch ausgeſprochen, uns zu ſehen, ſobald man uns entbehren könne. Unſer Feldzugsgenoſſe empfing uns in guter Laune, für einen Mann in ſeiner Lage; er ſprach von den Ereigniſſen vor Ti⸗ konderoga verſtändig, und ohne daß er das Leidweſen und die Be⸗ ſchämung, die er, ſammt dem ganzen britiſchen Reiche, empfand, zu verbergen ſuchte. Seine Verletzung war durchaus nicht ſchlimmer Art; ſie mochte ihn wohl für einige Wochen zum Gehen untüchtig machen, aber das Bein war in keiner Gefahr. „Ich habe die Entſchloſſenheit und das Geſchick gehabt, Corny, 536 mir ein gutes Quartier zu verſchaffen— abgeſehen von dieſer un⸗ erwarteten Belagerung,“ bemerkte er gegen mich, als die Andern ſich zurückzogen und uns allein ließen.„Dieſe unſre Nebenbuhler⸗ ſchaft hat einen ganz großmüthigen Charakter und wir haben wohl jetzt den freieſten und beſten Spielraum dafür. Wenn wir dieß Neſt Herman Mordaunt's verlaſſen, ohne die eigentliche Beſchaffen⸗ heit von Anneke'ns Geſinnungen und Gefühlen auszumitteln, ſo verdienen wir wohl, für unſre übrige Lebenszeit zum Cölibat ver⸗ urtheilt zu werden. Nie gab es zwei ſolche Gelegenheiten, mit Vor⸗ theil zu werben!“ „Ich geſtehe, unſre Lage leuchtet mir nicht als ſo ganz beſon⸗ ders günſtig ein, Mr. Bulſtrode,“ verſetzte ich.„Anneke muß zu viel Beſorgniß für ſich ſelbſt und um Andere empfinden, als daß ſie für die zarten Gefühle der Liebe ſo empfänglich wäre, wie dieß in der friedlichen Sicherheit von Lilaksbuſh der Fall ſeyn möchte.“ „Ha, aus dieſer Bemerkung erhellt ganz deutlich, daß Ihr das weibliche Geſchlecht nicht verſteht, Corny. Ich will Euch zugeben, daß, ohne vorangegangene Werbung, und ohne daß zuvor ſchon ein Grund gelegt wäre, wenn ich mich ſo unehrerbietig ausdrücken darf, Eure Theorie Recht behalten möchte, aber nicht unter den hier ob⸗ waltenden Umſtänden. Hier iſt eine junge neunzehnjährige Lady, welche weiß, daß ſie nicht nur geſucht wird, ſondern ſchon lange geſucht worden iſt, ja mit Wärme und glühender Leidenſchaft ge⸗ ſucht worden iſt von zwei jungen Männern, gegen welche ſich ver⸗ nünftiger Weiſe Nichts einwenden läßt, in eine Lage verſetzt, wo alle ihre Gefühle von dem Einen oder dem Andern müſſen aufge⸗ regt und in Anſpruch genommen werden; und glaubt mir nur, die Sache wird entſchieden werden, noch vor Ablauf dieſer geſegne⸗ ten Woche. Sollte ich der Glückliche ſeyn, ſo hoffe ich im Stande zu ſeyn, ein großmüthiges Mitleid an den Tag zu legen; und vice versà werde ich von Euch daſſelbe erwarten. Aber freilich iſt die⸗ N 537 ſer traurige, traurige Handel vor Ty eine gute Vorbereitung zur Demuth geweſen.“ Ich konnte nicht umhin, zu lächeln über Bulſtrode's eigenthüm⸗ liche Art, unſre Werbung anzuſehen; aber da Anneke für mich immer der anziehendſte Gegenſtand eines Geſprächs war, fuhlte ich mich, trotz unſerer Lage, die gewiß nicht ſonderlich geeignet und günſtig für die Liebe war, nicht fähig, dieß Thema ſo plötzlich zu verlaſſen. So wurde denn der Gegenſtand weiter verfolgt. Als ich Bulſtrode bat, ſich weiter zu erklären, gab er mir folgende Er⸗ läuterung ſeiner Theorie. „Nun, ich argumentire ſo, Corny. Anneke liebt Einen von uns Beiden, das iſt keine Frage. Daß ſie liebt, darauf will ich ſchwören; ihr Erröthen, ihre ſtrahlenden Augen, ihre Schönheit ſelbſt,— Alles iſt erfüllt von dem Liebreiz dieſes Gefühls. Nun iſt es nicht möglich, daß ſie einen Andern, als Einen von uns, lieben ſollte, aus dem einfachen Grunde, weil ſie keinen andern Anbeter hat. Ich will offen gegen Euch ſeyn, und Euch geſtehen, daß ich glaube der Begünſtigte zu ſeyn, während Ihr, glaube ich faſt, eben ſo ſanguiniſch ſeyd und Euch für den Bevorzugten haltet.“ „Ich gebe Euch mein Ehrenwort, Major Bulſtrode, ein ſo anmaßender, ungeziemender Gedanke hat nie—“ „Ja, ja, ich verſtehe das Alles. Ihr ſeyd der Liebe von An⸗ necke Mordaunt nicht würdig, und habt deßwegen nie den vermeſ⸗ ſenen Traum gehegt, ſie könnte dieſelbe einem ſo armen, elenden, werthloſen Taugenichts wie Ihr, ſchenken. Ich hege großentheils auch dieß ſehr geziemende Gefühl, aber daneben hofft Jeder von uns, voll Zuverſicht, auf einen Erfolg und Triumph, ſonſt würde er die Bewerbung längſt aufgegeben haben.“ „Ich verſichere Euch, Bulſtrode, Nichts weniger als Zuver⸗ ſicht miſcht ſich mit meinen Gefühlen in Betreff dieſes Gegenſtan⸗ 538 des. Ihr mögt Gründe haben, Euch Eurer Sache ſo gewiß zu glauben; aber ich kann mich deſſen in keiner Weiſe rühmen!“ „Ich habe keine andern Gründe, als Eigenliebe, deren jeder Menſch ein zu ſeinem Behagen und ſeinem Seelenfrieden genügen⸗ des Maß beſitzt. Ich behaupte, Hoffnung iſt zur Liebe unerläßlich nothwendig, und die Hoffnung geht mit der Zuverſicht Hand in Hand. Meine Argumentation über dieſe Punkte iſt ſehr einfach. Und nun zu den beſondern Vortheilen, die uns jetzt zu ſtatten kommen, um die Sache zu einer Entſcheidung zu bringen. Erſt⸗ lich bin ich verwundet, wie Ihr bedenken müßt,— leidend an einer ehrenvollen Bleſſur, in offener Schlacht erhalten, im Kampf für König und Vaterland. Sodann bin ich friſch vom Schlacht⸗ feld in meiner Sänfte zu meiner Geliebten gebracht worden, an meiner Perſon das Zeugniß tragend meiner beſtandenen Gefahren, und, hoffe ich, meines guten Benehmens. Es iſt nicht Ein Weib unter Tauſenden, die, wenn ſie zwiſchen uns ſchwankte, ſich nicht allein auf dieſe Gründe hin zu meinen Gunſten entſchiede. Ihr habt keinen Begriff davon, Corny, wie die Herzen dieſer ſüßen, zarten, hingebungsvollen, großmüthigen, kleinen amerikaniſchen Mädchen in Sympathie hinſchmelzen bei dem Leiden eines armen Elenden, von dem ſie ſich angebetet wiſſen! Macht ein weibliches Weſen zu Eurer Krankenwärterin— ſie wird neunmal unter zehn die Eurige! Das iſt ein Meiſterſtreich von mir, aber ich hoffe, Ihr werdet ihn verzeihen. Stratageme ſind entſchuldbar in der Liebe wie im Krieg.“ „Es fäͤllt mir nicht ſchwer Eure Politik zu begreifen, Bul⸗ ſtrode, wohl aber einigermaßen, ich geſtehe es, Euere Offenherzig⸗ keit. Aber nun es einmal ſo iſt, hoffe ich, Ihr werdet überzeugt ſeyn, daß ich ſie nicht mißbrauche. Jetzt aber, was meine Lage betrifft, welche beſondere, den Eurigen das Gegengewicht haltende Vortheile kommen mir zu Gute?“ „Die eines Vertheidigers! Oh, das iſt an und für ſich ſchon ——;—— 539 ein Sturmbock! Dieſer verwünſchte Angriff auf die Anſiedlung, der, wie man mir ſagt, ziemlich ernſthaft iſt, und noch einige Tage lebhafte Beſorgniſſe rege erhalten kann, iſt für mich etwas ſehr Unglückliches, höchſt vortheilhaft dagegen für Euch. Ein Verwun⸗ deter kann nicht halb ſo viel Intereſſe und Theilnahme erregen, als unter andern Umſtänden möglich wäre, wenn Andere jede Minute ganz leicht getödtet werden können. Sodann iſt die Rolle eines Vertheidigers eine ſehr wichtige und dankbare; und da ich ein groß⸗ herziger Rival bin, Corny, wie ich Euch immer erklärt habe, rathe ich Euch, ſie Euch aufs beſte zu Nutze zu machen. Ich ver⸗ hehle Nichts, und beabſichtige allen möglichen Vortheil aus meiner Wunde zu ziehen.“ Es war kaum möglich nicht zu lachen über dieſe ſeltſam of⸗ fenherzige, und doch, wie ich feſt glaube, ſeltſam aufrichtige Er⸗ klärung; denn Bulſtrode war ein Humoriſt trotz all ſeinem kon⸗ ventionellen Weſen und ſeinen Londoner Begriffen, und war mehr gewohnt, genau das zu ſagen was er dachte, als man es gewöhn⸗ lich bei Männern ſeiner Klaſſe findet. Nachdem ich noch eine halbe Stunde bei ihm geſeſſen, und mit ihm über die letzten militäriſchen Operationen geplaudert hatte, über welche er mit Gefühl und mit Verſtand ſich ausſprach, verabſchiedete ich mich für die Nacht. „Gott ſegne Euch, Corny,“ ſagte er, mir die Hand drückend, als ich ihn verließ;„benützt die Gelegenheit auf Euere Weiſe, denn ich verſichere Euch, ich werde es auf die meinige thun. Es iſt ge⸗ genwärtige Tapferkeit gegen vergangene Tapferkeit. Wäre ich ſelbſt nicht der eine Betheiligte,— es lebt kein Menſch auf der Welt, dem ich mehr von ganzem Herzen den Sieg wünſchte als Euch!“ Und ich glaube, Bulſtrode überſchritt bei dieſen ſeinen Ver⸗ ſicherungen die Grenze der Wahrheit nicht. Daß ich bei Annelke'n den Sieg davon tragen würde, glaubte er nicht, wie mir dieß ganz klar war aus ſeinem Weſen und Benehmen überhaupt, bei dem Bewußtſeyn, das er von ſeinen Vortheilen und Vorzügen, RNang— 540 und Vermögen betreffend, ſo wie in Folge davon haben mußte, daß Herman Mordaunt ſo ſehr ihm geneigt war und ſeine Wünſche begünſtigte. Seltſam genug! als ich meinen Nebenbuhler unter ſo ganz eigenthümlichen Verhältniſſen verließ, ward ich zufällig mit meiner Geliebten zuſammengeführt, und zwar allein! Anneke be⸗ fand ſich allein in dem kleinen Zimmer, in welchem die Mädchen ſich gewöhnlich aufhielten, als ich dahin zurückkehrte, da Guert Mary Wallace dazu gebracht hatte, im Hof mit ihm einen Gang zu machen— dem einzigen Ort, welcher jetzt den Ladies zu Gebote ſtand, um ſich in freier Luft zu ergehen: während Herman Mor⸗ daunt, Mr. Worden und Dirck mit einander in dem allgemeinen Geſellſchaftssimmer waren, und einige Verabredungen mit dem be⸗ ſtürzten Haufen der Anſiedler, welche ſich in das Neſt geflüchtet hatten, wegen der Nachtwache trafen. Ich will mich nicht damit aufhalten, mein Entzücken zu ſchildern, als ich Anneke hier traf; auch ward es keineswegs vermindert, als ich den ſanften Ausdruck ihres mir begegnenden ſüßen Auges bemerkte, und das Erröthen ſah, welches ihre Wangen bedeckte. Ohne Zweifel hatte das Ge⸗ ſpräch, das ich ſo eben gehabt, ſeine Wirkung auf mich; denn ich beſchloß ſofort bei mir, daß eine ſo günſtige Gelegenheit, meine Bewerbung zu verfolgen, nicht verſäumt werden ſolle; ich ward, wenn ich die Wahrheit geſtehen ſoll, geſtachelt durch die Furcht vor Bulſtrode's Wunde. Was ich zu Anfang dieſer Unterredung ſagte, das vermöchte ich nicht mehr ganz genau zu berichten, wenn ich auch glaubte, es würde mich in vortheilhaftem Licht erſcheinen laſſen, während ich freilich vielmehr das Gegentheil fürchte; aber ich machte mich wenig⸗ ſtens verſtändlich, was, wie ich mir einbilde, nicht einmal allen Liebhabern bei ſolchen Scenen gelingt. Zuerſt ſprach ich, wie ich beſorgen muß, verwirrt und etwas unzuſammenhängend; aber mein Gefühl ſtegte in ſo weit über dieſe Mängel, daß ich im Stande 541 war, vorzubringen, was ich zu ſagen wünſchte. Gegen das Ende muß, wenn ich nur entfernt mit der Wärme und Klarheit ſprach, wie ich fühlte, meine Sprache und mein ganzes Weſen einen leiſen Anflug von Beredtheit an ſich gehabt haben. Da dieß zudem das erſte Mal war, daß ich überhaupt Gelegenheit hatte, meine Be⸗ werbung in ganz offener und entſchiedener Weiſe zu verfolgen, ſo war da ſo Viel zu ſagen, ſo Viel aufzuklären, und die Verſäum⸗ niß ſo vieler ſcheinbar günſtiger Gelegenheit zu entſchuldigen, daß Anneke während der erſten zehn Minuten faſt Nichts zu thun hatte als nur mir zuzuhören. Ich habe immer die Faſſung und Selbſt⸗ beherrſchung, welche meine Geſellſchafterin während der übrigen Unterredung an den Tag zu legen im Stande war, dem Umſtand zugeſchrieben, daß ihr ſo einige Zeit vergönnt war, ihre Gedanken zu ſammeln. Die liebe köſtliche Anneke! wie bewundernswerth benahm ſie ſich in jener denkwürdigen Nacht! Gewiß war es eine ganz außer⸗ ordentliche Lage, um von Liebe zu ſprechen; dennoch zweifle ich ſehr, ob die Gefühle in ſolchen Augenblicken nicht eher wahrer und natürlicher ſeyn dürften, als wenn die Umſtände erlauben, mehr nach den Auskunftsmitteln des Alltagslebens zu greifen. Ich bemerkte wohl, daß meine holde Zuhörerin gerührt war vom erſten Augenblick an, wo ich anfing, und daß ihr Angeſicht ein zärt⸗ liches Intereſſe an meinen Worten verrieth. Hierauf vertrauend, oder ermuthigt durch ihr Erröthen und ihre niedergeſchlagenen Augen, wagte ich eine Hand zu faſſen, und ſah, daß ich nicht zurückgewie⸗ ſen wurde. Da fand ich denn Worte, welche wirklich meiner Ge⸗ ſellſchafterin Thränen ins Auge lockten, und Anneke war im Stande mir zu antworten. „Das iſt eine ſo ungewöhnliche— eine ſo außerordentliche Zeit, von ſolchen Dingen zu ſprechen, Corny,“ ſagte ſie,„daß ich kaum recht weiß, was ich antworten ſoll. Eines jedoch fühle ich, aufs beſtimmteſte und lebhafteſte: Perſonen, ſo wie wir, umringt von Gefahren, die jeden Augenblick unſern Untergang herbeiführen können, haben eine ſonſt nicht gewöhnliche Verpflichtung und Be⸗ rechtigung zur Aufrichtigkeit. Der Ziererei war ich, hoffe ich, nie ergeben, und Prüderie, das weiß ich, würdet Ihr verdammen. In meiner Seele herrſcht in dieſem Augenblick ein Gefühl vor, das ich auszuſprechen wünſche, aber ich weiß kaum, wie—“ „Unterdrückt es nicht, geliebte Anneke; ſeyd ſo großmüthig als Ihr, das weiß ich, aufrichtig ſeyd.“ „Corny, es iſt dieß. Ich weiß, wir ſind in Gefahr— in ſehr drohender Gefahr, überwältigt zu werden; gefangen, vielleicht getödtet zu werden von den grauſamen Weſen, welche um unſere Wohnung herunm ſtreichen, und ich weiß, daß Keiner in dieſem Hauſe auf noch einen Tag Leben rechnen kann, auch nur mit der ge⸗ wöhnlichen eiteln Sicherheit der Menſchen. Sollte nun jetzt Euch Etwas zuſtoßen, und ich Euch überleben, ſo würde ich den Reſt meiner Tage hindurch fortwährend um Euern Verluſt trauern und die lebhafteſte Reue empfinden, daß ich Bedenken getragen hätte, Euch zu geſtehen, welchen Antheil ich lange ſchon an Euch ge⸗ nommen, und wie glücklich mich das Bewußtſeyn des Vorzugs ge⸗ macht hat, den Ihr mir, Euerem offenen und ehrlichen Geſtändniß vor Monaten zufolge, in Euerem Innern gegeben habt.“ Da Erröthen und Thränen dieſe Geſtändniſſe Anneke'ns be⸗ gleiteten, war es mir nicht möglich, die Wahrheit deſſen was ich hörte zu bezweifeln. Von dieſem Augenblick an knüpfte eine Welt von Vertrauen und ein Strom reinen, ſüßen, ſtarken natürlichen Gefühls uns immer enger und enger an einander. Guert war in einer glücklichen Stimmung, um Mary Wallace bei ſich zurückzu⸗ halten; und der Drang der Umſtände kam mir in Bezug auf die Uebrigen ſehr zu Statten. Ueber eine Stunde hatte ich Anne Mor⸗ daunt ganz für mich allein; und wenn das Herz offen iſt, wie viel kann da über einen Gegenſtand wie die Liebe geſagt und verſtanden 543 werden in einer Stunde des rückhaltloſen Vertrauens und des über⸗ mächtigen Gefühles! Anneke geſtand mir, ehe wir uns trennten, daß ſie oft an den ritterlichen Knaben gedacht, der freiwillig ſich zum Kämpfer für ſie aufgeworfen, als ſie ſelbſt noch kaum mehr als ein Kind war, und an ihn gedacht habe, wie ein großherziges Mädchen unter ſolchen Umſtänden an einen tüchtigen Jungen denken mag. Dieſe aus ſo frühen Jahren ſtammende Gunſt war bedeutend geſteigert und gekräftigt worden durch den Vorfall mit dem Löwen und unſern darauf folgenden Verkehr. Bulſtrode, dieſer furchtbare ermuthigte Rival, ermuthigt von ihrem Vater, wenn auch nicht von ihr ſelbſt, hatte ſie nie im Mindeſten intereſſirt, über die Grenze eines aus der Blutsverwandtſchaft natürlich folgenden Gefühls hinaus; und ich hätte mir manche Stunde banger Angſt ſeinethalben erſparen können, wenn ich nur hätte ſehen können, was mir jetzt ſo ohne Rückhalt bekannt wurde. Der arme Bulſtrode! ein Gefühl von Mitleid beſchlich mich, als ich die Verſicherungen meiner Geſell⸗ ſchafterin anhörte, daß er nie im Mindeſten ihr Herz gerührt habe, während ſie zu derſelben Zeit, hoch erröthend, zugeſtand, daß ich dieſe Macht beſaß. Ein dahin gehender Ausdruck entſchlüpfte ſogar ihren Lippen: „Bekümmert Euch nicht wegen Mr. Bulſtrode'’s, Corny,“ ſagte Anneke, ſchalkhaft lächelnd, ſo daß man vermuthen konnte, ſie habe ſämmtliche Für und Wider bei dieſer Sache in ihrer Seele reiflich erwogen;„er mag ſich ein wenig gekränkt fühlen, aber er wird dieſe Phantaſie bald vergeſſen in der Freude darüber, daß er nicht einer flüchtigen Neigung nachgegeben und ſich nicht mit einem jungen, unerfahrnen amerikaniſchen Mädchen verbunden habe, das wohl kaum dazu taugte, ſich in den Kreiſen zu bewegen, in welchen ſeine Gattin leben muß.— Ich glaube, Mr. Bulſtrode zieht mich jetzt gerade allen andern Frauen vor, die er eben kennen mag; aber ſeine Neigung, wenn ſie den Namen verdient, hat nicht das Ge⸗ müth in ſich, lieber Corny, das, wie ich weiß, in der Eurigen 544 lebt. Man ſagt, wir Frauen entdecken es ſchnell, wenn wir wirk⸗ lich geliebt werden, und ich geſtehe, daß meine eigne kleine Erfah⸗ rung mich geneigt macht zu glauben, daß dieſe Behauptung uns nur Gerechtigkeit widerfahren laſſe.“ Darauf ſprach ich von Guert, und drückte die Hoffnung aus, daß ſeine aufrichtige, offenkundige, männliche Ergebenheit am Ende das Herz ſeiner Geliebten rühren, und daß mein neuer Freund, für welchen ich ſchon ein Gefühl wie für einen alten Freund zu haben anfing, am Ende durch Erwiederung einer Leidenſchaft werde be⸗ glückt werden, die nach meiner vollen Ueberzeuguug ſo tief und auf⸗ richtig ſey wie meine eigene; eine Vergleichung die, wie ich wohl fühlte, ſo ſtark war, als ich nur irgend eine zu Gunſten Guert's machen konnte. „Ueber dieſen Gegenſtand dürft Ihr nicht erwarten, daß ich Viel ſage, Corny,“ antwortete Anneke lächelnd.„Jede Frau iſt Herrin ihrer eignen Geheimniſſe hinſichtlich eines ſolchen Gegenſtan⸗ des, und wenn ich der Mary Wallace Geſinnung oder Wünſche in Bezug auf Mr. Ten Eyck vollſtändig kennte, weſſen ich mich jedoch keineswegs rühmen darf, ſo würde ich mich doch nicht berechtigt glauben, ſie zu verrathen, ſelbſt nicht gegen Euch. Ich habe vor Corny Littlepage kein, meine Perſon betreffendes Geheimniß mehr, aber man darf nicht erwarten, daß ich ſo ſchwach mich zeigen werde, indem ich mein ganzes Geſchlecht verriethe, als ich mich gezeigt, indem ich mich ſelbſt verrathen habe.“ Ich war genöthigt, mit dieſem ſüßen Geſtändniß, und mit der Ueberzeugung, daß ich ſchon lange geliebt geweſen, mich zu begnü⸗ gen. Als Anneke mich verließ, was ſie nach Verfluß von mehr als einer Stunde ſich nicht mehr wehren ließ, hatte ich, ſchwelgend in dem Bewußtſeyn alles deſſen, was zwiſchen uns vorgegangen, Mühe mich zu überzeugen, daß ich nicht träumte. Dieſe Aufklärung war ſo plötztich gekommen, ſo gänzlich unerwartet für Beide, glaube ich, daß ſie uns wohl wie ein Traum erſcheinen konnte; aber doch, ————AE—— 545 bin ich überzeugt, wir trennten uns nicht ohne das tiefe innige Be⸗ wußtſeyn, daß wir Beide glücklicher waren, als wie wir uns hier zuſammen fanden. Dennoch betheure ich feierlich, daß ich Sorge, beinahe Bekümmerniß, um Bulſtrode empfand. Der arme Burſche hatte offenbar erſt noch vor einer oder zwei Stunden ſo zuverſicht⸗ lich auf ſeinen Erfolg gerechnet, daß ich es nicht über mich vermocht hätte, ihn von meinem Triumph in Kenntniß zu ſetzen, wenn er auch auf und im Stande geweſen wäre, ſeine Bewerbung zu be⸗ treiben; in ſeiner gegenwärtigen Lage aber wäre mir ein ſolches Verfahren roh und brutal erſchienen. Was Guert Ten Eyck betrifft, ſo war er, als er ſich wieder bei mir einfand, trauriger und verzweiflungsvoller als je. „Es fiel mir ein, Corny, daß wenn Mary Wallace die min⸗ deſte Zuneigung für mich hege, ſie ſie wohl in einem Zeitpunkt kund geben würde, wo man von uns Allen ſagen kann, daß wir zwiſchen Leben und Tod ſchweben. Ich habe oft ſagen gehört, daß das Weib, das mit einem jungen Burſchen ihr Spiel triebe auf einem Ball oder auf einer Schlittenfahrt, und ihn wie einen Hund behandelte, während Alles lachte und ſich beluſtigte, ſich umdrehe wie ein Wetterhahn auf unſern holländiſchen Scheunen, wenn der Wind umſchlägt, im Augenblick wo Noth oder Unglück ihren An⸗ beter treffe. Mit andern Worten, daß daſſelbe Mädchen, welches im Glück und Wohlergehen launenhaft und unzuverlaͤßig ſey, plötz⸗ lich ganz zärtlich und treuhingebend werde, ſobald Sorge und Kummer bei dem Mann einkehren, der ſie zu haben wünſche. Im Vertrauen auf dieß nun nahm ich mir vor, in Mary zu dringen nach meinem beſten, obwohl geringen Vermögen,— und Ihr wißt, Corny, daß es gar ſchwach iſt,— mir nur einen Schimmer von Hoffnung zu gewähren; aber ohne Erfolg. Nicht eine Sylbe mehr konnte ich aus ihr herausbringen, als daß die Zeit nicht ge⸗ eignet ſey, von ſolchen Dingen zu ſchwatzen; und ich glaube, ich wäre bereit, hinaus zu gehen und dieſen Teufeln von Huronen im Satanstoe⸗ 3⁵ Handgemenge entgegenzutreten, wäre nicht doch der Umſtand, daß das Mädchen, das ſich ſo unerbittlich zeigte, volle zwei Stunden bei mir blieb und anhörte, was ich ihr zu ſagen hatte, obwohl ich von nichts Anderem ſprach. Darin lag ein Körnchen Troſt, mein Junge, oder ich verſtehe Nichts von der menſchlichen Natur.“ So war es allerdings. Dennoch konnte ich nicht umhin, mei⸗ ner Anne Mordaunt großherzige, unter denſelben obwaltenden Um⸗ ſtänden bewieſene Offenheit damit zu vergleichen, und ich meinte, die Ausſichten des einfachen, warmherzigen, mannhaften jungen Albaniers ſeyen doch weit minder ſchmeichelhaft als die meinigen. Achtundzwanzigſtes Kapitel. Zwiſchen zwei Welten ſchwankt, gleich einem Stern Das Leben, an des Morgenhimmels Saume; Ach, was wir ſind, wie wüßten wir's ſo gern, Und was wir werden ſeyn! Im ew'gen Raume Braust hin die ewige Zeitfluth;— fort trägt fern Uns Blaſen ſie; in ſtets verjüngtem Schaume Gehn auf und platzen ſie; von einem Reich Das Grab hebt ſich, der flücht'gen Woge gleich. Byron. Von Herman Mordaunt ſelbſt wurde jetzt angekündigt, daß die Wachen für die Nacht feſtgeſetzt ſeyen, und daß ſich Jeder nunmehr zur Ruhe begeben möchte. Die Ueberfüllung des Neſtes mit Men⸗ ſchen war ſo groß, daß es nicht leicht war, einen Platz zum Schla⸗ fen zu finden; und unſre Betten beſtanden nur aus Stroh. End⸗ lich fanden wir unſre Lagerſtätten, freilich von ſehr ärmlicher Be⸗ ſchaffenheit; und die Wahrheit gebietet mir zu geſtehen, daß trotz Allem, was an dieſem Abend vorgefallen war, ich bald in tiefem Schlafe lag. Keiner von der Geſellſchaft von Mooſeridge machte, glaube ich, eine Ausnahme, und die Erſchöpfung zeigte ſich mächti⸗ ger als glückliche Liebe, als unglückliche Liebe und als perſönliche Beſorgniß. Es war etwa drei Uhr Morgens, als ich einen bedeutungs⸗ vollen Druck am Arm ſpürte, wie man Einen faßt, wenn man etwas beſonders Wichtiges zu ſagen hat. Es war Jaſon Neweome, beſchäftigt die Männer im Hauſe zu wecken, ohne doch einen Lärm 548 zu machen, der den draußen Befindlichen zu Ohren kommen könnte. In wenigen Minuten waren Alle auf und bewaffnet. Da der Morgen, gerade vor dem Anbruch des Lichts, wo der Schlaf am feſteſten zu ſein pflegt, die Stunde iſt, wo die Wilden gewöhnlich angreifen, war Niemand überraſcht über dieſe Vorkeh⸗ rungen, die, wie man vernahm, von Herman Mordaunt ſelbſt ange⸗ ordnet waren, der auch auf den Beinen und an einem zur Beobach⸗ tung günſtigen Ort auf der Spähe war. Mittlerweile verſammelten wir Männer, drei oder vierundzwanzig im Ganzen, uns im Hofe, des Befehls gewärtig, uns an das Thor oder an die Schießſcharte zu begeben. Jaſon hatte ſeinen Auftrag ſo geſchickt ausgeführt, daß weder Frauen noch Kinder Etwas von unſerm Aufbruch erfuh⸗ ren; Alle ſchliefen oder ſchienen zu ſchlafen in der Sicherheit einer friedlichen Heimath. Ich benützte eine Gelegenheit, dem Expäda⸗ gogen und neuen Müller ein Compliment zu machen über die Ge⸗ wandtheit, die er bewährt hatte; und dieß verwickelte uns in ein in leiſem Tone geführtes Geſpräch. „Ich habe ſchon gedacht, dieſer Krieg könnte dieſen Anſiedlun⸗ gen ein ganz anderes Geſicht geben, Corny,“ fuhr Jaſon fort, nachdem wir eine kurze Zeit uns beſprochen hatten;„ganz beſonders in Bezug auf die Beſitztitel.“ „Ich kann nicht einſehen, wie dieſe davon ſollten berührt wer⸗ den, Mr. Neweome, falls nicht etwa die Franzoſen die Colonie erobern,— eine nicht ſehr wahrſcheinliche Sache.“ „Das iſt es gerade; genau das was ich meine, den Grundſatz betreffend. Haben nicht dieſe Huronen dieſe beſtimmte Anſiedlung erobert? Ich behaupte, ja! Sie ſind im Beſitz von dem Ganzen, dies Haus ausgenommen; und es ſcheint mir, wenn wir je wieder davon Beſitz nehmen, ſo geſchieht es durch eine zweite Eroberung. Nun iſt, was ich wiſſen möchte, dieß: gibt nicht die Eroberung den Eroberern das Recht auf das eroberte Territorium? Ich habe noch KV N u i 549 keine Bücher hier; aber ich müßte fürchterlich vergeßlich ſeyn, wenn ich nicht geleſen habe, daß dieß wirklich Rechtens iſt.“ Ich glaube, dieß war die erſte offene Demonſtration, welche Jaſon gegen das Eigenthumsrecht Herman Mordaunt's machte. Seik jener Zeit hat er noch manche weitere gemacht, und einen Theil derſelben werde ich, oder wird derjenige, welchem es zufällt, dieſe Erzählung fortzuſetzen, wahrſcheinlich berichten; aber ich wollte hier dieſe nicht übergehen, als die erſte einer langen Reihe von Machinationen, welche Jaſon Newcome verſucht und ausgeübt hat, um das Lehngut, das Mühlloos zu Ravensneſt, aus einem Eigen⸗ thum derjenigen, welchen es geſetzlich zugehörte, zum Eigenthum ſeiner eignen beſcheidnen aber höchſt verdienſtlichen Perſon zu machen. Ich hatte wenig Zeit eine Antwort zu geben auf dieſe ganz abſonderliche Art zu argumentiren; denn gerade jetzt erſchien Her⸗ man Mordaunt unter uns, und trug uns ſehr ernſte Obliegenheiten zu erfüllen auf. Die Erläuterungen, welche er ſeinen Befehlen voranſchickte, waren folgende. Wie man vermuthete, hatten die Indianer das einzige Mittel ergriffen, welches ſich, ohne den Bei⸗ ſtand von Geſchütz, gegen eine ſolche Feſte wie das Neſt wirkſam erweiſen konnte. Sie machten Anſtalten, das Gebäude in Brand zu ſtecken, und waren die ganze Nacht beſchäftigt geweſen, eine große Maſſe von Fichtenzweigen, Wurzeln u. ſ. w. zu ſammeln, welche ihnen gelungen war gegen die äußern Blöcke und Scheiter emporzuthürmen, auf dem Punkt, wo der eine Flügel den Fels berührte, und wo die Formation des Terrains ihnen geſtattete, ſich dem Gebäude ohne große Gefahr zu nähern. Ihr Verfahren ver⸗ dient berichtet zu werden. Einer der Kühnſten und Gewandteſten von ihnen war an die Stelle hingekrochen und hatte ſich ſo dicht an das Holzwerk hin poſtirt, daß er nicht beobachtet werden konnte, und auch vor Kugeln ſo ziemlich ſicher war. Dann hatten ſeine Genoſſen ihm das eine Ende eines langen Pfahles hinaufgeboten, während ſie unten ſtanden, die Einen auf einem Vorſprung des 550 Felſen, die Uebrigen auf ebenem Boden; und Alle waren vor Ku⸗ geln geſchützt, ſo lange ſie, Jeder ſeinen vorſichtig gewählten Poſten inne hatten. In ſolcher Stellung brachten die Söhne des Waldes Stunden in geduldiger Arbeit hin, mittelſt eines Korbes die Kien⸗ ſtücke und andere brennbare Stoffe dem Krieger hinaufreichend, wel⸗ cher ſeinen Poſten dicht unter dem Gebäude nicht verließ, und Alles auf die Weiſe aufſchichtete, welche zu Erreichung ſeines Zweckes die günſtigſte ſchien. Susqueſus hatte das Verdienſt, den Anſchlag zu entdecken, deſſen Vorbereitungen der Aufmerlſamkeit der Schildwachen ganz entgangen waren. Es ſcheint, der Onondago, wohl bekannt mit den Liſten der rothen Männer, und insbeſondere vertraut mit dem Charakter von Jaap's Freund, Muß, hatte nicht geglaubt, die Nacht werde ohne einen ernſtlichen Angriff auf das Haus vorübergehen. Die Seite gegen den Felſen hin war bei weitem der ſchwächſte Punkt der Feſte, denn ſie hatte keinen andern Schutz, als die natürlichen Hinderniſſe der Felſen ſelbſt, welche nicht unzugänglich, obwohl etwas ſchwierig zu erſteigen waren, und das ſchon erwähnte niedere Pfahlwerk. Unter dieſen Umſtänden war der Indianer feſt über⸗ zeugt, der Sturm würde von dieſer Seite her erfolgen. Er ſtellte ſich daher auf die Lauer und entdeckte die erſten Vorbereitungen der Huronen, that aber Herman Mordaunt Nichts davon zu wiſſen, bis ſie beinahe vollendet waren; und ſein Grund, die Mittheilung ſo zu verzögern, war die Ungeduld der Bleichgeſichter, die, wie er dachte, den Feind ſein Vorhaben nicht würden ganz ausführen laſſen, was die Zurüſtungen betraf; und dieß gerade ſchien ihm das Allerwünſchenswertheſte. Wenn man die Huronen ihre Zeit und Kraft verſchwenden ließ mit den Vorkehrungen zu einem Angriff, den man vorausſah, und welchen man durch kräftigen Widerſtand vereiteln konnte, ſo war damit ein großer Vortheil gewonnen; während ſich vorausſehen ließ, daß, wenn man ſie zu früh in einer Kriegsliſt ſtörte, womit man ſie beſchäftigt wußte, ſie dann nur 551 einen neuen Anſchlag erſinnen und ins Werk zu ſetzen ſuchen wür⸗ den, wo dann die Schwierigkeit, denſelben zu entdecken, zu unſern übrigen Nachtheilen hinzukam. So argumentirte Susqueſus, wie man damals angab; und gewiß iſt wenigſtens, daß er ſo handelte. Aber die Zeit war gekommen, dieſen verdeckten Vorbereitungen zu begegnen, und Herman Mordaunt hielt jetzt eine Berathung über die Art, wie wir zu Werke gehen ſollten. Die vorgelegte Frage war: ob wir die Huronen noch fortmachen laſſen ſollten; ob wir den verwegenen Wilden, der, wie man wußte, noch unter den Blöcken des Hauſes poſtirt war, mittelſt eines Ausfalls niederſchie⸗ ßen und ſein Gerüſte von brennbarem Holz zerſtreuen ſollte; oder ob es klüger wäre, den Feind ſein Feuer wirklich anzünden zu laſ⸗ ſen, ehe wir die Maske abnähmen. Zu Gunſten eines jeden dieſer Plane ließ ſich Etwas ſagen. Wenn wir den Wilden, der unter unſern Wänden ein Logement angelegt hatte, niederſchoßen, und das Gerüſte von Holz und brennbaren Sachen zerſtorten, vereitelten wir ohne Frage den gegenwärtigen Angriff; aber aller Wahrſchein⸗ lichkeit nach hatten wir dann in der folgenden Nacht einen neuen zu erwarten, während, wenn wir bis zum letzten Augenblick war⸗ teten, unſere Feinde ſo nachdrücklich zurückgeworfen werden mochten, daß dadurch ihrem ganzen Kriegszug auf einmal ein Ende gemacht werden konnte. 3 Wie bei der Berathung alle ſich darbietenden Punkte erwogen wurden, entſchied man ſich, den letztern Plan vorzuziehen. Nur von Einer Stelle aus hatte man die Ausſicht auf das Gerüſte, und dieſe Stelle war eine Lucke, welche erſt am Tage zuvor in das Haus gehauen worden war, und welche gerade auf den Platz hinunter ſah, von einem Vorſprung aus, welcher am zweiten Stockwerk angebracht war und um das ganze Gebäude herum lief. Dieſe Vorſprünge waren in der Architektur der Provinzen in jener Zeit etwas ganz Gewöhnliches, und wurden oft bei ausgeſetzter Lage und Stellung der Gebäude ausdrücklich deßwegen angebracht, um Mittel darzu⸗ 5⁵5² bieten, die untern und äußern Theile der Häuſer zu ſchützen. Auch das Neſt beſaß dieſen Vortheil, obgleich die Lucken, welche er⸗ forderlich, um dieſe Einrichtung zu vervollſtändigen, erſt ganz neuerlich hineingehauen worden waren. An dieſe Lucke nun ſtellte ich mich einige Zeit und beobachtete, was unten vorging. Die Nacht war finſter, doch hielt es nicht ſchwer, das Gerüſte von brennbaren Stoffen zu unterſcheiden, welches mir einige Fuß hoch zu ſeyn ſchien, und eine ziemliche Länge hatte, ſo wie auch die Bewegungen des Wilden zu bemerken, der es erbaut hatte. In dem Augenblick, wo ich meine Stellung an der Lucke einnahm, war der Indianer wirklich beſchäftigt, die brennbaren Sachen anzu⸗ zünden. Einige Minuten lang beobachteten Guert undich unſern Feind, wäh⸗ rend er ſo beſchäftigt war, denn der Hurone mußte mit der äußerſten Vor⸗ ſicht zu Werke gehen, damit nicht ein zu frühe ausſtrahlendes Licht ihn ver⸗ riethe. Vorſichtig zündete er ſeine Kienhölzer ganz im Innern des Gerüſtes an, und hatte zu dieſem Behufe einen Raum frei gelaſſen, und ſeine Brennmaterialien ſtanden ſchon recht in Flammen, ehe das Feuer anfing, ſeine Helle in einiger Entfernung zu verbreiten. Wir hat⸗ ten in dem Gemach, von welchem aus wir alle dieſe Bewegungen beobachteten, eine ziemliche Maſſe Waſſer in Vorrath, und konnten jeden Augenblick das Feuer löſchen, indem wir durch unſre Lucke einen Guß hinabſchütteten, vorausgeſetzt daß wir nicht zu lange warteten. Aber Guert ſetzte ſich dagegen,„das Spiel zu verderben,“ wie er es nannte, indem er ſtandhaft behauptete, die Holzblöcke, woraus das Haus beſtand, würden nur langſam und ſchwer Feuer fangen, und wir könnten jeden Augenblick mittelſt eines raſchen Ausfalls die dürren Zweige und Büſchel zerſtreuen. Sein Wunſch war, den Feind in ſeinem Beginnen ſo weit als nur irgend ſicher und gera⸗ then war, fortfahren zu laſſen, um dann ſeine Niederlage deſto zerſchmetternder zu machen. Vermöge unſrer Stellung gerade über ſeinem Haupte war es 55³ nicht möglich, das Geſicht des Brandſtifters zu ſehen, während er mit ſeinem Werke beſchäftigt war. Endlich warf er einen Blick aufwärts, als wollte er die Wirkung der Flamme beobachten, welche mit ihren geſpaltenen Zungen über das Gerüſt heraufzulecken anfing, wo wir dann Beide Jaap's Gefangnen, Muß, erkannten. Dieſer Anblick war zu Viel für Guert's Philoſophie, und die Mündung ſeiner Büchſe zu der Lucke hinaus ſtreckend, drückte er auf ihn ab, ohne ſorgfältig zu zielen. Der Knall war eine Art Signal zum Kampf, denn das ganze Haus und die ganze Welt draußen ſchien in einem Augenblick voll Lärm und Geſchrei zu ſeyn. Ich konnte Muß nicht ſehen, aber Einer unſrer Späher, welcher ihn am läng⸗ ſten im Geſicht hatte, erzählte mir, nachdem Alles vorüber war, der Burſche habe ſehr erſchrocken geſchienen über dieſen ſo plötzlichen Angriff; er habe einen Augenblick nach der Lucke hinaufgeſchaut, einen gellenden Ausruf gethan, dann ſo laut er konnte das Kriegs⸗ geheul angeſtimmt, und in Sprüngen in die Dunfkelheit hinaus ge— eilt, wie ein unerwartet von ſeinem Lager aufgeſcheuchter Rehbock. Die Felder rings herum um das Neſt ſchienen zu wimmeln von wild heulenden Dämonen. Herman Mordaunt hatte für die Ver⸗ ſchönerung ſeines Sitzes wenig gethan, und Baumſtumpen ſtanden zu hunderten herum, viele nicht über zwanzig Schritte von dem Ge⸗ bäude entfernt. Es ſchien jetzt, als habe jeder dieſer Baumſtumpen einen indianiſchen Krieger hinter ſich beherbergt, während Schaaren derſelben in der Finſterniß, zwiſchen den Felſen herumhüpfend, ſicht⸗ bar waren. Einmal bildete ich mir ein, wir müßten von Hunder⸗ ten dieſer grauſamen Feinde eingeſchloſſen ſeyn, während ich jetzt glaube, daß ihre Anzahl nur durch ihre Beweglichkeit und ihr höl⸗ liſches Geſchrei ſo groß erſchien. Dennoch zeigten ſie keine Luſt an⸗ zugreifen, ſondern ſtreiften fortwährend in allen Richtungen mit wildem Kreiſchen um uns herum, gelegentlich eine Büchſe abfeuernd, aber der größten Zahl nach den Augenblick erwartend, wo das Feuer ſeine Wirkung gethan haben würde. Für die entſetzliche Lage, in welche Herman Mordaunt ver⸗ ſetzt war, zeigte er eine bewunderungswürdige Faſſung. Was mich betrifft, ſo war mir, als hätte ich fünfzig Leben zu verlieren, da Anneke immer meiner Seele gegenwärtig war. Die Frauen hielten ſich indeſſen außerordentlich gut; ſie machten durchaus keinen Lär⸗ men und boten all ihre Selbſtbeherrſchung auf, um ihre Gatten und Freunde in ihren Anſtrengungen nicht zu ſtören und ſie davon abzuziehen. Einige der Frauen der ſtämmigen, derben Anſiedler legten in der That eine Art von trotzigem Muth an den Tag, wie er Soldaten Ehre gemacht haben würde; ſie erſchienen bewaffnet im Hofe, und zeigten ſich ſonſt nützlich. Es geſchah oft, daß Weiber dieſer Art, welche ſich im Schießen auf Hirſche, Wölfe und Baͤren geübt hatten, ziemlich gut mit Feuerwaffen umgehen lernten, und bei Angriffen auf ihre Wohnungen gute Dienſte leiſteten. Ich be⸗ merkte bei der ganzen gemeinen Claſſe von Frauen in dieſer Nacht eine Art trotziger Feindſeligkeit gegen ihre wilden Feinde, in wel⸗ chen ſie ohne Zweifel nur die Mörder von Kindern ſahen, Elende, die keinen Unterſchied von Geſchlecht und Alter berückſichtigten, wenn ſie ihrer herzloſen Kriegführung nachgingen. Viele von ihnen ſchienen mir den Weibchen mancher Thiere zu gleichen, wenn ihre Jungen in Gefahr ſind. Eine Pauſe von zehn bis fünfzehn Minuten muß eingetreten ſeyn zwiſchen dem Augenblick, wo Guert ſeine Büchſe abfeuerte, und dem, wo der Kampf förmlich begann. Während dieſer ganzen Zeit ſtieg das Feuer höher hinan, und unſere ſpäten Verſuche, es zu löſchen, blieben ganz vergeblich. Man hegte jedoch deßhalb wenig Beſorgniß, vielmehr war die Flamme ein Vortheil für uns, indem ſie ihr Licht weit auf das Feld hinaus und ſelbſt unter die Felſen warf, während in den Hof gar keine Helle fiel, und ſo einen Theil des Feindes, im Fall eines Angriffs, einem hellen Licht aus⸗ ſetzte, während wir im Dunkeln blieben. Der einzige Punkt jedoch, wo wir einen ernſtlichen Angriff fürchten konnten, war bei den Felſen, wo der Hof keinen andern Schutz hatte, als dichtes und ziemlich ſtarkes Pfahlwerk. Zum Glück geſtattete auf dieſer Seite die Formation des Terrains Einem, der auf den Wieſen unten ſtand, nicht, innerhalb der Tragweite einer Büchſe in den Hof zu feuern. Dieſer Umſtand war auch bei der Anlegung der Garniſon in Be⸗ tracht gekommen. Dieß war der Stand der Dinge, als Anneke'ns Mädchen fam, mich zu bitten, falls es mir möglich wäre, meinen Poſten zu ver⸗ laſſen, wenn auch nur auf eine Minute zu ihrer Gebieterin zu kom⸗ men. Da ich keine beſondere Obliegenheit zu erfüllen hatte, ſo war es nicht ungeeignet, einem Wunſche zu entſprechen, der an ſich in jeder Weiſe für mein Gefühl ſo wohlthuend war. Guert war gerade in meiner Nähe und hörte den Auftrag der jungen Negerin an mich; dieß veranlaßte ihn, zu fragen, ob ſie keine Botſchaft an ihn zu beſtellen habe, aber ſelbſt in dieſem ernſten Augenblick ließ ſich Mary Wallace nicht erweichen. Sie war, wie der Albanier zu⸗ gab, in ihrem Benehmen am vorigen Abend freundlicher als gewöhn⸗ lich geweſen; aber zugleich hatte ſie auch ihrer Entſchloſſenheit ſo zu mißtrauen geſchienen, daß ſie ihm ſogar noch weniger Aufmun⸗ terung zu Theil werden ließ, als ſie bei frühern Gelegenheiten un⸗ willkürlich ihm gegeben hatte. Ich fand Anneke mich erwartend in dem kleinen Geſellſchafts⸗ zimmer, wo ich erſt vor ſo kurzer Zeit, am Abend zuvor, die ſüßen Geſtändniſſe ihrer Zärtlichkeit vernommen hatte. Sie war allein, denn der Inſtinkt ihres Geſchlechts ſagte ihr, daß es unter ſo ſchwe⸗ ren und ängſtlichen Verhältniſſen paſſend ſey, keine Zeugen von den Gefühlen und Worten zu haben, welche zwei ſo wie die unſrigen verbundnen Herzen entſtrömen mochten. Das liebe Mädchen war bei meinem Eintreten blaß wie der Tod; ſie hatte ohne Zweifel an den herannahenden Kampf gedacht, und an ſeine möglichen, entſetz⸗ lichen Folgen; aber mein Erſcheinen bewirkte im Augenblick, daß ihr Antlitz von hohem Erröthen übergoſſen wurde, da ihr ſo fein 556 fühlendes Gemüth nothwendig zu dem zurückkehren mußte, was ſo kurz erſt zwiſchen uns vorgefallen war. Dieß treue Feſthalten an dem inſtinktmäßigen Prinzip ihrer Natur könnte im Weibe kaum je erſtickt werden; ſelbſt in der höchſten Gefahr und Noth. Trotz der Lebhaftigkeit und dem raſchen Wechſel ihrer verſchiedenartigen Gefühle ſprach doch Anneke zuerſt. „Ich habe nach Euch geſchickt, Corny,“ ſagte ſie, eine Hand auf ihr Herz legend, als wollte ſie deſſen Pochen beruhigen,„um Euch ein Wort der Warnung zu ſagen— ich hoffe es iſt nicht unrecht.“ „Ihr könnt nichts Unrechtes thun, geliebte Anneke,“ verſetzte ich,„oder Nichts, was in meinen Augen als unrecht erſchiene. Seyd nicht ſo ängſtlich. Eure Furcht hat die Gefahr vergrößert, die wir als eine Kleinigkeit betrachten. Die Gefahren, in welchen Guert, Dirck und ich ſchon geſchwebt, waren zehnfach größer als die, welche uns jetzt bedrohen.“ Das liebe Mädchen ließ mich einen Arm um ihren Leib ſchlin⸗ gen, worauf ſie ihr Haupt an meine Bruſt ſinken ließ und in Thrä⸗ nen ausbrach. Dieſe Erleichterung ſetzte ſie in Stand, ihrer Ge⸗ fühle wieder ein wenig Meiſter zu werden, und es währte nicht lange, ſo raffte ſich Anneke auf aus meiner zärtlichen Umarmung, zu der mich der Augenblick unwiderſtehlich drängte, obwohl ſie mir noch ihre beiden Hände ließ, und ſie ſchaute auf in mein Geſicht mit dem vollen Vertrauen der Liebe, indem ſie das Geſpräch wieder anknüpfte. „Ich konnte Euch nicht in dieſe ſchreckliche Kampfesſcene hinaus entlaſſen, Corny.,“ ſagte ſie,„ohne ein Wort, einen Blick, ein Zeichen, die Theilnahme ausſprechend, die ich für Euch fühlte. Mein guter lieber Vater hat Alles gehört, und obgleich es gegen ſeine Wünſche und Hoffnungen geht, mißbilligt er es doch nicht. Ihr wißt, mit welcher Wärme er ſich den Mr. Bulſtrode zum Sohne gewünſcht hat, und werdet den dieſem Manne gegebenen Vorzug —— ⏑̈— 557 wohl entſchuldigen; aber er verlangte vor noch nicht zehn Minuten, als er mich verließ, nachdem er mir einen Kuß und ſeinen Segen gegeben, ich ſolle nach Euch ſchicken und Euch ſagen, daß er Euch hinfort als den von mir und ihm Gewählten anſehen werde. Der Himmel allein weiß, ob wir uns wieder ſehen werden, oder nicht, lieber Corny; aber ſollte uns dieß auch nicht vergönnt ſeyn, ſo wird es, das fühle ich, Euch auch ein Troſt ſeyn und eine Freude, zu wiſſen, daß wir uns wieder treffen werden als Glieder Einer Familie.“ „Wir ſind die einzigen Kinder unſrer Eltern, Anneke, unſre Verbindung wird ihre Herzen beinahe ebenſo ſehr erfreuen, als dieß bei uns ſelbſt der Fall iſt.“ „Ich habe daran auch ſchon gedacht. Ich werde jetzt eine Mut⸗ ter haben; ein Segen, den ich kaum je empfunden!“ „Und eine Mutter, die Euch innig, innig lieben wird, wie ich aus ihren eignen Aeußerungen über Euch weiß, die ſie hin und wieder in meiner Gegenwart fallen ließ.“ „Dank Euch, Corny, und Dank auch dieſer verehrten Mutter. Jetzt geht, Corny, ich fürchte, dieſe ſelbſtſüchtige Befriedigung unſrer Herzen vermehrt nur die Gefahr des Hauſes; geht! ich will für Euer Leben beten!“ „Noch ein Wort, Theuerſte! Der arme Guert!— Ihr könnt Euch nicht denken, wie ſchmerzlich betrübt er iſt darüber, daß ich allein hieher entboten werde in einem ſolchen Augenblick!“ Anneke ſchien nachdenklich, und es fiel mir auf, daß ſie ein wenig beküm⸗ mert war. „Was kann ich thun, um dieß zu ändern?“ ſagte ſie nach einer kurzen Pauſe.„Das Urtheil einer Frau und ihre Gefühle können ſie in entgegengeſetzter Richtung bewegen; und dann iſt Mary Wallace ein Maͤdchen, welches die Schicklichkeit ſo hoch an⸗ ſchlägt!“ „Ich verſtehe Euch, Anneke. Aber Guert hat eine ſo edle Ge⸗ 558 müthsart, und anerkennt alle ſeine Mängel mit ſo viel Demuth und Aufrichtigkeit! Ein Mann kann ein Weib nicht inniger lieben, als er Mary Wallace liebt. Ihre ausnehmende Vorſicht ſelbſt iſt eine Tugend in ſeinen Augen, trotzdem daß er ſo darunter leidet!“ „Ich kann der Mary Wallace Natur nicht ändern, Corny,“ ſagte Anneke, traurig lächelnd, und in einer Weiſe, die, wie ich glaubte, ſagte: ‚Wäre ich es, ſo ſollten Guert's Tugenden bald ſeine Fehler überwiegen!“„aber Mary bleibt Mary und wir müſſen uns darein ergeben. Vielleicht der morgende Tag bringt ihr ſchwanken⸗ des Gemüth zu einer Art Entſcheidung; denn dieſe jüngſten Ereig⸗ niſſe haben ſehr zu Gunſten Mr. Ten Eyck's gewirkt. Aber Mary iſt eine Waiſe, und die Vorſicht hat ſich ihr als ihr Hauptſchutz empfohlen. Jetzt geht, Corny, damit man Euch nicht vermißt.“ Gerade als ich den Hof erreichte, hörte ich ein gellendes Ge⸗ ſchrei draußen, das, wie meine Erfahrung von Ty mich belehrt hatte, der Schlachtruf war, den die Huronen beim Angriff erhoben. Ein knatterndes Feuer folgte, und im Nu waren wir in einen heißen Kampf verwickelt. Unſre Leute hatten beim Gefecht einen Vortheil auf ihrer Seite, welcher den Nachtheil ihrer geringern Zahl mehr als aufwog. Wahrend zwei Seiten des Gebäudes, mit Ein⸗ ſchluß der nach den Wieſen zu liegenden, oder derjenigen, von wel⸗ cher her allein ein Sturm gelingen konnte, in hellem Lichte ſtanden, blieb der Hof noch dunkel genug, um den Zwecken der Vertheidi⸗ gung ſehr zu entſprechen. Wir konnten einander wohl ſehen, aber in einiger Entfernung nicht geſehen werden. Auch müſſen unſre Geſtalten, von Außen geſehen, ſich mit den wallenden Schatten des Pfahlwerks vermiſcht haben. Als ich mich den Pfählen näherte, durch deren Lücken unſre Leute ſchon ein abwechſelndes Feuern auf die dunkeln Dämonengeſtalten unterhielten, welche auf den Wieſen unten herumſprangen, erfuhr ich von Herman Mordaunt ſelbſt, welcher mich mit einem warmen „ 559 Händedruck empfing, daß eine große Schaar von Feinden unmittel⸗ bar unter dem Felſen verſammelt ſey, und Guert es auf ſich ge⸗ nommen habe, ſie zu verjagen. Er hatte, um dieß auszuführen, Dirck, Jaap und drei oder vier der beſten Männer, die Indianer eingeſchloſſen, mit ſich genommen. Die Art, wie er ſeinen Zweck erreichen wollte, war kühn und ganz im Charakter des Anführers der Truppe. Da ſo viel davon und von dem glücklichen Erfolge abhing, will ich das Weſentlichſte davon etwas näher erläutern. Die Fronte des Hauſes zog ſich von Norden nach Süden, und lag ſelbſt gegen Weſten. Die beiden Flügel dehnten ſich mithin gegen Oſten und Weſten. Das Feuer war angelegt worden am Rande des Felſens und an der nordöſtlichen Ecke des Gebäudes. Dadurch wurde die nördliche und öſtliche Seite des Quadrats be⸗ leuchtet, während die weſtliche und ſüdliche in tiefes Dunkel gehüllt blieben. Da das Thor ſich nach Weſten hin öffnete, erſchien es nicht eben hoffnungslos und unausführbar, eine kleine Truppe um die ſüdweſtliche Ecke des Hauſes herum an den Rand des Felſen zu führen, wo die Formation des Terrains es geſtattete, eine Salve auf diejenigen Wilden zu geben, die, wie wir glaubten, gerade un⸗ ter unſerm Pfahlwerk ein Logement machten, in der Abſicht, einen günſtigen Augenblick zu Erſteigung deſſelben zu benützen. Auf dieß Unternehmen war, wie mich Herman Mordaunt jetzt in Kenntniß ſetzte, mein Freund ausgezogen. „Wer bewacht inzwiſchen das Thor?“ fragte ich, beinahe in⸗ ſtinktmäßig. „Mr. Worden, und Euer alter Bekannter und mein neuer Pächter, Newcome. Sie ſind Beide bewaffnet, denn ein Pfarrer kämpft nicht nur die Schlachten des Geiſtes, ſondern auch die des blutigen Feldes, wenn Noth an Mann geht. Mr. Worden hat ſich in dieſem ganzen Handel als Mann gezeigt.“ Ohne zu antworten, verließ ich Herman Mordaunt und begab mich ſelbſt nach dem Thore, da es im Hofe wenig zu thun gab. 560 Da waren wir ſtark genug, ſtärker vielleicht als nöthig war; aber ich war voll Sorge wegen Guert's Plane, wegen der Wache am Thor, und am meiſten wegen des Feuers. Bald war ich an Mr. Worden's Seite. Da befand ſich wirk⸗ lich der Hochwürdige Gentleman, und dicht neben ihm Jaſon New⸗ come. Ihre Obliegenheit war, das Thor genau in dem Zuſtande zu halten, in welchem es in der kürzeſten Friſt verriegelt oder auf⸗ geſchloſſen werden konnte, je nachdem Feinde oder Freunde herein wollten. Die beiden Wächter ſchienen das volle Bewußtſeyn von der Wichtigkeit der ihnen anvertrauten Pflicht zu haben, und ich erbat mir Erlaubniß, durchzupaſſiren. Mein erſter Zweck war das Feuer, denn es dünkte mich, Herman Mordaunt baue zu Viel auf die ihm zu Gebote ſtehenden Mittel, es zu löſchen, und unſre Si⸗ cherheit ſey nach jener Seite hin bloß geſtellt. Kaum war ich da⸗ her auſſerhalb des Gebäudes, ſo wandte ich mich, um an der Mauer hin nach der nordweſtlichen Ecke zu ſchleichen, wo allein ich das gefährliche Gerüſte überſehen konnte. Die Helle der Gluth, welche ſich über die Felder und die Stum⸗ pen ergoß, die in den Bereich des Lichts von dem Feuer fielen, er⸗ höhte meine Sicherheit durch den Contraſt mit der Finſterniß, ob⸗ gleich dieſer Umſtand die Gefahr ſelbſt um ſo bedenklicher und dro⸗ hender erſcheinen ließ. Die dunkeln Baumſtumpen, von welchen viele durch die Feuer beim Lichten verkohlt und ganz ſchwarz waren, ſchienen bei dem flackernden Licht auf den Feldern herumzutanzen, und zweimal blieb ich ſtehen, bereit, Wilden, die nur Gebilde einer Augentäuſchung waren, die Spize zu bieten, ehe ich die Ecke des Hauſes erreicht hatte. Beidemal jedoch war meine Beſorgniß eitel und es gelang mir, die gewünſchte Anſicht zu gewinnen. Nicht nur brannten da die Kienbüſchel lebhaft, ſondern eine ausgedehnte Flamme leckte an den Holzklötzen des Hauſes und bedrohte uns mit einem bald Alles verzehrenden Brande. Die Gefahr wäre noch größer geweſen, aber ein Gewitterſchauer war nur eine Stunde, ehe wir ——2ö-ͤ 561 aufgeweckt wurden, über die Anſiedlung hingezogen, und da er von Norden kam, warsdieſe ganze Seite des Hauſes vom Regen tüch⸗ tig genetzt worden. Dieß geſchah, nachdem„Muß“ ſein Gerüſt ſchon angefangen, ſonſt hätte er wohl eine andere Seite des Hauſes ge⸗ wählt. Die tiefe Dunkelheit jedoch, welche dieſen Regenguß beglei⸗ tete, hatte vermuthlich auch zum Gelingen ſeines Werkes beigetra⸗ gen. Er mußte während der ganzen Dauer des Sturmes mit ſei⸗ ner Arbeit beſchäftigt geweſen ſeyn. Ich war nicht zwei Minuten ausgeweſen, als ich wieder das Thor erreichte. Dieſe kurze Zeit hatte zu Erreichung meines erſten Zweckes genügt. Jetzt bat ich Jaſon, in den Hof zu gehen und Herman Mordaunt zu ſagen, er möchte doch keinen Augenblick ſäu⸗ men, die Mittel zur Löſchung der Flammen in Anwendung zu bringen. Es drohe von ihnen größere Gefahr als denkbarer Weiſe von irgend einem andern Angriff auf das Pfahlwerk, in der Dun⸗ kelheit des Morgens gemacht, zu beſorgen ſtehe. Jaſon war kalt⸗ blütig ſeinem Temperament nach und er war gut zu gebrauchen zu ſolchen Aufträgen. Mit dem Verſprechen ſich zu beeilen, verließ er uns, und ich lenkte jetzt meine Schritte Guert und ſeiner Truppe zu. Bis jetzt hatte man von den Letztern noch Nichts gehört. Dieſe Stille ſelbſt war eine Quelle der Beſorgniß, obgleich man kaum glauben konnte, der kühne Abenteurer ſey auf einen Feind geſtoßen, da ein ſolches Zuſammentreffen doch einigen Lärm hätte machen müſſen. Ein paar vereinzelte Schüſſe, alle von der weſtlichen Seite der Gebäude her fallend, und das flackernde Licht des Feuers— das waren die einzigen Unterbrechungen der im Uebrigen grabes⸗ ähnl chen Stille der Stunde. Ich erreichte ebenſo glücklich die ſüdweſtliche Ecke des Hauſes, als ich die nordweſtliche erreicht hatte. Es kam mir vor, als hät⸗ ten die Wilden die Felder in meiner Näbe ganz verlaſſen. Als ich mich an dieſer Ecke des Gebäudes aufſtellte, fand ich deſſen ſüdliche Seite ganz in Dunkel gehüllt, während über die Wieſen hin ſich Satanstoe. 36 562 ſo viel Licht ergoß, daß die zackigen Ränder des Felſen in dieſer Richtung ganz deutlich ſichtbar wurden. Ich ſchaute die Blockmauern entlang nach dieſem Lichtſtreifen hinüber, konnte aber Nichts von meinen Freunden erblicken. Ich wußte gewiß, daß ſie nicht unter dem Hauſe waren, und begann eine gefährliche Unbeſonnenheit von Seiten des kecken Albaniers zu beſorgen. Während ich mich be⸗ ſtrebte, einen Schlüſſel zu Guert's Bewegungen und Manöuvers zu gewinnen, indem ich mit den Augen jeden in meinen Bereich fallenden dunkeln Gegenſtand ſo zu ſagen verſchlang, fühlte ich eine leiſe Berührung am Ellenbogen und ſah einen Wilden in ſeinem halbnackten Kampfaufzug an meiner Seite. So viel ſah ich wohl, aber Geſichter konnte ich nicht unterſcheiden. Ich ſuchte nach mei⸗ nem Jagdmeſſer, als die Stimme von Trackleß meiner Hand Ein⸗ halt that. „Er Unrecht,“ ſagte der Onondago mit lebhaftem Nachdruck. „Kopf zu jung— Hand gut— Herz gut— Kopf ſehr ſchlecht. Zu viel Feuer— dunkel hier— viel beſſer.“ Dieſe charakteriſtiſche Kritik über des armen Guert's Benehmen erklärte auf einmal die ganze Geſchichte. Guert hatte eine Stellung eingenommen, in welcher zu bleiben der Onondago ſich geweigert hatte; mit andern Worten, er war bis an den Rand des Felſen gegangen, wo er dem Licht des Feuers ausgeſetzt und nothwendi⸗ ger Weiſe in Gefahr war, geſehen zu werden. Dennoch war noch keine Spur von ihm zu ſehen, und ich ſtand auf dem Punkt, an der Südſeite des Gebäudes hin nach dem Rand der Felſen mich zu begeben, als Trackleß wieder meinen Arm berührte und ſagte:„Da!“ Und wirklich war da unſre Geſellſchaft! Sie hatten den Rand des Felſen an einem vorſpringenden Punkt zu erreichen gewußt, ſo daß ſie ſich in einer trefflichen Stellung befanden, den Feind zu beſtreichen, der, wie man vorausſetzte, an dem Pfahlwerk hinauf⸗ klimmen wollte mit der Abſicht, daſſelbe plötzlich zu überſpringen, aber in gefährlicher Entfernung von den Gebäuden. Die Dunkelheit — 563 war ihnen behülflich geweſen, dieſen Punkt zu erreichen, welcher etwa hundert Schritte von der Stelle entfernt war, wo ich ſie zu finden erwartet hatte, und vortrefflich gelegen für den beabſichtigten Zweck. Das ganze Beginnen war ſo ſehr in Guert's Art und Charakter, daß ich nicht umhin konnte, ſeine Kühnheit zu bewun⸗ dern, während ich ſeine Unvorſichtigkeit tadelte. Es war jedoch keine Zeit, mich mit der Truppe zu vereinigen, oder ihren Anführer zu warnen, welchen Gefahren er ſich ausſetzte. Wir, die wir ſo weit hinter ihm ſtanden, konnten die ganze Gefahr recht ſehen und voll⸗ kommen würdigen, welche vermuthlich ſeinem Auge ſich entzog. Da ſtanden ſie alle, deutlich, obwohl dunkel gegen den lichten Hinter⸗ grund ſich abhebende kräftige Geſtalten, Jeder ſeine Büchſe anlegend und ſich ſchußfertig machend. Guert war der Nächſte am Rande des Felſen und beugte ſich förmlich darüber hinaus; dicht neben ihm war Dirck; unmittelbar hinter Dirck Jaap; Jumper hart ne⸗ ben Jaap, und vier von den Anſiedlern, kühne und abgehärtete Männer, hinter dem Oneida. Ich konnte vor peinlicher Spannung und Erwartung kaum athmen, als ich Guert und ſeine Begleiter ſo von der ebenen Erde hinaufſteigen und mit ihrer ganzen Geſtalt vor den lichten Hinter⸗ grund fommen ſah. Ich hätte ihnen zurufen und ſie warnen kön⸗ nen, welcher Gefahr ſie ſich ausſetzten; aber es würde Nichts ge⸗ fruchtet haben, und es war auch keine Zeit zu Vorſtellungen. Guert „mußte ſchon gefühlt haben, daß er eine gefährliche Stellung einge⸗ nommen hatte, und was er thun wollte, das that er ſehr raſch. Zehn Sekunden, nachdem ich die dunkeln Geſtalten geſehen, wurden alle ihre Büchſen abgefeuert, gleichſam mit Einem Knall. Einen Augenblick herrſchte dann Todesſtille auf allen Feldern und im Hofe; dann erfolgte eine Salve hinter den Baumſtumpen hervor in ge⸗ ringer Entfernung von unſrer Seite des Gebaudes, und die Wage⸗ häͤlſe auf den Felſen, oder ſo Viele von ihnen es vermochten, ſtürz⸗ ten auf das Thor zu. Zwei jedoch von den Anſiedlern und den 564 Oneida⸗Indianer ſah ich ſelbſt fallen. Der Letztere ſprang förmlich in die Luft hinauf und ſtürzte dann den Fels hinab. Aber Guert, Dirck, Jaap und die zwei andern Anſiedler waren entronnen. In dieſem Augenblick wurden meine Ohren erfüllt von gellendem Gebrülle, wie ich nicht für möglich gehalten hätte, daß es aus menſchlichen Keh⸗ len kommen könne, und alle Felder auf unſerer Seite des Hauſes ſchienen von Wilden zu wimmeln. Die Scene noch ſchauerlicher zu machen, war dieß gerade der Augenblick, wo das früher von Herman Mordaunt herbeigeſchaffte Waſſer auf die Flammen herab⸗ ſtürzte, und das Licht verſchwand, beinahe wie man eine Kerze auslöſcht. Ohne dieß von der Vorſehung ſo gefügte Zuſammen⸗ treffen der Umſtände blieb wohl kaum für Einen der Wagehälſe eine Möglichkeit zu entkommen. Auch ſo knallte eine Büchſe nach der andern unter den Baumſtumpen hervor, obwohl nicht mehr möglich war, genau zu zielen. Das Treffen war jetzt ein Handgemenge geworden. Die Wil⸗ den rannten ſpringend und wild heulend in der Finſterniß vor und harte Streiche wurden ausgetheilt und empfangen. Man hörte Guert's klare, männliche Stimme das Geſchrei übertönen, wie er voll Zuverſicht ſeine Genoſſen ermuthigte, ſich durch den Haufen ihrer Angreifer Bahn zu brechen. Wir Beide, Trackleß und ich, feuerten unſere Büchſen ab auf die Vorderſten der Huronen, und gewiß ſtreckte Jeder ſeinen Mann zu Boden; aber es war nicht leicht abzuſehen, was wir zunächſt thun könnten. In der Ferne ſtehen bleiben war unmöglich, und Susqueſus und ich fielen dem Feind in den Rücken. Dieſer unſer Angriff hatte das Anſehen eines Ausfalls und that eine entſchiedene Wirkung, indem er eine freie Bahn öffnete, mittelſt welcher Dirck und die zwei Anſiedler aus dem Gedränge ſich herauszogen und ſich mit uns vereinigten. Sobald dieß geſchehen, befanden wir uns wieder in großer Be⸗ drängniß und mußten uns, ſo gut wir konnten, ganz allmälig zu⸗ rückziehen. Das Ergebniß würde noch immer zweifelhaft geweſen 565 ſeyn, ſelbſt nachdem es uns gelungen war, die ſüdweſtliche Ecke des Gebäudes zu erreichen, hätte nicht Herman Mordaunt an der Spitze eines Halbdutzend ſeiner Anſiedler eine Bewegung vorwärts gemacht. Dieſe Verſtärkung rückte mit geladenen Büchſen zum Kampfe vor, und eine einzige Salve, abgefeuert, als ſich unſere Freunde in gleicher Linie mit uns befanden, machte unſere Angrei⸗ fer verſchwinden, ſo plötzlich als ſie erſchienen waren. Beim Nach⸗ denken über die Umſtände und Begebenheiten dieſer entſetzlichen Nacht im ſpätern Leben bin ich auf die Anſicht gekommen, daß die Streitkräfte der Huronen gegen hinten ſich aufzulöſen und zu zer⸗ ſtreuen begannen, ſelbſt noch ehe wir von Herman Mordaunt Bei⸗ ſtand erhielten, und daß die Vorderen ſchwächer wurden und ohne Unterſtützung blieben. Jedenfalls floh, wie ſo eben geſagt wurde, der Feind ſeinen Verſtecken zu, und wir zogen Alle mit einander durchs Thor hinein und ſchloßen und verriegelten es ſo raſch als möglich. Ich vermag kaum die Veränderung zu ſchildern, welche in dem Ausſehen der Dinge in jener ereignißvollen Nacht eingetreten war. Das Feuer war erloſchen ſelbſt bis auf die Kohlen, und tiefes Dunkel war auf das flimmernde, wallende rothe Licht der Flammen gefolgt. Das gellende Geſchrei und Gebrüll, das Kreiſchen und Jauchzen,— denn unſere Leute hatten häufig, dem Feinde zum Trotz, ſeinen Kriegsruf laut jauchzend erwiedert,— war vorbei: eine Grabesſtille herrſchte über dem ganzen Platze. Die Verwundeten ſchienen ſich zu ſchämen, auch nur zu ſtöhnen; und unſere Ver⸗ letzten, deren es Vier waren, begaben ſich finſter und ſchweigend in das Haus, um ſich ärztlich behandeln zu laſſen. Kein Feind war mehr unter den Schanzpfählen zu beſorgen, denn die Gräue des Morgens wurde ſo eben über dem Walde ſichtbar im Oſten, und Indianer greifen ſelten beim Licht des Tages an. Mit Einem Wort, dieſe Nacht wenigſtens war vorüber, und noch hatte uns die Vorſehung beſchützt. 566 Herman Mordaunt war jetzt darauf bedacht, ſeine Lage ge⸗ nauer auszumitteln, den Umfang ſeines eigenen Verluſtes, und ſo weit als möglich des Verluſtes, den wir dem Feinde beigebracht. Man rief nach Guert, um bei dieſer Unterſuchung behülflich zu ſeyn, aber kein Guert war zu finden! Auch Jaap fehlte. Mu⸗ ſterung ward gehalten, und da zeigte ſich, daß Guert Ten Eyck, Jaap Satanstoe, Gilbert Davis und Moſes Mudge Alle vermißt wurden! Auch Jumper erſchien nicht; aber ich erklärte ſein und der beiden genannten Anſtedler Ausbleiben, indem ich ſie Alle mit eigenen Augen hatte fallen ſehen. Der Tag brach uns langſam an, während wir über dieſe Entdeckungen bekümmert und unruhig waren; aber er brachte uns keinen Troſt. Wir wagten bald die Thore wieder zu öffnen, da wir wußten, daß kein Indianer bei Tage ſehr nahe bei dem Gebäude verweilen würde; und nachdem wir all die gefährlichen Verſtecke durchſucht, gingen wir zuverſicht⸗ lich vor den Hof hinaus, um die Leichname unſerer Freunde zu ſuchen. Kein Indianer war zu ſehen, ausgenommen Jumper. Der Oneida lag am Fuß der Felſen, todt und ſkalpirt: ebenſo Davis und Mudge oben auf demſelben. Sonſt war jede Spur von Men⸗ ſchen verſchwunden. Dirck war überzeugt, daß ſechs bis ſieben Hu⸗ ronen in Folge der Salve von dem Felſen gefallen ſeyen; aber ihre Leichname waren weggeſchleppt worden. Von Guert und Jaap, mochten ſie todt oder am Leben ſeyn, war keine Spur zu finden. ———— Neunundzwanzigſtes Kapitel. Sie ſchaut mit leerem Blick in manch Geſicht, Auf manch Erzeigen, ohne daß ſie's ſchätzt; Warum man bei ihr wache, fragt ſie nicht, Nicht kümmert ſie's, wer an ihr Bett ſich ſetzt. — Zwar ſprachlos nicht, doch auch kein Seufzer ſpricht Aus, was ſie denkt; umſonſt ſchweigt oder ſchwätzt Man zum Verſuch bei ihr; kund immer gab Ihr Athmen nur, daß ſie verließ das Grab. Byron. Es war ein höchſt peinlicher Augenblick für mich, als Herman Mordaunt, eine Stunde nachdem dieſe Thatſachen ſich herausgeſtellt hatten, kam, um mich zu Anneke und Mary Wallace zu rufen. Ein Schimmer von Freude, Ein Strahl vom Sonnenſchein des Herzens flog über Anneke'ns ſüßes Antlitz, als ſie mich unverletzt ins Zimmer treten ſah; aber raſch verſchwand er in dem lebhaften Mitgefühl, das ſie mit den Schmerzen ihrer Freundin empfand. Was Mary Wallace betraf, ſo hätte der Tod ſelbſt ſie kaum farb⸗ loſer machen, ihren Zügen kaum ein finſtreres Gepräge geiſtigen Lei⸗ dens aufdrücken können. Anneke war es, die zuerſt ſprach. „Gott ſey geprieſen dafür, daß dieſe fürchterliche Nacht vorüber iſt, und Ihr und mein Vater mir gerettet ſeyd!“ ſagte das köſtliche Mädchen mit Inbrunſt, meine Hand, welche eine Hand von ihr ergriffen hatte, mit beiden drückend.„Dafür wenigſtens haben wir Grund dankbar zu ſeyn; wollte Gott, ich dürfte hinzuſetzen, für die Rettung von uns Allen!“ 568 „Sagt mir auf einmal das Schlimmſte, Mr. Littlepage,“ be⸗ gann Mary Wallace;„ich kann Alles eher ertragen als die Un⸗ gewißheit. Mr. Mordaunt ſagt, Ihr kennet die Umſtände beſſer als irgend Einer, und Ihr müßt ſie mir erzählen. Sprecht alſo, und wenn mir auch das Herz darüber brechen ſollte, es zu hören!— iſt er getödtet?“ „Ich hoffe zur Barmherzigkeit des Himmels, nein! In Wahr⸗ heit, ich glaube nicht; obwohl ich fürchte, er wird wohl ein Ge⸗ fangener ſeyn.“ „Dank Euch für das, lieber, lieber Mr. Littlepage! Oh, Dank Euch für das, von Grund meines Herzens. Aber können ſie ihn nicht martern? Martern nicht dieſe Huronen ihre Gefangene? Ver⸗ hehlt mir Nichts, Corny! Ihr könnt Euch nicht vorſtellen, wie viel Selbſtbeherrſchung ich habe, und wie gut ich mich benehmen und faſſen kann! Oh, verhehlt mir Nichts!“ Das arme Mädchen! In dem Augenblick, wo ſie ſich ihrer Seelenſtaͤrke und ihrer Kraft, Alles ertragen zu können, rühmte, zitterte ſie am ganzen Leib, vom Kopf bis zum Fuß; ihr Antlitz hatte die Farbe des Todes und das Lächeln, mit welchem ſie ſprach, war entſetzlich hohläugig. Die zurückgedrängte Leidenſchaft, welche ſo lang mit ihrer Klugheit gekämpft hatte, ließ ſich jetzt nicht mehr unterdrücken; daß ſie Guert wirklich liebte, und daß ihre Liebe ſtär⸗ ker ſeyn würde als ihre ängſtliche Beſonnenheit, daran hatte ich ſeit einigen Monaten nicht mehr gezweifelt; aber da ich früher nie Gelegenheit gehabt, die Stärke eines ſo lang und ſo ſchmerzlich unterdrückten Gefühles zu beobachten, muß ich geſtehen, daß dieſer Anblick eines ſo tiefen, heftigen Leidens bei einem ſo zarten, ſo trefflichen und ſo lieblichen Weſen mich beinahe überwältigte und übermannte. Ich ergriff Mary Wallace bei der Hand und führte ſie zu einem Seſſel, kaum wiſſend was ich ſagen ſollte, um ſie zu beruhigen, zu tröſten. Dieſe ganze Zeit über verwandte ſie ihr Auge nicht von dem meinigen, wie wenn ſie hoffte, nur mittelſt des 569 Geſichtsſinnes die Wahrheit erfahren zu können. Wie angſtvoll, eiferſüchtig, mißtrauiſch und doch ſo flebend war dieſer Blick! „Wird er gemartert werden?“ flüſterte ſie mehr in dumpfhei⸗ ſerem Tone, als daß ſie laut fragte. „Ich hoffe, zu Gottes Barmherzigkeit, nicht. Sie haben auch meinen Sklaven Jaap gefangen; und es iſt weit wahrſcheinlicher, daß in einem ſolchen Fall er das Opfer werden würde, als Mr. Ten Eyck.“ „Warum nennt Ihr ihn Mr. Ten Eyck? Ihr habt ihn neuer⸗ lich immer Guert genannt— Ihr ſeyd ſein Freund— Ihr denkt gut von ihm— Ihr könnt nicht weniger ſein Freund ſeyn jetzt, wo er elend iſt, als da er glücklich, und in ſeiner Kraft und männlicher Schönheit die ſtolze Luſt aller menſchlichen Augen war!“ „Theure Miß Wallace, faßt Euch, ich bitte Euch— Niemand kann treuer an Guert halten als ich.“ „Ja, das habe ich immer gedacht— immer gefühlt. Guert kann nicht gemein, nicht niedrig in ſeinen Geſinnungen ſeyn, ſo lange ein gebildeter Gentleman, wie Corny Littlepage, ſein Freund iſt. Ich habe an meine Tante geſchrieben, und wir müſſen nicht zu haſtig ſeyn in unſern Urtheilen. Der wilde Geiſt und die Thorhei⸗ ten der Jugend werden bald vorüber ſeyn, und dann werden wir an Guert Ten Eyck einen glänzenden Charakter finden. Iſt es nicht wahr, Anneke?“ Anneke kniete neben ihrer Freundin, ſchloß ſie in ihre Arme, zog das bebende Haupt an ihren mitfühlenden Buſen, und hielt ſie ſo einen Augenblick in der ergreifendſten Haltung der ſchützenden, tröſtenden Liebe. Nach einer kleinen Pauſe brach Mary Wallace in Thränen aus, und ich habe immer geglaubt, daß dieſe Erleichterung, unter Gottes gnädiger Fügung, ihren Verſtand gerettet habe. Nach wenigen Minuten wurde die Leidende ruhiger, wo ſie denn, wie ihre Gewohnheit war, ſich in ſich ſelbſt zurückzog, und Anneke'n und mir die weitere Erörterung des Cegenſtandes überließ. 570 Nachdem wir alle Wahrſcheinlichkeiten und denkbaren Fälle in unſerm Gemüthe hin und her erwogen, verſprach ich meinen Geſell⸗ ſchafterinnen, ohne einen Augenblick Zeit zu verlieren, alle Mittel zu ergreifen, um jeden nur möglichen Aufſchluß über Guert's Schickſal einzuziehen und alles Mögliche zu thun, um ihn zu retten. „Ihr werdet mich nicht täuſchen, Corny,“ flüſterte Mary Wal⸗ lace, beim Abſchiednehmen mir die Hand mit ihren beiden Händen drückend.„Ich weiß, ich kann mich auf Euch verlaſſen, denn er rühmt ſich, Euer Freund zu ſeyn!“ Anneke'ns ſchmerzliches Lächeln verſtärkte noch dieſe Bitte, und ich riß mich los, ungern eine ſo Leidende verlaſſend, aber außer Stand, zu bleiben. Ich ſah Herman Mordaunt im Hofe mit Sus⸗ queſus ſich beſprechen, und eilte ſogleich zu ihm, entſchloſſen keine Zeit zu verlieren.. „Ich ſprach ſo eben mit dem Trackleß über denſelben Gegen⸗ ſtand,“ erwiederte mir Herman Mordaunt, ſobald ich ihm mein Vorhaben erklärt hatte,„und erwarte jetzt ſeine Antwort. Haltet Ihr es denn für ſicher, einen Boten an die Huronen hinauszuſen⸗ den, um uns nach unſern Freunden zu erkundigen und mit ihnen zu unterhandeln?“ „Nicht ſchicken?— warum nicht?“ verſetzte der Indianer. „Rother Mann froh, einen Boten zu ſehen. Gehen, wann er will; zurückkommen wann er will. Wie machen einen Handel, wenn Boten ſkalpiren?“ 5 Ich hatte gehört, daß ſelbſt die wildeſten Stämme einen Abge⸗ ſandten reſpektirten; und in der That lag in der Nothwendigkeit hievon ſelbſt ſchon eine Art Bürgſchaft, daß dieß ſo ſeyn müſſe. Allerdings mochte der Träger einer Flagge in größerer Gefahr ſeyn bei einer ſolchen Sendung, als er im Lager von civiliſirten Krie⸗ gern geweſen wäre; aber dieſe Canada⸗Indianer hatten lange bei den Franzoſen als Krieger gedient, und ihre Häuptlinge mußten 571 ohne alle Frage einige Begriffe von der Art der Kriegführung bei den Bleichgeſichtern ſich angeeignet haben. Ohne viel Bedenken da⸗ her und voll beſorgter Theilnahme für meinen Freund und meinen Sklaven,— denn auch Jaap's Schickſal lag mir ſehr am Herzen— erbot ich mich freiwillig, ſelbſt mit der Friedensflagge zu den Huro⸗ nen zu gehen. Herman Mordaunt ſchüttelte den Kopf und ſchien ſich zur Einwilligung nicht entſchließen zu können. „Anneke würde es mir ſchwerlich verzeihen, wenn ich darein willigte,“ erwiederte er.„Ihr müßt jetzt bedenken, Corny, daß ein ſehr zärtliches und empfindliches Herz an Euer Schickſal geknüpft iſt, und nicht mehr handeln wie ein unbeſonnener lediger Mann. Es wäre weit beſſer, dieſen Onondago zu ſchicken, wenn er ſich dazu bereit zeigt. Er verſteht die rothen Männer und wird im Stande ſeyn, die Aſpekten mit mehr Zuverläßigkeit zu deuten, als Einer von uns. Was ſagt Ihr, Susqueſus; wollt Ihr als Abge⸗ ſandter zu den Huronen gehen?“ „Gewiß!— warum nicht gehen, wenn er will? Gut, Abge⸗ ſandter zu ſeyn manchmal. Wo Wampum?— Was ihm ſagen?“ So ermuthigt beriethen wir uns zuſammen, und bald war Susqueſus bereit abzugehen. Der Indianer legte alle ſeine Waffen ab, wuſch ſich die Kriegsbemalung vom Geſicht, legte ein Caliko⸗ hemd um ſeine Schultern und nahm ganz die Friedenstracht an. Wir gaben ihm eine kleine weiße Fahne zu tragen, überzeugt, daß die Häuptlinge der Huronen ihre Bedeutung verſtehen müßten, und weil wir für beſſer hielten, daß bei Ueberbringung einer Botſchaft von Bleichgeſichtern, der Ueberbringer ſelbſt ein bei den Bleichgeſich⸗ tern übliches Symbol ſeiner Sendung habe. Susqueſus fand auch einen Wampum vor;— und auf dieſen ſetzte er vermuthlich ſo viel Vertrauen als auf ſonſt Etwas. Dann machte er ſich auf den Weg, mit dem Auftrag den Huronen ein reichliches Löſegeld anzubieten für die lebenden, unverletzten Perſonen Guert Ten Eyck’s und Jaap Satanstoe's. 572 Wir hegten keinen Zweifel, daß der Feind in der Schlucht zu finden ſeyn werde, denn dieß war in jeder Hinſicht der für die Be⸗ lagerungsoperationen günſtigſte Punkt, da er in der Nähe des Hau⸗ ſes und vollkommen gedeckt war, Waſſer, Holz und andre Bequem⸗ lichkeiten enthielt. Von dieſem Punkt aus konnte das Neſt beobach⸗ tet und jede günſtige Gelegenheit benützt werden. Dahin alſo wieſen wir Susqueſus an ſich zu begeben, obwohl wir nicht für räthlich erachteten, einen ſo ſchlauen Mann durch zu viele Inſtruktionen zu binden. Einige von uns begleiteten den Onondago an das Thor, und ſahen ihm nach, wie er durch die Felder dem Walde zu eilte in ſeinem gewöhnlichen hüpfenden Trabe. Ein Vogel konnte kaum in geraderer Richtung auf ſein Ziel zufliegen als er. Die halbe Stunde, welche auf das Verſchwinden des Susque⸗ ſus in der Mündung der Schlucht folgte, war eine Zeit der ängſt⸗ lichſten, peinlichſten Spannung. Wir blieben Alle vor dem Thore ſtehen, das Ergebniß abzuwarten, Dirck, Mr. Worden, Jaſon und ein Halbdutzend Anſiedler miteingeſchloſſen. Endlich erſchien der Onondago wieder; und zu unſrer unbeſchreiblichen Freude folgte ihm eine Gruppe, in welcher ſich die beiden Gefangenen befanden. Dieſe waren gebunden, konnten aber gehen. Dieſe Gruppe mochte aus etwa zwölf Feinden beſtehen, Alle bewaffnet. Sie bewegten ſich langſam aus der Schlucht hervor und ſtiegen auf die Felder herauf, welche in gleicher Linie mit dem Hauſe lagen, und etwa vierhun⸗ dert Schritte von uns entfernt machten ſie Halt. Als wir dieſe Bewegung ſahen, laſen wir genau dieſelbe Zahl von Männern aus und gingen den Indianern entgegen, machten aber in einer Entfer⸗ nung von etwa zweihundert Schritten von ihnen Halt. Hier er⸗ warteten wir unſern Abgeſandten, welcher weiter ſchritt, nachdem die Huronen ſtehen geblieben. So weit ſah Alles günſtig aus. „Bringt Ihr uns gute Neuigkeiten?“ fragte Herman Mordaunt lebhaft.„Sind unſre Freunde unverletzt?“ „Haben Skalp— nicht verletzt— gefangen genommen— auf 573— ſie losgeſprungen zehn, zwei, ſechs, ſie gepackt dann. Thut auf Augen; ſeht ſie.“ „Und die Huronen? Scheinen ſie geneigt, das Löſegeld anzu⸗ nehmen? Rum, Büchſen, Decken, Pulver; Ihr habt Alles ange⸗ boten, hoffe ich, Susqueſus?“ „Gewiß. Nicht vergeſſen; das ſchlecht. Alles das geſagt; noch mehr dazu.“ „Und ſie ſind gekommen, mit uns zu unterhandeln? Was ha⸗ ben wir jetzt zu thun, Susqueſus?“ „Setzt nieder Büchſen— geht hin und ſprecht. Ihr gehen, — Prieſter gehen— junger Häuptling gehen— das Drei. Dann drei Krieger Büchſen niederlegen, auch kommen, zu ſprechen. Ge⸗ fangene warten. Alles gut.“ Dieß war hinreichend verſtändlich, und da wir dachten, jede Zögerung und Bedenklichkeit könnte die Lage Guert's hoffnungslos machen, ſchickten wir uns an, ſo zu thun. Ich bemerkte wohl, daß der Hochwürdige Mr. Worden keinen ſonderlichen Geſchmack an dem Handel hatte, aber ſich ſchämte zurückzubleiben, da er Herman Mor⸗ daunt ganz getroſt zu der Beſprechung vortreten ſah. Uns Dreien kamen ebenſo viele Huronen entgegen, worunter Jaap's Freund, Muß, welcher ſichtlich die vornehmſte Perſon unter ihnen war. Guert und Jaap wurden gebunden gehalten, etwa hundert Schritte weiter zurück, doch nahe genug, daß man mit erhobner Stimme zu ihnen ſprechen konnte. Guert war im Hemd und Beinkleidern, den Kopf unbedeckt, ſein ſchönes lockiges Haar im Winde fſaatternd, und ich glaubte einige Blutſpuren an ſeinem Weißzeug zu bemer⸗ ken. Dieß konnte ſein eignes ſeyn, oder auch von einem Feinde herrühren. Ich rief ihm daher zu und fragte ihn, wie es ihm gehe und ob er verletzt ſey.. „Nichts der Rede Werthes, Corny, ich danke Euch,“ war die muntere Antwort;„dieſe rothen Gentlemen haben mich an einen Baum gebunden gehabt, und probirt, wie nahe ſie ihre Tomahawks — 3 574 ſchleudern könnten ohne mich doch zu treffen. Das iſt eine ihrer gewöhnlichen Beluſtigungen und ich habe bei der Kurzweil ein paar Schmarren abgekriegt. Ich hoffe, die Ladies ſind guten Muthes, und laſſen ſich die Geſchichte von der vorigen Nacht nicht bekümmern und niederſchlagen?“ „Ich habe koſtbare Nachrichten für Euch, Guert. Susqueſus, fragt dieſe Haäuptlinge, ob ich mich meinem Freunde nähern dürfe, um ihm ein Wort des Troſtes zu ſagen. Bei meiner Ehre, ich werde keinen Verſuch zu ſeiner Befreiung machen, bis ich wieder hieher zurückgekehrt bin.“ Ich ſprach mit großem, angelegentlichem Ernſt und der Onon⸗ dago dollmetſchte, was ich geſagt hatte, in der Sprache der Huronen. Ich hatte dieß etwas kühne Verlangen ausgeſprochen in Folge eines unwiderſtehlichen innern Dranges; und war ebenſo überraſcht als erfreut, mir meinen Wunſch gewährt zu ſehen. Dieſe Wilden trauten meinem Wort und verließen ſich auf meine Ehre mit einem mannhaften Zartgefühl, welches dem Benehmen cioiliſirter Könige Ehre gemacht haben würde, und bekümmerten ſich dem Anſchein nach gar nicht um mein Thun und Treiben, obgleich es in ihrem Rücken vorging. Es war zu ſpät, um die Sache rückgängig zu machen; ſo überließ ich es denn Herman Mordaunt, den Verſuch zum Abſchluß eines Uebereinkommens mit Muß und ſeinen beiden Begleitern zu machen, und ſchritt keck, ein argloſes Weſen anneh⸗ mend, auf die bewaffneten Männer zu, welche Guert und Jaap als Gefangene bewachten. Es ſchien mir, meine Annäherung ver⸗ urſachte wirklich eine leichte Bewegung unter dieſen Wilden; und es wurden Fragen und Antworten zwiſchen ihnen und ihrem An⸗ führer getauſcht. Der Letztere ſagte nur ein paar Worte, aber dieſe mit herriſchem, nachdrücklichem Tone und mit einer gebieteriſchen Geberde mit der Hand. So kurz dieſe Worte waren, erreichten ſie doch ihren Zweck, und ich ward während meiner kurzen Beſprechung mit meinem Freunde weder beläſtigt noch angeredet. 575. „Gott ſegne Euch, Corny, für dieß!“ rief Guert mit lebhaf⸗ tem Gefühl, als ich ihm mit Wärme die Hand ſchüttelte.„Es erfordert ein warmes Herz, und ein kühnes dazu, daß ein Mann in die Höhle des Löwen ſich wagt. Bleibt nur einen Augenblick, damit Euch nicht ein Unheil begegnet, ich bitte Euch. Dieſer Hände⸗ druck iſt für einen Mann in meinem Zuſtand ſo viel werth als ein ganzes Gut; aber denkt an Anneke. Ach, Corny, mein lieber Freund, ich würde ſelbſt jetzt noch glücklich ſeyn, wenn ich wüßte, daß Mary Wallace um mich Leid trüge.“ „Dann ſeid nur glücklich, Guert! Mein einziger Zweck, warum ich mich hieher wagte, war, Euch zu ſagen, daß Ihr in dieſer Hinſicht Alles hoffen dürft. Es wird keine Sprödigkeit, kein ſcheues Bedenken, kein Mißtrauen mehr ſich zeigen, wenn Ihr nur einmal uns wieder geſchenkt ſeyd.“ „Mr. Littlepage, Ihr würdet doch gewiß nicht ſpielen mit den Gefühlen eines elenden Gefangenen, der zwiſchen Marter und Tod ſchwebt, wie jetzt mein Schickſal iſt? Ich kann kaum meinen Sin⸗ nen trauen; und doch würdet Ihr gewiß meiner nicht ſpotten!“ „Glaubt Alles, was ich Euch ſage— ja, Alles, was Ihr wünſcht, Corny. Selten liebt ein Weib, ſo wie ſie liebt, und das kann ich Euch beſchwören. Ich gehe jetzt nur um Herman Mordaunt behülflich zu ſeyn, Euch die Freiheit zu verſchaffen, zu⸗ rückzukehren an den Ort, wo Ihr mit eignen Ohren hören ſollt, wie wahr das iſt, was ich Euch, ſelbſt ein Ohrenzeuge, mitgetheilt habe.“ Guert antwortete nicht, aber er war, wie ich wohl ſah, tief erſchüttert. Ich preßte ſeine Hand und wir trennten uns, in beſter Hofnuſ von meiner Seite wenigſtens, daß die Trennung nur kurz ſeyn werde. Ich habe Grund zu glauben, daß Guert Thränen ver⸗ goß; denn wie ich zurückſchaute, bemerkte ich, daß er ſein Angeſicht von den ihm zunächſt Stehenden weg wandte. Auf Jaap konnte ich nur Einen Blick werfen. Mein Burſche ſtand etwas rückwärts, . 576 wie es ſeiner Farbe geziemte; aber er beobachtete mein Geſicht mit der Wachſamkeit einer Katze. Ich hielt für's Beſte, nicht mit ihm zu ſprechen, obwohl ich ihm heimlich einen aufmunternden Blick zuwarf. „Dieſe Häuptlinge ſind nicht ſehr friedlich und freundlich ge⸗ ſtimmt, Corny,“ ſagte Herman Mordaunt, ſobald ich wieder bei ihm war.„Sie haben mir zu verſtehen gegeben, daß Jaap unter keiner Bedingung werde frei gegeben werden. Sie müßten ſeinen Skalp haben, wie mir Susqueſus ſagt, wegen einer harten Be⸗ handlung, die er ſelbſt ſich gegen einen dieſer Häuptlinge erlaubt habe. Um mich ihrer Ausdrücke zu bedienen, ſie wollten ihn haben als Pflaſter auf ihres Kriegers Rücken. Sein Schickſal, ſcheint es, iſt beſiegelt, und er iſt nur dorthin vorgeführt worden, um Hoff⸗ nungen in ihm zu erregen, welche getäuſcht werden ſollen. Die Elenden tragen kein Bedenken dieß geradezu in ihrer kurzen, bündi⸗ gen Weiſe zu geſtehen. Was Guert betrifft, ſo ſagen ſie, er habe zwei ihrer Krieger erſchlagen, und deren Weiber würden ihre Gatten ver⸗ miſſen und ſich nicht leicht beruhigen, wenn ſie nicht auch ſeinen Skalp ſähen. Sie erbieten ſich jedoch ihn frei zu geben unter zwei⸗ erlei Bedingungen. Sie wollen Guert frei geben gegen zwei Häupt⸗ linge, wie ſte ſich ausdrücken, oder gegen vier gemeine Männer. Wenn uns dieſe Bedingung nicht gefällt, ſo wollen ſie ihn auswechſeln unter der Bedingung, daß wir zwei gemeine Männer für ihn geben und ihnen das Neſt überlaſſen, indem wir mit allen meinen Leuten ausziehen, ehe die Sonne über unſern Häuptern ſteht.“ „Bedingungen, Sir, die Ihr, fürchte ich, unter keinen Um⸗ ſtänden annehmen könnt?“ „Gewiß nicht; die Auslieferung von zwei Männern kann gar nicht in Frage kommen— könnte es nicht, wenn es auch die Ret⸗ tung meines eigenen Lebens gälte. Was das Neſt betrifft und was darin iſt, ſo würde ich herzlich gern Alles preisgeben, einige Papiere ausgenommen, wenn ich nur im Mindeſten das Vertrauen hätte, daß die Häuptlinge im Stande wären, ihre Leute im Zaum zu halten; aber das fürchterliche Gemetzel von William⸗Henry iſt mir noch in zu friſcher Erinnerung, als daß ich ein ſolches Vertrauen haben könnte. Meine Antwort habe ich ihnen ſchon gegeben und wir ſtehen im Begriff uns zu trennen. Vielleicht, wenn ſie uns entſchloſſen ſehen, ſtimmen ſie ihre Forderungen etwas herab.“ Muß, der ſich bei dieſer Beſprechung mit großer Würde benommen hatte, ſchwenkte ernſt die Hand zum Abſchied, und die drei Huronen begaben ſich mit einander weg. „Am beſten, gehen!“ ſagte Susqueſus bedeutungsvoll.„Viel⸗ leicht Büchſen brauchen, den Huronen Ernſt ſeyn.“ Auf dieſen Wink kehrten wir zu unſern Freunden zurück und nahmen unſre Waffen wieder auf. Was nun folgte, erfuhr ich theils durch die Erzählung von Andern, theils bin ich ſelbſt Augen⸗ zeuge davon geweſen. Es ſcheint daß Jaap vom erſten Augenblick an das Verzweifelte ſeiner Lage begriff. Die Erinnerung an die Mißhandlung, die er Muß zugefügt, deſſen ſpecieller Gefangener er war, vermehrte höchſt wahrſcheinlich noch ſeine Beſorgniſſe, und ſeine Gedanken waren beſtändig darauf gerichtet, ſich die Freiheit durch Mittel zu verſchaffen, welche ganz unabhängig waren von aller Unterhandlung. Von dem Augenblick an, wo er aus der Schlucht herausgeführt wurde, hatte er alle Augen offen und lau⸗ erte auf jede, wenn auch noch ſo kleine günſtige Gelegenheit, ſein Vorhaben auszuführen. Es traf ſich, daß Einer der Wilden ſich ſo vor den Neger, der ganz nahe hinter ihm ſtand, hinſtellte, daß Jaap im Stande war, dem Huronen das Meſſer unbemerkt aus der Scheide zu ziehen. Er that dieß, während ich mich bei der Truppe befand, und alle Augen auf mich geheftet waren. Guert und er ſelbſt waren gefeſſelt, indem ihnen die Arme über dem Ellbogen auf den Rücken gebunden waren; und als Guert ſich auf die Seite wandte, um Thränen zu vergießen, wie ich ſchon erzählt, gelang es Jaap, deſſen Bande zu zerſchneiden. Dieß konnte nur geſchehen, Satanstoe. 37 578 während die Wilden meine ſich entfernende Geſtalt mit den Augen verfolgten. Zugleich gab Jaap das Meſſer Guert, weicher ihm denſelben Dienſt leiſtete. Da die Indianer nicht aufmerkſam wur⸗ den, blieben die beiden Gefangenen noch einen Augenblick ſtehen, indem ſie die Arme ſo hielten, als wenn ſie noch gebunden wären, um ſich umzuſehen. Der Indianer zunächſt bei Guert hatte zwei Büchſen, ſeine eigne und die von Muß, nachläſſig an ſeine Schul⸗ ter gelehnt, die Kolben auf der Erde. Auf dieſe Waffen deutete Guert; und als die drei Häuptlinge auf dem Punkte waren, wieder zu ihren Freunden zu treten, welche aufmerkſam allen ihren Bewe⸗ gungen folgten, um das Ergebniß zu erfahren, packte Guert dieſen Wilden am Arm, drehte ihm den elben herum, bis der Indianer vor Schmerz ſchrie, und ergriff dann die eine Büchſe, während Jaap ſich der andern bemächtigte. Beide feuerten und Jeder ſtreckte ſeinen Mann nieder; dann machten ſie mit den Kolben ihrer Ge⸗ wehre einen Anfall auf die Uebrigen. Dieſer kühne Angriff, ſo verzweifelt er erſcheinen mußte, war doch das Klügfe, was ſie thun konnten; denn unmittelbare Flucht würde ihren Feinden Gelegenheit gegeben haben, ihnen die geflügelten Verfolger aus ihren Büchſen nachzuſchi fen. Die erſte Kunde, die uns von einem Beginnen ſolcher Art wurde, beſtand in dem Knall der Büchſen. Dann ſah ich nicht nur, ſondern hörte auch den fürchterlichen Schlag, welchen Jaap auf Muß's Kopf führte, einen Schlag, welcher das Opfer und das Werkzeug ſeines Todes zugleich zerſchmetterte. Obgleich der Ko ben der Büchſe zerbrechen war, blieb doch noch der ſchwere Lauf, und der Neger ſchwang ihn mit einer Macht, die Alles vor ihm nieder⸗ 3 ſchlug. Es iſt kaum nöthig zu ſagen, daß Guert bei einem ſol⸗ chen Kampfe nicht müßig blieb. Er kämpfte für Mary Wallace ebenſo wie um ſein eignes Leben, und er ſtreckte zwei weitere Indi⸗ aner in einem Nu, ſo zu ſagen, nieder. Hier leiſtete Dirck unſern Freunden einen guten Dienſt. Er hatte ſeine Büchſe in der Hand, —-— ———— 579 und kaltblütig anlegend ſchoß er einen gewaltigen Wilden nieder, der auf dem Punkt ſtand, Guert von hinten zu packen. Dieß war der Anfang eines allgemeinen Kampfes, indem jetzt Salven von beiden Seiten erfolgten; von uns und von dem Feind, der im Ver⸗ ſteck des Waldes lag. Eingeſchüchtert durch die Wuth des perſönli⸗ chen Angriffs, der ſie bedrobte, ſprangen die übrigen Indianer in der Nähe Guert's und des Negers mit gellendem Geſchrei davon, zu ihren Genoſſen, und ließen ihre bisherigen Gefangenen befreit zurück, aber dem Feuer mehr ausgeſetzt, als da ſie noch von Feinden um⸗ ringt geweſen waren. Alles ging mit furchtbarer Schnelligkeit vor ſich. Guert ergriff die Büchſe eines gefallnen Indianers und Jaap bemächtigte ſich ebenfalls einer, worauf ſie ſich auf uns zurück zogen, wie zwei ver⸗ folgte Löwen, auf jedem Schritte von Büchſenkugeln umſauſt. Na⸗ türlich feuerten wir auch und rückten ihnen entgegen vor; ein un⸗ kluger Schritt, da die Hauptmaſſe der Huronen ſich in gutem Ver⸗ ſteck befand, was den Kampf ungleich machte. Aber man konnte dem ſympathetiſchen Drang eines ſolchen Augenblickes nicht wider⸗ ſtehen, noch dem Triumphgefühl über die vor unſern Augen ver⸗ richteten Thaten Guert's und Jaap's, das wir Alle empfanden. Wie wir uns einander näberten, jauchzte der Erſtere und ſchrie: „Hurrah, Corny, mein edler Camerad! laßt uns den Wald angreifen— es ſoll in fünf Minuten zeine Rothhaut mehr darin ſeyn. Vorwärts, meine Freunde! Alle vorwärts!. Gewiß war es ein aufregender Augenblick! Wir Alle jauchzten ebenfalls, und ſchrieen Alle zuſammen: Vorwärts! Selbſt Mr. Wor⸗ den ſtimmte in das Jauchzen mit ein und drängte vorwaͤrts. Auch Jaſon kämpfte muthig; und wir gingen auf den Wald los wie eben ſo viele Bullenbeißer. Ich bilde mir ein, der Pädagog dachte, das freie Eigenthum ſeiner Mühlen hänge von dem Ausgang des Kampfes ab Vorwärts drangen wir, in offner Reihe, unſer Feuer ſparend bis zum letzten Augenblik, wahrend einzelne Schüſſe * 580 auf uns fielen, die uns keinen Schaden thaten, bis wir das Dickicht erreichten. Die Huronen waren entmuthigt und ſie flohen. Obgleich ein paniſcher Schrecken nicht häufig vorkommt bei dieſen wilden Krie⸗ gern, ſammeln ſie ſich doch ſelten auf dem Schlachtfeld wieder. Wenn ſie einmal mit Gewalt zum Weichen gebracht ſind, ſo zer⸗ ſtreut eine ſcharfe Verfolgung ſie gewöhnlich auf längere Zeit; und das war auch jetzt der Fall. Bis ich recht in die Schlucht hinein⸗ kam, ſah und hörte ich Nichts mehr von einem Feind. Meine Freunde waren rechts und links um mich, jauchzend und vorwärts drängend; aber kein Feind war ſichtbar. Guert und Jaap waren voran, denn wir konnten ſie nicht einholen; und ſie hatten gefeuert, denn ſie hatten die letzten Feinde fliehen geſehen. Nur noch Ein Schuß von den Huronen ſiel in die Schlucht. Er ward abgefeuert von Einem der zurückweichenden Bande, welcher hinter den Uebrigen mußte zurückgeblieben ſeyn. Der Knall tönte weit die Schlucht herauf, und es war wie ein End⸗ und Abſchiedsſchuß. Aber ſo entfernt er war— doch war es der unheilvollſte Schuß für uns, der bei dieſem ganzen Gefecht abgefeuert wurde. Ich wurde Guert's durch die Bäume hindurch anſichtig, und ſah ihn fallen. In einem Augenblick war ich an ſeiner Seite. Welch ein Wechſel und Uebergang iſt es doch vom Triumph des Sieges zu dem plötzlichen Herannahen des Todes! Ich erkannte an dem Ausdruck von Guert's Geſicht, wie ich ihn in meinen Ar⸗ men aufhob, daß die Wunde tödtlich war. In der That war die Kugel gerade durch den Leib gegangen, hatte keinen Knochen ge⸗ troffen, aber die edelſten Theile verletzt. Man kann ſich nicht täu⸗ ſchen in dem Ausdruck des Geſichts bei einer tödtlichen Wunde⸗ wenn dieſe eine augenblickliche, nicht eine entfernte Wirkung hat. Die Natur ſcheint das Opfer an ſein Ende zu mahnen. So war es bei Guert. „Dieſer Schuß hat mir den Garaus gemacht, Corny,“ ſagte — 581 er,„und es ſcheint der allerletzte zu ſeyn, den ſie abzufeuern geden⸗ ken. Ich hoffe jetzt beinahe, was Ihr mir von Mary Wallace ge⸗ ſagt habt, kann nicht wahr ſeyn!“ Es war weder die Zeit noch der Ort von ſo etwas zu reden, und ich antwortete Nichts. Von dem Augenblick an, wo man er⸗ fuhr, daß Guert gefallen, hörte die Verfolgung auf, und unſre ganze Geſellſchaft ſammelte ſich um den Verwundeten. Der India⸗ ner allein ſchien noch nicht vergeſſen zu haben, wie wichtig es für uns ſey, zu wiſſen was der Feind beginne, denn ſeine Philoſophie ließ ſich nicht lange aus der Faſſung bringen durch das plötzliche Auftreten des Todes in unſrer Mitte. Dennoch liebte er Guert, ſo wie Jeder, der über die Schwächen ſeines mehr äußerlichen Charak⸗ ters weg ſah und die edeln Grundzüge ſeiner durchaus männlichen Natur erkannte. Susqueſus ſah einen Augenblick den Leidenden ernſt und nicht ohne Theilnahme an; dann wandte er ſich zu Her⸗ man Mordaunt und ſagte: „Das ſchlimm— aber Skalp gerettet, das doch gut. Ihn tragen in das Haus. Susqueſus folgen der Fährte und ſehen was Indianer im Sinn haben.“ Da dieß der Klugheit gemäß war, trug man ihm auf, den Feind zu beobachten, während wir unſern Freund in das Neſt tru⸗ gen. Dirck verſtand ſich dazu, uns vorauszugehen und die traurige Nachricht zu verkündigen, während ich bei Guert blieb, welcher auf dem ganzen Weg meine Hand in der ſeinigen hielt. Wir bildeten einen höchſt trübſeligen Zug, für Sieger. Keiner von unſrer Schaar hatte bei dieſem letzten Gefecht eine ernſte Verletzung davongetragen, mit Ausnahme von Guert's Wunde; aber ich zweifle, ob. der Tod von zwei oder drei Andern mehr wirkliche Betrübniß und Kummer verurſacht hätte. Wir waren unſere Lage gewohnt geworden— es iſt zum Verwundern, wie bald das beim Soldaten der Fall iſt; der Tod wird Einem da vertrauter und der Hälfte ſeiner Schrecken ent⸗ kleidet; aber Unfälle können eintreten, und treten wirklich ein, welche 582 in einem Heere das Bewußtſeyn von ſeiner wahren Natur, und da er von der Vorſehung verhängt werde, wieder erwecken. Dieß war die Wirkung des Falles von Lord Howe auf die Truppen vor Ti⸗ conderoga geweſen, und dieß war jetzt die Wirkung des Falles von Guert Ten Eyck auf die kleine Schaar, welche hier verſammelt war, um die Beſitzungen und die Herde von Ravensneſt zu ver⸗ theidigen. Wir traten durch das Thor des Hauſes und fanden deſſen meiſte Inſaßen ſchon im Hofe, verſammelt wie eine Brüderſchaft in einer Kirche, welche das Hereintragen des Todten erwartet Herman Mor⸗ daunt hatte Befehl geſchickt, ſein eignes Zimmer für den Leidenden bereit zu halten, und dahin trugen wir Guert. Er ward auf das Bett gelegt; dann entfernten ſich ſchweigend die Meiſten. Ich be⸗ merkte, daß Guert ängſtlich und ſuchend die Augen herumlaufen ließ, und ich ſagte ihm mit leiſer Stimme, ich wolle ſelbſt die La⸗ dies holen. Ein Lächeln und ein Händedruck ſagte mir, wie richtig ich ſeine Gedanken errathen hatte. Ich war etwas überraſcht, als ich Mary Wallace blaß zwar, aber vergleichungsweiſe gefaßt und Herrin ihrer ſelbſt traf. Jener Inſtinkt der Schicklichkeit, welcher ein Element der Natur eines ge⸗ bildeten Weibes ausmacht, hatte ſie von der Nothwendigkeit der Selbſtbeherrſchung überzeugt, damit kein Ausbruch ihrer Gefühle den Leidenden erſchüttere. Anneke war ganz ſo, wie es ſich von ihr erwarten ließ, weich, trauernd und voll Mitgefühl für ihre Freundin.— Sobald ſie vom Zweck meines Kommens unterrichtet waren, legten die beiden Mädchen ihre Bereitwilligkeit an den Tag, zu Guert zu gehen. Da ſie den Weg wußten, begleitete ich ſie nicht, ſondern ſchlug abſichtlich eine andere Richtung ein, um nicht Zeuge der Zu⸗ ſammenkunft zu ſeyn Anneke hat mir jedoch ſeither erzählt, daß Mary's Selbſtbeherrſchung ſie nicht gänzlich verlaſſen habe, während Guert's dankbare Freude ſie vermuthlich inſoweit täuſchte, daß in 583 ihr eine kurz andauernde Hoffnung auflebte, die Wunde ſey nicht tödtlich. Ich für meine Perſon brachte eine Stunde damit zu, den Stand der Dinge im Hauſe und um das Haus zu unterſuchen, um mich zu überzeugen, daß keine Verſäumniß und Nachläßigkeit noch jetzt unſre Sicherbeit gefährde. Nach Verfluß dieſer Zeit kehrte ich zu Guert zurück und begegnete Herman Mordaunt nahe bei der Thüre ſeines Zimmers. „Die wenige Hoffnung, die wir hatten, iſt verſchwunden,“ ſagte der Letztere in kummervollem Tone.„Der arme Ten Cyck hat ohne Zweifel ſeine Todeswunde empfangen und nur noch wenige Stunden zu leben. Wären meine Leute in Sicherhett, ich wollte, daß lieber Alles in Ravensneſt Häuſer und Güter, zu Grunde ge⸗ gangen wären, als daß uns dieß getroffen hätte!“ Durch dieſe Erklärung vorbereitet, war ich nicht ſo ſehr über⸗ raſcht, als es ſonſt wohl der Fall geweſen wäre, über die große Veränderung, die mit meinem Freunde, ſeit ich ſein Zimmer ver⸗ laſſen, vor egangen war. Es war unverkennbar, daß er den Aus⸗ gang vorausſah. Dennech war er ruhig, ja, dem Anſchein nach vergnügt und glücklich. Auch war er nicht ſo ſchwach, daß er nicht hätte vernehmlich und ohne große Mühe ſprechen können. Wenn die Maſchine des Lebens ſtille ſteht in Folge des plötzlichen Zer⸗ reißens eines das Leben zuſammenhaltenden und bedingenden Ban⸗ des, iſt das Herannahen des Todes, obgleich raſcher als bei Krank⸗ heiten, doch ſelten ſo augenfällig. Die erſten Anzeichen eines tödt⸗ lichen Ausgangs werden hier mehr durch die Beſchaffenheit der ge⸗ waltſamen Verletzung an die Hand gegeben, als daß ſie in den ſichtbaren Wirkungzen hervortreten. Ich habe geſagt, Guert habe vergnügt und glücklich geſchienen, obwohl ſo nahe dem Tode. Anneke erzählte mir ſpäter, Mary Wal⸗ lace habe ihm ihre Liebe geſtanden, auf eine ernſte und dringende Anfrage und Bitte von ihm, und von dieſem Augenblick an habe er ſich ausgeſprochen wie Einer der ſeinem nahen Tode zufrieden entgegen fieht. Der arme Guert! Er dachte wenig an die ernſte Zukunft oder an die Kirche auf Erden, außer ſofern letztere ein Recht auf ſeine äußere Achtung und Huldigung beſaß, die er ihr auch bei jeder Gelegenheit ſpendete. Es ſchien, daß Mary Wallace, gewöhnlich ſo zurückhaltend und ſchweigſam unter ihren Freunden, gewohnt geweſen, mit Guert ganz ungezwungen zu ſprechen, und daß ſie es ſich während ihres Aufenthalts zu Albany zur ernſtlichen Aufgabe gemacht hatte, ſeinen Geiſt aufzuklärem, oder vielmehr ſeine Gefühle zu erwecken in Bezug auf dieſen hochwichtigen Gegenſtand, und daß Guert, empfänglich für den Genuß, aus einer ſolchen Quelle Belehrung zu empfangen, ihr immer mit Aufmerkſamkeit zuhörte. Als ich in das Zimmer trat, war eben eine dahin zielende Rede gefallen. „Ohne Euch, Mary, würde ich wenig beſſer ſeyn als ein Heide,“ ſagte Guert, die Hand ſeiner Geliebten in der ſeinigen hal⸗ tend, und kaum einen Augenblick ſeine Augen von ihrem Idol wegwendend.„Wenn Gott mir gnadig iſt, ſo iſt es um Euertwil⸗ len und durch Euch!“ .„Oh! nein— nein— nein, Guert, ſagt das, glaubt das nicht?“ rief Mary Wallace, erſchrocken über dieß Uebermaß von lei⸗ denſchaftlicher Anhänglichfeit, obwohl ihr ſelbſt geltend, in einem ſol⸗ chen Augenblick.„Uns Allen wird Gnade und Vergeltung zu Theil durch den Tod und die Mittlerſchaft ſeines geprieſenen Sohnes. Nichts ſonſt kann Euch, oder Eines von uns retten und ſelig ma⸗ chen, mein theurer, theurer Guert; und ich beſchwöre Euch, nichts Anderes zu glauben!“ 5 Guert ſah etwas erſtaunt aus, aber dennoch vergnügt. Der erſte Ausdruck ſeines Angeſichts war vermuthlich die Folge davon, daß er die Art dieſer geheimnißvollen Verſöhnung nicht recht be⸗ griff, welche den unerleuchteten Geiſt des Menſchen überſteigt, und in der That mehr gefühlt als verſtanden ſeyn will. Der vergnügte Ausdruck hatte ſeinen Grund in dem„theuern, theuern Guert,“ 585 und mehr noch in dem Bewußtſeyn, beinahe gegen ſein Hoffen die ganze Liebe des Weibes zu beſitzen, das er ſo lange geliebt hatte. Guert Ten Cyck war ein Mann von kühnem und rückſichts⸗ loſem Charakter in Allem was Gefahren, Luſtbarkeiten und jugend⸗ liche Abenteuer betraf; aber der ſanfteſte und beſcheidenſte Chriſt konnte kaum ein demüthigeres Bewußtſeyn von ſeinen Schwachhei⸗ ten und Sünden haben, als dieſer feurige und wilde junge Mann es hegte, in Betreff ſeiner Anſprüche auf die Achtung und Aner⸗ kennung eines ſolchen Weſens wie Mary Wallace. Ich habe mich oft gewundert, daß er ſich überhaupt nur erkühnte, ſie zu lieben, aber ich glaube, dieſe anſcheinende Eitelkeit muß erklärt werden aus der unwiderſtehlichen Macht einer Leidenſchaft, welche bekanntlich die ſtärkſte in der menſchlichen Natur iſt. Es war auch eine Art von moraliſcher Anomalie, daß zwei Perſonen von ſo entgegenge⸗ ſetztem Charakter— das Eine dem Ertrem der Rückſcchtsloſigkeit ſich nähernd, das Andere die vorſichtige Klugheit beinahe bis zur Prüderie treibend; er ſo heiter, daß er nur für Luſtbarkeiten zu leben ſchien, ſie ſo ſtill und verſchloſſen— dieſe lebhafte Neigung zu einander faſſen konnten; aber ſo war es. Ich habe jedoch be⸗ haupten hören, daß dieſe Verſchiedenheiten des Temperaments In⸗ tereſſe erwecken, und daß Solche, welche mit ſolchen Unähnlichkei⸗ ten angefangen, aber durch Verkehr, Anhänglichkeit und Gewöh⸗ nung ſich einander angeähnlicht haben, am Ende die glücklichſten Paare geben. Mary Wallace verlor alle ihre Zurückhaltung in dem Erguß von Zärtlichkeit und Mitgefühl, der jetzt Alles mit ſich fort riß. Dieſen ganzen Morgen wich ſie nicht von Guert, wie eine Mutter, die über ihrem kranken Kinde wacht. Wenn ſein Durſt Stillung verlangte, ſo reichte ihre Hand ihm den Becher; wenn ſein Kiſſen anders gelegt werden ſollte, ſo entdeckte ihre Sorgfalt, daß eine ſolche Veränderung nöthig ſey; wenn ſeine Stirne abgetrocknet werden mußte, ſo leiſtete ſie ihm dieſen Dienſt, und ließ Niemand 586 ſonſt zwiſchen ſich und den Gegenſtand ibrer zitllihen, bekümmer⸗ ten Sorge treten. Es gab Augenblicke, wo die Art, wie Mary Wallace ſich über Guert beugte, unendlich rührend war. Anneke und ich wußten, daß ſie in innerſter Seele darnach verlangte, ſeinen Gedanken eine bleibendere Richtung zu geben auf den großen, ihm ſo nahe bevor⸗ ſtehenden Wechſel. Dennoch überwog die Zärtlichkeit des Weibes ſo ſehr ſelbſt die ängſtliche Beſorgniß der Chriſtin, daß wir wohl bemerkten, ſie fürchtete einen nachtheiligen Einfluß auf ſeine Wunde. Endlich— und es war ein Glück, denn ihre Angſt wurde nachgerade zu peinlich, als daß ſie es noch lang hätte ertragen können,— ſprach Guert ſelbſt davon. Ob ſeine Seele aus eigener Regung auf dieſen Gegenſtand ſich richtete, oder ob er die Bekümmerniß ſeiner zärtlichen Wärterin wahrnahm und errieth, vermag ich nicht zu ſagen. „Ich kann nicht mehr lange bei Euch bleiben, Mary,“ ſagte er,„und es wäre mir lieb, wenn Mr. Worden, in Gemeinſchaft mit Euch, ſeine Gebete für mich dem Himmel darbringen wollte. Corny wird wohl den Dominie holen für einen alten Freund?“ Ich eilte aus dem Zimmer und blieb zehn Minuten aus. Nach Verfluß dieſer Zeiit war Mr. Worden in ſeinem Chorhemd bereit, und wir gingen in das Krankenzimmer. Allerdings hatte unſer alter Paſtor nicht die Art und Weiſe, den Einfluß der Religion zu bethätigen, wie man es gewöhnlich in den Colonien findet, be⸗ ſonders in dem nördlichen und öſtlichen Theile des Landes; aber doch hatte er zu Zeiten eine Herzlichkeit in ſeiner Art zu beten, die mich beinahe überzeugte, daß er ein guter Menſch war. Ich will jedoch geſtehen, daß Mr. Worden zu denjenigen Geiſtlichen gehörte, welche weit inniger und aufrichtiger für gewiſſe Perſonen beten kön⸗ nen, als für andere. Er hatte eine Vorliebe für den armen Guert; und ich glaube in der That, dieß zeigte ſich in ſeinem Tone bei die⸗ ſer traurigen Gelegenheit. — — 587 Der Sterbende fühlte ſich geſtärkt und erbaut durch dieſe Erfüllung der Gebräuche der Kirche. Guert war kein Metaphyſtker; und zu keiner Zeit ſeines Lebens, glaube ich, ließ er ſich ſehr tief ein auf die Erwägung jener großen und hehren Fragen, welche ſein Daſeyn, ſeinen Urſprung, ſeine Beſtimmung und ſeinen Platz auf der großen Stufenleiter der lebendigen Weſen betrafen. Er hatte über dieſe Gegenſtände die allgemeinen Vorſtellungen und Begriffe, welche alle civiliſirte Menſchen durch die Erziehung und den Ver⸗ kehr mit ihren Mitmenſchen einſaugen, aber Mehr nicht. Er glaubte, daß es eine Pflicht ſey, zu beten, und ich zweifle nicht, er dachte, es gebe Zeiten und Tage, wo dieſe Pflicht dringender und gebiete⸗ riſcher ſey, als ſonſt; und wieder Zeiten und Tage, wo man ſich davon freiſprechen dürfe. Wie zärtlich und ängſtlich wachte Mary Wallace über ihrem Kranken während dieſes ganzen traurigen Tages! Sie ſchien keine Müdigfeit und Erſchöpfung zu fühlen. Gegen Abend, gerade als die Sonne die Wipfel der Bäume mit ihrem ſcheidenden Licht röthete, kam ſie auf Anneke und mich zu, mit einem Angeſicht ſchwach erleuchtet wie von einem Schimmer von Freude, und flüſterte uns zu, Guert ſey beſſer. Zehn Minuten nach dieſem näherte ich mich dem Bette, und ſah den Kranken eine leichte Bewegung mit der Hand machen, wie wenn er wünſchte, daß ich ihm näher trete. „Corny,“ ſagte Guert mit leiſer, matter Stimme,—„es iſt bald ganz vorüber. Ich wünſchte Mary Wallace noch einmal zu ſehen, ehe ich ſterbe.“ Mary war nicht weit entfernt— konnte es nicht ſeyn. Sie fiel auf ihre Kniee und ſchloß ihren immer ſchwächer werdenden Ge⸗ liebten an ihr Herz. Kein Wort wurde geſprochen auf beiden Sei⸗ ten; oder wenn ſie etwas ſprachen, ſo war es nur in leiſe flüſtern⸗ dem Tone, und von zu heiliger Art und Beſchaffenheit, als daß es Andern mitgetheilt werden dürfte. In dieſer Stellung blieb dieſe Jungfrau, lange ſo ſcheu, ſpröde und unentſchloſſen, beinahe eine 588 Stunde, und in dieſer ruhigen, liebevollen, weiblichen Umarmung hauchte Guert Ten Eyck ſeinen letzten Athemzug aus. — Ich ließ den Leidenden ſo viel allein mit dem Weibe ſeines Herzens, als ſich mit der Klugheit und der gebührenden Aufmerk⸗ ſamkeit von meiner Seite vertrug; aber es war meine traurige Pflicht, ihm die Augen zuzudrücken. So früh und vor der Zeit endete die irdiſche Laufbahn eines ſo männlichen Geiſtes, als nur je einer in einem menſchlichen Leibe wohnte. Daß er Unvollkom⸗ menheiten hatte, hat meine Feder nicht verſchwiegen; aber die lan⸗ gen, ſeither verfloſſenen Jahre haben die Freundſchaft und Liebe nicht ausgelöſcht, welche eine ſo edle Gemüthsart nothwendig er⸗ wecken mußte. — — 8 829 2 ee ‿ &☛ 0 —— Dreißigſtes Kapitel. Wie ſchleicht der Tag ſo träg hin! Wünſchen wir, Die Zeit möcht' eilen— kriecht ſie Auſtern gleich; Und wünſchen wir, ſie ſtehe ſtill, ſo ſäumt Sie ihre Flügel mit Gedankenfedern. Albamazar. Es iſt nicht nöthig, bei der Beſchreibung der tiefen Betrübniß zu verweilen, welche wir Alle empfanden über unſern Verluſt. Na⸗ türlich mußten wir in dieſer Nacht wachſam ſeyn; aber nur We⸗ nige hatten auch Luſt und Neigung zu ſchlafen. Der zurückkehrende Tag fand uns jedoch unangefochten; und ein paar Stunden ſpäter kam Susqueſus in das Haus und berichtete, der Feind habe ſich zu⸗ rückgezogen gegen Tikonderoga. Von dieſer Seite her war Nichts mehr zu fürchten, und die Anſiedler begannen jetzt zu ihren Woh⸗ nungen, oder was noch davon übrig war, zurückzukehren. Im Ver⸗ lauf einer Woche erſcholl wieder der Schlag der Art im Wald, und kunſtloſe, rohe Wohnungen begannen wieder an der Stelle der zerſtörten ſich zu erheben. Da Bulſtrode nicht gut transportirt wer⸗ den konnte, beſchloß Herman Mordaunt, den Reſt der guten Jahres⸗ zeit in Ravensneſt zu bleiben, in der doppelten Abſicht, ſeinen Gaſt bequem und angenehm zu beherbergen und ſeinen Anſiedlern Muth zu machen. Man wußte, daß die Gefahr für dieſen Sommer we⸗ nigſtens vorüber war; und vor dem Herannahen des nächſten hoffte man, werde der gedemüthigte Stolz Großbritanniens ſo erwachen und ſich ermannen, daß der Feind aus der Provinz vertrieben werde, wie dieß auch mit Nachdruck und Erfolg geſchah. 590 Nach einiger Berathung wurde entſchieden, daß Guert's Leich⸗ nam nach Albany gebracht werden müſſe, um unter ſeinen Ver⸗ wandten beerdigt zu werden. Dirck und ich begleiteten ihn als Hauptleidtragende, und Alle die von unſrer Geſellſchaft noch übrig waren, gingen mit uns. Herman Mordaunt hielt für nöthig, in Ravensneſt zu bleiben, und Anneke wollte ihren Vater nicht ver⸗ laſſen. Des Hochwürdigen Mr. Worden's Miſſions⸗Eifer war in Folge dieſer Feuerprobe ſo ziemlich verflogen, und er benützte eine ſo günſtige Gelegenheit, ſich in die ſicherern und bevölkerteren Diſtrikte zurückzuziehen. Ich erinnere mich noch, daß, wie wir hinter der Pferdetragbahre her ſchritten, welche die ſterblichen Reſte des armen Guert enthielt, der Geiſtliche folgende kluge Bemerkungen machte: „Ihr ſeht, wie es auf dieſer Grenze iſt, Corny,“ ſagte er;„es iſt noch zu früh, um daran zu denken, das Chriſtenthum einzufüh⸗ ren. Das Chriſtenthum iſt weſentlich eine civiliſirte Religion und kann nur unter tiviliſirten Weſen von Nutzen ſeyn. Es iſt wahr, mein junger Freund, daß viele von den erſten Apoſteln nicht nach der Mode dieſer Welt gelehrt waren, aber ſie waren alle durchaus civiliſirt. Paläſtina war ein civiliſirtes Land und die Hebräer wa⸗ ren ein großes Volk; und ich halte dafür, daß das von unſerm heiligen Herrn gegebene Beiſpiel ein zu allen Zeiten zu befolgendes Gebot enthält, und daß ſein Auftreten in Judäa ſo viel heißt, als wenn er zu ſeinen Apoſteln geſagt hätte:„„geht hin und predigt das Evangelium allen eiviliſirten Völkern.““ Ich wagte die Bemerkung, daß ſich in der Bibel doch ſo Etwas finde, wie ein entſchiednes Gebot, es allen Völkern zu predigen. „Ja, das iſt ganz wahr,“ antwortete Mr. Worden,„aber es bedeutet offenbar ſo viel als allen civiliſirten Nationen. So⸗ dann war das vor der Entdeckung von Amerika, und es iſt ganz billig, vorauszuſetzen, daß ſich das Gebot nur auf bekannte Na⸗ tionen bezog. Dem Tert der Schrift ſoll keine Eewalt angethan, A 591 ſondern er ſoll natürlich erklärt werden, Corny, und dieß ſcheint mir der natürliche Sinn der Stelle zu ſeyn. Nein, es war unbe⸗ ſonnen und unvorſichtig von mir, meine Pflicht in ſolcher Ueber⸗ treibung zu faſſen, und ich werde während des Reſts meiner Tage meine Arbeit und Mühe auf die angemeſſene Sphäre beſchränken. Die Civiliſation iſt ganz ebenſo gut ein Mittel der Vorſehung als die Religion ſelbſt; und es iſt die klare Abſicht des Himmels, daß die eine auf die Grundlage der andern erbaut werde. Ein Kirchen⸗ mann entfernt ſich vollkommen weit genug von dem Mittelpunkt der feinſten Lebensbildung, wenn er das Mutterland verläßt, und in dieſe Colonie geht, um das Evangelium zu predigen, und dieſe ſkalpirenden Teufel, die Indianer, laufen läßt, die, ich fürchte ſehr, gar nicht dazu beſtimmt ſind, ſelig zu werden. Es mag ſchon gut ſeyn, Geſellſchaften zu haben, um ſie im Auge zu behalten, aber ein Verein in London iſt vollkommen nahe genug, um ſich mit ihnen in Verbindung zu ſetzen.“ Und dieß ſchien mir in der ſpätern Zeit immer die Anſicht des Hochwürdigen Mr. Worden zu bleiben, und ich gab mir keine Mühe, ihn auf eine andere zu bringen. Ich hätte jedoch auch von dem Abſchied von Annele erzählen ſollen, ehe ich den obigen Aus⸗ zug aus der Betrachtung des Pfarrers gab. Die Umſtände verhin⸗ derten mich, vor meiner Abreiſe von dem Neſt viel Verfehr und Zwieſprach unter vier Augen mit meiner Verlobten zu haben; denn Anneke'ns Antheil an der Mary Wallace Kummer war ſo innig, daß ihr gerade damals nicht möglich war, an etwas Anderes zu denken, als an ihre Freundin und deren Schmerz. Was Mary Wallare ſelbſt betrifft, ſo ward die Größe und Tiefe ihrer Liebe und ihres Schmerzes nie ganz gewürdigt, als bis die Länge der Zeit deren Umfang und Innigkeit bewährte. Sie vewann bald ihre ſchein⸗ bare Ruhe wieder; denn nur in einem Sturme von Gefühlen ver⸗ lor Mary Wallace ihre Selbſtbeherrſchung; und bei ihrem geord⸗ neten Gemüth und ihren hohen Grundſätzen rang ſie mit Erfolg 592 darnach, die unabänderliche und nicht zu vergütende Heimſuchung mit chriſtlicher Ergebung zu ertragen. Erſt im ſpätern Leben erkannte ich, wie tief und allgewaltig in Wahrheit ihre Leidenſchaft für den muntern, lebensluſtigen, ſchlechterzogenen und ungeſtümen jungen Al⸗ banier geweſen war. Anneke weinte, eine Viertelſtunde ehe unſer trauriger Zug das Neſt verließ, einige Minuten in meinen Armen. Das liebe Mäd⸗ chen beobachtete keine ungehörige Zurückhaltung gegen mich; doch fand ich ſie nicht ſehr geneigt, über unſere Liebe zu ſprechen, ſo bald nach den ſchrecklichen Scenen, die wir ſo eben durchgemacht hatten. Doch ließ ſie mich nicht im Zweifel über den Punkt, daß ich nämlich ihr ganzes und ungetheiltes Herz mit mir nahm. Bulſtrode hatte ſie nie geliebt, hätte ihn nie lieben können, das verſicherte ſie mir zu wiederholten Malen. Er unterhielt ſie gut, und ſie empfand für ihn verwandtſchaftliche Theilnahme und Zuneigung, aber nicht im Mindeſten ein Intereſſe anderer Art. Der arme Bulſtrode! jetzt da ich meines Triumphs gewiß war, hegte ich ſehr großmüthige Gefühle in Betreff ſeiner, und vermochte ihn wegen verſchiedener guter Eigenſchaften zu rühmen, welche vorher in meinen Augen ganz verdunkelt geweſen waren. Herman Mordaunt hatte gebeten, es möchte dem Major Nichts von der mir gegebenen Zuſage geſagt werden; er ſelbſt aber wolle die nächſte Gelegenheit ergreifen, dem Freier zu verſtehen zu geben, daß Anneke die Ehre ſeiner Hand ausſchlage. Man glaubte, die Nachricht werde am ſchicklichſten von Mordaunt ihm mitgetheilt werden. „Ich will offen gegen Euch ſeyn, Littlepage, und Euch geſte⸗ hen, daß ich die Verbindung meiner Tochter mit Mr. Bulſtrode ſehnlich gewünſcht habe,“ ſagte mir Herman Mordaunt bei der Unterredung, die wir vor meinem Abgang von dem Neſt hatten; „und ich habe das Vertrauen zu Eurer Billigkeit und Einſicht daß Ihr es Euch wohl werdet erklären können. Ich kannte Bulſtrode, ehe ich Etwas von Euch wußte, und es beſtand ſchon eine Ver⸗ 593 wandtſchaft zwiſchen uns, gerade von ſolcher Art, daß eine noch nähere und engere wünſchenswerth erſchien. Ich will nicht läugnen, daß ich Annefe'n geeignet glaubte, den Nang und die Kreiſe zu zieren, weſchen Bulſtrode ſie entgegen geführt bätte; und vielleicht iſt es eine natürliche, eiterliche Schwäche, daß Einer wünſcht, ſein Kind eine höhere Stufe im Leben erſteigen zu ſeben Wir ſchwatzen von Demuth und Zufriedenheit, Corny, aber am Ende iſt dabei doch immer Viel von dem nolo episcopari. Aber Ihr ſeht, die bevor⸗ zugende Wahl des Kindes iſt ſo viel ſtärker als die des Vaters, daß ſie den Sieg davontragen muß. Und ich glaube faſt am Ende wollt Ihr doch lieber der Mann von Anneke'ns als der meiner Wahl ſein?“ „Ich kann das ohne Bedenken zugeben, Sir,“ antwortete ich,„und ich empfinde mit dem innigſten Danke die Großmuth, womit Ihr Eure eigenen Wünſche unſerer Neigung unterordnet. Allerdings habe ich, was Nang und Vermögen betrifft, Wenig anzubieten, Mr. Mordaunt, gegenüber von Mr. Buſſtrode's Anſprüchen; aber in der Liebe zu Eurer Tochter, und im inbrünſtigen Verlangen und Beſtreben, ſie glüglich zu machen, werde ich ihm nicht nachſtehen, noch ſonſt irgend einem Manne und wäre er ein König.“ „Was das Vermögen betrifft, Littlepage, ſo kümmert mich das wenig. Da Ihr in dieſem Lande wohnen und leben werdet, wird das vereinigte Vermögen beider Familien, welches dereinſt ganz Euch und Anneke'n zufallen muß, mehr als genügend ſeyn; und für die Nachkommenſchaft werden Navensneſt und Mooſeridge reich⸗ liche Mittel des Unterhalts liefern. So wie die Colonie wächst, werden Eure Ablömmlin e zunehmen, und mit Beiden Euer Ver⸗ mögen. Nein, nein ich mag in meinen Anſichten etwas durch⸗ kreuzt worden ſeyn, das will ich zugeben; aber nie war ich deßhalb unzufrieden. So ſegne Euch denn Gott, mein lieber Junge; ſchreibt uns von Albany aus und kommt im September zu uns nach Li⸗ lalsbuſh. Ihr werdet dort aufgenommen werden wie ein Sohn.“ Satanstoe. 38 594 Es iſt überflüſſig, bei unſerm ſchwermüthigen Zug durch die Wälder lange zu verweilen. Dirck und ich folgten zu Fuß, ganz nahe dem Leichnam, bis wir die Heerſtraße erreichten, wo Fuhr⸗ werke angeſchafft wurden, um denſelben und uns Alle weiter zu führen. Als wir Albany erreichten, überlieferten wir die ſterblichen Ueberreſte Guert's ſeinen Verwandten und es fand ein angemeſſenes Leichenbegängniß ſtatt. Der mit Backſteinen gemauerte Schrank hinter dem Kamin ward, wie dieß gewöhnlich war, geöffnet, und vie ſechs Dutzend Madeira, welche dort vor vierundzwanzig Jahren niedergelegt worden waren, an dem Tauftage des armen Burſchen, wurden trefflich befunden. Ich erinnere mich, daß es allgemein hieß, man habe beim Begräbniß Guert Ten Cyck's beſſern Wein getrunken als ſeit Menſchengedenken bei der Beſtattung irgend einer andern Perſon, die nicht aus den Familien Van Renſſelaer, Schuy⸗ ler oder Ten Broeck geweſen. Ich ſpreche hier von Leichenbegäng⸗ niſſen in Albany; denn ich glaube, die Bemerkung würde kaum auf viele andere Leichenbegängniſſe, weiter abwärts vom Fluß, paſſen. In der Regel jedoch wurde bei allen unſern Leichenbegängniſſen ſehr guter Wein gegeben. Der Hochwürdige Mr. Worden funktionirte als Geiſtlicher und ward allgemein mit großem Intereſſe betrachtet als ein frommer Diener des Evangeliums, welcher ſelbſt nur mit Noth dem Schick⸗ ſal deſſen entgangen war, den er jetzt als„Staub dem Staub“ übergab, während er mit aufopferndem, hingebendem Eifer beſtrebt geweſen, die Seelen eben der Wilden, die nach ſeinem Leben getrach⸗ tet, aus der Verdammniß der Heiden zu retten. Ich erinnere mich noch, es ſtand ein ſehr gut geſchriebener Artikel dieſes Inhalts in der New⸗Yorker Gazette und ich habe ge⸗ hört, erinnere mich aber nicht, es ſelbſt geleſen zu haben, daß in einem Bericht der Geſellſchaft für Ausbreitung des Evangeliums in fremden Ländern dieſe Umſtände in ſehr rührender und erbaulicher Weiſe erwähnt wurden. — 595 Der arme Guert! Ich brachte einige Minuten an ſeinem Grabe zu, ehe wir weiter nach Süden zogen. Dieß war Alles, was übrig war von ſeiner ſtattlichen Perſon, ſeinem lebhaften Geiſt, ſeinem löwenherzigen Muth, ſeiner ſprudelnden Laune und ſeiner unaus⸗ löſchlichen Neigung zu Luſtbarkeiten. Einen körperlich ſchönern Mann, einen der in jeder Hinſicht das Auge mehr angeſprochen und erfreut hätte, habe ich nie geſehen. Daß dieſe edle Geſtalt nicht einen geiſtigern Menſchen beherbergte, war rein nur die Folge des Mangels an Erziehung und Bildung. Und doch hätten alle Bücher der Welt nimmermehr Guert Ten Eyck in einen Jaſon Newcome, oder Jaſon Neweome in einen Guert Ten Eyck verwandeln können. Jeder hatte ohne Zweifel viele ſeiner Eigenthümlichkeiten von der Provinz, in welcher er geboren und aufgewachſen war; aber auch die Natur hatte ſcharfe Unterſcheidungslinien zwiſchen ihnen gezogen. All der Ungeſtüm in Guert's Temperament und Neigungen konnte ihm nicht ganz die Gefühle, den Ton und den Takt eines Gentle⸗ man entziehen; während all die hochfahrenden Beſtrebungen und Anſprüche Jaſon's ihn nie zur Höhe dieſes Charakters erheben konn⸗ ten. Ach, der arme Guert! Ich betrauerte Jahre lang aufrichtig ſeinen Verluſt, und auch noch jetzt hat ſein Andenken nicht aufge⸗ hört, mir wichtig und theuer zu ſeyn. Dirck Follock und ich würden bei unſrer Rückkehr nach Albany ſehr viele Aufmerkſamkeit und Freundlichkeit genoſſen haben, ſowohl wegen der Vorfälle, die wir mit erlebt hatten, als auch wegen unſrer holländiſchen Verwandtſchaften, wären wir in der Stimmung geweſen, uns dieſe Geſinnungen der Leute gegen uns zu Nutze zu machen. Aber das waren wir nicht. Die traurigen Ereigniſſe, bei welchen wir ſo nahe betheiligt geweſen, waren uns noch zu friſch in der Erinnerung, als daß wir an Luſtbarkeiten und Geſellſchaften hätten Freude finden können; und ſobald als möglich nach dem Leichenbegängniß ergriffen wir die Gelegenheit uns an Bord einer nach New⸗York beſtimmten Schaluppe einzuſchiffen. Unſere Reiſe 596 ward im Ganzen als eine glückliche betrachtet, da ſie in der That nur ſechs Tage wahrte. Zwar fuhren wir dreimal auf dem Grund auf; aber dar⸗ aus machte man Nichts, da dergleichen Begegniſſe häufig vorkamen. Ei⸗ ner dieſer Zufälle betraf uns bei Overſlaugh und ich brachte daſelbſt einige Stunden ſehr angenehm zu, weil es ſo ganz in der Nähe des Schauplatzes unſers Abenteuers auf dem Fluß war. Anneke be⸗ ſchäftigte immer vielfach meine Gedanken, aber angenehme Bilder von ihrer ſanften Entſchloſſenheit, ihrem unbedingten Vertrauen zu mir, ihrer Ergebung, ihrem Muth und ihrem Geiſt gingen jetzt ohne alle ſtörenden Elemente vor meiner Seele vorüber. Das liebe Mäd⸗ chen hatte mir geſtanden, daß ſie mich ſelbſt in jener entſetzlichen Nacht geliebt, denn ihr Intereſſe für mich reichte in eine viel frühere Zeit zurück. Dieß erhöhte noch um ein Großes die Zufriedenheit, womit ich in der Erinnerung jeden Vorfall und jedes Geſpräch mir vergegenwärtigte und mir den geringſten Ausdruck und Ton wieder zurückzurufen ſuchte, um zu ſehen, ob ich ſie jetzt mit Anzeichen jener Leidenſchaft in Verbindung zu brin en vermöchte die, ſo durfte ich nunmehr glauben, damals ſchon vorhanden war. So unter⸗ ſtützt von Anneke'ns zarten, erröthenden Geſtändniſſen, ſo wie von meinen eigenen Wünſchen, fand ich es nicht ſchwer, mir Bilder zu⸗ rückzurufen, welche mir unendlich wohl thaten, obwohl ſie vielleicht nicht bis ins Kleinſte hinaus treu waren. Auf dem Tappaan⸗See verließ uns Dirck, und begab ſich nach Rockland zu ſeiner Familie. Ich blieb auf der Schaluppe und er⸗ reichte am folgenden Tag den Hafen. Mein Oheim und meine Tante Leage waren hocherfreut, mich zu ſehen, und ich merkte bald, daß ich ein Löwe“ werden würde, wenn ich Zeit und Muße hätte, in der Hauptſtadt zu verweilen, um des Rufes und Anſehens zu genieſen, die mir meine Theilnahme an dem Kriegszug nach Nor⸗ den verſchafft hatte. Ich fand, daß tiefe Gekränktheit und Betrüb⸗ niß in der Hauptſtadt rerrſchte, in Folge unſrer Niederlage, gemiſcht mit hoher Entſchloſſenheit, unſere beſtckte Ehre wieder herzuſtellen. —— 597 Satanstoe jedoch mit allen ſeinen theuern Banden rief mich weg; ich reiste zu Pferde von der Stadt, indem ich meine Effekten mir nachſchicken ließ durch die erſte gute Gelegenheit, am zweiten Tage nach meiner Ankunft am Morgen ab. Ich will nicht ver⸗ ſuchen, Eine Schwäche von mir zu verhehlen Wie gewöhnlich hielt ich zu Kingsbridge an, um zu Mittag zu eſſen und zu raſten: und während die treffliche Wirthin mein Mahl bereitete, erſtieg ich die Anhöhen, um mich von fern an dem Anblick von Lilaksbuſh zu weiden. Da lag der hübſche ländliche Wohnſitz, unter ſeinem Berge, mitten in einer Wildniß von Buſch⸗ und Strauchwerf; aber ſeine liebliche junge Gebieterin war fern, und die Freude, womit ich hin⸗ ſchaute, war mit wehmüthiger Sehnſucht gemiſcht. „Ihr ſeyd im Norden geweſen, höre ich. Mr. Littlepage“ be⸗ merkte meine Wicthin, während ich ihrem Hammelsbraten, Erbſen und Spargeln zuſprach,„bitte, Sir, habt Ihr Nichts gehört oder geſehen von unſern geehrten Nachbarn, Herman Mordaunt und ſeiner reizenden Tochter?“ „Oh gar Viel von Beiden, Mrs. Light; und das unter ſehr gefahrvollen, ſchwierigen Umſtänden. Mooſeridge, meines Vaters Beſitzthum in jener Gegend des Landes, iſt ganz in der Nähe von Ravensneſt, Herman Mordaunt's Gut, und ich habe einige Zeit dort zugebracht. Sind Euch neueſtens keine Zeitungen der Fami⸗ lie zugekommen?“ „Keine, auſſer einem Gerücht, daß Miß Anneke nicht mehr zu uns zurückfehren werde.“ „Anneke nicht mehr zurückkehren! Um aller Wunder willen, wie habt Ihr das gehört?“ „Nicht als Miß Anneke, ſondern als Lady Anneke oder ſo Etwas. Gibt es nicht einen General Bulſtrom oder ſo ei en vor⸗ nehmen Offizier, der ſich um ihre Hand bewirbt und dem ſie zu⸗ lächelt, Sir?“ „Jetzt glaube ich Euch zu verſtehen. Nun, was hört Ihr von ihm?“ „Nur das, daß ſie nächſten Monat vermählt werden ſollen— Einige ſagen, ſie ſeyen ſchon verheirathet und der alte Gentleman gebe Lilaksbuſh her, und viertauſend Pfund Courant, um eine ſo hohe Ehre für ſein Kind zu erkaufen. Ich ſage den Nachbarn, es iſt zu viel, denn Miß Anneke iſt um ihrer ſelbſt willen ſchon jedes Lords in England würdig.“ Dieſe Nachricht beunruhigte mich natürlich nicht, denn es war Wirthshausgeſchwätz und Nachbars⸗Neuigkeiten. Nachbarn! wie ſehr wird doch dieß heilige Wort entweiht und geſchändet! Man findet Leute, welche ihr Ohr begierig dem Geſchwätz der Nachbar⸗ ſchaft öffnen, wenn es auch neunzehnmal unter zwanzig weniger glaubwürdig iſt, als eine aus weiterer Ferne kommende Nachricht, im Falle, daß die letztere von Perſonen herrührt, welche der glei⸗ chen Klaſſe im Leben angehören, wie die in Frage Stehenden, oder mit ihnen bekannt ſind. Welche Mittel hatte dieß Weib z. B., die Geheimniſſe der Familie Mordaunt zu erfahren, die nur halb ſo zuverläſſig geweſen wären, als die ihren Freunden in Albany zu Gebote ſtehenden? Dieſe Nachbarſchafts⸗Angaben, wie man ſie nennt, richten eine Menge Unheil an in der Provinz, und ganz be⸗ ſonders in denjenigen Gegenden, wo unſere Leute in Berührung kommen mit ihren Mitunterthanen von den öſtlicheren Colonien. In meinen Augen waren Jaſon Newcomes Anſichten von Herman Mordaunt und ſeinen Handlungen beinahe werthlos geweſen, ob⸗ wohl ich den Mann für ſehr ſchlau mußte gelten laſſen; denn Beide hatten nicht Eine bezeichnende Meinung, nicht Einen Brauch, und ich hätte faſt geſagt, nicht Einen Grundſatz gemein. Nichtige Wür⸗ digung von Handlungen und Beweggründen kann nur bei Solchen ſich finden, welche gleich fühlen und denken; und dieß iſt moraliſch unmöglich, wo die Klaſſen in geſellſchaftlicher Beziehung durch breite Grenzlinien geſchieden ſind. Gerade aus dieſem Grunde legen wir den gewöhnlichen Ausſagen und ſelbſt den beſchwornen Zeugniſſen von Geſinde, von Dienſtboten ſo wenig Gewicht bei. —õ-—— 599 Unſer Empfang zu Satanstoe war ganz ſo, wie ſich erwarten ließ. Meine gute Mutter drückte mich zu wiederholten Malen an ihr Herz und ſchien gar nicht genug ihr Auge an mir weiden und erſättigen zu können. Auch mein Vater war gerührt, mich wieder zu ſehen, und ich glaube, ſein Auge wurde ganz entſchieden feucht. Was den alten Kapitän Hugh Roger betraf, ſo hatten ſiebzig Jahre ſein Auge ſo ziemlich trocken gemacht; aber er ſchüttelte mir herz⸗ lich die Hand, und hörte meiner Erzählung von den Bewegungen vor Tikonderoga mit allem Intereſſe eines Soldaten zu, und auch wohl mit dem Feuer eines ſolchen, der ſelbſt in glücklicheren Zeiten gedient hatte. Ich mußte natürlich meine Kämpfe noch einmal durchfechten, und die Hergänge von Ravensneſt in allen Einzeln⸗ heiten erzählen. Wir waren am Nachteſſen, als ich meine höchſt ausführliche Erzählung ſchloß, und ich zu hoffen anfing, meine Auf⸗ gabe in dieſer Hinſicht ſey endlich erfüllt. Aber meine gute Mut⸗ ter hatte noch gewichtigere Dinge auf dem Herzen; und ich mußte mich durchaus noch in ihrem eignen kleinen Zimmer zu einer ver⸗ traulichen Beſprechung einfinden. „Corny, mein geliebtes Kind,“ begann die zärtlichſte und be⸗ ſorgteſte Mutter,„Du haſt mir noch nichts Ausdrückliches und Beſonderes von den Mordaunt's erzählt. Es iſt jetzt Zeit, von dieſer Familie zu ſprechen.“ „Habe ich Euch nicht geſagt, Mutter, daß wir in Albany uns trafen, und was auf dem Fluß uns begegnete? Ich hatte von dieſem Abenteuer in meinen Briefen Nichts geſchrieben, weil ich ungewiß war in Betreff des wirklichen Standes der Gefühle und Geſinnun⸗ gen Anneke'ns, und keine Erwartungen rege machen mochte, die viel⸗ leicht unerfüllt bleiben mußten;— und davon, daß wir mit ein⸗ ander nach Ravensneſt gingen, und von Allem, was uns in Ra⸗ vensneſt begegnete nach unſrer Rückkehr von Ty?“ „Was gilt mir das Alles? Ich wünſche Dich von Anneke ſpre⸗ chen zu hören, mein Kind— iſt es wahr, daß ſie ſich vermählen wird?“ 600 „Es iſt wahr. Ich kann es beſtätigen aus Ihrem eigenen Munde.“— Meiner guten Mutter Geſicht verzog ſich arg, und ich ver⸗ mochte kaum, meine zweideutige Sprache noch weiter fortzuführen. „Und ſie hat die Frechheit gehabt, das Dir zu ſa en, Corny?“ „Ja, in der That; aber die Wahrheit gebietet mir hinzuzuſetzen, daß ſie heftig erröthete als ſie es geſtand, und nur halb geneigt ſchien, ſo offen zu ſeyn; das heißt, im Anfang; denn am Ende lächelte ſie mehr, als daß ſie erröthete.“ „Nun, das befremdet mich! Es iſt aber nur ein Beweis, daß Eitelkeit und weltlicher Rang und weltlicher Reichthum in den Au⸗ gen und in der Schätzung von Anneke Mordaunt höher ſtehen, als Trefflichkeit und beſcheidnes Verdienſt.“ „Welchen Reichthum und weltlichen Rang beſitze denn ich, Mutter, die ein weibliches Weſen verlocken könnten, die von Euch genannten Vorzüge zu überſehen?“ „Ich dachte in dieſem Sinne gar nicht an dich, mein Sohn. Natürlich meinte ich Mr. Bulſtrode.“ „Was hat Mr. Bulſtrode zu thun mit meiner Vermählung mit Anneke Mordaunt, oder was irgend ein andrer Menſch, als ſie, die Holde ſelbſt, welche eingewilligt hat, mein Weib zu werden,— ihr Vater, der mich als Sohn annimmt, mein Vater, welcher wohl bald ſeinem Beiſpiel folgen wird, indem er Anneke als Tochter an ſein Herz ſchließt, und Ihr, meine liebſte, theuerſte Mutter, die ein⸗ zige Perſon, welche irgend Einwendungen dagegen erheben dürfte, wie Ihr es jetzt thut!“ 5 Dieß war, wie ich ſehr gern anerkenne, eine höchſt knabenhafte Art, eine höchſt freudige Ueberraſchung zu bereiten; und ſobald ich meine Mutter in Thränen ausbrechen ſah, fühlte ich Reue und Schaam, mir dieß erlaubt zu haben, Aber die Jugend iſt die Zeit der Thorbeit, und glücklich der Mann, der ſich ſagen kann, er habe nie ein bedenklicheres Spiel mit den elterlichen Gefühlen getrieben! 601 Ich erhielt bald Verzeihung,— welchen Frevel hätte nicht dieſe hin⸗ gebende Mutter ihrem einzigen Kinde verziehen!— worauf ich Al⸗ les, ſo weit es ſich erzählen ließ, erzählen mußte, was zwiſchen Anneke und mir vorgegangen war. Ich brauche kaum zu ſagen, daß ich die Verſicherung von der freudigen Zuſtimmung meiner ganzen Fa⸗ milie zu meinen Wünſchen erhielt, von Kapitän Hugh Roger bis herab zu derſenigen, die jetzt ſo voll entzückter Liebe mit mir ſprach. Sie hatten Alle ſich in den Kopf geſetzt, ich müſſe der Gatte gerade dieſer jungen Lady werden; und ich hätte unmöglich eine Mitthei⸗ lung machen können, welche erwunſchter geweſen wäre, wie mir Alle und Jede noch in dieſer Nacht zu erkennen gaben. Meine Rückkehr nach Satanstoe erfolgte in der zweiten Hälfte des Monats Juli und die Familie Mordaunt wollte erſt bis Mitte Septembers in Lilaksbuſh eintreffen, und ſo hatte ich faſt noch zwei Monate auf dieſen glück ichen Augenblick zu warten. Dieſe Zeit brachten wir herum ſo gut es eben gehen wollte. Ich ſuchte mich für den alten Landhals zu intereſſiren und Plane zu künftigem Glück daſelbſt zu entwerfen, welche ſich in der Gemeinſchaft mit Anneke erfüllen ſollten. Es war und iſt ein ſtattlicher Bauernhof; fruchtbar, ſchön gelegen, mit Waſſer auf mehr als drei Seiten, in vortrefflicher Ordnung und tüchtig beſtockt mit Aepfel-, Pfirſich⸗, Aprifoſen⸗, Pflaumen⸗ und andern Obſtbäumen, wie man in der ganzen Welt kaum beſſere trifft. Es iſt wahr, die Provinzen etwas mehr ſüdlich, wie Jerſey, Pennſylvania, Maryland und Virginia behaupten, in Pfirſichen es uns zuvor zu thun; abec ich habe nie eine ſolche Frucht gekoſtet, die ſich nach meinem Geſchmack mit denen von Satanstoe vergleichen ließe. Ich liebe alle Bäume, Mauern, Bühle, Anhöhen, Triften und Hügel um das Haus herum. Nur Eines betrübt mich. Ich liebe alte Namen— ſolche, unter welchen mein Vater die Orte kannte, und ich ſpreche gerne ein Wort unrichtig aus, wenn Gebrauch, Herkommen und alte Erinnerungen es ſo eingeführt haben. Ich möchte um Vieles nicht 60² meinen Freund Dirck Follock anders nennen als Follock, außer etwa hei einer förmlichen Veranlaſſung, oder wenn ich ihn auffor⸗ dere, ein Glas Wein mit mir zu trinken. So geht es mir auch mit Satanstoe; der Name iſt unedel, das will ich zugeben; aber er iſt kräftig und enthält eine beſtimmte Vorſtellung. Er bezieht ſich auch auf die Begriffe und Bräuche des Landes; und Namen ſollten immer beibehalten werden, außer in den wenigen Fällen, wo trif⸗ tige Gründe vorliegen, ſie zu ändern. Mit Leidweſen muß ich ſagen, daß ſeit dem Erſcheinen von Jaſon Newcome unter uns bei den Unwiſſenden und Ungebildeten ſich die Geneigtheit geäußert hat, den Landhals Dibbleton zu nennen, unter dem früher erwähn⸗ ten Vorgeben, er habe einſt der Familie Dibbles gehört; oder, wie Einige glauben, als ein frommes Diminutivum von Devils⸗Town. Ich weiſe dieſe Vorausſetzung mit Entrüſtung zurück; obwohl ich glaube, daß Dibbleton nur eine bequeme Art iſt, Devilton auszu⸗ ſprechen, wie ich, das gebe ich zu, die alten Leute lachend den Land⸗ hals habe nennen hören. Das gehört für die Gaul darn ye⸗Schule und iſt nicht nach meinem Geſchmack. Ich ſage: bei den Unwiſ⸗ ſenden und Ungebildeten, denn das iſt gerade die Klaſſe, die in ſolchen Dingen ekel zu ſeyn pflegt. Man hat mir geſagt— ſelbſt habe ich es allerdings nicht gehört, aber man hat mir geſagt, es ſeyen in den neueſten Zeiten Leute aus den öſtlichen Gegenden bei uns geweſen, welche gezierter Weiſe das Gut„Hellgate,“„Hurl⸗ gate,“„Whirlgate“,“ oder mit ſonſt einem ſentimentalen, wirbeli⸗ gen Namen genannt hätten; und das ſind die Herrſchaften, welche „Satanstoe“ in„Dibbleton“ umändern möchten! Seit freilich die Truppen aus dem Oſten anfangen zu uns zu kommen, haben ſie begonnen, verzweifelte Eingriffe in manche unſerer alten, ehrwürdi⸗ gen, holländiſchen Namen zu thun; Namen, welche die unmittelbar vom Mutterland kommenden Engländer in der Regel reſpektirt * Höllenthor, Strudelthor, Wirbelthor. —B 603 haben. In der That, Veränderung und Wechſel in allen Dingen ſcheint die mächtige Leidenſchaft dieſes Volkes zu ſeyn. Wir New⸗ Yorker begnügen uns, zu thun und zu treiben, was unſere Vor⸗ fahren gethan und getrieben haben; und darüber ſpotten ſie und er⸗ heben deßwegen Klagen und Anſchuldigungen gegen uns, daß wir den Begriffen unſerer Väter treu bleiben. Ich werde mich nie dar⸗ über beklagen, daß ſie ſo viele ihrer Gebräuche aufgeben; denn ich betrachte dieſe Veränderungen als Verbeſſerungen; aber ich bitte, daß ſie uns die unſerigen laſſen. Daß es einen Fortſchritt gibt, das gebe ich ganz gerne zu, ſo wie auch, daß er nicht nur zu Aenderungen zwingt, ſondern ſie auch rechtfertigt, aber das müßte ich erſt noch lernen, daß es ein Grund zu gerechten Vorwürfen ſeyn ſoll, wenn Einer in die Fuß⸗ tapfen derer tritt, die vor ihm geweſen ſind. Die Sprüche Davids und die Weisheit Salomo's ſind gerade ebenſo Sprüche und Weis⸗ heit in unſerer Zeit, wie ſie es waren zu der Zeit wo ſie geſchrie⸗ ben wurden, und zwar aus demſelben Grunde,— wegen ihrer Wahrheit. Wo etwas ſo Beſtändiges und Sichbleibendes exiſtirt, wie in der Moral, da müſſen auch ſich bleibende Grundſätze mög⸗ lich ſeyn, und gewiß iſt Etwas, das verdient gerettet zu werden aus den Trümmern der Vergangenheit. Ich bin im Zweifel, ob nicht all dieß Trachten und Haſchen nach Veränderung mehr Selbſt⸗ ſucht in ſich ſchließt, als wirklichen Nutzen und Philoſophie; und ich muß wenigſtens wünſchen, daß Satanstoe niemals zu einem ſo lahmen Erſatzwort, wie Dibbleton, verſtümmelt und verkümmert werde. Das war ein fröhlicher Tag, als ein Diener in Herman Mor⸗ daunt's Livree auf unſern Raſenplatz daher geritten kam und mir einen Brief ſeines Gebieters einhändigte, der mich von der glück⸗ lichen Ankunft der Familie in Kenntniß ſetzte und mich einlud, am folgenden Tage bei guter Zeit hinüber zu reiten, um ein ſpätes Frühſtück in Lilaksbuſh einzunehmen. Anneke hatte mir früher ſchon zweimal geſchrieben, zwei ſchöne, gutſtyliſirte, weibliche, aber doch geiſtvolle, liebevolle Briefe, in welcher die Zärtlichkeit und tiefe Gemüthlichkeit ihres W ſens ſich nur einigermaßen eingeengt zeigte durch ihr eigenthümlich zartes Verhältniß zu mir, als Braut, und ihr Geſchlecht. Auf den Empfang dieſer willkommenen Ein⸗ ladung hin machte ich mich des einzigen romantiſchen Streiches ſchuldig, den ich im Verlauf meines Lebens begangen zu haben mich erinnern kann. Herman Mordaunt's Schwarzer wurde gut bewirthet und mit einem zuſagenden Billet entlaſſen. Eine Stunde nachher verließ ich Satanstoe— ich liebe dieſen ehrwürdigen Na⸗ men, und hoffe, alle Yankee's der Chriſtenheit werden nicht ver⸗ mögen ihn in Dibbleton zu verketzern— alſo, eine Stunde nach⸗ dem der Neger weg geritten war, folgte ich ihm ſelbſt, mit der Abſicht in dem wohlbekannten Gaſthof zu Kingsbridge zu ſchlafen, und erſt zur geeigneten Stunde am andern Morgen in Lilaksbuſh mich zu präſentiren.. Ich war zwei Stunden vor Sonnenuntergang am Hauſe der redſeligen Wirthin angekommen, ſtellte mein Pferd ein, beſtellte mir ein Zimmer, und genoß ſelbſt einen Biſſen, als die gute Frau vom Hauſe eintrat. „Euere Dienerin, Mr. Littlepage,“ begann die geſchwätzige Perſon;„wie befindet ſich der ehrwürdige Kapitän Hugh Roger und der Major, Euer geehrter Vater? Nun, ich ſehe es aus Eurem Lächeln. Ja, es iſt gar ein Troſt, wenn die Unſerigen ſich einer guten Geſundheit erfreuen— mein armer Mann hat ſich den ganzen vorigen Winter ſehr übel befunden und der bevorſtehende wird wahrſcheinlich nicht viel beſſer ſeyn. Ich würde faſt glauben, Ihr geht zur Hochzeit nach Lilaksbuſh, Mr. Corny, hättet Ihr nicht vor meiner Thüre Halt gemacht, ſtatt geradezu nach Herman Mordaunt's Hauſe zu reiten.“ Ich war verblüfft, vermuthete aber, die Kunde von dem was bevorſtand, ſey ausgekommen, und dieſe gute Frau, deren Ohr 605 immer offen ſtand, habe doch auch einmal in ihrem Leben eine Nachbarſchafts⸗Wahrheit gehört. „Ich bin auf keiner derartigen Reiſe begriffen, Mrs. Light, hoffe aber über kurz oder lang mich zu verheirathen mit dieſer oder jener Perſon.“ „Ich dachte nicht an Euere Verheirathung, Sir, ſondern an die der Miß Anneke drüben im Buſh, mit dem Lord Bulſtrom. Es iſt eigentlich doch eine recht vornehme Verbindung für die Mor⸗ daunt's, obwohl Herman Mordaunt ſelbſt aus gutem Blut iſt, wie man mir ſagt Des Ritters Diener kommt oft hieher, um neuen Cider zu verſuchen, der, wie er zugibt ſo gut iſt als eng⸗ liſcher Cider, und ich glaube, ſonſt hat er in den Colonien Nichts gefunden, was er nur für halb ſo gut hielte; nun, Thomas ſagt mir, Alles ſey abgemacht und die Hochzeit müſſe recht bald ſtatt⸗ finden. Sie iſt nur aufgeſchoben worden wegen der Miß Wallace, welche in tiefer Trauer iſt um ihren Gatten, den ſie in den Honigwochen verloren hat, was der Grund iſt, warum ſie noch ihren eigenen Namen trägt. Man ſagt mir, eine Wittwe, die ihren Gatten im Honigmonat verliere, müſſe ihren Familiennamen behalten; ſonſt würde Miß Mary Mrs. Van Goort oder ſo unge⸗ fahr heißen.“ 8 Da hieraus klar erhellte, daß die Nachbarſchaft Wenig von dem wahren Stand der Dinge in Herman Mordaunt's Familie wußte, nahm ich meinen Hut, und machte mich ſofort an die Ausführung des Vorhabens, womit ich von Haus weggeritten war. Es war mir unlieb zu hören, daß Bulſtrode in Lilaksbuſh ſey, ich fürchtete aber nicht, er werde je Anneke'n heirathen. Ich ſchlug den Weg nach den Anhöhen ein und erreichte bald das Feld, wo ich früher einmal den Ladies begegnet war. Hier ſah ich Bulſtrode, allein unter einem Baume ſitzend, wie es ſchien in tiefe Gedanken ver⸗ ſunken. Es gehörte nicht zu meinem Plane geſehen oder meine Anweſenheit bekannt werden zu laſſen, und ich wollte mich eben zurückziehen, als ich meinen Namen rufen hörte, ſah ich daß ich entdeckt war, und mich ihm nun näherte. Der erſte Blick auf Bulſtrode überzeugte mich, daß er die ganze Wahrheit wußte. Er erröthete, biß ſich in die Lippe, erzwang ein Lächeln, trat mir entgegen, nur gerade ſo viel hinkend, daß ſein Gang dadurch etwas Intereſſantes bekam, und bot mir die Hand hin mit einer männlichen offenen Treuherzigkeit, die ich ihm ſehr hoch anrechnete. Es war keine Kleinigkeit, Anneke Mordaunt zu ver⸗ lieren, und ich fürchte, ich hätte nicht halb ſo viel Großmuth an den Tag legen können. Aber Bulſtrode war ein Mann von Welt, und er wußte wenigſtens die Aeußerung ſeiner Gefühle, wo nicht ſeine Gefühle ſelbſt, zu beherrſchen. „Ich habe Euch einmal geſagt, Corny, wir müßten Freunde bleiben, coüte que coũte“ ſagte er, mir die Hand reichend;— „Ihr ſeyd glücklich geweſen und ich bin unterlegen. Herman Mor⸗ daunt hat mir die traurige Nachricht mitgetheilt, ehe wir Albany verließen; und ich kann Euch ſagen, ſein Bedauern war nicht ſo gar ſchmeichelhaft für Euch. Dennoch gibt er zu, daß Ihr ein kapitaler Kerl ſeyd, und daß, wenn nicht Alexander wäre, er wün⸗ ſchen könnte, daß Diogenes der Mann ſey. So habt Ihr Euch alſo nur mit einer Laterne und einer Tonne zu verſehen, Anneke'n zu heirathen und eine Haushaltung anzufangen. Was den ehelichen Mann be⸗ trifft, ſo beabſichtige ich, Euch einige Mühe zu erſparen, indem ich mich erbiete, dieſe Rolle zu übernehmen, noch ehe Ihr Euern Docht anzündet. Kommt, ſetzt Euch auf dieſe Bank und laßt uns plaudern.“ Es lag in all dieſem etwas ein wenig Erzwungenes, aber doch war es männlich. Ich ſetzte mich und Bulſtrode fuhr fort: „s war der Fluß, Corny, der Euer Glück gemacht und mir den Stein geſtoßen hat.“ Ich lächelte, ſagte aber Nichts, obwohl ich es beſſer wußte. „Es waltet ein Schickſal in der Liebe wie im Krieg. Nun, * V —— 607 ich bin nicht übler daran als Abercrombie; wir Beide hofften auf Sieg, während wir Beide beſiegt wurden. In der That bin ich noch glücklicher; denn er kann nicht erwarten, je wieder ein Heer zu bekommen, während ich wohl eine andre Frau bekommen kann. Ich wünſchte, Ihr wäret offen gegen mich und geſtündet mir, wel⸗ chem Umſtand insbeſondere Ihr Euern Triumph zuſchreibt.“ „Es iſt natürlich, Mr. Bulſtrode, daß ein junges Mädchen es vorzieht, lieber in ihrem Vaterlande zu wohnen, als in einem fremden Land und unter Fremden zu leben.“ 3 „Ja, Corny, das iſt ſowohl patriotiſch als beſcheiden geſpro⸗ chen; aber es iſt nicht der wahre Grund. Nein, Sir; es war Serub und die Theatergeſchichte, was mir den Stein geſtoßen hat. Bei den meiſten Leuten in der Provinz, Mr. Littlepage, iſt es eine hinlängliche Entſchuldigung für Alles, daß es von der Hauptſtadt gebilligt werde. So iſt es mit Euch Coloniſten im Allgemeinen; ſagt England Ja, ſo wagt Ihr nicht Nein! zu ſagen. Eines iſt, was Perſonen, die ſo fern vom Mutterlande wohnen, ſelten lernen, und das iſt: Es gibt zwei Arten von großer Welt; die große ge⸗ meine Welt, welche Alle in ſich begreift bis auf die wenigen Beſten und Ausgezeichnetſten nach Geſchmack, Grundſätzen und Benehmen, ſey es in einer Hauptſtadt oder in einem Lande; und die große reſpektable Welt, welche, unendlich weniger zahlreich, die Ein⸗ ſichtsvollen, die Unterrichteten, die Intelligenten, und in Betreff gewiſſer Fragen, die Rechtſchaffenen in ſich ſchließt. Die Erſten nun machen die Mode und Faſhion, während die Letztern etwas weit Beſſeres und Dauernderes hervorbringen als die Mode. Die Mode oder Faſhion ſteht oft beſchämt da vor der letztern Claſſe, ſo klein ſie auch immer der Zahl nach iſt. Sehr hoher Rang, ſehr verfei⸗ nerter Geſchmack, ſehr ſcharfes und kräftiges Urtheil und ſehr ge⸗ diegene Grundſätze— das Alles, in höherem oder minderem Maße, vereinigt ſich dieſe Claſſe zu bilden. Eine oder die andere dieſer Eigenſchaften mag vielleicht fehlen, aber die Verbindung von allen 608 bildet die Vollkommenheit des Charakters. Wir haben im Mutter⸗ land ſo wie anderswo täglich Beiſpiete hievon; obwohl es bei unſerm künſtlichen Zuſtand der Geſellſchaft entſchiedenere Eigenſchaften erfor⸗ dert um dem Einfluß der Faſhion zu widerſtehen, wenn nicht wirk⸗ licher Rang in der Geſellſchaft zu Hülfe kemmt, als bei einem natürlicheren Zuſtand der Fall wäre. Was mir, ſo wie den meiſten jungen Männern, zuerſt an Anneke'n auffiel, war die Zartheit ihrer Erſcheinung und ihre Schönheit. Das will ich nicht läugnen. In dieſer Hinſicht haben Eure Amerikanerinnen mich ganz überraſcht. In England ſind wir ſo gewohnt, eine gewiſſe Zartheit der Perſon und Haltung in Verbindung mit hohem Rang zu denken, daß ich, ich will es geſtehen, in New⸗York nicht mit der Erwartung landete, auch nur eine einzige Frau im ganzen Lande zu finden, welche nicht ihrem äußern Weſen nach verhaltnißmäßig plump, und was wir zu ſagen pflegen gemein wäre; aber jetzt muß ich ſagen, daß, abgeſehen von rein konventioneller Feinheit und Schliff ich ebenſo viel ariſtokratiſch ausſehende Frauen unter Euch finde, als wenn ihr eine ganze Menge Herzoginnen hättet. Am allerletzten würde ich mir einfallen laſſen, die amerikaniſcheu Frauen als plump zu bezeich⸗ nen. Es mag ihnen das Benehmen fehlen, in Einem Sinne; es mag ihnen der feine Schliff fehlen in hundert Dingen; es mag ihnen an der Gabe zu ſprechen fehlen, in dem Sinne, den man damit verbindet bei hochgebildeten Perſonen; aber ſelten ſind ſie in der That plump oder gemein, nach unſrem europäiſchen Begriffe dieſer Ausdrücke.“— „Und auf was zielt dieß Alles, Mr. Bulſtrode?“ „Ha, auf Euren Triumph und meine Niederlage, Corny, na⸗ türlich,“ verſetzte der Major lächelnd.„Was ich meine, iſt dieß: Anneke gehört zu der zweiten Elaſſe, oder, ſie iſt etwas Beſſeres, als wozu Mode und Faſbhion Einen machen können; und Serub iſt das Mittel geweſen, mich zu ruiniren. Sie kümmert ſich nicht um Faſhion, um den herrſchenden Ton, bei einem Schauſpiel, bei einem Roman und ſelbſt bei einem Anzug, ſondern ſie ſieht auf die Schick⸗ lichkeit. Ja, Serub hat mich ruinirt!“ Ich glaubte dieß nun nicht eigentlich; aber da ich Bulſtrode ſo geneigt ſah, ſeiner Abweiſung dieſe Wendung zu geben, ſo lag es mir nicht ob, ihm zu widerſprechen. Wir plauderten noch eine halbe Stunde aufs freundſchaftlichſte mit einander, worauf wir uns trenn⸗ ten; und Bulſtrode verſprach, das Geheimniß meiner Anweſenheit nicht zu verrathen. Ich verweilte im Angeſicht des Hauſes bis zum Abend, wo ich mich näher wagte, in der Hoffnung, mit einem Blick Anneke'ns anſichtig zu werden, wenn ſie an einem Fenſter vorbei gehe, oder bei dem milden Licht des Mondes auf der Piazza erſcheine, welche die ſüdliche Fronte des Hauſes umſchloß. Lilaksbuſh verdiente ſei⸗ nen Namen, denn es war eine förmliche Wildniß von Buſch⸗ und Strauchwerk; und unter dem begünſtigenden Schutz von dieſem war ich dem Hauſe ganz nahe gekommen, als ich leichte Schritte auf dem Kies eines nahen Ganges vernahm. Im nächſten Augenblick tönten mir weiche, ſanfte, leiſe Stimmen ins Ohr und ich ward gewiſſermaßen gezwungener Ohrenzeuge von Folgendem: „Nein, Anne, mein Schickſal iſt für dieſe Welt beſiegelt,“ ſagte Mary Wallace,„und ich werde als Guert's Wittwe ſo treu und ergeben leben, als wenn das Gelübde wirklich ausgeſprochen worden wäre. Das bin ich ſeinem Andenken ſchuldig wegen der herzloſen Zweifel, von welchen ich mich einnehmen ließ, und welche ihn in jene ſchrecklichen Scenen trieben, wo er den Tod fand. Wenn ein Weib wirklich liebt, Anneke, ſo iſt es, fürchte ich, vergeblich gegen irgend etwas Anderes anzukämpfen als gegen entſchiedene Unwürdig⸗ keit. Der arme Guert war in keiner Hinſicht unwürdig; er war ungeſtüm und Verirrungen ausgeſetzt, aber nicht unwürdig. Nein — nein— nicht unwürdig! Ich hätte ihm meine Hand geben ſol⸗ len, ſo wäre er uns wohl erhalten worden. So aber kann ich nur als ſeine Wittwe leben, in verborgener, ſtiller Liebe ſeines Anden⸗ Satanstoe. 39 610 kens. Du haſt gut daran gethan, liebſte Anneke, ſo offen gegen, Corny Littlepage zu ſeyn, und ihm die Neigung zu geſtehen, die du beinahe vom erſten Tag Eurer Bekanntſchaft an für ihn gefühlt haſt.“ Obgleich dieß Muſik für mein Ohr war, geſtattete mir doch die Ehre nicht, Mehr zu hören, und ich eilte raſch fort, machte aber in den Gebüſchen ein Geräuſch, welches der Sprechenden die Nähe eines Fremden verrieth. Es war jetzt eine Nothwendigkeit mich zu zeigen, und ich bemühte mich es zu thun, ohne ſie zu er⸗ ſchrecken. „Es muß Mr. Bulſtrode ſeyn,“ ſagte die ſanfte Stimme An⸗ neke’ns,„welcher uns wahrſcheinlich ſucht— ſieh, da kommt er und wir begegnen—“ Der holden Sprecherin verſagte plötzlich die Zunge den Dienſt; denn mittlerweile war ich nahe genug gekommen, um von ihr er⸗ kannt zu werden. Im nächſten Augenblick hielt ich ſie in meinen Armen. Mary Wallace verſchwand,— wie oder wann, vermag ich nicht zu ſagen. Ich ziehe einen Schleier über die nun folgende glückliche Stunde, indem ich es den Alten überlaſſe, das Bild der⸗ ſelben aus ihrer Erfahrung ſich zu veranſchaulichen und zuſammen zu ſetzen, und den Jungen, der Hoffnung eines ähnlichen Glückes zu leben. Nach Verfluß dieſer Zeit trat ich auf Anneke'ns Zureden in das Haus, und hatte von Herman Mordaunt's Geneigtheit, mich zu verſpotten, einen kleinen Sturm auszuhalten und abzuſchlagen. Ich ward jedoch nicht blos gnädig, ſondern auch gaſtlich behandelt, und Anneke'ns Vater lachte blos über mein kleines Abenteuer und ſagte, er ſehe es ganz günſtig, und als ein Zeichen an, daß ich ein Junge von Geiſt und Entſchloſſenheit ſey. Früh im Oktober wurden wir vermählt und der Hochwürdige Mr. Worden verrichtete die Trauung. Unſer Wohnſitz ſollte Li⸗ laksbuſh ſeyn, welches mir Herman Mordaunt an demſelben Tage abtrat, und es ganz ſo, wie es eingerichtet war, übergab. Er gab „ — 611 mir auch das mütterliche Vermögen meiner Frau, was uns ein anſtän⸗ diges Auskommen ſicherte, und bald darauf vermehrte der Tod von Kapitän Hugh Roger meine Mittel noch um ein Anſehnliches. Wir in Lilaksbuſh und die in der Stadt und auf Satanstoe bildeten nur Eine Familie, und Anneke und meine Mutter insbeſondere faßten eine innige Zuneigung für einander. Was Bulſtrode betrifft, ſo ging er vor der Hochzeit ins Mutter⸗ land ab, unterhält aber bis auf dieſe Stunde einen Briefwechſel mit uns. Er iſt noch immer unverheirathet und ein erklärter alter Junggeſelle. Seine Briefe jedoch ſind zu leichtmüthig, als daß wir uns darüber große Sorgen machen dürften,— aber das ſind Sa⸗ chen, die meinem Sohn Mordaunt zufallen, falls er die Gefällig⸗ keit hat, dieſe Familienerzählung fortzuſetzen. 22. nee — S Seecner c rz mo, ———— ÿ⅓