Leihbibliothek 8* ddeeutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur E von 8. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Keih und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends§ Uhr offen. 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 den angenommen. 3 5 4 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegenn eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende me hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt; 4 5 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Nr. Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mrk. Pf „ 1— 1„— 2— 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeldſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Fur beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und b defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern dc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 8 7.-Ausleihezeit. Dieſelbe 1 auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufm erkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. * b J. F. Cooper's 8 b Amerikaniſche Romane, neu aus dem Engliſchen übertragen. — Einundzwanzigſter Band. Die Heimkehr. Stuttgart. Verlag von S. G. Lieſching. 1845. — Die Heimkehr, oder die Verfolgung. Ein See⸗Roman von James Fenimore Cooper. Aus dem Engliſchen von Dr. Carl Kolb. „Canidius, erſcheint es Dir nicht ſeltſam, Daß von Tarent und Brindiſi ſo ſchnell Er kreuzen konnt' das Meer Joniens Und in Toryn' erſcheinen?“ Shakſpeare. Stuttgart. Verlag von S. G. Lieſching. 1845. 3 Schnellpreſſendruck von J. Kreuzer in Stuttgart. 1 A — * Vorwort. In gewiſſer Hinſicht bietet dieſes Buch eine Parallele zu Frank⸗ lins wohlbekanntem Gleichniſſe von dem Hutmacher und ſeinem Schilde. Es wurde in der einzigen Abſicht begonnen, den gegenwärtigen Zuſtand der Geſellſchaft in den Vereinigten Staaten zu ſchildern, und zwar theil⸗ weiſe durch eine Gruppe von verſchiedenen Characteren, die friſch von Europa herkamen und denen wohl die eigenthümlichen Züge des Landes weit mehr auffallen mußten, als ſolchen Perſonen, die ſtets unter dem Einfluſſe der dargeſtellten Verhältniſſe gelebt haben. Dem urſprünglichen Plane zufolge ſollte das Werk an der Schwelle unſres Vaterlands oder mit der Ankunft der Reiſenden zu Sandy Hook beginnen— einem Punkt, von dem aus die Geſchichte regelmäßig bis zum Schluſſe fortzugehen beſtimmt war. Die Berathung mit Andern hat jedoch dieſem Entwurfe nicht viel mehr gelaſſen, als von dem Schilde des Hutmachers zurück⸗ blieb, nachdem dieſer die Anſichten ſeiner Freunde eingeholt hatte. Da ſchon in dem erſten Kapitel ein Schiff vorkam, ſo lautete der ewige Ruf— „noch mehr Schiffsſeenen,“ bis zuletzt das Werk eine„einzige Schiffs⸗ ſcene“ wurde und in Wirklichkeit ungefähr an derſelben Stelle ſchloß, wo es der erſten Anlage zufolge hätte beginnen ſollen. In Folge dieſes VI Abweichens von dem urſprünglichen Plane des Autors, der übrigens bei allen Entwürfen zu Grunde gelegt blieb, wurde es nothwendig, die Erzählung entweder zwei geſonderte Werke durchlaufen zu laſſen, oder einen haſtigen ungenügenden Schluß anzuflicken— und wir haben es vorgezogen das Erſtere zu thun, indem wir hofften, daß das Intereſſe des Ganzen durch dieſe Einrichtung nicht weſentlich verkümmert werde. Sehr wahrſcheinlich werden manche Perſonen in Abrede zu ziehen geneigt ſeyn, daß alle die Umſtände, welche auf dieſen Blättern be⸗ rührt ſind, ein und daſſelbe Schiff betreffen konnten, obſchon ſie vielleicht ſich zu dem Zugeſtändniß verſtehen, ſie dürften ſich gar wohl auf mehreren verſchiedenen Schiffen zugetragen haben— ein Raiſonnement, das bei unſern Krittlern gar beliebt iſt. Auf dieſen Einwurf haben wir blos eine einfache Erwiederung zu geben. Ich fordre nemlich Diejenigen, die zum Mäkeln ein Recht zu haben glauben, heraus, das Logbuch des Londoner Paketboots Montauk beizubringen und wenn ſich darin auch nur ein einziger Satz finden läßt, der irgend einer von unſeren An⸗ gaben oder Thatſachen widerſpricht, ſo ſoll feierlich Widerruf geleiſtet werden. Kapitän Truck iſt in New⸗York eben ſo gut bekannt, als in London oder Portsmouth; auf ihn berufen wir uns alſo mit Zuverficht und erwarten von ihm die Beſtätigung alles deſſen, was wir geſagt haben, vielleicht einige gelegentliche Characterzeichnungen ausgenommen, die auf ihn ſelbſt Bezug haben. Was nun dieſe betrifft, ſo fordern wir Mr. Leach, namentlich aber Mr. Saunders zu einem unpartheiiſchen Zeugniß auf. Die meiſten unſerer Leſer werden wahrſcheinlich wiſſen, daß nicht Alles, was in einem New⸗Yorker Journal erſcheint, nothwendigerweiſe ein Evangelium iſt. Es kommen hin und wieder— allerdings zweifeln wir nicht, daß dies nur nach ſehr langen Zwiſchenräumen der Fall iſt, — einige kleine Abweichungen von den Thatſachen vor, und es darf 82 . VII gewiß nicht überraſchen, wenn bisweilen Umſtände ausgelaſſen bleiben, die ebenſo wahr ſind, als andere, welche vor der Welt auspoſaunt werden. Es iſt daher keine ſtichhaltige Einwendung gegen die Vorfallen⸗ heiten unſerer Geſchichte, wenn man vorbringt, daß eine oder die andere derſelben nicht in die regelmäßigen Marine⸗Tagblätter aufgenommen wurde. Von Seite des amerikaniſchen Leſers läßt ſich noch ein anderer ernſtlicher Einwurf gegen dieſes Werk vorausſehen. Der Autor hat ſich bemüht, für Ereigniſſe, die ſo veraltet ſind, als es durch zwei Jahre geſchehen kann, um Intereſſe zu werben, obſchon er wohl weiß, daß es, um mit dem Zuſtande einer Geſellſchaft gleichen Schritt zu halten, in der es kein Geſtern gibt, beſſer geweſen wäre, dem Gang der Dinge vorzugreifen und den Schauplatz der Erzählung um zwei Jahre in die Zukunft hinein zu rücken. Es ſteht jedoch zu hoffen, daß die öffentliche Stimmung kein Aergerniß nehmen wird an dieſem Anflug von Alter⸗ thum, um ſo weniger, da der Verlauf der Erzählung dem Heute bis auf ein Jahr nahe rückt. Um mit dem Wichtigſten zu beginnen: der Montauk ſelbſt, der vordem alſo„ſplendid“ und bequem galt, iſt bereits durch ein neues Schiff aus der öffentlichen Gunſt verdrängt; denn in Amerika iſt die Herrſchaft eines populären Paketſchiffs, eines populären Predigers oder was immer für einer populären Sache durch einen nationalen Esprit de corps auf eine Friſt beſchränkt, die um ein weſentliches kürzer iſt, als ein Luſtrum. Dies finde ich übrigens nicht mehr wie billig, denn der Wechſel der Gunſt iſt augenſcheinlich eine eben ſo unumgängliche con⸗ ſtitutionelle Nothwendigkeit, als der Wechſel in den Aemtern. Merkwürdigkeitshalber müſſen wir bemerken, daß Kapitän Truck noch immer populär iſt— ein Umſtand, welchen er ſelbſt der That⸗ ſache zuſchreibt, daß er ſich noch des ledigen Standes erfreut. Toaſt iſt befördert und figurirt als Hauptperſon in einer Speiſe⸗ VIII kammer, die der ſeines großen Meiſters ni betrachtet das Aufkommen ſeines Zöglings ſo ziemlich mit denſelben Blicken, mit welchen Karl XII. von Schweden nach der Schlacht bei Pultawa den 5 Schritten ſeines großen Nebenbuhlers Peter folgte. Mr. Leach raucht nun ſeine eigene Cigarre und erläßt ſeine eigenen Befehle von einer Affenregeling, da ſein Platz in der Poſtſchifflinie 1 durch ſeinen vormaligen„Dikey“ erſetzt iſt. Er ſpricht zwwar immer von ſeinem großen Model als von einer ziemlich veralteten Sache, trägt aber dabei ſtets den Mann zur Schau, der ſeiner Zeit Verdienſte hatte, obſchon nicht gerade ſo, wie es heut zu Tage Mode iſt. Zwei Jahre ſind eine lange Periode in einem ſo thatkräftigen Lande, wie Amerika, wo nichts ſtille zu ſtehen ſe ſcheint, als das Alter der Leib⸗ rentenbeſitzer und Ausdinger; aber ungeachtet dieſe chts nachgibt, und Letzterer r kleinen Veränderungen, welche von einem ſo großen Zeitſprunge vielleicht unzertrennlich ſind, hatte ſich doch unter den Hauptperſonen dieſes Buchs eine herzliche Zuneigung gebildet, welche wahrſcheinlich die gemeinſame Reiſe über⸗ leben und nicht ermangeln wird, die meiſten derſelben in der Folge wieder zuſammenzuführen. April, 1838. Erſtes Kapitel. Ein trauliches Gemach ſteht zu Gebot, Darin du ruhen ſollſt und Dich erfriſchen; Dann ſprechen wir ein Weit'res von der Sache. Orra. Vie Küſte von England iſt zwar unendlich ſchöner, als die unſrige, zeichnet ſich aber doch mehr durch ihr Grün und den Cha⸗ rakter der Civiliſation, den ſie trägt, als durch ihre natürliche An⸗ muth aus. Die Kalkklippen mögen einem Amerikaner wohl kühn und edel erſcheinen; aber in Vergleichung mit den Granitmaſſen, welche das mittelländiſche Meer begrenzen, ſind ſie doch bloße Maul⸗ wurfhaufen, und wer viel gereiſt iſt, ſucht ſtatt ihrer die Schönhei⸗ ten in den zurückweichenden Thälern, in den belaubten Gehägen und in dem Gewühl der Städte, welche über die fruchtbare Inſel hin⸗ geſät ſind. Auch iſt Portsmouth, wenn man blos das Maleriſche in Betracht zieht, kein ſehr lieblicher britiſcher Hafen. Eine Stadt, auf einem beſcheidenen Vorſprung gelesen und nach Weiſe der Nie⸗ derlande befeſtigt, erinnert, trotz ihres trefflichen Ankergrundes, doch mehr an das Nützliche als an das Angenehme, während ein Hinter⸗ grund von allmählig zurückweichenden Hügeln wenig mehr bietet, als die grünen Thäler des Landes. In dieſer Hinſicht beſitzt Eng⸗ land eher die friſche Schönheit der Jugend, als die milderen Farben einer gereifteren Lebensperiode; oder beſſer geſprochen, man findet hier im Gegenſatze von den wärmeren Tinten Spaniens und Italiens Die Heimkehr. 1 dieſelbe jugendliche Friſche und züchtige Anmuth, durch welche ſich Al⸗ bions Frauen auszeichnen— ein Geſchlecht, das man, wie die Land⸗ ſchaft ſelbſt, näher betrachten muß, um es würdigen zu können. Gedanken, wie dieſe, erfüllten den Sinn eines Reiſenden, der auf dem Decke des Packetbootes Montauk ſtand und die Ellenbogen auf die Halbdeckregelingen aufſtutzte, während er die Küſte betrach⸗ tete, die ſich ſtundenweit gen Oſten und Weſten vor ihm ausbreitete. Die Art, wie dieſer Gentleman, deſſen Haare bereits mit Grau ge⸗ ſprenkelt waren, die Landſchaft muſterte, deutete mehr auf die Ge⸗ dankenfülle der Erfahrung und einen durch Beobachtung veredelten Geſchmack, als man dies gewöhnlich unter den Alltagscharakteren findet, welche in faſt jeder Lebensſtellung die Mehrzahl bilden. Die Ruhe ſeiner Haltung und eine Miene, die nichts von der Verwun⸗ derung oder Anmaßung eines Neulings in ſich trug, hatten ihn von dem Augenblicke an, als er ſich in London nach dem Platze ein⸗ ſchiffte, an welchem wir ihn in der vorerwähnten Stellung ſehen, ſo ſehr ausgezeichnet, daß mehrere Matroſen Stein und Bein ſchwo⸗ ren, er ſey ein verkleideter Kriegsſchiffmann. Auch ſchien das blond⸗ haarige, liebliche, blauäugige Maͤdchen an ſeiner Seite nur ein ſanf⸗ ter Widerſtrahl ſeines Geiſtes, ſeiner Bildung und ſeiner Empfin⸗ dungen zu ſeyn, indem ſich zugleich in ihrem ganzen Weſen die Argloſtgkeit und Einfalt ausſprach, welche ihrem Geſchlecht und ihren Jahren ziemte. „Wir haben ſchon edlere Küſten geſehen, Eva,“ ſagte der Gent⸗ leman, ihren Arm, der in dem ſeinigen ruhte, an ſich drückend; „aber dennoch wird England ſtets ſchön ſeyn für ein amerikani⸗ ſches Auge.“ „Beſonders wenn ſich dieſes Auge noch im achtzehnten Jahr⸗ hundert zum erſtenmale dem Lichte öffnete, Vater.“ „Deine Erziehung wenigſtens, mein Kind, iſt frei geblieben von dem Einfluſſe der National⸗Schwaͤchen, wie ſchlimm immer das Geſchick mir mitgeſpielt haben mag. Und doch— ich glaube, auch 3 Du mußt in dieſem Lande ſowohl, als an dieſer Küſte viel geſehen haben, was der Bewunderung würdig iſt.“ Eva Effingham blickte einen Moment in das Auge ihres Va⸗ ters und ſetzte, weil ſie bemerkte, daß er im Scherze ſprach, ohne daß eine Wolke ein Antlitz beſchattete, das in ſeinen Empfindungen ſo viel zu wechſeln pflegte— die Unterhaltung fort, welche in der That erſt durch die oben erwähnte Bemerkung aufgenommen wor⸗ den war. „Ich habe meine Erziehung, wie man es nennt, aus ſo vielen Orten und Ländern zuſammengeholt,“ entgegnete Eva lächelnd,„daß es mir bisweilen vorkömmt, ich ſey zu einem Weibe geboren, wie meine große Stammmutter und Namensſchweſter, die Mutter Abels. Wenn ein Lehrer⸗Congreß, aus allen Nationen zuſammengeleſen, jemand über Vorurtheile erheben kann, ſo darf ich zuverläſſig be⸗ haupten, daß ich mich dieſes Vortheils erfreue; nur fürchte ich, daß ich in meinem Bemühen, meine Anſichten liberal zu bilden, außer dieſem Zwecke nicht viel weiter erreicht habe.“ Mr. Effingham blickte voll väterlicher Zärtlichkeit, in welche ſich augenſcheinlich auch väterlicher Stolz miſchte, auf das Antlitz ſeiner Tochter und erwiederte in der Augenſprache, ohne daß die Zunge dem Gefühle Laut gab:„dies iſt eine Beſorgniß, liebes Kind, die Niemand mit Dir theilen wird.“ „Ja, wohl haben zu dieſem Congreß alle Nationen beigetragen,“ murmelte eine andere Stimme in der Nähe des Vaters und der Tochter.„In der Muſik haben Euch ſieben Lehrer aus eben ſo vielen verſchiedenen Staaten unterrichtet; dazu kömmt noch beſonders die letzte Feile auf der Guitarre von einem Spanier, Griechiſch von einem Deut⸗ ſchen, die lebenden Sprachen von den beſten europäiſchen Lehrern, Philoſophie durch Anſchauung der Welt— und nun Ihr den Kopf voll Gelehrſamkeit, die Finger voll Griffe, die Augen voll Tinten und auch eine recht ammuthige Figur habt, nimmt Euch Euer Vater wieder nach Amerika zurück, um„Eure Lieblichkeit in der Luft der Einöde hinwelken zu laſſen.““ „Wenigſtens poetiſch ausgedrückt, wenn auch nicht richtig ge⸗ dacht, Vetter Jack,“ entgegnete Eva lachend;„aber Ihr habt ‚das Herz voll Liebe für das Land meiner Geburt⸗ beizufügen vergeſſen.“ „Das wird ſich am Ende zeigen.“ „Am Ende, wie im Anfang— jetzt und immerdar.“ „Im Anfang iſt alle Liebe ewig.“ „Traut Ihr denn der Beſtändigkeit eines Frauenzimmers gar nichts zu? Glaubt Ihr, ein Mädchen von Zwanzig könne ihr Ge⸗ burtsland, das Land ihrer Väter oder— wie Ihr es ſelbſt zu nennen pflegt, wenn Ihr in guter Stimmung ſeyd— das Land der Freiheit vergeſſen?“ 3 „An Euch wird ſie ein ſauberes Freiheitspröbchen haben!“ entgegnete der Vetter ſpoͤttiſch.„Nachdem Ihr Eure Mädchenjahre unter dem geſunden Zwange einer vernunftmäßigen europäiſchen Geſellſchaft verbracht habt, wollt Ihr jetzt zurückkehren zu der Sklaverei des amerikaniſchen Frauenlebens, welches in demſelben Augenblicke beginnt, in welchem Ihr in den Cheſtand tretet.“ „In den Eheſtand, Mr. Effingham?“ „Ich denke, dieſe Kataſtrovhe könnte eintreten— früher oder ſpäter; und bei einem Mädchen von Zwanzig iſt ſie weit wahr⸗ ſcheinlicher, als bei einem von Zehn.“ „Mr. John Effingham iſt aus Ermangelung einer gelegen kommenden Thatſache noch nie in einem Streite zu kurz gekommen, meine Liebe,“ bemerkte der Vater, um den kurzen Wortwechſel zu einem Schluſſe zu bringen.„Doch da nähern ſich die Boote; wir wollen uns ein wenig zurückziehen und das Gemiſch von Perſonen betrachten, mit denen wir wohl im Laufe eines Monats auf einen vertraulichen Fuß zu ſtehen kommen werden.“ „Da köͤnnteſt Du eben ſo gut ein einſtimmiges Verdikt über einen Mord erzielen,“ murmelte der Vetter. 5 Mr. Effingham führte ſeine Tochter in das Sturm⸗ oder Kut⸗ ſchenhaus, wie man es ſeltſamerweiſe auf Packetbooten gewöhnlich zu nennen pflegt, und ſie blieben die nächſte halbe Stunde auf dem Halbdecke, um das rührige Treiben der Paſſagiere zu beobachten. Wir benützen dieſen Zwiſchenraum, um unſerem Bilde einige der ſtärkeren Lichter aufzutragen, indem wir die Ausführung der wei⸗ cheren Tinten und Schatten der Manier überlaſſen, in welcher der Künſtler„ſeine Geſchichte vorträgt.“ Edward und John Effingham waren Bruderskinder, miteinander an dem gleichen Tage geboren, und hatten leidenſchaftlich daſſelbe Mädchen geliebt, welches dem erſt Genannten den Vorzug ſchenkte und ſtarb, nachdem ſie Eva das Leben gegeben. Ungeachtet ihrer Ne⸗ benbuhlerſchaft waren die Vetter aufrichtige Freunde geblieben, und dies wahrſcheinlich um ſo mehr, weil ſie in natürlicher Sympathie wechſelſeitig den gemeinſamen Verluſt betrauerten. Sie hatten in der Heimath lange beiſammen gelebt, hatten miteinander viele Reiſen gemacht und waren nun im Begriffe, nach einer Abweſenheit von — ja, wir können ſagen zwölf Jahren, in das Land ihrer Geburt zurückzukehren. Allerdings hatten ſie in dieſer langen Zeit einige kurze— John nicht weniger als fünf— Beſuche in Amerika gemacht. Unter den beiden Vettern ſprach ſich eine ſo große Familien⸗ ahnlichkeit aus, daß man ihr Aeußeres kaum zu unterſcheiden ver⸗ mochte, obſchon es kaum möglich war, daß, wenn man ſie getrennt ſah, zwei menſchliche Weſen auf einen blos zufälligen Beobachter einen entgegengeſetzteren Eindruck übten. Beide waren groß, ſchoͤn und von gebieteriſcher Haltung, dagegen das Weſen des Einen ge⸗ winnend, das des Andern aber, wenn auch nicht gerade abſchreckend, ſo doch abgemeſſen und entfremdend. Die edlen Umriſſe in Edward Effinghams Geſichte waren bei John zu einer kalten Strenge er⸗ ſtarrt; die gebogene Naſe des Letzteren ſchien etwas Adlerartiges und Feindſeliges in ihrer Krümmung auszudrücken— ſeine zuſam⸗ mengepreßten Lippen verriethen kalten Spott und das ſchön gebildete klaſſiſche Kinn— ein Zug, deſſen ſich die ſächſiſche Race ſelten zu rühmen hat— trug das Gepräge einer ſtolzen Geringſchätzung, die in der Regel Fremde bewog, ihn zu vermeiden. Eva zeichnete mit großer Gewandtheit und Treue; auch beſaß ſie, wie ihr Vetter richtig bemerkt hatte, ein Auge„voll von Tinten.“ Oft und viel⸗ mal hatte ſie die theuren Geſichter ſkizzirt, aber nie ohne ſich zu wundern, worin denn eigentlich der große Unterſchied beſtand, den ſie ihren Zeichnungen nie einzuverleiben vermochte. Freilich hätte auch die feine charakteriſtiſche Eigenthümlichkeit von John Effing⸗ hams Zügen die Geſchicklichkeit eines Mannes, der ſein ganzes Le⸗ ben dem Studium der Kunſt weihte, in Verlegenheit geſetzt, und es iſt deshalb nicht zu verwundern, daß die zwar anmuthige, aber doch nicht tiefe Technik der ſchönen jungen Malerin ganz und gar daran zu Schanden wurde. Allle die Linien, welche ihren Vater ſo gewinnend und angenehm machten— ein Charakter der ſich eher fühlen, als im Begriff verkörpern ließ— waren bei dem Vetter kühn markirt und, wenn uns der Ausdruck erlaubt iſt, in Folge innerer Leiden und getäuſchter Hoffnungen marmorartig erſtarrt. Die beiden Verwandten waren reich; die Art ihres Reich⸗ thums war aber eben ſo verſchieden wie ihre Charaktere. Edward Effingham beſaß ein großes Erbeigenthum, das eine gute Rente abwarf und ihn mit warmer Zuneigung an die Fluren und Ströme Amerikas knüpfte, während der noch reichere John, an den ein ö großes Handelskapital gefallen war, nicht ſoviel Grund und Boden beſaß, um darin begraben werden zu können. Wie er zuweilen ſpottend zu ſagen pflegte,„ſtack ſein Gold in Corporationen, die eben ſo ſeelenlos waren, als er ſelbſt.“ Gleichwohl war John Effingham ein Mann von gebildetem Geiſt, und wußte ſeine Manieren je nach den Verhältniſſen, die ſein ausgedehnter Verkehr in der Welt mit ſich brachte,— oder vielmehr nach ſeinen Launen zu ändern. Gerade in letzterer Be⸗ ziehung unterſchied er ſich vorzugsweiſe von Edward Effingham, 7 deſſen äußeres Benehmen eben ſo gleichförmig war, wie ſeine Ge⸗ müthsſtimmung, obſchon auch er ſich durch umfaſſende Weltkenntniß auszeichnete. Die beiden Gentlemen hatten ſich am 1. October, ihrem fünfzigſten Geburtstage, in dem nach New⸗York beſtimmten Packet⸗ boote eingeſchifft: denn ihre Ländereien und Familienbeſitze lagen in dem Staate des gedachten Namens, in welchem ſämmtliche bereits aufgeführte Perſonen das Licht erblickt hatten. Die Kajüten⸗Paſſa⸗ giere der Londoner Packetſchiffe pflegen ſonſt nicht in den Docken an Bord zu gehen; aber Mr. Effingham— wie wir den Vater im Allgemeinen bezeichnen wollen, um ihn von dem Hageſtolz John zu unterſcheiden— hatte ſich als alter, erfahrener Reiſender vor⸗ genommen, ſchon im glatten Waſſer ſeine Tochter mit den eigen⸗ thümlichen Gerüchen eines Schiffes vertraut zu machen, um ſie gegen die Seekrankheit zu ſchützen, obſchon ſich zuletzt heraus ſtellte, daß ſie auffallenderweiſe keine Diſpoſition für dieſes Leiden hatte. Sie waren daher ſchon drei Tage an Bord, als das Schiff vor Portsmouth Anker warf— dem Punkte, wo die übrigen Rei⸗ ſenden an demſelben Tage, an welchem wir unſere Erzählung beginnen, ſich einzufinden hatten. Eben damals lag der Montauk mit drei gelöſten Marsſegeln, aufgegeiten großen Segeln und mit allen jenen Zeichen der Vor⸗ bereitung, welche den Landbewohner ſo ſehr verwirren, obſchon ſie der Matroſe ſo gut verſteht, als nur Worte etwas auszudrücken vermögen, etwa eine Stunde vom Lande ab auf windſtillem Grunde vor einem einzelnen Anker. Der Kapitän hatte nichts anderes mehr zu thun, als die Paſſagiere an Bord zu nehmen und ſeine Fleiſch⸗ und Gemüſevorräthe zu erneuern— Dinge, an die man auf dem Lande ſo gewöhnt iſt, daß man ſelten anders daran denkt, als wenn man ſie vermißt, obſchon ſie während einer Fahrt von mehreren Wochen eine große Bedeutſamkeit gewinnen. Eva hatte ihre drei Probetage ſehr nützlich verwendet, da ſie, mit Ausnahme ihrer beiden Verwandten, der Schiffsoffiziere und einer weiteren Perſon dieſe ganze Zeit über im ruhigen Beſitz aller der großen, um nicht zu ſagen prächtigen Kajüten geweſen war. Allerdings hatte ſie eine weibliche Dienerin bei ſich; aber ſie war an dieſelbe von Kindheit an gewöhnt, und Nanny Sidley— wie ihre frühere Wärterin und nunmehrige Kammerjungfer hieß— ſchien ſo ganz und gar ein Theil ihrer Gebieterin zu ſeyn, daß letztere ihre Ab⸗ weſenheit faſt ebenſoſehr wie den Mangel einer Hand oder eines Fußes gefühlt haben würde. Ein kurzes Wort über dieſen treff⸗ lichen und treuen Dienſtboten wird daher in den vorläufigen Er⸗ örterungen nicht am unrechten Orte ſeyn. Anna Sidley war eines jener ausgezeichneten Weſen, die man, wie europäiſche Reiſende zu ſagen pflegen, in ganz Amerika nicht findet und die, obſchon ſie allerdings weniger zahlreich vorkommen, als zu wünſchen wäre, in ihrer Art nicht beſſer ſeyn könnten. Sie war in dienſtlichen Ver⸗ hältniſſen geboren, hatte ſtets in denſelben gelebt und war es völlig zufrieden, auch als dienende Perſon zu ſterben— und dies noch obendrein in einer und derſelben Familie. Wir wollen uns nicht auf eine tiefere Unterſuchung der Gründe einlaſſen, welche die alte Anna zu der Ueberzeugung gebracht hatten, daß ſie ſich in einer Stellung befand, welche mehr geeignet war, ſie glücklich zu machen, als irgend eine andere in ihrem Bereiche; aber ſie fühlte dieſelbe, wie John Effingham ſich auszudrücken pflegte,„vom Wirbel bis zur Zehe.“ Die Jahre der Kindheit und des Mädchenalters hatte ſte bis zu denen der gereiften Entwickelung pari passu mit Evas Mutter verlebt; denn ſie war die Tochter eines Gärtners, der im Dienſte der Familie geſtorben war, und hatte genug Herz, um zu fühlen, daß die gemiſchten Verhältniſſe einer civiliſirten Geſellſchaft, wenn man ſie gehörig verſtand und zu würdigen wußte, weit mehr Glück bringen, als das gemeine Ringen, das in dem Zuſammen⸗ fluſſe einer wanderluſtigen und unſtäten Bevölkerung der Lieblichkeit und den Grundſätzen des amerikaniſchen Lebens ſo großen Abtrag .— ——=———— à——— 10—.— V—= n N en e E o G —— /ð2 n 9 thut. Nach dem Tode von Evas Mutter hatte ſie ihre Zuneigung auf das Kind übergetragen und in zwanzig Jahren eifriger Pflege ihren Schützling ſo lieb gewonnen, als wäre ſie die natürliche Mutter deſſelben geweſen. Indeß war Nanny Sidley weit beſſer geeignet, für Eva's Koͤrper zu ſorgen, als für ihren Geiſt, weshalb letztere in einem Alter von zehn Jahren der Leitung einer trefflichen Gouvernante übergeben wurde— eine Maßregel, in deren Folge die Wärterin beſcheiden und ruhig zu den Verrichtungen eines Dienſtmädchens zurücktrat. Am ſchwerſten wurde ihr das„Kreuz“— wie ſich die arme Nanny auszudrücken pflegte— als Eva in einer Sprache zu reden begann, die ſie ſelbſt nicht verſtehen konnte; denn ungeachtet der beſten Abſichten von der Welt und einer zwölfjährigen Gelegenheit hatte es die gute Perſon doch nie ſo weit bringen können, ſich etwas von den fremden Zungen anzueignen, die ihr junger Pfleg⸗ ling ſo ſchnell erlernte. Als eines Tages Eva ſich mit ihrer Lehrerin in einem lebhaften und heiteren italieniſchen Geſpräche erging, konnte ſich Anna unmoͤglich mehr halten, ſondern riß im eigentlichen Sinne des Wortes das Mädchen an ihre Bruſt, brach in Thränen aus und bat ſie flehentlich, ſich doch nicht ganz ihrer armen alten Wärterin zu entfremden. Eva's Liebkoſungen und Bitten brachten zwar das gute Geſchöpf bald zum Bewußtſeyn ihrer Schwäche; aber das natuͤrliche Gefühl war ſo ſtark, daß es mehrjähriger aufmerkſamer Beobachtung bedurfte, um ſie mit den tauſend trefflichen Eigenſchaften von Mademoiſelle Viefville zu ver⸗ ſöhnen— denn ſo hieß das Frauenzimmer, welches in letzter Zeit mit der Leitung von Miß Effinghams Erziehung betraut war. Dieſe Mademoiſelle Viefpville befand ſich gleichfalls unter den Paſſagieren und war die weitere Perſon, welche gemeinſchaftlich mit Eva und ihren Verwandten die Kajüte einnahm. Sie war die Tochter eines franzöſiſchen Offiziers, der in einem der Napo⸗ leoniſchen Feldzüge den Tod gefunden, hatte in einer der bewunde⸗ 10 rungswürdigen Anſtalten, welche wahre Lichtpunkte in der grauſamen Geſchichte des Eroberers bilden, eine treffliche Erziehung genoſſen, und ſtand jetzt in einem Alter, das ihr möglich gemacht hatte, bereits zwei junge Perſonen, von denen die letztere Eva Effingham war, heranzubilden. Zwölf Jahre innigen Umgangs mit ihrem Zögling hatte ſie denſelben ſo lieb gewinnen laſſen, daß ſie den Bitten des Vaters nachgab, das Maädchen nach Amerika zu begleiten und das erſte Probejahr bei ihr auszuhalten— denn ein ſolches mußte es wohl für eine junge Dame von der Erziehung ſeines Kindes ſeyn, welchem in der neuen Welt ein ganz neuer geſell⸗ ſchaftlicher Zuſtand entgegentrat. Es iſt ſo viel über franzoͤſiſche Erzieherinnen geſprochen und geſchrieben worden, daß wir dem Gegenſtande nicht vorgreifen, ſondern im Laufe unſerer Erzählung dieſe Dame für ſich ſelbſt reden und handeln laſſen wollen. Ohnehin liegt es nicht in un⸗ ſerer Abſicht, uns in dieſen einleitenden Bemerkungen allzuſehr über unſere Charaktere zu verbreiten, und da wir jetzt die Hauptumriſſe entworfen haben, ſo kehren wir zu dem natürlichen Lauf der Er⸗ eigniſſe zurück, indem wir hoffen, der Leſer werde im Fortgang unſerer Geſchichte ſchon beſſer mit den betreffenden Perſonen be⸗ kannt werden. Zweites Kapitel. Graf Freßbauch und Graf Geier, Baron von Eſelsſchreier, Der Marſchall Kupferfratz, Die gnädige Frau von Katz. Bad⸗Wegweiſer. Das Eintreffen der Paſſagiere auf einem Packetſchiff hat jedesmal für alle Betheiligten großes Intereſſe, namentlich aber, wenn die Fahrt nach dem Weſten geht, die füglicherweiſe nie kürzer, als zu einem Monat angeſchlagen werden kann; denn man hat in 11 einem ſolchen Falle die Ausſicht, dieſe ganze Zeit über in dem engen Naume eines Schiffes mit Leuten zuſammengeſperrt zu ſeyn, wie ſie der Zufall zuſammenführte, und ſich in alle Launen und Ei⸗ genheiten der verſchiedenen Charaktere zu ſchmiegen, der Verſchieden⸗ heiten in Nationalität, Lebensſtellung und Erziehung gar nicht zu gedenken. Allerdings gilt das Halbdeck als eine Art Local⸗Auezeich⸗ nung, und die armen Geſchöpfe im Volkslogis ſcheinen für die Zeit der Fahrt von der Vorſehung ganz hintangeſetzt zu ſeyn; aber Alle, welche das Leben kennen, werden leicht begreifen, daß das bunte Durch⸗ einander der Kajüten Leuten von Bildung und Geſchmack ſelten viel Lockendes bieten kann. Dagegen findet ſich übrigens eine eigen⸗ thümliche Quelle der Beruhigung: die Meiſten ſind nämlich geneigt, ſich mit dem löblichen und zeitgemäßen Wunſche, Andern den Auf⸗ enthalt angenehm zu machen, um ſelbſt auch die Fahrt nicht allzu ungemächlich finden zu müſſen— in die Verhältniſſe, wie ſie ein⸗ mal ſind, zu fügen. Als ein Mann von Weltkenntniß und Bildung hatte Mr. Ef⸗ fingham dieſer Reiſe um ſeiner Tochter willen nicht ohne große Beſorgniß entgegengeſehen; denn ſein Zartgefühl ließ ihn nur mit Bangen an die Nothwendigkeit denken, ein Weſen von ihrer edlen und bildſamen Einfachheit dem rauhen Verkehr mit einer Schiffs⸗ geſellſchaft ausſetzen zu müſſen. Die drei erſten Probetage hatten ihm übrigens Manches von ſeiner Beklommenheit benommen, da er Eva unter ſeiner, Mademoiſelle Viefvilles, Nanny's und Johns Be⸗ wachung in guter Obhut ſah, und er nahm jetzt einigermaßen mit der Sicherheit eines Mannes, der in ſeinen vier Pfählen verſchanzt iſt, ſeine Stellung in Mitte der eigenen Familie, um die neuen Ankömmlinge zu beobachten. Der Platz, den ſie an einem Fenſter des Sturmhäuschens einnahmen, geſtattete ihnen keine Ausſicht nach dem Meere; indeß war aue den Vorbereitungen, die auf dem Gange der Landſeite 12 ſtattfanden, zureichend zu erkennen, daß die Boote nahe genug waren, um einen Blick auf das Waſſer unnöthig zu machen. „Genus— Londoner; species— Muſterkartenreiter,“ mur⸗ melte John Effingham, als der erſte Ankömmling das Deck betrat. „Dieſer Ehrenmann hat blos den Korb einer Kutſche gegen das Deck eines Packetſchiffes vertauſcht. Wir werden nun bald erfah⸗ ren, wie hoch die Knöpfe im Preiſe ſtehen.“ Es bedurfte keines Naturforſchers, um die species des Frem⸗ den richtig zu beſtimmen, obgleich John Effingham in ſeiner Schil⸗ derung ein bischen ſchäͤrfer zu Werke ging, als durch den That⸗ beſtand gerechtfertigt wurde. Die fragliche Perſon gehörte in die Claſſe der Handelsagenten, welche England ſo reichlich über die ganze Welt ausſtreut und von denen einige die meiſten gediegenen Eigenſchaften ihrer Nation beſitzen, obgleich vielleicht die Mehrzahl ein wenig geneigt iſt, den Werth anderer Leute eben ſo ſehr zu verkennen, als den eigenen. Dies war das genus, wie John Ef⸗ fingham ſich ausgedrückt hatte, die species übrigens wird ſich am beſten aus der Zergliederung ergeben. Der Schiffsherr begrüßte dieſen Mann herzlich und wie einen alten Bekannten unter dem Namen Monday. „Ein wiedererſtandener Mousquetair,“ ſagte Mademoiſelle Vief⸗ ville in ihrem gebrochenen Engliſch, als ein anderer Mann, wel⸗ cher mit dem vorerwähnten in dem gleichen Boote angelangt war, ſein ſchnurr⸗ und backenbärtiges Geſicht über das Geländer des Ganges erhob. „Wahrſcheinlicher ein Barbier, der ſeinen eigenen Kopf in einen Perückenſtock umgewandelt hat,“ brummte John. „Wahrhaftig, er wird doch kein verkleideter Wellington ſeyn,“ fügte Mr. Effingham mit einem Spotte bei, der bei ihm ganz un⸗ gewöhnlich war. 4 „Oder ein Peer des Reichs in ſeiner Standestracht!“ flüſterte Eva, beluſtigt über die ausgeſuchte Toilette des Gegenſtands ihrer 13 Bemerkungen, der, von einem Matroſen unterſtützt, die Leiter heran⸗ ſtieg und, nachdem er mit dem Schiffsmeiſter geſprochen, ſeinem Bootsgefährten förmlich als Sir George Templemore vorgeſtellt wurde. Die beiden trieben ſich einige Minuten auf dem Halbdecke umher und verdankten bei dieſer Gelegenheit dem fleißigen Gebrauch ihrer Augengläſer unterſchiedliche Unannehmlichkeiten, da ſie mit ihren Beinen gegen verſchiedene Gegenſtände anſtießen, welche ſie ſonſt wohl hätten vermeiden konnen. Indeß waren beide zu fein gebildet, um ihren Schmerz kundzugeben— oder meinten es we⸗ nigſtens zu ſeyn, was dem Zwecke eben ſo gut entſprach. Nach dieſem Schwadroniren ſtiegen ſie mit einander nach der Kajüte hinunter, ohne übrigens ihre Blicke von der Geſellſchaft in dem Sturmhäuschen, namentlich aber von Eva zu verwenden, die ſie, zum großen Aergerniß der alten Anna, vorzugsweiſe zum Gegenſtand ihrer unverhohlenen Beobachtung und Bewunderung gemacht hatten. r. „Man kann ſich einigermaßen freuen, wenn man hoffen darf, gegen die lange Weile einer Seefahrt eine derartige Abhülfe zu finden,“ ſagte Sir George, als ſie die Treppen hinabſtiegen. „Ohne Zweifel ſeyd Ihr an dergleichen Dinge gewöhnt, Mr. Mon⸗ day; aber bei mir iſt's die erſte Reiſe— das heißt, wenn ich die Fahrten auf dem Kanal und auf den Meeren ausnehme, die man auf der gewöhnlichen europäiſchen Tour mitnehmen muß.“ „O Himmel, ich gehe und komme ſo regelmäßig, wie die Tag⸗ und Nachtgleichen, Sir George, die, wie Ihr wißlt, des Jahrs einmal zutreffen. Auch nenne ich meine Fahrten ſo, denn ich mache mir's gewiſſenhaft zur Pflicht, ſtets juſt zwölf Stunden von den vierundzwanzig in meinem Berth zuzubringen.“ Dies waren die letzten Worte, welche vorderhand denen auf dem Decke von der Weisheit der Beiden zu Ohren kamen; und wahrſcheinlich würden ſie nicht einmal ſo viel vernommen haben, wenn nicht Mr. Monday ein gewiſſes renomiſtiſches Weſen an ſich 14 gehabt hätte, das ihn bewog, ſtets eine Oktave höher zu ſprechen als andere Leute. Obgleich übrigens ihre Stimmen faſt verſtummt oder doch für die oben Beſindlichen ſo ziemlich unvernehmlich waren, ſo hörte man ſie doch in ihren Staatsgemächern herumpoltern; namentlich ver⸗ ſäumte Sir George nicht, häufig unter dem Namen„Saunders“ nach dem Steward zu rufen, während Mr. Monday ſich unter der paſſenden Bezeichnung„Toaſt“ an den Gehülfen dieſes Würdenträgers wandte. „Ich denke, wir können ohne Gefäͤhrde wenigſtens dieſe Perſon als einen Landsmann in Anſpruch nehmen,“ ſagte John Effingham, als ein Dritter an Bord ſtieg;„er gehört zu dem Schlage, den ich als ‚Amerikaniſch in europäiſcher Maske’ bezeichnen hörte.“ „Der Charakter iſt weit mehr ehrgeizig gedacht, als geſchickt feſtgehalten,“ verſetzte Eva, welche ſich alle Mühe geben mußte, um nicht laut hinauszulachen.„Wenn ich eine Vermuthung wa⸗ gen dürfte, ſo würde ich den Gentleman für einen Sammler von Trachten nehmen, der ſich's in den Kopf geſetzt hat, eine Auswahl ſeiner Schätze an der eigenen Perſon zur Schau zu tragen. Made⸗ moiſelle Viefville, Ihr verſteht Euch ſo gut auf Koſtüme und könnt uns daher ſagen, aus welchen Ländern er die verſchiedenen Theile ſeines Anzugs zuſammengerafft haben dürfte.“ „Für den Berliner Laden, wo er die Reiſemütze gekauft hat, will ich einſtehen,“ entgegnete die beluſtigte Erzieherin;„denn etwas Aehnliches iſt in keinem anderen Theile der Welt zu finden.“ „Ich ſollte denken, Ma'am,“ nahm Nanny mit der ruhigen Einfachheit ihrer Natur und ihrer Angewöhnungen das Wort: „daß der Gentleman ſeine Stiefeln in Paris gekauft haben muß, denn ſie ſcheinen ihm die Füße zu drücken, und dies iſt bei allen Pariſer Stiefeln und Schuhen der Fall— wenigſtens war's bei den meinigen ſo.“ „Die Taſchenuhr trägt zuverläſſig den Stempel von Genf,“ fuhr Eva fort. „Der Rock kommt von Frankfurt: c'est une équivoque.“ —. 8d 192 3———— 15 „Und die Pfeife von Dresden, Mademoiſelle Viefville.“ „Die Conchiglia ſchmeckt nach Rom und das daran ange⸗ brachte Kettchen deutet auf den Rialto. Auch die Moustaches ſind nichts weniger als indigénes, und das tout ensemble ſpricht von der Welt. Jedenfalls iſt der Mann gereist.“ Eva's Augen funkelten von Laune, als ſie dies ſagte; da aber inzwiſchen der neue Paſſagier, welcher von dem Kapitän als ein Mr. Dodge angeredet wurde und gleichfalls ein alter Bekannter deſſelben zu ſeyn ſchien, in die Nähe der Geſellſchaft gekommen war, ſo mußten fernere Bemerkungen unterbleiben. Ein kurzes Geſpräch zwiſchen ihm und dem Schiffsherrn weihte die Zuhörer bald in den Umſtand ein, daß der Reiſende im Frühling von Amerika herübergekommen war, die europäiſche Tour gemacht hatte, und jetzt im Herbſte wieder über den atlantiſchen Ocean zurückzu⸗ kehren gedachte. „Alſo genug geſehen, ha!“ fügte der Kapitän mit einem freundlichen Kopfnicken bei, nachdem der Andere mit einer kurzen Schilderung ſeiner Erlebniſſe auf der öſtlichen Hemiſphäre zu Ende gekommen war.„Seyd ganz Auge geweſen— aber keine Muße oder Neigung nach mehr?“ „Ich habe ſo viel geſehen, als ich zu ſehen wünſchte,“ ent⸗ gegnete der Reiſende, indem er einen Nachdruck auf das letztere Wort legte, der ſich auf dem Papiere nicht wieder geben läßt, aber beredt die Selbſtzufriedenheit und Selbſtkenntniß des Spre⸗ chers ausdrückte. „Na, das iſt die Hauptſache. Hat man von irgend etwas, was man wünſcht, ſo iſt jede weitere Zugabe reiner Ballaſt. So oft ich auf meine fünfzehn Knoten aus dem Schiffe kommen kann, muß es bei mir nach Herzensgelüſten gehen, zumal, wenn das Fahrzeug unter dicht gerefften Topſegeln und an einem ſtrammen Bolien liegt.“ Der Reiſende und der Kapitän nickten ſich mit den Köpfen zu, 16 wie Leute, die einander beſſer verſtehen, als gerade in dem dürren Sinn der Worte ausgedrückt iſt, und erſterer ging ſodann hinunter, nachdem er zuvor mit beſonderem Intereſſe ſich erkundigt hatte, ob ſein Zimmergenoſſe Sir George Templemore bereits angelangt ſei. Ein Verkehr von drei Tagen hatte eine Art Bekanntſchaft zwiſchen dem Kapitän und den Paſſagieren eingeleitet, die er den Fluß he⸗ runter gebracht hatte, und als er jetzt ſein rothes, verfängliches Geſicht den Damen zuwandte, bemerkte er mit unnachahmlicher Gravität: „Nichts iſt ſo ſchön, als wenn man weiß, wann man genug hat— ſelbſt wenn ſichs dabei um Kenntniſſe handelt. Ich habe noch nie einen Schiffmann geſehen, der am nämlichen Tage zwei „Mittagshöhene gefunden hätte, ohne daß er in Gefahr geweſen wäre, Schiffbruch zu leiden. Ich will deshalb gern glauben, daß Mr. Dodge, der eben hinunterging, ſeiner Ausſage gemäß Alles geſehen hat, was er zu ſehen wünſchte, denn es iſt überhaupt recht wohl moglich, daß er jetzt ſchon mehr weiß, als er füglicherweiſe tragen kann.— Die Leute ſollen die Spieren an die Ragen bringen, Mr. Leach; es wird nöthig ſeyn, daß wir unſere Schwingen ausbreiten, ehe wir mit unſrer Fahrt zu Ende kommen.“ Da Kapitän Truck zwar oft ſchwor, aber nie lachte, ſo ertheilte ſein Mate die nöthigen Befehle mit einer Würde, welche der in nichts nachſtand, mit welcher er urſprünglich gegeben worden war, und ſogar die Matroſen ſtiegen zur Vollziehung deſſelben mit deſto grö⸗ ßerer Behendigkeit in das Tackelwerk hinauf, um einer Laune nach⸗ hängen zu können, die ihrem Beruf eigenthümlich iſt und deren ſie ſich um ſo mehr erfreuten, je weniger ſie von Anderen verſtanden wurde. Da auf dem Rückwege die Mannſchaft aus denſelben Leuten beſtand, wie bei der Ausfahrt, und Mr. Dodge ſeine Reiſe ebenſo gelbſchnäblig angetreten hatte, als er gereift wieder heimkehrte, ſo konnte dieſer Reiſende von ſechs Monaten unterſchiedlichen Bemer⸗ kungen nicht entgehen, die ihn buchſtäblich ‚vom Leik bis zum Ringe⸗ — ——& So— „„—.— 17 zerarbeiteten und in dem Tackelwerk umherflogen, wie luſtige Vöglein in der Krone eines Baumes von Zweig zu Zweig flattern. Der Gegen⸗ ſtand aller dieſer Witzeleien blieb jedoch in tiefer, um nicht zu ſagen— glücklicher Unwiſſenheit über das Aufſehen, das er erregt hatte, denn er war zur Zeit damit beſchäftigt, die Dresdner Pfeife, die venetianiſche Kette und die römiſche Conchiglia in ſeinem Staats⸗ gemach unterzubringen, zugleich aber, wie er ſich ausdrückte, mit ſeinem Zimmergenoſſen, Sir George Templemore„eine Bekanntſchaft zu inſtituiren“! „Zuverläßig muß noch beſſere Reiſegeſellſchaft kommen, als dieſe,“ nahm Mr. Effingham das Wort,„denn ich bemerkte, daß zwei von den Staatsgemächern in der großen Kalüte einzeln ge⸗ nommen wurden.“. Damit der Leſer dieß verſtehe, wird es hier am Ort ſein, aus⸗ einanderzuſetzen, daß die Packetſchiffe in jedem Staatszimmer zwei Schlafſtellen haben; wer aber extra zahlt, kann ein Gemach einzeln erhalten. Es iſt kaum nöthig, beizufüigen, daß Leute von Bildung, wenn anders die Umſtände es erlauben, lieber in andern Dingen ſparen, um den Monat, der gewöhnlich auf die Fahrt verwendet werden muß, für ſich ſelbſt leben zu können; denn in nichts ſpricht ſich die Bildung mehr aus, als in der Zurückhaltung, mit welcher man die perſönlichen Gewohnheiten den Blicken Anderer entzieht. „Es fehlt nicht an gemeinen Dummköpfen, die ſich mit vollen Taſchen auf den Weg machen,“ entgegnete John Effingham.„Die beiden Gemächer, von denen Ihr ſprecht, koͤnnen eben ſo gut von „Jährlingskälbern“ gemiethet ſeyn, die wenig beſſer ſind, als der weiſe Fant von einem halben Jahre, der eben an uns vorbei kam.“ „Wenigſtens ſpricht ſich darin etwas von dem aus, Vetter Jack, was ein Gentleman wünſchen kann.“ „Etwas iſt es allerdings, Eva; aber zuletzt iſts ein leerer Wunſch oder gar eine Carrikatur.“ Die Heimkehr. 2 18 „Wie heißen ſte wohl?“ fragte Mademoiſelle Viefville ſcherzhaft⸗ „Die Namen geben vielleicht einen Schlüſſel zu ihren Charakteren.“ „Die Zettel, welche mit Stecknadeln an die Bettvorhänge ge⸗ heftet ſind, geben die widerſprechenden Namen Mr. Sharp's und Mr. Blunt; e indeß iſt es leicht möglich, daß bei erſterem zufäl⸗ ligerweiſe ein Buchſtabe wegblieb und Letzterer blos ein Synonym des alten nom de guèrre ‚enshe iſt.“ „Reist man denn in unſeren Tagen wirklich noch mit erborgten Namen?“ fragte Eva mit einem kleinen Anflug von der Neugier unſerer gemeinſamen Mutter, deren Namen ſie trug. „Ja wohl, und ebenſogut, wie früher, auch mit erborgtem Gelde. Ich wette uͤbrigens, dieſe unſere beiden Neiſegefaͤhrten werden in Wahrheit ihren Namen Ehre machen— ſcharf genug und ſtumpf genug.“ „Meint Ihr, ſie könnten Amerikaner ſeyn?“ „Warum nicht? Beide Eigenſchaften ſind ja ganz indigènes, wie Mademoiſelle Viefville ſagen würde.“ „Nicht doch, Vetter John;— wir wollen uns nicht länger mit Worten herumbalgen; denn ſeit der letzten zwölf Monate habt Ihr wenig Anderes gethan, als Euch Mühe gegeben, das freudige Vorgefühl, mit welchem ich nach dem Schauplatze meiner Kindheit zurückkehre, zu ſchwächen.“ „Liebes Kind, ich möchte nicht gerne irgend eine Deiner jugend⸗ lichen, edlen Freuden durch eine Beimiſchung meiner eigenen Bitterkeit verkümmern— aber was willſt Du? Eine kleine Vorbereitung auf das, was ſo nothwendig kommen muß, als die Sonne der Morgenröthe folgt, wird ja eher dazu dienen, die Täuſchung zu mildern, die un⸗ ausbleiblich bevorſteht.“ Eva hatte nur noch Zeit, ihm einen Blick liebevollen Dankes zuzuwerfen— denn wenn er auch im Hohne ſprach, geſchah es * Scharf. **§ Stumpf, oder auch Derb. Siehe ſpäter. 19 haft. ſtets mit einem Gefühl, das ſie von Kindheit an würdigen gelernt en.“ hatte— als die Ankunft eines andern Bootes die gemeinſchaftliche ge⸗ Aufmerkſamkeit nach dem Gange hinlenkte. Ein Ausruf des dienſt⸗ und thuenden Offiziers hatte den Kapitän nach dem Geländer geführt, ufäl⸗ und ſein Befehl,„das Gepäcke von Mr. Sharp und Mr. Blunt nym heraufzuſchaffen“, wurde von Allen in der Nähe deutlich vernommen. „Jetzt kommen les indigènes“, flüſterte Mademoiſelle Viefville gten mit der geſpannten Aufregung, welche bei dem zarteren Geſchlecht gier eine lebhafte Erwartung zu bekunden pflegt. Eva lächelte, denn es gibt Lagen, in welchen Kleinigkeiten das Ide. Intereſſe wecken helfen, und das Wenige, was bis jetzt vorgegangen in war, hatte dazu gedient, die Neugierde der ganzen Geſellſchaft zu und erregen. Mr. Effingham hielt es für ein günſtiges Anzeichen, daß der Meiſter, der alle ſeine Paſſagiere ſchon in London kennen gelernt hatte, den neuen Ankömmlingen bis an die Laufplanke entgegenging; es, denn eine Bootslaſt ordinären Halbdecksvolks war einen Augenblick zuvor an Bord gekommen, ohne von ihm größerer Berückſichtigung ger als einer allgemeinen Verbeugung und des gewöhnlichen Befehls abt zu Empfangnahme ihrer Effekten gewürdigt zu werden. ige„Die Zögerung deutet auf Engländer,“ konnte der ſpöttiſche eit John eben noch einwerfen, ehe die ſtumme Vorbereitung an der Planke durch das Erſcheinen der neuen Ankömmlinge unterbrochen n⸗ wurde. eit Mademoiſelle Viefville's ruhiges Lächeln deutete, als die beiden s, Reiſenden auf dem Deck erſchienen, auf Beifall, denn ihr geübtes he Auge erkannte auf den erſten Blick, daß die Ankömmlinge ohne 7 Frage Männer von Bildung waren. Die Frauen haben in ihrer Art für den geſelligen Verkehr einen viel reineren Sinn und lernen s ſchon vermöge ihrer Erziehung weit feiner zu unterſcheiden, als die s Männer; Eva wandte daher, ſobald ſie einen Blick der Neugierde auf die beiden Männer geworfen hatte, gleich einer wohlerzogenen jungen Perſon in einem Beſuchszimmer, unwillkührlich ihre Augen ab, obſchon ſie vielleicht Sir George Templemore und Mr. Dodge ſo ruhig wie Thiere in einer Menagerie oder wie Geſchöpfe, die ſie durchaus nichts angingen, gemuſtert haben würde. „Sie ſind in der That Engländer,“ bemerkte Mr. Efſingham ruhig,„und ohne Zweifel auch gebildete Engländer.“ „Der Nächſte ſcheint mir ein Feſtländer zu ſeyn,“ antwortete Madam Viefoille, die ſich nicht, gleich Eva, bewogen gefuͤhlt hatte, den Blick abzuwenden;„er iſt jamais Anglais.“ Eva ließ wider Willen einen verſtohlenen Blick hinübergleiten und deutete mit dem angeborenen Scharfblicke eines Weibes an, daß ſie zu demſelben Schluſſe gekommen ſey. Die beiden Fremden waren ſchlanke, entſchieden gentlemaniſch ausſehende junge Maͤnner, ſo daß ſte wohl unter allen Umſtänden Beachtung finden mußten. Der Eine, welchen der Kapitän als Mr. Sharp anredete, war noch ſehr jung, wie ſein blühendes Geſicht bekundete, und hatte lichte Haare; dagegen zeigte das Antlitz des Anderen einen edleren und ausdrucks⸗ volleren Schnitt, und Mademoiſelle Viefville meinte in der That, ſie habe nie ein ſüßeres Lächeln geſehen, als das, womit er den Gruß auf dem Decke erwiederte. Allerdings lag auch mehr als der gewöhn⸗ liche Stempel eines feinen Umgangtons und die entſprechende Mimik darin, denn die Beobachterin glaubte in dem Lächeln des Fremden Sinnigkeit und wohl gar einen Anflug von Schwermuth leſen zu können. Sein Gefährte benahm ſich anmuthig und ganz nach den Regeln des guten Tons; indeß lag doch in ſeiner Haltung weniger von der Seele des Mannes, da ſie eher auf die geſellſchaftliche Kaſte hindeutete, zu welcher er gehörte. Dieſe Unterſcheidungen mögen dem Leſer für die Umſtände doch als gar zu fein gehalten erſcheinen; aber Mademoiſelle Viefville hatte ihr ganzes Leben in guter Geſellſchaft und in einer Stellung verbracht, in welcher Beob⸗ achtung und Urtheil— namentlich die Beobachtung des andern Ge⸗ ſchlechtes— für ſie ſehr nöthig wurden. Jeder der Fremden hatte einen Diener bei ſich, und während 21 ihr Gepäck aus dem Boote herausgeſchafft wurde, verfügten ſie ſich in Begleitung des Kapitäns mehr nach dem Hinterſchiffe in die Nähe des Sturmhäuschens. Jeder Amerikaner, der mit der Welt nicht ſehr bekannt iſt, ſcheint von einer wahren Manie des Vor⸗ ſtellens beſeſſen zu ſeyn, und Kapitän Truck machte keine Aus⸗ nahme von dieſer Regel; denn obſchon ein tüchtiger Schiffs⸗ befehlshaber, der die Etikette des Halbdecks auf ein Haar hin verſtand, gerieth er doch augenblicklich in's blaue Waſſer, ſo⸗ bald ſich's um Feinheit des Benehmens handelte. Er gehörte zu jener Schule von Elegants, welche meinen, es zeuge von guter Bildung, wenn ſie miteinander ein Glas Wein trinken oder eine Vorſtellung an den Mann bringen können; denn es überſtieg ganz ſeine Faſſungsgabe, daß dieſe beiden Akte ihren beſonderen Nutzen haben könnten und daher nur bei beſonderen Gelegenheiten benützt werden ſollten. Dennoch war der würdige Schiffsmeiſter, der ſein Leben ohne vorläufige Kenntniß der Gebräuche in der Back begon⸗ nen und den Satz, daß„das Benehmen den Mann mache,“ im engſten Sinne des Wortes genommen hatte, gar eifrig in dem, was er für feine Bildung hielt, und darunter gehörte zuvörderſt das Vorſtellen, weil ſeiner Anſicht nach die Paſſagiere ſich nicht wohl fühlen konnten, wenn ſie ſich nicht gegenſeitig kannten; übri⸗ gens brauchen wir kaum zu ſagen, daß dieſes Benehmen unter der beſſeren Claſſe von Reiſenden gerade das Gegentheil von der beab⸗ ſichtigten Wirkung zur Folge hatte. „Ihr ſeyd bereits miteinander bekannt, Gentlemen?“ fragte er, als er mit den Beiden in die Nähe des Sturmhäuschens kam. Die beiden Reiſenden verſuchten, ſich die Miene des Intereſſes zu geben, während Mr. Sharp obenhin bemerkte, ſie hätten ſich erſt im Boot zuſammengefunden. Dies war eine gar liebliche Kunde für Kapitän Truck, der keinen Augenblick zoͤgerte, die Ge⸗ legenheit beſtens zu benützen. Er blieb vor ſeinen Begleitern ſte⸗ hen und machte mit einer feierlichen Schwenkung der Hand die 22 Ceremonie durch, die ihm ſo viel Vergnügen machte und in deren Ausführung er ſich ein Eingeweihter zu ſeyn ſchmeichelte. „Mr. Sharp, erlaubt mir, Euch Mr. Blunt vorzuſtellen.— Mr. Blunt, ich gebe mir die Ehre, Euch mit Mr. Sharp bekannt zu machen.“ . Die Gentlemen, obgleich ein wenig überraſcht über die Gra⸗ vität und Förmlichkeit des Kapitäns, griffen gegenſeitig höflich an ihre Hüte und lächelten. Eva, die ſich durch die Scene nicht we⸗ nig beluſtigt fühlte, beobachtete den Vorgang genau und entdeckte nun gleichfalls die milde Schwermuth in dem Antlitze des Einen nebſt der marmorartigen Jronie auf den Zügen des Andern. Mög⸗ 3 licherweiſe lag in dieſem Umſtande der Grund, daß ſie faſt unmerk⸗ lich zuſammenfuhr und erröthete. „Die Reihe wird nächſtens an uns kommen,“ murmelte John Effingham.„Haltet nur die nöthigen Grimaſſen bereit.“. Seine Vermuthung erwies ſich als richtig; denn da der Kapitän Johns Stimme gehöͤrt hatte, ohne übrigens ein Wort des Geſagteu zu verſtehen, ſo verfolgte er zur eigenen großen Selbſtbefriedigung ſei⸗ nen Vortheil. „Gentlemen— Mr. Effingham, Mr. John Effingham“— Jedermann lernte nämlich bald beim Anreden der beiden Vetter dieſe Unterſcheidung machen—„Miß Effingham, Mademoiſelle Viefville:— Mr. Sharp, Mr. Blunt; Gentlemen, Mr. Blunt, Mr. Sharp.“ Die würdevolle Verbeugung Mr. Effinghams, wie auch das leichte abgemeſſene Lächeln Eva's würde ſelbſt bei Leuten von we⸗ niger gutem Tone, als an den beiden Fremden zu bemerken war, 3 jede ungebuͤhrliche Vertraulichkeit verbannt haben; ſie nahmen da⸗ 3 her die unerwartete Ehre in einer Weiſe auf, als fühlten ſie, daß ſie im Augenblick beläſtigten. Mr. Sharp lüpfte jedoch gegen Eva ſeinen Hut, hielt ihn für einen Moment über ſeinem Kopfe, ließ dann ſeinen Arm der vollen Länge nach fallen und verbeugte ſich V mit tiefer, aber doch zurückhaltender Hoͤflichkeit. Mr. Blunt be⸗ 23 nahm ſich nachläſſiger in ſeiner Begrüßung, aber doch immerhin mit ſo viel Anſtand, als es die Umſtände überhaupt forderten⸗ Beide Gentlemen waren ein wenig betroffen von dem entfremdenden Stolze John Effinghams und deſſen„gebieteriſcher“ Verbeugung, wie ſie Eva lachend zu nennen pflegte, obſchon es die äußere Form derſelben an nichts fehlen ließ. Das Gewühl der Vorbereitungen zur Abfahrt und die Gewißheit, daß es nicht an Gelegenheit feh⸗ len werde, den Verkehr zu erneuern, hatten zur Folge, daß es bei der allgemeinen Begrüßung blieb, und die neuen Ankömmlinge ſtiegen nach ihren Staatsgemächern hinunter. „Iſt Euch nicht die Art aufgefallen, wie dieſe Leute meine Vorſtellung entgegennahmen?“ fragte Kapitän Truck ſeinen Haupt⸗ maten, den er zur Packetſchiffshöflichkeit heranzubilden bemüht war, als ſei dieſe das einzige Mittel, ſich in Zukunft Auszeichnung zu ſichern.„Meiner Anſicht nach hätten ſie ſich doch wenigſtens die Hände drücken ſollen. So was nenne ich nach Vattel handeln.“ „Man trifft wohl hin und wieder auf dergleichen abgeſchmackte Kunden,“ entgegnete der Andere;„aber wenn Einer ſeine Hände in den Taſchen behalten will, ſo ſoll er's thun, ſage ich, obſchon ich es für eine Geringſchätzung gegen die Geſellſchaft anſehe, wenn Jemand in ſolchen Dingen von dem gewoͤhnlichen Gange abſchiert.“ „Ich bin auch dieſer Anſicht; aber was können im Grunde die Packetſchiffer in ſolchen Fällen thun? Wir ſetzen den Paſſagie⸗ ren ihr Lunch und ihr Diner auf, ſind aber nicht im Stande, ſie zum Eſſen zu zwingen. Was mich betrifft, ſo mach' ich mir's zur Regel, wenn mich ein Gentleman vorſtellt, die Sache ſäuberlich ablaufen zu laſſen und Druck für Druck zu erwiedern, ſo gut als dreimal drei neun iſt; aber dieſes Hinaufſtechen an den Caſtor kommt mir ebenſo vor, wie wenn wir ein Oberbramſegel einziehen wollten, wenn man zur See an einem Schiff vorbeikommt: es be⸗ deutet juſt gar nichts. Wer kann auch ein Schiff kennen lernen, wenn man deſſen Ziehtaue laufen und die Raa wieder aufſchwingen laßt? Manierlichkeits halber könnte man dies eben ſo gut vor einem Türken thun. Nein, nein, es liegt etwas darin, und— hole mich der Henker, nur um mich zu überzeugen, will ich bei erſter Gelegenheit, die ſich bietet— ja, ich will fie Alle ſich gegenſeitig noch einmal vorſtellen!— Die Leute ſollen ihre Handſpacken auf⸗ nehmen, Mr. Leach, und die ſchlaffe Kette aufziehen.— Ja, ja— ich will, wenn alle Matroſen auf dem Deck ſind, die Gelegenheit erſehen und ſie ſchiffsgerecht einen nach dem andern vorſtellen, wie unſere Grünſchnäbel durch ein Tölpelloch ſchlüpfen; denn wahrhaf⸗ tig, ſonſt iſt während der ganzen Fahrt an kein freundſchaftliches Verhaͤltniß zu denken.“ Der Mate nickte beifällig, als habe ſein Oberer das beſte Auskunftsmittel getroffen, und ſchickte ſich ſodann an, die Aufträge zu vollziehen, während der Commandeur durch die Sorge für ſein Schiff genöthigt wurde, ſich für den Augenblick den Gegenſtand aus dem Sinn zu ſchlagen. Drittes Kapitel. Hier muß nach aller Schilderung der Platz ſeyn. Wer da?— Sprich!— keine Antwort?— was iſt dies? 3 Timon von Athen. Ein Schiff mit loſen Segeln und flatternden Wimpeln iſt ſtets ein ſchöner Anblick, und der Montauk, ein edles, zu New⸗York gebautes Schiff von ſiebenhundert Tonnen Laſt war ein Pröbchen erſter Claſſe aus der„Keſſelbodenſchule“ der Marine⸗Architektur, da es ihm an nichts mangelte, was den Geſchmack und die Er⸗ fahrung des Tages als zweckmäßig erſcheinen ließ. Das Schau⸗ ſpiel, welches jetzt vor unſeren Reiſenden vorging, lenkte daher bald Mademoiſelle Viefvilles und Evas Augen von den Vorſtellungen des Kapitäns ab, denn beide ſchenkten nun den verſchiedenen Be⸗ wegungen der Schiffsmannſchaft und der Paſſagiere, wie fie ſich -——.——————— — 2 v 25 nach und nach den Blicken vergegenwärtigten, ungetheilte Auf⸗ merkſamkeit. Eine Gruppe gut gekleideter Perſonen, welche übrigens augenſcheinlich einer niedereren Claſſe angehörten, als die weiter hinten, drängten ſich auf den Gängen, ohne ſich viel von den phyſiſchen Leiden träumen zu laſſen, welche ihnen bevorſtanden, ehe ſie das Land der Verheißung, jenes ferne Amerika erreichten, nach welchem die Armen und Unterdrückten faſt aller Nationen ſehn⸗ ſüchtig und ſchutzſuchend die Blicke kehren. Mit Verwunderung ſah Eva betagte Männer und Frauen darunter— Geſchöpfe, die ſchon auf dem Punkte ſtanden, die meiſten weltlichen Bande zu löſen, um Ruhe zu ſinden nach den körperlichen Leiden und Ent⸗ behrungen, die ſchon mehr als ein Schock Jahre ſchwer auf ihnen gelegen hatten. Einige hatten ſich ſelbſt jenem geheimnißvollen Triebe, den der Menſch für ſeine Nachkommenſchaft fühlt, zum Opfer gebracht, während dagegen Andere freudig und hoffnungs⸗ friſch im Vertrauen auf ihre jugendliche Kraft die Reiſe antraten. Mehrere, deren Stellung im Vaterland durch ihre Laſter unmöglich geworben war, hatten ſich in der eitlen Hoffnung eingeſchifft, eine Veränderung des Schauplatzes und eine Erweiterung der Mittel, ihren Leidenſchaften nachzuhängen, dürfte einen wohlthätigen Ein⸗ fluß auf die Wiederherſtellung ihrer Ehre üben; alle aber trugen ſich mit glücklichen Bildern der Zukunft, welche durch die Wahrheit wohl getrübt worden wären, denn unter den Auswanderern, welche ſich in dem Schiffe zuſammengefunden hatten, befand ſich vielleicht nicht ein Einziger, der geſunde oder vernünftige Anſichten über die Art, wie ſich ſein Schritt lohnen dürfte, unterhalten hätte, obſchon wahrſcheinlich Mancher darunter einen Erfolg fand, der ſeine glän⸗ zendſten Erwartungen überbot. Freilich mochte wohl der Mehrzahl das Loos der Täuſchung vorbehalten ſeyn. Betrachtungen, wie die eben genannten, gingen Eva Efäng⸗ ham durch die Seele, als ſie das gemiſchte Gedränge muſterte, in welchem Einige mit Empfangnahme ihrer Habſeligkeiten aus den Booten beſchäftigt waren, Andere ſich von ihren zum Theil weinen⸗ den Freunden verabſchiedeten. Da und dort ſuchte ein Häuflein den Schmerz des Scheidens durch den Becher zu erſticken, während verwunderte Kinder ängſtlich zu den wohlbekannten Geſichtern auf⸗ blickten, als fürchteten ſie in dem Gewühle diejenigen zu verlieren, die ihnen theuer waren und auf deren Liebe ſie ſtets hatten bauen dürfen. Obgleich die ſtrenge Diſciplin, welche die Paſſagiere der Cajüte und des Zwiſchendecks in eben ſo beſtimmt geſchiedene Kaſten trennt, wie man ſie unter den Hindus findet— noch nicht beſtand, ſo war ſich Kapitän Truck doch ſeiner Obliegenheiten zu ſehr bewußt, um einen unceremoniöſen Einfall nach dem Halbdecke zu geſtatten. Die⸗ ſer Theil des Schiffes entging daher für den Moment meiſt der Verwirrung des Augenblicks, obgleich Koffer, Kiſten, Körbe und anderes ähnliches Reiſegeräth in erträglichem Ueberfluſſe umherge⸗ ſtreut waren. Den Raum benützend, der noch für dieſen Zweck zugänglich war, verließ der größere Theil unſerer Geſellſchaft das Sturmhäuschen, um ein wenig auf dem Decke hin und her zu wandeln. In dieſem Augenblicke kam von dem Land aus ein wei⸗ teres Boot neben dem Schiffe an und eine ernſt ausſehende Perſon, welche nicht geneigt zu ſeyn ſchien, ihrer Würde durch Vernach⸗ läſſigung oder Hintanſetzung von Formen Abtrag zu thun, zeigte ſich auf dem Decke, wo ſie ſich nach dem Schiffsherrn erkundigte. In dieſem Falle war eine Vorſtellung unnöthig, denn Kapitän Truck war ſeines Gaſtes kaum anſichtig geworden, als er mit einem⸗ male die Züge und das feierlich pomphafte Weſen eines Ports⸗ mouther Polizeibeamten erkannte, welcher oft dazu benützt wurde in den amerikaniſchen Packetſchiffen nach Delinquenten von allen Graden der Thorheit oder des Verbrechens zu fahnden. „Ich habe ſchon geglaubt, ich werde bei dieſer Fahrt nicht das Vergnügen haben, Euch zu ſehen, Mr. Grab,“ ſagte der Ka⸗ —R—,» 27 pitän, dem Myrmidonen des Geſetzes vertraulich die Hand reichend; „aber der Gang der Zeit iſt nicht regelmäßiger, als das Erſcheinen der Gentlemen, die im Namen des Königs kommen.— Mr. Grab, Mr. Dodge; Mr. Dodge, Mr. Grab. Und nun, welcher Fälſchung, welcher Doppelehe, welcher Entführung, oder welchem Scandalam magnatum verdanke ich heute die Ehre Eures Beſuchs?— Sir George Templemore, Mr. Grab; Mr. Grab, Sir George Templemore.“ Sir George verbeugte ſich mit dem Ausdrucke würdevoller Abneigung, wie ſie etwa ein ehrlicher Mann gegen das Gewerbe eines Diebshäſchers unterhalten mag, während Mr. Grab ſeiner⸗ ſeits Sir George mit ernſter Amtswürde anſah. Der Polizeibe⸗ amte hatte jedoch nichts in der Kajüte zu ſchaffen, ſondern war nur gekommen, um eine junge Frauensperſon aufzuſuchen, welche einen von ihrem Onkel verworfenen Bewerber geheirathet hatte. Dieſer Schritt ſtellte dem Vormund wahrſcheinlich einen Rech⸗ nungsabſchluß in Ausſicht, den er unbequem fand, weßhalb er es vielleicht für klug gehalten hatte, den Folgen deſſelben dadurch vorzugreifen, daß er gegen den jungen Ehemann für wirkliche oder angebliche Vorſchüſſe, die er ſeiner Nichte während ihrer Minder⸗ jährigkeit geleiſtet hatte, eine Schuldklage einbrachte. Ein Dutzend gieriger Ohren fingen die Hauptzüge dieſer Erzählung, wie ſie dem Kapitän mitgetheilt wurde, auf, und in unglaublich kurzer Zeit hatte ſie mit nicht wenig verſchoͤnernden Zuſätzen ihre Runde durch das ganze Schiff gemacht. „Die Perſon des Gatten iſt mir nicht bekannt,“ fuhr der Polizeibeamte fort,„und auch der Attorney, der mich begleitet, kennt ihn nicht. Sein Name aber iſt Robert Davis, und Ihr werdet ihn leicht auffinden können. Wir wiſſen, daß er in dieſem Schiffe iſt.“ „Mein theurer Sir, die Zwiſchendeckpaſſagiere ſtelle ich nie vor, und in der Kajüte iſt keine Perſon dieſes Namens— darauf gebe ich Euch mein Ehrenwort, und dies iſt doch eine Verſicherung, die 28 zwiſchen Gentlemen, wie wir, Geltung haben muß. Es bleibt Euch unbenommen, eine Durchſuchung vorzunehmen, aber der Schiffs⸗ dienſt kann dadurch nicht unterbrochen werden. Faßt Euern Mann, aber haltet das Schiff nicht auf. Mr. Sharp, Mr. Grab; Mr. Grab, Mr. Sharp.— Hand angelegt da, Mr. Leach, und laßt ſobald als möglich die ſchlaffe Kette aufholen.“ Zwiſchen den zuletzt gegenſeitig vorgeſtellten Perſonen ſchien, wie es die Phyſiker nennen, eine abſtoßende Anziehungskraft ſtatt⸗ zufinden, denn der ſchlanke gentlemaniſch ausſehende Mr. Sharp muſterte den Beamten mit ſtolzer Kälte, ohne daß beiderſeits viele Umſtände für nöthig erachtet worden waren. Mr. Grab rief nun ſeinen Begleiter, den Attorney, aus dem Boote und benahm ſich mit ihm über die weiteren Schritte. Fünfzig Köpfe hatten ſich um ſie geſchaart, und neugierige Blicke bewachten ihre kleinſten Be⸗ wegungen; auch machte ſich hin und wieder Einer aus dem Ge⸗ dränge unſichtbar, um über den Verlauf Bericht zu erſtatten. Der Menſch iſt zuverläſſig ein Geſchöpf, das zum Zuſammen⸗ halten beſtimmt iſt; denn ohne die Bedeutung des Falls zu be⸗ greifen und ohne ſich überhaupt mit der Frage zu bemühen, wer in der Sache Recht oder Unrecht habe, traten im bloßen Geiſte der Partheigängerſchaft von den Bewohnern des Zwiſchendecks, das ungefähr hundert Seelen faſſen mochte, Mann, Weib und Kind gegen das Geſetz auf, um ſich auf die Seite des Beklagten zu ſtel⸗ len. Alles dies geſchah jedoch in aller Ruhe, ohne daß Jemand mit Gewalt drohte oder nur davon träumte; denn die Mannſchaft und die Paſſagiere nehmen in ſolchen Fällen gewöhnlich ihre Schlag⸗ worte von den Schiffsoffizieren, und die des Montauk kannten die Rechte der öffentlichen Diener zu gut, um ſich in der Sache eine Blöße zu geben. „Rufe Einer den Robert Davis,“ ſagte der Beamte liſtig, indem er ſich ein Anſehen beizählte, das er nicht anzunehmen berechtigt war. 29 „Robert Davis!“ wiederholten zwanzig Stimmen, darunter auch die des Gerufenen ſelbſt, welcher nahe daran war, durch das Uebermaß ſeines Eifers die Entdeckung des Geheimniſſes herbei⸗ zuführen. Rufen war übrigens leicht— wenn nur Jemand darauf geantwortet hätte. „Kannſt Du mir ſagen, wer hier Robert Davis heißt, kleiner Menſch?“ fragte der Polizeimann ſchmeichelnd einen hübſchen blond⸗ lockigen Knaben von nicht über zehn Jahren, der ſich neugierig unter die Zuſchauer gemiſcht hatte.„Wenn Du mir den Robert Davis zeigſt, will ich Dir ein Sechspenceſtück ſchenken.“ Der Knabe hätte wohl Auskunft ertheilen können, that aber, als ob ihm die fragliche Perſon unbekannt ſey. „C'est un ésprit de corps admirable!“ rief Mademoiſelle Vief⸗ ville; denn das Intereſſe für die Scene hatte faſt Alle zuſammen⸗ geführt, diejenigen ausgenommen, welche in der Nähe des Ganges Schiffsdienſt hatten.„Ceci est delicieux; der Knabe iſt ein Bürſch⸗ lein zum Auffreſſen.“ Was übrigens die Sache noch ſonderbarer oder in der That abſolut poſſterlich machte, war der Umſtand, daß wie durch eine Art von Zauberſchlag verſtohlen ein Geflüſter ſich unter den Zu⸗ ſchauern verbreitete, welches ſo ſchnell die Runde machte, daß der Attorney und der Polizeidiener die einzigen zwei Perſonen auf dem Decke waren, denen der aufgeſuchte Mann unbekannt blieb. So⸗ gar die Kinder griffen den Schlüſſel auf, obſchon ſie ſchlau genug waren, ihre natuͤrliche Neugierde nur durch verſtohlene Blicke, die zu keiner Entdeckung führen konnten, zu befriedigen. Unglücklicherweiſe kannte der Attorney die Familie der jungen Frau gut genug, um ſie in Folge einer allgemeinen Aehnlichkeit ausfindig machen zu können, um ſo mehr, da ſie durch das blaſſe Ge⸗ ſicht und eine faſt unbewältigbare nervöſe Aufregung auffallend genug wurde. Er machte den Beamten auf ſie aufmerkſam, und dieſer befahl ihr vorzutreten— ein Geheiß, über das ſie in Thraͤnen ausbrach. 30 Die Aufregung und die Angſt der Gattin waren faſt zu viel für die Klugheit des jungen Mannes, der eine haſtige Bewegung nach ihr hin machte, obſchon ihn die kräftige Fauſt eines Reiſegefährten noch zeitig genug zurückhielt, um eine Entdeckung zu verhindern. Es iſt auffallend, wie viel ſich aus kleinen Umſtänden entnehmen läßt, wenn der Geiſt ſchon ein Schlagwort fuͤr den Gegenſtand hat, und wie oft Zeichen, die ſo klar ſind, als der helle Tag, überſehen werden, wenn kein Argwohn vorhanden iſt oder die Gedanken eine falſche Spur verfolgen. Der Attorney und der Polizeidiener waren die einzigen Anweſenden, welche die Unbeſonnenheit des jungen Mannes nicht bemerkt und deshalb ihn auch nicht erkannt hatten. Die Frau zitterte dermaßen, daß ihr die Beine faſt den Dienſt verſagten; aber während ſie einen flehenden Blick auf ihren vor⸗ ſchnellen Gatten warf, damit er doch ſeine Faſſung bewahre, ge⸗ lang es ihr, die eigene Angſt zu überwinden. Dem Befehle ge⸗ horſam, näherte ſie ſich dem Polizeimann mit einer Feſtigkeit, wie ſie ihr nur durch die innige Liebe einer Gattin eingeflößt werden konnte. „Wenn ſich der Mann nicht ſelbſt ausliefern will, werde ich genöthigt ſeyn, ſtatt ſeiner die Frau an's Land ſchaffen zu laſſen,“ bemerkte der Attorney kalt, indem er eine Priſe Schnupf⸗ taback nach einer Naſe führte, die in Folge einer beharrlichen Benützung des Krautes bereits eine Safranfarbe zur Schau trug. Dieſer unheildrohenden Erklärung folgte eine Pauſe, und die Paſſagiere legten ihre ſchmerzliche Theilnahme an den Tag, da jetzt keine Hoffnung mehr für die Verfolgten vorhanden zu ſeyn ſchien. Die Frau ließ ihr Haupt auf die Kniee ſinken, denn ſie hatte ſich auf einen Koffer hingeworfen, um nur die Verhaftung ihres Gatten nicht mitanſehen zu müſſen. In dieſem Augenblicke ließ ſich aus der Gruppe auf dem Halbdeck eine Stimme vernehmen: ͤ——, 31 „Handelt ſich's um eine Verhaftung wegen Verbrechen oder wegen einer Schuldforderung?“ fragte der junge Mann, welcher dem Leſer bereits als Mr. Blunt vorgeſtellt wurde. In dem Benehmen des Sprechers lag eine ruhige Würde, welche die Hoffnung der Reiſenden wieder aufrichtete, während ſie zugleich den Attorney und ſeinen Gefährten bewog, überraſcht und vielleicht ein wenig ärgerlich zurückzuſchauen. Ein Dutzend eifriger. Stimmen verſicherten den„Gentleman“, daß von einem Verbrechen durchaus keine Rede ſey— ja nicht einmal von einer rechtmäßigen Schuld, ſondern nur von einem ſpitzbübiſchen Plane, einen über⸗ vortheilten Mündel zu zwingen, daß er einem betrügeriſchen Vormund ſeine Verbindlichkeiten erlaſſe. Obgleich alles dies nicht ſehr klar auseinandergeſetzt war, wurde es doch mit ſo viel Nachdruck be⸗ hauptet, daß es Argwohn wecken und die Theilnahme der verſtändigeren Zuſchauer ſteigern mußte. Der Attorney muſterte den Anzug, das Aeußere und das Alter des Fragers, der nicht über fünfundzwanzig Jahre zählen konnte, und antwortete ſodann mit der Miene der Ueberlegenheit: „Schuldforderung oder Verbrechen? Dieſe Frage kommt vor dem Auge des Geſetzes nicht in Betracht.“ „Wohl aber vor dem Auge eines ehrlichen Mannes,“ ent⸗ gegnete der Jüngling mit Feuer.„Man nimmt Anſtand, ſich zu Gunſten eines Schelms einzumengen, obſchon man bereit ſeyn mag, ſich für einen Menſchen zu verwenden, deſſen einzige Schuld vielleicht in ſeinem Unglück beſteht.“ „Das ſieht ſo ziemlich wie ein Bergungsverſuch aus! Ich hoffe, wir ſind noch in England und unter dem Schutze engliſcher Geſetze?“ „ Dies unterliegt durchaus keiner Frage, Mr. Seal,“ ergriff jetzt der Kapitän das Wort, welcher den Polizeibeamten aus der Ferne beobachtet hatte und es nunmehr für Zeit hielt, ſich einzumen⸗ gen, um die Intereſſen ſeiner Schiffseigenthümer zu ſchützen.„Dort iſt 32 England, dies die Inſel Wight, und der Montauk hat ſeinen Ankergrund auf gutem engliſchem Boden. Es fällt Niemand ein, Herr Attorney, Euch Euer Anſehen ſtreitig zu machen oder das des Königs in Frage zu ſtellen. Mr. Blunt hat blos eine An⸗ deutung hingeworfen, Sir— oder vielmehr auf den Unterſchied zwiſchen Schelmen und ehrlichen Leuten aufmerkſam gemacht. Ver⸗ laßt Euch darauf, es handelt ſich um weiter nicht— Mr. Seal, Mr. Blunt; Mr. Blunt, Mr. Seal. Und es iſt Tauſendſchade, daß man in der Regel dieſen Unterſchied nicht bereitwilliger gel⸗ ten läßt.“ Der junge Mann machte eine leichte Verbeugung und trat mit einem Geſichte, das wohl theilweiſe in Folge des Gefühls erglühen mochte, ſich unerwartet unter ſo vielen Fremden augen⸗ fällig gemacht zu haben— ein wenig aus der Halbdeckgruppe vor, als empfinde er die Nothwendigkeit, das betretene Feld zu behaupten. „Niemand wird auf dieſer Rhede den engliſchen Geſetzen ihre Geltung beſtreiten wollen,“ ſagte er,„und ich am allerwenigſten. Indeß werdet Ihr mir geſtatten, die Geſetzlichkeit einer Verhaftung oder was immer für einer Zurückhaltung zu bezweifeln, die an einem Weibe kraft eines Prozeſſes, der gegen ihren Mann anhängig iſt, in Anwendung kommen ſoll.“ „Ein Advokat ohne Clienten,“ murmelte Seal den Polizei⸗ beamten zu.„Ich wette, eine Guinee zur rechten Zeit wuͤrde den Burſchen zum Schweigen gebracht haben. Was iſt jetzt anzufangen?“ „Die Frauensperſon muß an's Land. Alle dieſe Dinge laſſen ſich vor einem Friedensrichter ausmachen.“ „Ja, ja— ſie ſoll ſich ein Habeas Corpus auswirken, wenn ſie Luſt hat,“ fügte der ſchnellfertige Attorney bei, denn eine zweite Muſterung des Fremden ließ ihn doch die Thunlichkeit ſeiner erſten Anſicht bezweifeln.„Die Gerechtigkeit iſt in England ſo gut blind, wie in allen andern Ländern, und daher auch leicht Miß⸗ griffen unterworfen. Aber dennoch iſt ſie die Gerechtigkeit, und 2 8 S 22 —-——.—,—&½, 8dA— — 33 wenn ſie auch bisweilen einen Fehler begeht, ſo zeigt ſie ſich ſtets bereit, das Unrecht wieder gut zu machen.“ „Könnt nicht Ihr etwas in der Sache thun?“ ſagte Eva unwillkührlich in halbem Flüſtern zu Mr. Sharp, der an ihrer Seite ſtand. Der Mann ſah betroffen auf, als er dieſe plötzliche Berufung vernahm, und ließ einen Blick voll Ausdruck nach dem Mädchen hingleiten. Dann lächelte er und trat den Hauptperſonen näher. „In der That, Herr Attorney,“ begann er,„ich muß ge⸗ ſtehen, daß mir die Sache etwas unregelmäßig vorkommt. Ich ſehe durchaus nichts von der gewohnten Ordnung und es dürften deshalb unangenehme Folgen zu beſorgen ſeyn.“ „Wie meint Ihr dies, Sir?“ unterbrach ihn Seal, der die Unwiſſenheit des Sprechers mit einem Blicke zu ermeſſen ſuchte. „Je nun, unregelmäßig in der Form, wenn auch nicht dem Grundſatze nach. Ich weiß, daß das Habeas Corpus ein höchſt weſentlicher Punkt iſt, und daß das Geſetz ſeinen Gang nehmen muß; aber in der That, hier ſcheint mir ein wenig unregelmäßig gehandelt zu werden— um den Vorgang nicht mit einem härteren Ausdruck zu bezeichnen.“ Mr. Seal benahm ſich, wenigſtens dem Anſcheine nach, ach⸗ tungsvoll gegen dieſe neue Beruſung, denn er fühlte, daß ſie von einem Manne ausging, der ihm weit überlegen war, obſchon er dem Weſen derſelben keine Berückſichtigung ſchenkte, da ſie, wie er inſtinktartig bemerkte, aus einer tiefen Unbekanntſchaft mit dem Falle hervorging. Mr. Blunt gegenüber fühlte er ſich jedoch weit befangener, denn das ruhige Benehmen dieſes Gentleman deutete auf mehr Selbſtvertrauen und eine groͤßere praktiſche Rechtskenntniß. Dennoch fügte er, um die Ausdehnung von dem Wiſſen des An⸗ deren und die Kraft ſeiner Nerven zu erproben, in gebieteriſchem und drohendem Tone bei: „Ja— die Frau ſoll ſich immerhin ein Habeas Corpus-Dekret Die Heimkehr. 3 34 auswirken, wenn ſie unrechtmäßiger Weiſe verhaftet wurde. Ich möchte doch wahrhaftig ſehen, welcher Ausländer ſich unterſtehen will, in Altengland den engliſchen Geſetzen Trotz zu bieten.“ Wahrſcheinlich würde Paul Blunt ſeine Einmengung aufgegeben haben, um nicht unwiſſend einem Uebelthaͤter Vorſchub zu leiſten, wenn nicht eine derartige Herausforderung an ihn ergangen wäre; und auch dieſe würde vielleicht nicht einmal ſeine Klugheit über⸗ wunden haben, hätte ihn nicht eben jetzt ein flehender Blick aus Eva's ſchönen blauen Augen getroffen. 1 „Nicht Alle, die ſich in einem engliſchen Hafen an Bord eines amerikaniſchen Fahrzeugs einſchiffen,“ entgegnete er mit Feſtigkeit, „find nothwendigerweiſe Fremde, und auch dieſen wird die Gerech⸗ tigkeit nicht verweigert. Man verſteht ſich in anderen Ländern eben ſo gut auf das Habeas Corpus, wie in dieſem, denn glücklicherwlſe leben wir nicht in einem Zeitalter, in welchem Freiheit oder Wiſſen nur das Eigenthum einzelner Ausſchließlichen ſind. Verſteht Ihr überhaupt etwas von dem Rechte, ſo muß Euch bekannt ſeyn, daß Ihr geſetzlich eine Frau nicht ſtatt ihres Gatten arretiren laſſen könnt, und daß Eure Bemerkungen über das Habeas Corpus keine Berückſichtigung verdienen.“. „Wir nehmen hier eine Verhaftung vor, und wer einen Be⸗ amten hindert, eine angeklagte Perſon zu arretiren, macht ſich der Bergung ſchuldig. Irrthümlichkeiten müſſen durch die Obrigkeit ausgeglichen werden.“ „Ganz richtig— ſoferne der Beamte für das, was er thut, Vollmacht hat.“ „Writs und Haftbefehle können Irrthümer enthalten, aber die Verhaftung ſelbſt iſt und bleibt Verhaftung,“ brummte Grab. „Es iſt aber doch ein Unterſchied, ob man ein Weib oder einen Mann feſtnimmt. In einem ſolchen Falle handelt ſich's um bösliche Abſicht, nicht um ein Verſehen— und wenn ſich dieſe eingeſchüch⸗ 35 terte Frau von mir rathen laſſen will, ſo wird ſie nicht mit euch gehen.“ „Es geſchieht auf ihre Gefahr, wenn ſie ſich erdreiſten ſollte.“ „Und ich ſage Euch, es geſchieht auf Eure Gefahr, wenn Ihr Euch des Verſuchs unterfangt, ſie gewaltſam von dem Schiffe fortzuſchaffen.“ „Gentlemen, Gentlemen!— Ich bitte, laßt es doch zu keinen Zwiſtigkeiten kommen,“ legte ſich nun der Kapitän in's Mittel. „Mr. Blunt, Mr. Grab; Mr. Grab, Mr. Blunt. Keine hitzigen Worte, Gentlemen, wenn ich bitten darf. Aber die Fluth fängt ſchon an abzufließen, Herr Attorney, und ‚Zeit und Ebbe, Ihr wißt ja, wie's im Sprichwort heißt. Wenn wir länger hier auf⸗ gehalten werden, kann der Montauk erſt am zweiten ſtatt am erſten ausfahren, und letzteres Datum iſt doch in beiden Hemiſphären angekündigt. Es ſollte mir leid thun, Gentlemen, euch ohne eure kleinen Vorräthe in die See nehmen zu müſſen, und was die Ca⸗ jüte betrifft, ſo iſt ſie ſo voll wie ein Advokatengewiſſen. Kein Abhülfemittel in einem ſolchen Falle, als das Zwiſchendeck.— Legt vorwärts, Leute, und windet los. Ein paar Hände an die Fock⸗ marsſegelfallen. Wir ſind ſo regelmäßig wie unſere Chronometer — unfehlbar den erſten, zehnten und zwanzigſten.“ In Kapitän Trucks Darſtellung der Sache lag einige Wahr⸗ heit mit ein wenig Dichtung untermengt. Die Fluth war allerdings günſtig, aber der Wind blies leicht unmittelbar gegen die Rhede her, und wären die Gefühle des Schiffmeiſters nicht durch die Noth einer hübſchen, intereſſanten jungen Frau erwärmt worden, ſo hätte wahrſcheinlich der Paketdienſt die Schmach auf ſich geladen, ein Schiff um einen Tag ſpäter ausſegeln zu laſſen, als angekündigt worden war. So aber hatte der Kapitän ſich der Sache allen Ernſtes angenommen und verſicherte ſogar insgeheim Sir George und Mr. Dodge, wenn ſich der Polizeidiener und der Attorney nicht augenblicklich zufrieden geben, ſo werde er ſie mit in die See hinaus 36 nehmen, ohne ſich für verpflichtet zu halten, ihnen auch nur einen Tropfen Waſſer zu reichen. „Sie können dann vielleicht zu einem bischen Regenwaſſer kommen, wenn ſie ihre Wämſer ausringen,“ fügte er blinzelnd bei,„obſchon der Oktober ein ziemlich trockener Monat iſt in der amerikaniſchen See.“ Paul Blunt's Entſcheidung würde den Attorney und ſeinen Be⸗ gleiter wohl veranlaßt haben, von ihrem Vorhaben abzuſtehen, wenn nicht zwei Punkte dabei in Betracht gekommen wären. Beide hatten nämlich das Geſchäft auf Spekulation oder nach dem Grund⸗ ſatze„ohne Leiſtung kein Geld“ unternommen; wenn ſie daher unverrichteter Dinge abzogen, war alle Mühe verloren. Auch hatte man die obwaltende Schwierigkeit vorausgeſehen, weshalb der Onkel, während ſich der Polizeibeamte nach dem Schiffe begab, am Ufer emſig nach ſeinem Sohn umherſpähen ließ, damit derſelbe die Identität des Gatten bezeuge— ein Schritt, der ſchon fruͤher eingeſchlagen worden wäre, wenn man den jungen Mann hätte auffinden können. Dieſer Sohn war ein Freier, der von der jungen Frau einen Korb erhalten hatte, und Mr. Grab bemerkte nun vermittelſt eines Fernglaſes, welches er ſtets bei ſich führte, daß der gedachte Gentleman mit ſo viel Eifer, als durch Bosheit und ge⸗ täuſchte Erwartung nur eingegeben werden konnte, in einem zwei⸗ ruderigen Boot auf den Montauk losſteuerte. Die Entfernung des Fahrzeugs von dem Schiffe war zwar noch beträchtlich, aber ein eigenthümlicher Hut und das Fernglas erhoben ſeine Perſon über allen Zweifel. Der Attorney machte den Polizeimann auf das Boot aufmerkſam, und letzterer winkte, nachdem er einen Blick durch ſein Glas gethan hatte, beifällig mit dem Kopfe. Die Freude bemeiſterte die gewöhnliche Schlauheit des Erſteren, denn bei dem Erfolg der Spekulation kam auch ſein Stolz mit in's Spiel: über⸗ haupt iſt der Menſch ein ſo ſeltſam organiſirtes Weſen, daß er ſich in Durchführung eines Anſchlages, der in keiner Weiſe zu rechtfertigen 12— -— . 8S8ESA ——yß R& ————— 37 iſt, oft eben ſo ſelig fühlt, als wenn er eine That gethan hat, auf die er mit Grund ſtolz ſeyn darf. Andererſeits hatten die Paſſagiere und Matroſen des Paket⸗ ſchiffs mit jener inſtinktartigen Behendigkeit, welche ganzen Maſſen im Augenblicke der Aufregung eigenthümlich zu ſeyn ſcheint, den wahren Sachbeſtand ſo ziemlich errathen; denn alle lebten der Ueberzeugung, das einzelne Boot, welches in der Dunkelheit des Abends auf ſie zuruderte, müſſe eine Perſon enthalten, auf deren Beiſtand der Attorney und ſein Myrmidon zählten, obſchon ſie nicht darüber klar werden konnten, in welcher Weiſe die Mitwirkung ſtattfinden dürfte. Zwiſchen den Matroſen und den Anhängſeln der Rechtspflege beſteht ſeit unvordenklichen Zeiten ein feſtgewurzelter Groll, denn die Beſuche der Letzteren fallen in der Regel in eine ſo ungelegene Zeit, daß die betreffende Perſon keine andere Wahl hat, als zu zahlen oder eine Fahrt zu verlieren. Es ſtellte ſich daher bald heraus, daß Mr. Seal von der Trägheit der Mannſchaft nicht viel zu erwarten hatte, denn nie zuvor hatten Matroſen mit grö⸗ ßerem Eifer gearbeitet, um ein Schiff von ſeinem Ankergrunde loszubringen. Die Theilnahme des Schiffsvolks bekundete ſich übrigens eher in einer ſtummen, bewußten Thätigkeit, als in lärmendem Gewühl, denn jeder Mann an Bord ſtrengte nach beſtem Willen und Vermögen ſeine Fähigkeiten an. Das uhrwerkartige Picken der Haſpelza⸗ pfen glich dem einer vorgelaufenen Taſchenuhr, während die Kette bei jedem Zuge mit Wellen von einem halben Faden Höhe herein kam. „Haltet dieſes Tau feſt, ihr Leute,“ rief Mr. Leach, das Ende der großen Marsſegelfalle einem halben Dutzend baumſtarker Zwiſchendeckpaſſagiere hinreichend, welche die beſte Neigung von der Welt hatten, ſich thäͤtig zu erweiſen, obſchon ſie nicht wußten, wo ſie Hand anlegen ſollten.—„Haltet feſt und zieht an.“ Der zweite Mate trieb es auf dem Vorderſchiffe in derſelben 38 Weiſe, und da unter ſolchen Umſtänden die Schooten in ſtäter Thä⸗ tigkeit waren, ſo begannen die weiten Falten der Segel ſich zu öffnen, waͤhrend die Matroſen noch mit dem Ankerlichten beſchäftigt waren. Dieſe Anſtrengungen beſchleunigten das Blut ſogar in den Adern der Unbeſchäftigten, und ſelbſt die Halbdeckpaſſagiere begannen außer den Gefühlen des Mitleids die Aufregung einer Jagd zu empfinden. Kapitän Truck verhielt ſich ſehr ſchweigſam, obſchon er mit großem Eifer die Vorbereitungen leitete. Er ſprang an das Steuer und ließ die Speichen fliegen, bis er das Ruder hart aufgeſtellt hatte; dann übergab er es ohne Umſtände John Effing⸗ ham, damit er es feſthalte. Sein nächſter Sprung ging nach dem Fuße des Beſahnmaſtes hin, wo er ſich eine Weile allein abmühte und dann über die Schultern zurückſah, um Jemand zur Hülfe heranzuwinken. 4 „Sir George Templemore, die Beſahnmarsſegelfallen— die Be⸗ ſahnmarsſegelfallen, Sir George Templemore,“ murmelte er in ſeiner Haſt, obſchon er kaum wußte, was er ſagte.„Mr. Dodge, jetzt iſt's Zeit, zu zeigen, daß Euer Name nicht gleichbedeutend ſey mit Eurem Weſen.“& Mit einem Worte, faſt Alles an Bord war rührig, und dem eifrigen guten Willen der Offiziere, Stewards, Köͤche und einiger Matroſen, die am Haſpel erübrigt werden konnten, hatte man es zu danken, daß ſich Segel um Segel mit einer Geſchwindigkeit ausbreitete, welche der an Bord eines Kriegsſchiffs wenig nachgab. Das Raſſeln der Geitaublöcke, als zwanzig kräftige Burſche mit der Halſe des großen Segels nach Vorne liefen, und das Anholen der Braſſen dienten als Signal, daß das Schiff vom Ankergrunde losgekommen war und auf das Steuer anzuſprechen begann. Eine Querſtrömung hatte es unnoͤthig gemacht, das Schiff abfallen zu laſſen; die Segel aber faßten den leichten Wind faſt im Striche und der Kapitän begriff wohl, daß im gegenwärtigen Falle die * Dodge heißt Ränke ſchmieden. Thaͤ⸗ h zu iftigt den nnen d zu ſchon g an hart ing⸗ dem ühte ülfe 39 größerer Wichtigkeit war, als die Richtung. Blaſen, die vorbeiſchwammen oder viel⸗ mehr vorbeizuſchwimmen ſchienen, daß der Kiel das Waſſer nach vorne theilte, als er einen zuverläßigen Mann an das Steuer berief und John Effingham ſeiner Wache überhob. Im nächſten Augenblick meldete Mr. Leach, daß der Anker verkattet und ge⸗ ſiſcht ſey. „Lootſe, ich mache Euch dafür verantwortlich, wenn meine Gefangenen entkommen ſollten,“ rief Mr. Grab in drohender Stimme. „Ihr kennt meinen Auftrag und es iſt Eure Pflicht, den Dienern des Geſetzes Beiſtand zu leiſten.“ „Hört, Mr. Grab,“ ließ ſich jetzt der Meiſter vernehmen, der unter der Anſtrengung gleichfalls warm geworden war,„wir Alle insgeſammt, die wir uns an Bord des Montauk befinden, kennen unſere Pflicht und erfüllen ſie. Es iſt Eures Amtes, den Robert Davis an's Land zu nehmen, wenn Ihr ihn finden könnt; aber ich habe die Obliegenheit, den Montauk nach Amerika zu bringen. Wenn Ihr alſo wohlmeinenden Rath annehmen wollt, ſo möchte ich Euch empfehlen, dafür Sorge zu tragen, daß Ihr nicht die Fahrt mitmachen müßt. Niemand legt Euch in Vollziehung Eures Auftrags ein Hinderniß in den Weg und ich werde es Euch Dank wiſſen, wenn mich Niemand in Erfüllung meiner Pflicht ſtört. Braßt die Raaen weiter nach vorne, Jungen, und bringt das Schiff in den Wind.“ Da in dieſer Antwort Logik, nützliche Belehrung, Rechtskunde und Seemannserfahrung ſich vereinigten, ſo begann der Attorney einige Unruhe zu verrathen; denn das Schiff hatte mittlerweile ſo viel Fahrt gewonnen, daß es äußerſt zweifelhaft war, ob es einem zweiruderigen Boote überhaupt möglich werden konnte, ohne Zuſtimmung derer an Bord nachzukommen. Der Abend war bereits hereingebrochen, und die Strahlen des Mondes begannen in dem ſich kräuſelnden Waſſer zu zittern; Mr. Seal würde daher, obſchon Bewegung von weit Kaum bemerkte er an den 40 nur mit großem Widerwillen, wahrſcheinlich ſein Vorhaben auf⸗ P gegeben haben, wenn nicht Sir George Templemore den Kapitän ar auf ein ſechsruderiges Boot aufmerkſam gemacht haben würde, welches aus einer Richtung auf den Montauk zuſteuerte, daß man de „Es ſcheint der Kutter eines Kriegsſchiffs zu ſeyn,“ bemerkte R 3 es im Mondlicht wohl unterſcheiden konnte. der Baronet unruhig; denn nachgerade fühlten Alle eine Art per⸗ di fönlichen Intereſſes an dem Entkommen des jungen Ehepaars. h 44„Es iſt wirklich ſo, Kapitän Truck,“ fügte der Lootſe bei; m „und wenn er ein Signal gibt, habe ich die Verpflichtung, den re Montauk beilegen zu laſſen.“ g „Dann macht, daß Ihr ſo ſchnell als möglich fortkommt, mein g guter Freund; denn zu einem ſolchen Zweck ſoll mit meiner Zu⸗ g ſtimmung hier weder Braſſe noch Bolien angerührt werden. Das C Schiff hat gelichtet— meine Stunde iſt gekommen— meine Paſ⸗ ſagiere find an Bord— und Amerika iſt mein Hafen.— Wer von mir etwas will, ſoll mir nachjagen. So was nenne ich nach Vattel handeln.“ Der Lootſe und der Kapitän des Montauk waren ein Paar edler Freunde, die ſich trefflich verſtanden, obſchon Erſterer der⸗ gleichen that, als ſey es ihm Wunder wie ernſt mit Erfüllung ſeiner Pflichten. Das Boot wurde heraufgeholt und der würdige Pilot ſprang, nachdem er dem Meiſter einige Winke über die Un⸗ tiefen und Stroͤmungen zugeflüſtert hatte, in den Nachen, den Lootſenkahns verſuchen wollt, Mr. Grab,“ rief der Kapitän,„ſo dürfte ſich Euch wohl nie eine beſſere Gelegenheit bieten. Es iſt eine ſchöne Nacht für eine Regatta, und ich wette gegen Euch ein 2 2 — — A 8 ₰ . 5 1 * — — 5 0 — 2 1 2 8 2 . auf⸗ pitän ürde, man erkte per⸗ 41 Pfund auf Mr. Handleads Ferſen— ja was dieß betrifft, auch auf ſeinen Kopf oder ſeine Hände obendrein.“ Aber der Polizeidiener wollte ſich nicht verdrängen laſſen, denn er ſah, daß das ſechsrudrige Boot dem Schiffe nachkam, und da er wohl wußte, wie wichtig es für ſeinen Clienten war, eine Rechnungsausgleichung zu erzwingen, ſo meinte er, es dürfte von dieſer Seite her wohl Suceurs zu erwarten ſeyn. Mittlerweile hatte dieſe neue Bewegung von Seiten der Verfolger die allge⸗ meine Aufmerkſamkeit geweckt und, wie ſich erwarten läßt, die Auf⸗ regung, welche gewöhnlich den Antritt einer langen Seefahrt be⸗ gleitet, um das Vierfache geſteigert. Männer und Weiber ver⸗ gaßen den Schmerz des Abſchiedes in der Beklommenheit des Au⸗ genblickes und in der Luſt, die ſich gewöhnlich an eine lebhafte Gemüthsbewegung knüpft, wenn ihr nicht eigene Leiden zu Grunde liegen. Viertes Kapitel. Wohin ſo ſchnell? Behüt euch Gott! zur Halle Geradenwegs, damit wir dort erfahren, Was aus dem großen Herzog Bukingham Soll werden. Heinrich VIII. Das Zuſammentreffen von Reiſenden auf einem großen Paketſchiff muß nothwendig Kälte und Mißtrauen zur Folge haben, namentlich bei denen, welche die Welt kennen, und um ſo mehr, wenn ſichs um eine Fahrt von Europa nach Amerika handelt. Die größere Ver⸗ derbniß der alten Hemiſphäre mit den daraus entſpringenden Wech⸗ ſeln und Laſtern— das Bewußtſeyn, daß der Strom der Auswan⸗ derung ſich nach Weſten zieht, und die gewöhnliche Annahme, daß nur Wenige die Heimath ihrer Jugend verlaſſen, wenn ſie nicht wenigſtens durch das Unglück bedrängt werden— Alles dies 42 vereinigt ſich mit noch vielen andern augenfaͤlligen Urſachen, um die einer Fahrt nach dem Weſten eine derartige Auszeichnung zu ver⸗ der leihen. Dazu kommt noch der Kaſtengeiſt mit ſeiner ekeln Ab⸗ hiel⸗ ſchließung, die feinere Bildung und die Zurückhaltung der Charak⸗ die tere, die ſich ihres Werthes bewußt ſind— Verhältniſſe, welche wich oft in Widerſtreit treten mit der Aufdringlichkeit der Selbſtſucht, lerr . dem Mangel an Bildung, der Unbekanntſchaft mit dem was ſchicklich iſt, 4 und und völliger Gemeinheit. Obgleich die Noth derartige chaotiſche nete Elemente bald in eine gewiſſe Ordnung bringt, ſo entſchwindet noch doch die erſte Woche gemeiniglich unter gegenſeitiger Beobachtung, kön kalten Höflichkeiten und behutſamen Zugeſtändniſſen, bis man ſich endlich unverhohlener dem eingeborenen Wunſche nach Annäherung ſtär hingibt, wenn nicht etwa letztere durch offene Händelſucht, Zechge⸗ den lage bis in die tiefe Nacht hinein, eine quiekſende Fidel oder einen wir unbeſſerlichen Schnarcher unmoͤglich gemacht wird. 4 in Zum Glücke für die auf dem Montauk verſammelte Geſellſchaft der boten die aufregenden Ereigniſſe des Abends, an welchem das Pa⸗ zu ketſchiff ausſegelte, eine gute Gelegenheit, die gewöhnliche Höf⸗ zu lichleitsprobezeit abzukürzen. Mit dem Eintreffen des letzten Paſ⸗ ſagiers waren kaum zwei Stunden verfloſſen, und doch waren die 3 Vo betreffenden Zirkel des Halbdecks und des Volkslogis ſchon weit mehr durch die Bande der Sympathie an einander geknüpft, als ha dies bei der vielgeprieſenen Nächſtenliebe ſonſt in Tagen des ge⸗ ſch wöhnlichen Verkehrs der Fall zu ſeyn pflegt. Sie hatten ſich— ha Dank ſey es der Emſigkeit des Kapitän Truck, welcher in Mitte en aller ſeiner Thätigkeit dennoch hinreichend Zeit erhaſcht hatte, um ber ein halb Dutzend weitere Vorſtellungen an den Mann zu bringen— un bereits den Namen nach kennen gelernt, und die weniger gebildeten Ame⸗ ha rikaner machten von dieſem Umſtande ſchon ſo unverhohlen Gebrauch, an als handle ſich's um eine Bekanntſchaft vieler Jahre. Wir ſagen— ſie die Amerikaner, denn die Kajüten der Paketſchiffe bergen in der hi Regel einen Zuſammenfluß von allen Nationen, obſchon natürlich G 43 die Engländer und die Angehörigen ihrer vormaligen Kolonieen auf der Londoner Linie vorherrſchen. Bei dem gegenwärtigen Anlaſſe hielten ſich, ſoweit man den Nationalcharacter unterſcheiden konnte, die beiden Letztgenannten ihrer Anzahl nach nahezu das Gleichge⸗ wicht, obſchon die Muthmaßungen— die, wie ſich denken läßt, mitt⸗ lerweile nicht müßig geweſen waren— in Betreff des Mr. Blunt und einiger Anderen, welche der Kapitän als„Ausländer“ bezeich⸗ nete, um ſie von dem angloſächſiſchen Stamme zu unterſcheiden, noch immer nicht zu einem befriedigenden Schluſſe hatten gelangen können. Die gleiche Vertheilung der Kräfte hätte unter andern Um⸗ ſtänden leicht zu einer Spaltung der Geſinnungen führen können; denn der Widerſtreit zwiſchen amerikaniſchen und britiſchen Anſichten wird in Vereinigung mit der Verſchiedenheit der Angewöhnungen in den Kajüten der Paketſchiffe zu einer fruchtbaren Quelle des Ha⸗ ders. Der Amerikaner meint unter der Flagge ſeines Vaterlandes zu Hauſe zu ſeyn, während ſich ſein transatlantiſcher Vetter ſehr zu der Vorſtellung hinneigt, wenn er ſein Geld ehrlich bezahlt habe, ſey er auch berechtigt, nebſt dem übrigen Gepäck auch alle ſeine Vorurtheile mit einzuſchiffen. Der Vorgang mit dem Attorney und dem neuvermählten Paar hatte jedoch mit der Spaltung der Nationalmeinungen nichts zu ſchaffen, denn die Engländer wünſchten augenſcheinlich ehen ſo leb⸗ haft, daß Robert Davis mit ſeiner Gattin dem Fänger des Geſetzes entwiſchen möchte, als irgend ein anderer Theil der Paſſagiere. Die betreffenden Perſonen waren zwar Angehörige der britiſchen Inſeln, und die Autorität, die in dem gedachten Falle umgangen wurde, hatte ſich derſelben Abkunft zu rühmen; aber dennoch hatten alle an Bord Befindlichen— gleichviel, ob mit Recht oder Unrecht— ſich dem Eindrucke hingegeben, die Gewalt des Geſetzes habe ſich hier eine Ueberſchreitung zu Schulden kommen laſſen. Auch Sir George Templemore, dem unter den Engländern der höchſte Rang 44 zukam, war entſchieden dieſer Anſicht, die er mit aller Wärme ausſprach, und das Beiſpiel eines Baronet übte nicht nur unter den Meiſten ſeiner Landsleute, ſondern auch unter nicht wenigen Amerikanern einen entſprechenden Einfluß. Die beiden Effing⸗ hams nebſt Mr. Sharp und Mr. Blunt ſchienen in der That die Einzigen zu ſeyn, die gegen Sir Georges Aeußerungen gleichgiltig blieben, und da man in der Regel bald fühlt, bei wem man mit der eigenen Weisheit ankommen kann, ſo wurde vielleicht auch ihre zufällige Unabhängigkeit durch die Thatſache begünſtigt, daß die Vorträge dieſes Gentleman hauptſächlich denen galten, welche ihm das bereitwilligſte Gehör ſchenkten. Namentlich war Mr. Dodge ſein eifriger Zuhörer und achtungsvoller Bewunderer. Freilich hatte er in ihm auch ſeinen Zimmergenoſſen vor ſich, und außerdem war er ein Demokrat von ſo reinem Waſſer, daß er keinen Anſtand ge⸗ nommen hätte, gegen alle Welt zu behaupten, Niemand habe ein Recht auch nur an einen ſeiner fünf Sinne, wenn es ihm nicht durch den Volkswillen verliehen ſey. Mittlerweile war die Nacht vorgerückt, und auf den Wellen ſpielte das ſanfte Licht des Mondes, die Aufregung der Scene durch ein geheimnißvolles Halbdunkel erhöhend. Das zweirudrige Fahr⸗ zeug war augenſcheinlich von den ſechsrudrigen eingeholt worden; es fand ein kurzes Geſpräch ſtatt, nach welchem erſteres mit Wider⸗ ſtreben nach dem Land zurückkehrte, letzteres aber, von ſeiner Lage Vortheil ziehend, die zwei Lugſegel aufzog und auf einem Kurſe in die offene See hinausſteuerte, welcher den Montauk zwingen mußte, unter ſein Lee zu kommen, ſobald die nahen Untiefen das Paketſchiff zum Laviren nöthigten. „England iſt ſehr unbequem gelegen,“ bemerkte Kapitän Truck trocken, als er dieſes Manöver mitanſah.„Wäre uns nicht jetzt dieſe Inſel im Wege, ſo könnten wir vorwärts ſteuern und es dieſen Kriegsſchifflern überlaſſen, ſich die ganze Nacht mit ihren Segeln in der Portsmouther Rhede zu unterhalten.“ rmme ner gen ng⸗ die ltig mit hre die ihm dge atte var ge⸗ ein icht llen irch ihr⸗ en; der⸗ age urſe gen das ruck jetzt eſen eln 45 „Ich hoſſe, es iſt keine Gefahr vorhanden, daß jenes kleine Boot dieſes große Schiff einhole!“ rief Sir George mit einer Leb⸗ haftigkeit, die— in Mr. Dodges Meinung wenigſtens— ſeiner Philanthropie große Ehre machte. Letzterer hatte nämlich eine große Zuneigung für vornehme Perſonen gewonnen; denn er ver⸗ dankte einem deutſchen Baron, mit welchem er eine Zeit lang im Eilwagen reiste, das Modell der Pfeife, welche er mit ſich führte, ohne ſie je zu rauchen, und hatte ſich zwiſchen Lyon und Marſeille zwei Tage und zwei Nächte mit einer polniſchen Gräfin, wie er ſie ſtets nannte, in der Gondole einer Diligence rütteln laſſen. Außer⸗ dem war Mr. Dodge, wie wir bereits angedeutet haben, in Amerika ein Ultra⸗Demokrat— ein Umſtand, der ſtets ſeine Gegenwirkung zu entwickeln ſcheint, ſobald die Perſon, welche ſich einer ſolchen Aus⸗ zeichnung rühmen kann, in fremde Länder gelangt. „Schon eine Feder, die vor dem Seufzer einer Dame dahin⸗ fliegt, müßte uns in dieſer Luft überſegeln; ſie trifft uns nach der Weiſe des Wallſiſchſchnaubens, Sir George— in plötzlichen Stößen nemlich. Ich ließe mich das Fährgeld eines Zwiſchendeckpaſſagiers koſten, wenn Großbritanien ſo ein acht oder zehn Tage in der Höhe des Caps der guten Hoffnung läge.“ „Oder vor dem Cap Hatteras!“ fügte der Mate bei. „O, nicht doch— ich wünſche der alten Inſel nichts Leides und kein ſchlimmeres Klima, als ſie bereits hat, obſchon ſie uns eben jetzt ſo ſehr im Wege liegt, wie der Mond den Sonnenſtrahlen in einer Sonnenfinſterniß. Ich hänge an der alten Kreatur mit der Liebe eines Urenkels— meinetwegen auch einen oder zwei Grade ferner, wenn Ihr wollt— und fahre zu oft ab und zu, um die Verwandtſchaft zu vergeſſen. Aber ſo werth ſie mir auch iſt, bin ich ihr doch nicht freundſchaftlich genug zugethan, um auf ihren Untiefen ſtranden zu wollen— alſo umgeholt, Mr. Leach; und zugleich wünſche ich aus dem Grunde meines Herzens, jener 46 Schurke mit den beiden Lugſegeln möchte gleichfalls umdrehen und vor ſeiner eigenen Thüre fegen.“. Das Schiff lavirte langſam, aber mit Anmuth, denn es hatte eine wahre„Rennertackelung“, wie ſich der Kapitän auszudrücken pflegte; doch wie die Buge gen Oſten abfielen, wurde es Allen, die etwas von der Sache verſtanden, ziemlich augenfällig, daß die beiden kleinen Lugſegel, welche ſich, wie das Matroſenwelſch lautet, „in den Wind hinein fraßen“, den Montauk anthun mußten, ehe der⸗ ſelbe die zweite Untiefe hinter ſich gewinnen konnte. Sogar dieje⸗ nigen, welche nie eine Seefahrt mitgemacht hatten, ahneten in ſie⸗ beriſcher Aufregung die Wahrheit, und die Zwiſchendeckpaſſagiere hielten bereits geheime Zwieſprache über die Möglichkeit, die Ver⸗ folgten in irgend einem Winkel des Schiffes zu verbergen.„Der⸗ gleichen Dinge ſeyen ſchon oft vorgekommen,“ flüſterte Einer dem Andern zu,„und laſſen ſich jetzt ſo leicht ausführen, wie zu irgend einer andern Zeit.“ Kapitän Truck aber betrachtete die Sache von einem ganz anderen Geſichtspunkte, denn ſein Beruf führte ihn dreimal jährlich auf die Rhede von Portsmouth, und er fühlte ſich nicht ſonderlich geneigt, ſeinen künftigen Verkehr mit dem Platze dadurch zu erſchweren, daß er den Behörden offenen Trotz bot. Er erwog hin und her, ob es nicht paſſend ſeyn dürfte, ſein Schiff in den Wind zu werfen, ſich langſam dem Boote zu nähern und deſſen Inſaſſen an Bord einzuladen. Dagegen ſträubte ſich jedoch der Stolz des Seemanns, und Jack Truck war nicht der Mann, um die„Garne“ zu überſehen oder zu vergeſſen, welche von ſeinen Schiffskameraden in dem Neu⸗England⸗Kaffeehaus oder in den wirth⸗ lichen Dörfern an den Ufern des Lonersticut geſponnen wurden— denn aus Letzterem ſtammten alle Paketſchiffmatroſen und pflegten ſich, wenn die Bahnen ihres dermaligen Berufs abgelaufen waren, ſo regelmäßig darnach wieder zurück zu ziehen, als die Frucht an der Stelle, wo ſie fällt, ſich zerſetzt, oder das Gras, das nicht ein⸗ geheimst wird, an dem Platze ſeines Keimens verdorrt. 47 „Es unterliegt keiner Frage, Sir George, daß dieſer Kerl ein Kriegsſchiffvoot iſt,“ ſagte der Meiſter zu dem Baronet, der ſich dicht an die Seite des Sprechers herangemacht hatte.„Schaut nur durch dieſes Nachtglas nach dem ſchleichenden Schurken hin, und Ihr werdet ſehen, wie die Mannſchaft mit gekreuzten Armen auf den Doſten ſitzt, gleich Leuten, die des Königs Rindfleiſch ver⸗ zehren. Weder in England noch in Amerika gibt ſich irgend Je⸗ mand ſo ein unverſchämt müßiges Anſehen, wenn er nicht in regel⸗ mäßigem öffentlichem Dienſt ſteht. Doch was dies betrifft, iſt die menſchliche Natur in beiden Hemiſphären ganz die gleiche— wenn Einer Glück hat, ſo meint er gleich, er habe Alles ſeinem Ver⸗ dienſte zu danken.“ „Es ſcheinen ihrer Viele zu ſeyn! Glaubt Ihr, ſie hätten im Sinne, das Schiff durch Entern zu nehmen?“ „Wenn dieß der Fall iſt, müſſen ſie den Willen für's Werk nehmen,“ entgegnete Mr. Truck mit ziemlicher Kälte.„Es ſteht ſehr in Frage, ob der Montauk mit drei Kajütenoffizieren, eben ſo vielen Stewarden, zwei Köchen und achtzehn Backleuten die Notion ſonderlich erbaulich finden könnte, ſich von der Mannſchaft eines ſechsruderigen Kutters ‚nehmen zu laſſene, wie Ihr es nennt, Sir George. Wir ſind zwar nicht ſo groß, wie der Planet Jupiter, beſitzen aber doch ein Bischen zuviel Schwere, als daß wir— noch obendrein ſo leicht— in die Taſche geſteckt werden könnten.“ „Ihr gedenkt alſo Widerſtand zu leiſten?“ fragte Sir George, den augenſcheinlich ſein großmüthiger Eifer für die Verfolgten be⸗ wog, lebhafteres Intereſſe an ihrem Entkommen zu nehmen, als irgend eine andere Perſon an Bord. Kapitän Truck, der ſich gerne auf einen Scherz einließ, ſann ein wenig nach und drückte dann lachend den Wunſch aus, es moͤchte ein Congreß⸗ oder Parlaments⸗Mitglied mit an Bord ſeyn. „Euer Wunſch klingt für die Umſtände etwas ungewöhnlich,“ 48 bemerkte Mr. Sharv.„Wollt Ihr die Güte haben, uns den Grund davon anzugeben?“ „Die Sache berührt eine Frage, die in den Bereich des Völ⸗ kerrechts gehört, Gentlemen,“ fuhr der Schiffsmeiſter die Hände reibend fort; denn abgeſehen von ſeiner Vorſtellungskunſt hatte der ehrliche Seemann ſich's noch außerdem in den Kopf geſetzt, daß er vollkommen in die Grundſätze Vattel's eingeweiht ſey, deſſen Werk er in einem wohlabgegriffenen Exemplare beſaß. Er zollte nämlich den Lehren dieſes Schriftſtellers in vollem Maße jene Huldigung, mit welcher diejenigen, die ſpät zu ſtudiren anfangen, den Lehrer, in deſſen Hände ſie zufällig gefallen ſind, zu betrachten pflegen. „Unter welchen Umſtänden oder in welcher Kategorie kann ein be⸗ waffnetes öffentliches Schiff ein neutrales zwingen, ſich einem Be⸗ ſuch an Bord zu unterwerfen— nicht ‚ſich nehmen zu laſſen“, Sir George, wie Ihr zu bemerken die Güte haben werdet; denn ich will verdammt ſeyn, wenn irgend Jemand den Montauk nehmen’ ſoll, falls er nicht kräftig genug iſt, auch ſeine Mannſchaft und ſein Kargo in die Taſche zu ſtecken!— Ich ſage aber, in welcher Kategorie kann ein Paketſchiff, wie das, welches ich zu befehligen die Ehre habe, in comity* beizulegen und ſich überhaupt einer Unterſuchung zu unterwerfen? Das Schiff hat gelichtet und ehrlich unter ſeinem Tuche lavirt; es wäre mir daher lieb, Gentlemen, wenn es euch genehm ſeyn ſollte, mir eure Anſichten über die Sache zu ſagen. Habt gefälligſt die Güte, mir die Kategorie namhaft zu machen.“ Mr. Dodge ſtammte aus einem Theile Amerikas, in welchem die Leute gewöhnt waren, gemeinſam zu denken und zu handeln, wie ſie faſt auch gemeinſchaftlich zu eſſen, zu trinken und zu ſchlafen pflegten— oder mit anderen Worten aus einer jener Gegenden, in welcher ſo großer Gemeinſinn herrſchte, daß nur Wenige, ſelbſt „ Hier ein unüberſetzbares Wortſpiel zwiſchen den gleichlautenden Aus⸗ drücken comity(Höklichkeit) und oommittee(Ausſchuß). 8 —„—.——. 82 49 wenn ihnen zureichende Kenntniſſe und alle die noͤthigen Mittel zu Gebot ſtanden, den moraliſchen Muth beſaßen, ihrer Individualität Achtung zu verſchaffen. So oft nun die gewöhnlichen Zuſammen⸗ künſte, Verſammlungen und öffentlichen Meetings für eine„concen⸗ trirte Thätigkeit“ nicht zureichten, pflegte er mit ſeiner ganzen Nachbarſchaft ſeine Zuflucht zu einer Bildung von Geſellſchaften zu nehmen, um auf dieſe Weiſe„energiſche Mittel,“ wie ſie genannt wurden, zu erzielen, und die Folge davon war, daß dieſer Gent⸗ leman von ſeinem zehnten Jahr an bis zu ſeinem fünfundzwanzigſten entweder als Präſident, Vicepräſident, Director oder Comittee⸗ Mitglied philoſophiſcher, politiſcher oder religiöſer Nothbehelfe gedient hatte, um die menſchliche Weisheit zu kräftigen, die Men⸗ ſchen zu beſſern und dem Irrthum oder Deſpotismus Wider⸗ ſtand zu leiſten. Seine Erfahrung hatte ihn mit der eigenthuͤm⸗ lichen Sprache derartiger Verbindungen vollkommen vertraut ge⸗ macht, und in allen ſechs und zwanzig Staaten war kein Mann von ſeinen Jahren aufzufinden, der auf Ausdrucke,„wie Rechnung tragen“ —„Aufregung“—„grundloſe Feindſeligkeit“—„öffentliche Mei⸗ nung“—„dem Publikum unterbreiten“ oder ähnliche allgemeine Phraſen, die auf die Vorrechte der Geſammtheit, aber nicht auf die Rechte der Einzelnen Bezug nahmen, ſich beſſer verſtanden hätte. Unglücklicherweiſe war die Ausſprache dieſer Perſon nicht ganz ſo rein, als ſein demokratiſcher Sinn, weshalb er denn auch irrthüm⸗ licherweiſe den Ausdruck des Kapitäns in comity für„Committee“ nahm. Zwar war es nicht ganz augenfällig, was der würdige Seemann mit einem„beilegen in Committee“ konnte andeuten wollen; aber da bekanntermaßen derartige Körperſchaften gar viele„ener⸗ giſche Dinge“ auszuführen im Stande ſind, ſo ſah Mr. Dodge nicht ein, warum ein Committee ſich nicht eben ſo gut auf Anordnung des ge⸗ dachten Mansvers verſtehen ſollte, wie auf die irgend eines anderen. „Es ſcheint in der That, Kapitän Truck,“ bemerkte er dem⸗ gemäß,„daß unſere Lage ſich einer Kriſis nähert, und die Anord⸗ Die Heimkehr. 4 nung eines Comity(Committee) kömmt mir ganz beſonders geeignet und ſachgemäß vor, um ſo mehr, da dieſe Maßregel im ſchönſten Einklang mit republikaniſchen Bräuchen ſteht. Um daher keine Zeit zu verlieren und den Gentlemen, die ernannt werden dürften, ſo⸗ gleich die Gelegenheit einer Protokollirung an die Hand zu geben, will ich ohne Weiteres Sir George Templemore zum Obmann vorſchlagen, indem ich es jedem anderen anweſenden Gentleman überlaſſe, den Namen eines ihm paſſenden Kandidaten in Antrag zu bringen. Indeß erlaube ich mir noch beizufügen, daß meinem unmaßgeblichen Urtheile zufolge dieſes Comity(Committee) aus wenigſtens Dreien beſtehen und ermächtigt ſeyn ſollte, uͤber die be⸗ nöthigten Perſonen und Papiere zu verfügen.“ „Als Amendement möchte ich auf fünf antragen, Kapitän Truck,“ fügte ein anderer Paſſagier bei, der gleichfalls dem Schlage des letzten Sprechers angehörte; denn die Herren aus dieſer Schule ſetzen einen Ehrenpunkt darein, bei jedem Vorſchlag eine abwei⸗ chende Meinung vorzubringen, um dadurch ihre Unabhängigkeit zu zeigen. Zum Glück für den unglücklichen Antragſteller ſowohl, als für den Vertreter des Amendements kannte der Kapitän Mr. Dodge's Eigenthümlichkeiten, da andernfalls der Vorſchlag, ſein Schiff durch ein Committee bearbeiten zu laſſen, kaum die beſte Aufnahme ge⸗ funden haben würde. Ein Blick auf Evas lachende Augen, ſowie auf die heiteren Geſichter des Mr. Sharp und Mr. Blunt, die auch im Mondlichte deutlich zu unterſcheiden waren, bewog ihn. übri⸗ gens, mit gravitätiſcher Miene der Ernennung des gedachten Ob⸗ manns ſeinen vollen Beifall zu zollen und ſich bereit zu erklären, den Bericht des vorgedachten Committees entgegenzunehmen, ſobald daſſelbe vorbereitet ſeyn dürfte, ihn zu erſtatten. „Und wenn euer Committee oder Comity mir ſagen kann, Gentleman,“ fügte er bei,„was Vattels Anſicht ſeyn würde über die Verbindlichkeit, in einer Zeit des tiefſten Friedens beizulegen, während das nachſetzende Schiff oder Boot durchaus kein Kriegs⸗ recht für ſich hat, ſo werde ich euch bis zum Tage meines Todes dankbar ſeyn. Allerdings habe ich dieſen Schriftſteller ſo gründlich durchgangen, wie ein altes Weib ihren Kalender, wenn ſie wiſſen möchte, aus welcher Richtung der Wind blaſen wird; aber ich fürchte, er hat den Gegenſtand ganz und gar überſehen.“ Mr. Dodge und drei oder vier von dem gleichen Gemeinſinn hatten bald die Namen des Committees zuſammengebracht, und die Ernannten zogen ſich nach einem andern Theile des Deckes zurück, um einer gemeinſchaftlichen Berathung zu pflegen. Dabei zeigte zum großen Erſtaunen der ganzen Effinghamſchen Familie Sir George Templemore eine Bereitwilligkeit, in der gedachten Eigen⸗ ſchaft Dienſte zu leiſten, daß er darüber den Mangel an Förmlichkeit gänzlich überſah. „Es dürfte am Orte ſeyn, dieſem Committee noch andere Gegenſtände zu übertragen, Kapitän,“ bemerkte Mr. Sharp, welcher Takt genug beſaß, um zu ſehen, daß nur die gewohnte Zurück⸗ haltung Eva's, deren glänzende Augen von Heiterkeit funkelten, von einem hellen Gelächter abhalten konnte;„denn das Reffen und Be⸗ ſchlagen, das Steuern des Curſes, das Vieren der Segel, das Zuſammenrufen der Matroſen zur rechten Zeit und unterſchiedliche andere übliche Dienſtleiſtungen ſind ohne Zweifel wichtige Punkte, welche in dem zu erwartenden Berichte wohl eine Erwähnung ver⸗ dienen.“ „Allerdings, Sir; ich bemerke, daß Ihr ſchon früher zur See geweſen ſeyd, und bedaure daher, daß man Euch nicht zu einem Mitglied des Committees ernannte. Nehmt mein Wort darauf, Alles, deſſen Ihr Erwähnung gethan habt, kann an Bord des Montauk ſo gut durch ein Committee geſchehen, als es die Frage zu bereinigen im Stande iſt, ob wir vor jenem Boote beilegen ſollen oder nicht.— Beiläufig, Mr. Leach, die Burſche haben lavirt und ſteuern nun in dieſer Richtung; ſie wollen uns vor die 52 Buge kommen und uns ſprechen.— Herr Attorney, die Fluth bringt uns vom Lande ab, und es dürfte wohl Morgen werden, ehe Ihr in Euer Neſtchen kommt, wenn Ihr noch länger verzieht. Ich furchte, Mrs. Seal und Mrs. Grab werden ihres Jammers kein Ende ſinden.“ Die Spürhunde der Gerechtigkeit achteten nicht auf dieſe War⸗ nung, denn ſie erwarteten vom Kriegsſchiffboote Beiſtand irgend einer Art, obſchon ſie über das Wie nicht ins Klare kommen konnten; indeß genügte ihnen die Ueberzeugung, daß es der Montauk einholen mußte. Nachdem die beiden Ehrenmänner eine Weile den Kopf zuſammengeſteckt hatten, bot Mr. Seal ſeinem Begleiter eine Priſe Tabak an und bediente ſich hintendrein gleichfalls wie ein Mann, der ſich nicht um die Folgen kümmert, ſondern geduldig ſeinem Dienſte obliegt. Das ſonnverbrannte Geſicht des Kapitäns, deſſen Farbe der von Köchen glich, wenn die Flamme am luſtigſten lodert, obſchon ſie weder vor dem Feuer noch in der Kälte je einen Wechſel erlitt— war den Beiden voll zugekehrt, und es iſt ſehr wahrſcheinlich, daß ihnen eine ziemlich entſchiedene Kundgebung ſeines Willens bevorgeſtanden hätte, wenn nicht eben jetzt Sir George Templemore mit ſeinen vier anderen Committee⸗Mitgliedern herangekommen wäre, um das Reſultat ihrer Beſprechung zu ver⸗ oͤffentlichen. „Wir ſind der Anſicht, Kapitän Truck,“ begann der Baronet, „daß es, ſintemal das Schiff unter Segel iſt und die Fahrt als begonnen betrachtet werden kann, durchaus unzweckmäßig und ganz unnöthig erſcheint, wieder Anker zu werfen; indeß halten wir es für Eure Pflicht—“. „Sofern meine Pflicht in Frage kommt, bin ich eures Rathes nicht benöthigt, Gentlemen. Wenn ihr mir mittheilen könnt, was Vattel über die Categorie des Durchſuchungsrechts, ſofern es nicht kriegsrechtlich geübt wird, ſagt oder geſagt haben würde, ſo werde ich's euch Dank wiſſen; andernfalls müſſen wir uns eben 4 — 5³3 mit dem Rathen begnügen. Ich führe mein Schiff ſchon zehn Jahre und habe nie nöthig gehabt, in Betreff der Hafengerichtsbarkeit mein Gedäͤchtniß bemühen zu müſſen; denn dies ſind Dinge, an die man ſich durch die Uebung gewöhnt, wie mein alter Meiſter zu 4 ſagen pflegte, wenn er uns nach halb beendigtem Mittageſſen von der Tafel wegrief. Wir haben da den Fall mit den Schwarzen in Charleston, in welchem unſere Regierung klaͤrlich zeigte, daß ſie den Vattel nicht ſtudirt hatte, ſonſt würde ſie eine andere Antwort gegeben haben. Ihr habt vielleicht nie davon gehört, Sir George, und da ſich's dabei um einen verfänglichen Grundſatz handelt, ſo will ich die Categorie nur leichthin berühren, ſintemal er ſo gut ſeine Klippen hat wie eine Küſte.“ „Aber iſt die Sache nicht dringlich?— Könnte nicht das Boot—“ 3 „Das Boot wird nichts thun, ohne daß Jack Truck ſeine Zu⸗ ſtimmung gibt. Ihr müßt wiſſen, daß die Caroliner ein Geſetz haben, welchem zufolge alle Niggers, die in dem Staat eingeführt werden, in's Käſig müſſen, bis das Schiff wieder ausſegelt. Man will damit der Emancipation oder Abolition— ich weiß nicht, wie ſie's nennen, vorbeugen. Da kommt nun ein Engländer mit einem Haufen Schwarzer von den Inſeln, und kraft des Geſetzes werden dieſe ſammt und ſonders noch vor Einbruch der Nacht von der Charlestoner Obrigkeit eingeſperrt. John Bull beſchwert ſich bei ſeinem Geſandten, der eine Note an unſern Sekretär erläßt, und dieſer ſchreibt an den Gouverneur von Carolina, fordert ihn auf, den Vertrag zu reſpektiren u. ſ. w. Gentlemen, ich brauche euch nicht zu ſagen, was ein Vertrag iſt— es iſt eine Sache, der man an ſich ſchon Folge geben muß; aber es kommt hauptſächlich dabei darauf an, daß man weiß, was er vorſchreibt. Nun, wie lautete alſo der beſagte Vertrag? John Bull erhält darin die Erlaubniß, gleich der bevorzugteſten Nation in dem Hafen aus⸗ und einzufahren — ganz in dem statu quo ante bellum, wie es Vattel nennt. 54 Die Caroliner aber behandelten John gerade ſo wie den Bruder Jona⸗ than, und weiter war über die Sache nicht zu ſagen. Alle Schiffe waren gehalten, in den Hafen einzulaufen und ſich den beſtehenden Ge⸗ ſetzen zu unterwerfen— ſo kommt es ausdrücklich im Vattel. Ihr bemerkt daher, daß der Fall bald abgethan war, obſchon dabei noch eine kleine Spitzfindigkeit in Frage kam.“ Sir George hatte, um den Sprecher nicht zu beleidigen, mit außerordentlicher Geduld bis an's Ende zugehört; ſobald aber der Kapitän eine Pauſe eintreten ließ, nahm er ſeine Vorſtellungen mit einer Angelegentlichkeit wieder auf, die ſeinen menſchenfreund⸗ lichen Geſinnungen ſehr zur Ehre gereichten, während er zu gleicher Zeit auch den Anforderungen der Höflichkeit volle Genüge leiſtete. 4„Ein außerordentlich klarer Fall, wie ich geſtehen muß, und vortrefflich dargeſtellt— ich zweifle, ob Lord Stowell es beſſer hätte thun können— und auch ungemein paſſend— ich meine das von dem ante bellum. Indeß geſtehe ich doch, daß meine Gefühle in langer Zeit nie ſo ſehr in Anſpruch genommen wurden, als es eben jetzt durch die Lage dieſer armen Leute geſchehen iſt. Es iſt ſo gar ſchmerzlich, ſchon im Morgen des Lebens, wie ich's nennen möchte, in dieſer grauſamen Weiſe getäuſcht zu werden, und ehe ich mitanſehen kann, daß dieſer Zuſtand der Dinge noch weiter in die Länge gezogen wird, will ich mich lieber anheiſchig machen, eine Kleinigkeit aus meiner eigenen Taſche zu zahlen. Wenn es dieſem heilloſen Kerl, dem Attorney, recht iſt, ſo ſoll er hundert Pfund einſtreichen, das Schiff verlaſſen und jenen ärgerlichen Kutter ſammt ſeinen Lugſegeln mit ſich zurücknehmen. Ich zahle ihm das Geld von Herzen gerne— von Herzen gerne, kann ich Euch ver⸗ ſichern.“ In dieſem Zuge praktiſchen Edelmuthes lag etwas ſo ent⸗ ſchieden Achtunggebietendes, daß ſich jetzt die Augen Eva's und aller übrigen Zuhörer, obſchon ſie ſich geneigt fühlten, über den ganzen Vorgang bis auf dieſe Erklärung zu lachen, mit einem 55 Ausdrucke begegneten, der dem Baronet volles Lob ſpendete. Er hatte den meiſten Anweſenden die Ueberzeugung eingeflößt, daß er ein Herz beſaß, trotz dem, daß ſein früheres Benehmen manchen Beobachter gegen die Fähigkeiten ſeines Kopfes mißtrauiſch ma⸗ chen mußte. „Macht Euch wegen des Attorney keine Unruhe, Sir George,“ entgegnete der Kapitän, indem er dem Baronet herzlich die Hand drückte;„er ſoll kein Pfund von Eurem Gelde zu greifen kriegen, und ebenſowenig halte ich es für wahrſcheinlich, daß er dieſem Robert Davis auf den Leib kommen wird. Wir haben die Fluth an unſerem Leebug aufgefangen, und die Strömung dreht uns windwärts, etwa wie eine Oppoſitions⸗Kutſche über Blackhead hin⸗ 3 fliegt. Noch ein paar Minuten, und wir ſind in blauem Waſſer. Ich will dann dem Schurken etwas vom Vattel zu koſten geben, was ihn an den Maſt zurück, wo nicht gar über Bord werfen ſoll.“ „Aber der Kutter—“ „Pah, wenn wir den Attorney mit ſeinem Polizeidiener aus dem Schiff getrieben haben, werden die Andern nicht gleichfalls einen Prozeß in Händen haben, vermittelſt deſſen ſie uns den Mann entführen können, ſelbſt wenn ich ihre Gerichtsbarkeit an⸗ erkennen wollte. Ich kenne die Spitzbuben, und keiner davon ſoll mit meiner Zuſtimmung auch nur einen Shilling aus die⸗ ſem Schiffe mit fortnehmen. Ein Wort in's Ohr, Sir George — es ſind zwei der verwünſchteſten Motten, dergleichen nur je welche den Brodraum eines Schiffes verwüſtet haben, und ich will dafür ſorgen, daß ſie bald umholen, oder ich packe eigenhändig das ſaubere Paar in ihr Boot.“ Der Kapitän war eben im Begriffe, ſich umzuwenden, um die Lage des Kutter zu beobachten, als Mr. Dodge ſich die Er⸗ laubniß erbat, in einem kurzen Bericht die Anſicht der Minorität des Comitys(Commitees) darzuthun— des Inhalts, daß ſtie in allen Dingen mit der Majorität übereinſtimmten und nur einen 56 einzigen Punkt ausnehmen müßten; im Falle es nämlich nöthig würde, das Schiff in einem der weiter unten im Kanal gelegenen Hafen vor Anker gehen zu laſſen, dürfte es klug ſeyn, vor einer ſchließlichen Bereinigung der Sache dieſen weſentlichen Umſtand in's Auge zu faſſen. Dieſer Bericht von Seite der Minorität, welcher, wie Mr. Dodge dem Baronet auseinanderſetzte, mehr eine Vor⸗ ſichtsmaßregel als eine Verwahrung ſeyn ſollte, übte auf Kapitän Truck eben ſo geringen Einfluß, als das Gutachten der Majorität, denn er gehörte unter die Perſonen, die ſelten einen Rath annehmen, wenn derſelbe nicht im Einklang mit ihrer eigenen früheren Beurthei⸗ lung der Frage ſteht. Er fuhr daher fort, in aller Ruhe den Kutter zu beobachten, der eben jetzt in demſelben Kurſe ſteuerte, wie das Schiff, in kurzer Entfernung windwärts ſtand und nunmehr ein wenig vom Winde abfiel, ſo daß die beiden Fahrzeuge mit jedem Schuh, den ſie vorwärts rücken, ſich näher kamen. Der Wind hatte ſich zu einer kleinen Briſe angefriſcht, und der Kapitän nickte beifällig mit dem Kopfe, als er ſogar von der Stelle aus, wo er auf dem Halbdeck ſtand, das Klatſchen der trägen Wellen vernahm, während die maſſenhaften Schiffsbuge durch das Waſſer ſchnitten. In demſelben Augenblicke ſah die Mannſchaft des Kutters die Schaumblaſen raſch an ſich vorübergleiten, während die des Montauk noch immer nur eine langſame und ſchwerfällige Bewegung wahrnahm; aber dennoch lief das letztere Schiff in Wirklichkeit ſchneller, da beide, wie man es in der Kunſtſprache nennt, einen ‚Vierknotenweg’ machten. Der Officier des Bootes entdeckte ſchnell den Wechſel, der zu ſeinem Nachtheile eingetreten war, weshalb er die Schooten ſeiner Lugſegel löste und den Kutter möglichſt von dem Winde abhielt, ſo daß er bald dem Schiff, auf deſſen Luvbug er losſteuerte, auf hundert Fuß nahe ſtand. Das klare milde Mondlicht ließ das Geſicht eines jungen Mannes in einem Glanzhut unterſcheiden, der die Halbuniform eines Seelieute⸗ nants trug und ſich deutlich genug ausnahm, da er in den Stern⸗ . 57 ſchotten, in welchen noch zwei andere Perſonen ſaßen, aufge⸗ ſtanden war. „Ich werde es Euch Dank wiſſen, wenn Ihr den Monkauk beilegen laßt,“ rief der Lieutenant höflich, indem er augenſcheinlich als Compliment gegen die Paſſagiere, welche ſich um das Geländer gedrängt hatten, um zu hören und zu ſehen, was vorging— den Hut lüpfte.„Ich bin im Dienſte des Königs abgeſchickt, Sir.“ „Euer Begehren iſt mir bekannt, Sir,“ entgegnete Kapitän Truck, deſſen Entſchloſſenheit, der Aufforderung keine Folge zu ge⸗ ben, durch die verbindliche Weiſe, in welcher das Geſuch angebracht wurde, ſehr erſchüttert worden war;„und ich fordere Euch zum Zeugen auf, daß Ihr's nur meinem guten Willen zu danken habt, wenn ich Eurem Geſuche willfahre; denn nach den Grundſätzen, welche Vattel und andere Autoren über das Völkerrecht aufgeſtellt haben, können nur kriegfuͤhrende Mächte das Durchſuchungsrecht anſprechen, und da wir mit England im Frieden ſind, ſo iſt kein Schiff der einen Nation befugt, ein Fahrzeug anzuhalten, das die Flagge der andern trägt.“ „Ich kann mich nicht auf dergleichen Spitzfindigkeiten einlaſſen, Sir,“ erwiederte der Lieutenant mit Schärfe.„Meine Befehle ſind beſtimmt und Ihr werdet mich entſchuldigen, wenn ich Euch erklare, daß ich ſie zu vollziehen beabſichtige.“ „So vollzieht ſte meinetwegen, Sir. Wenn Ihr die Weiſung habt, mein Schiff zum Beilegen zu bringen, ſo habt Ihr weiter nichts zu thun, als zu uns an Bord zu kommen, falls Ihr könnt, und uns zu zeigen, wie Ihr eine Raa zu handhaben verſteht. Was die Leute betrifft, die jetzt an den Braſſen ſtehen, ſo werden ſie ſich wahrhaftig nicht durch das Sprachrohr Eurer Admiralität in Be⸗ wegung ſetzen laſſen. Der junge Mann hat Geiſt,“ fügte er bei, „und ſeine Grundſätze als Officier gefallen mir, obſchon ich ſeine juridiſchen Folgerungen nicht zugeben kann. Schmeichelt er ſich, uns in eine neue Kategorie hinein ſchrecken zu können— na, ſo iſt 58 dies wahrhaftig eine Beeinträchtigung des Völkerrechts. Das Jüng⸗ gelchen hat ſich juſt in ein Problem hineingearbeitet, für das es alle ſeine Logik und auch einen guten Theil Muth brauchen wird, um wieder herauszukommen.“ „Ihr werdet kaum daran denken, einem köͤniglichen Officier in britiſchen Gewäſſern Widerſtand leiſten zu wollen!“ ſagte der junge Mann mit jenem Stolze, den ſelbſt der Schüchternſte ſich bald an⸗ eignet, wenn er einmal unter dem Wimpel dient. „Widerſtand leiſten, mein theurer Sir? Von Widerſtand iſt gar keine Rede. Das Mißverſtändniß beruht blos darin, daß Ihr der Meinung ſeyd, Ihr hättet auf dieſem Schiffe zu gebieten, nicht aber John Truck. Dies iſt mein Name, Sir— John Truck. Verrichter Euern Auftrag— nur müßt Ihr nicht von mir ver⸗ langen, daß ich Euch helfen ſoll. Kommt an Bord— Ihr ſeyd von Herzen willkommen— denn nichts könnte mir mehr Vergnü⸗ gen machen, als mit Euch ein Gläschen Wein zu trinken. Aber ich ſehe nicht ein, warum ein Paketſchiff, das ſich für einen langen Weg abmüht, ohne Zweck Halt machen ſoll, wie wir auf der an⸗ dern Seite des großen Waſſers zu ſagen pflegen.“ Es trat eine Pauſe ein, und dann rief der Lieutenant mit jener Art von Stocken, wie man es wohl bei einem gebildeten Manne findet, wenn er fühlt, daß er einen Vorſchlag zu machen im Be⸗ griff iſt, von dem er weiß, daß er nicht angenommen werden kann — die Leute, welche mit ihm im Boote wären, würden für den Aufenthalt Zahlung leiſten. Ein unglücklicheres Anſinnen hätte dem Kapitän Truck nicht geſtellt werden können. Ja, wenn ſich der Lieutenant erboten haben würde, auf dem Halbdeck des Montauk mit dem ehrlichen Meiſter über Vattel's Grundſätze zu disputiren, ſo hätte Mr. Truck wohl keinen Augenblick Anſtand genommen, beilegen zu laſſen, wäre es auch nur in der Abſicht geſchehen, eine Art Verwahrung ſeiner Rechte anzubringen— denn der Wunſch der Anmaßung Widerſtand zu leiſten, iſt, wie die Erfahrung der 8 59 letzten vierzig Jahre gelehrt hat, in allen Fällen einer Berührung mit engliſchen Flottenofficieren dem Buſen eines jeden amerikani⸗ ſchen Matroſen aufs Tiefſte eingepflanzt. Wir ſagen, unter der erwähnten Bedingung würde Kapitän Truck den Paſſagier Robert Davis bereitwillig ſeinem Schickſal überlaſſen haben, um mit dem ſchönen jungen Manne, der noch immer in dem Boot ſtand, eine Flaſche ausſtechen zu können; ſo aber war er zu oft in London geweſen, um nicht zu wiſſen, wie der Engländer den amerikaniſchen Character anzuſchlagen pflegt. Namentlich kannte er unter Anderem wohl die Anſicht, die auf den britiſchen Inſeln allgemein iſt— daß ſich nemlich durch Gel t Bruder Jonathan Alles ausrichten laſſe: eine Meinung, bei Alcher man ſich auf das angebliche Sprüchlein Chriſtophe's beruft,„wenn in der Hölle ein Sack mit Kaffee läge, würde ſich ein Yankee auffinden laſſen, der ihn her⸗ ausholte.“ Der Kapitän des Montauk war ſo gut ein Freund von einem rechtmäßigen Gewinn, als ein Anderer, zugleich aber auch eitel auf den Ruf ſeiner Landsleute, namentlich weil er gefunden hatte, daß die Paketboote an Geſchwindigkeit alle übrigen Kauf⸗ fahrer überboten; dazu kam noch, daß er ſtolz alle diejenigen Eigen⸗ ſchaften zu verfechten pflegte, welche Andere den Amerikanern ab⸗ zuſprechen geneigt waren. Kapitän Truck hatte dieſen Vorſchlag oder vielmehr dieſes An⸗ ſinnen kaum vernommen, als er, ſtatt darauf einzugehen, blos mit förmlicher Höflichkeit ſeinen Hut lüpfte und dem Andern kalt„gute Nacht“ wünſchte. Dies brachte die Angelegenheit mit einemmale zu einer Kriſis, denn der Kutter hob jetzt ſein Steuer und machte den Verſuch, an die Seite des Schiffes zu kommen. Aber die Briſe hatte ſich ſtätig geſteigert, die Windſtöße waren mit dem Vorrücken der Nacht kräftiger geworden, und die Feuchtigkeit des Abends verdichtete wie gewöhnlich das Tuch der oberen Segel in einer Weiſe, daß die Geſchwindigkeit des Schiffes beträchtlich er⸗ höht wurde. Bei dem Beginn des Geſprächs hatte das Boot dem 60 Focktackelwerk gegenüber geſtanden; jetzt aber befand es ſich kaum noch in gleicher Linie mit dem Beſahnmaſte. Der Lieutenant er⸗ kannte raſch den Nachtheil, in dem er ſich befand, und rief deshalb: „Holt aus!“ denn er fand, haß der Kutter dicht unter das Heck des Schiffs fiel und ſchon mit der nächſten Minute ſich im Kiel⸗ waſſer befinden mußte. Der Bugmann des Boots warf einen leich⸗ ten Enterhaken mit ſolcher Sicherheit aus, daß er ſich in den Be⸗ ſahntackeln verfing; die Leine ſpannte ſich enblicklich an und der Kutter taute nach. In demſelbe mente ging ein Matroſe, der von dem Steuerrade herkam, an dem ät ßeren Rande des Sturm⸗ häuschens vorbei; er hatte übrig kaum den Stand der Dinge bemerkt, als er mit der Entſchle t eines alten Theers ruhig mit ſeinem Meſſer über das ſtr Lau hinfuhr, ſo daß es wie eine Packſchnur abriß. Der Enterhaken fiel in die See, und das Boot trieb ſich in dem Kielwaſſer des Schiffes. Alles dies war ſo ſchnell vor ſich gegangen, daß man während des ganzen Vorgangs kaum einmal Athem holen konnte. Aber auch das Beſchlagen der Segel und das Einſetzen der Ruder war nur das Werk eines Au⸗ genblicks, und der Kutter pflügte unter der gewaltigen Anſtrengung ſeiner Mannſchaft durch das Waſſer. „Die Leute ſind muthig und hurtig obendrein!“ bemerkte Ka⸗ pitän Truck, der gelaſſen an einer der Wände lehnte und ſich in einer Lage befand, in welcher er Alles, was vorging, gut überblicken konnte. Er benützte die Gelegenheit, die Aſche von ſeiner Cigarre abzuſchütteln, und fuhr fort:„Ein hübſcher junger Menſch, der's wohl noch zum Admiral oder ſogar noch zu etwas Beſſerem brin⸗ gen kann, wenn er am Leben bleibt— vielleicht mit der Zeit zu einem Cherub. Na, wenn er noch viel länger in unſerem Kiel⸗ waſſer fortrudert, ſo werde ich ihn aufgeben müſſen, denn dann hat er ein Bischen zu viel vom Seeſoldaten an ſich. Ah, jetzt ſchiert er heraus wie ein verſtändiger Junge, der er auch iſt. Wahrhaftig, es liegt etwas Allerliebſtes in dem Gedanken, mit 61 einem ſechsrudrigen Boot ein Paketſchiff von der Londoner Linie entern zu wollen, ſelbſt angenommen, daß der Junge an die Seite kommen könnte.“ Mr. Leach und die übrige Mannſchaft des Montauk ſchienen der gleichen Anſicht zu ſeyn, denn ſie fuhren fort, mit der Ruhe von Maͤnnern, die man ſtets an ſolchen entdeckt, welche in einem undankbaren Geſchäſte begriffen ſind, die Decken zu reinigen. Dieſes sang-froid der Matruſen iſt für die Landbewohner ſtets ein Ge⸗ genſtand der Ueberraſ ing; aber Menſchen, die ſich ſeit Jahren in Stürmen umgetrieben haben, deren größte Sicherheit Anderen ſchon bedenklich erſcheint, und die ſich meiſt nur durch ihre Geiſtesgegen⸗ wart retten können, gewöhnen ſich mit der Zeit eine Gleichgültig⸗ keit gegen alle die kleinerent S chrecken und Aufregungen des Lebens an, wie man ſie nur im beſtändigen Bereich der Gefahr erringen kann. Unter den Matroſen ließ ſich ein gedämpftes Lachen ver⸗ nehmen, und hin und wieder glitt der Blick eines neugierigen Auges über die Schanze, um ſich von der Lage des kämpfenden Bootes zu überzeugen; dies war übrigens der ganze Eindruck, welchen der kleine Vorfall auf die Schiffsbemannung übte. Nicht ſo erging es den Paſſagieren. Die Amerikaner jubelten über den fehlgeſchlagenen Verſuch des Kriegsſchiffbootes, während die Engländer bedenklich wurden. Letztere waren zu ſehr daran gewöhnt, die Rechte der Krone zu achten, als daß ſie hätten Ge⸗ fallen daran finden können, wie ein Fremder in britiſchem Gewaͤſſer einem königlichen Boote ſolchen Poſſen ſpielte. Freilich, die Geſetze geſtatten Niemand ein Vorzugsrecht an dem Weg vor der eigenen Thüre; aber dennoch kommt man zuletzt ſo weit, denſelben in einem gewiſſen Grade für ein Eigenthum anzuſehen. Im ſtrengen Sinne genommen, ſtand der Montauk vielleicht noch immer unter der Herr⸗ ſchaft der engliſchen Geſetze, obgleich er auf ſeinem Ankergrunde ſchon eine Seemeile von dem Lande abgelegen hatte, mittlerweile aber durch die Fluth und ſeine eigene Geſchwindigkeit um dieſelbe Strecke weiter in die hohe See hinausgeführt worden war. Ueber⸗ haupt ſtand das Paketſchiff jetzt ſo fern vom Lande, daß es Kapitän Truck für ſeine„Pflicht“ hielt, die Angelegenheit mit dem Attorney zum Schluſſe zu bringen. „Mr. Seal,“ ſagte er,„ich bin Euch ſehr dankbar dafür, daß Ihr uns ſo weit das Vergnügen Curer Geſellſchaft gegönnt habt; aber Ihr werdet mich entſchuldigen, wenn ich nicht geneigt bin, Euch und Mr. Grab ganz nach Aun ika mitzunehmen. Bleibt Ihr noch eine halbe Stunde bei uns, o werdet Ihr kaum im Stande ſeyn, die Inſel wieder zu nden, denn ſobald wir in gehö⸗ riger Entfernung von dem Kutter ſtehen, lavire ich gegen Südweſt. Auch ſolltet Ihr der Angſt eingede hn, welche Eure Frauen zu Haus um Euch haben.“ 3 „Dieſe Angelegenheit dürfte ernſtlich für Euch ausfallen, Ka⸗ pitän Truck, wenn Ihr wieder zurückkehrt, denn die Geſetze Eng⸗ lands laſſen nicht mit ſich ſpielen. Wollt Ihr die Güte haben, Eurem Steward die Weiſung zu ertheilen, daß er mir ein Glas Waſſer reiche? Ich finde, daß der Dienſt der Gerechtigkeit ein trockenes Amt iſt.“ „Thut mir anßerordentlich leid, Euch nicht willfahren zu kön⸗ nen, Gentlemen. Vattel ſagt nichts über das Verabfolgen von Waſſer an kriegführende oder neutrale Perſonen, und die Geſetze des Congreſſes nöthigen mich, ſo und ſo viele Gallonen für den Mann an Bord zu halten. Habt Ihr übrigens Luſt, ein Schlaf⸗ tränklein zu thun und auf den Erfolg unſerer Fahrt nach Amerika ſowohl, als auf Eure eigene glückliche Heimkehr mit mir anzuſtoßen, ſo ſoll es in Champagner geſchehen, wenn ihr anders nichts gegen dieſe angenehme Flüſſigkeit einz uwenden habt.“ Der Attorney war eben im Begriffe, ſeine Bereitwilligkeit zu Eingehung eines derartigen Vergleichs auszudrücken, als ihm die Gattin von Robert Davis ein Glas mit dem zuerſt verlangten Getränke einhändigte. Er nahm es an, trank davon und wandte 63 ſich mit der Härte eines Mannes, der ſich durch kein zarteres Ge⸗ fühl in der Verfolgung eines Gewinnes ſtören läßt, von dem Weibe ab. Jetzt wurde auch der Wein herbeigebracht, und der Kapitän füllte die Kelche mit der Herzlichkeit eines Matroſen. „Ich trinke auf Eure glückliche Heimkehr zu Mrs. Seal und den kleinen Göttern oder Göttinnen der Gerechtigkeit— Pan oder Merkur, wie ſie heißen mögen. Und was Euch betrifft, Grab, ſo hütet Euch, wenn Ihr einwärts rudert, vor den Haifiſchen. Wird es ruchbar, daß Ihr flott ſeyd, ſo werden Euch die Seelen der verfolgten Matroſen dieſe lieblichen Thiere nachſchicken, wie der Teufel auf verbuhlte Geſellen Jagd macht. Na, Gentlemen, dies⸗ mal ſeyd Ihr zu kurz gekommen; aber was liegt daran? Es iſt nur ein Mann weiter wohlbehalten aus einem Lande entwiſcht, das ohnehin ihrer zu viele hat, und ich hoffe, wir werden heute über vier Monate wieder als gute Freunde zuſammentreffen. Selbſt Mann und Frau müſſen ſcheiden, wenn das Stündlein gekom⸗ men iſt.“ „Dies wird rein davon abhängen, wie mein Client Euer Be⸗ nehmen in dieſer Sache anſieht, Kapitän Truck; denn es iſt nicht immer geheuer, ihm in den Weg zu kommen.“ „Soviel für Euren Clienten, Mr. Seal,“ entgegnete der Ka⸗ pitän, mit den Fingern ſchnippend.„Ich laſſe mich nicht durch das Brummen eines Attorney's oder das Kopfnicken eines Büttels ein⸗ ſchüchtern. Ihr kommt mit einem Writ oder einer Vollmacht— was kümmere ich mich darum?— und ich lege Euch keinen Widerſtand in den Weg. Ihr jagt Eurem Manne nach, wie ein Dachshund einer Ratte, und könnt ihn nicht finden, obſchon ich den hübſchen Bur⸗ ſchen in dieſem Augenblicke auf dem Deck ſehe. Indeß fühle ich mich nicht verpflichtet, Guch zu ſagen, wer und wo er iſt; denn mein Schiff hat ſeine Clarirung, ich ſegle aus und Ihr habt nicht das Recht, mich aufzuhalten. Wir ſind um gute dritthalb Stunden über alle Vorgebirge hinaus, und einige Schriftſteller behaupten, 64 daß ſich Eure Gerichtsbarkeit nicht über Kanonenſchußweite er⸗ ſtrecke: hat man einmal ſo viel hinter ſich, ſo iſt Euer Anſehen nicht halb ſo viel werth, als das meines Oberkochs, welcher doch wenigſtens die Gewalt hat, ſeinen Gehülfen die Keſſel putzen zu laſſen. Wohlan, Sir, wenn Ihr noch zehn Minuten länger hier bleibt, ſo ſind wir volle drei Stunden von Eurem nächſten Lande ab, und dann befindet Ihr Euch nach Schiffsrecht in Amerika— dies kann doch wahrhaftig als eine raſche Fahrt gelten. Seht, etwas der Art nenne ich eine Kategorie.“ Bei dieſer letzten Bemerkung erſah das raſche Auge des Ka⸗ pitäns, daß der Wind ſo weit nach Weſten umgeholt hatte, um ein weiteres Laviren unnöthig zu machen, und daß das Schiff jetzt volle acht Knoten in gerader Linie von Portsmouth abfuhr. Ein Blick rückwaͤrts belehrte ihn außerdem, daß der Kutter die Jagd aufgegeben hatte und nach der fernen Rhede zurückkehrte. Unter ſo entmuthigenden Umſtänden ſchickte ſich der Attorney zum Ab⸗ ſchied an, denn er fürchtete für ſein Boot, das im Schlepptau auf dem Waſſer einherflog, und ſah vollkommen ein, daß er nicht im Stande war, den Kapitän zum Beilegen des Schiffs zu zwingen, damit er hinauskommen konnte. Zum Glück war das Waſſer noch leidlich glatt, und unter Furcht und Zittern gelang es Mr. Seal, in das Boot zu plumpen, obſchon die Fährleute ihm zuvor bedeu⸗ ten mußten, daß ſie nicht länger halten würden. Mr. Grab folgte nicht ohne Schwierigkeit nach; aber als ein Matroſe eben die Leine loslaſſen wollte, erſchien der Kapitän mit dem Manne, den ſie ge⸗ ſucht hatten, auf dem Gange, und ſagte in ſeiner gewinnendſten Weiſe: „Mr. Grab, Mr. Davis; Mr. Davis, Mr. Grab. Ich ſtelle zwar ſelten Zwiſchendeckpaſſagiere vor, aber um ein paar alte Freunde zu verbinden, kann ich wohl von meiner Regel abgehen. Ich nenne dies eine Kategorie. Mein Kompliment an Mrs. Grab. Laßt die Leine los!“ 65 Die letzten Worte waren kaum ausgeſprochen, als das Boot ſchon in den prudelnden Keſſel wirbelte, welchen das ſortſchießende Schiff zurückgelaſſen hatte. Fünftes Kapitel. Was haben wir für Land hier, Freunde? Illyrien, Fräulein. Dreikönigsabend. Kapitän Truck warf mit einer Gelaſſenheit, als ſey durchaus nichts Ungewöhnliches vorgefallen, einen Blick nach dem Tackelwerk hinauf, um ſich zu überzeugen, ob Alles ziehe; denn wie es ſchien, war ihm ſowohl als der Schiffsmannſchaft ein Verſuch, das Schiff zu entern, etwa ſo vorgekommen, wie der Menſch die natürlichen Erſcheinungen der Planeten zu betrachten pflegt— oder, mit an⸗ deren Worten, als ſey das Schiff, zu dem ſie blos als Theile ge⸗ hörten, durch eigenen Inſtinkt oder durch freie Willensthätigkeit entwiſcht. Dieſe Gewohnheit, die Maſchine als das herrſchende Princip zu betrachten, iſt unter den Matroſen ziemlich allgemein, denn während ſie in der Weiſe, wie etwa ein Kutſcher die Zügel lenkt, eine Braſſe nachlaſſen oder ein Bolien anziehen, ſcheinen ſie zu glauben, daß ſie das Geſchöpf in der freiern Kundgebung ſeiner Willkühr nur unterſtützen. Allerdings wiſſen alle, daß die Sache ſich nicht ſo verhält; aber keiner gibt durch Worte kund, oder ſcheint überhaupt nur zu fühlen, daß er anders denke. „Habt Ihr bemerkt, wie das alte Fahrzeug jenen Strolchen in dem Kutter aus dem Wege hüpfte?“ bemerkte der Kapitän ſelbſtge⸗ fällig gegen die Gruppe auf dem Halbdecke, ſobald der prüfende Blick nach Oben ihm die Ueberzeugung gegeben hatte, daß ſeine eigene Seemannsgewandtheit im Stande ſey, den Inſtinkt des Schiffes zu regeln.„Ein ſtattliches Pferd, ein harpunirter Wallfiſch oder meinetwegen auch der gelenkigſte Theater⸗Harlekin hädie nicht hübſcher Die Heimkehr. 66 bei Seite ſpringen können, als dieſer arme alte Rumpf, welcher zuver⸗ läſſig das unbeholfenſte Fahrzeug iſt, das auf dem Oeean ſegelt. Ich wollte, König William ſetzte ſich's in den allergnädigſten Kopf, einen ſeiner leichtfüßigen Kreuzer auszuſchicken, damit er die Ge⸗ ſchwindigkeit ſeines Kiels zeige, um für den artigen Poſſen Rache zu nehmen, den der Montauk ſeinem Boote geſpielt hat.“ Der Ton eines Kanonenſchuſſes, welcher gedämpft in der Briſe erſtarb, that Mr. Trucks Scherzrede Einhalt. Es war noch hell genug, um im Lee die regelmäßig geſtellten Segel der Corvette zu erkennen, die ſie vor Anker gelaſſen hatten; ſie war dicht bei dem Winde aufgetackelt und ſteuerte unter ſtarkem Segeldruck, augen⸗ ſcheinlich um Jagd zu machen, auswärts. Der Schuß hatte als Signal zur Rückkehr dem Kutter gegolten, denn an Bord des Schiffs ſowohl als des Bootes brannten blaue Lichter, zum Beweiſe, daß ſie ſich gegenſeitig Mittheilungen machten. Die Paſſagiere warfen ſich nun ernſte Blicke zu, denn die Sache begann in ihren Augen bedenklich zu werden. Einige deuteten auf die Möglichkeit hin, daß Davis' Vergehen in etwas mehr als einer bloßen Schuld beſtehen dürfte, obſchon der ganze Verlauf und die Ausſage des Gerichtsdieners ſelbſt das Gegentheil bewies, während die Meiſten zu der Folgerung kamen, daß der Entſchluß, die Ge⸗ ringſchätzung gegen die Obrigkeit zu ahnden, den Kreuzer bewogen habe, ihnen zu folgen, um das Paketſchiff wieder zurückzubringen. Namentlich begannen jetzt die engliſchen Paſſagiere von dem An⸗ ſehen der Krone zu ſprechen, während diejenigen, welche man als Amerikaner kannte, in Behauptung der Rechte ihrer Flagge warm wurden. Die beiden Effinghams übrigens verhielten ſich in der Aeußerung ihrer Anſichten gemäßigt, denn ihre Erziehung ſowohl, als ihre Jahre und Erfahrung hatten ſie gelehrt, in ihrem Urtheile eine gerechte Unterſcheidung walten zu laſſen. „Was die Weigerung des Kapitäns betrifft, den Kutter entern zu laſſen, ſo wußte Mr. Truck wahrſcheinlich beſſer, als einer von 67 uns, was ihm zuſtand,“ bemerkte Mr. Effingham mit gentlemani⸗ ſcher Zurückhaltung;„denn er mußte die damalige Lage ſeines Schiffes am beſten kennen. Uebrigens kann es meiner Anſicht nach keinem vernünftigen Zweifel unterliegen, daß kein fremdes Kriegsſchiff in einer Zeit des tiefſten Friedens berechtigt iſt, dieſes Fahrzeug nach einem Hafen zu führen, ſobald es einmal in hoher See ſteht— und dies wird bei dem Montauk bald der Fall ſeyn, wenn es nicht etwa gar ſchon jetzt iſt. Sollte ſich's alſo hier um einen Streit handeln, ſo kann dabei nur von Verhandlungen die Rede ſeyn, deren Ausgleichung durch die Geſandten der beiden Nationen, nicht aber durch die untergeordneten Officiere des einen oder des andern Theils bewerkſtelligt werden kann. Jedenfalls ſteht der Montauk, ſobald er die öffentliche Völkerſtraße erreicht hat, unter der aus⸗ ſchließlichen Gerichtsbarkeit des Landes, deſſen Flagge er geſetzlich führt.“ „Battel!“ verſetzte der Kapitän mit einem beifälligen Kopf⸗ nicken, indem er wieder die Aſche ſeiner Cigarre abſtieß. Nun war John Effingham ein Mann von heftiger Gemüths⸗ art— ein Ausdruck, der oft nur einen Mann von tief gewurzelten Vorurtheilen bezeichnet— und ſeine Erziehung ſiel in eine um dreißig oder vierzig Jahre frühere Periode; das heißt, er wuchs unter dem Einfluſſe der britiſchen Anſichten heran, die damals— wie leider zum Theil heute noch— gleich einem Alpe auf Amerikas Nationalintereſſen laſteten. Zwar war Mr. Efſingham in jeder Hinſicht ein Zeitgenoſſe, ja ſogar Schulkamerad ſeines Vetters; ſie liebten ſich wie Brüder, ſetzten in der Hauptſache das größte Vertrauen auf einander und dachten in tauſend Dingen gleich — aber dennoch konnten, ſobald die engliſche Oberherrſchaft in Frage kam, kaum ein paar Menſchen einander unähnlicher ſeyn, als dies bei dem verwittweten Verwandten und dem unvermählten der Fall war. Edward Effingham war ungemein rechtlich geſinnt, und da 68 er in früher Jugend zum Beſitze ſeines Vermögens gekommen war, ſo hatte er viele Jahre einer abgeſchiedenen Geiſtesmuße gelebt, die, während ſie ihn dem Ringen der Welt entzog, zu Ausbildung ſeines Verſtandes beitrug und ihn frei nach ſeinen Neigungen handeln ließ. Die ganze Republik bot damals ihrer Weſenheit nach das traurige Bild einer Nation, die durch Parteiwuth zerriſſen war — und noch obendrein einer Parteiwuth, welche ihren Urſprung in ganz fremdartigen Intereſſen hatte; aber obſchon in jener Periode die meiſten entweder Engländer oder Franzoſen ſeyn wollten, war er doch das geblieben, wozu ihn die Natur, die Geſetze und die Vernunft geſtempelt hatten— nemlich ein Amerikaner. Auf ſeinem Erbſitze ſich des otii cum dignitate erfreuend, hatte Edward Ef⸗ fingham, obſchon er nicht nach Auszeichnung rang und nur durch den gediegenen ſtillen Werth ſeines Characters wirken wollte, genau jene Linie der Wahrheit getroffen, welche ſo viele von den„Göttern“ der Republik unter dem Einfluſſe ihrer Leidenſchaften und unter dem Sporne der flüchtigen, ſchwankenden Intereſſen des Tages entweder ganz überſahen oder doch leichtſinnig verachteten. Nicht leicht ließ ſich ein Mann finden, welcher der Aufregung— dieſem primum mobile aller amerikaniſchen Vaterlandsliebe und Thätigkeit, wenn wir an⸗ ders den Theorieen der Zeit glauben dürfen— weniger zugänglich war. Die Unabhängigkeit ſeiner Lage hatte ihn unabhängig denken gelehrt, und dem ſelbſtſtändigen Forſchen verdankte er eine Origi⸗ nalität und einen Rechtlichkeitsſinn, der ihn über den Einfluß der Leidenſchaften erhob. Hundert Andere waren vielleicht ſcharfblicken⸗ der und gewandter in Auseinanderſetzung von Spitzfindigkeiten oder wußten ſich unter der Maſſe mehr Geltung zu verſchaffen; aber nur wenige ſtanden ſo oft auf der Seite des Rechts, während keiner der Selbſtſucht weniger Einfluß einräumte, als dieſer einfache bie⸗ dere Ehrenmann. Er liebte das Land ſeiner Geburt, obſchon ihm die Schwächen deſſelben, die er von Herzen beklagte, nicht entgingen, und wenn er im Auslande ſtets als deſſen feſter und beharrlicher 69 Verfechter auftrat, ſo ließ er ſich doch nie zu eigennütziger oder ſchaaler Schmeichelei herab, obgleich er in allen Lagen kund that, daß ſein Herz da war, wo es ſeyn ſollte. In vielen weſentlichen Punkten bot John Effingham von alle⸗ dem den geraden Gegenſatz. Sein Verſtand war zwar viel ſchärfer und kräftiger, als der ſeines Vetters; dagegen aber wußte Letzterer ſeine Leidenſchaften weniger zu zügeln und war mehr dem Ein⸗ fluſſe eines ſtörriſchen Eigenfinnes oder der Herrſchaft von Vor⸗ urtheilen hingegeben, die oft ſeine Vernunft übertäubten. Sein Vetter hatte den größten Theil des perſoͤnlichen Familieneigenthums geerbt, und mit dieſem ſtürzte er ſich in den Strudel der Speku⸗ lationswuth, welche ſich nach Einführung der neuen Conſtitution Geltung verſchaffte. Auch hatte er— die Wahrheit des heiligen Sprichworts bekundend, daß„das Herz bei ſeinem Schatze ſey“— ſich warm und blindlings auf alle die ränkeſüchtigen und nicht ver⸗ einbarlichen Grundſätze des Parteigeiſtes eingelaſſen— wenn anders von Grundſätzen die Rede ſeyn kann, wo ſich's blos um Ver⸗ haltungsregeln handelt, die mit den Intereſſen des Tages wechſeln — und den Strom der Irrthümer in ſich geſogen, mit welchem unvermeidlich Faktionen den Sinn des Menſchen vergiften. Amerika's Unabhängigkeit war damals viel zu jung und der Staatenverband in den Augen Aller, die eigenen ausgenommen, zu unbedeutend, um für ſich ſelbſt urtheilen und handeln zu können, wenn nicht etwa gerade Punkte in Frage kamen, die zu augen⸗ fällig und dringlich unmittelbare Abhülfe forderten, um überſehen werden zu können. Aber die großen ſocialen Principien— oder um uns eines beſſeren Ausdruckes zu bedienen, die großen ſocialen Intereſſen— welche in jener Periode Europa zerrütteten, hatten in dem fernen Lande eben ſo viel Aufſehen zur Folge, als ſich überhaupt mit einem Stande der Dinge vertrug, welcher zu dem Reſultat ſo wenig praktiſche Beziehung hatte. Die Familie Effing⸗ ham hatte ſich auf die Seite der Föderaliſten in der wahren Be⸗ 70 deutung dieſes Wortes geſchlagen; denn ihre Erziehung, ihre an⸗ geborene Denkweiſe und ihre Grundſätze ließen ſie Ordnung, eine gute Regierung und die Würde des Vaterlands als die wichtigſten Momente betrachten; als jedoch die Parteiungen wilder und die Namen ohne Unterſchied im größten Widerſpruche gebraucht wurden, trat der begüterte Zweig auf die Seite der ſogenannten Amerikaner, während derjenige, welcher ſich dem Handelsſtande zugethan hatte, zu den ganz paſſend ſo bezeichneten engliſchen Föderaliſten überging. Wir wollen damit nicht ſagen, daß John's Vater geneigt war, ſeinem Vaterlande untreu zu werden; aber indem er ſich den Leh⸗ ren einer Partei anſchloß, verwickelte er ſich in eine Reihenfolge von Grundſätzen, die, wenn ſie irgend einen Sinn hatten, lieber alles Andere in's Auge faßten, nur nicht das, was feierlich als leitendes Princip des eigenen Landes anerkannt worden war, ſon⸗ dern im Gegentheil oft ſowohl den Intereſſen als der Ehre deſſelben ſchnurſtracks zuwider lief. John Effingham hatte unwillkührlich die Anſichten ſeiner Partei eingeſogen, obgleich das große Vermögen, das ſein Vater hin⸗ terlaſſen, ihm eine zu unabhängige Stellung verſchafft hatte, um auf alle Schlangenwege der Handelspolitik einzugehen. Indeß wirkten ſeine Vorurtheile doch in einer Ausdehnuug auf ihn ein, daß er ſogar England das Recht zugeſtand, unter amerikaniſcher Flagge dienende Matroſen zu preſſen— ein Grundſatz, den ſein biederer und klar ſehender Vetter keinen Augenblick anerkennen konnte; auch wußte er mit merkwürdigem Scharfſinn in allen Hand⸗ lungen der Republik Mängel zu entdecken, ſobald ihre Grundſätze mit der Politik Großbritaniens in Zwieſpalt traten. Mit einem Worte, ſein Talent war vielleicht nöthig, um mit ſo viel Sophiſtik zu verſöhnen oder das als ſcheinbar vernunftgemäß darzuſtellen, was ſo grund⸗ und bodenlos falſch war. Nach dem Frieden von 1815 ging John Effingham zum zweiten Mal auf Reiſen und eilte mit der Begier einer kräftigen Zuneigung durch England— einer Zuneigung, die 71 ihr Daſeyn weit mehr dem Widerſpruche, als natürlichen Banden oder gediegenen Vorſtellungen von der Wahrheit verdankte. Wie es unter zwanzig Fäͤllen neunzehnmal zu geſchehen pflegt, fand er ſich in ſeinen Erwartungen getäuſcht und dies bloß deshalb, weil er im Eifer der Parteiſucht ſich Theorien geträumt und vermeint⸗ liche Reſultate daraus abgeleitet hatte. Wie bei dem engliſchen Radikalen, der, den Kopf voll unausführbarer Lehrſätze, nach Ame⸗ rika hinübereilt, fand nun eine Gegenwirkung ſtatt, und dies hauptſächlich deshalb, weil er finden mußte, daß die Menſchen nicht beſſer waren, als ihre Natur— freilich eine ſpäte Entde⸗ ckung, denn er hätte ſich gleich anfangs denken können, daß be⸗ ſondere Urſachen beſondere Wirkungen zur Folge haben müſſen. Von dieſer Zeit an war John Effingham ein weiſerer und gemä⸗ ßigterer Mann geworden, obgleich die Erſchütterung nicht gewalt⸗ ſam genug gewirkt hatte, um ihn auf den Weg der Wahrheit zu leiten oder gar auf die entgegengeſetzten Vorurtheile einer andern Partei zu werfen, denn die Ueberbleibſel der alten Meinungen haf⸗ teten ihm noch immer an und warfen eine Art Zwielicht über ſeine Denkweiſe, wie in der Natur die Tinten des Abends und die Schatten des Morgens dem Lichte der Sonne folgen oder vor⸗ angehen. Unter dem Einfluſſe dieſer verborgenen Vorurtheile antwortete nun John Effingham auf die Bemerkungen ſeines Vetters, und die Unterhaltung nahm den redſeligen Character aller Erörterungen an, in welchen die betreffenden Perſonen über ihren Gegenſtand nicht ganz klar ſind und ſich kein anderer Wunſch einmengt, als der, die Wahrheit zu ermitteln. Faſt Alle ſchloßen ſich dem Ge⸗ ſpräche an, und ſo war bald eine halbe Stunde in Unterſuchungen über das Völkerrecht und über die eigentliche Bedeutſamkeit des vorliegenden Falles entſchwunden. Es war eine liebliche Nacht, und Mademoiſelle Viefville er⸗ ging ſich mit Eva auf dem Decke, da das glatte Waſſer der Be⸗ 72 wegung in jeder Weiſe günſtig war. Wie bereits bemerkt wurde, hatte die gemeinſchaftliche Theilnahme an dem Entkommen des neu⸗ vermählten Paares die Bahn gebrochen, und von dem Augenblicke an, als Mr. Grab das Schiff verlaſſen, herrſchte unter den Paſſa⸗ gieren weit weniger Zurückhaltung, als unter gewöhnlichen Um⸗ ſtänden nach Ablauf einer Woche der Fall geweſen ſeyn würde. Eva Effingham hatte ſich von ihrem eilften Jahre an hauptſächlich auf dem europäiſchen Continent und in dem gemiſchten Verkehr aufgehalten, welchen der Fremde in dieſem Theile der Welt ge⸗ meiniglich findet, oder mit andern Worten, ſie war weit weniger dem Zwang unterworfen geweſen, den man daſelbſt jungen Mädchen aufzulegen pflegt, ohne ſich übrigens der ausgedehnten Ungebundenheit erfreuen zu dürfen, die ihnen in Amerika zugeſtanden wird. Sie ſtammte aus einer zu gebildeten Familie, um ſich den maßloſen Freiheiten hinzugeben, die bisweilen in Amerika für Ungezwungenheit gelten, ſelbſt wenn ſie das Haus ihres Vaters nie verlaſſen hätte; aber ihr Aufenthalt im Ausland hatte unvermeidlich ihrem gewöhnlichen Benehmen groͤßere Rückhaltung eingefloͤßt, als die Einfachheit der eisatlantiſchen Gebräuche ſelbſt in den feinſten Cirkeln für nöthig gehalten haben würde. Indeß war ſie trotz aller mädchenhaften Schüchternheit in ihrem Verkehr mit der Welt natürlich und un⸗ befangen; auch hatte ſie ſo viele verſchiedene Nationen zu ſehen Gelegenheit gefunden, daß ſie mit einem Selbſtvertrauen auftreten konnte, welches ihr unter dem Einfluſſe einer muſterhaften Erzie⸗ hung und eines natürlichen Seelenadels keinen Abtrag that. Gleich⸗ wohl war Modemoiſelle Viefville, obſchon ſie in Folge ihres viel⸗ jährigen Aufenthalts in einer amerikaniſchen Familie einige ihrer eigenthümlichen Anſichten verloren hatte, ein wenig überraſcht, als ſte bemerkte, daß ſich Eva die achtungsvollen Annäherungen der Herren Sharp und Blunt mit weniger Zurückhaltung gefallen ließ, als ſie ſonſt gegen wildfremde Perſonen an den Tag zu legen pflegte. Statt nemlich blos zuzuhören, hatte ſie mehrere Bemer⸗ 73 kungen des Erſteren beantwortet und ein oder zwei Mal ſogar offen mit ihm über die Abgeſchmacktheit des Fünfer⸗Committees gelacht. Die vorſichtige Gouvernante wunderte ſich darüber, war aber halb geneigt, zu glauben, daß dies eine nothwendige Folge der Freiheit auf einem Schiffe ſey— denn gleich einer ächten Franzöſin hatte Mademoiſelle Viefville nur ſehr unbeſtimmte Vorſtellungen von dem Geheimniſſe der mächtigen Tiefe; ſie ließ deshalb die Sache hin⸗ gehen, indem ſie auf den lang erprobten Geſchmack und die Klug⸗ heit ihres Pfleglings vertraute. Während Mr. Sharp ſich mit Eva unterhielt, der er ſeinen Arm gereicht, hatte ſie ein leb⸗ haftes Geſpräch mit Mr. Blunt begonnen, der an ihrer Seite ging und des Franzoͤſiſchen ſo vollkommen mächtig war, daß ſie ihn anfänglich für einen Landsmann hielt, welcher unter einem eng⸗ liſchen nom de guerre reiste. Als dieſe Unterhaltung eben recht intereſſant wurde— denn Paul Blunt ſprach mit ſeiner Gefährtin von Paris und ſeinen Vorzügen mit einer Gewandtheit, die bald ihre ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahm, ſintemal„Paris, ce magnifique Paris“ auf das Glück der Gouvernante faſt eben ſo großen Einfluß übte, wie es dem Vernehmen nach bei Madame Stael der Fall geweſen ſeyn ſoll— dämpfte Eva's Begleiter ſeine Stimme zu einem Tone, der etwas allzu vertraulich für einen Fremden klang, obſchon er die Schranken achtungsvoller Ehrerbie⸗ tung nicht überſchritt. „Ich ſchmeichle mir,“ ſagte er,—„obſchon vielleicht nur meine Eigenliebe Schuld daran iſt— Miß Efſingham habe diejenigen, mit welchen ſie auf ihren Reiſen zuſammentraf, nicht ſo ganz und gar vergeſſen, um mich für einen wildfremden Menſchen zu halten.“ „Gewiß nicht,“ entgegnete Eva mit vollkommener Einfachheit und Ruhe,„ſonſt wäre mir ja eines meiner Vermögen— das des Gedächtniſſes völlig nutzlos. Ich habe Euch auf den erſten Blick erkannt und hielt deshalb die Vorſtellung des würdigen Kapitäns, die er mit ſo viel Feinheit anbrachte, für ſehr vergebliche Mühe.“ 74 „Ich bin hierüber eben ſo erfreut, als ſchmerzlich berührt— erfreut, weil ich mir ſchmeicheln darf, daß ich an Euren Blicken nicht vorüberging, wie die gewöhnliche Heerde von Menſchen, welche dem Andenken nicht einmal die Spuren ihrer Geſichtszüge zurück⸗ laſſen; aber auch ſchmerzlich berührt, mich in einer Lage zu finden, die Ihr, wie ich fürchte, für ungemein lächerlich halten werdet.“ „Oh, man darf kaum wagen, aus den Handlungen junger Maͤnner oder auch junger Frauenzimmer— zumal in einem ſo originellen Zeitalter, wie das unſrige iſt— derartige Folgerungen zu ziehen. Im Ganzen kam mir nichts ungereimt vor, als die Vorſtellung, und auch dieſe habe ich faſt wieder vergeſſen, weil in⸗ zwiſchen ſo viele noch ungereimtere Dinge vorgingen.“ „Und der Name?“ „Hat zuverläßig Schneide. Wenn ich nicht irre, ſo begnügtet Ihr Euch während Eures Aufenthalts in Italien, denſelben Eurem Bedienten führen zu laſſen. Ich vermuthe übrigens, Ihr habt es für nöthig gehalten, cap-à-pié bewaffnet zu gehen, nachdem Ihr Euch einmal entſchloſſen hattet, unter ein Volk zu gehen, das um ſeiner Schlauheit willen ſo im Rufe ſteht wie die Yankees.“ Beide lachten leicht hin, als ob ihnen der Scherz in gleicher Weiſe Vergnügen mache, worauf der Gentleman wieder aufnahm: „Ich hoffe aber aus dem Grunde meines Herzens, daß Ihr mein Incognito aus keiner ungebührlichen Triebfeder ableitet.“ „Sie iſt vermuthlich dieſelbe, welche ſo viele junge Männer veranlaßt, von Nom nach Wien oder von Wien nach Paris zu eilen— dieſelbe, welche einen beſtimmt, das Vis a vis zu ver⸗ kaufen und eine Dormeuſe zu kaufen— die Freunde von Heute zu kennen und ſie morgen wieder zu vergeſſen— oder mit einem Worte, hundert andere Dinge zu thun, die ſich aus keinem anderen Beweggrund erklären laſſen.“ „Und dieſer Beweggrund?“ 3 „Iſt einfach Laune.“ 7⁵ „Ich wünſchte, Euch überreden zu können, daß Ihr mein Benehmen einem beſſeren Grunde zuſchriebet. Könnt Ihr Euch im gegenwärtigen Augenblicke auf nichts beſinnen, was ein Bischen ehrenvoller für mich wäre?“ „Vielleicht,“ antwortete Eva nach kurzem Nachdenken; dann lächelte ſie wieder und fügte haſtig bei:„aber ich fürchte, wenn ich Euch der Anklage einer nicht zu bändigenden Launenhaftigkeit überhebe, muß ich Euch einen Grund unterſtellen, der Eurem Ver⸗ ſtande noch weniger zur Ehre gereicht.“ „Dies wird ſich am Ende zeigen. Glaubt Ihr, daß Made⸗ moiſelle Viefville ſich meiner erinnere?“ „Nicht möglich. Beſinnt Euch— ſie war die drei Monate, während welcher wir ſo viel von Euch ſahen, krank.“ „Und Euer Vater, Miß Effingham— ſollte er mich wirklich ganz vergeſſen haben?“ „Gewiß nicht, denn er vergißt nie ein Geſicht, wie es auch in dem gegenwärtigen Falle dem Namen ergangen ſeyn mag.“ „Er empfing mich ſo kalt und wie einen völlig Fremden.“ „Er hat zu viel Bildung, um einem Manne gegenüber, der unbekannt zu ſeyn wünſcht, eine Erkennungsſcene zu feiern oder in Rufe der Ueberraſchung und dramatiſche Verzückungen auszu⸗ brechen. Außerdem beſitzt er feſtere Grundſätze, als ein Mädchen, und dürfte wohl mit einer Laune weniger Nachſicht haben.“ „Ich bin ihm für ſeine Zurückhaltung verpflichtet, denn eine Bloßſtellung müßte mich lächerlich machen, und ſo lange Ihr und er allein mich kennen, fühle ich mich in dieſem Schiffe weniger beengt. Ich bin überzeugt, von dieſer Seite aus droht mir kein Verrath.“ „Verrath?“ „Verrath, Entdeckung, Vernichtung, wenn Ihr wollt; aber alles dies iſt immerhin beſſer, als das Spielen einer lächerlichen Rolle.“ 76 „Dies ſtreift ein Bischen an's Launenhafte. Dennoch ſchmei⸗ chelt Ihr Euch mit allzuviel Sicherheit, denn Ihr ſeyd außer mei⸗ nem Vater, mir ſelbſt und dem Ehrenmanne, dem Ihr alle Schlau⸗ heit geraubt habt, welche, wie ich glaube, in ſeinem Namen lag — noch einer weiteren Perſon bekannt.“ „Um's Himmels willen, wer kann dieſe ſeyn?“ „Der würdigen Nanny Sidley, meiner ehemaligen Wärterin und nunmehrigen femme de chambre. Kein Wehrwolf war je wachſamer auf ein ihm anvertrautes Pfand, als die treue Nanny auf das ihrige, und es wäre vergebliche Hoffnung, annehmen zu wollen, daß ſie ſich nicht Eurer Züge erinnerte.“ „Aber die Wehrwölfe ſchlafen bisweilen— bedenkt doch, wie viele in dieſem Zuſtande überwältigt wurden.“ Eva lächelte, aber ſchüttelte den Kopf. Sie wollte Mr. Sharp eben die Verſicherung geben, daß er ſich in Betreff dieſes Punktes mit einem eitlen Wahne trage, als ein Ausruf der Gouvernantin ihrer beiderſeitigen Aufmerkſamkeit eine andere Richtung anwies. Auch hatten ſie keine Zeit, ihr Geſpräch wieder aufzunehmen, denn Mademoiſelle Viefville wandte ſich jetzt an ſie und ſagte haſtig in franzoͤſiſcher Sprache: „Ich verſichere Euch, meine eiebe, ich würde Monſteur ſeiner Sprache nach für einen Landsmann gehalten haben, wenn er nicht eben erſt einen ſchlimmen Verſtoß gemacht hätte.“ „Darf ich fragen, worin dieſer Verſtoß beſteht, damit ich ihn eiligſt verbeſſern kann?“ entgegnete Mr. Blunt. „Monſieur, Ihr ſprecht viel zu vollkommen, zu grammatika⸗ liſch für einen gebornen Franzoſen und erlaubt Euch nicht die Frei⸗ heiten, zu welchen ſich diejenigen berechtigt fühlen, die über ihr Eigenthum ſchalten. Der Fehler liegt in der allzugroßen Cor⸗ rectheit.“ „Sie kann allerdings leicht zum Fehler werden, und ich danke Euch fuͤr den Wink, Mademoiſelle; aber da ich jetzt nach einem 4 77 Lande reiſe, wo man wahrſcheinlich wenig Franzöſiſch zu hören bekommen wird, ſo dürfte er ſich wohl bald in gröberen Verſtößen verlieren.“ Die Beiden wandten ſich nun wieder ab und ſetzten das Ge⸗ ſpräch fort, welches ſie durch dieſe unbedeutende Bemerkung unter⸗ brochen hatten. „Es könnte wohl der Fall ſeyn, daß Ihr auch außerdem noch Jemanden bekannt wäret,“ nahm Eva wieder auf, ſobald ſie aus der Lebhaftigkeit der Unterhaltung, in welcher die Franzöſin und Mr. Blunt begriffen waren, die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß ihre Bemerkung nicht gehört werden konnte. „Sicherlich könnt Ihr doch ihn nicht meinen.“ „Allerdings meine ich ihn. Seyd Ihr ſo ganz überzeugt, daß Mr. Sharp, Mr. Blunt— Mr. Blunt, Mr. Sharp ſich nie zuvor geſehen haben?“ „Ich glaube, es geſchah das erſtemal, als wir miteinander in das Boot traten. Er iſt ein gebildeter junger Mann und ſcheint ſogar mehr zu ſeyn, als Deine flüchtige Bekanntſchaft vermuthen läßt; ſolche Leute vergißt man nicht ſo leicht. Ueberhaupt zeichnet er ſich vortheilhaft vor der übrigen Schiffsgeſellſchaft aus— ſeyd Ihr nicht der gleichen Anſicht?“. Eva gab keine Antwort, weil ſie wahrſcheinlich glauben mochte, daß ihr Gefährte nicht auf einem Fuße von Vertraulichkeit zu ihr ſtehe, um berechtigt zu ſeyn, ſie über ihre Meinung von Andern zu fragen. Auch beſaß Mr. Sharp zuviel Weltkenntniß, um den begangenen kleinen Verſtoß nicht zu bemerken; nachdem er daher in ſcherzendem Tone die junge Dame um ſo viel Mitleid gebeten hatte, ihn nicht zu verrathen, gab er dem Geſpräch mit der Ge⸗ wandtheit eines Mannes, welcher einſah, daß er die Unterhaltung nicht fortführen konnte, ohne ihr einen Character von Vertraulich⸗ keit zu verleihen, den Eva zu geſtatten nicht geneigt war— eine andere Wendung, die ſich um ſo glücklicher herbeiführen ließ, weil 78 in der Unterredung der Gouvernantin mit Mr. Blunt eine Pauſe Platz gegriffen hatte. „Ich glaube, Ihr ſeyd ein Amerikaner, Mr. Blunt,“ bemerkte er,„und da ich ein Engländer bin, ſo ſind wir vollkommen ge⸗ eignet, gegenſeitig die wichtige nationalrechtliche Frage zu verhan⸗ deln, über die unſer würdiger Kapitän ſeine ſchwunghaften Vattel⸗ floskeln ſo familiär anbringt, als wären ſie ſein tägliches Brod. Ich hoffe, Ihr ſeyd wenigſtens mit mir einverſtanden, daß es ſehr thöricht von unſerer Seite waͤre, Einwendungen gegen einen Be⸗ ſuch zu erheben, wenn uns die Kriegsſchaluppe einholen ſollte.“ „Ich ſehe nicht ein, warum ich gerade ein Amerikaner ſeyn müßte, um über einen derartigen Punkt meine Anſicht abzugeben,“ entgegnete der angeredete junge Mann höflich, während er zugleich vor ſich hinlächelte;„denn was recht iſt, bleibt recht ohne Rüuͤck⸗ ſicht auf Nationen oder Nationalität. In der That ſcheint mir, daß ein bewaffnetes Staatsſchiff, ſowohl im Krieg,⸗ als im Frieden, berechtigt iſt, wenigſtens an der Küſte des Landes, dem der Kreuzer angehört, ſich über den Charaeter aller Kauffahrer Gewißheit zu verſchaffen. Ich ſehe nicht ein, wie ohne dieſe Ermächtigung dem Schleichhandel geſteuert, Seeräuberei unterdrückt oder überhaupt der Zweck erfüllt werden könnte, um deſſen willen dieſe Schiffe ge⸗ wöhnlich in die See geſchickt werden, auch ohne daß eniſchiedene Feindſeligkeiten obwalten.“ „Es freut mich, zu finden, daß Ihr über die Geſetzlichkeit der Lehre vom Durchſuchungsrecht mit mir einverſtanden ſeyd.“ Paul Blunt lächelte abermals, und Eva glaubte, bei Gelegen⸗ heit einer Wendung in ihrem kurzen Spaziergang in dem Ausdrucke ſeines ſchoͤnen Geſichtes den geheimen Stolz einer überlegenen Ein⸗ ſicht wahrzunehmen. Er antwortete übrigens mit der früheren Milde und Ruhe: „Ein Recht der Durchſuchung iſt allerdings vorhanden, ſofern ſich's um nicht weiter handelt, als eben um Erreichung der erwäͤhnten 8 79 Zwecke. Wenn zum Beiſpiel eine Nation von ſeeräuberiſchem Treiben unterrichtet wird und beſondere Agenten aufſtellt, um den Freibeutern auf die Spur zu kommen und ſie zu überwältigen, ſo müſſen vernünftigermaßen dieſen Bevollmächtigten alle Rechte ein⸗ geräumt werden, welche zu Erfüllung einer derartigen Obliegenheit er⸗ forderlich ſind. Muß aber auch dies zugeſtanden werden, ſo ſehe ich nicht ein, daß ſie dadurch eine Autorität gewinnen, welche über den unmittelbaren Bereich ihres beſonderen Dienſtes hinaus greift. Wenn wir Jemanden geſtatten, in unſer Haus einzutreten, um nach Dieben zu ſpähen, ſo folgt aus dieſem Zugeſtändniß nicht, daß er berechtigt iſt, in den vier Pfählen eines Andern auch ſon⸗ ſtige Verrichtungen vorzunehmen. Ich glaube, man ſollte dem Schiffe, das uns nachſetzt, als einem öffentlichen Kreuzer erlauben, an Bord dieſes Fahrzeugs zu kommen; findet er aber nichts, was dem Völkerrechte zuwider läuft, ſo iſt er nicht ermächtigt, den Montauk aufzuhalten oder anderweitig zu beläſtigen. Sogar das Recht, das ich einräume, muß mit Humanität und ohne ränkevolle Plackerei geübt werden.“ „Ihr müßt aber gewiß bedacht haben, daß wir uns ein Un⸗ recht zu Schulden kommen ließen, indem wir einem Menſchen, der vor dem Arm der Gerechtigkeit flüchtig wurde, Schutz gaben. Dem Grundſatze nach ſteht es uns alſo nicht zu, uns zu widerſetzen, wenn man den armen Tropf wieder nach dem Lande zurückſchaffen will, aus dem er entwich, wie ſehr wir auch in dem gegenwär⸗ tigen Falle die Härte der Geſetzgebung beklagen mögen.“ „Es frägt ſich ſehr, ob Kapitän Truck geneigt ſeyn wird, die Sache ſo unbeſtimmt zu beurtheilen. Erſtlich wird er wohl ſagen, ſein Schiff ſey regelmäßig klarirt und zur Ausfahrt berechtigt ge⸗ weſen; wenn er nun, ſo lang er noch in britiſchem Gewäſſer war, dem Polizeibeamten geſtattete, ſein Schiff zu durchſuchen, ſo habe er Alles gethan, was von ihm verlangt werden könne, denn das Geſetz zwinge ihn nicht, den Häſcher oder den Angeber zu machen. 80 Die Vollmacht habe dahin gelautet, den Davis feſtzunehmen, nicht aber den Montauk aufzuhalten, und ſobald er einmal aus briti⸗ ſchem Gewäſſer ſey, habe an Bord ſeines Schiffes das amerika⸗ niſche Geſetz Geltung. Der engliſche Beamte ſey von nun an als Eindringling zu betrachten geweſen, den er ſich vom Halſe zu ſchaffen das Recht hatte, denn ſeine Vollmacht habe aufgehört, ſo⸗ bald er außerhalb des Bannes der Gerichtsbarkeit war, welche ſie verliehen hatte.“ 3 „Ich glaube, Ihr werdet den Kapitän jenes Kreuzers nicht geneigt finden, dieſen Satz einzuräumen.“ „Dies iſt nicht unmöglich, denn der Menſch hält ſich oft lieber an die Mißbräuche, als daß er ſeinen Wünſchen etwas in den Weg legen läßt. Aber der Kapitän der Corvette könnte ebenſogut an Bord eines ausländiſchen Kriegsſchiffs gehen und ſich kraft der Vollmacht, vermöge welcher er ſein eigenes Schiff befehligt, das Commando auf dem fremden anſprechen, als er einen vernünftigen oder geſetzlichen Grund für das, was Ihr vorauszuſagen ſcheint, aufzufinden im Stande ſeyn wird.“ „Ich freue mich, zu hören, daß der arme Mann nunmehr ſeiner Frau nicht mehr entriſſen werden kann!“ rief Eva. „So haltet Ihr's alſo mit der Lehre des Mr. Blunt, Miß Effingham?“ bemerkte der andere Sprecher in etwas vorwurfsvollem Tone.„Ich fürchte, Ihr betrachtet die Sache blos im Intereſſe Eurer eigenen Nation.“ „Vielleicht that ich das Gleiche, was Alle gethan zu haben ſcheinen, indem ich mehr der Stimme der Sympathie als einer wohlbegründeten Beleuchtung Gehör gab. Und doch würde es eines kräftigen Beweiſes bedürfen, um mich zu überzeugen, jener ſchuftig ausſehende Attorney ſey in einer guten, jene ſanfte und warmherzige Frau aber in einer ſchlechten Sache begriffen geweſen.“ Beide Gentlemen lächelten und wandten ſich der ſchönen Spre⸗ cherin zu, als wollten ſie dieſelbe zum Fortahren ermuntern; aber 8— 81 Eva hielt inne, da ſie bereits mehr geſprochen zu haben glaubte, als ihr zuſtand. „Ich hatte gehofft, Mr. Blunt, in Euch einen Beiſtand zu finden, wenn es gälte, die Berechtigung Englands zu unterſtützen, ſeine eigenen Matroſen wegzunehmen, wenn es dieſelben an Bord der Schiffe einer andern Nation findet,“ nahm Mr. Sharp wieder auf, nachdem eine achtungsvolle Pauſe den beiden jungen Männern ge⸗ zeigt hatte, daß ſie von ihrer ſchönen Gefährtin nichts mehr er⸗ warten dürften,„fürchte aber jetzt, daß ich Euch unter die Reihe derjenigen zählen muß, welche Englands Macht gerne gemindert ſähen— coüte qui coüte.“ Dieſe Aeußerung wurde aufgenommen, wie ſie gemeint war, nemlich als eine wirkliche Anſicht, die den Schleier des Scherzes vorgenommen hatte. „Zuverläßig wünſche ich nicht, daß es ſeine Macht feſthalte coüte qui coũte,“ entgegnete der Andere lachend; und für dieſe An⸗ ſicht glaube ich auch auf die Bundesgenoſſenſchaft dieſer beiden Damen rechnen zu können.“ „Certainement!“ rief Mademoiſelle Viefville, die einen leben⸗ digen Beweis abgab, daß Gefühle der Abneigung, die durch Jahr⸗ hunderte genährt wurden, ſich nicht durch ein paar Federzüge bannen laſſen. „Was mich betrifft, Mr. Sharp,“ fügte Eva bei,„ſo werdet Ihr einem amerikaniſchen Mädchen nicht zumuthen, daß es was immer für einem Lande ein Recht zugeſtehe, uns Unrecht zu thun. Indeß muß ich doch auch bitten, mich nicht unter diejenigen zu zählen, welche die rechtmäßigen Anſprüche des Landes meiner Vor⸗ fahren verkümmert ſehen möchten.“ „Dies iſt ein mächtiger Beiſtand, und ich werde wohl Scha⸗ made ſchlagen müſſen. Uebrigens im Ernſt— Ihr werdet mir wohl die Frage erlauben, Sir, ob Ihr glaubt, man könne Eng⸗ land ſein Recht an die Dienſte ſeiner Matroſen abſprechen. 4 Die Heimkehr. 8² „Ich muß Euch gleichfalls im Ernſt die Frage entgegenhalten, Mr. Sharp, ob Ihr meint— mit Gewalt oder auf dem Wege vernünftiger Vorſtellung?“ „Natürlich auf dem letzteren?“ „So habt Ihr wohl meiner Anſicht nach die ſchwache Seite der engliſchen Rechtsbegründung aufgegriffen. Die Natur des Dien⸗ ſtes, welchen der Unterthan oder der Bürger, wie es jetzt in Paris zu ſagen Mode iſt, Mademoiſelle,—“ „Tant pis,“ murmelte die Gouvernante. „Seiner Regierung ſchuldig iſt,“ fuhr der junge Mann fort, indem er bei dieſer Unterbrechung einen Blick nach Eva hingleiten ließ,„iſt blos ein Punkt der innern Verwaltung. England übt ein ſchrankenloſes Zwangsrecht oder, was ſo ziemlich daſſelbe iſt, es nöthigt einen Theil ſeiner Unterthanen zu Dienſtleiſtungen, ohne daß irgend ein gleichförmiger Schutz ſtattfände. In Frankreich be⸗ ruht der Zwangsdienſt auf einem Grundſatze, der für Alle gleiche Geltung hat, während in Amerika, ſoweit die Matroſen in Frage kommen, nur freiwillige Dienſte geleiſtet werden.“ „Mit Eurer Erlaubniß— würden die amerlkaniſchen Staats⸗ geſetze überhaupt das Preſſen geſtatten?“ „Jedenfalls kein gewaltſames Preſſen, möchte ich glauben, ob⸗ ſchon ich nicht einſehe, warum nicht geſetzliche Beſtimmungen ſollten erlaſſen werden können, um die Kriegsſchiffe eben ſo gut zu re⸗ krutiren, wie die Armeen. Doch dies iſt ein Punkt, den Männer von Fach, wenn deren an Bord ſind, beſſer werden beantworten können, als ich.“ 1. „Die Gewandtheit, mit welcher Ihr heute dieſe Gegenſtände be⸗ handelt habt, ließ mich hoffen, in Euch einen Mann von Fach gefun⸗ den zu haben; denn für einen Reiſenden iſt es immer wünſchenswerth, mit einiger Vorbereitung ein neues Land zu betreten, und ein Schiff dürfte wohl eben ſo viel Verlockung bieten, zu lehren, als zu lernen.“ — ͤ 8³ „Wenn Ihr mich für einen amerikaniſchen Rechtsge⸗ lehrten haltet, ſo erweist Ihr mir eine größere Ehre, als ich anſprechen kann.“ Er ſtockte, und Eva hätte gar gerne wiſſen mögen, ob der leichte Nachdruck, den er auf die beiden mit geſperrter Schrift ge⸗ druckten Worte legte, wohl vorzugsweiſe dem Lande oder dem an⸗ gedeuteten Berufe gelten mochte. „Ich habe mich lange Zeit in Amerika aufgehalten und ſeinen Inſtitutionen einige Aufmerkſamkeit geſchenkt; es würde mir übrigens leid thun, wenn Ihr glauben wolltet, daß mir in ſolchen Punkten überhaupt ein unfehlbares Urtheil zuſtehe,“ fuhr Mr. Blunt fort. „Ihr wolltet von dem Preſſen der Matroſen ſprechen.“ „Blos um zu bemerken, daß dies in das Bereich der Munici⸗ pal⸗ oder National⸗Berechtigungen gehoͤre, ohne daß allgemeine Grundſätze darauf in Anwendung kommen können. Jedenfalls hört die Befugniß dazu auf, wo die betreffenden Partieen außer dem Bann der Municipal⸗ oder National⸗Gewalt ſind. Ich kann zwar zugeben, daß die Ausübung des erwähnten Zwangsrechtes auf amerikaniſchen Schiffen in britiſchen Gewäſſern zuläßig iſt, oder doch wenigſtens einen ſcheinbaren Grund für ſich hat; indeß glaube iich nicht, daß ſie unter allen anderen Verhältniſſen eine rechtmäßige Grundlage hat. Zuverläßig würde ſich England bei ſeiner gegen⸗ wärtigen Kraft im umgekehrten Falle keine Stunde einer derartigen Praxis unterwerfen, und eine ſolche Vergleichung dürfte wohl den beſten Prüfſtein eines Grundſatzes abgeben.“ „Ja, ja, was eine gute Brühe für die Gans iſt, iſt's auch für den Gänſerich, wie Vattel ſagt,“ fiel Kapitän Truck ein, der den letzten Theil dieſes Geſpräches mitangehört hatte—„freilich nicht gerade mit denſelben Worten, aber den Sinn derſelben hat eer durch ſein ganzes Werk ein Langes und Breites ausgeführt. Was dies betrifft, ſo läßt ſich wohl wenig über einen Gegenſtand ſagen, was er ſeinen Leſern nicht ſo klar vor Augen geführt hätte, 84 als Beachy Head vor den Blicken des Seemanns liegt, der durch den britiſchen Kanal fährt. Mit Bovditch und Vattel kann man die ganze Welt umſegeln, ohne eine ſchlechte Anthuning oder einen Fehlgriff in den Principien beſorgen zu müſſen. Uebrigens bin ich gekommen, meine Damen, Euch anzuzeigen, daß der Steward das Nachteſſen gemeldet hat, welches nun der Ehre Eures Zuſpruchs gewärtig iſt.“ Ehe die Geſellſchaft das Deck verließ, erkundigte ſie ſich noch nach der Stellung des nachjagenden Schiffes und nach den muth⸗ maßlichen Abſichten der Kriegsſchaluppe. „Wir ſind jetzt auf der großen Völkerſtraße,“ entgegnete Mr. Truck,„und ich gedenke darauf fortzuwandern, ohne Rippenſtöße auszutheilen oder einzunehmen. Was die Schaluppe betrifft, ſo ſteuert ſie unter ſtarkem Segeldruck heraus, und wir ſtehen unter gleichen Umſtänden in faſt gerader Linie vor ihr. Sie befindet ſich etwa vier Stunden in unſerem Stern, und der Matros trägt ſich mit einem alten Sprüchlein, daß zeine Sternjagd eine lange Jagd ſey!“ Ich glaube nicht, daß unſer Fall eine Ausnahme von der Regel machen wird. Zwar maße ich mir nicht an, vorausſagen zu wollen, wie die Sache ablaufen könnte; aber es gibt kein Schiff in der britiſchen Flotte, das dem Montauk bei ſeiner gegenwärtigen Tackelung und unter einer ſolchen Briſe zehn engliſche Meilen in eben ſo vielen Stunden abgewinnen kann; wir ſind daher vorder⸗ hand vollkommen quitt mit ihr.“ Die letzten Worte wurden ausgeſprochen, als Eva eben ihren Fuß auf die oberſte Stufe der Treppe ſetzte, um nach der Cajüte hinunterzuſteigen. X V JOO- 2——ͤ te 85 Sechstes Kapitel. Trineulo.— Stephano! Stephano.— Ruft mich dein anderer Mund? Erbarmen! Gnade! Sturm. Das Leben eines Paket⸗Steward's beſteht aus unabläſſigen Miſchen und Waſchen, Fragen und Zurichten— und Alles dies in einem Raume von ungefähr zwölf Quadratfußen. Dieſe Würden⸗ träger ſind gewöhnlich pfiffige Mulatten, die ſich dem Küchendepar⸗ tement geweiht haben, und mühen ſich vom Morgen bis in die Nacht hinein in ihren Kajüten ab, wo ſie Gerichte zubereiten, ihre Weiſungen ertheilen, die Gänge ordnen, Pfröpfe fliegen laſſen und Fragen beantworten. Gleichgiltigkeit iſt ein Haupterforderniß für dieſe Stellung, denn wehe dem armen Tropf, der ſich einbildet, ein mäßiger Eifer oder guter Wille ſeyen allein hinreichend, ihn für ein Steward⸗Amt zu befähigen. Von dem Augenblicke der Ausfahrt an bis zum Ueberholen des Kabels oder dem Lüpfen der Kette, um den Anker fallen zu laſſen, erhellt kein Lächeln ſein Ge⸗ ſicht; ſo lang er ſeines Amtes wartet, kömmt kein Laut von ſeinen Lippen, der nicht durch den unmittelbaren Dienſt geboten iſt— mürriſche Unterthänigkeit gegen die Oberen oder ein ſchnarrender Befehlshaberton gegen die Untergebenen. Sobald aber die Stunde des Trinkgelds oder der„buona manca“ herannaht, wird er lieb⸗ lich und lächelnd. Kaum erſcheint er morgens in der Speiſekammer, ſo hat er eine regelmäßige Reihe von Fragen zu beantworten, und er hält es damit häufig wie der pflichtmäßige Zeluco, der alle Briefe an ſeine Mutter an demſelben Tage ſchrieb und nur für den Lauf der Zeit die Monatstage änderte; denn man könnte ſagen, daß er, ſeinem gaſtronomiſchen Geiſte gemäß, ein hübſches Häuf⸗ chen der gedachten Antworten geſchnitten und getrocknet für den gelegentlichen Gebrauch aufbewahrt hält.„Wie iſt der Wind?“ 86 „Wie hält ſich das Wetter?“„Wie ſteht der Schnabel?“— der⸗ gleichen Fragen, welche an dieſen ſtändigen Kalender gerichtet wer⸗ den, ſind nur Sachen, die ſich von ſelbſt verſtehen, und er iſt voll⸗ kommen darauf vorbereitet, obſchon man nicht ſelten nachher zu hören bekömmt, daß er nach bereits gegebener Antwort einen Ge⸗ hülfen auf das Deck ſchickt, um über den wirklichen Sachbeſtand Erkundigung einzuziehen. Nur wenn ſich die Stimme des Kapitäns aus deſſen Staatsgemach vernehmen läßt, hält er ſich für verpflich⸗ tet, richtige und pünktliche Antworten zu geben. So wird es übri⸗ gens von dem geſammten Schiffsvolke gehalten, das inſtinktartig die„Nichtswiſſer“ herausfindet und dieſelben ohne Unterſchied mit einer Geringſchätzung behandelt, welche ihre ſelbſtverſchuldete Un⸗ wiſſenheit zu verdienen ſcheint. Sogar der„alte Theer“ in der Back hat einen natürlichen Reſpect vor einem Bruder Seemann, auch wenn er nur als Paſſagier an der Fahrt Theil nimmt, und zollt Neptun die gebührende Achtung, indem er die Fragen nach beſtem Wiſſen beantwortet, während der Neuling ſtets auf eine gravitätiſch vorgebrachte Zweideutigkeit, eine Aufſchneiderei oder eine entſchiedene Myſtification ſich gefaßt halten muß. Schon am erſten Morgen der Ausfahrt begann der Steward des Montauk ſeine Neuigkeiten auszukramen; denn kaum ließ ſich in der Speiſekammer das Klirren der Gläſer und das Geklapper der Teller vernehmen, als der Angriff von Mr. Dodge begonnen wurde, zu deſſen Grundcharacterzügen ein„löblicher Wiſſensdurſt“ gehörte, der ſich in Anbringung von Fragen kund gab. Dieſer Gentleman hatte, wie bereits erwähnt wurde, in demſelben Schiffe die Fahrt nach Europa gemacht, und zum Unglück für ſeine Lieb⸗ haberei war nicht nur der Steward, ſondern überhaupt Alles an Bord bald über das Maß ſeines Fußes in's Klare gekommen, wie die Matroſen ſich auszudrücken pflegten. Das Reſultat ſeiner dermaligen Erkundigungen wird am beſten aus nachfolgendem kurzem Zwiegeſpräch hervorgehen. 87 „Steward,“ rief Mr. Dodge durch die Blenden ſeines Staats⸗ gemachs,„wo ſind wir?“ „Im britiſchen Kanal, Sir.“ „Das hätte ich ſelbſt errathen können.“ „Glaub's gerne, Sir; denn Niemand verſteht ſich beſſer auf's Rathen und Vermuthen, als Mr. Dodge.“ „Aber in welchem Theile des Kanals befinden wir uns, Saunders?“ „Ungefähr in der Mitte, Sir.“ „Wie weit ſind wir im Laufe der Nacht gekommen?“ „Von der Portsmouther Rhede bis hieher, Sir.“ Mr. Dodge hatte jetzt genug, und der Steward, der ſich nicht erdreiſtet haben würde, irgend einem andern Kajütenpaſſagier ſo beſtimmte Antworten zu geben, fuhr gelaſſen fort, ſeinen Pfann⸗ kuchentaig anzurühren. Der nächſte Angriff wurde von demſelben Gemache aus durch Sir George Templemore geübt. „Steward, mein guter Freund, wißt Ihr vielleicht zufällig, wo wir ſind?“ „Gewiß, Sir; wir haben das Land noch vor Augen.“ „Kommen wir wacker vorwärts?“ „Allerliebſt, Sir,“ entgegnete er, einen gezierten Nach⸗ druck auf das erſtere Wort legend und damit bekundend, daß in dem ernſt ausſehenden Mulatten doch ein wenig Schelmerei ſtecke. „Und die Kriegsſchaluppe, Steward?“ „Gleichfalls allerliebſt, Sir.“ Jetzt ließ ſich ein Scharren des Pantoffels in dem Staatsge⸗ mach vernehmen, und es folgte eine Stille. Dann that ſich Mr. Sharps Thüre um einen oder zwei Zoll auf, und durch den Spalt gingen nachſtehende Fragen hervor: „Iſt der Wind günſtig, Steward?“ „Hat ganz ſeinen Character, Sir.“ „Wollt Ihr damit ſagen, daß der Wind günſtig ſey?“ ——— 88 „Für den Montauk wohl, Sir; man lernt an ihn glauben in dieſer Briſe.“ „Aber geht er in der Richtung, welche wir zu nehmen wünſchen?“ „Wenn der Gentleman nach Amerika zu ſpazieren wünſcht, ſo wird er wahrſcheinlich hinkommen, falls er ſich nur ein bischen gedulden kann.“ Mr. Sharp zog die Thüre zu, und es entſchwanden zehn Mi⸗ nuten ohne weitere Fragen. Der Steward begann ſich bereits der Hoffnung hinzugeben, daß die Morgenkatechiſation vorüber ſey, ob⸗ ſchon er den Wunſch vor ſich hinbrummte, die Gentlemen möchten „ſich austhun“ und ſelbſt nachſehen. Nun hatte aber bisher Saun⸗ ders nicht mehr als die Frageſteller von der eigenthümlichen Lage des Schiffs gewußt, in welchem er ſo gleichgiltig über das Wo und über die Winde hinſchwamm, wie die Menſchen mit der Erde weiter kreiſen, ohne an Parallaxen, Knoten, Ekliptik und Sonnen⸗ wenden zu denken. Da übrigens ungefähr die Zeit war, um welche ſich der Kapitän vernehmen zu laſſen pflegte, ſo ſchickte er einen Gehülfen auf's Deck, um auf die gewöhnlichen Fragen ſeines Commandeurs vorbereitet zu ſeyn. Ein paar Minuten waren zu⸗ reichend, um ihn über den wahren Stand der Dinge au courant zu ſetzen. Die nächſte Thüre übrigens, welche ſich öffnete, war die des Mr. Blunt, welcher ſeinen Kopf mit wirren Locken, welche auf das eben verlaſſene Lager hindeuteten, in die Kajüte ſteckte. „Steward!“ „Sir.“ „Wie iſt der Wind?“ „Ganz aufheiternd, Sir.“ „Aber aus welcher Richtung?“ „Ungefähr aus Süden, Sir.“ „Stark?“ „Eine hübſche Briſe, Sir.“ „Und die Schaluppe?“ 89 „Liegt im Lee, Sir, und arbeitet ſich ſo ſchnell wie möglich vorwärts.“ „Steward!“ klang es aus einer andern Kajüte. „Sir.“ Er trat jetzt haſtig aus ſeiner Speiſekammer, um deutlicher hoͤren zu koͤnnen. „Unter welchen Segeln laufen wir?“ „Unter Bramſegeln, Sir.“ „Wie ſteht der Schnabel?“ „Weſt⸗Süd⸗Weſt, Sir.“ „Köſtlich! Gibt's nichts Neues über die Korvette?“ „Rumpf im Lee nicht ſichtbar, Sir, und auf unſerer Vierung.“ „Nachholpernd, he?“ „Ganz wie ein verkappter Kerl, Sir.“ „Immer beſſer. Macht, daß Euer Frückſtück einmal kömmt; ich bin ſo hungrig, wie ein Troglodyte.“ Der ehrliche Kapitän hatte dieſes Wort aus einer neuen Ab⸗ handlung gegen den Agrarianismus aufgegriffen, und da er wenig⸗ ſtens in einem gewiſſen Sinne ein Freund von Orden war, ſo ſchmeichelte er ſich damit, unter den Orden der Conſervativen zu gehören; oder mit andern Worten, er hielt viel auf jenen Grund⸗ ſatz des ſchottiſchen Freibeuters, welcher ſich in unſrer guten Mutter⸗ ſprache durch das Sprüchlein ausdrücken läßt:„behalte, was Du haſt, und nimm, was Du kriegen kannſt.“ Jetzt fand in den Fragen ein Stillſtand ſtatt, und bald nach⸗ her begannen die Paſſagiere einer nach dem andern ſich in der Kajüte einzufinden. Der erſte Schritt, namentlich bei gutem Wet⸗ ter, gilt faſt unabänderlich dem Decke, und im Laufe einiger Mi⸗ nuten hatte ſich faſt die ganze Geſellſchaft des geſtrigen Abends wieder in der freien Luft verſammelt— ein Hochgenuß, welchen nur diejenigen zu würdigen verſtehen, welche wiſſen, was es um die abgeſperrte Atmoſphäre eines gedrängtvollen Schiffes iſt. Der 90 Bericht über den Stand des Wetters, welchen der Steward an den Kapitän abgegeben hatte, war ſachgemäß geweſen, und letzterer ſtand jetzt in dem Tackelwerke des großen Maſtes, um windwärts die Wolken und im Lee die Kriegsſchaluppe zu beobachten. Aus ſeinem Benehmen ließ ſich erſehen, daß er Vergleichungen auſtellte, die weſentlich zum Nachtheil des Engländers ausfielen. Der Tag war ſchöͤn und der Montauk, welcher ſein Tuch edel trug, holperte— um uns der Sprache des Stewards zu bedie⸗ nen— gleichfalls unter Allem, was ziehen wollte, von den Bram⸗ ſegeln abwärts, unter einem Winde weiter, der etwa zwei Striche von der Schiffsrichtung abwich. Da der Wellenſchlag nicht be⸗ deutend war, ſo lief das Schiff mit einer Geſchwindigkeit von vollen neun Knoten, obſchon ſie mit der Gewalt des Windes wechſelte. Der Kreuzer hatte bisher ihnen nachgeſteuert; aber es begannen ſich jetzt Zweifel zu erbeben, ob er wirklich Jagd mache oder blos gleich dem Montauk zu einer Weſtfahrt beſtimmt war— ein ge⸗ wöhnlicher Kurs für alle Fahrzeuge, welche aus dem Kanal zu kommen wünſchen, ſelbſt wenn ſie nach dem Süden zu gehen beab⸗ ſichtigen, da die Klippen und Fluthen der franzöſiſchen Küſte in langen Naͤchten gar unbequeme Nachbarn ſind. „Am Ende weiß nicht einmal Jemand,“ bemerkte der Kapitän laut,„ob der Kutter, welcher uns zu entern verſuchte, zu dem Schiff im Lee gehört.“ „Ich kenne das Boot, Sir,“ entgegnete der zweite Mate; „und das Schiff iſt das Foam.“* „So ſoll es vorwärts ſchäumen, wenn es uns zu ſprechen wünſcht. Hat Jemand von Tagesanbruch an ſeine Stellung beob⸗ achtet?“ „Wir haben um ſechs Uhr den Compaß geſtellt, Sir, und die Corvette änderte ſeit drei Stunden ihren Kurs nicht ſo weit, als man von einem Belegnagel zum andern meſſen kann. Aber der * Schaum. — u£ RNK u— 28— 91 Rumpf hebt ſich ſchnell. Man kann jetzt bereits die Geſchützpfor⸗ ten unterſcheiden, während um die Dämmerung der Rand ihrer großen Segel noch unter der Waſſerkrümmung ſtand.“ „Ha, ich ſehe, ein leichtgehendes Foam alſo. Wenn dies der Fall iſt, ſo wird die Schaluppe gegen Abend uns eingeholt haben.“ „Wenn es ſo weit kommt, Kapitän, werdet Ihr ihm eine Breitſeite von Vattel geben müſſen,“ fiel John Effingham in ſeiner kalten, ſpöttiſchen Weiſe ein. „Wenn er nur um deswillen kommt, ſo ſoll ihm davon ge⸗ gönnt ſeyn, ſoviel er führen kann. Es fängt mir an zweifelhaft zu werden, Gentlemen, ob's dieſer Kerl nicht im Ernſt meint. Iſt dies wirklich der Fall, ſo werdet ihr Gelegenheit finden, mitanzu⸗ ſehen wie Schiffe gehandhabt werden, wenn ſich Matroſen darauf tummeln. Ich laſſe mir's gefallen, die Erfahrung eines armen ab⸗ und zugehenden Burſchen, wie ich bin, gegen die Geometrie und den Hamilton Moore eines jungen Kriegsſchiffofficiers auf die Probe zu ſetzen. Na, ich wette darauf, jener Kunde dort iſt ein Lord oder doch eines Lords Sämling, während der arme Jack Truck nichts Anderes vorſtellen kann, als was ihr an ihm ſeht.“ „Glaubt Ihr nicht, eine halbſtündige Nachgiebigkeit von unſrer Seite dürfte die Sache mit einemmale zu einem freundſchaftlichen Schluß bringen?“ bemerkte Blunt.„Wenn wir auf ihn zuliefen, könnte der Zweck ſeines Nachſetzens in einigen Minuten ermit⸗ telt ſeyn.“ „Wie— und den armen Davis ſollen wir der Raubgier dieſes ſchuftigen Attorney preisgeben?“ rief Sir George Templemore mit edelmüthiger Wallung.„Lieber wollte ich alle Unkoſten ſelbſt bezahlen, nur damit wir in den gelegenſten franzöſiſchen Hafen einlaufen und den ehrlichen Kerl entſpringen laſſen könnten.“ „Es iſt nicht wahrſcheinlich, daß ein Kreuzer verſuchen wird, auf offner See einen einfachen Schuldner aus einem fremden Schiffe zu nehmen.“ 9² „Wenn's keinen Taback in der Welt gäbe, Mr. Blunt, ſo wäre ich vielleicht geneigt, die Kategorien aufzugeben und dem Gentleman dieſe Höflichkeit zu erweiſen,“ entgegnete der Kapitän, der ſich eben eine weitere Cigarre zurichtete.„Falls ſich auch der Kreuzer nicht für ermächtigt halten ſollte, einen entwichenen Schuld⸗ ner aus dieſem Schiffe zu nehmen, ſo könnte ihm doch in Betreff des Tabacks ein anderer Gedanke kommen, vorausgeſetzt, daß eine Angeberei wegen Schleichhandels ſtattgefunden hätte.“ Kapitän Truck erklärte ſich eines Weiteren dahin, daß die Un⸗ tergebenen auf den Paketbooten ihre Schiffe oft in Ungelegenheit brächten, indem ſie auf Gerathewohl das verbotene Kraut heimlich nach europäiſchen Häfen führten; der Montauk würde unter ſolchen Umſtänden ſeinen Platz in der Linie verlieren, und alle Pläne der Compagnie, welcher das Fahrzeug angehoöͤre, müßten zu nichte wer⸗ den. Zwar könne er nicht umhin, der engliſchen Regierung die Gerechtigkeit wiederfahren zu laſſen, daß ſie ſich ſtets freiſinnig ge⸗ neigt gezeigt habe, nicht die Unſchuldigen ſtatt der Schuldigen zu ſtrafen; wenn aber wirklich Angeberei ſtattgefunden habe, ſo glaube er, die Sache bei ſeiner Rückkehr nach England mit weit weniger Verluſt abmachen zu können, als dies am Tage der Ausfahrt mög⸗ lich ſey. Während er dieſe Erläuterung abgab, hatte ſich eine Gruppe um den Sprecher geſammelt, ſo daß Eva mit ihrer Ge⸗ ſellſchaft allein auf der andern Seite des Deckes blieb. „Mr. Blunts letzte Aeußerung ſtößt meine Anſicht über ſeinen National⸗Character, wie Vattel und unſer würdiger Kapitän ſagen würde, völlig um,“ bemerkte Mr. Scharp.„Geſtern Abend hielt ich ihn für einen ächten, loyalen Amerikaner; aber ich glaube nicht, Miß Effingham, daß einer von Euern ſchnellfertigen Landsleuten geneigt ſeyn würde, dieſen Akt von Höflichkeit gegen einen Kreuzer des König William in Antrag zu bringen.“ „Wie weit ein Landsmann von mir, ſey er nun ſchnellfertig oder nicht, Grund haben mag, einem von euern Kreuzern beſondere 9³ Höflichkeit zu zeigen, muß ich der Begutachtung des Kapitän Truck überlaſſen,“ verſetzte Eva lachend.„Aber gleich Euch kann ich ſchon geraume Zeit nicht mit mir einig werden, ob ich Mr. Blunt für einen Engländer, für einen Amerikaner oder für keins von bei⸗ den halten ſoll.“ „Geraume Zeit, Miß Effingham? So hat er alſo die Ehre ſchon länger von Euch gekannt zu werden?“ Eva antwortete mit Ruhe, wenn ihr gleich das Blut nach der Stirne ſtieg; ob übrigens der Grund in ſeinem ungeſtümen Aus⸗ rufe oder in einer Gefühlsbeziehung zu dem Gegenſtand ihrer Un⸗ terhaltung lag, wußte ſich der junge Mann nicht zu enträthſeln. „Geraume Zeit, wie Mädchen von zwanzig Jahren zu zählen pflegen— vielleicht vier oder fünf Jahre. Uebrigens mögt Ihr ſelbſt urtheilen, wie gut ich ihn kenne, wenn ich Euch ſage, daß ich nicht einmal weiß, welchem Lande er angehört.“ „Und darf ich mir die Frage erlauben, welche Ehre Ihr ihm zugedacht habt— die des amerikaniſchen oder die des engliſchen Vaterlandes?“ Evas klare Augen lachten, als ſie antwortete: „Ihr habt die Frage auf eine ſo feine Weiſe und mit ſo wohl angebrachter Höflichkeit geſtellt, daß es ſehr unartig von mir wäre, wenn ich Euch die Antwort verweigern wollte. Nein, unterbrecht mich nicht und verderbt nicht wieder, was Ihr durch nnnöthige Aufrichtigkeitsbetheurungen gut machen wolltet.“ „Ich möchte Euch wohl um eine Erklärung bitten, was Ihr unter der feinen Weiſe verſteht, deren ich mir eben ſo unbewußt bin, als überhaupt eines Wunſches, mir Euer Mißfallen zuzuziehen.“ „Ihr haltet es alſo wirklich für eine Ehre, dem amerikaniſchen „Vaterlande anzugehören?“ „Niemand von weniger Beſcheidenheit, als Ihr beſitzt, Miß Effingham, könnte ſich's unter was immer für Umſtänden träumen laſſen, eine derartige Frage zu ſtellen.“ 94 „Ich danke Euch für die Höflichkeit, die ich vermuthlich an⸗ nehmen muß, wie ſie geboten wurde— ganz als eine Sache en regle; aber abgeſehen von unſerer gegenſeitigen guten Meinung ſowohl, als von unſeren Vorurtheilen—“ „Ihr werdet mich entſchuldigen, wenn ich dagegen Einſprache thue, denn ich fühle, daß mein Verſtand dabei betheiligt iſt. Ihr koͤnnt mir kaum ſo ganz unvernünftige, eines gebildeten Mannes unwürdige— mit einem Worte ſo grundloſe Meinungen zutrauen! Unterziehe ich mich nicht allen Gefahren und Beſchwerlichkeiten einer langen Seefahrt ausdrücklich in der Abſicht, Euer großes Vaterland zu beſuchen und, wie ich hoffe, von ſeinem Beiſpiel und ſeiner Geſellſchaft zu lernen?“ „Da Ihr dieß zu wünſchen ſcheint, Mr. Sharp“— und Eva blickte ihn neckiſch an, als ſie den Namen ausſprach—„ſo will ich ſo gläubig ſeyn, wie diejenigen, welche an den thieriſchen Magne⸗ tismus glauben, und ich dächte, dies hieße denn doch die Leicht⸗ gläubigkeit bis an die äußerſte Grenze der Vernunft vorrücken. Es iſt jetzt zwiſchen uns ausgemacht, daß Ihr es für eine Ehre haltet, durch Geburt, Erziehung und Herkunft ein Amerikaner zu ſeyn.“ „Und dies läßt ſich insgeſammt bei Miß Effingham finden.“ „Mit Ausnahme des zweiten Punktes. Man ſchreibt mir in der That ſchreckliche Dinge über meine europäiſche Erziehung, und Einige gehen ſogar weit genug, mir die Verſicherung zu geben, ich werde durchaus nicht in die Geſellſchaft taugen, zu welcher ich eigentlich gehöre.“ „In dieſem Falle wird ſich Europa freuen, Euch wieder zu⸗ rückzunehmen— aber kein Europäer mehr, als ich ſelbſt.“ Das ſchöne Roth vertiefte ſich ein wenig auf Eva's Wange, aber ſie zoͤgerte eine Weile mit der Antwort. „Um auf unſern Gegenſtand wieder zurückzukommen,“ ſagte ſie endlich;„wenn ich darüber befragt würde, ſo waͤre ich wahrhaftig nicht im Stande, über Mr. Blunts Vaterland eine Entſcheidung 8 95 abzugeben; auch traf ich nie mit Jemand zuſammen, der ihn zu kennen ſchien. Ich ſah ihn zum erſtenmal in Deutſchland, wo er ſich in der beſten Geſellſchaft bewegte; aber auch hier war Niemand mit ſeiner Geſchichte bekannt. Er machte Figur und benahm ſich mit der größten Unbefangenheit; auch redet er mehrere Sprachen faſt ſo gut, wie die Eingeborenen der betreffenden Länder und war überhaupt ein Gegenſtand der Neugierde für alle diejenigen, welche Muße hatten, auch noch an etwas Anderes, als an ihre Zerſtreuun⸗ gen und Thorheiten zu denken.“ Mr. Sharp hörte mit ſichtlicher Angelegentlichkeit der ſchoͤnen Sprecherin zu, die in ſeinen Augen wohl das lebhafte Intereſſe, welches er an ihrer Schilderung nahm, entdeckt haben müßte, wenn ſte die ihrigen nicht zu Boden geſchlagen hätte. Vielleicht übte das Gefühl, welches alledem zu Grunde lag, gewiſſermaßen einen Einfluß auf ſeine Antwort. „Alſo in jedem Betracht ein bewunderungswürdiger Crichton.“ „Das will ich eben nicht behaupten, obſchon ſoviel gewiß iſt, daß er große Sprachenkunde beſitzt. Mein eigenes, unſtetes Leben hat mich mit einigen Zungen bekannt gemacht, und ich verſichere Euch, dieſer Gentleman ſpricht drei oder vier mit faſt gleicher Fer⸗ tigkeit und ohne merklichen Fremdenaccent. Ich erinnere mich, daß ihn zu Wien Viele ſogar für einen Deutſchen hielten.“ „Wie— mit dem Namen Blunt?“ Eva lächelte, und ihre Heiterkeit entging dem jungen Gentle⸗ man nicht, der ſtumm jeden Ausdruck ihrer wechſelnden Züge beob⸗ achtete, als wolle er ihre Gedanken leſen. „Namen bedeuten nichts in dieſen wanderluſtigen Zeiten,“ ent⸗ gegnete die junge Dame.„Ihr dürft Euch nur ein von hinzu⸗ denken, und dann geht er in Dresden oder Berlin. Von Blunt— der hochgeborene Graf von Blunt, Hofrath; oder wenn Ihr lieber wollt— Geheimer Rath mit Excellenz und Euren Gnaden.“ 96 „Oder Bau,⸗Berg⸗ und Weg⸗Inſpektors⸗Subſtitut!“ fügte Mr. Scharp lachend bei.„Nein, nein, das geht kaum. Blunt iſt zwar ein guter altengliſcher Name, hat aber doch nicht Feinheit genug für einen Italiener, Deutſchen, Spanier oder überhaupt für Jemand anders, als für John Bull und ſeine Familie.“ „Ich für meinen Theil ſehe nicht ein, warum es nöthig wäre, alles dies ſo ſtumpf aufzufaſſen. Vielleicht hielt der Gentleman die derbe Freimüthigkeit, die der Name gleichfalls bezeichnet, für eine gute Reiſeeigenſchaft.“ „Sicherlich kann er ſeinen wahren Namen nicht verborgen haben.“ „Mr. Sharp, Mr. Blunt; Mr. Blunt, Mr. Sharp,“ entgeg⸗ nete Eva lachend, bis ihre klaren Augen vor Luſt zu tanzen ſchienen. Es wäͤre freilich etwas lächerlich, wenn ſo viel Hoͤflichkeit von Seiten unſres Ceremonienmeiſters einer ſo argen Myſtification unter⸗ worfen worden wäre. Ich habe ſagen hören, dergleichen flüͤchtige Vorſtellungen ſeyen unter euch Männern von geringem Belang, und dies könnte wohl hier der Fall ſeyn.“ „Ich wollte, ich dürfte fragen, ob es wirklich ſo iſt.“ „Würde ich mich einem Andern gegenüber eine ſolche Rück⸗ ſichtsloſigkeit zu Schulden kommen laſſen, ſo müßtet Ihr nothwen⸗ dig für Euch ſelbſt auch mißtrauiſch werden. Außerdem bin ich als Proteſtantin eine abgeſagte Gegnerin der Ohrenbeichte.“ „Ihr werdet nicht zürnen, wenn ich frage, ob ſich der Reſt Eurer Geſellſchaft ſeiner gleichfalls erinnert.“ „Mein Vater, Mademoiſelle Viefville und wieder die vortreff⸗ liche Nanny Sidley; bei der übrigen Dienerſchaft wird es ſchwerlich der Fall ſeyn, da er uns nie beſuchte. Mr. John Effingham reiste damals in Aegypten und bekam ihn gar nicht zu Geſicht; auch trafen wir nur in Geſellſchaft mit ihm zuſammen. Der Umſtand, daß ihn Nanny kennt, rührt einfach daher, daß ſie ihn im Prater ſein Pferd anhalten ſah, weil er ſich über den ſchönen Morgen mit uns unterhalten wollte.“ 3 8. 94 74 97 „Der arme Mann— wie beklage ich ihn! Wenigſtens iſt er nie ſo glücklich geweſen, in Eurer Geſellſchaſt die Inſeln des Co⸗ merſees und des Lago maggiore zu durchſtreifen, oder die Wunder des Pitti und des Vatikan zu ſtudiren.“ „Wenn ich denn doch einmal Alles bekennen muß, ſo will ich Euch nur ſagen, daß er einen ganzen Monat zu Fuß und in Booten mit uns unter den Wundern des Berner Oberlandes umher und über den Wallenſtädter See reiste. Dies fiel in eine Zeit, als wir Nie⸗ mand bei uns hatten, als die gewöhnlichen Führer und den deutſchen Bedienten, den wir in London entließen.“ „Wäre es nicht unſchicklich, ſich hinter Dienſtboten zu ſtecken, ſo würde ich augenblicklich auf die andere Seite des Deckes hinüber⸗ gehen und Eure gute Nanny ausfragen,“ entgegnete Mr. Sharp mit neckiſchem Drohen.„Von allen Qualen iſt die der Ungewiß⸗ heit am peinlichſten zu ertragen.“ „Ich ertheile Euch volle Erlaubniß und ſpreche Euch frei von allen Sünden— dergleichen da ſind, Achtungsmangel, Gemeinheit, Unverſchämtheit, ungentlemaniſches Benehmen oder was immer für ein Laſter, mit welchem man ein derartiges Benehmen be⸗ zeichnen könnte.“ „Dieſe furchtbare Liſte von Eigenſchaften könnte ſogar die Neu⸗ gierde der ſchlimmſten Stadtfraubaſe im Zaume halten.“ „Wenn dies der Fall wäre, ſo hätte ſie eine Wirkung geübt, die ich nicht beabſichtigte. Ich wünſche, daß Ihr Eure Drohung in Ausführung bringt.“ „Doch wahrhaftig nicht im Ernſte?“ „In baarem Ernſt. Benützt eine günſtige Gelegenheit, um die gute Seele als eine alte Bekannte anzureden; ſie erinnert ſich Eurer wohl, und bei Eurer Fragefertigkeit wird ſich leicht ein günſtiger Anlaß ergeben, um den andern Gegenſtand zur Sprache zu bringen. Inzwiſchen will ich die Blätter dieſes Buches überblicken.“ Aus dem Umſtande, daß Eva zu leſen begann, bemerkte Die Heimkehr. 7 Mr. Sharp wohl, daß ſie Ernſt machte. Er zoͤgerte einen Augen⸗ blick, zweifelnd, ob die Handlung auch ſchicklich ſey, fügte ſich dann ihrem deutlich ausgeſprochenen Verlangen und ſchlenderte nachläßig zu der treuen alten Dienerin hinüber. Zuerſt ſuchte er ſich mit gleich⸗ gültigen Dingen Bahn zu brechen, bis er weiter gehen zu können glaubte, und nun bemerkte er lächelnd, er glaube ſie ſchon in Italien geſehen zu haben. Es folgte darauf eine ruhige Bejahung, und als er hinzufügte, daß er ihre Bekanntſchaft unter einem anderen Namen gemacht habe, lächelte Nanny und deutete nur durch einen raſchen Aufblick ihres Auges an, daß ſie ſich deſſen erinnere. „Ihr wißt, daß Reiſende hin und wieder andere Namen an⸗ nehmen, um der Neugierde auszuweichen,“ fuhr er fort.„Ich hoffe, Ihr werdet mich nicht verrathen.“ „Seyd ohne Sorge, Sir; ich befaſſe mich mit nicht viel, was außer den Bereich meiner Obliegenheiten gehört, und ſo lange Miß Eva zu glauben ſcheint, daß nichts Arges darin liege, erdreiſte ich mich nicht, zu ſagen, daß ſich's dabei um etwas Anderes, als um die Laune eines Gentlemans handle.“ „Dies iſt daſſelbe Wort, welches ich ſte darauf anwenden hörte. Ihr habt den Ausdruck von Miß Effingham aufgefangen.“ „Und wenn auch, Sir, ſo rührt er von einer Perſon her, die Niemand Uebles wünſcht.“ „Ich glaube, wenn man der Sache auf den Grund geht, bin ich nicht der Einzige an Bord, der unter einem falſchen Namen reist.“ Nanny blickte zuerſt auf das Deck, dann in das Geſicht des Fragers und ließ endlich ihr Auge gegen Mr. Blunt hingleiten, ſchlug es aber augenblicklich wieder nieder, als habe ſie ſich eine Unbeſonnenheit zu Schulden kommen laſſen, und ſah zuletzt nach den Segeln hinauf. Ihre Verlegenheit bemerkend und ihre Rück⸗ ſichtsfülle achtend, zugleich aber beſchämt über den unternom⸗ menen Schritt, ſagte ihr Mr. Sharp einige Höflichkeiten, wie ſie für ihre Stellung paßten, ſchlenderte, um Argwohn zu vermeiden, 2—,—,——— 99 eine Meile auf dem Deck hin und her und befand ſich bald wieder an Eva's Seite. Letztere empfing ihn mit einem fragenden Blicke, in dem ſich vielleicht einige Schadenfreude über den muthmaßlich mißlungenen Verſuch ausſprach. „Ich habe einen Fehlgang gemacht,“ ſagte er,„den ich übri⸗ gens vielleicht einigermaßen meiner eigenen linkiſchen Schüchtern⸗ heit zuſchreiben muß. Es liegt etwas ſo Herabwürdigendes in dem Ausforſchen von Dienſtboten, daß ich mir nicht das Herz faſ⸗ ſen konnte, meine Fragen zu verfolgen, obſchon mich die Neugierde faſt verzehrte.“ „Dieſe Befangenheit iſt eine Krankheit, mit der nicht Alle an Bord behaftet ſind, denn es gibt, ſo viel ich ſchon zu erfahren Gelegenheit fand, wenigſtens einen Großinquiſitor unter uns. Nehmt daher Eure Sünden in Acht und verbergt namentlich ſorg⸗ fältig alle alten Briefe und andern Merkzeichen, welche ſo oft den Betrug bloß ſtellen.“ „Dafür iſt, glaube ich, bereits hinreichend Sorge getragen durch jenen zweiten Dromio, meinen Bedienten.“ „Und in welcher Weiſe habt ihr den Namen unter euch ge⸗ theilt? Iſt es der Dromio von Syrakus, der Dromio von Ephe⸗ ſus, oder nennt ſich John vielleicht gar Fitz⸗Edward, Mortimer oder De Courcy?“ „Er iſt, glaube ich, ſo gefällig, die Fahrt blos unter ſeinem Taufnahmen mitzumachen. In der That iſt es nur eine reine Folge des Zufalls, daß ich in dieſer Weiſe zum Uſurpator wurde. Er miethete das Staatsgemach für mich, und da man ihn um den Namen befragte, ſo gab er, wie gewöhnlich, ſeinen eigenen an. Als ich mich nach den Docks begab, um von dem Schiffe Einſicht zu nehmen, wurde ich als Mr. Sharp begrüßt, und dies brachte mich auf den Gedanken, den Verſuch zu machen, wie mir der Name für einen Monat oder ſechs Wochen paſſen würde. Ich gäbe eine Welt darum, wenn ich ausfindig machen könnte, ob der Geheime 100 Rath auf eine eben ſo ehrliche Weiſe zu ſeiner Reiſebezeichnung gekommen iſt.“ „Ich glaube nicht, denn ſein Bedienter geht unter dem beißen⸗ den Titel Pepper.* Ihr ſeyd übrigens ziemlich ſicher, wenn ſich nicht etwa im Laufe der Fahrt für den armen John Gelegenheit ergeben ſollte, zwei Namen zu brauchen. Und dennoch glaube ich,“ fuhr Eva fort, indem ſie ſich auf die Lippen biß, als ſinne ſie über etwas nach,„wenn es noch zum guten Ton gehörte, zu wet⸗ ten, ſo würde Mr. John Effingham alle die franzöſiſchen Hand⸗ ſchuhe, welche er in ſeinen Koffern hat, gegen Eure engliſchen Siebenſachen ſetzen, daß der eben erwähnte Inquiſitor hinter Euer Geheimniß kömmt, noch ehe wir Land anthun. Vielleicht ſollte ich lieber ſagen, er wird die Entdeckung machen, daß Ihr nicht Mr. Sharp ſeyd, dagegen Mr. Blunt iſt, was er zu ſeyn vorgibt.“** Der junge Mann bat ſie, ihm die Perſon anzudeuten, welchem ſie das erwähnte Sobriquet gegeben hatte. „Ihr dürft mir nicht Schuld geben, daß ich Jemanden Ekel⸗ namen anhänge, denn der Mann verdankt ſeinen Titel der Made⸗ moiſelle Viefville und ſeinen eigenen Heldenthaten. Ich meine einen gewiſſen Mr. Steadfaſt Dodge, der, wie es ſcheint, uns einiger⸗ maßen kennt, weil er aus derſelben County ſtammt, und er iſt der Mann dazu, um, wenn er einmal ein wenig weiß, auf eine große Erweiterung ſeines Wiſſens erpicht zu ſeyn.“ „Ein natürliches Reſultat des Ringens nach nützlicher Erkenntniß.“ „Mr. John Effingham, der ſo gerne ſeinen Spott über alle Länder ausgießt, das ſeiner Geburt mit eingeſchloſſen, behauptet, dieſer Gentleman ſei nur ein Probe⸗Exemplar vieler Andern, die wir in Amerika zu treffen ſo glücklich ſeyn werden. Wenn dies der Fall iſt, werden wir nicht lange fremd bleiben, denn wie ich von Mademoiſelle Viefville und meiner guten Nanny höre, hat er ihnen * Pfeffer. ** Dies eine Anſpielung auf die Bedeutung der Namen, Scharf⸗ und„Stumpf.“ 101 bereits tauſend intereſſante Einzelnheiten von ſeiner eigenen werthen Perſon mitgetheilt, ohne zum ſchuldigen Dank weiter zu verlangen, als daß alle ſeine Fragen über uns der Wahrheit gemäß beant⸗ wortet würden.“ „Dies iſt allerdings eine beunruhigende Kunde, und ich werde mich demgemäß in Acht zu nehmen wiſſen.“ „Wenn er entdeckt, daß John ohne Zunamen reist, ſo bin ich nicht überzeugt, ob er nicht auf den Gedanken kommen wird, ihn irgend eines Capital⸗Verbrechens zu zeihen; denn Mr. John Ef⸗ fingham behauptet, dieſer ganzen Claſſe klebe der Hang an, das Schlimmſte zu muthmaßen, ſobald ihre Einbildungskraft nicht mehr mit Thatſachen geſpeist wird. Alles, was man von dieſen Leuten hört, ſey falſch— entweder Schmeichelei oder Verleumdung.“ Jetzt kam Mr. Blunt heran, und in dem Geſpräche fand ein Stillſtand ſtatt; denn Eva ſchien nicht geneigt, ihn an dieſen klei⸗ nen Vertraulichkeiten Theil nehmen zu laſſen— ein Umſtand, den ihr bisheriger Geſellſchafter nicht ohne Vergnügen bemerkte. Die Unter⸗ haltung wurde nun allgemeiner, und Mr. Blunt, der ſich ihnen an⸗ geſchloſſen hatte, erfreute ſie mit einem Bericht über mehrere Vor⸗ ſchläge, die Mr. Dodge bereits gemacht hatte und die, wie er ſich ausdrückte, den edlen Gemeingeiſt des Amerikaners bekundeten. Der erſte Antrag zielte darauf hin, eine Abſtimmung vornehmen zu laſſen, damit man wiſſe, ob Mr. Van Buren oder Mr. Harriſon bei den Reiſenden am meiſten beliebt ſey; und da dieſer Vorſchlag durchfiel, weil ſo Viele an Bord erklärten, daß ihnen die genann⸗ ten Perſonen völlig unbekannt ſeyen, ſo meinte er, es dürfte zweck⸗ mäßig ſeyn, eine Geſellſchaft zu bilden, welche täglich die genaue Stellung des Schiffes ermitteln ſollte. Kapitän Truck hatte jedoch auf letzteren Antrag kalt Waſſer gegoſſen, indem er trocken be⸗ merkte, eine der Obliegenheiten beſagter Geſellſchaft müſſe in der Erforſchung beſtehen, ob es auch ausführbar ſey, das atlantiſche Weltmeer zu durchwaten. Siebentes Kapitel. Wenn Wolken auf ſich thürmen, hüllt der Weiſe Sich in den Mantel; fällt das große Laub, So iſt der Winter nah. Wer ſchaut der Nacht Entgegen nicht, wenn ſich die Sonne ſenket? Unzeit'ge Stürme ſtellen Theuerung In Ausſicht, wenn es gleich auch möglich iſt, Daß alles gut geht. Iſt dies Gottes Wille, So iſt es mehr, als wir verdienen— mehr Als ich erwarte. Richard III. Vieſe Geſpräche bildeten jedoch bloße Zwiſchenſpiele in der großen Angelegenheit der Ueberfahrt. Den ganzen Morgen ſah man den Kapitan geſchäftig, den Maten ihre Obliegenheiten anzu⸗ weiſen, die Stewards und Köche auszuſchelten, die Logleine zu überholen, die Paſſagiere vorzuſtellen, nach der Stauung der Anker zu ſehen, die Signalſtange herunterzuholen, Sätze von Vattel aus⸗ zuſtreuen, den Dienſt zu beaufſichtigen und ſeine Anſichten zum Beſten zu geben. Uebrigens behielt er dabei ſtets das Foam ſo ſcharf im Auge, wie nur eine im Gras lauernde Katze den Vogel bewachen kann, der auf dem Boden dahin hüpft. Auf einen ge⸗ wöhnlichen Beobachter hätten die beiden Schiffe den Eindruck machen können, als ſegelten ſie mit ziemlich gleicher Geſchwindigkeit in die nämliche Richtung, und da der Curs derſelbe war, welcher einge⸗ ſchlagen werden mußte, um aus dem Kanal zu kommen, ſo began⸗ nen die meiſten Paſſagiere und in der That auch der größere Theil der Matroſen ſich der Meinung hinzugeben, daß der Kreuzer, gleich ihnen, blos eine Weſtfahrt beabſichtige. Mr. Truck aber zog ſeine Schlüſſe aus Zeichen und Bewegungen, die einem ſo ſehr an die Manoöver eines Schiffs und an ihre wahrſcheinliche Bedeutung ge⸗ wöͤhnten Manne weit mehr auffallen mußten, als ſeinen Unterge⸗ benen, und kam deshalb zu einer ganz anderen Anſicht. Ihm war — 9u———u unu 8+ uu 103 der Grund des kleinſten Wechſels an Bord der Kriegsſchaluppe ſo verſtändlich, als wäre er in Worten ausgedrückt worden, weshalb er denn auch Vieles vorausſehen konnte, was demnächſt ſtattfinden mußte. Vor Mittag war das Foam in den gleichen Strich ge⸗ rathen, und Mr. Leach, der auf dieſen Umſtand aufmerkſam machte, bemerkte, der Fremde werde jetzt wohl laviren müſſen, wenn er ſie zu überholen gedenke; denn die Matroſen betrachten es als Regel, daß ein nachſetzendes Schiff ſich windwärts zu wenden habe, ſo oft es ſich dem Gegenſtande ſeiner Jagd nahe genug befinde. Kapitän Truck jedoch hatte zu viel Erfahrung, um in dieſem Puncte nicht beſſer belehrt zu ſeyn. Die Fluth bewegte ſich in den Kanal hin⸗ ein und der Wind ſetzte beide Schiffe in den Stand, die Stroömung mit ihren Leebugen zu faſſen, ſo daß ſte windwärts gezwängt wur⸗ den; hätte daher das Foam laviren wollen, ſo würde die Macht der Fluth ſo ſehr auf ſeine Luvſeite gewirkt haben, daß es viel zu weit ſternwärts gefegt worden wäre, um den Unterſchied der Ge⸗ ſchwindigkeit leicht oder in Zeiten wieder ausgleichen zu können. „Die Korvette iſt uns auf den Ferſen und luvt gegen uns, wie ich bemerke,“ brummte der Kapitän.„Dies iſt ein Umſtand, der einen weniger beſcheidenen Mann zufrieden ſtellen könnte. Ich habe den Gentleman ſchon ſo weit marſchiren laſſen, daß er nicht in der beſten Stimmung ſeyn wird, wenn er uns einholt; wir dürfen uns deshalb darauf gefaßt halten, Portsmouth vor New⸗ York wieder zu ſehen, wenn uns nicht ein ſchräger Wind oder die Nacht zu ſtatten kommt. Ich hoffe, Leach, Ihr habt Eure Aus⸗ ſichten im Leben nicht dadurch zu Grunde gerichtet, daß Ihr allzu ſehnſüchtige Blicke auf ein Tabacksfeld geworfen habt?“ „Nein, Sir; und wenn Ihr mir zu ſprechen erlauben wollt, Kapitän Truck, ſo glaube ich nicht, daß vom Schiffe aus ein Ta⸗ backsröllchen gelandet werde, welches nicht in einer bonna fide-Doſe ans Ufer ging und ſich vor jedem engliſchen Gerichtshof hätte kön⸗ 104 nen blicken laſſen. Das Schiffsvolk wird Mann für Mann darauf ſchwören, daß dies wahr iſt.“ „Ja, ja— und die vornehmen Hexren von der Schatzkammer wären wohl die größten Narren, wenn ſie es nicht glaubten. Wenn keine Schmälerung der engliſchen Revenuen ſtattgefunden hat, wa⸗ rum folgt ein Kreuzer einem regelmäßigen Paketſchiff in die See?“ „Der Grund liegt wahrſcheinlich in der Angelegenheit mit dem Zwiſchendeckpaſſagier Davis, Sir; der Mann ſteckt vielleicht tief in Schulden— möglich auch, daß er anvertraute Gelder verun⸗ treut hat, denn dergleichen Spitzbuben fallen oft, wenn ſie Bankerutt machen, tiefer, als in das Zwiſchendeck eines Paketſchiffs.“ „ Dies wird dazu dienen, während der Fahrt das Halbdeck und die Kajüte in guter Laune zu erhalten, denn ſie finden dadurch An⸗ laß, gegenſeitig die Bekanntſchaft zu eröffnen; aber nur Anfäͤnger laſſen ſich dergleichen Saͤgeſtaub ins Auge ſtreuen. Ich kenne die⸗ ſen Seal ſeit Jahren her, und der Spitzbube iſt nie mit einem Fall angeſtiegen gekommen, der das Halbdeck betroffen hätte. Es iſt ſo, wie das junge Pärlein ſagt, und ich werde ſie hier außen im blauen Waſſer nicht um ſo viel Schaum aufgeben als nach einem Oſtſturme am Jerſey Geſtade liegt. Kein Stück von der Familie Davis wird jenen Windfreſſer dort zufrieden ſtellen, denn er ſteht mir eher darnach aus, als beabſichtige er Hand zu legen an die ganze Bevölkerung des Montauk, und derſelben nur die ange⸗ nehme Wahl zu laſſen, entweder in ſeiner lieblichen Geſellſchaft nach Portsmouth zurückzukehren, oder mitten im Kanal auszuſteigen und in beſtmöglicher Weiſe ans Ufer zu waten. Hole mich dieſer und jener, wenn ich glaube, Leach, daß Vattel ſich dieſes Kerls annehmen könnte, ſelbſt wenn ein ganzes Faß voll Blätter ohne Erlaubniß an ſeine Inſel gerollt worden wäre.“ Mr. Leach wußte hierauf keine ermuthigende Antwort zu geben, da er, gleich den meiſten ſeiner Claſſe vor praktiſcher Ge⸗ walt weit größere Achtung hatte, als vor Bücher⸗Citaten. Indeß — 105 hielt er es für räthlich, zu ſchweigen, obſchon er großen Zweiſel in die Wirkſamkeit ſchriftſtelleriſcher Belege ſetzte, wenn als Gegengewicht ſchwarz auf weiß ein Befehl des Portsmouther Admirals, oder gar ein Signal, das die Admiralität in London hatte geben laſſen, vorhanden war. Der Tag rückte vor, und in der beziehungsweiſen Lage der Schiffe fand eine gradweiſe Veränderung ſtatt, obſchon nur ſo lang⸗ ſam, daß Kapitän Truck ſich der Hoffnung hingab, in der nächſten Nacht, welche ſehr dunkel und ſtürmiſch zu werden verſprach, ſeinem Verfolger entwiſchen zu konnen. Allerdings hatte er ſich feſt vor⸗ genommen, nach Portsmouth wieder zurückzukehren, aber nicht früher, bis ſeine Fracht und ſeine Paſſagiere in New⸗York abge⸗ liefert waren; denn gleich allen Menſchen, die mit Leib und Seele an der Erfüllung einer beſonderen Pflicht hangen, ſah er in einer Vereitelung ſeiner augenblicklichen Aufgabe ein viel größeres Unglück, als in einem doppelt ſo großen ferneren Uebel. Außerdem ver⸗ traute er ſchließlich auf die Freiſinnigkeit der engliſchen Behörden und zweifelte nicht, ſich und ſein Schiff allen Ahndungen zu ent⸗ ziehen, denen ihn vielleicht die Unbeſonnenheit oder Habſucht einiger ſeiner Untergebenen bloßgeſtellt hatte. Als die Sonne eben auf dem Pfade des Montauk ins Waſſer niedertauchte, erſchienen die meiſten Paſſagiere wieder auf dem Deck, um von der Lage der beiden Schiffe Einſicht zu nehmen und ſich über das wahrſcheinliche Ergebniß des Abenteuers eigene Muth⸗ maßungen zu bilden. Mittlerweile hatte das Foam zweimal lavirt, einmal luvwärts gegen das Kielwaſſer des Montauk und dann, um wieder in die Linie zu kommen, welche ihm die Verfolgung moͤglich machte. Das Paketboot war ein zu gutes Schiff, um leicht eingeholt werden zu können, und der Kreuzer ſtand mit faſt untergetauchtem Rumpfe im Sterne, ſchoß aber augenſcheinlich mit einer Geſchwindigkeit vorwärts, welche ihn vor dem nächſten Morgen heranbringen mußte. Der Wind blies in Stößen— ein Umſtand, welcher einem Kriegsſchiff ſtets zu Statten kömmt, da es durch die größere Anzahl ſeiner 106 Leute in den Stand geſetzt iſt, ſchnell und leicht die Segel aufzu⸗ ziehen oder zu kürzen. „Dieſes unſtäte Wetter thut uns wohl ein paar tauſend Ellen in der Stunde Abtrag,“ bemerkte Kapitän Truck, dem der Gedanke durchaus nicht gefallen wollte, daß er durch irgend etwas Schwim⸗ mendes überholt werden könnte;„und wenn doch einmal die Wahr⸗ heit heraus muß, ſo glaube ich, jener Kerl hat auf einer Bogenlinie und unter dieſer Briſe immerhin einen halben Knoten zum Vor⸗ aus. Freilich iſt er auch ohne Ladung, und man tackelt dergleichen Boote wie Schnellwagen auf. Hätte ich nur ein Bischen mehr oder freieren Wind, ſo ſollte er mir trotz aller ſeiner Vortheile an ſeinen Befehlen dauen, wie ein Hayfiſch an einem Merlpfriem oder an einem Ringbolzen; denn es ſollte ihn dann wenig nützen, wenn er den Verſuch machen wollte, wie ein Dampfboot in des Winds Auge zu laufen. So aber müſſen wir uns eben fügen. Wir ſtecken in einer Categorie, die der Teufel holen möge.“ Der Sonnenuntergang hatte jenen wilden Character, den man ſo häufig im Herbſte ſindet, obſchon er vielleicht ſchlimmer ausſieht, als er in Wirklichkeit iſt. Die Schiffe ſtanden nun der Kanalmün⸗ dung ſo nahe, daß kein Land mehr ſichtbar war, und der ganze Horizont bot den froſtigen winterlichen Anblick düſteren, treibenden Gewölks, deſſen matte Streiflichter dem Blicke eher die endloſe Raumerſtreckung vergegenwärtigen, als einen lieblichen Eindruck auf das Auge machen. Die herannahende Nacht mußte Allen, welche nicht an die See gewöhnt waren, unheimlich vorkom⸗ men, obſchon diejenigen, die ſich auf die Zeichen am Himmel, wie ſie ſich auf dem Oceane darbieten, beſſer verſtanden— in dem Ganzen wenig mehr ſahen, als die Ausſicht auf eine tiefe Finſterniß und die gewöhnlichen Gefahren, welche die Dunkelheit in einer viel beſuchten See bietet. „Es gibt eine garſtige Nacht,“ bemerkte John Efſingham, „und es könnte ſich wohl Gelegenheit finden, noch vor der Wieder⸗ —— 107 kehr des nächſten Morgens Einiges von der flunkernden Eitelkeit dieſes Schiffes einzubüßen.“ „Das Fahrzeug ſcheint mir in guten Händen zu ſeyn,“ ent⸗ gegnete Mr. Effingham.„Ich habe die Mannſchaft aufs Genaueſte beobachtet, denn ich war, obſchon ich mir keinen Grund dafür an⸗ zugeben weiß, in Betreff dieſer Fahrt ängſtlicher, als bei irgend einer andern von den neunen, die ich bereits gemacht habe.“ Während dieſer Worte ließ der Vater unwillkührlich den Blick nach Eva niedergleiten, die ſich mit Innigkeit an ihn angeſchmiegt hatte, um ihre leichte Geſtalt in dem Stoßen des Schiffes aufrecht zu erhalten. Sie begriff vielleicht ſeine Gefühle beſſer, als er ſelbſt; denn da ſie von Kindheit an ſeine zärtliche Sorgfalt kannte, ſo wußte ſie wohl, daß er ſelten an Andere oder auch nur an ſich ſelbſt dachte, ſo lange ihr eigenes Wohl ſeine unermüdliche Liebe in Anſpruch nahm. „Vater,“ ſagte ſie lächelnd, indem ſie zu ſeinem ernſten Antlitze aufblickte,„wir haben ſchon weit wildere Wogen geſehen, als hier, und dieß noch obendrein in einem viel gebrechlicheren Fahrzeuge. Erinnert Ihr Euch nicht des erbärmlichen Nachens auf dem Wallenſtädter See? Ich hörte Euch damals ſagen, daß wirkliche Gefahr vorhanden ſey, und doch ſind wir Alle nur mit ein Bischen Schrecken davongekommen.“ „Ich erinnere mich vollkommen jener Fahrt, meine Liebe, und habe auch unſern wackeren Begleiter nicht vergeſſen, der uns in jenem verhängnißvollen Augenblicke ſo gute Dienſte leiſtete. Ohne ſeinen kräftigen Arm und ſeine zeitige Beihülfe wäre es, wie Du weißſt, nicht bei dem bloßen Schrecken geblieben.“ Obgleich Mr. Effingham während dieſer Worte nur ſeine Tochter anſah, bemerkte doch Mr. Sharp, welcher mit Intereſſe zuhörte, den raſchen Blick, welchen Eva nach Paul Blunt hingleiten ließ, und es durchzuckte ihn eifig kalt, als er wahrnahm, wie ihre Wangen die Gluth wiederzuſpiegeln ſchienen, welche das Antlitz 1⁰8 des jnngen Mannes übergoſſen hatte. Uebrigens beobachtete blos er dieſe geheime Kundgebung gemeinſamen Intereſſes an einem Er⸗ eigniſſe, in welchem augenſcheinlich Beide Rollen geſpielt hatten; denn die übrige Umgebung war zu ſehr mit dem Schiffe beſchäf⸗ tigt und zu wenig argwöhniſch, um auf dieſen geringfügigen Um⸗ ſtand zu achten. Kapitän Truck hatte, zur nicht geringen Ver⸗ wunderung ſogar des Schiffsvolks, alle Matroſen an die Segel befehligen laſſen und im Nu ſchwankte das Fahrzeug unter ſo viel Tuch, als es nur moͤglicherweiſe führen konnte, während die Maten forſchenden Blickes nach Oben ſchauten, als wollten ſie fragen, was ſich weiter thun laſſe. Der Kapitän beſeitigte bald alle Ungewißheit.„Mit einer Raſchheit, die man auf einem Kauffahrer nicht häufig, dafür aber deſto gewöhnlicher auf Paketſchiffen ſieht, wurden die unteren Lee⸗ ſegel nebſt den beiden Marsleeſegeln zugerüſtet und zum Aufhiſſen fertig gehalten. Sobald der Ruf„Alles bereit“ erſcholl, wurde das Ruder aufgezogen, die Segel entfalteten ſich, und der Montauk lief mit freiem Winde auf die enge Durchfahrt zwiſchen den Seilly⸗ Inſeln und Lands⸗End zu. Kapitän Truck war ein erfahrener Ka⸗ nallootſe, und da er außerdem den Lauf der Fluth auswendig wußte, ſo hatte er beiläufig berechnen können, daß ſein Schiff bei dem freien Winde und nach der guten Strecke, welche in den letzten vierundzwanzig Stunden zurückgelegt worden war, genug offene See hatte, um durch den Paß kommen zu koͤnnen. „Es iſt ein kitzlich Ding, in einer pechfinſtern Nacht und bei krachender Briſe durch dieſes Loch zu laufen,“ ſagte er, indem er ſich die Hände rieb, als freue er ſich über das Wagniß.„Wir werden jetzt ſehen, ob dieſes Foam Muth genug hat, uns zu folgen.“ „Der Kunde hat jedenfalls ein ſcharfes Auge und gute Glä⸗ ſer, ſelbſt wenn er vor den Seilly⸗Felſen Scheu tragen ſollte,“ rief der Mate, der in der Beſahntackelung das Amt eines Auslugers 109 verſah.„Da ſaattern bereits ſeine Leeſegel, an denen wahrhaftig kein Mangel iſt.“ Der Kreuzer hatte in der That ſeine Leeſegel, die ſich in fünf Minuten füllten, ausgeworfen und ſeinen Curs in einer Weiſe geändert, daß er dem Montauk folgen konnte. Sein Zweck konnte jetzt natürlich nicht länger bezweifelt werden, denn wie hätte man annehmen ſollen, daß zwei Schiffe in der Dunkelheit einer ſolchen Nacht einen ſo kühnen Schritt wagen würden, wenn ſich nicht die Bewegungen des einen nach denen des andern richteten? Mittlerweile begannen ängſtliche Geſichter auf dem Halbdeck aufzutauchen, und bald ſah man Mr. Dodge ſich verſtohlen unter den Paſſagieren umherſchleichen, wie er da dem Einen in's Ohr flü⸗ ſterte, dort einen Andern in die Ecke nahm und überhaupt ange⸗ legentlich damit beſchäftigt zu ſeyn ſchien, Anſichten über das Zweck⸗ mäßige des Schrittes zu ſammeln, welchen der Kapitaͤn eben ein⸗ geſchlagen hatte, obſchon er in Wahrheit eher den Schein des Widerſpruchs annahm, als er Andere vorbereitet fand, auf ſeine Wünſche einzugehen. Sobald er übrigens eine hinreichende Anzahl von Stimmen geſammelt zu haben glaubte, um einen Verſuch zu wagen, zu welchem ihn blos die Abneigung vor dem Schiffbruche und vor einem wäſſerigen Grabe ermuthigen konnte, lud er den Kapitän zu einer Privatverhandlung in dem Staatsgemache ein, das von ihm und Sir George Templemore bewohnt wurde. Mr. Truck, der im Augenblick ohne Cigarre war, ging ſehr bereitwillig darauf ein, nur mit dem Unterſchiede, daß er das venue, wie es die Rechtsgelehrten zu nennen pflegen, nach ſeinem eigenen Ge⸗ laſſe verlegte; denn kein Paketſchiffer iſt geneigt, eine Geſchäfts⸗ ſache an einem andern Orte zu verhandeln. Sobald die Beiden Platz genommen hatten und die Thüre geſchloſſen war, ſchneuzte Mr. Dodge behutſam das Licht, ſchaute umher, um ſich zu überzeugen, ob ſich in dem acht Fuß breiten und ſieben Fuß langen Raume kein Lauſcher befand, und ging dann 110 mit— wie er meinte, ſehr empfehlender Zartheit und Umſicht auf den Gegenſtand ein. „Kapitän Truck,“ ſagte er in gedämpftem vertraulichen Tone, in welchem ſich in gleicher Weiſe Beſorgniß und Geheimnißkrä⸗ merei ausdrückte,„ich glaube, Ihr müßt mich nachgerade als einen Eurer wärmſten und treueſten Freunde kennen gelernt haben. Ich habe in Eurem Schiffe die Herfahrt gemacht, und gefällt es Gott, uns den Gefahren der See entrinnen zu laſſen, ſo hoffe und ge⸗ denke ich auch vermittelſt deſſelben wieder in die Heimath zu gelangen.“ „Wenn Ihr dies nicht hofftet und gedächtet, Freund Dodge,“ entgegnete der Meiſter, als er bemerkte, daß der Andere inne hielt, um die Wirkung ſeiner Anrede abzuwarten, mit jener Vertraulich⸗ keit, die, wie er aus der früheren Fahrt entnommen hatte, hier nicht am unrechten Orte war—„wenn Ihr dies nicht hofftet und gedächtet, Freund Dodge, ſo habt Ihr ein ſchlimmes Verſehen be⸗ gangen, indem Ihr Euch an Bord des Montauk einſchifftet, ſinte⸗ malen ſich wahrſcheinlicher Weiſe durchaus keine Gelegenheit bieten wird, aus ihm hinauszukommen, bis wir irgendwo in der Breite und Länge von Sandy Hook auf ein Neuigkeitsboot oder auf eine Lootſenwache treffen. Ihr raucht, glaube ich, Sir?“ „Ich kann mir kein beſſeres Schiff wünſchen,“ erwiederte Steadfaſt, das Erbieten ablehnend,„und habe überhaupt Jeder⸗ mann auf dem Continent mitgetheilt,“—. Mr. Dodge war nemlich in Paris und Genf, am Rheine, in Belgien und Holland geweſen — eine Wanderung, die in ſeinen Augen den ganzen europäͤiſchen Continent in ſich faßte,—„daß es auf dem ganzen Ocean kein trefflicheres Fahrzeug und keinen ausgezeichneteren Kapitän gebe. Na, und Ihr wißt ja, Kapitän— wenn ich will, ſo habe ich ſo eine Art an mir, etwas vorzubringen, daß es die Leute nicht ſo leicht vergeſſen. In der That, mein theurer Sir, ich habe in die Rotterdamer Zeitung einen ganz ſachgemäß abgefaßten Artikel zum 111 Lobe der ganzen Linie und insbeſondere dieſes Schiffes einrücken laſſen, und die Sache war ſo gut eingeleitet, daß keine Seele auf den Argwohn kam, der Aufſatz rühre von einem Eurer perſönli⸗ chen Freunde her.“ Der Kapitän rollte eben das dünne Ende einer Cigarre in ſeinem Mund, um ſie zum Rauchen zuzubereiten, da im Raume unten das wirkliche Rauchen durch die Schiffsregulative verboten war; als ihm jedoch dieſe Verſicherung zu Theil wurde, entfernte er mit jener Art myſtifizirender Einfalt, die bei den regelmäßigen Dienern Neptuns zur zweiten Natur wird, ſeinen Taback und ant⸗ wortete mit einer Kälte, die in poſſierlichem Gegenſatz zu der er⸗ künſtelten Ueberraſchung ſtand, welche ſich in den Worten ausdrückte: „Den Teufel— habt Ihr wirklich?— Doch wohl in gu⸗ tem Holländiſch?“ „Ich verſtand nicht viel von der Sprache,“ ſagte Mr. Dodge ſtockend; in der That kannte er nur die Wörtchen ja und nein, und dieſe nicht einmal ſonderlich gut;„aber es kam mir vor, als ſey der Styl ungemein gut gehalten. Natürlich konnte ich weiter nicht thun, als einen Menſchen bezahlen, daß er den Aufſatz über⸗ ſetzte. Um übrigens wieder auf unſere Angelegenheit zurückzukom⸗ men,— ich meine das Laufen durch die Secilly⸗Inſeln in einer ſolchen Nacht—“ „Zurückzukommen, mein guter Freund? Dies iſt ja die erſte Sylbe, die Ihr über die Sache verloren habt.“ „Die Sorge um Euch hat mich darauf vergeſſen laſſen. Offen geſprochen, Kapitän Truck— denn wenn ich nicht Euer allerbeſter Freund wäre, ſo würde ich ſchweigen: man iſt über dieſe Ange⸗ legenheit in conſiderablem Excitement.“ „Crcitement— was mag dies wohl ſeyn?— meint Ihr viel⸗ leicht eine Art moraliſcher Widerſee?“ „Ganz richtig; und ich muß Euch die Wahrheit ſagen, ob⸗ 112 ſchon ich lieber tauſendmal ſchweigen möchte. Dieſer Wechſel im Schiffscurs iſt übrigens monſtrös unpopulär.“ „Der Tauſend, das ſind ſchlimme Neuigkeiten, Mr. Dodge. Ich werde mich auf Euch verlaſſen müſſen und hoffe, Ihr werdet als ein alter Freund eine Oppoſition zu Stande bringen.“ „Mein theurer Kapitän, was in meinen Kräften lag, habe ich bereits verſucht; aber ich muß geſtehen, daß ich nie Leute traf, die auf einen Gegenſtand ſo verpicht geweſen wären, wie die meiſten dieſer Paſſagiere. Die Effinghams ſind trotz ihres Beutelſtolzes und ihrer Vornehmthuerei ſehr entſchieden; Sir George Temple⸗ more erklärt den Fall für ganz außerordentlich, und ſogar die franzöſiſche Lady iſt wüthend. Um alſo ſo aufrichtig zu ſeyn, wie es der bedenkliche Augenblick fordert: die öffentliche Meinung kehrt ſich mit ſolcher Macht gegen Euch, daß ich eine Exploſion erwarte.“ „Na, wenn nur die Fluth mir günſtig iſt, ſo muß ich's wohl über mich ergehen laſſen. Eine Strömung in oder außer dem Waſſer zu dämmen iſt zwar Bergauf⸗Arbeit, aber mit einem guten Kiel, reinem Kopfe und reichlichem Wind iſt ſie dennoch ausführbar.“ „Es würde mich nicht wundern, wenn nach unſerer Ankunft die Gentlemen an das Urtheil des Volkes appellirten und den ge⸗ genwärtigen Fall zu einer Handhabe gegen Eure ganze Linie machten.“ „Dies wäre allerdings möglich; aber was läßt ſich thun? Wenn wir umkehren, wird uns der Engländer zuverläßig fangen, und in dieſem Falle würde mein eigenes Bewußtſeyn gegen mich zeugen.“ „Na, ſchon gut, Kapitän; ich meinte nur, als Freund meine Geſinnungen gegen Euch ausſprechen zu müſſen. Wenn dieſe Ge⸗ ſchichte wirklich in die amerikaniſchen Zeitungen kömmt, ſo wird ſie ſich wie ein Brand in den Prairieen verbreiten. Ihr wißt doch hof⸗ fentlich, Kapitän Truck, was die Zeitungen ſind?“ „Ich denke ſo, Mr. Dodge, und danke Euch für Eure An⸗ deutungen; indeß glaube ich, auch zu wiſſen, was die Seilly⸗Inſeln find. Wenn wir anlangen, werden die Wahlen nahezu oder ganz 113 vorüber ſeyn; es ſteht daher, Gott ſey Dank, für dieſen Herbſt wenigſtens nicht zu erwarten, daß man aus dieſer Geſchichte eine Par⸗ teifrage mache. Mittlerweile verlaßt Euch darauf, daß ich guten Aus⸗ lug halten werde nach den Untiefen der Popularität und nach dem Trieb⸗ ſand des Excitements. Ich weiß, Ihr raucht bisweilen, und ich kann Euch dieſe Cigarren als ganz paſſend empfehlen, um die Naſe jenes Kunden von Straßburg zu laben— Ihr lest Eure Bibel, Mr. Dodge, und ich habe daher nicht nöthig, Euch zu ſagen, wen ich meine. Der Steward wird ſich glücklich ſchätzen, Euch nach dem Decke hinauf zu leuchten, Sir.“ In dieſer Weiſe entledigte ſich Kapitän Truck mit dem sang froid eines alten Theers und dem Takte eines Paketſchiffers ſeines überläſtigen Beſuchs, welcher ſich halb mit dem Argwohn entfernte, daß er zum Beſten gehalten worden ſey, gleichwohl aber noch im⸗ mer darüber brütete, ob es nicht zweckmäßig ſeyn dürfte, ein Com⸗ mittee oder wenigſtens ein öffentliches Meeting in der Kajüte zu⸗ ſammenzubringen, um die Sache weiter zu verfolgen. Durch Letzteres glaubte Mr. Dodge, wenn er nur Mr. Effingham zu Uebernehmung des Präſidiums bewegen und Sir George Templemore zum Sekretär machen könnte, einer ſchlafloſen Nacht zu entgehen und— was eben ſo wichtig war— nach der Ankunft zu New⸗York in einem Zeitungsartikel Figur zu machen. Mr. Dodge, deſſen Taufname— Dank ſey es der Frömmig⸗ keit ſeiner Vorfahren— Steadfaſt lautete, vereinigte in ſich die Eigenſchaften, welche durch ſeine beiden Bezeichnungen nicht unpaſſend ansgedrückt waren.**r In Auskramung ſeiner hohen Grundſätze und ſeiner Willensfeſtigkeit zeigte er eine merkwürdige Beharrlich⸗ keit, die aber am Schluſſe doch in ein ränkevolles Benehmen überging. Obſchon ein eifriger Vertheidiger der Volksrechte, hatte er doch nie daran gedacht, daß dieſes Volk aus ſo vielen integri⸗ * Beharrlich. ²* Dodge, ſiehe eine frühere Note. Die Heimkehr. 8 114 renden Beſtandtheilen zuſammengeſetzt ſey, ſondern ſtets der An⸗ ſicht gelebt, daß Alles der großen Maſſe zu gravitiren müſſe. Die Mehrheit war ſein Steckenpferd, und obwohl er als Individuum oder in der Minderzahl ſich auffallend ſchüchtern ausnahm, ſo zeigte er ſich doch, ſobald er auf der ſtärkſten Seite ſtand, bereit, ſogar dem Teufel Trotz zu bieten. Mit einem Worte, Mr. Dodge war ein Volksmann, und er pflegte oft zu erklären, daß er ſeinen„Ehr⸗ geiz und Stolz“ darein ſetze, ein Mann des Volkes zu ſeyn. In ſeiner Heimath verzweigten ſich die Anſichten, gleich dem Gold in den Minen— in den Adern oder Gängen der öffentlichen Meinung, und wenn ſich dieſelben auch drei⸗ oder vierfach theilten, ſcheute ſich doch Niemand, ſie einzugeſtehen, ſo lange nur für jede Spaltung eine Partei vorhanden war. Sobald ſich's aber um Feſthaltung einer Ueberzeugung handelte, welche keine derartige Stütze hatte, ſo witterte man ſogleich Ariſtokratie und verdammte ſogar mathe⸗ matiſch wahre Sätze, wie regelmäßig aufgelöst und bewieſen ſie auch ſeyn mochten. Mr. Dodge hatte ſo viel und ſo lange die moraliſche Atmoſphäre eines ſolchen Gemeinſinns geathmet, daß er in vielen Dingen ſogar das Bewußtſeyn der eigenen Individua⸗ lität verlor; denn er war in der That ſo weit gekommen, daß er zu glauben ſchien, er reſpirire mit einer County⸗Lunge, eſſe mit einem Gemeindemund, trinke aus dem Stadtbrunnen und ſchlafe in der freien Luft. Ein derartiger Menſch war nicht ſehr geeignet, auf einen Mann Eindruck zu machen, der, wie Kapitän Truck, daran ge⸗ wöhnt war, in Mitten der empörten Elemente ſich blos auf ſich ſelbſt zu verlaſſen und die Ueberzeugung feſtzuhalten, daß ein Schiff nur einem einzelnen Willen, dem ſeines Meiſters, gehorchen dürfe, wenn es anders ſicher ſeinen Hafen erreichen ſollte. Die Zufälligkeiten des Lebens konnten kaum größere Gegen⸗ ſätze bilden, als ſich in Steadfaſt Dodge's und John Truck's Cha⸗ racteren ausſprachen. Der Erſtere führte höchſtens Handlungen 115 der allergewöhnlichſten Art aus, ohne zuerſt ihre wahrſcheinliche Wirkung auf ſeine Mitbürger, ihre Popularität oder Unpopula⸗ rität zu erwägen; er mußte zuvor ſich klar ſeyn, wie ſie ſich mit den verſchiedenen Volksmeinungen, welche durch die County wühl⸗ ten, zuſammenreimten, in welcher Weiſe ſie Einfluß üben konnten auf die nächſte Wahl, und ob ſie ihn in der öffentlichen Stimmung heben oder ſinken laſſen mochten. Kein aſiatiſcher Sklave ſcheute ſich je mehr vor einem zornmüthigen Herrn, als Mr. Dodge vor den Rügen, Beleuchtungen, ſcheelen Blicken und Bemerkungen des nächſten Beſten in ſeiner County zitterte, welcher zufälligerweiſe zu der politiſchen Partei gehörte, die im Augenblicke das Ueber⸗ gewicht behauptete. Der Minorität gegenüber war er ſo tapfer wie ein Löwe; er ſchnippte die Finger nach ihr und ſtand ſtets vorne an, wenn es galt, alle ihre Worte oder Handlungen zu verlachen und zu beſpötteln. So zeigte er ſich übrigens blos, wenn die Politik in Frage kam; denn ſobald der Parteizwang aufhoͤrte, war Steadfaſt's ganze Feſtigkeit dahin, und er erholte ſich in allen andern Dingen pflichtſchuldigſt bei der öffentlichen Meinung ſeiner Nachbarſchaft Raths. Freilich hatte dieſer ſchätzbare Mann ſo gut wie jeder andere ſeine ſchwachen Seiten, und— was noch mehr iſt— er war ſich der⸗ ſelben vollkommen bewußt, wie aus der eifrigen Hut zu erkennen war, mit welcher er ſeine Lieblingsſünden bewachte, um ſich durch dieſelben keine Blößen zu geben. Mit einem Worte, Steadfaſt Dodge war ein Mann, der ſich mit Allem zu befaſſen und auf Alles Einfluß zu üben wünſchte, ohne jedoch Geiſt genug zu be⸗ ſitzen, um ſich ſelbſt beherrſchen zu können; denn ſein wüthendes Ringen, ſich die gute Meinung eines jeden menſchlichen Weſens zu verſchaffen, ließ ihn gar oft aller Selbſtachtung vergeſſen. Wenn er ſtandhaft die Rechte des Gemeinweſens verfocht, ließ er ganz außer Acht, daß die Gemeinſchaft ſelbſt nur ein Mittel iſt, das zu Erreichung eines gegebenen Zweckes dienen ſoll; auch fühlte er in ſeinem Innern den tiefſten Reſpekt vor Allem, was außerhalb ſei⸗ 116 nes Bereiches war, und bekundete dies nicht in männlichen Anſtren⸗ gungen, die verbotene Frucht zu gewinnen, ſondern vielmehr in einem Geiſte des Widerſpruchs und der Verläumdung, der durch ſein eifer⸗ ſüchtiges Lauern das Vorhandenſeyn dieſes Gefühles kund gab, ob⸗ ſchon er daſſelbe unter dem Deckmantel ſeiner Achtung vor den Volksrechten zu bemänteln ſuchte; denn er hielt es für ganz un⸗ ausſtehlich, daß irgend ein Menſch etwas ausſchließlich beſitze, ſo⸗ gar wenn ſich's um Eigenſchaften handelte, an welchen der Nach⸗ bar nicht mit Recht Theil nehmen konnte. Doch alle dieſe und noch obendrein viele ähnliche Züge hielt Mr. Dodge nur für den ächten Geiſt der Freiheit. Andererſeits fühlte ſich John Truck als Herrn auf ſeinem Schiffe, war ſowohl aus Gewohnheit als aus Politik höflich gegen ſeine Paſſagiere, wußte, daß jedes Schiff einen Kapitän haben mußte, und hielt das ganze Menſchengeſchlecht für wenig beſſer, als die geſammte Zunft der Eſel. Er ſtellte ſelbſtſtändig ſeine Beob⸗ achtungen an und kümmerte ſich keinen Strohhalm um die ſeiner Maten, verrieth nie größere Luſt, ſeinen eigenen Anſichten zu fol⸗ gen, als wenn alle Matroſen brummten und andere Meinungen aufſtellten, beſaß von Natur aus kühnen Muth, in Folge langer Gewohnheit, die ihm Selbſtvertrauen gegeben, einen entſchiedenen Willen, und war in jeder Hinſicht geeignet, ſein Fahrzeug ebenſo gut auf den ſpurloſen Bahnen des Lebens hinzuſteuern, wie auf denen des Oceans. Für einen Mann von ſeiner eigenthümlichen Stellung fügte ſich's glücklicherweiſe, daß ihn die Natur bei ſeinem Eigenſinne und bei dem Anſehen, das er auf ſeinem Schiffe be⸗ hauptete, eher kalt und ſpöttiſch, als hitzköpfig und ungeſtüm ge⸗ ſchaffen hatte— ein Umſtand, um deſſen willen allein Mr. Dodge häufg hätte Gelegenheit finden können, ſich Glück zu wünſchen. 117 Achtes Kapitel. Juſt dann ſind wir am beſten in der Ordnung, Wenn wir am meiſten aus der Ordnung ſind. Hans Cade. Da es Mr. Dodge nicht gelungen war, durch ſeine Drohung mit der Mißbilligung des Volkes den Kapitän einzuſchüchtern, ſo kehrte er auf das Deck zurück, um daſelbſt ſein geheimes Werk zu verfolgen; denn gleich einem ächten Freiheitsmanne von der aus⸗ ſchließlichen Schule, wagte er es nie, offen thätig zu ſeyn, wenn er nicht durch eine augenfällige Mehrheit unterſtützt wurde. Er ſuchte daher ſeine ganze Umgebung für ſich zu gewinnen und gab ſich alle Mühe, für ſeine Anſicht von der Sache eine öffentliche Mei⸗ nung, wie er es nannte, zu ſchaffen, indem er ſeine Zuhörer be⸗ redete, daß ſie bereits ſo dächten, wie er— eine Aufregungsme⸗ thode, die bei den Parteigängern ſeiner Schule ſehr beliebt iſt. Inzwiſchen arbeitete Kapitän Truck in ſeinem Staatsgemache die Tagesgiſſung allein aus, ohne ſich um andere Dinge, als um die Ergebniſſe ſeiner Zahlen zu kümmern, welche ihn bald belehrten, daß ſein Schiff, wenn er einige Stunden länger ſeinen gegen⸗ wärtigen Curs verfolgte, irgendwo zwiſchen Falmouth und dem Lizard auf den Strand laufen mußte. Dieſe Entdeckung war dem würdigen Kapitän wegen der Andeutungen ſeines letzten Beſuchs um ſo verdrießlicher, da ihm nichts Widerlicheres begegnen konnte, als wenn er ſich den Anſchein geben mußte, als ändere er auf eine Drohung hin ſeinen Entſchluß. Indeß mußte doch vor Mit⸗ ternacht etwas geſchehen, denn er bemerkte deutlich, daß ſich der Montauk nur noch zehn oder hoͤchſtens ſechzehn Seemeilen weit auf ſeinem gegenwärtigen Curſe halten konnte. Die Paſſagiere hatten das Deck verlaſſen, um ſich der Nachtluft zu entziehen, und er hörte, wie die Effinghams Mr. Sharp und Mr. Blunt nach 118 der ausdrücklich von ihnen gemietheten Damenkajüte einluden, während die Anderen draußen am Speiſetiſch nach den gewöhn⸗ lichen Rationen warmen Getränkes riefen. Das Sprechen und das Getöſe ſtörte ihn; da ihm außerdem ſein eigenes Staats⸗ gemach zu dumpf geworden war, ſo begab er ſich auf das Deck, um dort Angeſichts des zürnend ausſehenden Himmels und der weiten Waſſerfläche, die er zu meiſtern berufen war, zu einer Ent⸗ ſcheidung zu kommen. Hier laſſen wir ihn allein— und in zu ver⸗ drießlicher Stimmung, um auch nur zu rauchen,— auf dem Halbdecke hin und her gehen, während mittlerweile der Mate im Beſahntakel⸗ werk gleich einem Affen auf der Lauer ſitzt und windwärts und nach Vorne Auslug hält. Wir kehren nach der Kajüte der Ef⸗ finghams zurück. Der Montauk war eines der edelſten von jenen überraſchend ſchönen hachtartig gebauten Schiffen, die nun ſo zahlreich zwiſchen den beiden Hemiſphären hin und her gehen und in denen der Luxus mit paſſender Bequemlichkeit um die Oberhand wetteifert. Die Kajüten waren mit Atlasholz und Maſer⸗Ahorn bekleidet; kleine Marmorſäulen trennten die polirten Fourniere, und reiche Tep⸗ piche bedeckten den Boden. In der Mitte der Hauptkajüte war der große Tiſch feſtgemacht; in der jedoch, welche von Eva bewohnt wurde, und etwas kürzer, aber eben ſo breit war, befand ſich durch⸗ aus keine derartige Beläſtigung, obſchon ſie mit Sophas, Polſtern, Spiegeln, Schemeln, Seitentiſchen und einem aufrechten Piano aus⸗ geſtattet war. Die Thüren zu den Staatsgemächern und anderen Be⸗ quemlichkeitsräumen waren an den Seiten und Enden angebracht— kurz die Damenkajüte hatte zu jener Stunde eher das Ausſehen eines geſchmackvollen Boudoirs, als das eines Gelaſſes in einem beengten gewöhnlichen Schiffe. Hier war nun Alles, was ein Anrecht an dieſen Platz hatte, nebſt Mr. Sharp und Mr. Blunt, welche eingeladen worden, ver⸗ ſammelt, als mit einemmale ein Pochen an der Thür einen weiteren 119 Gaſt verkündigte. Mr. Dodge bat um Einlaß, weil er einen wichtigen Gegenſtand zur Sprache zu bringen habe. Eva lächelte, als ſie der alten Nanny, welche das Amt der Ceremonienmeiſterin verſah, ihre Zuſtimmung zunickte, und drückte haſtig ihre Vermuthung aus, der Beſuch komme wahrſcheinlich in der Abſicht, den Vorſchlag zu Bildung einer Dorcas⸗Geſellſchaft zu machen. Obgleich Mr. Dodge ſo kühn war, wie Caͤſar, wenn es galt ſeine Verachtung gegen irgend etwas auszudrücken, was der Volks⸗ herrſchaft zuwider war, ſo kam er doch nie in die Geſellſchaft ruhiger gebildeter Perſonen, ohne Mißtrauen und Unruhe zu em⸗ pfinden— eine Thatſache, welche in dem einfachen Umſtande ihren Grund hatte, daß er nicht an den Umgang mit denſelben gewöhnt war. In der That wird ein gemeiner eitler Sinn durch nichts mehr eingeſchüchtert, als durch die Einfachheit und die natürliche Gelaſſenheit einer guten Erziehung; denn ſeine Begriffe von Eleganz ſind ſo oberflächlich, daß er anfangs einen Hinterhalt zu wittern ſcheint und vielleicht für aufdringlich gehalten zu werden fürchtet, weil er ſo viel Ruhe findet, wo ſeinen vorgefaßten Meinungen ge⸗ mäß Alles Prunk und Getümmel ſeyn ſollte. Mr. Effingham em⸗ pfing den Beſuch mit einer Höͤflichkeit, in der ſich ein wenig mehr als gewöhnliche Förmlichkeit ausdrückte, um ihm bemerklich zu machen, daß er ſich in einem Privatgemach befinde— eine Vor⸗ ſichtemaaßregel, die, wie der Gentleman wohl wußte, ſehr noͤthig war, ſo bald man mit Leuten von Steadfaſts Character zu thun hatte. Indeß ging all dies an Mr. Dodge verloren, obgleich alle anderen Anweſenden den Takt zu bewundern Gelegenheit fanden, mit welchem der Wirth ſeinen Gaſt durch außerordentliche Aufmerk⸗ ſamkeit in gebührender Entfernung zu halten ſuchte; denn Letzterer meinte, die Umſtände, die man mit ihm machte, ſeyen nur eine Hul⸗ digung, auf die er von Rechts wegen Anſpruch machen köoͤnne. Indeß wurde doch ſo viel erzielt, daß er ſeine Befangenheit verlor und ſich der unfeinen Weiſe entſchlug, mit welcher er ſein Thema. 120 zur Sprache zu bringen gedachte. Da ſich jedermann ſtumm ver⸗ hielt, um den Grund dieſes Beſuchs zu erfahren, ſo fühlte ſich Mr. Dodge genoͤthigt, wenigſtens Etwas zu ſagen, wenn ſeine Worte auch weniger klar ausſielen, als er vielleicht wünſchen mochte. „Wir haben ſeit unſerer Ausfahrt von Portsmouth eine conſiderabel angenehme Zeit gehabt, Miß Effingham,“ bemerkte er vertraulich. Eva nickte eine Bejahung, ohne einen Beſuch auf ſich beziehen zu wollen, der mit ihren Gewohnheiten und ihren Begriffen von Anſtand ſo ſehr in Widerſpruch kam. Doch Mr. Dodge war zu ſtumpfſinnig, um den Wink zu verſtehen, der in ihrer Zurück⸗ haltung lag. „Freilich muß ich zugeben,“ fuhr er fort„daß ſie noch ange⸗ nehmer hätte ſeyn können, wenn ſichs dieſe Kriegsſchaluppe nicht in den Kopf geſetzt hätte, uns in dieſer beiſpielloſen Weiſe zu fol⸗ gen.“ Mr. Dodge war nemlich ein eben ſo großer Freund ſeines Wörterbuchs, als der Steward, obſchon er zu den politiſchen Saun⸗ ders, aber blos zu der höflichen Schule der Wortführer gehörte. „Sir George nennt es eine höchſt uncomfortable Procedur, und Ihr kennt ohne Zweifel Sir George Templemore, Miß Effingham?“ „Ich habe gehört, daß ſich eine Perſon dieſes Namens an Bord befinde, Sir,“ engegnete Eva betroffen über dieſe Vertrau⸗ lichkeit, und die Empfindlichkeit an den Tag legend, mit welcher eine gebildete Dame diejenigen, welche ihren Character verſtehen, von denen, bei welchen dies nicht der Fall iſt, zu unterſcheiden wiſſen, „kann mich aber nicht der Ehre ſeiner Bekanntſchaft rühmen.“ Mr. Dodge fand dieß verwunderſam, denn er war ja Zeuge geweſen, wie Kapitän Truck ſeinen Zimmergefährten vorgeſtellt, und begriff nicht, wie Leute, die ſich vier und zwanzig Stunden in dem⸗ ſelben Schiffe aufgehalten hatten und ſich gegenſeitig bei Namen kannten, noch nicht auf dem Fuße der Vertraulichkeit ſtehen ſollten. Er ſelbſt meinte„wohlbekannt“ mit den Effinghams zu ſeyn, weil 121 er ſchon ohne Sachkenntniß und mit nicht wenig Bosheit ſich über ſie ausgelaſſen hatte— eine Freiheit, zu der er ſich vollkommen durch den Umſtand berechtigt fühlte, daß er mit ihnen in der gleichen County wohnte, obſchon er nie mit irgend einem Familiengliede auch nur ein Wort geſprochen, bis der Zufall ihn an Bord deſſelben Schiffes in ihre Geſellſchaft führte. „Sir George iſt ein Mann von trefflichen Eigenſchaften, Miß Effingham, kann ich Euch verſichern— ein Mann von unqualifi⸗ zirten Verdienſten. Wir bewohnen daſſelbe Staatsgemach, denn ich bin ein Freund von Geſelligkeit und plaudere lieber ein wenig in meinem Berth, als daß ich immer ſchlafe. Vermuthlich wißt Ihr, daß er ein Baronet iſt— nicht daß ich mir auch nur das Mindeſte aus Titeln machte, denn die Menſchen ſind in Wahrheit alle gleich, obſchon— obſchon——“ „— ungleich in der Wirklichkeit, Sir, wolltet Ihr vermuthlich beifügen,“ bemerkte John Effingham, der an Eva's Arbeitstiſchchen lehnte und in ſeinem adlerartigen Geſicht die Verachtung aus⸗ drückte, welche zu verhehlen er kaum für der Mühe werth hielt. „Gewiß nicht, Sir!“ rief der erſchrockene Steadfaſt, indem er ſich verſtohlen umſchaute, ob nicht irgend ein ränkeſüchtiger Feind vorhanden ſey, der dieſe unglückliche Bemerkung zu ſeinem Nach⸗ theile deuten könnte.„Gewiß nicht! Die Menſchen ſind unter allen Umſtänden gleich und Niemand darf ſich anmaßen, beſſer ſeyn zu wollen, als ein Anderer. Nein, nein— ich mache mir nichts daraus, daß Sir George ein Baronet iſt, obſchon man in den glei⸗ chen vier Wänden lieber mit einem Gentleman, als mit einem rohen Menſchen zu thun hat. Sir George iſt der Anſicht, Sir, das Schiff laufe große Gefahr, wenn es in ſo dunkler Nacht und bei ſo ſchmu⸗ tzigem Wetter landeinwärts ſteure. Ich muß zugeben, Sir George bedient ſich für einen Mann von ſeinem Range vieler ungewöhnli⸗ cher Ausdrücke; ſo nennt er zum Beiſpiel das Wetter ſchmutzig und die Procedur uncomfortabel— Ausdrucksweiſen, Gentlemen, 122 denen ich durchaus eine unqualifizirte Mißbilligung zu Theil werden laſſen muß.“ „Wahrſcheinlich würde Sir George einer qualifizirten Miß⸗ billigung mehr Bedeutung beilegen,“ entgegnete John Effingham. „Wohl möͤglich,“ erwiederte Mr. Dodge unſchuldig, obgleich ſich an den beiden andern Gäſten, wie auch an Eva und Mademoiſelle Vief⸗ ville ein leichtes Muskelzucken um die Lippen bemerken ließ;„Sir George iſt ein eigentliches Original in ſeiner Weiſe. Ihr wißt, Mr. John Effingham, in unſerer Gegend haben wir nur wenig Originale; denn, die Wahrheit zu ſagen, man macht ſich etwas un⸗ populär, wenn man ſich vor Andern in dieſem oder jenem Betracht auszeichnen will. Ja, Sir, das Volk will herrſchen und ſoll auch herrſchen. Dennoch glaube ich, Sir George könnte als Fremder gut genug unter uns fortkommen denn einem Fremden nimmt man die Originalität nicht ſo übel, wie einem Eingeborenen. Ich glaube, Ihr werdet mit mir in der Ueberzeugung einverſtanden ſeyn, Sir, daß es von einem Amerikaner äußerſt anmaßend ſeyn würde, wenn er ſich vor ſeinen Mitbürgern auszeichnen wollte.“ „Ich bin überzeugt, Sir, an Eurer Stelle könnte ſich Niemand einer ſolchen Anmaßung unterfangen.“ „Nein, Sir; auch ſpreche ich nicht von perſönlichen Beweg⸗ gründen, ſondern von großen, allgemeinen Grundſätzen, die zum Beſten der Menſchheit aufrecht erhalten werden müſſen. Ich wüßte nicht, daß irgend ein Menſch in einem freien Lande das Recht hätte, etwas Apartes ſeyn zu wollen. Es riecht nach Ariſtokralie und ſieht danach aus, als meine Einer beſſer zu ſeyn, als ein Anderer. Gewiß könnte Mr. Effingham etwas der Art nicht billigen??“ „Vielleicht nicht. Die Freiheit hat viele willkührliche Geſetze, und es iſt nicht gerathen, ſie zu übertreten.“ „Vollkommen richtig, Sir, denn wie ſtände es ſonſt mit ihrer Oberherrlichkeit? Wenn das Volk die Sonderlinge oder überhaupt Alles, was ihm mißfällt, nicht im Zaume halten und darauf nieder⸗ 123 ſchauen könnte, ſo käme es zuletzt auf Eins heraus, ohne Weiteres unter der Herrſchaft eines Deſpoten zu leben.“ „Da ich mich in den letzten Jahren viel auf Reiſen befand, Mr. Dodge,“ ergriff Eva das Wort, denn ſie beſorgte aus den drohenden Blicken ihres Vetters, er möchte dem Sprecher einen Hieb verſetzen, welchem derſelbe nicht weiter Stand halten würde, und doch hätte ſie ſich gar zu gerne noch eine Weile an Mr. Dodge's Philoſophie erbaut, ſintemal die Neugier über den Widerwillen, welchen ſie anfangs empfunden, bereits den Sieg davon getragen hatte—„ſo werdet Ihr wohl ſo gütig ſeyn, mir einige von den großen Grund⸗ ſätzen der Freiheit mitzutheilen, von denen ich ſo viel höre; denn ich fürchte, ich bin in dieſer Hinſicht von meinen europäiſchen Erziehern ein wenig verwahrlost worden.“ Mademoiſelle Viefville machte ein ernſtes Geſicht, die Herren Sharp und Blunt waren innerlich vergnügt, und Mr. Dodge blickte verlegen vor ſich hin. „Ich würde mich nur dürftig der Aufgabe gewachſen fühlen, Miß Efſingham über einen derartigen Gegenſtand zu belehren,“ verſetzte Letzterer beſcheiden,„da ſie ohne Zweifel unter den Natio⸗ nen, die ſie beſuchte, zu viel Elend geſehen hat, um nicht gebüh⸗ rend alle Vorzüge jenes glücklichen Landes wärdigen zu können, welches die Ehre hat, ſie unter ihre ſchoͤnen Töchter zu zählen.“ Eva erſchrack über ihre eigene Dreiſtigkeit, denn ſie hatte als Erwiederung auf ihr einfaches Geſuch nicht entfernt auf einen ſo hohen Flug von Beredſamkeit gerechnet; aber der Rücktritt war zu ſpät. „Keiner von den vielen ausgezeichneten und göttlichen Männern, welche unſer theures Vaterland hervorbrachte,“ fuhr er fort,„kann ſich eines größern Eifers für die Sache der Freiheit rühmen, als ich ſelbſt, obſchon ich fürchte, daß meine Fähigkeiten viel zu unbe⸗ deutend ſind, um ihr Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen. Ihr wißt, Miß Effingham, ſo gut, als dieſe Herren hier, daß die Freiheit ein Gut iſt, welches unſere unqualifizirte Anerkennung verdient und uns 124 aufruft, den tapferen Männern täglich und ſtündlich zu danken, welche, als die Tage der Heimſuchung die Seelen bedrängten, im Feldlager wie in den Rathsverſammlungen der Nation vorne ſtanden.“ John Effingham warf Eva einen Blick zu, welcher ihr zu be⸗ deuten ſchien, daß ſie der unternommenen Aufgabe nicht gewachſen ſey, zugleich aber ihr Beiſtand verſprach, im Falle ſie denſelben wünſchen ſollte— eine Bedingung, auf welche die junge Dame in derſelben ſtummen, aber ausdrucksvollen Weiſe mit Freuden einging. „Alles dies iſt meinem jungen Bäschen gebührendermaßen be⸗ wußt, Mr. Dodge,“ ſagte er, um der Sache eine andere Wendung zu geben,„obſchon ſie— und ich muß geſtehen, daß es mir ebenſo ergeht,— nicht ganz klar erfaſſen kann, was unter der Freiheit verſtanden wird, über die man in unſeren Tagen ſo viel ſpricht und ſchreibt. Erlaubt mir die Frage, ob Ihr mit dem Ausdrucke den Begriff von einer vollkommenen Unabhängigkeit des Denkens, des Handelns und der Rechte verbindet?“ „Gleiche Geſetze, gleiche Rechte, Gleichheit in jedem Betracht, und reine, abſtracte, unqualifizirte Freiheit ohne alle Frage, Sir.“ „Wie— die Macht des Starken, den Schwachen zu ſchlagen und ihm das Brod vor dem Munde wegzunehmen?“ „Keineswegs, Sir; der Himmel verhüte, daß ich einer ſolchen Lehre das Wort rede! Der Begriff umfaßt vollkommene Freiheit — keine Könige, keine Ariſtokraten, keine ausſchließlichen Vorrechte— kurz, ein Menſch iſt ſo gut wie der andere.“ „Ihr ſeyd alſo der Anſicht, unter Eurem Syſtem ſey ein Menſch ſo gut wie der andere, Mr. Dodge?“ „Der unqualifizirten Anſicht, Sir; ich bin erſtaunt, wie ein Gentleman von Eurer Bildung in einem Zeitalter, wie das unſrige, eine derartige Frage ſtellen kann.“ „Wenn der Eine ſo gut iſt, wie der Andere,“ ergriff Mr. Blunt das Wort, welcher bemerkte, daß John Effingham ſich auf die Lippe biß und damit andeutete, daß etwas Beißendes folgen — 125 werde—„ſo habt Ihr wohl die Güte, mir zu ſagen, warum ſich das Land bei den jährlichen Wahlen ſo viele Mühe gibt und ſo großen Aufwand macht?“ „Ihr ſprecht von den Wahlen, Sir? In welcher Weiſe könn⸗ ten freie Inſtitutionen gedeihen oder gehandhabt werden, ohne daß man ſich beſtändig an das Volk beriefe— an dieſe einzig wahre Quelle der Gewalt?“ „Ich habe hiegegen nichts einzuwenden, Mr. Dodge,“ entgeg⸗ nete der junge Mann lächelnd;„aber wozu eine Wahl? Wenn ein Mann ſo gut iſt, wie der andere, ſo wäͤre ja eine Lotterie weit wohlfeiler, weit leichter und die Sache viel bälder abgemacht. Wozu eine Wahl— oder im Grunde auch eine Lotterie? Man könnte ja den Präſtdenten in der Weiſe wählen, welche die Perſer bei ihrem König in Anwendung brachten— durch das Wiehern eines Pferdes.“ „Das wäre in der That eine außerordentliche Verfahrens⸗ methode für ein einſichtsvolles und tugendhaftes Volk, Mr. Blunt; ich muß mir daher die Freiheit nehmen, zu bemerken, daß Ihr Euch wahrſcheinlich nur einen Scherz belieben ließet. Wenn Ihr eine Antwort wünſcht, ſo ſollt Ihr ſie unumwunden haben— durch einen derartigen Proceß könnten wir einen Schurken, einen Dummkopf oder einen Verräther zum Präſidenten erhalten.“ „Wie, Mr. Dodge? Ich hätte nicht von Euch erwartet, daß Ihr dem Lande ein ſolches Zeugniß beilegtet. Sind die Ame⸗ rikaner alſo lauter Dummköpfe, Schurken oder Verräther?“ „Wenn Ihr viel in unſrem Lande zu reiſen gedenkt, Sir, ſo möchte ich Euch rathen, Euch mit derartigen Aeußerungen ſehr in Acht zu nehmen, denn ſie ſind geeignet, Euch eine ſehr allgemeine und unqualiſizirte Mißbilligung zuzuziehen. Die Amerikaner ſind aufgeklärt und frei, ſo daß ich wohl ſagen kann, kein Volk auf Erden verdiene weniger die von Euch genannten Beiwörter.“ „Und doch folgt das Factum aus Eurer eigenen Theorie. Wenn ein Menſch ſo gut iſt, wie der andere, und man trifft nur auf einen einzigen Dummkopf, Schurken oder Verräther, ſo müſſen natürlich Alle Dummköpfe, Schurken oder Verräͤther ſeyn. Die Anſchuldigung rührt nicht von mir her, ſondern folgt, wie ich glaube, unvermeidlich aus Eurem eigenen Satze.“ Während der Pauſe, die nun folgte, bemerkte Mr. Sharp im flüſternden Tone gegen Eva: „Er iſt am Ende doch ein Engländer.“ „Mr. Dodge will nicht ſagen, daß in dieſem beſondern Sinne ein Menſch ſo gut ſey wie der andere,“ vermittelte Mr. Effingham freundlich in ſeiner Eigenſchaft als Wirth,„und ich vermuthe, daß ſeine Anſichten weniger allgemein ſind, als anfänglich aus ſeinen Worten hervorgehen möchte.“ „Ganz richtig, Mr. Effingham— ganz richtig, Sir. In die⸗ ſem beſondern Sinne oder im Sinne der Wahlen iſt nicht ein Menſch wie der andere; aber der Satz findet auf alle übrigen Be⸗ ziehungen ſeine Anwendung. Ja, Sir,“ fuhr er wieder gegen Mr. Blunt in der Weiſe eines Mannes fort, der, nachdem er einen Fehlſchluß begangen, nur Athem holen will, um ſeinen Gegner wieder anzugreifen;„in jedem weiteren Betracht iſt ein Menſch unqualiſizirt ſo gut wie der andere. Einer hat daſſelbe Recht wie der Andere.“. „Der Sklave ebenſogut wie der freie Mann?“ „Die Sklaven bilden Ausnahmen, Sir. Aber in den freien Staaten iſt, die Wahlfälle ausgenommen, in allen Dingen ein Menſch ſo gut wie der andere. Dies iſt unſere Meinung, und jeder andere Grundſatz würde unqualifizirt unpopulär ſeyn.“ „Kann einer ſo gut einen Schuh machen, wie der andere?“ „Die Rede iſt von den Rechten, Sir— ich bleibe bei den Rechten, wenn Ihr Euch gefälligſt daran erinnern wollt.“ „Hat der Minderjährige dieſelben Rechte wie der volljährige Mann— der Lehrling wie der Meiſter— der Landſtreicher wie 8— 8- 127 der Seßhafte— der Zahlungsunfähige wie derjenige, der ſeinen Verpflichtungen nachkommen kann?“ „Nein, Sir, in dieſem Sinne meine ich's nicht. Ich fürchte, Ihr verſteht mich nicht, Sir. Ich will weiter nicht ſagen, als daß in beſonderen Dingen ein Mann ſo gut iſt, wie der andere. Dies iſt ein amerikaniſcher Grundſatz, obſchon ſich's vielleicht unter den Engländern anders verhaͤlt, und ich ſchmeichle mir, daß er die Probe der ſtrengſten Nachforſchung beſtehen wird.“ „Ihr werdet mir wohl die Frage zu gut halten, wo denn dieſe Rechtsgleichheit in beſonderen Dingen nicht ſtattfinde. Wenn Ihr ſagen wollt, es gebe in Auterika weniger Vorrechte, die von den Zufälligkeiten der Geburt, des Vermögens oder der Stellung abhängen, ſo ſind wir einverſtanden; Ihr werdet übrigens kaum behaupten wollen, daß dergleichen Vorrechte oder Privilegien gar nicht vorhanden ſeyen.“ „Privilegien, die in Amerika der Geburt zugeſtanden ſind, Sir? Schon der Gedanke wäre dem Volke ein Dorn im Auge.“ „Erben nicht die Kinder das Eigenthum der Väter?“ „Zuverläſſig; aber dies kann wohl kaum ein Privilegium ge⸗ nannt werden.“ „Na, dies iſt Geſchmacksſache. Ich für meine Perſon würde es für ein weit größeres Privilegium halten, als wenn ich einen Titel ohne das Vermögen zu erben hätte.“ „Ich bemerke, Gentleman, daß wir einander nicht vollkommen verſtehen, und muß daher die Verhandlung auf eine günſtigere Ge⸗ legenheit verſchieben, denn ich geſtehe, daß ich ſehr unruhig bin über den Entſchluß des Kapitäͤns, durch die Felſen der Seylla ſteu⸗ ren zu wollen.“(Mr. Dodge war in Folge der eben ſtattgefunde⸗ nen Controverſe nicht ſo kar im Kopfe, als gewöhnlich.)„Ich fordre Euch heraus, Gentleman, das Thema ein andermal wieder aufzunehmen. Es iſt mir nur zufällig angekommen,“(eine aber⸗ malige Eigenthümlichkeit in der Ausdrucksweiſe dieſes Gentleman) 128 „einen erſten Beſuch zu machen, denn ich vermuthe, auf einem amerikaniſchen Schiffe findet keine Ausſchließung ſtatt?“ „Durchaus nicht, Sir,“ entgegnete Mr. John Effingham kalt. „Alle die Staatsgemächer ſind Gemeingut, und ich gedenke bei erſter Gelegenheit dieſes Compliment zu erwiedern, indem ich mich in dem Raume heimiſch mache, welcher die Ehre hat, Mr. Dodge und Sir George Templemore zu beherbergen.“ Jetzt trat Mr. Dodge den Rückzug an, ohne überhaupt auf den eigentlichen Grund ſeines Beſuchs einzugehen. Statt übrigens ſeinen Zweck unter den übrigen Reiſenden zu verfolgen, machte er ſich mit ein paar gleichgeſinnten Geiſtern, welche es ſehr übel ge⸗ nommen hatten, daß die Effinghams ſich erdreiſteten, ſich in ihre Kajüte zurückzuziehen, und namentlich die außerordentliche ariſto⸗ kratiſche Vermeſſenheit hatten, die Thüre zu ſchließen— in eine Ecke, um ihren gierigen Ohren die Geſchichte des kürzlichen Ge⸗ ſprächs zu vertrauen, in welchem er, ſeiner eigenen Darſtellung der Sache zufolge, den„jungen Pilz Blunt,“ einen Menſchen, von dem man eigentlich gar nichts wiſſe, tüchtig heimgeſchickt hatte. Dann ging er auf verſchiedene Anekdoten von der Familie Effing⸗ ham über, wie ſie nur die gemeinſte und niedrigſte Klatſchſucht roher Bosheit eingeben konnte, und trug zum Schluß ſeine eigenen hohlen und wirren Begriffe von perſoͤnlichen und dinglichen Rechten vor. Ganz anders geſtaltete ſich nach dem willkommenen Verſchwin⸗ den des ungebetenen Gaſtes die Unterhaltung in der Damencajüte. Ueber Mr. Dodges Außdringlichkeit oder ſeine thörichten Reden ſiel keinerlei Bemerkung; denn ſogar John Effingham, ſo wenig er ſonſt zur Nachſicht geneigt war, fühlte ſich zu ſtolz, um ſeinen Athem an ein ſo gemeines Wild zu verſchwenden, und beſaß zu gute Bildung, um ſich über einen Mann auszulaſſen, der ihm eben erſt den Rücken gekehrt hatte. Indeß wurde doch der Gegenſtand weiter verhandelt, und zwar in einer Weiſe, welche der Erziehung, —x— „ 129 dem Verſtande und den Anſichten der verſchiedenen Sprecher an⸗ gemeſſen war. Eva verhielt ſich meiſt ſchweigſam, indem ſie es nur hin und wieder wagte, eine Frage zu ſtellen. Dagegen führten Mr. Sharp und Mr. Blunt vorzugsweiſe das Geſpräch fort, während der Vater der jungen Dame gelegentlich eine ruhige, vorſichtige Bemerkung einwarf und John Effingham bisweilen eine Spottrede fallen ließ. Mr. Blunt brachte zwar ſeine Anſichten nur ſchüchtern und mit ge⸗ bührender Achtung vor der größeren Erfahrung der beiden älteren Gentlemen vor, zeigte aber doch bald ſeine Ueberlegenheit, denn es ſtellte ſich heraus, daß ſie einen Gegenſtand verhandelten, über den er augenſcheinlich viel und noch obendrein mit ungewöhnlicher Schärfe und Selbſtſtändigkeit nachgedacht hatte. Er deutete auf die Irrthümer hin, die man gewöhnlich in Beurtheilung der Unions⸗Inſtitutionen begeht, indem man die Früchte des Geſammt⸗Gouvernements mit denen der einzelnen Staatenre⸗ gierungen verwechſelt, und wies klärlich nach, daß die Conföderation an ſich in Wahrheit durchaus keinen maßgebenden Character be⸗ ſitze, ob ſichs nun um die Frage für oder gegen die Freiheit handle. Sie ſei ein Staatenbund und trage das Gepräge ihrer verſchiedenen Beſtandtheile, welche für ſich an keine beſtimmten Grundſätze ge⸗ bunden ſeyen, mit Ausnahme der einzigen allgemeinen Clauſel, daß ſie Republiken ſeyn müßten— eine Clauſel, die, ſo weit die wahre Freiheit in Frage komme, alles oder nichts ſage, weil jeder Staat für ſich ſelbſt entſcheiden könne. „Man muß daher den Character des amerikaniſchen Gouver⸗ nements in dem der Staatenregierungen ſuchen,“ ſchloß er,„und dieſe wechſeln mit ihrer gegenſeitigen Politik. Daher kömmt es auch, daß Staaten, welche die Hälfte ihrer Bevölkerung in den Banden der Sklaverei erhalten, mit anderen von höchſt demokratiſchen In⸗ ſtitutionen in die gleichen politiſchen Fasces eingebunden ſind. Das Geſammt⸗Gouvernement verbürgt weder die Freiheit der Rede, noch Die Heimkehr. 9 die des Gewiſſens oder des Handelns— überhaupt gar nichts, als die Sicherung ihrer Immunität— eine Vorſorge, welche ganz un⸗ nöthig iſt, da es blos als eine Regierung, aus delegirten Gewalten gebildet, daſteht und durchaus nicht ermächtigt iſt, ſeinen eigenen Intereſſen Nachdruck zu geben.“ „In Europa betrachtet man die Sachlage ganz anders,“ ent⸗ gegnete Mr. Sharp.„Ich bemerke, daß ich ſo glücklich war, in die Geſellſchaft eines Amerikaners, wo nicht gar eines amerika⸗ niſchen Rechtsgelehrten zu kommen, der im Stande iſt, mich über dieſe intereſſanten Punkte zu belehren; Ihr werdet mir daher hoffentlich geſtatten, während der müßigen Augenblicke, an denen es auf unſrer Fahrt nicht fehlen wird, von Euren Kenntniſſen Vor⸗ theil zu ziehen.“ Der Andere erröthete und nahm die Artigkeit mit einer Ver⸗ beugung hin, zögerte aber, ehe er antwortete. „Wie ich bereits zu bemerken Gelegenheit fand,“ entgegnete er endlich,„iſt es nicht unbedingt nöthig, ein Amerikaner von Ge⸗ burt zu ſeyn, um die Inſtitutionen des Landes zu verſtehen, und ich könnte leicht zu irrigen Vorſtellungen Anlaß bieten, wenn Ihr Euch der Meinung hingeben wolltet, daß Ihr von einem Eingebo⸗ borenen belehrt wurdet. Uebrigens bin ich doch, wenn auch nicht im Lande geboren, ſo doch oft in Amerika geweſen, und wenige junge Männer der alten Welt haben Allem, was die neue betrifft, ſo angelegentliche Aufmerkſamkeit geweiht, als ich.“ „Ich lebte bereits der Hoffnung, wir hätten die Ehre, Euch unter unſere Landsleute zählen zu können,“ bemerkte John Effing⸗ ham mit augenſcheinlichem Mißvergnügen.„So viele junge Männer bringen von ihren Reiſen die Liebhaberei mit ſich, die Vorzüge des Auslands, von denen ſie nichts verſtehen, zu bekritteln, oder in ächt ſervilem Geiſte alles Gute nur dem eigenen Lande zuzugeſtehen; ich ſchmeichelte mir daher bereits, endlich doch eine Ausnahme ge⸗ funden zu haben.“ . b 131 Auch Eva fühlte ein Bedauern, obſchon ſie ſich kaum den Grund zugeſtehen mochte. „So iſt er am Ende doch ein Engländer,“ bemerkte Mr. Sharp abermals bei Seite gegen Eva. „Warum nicht ein Deutſcher— ein Schweizer— oder auch ein Ruſſe?“ „Sein Engliſch iſt ohne Tadel; kein Continentale könnte ſo fließend, ſo ganz ohne Accent, ſo leicht und in ſo gewählter Wort⸗ ſtellung ſprechen. Wie Mademoiſelle Viefville ſagt, man merkt ihm die Grammatik zu wenig an, als daß wir ihn für einen Aus⸗ länder halten könnten.“ Eva ſchwieg, denn ſie machte ſich Gedanken über die auffal⸗ lende Weiſe, wie eine ſo ſeltſam begonnene Unterhaltung zur Crör⸗ terung eines Punktes geführt hatte, über den ſie ſich ſo oft mit Zweifeln getragen. Wohl ſchon zwanzig Mal war ſie mit ſich einig geworden, der junge Mann, den ſie füglich weder einen Fremden, noch einen Bekannten nennen konnte, ſey ein Landsmann, und eben ſo oft hatte ſie Anlaß gefunden, ihre Meinung wieder zu ändern. Sie glaubte, er habe ſich jetzt beſtimmt genug ausge⸗ drückt, und ſie müſſe ihn für einen Europäer nehmen, obſchon ſie noch immer nicht geneigt war, ihn für einen Engländer zu halten. Für die letztere Anſicht hatte ſie Gründe, welche ſie einem Einge⸗ borenen der eben erſt verlaſſenen Inſel nicht kund thun mochte, und dieß veranlaßte ſie, die Sache gegen Mr. Sharp nicht weiter zu berühren. Dieſem Geſpräche folgte eine muſikaliſche Unterhaltung, denn Eva hatte die Vorſorge getroffen, ihr Piano vor der Ausfahrt ſtimmen zu laſſen— eine Maßregel, welche wir Allen empfehlen möchten, welche nicht blos an dem Aeußern des Inſtruments eine Freude haben, ſondern auch auf ihre Ohren Rückſicht nehmen wol⸗ len. John Effingham ſpielte vortrefflich die Violine, und nach ange⸗ ſtellten Erkundigungen zeigte ſich's, daß die beiden jüngeren Gent⸗ lemen auf der Flöte, dem Flageolett und einigen andern Blasin⸗ ſtrumenten große Fertigkeit beſaßen. Wir überlaſſen es ihnen, den Compoſitionen Beethovens, Roſſinis und Meyerbeers Ehre zu machen, und bemerken nur noch, daß Mr. Dodge nicht ermangelte, in der äußeren Kajüte über die affektirte Muſik, die durchaus der Beach⸗ tung unwürdig ſey, zu ſpötteln; jetzt aber müſſen wir die Geſell⸗ ſchaft des beſorgten Kapitäns auf dem Decke aufſuchen. Kapitän Truck war im Laufe des ganzen Abends allein und verſtimmt auf dem Decke hin und her geſchritten; auch ſchien er erſt zum Bewußtſeyn ſeiner ſelbſt zu kommen, als um Glock acht der Ablöſungsmann auf dem Wege nach ſeinem Steuerrade an ihm vorbeikam. Er fragte nach der Zeit, ſtieg dann mit einem Nacht⸗ glas in das Beſahntackelwerk und beſtrich den Horizont, um das Foam aufzuſuchen. Aber es ließ ſich nichts entdecken, denn die Dunkelheit hatte ſich ſo dicht auf dem Waſſer gelagert, daß der Geſichtskreis auf ſehr enge Grenzen beſchränkt blieb. „So kann's gehen,“ murmelte er vor ſich hin, während er ſich an einem Tau niederließ und wieder auf die Planken des Deckes ſprang. Mr. Leach wurde herbeibeſchieden und ihm die Weiſung ge⸗ geben, die abgeloste Wache zum Dienſt auf dem Decke zurückzu⸗ behalten. Nachdem Alles fertig war, ging der erſte Mate durch das Schiff und trug Sorge dafür, daß alle Lichter ausgelöſcht oder doch die Schirme über die Schrägfenſter gezogen wurden, damit ja kein Lichtſtrahl aus den Kajüten dringe. Zu gleicher Zeit wurde auch die Lampe des Compaßhäuschen verwahrt. Nachdem dieſe Vorſichtsmaßregel getroffen war, gingen die Leute ans Werk, die Segel zu kürzen, und im Laufe von zwanzig Minuten waren die Leeſegel, alles ſtehende Tuch bis zum Marsſegel, das Fockſegel und ein vorderes Stagſegel eingezogen. Sodann wurden unter ver⸗ ſchiedenen dringenden Aufforderungen an die Mannſchaft, ſich eifrig 133 zu rühren, die drei Marsſegel gerefft.„Ohne Zweifel,“ hieß es, „kommt der Engländer wie ein Pferd herangeſchnaubt.“ Nachdem dieß geſchehen war, kehrten die Matroſen aufs Deck zurück und waren über die verſchiedenen Vorkehrungen eben ſo er⸗ ſtaunt, als wenn ihnen Befehl ertheilt worden wäre, die Maſten zu kappen. Wenn wir einiges Geſchütz und ein bischen mehr Mannſchaft hätten,“ bemerkte ein alter Theer brummend gegen den zweiten Maten, indem er zugleich ſeine Hoſen aufzog und ſeinen Kautabak auf die andere Seite hinüberrollte,„ſo würde ich glauben, der ſcharfe Patron dahinten habe für ein Gefecht aufgeräumt; ſo aber bleibt uns nichts zum Kriegführen, wenn wir nicht etwa unſeren Seezwieback gegen den Feind ſchmeißen.“ „Richtet euch zum Vieren,“ rief der Kapitän von dem Halb⸗ decke aus. Die Matroſen ſprangen an die Braſſen, und die Buge des Schiffs ſielen allmählig ab, wie die Raaen langſam dem Zuge nach⸗ gaben. In einer Minute rollte der Montauk todt dahin, und ſeine Breitſeite kam fegend und mit gegen Oſten gerichtetem Schnabel an den Wind auf. Dieſe neue Richtung im Curſe hatte eine doppelte Wirkung, indem ſie einmal das Schiff vom Land abführte und dann unter einem mehr als rechten Winkel die Segellinie des Foam ſchnitt, im Falle dieſes Schiff ſeine Verfolgung noch fortſetzte. Die Matroſen nickten ſich beifällig zu, denn alle begriffen jetzt die Be⸗ deutung des Wechſels ſo gut, als wenn er ihnen in Worten erklärt worden wäre.. Die Veränderung auf dem Decke hatte eine plötzliche Umwand⸗ lung im Raume unten zur Folge. Das Schiff lief nicht länger leicht auf ebenem Kiel, ſondern ſtieß gewaltſam in die ſchräg gehen⸗ den Wogen, und der Wind, deſſen Wehen man einige Minuten vor⸗ her kaum gefühlt hatte, pfiff nun in hundert Noten durch das Tauwerk. Einige, unter denen ſich Mr. Sharp und Mr. Dodge 134 befanden, ſuchten ihre Schlafſtätten, und Andere eilten die Treppe hinauf, um ſich über den Grund des Wechſels zu unterrichten— kurz, allerſeits waren die Leute aus ihrer nächtlichen Beſchäftigung aufgeſtoͤrt worden. Kapitän Truck hatte die gewöhnliche Zahl von Fragen zu be⸗ antworten, und er that dies in nachſtehender beſtimmter Weiſe— wir hoffen nemlich, eine einzige Antwort werde den Leſer eben ſo befriedigen, als ſich nothgedrungen die Neugierigen an Bord damit zufrieden geben mußten. „Wenn wir noch eine Stunde länger auf gleichem Curſe fort⸗ geſteuert hätten, Gentlemen, ſo wäre das Schiff an der Küſte von Cornwall zerſchmettert worden,“ ſagte er mit Nachdruck;„und hätten wir Halt gemacht, wo wir waren, ſo würde uns die Kriegsſchaluppe in zwanzig Minuten eingeholt haben. Durch eine Aenderung des Curſes in der Weiſe, wie ihr's geſehen habt, kommt der Engländer vielleicht leewärts an uns vorbei. Entdeckt er, was wir gethan haben, ſo wechſelt er vielleicht gleichfalls den Curs, kann aber in der Dunkelheit der Nacht ebenſo gut eine falſche, als die geeignete Richtung einſchlagen. Moͤglich übrigens, daß er einwärts ſteuert, um die Rippen von Seiner Majeſtät Schiff, dem Foam, auf den Felſen des Lizard zum Trocknen auszulegen, wo dann, wie ich hoffe, alle ſeine Leute trockenen Schuhs ans Land kommen können.“ Die Paſſagiere warteten ängſtlich eine Stunde lang den Erfolg ab und zogen ſich dann, Einer nach dem Andern in ihre Gemächer zurück. Kapitän Truck aber wich nicht von dem Decke, bis die Mittelwache aufgezogen war. Paul Blunt hörte ihn in ſein Staats⸗ gemach treten, das zunächſt an das ſeinige ſtieß, weßhalb er den Kopf zur Thüre hinausſteckte und ſich erkundigte, wie es oben ſtehe. Der würdige Meiſter hatte an dem jungen Manne etwas entdeckt, was ihm Achtung vor deſſen nautiſchen Kenntniſſen ein⸗ floͤßte; denn Mr. Blunt bediente ſich nie eines unrichtigen Ausdrucks — —— 135⁵ und beantworte ſtets alle an ihn geſtellten Fragen ſchnell, ohne es an achtungsvoller Beſcheidenheit fehlen zu laſſen. „Immer ſchmutziger und ſchmutziger,“ ſagte er, Mr. Dodges Sprachkritik zum Trotze, indem er ſeine Schiffsjacke auszog und ſeinen Südweſter bei Seite legte.„Eine Kappe voll Wind mit juſt genug Tröpfeln, um einem Mann alle Gemächlichkeit zu rauben und ihn wie ein Boot von oben bis unten zu lakiren.“ „Hat das Schiff umgeholt?“ „Mie ein Tanzmeiſter mit zwei Zehen. Wir haben den Schnabel wieder nach Südweſten gedreht und ein weiteres Reef in die Top⸗ ſegel gelegt,“(ieſe letztere Bezeichnung pflegte Mr. Truck mit großer Salbung wie Torſegel auszuſprechen).„England liegt jetzt gut unter unſerem Lee und der atlantiſche Ocean gerade vor uns. Sechs Stunden auf dieſem Curſe, und wir können den Wind aufs Beſte benützen.“ „Aber die Schaluppe?“ „Hierüber kann ich Euch keine unmittelbare Auskunft geben, Mr. Blunt. Sie iſt an der Küſte hingefahren, wo ſie ſich ver⸗ muthlich anklammert wie ein Junge, der auf Händen und Knieen einen Eisberg hinanklettert. Vielleicht fliegt ſie auch unter dem übrigen Schaume irgendwo in der Breite des Lizard umher. Ich wünſche Euch gute Nacht, Mr. Blunt, und kein Laviren, bis Ihr Euer erſtes Schläfchen gethan habt.“ 3 „Und die armen Tröpfe in dem Foam?“ „Der Herr moͤge ihren Seelen gnädig ſeyn!“ 136 Neuntes Kapitel. Der Mond erhob ſich jetzt in voller Scheibe, Von Wolken halb verhüllt. Still war der Wind Und ſpiegelgleich die See. Italien. Mie meiſten Paſſagiere ſtellten ſich auf dem Decke ein, ſobald ſte Saunders wieder unter den Gläſern klappern hörten. Das Dämmerlicht war ſchon hell genug, um unterſcheiden zu laſſen, was vorging; auch hatte der Wind umgeſchlagen. Dieſer Wechſel hatte erſt vor zehn Minuten ſtattgefunden, und die meiſten Kajütenbe⸗ wohner ſtrömten faſt in Maſſe die Treppen hinauf; denn Mr. Leach war eben mit dem Umlegen der Ragen fertig geworden, um die Segel der ſteif von Nordoſten her blaſenden Briſe anzupaſſen. Land war nirgends ſichtbar, und der Mate hatte eben ſeine Anſicht dahin abgegeben, daß ſie ſich in der Höhe von Seilly befänden, als Kapitän Truck unter der Gruppe erſchien. Ein Blick nach den Maſten und ein zweiter nach dem Himmel reichte zu, um den erfahrenen Meiſter in alle Geheimniſſe ſeiner gegenwärtigen Lage einzuweihen. Dann ſprang er in das Tackel⸗ werk hinauf, um in der Richtung des Lizard die See zu über⸗ blicken, und erſah dort zu ſeinem großen Verdruße ein Schiff unter allem Tuch, das ziehen wollte, und mit flappendem Leeſegel, da letzteres noch nicht hatte eingeholt werden können. Der Kapitän erkannte im Augenblick, daß es das verwünſchte Foam war. Er preßte die Lippen zuſammen und erging ſich in einem innerlichen Fluche, den hier zu wiederholen wir mit unſern Begriffen von Schicklichkeit nicht in Einklang bringen können. „Bietet die Matroſen auf und ſchüttelt die Reffe aus, Sir,“ ſagte er ruhig zu ſeinem Maten, denn er hatte ſichs zum Geſetz gemacht, gerade dann die gelaſſenſte Außenſeite zur Schau zu ſtellen, wenn er 14— — 137 in der größten Wuth war.„Die Mannſchaft ſoll ſich rühren, Sir, und jeden Fetzen zeigen, der ziehen will, von Flaggenknopf an bis zur unterſten Leeſegelſpiere. Möge ſie alle der Teufel holen!“ Auf dieſen Wink beeilte ſich Mr. Leach, und die Matroſen befanden ſich im Nu auf den Raaen, wo ſie die Beſchlagſeiſingen und die Reffpunkte losmachten. Segel um Segel that ſich auf, und da die Zwiſchendeckpaſſagiere, welche eine Händekraft von dreißig oder vierzig Mann bieten konnten, aus Leibeskräften mithalfen, ſo lief der Montauk unter Allem, was ziehen konnte, und mit Prall⸗ ſegeln auf beiden Seiten bald todt vor dem Winde. Die Maten ſahen ſich überraſcht um, und die Matroſen warfen fragende Blicke nach hinten; aber Mr. Truck zündete jetzt eine Cigarre an. „Gentlemen,“ ſagte der Kapitän nach einigen philoſovhiſchen Rauchwolken,„es iſt nicht daran zu denken, nach Amerika zu kommen, ſo lang jener Kerl dort auf meinem Luvbuge ſteht; denn er würde uns noch vor zehn Uhr einholen und feſtnehmen. Ich kann daher nichts thun, als den Wind recht über den Hackebord bringen, wo wir ihn jetzt glücklicherweiſe haben. Ich glaube, wir können ihn in dieſem Wettrennen ausſtechen, denn die ſcharfen Kiele pftügen keine ſo volle Furche, wie die Keſſelboden. Was das Führen von Tuch betrifft, ſo wird der Montauk vor einer Kühlte ſo lange Stand halten, als irgend ein Schiff in König Wilhelms Flotte. Auf Eines mögt ihr euch alſo verlaſſen— ich führe lieber euch Alle nach Liſſabon, ehe euch jener Tabakſchnüffler wieder nach Portsmouth zurückbringen ſoll. Dieß iſt eine Categorie, an der ich feſthalten will.“ Dieſe characteriſtiſche Erklärung diente dazu, die Paſſagiere in die wahre Sachlage einzuweihen. Niemand erhob eine Gegenvorſtel⸗ lung, denn Alle wollten es weit lieber auf ein Wettrennen ankommen laſſen, als wieder in den Hafen zurückgeführt zu werden, und ſogar die Engländer, welche ſich an Bord befanden, begannen wieder ſich auf Seite des Montauk zu ſchlagen, um ſo mehr, da Kapitän 138 Truck unverhohlen zugeſtand, ihr Kreuzer ſey ihm auf jedem Gange zu ſtark, den einzigen ausgenommen, welchen er verſuchen wollte. Mr. Sharp drückte die Hoffnung aus, daß ſie entkommen moͤchten, und was Sir Georg Templemore betraf, ſo wiederholte er aber⸗ mals ſein großmüthiges Erbieten, lieber alle Koſten in was immer für einem franzöſiſchen, ſpaniſchen oder portugieſiſchen Hafen zu be⸗ zahlen, als daß er mit anſehen könne, wie einem fremden Schiff in einer Zeit des tiefſten Friedens Unglimpf widerfahre. Das Auskunftsmittel des Kapitän Truck bewies, wie richtig er geurtheilt hatte und wie ſehr er ſeinen Beruf verſtand. Im Laufe einer Stunde ſtellte ſich heraus, daß, wenn unter gegenwär⸗ tigen Umſtänden ein weſentlicher Unterſchied im Segeln der beiden Schiffe ſtattfand, dieſer einigermaßen dem Montauk zu Gunſten kam. Das Foam ſetzte nun zum erſtenmal ſeine Flagge aus, zum Zeichen, daß es mit dem Schiffe in Sicht zu ſprechen wünſchte; aber Kapitän Truck lachte nur darüber, denn er erklärte dieſen Schritt für ein Merkmal, daß der Gegner die Ueberzeugung ge⸗ wonnen habe, der Montauk werde nicht in das Bereich ſeines Ge⸗ ſchützes kommen. „Zeigt ihm den Bratrooſt,“ rief der Kapitän, in fröhlicher Stimmung;„es geht nicht an, ſich von einem Manne in Höflich⸗ keit überbieten zu laſſen, der uns bereits auf ſo vielen Gängen ausgeſtochen hat; aber haltet Alles ſo ſeſt zu, wie eine Kirchenthuͤre an Werkeltagen.“ Die letztere Vergleichung war vermuthlich dem Umſtande zu⸗ zuſchreiben, daß der Kapitän aus einem Landestheile kam, wo alle Religion ſich in die vier und zwanzig Stunden zuſammendräͤngt, welche mit Sonnenuntergang des Samſtags beginnen und am Sonntag Abend ſchließen— wenigſtens war dies ſeine eigene Er⸗ klärung von der Sache. Wenn Mr. Truck etwas gelang, ſo pflegte er ſtets redſelig zu werden, und er begann nun viele treffliche Anekdoten zu erzählen, die ihm entweder in Perſon zugeſtoßen oder 139 von Augenzeugen mitgetheilt worden waren; ſeine Zuhoͤrer durften ſich alſo, wie Sancho ſagt, ſo zuverläßig auf die Wahrheit der⸗ ſelben verlaſſen, daß ſie, wenn ſie wollten, ohne Gefährde dar⸗ auf ſchwören konnten, ſie hätten Alles ſelbſt mitangeſehen.„Da wir eben von Kirchen und Thüren ſprechen, Sir George,“ ſagte er zwiſchen den Zügen, die er aus ſeiner Cigarre holte,—„ſeyd Ihr je auf Rhode Island geweſen?“ „Nie, denn dies iſt mein erſter Beſuch in Amerika, Kapitän.“ „Richtig. Nun, Ihr werdet wahrſcheinlich hinkommen, wenn Ihr nach Boſton geht, da dies der beſte Weg iſt; es müßte denn ſeyn, wenn Ihr nicht lieber über die Nantuket⸗Untiefen laufen und ein Ditto von etwa vierzig Seemeilen machen wollt, wie Mr. Dodge es nennt.“ „Ditter, Kapitän, wenn ich bitten darf— Ditter. Es iſt ein feſtländiſches Wort und bedeutet einen Roundabout 5.“ „Den Teufel auch— na, etwas der Art muß man ſchon wiſſen. Und wie heißt denn eine Schifferjacke auf Franzöſiſch 2“ 8 „Ihr verſteht mich nicht recht, Sir— Ditter iſt ein Umweg oder ein längerer Weg.“ „Na, beim Görge, und etwas der Art machen wir eben!— He, Leach, wißt Ihr auch, daß wir einen Ditter nach Amerika machen?“ „Ihr ſpracht von einer Kirche, Kapitän Truck,“ bemerkte Sir George höflich, denn er war mit ſeinem Kajütengenoſſen ſchon ziemlich vertraut geworden. „Ich kam vor einigen Jahren auf der Reiſe von Providence nach New⸗London durch dieſen Staat und man hatte eben damals einen neuen Weg geöffnet. Es war ein Sonntag und die Poſt⸗ kutſche— ein Kaſten von vier Pferdekraft, müßt Ihr wiſſen— hatte ihn noch nie am Tage des Herrn befahren. Nun, wir mochten ſo zu ſagen hier im rechten Winkel von unſrem Curſe ab ſeyn, * Umweg, oder auch ein Ueberrock(ſogenannter Paletot.) 140 und da war eine kurze Wendung in der Straße— will annehmen etwa dorthinaus. Wie wir der Wendung anſichtig wurden, bemerkte ich einen Burſchen im Maſtkorb eines Baums, der jetzt herunter⸗ rutſchte und geradaus ging nach dem Meetinghauſe, das etwa zwei oder drei Kabellängen vom Wege ablag. Wir trabten wacker weiter, und juſt wie die Kirche vor uns lag ſtrömte die ganze Heerde heraus, Reiter und Fußgänger, Pfarrer und Faullenzer, Sünder und Heuchler, um mitanzuſehen, wie die Vier ⸗Pferdekraft vorbei⸗ ſauste. Na, dieß iſt's, was ich ein Oeffnen der Kirchthüre am Sonntag nenne.“ Wir würden Anſtand genommen haben, dieſe Anekdote des Kapitäns zu berichten, wenn wir nicht den gleichen Vorgang von einer Seite her erfahren hätten, welche es über allen Zweifel er⸗ hebt, daß ſeine Darſtellung von der Sache im Weſentlichen ganz richtig war. Dieſes Abenteuer nebſt einigen andern, die zum Theil wohl erfunden ſeyn mochten, obſchon er auf ihre buchſtäbliche Wahrheit ſchwor, ſetzten den würdigen Meiſter in den Stand, das Halbdeck in guter Laune zu erhalten, während das Schiff mit einer Geſchwindigkeit von zehn Knoten in der Stunde auf einer Linie dahin lief, die weit von dem eigentlichen Curſe abging. Uebrigens finden Leute, die nicht an Seereiſen gewöhnt ſind, im Allgemei⸗ nen ſchon große Beruhigung in dem Umſtande, daß ſie günſtigen Wind haben; ſie ſind daher wenig geneigt, mit den Folgen zu hadern. Der Tag war ſehr ſchön, das Schiff bewegte ſich ſtatig fort, und die Luſt, mit den Wellen in die Wette rennen zu können, nebſt dem Intereſſe, welches durch die Jagd geboten wurde, hatte maͤnniglich in eine behagliche Stimmung verſetzt. Sogar Steadfaſt Dodge brannte weit weniger, als ſonſt, von Neid, von Eiferſucht auf ſeine vermeintlichen Verdienſte und von dem Ver⸗ langen, überall ſeine Hände einzumengen. Weitere Vorſtellungen fanden nicht Statt, und doch wurde im Laufe dieſes Tags die kleine Welt in dem Paketſchiffe weit beſſer unter ſich bekannt, als dies △ 141 vielleicht in Monaten eines gewöhnlichen Verkehrs auf dem Lande der Fall geweſen wäre. Der Montauk fuhr bis zum Sonnenuntergang fort, dem Ver⸗ folger mehr und mehr Vorſprung abzugewinnen; aber jetzt begann Kapitän Truck, über die Zufälligkeiten der Nacht Erwägungen an⸗ zuſtellen. Er wußte, daß ſein Fahrzeug in die Mündung der Bay von Biscaja einlief, oder ſich doch derſelben ſchnell näherte, wes⸗ halb er jetzt auf Mittel ſann, weſtwärts zu kommen. Es ſtand keine dunkle Nacht in Ausſicht, denn obgleich viele phantaſtiſche Wolken an dem Himmel herzogen, verbreitete doch der Mond eine Art Zwielicht durch die Luft. Mr. Truck wartete jedoch geduldig ab, bis die Mittelwache wieder aufgezogen war, ließ dann die Segel kürzen und holte das Schiff zu einem ſüdweſtlichen Curs um, weil er durch dieſe leichte Veränderung allmählig offene See zu gewinnen hoffte, ehe es von dem Foam aus bemerkt würde. Er verſprach ſich um ſo mehr günſtigen Erfolg von dieſem Manöver, weil er im Laufe des Tages ſo viel Vorſprung gewonnen hatte, daß ſchon vor Ein⸗ tritt der Nacht die großen Segel der Schaluppe unter die Krüm⸗ mung des Waſſers geſunken waren. Sogar die Regſamſten werden nachgerade des Wachens müde; Kapitän Truck ſah ſich daher am nächſten Morgen in ſehr unan⸗ genehmer Weiſe durch das Geſchrei aufgeſtört, das die Corvette nun eben auf Kanonenſchußweite ſtehe und raſch nachkomme. Er begab ſich auf das Deck und fand daſelbſt, daß ſich die Thatſache unbeſtreitbar ſo verhielt. Durch die Veränderung im Kurſe be⸗ günſtigt, war der Kreuzer ſeit Ablöſung der erſten Wache dem Montauk immer naher gerückt und hatte in der That die Entfer⸗ nung zwiſchen den Schiffen um zwei Drittheile gemindert. Der Kapitän wußte nichts Anderes anzufangen, als daß er zu dem alten Auskunftsmittel ſeine Zuflucht nahm und den Wind wieder über den Hackebord ſtreichen ließ, indem er zugleich alles Tuch zeigte, das man ausbreiten konnte. Da bekanntermaßen gleiche Ur⸗ 3 George? Wenn vor zehn Jahren no 14²2 ſachen gleiche Wirkungen hervorbringen, ſo führte dieſer Kunſtgriff das frühere Ergebniß herbei. Das Paketſchiff gewann Vortheil und die Kriegsſchaluppe blieb langſam im Sterne zurück. Mr. Truck erklärte jetzt, er wolle„ein regelmäßiges Geſchäft daraus machen“ und behielt deshalb den ganzen Tag über nebſt der dar⸗ auf folgenden Nacht die gleiche Richtung. Erſt um Mittag des nächſten Tags änderte er ſeinen Kurs leicht nach dem Winde, den er eifrig von hinten zu faſſen bemüht war, ſo daß die Prallſegel von beiden Seiten ziehen konnten. Um Mittag am vierten Tage der Ausfahrt ſtellte er eine genaue Beobochtung an und gewann dar⸗ aus die Ueberzeugung, daß ſich das Schiff in der Breite von Oporto und in einer hohen See von nicht weniger als einem Grade be⸗ fand. Um dieſe Zeit konnte man vom Deck aus nur noch die Ober⸗ bramſegel des Foam wahrnehmen, die ſich am Horizonte wie ein kleines Boot ausnahmen. Mr. Truck war feſtentſchloſſen, lieber in einen Hafen zu laufen, als ſich einholen zu laſſen, und hatte ſich deshalb ſo nahe an's Land gehalten, um von ſeiner Lage Vortheil ziehen zu koͤnnen, im Falle irgend ein Wechſel den Kreuzer be⸗ gäünſtigte; jetzt glaubte er aber, gegen Sonnenuntergang ohne Gefährde ſeinen Kurs nach Amerika aufnehmen zu können. „Der Kerl müßte doppelt bewaffnete Augen an Bord haben, wenn er in ſolcher Entfernung ſehen ſollte, was wir trieben, ſo⸗ bald einmal die Nacht eingebrochen iſt,“ ſagte er zu Mr. Leach, der alle ſeine Aufträge mit dienſtwilligem Eifer vollzog.„Wir wollen unſere Gelegenheit erlauern, um hübſch in die große Prärie hinauszuwiſchen, und dann werden wir ſehen, wer ſich am Beſten auf die Spur verſteht. Ihr werdet, wenn wir einmal in Amerika find, wohl auch einen Ausflug nach den Prärieen machen und Eure Hand gleich den Uebrigen an einem Büffel verſuchen wollen, Sir ch ein Engländer zu uns kam, um uns zu begaffen, hatte er Angſt, ſogar in Broad⸗Way ſkalpirt zu werden, und jetzt iſt keiner zufrieden, wenn er nicht ſchon in 143 den erſten vierzehn Tagen rittlings auf den Rocky Mountains ge⸗ ſeſſen hat. Ich führe jeden Sommer ein Rudel Londoner Sonn⸗ tagsjäger mit herüber, die nur einen Schuß oder zwei auf den 4 4 grauen Bären oder auf eine Antilope thun wollen, um zeitig ge⸗ nug wieder zur Eröffnung von Drury⸗Lane zurückzukommen.“ „Ließe ſich Euer Plan nicht weit ſicherer ausführen, wenn wir uf ein paar Tage zu Liſſabon unſere Zuflucht nähmen? Ich ge⸗ ſtehe, daß ich dieſe Stadt ſehr gerne ſehen möchte, und was die Hafenauflagen betrifft, ſo wollte ich ſie lieber zweimal bezahlen, als daß dieſer arme Mann ſeinem Weibe entriſſen wird. Ich hoffe, Kapitän Truck, mich in Betreff dieſes Punktes mit genügender Be⸗ ſtimmtheit ausgedrückt zu haben.“ Kapitän Truck ſchüttelte dem Baronet herzlich die Hand, wie er ſtets zu thun pflegte, wenn dieſer ſein Erbieten erneuerte, und er⸗ klärte, daß ihm jene Geſinnung ſehr zur Ehre gereiche. „Fürchtet nichts für Davis,“ ſagte er;„denn jenes Foam dort ſoll ihn ſo wenig in ſeine Fänge kriegen, als der alte Grab. Eher wollte ich ihn über Bord werfen, als daß ich eine ſolche Schmach über ihn kommen ließe. Na, dieſer Blutigel hat uns von unſerem alten Wege abgebracht, und es bleibt uns jetzt nichts übrig, als die Südfahrt zu machen, wenn wir anders nicht Ge⸗ genwind erhalten.“ Der Montauk war in der That nicht weit von einem Kurſe abgekommen, der ſonſt bei den Londoner Schiffern ſehr beliebt war; denn Liſſabon und New⸗York liegen unter demſelben Parallel⸗ kreiſe, und die Strömungen begünſtigen oft die Fahrt, wenn man ſie gebührend zu benützen weiß. Allerdings hielt ſich der Montauk viel länger an die Küſte, als es bei der genannten Fahrt üblich war; aber die eigenthümlichen Umſtände des Schiffes geſtatteten keine andere Wahl— eine Thatſache, welche der Kapitän ſeinen Zuhörern zur Genüge auseinanderſetzte. 4 „Wir mußten an der Küſte hinfahren oder uns nach Ports⸗ 144 mouth zurücktauen laſſen, Sir George,“ ſagte er;„und ich weiß, Ihr liebt den Montauk zu ſehr, als daß Ihr wünſchen könntet ihn ſo bald zu verlaſſen.“ Hiezu ſagte der Baronet bereitwillig ja und betheuerte, das Schiff, auf welchem er ſich befinde, liege ihm ſo am Herzen, daß er gerne tauſend Pfunde in die Schanze ſchlagen wolle, wenn es nur nicht eingeholt werde. Der Meiſter drückte ſein Wohlge⸗ fallen über dieſe Geſinnungen aus und ſchwor, daß ſolche Paſ⸗ ſagiere die Freude ſeines Herzens ſeyen. „Setzt Jemand ſeinen Fuß auf das Deck eines Schiffes, Sir George, ſo ſollte es ihm von Stund an Heimath, Kirche, Weib und Kind, Onkel und Tanten ſammt allem übrigen Ufergerümpel erſetzen. Nur bei einer ſolchen Geſinnung kann man ein tüchtiger Seemann werden. So iſt mir zum Beiſpiel das kürzeſte Taugarn an Bord dieſes Schiffes lieber, als die Marsſegelſchooten oder der beſte Buganker irgend eines andern Fahrzeuges, wie überhaupt dem Menſchen ſein eigener Finger oder ſeine Zehen theurer iſt, als eine andere Perſon mit Haut und Haaren. Ich habe zwar ſagen hören, man ſolle ſeinen Nächſten lieben, wie ſich ſelbſt; mir für meinen Theil aber liegt mein Schiff weit näher am Herzen, als das meines Nachbars oder das meines Nebenmenſchen, oder über⸗ haupt der Nebenmenſch ſelbſt, und ich denke wohl, wenn die Wahr⸗ heit an's Licht tritt, zahlt mich beſagter Nebenmenſch mit derſelben Münze wieder aus. Was mich betrifft, ſo liebe ich eine Sache, weil ſie mir gehört.“ Ein wenig vor Dunkel war der Schnabel des Montauk gegen Liſſabon geneigt, als gedenke er in deſſen Hafen einzulaufen; aber ſobald ſich der dunkle Punkt, welcher die Lage des Foam andeu⸗ tete, im Nebel des Horizonts verloren hatte, ertheilte Kapitän Truck Befehl, zu vieren, und das Schiff legte auf einen weſtſüdweſtli⸗ chen Kurs an. 4 Die meiſten Reiſenden erwarteten mit Sehnſucht den nächſten 145 Morgen, um ſich von dem Stand der Dinge zu uͤberzeugen, und ſämmtliche Männer befanden ſich mit Anbruch des Tages bereits angekleidet auf dem Verdeck. Der Wind hatte die ganze Nacht über friſch und ſtätig angehalten, und da auf dem Fahrzeug alle Raaen ein wenig gehemmt, zugleich aber auch die Stengenprall⸗ ſegel geſetzt waren, ſo meldeten die Offiziere, daß ſie wenigſtens vierzig Seemeilen weſtlich von der Stelle ſeyn müßten, wo der Montauk geviert hatte. Der Leſer kann ſich übrigens den Verdruß der Schiffsmannſchaft denken, als ſie das Foam ein wenig auf dem Luvbuge und nicht viel mehr als eine Meile entfernt bemerk⸗ ten. Die Corvette hielt mit demſelben Eifer auf den Montauk ab, welchen ſie an den Tag gelegt hatte, als ſie am Abend der Aus⸗ fahrt von Portsmouth nach demſelben aufholte. „Dies iſt in der That eine außerordentliche Beharrlichkeit,“ ſagte Paul Blunt zu Eva, an deren Seite er ſtand, als ihm dieſe Thatſache zur Gewißheit wurde;„und ich denke, unſer Kapitän dürfte gut thun, wenn er beilegte und ſich nach der Urſache erkundigte.“ „Wir wollen dies nicht hoffen,“ rief ſeine Gefährtin mit Leb⸗ haftigkeit.„Ich theile den ésprit de corps des Schiffes und er⸗ kläre mich für den wackeren Entſchluß, ‚das Ende abzupaſſen,“ wie Mr. Leach ſein Vornehmen bezeichnet. Wem könnte es auch ge⸗ fallen, ſich in dieſer Weiſe über den Ocean verfolgen zu laſſen, wenn nicht die Reiſe dadurch Intereſſe gewänne? Im Grunde iſt es ſo doch viel beſſer, als eine langweilige Einſamkeit, und wie viel Leben gewinnt dadurch nicht die Einförmigkeit des Oceans?2“ „Ihr ſeyd alſo der Anſicht, daß der Ocean ein einförmiges Schauſpiel biete?“ „Er iſt mir weit öfter in dieſem, als in irgend einem andern Lichte erſchienen, und ich ſelbſt gebe einen triftigen Beleg dafür ab, da ich nie le mal de mer gehabt habe. Jetzt aber ſpreche ich ihn von dieſer Sünde frei, denn eine derartige Verfolgung bei Die Heimkehr. 10 leidlich gutem Weiter bietet eben ſo viel Intereſſe, wie ein Pferde⸗ rennen, und dies iſt ein Anblick, der mir ſtets viel Vergnuͤgen gewährt. Selbſt Vetter John heitert ſich auf unter der Aufregung der Stunde.“ 2 „Und wenn dies der Fall iſt, wird er zu einem ungemein ſchönen Manne, denn ſelten ſieht man einen edleren Geſichtsſchnitt, als den des Mr. John Effingham.“ „Sein Antlitz iſt der Abdruck einer edlen Seele, wenn er es nur ſelbſt auch wüßte,“ entgegnete Eva mit Wärme.„Niemanden liebe ich ſo ſehr wie ihn, natürlich meinen Vater ausgenommen, und dies geſchieht pour cause, wie Mademoiſelle Viefville ſa⸗ gen würde.“ 3 Der junge Mann hätte ihr den ganzen Tag zuhoͤren koͤnnen; aber Eva machte lächelnd und mit glänzenden Augen eine anmu⸗ thige Verbeugung und verließ haſtig das Deck, denn ſie war ſich bewußt, eines ihrer innigſten Gefühle gegen einen Mann verrathen zu haben, der nicht berechtigt war, ſie zu theilen.* Kapitän Truck war im höoͤchſten Grade ärgerlich, oder, wie * er ſich ſelbſt ausdrückte,„an den Maſt geworfen, wie ein altes Weib, die von einem ſchießenden Bergſchlitten herunterfliegt“; denn⸗ noch ſäumte er nicht, gegen das Uebel das alte Abhülfmittel in Anwendung zu bringen. Der Montauk wurde wieder vor den Wind geſtellt, das Tuch ausgeſetzt und der Ausgang der Jagd wieder einmal dem„Spielen des Schiffes“ anheimgegeben. Der Commandeur des Foam verbat ſich freilich dieſen Wechſel, denn die Aenderung des Kurſes war kaum geſchehen, als er ſeine Flagge aufzog und eine Kanone abfeuerte. Von dieſen Signalen wurde jedoch keine andere Notiz genommen, als daß der Montauk 3 gleichfalls eine Flagge zeigte, während der Kapitän und ſeine Maten fortfuhren, die Kriegsſchaluppe aufmerkſam zu beobachten. Schon zehn Minuten zeigten, daß ſie abermals in den Vortheil kamen; 147 nach zwanzig ſtanden die Angelegenheiten noch beſſer, und in einer Stunde lag der Verfolger weit bagſtags hinten aus. Der Tag verging wieder in einer Wettfahrt, die eigentlich blos von der Segelſchnelligkeit abhing; denn an Bord des Montauk wurde kein Tau angerührt, da der Wind noch immer friſch und ſtätig war. Die Schaluppe machte viele Signale, um ihren Wunſch, den Montauk zu ſprechen, anzudeuten; aber Kapitän Truck meinte, er ſey ein zu erfahrener Schiffer, um ſich durch Tuch fangen zu laſſen, um ſo weniger, da er keine Zeit habe, ſich aufzuhalten und unterwegs zu plaudern.„Vattel hat nirgends behauptet, daß man in einer Zeit tiefen Friedens zu einer derartigen Gefälligkeit verpflichtet ſey. Ich befinde mich nicht in dieſer Categorie.“ Aus dem bereits Mitgetheilten läßt ſich das Reſultat voraus⸗ ſehen. Die beiden Schiffe fuhren vor dem Winde, bis das Foam wieder weit im Sterne lag, und Kapitän Truck entnahm aus ſeinen Beobachtungen, daß er ſich ungefähr in der Höhe der Azoren be⸗ fand. Zu einer dieſer Inſeln wollte er ſeine Zuflucht nehmen, wenn ihm anders nicht ein günſtiger Zufall in den Weg kam; denn wei⸗ ter nach Süden wollte er nicht fahren, es wäre denn, daß er abſo⸗ lut dazu gezwungen wurde. Als er am Abend des ſechsten Tages ſeine Entfernung berechnete, fand er, daß er zu Pico einen Anker⸗ grund erreichen konnte, ehe es der Kriegsſchaluppe möglich wurde, ihm nachzukommen, ſelbſt wenn es nöthig wurde, das Schiff wieder in den Wind aufzuholen. Aber die Vorſehung hatte es anders beſchloſſen. Gegen Mitternacht legte ſich die Briſe faſt ganz, indem ſie nur noch in ſeltenen Einzelnſtößen blies, und als der Morgen däͤmmerte, meldete der Offizier der Wache, daß Gegenwind eingetreten ſei. Das nach⸗ ſetzende Schiff war zwar noch immer ſichtbar, aber glücklicherweiſe ſo weit zurück und im Lee, daß man keinen Beſuch der Boote zu befürchten hatte; die Mannſchaft des Montauk hatte daher Zeit, die Vorbereitungen zu treffen, welche beim Aufſpringen einer neuen 1 lichſten Erſcheinungen der Stunde gehörte die furchtbare Ruhe der Briſe nöthig werden konnten. Alle Anzeichen deuteten darauf hin, daß ein derartiger Wechſel in Bälde zu erwarten ſtand, denn am nordweſtlichen Himmel bemerkte man Wetterleuchten,— in einer Richtung alſo, aus welcher der Genius der Stürme am liebſten ſeine Gewalt entfaltet. Zehntes Kapitel. Ich komme mit gewaltigeren Dingen. Wer nennt mich ſtumm? Ich ſprech' in tauſend Tönen! Bebt nicht mit dumpf geheimnißvollem Stöhnen Der finſtre Himmel unter meinen Schwingen? Mrs. Hemans. Was Erwachen der Winde auf dem Ocean iſt häufig von ſo großartigen Vorzeichen begleitet, als ſich die Phantaſie dieſelben nur denken kann. Bei der gegenwärtigen Gelegenheit folgten auf die Briſe, welche eine Woche lang ſo ſtätig angehalten hatte, leichte, wechſelnde Windſtöße, als wären ſie der mächtigen Gewalten ſich bewußt, welche in der Luft ihre volle Kraft ſammelten, und wollten jetzt hin⸗ und hereilend eine Zuflucht ſuchen. Auch die Wolken drehten ſich in unbeſtimmten Wirbeln, und viele der ſchwerſten und dunkelſten ſtiegen bis gegen den Horizont herunter, ſo daß es den Anſchein gewann, als wollten ſie auf der Fläche der Gewäſſer Ruhe ſuchen. Das Meer ſelbſt war übrigens unnatürlich aufgeregt und die Wellen folgten ſich nicht länger in langen, regelmäßigen Zügen, ſondern bäumten ſich gleich feurigen Roſſen, die in ihrem wilden Rennen plötzlich gezügelt werden. Die gewöhnliche Ordnung des ewig unruhigen Oceans verlor ſich in einem ehaotiſchen Hin⸗ und Herſtoßen der Wellen, die ſich wirr und häufig ohne erkenn⸗ bare Urſache aufthürmten. Dies war die Rückwirkung der Strö⸗ mungen und des Einfluſſes viel früherer Winde. Zu den bedroh⸗ 149 Luft in Mitten einer ſolchen Scene wilder Aufregung. Sogar das Schiff trug dazu bei, in dem Gemäͤlde den Eindruck geſpannter Erwartung zu erhöhen; denn es ſchien unter dem eingezogenen Tuche ganz und gar den Inſtinkt verloren zu haben, der es kürz⸗ lich über die bahnloſe, Fläche hinleitete, und ſtampfte faſt hoff⸗ nungslos in dem wirren Wogenſpiele. Dennoch bot es einen ſchö⸗ nen und großartigen Anblick— vielleicht in dieſem Augenblicke mehr, als in jedem andern, da ſeine gewaltigen nackten Spieren, die wohlbefeſtigten Stengen und das ganze ſinnreich verſchlungene Tackelwerk der Maſchine an einen ſehnigen, rieſenmäßigen Gladiator erinnerte, der in. Erwartung des bevorſtehenden Kampfes auf der Arena hin und her ſchreitet. „Dies iſt eine außerordentliche Scene,“ ſagte Eva ſich an den Arm ihres Vaters anklammernd, während ſie in ſcheuer Bewunde⸗ rung umherblickte—„eine furchtbare Schauſtellung des Erhabenen in der Natur.“. „Obgleich ich ſchon viel zur See gereiſt bin,“ entgegnete Mr. Blunt,„habe ich doch dieſen verhängnißvollen Wechſel erſt zweimal geſchaut; indeß ſcheint mir das gegenwärtige Schauſpiel großartiger zu ſeyn, als Alles, was ich früher erlebte.“ „Sind ſtets Stürme darauf gefolgt?“ fragte der ängſt⸗ liche Vater. „Das eine Mal kam es zu einer furchtbaren Bö, während das andere Mal die drohenden Vorzeichen dahin ſchwanden, wie ein Unglück, das wir in der Nähe ſchauen, obſchon wir ſeinem Einfluſſe entkommen dürfen.“ „Ich weiß nicht, ob ich wünſchen kann, daß es uns diesmal ganz ſo gut ergehen möͤchte,“ entgegnete Eva;„denn der Anblick des erſt ſich hebenden Oceans iſt zu großartig, als das ich nicht ein Verlangen tragen ſollte, ihn in ſeinem Toben zu ſehen.“ „Wir ſind weder in der Breite der Orkane, noch ſtehen wir in den Monaten, in welchen ſie zu wüthen pflegen,“ nahm der ſagte er.„Ich wünſchte nur, Ihr könntet den Kapitän So und ſo iunge Mann wieder auf;„es iſt daher nicht wahrſcheinlich, daß wir mehr zu beſorgen haben, als eine kräftige Bö, die uns we⸗ nigſtens dazu helfen kann, jenes überläſtigen Gaſtes ledig zu werden.“ „Nicht einmal dies moͤchte ich wunſchen, vorausgeſetzt, daß wir bei dem Wettrennen den geeigneten Weg verfolgen können. Eine Jagd über das atlantiſche Weltmeer iſt nicht nur unterhaltlich für den Augenblick, Gentlemen, ſondern auch ein Stoff, von dem man im ſpätern Leben noch ſprechen kann.“ „Ich bin neugierig, ob etwas der Art möglich iſt!“ rief Mr. Sharp,„denn es wäre in der That ein Fall, der einer ſpätern Generation aufbehalten zu werden verdiente.“ „Es iſt wenig Wahrſcheinlichkeit vorhanden, daß wir Zeugen eines ſolchen Ereigniſſes ſeyn werden,“ bemerkte Mr. Blunt;„denn Stuͤrme auf dem Meere üben auf Schiffe, die in Geſellſchaft ſegeln, denſelben trennenden Einfluß, den häusliches Unwetter zu Land in mancher Ehe geltend macht. Nichts iſt eine ſchwierigere Aufgabe, als in ſehr ſchwerem Wetter Schiffe und Flotten zuſammenzuhalten, wenn nicht etwa gerade die beſten Fahrzeuge geneigt ſind, ſich der Laune der ſchlechteſten zu fügen.“ „Ich weiß nicht, welches Schiff man in dem gegenwärtigen Falle das beſte oder das ſchlechteſte nennen kann, denn unſer Pla⸗ gegeiſt ſcheint in manchen Einzelnheiten viel beſſer zu ſeyn, als wir, während wir in andern wieder den Vorrang behaupten. Wenn unſer ehrlicher Kapitän ſich in eine Laune fügen ſoll, ſo dürfte dies wohl in keiner andern Weiſe geſchehen, als in der, welche ein verderbtes Kind von einem launenhaften Vater im Augenblicke des Zornes zu gewärtigen hat.“ Mr. Truck kam in dieſem Augenblicke an der Gruppe vorbet und hörte ſeinen Namen aus Evas Munde mit der Bezeichnung ehrlich gepaart, obgleich ihm die übrigen Worte entgingen. „Danke ſchön für das Compliment, meine theure junge Dame,“ 151 von Seiner britiſchen Majeſtät Schiff, dem Foam, überreden, daß er in derſelben Weiſe dächte; denn er treibt den Montauk nur um des⸗ willen hier an der ſpaniſchen Küſte herunter, wo ihn ſelbſt der Mann, der ihn gebaut hat, nicht wieder erkennen würde, weil er mich im Punkte des Tabacks nicht für ehrlich halten will— ſo unnatürlich und ungebührlich es auch ſeyn mag, ein Fahrzeug von der Londoner Linie ſo weit außerhalb ſeiner Straße packen zu wollen. Ich werde jetzt doppelte Sorgfalt anzuwenden haben, um das gute Schifflein wieder nach Hauſe zu bringen.“ „Und wo läge die beſondere Schwierigkeit, Kapitän?“ fragte Eva ſcherzend, denn ſie fand Wohlgefallen an Mr. Trucks Rede⸗ weiſe.„Erreicht man nicht eben ſo leicht von dem einen wie von von dem andern Orte aus den Hafen, auf welchem man es ab⸗ geſehen hat?“— „Eben ſo leicht? Gott behüte Euch, meine theure junge Dame, Ihr ſeyd in Eurem ganzen Leben nie in einem größeren Irrthume befangen geweſen. Glaubt Ihr, es ſey ſo leicht von London nach New⸗York, als von New⸗York nach London zu kommen?“ „Ich bin leider ſo unwiſſend, daß ich dieſem lächerlichen Irr⸗ thum verfallen mußte, wenn es wirklich ein Irrthum iſt; aber den⸗ noch ſehe ich nicht ein, warum die Sache ſich anders verhalten ſollte.“ „Einfach weil es Bergaufarbeit iſt, Ma'am. Was unſere Lage hier öſtlich von den Azoren betrifft, ſo iſt die Schwierigkeit bald erklärt. Durch vieles Schmeicheln habe ich das gute alte Schiff ſo weit gebracht, daß es jeden Zoll Wegs auf der Nord⸗ fahrt kennt, und nun werde ich ihm gute Worte geben müſſen, um es auf der neuen Route vorwärts zu bringen, gerade wie einem ſcheuen Pferde, das nicht durch ein neues Stallthor will. Man könnte eben ſo gut daran denken, ein Schwein von ſeinem Stalle fort, als ein Schiff aus ſeiner Fahrſtraße zu treiben.“ „Wir hoffen, Ihr werdet alles dies und im Nothfalle noch mehr thun. Aber auf was deuten dieſe großartigen Vorzeichen? — 152 Geht es auf einen Sturm hinaus, oder iſt der wild⸗herrliche An⸗ blick, den wir vor uns haben, nur eine leere Drohung der Natur?“ „Dies werden wir im Laufe des Tags erfahren, Miß Effing⸗ ham, obſchon die Natur in der Regel kein Eiſenfreſſer iſt und ſelten umſonſt droht. Es giebt kein intereſſanteres Studium oder über⸗ haupt keinen Gegenſtand, der feinerer Augen bedürfte, als eben die Winde.“ „Von letzterem bin ich vollkommen überzeugt, Kapitän, denn Ihr werdet Euch erinnern, daß man ſie die ‚unſichtbaren Winde“’ nennt, und die größte Autorität, die wir beſitzen, ſpricht von ihnen als von Dingen, welche nicht in das Bereich menſchlichen Wiſſens fallen. „Man hört wohl das Sauſen des Windes, weiß aber nicht, von wannen er kömmt oder wohin er geht.““ „Der Schriftſteller, den Ihr meint, iſt mir unbekannt, meine theure junge Dame,“ entgegnete Mr. Truck ganz unſchuldig;„aber er muß ein geſcheidter Mann geweſen ſeyn, denn ich glaube, Vattel ſelbſt hat ſich nie erdreiſtet, mit den Winden anzubinden. Es gibt Leute, welche meinen, der Kalender könne das Wetter vorausſagen; aber meiner Anſicht nach iſt es weit gerathener, auf einen zwei⸗ oder dreijährigen Rheumatis zu gehen. Ein guter, feſtgewurzelter, altmodiſcher Rheumatis— von denen neugebackenen Krankheiten wie zum Beiſpiel die Cholera, das Varilid und der thieriſche Mag⸗ nitud will ich nichts ſagen— aber ein guter altmodiſcher Rheumatis, wie ihn die Leute zu haben pflegten, als ich noch ein Knabe war, iſt ein ſo ſichrer Wetterprophet, als das Barometer, das in dieſem Augenblick hier im Kutſchenhäuschen hängt— keine zwei Faden von der Stelle, wo wir ſtehen. Ich hatte einmal einen ſolchen Rheumatis, den ich gewaltig in Ehren hielt, denn er ließ mich ſo untrüglich, als nur irgend ein Inſtrument, mit dem ich je ſegelte, wiſſen, wann ich nach öſtlich Wetter ausſehen durſte. Ich habe Euch, glaube ich, die Geſchichte von dem alten Connectikuter Pferde⸗Jokey und dem Typhun noch nicht erzählt, und da wir im 153 Augenblick nichts Anderes zu thun haben, als zu warten, bis das Wetter mit ſich ins Reine gekommen iſt—“ „Das Wetter mit ſich in's Reine gekommen?“ rief Eva mit ſcheuer Ehrfurcht die erhabene und furchtbare Großartigkeit des Meeres, des Himmels und der dumpfen düſteren Atmoſphäre be⸗ trachtend.„Kann in alledem noch eine Unentſchiedenheit liegen?“ „Gott behüt' Euch, meine theure junge Dame, das Wetter iſt oft ſo unſchluſſig, ſo unentſchieden und noch obendrein ſo ſchwer zu befriedigen, wie eine alte Jungfer, die plötzlich an demſelben Tage drei Anträge kriegt— den einen von einem Wittwer mit zehn Kindern, den andern von einem ſtelzbeinigen Attorney und den dritten von dem Pfarrer des Kirchſpiels. Ja wohl Unentſchieden⸗ heit! Ich habe das Wetter ſchon den ganzen Tag in dieſer groß⸗ artigen Zwieſprache geſehen. Mr. Dodge dort wird Euch ſagen, es gehe mit ſich zu Rathe, in welche Richtung es blaſen müſſe, um ſich Popularität zu verſchaffen. So alſo, da wir nichts Bef⸗ ſeres zu thun haben, Mr. Effingham, will ich Euch die Geſchichte von meinem Nachbar, dem Pferde⸗Jokey erzählen. Ragen zu ha⸗ len, wenn kein Wind vorhanden iſt, gleicht dem Spielen auf der Maul⸗ trommel während eines Poſaunenconcerts.“ Mr. Effingham machte eine höfliche Geberde der Zuſtimmung, und drückte zugleich den Arm der aufgeregten Eva, um ihr zu be⸗ deuten, daß ſie ſich gedulden moͤchte. „Ihr müßt wiſſen, Gentlemen,“ begann der Kapitän, indem er ſich umſchaute, um möglichſt viele Zuhoͤrer zu ſammeln, denn es war ihm in der Seele zuwider, vor einem kleinen Auditorium Vorleſung zu halten, wenn er etwas zu ſagen gedachte, was er für beſonders ſchlau hielt—„Ihr müßt wiſſen, daß wir früher manches Fahrzeug hatten, das zwiſchen dem River und den In⸗ ſeln lief— „Dem River?“ unterbrach ihn Mr. Sharp beluſtigt. „Ja wohl— den Connectikut meine ich; wir Alle in jener 154 Gegend herum nennen ihn blos den River;— alſo zwiſchen dem River und Weſtindien, um Pferde, Vieh und anderes dergleichen Zeug zu verführen. Da war denn auch der alte Joe Bunk, welcher dieſes Gewerbe ſchon dreiundzwanzig Jahre in einer Brigg mit hohem Decke getrieben hatte— er und das Schifflein waren wie Mann und Weib mit einander alt geworden. Es mögen ungefähr vierzig Jahre her ſeyn, daß unſere River⸗Ladies ihres Bohea überdrüſſig wurden, und da in jenen Tagen viel zu Gunſten des Suchong ge⸗ ſprochen wurde, ſo kam's zu einem Excitement über dieſen Gegen⸗ ſtand, wie es Mr. Dodge nennt, und man nahm ſich vor, mit der neuen Qualität einen Verſuch zu machen, ehe man ſich ganz mit derſelben befaſſen wollte. Nun, was glaubt Ihr wohl, meine theure junge Dame, daß unter ſolchen Vorausſetzungen geſchah, wie Vattel ſagt?“ Eva's Augen hafteten noch immer an dem herrlichen Anblick des Himmels; ſie antwortete aber höoflich: „Ohne Zweifel wurde nach einem Laden geſchickt, um eine Probe holen zu laſſen.“ „Bei Leibe; die Ladies verſtanden ſich zu gut auf die Sache, denn jeder Schelm von einem Würzkrämer konnte ſie ja betrügen. Sobald das Excitement eine gewiſſe Höhe erreicht hatte, bildeten ſie eine Theegeſellſchaft, in welcher die Frau des Pfarrers die Präſidentin und ihre älteſte Tochter den Sekretär ſpielte. In dieſer Weiſe ging's fort, bis auch die Männer in's Fieber hereingezogen wurden, und ſo ward denn der Plan entworfen, ein Fahrzeug nach China zu ſchicken, um daſelbſt das gewünſchte Muſter holen zu laſſen.“ „Nach China?“ rief Eva, diesmal dem Kapitän frei in's Ge⸗ ſicht ſchauend. 3 „Ja wohl, nach China; es liegt in der Höhe hier herum, wie Ihr wißt, nur auf der andern Seite der Erdkugel drüben. Gut; und wen anders ſollten ſie für dieſen Auftrag wählen, als den alten Joe Bunk? Der alte Mann war ſo oft nach den In⸗ 155 ſeln und wieder zurück gefahren, ohne etwas von der Seefahrer⸗ kunſt zu verſtehen; ihn hielten ſie daher juſt für ihren Mann, weil nicht zu erwarten ſtand, daß man ihn verlieren könnte.“ „Man hätte glauben ſollen, daß er gerade am eheſten zu Grunde gehen müßte,“ bemerkte Mr. Effingham, während der Ka⸗ pitän eine friſche Cigarre zurecht machte; denn rauchen wollte und mußte er in jeder Geſellſchaft, die ſich nicht in der Kajüte befand, obſchon er ſich ſtets bereit erklärte, aufzuhören, wenn irgend Je⸗ mand der Tabacksgeruch zuwider war. „Durchaus nicht, Sir; ihm machte eine Fahrt in den indiſchen Ocean ſo wenig aus, als etwa ein Abſtecher hieher, denn er verſtand von dem einen Striche ſo wenig, als von dem andern. Gut; Joe ſtattete die Brigg aus, welche den Namen der Sieben Dollies führte. Ihr müßt nemlich wiſſen, daß wir ſieben Ladies in der Stadt hatten, welche Dolly hießen, und jede derſelben pflegte, ſo oft Joe abging, ein Fohlen, ein Rind oder einen an⸗ dern feinen Artikel nach den Inſeln zu ſchicken. Er ſtattete alſo die Sieben Dollies aus, ſtrich ſeine Dollars ein und lichtete die Segel. Zum letztenmal für die Friſt von acht Monaten ſah man den alten Mann vor Montauk, wo er nach zweitägiger Fahrt, wäh⸗ rend welcher er ſüdöſtlich nach dem Compaß geſteuert hatte, an⸗ gelangt war.“ „Man ſollte faſt glauben,“ verſetzte John Effingham, welcher im Verlaufe der Erzählung gleichfalls aufmerkſam zu werden be⸗ gann,„daß Mrs. Bunk während dieſer Zeit ſehr unruhig gewor⸗ den ſeyn mußte.“ „Durchaus nicht. Sie blieb bei dem Bohea in der Hoffnung, der Suchong werde noch vor Wiederherſtellung des jüdiſchen Reichs eintreffen. Und am Schluſſe der acht Monate langte er auch wirk⸗ lich an— dieß war ein Kapitalfeſt für Alle, die dabei betheiligt waren. Die Heldenthat erwarb dem alten Joe einen großen Na⸗ men am River, obgleich Niemand ſagen konnte, wie er nach China 156 oder wieder zurückgekommen war. Auch wußte man lange nicht, welche Bewandtniß es mit dem großen, ſchweren, ſilbernen Theetopf hatte, den er von ſeiner Reiſe mitbrachte.“ „Einem ſilbernen Theetopf?“ „Nicht anders. Endlich kam die Wahrheit an's Licht, denn in jener Gegend iſt es nicht leicht, etwas der Art zu verbergen; es iſt ariſtokratiſch, wie Mr. Dodge ſagt, ein Geheimniß für ſich haben zu wollen. Anfangs ſtieg man Joe mit allerlei Fragen zu Leibe, aber er ließ die Leute rathen und rathen. Da gab es nun ein Gerede, und zuletzt flüſterte man ſich zu, der alte Mann habe wohl den Theetopf geſtohlen. Dieß bewog ihn, mit der Farbe herauszugehen, denn die Sache kam ſo weit, daß man offen in den Kirchen davon ſprach. Von einer gerichtlichen Verhandlung, begreift Ihr wohl, konnte keine Rede ſeyn, da kein Beweis vor⸗ handen war; aber im Gotteshaus nimmt man's nicht ſo genau, wenn nur die Leute Stoff zum Plaudern finden.“ „Und das Ergebniß?“ fragte John Effingham.„Vermuthlich nahm das Kirchſpiel den Theetopf an ſich und ließ Joe den Bodenſatz.“ „Ihr ſeyd eben ſo weit von dem rechten Wege ab, als wir's hier unten an der ſpaniſchen Küſte ſind. Die Sache verhielt ſich ſo. Die Sieben Dollies lagen bei den übrigen Schiffen unterhalb Canton vor Anker, und das Wetter war ſo ſchön, wie's junge Mäd⸗ chen im Mai gerne haben; da begann denn Joe ſeine Raaen her⸗ unterzuholen, ſeine Stangen zu bergen, und alle ſeine Anker aus⸗ zuſetzen. Er ging ſogar ſo weit, daß er zwei Halſen an ein Yunk befeſtigte, welches ein wenig ſchnabelwärts von ihm auf dem Strand ſaß. Dieſes Benehmen gab unter den Schiffskapitänen zu viel Redens Anlaß, und einige kamen an Bord, um nach dem Grund zu fragen. Joe erklärte ihnen, daß er ſeine Vorbereitungen für einen Typhun treffe; als ſie ihn aber fragten, warum er glaube, daß ein Typhun zu beſorgen ſtehe, machte er nur ein feierliches 157 Geſicht, ſchüttelte den Kopf und verſetzte, er habe Gründe genug, wolle ſte aber für ſich behalten. Hätte er ſich weiter eingelaſſen, ſo würde man ihn ausgelacht haben; aber der Anblick eines alten Graukopfs, der ſchon vierzig Jahre zur See geweſen war und in ſo ernſter Weiſe zu Werke ging, ſetzte auch die Uebrigen in Thä⸗ tigkeit. Schiffe machen nemlich gern die Bewegungen eines andern nach, wie die Schaafe, welche nach einander durch daſſelbe Zaunloch ſchlüpfen. Gut; in derſelben Nacht kam der Typhun allen Ernſtes und blies ſo hart, daß Joe Bunk ſagte, er habe die Häuſer im Mond ſehen können, weil alle Luft aus der Atmoſphäre geblaſen worden ſey. „Aber was hatte dies mit dem Theetopf zu ſchaffen, Kapitän?“ „Er iſt das Leben und die Seele des Ganzen. Die Kapitäne im Hafen waren ſo entzückt über Joe's richtige Prophezeiung, daß ſie ſich zuſammenthaten und ihm dieſen Topf zum Geſchenke mach⸗ ten, als Beweis ihrer Dankbarkeit und Achtung. Er war populär unter ihnen geworden, Mr. Dodge, und ſie wollten dies durch ein Präſent bekunden.“ „Aber ich bitte, wie konnte er denn wiſſen, daß der Sturm im Anzuge war?“ fragte Eva, deren Neugierde unwillkührlich er⸗ wacht war.„Es iſt doch nicht wohl anzunehmen, daß ſeine Pro⸗ phetengabe übernatürlich war?“ „Dies konnte Niemand ſagen, denn Joe war presbyterianiſch gebaut, wie wir ſagen— keſſelbodig und wohlgeſtaut. Die Wahr⸗ heit entdeckte man erſt zehn Jahre ſpäter, als der alte Kerl zum regelmäßigen Krüppel wurde— ein Umſtand, bei dem Rheumatis, hohes Alter und Dampfſchiffahrt zuſammenwirkten. Eines Tags hatte er einen Anfall von der erſteren Beſchwerde und in einem der heftigſten Paroxismen, in denen die Natur gern ausſchlägt, brüllte er dreimal: ‚ein Typhun! ein Tpphun! ein Typhun!’ Da hatte man alſo die Geſchichte. Und richtig kam am nächſten Tag ein regelmäßiger Nordoſter, obſchon der alte Joe diesmal keine 158 Denkzeichen von Popularität erhielt. Und nun, Gentlemen und Ladies, werdet Ihr, wenn Ihr nach Amerika kommt, ſagen kön⸗ nen, daß Ihr die Geſchichte von Joe Bunk und ſeinem Theetopf gehört habt.“ Kapitän Truck that jetzt zwei oder drei kräftige Züge aus ſeiner Cigarre, richtete das Geſicht aufwärts und blies den Rauch in einem fortgeſetzten Strome aus, bis er ſich erſchöpft hatte; aber dennoch fuhr er fort, den Kopf in der genommenen unbeque⸗ men Lage zu erhalten. Das Auge des Schiffsmeiſters, in dieſer Weiſe an einem Gegenſtand in der Höhe haftend, mußte die aller Uebrigen in dieſelbe Richtung lenken, und in einigen Sekunden blickte ſeine ganze Umgebung nach der nämlichen Stelle, obſchon ſich Niemand einen Grund dafür angeben konnte. „Laßt unten die Wache aufziehen, Mr. Leach,“ rief Kapitän Truck endlich, und Eva bemerkte, daß er die kaum erſt angezün⸗ dete Cigarre wegwarf— ein Beweis, wie ſie meinte, daß er ſich zu Erfüllung ſeines Dienſtes anſchickte. Die Matroſen befanden ſich bald an ihren Plätzen, und man machte jetzt den Verſuch, den Schiffsſchnabrel gegen Süden zu drehen. Obgleich die Ausführung dieſes Manövers in der unheim⸗ lichen Stille der Atmoſphäre große Schwierigkeiten bot, kam man doch endlich unter Benützung der hin und wieder einfallenden krampf⸗ haften Stöße, welche wie ein Seufzen der Luft erſchienen, mit der Aufgabe zu Stande. Die Matroſen wurden ſodann auf die Raaen geſchickt, um mit Ausnahme der drei Topſegel und des Fockſegels, die meiſt blos in Erwartung des Reſultates aufgeholt worden waren, alles Tuch zu beſchlagen. Diejenigen, welche ſchon früher zur See geweſen waren, entnahmen aus dieſen Vorbereitungen den Beweis, daß Kapitän Truck einem plötzlichen und ſchweren Wechſel entgegen ſah; da er aber keine Unruhe blicken ließ, ſo hofften ſie, daß er dieſe Maßregeln blos aus kluger Vorſorge treffe. Mr. Effingham konnte ſich übrigens der Frage nicht enthalten, ob unmittelbare Be⸗ 159 weggründe für die Vorbereitungen vorhanden ſeyen, die er ſo eifrig, obſchon ohne alle Uebereilung vornehme. „Mit dieſer Angelegenheit hat der Rheumatis nichts zu ſchaf⸗ fen,“ entgegnete der Kapitän ſcherzhaft,„denn ſchaut nur, mein würdiger Sir und Ihr meine theure junge Dame“— dies war eine Art väterlicher Vertraulichkeit, zu der ſich der ehrliche Jack kraft ſeines Amtes und als Junggeſelle von nahe an Sechzig gegen alle ſeine unverheiratheten weiblichen Paſſagiere berechtigt hielt— „ſchaut dorthin, meine theure junge Dame, und auch Ihr, Mamſell, denn, meine ich, Wolken könnt Ihr verſtehen, wenn's auch keine franzöſiſche Wolken ſind. Bemerkt Ihr nicht, wie jene ſchwarzaus⸗ ſehenden Galgenſtricke die Köpfe zuſammenſtecken? Ich ſtehe dafür, ſie complottiren etwas ganz in ihrer eigenen Weiſe.“ „Die Wolken gehen allerdings wirr durcheinander,“ entgegnete Eva, erſtaunt über die wilde Schönheit ihrer Bewegungen,„und bieten ein edles, obſchon furchtbares Bild. Aber ich verſtehe nicht, was damit angedeutet werden ſoll, wenn etwa in ihren luftigen Flügen ein verborgenes Omen liegen ſollte.“ „Iſt freilich kein Rheumatis an Euch, junge Lady,“ ſagte der Kapitän ſcherzhaft;„zu jung, zu ſchoͤn und, ich darf wohl auch ſagen zu modern für dieſe altmodiſche Beſchwerde. Aber auf eine Categorie könnt Ihr Euch verlaſſen, und die iſt, daß in der Natur nichts conſpirirt ohne einen Zweck.“ „Aber ich kann mir in Dünſten, welche ein Luftſtrom umher wirbelt, keine Conſpiration denken,“ antwortete Eva lachend,„ob⸗ ſchon es eine Categorie ſeyn mag.“ „Vielleicht nicht— wer weiß es übrigens? denn man kann wohl annehmen, daß Dinge ſich eben ſo gut unter einander ver⸗ ſtehen, als dies bei Pferden und Hunden der Fall iſt. Wir wiſſen nichts davon, und deshalb ſteht es uns nicht zu, etwas darüber zu ſagen; aber wenn die Menſchen blos über Dinge ſprechen wollten, die ſie verſtehen, ſo müßte die Hälfte der Wörter aus dem Wörter⸗ buche geſtrichen werden. Doch wie ich bemerkt habe— Ihr ſeht, dieſe Wolken machen ſich zuſammen und bereiten ſich zum Aufbruch vor; denn da, wo ſie jetzt ſind, werden ſie nicht viel länger bleiben können.“ „Und was wird ſie zum Verſchwinden zwingen?“ „Thut mir den Gefallen, Eure Blicke dorthin zu wenden— nach Nordweſt. Ihr bemerkt dort eine Oeffnung im Gewölk, die ganz ausſieht wie ein geduckter Löwe; iſt's nicht ſo?“ „Ich ſehe allerdings einen klaren Streifen Himmel am Rande des Oceans, der erſt vor Kurzem aufgetaucht iſt. Beweist dies vielleicht, daß der Wind von dorther kommen wird?“ „Ebenſogut, meine theure junge Lady, als, wenn Ihr Euer Fenſter öffnet, der Beweis darin liegt, daß Ihr den Kopf hinaus⸗ zuſtecken gedenkt.“ „Dies iſt eine Handlung, welche ſich ein wohlerzogenes junges Frauenzimmer ſelten erlaubt,“ bemerkte Mademoiſelle Viefville;„am allerwenigſten aber in einer Stadt.“ „Nicht? Na, in unſerer Stadt an dem River ſind die Frauen⸗ zimmerköpfe die halbe Zeit außerhalb der Fenſter. Doch ich will mir nicht anmaßen, Manſell, als verſtehe ich mich auf derartige Schicklichkeiten, obſchon ich mir zu ſagen erlauben will, daß mir einigermaßen ein Urtheil darüber zuſteht, was die Winde im Schilde führen, wenn ſie einmal ihre Schieber öffnen. Dieſes Aufthun im Nord⸗ weſt alſo iſt ein ſicheres Zeichen, daß etwas aus dem Fenſter kommen wird, mag's nun wohlerzogen ſeyn oder nicht.“ „Aber die Wolken über uns,“ fügte Eva bei,„und diejenigen, welche weiter im Süden liegen, eilen augenſcheinlich auf jene lichte Stelle zu, Kapitän, und nicht von derſelben weg.“ „Liegt ganz in der Natur der Sache, Gentlemen— liegt ganz in der Natur der Sache, Ladies. Wenn Jemand ſich recht feſt vorgenommen hat, das Haſenpanier zu ergreifen, ſo bläht er ſich am meiſten auf, und ein Schritt vorwärts läßt oft auf zwei 161 rückwärts rechnen. Man ſieht oft den Sturmvogel auf ein Schiff zuſegeln, als wolle er an Bord kommen; aber dennoch nimmt er ſich wohl in Acht, ſein Steuer zu ſtellen, ehe er ſich ſicher im Ta⸗ ckelwerk befindet. So geht es mit den Wolken und allen übrigen Dingen in der Natur. Vattel ſagt, man dürfe ſich im Nothfalle kampffertig zeigen, obſchon es einem neutralen Schiffe nicht ge⸗ ſtattet ſey, gegen Jemand anders, als gegen Seeräuber eine Ka⸗ none abzufeuern. Nun machen dieſe Wolken zwar das beſte Geſicht zur Sache, aber in ein paar Minuten werdet Ihr ſie Reißaus nehmen ſehen, wie es vordem Sanct Paul that.“ „Sct. Paul, Kapitän Truck?“ „Ja, meine theure junge Dame, um in die rechte Straße einzubiegen.“ Eva runzelte die Stirne, denn manche von Kapitän Truck's nautiſchen Bildern wollten ihr durchaus nicht gefallen, obſchon es unmöglich war, nicht über die poſſierlichen Ideenverbindungen zu lächeln, die ſich ſo oft in die redſelige Unterhaltung des wohlmei⸗ nenden Schiffmeiſters einflochten. Sein Geiſt war ein ſeltſames Gemiſche einer früheren religioͤſen Erziehung— religiös wenigſtens der äußeren Form nach— und ſpäterer flüchtiger Obſervanz mit viel Welterfahrung, auch pflegte er ſeine Wiſſensvorräthe, ſeiner eigenen Ausdrucksweiſe zufolge, zu benützen,„wie Saunders, der Steward, die Butter aus dem Fäßchen ſchnitt, oder wie es ihm eben in den Wurf kam.“ Seine Prophezeiung in Betreff der Wolken erwies ſich als rich⸗ tig, denn vor Ablauf einer halben Stunde ſah man ſie, wie der Kapitän ſagte,„vor dem Nordweſter ausreißen, wie Schaafe, die den Hunden Platz machen.“ Der Horizont klärte ſich mit faſt über⸗ natürlicher Geſchwindigkeit auf, und in überraſchend kurzer Zeit prangte das ganze zürnende Gewölbe, an dem noch vor Kurzem ſchwarze drohende Dünſte in unheimlicher Wildheit ihren wirren Reigen aufgeführt hatten, im herrlichſten Blau, einige weiße flockige Die Heimkehr. 11 16² Schichten ausgenommen, die ſich im Norden wie eine Batterie aus⸗ nahmen, welche mit ihrem Geſchütze ein Schlachtfeld beſtreichen will. Das Schiff kündigte den kommenden Wind durch das Knarren ſeiner Spieren an, die ſich in ihren Fugen feſthielten, und dann begann der maſſenhafte Numpf das Waffer ſeitwärts zu drängen und auf's Steuer anzuſprechen. Die erſten Stöße waren leicht; aber da der Kapitän entſchloſſen war, das Schiff ſo nahezu auf den rechten Kurs zu bringen, als es die Briſe geſtatten wollte, ſo mußte er doch bald finden, daß er ſo viel Tuch ausgebreitet hatte, als das Fahrzeug führen konnte. Zwanzig Minuten ſpäter ſah er ſich genöthigt, ein Reff und nach einer halben Stunde ein zweites einzulegen. Es ergab ſich jetzt Gelegenheit, die Aufmerkſamkeit auf's Neue dem Foam zuzuwenden. Die Vortheile dieſes Kreuzers machten ſich auf's Neue geltend, und der Kapitän ſtellte Berechnungen an, ob es wohl möglich ſey, ihm auszuweichen, wenn er viel länger auf dem gegenwärtigen Kurſe beſtehe. Er hatte gehofft, dem Mon⸗ tauk werde ſein größerer Rumpf zu Statten kom men, ſobald die beiden Schiffe genöthigt wären, ihre Marsſegel dicht zu reffen— ein Mansöver, das, wie er vorausſah, ſtatthaben mußte; aber er ſah ſich bald genöthigt, auch dieſe Hoffnung aufzugeben. Weiter nach Süden— dies hatte er ſich feſt vorgenommen— wollte er nicht gehen, da er dadurch zu weit von ſeinem Wege abkam, wes⸗ halb er endlich den Entſchluß faßte, auf die Inſeln zuzuſteuern, welche ſeiner Fahrſtraße ziemlich nahe lagen, und, im Falle er zu hart bedrängt würde, auf einer neutralen Rhede Anker zu werfen. „Vor Mitternacht holt er uns nicht ein, Leach,“ ſchloß er ſeine Rückſprache mit dem Maten,„und bis dahin hat die Bö⸗ wenn ſie wirklich zum Ausbruche kommt, ihre volle Höhe erreicht. Der Gentleman wird dann kein ſonderliches Verlangen darnach tragen, ſeine Boote niederzulaſſen. Mittlerweile treiben wir auf die Azoren einwärts, und dann dürfte es im natürlichen Lauf der Dinge liegen, wenn ich ihm, falls ſich die Gelegenheit dazu ergibt — 163 einen Poſſen ſpiele. Was das Aufopfern des Montauk auf dem Altare des Tabacks betrifft, wie der alte Diacon Hourglaß in ſeinen Gebeten zu ſagen pflegte, ſo iſt dies eine Categorie, die durch was immer für eine Cataſtrophe, wenn ſie nur nicht ſchnur⸗ gerade zum Teufel führt, abgewendet werden muß.“ Eilftes Kapitel. In thau'’gem Licht führ’ des Gewitters Macht Durch ſchlummernd Laub' ich, und des Sturmes Bahn Folgt Reu', Betrachtung und Erinnerung. Bet', Erde, aus dem Staube an Ich bin die feierliche Nacht! Mrs. Hemans. In dem gegenwärtigen Falle trifft uns nicht die Aufgabe, andere Erſcheinungen auf dem Ocean zu berichten, als die eines regelmäßigen, obgleich heftigen Sturmes. Eines der erſten Merk⸗ zeichen deſſelben beſtand in dem Verſchwinden der Paſſagiere vom Deck, die ſich, einer nach dem andern, in ihren Zimmern einſchlo⸗ ßen, bis außer John Effingham und Paul Blunt Niemand mehr oben ſichtbar war. Dieſe beiden Herren hatten jedoch, wie es ſchien, ſchon ſo viele Fahrten gemacht und waren mit dem Schiffsleben ſo vertraut geworden, daß ihnen die Seekrankheit und die Stürme gleich wenig anhaben konnten. Die armen Zwiſchendeckpaſſagiere machten keine Ausnahme, ſondern ſchlichen ſich nach ihren Höhlen, um daſelbſt Zuflucht zu ſuchen, für den Augenblick bitterlich bereuend, daß ſie ſich den Ge⸗ fahren und Unbequemlichkeiten der See ausgeſetzt hatten. Wie gerne hätte jetzt die ſanfte Mrs. Davis ſich dem Grolle ihres On⸗ kels ausgeſetzt, und den jungen Ehemann ſelbſt ſchilderte Mr. Leach, welcher durch den ekelhaften Schauplatz hinging, um zu ſehen, ob 164 Alles richtig fey,„Mr. Grab würde ihn nicht mit der Twehle angerührt haben, wenn er ihn in ſeiner gegenwärtigen Brühe hätte ſehen können.“ Kapitän Truck lachte über dieſen Bericht, denn er fühlte für gewöhnliche Faͤlle der Seekrankheit ungefähr dieſelbe Theilnahme, welche ein Kätzchen mit dem Schmerze der erſten gefangenen Maus hat, indem ſein Hauptvergnügen darin beſteht, nicht ſie zu freſſen, ſondern nur mit ihr zu ſpielen. „Geſchieht ihm Recht, Mr. Leach; warum hat er geheirathet. Merkt's Euch daher, damit Ihr Eure Ausſichten nicht in derſelben Weiſe verplempert,“ ſagte er mit ſelbſtzufriedener Miene, während er in ſeiner Handfläche drei oder vier Cigarren verglich, zweifel⸗ haft, welches von den würzigen Röllchen er in den Mund ſtecken ſollte.„Der Eheſtand, Mr. Blunt, macht gemeiniglich den Men⸗ ſchen zum Ekel geneigt; denn nichts iſt leichter, als die Magen⸗ pumpe eines jungen Ehemanns in Bewegung zu ſetzen. Iſt dies nicht ſo wahr, wie ein Evangelium, Mr. John Effingham?“ Mr. John Effingham gab keine Antwort; aber der junge Mann, welcher in dieſem Augenblicke ſeine ſchöne Geſtalt und die edlen Züge ſeines Antlitzes bewunderte, wurde nicht wenig über das bittere, um nicht zu ſagen peinliche Lächeln betroffen, das John's Lippen umzuckte, als er ſich zu einer kalten Zuſtimmung verbeugte. Alles dies ging jedoch an Kapitän Truck verloren, der con amore fortfuhr: „Eine der erſten Fragen, die ich über jeden meiner männ⸗ lichen Paſſagiere zu ſtellen pflege, betrifft den Umſtand, ob er verheirathet ſey, oder nicht. Lautet die Antwort verneinend, ſo betrachte ich ihn von vorn als einen guten Geſellſchafter in einer Bö, wie dieſe, oder als einen Mann, der rauchen oder einen Spaß machen kann, wenn auch ein Marsſegel aus dem Bolzentau fliegt— kurz als einen guten Kameraden in einer Categorie. Wenn aber einer von euch Gentlemen eine Frau hätte, ſo müßte er jetzt unter die Lucken kriechen, damit er nicht etwa durch ein Speigatenloch 165 hinausrutſche oder von der Sprüh über Bord gewaſchen werde, wenn nicht etwa die Gnädige gar fürchtete, der Wind möchte ihm die Augenbrauen aus dem Geſicht blaſen. In dieſem Falle hätte ich natürlich nicht die Ehre eurer Geſellſchaft. Die Gemächlichkeit iſt ein zu koſtbares Gut, als daß man ſie an ein Weib wegwerfen ſollte. Durch eine Frau kann man zwar Vorſicht lernen, verlernt aber auch zugleich die Freiheit. Was Euch betrifft, Mr. John Effingham, ſo müßt Ihr wohl ein halb Jahrhundert Lebenszeit ab⸗ gewickelt haben, weshalb ich um Euretwillen nicht viel Sorge trage; aber Mr. Blunt iſt noch jung genug, um in Gefahr zu gerathen, daß ihm etwas Schlimmes paſſire. Ich wollte, Neptun käme hier herum zu uns an Bord, um Euch zu beſchwören, daß Ihr Euch ſelbſt treu und beſtändig bleiben ſollt, junger Gentleman.“ Paul lachte, erröthete ein wenig, nahm ſich dann wieder zu⸗ ſammen und erwiederte in ſcherzendem Tone: „Auf die Gefahr hin, Enre gute Meinung zu verlieren, Kapitän, und ſelbſt im Angeſichte dieſer Bö erkläre ich mich für einen Freund des Eheſtands.“ „Wenn Ihr mir nur eine einzige Frage beantworten wollt, mein theurer Sir, ſo will ich Euch ſagen, ob Euer Fall hoffnungs⸗ los iſt oder nicht.“ „Um hierauf bejahend antworten zu können, werdet Ihr natür⸗ lich die Nothwendigkeit einſehen, mich zuvor die Frage vernehmen zu laſſen.“ „Seyd Ihr ſchon mit Euch einig geworden, wer die junge Frau ſeyn ſoll? Iſt dieſer Punct abgemacht, ſo kann ich Euch nur empfehlen, zu Joe Bunks Suchong Eure Zuflucht zu nehmen und Euch zu unterwerfen, denn ſeinem Schickſal vermag Niemand zu widerſtehen. Der Grund, warum die Türken ſich ſo leicht in die Prädeſtination oder in das Schickſal finden, liegt in der Anzahl ihrer Weiber. Es iſt ſchon manches Buch darüber geſchrieben worden, warum ſie ihre Hälſe ſo bereitwillig dem Schwerdte und 166 der ſeidenen Schnur hingeben. Ich bin in der Türkei geweſen, Gentlemen, und weiß einigermaßen, wie es dort zugeht. Der Grund, warum ſie ſich ſo ruhig köpfen laſſen, liegt in dem Um⸗ ſtand, daß ſie jeden Augenblick bereit ſind, ſich ſelbſt den Strick um den Hals zu legen. Wie ſteht es, Sir? Habt Ihr im Be⸗ treff der jungen Dame ſchon einen Entſchluß gefaßt, oder nicht?“ Obgleich in alledem nichts lag, als ein Scherz, den der ge⸗ ſellige Verkehr an Bord eines Schiffs wohl geſtattete, nahm ihn doch Paul Blunt mit einer Befangenheit auf, die ſich von einem jungen Mann, welcher ſo viel Welt beſaß, kaum erwarten ließ. Er erröthete, lachte, verſuchte durch Abgemeſſenheit den Kapitän in größerer Entfernung zu halten und gab endlich ſein Spiel ganz auf, indem er nach einem andern Theile des Deckes ging. Glück⸗ licherweiſe wurde in demſelben Augenblicke die Aufmerkſamkeit des ehrlichen Meiſters auf das Schiff ſelbſt gelenkt, und Paul ſchmei⸗ chelte ſich, nicht durchſchaut worden zu ſeyn; aber der Schatten einer Geſtalt an ſeiner Seite ſchreckte ihn auf, und als er ſich plötzlich umwandte, fand er, daß Mr. John Effingham neben ihm ſtand. „Ihre Mutter war ein Engel,“ ſagte Letzterer mit gedämpfter Stimme.„Auch ich liebe ſie, aber es geſchieht mit der Liebe eines Vaters.“ „Sir!— Mr. Effingham!— Dies ſind plötzliche, unerwartete Bemerkungen— und ich bin wahrhaftig nicht darauf vorbereitet.“ „Glaubt Ihr, einem Manne, der das ſchöne Weſen ſo eifer⸗ ſüchtig bewacht, wie ich, habe Eure Leidenſchaft entgehen können?— Ihr Beide liebt ſie, und ſie verdient die wärmſte Zuneigung von Tauſenden. Harret aus— denn obgleich ich keine Stimme und, wie ich fürchte, nur wenig Einfluß auf ihre Entſcheidung habe, ſo veranlaßt mich doch eine ſeltſame Sympathie, Euch günſtigen Er⸗ folg zu wünſchen. Mein Bedienter hat mir geſagt, Ihr hättet ſie ſchon früher und unter Vorwiſſen ihres Vaters kennen gelernt— weiter verlange ich nichts, denn mein Vetter iſt ein beſonnener 167 Mann. Er kennt Euch wahrſcheinlich, obgleich ich mich deſſen nicht rühmen kann.“ Pauls Antlitz glühte wie euer und er haſchte faſt nach Athem. Mr. Effingham, der Mitleid mit ſeiner Noth hatte, lächelte freund⸗ lich und wollte ſich eben weiter begeben, als er ſeine Hand con⸗ vulſiviſch von denen des jungen Mannes ergriffen fühlte. „Verlaßt mich noch nicht, Mr. Effingham, ich bitte Euch,“ ſagte er haſtig.„Ich höre ſo ſelten Worte des Vertrauens oder auch nur wohlwollender Theilnahme, daß mir die Eurigen über die Maßen ſchätzbar ſind. Ich habe mich durch die in's Blaue ge⸗ ſchickten Bemerkungen jenes wohlmeinenden, aber unüberlegten Man⸗ nes verwirren laſſen; indeß werde ich in einem Augenblick wieder gefaßter— männlicher— weniger Eurer Beachtung und Eures Mitleids unwürdig ſeyn.“ „Mitleid iſt ein Wort, das ich nie in Verbindung mit Mr. Blunts Perſönlichkeit, Character, Kenntniſſen oder— wie ich hoffe— äußerer Lage hätte bringen mögen, und es iſt mein aufrichtiger Wunſch, daß Ihr mich nicht der Ungebühr zeihen möget. Ich habe eine Theilnahme für Euch gefühlt, junger Mann, die ich gegen die Meiſten meines Geſchlechts längſt in mir erſtorben wähnte, und hoffe, daß dies einigermaßen die Freiheit, welche ich mir zu nehmen erlaubte, entſchuldigen wird. Vielleicht lag der Grund in meiner Vermuthung, daß es Euch daran gelegen ſey, die gute Meinung meiner kleinen Muhme zu gewinnen.“ „Ihr habt in der That meinen ſehnlichſten Wunſch richtig gedeutet, Sir, denn wer könnte gleichgiltig ſeyn gegen die gute Meinung eines ſo einfachen und doch ſo gebildeten Weſens, in deſſen Seele Natur und Talente um die Oberhand zu kämpfen ſcheinen? Wie wenig, Mr. Effingham, findet ſich in ihr einerſeits von der kalten Gezwungenheit und Herzloſigkeit Europa's und ande⸗ rerſeits von dem ungezügelten Jugendmuthe der amerikaniſchen Mäd⸗ chen— kurz, ſie iſt in jeder Hinſicht das, was der zärtlichſte Vater und der liebevollſte Bruder nur wünſchen können.“ John lächelte, wie er über jede Schwäche zu thun pflegte, aber ſein Auge glänzte. Nach einem Augenblicke des Zweifels wandte er ſich wieder an ſeinen jungen Gefährten, um mit einem Zartgefühl des Ausdrucks und einer Würde in ſeinem Weſen, worin ihn, wenn er wollte, Niemand übertreffen konnte, eine Frage an ihn zu ſtellen, welche ihn ſchon mehrere Tage vorzugsweiſe beſchäf⸗ tigt hatte, obſchon ſich keine Gelegenheit bieten wollte, die er zu benützen für paſſend hielt. „Dieſes unumwundene Vertrauen macht mich ſo kühn— freilich ſollte ich mich ſchämen, mich meiner größeren Erfahrung zu rühmen, da mir doch jeder Tag zeigt, wie wenig Nutzen ſie mir gebracht hat— unſerer Bekanntſchaft weniger Förmlichkeit zu geben, indem ich auf Intereſſen anſpiele, die weit perſönlicher ſind, als daß Fremde ein Recht hätten, ſie zu berühren. Ihr habt eben von der 5 ten und neuen Welt in einer Weiſe geſprochen, welche mich ver⸗ hen läßt, daß Ihr mit beiden gleich bekannt ſeyd?“ *„Ich habe oft den Ocean gekreuzt und für einen Mann von meinen Jahren ſehr viel von der amerikaniſchen ſowohl, als von der europäiſchen Geſellſchaft geſehen. Vielleicht wird mein Intereſſe für Eure liebenswürdige Verwandte durch den Umſtand noch erhöht, daß ſie eigentlich, gleich mir, keinem dieſer beiden Welttheile angehört.“ „Seht Euch vor, ehe Ihr dem Mädchen dies in's Ohr flüſtern wollt, mein jugendlicher Freund, denn Eva Effingham bildet ſich ein, ſie ſei ihrem Character nach eben ſo ſehr eine Amerikanerin, als ſie es durch ihre Geburt iſt. Sie iſt einfachen Sinnes und ohne alle Verbildung— eifrig in Erfüllung ihrer Pflichten— religiös ohne Frömmelei— eine warme Freundin freiſinniger In⸗ ſtitutionen, ohne ſich mit unausführbaren Ideen zu tragen, und von Herz und Seele ein Weib; Ihr werdet es daher ſchwer fin⸗ ſie zu überreden, daß ſie bei aller ihrer Weltkenntniß und 169 ihren vielſeitigen Vorzügen mehr ſey, als ein beſcheidenes Abbild ihres eigenen großen beau idéal.“ Paul lächelte und ſeine Blicke begegneten denen des John Ef⸗ fingham— der Ausdruck derſelben überzeugte ſie beiderſeits, daß ſie in mehr Dingen gleich dachten, als in ihrer gemeinſchaftlichen Bewunderung des Gegenſtandes ihrer Unterhaltung. 1 „Ich fühle, daß ich nicht ſo offen gegen Euch geweſen bin, als ich hätte ſeyn ſollen, Mr. Effingham,“ nahm der junge Mann nach einer Pauſe wieder auf;„aber bei einer paſſenderen Gelegen⸗ heit würde ich mir, im Vertrauen auf Eure Güte, die Freiheit nehmen, weniger rückhaltsvoll zu ſeyn. Mein Geſchick hat mich faſt ohne Freunde und ganz ohne Verwandte— ſo weit nämlich der Verkehr mit denſelben in Frage kömmt— in die Welt gewor⸗ fen; deshalb iſt mir die Sprache der Liebe fremd, und ich durfte das Wirken derſelben nie erfahren.“ John Effingham drückte ihm die Hand und enthielt ſich von Stunde an jeder weiteren Anſpielung auf ſeine perſonlichen Ange⸗ legenheiten, weil die Vermuthung in ihm auftauchte, daß der Gegen⸗ ſtand dem jungen Manne peinlich ſeyn könnte. Er wußte, wie häufig es in Europa vorkömmt, daß gebildete und oft auch wohl⸗ habende Perſonen aus beiden Geſchlechtern durch eine Hindeutung auf ihre Privatgeſchichte nur ſchmerzlich berührt werden, weil vielleicht eine außereheliche Geburt, eine Scheidung oder ſonſtiges Familienunglück dabei zur Sprache kommen müßte, und folgerte da⸗ her, daß im gegenwärtigen Falle aller Wahrſcheinlichkeit nach das erſtere Moment Paul Blunts eigenthümlicher Lage zu Grunde liege. Ungeachtet ſeiner warmen Zuneigung zu Eva, ſetzte er doch in ihr eigenes wie auch in ihres Vaters Urtheil zu viel Vertrauen, um glauben zu können, daß ſie ohne Vorbedacht ein vertrauliches Ver⸗ hältniß geſtatten würden, und was die bloßen Vorurtheile betraf, die ſich an dergleichen Puncte knüpften, ſo hatten dieſe keine Be⸗ deutung für ihn. Vielleicht bewog ihn ſogar die männliche Unab⸗ ————— 170 hängigkeit ſeines Characters, ſich bei Beurtheilung ſolcher Fragen eher auf die Ultraſeite der Freiſinnigkeit zu ſchlagen. In dem vorerwähnten kurzen Geſpräche hatten, mit Ausnahme der leichten, aber unzweideutigen Anſpielung John Effinghams, beide jede weitere Hindeutung auf Mr. Sharp und ſeine vermeint⸗ liche Neigung für Eva vermieden. Daß es mit der Sache ſeine Richtigkeit hatte, hievon waren beide überzeugt, und dies gehöͤrte vielleicht unter die Gründe, warum es keiner für nöthig hielt, da⸗ von zu ſprechen; denn der Gegenſtand war verfänglich und von der Art, daß ſie in kühleren Augenblicken wechſelſeitig wünſchen mußten, ihn unter den obwaltenden Verhältniſſen zu vergeſſen. Das Ge⸗ ſpräch nahm nunmehr einen allgemeineren Character an, und während die übrigen Reiſenden durch den Zuſtand des Wetters in ihren Ge⸗ mächern gehalten wurden, bildeten ſie ſich— wenn nicht etwa der Ausdruck jetzt ſchon zu ſpät kommt— im Laufe der nächſten paar Stunden die Grundlagen zu einer edeln und aufrichtigen Freund⸗ ſchaft. Paul hatte bisher John Effingham nur mit Mißtrauen und Scheu betrachtet, mußte aber nunmehr einen Mann in ihm finden, welcher ſo ganz anders war, als das Bild, welches die Nachrede und ſeine eigene Phantaſie von ihm entworfen hatte, weshalb denn auch die Rückwirkung in ſeinen Gefühlen weſentlich da⸗ zu diente, letztere zu erwärmen und ſeine Achtung für ihn zu ſteigern. Andererſeits entwickelte der junge Mann bei gediegenem Verſtande ſo viel Beſcheidenheit, einen Schatz von Kenntniſſen, der ſich von ſeinen Jahren nicht erwarten ließ, und eine ſo biedere, gerechte Sinnesart, daß der alte Hageſtolz, als ſie ſich gute Nacht wünſch⸗ ten, aus tiefſter Seele bedauerte, der Natur nicht das Glück danken zu dürfen, der Vater eines ſolchen Sohnes zu ſeyn. Mittlerweile hatte die Thätigkeit im Schiffe ihren Fortgang genommen. Der Wind ſteigerte ſich ſtätig, bis endlich um Son⸗ nenuntergang Kapitän Truck in der Kajüte ankündigte, daß eine regelrecht gebaute„Bö“ vorhanden ſey. Segel um Segel wurde 171 gekürzt oder beſchlagen, bis der Montauk nur noch unter dem Fock⸗ ſegel, einem dicht gerefften Hauptſtengenſegel, einem Fockſtengenſtag⸗ ſegel und einem Beſahnſtagſegel beilag. Man zweifelte ſogar, ob nicht auch das zweite dieſer Segel bald geſtrichen und außerdem das Fockſegel gerefft werden müſſe. Der Schiffsſchnabel ſtand ſüdweſtlich, die Abtrifft war be⸗ trächtlich, und der Kursweg reichte kaum zu, um die Einwirkung des Steuers fühlbar zu machen. Das Foam hatte ſich, ſo lange Segel geführt werden konnten, wieder um etwa eine Seemeile ge⸗ nähert; aber auch die Schaluppe ſah ſich genöthigt, vor derſelben Steigerung der Wogen und des Windes, welche Mr. Truck zum Niederbinden ſeines Rades gezwungen hatte, beizulegen. Dieſer Stand der Dinge brachte abermals einen beträchtlichen Wechſel in die beziehungsweiſen Lage der beiden Schiffe. Am nächſten Morgen zeigte ſich's, daß das Foam ſich mit ganz untergetauchtem Rumpfe wohl auf dem Luvbuge des Paketſchiffs befand. Die Schaluppe verdankte dieſen Vortheil ihrer ſchärferen Form und ihren mehr auf den Wind berechneten Eigenſchaften, auf welche bei Fahrzeugen, die für den Krieg und für das Nachſetzen berechnet ſind, beſondere Rückſicht genommen wird. Kapitän Truck lachte jedoch über alles dies, denn bei ſolchem Wetter konnte er nicht geentert werden, und es war ihm gleich⸗ giltig, wo ſich ſein Verfolger befand, wenn er nur nach dem Auf⸗ hören des Sturmes Zeit fand, demſelben zu entwiſchen. Im Ganzen war er ſogar erfreut über den gegenwärtigen Stand der Dinge, denn er hatte jetzt doch eine Ausſicht, ſobald es das Wetter ge⸗ ſtattete, ins Lee zu ſchlüpfen, wenn nicht etwa gar ſein Plagegeiſt auf dem nördlichen Borde oder windwärts ganz und gar verſchwand. Der würdige Meiſter vertraute ſeine Hoffnungen und Be⸗ ſorgniſſe hauptſächlich den Ohren ſeiner beiden Maten, da ſich bis zum Nachmittag des zweiten Sturmtages nur wenige von den Paſſagieren blicken ließen. Jetzt aber trat in der That eine allge⸗ 172 meine Erleichterung ihrer phyſiſchen Leiden ein, obgleich ſie von Beſorgniſſen begleitet war, welche ihnen kaum geſtatteten, des Wech⸗ ſels froh zu werden. Um Mittag deſſelben Tages tobte der Wind mit ſolcher Macht, und die Wogen ſtürzten mit ſo furchtbarer Ge⸗ walt auf die Schiffsbuge nieder, daß es zweifelhaft wurde, ob das Fahrzeug räthlicherweiſe länger in ſeiner gegenwärtigen Lage bleiben konnte. Mehreremal im Laufe des Morgens hatte die Gewalt der Wogen die Buge ſeitwärts gelegt, und ehe das Schiff ſeine Lage wieder gewinnen konnte, brach die nächſte Welle gegen die Breit⸗ ſeite los und überfluthete die Decken. Dieſe Gefahr iſt dem Bei⸗ liegen in einem Sturme eigenthümlich, denn wenn das Schiff in den Wellentrog kömmt, und in dieſer Lage von einer ungewöhnlich großen Woge erreicht wird, ſo iſt einmal zu befürchten, daß das Schiff ganz auf die Seite geworfen werde, und dann, daß das quer hereinſtürzende Waſſer Alles von den Decken wegſchwemme. Wer die See nicht kennt, hat keinen Begriff von der Gewalt des wilden, von einem Sturm dahin gejagten Elements und wird daher oft in Staunen verſetzt, wenn er in den Berichten über das, was Schiffe durchgemacht haben, eine Schilderung der geſchehenen Beſchädi⸗ gungen liest. Die Erfahrung zeigt übrigens, daß Boote, Sturm⸗ häuschen, Kanonen, Anker von ungeheurem Gewicht, Bollwerke und Planken oft in dieſer Weiſe ins Meer gefegt oder doch von ihren ſtarken Klammern losgeriſſen werden. Das Beiliegen gewährt jedoch, ſo lange es möglich iſt, einen doppelten Vortheil, denn es bietet den ſtärkſten Theil des Schiffes dem Stoße der Wellen dar und hat noch außerdem das Gute, daß man ſo nahe als möglich die gewünſchte Richtung beibehalten kann. Freilich iſt es nur ein mittelmäßiger Nothbehelf, deſſen man ſich Sicher⸗ heitshalber bedient, wenn man nicht lenſen kann; auch muß man jedenfalls zu dem Letzteren übergehen, wenn ein Sturm ſo ſchwer iſt, daß das Beiliegen an ſich gefährlich wird. In nichts können die Eigenſchaften eines Schiffes ſo durchaus erprobt werden, als *+ S— 9ð„u n-;õ—— N d 4 3& ̈ 8 173 in der Art, wie es ſich in einer derartigen Schwierigkeit benimmt, wie denn auch ein tüchtiger Offizier ſeine Kenntniſſe nie triumphi⸗ render an den Tag legen kann, als wenn er Gelegenheit hat, zu zeigen, daß er im Stande iſt, das ungeheure Gewicht ſeines Schiffes in einer Weiſe zu leiten, welche es befähigt, ſeine Vollkommenheit kund zu geben. Ein derartiger Augenblick iſt deshalb eine Stunde der Prüfung ſowohl für den Kapitän, als für das Fahrzeug. Einem Landbewohner, der nichts von der See kennt, wird nichts leichter ſcheinen, als ein Schiff vor dem Winde laufen zu laſſen, mag die Gewalt des Windes ſeyn, welche ſie will. Seine Unwiſſenheit aber überſieht die meiſten Schwierigkeiten, und wir wollen den Gefahren, die ſich daran knüpfen, nicht vorgreifen, ſon⸗ dern ſie im regelmäßigen Lauf der Erzählung gehörigen Orts auf⸗ treten laſſen. Lange vor Mittag oder der erwähnten Stunde ſah Kapitän Truck voraus, daß er durch die Wellen, welche beſtändig über Bord ſchlugen, genöthigt werden dürfte, ſein Schiff vor den Wind zu bringen. Er verſchob jedoch dieſes Manöver bis auf den letzten Augenblick und hatte, wie er glaubte, genügende Gründe dafür. Je länger er das Schiff im Beiliegen erhielt, deſto weniger wich er von ſeinem Curſe nach New⸗York ab, und deſto größer war die Wahrſcheinlichkeit, heimlich und unbeobachtet dem Foam zu ent⸗ kommen, da das letztere, welches ſeine Stellung beſſer behauptete, den Montauk allmählig ins Lee trifften und deßhalb natürlich ſich weiter entfernen ließ. Aber die Kriſis wollte keine längere Zögerung geſtatten. Alle Matroſen wurden aufgeboten, das große Marsſegel nicht ohne be⸗ deutende Schwierigkeit aufgeholt, und dann ertheilte Kapitän Truck, obſchon nur ungerne, Befehl, das Beſahnſtagſegel zu ſtreichen, das Steuer hart aufzuſtellen und das Schiff vermittelſt der Raaen zu drehen. Dieß iſt, wie vorhin erwähnt wurde, jedesmal ein be⸗ denklicher Wechſel, denn das Schiff iſt den Verheerungen jeder un⸗ gewöhnlich großen Welle ausgeſetzt, wenn ſie, während es faſt re⸗ gungslos da liegt, mit voller Macht auf die Breitſeite ſtürzt. Um daher das erforderliche Manöver zu vollziehen, ſtieg Kapitän Truck um einige Webelinnen in das Focktackelwerk(er war ein zu ſcharfer Berechner, um in den Hinterwänden auch nur eine Oberfläche, ſo klein, wie die ſeines Körpers war, dem Winde preiszugeben) und blickte von da aus windwärts, ob nicht ein augenblickliches Ein⸗ Aullen ſtattfinde und der Ocean einen Moment biete, in welcher weniger als gewöhnlich große und gefährliche Wellen heranbrausten. Sobald der erſehnte Augenblick eintrat, gab er ein Zeichen mit der Hand, und das zuvor hart niedergedrückte Steuer wurde nun hart aufgehoben. Dies iſt ſtets ein athemloſer Moment in einem Schiffe, denn da Niemand den Erfolg vorauszuſehen im Stande iſt, ſo gleicht er dem Eintritt in die Schußweite einer feindlichen Batterie. Im Nu kann ein Dutzend Menſchen über Bord gefegt oder das Schiff ſelbſt auf die Seite geworfen ſeyn. John Effingham und Paul, die ein⸗ zigen auf dem Decke befindlichen Paſſagiere, begriffen die Gefahr und bewachten die leichteſten Wechſel mit dem Intereſſe von Män⸗ nern, die ſo viel auf dem Spiele ſtehen hatten. Anfangs ging die Bewegung des Schiffes mit einer Trägheit vor ſich, die in ſchlechtem Einklange mit dem Eifer der Mannſchaft ſtand. Dann hörte das Stoßen auf und das Fahrzeug ſtürzte mit Macht in den ungeheuren Wellentrog, als wollte es ſich nie wieder erheben. Der Sturz war ſo tief gegangen, daß das Fockſegel furchtbar anſchlug und Rumpf und Spieren vom Steven bis zum Sterne ſchütterten. Als es ſich mit der naͤchſten Welle wieder hob, glitt zum Glück der ſchäumende Kamm darunter hin, und die ſchlanken Stengen drehten ſich ſchwerfällig gegen den Wind. Wie übrigens der Montauk ſein Gleichgewicht wieder gewonnen hatte, ſtürzte er durch die Salz⸗ fluth dahin und drängte, als die nachfolgenden Roller herankamen, ſchnell vorwärts. Dennoch warf ihn die Welle auf die Seite und lls der ten ein Iz⸗ en, 175 drängte die ganze Maſſe ins Lee, die untern Ragenarme in den Ocean eintauchend. Tonnen Waſſers ergoßen ſich mit dem dumpfen Tone der Erdſcholle, welche auf einen Sarg fällt, auf das Deck. In dieſem großartigen Augenblick ſchrie der alte Jack Truck, welcher, triefend von der Sprüh, die über ihn hingewaſchen hatte, baaren Hauptes und mit glänzend naſſen grauen Haaren im Takelwerk ſtand, aus voller Bruſt: „Holt die Fockbraſſen ein, Jungen! Hinweg mit der Raa wie mit einem Fidelbogen!“ Es wurde aller Kraft aufgeboten. Nur ungerne gaben die Raaen, auf die eine faſt unwiderſtehliche Luftſäule drückte, langſam nach, und wie das Segel den Wind mehr ſenkrecht auffing, ſchleppte es den ungeheuren Rumpf mit einer Gewalt, ähnlich der einer Dampfmaſchine, durch die See. Ehe noch eine andere Welle zu folgen vermochte, ſchoß der Montauk mit wüthender Geſchwindig⸗ keit dahin, und obgleich die Windvierung noch von den Wellen be⸗ ſtrichen werden konnte, wurde doch ihre Gewalt durch die Ge⸗ ſchwindigkeit des Schiffes ſelbſt dermaßen gemindert, daß die Haupt⸗ gefahr gebrochen war. Die Bewegung des Schiffs wurde augenblicklich leicht, aber die Lage deſſelben konnte noch immer nicht gefahrlos genannt wer⸗ den. Nicht länger von den Wogen hin und her geſtoßen, ſondern mit ihnen dahin gleitend, fühlten ſich die Reiſenden nicht mehr ſo beläſtigt, und noch ehe zehn Minuten verfloſſen waren, befanden ſie ſich meiſt wieder auf dem Deck, um in freier Luft Erleichterung zu ſuchen. Unter dieſen war auch Eva, welche ſich auf den Arm ihres Vaters lehnte.. Die Scene war furchtbar, ließ ſich aber jetzt doch ohne per⸗ ſönliche Unbequemlichkeit betrachten. Die Gentlemen ſammelten ſich um die ſchöne, blaſſe Zuſchauerin des großartigen Anblicks, um ſich zu erkundigen, welche Wirkung der Sturm auf ihre zarte, an dergleichen Auftrite nicht gewöhnte Geſtalt geübt hatte. Sie er⸗ klärte, daß ſie der Eindruck des Augenblicks zwar mit ehrerbietiger Scheu, aber nicht mit Unruhe erfülle; denn man findet bei derar⸗ tigen Anläſſen Frauenzimmer, weil ſie an ein abhängiges Verhält⸗ niß gewohnt ſind, in der Regel weit weniger furchtſam, als die⸗ jenigen, die man um ihres Geſchlechtes willen für verantwort⸗ licher hält. „Mademoiſelle Viefville hat verſprochen mir zu folgen,“ ſagte ſie,„und da ich als Amerikanerin, ſo zu ſagen, für die See ge⸗ ſchaffen bin, ſo dürft ihr keine Ohnmachten oder auch nur Ver⸗ zuckungen von mir erwarten; bewahrt daher eure Theilnahme für die Pariſienne auf.“. Richtig kam auch bald nachher die Pariſienne mit erhobenen Händen und Augen, in welchen ſich Furcht, Staunen und Bewun⸗ derung ausdrückten, aus dem Compaßhäuschen. Ihre erſten Aus⸗ rufungen waren Laute des Schreckens; dann aber warf ſie einen wehmüthigen Blick auf Eva und brach in Tyränen aus. „Ah, ceci est décisif!“ rief ſie.„Wenn wir uns trennen, ſo iſt es für das ganze Leben.“ 3 „Dann unterlaſſen wir's lieber ganz und gar, meine theure Mademoiſelle. Ihr braucht blos in Amerika zu bleiben, um allen weiteren Unbequemlichkeiten des Meeres zu entgehen. Doch denkt nicht länger an die Gefahr, ſondern bewundert die Erhabenheit dieſes ſchrecklich ſchönen Panoramas.“ Wohl konnte Eva dieſen Anblick mit dieſem Ausdrucke be⸗ zeichnen. Die Gefahren, welche jetzt vermieden werden mußten, beſtanden in dem Beidrehen und in dem Ueberſtürzen des Schiffs. Es heißt zwar im Sprichwort, nichts ſey leichter, als vor dem Winde zu ſegeln; aber es gibt Zeiten, in welchen ein Sturm ſelbſt aus einer begünſtigenden Richtung bedrohlich wird, und dies wollen wir jetzt kürzlich auseinander ſetzen. Die Geſchwindigkeit des Waſſers, das vor einem Sturme da⸗ hin getrieben wird, iſt oft ſo groß, wie die des Schiffes, und in 177 dieſem Falle iſt das Steuer nutzlos, weil ſeine ganze Gewalt von der Thätigkeit eines ſich bewegenden Körpers gegen ein be⸗ ziehungweiſe ruhiges Element abhängt. Wenn ſich nun Schiff und Waſſer zumal, mit gleicher Geſchwindigkeit und in der nemlichen Richtung fortbewegen, ſo iſt natürlich die Wirkſamkeit des Steuers aufgehoben, und der Rumpf wird dahingetrieben, faſt ganz der Gewalt von Wind und Wellen preisgegeben. Dies iſt übrigens noch nicht Alles. Die Geſchwindigkeit der Wellen iſt oft grö⸗ ßer, als die des Schiffs, und dann äußert das Ruder vorüber⸗ gehend gerade die entgegengeſetzte Wirkung von der, welche von ihm verlangt wird. Allerdings iſt dieſe letztere Schwierigkeit ſtets nur von momentaner Dauer, da ſonſt die Lage des Seemanns hoffnungslos ſeyn würde; wiederholt ſich übrigens oft genug, und in ſo unregelmäßiger Weiſe, daß alle Berechnungen und Vorſichtsmaßregeln dadurch vereitelt werden. In dem gegenwär⸗ tigen Falle war die Geſchwindigkeit des Montauk ſo groß, daß er durch das Waſſer dahin zu fliegen ſchien, und wenn er in ſeinem Rennen durch eine wüthende Welle überholt wurde, ſo plumpte er ſchwerfällig in das Element nieder, gleich einem verwundeten Thiere, das, an ſeinem Entkommen verzweifelnd, hoffnungslos ins Gras niederſinkt und ſich in ſein Schickſal ergiebt. In ſolchen Augenblicken fegten die Wogenkämme gleich dem Dunſt in der At⸗ moſphäre an ihm vorbei, und ein ungewohntes Auge konnte wohl glauben, das Schiff ſtehe feſt, obſchon es in Wahrheit mit fürch⸗ terlicher Bedeutſamkeit unter der Waſſermaſſe dahinwirbelte. Es iſt daher kaum nöthig zu bemerken, daß der Proceß des Lenſſens die pünktlichſte Aufmerkſamkeit auf das Steuer erfor⸗ dert, weil ſich's darum handelt, den Rumpf ſchleunigſt wieder in die geeignete Richtung zu bringen, ſobald er durch die Gewalt der Wellen ſeitwärts geworfen wurde; denn abgeſehen davon, daß das Schiff im Waſſerkeſſel ſeinen Weg verlieren kann— an ſich ſchon eine große Gefahr, da es dadurch dem Angriff der nachfolgenden Wellen voll Die Heimkehr. 12 — 178 ausgeſetzt iſt— werden wenigſtens die Decken abgefegt, ſelbſt wenn es einem ernſtlicheren Unglücke entgehen ſollte. Das Ueberſtürzen iſt eine weitere Gefahr, die ebenfalls dem Lenſſen eigenthümlich iſt. Das Schiff wird dabei von den Wogen, vor denen es hinläuft, überholt, der Kamm derſelben durch den Wi⸗ derſtand gebrochen und über den Hackebord oder die Windvierung in Bord geworfen. Um dieſe Gefahr zu vermeiden führt das Schiff ſo lang als möglich Segel, denn man hält es für das größte Hülfsmittel beim Lenſſen, den Rumpf mit größtmöglicher Geſchwin⸗ digkeit durch das Waſſer zu zwängen. In Folge dieſer verwickelten Zufälligkeiten lenßt dasjenige Fahrzeug am beſten, welches am ſchnellſten ſegelt und am leichte⸗ ſten ſteuert. Es gibt jedoch eine Art von Geſchwindigkeit, die an ſich zu einer Quelle neuer Gefahr wird. So weiß man zum Bei⸗ ſpiel von ungemein ſcharf gebauten Schiffen, daß ſie ſich zu tief in die Wellenberge vorn eingezwängt haben; in ſolchen Fällen ſtürzt ſo viel Waſſer auf das Deck nieder, daß ſich das Fahrzeug nie wieder heben kann. Ein derartiges Schickſal trifft beſonders diejenigen, welche einen amerikaniſchen Klipper zu ſegeln verſuchen, ohne ſeine Eigenthümlichkeiten zu verſtehen. Von dieſer letzteren Gefahr jedoch hatte der keſſelbodige Montauk mit ſeinen vollen Bugen nichts zu befürchten; Kapitän Truck drückte aber ſeine Zwei⸗ fel aus, ob die Korvette ſich wohl erdreiſten werde, dem Kurſe, den er ſelbſt eingeſchlagen hatte, zu folgen. Der Thatbeſtand ſchien die Anſicht des Paketſchiffers zu be⸗ ſtätigen, denn als die Nacht einbrach, ließen ſich die Spieren des Foam nur noch ſchwach und wie Fäden eines Spinngewebes vor den hellen Streifen des Abendhimmels unterſcheiden. Einige Mi⸗ nuten ſpäter verſchwanden auch dieſe Linien, welche denen in einer Zauberlaterne glichen, vor den Augen der Ausluger auf den Maſten: denn vom Decke aus hatte man ſchon über eine Stunde nichts mehr davon geſehen. V 179 Die großartigen Schreckniſſe der Scene ſteiger ten ſich mit der Dunkelheit. Eva und ihre Begleiterin hielten ſich an dem Sturm⸗ häuschen feſt und beobachteten ſtundenlang das übernatürlich aus⸗ ſehende Licht, welches das ſchäumende Meer von ſich ſtrahlte und dem Schauſpiele einen ſchauervollen Reiz verlieh. Das Bewußt⸗ ſeyn der Gefahr erhöhte ſogar die Wonne; denn die Stimmung des Augenblicks war feierliche, großartige Erhebung, und die erſte Wache war ſchon eine Stunde aufgezogen, ehe die Geſellſchaft den Entſchluß faſſen konnte, ſich von dem herrlichen Schauſpiel des tobenden Meeres loszureißen. Zwölftes Kapitel. Touchstone. Warſt du jemals bei Hof, Schäfer? Chorie. Nein, gewiß nicht. Touchstone. Dann biſt du verdammt. Chorie. Will nicht hoffen—— Touchstone. In der That, du biſt verdammt, gleich einem ſchlecht ge⸗ röſteten Ei, das nur auf der einen Seite Glut hatte. Wie es euch gefällt. Die Paſſagiere waren zwar endlich in den Raum hinunterge⸗ gangen, aber Niemand dachte daran, ſein Lager aufzuſuchen. Einige ergingen ſich in gebrochenen, halbverſtändlichen Zwiegeſprächen, und einige machten den vergeblichen Verſuch, ſich durch Lektüre zu unterhalten; die Meiſten aber ſaßen da und ſahen ſich in ſtummer Beſorgniß an, denn der Wind heulte durch Spieren und Tackel⸗ werk oder brach ſich in wildem Getöſe in den Ecken und Bollwer⸗ ken des Schiffes. Eva ſaß auf einem Sopha ihres Gemachs, hatte ihr Haupt auf der Bruſt ihres Vaters ruhen und ſah ſtumm durch die offenen Thüren in die Vorderkajüte hinaus; denn Niemand ſchien zum Aufſuchen der Einſamkeit geneigt zu ſeyn, wenn es nicht etwa zum Zwecke eines ſtillen Gebetes geſchah. Selbſt Mr. Dodge hatte den nagenden Zahn des Neides, ſeine philanthropiſche, aus⸗ 180 ſchließliche Demokratie und— was vielleicht noch ſicherer ſeine wandelbaren Anſichten von den Dingen unter dem Monde verrieth— ſeine tiefe Verehrung vor dem Nange vergeſſen, welche er ſo leb⸗ haft in dem Verlangen, Sir George Templemores Freundſchaft zu kultiviren, bekundete. Was den Baronet ſelbſt betraf, ſo ſaß er, daß Geſicht mit ſeinen Händen bedeckt, an dem Kajütentiſche, und einmal hörte man ihn ſogar ein Bedauern ausdrücken, daß er je an Bord eines Schiffes gegangen war. Saunders unterbrach die düſtere Stille, die unter dieſer charac⸗ teriſtiſchen Geſellſchaft herrſchte, mit ſeinen Vorbereitungen zum Nachteſſen. Er deckte jedoch nur das eine Ende der Tafel, und ein einzelnes Couvert zeigte, daß Kapitän Truck diniren wollte, da er ſeit dem Frühſtück nichts zu ſich genommen hatte. Der auf⸗ merkſame Steward nahm ſorgfältig Bedacht auf die Lieblingsge⸗ richte ſeines Commandeurs, denn nicht oft bekommt man, was wenig⸗ ſtens die Quantität betrifft, einen beſſer beſtellten Tiſch zu ſehen, als derjenige war, welcher bei der erwähnten Gelegenheit beſchickt wurde. Außer dem gewöhnlichen Schinken und Maſtochſenfleiſch waren auch Ueberreſte von Enten, eingepöckelte Auſtern— ein Amerika faſt ausſchließlich eigenthümlicher Leckerbiſſen— eingemachte Oliven, Anchovis, Datteln, Feigen, Mandeln, Roſinen, kalte Kar⸗ toffeln und Puddinge vorhanden, die insgeſammt in einem einzi⸗ gen Gange aufgetragen und ſo auf dem Tiſche geordnet waren, daß Kapitän Truck mit ſeinem Arme Alles erreichen konnte; denn obgleich Saunders nicht ganz ohne Geſchmack war, kannte er doch die Eigenthümlichkeiten ſeines Oberen zu gut, um irgend ein we⸗ ſentliches Erforderniß zu verabſäumen, weßhalb er denn auch be⸗ ſondere Sorge getragen hatte, alle Gerichte in Radien außzuſtellen, die nach einem gemeinſamen Mittelpunkte führten— und dieſer Mittelpunkt war kein anderer, als der feſtgeſchraubte Armſtuhl, in welchem der Meiſter des Paketſchiffs gerne ſeine Mußeſtunden zu⸗ zubringen pflegte. 181 „Ihr werdet noch manche Fahrt zu machen haben, Mr. Toaſt,“ bedeutete der Steward mit Geziertheit ſeinem Untergebenen oder dem Stewardsmaten, wie man ihn bisweilen ſcherzhafter⸗ weiſe zu nennen pflegte,„ehe Ihr das Diner eines Gentlemen ſo pünktlich beſchicken könnt. Jede plat,“(Saunders hatte nemlich in der Havre Linie gedient und einige derartige Worte aufgefangen) „jede plat muß im Armbereich des convive ſeyn, namentlich wenn dieſer zufälligerweiſe Kapitän Truck iſt, welcher nichts weniger leiden kann, als wenn beim Tafeln eine Zögerung ſtattfindet. Was die entremets betrifft,— dieſe dürfen ſchon mit Salzfäßchen und Senftöpfchen untermengt ſtehen, ſo daß ſte mit Leichtigkeit an ihre geeignete Plätze kommen können.“ „Ich weiß nicht, was ein entremet iſt,“ entgegnete der Unter⸗ geordnete,„und es wäre mir gar lieb, Sir, wenn ich meine Auf⸗ träge in einem Engliſch erhielte, das ein Gentleman auch ver⸗ ſtehen kann.“ „Ein entremet, Mr. Toaſt, iſt ein Biſſen, der zwiſchen die Hauptgerichte hineingeſtellt wird. Nehmen wir an, ein Gentleman beginne mit Schweinfleiſch; wenn er nun genug davon gegeſſen hat, ſo möchte er ein Bischen Grog oder ein Glas Porter haben, ehe er das Ochſenfleiſch anſchneidet. Waͤhrend ich nun den erſte⸗ ren miſche oder den Stöpſel ziehe, erfriſcht er ſich mit einem entremet— einem Entenflügel zum Beiſpiel, oder vielleicht einem Tellerchen mit eingeſalzten Auſtern. Ihr müßt wiſſen, daß es gar verſchiedene Paſſagiere giebt; die einen ſitzen hin, eſſen und machen ſich luſtig von der Stunde der Ausfahrt bis zum Anlangen im Ha⸗ fen, während andere, mocht ich ſagen, den Ocean ſentimental nehmen.“ „Sentimental, Sir? Denk wohl, das ſind diejenigen, welche ſich des Beckens ungewöoͤhnlich oft bedienen?“ 1 „Dieß hängt vom Wetter ab. Ich habe ſchon Perſonen ge⸗ kannt, die in einer ganzen Woche nicht ſo viel zu ſich nahmen, um eine einzige Tafel ſchön damit beſchicken zu können; ſo⸗ 182 bald ſie ſich aber geneſen fühlten, war es eigentlich entſetzlich, wie ſie drauf los aßen. Auch macht es einen großen Unterſchied aus, ob ſich die Paſſagiere gut in einander ſchicken können, denn angenehme Gefühle machen guten Appetit. Verliebte ſind ſtets wohlfeile Paſſagiere.“ „Dies iſt außerodentlich, denn ich habe ſtets geglaubt, ſie ſeien ſchwer mit etwas Anderem, als mit ſich ſelbſt zufrieden zu ſtellen.“ „Ihr habt Euch nie in einem größeren Irrthume befunden, denn ich bin ſelbſt Zeuge geweſen, wie einmal ein Verliebter eine ſüße Kartoffel nicht von einer Zwiebel und einen Diillichſack nicht von einem alten Weibe unterſcheiden konnte. Aber von allen Paſſa⸗ gieren ſind mir die Muſterkartenreiter und Hauſirer am meiſten zuwider. Dieſe Kerle würden, wenn es der Kapitän erlaubte, die ganze Nacht über auffitzen und den nächſten Tag im Bette liegen bleiben, dabei aber an einem fort in ihren Berths trinken. Nun, diesmal haben wir ein ſchmiegſames Häuflein beiſammen, und im Ganzen iſt es eigentlich eine Herablaſſung und ein Vergnügen, ihnen aufzuwarten.“ „Na, ich denke, Mr. Saunders, ſie ſind doch nicht ſo gleich, daß ſie es nicht noch mehr ſeyn könnten.“ „Nicht mehr, als Wildpret und Schweinefleiſch— vollkommen richtig, Sir, denn dieſe Kajüte iſt ein wahrer Lobklos, was Be⸗ nehmen und Character betrifft. Ganz oben an ſetze ich die Effing⸗ hams oder rechne ſie als A. Nummer Eins, wie Mr. Leach das Schiff nennt, und dann ſind auch Mr. Sharp und Mr. Blunt ganz artige Gentlemen. Nichts iſt leichter, Mr. Toaſt, als zu ſagen, wer ein Gentleman iſt; und da Ihr eine neue Profeſſion ange⸗ fangen habt, in der es Euch, wie ich um der Ehre der Farbe wil⸗ len hoffe, gut ergehen wird, ſo könnt Ihr Euch wohl die Zeit nehmen, zu erfahren, wie dies zugeht, namentlich, da Ihr von einem Paſſagiere, der nicht ein ächter Gentleman iſt, nie viel weiter 183 erwarten dürft, ais Schererei. Da iſt namentlich Mr. John Ef⸗ fingham— ſein Bedienter ſagt, er laſſe ſich nie Geld herausgeben, und wenn ihm am Rock ein Aermel nicht recht iſt, kommt er auf der Stelle in die alte Garderobe.“ „Na, es muß eine Freude ſeyn, einem ſolchen Herren zu die⸗ nen. Mr. Dodge aber, glaube ich, Sir, iſt ein ſcharfer Patron.“ „Euer Geſchmack fängt an bemerklich zu werden, Toaſt, und wenn Ihr ihn gehörig ausbildet, ſo werdet Ihr bald erſtaunlich viel Menſchenkenntniß gewinnen. Mr. Dodge iſt, wie Ihr ganz richtig andeutet, nicht ſehr fein gebildet oder ſonderlich geeignet, in einer gentilen Geſellſchaft Figur zu machen.“ „Und doch ſcheint er viel auf Geſellſchaften zu halten, Mr. Saunders, denn er hat ſeit unſerer Ausfahrt ſchon fünf oder ſechs bilden wollen.“. „Sehr wahr, Sir; aber nicht jede Geſellſchaft iſt gentil. Wenn wir nach New⸗York zurückkommen, muß ich dafür ſorgen, daß Ihr unter einen beſſeren Schlag kommt, als derjenige war, in welchem Ihr Euch bei unſerer Ausfahrt umtriebt. Frellich paßt Ihr noch nicht für unſern Zirkel, der ganz concluſiv iſt; aber Ihr könnt Euch dazu erheben. Mr. Dodge hat mit mir Wahlgeſchich⸗ ten durchmachen wollen, um zu ſehen, ob wir nicht unter den Zwiſchendeckpaſſagieren eine Geſellſchaft zur Enthaltſamkeit von geiſti⸗ gen Getränken und eine andere für Fortpflanzung der Moral und der religiöſen Grundſätze unſrer Vorväter erfinden können. Was das erſte betrifft, Toaſt, ſo ſagte ich ihm, es ſei unerträglich genug, in einem Loch eingeſperrt zu ſeyn, wie das Zwiſchendeck— man brauche daher nicht das Bischen Tröſtung auszuſchließen, das man einem guten Schlückchen verdankt; und hinſichtlich des zweiten er⸗ klärte ich ihm, ſein Vorſchlag ſcheine mir einen Angriff auf die Gewiſſensfreiheit zu enthalten.“ „Da habt Ihr's ihm ſchön heimgegeben, Sir,“ entgegnete der Stewardsmate lachend, oder vielmehr kichernd, denn dieſer 184 Ausdruck dürfte wohl am beſten auf die Art, wie er ſich in Heiter⸗ keit erging, paſſen,„und ich hätte nur mitanſehen mögen, wie ver⸗ dutzt er daſtand. Es kömmt mir vor, Mr. Saunders, Mr. Dodge wolle ſeine Geſellſchaft zu Unterſtützung der Freiheit und der Reli⸗ gion nur deshalb aufbringen, um über beide mit ſeinen eigenen Erfindungen den Meiſter ſpielen zu können.“ Saunders legte ſeinen langen, gelben Finger auf die breite, flache Naſe ſeines Gefährten und erwiederte mit der Miene bei⸗ fälliger Zuſtimmung: „Toaſt, Ihr habt ſeinen Character ſo gut getroffen, wie ich hier mit meinem Finger Eure roͤmiſche Naſe. Er iſt ein Mann, ganz geeignet, um unter dem gemeinen Volk und den Iriſchern Proſelyten zu machen“— die hyberniſchen Bauern und die ame⸗ rikaniſchen Neger ſind geſchworene Feinde—„aber er paßt durch⸗ aus für nichts, was achtbar oder anſtändig iſt. Geſchähe es nicht um des Sir George willen, ſo würde ich mich kaum herablaſſen, ſein Staatsgemach zu reinigen.“ „Was ſind Eure Anſichten in Betreff des Sir George, Mr. Saunders?“ „Was ſoll ich ſagen? Sir George iſt ein Gentleman, der einen Titel hat, und darf daher natürlich nicht allzu ſcharf beur⸗ theilt werden. Er hat mich bereits mit einem Sovereign bekom⸗ plimentirt und mir ſeine Abſicht angedeutet, daß es ihm auch auf ein weiteres nicht ankomme, wenn wir unſern Hafen erreichen.“ „Es nimmt mich gewaltig Wunder, daß ein ſolcher Gentleman verabſäumen konnte, ſich ein Staatsſtüblein apart für ſeine eigene Bequemlichkeit zu miethen.“ „Sir George hat mir Alles dies in einem Geſpräch ausein⸗ andergeſetzt, das wir bald nach dem Beginne unſrer Bekanntſchaft in ſeinem Gemache abhielten. Er geht in einer Staatsangelegen⸗ heit nach Canada und hatte zur Einſchiffung nur eine Stunde Zeit. Für ein beſonderes Zimmer war er zu ſpät gekommen, und ſein —— — 185 Bedienter folgt ihm mit den übrigen Effekten im nächſten Schiffe nach. Oh! Sir George kann mit allem Fug unter die achtbaren und liberalifirten Leute gezählt werden, obſchon vielleicht eine Menge von Umſtänden zuſammengewirkt haben, ihn in einem weniger glimpf⸗ lichen Lichte erſcheinen zu laſſen.“ Nach dieſer Belehrung, in welcher Mr. Saunders ſein Wörterbuch eifrig in Anſpruch genommen hatte, meinte Toaſt, daß ſo viele Umſtände wohl geeignet ſeyn möchten, auch einen beſſeren Mann in die Klemme zu bringen. Er dachte eine Weile nach oder erging ſich wenigſtens in einer Operation, deren Ausdruck in ſeinem kreisrunden glänzen⸗ den Geſicht für Nachdenken gedeutet werden konnte, und ſagte ſodann: „Es will mir vorkommen, Mr. Saunders, daß die Effinghams ſich nicht ſonderlich mit Sir George einlaſſen mögen.“ Saunders blickte zur Speiſekammerthüre hinaus, um zu re⸗ cognoſciren; als er aber fand, daß noch immer allenthalben die vorerwähnte nüchterne Ruhe herrſchte, ſo öffnete er ein Schubfach und zog eine Londoner Zeitung heraus. „Um Euch mit dem Vertrauen zu behandeln, das einem Gent⸗ leman in einer ſo achtbaren und verantwortlichen Stellung gebührt, wie Ihr ſie einnehmt, Mr. Toaſt,“ ſagte er,—„es hat ſich geſtern in meiner Anweſenheit ein kleines Ereigniß verlauten laſſen, das mir merkwürdig genug vorkam, um mich zum Aufheben dieſer Zeitung zu bewegen. Mr. Sharp und Sir George waren zufällig allein in der Kajüte beiſammen, und der Erſtere, wie ich alsbald merkte, Toaſt, hatte Luſt, dem Letzteren ein Bischen von ſeinem Hochmuth zu benehmen, denn Ihr werdet wahrgenommen haben, daß zwiſchen den Effinghams, Mr. Blunt, Mr. Sharp und dem Ba⸗ ronet noch nie eine Unterhaltung ſtattfand. Um nun ſo zu ſagen ſeinem Hochmuth das Eis zu brechen, fängt Sir George an: ‚in der That, Mr. Sharp, die Zeitungen kümmern ſich ſo genau um perſönliche Verhältniſſe, daß man nicht einmal auf's Land hinaus kann, um ein Bischen friſche Luft zu ſchöpfen, ohne daß ſie es be⸗ richten. Ich meinte, keine Seele wiſſe von meiner Abreiſe nach Amerika, und doch ſeht Ihr ſie mit mehr Einzelnheiten berührt, als mir lieb iſt.- Zum Schluſſe gab Sir George Mr. Sharp dieſe Zeitung und zeigte ihm den Abſchnitt hier. Mr. Sharp las ihn, legte das Blatt nieder, und erwiederte kalt: ‚es iſt ganz erſtaun⸗ lich, Sir; aber Unverſchämtheit iſt ein allgemeiner Fehler des Zeit⸗ alters.“ Und dann verließ er die Kajüte. Sir George war ſo ärgerlich, daß er in ſein Staatsgemach ging und die Zeitung ver⸗ gaß; ſie ſiel daher— Ihr wißt Toaſt,— einem Grundſatz zufolge, der im Vattel vorkommt, dem Steward zu.“ Die beiden Ehrenmänner ergingen ſich nun auf Koſten ihres Befehlshabers in gedämpfter Heiterkeit; denn obſchon Mr. Saun⸗ ders im Allgemeinen ein ſehr gravitätiſcher Mann war, ſo konnte er gelegentlich doch auch lachen und tanzte namentlich ausgezeichnet gut— wenigſtens ſeiner eigenen Meinung nach. „Wollt Ihr nicht den Abſchnitt leſen, Mr. Toaſt?“ „Ganz unnöthig, Sir; Euer Bericht darüber wird mir voll⸗ kommen leſerlich und befriedigend ſeyn.“ Durch dieſen höflichen Winkelzug erſparte ſich Mr. Toaſt, welcher von der Kunſt des Leſens ungefähr eben ſo viel verſtand, als ein Affe von der Mathematik, die Widerwärtigkeit, eingeſtehen zu müſſen, in welcher ſorgloſen Weiſe er früher die Gelegenheit, etwas zu lernen, verabſäumt hatte. Zum Glück hatte Mr. Saun⸗ ders, der als Dienſtmann in der Familie eines Gentleman erzogen worden war, ſeine Jugend beſſer benützt, und da er ſich auf ſein Wiſſen viel einbildete, ſo fand er ein beſonderes Wohlgefallen daran, es bei jeder Gelegenheit zur Schau zu ſtellen. Er ſuchte daher den betreffenden Abſchnitt auf und begann ſeine Vorleſung in jener Art belehrenden Tones und geſuchten Manier, womit Gen⸗ klemen, welche erſt nach Dreißig die Anmuthigen zu ſpielen be⸗ ginnen, ihre Complimente zu machen pflegen: 187 „Wie wir hören, iſt Sir George Templemore ‚Baronet und Parlaments⸗Mitglied für Boodleighe, im Begriff, unſre amerikaniſchen Colonien in der Abſicht zu beſuchen, mit der Bedeutung der mißliebigen Fragen, welche eben jetzt dort ſo viel Aufregung verurſachen, ſich genauer bekannt zu machen und nach ſeiner Rückkehr die Sache in den Debatten des Unterhauſes zur Sprache zu bringen. Wir glauben, Sir Ge⸗ orge wird am erſten mit dem Paketboote, das von Liverpool abgeht, ausſegeln und zeitig genug wieder zurückkehren, um nach den Oſterferien ſeinen Sitz im Parlament einnehmen zu können. Seine Dienerſchaft und ſein Gepäcke ging geſtern mit der Liverpooler Kutſche von London ab. Waͤhrend der Abweſenheit des Baronets wird Sir Gervaiſe de Brush den Jagdbezirk übernehmen, dagegen aber der Haushalt zu Tem⸗ plemore⸗Hall eingeſtellt ſeyn.“ „Aber wie kam Sir George hieher?“ lautete jetzt ganz natür⸗ lich Mr. Toaſt's Frage. „Da er zu lang in London aufgehalten wurde, ſo war er ge⸗ nöthigt, ſich unſres Schiffes zu bedienen oder zurückzubleiben. Die Paſſagiere ſaͤumen oft eben ſo lange, Mr. Toaſt, wie die Matroſen. Ich habe mich oft gewundert, wie Gentlemen und Ladies ſo gerne auf ſich warten laſſen, ſo daß die Speiſen oft ganz ſchaal und un⸗ ſchmackhaft werden, während man ſie doch warm genießen ſollte.“ „Saunders!“ rief die kräftige Stimme des Kapitäns, der jetzt von ſeinem ſogenannten Throne in der Kajüte Beſitz genommen hatte. Die ganze elegante Ausdrucksweiſe und der vornehme Anſtrich des Steward verſchwanden mit einemmale bei dem wohlbekannten Tone; er ſteckte den Kopf zu der Speiſekammerthür hinaus und gab die auf jeden Ruf ſchiffsgerechte Antwort: „Ja, ja, Sir.“ „Laßt Euer Woͤrterbuch nur in der Speiſekammer dort und 188 zeigt Eure Phyſiognomie in meiner Gegenwart. Zum Teufel, was würde wohl Vattel zu einem Nachteſſen wie dieſes hier ſagen?“ „Ich denke, Sir, er würde es für ein Schiff in einer harten Bö ein ſehr gutes Nachteſſen nennen. Dies iſt meine ehrliche Mei⸗ nung, Kapitän Truck, und ich täuſche nie einen Gentleman in Sachen der Verköſtigung. Schätze wohl, Mr. Vattel würde dem Nachteſſen da Beifall ſchenken, Sir.“ „Kann ſeyn, denn er hat wohl eben ſo gut, als andere Leute Dummheiten gemacht. Geht und miſcht mir ein Glas, juſt ſo, wie ich's liebe, wenn ich den ganzen Tag keinen Tropfen gehabt habe. Gentlemen, will vielleicht einer von euch mir die Ehre erweiſen, bei einer Schnitte mitzuhalten? Dieſes Ochſenfleiſch iſt nicht ſchlecht, und hier haben wir, was Schinken betrifft, einen wahren Mary⸗ lander. Kein Mangel an Werg, um die Ritzen zu verſtopfen.“ Den Gentlemen hatte jedoch der Sturm allen Appetit verdorben, und außerdem befanden ſie ſich nicht in der Lage des Kapitaͤn Truck, welcher ſeit dem Morgen nichts genoſſen hatte. Nur Mr. Monday, der Muſterkartenreiter, wie ihn John Effingham genannt hatte, welcher ſchon oft genug zur See geweſen war, um mit ihren Wech⸗ ſelfällen vertraut zu ſeyn, ließ ſich ein Glas Grog als bonne bouche nach dem Madeira, den er zu ſich genommen hatte, ge⸗ fallen. Kapitän Truck's Eßluſt kehrte ſich übrigens wenig an den Zuſtand des Wetters; denn obgleich der Ehrenmann zu aufmerkſam auf ſeine Obliegenheiten war, um das Deck zu verlaſſen, bevor er ſich überzeugt hatte, daß die Angelegenheiten gut von Statten gingen, machte er ſich doch, nachdem er ſeinen Sinn einmal auf's Eſſen geſetzt hatte, ſo wohlgemuth an ſein Mahl, daß man wohl ſah, wie wenig er bei ſcharf nagendem Hunger auf Förmlichkeiten hielt. Eine Zeit lang war er zu ſehr beſchäftigt, um ſprechen zu können, und machte regelmäßige An⸗ griffe auf die verſchiedenen Plats, wie ſie Mr. Saunders nannte, ohne ſonderlich auf das Material oder die Kunſt des Koches zu ——„—, 189 achten. Nur hin und wieder hielt er inne, um zu trinken, was jedesmal mit ſo großem Eifer geſchah, daß nicht ein Tropfen im Glaſe zurückblieb. Gleichwohl war Mr. Truck ein mäßiger Mann, denn er genoß nie mehr, als ſeine phyfiſchen Bedürfniſſe zu fordern ſchienen oder ſeine gute Conſtitution ertragen konnte. Endlich kam er jedoch an die Entremets des Stewards und begann, was er „Werg“ nannte, in die Ritzen ſeines Diners zu ſtopfen. Mr. Sharp hatte nebſt Eva dieſem ganzen Manöver von der Damenkajüte aus zugeſehen, und da er jetzt die Zeit für günſtig hielt, ſich über den Zuſtand der Dinge auf dem Deck zu erkun⸗ digen, ſo kam er, von ſeiner ſchönen Gefährtin beauftragt, in die Hauptkajüte heraus, um die betreffende Frage zu ſtellen. „Die Damen wünſchen zu wiſſen, wo wir ſind und wie es mit dem Sturme ſteht, Kapitän Truck,“ begann er, in der Nähe des Thrones Platz genommen hatte. „Meine theure Lady,“ rief der Kapitän, um die Diplomatik einer Geſandtſchaftsmiſſion unter ſeinen Paſſagieren kurzweg abzu⸗ ſchneiden,„ich wünſche von Herzen, daß ich Euch und Mademoiſelle Viefville überreden könnte, ein wenig von dieſen eingepöckelten Auſtern zu koſten; ſte ſind ſo fein, wie Ihr ſelbſt, und in jeder Hin⸗ ſicht würdig, einer Meerfee vorgeſetzt zu werden, wenn es ein der⸗ artiges Ding gäbe.“ „Ich danke Euch für das Compliment, Kapitän Truck; aber während ich mir die Freiheit nehme, es abzulehnen, ſtelle ich die Bitte, Euch an den Bevollmächtigten zu wenden, welchen Made⸗ moiſelle Viefville“— Eva wollte ſich ſelbſt dabei nicht berüͤhren —„von ihren Wünſchen unterrichtet hat.“ „Ihr begreift alſo wohl, Sir,“ nahm Mr. Sharp wieder das Wort,„daß Ihr allen Grundſätzen gemäß, welche Vattel aufſtellte, mit mir zu traktiren habt.“ „Und Euch zu traktiren obendrein, mein guter Sir. Laßt Euch überreden, ein Schnittchen von dieſem Antiabolitioniſten zu nachdem er koſten,“— er ſteckte ſein Meſſer in den Schinken, den er noch immer mit einer Art melancholiſcher Theilnahme zu betrachten fort⸗ fuhr—„nicht? Nun, das allzuviele Zureden iſt faſt ebenſo ſchlimm, als gänzliche Vernachläßigung. Uebrigens bin ich mit Saunders überzeugt, Sir, daß Vattel ſelbſt, wenn er in Betreff ſeiner Koſt nicht unverſtändiger iſt, als in Staatsangelegenheiten, ſich zwanzig Minuten nach der Mahlzeit weit glücklicher fühlen muß, als ehe er ſich dazu niedergeſetzt hat.“ Da Mr. ESharp bemerkte, es führe zu nichts, auf ſeiner Frage zu beharren, ſo lange der Andere in einer ſeiner redſeligen Launen war, ſo beſchloß er, die Dinge ihren Gang nehmen zu laſſen und auf des Kapitäns Weiſe einzugehen. „Wenn Vattel der Mahlzeit ſeinen Beifall zollte, ſo würden nur wenige Menſchen Urſache haben, ſich über das Geſchick zu be⸗ klagen, welches ſie ſo gut verſorgt hat.“ „Ich ſchmeichle mir, Sir, daß ich mich, namentlich in einer Bö, ſo gut auf ein Souper verſtehe, als Vattel oder irgend ein anderer Mann.“ „Und doch war Vattel einer der gefeiertſten Köche ſeiner Zeit.“ Kapitän Truck machte große Augen und ſah ſeinem ganz ernſt⸗ haft daſitzenden Geſellſchafter voll in's Geſicht; denn er liebte ſelbſt zuſehr eine kleine Neckerei, um nicht Andere gleichfalls in Verdacht zu ziehen, und ſtocherte daher mit verdoppelter Wachſamkeit ſeine Zäahne aus. „Vattel ein Koch? Davon höore ich wahrhaftig zum erſtenmale.“ „Es gab in früherer Zeit einen Vattel, der an der Spitze ſeiner ganzen Kunſtgenoſſenſchaft ſtand— dies kann ich Euch auf Ehre verſichern. Ich will übrigens nicht behaupten, daß es gerade Euer Vattel iſt.“ „Sir, es hat nie zwei Vattels gegeben. Dies iſt mir eine ganz außerordentliche Neuigkeit, und ich weiß kaum, wie ich ſie aufnehmen ſoll.“ 191 „Wenn Ihr meine Angabe bezweifelt, ſo könnt Ihr jeden der übrigen Paſſagiere darum befragen. Sowohl die Herren Effingham als Mr. Blunt, Miß Effingham oder Mademoiſelle Viefville werden das, was ich Euch ſagte, beſtätigen— namentlich die Letztere, da er ihr Landsmann war.“ Kapitän Truck begann wieder Werg hineinzuſtopfen, denn Mr. Sharp's ruhiges Geſicht that Wirkung; und da er über die Folgen nachdachte, wenn ſich ſein Orakel als Koch ausweiſen ſollte, ſo hielt er es für gerathen, gewiſſermaßen nebenbei zu eſſen. Nach⸗ dem er ein Dutzend Oliven, ſechs oder acht Anchovis, eben ſo viel eingepöckelte Auſtern, Mandeln und Roſinen aber à volonté— wie es in den Ankündigungen heißt— hinuntergearbeitet hatte, ſchlug er plötzlich mit der Fauſt auf den Tiſch und kündigte ſeine Abſicht an, die Frage den beiden Damen vorzulegen. „Meine theure junge Lady,“ rief er aus,„wollt Ihr die Güte haben, mir zu ſagen, ob Ihr je von einem Koch Namens Vattel gehört habt?“ Eva lachte, und ihre ſüßen Toͤne waren anſteckend, ſogar in Mitte des heulenden Sturmes, der ſich in den Kajüten wie eine Baßbegleitung oder das ferne Brauſen eines Waſſer falls zu dem Geſange der Vögel ausnahm. „Allerdings, Kapitän,“ antwortete ſie.„Mr. Vattel war nicht nur ein Koch, ſondern auch der berühmteſte Koch, von dem man weiß— wenn auch nicht um ſeiner Geſchicklichkeit, ſo doch um ſeines Ehrgefühls willen.“ „Ich zweifle nicht, daß der Mann ſein Geſchäft gut verſah, mag er Hand angelegt haben, wo er will. Und er war ein Lands⸗ mann von Euch, wie ich höre, Mademoiſelle?“ „Assurément, Monſieur Vattel hat mehr ausgezeichnete Sou⸗ venirs hinterlaſſen, als irgend ein anderer Koch en France.“ Kapitän Truck wandte ſich raſch an den aufgeblähten und ſtaunenden Saunders, der ſeine eigene Herrlichkeit durch dieſe wich⸗ tige Entdeckung ſehr erhöht ſah, und ſagte in der kurzen Weiſe, in welcher er das Oberhaupt der Speiſekammer anzureden pflegte: „Höort Ihr dies, Sir? Seht zu und macht mir ausfindig, worin ſte beſtehen. Sobald wir in den Hafen kommen, müßt Ihr mir ein Gericht von dieſen Souvenirs vorſetzen. Ich denke, ſie werden auf dem Fultoner Markt wohl zu haben ſeyn, und vergeßt nicht, wenn Ihr dort ſeyd, nach einigen Zungen und Blackfiſchen zu ſehen. In Ermanglung derſelben habe ich heute nur ein halbes Nachteſſen gehabt. Ich kann mir denken, daß dieſe Souvenirs eine Kapitalkoſt ſeyn mußten, wenn Monſieur Vattel ſo hohe Stücke auf ſie hielt. Bitte, Mademoiſelle, iſt der Gentleman todt?“ „Hélas, oui! wie hätte er auch leben können mit einem Degen durch den Leib?“ „Ha! Natürlich in einem Duell umgekommen— und wenn man der Sache auf den Grund geht, wird ſich herausſtellen, daß er im Kampfe für ſeine Grundſätze ſtarb. Ich werde fortan dop⸗ pelten Reſpekt vor ſeinen Anſichten haben, denn dies iſt der Pro⸗ bierſtein von der Ehrlichkeit eines Mannes. Mr. Sharp, ein Glas Geiſſenheimer ſeinem Andenken— wir haben vielleicht ſchon man⸗ chem weniger würdigen Manne dieſe Ehre angethan.“ Der Kapitän füllte die Gläſer, aber in demſelben Augenblicke erſchütterte ein Sturz von mehreren Tonnen Waſſer auf das Deck das ganze Schiff. Einer der Paſſagiere im Sturmhäuschen öffnete die Thüre, um nach der Urſache zu ſehen, und der Ton des ziſchen⸗ den Waſſers nebſt dem Brüllen des Windes ließ ſich nun friſcher und beſtimmter in den Kajüten vernehmen. Mr. Truck blickte nach dem Tell⸗Tale zu ſeinen Häupten, um ſich von dem Kurſe des Schiffs zu überzeugen, hielt einen Augenblick inne und goß dann ſeinen Wein hinunter. „Dieſer Wink erinnert mich an meine Sendung,“ nahm Mr. Sharp auf's Neue das Wort.„Die Damen wünſchen Eure An⸗ ſicht üͤber den Zuſtand des Wetters zu erfahren.“ 193 „Ich bin ihnen eine Antwort ſchuldig, wäre es auch nur zum Dank für den Wink über Vattel. Wer zum Teufel hätte auch glauben ſollen, daß der Mann je ein Koch war! Aber die Fran⸗ zoſen ſind nicht wie andere Leute, und die halbe Nation beſteht aus Köchen oder lebt in einer oder der andern Weiſe von dem Eſſen, das andere Leute zu ſich nehmen.“ „Sie ſind noch obendrein ſehr gute Köche, Monsieur le Ca- pitain,“ bemerkte Mademoiſelle Viefpville.„Monſieur Vattel ſtarb für die Ehre ſeiner Kunſt, denn er ſtürzte ſich in ſeinen eigenen Degen, weil die Fiſche nicht zeitig genug für das Diner des Kö⸗ nigs angekommen waren.“ Kapitän Truck machte eine verdutztere Miene, als je; dann wandte er ſich raſch gegen den Steward um, ſchüttelte den Kopf und rief: „Hört Ihr dies, Sir? Wie oft hättet Ihr ſchon ſterben müſſen, wenn Euch jedesmal, ſo oft die Fiſche vergeſſen waren, oder zu ſpät kamen, ein Degen durch den Leib gerannt worden wäre! Einmal wenigſtens hätte Euch ſicherer Tod geblüht, von wegen der Zungen und Blackfiſche.“ „Aber das Wetter?“ unterbrach ihn Mr. Sharp. „Das Wetter, mein theurer Sir? Das Wetter, meine theure Damen, iſt ein ſehr gutes Wetter, mit Ausnahme des Winds und der Wellen, von denen beiden wir unglücklicherweiſe eben jetzt mehr haben, als wir brauchen. Das Schiff muß lenſſen, und da wir wie ein Rennpferd dahingehen, ohne uns Athem zu gönnen, ſo können wir die canariſchen Inſeln zu Geſicht kriegen, noch ehe unſere Fahrt vorüber iſt. Gefahr hat es mit dem Schiffe nicht, ſo lange wir uns klar von dem Lande abhalten können, und damit dies ordnungsmäßig geſchehe, will ich mich jetzt in mein Staats⸗ gemach begeben und ausfindig machen, wo wir im gegenwärtigen Augenblicke ſind.“ Auf dieſe Auskunft hin zogen ſich die Paſſagiere für die Nacht Die Heimkehr. 13 194 in ihre Gemächer zurück und Kapitän Truck ging eifrig an ſeine Arbeit. Das Ergebniß ſeiner Berechnungen zeigte, daß ſie weſt⸗ lich von Madeira vorüberkommen mußten, und dies war Alles, um was er ſich für den Augenblick kümmerte, da er ſtets die Abſicht hatte, bei erſter Gelegenheit zu ſeinem Kurſe aufzuholen. Dreizehntes Kapitel. Zwei Wünſche doch wird mir mein Geſchick gewähren— Noch einen Streifzug durch die Welt und dann Ein friedlich Hüttchen mir und dir. Byron. Eva Effingham ſchlief nur wenig; denn obgleich die Bewe⸗ gung des Schiffes, ſo lang es noch mit Gegenwind kämpfte, weit ſtärker und beläſtigender geweſen war, hatte ſich doch der unge⸗ ſtüme Zwiſt der Elemente nie in ſo gewaltigen Zügen geäußert, wie in dieſem Sturme. Auf ihrem Lager war ihr Ohr nur durch einen fußbreiten Raum von den tobenden Gewäſſern draußen geſchieden, und ſie zitterte, als ſie das Gurgeln ſo beſtimmt hörte, wie wenn die Wellen bereits durch die Plankenfugen hereinbrächen und das Schiff füllten. Sie konnte daher lange Zeit nicht ſchlafen und lag zwei Stunden lang mit geſchloſſenen Augen da, entzückt, aber doch mit klopfendem Herzen dem furchtbaren Ringen zuhörend, das über den Ocean hintobte. Die Nacht bot keine Ruhe, denn das Ge⸗ töſe von Wind und Waſſer machte unabläßig fort, obſchon es durch die Decken und Schiffswände ein wenig gedämpft wurde; und wenn ſich hin und wieder eine Thüre aufthat, war es, als dränge der ganze Tumult in die Kajüte herein. In ſolchen Augenblicken ge⸗ wannen die Töne eine furchtbare Großartigkeit; denn ſelbſt das Rufen des Offiziers kam dem Ohr wie ein warnender Schrei aus der Tiefe vor. Endlich verſank Eva, ſogar durch ihre Beſorgniſſe erſchöͤpft, . 195 in einen unruhigen Halbſchlaf, in welchem das Gebrülle des Sturms nie ganz für ihren Gehörſinn verloren ging. Um Mitternacht traf der Strahl eines Kerzenlichtes ihre Augen, und ſie war im Nu hell wach. Als ſie ſich in ihrem Bette aufrichtete, fand ſte, daß Nanny Sidley, welche ihren kindlichen Schlummer ſo oft und ſo lange bewacht hatte, an ihrer Seite ſtand und ihr ängſtlich in's Ge⸗ ſicht ſah. 2 „Dies iſt eine ſchreckliche Nacht, Miß Eva,“ begann die ge⸗ ängſtigte Dienerin in halbem Flüſtern.„Ich konnte nicht ſchlafen, weil ich ſtets an Euch und an das denken mußte, was auf dieſem weiten Gewäſſer noch vorfallen mag.“ „Und warum beſonders an mich, meine gute Nanny?“ ent⸗ gegnete Eva, ihrer alten Wärterin ſo ſüß zulächelnd, wie ein Kind in Augenblicken der Innigkeit und des Erinnerns.„Warum ſo viel an mich, meine treffliche Anna? Gibt es nicht noch Andere, die Eurer Sorge gleichfalls würdig ſind? Da iſt mein theurer Vater — Ihr ſelbſt— Mademoiſelle Viefville— Vetter Jack— und —“ das warme Roth vertiefte ſich auf der Wange des ſchönen Mädchens, obſchon ſie ſelbſt kaum wußte, warum—„ja und es gibt noch viele Andere im Schiff, an die hoffentlich ein ſo gutes Geſchöpf denken kann, wenn ſeine Gedanken zu Beſorgniſſen und ſeine Wünſche zu Gebeten werden.“ „Ohne Frage ſind viele koſtbare Seelen in dem Schiff, Ma'am, und ich bin überzeugt, daß Niemand mehr als ich wünſcht, ſie alle wieder wohlbehalten am Lande zu ſehen; aber es ſcheint mir, daß Niemand von Allen ſo viel geliebt wird, wie Ihr.“ Eva lehnte ſich ſpielend vorwärts, zog die alte Dienerin an ſich und küßte ihre Wange. Die Augen des Mädchens glänzten, als ſie das eigene glühende Antlitz an dieſelbe Bruſt legte, die ihr früher ſo oft als Pfühl gedient hatte. Sie blieb eine Minute in dieſer zärtlichen Stellung, richtete ſich dann wieder auf und fragte Nanny, ob ſie auf dem Deck geweſen ſey. „Ich gehe alle halbe Stunden hinauf, Miß Eva, denn ich meine, es ſey eben ſo gut meine Pflicht, hier über Euch zu wa⸗ chen, wie zu der Zeit, als ich Euch ganz für mich in der Wiege hatte. Ich glaube nicht, daß Euer Vater heute Nacht viel ſchlafen kann, und mehrere von den Gentlemen in den andern Kajüten haben ſich gar nicht ausgekleidet. So oft ich an den Thüren ihrer Staats⸗ gemächer vorbeikomme, fragen ſie mich, wie Ihr in dieſem Sturme Eure Zeit verbringt.“ Die Glut auf Eva's Wangen wurde höher und Anna Sidley meinte ihr Kind nie ſchöner geſehen zu haben, da das helle ſchwel⸗ lende goldene Haar, welches ſich dem Zwange des Häubchens ent⸗ riſſen hatte, an den Schläfen niederſtel und die Augen des Mäd⸗ chens, aus denen ſtets das edelſte Gefühl leuchtete, noch ſanfter und ſtrahlender als. gewöhnlich machte. „Sie verbergen die eigene Unruhe unter einer erkünſtelten Be⸗ ſorgniß für mich, meine gute Nanny,“ verſetzte ſie haſtig,„und Eure Liebe zu mir iſt Schuld daran, daß Ihr Euch ſo leicht durch den Kunſtgriff bethören laßt.“ „Es mag ſeyn, Ma'am, denn ich verſtehe mich nur wenig auf die Weiſe der Welt. Iſt es nicht ſchrecklich, Miß Eva, denken zu müſſen, daß wir in einem Schiff ſind— ſo fern von jedem Land — und ſo ſchnell über den Grund hinwirbelnd, als ein Pferd nur rennen kann?“. „Die Gefahr liegt vielleicht nicht gerade hierin, Nanny.“ „Das Meer hat doch einen Grund— nicht wahr? Ich habe ſchon behaupten hören, die See habe gar keinen Boden, und dies würde die Gefahr nur um ſo größer machen. Ich glaube, wenn ich gewiß wüßte, daß der Boden nicht ſehr tief läge und ſich nur hin und wieder ein Fels blicken ließe, ſo würde ich die Sache nicht für ſo gar ſchrecklich halten.“ 7 *—— 197 Eva lachte wie ein Kind: der Gegenſatz, zwiſchen der holden Einfachheit ihrer Blicke, ihrer Gebärdung und ihres ausgebildeten Verſtandes zu dem matronenhaften Ausſehen der weniger unterrich⸗ teten Anna bot eines jener Gemälde, in welchen die Ueberlegenheit des Geiſtes über alle andere Dinge beſonders augenfällig wird. „Eure Begriffe von Sicherheit, meine theure Nanny,“ ſagte ſte,„ſtimmen nicht ſonderlich mit denen der Seeleute zuſammen; denn ich glaube, ſie würden eben jetzt nichts mehr fürchten, als Felſen und den Boden.“ „Ich fürchte, daß ich für's Waſſer verdorben bin, Ma'am, denn meinem Urtheile nach könnten wir in einem ſolchen Sturme keinen größeren Troſt haben, als wenn wir lauter dergleichen feſte Dinge um uns hätten. Glaubt Ihr, Miß Eva, der Boden des Meeres, wenn es wirklich einen Boden hat, ſey weiß von den Gebeinen der ſchiffbrüchigen Matroſen, wie die Leute ſagen?“ „Ich zweifle nicht, meine gute Nanny, daß die ungeheure Tiefe viele ſchauerliche Geheimniſſe birgt; aber Ihr ſolltet weniger an dergleichen Dinge und mehr an die allbarmherzige Vorſehung denken, die uns auf unſern Wanderfahrten in ſo vielen Gefahren beſchützt hat. Ihr habt früher ſchon in größeren Nöthen geſchwebt, und ſeyd doch unbeſchädigt davon gekommen.“ „Ich, Miß Eva?— Glaubt Ihr, ich habe um meinetwillen Furcht? Was liegt daran, wenn eine arme alte Weibsperſon wie ich, ein paar Jahre früher oder ſpäter ſtirbt, oder wo ihr gebrech⸗ licher Leib ein Unterkommen findet! Ich bin in meinem ganzen Leben keine ſo wichtige Perſon geweſen, daß viel darauf ankäme, wo das Bischen, was von mir zum Vermodern übrig bleibt, nach meinem Tode in Staub zerfällt. Ich bitte Euch, Miß Effingham, haltet mich ja nicht für ſo ſelbſtſüchtig, daß ich heute Nacht um meinetwillen Unruhe fühlen könnte.“ „So gilt alſo dieſe Angſt, wie gewöhnlich, immer nur mir, meine liebe, wackere alte Wärterin? Dann beruhigt Euch immer⸗ 198 hin, denn diejenigen, welchen doch am beſten ein Urtheil zuſteht, verrathen keine Sorge, und Ihr ſeht ja, daß der Kapitän dieſe Nacht ſo tief ſchläft, wie ein jeder andere.“ „Aber er iſt ein rauher Mann und an die Gefahr gewoͤhnt— beſitzt weder Weib noch Kinder und hat, ich ſtehe dafür, nie an das Entſetzliche gedacht, wenn ein ſo koſtbares Geſchöpf wie Ihr in die Meereshöhlen ſchwimmen ſoll unter die raubgierigen Fiſche und die Seeungeheuer.“ Die arme Nanny Sidley fühlte ſich durch dieſes Bild ihrer Phantaſie auf's Tiefſte ergriffen, ſchlang ihren Arm um Eva's ſchönen Körper und ſchluchzte ungeſtüm. Ihre junge Gebieterin, die an ähnliche Zaͤrtlichkeitsergüſſe gewöhnt war, tröſtete ſie mit Liebkoſungen und Verſicherungen, welche bald Nanny's Faſſung wieder herſtellten, und dann wurde die Unterhaltung mit einem grö⸗ ßern Anſchein von Ruhe auf Seite der Dienerin wieder aufge⸗ nommen. Sie ſprachen einige Minuten von ihrem zuverſichtlichen Vertrauen auf Gott, und Eva gab jetzt Nanny vierfältig oder mit der überwiegenden Kraft ihres gebildeten Geiſtes viele jener ein⸗ fachen Glaubens⸗ und Demuthslehren zurück, welche ihr als Kind von ihrer Gefährtin ertheilt worden waren. Letztere hörte ge⸗ wohntermaßen mit einer Liebe und Andacht, wie ſie nichts Anderes in ihr wecken konnte, auf dieſe Ermahnungen, die ihren Ohren wie der Wiederhall ihrer eigenen beſſeren Gedanken erſchienen. Eva fuhr mit ihrer kleinen weißen Hand über Nanny's faltige Wange, indem ſie dieſelbe in einer Weiſe, wie ſie es zu tauſend Malen als Kind gethan hatte, liebkoste; denn ſie wußte wohl, daß die gute alte Wärterin ſich in einer derartigen Zärtlichkeitsäußerung über⸗ glücklich fühlte. „Und nun, meine gute alte Nanny,“ fuhr ſie fort,„werdet Ihr, ich bin's überzeugt, Euer Herz beruhigen; denn obſchon Ihr Euch nur allzugerne Sorge um ein Geſchopf macht, das dieſelbe nicht zur Hälfte verdient, ſo ſeyd Ihr doch viel zu verſtändig und öu— +—29 8Sg 8uv⏑2 ⏑— N D 199 zu demüthig, um Euch einer unbegründeten Angſt hinzugeben. Wir wollen ein Weilchen von etwas Anderem ſprechen, und dann legt Euch nieder, um Euren müden Köͤrper ausruhen zu laſſen.“ „Müde? Ich würde des Wachens nie müde werden, wenn ich dächte, daß Grund dafür vorhanden ſey.“ Obgleich Nanny jede weitere Anſpielung vermied, begriff Eva doch wohl, daß dieſe Wachſamkeit nur ihr ſelbſt galt. Sie zog ihre alte Dienerin an ſich und drückte ihr auf jede Wange einen Kuß, worauf ſie fortfuhr: „Die Schiffe können auch von andern Dingen ſprechen, als von ihren Gefahren. Findet Ihr's nicht ſeltſam, daß ein Kriegs⸗ ſchiff abgeſendet wurde, um uns in dieſer außerordentlichen Weiſe über den Ocean zu verfolgen?“ „Ja wohl, Ma'am, und ich wollte mit Euch darüber ſprechen, ſobald Ihr einmal an nichts Beſſeres zu denken hättet. Anfangs meinte ich, aber ich glaube, es war ein thörichter Gedanke— einer von den großen engliſchen Lords und Admiralen, die zu Pa⸗ ris, Rom und Wien ſoviel um uns waren, habe dieſes Schiff aus⸗ geſchickt, um Euch wohlbehalten nach Amerika zu begleiten, Miß Eva; denn ich hätte nie vermuthet, daß man ſo viel Weſens machen werde wegen eines entlaufenen armen Pärleins, wie dieſe Zwiſchen⸗ deckpaſſagiere ſind.“ Eva konnte ſich über dieſen Einfall ihrer Dienerin eines aber⸗ maligen Lachens nicht erwehren, denn ſie fühlte ſich ſo heiter ge⸗ ſtimmt, wie in den Tagen ihrer Kindheit, obſchon ihre Bildung dem allzu ungeſtümen Ausdrucke dieſer Heiterkeit einen Zügel anlegte. Nachdem ſie Nanny's Wange abermals freundlich geſtrichen hatte, entgegnete ſie: „Dazu ſind die großen Lords und Admirals nicht groß genug, liebe Nanny, ſelbſt wenn ſie Luſt hätten, eine ſolche Thorheit zu begehen. Aber iſt Euch unter den vielen ſeltſamen Umſtänden, 200 welche Ihr auf dieſem Schiffe zu bemerken Gelegenheit hattet, kein anderer möglicher Grund aufgefallen?“ Nanny ſah Eva an, wandte dann ihre Augen bei Seite, blickte wieder verſtohlen nach ihrer jungen Gebieterin hin und glaubte endlich antworten zu müſſen— „Ich gebe mir Mühe, Ma'am, von Jedermann gut zu denken, obgleich man bisweilen auf ſeltſame Gedanken geräth, ohne daß man es wünſcht. Ich weiß, glaube ich, auf was Ihr anſpielt, bin aber nicht ganz überzeugt, ob es mir zuſteht, mich auszuſprechen.“ „Gegen mich wenigſtens bedürft Ihr keines Rückhaltes, Nanny, und ich geſtehe, daß ich gerne erfahren möchte, ob wir über einige unſerer Reiſegefährten die gleichen Gedanken unterhalten. Sprecht Euch daher unverholen aus, denn es kann Euch doch nicht mehr Beſorgniß einflößen, mir Eure Gedanken mitzutheilen, als wie wenn Ihr mit Eurem eigenen Kinde redetet.“ „Oh, nicht ſo viel, Ma'am— nicht halb ſo viel; denn Ihr ſeyd mir zumal Kind und Gebieterin und ich blicke eben ſo gut um Rath zu Euch auf, als ich ihn Euch geben kann. Es iſt ſeltſam, Eva, daß Gentlemen nicht unter ihrem wahren Namen reiſen, und ich habe mir ſchon allerlei unangenehme Gedanken darüber gemacht, obſchon ich glaubte, es gezieme ſich nicht für mich, daß ich zuerſt davon ſpreche, ſo lange Euer Vater bei Euch iſt, und die Mam⸗ merſelle,“ denn ſo pflegte Nanny die Gouvernante ſtets zu nennen, „und Mr. John, die Euch Alle faſt ſo ſehr lieben, wie ich, und die jedenfalls viel beſſer verſtehen müſſen, was recht iſt. Aber nun Ihr mich ermuthigt, Miß Eva, frei heraus weg zu ſprechen, will ich nur ſagen, es wäre mir lieb, wenn Niemand in Eure Nähe käme, der nicht ſein Herz in der offenen Hand trüge, damit auch das kleinſte Kind ſeinen Character und ſeine Beweggründe ver⸗ ſtehen könnte.“ Eva lächelte, als ſie ihre Dienerin ſo warm werden ſah, konnte e N———— 201 ſich aber eines leichten Erröthens nicht erwehren, obſchon ſie ſich Mühe gab, gleichgültig zu erſcheinen. „Dies wäre wahrlich in der gemiſchten Geſellſchaft eines Schiffes ein recht eitler Wunſch, theure Nanny,“ verſetzte ſie. „Man kann nicht erwarten, daß Fremde bei der erſten beſten nä⸗ heren Berührung alle ihre Rückhaltung beſeitigen, da unter ſolchen Umſtänden der Gebildete und Verſtändige nur um ſo mehr auf ſeiner Hut iſt.“ „Ihr ſprecht von Fremden, Ma'am?“ „Ich bemerke, daß Ihr Euch des Geſichtes eines unſerer Reiſe⸗ gefährten erinnert. Warum ſchüttelt Ihr den Kopf?“ Und das verrätheriſche Roth überflog abermals Eva's liebliches Antlitz.„Ich glaube, ich hätte von zweien unſerer Reiſegefährten ſprechen ſollen; aber ich zweifelte, ob Ihr Euch eines derſelben würdet erinnern können.“ „Kein Gentleman ſpricht je zweimal mit Euch, Miß Eva, ohne daß ich ihn im Gedächtniß behielte.“ „Ich danke Euch, liebe Nanny, denn dies gehört zu den tau⸗ ſend anderen Beweiſen Eurer unermüdlichen Theilnahme an meinem Wohl. Ich hätte Euch übrigens nicht für ſo wachſam gehalten, daß Ihr Euch jedes Geſicht merktet, welches mir zufälligerweiſe nahe kam.“ „Ach, Miß Eva, ich bin überzeugt, keinem dieſer Gentlemen würde es lieb ſeyn, wenn er mitanhören müßte, daß Ihr in dieſer gleichgültigen Weiſe von ihm ſprecht. Beide find Euch nicht blos ‚zufällig nahe gekommene; denn was den—“ „Bst, liebe Nanny; wir ſind an einem gedrängt vollen Platze und Ihr könntet gehört werden. Ihr müßt deshalb keinen Namen nennen, denn ich glaube, wir verſtehen einander, ohne daß wir in alle dieſe Einzelnheiten eingehen. Es wäre mir übrigens von In⸗ tereſſe, meine theure Nanny, zu erfahren, welcher von dieſen jun⸗ 202 gen Männern auf Cuer ehrliches, gewiſſenhaftes Herz den günſtigſten Eindruck geübt hat.“ „Ach, Miß Eva, was gilt auch mein Urtheil in Vergleichung mit dem Eurigen, mit dem von Mr. John Effingham und—“ „Das meines Vetters Jack? Im Namen aller Wunder, Nanny, was hatte denn er mit der Sache zu ſchaffen?“ „Nichts, Ma'am. Ich kann nur ſo viel bemerken, daß er ſeine Lieblinge hat, ſo gut als ein Anderer, und glaube wohl ſagen zu dürfen, daß auf dieſem Schiffe Mr. Dodge nicht am beſten bei ihm angeſchrieben ſteht.“ „Ich glaube, Ihr könntet hiezu auch Sir George Temple⸗ more zählen,“ entgegnete Eva lachend. Anna Sidley ſah ihre junge Gebieterin bedeutſam an und lächelte, ehe ſie antwortete; dann aber fuhr ſie in der Unterhaltung ſo natürlich fort, als ob keine Unterbrechung ſtattgefunden hätte. „Sehr möglich, Ma'am; auch Mr. Monday können wir bei⸗ fügen und alle Uebrigen des gleichen Schlages. Aber Ihr be⸗ merkt, wie bald er einen wahren Gentleman zu entdecken weiß; denn er ſteht auf ganz geſelligem, freundſchaftlichem Fuße mit Mr. Sharp und Mr. Blunt— namentlich mit dem Letzteren.“ Eva ſchwieg, denn die unverholene Berührung dieſer beiden Namen wollte ihr nicht gefallen, obſchon ſie ſich ſelbſt kaum den Grund anzugeben vermochte. 3 „Mein Vetter iſt ein Weltmann,“ nahm ſie nach einer Pauſe wieder auf, als ſie bemerkte, daß Nanny ſie mit einer Beklommen⸗ heit betrachtete, als fürchte ſie, zu weit gegangen zu ſeyn,„und es kann Niemand Wunder nehmen, wenn er ſeines Gleichen ſo bald herausfindet. Es iſt uns bekannt, daß dieſe beiden Herren nicht ganz das ſind, was ſie ſcheinen, obſchon wir auch nichts Un⸗ rechtes von ihnen wiſſen, als vielleicht dieſe thörichte Veränderung ihrer Namen. Allerdings wäre es beſſer geweſen, wenn ſie ſich unter ihren wahren Bezeichnungen eingeſchifft hätten— es würde 203 wenigſtens mehr Achtung gegen uns verrathen haben, obſchon beide verſichern, ſie hätten nicht gewußt, daß mein Vater an Bord des Montauk ſeine Ueberfahrt genommen habe— ein Umſtand, welcher wohl wahr ſeyn kann, denn Ihr wißt, daß die Kajüte, welche wir erhielten, anfänglich von einer andern Geſellſchaft ge⸗ miethet war.“ „Es ſollte mir leid thun, Ma'am, wenn es einer dieſer Herren an Achtung fehlen ließ.“ „Es iſt nicht ſonderlich ſchmeichelhaft, wenn ein junges Frauen⸗ zimmer die unfreiwillige Bewahrerin der Geheimniſſe zweier gedan⸗ kenloſer Männer abgeben ſoll— dies iſt Alles, meine gute Nanny. Wir kennen ſie nicht wohl verrathen und ſind deßhalb par force ihre Vertrauten. Das Unterhaltlichſte dabei iſt, daß ſie gegenſeitig von ihrem Geheimniß unterrichtet ſind— zum Theil wenigſtens, und in hundert Fällen in eine ganz entzückende Verlegenheit ge⸗ rathen. Was mich betrifft, ſo habe ich kein Mitleid mit ihnen, ſondern denke, daß ſie dieſe Strafe wohl verdienen. Sie werden von Glück ſagen koͤnnen, wenn ihre Bedienten ſie nicht verrathen, noch ehe wir New⸗York erreichen.“ „Dies fürchte ich nicht Ma'am, denn es ſind verſtändige vor⸗ ſichtige Leute, und wenn ſie Luſt zum ausplaudern hätten, ſo wür⸗ den ſie häufig Gelegenheit dazu gefunden haben; denn Mr. Dodge hat, glaube ich, ſchon ſo viele Fragen an ſie geſtellt, als Sprüche im Catechismus ſtehen.“ „Mr. Dodge iſt ein gemeiner Menſch.“ „In der Bedientenkajüte ſind alle dieſer Anſicht, und Jeder⸗ mann iſt dort ſo gegen ihn eingenommen, daß er keine große Aus⸗ ſicht hat, viel zu erfahren. Ich hoffe, Miß Eva, Mammerſelle ſetzt keinen Argwohn in die beiden Gentlemen.“ „Zuverläßig keinen andern, als daß ſie unüberlegt gehandelt haben, Nanny, denn Mademoiſelle Viefville beſitzt einen Verſtand und Takt, wie man ſie nicht leicht wieder findet.“ 204 „Ich meine nicht eben dies, Ma'am; aber es wäre mir lieb, noch ein Geheimniß mit Euch zu haben, das ganz mir angehörte⸗ Ich ehre und ſchätze Mammerſelle, denn ſie hat tauſendmal mehr für Euch gethan, als eine arme unviſſende Perſon, wie ich bin, mit allem ihrem Eifer je konnte; aber dennoch glaube ich, Miß Eva, daß ich ſogar Euer Schuhband mehr liebe, als ſie Eure reine und ſchöne Seele liebt.“ „Mademoiſelle Viefoille iſt ein vortreffliches Frauenzimmer und, wie ich überzeugt bin, mir aufrichtig zugethan.“ „Es würde ſchlecht von ihr ſeyn, wenn es anders wäre. Ihrer Anhänglichkeit an Euch will ich keinen Abbruch thun, ſondern blos ſagen, daß ſie nichts iſt, nichts ſeyn kann und nichts ſeyn wird in Vergleichung mit der, welche die Perſon zu Euch trägt, die Euch zuerſt in ihren Armen hielt und ſtets in ihrem Herzen bewahrt. Mammerſelle kann in einer Nacht, wie dieſe iſt, ſchlafen, und dies könnte ſie doch wahrhaftig nicht thun, wenn ſie ſo beſorgt um Euch waͤre, wie ich.“ Eva wußte, daß Eiferſucht auf Mademoiſelle Viefville Nannys größte Schwäche war; ſie zog daher die alte Dienerin an ſich, ſchlang den Arm um ihren Nacken und beklagte ſich über Schläf⸗ rigkeit. Ans Wachen gewöhnt und in der That außer Stande, zu ſchlafen, verbrachte nun Nanny eine überglückliche Stunde da⸗ mit, daß ſie ihr Kind, welches buchſtäblich an ihrer Bruſt einſchlief, in den Armen hielt; dann ſchlich ſie ſich nach ihrer Berth hinunter, legte ſich angekleidet darauf nieder und verlor zuletzt das Bewußt⸗ ſeyn ihrer Beſorgniſſe in einem unruhigen Schlummer. Am anderen Morgen früh wurden alle Kajüteninſaſſen durch einen Schrei auf dem Decke geweckt. Es war noch kaum licht, aber eine allgemeine Aufregung bemächtigte ſich ſämmtlicher Paſſa⸗ giere, und ehe zehn Minuten entwichen waren, erſchienen Eva und ihre Gouvernante als Letzte von denen, welche aus ihren Gemã⸗ chern heraufgeeilt waren, in dem Sturmhäuschen. Es wurden 205⁵ einige Fragen geſtellt; aber dann eilten Alle beſorgt auf das Deck, denn der Sturm hatte ſich in einer Weiſe geſteigert, welche eine unmittelbare Gefahr befürchten ließ. Indeß zeigte ſich nichts Augenfälliges, was den plötzlichen Schreck zu rechtfertigen im Stande geweſen wäre, obſchon der Sturm wo möglich mit geſteigerter Gewalt fortmachte, der Ocean ganze Cataracte niederſtürzender Wellen bildete und das Schiff un⸗ ter einem gerefften Fockſegel, der einzigen geſetzten Leinwand, noch immer vor den Wogen dahinſchoß. Aber auch das wenige Tuch, welches dem Winde preisgegeben war, reichte zu, um das Schiff mit einer Geſchwindigkeit von faſt vier Seemeilen in der Stunde durch die tobenden Wellen oder vielmehr in Geſellſchaft derſelben fortzutreiben. Kapitän Truck befand ſich baarhauptig, ſo daß jede Locke ſei⸗ nes Haars in den Wind hinausflatterte, in dem Beſahntackelwerk. Hin und wieder bedeutete er dem Mann am Steuer durch Zeichen, wie er das Nuder ſtellen ſolle; denn ſtatt zu ſchlafen, wie Viele vermuthet, hatte er ſtundenlang in derſelben Lage den Gang des Schiffes beobachtet. Als Eva auf dem Decke erſchien, lenkte er eben die Aufmerkſamkeit mehrerer Gentlemen nach einem Gegen⸗ ſtande im Sterne; aber wenige Augenblicke reichten zu, um alle Anweſenden vollſtändig über den Sachbeſtand zu unterrichten. Ungefähr eine Kabelslänge entfernt und auf einer der Wind⸗ vierungen des Montauk taumelte, gleich dieſem, ein Schiff vor der Bö, obgleich es mehr Tuch führte, folglich auch ſchneller durch das Waſſer trieb. Das plötzliche Erſcheinen dieſes Fahrzeugs in dem düſteren Lichte des Morgens, in welchem ſich zwar die Gegenſtände deutlich, aber doch nicht mit der Beſtimmtheit des Tages unter⸗ ſcheiden ließen— der dunkle Rumpf, an dem ſich ein ſchmaler weißer Strich, mit Geſchützpforten getüpfelt, hinzog— das ſchim⸗ mernde Hängemattentuch und alle die übrigen Bedeckungen von dunkel glänzender Leinwand, welche einem Kreuzer das Gepräge 206 der Eleganz und Gemächlichkeit eines Reiſewagens verleihen— das Ebenmaß der Spieren und die Zierlichkeit ſämmtlicher Linien, des Rumpfes ſowohl, als des Tackelwerks— Alles dieß machte Jedem, der etwas von dergleichen Dingen verſtand, augenblicklich klar, daß der Fremde ein Kriegsſchiff war. Der Belehrung des Augenſchei⸗ nes fügte Kapitän Truck noch die weitere bei, daß ſie ihren alten Verfolger, das Foam, in der Nähe hatten. „Es iſt korvettenartig gebaut,“ ſagte der Meiſter des Mon⸗ tauk,„und muß mehr Tuch führen, als wir, um den Wellen aus⸗ zuweichen; denn wenn es einer dieſer langen Kerle überholte und ſeinen Kamm in die Kuhl würfe, erginge es ihm wie einem Ma⸗ troſen, der am Sonnabend des Guten zuviel genoſſen hat und durch eine zweite Doſis ſeine Rechnung mit dem Zahlmeiſter wohl für immer abſchließen könnte.“ Mit dem plötzlichen Erſcheinen der Korvette hatte es folgende Bewandtniß. Sie war ſo lang als möͤglich beigelegen, zuletzt aber zum Lenſſen gezwungen worden, und da ſie ein dichtgerefftes Haupt⸗ marsſegel führte, ſo wurde ſie um ungefähr zwei Knoten in der Stunde ſchneller durch das Waſſer gedrängt, als das Paketſchiff. Sie mußte demſelben Kurſe folgen und holte daher letzteres ein, als der Tag eben zu grauen begann. Der oben erwähnte Schrei war eine Folge der plötzlichen Entdeckung einer ſo gefährlichen Nähe, und der Augenblick war jetzt herangekommen, in welchem ſie auf das verfolgte Schiff loszuſtürzen im Begriffe ſtand. Das Vorbeifahren des Foam bot unter ſolchen Umſtänden einen groß⸗ artigen aber erſchüttern den Anblick. Der engliſche Kapitän ſtand gleichfalls in dem Beſahntackelwerk ſeines Schiffes und wurde von den rieſigen Wellen, über die ſein Fahrzeug taumelte, hin und hergewiegt. Er hielt ein Sprachrohr in der Hand, als ſei ihm ſelbſt in Mitte des furchtbaren Kampfes der Elemente der Auftrag, welcher ihm ertheilt worden, keinen Augenblick aus dem Sinn gekommen. Kapitän Truck rief ſeinerſeits gleichfalls 207 nach einem Sprachrohre und ſchwenkte es, die Folgen befürchtend, dem Andern zu, damit er ſich mehr ferne halte. Die Andeutung wurde entweder nicht verſtanden, denn der Kriegsſchiffer ſchien ganz und gar auf ſeinen Zweck erpicht zu ſeyn, oder war die See zu unbewältigbar, als daß dem Winke hätte Folge gegeben werden können; genug, die Korvette trieb auf einer Welle in furchtbarer Nähe gegen das Paketſchiff heran. Der Engländer ſetzte ſein Sprachrohr an und man hörte ſeinen Ruf durch das Toben der Winde. Zu gleicher Zeit erhob ſich das weiße Feld von Alt Al⸗ bion mit dem St. Georgs⸗Kreuz über den Bollwerken, und wie es das Gaffel⸗Ende erreicht hatte, peitſchte das Flaggentuch in Bändern umher. „Zeigt ihm den Bratrooſt!“ ſchrie Kapitän Truck durch ſein Sprachrohr, deſſen Mündung er bordeinwärts gedreht hatte. Da Alles bereit war, ſo wurde dieſer Befehl augenblicklich befolgt und bald ſah man die Streifen Amerikas gleichfalls faſt in Fetzen flattern. Die beiden Schiffe liefen nun eine kurze Strecke weit in parallelen Linien und rollten ſo ſchwerfällig von einander ab, daß man das blanke Kupfer der Korvette faſt bis auf den Kiel ſehen konnte. Der Engländer, welcher mit ſeinem Schiffe verkörpert zu ſeyn ſchien, ſetzte abermals ſein Sprachrohr an, und man konnte einzelne Worte zum Beiſpiel—„Beiliegen,“—„Be⸗ fehl,“—„Mittheilung,“ unterſcheiden; aber das Heulen des Stur⸗ mes machte das Verſtändniß des ganzen Zuſammenhangs unmög⸗ lich. Der Engländer gab jetzt ſeine Bemühungen, ſich Gehör zu verſchaffen, auf, denn die beiden Schiffe rollten jetzt gegen einander und es gewann den Anſchein, als würden ihre Spieren ſich unter einander verfangen. Im Nu hatte Mr. Leach ſeine Hand an der Hauptbraſſe, um ſie loszulaſſen; aber das Foam ſtürzte auf einer Welle, gleich einem Pferd, das den Sporn fühlt, dahin und ſchoß, keinem Steuer mehr gehorchend, vorwärts, als ſei es im Begriffe das Reitknie des Montauk zu kreuzen. 208 Es folgte ein athemloſer Augenblick, denn alle an Bord der beiden Schiffe glaubten jetzt, daß ein Zuſammenprallen unver⸗ meidlich ſey— um ſo mehr, weil der Montauk den Einfluß der Welle in demſelben Momente verſpürte, als ihre Wirkung für das Foam aufgehört hatte; es gewann den Anſchein, als wolle er ſich unmittelbar in den Stern des letzteren ſtürzen. Sogar die Matro⸗ troſen klammerten ſich convulſtviſch an den Tauen an, und ſelbſt die Kühnſten, hielten für eine Weile ihren Athem zurück. Die Rufe,„Backbord, hart Backbord, und geſegen's euch der Teufel!“ von Seiten des Kapitän Truck, wie auch—„Steuerbord, hart Steuerbord!“ von Seiten des Engländers konnten von Allen in den beiden Schiffen deutlich vernommen werden, denn es war ein Augenblick, in welchem das Schreien eines Matroſen das Getöſe des Sturmes zu übertäuben im Stande iſt. Die Schiffe ſchienen erſchreckt zurückzuweichen und ſchoßen dann unter einem Winkel aus⸗ einander, das Foam voran. Alle weiteren Verſuche einer Mit⸗ theilung waren vorderhand nutzlos, denn im Laufe einer Viertel⸗ ſtunde hatte ſich die Korvette ſchon ziemlich entfernt und rollte weiter, ihre Nocken faſt ins Waſſer tauchend. Kapitän Truck machte über dieſes Abenteuer gegen ſeine Paſ⸗ ſagiere wenig Worte; ſobald er aber eine Cigarre angezündet hatte und die Sache mit ſeinem Hauptmaten beſprach, ſagte er zu dem Letzteren: „Vor einer Minute noch hätte ich keinen Schiffszwieback für beide Schiffe und nicht viel mehr für ihre Ladungen gegeben. Man muß doch ſehr gleichgültig gegen ſeine Nebenmenſchen ſeyn, wenn man ihre Seelen und ihre Leiber obendrein wegen ein Bischen Taback in ſo große Gefahr bringt!“ Den ganzen Tag über blies der Sturm wüthend fort, denn das Schiff lief in die Bö— eine Erſcheinung, die wir erklären müſſen, da ſie den meiſten unſerer Leſer wahrſcheinlich unverſtänd⸗ lich iſt. Alle Sturme beginnen im Lee, oder mit andern Worten, 209 der Wind wird an irgend einer beſtimmten Stelle zuerſt verſpürt und ſpäter, je weiter man von derſelben zurückweicht, in der Rich⸗ tung empfunden, aus welcher der Wind bläst. Am ſtärkſten iſt er ſtets in der Nähe ſeines Anfangspunktes, während er ſich im Zu⸗ rückweichen augenſcheinlich vermindert. Dies iſt daher ein Grund mehr, das Beiliegen dem Lenſſen vorzuziehen, denn letzteres führt nicht nur zu weit vom wahren Kurs ab, ſondern auch näher nach dem Schauplatz, wo die Elemente in ihrer größten Wuth toben. Vierzehntes Kapitel. Mein guter Hoch⸗Bootsmann, hab Acht! Sturm. Um Sonnenuntergang war der Flecken, welcher das gereffte Marsſegel der Corvette andeutete, im Süden unter den Horizont hinuntergeſunken und von dem Foam nichts weiter zu ſehen. Der Montauk hatte an mehreren Inſeln vorbeigetrifftet, die mitten in der Wuth des Sturmes ruhig und lächelnd ausſahen; aber es war unmöglich, nach einer derſelben umzuholen. Man konnte nichts weiter thun, als das Schiff todt vor dem Winde halten, es vor dem Beidrehen bewahren und Sorge tragen, daß es ſich von den Felſen und dem Boden klar hielt, nach denen ſich Nanny Sid⸗ ley ſo ſehr ſehnte. Die Paſſagiere waren nachgerade mit der Scene vertrauter geworden, ſo daß ſie weniger Beſorgniſſe hegten, und da das Se⸗ geln vor dem Winde denjenigen, welche zur Seekrankheit geneigt ſind, die zuträglichſte Schiffsbewegung iſt, ſo war jetzt die Auf⸗ merkſamkeit der Reiſenden hauptſächlich dem Kurſe zugewendet, welchen das Schiff ſteuern mußte. Der Wind hatte ſo weit gegen Weſten umgeholt, daß ſie, wenn ſie noch viele Stunden länger zu lenſſen genöthigt waren, nothwendig auf die Küſte von Afrika treffen Die Heimkehr. 14 210 mußten, denn Kapitän Truck hatte ſich durch ſeine Beobachtungen überzeugt, daß er genau ſüdöſtlich von den canariſchen Inſeln ſtand. Dies war freilich ein weiter Abſtand von ſeinem eigentlichen Kurſe, aber die Segelgeſchwindigkeit machte die Thatſache hinreichend klar. Dies war auch wirklich der Moment, in welchem der Montauk die Gewalt des Sturmes oder vielmehr denjenigen Theil derſelben, welcher ihm vorbehalten war, am ſchwerſten fühlte. Es war nem⸗ lich ein Glück für das gute Schiff, daß es nicht einige Stunden früher in dieſe Breite eingetreten war, weil um dieſe Zeit hier ein eigentlicher Orkan gewüthet hatte. Kapitän Truck fühlte ſich jetzt durch die Verantwortlichkeit und die Gefahr ſeiner Lage ernſtlich beunruhigt, obſchon er, wie es einem klugen Offizier ziemt, ſeine Beſorgniſſe für ſich behielt. Er wiederholte alle ſeine Berechnungen mit größter Genauigkeit, ſchätzte behutſam die Segelgeſchwindigkeit ab und entnahm daraus, daß zehn oder fünfzehn Stunden weiter unausbleiblich einen Schiffbruch zur Folge haben mußten, wenn ſich inzwiſchen der Wind nicht ermäßigte. Glücklicherweiſe begann die Bö gegen Mitternacht ſich zu bre⸗ chen. Der Wind blies zwar noch immer mit furchtbarer Gewalt, aber doch weniger ſtätig, und es traten Zwiſchenräume von halb⸗ ſtündiger Dauer ein, in welchen das Schiff ſogar am Bolien weit mehr Tuch hätte führen können. Die Geſchwindigkeit des Schiffes nahm daher verhältnißmäßig ab, und als der Morgen graute, konnte man auch nach langer und angelegentlicher Muſterung von den Maſten im Oſten nirgends Land entdecken. Sobald ſich Kapitän Truck von dieſer wichtigen Thatſache überzeugt hatte, rieb er ver⸗ gnügt die Hände, ließ ſich eine Kohle für ſeine Cigarre bringen und begann mit Saunders über die Qualität des Kaffees, welcher während des Sturms verabreicht worden war, zu ſchelten. „Dieſen Morgen wollen wir elwas Beſſeres haben, Sir,“ fügte er nach einem ſcharfen Verweiſe bei,„und merkt Euch wohl — wir ſind jetzt in der Nachbarſchaft des Landes Eurer Vorväter, nte den tän der⸗ gen cher ir,⸗ vohl iter, 211 wo Ihr allen Grund zum Wohlverhalten hättet. Höre ich noch einmal von einem ſo ärmlichen Plempel, ſo ſetze ich Euch an's Land und laſſe Euch einen Sommer oder zwei nacke nd und unter den Orangoutangs herumlaufen.“ „Ich gebe mir bei allen paſſenden Gelegenheiten Mühe, Euch und Allen, mit denen ich zu ſegeln die Ehre habe, nach Gefallen zu handeln“, entgegnete der Steward;„aber der Kaffee, Sir, kann in ſolchem Wetter, Sir, unmöglich ſehr gut ſeyn, Sir. Ich meine, der Wind muß ihm den Wohlgeſchmack weggeblaſen haben, denn ich würde es ja gern geſtehen, wenn er nicht ſo gut wie ge⸗ woͤhnlich gerochen hätte, als ich die Ehre hatte, ihn zuzubereiten. Was Afrika betrifft, Sir, ſo ſchmeichle ich mir, Kapitän Truck, daß Ihr mich zu hoch ſchätzt, um zu glauben, ich paſſe in die Ge⸗ ſellſchaft der ungebildeten und ungezogenen Menſchen, welche jenes wilde Land bewohnen. Ich erinnere mich nicht, ob meine Vor⸗ fahren aus dieſem Theile der Welt kommen oder nicht; aber wenn's auch der Fall iſt, Sir, ſo haben mich meine Manieren und mein Beruf hoffentlich ganz unfähig für eine Gemeinſchaft mit ihnen gemacht. Ich weiß, ich bin nur ein armer Steward, Sir; aber Ihr werdet Euch gefälligſt erinnern, daß Euer großer Mr. Vattel auch nichts Anderes war, als ein Koch.“ „Hole der Teufel den Kerl, Leach; ich glaube, nur dieſer Dünkel iſt Schuld daran, daß wir die letzte Zeit ſo ſchlechten Kaffee erhalten haben. Meint Ihr, es könne wahr ſeyn, daß ein ſo großer Schriftſteller wirklich nichts Beſſeres war, als ein Koch, oder wollte mich jener Engländer nur aufziehen und mir den Kü⸗ chenwitz des Küſtenvolkes zeigen? Ich möchte dies faſt glauben, wenn nicht auch die Damen ihr Zeugniß abgelegt hätten; aber dieſe würden ſich doch wahrſcheinlich nicht zu einem ſolchen unanſtändigen Spaſſe hergeben.— Warum habt Ihr da beigelegt, Sir? Packt Euch in Eure Speiſekammer und vergeßt nicht, daß die Bö ſich gebrochen hat. Wir wollen uns insgeſammt dieſen Morgen zu 212 Tiſche ſetzen und unſre Zähne ſo ſcharf brauchen, als Eure Brüder am Lande dort, die ſich vielleicht zum Frühſtück mit einem gebra⸗ tenen Saͤugling verluſtiren.“ Saunders, der, ſo zu ſagen ex officio, an dergleichen Kapitel gewöhnt war, ging ſchmollend an ſeine Arbeit und trug Sorge dafür, einen gebührenden Theil ſeiner üblen Laune auf Mr. Toaſt abzuladen, der natürlicherweiſe in demſelben Verhältniſſe, wie ſein Oberer, an der eigenen Perſon das Gewicht von Kapitän Truck's Anſehen tragen mußte. Es iſt vielleicht ein Glück, daß die Natur auf dieſe leichte und augenfällige Erleichterungs⸗Methode hinge⸗ wieſen hat, da ſonſt die rohe Gewohnheit auf einem Schiffe das Verhältniß zwiſchen dem Befehlshaber und dem, welcher zu gehor⸗ chen verpflichtet iſt, mitunter faſt unerträglich machen würde. Die Entladungen des Kapitäns waren jedoch nur von kurzer Dauer, und bei gegenwärtiger Gelegenheit gerieth er bald in eine ungewöhnlich gute Stimmung, da jede nachfolgende Minute mehr und mehr die erfreuliche Gewißheit brachte, daß ſich der Sturm ſeinem Ende näherte. Der Meiſter des Montauk hatte ſeine dritte Cigarre beendigt und wollte eben Befehl zum Entreffen des Fock⸗ ſegels und zum Aufziehen des dicht gerefften großen Marsſegels geben, als die meiſten Paſſagiere, zum erſtenmal dieſen Morgen, auf dem Decke erſchienen. „Wir ſind jetzt Guinea näher, als mir lieb iſt, Gentlemen,“ rief ihnen Kapitän Truck als Gruß zu,„und haben die ſchoͤnſte Ausſicht, uns bald quer über den ganzen Atlantiſchen ſchlagen zu müſſen, was vielleicht eine Fahrt von dreißig oder fünfunddreißig Tagen ausmacht. Laſſen wir übrigens nur dieſe See ruhig werden, und dann hoffe ich, Euch zu zeigen, was der Montauk außer den Paſſagieren und der Ladung noch in ſich hat. Ich denke, wir werden das Foam noch eben ſo gut vom Halſe kriegen, als die Bö. Einmal meinte ich, ſeine Leute dürften wohl an die Küſte von — d8ö SN K 213 Cornwall waten müſſen; aber jetzt, glaube ich, haben ſie's wahr⸗ ſcheinlicher mit dem Sand der großen Wüſte Sahara zu verſuchen.“ „Es ſteht zu hoffen, daß ſie dieſem letzteren Unglück eben ſo gut entkommen ſind, wie dem erſten,“ bemerkte Mr. Effingham. „Möglich; aber der Wind hat nach Nordweſten umgeſchlagen und in den letzten zwölf Stunden nicht blos geſeufzt. Capo blanco iſt keine hundert Stunden vor uns, und bei ſeiner Reiſegeſchwin⸗ digkeit kann der Gentleman mit dem Sprachrohre jetzt über den Trümmern ſeines Schiffs philoſophiren, wenn er nicht verſtändig genug war, mehr nach Weſten umzuholen, als wir ihn zuletzt haben ſteuern ſehen. Sein Schiff hätte den Namen ‚Scude und nicht ‚Foam erhalten ſollen.“ Männiglich drückte die Hoffnung aus, daß dem Schiffe, obſchon ſie demſelben ihre eigene gegenwärtige Lage zuſchreiben mußten, nichts Schlimmes begegnet ſeyn moͤchte, und alle Geſichter heiterten ſich auf, als ſie das Tuch fallen ſahen, zum Zeichen, daß die Ge⸗ fahr vorüber ſey. Der Wind ließ überhaupt ſo ſchnell nach, daß das Marsſegel kaum aufgehißt war, als ſchon der Befehl ertheilt wurde, ein weiteres Reff auszuſchütteln, und im Laufe von einer Stunde war alles ſchwere Tuch, das vor dem Wind ziehen konnte, geſetzt, ausſchließlich in der Abſicht, das Schiff ſtetig zu halten. Die See war übrigens noch immer furchtbar anzuſehen, und Kapitän Truck mußte von ſeinem Kurſe abhalten, um die Gefahr einer Ueberſchwemmung der Decken zu vermeiden. Das Rennen mit den Wellenkämmen hatte jedoch ſein Ende erreicht, denn die Wogen hören, wenn ſich die Gewalt des Windes erſchöpft hat, bald auf, überzuſchlagen und ſich zu brechen. Zu keiner Zeit iſt die Bewegung des Schiffes unangenehmer oder überhaupt gefährlicher, als in dem Zwiſchenraume zwiſchen dem Aufhören eines heftigen Sturmes und dem Eintreten eines neuen Windes. Das Schiff wird ganz unlenkſam und gleitet in * Seud, die vom Wind gejagte Wolke. 214 die Wellentröge hinab, während das Waſſer über die Decken her⸗ einbricht, und oft ernſtlichen Schaden anrichtet; auch haben Spie⸗ ren und Tackelwerk viel auszuſtehen, weil ſie den ploͤtzlichen unge⸗ ſtümen Wellenſtößen Trotz bieten müſſen. Alles dies wußte Kapitän Truck wohl, weshalb er denn auch, ehe er das Deck verließ, um dem Aufgebote zum Frühſtück zu folgen, Mr. Leach die größte Vor⸗ ſicht einſchärfte. „Die neuen Wände, die wir in London anſchlugen, wollen mir nicht gefallen,“ ſagte er,„denn das Tauwerk hat ſich während dieſer Bö in einer Weiſe geſtreckt, daß das alte Tackelwerk zu ſtraff an⸗ geſpannt iſt. Haltet daher Alles bereit, damit gleich nach dem Frühſtück der Mannſchaft ein friſches Zugnetz daran angelegt wer⸗ den kann. Wohlgemerkt, haltet das Schiff aus dem Troge, Sir, und gebt auf jeden Roller Acht, den Ihr Euch nachſtürzen ſeht.“ Erſt nachdem Kapitän Truck dieſe Einſchärfungen zu verſchie⸗ denen Malen wiederholt und zwiſchenhinein nach dem Wind oder etliche Minuten lang nach den Maſten geſehen hatte, begab er ſich nach der Kajüte hinunter, um über Mr. Saunders Kaffee zu Ge⸗ richt zu ſitzen. Sobald er in ſeinem Throne oben an der langen Tafel Platz genommen und den Paſſagieren die gebührende Auf⸗ merkſamkeit erzeigt hatte, übte er die Pflicht der Reſtauration, wie der Steward in ſeiner gezierten Rede das Eſſen zu nennen pflegte, mit einem Eifer, der ihn bei ſolcher Gelegenheit nie im Stiche ließ. Er hatte eben eine Taſſe des Kaffees zu ſich genommen, über welchen von Saunders eine Vorleſung gehalten worden war, als ein ſchweres Flappen der Segel ankündigte, daß der Wind plötzlich ganz und gar aufgehört hatte. „Dies iſt eine ſchlimme Neuigkeit,“ ſagte Kapitän Truck, als er hörte, wie die Leinwand loſe gegen die Maſten ſchlug. Es iſt mir nie lieb, wenn ein Schiff ſeine Fittige ſchüttelt, während ſchwere See vorhanden iſt; aber immerhin ſind wir hier beſſer daran, als in der Wüſte Sahara, und ſo will ich Euch denn, meine 82—&-—*—— V——„* 215 theure junge Dame, eine Taſſe von dieſem Kaffee empfehlen, wel⸗ cher heute durch die Furcht vor Orangoutangen gewürzt iſt, wie Mr. Saunders Euch mitzutheilen die Ehre haben wird—“ Einer plöͤtzlichen Erſchütterung des ganzen Schiffes folgte ein Knall, aͤhnlich dem einer Muskete. Kapitän Truck ſtand auf, ſtützte ſich in vorgebeugter Haltung auf die eine Hand, und in jedem Zuge ſeines Geſichtes ſprach ſich Erwartung und Mißtrauen aus. Es folgte ein zweites hülfloſes Rollen des Schiffes, und unmittelbar darauf wiederholte ſich das Knallen drei oder viermal, wie wenn ſtarke Taue raſch hinter einander riſſen. Dann vernahm man das Krachen brechenden Gebälkes, und es gewann den Anſchein, als ob in chaotiſcher Verwirrung der Himmel über dem unglücklichen Schiffe einſtürze. Die meiſten Paſſagiere ſchloſſen die Augen, und als ſie dieſelben einen Moment ſpäter wieder öffneten, war Mr. Truck verſchwunden. Es iſt kaum nöthig, die nun folgende Verwirrung zu ſchildern. Eva erſchrack ſehr, benahm ſich aber doch muthig, obſchon Made⸗ moiſelle Viefville ſo ſehr zitterte, daß Mr. Effingham ſie unter⸗ ſtützen mußte. „Wir haben unſere Maſten verloren,“ bemerkte John Effing⸗ ham gelaſſen—„ein Unfall, der wahrſcheinlich nicht ſehr gefährlich ſeyn wird, obſchon er die Fahrt um einen oder zwei Monate ver⸗ längern dürfte. Je nun, wir gewinnen dadurch den Vortheil, mit dieſer guten Geſellſchaft näher bekannt zu werden— ein Vergnü⸗ gen, für das wir nicht dankbar genug ſeyn können.“ Eva warf einen bittenden Blick auf ihn, denn ſie bemerkte, daß ſeine Augen unwillkührlich auf Mr. Monday und Mr. Dodge hafteten, gegen die, wie ſie wohl wußte, ihr Vetter eine unüber⸗ windliche Abneigung hegte. Seine Worte dienten jedoch zu Erklä⸗ rung des Vorgangs und die meiſten Männer eilten auf das Deck, um ſich von dem Thatbeſtand zu überzeugen. John Effingham hatte Recht. Das neue Tackelwerk, welches 216 ſich während des Sturms ſehr ausgedehnt hatte, war die Ver⸗ anlaſſung geworden, daß in dem Rollen des Schiffes die anderen Taue zu viel angeſpannt wurden. Die am meiſten ausgeſetzte Wand war zuerſt geriſſen; drei oder vier andere folgten der Reihe nach, und ehe man noch Zeit gewann, Sicherungsmittel anzubringen, ging auch der Reſt in Brüche, und der Hauptmaſt knackte entzwei. An der Stelle, wo dies geſchah, ließ ſich im Kerne morſches Holz wahrnehmen. Der Maſt ſiel über die Seite und riß den Beſahn⸗ maſt ſammt allem Tauwerk mit ſich; auch derjenige Theil des Fock⸗ maſtes, der über dem Marſe ſtand, folgte nach Kurzem. Von dem ganzen verwickelten Gewebe des Tauwerks, von den ſtolzen Spieren, und den weiten Falten der Segel, welche kürzlich noch das Deck des Montauk überſchattet hatten, war nur noch der verſtümmelte Fockmaſt, die Fockraa ſammt ihrem Segel und die niedergeſtürzte Hauptkardeele übrig. Alles Uebrige lag entweder wirr auf dem Deck oder ſchlug im Waſſer gegen die Wandungen des Schiffes. Einen Augenblick drückte ſich in Kapitän Trucks hartem, wet⸗ terbraunem Geſichte, als ſein Blick über die eben geſchilderten Trümmer hinflog, ein bitterer Zug des Schmerzes und der Sorge aus. Sein Geiſt ſchien jedoch auch auf Unglück gefaßt zu ſeyn, und er befahl Toaſt, ihm eine glimmende Kohle zu bringen, mit welcher er ruhig eine Cigarre anzündete. „Hier iſt eine Categorie, die der Teufel holen möge, Mr. Leach,“ ſagte er, nachdem er einen Zug gethan hatte.„Ihr thut ganz recht, Sir; kappt das Wrack und ſucht das Schiff mit Gewalt da⸗ von wegzubringen, oder wir haben zu gewärtigen, daß einige dieſer Balken ſich durch die Planken bohren. Ich habe immer gedacht, der Londoner Sailer, in deſſen Hände der Agent gerathen war, ſey ein verdammter Spitzbube, und jetzt weiß ich vollkommen genug, um darauf ſchwören zu konnen. Friſch darauf losgehauen, Zim⸗ mermann, daß wir uns möglichſt bald dieſen Rippenſtößen entziehen können;—'s iſt ein Kapitalſchiff, der Montauk, Mr. Monday, denn 217 ſonſt würden auch die Pumpen herausgerollt und die Schiffsküche umgeſtürzt worden ſeyn.“ Man machte keinen Verſuch irgend etwas zu bergen, ſo daß das Wrack ſchon nach fünf Minuten im Sterne ſchwamm und das Schiff glücklich dieſer neuen Gefahr entriſſen war. Trotz ſeiner erzwungenen Gelaſſenheit aber blickte Mr. Truck doch mit einer kläglichen Miene nach der ſchönen Ausſtattung zurück, die ihm kürz⸗ lich noch ſo viele Freude gemacht hatte, denn die Nocken, Kreuz⸗ bäume, Langſahlingen und Marſe hoben ſich mit den Wellen oder tauchten in die Tröge nieder wie ſpielende Wallfiſche. Die Gewohn⸗ heit übrigens, ſtets der Gefahr in's Auge zu ſehen, macht den See⸗ mann zum Philoſophen, und in keinem Zuge zeigte ſich der Cha⸗ racter des Kapitäns achtungswürdiger, als in der Männlichkeit, mit welcher er den Gedanken von ſich ferne hielt, über ein unvermeid⸗ liches Unglück zu trauern. „Der Montauk glich jetzt einem ſeiner Zweige beraubten Baume, oder einem Roſſe mit ſteif gewordenen Gliedern— ſeine Herrlich⸗ keit war großentheils dahin. Nur der Fockmaſt ſtand noch, und auch dieſer hatte ſeine Stenge verloren— ein Umſtand, welchen Kapitän Truck mehr als jeden andern beklagte, weil er, wie er ſich ausdrückte,„das Ebenmaß der Spiere zerſtörte, die ſich als be⸗ währtes Holz gezeigt hatte.“ Die weſentlichere Bedeutung lag je⸗ doch darin, daß es jetzt ſchwierig, wo nicht unmöglich war, vorn eine Nothſtenge aufzuſetzen. Da ſowohl der Hauptmaſt, als der Beſahnmaſt ganz in der Nähe des Decks abgeknackt war, ſo hatte man hierin faſt noch das einzige Erleichterungsmittel, und eine Stunde nach dem Unfall kündigte Mr. Truck ſeine Abſicht an, ſüdlich zu ſteuern, um in den Paſſatwind zu kommen, und dann den günſtigen Wind zu einer Fahrt über das atlantiſche Meer zu benützen, wenn es ihm nicht etwa möglich würde, die Inſeln des grünen Vorge⸗ birgs zu erreichen, wo er vielleicht eine Art neuer Ausſtattung gewinnen konnte. 218 „Ich wünſche weiter nichts, meine theure junge Dame,“ ſagte er zu Eva, welche ſich, ſobald das Wrack trifftig gekappt war, gleichfalls auf das Deck wagte, um die Verwüſtung mitanzuſehen, „ich wünſche weiter nichts, meine theure junge Dame, als daß die weſtlichen Winde zwei oder drei Wochen ruhen; dann aber kann ich die Zuſage geben, euch Alle noch zeitig genug nach Amerika zu bringen, ſo daß ihr daſelbſt euer Chriſtfeſtmahl verzehren könnt. Ich glaube nicht, daß Sir George noch in dieſem Jahr viele weiße Bären in den Rocky⸗Mountains ſchießen wird; es bleiben aber dann ſo viel mehr für eine andere Jahreszeit übrig. Das Schiff befindet ſich in einer Categorie, und wer es leugnen will, iſt ein unverſchämter Spitzbube; übrigens hat man ſchon ſchlimmere Cate⸗ gorien mit dreiſter Stirne wegraiſonniren hören. Alle Vorderſegel reichen nicht zu, um von einem Legerwall abzuhalten; aber dennoch hoffe ich dem Unglück zu entgehen, daß meine Augen die afrikaniſche Kuͤſte erblicken müſſen.“ „Sind wir noch weit von ihr entfernt?“ fragte Eva, welche die Gefahr, in ihrem gegenwärtigen Zuſtande an eine unbewohnte Küſte geworfen zu werden, an welcher man vergeblich nach einem Hafen ſpäht, wohl begriff.„Ich glaube, ich möchte lieber in der Nachbarſchaft eines jeden andern Landes ſeyn, als in der Nähe der afrikaniſchen Küſte.“ „Namentlich der afrikaniſchen Küſte zwiſchen den Canarien und Capo blanco,“ verſetzte Kapitän Truck mit einem ausdrucksvollen Achſelzucken. Es gibt freilich wirthlichere Gegenden, denn wenn man allen Berichten Glauben ſchenken darf, ſo kommen die ehr⸗ lichen Leute an dieſer Küſte nie mit einem Chriſten zuſammen, ohne daß ſie ihn auf ein Kameel ſetzen, mit ihm etliche hundert Stunden unter einer glühenden Sonne durch die Sandwüſten traben und ihm nichts zu eſſen geben, als eine Art Gehäckſel, welches ſogar einem Schottländer den Appetit benehmen könnte.“ „Und Ihr wollt uns nicht ſagen, wie weit wir von dieſem 219 ſchrecklichen Lande entfernt ſind, Monsieur le Capitain?“ fragte Mademoiſelle Viefville. „In zehn Minuten ſollt ihr Alles erfahren, meine Damen, denn ich bin im Begriffe die Länge zu beobachten. Es iſt zwar ſchon ein wenig ſpät, wird aber doch noch angehen.“ „Und wir dürfen auf die Zuverläßigkeit Eurer Angabe bauen?“ „Nehmt das Ehrenwort eines Mannes und eines Matroſen darauf.“ Die Damen ſchwiegen, während Mr. Truck fortfuhr, die Zeit und den Sonnenſtand aufzunehmen. Sobald er mit ſeinen Be⸗ rechnungen fertig war, kam er mit einem Geſichte zu ihnen, in welchem ſich noch immer die gute Laune ausdrückte, obſchon ſein Auge unſtät umherſchweifte. „Und das Reſultat?“ fragte Eva. „Iſt nicht ganz ſo ſchmeichelhaft, als ich wünſchen könnte. Die Küſte iſt keinen Grad mehr entfernt; aber da ſich der Wind beinahe gelegt hat, ſo koͤnnen wir hoffen, daß ſich Mittel finden laſſen, weiter vom Lande abzukommen. Ich bin unverhohlen gegen Euch geweſen, muß aber bitten, daß Ihr das Geheimniß für Euch behaltet, denn wenn meine Leute wiſſen, wie es ſteht, ſo träumen ſie mir von Türken, ſtatt zu arbeiten.“ Es bedurfte keiner großen Beobachtungsgabe, um zu bemerken, daß Kapitän Truck mit der Lage ſeines Schiffes durchaus nicht zu⸗ frieden war. Ohne Hinterſegel und faſt ohne die Mittel, eines anzufertigen, war es vergeblich, an ein Umholen gegen die See zu denken— namentlich gegen die ſchwere See, welche noch immer von Nordweſten herrollte. Der Kapitän trachtete daher vorderhand nach nichts Anderem, als das grüne Vorgebirge anzuthun, wo er natürlich einige Ausſicht hatte, die Beſchädigungen des Schiffs theilweiſe auszubeſſern; auch wußte er wohl, daß er unterwegs auf die Paſſat⸗ winde treffen mußte. Er würde viel weniger Beſorgniß gehegt haben, wenn das Schiff um einen Grad oder zwei weiter ſüdlich— etwa auch um einen Grad weiter im Weſten geſtanden hätte, da 220 in dieſem Theile des Oceans die vorherrſchenden Winde aus Nord⸗ oſten kommen; aber es war nicht leicht, ein Schiff unter einem Fockſegel, dem einzigen regelmäßigen Segel, das noch an ſeiner Stelle ſtand, ſo weit zu bringen. Allerdings ſtanden ihm einige der gewöhnlichen Matroſen⸗Auskunftsmittel zu Gebot, und die Mann⸗ ſchaft wurde augenblicklich in Thätigkeit geſetzt, um ſie in Anwen⸗ dung zu bringen; da jedoch die Hauptmaſten ſo nahe an den Decken abgeknackt waren, ſo wurde es ungemein ſchwer, Noth⸗ maſten aufzurichten. Etwas mußte übrigens verſucht werden. Man holte daher die ledigen Spieren heraus und begann die geeigneten Vorberei⸗ tungen, um ſie an ihre Plätze zu ſetzen und ſo gut aufzutackeln, als es die Umſtände erlauben wollten. Sobald die See nieder ging und die Stätigkeit des Schiffes es zuließ, gelang es Mr. Leach, im Vorderſchiffe einen dürftigen Nothbehelf für ein unteres Prall⸗ ſegel und eine Art Stagſegel anzubringen. Vermittelſt dieſes wei⸗ teren Tuchs ließ ſich der Schiffsſchnabel ſüdlich ſtellen, während der Wind leicht aus Weſten kam. Gegen Mittag hatte ſich der Wellenſchlag ſehr gemindert; aber ſie legten eben in drei Stunden eine einzige Seemeile zurück— eine trübſelige Ausſicht für Leute, die einen ſo langen Weg vor ſich hatten und ſich in der Naͤhe einer Küſte befanden, welcher der Ruf nichts weniger, als Gaſt⸗ freundlichkeit nachrühmte. Es verbreitete ſich daher allgemeine Freude auf dem Montauk, als gegen Abend der Ruf:„Segel ho!“ erſcholl. Das fremde Schiff ließ ſich in Südoſten blicken und ſteuerte auf einem Kurſe, der es ganz nahe in ihre eigene Fahrſtraße brin⸗ gen mußte, denn der Montauk lief damals quer durch die See. Der Wind war übrigens ſo leicht, daß Kapitän Truck ſeine Anſicht dahin abgab, ſie würden den Fremden vor Einbruch der Nacht nicht anſprechen können. „Wenn ihn die Küſte nicht aufgegriffen hat, muß jener flun⸗ kernde Gentleman, der mit ſeinem leichten Tuche weit beſſeres Glück 221 gehabt zu haben ſcheint, als wir, der Foam ſeyn,“ ſagte er. „Taback oder kein Taback— junger Ehemann oder junge Ehfrau— der Kerl hat uns endlich, und es bleibt uns kein anderer Troſt, als daß wir ihm ſehr verpflichtet ſeyn werden, wenn er uns nach Portsmouth oder in was immer für einen andern chriſtlichen Hafen nehmen will. Wir haben ihm gezeigt, was ein Keſſelboden vor dem Wind leiſten kann, und jetzt mag er uns ein Schlepptau wind⸗ wärts zuwerfen, wie ein edelmüthiger Gegner. Dies iſt's, was ich einen Vattel'ſchen Grundſatz nenne, meine theure junge Dame.“ Wenn er dies thut, wird er ſich in der That als einen edel⸗ müthigen Gegner erweiſen,“ verſetzte Eva,„und wir können dann zuverläſſig ſeine Menſchlichkeit rühmen, was immer wir auch von ſeinem Wahnſinne halten mögen.“ „Seyd Ihr vollkommen überzeugt, das Schiff in Sicht ſey die Korvette?“ fragte Paul Blunt. „Was anders könnte es ſeyn? Zwei Schiffe ſind hinreichend, um hier unten an der Küſte von Afrika in die Klemme zu kommen, und wir wiſſen, daß ſich der Engländer irgend wo im Lee von uns befinden muß. Dennoch will ich geſtehen, ich hätte ihn für ferner gehalten, wenn nicht etwa gar unter den Muſelmännern, wo er bald zur Federleichtigkeit einſchrumpfen müßte, wie Kapitän Riley, der nach einer Wanderung durch die Wüſte juſt noch mit Haut und Knochen wieder herauskam.“ „Ich glaube doch nicht, daß jene Oberbramſegel die Verhält⸗ niſſe eines Kriegsſchiffs haben.“ Kapitän Truck ſah den Jüngling einen Augenblick feſt an, wie man einem Manne gegenüber zu thun pflegt, aus deſſen Mund man ein gutes Urtheil hört, und wandte dann ſeine Blicke auf den Gegenſtand, von dem ſie eben ſprachen. „Ihr habt Recht, Sir,“ entgegnete er nach kurzer Prüfung, „und ich muß mir da in meinem eigenen Berufe von einem Menſchen eine Lehre ertheilen laſſen, der jung genug iſt, um mein Sohn ſeyn 222 zu können. Der Fremde iſt augenſcheinlich kein Kreuzer, und da ſich in dieſer Breite nirgends ein Hafen befindet, ſo haben wir's wahrſcheinlich mit einem Trader zu thun, der, wie wir, ſo weit herunter verſchlagen wurde.“ „Und in der That, Kapitän,“ fügte Sir George Templemore bei,„wir dürfen uns aufrichtig freuen, daß er gleich uns dem Schiffbruch entronnen iſt. Was mich betrifft, ſo beklage ich die armen Unglücklichen an Bord des Foam aus dem Grunde meines Herzens, und ich könnte faſt wüͤnſchen, daß ich ein Katholik ſeyn möchte, um für ſie Meßopfer bringen zu laſſen.“ „Ihr habt Euch während dieſer ganzen Geſchichte als einen Chriſten erwieſen, Sir George, und ich werde nicht vergeſſen, welche ſchöne Erbietungen Ihr gemacht habt, dem Schiff lieber mit Euren Mitteln freundſchaftlich beizuſpringen, als uns in den Rachen der Philiſter fallen zu laſſen. Wir haben mit jenem ſchnellfüßigen Renner in unſrem Kielwaſſer ſchon mehr als einmal in einer Kategorie geſteckt, und Ihr ſeyd der Mann geweſen, Sir George, welcher am nachdrücklichſten ſeinen Wunſch an den Tag legte, uns wieder herauszuſchaffen.“ „Ich fühle ſtets Intereſſe für das Schiff, in welchem ich eine Fahrt mache,“ entgegnete der Baronet ſelbſtgefällig, denn es machte ihm Vergnügen, ſeine Freigebigkeit ſo offen loben zu hören, „und würde lieber tauſend Pfunde in die Schanze geſchlagen haben, damit es nur nicht genommen werde. Ich denke, dies iſt ſo der Geiſt eines ächten Fuchsjägers.“ ¹ „Oder eines Admirals, mein guter Sir. Offen geſprochen, Sir George, als ich die Ehre hatte, zum erſtenmal mit Euch be⸗ kannt zu werden, glaubte ich nicht, daß ſo viel in Euch ſtecke. Es war eine Art engliſcher Aufmerkſamkeit auf allerlei Tand, eine Art Knieſchnallenthum an Eurem Debut, wie es Mr. Dodge nennt, ſo daß ich nicht erwartete, den Mann von ganzer Seele, welcher nur von einer Idee durchdrungen iſt, in Euch zu finden.“ 223 „Ol ich liebe eben meine Comforts,“ entgegnete Sir George lachend. „Ich kann mir dies denken und wundere mich nur, daß Ihr nicht raucht. Mr. Dodge, Euer Zimmergefährte da, fagt mir, Ihr hättet ſechsunddreißig Paar Hoſen.“ „Ganz richtig— ja, es fehlt in der That nicht. Wenn man auf Reiſen geht, wünſcht man ſich doch anſtändig zu kleiden.“ „Na, wenn uns zufälligerweiſe das Glück blüht, durch die Wüſte zu reiſen, ſo kann Eure Garderobe ſchon einen ganzen Harem auftackeln.“ „Ich wünſchte nur, Kapitän, Ihr erwieſet mir die Gunſt, Eines Morgens in unſer Staatsgemach zu treten, denn ich bin im Beſitze vieler Merkwürdigkeiten, die ich Euch gerne zeigen möchte: namentlich ein Beſteck von Raſirmeſſern— ein Toiletten⸗Etuis— ein Paar Patentpiſtolen— und den Lebenserhalter, den Ihr ſo ſehr bewundert, Mr. Dodge. Mr. Dodge hat das Meiſte von meinen hübſchen Sachen geſehen und wird, glaube ich, Euch ſagen, daß Manches darunter iſt, was wirklich eine kurze Beſchauung verdient.“ „Ja, Kapitän, ich muß ſagen,“ bemerkte Mr. Dodge— die ganze Unterhaltung fand nämlich zwiſchen den gedachten drei Perſo⸗ nen beiſeits Statt, während der Mate den Schiffsdienſt beſorgte; denn die Gewohnheit hatte es Mr. Truck leicht gemacht, ſich mit ſeinen Paſſagieren zu unterhalten und zugleich ſeine Leute anzuſpornen— „ja, Kapitän, ich muß ſagen, daß ich noch nie auf einen Gentleman traf, der beſſer mit dergleichen Nothwendigkeiten ausgeſtattet ge⸗ weſen wäre, als mein Freund Sir George. Die engliſchen Gentlemen ſind jedoch überhaupt in dergleichen Dingen ſehr erfin⸗ deriſch, und ich geſtehe, daß ich ihren Scharfſinn bewundere.“ „Namentlich in Betreff der Hoſen, Mr. Dodge. Habt Ihr auch eine entſprechende Anzahl Röcke, Sir George?“ „Allerdings, Sir, denn es wäre doch ein Bischen abgeſchmackt, 224 in Hemdärmeln herumlaufen zu wollen. Indeß wünſchte ich doch, Kapitän, wir könnten Mr. Dodge ein Bischen weniger republika⸗ niſch machen. Er iſt zwar ein ganz angenehmer Zimmergenoſſe, aber doch etwas langweilig, wenn er auf Könige oder Fürſten zu ſprechen kömmt.“ „Ihr haltet alſo am Volk, Mr. Dogde, oder an der alten Categorie?“ „Ueber dieſen Punkt kann ich mit Sir George nie einig wer⸗ den, denn er iſt ein ſtarrer Anhänger der Monarchie; ich ſage ihm übrigens ſtets, er werde deshalb nicht ſchlechter behandelt werden, wenn er unter uns komme. Er hat mir einen Beſuch in unſerem Theile des Landes verſprochen, und ich ficherte ihm mit meinem Ehrenworte eine unqualifizirt gute Aufnahme zu. Hoffentlich kennt Ihr die ganze Bedeutung eines Ehrenworts?“ „Wie ich höre,“ fuhr der Baronet fort,„ſo iſt Mr. Dodge der Herausgeber eines öffentlichen Journals, in welchem er ſeine Leſer mit einem Bericht über ſeine Abenteuer und mit ſeinen Reiſe⸗ bemerkungen unterhält:„The Active Inquirer“*᷑— lautet der Titel. Iſt's nicht ſo, Mr. Dodge?“ „Dies iſt der Name, Sir George.„The Active Inquirer“ — ſo lautet die gegenwärtige Bezeichnung, obſchon wir, als wir Mr. Adams unterſtützten,„The Active Enquirer“ mit einem E auf dem Titel drucken ließen.“ „Eine Unterſcheidung ohne Unterſchied— dies gefällt mir,“ entgegnete Kapitän Truck.„Ich habe nun zum zweitenmale die Ehre, mit Mr. Dodge zu ſegeln, und ein eifrigerer Frager hat nie ſeinen Fuß in ein Schiff geſetzt, obſchon ich früher nicht wußte, wozu er alle die eingeholte Auskunft brauchte. Ich finde alſo jetzt, daß es zu ſeinem Handwerk gehört.“ „Mr. Dodge nennt es einen Beruf, Kapitän, und dünkt ſich hoch über den Handwerker erhaben. Er ſagt mir, ſeit unſerer n Der eifrige Frager. 225 Ausfahrt habe ſich mancherlei an Bord dieſes Schiffes zugetragen, was ganz ſchöne Artikel geben werde.“ „Den Teufel auch!— Da möchte ich doch gar zu gerne er⸗ fahren, Mr. Dodge, was Ihr in Betreff dieſer Categorie, in wel⸗ cher ſich der Montauk befindet, zu ſagen wißt.“ „O Kapitän, habt keine Sorge vor mir, wenn Eure Perſön⸗ lichkeit in Frage kömmt. Ihr wißt, ich bin ein Freund, und Ihr habt keinen Grund, etwas zu fürchten, obſchon ich dies nicht von Allen an Bord ſagen möchte. Es ſind Paſſagiere in dieſem Schiff, gegen die ich eine entſchiedene Antipathie habe, und deren Beneh⸗ men mich mit unqualiſtzirter Mißbilligung erfüllt.“ „Ihr gedenkt alſo, ſie in einem Artikel zu bearbeiten?“ Mr. Dodge warf ſich nun mit dem Dunkel eines gemeinen auf⸗ geblaſenen Menſchen in die Bruſt, der ſich nicht nur im Beſitz einer von Andern gefürchteten Macht wähnt, ſondern auch von ſeinem eigenen Werthe ſo ſehr geblendet iſt, daß er glaubt, ſeine Anſich⸗ ten müſſen auch für diejenigen richtig ſeyn, welche, wie ihm jede Fiber ſeines ganzen neidiſchen und boshaften Organismus ſagt, in jeder Hinſicht ihm weit überlegen ſind. Zwar wagte er es nicht, ſein Gift ganz auszuſprudeln; aber dennoch konnte er es nicht über ſich gewinnen, es völlig zu unterdrücken. „Dieſe Effinghams, dieſer Mr. Sharp und dieſer Mr. Blunt,“ murmelte er,„meinen beſſer zu ſeyn, als andere Leute; aber wir werden ſehen! Amerika iſt kein Land, wo ſich die Leute im Zim⸗ mer einſchließen und in der Einbildung leben können, daß ſie gnä⸗ dige Herren und gnädige Frauen ſeyen.“ „Gott behüte meine Seele!“ entgegnete Kapitän Truck mit erkünſtelter Einfalt,„wie habt Ihr dies ausfindig gemacht, Mr. Dodge? Was iſt's nicht Schönes um einen eifrigen Frager, Sir George!“ „O, ich merke es bald, wenn ein Menſch aufgeblaſen iſt von der Vorſtellung, er ſey Wunder was. Was den Mr. John Effingham Die Heimkehr. 15 nn1— — 226 betrifft, ſo war er ſo lange auf Reiſen, daß er ganz vergeſſen hat, er kehre jetzt zurück nach dem Lande der gleichen Rechte!“ „Ganz richtig, Meiſter Dodge— nach einem Lande, in dem ſich kein Menſch in ſeine Zimmer einſchließen darf, wenn ihn etwa die Luſt dazu anwandelt. Dies iſt der Geiſt, Sir George, der eine große Nation zu bilden im Stande iſt, und Ihr ſeht, daß die Tochter wahrſcheinlich ſo würdig werden wird, wie die alte Dame. Aber mein theurer Sir, wißt Ihr auch gewiß, das Mr. John Effingham unbedingt ſo hohe Stücke auf ſich ſelber hält? Es wäre doch verdrießlich, in einer ſo ernſten Angelegenheit einen Miß⸗ griff zu begehen und einen Zeitungsartikel für nichts und wieder nichts aufzuwenden. Ihr ſolltet Euch an das Verſehen jenes Ir⸗ länders erinnern!“ „Was iſt damit?“ fragte der Baronet, der durch den unbeug⸗ ſamen Ernſt des Kapitän Truck völlig myſtifizirt war; denn von dem Character des Letzteren konnte man wohl ſagen, er ſey durch lange Gewohnheit dazu gebildet worden, die Schwächen ſeiner Ne⸗ benmenſchen mit ruhiger Verachtung zu behandeln.„Wir hören Allerlei in unſerem Club; aber ich kann mich nicht auf das Ver⸗ ſehen eines Irländers erinnern.“ „Er hielt irrthümlicherweiſe das Trommeln in ſeinem eigenen Ohr für irgend ein unerklärliches Geräuſch, welches auch ſeine Ka⸗ meraden hören müßten.“ Mr. Dodge fühlte ſich unbehaglich; denn bei einem gemeinen Menſchen ſteht Niemand ſo ſehr im Reſpekt, als ein gelaſſener Spötter, der kein Bedenken trägt, von ſeiner geiſtigen Kraft Ge⸗ brauch zu machen. Er ſchuͤttelte daher in drohender Weiſe ſeinen Kovf, that, als habe er etwas zu thun, und ging in das Schiff hinunter, den Baronet und den Kapitän allein zurücklaſſend. „Mr. Dodge iſt ein eiſenköpfiger Freund der Freiheit,“ ſagte der Erſtere, ſobald ſein Zimmergenoſſe außer Hörweite war. „Ja, dies iſt er, denn Ihr habts ja aus ſeinem eigenen ₰̈ B K 227 Munde gehört. Es faͤllt ihm nicht ein, einen Menſchen thun zu laſſen, was er eben Luſt hat. In Amerika wimmelt es von der⸗ gleichen eifrigen Fragern, und ich kümmere mich nicht darum, wie viel von dieſem Volke Ihr niederſchießt, ehe Ihr Eure Büchſe an den weißen Bären verſucht, Sir George.“ „Ihr müßt übrigens zugeſtehen, Kapitän, daß es viel artiger von den Effinghams wäre, wenn ſie ſich weniger in ihre Kajüte einſchlößen und uns ein Bischen öfter Zutritt in ihre Geſellſchaft geſtatteten. Ich bin ganz Mr. Dodge's Anſicht, daß ein ſolches ausſchließliches Weſen ungemein verdrießlich iſt.“ „Ich habe einen armen Teufel in dem Zwiſchendeck, Sir George, dem ich ein Stück Leinwand gab, um eine Beſchädigung an ſeinem Hauptſegel auszubeſſern; er könnte wohl das gleiche ſagen, wenn er etwas von Euren Sechsunddreißig wuͤßte.— Nehmt eine Cigarre, mein theurer Sir, und vertreibt Euch die Grillen mit Rauchen.“ „Danke, Kapitän— ich rauche nie. In unſerem Club wird nicht geraucht, obgleich Einer oder der Andere bisweilen nach dem Divan geht, um einen Oſchibuck zu verſuchen.“ „Wir können die Kajuͤten nicht für uns Alle haben, da ſonſt Niemand im Vorderſchiff bleiben möchte, Sir George. Wenn es den Effinghams in ihrem eigenen Gelaſſe gefällt, ſo glaube ich ehr⸗ lich, daß es aus dem einfachen Grunde geſchieht, weil es das beſte im Schiff iſt; denn ich ſtehe Euch dafür, wenn ein beſſeres da wäre, ſo würden ſie bereit genug ſeyn, umzuziehen. Ich vermuthe übrigens, wenn wir nach Amerika kommen, wird Mr. Dodge auch Cure Perſon mit einem Artikel in dem„Active Inquirer“ beehren.“ „Die Wahrheit zu ſagen, er hat bereits etwas der Art an⸗ gedeutet.“ „Und warum nicht? Ueber die ſechsunddreißig Paar Hoſen, die Patentraſirmeſſer und das Toiletten⸗Etuis läßt ſich ſchon ein ſehr belehrender Artikel zuſammenſchmieden— der Rocky⸗Moun⸗ tains und der weißen Bären gar nicht zu gedenken.“ Sir George begann ſich nun gleichfalls unbehaglich zu fühlen und entfernte ſich nach einigen nichtsſagenden Bemerkungen über den kürzlichen Unfall. Kapitän Truck, der nie anders als aus der Ecke ſeines linken Auges lächelte, wandte ſich ab und begann ſeine Leute aufzuſtoͤren; zugleich warf er Saunders hin und wieder mit ſo großer Gleich⸗ giltigkeit einen Wink zu, als ob er ſteif und feſt an die unfehlbare Orthodoxie einer Zeitung glaube und namentlich eine hohe Ach⸗ tung gegen den Herausgeber des„Active Inquirer“ hege. Die Vorausſagung des Meiſters in Betreff des fremden Schiffes erwies ſich als richtig, denn es kam Abends gegen neun Uhr in Rufweite und legte nun ſein großes Marsſegel an den Maſt. Das Fahrzeug war ein mit Ballaſt geladener Amerikaner, der von Gi⸗ braltar nach New⸗York wollte und dem Geſchwader im mittelländi⸗ ſchen Meere Proviant zugeführt hatte. Es war weſtlich von Ma⸗ deira von dem Sturme überfallen worden und hatte, nachdem es ſich möglichſt lange gehalten, gleichfalls lenſſen müſſen. Dem Berichte der Offiziere zufolge ſtand das Foam mehr küſtenwärts und war jetzt wahrſcheinlich geſcheitert. Das eigene Entkommen verdankte der Amerikaner blos dem Nachlaſſen des Windes; denn ſie hatten ſchon das Land in Sicht gehabt, ohne übrigens Beſchä⸗ digung zu erleiden, da es ihnen noch möglich wurde, in Zeiten umzuholen. Zum Glücke beſtand der Ballaſt dieſes Schiffes aus ſüßem Waſſer, und Kapitän Truck verbrachte den Abend in Unterhandlun⸗ gen, welchen zufolge er einen Theil ſeiner Zwiſchendeckpaſſagiere auf das Fahrzeug ſeines Landsmanns überpflanzte, weil er fürch⸗ tete, bei dem verkrüppelten Zuſtande des Montauk dürften die Vorräthe verbraucht ſeyn, ehe er Amerika erreichen konnte. Am Morgen wurde es Allen an Bord freigeſtellt, ſich auf dem Proviant⸗ 229 fahrzeuge einzuſchiffen, und ſämmtliche Zwiſchendeckpaſſagiere nebſt den meiſten Kajüteninſaſſen benützten dieſe Gelegenheit, den ent⸗ maſteten Montauk gegen ein Schiff umzutauſchen, das wenigſtens mit vollem Tackelwerk verſehen war. Demgemäß wurden auch die Vorräthe umgeladen, und gegen Mittag des andern Tages ſegelte der Fremde am Winde weiter, denn die See war leidlich glatt, ob⸗ ſchon die Briſe noch immer von vorne kam. In drei Stunden ver⸗ lor ſich das Proviantſchiff im Nordweſten außer Sicht, während der Montauk ſeinen eigenen trägen Curs gegen Süden fortſetzte, um entweder in die Paſſatwinde zu kommen, oder eine von den Inſeln des grünen Vorgebirges zu erreichen. Fünfzehntes Kapitel. Stephano.— Seine vordere Stimme ſpricht nur Gutes von einem Freunde, die hintere aber führt loſe Reden und weiß nur Verläumdungen auszuſtoßen. Der Sturm. Die Lage des Montauk war nach dem Abgange ſo vieler Paſſagiere verlaſſener, als je. So lange es auf den Decken noch von Menſchen wimmelte, hatte das Schiff ein lebenvolles Ausſehen, welches dazu diente, die Unruhe zu mildern; nun aber ſämmtliche Zwiſchendeckpaſſagiere und ſo Viele aus den Kajüten abgegangen waren, begannen die Zurückbleibenden in Betreff der Zukunft ernſt⸗ lichere Beſorgniſſe zu unterhalten. Als der Punkt, welcher die oberen Segel des Vorrathſchiffes bezeichnete, hinter der Meeres⸗ krümmung verſchwand, bedauerte Mr. Effingham, daß er nicht gleichfalls ſeinen Widerwillen gegen eine überfüllte und unbequeme Kajüte ſo weit hatte überwinden können, um mit ſeiner eigenen Ge⸗ ſellſchaft an Bord zu gehen. Dreißig Jahre früher würde er ſich glücklich geſchätzt haben, wenn er für eine Fahrt ein ſo gutes Schiff mit ſo gemächlichen Einrichtungen gefunden hätte; aber andere An⸗ 230 gewöhnungen bringen auch einen Wechſel in unſern Anſichten her⸗ vor, und er hielt es jetzt faſt für unmöglich, Eva und Mademoi⸗ ſelle Viefville in eine Lage zu bringen, wie ſie ſich diejenigen ſtets gefallen laſſen mußten, welche zu Anfang dieſes Jahrhunderts See⸗ reiſen machten. 3 Wie bereits bemerkt wurde, hatten die Kajütenpaſſagiere ſich verſchiedentlich entſchloſſen. Die Zurückbleibenden beſtanden aus den Effinghams und ihrer Geſellſchaft, Mr. Sharp, Mr. Blunt, Sir George Templemore, Mr. Dodge und Mr. Monday. Mr. Effing⸗ ham's Gründe beſtanden in der größeren Bequemlichkeit des Paket⸗ ſchiffes und in der Hoffnung, eine Ankunft an den Inſeln würde das Schiff in die Lage bringen, die geeigneten Ausbeſſerungen vor⸗ zunehmen, ſo daß es Amerika faſt eben ſo ſchnell erreichen konnte, als das träg ſegelnde Schiff, welches ſie eben erſt verlaſſen hatte. Mr. Sharp und Mr. Blunt hatten erklärt, daß ſie ſeinen Glücks⸗ ſtern theilen wollten— eine mittelbare Redeweiſe, die eigentlich der Tochter galt. Daß John Effingham blieb, verſtund ſich von ſelbſt, obſchon er dem Fremden den Vorſchlag gemacht hatte, er ſolle ſie nach einem Hafen tauen. Die Ausführung deſſelben ſchei⸗ terte jedoch an dem Umſtande, daß die beiden Kapitäne über den Steuerkurs nicht einig werden konnten, wie ſich denn auch eine ernſtlichere Schwierigkeit in Betreff der Vergütung herausſtellte, da der Fremde einige ziemlich verſtändliche Winke über Bergegeld fallen ließ. Monday dagegen mochte ſich nicht von den Vorräthen des Stewards trennen, von denen ihm jetzt, wie er richtig folgerte, weit mehr zufallen mußte, als früher. Sir George Templemore war an Bord des Vorrathſchiffes gegangen und hatte durch einige ſehr klare Demonſtrationen ſeine Abſicht angedeutet, ſich ſelbſt und die ſechsunddreißig Paar Hoſen nach dieſem Fahrzeug zu überpflanzen; als er jedoch die Einrich⸗ tungen und namentlich den beſchränkten Platz ſah, in welchem er ſich und ſeine zahlreichen Merkwürdigkeiten unterbringen ſollte, fühlte N & A 231 er ſich doch dem Opfer nicht gewachſen. Andererſeits wußte er⸗ daß ihm jetzt ein ganzes Staatsgemach zu Theil werden würde, weshalb der verwöhnte, ſchwachköpfige junge Mann die augen⸗ blickliche Gemächlichkeit und das Vergnügen, ſeiner Lieblingsſchwäͤche nachzuhängen, der Sicherheit vorzog. Was Mr. Dodge betraf, ſo beſaß er die amerikaniſche Eil⸗ wuth, weshalb er unter die Erſten gehörte, welche ein allgemeines Schwärmen vorſchlugen, ſobald ruchbar wurde, daß der Fremde die Paſſagiere aufnehmen würde. Im Laufe der Nacht war er eifrig bemüht geweſen, eine Partie zu der„Reſolution“ zu be⸗ wegen, die Klugheit fordere, daß der Montauk von allen ſeinen Paſſagieren verlaſſen werde; und ſogar nachdem dieſer Plan fehl⸗ geſchlagen war, erging er ſich ſehr beredt in den Winkeln des Schiffes(denn Mr. Dodge war zu beſcheiden und zu rein demokratiſch, um je laut zu ſprechen, wenn er nicht unter den ſchützenden Fittigen der öffentlichen Meinung ſtand) über die Zweckmäßigkeit, daß Ka⸗ pitän Truck ſein eigenes Urtheil dem der Mehrzahl unterſtelle. Er hätte übrigens eben ſo gut gegen den letzten Sturm ſchelten und hoffen können, ihn dadurch zum Aufhoöͤren zu zwingen, als ihm ein derartiger Verſuch gegen die feſtgewurzelten Begriffe welche der alte Seemann von ſeiner Pflicht hatte, Ausſicht verſprach; denn kaum war ein derartiges Anſinnen hingedeutet worden, als er ſchon ſeine Weigerung in einem Tone herausknurrte, der, eben weil er ſeine Paſſagiere ſonſt nicht ſo zu behandeln pflegte, die Vorſtellung auf's Wirkſamſte zum Schweigen brachte. Nachdem dieſe beiden Plane fehlgeſchlagen waren, verſuchte Mr. Dodge angelegentlichſt, Sir George zu überzeugen, daß er ſeine Intereſſen und ſeine Sicher⸗ heit nicht beſſer wahren könne, als wenn er an Bord des Pro⸗ viantſchiffes gehe; aber alle ſeine Beredſamkeit und der feſte Fuß, den er durch unabläßige Schmeicheleien in dem Herzen des An⸗ dern gewonnen hatte, waren außer Stande, die Gemächlichkeits⸗ liebe, namentlich aber die Leidenſchaft des Baronet zu überwinden, 232 welche ihn ſo großes Vergnügen an ſeinen hundert Merkwürdig⸗ keiten finden ließ. Die Hoſen, die Raſirmeſſer, das Toiletten⸗Etuis, die Piſtolen und die meiſten anderen Dinge hätten ſich allerdings in einen Koffer packen laſſen; aber Sir George liebte es, ſie täg⸗ lich anzuſehen, weshalb ſie wo möglich ſtets vor ſeinen Augen pa⸗ radiren mußten. Als Mr. Dodge fand, es ſey vergeblich, Sir George Tem⸗ plemore aus dem Paketſchiffe fortzuſchwatzen, erklärte er plötzlich zum Erſtaunen Aller ſeine Abſicht, daß er gleichfalls bleiben wolle. Einige machten Halt, um ſich noch in der Haſt eines ſolchen Mo⸗ mentes nach ſeinen Beweggründen zu erkundigen. Seinem Zim⸗ mergefährten dagegen verſicherte er, nur die innige Freundſchaft, die er zu ihm fühle, könne ihn veranlaſſen, auf die Ausſicht, die Heimath noch vor den Herbſtwahlen zu erreichen, zu verzichten. Auch ging Mr. Dodge in dieſer Angabe nicht ſehr weit von der Wahrheit ab; denn als amerikaniſcher Demagoge gab er ſich genau dem Einfluſſe jener Gefühle und Neigungen hin, die ihn an allen andern Orten zu einem Höfling gemacht haben würden. Aller⸗ dings war er— oder glaubte es wenigſtens— in einer Diligence mit ein paar Gräfinnen gereist; aber von dieſen hatte er ſich in Folge der Macht der Umſtände zu früh wieder trennen müſſen, während er hier einen bona fide engliſchen Baronet ganz für ſich in einem raumbeſchränkten Staatsgemach hatte, und ſeine Einbil⸗ dungskraft ſchwelgte in dem Ruhme und dem Glück einer ſolchen Bekanntſchaft. Was waren die ſtolzen und abgemeſſenen Effing⸗ hams gegen Sir George Templemore? Er ſchrieb ſogar ihre Zu⸗ rückhaltung gegen den Baronet dem Neide zu— eine Leidenſchaft, von deren Vorhandenſeyn er ſehr lebhafte Vorſtellungen hatte— und fand eine geheime Wonne darin, in einem ſo kleinen Raume mit einem Manne abgeſchloſſen zu ſeyn, der den Neid eines Ef⸗ fingham zu erregen vermochte. Ehe er daher ſeine ariſtokratiſche Priſe aufgab, die er allen ſeinen benachbarten demokratiſchen 8 233 Freunden zur Schau zu ſtellen gedachte, beſchloß er lieber von ſeiner gewohnten Haſt abzulaſſen und ſeinen Lohn in der künftigen Luſt zu ſuchen, in ſeinem heimiſchen Kreiſe von Sir George Temple⸗ more, ſeinen Raritäten, ſeinen Reden und Scherzen ſprechen zu können. Außerdem kitzelte, ſo ſonderbar es auch erſcheinen mag, Mr. Dodge doch das Verlangen, bei den Effinghams zu bleiben, denn obſchon ſeine Eiferſucht und das Bewußtſeyn ihrer Ueberlegenheit in ſeinem Innern nur Haß erzeugte, war er doch jeden Augenblick bereit, Frieden mit ihnen zu ſchließen, vorausgeſetzt, daß dies durch eine unverholene Einräumung der Rechte eines vertraulichen Umgangs geſchehen konnte. Was dagegen die nichts ahnende Familie betraf, die für Mr. Dodge's Glück von ſo weſentlicher Bedeutung geworden war, ſo dachte ſie nur ſelten an dieſes Individuum, ließ ſich wenig träumen, welche hohe Stelle ſie in ſeiner Werthſchätzung einnahm, und handelte blos nach den Eingebungen ihres Geſchmackes und ihrer Grundſätze, wenn ſie keinen Gefallen an der Geſellſchaft des Journaliſten finden konnte. Sie glaubte, namentlich in dieſer Hin⸗ ſicht frei ſich bewegen zu können, um ſo mehr, da ihre Angehörigen ſchon in Folge der genoſſenen guten Erziehung ſelten ſich tadelnde Be⸗ merkungen über Perſonen erlaubten und nie auf Klatſchereien eingingen. In Folge dieſer widerſprechenden Gefühle von Seiten Mr. Dodge's— der Verwöhntheit des Sir George Templemore— des Intereſſes, welches die beiden Gentlemen an Eva nahmen— der Vorliebe Mr. Monday's zu eres und Champagner— des⸗ gleichen der Entſchiedenheit Mr. Effinghams blieben dieſe Perſonen die einzigen Inſaſſen der Kajüten des Montauk. Von dem großen Haufen, welcher nunmehr abgezogen iſt, haben wir bisher nichts ge⸗ ſprochen, namentlich da ihn die erwähnte Ueberſiedelung an Bord des Proviantſchiffes im Laufe unſerer Geſchichte kein weiteres Inter⸗ eſſe verleiht. Wenn wir ſagen wollten, es ſey Kapitän Truck nicht weh⸗ müthig um's Herz geweſen, als er das Trausportſchiff unter den 234 Horizont verſinken ſah, ſo würden wir dem mannhaften Matroſen weit mehr Philoſophie zuſchreiben, als er wirklich beſaß. Im Laufe eines langen und ereignißreichen Berufslebens hatte er wohl ſchon allerlei Ungemach durchgemacht, aber nie zuvor ſich genöthigt ge⸗ ſehen, Beiſtand aufzubieten, und ſeine Paſſagiere einem anderen Schiffe zu übergeben, damit es dieſelben nach dem bedungenen Hafen bringe. In dem gegenwärtigen Falle kam ihm der Akt, welchen die Nothwendigkeit forderte, ſogar als Makel für ſeinen Seemanns⸗ ruf vor, obgleich in Wahrheit der Unfall dem im Kerne des Maſtes verſteckten Mangel zuzuſchreiben war. Der ehrliche Kapitän ſeufzte oft, rauchte den Nachmittag über faſt noch einmal ſo viel Cigar⸗ ren, als gewöhnlich, und wie endlich die Sonne glorreich im fernen Weſten unterging, betrachtete er in melancholiſchem Schweigen den Himmel ſo lang, als noch einer von den herrlichen Gold⸗ und Pur⸗ purſtreifen, welche in der Dämmerung die Wolken zu ſäumen pfle⸗ gen, zurückblieb. Er beſchied ſodann Saunders nach dem Halb⸗ decke, wo folgendes Geſpräch zwiſchen ihnen ſtattfand: „Wir ſind in einer ganzverteufelten Categorie, Meiſter Steward!“ „Sie könnte wohl beſſer ſeyn, Sir. Ich wünſche nur, daß die gute Butter anhalte, bis wir unſern Hafen erreichen.“ „Wenn Ihr's daran fehlen laßt, ſo werde ich dafür Sorge tragen, daß man Euch in das Gefängniß des Staats oder wenig⸗ ſtens in jene gothiſche Hütte auf Blackwells⸗Island ſtecke.“ „Haltet zu Gunſten, Kapitän Truck, Alles nimmt ein Ende— ſogar die Butter. Vermuthlich wird auch Mr. Vattel dies zugeben, Sir, wenn er anders von der Kochkunſt etwas verſteht.“ „Hört, Saunders, wenn Ihr je wieder in meiner Gegenwart darauf hindeutet, Vattel habe zu den Kupferkeſſeln in Beziehung geſtanden, ſo werde ich mir die Freiheit nehmen, Euch hier herum an die Küſte zu ſetzen, wo Ihr Euch mit Zurüſtung eines Diners aus gebratenen jungen Affen unterhalten könnt. Ich weiß, daß Ihr an Bord des andern Schiffes waret und die Einrichtungen 235 beaugenſcheinigtet. Wie werden die Gentlemen darin ihre Zeit verbringen können?“ „Erbärmlich, Sir— ich gebe Euch als ein ächter Gentle⸗ man mein Ehrenwort darauf, Sir. Würdet Ihr's wohl glauben, Kapitän Truck— der Steward iſt ein kohlrabenſchwarzer Neger, trägt Ohrenringe, ein rothes Flanellhemd und beſitzt nicht die mindeſte Erziehung. Was den Koch betrifft, ſo würde ihn Jenny Ducks, den wir an Bord haben, in einer Prüfung ausſtechen; auch iſt nur ein e Cambüſe und ein einziges Paar Keſſel vorhanden.“ „Nun, in dieſem Falle werden die Zwiſchendeckpaſſagiere ſo gut fahren, wie die in der Kajüte.“ „Ja, Sir, und die Kajüte ſo ſchlecht, wie das Zwiſchendeck. Ich für meinen Theil deguſtire Freiheit und Gleichheit.“ „Ueber dieſen Punkt ſolltet Ihr mit Mr. Dodge ſprechen, Meiſter Saunders— es dürfte dann einen harten Kampf ſetzen. Darf ich fragen, Sir, ob Ihr Euch zufälligerweiſe erinnern könnt, welchen Wochentag wir haben?“ „Ohne Controvers, Sir. Morgen iſt's Sonntag, Kapitän Truck, und ich denke, es iſt tauſend Schade, daß wir keine Gele⸗ genheit haben, die Kirchengebete für uns in Anſpruch zu neh⸗ men, Sir.“ „Wenn morgen Sonntag iſt, ſo muß wohl heute Samſtag ſeyn, Mr. Saunders, wenn nicht etwa die letzte Bö eine Verwir⸗ rung in den Kalender gebracht hat.“ „Ganz natürlich, Sir, und ſehr richtig bemerkt. Alle Welt räumt ein, daß es keinen beſſern Seemann gebe, als den Kapitän Truck, Sir.“ „Dies mag wahr ſeyn, mein ehrlicher Burſche,“ entgegnete der Kapitän verſtimmt, nachdem er drei oder vier qualmende Züge aus ſeiner Cigarre gethan hatte;„aber ich bin hier unten in der Nachbarſchaft des Landes Eurer liebenswürdigen Familie kläglich aus meinem Wege. Wenn heute Samſtag iſt, ſo werden wir dem⸗ 236 nächſt Samſtag Abend haben, und ſeht zu, daß wir Toaſte auf unſre ‚Schätzchen und Weiber' ausbringen können. Ich bin zwar mit keinerlei derartiger Waare begabt, fühle aber doch, daß mir etwas Aufheiterndes Noth thut, damit ich meine Gedanken zu der Zukunft erheben kann.“ „Verlaßt Euch auf meinen Kopf, Sir— es freut mich, Euch ſo ſprechen zu hören; denn ich glaube, Sir, ein Schiff iſt nie ſo achtbar und gentil, als wenn es alle Feiertage celibrirt. Es wird heute Abend eine ganz auserleſene und ſehr angenehme Geſellſchaft geben, Sir.“ Nach dieſen Bemerkungen entfernte ſich Mr. Saunders, um ſich mit Toaſt über den Gegenſtand zu benehmen, und Kapitän Truck ſchickte ſich an, Mr. Leach die betreffenden Befehle für die Nacht zu ertheilen. Das ſtolze Schiff bot in der That einen Anblick, der geeignet war, einen Seemann ſchwermüthig zu machen, denn zu dem einzigen regelmäßigen Segel, das noch ſtand, dem Fockſegel, war inzwiſchen eben ein unteres, unvollkommen aufgetackeltes Prall⸗ ſegel gekommen, das keinem friſchen Stoße Stand halten konnte, während eine ſehr kunſtloſe Nothſtenge einem Obenbramſegel als Halt diente, das nur in freiem Winde geführt werden konnte. Im Hinterſchiffe gingen allerdings Vorbereitungen vor ſich, welche von dauernderer Natur waren. Der obere Theil des noch ſtehenden großen Maſtes war knapp am Zwiſchendecke abgehauen und eine Vorrichtung angebracht worden, die das Einſetzen einer Stenge zuließ. Die Spiere ſelbſt lag getakelt auf dem Deck, und ein paar Böcke konnten jeden Augenblick gehißt werden, um die Stenge auf⸗ zurichten. Aber die Nacht brach ein, weshalb die Mannſchaft auf⸗ hörte, die Raaen aufzutakeln, die Segel anzuſchlagen und die übri⸗ gen Spieren, welche benützt werden ſollten, zuzurüſten, indem man den letzten Akt, das Aufrichten des Ganzen bis auf den nächſten Morgen verſchob. „Wir kriegen wahrſcheinlich eine ruhige Nacht“, ſagte der Ka⸗ —,——— 2—,,————,, — — ☛— ᷣ 237 pitän, mit ſeinen Blicken den Himmel muſternd.„Bietet morgen um acht Uhr alle Matroſen auf; dann wollen wir wohlgemuth dran gehen, um aus dem alten Rumpfe eine Brigg zu machen. Dieſe Stenge wird ausreichen, um das Gewicht der Hauptraa zu tragen, wenn nicht etwa abermals eine Bö kommt; und wenn wir das neue Hauptſegel reffen, ſind wir ſchon im Stande, etwas zu⸗ recht zu bringen. Die Bramſtenge wird natürlich oben paſſen, und wenn wir ein wenig freihalten, läßt ſich's ſchon einrichten, daß ſie das Segel führt. Im Nothfalle finden wir's vielleicht auch mög⸗ lich, unſern Nothbehelf dahin zu beſchwatzen, daß er auch ein Prall⸗ ſegel erträgt. Für weiter haben wir kein Holz mehr; indeß wollen wir verſuchen, ob wir nicht aus den ledigen Spieren, die wir von dem Proviantſchiff erhielten, auch hinten etwas aufrichten können. Um Glock vier koͤnnt Ihr die Leute entlaſſen, Mr. Leach, damit die armen Teufel ihren Samſtag Abend im Frieden zubringen mögen. Es iſt Unglück genug, entmaſtet zu ſeyn— man braucht daher nicht auch noch dem Grog Abbruch zu thun. Der Mate gehorchte natürlich, und der Abend ſchloß mit der ſchoͤnen, ruhigen Glorie einer milden Nacht, wie man ſie nur unter ſo niedrigen Breitengraden findet. Diejenigen, welche das Meer nie unter ſolchen Umſtänden geſehen haben, wiſſen nicht, wie zau⸗ berhaft es ſich ausnimmt in den Augenblicken ſeiner Ruhe. Der Ausdruck Schlaf paßt wohl für die eindrucksvolle Stille; denn die langen trägen Wellen, auf welchen das Schiff ſich hob und ſenkte, ſtörten kaum die Oberfläche. Der Mond erhob ſich erſt um Mitternacht, und Eva ging, von Mademoiſelle Viefville und den meiſten ihrer männlichen Gefährten begleitet, im klaren Ster⸗ nenlichte auf dem Decke umher, bis ſie der Bewegung in dem be⸗ ſchränkten Raume müde war. Von der Back her, wo die Mannſchaft ihren Sonnabend be⸗ ging, hoͤrte man haͤuſiges Singen und Gelächter— deßgleichen auch gelegentlich einen rohen Witz in der Form eines Toaſtes. 238. Aber die Ermattung übermächtigte bald die Heiterkeit, und die er⸗ ſchöpften Matroſen, welche die Wache unten hatten, begaben ſich nach ihren Lagern, diejenigen zurücklaſſend, welche in Folge ih rer Dienſtpflicht oben bleiben mußten, um die langen Stunden an Pläͤ⸗ tzen, wie ſie dieſelben auf dem Decke finden konnten, hinzunicken. „Eine weiße Bö,“ ſagte Kapitän Truck, zu den linkiſchen Se⸗ geln aufblickend, welche kaum im Stande waren, im Laufe von drei Stunden das Schiff eine Seemeile weit durch's Waſſer zu bringen, „würde uns bald all unſer Tuch beſchlagen haben, und wir ſind hier ganz an dem Platze, wo uns ein ſolches Zwiſchenſpiel blühen könnte.“ „Und was würde dann aus uns werden?“ fragte Mademoiſelle Viefville raſch. „Ihr würdet beſſer thun, zu fragen, Mamſell, was aus die⸗ ſem Gedanken von einem Marsſegel und aus jenem Prallſegel würde, das ganz ausſteht, wie ein Amerikaner in London, der ſeine Hoſenſtege vergeſſen hat. Die Leinwand würde Drachen ſpielen und wir dürften mit unſere Erfindungen wieder vorne anfangen. Ein Schiff könnte kaum ſchlimmer in die Klemme gerathen, als wir in dieſem Augenblicke, wenn uns ein derartiger afrikaniſcher Anflug zuſetzte.“ „Im gegenwärtigen Falle, Kapitän,“ bemerkte Mr. Monday⸗ der durch das Hochlichtfenſter den unten vorgehenden Vorbereitun⸗ gen zuſah,„können wir getroſt unſeren Samſtag⸗Abend feiern, denn ich ſehe, der Steward hat etwas bereit, und der Punſch ſieht ſehr einladend aus— des Champagners gar nicht zu gedenken.“ „Gentlemen, wir wollen unſre Pflicht nicht vergeſſen,“ erwie⸗ derte der Kapitän.„Wir ſind nur eine kleine Familie und haben's deßhalb um ſo mehr nöthig, uns auch als eine frohliche zu erwei⸗ ſen. Mr. Effingham, ich hoffe wir werden die Ehre Eurer Ge⸗ ſellſchaft haben, wenn es gilt, auf die Schätzchen und Frauen anzuſtoßen.“ K— u 239 Mr. Effingham hatte keine Gattin, und da die Einladung un⸗ ter ſo eigenthümlichen Umſtänden vorgebracht wurde, ſo wirkte ſie auf ihn ſehr peinlich, wie Eva aus den Zittern ſeines Armes deut⸗ lich entnahm. Sie deutete in mildem Tone ihre Abſicht an, nach der Kajüte hinunterzugehen, und die ganze Geſellſchaft folgte nach. Für die Unterhaltung des Kapitäns war es ein Glück, daß ſie das Deck verließ, da derſelben ſonſt wenige Theilnehmer angewohnt haben würden. Es bedurfte übrigens einer eigentlichen Preſſe, um die Gentlemen zu bewegen, daß ſie ihm die Ehre ihrer Ge⸗ ſellſchaft ſchenkten, und es ſtand einige Minuten an, ehe es ihm gelang, ſie alle um den Kajütentiſch zu verſammeln, wo Jeder bald ein Glas köſtlichen Punſches vor ſich hatte. „Mr. Saunders iſt vielleicht kein Hexenmeiſter oder Mathe⸗ matiker, Gentlemen,“ rief Kapitän Truck, während er das Getränk mit dem Loͤffel einſchöpfte,„verſteht aber die Theorie des Süßen und Sauren, des Starken und Schwachen; ich erlaube mir daher dieſes Getränk zu loben, noch ehe ich es gekoſtet habe. Na, Gent⸗ lemen, es giebt beſſer aufgetackelte Schiffe auf dem Meer, als das unſrige iſt, aber nur wenige mit comfortableren Kajüten, einem ſtärkeren Rumpfe oder beſſerer Geſellſchaft. Gefällt's Gott, ſo kön⸗ nen wir, nun wir unſeres läſtigen Schattens ledig ſind, wieder ein paar Hölzer oben anbringen, und dann glaube ich, mir noch immer mit der vernünftigen Hoffnung ſchmeicheln zu können, daß ich alle diejenigen, welche mir die Ehre erwieſen haben, bei mir zu bleiben, in kürzerer Friſt zu New⸗York landen werde, als ein gemeiner Drogher mit allen ſeinen Beinen und Armen die Fahrt zu machen im Stande wäre. Mit eurer Erlaubniß ſoll der erſte Toaſt lau⸗ ten: ein glücklicher Ausgang dem, was ſo unheilvoll begonnen hat!“ Kapitän Trucks harte Züge zuckten ein wenig, als er dieſe Anrede hielt, und wie er den Punſch hinuntergoß, glänzten ſeine Augen unwillkührlich. Mr. Dodge, Sir George und Mr. Monday wiederholten den Trinkſpruch mit voller Stimme Wort für Wort, 240 während die andern Gentlemen ſich verbeugten und ſtumm Be⸗ ſcheid thaten. Der Anfang einer regelmäßigen Beluſtigungsſcene iſt gewoͤhn⸗ lich ſteif und förmlich, weßhalb es einige Zeit anſtand, ehe Kapitän Truck ſeine Gefährten zu der Höhe zu ſteigern vermochte, auf wel⸗ cher er ſie zu ſehen wünſchte; denn obſchon er ein ſehr mäßiger Mann war, liebte er doch ein geſelliges Gläschen, namentlich in Zeiten, wenn dadurch der Ausübung ſeines Berufes kein Abtrag geſchah. Eva und ihre Gouvernante hatten es zwar abgelehnt, an der Tafel Platz zu nehmen, willigten aber doch ein, ſich an einem Orte niederzulaſſen, wo man ſie ſehen und gelegentlich mit in die Unterhaltung ziehen konnte. „Ich trinke nun ſchon ſeit vierzig Jahren und mehr jeden Samſtag⸗Abend auf die Geſundheit der Frauen und Liebchen, meine theure junge Dame,“ ſagte Kapitän Truck, nachdem die Geſell⸗ ſchaft ungefähr einige Minuten bei ihren Gläſern geſeſſen hatte, „ohne daß ich je in dieſe Glücksbreite gerieth oder mich ſelbſt mit einem derartigen Gegenſtand verſah. Aber obgleich ich meine eige⸗ nen Intereſſen und meine zeitliche Wohlfahrt ſo ſehr vernachläßigt habe, mache ich mir's doch ſtets zur Regel, allen meinen jungen Freunden den Nath zu ertheilen, daß ſie ſich ſpliſſen laſſen, noch ehe ſie dreißig ſind. Mancher iſt ſchon zu mir mit dem feſten Vorſatze an Bord gekommen, ewig ein Junggeſelle zu bleiben, und verließ zu Ende der Fahrt mein Schiff mit dem preiswürdigen Vornehmen, das erſte hübſche junge Frauenzimmer zu ehelichen, das ihm in den Wurf käme.“ Eva beſaß zuviel mädchenhaftes Selbſtgefühl und wußte die wahre Würde ihres Geſchlechtes zu ſehr zu ſchätzen, um an Scher⸗ zen über den Ehſtand oder über die Liebe Theil zu nehmen; auch begriffen ſaämmtliche Gentlemen von ihrer Geſellſchaft den Charac⸗ ter der jungen Dame zu gut,— ihrer eigenen feinen Bildung gar nicht zu gedenken— um dieſen Verſuch des Kapitäns zu 241 unterſtützen; der Witz des ehrlichen Seemanns fand daher außer einigen flüchtigen Bemerkungen von Seiten der Uebrigen weiter keinen Anklang. „Stehen wir nicht ungewöhnlich weit unten, Kapitän Truck?“ fragte Paul Blunt, in der Abſicht, dem Geſpräche eine andere Wendung zu geben;„und doch ſind wir noch immer nicht mit dem Paſſatwinde zuſammen gefallen. Ich traf ſie an dieſer Küſte ge⸗ meiniglich in einer Höhe von ſechs oder ſieben und zwanzig Graden und wenn ich nicht irre, bemerktet Ihr heute, daß wir uns unter dem vier und zwanzigſten befänden.“ Kapitän Truck blickte den Sprecher eine Weile ſcharf an und nickte dann beifällig mit dem Kopfe. „Ich bemerke, Ihr habt dieſen Weg ſchon früher gemacht, Mr. Blunt. Iſt mir's doch gleich vorgekommen, Ihr ſeiet ein Span von demſelben Holze— von dem Augenblicke an, als ich Euch den Fuß beim Herausſteigen aus dem Boote auf die Seiten⸗ klampen ſetzen ſah. Ihr kamt nicht papagaienzehig, wie ein wal⸗ zendes Bauernmädel an Bord, ſondern ſetztet den Ballen des Fu⸗ ßes feſt aufs Holz und ſchwenktet Euch in Armslänge wie ein Mann, der weiß wie er ſeine Muskel zu brauchen hat. Auch zeigt Eure gegenwärtige Bemerkung, daß Ihr wohl begreift, wo ein Schiff ſeyn ſollte, um ſich am rechten Platze zu befinden. Was die Paſſatwinde betrifft, ſo ſind ſie ein wenig unſicher, ungefähr wie der Sinn einer Dame, wenn ſie mehr als einen guten Antrag erhalten hat; denn ich weiß, daß ſie ſchon bis zu dreißig hinauf blieſen, und dann konnte man ſie wieder unter drei und zwanzig oder gar tiefer noch immer nicht finden. Es iſt meine Privatan⸗ ſicht, Gentlemen, und ich benuͤtze mit Vergnügen dieſe Gelegenheit, ſie kund zu thun, daß wir an dem Rande der Paſſatwinde oder in jenen leichten, neckenden Winden ſtehen, die ſich neben denſelben hinziehen, wie man ja auch an der Seite ſtarker ſtätiger Meeres⸗ ſtrömungen Wirbel ſpielen ſteht. Wenn wir das Schiff aus dieſer Die Heimkehr. 16 Beſatzgegend— ſo lautet, glaube ich das Wort, Mr. Dodge— zwingen können, ſo wird es uns gut genug ergehen; denn ein Nord⸗ oſt⸗ oder ein Oſtwind kann uns ſogar unter den Fetzen, die wir jetzt führen, bald in die Höhe der Inſeln bringen. Wir ſind frei⸗ lich der Küſte ſehr nah— näher, als mir lieb iſt; aber wenn wir eine gute Briſe kriegen, ſo iſt's nur um ſo beſſer für uns, da ſie uns wohl windwärts finden wird.“ 4 „Aber dieſe Paſſatwinde, Kapitän Truck—“ fragte Eoa:„wenn ſte ſtets in die gleiche Richtung blaſen, wie iſt es möglich, daß der letzte Sturm unſer Schiff in eine Meeresgegend führen konnte, wo ſie vorherrſchen?“ „Das ſtets, meine theuere junge Dame, iſt gleichbedeutend mit bisweilen. Obgleich leichte Winde in der Nähe der Paſſat⸗ winde vorherrſchen, ſo blaſen da doch auch bisweilen Böen und zwar gewaltige Kerle, wie wir kürzlich erſt ſelbſt erlebt haben. Ich denke, wir kriegen jetzt geſetztes Wetter, und zähle mit ziemli⸗ cher Sicherheit darauf, daß wir namentlich, wenn wir in einen ſüd⸗ lichen amerikaniſchen Hafen einlaufen wollen, wohlbehalten anlan⸗ gen werden, obſchon es mit der Geſchwindigkeit nicht eben ſo gut ausſehen wird. Ich hoffe, noch vor Ablauf von vier und zwanzig Stunden unſere Decken mit weißem Sand beſtreut zu ſehen.“ „Rührt dies von einer Naturerſcheinung her, welche dieſer Gegend eigenthümlich iſt?“ fragte Eva's Vater. „Es kommt oft vor, Mr. Effingham, wenn Schiffe nahe an der afrikaniſchen Küſte in die ſtätigen Winde gerathen. Die Wahr⸗ heit zu ſagen, das Land, welches etwa acht oder zwölf Stunden von uns entfernt liegt, iſt nicht ſehr einladend, und obſchon ſich's nicht leicht ausfindig machen laſſen wird, wo ſich der Garten Eden befindet, ſo begeht man doch eben kein Wagniß, wenn man be⸗ hauptet, dort könne er unmöͤglich ſeyn.“ „Aber warum ſehen wir denn kein Land, wenn wir ſo gar nah an der Küſte ſind?“ S 243 „Im Tackelwerk könnte man's jetzt vielleicht wohl ſehen, wenn wir welches hätten. Wir ſind übrigens ſüdlich von den Gebirgen und in einer Höhe, wo die große Wüſte bis an die Küſte reicht. Aber ich bemerke, Gentlemen, daß Mr. Monday all' dieſen Sand ſehr trocken findet, weshalb ich mir erlaube, insgeſammt ‚eure Lieb⸗ chen und Frauen’ hoch leben zu laſſen.“ Die meiſten von der Geſellſchaft thaten auf den gewöhnlichen Toaſt mit Lebhaftigkeit Beſcheid, obſchon die beiden Effinghams kaum ihre Lippen netzten. Eva warf einen ſchüchternen Blick nach ihrem Vater und ihre Augen füllten ſich mit Thränen, als ſie die⸗ ſelben wieder abwandte, denn ſie wußte, daß jede derartige An⸗ ſpielung ſchmerzliche Erinnerungen in ſeiner Seele hervorrief. Was ihren Vetter Jack betraf, ſo war er ein zu entſchiedener Hageſtolz, ſo daß ſie ſich bei ſeiner Theilnahmloſigkeit an dem Trinkſpruche eigentlich nichts dachte. „Ihr müßt in Amerika Euer Herz in Acht nehmen, Sir Ge⸗ orge Templemore,“ rief Mr. Dodge, dem der genoſſene Punſch die Zunge löste.„Unſre Damen ſind berühmt wegen ihrer Schönheit und dabei ungemein populär, kann ich Euch verſichern.“ Sir George machte ein vergnügtes Geſicht und dachte dabei wahrſcheinlich an irgend ein beſonderes Exemplar von den Sechs⸗ unddreißigen, das er bei ſeinem erſten Auftreten in einer derartigen Geſellſchaft zu benützen beabſichtigte. „Ich gebe zu, daß die amerikaniſchen Damen ſchön ſind,“ ſagte Mr. Monday,„glaube aber, daß ein Engländer um deswillen ſein Herz keiner beſondern Gefahr ausſetzt, wenn er an die Schön⸗ heiten ſeiner eigenen Inſel gewöhnt iſt. Kapitän Truck, ich habe die Ehre, auf Eure Geſundheit zu trinken.“ „Schön geſagt,“ rief der Kapitän, ſich für das Compliment verbeugend;„und ich ſchreibe mein eigenes hartes Geſchick der Thatſache zu, daß ich ſtets zwiſchen zwei Ländern, die in Betreff dieſes Artikels ſo begünſtigt ſind, ſegeln mußte; wer wäre auch da im Stande geweſen, über die Wahl mit ſich in's Reine zu kom⸗ men? Ich habe ſchon zu tauſend Malen gewünſcht, es möchte nur eine einzige ſchöne Frau in der Welt geben; denn der Mann hätte dann nichts weiter zu thun, als ſich in ſie zu verlieben und ſie unverweilt zu heirathen oder ſich an dem nächſten beſten Nagel aufzuhängen.“ „Das iſt ein grauſamer Wunſch für uns Männer,“ entgegnete Sir George,„da wir dann zuverläſſig wegen der Schönheit Streit kriegen würden.“ „In einem ſolchen Falle,“ nahm Mr. Monday wieder auf, „würden wir von gemeinem Schlage den Anſprüchen des Adels das Feld räumen und uns mit einfacheren Gefährtinnen begnügen, obgleich der Engläͤnder ſeine Unabhängigkeit liebt und leicht rebel⸗ liſch werden könnte. Ich habe die Ehre auf Eure Geſundheit und Eure Wohlfahrt zu trinken, Sir George.“ „Ich proteſtire gegen Euren Grundſatz, Mr. Monday,“ ſagte Mr. Dodge,„denn er iſt ein Eingriff in die Menſchenrechte. Voll⸗ kommene Freiheit des Handelns muß in einer ſolchen Angelegenheit eben ſo gut behauptet werden, wie in allen andern. Ich räume ein, daß die engliſchen Damen ungemein ſchön ſind, werde aber ſtets den Vorzug der amerikaniſchen Schönen verfechten.“ 3 „Wir wollen auf ihre Geſundheit trinken, Sir. Es fällt mir nicht ein, Mr. Dodge, ihre Schönheit in Abrede zu ziehen; aber ich glaube, Ihr müßt mir zugeben, daß ihr Zauber vergänglicher iſt, als der unſrer britiſchen Damen. Gott ſegne ſie übrigens bei⸗ derſeits, und ich leere dieſes Glas aus vollem Herzen und aus ganzer Seele auf das Wohl der zwei Nationen.“— „Sehr höflich, Mr. Monday; aber was das Hinſchwinden der Schönheit betrifft, ſo bin ich nicht überzeugt, ob ich Eurer Be⸗ hauptung eine unbedingte Billigung zu Theil werden laſſen kann.“ „Nun, Sir, Ihr werdet zugeben, daß euer Clima nicht das —* 245 beſte iſt und die Conſtitutionen faſt eben ſo ſchnell aufreibt, als eure Staaten Conſtitutionen machen.“ „Ich hoffe, es iſt doch keine wirkliche Gefahr von dem Clima zu beſorgen?“ ließ ſich jetzt Sir George vernehmen.„Schlimme Himmelsſtriche ſind mir ganz beſonders zuwider, und aus dieſem Grunde habe ich mir's zur Regel gemacht, nie nach Lincolnſhire zu gehen.“ „In dieſem Falle, Sir George, wäret Ihr beſſer zu Hauſe geblieben; denn was das Clima betrifft, verbeſſert man ſich ſelten, wenn man Alt⸗England verläßt. Es iſt nun das zehnte Mal, daß ich nach Amerika reiſe, vorausgeſetzt, daß ich überhaupt dahin ge⸗ lange, und obgleich ich große Achtung vor dem Lande habe, finde ich doch, daß ich jedesmal, ſo oft ich es verlaſſe, wieder älter ge⸗ worden bin. Mr. Effingham, ich gebe mir die Ehre, auf Eure Geſundheit und Euer Wohlergehen zu trinken.“ „Ihr lebt zu gut, wenn Ihr unter uns ſeyd, Mr. Monday,“ ſagte der Kapitän.„Wir haben zu viele weiche Krabben, harte Auſtern und Deſtillirapparate— zu viel alten Madeira und edlen Xeres, als daß ein Mann von Eurem wohlbekannten Geſchmack denſelben ſollte widerſtehen können. Bleibt weniger lang an der Tafel ſitzen, geht bei dieſem Ausfluge öfter in die Kirche und laßt uns dann hören, was Ihr nach zwölf Monaten über die Folgen berichten könnt.“ „Ihr verkennt meine Lebensweiſe ganz und gar, Kapitän Truck— ich gebe Euch mein Ehrenwort darauf. Obſchon ich im Eſſen gerne eine Auswahl treffe, ſo genieße ich doch nur ſelten künſtlich zuſammengeſetzte Speiſen, ſondern halte es einfach mit Geſottenem und Gebratenem. In dieſer Hinſicht ein ächter, altmodiſcher Eng⸗ länder, befriedige ich meinen Appetit mit kernhaftem Ochſenfleiſch, Schöps, Truthühnern, Schweinfleiſch, Puddingen, Kartoffeln, Rüben, Möhren und ähnlicher einfacher Koſt; und dann trinke ich nie.— Ladies, ich gebe mir die Ehre, euch eine glückliche Heimkehr in's Vaterland zu wünſchen.— Ich ſchreibe den ganzen Uebelſtand dem Clima zu, welches Einem nicht geſtattet, gehörig zu verdauen.“ „Mr. Monday, ich unterſchreibe die meiſten Eurer Anſichten, und glaube, daß nur ſelten ein paar Menſchen mit einander den Ocean kreuzen, welche im Allgemeinen harmoniſchere Geſinnungen hätten, als dies zwiſchen Euch, Sir George und mir der Fall iſt,“ be⸗ merkte Mr. Dodge, indem er einen ſcharfen Seitenblick nach der übri⸗ gen Geſellſchaft hinwarf, wie wenn er andeuten wollte, daß ſie ſich in einer entſchiedenen Minderheit befinde;„aber in dieſem Falle fühle ich mich genöthigt, meine Stimme als verneinend einregiſtriren zu laſſen. Ich glaube, Amerika hat ein ſo gutes Clima und im Allgemeinen ſo gute Verdauungskräfte, als gemeiniglich den Sterblichen zu Theil werden; mehr als dies nehme ich für mein Land nicht in Anſpruch, aber mit weniger könnte ich mich unmöglich zufrieden geben. Ich bin ein wenig auf Reiſen geweſen, Gentlemen— vielleicht nicht ſo viel, wie die Herren Effingham; aber Niemand kann mehr ſehen, als zu ſehen iſt, und ich behaupte, Kapitän Truck, daß meinem geringen Urtheil nach, das, wie ich wohl weiß, eigentlich gar nicht anzuſchlagen iſt—“ „Warum macht Ihr dann Gebrauch davon und verlaßt Euch nicht lieber auf ein beſſeres?“ fragte abgebrochen der derbe Kapitän. „Man muß es brauchen, wie man es hat, oder ganz darauf verzich⸗ ten, Sir. Meinem geringen Urtheile nach, welches wahrſcheinlich viel geringer anzuſchlagen iſt, als das der meiſten Uebrigen an Bord, glaube ich, daß Amerika eine ſehr gute Sorte Land genannt werden kann. Ich habe Einiges von andern Ländern, Regierungen und Völkern geſehen und mir jedenfalls aus meinen Erfahrungen die Ueberzeu⸗ gung geholt, daß Amerika als Land gerade gut genug für mich iſt.“ „Ihr habt nie wahrere Worte geſprochen, Mr. Dodge, und 'ich bitte Euch, mit Mr. Monday und mir zu einem friſchen Glas Punſch zu greifen, nur um der Verdauung nachzuhelfen. Ihr habt mehr von der Menſchennatur geſehen, als Euch Eure Beſcheiden⸗ — —— u /u—— 247 heit auszuſprechen erlaubt, und ich denke daher, die Geſellſchaft würde es Euch ſehr Dank wiſſen, wenn Ihr alle Bedenken beſei⸗ tigtet und uns Eure Privatanſichten über die verſchiedenen Völker, die Ihr beſucht habt, mittheiltet. Erzählt uns etwas von jenem Ditter, den Ihr am Rhein machtet.“ „Es ſteht zu hoffen, daß Mr. Dodge ſeine Bemerkungen zu veröffentlichen gedenkt,“ ſagte Mr. Sharp,„und es wäre nicht recht, alſo ſeinem Stoffe vorzugreifen.“ „Ich bitte Gentleman, daß ihr euch um deswillen keine Sorge macht, denn mein Werk wird weniger aus Privatanekdoten be⸗ ſtehen, als vielmehr philoſophiſcher und allgemeiner Natur ſeyn. Saunders holt mir das Manuſecript, das Ihr auf dem Simſe unſres Staatsgemachs neben Sir Georges Patent⸗ Zahnſtocheretuis finden werdet.— Dies iſt das Buch; und nun muß ich die Gentlemen und Ladies bitten, eingedenk zu ſeyn, daß ich hier nur die Ideen aufzeichnete, wie ſie mir eben aufſtiegen, ohne daß bis jetzt die reiferen Betrachtungen daran geknüpft ſind.“ „Genießt ein wenig Punſch, Sir,“ unterbrach ihn der Kapi⸗ tän abermals, indem er ſein hartes Nordweſtergeſicht in die Falten der geſetzteſten Aufmerkſamkeit legte.„Nichts klärt die Stimme beſſer, als Punſch, Mr. Dodge. Die Säure verbannt die Heiſer⸗ keit, der Zucker ſänftigt die Töne, das Waſſer macht die Zunge geſchmeidig und der Jamaika kräftigt die Muskeln. Mit einer hüb⸗ ſchen Menge Punſch in ſich wird der Menſch bald ein anderer— ich habe den Namen jenes großen Redners aus dem Alterthum ver⸗ geſſen— indeß, Vattel hieß er nicht.“ „Ihr meint den Demoſthenes, Sir; und ich bitte Euch, zu bemerken, Gentlemen, daß dieſer Redner ein Republikaner war. Uebrigens kann es keiner Frage unterliegen, daß die Freiheit der Ausbildung aller höheren Befähigungen ſehr günſtig iſt. Wün⸗ ſchen die Ladies vielleicht einige Notizen über Paine zu hören, oder ſoll ich mit etlichen Auszügen über den Rhein anfangen?“ „Oh! de gräce— Ihr werdet doch ſo gütig ſeyn, Paris nicht zu überſehen“— bemerkte Mademoiſelle Viefville. Mr. Dodge verbeugte ſich anmuthig, blätterte in ſeinem Pri⸗ vat⸗Journal und ließ ſich im Herzen der genannten großen Stadt nieder. Nach einigem Räuſpern begann er in ernſtem pedantiſchem Tone zu leſen, damit hinreichend zeigend, welchen Werth er ſeinen eigenen Bemerkungen beilegte: 3 „Wie gewöhnlich um zehn dedſchunirt— eine Stunde, die ich äußerſt unvernünftig und unpaſſend finde, wie ihr überhaupt in Amerika die allgemeinſte Mißbilligung zu Theil werden würde. Es wundert mich nicht, daß ein Volk, welches ſo ungeeignete Stun⸗ den hält, in ſeinen Sitten ſo unmoraliſch und verderbt wird. Der Geiſt gewöhnt ſich an's Unreine, und alle Empfänglichkeiten werden abge⸗ ſtumpft, wenn man außer den naturgemäßen Zeiten etwas genießt; ich ſchreibe daher viel von dem Verderbniß Frankreichs auf Rechnung der Tagesſtunden, in welchen man daſelbſt die Nahrung zu ſich nimmt— „Voilà une dréle d'idée!“ rief Mademoiſelle Viefville. „„— in welchen man daſelbſt die Nahrung zu ſich nimmt,“ wiederholte Mr. Dodge, welcher den unwillkührlichen Ausruf der Gouvernante für Beifall hielt, den ſie der Richtigkeit ſeiner An⸗ ſicht zollte.„In der That muß der Brauch, bei dieſer Mahlzeit Wein zu genießen, zugleich mit der unſittlichkeit der Stunde ein Hauptgrund ſeyn, warum die franzöſiſchen Damen in ſolchem Ueber⸗ maße zu trinken pflegen.“ „Mais, monsieur!“ 4 „Ihr bemerkt, Mademoiſelle ſtellt die Richtigkeit Eurer That⸗ ſachen in Frage,“ bemerkte Mr. Blunt, der in Gemeinſchaft mit allen Zuhörern, Sir George und Mr. Monday ausgenommen, ſich einer Scene zu erfreuen begann, die anfangs nichts als Abge⸗ ſchmacktheit und lange Weile in Ausſicht geſtellt hatte. „Ich gebe Euch mein Ehrenwort, daß ich es aus der beſten ——— K 249 Quelle habe; denn andernfalls würde ich mich nicht erdreiſten, eine ſo ſchwere Beſchuldigung in ein Werk aufzunehmen, das Aufſehen machen ſoll. Die Angabe rührt von einem engliſchen Gentleman her, der zwölf Jahre in Paris wohnte und mir mittheilte, ein großer Theil der Modedamen in dieſer Hauptſtadt, mögen ſie was immer für einem Lande angehören, ſeien ausſchweifend.“ „A là bonne heure, monsieur!— mais zu trinken, dies iſt etwas ganz Anderes.“ „Nicht ſo ſehr, als Ihr Euch vorſtellt, Mademoiſelle,“ ent⸗ gegnete John Effingham.„Mr. Dodge iſt in der Sprache ſowohl, als in der Moral ein Puriſt und bedient ſich der Ausdrücke ganz anders, als wir weniger unterrichteten Plauderer. Unter ausſchwei⸗ fenden Menſchen verſteht er Säufer.“ „Comment!“ „Allerdings. Ich denke, Mr. John Effingham wird uns Amerikanern wenigſtens das Zeugniß geben, daß wir unſere Sprache beſſer reden, als irgend ein anderes bekanntes Volk. ‚Nach dem Dedſchuniren einen Viehaker genommen und nach dem Palaſte ge⸗ fahren, um die Abfahrt des Königs und der Königlichen Familie nach N'July zu ſehen.““ „Pour oùð?“ „Pour Neuilly, Mademoiſelle,“ antwortete Eva ruhig. „„— nach N'July zu ſehen. Seine Majeſtät ſaß zu Pferd und ritt Seiner Durchlauchtigen Familie und dem ganzen übrigen adeligen Geleite voraus; der König trug einen rothen Rock, der an den Naͤhten mit weißen Borden beſetzt war, blaue Beinkleider und einen aufgeſchlagenen Hut.“ „Ciel!“ „„Ich machte ihm, als er an mir vorbeikam, eine angemeſſene republikaniſche Achtungsbezeugung, die er mit einem huldvollen Lächeln und einem wohlwollenden Blicke ſeines königlichen Auges beantwortete. Der honorable Louis Philipp Orleans, der gegen⸗ 250 wärtige Beherrſcher der Franzoſen, iſt ein Herr von ſtattlicher Hal⸗ tung und gebieteriſcher Außenſeite; in der Staatsgalla, die er bei dieſer Gelegenheit trug, erſchien er ‚jeder Zoll ein König.“ Er reitet mit Anmuth und Würde; auch gibt er durch die Feierlichkeit ſeiner Haltung ſeinen Unterthanen ein Beiſpiel von Anſtand und Ernſt, ſo daß zu hoffen ſteht, ſeine Regierung werde einen wohl⸗ thätigen und Segen bringenden Einfluß auf die Sitten des Volkes üben. Seine gravitätiſche Haltung war ganz des Schulmeiſters von Haddenfield würdig.“ „Par exemple!“ „Ja, Mamſell— ſo meine ich's: Anderen zum Exempel. Denn obgleich ich ein reiner Demokrat und in jeder Hinſicht ein Gegner des Ausſchließlichen bin, machte doch die königliche Würde in dem Benehmen Seiner Majeſtät und die große Einfachheit ſeiner ganzen Haltung einen tiefen Eindruck auf mich. Ich ſtand in dem Gedränge neben einer ſehr fein gebildeten Gräfin, welche Engliſch ſprach, und ſie erwies mir die Ehre, mich zu einem Be⸗ ſuch in ihrem Hotel, das in der Nähe der Bourſe lag, einzuladen.“ „Mon Dieu— mon Dieu— mon Dieu!“ „Nachdem ich meiner ſchönen Gefährtin verſprochen hatte, mich pünktlich einzufinden, begab ich mich nach Notter Dam—“ „Es wäre gut, wenn Mr. Dodge ein wenig beſtimmter in ſeinen Namen wäre,“ ſagte Mademoiſelle Viefville, welche an der Sache ein Intereſſe zu nehmen begann, wie es ſelbſt werthloſe An⸗ ſichten zu wecken pflegen, wenn ſie Dinge betreſfen, welche uns theuer ſind. „Mr. Dodge iſt ein wenig profan, Mademoiſelle,“ bemerkte der Kapitän;„da jedoch ſein Journal wahrſcheinlich nicht auf Da⸗ men berechnet iſt, ſo müſſen wir es ihm zu Gute halten. Wohl⸗ an, Sir, Ihr gingt alſo nach jenem garſtigen Platze?“ „Nach Notter Dam, Kapitän Truck, wenn Ihr erlaubt— und ich ſchmeichle mir, daß dies recht gutes Franzöſiſch iſt.“ —„18 al⸗ ei l⸗ NN 251 „Ich denke, Ladies und Gentlemen, wir haben ein Recht, auf einer Ueberſetzung zu beſtehen; denn Leute, die einfach für's Ge⸗ ſottene und Gebratene ſind, wie Mr. Monday und ich, weinen bisweilen, wenn ſie lachen ſollten, ſobald das Geſpräch in etwas Anderem als in altmodiſchem Engliſch geführt wird. Langt zu, Mr. Monday, und vergeßt nicht, daß Ihr nie trinkt.“ „Notter Dam, Manſell, bedeutet, glaube ich, ‚zunſre Mutter“; die Kirche unſrer Mutter.— Notter oder noster: unſer— Dam, Mutter: notter Dam. Hier machte die Irreligion des Gebäudes und der gänzliche Mangel an Pietät in der Architektur einen pein⸗ lichen Eindruck auf mich. Es wimmelte von Götzendienſt und Weih⸗ waſſer. Wie oft habe ich Gelegenheit gefunden, die Vorſehung zu preiſen, daß ſie mich von jenen frommen Vorfahren abſtammen ließ, die lieber ihr Glück in der Wildniß ſuchten, als vom Glau— ben und von der Liebe abließen. Was Bequemlichkeit und ächten Geſchmack betrifft, ſo ſteht das Gebäude den gewöhnlicheren ame⸗ rikaniſchen Kirchen weit nach, ſo daß ich ihm meine unbedingte Mißbilligung zu Theil werden laſſen mußte.“ „Est-il possible, que cela soit vrai, ma chère!“ „Je l'espére bien, Mademoiselle.“ „Ihr mögt despair bien, Bäschen Eva,“ ſagte John Effing⸗ ham, deſſen ſchönes wellenlieniges Geſicht einen mehr als gewöhn⸗ lichen Ausdruck von Verachtung blicken ließ. Die Damen flüſterten ſich einige Erklärungen zu, und Mr. Dodge, welcher meinte, er dürfe nur wollen, um der Erringung ſeines Zieles ſicher zu ſeyn, fuhr mit der ganzen Selbſtzufrieden⸗ heit eines Provinzial⸗Kritikers in ſeinen Bemerkungen fort. „Von Notter Dam begab ich mich in einem Cabrioly nach dem großen Nationalbegräbnißplatz Pére la Chaise, ſo genannt von dem Umſtande, daß ſeine Entfernung von der Hauptſtadt Chaiſen nothig macht für die Convoys— „Was iſt dies— wie muß ich dies verſtehen?“ unterbrach 252 ihn Mr. Truck.„Muß man durch die Straßen von Paris unter einem Convoy ſegeln?“ „Monsieur Dodge veut dire, convoi. Mr. Dodge will oon- voi ſagen,“ legte ſich Mademoiſelle Viefville freundlich ins Mittel. „Mr. Dodge iſt ein gründlicher Republikaner und ein Ver⸗ fechter der Rotation in der Sprache ſowohl, als in den öffentlichen Aemtern. Uebrigens muß ich Euch der Inconſequenz beſchuldigen, mein theurer Freund, und wenn mich's das Leben koſten ſollte. Ihr ſprecht in der That Eure Worte nicht ſtets in der gleichen Weiſe aus, und als ich die Ehre hatte, Euch vor ſechs Monaten herauszunehmen, gabt Ihr bei Euren Uebungen in den Continen⸗ talſprachen, wie Ihr's nanntet, vielen von den Worten, die ich damals aus Eurem Munde zu hören das Vergnügen hatte, ganz andere Laute.“ „Durch Reiſen gewinnt man ſtets, Sir, und es kann wohl nicht in Frage kommen, daß meine Kenntniß in fremden Sprachen durch die Uebung in den Ländern, wo ſie geredet werden, ſich be⸗ trächtlich erweitert hat.“ Die Vorleſung des Journals wurde jetzt durch eine lange Ab⸗ ſchweifung über Sprachen unterbrochen, in welcher die Herren Dodge, Monday, Templemore und Truck hauptſächlich das Wort führten. Auch mußte mittlerweile die Punſchbowle zweimal neu gefüllt werden. Wir wollen von dieſer gelehrten Abhandlung, die hauptſächlich aus Gemeinplätzen beſtand, nicht viel berichten, ob⸗ ſchon einige der Bemerkungen ein Pröbchen vom Ganzen ge⸗ ben mögen. 5 2 ee „Ich nehme mir die Freiheit, zu ſagen,“ entgegnete Mr. Monday auf eine von Mr. Dodge's ſchwunghaften Tiraden über die Vorzüge ſeines eigenen Volkes,„daß es doch ganz außerordent⸗ lich erſcheint, einem Engländer zumuthen zu wollen, er ſolle aus ſeinem eigenen Lande gehen, um die eigene Sprache rein ſprechen zu hoͤren. Ich kenne Euer Volk, Mr. Dodge, und getraue mich 25³3 daher, die Behauptung aufzuſtellen, daß nirgends beſſer Engliſch geſprochen wird, als in Lancaſhire. Sir George, ich trinke auf Eure Geſundheit!“ „Mehr patrioliſch als gerecht, Mr. Monday. Jedermann gibt zu, daß die Amerikaner der öſtlichen Staaten in der ganzen Welt am beſten Engliſch ſprechen, und ich denke, jeder dieſer Gentlemen wird dies zugeben.“ „Auf die Gefahr hin, mit meiner Anſicht für nichts zu gel⸗ ten,“ rief Kapitän Truck,„muß ich meinerſeits ſie dahin ausdrü⸗ cken, daß man eine Woche oder zehn Tage im River zubringen muß, wenn man ein vollkommenes Engliſch hören will. Ich muß ſagen, Mr. Dodge, daß ich gegen manche von Euren Ausdrucks⸗ weiſen Einwendungen zu erheben habe— namentlich gegen das Wort Onion(Zwiebel), das ich Euch erſt geſtern wie Ingon aus⸗ ſprechen hörte.“ „Es iſt eine etwas eigenthümliche Anſicht, daß Mr. Monday ſich vorſtellt, man finde das beſte Engliſch in Lancaſhire,“ bemerkte Sir George Templemore;„denn ich verſichere Euch, daß wir in London nur mit Mühe die Gentlemen, die aus Eurem Theil des Königreichs kommen, verſtehen können.“ Dies war ein ſchwerer Hieb von Seite eines Mannes, in welchem Mr. Monday einen Verbündeten zu finden gehofft hatte, weshalb denn auch dieſer Gentleman Anlaß nahm, ſeine Unzufrie⸗ denheit mit Punſch hinunterzuſpülen. „Wir ſind übrigens ganz von dem Convoi oder von dem Convoy abgekommen, Kapitaͤn,“ ſagte Mr. Sharp,„und Mr. Dodge— der Leidtragenden gar nicht zu gedenken— hat ein Recht, ſich zu beſchweren. Ich bitte dieſen Gentleman, daß er in ſeinen unterhaltenden Auszügen fortfahre.“ 4 Mr. Dodge räuſperte ſich, that einen weiteren Zug aus ſeinem Glaſe, blies die Naſe auf und fuhr fort: „„Der berühmte Begraͤbnißplatz iſt in der That ſeines hohen 254 Rufes würdig, denn bei der Beerdigung herrſcht die größte repu⸗ blikaniſche Einfachheit. Man wirft Gräben auf, in welche die Lei⸗ chen Seite an Seite ohne Unterſchied des Ranges und nur mit Berückſichtigung der Ordnung, in welcher die Convoys anlangen, niedergelegt werden.- Ich denke, Gentlemen, dieſer Satz wird großen Beifall ſinden in Amerika, wo die Stimme der Mehrheit jeden Gedanken an Ausſchließlichkeit verbannt hat.“ „Was mich betrifft,“ bemerkte der Kapitän,„ſo würde ich keine ſonderlichen Einwendungen dagegen erheben, von einem ſol⸗ chen Grabe ausgeſchloſſen zu ſeyn. In ſo gemiſchter Geſellſchaft muß man ja fürchten, die Cholera zu kriegen.“ Mr. Dodge überſchlug einige Blätter und gab ſodann weitere Auszüge. „Die letzten ſechs Stunden waren einer gründlichen Erfor⸗ ſchung des Standes der ſchönen Künſte geweiht. Mein erſter Be⸗ ſuch galt der Gullytien und dann verbrachte ich ein paar beleh⸗ rende Stunden in den Gallerien des Muſy—« „Ou donc?“ „Le Musée, Mademoiselle.“ „„— wo ich mehrere ganz außerordentliche Leiſtungen im Fache der Bildhauerkunſt und Malerei entdeckte. Namentlich fiel mir ein Telller auf, welcher in der berühmten Hochzeit von Cana abgebildet war; man häͤtte ihn für ächtes Delfter Porcelain halten können. Auch ſah ich in dem Gemäͤlde einen Finger an der Hand einer Dame, der eigentlich dazu geſchaffen zu ſeyn ſchien, den Trauring anzunehmen und zu behalten.““ „Habt Ihr Euch nicht erkundigt, ob ſie ſchon verſagt war? — Mr. Monday, wir wollen ihre Geſundheit trinken.“ „St. Michael und der Drache iſt ein Scheffduwrie—“ „Un quoi?“ „Un chef-d'oeuvre, Mademoiselle.“ „Die Art, wie der Engel mit ſeinen Füßen den Drachen feſt⸗ 8.—,—.———.—— 8= S 25⁵ hält, erſcheint ganz ſo, wie wenn ein Kind mit den Füßen auf einen Wurm tritt. Das Bild iſt ungemein rührend und anſpre⸗ chend. In der That wimmelt es in den Werken der alten Meiſter an derartigen Zügen der Natur, und ich ſah mehrere Früchteſtücke, die Einem zum Einbeißen Luſt machten. Man kriegt in der That Appetit, wenn man ſo viele Dinge hier ſteht, und es wundert mich nicht länger, daß ein Raphael, ein Titian, ein Correggio, ein Guidio—„ „Un qui?“ „Un Guido, Mademoiselle.“ „Oder ein Cooley—" „Darf ich fragen, wer dies wohl ſeyn mag?“ erkundigte ſich Mr. Monday. „Ein junges Genie in Dodge Town, welches in Ausſicht ſtellt, mit der Zeit den Namen eines Amerikaners berühmt zu machen. Er hat ein neues Schild für einen Laden gemalt, das in ſeiner Art ganz ſo vortrefflich iſt, als die Hochzeit von Cana.„Ich ſtand in Thränen vor der Verzweiflung einer Niobe,““ fuhr er zu leſen fort,„und ſah die Windungen der Schlangen im Laocoon, der mit krampfhafter Haſt nach ihnen griff; es war mir, als könne ich ſie ziſchen hören.⸗ Dieſe Stelle wird, wie ich glaube, wahr⸗ ſcheinlich auch von dem uralten New⸗Yorker beachtet werden— einem der allerbeſten kritiſchen Journale unſerer Tage, Gentlemen.“ „Sprecht Eurem Punſch ein wenig mehr zu, Mr. Dodge,“ nahm der aufmerkſame Kapitän das Wort;„die Sache wird ergrei⸗ fend und bedarf der Alleviation, wie Saunders ſagen würde. Mr. Monday, Ihr werdet in den ſchlimmen Geruch allzugroßer Nüchternheit kommen, wenn Ihr nie Euer Glas leert. Fahrt ins Himmels Namen fort, Mr. Dodge.“ „Abends begab ich mich noch in die Grand Opery—“⁰ „Ou donc?“. „Au grand Hopferei, Mademoiſelle,“ verſetzte John Effingham. 256 „In die Grand Opery“ nahm Mr. Dodge mit Nachdruck wieder auf, und ſeine Augen begannen nachgerade zu leuchten; denn er hatte um der Begeiſterung willen dem Punſche oft Zuſpruch gethan—„wo ich eine Muſik hoͤrte, welche tief unter derjenigen ſtand, deren wir uns in Amerika erfreuen— namentlich bei der allgemeinen Parade und an Sonntagen. Der Mangel an Wiſſen⸗ ſchaftlichkeit war augenfällig, und wenn dies Muſik ſeyn ſoll, ſo verſtehe ich wahrhaftig nichts davon.““ „Eine ſehr gute Bemerkung!“ rief der Kapitän.„Mr. Dodge iſt ein trefflicher Schriftſteller, denn er verabſäumt keine Gelegenheit, ſeine Anſichten durch die unwiderſprechlichſten That⸗ ſachen zu belegen. Er hat Geſchmack gewonnen an den Leiſtungen Zip Coon's und Long Tail Blue's; man darf ſich daher nicht wun⸗ dern, daß er mit Verachtung auf die untergeordneteren Künſtler herunterſieht,“ 4 „Was die Tänze betrifft,«“ fuhr der Herausgeber des A0- tive Inquirer fort,„ſo machten ſie entſchieden den Eindruck auf mich, daß ſie nicht ſchlechter hätten ſeyn können. Die Bewegun⸗ gen eigneten ſich eher für ein Leichenbegängniß, als für einen Ball⸗ ſaal, und ich behaupte ohne Furcht vor einem Widerſpruch, daß es in ganz Amerika keine Aſſembly gibt, wo nicht ein Cotillion in der halben Zeit getanzt würde, welche an jenem Abend das Bally dazu brauchte.⸗„"“ „Le quoi?“ „Ich glaube, ich habe dem Wort nicht die eigentliche Pariſer. Pronunciation gegeben— die Franzoſen nennen es bal-leh,“ fuhr der Leſer in großer Unſchuld fort. „Dies erinnert an's Lee, wie wir an Schiffsbord zu ſagen pflegen. Mr. Dodge, als Meiſter dieſes Schiffes bitte ich Euch, den vereinigten oder, wie Saunders ſagen würde, den condenſirten. Dank der Paſſagiere für dieſe Belehrung anzunehmen, und nächſten Sonntag hoffen wir auf eine Erneuerung des Vergnügens. Ich 257 bemerke, die Damen werden ſchläfrig, und da Mr. Monday uietrinkt, die andern Gentlemen aber mit ihrem Punſch fertig ſind, ſo wollen wir uns jetzt zurückziehen, um uns auf morgen für ein ſaures Ta⸗ gewerk vorzubereiten.“ Kapitän Truck machte dieſen Vorſchlag, weil er ſah, daß ein paar von der Geſellſchaft des Punſches voll waren und Eva mit ihrer Gefährtin einzuſehen begann, daß es paſſend ſey, ſich zu entfernen. Auch fühlte er die Nothwendigkeit der Ruhe, um der Anſtrengung des nächſten Morgens gewachſen zu ſeyn. Die Geſellſchaft brach daher, allerdings ſehr gegen die Wünſche der Herren Dodge und Monday auf, und Mademoiſelle Viefville verbrachte noch ein Stündchen in dem Staatsgemach von Miß Ef⸗ fingham, ſich in mehreren ſehr überflüſſigen Beſchwerden über die Art ergehend, wie der Herausgeber des Active Inquirer die Pa⸗ riſer Zuſtände betrachtete, indem ſie zugleich viele neugierige Fra⸗ gen in Betreff ſeiner Beſchäftigung und ſeines Characters anknüpfte. „Ich bin nicht ganz überzeugt, meine theure Mademoiſelle, ob ich Euch eine ſehr gelehrte Schilderung des Geſchöpfes geben kann, das Ihr aller dieſer Fragen werth achtet; aber unter Be⸗ nützung von Mr. John Effingham's Belehrung und einiger Worte, die Mr. Blunt fallen ließ, glaube ich, ſie ſollte etwa folgender⸗ maßen lauten:— Amerika brachte einmal einen ſehr ausgezeich⸗ neten Philoſophen hervor, Franklin mit Namen—“ „Comment, ma chère? tout le monde le connatt.“ „Dieſer Monſteur Franklin begann ſeine Laufbahn als Buch⸗ drucker; da er aber ein hohes Alter erreichte und ſich zu hohen Ehrenſtellen erhob, ſo wurde er eben ſo gut ein Philoſoph auf dem Boden der Ethik, als er es früher durch ſeine Studien im Felde der Phyſik geworden war. Nun iſt Amerika voll von Buch⸗ druckern, und die meiſten halten ſich für Franklins, bis ſie durch die Zeit und fehlgeſchlagene Hoffnungen klüger werden.“ Die Heimkehr. 17 258 „Aber die Welt hat bis jetzt nur einen einzigen Franklin geſehen?“ „Wird auch wahrſcheinlich ſo bald keinen zweiten zu ſehen krie⸗ gen. In Amerika bringt man den jungen Leuten die ganz richtigen Begriffe bei, daß ſie ſich durch Verdienſt zu den höchſten Staats⸗ ſtellen heben können, und Mr. John Effingham meint, daß ſich nur allzuviele davon einbilden, weil es ihnen freiſtehe, ſich alle hohe Eigenſchaften, die zufälligerweiſe eben Geltung haben, anzueignen, paſſen ſie in der That zu gar Allem. Sogar mein Vetter gibt zu, daß dieſe Eigenthümlichkeit dem Lande ſehr zu Statten komme; aber er behauptet, daß ſie auch viel Schaden bringe, indem ſie aller Orten zu dem Aufſchießen anmaßender Leute Veranlaſſung gebe. Unter dieſe letzte Claſſe zählt er nun auch Mr. Dodge. Statt den mechaniſchen Theil der Preſſe zu beſorgen, für den er erzogen wurde, hat er ſich in den Kopf geſetzt, den geiſtigen zu leiten, und in dieſer Abſicht gibt er den Active Inquirer heraus.“ „Es muß ein ſehr werthvolles Journal ſeyn.“ „Höchſt wahrſcheinlich entſpricht es ſeinen Zwecken. Ihr be⸗ merkt, daß Unwiſſenheit und Vorurtheile der Provinz in ihm ſtecken, und ich ſtehe dafür, er braucht ſeine Zeitung zum Cirku⸗ lationsmittel derſelben, indem er ſie außerdem noch zum Organe der perſönlichen Bitterkeit, des Neides und der Liebloſigkeit macht, durch welche ſich gewöhnlich die Anmaßung characteriſirt, die ſich ſelbſt irrthümlicherweiſe für edlen Ehrgeiz hält. Mein Vetter Jack behauptet, daß es in Amerika von Leuten dieſes Gelichters wimmle.“ „Und Monſieur Effingham?“ „Oh, Ihr wißt, Mademoiſelle, mein Vater iſt die Milde und Liebe ſelbſt; er betrachtet nur die lichten Stellen des Bildes, denn er behauptet, aus der Regſamkeit und Schwungkraft eines ſolchen Zuſtandes der Dinge entſprängen ſehr viele gute Reſultate. Er räumt zwar ein, daß⸗ viel ſchreiende Unwiſſenheit als Weisheit ausgekramt werde,— daß viel engherzige Unduldſamkeit unter 259 den Deckmantel der Grundſatzfeſtigkeit und Freiheitsliebe ſich breit mache, und daß leider nur zu oft gemeine, perſönliche Anfech⸗ tungen alles ſittliche Gefühl und allen Rechtsſinn verletzen; aber dennoch beſteht er darauf, daß die Folgen im Allgemeinen gut ſeyen.“ „In einem ſolchen Falle bedarf es eines unparteiiſchen Schieds⸗ richters. Ihr habt der Anſicht des Mr. Blunt Erwaͤhnung gethan. Comme ce jeune homme parle bien francais!“ Eva ſtockte und wechſelte leicht die Farbe, ehe ſie antwortete. „Ich weiß nicht, ob Mr. Blunts Meinung in einer derartigen Frage den Anſichten meines Vaters und meines Vetters gegenüber von Belang iſt,“ ſagte ſie.„Er iſt ſehr jung, und wir ſind nicht einmal darüber im Klaren, ob er überhaupt ein Amerikaner iſt.“ „ Tant mieux, ma chère. Er iſt viel in dem Lande geweſen, und von dem Eingeborenen hat man ſich nicht eben des richtigſten Urtheils zu verſehen, wenn ihm gegenüber der Fremde viele Ge⸗ legenheit zu beobachten hatte.“ „Dieſem Grundſatze zufolge, Mademoiſelle, müßt Ihr alſo in allen Punkten, in welchen ich das Unglück habe, mit Euch anderer Meinung zu ſeyn, auf Euer Urtheil über Frankreich verzichten,“ verſetzte Eva lachend. „Pas tout à fait,“ entgegnete die Gouvernantin gut gelaunt. „Alter und Erfahrung müſſen doch gelten pour quelque chose. Et Monsier Blunt?“ „Monſteur Blunt neigt ſich, wie ich fürchte, mehr auf die Seite des Vetter Jack, als auf die meines lieben, theuren Vaters. Er ſagt, in der amerikaniſchen Preſſe und um dieſelbe wimmle es von Leuten, deren Character, Bosheit, Intoleranz, Unwiſſenheit, Gemeinheit und ſonſtige Laſter mit allen dieſen Liebenswürdigkeiten auf Seiten Mr. Dodge's wetteiferten. Auch behauptet er, ſie üͤb⸗ ten einen unberechenbaren Schaden durch den Einfluß auf diejenigen, denen keine beſſeren Belehrungsquellen zugänglich ſeyen, indem da⸗ durch niedrige Eiferſucht und gemeiner Neid an die Stelle der Grundſätze und des Rechtes geſetzt würden; ſolche Leute verdräng⸗ ten— ich bediene mich ſeiner eigenen Worte, Mademoiſelle,“ fügte Eva, im Bewußtſeyn der Treue ihres Gedächtniſſes erröthend, bei —„den guten Geſchmack und ächte Liberalität durch gehaltloſe Provinzialanſichten, vermiſchten die Grundſätze der Freiheit mit den Antrieben eines perſönlichen Neides und gemeiner Stellenjägerei— kurz, verlören ihre Pflichten gegen die Oeffentlichkeit ganz aus dem Geſichte, indem ſie ſich nur Mühe gäben, ihre eigenen⸗ Intereſſen zu fördern. Er ſagt, das Gouvernement ſey in Wahrheit eine Preſſokratie und dazu noch eine Preſſokratie, welche nicht ein⸗ mal das verſöhnende Verdienſt guter Grundſätze, des Talents, eines gediegenen Geſchmackes oder der Kenntniſſe für ſich habe.“ „Dieſer Monſieur Blunt hat ſich alſo ſehr beſtimmt ausgedrückt und dabei suffisament éloquent,“ entgegnete Mademoiſelle Viefville ernſt; denn die verſtändige Gouvernante bemerkte wohl, daß ſich Eva einer Sprache bediente, die von ihrer gewöhnlichen zu ſehr verſchieden war, um nicht die Vermuthung in ihr rege zu machen, daß ſie die Worte des Sprechers buchſtäblich angeführt habe. Zum erſtenmal erwachte in ihr der ſchmerzliche Verdacht, daß ſie den Verkehr zwiſchen ihrem Pflegling und den beiden angenehmen jun⸗ gen Männern, welche der Zufall ihnen als Reiſegefährten zuge⸗ führt hatte, nicht ſorgfältig genug bewacht habe. Nach einer kur⸗ zen Pauſe des Nachſinnens kam ſie wieder auf den Gegenſtand des abgebrochenen Geſprächs zurück. „Ce Monsieur Dodge, est-il ridicule?“ „Ueber dieſen Punkt wenigſtens, meine theure Mademoiſelle kann kein Irrthum obwalten. Und doch behauptet Vetter Jack ſteif und feſt, er werde den Unſinn, den wir mitanhören mußten, ſeinen Leſern als Anſichten über Europa auftiſchen, die ihrer vollſten Be⸗ achtung würdig ſeyen.“ 4 „Ce conte du roi! mais c'est trop fort!“ 261 „Mit dem an den Nähten bordirten Rock und dem aufgeſchla⸗ genen Hut!“ „Et Phonorable Louis Philippe d'Orleans!“ „Orleans, Mademoiselle; d'Orleans würde antirepublika⸗ niſch ſeyn.“ Die beiden Frauenzimmer ſahen ſich einige Augenblicke ſchwei⸗ gend an und brachen dann, obſchon im Allgemeinen mit anſtän⸗ diger Maͤßigung, in ein herzliches, anhaltendes Gelächter aus. In der That lachte Eva in der Schwungkraft ihres jugendlichen Geiſtes und in ihrem feinen Gefühle für das Komiſche ſo lange fort, bis ihr die Locken über die roſigen Wangen niederfielen und ihre leuch⸗ tenden Augen eigentlich vor Entzücken zu tanzen ſchienen. Sechszehntes Kapitel. Er ging ſodann an's Ufer ohne Harren, Wo weder Zollhaus ihn noch Contumaz Mit läſt'gen Fragen quälten nach dem Platz, Woher er kam und wann er ausgefahren.— Byron. Kapitän Truck verſank, ſobald ſein Haupt das Kiſſen berührte, in einen tiefen Schlaf. Mit Ausnahme der Frauenzimmer folgten die Uebrigen bald ſeinem Beiſpiele, und da das Schiffsvolk unge⸗ mein ermüdet, auch außerdem die Nacht ruhig war, ſo konnte man nach kurzer Zeit auf dem Deck nur noch ein einziges Paar offener Augen finden— nämlich die des Mannes am Steuer. Der Wind ſtarb dahin, ſo daß zuletzt auch dieſer Ehrenmann von der Ver⸗ ſchuldung des Einnickens auf ſeinem Poſten nicht ganz freizuſpre⸗ chen war. Unter ſolchen Umſtänden wird es nicht ſonderlich überraſchen, wenn wir berichten, daß die Kajüte am nächſten Morgen durch die ploͤtzliche Nachricht aufgeſchreckt wurde, das Land befinde ſich 262 dicht am Borde des Schiffes. Alles eilte auf'’s Deck, von dem aus man mit den beſtimmteſten Umriſſen in einer Entfernung von nicht ganz einer Seemeile die gefürchtete afrikaniſche Küſte ſehen konnte. Sie bot den Blicken eine lange, gebrochene Linie von Sandhügeln dar, ohne daß ein Baum, höchſtens da und dort ein Strauch, dem Auge einen Ruhepunkt bot, während das ferne, nordöſtlich gelegene Gebirg in einem dunſtigen Hintergrunde lag. Der Rand der eigent⸗ lichen Küſte, welche dem Schiffe am nächſten ſtand, war mit Buch⸗ ten ausgezackt, und da und dort zeigten ſich ſogar Riffe; der Ge⸗ ſammtcharacter der Landſchaft aber war ein Bild dürrer, ſonnver⸗ brannter Unfruchtbarkeit. Mit Scheu und Verwunderung blickten bei dem allmälich kräftiger werdenden Lichte des Tages die Inſaſſen des Fahrzeugs einige Minuten auf dieſen Schauplatz der Verödung hin, bis endlich ein Ruf vom Vorderkaſtell„ein Schiff“ meldete. „In welcher Richtung?“ fragte Kapitän Truck finſter, denn die plötzlich unerwartete Naͤhe dieſer gefährlichen Küſte hatte Alles, was in dem Temperamente des alten Meiſters Schroffes und Ab⸗ ſtoßendes lag, aufgeregt.„In welcher Richtung, Sir?“ „Auf der Backbordwindvierung, Sir; es liegt vor Anker.“ „Es iſt geſtrandet!“ riefen in demſelben Augenblicke, als die Worte von den Lippen des letzten Sprechers geglitten waren, ein halb Dutzend Stimmen. Das Fernglas gab bald über dieſen wichtigen Punkt weitere Auskunft. Etwa eine Seemeile ſternwärts von ihnen waren die Spieren eines Schiffes ſichtbar; der Rumpf ſaß auf dem Sande auf, ſo daß man nicht länger daran zweifeln konnte, es ſey ein Wrack. Der erſte Eindruck bei Allen war, daß dies endlich das Foam ſey; aber Kapitän Truck erklärte bald dieſe Anſicht für irrig. „Dem Tackelwerk und dem Bau nach iſt es ein Schwede oder ein Däne,“ ſagte er—„ein ſtämmiges, feſtes, gedrungenes Fahr⸗ zeug, das jetzt hoch und trocken auf dem Sande liegt, als ob es dort gebaut worden wäre. Es ſcheint nicht einmal im Boden leck 263 geworden zu ſeyn, und die meiſten ſeiner Segel wie auch alle Raaen befinden ſich am gehörigen Orte. Keine lebende Seele läßt ſich darauf blicken. Ha! dort ſind Anzeichen von Zelten, die am Lande aus Segeln gemacht wurden, und Reſte von aufgebrochenen Güter⸗ ballen! Die Mannſchaft iſt angegriffen und wie gewöhnlich in die Wüſte geführt worden; dies iſt ein furchtbarer Wink, den Montauk nicht auf den Grund laufen zu laſſen. Ruft die Leute herbei, Mr. Leach, und ſchafft eure Scheerböcke herauf, damit wir ſchleunigſt mit un⸗ ſeren Nothmaſten zu Stande kommen; ohne Hinterſegel treibt uns die ſchwächſte landwärts wehende Briſe an die Küſte.“ Während die Maten und die Matroſen ſich anſchickten, das Werk zu vollenden, welches ſie Tags zuvor zugerüſtet hatten, war Kapitän Truck mit ſeinen Paſſagieren beſchäftigt, alle Umſtände, die mit dem Wrack in Verbindung ſtanden, möglichſt zu ermitteln und über die Gründe Aufſchluß zu ſuchen, warum ſie in einer ſo ganz anderen Gegend lagen, als ſie früher geglaubt hatten. In Betreff des erſteren Punktes ließ ſich wenig mehr Aufklä⸗ rung einholen. Das fremde Schiff lag ohne Frage hoch und trocken an einem harten ſandigen Ufer, wo es wahrſcheinlich in der letzten Bö geſcheitert war; auch glaubte der Kapitän unverkenn⸗ bare Merkmale einer theilweiſen Plünderung zu entdecken. Mehr ließ ſich aus dieſer Entfernung nicht entdecken, und die Arbeit auf dem Montauk war zu dringend, als daß man ein Boot hätte mit Matroſen bemannen und zur Unterſuchung ausſchicken können. Da fich jedoch Mr. Blunt, Mr. Sharp, Mr. Monday und die Diener der beiden erſteren erboten, den Kutter zu rudern, ſo wurde endlich beſchloſſen, von den Thatſachen genauere Einſicht zu nehmen, und Kapitän Truck ſelbſt trat an die Spitze des Ausflugs. Während die Vorbereitungen dazu getroffen werden, mag ein Wort der Er⸗ läuterung den Leſer über den Grund belehren, warum der Mon⸗ tauk ſo weit leewärts gekommen war. Das Schiff ſtand ſo nahe an der Küſte, daß man nun deut⸗ 264 lich ſehen konnte, es ſei durch eine am Lande hinziehende Strömung getrieben worden, die aller Wahrſcheinlichkeit nach in hoher See gegen die Küſte umgebogen hatte. Die unmerkliche Abtrifft ſo vieler Stunden, die zwiſchen der angeſtellten Beobachtung des vori⸗ gen Tags und der Entdeckung der Küſte abgelaufen waren, hatte zugereicht, um das Schiff weithin zu führen; man mußte daher die gegenwärtige Lage ausſchließ lich dieſer einfachen Urſache, zu welcher vielleicht noch einige Nachläßigkeit am Steuer im Laufe der Nacht einen Beitrag lieferte, zuſchreiben. In dieſem Augenblicke kam ein leichter Luftzug vom Lande her, und wenn man den Schnabel ſeewärts hielt, war es, wie Kapitän Truck nicht zweifelte, möglich, dem Un⸗ glück zu entrinnen, welches das andere Schiff während der Wuth der Bö betroffen hatte. Ein Wrak iſt für Seeleute ſtets ein Gegenſtand großen Intereſſes; nachdem daher Mr. Truck alle dieſe Dinge in Betracht gezogen hatte, kam er zu dem vorerwähnten Entſchluſſe, ſich über die Geſchichte des in Sicht befindlichen Fahrzeugs, ſoweit es die Umſtände geſtatteten, Aufklärung zu verſchaffen. Der Montauk hatte drei Boote— das Langboot, ein großes ſicheres und gut gebautes Fahrzeug, welches in den gewöhnlichen Schoren zwiſchen dem Fockmaſt und großen Maſt ſtand— ein Jol⸗ lenboot und einen Kutter. Da dem Schiffe der große Maſt fehlte, ſo war es faſt unmöglich, das erſtere ins Waſſer zu bringen, wäh⸗ rend dagegen die anderen, welche auf beiden Windvierungen an Penterbalken hingen, leicht niedergelaſſen werden konnten. Die Paketſchiffe führen ſelten andere Waffen, als eine leichte Kanone zu Signalen, die Piſtolen des Kapitäns und vielleicht ein paar Vogelflinten. Zum Glück waren die Paſſagiere beſſer vorgeſehen, denn ſämmtliche Gentlemen— mit Ausnahme des Mr. Monday und Mr. Dodge, wenn ſie überhaupt, wie Kapitän Tuuck zu ſagen pflegte, zu dieſer Categorie gehörten— hatten Piſtolen und die meiſten auch Vogelflinten. Eine ſorgfältige Unterſuchung der Küſte durch die Ferngläſer ergab zwar keine Merkmale von Feindesnähe; 7 8— 8 5& 265 aber dennoch wurden alle dieſe Waffen ſorgfältig geſammelt, gela⸗ den und in die Boote gebracht, damit man auf den ſchlimm⸗ ſten Fall vorbereitet ſei. Mundvorrath und Waſſer wurde gleich⸗ falls eingenommen, worauf ſich die Partie zum Aufbruch anſchickte. Kapitän Truck und einer oder zwei Theilnehmer an dem Aben⸗ teuer befanden ſich noch auf dem Deck, als Eva in jener ſeltſamen Liebe zur Aufregung, die oft auch die zarteſten Gemüther befällt, ihr Bedauern ausdrückte, daß ſie an dem Ausfluge nicht Theil nehmen könne. „Es liegt etwas eigenthümlich Wildes im Landen an einer afrikaniſchen Wüſte,“ ſagte ſie,„und ich glaube, Mademoiſelle, eine nähere Beſichtigung des Wraks würde uns für das Wagniß wohl ſchadlos halten.“ Die jungen Männer ſchwankten zwiſchen den Wunſche, eine ſolche Begleiterin zu haben, und ihrem Bedenken über die Klug⸗ heit eines derartigen Schrittes. Kapitän Truck erklärte jedoch, von Gefahr könne keine Rede ſeyn, und da Mr. Effingham ſeine Ein⸗ willigung gab, ſo wurde der ganze Plan dahin abgeändert, daß auch die Damen eingeſchloſſen werden ſolllen; denn eine Abwechs⸗ lung in der Eintönigkeit einer Windſtille und die Befreiung von dem engen Banne eines Schiffes verſprach ſo viel Vergnügen, daß männiglich mit Eifer und Freude auf die neue Anordnung einging. An der Fockraa wurde ein Tau aufgezogen, ein Stuhl hinein geſchlungen, und zehn Minuten ſpater ſchwammen die beiden Da⸗ men im Kutter auf dem Meere. Das Fahrzeug war mit ſechs Nudern verſehen und hatte die Bedienten der beiden Herren Effing⸗ ham, die der Herren Blunt und Sharp, desgleichen auch die letzt⸗ genannten beiden Gentlemen zur Bemannung, während Mr. Effing⸗ ham das Steuer lenkte. Kapitän Truck ſetzte ſich in das Jollenboot, in welchem er ſelbſt ein Ruder führte, und hatte Saunders, Mr. Monday und Sir Georg Templemore zu Gehülfen; denn die Ma⸗ ten und die regelmäßige Schiffsmannſchaft waren mit dem Auftackeln 266 des Nothmaſtes beſchäftigt. Mr. Dodge lehnte es ab, ſich bei dem Abenteuer zu betheiligen, indem er ſich mit der Hoffnung ſchmei⸗ chelte, es biete ſich ihm jetzt eine günſtige Gelegenheit, in den Staatsgemächern nach vergeſſenen Briefen und Papieren zu ſpio⸗ niren oder anderweitig ſich Belehrungsſtoff für den Active Inqui⸗ rer zu ſammeln. „Schaut nach dem Kutter und ſorgt dafür, Mr. Leach, daß Alles für das Ablaufen des Ankers klar gehalten werde, im Falle Ihr weiter küſtenwärts kommen ſolltet,“ rief der Kapitän, ehe die Boote von der Seite des Montauk abſtießen.„Das Schiff trifftet zwar längs dem Lande hin, aber der Wind, den ihr habt, wird kaum hinreichen, den Wellenzug gegen das Ufer zu überbieten. Sollte etwas Unrechtes vorkommen, ſo zieht an dem Nothmaſt vorn eine Flagge auf.“ Der Mate winkte mit der Hand, und die Abenteurer ruderten hinweg, ohne ſeine Antwort weiter zu vernehmen. Es war für die Meiſten in den Booten eine ſeltſame Empfindung, ſich in ihrer ge⸗ genwärtigen Lage zu ſehen; namentlich konnten Eva und Made⸗ moiſelle Viefville kaum ihren Sinnen glauben, als ſie fanden, wie die Nußſchalen, in denen ſtie ſich befanden, gleich Blaſen auf den langen trägen Wellen ſich hoben und ſenkten— denn ſo wenig letztere in dem Schiffe fühlbar geweſen waren, ahnelten ſie doch jetzt den ſchweren Athemzügen eines Leviathan. Die Boote glitten unter dem Einſluſſe der Ruder zwar immer vorwärts, ſchienen aber doch auf Augenblicke gleich Spielzeugen der gewaltigen Tiefe hülf⸗ los hin und herzuſchwanken, und es ſtand einige Minuten an, ehe ſich Eva ſicher genug fühlen konnte, um ſich ihrer Lage zu erfreuen. Auch ſchien dieſe immer bedenklicher zu werden, je weiter ſie ſich von den Montauk entfernten, und noch ehe eine halbe Seemeile zurückgelegt war, bereute das Mädchen, trotz der Liebe ihres Ge⸗ ſchlechts für Aufregung, doch herzlich, daß ſie das Wagniß unter⸗ nommen hatte. Die Gentlemen waren übrigens insgeſammt wohl⸗ 267 gemuth, und da die Boote nahe zuſammenhielten, ſo kürzte Kapi⸗ tän Truck den Weg mit ſeinem eigenthümlichen Witze, obgleich Mr. Effingham, der ſich nur aus Beweggründen der Menſchlich⸗ keit den Ausfluge angeſchloſſen hatte, ernſt blieb. So geſchah es denn, daß Eva zuletzt gleichfalls auf andere Gedanken gerieth. Als ſie ſich dem Ende ihrer kleinen Expedition näherten, ge⸗ wannen unter der ganzen Partie neue Gefühle die Oberhand. Die einſame, düſtere Großartigkeit der Küſten, die erhabene Verödung— denn ſelbſt eine nackte Sandwüſte kann durch ihre endloſe Ausbrei⸗ tung erhaben werden— das dumpfe Stöhnen des Meeres an der Küſte und die ganze Scene der Verlaſſenheit, im Vereine mit den Ideenverbindungen, welche Afrika, die Zeit und der Wechſel ſeiner geſchichtlichen Bedeutung darboten— Alles dies wirkte zuſammen, um wehmüthig angenehme Empfindungen hervorzurufen. Der An⸗ blick des Schiffes, welches, obſchon es hülflos und verlaſſen auf dem Sande lag, Bilder europäiſcher Civiliſation mit ſich führte— erhöhete noch den Eindruck des Ganzen. Ohne Zweifel war in der letzten Bö das Schiff auf einer Welle nach einem Punkte getragen worden, der nicht hinreichende Schwimmtiefe hatte— vielleicht bis auf einige Ellen von der Stelle, wo es jetzt lag. Kapitän Truck gab nachſtehende Erläu⸗ terung über den wahrſcheinlichen Hergang der Sache. „An allen ſandigen Küſten,“ ſagte er,„bilden die rückkeh⸗ renden Wogen, nachdem ſie ſich am Ufer gebrochen haben, eine Barre, da ſie den Sand des Geſtades abſpülen. Dieſe befindet ſich gewoͤhnlich in einer Entfernung von dreißig oder vierzig Faden ſeewärts, und innerhalb derſelben iſt das Waſſer häufig tief genug, um ein Schiff flott zu erhalten. Da jedoch eine ſolche Barre die Rückkehr allen Waſſers hindert, ſo erzeugt das ſogenannte Unter⸗ tauen von Punkt zu Punkt ſchmale Kanäle, durch welche das Ele⸗ ment entwiſchen kann. Letztere erkennt man an dem Ausſehen des Waſſers, denn die Wellen brechen ſich an ſolchen Plätzen weniger, 268 als an den Stellen, wo der Grund naͤher an der Oberflaͤche liegt, unnd alle erfahrene Seeleute ſind mit dieſer Thatſache wohl bekannt. Ohne Zweifel hat der unglückliche Meiſter dieſes Schiffes, als er ſich genöthigt ſah, an die Küſte zu laufen, um das Leben ſeiner Mannſchaft zu retten, einen derartigen Platz gewählt und daher ſein Schiff nach einem Punkte gedrängt, wo es trocken liegen blieb, ſobald die See wieder fiel. Solch ein würdiger Kamerad hätte wohl ein beſſeres Schickſal verdient, denn das Wrack iſt noch keine drei Tage alt, und doch läßt ſich keine Spur von denen blicken, welche ſich in dem ſtattlichen Fahrzeuge befanden.“ Der Kapitän machte dieſe Bemerkungen, wäahrend die Mann⸗ ſchaft der beiden Boote in kurzer Entfernung von der Waſſerlinie, wo das Branden des Meeres die Richtung der Barre andeutete, auf ihren Rudern lag. Auch konnte man den Kanal unmittelbar im Sterne des Schiffes deutlich ſehen, da ſich an dieſer Stelle die See blos hob und ſenkte, ohne in Kämmen überzuſchlagen. Gegen Süden ſtreckten ſich einige kecke ſchwarze Klippen vorwärts und bildeten eine Art Bai, in welcher man ohne Gefahr landen konnte; ſie waren übrigens in einer Gegend an die Küſte gekommen, wo die Einförmigkeit des Sandgrundes, wie ſich im Näherkommen her⸗ ausſtellte, nicht viel durch die Anweſenheit anderer Gegenſtände ge⸗ hoben wurde. „Haltet den Kutter nur gerade außerhalb der Brandung, Mr. Effingham,“ fuhr Kapitän Truck fort, nachdem er aufgeſtanden und eine Weile das Ufer gemuſtert hatte.„Ich will in den Kanal ein⸗ fahren und in jener Bai dort landen. Habt Ihr Luſt, mir zu fol⸗ gen, ſo gebt das Steuer an Mr. Blunt ab, ſobald Ihr von mir ein Signal erhaltet. Gebt auf euere Ruder Acht, Gentlemen, und ſeht beim Landen nach euren Waffen, denn wir ſind in einem gar ſpitzbuͤbiſchen Welttheile. Wenn etwa die Affen oder Orangoutangs ihr Verwandtſchaftsrecht an Mr. Saunders anſprechen ſollten, ſo 269 werden wir's nicht leicht finden, ſie zu bereden, daß ſie uns das Vergnügen ſeiner Geſellſchaft laſſen.“ Der Kapitän gab ein Zeichen und das Jollenboot lief in den Kanal ein. Nachdem es eine Wendung nach Süden gemacht hatte, ſah man es noch innerhalb der Brandung ſich heben und fallen; dann aber verſchwand es hinter den Felſen. Eine Minute ſpäter erſchien Mr. Truck mit ſeinem ganzen Geleite— den einzigen Mr. Monday ausgenommen, welcher als Schildwache bei dem Boot blieb— auf dem Felſen und machte ſich nach dem Wrack auf den Weg. Bei dem letzteren angelangt, ſtieg er hurtig ſogar bis zu den Kreuzbäumen des Hauptmaſtes hinan und unterwarf die Ebene jenſeits der Bank, welche dieſelbe den Blicken derer unten entzog, einer langen Muſterung; dann gab er denen, welche ſich in dem Kutter befanden, durch ein Signal zu verſtehen, daß ſie heran⸗ kommen könnten. „Sollen wir's wagen?“ rief Paul Blunt in einem Tone, in welchem ſich die Bitte um Bejahung ausſprach. „Was ſagt Ihr, theurer Vater?“ „Ich hoffe, daß wir noch immer nicht zu ſpät kommen, um irgend einem Chriſten in Bedrängniß Hülfe zu bringen, mein Kind. Nehmt das Steuer, Mr. Blunt— wir wollen im Namen des Himmels und um der Nächſtenliebe willen folgen.“ Das Boot rückte vor; Paul Blunt ſtand aufrecht und lenkte das Steuer, zügelte aber ſeine Haſt um der koſtbaren Fracht willen, die ſeinem Fahrzeuge vertraut war. Es trat jetzt ein Augenblick des Zitterns für die Damen ein, denn es gewann den Anſchein, als ſollte das leichte Boot wie der Meerſchaum, an dem es vorbei⸗ ſchoß, auf's Geſtade fliegen; aber die ſtätige Hand des Steuer⸗ manns wandte die Gefahr ab, und in der nächſten Minute befanden ſie ſich flott an der Seite des Jollenboots. Die Damen gelangten ohne viele Schwierigkeit an's Land und erſtiegen die Spitze des Felſens. „Nous voici donc en Afrique!“ rief Mademoiſelle Viefville 270 im Gefühle der Ueberraſchung, welche Alle befällt, die ſich mit einemmale in irgend einer merkwürdigen neuen Lage befinden. „Das Wrack— das Wrack,“ flüſterte Eva;„laßt uns nach dem Wracke gehen. Vielleicht iſt Hoffnung vorhanden, noch irgend einen unglücklichen Leidenden zu retten.“ Sie begaben ſich nun insgeſammt nach dem Wracke und ließen nur die beiden Bedienten zurück, welche Mr. Monday ſeiner Wache entheben mußten. Es erregte einen tiefen Eindruck, neben einem Schiffe auf der Sandkuſte Afrika's zu ſtehen, wo die Verödung eines aufgegebenen Fahrzeuges durch die Verlaſſenheit einer Wüſte noch erhöht wurde. Die Lage des faſt aufrecht ſtehenden und im Sand eingebetteten Schif⸗ fes legte dem Hinanſteigen der Damen weit weniger Schwierigkeit in den Weg, als man hätte erwarten ſollen, da der Zugang bereits durch ein angebrachtes rohes Gerüſte erleichtert war. Der Anblick wurde hier noch viel aufregender, denn man ſah allenthalben das Bild einer haſtig verlaſſenen theuren Wohnung. Noch ehe Eva und Mademoiſelle Viefoille auf dem Deck an⸗ langten, hatten die Uebrigen bereits ausfindig gemacht, daß keine lebende Seele zurückgeblieben war. Alle Koffer, Truhen, Kommoden, und andere Aufbewahrungsgeräthſchaften der Kajüte waren durch⸗ ſtört, desgleichen viele Kiſten aus dem Raume heraufgeholt und ge⸗ plündert worden, wie man denn auch einen Theil ihres Inhalts noch auf den Decken umhergeſtreut liegen ſah. Das Schiff war jedoch nur leicht befrachtet geweſen, und das Hauptkargo, welches aus Salz beſtand, augenſcheinlich unberührt geblieben. An den Fallen war ein däniſches Wimpel angeſchlagen— ein Beweis, daß Kapitän Truck ſchon aus der Ferne den Character des„Schiffes richtig beurtheilt hatte. Auch der Name ließ ſich ermitteln. Das Fahrzeug hieß, in's Deutſche übertragen, der Führer, und gehörte nach Copenhagen. Weitere Auskunft ließ ſich nicht gut einholen; denn es fanden ſich keine Papiere vor, und was von der Ladung 271 zurückgeblieben, war ſo vermiſcht oder untermengelt, wie es Saun⸗ ders nannte, daß ſich über den Hafen, wo das Kargo eingenommen worden,— wenn dies überhaupt an einem und demſelben Platze geſchehen war,— keine befriedigende Vermuthung aufſtellen ließ. Augenſcheinlich waren mehrere der leichten Segel fortgeführt, aber alle ſchwereren an den Raaen, die ſich noch an ihren Plaͤtzen be⸗ fanden, zuruͤckgelaſſen worden. Das Schiff war groß und ungemein ſtark, was ſchon aus dem Umſtande erhellte, daß es beim Stranden keinen Leck gefangen hatte. Es fehlte an nichts, es in den Ocean zu bringen, als an Maſchinerie und an der erforderlichen Beman⸗ nung; denn wäre es nur wieder flott geweſen, ſo hätte es ſeine Fahrt fortſetzen koͤnnen, als ob gar nichts vorgefallen wäre. Aber eine derartige Wiederherſtellung war hoffnungslos und die bewun⸗ derungswürdige Maſchine glich einem Manne, der in der Blüthe ſeiner Kraft und Jugend dahingerafft wurde, auf die Küſten dieſes unwirthlichen Landes geworfen, um an der Stelle, wo es lag, zu vermodern, wenn es nicht etwa die Wanderer der Wüſte um des Holzes und Eiſens willen zertrümmerten. Nicht leicht konnte in einem Geiſte, wie der des Kapitän Truck war, ein Gegenſtand wehmüthigere Gedanken hervorrufen, als ein ſolcher Anblick. Ein ſchönes Schiff, faſt in allen ſeinen Theilen vollkommen, dem Weſen nach unbeſchädigt und dennoch völlig außer dem Bereiche weiterer Benützung, erſchien ſeinen Blicken als ein Bild des bejammernswürdigſten Verluſtes. Das Geld, welches das Fahrzeug gekoſtet hatte, ſchlug er weit weniger an, als die Eigen⸗ ſchaften, welche in ſolcher Weiſe zu Grunde gegangen waren. Er unterſuchte den Boden, den er für das Unterbringen der Ladung ſowohl, als für die Schwimmfähigkeit auf dem Meere gleich vortrefflich fand, bewunderte die gute Zimmermannsarbeit, prüfte mit ſeinem Meſſer die Eigenſchaft des Holzes und erklärte die norwegiſchen Tannen, welche zu den Spieren verwendet worden waren, für faſt ſo guten Zeug, als nur irgend einer in den ſüd⸗ 272 lichen Wäldern Amerika's gefunden werden könne. Auch das Tackel⸗ werk betrachtete er in der Weiſe eines Mannes, der gerne bei den Eigenſchaften eines viel beklagten verſtorbenen Freundes verweilt. Auf dem Sande um das Schiff her, namentlich aber unter dem Gerüſte, das zum Hinanſteigen gedient hatte und augenſchein⸗ lich in aller Haſt errichtet worden war, um Gegenſtände von dem Fahrzeuge auf den Rücken von Laſtthieren zu bringen, welche die Bürde nach der Wüſte nehmen ſollten— waren allenthalben die Spuren von Kameelen und Pferden deutlich zu unterſcheiden. Auch Fußſtapfen von Menſchen waren zu erblicken, und der Umſtand, daß ſich die Abdrücke von Schuhen mit denen von nackten Füßen meng⸗ ten, bot eine erſchütternde und betrübende Gewißheit. Aus allen dieſen Anzeigen folgerte Kapitän Truck, das Schiff habe vor zwei oder drei Tagen geſtrandet, während dagegen die Plünderer noch nicht viele Stunden abgezogen ſeyen. „Wahrſcheinlich entfernten ſie ſich mit dem, was ſie fortſchlep⸗ pen konnten, geſtern Abend um Sonnenuntergang, und ich zweifle nicht, daß ſie mit Nächſtem wieder zurückkommen werden— oder wenn auch nicht ſie, ſo werden doch wenigſtens Andere erſcheinen. Gott beſchütze die armen Menſchen, die in eine ſo unglückliche Knechtſchaft gerathen ſind. Welche günſtige Gelegenheit fände ſich nicht jetzt, Einen oder den Andern zu retten, der ſich zufälligerweiſe in der Nähe dieſes Platzes verſteckt hätte!“ Die ganze Geſellſchaft faßte den Gedanken mit einemmale auf und Alle ſetzten ſich eifrig in Bewegung, um das hohe Felsufer, das faſt ſo weit als die Stengen anſtieg, zu unterſuchen, ob ſie nicht irgend einen verſteckten Flüchtling entdecken könnten. Die Gentlemen gingen wieder in den Raum hinunter, und die Herren Sharp und Blunt riefen in deutſcher, engliſcher und franzöoſiſcher Sprache denen, welche ſich etwa verborgen hatten, zu, ſie möchten hervorkommen. Aber kein Laut antwortete auf die freundliche Ein⸗ ladung. Kapitän Truck ſtieg abermals in das Tackelwerk hinauf, N 66 8—— * 273 um in's Innere des Landes ſchauen zu können, ohne jedoch etwas Anderes, als die weite unbevölkerte Wüſte zu erblicken. Die Stelle, wo die Kameele nach dem Ufer heruntergekommen waren, lag nicht ferne, weshalb die Meiſten von der Geſellſchaft ſich dahin begaben und nach der Höhe der jenſeits gelegenen Ebe⸗ nen hinanſtiegen. Paul Blunt ging voran und ſpannte, als er die Höhe des Ufers erreichte, beide Hähne ſeiner Vogelflinte, weil man nicht wiſſen konnte, ob nicht vielleicht Feinde in der Nähe waren. Sie fanden jedoch nur eine ſchweigende, faſt aller Vegetation baare Wüſte, die ſich beinahe ſo bahnlos vor ihnen ausbreitete, wie das Meer, das ſie hinter ſich zurückgelaſſen hatten. In einer Entfer⸗ nung von hundert Ruthen konnten ſie übrigens einen Gegenſtand unterſcheiden, der halb im Sande eingeſcharrt ſchien, und die jun⸗ gen Männer drückten den Wunſch aus, danach hinzugehen, nach⸗ dem ſie zuerſt denen im Schiffe zugerufen hatten, ſie ſollten einen Mann in's Takelwerk ſchicken, der Lärm machen könne, im Falle ſich ein Haufen Muſelmänner blicken laſſe. Als Mr. Effingham von ihrer Abſicht Kunde erhielt, ließ er Eva und Mademoiſelle Viefville in den Kutter ſteigen, denſelben bemannen und über die Barre hinaus nach einer Stelle rudern, wo er in Erwartung des Ausgangs liegen blieb. Ein Kameelpfad, deſſen Spur durch den Sand faſt wieder ver⸗ wiſcht war, führte nach dem Gegenſtande hin, und die Abenteurer, welche mühſam in dem nachgiebigen Grunde weiter zogen, erreich⸗ ten bald den gewünſchten Ort, wo ſie die Leiche eines Menſchen fanden, der augenſcheinlich eines gewaltſamen Todes geſtorben war. Sein Anzug und ſeine Außenſeite deuteten mehr auf einen Paſſa⸗ gier als auf einen Matroſen; auch konnte man deutlich unterſchei⸗ den, daß er noch nicht lange, vielleicht kaum zwölf Stunden, ſeinen letzten Athem ausgeröchelt hatte. Sein Schädel war durch einen Säbelhieb geſpalten. Man beſchloß, vor den Damen die ſchreck⸗ liche Entdeckung geheim zu halten, und deckte den Leichnam, nach⸗ Die Heimkehr. 18 274 dem man zuerſt deſſen Taſchen unterſucht hatte, haſtig mit Sand zu: denn ganz gegen den gewöh nlichen Gebrauch war der Todte nicht entkleidet worden. Man fand nichts weiter, als einen Brief in deutſcher Sprache, den eine Gattin an ihren Mann geſchrieben hatte. Der Inhalt war zwar einfach, aber doch zaͤrtlich und na⸗ türlich; er ſprach von der Hoffnung eines baldigen Wiederſehens — ach, die Unglückliche ließ ſich wenig träumen von dem klaͤglichen Looſe, welches den geliebten Gatten in dieſer fernen Wüſte betrof⸗ fen hatte! Da ſich außerdem nichts entdecken ließ, ſo kehrten die Aben⸗ teurer haſtig wieder nach dem Ufer zurück, wo ſie fanden, daß Kapitän Truck ſeine Nachforſchungen beendigt hatte und ungeduldig ihrer Rückkehr entgegenſah. Während das Intereſſe dieſer Scene unſere Reiſenden in Anſpruch nahm, war der Montauk hinter ei⸗ nem Vorgebirge verſchwunden, auf welches er bei der Abfahrt der Boote zugetrifftet war. Der Umſtand, daß man nichts mehr von ihm ſah, erhöhte das allgemeine Gefühl der Einſamkeit, und die ganze Partie eilte jetzt in das Jollenboot, als fürchte ſie, zurück⸗ gelaſſen zu werden. Außer der Barre angelangt, nahm der Kutter wieder ſeine frühere Bemannung ein, und die Boote ruderten fort, das däniſche Schiff in ſeiner einſamen Verödung als ein Denkmal ſeines Unglücks auf dem Ufer zurücklaſſend. Wie ſie ſich weiter vom Lande entfernten, kam ihnen der Mon⸗ tauk wieder zu Geſicht, und Kapitän Truck theilte ſeiner Reiſegeſell⸗ ſchaft die angenehme Kunde mit, daß der Nothhauptmaſt ſtehe und das Schiff Hinterſegel führe, wie klein und mangelhaft ſie auch wären. Statt übrigens wie bisher den Schnabel gen Süden zu halten, war Mr. Leach augenſcheinlich bemüht, wieder gen Norden nach dem Vorgebirge, welche das däniſche Schiff einſchloß, zu kommen— das heißt, er ſuchte den gemachten Weg wieder zu⸗ rückzulegen. Mr. Truck zog hieraus den richtigen Schluß, daß ſeinem Maten der Anblick der Küſte ſternwärts von ihm nicht ge⸗ dte ief i⸗ er + 88A RwNR F 3 8 5 Z3 N n ☛ 275 fiel und er deshalb offene See zu gewinnen ſuchte. Er ermunterte daher ſeine Begleiter zum Rudern und es ſtund nicht viel mehr denn eine Stunde an, als ſich die ganze Partie wieder an Bord des Montauk befand, die Boote aber ihre Plätze wieder an den Pen⸗ terbalken einnahmen. Siebenzehntes Kapitel. Ich war am Bord des Königsſchiffes, wo Im Schnabel jetzt, dann wieder in der Kuhl, Auf dem Verdeck, ſo wie in der Kajüte, Ich Staunen weckte überall. Sturm. Hatte Kapitän Truck die Lage des Montauk ſchon nicht gefallen, als er ſeinen Maten den Kurs wechſeln ſah, ſo fand er noch mehr Urſache dazu, als er wieder an Bord war und Ge⸗ legenheit hatte, ſich ein richtigeres Urtheil zu bilden. Die Strö⸗ mung führte das Schiff nicht nur gen Süden, ſondern auch küſten⸗ wärts, denn die Richtung der Grundſchwellen trieb es zwar lang⸗ ſam, aber doch unausbleiblich dem Lande zu. Das Geſtade war an dieſer Stelle noch weit zackiger, als an dem Orte, wo der Däne geſtrandet hatte; auch kamen hier Andeutungen von Bäumen zum Vorſchein, und die Felſen liefen in unregelmäßigen Riffen nach der See hinaus. Weiter im Suden konnte man die Klippen an der äußeren Seite des Schiffes erblicken, waͤhrend ſie unmittelbar im Stern kaum ein paar hundert Ruthen entfernt lagen. Der Wind kam zwar aus einer günſtigen Richtung, war aber leicht und aus⸗ ſetzend, und Mr. Leach hatte jeden Stich Tuch angeſchlagen, den die Umſtände überhaupt zu führen geſtatteten. Auch das Loth war ver⸗ ſucht worden, und es ſtellte ſich dabei heraus, daß der Grund aus hartem, mit Felſen gemiſchtem Sande beſtand, das Waſſer aber eine Tiefe hatte, um das Auswerfen des Ankers zu geſtatten. Kapitän 276 Truck verzweifelte uͤbrigens nach Einholung dieſer Gewißheit nicht unbedingt, was ſchon aus dem Umſtand erhellte, daß er Mr. Saun⸗ ders vor ſich deſchied; denn bis jetzt hatte von denen, welche den Ausflug in den Booten mitgemacht, Niemand ein Frühſtück zu ſich genommen. „Tretet hieher, Mr. Steward,“ ſagte der Kapitän„und er⸗ ſtattet Bericht über den Zuſtand der Küche. Ihr habt, Eurer Gewohnheit gemäß, auch unter den Verſchlüſſen jenes unglücklichen Dänen umhergeſtört und ich wünſche zu wiſſen, welche Entdeckun⸗ gen Ihr gemacht habt. Ihr werdet ſo gut ſeyn, Euch zu erin⸗ uern, daß es bei allen derartigen öffentlichen Expeditionen nicht geſtattet iſt, Unterſchleif zu treiben oder ein Privatjournal zu hal⸗ ten. Habt Ihr keinen Stockfiſch geſehen?“ „Sir, ich würde das Schiff für beſchimpft halten, wenn es einem derartigen Artikel Zutritt zur Speiſekammer geſtattet hätte, Sir. Wir haben zwar Zungen und Blackfiſche in Menge, Kapi⸗ tän Truck, aber kein Gentleman, der ſich ſolcher Koſt erfreuen kann, braucht ſeine Ambition auf Stockfiſch zu ſetzen.“ „Ich bin ganz Eurer Anſicht; aber die Erde iſt nicht aus Stock⸗ fiſchen gemacht. Iſt Euch nicht vielleicht etwas Butter in den Wurf gekommen?“ .„Ein wenig, Sir; er taugt übrigens kaum dazu, um einen Maſt damit zu ſchmieren. Auch traf ich auf einen der heilloſeſten Käſe, Sir, denen mich, glaube ich, je mein ſchlimmes Geſchick in den Weg führte. Es nimmt mich nicht Wunder, daß die Afrikaner das Wrack verlaſſen hatten.“ 3 „Ihr folgtet natürlich ihrem Beiſpiele, Mr. Saunders, und ließt den Kaͤſe liegen.“ „Ich folgte meinem eigenen Judex, Sir, denn ich möchte nicht mit ſolchem Käſe in ein und demſelben Schiff bleiben, Kapitän Truck, ſelbſt wenn ich darüber die Ehre verlieren müßte, Sir, unter einem ſo großen Befehlshaber zu dienen, wie Ihr ſeyd. Ich denke, 277 es iſt kein Wunder, daß das Schiff ſcheiterte; denn ſogar die Hay⸗ fiſche würden es meiden. Schon der Gedanke an ſeine Unreinig⸗ keiten, Sir, macht, daß ſich mir der Magen im Leibe umdreht.“ Der Kapitän winkte zuſtimmend mit dem Kopfe, ließ ſich eine Kohle reichen und beſtellte dann das Frühſtück. Die Mahl⸗ zeit wurde ſtumm, gedankenvoll und ſogar wehmüthig eingenommen, denn Alle dachten an die armen Dänen und ihr klägliches Schick⸗ ſal, während diejenigen, welche auf der Ebene geweſen waren, in der Leiche des Ermordeten noch weiteren Stoff für ihre Betrachtun⸗ gen fanden.. „Iſt es nicht möglich, etwas zu thun, um die armen Leute aus der Gefangenſchaft zu befreien?“ fragte endlich Eva. „Ich habe ſchon darüber nachgedacht, mein Kind, ſehe aber kein anderes Mittel, als die Däniſche Regierung von ihrer Lage zu unterrichten.“ „Köͤnnten wir nicht gleichfalls etwas zu Erreichung des Zwe⸗ ckes beiſtenern? Geld dürfte, wie ich meine, doch wohl das Noth⸗ wendigſte ſeyn.“ Die Gentlemen ſahen einander beifällig an, obgleich ſie meiſt ſtumm blieben, weil keiner zuerſt ſprechen wollte. „Wenn mit hundert Pfunden etwas ausgerichtet werden kann, Miß Effingham,“ begann Sir George Templemore nach einer ver⸗ legenen Pauſe, indem er eine Banknote in dem erwähnten Betrage auf den Tiſch legte,„und Ihr uns die Ehre erweiſen wollt, das Löſegeld aufzubewahren, ſo mache ich mir ein großes Vergnügen daraus, Euch dieſe Summe anzubieten.“ Dies war ſchön geſagt und, wie Kapitän Truck ſpäter er⸗ klärte, auch ſchön gehandelt, obgleich der Antrag ein wenig plötz⸗ lich kam, ſo daß Eva erröthete und anfangs nicht recht wußte, was ſie thun ſollte. „Ich nehme Eure Gabe an, Sir,“ ſagte ſie endlich,„und will ſie mit Eurer Erlaubniß meinem Vater einhändigen, welcher 278 beſſer wiſſen wird, als ich, wie ſie verwendet werden muß, um un⸗ ſern wohlthätigen Zweck in Ausführung zu bringen. Ich glaube, ich kann eben ſo viel für meine Perſon beiſteuern.“ „Zuverläßig, meine Liebe— und zweimal ſo viel, wenn es noͤthig iſt. John, hier findet ſich eine paſſende Gelegenheit für Eure Theilnahme.“ „Zeichnet mich mit ſo viel auf, als Ihr wollt,“ verſetzte John Effingham, deſſen Menſchenfreundlichkeit, ſobald der Geldpunkt in Frage kam, unbegrenzt war, obſchon er es nicht liebte, Senti⸗ mentalität zur Schau zu tragen.„Hundert Pfund oder tauſend— gleichviel, wenn es gilt, die armen Menſchen zu retten.“ „Ich glaube, Sir, wir Alle müſſen einem ſo ſchönen Beiſpiele folgen,“ bemerkte Mr. Sharp;„und ich hoffe aus dem Grunde meines Herzens, daß ſich dieſer Plan nicht fruchtlos erweiſen möge. Vielleicht ließe ſich durch Vermittlung einiger der öffentlichen Agen⸗ ten zu Magadore der gewünſchte Zweck erreichen.“ Mr. Dodge erhob viele Einwendungen, da es in der That ſeine Mittel uͤberſtieg, eine ſo freigebige Beiſteuer zu leiſten, und ſein Character in einer Schule gebildet worden war, die zu viel Neid und Eiferſucht erzeugt hatte, um es ihm möglich zu machen, die Unzu⸗ länglichkeit ſeiner Mittel auch in einem ſo werthloſen Puncte, als der Geldbeſitz iſt, einzugeſtehen. In der That war er ſchon ſo lange daran gewöhnt, im Widerſpruche mit dem Zeugniſſe ſeiner eigenen Sinne, die Behauptung,„ein Menſch ſey ſo gut wie der andere,“ feſtzuhalten, daß er gleich den Meiſten, welche ſeiner un⸗ praktiſchen Sippſchaft angehörten, ſtillſchweigend das allgemeine, obſchon unwürdige Uebergewicht bloſen Reichthums anerkannte und eben ſo natürlich ſeine Unzulänglichkeit in einem Puncte nicht ein⸗ geſtehen mochte, den er zu Allem in Allem machte, ſelbſt wenn er am lauteſten gegen jedwede Unterordnung declamirte. Er ver⸗ ließ daher die Kajüͤte und hätte vor Neid und Eiferſucht faſt ver⸗ 8ε 2 279 gehen mögen, weil Andere ſich unterfangen hatten, Beiſteuern zu geben, denen er ſich in Wirklichkeit nicht gewachſen fühlte. Andererſeits bekundete ſowohl Mademoiſelle Viefville, als Mr. Monday die edlen Geſinnungen, in denen ſie erzogen worden waren. Erſtere übergab Mr. Effingham ruhig einen Napoleon, und dieſer nahm die Gabe mit derſelben aufmerkſamen Höflichkeit an, mit welcher er die größeren Beiträge in Empfang genommen hatte, während Mr. Monday eine Fünfpfundnote mit einer ſo herzlichen Be⸗ reitwilligkeit herbeiholte, daß dadurch in den Augen ſeiner Begleiter die Sünde manchen Glaſes Punſch wieder gut gemacht wurde. Während dieſe Collecte vor ſich ging, wagte es Eva nicht, nach Paul Blunt hinzuſehen, obſchon es ſie verdroß, daß er ſich nicht gleichfalls dabei betheiligte. Er blieb ſtumm und gedankenvoll— ja, in ſeinem Geſicht ſchien ſich ſogar ein ſchmerzlicher Zug auszudrücken, und ſie wunderte ſich, ob es möglich ſei, daß ein Mann, deſſen Art zu leben doch gewiß auf ein großes Einkommen hindeutete, ſo gedan⸗ kenlos geweſen ſeyn konnte, ſich der Mittel zu einer Handlung zu berauben, die er ſo augenſcheinlich auszuführen wünſchte. Die Meiſten der Geſellſchaft waren jedoch zu fein gebildet, um den Gegenſtand zu einem Geſprächsſtoffe zu machen, und bald nachher erhoben ſie ſich insgeſammt von der Tafel. Eva fühlte ſich jedoch ſehr beruhigt, als ſie von ihrem Vater erfuhr, der junge Mann habe ihm nachher hundert Guineen eingehändigt und ſich noch außer dieſem Beitrage erboten, ſobald ſie das grüne Vorgebirg oder die Canarien erreichten, ſelbſt nach Mogadore zu gehen, um den wohlthätigen Plan ohne Zögern zur Ausführung zu bringen. „Der junge Mann hat ein edles Herz,“ ſagte der Vater hoch erfreut, als er Blunts Erbieten ſeiner Tochter und ſeinem Vetter mittheilte;„und ich werde gegen die Ausführung dieſes Entwurfes keine Einwendung erheben.“ „Wenn er ſich anheiſchig macht, dieſes Schiff auch nur eine einzige Minute fruher zu verlaſſen, als nöthig iſt, ſo verdient er 280 in der That eine goldene Bildſäule,“ verſetzte John Effingham: „denn er hat hier Alles, was einen jungen Mann, wie er iſt, feſſeln kann, dazu aber auch jeden Grund zur Eiferſucht.“ „Vetter Jack!“ rief Eva vorwurfsvoll, durch dieſe plötzliche unverhohlene Rede ganz außer Faſſung gebracht. Mr. Effinghams ruhiges Laͤcheln bekundete, daß er ſeinen Vetter ſowohl, als ſeine Tochter vollkommen verſtand, erlaubte ſich aber keine weitere Aeußerung. Eva ſammelte ſich ſchnell wieder und wandte ſich— über ſich ſelbſt zürnend wegen des mädchen⸗ haften Ausrufs, der ihr entwiſcht war— an den Angreifer. „Ich weiß nicht,“ ſagte ſie,„ob ich mich mit Mr. John Effingham in einem Geſpräch beiſeits blicken laſſen darf, ſelbſt wenn es durch die Anweſenheit meines eigenen Vaters unverfänglich erſcheinen könnte.“ „Und darf ich fragen, warum dieſe plötzliche Zurückhaltung, meine beleidigte Schönheit 2“. „Blos weil das Gerücht in Betreff der zarten Beziehung, in welcher wir zu einander ſtehen, bereits ſehr thätig geweſen iſt.“ In John Effinghams Zügen drückte ſich Ueberraſchung aus, obſchon er ſeine Neugierde zügelte; denn lange Gewohnheit hatte ihn gelehrt, auch da Gleichgiltigkeit zur Schau zu tragen, wo er ſie nicht immer fühlte. Der Vater benahm ſich weniger abgemeſſen, ſondern forderte ruhig eine Erklärung. „Es hat den Anſchein, wie wenn unſer Geheimniß entdeckt ſey,“ entgegnete Eva, eine feierliche Miene annehmend, als handle ſich's um einen ſehr wichtigen Punct.„Waͤhrend wir in Betreff jenes unglücklichen Schiffes unſere Neugierde befriedigten, war Mr. Dodge für die löbliche Induſtrie des Aective Inquirer thätig, indem er unſere Staatsgemächer ausſpionirte.“ „Eine ſolche Gemeinheit iſt unmöglich!“ rief Mr. Effingham. „Nicht doch,“ verſetzte John.„Weſſen könnte man fich nicht verſehen von einem Demagogen, von einem Menſchen, der ſich Dinge anmaßt, von denen er nicht einmal eine Vorſtellung hat— u——— 281 von einem Manne, deſſen Lebenselement Neid und Verrath iſt— mit einem Worte von einem Quasi-Gentleman? Wir wollen hören, was uns Eva zu ſagen hat.“ „Die Gewährleiſtung habe ich von Anna Sidley, die ihn auf der That ertappte. Ihr erinnert Euch des freundlichen Briefs, den Ihr unmittelbar vor unſerem Abgang von London an meinen Vater ſchriebt, Vetter Jack— Ihr thatet es, weil Ihr Euerer redlichen Zunge die Aeußerungen Eures redlichen Herzens nicht ver⸗ trauen wolltet. Dieſen Brief leſe ich nun täglich— nicht wegen den darin enthaltenen Verſprechungen, wie Ihr mir wohl glauben werdet, ſondern um der warmen Zuneigung willen, welche Ihr darin gegen ein Mädchen ausdrückt, die nicht zur Hälfte verdient, was Ihr für ſie fühlt und thut.“ „Pah!“ „Nun, mögt Ihr es immer für läppiſch halten; aber ich las erſt dieſen Morgen noch den Brief und ließ ihn achtlos auf meinem Tiſche liegen. Aber in ſeinem unſterblichen Verlangen, dem Publi⸗ cum etwas vorzulegen, wie es ſeinem hohen Beruf und ſeiner Pflicht gebührt, hat ihn auch Mr. Dodge geleſen. Wie es denn nun bis⸗ weilen eifrigen Neuigkeitskrämern zu ergehen pflegt, hat er einige Stellen unrichtig gedeutet und daraus den Schluß gezogen, ich werde unmittelbar nach meiner Ankunft in Amerika eine glückliche Gattin werden und den Titel Miß Eva Effingham gegen den einer Mrs. John Efſingham vertauſchen.“ „Unmöglich! Niemand kann ſo thöricht oder überhaupt ſo niederträchtig ſeyn!“ 1 „Ich möchte eher glauben, mein Kind,“ fügte der mildere Vater bei,„daß Mr. Dodge Anrecht geſchehen iſt. Kein Menſch, der ſich der Stellung eines Gentleman auch nur im mindeſten nähert, könnte eine ſo nichtswürdige Handlung begehen, wie die von Dir genannte iſt.“ „Oh, wenn Ihr gegen die Angabe weiter nichts einzuwenden habt,“ bemerkte der Vetter,„ſo bin ich bereit, ihre Wahrheit eid⸗ 282 lich zu erhärten. Aber Eva hat Einiges von Kapitän Trucks Sppoettſucht aufgegriſſen und iſt entſchloſſen, ihren Character gleich anfangs durch einen kühnen Zug zu bethätigen. Sie iſt gewitzt und kann's mit der Zeit zu einem vollkommenen Schalk bringen.“ „Ich danke Euch für das Compliment, Vetter Jack, muß es aber ablehnen, da ich in meinem ganzen Leben nie ernſter geſprochen habe. Daß der Brief geleſen wurde, beſtätigt mir Nanny, welche die Wahrheitsliebe ſelbſt iſt, als Augenzeuge; auch weiß ſie aus dem Munde des Maten, welcher die Kunde unmittelbar aus der erſten Quelle bezogen hat, daß Mr. Dodge ſeitdem eifrig bemüht war, die Neuigkeit von meinem großen Glücke in Umlauf zu ſetzen. Um übrigens begreiflich zu finden, daß ein derartiger Mann zu einem ſolchen Schluſſe kam, braucht Ihr Euch blos die Ausdrücke des Briefs zu vergegenwärtigen.“ „In meinem Briefe ſtand nichts, was eine ſo einfältige Muth⸗ maßung rechtfertigen könnte.“ „Ein Active Inquirer weiß Entdeckungen zu machen, von denen Ihr Euch wenig träumen laßt, lieber Vetter Jack. Ihr ſprecht davon, daß es Zeit ſey, das Wanderleben aufzugeben und ſich endlich zur Ruhe zu ſetzen; dann gebe es keine Trennung mehr, und es ſey Eure Abſicht— ſehe man nur den verſchwenderiſchen Menſchen— Eva zur künftigen Herrin Eures Vermögens zu machen. Geſteht nur Alles dies ein, Ihr Böſewicht, oder ich werde nie wieder einem Manne Glauben ſchenken.“ John Effingham gab keine Antwort, aber der Vater drückte mit Wärme ſeine Entrüſtung darüber aus, daß ein Menſch, der nur im geringſten Grade Anſpruch darauf mache, unter Gentlemen Zutritt zu erhalten, eine derartige Nichtswürdigkeit ſollte began⸗ gen haben. „Wir können kaum ſeine Gegenwart länger unter uns dulden, John, und es iſt faſt Gewiſſensſache, ihn dahin zu ſchicken, wo der Pfeffer wächſt.“ —— 283 „Wenn Ihr derartige Begriffe von Anſtand unterhaltet, Ed⸗ ward, ſo iſt's wohl das Klügſte, dahin zurückzukehren, woher Ihr gekommen ſeyd; denn an dem Orte, nach welchem Ihr zieht, werdet Ihr— denkt an mich,— ſolche Gentlemen zu Hunderten finden.“ „Ich laſſe mir von Euch nicht weiß machen, daß ich mein Vaterland ſo wenig kenne, obſchon ich einräumen will, daß es in Amerika ſo gut wie in anderen Orten Leute gibt, die ſich durch ihr Benehmen brandmarken.“ „Früher hat man durch ein derartiges Benehmen Schande auf ſich gehäuft; jetzt aber iſt es nicht mehr der Fall. Die Pöbel⸗ herrſchaft hat alle ehrenwerthen Männer in eine klägliche Minder⸗ zahl verſetzt, und ſogar Mr. Dodge wird Euch ſagen, daß der Wahrheit das Ruder gebühre. Veröffentlicht er meinen Brief, ſo wird ein großer Theil ſeiner Leſer der Anſicht ſeyn, er behaupte blos die Freiheit der Preſſe. Der Himmel ſteh' uns bei! Ihr habt auf Euren Reiſen getraͤumt, Ned Effingham, während Euer Vater⸗ land in Allem, was gut und achtungswürdig iſt, in zwölf Jahren einen Rückſchritt von wenigſtens hunderten gemacht hat.“ Da dies John Effinghams gewöhnliche Sprache war, ſo machten ſich ſeine Zuhörer nicht viel daraus, obſchon Mr. Effingham noch entſchiedener die Abſicht ausdrückte, jeden, auch den unbedeutenden Verkehr, welchen er ſeit der Ausfahrt mit dem Uebelthäter unter⸗ halten hatte, vollends abzubrechen. „Beſinnt Euch eines Beſſern, mein theurer Vater,“ verſetzte Eva,„denn ein ſolcher Menſch iſt kaum einer derartigen Ahndung würdig. Er ſteht, was Grundſätze, Benehmen, Character, Stel⸗ lung und alles Uebrige betrifft, zu tief unter Euch, als daß es der Mühe werth wäre, überhaupt auf ihn zu achten; und dann— wenn wir die Mummerei, in welche uns die Zufälligkeiten des Schiffslebens geworfen haben, aufklären wollten, ſo dürften ſich wohl über Andere ebenſo gut Bedenken herausſtellen, als über dieſen Wolf in Schaafskleidern.“ 284 „Nennt ihn lieber einen Eſel, der ſich ſcheeren und anſtreichen ließ, damit er einem Zebra gleiche,“ murmelte John.„Der Kerl hat nicht eine einzige auch nur ſo reſpektable Eigenſchaft an ſich, als die ſchlimmſte iſt, die ſich am Wolfe vorfindet.“ „Raubgier iſt ihm wenigſtens nicht abzuſprechen.“ „Auch kann er unter einer Meute heulen— ſo viel will ich meinetwegen zugeſtehen; aber ich bin mit Eva der gleichen Anſicht, daß wir ihn entweder unmittelbar mit Maulſchellen behandeln, oder mit Verachtung züchtigen müſſen, die ſtets mittelbar oder ſtumm zu Werke geht. Ich wünſchte nur, er wäre auch in das Staatsge⸗ mach jenes hübſchen jungen Menſchen, des Paul Blunt getreten; dieſer ſtände wenigſtens in einem Alter und hätte Feuer genug, ihm eine Lehre zu geben, die einen guten Artikel für ſeinen Active Inquirer abgeben dürfte, wenn ſie nicht etwa den Herausgeber ſelbſt zu einem Scheerenausſchnitt machte.“ Eva wußte wohl, daß ſich der Verbrecher auch in dem er⸗ wähnten Gemache eingedrängt hatte, beſaß aber doch zu viel Klug⸗ heit, um ihn zu verrathen. „Dadurch würde er ſich den Ehrenmann nur deſto mehr ver⸗ pflichten,“ bemerkte ſie lachend,„denn Mr. Blunt ſagt über den Herausgeber des Active Inquirer, er habe den Fehler an ſich, zu glauben, daß die Erde ſammt allem ihrem Inhalt blos dazu ge⸗ ſchaffen ſei, um Stoff für Zeitungsartikel herzugeben.“ Die Gentlemen lachten mit Eva, und Mr. Effingham fügte bei, „es ſcheine Leute zu geben, welche ſo durchaus ſelbſtſüchtig, ſo ganz und gar auf ihre eigenen Intereſſen erpicht und ſo allen Gefühls für die Rechte und die Empfindungen Anderer baar ſeyen, daß ſie den Wunſch öffentlich ausſprechen, alle übrigen Befugniſſe der Macht der Preſſe unterzuordnen; nicht etwa,“ fügte er bei,„um zu überzeugen oder ſte zum Werkzeug der Vernunft zu erheben, ſondern um einen rohen, beſtechlichen und niederträchtigen Tyrannen aus ihr zu machen. Statt des Rechtes ſoll ſie der Selbſtſucht die⸗ 285 nen, und können ſie mit ihr nicht ihre perſönlichen Intereſſen för⸗ dern, ſo entwürdigen ſie dieſelbe wenigſtens zum Hebel perſönlicher Leidenſchaften.“ .„Euer Vater bekehrt ſich, ſcheint's, zu meinen Anſichten, Miß Effingham,“ ſagte John,„und wird, noch ehe er zwölf Monate in den Vereinigten Staaten iſt, die Entdeckung gemacht haben, daß daſelbſt keine andere Herrſchaft beſteht, als die der Preſſe, deren Lenker— eine anmaßende Bande, die ſich ohne Verdienſt ſelbſt vorne anſtellt— nur aus Perſonen beſtehen, die nichts bei dem Spiele zu wagen haben— ja, nicht einmal ein Bischen Ehre.“ Mr. Effingham ſchüttelte den Kopf zweifelnd; das Geſpräch nahm jedoch in Folge eines Gewühls im Schiff eine andere Wen⸗ dung. Der vom Land herkommende Wind hatte angefriſcht, und ſogar das ſchwere Tuch, auf welches ſich der Montauk jetzt haupt⸗ ſächlich verlaſſen mußte, war, wie es die Matroſen nennen, vom Schlaf erwacht oder wurde vom Maſte weggeblaſen, ſo daß es ſtätig gebauſcht daſtand— zur See, wo das Waſſer in fortwäh⸗ render Bewegung iſt, ſtets ein Beweis, daß die Briſe ſteif zu wer⸗ den beginnt. Mit ſolcher Unterſtützung gelang es dem Schiff, die vereinigte Thätigkeit der ſchweren Grundſchwellen und der Strö⸗ mung zu überwinden. Langſam kam es vom Lande ab, bis die Luft einen Augenblick zu murmeln begann, als ob der Wind noch ſchärfer blaſen wolle; dann aber flappten mit einemmale alle Segel. Der Wind war dahin geſchwebt, wie ein Vogel, und eine dunkle Linie ſeewärts verkündigte, daß die Briſe von dem Ocean herkom⸗ men würde. Das Gewühl in dem Schiffe war eine Folge der Vorbereitungen, welche getroffen wurden, um dieſem Umſchlagen zu begegnen. Der neue Wind brachte nichts mit ſich, als überhaupt die Gefahr, daß das Schiff an die Küſte getrieben werden könnte. Er war leicht und nur eben zureichend, den Montauk in ſeiner gegen⸗ wärtigen Lage etwa eine halbe Seemeile weit in der Stunde durch 286 das Waſſer zu drängen— und dies noch obendrein in einer Linie, welche nahezu mit der Küſte parallel war; Kapitän Truck ſah daher auf den erſten Blick, daß er genöthigt ſein würde, Anker zu werfen. Ehe er jedoch dies thun wollte, hielt er ein langes Geſpräch mit 1 ſeinem Maten, worauf er ein Boot niederzulaſſen befahl. Das Loth wurde ausgeworfen und der Boden noch immer als gut erfunden, obgleich er nur aus hartem Sand beſtand und nicht den beſten Haltegrund hatte. „Eine ſchwere See würde das Schiff zum Dreg gen veran⸗ laſſen,“ bemerkte Kapitän Truck;„und käme es zu tüchtigen Stößen, ſo würde die Linie dunkler Riffe, die wir im Sterne liegen haben, in einer Stunde ſogar aus der Penſylvania Zimmerſpäne machen, wenn zufälligerweiſe dieſes große Schiff hier laͤge.“. Er ſtieg ſodann in's Boot und ließ ſich längs der Riffe hin⸗ rudern, um einen Einlaß zu unterſuchen, den Mr. Leach geſehen haben wollte, ehe er den Schiffsſchnabel nach Norden geſtellt hatte. Ließ ſich an dieſer Stelle ein Durchgang finden, ſo konnte man das Fahrzeug wahrſcheinlich hinter das Riff bringen, und es war dann möglich, einen Lieblingsplan des Kapitäns, auf den er jetzt die höchſte Wichtigkeit legte, auszuführen. Eine Fahrt von etwa einer Viertelſtunde brachte das Boot nach dem Einlaſſe, wo Mr. Truck nachſtehende Entdeckung machte. Die Allgemeinbildung der in Sicht befindlichen Küſte beſtand aus einer leichten Eintiefung, in die das Schiff ſo weit getrifftet hatte, daß es bereits innerhalb einer Linie ſtand, die man ſich von dem einen Auslaufen bis zum andern ge⸗ zogen dachte. Es war daher wenig Hoffnung vorhanden, ein ſo verkrüppeltes Fahrzeug, wie der Motauk war, gegen Wind, See und Stroͤmung wieder in den Ocean hinauszudrängen. Ungefähr eine Seemeile von dem Schiff wurde das zwar niedrige Geſtade felſig, und die Riffe liefen ſtellenweiſe bis auf fünftauſend Ruthen in's Meer hinein, während ſie an allen anderen Orten ſich auf die volle Häͤlfte dieſer Entfernung ſeewaͤrts erſtreckten. Die Formation 287 war unregelmäßig, hatte aber den Allgemeincharacter eines Riffs, deſſen Lage ſowohl durch die Brandung, als durch die ſchwarzen Felsmaſſen, die ſich da und dort über dem Waſſer zeigten, ange⸗ deutet wurde; der Einlaß war ſchmal, gekrümmt und ſoweit von Geſtein umgeben, daß es zweifelhaft wurde, ob überhaupt eine Durch⸗ fahrt vorhanden war, obgleich die Glätte des Waſſers in Mr. Leach Hoffnung geweckt hatte. Sobald Kapitän Truck an der Mündung dieſer Durchfahrt angelangt war, fühlte er ſich durch den Anſchein der Dinge ſo ſehr ermuthigt, daß er dem Schiffe das verabredete Signal zum Vieren und ſüdwärts Steuern gab. Hierdurch wurde zwar für die hohe See Grund verloren, aber der Montauk konnte, ſelbſt, wenn es andernfalls angegangen wäre, mit ſo wenig Wind doch nicht laviren, und der Kapitän entnahm aus der Abtrifft, welche ſtattgefunden hatte, ſeit er das Schiff verlaſſen, daß eine derartige ſchnelle Maßregel nöthig war. Auch konnte das Schiff vor dem Einlaß ebenſo gut ankern, wie an einem andern Orte, wenn es überhaupt genöthigt war, außen Anker zu werfen; und dann hatte man doch immerhin die Ausſicht einer Einfahrt. Sobald der Schnabel des Schiffes wieder gen Süden gekehrt war und Kapitän Truck die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß der Montauk jetzt in leidlich ſicherer Entfernung langs dem Riffe lag und in ſo günſtiger Richtung ſtand, als er nur hoffen konnte, wurde die Unterſuchung begonnen. Wie ein umſichtiger Seemann ruderte er eine Strecke von den Felſen weg, denn er wußte wohl, daß jede Waſſertiefe im Innern unnütz war, wenn er außen auf ein Hinderniß traf. Der Tag war ſo ſchön und das Meer, weil ſich keine Flüſſe herein ergoſſen, in dieſer niedrigen Breite ſo klar, daß man auch bei beträchtlicher Tiefe leicht auf den Boden ſehen konnte. Natürlich aber verließ ſich der Kapitän nicht allein auf den Ge⸗ ſichtsſinn, ſondern war eifrig mit ſeinem Senkblei beſchäftigt, ob⸗ gleich ſich auch aller Augen anſtrengten, ob ſich nicht etwa Felſen blicken ließen. 3 Der erſte Wurf des Loths zeigte fünf Faden an— eine Tiefe, die ſich bis in die Nähe des Einlaſſes faſt immer gleich blieb; hier aber ſiel das Blei nach vierthalb Faden auf einen Felſen. An dieſer Stelle wurde nun eine ſorgfältigere Unterſuchung vorge⸗ nommen, aber vierthalb Faden blieben der ſeichteſte Wurf. Da der Motauk faſt einen Faden weniger Waſſeertracht hatte, ſo rückte der vorſichtige alte Meiſter weiter einwärts. Unmittelbar in der Mündung des Durchgangs befand ſich ein großer flacher Felsblock, der ſich faſt bis an die Meeresfläche erhob und bei niederer Ebbe wahrſcheinlich über das Waſſer hervorſtand. Kapitän Truck glaubte anfangs, dieſes Hinderniß könne alle ſeine Hoffnungen auf Erfolg vereiteln; aber eine genauere Unterfuchung belehrte ihn, daß ſich auf der einen Seite ein ſchmaler Kanal befand, der übrigens im⸗ merhin weit genug war, um ein Schiff durchzulaſſen. Von dieſer Stelle an krümmte ſich der Durchgang, obſchon ſich das eigentliche Fahrwaſſer durch den Wellenbruch am Riff hinreichend unterſcheiden ließ. Nachdem Kapitän Truck Alles aufs Sorgfältigſte geprüft hatte, ſprach er die Ueberzeugung aus, daß es möglich ſei, ein Schiff mit drei Faden Tracht ganz in das Riff hineinzubringen, hinter welchem ſich ein weiter Raum befand, der ſich allmählich mit Sand auffüllte. Letzterer war jedoch— wie im gegenwärti⸗ gen Falle— zur Zeit der Hochfluth, faſt ganz mit Waſſer bedeckt und hatte zwiſchen den Bänken die gewöhnlichen Kanäle. Nachdem der Meiſter einen derſelben eine Strecke weit verfolgt hatte, fand er ein Becken von vier Faden Waſſertiefe und geräumig genug, um ein Schiff aufzunehmen; auch lag es glücklicherweiſe ganz nahe bei einem Theile des Riffs, der faſt immer über dem Waſſer ſtand, wenn nicht etwa eine ſchwere See darüber hinſchlug. Hier ließ er eine Boje fallen, denn er hatte ſich zu dieſem Zweck mit mehreren Spierenbruchſtücken verſehen, und auf dem Rückwege bezeichnete er alle kritiſchen Punkte des Fahrwaſſers in ähnlicher Weiſe. Auf dem flachen Fels in der Mundung ließ er einen der Matroſen 289 zurück, der bis um den Gurt im Waſſer ſtand; denn man wußte, daß die Fluth im Fallen begriffen war. Das Boot ruderte nun wieder nach dem Schiffe hin, welchem es in einer Entfernung von etwa zwanzig Ruthen vor der Ein⸗ fahrtmündung begegnete. Die Strömung trieb ſüdlich, weßhalb das Schiff raſcher vorwärts kam, als mit der nördlichen Schnabel⸗ ſtellung; auch hatte es weit weniger gegen die Küſte hin abge⸗ trifftet. Dennoch war der Wind ſo leicht, die Grundwellen ſo ſtaͤtig, und man mußte ſo kleine Hinterſegel führen, daß ſich große Zweifel erhoben, ob man im Stande ſeyn werde, die Felſen hinrei⸗ chend zu umluven, um in den Einlaß zu gelangen. In der näch⸗ ſten halben Stunde erſcholl, je nachdem der Wind nachließ, wohl zwanzigmal der Befehl, Anker zu werfen, während jedesmal Ge⸗ genordre gegeben wurde, ſo oft ein wiederauflebender Luftzug eine vortheilhafte Benützung der augenblicklichen Gelegenheit hoffen ließ. Es waren Augenblicke fieberiſcher Aufregung, denn das Schiff ſtand jetzt den Klippen ſo nahe, daß ſeine Lage im Falle eines ſich he⸗ benden Windes oder einer ſteigenden See höchſt unſicher wurde, da der Sand des Bodens für einen guten Haltegrund zu feſt war. Man konnte übrigens bei gegenwärtigem Wetterſtande hoffen, im Nothfalle das Fahrzeug etwa fünfhundert Ruthen weit in die hohe See zu bugſiren, weßhalb Kapitän Truck mit einer Kühnheit weiter ſteuerte, die er unter andern Umſtänden wohl kaum gefühlt haben würde. Der Anker hieng an einem einzigen Schlage des Stop⸗ pers und konnte auf jeden Wink niedergelaſſen werden; Mr. Truck aber ſtand zwiſchen den Nachtſtöcken, beobachtete den lang⸗ ſamen Fortgang des Schiffes und verglich jeden Fuß breit, den das Fahrzeug im Lee machte, mit den Klippen. Dieſe ganze Zeit über ſtand der arme Matroſe im Waſſer und erwartete die Ankunft ſeiner Freunde, welche ihrerſeits ängſtlich ſein Geſicht beobachteten, je deutlicher es ihnen beim Näherkom⸗ men wurde. Die Heimkehr. 19 290 „Ich ſehe ſeine Augen,“ rief der Kapitän wohlgemuth.„Jetzt einen Ruck an den Bolienen und laßt vorwärts ſchießen, ſo gut es gehen will, Mr. Leach; Ihr braucht Euch nicht an dieſe Pſeudo⸗ Marsſegel zu kehren. Nehmt ſie ohne Weiteres ein, Sir, denn ſie bringen uns jetzt doch mehr Schaden, als Nutzen.“ Die Blöcke der Geitaue raſſelten und die Bramſegel, welche den Dienſt der Marsſegel verrichten mußten, obſchon ſie ſich zum Auffangen des Windes kaum bis an die unteren Raaen erſtreckten, kamen ſchnell herein. Es folgten fünf Minuten bangen Zweifels, ‚worauf der Kapitän den ermuthigenden Befehl ertheilte: „Bemannt die Hauptſtaggarnaten, Jungen; zieht tüchtig an und haltet euch bereit, laufen zu laſſen.“ Dies wurde als ein Zeichen betrachtet, daß das Schiff weit genug windwärts gekommen ſei, und das Commando—„herein mit dem großen Segel!“ welches bald folgte, wurde mit einhelli⸗ gem Jubel aufgenommen. „Hört auf mit dem Steuer und richtet euch, die Fockraa ins Geviert zu braſſen,“ rief Kapitän Truck, indem er ſeine Hände rieb.„Habt Acht, daß beide Buganker zum Ablaufen klar ſeien; und ihr, Toaſt, bringt mir die funkelndſte Kohle aus der Schiffsküche.“ Die Bewegungen des Montauk gingen nothwendigerweiſe lang⸗ ſam von Statten; aber er gehorchte dem Steuer und fiel ab, bis die Buge nach dem Matroſen im Waſſer hinſtanden. Sobald der wackere Burſche das Schiff herankommen ſah, watete er bis an den Rand des Felſen, wo er ſenkrecht gegen den Grund abſiel und winkte denen im Schiffe, ohne Furcht heranzukommen. „Auf zehn Fuß weit heran!“ rief er.„Auf der andern Seite iſt nichts übrig.“ Da der Kapitän hierauf vorbereitet war, ſo wurde das Schiff demgemäß geſteuert, und als es langſam an dem ſich hebenden und fallenden Waſſer vorbeikam, warf man dem Matroſen ein Tau zu und holte ihn an Bord. 291 „Backbord!“ rief der Kapitän, ſobald ſie an dem Felſen vor⸗ bei waren.„Backbord das Steuer, Sir, und hebt auf die erſte Boje ab.“ In dieſer Weiſe trieb der Montauk langſam aber ſtätig weiter, bis er in dem Becken angelangt war, wo unverweilt ein Anker niedergelaſſen wurde. Die Kette wurde angezogen, bis das Schiff in einige Entfernung hinübergezwängt war, und dann ging der andere Buganker ins Waſſer. Das Fockſegel wurde aufgeholt, und eingerollt, dem Schiffe die Kette gegeben, und dann folgte die Er⸗ klärung, das Fahrzeug liege ſicher vor Anker. „Jetzt erwarte ich,“ rief der Kapitän, dem mit der Verant⸗ wortlichkeit auch die Beſorgniß entſchwunden war,„wenigſtens zum Mitglied der New⸗Yorker philoſophiſchen Geſellſchaft ernannt zu werden; denn obgleich dies eine gar gelehrte Societät iſt für einen Mann, der nie ein College beſuchte, ſo habe ich doch an der Küſte von Afrika einen Hafen entdeckt, Ladies und Gentlemen, den ich hoffentlich, ohne all zu große Eitelkeit, Truckhafen werde nennen dürfen. Wenn übrigens Mr. Dodge dies antirepublika⸗ niſch vorkommen ſollte, ſo wollen wir die Sache dahin verglei⸗ chen, daß wir ihn Truck⸗ und Dodgehafen nennen; oder halten wir's ſo, daß wir die Stadt, welche ſich früher oder ſpäter an ſei⸗ nen Ufern erheben muß, den Namen Dodgeborough beilegen— der Hafen kann dann mir belaſſen bleiben.“ „Sollte Mr. Dodge in ein ſolches Abfinden willigen, ſo würde er ſich ſelbſt den Makel der Ariſtokratie zu Schulden kommen laſſen,“ verſetzte Mr. Sharp; denn Alle gingen bereitwillig in den Scherz bes Kapitäns ein, ſobald ſie ſich in Sicherheit wußten.„Ich ſtehe dafür, daß es ſeine Beſcheidenheit nicht zuläßt, auf dieſen Plan einzugehen.“— „Ich weiß nicht, Gentlemen,“ erwiederte der Gegenſtand dieſer Bemerkungen,„warum wir Ehrenbezeugungen zurückweiſen ſollten, die uns rechtmäßigerweiſe durch die Stimme des Volls übertragen werden; denn es kömmt überhaupt häufig unter uns vor, daß man 292 Städte und Counties nach ausgezeichneten Mitbürgern benennt. Einige meiner eigenen Nachbarn ſind bereits geneigt geweſen, mich in dieſer Weiſe zu ehren, und meine Zeitung geht in Wirklichkeit von einem Orte aus, der meinen unwürdigen Namen trägt. Ihr bemerkt alſo, daß die vom Kapitän vorgeſchlagene Bezeichnung nichts Neues wäre.“ „Eurer anerkannten Beſcheidenheit gemäß hätte ich auf etwas der Art ſchwören wollen,“ ſagte der Kapitän.„Iſt der Platz ſo groß als London?“ „Er kann ſich bis jetzt eines nicht viel größeren Umfangs rüh⸗ men, als meines eigenen Geſchäftslokals, einer Schenke, eines La⸗ dens und einer Schmiedewerkſtätte, Kapitän; aber Rom wurde nicht in einem Tage gebaut.“ „Eure Nachbarn müſſen Leute von außerordentlichem Verſtande ſeyn, Sir; aber der Name?“ „Er iſt noch nicht unbedingt entſchieden. Anfangs hieß der Platz Dodgetown; aber dies währte nicht lange, weil man die Be⸗ nennung für gemein und zu gewöhnlich hielt. Sechs oder acht Wochen nachher ſchöpften wir ihm—“ „Wir, Mr. Dodge?“ „Ich meine das Volk, Sir. Ich bin ſo ſehr daran gewöhnt, mich ſelbſt mit dem Volke in Verbindung zu bringen, daß ich bei Allem, was es thut, eine Hand mit im Spiele zu haben glaube.“ .„Und auch ſehr paſſend, Sir,“ bemerkte John Effingham, „da es wahrſcheinlich ohne Euch gar kein Volk gegeben haben würde.“ „Wie ſtark mag wohl die Einwohnerzahl von Dodgetown ſeyn, Sir?“ warf der beharrliche Kapitän auf dieſen Wink ein. „Nach dem Cenſus vom Januar zählten wir ſiebzehn— der Cenſus vom März aber ergab achtzehn. Ich habe eine Berech⸗ nung gemacht, aus welch er hervorgeht, daß, wenn ſich die Bevöl⸗ kerung in gleichem arithmetiſchem Verhältniß ſteigert, in ungefähr 293 zehn Jahren hundert Einwohner vorhanden ſeyn werden, und dies iſt ſchon eine ſehr achtbare Bevölkerung für einen Platz auf dem Lande. Ich bitte um Verzeihung, Sir, das Volk änderte ſechs oder acht Wochen nachher den Namen in Dodgeborough um; als jedoch im nämlichen Sommer eine neue Familie ankam, bildete ſich eine Partei, welche ihn in Dodgeville verwandelt wiſſen wollte, und dieſer Name wurde ungemein populär, da Ville im Lateiniſchen eine Stadt bezeichnet. Man muß übrigens zugeben, daß die Leute den Wechſel oder die Rotation in den Namen eben ſo ſehr lieben, wie in den Aemtern, und ſie nannten daher den Platz einen ganzen Monat lang Butterfield⸗Hollow— einem neuen Einwohner zu Eh⸗ ren, der Butterfield hieß. Dieſer zog jedoch im Herbſt wieder weg. Nachdem man nun die Namen Belindy,(anglice Belinda), Ninive, Grand Caire und Pumpkin Valley verſucht hatte, machten ſie mir das Erbieten, den alten Namen wiederherzuſtellen, vorausgeſetzt, daß ſich ein edleres und paſſenderes Addendum auffinden laſſe, als Town, Ville, oder Borough war. Es iſt noch immer nicht ausgemacht, wie der Ort heißen ſoll; ich glaube übrigens, wir wer⸗ den ihn ſchließlich als Dodgeople oder Dodgeopolis bezeichnen.“ „Dies iſt zeitgemäß und wird für einen kurzen Kreuzzug ohne Zweifel einen ſehr guten Namen abgeben. Das Butterfield⸗Hol⸗ low ſah in Wahrheit ein Bischen aus, wie eine Rotation im Amte, Sir.“ „Ich hatte keinen Gefallen daran, Kapitän, und gab dies auch dem Squire Butterfield unter vier Augen zu verſtehen; denn da er eine Majorität für ſich hatte, ſo mochte ich mich nicht allzu ſtark über den Gegenſtand ausſprechen. Sobald ich ihn jedoch aus der Schenke fort hatte, ſchlug der Strom die andere Richtung ein.“ „Ihr habt ihn alſo geradezu entſtöpſelt?“ „Ja, das that ich, und Niemand hat nach ſeinem Rückzug je wieder von ihm oder von ſeinem Hollow gehört. Es gibt einige unzufriedene und anmaßende Neurer, welche dergleichen thun, als 294 wollten ſie den Platz nach ſeinem alten Namen Morton benennen; dieſe ſind jedoch blos die Vaſallen eines Menſchen, welchem vor⸗ dem das Patent gehörte, der aber nun ſchon ſeit vierzig Jahren todt iſt. Wir ſind nicht die Leute dazu, einen muffigen alten Namen zu erhalten oder modernde Knochen zu ehren.“ „Geſchieht ihm Recht, Sir; Ihr habt ihn wie Männer von Verſtand bedient! Will er einen Platz nach ſich genannt wiſſen, ſo ſoll er am Leben bleiben, wie andere Leute. Was nützt auch einem todten Mann ein Name? Man ſollte es daher zum Geſetz machen, daß Jeder, dem ſein Kabel ausſchlüpft, ſeinen Namen auf irgend einen ehrlichen Kerl übertrage, der einen ſchlechten hat. Es dürfte eben ſo gut ſeyn, namentlich alle großen Männer zu zwin⸗ gen, daß ſie ihren Ruhm denjenigen überlaſſen, welche für ſich ſelbſt keinen zu gewinnen im Stande ſind.“ „Ich möchte mir erlauben, auf eine Verbeſſerung in den Orts⸗ namen hinzudeuten, und Mr. Dodge wird es mir wohl geſtatten,“ bemerkte Mr. Sharp, der ſich an dem kurzen Geſpräche höchlich erbaut hatte.„Dodgeople iſt ein wenig kurz und dürfte vielleicht durch ſeine Brusquerie anſtößig werden. Durch Einſchaltung eines einzigen Buchſtabens ließe ſich Dodg⸗people daraus bilden— oder könnte man eine Umwandlung in Dodge⸗Adrianopel vornehmen; dies wäre jedenfalls ein ſehr klangreicher und republikaniſcher Titel. Adrian war ein Kaiſer, weshalb ſogar Mr. Dodge gegen eine derartige Verbindung nichts einzuwenden haben durfte.“ Mittlerweile begann der Herausgeber des Active Inquirer— denn man faßte ihn eben jetzt an ſeiner ſchwächſten Seite— ſich ungemein gehoben zu fühlen, denn er lachte und rieb ſich die Hände, als dächte er, der Spaß ſey ganz abſonderlich angenehm. Ueber⸗ haupt beſaß er eine eigenthümliche Weiſe, die Dinge zu beurthei⸗ len— eine Weiſe, die in auffallendem Widerſpruch zu allen ſeinen öffentlichen Bekenntniſſen trat, obſchon ſie im Ganzen eher einen characteriſtiſchen Zug der ganzen Claſſe, der er angehörte, als des 8 αε 295 einzelnen Individuums bildete. Als Ultra⸗Demokrat und Ameri⸗ kaner beſaß Mr. Dodge eine kriechende Vorliebe für ausländiſche Anſichten. Obgleich eigene Erfahrung ihn auf's Genaueſte mit allen Betrügereien, Fälſchungen, Gemeinheiten und den ſonſtigen gewoͤhnlichen Kunſtgriffen des Zeitungsſchreibens bekannt gemacht hatte, ermangelte er doch nie, an die Wahrheit, Umſicht, Ehrlich⸗ keit und Talentfülle alles deſſen gewiſſenhaft zu glauben, was in der Form von Druckſchriften vom Ausland eingeführt wurde. Al⸗ lerdings hatte er ſchon ſeit Jahren wöchentlich ſeine zunächſt woh⸗ nenden Collegen der Lüge bezüchtigt und konnte unmöglich ſich ſelbſt bergen, daß ihm mit Recht der gleiche Vorwurf gemacht werden konnte; aber trotz ſeiner Eingeweihtheit in die Geheimniſſe des Ge⸗ werbes verſchlang er doch unbedingt Alles, was ihm durch ein europäiſches Journal geboten wurde. Wer den Mann nur wenig kannte, hätte auf den Glauben kommen können, er heuchle blos Leichtgläubigkeit, um dadurch ſeinen eigenen Zwecken zu dienen: man würde übrigens hiedurch ſeinem feſten Vertrauen Unrecht thun, denn es war auf jene Bewunderung und Unwiſſenheit eines Pro⸗ vinzialbewohners gegründet, die den Bauern, welcher zum erſtenmal nach London kömmt, ſein Erſtaunen darüber ausdrücken läßt, daß der König wirklich auch ein Menſch iſt. Wie es ſeiner Colonial⸗ abkunft gebührte, ſtand ſeine geheime Ehrfurcht und Achtung vor einem Engländer genau im Verhältniß ſeiner angeblichen Liebe zu dem Volke, und ſeine Unterwürfigkeit vor dem Range richtete ſich ganz nach dem Maßſtahe der verzehrenden Eiferſucht, die er gegen Alle in ſeinem Innern trug, von denen ihm ſein Gefühl ſagte, daß ſie mehr waren, als er. In der That, das Eine war die Ur⸗ ſache des Andern; denn diejenigen, welche in Wirklichkeit gleich⸗ giltig ſind gegen ihre eigene Stellung in der Geſellſchaft, kümmern ſich bei Anderen oben ſo wenig darum, ſo lange dieſe den Unter⸗ ſchied durch Ueberlegenheitsanmaßung nicht fühlbar machen wollen. Als daher Mr. Sharp, in dem ſogar Mr. Dodge bereits 296 den Gentleman und zwar einen engliſchen Gentleman ausgefunden hatte, ſich in die ſpielende Unterhaltung des Augenblicks einließ, war der Herausgeber des Active-Inquirer, der nicht entfernt an eine Myſtiſtkation dachte, ſogleich zu glauben geneigt, er ſey ein Gegenſtand des Intereſſes für dieſe Perſon, obſchon er ſich gegen deren Abgeſchloſſenheit und ſtolze Zurückhaltung ſeit ihrer Gemein⸗ ſchaft unterſchiedliche Seitenhiebe erlaubt hatte. Die Gier übrigens, mit welcher Amerikaner von Mr. Dodge's Character die Krumen der Schmeichelei, die von dem Tiſche eines Engländers fallen, aufzuhaſchen pflegen, iſt eine geſchichtliche Thatſache, und der Her⸗ ausgeber ſelbſt fühlte ſich nie ſo glücklich, als wenn er einen Ar⸗ tikel abdrucken laſſen konnte, in welchem die herablaſſende Mutter dem nie erſterbenden Glauben der Tochter einige Worte des Troſtes ſpendete. Weit entfernt alſo, an dem Geſprochenen Anſtoß zu nehmen, verfolgte er den Gegenſtand noch lange, nachdem der Ka⸗ pitän bereits wieder in ſeinem Berufe thätig war, und zwar mit ſolcher Ausdauer, daß, ſobald ſich auch Mr. Sharp aus dem Staube gemacht hatte, Paul Blunt Anlaß nahm, dieſem Gentleman über ſeine zunehmende Vertraulichkeit mit dem gebildeten und biederen Volkskämpen ein Compliment zu machen. Mr. Sharp gab ſeine Unklugheit zu, und wenn die Sache auch ſonſt keine weiteren Fol⸗ gen hatte, ſo gewährte ſie doch den beiden jungen Männern einen Augenblick der Aufheiterung, und zwar zu einer Zeit, in welcher die Beſorgniß über alle ihre fröhlicheren Gefühle ſchnell die Ober⸗ hand gewann. Als ſie jedoch verſuchten, Miß Effingham mit in ihre Unterhaltung zu ziehen, hörte ſie die junge Dame blos mit ern⸗ ſter Miene an; denn die von Nany Sidley entdeckte Gemeinheit hatte ihr alle Luſt benommen, den Gegenſtand der Erörterung auch nur mit der Vertraulichkeit des Lächerlichen zu behandeln. Als die Gentlemen dieſe Zurückhaltung, deren Grund ſie ſich nicht er⸗ klären konnten, bemerkten, gaben ſie dem Geſpräch eine andere ——·ͤ uõ.ͤ VU 8 mu ARN 297 Wendnng, das durch die Betrachtung ihrer eigenen Lage bald ernſt genug wurde. Die Verhältniſſe, in denen ſich der Montauk befand, waren jetzt gewiß von der Art, daß ſie nicht nur bei denen, welche nur wenig mit der See bekannt waren, ſondern auch bei Erfahreneren Unruhe wecken mußten. Miß Effingham's Dienerin hatte nun ganz, wonach ſie ſich geſehnt hatte— nemlich viele Felſen und Sand⸗ bänke in Sicht, das Land aber in nicht großer Entfernung. Da⸗ mit nun der Leſer ſich die Sachlage klarer vergegenwärtigen könne, wollen wir ſie ausführlicher ſchildern. Weſtlich von dem Schiffe lag das Meer— eine weite, ruhige, glänzende Fläche, unter jenem ewigen Athmungsproceſſe, der ſtets an die Reſpiration eines rieſigen Ungeheuers erinnert, ſich hebend und fallend. Zwiſchen dem Schiffe und der unermeßlichen Waſſerwüſte, kaum dreihundert Fuß von dem erſteren entfernt, erſtreckte ſich eine unregelmäßige brandende Linie, die da und dort mit niedrigen nack⸗ ten Felsköpfen getüpfelt war und die Richtung des Riffs bezeich⸗ nete. Dies war das einzige Bollwerk zwiſchen dem Becken und den tobenden Wellen, im Falle abermals ein Sturm losbrechen ſollte, obſchon der Kapitän Truck der Anſicht war, es dürfte zu⸗ reichen, um die Wogen ſo weit zu brechen, daß der Ankergrund geſichert war. Sternwärts vom Schiffe übrigens begann, nur vierzig Faden vom Schiffe, mit dem Fortſchreiten der Ebbe eine abgerun⸗ dete Sandbank aufzutauchen, und da der Grund hart war, folg⸗ lich ein Anker nur ſchwer feſtpacken konnte, ſo ſtand zu befürchten, daß das Schiff nach der erwähnten Bank hindreggen möchte. Wir ſagen, daß der Boden hart war, denn der Leſer muß wiſſen, nicht das Gewicht des Ankers allein ſichert ein Fahrzeug, ſondern es iſt auch außerdem nöthig, daß ſeine zugeſpitzte Schaufel ſich in den Grund einſchlage. Die Küſte ſelbſt war kaum fünfhundert Ruthen entfernt, und das ganze Becken innerhalb des Riffs zeigte bei zunehmender Ebbe über dem Waſſer hervorſtehende Sandanhäufungen. Indeß 298 waren noch immer viele Kanäle vorhanden, und man konnte viel⸗ leicht, wenn man ſich nur auf ihre Windungen verſtund, mehrere Stunden in denſelben herumſegeln, ohne an dem Einlaß vorbei⸗ zukommen, da die gedachten Kanäle nach jeder Richtung hin vom Schiff aus eine Art verwickelten Netzwerks bildeten. Nachdem Kapitän Truck ruhig alle Eigenthümlichkeiten ſeiner Lage erwogen hatte, ging er an's Werk, um ſein Schiff allen Ernſtes zu ſichern. Die beiden leichten Boote wurden unter die Buge gebracht, eine Spiere quer darüber hingelegt und der nieder⸗ gelaſſene Stromanker daran befeſtigt. Dieſen fuͤhrte man ſodann nach der Bank im Stern, ſchaffte ihn mit angeſtrengter Kraft auf dieſelbe hinauf und bohrte einen Ankerarm bis an den Schaft in den tiefen Sand. Vermittelſt einer Halſe und eines angeſchlagenen Bergtaus hoben die Matroſen, welche auf den nächſten Bänken ſtanden, die Kette heraus und befeſtigten ſie an dem Ankerringe, worauf der ſchlaffe Theil wieder eingezogen und das Schiff im Sterne feſtgemacht wurde, damit ein vom Lande herkommender Wind es nicht gegen das Riff hinzwänge. Da von dieſer Seite her kein Wellenſchlag kommen konnte, ſo erſchienen der einzelne Anker und die Kette als zureichend zweckdienlich. Sobald man die Boote wieder benützen konnte und noch ehe man die Kette nach der Bank gebracht hatte, waren zwei Kedſchen nach dem Riff ge⸗ führt und ſo unter die Felſen gelegt worden, daß ſowohl Arme als Schafte an den Vorſprüngen feſtpacken konnten. An dieſe Ked⸗ ſchen legte man leichtere Ketten, und nachdem alles Schlaffe ein⸗ geholt war, ſo daß es allenthalben moglichſt gleichförmig ſtrammte, gab Kapitän Truck die Erklärung ab, ſein Schiff ſey jetzt in der Lage, vor jeder Bö, woher ſie nur immer kommen möge, Stand zu halten. Den Winden und Wellen gegenüber konnte man aller⸗ dings den Montauk füglicherweiſe für ſicher halten, denn auf der Seite, aus welcher am meiſten Gefahr zu beſorgen ſtand, waren zwei Buganker niedergelaſſen und von vier Stellen aus kleinere 299 Ketten an den beiden Kedſchen befeſtigt. Auch war Kapitän Truck nicht in den gewöhnlichen Irrthum gefallen, daß er die Kraft ſeiner Befeſtigung für hinreichend verſtärkt hielt, indem er die Ketten durch die Ringe zog, ſondern jedes Halttau war ſowohl an Bord, als an den Kedſchen beſonders angelegt, ſo daß jede Kettenlänge an ſich als unabhängige Befeſtigung gelten konnte. Das Anſehen eines Schiffs⸗Commandeurs iſt ſo unbedingt, daß Niemand ſich herausnahm, den Meiſter nach den Beweggrün⸗ den aller dieſer außerordentlichen Vorſicht zu fragen, obſchon man ſich allgemein dem Eindruck hingab, er beabſichtige, an Ort und Stelle zu bleiben, bis der Wind günſtig werde oder wenigſtens nicht mehr die Gefahr zu beſorgen ſtehe, durch die Strömungen und Grundwellen auf die Küſte geworfen zu werden. Paul Blunt bemerkte außerdem, er glaube, der Kapitän beabſichtige, das glatte Waſſer innerhalb des Riffs zu Herſtellung beſſerer und wirk⸗ ſamerer Nothmaſten zu benutzen. Mr. Truck hob jedoch alle Be⸗ denken, indem er ſich offen ausſprach. Als er nemlich an Bord des däniſchen Wracks war, hatte er mit dem Blicke eines Sach⸗ verſtändigen die Spieren, die Segel und das Tackelwerk unterſucht, und obgleich ſie eigentlich für ein Schiff berechnet waren, das zweihundert Tonnen weniger faßte, als der Montauk, ſo meinte er doch, ſie für ſein eigenes Schiff benützen und in einer Weiſe ver⸗ wenden zu können, daß ſie allen nöthigen Zwecken einer Fahrt über den Ocean entſprachen, vorausgeſetzt, daß die Muſelmänner und das Wetter eine Ueberpflanzung derſelben geſtatteten. „Wir haben glatt Waſſer und leichte Winde,“ ſagte er, als er ſeine Auseinanderſetzung ſchloß,„und die Strömung führt ſüd⸗ wärts an dieſer Küſte hin. Wenn wir nun alle unſere Kräfte aufbieten und eine wohlwollende Vorſehung unſer Unternehmen be⸗ günſtigt, ſo hoffe ich, daß der Montauk noch unter geſetzten Ober⸗ bramſegeln und in einer Lage, Tuch am Wind führen zu können, den Hafen von New⸗York erreichen wird. Der Matroſe, welcher 300 nicht im Stande iſt, ſein Schiff aufzutackeln, ſobald er Holz, Taue und Blöcke genug hat, Mr. Dodge, iſt weit beſſer auf dem Lande aufgehoben und mag dort eine Zeitung ſchreiben. Wenn Ihr da⸗ her, meine theure junge Lady, übermorgen hier über den nördlichen Bord nach der Küſte hinſchaut, dürft Ihr einen Floß gegen Euch herkommen zu ſehen erwarten, ob dem Euch das Herz vor Freude jubeln wird, denn er bringt allen Freunden eines guten Schmauſes die Hoffnung, zu New⸗York noch an einem Weihnachtsmahle Theil nehmen zu können.“ Achtzehntes Kapitel. Hier ſcharr' ich dich in dieſem Sande ein— Lear. Nachdem Kapitän Truck ſeinen Entſchluß gefaßt, ſeine Ab⸗ ſichten angekündigt und ſein Schiff in Ordnung gebracht hatte, er⸗ theilte er beſtimmt und mit Klarheit Befehl zum Aufbruch. Da die Damen zurückbleiben mußten, ſo bemerkte er gegen die beiden Herren Effingham, daß er natürlich das zartere Geſchlecht in ihnen nicht des Schutzes berauben wolle, obgleich ihnen im Schiffe nicht viel Leides begegnen könne. „Ich möchte den Montauk gerne Mr. Blunts Obhut übertragen,“ fügte er bei,„denn ich bemerkte an dieſem Gentleman eine Art Seemannsinſtinkt. Will Mr. Sharp gleichfalls bleiben, ſo wird eure Geſellſchaft nur um ſo angenehmer ſeyn; dagegen erbitte ich mir aber die Gunſt, Gentlemen, die ſtarken Arme aller eurer Diener benützen zu duͤrfen. Mr. Monday hält bei mir aus in Gutem und Schlechtem, und ein Gleiches iſt, wie ich mir ſchmeichle, auch bei Sir George Templemore der Fall. Sollte übrigens Mr. Dodge zu⸗ rückbleiben wollen, ſo wird dem Active⸗Inquirer ein denkwürdiger Artikel entgehen, denn wir haben in dieſem Falle für die Expedi⸗ tion keinen andern Hiſtoriker, als den, welchen ich ſelbſt beauftrage. 2 N ——— d ——½2—.— 301 Mr. Saunders wird inzwiſchen die Ehre haben für Euch zu kochen, alles andere Volk aber gedenke ich nach dem Dänen mitzunehmen.“ Da ſich gegen dieſe Anordnung keine ernſtlichen Einwendungen erheben ließen, brachen eine Stunde nach Feſtlegung des Schiffes der Kutter und das Jollenboot auf; denn Kapitän Truck wollte das Wrack noch am nemlichen Abend erreichen, um in guter Zeit ſeine Scheerböcke für die Arbeit des nächſten Morgens vorbereiten zu können. Er hoffte im Lauf des nächſten Tages wieder zurück⸗ kehren zu können. Zeit war, wie er wohl wußte, nicht zu verlieren, denn die Beduinen konnten mit jeder Stunde zurückkehren, und die Ruhe auf offener See iſt zu allen Zeiten eine Sache, auf die man nicht mit Sicherheit zählen kann. Mit der erklärten Abſicht, ſich raſch ans Werk zu machen, obſchon er ſich der geheimen Beſorgniß, mit den Eigenthümern des Landes einen Kampf beſtehen zu müſſen, nicht erwehren konnte, nahm nun der Kapitän ſämmtliche Offiziere und Matroſen ſeines Schiffs, welche möglicherweiſe erübrigt werden konnten, deßgleichen auch diejenigen Paſſagiere, von deren Arbeit er ſich Nutzen verſprach, mit ſich. Da ihm für den Zweck der Ein⸗ ſchüchterung, ſchon die Anzahl als wichtig genug vorkam, ſo trug er faſt eben ſo viel Sorge für den äußeren Schein, als für irgend etwas Anderes, da er ſonſt wahrſcheinlich auf die Theilnahme des Mr. Dodge, keinen ſonderlichen Werth gelegt haben würde; denn die Wahrheit zu ſagen,— er war der Anſicht, der Heraus⸗ geber des Active⸗Inquirer dürfe die Eigenſchaft, welche durch das erſte Wort in dem Titel ſeines Journals angedeutet war, eher in jeder anderen Weiſe als im Kampfe bethätigen. In die Boote wurde nur ſo viel Mundvorrath und Waſeer geſchafft, als etwa für die Fahrt nach dem Wrack nöthig war; auch nahmen die Abenteurer weder Taue, noch Blöcke, kurz nichts mit ſich, als Waffen und Munition, da die Unterſuchung am Morgen den Kapitän belehrt hatte, es befinde ſich, ungeachtet der ſtattgehabten bedeutenden Plünderung von allem Nothwendigen, noch eine hinreichende Menge 302 an Bord des geſtrandeten Schiffes. In der That war der Um⸗ ſtand, daß ſich daſelbſt noch ſo viel vorfand, einer der Gründe zur Eile, weil man daraus mit Zuverſicht den Schluß ziehen konnte, daß diejenigen, welche das Fehlende mitgenommen halten, bald wieder zu⸗ rückkommen würden, um den Reſt zu holen. Sämmtliche Jagd⸗ flinten und Piſtolen, nebſt allem Pulver⸗ und Kugelvorrath, der ſich in dem Schiffe vorfand, wurden in die Boote geſchafft, ſo daß nur die leichte Kanone, welche man zu dem Zwecke an Bord ge⸗ nommen hatte, ſchlafende Lootſen damit zu wecken, zurückblieb. Der Kapitän hatte ſte vor dem Abzuge laden laſſen, damit ſie zu einem Lärmſignal benützt werden könne, falls in der Lage des Schiffes eine weſentliche Veränderung vorgehen ſollte. Die Partie beſtand aus dreißig Mann, die meiſt mit Feuer⸗ waffen der einen oder der andern Art verſehen waren, und ruderte mit muthigem, zuverſichtlichem Vertrauen auf einem glücklichen Er⸗ folg durch den Einlaß hinaus. Die Boote waren allerdings ge⸗ drängt voll; aber es fehlte nicht an Raum zum Rudern, und man hatte die Lanſche auf dem Decke zurückgelaſſen, weil man wußte, daß ſich im Wrack zwei Boote, darunter ein ziemlich großes, be⸗ fanden. Mit einem Worte, da Kapitän Truck von dem Augen⸗ blicke an, als er von der Lage des Dänen Einſicht nahm, ſich Alles wohl erwogen hatte, ſo konnte er jetzt ſein Vorhaben methodiſch und mit Umſicht zur Ausfuͤhrung bringen. Wir wollen ihn auf ſeinem Wege begleiten und denen, welche in dem Montauk zurück⸗ blieben, in einem anderen Kapitel unſre weitere Aufmerkſamkeit ſchenken. Die Entfernung zwiſchen den beiden Schiffen betrug ungefähr vier Seemeilen, und da auf dieſer Strecke ein Landvorſprung in die See hinausragte, ſo verloren die Ruderer in weniger als einer Stunde den Montauk, der, ſeines ganzen Stolzes beraubt, in dem Riff vor Anker lag, aus den Augen. Faſt in demſelben Augenblicke bekamen ſie das Wrack zu Geſicht, und Kapitän Truck ſetzte mit großem Intereſſe ſein Fernglas an, um ſich zu überzeugen, wie es 2 303 in jener Richtung ausſah. Alles war ruhig und kein Zeichen ver⸗ rieth, daß der Platz ſeit dem Morgen beſucht worden ſei. Er theilte dieſe Kunde ſeinen Leuten mit, die unter dem Sporn eines wahrſcheinlichen Erfolges nur um ſo eifriger ihre Ruder bearbei⸗ teten, ſo daß die Boote mit immer zunehmender Geſchwindigkeit vorwärts trieben. Die Sonne ſtand noch in einiger Höhe über dem Horizont, als der Kutter und die Jolle durch den ſchmalen Kanal ſternwärts von dem Wrack ruderten und wie früher unter den Klippen anleg⸗ ten. Kapitän Truck ſprang zuerſt ans Land und ging nach dem Schiffe voran; auch ſah man ihn nach fünf Minuten bereits in den Kreuzbäumen des Vorderſchiffs, von wo aus er die Ebene mit ſeinen Fernrohre unterſuchte. Alles war ſo öde und verlaſſen, wie früher, weßhalb er Befehl ertheilte, ohne Zögerung die Opera⸗ tionen zu beginnen. Ein Haufen der beſten Matroſen ſchaffte die ledige Stenge und Unterraa des Dänen heraus, worauf er ſich anſchickte, ein paar Scheerböcke herzuſtellen,— eine Arbeit, die jedenfalls mehrere Stunden Zeit erforderte. Mr. Leach führte eine andere Abtheilung nach dem Vorderſchiffe und der zweite Mate eine weitere nach hin⸗ ten, wo ſie ſich anſchickten, die betreffenden Bramſtengen, Stengen und Marsſegelragen niederzulaſſen, während Kapitän Truck vom Decke aus eine ähnliche Operation am Beſahnmaſt überwachte. Da die Matroſen mit Eifer arbeiteten und ein ziemliches Häuflein unten geblieben war, um die Zugleinen weiter zu geben und die Taljereepen aufzufaſſen, ſo kam ſchnell Spiere um Spiere herunter, und wie die Sonne eben weſtwärts in den Ocean tauchte, lag Alles, mit Ausnahme der Untermaſten, neben dem Schiffe auf dem Sande, ohne daß die Decken auch nur im Mindeſten beſchädigt worden wären. Ehe man jedoch die unteren Ragen aus dem Schiffe brachte, war auch die Lanſche aus ihren Klampen gehoben und gleichfalls neben dem Schiffe auf den Boden geſetzt worden. 304 Der Kapitän ließ nun ſämmtliche Matroſen auf dem Sande antreten und ertheilte Befehl, das Boot vom Stapel zu laſſen— ein etwas verfängliches Geſchäft, da hin und wieder ſchwere Roll⸗ wogen heranſchlugen. Sobald es flott war, wurde dieſes werth⸗ volle Beförderungsmittel nach den Klippen hinaufgerudert, und nun begannen die Matroſen, es mit dem ſtehenden Tackelwerk und den Segeln zu beladen, welche letztere eben ſo ſchnell losgemacht wor⸗ den waren, als die Spieren herunterkamen. Man hatte auch zwei Kedſchen vorgefunden, deren eine mit einer Halſe belegt wurde, um das Langboot außerhalb der Barre vor Anker bringen zu können. Da man auch Leinen beigeſchafft hatte, ſo wurden nun die Raaen nach derſelben Stelle hinausgezogen, und für die Nacht feſt an ein⸗ ander gebunden. Einen großen Theil des laufenden Tackelwerks, viele Blöcke und unterſchiedliche andere kleine Gegenſtände ſchaffte man in die Boote des Montauk und in die Jolle des Wracks, welche noch immer am Stern deſſelben hing, jetzt aber gleichfalls niedergelaſſen und auf's Waſſer gehracht wurde. Dieſe Erwerbungen miteinbegriffen, beſaßen unſre Abenteurer nun vier Boote, von denen eines eine beträchtliche Größe hatte und eine nicht unanſehnliche Fracht zu führen im Stande war. Mittlerweile war es ſpät und ſo dunkel geworden, daß Kapi⸗ tän Truck beſchloß, die Arbeiten bis zum Morgen einzuſtellen. Während der paar Stunden eifriger Anſtrengung hatte er alle Ragen, die Segel, das ſtehende und laufende Tackelwerk, die Boote und viele andere Gegenſtände von geringerem Belang geborgen, ſo daß nichts von weſentlicher Bedeutung auf dem Dänen zurück⸗ geblieben war, als die unteren Stücke der drei Maſten. Dieſe waren übrigens für ihn in Wahrheit Alles in Allem, da er ohne ſie nur wenig beſſer daran war, als zuvor; denn ſein eigenes Schiff beſaß lediges Tuch und überflüſſige Ragen genug, um außer dem Grundgebälk eine anſtändige Tackelung herzuſtellen. Letzteres war jedoch eben das weſentliche Erforderniß; denn alle anderen 305 Stücke nahm er hauptſächlich nur deshalb mit, um die Maſten beſſer befeſtigen zu können, als wenn er zu dieſem Zwecke Spieren und Segel benützte, welche doch nicht urſprünglich dem Grundge⸗ rüſt angepaßt waren. Um acht Uhr erhielt die Mannſchaft ihr Abendeſſen und traf ſodann Vorbereitungen, ſich für die Nacht einzuthun. Der Kapitän beſprach ſich mit ſeinen Maten über die Art, wie in Betreff der Mannſchaft die Nacht über die geeignetſten Verfügungen getroffen werden könnten, und kam dabei zu dem Schluſſe, daß er eine wohl⸗ bewaffnete Abtheilung von zehn Mann mit ſich in das Schiff neh⸗ men wollte, während der Reſt ſich nach den Booten zu begeben hätte, die an der vor der Barre geankerten Lanſche befeſtigt waren. Sie machten ſich nun Betten aus Segeln, ſtellten eine Wache aus, und bald ſchliefen die meiſten Matroſen ſo ruhig, als ob ſie in ihren eigenen Berths an Bord des Montauk lägen. Nicht ſo er⸗ ging es Kapitän Truck und ſeinen Maten. Die Matroſen waren längſt verſtummt, und ſogar Mr. Monday, der die Flaſche Wein, welche er Vorſichts halber von dem Paketſchiff mitgenommen, zu Ende gebracht hatte, ſtack bereits in der Kajüte unter einigen alten Segeln, als die Offſtziere noch immer auf dem Decke des Dänen einhergingen. Es war eine klare Sternnacht, aber der Mond wurde erſt bis gegen Morgen erwartet. Der Wind kam in heißen Stößen über den Sand des Binnenlandes hergefegt, aber ſo leicht, daß er nur wie Seufzer der Wüſte über ſie hinathmete. „Es iſt ein Glück, Mr. Leach,“ ſagte der Kapitän in Fort⸗ ſetzung des Geſprächs, welches er in gedämpfter Stimme mit ſei⸗ nen Maten hielt, weil ihm ihre gegenwärtige Lage doch nicht ganz geheuer vorkam;„es iſt ein Glück, Mr. Leach, daß wir am Stern den Stromanker ausgeſetzt haben, ſonſt dürfte unſer Schiff wohl ſein Kupfer an den Kanten der Klippen blank reiben. Die Luft ſcheint zwar leicht zu ſeyn, aber hätte der Montaat all' ſein Tuch Die Heimkehr. 306 beigeſetzt, ſo würde er bald die Flügel ſchlagen und ſich von dieſer Küſte fortmachen. Hätten wir nur ſchon Alles fertig.“ „Ja, ja, Sir— hätten wir nur erſt Alles fertig!“ wieder⸗ holte Mr. Leach, als wiſſe er recht gut, wie viel ſaure Arbeit noch noͤthig ſey, ehe ſie ſich dieſes glücklichen Augenblicks erfreuen konnten. „Dies iſt freilich zu wünſchen. Ich denke, wir werden im Stande ſeyn, morgen um die Frühſtückzeit dieſe drei Pfähle aus dem Burſchen zu ziehen, und dann reichen ein paar Stunden für den Floß aus. Sind wir damit im Reinen, ſo bringt uns ein Rudern von ſechs oder acht Stunden wieder nach unſerem Fahrzeug zurück. „Wenn Alles gut abläuft, kann es gehen, Sir.“ „Gut oder übel— es muß gehen. Wir ſind jetzt nicht in einer Lage, um Strohmännchen zu ſpielen.“ „Ich hoffe, es wird ſich ausführen laſſen, Sir. „Mr. Leach!“ „Kapitän Truck!“ „Die Wahrheit zu ſagen, Sir, wir ſind in einer verdammten Categorie.“ „Dies iſt ein Wort, auf das ich mich nicht ſonderlich verſtehe; aber wir haben hier ein gar unbequemes Berth— wollt Ihr viel⸗ leicht dies damit andeuten?“ Es trat eine lange Pauſe ein, während welcher die beiden Offiziere, von denen der eine alt und der andere jung war, emſig auf dem Decke hin⸗ und herſchritten. „Mr. Leach!“ „Kapitän Truck!“ „Betet Ihr auch bisweilen?“ „Früher habe ich mich wohl mit dergleichen abgegeben, Sir; aber ſeit ich mit Euch ſegle, lehrte man mich ich ſolle zuerſt arbeiten und hintendrein beten. War nun die Schwierigkeit durch Arbeit überwunden, ſo ſchien mir das Beten gemeiniglich überflüſſig zu ſeyn.“ 307 „Ihr hättet dann ein Dankgebet ſprechen können. Ich glaube, Euer Großvater war ein Pfarrer, Leach.“ „Ja, Sir,— und wie ich hoͤre, hat Euer Vater daſſelbe Ge⸗ werbe getrieben.“ „Man hat Euch ganz richtig belehrt, Mr. Leach. Mein Vater war ein ſo demüthiger, frommer und beſcheidener Chriſt, wie nur je einer auf das Kanzelpult geklopft hat— ein armer Mann und, wenn ich die Wahrheit ſagen ſoll, ein armer Prediger obendrein, aber eifrig und aus dem Grunde ſeines Herzens andächtig. Ich eenntlief ihm, als ich zwölf Jahre alt war, und brachte ſeit dieſer Zeit nie wieder acht Tage hinter einander unter ſeinem Dache zu. Er konnte nicht viel für mich thun, da er nur wenig Erziehung und kein Geld hatte; auch vermuthe ich, daß er ſein Geſchäft ſo ziemlich nur um des Glaubens willen betrieb. Er war ein guter Mann, Leach, obſchon er für eine Perſon, die ſich als Volkslehrer aufgethan hat, zu wenig auf's Einnehmen hielt; und was meine Mutter betrifft— wenn je ein reiner Geiſt auf Erden weilte, ſo hatte er ſich ihren Körper zum Wohnplatz gewählt.“ „Ja, dies iſt ſo gemeiniglich bei den Müttern der Fall, Sir.“ „Sie lehrte mich beten,“ fügte der Kapitän mit etwas heiſerer Stimme bei;„aber offen geſprochen, ſeit ich mich auf dieſer Lon⸗ doner Linie umtreibe, ſinde ich nur wenig Zeit für etwas Anderes, als ſchwere Arbeit, ſo daß mir aus Mangel an Uebung das Beten als das ſchwerſte Geſchäft vorkömmt, an das ich Hand legen könnte.“ „Gerade ſo ergeht es uns Allen. Ich bin der Anſicht, Kapi⸗ tän Truck, daß die Unternehmer der Londoner und Liverpooler Fahrten ein ziemliches Häuflein verlorner Seelen zu verantworten haben.“ „Ja, ja, wenn man's nur ihnen zuſchieben könnte, ſo wäre es gut genug; aber mein ehrlicher alter Vater behauptete ſtets, daß Jedermann für ſeine eigenen Sünden in die Lücke treten müſſe. Freilich wollte er auch wiſſen, es ſey uns Allen zum Voraus be⸗ ſtimmt, ob wir unſeren Kurs ſteuerbord oder backbord bilden müß⸗ ten— ſogar ſchon ehe wir vom Stapel gelaſſen wären.“ „Eine ſolche Lehre macht das Leben zu einem leichten Fluth⸗ weg, denn ich ſehe nicht ein, was es dann den Menſchen nützen kann, Segel zu führen, ſich in den Wind zu klemmen und von den boͤſen Lüſten klar abzuſteuern, wenn er weiß, daß er trotz aller ſeiner Mühe daran ſtranden muß.“ „Ich habe mich ſchon in Kreuz und Quere abgearbeitet, um dieſe Sache in den Kopf zu kriegen, konnte aber nie etwas daraus machen. Sie iſt ſogar eine härtere Nuß, als die Logarithmen. Wäre mein Vater der einzige geweſen, den ich ſolche Dinge lehren hörte, ſo würde ich mir wenig daraus gemacht haben, denn er war nicht ſonderlich geſchult worden und predigte vielleicht nur ſo von Geſchäfts wegen; aber auch meine Mutter glaubte mit Leib und Seele daran, und ſie war eine zu gute Frau, um lange auf einem Curs zu bleiben, wenn er nicht auf die Wahrheit abzielte.“ „Aber warum es nicht von Herzen glauben und das Steuer fliegen laſſen, Sir? Man kömmt auf dem einen Gange ſo gut, als auf dem anderen an's Ende der Reiſe.“ „Es iſt nicht ſonderlich ſchwer, ſich hinauf oder ſogar durch das Fahrwaſſer des Todes zu arbeiten, Leach; aber die Hauptſache iſt, ausfindig zu machen, in welchem Hafen man zuletzt ankern kann. Meine Mutter lehrte mich beten, und als ich zehn Jahre alt war, konnte ich alle zehn Gebote, den Glauben des Herrn und das apoſtoliſche Gebet herſagen; auch war ich ſo ſchräg weg in den Catechismus hineingekommen. Aber, du meine Güte, alles dies iſt wieder hinausgeſchwitzt, wie die Wärme aus einem Grönländer.“ „So viel ich weiß, wurden die Leute in Eurer Zeit beſſer er⸗ zogen, Kapitän Truck, als es heutzutage der Fall iſt.“ „Kein Zweifel— durchaus kein Zweifel. Zu meiner Zeit lehrte man junge Bürſchlein, ihre Vorgeſetzten, das Alter, den Catechismus, die Frömmigkeit, das apoſtoliſche Gebet und was 309 dergleichen Dinge mehr ſind, reſpektiren; aber ſeit den letzten fünfzig Tagen ſind in Amerika die guten Sitten jämmerlich ſternwärts ge⸗ gangen. Ich will mir nicht ſchmeicheln, daß ich noch ſo gut bin, wie ich in der Zeit war, als ich unter der Leitung meiner lieben, vortrefflichen Mutter ſtand; aber man braucht nicht gerade nach Newgate zu gehen, um in der Welt ſchlimmere Menſchen zu treffen, als John Truck iſt. Nun, was z. B. die Laſter betrifft, Leach ich fluche nie.“ „Dieß kann Euch Euer Feind nicht nachſagen, Sir; und Mr. Monday trinkt nie.“ Da die Nüchternheitsbetheurung von Seiten eines der Paſſa⸗ giere ſowohl unter den Offtzieren als unter den Matroſen des Schiffes zum ſtehenden Witze geworden war, ſo wurde es Kapitän Truck nicht ſchwer, den Sinn der erwähnten Worte zu faſſen; aber obgleich ihn die Erwiederung verdroß, da er ausſchließlich das Recht zu haben glaubte, die Leute necken zu dürfen, ſo befand er ſich doch in einer zu gemüthlichen und nachdenkſamen Stimmung, um ernſtlich aufzubrauſen. Nach einer kurzen Pauſe nahm er das Geſpräch wieder auf, als ob gar nichts vorgefallen wäre, was die Harmonie hätte ſtören können. „Nein, ich fluche nie— oder wenn es der Fall iſt, ſo ge⸗ ſchieht es in ordentlicher, gentlemaniſcher Weiſe. Nie aber erlaube ich mir jene groben Flüche, deren ſich die Pferde⸗Jokey's zu be⸗ dienen pflegten, die vordem von dem Fluſſe ausſegelten.“ „Waren dies ſchwere Flucher?“ „Fragt lieber, ob der Nordweſter ein ſchwerer Wind ſey. Dieſe Kerle pflegten, nachdem die Religion ſie einen Monat oder zwei am Lande in die Mache genommen hatte, wie ein Orkan los⸗ zubrechen, ſobald ſie in hohe See kamen und einmal hübſch aus Hörweite der Pfarrer und Aelteſten waren. Ich ließ mir ſagen, der alte Joe Bunk habe in der Barre mit einem Fluch begonnen den er nicht eher zu Ende brachte, bis ſeine Brigg in der Höhe der Motaukſpitze lag. Es iſt mir oft zweifelhaft geweſen, Leach, ob wohl etwas damit gewonnen werde, wenn man die Religion und Moral wie einen Baumwollenballen zuſammenpreſſe, wie dies um den Fluß herum der Brauch iſt.“ „Gar Viele fangen an, in derſelben Weiſe zu denken, denn wenn unſere Leute einmal losbrechen, greift es wie eine Pockenpeſt um ſich.“ „Ich bin immer ein Verfechter der Erziehung geweſen und glaube nicht, daß man mich mehr lehrte, als vernünftig war. Auch bin ich ſogar der Anſicht, daß ein Gebet einem Schiffsmeiſter mehr Nutzen bringen könne, als das Latein, und habe oft, ſelbſt in meinen alten Tagen noch, meine Zuflucht dazu genommen, obſchon es viel⸗ leicht nicht ganz in der Bibelſprache abgefaßt iſt. Selten fehlt mir's am Winde, ohne daß ich ſo zu ſagen geiſtig darum bete, und was den Rheumatis betrifft, ſo bitte ich ſtets, ich möchte ihn wieder loskriegen, wenn ich ihn nicht etwa ſteuerbord und backbord verwünſche. Iſt es Euch nie aufgefallen, daß die Moralität der Welt abgenommen hat, ſeit die Dampfboote eingeführt wurden?“ „Die Boote liefen ſchon, ehe ich geboren wurde, Sir.“ „Sehr wahr; Ihr ſeyd noch ein blutjunger Menſch. Die Menſchheit ſcheint vorwärts zu fliegen, und Niemand will ſich mehr mit Beten oder Bereuen ſeiner Sünden aufhalten, wie es ſonſt der Fall war. Das Leben gleicht ganz und gar einer Seefahrt. Wir ſondiren uns behutſam vorwärts, bis wir die Untiefen an unſerer eigenen Küſte im Sterne haben, und dann machen wir's uns auf tiefem Waſſer leicht. Kommen wir aber wieder in die Nähe eines ſeichten Grunds, ſo nehmen wir das Loth heraus und geben ein Bißchen Acht, wie wir ſteuern. Nur das Abfahren von einer Küſte und das Anlangen an einer andern macht uns alle dieſe Mühe.“ „Ihr hattet doch wohl etwas im Sinne, Kapitän Truck, als Ihr mich fragtet, ob ich auch bete?“ „Allerdings. Wenn ich mich eben jetzt zum Beten in Bewe⸗ gung ſetzen wollte, ſo würde ich für morgen um glatt Waſſer 311 bitten, damit wir den Floß gut nach dem Schiffe tauen könnten.— Bst, Leach, habt Ihr nicht etwas gehört?“ „O ja— einen Ton, ganz anders als man ihn gemeiniglich vom Lande her im Winde zu vernehmen pflegt. Wahrſcheinlich rührt er von einem wilden Thiere her, denn Afrika iſt voll davon.“ „Ich glaube, wir könnten's von dieſer Veſte aus wohl mit einem Löwen aufnehmen. Wenn der Kerl nicht das Gerüſte auf⸗ findet, kann er uns kaum entern, und wenn wir ein paar Planken davon abwerfen, ſo haben wir mit einemmale eine Zugbrücke. Schaut dorthin,— wenn ich nicht etwas am Ufer ſich regen ſehe, ſind meine Augen ein paar Juwelenblöcke.“ Mr. Leach, der in die angedeutete Richtung blickte, glaubte gleichfalls am Rande des Ufers einen ſich bewegenden Gegenſtand zu bemerken. Die Spitze, auf welcher das Wrack ſich befand, lag nicht weit von dem Geſtade ab, und die Spiere des fliegenden Klü⸗ vers, welche noch ſtand, ſprang gegen die Anſteigung, wo ſich die Küſte bis zur Höhe der Wüſtenebene hob, ſo ſehr vor, daß das Holzwerk von dem Gebüſch, welches die letztere ſäumte, nur durch einen Raum von etwa zehn Füßen getrennt war. Die Spiere hatte ſich zwar, weil ſie der Unterſtützung des Stagen entbehrte, ein wenig geneigt; aber ihr Ende ragte noch immer zureichend in die Höhe, um ſich über das Laub zu erheben und Jeden, der auf ihr ſaß, die Ebene überblicken zu laſſen, ſo gut es eben im Sternenlicht angehen wollte. In der Meinung, daß ſich's hier um einen wich⸗ tigen Dienſt handle, ertheilte Kapitän Truck zuerſt ſeinem Maten die geeignete Weiſung, wie er im Nothfalle unter den Leuten Lärm machen ſollte, ging dann vorſichtig auf dem Bugſpriet hinaus und bediente ſich nun der Fußtaue, um an das äͤußere Ende der Spiere zu gelangen. Da dieß mit der Feſtigkeit eines Seemanns und zu Verhinderung aller Entdeckung mit der größten Vorſicht geſchah, ſo lag er bald auf dem Gebälk ausgeſtreckt, den Körper mit den Beinen unten im Gleichgewicht erhaltend und aufmerkſame Blicke umherwerfend, obgleich ihn die Finſterniß hinderte, fernere Gegen⸗ ſtände überhaupt, oder näher gelegene nur mit einiger Deutlichkeit zu unterſcheiden. Nachdem Kapitän Truck eine Minute ſo da gelegen, entdeckte er in einer Entfernung von etwa hundert Schritten hinter dem Gebüſche auf der Ebene einen Gegenſtand, der ſich augenſcheinlich bewegte. Dies ſpornte ſeine Wachſamkeit im höchſten Grade, denn wenn er auch nicht ſelbſt die Merkzeichen geſehen hätte, daß die Beduinen oder Mauren ſchon auf dem Wrack geweſen waren, ſo wußte er doch, daß ſie beſtändig in Haufen um die Küſte her lun⸗ gerten, namentlich wenn ihnen ein ſchwerer Sturm aus dem Weſten Beute in Ausſicht ſtellte. Da mit Ausnahme der Maten alle ſeine Leute ſchliefen und die Boote kaum noch von ihm ſelbſt, der doch ihre Lage kannte, unterſchieden werden konnten, ſo gab er der Hoff⸗ nung Raum, daß die Anweſenheit ſeiner Partie von etwa in der Nähe herumſtreifenden Barbaren nicht wohl habe entdeckt werden können. Allerdings mußte die Veränderung, welche das Wrack durch die Entfernung der Spieren in ſeinem Ausſehen erlitten hatte, jedem auffallen, der es zuvor geſehen hatte; aber dieſer Wechſel konnte ja auch durch einen andern Haufen Freibeuter veranlaßt worden ſeyn, wenn nicht etwa diejenigen, welche jetzt herunterkamen,— falls es überhaupt Eingeborene waren— das Schiff zum erſten⸗ male zu Geſicht bekamen. Der Leſer kann ſich leicht denken, daß es dem würdigen Meiſter durchaus nicht wohl zu Muthe war, als ihm dieſer Gedanke raſch durch den Sinn ging. Dennoch blieb er ruhig, und da er ent⸗ ſchloſſen war, ſich ſelbſt gegen eine Armee den Rückzug zu erkäm⸗ pfen, ſo klammerte er ſich mit einer Gewalt an die Spiere an, die einem Tiger Ehre gemacht haben würde. Der Gegenſtand auf der Ebene bewegte ſich abermals, und da jetzt jenſeits die Wolken aus⸗ einander wichen, ſo konnte er deutlich den Kopf und den Hals eines Dromedars unterſcheiden. Es war jedoch nur ein einziges Thier 313 und auch die ſchärfſte Unterſuchung ließ keine Spur von einem menſchlichen Weſen entdecken. Nachdem er etwa eine Viertelſtnnde auf der Spiere gelegen und dieſe ganze Zeit über keinen anderen Ton gehört hatte, als das Seufzen des Nachtwindes und das dumpfe, ſtätige Plätſchern der Brandung, ſtieg er wieder auf das Deck hinunter, wo ſein Mate in angelegentlichſter Spannung er⸗ wartete, welchen Bericht der Kapitän zu ertheilen haben werde. Letzterer wußte die Bedeutung deſſen, was er entdeckt hatte, voll⸗ kommen zu würdigen; da er aber ein beſonnener Mann war, ſo mochte er die Gefahr nicht aus eigenem Antriebe noch vergrößern. „Die Mauren ſind an der Küſte drunten,“ ſagte er in ge⸗ dämpftem Tone;„aber ich glaube nicht, daß ihrer mehr als zwei oder höchſtens drei ſeyn können— wahrſcheinlich Spione oder Kundſchafter. Wären wir im Stande, uns ihrer zu bemächtigen, ſo könnten wir ihren Kameraden einige Stunden Vorſprung abge⸗ winnen, und mehr brauchen wir nicht. Das Salz und die übrige Oberlaſt des alten Dänen ſoll ihnen dann von Herzen gegönnt ſeyn. Leach, ſeyd Ihr der Mann dazu, um mir in dieſer Angele⸗ genheit beizuſtehen?“ 3 „Habe ich Euch je im Stich gelaſſen, Kapitän Truck, daß Ihr dieſe Frage ſtellt?“ „Nein, nein, mein wackerer Burſche. Gebt mir Eure ehr⸗ liche Hand und laßt dieſen Druck da ein Angelobniß ſeyn auf Leben und Tod.“ Der Mate erwiederte den ehernen Druck ſeines Befehlshabers und Jeder wußte jetzt, daß er eine Zuſicherung erhalten hatte, auf die er ſich verlaſſen konnte. „Soll ich die Leute wecken, Sir?“ fragte Mr. Leach. „Bei Leibe nicht. Jede Stunde, welche die Matroſen jetzt dem Schlafe weihen können, iſt ſo viel werth, wie ein unkterer Maſt. Dieſe noch ſtehenden Stangen müſſen unſer Grundgerüſt abgeben, und auch nur eine derſelben iſt uns eben jetzt von größerer Wich⸗ 4 314 tigkeit, als zu einer andern Zeit eine ganze Flotte von Schiffen. Nehmt Eure Waffen und folgt mir; zuerſt aber wollen wir dem zweiten Maten kund thun, was wir im Sinne haben. Dieſer Offizier ſchlief auf dem Decke, denn er war durch die Anſtrengungen des Nachmittags ſo erſchöpft, daß ihm ein wenig Ruhe zur größten Wohlthat wurde. Kapitän Truck hatte ihn nach den Booten ſchicken wollen, ließ ihn aber, weil er ſeine große Schläfrigkeit bemerkte, an der Stelle, wo er lag, ſeinen Schlum⸗ mer thun. Auch der Ausluger war eingenickt; jetzt aber wurden beide geweckt und mit dem Zuſtande der Dinge am Lande be⸗ kannt gemacht. „Haltet eure Augen offen, aber bewahrt ein Todtenſchweigen,“ ſchloß Kapitän Truck;„denn ich wünſche dieſe Kundſchafter zu täu⸗ ſchen und ſie über unſere Gegenwart in Unwiſſenheit zu laſſen. Sobald ich übrigens ‚Alarm!“ rufe, bietet ihr alle Matroſen auf und ſäubert den Raum für ein Treffen; aber nicht früher. Gott be⸗ hüte Euch, meine Jungen, und vergeßt ja nicht, die Augen offen zu halten. Leach, ich bin bereit.“ Der Kapitän ſtieg nun vorſichtig mit ſeinem Begleiter auf den Sand herunter, ſchlich an dem Stern des Schiffes vorbei, und nun ſchlugen ſie den Weg nach der Jolle ein, welche an den Klip⸗ pen bereit lag, die beiden Offiziere nach der Lanſche zu führen. Hier fanden ſie die beiden Matroſen, welchen die Bewachung des Bootes anvertraut worden war, in ſo tiefem Schlaf, daß man ſie leicht ohne allen Lärm hätte binden können. Nach einigem Zögern beſchloß Kapitän Truck, ſie ihre Sorgen wegträumen zu laſſen und ſich mit ſeinem Maten nach der Stelle zu begeben, wo das Ufer anſtieg. Hier mußten ſie die größte Vorſicht anwenden, denn ſie traten jetzt buchſtäblich in Feindesland. Die kurze Anſteigung war ſo ſteil, daß ſie faſt auf Händen und Füßen weiter klettern mußten; indeß legten ſte dieſen Theil ihres Kundſchafterzugs ohne viel Ge⸗ d 315 fahr zurück, und die Abenteurer ſtanden bald, von einigen Büſchen geſchützt, auf der Ebene. „Dort iſt das Kameel,“ flüſterte der Kapitän.„Ihr ſeht ſeinen gekrümmten Hals und den Kopf, den es von Zeit zu Zeit in die Höhe reckt. Das Thier befindet ſich keine fünfzig Schritte von der Leiche des armen Deutſchen. Wir wollen uns jetzt längs die⸗ ſer Gebüſchlinie hinziehen und ſcharf nach dem Reiter auslugen.“ Sie ſchlichen ſich in der angedeuteten Weiſe vorwärts, bis ſie zu einem Punkt kamen, wo das Gebüſch aufhörte und das Ufer ganz in der Nähe des Wracks durch eine Oeffnung überblickt wer⸗ den konnte. „Seht Ihr die Boote, Leach— dort herum, in gleicher Linie mit den Steuerbord⸗Penterbalken des Dänen? Sie ſehen aus wie ſchwarze Flecken auf dem Waſſer, und einem unwiſſenden Beduinen könnte man es nicht übel nehmen, wenn er ſie für Felſen hielte.“ „Nur mit dem Unterſchied, daß ſie auf den Rollwogen ſich heben und fallen. Wahrhaftig, wer einen ſolchen Bock ſchießen könnte, müßte doppelt ein Türke ſeyn.“ „Die Wanderer in der Wüſte nehmen's nicht ſo genau. Frei⸗ lich, das Wrack hat ſeit geſtern ziemliche Veränderungen erlitten, und es ſollte mich nicht Wunder nehmen, wenn ſogar ein Muſel⸗ mann dies ausfände; aber—“ Ein Griff von Mr. Leach's Fingern, die ſich faſt in's Fleiſch ſeines Kapitäns einkrallten, und eine Hand, welche nach dem Ge⸗ büſche auf der anderen Seite der Oeffnung hindeutete, brachten plötz⸗ lich Mr. Truck's Flüſtern zum Schweigen. Eine menſchliche Ge⸗ ſtalt ſtand, unmittelbar dem Klüverbaum gegenüber, am Saume des Ufers. Sie war in eine Art Mantel gehüllt und die lange Muskete, die ſie im Arme trug, ließ ſich nur durch eine leichte Abweichung in dem allgemeinen Umriſſe unterſcheiden. Der Maure — denn er konnte nichts Anderes ſeyn— blickte augenſcheinlich nach dem Wracke hin, wagte ſich dann dreiſter hinaus und trat auf die Stelle, die frei von Gebüſch war. Die Todtenſtille am Geſtade taͤuſchte ihn; er näherte ſich mit weniger Vorſicht dem Punkte, wo die beiden Offiziere im Hinterhalte lagen, und hielt dabei fortwährend den Blick auf das Schiff geheftet. Einige Schritte brachten ihn in Kapitän Truck's Bereich. Dieſer holte nun mit ſeinem Arm gut aus, ließ ſeine Fauſt vorwärts fliegen und ver⸗ ſetzte dem unvorſichtigen Barbaren einen ſchweren Schlag zwiſchen die Augen. Der Araber ſtürzte wie ein geſchlachteter Ochſe zu⸗ fammen, und noch ehe er wieder recht zur Beſinnung kam, war er an Haͤnden und Füßen gebunden, ſodann ohne Umſtände nach dem Ufer hinuntergerollt worden, während ſeine Feuerwaffen als Beute in den Händen der Sieger blieben. „Der Burſche ſteckt in einer Categorie,“ flüſterte der Kapi⸗ tän;„aber wir müſſen jetzt nachſehen, ob nicht etwa noch ein An⸗ derer in der Nähe iſt.“ Ein langes ſorgfältiges Nachforſchen blieb ohne Erfolg, wes⸗ halb jetzt beſchloſſen wurde, das Kameel den Weg hinunterzuführen, um zu verhindern, daß es am andern Morgen von irgend einem Umherſtreicher geſehen würde. „Wenn wir die Untermaſten bei Zeiten herauskriegen,“ fuhr der Kapitän fort,„ſo werden dieſe Landpiraten keine Warten in Sicht haben, nach denen ſie ſteuern können, und in einem Lande, in welchem ein Sandkorn ſo ziemlich ausſieht, wie das andere, können ſie wohl eine Woche lang jagen, ehe es ihnen gelingt, das rechte Land zu finden.“ Sie näherten ſich dem Kameel mit weniger Vorſicht, als ge⸗ wöhnlich, denn der Erfolg ihres Unternehmens hatte ſie aufgeregt und ihrer Behutſamkeit Eintrag gethan. Mit einem Worte, ſie glaubten, ihr Gefangener ſey entweder ein einſamer Wanderer oder von einem Haufen, der vielleicht am nächſten Morgen ein⸗ treffen wollte, als Kundſchafter vorausgeſchickt worden. „Wir müſſen vor der Sonne auf und an der Arbeit ſeyn, 317 Mr. Leach,“ ſagte der Kapitän mit klarer aber doch gedämpfter Stimme, als ſie ſich dem Kameel näherten. Das Thier ſtieß den Kopf in die Höhe, worauf es die Luf einzuſchnüffeln ſchien und einen Schrei ausſtieß. Jetzt ſprang im Nu ein Araber vom Sande auf, wo er geſchlafen hatte, und ſchwang ſich auf den Rücken des Kameels. Man ſah noch, wie er zurück⸗ ſchaute, und noch ehe die verduzten Matroſen Zeit fanden, über ihre weiteren Schritte einen Beſchluß zu faſſen, war das zur Eile an⸗ getriebene Thier in der Dunkelheit bereils außer Sicht. Kapitän Truck hatte ſeine Vogelflinte angelegt, ohne jedoch Feuer zu geben. „Wir haben kein Recht, den Kerl todt zu ſchießen,“ ſagte er, „und unſere Hoffnung beruht nun ganz auf der Weite des Wegs, den er zurückzulegen hat, um ſich ſeinen Kameraden anzuſchließen. Wenn unſer Gefangener, wie ich vermuthe, ein Häuptling iſt, ſo können wir ihn als Geiſel betrachten und vielleicht eben ſo viel Nutzen aus ihm ziehen, als er aus einem ſeiner Kameele. Ver⸗ laßt Euch darauf, wir werden vor ein paar Stunden nichts mehr von ihnen ſehen; wir können daher die Gelegenheit benützen, ein Bischen zu ſchlafen. Der Menſch muß auch ſeine Wache im Raum haben, oder er wird ſo dumm und unfügſam wie ein Marsſtriegel.“ Nachdem der Kapitän einmal dieſen Entſchluß gefaßt hatte, ſäumte er auch nicht, ihn in Ausführung zu bringen. Sie kehrten nach dem Ufer zur ück, machten daſelbſt die Füße ihres Gefangenen, den ſie wie einen Holzblock auf dem Sande liegen fanden, frei und nöthigten ihn, vermittelſt des Gerüſtes nach dem Deck des Schiffes hinaufzuſteigen. Auf dem Wege nach der Kajüte muſterte Mr. Truck, der mit einem Lichte voranging, ſeinen Gefangenen von allen Seiten und machte Bemerkungen über ihn, als wäre der Maure irgend ein wildes Thier aus der Wüſte geweſen. Der Eingeborene war ein dunkelfarbiger, ſehniger Mann von etwa vierzig Jahren und in hohem Grade mager— überhaupt bot ſeine ganze Geſtalt das Bild eines Geſchöpfs, das, wie man 318 glauben ſollte, für die erſchoͤpfende Bewegung eines Dromedars und für die Koſt einer Wüſte nicht beſſer hätte paſſen können. Außer der langen Muskete, die man ihm abgenommen hatte, führte er ein furchtbares Meſſer bei ſich, und ſein Hauptgewand beſtand aus einem groben Mantel von Kameelhaar, der ihm zugleich als Mütze, Rock und Unterkleid diente. Seine wilden, ſchwarzen Augen funkelten, als ihm Kapitäͤn Truck ſeine Lampe vor's Geſicht hielt, und man ſah deutlich, daß er den unfall, welcher ihm zugeſtoßen, für ein ſehr ernſtliches Unglück hielt. Da an einen Verkehr durch Worte nicht zu denken war, ſo verſuchten die beiden Seeleute, ſich durch eine höchſt dürftige Zeichenſprache verſtändlich zu machen, die, wie das Naiſonnement mancher Leute, gerade den Gegenſatz von dem erzielte, was eigentlich beabſichtigt wurde. „Vielleicht meint der arme Teufel, wir gedenken ihn aufzu⸗ zehren, Leach,“ bemerkte der Kapitän, nachdem er einige Zeit ohne Erfolg ſeine Pantomimengeſchicklichkeit verſucht hatte,„und er könnte einigen Grund zu dieſer Vorſtellung haben, da er niedergeſchlagen wurde, wie ein Ochſe, der fortan in der Küche eine Rolle ſpielen ſoll. Probiert, ob Ihr dem unglücklichen Tropf nicht wenigſtens begreiflich machen könnt, daß wir keine Menſchenfreſſer ſind.“ Der Mate begann ſodann ein ausdrucksvolles Geberdenſpiel, welches mit zureichender Klarheit den Proceß des Abhäutens, Zer⸗ legens, Kochens und Verſpeiſens an den Körper des Beduinen dar⸗ ſtellte, um zu guter Letzt den ganzen Hergang durch ein kräftiges Zeichen der Verneinung zum Schluſſe bringen zu können; da er jedoch keine paſſenden Stellvertreter für die kleinen einſtlbigen Wörter„ja“ und„nein“ aufzufinden wußte, ſo wurde der Sinn ſeiner Pantomimenſprache dermaßen verwirrt, daß ihn ſogar der Kapitän ſelbſt nicht zu deuten wußte. „Zum Henker, Leach,“ unterbrach er ihn,„der Mann muß wohl meinen, Ihr wollet ihm ſagen, daß er nicht gut zu eſſen ſey, weil Ihr ſo viele wunderliche und verkehrte Geberden macht. Ein —— 319 Zeichen iſt ein Nothmaſt für die Zunge, und jeder Seemann ſollte ſich Uebung darin verſchaffen für den Fall, daß er an einer wilden unbekannten Küſte Schiffbruch leidet. Der alte Jos Bunk hatte ein. Woͤrterbuch darüber, und wenn's windſtill Wetter war, pflegte er unter ſeinen Pferden oder ſeinem Rindvieh umherzugehen und ſtundenweiſe ſich mit ihnen zu unterhalten. Er machte Figuren zu der Sprache und lehrte ſie uns jungen Leuten, die ſich den Zufaͤl⸗ ligkeiten der See ausſetzen wollten. Na, ich will einmal meine Geſchicklichkeit an dieſem Beduinen verſuchen, denn ich könnte nicht einſchlafen, wenn der ehrliche Schwarze meinen ſollte, wir gedächten ein Frühſtück aus ihm zu machen.“ Der Kapitän begann ſodann ſeine eigenen Erläuterungen in der Sprache der Natur. Auch er ſchilderte den Hergang des Ko⸗ chens und Verzehrens an dem Gefangenen— denn er hielt dieſe Vorrede für unerläßlich; dann aber gab er, um ſein Entſetzen vor einer ſolchen Handlung anzudeuten, eine ſehr gute mimiſche Dar⸗ ſtellung des Proceſſes, den er oft unter ſeinen ſeekranken Paſſa⸗ gieren mitangeſehen hatte, indem er dadurch zeigen wollte, wie ſehr ihm der Kanibalismus im Allgemeinen und das Verzehren des Beduinen im Beſonderen zum Ekel ſey. Hierüber gerieth jedoch der Gefangene in die größte Unruhe und begann als Erläuterung zu der Beredſamkeit des Kapitäns in ſeiner eigenen Sprache auf's Kläglichſte zu winſeln, ſo daß über die Bedeutung ſeines Geſtöhns kein Irrthum obwalten konnte. Die Wahrheit zu geſtehen, Mr. Truck war über dieſes Fehlſchlagen ſehr ärgerlich, obſchon er, wie alle Perſonen in gleicher Lage, die Schuld lieber allem Anderen, als ſich ſelbſt zuſchrieb. „Ich fange an, zu glauben, Mr. Leach,“ ſagte er,„daß dieſer Kerl zu dumm iſt für einen Spionen oder Kundſchafter. Am Ende haben wir nichts weiter, als einen blödſinnigen Tropf gefangen, der ſich von ſeinem Stamme verirrte, weil er nicht Verſtand genug beſaß, in der Wuͤſte den Weg zu finden. Ein Menſch mit nur einem Ouentchen Hirn hätte mich begreifen müſſen, und doch ſeht Ihr aus ſeinen Lamentationen und ſeinem Gewinſel, daß er von Allem, was ich ſagte, eben ſo wenig verſtanden hat, als ſtünde er unter einem ganz anderen Breitengrade. Der Burſche mißkennt meinen Character ganz und gar, denn wenn ich auch wirklich je gedächte, mich ſelbſt zum Vieh herabzuwürdigen und meine eigenen Species aufzuzehren, ſo könnte doch Niemand, der die menſchliche Natur auch nur im mindeſten kennt, auf den Gedanken kommen, daß ich mit einem Schwarzen den Anfang machen werde⸗ Was haltet Ihr von dem Irrthum des Mannes, Mr. Leach?“ „Ich bin ganz einfach der Anſicht, Sir, daß er meint, Ihr gedenket ihn zu braten und dann ſo viel von ſeinen Rippchen zu verſpeiſen, daß Ihr wieder einem Mariner gleich auswerfen müßt — zwei Stunden in einem fort. Und wenn ich die Wahrheit ſagen ſoll, ſo glaube ich, daß die meiſten Leute aus Euren Zeichen die nämliche Folgerung gezogen haben würden; denn ſie waren ſo un⸗ verkennbar kanibaliſch, als nur irgend etwas der Art, was mir je zu Geſicht gekommen iſt.“ 4. „Und was zum Teufel konnte er aus den Eurigen machen, Meiſter Kochbuch?“ rief der Kapitän mit einiger Hitze.„Glaubte er vielleicht, Ihr gedenket Cuer Fleiſch mit vierzehntägigem Faſten zu kaſteien? Nein, nein, Sir; Ihr ſeyd zwar ein ganz achtbarer erſter Offtzier, aber mit Joë Bunts Grundſätzen der Zeichenſprache ebenſo wenig bekannt, als unſer Zeitungsſchreiber hier etwas von Wahrheit und Anſtand weiß. Nur Eure fehlerhafte Art von Selbſt⸗ geſpräch iſt's, was den armen Tropf auf einen unrechten Gang ge⸗ bracht hat. Eure Idee hat ſo ſeſt in ihm gewurzelt, daß er ſie auch auf meine Mittheilung übertrug und ſich dadurch in eine Ca⸗ tegorie hineinbrachte, die ihm, ſo lang ſeine Angſt anhäͤlt, kein Buch aus dem Kopf jagen könnte. Bei keinem ‚ſcheuen Thiere“ darf man mit Logik kommen, ſagte der alte Jos Bunk. Hört mich an, Leach; ich habe gute Luſt, dieſen Spitzbuben trifftig zu ſchicken und ſein Gewehr ſammt dem Meſſer zum Beſten der Sieger als Priſe zu verurtheilen. Ich glaube, ich könnte beſſer ſchlafen, wenn ich wüßte, daß er durch die Wüſte dahintrabte und der Angſt über⸗ hoben wäre, morgen aufgezehrt zu werden.“ „Es nützt nichts, ihn zurückzuhalten, Sir, denn ſein Kamerad, der ſich auf dem Dromedar aus dem Staube gemacht hat, ſegelt hundert Fuß weit, wäͤhrend dieſer einen, und wenn unter ſeiner Partie Lärm gemacht wird, ſo geht es gewiß nicht von dieſem Burſchen aus. Er wird unbewaffnet ſein, und wenn wir ihm ſeinen Pulver⸗ und Kugelbeutel nehmen, kriegen wir auch einige Munition für ſein Gewehr, welches doch immerhin eine Kugel ſo weit werfen wird, wie die Taſchenpiſtole der Königin Anna. Ich für meinen Theil, Sir, bin der Anſicht, es nütze nicht viel, ihn zurückzuhalten, denn ich glaube nicht, daß er uns verſtehen lernen würde, ſelbſt wenn er einen Monat hier bliebe und die ganze Zeit über in die Schule ginge.“ „Ihr habt vollkommen Recht, und ſo lange er unter uns iſt, werden wir ſtets unangenehmen Mißverſtändniſſen ausgeſetzt ſeyn. Löst daher ſeine Bindſel, ſchickt ihn trifftig und möge ihn der Teufel holen.“ „Der Mate, der mittlerweile ſchläfrig geworden war, entſprach der Aufforderung, und im Nu war der Beduine in Freiheit. An⸗ fangs wußte der arme Tropf nicht, was er mit derſelben machen ſollte; aber ein kräftiger Wink a posteriori, durch den Fuß des Kapitän Truck angebracht, deſſen Humanität von etwas roher See⸗ natur war— ſetzte ihn bald nach der Kajütentreppe hin in Bewe⸗ gung. Als die beiden Offiziere das Deck erreichten, ſprang ihr Gefangener ſchon das Gerüſte hinunter, und in der nächſten Mi⸗ nute ſahen ſie die unbeſtimmten Umriſſe ſeiner behenden Geſtalt am Ufer hinanklettern. Sobald er die Höhe erreicht hatte, eilte er einwärts in die Wüſte und verſchwand vor den Blicken der Nach⸗ ſchauenden. Die Heimkehr⸗ 21 322 Nur Menſchen, deren Gefühle durch lange Vertrautheit mit der Gefahr abgehärtet waren, konnten ſich unter den Umſtänden, in welchen ſich unſere beiden Seeleute befanden, dem Schlafe hin⸗ geben. Beide waren übrigens zu ruhig und zu ſehr daran gewöhnt, ſich bei einem plötzlichen Lärm wieder aufzuraffen, um die koſtbaren Augenblicke in weibiſchen Beſorgniſſen zu vergeuden; denn ſie wußten, daß ſie am Morgen aller ihrer phyſiſchen Kraft bedürfen würden, mochten nun Feinde anlangen oder nicht. Sie muſterten daher die Auslugwache, trugen derſelben auf, der Ablöſungsmannſchaft die größte Sorgfalt zu empfehlen, und dann ſtreckte ſich Mr. Truck auf dem Lager des armen Dänenkapitäns, der jetzt ein Gefangener in der Wüſte war, aus, während Mr. Leach in die Jolle ſtieg und nach dem Langboot hinüberruderte. Sie hatten das Haupt noch nicht fünf Minuten auf die aus dem Stegreif angefertigten Pfühle niedergelegt, als beide ſchon in tiefen Schlaf verſunken waren. Neunzehntes Kapitel. Ja, wenn er Licht hat, macht er's gut genug; Ich auch. Er thut's mit größ'rer Anmuth zwar, Doch ich natürlicher. 1 Dreikönigsabend. Ver Schlummer des Müden iſt ſüß. Von dem ganzen Häuflein, das jetzt am Rande der großen Wüſte im Schlaf begraben lag und jedem Augenblick einen Angriff von Seiten der raubgierigen, grau⸗ ſamen Eingeborenen ausgeſetzt war, dachte nur ein Einziger an die Gefahr, obgleich dieſer in Wahrheit ſo wenig blosgeſtellt war, daß ſie für ihn weit weniger Bedeutung hatte, als für die meiſten Andern; aber freilich beſaß er eine Phantaſie, die ihn weit öfter auf Abwege brachte, als ſie ihn nützlichen oder edeln Zwecken zuführte. Die Perſon, welche ich meine, befand ſich in einem der Boote, und da ſte in ziemlicher Entfernung von dem Lande lagen, deßgleichen auch 323 die Berber wahrſcheinlich ein Fahrzeug, ſelbſt wenn ſie es be⸗ ſaßen, nicht zu handhaben gewußt hätten, ſo war er natürlich gegen Alles geſchützt, wenn nicht etwa eine Kugel aus ihren langen Musketen nach ihm hinüberflog. Aber ſelbſt dieſe ferne Gefahr reichte zu, ihn wach zu halten; denn es ſind gar verſchiedene Dinge, Groll zu nähren, Klatſchereien auszutragen, ſchnurrige Zeitungs⸗ artikel zu ſchreiben, und von Volksrechten zu deklamiren, oder dem Feuer einer Gewehrſalve zu ſtehen. Für die erſteren Thätigkeiten hatten Natur, Herkommen, Erziehung und Gewohnheit Mr. Dodge vorzüglich paſſend gemacht, während er für das Letztere auch nicht den geringſten Beruf in ſich fühlte. Obgleich Mr. Leach, als er an Bord der Boote ſeine Ausluger beſtellte, den Herausgeber des Active Inquirer ganz überſehen hatte, befand ſich doch während jener ganzen Nacht keine activere Wache in den Fahrzeugen, als eben dieſer Gentleman, der die ſchlaftrunkenen Matroſen wohl zwanzig Mal durch einen blinden Lärm geweckt haben würde, wenn ihn nicht die ruhige Gelaſſenheit der phlegmatiſchen Männer, denen der Dienſt eigentlich übertragen war, daran gehindert hätte. Dieſe wackeren Leute wußten zu gut das Köſtliche des Schlafes zu wür⸗ digen, um die Ruhe ihrer Kameraden ohne Grund durch die angſt⸗ vollen Beſorgniſſe eines Menſchen ſtöoͤren zu laſſen, der einen ewigen Sporn zur Furcht in dem Bewußtſeyn der eigenen Verdienſtloſigkeit in ſich trug. Die Nacht entſchwand daher ohne Beunruhigung, und die Ordnung einer regelmäßigen Wache wurde nicht unterbrochen, bis der Ausluger im Wrack, dem erhaltenen Befehle gemäß, Ka⸗ pitän Truck und ſeinen Maten weckte. Es war jetzt genau der Augenblick, in welchem die erſten, ſo zu ſagen flüchtigen Sonnenſtrahlen in die Atmoſphäre glitten und — um uns eines wunderlichen Ausdrucks zu bedienen,„die Dun⸗ kelheit derſelben verdünnten.“ Man konnte nicht länger bei dem Licht der Sterne oder des Mondes ſehen, obgleich die einen wie der an⸗ dere noch am Himmel ſtanden; aber die Gegenſtände, obſchon noch 324 unbeſtimmt und ſchattenhaft, hatten ihre wahren Umriſſe, während jeder Moment ihre Oberflächen deutlicher erſcheinen ließ. Als ſich Kapitän Truck auf dem Deck zeigte, warf er den er⸗ ſten Blick nach dem Meere hin; denn eine ernſtliche Störung der Ruhe deſſelben wäre ein Todesſtoß für alle ſeine Hoffnungen ge⸗ weſen. Zum Glücke war in dieſer Hinſicht kein Wechſel eingetreten. „Die Winde ſcheinen ſich in der letzten Bö ganz außer Athem geblaſen zu haben, Mr. Leach,“ ſagte er,„und wir werden wahr⸗ ſcheinlich die Spieren ſo ruhig herumkriegen, als wären es Säg⸗ blöcke, die in einem Mühlteiche ſchwimmen. Sogar die Grund⸗ ſchwellung hat nachgelaſſen, und die Brecher an der Barre gleichen — dem Plätſchern in einem Waſchzuber. Laßt die Leute heraufkom⸗ men, Sir, damit wir vor dem Frühſtück noch einen Zug an dieſen Stangen thun können; wir moͤchten ſonſt noch einen Beduinen zu braten kriegen.“. Mr. Leach rief die Boote an und ertheilte den Arbeitern den Befehl, ans Land zu kommen; dann klopfte er wie gewöhnlich auf das Deck und rief„alle Hände“ in das Schiff. Nach einer Minute kamen die Leute gähnend und die Arme reckend zum Vor⸗ ſchein; denn nicht einer von ihnen hatte ſeine Kleider abgelegt, und die meiſten machten nach rechts und links ihre Seemanns⸗ witze mit ſo viel Gleichgiltigkeit, als lägen ſie ruhig in dem Hafen ihrer Beſtimmung. Nachdem acht oder zehn Minuten aufs„Recken“ und„Lüften“— wie ſich Mr. Leach ausdrückte— verwendet wor⸗ den waren, mußte wieder die ganze Mannſchaft— mit Ausnahme zweier Matroſen in der Lanſche und des Mr. Dodge— auf dem Deck des Dänen antreten. Der Zeitungsſchreiber hatte das Amt der Schildwache über die Jolle auf ſich genommen, die wie gewöhnlich an den Klippen lag, um nach Bedarf Gegenſtände fortzuſchaffen. „Schickt einen Matroſen in das Fockmars hinauf, Mr. Leach,“ ſagte der Kapitän, der wie ein Windhund den Mund auſſperrte; „aber einen Kerl mit ſcharfen Augen, keinen von den Kunden, die 325 das wolkige Wetter im Kalender mit den Naſen ſuchen. Er ſoll gut nach der Wüſte hinauslugen, um zu ſehen, ob ſich keine Be⸗ duinen blicken laſſen.“ Obgleich das untere Tackelwerk abgeräumt worden war und wohlbehalten in der Lanſche lag, hing doch noch an jedem Maſte eine Gurtleine, oder„Guntleine“, wie Kapitän Truck ſich in dem ächten Doriſch ſeiner Profeſſion ausdrückte, ſo daß in möoglichſter Schnelligkeit ein Mann in die Höhe geholt werden konnte. Da es noch zu dunkel war, um mit Beſtimmtheit weithin ſehen zu kön⸗ nen, ſo rief ihm der Kapitän zu, er ſolle an Ort und Stelle blei⸗ ben, bis ihm Befehl zum Herunterkommen ertheilt werde, und von ſeinem Poſten aus ſcharfen Lugaus halten. „Wir hatten heute Nacht einen Beſuch von einem verhungert ausſehenden Spitzbuben,“ fügte er bei,„und er müßte ein groͤßerer Einfaltspinſel ſeyn, als er mir ſchien, wenn er nicht eheſtens nach dem Ochſenfleiſch und den Stockfiſchen im Wrack zurückkäme. Alſo tüchtig aufgepaßt!“ Die Männer waren zwar an die Weiſe ihres Commandeurs gewöhnt, ſahen ſich aber doch jetzt ernſter an und warfen einen Blick auf ihre Waffen; auch übte dieſe Nachricht vollkommen die beabſichtigte Wirkung, denn ſie bewog die Matroſen, mit mehr als verdoppeltem Eifer an ihre Arbeit zu gehen. „Statt an ihrem Taback ſollen die Jungen an dieſem kauen,“ bemerkte der Kapitän gegen Mr. Leach, während er in der Schiffs⸗ küche nach einer guten Kohle ſpähete, um ſeine Cigarre damit an⸗ zuzünden.„Ich ſtehe dafür, die Scheerböcke kommen um dieſer Kunde willen nicht langſamer herauf, ſo verzweifelte Philoſophen auch unter meiner Gentry ſtecken mögen.“ Dieſe Vorausſage traf richtig ein, denn ſtatt noch lange auf dem Deck herum zu gähnen und ſich zu ſtrecken, wie es noch eine Minute zuvor der Fall geweſen war, begannen die Matroſen jetzt ihre Arbeit allen Ernſtes, riefen ſich gegenſeitig nach den Fallen 326 und Spillenſtangen, oder ermunterten einander, unten an die Scheerboöcke zu treten. „Drauf los!“ rief der Mate lächelnd, als er ſah, wie raſch der Wink des Kapitän Wirkung gethan hatte.„Trillt aus Leibeskräf⸗ ten, ihr Leute, und laßt uns dieſe Beine auf's Ende ſetzen, damit ſie marſchiren können.“ Dem Befehle wurde buchſtäblich Folge geleiſtet, und der Tag war eigentlich noch nicht recht angebrochen, als die Scheerböcke ſich bereits feſt an ihren Plätzen befanden. Maänniglich entwickelte ſeine volle Thätigkeit, und da die Arbeit durch Leute geleitet wurde, de⸗ ren Einſicht nie fehlgriff, ſo würde ſich ein Landbewohner wohl ſehr über die Behendigkeit gewundert haben, mit welcher die Mannſchaft zunächſt den ſchweren Hauptmaſt aushob und ihn ſammt Top, Mars und Allem ſo weit in die Luft hinaufzog, daß er über die Seite niedergelaſſen werden konnte. Das letztere Ge⸗ ſchäft war eigentlich nur noch eine Spielerei, und der maſſenhafte Baum lag bald ſeiner ganzen Länge nach auf dem Sande. Ka⸗ pitän Truck erkannte wohl die große Bedeutſamkeit dieſer Spiere, da er mit ihr und mit den Theile des Fockmaſtes, der noch auf dem Paketſchiff ſtand, allein ſchon ſeine Reiſe vollenden konnte, während er ohne ſie nicht im Stande war, irgend etwas aufzu⸗ tackeln, was auf dem Hinterſchiffe weſentlichen Nutzen geleiſtet hätte. Er rief daher ſeinen Leuten, als er auf das Gerüſte ſprang, zu, ſte ſollten ihm folgen und noch vor dem Frühſtück den Maſt ins Waſſer laſſen. „Wir wollen uns zuerſt dieſes Kerls verſichern, ihr Leute,“ fügte er bei,„denn er iſt unſere Hauptſtütze. Haben wir dieſen Stecken hübſch in unſerm Floß, ſo können wir noch eine Fahrt machen; aber Niemand darf an ſeine Zähne denken, bis wir ihn außer Gefahr wiſſen. Wir müſſen die Spiere haben, und wenn wir uns genöthigt ſehen ſollten, mit dem Kaiſer von Marocco darum Krieg zu führen.“ 327 Die Matroſen wußten, wie nöthig es war, daß ſie ſich an⸗ ſtrengten, und arbeiteten demgemäß. Das Mars wurde abgeſchla⸗ gen und nach dem Waſſer hinuntergebracht, dann aber die Spiere rund gehauen und nachgerollt— ein Geſchäft, das nicht ohne viele Mühe von Statten ging, da man die Langſahlingen an dem Maſte gelaſſen hatte; indeß begünſtigte doch die geneigte Fläche des Sand⸗ ufers die Arbeit. Am Waſſerrande angelangt, wurde der vordere Theil mittelſt Handſpacken flott oder doch ſo weit zum Schwimmen gebracht, daß es nur noch geringer Kraft bedurfte, den ganzen Stamm weiter zu bewegen. Nun ſchlang man von den Booten aus eine Leine ans äußere Ende und befeſtigte das Mars an der Seite der Spiere. „Jetzt ſetzt eure Handſpacken an, Jungen, und hebt drauf los!“ rief der Kapitän.„Lüpft alle miteinander und haltet den Baum ge⸗ rade— lüpft— ſo, der vordere Theil ſchwimmt!— Holt an, holt an ihr in dem Boote!— lüpft Alle zumal, als ob ihr Rie⸗ ſen wäret!— Ah, drei Fuß gewonnen durch dieſen Ruck, meine Schatzkinder— gebt's ihm noch einmal, Gentlemen, denn dies ſeyd ihr— und rückt insgeſammt nach, wie Mädchen in einem Cot⸗ tillion— vorwärts damit!— Was Teufels machſt du im Fock⸗ mars da für große Augen? Haſt du nichts Beſſeres zu thun, als Dich damit zu unterhalten, daß Du uns zuſtehſt, wie wir uns die Gedärme aus dem Leibe lüpfen?“ Das angelegentliche Intereſſe fuͤr die Sicherung dieſer Spiere hatte ſich auch auf den Wächter im Mars ausgedehnt, ſo daß er, ſtatt befohlenermaßen die Wüſte zu beobachten, nach den Arbeitern am Geſtade niederſchaute und ſeine Theilnahme an ihren Anſtren⸗ gungen durch Vorbeugung ſeines Koöͤrpers verrieth, als müſſe er gemeinſchaftlich mit ſeinen Kameraden lüpfen. Durch dieſe ſcharfe Zurechtweiſung an ſeine Nachläſſigkeit erinnert, wandte er ſich hur⸗ tig wieder der Wüſte zu; aber ſchon im naͤchſten Augenblicke gab er das furchtbare Lärmſignal: 328 „Die Beduinen!“ Sämmtliche Arbeiter ließen nun von ihrem Geſchäfte ab und wollten in Maſſe nach ihren Waffen eilen; aber Kapitän Trucks Ruhe hinderte ſie daran. „In welcher Gegend?“ fragte er ernſt. „Auf dem fernſten Sandhügel— vielleicht drei Viertelſtunden im Binnenland.“ „Wodrauf ſteuern ſie los?“ „Gerade auf uns herunter, Sir.“ „Wie reiſen ſie?“ „Sie haben Kameele und Pferde; Alle ſind beritten, Sir.“ „Wie ſtark ihre Anzahl?“ Der Ausluger hielt inne, als ob er zählen wolle, und rief ſodann: „'s iſt ein ſtarker Haufen, Sir— wohl ihrer Hundert, glaube ich. Sie haben aufgebracht, Sir, und ſcheinen nach einem Anker⸗ grunde umherzuſondiren.“ Kapitän Truck zögerte und blickte gedankenvoll nach dem Maſte hin. „Jungen!“ ſagte er, indem er mit Nachdruck ſeine Hand über den maſſigen Baum ſchüttelte,„dieſe Spiere iſt uns von größerer Wichtigkeit, als uns die Milch der Mutter in unſern Säuglings⸗ tagen war. Sie iſt für uns Eſſen und Trinken, Leben und Hoff⸗ nung. Laßt uns ſchwören, daß wir ſie mitnehmen wollen, und wenn tauſend Beduinen gegen uns anrückten. Nehmt eure Handſpacken wieder auf und lüpft auf das Signal— hebt, als ob ihr eine Welt zu bewegen hättet— lüpft, Männer, lüpft!“ Die Matroſen gehorchten, und der Maſt ſchob ſich um mehr als die Hälfte der erforderlichen Weite in's Waſſer. Aber jetzt rief der Ausluger, daß die Beduinen ſich raſch dem Schiffe näherten. „Noch eine Gewaltanſtrengung, Männer,“ ſagte Kapitän Truck, glutroth vor Eifer, indem er zugleich ſeinen Hut auf den Boden warf, um in Perſon ein Beiſpiel zu geben.—„Lüpft!“ 2 ——»v*x t 329 Die Matroſen hoben, und die Spiere ſchwamm. „Jetzt zu den Waffen, Jungen, und Du da droben im Mars, halte Dich hinter der Maſtſpitze verſteckt. Wir müſſen uns bereit halten, um dieſer ſauberen Sippſchaft zu zeigen, daß wir uns nicht vor ihr fürchten.“ Ein Zeichen mit der Hand bedeutete den Männern in der Lan⸗ ſche, anzuholen und die hochwichtige Spiere ſchwamm langſam über die Barre nach dem Floße hin. Die Matroſen eilten nun nach dem Schiffe hinauf— ein Po⸗ ſten, von dem aus Kapitän Truck ſich gegen einen ganzen Stamm halten zu können meinte, während Mr. Dodge, ſo gut er es im Stande war, unaufhörlich die Jolle weiter ruderte, um die Lanſche zu erreichen. Alle Vorſtellungen waren vergeblich, denn er hatte bereits die Barre erreicht, noch ehe ſein Manöver bemerkt wurde. Sir George Tem⸗ plemore und Mr. Monday riefen ihm zwar laute Verwünſchungen nach, weil er die am Lande Befindlichen auf ſo ſchändliche Weiſe im Stich laſſe, aber vergeblich. Zum Unglück für den Erfolg ſtand Mr. Dodge's Geſchicklichkeit nicht ganz im Verhältniß zu ſeinem Eifer; als er daher bei der Barre anlangte und daſelbſt finden mußte, daß er außer Stande war, den Bootsſchnabel ſeewärts zu richten oder das Fahrzeug nur überhaupt zu handhaben, ſo ſprang er geradenwegs in's Waſſer und ſchwamm aus Leibeskräften auf die Lanſche zu. In dieſer körperlichen Uebung beſaß er Gewandtheit genug, ſo daß er wohlbehalten ſeinen Zielpunkt erreichte; aber im Herzen verfluchte er alles Reiſen, die Wüſte, die Beduinen, das Menſchengeſchlecht im Allgemeinen, und gab keinem andern Wunſche Raum, als wieder ruhig unter ſeinem geliebten Volke in Dodge⸗ opolis zu ſitzen. Das Boot trieb natürlich wieder auf den Sand zurück, und zwei von der Mannſchaft des Montauk nahmen es in ihre Obhut. Sobald Kapitän Truck auf dem Deck des Dänen angelangt war, wurden die Waffen ausgetheilt. Man ſah wohl, daß er nicht 330 beabſichtigte, den Krieg zu beginnen, da er im eigentlichen Sinne nichts dabei gewinnen konnte; aber obſchon er nicht viele Worte machte, war er doch feſt entſchloſſen, ſich nicht lebendig greifen zu laſſen, ſo lang noch eine Möglichkeit vorhanden war ein derartiges Unglück abzuwenden. Der Mann auf dem Marſe gab beſtändige Nachricht von den Bewegungen der Beduinen und kündigte bald an, daß ſie auf Piſtolenſchußweite von dem Ufer Halt gemacht hätten, wo ſie ihre Kameele zuſammenkoppelten; auch berichtete er, daß er in ſeiner urſprünglichen Schätzung ihrer Streitkraft der Wahrheit ziemlich nahe gekommen ſey. Indeß war Kapitän Truck nichts weniger als mit ſeiner Lage zufrieden. Das Ufer war höher, als das Deck des Schiffes, und ſo nahe an demſelben, daß die Bollwerke des Dänen nicht viel Schutz bieten konnten, ſelbſt wenn ſie die erforderliche Dicke beſäſſen häͤtten, was übrigens nicht der Fall war. Ferner lag das Schiff ein we⸗ nig auf die Seite geneigt und mit dem Buge dem Lande zugekehrt, ſo daß es gut durch eine Salve beſtrichen werden konnte; ein kluger Feind war daher, wenn er ſich durch das Ufer deckte, im Stande, ohne viele Bloßſtellung für ſich ſelbſt einen ſeiner Gegner nach dem andern niederſchießen. Das Wagniß eines Ausfalles nach der Ebene war zu groß, denn wenn auch die Felſen gegen das Land hin einen leidlichen Schutz boten, ſo waren unſre Abenteurer doch auf der Schiffsſeite durchaus nicht gedeckt. Die Streitmacht zn theilen, durfte man nicht wagen, und wenn Mr. Truck das Schiff aufgab, ſo konnten die Beduinen ſich deſſelben bemächtigen und auch die andere Stellung beherrſchen, abgeſehen davon, daß er den Reſt der Vorräthe, welche er ſich zu ſichern wünſchte, verlor. In gefährlichen Lagen kommt der Menſch ſchnell auf einen Gedanken, und obgleich der Kapitän ſich nie in ähnlichen Verhält⸗ niſſen befunden hatte, machten ihn doch ſein praktiſcher Sinn und ſeine große Ruhe zu einem unſchätzbaren Befehlshaber für diejeni⸗ gen, welche unter ſeinem Commando ſtanden. 331 „Ich weiß nicht, Gentlemen,“ ſagte er, ſich an die Paſſagiere und Maten wendend,„ob Vattel irgend eine Regel aufgeſtellt hat, welche man in dieſem Falle zum Leitfaden nehmen könnte. Die Beduinen ſind ohne Zweifel in einem Sinne die geſetzmäßigen Eigenthümer des Landes; aber es iſt eine Wüſte— und eine Wüſte iſt, gleich der See, Gemeingut für Alle, welche ſich zur Zeit in derſelben befinden. In Afrika gibt es keine Strandrichter und wahr⸗ ſcheinlich auch in Betreff der Wracke kein anderes Geſetz, als das Recht des Stärkeren. Außerdem ſind wir durch ſchlechtes Wetter hieher getrieben worden, und dies iſt eine Categorie, über welche ſich Vattel ſehr umſtändlich ausſpricht. Wir haben ein Recht an die Gaſtfreundſchaft dieſer Beduinen, und wenn ſie uns daſſelbe nicht einräumen wollen— Gott verdamme mich, Gentlemen, ſo habe ich gute Luſt, ſo viel davon zu nehmen, als ich für nöthig finden werde. Mr. Monday, ich moͤchte Eure Anſicht über den Gegenſtand hören.“. „Ich ſetze das größte Vertrauen in Euer Wiſſen, Kapitän Truck,“ entgegnete Mr. Monday,„und laſſe mich für den Frieden eben ſo gut bereit finden, wie für den Krieg, obgleich mein Beruf in den Bereich des erſteren fällt. Ich würde, wenn es angeht, mit dem Verſuch einer Unterhandlung beginnen, Sir, und in dieſem Falle möchte ich mir die Erlaubniß erbitten, eine Anſicht auszu⸗ drücken; dann aber wäre ich ohne Umſtände für den Krieg.“ „Ich bin ganz Eurer Meinung, Sir; aber in welcher Weiſe ſollen wir mit einem Volk unterhandeln, welches kein Wort von dem verſteht, was wir ſagen? Freilich, wenn ſie in der Zeichen⸗ ſprache bewandert wären, ſo ließe ſich vielleicht etwas mit ihnen aus⸗ richten; aber ich habe Grund zur Annahme, daß ſie in allen der⸗ artigen Dingen dummer ſind, als die Säuglinge. Wir würden uns ſchon durch das erſte Protokoll, wie's die Schreiber nennen, in eine Categorie bringen.“ Nun meinte Mr. Monday, es gebe eine Sprache, die Jeder⸗ 33²2 mann verſtehen koͤnne, und er verrieth große Luſt, von ihr Vortheil zu ziehen. Beim Durchſtören des Wrack hatte er nämlich außer einer Tonne Holländer auch ein Faß gewöhnlichen Branntweins aufgefunden, und er drückte jetzt ſeine Anſicht dahin aus, wenn man den Bedunnen derartiges Getränk anböte, ſo könnte man we⸗ nigſtens die Wirkung erzielen, ſie in gute Laune zu verſetzen. „Ich habe Leute gekannt, die, wenn man trocken mit ihnen verhandelte, in Geſchäftsſachen ſo ſtörriſch waren, wie Mauleſel, aber bei einer Flaſche ganz vernünftig und geſchmeidig wurden,“ ſagte er, nachdem er angedeutet hatte, wo der Branntwein zu fin⸗ den ſey.„Ich glaube daher, im Falle wir den Beduinen ein ſolches Anbieten machen, ſo werden wir ſie bald in geeigneterer Stimmung finden, wenn ſie das Gut nur erſt eine Weile in Beſitz haben. Sollte ſich's nicht ſo herausſtellen, ſo geſtehe ich für meine Perſon, daß ich weit weniger Widerwillen fühlen würde, auf ſie Feuer zu geben.“ „Ich habe irgendwo gehört, daß die Muſelmänner nie trinken,“ bemerkte Sir George,„und in dieſem Falle haben wir zu gewär⸗ tigen, daß unſer Anerbieten mit Verachtung zurückgewieſen werde. Dann findet auch noch eine weitere Schwierigkeit in Betreff der erſten Beſitznahme ſtatt; denn wenn dieſe Leute dieſelben find, welche ſchon früher hier waren, ſo werden ſie's uns nicht ſonderlich Dank wiſſen, wenn wir ihnen einen kleinen Theil von dem geben, was ſte ganz anſprechen zu dürfen glauben. Wollte mir zum Beiſpiel Jemand meine Patentpiſtolen anbieten und dies als einen Grund geltend machen, daß er meine Patentraſirmeſſer, mein oſtindiſches Toilettenetuis oder meine anderen Seltenheiten mitnehmen dürfe, ſo geſtehe ich, daß ich mich ihm nicht ſonderlich dafür verbunden fühlen würde.“. „Trefflich auseinandergeſetzt, Sir George, und ich würde ganz Eure Anſicht theilen, wenn ich nicht glaubte, daß dieſe Beduinen wirklich durch ein Bischen Trinken milder geſtimmt werden könnten. Hätte ich nur einen paſſenden Geſandten, den man mit dem Aner⸗ 33³ bieten an ſie ſchicken könnte, ſo würde ich ohne Weiteres zu dem Plane meine Zuflucht nehmen.“ Nach kurzem Zögern erbot ſich Mr. Monday, wenn er einen Begleiter finde, den Beduinen den Vorſchlag zu überbringen; denn er beſaß genug Verſtand, um zu begreifen, daß er ſich nicht ſehr vor dem Ergriffenwerden zu fürchten brauchte, ſo lange es galt, einen ſo ſtarken bewaffneten Haufen zu überwinden; auch war er muthig genug, das Wagniß zu beſtehen. Er verlangte nur einen Begleiter, und Kapitän Truck war ſo erſtaunt über die Beherztheit des Freiwilligen, daß er ſich vornahm, ſelbſt mit ihm zu gehen. Hiergegen erhoben jedoch die beiden Maten ſowohl, als die ganze übrige Mannſchaft kräftige aber achtungsvolle Einſprache; denn ſie fühlten die Wichtigkeit ihres Befehlshabers zu ſehr, um in eine derartige Bloßſtellung willigen zu koͤnnen, da nicht einmal dem Maten geſtattet werden konnte, ohne zureichende Beweggründe an einem ſo bedenklichen Verſuche Theil zu nehmen. Sie konnten fechten wenn ſie wollten, ſollten aber nicht unbewaffnet und wehr⸗ los dem Löwen in den Rachen laufen. „Es iſt gerade von keinem Belang,“ ſagte Mr. Monday. „Zwar wäre es mir lieb geweſen, wenn ich einen Gentleman hätte zum Begleiter haben können; aber ich denke, keiner von dieſen braven Burſchen wird eine Einwendung dagegen erheben, über der Flaſche ein Stündchen in der Geſellſchaft eines Beduinen⸗Scheiks zuzubringen. Was ſagt ihr, meine Jungen— will ſich einer von euch freiwillig mir anſchließen?“ „Ich, ich, Sir!“ riefen Dutzend Stimmen in einem Athem. „Nein, dies geht nicht,“ legte ſich der Kapitän ins Mittel. „Ich brauche meine Leute, denn mein Herz hängt noch immer an dieſen beiden noch ſtehenden Stangen, und wir haben die See von vorn, dazu noch mit einer ſteifer Briſe zu kämpfen, bis wir wieder nach dem Montauk zurückkommen. Ha, beim Görge, da fällt mir etwas ein! Was haltet Ihr von Mr. Dodge's Begleitung, Mr. 334 Monday? Er iſt an Committees gewöhnt, und der Dienſt wird ihm wohl gefallen; auch bedarf er wahrſcheinlich nach der Tunke, die er erlitten hat, einer kleinen Stimulanz. Mr. Leach, nehmt ein paar Mann, fahrt in der Jolle ab und bringt Mr. Dodge ans Land. Meldet ihm mein Compliment und ſagt ihm, er ſey ein⸗ ſtimmig zu einem höͤchſt ehrenvollen, einträglichen— ja und zu einem populären Auftrage gewählt worden.“ Da dies ein Befehl war, ſo erhob der Mate kein Bedenken ihn ſogleich in Vollzug zu ſetzen. Er ſaß bald in der Jolle und ruderte nach der Lanſche hin. Kapitän Truck rief mittlerweile den Ausluger an und fragte, was die Beduinen trieben. Die Ant⸗ wort lautete befriedigend— ſie ſeyen noch immer mit ihren Ka⸗ meelen und mit dem Aufſchlagen ihrer Zelte beſchäftigt. Dies deu⸗ tete nicht eben auf unmittelbaren Krieg hin. Mr. Truck befahl daher dem Mann auf dem Marſe, augenblicklich von ihrer Annä⸗ herung Nachricht zu geben, und meinte ſodann, die Zeit werde immerhin noch ausreichen, um die Scheerböcke fortzurücken und den Beſahnmaſt auszuziehen. Das Geſchäft wurde demgemäß ohne weitere Zögerung wieder aufgenommen. Da jeder arbeitete, als gälte es ſein Leben, ſo hing dieſe leichte Spiere nach einer Viertelſtunde in den Fallen. Nach wei⸗ teren zehn Minuten hatte man die Hielung über die Bollwerke ge⸗ hoben, und der Maſt glitt faſt zu gleicher Zeit auf den Sand nie⸗ der. Zum Abſchlagen des Marſes und zum Hinunterrollen der Spiere nach dem Waſſer brauchte man wieder einige Minuten, und dann wurde die Mannſchaft zum Frühſtück gerufen, weil die Schild⸗ wache oben meldete, daß die Beduinen in derſelben Weiſe beſchäf⸗ tigt ſeyen und ihre Kameele mölken. Dies war ein glücklicher Waffenſtillſtand und Jeder verzehrte ſein Mahl iu aller Ruhe, da er ſich der vollen Zuverſicht hingeben konnte, diejenigen, welche ihnen ſo großes Mißtrauen einflößten, ſeyen in derſelben friedlichen Weiſe beſchäͤftigt. „——,„ —+ u 88—&ᷣ ͤ— N RM 335 Indeß verloren weder die Araber, noch die Matroſen unnö⸗ thige Zeit mit ihrem Frühſtücke. Dem Berichte des Auslugers zu⸗ folge kamen und gingen erſtere in Abtheilungen von fünfzehn oder zwanzig Mann— Ankunft ſowohl als Abzug in öſtlicher Richtung. Hin und wieder ging oder kam auf einem flüchtigen Dromedar ein einzelner Eilbote, als fände ein Verkehr mit andern Haufen Statt, welche tiefer in der Wüſte lagen. Alle dieſe Nachrichten machten Kapitän Truck große Unruhe, und er hielt es allen Ernſtes für Zeit, entſchiedene Maßregeln einzuſchlagen, um die Sache zur Entſcheidung zu bringen. Da er jedoch jeden Aufſchub in ſeinem eigenen Intereſſe benützen konnte, ſo befahl er zuvörderſt ſeinen Leuten, die Scheerböcke nach dem Vorderſchiffe zu ſchaffen, weil er hoffte, auch noch den Fockmaſt herausnehmen zu können, der ihm ſehr zu Statten kommen mußte, weil ihm dadurch die Nothwendig⸗ keit erſpart blieb, für den, welcher noch im Paketſchiffe ſtand, eine neue Spitze anzufertigen. Dann machte er ſich mit ſeinen beiden Geſandten bei Seite, um ihnen die geeigneten Weiſungen zu ertheilen. Mr. Dodge war kaum wohlbehalten in der Lanſche angelangt, als er allen ſeinen Muth wieder aufleben fühlte— und mit dem Muthe kehrte auch ſein Scharffinn, ſeine Eigenliebe und ſeine Zu⸗ verſichtlichkeit zurück. So lang er im Waſſer ſchwamm, hatte es auf der ganzen Welt keinen degenmäßigeren Menſchen gegeben, und es waren ihm ſogar einige Bedenken über die Richtigkeit aller ſeiner Lieblingsanſichten von Freiheit und Gleichheit gekommen; denn im Augenblicke der Gefahr denkt der Menſch ſchnell, und der Moment war gerade von der Art, daß man ihn leicht zu der Ein⸗ räumung hätte bewegen können, er ſey in allen ſeinen gewöͤhnlichen Praktiken ein gemeiner Demagoge und Heuchler— ein Menſch, der keine andere Triebfeder kannte, als ſein Ich— deſſen einge⸗ wurzelte Leidenſchaften in Neid, Mißtrauen und Bosheit beſtanden — oder mit andern Worten, daß er ganz das Geſchöpf ſey, wel⸗ 336 ches er wirklich war. Zunächſt kam nun die Scham, und er ſuchte begierig nach Ausflüchten, um den Mangel an Muth zu bemän⸗ teln, den er an den Tag gelegt hatte. Wir wollen die Rede, die er in der Lanſche hielt, und die Mittel übergehen, durch welche es Mr. Leach gelang, ihn wieder nach dem Lande zu bringen, indem wir uns darauf beſchränken, ſeine Rechtfertigung getreu in den Worten zu geben, wie er ſie jetzt etwas haſtig in eigener Perſon dem Kapitän Truck vortrug. „Ich muß Eure Anordnung nicht recht verſtanden haben, Ka⸗ pitän,“ begann er;„denn obgleich ich nicht eigentlich weiß, wie es zuging,— genug, es kam mich ſo an, und mein Inneres ſagte mir unmittelbar nach dem Lärmruf wegen der Beduinen, daß ich in die Lanſche müſſe, weil dort mein Poſten ſey. Vielleicht lag der Grund darin, weil ich wußte, daß die Segel und Spieren, um deren willen wir hergekommen waren, meiſtens dort lagen— alſo ein Ort, der mit beſonderer Entſchloſſenheit vertheidigt werden mußte. Ich glaube feſt, wenn die Feinde zu uns hinausgewatet wären, ſo würde ich wie ein Tiger gefochten haben.“ „Ohne Zweifel hättet Ihr dies gethan, mein theurer Sir, und wie eine wilde Katze obendrein. Unſer Urtheil führt uns Alle oft irre, ſowohl im Krieg als in der Politik, und es iſt eine weltbe⸗ kannte Thatſache, daß am Ende diejenigen als die beſten Soldaten erſcheinen, welche beim erſten Angriff ein wenig zurückgewichen ſind. Aber Mr. Leach wird Euch den Plan des Mr. Monday aus⸗ einandergeſetzt haben, und ich zähle eben ſo ſehr anf Euren Muth als auf Euren Eifer. Ihr findet jetzt eine vortreffliche Gelegen⸗ heit, Beides zu bethätigen, da Ihr Euch früher nur auf Verſiche⸗ rungen beſchränken mußtet.“ „Wenn es nur eine Gelegenheit wäre, den Beduinen mit dem Schwerte in der Hand entgegenzutreten.“ „Pah, pah, mein theurer Freund; Ihr könnt meinetwegen zwei Schwerter mitnehmen, wenn Ihr wollt. Wer ſo voll Kampfluſt —ℳ—e, eo ²—„»—„„„.„ △ 337 iſt, kann nie die Schlacht auf ſeine eigenen Bedingungen hin gewinnen. Füllt die Beduinen mit dem Schnaps des armen Dä⸗ nen an, und wenn ſie nur im geringſten dergleichen thun, als woll⸗ ten ſie gegen uns anrücken, ſo verlaſſen wir uns auf Euch, daß Ihr Lärm macht, damit wir uns für den gehörigen Empfang vor⸗ bereiten können. Ueberlaßt uns den Beginn des Tanzes, wie wir Euch die Friedensverhandlungen vertrauen.“ „Aber wie wäre dies moͤglicherweiſe einzuleiten, Mr. Monday? Wie können wir in Zeiten Lärm machen?“ „Je nun,“ entgegnete der unerſchütterliche Kapitän,„Ihr braucht nur den Scheik niederzuſchießen; dadurch trefft Ihr zwei Fliegen mit einem Schlage. Ihr greift natürlich zu Euren Pi⸗ ſtolen und laßt ſie backbord und ſteuerbord auf ſie loskrachen. Verlaßt Euch darauf, wir werden Euch hören.“ „Daran zweifle ich nicht; aber ich nehme Anſtand an der Klugheit des Schrittes. Er ſieht wahrhaftig aus, Mr. Monday, wie eine muthwillige Verſuchung der Vorſehung. Auch erheben ſich in mir Gewiſſensbedenken. Ihr ſeyd doch hoffentlich überzeugt, Kapitän, daß in alledem nichts liegt, was gegen die Geſetze Afri⸗ ka's verſtößt? Gute Moral und religiöſe Einflüſſe dürfen nicht überſehen werden. Mein Geiſt iſt in die Grundzüge derſelben voll⸗ kommen eingeübt.“ „Ihr ſeyd ein viel zu gewiſſenhafter Mann für einen Diplo⸗ maten,“ ſagte Mr. Truck, zwiſchenhinein die Wolken einer friſchen Cigarre von ſich blaſend.„Es iſt nicht nöthig, daß Ihr auf die Weiber ſchießt, und was kann ein Mann weiter verlangen? Macht keine weiteren Umſchweife, ſondern geht wohlgemuth an den Dienſt, den Jedermann von Euch erwartet, da ihn Niemand nur halb ſo gut erfüllen könnte; und wenn Ihr je wieder nach Dodgeopolis zu⸗ rückkommt, ſo habt Ihr für die erſten ſechs Monate des Jahres Stoff genug, Eure Zeitung jeden Tag mit einem Vefikel auszuſtatten. Die Heimkehr. 338 Sollte Euch etwas Ernſtliches zuſtoßen, ſo verlaßt Euch auf mich, daß ich Eurem Andenken Gerechtigkeit widerfahren laſſe.“ „Kapitän, Kapitän, dieſes Spielen mit der Zukunft iſt got⸗ tesläſterlich. Nur ſelten darf man ungeſtraft von dem Tode ſpre⸗ chen, und es thut mir wahrhaftig in der Seele weh, hören zu müſſen, daß über derartige Dinge ſo leichtfertig geſprochen wird. Ich will zwar gehen, denn ich ſehe nicht gut ein, wie der Sache anders abzuhelfen wäre; aber wir wollen es in freundlicher Abſicht thun und Geſchenke überbringen, die uns eine gute Aufnahme und eine wohlbehaltene Rückkehr ſichern.“ „Mr. Monday nimmt das Branntweintöoͤnnchen des Dänen mit, nd Ihr könnt Euch mit Allem, was noch vorhanden iſt, beladen, uur nicht mit dem Fockmaſt. Um die ſen werde ich kämpfen, ſelbſt wenn die Löwen aus der Wüſte herauskämen, um den Beduinen zu helfen.“ Mr. Dodge hatte noch viele Einwürfe, die er zum Theil offen ausſprach, zum Theil aber im Innerſten ſeiner Seele für ſich be⸗ hielt. Ohne ſein unglückliches Untertauchen im Waſſer würde er zuverläßig ſeine Rechte als Paſſagier in Anſpruch genommen und ſich unverholen geweigert haben, bei einer derartigen Gelege nheit Dienſte zu leiſten; aber er fühlte die Schande, die auf ihm haf⸗ tete, und die Nothwendigkeit, durch eine entſchieden muthige Hand⸗ lung ſeine Ehre zu retten. Die von den Beduinen beobachtete Neutralität ermuthigte ihn übrigens ſehr, denn er ſtützte ſich auf die von Kapitän Truck ausgeſprochene Anſicht, der Scheik werde, wenn er anders ein kluger und beſonnener Mann ſey, nicht zu Ge⸗ waltthätigkeiten ſchreiten, ſo lange ein gut bewaffneter Feindes⸗ haufen im Beſitz des Wrack ſey. „Ihr mögt ihm ſagen, Gentleman,“ fuhr Mr. Truck fort, „daß ich, ſobald ich den Fockmaſt aus dem Daäͤnen geholt habe, den Platz räumen und ihm das Wrack mit allem ſeinem Inhalt überlaſſen wolle. Der Stecken kann ihn doch nichts nützen, mir 339 aber iſt er ins Herz gewachſen. Legt ihm dieſe Angelegenheit ein⸗ fach vor, und wir werden dann ohne Zweifel als die beſten Freunde von der Welt ſcheiden können. Merkt Euch übrigens noch das Eine: wir werden in demſelben Augenblicke, in welchem Ihr auf⸗ brecht, die Spiere lüpfen, und ſolltet Ihr Merkmale zu einem An⸗ griff entdecken, ſo gebt uns in Zeiten Nachricht, daß wir zu unſern Waffen greifen können.“ Durch dieſe Gründe ließ ſich Mr. Dodge bereden, ſeine Sen⸗ dung anzutreten, obſchon ſeine Schlauheit und ſeine Beſorgniſſe weitere Motive bildeten, die er übrigens ſorgfältig zu verhehlen bemüht war. Wenn er nemlich bei ſeinem eigenen Haufen blieb, ſo wußte er wohl, daß man, im Falle es zu einer Schlacht kam, von ihm eine Theilnahme am Kampf erwartete; befand er ſich übri⸗ gens bei den Feinden, ſo konnte er ſich aller Wahrſcheinlichkeit nach verſtecken, bis die Sache vorüber war— denn für einen Mann von ſeiner Sinnesart hatte die Sklaverei lange nicht ſo viel Schrecken, als ein plötzlicher Tod. Mr. Monday ſtieg in der Geſellſchaft ſeines Mitbeauftragten das Ufer hinan; Erſterer trug das Fäßchen mit Branntwein, Letz⸗ terer einige unbedeutende Geſchenke, die er in dem Wracke zuſam⸗ mengerafft hatte. Inzwiſchen aber war die Mannſchaft des Mon⸗ tauk in der Ueberzeugung, daß die Beduinen noch immer ruhig ſeyen, ernſilich ans Werk gegangen, ihren großen Zweck weiter zu verfolgen. Am Rande der Ebene verabſchiedete ſich Kapitän Truck von ſeinen Geſandten, obgleich er noch einige Zeit ſtehen blieb, um den Stand der Dinge in dem wild ausſehenden Lager zu mu⸗ ſtern, welches ſich etwa zweihundert Schritte von ſeinem Stand⸗ orte ab befand. Der Ausluger hatte jedenfalls die Anzahl der Beduinen nicht übertrieben, und Anlaß zur größten Unruhe gab unſrem Kapitän die Thatſache, daß die Gelagerten au genſcheinlich in fortwährendem Verkehr mit Andern ſtanden, welche wahrſchein⸗ lich hinter einer Reihe von Sandhügeln, die in der Entfernung von 340 etwa fünfzig Ruthen den Horizont des Binnenlands begrenzten, Poſten gefaßt hatten; denn alle Ab⸗ und Zugehenden bewegten ſich ſtets in dieſer Richtung. Nachdem er abgewartet hatte, bis ſeine beiden Envoyés das Lager erreicht hatten, ſtellte er einen Aus⸗ luger auf das Ufer und kehrte nach dem Wrack zurück, um das vor Allem wichtige Geſchäft zu beſchleunigen. Sobald ſich die beiden Beauftragten einmal auf das Unter⸗ nehmen eingelaſſen hatten, uͤbernahm Mr. Monday die Rolle des Handelns. Er war ein Mann von Muth und durchaus nicht ge⸗ eignet, ſich Gefahren vorzuſtellen, wo ſie nicht ganz augenfällig vorhanden waren; auch beſaß er großes Vertrauen in die friede⸗ ſtiftenden Eigenſchaften ſeines Tönnchens. In der Nähe der Zelte kam ihnen ein Beduine entgegen, und obgleich an eine Unterredung nicht zu denken war, ſo gelang es ihnen doch, durch bloße Mimik und Beifügung des einzigen Wortes„Scheik“ dieſer Perſon vor⸗ geſtellt zu werden. Da die Bewohner der Wüſte ſchon ſo oft geſchildert wurden, ſo wollen wir annehmen, daß ſie unſern Leſern bereits bekannt ſind, und in unſerer Erzählung gerade ſo fortfahren, als ob wir's mit Chriſten zu thun hätten. Vieles, was über die Gaſtfreundlichkeit der Beduinen geſchrieben wurde, mag ſich vielleicht auf einen Theil derſelben beziehen und in ſo ferne wahr ſeyn, kann aber keine An⸗ wendung finden auf die Stämme an der Küſte des atlantiſchen Meeres, wo die Gewohnheit, den geſtrandeten Schiffen aufzulauern, dieſelbe entſittlichende Wirkung hervorgebracht zu haben ſcheint, die man unter äͤhnlichen Verhältniſſen auch anderwärts findet. Indeß mußte doch ein Schiff, nur von wenigen erſchöpften, geſtrandeten Matroſen vertheidigt, und ein anderes, das einen ſo ſtarken, gut bewaffneten Haufen, wie der unter Kapitän Truck' Befehlen ſtehende war, zur Bedeckung hatte, eine ganz verſchiedene Wirkung auf die Habgier dieſer Barbaren üben. Sie kannten den großen Vortheil, den ihnen ihr eigener Grund bot, und begnügten ſich, die Ereig⸗ & ðN§—— „ n o u G RnN ——— 341 niſſe abzuwarten, ehe ſie ſich auf einen zweifelhaften Kampf ein⸗ laſſen wollten. Mehrere von dem Haufen waren ſchon zu Moga⸗ dore geweſen, und Andere hatten ſich ziemlich richtige Begriffe von der Macht der Schiffe verſchafft. Da ſie nun überzeugt waren, die Männer, welche jetzt auf dem Wrack arbeiteten, ſeyen nicht mit den Mitteln verſehen, die Ladung, auf welche ſie ſelbſt es abge⸗ ſehen hatten, fortzuſchaffen, ſo bewog ſie— für den Augenblick wenigſtens— ſowohl Neugierde als Vorſicht, vielleicht in Verbin⸗ dung mit gewiſſen Planen, über welche die Fuhrer bereits unter ſich einig geworden waren, ſich ruhig zu verhalten. Die Beduinen waren nicht ſo unwiſſend, um belehrt werden zu müſſen, daß irgend ein anderes Schiff in nicht großer Entfer⸗ nung ſtehe, und hatten daher ihre Kundſchafter nach allen Rich⸗ tungen ausgeſchickt, um über den Stand der Dinge Gewißheit ein⸗ zuholen, ehe ſie ihre ſchließlichen Maßregeln trafen; denn der Scheik ſelbſt hatte einen ziemlich richtigen Begriff von der Macht eines Kriegsſchiffes und von der Gefahr, mit einem ſolchen Feinde anzubinden. Das Ergebniß ſeiner Politik wird ſich daher beſſer im Laufe der Erzählung herausſtellen. Die Aufnahme der beiden Geſandten des Kapitän Truck war von jener verſtellten lächelnden Hoͤflichkeit begleitet, die immer mehr abzunehmen ſcheint, je weiter man im Weſten reist, während ſie auf einem Zuge oſtwärts zunimmt, obgleich unſere beiden Freunde nicht eben auf jene ausgeſuchte Feinheit trafen, mit welcher ſie im Palaſte eines indiſchen Rajas behandelt worden wären. Der ſo⸗ genannte Scheik war kein eigentlicher Scheik, jedenfalls aber ein Mann, der im Anſehen ſtand, und als Mr. Monday und Mr. Dodge ihm vorgeführt wurden, lud er ſie durch Zeichen ein, ſich niederzulaſſen und von den ihnen angebotenen Erfriſchungen Ge⸗ brauch zu machen. Da letztere nicht ſonderlich appetitlich ausſahen, ſo ſäumte Mr. Monday nicht, ſeine eigene Gabe anzubieten und die Eigenſchaften deſſelben zu empfehlen, indem er ſelbſt in Betreff 342 der Art, wie ſie zu behandeln wäre, mit dem guten Beiſpiele vor⸗ anging. Obſchon Muſelmänner, trugen ſeine Wirthe doch kein Be⸗ denken, aus dem Becher zu koſten, und nach zehn Minuten eines poſſierlichen Geberdenſpieles hatten die häufigen Libationen beider⸗ ſeits eine Art Vertraulichkeit zu Stande gebracht. Der Mann, welcher in der Nacht vorher ſo unhoͤflich von Kapitän Truck gefangen genommen worden war, wurde nun einge⸗ führt, und die im Zelt Befindlichen legten große Neugierde an den Tag, ob der Bericht deſſelben, daß die Fremdlinge Gefallen daran fänden, ihre Nebenmenſchen aufzuzehren, wahr ſey. Die Bewohner der Wüſte hatten im Laufe der Zeit von ihren verſchiedenen Ge⸗ fangenen allerlei Angaben vernommen, wie zuweilen Matroſen ihre Kameraden geſpeist hätten, und es waren unbeſtimmte Sagen unter ihnen im Umlauf, welche durch die Erzählung des Mannes neu ins Leben gerufen wurden. Hätte der Scheik gleich Mr. Dodge ein Journal geführt, ſo würde er durch ſeine Fragen wahrſchein⸗ lich zu manchen Aufzeichnungen über die Sitten und Gebräͤuche der Amerikaner gekommen ſeyn, die eben ſo originell geweſen wä⸗ ren, wie diejenigen, welche der Herausgeber des Active Inquirer über die von ihm beſuchten Nationen niedergezeichnet hatte. Mr. Monday ſchenkte dem Geberdenſpiel des Beduinen, in welchem derſelbe bemüht war, auseinanderzuſetzen, wie ihn Kapitän Truck zu einem Frühſtück habe machen wollen, große Aufmerkſam⸗ keit und theilte ſodann, nachdem der Vortrag zu Ende war, ſeinem Begleiter mit, der Scheik habe ſie eingeladen, beim Diner zu blei⸗ ben— ein Vorſchlag, den er anzunehmen geneigt ſey. Mr. Dodge's feiner Verſtand betrachtete übrigens die Sache aus einem ganz anderen Geſichtspunkt; denn mit einer Fertigkeit, die in der That einigermaßen zu Gunſten der Zeichenſprache gedeutet werden könnte, kam er zu dem gleichen Schluß, wie der arme Beduine ſelbſt, nur mit dem weſentlichen Unterſchied, daß er meinte, die Araber hätten Luſt, ein Mahl aus ihm zu machen. Mr. Monday jedoch, der uU ☛ N —2— d&— 3⁴3 ein derber Rindfleiſcheſſer und Branntweintrinker war, verwarf vorn⸗ weg dieſen Gedanken und glaubte die Sache einfach dadurch ab⸗ machen zu können, daß er auf zwei oder drei junge Kameele deu⸗ tete und den Herausgeber fragte, ob er meine, irgend ein Menſch — möge er nun Chriſt oder Türke ſeyn— werde je daran den⸗ ken, ein ſo dürres, mageres und unappetitliches Subjekt, wie er ſey, zu verſpeiſen, wenn ſie ſo treffliche Koſt anderer Art neben ſich hätten.„Laßt Euch Euern Branntwein ſchmecken, wenn der Becher an Euch vorbeikömmt, Menſch, und beruhigt Euch immer⸗ hin über das Diner, welches ohne Zweifel nahrhaft und anſtändig ausfallen wird. Hätte ich gewußt, daß uns eine ſolche Gunſt zu⸗ gedacht wäre, ſo hätte ich dem Scheik ein Beſteck von Birming⸗ hamer Meſſern und Gabeln herausgebracht, denn er ſcheint ein feiner, gutgearteter Mann zu ſeyn. Ja, ich getraue mir zu ſagen, daß wir einen Kapitalkerl in ihm finden werden, wenn er einmal einige Kameelſteaks und eine gehoͤrige Portion Schnaps im Leibe hat. Mr. Scheik, ich trinke aus dem Grunde meines Herzens auf Eure Geſundheit.“ Die Zufälligkeiten des Lebens hätten unter ſo eigenthümlichen Umſtänden kaum ein Paar Männer zuſammenführen können, deren Charactere ſo ſchnurſtracks entgegengeſetzt waren, wie die von Mr. Monday und Mr. Dodge. Sie waren die vollkommenen Inbegriffe zweier großen Claſſen unter ihren beziehungsweiſen Nationen und ſo ganz das Widerſpiel von einander, daß man in ihnen kaum Ab⸗ kömmlinge von einem gemeinſchaftlichen Urſtamme erkennen konnte. Der Erſtere war ſchwerfällig, ſtarrköpfig, dreiſt, geradeaus und derb in ſeinem Benehmen— auch fehlte es ihm nicht an Offen⸗ heit, obſchon er ſich, trotz aller ſeiner ſcheinbaren Freimüthigkeit im Handel ſehr ſchlau zu benehmen wußte; Letzterer aber benahm ſich in allen Stücken äußerſt verſchmitzt und mißtrauiſch, um ſo mehr, weil er nicht ſehr ſchnell begriff, war falſchein ſeinen Reden, ſchmeichelte auf's Kriechendſte, wenn er ſeine eigenen Intereſſen be⸗ 344 theiligt glaubte, und bemäntelte zu allen anderen Zeiten den Neid und die Verlaͤumdungsſucht, welche in ſeinem Inneren wütheten, mit einer ſcheinbaren Ruhe, welche wenigſtens das Verdienſt hatte, daß ſie Niemand täuſchte. Beide waren Männer von leidenſchaft⸗ lichen Vorurtheilen, obſchon die des Mr. Monday nur auf alte Dogmen, Religion, Politik und Moral Bezug hatten, während die des Anderen in der Sünde des Provinzialdünkels und in einer Er⸗ ziehung begründet waren, die ſich nicht ganz frei von dem Fana⸗ tismus des ſiebenzehnten Jahrhunderts gehalten hatte. In Folge dieſer ſchroffen Characterverſchiedenheit betrachtete natürlich Jeder bei gegenwärtigem Anlaſſe die Dinge von einem ganz andern Stand⸗ puncte aus. Mr. Monday war nämlich geneigt, Alles freundſchaft⸗ lich zu nehmen, während Mr. Dodge überall nur durch die Brille des Argwohns ſah; Letzterer würde daher, wenn ſie nach dem Wrack zurückgekehrt wären, ſogleich zu den Waffen gerufen, Erſte⸗ rer dagegen dem Kapitän Truck gerathen haben, er ſolle hinaus⸗ gehen und dem Scheick ſelbſt einen Beſuch machen, wie man es mit einem reſpectabeln, geſelligen Nachbar zu halten pflege. Zwanzigſtes Kapitel. Dies iſt von größerem Werth, als Königreiche— Iſt köſtlicher, als all der Scharlachſchatz 1 Im Lebensborn. O, laß es nicht entſchlüpfen! Cotton. So ſtanden die Sachen. Der Scheik und ſeine Gäſte be⸗ ſprachen ſich in Zeichen, aber in einer Weiſe, die gegenſeitig ein völliges Mißverſtändniß zur Folge hatte; Mr. Monday trank, Mr. Dodge erging ſich in Muthmaßungen, und alle zehn Minuten kamen Boten im Lager an oder gingen ab, bis endlich ein Beduine haſtig mit dem Finger in die Richtung des Wracks deutete. Der obere — ⏑— N 2 8 KNu H n. AN 8 345 Theil des Fockmaſtes ſtieg langſam in die Höhe, und der Ausluger in dem Marſe klammerte ſich, um nicht zu fallen, an der Spiere feſt, welche ſich zu neigen begann. Der Scheik erkünſtelte ein Lächeln, wurde aber augenſcheinlich ſehr unruhig und ſandte zwei oder drei Boten in das Lager hinaus. Mittlerweile begann die Spiere ſich zu ſenken und war bald ganz hinter dem hohen Ge⸗ ſtade verborgen. Man ſah jetzt, daß die Beduinen der Meinung waren, der Augenblick ſey gekommen, welcher ſie zu einer Einmengung auffor⸗ derte. Der Scheik ließ daher ſeine Gäͤſte in der Geſellſchaft von zwei oder drei Andern, welche ſich dem Zechgelage angeſchloſſen hatten, und eilte aus dem Zelte, nachdem er ſie zuvor, ſo gut es durch Zeichen gehen wollte, der Fortdauer eines freundlichen Ver⸗ hältniſſes verſichert hatte. Er legte alle ſeine Waffen bei Seite und begab ſich, von zwei oder drei alten Männern, die ungefähr in ſeinen Jahren ſtehen mochten, begleitet, dreiſt nach dem Ufer hin, wo er, nachdem er ruhig auf das Sandgeſtade hinunterge⸗ ſtiegen, den Kapitän Truck antraf, welcher bemüht war, die Spiere in's Waſſer zu laſſen. Das Mars ſchwamm bereits, und der Stamm ſelbſt wurde eben in eine rollgerechte Lage gebracht, als die häß⸗ lichen, aber ernſt ausſehenden Berbern unter den Arbeitern er⸗ ſchienen. Da letztere von der Annäherung der Gäſte und von dem Umſtande Kunde erhalten hatten, daß ſie unbewaffnet wären, ſo ließ keiner von ſeinem Geſchäfte ab, um ſie zu bewillkommnen, den einzigen Kapitän ausgenommen. „Legt Hand an die Spiere,“ ſagte er,„während ich dieſe Gentlemen unterhalte. Es iſt ein gutes Zeichen, daß ſie ohne Waffen zu uns kommen, und man ſoll uns nicht nachſagen, daß wir an Höflichkeit hinter ihnen zurückbleiben. Eine halbe Stunde wird unſere Angelegenheiten in's Reine bringen und dann ſoll die⸗ ſer Gentry Alles gegönnt ſeyn, was auf dem Dänen zurückbleibt.— Euer Diener, Gentlemen— ich bin erfreut, euch zu ſehen und er⸗ 346 bitte mir die Ehre, euch Allen, vom Aelteſten bis zum Jüngſten, die Hand drücken zu dürfen.“ Obgleich die Beduinen nichts von dem verſtanden, was er ſagte, ſo ließen ſie ſich doch von Kapitän Truck kräftig die Hand ſchütteln und brachten lächelnd mit eben ſo viel anſcheinender Gut⸗ müthigkeit, als der alte Seemann an den Tag legte, ihre eigenen Complimente vor. „Gott ſey den Daͤnen gnädig, wenn ſie in die Knechtſchaft dieſer Halunken gerathen ſind,“ ſagte der Kapitän laut, während er dem Scheik zum zweitenmal auf's Herzlichſte die Hand drückte; „denn eine heilloſere Bande von Dieben i*ſt mir nie zu Geſicht ge⸗ kommen, Leach. Uebrigens hat doch Mr. Monday die gute Eigen⸗ ſchaft des Schnapſes an ihnen verſucht, denn der alte Spitzbube da riecht überlaut nach Wachholder und Fett.— Rollt die Spiere fort, Jungen— noch ein halb Dutzend ſolcher Rucke, und ihr habt ſie auf ihrem natürlichen Element, wie die Zeitungen ſagen.— Ich bin hocherfreut, euch zu ſehen, Gentlemen; wir ſind hier an dieſem Ufer nur ſchlecht mit Stühlen verſehen, aber ſo, wie wir ſie haben, ſind ſie euch mit Vergnügen angeboten.— Mr. Leach, der Beduinen⸗Scheik;— Beduinen⸗Scheik, Mr. Leach.— He, du auf der Höhe dort?“ „Sir!“. „Keine Bewegungen unter den Beduinen?“ „Ungefähr dreißig ſind eben auf Kameelen in die Wüſte ge⸗ ritten, Sir; weiter nicht.“ „Keine Zeichen von unſern Paſſagieren?“ „O ja, Sir. Dort kömmt Mr. Dodge unter vollem Segel und hält ſo gerade auf's Ufer ab, als er ſeinen Curs nur anlegen kann.“ „Ha!— wird er verfolgt?“ Die Matroſen hielten in ihrer Arbeit inne und warfen einen Seitenblick nach ihren Waffen. „Durchaus nicht, Sir. Mr. Monday ruft ihm nach, und die 347 Beduinen ſcheinen zu lachen. Mr. Monday ſplißt juſt die Haupt⸗ braſſe mit einem von jenen Schurken.“ „So mag der atlantiſche Ocean ſich in Acht nehmen, denn Mr. Dodge wird ſicherlich über ihn hinrennen. Lüpft wacker, meine Schatzkinder, und der Stecken wird flott ſeyn, noch ehe der Gent⸗ leman gehörig unter Dach iſt.“ Die Matroſen arbeiteten aus Leibeskräften; aber ihr Eifer war nichts gegen den des Herausgebers, der jetzt durch's Gebüſch brach und mit einer Schnelligkeit gegen das Ufer herabſtürzte, die ihn, wenn er ſie hätte fortſetzen können, in Monatsfriſt bis nach Dodgeopolis gebracht haben würde. Die Beduinen ſtutzten über dieſe plötzliche Erſcheinung; als ſie aber bemerkten, daß ihre Um⸗ gebung lachte, ſo ſchienen ſie geneigt zu ſeyn, die Unterbrechung gleichfalls in Heiterkeit aufzunehmen. Der Ausluger meldete nun, daß ſich Mr. Monday mit fünfzig Beduinen nähere, letztere jedoch ohne Waffen und der Erſtere ohne ſeinen Hut. Der Augenblick war kritiſch, aber Kapitän Truck verlor ſeine Feſtigkeit nicht. Er ertheilte haſtig ſeinem zweiten Maten Befehl, mit einem kleinen Häuflein, das ſchon früher für dieſen Dienſt ausgeleſen worden war, unter die Waffen zu treten, und drängte den Reſt ſeiner Leute, ihre Anſtrengungen wieder aufzunehmen. Dies war kaum geſchehen, als Mr. Monday ſich auf dem Hochufer zeigte; er hatte in der einen Hand eine Flaſche, in der andern ein Glas und rief Mr. Dodge laut zu, er ſolle zurückkehren und mit den Beduinen trinken. „Beſchimpft die Chriſtenheit nicht in einer ſo unmanierlichen Weiſe,“ ſagte er,„ſondern zeigt dieſen Gentlemen der Wüſte, daß wir wiſſen, was der Anſtand fordert. Kapitän Truck, ich bitte Euch, Mr. Dodge zur Rückkehr zu zwingen. Ich war eben im Begriffe, den Beduinen das ‚God save the King’ zu ſingen, und ein paar Minuten ſpäter hätten wir mit dem ‚Rule Britannia’ angefangen; wir wären auf dieſe Weiſe die beſten Freunde und 348 Kameraden von der Welt geworden. Kapitän Truck, ich habe die Ehre, auf Eure Geſundheit zu trinken.“ Aber Kapitän Truck betrachtete die Sache anders. Der Maſt ſchwamm, und ſeine beiden Geſandten waren nun wohlbehalten zurück, denn auch Mr. Monday kam, obſchon von allen Beduinen begleitet, auf den Sand herunter. Er hielt es daher für beſſer, daß Mr. Dodge bleiben und ſeine eigenen Leute zwar im Frieden, aber doch ſo ſchleunig als moͤglich von den Beduinen getrennt werden ſollten. Nachdem die Anholleine am Maſt befeſtigt war, wurde die Spiere langſam durch die Brandung gezogen, und jetzt erließ er den Befehl, daß ſeine Leute ihre Geraͤthſchaften aufnehmen, zu den Waffen greifen und ſich in Maſſe an den Klippen verſammeln ſoll⸗ ten, wo noch immer die Jolle lag. „Tummelt euch, Maͤnner, aber verliert die Beſonnenheit nicht; denn es ſtehen bereits hundert dieſer Schurken am Geſtade, und Alle, welche ſpäter kommen, ſind bewaffnet. Wir könnten zwar noch einige andere nützliche Dinge von dem Wrack mitnehmen; aber der Wind kommt vom Weſten herein, und unſer Hauptaugenmerk muß darauf hingehen, daß wir bergen, was wir haben. Nehmt Mr. Monday am Arme, Leach, denn er iſt eben jetzt ſo voll von Diplomatik und Schnaps, daß er ſeine Sicherheit ganz außer Acht läßt. Was Mr. Dodge betrifft, ſo ſehe ich, daß er ſich bereits ſo gut in's Boot geſtaut hat, wie die untere Tonnenreihe in einem mit Syrup geladenen Schiff. Zaͤhlt die Leute ab, Sir, und ſorgt dafür, daß keiner zurückbleibt.“ Mittlerweile hatte der Stand der Dinge am Ufer eine weſent⸗ liche Veränderung erlitten. Das Wrack war voll von theils be⸗ waffneten, theils unbewaffneten Beduinen, während Schlägel, Hebe⸗ bäume, Handſpacken, Borgtaue, Tackelwerkringe und Merlpfrieme auf dem Sande umherlagen, wie die Matroſen ſie hatten fallen laſſen. Eine Abtheilung von fünfzig Beduinen ſtand um die Felſen her, wo ſich nun ſämmtliche Matroſen geſammelt hatten— zum Theil mit Afrikanern untermengt, die augenſcheinlich bemüht waren, 349 das freundſchaftliche Verhältniß zu unterhalten, das Mr. Monday angeknüpft hatte. Da ein Theil dieſer Leute gleichfalls bewaffnet war, ſo wollte Kapitän Truck dieſe Traulichkeit gar nicht gefallen; aber die geringe Anzahl ſeiner eigenen Leute und die unvortheil⸗ hafte Stellung, in welcher er ſich befand, zwangen ihn, mehr zur Politik, als zur Gewalt ſeine Zuflucht zu nehmen, um ſich aus der Verlegenheit herauszuwinden. Die Beduinen drängten jetzt heran, miſchten ſich unter die Matroſen, überflutheten das Schiff und ſchwärmten am Ufer hin und her— ihre Anzahl mochte mehr als zweihundert betragen. Es ſtellte ſich jetzt heraus, daß ihre eigentliche Streitmacht viel zu niedrig angeſchlagen worden war, und daß ſie ſich von Seiten derer, welche hinter dem Sandhügel lagen, fortwährend vergrößerte. Alle, welche zuletzt erſchienen, führten Waffen irgend einer Art, und mehrere brachten Feuergewehre herbei, welche ſie dem Scheik und denen, die zuerſt nach dem Ufer heruntergeſtiegen waren, einhän⸗ digten. Dennoch verrieth kein Geſicht eine feindſelige Abſicht, und die Matroſen konnten kaum ihre Befehle ausführen, weil ſie be⸗ ſtändig durch den Austauſch von Freundſchaftsäußerungen unter⸗ brochen wurden. Dennoch lebte Kapitän Truck der Ueberzeugung, daß Feind⸗ ſeligkeiten beabſichtigt würden, und obgleich er ſich einigermaßen hatte überraſchen laſſen, ſetzte er ſich doch jetzt in Thätigkeit, um ſeine Fehler mit großer Umſicht und bewunderungswürdiger Feſtig⸗ keit wieder gut zu machen. Sein erſter Schritt zielte dahin ab, ſeine Leute aus dem Haufen, in dem Alles durcheinander drängte, herauszuwinden— eine Maßregel, die er dadurch zur Ausführung brachte, daß er Einige weiter unter den Klippen eine Stellung ein⸗ nehmen ließ, die vertheidigt werden konnte und zugleich eine ziem⸗ liche Deckung bildete, während ſie noch obendrein eine unmittelbare Verbindung mit ihrem Landungsplatze herſtellte; dann befahl er den Uebrigen ſich einzeln nach dieſem Punkte zurückzuziehen. Um 350 Auffehen zu vermeiden, wurde Jeder bei Namen aufgerufen, und in dieſer Weiſe gelangte der ganze Trupp nach dem vorgeſchriebe⸗ allenthalben von Beduinen umgeben war. Mittlerweile hatte in dem Wrack das Werk der Plünderung allen Ernſtes begonnen— ein günſtiges Anzeichen, wie er glaubte, da Leute in einer derartigen Beſchäftigung muthmaßlich nicht ſonderlich geneigt waren, einen feindlichen Angriff zu machen. Indeß wußte er wohl, daß unter dieſem barbariſchen Volke auf Gefangene großes Gewicht gelegt wurde, und daß ein Verſuch, in offenen Booten, die ſeine Leute jedem Schuß von dem Wrack aus bloßſtellten, den Floß vom Lande wegzutauen, recht leicht vereitelt werden konnte, wenn die Beduinen Luſt hatten, denſelben zu hindern. Nachdem Kapitän Truck einige Minuten über ſeine Lage nach⸗ gedacht hatte, erließ er ſeine Schlußbefehle. Die Jolle konnte im Nothfalle ein Dutzend Mann fuͤhren, obſchon ſie ſich dann ſehr zu⸗ Abſicht, einmal ihre Bewegungen zu leiten und dann von ſeinen Commandeur getrennt zu ſeyn, damit wenigſtens ein Theil derjeni⸗ gen, welche für das Paketſchiff von ſo großer Wichtigkeit waren, Ausſicht auf Rettung hatten. Dieſe Trennung wurde bewerkſtelligt, ohne daß die Beduinen Anſtoß daran nahmen, obſchon Kapitän Truck bemerkte, daß der Scheik das ganze Manöver ſorgfaltig beobachtete. Sobald Mr. Leach die Lanſche erreicht hatte, ließ er eine leichte Kedſch in die Jolle ſchaffen und das zuſammengerollte leichtere Tackelwerk oben auflegen oder an den Bugen der Lanſche feſtmachen. 3 351 Kaum war dies geſchehen, als das Boot eine ziemliche Strecke von dem Lande abruderte und die Taue zuerſt von der Lanſche dann von dem Boot ſelbſt ausholte, bis nichts mehr davon übrig war. Dann wurde die Kedſch niedergelaſſen, und die Matroſen in der Lanſche begannen die angehängten Taue einzuholen. Da nun die Jolle ſogleich wieder zurückkehrte und ihre Mannſchaft an der Arbeit mithalf, ſo begann die ganze Reihe von Booten, nachdem man zuerſt die Kedſch, vor der ſie geritten, aufgezogen, langſam vom Ufer zurückzuweichen. Kapitän Truck hatte ſich über die Wirkung dieſes Manövers eine ganz richtige Muthmaßung gebildet. Es war ſo ungewöhnlich und geſchah ſo allmählig, daß Lanſche und Floß nach der Kedſch aufgewarpt waren, ehe die Beduinen eigentlich begriffen, was vor⸗ ging. Die Boote waren nun ungefähr fünfzehn Ruthen von dem Wrack entfernt, denn Mr. Leach hatte völlig zweihundert Faden kleinen Tauwerks auslaufen laſſen; die Entfernung minderte daher beträchtlich die Gefahr, welche von den Musketen der Beduinen zu beſorgen ſtand, obſchon ſich die Nachen noch immer in Schußweite befanden. Ueber dieſem Geſchäfte war nun nahezu eine Stunde entſchwunden; denn da ſich Wind und Wellen hoben, war die Be⸗ wegung nicht leicht in anderer Weiſe oder überhaupt in kürzerer Friſt auszuführen. Der Zuſtand des Wetters und das ſich ſteigernde Ungeſtüm der Barbaren, machten es nun für die, welche ſich noch an den Klippen befanden, ungemein wünſchenswerth, wieder in ihre Boote zu kommen. Schon ein ſehr mäßiger Windſtoß mußte ſie zwingen ihre ſauer erworbenen Vortheile aufzugeben, und aus dem Beneh⸗ men der Umgebung ging ziemlich deutlich hervor, daß die Freund⸗ ſchaft nicht mehr lange Beſtand halten konnte. Sogar der alte Scheik zog ſich zurück, ſchloß ſich aber, ſtatt auf das Wrack zu gehen, dem Haufen am Ufer an, wo man ihn mit mehreren ande⸗ ren alten Männern, die heftig geſtikulirten und je zuweilen auf die 352 Boote oder nach den Matroſen auf den Klippen hindeuteten, eine ernſtliche Beſprechung anknüpfen ſah. Mr. Leach ruderte nun mit beiden Jollen und dem Kutter ein⸗ wärts nach der Barre, indem er die Hälfte ſeiner Leute in der Lanſche zurückließ, weil jedes der Fahrzeuge nur zwei Ruder führte. Dies geſchah deshalb, damit ſich die Leute im kritiſchen Augenblicke nicht zu ſehr drängen müßten und für den Nothfall ſowohl zum Fechten als zum Rudern Raum blieb— eine Vorſichtsmaßregel, die ausdrücklich auf Kapitän Trucks vorläufige Befehle genommen worden war. Als die Boote die Felſen erreichten, ließen die Ma⸗ troſen keine ungeordnete Haſt blicken, um an Bord zu kommen, ſondern verbrachten wohl eine Viertelſtunde in Vorbereitungen, wie wenn ihnen durchaus nichts am Fortkommen liege, und ſelbſt dann nahm nur die Jolle einen Theil ein, um denſelben ganz gemächlich über die Barre hinauszurudern. Dort blieb ſie nun liegen, um die Ueberfahrt der übrigen Boote im Nothfalle mit ihrem Feuer zu decken. Der Kutter ahmte dieſes Manöver nach, und das Boot des Wracks ging zuletzt ab. Kapitän Truck verließ die Felſen erſt, nachdem ſich alle Anderen eingeſchifft hatten; aber dann beeilte er ſich, um durch eine ſchnelle, plötzliche Bewegung an Bord zu kommen. Uebrigens wurde kein Schuß abgefeuert, und der Kapitän ſah ſogar ſeine heißeſten Erwartungen überboten, als er in der Lanſche anlangte, ohne daß einer ſeiner Leute Schaden genommen hätte, und die viel erſehnten Spieren hintendrein taueten. Er konnte ſich die Friedfertigkeit der Beduinen nicht erklären, denn ſeit den letzten zwei Stunden hatte er mit jedem Augenblicke ſicher auf den Beginn der Feindſeligkeiten gerechnet. Indeß war er noch immer niccht ganz außer Gefahr, obſchon er Zeit hatte, ſich umzublicken und die nun⸗ mehrigen Maßregeln mit mehr Ueberlegung zu treffen. Zuerſt kam die Meldung, daß es an Mundvorrath und Waſſer fehle, denn in Betreff dieſer Erforderniſſe hatte die Mannſchaft auf das Wrack gerechnet und in ihrer Haſt, zuvörderſt den Fockmaſt zu bergen und 353 dann für ſich ſelbſt Sorge zu tragen, einen ſo wichtigen Punkt ganz überſehen— vielleicht weniger aus Uebereilung, als vielmehr deshalb, weil ſie wußten, daß der Montauk ſo nahe war. Dennoch war ſowohl Speiſe als Trank höchſt wünſchenswerth, wo nicht un⸗ erläßlich für Leute, welche noch viele Slunden ſchwerer Arbeit vor ſich hatten, und Kapitän Trucks erſter Gedanke war, ein Boot nach dem Schiffe abzuſchicken, um den Bedarf beizuſchaffen. Nur mit Widerwillen ſtand er von dieſem Vorhaben ab, weil das Wetter eine drohendere Geſtalt annahm. Ein Sturm war zwar nicht zu fürchten, aber eine ſcharfe Seebriſe begann jetzt zu blaſen, und die Meeresfläche wurde wie gewöhnlich aufgeregt. Der Kapitän änderte daher alle ſeine Plane und ſchenkte jetzt der Bergung der über Alles wichtigen Spieren ausſchließlich ſeine Aufmerkſamkeit. „Wir können morgen eſſen, Männer,“ ſagte er;„aber wenn wir dieſen Maſten verlieren, wird unſere Ausſicht, andere zu kriegen, in der That klein ſeyn. Nehmt ein Häuflein Leute auf den Floß, Mr. Leach, und verdoppelt die Bande, während ich ſehe, wie wir in offene See kommen. Wenn der Wind ſich noch mehr ſteigert, werden wir dies brauchen können und ſelbſt dann noch ſchlimmer daran ſeyn, als wir wohl wünſchen möchten.“ Der Mate begab ſich auf den Floß und ſchickte ſich an, die Spieren durch weitere Taue noch mehr zu befeſtigen; denn der Wellenſchlag hatte ſie bereits losgemacht, ſo daß zu fürchten ſtand, ſie möchten ſich ganz und gar trennen. Während dieß geſchah, nahmen die beiden Jollen Leinen und Kedſchen ein, von denen ſie glücklicherweiſe außer den zweien, die ſie in dem Wrack fanden eine von dem Paketſchiff mitgebracht hatten, und ruderten in die See hinaus. Sobald die eine Kedſch niedergelaſſen war, wurde die, vor welcher die Lanſche ritt, aus dem Grund gehoben, während die Boote darnach aufholten und die andere Jolle fortfuhr, den Proceß zu erneuen. In dieſer Weiſe wurde das Ganze, Floß und Die Heimkehr. 23 354 Alles, breit vom Lande abgewarpt und im Laufe von zwei weiteren Stunden ungefähr tauſend Ruthen windwärts gebracht, wo das Waſſer ſo tief wurde, daß Kapitän Truck, obſchon mit Widerſtreben, Befehl zum Aufhören gab. „Ich moͤchte mich gerne drei oder vier Seemeilen weit in dieſer Weiſe nach der hohen See hinausarbeiten,“ ſagte er,„denn dann könnten wir den Wind in eine günſtige Richtung bringen; ſo aber müſſen wir eben Alles klar halten und uns behelfen, wie wir können. Richtet in der Lanſche die Maſte auf, Mr. Leach; wir wollen dann ſehen, was wir mit dem trägen Floße, den wir im Schlepptau haben, ausrichten können.“ Während dieſer Befehl in Ausführung gebracht wurde, richtete der Kapitän ſein Glas nach dem Ufer, um zu ſehen, was die Be⸗ duinen trieben; aber zum Erſtaunen Aller in den Booten waren ſie insgeſammt verſchwunden. Selbſt bei ſorgfältigſter Muſterung konnte man Niemand in der Naͤhe des Wrackes, am Ufer oder ſogar an der Stelle entdecken, wo kürzlich noch die Zelte geſtanden hatten. „Beim Görge, Alles iſt miteinander fort!“ rief Kapitän Truck, ſobald er ſich von dieſer Thatſache überzeugt hatte—„Kameele, Zelte, Beduinen! Die Spitzbuben haben ihre Thiere bereits ge⸗ laden und ſind wahrſcheinlich abgezogen, um ihre Beute zu ver⸗ bergen, damit ſie wieder umkehren, und ſich eines zweiten Fangs verſichern können, ehe Andere von ihrer Geyerſippſchaft das Aas wittern und nach dem Strande kommen. Der Teufel hole die Schurken— ich meinte wahrhaftig, ſie hätten mich in einer Cate⸗ gorie! Na, Glück auf den Weg! Mr. Monday, ich ſtatte Euch meinen herzlichen Dank ab für die männliche, freimüthige und diplo⸗ matiſche Weiſe, in welcher Ihr Euch der Obliegenheiten Eurer Sendung entledigt habt. Ohne Euch dürfte es uns kaum gelungen ſeyn, den Fockmaſt zu kriegen. Mr. Dodge, Ihr habt die tröſt⸗ liche Beruhigung, Euch ſagen zu können, daß Ihr Euch bei dieſer 82 N gySy 8 K&& 355 bedenklichen Gelegenheit auf eine Art benommen habt, wie es kein Anderer in unſerem ganzen Haufen gethan haben würde.“ Mr. Monday ſchlief ſeine Schnapsdünſte weg, aber Mr. Dodge verbeugte ſich fur das Compliment und ſchwelgte in der Vorahnung vieler trefflichen Bemerkungen für ſein Journal, mit denen er die Spalten des Active Inquirer zu füllen hoffte. Ja, er begann ſogar bei ſich zu überlegen, ob er nicht über ſeine Erlebniſſe ein eigenes Buch ſchreiben könne. Jetzt begann der mühſeligſte und bedenklichſte Theil der Auf⸗ gabe, der ſich Kapitän Truck unterzogen hatte— natürlich die Be⸗ rührung mit den Beduinen ausgenommen: nämlich das Geſchäft, alle die ſchweren Spieren eines großen Schiffs, die in einem ein⸗ zigen Floß zuſammengeknotet waren, mit uferwärts wehendem Winde in einer der Küſte nah gelegenen See weiter zu ſchleppen. Allerdings fehlte es nicht an Händen, da er in der Lanſche zehn und in allen übrigen Booten vier Ruder bemannen konnte; aber nachdem die Segel ſtanden und eine Stunde lang ſtätig fortgerudert worden war, ſtellte ſich's heraus, daß ſie trotz aller ihrer Anſtren⸗ gungen nicht im Stande ſeyn würden, ihre Beute vor dem fol⸗ genden Tage nach dem Schiffe zu bringen, wenn der Wind in gleicher Weiſe andauerte. Die Abtrifft in's Lee oder gegen die Küſte hin war bedenklich ſtark, da jede herankommende Welle die ganze Maſſe dem Ufer näher brachte; auch waren ſie mittlerweile ungefähr dreißig Ruthen ſüdwärts gekommen und mußten jetzt an⸗ kern, um ſich vor der Brandung klar zu halten, die ſich eben jetzt gut fünfzig Ruthen in die See hinein erſtreckte. Zum Glück war Entſchiedenheit ein Hauptzug in Kapitän Trucks Character. Er begriff wohl, welcher lange und ſchwere Kampf ihnen bevorſtand, und die Matroſen hatten noch keine zehn Minuten gerudert, als er Mr. Leach, der ſich im Kutter befand, den Befehl ertheilte, ſeine Leine abzuwerfen und an die Seite der Lanſche zu kommen. & 356. „Rudert nach dem Wrack zurück, Sir,“ ſagte er;„und bringt Alles mit, was Ihr an Brod, Waſſer und anderen Tröſtungen auffinden könnt. Ich ſehe wohl, wir werden's für die Nacht brauchen können. Wir wollen für Euch Lugaus halten, und wenn ſich Be⸗ duinen auf der Ebene blicken laſſen, ſoll eine Muskete abgefeuert werden. Sind ihrer ſo viele, daß ein Wink zum Reißaus nehmen nöthig wird, ſo ſollen zwei Signalſchüſſe geſchehen und das große Segel der Lanſche für ein paar Minuten beſchlagen werden. Mehr Zeit können wir freilich nicht für Euch erübrigen.“ Mr. Leach gehorchte dieſer Weiſung und führte ſie mit gutem Erfolg aus. Zum Glück hatte der Koch die Keſſel gut genug ge⸗ füllt, um für vier und zwanzig Stunden Proviant zu bieten— ein Umſtand, der den Beduinen entgangen war, weil ſie nicht wuß⸗ ten, wo ſie dieſes Labſal zu finden hatten. Außerdem fehlte es nicht an Brod und Waſſer, wie denn auch der Inſtinkt eines der Matroſen eine„Bull Jamaica“ aufzufinden gewußt hatte, welche vortrefflich dazu diente, das Volk in guter Stimmung zu halten. Dieſe ſehr zeitgemäßen Vorräthe langten in demſelben Augenblicke an, als die Lanſche Anker warf, und Mr. Truck hieß ſie aus dem Grunde ſeines Herzens willkommen, da er ohne ſie wohl in Baͤlde genöthigt ge⸗ weſen wäre, ſeine koſtbare Priſe aufzugeben. Sobald die Leute ſich erfriſcht hatten, wurde das lange und mühſelige Geſchäft des Abwarpens wieder aufgenommen, und im Laufe von zwei weiteren Stunden ſtand der Floß eine volle See⸗ meile weit in der Aufthuning; denn eine Untiefe hatte es möglich gemacht, daß die Kedſchen diesmal weiter hinaus benützt werden konnten, als früher. Dann wurden wieder die Segel geſetzt und die Ruder abermals in Anſpruch genommen. Aber die See erwies ſich noch immer feindlich, obgleich ſie die Strömung getroffen hatten, welche ſie gen Süden zu führen begann. Ohne Wind und Wellen würden jetzt die Boote beziehungsweiſe leicht und raſch fortgerückt ſeyn; aber dieſe beiden widrig wirkenden Mächte trieben ſie ſo ſchnell 357 uferwärts, daß ſie kaum um tauſend Ruthen von dem Wrack ab⸗ gekommen waren, als ſie ſchon zum zweitenmal ankern mußten. Unter ſolchen Umſtänden blieb unſeren Abenteurern keine an⸗ dere Wahl, als das Abwarpen in gleicher Weiſe fortzuſetzen und dann die gewonnene hohe See ſo gut als möoglich zu benützen. Durch dieſe Anſtrengung gelang es ihnen, um Sonnenuntergang in die Nähe des Vorgebirgs zu kommen, welches die Geſichtslinie nach ihrem eigenen Schiffe hin abſchnitt, und von hier aus mußten ſie nach Kapitän Trucks Berechnung etwas weniger als zwei See⸗ meilen von dem Motauk entfernt ſeyn. Der Wind hatte angefriſcht, aber obgleich er keineswegs ſo ſtark war, um den Wellenſchlag gefährlich zu machen, ſo ſteigerte er doch die Mühe der Matroſen in ſo hohem Grade, daß der Kapitän wohl oder übel ſich entſchloß, einen paſſenden Ankerplatz aufzuſuchen und ſeinen erſchöpften Leuten einige Ruhe zu goöͤnnen. Die Matroſen waren außer Stande, ihren Floß in einen Hafen zu bringen, denn nördlich von dem Landvorſprung oder auf der Seite, wo ſie ſich befanden, lag weder ein Riff noch eine Bai, die ihnen hätten Schutz bieten können. Die Küſte war eine ein⸗ zige fortgeſetzte Wellenlinie von Sandbänken, und wenn Wind vor⸗ handen war, brandete das Waſſer bis auf eine Entfernung von fünfhundert Ruthen ſeewärts; der Ort, wo das däniſche Schiff auf den Strand ſaß, war daher höchſt wahrſcheinlich abſichtlich gewählt worden, um das Leben der Mannſchaft zu retten. Unter ſolchen Umſtänden blieb nichts Anderes übrig, als wieder auf eine ſichere Entfernung abzuwarpen und die Boote, ſo gut es gehen wollte, für die Nacht zu ſichern. Dies geſchah gegen acht Uhr, und Kapi⸗ tän Truck ertheilte nun Befehl, noch zwei Kedſchen niederzalaſſen, weil er nicht in der Dunkelheit trifftig werden wollte, wenn es anders in ſeiner Macht lag, es zu verhindern. Nachdem die Leute mit ihrem Auftrage zu Stand gekommen waren, erhielten ſie ihr 358 Nachteſſen, worauf eine Wache ausgeſetzt wurde und die Uebrigen ſich zum Schlafe anſchickten. Die drei Paſſagiere waren von der Arbeit befreit geblieben, weahalb ſie ſich jetzt freiwillig erboten, bis Mitternacht für die Sicherheit der Boote zu wachen, damit die Mannſchaft Gelegenheit finde, ſich ſo viel wie möglich der Ruhe zu erfreuen. Letztere lag auch ſchon eine halbe Stunde nachher in tiefem Matroſenſchlummer, während Kapitän Truck und die Gentlemen, welche in der Lanſche ſaßen, ſich über die Ereigniſſe des Tages beſprachen. „Ihr habt die Beduinen ſehr unterhaltlich und bechergerecht gefunden, Mr. Monday,“ bemerkte der Kapitän, indem er eine Ci⸗ garre anzündete— bei ihm ein ſicheres Anzeichen, daß er Luſt zum Plaudern hatte.„Meint Ihr nicht auch, wenn man ſie jung in die Schule geſchickt, Tanzen gelehrt und anderweitig civiliſtrt hätte, ſo würden ſie wohl in dieſer unſerer wanderluſtigen Welt ziemlich leidliche Schiffskameraden abgegeben haben?“ „Auf mein Wort, Sir, ich betrachte den Scheikals einen ungemein gentlemaniſchen Burſchen und einen grundguten Kerl. Er griff ohne Grimaſſe nach ſeinem Glaſe, lächelte, wenn er etwas ſagte, obgleich ich kein Wort davon verſtehen konnte, und antwortete auf alle meine Bemerkungen ſo höflich, als verſtände er Engliſch. Ich muß ſagen, Mr. Dodge hat, meiner Meinung nach, einen großen Mangel an Rückſicht bekundet, als er ſo ohne Umſtände ſeine Geſellſchaft verließ. Ich ſtehe dafür, der Gentleman hat's übel genommen und würde ſich auch in dieſer Weiſe ausgeſprochen haben, wenn er uur ge⸗ wußt hätte, wie er ſeine Anſicht über die Sache verſtändlich kund ge⸗ ben ſollte. Sir George, ich bedaure, daß wir bei dieſer Gelegen⸗ heit nicht die Ehre Eurer Geſellſchaft hatten, denn wie ich höre, haben dieſe Beduinen eine ganz beſondere Achtung vor dem Adel und der Gentry. Mr. Dodge und ich, wir beide waren nur ein dürftiger Erſatz für einen Gentleman wie Ihr.“ Dieſe anerzogene Beſcheidenheit ſeines Reiſegefährten, war 359 nicht ſonderlich nach dem Geſchmacke des Demokraten, der aus pu⸗ Ten rem Neide ſo lange ſchon bemüht geweſen war, Andere zu über⸗ hen zeugen, daß er keinen Menſchen nachſtehe, obſchon es ihm trotz 2, aller ſeiner Mühe nie ganz gelingen wollte, dieſe Selbſttäuſchung bie für unumſtößliche Wahrheit zu halten. Indes ſäumte er dennoch heit nicht, die Gefühle, welche Mr. Mondays Aeußerung geweckt hatte, lag an den Tag zu legen. ner,„Sir George Templemore hat ein zu richtiges Gefühl für ſche die Rechte der Nationen, um hier einen Unterſchied zu machen, Mr. Monday,“ ſagte er.„Wenn ich den Beduinen⸗Scheik ein echt Bißchen plötzlich verließ, ſo geſchah es aus keinem anderen Grunde, Ci⸗ als weil mir ſeine Manieren nicht gefielen, denn ich halte Afrika Luſt für ein freies Land, in welchen Niemand gehalten ſeyn kann, länger ung in einem Zelte zu bleiben, als es eben ſeiner Bequemlichkeit zu⸗ iſirt ſagt. Kapitän Truck weiß, daß ich blos nach dem Ufer herunter⸗ Belt kam, um ihm mitzutheilen, der Scheik beabſichtige mir zu folgen, und wird daher meinen Beweggrund ohne Zweifel gebührend tellt würdigen.“ hne„Wenn auch nicht, Mr. Dodge,“ entgegnete der Kapitän,„ſo eich müßt Ihr eben wie andere Patrioten von der Nachwelt erwarten, ine daß ſie Euch Gerechtigkeit widerfahren laſſe. Die Gelenke und gen, Sehnen ſind bei verſchiedenen Leuten ſo verſchieden gebildet, daß an man nie genau wiſſen kann, wie man ihre Geſchwindigkeit berech⸗ ieß nen ſoll; ſo viel aber will ich, wenn Ihr es wünſcht, nach unſrer irde Ankunft in der Heimath eidlich erhärten, daß ſich, wenn es Eile gilt, Je⸗ wohl kein beſſerer Bote auffinden läßt, als Mr. Steadfaſt Dodge. ge⸗ Sir George Templemore, wir haben, ſeit wir dieſe Expedition an⸗ Sen⸗ 3 traten, nur wenig von Euren Anſichten gehört, und es würde mich vre, freuen, Eure Meinung über die Beduinen und alles Andere, was Idel ſich im Augenblick daran knüpfen läßt, zu vernehmen.“ Lint„O Kapitän, ich halte die Elenden für abſcheulich ſchmutzig, und war 360 wenn man von dem Aeußeren einen Schluß ziehen darf, ſo möchte ich ſagen, daß es ihnen kläglich an Comforts fehlen muß.“ „Namentlich in Betreff der Hoſen; denn ich bin zu glauben geneigt, Sir George, daß Ihr mehr beſitzt, als ſich unter der gan⸗ zen Nation ſinden laſſen. Man muß in der That reiſen, Gentlemen, wenn man die Welt zu ſehen wünſcht, denn ohne dieſen Abſtecher nach der afrikaniſchen Küſte herunter würde keiner von uns je ge⸗ wußt haben, wie die Beduinen leben und welche hurtige Strand⸗ räuber ſie ſind. Wenn man mir für meine Perſon die Wahl ließe zwiſchen dem Dienſt des Jemmy Ducks an Bord des Montauk und dem eines Scheiks in dieſem Stamme, ſo würde ich, wie wir in Amerika zu ſagen pflegen, Mr. Dodge, die Entſcheidung dem Volke überlaſſen und alle meine Kräfte aufbieten, um den erſteren Poſten zu erhalten. Sir George, ich fürchte, alle dieſe County⸗Tongues— wie's Mr. Dodge nennt— in Wind und Wetter werden, wenig⸗ ſtens für dieſen Herbſt, der Büffeljagd auf den Prärieen einen ernſt⸗ lichen Abtrag thun.“ „Ich bitte, Kapitän Truck, mein Franzöfiſch nicht alſo in Un⸗ ehre zu bringen. Ich nenne eine fehlgeſchlagene Erwartung nicht „County Tongues,“ ſondern„Contra Toms“*. Der Ausdruck kommt wahrſcheinlich von einer Perſon her, die Tom hieß und ſich jeder andern contra oder zuwider verhielt.“ „Vollkommen gut auseinandergeſetzt und ſo klar wie Leckwaſſer. Sir George, hat Euch Mr. Dodge erzählt, wie ſich dieſe Beduinen des Lebens erfreuen? Um das Spülwaſſer zu ſparen, ißt ein ganzes halb Dutzend von dieſen Gentlemen zumal von demſelben Teller. Vollkommen republikaniſch und ganz ohne Stolz in ihren Anſichten, Mr. Dodge.“ „Allerdings, Sir, ſind mir während der kurzen Zeit meines Aufenthalts in ihrem Lande viele ihrer Gewohnheiten als einfach und preiswürdig aufgefallen, und ich glaube wohl, daß ein Mann, ¹ Contre temps. 361 der Muße hat, ſie zu ſtudiren, Stoff zur Bewunderung finden wird. Ich kann mir leicht Lagen denken, in welchen Niemand ein Recht hat, ſich eine ganze Schüſſel zuzueignen.“ „Ohne Zweifel, und wer etwas ſo Unvernünftiges wünſchen wollte, müßte in der That ein großes Schwein ſeyn. Was iſt es nicht Köſtliches um den Schlaf! Da liegen nun dieſe wackeren Burſchen und denken ſo wenig an ihre Gefahren und Mühen, als wären ſie in ihrer Heimath und würden von ſorgfältigen frommen Müttern bewacht. Wie wenig dachten die guten Seelen, welche ſie pflegten und über ihren Wiegen fromme Lieder ſangen, an die Beſchwerlich⸗ keiten, zu denen ſie ihre Kinder heranzogen! Es iſt gut, daß wir nie unſer Schickſal voraus wiſſen, da ſonſt die Meiſten von uns nur unglückliche Hunde wären. Meint Ihr nicht auch, Sir George?“ Der Baronet wurde betroffen über dieſe Berufung, die dem wunderlichen Kapitän durch den Sinn kam, wie etwa eine Wolke eine ſonnige Landſchaft verdunkelt, und murmelte haſtig etwas von der Hoffnung vor ſich hin, daß doch wohl kein beſonderer Grund vorhanden ſei, auf dem Wege nach dem Schiffe weitere ernſtliche Hinderniſſe zu befürchten. „Es iſt keine Kleinigkeit, einen ſchweren Floß mit ſo leichten Booten fortzutauen— namentlich in der Richtung, in welcher wir ihn gerne haben möchten,“ entgegnete der Kapitän gähnend.„Wer auf Wind und Wetter baut, vertraut ſich einem unſicheren Freunde an, der wohl geeignet iſt, Einen gerade in dem Augenblicke im Stiche zu laſſen, wo man ſeiner Dienſte am meiſten bedarf. So günſtig auch jetzt der Anſchein iſt, würde ich von meinem kleinen Vermö⸗ gen, unter dem ſich kein einziger leicht verdienter Dollar befindet, doch gerne ihrer Tauſend hingeben, wenn ich dieſe Spieren wohl⸗ behalten an Bord des Montauk und feſt an die geeigneten Plätze eingeſetzt wüßte. Die Maſten ſind für ein Schiff, was die Glieder für den Menſchen, Gentlemen; ohne ſie rollt und taumelt es um⸗ her, wie Wind, Strömung und Wellen es haben wollen, während 362 es unter ihrer Beihülfe ſpaziert, tanzt, hüpft— ja und ſogar faſt ſpricht. Das ſtehende Tackelwerk ſind die Knochen und Knorpel— das laufende Zeug die Venen, in welchen das Leben des Fahrzeugs kreiſt, und die Blöcke bilden die Gelenke.“ „Und was iſt das Herz?“ fragte Sir George. „Das Herz iſt der Befehlshaber. Unter einem tüchtigen Com⸗ mandeur kann kein gutes Schiff je verloren gehen, ſo lange es noch einen Fuß Waſſer unter ſeinem falſchen Kiel oder ein Taugarn hat, mit dem ſich etwas ausrichten läßt.“ „Und doch war der Däne mit alle dem verſehen.“ „Mit Allem, nur nicht mit dem Waſſer. Das beſte Fahrzeug, das nur je von Stapel gelaſſen wurde, iſt nicht ſo viel werth, als ein einzelnes Kameel, wenn es hoch und trocken auf dem Sand von Afrika liegt. Ach dieſe armen Unglücklichen! Und doch hätte ihr Geſchick auch das unſrige werden können, obſchon ich nur wenig an die Gefahr dachte, ſo lange wir uns in Mitte der Beduinen befanden. Es iſt mir noch immer ein Geheimniß, warum ſie uns entkommen ließen, namentlich, da ſie ſo bald von dem Wrack abzo⸗ gen. Auch war's ein großer Haufen, denn wenn einer Alle zählte, welche kamen und gingen, ſo müſſen ſie ſich wohl auf mehrere Hundert belaufen haben!“ Der Kapitän wurde nun ſtill und gedankenvoll— ja, ſogar unruhig wegen ſeines Schiffes, da der Wind ſich zu ſteigern fort⸗ fuhr. Ein⸗ oder zweimal ſprach er davon, in einem der leichten Boote nach dem Montauk hinfahren zu wollen, um in Perſon nach ſeiner Sicherheit ſehen zu können; indeß gab er den Gedanken wieder auf, da er ſah, wie die Wellen ſich hoben und der ſchwere Floß die Banden, von welchen er zuſammengehalten wurde, zu zer⸗ ſprengen drohte. Endlich ſchlief auch er ein, und wir verlaſſen ihn und ſeine Geſellſchaft für eine Weile, um nach dem Montauk zu⸗ rückzukehren und zu berichten, was ſich an Bord deſſelben zutrug. A Einundzwanzigſtes Kapitel. Nichts mehr als dies— rund um das Rieſenwrack, Streckt kahl dahin ſich endlos und verlaſſen Des Sandes Ebne. Shelley. Wie man ſich erinnern wird, hatte Kapitän Truck, weil er wohl wußte, wie wichtig für den glücklichen Erfolg ſeines Unter⸗ nehmens ein raſches Handeln war, keinen Matroſen, mit Ausnahme des Stewards Saunders keinen Diener— mit einem Worte keine Männer in dem Schiffe zurückgelaſſen, als die beiden Herren Effing⸗ ham, Mr. Sharp, Mr. Blunt und die eben vorhin erwähnte Per⸗ ſon. Fügen wir noch Eva Effingham, Mademoiſelle Viefville, Anna Sidley und eine franzöſiſche Femme de chambre bei, ſo iſt die ganze Geſellſchaft aufgezählt. Der Kapitän hatte anfangs einen ſeiner Maten zurücklaſſen wollen; ermuthigt jedoch durch den ſicheren Ankergrund, die Kraft ſeiner Feſtlegungsmittel, die Kahlheit ſeines Schiffes, gegen die Wind und Wellen wenig ausrichten konnten, den Schutz, welchen das Riff bot und die zuverſichtliche Ueberzeu⸗ gung zu den Kenntniſſen Mr. Blunts, welcher im Laufe der Fahrt zu verſchiedenen Malen ſeine große Vertrautheit mit dem Schiffs⸗ weſen kund gegeben, hatte er die früher angedeutete Entſcheidung gefaßt und den letztgenannten Gentleman für die Zwiſchenzeit mit dem Commando über den Montauk betraut. Nach dem Abzuge des rührigen Matroſenvolkes gewann die Lage derjenigen, welche in dem Schiffe zurückgeblieben waren, ein ernſtes und aufregendes Intereſſe. Die Nacht brach mild und ruhig ein. Kein Mond ſtand am Himmel; aber dennoch wandelten die Reiſenden mit ſeltſam wonnigen Gefühlen, in welche ſich noch die Empfindung der Einſamkeit und des Verlaſſenſeyns miſchte, ſtunden⸗ lang auf dem Decke umher. Mr. Effingham und ſein Vetter zogen 364 ſich lange vor den Uebrigen nach ihren Gemächern zurück, wäh⸗ rend Letztere mit einer Freiheit und Zwangloſtgkeit, dergleichen ſie, ſolang ſie an Bord waren, nie gefühlt hatten, ihren Spaziergang fortſetzten. „Unſere Lage iſt wenigſtens neu für ein Häuflein Pariſer, Wiener, Römer, oder mit welchen anderen Namen man uns ſonſt bezeichnen möchte,“ bemerkte Eva. „So ſagt lieber Schweizer,“ entgegnete Blunt,„denn ich glaube, ſelbſt der Kosmopolit hat ein Recht, unter ihnen ſeinen Lieblingsaufenthalt zu wählen.“ Eva verſtand die Anſpielung auf die paar Wochen, welche er in ihrer Geſellſchaft unter der großartigen Scenerie der Alpen ver⸗ bracht hatte, mochte aber doch ihre Gedanken nicht kund geben; denn wie unbefangen auch ein Mädchen ſeyn mag, hängt ihm doch ſtets eine gewiſſe Empfindlichkeit an, ſobald auf Gegenſtände die Sprache kommt, die das Herz näher berühren. „Ihr zieht alſo die Schweiz allen übrigen Euch bekannten Ländern vor?“ fragte Mr. Sharp.„Von England wollen wir gar nicht reden; denn obgleich wir, die Söhne dieſer Inſel, ſo viele Zauber daran ſehen, muß doch zugeſtanden werden, daß Fremde ſelten von ganzem Herzen in unſer Lob einſtimmen. Ich glaube, die meiſten Reiſenden würden Italien die Palme zugeſtehen.“ „Ich bin ganz derſelben Anſicht,“ entgegnete der Andere, „und ſtünde es mir frei, einen Aufenthalt für's ganze Leben zu wählen, ſo würde ich Italien zu meiner Heimath machen. Denn⸗ noch glaube ich, daß wir einen Wechſel in unſern Wohnplätzen eben ſo ſehr lieben, wie den in den Jahreszeiten. Italien iſt der Sommer, und ich füͤrchte, man könnte ſogar eines ewigen Junis müde werden.“ „Iſt nicht Italien vielmehr ein Herbſt— ein Land, in wel⸗ chem die Ernte eingethan iſt und wo man bereits das Laub fallen ſieht?“ ———-ꝛ 36⁵ „Mir erſcheint es wie ein ewiger Sommer,“ ſagte Eva,„ſo⸗ fern für junge Frauenzimmer Alles ewig iſt. Meine Unwiſſenheit würde dort ſtets Stoff zur Belehrung und mein Geſchmack Aus⸗ bildung finden. Aber mag auch Italien Sommer oder Herbſt ſeyn, was iſt wohl das arme Amerika?“ „Natürlich der Frühling,“ entgegnete Mr. Sharp höflich. „Welcher Anſicht ſeyd Ihr, Mr. Blunt? Ihr ſcheint alle Theile der Welt gleich gut zu kennen— ſeyd Ihr damit einver⸗ ſtanden, unſerem Lande— meinem Land wenigſtens dieſen lieb⸗ lichen Titel zu verleihen?“ „Es verdient ihn in mannigfaltiger Hinſicht, obſchon vielleicht in anderen Punkten der Ausdruck Winter paſſender am Orte wäre. Amerika iſt ein Land, das man nicht ſo leicht begreifen kann— in einzelnen Dingen gleich der Minerva erwachſen geboren, in an⸗ dern aber zuverläßig noch immer ein unmündiges Kind.“ .„Ich möchte doch wiſſen, welche Dinge Ihr namentlich in die letztere Claſſe einreiht,“ verſetzte Mr. Sharp. 2 „Zuvörderſt muß ich hier die Kraft namhaft machen,“ ant⸗ wortete der Andere mit einem leichten Lächeln,„dann die Anſichten, den Geſchmack und vielleicht auch die Wiſſenſchaften. Was übri⸗ gens den weſentlichſten Theil der letzteren, ihre praktiſche Anwen⸗ dung— desgleichen die Erleichterung der gewöhnlicheren Bequem⸗ lichkeiten betrifft, ſo dürfte Amerika wohl berechtigt ſeyn, ſich in Vergleichung mit anderen Nationen einen Sommer zu nennen. Die Amerikaner ſtehen gewiß nicht an der Spitze der Civiliſation, Miß Effingham, wie ſo Viele Eurer Landsleute glauben, liegen aber auch nicht ganz unten, wohin ſo Viele von Mademoiſelle Vief⸗ ville's und Mr. Sharp's Landsleuten ſie in ihrem frommen Eifer verſetzen möchten.“ „Und was ſprechen Mr. Blunt's Landsleute über dieſen Ge⸗ genſtand?“ „Ihre Anſichten liegen vielleicht der Wahrheit ſo fern, als 366 die irgend eines Andern, Ich bemerke, daß über den Ort meiner Herkunft einige Zweifel beſtehen,“ fügte er nach einer unſchlüſſigen Pauſe bei, die, wie Alle hofften, vielleicht damit ein Ende nahm, daß der Sprecher das Sachverhalten einfach namhaft machte— „aber ich glaube, von dieſem Umſtand Vortheil ziehen zu können, um nach Gutdünken loben oder tadeln zu können; denn unter ſo bewandten Umſtänden kann Niemand meine Aufrichtigkeit anfechten oder mir Parteilichkeit und Vorurtheile zur Laſt legen.“ „Dies wird ganz von der Richtigkeit Eures Urtheils abhängen. In einem Pankte habt Ihr mich jedoch auf Eurer Seite— darin nemlich, daß Ihr dem köſtlichen, träumeriſchen Italien den Vorzug gebt!— Gleichwohl mag Mademoiſelle dies als ein Majeſtätsver⸗ brechen gegen ihr cher Paris betrachten, und ich fürchte, auch Mr. Sharp wird ſein London für beeinträchtigt halten.“ „Schlagt Ihr in der That London ſo wohlfeil an?“ fragte der letztere Gentleman mit mehr Theilnahme, als er vielleicht ſelbſt an den Tag zu legen glaubte. „Gewiß nicht, denn ich würde dadurch meinem Geſchmack und meinem Wiſſen wenig Ehre machen. In hundert Dingen erſcheint mir London ohne Frage als die ſchönſte Stadt der Chriſtenheit. Es iſt allerdings kein RNom, und wenn es nach etwa fünfzehn Jahr⸗ hunderten in Trümmern läge, ſo frägt ſich's, ob wohl die Leute nach den Ufern der Themſe ſchwärmen würden, um unter dem ver⸗ fallenen Gemäuer ihr Daſeyn zu verträumen; aber was die An⸗ nehmlichkeiten des Lebens, das ſchöne Grün der Landſchaft mit den lieblichen Parken, die Architektur und überhaupt Größe einer ge⸗ wiſſen Art betrifft, ſo wüßte ich kaum, wohin ich gehen ſollte, um ein zweites London zu finden.“ „Ihr ſagt nichts von ſeiner Geſellſchaft, Miß Effingham?“ „Für ein Mädchen von meiner beſchränkten Erfahrung wäre es anmaßend, hierüber ſprechen zu wollen. Ich hoͤre ſo viel von dem guten Sinne der Nation, daß ich es nicht. wage, etwas gegen 367 ihr geſellſchaftliches Leben zu ſagen, und—es wäre Ziererei von mir, wenn ich mir herausnehmen wollte, es zu loben; wenn aber meiner geringen Einſicht ein Urtheil zuſteht, ſo möchte ich ſagen, daß mir Eure Frauen als auffallend fein gebildet und talentvoll vorkamen. Dennoch—“ „Fahrt fort— ich bitte Euch. Erinnert Euch, daß wir in einem allgemeinen Staaten⸗Congreß feierlich darüber eins geworden ſind, Cosmopoliten zu ſeyn, bis wir uns wohlbehalten hinter Sandy Hook befinden. La franchise iſt alſo le mot d'ordre.“ „Wohlan, jedenfalls möchte ich euch Engländer nicht als ein redſeliges Volk ſchildern,“ fuhr Eva lachend fort.„In Geſellſchaft ſeyd ihr alſo ganz ſo angenehm, wie Leute ſich nur machen kön⸗ nen, die nie lachen und nur ſelten ſprechen.“ „Et les jeunes Américaines?“ fragte Mademoiſelle Vieſville lakoniſch. 4 „Meine theure Mademoiſelle, Eure Frage iſt ſchrecklich. Mr. Blunt hat mich bereits verſichert, daß ſte ohne Unterlaß kichern.“ „Quelle horreur!“ „Es iſt allerdings ſchlimm genug; aber ich halte den Bericht für Verläumdung. Nein, wenn ich mich ausſprechen darf, ſo lobe ich mir die Geſellſchaft von Paris und die Natur von Neapel. In Betreff New⸗York's will ich vorderhand mein Urtheil dahin geſtellt ſeyn laſſen, Mr. Blunt.“ „Was immer auch die einzelnen Vorzüge ſeyn mögen, die Eure Bewunderung zu Gunſten dieſes großartigen Emporiums— wie die ſchwunghaften Schriftſteller die Hauptſtadt Eures Staates nen⸗ nen— in Anſpruch nehmen werden, glaube ich doch, Euch vor⸗ ausſagen zu können, daß Euch weder die Geſellſchaft noch die Natur ſonderlich zuſagen wird; denn erſtere iſt in der That zu New⸗York gar nicht vorhanden. Man geht zwar wie in London viel mit einander um; aber der Verkehr iſt ungefähr ſo geregelt, wie ein Regiment, das aus verſchiedenen Brigaden zuſammengeſetzt 368 wurde und in dem man bisweilen den Tambourmajor für den Obriſten hält.“ „Bisher habe ich Euch für einen New⸗Yorker gehalten,“ be⸗ merkte Mr. Sharp. „Und warum jetzt nicht mehr? Soll der Menſch blind ſeyn gegen Thatſachen, die ſo augenfällig ſind, wie die Mittagsſonne, weil er da und dort geboren wurde? Wenn ich Euch eine unan⸗ genehme Wahrheit geſagt habe, Miß Effingham, ſo müßt Ihr die Schuld der Verletzung auf die franchise ſchieben. Ich glaube, Ihr ſeyd kein Manhattan⸗Kind.“ „Ich ſtamme aus dem Gebirge und wurde auf dem Landſitze meines Vaters geboren.“ „Dies gibt mir wieder Muth, denn wir haben demnach Nie⸗ mand hier, deſſen kindliche Anhänglichkeit an die Heimath dadurch gekränkt werden konnte.“ „Nicht einmal die Eurige?“ „Was mich betrifft,“ entgegnete Paul Blunt,„ſo bin ich in Wahrheit ein Cosmopolit, während ihr es nur aus Uebereinkunft ſeyd. Es frägt ſich ſogar, ob ich mir dieſelbe Freiheit gegen Paris oder London nehmen könnte, die ich mir dem glorreichen Manhattan gegenüber erlaubt habe, da ich nur wenig Vertrauen in die Nachſicht meiner Zuhörer ſetze. Mademoiſelle Viefville zum Beiſpiel würde mir kaum vergeben, wenn ich mir eine Rüge über das Erſtere erlauben wollte.“ „C'est impossible! Ihr wäret es nicht im Stande, Monſteur Blunt. Vous parlez trop bien francais, um nicht Paris zu lieben.“ „Allerdings liebe ich Paris; und was noch mehr iſt, ich liebe Londres oder ſogar la Nouvelle Vork. Als Cosmopolit ſpreche ich wenigſtens dieſes Privilegium an, obſchon ich nicht gegen die Mängel aller dieſer Städte blind bin. Wenn Ihr Euch erinnert, Miß Effingham, daß New⸗York ein geſelliges Bivouak— ein Platz 369 iſt, wo ſtatt der Truppen Familien gelagert ſind, ſo werdet Ihr die Unmöglichkeit einſehen, daß es eine anmuthige, wohlgeordnete und gebildete Geſellſchaft beſitze. Außerdem haben wir's mit einer Handelsſtadt zu thun, und ein bloßer Handelsplatz kann wohl nie um ſeiner Geſellſchaft willen im Rufe ſtehen— denn eine ſolche Regelwidrigkeit beſteht, glaube ich, nirgends. Was man auch über die Blüthe des Verkehrs ſagen mag, ſo werden doch nur Wenige behaupten wollen, daß ſich's an ſolchen Orten ſehr angenehm le⸗ ben laſſe.“ „Das alte Florenz zum Beiſpiel?“ bemerkte Eva. „Florenz und ſein Handel war eigenthümlicher Art, und die Verhältniſſe der Dinge wechſeln mit den Umſtänden. In Florenz war zur Zeit ſeiner Größe der Handel ein Monopol, das nur in den Händen Weniger lag und ſo betrieben wurde, daß die Erſten der Stadt nicht in unmittelbare Berührung damit kamen. Die Medici handelten mit Specereien und Seide, wie man's in der Po⸗ litik treibt— das heißt durch Agenten. Sie bekamen ihre Schiffe wahrſcheinlich nie zu Geſicht und ſtanden zu ihrem Handel in keiner andern Beziehung, als daß ſie den Geiſt deſſelben leiteten— wa⸗ ren ſo zu ſagen als die Geſetzgeber zu betrachten, welche den Ver⸗ kehr ordneten, nicht aber als Ausverkäufer, welche ein Muſter be⸗ fühlen, die Weine koſten oder die Früchte beknaupeln. Die Medici waren Handelsherren— eine ganz andere Claſſe von Menſchen, als die der bloßen Faktore, welche von dem Einen kaufen und gegen einen beſtimmten Aufſchlag im Preis an Andere verkaufen— deren ganzer Unternehmungsgeiſt in einer Erweiterung ihrer Liſte ſicherer Kunden und in der Führung eines ſogenannten„regelmäßigen Ge⸗ ſchäftes“ beſteht. Monopole thun zwar dem Ganzen Eintrag, heben aber zuverläßig die begünſtigten Wenigen. Die Medici und die Strozzi waren ſowohl Fürſten als Kaufleute, und ihre Umgebung beſtand hauptſächlich aus untergeordneten Perſonen. Die Concur⸗ renz unſerer Tage zertheilt die Früchte des Handelns auf Tauſende, Die Heimkehr. 24 370 und obſchon er ſich als ein Ganzes erweiterte, hat er doch durch die Vertheilung in ſeinen Einzelnheiten Noth gelitten.“ „Ihr könnt aber doch gewiß nicht bedauern, daß heutzutag Tauſende ein gemächliches und achtbares Auskommen finden, wäh⸗ rend vor dreihundert Jahren ein einziger Magnifico in Hülle und Fülle lebte?“ „Gewiß nicht. Ich freue mich ſogar, daß es nunmehr anders iſt, aber wir müſſen Namen nicht mit Dingen verwechſeln. Wenn wir tauſend bloße Faktore für einen einzigen Handelsherrn haben, ſo iſt die Geſellſchaft— in der allgemeinen Bedeutung des Worts — augenſcheinlich im Vortheil; hätten wir übrigens ſtatt ihrer nur einen einzigen Medici, ſo wäre der Gewinn auf Seite der Geſellſchaft— ich nehme den Ausdruck jetzt in einem anderen, ge⸗ ſonderten Sinne. Im Ganzen will ich weiter nichts ſagen, als daß durch das Herunterkommen des Geſchäftes nothwendig auch ſeine Eigenſchaften litten— oder mit andern Worten„ der New⸗Yorker⸗ Kaufmann iſt eben ſo wenig ein Lorenzo, als die Druckerjungen Frankline ſind.“ „Mr. Blunt kann kein Amerikaner ſeyn,“ rief Mr. Sharp, „denn dieſe Anſichten müßten als Ketzerei erſcheinen.“ „Jamais, jamais,“ ſchloß ſich die Gouvernante an. „Ihr vergeßt ſtets den Vertrag des Cosmopolitismus. Man iſt übrigens auswärts in Betreff des amerikaniſchen Handels ſehr irriger Meinung. Was den Großhandel allein betrifft, ſo gibt es wohl keine chriſtliche, Seefahrt treibende Nation von einiger Aus⸗ dehnung, in welcher ſo Wenige bei einem derartigen Geſchäfts⸗ zweige betheiligt wären, als eben in den Vereinigten Staaten Amerika's. Ihre Bevölkerung iſt Ackerbau treibend, obgleich der Zuſtand des Uebergangs, in welchem ſich ein Land während des Laufs einer raſchen Anſiedelung ſtets befinden muß, mehr Einkäufe und Verkäufe von liegendem Eigenthum veranlaßt, als ſonſt gewöhnlich iſt. Aber auch abgeſehen von dieſer Eigenthümlichkeit bieten die ½ 371 Amerikaner, als ganzes Volk nicht die Verhältniſſe, an die man in Europa unter den gewöhnlichen Verkäufern gewöhnt iſt.“ „Dies iſt nicht die allgemein gangbare Anſicht,“ bemerkte Mr. Sharp. „Nein, und der Grnnd davon liegt darin, weil alle amerika⸗ niſchen Städte, oder wenigſtens faſt alle, die überhaupt in andern Ländern bekannt ſind, bloße Handelsſtädte ſind. Der handeltrei⸗ bende Theil einer Gemeinſchaft iſt obendrein auch ſtets der Con⸗ centrationspunkt und hat es natürlich in Ermangelung eines Hofes, einer politiſchen oder einer ſocialen Hauptſtadt vorzugsweiſe in ſeiner Gewalt, ſich Gehör und Geltung zu verſchaffen, ſo lange nicht eine unmittelbare Berufung an die andere Claſſe ſtattfindet. Die Wahlen zeigen gemeiniglich gerade ſo wenig Sympathie zwi⸗ ſchen der Mehrheit und den Handelsklaſſen als mit der öffentlichen Wohlfahrt verträglich iſt. In der That beſitzt Amerika nur ſehr wenige eigentliche Großkaufleute— ich verſtehe darunter Männer, welche die Triebfedern, nicht aber die Produkte des Verkehrs ſind — obgleich es ſich im gewoͤhnlichen Handel durch ſeine ungemeine Thätigkeit auszeichnet. Derjenige Theil des Volkes, welcher ſich mit dem Faktorieweſen abgibt— denn ſo muß ich den Geſchäfts⸗ zweig nennen, in welchem ein regelmäßiger Agent die Vermittlung zwiſchen den Producenten und Conſumenten beſorgt— bildet zwar in ſeiner Eigenſchaft eine hohe Claſſe, gehört aber nicht der hohen Claſſe der eigentlichen Handelsherren an; denn wer ſich zu Lyon ein Stück Seide, die Elle zu drei Franken, anfertigen läßt, um es gehöriger Zeit an den Detailverkäufer zu vierthalb Franken ab⸗ zulaſſen, iſt eben ſo wenig ein wahrer Kaufmann, als der Sach⸗ walter, welcher in ſeinen Vorträgen die gerichtlich vorgeſchriebenen Formen beobachtet, ein Rechtsgelehrter genannt werden kann.“ „Ich glaube nicht, daß dieſe Anſichten in Amerika ſehr po⸗ pulär erfunden werden dürften, wie Mr. Dodge ſagt,“ bemerkte Eva lachend.„Aber wann werden wir dieſes Amerika erreichen? 372 Während wir von dergleichen Dingen reden, ſind wir hier in einem faſt verlaſſenen Schiffe und kaum eine halbe Stunde von der gro⸗ ßen Wüſte Sahara entfernt. Wie ſchön dieſe Sterne ſind, Ma⸗ demoiſelle. Wir haben nie zuvor ein Gewölb geſehen, das mit ſo funkelnden Edelſteinen beſät geweſen wäre.“ „Den Grund davon müſſen wir wohl in der Breite ſuchen, unter der wir uns befinden,“ verſetzte Mr. Sharp.. „Zuverläßig. Wer kann uns wohl genau den Breitegrad an⸗ geben, unter dem wir gegenwärtig ſtehen?“ Als Eva dieſe Frage ſtellte, wandte ſie ſich unwillkührlich an Mr. Blunt; denn die ganze Geſellſchaft war ſtillſchweigend mit ſich darüber einig geworden, daß er mehr von Schiffen und Schifffahrt verſtehen müſſe, als ſie Alle miteinander. „Ich glaube, wir befinden uns nicht weit vom vierundzwan⸗ zigſten— alſo ganz nahe am Wendekreiſe und an einem Orte, der volle ſechzehn Grade ſüdlich von unſerem Hafen liegt. Das nach⸗ ſetzende Schiff und die Bö haben uns nahezu fünfhundert See⸗ meilen von dem Kurſe abgebracht, den wir hätten einſchlagen ſollen.“ „Zum Glück haben wir Niemand, Mademoiſelle, der um un⸗ ſererwillen Sorge tragen könnte, oder überhaupt Niemand, der ſo lebhaftes Intereſſe an uns fühlte, um ſich über unſere Verſpätung ſehr zu betrüben. Ich hoffe, Gentlemen, daß ihr in dieſer Bezie⸗ ziehung eben ſo ruhig ſeyn köoͤnnt.“ Dies war das erſte Mal, daß ſich Eva eine Frage erlaubte, welche Paul Blunt hätte veranlaſſen können, auf eine nähere Aeu⸗ ßerung über ſeine Verhältniſſe einzugehen. Auch bereute ſie augen⸗ blicklich ihre Worte, obſchon ſie keinen Grund dazu hatte, da der junge Mann ſich nicht bewogen fand, darauf zu antworten. Mr. Sharp bemerkte, ſeine Verwandten in England könnten kaum et⸗ was von ihrer Lage wiſſen, bis Briefe von ihm einliefen, um ſie üͤber ihn zu beruhigen; und was Mademoiſelle Viefville betraf, ſo * — △— à0 — u dn 78 NRN. [—¹— 373 hatte das harte Geſchick, welches ſie zwang, das Amt einer Erzie⸗ herin zu übernehmen, auch faſt alle natürlichen Bande zerriſſen. „Ich glaube, wir werden heute Nacht auf der Hut ſeyn und Wache halten müſſen,“ nahm Eva wieder auf, nachdem das all⸗ gemeine Schweigen eine Weile gewährt hatte.„Iſt es nicht mög⸗ lich, daß uns die Elemente in dieſelbe Lage verſetzen, in welcher wir das arme Dänenſchiff gefunden haben?“ „Möglich allerdings, aber kaum wahrſcheinlich,“ entgegnete Mr. Blunt.„Das Schiff liegt feſt vor Anker und die ſchmale Klippenreihe zwiſchen uns und dem Ocean dient bewunderungswür⸗ dig dazu, um das Waſſer zu brechen. Es wäre freilich nicht an⸗ genehm, in unſrem gegenwärtig en hülfloſen Zuſtande an einer Küſte, wie dieſe, auf den Strand geworfen zu werden.“ „Warum hebt Ihr unſre gegenwärtige hülfloſe Lage ſo heraus? Spielt Ihr vielleicht auf die Abweſenheit unſrer Mann⸗ ſchaft an?“ „Ja und auf die Thatſache, daß wir, wie ich glaube, zu unſe⸗ rer Vertheidigung nicht einmal eine Taſchenpiſtole aufbieten können; denn alle Feuerwaffen wurden in die Boote geſchafft. „Können wir hier nicht Tage, ja ſogar Wochen lang in der Nähe des Ufers liegen, ohne von den Beduinen entdeckt zu wer⸗ den?“ fragte Mr. Sharp. 1 „Ich fürchte, nein. Ich weiß aus dem Munde von Seeſolda⸗ ten, daß die Berbern ſtets längs der Küſte hinſchwärmen, nament⸗ lich nach Stürmen, weil ſie auf Wracke zu treffen hoffen; und ihren Berichten zufolge iſt es ganz erſtaunlich, wie bald ſie ein ſtattgehabtes Unglück auswittern. Man findet ſelten Gel egenheit auch nur in einem Boote zu entwiſchen.“ „Aber ich hoffe, daß wir hier wenigſtens ſicher ſind?“ rief Eva einigermaßen erſchrocken und ſchaudernd, eben ſo ſehr im Scherze als in wirklicher Unruhe. „Ich ſehe hierorts keinen Grund zur Beſorgniß, ſo lange wir 374 hoffen können, das Schiff von der Küſte abzuhalten. Die Beduinen haben keine Boote, und wenn es auch der Fall wäre, würden ſie es doch nicht wagen, damit ein flottes Schiff anzugreifen, wenn ſie nicht wüßten, wie wahrhaft hülflos wir in dieſem Augenblicke ſind.“ „Dies iſt ein froſtiger Troſt; aber ich werde auf eure gute Obhut bauen, Gentlemen. Mademoiſelle, ich glaube, es iſt nahe zu Mitternacht.“ Eva und ihre Begleiterin wünſchten ſodann höflich den beiden jungen Männern gute Nacht und zogen ſich nach ihren Staatsge⸗ mächern zurück. Mr. Sharp dagegen blieb noch eine Stunde länger bei Mr. Blunt, welcher es auf ſich genommen hatte, die erſten paar Stunden zu wachen, um ſich mit ihm in heiterem froͤhlichem Geſpräͤche zu ergehen; denn obgleich die beiden jungen Männer in ihrem Innern ſich wohl bewußt waren, daß ſie ſich zu gleicher Zeit um Eva's Gunſt bewarben, fand doch zwiſchen ihnen eine edle und männliche Nebenbuhlerſchaft ſtatt, die keinen hinderte, dem Anderen volle Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen. Sie ſprachen von ihren Reiſen, ihren Anſichten über die Gebräuche der verſchiedenen Völker, ihren Erlebniſſen in fremden Ländern und dem Vergnügen, das ſie gefunden, als ſie Orte beſuchten, welche durch ihre Erinnerungen an die Geſchichte des Alterthums oder durch Kunſtſchätze berühmt waren; aber keiner wagte es, auch nur ein Wort über das junge Weſen verlauten zu laſſen, das ſich eben zur Ruhe begeben hatte und das beide noch immer vor dem Auge des Geiſtes ſtehen ſahen, nachdem die leichte anmuthige Geſtalt längſt verſchwunden war. Endlich ging auch Mr. Sharp nach ſeinem Gemache hinunter, weil ſein Gefährte darauf beſtand, jetzt allein zu bleiben, wenn der An⸗ dere nicht haben wolle, daß er ſelbſt auch noch die zweite Wache mitmache. Von dieſer Zeit an ließ ſich mehrere Stunden lang kein anderes Geräuſch im Schiffe vernehmen, als der Tritt des einſamen Wäͤchters. Um die anberaumte Zeit fand die Ablöſung ſtatt, und derjenige, welcher bisher auf dem Poſten geſtanden hatte, 375 gab ſich der Ruhe hin, während der frühere Schläfer die Wache bezog. Aber mit Tagesanbruch fühlte ſich Paul Blunt, der in tiefem Schlummer lag, an der Schulter gerüttelt. „Verzeiht mir,“ flüſterte Mr. Sharp behutſam;„aber ich fürchte, es ſteht uns in unſerer Verlaſſenheit eine höchſt unange⸗ nehme Stöͤrung bevor.“ „Ihr himmliſchen Mächte— doch nicht die Beduinen?“ „Leider beſorge ich dies; es iſt übrigens noch zu dunkel, um über die Thatſache Gewißheit einholen zu können. Wenn Ihr auf⸗ ſtehen wollt, koͤnnen wir mit einander über die Lage, in der wir uns befinden, zu Rathe gehen. Ich bitte, beeilt Euch.“ Paul Blunt, der ſich haſtig auf den einen Arm aufgerichtet hatte, fuhr nun mit der Hand über die Stirne, um ſich zu über⸗ zeugen, ob er wirklich wache. Er hatte ſich unausgekleidet nieder⸗ gelegt und ſtand im nächſten Augenblick mitten in ſeinem Gemache. „Die Sache iſt zu ernſthaft für einen bloßen Irrthum; wir wollen ſie daher nicht beunruhigen und ja keinen Lärm machen, Sir, bis ſich die Unglücksbotſchaft als Gewißheit herausgeſtellt hat.“ „Ich bin hierin vollkommen mit Euch einverſtanden,“ entgeg⸗ nete Mr. Sharp, der zwar völlig gelaſſen, aber doch augenſchein⸗ lich bekümmert war.„Ich köͤnnte geirrt haben und wünſche des⸗ halb Eure Anſicht zu hören. Alles an Bord, bis auf uns beide, liegt in tiefem Schlafe.“ Der Andere zog ſeinen Rock an, und in einer Minute befan⸗ den ſich Beide auf dem Decke. Der Tag hatte noch nicht zu däm⸗ mern begonnen, und das Licht reichte kaum zu, um ſo nahe Gegen⸗ ſtände, wie die auf den Riffen waren, zu unterſcheiden, namentlich, wenn ſie keine Bewegung zeigten. Die Klippen ſelbſt waren jedoch ſtellenweiſe ſichtbar; denn die Ebbe hatte den oberen Theil des Riffs faſt ganz bloßgelegt. Die beiden Gentlemen näherten ſich vorſichtig den Bugen des Schiffs und verbargen ſich unter den 376 Bollwerken, von wo aus Mr. Sharp ſeine Begleiter auf die Gegen⸗ ſtände aufmerkſam machte, die ihn beunruhigt hatten. „Seht Ihr den zugeſpitzten Fels— ein wenig rechts von der Stelle, wo die Kedſch angebracht iſt?“ ſagte er, in die Richtung hindeutend, welche er meinte.„Er iſt jetzt leer; aber doch weiß ich gewiß, daß, ehe ich zu Euch hinunterging, ein Gegenſtand dar⸗ auf war, der ſeitdem verſchwunden iſt.“ „Vielleicht war es ein Seevogel: denn der Tag iſt nahe und wahrſcheinlich ſind einige davon bereits in Bewegung. War der Gegenſtand groß?“ „Wie es mir vorkam, von der Größe eines Menſchenkopfs; doch dies iſt bei Weitem noch nicht Alles. Dort, weiter gegen Norden, bemerkte ich drei Koͤrper, die ſich in das Waſſer nach der Stelle hin bewegten, wo die Klippen nie über die Meeresfläche herausragen.“ „Das köͤnnen Reiher geweſen ſeyn; denn ich glaube, daß man derartige Vögel oft in dieſen niedrigen Breiten findet. Ich kann nichts entdecken.“ „Wollte Gott, daß ich mich getäuſcht hätte, obſchon ich es nicht wohl glauben kann.“ Paul Blunt ergriff jetzt den Arm des Andern und hielt ihn in der Weiſe eines Menſchen feſt, der aufmerkſam lauſcht. „Habt Ihr dies gehört?“ flüſterte er haſtig. „Es klang wie das Klirren von Eiſen.“ Mr. Blunt ſchaute umher, griff eine Handſpacke auf, eilte hurtig nach der Hielung des Bugſpriets und trat zwiſchen die Nachtſtöcke. Hier beugte er ſich vorwärts und ſchaute angelegentlich nach den Ketten, welche als Bugbefeſtigungen über den Bollwerken lagen. Dieſe liefen ganz nah in parallelen Linien neben einander fort und bildeten nur eine leichte Krümmung, da ſie zum Vertauen des Schiffes ſtraff an⸗ geſpannt waren. Von den Klippen oder von dem Platze aus, wo die Kedſchen angelegt waren, bis nach einer Stelle hin, die nur 2α— 377 etwa dreißig Fuß von dem Schiffe abſtand, war dieſe Linie mit lebenden Weſen betüpfelt, die behutſam aufwärts krochen. Auch zeigte ein zweiter Blick ſogleich, daß es Menſchen waren, die ver⸗ ſtohlen auf Händen und Füßen näher kamen. Mr. Blunt erhob die Handſpacke und ſchlug mehreremal heſtig an die Ketten. Die Wirkung davon war, daß der ganze Haufe der Beduinen— denn er mußte wohl aus ſolchen beſtehen— plötzlich vorzurücken aufhörte und ſich rittlings auf die Ketten ſetzte. „Dies iſt ſchrecklich!“ ſagte Mr. Sharp.„Aber lieber wollen wir ſterben, als ſie an das Schiff heranlaſſen.“ „Ja das müſſen wir. Tretet hieher, und wenn ſie wieder vor⸗ rücken, ſchlagt auf die Ketten. Es iſt kein Augenblick zu verlieren.“ Waͤhrend Paul Blunt haſtig dieſe Worte ſprach, übergab er dem Andern die Handſpacke und eilte ſodann nach den Bätingen hinunter, wo er die Ketten von ihren Befeſtigungen loszumachen begann. Die Beduinen hörten das Klirren der Eiſenringe, als er einen Schlag um den andern auf das Deck niederwarf, und kamen nicht weiter heran. Auf einmal gaben zwei Linien unter ihnen nach und dann zwei weitere. Dies war das Signal zu einem ge⸗ meinſchaftlichen Rückzug, und Mr. Sharp konnte nun deutlich fünf⸗ zehn Maͤnnergeſtalten zählen, die nach dem Riff zurückkletterten. Die Einen hielten ſich mit den Armen feſt, die Andern lagen halb im Waſſer, und wieder Andere zappelten neben den Ketten, wie es eben gerade kam. Nachdem Mr. Blunt ſo das Schiff losgemacht hatte, fielen die Ketten in die See und der Montauk trifftete langſam ſternwärts, wo er vor ſeinen Kabeln ritt. Während dies vorging, ſtanden die beiden jungen Männer ſchweigend auf dem Vorderkaſtell, als waͤre Alles, was ſie eben mit angeſehen, nur ein Traum geweſen. „Dies iſt in der That entſetzlich!“ rief Paul Blunt.„Wir haben nicht einmal eine Piſtole hier— keine Vertheidigungsmittel, nichts als einen ſchmalen Waſſergürtel zwiſchen uns und dieſen Barbaren! Ohne Zweifel ſind ſie obendrein mit Feuergewehren 378 verſehen, und ſobald es ſich aufhellt, wird es ſogar unſicher ſeyn, nur auf dem Deck zu bleiben“ Mr. Sharp ergriff die Hand ſeines Gefährten und drückte ſie mit Wärme. „Gott ſegne Euch,“ ſagte er mit erſtickter Stimme,„Gott ſegne Euch auch für dieſen kurzen Aufſchub. Aber ohne dieſen Euern glücklichen Gedanken wären Miß Effingham— die Uebrigen— wir Alle ſchon jetzt in den Händen dieſer ſchonungsloſen Elenden. Dies iſt kein Augenblick für falſchen Stolz oder klägliche Täuſchung. Ich glaube, jeder von uns würde bereitwillig ſterben, um jenes ſchöne, unſchuldige Weſen vor dem Geſchicke zu bewahren, das ihr in Gemeinſchaft mit uns droht.“ „Mit Freuden wollte ich mein Leben hingeben, wenn ich ſie in dieſem Augenblicke wohlbehalten in einem civilifirten, chriſtlichen Lande wüßte.“ Die edelmüthigen jungen Männer drückten ſich gegenſeitig die Hand, und in jenem Augenblicke war jedes Gefuhl von Eiferſucht oder Nebenbuhlerſchaft ganz und gar vergeſſen. Beide fühlten nur den reinen Antrieb eines glühenden Wunſches, dem Mädchen zu dienen, das ſie liebten, und es läßt ſich wohl mit Wahrheit be⸗ haupten, daß kaum ein andrer Gedanke, als der an Eva, in ihrem Innern Raum fand. In der That war ihre gemeinſame Beſorgniß für ſie ſo überwältigend, und ihre Gefangenſchaft ſchien ihnen um ſo viel ſchrecklicher als die einer jeden andern Perſon, daß ſie für den Augenblick vergaßen, es ſeyen noch Andere im Schiff— und dazu noch Andere, welche vielleicht mitwirken konnten, das befürch⸗ tete Unglück abzuwenden. 3 „Sie ſind vielleicht nicht in zu großer Anzahl zugegen,“ ſagte Paul Blunt nach einigem Nachdenken;„in dieſem Falle dürften ſie wohl, nachdem die Ueberraſchung fehlſchlug, nicht im Stande ſeyn, eine zureichende Streitkraft aufzubieten, um vor der Rückkehr der Boote einen offenen Angriff zu wagen. Gott ſey Dank, daß wir nicht im Schlafe überfallen wurden und unbewußt einem ſo grau⸗ ſamen Geſchicke erliegen mußten. Fünfzehn oder zwanzig werden ſich kaum erdreiſten, dieſes Schiff nehmen zu wollen, wenn ſie nicht vollkommen von unſrer Schwäche und namentlich von unſrem Mangel an Vertheidigungsmitteln unterrichtet ſind. Wir haben eine leichte Kanone an Bord, die geladen iſt; auch mit dieſer kön⸗ nen wir ſie im Schach halten, wenn wir nur unſere Schwäche nicht verrathen. Wir wollen die Uebrigen wecken, denn jetzt iſt kein Augenblick zum Schlafen. Für eine Stunde oder zwei wenig⸗ ſtens ſind wir ſicher, da ſie ohne Boote nicht wohl früher Mittel finden köͤnnen, zu uns an Bord zu kommen.“ Die beiden jungen Männer begaben ſich nun in den Raum hinunter und traten dabei unwillkührlich ſo leicht auf, wie Leute, die ſich einer nahen Gefahr bewußt ſind. Paul Blunt ging vor⸗ aus und traf zu ſeiner großen Ueberraſchung Eva an der Thüre der Damenkajüte, wo ſie augenſcheinlich ihre Ankunft erwartete. Sie war angekleidet, denn die Beſorgniß und die Neuheit ihrer Lage hatte ſie bewogen, ſich in den meiſten ihrer Kleider niederzu⸗ legen, ſo daß einige Augenblicke zureichten, um ihre Toilette haſtig Miß Effingham war blaß, ſchien aber alle ihre Kraft zu ordnen. ſtellung weiblichen Schreckens aufgeboten zu haben, um eine Schau zu verhindern. „Es muß etwas nicht ganz richtig ſeyn!“ ſagte ſie mit un⸗ willküͤhrlichem Zittern, indem ſie unbewußt ihre Hand auf Paul Blunts Arm legte.„Ich hörte das Klirren von ſchwerem Eiſen, das auf das Deck niederſiel.“ „Faßt Euch, theuerſte Miß Effingham— ich bitte, faßt Euch. Wir ſind nur gekommen, um die Gentlemen zu wecken.“ „Sagt mir das Schlimmſte, Powis— ich flehe darum. Ich kann— ich glaube, ich bin ſtark genug, es anzuhören.“ „Ich fürchte, Eure Einbildungskraft hat die Gefahr über⸗ trieben.“ 380 „Die Küſte?“ „Von dieſer haben wir nichts zu befürchten. Die See iſt ruhig und unſre Befeſtigungen ſind vollkommen gut.“ „Die Boote?“ „Werden ohne Zweifel bald zurückgekehrt ſeyn.“ „Wahrhaftig— ich will nicht hoffen“— rief Eva, indem ſie einen Schritt zurückwich, als hätte ſie ein Ungeheuer zu Geſicht bekommen—„doch nicht die Beduinen?“ „Sie können nicht ins Schiff kommen, obſchon einige derſelben in der Nähe umherſchwärmen. Freilich, ohne Mr. Sharps Wach⸗ ſamkeit hätten wir Alle in unſerem Schlaf gefangen genommen werden können; ſo aber wurden wir gewarnt, und es unterliegt jetzt keinem Zweifel, daß wir im Stande ſeyn werden, die paar Barbaren, die ſich jetzt gezeigt haben, einzuſchüchtern, bis Kapitän Truck zurückkehren wird.“ „Dann danke ich Euch aus dem Grunde meiner Seele, Sir George Templemore, und mit meinem Danke wird ſich der meines Vaters, wie auch die Gebete aller derer vereinigen, denen Ihr einen ſo großen Dienſt geleiſtet habt.“ „Nicht doch, Miß Effingham; obgleich Eure Theilnahme mir ſo theuer iſt, daß ich es kaum über mich bringen kann, Euren Dank abzulehnen, zwingt mich doch die Liebe zur Wahrheit, ihm ein gerechteres Ziel zu geben. Ohne das ſchnelle Handeln des Mr. Blunt— oder des Mr. Powis, wie ich ihn Allem nach jetzt wohl nennen muß— wären wir wahrlich insgeſammt verloren geweſen.“ 4 „ Wir wollen uns über Eure Verdienſte nicht ſtreiten, Gentle⸗ men, denn ich ſehe, ihr Beide habt unſern herzlich gefühlten Dank verdient, und wenn ihr meinen Vater und Mr. John Effingham wecken wollt, ſo will ich hingehen, um Mademoiſelle Viefville und meine Dienerin aus ihren Betten zu holen. Wahrhaftig, dies iſt keine Zeit zum Schlafen.“ iſt ——. QQ———— 381 Nachdem die beiden jungen Männer an die Thüren der älteren Gentlemen geklopft hatten, kehrten ſie auf das Deck zurück, denn ner war, in einem ſolchen Augen⸗ ſie fühlten, daß es nicht geher blicke lange unten zu bleiben. Dort war jedoch Alles vollkommen ruhig, und auch bei ſorgfältigſter Prüfung konnten ſie keine Spur eines menſchlichen Weſens auf dem Riff entdecken.“ „Die Klippen ſind weiter ſüdlich durch das tiefere Waſſer von dem Ufer abgeſchnitten,“ ſagte Paul Blunt— denn wir fahren fort, die beiden Gentlemen bei ihren noms de guerre zu nennen, wenn nicht etwa beſondere Gelegenheiten eine Ausnahme machen— zurückkehrt, kann jene Stelle nicht mehr „und wenn die Fluth z durchwatet werden. Die Beduinen wiſſen dies wahrſcheinlich, und weil das da ihr erſter Verſuch fehlſchlug, ſo werden ſie ſich, Waſſer jetzt wieder ſteigt, wohl nach dem Ufer zurückziehen. Ver⸗ muthlich werden ſie nicht auf dem Felsbande bleiben wollen, das auch während der Fluth über die Meeresfläche hervorragt— und dies noch obendrein Angeſichts der Streitkräfte, die ſie möglicher⸗ weiſe in einem ſolchen Schiffe finden könnten.“ „Aber ſind ſie nicht vielleicht bekannt mit der Abweſenheit der meiſten unſerer Leute und eben deshalb darauf erpicht, das Schiff zu nehmen, ehe ſie zurückkehren können?“ „Dies iſt allerdings das Schlimmſte von dem, was wir muth⸗ maßen können, und vielleicht nur zu wahr; aber da der Tag jetzt anzubrechen beginnt, ſo werden wir bald das Aergſte erfahren, denn nichts iſt ſchlimmer, als die Ungewißheit.“ Die beiden Gentlemen ſchritten eine Weile ſchweigend neben einander auf dem Halbdecke hin und her. Mr. Sharp ergriff zu⸗ erſt wieder das Wort. „Die natürliche Aufregung des Schreckens hat Miß Effingham bewogen,“ ſagte er,„mein Incognito zu verrathen, das Ihr, wie ich fürchte, abgeſchmackt genug finden werdet. Ich verſichere Euch übri⸗ gens, daß es eben ſo zufäͤllig iſt, als es vielleicht beweggrundlos war.“ 382 „Es müßte denn ſeyn, daß Ihr der amerikaniſchen Demo⸗ kratie nicht trautet,“ entgegnete Paul lächelnd,„und Euch daher geneigt fühltet, durch jeweilige Aufopferung Eures Rangs und Titels ſie für Euch günſtig zu ſtimmen.“ „Ihr thut mir wahrhaftig Unrecht. Mein Bedienter, der wirklich Sharp heißt, hatte das Staatsgemach gemiethet, und als ich mich mit ſeinem Namen anreden hörte, beging ich die Schwäche, denſelben beizubehalten, weil ich meinte, er dürfte für ein Paket⸗ boot bequem genug ſeyn. Hätte ich auch nur im Mindeſten vermu⸗ thet, mit den Effinghams zuſammenzutreffen, ſo würde ich mich dieſer Thorheit nicht ſchuldig gemacht haben, da ich Mr. und Miß Effingham von früher her kenne.“ „Während Ihr Euch wegen eines ſo verzeihlichen Vergehens entſchuldigt, vergeßt Ihr, daß es einem Mann gegenüber geſchieht, der denſelben Fehler begangen hat. Ich kannte Euch von Perſon, weil ich Euch auf dem Continent geſehen hatte, und da ich Euch geneigt ſah, unter dem unanſehnlichen Namen Sharp zu reiſen, ſetzte ich mir's in einem Augenblicke der Gedankenloſigkeit in den Kopf, die entgegengeſetzte Bezeichnung Blunt anzunehmen. Ein Reiſenamen iſt bisweilen ſehr bequem, obſchon ich vermuthe, daß es allen Täuſchungen vorbehalten iſt, früher oder ſpäter ihre eigene Strafe herbeizuführen.“ „Jedenfalls iſt ſo viel ſicher, daß die Unwahrheit zu ihrer Unter⸗ ſtützung wieder der Unwahrheit bedarf. Da wir aber einmal damit ange⸗ fangen haben, würde es nicht paſſender ſeyn, dabei zu verharren, bis wir Amerika erreicht haben? Ich wenigſtens kann jetzt mein Recht an meinen eigenen Namen nicht behaupten, ohne einen Uſurpator abſetzen zu müſſen.“ „Für Euch wird es zuverläſſig ſehr zweckmäßig ſeyn, waͤre es auch nur deshalb, um der Huldigung jenes doppelt deſtillirten Demokraten, des Mr. Dodge, zu entgehen. Was dagegen mich betrifft, ſo bekümmert man ſich zu wenig um mich, als daß es von Belang wäre, wie ich genannt werde, obſchon ich es aus . Gründen, die ich nicht wohl auseinanderſetzen kann, vorziehe, die Dinge zu belaſſen, wie ſie ſind.“ Sie brachen nun den Gegenſtand ab, obſchon ſich Beide gegen⸗ ſeitig dahin verſtanden, daß ihre frühere Bezeichnungen vorderhand beibehalten werden ſollten. Das kurze Zwiegeſpräch hatte kaum geendet, als die Uebrigen auf dem Deck erſchienen. Alle legten eine erzwungene Ruhe an den Tag, obgleich die Bläſſe der Damen die Angſt ihres Inneren bekundete. Eva kämpfte mit ihrer Be⸗ ſorgniß um ihres Vaters willen, der, als er die erſte Mittheilung über den Sachbeſtand erfuhr, ganz übermannt war und heftig zitterte, jetzt aber ſich mit Würde benahm, obſchon ihm ſeine Be⸗ fürchtungen das Innerſte zuſammenſchnürten. John Effingham war ernſt und hatte nur in der Bitterkeit ſeiner erſten Empfindungen einige Flüche über ſeine eigene Thorheit vor ſich hin gemurmelt, die ihn bewogen, ſich in dieſer Weiſe ohne Waffen betreten zu laſſen. Einmal war ſogar der ſchreckliche Gedanke an die Nothwendigkeit, als letzte Zuflucht Eva zu opfern, durch den Sinn gezuckt, weil er ſelbſt ihren Tod für minder ſchlimm hielt, als ihre Gefangenſchaft; aber die Zärtlichkeit, die er zu ihr fühlte, und ſeine beſſere Natur verbannten bald dieſe unnatürliche Vorſtellung. Als er ſich übri⸗ gens denen auf dem Decke anſchloß, geſchah es unter dem allge⸗ meinen, aber unbeſtimmten Eindruck, der Augenblick ſey nahe, in welchem die Umſtände es erfordern dürften, daß ſie Alle miteinan⸗ der ſtürben. Niemand war anſcheinend mehr gefaßt, als Mademoi⸗ ſelle Viefville. Ihr ganzes Leben war eine Kette von Aufopferun⸗ gen geweſen, ſo daß ſie ſich jetzt darauf gefaßt hielt, es auf einem Schauplatze der Gewaltthat zu enden. Mit einer Art von Helden⸗ muth, der ihrer Nation eigen i*ſt, hatten ſich ihre Gefühle zu einer Art von Römerfeſtigkeit geſteigert, und ſie war vorbereitet, ihr Ge⸗ ſchick mit nicht geringerer Faſſung, als die der Männer war, über ſich ergehen zu laſſen. Dies waren die erſten Empſindungen und Eindrücke derer, die 384 aus der Sicherheit der Nacht geweckt worden waren, um die Kunde der nahen Gefahr zu vernehmen; aber ſie milderten ſich, ſobald die Reiſenden ſich in der freien Luft geſammelt hatten und ihre Lage bei dem mehr und mehr zunehmenden Lichte zu unterſuchen begannen. Mit dem vorrückenden Tage muſterte namentlich Paul Blunt ſorg⸗ fältig die Klippen in der Nähe des Schiffes, indem er ſogar nach dem Fockmarſe hinaufſtieg, weil er von hier aus die ganze Linie des Riffs überſehen konnte, und ein Anflug von Hoffnung belebte jede Bruſt, als er die frohe Kunde meldete, daß ſich in dieſer Richtung nichts Lebendiges blicken laſſe. 1 „Gott ſey geprieſen!“ ſagte er mit Inbrunſt, als ſein Fuß beim Herabſteigen das Deck wieder berührte;„die Barbaren haben wenigſtens ihren Angriff aufgeſchoben. Die Fluth iſt ſo hoch ge⸗ ſtiegen, daß ſie es nicht wagen durften, auf den Klippen zu blei⸗ ben, um nicht abgeſchnitten zu werden; denn ohne Zweifel halten ſie uns für bewaffnet und für ſtärker, als wir wirklich ſind. Die leichte Kanone in der Back iſt geladen, Gentlemen, obſchon nicht mit einer Kugel verſehen, da ſich, wie Saunders mir ſagte, keine Kugeln im Schiff befinden; ich meine daher, es dürfte paſſend ſeyn, ſie abzufeuern, einmal um die Beduinen einzuſchüchtern, und dann, um unſern Freunden ein Signal zu geben. Das Wrack iſt nicht ſo weit entfernt, daß der Knall nicht gehört werden könnte, und ich denke, ſie werden uns wenigſtens ein Boot zu Hülfe ſchicken. Der Schall iſt ein ſchneller Bote, und wir können in kurzer Zeit Beiſtand haben. Vor ſechs oder acht Stunden wird das Waſſer nicht weit genug ablaufen, um unſern Feinden einen abermaligen Verſuch auf das Riff möglich zu machen; wir dürfen daher hoffen daß Alles noch gut gehen werde.“ 3 Dieſer Vorſchlag wurde in Berathung gezogen. Auf ange⸗ ſtellte Erkundigung zeigte ſich's, daß alles Pulver im Schiff, nach⸗ dem man die Kanone zum Zwecke eines Signalſchuſſes geladen hatte, in die Boote geſchafft worden war, folglich kein zweites 385 Nothzeichen mehr gegeben werden konnte, weshalb die Entſcheidung dahin lautete, keine Zeit mehr zu verlieren und die Freunde ohne Weiteres von der Gefahr in Kenntniß zu ſetzen, wenn anders der Knall ſo weit gehört werden konnte. Nachdem dieſer Beſchluß ge⸗ faßt war, traf Mr. Blunt unter Mr. Sharps Beihülfe ohne Zö⸗ gerung die nöthigen Vorbereitungen. Letzterer leiſtete zwar Hand⸗ reichung, ſo gut er konnte, beneidete aber doch die Fertigkeit, die Einſicht und das praktiſche Geſchick, womit ſein Gefährte, ein Mann von überhaupt fein gebildetem Geiſte, alles für ihren Zweck Erforderliche ausführte. Statt das Stück, einen eiſernen Vier⸗ pfünder, haſtig zu löſen, verdoppelte Mr. Blunt zuerſt die Watte, ſtieß ſie mit aller Kraft in den Lauf hinunter und beſtrich dann die Mündung mit Fett, um dadurch, wie er ſagte, den Ton zu verſtärken. „Ich will mich an keiner theoretiſchen Erklärung verſuchen,“ fügte er mit einem wehmüthigen Lächeln bei;„aber alle Freunde von Salutationen und Salven behaupten, daß dieſes Verfahren ſehr zweckmäͤßig ſey. Mag übrigens die Sache ihre Richtigkeit haben oder nicht, ſo hängt doch jedenfalls zuviel davon ab, ob wir uns hörbar machen köoͤnnen, als daß wir irgend etwas verab⸗ ſäumen dürften, was auch nur im Mindeſten in Ausſicht ſtellt, die⸗ ſen Einen großen Zweck zu unterſtützen. Wenn Ihr mir jetzt bei⸗ ſtehen wollt, Sir George, ſo wollen wir die Kanone nach dem Steuerbord hinüberſchleppen, damit wir ſie auf der Seite abfeuern können, welche dem Wrack zugekehrt iſt.“ „Der Fertigkeit nach zu urtheilen, die Ihr ſchon bei mehre⸗ ren Gelegenheiten an den Tag gelegt habt, wie auch aus dem Umſtande, daß Ihr mit den ſeemänniſchen Ausdrücken ſo gut be⸗ kannt ſeyd, möchte ich wohl den Schluß ziehen, daß Ihr gedient habt,“ entgegnete der wirkliche Baronet, während er ſeinem Ge⸗ fährten half, die Kanone nach einer Geſchützpforte an der noͤrd⸗ lichen Seite des Schiffes zu bringen.. Die Heimkehr. 2⁵ 386 „Ihr irrt nicht in meinem Berufe, denn ich bin in der That zum Seemann erzogen— ja faſt geboren worden, und obgleich ich als Reiſender ſchon ſeit vielen Jahren von meinen früheren Ge⸗ wohnheiten abgekommen bin, ſo iſt mir doch von dem, was ich einmal wußte, nur wenig verloren gegangen. Wären nur fünf Andere hier, die ſich eben ſo gut auf Schiffe verſtünden, wie ich, ſo getraute ich mir wohl, unſer Fahrzeug trotz ſeines verkrüppelten Zuſtandes aus dem Riff hinauszuführen und die Beduinen auszu⸗ lachen. Wollte Gott, unſer würdiger Kapitän waͤre nie über die Seiten hinuntergeſtiegen.“ „Ohne Zweifel that er Alles in beſter Abſicht.“ „Dies unterliegt keiner Frage; er handelte nicht anders, als wie es eine empfehlenswerthe Klugheit fordert. Dennoch hat er uns in einer höoͤchſt kritiſchen Lage zurückgelaſſen. Dieſes Zuͤndpulver iſt ein wenig feucht, und ich traue ihm nicht recht. Die Kohle, wenn ich bitten darf.“ „Warum gebt Ihr nicht Feuer?“ „In dem Augenblicke, in welchem es darauf ankommt, bereue ich faſt das von mir vorgeſchlagene Auskunftsmittel. Wißt Ihr ganz gewiß, daß ſich keine Piſtolen mehr unter unſeren Effekten befinden?“ „Ich fürchte, daß ſich nichis mehr auftreiben läßt. Saunders berichtet, alle, ſelbſt die kleinſten, ſeyen für die Boote in Anſpruch genommen worden.“ „Die Ladung in dieſem Geſchütz könnte für viele Piſtolen oder auch für einige Jagdflinten ausreichen. Ich möchte ſogar im Noth⸗ falle das Riff beſtreichen können, und wenn ich auch nur alt Eiſen ſtatt der Kugel hineinſtopfen müßte! Es kömmt mir faſt vor, wie ein Abſchied von einem letzten Freund, wenn ich mich von dieſer einzigen koſtbaren Ladung Schießpulver trennen ſoll.“ „Ihr müßt dies allerdings am beſten verſtehen, obſchon ich faſt glaube, daß die Herren Effingham Eurer erſten Anſicht ſind.“ „Es iſt kindiſch, in einer ſolchen Sache zu ſchwanken, und ich will daher nicht länger zögern. Auf Augenblicke ſcheint die Luft in die Richtung unſerer Freunde hin zu wehen; wenn eine dieſer Strömungen wiederkehrt, will ich Feuer geben.“ Eine weitere Minute führte die günſtige Gelegenheit mit ſich, und Paul Blunt oder Paul Powis— denn dies mußte augenſcheinlich ſein wahrer Name ſeyn— ſetzte die Kohle an. Der Knall tönte ſcharf und lebhaft; aber wie der Rauch ſich verflüchtigte, drückte Paul wieder ſeine Zweifel über die Klugheit des eben vollbrachten Schritts aus. Hätte er damals gewußt, daß die kämpfenden Schallſtrahlen ſich in ihren Radien vertheilten, ohne das Wrack zu erreichen, ſo würde ſein Leid noch viel größer geweſen ſeyn. Dies war übrigens eine That⸗ ſache, über die er damals keine Ueberzeugung einholen konnte, und die Inſaſſen des Paketſchiffs mußten zwei oder drei Stunden war⸗ ten, bis ſie nur die Gewißheit gewannen, daß ihr Verſuch fehl⸗ geſchlagen war. Mit dem zunehmenden Licht die eben ſo ſtill und verlaſſen zu ſeyn ſchien, halbe Stunde lang milderte ſich allmählig die fühle, und die Unterhaltung, welche nachgerade ſich aufheiterte, kehrte wieder in den früheren Gang zurück, als plötzlich ein Ruf von Saunders die Unruhe erneuerte. Letzterer bereitete das Früh⸗ ſtück in der Schiffsküche, von wo aus er gelegentliche ängſtliche Blicke nach dem Lande hinwarf, und ſein ſchnelles Auge hatte zuerſt eine neue noch ernſtlichere Gefahr entdeckt, die ihnen jetzt dro⸗ hend nahte. Es wurde nem ließ ſich auch die Küſte überblicken, wie das Riff. Eine Spannung der Ge⸗ lich ein langer Zug von Kameelen ſichtbar, die von der Wüſte herkamen und ihre Richtung nach dem Theil des Riffes nahmen, welcher das Ufer berührte. An dieſer Stelle er⸗ blickte man jetzt auch etliche und zwanzig Beduinen, welche die An⸗ kunſt ihrer Freunde erwarteten— darunter aller Muthmaßung nach auch diejenigen, welche verſucht hatten, das Schiff durch 388 Ueberraſchung zu nehmen. Da die Ereigniſſe, welche zunächſt folg⸗ ten, mit der Politik und der ſcheinbaren Friedensliebe, welche die Barbaren in der Nähe des Wracks an den Tag gelegt hatten, in engem Zuſammenhange ſtanden, ſo wird es paſſend ſeyn, hier aus⸗ einander zu ſetzen, wie ſich der Stand der Dinge unter dieſen Kin⸗ dern der Wüſte verhielt und was ſie bewog, Kapitän Truck nicht anzugreifen. Der Däne war, wie man auf dem Montauk ganz richtig an⸗ genommen hatte, in der letzten Bö auf den Strand getrieben und die Mannſchaft unmittelbar darauf von einem der kleinen Beduinen⸗ haufen, welche ſtets unmittelbar nach einem Sturme an der Küſte umherzuſtreifen pflegen, gefangen genommen worden. Außer Stande, von der Ladung viel fortzuſchaffen, hatten dieſe Räuber nur die Gefangenen in Sicherheit gebracht und waren ſodann nach einer Oaſe im Binnenlande geeilt, um ihren Freunden die wichtige Nach⸗ richt mitzutheilen; zugleich aber ließen ſie Kundſchafter am Ufer, um alsbald Bericht zu erhalten, wenn wieder ein ähnliches Unglück ſtatt⸗ fand oder in der Lage ihrer gegenwärtigen Priſe ein Wechſel ein⸗ trat. Dieſe Kundſchafter hatten den Montauk entdeckt, wie er ver⸗ krüppelt und ohne Maſten längs der Küſte hintrifftete, und ihn bis zu ſeinem Ankern innerhalb des Riffes nicht außer Augen gelaſſen. Auch die Abfahrt der Boote war nicht unbemerkt geblieben, und obgleich die Späher nicht wiſſen konnten, wohin eigentlich dieſer Ausflug abzielte, ſo fanden ſie doch bald, daß das Ziel in nichts Anderem, als in dem Wracke beſtand. Alles dies war natürlich den Häuptlingen der verſchiedenen Haufen, welche in der Nähe der Küſte lagen, mitgetheilt worden, und mehrere derſelben hatten den Entſchluß gefaßt, zur Wegnahme des zweiten Schiffs ihre Streit⸗ kraͤfte zu vereinigen und dann die Beute zu theilen. Als Morgens die Beduinen an der Küſte in der Nähe des Wracks anlangten, begriffen die Aelteſten unter ihnen leicht, auf was es bei dem Zug der Boote abgeſehen war, und nachdem ſie —Iyũ 389 ziemlich genaue Auskunft über die Zahl der Leute, die um den Dänen beſchäftigt waren, eingeholt hatten, kamen ſie zu dem ſehr richtigen Schluß, daß ſich in dem vor Anker liegenden Schiffe nur eine ſehr kleine Bemannung befinden könne. Unter dem Raube, welchen ſie von dem Dänen fortgeſchafft, war auch das Spähglas geweſen, und Mehrere unter ihnen kannten den Gebrauch deſſelben, weil ſie ſchon ähnliche Dinge in anderen geſtrandeten Schiffen geſehen hat⸗ ten. Vermittelſt dieſes Fernrohrs entdeckten ſie nun, ſobald es hell genug geworden war, die Zahl ſowohl als die Lage derer an Bord des Montauk und richteten danach ihre Operationen ein. Dieje⸗ nigen, welche um die Zeit, bei der wir nunmehr in unſerer Ge⸗ ſchichte angelangt ſind, hinter den Sandhügeln der Wüſte auf⸗ getaucht und wieder verſchwunden waren, wie auch die, deren wir im vorigen Kapitel bereits Erwähnung thaten, kamen aus dem Innern her, um ſich in die Richtung des Riffes zu begeben, und der Vortrab der Letzteren war es, den Saunders eben erſt ent⸗ deckt hatte. In Folge des abgerundeten Küſteneinſchnitts und des mehrerwähnten Landvorſprungs war die Entfernung der beiden Schiffe zu Waſſer völlig nochmal ſo lang, als die beiden Lager⸗ punkte der Beduinen, und diejenigen, welche jetzt dem Paketſchiff gegenüber angelangt waren, ſchlugen in aller Ruhe ihre Zelte auf, gleich Leuten, die ſich vor der Rückkehr der Mannſchaft nicht fürchteten und den Erfolg mehr von einer Schauſtellung ihrer An⸗ zahl als von gedeckten Mansövern erwarteten. Sobald die Gentlemen den ſtarken Haufen, welcher mehr als hundert Köpfe zählte, überblickt hatten, beriethen ſie ſich mit ein⸗ ander über die Maßregeln, deren Befolgung nothwendig werden mußte. Natürlich wandten ſich nun alle Blicke auf Paul Blunt, der, ſeiner eigenen Ausſage zufolge, zum Seemann erzogen worden war und ſchon bisher zu wiederholten Malen bekundet hatte, wie gewandt und wirkſam er ſich in bedenklichen Lagen zu beneh⸗ men wußte. 390 „So lange die Fluth anhält,“ bemerkte dieſer Gentleman, „ſehe ich keinen Grund zu Beſorgniſſen. Jedenfalls ſind wir außer dem Bereich ihres Musketenfeuers— wenigſtens ſo weit, daß die Schüſſe der Beduinen unſicher und harmlos werden müſſen; wir können daher getroſt der Ankunft der Boote entgegenſehen. Frei⸗ lich, wenn dieſe nicht zeitig genug eintreſfen und die Ebbe Nachmittags ſo tief ſinkt, wie heute Morgen, ſo dürfte unſre Lage ſehr bedenklich werden. Das Waſſer um das Schiff mag allenfalls für einige Zeit Schutz bieten; aber die Entfernung des Riffes iſt ſo klein, daß ſie durch Schwimmen zurückgelegt werden kann.“ „Zuverläßig können wir doch das Schiff gegen Leute halten, die ſich aus dem Waſſer heben und an den Seiten heranklettern wollen?“ verſetzte Mr. Sharp. „Möglich, wenn wir nicht von der Küſte aus beläſtigt werden. Aber denkt Euch zwanzig oder dreißig entſchloſſene Schwimmer, die, von den langen Musketen der Beduinen geſchützt, das Schiff gleich⸗ zeitig an verſchiedenen Stellen angreifen, und Ihr werdet leicht einſehen, wie wenig wir auf eine wirkſame Abwehr hoffen dürfen. Der Erſte unter uns, der ſich blicken ließe, um die Enterer zurück⸗ zuweiſen, würde wie ein Hund niedergeſchoſſen werden.“ „Es war ein ſchreckliches Verſehen, uns einem ſo grauſenvollen Schickſal auszuſetzen!“ rief der geängſtigte Vater. „Etwas der Art ſieht man freilich leichter ein, wenn der Feh⸗ ler begangen iſt,“ bemerkte John Effingham.„Als Seemann, der einen ſo wichtigen Zweck auszuführen entſchloſſen war, hätte übrigens Kapitän Truck nicht beſſer handeln können, und wir dürfen ihm keinen Vorwurf machen, wie auch der Erfolg ausfallen mag. Das Jam⸗ mern iſt nutzlos, und es bleibt uns jetzt nichts übrig, als auf Mittel zu ſinnen, um, ehe es zu ſpät iſt, die drohende Gefahr aufzuhalten. Mr. Blunt, Ihr müßt unſer Führer und Rathgeber ſeyn. Iſt es nicht möglich, das Schiff aus dem Riff hinauszu⸗ —,— 391 führen und es an einer Stelle vor Anker zu legen, wo wir nicht mehr der Gefahr ausgeſetzt ſind, geentert zu werden?“ 1 „Ich habe bereits an dieſes Auskunftsmittel gedacht, und in dieſem milden Wetter dürfte es wohl angehen, wenn wir nur ein Boot häͤtten; aber ohne dies iſt es unmöglich.“ „Aber wir haben ja noch ein Boot,“ verſetzte er, ſeinen Blick nach der Lanſche gleiten laſſend, die in den Schoren ſtand. „Dieſes iſt zu ſchwerfällig für unſere Zwecke, ſelbſt wenn es ins Waſſer gebracht werden könnte. Uebrigens iſt letzteres an ſich ſchon eine Aufgabe, die wir faſt nicht auszuführen im Stande ſind.“ Es folgte ein langes Schweigen, während deſſen die Gent⸗ lemen vergeblich ſich abmühten, ein Mittel zu entdecken, um den Beduinen zu entkommen; wir ſagen vergeblich, weil bei derartigen Anläſſe die erfolgreiche Maßregel gemeiniglich eher das Reſultat einer plötzlichen Eingebung, als das eines anhaltenden, quälenden Nachdenkens iſt. — Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Der Schmerz lauſcht jetzt Mit heil'ger Ehrfurcht auf der Tugend Stimme, Kein Klagen ſtört die feierliche Stille, Und inne hält der Thränen Fluth. Glover. Von allen menſchlichen Empfindungen trügt die Hoffnung am häufigſten. So lange noch ein ſcheinbarer Grund vorhanden iſt, von irgend einer Seite her Hulfe zu erwarten, verzögert der Menſch ſeine Anſtrengungen ſogar Angeſichts der dringlichſten Gefahr und hält ſich noch immer an der Hoffnung feſt, wenn längſt die Ver⸗ nunft angefangen hat, an der Möglichkeit eines Erfolgs zu zwei⸗ feln. Ebenſo erging es der Geſellſchaft in dem Montauk. Zwei oder drei koſtbare Stunden gingen in dem eiteln Wahn verloren, 392 Kapitän Truck müſſe den Nothſchuß gehört haben und wenigſtens eines der Boote jeden Augenblick eintreffen. Paul Blunt war der Erſte, der ſich dieſes Blendwerks ent⸗ ſchlug. Er wußte, daß ihr Signal, wenn überhaupt, ſchon nach einigen Sekunden von den Freunden gehoͤrt werden mußte, desglei⸗ chen, daß es zu dem Berufe eines Seemanns gehört, raſch einen Entſchluß zu faſſen. Eine Stunde eifrigen Ruderns hätte den Kutter von dem Wrack nach dem Vorſprunge führen müſſen, wo es von dem Fockmarſe aus vermittelſt des Fernglaſes hätte erblickt werden können. Aber jetzt waren ſchon zwei Stunden entſchwun⸗ den, ohne daß ſich eine Spur von einem Boote entdecken ließ, und mit ſchwerem Herzen ſah ſich der junge Mann genöthigt, alle Hoff⸗ nungen auf zeitige Hülfe von dieſer Seite her aufzugeben. John Effingham, der einen weit thatkräftigeren Charaecter, als ſein Vetter beſaß, obſchon ihm dieſer an Muth und Feſtigkeit nicht nach⸗ ſtand, beobachtete aufmerkſam die Bewegungen ihres jungen Füh⸗ rers und konnte in deſſen Geſicht den bitteren Schmerz über die getäuſchte Erwartung nicht verkennen, als er zum letztenmale vom Mars herunterſtieg, zu welchem er ſeit der Berathung ſo oft hin⸗ angeklettert war, um nach dem erwarteten Beiſtand auszulugen. „Ich leſe in Eurem Geſichte, daß wir nichts von den Booten zu hoffen haben,“ ſagte John Effingham.„Unſer Nothſchuß iſt nicht gehört worden.“ „Ich erwarte nichts mehr. Wir ſind jetzt ganz auf unſere eigenen Anſtrengungen und auf ein wohlwollendes Walten der Vor⸗ ſehung hingewieſen.“ „Dieſes Unglück iſt ſo ſchrecklich und hat uns ſo ploͤtzlich be⸗ troffen, daß ich kaum daran glauben kann! Sind wir denn wirk⸗ lich in Gefahr, Gefangene der Barbaren zu werden? Muß Eva Effingham— die ſchöne, unſchuldige, gute, engelgleiche Tochter meines Veiters ihr Opfer— vielleicht die Bewohnerin eines Se⸗ rails werden?“ 393 „Dies iſt der bitterſte Gedanke! Hätte ich tauſend Koͤrper und tauſend Leben, ſo wollte ich gerne die maßloſeſten Qualen über die einen ergehen laſſen und die anderen mit Freuden hin⸗ geben, um ein ſo entſetzliches Unglück abzuwenden. Glaubt Ihr, daß die Damen ihre wahre Lage kennen?“ „Sie find eher unruhig, als erſchreckt. Mit uns hoffen ſie vertrausnsvoll auf die Boote, obgleich der umſtand, daß ſtets wei⸗ tere Haufen in das Lager der Barbaren kommen, dazu beigetragen hat, ſie die wahre Beſchaffenheit der Gefahr mehr erkennen zu laſſen.“ Jetzt rief Mr. Sharp, der auf dem Sturmshäuschen ſtand, nach dem Fernglaſe, um ſich überzeugen zu können, was ein Be⸗ duinenhaufen treibe, der ſich an deni Ende des Riffs, welches dem Ufer zugekehrt war, geſammelt hatte. Aber während er danach hinſchaute, verdüſterte ſich ſein Antlitz, und ein Ausdruck von Hoff⸗ nungsloſigkeit beſchattete ſeine ſchönen Züge, als er das Fern⸗ rohr abſetzte. „Wieder ein neuer Grund zur Unruhe?“ „Die Elenden haben eine Anzahl Spieren aufgerafft und bin⸗ den ſie jetzt zuſammen, um einen Floß zu bilden. Sie ſind auf unſere Gefangennehmung erpicht und ich ſehe kein Mittel, ihnen zu entkommen.“ „Wären wir Männer allein, ſo hätten wir doch wenigſtens den bitteren Troſt, unſer Leben theuer zu verkaufen; aber es iſt ein ſchrecklicher Gedanke, Weſen bei uns zu haben, die wir weder retten, noch mit unſeren Feinden einem gemeinſchaftlichen Untergange weihen können.“— „In der That ſchrecklich— und die Hülfloſigkeit unſerer Lage erhöht noch den Jammer.“ „Können wir nicht Bedingungen anbieten— und wäre nicht vielleicht mit einer Zuſage von Löſegeld, für welche Geiſeln geſtellt werden, etwas auszurichten? Bereitwillig wollte ich mich den Hän⸗ 394 den der Barbaren überantworten, wenn ich dadurch die Uebrigen befreien könnte.“ Mr. Blunt ergriff die Hand des Sprechers und beneidete ihn für einen Augenblick um dieſen edelmüthigen Gedanken; dann aber ſchüttelte er mit bitterem Lächeln den Kopf, als wiſſe er, wie ver⸗ geblich ſogar dieſe verzweifelte Selbſtaufopferung ſeyn würde. „Mit Freuden wollte ich mich in dieſem Werke Euch anſchlie⸗ ßen; aber der Vorſchlag iſt in jedem Sinne unausführbar. Auf Löſegeld dürften ſie vielleicht eingehen, wenn ſie uns Alle in ihrer Gewalt haben, aber nicht auf die Bedingung hin, irgend einen ihrer Gefangenen frei zu laſſen. In der That bliebe uns auch kein Mittel, von ihnen fortzukommen; denn wenn ſie einmal, was in wenigen Stunden der Fall ſeyn muß, im Beſitze des Schiffes ſind, ſo iſt auch Kapitän Truck trotz ſeiner Boote genöthigt, ſich aus Mangel an Lebensmitteln zu ergeben, wenn er nicht etwa das ſchreck⸗ liche Wagniß vorzieht, mit einem Mundbedarf, der kaum zureichen würde, unter den allergünſtigſten Umſtänden das Leben zu friſten, die Inſeln erreichen zu wollen. Dieſe kieſelherzigen Ungeheuer haben die Oede ihrer Wüſte zum Beiſtand und wiſſen wohl, wie fürchterlich ſie gegen uns im Vortheile ſind.“ „Wir müſſen den wahren Stand der Dinge unſern Freunden mittheilen, damit ſie ſich auf das Schlimmſte gefaßt halten können.“ Mr. Blunt war damit einverſtanden, und ſie begaben ſich au John Effingham, um ihm von der neuen Entdeckung Kunde zu geben. Dieſer ernſte Mann war gewiſſermaßen bereits auf das Aergſte vor⸗ bereitet und hielt es gleichfalls für räthlich, die wirkliche Beſchaffen⸗ heit der neuen Gefahr, von der ſie bedroht waren, ſeinem Vetter mitzutheilen. „Ich will ſelbſt dieſes traurige Amt übernehmen,“ ſagte er, „obgleich ich aus tiefſter Seele bitten möchte, daß mir eine ſolche Nothwendigkeit erſpart bliebe. Kömmt es zum Aeußerſten, ſo hege ich immer noch die Hoffnung, durch Anbieten von Löſegeld etwas — zu erzielen; aber was wird aus der zarten, lieblichen Jungfrau werden, ehe wir uns den Barbaren nur verſtändlich machen koͤn⸗ nen? Den Schilderungen zufolge, die ich geleſen habe, muß eine Reiſe durch die Wüſte faſt ſicherer Tod für Alle ſeyn, die Kräftig⸗ ſten unter uns ausgenommen, und ſelbſt Geld könnte ſeine gewoͤhn⸗ liche Gewalt verlieren, wenn es gegen die ſchlimme Natur der Wilden in die Wagſchaale gelegt wird.“ „So bleibt uns alſo wirklich keine Hoffnung mehr?“ fragte Mr. Sharp, nachdem ſich John Effingham entfernt hatte, um ſich nach den Cajüten hinunterzubegeben.„Wäre es nicht möglich, das Boot ins Waſſer zu laſſen und ſo unſer Entkommen zu bewerk⸗ ſtelligen?“. „Ich habe bereits an dieſes Hülfsmittel gedacht, aber es iſt kaum ausführbar. Da übrigens Alles beſſer iſt, als die Gefangen⸗ ſchaft, ſo wollen wir die Schritte dieſer eingefleiſchten Teufel ge⸗ nauer beobachten und zugleich ſehen, ob uns nicht ſonſtige Mittel zu Gebot ſtehen.“ Paul Blunt holte nun ein Loth und ließ es über die Seite des Schiffes hinab— in der faſt verlorenen Hoffnung, der Montauk könnte vielleicht über einer Vertiefung des Grundes liegen; die Leine gab je⸗ doch, wie er erwartet hatte, nur wenig mehr, als drei Faden Tiefe an. „Ich hatte keinen Grund, etwas Anderes zu erwarten,“ ſagte er mit trauriger Miene, als er das Loth wieder anzog.„Wäre zureichend Waſſer da, ſo köͤnnten wir das Schiff verſenken und die Lanſche würde von dem Deck aus flott werden; ſo aber richten wir durch einen derartigen Verſuch das Schiff ohne einen genü⸗ genden Zweck zu Grunde. Es könnte vielleicht heldenmüthig ſchei⸗ nen, wenn wir Beide, Ihr und ich, auf das Riff zu gelangen ſuchten und ans Ufer gingen, um mit den Beduinen zu unter⸗ handeln; aber einen wahren Nutzen böte dieſer Schritt doch nicht, da ihr hinterliſtiger Character zu gut bekannt iſt, als daß man ſich etwas Erſprießliches davon verſprechen dürfte.“ 396 „Sie ließen ſich uͤbrigens vielleicht hinhalten, bis unſere Freunde zurückkehrten? Es wäre ja möglich, daß uns die Vorſehung auch in der äußerſten Gefahr auf eine unverhoffte Weiſe beiſpränge.“ „Wir wollen noch einmal mit dem Fernrohr eine Unterſuchung 1 vornehmen. Es herrſcht ein großes Gewühl unter ihnen— wahr⸗ ſcheinlich iſt ein neuer Haufen herbeigekommen.“ Die beiden Gentlemen ſtiegen nun wieder in ſieberhafter Haſt auf das Sturmhäuschen hinauf und ſetzten abermals das Inſtru⸗ ment an. Nach einer Minute eifrigen Hinſchauens ließ Mr. Blunt das Glas ſinken, und der Ausdruck ſeines Geſichtes bekundete neue Sorge. „Koͤnnen unſere Ausſichten moͤglicherweiſe ſich koch ſchlimmer geſtalten?“ fragte ſein Gefährte raſch. „Erinnert Ihr Euch nicht einer Flagge, die an Bord des Dänen war— dieſelbe, an welcher wir die Nation erkannten, zu der das Schiff gehörte?“ „Allerdings; ſie war an dem Ziehtau befeſtigt und lag auf dem Halbdeck.“ „Dieſe Flagge flattert nun in dem Lager der Barbaren. Ihr könnt ſie ſehen— dort unter den Zelten, welche erſt kürzlich der Haufen aufgeſchlagen hat, der waͤhrend unſres Geſprächs auf dem Vorderſchiffe anlangte.“ „Und daraus ſchließt Ihr— 2“ „Daß unſere Leute gefangen ſind! Die Flagge war in dem Schiff, als wir es verließen, und wären die Beduinen vor den Unſrigen dort geweſen, ſo würde der Kapitän längſt wieder zurück ſeyn. Um dieſes Wimpel zu erhalten, müſſen ſie nach der Ankunft der Boote von dem Wrack Beſitz genommen haben— ein Ereig⸗ niß, das kaum ohne Kampf ſtattfinden konnte; ich fürchte daher, die Flagge iſt ein Beweis, auf welcher Seite der Sieg ge⸗ blieben iſt.“ „Dies würde freilich das Maß unſeres Elends voll machen!“ — —— „Ja wohl; denn auf die ſchwache Hoffnung, daß wir von den Booten aus Hülfe gewinnen köonnten, müſſen wir nun ganz verzichten.“ „Schaut in Gottes Namen noch einmal hin und ſeht, wie weit es die Elenden mit ihrem Floß gebracht haben.“ Es folgte nun eine lange, ſorgfältige Muſterung, denn von dieſem Punkte ſchien jetzt in Wahrheit das Schickſal Aller, die ſich in dem Schiffe befanden, abzuhängen. „Sie arbeiten mit Eifer,“ verſetzte Mr. Blunt, nachdem er geraume Zeit durch ſein Glas geſehen hatte;„aber die Sache ſieht jetzt weit weniger wie ein Floß aus, als zuvor. Sie binden die Spieren der Länge nach aneinander— ein neuer Strahl der Hoff⸗ nung— freilich nur in dem Falle, daß die Boote ihren Fängen entwiſcht ſind!“ „Gott ſegne Euch für dieſe Worte! Doch was findet Ihr Ermuthigendes?“ „Nicht viel,“ entgegnete Paul Blunt mit einem wehmüthigen Lächeln;„aber wo die Gefahr am größten iſt, werden oft Klei⸗ nigkeiten von großer Bedeutung. Sie fertigen eine ſchwimmende Stelling an— ohne Zweiſel in der Abſicht, vermittelſt derſelben von dem Riff nach dem Schiffe zu kommen. Wenn wir dann an den Ketten vieren, ſo können wir wahrſcheinlich ſo weit ſternwärts kommen, daß ſie ſich in der Länge ihrer Brücke ſehr täuſchen werden. Wenn ich nur hoffen könnte, daß die Boote zuletzt noch einträfen, ſo wäre dieſe Ausflucht nicht ohne Nutzen, namentlich, wenn wir bis auf den letzten Augenblick damit zoͤgern. Die Beduinen verlieren dadurch noch eine Fluth, und ein Aufſchub von acht oder zehn Stunden iſt ein Menſchenalter für Leute in unſerer Lage.“ Mr. Sharp faßte dieſe Andeutung mit Begier auf, und die jungen Männer gingen eine halbe Stunde miteinander auf dem Decke hin und her, die Wahrſcheinlichkeiten beſprechend und die verſchiedenen Mittel berathend, die am beſten eingeſchlagen werden 398 könnten. Indeß fühlten doch beide die Ueberzeugung, daß der ge⸗ ringe Aufſchub, welcher in dieſer Weiſe erzielt werden konnte, zu⸗ letzt völlig nutzlos ſeyn mußte, wenn Kapitän Truck und ſeine Leute wirklich in die Hände des gemeinſchaftlichen Feindes gerathen wa⸗ ren. So ergingen ſie ſich noch immer bald in tiefem Kleinmuth, bald wieder gehoben durch neu erwachte Hoffnungen, als Saunders im Auftrage des Mr. Effingham ſie erſuchte, nach der Kajüte hinunterzukommen. Die beiden jungen Männer ſäumten keinen Augenblick, dieſem Wunſche zu entſprechen, und fanden daſelbſt die ganze Familie in tiefſter Betrübniß, wie es unter den obwaltenden Umſtänden auch ganz natürlich war. Mr. Effingham ſaß auf einem Stuhle, und Eva's Kopf ruhte auf ſeinem Knie; denn ſie hatte ſich an ſeiner Seite auf den Teppich niedergeworfen. Mademoiſelle Viefville ging in der Kajüte hin und her, wobei ſie hin und wieder Halt machte, um ihrem jungen Pflegling einige Troſtworte zuzuflüſtern; dann aber kehrte ihr Geiſt wieder zu den Gefahren ihrer gemeinſamen Lage zurück und zwar mit einer Tiefe des Gefühls, welche den Eindruck ihrer Tröſtungen wieder vollſtändig aufhob, da ſie die Angſt ihrer Seele nicht verbergen konnte. Anna Sidley kniete neben ihrer jungen Gebieterin, das einemal in ſtumme glühende Gebete ſich ergießend, dann aber das ihr ſo theure Mädchen wie⸗ der mit ihren Armen umſchlingend, als wolle ſie daſſelbe ſchützen gegen die rohe Gewaltthätigkeit der Barbaren. Die femme de chambre ſchluchzte in einem Staatsgemach, während John Effing⸗ ham mit verſchlungenen Armen an einer Scheidewand lehnte und in ſeinen Zügen eher den Ausdruck finſterer Ergebung, als den der Verzweiflung blicken ließ. Die ganze Geſellſchaft war jetzt bei⸗ ſammen, mit der einzigen Ausnahme des Stewards, der ſich den ganzen Morgen uͤber in nicht eben ſtummem Jammer ergangen hatte, jetzt aber auf dem Decke ſtand, um die Bewegungen der Beduinen zu beobachten. werden, um unſere Auslöſung zu bewirken.“ Es war kein Augenblick für eitle Förmlichkeiten, und Eva Effingham, die unter andern Umſtänden erſchrocken ſeyn würde, wenn ſie von ihren Reiſegefährten in ihrer gegenwärtigen Lage be⸗ troffen worden wäre, erhob bei ihrem Eintritte kaum das Haupt, um für ihren wehmüthigen Gruß zu danken. Sie hatte geweint, und ihr Haar wallte in loſer Fülle über ihre Schultern nieder. Ihre Thränen ſloſſen nicht länger, und der Todtenbläſſe folgte ein warmes flüchtiges Erröthen, welches bekundete, daß das Ringen des Geiſtes über ihre weibliche Angſt den Sieg davon getragen hatte. Ihr Antlitz gewann dadurch eine Liebenswürdigkeit und einem Aus⸗ druck, wie man ſich dieſelben gerne an den Boten des Himmels denkt. Die beiden jungen Männer glaubten ſie nie ſo ſchön geſehen zu haben und empfanden einen ſchmerzlichen Stich durchs Herz, als ſich ihnen im gleichen Augenblicke die Ueberzeugung aufdrängte, daß eben dieſe überraſchende Anmuth vielleicht ihr gefährlichſter Feind werden dürfte. „Gentlemen,“ begann Mr. Effingham mit anſcheinender Ruhe und einer Würde, welche durch keine Sorge getrübt werden konnte, „mein Vetter hat uns mit der Hoffnungsloſigkeit unſerer Lage be⸗ kannt gemacht, und ich habe mir um Euretwillen die Ehre dieſes Beſuchs erbeten. Wir können uns nicht trennen, denn die Bande des Bluts und der Liebe vereinigen uns, und unſer Schickſal muß ein gemeinſames ſeyn; bei euch aber findet keine ſolche Nothwen⸗ digkeit Statt. Ihr ſeyd jung, kühn und thätig; vielleicht fällt euch irgend ein Plan ein, durch den ihr den Barbaren entrinnen und we⸗ nigſtens euch ſelbſt retten könnt. Ich weiß zwar, daß euch euer edelmüthiger Sinn nicht geſtatten wird, gleich von vornherein einer derartigen Andeutung Gehör zu ſchenken; aber weitere Er⸗ wägung muß euch belehren, daß es zum Beſten von uns Allen ge⸗ ſchieht. Ihr könnt vielleicht unſer Schickſal früher, als es ſonſt möglich wäre, denen kund thun, welche unverweilt Maßregeln treffen 400 „Dieß iſt unmöglich!“ verſetzte Mr. Sharp mit Feſtigkeit. „Wir werden euch nicht verlaſſen und könnten überhaupt nie einen ruhigen Augenblick mehr finden, wenn das Bewußtſein auf uns laſtete, eine ſo ſelbſtſüchtige Handlung begangen zu haben.“ „Mr. Blunt verſtummt,“ fuhr Mr. Effingham nach einer kurzen Pauſe fort, während welcher er ſeine Blicke zwiſchen den beiden jungen Maͤnnern, hin und hergleiten ließ.„Er beurtheilt meinen Vorſchlag verſtändiger und wird auf ſeine eigenen Intereſſen Bedacht nehmen.“ Eva richtete haſtig den Kopf auf, ohne ſich übrigens der Angſt bewußt zu werden, die ſie verrieth, und blickte nach dem Gegen⸗ ſtand dieſer Bemerkung mit ſchmerzlicher Angelegentlichkeit hin. „Ich ehre Mr. Sharps edelmüthige Geſinnung,“ antwortete nun Paul Blunt haſtig,„und möchte nicht gerne einräumen, daß mein eigener erſter Antrieb weniger uneigennützig war. Dennoch muß ich geſtehen, daß ich mir die Sache bereits bedacht und die Wahrſcheinlichkeiten des Erfolgs oder des Fehlſchlagens reiflich er⸗ wogen habe. Für einen Mann, der ſchwimmen kann, dürfte es ausführbar ſeyn, das Riff zu erreichen, von dort über den Einlaß zu ſetzen und unter dem Schutze der äußeren Klippenreihe, welche höher iſt, als die uns näher gelegene, das Ufer zu gewinnen. Er könnte dann der Krümmung der Küſte folgen und entweder mit den Booten durch Signale verkehren oder auch im Nothfalle ganz nach dem Wrack kommen. Alles dieß habe ich wohl bedacht, und ich war ſchon einmal Willens dieſes Verfahren in Vorſchlag zu brin⸗ gen; aber— „ Aber was?“ fragte Eva raſch.„Warum wollt Ihr dieſen Plan nicht ausführen und Euch retten? Iſt der Umſtand, daß un⸗ ſer Fall hoffnungslos iſt, ein Grund, warum auch Ihr umkommen ſolltet? So geht denn ohne Säumen, denn die Augenblicke ſind koſtbar; nach einer Stunde ſchon könnte es zu ſpät ſeyn.“ — 4 — —23—— 2* 1—2 n— a———* 8 o nu—— — „Haltet Ihr mich wirklich einer ſolchen Gemeinheit fähig, Miß Effingham, wenn ſich's blos darum handelte mich zu retten?“ „Ich nenne es nicht Gemeinheit, denn warum ſollten wir Euch mit in unſer Elend ziehen? Ihr habt uns bereits in einer hoͤchſt gefährlichen Lage Dienſte geleiſtet, Powis, und es wäre nicht recht, wenn Ihr Euch ſtets für Leute aufopfern wolltet, die beſtimmt zu ſeyn ſcheinen, Euch nie Glück zu bringen. Mein Vater wird Euch ſagen, daß er der Anſicht iſt, es ſei jetzt Eure Pflicht, wo moͤglich auf Eure Rettung Bedacht zu nehmen.“ „Ich halte es für die Pflicht eines jeden Menſchen,“ nahm Mr. Effingham mit Milde auf,„ſich das Leben und die Freiheit, dieſe theuren Gaben des Himmels, zu erhalten, wenn nicht eine ge⸗ bieteriſche Verbindlichkeit andere Forderungen ſtellte. Dieſe Gent⸗ lemen ſind ohne Zweifel durch Bande und Anſpruͤche gefeſſelt, die auf uns keinen Bezug haben, und warum ſollten ſie ihren Lieben Schmerz bereiten, indem ſte unſer Unglück theilen?“ „Ihr ſetzt nur nutzloſe Muthmaßungen an die Stelle einer kläglichen Gewißheit,“ bemerkte John Effingham.„Da man nicht hoffen kann, die Boote zu erreichen, ſo iſt es vergeblich, über das Paſſende des Schrittes viele Worte zu machen.“ „Iſt dieß wahr, Powis? Iſt wirklich keine Moͤglichkeit zu Eurem Entkommen vorhanden. Ihr werdet uns nicht täuſchen— Euch ſelbſt nicht täuſchen— blos um eines eiteln Stolzes willen!“ „Ich kann in Wahrheit ſagen, und freue mich faſt darüber,— denn Gott ſei Dank, es bleibt mir dadurch der Kampf erſpart, zwiſchen meiner Pflicht und meinen Gefühlen zu wählen— daß keine Ausſicht mehr vorhanden iſt, das Wrack im Beſitz unſerer Freunde zu finden,“ entgegnete Paul mit Wärme.„Es gab Au⸗ genblicke, in welchen ich dachte, daß der Verſuch ausgeführt werden könne, und vielleicht wäre mir das Loos zugefallen, das Wagniß zu beſtehen; aber jetzt haben wir den Beweis, daß die Beduinen Herren des Dänen ſind, und wenn Kapitäͤn Truck überhaupt ent⸗ Die Heimkehr. 26 402 kam, ſo iſt es unter Umſtänden geſchehen, welche kaum an die Mög⸗ lichkeit denken laſſen, daß er ſich noch in der Nähe des Landes be⸗ finde. Wahrſcheinlich iſt die ganze Küſte bewacht und in Beſitze der Berbern, ſo daß man kaum hoffen darf, unbemerkt an derſel⸗ ben hinzukommen.“ „Aber könntet Ihr nicht dennoch ins Innre entkommen?“ fragte Eva mit Heftigkeit, „Aus welchem Grunde? Sollte ich mich von meinen Schick⸗ ſalsgenoſſen trennen, blos um vor Mangel umzukommen, oder ei⸗ nem andern Beduinen⸗Haufen in die Hände zu fallen? In jeder Hinſicht fordert es unſer Intereſſe, zuſammenzuhalten und uns im äußerſten Falle von denen gefangen nehmen zu laſſen, welche ſich bereits an der Küſte befinden, da die Beute zweier Schiffe ſie ge⸗ neigt machen dürfte, gegen ihre Gefangenen weniger gewaltſam zu verfahren.“ „Sklaven!“ murmelte John. Mr. Effingham beugte das Haupt über die zarte Geſtalt Evas, die er mit ſeinen Armen umſchloß, als wolle er ſie vor den Uebeln und Gefahren der Wüſte ſchützen. „Da wir vielleicht unmittelbar nach unſerer Gefangennehmung getrennt werden,“ nahm Paul Blunt wieder auf,„ſo wird es gut ſeyn, uns über einen gemeinſamen Plan des Handelns und über gleichförmige Ausſagen zu verabreden. Wir müſſen nemlich den Berbern die Ueberzeugung beibringen, die Klugheit fordere es, daß ſte uns möglichſt ſchnell in die Naͤhe von Mogadore ſchaffen, wenn ſte anders baldiges Löſegeld zu erhalten wünſchen.“ „Läßt ſich dieſer Zweck durch etwas Anderes beſſer erreichen, als durch die heilige Wahrheit?“ rief Eva.„Nein, nein, nein— wir wollen dieſe Züchtigung Gottes nicht verhöhnen, indem wir nur ein Wort— ja nur einen Gedanken mit Täuſchung entſtellen.“ „Täuſchung wird in unſrem Falle kaum nöthig ſeyn; aber wenn man weiß, was auf die Beduinen wahrſcheinlich den größten ———— 2 752 N 8 8RN N — — +Bα△ 8 ◻— 40³ Einfluß üben wird, ſo konnen wir dies wohl vorzugsweiſe hervor⸗ heben. Wir können nichts Beſſeres thun, als daß wir unſern Räubern den Umſtand nahe legen, dieſes Schiff gehöre nicht unter die gewöhnlichen— eine Thatſache, von der ſie ſich durch ihre eigenen Augen überzeugen können;— ferner haben wir ſie zu be⸗ lehren, daß wir keine bloſen Matroſen, ſondern Reiſende, alſo in der Lage ſeien, ihre Nachſicht und Mäßigung zu belohnen.“ „Ich glaube, Sir,“ unterbrach ihn Anna Sidley, indem ſie von der Stelle, wo ſie noch immer kniete, mit thränenvollen Augen aufblickte,„wenn dieſe Leute wüßten, wie ſehr Miß Eva geliebt wird, ſo würden ſie daraus Anlaß nehmen, ſie nach Verdienſt zu achten; dies könnte wenigſtens dazu dienen, um ‚den Wind zu mil⸗ dern für das geſchorene Lamm!““ „Arme Nanny!“ murmelte Eva, der alten Dienerin ihre Hand entgegenſtreckend, obgleich ihr Antlitz noch immer von ihren Locken bedeckt war.—„Du wirſt bald erfahren, daß es auch außer dem Grabe Verhältniſſe giebt, welche Alles gleich machen.“ „Fräulein?“ „Du wirſt finden, daß unter den Barbaren Eva aufhören wird, deine Eva zu ſeyn. An mich wird nun die Reihe kommen, ein Dienſtmädchen zu werden und für Andere tauſendmal demüthi⸗ gendere Verrichtungen vorzunehmen, als dir je für mich zu Theil geworden ſind.“ Die Möglichkeit eines ſolchen Uebermaßes von Elend war der einfachen Anna nie eingefallen, und ſie blickte ihr Kind mit liebe⸗ voller Angſt an, als traue ſie ihren eigenen Sinnen nicht. „Dies iſt zu unwahrſcheinlich, liebe Miß Eva,“ ſagte ſie, „und Ihr werdet Euern Vater betrüben, wenn Ihr ſo verwirrt herausſprecht. Die Beduinen ſind auch menſchliche Weſen, obſchon Wilde, und ſie werden nicht im Traume an eine ſolche Gottloſig⸗ keit denken.“ Mademoiſelle Viefville ſtieß einen raſchen glühenden Ruf in 404 ihrer eigenen Sprache aus, der deutlich verrieth, wie elend ſie ſich fühlte, und Anna Sidley, die ſtets unruhig wurde, ſo oft ſie in Beziehung auf Eva etwas ſprechen hörte, was ſie nicht verſtehen konnte, blickte von der Gouvernante auf ihre Gebieterin, als bäte ſie um Erklärung. „Ich bin überzeugt, Mammerſelle kann etwas der Art nicht für möglich halten,“ fuhr ſie mit größerer Beſtimmtheit fort;„und Ihr, Sir, werdet wenigſtens nicht zugeben, daß ſich Miß Eva mit ſo unvernünftigen und ungeheuerlichen Vorſtellungen quãle.“ „Wir ſind in den Händen Gottes, meine gute Anna, und Ihr könnt's vielleicht noch erleben, daß alle Eure vorgefaßten Anſichten von Schicklichkeit verletzt werden,“ entgegnete Mr. Effingham. „Laßt uns beten, daß wir nicht getrennt werden, denn es liegt wenigſtens ein inniger Troſt darin, wenn uns geſtattet wird, unſer Elend gemeinſchaftlich zu tragen. Ach, wenn wir auseinandergeriſſen werden ſollten, dann müßte ſich in der That unſer Leid zur uner⸗ träglichſten Qual ſteigern.“ „Und wer wird auch eine ſolche Grauſamkeit für möͤglich hal⸗ ten, Sir? Mich können ſie nicht von Miß Eva trennen, denn ich bin ihre Dienerin— ihre lang erprobte, getreue Pflegerin, die ſie in ihren Armen hielt und ihrer wartete, als ſie noch ein hülfloſes Kind war. Und auch Ihr, Sir— Ihr ſeyd ja ihr Vater— ihr geliebter, verehrter Vater— und iſt Mr. John nicht ihr Vetter dem Blut und dem Namen nach? Und ſogar Mammerſelle hat An⸗ ſprüche daran, bei Miß Eva zu bleiben, denn ſie lehrte ſie viele Dinge, die, wie ich wohl glauben mag, gut zu wiſſen ſind. O nein, nein, nein! Niemand hat ein Recht, uns voneinander zu rei⸗ ßen, und Niemand wird das Herz haben, es zu thun.“ „Nanny, Nanny!“ murmelte Eva,„Ihr kennt dieſe grau⸗ ſamen Beduinen nicht— köͤnnt auch nichts von ihnen wiſſen.“ „Sie köͤnnen nicht grauſamer und unverſoͤhnlicher ſeyn, als unſere eigenen Wilden, Fräulein, und dieſe laſſen die Mutter bei 8* N * N N ⏑8O n& d X 40⁵ dem Kinde; und wenn ſie Menſchenleben ſchonen, ſo nehmen ſie die Gefangenen nach ihren Hütten und behandeln ſie wie ihre eigenen Leute. Gott hat in dieſen öſtlichen Ländereien ſo viele Gottloſe um ihrer Sünden willen umkommen laſſen, daß ich nicht glaube, es könne noch Jemand übrig ſeyn, der ſchlecht genug wäre, um einem Weſen, wie Miß Eva, Leides zu thun. Faßt daher Muth, Sir, und ſetzt Euer Vertranen auf die heilige Vorſehung. Ich weiß, die Heimſuchung iſt ſchwer für das zärtliche Herz eines Va⸗ ters; aber ſollte es dennoch Brauch ſeyn, die Maͤnner und Weiber zu trennen,— alſo auch Euch für eine kurze Friſt von Curer Tochter zu entfernen, ſo vergeßt nicht, daß ich bei ihr ſeyn werde, wie ich bei ihr war in ihrer Kindheit, als wir ſie unter Gottes Beihuͤlfe wohlbehalten durch ſo viel ſchwere Krankheiten brachten, ſo daß ſie in dem Stolz ihrer Jugend heranwachſen konnte, ohne Fehler oder Mangel, zu dem vollkommenen Geſchöpfe, das ſie iſt.“ „Wenn die Welt keine andere Bewohner hätte, als ſolche, die Euch glichen, aufopfernde und biederherzige Nanny, ſo wäre in der That nur wenig Grund zur Beſorgniß vorhanden; denn Ihr ſeyd eben ſo unfähig, ſelbſt Unrechtes zu denken, als es Andern zuzu⸗ trauen. Es würde mir in der That eine Bergeslaſt vom Herzen wälzen, wenn ich der Ueberzeugung leben dürfte, daß es auch nur Euch geſtattet ſeyn werde, während der Monate der Angſt und des Leidens, die uns in Ausſicht ſtehen, in der Nähe dieſes ſchwachen und hülfloſen Mädchens zu bleiben.“ 5 „Vater,“ rief jetzt Eva, die haſtig ihre Augen trocknete und ſich ohne alle Anſtrengung mit ſo leichter Bewegung erhob, als walte nicht das Körperliche, ſondern blos der Wille— die Ueber⸗ legenheit eines Geiſtes gegenüber einer faſt ſchwebenden Geſtalt— „Vater, macht Euch in dieſem Augenblicke des Entſetzens nicht durch den Kummer um mich noch elender. Ihr habt mich nur im Glück und Wohlergehen als ein verwöhntes, unthätiges Mädchen gekannt; aber ich fühle eine Kraft in mir, die mich ſelbſt in dieſer 406 öden Wüſte aufrecht erhalten wird. Die Beduinen können nichts Anderes im Schilde führen, als uns Alle feſtzuhalten, weil ſie in uns Gefangene ſehen, welche ihre Mühe wahrſcheinlich durch ein reiches Löſegeld bezahlen koͤnnen. Ich weiß zwar, ihre Art zu rei⸗ ſen wird äußerſt beſchwerlich ſeyn; aber wir müſſen uns darein fügen. Traut daher immerhin meinem Geiſte mehr zu, als mei⸗ nem Leibe, wie gebrechlich er Euch auch erſcheinen mag, und Ihr werdet finden, daß ich nicht ganz ſo werthlos bin, als Ihr Euch, wie ich fürchte, vorſtellt.“ Mr. Effingham ſchlug ſeinen Arm um den ſchmäͤchtigen Leib ſeines Kindes und drückte Eva faſt außer ſich an ſeine Bruſt; ſie aber raffte ſich auf, wand ſich mit leuchtenden, übrigens thränen⸗ loſen Augen von ihm los und blickte unter ihren Begleitern um⸗ her, als wolle ſie ihren Gefühlen eine andere Richtung geben und ſie den Entbehrungen und Gefahren ihrer Leidensgenoſſen zuwenden. „Ich weiß, ihr ſeyd der Anſicht, daß ich in dieſer ſchrecklichen Bedrängniß am meiſten leiden werde,“ ſagte ſte.„Ihr glaubt, ich ſey nicht im Stande, das mir bevorſtehende Ungemach zu ertra⸗ gen, und werde zuerſt dahin ſinken, weil ich dem Körper nach die Schwaͤchlichſte und Gebrechlichſte bin; aber Gott geſtattet dem Rohre, daß es ſich beuge, wo die Eiche entwurzelt wird. Ich bin ſtärker und mehr zu dulden im Stande, als ihr euch wohl vor⸗ ſtellt, und wir werden es Alle erleben, daß wir uns in glücklicheren Verhältniſſen wiederſehen, wenn uns unſer gegenwärtiges ſchweres Schickſal trennen ſollte.“ 8 Waährend Eva alſo ſprach, warf ſie denen, welche ihr durch Gewohnheit, Verwandtſchaft und Dienſtleiſtungen theuer waren, zärtliche Blicke zu; auch ließ ſie ſich in einem ſolchen Augenblicke nicht durch eine unnöthige Zurückhaltung hindern, freundliche Theil⸗ nahme gegen die beiden jungen Männer an den Tag zu legen, die mit tiefſter Innigkeit jede ihrer Bewegungen beobachteten. Worte ver Ermuthigung aus einer ſolchen Quelle dienten jedoch nur dazu, 1⸗ △‿ ☛ 8 PF N &—J— K B—82 8 ⏑ᷣ 407 um den Gemüthern der Zuhörer die ſchreckliche Wahrheit noch leb⸗ hafter vor Augen zu führen, und von den Anweſenden konnte ſich Niemand des bitteren Vorgefühls erwehren, daß, wenn auch die Sprecherin einem grauſameren Geſchick entrann, ſchon einige der Leidenswochen, die ſie ſo leicht nahm, zureichen würden, die jetzt ſo anmuthige und liebreiche Geſtalt einem Grabe in der Wüſte zu überantworten. Mr. Effingham ſtand jetzt auf, und zum erſtenmal ſchien die Fluth ſtürmiſcher Empfindungen, die ſich ſo lange in ſeinem Inneren geſammelt hatte, den Damm der Mannheit durchbrechen zu wollen. Um Faſſung kämpfend, wandte er ſich an ſeine beiden jungen Reiſegefährten und redete ſie mit einem Nachdruck, mit einer Würde an, die doppelt eindringlich wirk⸗ ten, da ſonſt ſein Weſen ſo gelaſſen und ruhig war. „Gentlemen,“ begann er,„wir können möglicherweiſe einander noch dienſtlich werden, wenn wir uns in Zeiten verſtändigen— oder vielleicht ſeyd ihr wenigſtens im Stande, mir eine Gunſt zu erweiſen, die ich euch durch die Dankbarkeit eines ganzen Lebens nicht zu vergelten vermöͤchte. Ihr ſeyd iung und kräftig, kühn und verſtändig— Eigenſchaften, die euch auch unter den Wilden Achtung ſichern müſſen. Einer von euch kann daher eher mit dem Leben davon kommen und wieder nach einem chriſtlichen Lande ge⸗ langen, als ein Mann von meinen Jahren, den, wie es bei mir der Fall ſeyn wird, die nie erſterbende Angſt eines Vaters dar⸗ niederdrückt.“ „Vater! Vater!“ 3 „Ruhig, mein Herz— laß mich dieſe Gentlemen bitten, uns im Gedächtniß zu behalten, wenn ſie einen ſicheren Ort erreichen ſollten; denn die Jugend iſt vielleicht noch im Stande, für Dich zu thun, was die Neige unſerer Jahre Deinem Vetter und mir nicht geſtatten wird. Ihr wißt, daß der Geldpunkt nicht in Frage kömmt, wenn es gilt, mein Kind einem Geſchicke zu entreißen, das weit ſchlimmer iſt, als der Tod; und euch, junge Männer, 408 wird vielleicht am Schluſſe eurer eigenen Laufbahn, die, wie ich hoffe, lang und glücklich ſeyn wird, das Bewußtſeyn Beruhigung geben, daß ein Vater in ſeinem letzten Augenblicke noch Troſt ge⸗ funden hat in der ſchönen Hoffnung, die er in die Früchte eurer edelmüthigen Anſtrengungen ſetzte.“ „Vater, ich kann dies nicht ertragen! Es wäre zu viel, wenn Ihr das Opfer dieſer Barbaren werden ſolltet, und ich wollte lie⸗ ber, daß wir Alle uns auf einem Floße dem furchtbaren Ocean anvertrauten, als daß wir uns nur im Geringſten der Möglichkeit eines ſolchen Unglücks ausſetzten. Mademoiſelle, Ihr werdet mit mir dieſe Gentlemen bitten, zu unſerer Aufnahme ein paar Bretter zuſammenzufügen, auf denen wir gemeinſchaftlich umkommen kön⸗ nen; wenigſtens haben wir dann den Troſt, zu wiſſen, daß uns die Augen von Freunden geſchloſſen werden. Der, welcher die Andern überlebt, wird umgeben und geſtärkt werden von den Gei⸗ ſtern Aller, die ihm vorangegangen ſind nach einer Welt, wohin keine Sorge mehr dringt.“ „Ich habe von Anfang an dieſen Gedanken im Herzen getra⸗ gen,“ entgegnete Mademoiſelle Viefville in franzöſiſcher Sprache, und mit einem Nachdruck, welcher einen kräftigen, entſchloſſenen Character bekundete.„Ich möchte gebildete Damen nicht den Kränkungen und Beſchimpfungen der Barbaren ausgeſetzt ſehen, nahm aber Anſtand, einen Vorſchlag zu machen, den die Gefühle Anderer zurückweiſen konnten.“ „Wenn er ausgeführt werden kann, ſo iſt er tauſendmal der Gefangenſchaft vorzuziehen,“ ſagte John Effingham, indem er fra⸗ gend Paul Blunt anblickte. Letzterer ſchüttelte jedoch verneinend den Kopf, denn da der Wind küſtenwärts blies, ſo wußte er wohl, daß ſie durch dieſe Maßregel blos der Gefangenſchaft entgegen gingen, ohne das äußere Gepräge des Selbſtvertrauens und der Würde, welches viel⸗ — ——— — ————— leicht dazu dienen konnte, einen günſtigen Eindruck auf die Räuber zu machen. 3 „Es iſt alſo unmöglich,“ ſagte Eva, als ſie in Pauls Blicken den Inhalt ſeiner Gedanken las. Dann ſank ſie vor Mr. Effing⸗ ham auf ihre Knie nieder und fuhr fort:„wohlan denn, ſo wollen wir unſer Vertrauen ausſchließlich auf Gott ſetzen! Wir haben nur noch wenige Minuten für uns— laßt ſie uns nicht in ver⸗ geblichen Klagen verſchwenden. Vater, küßt mich und gebt mir noch einmal jenen theuren heiligen Segen, mit welchem Ihr mich in jenen Tagen dem Schlaf zu überantworten pflegtet, als wir kaum vom Unglück träumten, geſchweige denn es in ſo ſchrecklicher Nähe ſahen.“ „Gott ſegne Dich— Gott ſegne Dich, mein Herz, meine ge⸗ liebte, theure Eva!“ ſprach der Vater feierlich, aber mit bebender Lippe.„Möge das hehre Weſen, deſſen Wege zwar unerforſchlich, aber doch voll Weisheit und Erbarmen ſind, Dich in dieſer Prüfung aufrecht erhalten und Dich wenigſtens makellos an Leib und Seele in ſeine Friedenswohnungen einführen. Gott hat mir Deine fromme Mutter früh entriſſen und ich lebte der vermeſſenen Hoffnung, Du ſeieſt mir gelaſſen worden zum Troſte meines Alters. Der Herr ſegne Dich, meine Eva— ich werde ohne Unterlaß zu ihm beten, daß Du heimgehen moͤgeſt ſo rein und ſeiner Liebe ſo würdig, wie die, der Du das Daſeyn verdankſt.“ John Effingham ſtöͤhnte, denn die gewaltſame Anſtrengung, die es ihn koſtete, ſeine Gefühle zu unterdrücken, war außer Stande, dieſen Erguß ſeiner Seele zu hindern, obſchon er ſich nur in tiefen, erſtickten Lauten Luft machte. „Vater, laßt uns gemeinſchaftlich beten. Anna, meine gute Anna— Du, die Du mich zuerſt die Gebete des Danks und der Bitte lehrteſt— knie hier an meine Seite— und auch Ihr, Ma⸗ demoiſelle; denn obgleich dem Glaubensbekenntniſſe nach verſchieden, haben wir doch nur einen Gott! Vetter John, ich weiß, Ihr betet oft, obſchon Ihr es nicht liebt, die Erregungen Eures Innern 410 zu zeigen. Hier iſt auch ein Platz für Euch— neben denen, die durch die Bande des Bluts mit Euch verknüpft ſind. Ich weiß nicht, ob nicht dieſe Gentlemen vielleicht zu ſtolz ſind, um zu beten.“ Die jungen Männer knieten mit den Andern nieder, und es trat eine lange Pauſe ein, während welcher alle Anweſenden ihre ſtummen Gebete gen Himmel entſandten, je nach der ihnen eigen⸗ thümlichen Denkweiſe.“ „Vater!“ ergriff Eva zuerſt wieder das Wort, indem ſie, noch immer vor Mr. Effingham knieend, aufblickte und dem heißgelieb⸗ ten Antlitze ihres Erzeugers zulächelte,„es bleibt uns noch eine köſtliche Hoffnung, die uns ſelbſt die Barbaren nicht rauben können. Sie mögen uns hienieden zwar trennen, aber endlich werden wir uns doch vor Gottes Angeſichte wieder ſehen.“ Mademoiſelle Viefville ſchlang einen Arm um den Leib ihrer theuren Schülerin und drückte ſie an ihre Bruſt. „Es gibt nur einen Aufenthalt für die Seligen, meine theure Mademoiſelle und eine Verſoͤhnung für uns Alle.“ Dann erhob ſich Eva von ihren Knieen und fuhr mit der An⸗ muth und Würde ihrer feinen Bildung fort: „Vetter John, küßt mich; wir wiſſen nicht, wann ſich wieder eine Gelegenheit bieten mag, uns gegenſeitig unſre Liebe zu be⸗ zeugen. Ihr ſeyd mir ein theurer, nachſichtiger Verwandter ge⸗ weſen, und ſollte ich auch zwanzig Jahre in der Sklaverei zubrin⸗ gen müſſen, ſo würde ich doch nie aufhören, mit Schmerz und Innigkeit an Euch zurückzudenken.“ John Effingham ſchloß das ſchöne, aufgeregte Mädchen mit der Zärtlichkeit eines Vaters in ſeine Arme. „Gentlemen,“ fuhr Eva fort, und ein tieferes Roth überflog ihre Wangen, obſchon aus ihren Augen die milde Glut des Wohlwollens und der Dankbarkeit leuchtete,„auch euch danke ich, daß ihr euch unſerem Flehen angeſchloſſen habt. Ich weiß, daß junge Männer in der Sicher⸗ heit ihres Stolzes ſelten eine ſolche Demüthigung vor Gott für nöthig halten; aber auch die Stärkſten können überwältigt werden, und der Stolz iſt nur ein dürftiger Erſatz für die Hoffnung eines demüthigen Sinnes. Ich vermuthe, ihr habt beſſer von mir ge⸗ dacht, als ich es verdiene, und ich würde nie aufhören, mir ſelbſt meine Unbeſonnenheit zum Vorwurf zu machen, wenn ich glauben müßte, daß etwas Anderes, als der bloße Zufall euch in dieſes zum Unglück beſtimmte Schiff geführt hätte. Wollt ihr mir ge⸗ ſtatten, den vielen Berpflichtungen, die ich gegen euch beide habe, noch eine weitere beizufügen?“ Sie trat ihnen näher und ſprach jetzt mit gedämpfterer Stimme.„Ihr ſeyd jung und daher im Stande, körperliche Leiden beſſer zu ertragen als mein Vater. Ich fühle die Ueberzeugung, daß uns eine Trennung bevorſteht— aber es iſt vielleicht in eurer Macht, dem gebrochenen Herzen eines Vaters Troſt zu bringen.— Ich ſehe— ich weiß, daß ich auf euer Wohlwollen bauen darf.“ „ Cva— meine theure Tochter— mein einziges, mein gelieb⸗ tes Kind!“ rief Mr. Effingham, der in der Todtenſtille, welche in der Kajüte herrſchte, jede, auch die leiſeſte Sylbe vernommen hatte— „komm zu mir, mein Herz! Keine Erdengewalt ſoll uns je aus⸗ einander reißen.“ Eva wandte ſich raſch um und ſah ihren Vater mit ausge⸗ breiteten Armen vor ſich ſtehen. Sie warf ſich an ſeine Bruſt, und nun brach der verhaltene Sturm ihres Innern unwiderſtehlich los. Sie weinten beide, Herz an Herz, mit einem Ungeſtuͤm, das bei einem Manne wahrhaftig herzzerreißend anzuſehen war. Mr. Sharp war vorgetreten, um Eva's ausgeſtreckte Hand zu faſſen, als dieſe, wie bereits bemerkt wurde, ſich plötzlich gegen ihren Vater umwandte; aber jetzt fühlte er den Druck von Pauls Fingern an ſeinem Arme, als wollten ſie ihm bis auf den Knochen dringen. Um die Heftigkeit ihrer eigenen Gefühle nicht zu verrathen, eilten nunmehr die beiden jungen Maänner mit einander auf das Deck, 412 wo ſie geraume Zeit hin⸗ und herſchritten, ehe ſie im Stande waren, ein Wort oder auch nur einen Blick gegenſeitig auszutauſchen. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. 0 Domine Deus! speravi in te; O care mi Jesu, nunc libera me:— In duräã catenâ, In misera poenâ, Desidero te,— Languendo, gemendo, Et genuflectendo, Adoro, imploro, ut liberes me. Königin Maria. „ A Die erhabenen Troöͤſtungen der Religion machten auf die glühen⸗ den, edelſinnigen, jungen Männer, welche jetzt auf dem Decke des Montauk hin⸗ und herſchritten, nur wenig Eindruck. Sanfte und bildſame Gemüther geben ſich dem Zuge eines myſtiſchen Elements weit bereitwilliger hin, und von Allen, die ſich in jenem Augen⸗ blicke an Bord des Unglücksſchiffes beiſammen fanden, waren die⸗ enigen am ergebenſten, welche vermöge ihrer körperlichen Kräfte am wenigſten im Stande waren, das grauſame Schickſal, welches ihnen bevorſtand, zu überſtehen. „Dieſe himmliſche Ergebung,“ ſagte Mr. Sharp in halbem Flüſtern,„iſt ſogar noch herzzerreißender, als der Ausbruch von Verzweiflung.“ 8 „Es iſt ſchrecklich!“ entgegnete ſein Gefährte.„Alles iſt beſſer, als die traurige Nothwendigkeit, ſich thatlos in ſolche Umſtände fügen zu müſſen. Ich habe nur wenig— ja wahrhaftig gar keine Hoffnung, daß wir entkommen köͤnnten; aber die Unthätigkeit wird zur ſchlimmſten Folter. Wollt Ihr mir beiſtehen, wenn ich den Verſuch mache, dieſes Boot von der Stelle zu ſchaffen?“ 413 „Gebietet über mich, wie über Euren Sklaven. Wollte der Himmel, wir hätten auch nur die geringſte Ausſicht auf Erfolg.“ „Wir haben nur wenig zu erwarten; denn ſollten wir auch mit dem Werke des Augenblicks zu Stande kommen, ſo fehlt es uns doch an Mitteln, die Lanſche weit vom Schiffe abzubringen, da der Kapilän alle Ruder mitgenommen hat und ich weder Maſten noch Segel aufzutreiben weiß. Im Beſitze der letzteren könnten wir in der That bei dem Winde, der jetzt zu wehen beginnt, die Ungewißheit verlängern, indem es uns möglich würde, nach einer von jenen ferneren Sandbänken zu kommen.“ „Dann, im Namen der heiligen Jungfrau!“ rief hinter ihnen eine Stimme in franzöſiſcher Sprache,„zögert keinen Augenblick, und Alle an Bord werden ſich der Arbeit anſchließen!“ Die Gentlemen wandten ſich überraſcht um und erblickten Mademoiſelle Viefville, die ihnen ſo nahe ſtand, daß ihr von ihrem Geſpräche nichts hatte entgehen können. Gewöhnt, auf ſich ſelbſt zu vertrauen, von einem Volke abſtammend, unter dem die Frauen weit thatkräftiger und anſchicklicher ſind, als vielleicht unter jeder andern chriſtlichen Nation, und zugleich von Natur von hoher Entſchloſſenheit, war dieſes gebildete, edelgeſinnte Frauenzimmer in der Abſicht auf das Deck gekommen, ſich zu überzeugen, ob in der That kein Ausweg mehr vorhanden ſey, um den Beduinen zu entrinnen. Hätten überhaupt ihre Kenntniſſe vom Schiffsweſen ihrem Muthe entſprochen, ſo würden wahrſcheinlich ſchon viele frucht⸗ loſe Verſuche angeſtellt worden ſeyn; da ihr übrigens die See eine ganz neue Lage war, ſo hatte ſich bis jetzt noch keine Gelegenheit gefunden, welche ihr's möglich gemacht hätte, ſich Andeutungen zu erlauben, an deren Ausführung ihre Begleiter möglicherweiſe mit⸗ wirken konnten. Sobald ſie aber Pauls Aeußerung vernommen, drang ſie mit Eifer in ihn, und ſchon nach wenigen Minuten hatte ſie es durch ihre Ueberredungsgabe dahin gebracht, daß die beiden Gent⸗ lemen ohne weitere Zögerung die nöthigen Vorbereitungen trafen. Ma⸗ E 414 demoiſelle Viefville holte ſogleich John Effingham und Saunders herbei, und das einmal begonnene Werk wurde mit größtem Eifer fortgeſetzt. Jetzt aber begab ſich die Gouvernante nach den Ka⸗ jüten, um perſönlich in Betreff der Lebensmittel und eines bequemen Unterkommens die erforderlichen Einleitungen zu treffen, im Falle man es wirklich ſo weit brachte, daß ſie das Schiff verlaſſen konnten. Der erfahrenſte Matroſe hätte nicht mit mehr Umſicht und Sachkenntniß an's Werk gehen können, als Mr. Blunt bei der gegenwärtigen Gelegenheit. Saunders erhielt die Weiſung, die Lanſche abzuräumen, die mit einem Dach verſehen war und noch immer einen anſehnlichen Vorrath von Geflügel, Schaafen und Schweinen barg. Das Dach ſollte bleiben, da es vielleicht dem Zweck eines Verdeckes entſprechen konnte; alles Uebrige wurde jedoch ſchleunigſt aus dem Boote geſchafft, und der Steward begann dann mit einer Emſigkeit, die er in ſeiner Kajüte ſelten an den Tag legte, zu fegen und zu ſcheuern. Zum Glück lagen die Tackeln, mit welchen Mr. Leach am Morgen zuvor die Scheerböͤcke aufge⸗ richtet und den Nothmaſt eingeſetzt hatte, noch auf dem Deck, und Paul blieb daher der Mühe überhoben, neue herbeizuſchaffen. Er ſetzte ſich nun in Thätigkeit, um ſtatt des großen Stagen zwei die⸗ ſer Takeln aufzuziehen— eine Arbeit, mit welcher er unter Beihülfe der beiden Gentlemen auf dem Decke bald zu Stande kam; und nun erklärte auch Saunders, daß das Boot in einem paſſenden Zuſtande ſey, um ſeine Ladung einzunehmen. Die Krapper wurden losge⸗ macht und die Falle der einen Tackel nach der Spillle geführt. Mittlerweile hatte Mademoiſelle Viefoille durch ihre Thatkraft und Entſchiedenheit Eva und Nany ſoweit aufgerichtet, daß Mr. Effingham ſeine Tochter verlaſſen, und auf dem Deck erſcheinen konnte, um Paul gleichfalls Handreichung zu thun. Ueberhaupt war das Intereſſe, welches Alle insgeſammt an dem Reſultate nah⸗ men, ſo aufregend, daß die Damen und ſogar Anna Sidley mit der femme de chambre von ihren eigenen Anſtrengungen abſtanden 415 und ſich faſt athemlos zwiſchen Zweifel und Hoffnung um die Spille ſammelten, während die Männer zu winden begannen: denn es ſtand ernſtlich in Frage, ob zureichende Kräfte vorhanden waren, um einen ſo ſchweren Koͤrper überhaupt nur zu lüpfen. Eine Umdrehung folgte auf die andere, und die Falle ſpannte ſich allmählig an, bis die an den Speichen ihre äußerſte Kraft in Anſpruch genommen ſahen. „Dreht mit vereinter Kraft, Gentlemen,“ ſagte Paul Blunt, welcher Alles leitete, abgeſehen davon, daß er eigenhändig mit thätig war.„Wir haben jetzt ſein Gewicht, und was wir weiter aufbieten können, dient dazu, um das Boot zu lüpfen.“ Die Anſtrengungen wurden zwei oder drei Minuten fortgeſetzt, ohne jedoch das Geſchäft merklich zu foͤrdern; dann aber hielten Alle inne um Athem zu ſchöpfen. „Ich fürchte, es überſteigt unſere Kraft,“ bemerkte Mr. Sharp. „Das Boot ſcheint ſich nicht von der Stelle zu rühren, und die Taue ſind angeſpannt, daß ſie zu reißen drohen.“ „Wir brauchen zu der unſrigen nur noch die Kraft eines Kna⸗ ben,“ ſagte Paul, fragend nach den Frauenzimmern hinblickend. „In ſolchen Fällen zählt ein Pfund für eine Tonne.“ „Allons!“ rief Mademoiſelle Viefville, indem ſie der franzöſi⸗ ſchen Kammerjungfer winkte, ihr zu folgen.„Um einer ſolchen Kleinigkeit willen ſoll uns die Sache nicht vereitelt werden.“ Die beiden entſchloſſenen Frauenzimmer verwendeten nun alle ihre Kraft auf die Speichen, und dieſer Zuwachs gab in der Wag⸗ ſchaale des Schwebens zu Gunſten der Maſchine einen Ausſchlag. Die Spille, die man einen Augenblick zuvor in kurzen, gewaltſamen Rucken ſich drehen ſah, ging jetzt zwar langſam, aber doch ſtetig im Kreiſe, und das Ende der Lanſche hob ſich. Eva konnte von der Theilnahme an dem Geſchäfte nur dadurch abgehalten werden, daß Nanny ſie mit ihren Armen umſchloß, weil die gute Dienerin fürchtete, daß ſie durch irgend einen Unfall Schaden nehmen könnte. Paul Blunt erklärte nun hocherfreut ſeine Ueberzeugung, daß 416 ſie genug Kräfte beſäßen, um das Boot aufzubringen, obgleich die Operation noch viele Zeit und Mühe fordern würde. Wir ſagen — hocherfreut; denn wie wenig nachhaltigen Troſt dieſer faſt un⸗ verhoffte Erfolg in Ausſicht ſtellen mochte, liegt doch ſtets etwas Erhebendes und Ermuthigendes in jedem Gelingen eines Verſuchs. „Wir ſind Meiſter des Boots,“ ſagte er,„vorausgeſetzt, daß die Beduinen uns nicht beläſtigen, und können vermittelſt einer Art Nothſegel wohl ſo weit kommen, daß ſie uns nicht zu erreichen im Stande ſind, bis wir die letzte Hoffnung, unſere Freunde wieder zu ſehen, aufgeben müſſen.“ „Alſo immerhin ein großer Troſt!“ rief Mr. Effingham. „Möge Gott den bitterſten Theil dieſes Unglücks von uns abwenden.“ Die verhaltenen Gefühle machten ſich auf's Neue Luft, und Eva weinte abermals in den Armen ihres Vaters, obſchon ſich eine Art heiliger Freude in ihre Thränen miſchten. Mittlerweile hatte Paul die Falle, an der ſie eben gearbeitet, feſtgemacht und die andere an die Spille gebracht, worauf die Arbeit mit dem glei⸗ chen Erfolge erneuert wurde. Nach einer halben Stunde hing die Lanſche an dem Stagen, und zwar hoch genug, daß die Raatackeln angewendet werden konnten. Da jedoch letztere noch nicht aufge⸗ zogen waren, ſo hielt es Paul für räthlich, ſich zuerſt zu überzeu⸗ gen, ob ſie überhaupt im Stande wären, das Boot zu heben, da⸗ mit man ſich nicht vergeblich anſtrenge; die Frauenzimmer erneuerten daher ihre Vorbereitungen in den Kajüten, während die Gentlemen den jungen Seemann im Aufziehen der Borgleinen unterſtützten. Während dieſer Pauſe im angeſtrengteſten Geſchäfte wurde Saun⸗ ders in den Raum hinunter geſchickt, um nach Segeln und Maſten zu ſuchen, denn Mr. Blunt lebte der Ueberzeugung, daß ſie irgend⸗ wo im Schiffe ſeyn müßten, weil die Lanſche für ein derartiges Zugehör ausgeſtattet war. In der Zwiſchenzeit beobachteten die Beduinen, wie man wohl ſehen konnte, ihre Bewegungen auf's Sorgfältigſte; denn ſobald — 417 Paul auf der Raa ſich blicken ließ, fand eine große Bewegung unter ihnen ſtatt, und mehrere Musketen wurden in die Richtung des Schiffes abgefeuert, obſchon in Folge der großen Entfernung kein Schuß traf. Die Gentlemen bemerkten mit Beſorgniß, daß die Kugeln über das Schiff hinausflogen— ein furchtbarer Beweis von der außerordentlichen Gewalt der Waffen, deren ſich die Bar⸗ baren bedienten. Gllücklicherweiſe ſtand das Riff, welches inzwiſchen vorn vor dem Schiffe faſt blos gelegt worden, an einzelnen dem ufer näher gelegenen Stellen noch ſo tief unter Waſſer, daß man nur durch Schwimmen darüber weg kommen konnte. John Effing⸗ ham übrigens, der die Bewegungen der Beduinen mit dem Fern⸗ glaſe beobachtete, machte bald die Meldung, daß ein⸗Haufen geneigt zu ſeyn ſcheine, nach den nackten Felſen, welche dem Schiff am nächſten lagen, überzuſetzen; denn ſie hatten das Ufer verlaſſen und ſchleppten einige leichte Spieren nach, welche ſie als Brücke über die verſchiedenen Stellen des Tiefwaſſers legen wollten, da die meiſten derſelben ſchmal genug waren, um in dieſer Weiſe einen Uebergang moöͤglich zu machen. Obgleich die von den Beduinen begonnene Operation nothwendig viel Zeit wegnehmen mußte, beſchleunigte doch die Kunde davon alle Bewegungen auf dem Schiffe. Namentlich arbeitete Saunders, der nach erfolgloſem Nachſpähen zurückgekommen war, mit verdop⸗ peltem Eifer, da er— wie es gewöhnlich bei Leuten zu gehen pflegt, die durch die Vernunft am wenigſten geſtützt ſind— am meiſten Grauſen vor dem Gedanken empfand, in die Hände der Barbaren zu fallen. Es war übrigens eine langſame, mühevolle Aufgabe, die ſchweren Blöcke und Fallen auf die Ragen zu bringen, und wäre nicht Paul Blunt eben ſo körperlich kräftig, als geſchickt und erfahren in ſeinem Berufe geweſen, ſo hätten wohl alle An⸗ ſtrengungen fehl ſchlagen müſſen, weil ihm im Tackelwerk ſelbſt Nie⸗ mand an die Hand gehen konnte, obſchon ihm die Uebrigen vom Deck aus an den Klappläufern eifrige Beihülfe leiſteten. Endlich Die Heimkehr. 27 418 war dieſe wichtige Vorkehrung gelungen, worauf der junge Mann herunterſtieg und die Spille wieder bemannt wurde. Diesmal war die Beihülfe der Frauenzimmer unnöthig, da die Gentlemen allein die Lanſche gegen die Schiffsſeite hinausheben konnten. Paul handhabte dabei die verſchiedenen Fallen ſo ge⸗ wandt, daß das ſchwere Boot dem Geländer nahe kam und zwar in gehöriger Höhe, um hoffen zu laſſen, daß man es darüber weg bringen könne. John Effingham trat jetzt an die eine der Stag⸗ tackelfallen und Paul Blunt an die andere, worauf Letzterer das Signal zum Nachſchieben gab. Die Lanſche bewegte ſich gegen die Schiffsſeite hin, bis ſie das Geländer erreichte, an welchem ſie auf ein Hinderniß traf. Schnell einen Umſchlag mit ſeiner Falle faſſend, ſprang Mr. Blunt nach vorne und bückte ſich unter das Boot, wo er bemerkte, daß der Kiel einen Belegnagel getroffen hatte. Eine einzige Drehung einer Spillenſpeiche räumte das Hinderniß weg, und das Boot ſchwang ab. Die Stagtackelfallen wurden jetzt ganz losgelaſſen, und Alle an Bord ſahen nunmehr mit einem Jubel, der durch Worte kaum zu ſchildern iſt, das hochwichtige Fahrzeug über der See ſchweben. Keine Muſik tönte je ſo lieblich in das Ohr der Zuhorer, als das erſte Plätſchern des maſſenhaften Bootes, wie es ſchwerfällig auf die Waſſerfläche niederſank. Sein Umfang, ſein Dach und ſein ſtarkes Gebälk verliehen ihm ein An⸗ ſehen von Sicherheit, das im gegenwärtigen Augenblick Alle täuſchte; denn in Betrachtung des Vortheils, den ſie ſo unerwartet gewonnen, vergaßen ſie der vielen Hinderniſſe, welche noch dem Benützen deſſel⸗ ben im Wege ſtanden. Kaum waren einige Minuten verfloſſen, als ſich Paul ſchon auf dem Dache der Lanſche befand, die Tackeln löſte und das Boot ſo gegen die Schiffsſeite richtete, daß es die von den Frauenzim⸗ mern geſammelten Vorräthe aufnehmen konnte. Damit übrigens der Leſer ſich ein beſſeres Bild von dem Fahrzeuge machen könne, ‿ n 8S8⏑ „» 419— welches die nunmehrigen Inſaſſen des Montauk bergen ſollte, wird es an Orte ſeyn, hier eine kurze Schilderung davon zu geben. Das Boot war groß, ſtark und unter guter Leitung wohl im Stande, einer ſchweren See zu begegnen, aber natürlich in demſel⸗ ben Verhältniſſe auch ſchwerfällig. Um es nur mit mäßiger Ge⸗ ſchwindigkeit fortzudrängen, waren acht oder zehn große Ruder nö⸗ thig, und trotz aller eifrigen Nachforſchung hatten die Gentlemen auch nicht ein einziges auffinden können. Es war ihnen jedoch ge⸗ lungen, ein Steuerruder ſammt Pinne zu entdecken— Gegenſtände, welche bei Lanſchen nicht immer üblich ſind, und Paul Blunt ſetzte ſie augenblicklich an. Um die Schanddecke des Bootes waren Stützen angebracht, auf denen das leicht abgerundete Dach ruhte— eine auf Paketſchiffen gewöhnliche Vorſorge, um die Vorräthe ge⸗ gen das Wetter zu ſchützen. Die Thiere hatte man auf dem Decke laufen laſſen und das Innere der Lanſche geſäubert, ſo daß daſſelbe jetzt wie eine bequeme anſtändige Kajüte ausſah— allerdings nur roh und eng in Vergleichung mit denen des Schiffs ſelbſt, aber doch andererſeits von einer Beſchaffenheit, daß ſie ſchiffbrüchigen Seeleuten als ein Pallaſt erſcheinen konnte. Das Dach konnte man wahrſcheinlich führen, bis man durch ſchlechtes Wetter genö⸗ thigt war, es abzuwerfen, und Paul betrachtete es daher mit Ent⸗ zücken, da er nie zuvor ein Boot unter einem ſolchen Baldachine hatte ſchwimmen ſehen. Fand doch das zarte Weſen, das er im Innerſten ſeines Herzens trug, einen Schutz darunter, den er nicht einmal zu hoffen gewagt hatte. Zwiſchen dem Dache und dem Schanddecke des Boots waren Schubfenſter angebracht, welche den ganzen Raum zwiſchen den Stützen ausfüllten, und wenn dieſe auf⸗ gezogen waren, befand man ſich in einem geſchloſſenen Gemache, welches hoch genug war, um einen Mann ohne Hut aufrecht ſtehen zu laſſen. Allerdings wurde das Boot durch ſeine Bedachung un⸗ behülflich und bis zu einem gewiſſen Grade unlenkſam; aber ſo lange ſie beibehalten werden konnte, bot ſie jedenfalls weit mehr 420 Gemächlichkeit, als wenn ſie abgetragen werden mußte. Außerdem war letzteres, wenn es die Noth erforderte, zu jeder Zeit in fünf Minuten auszuführen. Paul war eben mit einer haſtigen Muſterung ſeines Schatzes — denn in dieſem Lichte erſchien ihm jetzt die Lanſche— zu Stande gekommen, als er bei einem Blick aufwärts, ehe er die Schiffsſeite hinanſtieg, Eva auf ſich niederſchauen ſah, als wolle ſie ihr gemeinſames Geſchick in dem Ausdrucke ſeiner Züge leſen. „Mein Vater ſagt,“ rief ſie ihm eiligſt zu,„daß die Beduinen ſchneller, als man wohl wünſchen könne, an dem Riffe ſich hinbe⸗ wegen; alle unſere Hoffnungen haften daher nur an Euch und an dem Boote. Ich weiß, auf Euch können wir bauen, ſo lange Eure Mittel ausreichen; aber können wir mit der Lanſche etwas anfangen?“ „Zum erſtenmal, theuerſte Miß Effingham, thut ſich mir eine kleine Ausſicht auf, uns aus den Händen dieſer Barbaren zu retten. Aber wir dürfen keine Zeit verlieren, ſondern müſſen Alles in mög⸗ lichſter Eile ins Boot ſchaffen.“ „Gott ſegne Euch— Gott ſegne Euch, Blunt, für dieſen Hoffnungsſtrahl! Eure Worte ſind wahre Herzſtärkungen und unſer ganzes Leben reicht kaum zu, um Euch den Dank zu bezeugen, den wir Euch ſchuldig ſind.“ Sie ſprach dieß im natürlichen Erguſſe eines lebhaften Ge⸗ fühls, ohne vorherige Ueberlegung oder ſonderliche Erwägung der Worte; aber ſelbſt in dieſem Augenblicke des Schreckens zuckte die Wirkung derſelben ſieberiſch durch alle Adern des jungen Mannes. Er warf dem ſchoͤnen Mädchen einen ſo glühenden Blick zu, daß ſte darob bis zu den Schläfen erröthete und ſich haſtig zurückzog. Die Gentlemen begannen nun unterſchiedliche Gegenſtände, welche hauptſächlich durch die Vorſorge der Mademoiſelle Viefville zuſammengerafft worden waren, ins Boot zu ſchaffen, und Paul nahm ſie in Empfang, um ſtie ordnungslos unter das Dach zu wer⸗ fen, weil er die koſtbaren Augenblicke nicht mit alsbaldigem Packen 2 3 421 vergeuden mochte. Die Ladung beſtand aus Matratzen, den Koffern, welche ihren gewöhnlichen Seeanzug enthielten oder nicht in dem Gepäckraum geſtaut worden waren, Decken, eingemachten Früchten, Brod, Wein und allerlei kalten Speiſen aus Saunder Vorräthen— mit einem Worte, aus Dingen, wie ſie ſich eben in der Haſt des Augen⸗ blicks darboten. Paul wies faſt die Hälfte der Artikel als unnöthig zurück, obſchon er noch Manches, was ſonſt gleichfalls bei Seite geworfen worden wäre, aus Rückſicht für das ſchwächere Geſchlecht annahm. Sobald er jedoch fand, daß Lebensmittel in zureichender Menge beigeſchafft worden waren, um die Bedürfniſſe der ganzen Geſellſchaft für mehrere Wochen zu befriedigen, that er der Sache durch die Erklärung Einhalt, daß es unklug ſei, ſich's in dieſer nutzloſen Weiſe unbequem zu machen, der beläſtigenden Einwirkung auf das Boot gar nicht zu gedenken. An dem Haupterfordniß, dem Waſſer, fehlte es noch immer, weßhalb er jetzt das Verlangen ſtellte, daß die beiden Dienerinnen ins Boot ſtiegen, um die ver⸗ ſchiedenen Gegenſtände zu ordnen, während er ſelbſt Sorge tragen wolle, dieſes allwichtige Bedürfniß beizuſchaffen; auch müſſe er nach⸗ ſehen, ob er nicht etwas finden könne, was als ein Erſatz für Se⸗ gel dienen könne. Seine erſte Aufmerkſamkeit ſchenkte er dem Waſſer, ohne wel⸗ ches alle übrigen Vorbereitungen völlig nutzlos werden mußten. Aber noch ehe er an dieſes Geſchäft ging, benutzte er einen flüchti⸗ gen Augenblick, um von dem Stande der Dinge unter den Beduinen Einſicht zu nehmen. Sie hatten in der That hohe Zeit gehabt, denn die Fluth war nun ſo tief gefallen, daß die Felſen faſt ganz nackt da ſtanden, und mehrere hundert Berbern bewegten ſich längs dem Riffe hin. Sie ſchleppten ihre Brücke nach, und nur die Lang⸗ ſamkeit, womit dies vor ſich ging, hinderte ſie, unverweilt den Punkt zu erreichen, welcher dem Schiffe gegenüber lag. Paul ſah, daß kein Augenblick zu verlieren war, weßhalb er Saunders rief und in den Raum hinunter eilte. 422 Es waren bald drei oder vier kleine Fäßchen aufgefunden, welche der Steward nach dem Waſſerbehälter brachte, um ſie zu füllen. Zum Glück mußte das Waſſer nicht erſt heraufgepumpt werden, ſon eern ſtrömte ſogleich in das untergehaltene Gefäß. So⸗ bald eine gefüllt war, wurde ſie durch die Gentlemen auf das Deck geſchafft und mit möglichſter Eile in das Boot geworfen. Sogar die, welche ſich im Raume unten befanden, hörten jetzt die Beduinen jubeln, und ſie bedurften großer Standhaftigkeit, um die hochwichtige Vorbereitung des Waſſerausfüllens fortzuſetzen. End⸗ lich waren ſte auch mit dem letzten Fäßchen zu Stande gekommen, und Paul ſtürzte nun auf das Deck, denn das Geſchrei der Ber⸗ bern deutete auf ihre unmittelbare Nähe. Als er das Geländer erreichte, fand er das ganze Riff mit Beduinen bedeckt. Einige riefen gegen das Schiff herüber, Andere machten drohende Geber⸗ den und Hunderte waren noch mit ihrer ſchwimmenden Brücke be⸗ ſchäftigt, während Einige die an Bord einzuſchüchtern verſuchten, indem ſie ihnen mit ihren Musketen über die Köpfe hinfeuerten. Zum Glück war ein wirkſames Zielen unmöglich, ſo lange die Be⸗ lagerten Sorge trugen, ihre Koͤrper nicht über den Bollwerken blicken zu laſſen. „Wir haben keinen Augenblick zu verlieren!“ rief Mr. Effing⸗ ham, an deſſen Bruſt die faſt aller Bewegung unfähige Eva lag. „Das Waſſer und die Lebensmittel ſind im Boote; eilen wir daher im Namen eines allbarmherzigen Gottes, um dieſem Schauplatze einer ſchrecklichen Barbarei zu entkommen.“ „Die Gefahr iſt noch nicht ſo unabwendbar,“ entgegnete Paul mit Feſtigkeit.„So furchtbar und dringend der Augenblick auch zu ſeyn ſcheint, haben wir doch noch einige Minuten Zeit, uns zu bedenken. Miß Effingham und Mademoiſelle Viefville, ich bitte euch, ein Tröpfchen von dieſer Herzſtärkung anzunehmen.“ Er füllte aus einer Flaſche, die in der Verwirrung, welche das Beiſchaffen der Vorräthe veranlaßt hatte, als überflüſſig an der 423 Spille ſtehen geblieben war, ein Glas und hielt es an Evas blaſſe Lippe. Nachdem ſie faſt in derſelben hülfloſen Lage, in welcher ein Säugling die Nahrung aus der Hand ſeiner Wärterin hinnimmt, einen Schluck genoſſen hatte, kehrte das Blut nach ihren Wangen zurück; ſie erhob ſich aus den Armen ihres Vaters und dankte ihm mit einem erzwungenen Lächeln für ſeine Sorgfalt. „Es war ein ſchrecklicher Augenblick,“ ſagte ſie, indem ſte mit der Hand über die Stirne fuhr;„aber er iſt vorbei, und ich fühle mich beſſer. Mademoiſelle Viefville wird es Euch gleichfalls Dank wiſſen, wenn Ihr ihr ein wenig von dieſer Stärkung reicht.“ Die entſchloſſene muthige Franzöſin war zwar blaß, wie der Tod, und faſt erſtickt von dem Uebermaße ihrer Herzensangſt, ſtellte aber doch das Glas höflich bei Seite und lehnte deſſen Inhalt ab. „Wir ſind ſechszig Faden von den Klippen entfernt,“ ſagte Paul ruhig,„und ſie müſſen erſt über dieſen Graben ſetzen, ehe ſie uns erreichen. Keiner von ihnen ſcheint geneigt zu ſeyn, einen Verſuch mit Schwimmen zu machen, und wie ſinnreich ſte auch ihre Brücke zuſammengeſetzt haben mögen, ſo dürfte ihre Länge doch nicht ausreichen.“ „Wird es aber auch gerathen ſeyn, die Damen an der Stelle, wo das Boot liegt, einzuſchiffen, und ſind ſie daſelbſt nicht den Kugeln der Beduinen preisgegeben?“ fragte Mr. Sharp. „Alles dies ſoll vermittelt werden,“ entgegnete Paul.„Ich kann das Deck nicht verlaſſen. Wollt Ihr daher“— er verbeugte ſich leicht gegen Mr. Sharp—„nicht mit Saunders wieder hin⸗ untergehen und nach einem leichten Segel ſehen? Fehlt uns dies, ſo können wir nicht vom Schiffe abkommen, ſelbſt wenn wir im Boote ſind. Ich ſehe eine taugliche Spiere und das noͤthige Tackel⸗ werk auf dem Deck; aber die Leinwand muß in dem Segelraume aufgeſucht werden. Ich geſtehe, es iſt allerdings eine beängſtigende Aufgabe, in einem ſolchen Augenblicke in den Raum hinabzuſteigen; 424 aber ich hoffe, Ihr ſetzt zu viel Vertrauen in uns, um zu beſor⸗ gen, daß wir Euch zurücklaſſen.“ Mr. Sharp drückte ſeine Hand zur Verſicherung, daß er voll⸗ kommen auf ſeine Treue baue, vermochte aber nicht zu ſprechen. Saunder wurde jetzt herbeigerufen und erhielt ſeine Weiſungen, worauf ſich Beide haſtig ins Schiff hinunter begaben. „Wenn nur die Damen bei den Dienerinnen im Boote wä⸗ ren,“ ſagte Paul; denn Anna Sidley und die franzoͤſiſche Kammer⸗ jungfer befanden ſich noch immer in der Lanſche, wo ſie, durch das Dach und die verſchloſſenen Fenſter vor den Beduinen verborgen, die Vorräthe ordneten.„Es wäre übrigens gefährlich, den Ver⸗ ſuch der Ueberpflanzung zu machen, ſo lange ſie dem Feuer vom Riffe her ausgeſetzt ſind. Wir werden zuletzt die Lage des Schiffs verändern müſſen, und es iſt vielleicht am beſten, wenn wir nicht länger damit zögern.“ Er winkte John Effingham, ihm zu folgen, und begab ſich ſodann nach dem Vorderſchiffe, um die Bewegungen der Beduinen noch einmal zu beobachten, ehe er einen entſchiedenen Schritt that. Die beiden Gentlemen ſtellten ſich hinter die hohen Schutzwände der Back und gewannen ſo Gelegenheit, die Feinde zu überſehen; denn die größere Höhe des Schiffdeckes verbarg Alles, was hier vorging, vor den Blicken derer, welche ſich auf den Felſen befanden. Die Berbern, welche von dem wehrloſen Zuſtande der Geſell⸗ ſchaft an Bord vollkommen unterrichtet zu ſeyn ſchienen und es auch in Wirklichkeit waren, arbeiteten eifrig fort und zeigten nicht die mindeſte Beſorgniß, daß ihnen von dieſer Seite irgend ein Schaden zugefügt werden koͤnnte. Ihr Hauptzweck ging darauf hin, ſich in den Beſitz des Schiffes zu ſetzen, ehe das zurückkeh⸗ rende Waſſer ſie wieder von den Klippen vertriebe. Um dies zu bewerkſtelligen, hatten ſie alle, welche ſich bereitwillig zeigten oder Gehorſam leiſten mußten, die Brücke beſetzen laſſen, obgleich noch hundert Andere müßig zuſahen, indem ſie ſchrieen, in die Hände 425 klatſchten, drohende Geberden machten und hin und wieder eine ihrer Musketen abfeuerten, deren ſie vielleicht fünfzig im Beſitz haben mochten. „Sie arbeiten mit Umſicht an ihrer Brücke,“ ſagte Paul, nachdem er das Benehmen derer, welche auf dem Riff beſchäftigt waren, einige Minuten beobachtet hatte.„Ihr bemerkt, daß ſie das äußere Ende derſelben windwärts aufgebracht und es eben erſt von den Klippen abgeſchoben haben, damit es herumtriffte und ſich an den Bugen des Schiffs verfange; dann werden ſie wie Tiger an Bord ſtürzen. Die Spierenlinie iſt zwar nur ſchlecht verbunden und los, ſo daß ſie die ſchwächſte Welle zerſtören würde, kann aber doch in dieſem vollkommen glatten Waſſer ihren Zweck erfüllen. Sie bewegt ſich nur langſam, wird aber zuverläſſig im Lauf von fünfzehn oder zwanzig Minuten gegen uns herübertrifften; auch ſcheinen ſie hievon vollkommen überzeugt zu ſeyn, denn wie wir ſehen, ſind ſie mit ihrer Arbeit ſo wohl zufrieden, als wären ſie des völligen Erfolgs bereits ſicher.“ „Wenn uns blos noch ſo kurze Zeit zugemeſſen iſt, ſo wird es höchſt wichtig ſeyn, daß wir uns beeilen.“ „Wir wollen uns beeilen, aber in einer andern Weiſe. Wenn Ihr mir ein wenig beiſteht, ſo hoffe ich, wenigſtens dieſe Maß⸗ regel leicht zu vereiteln, und dann haben wir noch genug Zeit, an's Entkommen zu denken.“ Unter Johns Beihülfe löste nun Paul alle Ketten von dem Bä⸗ tingen und ließ das Schiff ſternwärts trifften. Dieſes Manöver, wel⸗ ches in aller Stille vor ſich ging, währte mehrere Minuten; aber da der Wind inzwiſchen friſch geworden war, ſo gab die gewaltige Maſſe ſeiner Kraft nach, und als die Brücke in gerader Linie vom Riff aus oder todt gegen das Lee herumſchwamm, zeigte ſich's, daß zwiſchen dem Ende derſelben und dem Schiff ein Raum von mehr als hundert Fußen lag. Es folgte nun ein Getümmel, und mehrere ſielen von den naſſen, ſchlüpfrigen Spieren herunter; 426 aber das Geſchrei dauerte nicht lange, und die Beduinen gehorch⸗ ten den Anweiſungen ihrer Häuptlinge, indem ſie ſich mit Eifer in Thätigkeit ſetzten, die Brücke abzubrechen und das Material in einen Floß umzuwandeln. Mittlerweile waren Mr. Sharp und Saunders zurückgekehrt und brachten einige leichte Leinwand, nämlich ein paar Oberbram⸗ ſegel und Bramprallſegel, mit ſich. Paul ertheilte nun zunächſt die Weiſung, eine ledige Beſahnbramſtenge, eine Bramleeſegelſpiere und einen Vorrath leichten Tauwerks auf den Gang zu ſchaffen, worauf er ſich anſchickte, den letzten Schritt zu thun. Die Zeit drängte jetzt allen Ernſtes, denn die Beduinen arbeiteten raſch und unter zunehmendem Geſchrei; er bot daher alle die Gentlemen zum Bei⸗ ſtand auf und ertheilte die nöthigen Anweiſungen, damit ſie mit Umſicht fortarbeiten könnten. „Legt Hand an, Saunders,“ ſagte er; denn er hatte den Steward mit ſich nach dem Vorderſchiff genommen, da derſelbe mehr an ein Schiffsgeſchäft gewöhnt war, als die Uebrigen.„Legt Hand an, mein wackerer Burſche und zieht die Kette auf. Zehn Minuten ſind jetzt mehr werth, als zu andern Zeiten ein ganzes Jahr.“ „' iſt ſchrecklich, Mr. Blunt, Sir— ſehr ſchrecklich, thu ich verſichern,“ entgegnete der Steward heulend und zwiſchen ſeinen Zügen an den Ketten die Augen wiſchend.„Ein ſolches Schickſal muß ſolche Kajute befallen, Sir— und das Töpfergeſchirr von der allerbeſten Sorte, wie man's in London oder New⸗York nur kriegen kann! Hätt' ich gedacht, daß es mit dem Montauk ein ſol⸗ ches Ende nehmen ſollte, Sir, ſo würde ich dem Kapitän Truck nie gerathen haben, auch nur die Hälfte der Vorräthe einzulegen, die er mitnahm,— namentlich nicht die ſchoͤnen, feinen Weine. Oh, Sir, es iſt wahrhaft entſetzlich, daß ein ſolches Unglück eine ſo elegante Vorbereitung betreffen muß.“ „Vergeßt all dies jetzt, mein wackerer Kamerad, und ſtrengt — — 427 Euch an der Kette an. Ha! das Schiff ſtößt hinterwärts an! Zehn oder fünfzehn Faden weiter werden zureichen.“ „Ich habe dem Silber große Aufmerkſamkeit geſchenkt, Mr. Blunt, denn es iſt Alles in der Lanſche, Sir, ſogar bis auf den zerbrochenen Senflöffel; und ich hoffe, wenn es Kapitän Trucks Seele geſtattet iſt, die Speiſekammer länger zu beaufſichtigen, ſo wird er ganz ſelig und ermuthigt ſeyn über meine Klugheit und Vorſicht. Alles übrige Tafelzeug habe ich zurückgelaſſen, Sir, obſchon ich glaube, dieſe Muskelmänner werden außer den Auſter⸗ meſſern nicht viel brauchen können, denn ich habe mir ſagen laſſen, daß ſie mit den Fingern eſſen.'s iſt wahrhaftig ganz nieder⸗ drückend und unmenſchlich, wenn ſolche Vagabunden herkommen ſollen, um einem die Schränke zu durchwühlen.“ „Zieht wacker an, Mann, und holt auf! Das Schiff hat die Briſe auf ſeinem Backbordbuge erfaßt und fängt an, mehr von der Kette freizugeben. Vergeßt nicht, welche theuren Weſen von uns ihre Rettung erwarten.“ „Ja, ja, Sir— ich ziehe, was ich kann. Es iſt mir eigent⸗ lich eine Angelegenheit um die Frauenzimmer, beſonders aber um die Vorräthe, welche für die Unternehmer verloren gehen. Ein beſſer ausgeſtattetes Schiff kam nie aus den Katharinendocks oder aus dem Eaſt Kiver, beſonders was das Speiſekammer⸗Departe⸗ ment betrifft, und ich wundere mich, was dieſe Elenden damit an⸗ fangen werden. Sie werden ganz erſtaunt ſeyn über die Bequem⸗ lichkeit, Sir, und nicht wiſſen, wie ſie ſich derſelben bedienen ſollen. Auch der arme Toaſt! Er wird ganz abſcheulich unangenehme Zeit bei den Muskelmännern haben, denn er ißt nie Fiſche und hat eine eigentlich gentile, verbeſſerte Weiſe an ſich. Es ſollt' mich nicht Wunder nehmen, wenn er Alles wieder vergißt, was ich ihm mit ſo vieler Mühe beigebracht habe, Sir; aber vielleicht iſt er todt, und dann kann's ihm ja doch nichts nützen, Sir.“ „Jetzt wird's genug ſeyn,“ unterbrach ihn Paul, indem er von 428 ſeiner Arbeit abließ:„denn das Schiff ſitzt auf von vorn bis hinten. Wir wollen nunmehr die Spieren ſammt dem Segelwerk ins Boot ſchaffen und dann die Damen nachholen.“ Damit nun der Leſer die gegenwärtige Lage des Schiffes beſſer begreife, wird es nöthig ſeyn, zu erklären, was Mr. Powis und der Steward inzwiſchen gethan haben. Indem ſie die Ketten auslaufen ließen, war das Schiff weiter ſternwärts gekommen, bis es nach hinten am Rande der ſo oft erwähnten Sandbank den Grund berührte, und ſobald es an dieſem Ende feſtſaß, fielen unter dem Drucke des Windes die Buge ab, ſo lange die Waſſertiefe es zuließ. Der Montauk lag jetzt vorn und hinten auf dem Strande, die Backbordſeite dem Riff zugekehrt, und die Lanſche befand ſich zwiſchen dem Schiff und den nackten Sandbänken, durch erſteres völlig gegen die Beobachtung und den Angriff der Barbaren geſchützt. Eva, Mademoiſelle Viefville und Mr. Effingham ſtiegen jetzt in die Lanſche. „Sie tummeln ſich mit ihrem Floße,“ ſagte Paul, der ſowohl die Thätigkeit der Andern leitete, als auch ſelbſt mitarbeitete;„in⸗ deß ſind wir hier ſicher, bis ſie wirklich von den Klippen los⸗ kommen können. Die Spieren werden allerdings gegen das Schiff herunterſchwimmen, aber nothwendigerweiſe nur langſam, denn das Waſſer iſt zu tief, um anſetzen zu können, ſelbſt wenn ſie Fahrſtangen hätten— ich ſehe übrigens nichts von den letzteren. Werft dieſe ledigen Segel auf das Dach der Lanſche, Saunders; wir könnten ſie brauchen, ehe wir einen Hafen erreichen, wenn Gott uns lange genug beſchützen ſollte, daß wir es ſo weit bringen können. Schafft auch zwei Compaſſe in das Boot nebſt allem Zim⸗ mermannswerkzeug, das geſammelt worden iſt.“ Während Paul dieſe Weiſungen ertheilte, war er beſchäftigt, das dickere Ende der Beſahnbramſtenge abzuſägen, um ſie in eine Spiere für die Lanſche umzuwandeln. Als er ausgeredet hatte, war er damit zu Stande gekommenz er fertigte nun den Maſtblock an, ſprang F — — auf das Dach des Bootes hinunter und hieb an einer Stelle, welche vorläufig ſchon für dieſen Zweck bezeichnet war, ein Loch aus, um die Spiere einzuſetzen. Während dies geſchah, wurde das Holz ſelbſt herübergeſchafft, und eine Minute ſpäter hatte er die Freude, einen ſehr tauglichen Maſt aufgerichtet zu ſehen. An der Raa wurde eine Oberbramſegel feſtgemacht, und nachdem man die Fal⸗ len, Halſen und Schooten angeſchlagen hatte, war Alles bereit, um jeden Angenblick ein Segel aufziehen zu können. Hiedurch wa⸗ ren ihnen die Mittel der Ortsbewegung gegeben; die Gentlemen begannen daher freier zu athmen und jetzt an die kleineren Be⸗ quemlichkeiten und Erforderniſſe zu denken, die in der Haſt des Augenblicks überſehen worden waren. Nach einigen weiteren Mi⸗ nuten eifriger Thätigkeit wurde Alles für bereit erklärt, und John Effingham begann nun ernſter darauf zu dringen, daß die Geſell⸗ ſchaft das Schiff verlaſſen möchte; aber Paul zögerte noch immer. Sehnſüchtig warf er ſeine Blicke in die Richtung des Wracks, aus der er immer noch auf Beiſtand hoffte, aber natürlich vergeblich, denn es war um die Zeit, als Kapitän Truck mit Abwarpen ſeines Floßes beſchäftigt war, um hohe See zu gewinnen. In demſelben Augenblicke ſtieg ein Haufen von ungefähr zwanzig Beduinen auf die Spieren, welche ſie neben einander gebunden hatten, und began⸗ nen langſam gegen das Schiff hinabzutrifften. Paul blickte umher, um zu ſehen, ob ſich nicht noch irgend etwas Nützliches auffinden ließe, und ſeine Augen trafen die Ka⸗ none. Da ſiel ihm plötzlich bei, ſie könnte als Schreckmittel dienen, wenn ſie ſich durch den Einlaß ſchlagen wollten; er beſchloß daher ſie wenigſtens vorderhand in die Lanſche zu bringen, weil man ſie immerhin über Bord werfen konnte, ſobald ſie ins rauhe Waſſer hinausgeriethen— vorausgeſetzt, daß es ihnen überhaupt glückte, aus dem Riffe zu gelangen. Die Stag⸗ und Ragtackeln boten die erforderliche Erleichterung, und er hatte augenblicklich das Geſchütz in die Schlinge. Ein paar Drehungen der Spille hoben es vom 430 Deck; ein paar weitere brachten es klar über die Seite, und dann wurde es mit Leichtigkeit auf das Dach niedergelaſſen, nachdem man zuvor Saunders in das Boot geſchickt hatte, damit er eine Stütze unterſtelle und das Gewicht der Kanone keinen Schaden anrichte. Nun ſtiegen die Gentlemen in die Lanſche, den einzigon Paulatlla ausgenommen, welcher noch immer in dem Schiffe blieb, um die Schritte der Beduinen zu beobachten und ſeine Berechnungen für die Zukunft zu machen. Es gehörte große Feſtigkeit und vollkommenes Vertrauen auf die eigenen Hülfsmittel und Kenntniſſe dazu, um als unthätiger Beobachter zurückzubleiben, während das Floß zwar langſam, aber doch allmählig auf das Schiff zutrifftete. Als es näher kam, wurde Blunt auch von den darauf befindlichen Beduinen bemerkt, die mit ihrer gewöhnlichen Argliſt Zeichen der Freundſchaft und Ermuthi⸗ gung machten. Der junge Mann ließ ſich jedoch hiedurch nicht täuſchen, ſondern blieb nur deshalb zurück, um ihr Benehmen ge⸗ nauer beobachten zu können, weil er dachte, er könne vielleicht ir⸗ gend einen nützlichen Wink daraus ziehen, obgleich ſeine Ruhe die Beduinen auf eine ganz andere Meinung brachte; denn ſie gaben ihm ſogar durch Zeichen zu verſtehen, er ſolle ihnen ein Tau zu⸗ werfen. Jetzt glaubte er übrigens, daß es Zeit ſey, ſich zu ent⸗ fernen; er beantwortete daher das Signal befriedigend und ver⸗ ſchwand vor ihren Blicken. Doch auch im Hinabſteigen nach dem Boote legte der geübte und ruhige junge Seemann keine Haſt an den Tag. Seine Be⸗ wegungen waren zwar raſch, und Alles, was er that, geſchah mit Fertigkeit und Sachkenntniß; indeß wurde durch Verwirrung oder Unſicherheit kein Augenblick Zeit verloren. Er hißte das Segel auf, brachte die Halſe herunter und ſtieg dann unter das Dach, nachdem er zuvor den Anſtreicher eingeholt und dem Boot einen langen kräftigen Ruck gegeben hatte, ſo daß es von der Seite des 431— Schiffes abkam. Durch die letztere Maaßregel brachte er mit einem⸗ male dreißig Fuß Waſſer zwiſchen ſich und den Montauk, ein Raum, über welchen die Beduinen nicht wegkommen konnten. Sobald er ſich unter Dach befand, wurde die Schoote eingeholt, und Paul ergriff die Ruderpinne, welche er vermittelſt eines ſchmalen Einſchnitts in die Bret⸗ ter innerhalb eines der Fenſterläden ſpielen laſſen konnte. Mr. Sharp nahm ſeine Stellung in den Bugen, wo er durch die Ialouſteen den Sand und die Kanäle überblicken konnte, und deutete dem an⸗ dern an, wie er ſteuern ſollte. In demſelben Augenblicke, als ein Jubelruf die Ankunft des Floßes auf der andern Seite des Schiffs verkündigte, fing im Boote das Segel zu flappen an und ver⸗ kündigte dadurch ſeinen Inſaſſen, daß ſie weit genug von dem Montauk abgekommen ſeyen, um nunmehr den Einfluß des Windes zu fühlen. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Friſch, wackres Schifflein, denn die Ladung dein Iſt köſtlicher, als Gold und Edelſtein; Und alle Schätze, die du führeſt, theilen Dein Schickſal, ſollt' Verderben dich ereilen. Park. Vie Abfahrt des Bootes geſchah gerade zur rechten Zeit. Wäre es noch neben dem Schiffe geweſen, ſo lange ſich die Be⸗ duinen unbeſchäftigt auf dem Floße befanden, ſo hätte es in der kurzen Entfernung von ihrem Feuer beſtrichen werden können, da wenigſtens ein Dutzend von den Enterern mit Musketen verſehen waren; ſo aber glitt es jetzt ins Lee, während ſie emſig an der Seite hinankletterten oder doch dem Schiffe ſo nahe waren, daß ſie die Lanſche gar nicht einmal ſehen konnten. Als Paul Powis, welcher am Stern durch einen Spalt blickte, den erſten Beduinen auf dem Deck des Montauk ſah, war das Boot bereits faſt um Kabelslänge abgekommen und lief mit friſchem, freiem Winde in „ .. 2. — eeinen der zahlreichen Kanäle ein, * — 432. welche die nackten Sandbänke durchſchnitten. Der ungewöhnliche Bau der Lanſche mit ihrem um⸗ ſchloſſenen Dache, wie auch der Umſtand, daß Niemand an ihrem Bord ſichtbar war, übte die Wirkung, die Barbaren unthätig zu erhalten, bis der Abſtand unſere Flüchtlinge aus dem Bereich der Gefahr gebracht hatte. Es ſielen zwar einige Schüſſe, die aber nur aufs Ungefähr und in der Bravour der Halbwildheit abgefeuert worden waren. Paul ließ die Lanſche frei laufen, bis ſie faſt fünfhundert Ru⸗ then von dem Schiffe abgekommen warz als er aber fand, daß er ſich im Nordoſten dem Riff näherte und in kurzer Entfernung vor ihm eine guͤnſtige Sandbank lag, ſo ſtellte er das Steuer nieder, ließ die Schoote fliegen, und das Reitknie des Boots ſchoß auf den Sand. Da das Waſſer zureichend tief war, wurde durch eine kleine Wendung die Breitſeite gegen die Bapk gebracht und ange⸗ legt, ſo daß die Frauenzimmer, wenn e die Läden öffnetek, lan⸗ den konnten. Der Uebergang von der ſcheinbaren Hoffnungsloſigkeit, in der ſie ſich noch vor ein paar Stunden befanden, zu ihrer nunmehrigen Sicherheit war ſo eindrucksvoll, daß ſich die ganze Geſellſchaft be⸗ ziehungsweiſe glücklich fühlte. Paul und John Effingham gaben vereint die Verſicherung ab, es ſey recht wohl möglich, in einem ſo guten Fahrzeuge eine der Inſeln im Lee zu erreichen, und ſie dürften ſich in Gemäßheit der Umſtände glücklich preiſen, daß ſie ſich im Beſitze der kleinen Barke befänden, die ſo gut mit allem Erforderlichen ausgeſtattet ſey. Eva und Mademoiſelle Viefville, welche während ihres Aufenthalts im Boot dem großen Lenker der Dinge ihren glühenden Dank dargebracht hatten, gingen jetzt ſo⸗ gar mit einem Gefühl von Freude dem harten Sand umher, und auf deme bne dee ne e lee begann wieder ein Lä⸗ cheln zu leuchten. Mr. Effingham erklarte mit dankbarem Herzen, daß er in keinem ParkLoder Garten je einen ſo lieblichen Spazierweg der Nähe der unfruchtbaren Saharaküfte. Indeß lag der gan Zauber eben in der Sicherheit, denn die Sandbank erſchien Allen nur deshalb als ein Paradies, weil ſie den Beduinen von keiner Seite aus zugänglich war. Indeß konnte ſich Paul Powis doch einer inneren Unruhe nicht erwehren, obgleich er eine wohlgemuthe Miene beibehielt und das Bewußtſeyn, das Werkzeug zur Rettung ſeiner Reiſegefährten ge⸗ weſen zu ſeyn, ſeinem Herzen nicht nur eine ſchwere Laſt abge⸗ nommen hatte, ſondern ihn ſogar heiter ſtimmte. Er erinnerte ſich der Boote des Dänen, und da er es für mehr als wahrſcheinlich hielt, Kapitän Truck ſey in die Hände der Berbern gefallen, ſo fürchtete er, die Letzteren möchten doch noch Mittel finden, ſich ihrer zu bemächtigen. Während er eifrig bemüht war, das Tackel⸗ werk zu ordnen und einen Jigger anzufertigen, um die Lanſche lenkbarer zu machen, warf er wiederholt unruhige Blicke nach Norden, in fieberiſcher Angſt einem der ſo lang erſehnten Boote entgegenſchauend. Er zählte zwar nicht länger auf die Rückkehr ſeiner Freunde, fürchtete aber, die Gegner möchten nur all⸗ zufruüͤhaus dieſer Richtung herkommen. Indeß ließ ſich nichts blicken, und Saunders machte auf der Sandbank Feuer an, um die Geſellſchaft mit Thee erfriſchen zu können, da ſie, obſchon die Nacht bald einzubrechen drohte, vom Morgen an noch nichts ge⸗ noſſen hatte. „Man ſieht wohl,“ ſagte Paul lächelnd, als er das Mahl überblickte, welches Anna Sidley auf dem Dache des Boots auf⸗ getragen hatte, während Schemel, diſe und⸗ Koffer nen 26/ dienen mußten—„man ſieht wohl Slh ecs Lieferanten dem zarteren Geſchlechte angehörten; denn wir haben hier eckerliſſen die eher für ein Bankett, als für eine Wüſte paſſen.“ „Ich glaubte,“ ergriff Nanny in demüthiger Entſchuldigung das Wort,„Miß Eva würde Geſchmack daran ſinben, Sir; denn Die Heimkehr. 8„+ 3 2„ ſie iſt an grobe Koſt nicht ſonderlich gewoͤhnt, und Mamm elle liebt gleichfalls etwas Feines, wie dies, glaube ich, bei allen Per⸗ ſonen von franzoͤſiſcher Abkunft der Fall iſt.“ Eva's Augen glänzten; indeß hielt fie es doch für nöthig, ei⸗ nige Worte der Entſchuldigung zu ſagen. —„‚Die arme Anna iſt ſchon ſo lange daran gewöhnt, die Lau⸗ ; ,3 7 nen eines verzärtelten Mädchens zu befriedigen,“ ſagte ſte,„daß Sprcerie ich fürchte, diejenigen, welche ſo ſehr aller ihrer Kräfte bedürfen, Fznnten darunter Noth leiden. Es ſollte mir ewig leid thun, Mr. Powis, wenn Ihr, der Ihr für uns in jeder Hinſicht von ſo großer Wichtigkeit ſeyd, die Koſt nicht nach Eurem Geſchmacke finden ſolltet.“ „Ich habe, ohne es zu wiſſen und ganz gegen meine Abſicht mich ſelbſt dem Verdacht blosgeſtellt, als ſey ich einer von Mr. Monday's Gourmets, ein Menſch, einfach für's Geſottene und Ge⸗ bratene,“ entgegnete der junge Mann lachend;„obſchon ich blos mein Vergnügen darüber auszudrücken wunſchte, daß für diejenigen, deren Behaglichkeit mir über Alles geht, ſo gut geſorgt wurde. Mit Vergnügen wollte ich ſogar hungern, Miß Effingham, wenn ich Euch unter den außerordentlichen Umſtänden, in denen wir uns befinden, frei von aller Beſchwerniß ſehen könnte.“ Eva drückte ihren Dank durch Blicke aus, und die Erregung, welche durch dieſe Worte hervorgerufen wurde, ſtellte ſchnell die Schoͤnheit wieder her, welche kürzlich noch unter den Schauern der „urcht gelitten hatte. „Habe ich nicht zwiſchen Euch und Mr. Saunders ein Ge⸗ ſpräch über die Vortrefflichkeit mancher Vorräthe, die im Schiffe zurückgelaſſen werden mußten, mitangehört?“ fragte John Effing⸗ ham, um die Verlegenheit ſeiner Nichte zu erleichtern, indem er Paul um Antwort anſah. „Wohl möglich, denn er kürzte ſich die Zeit, als wir an den Ketten thätig waren, mit einer ſchönen Jeremiade über das Unglück ſeiner Truhen. Vermuthlich, Steward, haltet Ihr das Mißgeſchick, E N n/ 8& R dwelhe die Speiſekammer betraf, für das ſchwerſte von denen, welche) 3— een Montauk befallen haben?“ Saunders lächelte ſelten und hatte in dieſem Punkte viele Aehnlichkeit mit Kapitän Truck, obſchon bei Letzterem der Grund darin lag, daß er von jeher an eine ernſte Komik gewöhnt war und dabei ſtets die Verantwortlichkeit ſeines Commandos vor Augen hatte, während der Erſtere faſt alle Luſt an Heiterkeit etwa ſo ver⸗ loren hatte, wie der Karrengaul das Ausſchlagen verlernt— nem⸗ lich in Folge allzu angeſtrengter Thätigkeit. Außerdem hatte ſich's der Steward in den Kopf geſetzt, das Lachen bekunde den„Nig⸗ ger;“ und da er viel auf die Ehre ſeiner Farbe hielt, welche un⸗ gefähr in der Mitte ſtand zwiſchen einem Einfuhr⸗Exemplar von der Goldküſte her und einem Reisplantagenaufſeher, der im dritten Stadium des gelben Fiebers liegt, ſo hatte das Gefühl der Würde in Verbindung mit der ſtörriſchen Hingebung an die unausgeſetzten Plackereien ſeines Berufs der Phyſiognomie des armen Teufels den vorherrſchenden Character einer weinerlichen Sentimentalität auf⸗ gedrückt. Er hielt ſich für ſehr fein gebildet, weil er in ſo viel⸗ fache innige Berührung mit ſeekranken Gentlemen und Ladies ge⸗ kommen war, und war ſich bewußt, daß ſich Niemand im Schiff einer Sprache bedienen konnte, wie die war, welche ihm ſtets zu Gebot ſtand; deshalb hörte er, ungeachtet ſeiner großen Hinnei⸗ gung zur Melancholie doch gerne ſich ſelbſt reden, und weil ihn nun obendrein John Effingham und Paul ermuthigten, ſo nahm er, vielleicht ein wenig dreiſt gemacht durch die nothwendige Vertrau⸗ lichkeit einer Lage, die faſt ein Schiffbruch zu nennen war, keinen Anſtand, ſich in die Unterhaltung zu miſchen, obſchon er dabei gegen die Effinghams die gewohnte Ehrerbietung an den Tag legte. „Ich ſchätze es für ein großes Privileg, Ladies und Gentle⸗ men,“ bemerkte er, ſobald Paul aufgehört hatte,„die Ehre zu haben, in ſolcher Geſellſchaft ein Frack geworden zu ſeyn(denn ſo ſprach der Steward im Einklang mit dem doriſchen Dialekte der Back das Wort aus). Ich würd' es für eine Schande halten, in mancher andern Geſellſchaft, die ich nennen koͤnnte, verſchlagen zu werden, obgleich ich, wie wir in Amerika ſagen, nichts über ſie prädiziren will in ihrer Abweſenheit. Was aber die Vorräthe be⸗ trifft, ſo iſt mir von ſelbſt eingefallen, daß die Damen eine fei⸗ nere Koſt lieben würden, und ich habe daher auch Mrs. Sidley und der andern franzoͤſiſchen Jungfer meine Anſicht eröffnet. Glaubt ihr wohl, Gentlemen, daß es den Seelen der Todten geſtattet iſt, zurückzublicken auf die Ereigniſſe dieſes Lebens, ſofern ſie mit ihren 5 eigenen Gefühlen und Beſorgniſſen in Verbindung ſtehen?“ d 3 5 „Dies wird wohl von der Art abhängen, Steward, wie die Seelen beſchäftigt ſind, ſollte ich meinen,“ entgegnete John Effing⸗ ham.„Zuverläßig muß es Seelen geben, denen alles Andere an⸗ genehmer ſeyn kann, als ein Rückblick. Doch warum ſtellt Ihr dieſe Frage?“ „Weil ich nicht glaube, Mr. John Effingham, daß Kapitän Truck je im Himmel glücklich ſeyn kann, ſo lange ſich das Schiff in den Händen der Beduinen befindet. Wäre es ſäuberlich und ehrenhaft ein Frack geworden und der Kapitän durch Ertrinken ums ſLeben gekommen, ſo könnte er Ruhe finden wie ein jeder anderer Chrif; aber ich bin der Anſicht, Sir, wenn es für Seeleute eine beſondere Marter gibt, ſo beſteht die größte wohl darin, daß ſie zuſehen müſſen, wie ſo ein Beduinentroß ihr Fahrzeug durch⸗ ſtöbert. Ich ſtehe dafür, dieſe Spitzbuben haben ihre Finger ſchon in Allem gehabt, in Zucker, Chokolade, Roſinen, Kaffee, Kuchen und Allem! Ich möochte wahrhaftig wiſſen, wer von den Artikeln noch Gebrauch machen möchte, nachdem ſie's in Haͤnden gehabt haben! Und da iſt auch der arme Toaſt, Gentlemen, ein anſtre⸗ bender junger Mann, aus dem etwas werden konnte, denn er hatte den Stoff zu einem guten Steward in ſich, obſchon ich kaum ſagen moͤchte, daß er ſchon vollſtändig in ihm entwickelt wäre. Ich habe ſchon dem Tag entgegengeſehen, an welchem ich ihn Mr. Leach als —— wüſtet,“ bemerkte Mr. Sharp, nachdem Paul das Schiff eine Weile meinen Vorgänger empfehlen könnte, wann einmal Kapitän Truck und ich uns zurückziehen würden— und dies wäre ohne Zweifel mit der Zeit geſchehen, wenn dieſer betrübende Vorfall nicht ſtatt⸗ gefunden hätte. Ich bete andächtig zum Himmel, Toaſt möchte geſtorben ſeyn, denn alles Unglück, was ihm in der andern Welt zuſtoßen könnte, iſt beſſer, als wenn er genöthigt ſeyn ſollte, mit ſolchen beduiniſchen Niggers Geſellſchaft zu machen. Todt oder lebendig, Ladies— ich bin ſtets dafür, daß ein Menſch ſich acht⸗ bar halte und in einer paſſenden Geſellſchaft bleibe.“ Das unerwartete Entkommen hatte Alle ſo heiter geſtimmt, daß ſie Saunders alle Nachſicht ſchenkten; auch erfreute ſich dieſer, während er beim Auftragen ſeines Mahls zwiſchen ſeinem Feuer auf dem Sande und dem Dach der Lanſche hin⸗ und herging, eines weit herzlicheren Geplauders, als je während der ganzen Fahrt, nicht einmal die Kicherſcenen ausgenommen, die er mit Toaſt in der Speiſekammer ausfuͤhrte, obſchon er ſich hier ein wenig gehen zu laſſen pflegte und die Würde des Steward in den angeborenen Liebhabereien des Schwarzen vergaß. Paul Powis ging nur für einen Augenblick in den Scherz ein, da auf ihm die Sicherheit des Ganzen beruhte. Er war der Einzige, der ſich auf die Seefahrt verſtund oder überhaupt nur das Boot in rauhem Waſſer zu handhaben wußte; und während die Anderen unbedingtes Vertrauen in ſeine Feſtigkeit und Einſicht ſetzten, fühlte er die gewoͤhnliche Laſt der Verantwortlichkeit. Er nahm daher nach Beendigung des Nachteſſens, als die Uebrigen auf den Sandinſelchen hin und hergingen, ſeinen Poſten auf dem Dach und beobachtete durch das Fernglas das Treiben der Be⸗ duinen; Mr. Sharp aber verzichtete mit einer Art ritterlicher Selbſtverläugnung, die ſein Gefährte zu ſchätzen wußte, auf das Glück, ſich an Eva's Seite zu ergehen, und blieb in ſeiner Nähe⸗ „Die Elenden haben ohne Zweifel die Kajüten bereits ver⸗ beobachtet hatte.„Sie werden in einer Stunde zerſtören, was her⸗ zuſtellen Monate gekoſtet hat.“ „Ich ſehe dies nicht,“ verſetzte Paul.„Es ſind nur etwa fünfzig im Schiffe und, ihre Anſtrengungen ſcheinen darauf abzu⸗ zielen, das Fahrzeug nach den Klippen hinüberzubringen. Sie ent⸗ behren der Mittel, ihren Raub von der Stelle aus, wo der Mon⸗ tauk liegt, ans Land zu ſchaffen und vermuthlich ſind ſie mit einan⸗ der überein gekommen, an der Plünderung Alle theilnehmen zu laſſen. Ein Paar, welche mir Häuptlinge zu ſeyn ſcheinen, gehen in den Kajüten ein und aus; die Uebrigen aber find eifrig beſchäf⸗ tigt, das Schiff von ſeiner Stelle zu bringen.“ „Und mit welchem Erfolge?“ „Mit gar keinem, wie es ſcheint. Es überbietét ihre Kennt⸗ niſſe von der Mechanik, eine ſo ſchwere Maſſe aus ihrer Lage zu zwängen. Der Wind hat das Schiff feſt auf die Bank getrieben, und nichts als die Spille wird im Stande ſeyn, es wieder loszu⸗ bringen. Die unwiſſenden Tröpfe haben zwei oder drei dünne Taue zwiſchen die Fahrzeuge und das Riff gebracht und reißen vergeblich an beiden Enden. Unſere Hauptaufgabe wird übrigens ſeyn, einen Ausweg in den Ocean zu finden, damit wir uns eheſtens nach dem grünen Vorgebirge auf den Weg machen können.“ Paul begann nun, das Riff ſorgfältig zu⸗ unterfuchen, um eine Oeffnung zu entdecken, durch welche die Lanſche in die See hinaus⸗ gebracht werden könnte. Nördlich von dem großen Einlaſſe befand ſich eine fortlaufende Linie von Klippen, auf denen ſich zu ſeinem großen Leidweſen bereits bewaffnete Beduinen zu zeigen begannen— ein Beweis, daß ſie noch immer der Hoffnung Raum gaben, die Flüchtlinge gefangen zu nehmen; dagegen waren ſüdlich viele Stel⸗ len zu erblicken, welche ſchon bei halber Fluth eine Durchfahrt hof⸗ fen ließen, und er zweifelte nicht, mit dem Eintritte der Dunkelheit eine derſelben benützen zu können. Seiner Anſicht nach hatten die Beduinen nur deßhalb die Boote des Wraks noch nicht herunterge⸗ * bracht, weil ſie auf ein Entkommen in der Lanſche nicht gerechnet hatten; befand ſich aber letztere am nächſten Morgen noch inner⸗ halb des Riffes, ſo verzweifelte er an der Möglichkeit, wirklich ent⸗ wiſchen zu können, weil die Boote den Vortheil der Ruder beſaßen — gleichviel wie unwiſſend auch die Barbaren in geeigneter Füh⸗ rung derſelben ſeyn mochten. Alles war jetzt bereit und das Innere der Lanſche dnrch Dek⸗ ken Kgffer⸗ und n- in zwei Gemächer gethalt, dere vle— mit ihren Matratzen minahme waͤhrend hintere den Männern zur Benützung angewieſen wurde. Einige von jenen gründlichen Auslegern des Geſetzes, welche die Geſetzge⸗ bung durch Handelspfiffe erläutern, hatten mehrere hundert rohe, bleierne Büſten Napoleons in den Montauk verladen, um ſich den Zollun⸗ terſchied zwiſchen verarbeitetem und unverarbeiteten Metall zu erſparen, und vier oder fünf Exemplare davon waren als Ballaſt in die Lanſche geworfen worden. Dieſe hatte man nebſt dem Waſſer und allen ſchwereren Artikeln feſt in den Boden des Fahrzeugs verpackt. Der Jigger war gefertigt und angeſchlagen, deßgleichen ein paſſen⸗ der Maſt vermittelſt des Daches eingeſetzt. Kurz, Paul hatte nach Kräften jede mögliche Vorſorge für die Gemächlichkeit ſowohl als für die Sicherheit getroffen, und Alles war zur Wie⸗ dereinſchiffung Heugie obald die ePailende Stunde herankam. Der z ellſchaft ſaßt auf dem Rande des Daches, ſahedem Unergang der Sonne zu und unterhielt, ſich mit einem Geſpräche, deſſen Stimmung mehr ihrer wahren Lage ent⸗ ſprach, als dies unmittelbar nach ihrem Entkommen der Fall ge⸗ weſen war. Der Abendhimmel hatte um dieſe Stunde etwas von jenem wilden, wolkigten Anblick, der Kapitän Truck ſo viele Be⸗ ſorgniß eingeflößt hatte; aber die Sonne tauchte prachtvoll in die flüſſige Welt des Weſtens nieder und die ganze Scene bot mit Ein⸗ ſchluß der endloſen Wüſte, des dunkeln Riffs, des geſtrandeten Schiffs und der Regſamkeit der Beduinen, ein Bild düſterer Großartigkeit. „Könnten wir nur voraus wiſſen, was uns im Laufe eines Monats begegnen wird,“ ſagte John Effingham;„mit wie ganz andern Gefühlen würden wir die Gegenwart beurtheilen. Als wir vor nicht ganz drei Wochen London verließen, war unſer Sinn an⸗ gefuͤllt von den Bewegungen, den Sorgen, den Genüſſen und dem Intereſſe einer großen, gebildeten Hauptſtadt, und jetzt ſitzen wir hier als heimathloſe Wanderer, um an der Kuͤſte von Afrika die Abendlandſchaft zu betrachten. In gleicher Weiſe werdet ihr jun⸗ gen Männer und ihr jungen Frauenzimmer finden, daß im ſchnellen Hingleiten des Lebens die Zukunft ſo oft die Erwartungen der Ge⸗ genwart täuſcht.“ „Nicht alle Zukunft iſt düſter, Vetter Jack,“ verſetzte Eva,„und nicht alle Hoffnungen ſind zur Vereitelung beſtimmt. Ein barm⸗ herziger Gott ſorgt für uns, ſelbſt wenn wir am Rande der Ver⸗ zweiflung zu ſeyn wähnen, und ſendet einen Strahl unerwarteten Lichtes in unſere dunkelſten Stunden. Wahrhaftig, von allen ſeinen Geſchöpfen ſollten wir am wenigſten dies in Abrede ſtellen.“ .„Ich ſtelle es nicht in Abrede. Wir ſind in ſo einfacher Weiſe gerettet worden, daß ſie faſt nothwendig zu ſeyn ſchien, und doch ſo unerwartet, daß ſie uns wie ein Wunder vorkommen muß. Wäre nicht Mr. Blunt oder Mr. Powis, wie ihr ihn nennt, obſchon ich in das Geheimniß der Mummerei nicht eingeweiht bin— aber wäre nicht dieſer Gentleman ein Seemann geweſen, ſo hätte es alle un⸗ ſere Mittel überboten, dieſes Boot ins Waſſer zu bringen oder auch nur es zweckmäßig zu gebrauchen, ſelbſt wenn wir es hätten heraus⸗ ſchaffen können. Ich betrachte ſeinen Beruf als das erſte große Walten der Vorſehung, die uns retten will, und ſeine überlegene Geſchicklichkeit und Einſicht iſt ein Umſtand, der für uns keine ge⸗ ringere Bedeutung hat.“ Eva verſtummte; aber die Gluth des weſtlichen Himmels war kaum ſtrahlender, als der Blick, welchen ſie dem Gegenſtand dieſer Bemerkung zuſandte. „Es iſt kein großes Verdienſt, ein Seemann zu ſeyn, denn die Kunſt beruht wie jede andere, blos auf Uebung und Erziehung,“ ergriff Paul nach einem Augenblicke beengender Verlegenheit das Wort.„Wenn ich, wie Ihr ſagt, das Werkzeng zu eurer Rettung war, ſo werde ich die Zufälligkeiten— ich koͤnnte faſt ſagen die bitteren Zufälligkeiten meines früheren Lebens— nie bedauern, die mich in meiner Jugend zwangen, mein Glück auf dem Meere zu ſuchen.“ Es herrſchte ſo tiefe Stille, daß man eine Nadel hätte fallen hören können, und Alle hofften, der junge Mann werde fortfahren; aber er zog es vor, zu ſchweigen. Saunders hörte zufaͤllig die Bemerkung mit an, denn er leiſtete eben Anna Sidley im Boote Beiſtand und nahm den Gegenſtand, welchen der Andere abgebro⸗ chen hatte, in einem Nebengeſpräch mit ſeiner Gefährtin wieder auf. „Es iſt ein Unglück, daß Mr. Dodge nicht hier iſt, um den Gentleman zu befragen,“ ſagte der Steward zu der Dienerin,„und dann könnten wir mehr von ſeinen Abenteuern hören, die ohne Zweifel ſehr pathetiſch und romantikaliſch ſind. Mr. Dodge iſt ein wahrer Inquiſitor, Mrs. Anna— kein ſolcher Inquiſitor, der die Leute verbrennt und ihnen die Haut abzieht, wie an einem Orte, wo ich geweſen bin, ſondern ein Inquiſttor, der die Leute in anderer Weiſe plagt und wie wir deren eine Unzahl in Amerika haben.“ „Laßt den armen Mann in Frieden ruhen!“ ſagte Nanny mit einem Seufzer.„Er iſt hingegangen zur großen Rechenſchaft, Ste⸗ ward, und ich fürchte, Niemand von uns wird, wenn's zur Schluß⸗ abrechnung kömmt, eine beſonders gute Figur machen. Außer Miß Eva habe ich nie einen ſterblichen Menſchen gekannt, der nicht mehr oder weniger ein Sünder geweſen wäre.“ „So ſagen Alle, und ich muß zugeben, daß meine Erfahrung auch für die ſchlimme Seite der Frage ſpricht. So war zum Bei⸗ ſpiel Kapitän Truck ein ſehr würdiger Mann, aber er hatte doch ſeine Fehler— und eben ſo erging es Toaſt. Was den Erſtern betrifft, ſo pflegte er zu fluchen, wenn er aufgebracht war, und dann nahm er durchaus keinen Anſtand ſich über einen Nebenmen⸗ ſchen auszuſprechen, wenn zufälligerweiſe der Kaffee zu dick war oder bei dem Geflügel die Mäſtung nicht anſchlagen wollte. Ich habe ſelbſt mit angeſehen, wie er über den Compaß herfluchte, wenn das Schiff in Eiſen gerieth.“ „Dies iſt eine große Sünde, und es ſteht zu fürchten, daß in ſeinen letzten Augenblicken alles dies ſchwer auf ſein Herz fiel.“ 1„Wenm ſich die Beduinen unterſtanden, ihn zu kannibaliſiren, ſo wird er's ihnen, wie ich glaube, wohl rechts und links gegeben haben,“ fuhr Saunders fort, indem er ſich ein Auge wiſchte; denn zwiſchen ihmn ünd dem Kapitän hatte ungefähr die Zuneigung be⸗ ſtanden, die der Gefangene bisweilen zu den Feſſeln fühlt, mit denen er ſich in ſeiner langen Weile unterhält.„Einige ſeiner Flüche hätten einen Hund erwürgen koͤnnen.“ „Laßt ihn ruhen— laßt ihn ruhen. Die Vorſehung iſt gütig, und vielleicht hat der arme Mann noch in Zeiten bereut.“ „Und Toaſt gleichfalls. Wahrhaftig, Mrs. Anna, ich vergebe Toaſt alle die kleinen Verſehen, die er gemacht hat, aus dem Grunde meines Herzens— namentlich die Geſchichte, als er das Beefſteak in den Kaffee fallen ließ und Kapitän Truck mich dafür am ſelbigen Morgen ſo unbarmherzig mitnahm. Auch bete ich in Demuth, der Kapitän, der jetzt ſein Sterblichkeitskabel hat fallen laſſen, ſo daß er nichts mehr als die Seele beſitzt, möge nicht da⸗ hinter kommen, damit es nicht auch im Himmel noch böſes Blut zwiſchen ihnen gebe.“ „Steward, Ihr wißt kaum, was Ihr ſagt,“ unterbrach ihn Anna, die ganz entſetzt war über ſeine Unwiſſenheit,„und ich will nicht weiter mit Euch über die Sache ſprechen.“ Mr. Saunders mußte ſich zufrieden geben und unterhielt ſich 2 8 —— — —— ———— 443 fortan damit, daß er den Geſprächen derjenigen zuhörte, welche ſich auf dem Dach befanden. Da Paul ſich nicht auf weitere Erklä⸗ rungen einlaſſen wollte, ſo wurde die Unterhaltung wieder aufge⸗ nommen, als ob er nichts geſagt hätte. Sie ſprachen von ihrem Entkommen, ihren Hoffnungen und dem vermeintlichen Schickſal ihrer Reiſegefährten— Gegenſtände, welche wohl geeignet waren, Alle mit einem Ernſt zu erfüllen, der mit der ſchwermüthigen, aber nicht unmaleriſchen Landſchaft im Einklange ſtand. Endlich kam der Abend heran, und Da. die Nacht finſter und feucht zu werden 5 rafen i en frühzeitig ihre Vo e eitn en, um ſich Kir lhress lche urückzuztehen. Di i blieben viel ſänger gaf dem Sande, und erſt um zehn Uhr befanden Paul Powis und Mr. Sharp, welche die Wache übernommen atten, ſich allein im Freien,⸗— Dies war ungefhr ei eine Stunde ſpäter, als der Zeitpunct, in welchem, wie wir früher gezeigt haben, Kapitän Truck ſich in der Lanſche des Dänen zum Schlafen niederlegte. Das Wetter hatte in dem kurzen Zwiſchenraume einen merklichen Wechſel erlitten, und es waren Anzeichen vorhanden, die unſern jungen Seemann noch eine bedeutendere Veränderung beſorgen ließen. Die Nacht war tief und eigentlich pechfinſter, ſo daß ſich nicht länger die Küſte unterſcheiden ließ, und die beiden Gentlemen konnten die Lage der⸗ ſelben nur noch an den verglimmenden Wachfeuern im Beduinen⸗ lager und an der Richtung des Windes erkennen. „Wir wollen jetzt einen Verſuch machen,“ ſagte Paul, in ſei⸗ nem kurzen Spaziergang auf dem Sande innehaltend und nach dem düſteren Gewölbe des Himmels aufblickend.„Mitternacht iſt nahe und gegen zwei Uhr werden wir Hochfluth haben. Freilich iſt's eine dunkle Nacht, um ſich in einer ſo gebrechlichen Barke durch die ſchmalen Kanäle in's Meer hinauszuſchlagen, aber es bleibt uns keine andere Wahl.“ „Wäͤre es nicht beſſer, das Waſſer noch höher ſteigen zu laſſen? va 444 Ich ſehe an dieſer Sandbank, daß es noch immer im Weiterrücken begriffen iſt.“ „In dieſen niedrigen Breiten geht die Fluth nicht hoch, und die kleine Steigung, die wir noch zu erwarten haben, kann uns von einer Bank weghelfen, wenn wir auflaufen ſollten. Geht Ihr auf das Dach— ich will die Bootshaken hereinholen und das Fahrzeug abſtoßen.“ Mr. Sharp willfahrte, und nach einigen Minuten ſchwamm die Lanſche langſam von der gaſtfreundlichen Sandbank ab. Paul holte den Jigger aus— ein kleines Bugſprietſegel, das ſich von ſelbſt anſpannte, weil es an einer unbeweglichen Raa befeſtigt war— und ſetzte ganz hinten einen kleinen Maſt ein, um auf dieſe Weiſe das Boot gegen den Wind zu zwängen. Dies brachte den Schnabel der Lanſche auf; aber man mußte ſehr achtſam ſeyn, wenn man die leichte Bewegung bemerken wollte, welche das Fahrzeug durch das Waſſer machte. 1„Ich trenne mich von dieſer Sandbank mit ſo ſchwerem Herzen, wie von einem erprobten Freunde,“ ſagte Paul in dem Flüſtertone, in welchem fortan alles weitere Geſpräch geführt wurde.„In ihrer Nähe weiß ich, wo wir uns befinden; aber es wird nicht lang anſtehen, bis wir in dieſer tiefen Finſterniß vollig verirrt find.“ „Wir haben noch die Feuer der Beduinen als Leuchtthürme vor uns.“ „Sie können uns allerdings einigen Begriff von unſerer Lage geben; aber ein derartiges Licht iſt ein ſehr heimtückiſcher Führer in einer ſo dunkeln Nacht. Wir haben wenig anders zu thun, als das Waſſer zu beobachten und uns Mühe zu geben, daß wir wind⸗ wärts kommen.“ Paul ſetzte das Sturmſegel, deſſen Eigenſchaft das Oberbram⸗ ſegel zu vertreten hatte, und nahm ſeinen Platz unmittelbar auf dem Schnabel des Boots ein, indem er ſeine Beine rechts und links vom Bruſtholz niederhängen ließ. Er hatte an der Ruder⸗ pinne zwei Leinen angebracht, von denen er jede mit einer Hand —— 445 faßte, und ſo ſteuerte er das Fahrzeug wie mit Leitſeilen. Mr. Sharp ſaß in ſeiner Nähe und hielt die Schoote des großen Segels, während neben ihm auf dem Dache ein Bootshaken und eine leichte Spiere lagen, für den Fall, daß ſie auf den Grund liefen. So lange ſie ſich noch auf der Sandbank befanden, hatte Paul bemerkt, er könne, wenn er das Boot nah an den Wind hielt, faſt tauſend Ruthen weit durch einen der weiteſten Kanäle kommen, wenn er nicht etwa durch Strömungen geſtört würde; auch meinte er, am ſüdlichen Ende deſſelben weit genug windwärts gelangt zu ſeyn, um den Einlaß zu erreichen, es wäre denn, daß Sandbänke in dieſer Richtung lägen. Die Entfernung hatte ihn gehindert, am entlegeneren Ende dieſes Kanals eine Durchfahrt durch das Riff zu entdecken; indeß hoffte er doch, daß ihm dies gelingen dürfte, da das Boot nur zwei Fuß Waſſertracht hatte. Seiner Anſicht nach reichte für ſeinen Zweck eine kleine Lücke zu, wenn ſie zur Zeit der Hochfluth nur tief genug war, um den Uebergang der Beduinen zu hindern. Das Boot ging ſtätig und mit ziem⸗ licher Geſchwindigkeit vor ſich, wie es eben bei der Bewegung eines ſchweren Körpers im Dunkeln möglich war. Die Gentlemen be⸗ obachteten das Waſſer vorn auf's Sorgfältigſte, um die Sandbänke zu vermeiden, aber mit geringem Erfolg, denn im Vorrücken folgte blos eine Schichte Finſterniß auf die andere. Zum Glück kamen ihnen Pauls vorläufige Beobachtungen zu Statten, ſo daß ſie mehr als eine halbe Stunde ungehemmt weiter ſteuern konnten. „Sie ſchlafen unter uns in völliger Sicherheit,“ ſagte Paul, „während wir faſt auf's Gerathewohl ſteuern. Wir befinden uns in einer ſeltſamen und ſehr gewagten Lage, denn die Dunkelheit verdoppelt die Gefahr.“ „Den Wachfeuern zufolge müſſen wir nahezu die Bai gekreuzt haben; ich glaube, wir können nicht mehr weit von dem ſüdlichen Riffe ſeyn.“ „Ich bin derſelben Anſicht, aber die Unſtätigkeit des Windes 446 will mir nicht gefallen. Er kömmt für Augenblicke friſcher, aber nur ſtoßweiſe, und ich fürchte, es wird ein Umſchlagen folgen. Vorderhand iſt er mein beſter Lootſe.“ „Der Wind und die Feuer.“ „Die Feuer ſind ſtets unſicher. Es ſieht vorne dunkler aus als je.“ Der Wind hörte nun ganz auf zu blaſen, und das Segeltuch klappte ſchwerfällig gegen den Maſt. Faſt im ſelben Augenblick verlor die Lanſche ihren Weg, und Paul hatte nur noch Zeit, vorne die Bootshaken auszuſtoßen, um das Anprallen an einem Felſen zu verhindern. „Dies iſt alſo ein Theil des Riffs, der nie unter Waſſer ſteht,“ ſagte er.„Wenn Ihr auf die Klippen ſteigen und das Boot hal⸗ ten wollt, ſo möchte ich wohl eine Unterſuchung vornehmen, ob wir nicht einen Platz zur Ausfahrt ſinden. Wären wir hundert Fuß weiter ſüdweſtlich, ſo könnten wir in die offene See hinaus, wo wir beziehungsweiſe ſicher wären.“ Mr. Sharp willfahrte, und Paul ſtieg ſorgfältig auf das Riff hinaus, um in der tiefen Finſterniß vermittelſt des Bootshakens einen Weg zu ſuchen. Er taſtete ungefähr zehn Minuten mit größter Behutſamkeit umher, da er bei jedem Schritte Gefahr lief, in die See zu fallen. Sein Freund begann unruhig zu werden; denn ſchon in dieſer kurzen Zeit vergegenwärtigte ſich die große Gefahr ihrer gemeinſchaftlichen Lage auf's Lebhafteſte ſeinem Auge, im Falle ihrem einzigen Führer ein Unglück zuſtoßen ſollte. Er blickte ängſtlich nach der Richtung, in welcher Paul verſchwunden war, bis er plötzlich ſeinen Arm feſt angefaßt fühlte. „Wir dürfen kaum athmen!“ flüſterte Paul haſtig.„Die Felſen ſind mit Beduinen bedeckt, die auf dem trockenen Theile des Riffs bleiben wollten, um am Morgen ſogleich bei der Plünderung bei der Hand zu ſeyn. Dem Himmel ſey Dank, daß ich Euch wieder gefunden habe, denn ich fing ſchon an zu verzweifeln. Ein Ruf würde zu ſicherer Gefangenſchaft geführt haben, da acht oder zehn ——— ⏑— 447 von den Berbern kaum fünfzig Fuß von uns ſchlafen. Sucht ſo geräuſchlos als möglich wieder auf das Dach zu kommen und über⸗ laßt alles Uebrige mir.“ Sobald Mr. Sharp wieder im Boote war, ſchob Paul das Fahrzeug mit einem gewaltſamen Ruck von dem Felſen ab und ſprang in demſelben Augenblick auf das Dach. Hiedurch kam die Lanſche ſternwärts und für jetzt in eine ſicherere Lage. Aber der Wind hatte nunmehr umgeſchlagen und kam in Stößen von der Wüſte her— ein Umſtand, der ſie wieder leewärts brachte. „Dies iſt der Anfang der Paſſatwinde,“ ſagte Paul.„Sie ſind durch die letzte Bö unterbrochen worden und kehren jetzt wieder zurück. Wären wir außerhalb des Riffs, ſo könnte unſeren Gebeten keine ſchönere Erhörung zu Theil werden, als gerade durch Ge⸗ währung dieſes Windes; aber hier kömmt er uns ſehr unzeitig. Ha!— dies hilft wenigſtens dem Fahrzeuge!“ Ein Windſtoß vom Lande aus füllte die Segel und im Stern begann, obſchon kaum hörbar, das Waſſer zu plätſchern. Das Steuer wurde nun gehandhabt und das Boot entfernte ſich, vor⸗ wärtsgehend, langſam von dem Riffe. „Wir haben allen Grund, dem Himmel zu danken! Dieſe Ge⸗ fahr wenigſtens iſt vermieden.— Ha! das Boot ſitzt auf..). Die Lanſche war auf eine Sandbank gelaufen. Sie waren den Klippen noch ſo nahe, daß ſie ihre Bewegungen nur mit größter Vorſicht verfolgen konnten, und als ſie behutſam die Spiere in Anwendung brachten, entdeckten die beiden Gentlemen, daß das Boot im Sterne aufſaß; ſie hatten daher keine andere Wahl, als ſich in Geduld zu faſſen. „Es iſt ein Glück, daß die Beduinen keine Hunde mit auf die Felſen genommen haben; im Lager dagegen hört man ſie unab⸗ läſſig heulen.“ „Allerdings. Glaubt Ihr, daß wir in dieſer tiefen Finſterniß je den Einlaß finden werden?“ 448 „Er iſt unſer einziger Ausweg. Wenn wir dem Klippenzug folgen könnten, ſo müßten wir ihn nothwendig auffinden; aber Ihr bemerkt, daß ſie bereits außer Sicht ſind, obſchon ſie kaum dreißig Faden von uns abliegen. Das Steuer iſt frei, folglich muß das Fahrzeug wieder vom Boden los ſeyn. Dieſer letzte Windſtoß hat uns geholfen.“ Es folgte ein abermaliges Schweigen, und die Lanſche bewegte ſich langſam weiter, obſchon die Gentlemen über die Richtung nicht in's Klare kommen konnten. Ein einziges Feuer war noch in Sicht, aber es glimmte nur wie eine erſterbende Flamme. Von Zeit zu Zeit kam ein heißer, trockener Windſtoß mit der Glut der Wüſte heran; dann trat aber wieder die todtenſtille Ruhe ein. Paul beob⸗ achtete eine halbe Stunde lang das Boot auf's Sorgfältigſte und ſuchte jeden Luftzug auf's Beſte zu benützen, obſchon er durchaus nicht wußte, wo er ſtand. Das Riff hatten ſie nicht wieder zu Ge⸗ ſicht bekommen; auch waren ſie dreimal aufgeſeſſen, und eben ſo oft durch die Fluth wieder frei geworden— desgleichen hatten ſie den Kurs wiederholt ändern müſſen. Das Ergebniß davon war jenes tiefe, peinliche Gefühl der Hoffnungsloſigkeit, welches uns Alle befällt, wenn uns alles Denken im Stiche läßt und die Vernunft ein viel werthloſeres Hülfsmittel wird, als der Inſtinct.“ „Das letzte Feuer iſt erloſchen,“ flüſterte Paul.„Ich fürchte, das Grauen des Tages wird uns noch immer innerhalb des Riffes finden.“ „ Ich bemerke einen Gegenſtand in unſrer Nähe.— Kann hier wohl eine hohe Sandbank liegen?“ Der Wind hatte gänzlich nachgelaſſen, und das Boot ſtand faſt unbeweglich. Paul bemerkte ein noch tieferes Dunkel als ge⸗ wöhnlich vor ſich und beugte ſich vorwärts, während er zugleich behutſam die Hand vorhielt. Er ſtieß gegen etwas an, ohne den Gegenſtand unterſcheiden zu können. Es war eine harte, glatte Oberfläche, die er anfäng⸗ lich für einen Felſen hielt; als er jedoch ſeine Augen langſam auf⸗ 4⁴9 richtete, bemerkte er bei dem geringen Lichte, das noch am Himmel zurückgeblieben war, unbeſtimmte Umriſſe, die er plötzlich erkannte. Seine Hand hatte die Windvierung des Schiffes berührt. „Es iſt der Montauk,“ flüſterte er athemlos,„und auf ſeinen Decken muß es von Beduinen wimmeln. Bſt!— hört Ihr nichts?“ Sie lauſchten und vernahmen deutlich die gedämpften Stimmen der Schildwachen— Laute, in die ſich hin und wieder ein leichtes Gelächter miſchte. Dies war eine Criſis, die wohl jeden Anderen⸗ der weniger Feſtigkeit und Umſicht beſaß, als Paul, hätte erſchrecken können; er bewahrte jedoch ſeine Faſſung. „Wir haben hier Schlimmes und Gutes zumal,“ flüſterte er. Ich weiß jetzt, wo wir ſtehen. Gott ſey Dank, wir ſind dem Ein⸗ laß nahe— wenn wir ihn nur erreichen können. Durch einen kräftigen Ruck können wir ſtets die Lanſche von der Schiffsſeite ab⸗ bringen und dadurch verhindern, daß wir geentert werden; auch glaube ich, daß wir unter Anwendung der größten Vorſicht ſogar im Stande ſind, das Boot unentdeckt an dem Schiffe vorbeizubringen.“ Das verfängliche Werk wurde unternommen. Man mußte ſo⸗ gar jedes ſchwerere Auftreten, desgleichen die Anwendung des Boots⸗ hakens oder die Berührung des Schiffes vermeiden, da in der laut⸗ loſen Stille der tiefen Nacht auch das leiſeſte Geräuſch deutlich vernommen werden konnte. Sobald übrigens Paul einmal über ſeine wahre Lage im Reinen war, erfaßte er mit dem Auge ſeines Geiſtes alle Hinderniſſe, denen ein Anderer wohl nicht zu begegnen im Stande geweſen wäre; er wußte genau, wie er's beim Abhal⸗ ten angreifen mußte und um wieviel er ſich der Schiffsſeite näherte, als er behutſam das Boot an dem maſſenhaften Rumpfe hinführte. Die Raa der Lanſche war glücklicherweiſe gegen das Riff geneigt und bot daher kein Hinderniß. In dieſer Weiſe holten die beiden Gentlemen ihr Boot bis gegen die Buge des Montauk vor, und Paul war eben im Begriffe, ihr Fahrzeug kräftig abzuſtoßen, um Die Heimkehr. 29 450 moͤglichſt weit von dem Paketſchiff weg zu kommen, als der Bewe⸗ gung der Lanſche plötzlich und gewaltſam Einhalt gethan wurde. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Tritt ein der Ruhe Zeit, Gleich einer Windſtill’, die den wilden Wellen Des Friedens Schlummer beut, So darf erquickend dir das Kiſſen ſchwellen; Sein Auge iſt's ja, das in tiefer Nacht Den Schlummer dieſer Rieſenſtadt bewacht. Bryant. Es rieſelte den beiden jungen Maͤnnern eiskalt durch die Adern, als ſte in einem ſo kritiſchen Augenblicke auf dieſes unerwartete, plötzliche Hinderniß trafen, denn ſie glaubten nicht anders, als daß einer von den vielen Beduinen, welche, wie ſie wohl wußten, in der Nähe waren, Hand an die Lanſche gelegt habe. Ihr Schrecken verſchwand jedoch, als ſie die Sache näher unterſuchten; denn kein menſchliches Weſen ließ ſich blicken, und die Seite des Bootes war unberührt. Der Bootshaken konnte im Waſſer kein Hinderniß fin⸗ den, und doch war es auch nicht möglich, daß ſie wieder auf den Strand gelaufen waren. Als übrigens Paul den Bootshaken über ſeinen Kopf erhob, entdeckte er bald das Hinderniß. Die Leine nämlich, deren ſich die Berbern bedient hatten, um das Schiff fort⸗ zubewegen, war von der Bak bis zu dem Riffe ausgeſpannt und lag nun gerade dem Maſte des Boots im Wege. Es wurde mit Vorſicht durchſchnitten, aber das kurze Ende entglitt der Hand Mr. Sharps, welcher dieſe Operation vorgenommen hatte, und fiel in's Waſſer. Das Geräuſch wurde gehort und die Wache auf dem Decke des Schiffes ſtürzte jetzt in die Richtung deſſelben. Es war keine Zeit zu verlieren. Paul übrigens, der noch immer das äußere Ende der Leine feſthielt, zerrte mit Macht daran, 451 holte das Boot haſtig von dem Schiffe ab und kam dadurch ein wenig vorwärts. Sobald dies geſchehen war, ließ er die Leine fallen und ergriff ſeine Steuertaue, um den Schnabel des Boots zwiſchen den beiden Gefahren— dem Montauk und dem Riffe— hindurch zu bringen. Dies lief nicht ohne einiges Geräuſch ab. Man hatte das ſtärkere Auftreten auf dem Dache und das Plätſchern des Waſſers, als die Leine niederfiel, vernommen; auch ſpielte das feuchte Element ſo laut unter den Bugen des Fahrzeugs, daß man es deutlich hören konnte. Die Beduinen auf dem Montauk riefen nun denen auf dem Riff zu, und letztere winkten ihren Kameraden, weil ſie wußten, daß Kapitän Trucks Leute noch in Freiheit waren und von dieſer Seite her ein Angriff zu befürchten ſtand. Das nun folgende Geſchrei und Getümmel war ſchrecklich. Die Beduinen feuerten auf's Gerathewohl Musketen ab und der Lärm von dem Lager her bildete das Echo zu dem Getümmel auf dem Schiffe und auf den Klippen. Auch die Geſellſchaft, welche ruhig im Boote geſchlafen hatte, wurde dadurch geweckt, und Saun⸗ ders ſtimmte aus heller Angſt in das Geſchrei ein. Aber die bei⸗ den Gentlemen auf dem Decke beeilten ſich, ihren Begleitern den Stand der Dinge mitzutheilen und ſie zu Beobachtung des tiefſten Stillſchweigens zu veranlaſſen. „Sie ſcheinen uns nicht zu bemerken,“ flüſterte Paul Eva zu, als er ſich vorwärts beugte, um den Kopf zu einem offenen Fenſter hinausſtecken zu können,„und eine Wiederkehr der Briſe kann uns noch immer retten. Es herrſcht großes Getümmel unter ihnen und ohne Zweifel wiſſen ſie, daß wir nicht fern ſind; aber ſo lange ſie nicht genau unſern Standpunct kennen, ſind wir beziehungswelſe ſicher. Ihr Geſchrei leiſtet uns guten Dienſt, da es uns als Landmarke dient; denn Ihr könnt Euch denken, daß ich mich keiner Stelle nähere, von der aus ich Lärm höre. Betet jetzt um Wind, theuerſte Miß Effingham; betet, daß uns der Himmel Wind ſchicke!“ Eva betete zwar ſtumm aber mit Inbrunſt, während der junge 45² Mann alle ſeine Aufmerkſamkeit wieder dem Boote zuwandte. So⸗ bald ſie aus dem Lee des Schiffes gekommen waren, kehrten die ausſetzenden Windſtöße zurück, und es trat ſogar für mehrere Mi⸗ nuten eine ſtätige, ſchwache Briſe ein, während welcher das Boot um ein Namhaftes von dem Getöſe des Schiffes abkam. Auf den Klippen währte jedoch der Lärm noch immer fort und die Gent⸗ lemen gewannen bald die Ueberzeugung, daß die Beduinen ſich längs des ganzen Riffes aufgepflanzt hatten— ſo weit es nemlich über das Waſſer hervorragte, was jetzt ſowohl nördlich als ſüdlich von dem Einlaſſe der Fall war. „Die Fluth dringt noch immer durch den Einlaß herein,“ ſagte Paul,„und wir haben mit ihrer Strömung zu kämpfen. Freilich iſt ſie nicht ſtark, aber in einem Augenblicke, wie dieſer, gewinnt auch eine Kleinigkeit Bedeutung.“ „Wäre es nicht möglich, die einwärts von uns gelegene Bank zu erreichen und das Boot vermittelſt dieſer leichten Spieren vor⸗ wärts zu ſchieben?“ fragte Mr. Sharp. Die Andeutung war nicht übel; aber Paul fürchtete, das Plät⸗ ſchern des Waſſers könnte die Beduinen erreichen und das Boot dem Feuer der Feinde ausſetzen, da die größte Entfernung zwiſchen dem Riff und der inneren Sandbank an jener Stelle nicht hundert Faden überſtieg. Endlich preßte ein abermaliger Luftſtrom vom Lande her auf die Segel und das Waſſer rauſchte abermals unter den Bugen des Bootes. Paul's Herz klopfte hoch auf und er ſtrengte, während er die Steuerleinen handhabte, vergeblich ſeine Augen an, um die dichte Finſterniß zu durchdringen. „Zuverläßig,“ bemerkte er gegen Mr. Sharp, der ſtets an ſeiner Seite ſtand,„kam dieſes Geſchrei unmittelbar von vorne her. Wir ſteuern geraden Weges auf die Beduinen los, und ſind alſo in der Dunkelheit irre gefahren. Verliert keinen Augenblick, das Boot abzuhalten, denn hier im Lee iſt es ſtille.“ Da Alles dies ſich aus dem Stande der Dinge von ſelbſt zu 453 ergeben ſchien, ſo zog Paul, obſchon er nicht recht wußte, wie er mit ſeiner Rechnung daran war, das Steuer auf, und das Boot ſiel nahezu todt von dem Winde ab. Die Bewegung des Fahr⸗ zeugs ging nun beziehungsweiſe raſch und wenige Minuten brach⸗ ten eine merkliche Veränderung in den verſchiedenen Richtungen hervor, aus denen das Geſchrei der Beduinen herüberſchallte, wäh⸗ rend zu gleicher Zeit die Gewalt des Windes weſentlich nachließ. „Ich habe es!“ ſagte Paul, indem er ſeinen Gefährten faſt krampfhaft am Arme faßte.„Wir ſind an dem Einlaſſe und ſegeln, wie ich hoffe, unmittelbar in denſelben hinein. Ihr hoͤrt den Lärm von Rechts— er kömmt von dem Ende des nördlichen Riffs her; und das Geſchrei links ſchallt von dem ſüdlichen Ende herüber. Das Getümmel vom Schiff, die Richtung der Landbriſe, unſere Entfernung— Alles ſtimmt zuſammen; die Vorſehung nimmt ſich wieder freundlich unſerer an.“ „Es wäre ein ſchrecklicher Irrthum, wenn wir uns getäuſcht haben ſollten.“ „Von Irrthum kann keine Rede ſeyn, denn die Umſtände laſſen ſich durch nichts Anderes erklären. Ha— das Boot fühlt die Grundſchwellung— ein geſegnetes und ſicheres Zeichen, daß wir an dem Einlaſſe ſind— wollte Gott, die Fluth wäre jetzt vorbei oder wir hätten mehr Wind.“ Es folgte eine fieberiſche Viertelſtunde. Hin und wieder zwäng⸗ ten die Stöße der Nachtluft das Boot vorwärts, und dann konnten ſie aus dem lauter werdenden Geſchrei wieder entnehmen, daß es unter dem Einfluſſe einer Gegenſtrömung auf's Neue zurückgetrieben wurde. Auch war es nicht leicht, auf den richtigen Kurs abzu⸗ heben, denn die leichteſte Abweichung von der geraden Linie ver⸗ anlaßt bei einer Fahrt gegen die Fluth eine Seitenbewegung. um der letzteren Gefahr vorzubeugen, mußte Paul ſein Steuer eifrig beobachten, ohne einen anderen Führer zu haben, als das fort⸗ geſetzte laute Geſchrei der Beduinen. „Das Steigen und Fallen des Boots vermehrt meine Hoff⸗ nung,“ nahm Paul auf.„Ich denke, es wird noch beſſer kommen.“ „Ich kann nur geringen Unterſchied bemerken, obgleich ich gerne Alles mit Euren Augen ſehen möchte.“ „Ich bin überzeugt, daß die Schwellung zunimmt und das Boot häufiger ſteigt und fällt. Ihr findet doch, daß eine Schwel⸗ lung vorhanden iſt?“ „Zuverläßig. Ich bemerkte es ſchon, ehe wir das Boot ab⸗ hielten. Dieſer veränderliche Wind bringt uns eine wahre Tan⸗ talusqual.“ „Sir George Templemore— Mr. Powis,“ ließ ſich eine ſanfte Stimme aus dem Fenſter unter ihnen vernehmen. „Miß Effingham!“ entgegnete Paul mit ſolcher Haſt, daß ihm die Leitleine des Steuers entſchlüpfte. „Dies iſt ein furchtbarer Lärm!— Werden wir ihn denn nie los werden?“ „Koͤnnte ich's— oder könnte es überhaupt Einer von uns ändern, ſo ſolltet Ihr nicht mehr davon beunruhigt werden. Das Boot läuft langſam in die Durchfahrt ein, hat aber gegen die ſteigende Fluth zu kämpfen. Wäre der Wind nicht ſo unſtät und leicht, ſo könnten wir in zehn Minuten außer Gefahr ſeyn.“ „Außer Gefahr— aber nur, um einer neuen entgegen⸗ zugehen!“ „Nein, ich glaube nicht, daß in einem ſo ſtarken Boote auf dem Meere viel zu befürchten wäre. Im äußerſten Falle könnten wir uns genöthigt ſehen, das Dach abzutragen, welches unſerer kleinen Barke ein etwas unförmliches Ausſehen verleiht, obſchon es ſeine Gemächlichkeit ungemein erhöht. Ich denke, wir werden bald in die Paſſatwinde gerathen, vor welchen unſre Lanſche ſogar mit ihrem Hauſe im Stande ſeyn wird, gut weiter zu kommen.“ „Aber iſt das Geſchrei nicht ſchon wieder viel näher, als zuvor?“ Paul fühlte, daß ſeine Wange erglühte, und ſeine Hand ſuchte — 45⁵ haſtig die Steuerleine, denn das Boot war dem nördlichen Riffe merklich näher gekommen. Ein Luftſtrom half ihm ſein Verſehen wieder gut machen, und Alle in der Lanſche bemerkten nun bald, daß der Lärm mehr und mehr zurückwich. „Die Strömung mindert ſich,“ ſagte Paul„und die Fluth iſt nun ſo weit vorgeſchritten, daß wir demnächſt Hochwaſſer haben müſſen. Wir werden ſie bald zu unſeren Gunſten umſchlagen ſehen, und dann können wir uns für ſicher halten.“ „Dies iſt in der That eine Segensbotſchaft, und keine Dank⸗ barkeit iſt im Stande, je unſere Schuld gegen Euch abzutragen, Mr. Powis.“ Die Windſtöße nahmen jetzt Pauls ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch, denn ſie wurden wieder veränderlich und zuletzt kam die Briſe unmittelbar von vorne, eine halbe Stunde lang in dieſer Richtung fortblaſend. Sobald dieſer Wechſel ſich fühlbar machte, wurden die Segel darnach geſetzt und das Boot begann abermals das Waſſer unter ſeinen Bugen aufzuwühlen. „Das Umſchlagen iſt ſo plötzlich erfolgt, daß wir uns in der Richtung nicht täuſchen können,“ bemerkte Paul.„Außerdem dient uns dieſer Lärm zum Lootſen. Nie war mir ein Geſchrei an⸗ genehmer.“ „Ich fühle mit dieſer Spiere den Boden!“ ſagte Mr. Blunt plötzlich. „Barmherzige Vorſehung beſchütze und ſchirme das hülfloſe liebliche—“ „Nein, ich fühle ihn nicht länger. Wir ſind ſchon wieder in tieferem Waſſer.“ „Es war der Fels, auf welchem bei unſrer Einfahrt der Ma⸗ troſe ſtand,“ rief Paul, wieder freier athmend.„Auch freue ich mich, daß ſich jene Stimmen mehr und mehr in unſer Lee machen. Wir wollen auf dieſem Gange feſthalten“— der Bootsſchnabel war nemlich gen Norden gerichtet—„bis wir das Riff treffen, wenn uns nicht etwa der Lärm als Warnungszeichen dient.“ Das Boot bewegte ſich nun mit einer Geſchwindigkeit von zwei Seemeilen** in der Stunde oder weit ſchneller, als auch ein ſehr raſcher Läufer zu gehen im Stande iſt. Sein Steigen und Fallen deutete auf die lange ſchwere Schwellung des Oceans, und das Plätſchern des Waſſers begann mehr und mehr hörbar zu werden, ſo oft das Fahrzeug in den trägen Wellenkurven niederſank. „Dies klingt wie die Brandung des Riffs,“ fuhr Paul fort. „Alles deutet darauf hin, daß wir außerhalb der Klippen ſind.“ „Gott gebe es.“ „Wir hören deutlich Wellen, die ſich an einem Felſen brechen — allerdings in unbequemer Nähe und leewärts von uns; aber dennoch ſchlägt dieſe Muſik lieblich an mein Ohr.“ Das Boot ſteuerte ſtätig vorwärts und ſtreifte mehreremale hart an vorſpringenden Riffen, wie man aus dem Ton und ein⸗ oder zweimal ſogar aus dem Augenſchein entnehmen konnte; aber der Lärm der Beduinen gewann allmählig eine andere Richtung und konnte bald völlig im Stern gehöͤrt werden. Paul wußte, daß das Riff bald nach Zurücklegung des Einlaſſes ſich gen Oſten bog, und gab ſich nun der Hoffnung hin, daß ſie ſchnell von deſſen weſt⸗ lichem Ende oder jenem Theile abkommen würden, der am weiteſten in den Ocean hinauslief. Hatten ſie einmal ſo viel gewonnen, ſo bot ſich ihnen mehr Waſſer im Lee, da ſein Kurs, wie er glaubte, nahezu nördlich war. Das Geſchrei zog ſich immer weiter zurück, und das dumpfe Brauſen der Brandung klang nicht mehr ſo nah, daß man von den Klippen etwas beſorgen mußte. „Habt die Güte, mir das Loth und die Leine zu bringen, die am Fuße des Maſtes liegen,“ ſagte Paul.„Unſer Waſſeer ſcheint bedeutend tiefer zu werden und die Wellen kommen regelmäßiger.“ * Eine deutſche Meile. 3 1 457 Er warf das Loth aus und fand ſechs Faden Waſſer— ein Beweis, wie er glaubte, daß er das Riff völlig im Sterne hatte. „Mein theurer Mr. Effingham, Miß Effingham und Made⸗ moiſelle“— rief er wohlgemuth—„jetzt glaube ich, daß wir uns völlig außer dem Bereich der Beduinen befinden, wenn uns nicht etwa eine Bö wieder an ihre unwirthliche Küſte zurücktreibt.“ „Dürfen wir jetzt ſprechen 2u fragte Mr. Effingham, der ein beharrliches und faſt athemloſes Schweigen beobachtet hatte. „Ohne Umſtände— wir ſind ganz außer Hörweite, und dieſer Wind, obgleich er aus einer Richtung bläst, die mir nicht gefällt, führt uns ſchnell immer weiter von den Elenden ab.“ In der Dunkelheit und bei dem gelegentlichen Stürzen des Bootes war es für die Uebrigen nicht räthlich, auf das Dach zu kommen. Sie öffneten daher die Läden und blickten mit einem Ge⸗ fühl von Sicherheit, das ſie in ihrer Lage nicht für möglich ge⸗ halten hätten, auf das düſtere Waſſer hinaus. Das Schlimmſte war vorderhand überſtanden, und in der Errettung aus einer augen⸗ blicklichen Gefahr liegt ſo viel Beruhigung, daß man nicht ſogleich an diejenigen denken kann, welche noch im Schooße der Zukunft liegen. Sie konnten jetzt miteinander ſprechen, ohne befürchten zu müſſen, ihre Feinde aufzuſtören, und Paul redete in der ermuthi⸗ gendſten Weiſe von ihren Ausſichten. Er hatte ſich vorgenommen, nordwärts nach dem Wrack zu ſteuern, und wenn es ihm nicht ge⸗ lang, Auskunft über den Kapitän und ſeine Freunde zu erhalten, ſo wollte er auf die nächſte im Lee befindliche Inſel anlegen. Von dieſer beruhigenden Kunde erheitert, begab ſich die Ge⸗ ſellſchaft wieder zur Ruhe, während die beiden jungen Männer ihre Poſten auf dem Dache beibehielten. 3 „Unſer Fahrzeug muß einer Arche gleichen,“ ſagte Paul la⸗ chend, indem er ſich in der Nähe des Vorderſteven auf einen Koffer niederließ,„und könnte die Beduinen wohl von einem Angriffe zu⸗ rückſchrecken, ſelbſt wenn ſie Gelegenheit dazu finden ſollten. Dieſes Haus dürfte uns übrigens ſehr läſtig werden, wenn wir eine ſchwere See oder Wellen von vorne zu befahren hätten.“ „Ihr ſagt, man könne es leicht abſchlagen.“ „Nichts läßt ſich leichter ausführen, denn der ganze Apparat iſt zum Einſetzen und Wegnehmen angefertigt. Vor dem Winde können wir's allerdings lange Zeit führen und es wird uns in die⸗ ſem Falle ſogar vorwärts helfen; aber am Winde macht es das Boot gaukelnd und veranlaßt eine Abtrifft ins Lee. Wenn Regen oder ſonſt ſchlimmes Wetter eintritt, ſo iſt es freilich für uns Alle ein Schatz— namentlich für die Frauenzimmer; und deshalb wird's gut ſeyn, es ſo lange als möglich beizubehalten.“ Die Briſe, welche, wie bereits erwähnt, eine halbe Stunde anhielt, reichte zu, das Boot eine Strecke weit nordwärts zu füh⸗ ren; dann aber ſetzte ſie aus und der Wind kam wieder ſtoßweiſe vom Lande her. Paul's Vermuthung zufolge befanden ſie ſich nun nahezu eine Seemeile weit von dem Einlaſſe, und als ein Ver⸗ ſuch mit dem Lothe gemacht wurde, zeigte ſich eine Tiefe von zehn Faden Waſſer— ein Beweis, daß ſie auch allmählig von der Küſte abgekommen waren. Aber noch immer waren ſie von dichter Fin⸗ ſterniß umgeben, obſchon auch nicht der geringſte Zweifel mehr obwalten konnte, daß ſie das offene Meer gewonnen hatten. Die leichten, neckenden Windſtöße währten wohl eine Stunde, und die Lanſche, deren Schnabel von den beiden Gentlemen nach beſtem Wiſſen nordwärts gehalten wurde, machte nur geringen Fort⸗ ſchritt; dann aber ſchlug die Briſe allmählig bis zu einem rechten Winkel um und begann mit einer Stätigkeit zu blaſen, wie es die ganze Nacht über nie geſchehen war. Paul vermuthete dieſen Wech⸗ ſel, obgleich er keine Mittel beſaß, ſich davon zu überzeugenz denn ſobald der Wind auszuſetzen begonnen, hatte er ſeinen Kurs nur wieder auf ungefähre Schätzung hin ſteuern können. Da die Briſe auffriſchte, ſo wurde die Geſchwindigkeit des Bootes nothwendig ver⸗ größert, obgleich es ſtets an dem Winde hielt, und nach halb⸗ 9 459 ſtündiger Fahrt wurden die Gentlemen abermals unruhig über ihre Richtung. „Es wäre ſchrecklich, wenn wir wieder auf das Riff treffen müßten,“ ſagte Paul,„und doch weiß ich wahrhaftig nicht gewiß, ob wir nicht geraden Weges darauf zulaufen.“ „Wir ſind mit Compaſſen verſehen. Laßt uns Licht ſchlagen und von dem Stand der Dinge Einſicht nehmen.“ „Es wäre beſſer geweſen, wenn wir dies früher gethan hätten, denn ein Licht könnte uns gefährlich werden, wenn wir in der pech⸗ finſtern Nacht unſern Kurs verloren haben ſollten. Es gibt übrigens kein anderes Abhülfsmittel, und wir müſſen's auf die Gefahr hin verſuchen; zuerſt aber will ich wieder einen Verſuch mit dem Lothe machen.“ Er warf das Senkblei aus und fand dritthalb Faden Waſ⸗ ſertiefe. „Stellt das Ruder nieder,“ rief Paul, indem er nach den Schooten ſprang.„Verliert keinen Augenblick, ſondern ſtellt das Ruder nieder.“ Das unvollkommene Segelwerk und das Dach hinderte ein freies Anſprechen des Bootes, weshalb jetzt ein Moment peinlicher Beklommenheit folgte. Es gelang jedoch Paul, einen Theil der Leinwand an den Maſt zu braſſen, und er fühlte ſich wieder ſicherer. „Das Boot hat Sternweg— ſtellt das Steuer um, Mr. Sharp.“ Sobald dies geſchehen war, ſchlug die Raa an und die beiden Jünglinge fühlten eine faſt eben ſo große Beruhigung, wie zu der Zeit, als ſie den Einlaß hinter ſich gebracht hatten, ſobald ſie fanden, daß die Lanſche, dem Ruder gehorſam, wieder vor⸗ wärts zog. „Etwas iſt in der Nähe— entweder das Riff oder die Küſte,“ ſagte Paul, der mit der Bootleine daſtand, um ſie jeden Augen⸗ blick auswerfen zu köoͤnnen.„Das Erſtere kann ich kaum glauben, da wir keine Beduinen hören.“ 460 Sie warteten einige Minuten und warfen dann das Senkblei aus, welches jetzt zu ihrer großen Freude volle drei Faden Tiefe angab. „Dies iſt eine gute Neuigkeit; denn wie ſich auch die Sache verhalten mag, ſo kommen wir von der Gefahr ab,“ ſagte Paul, als er die Marke fühlte.„Aber jetzt wollen wir den Compaß zu Rathe ziehen.“ Sie weckten Saunders, der ein Licht ſchlug, und unter⸗ ſuchten nunmehr die Compaſſe. Die zuverläßigen aber geheimniß⸗ vollen Wegweiſer, die ſchon ſo lang im Dienſte der Menſchen ſtehen, obſchon in Entdeckung der geheimen Quellen ihrer Macht aller Scharfſinn geſcheitert iſt, waren natürlich ihrem leitenden Principe treu. Der Schnabel des Boots ſtand nordnordweſtlich, der Wind blies gegen Nordoſten, und ehe ſie lavirt, hatten ſie ohne Zweifel unmittelbar dem Ufer zugeſteuert, von dem ſie vielleicht kaum zwanzig Ruthen entfernt geſtanden hatten. Nach etlichen Minuten hätten ſie in die Brandung gerathen müſſen, welche das Boot umgeſtürzt und höchſt wahrſcheinlich Alle unter dem Dache, wenn nicht auch die auf demſelben ertränkt haben würde. Paul ſchauderte, als ſich dieſe Thatſachen ſeiner Aufmerkſam⸗ keit aufdrängten, und er beſchloß, zwei Stunden lang auf ſeinem gegenwärtigen Kurſe fortzuſteuern, um mit Tagesanbruch ohne Ge⸗ fahr gegen das Land umholen zu können. „Dies iſt der Paſſatwind,“ ſagte er,„und er wird wahrſchein⸗ lich anhalten. Wir haben mit einer Strömung ſowohl, als mit Gegenwind zu kämpfen; aber ich denke, wir können gegen Morgen das Cap umluven und dann vermittelſt des Fernglaſes das Wrack unterſuchen. Entdecken wir nichts von unſern Kameraden, ſo werde ich unverweilt auf das grüne Vorgebirg abhalten.“) Die beiden Gentlemen nahmen nun abwechſelnd das Steuer, und derjenige, welcher die Zeit der Ablöſung zu einem kurzen Schlafe benützte, band ſich an dem Maſte feſt, um nicht durch die Bewe⸗ 461 gung des Bootes in die See gerollt zu werden. In fünfzehn Faden Waſſertiefe lavirten ſie abermals und ſteuerten gen Oſt⸗Süd⸗Oſt, nachdem ſie ſich zuvor durch Unterſuchung des Compaſſes überzeugt hatten, daß der Wind nicht von ſeiner früheren Richtung abge⸗ wichen war. Bald nachher ging der Mond auf und verbreitete, obgleich der Morgen wolkig und düſter war, zureichendes Licht, um alle Gefahren der Finſterniß zu beſeitigen. Endlich wich die lange, angſtvolle Nacht dem gewöhnlichen hellen Streifen des Ta⸗ ges, der ſich quer über die Wüſte hinzog. Paul ſaß an der Pinne und ſteuerte mehr inſtinktartig, als nach etwas Anderem, indem er zugleich gelegentlich auf ſeinem Poſten einnickte; denn zwei auf einanderfolgende Nächte des Wachens und ein Tag ſchwerer An⸗ ſtrengung hatten ihn die Gefahr ſowohl, als die Sorge für Andere vergeſſen laſſen. In ſolchen Augenblicken gibt ſich der Menſch leicht ſeltſamen Träumereien hin, und Pauls geſchäftige Einbildungskraft durchlief eben einige Scenen ſeiner frühen Jugend, als ihn plötz⸗ lich entweder ſeine Sinne oder ſeine unſtät umherirrenden Seelenver⸗ mögen den gewöhnlichen kurzen, aber lauten Ruf vernehmen ließen— „Boot ohoi!“ Paul öffnete ſeine Augen, fühlte, daß er die Pinne noch im⸗ mer in der Hand hatte, und war eben im Begriffe, die erſteren wieder zu ſchließen, als die Worte mit noch größerem Nachdruck wiederholt wurden. 1 „Boot ohoi! Was iſt dies für ein Fahrzeug? Antwort, oder wir geben Feuer.“ Dies war in verſtändlichem Engliſch geſprochen, und Paul war im Nu hellauf wach. Er rieb ſich die Augen aus und ſah, daß eine Linie von Booten unmittelbar an ſeinem Luvbuge vor Anker lag, während ein Spierenfloß ſternwärts im Schlepptau hing. „Hurrah! jubelte der junge Mann. Dies iſt eine wahre Him⸗ melspoſt! Ihr ſeyd die von dem Montauk?“ „Freilich; aber wer zum Teufel ſeyd Ihr?“ Die Sache verhielt ſich nemlich ſo, daß Kapitän Truck unter dem Oberbramſegel, dem Dach und dem Iigger ſeine eigene Lanſche nicht erkannte. Nie zuvor hatte er ein Boot in ſolcher Verkleidung ſchwimmen ſehen; auch hatte ſich's noch nicht ſonderlich aufgehellt, und da er wie Paul eben aus einem tiefen Schlaf erwacht war, ſo lagerte über ſeinen Sinnen noch einige Verwirrung. Mr. Blunt begriff übrigens bald die ganze Sachlage. Er klappte ſein Steuer nieder, ließ die Schoote fliegen, und eine Minute ſpäter lag die Lanſche des Paketſchiffs neben der Lanſche des Dänen. Aus den Läden kamen Köpfe zum Vorſchein, und in jedem Boot rafften ſich die Schläfer auf, denn der Lärm ging durch die ganze kleine Flotte.. Aber nur die neuen Ankömmlinge fühlten Freude. Sie fan⸗ den, daß diejenigen, welche ſie für todt oder gefangen gehalten hatten, frei und am Leben waren, während dieſe jetzt erfahren mußten, welch' ein ſchweres Mißgeſchick ſie betroffen hatte. Einige Minuten lang veranlaßte dieſer Gegenſatz in den Gefühlen eine verlegene Stimmung; aber die Wahrheit brachte bald Alle auf die gleiche Stufe der Nüchternheit. Kapitän Truck nahm die Glück⸗ wünſche ſeiner Freunde in einer Art von Betäubung hin, Toaſt machte ein gar erſtauntes Geſicht, als ihm ſein Freund Saunders die Hand drückte, und die Gentlemen, welche auf dem Wrack ge⸗ weſen waren, ließen ſich die freudigen Begrüßungen derer, die eben erſt den Beduinen entronnen waren, wie Leute gefallen, die von Tollhäuslern angeredet zu werden meinen. Wir übergehen die nun folgenden Aufklärungen, da Jeder ſie ſich ſelbſt denken kann. Kapitän Truck hörte Paul wie ein Menſch an, der in einem Traume befangen iſt, und der Jüngling hatte längſt ausgeredet, ehe er zu ſprechen begann. Mit dem Wunſche, ihm etwas Erfreuliches zu ſagen, theilte ihm Paul mit, welche reichlichen Vorräthe er in der Lanſche mitgebracht habe, daß augenſcheinlich jetzt die Paſſatwinde eingetreten ſeyen und mit welcher großen Wahrſcheinlichkeit ſie Alle 463 hoffen dürften, wohlbehalten die Inſeln zu erreichen. Aber noch immer gab der alte Mann keine Antwort, ſondern ſtieg auf das Dach ſeiner Lanſche, auf welchem er, ohne auf etwas zu achten, hin und herſchritt. Sogar Eva's Anrede und Mr. Effingham's Troſtworte blieben unbeachtet. Endlich machte er plötzlich Halt und rief ſeinem Maten. „Mr. Leach!“ „Sir.“ „Dies iſt eine Categorie für Euch.“ „Ja, ja, Sir; ſie iſt ſchlimm genug in ihrer Art— aber dennoch ſind wir immerhin beſſer daran, als die Dänen.“ „Ihr ſagt mir, Sir,“ fuhr der Kapitän gegen Paul fort, „daß dieſe heilloſe Spitzbubenbande wirklich auf dem Deck des Schiffes iſt?“ „Allerdings, Kapitän Truck. Sie nahmen das Schiff in Be⸗ ſitz, weil wir keine Mittel hatten, ſie abzuhalten.“ „Und das Schiff ſitzt auf dem Strande?“ „Ohne Frage.“ „Leck?⸗ „Ich glaube nicht. Innerhalb des Riffs iſt keine Schwellung und der Montauk liegt auf dem Sand.“ „Wir hätten uns die Mühe ſparen können, Leach, jene ver⸗ wünſchten Spieren zuſammenzuklauben, da ſte für uns jetzt keinen weiteren Werth haben, als eben ſo viele Zahnſtocher.“ „Allerdings, Sir; denn wir koͤnnen ſie nicht einmal als Ofen⸗ holz brauchen, da uns der Ofen fehlt.“ „Eine verdammte Categorie, Mr. Efſingham! Ich bin übri⸗ gens froh, daß Ihr in Sicherheit ſeyd, Sir— und auch Ihr, meine theure junge Dame. Gott ſegne Euch— Gott ſegne Euch! — Lieber wollte ich jenem Spitzbuben alle Fahrzeuge von der Lon⸗ doner Linie gönnen, als eine Perſon, wie Ihr ſeyd.“ Die Augen des alten Mannes wurden feucht, als er Eva die 464 Hand drückte, und für einen Augenblick war das Schiff ganz und gar vergeſſen. „Mr. Leach!“ „Sir.“ „Laßt den Leuten ihr Frühſtück reichen und ſorgt dafür, daß es eiligſt geſchieht. Wir kriegen wahrſcheinlich einen rührigen Mor⸗ gen, Sir. Lichtet auch die Kedſch; wir wollen nach dieſen Ehren⸗ leuten hinuntertrifften und ſie uns ein wenig betrachten. Wir haben jetzt ſowohl Wind, als Strömung für uns und wollen hurtige Ar⸗ beit machen. Die Kedſch war aufgezogen, das Sezelwerk allenthalben ge⸗ ſetzt, die eine Lanſche an die andere gebunden und ſo begann die ganze Linie von Booten und Spieren mit einer Geſchwindigkeit, welche ſte in ungefähr zwei Stunden nach dem Einlaſſe bringen mußte, gen Süden ſich in Bewegung zu ſetzen. „Dies iſt der Kurs nach dem grünen Vorgebirge, Gentle⸗ men,“ ſagte der Kapitän mit Bitterkeit.„Wir werden vor unſrer eigenen Thüre vorbeiziehen und uns die Gaſtfreundſchaft von Frem⸗ den erbitten müſſen. Doch ſorgt für das Frühſtück der Leute, Mr. Leach; die Jungen ſollen wenigſtens ein gemächliches Mahl halten, ehe ſie zu ihren Rudern greifen.“ Indeß mochte doch Mr. Truck ſelbſt nichts genießen. Er kauete an dem Ende einer Cigarre und fuhr fort, auf dem Dache hin und herzugehen. Nach einer halben Stunde hatten die Matroſen ihr Mahl be⸗ endet. Der Tag war jetzt angebrochen, und die Boote kamen ſammt dem Floße ſchnell vorwärts. „Splißt die Hauptbraſſen, Mr. Leach,“ ſagte der Kapitän, „denn wir ſind ein Bischen beengt; und ihr, Gentlemen, erweist mir den Gefallen, hieher zu kommen, damit wir uns berathen können. So viel wenigſtens ſind wir unſerer Lage ſchuldig.“ Kapitän Truck verſammelte ſeine männlichen Paſſagiere im ö /;·;—„— 465 Stern der Dänenlanſche, wo er ſie folgendermaßen anzureden begann: „Gentlemen,“ ſagte er,„Alles in dieſer Welt hat ſeine Natur und ſeine Grundſätze. Ich halte euch für zu gut unterrichtet und gebildet, als daß ich glauben könnte, Einer von euch werde dies in Abrede ſtellen wollen. Die Natur eines Reiſenden beſteht im Reiſen und im Sehen von Merkwürdigkeiten; ferner gehört es zu der Natur alter Leute, an die Vergangenheit zu denken, während der junge Mann auf die Zukunft hofft. Die Natur eines See⸗ manns feſſelt ihn an ſein Schiff, und die Natur eines Schiffes verlangt, daß es wie ein Schiff behandelt, nicht aber wie eine im Sturm genommene Stadt verwüſtet, oder wie ein der Plünderung preisgegebenes Nonnenkloſter ausgeraubt werde. Ihr ſeyd nur Paſſagiere und habt ohne Zweifel eben ſo gut eure Wünſche und Neigungen, wie ich die meinigen. Euer Wunſch zielt ohne Frage darauf ab, wohlbehalten unter euren Freunden in New⸗York an⸗ zulangen, und was mich betrifft, ſo möchte ich den Montauk gleich⸗ falls in möglichſt kurzer Zeit und mit möglichſt geringer Beſchä⸗ digung nach demſelben Hafen bringen. Ihr habt einen guten Seemann unter euch: ich mache daher den Vorſchlag, daß ihr die Lanſche des Montauk nebſt den nöthigen Vorräthen nehmt und ohne weiteres auf die Inſeln losſteuert, wo ihr, ſo Gott will, ſicher an⸗ langen werdet. Ich gebe euch den Wunſch mit auf den Weg, daß ihr, wenn ihr New⸗York erreicht, alle eure Verwandten in guter Geſundheit und durch die kleine Zögerung nicht beunruhigt antreffen mögt. Eure Habſeligkeiten ſollen ficher nach euren Weiſungen ver⸗ abfolgt werden, wenn es Gott gefällt, die Paketſchiffgeſellſchafft in die Lage zu ſetzen, daß ſie eure Aufträge honoriren kann.“ „Ihr habt alſo im Sinn, das Schiff wiederzunehmen?“ rief Paul. „Allerdings, Sir,“ entgegnete Mr. Truck, der, nachdem er ſein Gemüth ſo weit entlaſtet hatte, zum erſtenmal dieſen Morgen Die Heimkehr. 30 466 zu einem kräftigen„Hem“ anſetzte und ſodann ſeine Cigarre anzu⸗ zünven begann. „Vielleicht geht's, Gentlemen, vielleicht aber auch nicht. Im erſteren Falle werdet ihr weiter von mir hören. Erreichen wir unſeren Zweck nicht— je nun, ſo könnt ihr zu Hauſe erzählen, wir hätten ſo lange Segel geführt, als ein Stich ziehen wollte.“ Die Gentlemen ſahen einander an— die Jüngeren achtungs⸗ voll den Rath der Aelteren abwartend, Letztere aber an ſich hal⸗ tend, um den Stolz und die Gefühle der Jünglinge nicht zu verletzen. „Wir müſſen uns dieſem Unternehmen anſchließen, Kapitän,“ ſagte Mr. Sharp ruhig, aber mit dem Ausdrucke eines Mannes von Muth und Kraft. „Freilich, freilich,“ rief Mr. Monday;„wir müſſen'’s zu einer gemeinſchaftlichen Sache machen. Und vermuthlich wird auch Sir George Templemore mit mir in die Behauptung einſtimmen, daß der Adel und die Gentry nicht oft zurückbleiben, ſelbſt wenn ſie dabei Leib und Leben in Gefahr ſetzen müſſen.“ Der falſche Baronet ging ſo bereitwillig auf den Vorſchlag ein, als wäre derſelbe an den Mann geſtellt worden, welchen er vorderhand abgeſetzt hatte; denn er war zwar ein ſchwacher, eitler junger Mann, aber durchaus keine Memme. „Die Sache iſt ſehr ernſtlich,“ bemerkte Paul,„und ſollte mit Methode und Einſicht geordnet werden. Das Schiff iſt allerdings ein Gegenſtand unſerer Sorge, aber wir haben auch Perſonen bei uns, die unendlich koſtbarer ſind.“ „ Sehr wahr, Mr. Blunt, ſehr wahr,“ unterbrach ihn Mr. Dodge mit einiger Haſt.„Es iſt mein Grundſatz, Alles ſeinen ruhigen Gang gehen zu laſſen, und ich bin überzeugt, daß ſchiff⸗ brüchige Leute kaum beſſer oder gemächlicher daran ſeyn könnten, als wir im gegenwärtigen Augenblicke ſind. Ich ſtehe dafür, dieſe wackeren Matroſen würden, wenn man ſie um ihre ehrliche Mei⸗ 467 nung befragte, ſich durch eine ſchoͤne Majorität zu Gunſten des gegenwärtigen Standes der Dinge erklären. Ich bin ein Conſer⸗ vativer, Kapitän, und meine, man ſollte zu den Ballot⸗Urnen ſeine Zuflucht nehmen, ehe wir über eine ſo wichtige Maßregel einen Entſchluß faſſen.“ Der Augenbllick war zu bedeutſam für einen gewöhnlichen Scherz, weshalb dieſer Vorſchlag zu Mr. Dodge's großem Aerger nur mit Stillſchweigen angehört wurde. „Ich glaube, es iſt Kapitaͤn Trucks Pflicht, einen Verſuch zu Wiedergewinnung ſeines Schiffes zu machen,“ fuhr Paul fort; „aber die Sache wird ſehr ernſtlich werden, und der Erfolg iſt keineswegs ſicher. Die Lanſche des Montauk muß daher ſammt allen Frauenzimmern in gefahrloſer Entfernung und in kluger Ob⸗ hut gehalten werden; denn jedes Unglück, welches die Enterer be⸗ trifft, liefert wahrſcheinlich die übrigen Boote in die Hände der Barbaren und gefährdet die Sicherheit derer, welche wir in der Lanſche laſſen. Mr. Effingham und Mr. John Effingham bleiben natürlich bei den Damen.“ Der Vater pflichtete in der einfachen Weiſe eines Mannes bei, der keine Mißdeutung der Beweggründe beſorgt; aber das Adler⸗ geſicht ſeines Verwandten verzog ſich zu einem kalten ſpöttiſchen Lächeln. „Werdet Ihr gleichfalls in der Lanſche bleiben?“ fragte Letz⸗ terer mit ſcharfer Betonung, indem er ſich an Paul wandte. „Es würde gewiß nicht im Einklange mit meinem Character ſtehen, wenn ich hieran denken wollte. Mein Handwerk iſt der Krieg, und ich hoffe, Kapitän Truck wird mich mit dem Kommando eines der Boote beehren.“ „Beim Zeus, ich habe dies nicht anders erwartet!“ rief der Kapitän, indem er die Hand des Andern ergriff und ſie mit größter Herzlichkeit drückte.„Eben ſo bald würde ich glauben, der Noth⸗ anker blinzle mir zu oder der beſte Buganker verziehe ſein Geſicht 468 zu einem traurigen Lächeln, als daß Ihr Euch ducken könntet! Dennoch begreife ich vollkommen den Unterſchied in unſern Stel⸗ lungen, Gentlemen. Ich verlange von Niemand, daß er um mei⸗ netwillen ſeine Pflichten gegen diejenigen, die am Lande ſeiner harren, vergeſſe, und denke, mein regelmäßiges Volk werde, unter der Unterſtützung des Mr. Blunt, der mir in der That durch ſeine Kenntniſſe dienen kann, mit der Sache ſo gut zu Stande kommen, als wenn ihr Alle mit vereinten Kräften mithälfet. Beim Nehmen eines Schiffes kommt es weniger auf die Zahl als auf Muth, Ge⸗ wandtheit und Entſchloſſenheit an.“ „Aber die Frage iſt dem Volke noch nicht vorgelegt worden,“ ſagte Mr. Dodge, welcher das von Kapitän Truck gebrauchte Wort nicht in dem geeigneten Sinne aufgefaßt hatte; denn er ſollte erſt noch lernen, daß dieſer techniſche Ausdruck nichts weiter als die Ge⸗ ſammtheit der Schiffsmannſchaft in ſich begreift. „Auch dies ſoll geſchehen, Sir,“ entgegnete Kapitän Truck, „und ich bitte Euch, Acht zu haben, auf welche Seite ſich die Mehrheit ſchlägt. Meine Jungen,“ fuhr er mit lauter Stimme fort, indem er auf einen Doſten ſtand,„ihr kennt die Geſchichte des Schiffes. Was die Beduinen betrifft, ſo haben ſie es zwar, wiſſen aber nicht, wie ſie damit umſpringen müſſen, und es iſt nicht mehr als freundſchaftlich, wenn wir es ihren Händen wieder abnehmen. Für dieſes Geſchäft aber brauche ich Freiwillige. Die⸗ jenigen, welche für das Riff und für einen Angriff ſind, ſollen aufſtehen und ihre Bereitwilligkeit durch lauten Zuruf an den Tag legen. Wer die offene See vorzieht, braucht nur ſtill an ſeinem Platze ſitzen zu bleiben.“ Die Worte waren kaum geſprochen, als Mr. Leach auf das Schanddeck ſprang und ſeinen Hut ſchwenkte; die Matroſen aber erhoben ſich wie Ein Mann und ließen, von dem Maten das Sig⸗ nal nehmend, drei ſo kräftige Hurrahrufe erſchallen, wie ſie nur je über einer Flaſche ausgebracht wurden. Gn* 469 „Nicht ein Einziger iſt für Euch, Sir,“ bemerkte der Kapitän, dem Herausgeber zunickend,„und ich hoffe, Ihr ſeyd jetzt zu⸗ frieden.“ 4 „Das Ballotiren würde wohl ein anderes Ergebniß herbeige⸗ führt haben,“ murmelte Mr. Dodge.„Ohne Ballotage iſt die Wahlfreiheit eine Unmöglichkeit.“ „Niemand kehrte ſich jedoch weiter an Mr. Dodge oder ſeine Bedenken, da im Gegentheil ſchnell und mit Behutſamkeit alle Vorkehrungen zum Angriff getroffen wurden. Mr. Effingham ſollte mit ſeinem Diener in der Lanſche bleiben, während der Kapitän ſeine beiden Maten looſen ließ, welcher von ihnen das unerläßliche Amt eines Steuermanns übernehmen ſollte. Das Loos fiel auf den zweiten Maten, der ſich nicht ohne bittern Aerger in die Ent⸗ ſcheidung fügte. Nun wurde eine Büſte Napoleons zerhauen und die Bleiſtücke möglichſt rund geſchlagen, um ein Dutzend bleierner Kugeln und einen Vorrath von Hagel zu Kartätſchenladungen zu gewinnen. Letzteren brachte man in Segeltuchbeutel; und nachdem das Pulver⸗ faß geöffnet war, wurden einige Flanellhemden zerriſſen und Pa⸗ tronen angefertigt. Die Matroſen erhielten Munition und Mr. Sharp unterſuchte ihre Waffen. Die Kanone wurde von dem Dach des Montauk⸗Bootes heruntergeſchafft und im Vorderſchiffe des Dänen auf einen Rooſt geſtellt. Das Tackelwerk und die Se⸗ gel, welche ſich in dem Boot befanden, brachte man jetzt auf den Floß, und nachdem in dieſer Weiſe aufgeräumt war, wurde das Commando des zuvor paſſend bemannten Fahrzeugs Paul übergeben. Die drei andern Boote nahmen gleichfalls ihre Mannſchaft ein und John Effingham erhielt den Oberbefehl über das eine, wäh⸗ rend der Kapitän und der erſte Mate das Commondo der beiden übrigen übernahmen. Mr. Dodge konnte nicht wohl umhin, frei⸗ willig ſeine Dienſte anzubieten, und wurde dem Langboot des Dä⸗ nen, wo Paul jetzt ſeinen Poſten angetreten hatte, zugetheilt, ob⸗ ſchon Jeder, der ſich ihn zu beobachten die Mühe nahm, bemerken konnte, welche große Ueberwindung ihn dieſer Heldenentſchluß ko⸗ ſtete. Mr. Sharp und Mr. Monday geſellten ſich dem Kapitän zu, während der falſche Sir George Templemore Mr. Leachs Boote zugewieſen wurde. Nach Beendigung dieſer Vorbereitungen wartete Alles mit Ungeduld auf den Wind und die Strömung, um das Niff zu erreichen, deſſen Klippen man jetzt ſogar von den Doſten mehrerer Boote aus deutlich ſehen konnte. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Horch, war dies nicht das Schmettern der Trompete? In meiner Seel' erwacht der Schlachten Geiſt, Und das Geſchick von Königreichen und Von Aeren hängt an dieſer Schreckensſtunde. Maſſinger. Wie beiden Lanſchen ſegelten noch immer neben einander, und Eva zeigte ſich nun in der Nähe von Pauls Sitz an dem offenen Fenſter. Ihr Antlitz war bleich, wie zur Zeit, als die früher be⸗ rührte Scene in der Kajüte vorging, und ihre Lippe zitterte. „Ich verſtehe nichts von dieſen kriegeriſchen Vorbereitungen,“ ſagte ſte,„hoffe aber, Mr. Blunt, daß wir von dem gegenwär⸗ tigen Zuge nichts zu beſorgen haben.“ „Beruhigt Euch deshalb, meine theuerſte Miß Effingham, denn was wir jetzt vornehmen, geſchieht im Einklang mit dem allgemei⸗ nen Geſetze der Menſchenrechte. Hälten wir Eure Intereſſen und die Intereſſen derjenigen, welche um Euch ſind, allein berückſichtigen wollen, ſo wären wir wohl zu einem ganz anderen Entſchluſſe ge⸗ kommen; aber ich denke, Ihr ſeyd in ſichern Händen, wenn unſer Wagniß unglücklich ausfallen ſollte.“. 2 „Unglücklich! Es iſt ſchrecklich, einer derartigen Scene ſo nahe zu ſeyn! Ich kann Euch nicht bitten, etwas zu thun, was Eurer W W 471 unwürdig wäre; aber wir ſind Euch ſo tief verpflichtet, daß ich Euch ſagen muß— ich hoffe, Ihr beſitzt zu viel Weisheit und zu viel wahren Muth, um Euch einer unnöthigen Gefahr auszuſetzen.“ In den Blicken des jungen Mannes ſprach ſich das Uebermaß ſeines Dankgefühls aus, obſchon ihn die Anweſenheit der Uebrigen hinderte, demſelben Worte zu leihen. „Wir alten Seehunde ſind darum bekannt,“ antwortete er lächelnd,„daß wir die Sorge für uns ſelbſt nicht verabſaͤumen. Wer zu einem ſolchen Geſchäfte erzogen wurde, betreibt es in der Regel viel zu gewerbsmäßig, als daß es ihm einfallen ſollte, um bloßer Großthuerei willen ſich unnöthigen Gefahren bloßzuſtellen.“ „Dies iſt ſehr weislich gehandelt. Auch Mr. Sharp“— Eva erröthete tief im Bewußtfeyn eines Gefühls, das zu enträthſeln Paul Welten dahingegeben haben würde—„hat Anſpruch an uns, die wir nie vergeſſen werden. Uebrigens kann mein Vater Alles dies beſſer ausdrücken, als ich.“ Mr. Effingham bezeugte nun ſeinen wärmſten Dank für alles bereits Vorgegangene und ſchärfte den jungen Männern auf's An⸗ gelegentlichſte Klugheit ein. Dann zog ſich Eva zurück und ließ ſich nicht wieder ſehen. Der größte Theil der nächſten Stunde wurde von denen, welche ſich in der Lanſche befanden, im Gebet begangen. Mittlerweile hatten ſich die Boote und das Floß dem Einlaß auf etwa zweihundert Nuthen genähert, und Kapitän Truck ertheilte jetzt Befehl, die Kedſch, welche man in die Lanſche des Montauk gebracht hatte, niederzulaſſen. Sobald dies geſchehen war, ſchleu⸗ derte der alte Seemann ſeinen Hut auf den Boden und trat mit wallenden grauen Haaren auf den Doſt. „Gentlemen, ihr habt eure Weiſungen,“ begann er mit Würde; denn von dieſem Augenblick an hob ſich ſein ganzes Weſen und zeigte einen Anflug von der Großartigkeit eines Kriegers.„Dort iſt der Feind. Das Riff muß zuerſt geſäubert ſeyn, und dann 472 wollen wir das Schiff nehmen. Nur Gott weiß, wer den Aus⸗ gang erleben wird; aber er muß Sieg ſeyn, oder John Trucks Gebeine werden auf dieſem Sande bleichen! Unſere Loſung lautet: ‚der Montauk und unſer Eigenthum!⸗ Dies iſt ein Grundſatz, in welchem uns auch Vattel beipflichtet. Drauf los, ihr Leute! Ein langer Ruck, ein ſtarker Ruck und ein Ruck zumal— jedes Boot in ſeine Stellung!“ Er winkte mit der Hand und die Ruder fielen gleichzeitig ins Waſſer. Die ſchwere Lanſche kam zuletzt, da ſie mit doppelten Banden an dem anderen Boote hing. Während es vorne losge⸗ macht wurde, deſertirte der zweite Mate von ſeinem Poſten, ſchlüpfte hurtig an Bord des abfahrenden Kahnes und verſteckte ſich hinter dem vorderſten ſeiner beiden Sturmſegel. Faſt in demſelben Au⸗ genblick machte Mr. Dodge ein entgegengeſetztes Manöver, indem er that, als ſey er in ſeinem Eifer, das Boot von der Lanſche abzuſchieben, an letzterer hängen geblieben. Da die Segel ſcharf zogen und die Ruder die Sprüh bei Seite peitſchten, ſo war es jetzt zu ſpät, einen dieſer beiden Misgriffe zu verbeſſern, ſelbſt wenn es von der einen oder anderen Seite zewünſoht wor⸗ den wäre. 4 Es folgten einige Minuten ernſter Ruhe, wahrend welcher jedes Boot ſeine Stellung in ſchönſter Ordnung behauptete. Die Beduinen hatten mit Tagesanbruch das noͤrdliche Riff verlaſſen; aber da jetzt Ebbe eingetreten war, ſo ſah man, namentlich in der Nähe des Schiffs, Hunderte längs der ſüdlichen Klippenreihe auf⸗ gepflanzt. Der Wind führte, wie beabſichtigt worden war, die Lanſche vorwärts, ſo daß ſie ſich bald dem Einlaſſe näherte. „Nehmt die Segel ein,“ rief Mr. Blunt.„Macht im Vor⸗ derſchiff die Kanone frei!“— Ein ſchöner, großer junger Seemann mit atlethiſchem Glieder⸗ bau ſtand neben dem Roſt der Kanone und hatte ſtatt der Pech⸗ pfanne ein Gefäß mit glühenden Kohlen vor ſich, deſſen Feuer 473 durch einen kunſtloſen Schirm von Theerleinwand verwahrt war. In der Kohlengluth ſtack ein Stück erhitzten Eiſens. Paul hatte kaum ausgeſprochen, als ſich dieſer Matroſe mit der eigenthümli⸗ cchen Anmuth eines Kriegsſchiffmanns gegen ihn umwandte und an ſeinen Hut griff. „Sehr wohl, Sir. Alles fertig, Mr. Powis.“ Paul ſtutzte; der Andere aber lächelte ſtolz und in der Weiſe eines Menſchen, der mehr weiß, als ſeine Kameraden. „Wir haben uns früher ſchon geſehen,“ ſagte Paul. „Allerdings, Sir, und zwar gleichfalls im Bootsdienſt. Ihr wart der Erſte auf dem Piratenſchiff an der Küſte von Cuba, und ich der Zweite.“ Die Beiden wechſelten einen Blick des Wiedererkennens und winkten ſich mit der Hand zu, während die übrigen Matroſen un⸗ willkührlich laut aufjubelten. Es war zu ſpät, um Worte zu wech⸗ ſeln, denn die Lanſche ſtand bereits an dem Einlaſſe, wo ſie von den Beduinen mit einem allgemeinen, aber harmloſen Feuer em⸗ pfangen wurde. Zuerſt hatte der Befehl dahin gelautet, die erſte Kugel über den Köpfen der Berbern hinfliegen zu laſſen, aber die⸗ ſer Angriff änderte den Plan.„Drückt den Lauf nieder, Brooks,“ ſagte Paul,„und ſtoßt einen Sack mit Kartätſchen hinein.“ „Alles fertig, Sir,“ lautete nach einer weiteren Minute die Antwort. „Die Ruder angehalten, ihr Leute— das Boot iſt ſtetig. Geſegnets ihnen!“ Der Schuß that Wirkung; aber wie viele von den Beduinen gefallen waren, wurde nicht bekannt, da diejenigen, welche ſich flüchteten, die Leichen vom Riff ins Meer hinunterſtießen. Einige verbargen ſich unter den Klippen, die Meiſten aber eilten, was ſie konnten, der Küſte zu. „Recht ſo!“ rief Kapitän Truck, als ſein Boot an der Lanſche des Dänen vorbeifegte.„Jetzt nach dem Schiffe hin, Sir!“ 474 Die Matroſen brachen abermals in ein frohes Jubeln aus und ſtießen ihre Ruder ins Waſſer. Mit Räumung des Riffs hatte man keine Mühe gehabt; aber die Wiedereroberung des Montauk war eine weit ernſtlichere Angelegenheit, da er viermal ſtärker be⸗ mannt war, als die Boote und ſeine Vertheidiger an keinen Rückzug denken konnten. Die Beduinen hatten, wie bereits mitgetheilt wurde, während der Nacht ihre Bemühungen eingeſtellt, da es ihnen nicht gelungen war, bei der Anſteigung der Fluth das Fahrzeug nach dem Riff hinüberzubringen. Mehr zufällig, als in Folge kluger Berechnung, hatten ſie dadurch, daß ſie gegen die Klippen hin eine Leine führten, eine Maßregel getroffen, durch die es ihnen wahr⸗ ſcheinlich möglich geworden wäre, beim Höherſteigen des Waſſers das Schiff vom Sande loszubringen. Paul hatte jedoch im Vor⸗ beifahren das Tau durchſchnitten, ohne daß die Berbern in der Verwirrung und im Lärme der Nacht, als ſie jeden Augenblick an⸗ gegriffen zu werden erwarteten, darauf achteten, und da der Wind wieder von der Küſte herwehete, ſo ließen ſte den Montauk immer höher auf den Sand hinauftreiben, wo er zuletzt mit der Höhe der Fluth feſtſitzen blieb. Es war jetzt Tiefebbe vorhanden, und das Schiff lag mit ſeinem Kiele auf, theilweiſe noch durch das Waſſer, theilweiſe durch den Grund aufrecht gehalten. Während der kurzen Pauſe, welche auf den Kanonenſchuß folgte, redete Saunders, welcher als Leichtbewaffneter im Boote des Kapitäns ſaß, ſeinen Untergeordneten in gedämpfter Stimme an.„Ihr ſeyd nun im Begriffe, Toaſt,“ ſagte er,„zum erſten⸗ male in einer Schlacht mitzufechten, und ich kann mir aus eigener Erfahrung denken, daß dieſes Ereigniß ganz beſondere Empfindun⸗ gen in Euch rege machen muß. Ich rathe Euch daher, Eure beiden Augen zuzumachen, bis Feuer kommandirt wird; dann aber müßt Ihr ſie plötzlich öffnen, als ob Ihr eben aus dem Schlaf erwach⸗ tet, das Gewehr anlegen und den Drücker rühren. Vor Allem aber nehmt Euch in Acht, Toaſt, keinen von Euren eigenen Freun⸗ . den todt zu ſchießen, am allerwenigſten aber den Kapitän Truck, denn dies wäre in einem ſolchen Augenblicke arg gefehlt.“ „Ich werde mein Beſtes thun, Mr. Saunders,“ murmelte Toaſt mit der Theilnahmloſigkeit und dem unterwürfigen Vertrauen auf Andere, mit denen der amerikaniſche Schwarze gewöhnlich ins Treffen geht;„und ſollte etwas Ungeſchicktes paſſiren, ſo hoffe ich, daß man dies meinem Mangel an Erfahrung nachſehen wird.“ „Folgt nur, was Beſonnenheit und Anſtand betrifft, meinem Beiſpiele, Toaſt, und Ihr dürft ſicher ſeyn, daß Ihr keinen An⸗ ſtoß gebt. Ich will damit nicht ſagen, daß Ihr auf die nämlichen Muskelmänner ſchießen ſollt, auf die ich Feuer gebe; ſondern wenn ich dem Einen einen Treff gebe, müßt Ihr den Andern todt machen. Aber nehmt Euch ja in Acht, den Kapitän Truck nicht zu beſchädigen, der zuverläßig gerade vor unſere Gewehrläufe hin⸗ rennen wird, wenn er ſieht, daß es da etwas zu thun gibt.“ Toaſt brummte eine Zuſtimmung, und dann trat im Boot aber⸗ mals tiefe Stille ein, die nur durch die ſtätigen, kräftigen Ruder⸗ ſchläge unterbrochen wurde. Die Beduinen hatten den Verſuch gemacht, den Montauk durch Ausladen zu erleichtern, und die Sand⸗ bank war bereits mit Ballen und Koffern bedeckt, die nur ver⸗ mittelſt der Arme und eines angebrachten Gerüſtes hatten heraus⸗ gebracht werden können. Das Floß war vergrößert und um den Stern des Schiffes herum nach der Back gebracht worden, damit man es mit den bereits auf den Felſen gelandeten Gegenſtänden beladen könnte. So war der Stand der Dinge auf dem Montauk, als die Boote in den Kanal einliefen, der gerade auf die Bank zuführte. Die Lanſche bildete wieder die Vorhut, da ſie unmittelbar nach der Einfahrt in das Riff aufs Neue ihre Segel aufgezogen hatte. Es wurde jetzt abermals ein Kugelgruß gegeben, gegen welchen das gegen die Kanone hin geneigte Schiff keinen Schutz bot. Die 4 76 Wirkung davon war, daß ſämmtliche Beduinen im Nu auf die Sandbank hinunter eilten. „Hurrah!“ ſchrie Kapitän Truck,„die Hand voll Spreu hat die alte Barke geſäubert. Jetzt wollen wir ſehen, wem ſie gehören wird!„Die Diebe ſind aus dem Tempele, wie mein guter Vater geſagt haben würde.“ Die vier Boote ſtanden in einer Zeile neben einander, und die Lanſche führte nur ein einziges Segel. Auf der Bank herrſchte große Verwirrung; aber die Beduinen ſuchten ſich durch die Ballen und Truhen zu decken, indem ſie zugleich ein ſcharfes obgleich un⸗ regelmäßiges Feuer eröffneten. Im Vorrücken lösten der zweite Mate und der muthig ausſehende junge Seemann, welcher Brooks hieß, die Kanone, mit jedem Schuß die Beduinen aus ihren Stel⸗ lungen verdrängend und nach dem Floße treibend. Das Hurrah⸗ rufen der Matroſen wurde nun ſehr lebhaft, obſchon ſie noch immer die Ruder eifrig handhabten.. „Jetzt ſtätig, ihr Leute,“ rief Kapitän Truck.„Bereitet euch zum Entern vor.“. In dieſem Augenblicke ſtieß die Lanſche auf den Grund, ob⸗ ſchon ſie noch zwanzig Ellen von der Bank entfernt war, und die übrigen Boote fuhren unter lauten Hurrah's an ihr vorbei. „Wir ſind Alle fertig, Sir,“ rief Brooks. „So gebt ihnen wieder eine Ladung. Nehmt die Segel ein, Jungen.“ Die Kanone wurde abgefeuert, und der junge Seemann ſprang mit einem freudigen Rufe auf den Roſt. Aber wie er mit trium⸗ phirendem Lächeln zurückſchaute, ſah Paul ſeine Augen rollen. Er machte einen Satz in die Luft und ſiel ſeiner ganzen Länge nach todt auf's Waſſer nieder. So iſt das Schickſal eines Streiters in der Schlacht— ein raſcher Uebergang aus einem Zuſtande des Daſeyns in den andern. „Wo hängen wir,“ fragte Paul mit Feſtigkeit.„Vorne oder hinten?“ 3 Der Bug war aufgeſeſſen und vor ihnen lag wieder tieferes Waſſer; das Segel wurde abermals geſetzt und die Mannſchaft nach hinten gerufen. Das Boot that einen Ruck und ſchoß gleich einem Renner, dem plötzlich der Zügel gelaſſen wird, vorwärts gegen die Sandbank. Inzwiſchen waren die Uebrigen nicht müßig geweſen. Keines der Boote hatte einen Musketenſchuß gethan, bis alle drei faſt im gleichen Augenblick, obſchon an verſchiedenen Punkten, auf den Sand fuhren. Dann ſprangen die Matroſen insgeſammt ans Land und eröffneten ihr Feuer ſo nahe, daß die Truhen den Angreifern eben ſo gut zum Schirmen dienten, wie den Angegriffenen. In demſelben Augenblicke, in welchem ſie innehielten, um auf's Neue zu laden, legte Paul, der eben vom Boden losgekommen war, ſelbſt Hand an das Glüheiſen und beſtrich die hintere Seite der Bank mit einer ſehr gelegen kommenden Kartätſchenladung. „Nocke an Nocke!“ jubelte Kapitän Truck.„Drauf los, Jungen und laßt ſie ſpüren, was amerikaniſche Matroſen füͤr Leute ſind.“ Der ganze Haufen ſprang vorwärts und von dieſem Augen⸗ blick an hörte alle Ordnung auf. Fäuſte, Handſpacken, deren viele auf der Bank umherlagen, und Gewehrkolben arbeiteten in einer Weiſe gegen den Feind, daß deſſen Speere und ſonſtige Waffen nicht ſonderlich in Betracht kamen. Der Kapitän, Mr. Sharp, John Effingham, Mr. Monday, der ſogenannte Sir George Templemore und der erſte Mate bildeten eine Art macedoniſcher Phalanx welche in den Mittelpunkt der Berbern eindrang und, indem ſie ſich dicht an den Feind hielt, ihren Vortheil mit einem Muthe verfolgte, der nicht einzuſchüchtern war. Sie drängte die Beduinen rechts und links zurück— eine rieſenkräftige, wohlge⸗ nährte Rotte. Die Ueberlegenheit der Feinde beſtand nur in ihrer 478 Ausdauer, denn ihre Muskeln, die, wie an Rennpferden, mit einer peitſchenſchnurartigen Starrheit dalagen, konnten ſich in phyſiſcher Gewalt nicht mit denen ihrer Gegner meſſen. Freilich, hätten ſie im Einklange gehandelt, oder wären ſie, beritten und auf dem Terrain ihrer Wüſte, in ihren gewandten Bewegungen nicht ge⸗ hemmt worden, ſo dürfte wohl das Ergebniß ganz anders ausge⸗ fallen ſeyn; ſo aber, da ſie nicht gewohnt waren, mit einem Feinde auf Armslänge zu ſtreiten, gerieth ihre Taktik in Verwirrung, und ſie mußten ganz von ihrer gewohnten Fechtweiſe abſtehen. Den⸗ noch waren ſie der Zahl nach furchtbar, und es iſt wahrſcheinlich, daß nur das vorübergehende Auffitzen der Lanſche in der Sache den Ausſchlag gab. Sobald das Handgemenge begonnen hatte, wurde kein Schuß mehr abgefeuert; aber die Angreifer drängten die Beduinen zurück, bis der Haupthaufe der letzteren ſich in der Nähe des Floßes geſammelt hatte. Dies war der Augenblick, in welchem die Lanſche das Ufer erreichte, und Paul bemerkte, daß ſeine Leute durch die rückkehrende Fluth in große Gefahr gebracht werden konnten. Er lud daher ſein Geſchütz und füllte es bis an die Mündung mit Hagel. Seine Leute mußten es ſodann auf ihren Rudern herausheben und nach einer großen Truhe tragen, die ein wenig beiſeits von dem Getümmel des Kampfes ſtand. Alles dies geſchah, ſo zu ſagen, in einem Nu, denn ſeit dem Landen des Kapitäns waren noch keine drei Minuten verfloſſen. Statt Feuer zu geben, rief nun Paul ſeinen Freunden laut zu, ſie ſollten vom Kampfe ablaſſen. Obgleich Kapitän Truck wie ein zorniger Löwe ſchnaubte, leiſtete er doch dem Zuruf Folge— vielleicht eben ſo ſehr aus Ueberraſchung, als aus Bereitwilligkeit. Die am härteſten bedrängten Beduinen benützten dieſe Pauſe, um ſich zu der Hauptmaſſe ihrer Freunde in die Nähe des Floſſes urückzuziehen. Dies war Alles, was Paul wünſchen konnte. Er ließ das Geſchütz auf den Mittelpunct der Gruppe richten und naäherte ſich nun ſelbſt dem Feinde eichen des Friedens. „Verdammniß über ſie— ſtreckt ſie nieder!“ rief der Kapitän. „Keine Schonung den Halunken!“ „Es wird wohl am beſten ſeyn, wenn wir wieder angreifen,“ fügte Mr. Sharp bei, der vom kürzlichen Gefechte noch ſehr erhitzt war. „Halt, Gentlemen; ihr ſetzt euch Alle in nutzloſe Gefahr. Ich will dieſen armen Wichten zeigen, was ſie zu erwarten haben, und ſie werden ſich wahrſcheinlich zurückziehen. Unſer Verlangen ſteht nach dem Schiffe, nicht nach ihrem Blute.“ „Gut, gut,“ entgegnete der Kapitän ungeduldig.„Gebt ihnen ein hübſches Stück von Vattel, denn wir haben ſie jetzt in einer Categorie.“ Die Männer der Wildniß und der Wüſte ſchienen ſich eben ſo ſehr durch die Eingebung des Inſtinctes als durch die Vernunft leiten zu laſſen. Ein alter Scheik trat lächelnd auf Paul zu, als Letzterer ſeinen Freunden um einige Ellen vorangeſchritten war und ihm mit ſo viel Herzlichkeit die Hand anbot, als wären ſie blos zum Austauſch von Höflichkeiten zuſammen gekommen. Mr. Blunt führte ihn ruhig nach der Kanone, ſteckte ſeine Hand hinein, zog einen Sack mit Hagel heraus, brachte ihn wieder zurück und zeigte bedeutungsvoll auf den dichten Haufen der blosgeſtellten Beduinen, indem er den Scheik zugleich auf das glühende Eiſen, welches zum Abfeuern des Geſchützes bereit war, aufmerkſam machte. Der alte Beduine lächelte darüber und ſchien ſeine Bewunderung ausdrücken zu wollen. Dann wies Paul auf den ſtarken, wohlbewaffneten Haufen, der inzwiſchen alle ſeine Musketen oder Piſtolen zum Ge⸗ brauch in Bereitſchaft geſetzt hatte, und machte dann ein Zeichen gegen das Floß und das Riff hin, um dem Scheik anzudeuten, daß er ſich mit ſeinen Leuten zurückziehen ſolle. Der Scheik benahm ſich ſehr ruhig und klug; ſeine Leute waren an ſo verzweifelte Kämpfe nicht gewöhnt, weshalb er ſeine Geneigtheit an den Tag legte, dem Anſinnen zu willfahren. Paul wußte wohl, daß in den Zwiſtigkeiten der Afrikaner, die ſelten ſehr 480 blutig werden, die Einführung eines Waffenſtillſtandes häufig üblich iſt, und verſprach ſich das Beſte von dem Benehmen des Scheiks, den er jetzt zu ſeinen Freunden zurückkehren ließ. Es folgte nun eine kurze Beſprechung unter den Beduinen, worauf mehrere der⸗ ſelben lächelnd mit der Hand winkten und der größere Theil des Haufens ſich auf das Floß drängte. Andere traten vor und er⸗ baten ſich die Erlaubniß, ihre Verwundeten und die Leichen der Gefallenen wegtragen zu dürfen— ein Liebesdienſt, in welchem ihnen die Matroſen, ſo weit es räthlich erſchien, Beiſtand leiſteten; denn es war von größter Wichtigkeit, vor der Tuͤcke der Feinde auf der Hut zu ſeyn. In dieſer außerordentlichen Weiſe trennten ſich die Kämpfer. Die Beduinen holten einander durch eine Leine nach dem Riff hin⸗ über und die Alten darunter machten lächelnd Zeichen der Freund⸗ ſchaft, bis ſie auf den Klippen angelangt waren. Hier blieben ſie nur einige Minuten, denn ſie ſahen, daß die Kameele und Drome⸗ dare bereits in die Richtung hintrabten, wo das Dänenſchiff auf dem Strande lag— ein Zeichen, daß die verſchiedenen Haufen der Berbern ihren Vertrag als aufgelöſt betrachteten und jeder nun für eigene Rechnung plündern wollte. Dieſe Bewegung verurſachte auf dem Riff große Rührigkeit unter den alten Scheiks und ihren Anhängern, die ſich nun in aller Behendigkeit nach dem Lande auf den Weg machten. In der That hatten ſie's ſo eilig, daß ſie ſämmtliche Leichen und mehrere Verwundete in einiger Entfernung vom Ufer auf den Felſen zurückließen. Die Sieger unterſuchten jetzt naturlich zuerſt, welchen Verluſt ſie erlitten hatten; dieſer war übrigens weit geringer, als wohl ſonſt der Fall geweſen wäre, wenn ſie ſich nicht ſo muthig benom⸗ men und ſo ſchnell gehandelt hätten. Jeder Kämpfer, auch nicht ein einziger ausgenommen, hatte durch ſeine wackere Haltung alles Lob verdient und eben dadurch einen weſentlichen Beitrag zu Verringerung der Gefahr geleiſtet. Mehrerehatten i leichte Beſchädigungen erlitten, und 481 mancher Hut, wanche Jacke konnte ein Kugelloch nachweiſen. Mr. Sharp allein hatte zwei Schüſſe durch den Hut und einen durch den Rock erhalten. Paul blutete aus einer Armwunde und Kapitän Truck glich, wie er ſich ſelbſt ausdrückte,„einem Pferde in den Hundstagen,“ denn ſeine Haut war an nicht weniger als fünf Stellen geſtreift. Aber alle dieſe unbedeutenden Verletzungen, die oft um eine Haarsbreite bedenklich hätten ausfallen können, galten für nichts, da Niemand ernſtlichen Schaden genommen hatte oder überhaupt ſich nur ſo beläſtigt fühlte, um ſich als verwundet zu melden. Die Glückwünſche waren warm und allgemein; ſogar die Ma⸗ troſen erbaten ſich die Erlaubniß, ihrem mannhaften alten Com⸗ mandeur die Hand drücken zu dürfen. Paul und Mr. Sharp um⸗ armten ſich und äußerten aufrichtig ihre Freude darüber, daß keiner beſchädigt worden war. Letzterer drückte ſogar ſeinem Doppel⸗ gänger herzlich die Hand, da ſich derſelbe während des ganzen Kampfes mit großem Muthe benommen hatte. Nur John Effing⸗ ham behauptete dieſelbe kalte Gleichgültigkeit, mit welcher er während des Gefechtes ſeine Rolle geſpielt hatte; ſie war wirklich auffallend geweſen, denn Viele hatten mit eigenen Augen angeſehen, wie er mit derſelben waidmänniſchen Ruhe, mit welcher er vielleicht zu Hauſe ſich eine Schnepfe herunter zu holen pflegte, beim Landen anlegte und mit ſeiner Jagdflinte ein paar Beduinen niederſchoß. „Ich fürchte, Mr. Monday iſt ernſtlich beſchädigt,“ ſagte die⸗ ſer Gentlemen zu dem Kapitän, als dieſer ihn eben beglückwünſchte. „Er ſitzt dort bei Seite auf jener Truhe und ſieht ſehr erſchöpft aus.“ „Mr. Monday? Ich will nicht hoffen! Um ihn thäte mir's von Herz und Seele leid, denn er iſt ein ausgezeichneter Diplomat und ein mannhafter Enterer. Und dazu noch Mr. Dodge— ich vermiſſe Mr. Dodge.“ 8 „Mr. Dodge muß zurückgeblieben ſeyn, um die Damen zu tröſten,“ entgegnete Paul,„als er fand, daß Euer zweiter Mate ſie ſchändlicherweiſe verlaſſen helie Die Heimkehr. 31 482 Der Kapitän ſchüttelte ſeinem ungehorſamen Maten zum zwei⸗ tenmal die Hand, erklärte ihn mit einem Fluche für einen heilloſen Meuterer und drückte zum Schluß die zuverſichtliche Hoffnung aus, der Tag werde nicht ferne ſeyn, an welchem beſagten Meuterer und Mr. Leach das Commando über zwei ſo gute Paketſchiffe über⸗ tragen werden dürfte, als nur je welche von Amerika ausge⸗ ſegelt wären. „Sobald wir zu Hauſe ankommen, will ich mit keinem von euch weiter etwas zu thun haben,“ fügte er bei.„Die ganze Zeit über war mir dieſer Leach einen oder zwei Fuß voraus, und was den zweiten Offizier betrifft, ſo ſollte ich eigentlich ſein Ausreißen im Log vormerken. Na, ſchon gut; junges Volk iſt eben junges Volk, und die Alten würden's auch ſeyn, Mr. John Effingham, wenn ſie nur wüßten, wie ſie's angreifen ſollten. Aber Mr. Mon⸗ day ſieht in der That recht kläglich aus, und ich fürchte, wir wer⸗ den für ihn die Arzneikiſte durchmuſtern müſſen.“ Mr. Monday bedurfte jedoch keiner Arznei mehr. Beim Landen war ihm eine Kugel in's Schulterblatt gedrungen, die ihn übrigens nicht hinderte, ſich in's Handgemenge zu drängen. Hier wurde ihm nun, weil er außer Stande war, den Stoß abzuwehren, ein Speer durch die Bruſt gerannt. Die letzte Wunde war augenſcheinlich ſehr gefährlich, und Kapitän Truck ließ den Leidenden unverzüglich in das Schiff tragen, während John Effingham mit einer Theil⸗ nahme und Menſchenfreundlichkeit, welche in auffallendem Gegenſatz zu ſeinem gewöhnlichen ſarkaſtiſchen Weſen ſtanden, ſich erbot⸗ ſeine Pflege zu übernehmen. „Wir bedürfen jetzt aller unſerer Kräfte,“ ſagte Kapitaͤn Truck, als Mr. Monday hinweggetragen wurde,„und doch ſind wir es unſern Freunden in der Lanſche ſchuldig, ſie von dem Erfolge zu unterrichten. Steckt die Flagge aus, Leach; dies wird ihnen we⸗ nigſtens anzeigen, daß Alles glücklich abgelaufen iſt, obſchon die Einzelnheiten nur mündlich berichtet werden können.“ ₰ 483 „Wenn Ihr mir das Langboot des Dänen überlaſſen wollt,“ unterbrach ihn Paul haſtig,„ſo kann ich es mit Mr. Sharp wohl nach dem Floße hinaufbringen, unſeren Freunden das Reſultat mit⸗ theilen und die Spieren nach dem Einlaß herunter ſchaffen. Da⸗ durch bleibt Ihr der Nothwendigkeit enthoben, einen Eurer Leute entbehren zu müſſen. Auch haben wir zugleich ein Recht, dieſe Geſtattung zu fordern, da wir eigentlich zu denen gehören, welche ſich in der Lanſche des Montauk beſinden.“ „Handelt ganz nach eurem Gutdünken, Gentlemen. Ihr habt mir wie Helden beigeſtanden, und ich bin euch zu mehr Dank ver⸗ pflichtet, als euch ein Mann, der wie ich auf der Neige ſeines werth⸗ loſen alten Lebens ſteht, je beweiſen kann.“ Die beiden jungen Männer warteten nicht auf eine zweite Ein⸗ ladung, ſondern drängten ſchon nach fünf Minuten das Boot durch einen der Kanäle, welche landwärts führten. Nach eben ſo viel Zeit ſteuerten ſie unter einer ſtätigen Briſe durch den Einlaß hinaus. Der Augenblick, in welchem Kapitän Truck das Deck ſeines Schiffes wieder betrat, war für den verwitterten alten Seemann reich an Gefühlen, die er nicht zu überwältigen vermochte. Der Montauk hatte ſich zu ſehr geneigt, als daß man mit Gemächlich⸗ keit hätte darauf gehen können, weßhalb er ſich auf die Brüſtung der großen Lucke niederſetzte und daſelbſt wie ein Kind weinte. Dieſer ungeſtüme Ausbruch ſetzte die Matroſen nicht wenig in Staunen, und ſie waren höochlich verwundert, als ſie ihren grau⸗ köpfigen, ernſten, alten Befehlshaber ſo völlig entmannt ſahen. Endlich ſchien er ſich ſeiner Schwäche ſelbſt zu ſchämen, denn er erhob ſich wie ein gereizter Tiger und begann ſo ſtreng und ſach⸗ gemäß, wie er es bisher gewohnt geweſen, ſeine Befehle zu erlaſſen. „Was zum Teufel glotzt ihr denn, ihr Leute?“ knurrte er. „Habt ihr nie zuvor ein Schiff auf ſeinem Boden liegen ſehen? Gott weiß— und was dies betrifft, ſo iſt auch euch Allen bekannt— daß es genug zu thun giebt; ihr braucht alſo nicht herzuſtehen 484 wie ein Haufen Seeſoldaten mit ihrem„Pfeifenton’ und ihrem „Augen rechts.“" „Seyd nicht unwillig, Kapitän Truck,“ entgegnete ein alter Seehund, ſeine knorrige Hand ausſtreckend— es war ein Barſche, der nicht einmal im Kampfe ſeinen Tabacksknäul aus dem Mund genommen hatte;„ſeyd nicht unwillig und betrachtet nur alle dieſe Truhen und Ballen— da liegt noch viele Ladung im Dock, welche untergebracht werden muß. Wir wollen ſie bald eingeſtaut haben; und außer einigen Streifſchüſſen und einem Vierpfünder, der unter dem Töpfergeſchirr nicht aͤrger gewirthſchaftet hat, als etwa eine Katze im Speiſeſchrank, iſt nicht viel Schaden geſchehen. Die Sache kommt mir nicht anders vor, als wie ein plötzliches Unwetter, das uns gezwungen hat, für eine kleine Weile umzuholen, obſchon ſie uns Gelegenheit geben wird, für den ganzen Reſt unſerer T 3 Garne zu ſpinnen. Ich habe meiner Zeit ſchon mit Franzo Engländern und Türken angebunden; aber jetzt kann ich doch auch ſagen, daß ich einen Strauß mit den Niggers gehabt habe.“ „Zum Henker, Du haſt Recht, alter Tom, und ich will nicht weiter daran denken. Mr. Leach, laßt dem Schiffsvolk eine kleine Ermuthigung zukommen—'s iſt noch genug in dem Kruge übrig, den Ihr in der Sternſchoote der Pinaſſe finden werdet. Aber dann ans Werk und hinunter mit all dieſer Oberlaſt, welche die Beduinen auf den Sand umhergeſtreut haben. Die Packung wollen wir vor⸗ nehmen, ſobald wir das Schiff in ein gemächlicheres Bett gebracht haben, als das iſt, in welchem es jetzt liegt.“ Dieß war das Signal zum Beginn der Arbeit, und die derben Theere fingen allen Ernſtes an, nachdem ſie zuvor auf die Ver⸗ wirrung und Gefahren ines Kampfes hin ihren Grog zu ſich ge⸗ nommen hatten. Da 7 nur mit Sachkenntniß und Behendigkeit den Schaden wieder gut zu machen brauchten, welchen die unwiſſen⸗ den und übereilten Beduinen angerichtet hatten, ſo befand ſich in kurzer Zeit Alles wieder an Bord des Montauk; dann aber mußten 485 ſie ihre Aufmerkſamkeit der Lage des Schiffes ſelbſt zuwenden. Wir wollen übrigens dem Laufe der Begebenheiten nicht vorgreifen, ſondern zu der Geſellſchaft in der Lanſche zurückkehren. Der Leſer wird ſich wohl die Gefühle denken können, mit wel⸗ chen Mr. Effingham und ſeine Gefährten den erſten Kanonenſchuß vernahmen. Da ſie Alle unter Dach geblieben waren, ſo wußten ſie nicht, wer über ihren Köpfen hin und her marſchirte, obſchon ſie glaubten, daß es der zweite Mate ſey, welcher Kapitän Trucks Befehl zufolge bei ihnen bleiben ſollte. „Meine Augen werden trübe,“ ſagte Mr. Effingham, der durch das Fernglas blickte.„Verſuche lieber Du, Eva, ob du nicht ſehen kannſt, was vorgeht.“ „Vater, ich kann nicht hinſehen,“ entgegnete das bleiche Mädchen.„Es iſt Jammer genug, dieſes ſchreckliche Schießen zu hören.“ „Es iſt ſchauderhaft!“ ſagte Nanny, indem ſie ihr Kind mit den Armen umſchloß,„und ich wundre mich, daß Gentlemen wie Mr. John und Mr. Powis bei einem ſo gottloſen Unternehmen mitmachen können.“ „Voulez-vous avoir la complaisance, Monsieur?“ begann Mademoiſelle Viefville, indem ſie Mr. Effinghams nicht wieder⸗ ſtrebender Hand das Fernrohr abnahm.„Ha! le combat commence en effet!“ 3 „Sind es die Beduinen, welche jetzt Feuer geben?“ fragte Eva, die ungeachtet ihres Schreckens ihre Theilnahme nicht unter⸗ drücken konnte. „Non, c'est cet admirable jeune homme, Monsieur Blunt, qui devance tous les autres!“ „Aber jetzt, Mademoiſelle— dies müſſen wahrhaftig die Les sauvages fuient. C'est encore du bäteau 486 de Monsieur Blunt qu'on tire. Quel beau courage! son bäteau est toujours des premiers!“ „Dieſes Geſchrei iſt furchtbar! Sind ſie im Handgemenge?“ „On crie de deux parts, je crois. Le vieux capitaine est en avant à présent, et Monsieur Blunt s'arréte!“ „Möge der Himmel die Gefahr abwenden! Könnt Ihr alle die Gentlemen unterſcheiden, Mademoiſelle?“ „La fumée est trop épaisse. Ah, les voilà! On tire en- core de son bàteau.“ „Eh bien, Mademoiselle?“ fragte Eva nach einer langen Pauſe unter Zittern. „C'est déjà fini. Les Arabes se retirent, et nos amis se sont emparés du bätiment. Cela à été l'affaire d'un moment, et que le combat a été glorieux! Ces jeunes gens sont vrai- ment dignes, d'etre Frangçais, et le vieux capitaine aussi.“ „Wird keine Botſchaft an uns abgeſchickt, Mademoiſelle?“ fragte Eva nach einer abermaligen langen Pauſe, welche ſie da⸗ zu benützt hatte, ihren bebenden Dank in ſtummen Gebeten zu ergießen. „Non pas encore. IIs se félicitent, je crois.“ „Es muß wahrhaftig Zeit ſeyn, Fräulein,“ ſagte die demü⸗ thige Anna,„die Taube auszuſchicken, damit fie den Oelzweig finden möge. Kampf und Krieg iſt ein zu ſündiges Treiben, als daß man ſich lange damit abgeben ſollte.“. „Ein Boot ſegelt in unſere Richtung,“ ſagte Mr. Effingham, welcher der Gouvernante, ihrem Wunſche entſprechend, das Fern⸗ glas überlaſſen hatte. „Oui, c'est le be de Monsieur Blunt.“ „Und wer iſt darin?“ fragte der Vater; denn Eva wäre nicht im Stand geweſen, auch nur ein Wort zu ſprechen, und wenn man ihr die ganze Welt geſchenkt hätte. „Je vois Monsieur Sharp, oui— c'est bien lui.“ 487 „Iſt er allein?“ „Non, il y en a deux— mais— oui— c'est Monsieur Blunt,— notre jeune héros!“ Eva beugte ihr Antlitz nieder, und ſelbſt während ihre Seele in Dank gegen Gott zerſchmolz, jagten die Gefühle ihres Geſchlechts das verrätheriſche Blut nach ihren Schläfen, ſo daß ſie in leuch⸗ tendem Scharlach erglühte. Mr. Effingham nahm nun das Glas aus den Händen der muthigen Franzöſin, welche in der Bewunderung glänzender Eigen⸗ ſchaften ihre Furcht ganz vergeſſen hatte, und erſtattete einen aus⸗ führlicheren Bericht über die Lage der Dinge in der Nähe des Schiffes, wie ſie ſich in ſolcher Entfernung dem Zuſchauer darbot. Ungeachtet ſie bereits ſo viel wußten, wurde ihnen doch die fieberiſche halbe Stunde, welche zwiſchen dieſem Geſpräche und dem Augenblick, als die Lanſche des Dänen neben ihnen hielt, veinlich lang. Jedes Geſicht war an den Fenſtern, und die jungen Männer wurden als Befreier empfangen, an deren glücklicher Ankunft Alle aufs Innigſte Theil nahmen. „Aber Vetter John,“ ſagte Eva, über deren ſprechendes Ant⸗ litz Furcht und Freude ihre Schatten und Lichtblicke warfen, gleich Aprilwolken, die an einem klaren Himmel hinſchweben—„mein Vater hat unter denen, welche ſich auf der Back umher bewegen, ſeine Geſtalt nicht entdecken können.“ Die Gentlemen erzählten nun, welch, ein Unglück Mr. Monday betroffen uud wie John Effingham das Amt ſeiner Verpflegung auf ſich genommen hatte. Es folgten einige köſtliche Minuten; denn nichts iſt entzündender als die Wonne unmittelbar nach einem Siege. Dann lüpften die jungen Männer unter dem Beiſtande von Mr, Effinghams Diener die Kedſch, ſetzten die Segel, und fünfzehn Minuten ſpäter näherte ſich der Floß— der langerſehnte und viel⸗ begehrte Floß dem Einlaß. Paul ſteuerte das größere Boot und gab Mr. Sharp die er⸗ 488 forderlichen Weiſungen zu Lenkung des anderen. Die ſteigende Fluth ſtrömte durch den Einlaß hinein, und der junge Mann, wel⸗ cher die Luvlage beibehielt, führte ſeinen langen Spierenſchlepp mit ſolcher Sicherheit in die Oeffnung, daß der Floß, von der Strömung begünſtigt, ohne an einen Felſen anzuſtoßen, durchkam und im Triumph bis an den Rand der Bank gebracht werden konnte. Hier wurde er befeſtigt, Segelzeug und Tauwerk auf den Sand geworfen, und die ganze Geſellſchaft ſtieg ans Land. Die letzten zwanzig Stunden erſchienen den Frauenzimmern nur wie ein Traum, als ſie ſich wieder in hoffnungsvoller Si⸗ cherheit auf dem feſten Grunde ergehen konnten. Alles war jetzt vorhanden, um ſie von der gefährlichen Küſte abzubringen, und man hatte weiter nichts mehr zu thun, als das Schiff vom Strande loszumachen und es aufzutackeln. Mr. Leach hatte nämlich bereits den Bericht erſtattet, daß von keinem Leck die Rede und der Boden ſo geſund ſey, wie am Tage der Ausfahrt von London. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Ich wollte, ich ſäße in London in einer Schenke! All' meinen Ruhm gäbe ich hin für einen Krug Bier und meine Sicherheit. Heinrich v. Mlademoiſelle Viefville beeilte ſich mit einer Entſchiedenheit und Einſicht, durch welche ſie ſich in Augenblicken der Noth ſehr nützlich machte, den Verwundeten ihre Dienſte anzubieten, während Eva, von Anna Sidley begleitet, in das Schiff hinunterſtieg und, ſo gut es bei der geneigten Lage des Schiffes gehen wollte, ſich nach den Kajüten begab. Sie fand hier weit weniger Verwirrung, als man wohl hätte erwarten ſollen, und eigentlich einen mehr komiſchen, als peinlichen Anblick; denn Mr. Monday befand ſich in einem Staatsgemache und wurde daher nicht ſichtbar. 3 489 Zuerſt bemerkten ſie den ſogenannten Sir George Temple⸗ more, der ſeine Habſeligkeiten überzählte und in ſeiner Garderobe eine traurige Lücke entdecken mußte. Vertragsmäßig hatten zwar die Beduinen von der Geſammtbeute nichts berührt, um dieſelbe ehrlich auf dem Riffe vertheilen zu können; um übrigens die Hab⸗ gierigſten in dem Haufen mit einem Brocken zufriedenzuſtellen, war von den Scheiks die Erlaubniß ertheilt worden, ein einziges Gemach zu plündern. Dieſes unſelige Geſchick hatte das des Sir George Templemore betroffen, ſo daß jetzt die Patentraſirmeſſer, das oſtindiſche Toiletten⸗Etuis und anderer Tand, der unſeligen Kleidungsſtücke, welche der junge Mann als Augenweide in ſeinem Zimmer paradiren ließ, gar nicht zu gedenken, verſchwunden waren. „Erweist mir doch den Gefallen, Miß Effingham,“ redete er Eva an,— denn obſchon er ſonſt großen Reſpekt vor ihr hatte, ſah er ſich jetzt doch gedrungen, in Ermanglung irgend einer an⸗ dern Perſon ihr ſeine Noth zu klagen,—„erweist mir doch den Gefallen, in mein Gemach hereinzublicken und mitanzuſehen, in welcher heilloſen Weiſe ich behandelt worden bin. Kein Kamm, kein Raſirmeſſer iſt zurückgeblieben— nicht einmal ein Kleidungs⸗ ſtück, in dem ich anſtändig auftreten könnte! Wahrhaftig, ein ſol⸗ ches Benehmen iſt ſogar ein Schimpf für die Civiliſation von Bar⸗ baren, und ſobald ich in New⸗York ankomme, ſoll es mein erſter Schritt ſein, die Sache gebührend Sr. Majeſtät Miniſter vorzu⸗ tragen. Ich hoffe aufrichtig, daß es Euch beſſer ergangen iſt, obſchon ich nach dieſem Pröbchen von Gewiſſenhaftigkeit nicht viel für irgend Jemand erwarte. Wir werden es ihnen zuletzt noch Dank wiſſen müſſen, wenn ſie nicht das ganze Schiff ausgeraubt haben. Ich zähle darauf, daß wir Alle gemeinſchaftlich Beſchwerde üͤber ſie führen werden, ſobald wir Amerika erreichen.“ „Dies ſollte in der That geſchehen, Sir,“ antwortete Eva, die ihn zwar von Anfang an als einen Betrüger gekannt hatte, aber doch geneigt war, ſeine Namensfälſchung mehr a Gietei 490 als irgend einem andern Grunde zuzuſchreiben, und nun wegen ſeines im Kampfe gezeigten Muthes einiges Wohlwollen gegen ihn fühlte,„obſchon ich hoffe, daß wir beſſer davongekommen ſeyn wer⸗ den. Unſere Effekten waren meiſt in dem Gepäckraume, der, wie ich von Kapitän Truck höre, nicht berührt wurde.“ „Da könnt Ihr in der That von Glück ſagen, und ich möchte nur wünſchen, daß es mir eben ſo gut ergangen wäre. Aber Ihr wißt, Miß Effingham, man muß ſeine kleinen Bequemlichkeiten um ſich haben, und ich für meine Perſon geſtehe, daß ich in dieſem Punkte ein wenig ſchwach bin.“ „Welch' heilloſe Verſchwendung und Verwüſtung!“ rief Saun⸗ ders, als Eva auf dem Wege nach ihrer eigenen Kajüte weiter ging, um Sir Georges ferneren Beſchwerden zu entrinnen.„Seyd nur ſo gut, Miß Effingham, einen Augenblick in dieſe Speiſekam⸗ mer hereinzuſchauen. Ich glaube, jene Niggers haben ihre Finger in Allem gehabt, und es wird mich und Toaſt wohl eine Woche koſten, um die Sachen wieder in anſtändige Ordnung zu bringen. Einigen dieſer Schreiks“(denn ſo nannte der Steward die Häuptlinge) „muß es an dieſem Platze wahrhaft hundewohl geweſen ſeyn, wie Ihr an der Art ſehen köͤnnt, in welcher ſie den Senf verſchüttet und dieſe kalte Ente verſtümmelt haben. Ich habe eine ganz ſterbliche Awerſion gegen einen Menſchen, der das Geflügel gegen die Faſern ſchneidet, und werdet Ihrs wohl glauben, Miß Effingham, daß der letzte Schuß, welchen Mr. Blunt abfeuerte, ein halbes Du⸗ tzend Hühner, die gerade zufällig um den Weg waren, treffen oder anderwärtig verſcheuchen mußte? Ich habe nämlich alle die armen Tröpflein aus den Ställen herausgelaſſen, damit ſie ſelbſt für ihren Lebensunterhalt ſorgten, im Falle wir nicht wieder zurückkämen, und ich hätte wahrhaftig gedacht, ein ſo feiner und geſchickter Gentleman, wie Mr. Blunt iſt, würde lieber auf die Beduinen, als auf 4⸗ Hühner geſchoſſen haben.“ „Songeht es,“ dachte Eva, welche weiter ging, nachdem ſie 491 einen Blick in die Speiſekammer gethan hatte.„Was heute als ein Glück betrachtet wird, gibt morgen Anlaß zur Klage, und der Jammer über Widerwärtigkeiten iſt in demſelben Augenblicke ver⸗ geſſen, in welchem eine günſtigere Lage ihren Einfluß geltend macht. Noch vor wenigen Stunden würden ſich dieſe beiden Menſchen glücklich geſchätzt haben, wenn ſie in dieſem Schiffe nur wieder eine Heimſtatt oder ein Obdach gefunden hätten, und nun zanken ſie ſich mit ihrem guten Glücke, weil ihnen Einiges von dem gewohn⸗ ten Ueberfluſſe oder von ihren verzärtelnden Gemächlichkeiten fehlt.“ Wir müſſen jedoch ihr überlaſſen, unter dem Einfluſſe dieſer heilſamen Betrachtungen den Zuſtand ihres eigenen Gemachs zu unterſuchen, während wir ſelbſt nach dem Decke zurückkehren. Es war noch nicht ſpät, und Kapitän Truck ging, ſobald er einmal ſeine Gefühle beruhigt hatte, mit Eifer ans Werk, um ſei⸗ nen Sieg aufs Beſte zu benützen. Die auf dem Sande umherlie⸗ genden Güter waren bald wieder in den Raum gebracht, und ſein Hauptaugenmerk ging nun zunächſt darauf hin, das Schiff wieder flott zu machen, ehe er die neuen Spieren einſetzte. Da die Ked⸗ ſchen ſich noch an dem Riff und alle Anker an den Plätzen befan⸗ den, wo ſie urſprünglich angebracht worden waren, ſo war weiter nichts zu thun, als die Ketten zum Heben bereit zu halten, um die Hochfluth benützen zu können. Die Zwiſchenzeit wurde zu Ab⸗ tragung d noch ſtehenden unvollkommenen Tackelwerks und zu Heraufſchaffung der Scheerböcke benützt, um dem Rumpf des Fock⸗ maſtes, wie auch den Nothhauptmaſt herauszuhiſſen, der, wie man ſich erinnern wird, erſt zwei Tage vorher eingeſetzt worden war. Alle Geräthſchaften, deren man hiezu benöthigt war, befanden ſich noch auf dem Deck, und da männiglich bereitwillig mithalf, ſo war dieſes Geſchäft gegen Mittag abgethan. Der Nothmaſt machte nur wenig Mühe und lag bald auf der Sandbank. Kapitaͤn Truck ließ ſodann die Scheerböcke weiter rücken und den e Fockmaſt ausheben, der eben auf dem Sande unten anl als 492 die Köche Meldung thaten, daß das Mittageſſen für die Mannſchaft bereit ſey. „Da liegt, ein kahler Rumpf, der arme Tom Bopliene,“ ſagte Kapitän Truck zu Mr. Blunt, als die Matroſen auf ihrem Wege nach der Schiffsküche das Gerüſte heraufkamen, um ihre Schüſſeln aufzuſuchen.„Ich habe den Montauk nicht ohne Maſt geſehen ſeit dem Tage, als er, ein neugeborenes Kindlein, auf dem Schiffswerfte lag. Doch dort am Ufer ſchleicht noch immer ein halbes Dutzend von jenen mumifizirten Halunken umher, obſchon die große Mehrheit, wie Mr. Dodge ſagen würde, eine entſchie⸗ dene Neigung an den Tag gelegt hat, eine weitere Bekanntſchaft mit dem Dänen zu kultiviren. Meiner geringen Meinung nach, Sir, wird dieſes arme, verlaſſene, unſchuldige Schiff heute Abend nicht mehr in ſeinem Innern haben, als eine von Saunders Enten, wenn ſie bereits ein Stündlein abgethan iſt. Wie ſteht's mit jenem wackern Burſchen, dem Mr. Monday, Leach? Ich fürchte, er iſt zwiſchen Wind und Waſſer getroffen.“ „Wie ich von Mr. John Effingham höre, iſt er in der That übel daran. Der Erſtere geſtattet, wie's auch gebührlich iſt, durch⸗ aus nicht, daß ihn Jemand ſtöre, und hat die Weiſung ertheilt, daß man das Staatsgemach Niemand öffne, als ihm und ſeinem Bedienten.“ „Ja, ja, dies iſt Liebespflicht. Man hat gern ein wenig Ruhe, wenn man auf den Tod verwundet iſt. Sobald ſich übri⸗ gens das Schiff in einem Zuſtande befindet, daß man es auch an⸗ ſehen kann, wird es meine Pflicht ſeyn, ihn zu beſuchen und dafür Sorge zu tragen, daß es ihm an nichts abgehe. Wir müſſen dem armen Manne die Tröſtungen der Religion anbieten, Mr. Blunt.“ „Dies dürfte allerdings wünſchenswerth ſeyn, wenn wir nur Jemand hätten, der dieſer Aufgabe gewachſen wäre.“ „Ich kann mir dies nicht ſo weit nachrühmen, als es vielleicht w5¼ „ wenn man in Beteaacht zieht, daß mein Vater ein 493 Geiſtlicher war; indeß finden wir Meiſter von Paketſchiffen oft Ge⸗ legenheit, uns in allem nur Erdenklichen zu verſuchen. Sobald das Schiff in Ordnung iſt, werde ich nicht ſäumen, nach dem wa⸗ ckeren Manne zu ſehen. Beiläufig, Sir, was iſt denn während des Gefechtes aus Mr. Dodge geworden?“ Paul lächelte, antwortete übrigens vorſichtig: „Ich glaube, er iſt damit beſchäftigt, Notizen über den Kampf aufzuzeichnen, und wird ohne Zweifel im Active Inquirer Cuch volle Gerechtigkeit widerfahren laſſen, ſobald ihm ſeine Spalten wieder zu Gebot ſtehen.“ „Allzuviel Gelehrſamkeit, wie mein guter Vater zu ſagen pflegte, hat ihn ein bischen toll gemacht. Doch mein Herz iſt heute dankbar geſtimmt, Mr. Blunt, und ich will es daher nicht ſo genau nehmen. Mr. Dodge hat ſich im Kampfe nirgends blicken laſſen— freilich ſind ſo viele von dieſen ſchuftigen Beduinen da geweſen, daß man keine Gelegenheit fand, viel Anderes zu ſehen. Wir müſſen jetzt den Montauk mit möglichſter Eile aus dem Riffe bringen, denn um Euch ein Geheimniß mitzutheilen“— hier dämpfte der Kapitän ſeine Stimme zu einem Flüſtern—„es ſind nur noch zwei Patronen für jedes Gewehr und eine einzige für den Vier⸗ pfünder vorhanden. Ich geſtehe, daß mich ſehr darnach verlangt, in hohe See zu kommen.“ „Nach dem, was wir ihnen bereits zu koſten gaben, werden ſie kaum einen weiteren Verſuch machen, uns zu entern.“ „Wer weiß, Sir— wer weiß. Sie ſchwärmen an der Küſte hin wie Krähen, die Aas wittern, und ſind ſie einmal mit dem Dänen fertig, ſo werden wir ſie gleich gierigen Wölfen zu Hunderten uns umſchnüffeln ſehen. Wie lange ſteht's wohl noch an bis zur Hochfluth?“ „Vielleicht eine Stunde. Ich glaube nicht, daß wir viele Zeit zu verlieren haben, bis die Leute an den Haſpel müſſen.“ Kapitän Truck nickte und ſchickte ſich an, den Zuſtand ſeiner 494 Grundtakelage zu unterſuchen. Es war ein freudiger, zugleich aber auch ein beklemmender Moment, als die Handſpacken zum erſtenmal eingeſetzt wurden und der ſchlaffe Theil der Ketten hereinzukommen begann. Das Schiff hatte mehrere Stunden aufrecht geſtanden und Niemand konnte daher wiſſen, wie feſt es auf dem Grunde ſaß. Als die Kette angezogen wurde, begaben ſich die Gentlemen, mit Einſchluß der Offiziere, auf die Buge, und beobachteten an⸗ gelegentlich die Wirkung eines jeden Rucks; denn nach den Vor⸗ gängen war es immerhin noch ein beängſtigender Umſtand, an einer ſolchen Küſte auf dem Strande zu liegen. „Beim Görge, das Schiff rührt ſich!“ rief der Kapitän. „Treibt Alle zumal, ihr Leute, und ihr werdet den Sand aufſtören.“ Die Matroſen arbeiteten tüchtig und gewannen Zoll um Zoll, bis keine Anſtrengung mehr im Stande war, die ſchwere Maſchine weiter zu drehen. Die Maten und zuletzt auch der Kapitän ver⸗ ſuchten nach einander ihre Kraft, ohne übrigens mehr als noch einen halben Umſchwung zu erzielen. Jetzt wurde Alles, ſelbſt die Paſſagiere nicht ausgenommen, aufgeboten, und die ungeheure Span⸗ nung ſchien den Haſpel zerreißen zu wollen. Dennoch blieb das Schiff unbeweglich. „Vorn hängt's am feſteſten, Sir,“ ſagte Mr. Leach.„Was meint Ihr, ſollen wir nicht das Sternboot aufziehen?“ Dieſes Auskunftsmittel kam in Anwendung, und nun zeigte ſich's bald, wie die gegenwirkenden Kräfte ſich ſo nahezu das Gleich⸗ gewicht gehalten hatten, daß die Entfernung des Bootes den Aus⸗ ſchlag gab. Ein ſtarker Ruck brachte das Schiff auf, ein Zoll mehr Waſſerhöhe unterſtützte die Anſtrengung, und dann gab der maſſenhafte Rumpf langſam dem Borgtaue nach. Der Montauk drehte ſich allmählig dem Anker zu, bis der raſche Umſchwung der Hemmſtangen ankündigte, daß das Schiff wieder vollkommen flott war. „Gott ſey Dank dafür, wie auch für alle Gnade, die er uns erwieſen hat!“ rief Kapitän Truck.„Laßt fortwinden, Mr. Leach, 4⸗ ** — * *. weil ihm das Korn im Schlafe wächst. Ich habe es meinen El⸗ 495 bis die Metze vor ihrem Anker liegt, und dann wollen wir von dem Grunde Einſicht nehmen.“ Alles dies geſchah und das Schiff wurde mit gebührender Rückſicht auf das Umſchlagen des Windes feſtgelegt, der jetzt an⸗ zuhalten verſprach. Man verlor keinen Augenblick. Die Scheer⸗ böcke ſtanden noch, weshalb der Fockmaſt des Dänen neben Bord geholt, feſtgemacht und ſo ſchnell, als ſich mit der erforderlichen Sorgfalt vertragen wollte, nach ſeinem neuen Platze gehoben wurde. Sobald der Maſt eingeſetzt war, rieb ſich Kapitän Truck voll Vergnügen die Hände und erließ unmittelbar darauf an ſeine untergebenen den Befehl, ihn aufzutakeln, obgleich es mittlerweile ſchon ſpät geworden war. „So ergeht es uns Seeleuten, Mr. Effingham,“ bemerkte er; „von den Fallen zum Kampf und dann vom Kampf wieder zu den Fallen. Unſre Arbeit wird, wie die der Frauenzimmer, nie fertig, während das Landvolk mit dem Untergang der Sonne abbricht, tern nie ganz verzeihen können, daß ſie mich zu einem ſolchen Hundeleben erzogen.“ „Ich ließ mir ſagen, es ſey Eure eigene Wahl geweſen, Kapitän.“ „Nun ja, vielleicht war dies der Fall, ſo weit nemlich das Entlaufen und der Umſtand zur Sprache kömmt, daß ich mich ohne ihr Vorwiſſen einſchiffte; aber es war ihre Pflicht, bei mir einen guten Grund zu legen und mich in einer Weiſe zu erziehen, die keinen Gedanken ans Entlaufen in mir hätte aufkommen Si ſollen. Gleichwohl möge mir der Herr verzeihen, daß ich die zwei lieben alten Leute tadle, denn, aufrichtig geſtanden, ſie waren viel zu gut für einen ſolchen Sohn, und ich glaube ehrlich, ſie liebten mich mehr, als ich mich ſelbſt liebte. Na, ich habe doch die Be⸗ ruhigung, zu wiſſen, daß ich die alte Frau mit manchem Pfund 496 trefflichen Thees tröſtete, nachdem ich mich beim China⸗Handel be⸗ theiligt hatte, Mamſell.“ „Liebte ſie den Thee?“ verſetzte die Gouvernante höflich. „Oh, gerade ſo ſehr, wie ein Pferd den Haber oder ein Kind Rahmtörtchen. Thee, Schnupftaback und Gnade waren ihre Haupt⸗ tröſtungen.“ „LQuoi?“ fragte die Gouvernante, indem ſte Paul um eine Erklärung anblickte. „Grâce, Mademoiselle; la gräce de Dieu.“ „Bien!“ „Allem nach iſt es doch ein trauriges Mißgeſchick, eine Mutter zu verlieren, Mamſell. Es kömmt mir vor, wie das Kappen aller Bugbefeſtigungen, ſo daß man nur noch an dem Sterne hängt; denn man muß damit den Halt an dem aufgeben, was früher vor⸗ gegangen iſt, und es wird Einem dann viel ſchwerer, ſich mit der Zukunft herumzubalgen.'s iſt zwar wahr, daß ich als junger Burſche meiner Mutter entlief, ohne daß ich mir viel dabei dachte; aber als ſie den Stiel umdrehte und mir davon lief, begann ich zu fühlen, daß ich doch nicht den rechten Gebrauch von meinen Beinen gemacht hatte. Welche Kunde bringt Ihr von dem armen Monday?“ „Wie ich höre, beklagt er ſich nicht viel über Schmerzen; aber er wird mit jedem Augenblick ſchwächer,“ entgegnete Paul. „Ich fürchte, wir dürfen nicht hoffen, daß er eine ſolche Verwun⸗ dung überleben werde.“ Der Kapitän hatte eine Cigarre herausgelangt und Toaſt zu⸗ gewinkt, daß er ihm eine Kohle bringe; jetzt aber änderte er plötz⸗ lich ſeinen Sinn, denn er zerrieb den Taback zu Staub und ſtreute ihn auf dem Decke herum. „Warum zum Teufel geht es mit dieſem Auftakeln nicht vor⸗ wärts, Mr. Leach?“ rief er unmuthig.„Ich habe nicht Luſt, den 497 Winter auf dieſem Ankergrunde zu verbringen, und verlange daher ein bischen mehr Behendigkeit.“ „Sehr wohl, Sir,“ entgegnete der Mate, der zu der gedul⸗ digen und gehorſamen Klaſſe gehörte.„Hand angelegt, meine Jun⸗ gen, und bringt die Stränge an ihre Plätze.“ „Leach,“ fuhr der Kapitän freundlicher fort, während er noch immer unwillkührlich mit ſeinen Fingern arbeitete;„tretet ein wenig hieher, mein guter Freund. Ich habe in Betreff Eures guten Ver⸗ haltens in dieſem letzten Scharmützel mein Herz noch nicht ganz gegen Euch ausgeleert, Mr. Leach. Während der ganzen Geſchichte habt Ihr mir wie ein tapferer Kerl beigeſtanden, und ich werde keinen Anſtand nehmen, Euch, wenn wir in den Hafen kommen, dieſes Zeugniß zu geben. Ich gedenke an die Unternehmer einen Brief zu ſchreiben, den ſie ohne Zweifel veröffentlichen werden; denn was man auch gegen Amerika ſagen mag, ſo wird doch Nie⸗ mand in Abrede ziehen wollen, es ſey leicht, etwas ins Publikum zu bringen. Das Veröffentlichen iſt Speiſe und Trank für die Nation, und Ihr könnt Euch darauf verlaſſen, daß Euch Gerech⸗ tigkeit zu Theil werden ſoll.“ „Ich habe nie daran gezweifelt, Kapitän Truck.“ „Nein, Sir, und Ihr habt auch keinen Augenblick gemuckt. Der große Maſt kann nicht feſter in einer Bö ſtehen, als Ihr den Niggers Stand gehalten habt.“ „Mr. Effingham, Sir— Mr. Sharp— und namentlich Mr. Blunt—“ „Laßt dies gut ſeyn— auch mit ihnen will ich ins Reine kommen. Sogar Toaſt hat ſich wie ein Mann benommen. Wohl⸗ an, Leach, wie ich höre, muß der arme Monday doch zuletzt ſein Kabel kappen.“ „Es thut mir ſehr leid, Sir, etwas der Art vernehmen zu müſſen. Mr. Monday hat wie ein Soldat von Profeſſion um ſich geſchlagen.“ Die Heimkehr. 32 „Ja, wahrhaftig. Aber ſelbſt Bonaparte mußte den Geiſt aufgeben, und Wellington wird ihm eines Tages folgen. Selbſt der alte Putnam iſt todt. Entweder Ihr oder ich— meinetwegen auch wir Beide, Leach— ja, wir Beide werden ihm bei dieſem traurigen Anlaſſe mit einigen Religionströſtungen beiſpringen müſſen.“ „Wir haben Mr. Effingham, Sir, oder Mr. John Effingham — die Herren ſtehen ſchon in Jahren und ſind mit mehr Gelehr⸗ ſamkeit ausgeſtattet.“ „Nein, das geht nicht. Allerdings wird, was ſie anbieten kön⸗ nen, brauchbar genug ſeyn, aber wir find dem Schiff einen beſondern Dienſt ſchuldig. Die Offiziere eines Paketſchiffs ſind keine gott⸗ vergeſſenen Pferde⸗Jokey's, ſondern nüchterne, verſtändige Männer; deshalb gebührt es ihnen, zu zeigen, daß ſie einige Erziehung haben, und zwar Erziehung von der rechten Sorte, wenn Noth an den Mann geht. Ich erwarte, Ihr werdet mir bei dieſem traurigen Anlaſſe ſo mannhaften Beiſtand leiſten, wie dieſen Mor⸗ gen, Leach.“ „Ich möchte um Alles nicht dem Schiffe Schande anthun, Sir, aber wahrſcheinlich iſt der arme Mr. Monday ein Angehöriger der Kirche von England, während wir Beide zu der Saybrook Plat⸗ form gehören.“ „Ah! der Teufel— ich habe dies vergeſſen! Aber Religion iſt Religion, gleichviel ob alten oder neuen Schlags, und es frägt ſich, ob ein Mann, der im Begriffe ſteht, ſeinen Ankergrund zu verlieren, die Sache ſo beſonders genau nehmen wird. Die Haupt⸗ ſache iſ die Tröſtung, und wir müſſen es einzuleiten ſuchen, daß er im paſſenden Augenblick etwas davon kriegt, falle es nun eben oder uneben aus. Und nun, Mr. Leach, treibt die Leute zur Rüh⸗ rigkeit an, damit um Sonnenuntergang vorne Alles aufgezogen und der Hauptmaſt eingeſetzt ſey.“ Die Arbeit ſchritt wacker voran, da Jedem angelegentlich dar⸗ um zu thun war, das Schiff aus der bedenklichen Lage zu bringen 499 in welche es ſowohl durch die beharrliche Nähe der Beduinen, als durch die bedrohlichen Gefahren des Wetters verſetzt war. Wie es gewöhnlich am Rande der Paſſaten der Fall iſt, war der Wind unſtät und blies bisweilen von der See her, obſchon er fortwaͤh⸗ rend leicht blieb und die Wechſel nicht lange dauerten. Wie Ka⸗ pitän Truck gehofft hatte, waren, als die Matroſen Abends zu arbeiten aufhörten, die Fockraaen und die Fockmarsſegelragen an ihren Plätzen; ferner hatte man die Bramſtenge eingezapft, ſo daß das Schiff mit Ausnahme ſeines Segelzeugs vorne völlig aufge⸗ tackelt war. Auf dem Hintertheile war weniger geſchehen, obgleich unter dem Beiſtande der Supernumeräre, welche fortwährend Hand⸗ reichung thaten, die Untermaſten feſt ſaßen; Takelwerk hatte übri⸗ gens noch nicht angebracht werden können. Die Matroſen erboten ſich freiwillig, in Abloͤſungshaufen auch während der Nacht zu ar⸗ beiten; Kapitän Truck wollte jedoch nichts davon hören, indem er erklärte, ſte hätten ihr Nachteſſen und die Ruhe wohl verdient— es ſolle ihnen daher von dem, was ihnen gebühre, nichts ver⸗ kümmert werden. Die Gentlemen, welche nur gelegentlich freiwilligen Dienſt leiſteten, übernahmen mit Vergnügen die Auslugwache, und da es an Bord nicht an Feuergewehren, ſondern höͤchſtens an Pulver fehlte, ſo hegte man wegen der Beduinen keine ſonderlichen Be⸗ ſorgniſſe. Erwartetermaßen verlief die Nacht ruhig, ſo daß mit der Morgendämmerung männiglich ſich erfriſcht und gekräftigt von ſeinem Lager erheben konnte.— Mit der Rückkehr des Tages kamen jedoch die Beduinen wieder in Schaaren nach dem Ufer herunter; denn der letzte Sturm, wel⸗ cher ungewöhnlich heftig geweſen, und die Kunde von den Wracken, welche vermittelſt der Dromedare weithin verbreitet worden war, hatten an der Kuſte eine Streitmacht verſammelt, die ſchon durch die Zahl der Köpfe furchtbar zu werden begann. Der Däne war nun völlig geleert, und Beute übte auf die raubgierigen Berbern 500 ungefähr dieſelbe Wirkung, welche bekanntlich das Lecken von Blut bei dem Tiger hervorzubringen pflegt. Der Vorſchmack, den ſie erhalten, hatte ihre Gier nur geſteigert, und wie das Licht am Himmel auftauchte, bemerkten die Inſaſſen des Schiffes Anzeichen, daß wohl ein neuer Verſuch auf ihre Freiheit gemacht werden dürfte. Zum Glück war der ſchwerſte Theil der Geſchäfte abgethan, und Kapitän Truck beſchloß, ehe er ſich auf einen zweiten Kampf mit einer ſo ſehr verſtärkten Streitmacht einließ, lieber die Spieren an Bord zu holen und das Schiff aus dem Riff hinauszunehmen, ehe es noch vollſtändig aufgetakelt wäre. Er ließ daher ſeine Leute antreten und ertheilte zuvörderſt den Befehl, die Boote ſollten die Kedſchen und den Stromanker einholen, außerdem aber auch alle Vorbereitungen zum Aufbruch des Schiffes getroffen werden. Mitt⸗ lerweile ſetzten ſich ein paar andere Haufen in Bewegung, um das Takelwerk an die Stengen zu bringen und ſie aufzurichten. Da jedoch das Lichten der Anker mit Booten eine ſchwere Arbeit war, ſo wurde es Mittag, bis man ſie wieder an Bord und gehörig eingeſtaut hatte. Um dieſe Zeit hingen auch die Ragen an ihren Plätzen, obgleich noch immer kein Segel angeſchlagen war. Waäͤhrend die Matroſen ihr Mittagsmahl einnahmen, ging Kapitän Truck durch das Schiff, um jeden Stag und jede Wand zu unterſuchen. Allerdings hatte man ſich oft behelfen müſſen, wie es eben gehen mochte; aber doch konnte er im Ganzen zufrieden ſeyn, obſchon er deutlich ſah, daß in Folge der Beduinennähe da und dort etwas übereilt worden war und namentlich an den Beſchlag⸗ ſeiſſingen noch Vieles zu thun übrig blieb, ſobald ſie ſich einmal außer Gefahr befanden. Was übrigens bis jetzt geſchehen war, konnte für ein gemäßigtes Wetter vollkommen ausreichen, denn es war überhaupt zu ſpät, um ſich mit Vornahme von Veränderun⸗ gen aufzuhalten. Der Paſſatwind war zurückgekehrt und blies jetzt ſtätig, als wolle er endlich Beſtand halten; auch war das Waſſer außerhalb 501 des Riffs glatt genug, um, ſobald die ſchwereren Spieren an ihren Plätzen waren, die erforderlichen Aenderungen vornehmen zu laſſen. Das Ausſehen des Montauk war in keinem Falle ſo ſtattlich und gebieteriſch, wie vor dem Sturme, trug aber doch ein Ge⸗ präge von Vollſtändigkeit an ſich, von dem man ſich das Beſte verſprechen konnte. Es war ein Schiff von ſiebenhundert Tonnen, auf welchem ſich die Spieren eines Fahrzeugs von fünfhundert Tonnen befanden, weshalb er ſich etwa wie ein ſechs Fuß hoher Mann in dem Rocke eines Andern von fünf Fuß und neun Zoll ausnahm; indeß war doch dieſes Mißverhältniß nicht augenfällig genug, um von einem Neuling überhaupt nur bemerkt zu werden. Alles Weſentliche befand ſich an ſeinem Platze und war leidlich gut befeſtigt; da außerdem der Däne für eine ſtürmiſche See ausge⸗ ſtattet geweſen war, ſo fühlte ſich Kapitän Truck überzeugt, er könne ſich in dem gegenwärtigen Zuſtande ſeines Fahrzeugs ſogar im Winter an der amerikaniſchen Küſte hinwagen, ohne ſich dadurch einer ungewöhnlichen Gefahr auszuſetzen. Sobald die Stunde der Arbeit wieder herankam, wurde ein Boot ausgeſchickt, um in möglichſter Nähe des Einlaſſes und ein wenig windwärts von demſelben eine Kedſch auszuſetzen. Kapitän Truck ſtellte unter Berückſichtigung der Bojen, welche noch immer an ihren früheren Stellen lagen, ſeine Berechnungen an und fand, daß er einen ſchmalen Kanal benützen konnte, der gerade genug lief, um das Schiff in ununterbrochener Richtung bis zu der Kedſch hin warpen zu laſſen. Mit Ausnahme der Boote war jetzt Alles an Bord; der Anker, an welchem das Schiff ritt, wurde nunmehr gelichtet und das Warptau nach der Spille gebracht, worauf ſich das Schiff langſam dem Einlaſſe zu nähern begann. Dieſes Manöver diente den Beduinen zum Signal, denn ſie ſtrömten jetzt zu Hunderten über die beiden Theile des Riffes her, ſchrieen und geberdeten ſich wie toll. Es bedurfte vielen Muthes 5⁰² und einigen Selbſtvertrauens, um Angeſichts einer ſolchen Gefahr vorzurücken, um ſo mehr, da die Berbern ſich am zahlreichſten auf der nördlichen Klippenreihe zeigten, wo ſie ſich gut decken und den ganzen Kanal mit ihrem Feuer beſtreichen konnten; außerdem lag dieſes Riff der Stelle, wo die Kedſch niedergelaſſen worden war, ſo nahe, daß man von dem einen Punkte aus den andern mit einem Steinwurf erreichen konnte. Um das Verdrießliche der Sache noch zu erhöhen, begannen die Beduinen von ihren Musketen Gebrauch zu machen, die ihnen in der Nähe allerdings nur wenig Nutzen gebracht hatten, in einiger Entfernung aber nur um ſo ſicherer wirkten. Die Kugeln kamen hageldicht auf das Schiff geflogen, obſchon die ſtarken und hohen Bollwerke in den Bugen vorder⸗ hand der Mannſchaft noch Schutz boten. In dieſer Klemme hielt Kapitän Truck mit dem Vorwärts⸗ warpen ein und berief Mr. Blunt und ſeine Maten zur Berathung. Dieſe beiden Gentlemen waren der Meinung, daß man ſich nicht ſtören laſſen ſolle, und da der Rath des Erſteren den Zuſtand der Dinge klar auseinanderſetzen wird, ſo wollen wir ihn wortgetreu wiedergeben. „Unentſchloſſenheit entmuthigt ſtets die Freunde und macht die Feinde noch dreiſter,“ ſagte er.„Ich bin daher der Anſicht, daß wir das begonnene Werk fortſetzen müſſen. Je näher wir den Klippen kommen, deſto leichter können wir ſie beſtreichen, während zugleich die Beduinen weniger im Stande ſeyn werden, ihre Kugeln auf unſere Decken zu ſenden. In der That, ſo lange wir gegen den Wind vorwärts warpen, können ſie nicht tief genug feuern, um vom nördlichen Riff aus ein Ziel zu treffen, und auf dem ſüdlichen ſind ſie zu wenig gedeckt, als daß ſie ſich ſehr nahe heran wagen könnten. Allerdings werden wir nicht im Stande ſeyn, unter ſo ſchwerem Feuer und bei der guten Deckung der Feinde unſere Se⸗ gel anzuſchlagen oder ein Boot auszuſetzen; dagegen können die Berbern wahrſcheinlich durch die Kanone oder durch eine Ge⸗ 5⁰³ wehrſalve von den Decken aus verſcheucht werden. Geht dies nicht, ſo will ich ſelbſt mich mit einem Häuflein tüchtiger Leute in die Marſe begeben; ich ſtehe dafür, daß wir ſie dann in fünf Minuten aus dem Bereich unſerer Musketen getrieben haben.“ „Es wäre ein äußerſt gefährliches Unterfangen, ſich in das Tackelwerk hinauf wagen zu wollen.“ „Ohne Gefahr ginge es freilich nicht, und auf einigen Verluſt müßte man ſich ſchon gefaßt halten; aber wo es einen Kampf gilt, darf man ſich vor den Zufälligkeiten deſſelben nicht ſcheuen.“ „In dieſem Falle ſtünde es Mr. Leach und mir zu, an die Spitze derer zu treten, welche ſich auf die Marſe zu begeben hätten. Zum Henker, wir ſind zwar verpflichtet, den Sterbenden zu trö⸗ ſten, haben aber auch das Recht, gegen Lebendige zu fechten.“ „Ja wohl, Sir,“ fügte der Mate bei,„dies iſt ganz ver⸗ nunftmäßig.“ „Es ſind drei Marſe vorhanden, Gentlemen,“ entgegnete Paul ruhig,„und ich achte eure Rechte zu ſehr, um ihnen Abtrag thun zu wollen. Jeder von uns kann eines auf ſich nehmen, und die Wirkung wird im Verhältniß zu den Mitteln ſtehen, die wir an⸗ wenden. Ein einziger kräftiger Angriff wiegt ein Dutzend Fin⸗ ten auf.“ Kapitän Truck ſchüttelte Paul herzlich die Hand und fügte ſich in deſſen Rath. Sobald ſich der junge Mann zurückgezogen hatte, wandte er ſich mit den Worten an den Maten: „Im Grunde ſind doch dieſe Kriegsſchiffleute uns in der Wiſ⸗ ſenſchaftlichkeit eines Angriffs und einer Abwehr voraus, obſchon ich glaube, ich könnte ihm in Betreff der Signalkunde manchen Wink geben. Ich habe zwar meiner Zeit zwei⸗ oder dreimal auf einem Kaper einen Vorſchmack vom Kriegsweſen bekommen, bin aber doch nicht regelmäßig in das ſcharfe Geſchäft eingeübt. Habt Ihr geſehen, wie Mr. Blunt geſtern ſein Boot handhabte? Ganz wie zwei doppelte Blöcke unter einem ſtätigen Zug, wenn ein Be⸗ 504 legnagel wie der andere iſt— und dabei ſo kaltblütig wie eine vornehme Londoner Dame auf uns Naturmenſchen herunterblickt. Was mich betrifft, Leach, ich war ſo ſcharf wie Senf und hätte mir nichts daraus gemacht, dem beſten Freund, den ich auf Erden beſäße, den Hals abzuſchneiden, während er lächelte, als ich an ihm vorbeiruderte, obſchon ich vor dem Rauch ſeines Geſchützes kaum ſein Geſicht ſehen konnte.“ „Ja, Sir, dies iſt ſo die Art der regelmäßig Gebauten. Ich ſtehe dafür, er hat jung angefangen, und, noch ehe er achtzehn Jahre zählte, alle ſeine Leidenſchaftlichkeit in Fußſtößen an den alten Salziacken erſchöpft. Er ſcheint nicht zu der ächten Flucher⸗ zucht zu gehören; aber doch iſt's ein großes Vorrecht des Men⸗ ſchen, wenn er in Leidenſchaft geräth, um ſich ſtoßen zu dürfen, wann und gegen wen er will.“ „Bei ihm iſt's nicht ſo. Laßt Euch ſagen, Leach, vielleicht könnte er uns auch Handreichung thun, wenn es mit dem armen Monday zum Abſchnappen kömmt. Es iſt mir gewaltig viel daran gelegen, daß der wackere Burſche mit Anſtand aus der Welt gehe.“ „So macht ihm einmal den Vorſchlag, Sir. Was mich be⸗ trifft, ſo wollte ich lieber allein in alle drei Marſe hinaufſteigen, als einen ſterbenden Mann in ſeinen Erwartungen täuſchen.“ Der Kapitän verſprach, zu überlegen, was ſich in der Sache thun laſſe, und dann wandten ſie ihre Aufmerſamkeit dem Schiffe zu, welches ſich in einer weiteren Minute der Kedſch ſoſehr ge⸗ nähert hatte, als man es für räthlich halten konnte. 505 Achtundzwanzigſtes Kapitel. Friſch, wack'res Schifflein! denn der Sturm iſt aus; Haſt treu bewährt dich in des Wetters Graus. Drum breite jetzt im Morgenwind die Schwingen; Bald wird im Hafen dir der Willkomm klingen. Park. Der Montauk lag jetzt ganz nahe vor dem Einlaß, und ſogar ein wenig windwärts von deſſen Einmündung; aber der Kanal krümmte ſich, und es war unmoͤglich, auch nur ein einziges Segel paſſend anzuſchlagen, ohne die Matroſen dem Feuer der Beduinen auszuſetzen, welche nach ihrem vergeblichen Schießen behutſamer und vorſichtiger geworden waren, indem ſie jetzt blos nach den Stellen hinzielten, wo ſich gelegentlich ein Kopf oder ein Arm blicken ließ. Eine Verlängerung dieſes Zuſtandes der Dinge konnte das Uebel nur vergrößern; Kapitän Truck beſchloß daher, einen ſchnellen Ver⸗ ſuch zu machen, um ſeine Feinde zu verſcheuchen. In dieſer Abſicht wurde die am Bord befindliche Kanone ge⸗ laden und faſt bis an die Mündung mit Hagel gefüllt; man hob ſie dann ſorgfältig auf die Back und ſchob ſie bis in die Nähe des Schanddecks vor. Hätten die Berbern den Bau eines Schiffes ver⸗ ſtanden, ſo wäre es ihnen ein leichtes geweſen, während dieſes Ge⸗ ſchäfts die Hälfte der Mannſchaft zu tödten, denn ſie hätten nur durch die Planken feuern dürfen; da ſie aber die Schwäche dieſer Schutzwehren nicht kannten, ſo zielten ſie insgeſammt blos nach den Oeffnungen oder über die Geländer weg. Durch Niederlaſſen der Gaffel gelang es, den Brodwinner unvoll⸗ kommen anzuſchlagen— das heißt, er wurde nur an ſeiner oben ſtehen⸗ den Seite feſtgemacht. Die Raa brachte man unter dem Schutze des Sturmhäuschens und des Segelballens hinein. Der Ausholer wurde angeſetzt, die Raa zuruckgebracht und das Segel haſtig mit einer ſchwa⸗ 506 chen Leine gegen das Luv gehißt. Dies konnte nicht ohne große Gefahr bewerkſtelligt werden, obſchon der Umſtand, daß die Schiffsbuge den Klippen ſo nahe ſtanden, die Beduinen großentheils hinderte, das zu bemerken, was ſo weit hinten vorging. Andere aber, die der Küſte näher waren, wurden der Arbeiten anſichtig, und die Folge davon waren mehrere Schüſſe, die beinahe bedenklich häͤtten werden können. Namentlich fuhr dem zweiten Maten eine Kugel, kaum einen Zoll vom Kopfe ab, durch den Hut. Gleichwohl gelang es durch einige geſchickte Handhabung, das Luv des Brodwinners leidlich gut zum Stehen zu bringen, und das Schiff genoß endlich den Vortheil dieſes einzigen Segels. Der däniſche Kapitän war ein Seemann aus der alten Schule geweſen, denn ſein Schiff hatte ſtatt des neueren Spencers altmo⸗ diſche Stagſegel geführt. Mit dieſen ließen ſich die großen und die Beſahnſtagſegel mit leidlicher Sicherheit anſchlagen, wenn man nur die Enden der Ziehtaue herunterbringen konnte. Weil jedoch die gedachten Segel faſt lauter Hintertuch waren, ſo beſchloß der Kapitän, einen Verſuch zu Ueberholung der Bauſchleinen und Leiken des Fockſegels zu machen, denn dies konnte zu gleicher Zeit be⸗ werkſtelligt werden, wenn die Matroſen nach den Ziehtauenden in's Tackelwerk hinauf geſchickt wurden. Auch hielt er es für möglich, ein fliegendes Fockſtengenſtagſegel zu ſetzen. Kapitän Truck wollte in dieſer Sache Niemand täuſchen; er ſetzte daher ſeinen Leuten die Gefahr und die Operationsweiſe klar aus einander und forderte ſodann Freiwillige auf. Dieſe waren im Augenblick zur Hand, um ſo mehr, da Mr. Leach und der zweite Mate mit dem guten Beiſpiele voran gingen und ſich als das erſte Paar meldeten. Damit übrigens der Leſer das ganze Verfahren verſtehe, müſſen wir es ihm deutlicher auseinanderſetzen. Zwei Mann ſchickten ſich an, auf ein gegebenes Signal nach der Fockraa hinaufzueilen. Dieſe, von denen der eine Mr. Leach war, nahmen drei kleine Knäuel Marlienen mit ſich, an deren Ende 507 je eine Stockfiſchangel mit abgefeilten Widerhaken hing, damit ſie ſich nirgends verfange. Vermittelſt dieſer Angeln nun befeſtigten die beiden Wagehälſe die Knäuel an ihre Jacken. Zwei Andere ſtellten ſich am Fuße des großen und des Beſahntackelwerks in Be⸗ reitſchaft. Paul lag mit drei Mann bei der Kanone, während mehrere von den Paſſagieren und einige von den beſten Schützen unter der Mannſchaft mit Musketen oder Jagdgewehren bewaffnet wurden und ihre Poſten auf der Back erhielten. „Iſt Jedermann bereit?“ rief der Kapitän von dem Halbdecke aus. „Alles bereit!“ und„ja, ja Sir!“ lautete die Antwort von verſchiedenen Theilen des Schiffs her. „Holt den Brodwinner aus!“ Sobald dieſes Segel geſetzt war, ſchwang ſich der Stern des Schiffes gegen den Einlaß herum, ſo daß der Bug, auf welchem die Kanone ſtand, dem Theile des Riffs zugekehrt wurde, wo ſich der größte Beduinenhaufen befand. „Jetzt ſtetig, ihr Leute, und übereilt euch nicht; ſeid aber gleichwohl ſo hurtig, wie wilde Katzen! Auf und weg!“ Die beiden Fockraamänner und die zwei an den Hintermaſten ſprangen gleich Eichhörnchen in das Tackelwerk und waren ſchon oben, noch ehe der Kapitän ausgeſprochen hatte. In demſelben Augenblick eilte einer von den Dreien bei der Kanone auf das Bugſpriet und lief gegen den Stag hinaus. Paul und die andern Beiden erhoben ſich, um die Kanone an ihre Stelle zu ſchieben, während die Schützen ſich an den Geländern zeigten. So Viele in raſcher Bewegung, welche ſich gleichzeitig im Tackelwerk zeigten, zerſtreuten für einen Moment die Aufmerkſam⸗ keit der Beduinen, obſchon einzelne Schüſſe ſielen. Paul wußte, daß die Gefahr erſt dann am größten war, wenn die Leute oben länger an einer Stelle verweilten, und zögerte daher etwa eine halbe Minute, während welcher er ſein Ziel nahm; dann ließ er die Kanone krachen. Er hatte den Augenblick gut gewählt, denn 508 Mr. Leach und die anderen Waghälſe befanden ſich bereits auf dem Fockraa, wäͤhrend die Beduinen in ihrer Haſt, ein gutes Ziel zu nehmen, aus ihren Verſtecken hervorgekommen waren. Auch die Schützen gaben ihre Salve; aber jetzt war es mit dem Angriffs⸗ ſyſtem ſo ziemlich vorüber, da faſt alles Pulver im Schiffe aufge⸗ braucht war. Wir haben jetzt das Ergebniß dieſes Mansövers zu berichten. Unter den Beduinen ſielen Einige, und Diejenigen, welche dem Feuer des Schiffs am meiſten ausgeſetzt waren, ſtutzten nicht wenig, ſo daß ſie durch ihre Verwirrung beinahe eine Minute verloren; aber die Entfernteren fuhren nach der erſten Ueberraſchung fort, tüchtig zu feuern. Der von uns berichtete Vorgang hatte nur ungefähr drei Minuten gewährt, da das Handeln der verſchiedenen Bethei⸗ ligten faſt gleichzeitig vor ſich ging. Der Matroſe vorn war zwar dem Feinde am nächſten, aber doch am wenigſten bloßgeſtellt, weil er theilweiſe durch das Bug⸗ ſpriet gedeckt war, auf dem er hurtig hinauslief, bis er den Stagen erreicht hatte. Hier zerhieb er den Knoten der Fockſtengenziehtaue, holte den laufenden Theil herüber und ließ den Block hereinſchwin⸗ gen. Dann hakte er einen Block ein, den er mit ſich hinaus ge⸗ nommen und in deſſen Rinne er bereits die Schlinge eines Taus gelegt hatte. Sobald dies geſchehen war, eilte er ſo hurtig als möglich wieder zurück. Dieſe Aufgabe, welche man für die gefähr⸗ lichſte gehalten, weil das Bugſpriet dem Riff ſo nahe ſtand, war alſo zuerſt und mit der geringſten wirklichen Gefahr ausgeführt worden. Der Mann hatte durchaus keinen Schaden genommen, weil ihn theilweiſe der Pulverdampf der Kanone, theilweiſe der Maſt ſelbſt deckte. Da die beiden Matroſen im Hinterſchiffe die gleiche Verrichtung vorzunehmen hatten, ſo werden die Bewegungen des Einen auch die des Andern erklären. Als der erſte Abenteurer die Raa erreicht hatte, ſprang er auf dieſelbe, ergriff den Haken des Ziehtaublocks und hing ſich ohne Zögern an demſelben an, 509 durch das Gewicht ſeines Körpers die Ziehtaue überholend. Unten ſtanden Leute bereit, um einem Sturze Einhalt zu thun, indem ſie das andere Ende des Taus feſthielten, und ſo langte der kühne Burſche wohlbehalten wieder auf dem Decke an. Dieſes Unter⸗ fangen ſchien den weniger an die See gewöhnten Reiſenden äußerſt gefahrvoll, obſchon die Matroſen, welche die Maſchinerie ihres Schiffes verſtanden, ſich nicht viel daraus machten. Auf der Fockraa angelangt, eilte Mr. Leach nach der einen, und ſein Gehülfe, ein gemeiner Matroſe, nach der andern Nocke hinaus, wo ſie je einen Haken in dem Knoten der inneren Bauſch⸗ leine zurückließen und dann den Marlienballen auf das Deck warfen. Daſſelbe geſchah an den äußeren Bauſchleinen und an den Leiken. Jetzt kehrte der Mate ſeiner Weiſung gemäß um, ſprang auf das Tackelwerk, von da auf einen Hinterſtag, und glitt an demſelben mit einer Schnelligkeit, die alles Zielen vereitelte, hinunter. Aber trotz der hurtigen Bewegung erhielt Mr. Leach doch einen leichten Schuß in die Schulter, während zugleich mehrere Kugeln ganz nahe an ihm vorbeiziſchten. Der Matroſe auf der anderen Nocke kam eben ſo gut mit ſeiner Aufgabe zu Stande und nahm nicht den mindeſten Schaden, bis er das Leik feſtgemacht hatte; da er ſich jedoch eben auf der Luvſeite des Schiffes befand und er wohl wußte, wie nützlich es ſeyn mußte, wenn er das Ende des Refftackels mit ſich brachte, ſo beſchloß er, auch dieſes herunter zu holen. Mit dem Rufe, man ſolle auf dem Deck das Tau gehen laſſen, eilte er nach dem Tope⸗ nanten hinaus, beugte ſich darüber hin, bemächtigte ſich des ge⸗ wünſchten Tackelendes und richtete ſich auf, um nach dem Kranz der Raa einwärts zu gehen. Kapitän Truck und der zweite Mate forderten ihn vergeblich auf, von dieſem Vorhaben abzuſtehen, denn der Umſtand, daß bis jetzt Alles ſo gut abgelaufen war, hatte ihn tollkühn gemacht. Es hielt ſogar jetzt in ſeiner gefahrvollen Lage inne, um einen Jubelruf erſchallen zu laſſen; aber das Hurrah 510 war kaum ſeinen Lippen entwiſcht, als er von der Raa mehrere Fuß in die Hohe ſprang und, das Tau in der Hand mitnehmend, ſenkrecht in die See ſiel. Die Meiſten an Bord glaubten anfangs, er ſey in's Waſſer geſprungen, weil er ſo auf die gefahrloſeſte Weiſe herunter zu kommen meinte und ſich durch das Tau und durch Schwimmen bergen zu können hoffte; aber Paul deutete auf einen Blutſtreifen, der ſich an der Stelle des Sturzes an der Meeresoberfläche zeigte. Das Refftackel wurde vorſichtig eingeholt und das Ende tauchte ohne die Hand auf, die es kürzlich noch ge⸗ faßt hatte. Der Matroſe ſelbſt kam nie wieder zum Vorſchein. Kapitän Truck war nun im Beſitz der Mittel, drei Stagſegel, den Bordwinner und das große Fockſegel zu ſetzen— Tuch genug, wie er meinte, um ſeinen vorläufigen Plan ausführen zu können. Das ſo theuer erkaufte Ende des Refftackels wurde mittelſt einer ſchwachen Leine, welche man darum ſchlang, hereingebracht. Der nächſte Befehl betraf die Aufgeiung des Brodwinners, ferner die Anklappung und Lichtung der Kedſch— Aufgaben, die in der angedeuteten Reihenfolge verrichtet wurden. Sobald das Schiff freien Kiel hatte, ſetzte man das fliegende Fockſtengenſtag⸗ ſegel und ein Klüvermarsſegel, indem man die Halſe herausholte und über die Ziehtaue ſchwang. Die Schoote wurde windwärts geführt und das Steuer niedergeſtellt. Natürlich begannen jetzt die Buge des Schiffes abzufallen; ſobald aber der Schnabel dem eigentlichen Curſe hinreichend nahe ſtand, wurde die Schoote ange⸗ zogen und das Steuerrad gedreht. Kapitän Truck ließ nun das Fockſegel ſetzen, das man in der Zwiſchenzeit zugerüſtet hatte. Dieſes wichtige Segel wurde da⸗ durch aufgebracht, daß man die Bauſchleinen und Leiken an dem oberen Theile anſchlug und vermittelſt des Refftackels das Wetter⸗ kopflägel ausholte. Sobald dieſes weite Tuch ſich auf dem Schiffe entfaltete, wurde die Bewegung beſchleunigt, und der Montauk be⸗ gann ſich von der Stelle zu entfernen, von dem wüthenden Ge⸗ 511 ſchrei und den Drohungen der Beduinen verfolgt. Auf die letzteren achtete jedoch Niemand; man ließ ſie eben ſchreien, bis ſich der Lärm in der Ferne verlor. Uebrigens bedurfte doch eine ſo große Maſſe, wie die des Montauk war, trotz der Beihülfe aller Spieren und des Windes, der gegen den Rumpf blies, einige Zeit, um die vis inertiae zu überwältigen, und es vergingen mehrere beängſti⸗ gende Minuten, ehe er ſo weit von dem Verſtecke der Beduinen abgekommen war, daß ihr Gezeter nicht mehr geradezu vor den Ohren der an Bord Befindlichen zu erſchallen ſchien. Sobald aber das Schiff in ſolcher Ferne ſtand, fühlten ſich Alle unaus⸗ ſprechlich beruhigt, obſchon vielleicht die Gefahr dadurch vergrößert wurde, weil die Kugeln jetzt auch Gegenſtände auf dem Deck tref⸗ fen konnten. Der Curs wurde anfangs faſt vor dem Winde gehalten. Als jedoch das Schiff an dem mehrerwähnten flachen Felſen anlangte, ſah man ſich genöthigt, eine leichte Krümmung zu machen, um windwärts an demſelben vorbeizukommen. Man ſetzte jetzt die hinteren Stagſegel ſammt dem Brodwinner, wodurch das Schiff an den Wind kam, und holte die Fockhalſe nieder. Hätte man nur auf eine Entfernung von hundert Ellen gerade durch den Paß an⸗ legen können, ſo wäre für den Fall, daß die gegenwärtige Briſe Stand hielt, das Fahrzeug wieder aus dem Riff und aller weiteren Gefahren der Küſte überhoben geweſen; aber die Fluth drängte mit Macht gegen die Klippe hin und der Zuſtand des Schiffs ge⸗ ſtattete es nicht, daß man hart auf eine Bogenlinie drängte. Ka⸗ pitän Truck wurde nachgerade unruhig, denn er bemerkte bald, daß ſie, obſchon nur ganz allmählig, der Gefahr immer näher kamen; er begann daher für ſeinen Kiel zu zittern. Dennoch trieb das Schiff ſtätig vorwärts, und er gab wieder der Hoffnung Raum, daß er den äußeren Klippenrand wohlbehalten erreichen dürfte. Die⸗ ſer beſtand aus einem zackigten, zugeſpitzten Felsblocke, welcher nothwendig die Planken zertrümmern mußte, wenn das Schiff waͤhrend 512 der Wellenbewegung des Meeres, welche jetzt ſehr fühlbar wurde, auch nur für einen Augenblick dagegen anſtieß. Nach allen durch⸗ gemachten Gefahren ſah daher der alte Seemann wohl, daß ſeine Sicherheit durch einen von jenen unerwarteten, aber doch im Ma⸗ troſenleben ſehr gewöhnlichen Vorfällen ernſtlich bedroht werde. „Luv! luv, ſoweit Ihr könnt,“ rief Kapitän Truck von dem Felſen nach den Segeln und von den Segeln wieder nach dem Fel⸗ ſen blickend.„Luv, Sir— Ihr ſeyd am gefährlichſten Puncte.⸗ „Luv iſt's, Sir!“ antwortete der Mann am Steuer, welcher hinter dem Sturmhäuschen ſtand und vom Dach deſſelben, über das er wegſchauen mußte, um die Segel zu Geſicht zu bekommen gedeckt wurde.„Luv kann ich wohl, und es iſt's auch, Sir.“ Paul ſtand an der Seite des Kapitäns, welcher der Mann⸗ ſchaft Befehl ertheilte, ſich ſo viel als möglich vor den Kugeln der Beduinen zu decken, die jetzt gegen das Schiff heranpraſſelten wie der Hagel beim Schluſſe eines Donnerwetters. „Wir werden jene Felſenſpitze nicht umſchiffen können,“ rief der junge Mann haſtig,„und wenn wir anſtoßen, iſt das Schiff verloren.“ „Es ſoll abhalten,“ entgegnete der alte Mann finſter.„Das Bruſtholz ſteht ſchon in gleicher Linie damit— abgehalten!“ Die Buge des Schiffs waren jetzt ohne Frage im Bereich der Gefahr, und der Montauk ſchleppte ſich langſam vorwärts; aber mit jedem Augenblicke kam die Breitſeite dem Felſen näher, der jetzt keine fünfzig Fuß mehr abſtand. Die Fockputtingen kamen an der Spitze vorbei; indeß durfte man kaum hoffen, daß man mit dem ganzen Fahrzeuge glücklich durchkommen konnte. Ein Schiff dreht ſich auf ſeinem Schwerpuncte wie auf einem Stifte, ſo daß ſich die beiden Enden nach entgegengeſetzten Richtungen ſchwenken; Kapitän Truck hoffte daher, da die Buge bereits aus dem Bereich der Ge⸗ fahr waren, ſo dürfte es ihm möglich ſeyn, durch Abhalten den Sintertheil des Schiffs an den Wind aufzubringen und in dieſer Weiſe ſich glücklich aus der Klemme zu ziehen. 513 „Hart auf mit dem Steuer!“ ſchrie er.„Hart auf.— Holt das Beſahnſtagſegel herunter und zieht die Schoote an!“ In Betreff der Segel wurde dem Befehl Folge geleiſtet, aber vom Steuer her kam weder Antwort, noch wurde der Curs des Schiffs gewechſelt. „Hart auf, ſage ich Euch, Sir— hart auf, hart auf! Warum geſchieht's nicht, Ihr verdammter Kerl?“ Auch jetzt blieb die gewöhnliche Antwort aus, und Paul eilte durch den ſchmalen Gang, welcher nach dem Steuer führte. Alles dies nahm nur eine Minute in Anſpruch, aber es war die bedenk⸗ lichſte, welche den Montauk je betroffen hatte. Hätte das Schiff auch nur für einen Augenblick an den Fels geſtoßen, ſo wäre menſchliche Kunſt kaum mehr im Stande geweſen, es noch eine Stunde über Waſſer zu halten. „Hart auf, ihr Höllenkerl!“ wiederholte Kapitän Truck mit einer Donnerſtimme, während Paul um die Ecke des Sturmhäus⸗ chens ſtürzte. Der Matroſe ſtand am Steuer und hielt die Speichen feſt gefaßt; ſeine Augen waren wie gewöhnlich nach Oben gerichtet, aber die Umſchläge des Steuertaus zeigten, daß dem Befehle nicht gehorcht worden war.“ „Hart auf, Menſch, hart auf— ſeyd Ihr toll?“ Mit dieſen Worten ſprang Paul an das Rad, welchem er mit eigenen Händen die erforderliche Richtung gab. Was den Matro⸗ ſen betraf, ſo ließ er ohne Widerſtreben los und fiel, während das Rad umherſlog, wie ein Block nieder. Eine Kugel war ihm durch den Rücken ins Herz gedrungen; aber dennoch blieb er feſt an den Speichen ſtehen, wie überhaupt der ächte Seemann das Steuer nicht los läßt, ſo lange noch Leben in ihm iſt. Die Schiffsbuge fielen ſchwerfällig ab und der Stern drängte an den Wind auf; aber die kurze Zögerung hatte die Gefahr der⸗ maßen erhöht, daß das Schiff nur durch die Form des Pieks Die Heimkehr. 33³ 514 und des Hecks gerettet werden konnte, deren aufwärtsgehende Bie⸗ gung Raum geſtatteten, um dem gefährlichen Punkte zu entgehen, während der Montauk ſich auf einer Welle hob. Paul konnte nicht bemerken, wie nahe dem Schiffe das Ver⸗ derben ſtand; dagegen ließ die Durchſichtigkeit des Waſſers den Kapitän ſowohl als ſeine Maten Alles mit einer Beſtimmtheit un⸗ terſcheiden, welche ihnen den Athem benahm. In der That gab es einen Augenblick, in welchem der ſcharfe Fels unter dem Heck verborgen war, und die beſtürzten Männer erwarteten mit jedem Moment das Kuirſchen des einbrechenden Bodens zu hören. „Löst den Mann am Steuer ab und ſchickt ihn augenblicklich hieher,“ ſagte Kapitän Truck mit ernſter, ſtrenger Stimme, die be⸗ deutungsvoller war, als ein Fluch. Der Mate rief einen Matroſen und begab ſich perſönlich nach dem Hinterſchiff, um den Befehl zu vollziehen. Eine Minute ſpäter kehrten er und Paul zurück, die Leiche des Steuermanns mit ſich bringend, welche alle erforderliche Aufklärung gab. „Herr, Deine Wege ſind unerforſchlich!“ murmelte der alte Schiffsmeiſter, indem er den Hut abnahm, als die Leiche an ihm vorbeigetragen wurde.„In Deiner Hand ſind wir weiter nichts, als Saatkörner, und ſo eitle, vergängliche Geſchöpfe, wie der Schmetterling.“ Sobald ſie den Felſen einmal hinter ſich hatten, lag die offene See leewärts von dem Paketſchiffe, welches nun den Wind ein wenig von hinten aufgriff und ſich ſtätig von den Felſen entfernte, in deren Bercich ihm ſo viele Gefahren gedroht hatten. Der Montauk war bald weit genug von dem Riffe abgekommen, daß von den Beduinen nichts mehr zu fürchten war, obſchon dieſe noch immer Feuer gaben und ſich wie toll geberdeten, nachdem ihre Kugeln ſowohl als ihre Drohungen denen an Bord längſt nichts mehr anhaben konnten. Der Körper des gefallenen Matroſen wurde zwiſchen die Ma⸗ 20—, 12 SͤBc. „„„, h, 515 ſten gelegt und ſodann der Befehl ertheilt, die Segel anzuſchlagen. Da Alles bereit war, ſo ſteuerte nach einer halben Stunde der Montauk unter ſeinen drei Marsſegeln ſeewärts, denn das Riff lag bereits eine halbe Meile in ſeinem Sterne. Zunächſt wurden die Bramragen in's Kreuz gebracht und die großen Segel geſetzt. Dann folgte das leichtere Tuch, und noch vor Sonnenuntergang ſteuerte das Schiff unter Prallſegeln vor dem Paſſatwind gegen Weſten. Jetzt zum erſten Mal von dem Augenblicke der Kunde an, daß. die Beduinen ſich des Schiffs bemeiſtert hätten, empfand Kapitän Truck wirkliche Erleichterung. Er hatte ſich zwar nach dem Kampfe für einen Moment glücklich gefühlt; aber bald bedräng⸗ ten ihn neue Sorgen, ſo daß er zu keiner Ruhe kommen konnte. Nunmehr aber war der Stand der Dinge ganz anders. Sein Schiff befand ſich, wenn es auch nicht gerade für einen Wett⸗ lauf ausgeſtattet war, in guter Ordnung; in der niedrigen Breite, in welcher er ſtand, kam ihm der Paſſatwind gut zu Stat⸗ ten, und da er obendrein von ſeinem alten Feinde, dem Foam, nichts mehr befürchtete, ſo kam es ihm vor, als ſey eine Berges⸗ laſt von ſeiner Bruſt abgewälzt. „Gott ſey Dank,“ bemerkte er gegen Paul,„ich kann heute Nacht ſchlafen, ohne von Beduinen, Riffen oder ſcheltenden Geſich⸗ tern in New⸗York zu traumen. Ich werde zwar hören müſſen, ein Anderer würde in Umgehung einer ſolchen Klemme mehr Geſchick⸗ lichkeit gezeigt haben; übrigens wird man mir ſchwerlich ſagen, daß ſich ein Anderer beſſer hätte herausziehen können. Außerdem koſtet dieſe ſchöne Ausſtattung die Eigenthümer nichts— buchſtäb⸗ lich nichts; denn ich zweifle, daß der arme Däne je wieder zum Vorſchein kommen wird, um die Segel und Spieren anzuſprechen. Ich weiß freilich nicht, ob wir nach afrikaniſchem Geſetz beſitzbe⸗ rechtigt ſind, denn ich verſtehe mich wenig auf dieſen Codex, und hinſichtlich des Völkerrechts ſagt, glaube ich, auch Vattel nichts 516 über einen derartigen Gegenſtand; jedenfalls aber ſind wir in ſo thatſächlichem Beſitze, daß ich mich überzeugt fühle, ich werde die Ausſtattung behalten, bis wir den Eaſt River anthun, wenn uns nicht etwa die Nordweſter an der amerikaniſchen Küſte einen Strich durch die Rechnung machen.“ „Es dürfte geeignet ſeyn, die Leiche zu beſtatten,“ nahm Paul das Wort; denn er wußte, Eva würde ſich kaum auf dem Deck blicken laſſen, ſo lange der Körper noch da war.„Matroſen ſind „in Betreff der Leichen bekanntlich ziemlich abergläubiſch.“ „Ich habe bereits daran gedacht, hoffte aber, die beiden ſpitz⸗ bübiſchen Hayſiſche zu betrügen, die unſerem Kielwaſſer folgen, als ob ſie den Fraß witterten. Es iſt doch außerordentlich, Mr. Blunt, daß dieſe Beſtien wiſſen, wenn eine Leiche im Schiff iſt und wohl hundert Stunden weit folgen, um ſich des Raubs zu verſichern.“ „Es wäre allerdings außerordentlich, wenn ſich die Sache ſo verhielte; aber wie läßt ſich ein Beweis herſtellen?“ „Ihr ſeht doch die beiden ſeeräuberiſchen Schurken im Stern?“ bemerkte Mr. Leach. „Allerdings; aber wir würden ſie wahrſcheinlich auch ſehen, wenn wir keine Leichen im Schiffe hätten. An Hayfiſchen wimmelt es in dieſer Breite, und ich ſelbſt habe ſeit unſerer Einfahrt meh⸗ rere um das Riff geſehen.“ „In Betreff des armen Tom Smith ſollen ſie getäuſcht werden,“ ſagte der Mate,„wenn ſie nicht ſehr tief nach ihm untertauchen. Ich habe dem wackeren Burſchen eine von den Napoleonsbüſten an die Füße gebunden, und wenn er einmal feſt auf dem Boden vor Anker liegt, wird er nicht mehr ſo leicht heraufkommen.“*) „Die Stunde iſt paſſend für eine feierliche Stimmung,“ be⸗ merkte der Kapitän, indem er nach dem Himmel außblickte und das zu⸗ nehmende Düſter der Dämmerung betrachtete.„Ruft alle Matroſen zur Todtenbeſtattung herauf, Mr. Leach. Ich geſtehe, daß ich 517 mich auch in Betreff des Wetters ruhiger fühlen würde, wenn wir die Leiche einmal aus dem Schiffe hätten.“ Während der Mate nach dem Vorderſchiffe ging, um die Mannſchaft antreten zu laſſen, nahm der Kapitän Paul bei Seite und erſuchte ihn, dem Hingeſchiedenen den letzten Dienſt zu erweiſen. „Ich ſelbſt will ein Kapitel in der Bibel vorleſen,“ ſagte er, „denn es wäre mir nicht lieb, wenn die Leute mit anſehen müßten, wie einer aus der Mannſchaft über Bord ginge, ohne daß die Of⸗ fiziere bei den Feierlichkeiten ein Woͤrtchen mitſprächen. Es könnte Achtungswidrigkeit erzeugen und unſer Wiſſen in Verdacht bringen. Ihr Kriegsſchiffleute übrigens ſeyd meiſt regelmäßiger zum Beten erzogen worden, als wir auf den Paketbooten, und falls Ihr ein paſſendes Buch bei Euch habt, ſo würde ich's Euch ungemein Dank wiſſen, wenn Ihr uns bei dieſem traurigen Anlaß an die Hand gehen wolltet.“ Paul machte ihm dagegen den Vorſchlag, er ſolle Mr. Ef⸗ fingham um dieſe Dienſtleiſtung angehen, denn er wiſſe, daß dieſer Gentlemen jeden Morgen und jeden Abend ſeine Reiſegeſellſchaft in der Kajüte verſammle und ihnen Gebete vorleſe. „Wirklich?“ verſetzte der Kapitän.„Dann iſt er mein Mann, denn in dieſem Falle muß er ſich auf die Sache verſtehen, und wir haben kein Stammeln oder Stottern zu hören. Ja, ja, er wird's in einem einzigen Gange durchbringen. Toaſt, geht hinunter, meldet Mr. Effingham mein Kompliment und ſagt ihm, daß ich ihn zu ſprechen wünſche; und, hört Ihr, Toaſt,— erſucht ihn, er moͤchte ein Gebetbuch einſtecken. Dann geht Ihr auch in mein Staats⸗ gemach und bringt die Bibel herauf, die Ihr unter dem Kiſſen finden werdet. Die Beduinen hatten beim Plündern freie Wahl, aber es iſt etwas an dem Buche, was ſtets für ſich ſelber ſorgt. Ich habe oft bemerkt, daß Spitzbuben ſelten an eine Bibel gehen und lieber zehn Romane ſtehlen, als nur ein einziges Exemplar von der heiligen Schrift. Das meinige gehörte vor Zeiten meiner 518 Mutter, Mr. Blunt, und ich wäre vielleicht ein beſſerer Mann ge⸗ worden, wenn ich es öfter überholt hätte.“ Wir übergehen die meiſten Vorbereitungen, um uns unverweilt der gottesdienſtlichen Verrichtung und dem Zuſtande des Schiffes in dem Augenblicke zuzuwenden, in welchem ſeine Inſaßen ſich zu einer Handlung verſammelten, die ſtets feierlich und ermahnend wirkt, wie ſehr ſie auch der Förmlichkeiten entbehren mag. Die großen Segel wurden aufgeholt und das Hauptmarsſegel an den Maſt gelegt— eine Vorbereitung, welche einem Schiffe ſtets den Character einer feierlichen Ruhe verleiht. Die Leiche wurde auf eine Planke, die quer über einem Geländer lag, gebracht und die bleierne Büſte mit in die Hängematte eingenäht. Ein Blutſtreifen auf dem Tuche verrieth allein, welchen Tod der Verſtorbene erlit⸗ ten hatte. Die Matroſen gruppirten ſich um die Leiche her, wäh⸗ rend Kapitän Truck und ſeine Maten auf dem Gange ſtanden. Die Paſſagiere hatten ſich auf dem Halbdeck verſammelt, und Mr. Effingham, der ein Gebetbuch in der Hand hielt, war ein wenig vorgetreten. Die Sonne war eben in den Ocean untergetaucht, und der ganze weſtliche Horizont leuchtete in jenen ſanften Perl⸗ und Re⸗ genbogenfarben, welche bei mildem Herbſtwetter in niedrigen Brei⸗ ten den Morgen⸗ und Abendhimmel zu ſchmücken pflegen. Gegen Oſten war die Linie der Küſte nur noch durch die Sandhügel zu unterſcheiden, welche der Einbildungskraft Gelegenheit boten, ſich die unermeßliche Wüſte auszumalen. Nach allen anderen Richtun⸗ gen ſah die See dunkel und düſter aus: der ganze Character des Sonnenuntergangs war der eines erhebenden Bildes von oceani⸗ ſcher Großartigkeit und Ausdehnung, durch einen Himmel gehoben, an welchem die Tinten wie die wohlbekannten Farben des Delphin kamen und gingen. Dazu trat noch das mehr und mehr ſich ver⸗ tiefende Düͤſter der Dämmerung. 8 Re⸗ rei⸗ gen un⸗ ini⸗ den, hin ber⸗ 519 Eva drückte John Effinghams Arm feſter an ſich und blickte mit ehrfurchtsvoller Bewunderung auf das herrliche Schauſpiel. „Dies iſt das Grab des Seemanns!“ flüſterte ſie. „Ja, und zwar eine würdige Ruheſtatt für einen ſo tapferen Burſchen. Der Mann ſtarb auf ſeinem Poſten, und Powis ſagt mir, ſeine Hand habe ſich nur mit Mühe vom Steuer losmachen laſſen.“ Sie verſtummten, denn Kapitän Truck nahm jetzt den Hut ab ein Beiſpiel, dem alle Anweſenden folgten— ſetzte ſeine Brille auf und öffnete das heilige Buch. Der alte Seemann nahm es mit der Auswahl deſſen, was er vorleſen wollte, durchaus nicht genau und erſah ſich gewöhnlich eine Stelle aus, von der er glaubte, daß ſie auch ſeine Zuhörer beſonders intereſſiren müſſe, weil ſie ihn vorzugsweiſe anſprach. Für ihn war die Bibel immer Bibel, und er ſchlug jetzt das Kapitel in der Apoſtelgeſchichte auf, in welchem die Ueberfahrt des heiligen Paulus von Judäa nach Rom berichtet wird. Er las ſicher, aber mit etwas gezierter Be⸗ tonung vor und legte namentlich auf diejenigen Verſe einen beſon⸗ deren Nachdruck, welche ſich auf die Schifffahrt bezogen. Paul bewahrte während dieſes intereſſanten Vortrags voll⸗ kommen ſeine Selbſtbeherrſchung, obſchon unwillkührlich ein Lächeln um Mr. Sharps ſchön geformten Mund zuckte. John Effinghams ausdrucksvolles Geſicht blieb geſetzt und ruhig, während die Frauen⸗ zimmer zu ſehr vom Eindrucke des Augenblicks ergriffen waren, um auch nur einer Spur von Lächeln Raum zu geben. Was da⸗ gegen die Matroſen betraf, ſo hörten ſie in tiefer Aufmerkſamkeit zu und welchſelten nur hin und wieder Blicke mit einander, wenn ihnen etwa eine nautiſche Maßregel auffallend vorkam. Sobald dieſes erbauliche Kapitel zu Ende war, begann Mr. Efſingham den feierlichen Beerdigungs⸗Ritus vorzuleſen. Bei dem erſten Ton ſeiner Stimme trat eine Windſtille ein, als ſey der Geiſt Gottes aus den Wolken niedergeſtiegen, und ein ehrfurchts⸗ 520 voller Schauer beſchlich alle Zuhörer. Die erhabenen Worte des Apoſtels:„ich bin die Auferſtehung und das Leben, ſagt der Herr; wer an nich glaubt, wird leben, ob er gleich ſtürbe: und wer da lebet und an nich glaubet, der wird nimmermehr ſterben,“ hätten nicht beſſer vorgetragen werden können. Stimme, Betonung, Aus⸗ ſprache und Gebärdung— Alles verrieth den Mann von Bildung, da ſich anmaßungsloſe Einfachheit und eine milde Ruhe in ſchöner Weiſe mit Tiefe des Gefühls und abgemeſſener Würde vereinigten. Als er die Worte ſprach—„ich weiß, daß mein Er⸗ löſer lebt, und er wird mich hernach aus der Erde aufwecken— und werde darnach mit meiner Haut um⸗ geben werden, und werde in meinem Fleiſche Gott ſehen“ u. ſ. w. u. ſ. w. ſahen die Männer mit großen Augen um ſich her, wie wenn ihnen wirklich eine Stimme vom Himmel dieſe Erklärung gegeben hätte, und Kapitän Truck blickte ins Takelwerk hinauf, als erwarte er von dorther einen Poſaunenſtoß. Eva's Thränen begannen zu fließen, als ſie die vielgeliebten Töne hörte, und ſelbſt das mannhafteſte Herz, das ſich in dieſem vielgeprüften Schiffe befand, erbebte. John Effingham ſprach mit feſter Stimme die Reſponſorien der Pſalmen, und Mr. Sharp und Paul ſtimmten bald ein. Die tiefſte Wirkung übte übrigens das Todtenamt, als der Sprecher bei den tröſtenden aber ergreifenden Worten der Of⸗ fenbarung anlangte:„ich hörte eine Stimme vom Himmel und ſie ſagte zu mir: ſchreibe— geſegnet ſind die Tod⸗ ten, die in dem Herrn ſterben“ u. ſ. w. Kapitän Truck ge⸗ ſtand nachmals, er habe dieſelbe Stimme zu hören geglaubt, und die Matroſen drängten ſich förmlich in ihrer Unruhe näher an ein⸗ ander. Der Augenblick, in welchem die Leiche über Bord gelaſſen wurde, war gleichfalls in hohem Grade feierlich. Die Füße glitten zuerſt von der Planke hinab, und der Köͤrper verſank raſch unter dem Einfluſſe des ſchweren Bleigewichts. Das Waſſer ſchloß ſich ——9õ N——— G A& A8 8 8 S8 521 über ihm und verwiſchte jede Spur von dem Grabe des Seemanns. Eva dachte bei ſich, ſein Verſchwinden erinnere an die wenigen kurzen Stunden, welche den Schleier der Vergeſſenheit um die Maſſe der Sterblichen ziehen, nachdem der Fleiſchleib der Erde wieder heimgegeben iſt. Statt am Schluſſe der Feierlichkeit um Gottes Segen zu bit⸗ ten, begann Effingham in ruhiger Andacht den Dankpſalm für einen Sieg:„Wenn der Herr nicht auf unſerer Seite geweſen wäre, ſo könnten wir jetzt ſagen— wäre der Herr nicht ſelbſt mit uns geweſen, als der Feind ſich gegen uns erhoben, ſo würden ſie uns raſch verſchlungen haben, als ſie uns ſo grimmig zürnten.“ Die meiſten Gentlemen ſchloßen ſich den Reſponſorien an, und Eva's Silberſtimme klang ſüß und heilig unter dem Athmen des Oceans. Te Deum laudamus,„Wir preiſen Dich o Gott! Wir erkennen, daß Du der Herr biſt.“„Die ganze Erde betet Dich, den Vater, an, immer und ewig⸗“ ſchloß der Leichengottesdienſt, als Mr. Ef⸗ fingham ſeine Verſammlung mit der gewöhnlichen Bitte des Laien um den Segen entließ. Nie zuvor hatte eine religiöſe Feierlichkeit ſo tiefen Eindruck auf Kapitän Truck gemacht, denn er ſtand am Schluſſe derſelben gedankenvoll an der Stelle, wo die Leiche über Bord gelaſſen worden war, und blickte über die Seiten nach dem Meere hinunter, wie man Abſchied nimmt von dem Grabe eines Freundes. „Sollen wir das Hauptmarsſegel füllen, Sir?“ fragte Mr. Leach, nachdem er aus Rückſicht für die Gefühle ſeines Befehls⸗ habers ein paar Minuten zögernd dageſtanden hatte,„oder iſt es Euer Wunſch, daß wir die Raatakeln einhängen und die Lanſche feſt machen.“ „Noch nicht, Leach, noch nicht. Es wäre lieblos gegen den armen Jack gehandelt, wenn wir uns mit ſo unanſtändiger Eile von ſeinem Grabe fortmachen wollten. Ich habe bemerkt, wie die Leute um den Fluß ſtets in Sicht bleiben, bis die letzte Scholle 522 feſtgeſchlagen und aller Schutt entfernt iſt. Der wackere Burſche ſtand an jenen Speichen, wie ein dichtgerefftes Marsſegel in einer Bö vor den Windſtößen Stand hält, und wir ſind ihm dieſen klei⸗ nen Achtungsbeweis ſchuldig.“ „Die Boote, Sir.“ „Laßt ſie noch eine Weile im Schlepptau. Wenn man die Raatakeln raſſeln läßt und unmittelbar über ſeinem Kopfe Boote einſtaut, ſo könnte es den Anſchein gewinnen, als wollten wir ihm deſertiren. Euer Großvater war ein Geiſtlicher, Leach, und es nimmt mich Wunder, daß Ihr nicht einſeht, wie ungebührlich es iſt, alſo von einem Grabe wegzueilen. Ein Bischen Nachdenken kann keinem von uns ſchaden.“ Der Mate wunderte ſich über die ungewöhnliche Stimmung ſeines Commandeurs, fügte ſich aber bereitwillig darein. Die Nacht brach übrigens ſchnell herein, und der Himmel verlor ſeinen Strah⸗ lenglanz in weicheren und melancholiſcheren Tinten, als freue ſich ſogar die Natur, mit den Gefühlen der einſamen Seefahrer ſym⸗ pathiſiren zu können. Neunundzwanzigſtes Kapitel. “s iſt meine Art ſo, Sir, gerad' zu ſeyn. Lear. Wie Berbern hatten dem Schiff und ſeinem Inhalt weit we⸗ niger Schaden zugefügt, als man den Umſtänden nach überhaupt nur hoffen konnte. Wahrſcheinlich lag der Grund in dem Umſtande, daß an der Stelle, wo das Schiff gelegen hatte, eigentlich nichts gelandet werden konnte; denn die Ballen, welche aus dem Schiffe heraus auf die Sandbank gebracht wurden, waren mehr in der Abſicht, das Schiff zu erleichtern, als aus irgend einem andern Grunde, ausgeladen worden. Ohne Zweifel hatte auch der Ver⸗ trag zwiſchen den Häuptlingen ſeinen Einfluß geübt, obſchon dieſe * n8— 523 Rückſicht unmöglich nachhaltig wirken konnte, wo einem raubgie⸗ rigen Volke ſo ſtarke Verlockungen zum Treubruch unabläßig vor Augen lagen. Nachdem die Inſaſſen des Schiffes zuerſt ſich über die eigenen Verluſte unterrichtet hatten, erkundigten ſie ſich natürlich auch nach denen ihrer Nachbarn, und die gewöhnliche Geſellſchaft der Damen⸗ kajüte, welche ſich Abends gegen neun Uhr um Eva's Sopha ver⸗ ſammelte, unterhielt ſich hauptſächlich über dieſen Gegenſtand, nach⸗ dem zuvor die glückliche Bergung des Schiffes Stoff zu einem kurzen, aber ernſten Geſpräch geboten hatte. „Ihr ſagt mir, John, daß Mr. Monday ein Verlangen nach Schlaf habe,“ bemerkte Mr. Effingham in fragendem Tone. „Er iſt ruhiger und ſchlummert. Ich habe meinen Bedienten bei ihm gelaſſen und dieſem den Auftrag gegeben, mich zu rufen, ſobald er erwacht.“ Es folgte eine Pauſe der Trauer, und dann ſchlug das Ge⸗ ſpräch wieder die Richtung ein, von der es abgegangen war. „Weiß man, wie viel von unſeren Habſeligkeiten abhanden gekommen iſt?“ fragte Mr. Sharp.„Mein Bedienter berichtet, daß mir einige Kleinigkeiten fehlen, aber durchaus nichts von Werth.“ „Euer Doppelgänger muß wohl am ſchlimmſten mitgenommen worden ſeyn,“ entgegnete Eva lächelnd.„Seinen Lamentationen zufolge ſollte man glauben, daß es in der ganzen Chriſtenheit keine Spielereien mehr gebe.“ „So lange ſie ihm nicht ſeinen guten Namen geſtohlen haben, will ich mich nicht beſchweren; denn ich könnte, wenn wir in Ame⸗ rika anlangen, ſeiner bedürfen, und Gott ſey Dank, wir haben jetzt wenigſtens einige ſchmeichelhafte Ausſichten, daß wir den Hafen unſerer Beſtimmung erreichen werden.“ „Ich vernahm von meinem Verwandten, daß der Mann, wel⸗ cher in der Hauptkajüte als Sir George Templemore bekannt iſt, 524 und derjenige, welchen wir hier unter dieſer Bezeichnung anerkennen, zwei ganz verſchiedene Perſonen ſind,“ bemerkte John Efſingham, indem er ſich gegen Mr. Sharp verbeugte, während dieſer ſeiner⸗ ſeits den Gruß in einer Weiſe erwiederte, wie man eine nicht ganz formgerechte Vorſtellung anzuerkennen pflegt.„Es gibt allerdings durch die ganze Welt auch in den höheren Ständen ſchwache Men⸗ ſchen, aber Ihr werdet wahrſcheinlich denken, ich brauche mir auf meinen Scharffinn nicht ſonderlich viel einzubilden, wenn ich ſage, ich habe von Anfang an gemuthmaßt, daß wir⸗ hier nicht den ächten Amphytrion hätten. Von Sir George Templemore habe ich ſchon ſprechen hören und zwar in einer Weiſe, daß ich in ihm etwas mehr, als einen bloßen Fashionablen oder einen Mann von Welt erwartete, während man dieſem armen Tropf nicht einmal die gedachten Prädikate beilegen kann.“ John Effingham ließ ſich ſo ſelten auf Complimente ein, daß ſeine freundlichen Aeußerungen gewöhnlich doppeltes Gewicht ge⸗ wannen, und Mr. Sharp erkannte die Höflichkeit mit erfreuteren Gefühlen an, als er ſich vielleicht ſelbſt zugeſtehen mochte. John konnte nur durch Eva oder ihren Vater Kunde über ihn haben, und wenn von dieſer Seite her günſtige Aeußerungen über ihn gefallen waren, ſo mußte er ſich zu doppeltem Danke verpflichtet fühlen. Ja, er glaubte ſogar, in dem leichten Roth, welches das Antlitz der Tochter überſtog, eine Art beſchämten Zugeſtändniſſes zu leſen, welches die Hoffnung in ihm weckte, daß ſogar die Letztere ihn der Erinnerung nicht unwürdig halte; denn die des Mr. Ef⸗ fingham konnte ihn nur wenig kümmern, wenn ſie ſich nicht auch auf Eva überpflanzte. 13 „Dieſe Perſon, die es ſo gut mit mir meint, daß ſie mir die Mühe abnimmt, meinen eigenen Namen zu tragen,“ entgegnete Mr. Sharp,„muß wohl keine ſonderlichen Anſprüche machen kön⸗ nen, da ſie ſonſt nach Höherem geſtrebt haben würde. Ich ver⸗ muthe, daß er nur ein Exemplar aus dem einfältigen Haufen mei⸗ 5²⁵ ner jungen Landsleute iſt, die man überall in Poſtkutſchen und Paketſchiffen trifft, wo ſie vor ihren weniger ehrgeizigen Neben⸗ menſchen, ſo lange es gehen will, mit anmaßender Dreiſtigkeit ſchwadroniren.“ „Aber doch ſcheint der Mann nicht übel zu ſeyn, wenn man ſeine Thorheit, ‚unter falſchen Farben ſegeln zu wollen,“ wie es unſer würdiger Kapitän nennen würde, abrechnet.“ „Eine Thorheit, Vetter Jack,“ verſetzte Eva mit lachenden Augen, obſchon ihr ſchoͤnes Antlitz die vollkommenſte Geſetztheit behauptete—„die er mit ſo vielen Andern gemein hat 12 „Sehr richtig, obſchon ich vermuthe, daß er, um ſie zu be⸗ gehen, hinanklimmen mußte, während Andere ſich begnügten, her⸗ abzuſteigen. Der Mann hat ſich geſtern recht gut gehalten und im Kampfe ſowohl Feſtigkeit als Muth bekundet.“ „Ich vergebe ihm den Umſtand, daß er mir meinen Namen ſtahl,“ entgegnete Mr. Sharp,„weil er ſich bei dieſer Gelegen⸗ heit ausgezeichnet hat, und möchte ihm aus dem Grunde meines Herzens wünſchen, daß die Beduinen weniger Vorliebe zu ſeinen Raritäten an den Tag gelegt hätten. Sie müſſen übrigens oft in große Verlegenheit gerathen, wenn ſie gerne wiſſen möchten, wozu die eine oder die andere ihrer Priſen gebraucht werden könne— zum Beiſpiel der Knopfhacken, das Schuhhorn, das Meſſer mit zwanzig Klingen und andere Gegenſtände, die auf eine weit vorge⸗ ſchrittene Civiliſation hindeuten.“ „Ihr habt noch nicht davon geſprochen, wie es Euch ergangen iſt, Mr. Powis,“ fügte Mr. Effingham bei.„Hoffentlich ſeyd Ihr ſo gut weggekommen, wie die Meiſten von uns, obſchon Ihr am ſchlimmſten im Nachtheile ſeyn müßtet, wenn die Berbern bei der Heimſuchung ihrer Feinde den Schaden, welchen ſie von ihnen erlitten, zur Richtſchnur hätten machen wollen.“ „Mein Verluſt iſt nicht von ſonderlichem Geldwerth, aber doch für mich unerſetzlich,“ entgegnete Paul in wehmüthigem Tone. 526 Das allgemeine Intereſſe bekundete ſich in Blicken der Theil⸗ nahme; denn da er wirklich traurig zu ſeyn ſchien, ſo gaben die Zuhörer der geheimen Beſorgniß Raum, ſein Verluſt dürfte ſogar größer ſeyn, als ſeine Worte zu vermuthen Grund gäben. Als der junge Mann die Neugier bemerkte, die er geweckt hatte und die nur aus Höflichkeit unterdrückt wurde, ſo fügte er bei: „Ich vermiſſe ein Miniaturbild, das für mich von unſchätzba⸗ rem Werthe iſt.“ Eva's Herz pochte, während ihre Augen den Teppich ſuchten. Die Andern ſchienen verwundert, und nach einer kurzen Pauſe be⸗ merkte Mr. Sharp— „Ein Gemälde wird um ſeiner ſelbſt willen unter einem ſo barbariſchen Volke kaum in Anſchlag kommen; war es vielleicht koſtbar gefaßt?“ „Die Faſſung war allerdings von Gold und nicht ohne Kunſt gearbeitet. Uebrigens wurde es wahrſcheinlich mehr als eine Merk⸗ würdigkeit, als wegen ſeines wahren Werthes mitgenommen, ob⸗ ſchon, wie ich eben bemerkte, der Montauk ſelbſt mir kaum wich⸗ tiger— jedenfalls nicht ſo theuer ſeyn könnte.“ „Viele kleinere Gegenſtände ſind blos verlegt worden,“ ſagte John Effingham.„Die Berbern griffen ſie aus Neugierde oder Gedankenloſigkeit auf, um ſie, wenn ihnen etwas Anderes in den Sinn kam, wieder wegzuwerfen. So wurden unterſchiedliche Stücke meiner Habſeligkeiten in der Kajüte umher geſtreut, und wie ich höre, haben allerlei Anzugsartikel der Damen ihren Weg nach den Staatsgemächern der andern Kajüte gefunden. Namentlich wurde eine Schlafhaube von Mademoiſelle Viefville in Kapitän Trucks Zimmer entdeckt, und der wackere Seemann erklärte ſie unverweilt für herrenloſes Gut, das dem Finder gehöre. Da er nie eine der⸗ artige Kopfbedeckung trägt, ſo wird er wohl genöthigt ſeyn, ſie zu⸗ nächſt an ſeinem Herzen aufzubewahren. Am Ende muß er ſie gar in eine Freiheitsmütze umwandeln.“ 527 „Ciel!“ entgegnete die Gouvernante mit Gelaſſenheit,„wenn der vortreffliche Kapitän uns wohlbehalten nach New⸗York bringen will, ſo ſoll ihm die Priſe gegönnt ſeyn de tout mon coeur; c'est un homme brave, et c'est un brave homme à sa façon.“ „In dieſer Angelegenheit ſind alſo bereits zwei Herzen be⸗ theiligt, und Niemand kann die Folgen voraus ſehen; aber habt die Güte,“ fügte er gegen Paul bei,„uns das Portrait zu ſchildern, denn es befinden ſich deren viele in dem Schiffe, und das Eurige iſt nicht das einzige, welches verlegt wurde.“ „Es war das Bild einer Dame— und zwar einer Dame, die, wie ich glaube, um ihrer Schönheit willen auffallen dürfte.“ Eva fühlte einen Stich durchs Herz. „Wenn es das Portrait einer ältlichen Dame iſt, Sir,“ ergriff Anna Sidley das Wort,„ſo iſt's vielleicht daſſelbe, welches ich in Miß Evas Zimmer fand. Ich wollte es Kapitän Truck geben, da⸗ mit es wieder in die Hände des rechtmäßigen Eigenthüͤmers komme.“ Paul nahm das Bild hin und betrachtete es einen Moment mit Kälte, worauf er es Anna wieder zurück gab. „Mein Portrait iſt das eines Frauenzimmers unter Zwan⸗ zig,“ ſagte er, beim Sprechen erröthend,„und hat durchaus keine Aehnlichkeit mit dieſem.“ Es bereitete Eva eine ſchmerzliche Demüthigung, als ſie füh⸗ len mußte, wie und in welcher Ausdehnung ſie ſich für Paul Po⸗ wis intereſſirte. Bei allen früheren Anläſſen, in welchen ihre Ge⸗ fühle lebhaft zu ſeinen Gunſten angeregt wurden, war es ihr ge⸗ lungen, ſich über die Beweggründe zu täuſchen; aber jetzt empfand ſie die Wahrheit in jener gewaltigen Weiſe, die kein gefühlvolles Herz mißverſtehen kann. Niemand hatte das Portrait geſehen, obſchon Alle die Aufre⸗ gung bemerkten, mit welcher Paul davon geſprochen hatte; als natürliche Folge erwachte daher in der ganzen Geſellſchaft der ge⸗ 528 heime Wunſch, in Betreff des Bildniſſes die näheren Verhält⸗ niſſe zu kennen. „Die Beduinen ſcheinen dieſelbe Vorliebe für die ſchönen Künſte zu haben, durch welche ſich die Bevölkerung der gleich Pil⸗ zen aufgeſchoſſenen amerikaniſchen Städte auszeichnet,“ ſagte John Effingham.„Man läuft den Portraits nach, welche bewundert werden, ſo lange der Reiz der Neuheit währt, und hängt ſie dann an den erſten beſten Ort auf, wo ſich ein Nagel für ſie bietet.“ „Du haſt doch alle Deine Miniaturbilder noch, Eva?“ fragte Mr. Effingham mit Theilnahme; denn es befand ſich ein Portrait ihrer Mutter darunter, welches er ihr nur aus väterlicher Zärtlich⸗ keit abgetreten hatte, und es würde ihm tiefen Schmerz bereitet haben, wenn er hätte die Entdeckung machen müſſen, daß es ab⸗ handen gekommen ſey, obſchon ſein Vetter, ohne daß er darum wußte, eine Copie des Bildes beſaß. „Sie ſind mit den Juwelen im Gepäckraume, theuerſter Vater, und deßhalb natürlich nicht angetaſtet. Wir dürfen uns freuen, daß unſre vorübergehenden Bedürfniſſe ſich nicht über das erſtrecken, was unſere Bequemlichkeit fordert, und zum Glücke ſind dieſe Hülfsmittel nicht von der Art, daß ſie von den Barbaren ſonderlich geſchätzt wer⸗ den könnten. Gefallſucht und der Aufenthalt in einem Schiffe paſſen nur wenig zuſammen; Mademoiſelle Viefville und ich haben daher nicht viel zur Schau ausgeſtellt, was die Räuber hätte verlocken können.“ Als Eva dies ſprach, wandten ihr die beiden jungen Männer unwillkührlich die Augen zu, bei ſich ſelbſt denkend, daß ein ſo ſchö⸗ nes Weſen der gemeinen Beihülſe künſtlichen Schmuckes nicht be⸗ dürfe. Sie war in dunkelfarbigen franzöſiſchen Ziz gekleidet, wel⸗ chen das Kammermädchen ihrem Körper in einer Weiſe angepaßt hatte, wie es vielleicht nur eine Franzöſin zu thun vermag, indem ihre ſchmalen Schultern, die ſchön geformte Büſte und der ſchlanke Leib ihre ganze Vollkommenheit in beſcheidenen Umriſſen blicken ließen. Der Anzug hielt jene Mittelſtufe zwiſchen der Mode und 529 ihren Uebertreibungen, welche ſtets einen feinen Geſchmack und viel⸗ leicht auch einen gebildeten Geiſt verräth, indem ſie weder einer⸗ ſeits gegen die Sitte noch andererſeits gegen die Selbſtachtung und eine züchtige Würdigung der Schönheit verſtößt. In der That zeichnete ſich Eva durch jenes wichtige Merkmal einer gebildeten Dame— durch eine einſichtsvoll gewählte Toilette aus, die ſich von aller Ueberſpanntheit und Carrikatur fern hielt, indem darin nur auf Bequemlichkeit, Ebenmaß und zierliche Einfachheit Rück⸗ ſicht genommen war. Dieß verdankte ſie vielleicht großentheils ihrem natürlichen Geſchmacke, während der leichte Anflug des Mo⸗ diſchen und der hohe Ton einer Dame von Welt, welche ſich in ihrer Perſon und Haltung bemerklich machten, Früchte eines ver⸗ trauten Verkehrs mit der beſten Geſellſchaft waren, welche die Hälfte der europäiſchen Hauptſtädte bieten konnte. Die jedem unverheiratheten Frauenzimmer ziemende Beſcheidenheit und die Ge⸗ bräuche eines Welttheils, in welchem ſie ſo lange geweilt, hatten ſie in Vereinigung mit ihrem eigenen Anſtandsgefühle die Würde eines einfachen Auftretens kennen gelehrt, obſchon unter dieſer ſchmucklo⸗ ſen Hülle unwillkührlich höhere Eigenſchaften durchleuchteten. Die kleine Hand, der ſchöne, fein gebaute Fuß, der nur gelegentlich unter den Falten ihres Gewandes zum Vorſchein kam— Beides ſchien ausdrücklich dazu geſchaffen zu ſeyn, um die Anordnungen eines in jeder Weiſe weiblich zarten und gewinnenden Geſchmackes zu heben. „Es gehört mit unter die geheimnißvollen, großartigen Plane der Vorſehung,“ ſagte John Effingham abgebrochen,„daß es Men⸗ ſchen in ſo himmelweit verſchiedenen Lagen geben kann, während doch eine gemeinſame Natur zu Grund liegt, obſchon ſie ſo bildſam iſt, daß ſie durch die Umſtände den mannigfaltigſten Wechſel erlei⸗ det. Es gereicht dem Menſchen faſt zur Demüthigung, ſich als Menſchen zu ſehen, wenn er Geſchöpfe, wie dieſe Beduinen, zu ſei⸗ nes Gleichen rechnen ſoll.“ „Ungeachtet Eurer Abneigung gegen dieſe Blutsverwandtſchaft, Die Heimkehr. 34 5³3⁰0 Better Jack, können doch die unterrichtetſten und gebildetſten Perſonen gerade aus dieſer Identität der Natur eine nützliche Lehre ziehen,“ verſetzte Eva, welche ſich zuſammennahm, um Gefühle zu überwältigen, die ihr ſchwach und mädchenhaft zu ſeyn ſchienen. „Wenn wir ſehen, was wir ſeyn könnten, ſo fuhlen wir zugleich eine Mahnung zur Demuth; oder erwägen wir den Unterſchied, der in der Erziehung begründet iſt,— ergiebt ſich uns darin nicht eine Ermuthigung beharrlich zu bleiben, um ſogar noch Höheres zu erreichen?“. „Die Erde iſt nur eine Kugel— und noch obendrein eine un⸗ bedeutende Kugel, wenn man ſie mit den Kräften des Menſchen vergleicht,“ fuhr John fort.„Wie viele Seefahrer haben ſie nicht ſchon umkreiſt— vielleicht auch Ihr, Sir, obſchon Ihr noch ſo jung ſeyd,“ er wandte ſich dabei an Paul, der eine Verbeugung machte;„und dennoch, welche wunderbare Abwechſelung der Form, der Ausbildung, der Geſetze und ſogar der Farbe finden wir nicht in dieſen engen Grenzen, während ſich außerdem überall Punkte der auffallendſten Verwandtſchaft kund geben.“ „So weit mich meine beſchränkte Erfahrung zu einem Urtheil befähigt,“ bemerkte Paul,„ſo habe ich nicht nur überall dieſelbe Natur, ſondern auch einen gemeinſam eingebornen Rechtsſinn ge⸗ funden, der ſogar in Mitte der wildeſten Gewaltſcenen oder in den zügelloſeſten Ausbrüchen der Leidenſchaft durch die thieriſchen Züge des Weſens durchblickt. Die Rechte des Eigenthums zum Beiſpiel werden überall anerkannt, und ſogar der Elende, welcher ſtiehlt, ſo oft er immer kann, iſt ſich augenſch einlich ſeines Verbrechens be⸗ wußt, weil er es heimlich thut und ſich vor Beobachtung ſcheut. Alle Menſchen ſcheinen dieſelben allgemeinen Anſichten von natür⸗ licher Gerechtigkeit zu haben, die nur durch politiſche Syſteme, un⸗ widerſtehliche Verſuchungen, drücken den Mangel oder widerſtreitende Intereſſen in den Hintergrund gedrängt werden.“ —— 2 2T½ 531 „Dennoch findet man regelmäßig, daß der Menſch allenthalben den Schwächeren unterdrückt.“ „Wohl wahr; aber er bekundet zugleich das Bewußtſeyn dieſes Unrechts mittelbar oder unmittelbar. So zeigt ſich zum Beiſpiel die Thatſache, daß Einer die Größe ſeines Verbrechens empfindet, in der Art, wie er es zu beſchönigen ſucht. Was übrigens un⸗ ſere Feinde, die Beduinen betrifft, ſo kann ich nicht ſagen, daß ich, ſelbſt im hitzigſten Kampfe mit ihnen eine Erregung des Haſſes empfand, denn ihre Gewohnheiten haben ihr Verfahren geſetzlich gemacht.“ „Wie ich höre,“ unterbrach ihn Mr. Effingham,„hatte man es nur Eurer Geiſtesgegenwart und Feſtigkeit zu danken, daß nicht viel mehr Blut unnöthigerweiſe vergoſſen wurde.“ „Es dürfte ſehr in Frage ſtehen,“ fuhr Paul fort, indem er dieſes Compliment nur mit einer leichten Verbeugung erwiederte, „ob nicht auch ein civiliſirtes Volk im Hinblick auf den Gewinn ein Recht zu haben ſich eingeredet hätte, Handlungen zu begehen, welche in ebenſo großem Widerſpruch ſtehen mit der natürlichen Ge⸗ rechtigkeit, wie das Benehmen dieſer. Barbaren. Vielleicht gibt es keine Nation, welcher nicht mehr oder minder der Vorwurf ge⸗ macht werden könnte, ſie habe ſich durch ihre Politik ſchon zu Schritten verleiten laſſen, die an ſich mehr zu rechtfertigen waren, als das Raubſyſtem der Beduinen.“ „Schlagt Ihr die Rechte der Gaſtfreundſchaft für Nichts an?“ „Werft einen Blick auf Frankreich— zeichnen ſich die Franzoſen, wenigſtens unter ihren gegenwärtigen Beherrſchern, nicht durch feine Bildung aus? Aber es iſt noch nicht lange her, daß die Habe des Fremden, welcher auf ihrem Gebiete ſtarb, einem Monarchen zuſiel, der in Ueppigkeit ſchwelgte. Vergleichen wir nun dieſes Geſetz mit den Verträgen, welche Fremde einladen, ſich nach dem Lande zu begeben, und die Bedürfniſſe des Monarchen, der ſolche Raubgier an den Tag legte, mit der Lage der Berbern, denen 5³² wir eben erſt entronnen ſind— bringen wir dazu noch die Größe der Verſuchung in Anſchlag, ſo ſehe ich nicht ein, welchen Vor⸗ zugs ſich die Chriſten zu rühmen hätten. Von dem Schickſal ſchiff⸗ brüchiger Seeleute weiß übrigens die ganze Welt zu reden, und man hört von Plünderungen, im Nothfalle ſogar von Mordthaten, die, wenn ſich eine Gelegenheit dazu bot, in Ländern vorgekommen ſind, welche in der Civiliſation große Fortſchritte gemacht haben.“ „Ihr gebt ein ſchreckliches Bild von der Menſchheit,“ ent⸗ gegnete Eva ſchaudernd;„ich hoffe übrigens, daß dieſe Beſchul⸗ digung nicht mit Recht gegen Amerika vorgebracht werden kann.“ „Dies ſteht ſehr in Frage. Amerika beſitzt allerdings viele Vortheile, welche eine Verlockung zum Verbrechen ſchwächen, iſt aber nichts weniger als vollkommen. Manchen Küſtenbewohnern macht man den Vorwurf, ſie hätten zu der altengliſchen Praxis ihre Zuflucht genommen und falſche Lichter gezeigt, um Schiffe irre zu führen und an den Geſtrandeten grauſame Beraubungen zu be⸗ gehen. Ich glaube, es wohnt aller Orten dem Menſchen die Nei⸗ gung inne, einen bedrängten Nächſten die Laſt des Unglücks am ſchwerſten empfinden zu laſſen. Sogar der Sarg, in welchem wir einen Freund beerdigen, muß theurer bezahlt werden, als jedes andere Stück Arbeit von gleichem Aufwand an Mühe und Material.“ „Dies iſt ein düſteres Gemälde von der Menſchheit, zumal, wenn es von einem ſo jungen Manne entworfen wird,“ entgegnete Mr. Effingham mit Milde. „Ich glaube, es iſt wahr. Freilich zeigen nicht alle Menſchen ihre Selbſtſucht und Wildheit in derſelben Weiſe, und es gibt auch einige, die völlig davon freizuſprechen ſind. Was Amerika betrifft, Miß Effingham, ſo verwickelt es ſich immer tiefer in Laſter, die ihm ſelbſt und ſeinem Syſtem eigenthümlich ſind— in Laſter, die wie ich glaube, es in Bälde zu dem gemeinſamen Niveau herab⸗ ziehen müſſen, obſchon ich in meinem Vorwurfe nicht ganz ſo weit gehen möchte, wie einige Landsleute der Mademoiſelle Vieſville.“ 5³³ „Und worin mögen ihre Vorwürfe beſtehen 2u fragte die Gou⸗ vernante haſtig in engliſcher Sprache. „Sie erklären die amerikaniſche Nation für pourrie avant d'etre müre. Müre kann Amerika noch lange nicht genannt werden; indeß bin ich doch nicht geneigt, es für ganz pourrie zu halten.“ „Wir hatten uns geſchmeichelt,“ ſagte Eva etwas vorwurfs⸗ voll,„in Mr. Powis endlich einen Landsmann gefunden zu haben.“ „Und wie könnte dies einen Einfluß auf die Frage üben? Oder behauptet Ihr, ein Amerikaner vergebe ſeinem Nationalcha⸗ racter etwas, wenn er nicht blind wird gegen die Gebrechen ſeines Landes, wie groß ſie auch ſeyn mögen?“ „Wäͤre es edel von einem Kinde, ſich von dem Vater abzu⸗ wenden, wenn er von allen andern angegriffen wird?“ „Ihr ſtellt den Fall ſinnreich, aber doch kaum richtig. Der Vater hat die Pflicht, das Kind zu erziehen und an ſeiner Ver⸗ edelung zu arheiten, während es dem Bürger zukommt, den Cha⸗ racter ſeines Landes umzubilden und zu verbeſſern. Wie kann aber Letzteres geſchehen, wenn man ſich blos in Lobſprüchen er⸗ geht? Gegen Fremde ſollte man ſich allerdings nicht zu frei über die Mängel des Vaterlandes auslaſſen, wie liberal man auch unter den Liberalen zu ſeyn wünſcht, denn der Fremdling kann dem Uebel keine Abhülfe leiſten; gegen Landsleute aber über Gebrechen Still⸗ ſchweigen zu beobachten, iſt nicht nur unnütz, ſondern ſogar ge⸗ fährlich. Meiner Anſicht nach ſollte vor allen Andern der Ameri⸗ kaner zuerſt dreiſt die gewöhnlichen Laſter der Nation rügen, weil er mit unter diejenigen gehört, welche, den ſtaatlichen Einrichtungen zufolge, die Macht haben, Heilmittel anzuwenden.“ „Ich denke übrigens— oder ich ſollte vielmehr ſagen, mein Gefühl flüſtert mir zu, Amerika müſſe doch eine Ausnahme bil⸗ den, da alle anderen Nationen darüber lachen, es verſpotten— mit einem Worte, ihm abgeneigt ſind. Ihr werdet dies ſelbſt zu⸗ geben, Sir George Templemore?“ 534 „Keineswegs. Ich bin der Anſicht, daß in England eben jetzt Amerika beſonders geachtet wird.“ Eva erhob wie im Staunen ihre hübſchen Händchen, und ſo⸗ gar Mademoiſelle Vieſville zuckte ungeachtet ihres guten Tones und ihrer ſonſtigen Zurückhaltung merklich die Achſeln. „Sir George meint wahrſcheinlich ſeine Grafſchaft,“ bemerkte John Effingham trocken. „Vielleicht käme man zu einem beſſeren Verſtändniſſe,“ ſagte Paul ruhig,„wenn Sir George Templemore ſich herablaſſen wollte, auf Einzelnheiten einzugehen. Er gehört ſelbſt zur liberalen Schule und kann als ein zuverläßiger Zeuge betrachtet werden.“ „Ich werde mich wohl gegen ein Kreuzverhör über einen ſol⸗ chen Gegenſtand verwahren müſſen,“ entgegnete der Baronet lachend; „und zuverläßig wird meine einfache Erklärung genügen. Viel⸗ leicht betrachten wir noch immer die Amerikaner als tant soit peu Rebellen; aber dies iſt eine Anſicht, die bald völlig aufhören wird.“ „Gerade in dieſem Punkte laſſen, wie ich glaube, freiſinnige Englaͤnder Amerika gewöhnlich alle Gerechtigkeit widerfahren; aber es gibt noch andere, in denen ſie ihre National⸗Abneigung kund geben. England glaubt, daß Amerika feindſelige Geſinnungen hege, und wie Liebe Liebe erzeugt, ſo ruft auch Abneigung die Abneigung hervor.“ „Dies ſieht wenigſtens einigermaßen darnach aus, als ob die Wahrheit der Beſchuldigung zugeſtanden werden wolle, Miß Ef⸗ fingham,“ ſagte John Efſingham lächelnd,„und wir können den Angeklagten entlaſſen. Es iſt ſeltſam genug, daß England Ame⸗ rika als rebelliſch betrachtet— denn von dieſem Geſichtspunkte aus betrachten in der That viele Engländer unſere Stellung— wäh⸗ rend in Wahrheit England ſelbſt der Rebell war, und dies noch obendrein in Beziehung auf dieſelben Fragen, welche die amerika⸗ niſche Revolution hervorriefen.“ „Dies iſt mir etwas ganz Neues,“ verſetzte Sir George, 5³⁵ „und ich geſtehe, daß ich gerne horen moͤchte, wie Ihr dies zu be⸗ weiſen gedenkt.“ John Effingham ſäumte nicht, die Sache zu weiterer Eroͤr⸗ terung zu bringen. „Zuvoͤrderſt müßt Ihr von Stand und Namen abſehen,“ ſagte er,„und nur Dinge und Thatſachen in's Auge faſſen. Bei der Coloniſation von Amerika wurde entweder durch Freibriefe oder organiſche Geſetze ein Vertrag geſchloſſen, vermöge deſſen die Ge⸗ biete beſtimmte Rechte hatten, während ſie ihrerſeits dem König zur Treue verpflichtet waren. Aber in jener Zeit war der engliſche Monarch wirklich ein Koͤnig. Er bediente ſich zum Beiſpiel in der Geſetzgebung ſeines Vetos und übte anderweitig ſeine Vorrechte, indem er weit mehr Einfluß auf das Parlament, als das Parla⸗ ment auf ihn übte. Bei einem ſolchen Zuſtande der Dinge läßt ſich wohl denken, daß Länder, die durch ein Meer von einander ge⸗ trennt ſind, nach gleichem Maßſtabe der Billigkeit beherrſcht wer⸗ den können, wenn der gemeinſchaftliche Monarch gleiche väterliche Zuneigung gegen alle ſeine unterthanen hegt. Vielleicht kann ihn die Entfernung ſogar noch ſorgſamer für die Intereſſen derjenigen machen, welche nicht anweſend ſind, um ſich ſelbſt zu ſchützen.“ „Ihr behandelt den Fall wenigſtens aus einem loyalen Ge⸗ ſichtspunct,“ verſetzte Sir George, als Mr. John Effingham einen Augenblick inne hielt. „Dies iſt eben das Licht, in welchem ich ihn darzuſtellen wünſche. Der Umfang der Gewalt, welche das Parlament über die Colonien anſprach, war ein beſtrittener Punct; aber ich bin ſogar geneigt, einzuräumen, daß dem Parlament alle Gewalt zuſtehe.“ „Wenn Ihr dies thut, ſo fürchte ich, daß Ihr auch alle Folge⸗ ſätze einraͤumen müßt,“ ſagte Mr. Effingham. „Ich glaube nicht. Das Parlament herrſchte unter den Stuarts unbedingt— und— wenn Ihr ſo wollt— auch geſetzlich über die Colonien; aber die Engländer emporten ſich gegen dieſe Stuarts, 5³6 entthronten ſie und verliehen die Krone einer ganz neuen Familie, die nur in ſehr entfernter Beziehung zu der bisher herrſchenden Linie ſtand. Hiemit noch nicht zufrieden, ſchmälerten ſie auch das königliche Anſehen, und der Fürſt, von dem man mit Recht hätte erwarten können, daß er für alle ſeine Unterthanen ein gleiches Intereſſe fühlte, wurde ein bloßes Werkzeug in den Händen einer Körperſchaft, die eigentlich nur ſich ſelbſt repräſentirte und in Wahr⸗ heit ſogar der Theorie nach ein bloßes Bruchſtück des Reiches war. So wurde die Ueberwachung der Colonial⸗Intereſſen von dem Herr⸗ ſcher auf einen Theil ſeines Volks übertragen, und zwar nur auf einen kleinen Theil. Amerika ſtand nicht länger unter der Herr⸗ ſchaft eines Fürſten, der väterliche Sorge trug für alle ſeine Unter⸗ thanen, ſondern unter der Gewalt einer Clique, die ſelbſt aus Unterthanen gebildet war und kein anderes Intereſſe kannte, als das eigene.“ „Und haben die Amerikaner dieſen Grund für ihre Empörung vorgebracht?“ fragte Sir George.„Er klingt mir neu.“ „Sie erhoben nicht ſowohl uber die Urſachen, als vielmehr über die Folgen Beſchwerde. Als ſie fanden, daß die Geſetzgebung hauptſaͤchlich die Intereſſen Englands in's Auge faßte, wurden ſie unruhig und griffen zu den Waffen, ohne ſich mit einer Zergliede⸗ rung der Urſachen aufzuhalten. Man umhüllte ſie wahrſcheinlich zu viel mit dem Blendwerke hochgeſtellter Namen, als daß man die eigentliche Wahrheit hätte ſehen können, obſchon die Beweg⸗ gründe da und dort edel genug hervorleuchteten.“. „Ich habe die Sache nie in ſo kräftigen Zügen entwickeln hören,“ rief Mr. Effingham;„und doch glaube ich, daß dieſe Auf⸗ faſſung die geeigneteſte iſt, um das Princip des Streites anſchau⸗ lich zu machen.“ „Es iſt außerordentlich, wie ſehr uns die Vaterlandsliebe blen⸗ den kann,“ bemerkte Sir George lachend.„Ich geſtehe, Powis“— die kürzlichen Ereigniſſe hatten eine innige Vertraulichkeit und auf⸗ 537 richtige Zuneigung zwiſchen den beiden jungen Männern hervorge⸗ rufen—„daß ich hier einer näheren Erklärung bedarf.“ „Ihr könnt Euch doch einen Monarchen denken,“ fuhr John Effingham fort,„der eine ausgedehnte und wirkſame Gewalt beſitzt?“ „Ohne Zweifel; nichts kann klarer ſeyn, als dies.“ „Laßt nun dieſen Monarchen in die Hände eines Häufleins ſeiner Unterthanen gerathen, welche ſein Anſehen zu einem bloßen Namen herabwürdigen, es in ihrem eigenen Intereſſe mißbrauchen und ihm kein freies Wirken mehr geſtatten, obgleich er zu Allem ſeine Unterſchrift hergeben muß.“ „Auch dies läßt ſich leicht denken.“ „Die Geſchichte iſt voll von derartigen Beiſpielen. Ein Theil der Unterthanen will ſich durch einen ſolchen Betrug nicht bethören laſſen und empört ſich dem Namen nach gegen den Monarchen, in der That aber nur gegen ein ſchnödes Ränkeſpiel. Wo ſind nun die eigentlichen Rebellen? Der Name macht nichts aus. Hider Ali ſetzte ſich nie in Gegenwart des Fürſten, den er abgeſetzt hatte, obgleich er ihn lebenslänglich gefangen hielt.“ „Aber hat nicht Amerika in die Entthronung der Stuarts ge⸗ willigt?“ fragte Eva, in welcher die Liebe zum Recht ſogar die zum Vaterland überwog. „Ohne Zweifel, obſchon es weder alle Reſultate vorausſah, noch ſich zu denſelben bekannte. Wahrſcheinlich wußten die Eng⸗ länder ſelbſt nicht die Folgen ihrer eigenen Revolution zu würdigen; denn England ſteht jetzt faſt in Waffen gegen die Wirkungen, die aus der eben beſprochenen Umwandlung der königlichen Gewalt floſſen. In England brachte ſie einen Theil der höheren Claſſen auf Koſten der ganzen übrigen Nation in den Beſitz der Macht, und Amerika ſollte ſich, ſtatt von einem Fürſten, der zu ſeinen Colonien dieſelbe Beziehung hatte, wie zu allen ſeinen übrigen Unterthanen, von Leuten beherrſchen laſſen, die ihm fremd waren. Die letzte engliſche Reform iſt eine friedlich durchgeführte Revolu⸗ 538 tion, und Amerika würde mit Freuden etwas Aehnliches gethan haben, wenn es ſich durch bloße Congreßakten der nachtheiligen Folgen hätte erwehren können. Der ganze Unterſchied beſteht alſo nur darin, daß Amerika, durch eigenthümliche Umſtände gedrängt, Eng⸗ land um ſechszig Jahre in der Empörung voranging und ſich gegen eine angemaßte Gewalt erhob, nicht aber gegen den geſetzlichen Monarchen oder den Souverain ſelbſt.“ „Ich geſtehe, daß mir dieſe Anſichten vollkommen neu ſind,“ rief Sir George. „Ich habe Euch geſagt, Sir George Templemore, daß Ihr viele neue Ideen hören werdet, wenn Ihr lange genug in Amerika bleibt. Ihr ſeyd zu verſtändig, als daß Ihr blos deshalb durch das Land reiſen könntet, um kleinliche Ausnahmen aufzuſuchen, die vielleicht dazu dienen, Euren ariſtokratiſchen Vorurtheilen— oder Anſichten, wenn Ihr lieber wollt,— eine Stütze zu bieten. Nein, ich weiß, daß Ihr geneigt ſeyn werdet, eine Nation nicht nach vorge⸗ faßten Meinungen, ſondern nach ſichtbaren Thatſachen zu beurtheilen.“ „Wie ich höoͤre, ſpricht ſich in Amerika eine ſtarke Hinneigung zur Ariſtokratie aus; wenigſtens lauten ſo die Berichte der meiſten europäiſchen Reiſenden.“ „Dieſe Berichte ſtammen von Menſchen, welche die Bedeutung ihrer Worte nicht gehörig erwägen. Es iſt allerdings wahr, daß es der Geſinnung nach in Amerika wirkliche Ariſtokraten giebt, wie man auch einige Monarchiſten oder ſolche, die ſich für Monarchiſten halten, findet.“ „Kann ſich ein Menſch in einem ſolchen Puncte täuſchen?“ „Nichts iſt leichter. Wer zum Beiſpiel einen bloßen Namen⸗ könig will, iſt kein Monarchiſt, ſondern ein Träumer, welcher Namen mit Sachen verwechſelt.“ 4 „Ich ſehe, Ihr ſeyd nicht geneigt, die Nothwendigkeit eines Gleichgewichts im Staate anzuerkennen.“ 1 „Ich behaupte, daß in jedem Gouvernement eine überwiegende — 539 Autorität ſtattfinden müſſe, von der es ſeinen Character ableitet, und iſt dieſe nicht die des Königs, ſo kann die Regierungsform keine wirkliche Monarchie genannt werden, mögen die Geſetze in was immer für einem Namen verwaltet werden. Wenn man ein Götzenbild Jupiter nennt, ſo verwandelt man es dadurch nicht in einen Gott, und ich zweifle ſehr, ob es im gegenwärtigen Augen⸗ blicke durch das ganze engliſche Reich auch nur einen einzigen wahren Monarchiſten gibt. Diejenigen, welche am lauteſten nach dem Königthum ſchreien, kommen mir als die ungezügeltſten Ari⸗ ſtokraten vor, und ein eigentlicher Ariſtokrat im politiſchen Sinne des Worts iſt in der That und war von jeher der thätigſte Feind der Könige.“ „Aber wir betrachten die Unterthanentreue gegen den Monar⸗ chen als eine Anhänglichkeit an das Syſtem.“ 3 „Dies iſt wieder etwas Anderes; denn hierin mögt Ihr Recht genug haben, obſchon in den Ausdrücken ein Doppelſinn liegt.“ „Sir— Gentlemen— Mr. John Effingham, Sir,“ fiel jetzt Saunders ein,„Mr. Monday wacht und iſt ſo gar conwales⸗ cent, daß ich fürchte, er wird nicht mehr lang leben. Das Schiff ſelbſt iſt nicht ſo conwertirt durch dieſe neuen Spieren, als Mr. Monday ſeit ſeinem Einſchlafen.“ „Ich fürchtete dies,“ bemerkte John Effingham, indem er ſich von ſeinem Sitze erhob.„Setzt den Kapitän Truck davon in Kennt⸗ niß, Steward, denn er hat verlangt, man ſolle nach ihm ſchicken, wenn es zu einer Criſis komme.“ Er verließ ſodann die Kajüte und die Geſellſchaft wunderte ſich, wie ſie die Lage eines ihrer Reiſegefährten ſo ganz hatte vergeſſen können, wie verſchieden er auch vermöge ſeiner Anſichten und ſeines Characters von ihnen ſeyn mochte. Sie zeigten übri⸗ gens hierin blos den gemeinſchaftlichen Zug, der ſich in der ganzen großen Menſchenfamilie ausſpricht; denn man vergißt ſo gerne die 540 Leiden derer, welche das Ich nicht nahe genug berühren, um un⸗ mittelbar das Gefühl anzuregen. Dreißigſtes Kapitel. Wächter, wie ſpät iſt's in der Nacht? Wächter, wie ſpät iſt's in der Nacht? Jeſajah. lr. Monday's Hauptverletzung war eine von jenen Wun⸗ den, welche gewöhnlich den Tod innerhalb achtundvierzig Stunden zur Folge haben. Mit Entſchloſſenheit hatte er den Schmerz er⸗ tragen und bis jetzt noch kein Bewußtſeyn der großen Gefahr an den Tag gelegt, die doch Allen, welche in ſeine Nähe kamen, ſo augenfällig war. Aber jetzt war plötzlich der Nebel von ſeinen Sinnen verſchwunden, ſo daß er, obſchon nur ein mit Vorurtheilen angefüllter Gewohnheitsmenſch, welchem der Lebensgenuß über Alles ging, am Schluſſe ſeines kurzen Daſeyns zu einem unbe⸗ ſtimmten Gefühl ſeiner wahren Stellung in der ſittlichen Welt, wie auch ſeines körperlichen Zuſtandes erwachte. Unter dem erſten Ein⸗ fluſſe einer derartigen Unruhe hatte er nach John Effingham ge⸗ ſchickt, welcher, wie wir bereits geſehen haben, die Weiſung er⸗ theilte, auch den Kapitän Truck herbeizurufen. In Folge der früheren Uebereinkunft erſchienen nun dieſe beiden Gentlemen mit Mr. Leach im gleichen Augenblicke an der Thüre des Staatsge⸗ machs. Da der Raum des letzteren nur klein war, ſo machten ſie unter ſich aus, daß Mr. John Effingham zuerſt eintreten ſollte, weil nach ihm ausdkücklich geſchickt worden war, die Anderen aber zu erſcheinen hätten, wenn es der Verwundete wünſche. „Ich habe meine Bibel mitgebracht, Mr. Leach,“ begann der Kapitän, als er und der Mate allein waren,„denn ein Kapitel iſt das Allerwenigſte, was man einem Kajütenpaſſagier geben kann, obſchon ich ein Bischen verlegen bin, weil ich gerade keine Stelle 86 3S888NER K* N 541 kenne, die beſonders für den Anlaß paßt. Etwas aus dem Buch der Könige dürfte Mr. Monday wahrſcheinlich zuſagen, da er ſo durch und durch königlich geſinnt iſt.“ „Es iſt ſo lange her, ſeit ich das von Euch erwähnte Buch geleſen habe, Sir,“ entgegnete der Mate, indem er eifrig mit ſeinem Uhrenſchlüſſel ſpielte,„daß ich mich nicht getraue, meine Anſicht auszuſprechen. Indeß glaube ich doch, ein Bischen Bibel dürfte ihm gut thun.“ „Es iſt keine leichte Aufgabe, ein Gewiſſen genau zwiſchen Wind und Waſſer zu treffen. Einmal meinte ich, auf mein Schiffs⸗ volk einen rechten Eindruck zu machen, indem ich den Leuten die Geſchichte von Jonas und dem Walfiſch als einen Gegenſtand vor⸗ las, von dem ich hoffte, er werde ihre Aufmerkſamkeit auf ſich ziehen und ihnen die Gefahr zeigen, die wir Seeleute laufen; aber zuletzt mußte ich die Entdeckung machen, daß ſie nichts von einer derartigen Erzählung wiſſen wollten, weil ſie allzu unwahrſcheinlich ſey. Ihr wißt, Leach, ein Matroſe verſchluckt Alles— nur darf man ihm nicht mit einem Fiſchmährlein kommen.“ „Meiner Anſicht nach iſt es immer am beſten, Sir, auf der See bei allen Anreden an das Schiffsvolk die Mirakel aus dem Spiele zu laſſen; denn ich ſah heute Abend einige von den Ma⸗ troſen die Naſe darüber rümpfen, daß das Schiff des heiligen Paulus in einem Sturme vier Anker ausgeworfen hatte.“ „Die heilloſen Spitzbuben ſollten Gott dafür danken, daß ſie nicht in dieſem Augenblicke an Dromedarſchwänze gebunden durch die Wüſte traben müſſen. Hätte ich dies gewußt, Leach, ſo würde ich ihnen den Vers zweimal geleſen haben. Aber Mr. Monday iſt ein ganz anderer Mann und wird auf Vernunft hören. Die Ge⸗ ſchichte von Abſolon zum Beiſpiel iſt ſehr ſchön, und vielleicht wäre auch der Schlachtbericht für einen Mann paſſend, der an den Fol⸗ gen einer Schlacht ſtirbt. Im Ganzen erinnere ich mich übrigens, 542 IW daß mein würdiger alter Vater zu ſagen pflegte, in einem ſolchen Augenblicke müſſe der arme Sünder tüchtig aufgerüttelt werden.“ „Ich glaube, Sir, Mr. Monday iſt, wie die Welt eben geht und ſteht, ein anſtändig geſetzter Mann geweſen; und wenn wir ins Auge faſſen, daß er ein Paſſagier iſt, ſo möchte ich eher zu dem Verſuch rathen, ihn leicht und ohne ſolche methodiſtiſche Sturz⸗ wellen abzulöſen.“ „Ihr habt vielleicht Recht, Leach— Ihr habt vielleicht recht. Thue, wie Du willſt, daß man Dir thue— dies iſt im Grund doch eine goldene Regel. Doch da kömmt Mr. John Effingham, vermuthlich werden wir jetzt eintreten können.“ Die Vermuthung des Kapitäns war richtig geweſen, denn Mr. Monday hatte eben eine Herzſtärkung eingenommen und den Wunſch ausgedrückt, die beiden Offiziere zu ſehen. Das Staats⸗ gemach war ein kleines, reinliches, ſogar ſchön ausgeſtattetes Stüb⸗ chen von ungefähr ſieben Fuß im Geviert und hatte urſprünglich zwei Lagerſtätten beſeſſen, deren obere übrigens John Effingham, ehe er von ſeinem Quartiere Beſitz nahm, durch den Zimmermann abſchlagen ließ, ſo daß Mr. Monday jetzt in dem vormaligen un⸗ teren Bette lag. Hiedurch gewann er eine tiefe Lage, ſo daß ihm ſein Wärter leichter Beiſtand leiſten konnte. Eine mit einem Schirm verſehene Lampe erhellte das Gemach hinreichend, um den Kapitän, als er ſich niederſetzte, den ängſtlichen Ausdruck in dem Auge des Sterbenden wahrnehmen zu laſſen. „Es thut mir leid, Euch in dieſem Zuſtande zu ſehen, Mr. Monday,“ begann Kapitän Truck,„um ſo mehr, da er eine Folge der Tapferkeit iſt, welche Ihr im Kampfe um die Wiedererringung meines Schiffs an den Tag legtet. Von rechtswegen hätte dieſer Unfall einen von den Matroſen des Montauk— oder den Mr. Leach hier oder ſelbſt mich betreffen ſollen.“ Mr. Monday blickte den Sprecher an, als habe der beabſich⸗ tigte Troſt völlig ſeine Wiekung verfehlt und der Kapitän begann —, 2 92unu—* ꝗnmngn„n daN,— ——· e 54⁴3 zu vermuthen, daß er mit ſeinen neuen Dienſtleiſtungen einen ſchwe⸗ ren Stand haben dürfte. Um übrigens Zeit zu gewinnen, drückte er den Ellenbogen in die Seite ſeines Maten, ihm dadurch einen Wink gebend, daß jetzt die Reihe an ihm ſey, etwas zu ſprechen. „Es hätte noch ſchlimmer ausfallen können, Mr. Monday,“ bemerkte Leach, ſeine Haltung in der Weiſe eines Mannes ver⸗ ändernd, deſſen moraliſche und phyſiſche Thätigkeit ſich pari passu entfaltet;„es hätte noch viel ſchlimmer ausfallen können. Ich ſah einmal einen Mann, welcher in den Unterkiefer geſchoſſen wurde und noch vierzehn Tage lebte, ohne auch nur die mindeſte Nahrung zu ſich nehmen zu können!“ Gleichwohl ſah Mr. Monday den Maten mit großen Augen an, als meine er, die Sache hätte nicht viel ſchlimmer werden können. „Dies war in der That ein ſchwerer Fall,“ fügte der Kapi⸗ tän bei;„denn natürlich war es dem armen Teufel unmöglich, ſich ohne Lebensmittel wieder zu erholen.“ „Und auch vom Trinken war keine Rede, Sir. keinen Schluck irgend einer Flüſſigkeit mehr zu ſich von der Zeit ſeiner Verwundung an, bis er den letzten Sturz that, als wir ihn über Bord warfen.“ Vielleicht liegt Wahrheit in dem Sprichworte:„Elend liebt Geſellſchaft,“ denn Mr. Monday's Auge wandte ſich dem Tiſche zu, auf welchem noch immer die Flaſche mit der Herzſtärkung ſtand, von der ihm John Effingham kurz zuvor gegeben hatte, weil er meinte, es ſey von keinem Belang mehr, was der Verwundete genieße. Der Kapitän verſtand den Blick, und da er über den hoffnungsloſen Zuſtand des Patienten die gleiche Anſicht hegte, zugleich aber auch ihm einen freundlichen Troſt bringen wollte, ſo goß er ein kleines Glas ein und ließ es den Kranken austrinken. Die Wirkung war au⸗ genblicklich, denn es ſcheint, der Branntwein, dieſer verrätheriſche Er nahm 544 Freund, biete ſtets in augenblicklichem Behagen einen kläglichen Erſatz für ſo viele nachhaltige Leiden. „Ich fühle mich nicht ſo ſchlimm, Gentlemen,“ entgegnete der Verwundete mit einer Kraft der Stimme, welche die Anweſen⸗ den in Staunen verſetzte.„Es iſt mir beſſer— viel beſſer, und ich bin ſehr erfreut, euch zu ſehen. Kapitän Truck, ich habe die Ehre, auf Eure Geſundheit zu trinken.“ Der Kapitän blickte den Maten an, als ſey er der Meinung, ſie hätten ihren Beſuch um noch vier und zwanzig Stunden verſchieben können; denn ſo viel ſahen Alle ein, daß Mr. Monday nicht mit dem Leben davon kommen konnte. Leach jedoch, welcher einen ge⸗ eigneteren Standort hatte, um das Geſicht des Patienten beobach⸗ ten zu können, flüſterte ſeinem Befehlshaber zu, es handle ſich blos um eine„labbere Kühlte, die keinen Beſtand haben werde.“ „Es iſt mir ſehr lieb, daß ich euch Beide bei mir ſehe, Gent⸗ lemen,“ fuhr Mr. Monday fort.„Ich bitte, langt ſelber zu.“ Der Kapitän änderte jetzt ſeine Taktik; denn da er ſeinen Patienten ſo kräftig und wohlgemuth fand, ſo meinte er, daß Troſtworte in dieſem Augenblicke viel beſſere Aufnahme finden dürften, als vielleicht eine halbe Stunde ſpäter. „Wir ſind Alle ſterblich, Mr. Monday——⸗ „Ja, Sir— wir Alle ſind gar ſterbliche Geſchöpfe.“ „Und ſelbſt die Kräftigſten und Kühnſten ſollten hin und wie⸗ der an ihr Ende denken.“ „Ganz richtig, Sir— ganz richtig. Auch die Kräftigſten und Kühnſten. Wann glaubt Ihr wohl, daß wir einlaufen wer⸗ den, Gentlemen?“ Kapitän Truck verſicherte nachher, er ſey nie zuvor über eine Frage ſo verdutzt geweſen, wie über dieſe. Dennoch zog er ſich ge⸗ wandt aus der Klemme, denn der Geiſt des Bekehrungseifers ſpornte ihn augenſcheinlich in demſelben Verhältniſſe, in welchem der Andere Gleichgiltigkeit gegen ſeine Bemühungen an den Tag legte. ̈& N d¼ N WWN wn AM. 545 „Es gibt einen Hafen, nach welchem wir Alle ſteuern, mein theurer Sir,“ ſagte er—„ich meine den Himmel, und wir ſollten ſtets ſeine Landmarken und Leuchtthürme vor Augen haben.“ „Ja,“ fügte Mr. Leach bei;„dies iſt ein Hafen, welcher frü⸗ her oder ſpäter uns Alle aufnehmen wird.“ Mr. Monday blickte von dem Einen auf den Andern, und Einiges von der Gemüthsſtimmung, aus welcher er durch die Herz⸗ ſtärkung geweckt worden war, begann wieder zurückzukehren. „Haltet ihr meinen Zuſtand für ſo ſchlimm, Gentlemen 22 fragte er mit der Haſt des Erſchreckens. „Für ſo ſchlimm, wie den eines Mannes, der geraden Wegs auf einen ſo guten Platz losſteuert, wie dies hoffentlich bei Euch der Fall iſt,“ entgegnete der Kapitän, feſt entſchloſſen, den bereits errungenen Vortheil nicht wieder aufzugeben.„Wir fürchten, daß Eure Wunde tödtlich iſt, denn mit derartigen Beſchädigungen bleibt der Menſch ſelten mehr lange in dieſer gottloſen Welt.“ „Wenn dies nicht wirkt,“ dachte der Kapitän,„ſo überlaſſe ich ihn ohne Weiteres Mr. Effingham.“ Aber es wirkte. Das moraliſche Blendwerk, welches der Branntwein hervorgerufen, begann, obſchon der Puls noch immer kräftig pochte, bereits zu verdunſten, und die traurige Wahrheit übte wieder ihre Gewalt.. „Ich glaube wahrhaftig, Gentlemen, daß ich meinem Ende nahe bin,“ ſagte er mit matter Stimme,„und ich danke euch— für— fäur dieſen Troſt.“. „Jetzt wird's an der Zeit ſeyn, das Kapitel einfließen zu laſ⸗ ſen,“ flüſterte Leach.„Er ſcheint bei voller Beſinnung und ſehr zerknirſcht zu ſeyn.“„ Aus reiner Verzweiflung und in dem Bewußtſeyn der eigenen unfähigkeit, eine paſſende Stelle zu wählen, beſchloß Kapitäͤn Truck die Beſtimmung des Kapitels, welches er vorleſen wollte, dem Zu⸗ fall zu überlaſſen. Vielleicht leitete ihn dabei einigermaßen jenes Die Heimkehr. 35. 546 geheimnißvolle Vertrauen auf die Vorſehung, welches den Men⸗ ſchen mehr oder weniger abergläubiſch macht, indem er hoffte, eine Weisheit, welche die ſeinige unendlich übertreffe, werde ihn bei der Wahl leiten. Zum Glücke nimmt das Buch der Pſalmen nahezu die Mitte der heiligen Schrift ein, und in der That hätten dieſe erhabenen Schätze frommen Lobgeſangs und geiſtiger Weisheit nir⸗ gends beſſer eingereiht werden können; denn der Bibelleſer, wel⸗ cher ſich durch den Zufall leiten läßt, wird vielleicht hier weit öfter das Buch aufſchlagen, als an irgend einem andern Platze. Wenn wir ſagen wollten, Mr. Monday habe ſich an Kapitän Trucks Vorleſung ſonderlich erbaut, ſo würden wir ſowohl den Vortrag des ehrlichen Matroſen, als auch die Faſſungskraft des Sterbenden zu hoch anſchlagen. Dennoch verfehlte die feierliche Sprache der Lobpreiſung und Ermahnung ihre Wirkung nicht ganz, und die Seele des Letzteren fühlte ſich— zum erſten Mal wieder ſeit den Tagen der Kindheit— einigermaßen angeregt. Seine Einbildungskraft trug ſich mit unbeſtimmten Bildern von Gott und dem jüngſten Gericht, und er haſchte in einer Weiſe nach Luft, welche die beiden Seeleute zu dem Glauben veranlaßte, der ver⸗ haͤngnißvolle Augenblick ſey ſogar bälder, als ſie erwarteten, ge⸗ kommen. Der kalte Schweiß ſtand auf der Stirne des Patienten, und ſeine Augen ſtierten wild von dem Einen auf den Andern. Der Anfall war jedoch nur vorübergehend, und ſobald Mr. Mon⸗ day wieder einigermaßen zur Ruhe gekommen war, wehrte er das Glas, welches ihm Kapitän Truck in mißverſtandenem Wohlwollen angeboten hatte, mit einer Geberde des Ekels ab. „Wir müſſen ihn tröſten, Leach,“ flüſterte der Kapitän;„denn ich ſehe, er holt in der alten Weiſe auf, gerade ſo, wie es unſere Aelteſten in der Platform angegeben haben. Zuerſt Stöhnen und Teufelsgeſichte, dann aber Troſt und Hoffnung. Wir haben ihn jetzt in der erſten Categorie, ſollten aber nunmehr von Rechts n 5⁴⁷ wegen beidrehen und ein Tau auswerfen, damit er ſich daran durchhelfen kann.“ „Wenn's ſo weit gekommen iſt, wie hier,“ ſagte Leach,„ſo gibt man ihnen am Fluß gewöhnlich ein Gebet auf den Weg. Könnt Ihr Euch nicht eines kurzen Sprüchleins entſinnen? Viel⸗ leicht würde ihm dies Erleichterung verſchaffen.“ Ungeachtet der Poſſirlichkeit in den Gedanken und Reden dieſer beiden Ehrenmänner, übte doch die Scene einen feierlichen Eindruck auf den Kapitän ſowohl, als auf den Maten. Sie han⸗ delten in der wohlwollendſten Abſicht, und nicht die mindeſte Leicht⸗ fertigkeit miſchte ſich in ihre Vorſtellungen; denn außer der Ver⸗ antwortlichkeit, die ſie als Officiere eines Paketſchiffs zu haben glaubten, fühlten ſie auch eine edelmüthige Theilnahme an dem Ge⸗ ſchicke eines Fremden, der in mannhaftem Kampfe an ihrer Seite gefallen war. Der alte Mann blickte verlegen umher, drehte an dem Thürſchlüſſel, wiſchte ſich die Augen, blickte traurig den Pa⸗ tienten an, gab ſeinem Maten einen Ellenbogenſtoß, um ihn auf⸗ zufordern, daß er ſeinem Beiſpiele folge, und kuieete dann in einer Stimmung nieder, die für den Augenblick ſo andächtig war, wie die von Vielen, welche den Dienſt des Herrn am Altare begehen. Das Vaterunſer wußte er noch auswendig, und er ſprach jetzt die Worte deſſelben laut, beſtimmt und mit Inbrunſt, obſchon nicht in buchſtäblicher Uebereinſtimmung mit dem Texte. Einmal mußte ihm ſogar Mr. Leach nachhelfen. Als er ſich wieder erhob, ſtand der Schweiß auf ſeiner Stirne, als hätte er Wunder was für eine ſchwere Arbeit verrichtet. Vielleicht hätte nichts einen tieferen Eindruck auf Mr. Mondays Einbildungskraft machen können, als der Umſtand, daß er einen Mann von Kapitän Trucks bekanntem Character alſo um ſeinet⸗ willen mit dem Herrn ringen ſah. Zwar war er von Natur aus etwas ſtumpfſinnig und ſchwer faſſend, weßhalb der erſte Eindruck nur der der Verwunderung war; aber bald folgte Ergriffenheit 548 und Zerknirſchung. Sogar der Mate fühlte ſich gerührt und er⸗ zählte nachher ſeinen Kameraden auf dem Deck,„es ſei das här⸗ teſte Tagewerk, das ihm je vorgekommen, geweſen, als er den Ka⸗ pitän bei Durchführung jenes Gebetes Beiſtand leiſtete.“ „Ich danke Euch, Sir,“ keuchte Mr. Monday,„ich danke Euch. — Mr. John Effingham— wo iſt Mr. John Effingham? Ich habe Leine Zeit zu verlieren und wünſche ihn zu ſehen.“ Der Kapitän erhob ſich, um dem Verlangen des Sterbenden Iu entſprechen, that es aber mit dem Gefühle eines Mannes, wel⸗ cher ſeine Pflicht gethan zu haben glaubt; denn von dieſem Augen⸗ blicke an trug er ſich mit der geheimen Befriedigung, daß er ſich in ſeiner Aufgabe recht mannhaft gehalten habe. In der That bemerkten auch diejenigen, welche ihn ſpäter die ganze Fahrt erzäh⸗ len hörten, daß er ſtets weit größeres Gewicht auf die Scene im Staatsgemach legte, als auf die Schnelligkeit und Gewandtheit, womit er die Beſchädigung ſeines Schiffes durch die von dem dä⸗ niſchen Fahrzeug geholten Spieren ausbeſſerte. Ja er ſchien ſo⸗ gar den Mut, mit welchem er den Montauk den Beduinen wieder abgenommen hatte, lange nicht ſo hoch anzuſchlagen. John Effingham erſchien in dem Staatsgemache, worauf der Kapitän und Mr. Leach ſich entfernten, um ihn mit dem Kranken allein zu laſſen. Gleich allen Männern von ſtarkem Geiſte, die ſich ihrer Ueberlegenheit über ihre Nebenmenſchen bewußt ſind, war dieſer Gentleman am meiſten geneigt, denen Zugeſtändniſſe einzu⸗ räumen, welche am wenigſten fähig waren, mit ihm zu ſtreiten; denn obſchon gewohnlich ſpöttiſch, finſter und bisweilen ſogar ab⸗ ſtoßend, zeigte er ſich jetzt doch mild und nachſichtsvoll. Er ſah mit einem Blicke, daß Mr. Mondays Gemüth für neue Gefühle er⸗ wacht war, und wußte wohl, daß die Nähe des Todes oft mora⸗ liſche Wolken verſcheuche, welche die Kräfte des Geiſtes verhüllten, ſo lange der thieriſche Theil noch ſeine volle Thätigkeit äußerte. Er war daher nicht überraſcht über die plötzliche Veränderung, —½ Að—— NK nN — N 5⁴9 die ſich ſo augenſcheinlich in dem Geſichte des Sterbenden aus⸗ ſprach. „Ich glaube, Sir, ich bin ein großer Sünder geweſen,“ begann Mr. Monday, welcher in matterem Tone und in kurzen abgebro⸗ chenen Sätzen zu ſprechen begann, ſobald der Einfluß des geiſtigen Getränkes verdunſtet war. „Hierin theilt Ihr das Loos aller Sterblichen,“ entgegnete John Effingham.„Wir wiſſen, daß kein Menſch aus ſich ſelbſt— keine Seele ohne Beiſtand von Oben im Stande iſt, die Erlöſung zu erringen. Der Chriſt muß zu ſeinem Heiland um Hülfe aufblicken.“ „Ich glaube, ich verſtehe Euch; aber ich bin ein Geſchäfts⸗ mann, Sir, und bin dahin belehrt worden, daß Vergütung die beſte Sühne für ein Unrecht ſei.“ „Sie ſollte allerdings die erſte ſeyn.“ „Ja, gewiß, Sir. Meine Eltern ſind nur arme Leute, und es iſt möglich, daß ich mich zu manchen Dingen verlocken ließ, die unpaſſend waren.— Und dann meine Mutter— ich war ihre ein⸗ zige Stütze.— Ach, der Herr wird mir verzeihen, wenn ich Un⸗ recht gethan habe, und ich will wohl glauben, daß es geſchehen iſt.— Was dieß betrifft, ſo wär's vielleicht gut geweſen, ich hätte weniger getrunken und mehr gedacht— übrigens, wer weiß?— Es iſt am Ende doch noch nicht zu ſpät.“.“ John Effingham hörte mit Ueberraſchung, aber doch mit jener Gelaſſenheit und Beobachtungsgabe zu, durch welche ſich ſein Charac⸗ ter auszeichnete. Er ſah eiin, es ſey nöthig oder doch wenigſtens klug, daß noch ein anderer Zeuge anweſend ſey, weßhalb er die Erſchöpfung des Leidenden benützte und ſich nach der Thüre von Evas Kajüte begab, wo er Paul durch ein Zeichen bedeutete, er möchte ihm folgen. Sie traten mit einander in das Krankenge⸗ mach. John Effingham ergriff nun Mr. Monday ſanft bei der Hand und bot ihm etwas Nahrung an, die zwar weniger aufre⸗ 5⁵⁰ gend wirkte, als die Herzſtärkung, aber doch den Erfolg einer Wie⸗ derbelebung hatte. „Ich verſtehe Euch, Sir,“ fuhr Mr. Monday fort, indem er Paul anſah.„Ich ſinde zwar Alles ganz in der Ordnung, habe aber nur wenig zu ſagen, da meine Papiere den nöthigen Aufſchluß geben werden. Dieſer Schlüſſel, Sir,— das obere Schubfach des Schreibpults und das rothe Maroquin⸗Käſtchen— nehmt Alles— dies iſt der Schlüſſel. Ich habe Alles zuſammengehalten, weil mir eine Ahnung vorſchwebte, daß meine Stunde kommen werde. In New⸗York werdet Ihr Zeit haben— es iſt noch nicht zu ſpät.“ Da der verwundete Mann nur mit Mühe und in Abſätzen ſprechen konnte, ſo war John Efflngham mit Vollziehung der er⸗ theilten Anweiſungen fertig geworden, noch ehe der Kranke ausge⸗ redet hatte. Er fand das rothe Maroquin⸗Käſtchen, nahm den Schlüſſel vom Ringe und zeigte Beides Mr. Monday, welcher lächelnd ein Ja nickte. Das Pult enthielt Papier, Siegellack und allen übrigen Schreibebedarf. John packte das Käſtchen in einen ſtarken Umſchlag, und petſchirte denſelben an drei verſchiedenen Stellen mit ſeinem eigenen Siegel; dann bat er Paul um ſeine Uhr, um deſſen Petſchaft zu dem gleichen Zwecke benützen zu können. Nach dieſer Vorbereitung ſchrieb eer die kurze Erklärung nieder, daß der Inhalt ihnen beiden zum Zwecke der Unterſuchung und zum Beſten der betreffenden Berechtigten, wer ſie auch ſeyn möchten, überliefert worden ſey. Nach beigefügter Unterſchrift unterzeichnete auch Paul ſeinen Namen, worauf das Papier Mr. Monday eingehändigt wurde, da derſelbe noch Kraft genug beſaß, ſeinen Namen zu ſchreiben. „In ſolchen Augenblicken pflegt ſich der Menſch nicht mit Klei⸗ nigkeiten abzugeben,“ ſagte John Effingham,„und dieſes Kiſtchen enthält vielleicht Dinge, welche für beeinträchtigte und unſchuldige Perſonen von großer Wichtigkeit ſind. Die Welt weiß wenig, welche Ungeheuerlichkeiten in dieſer Weiſe begangen werden. Nehmt das N 551 Paket an Euch, Mr. Powis, und ſchließt es zu Eurem Gepaͤcke ein, bis die Unterſuchung vorgenommen werden kann.“ Mr. Monday fühlte ſich, nachdem er das Kiſtchen ſicheren Händen vertraut hatte, augenfällig ſehr erleichtert, denn ſchon Klei⸗ nigkeiten reichen zu, um die Gewiſſensbiſſe ſtumpfſinniger Perſonen zu beſchwichtigen. Mehr als eine Stunde ſchlummerte er. Waͤhrend dieſer Zeit erſchien Kapitän Truck an der Thuͤre des Staatsgemachs, um ſich nach dem Zuſtande des Patienten zu erkundigen, und da er ſo günſtigen Bericht höͤrte, begab er ſich ſammt allen denen, welche der Schiffsdienſt nicht zur Wache berief, zur Ruhe. Paul war gleichfalls zurückgekehrt und hatte, wie überhaupt die meiſten Gentlemen, ſeine Dienſte angeboten; aber John Effingham entließ ſogar ſeinen eigenen Diener mit der Erklärung, daß er ſelbſt die Nacht über nicht von der Stelle zu weichen gedenke. Mr. Monday hatte Vertrauen in ihn geſetzt und war augenſcheinlich erfreut über die Aufmerkſamkeit, die er ihm erwies, weshalb es unter ſo bewandten Umſtänden Mr. John Effingham für eine Art Pflicht hielt, einen Nebenmenſchen in ſeiner äußerſten Noth nicht zu ver⸗ laſſen. Zwar konnte der ſchmerzhafte Zuſtand des Leidenden höch⸗ ſtens in einem unbedeutenden Grade gemilde t werden; aber dieſe Erleichterung glaubte er mit Recht ſo gut als irgend ein Anderer bieten zu können.“ Der Tod übt auch auf die kräftigſten Nerven einen ergreifen⸗ den Einfluß, namentlich wenn er leiſe in der Stille und Einſamkeit der Nacht einhergeſchlichen kömmt. John Effingham war nicht leicht zu rühren, aber er fühlte dennoch die Eigenthümlichkeit ſeiner Lage, als er allein neben Mr. Monday ſaß und bald auf den Wellenſchlag des Waſſers lauſchte, das von dem Schiff bei Seite gedrängt wurde, bald das unruhige Athmen ſeines Patienten beob⸗ achtete. Mehreremal fühlte er ſich geneigt, für einige Minuten fortzuſchleichen und aus einem Spaziergang in der reinen Seeluft ſich Erfriſchung zu holen; aber eben ſo oft unterdrückte er ſeinen 55² Wunſch, weil er die eiferſüchtigen Blicke des gläͤſernen Auges be⸗ merkte, mit welchen der Sterbende ihn als ſeine letzte Hoffnung im Leben feſthalten zu wollen ſchien. So oft John Effingham die fieberiſchen Lippen des Kranken benetzte, drückten deſſen Blicke die wärmſten Gefühle des Dankes aus, und ein⸗ oder zweimal ver⸗ ſuchte der Unglückliche ſeinen Empfindungen durch flüſternde Töne Worte zu leihen. John war daher außer Stande, einen Menſchen zu verlaſſen, der ſo hülflos und ſo ganz auf ihn angewieſen dalag; und obſchon er wußte, daß er ihm außer dem Troſt ſeiner Gegen⸗ wart keinen weſentlichen Dienſt leiſten konnte, ſo beſaß er doch Mitgefühl genug, um ſogar noch größere Opfer bringen zu können. Während der Sterbende in einem unruhigen Schlummer da⸗ lag, bewachte ſein Wärter das Zucken ſeiner Geſtchtsmuskeln, wel⸗ ches auf das Walten einer Seele, die ihre Behauſung zu verlaſſen im Begriffe ſteht, hinzudeuten ſchien, und ſtellte Bekrachtungen an über den Character und das Schickſal des Weſens, von deſſen Hin⸗ gang in die Welt der Geiſter er in ſo auffallender Weiſe Zeuge ſeyn ſollte. „Von ſeiner Herkunft weiß ich nichts,“ dachte John Effing⸗ ham,„als was er ſelbſt flüchtig darüber ausſprach, aber wenn man ſeine Stellung ins Auge faßt, ſo kann ſeine Familie kaum die Stufe der Mittelmaßigkeit erreicht haben. Er iſt einer von den Menſchen, welche für die gemeinſten Triebfedern, die noch in irgend einer Culturſtufe zuläßig ſind, zu leben ſcheinen und deren Bildung ſo, wie ſie iſt, blos aus conventionellen Angewöhnungen beſteht. Unwiſſend in Allem, was über den Geſichtskreis ſeines Berufs hinausfällt, vorurtheilsvoll in dem, was ſich auf Na⸗ tionen, Glaubensbekenntniſſe und Charactere bezieht— ver⸗ ſchmitzt, aber doch mit einem Anfluge von derber Ehrlichkeit— leichtgläubig und unduldſam— keck im Tadel und kritiſtrenden Bemerkungen, aber ohne einen Funken von Unterſcheidungsgabe oder anderen Kenntniſſen, als ſolchen, die er tückiſchen Vorſchriften 55³3 verdankt— eben ſo unfähig, Gegenſtände von einem allgemeinen Geſichtspunkte aufzufaſſen, als er in Kleinigkeiten ſtarrſinnig iſt— gutmüthig von Natur, und doch aus Nachahmungsſucht ſtreitluſtig — zu welchen Zwecken mußte wohl ein ſolches Geſchöpf ins Leben treten und in dieſer verhängnißvollen Weiſe wieder aus der Welt geſchleudert werden?“ Das Geſpräch des Abends fiel John Effingham wieder ein, und er fuhr in ſeinem Innern fort: „Wenn es unter den Nationen ſo viele Verſchiedenheiten des menſchlichen Geſchlechtes gibt, ſo zählt zuverläͤßig auch das civili⸗ ſirte Leben eben ſo viele Abarten im moraliſchen Sinne. Dieſer Mann hat ſein Gegenſtück in einem eigenthümlichen Zuge aus dem amerikaniſchen Alltagleben, welches durch das Ringen nach Gewinn ſo ganz und gar in Anſpruch genommen iſt; und doch, wie weit verſchieden ſind nicht beide in den untergeordneteren Charackerzügen! Wäͤhrend der Amerikaner ſich keine Ruhe, keine Erholung, oder der Geiergier, welche ewig an ihm nagt, kein Einſchlummern geſtattet, hat dieſer Mann ſich ſtets behaglich gehen laſſen; der Eine hat alle ſeine Vergnügungen in dem gemeinſchaftlichen Mittelpunkte des Ge⸗ winns geſammelt, während dieſer Engländer, obſchon er denſelben Zweck im Auge hat, in Gemäßheit ſeiner Nationalanſichten ſich dem Glauben hingibt, er dürfe ſich die Arbeit wohl durch Sinnen⸗ genüſſe erleichtern. Worin wird ſich wohl ihr Ende unterſcheiden? Von den Augen des Amerikaners wird vielleicht der Schleier mit einem gewaltſamen Riſſe weggezogen, wenn es zu ſpät iſt und das Ziel ſeines Erdentreibens das Werkzeug ſeiner Beſtrafung werden ſoll, weil er ſieht, daß er Alles gegen die dunkle Unſicherheit des Grabes vertauſchen muß; der Lärmmacher und Flaſchenheld aber verſinkt in ein erzwungenes ohnmächtiges Beklagen, weil das Thier, das ihn bisher aufrecht erhalten, ſein Uebergewicht verliert.“ 3 Mr. Monday öͤffnete nun ſeine ſtieren Blicke und unterbrach 554 dieſen Gedankengang durch ſein Stöhnen. Er winkte nach der Speiſe, die noch daſtand, und erhielt davon ſo viel, daß er wieder ein wenig auflebte. „Welchen Wochentag haben wir heute?“ fragte er mit einer Haſt, welche ſeinen freundlichen Wärter in Erſtaunen ſetzte. „Es iſt Montag oder war's vielmehr, denn Mitternacht hat bereits geſchlagen.“ „Dies freut mich, Sir— freut mich ſehr.“ „Aber warum habt Ihr nach dem Wochentag gefragt?— Kann dieſer Umſtand jetzt für Euch von Belang ſeyn?“ „Man hat mir prophezeit, Sir— ich glaube an Prophe⸗ zeiungen— und man hat mir geſagt, ich ſey an einem Montag geboren und werde an einem Montag ſterben.“ John wurde verdrießlich über dieſe Kundgebung eines Haftens an einem erbärmlichen Aberglauben— und dies noch obendrein bei einer Perſon, die kaum noch ein paar Stunden zu leben hatte, weshalb er mit ihm von dem Heiland und dem Werk der Menſchen⸗ erlöſung zu ſprechen begann. Im Nothfalle verſtand er ſich wohl auf derartige Vorträge, um ſo mehr, da nur Wenige klarere Vor⸗ ſtellungen von dieſen Heiſcheſätzen des Chriſtenthums beſaßen, als er. Seine ſchwache Seite lag nur in dem Stolz und in der Kraft ſei⸗ nes Characters— Eigenſchaften, die ihn nicht geneigt machten, ſich in ſeinem Handeln auf etwas Anderes, als auf ſich ſelbſt zu verlaſſeu, auch wenn dabei Umſtände in Frage kamen, die jedem Anderen die Nothwendigkeit ans Herz legen mußten, ausſchließlich auf Gott zu bauen. Der Sterbende hörte ihm aufmerkſam zu, und die Worte übten einen augenblicklichen Eindruck. „Nein, ich will noch nicht ſterben, Sir,“ ſagte Mr. Monday plötzlich nach einer langen Pauſe. „Der Tod iſt das allgemeine Schickſal des Menſchengeſchlechts und wenn der Augenblick herankommt, ſo müſſen wir uns auf ihn gefaßt halten.“ — S o 5⁵5⁵ „Ich bin keine Memme, Mr. Effingham.“ „In einem gewiſſen Sinne habt Ihr Recht, denn ich habe Euch das Gegentheil beweiſen ſehen; indeß hoffe ich, daß Ihr Euch auch in anderer Rückſicht nicht feig betreten laſſet. Ihr ſeyd jetzt in einer Lage, in welcher Euch alle Eure Mannheit nichts nützen kann; Ihr müßt daher Euer Vertrauen ganz und gar auf Gott ſetzen.“. „Ich weiß es, Sir, und gebe mir auch Mühe, es meinem Herzen einzuprägen; aber dennoch mag ich nicht ſterben.“ „Die Liebe Chriſti iſt ohne Schranken,“ ſagte John Effing⸗ ham, von dem hoffnungsloſen Elend des Andern auf's Tiefſte ergriffen. „Ich weiß es— ich hoffe es— ich wünſche, es glauben zu können. Habt Ihr eine Mutter, Mr. Effingham?“ „Sie iſt ſchon vor vielen Jahren geſtorben.“ „Eine Gattin?“ John Effingham haſchte nach Luft, und in jenem Augenblick hätte man ihn für den Leidenden halten können. „Nein. Ich habe weder Eltern noch Geſchwiſter, weder Gat⸗ tin noch Kind. Meine nächſten Verwandten befinden ſich in dieſem Schiff.“ „Ich bin zwar nicht viel werth; aber wie ich auch ſeyn mag, wird meine Mutter mich doch vermiſſen. Man kann nur eine Mutter haben, Sir.“ „Dies iſt ſehr wahr. Wenn Ihr mir einen Auftrag an ſie ertheilen wollt, Mr. Monday, ſo würde ich mir ein Vergnügen daraus machen, allen Euren Wünſchen nachzukommen.“ „Ich danke Euch, Sir; ich weiß nicht, was ich ihr ſagen laſſen ſoll. Sie hat ihre eigenen Anſichten über Religion und— ich denke, es wird ihren Schmerz lindern, wenn ſie hört, daß mir ein chriſtliches Begräbniß zu Theil wurde.“ 556 „Beruhigt Euch über dieſen Gegenſtand. Alles, was unſere Lage geſtattet, ſoll geſchehen.“ „Aber, was kann mich dies nützen, Mr. Effingham? Ich wollte, ich hätte weniger getrunken und mehr gedacht.“ John Effingham konnte nichts über eine Reue ſagen, die ſo nothwendig war, obgleich ſte ſo ſpät kam.. „Ich fürchte, wir denken in den Tagen unſerer Geſundheit und unſerer Kraft zu wenig an dieſen Augenblick, Sir.“ „Deſto nothwendiger iſt es, Mr. Monday, unſere Gedanken der göttlichen Vermittlung zuzuwenden, die uns allein retten kann, wenn wir die Gelegenheit gehörig benützen.“ Aber Mr. Monday war nicht ſo ſehr von Reue zerknirſcht, ſondern eben über die Nähe des Todes erſchüttert. Er hatte ſeine Gefühle durch lang fortgeſetzte Hingebung an eine ſtumpfmachende Liebhaberei abgehärtet und befand ſich nun in der Lage eines Men⸗ ſchen, der ſich unerwartet in dem Bereich der furchtbarſten Gefahr ſieht, ohne ein Mittel zu kennen, um ihr auszuweichen oder ſie zu mildern. Er blickte ächzend umher, als ſuche er etwas, woran er ſich anklammern könne, denn der Muth, welchen er im Stolze ſeiner Kraft gezeigt hatte, war dahin. Doch waren dies nur flüch⸗ tige Erregungen, welche bald wieder dem natürlichen Stumpfſinn des Mannes Platz machten. „Ich glaube nicht, Sir,“ ſagte er, John Effingham angele⸗ gentlich ins Auge faſſend,„daß ich ein ſehr großer Sünder ge⸗ weſen bin.“ 8 „Auch ich will dies nicht hoffen, mein guter Freund; aber dennoch iſt keiner von uns ſo makellos, daß er nicht des göttlichen Beiſtandes bedürfte, um in der unmittelbaren Gegenwart des Aller⸗ heiligſten erſcheinen zu können.“ „Sehr wahr, Sir— ſehr wahr, Sir. Aber ich bin in al⸗ ler Form getauft und nach der Vorſchrift der Kirche confirmirt worden.“ re ſo N— d 557 2 „Dieſe feierlichen Handlungen faſſen nur Zuſagen in ſich, die wir erfüllen ſollen.“ „Durch einen regelmäßigen Geiſtl — beide waren rechtgläubige und wür „Ich zweifle nicht daran, denn in religiöſen Formen. Doch ein zerknirſchtes Herz, zuverläͤßig Gnade finden.“ „Ich fühle mich zerknirſcht, Sir, ſehr zerknirſcht.“ Es folgte nun eine halbſtündige Pauſe, und John Effingham glaubte anfangs, ſein Patient ſey wieder eingeſchlummert; als er ihn jedoch aufmerkſamer beobachtete, entdeckte er, daß er öfters ſeine Augen aufſchlug und ſie unſtät über die zunächſt gelegenen Gegenſtände hinſchweifen ließ. Der freundliche Wärter wollte dieſe ſcheinbare Ruhe nicht ſtören und ließ ohne Unterbrechung Minute um Minute verrinnen, bis Mr. Monday aus eigenem Antrieb wie⸗ der zu ſprechen begann. „Mr. Effingham— Sir— Mr. Effingham,“ Sterbende. 3 „Ich bin in Eurer Nähe, dem Zimmer weichen.“ „Gott ſegne Euch, Gott ſegne Euch!— o verlaßt doch Ihr mich nicht!“ „Ich werde bleiben— hierüber könnt Ihr beruhigt ſeyn; laßt mich aber nunmehr auch Eure Wünſche hören.“ „Meine Wünſche? Ich wünſche zu leben, Sir!“ „Das Leben iſt eine Gabe Gottes, der es nach Gutdünken zumißt. Bittet um Verzeihung für Eure Sünden und gedenkt der Gnade und Liebe des gebenedeiten Erlöſers.“. „Ich gebe mir alle Mühe, Sir. Ich glaube nicht, daß ich ein ſehr großer Sünder geweſen bin.“ „Ich hoffe es gleichfalls nicht; aber Gott kann dem Reuigen verzeihen, wie groß auch ſeine Vergehungen geweſen ſeyn mögen.“ ichen und einen Biſchof, Sir dige Diener der Kirche.“ England fehlt es nicht an Mr. Monday, wird ſagte der Mr. Monday, und werde nicht aus * 558⁸ „Ja, Sir, ich weiß es— ich weiß es. Dieſe Geſchichte iſt ſo unerwartet gekommen. Ich bin ſogar beim Nachtmahl geweſen, Sir— ja, meine Mutter hat mich zur Communion angehalten. Nichts iſt vernachlaͤßigt worden, Sir.“ John Effingham war in ſeinem Verkehr mit anderen Menſchen oft ſtolz und eigenſinnig, denn ſeine Ueberlegenheit über die meiſten ſeiner Nebenmenſchen ſowohl in Grundſatzfeſtigkeit, als in geiſtiger Kraft war zu augenfällig, um nicht auf die Anſichten eines Man⸗ nes Einfluß zu üben, der nicht daran gewoͤhnt war, auf ſeine eige⸗ nen Gebrechen zu achten; in Beziehung auf Gott aber benahm er ſich ſtets ehrfurchtsvoll und demüthig. Geiſtlicher Hochmuth blieb ſeinem Character fremd, denn er fühlte gar wohl, wie ſehr es ihm ſelbſt an chriſtlichen Tugenden gebrach; ſein Hauptman⸗ gel beſtand vielmehr darin, daß er die Schwächen Anderer mit ſcharfem Auge zu beobachten pflegte, ohne daß man ihm hätte nachſagen können, er bilde ſich zu viel auf ſeinen eigenen Werth ein. Legte er an ſich ſelbſt den Maßſtab der Vollkommenheit, ſo konnte Niemand demüthiger ſeyn; beſchränkte er aber die Verglei⸗ chung auf ſeine Umgebung, ſo traf man nicht leicht einen ſtolzeren Mann oder überhaupt einen Mann, der ein größeres Recht hatte, ſtolz zu ſeyn, wenn je eine Berechtigung zu derartigen Parallelen eingeräumt werden kann. Das Gebet war bei ihm nicht zur Ge⸗ wohnheit, zu einer Tagesordnung geworden, obſchon er ſich nie zu beten ſchämte; und wenn er wirklich ſeinen Geiſt in dieſer Weiſe beugte, geſchah es mit der ganzen Kraft und Ueberzeugung ſeines Characters. Die ärmlichen Tröſtungen, welche Mr. Monday aus ſeiner Lage zu ziehen verſuchte, gingen ihm zu Herzen, denn er ſah das grauſame Blendwerk ein, durch welches ſich die Politik aller 8 Staatskirchen auszeichnet, indem ſie ſtatt des Weſens der Fröm⸗ migkeit die Formen vorſchreiben, obſchon er andererſeits, ungleich vielen ſeiner eigenen Landsleute, zu ſehr über die engherzigen Uebertreibungen erhaben war, welche zu oft die Unſchuld in Sünde — 559 verkehren und den Frömmler mit ſektireriſchem ſelbſtgerechtem Dün⸗ kel aufblähen. „Ich will mit Euch beten, Mr. Monday,“ ſagte er, indem er neben dem Sterbelager niederkniete.„Wir wollen gemeinſchaft⸗ lich Gott um Gnade bitten, damit er Euch dieſe Zweifel von der Seele nehme.“ Mr. Monday drückte durch eine haſtige Geberde ſeine Zuſtim⸗ mung aus, und John Effingham betete laut oder doch mit ſo kräf⸗ tiger Stimme, daß er von dem Anderen deutlich verſtanden werden konnte. Das Gebet war kurz, ſchön und ſogar erhaben, obſchon er ebenſoſehr das gezierte Haſchen nach Schriftſtellen als den inhaltsleeren Schwulſt der Frömmler von Profeſſion vermied; es enthielt blos einen brünſtigen, unmittelbaren, leicht faßlichen Aufſchwung zur Gottheit— die demüthige Bitte um Gnade für ein Weſen, welches jetzt ſeinen letzten Kampf kämpfte. Ein Kind hätte ihn verſtehen können, während die ergreifende de⸗ müthige Aufrichtigkeit ſeiner Sprache auch das Herz des Mannes ſchmelzen mußte. Es ſteht zu hoffen, daß das hehre Weſen, deſſen Geiſt das All durchweht, und deſſen Wohlwollen nur ſeiner Allmacht gleichkömmt, dem Flehen gleichfalls Kraft ver⸗ lieh, denn über Monday's Züge glitt ein wonniges Lächeln, als ſich John Effingham aus ſeiner knieenden Stellung erhob. „Dank, Sir— tauſend Dank,“ murmelte der Sterbende, in⸗ dem er John die Hand drückte.„Dies iſt beſſer als Alles.“ Mr. Monday fühlte ſich nun erleichtert und es entſchwanden einige Stunden in anhaltendem Schweigen. Nachdem ſich John Effingham überzeugt hatte, daß der Kranke ſchlummerte, nickte er gleichfalls ein wenig ein. Die Morgenwache war ſchon abgelöst, als er durch eine Bewegung auf dem Krankenlager wieder geweckt wurde. Er glaubte, ſein Patient verlange Nahrung oder eine Flüſſigkeit, um ſeine Lippen anzufeuchten, weshalb er ihm das Eine wie das Andere anbot; Mr. Monday wies jedoch Beides zurück. 560 Er hatte die Hände auf ſeiner Bruſt gefaltet— die Finger auf⸗ wärts, wie Maler und Bildhauer die Heiligen im Gebete darzu⸗ ſtellen pflegen,— und ſeine Lippen bewegten ſich, obſchon die Worte nur in einem Geflüſter beſtanden. John Effingham kniete nieder und brachte dem Kranken ſein Ohr ſo nahe, daß er die Töne auffaſſen konnte. Der Sterbende ſprach das einfache, aber ſchöne Gebet, welches Chriſtus ſelbſt den Menſchen zum Muſter hinterlaſſen hat. Sobald er damit zu Ende war, wiederholte John Effingham das⸗ ſelbe Gebet laut und brünſtig vor ſich hin; und als er nach dieſer feierlichen Huldigung vor Gott ſeine Augen wieder aufſchlug, war Mr. Monday verſchieden. Einunddreißigſtes Kapitel. Laß mich ungeſchoren. Pflegſt du deinen vollen Namen zu nnterſchreiben oder führſt du ein Handzeichen, wie ein ehr⸗ licher, aufrichtiger Mann? Jack Kade. In einer ſpäteren Stunde wurde die Leiche des Entſchlafenen unter denſelben Förmlichkeiten, welche am Abend zuvor bei der Be⸗ ſtattung des Matroſen in Anwendung gekommen waren, dem Meere übergeben. Dieſe beiden Feierlichkeiten boten ſchmerzliche Rückblicke auf die Scenen, welche die Reiſenden durchgemacht hatten, und er⸗ füllten noch viele Tage nachher das Schiff mit Trauer. Da jedoch die Ueberlebenden keinen Blutsverwandten durch den Tod verloren hatten und es nicht in der Menſchennatur liegt, ſtets zu trauern, ſo milderte ſich allmählig dieſes Gefühl, und nach drei Wochen hatten die Sterbefälle meiſt ihren Einfluß verloren oder machten ihn doch nur augenblicklich bei denen geltend, welche es für weiſe hielten, zuweilen über ſolche feierliche Momente Betrachtungen an⸗ zuſtellen.— zu r⸗ &— N -— 2 RJRN N—— 561 Kapitän Truck hatte alle ſeine Heiterkeit wieder gewonnen; denn wenn ihm auch die außerordentlichen Schwierigkeiten und Ge⸗ fahren, welche über ſein Schiff ergangen waren, hin und wieder ver⸗ ſtimmten, ſo konnte er doch nicht ohne Stolz an die Art und Weiſe denken, wie er ſich derſelben erwehrt hatte. Was die Maten und Matroſen betraf, ſo waren ſie längſt wieder zu dem gewohnten Kreislauf von Arbeit und Scherz zurückgekehrt; denn die Zufällig⸗ keiten des Lebens übten nur kurze und oberflächliche Eindrücke auf Naturen, denen Verluſte und Wechſelfälle zur Gewohnheit gewor⸗ den waren. Während der erſten Woche nach dem Entkommen des Schiffs ſchien Mr. Dodge faſt ganz in Vergeſſenheit gerathen zu ſeyn, denn er war klug genug, ſich im Hintergrund zu halten, damit Alles, was auf ihn ſelbſt Bezug hatte, in der Haſt und der Auf⸗ regung der Ereigniſſe überſehen werden möchte. Am Schluß dieſer Periode nahm er übrigens ſein Ränkeſpiel wieder auf, indem er ſich ohne Scheu zu dem Verſuch in Thätigkeit ſetzte, eine„öffent⸗ liche Meinung“ in den Gang zu bringen, durch welche er in den Ruf des Muthes zu kommen hoffte. Welcher Erfolg jedoch ſeinen tief angelegten Planen in Ausſicht ſtand, dürfte am beſten aus einer Unterhaltung zu entnehmen ſeyn, welche in der Speiſekammer zwiſchen Saunders und Toaſt ſtattfand, die eben für den letzten Samſtag Abend, welchen Kapitän Truck auf der See zuzubringen gedachte, heißen Punſch anfertigten und dabei die vertraulicheren Verhältniſſe der Cajüten beſprachen. Der Dialog fand gerade zu einer Stunde Statt, in welcher die wenigen bereitwilligen Theil⸗ nehmer an einer Beluſtigung, die ſo nachdrücklich an Mr. Monday erinnerte, in Folge der drängenden Aufforderung des Kapitäns ſich langſam um den großen Tiſch verſammelten. „Hört, Mr. Toaſt,“ begann der Steward, während er den Punſch umrührte,„ich muß Euch ſagen,— nichts macht mir ſo große Freude, als daß Kapitän Truck ſeine alte Natur wieder auf⸗ Die Heimkehr. 36 562 geweckt hat und abermals auf Feſt⸗ und Faſttage Bedacht nimmt, wie es dem Meiſter eines Packetſchiffs ziemt. Ich ſehe keinen ver⸗ nünftigen Grund ein, warum ein Paſſagier auf ſeine natürliche Ruhe und die gewohnte Koſt verzichten ſoll, wenn das Fahrzeug unter Nothmaſten ſegelt. Wie es heißt, iſt Mr. Monday gar ſchön geſtorben und hat eine ſo erbauliche Beſtattung erhalten, wie ich nur je eine zur See mit angeſehen. Ich glaube wahrhaftig nicht, daß ſeine eigenen Freunde, wäre er am Land geweſen, ihn wirk⸗ ſamer oder frömmer hätten begraben können.“ „'s iſt freilich ſchon etwas, Mr. Saunders, wenn man im Stande iſt, zum Voraus Betrachtungen anzuſtellen über die acht⸗ bare Beerdigung, die man von ſeinen Freunden erhalten hat. Ja, es gereicht zu großer Veruhigung, über einen derartigen Vorgang nachzudenken.“ „Ich muß Euch zugeſtehen, Toaſt, daß ſich Eure Sprache verbeſſert, nur erwiſcht Ihr die Worte zuweilen ein Bischen un⸗ richtig. Wir vermuthen, ehe eine Sache eingetreten iſt, und ſtellen erſt Betrachtungen an, wenn ſie ihre Endſchaft erreicht hat. Ihr konntet zum Beiſpiel vermuthen, daß der arme Mr. Monday nach ſeiner Verwundung ſterben müſſe; Betrachtungen aber waren erſt am Ort, nachdem er im Waſſer beerdigt war. Indeß bin ich mit Euch einverſtanden, daß ein großer Troſt darin liegt, wenn wir wiſſen, daß die Rechte, welche wir an ein anſtändiges Begräbniß haben, gehörig klar auseinander geſetzt ſind. Da uns dies an unſere Schlacht erinnert, Mr. Toaſt, ſo benütze ich die Gelegenheit, um Euch zu bedeuten, daß mir Euer gutes Verhalten ſehr wohl gefallen hat. Ich habe ſtets ein Bischen Angſt gehabt, Ihr möch⸗ tet im Kampfe Kapitän Truck ein Leides thun; ſo weit ich mich aber durch genaue Inſpection überzeugte, iſt Niemand von Euch beſchädigt worden. Wir farbigen Leute haben einige Vorurtheile gegen uns, und ich freue mich ſtets, wenn ich auf Jemanden treffe, der durch ſein Benehmen dagegen ankämpfen hilft.“ 563 „Man ſagt ſich, auch Mr. Dodge habe nicht viel Schaden angerichtet,“ entgegnete Toaſt.„Was mich betrifft, ſo habe ich, nachdem ich meine Augen geöffnet, nichts von ihm geſehen, obſchon ich nicht glaube, daß ich je in meinem ganzen früheren Leben ſo ſehr umherſtierte.“ Saunders legte einen Finger an ſeine Naſe und ſchüttelte be⸗ deutſam den Kopf. „Ihr könnt Euch zuverſichtslos und mit Vertrauen gegen mich ausſprechen, Toaſt,“ ſagte er;„denn wir ſind Freunde, der Farbe nach mit einander verwandt und außerdem in derſelben Speiſekam⸗ mer angeſtellt. Hat vielleicht Mr. Dodge über die Vorfallenheiten jener zwei oder drei ſehr ereignißvollen Tage mit Euch conwerſirt?“ „Er hat grimmig gekatzenbuckelt, Mr. Saunders, obſchon ich ihn nicht für einen Mann halte, der auch ſonſt gerne frei mit der Rede herausgeht.“ „Hat er Euch nicht angedeutet, es dürfte paſſend ſeyn, den Bericht über die ganze Angelegenheit durch das Volk abfaſſen und durch Zeugenausſagen beglaubigen zu laſſen?“ „Ich glaube, er wollte darauf hinaus, Sir. Jedenfalls iſt er letzter Zeit viel in der Back geweſen und ſuchte die Leute zu per⸗ ſchwadiren, ſie hätten das Schiff genommen— die Paſſagiere ſeyen in der ganzen Geſchichte weiter nichts, als eine Beläſtigung geweſen.“ „Und iſt das Schiffsvolk ſo non compax, um ihm zu glau⸗ ben, Toaſt?“ „Je nun, Sir, es thut der Menſchennatur wohl, gut von ſich ſelbſt zu denken. Ich will zwar nicht ſagen, daß irgend einer wirk⸗ lich daran glaubte; aber wenn meinem armen Verſtand ein Ur⸗ theil zuſteht, Mr. Saunders, ſo gibt es Leute im Schiff, denen es gar angenehm ſeyn würde, daran zu glauben, wenn ſie könnten.“ „Sehr wahr, denn dies iſt natürlich. Euer Wink, Toaſt, hat in meinem Geiſt das Bischen Obſtkurität zerſtreut, welches in letzter Zeit über meinem Faſſungsvermögen lag. Da haben wir im Schiff 564 den Johnſon, den Briggs und den Hewſon— drei der trägſten Strolche, die man nur finden kann, und die Einzigen, welche, ſo viel man ruhigen Blicks mit anſehen konnte, im Kampfe ſich pflicht⸗ widrig benommen haben. Dieſe drei Maͤnner nun behaupteten gegen mich, Mr. Dodge ſey die Perſon geweſen, welche die Kanone auf die Truhe ſchaffte und die Beduinen nach dem Floß hintrieb. Nun ſage ich aber, Niemand, der ſeine Augen offen hatte, konnte in einen ſolchen Irrthum verfallen, es ſei denn, daß man ihn abſicht⸗ lich begehen wollte. Seyd Ihr mit dieſer Angabe einverſtanden, Toaſt, oder widerſprecht Ihr derſelben?“ „Ich widerſprech' ihr, Sir; denn meinem geringem Urtheile nach iſt es Mr. Blunt geweſen.“ „Es freut mich, daß wir der gleichen Anſicht ſind. Ich werde nichts ſagen, bis der paſſende Augenblick kömmt, und dann will ich ohne Recrimination oder Angſt meine Geſinnungen an den Tag legen, Mr. Toaſt; denn die Wahrheit iſt und bleibt Wahrheit.“ „Ich bin froh, die Frauenzimmer von ihrer Schwermuth wie⸗ der hergeſtellt zu ſehen; denn ſie ſcheinen ſich's jetzt ganz oſtenſibel wohl ſeyn zu laſſen.“ Saunders warf einen Blick des Neides auf ſeinen Untergebe⸗ nen, denn die Fortſchritte deſſelben in der feinen Bildung, wie er ſte in gelegentlicher Einflechtung von Fremdwörtern kund gab, be⸗ unruhigten im hohen Grade ſein eigenes Ueberlegenheitsgefühl; er unterdrückte jedoch die Eiferſucht und entgegnete mit Würde: „Die Bemerkung iſt ganz richtig, Mr. Toaſt, und bekundet Scharfblick. Ich freue mich ſtets, wenn ich bemerke, daß Ihr Eure Gedanken zu höheren Dingen elewirt— um der Ehre der Farbe willen.“ „Meiſter Saunders,“ rief der Kapitaͤn von ſeinem Armſtuhle oben an der Tafel herüber. „Kapitän Truck, Sir.“ „Wir wollen jetzt Euer Getränk koſten.“ 8 565 daß der Sonnabend beginnen ſollte trugen ihr Gemiſche mit großem Eifer auf. Die Damen hatten zwar ruhig, aber mit Feſtigkeit ihre Theilnahme an der Feſtlichkeit abgelehnt, obſchon das ange⸗ legentliche Drängen des wohlmeinenden Kapitäns ſo viel über die Bedenken der Gentlemen gewann, daß ſie insgeſammt ſich einzufin⸗ den verſprochen hatten, um den Anſchein zu vermeiden, als nähmen ſie keine Rückſicht auf die Wünſche des Schiffmeiſters. „Wahrſcheinlich iſt dies der letzte Sonnabend, Gentlemen, den ich in Eurer angenehmen Geſellſchaft zu verbringen die Ehre haben werde,“ ſagte Kapitän Truck, als er die Krüge und Gläſer in einer Weiſe vor ſich ordnete, daß er den Bedürfniſſen ſeiner Gäͤſte voll⸗ kommen gut entſprechen konnte;„und Eure Anweſenheit verſchafft mir deshalb einen Genuß, auf den ich nicht gerne verzichten möchte. Wir ſtehen jetzt weſtlich vom Golf und, meinen Beobachtungen und Berech⸗ nungen zufolge, auf etwa vierzig Seemeilen in der Nähe von Sandy Hook, das ich euch, wenn dieſer milde Südweſtwind und unſere Luvlage anhält, morgen früh gegen acht Uhr zeigen zu kön⸗ nen hoffe. Man hat allerdings ſchon ſchnellere Fahrten gemacht; aber vierzig Tage wollen im Grunde noch nicht viel heißen, wenn man dabei bedenkt, daß wir uns auch Afrika betrachtet haben und an Krücken gegangen ſind.“. „Den Paſſatwinden haben wir viel zu danken,“ bemerkte Mr. Effingham;„denn ſie haben uns gegen das Ende unſerer Fahrt eben ſo freundlich behandelt, als ſie anfangs nur mit Widerwillen uns ſich anzuſchließen ſchienen. Es iſt ein bedeutungsvoller Monat geweſen, und er wird hoffentlich heilſame Erinnerungen für das ganze Leben in uns zurücklaſſen.“. „Niemand wird mit ſo viel Dank darauf zurückblicken, als ich, Gentlemen,“ fuhr der Kapitän fort.„Ihr wart nicht Schuld daran, daß wir in die Klemme geriethen, habt aber aus allen Kräften mitgewirkt, uns aus derſelben herauszuwinden. Gott weiß⸗ Dies war das Signal, und die Speiſekammerbeamten 566 4 was aus dem armen Montauk geworden wäre, wenn nicht ihr Alle ſo viel Sachkenntniß, Klugheit und Muth entwickelt hättet; ich danke euch daher ſammt und ſonders aus dem Grunde meines Her⸗ zens, und da ich die frohe Beruhigung habe, euch um mich zu ſehen, ſo gebe ich mir die Ehre, auf eure Geſundheit, wie auch auf euer künftiges Glück und Wohlergehen dieſes Glas zu leeren.“ Die Reiſenden erwiederten dieſen Trinkſpruch mit Verbeugun⸗ gen, unter denen ſich die des Mr. Dodge beſonders gewählt und augenfällig ausnahm. Der ehrliche Kapitän fühlte ſich übrigens zu ergriffen, um dieſes Stückchen Unverſchämtheit zu bemerken; denn in dieſem Augenblicke hätte er ſogar Mr. Dodge umarmen und an ſein Herz drücken können. „Seyd nicht ſäumig, Gentlemen,“ ergriff der Kapitän aufs Neue das Wort;„laßt uns die Gläſer füllen und dem Abend ſeine Ehre anthun. Wir ſtehen Alle in Gottes heiliger Obhut und trifften in den Böen des Lebens umher, je nachdem Er den Wind blaſen heißt. ‚Die Liebchen und Frauen!’ Auch wollen wir die ſchönen muthigen, verſtändigen und bezaubernden Töoͤchter nicht ver⸗ geſſen, Mr. Effingham.“ Nach dieſem Pröbchen von nautiſcher Galanterie begann das Glas zu kreiſen. Der Kapitän, Sir George Templemore(wie der unächte Baronet noch immer in der Kajüte genannt wurde, weil die Fälſchung nur in Eva's Kreis bekannt war,) und Mr. Dodge thaten derbe Züge, obſchon der Erſtere zu viel auf den Ruf ſeines Schiffes hielt, um zu vergeſſen, daß er ſich im November an der amerikaniſchen Küſte befand. Die Uebrigen nahmen nur mäßigen Antheil, obſchon auch ſie einigermaßen dem Einfluß der guten Laune Raum gaben, wie denn überhaupt jetzt zum erſten Mal ſeit ihrer Flucht aus dem Riffe in der Kajüte wieder das frühere Lachen ertönte. Nachdem ſie etwa eine Stunde beiſammengeſeſſen, ſtellte ſich wieder einigermaßen die Freiheit und Behaglichkeit her, welche dem Verkehr eines Schiffes eigenthümlich find, ſobald das Eis ein⸗ r 567 mal gebrochen iſt, und man begann ſogar Mr. Dodge wieder zu dulden. Dieſer Menſch hatte es, trotz ſeines Benehmens bei Ge⸗ legenheit des Kampfes, durch Zudringlichkeit und Schmeichelei ein⸗ zuleiten gewußt, daß ſein gutes Einvernehmen mit dem falſchen Baronet ungefährdet blieb, während die Uebrigen eher Mitleid als Abneigung gegen den Feigling fühlten. Die Gentlemen thaten des Umſtandes, daß er im kritiſchen Augenblicke ausgeriſſen, keine Er⸗ wähnung(obgleich Mr. Dodge den Zeugen deſſelben nie vergeben konnte), denn ſie betrachteten ſein Benehmen als die Folge einer natürlichen, unüberwindlichen Schwäche, die in ihm mehr einen Gegenſtand des Bedaurens, als des Vorwurſs erſcheinen ließ. Ermuthigt durch dieſe Nachſicht, deren Beweggründe er nicht begriff, hatte er ſich der Hoffnung hinzugeben angefangen, daß ſeine Abweſenheit in der Verwirrung des Gefechts nicht entdeckt worden ſey, und er trieb ſeine Kühnheit ſogar ſo weit, daß er Mr. Sharp zu überreden verſuchte, er ſey mit unter der Beman⸗ nung der Lanſche des Dänen geweſen, als dieſelbe nach Wieder⸗ erringung des Montauk das Boot und das Floß nach dem Riff herunterbrachte. Allerdings traf dieſen Verſuch eine kalte Zurück⸗ weiſung, aber doch nur ſo fein und abgemeſſen, daß der Ehren⸗ mann noch immer der Hoffnung Raum gab, es dürfte ihm gelin⸗ gen, die Uebrigen zum Glauben an ſeine Behauptung zu vermoͤ⸗ gen; und um dies mit deſto mehr Nachdruck thun zu können, gab er ſich alle Mühe, ſelbſt auch an ſeine Heldenthaten zu glauben. Hatte doch während des Gefechts in ſeinem eigenen Seelenvermö⸗ gen eine ſo große Verwirrung geherrſcht, daß er wohl auf die Einbildung kommen konnte, auch Andere dürften außer Stande geweſen ſeyn, die Sachlage genau zu unterſcheiden. 1 Unter dem Einfluß der herrſchenden nachſichtigen Geſinnung forderte Kapitän Truck, nachdem die Gläſer ſchon wacker gekreist hatten, den Herausgeber des Active Inquirer auf, die Geſellſchaft mit einigen weiteren Auszügen aus ſeinem Tagebuch zu erfreuen. 568 Hiezu war nicht viel Ueberredungskunſt erforderlich, denn Mr. Dodge begab ſich ſehr bereitwillig nach ſeinem Staatsgemach, um die werthvollen Berichte über ſeine Beobachtungen herbeizubringen. Er that dies in der Ueberzeugung, daß Alles vergeſſen ſey und er wieder den ihm gebührenden Platz in den geſellſchaftlichen Ver⸗ hältniſſen des Schiffes einnehmen könne. Die vier Gentlemen, welche ſelbſt in den Gegenden geweſen waren, die der Herausgeber zu ſchildern ſich unterfing, ſchickten ſich zum Zuhoͤren an, wie es wohl Männer von Welt zu thun pflegen, wenn ſie den oberfläch⸗ lichen und werthloſen Ergüſſen eines Neulings ihr Ohr leihen, weil ſie ſich einige Unterhaltung davon verſprachen. „Ich mache den Vorſchlag, den Schauplatz nach London zu verlegen,“ ſagte Kapitän Truck,„damit auch ein einfacher See⸗ mann, wie ich bin, in den Stand geſetzt werde, Eure ſchriftſtel⸗ leriſchen Talente zu würdigen; denn obſchon ich nicht daran zweifle, daß ſie ſehr groß ſind, kann ich doch vorderhand nicht mit ſo gu⸗ tem Gewiſſen darauf ſchwören, als ich wohl gerne möchte.“ 3„Wenn dies der Wunſch der Mehrheit iſt,“ entgegnete Mr. Dodge, indem er ſein Tagebuch niederlegte und fragend umher⸗ blickte,„ſo werde ich mit Freuden darauf eingehen; denn ich bin der Anſicht, daß man ſich immer nach der Mehrheit richten ſollte. Paris, London oder der Rhein— es kömmt mir nicht darauf an, da ich ſie alle geſehen habe und deshalb qualifizirt bin, den einen eben ſo gut zu ſchildern, wie die anderen.“ „Niemand zweifelt daran, mein theurer Sir; aber ich bin nicht ſo gut qualiſizirt, die eine von Euren Schilderungen ſo gut zu verſtehen, wie die anderg, Vielleicht drückt Ihr Euch mit mehr Gewandtheit aue, Sir, und habt beſſer verſtanden, was zu Euch geſagt wurde, wenn es in engliſcher, und nicht in einer ausländi⸗ ſchen Sprache geſchah.“ „Was dies betrifft, ſo glaube ich nicht, daß der Werth meiner 1— 569 Bemerkungen durch derartige Umſtände erhöht oder gemindert wer⸗ den kann; denn ich mache mir's ſtets zur Regel, das, was mir vorkömmt, wo möglich richtig aufzuzeichnen, und mehr kann man, glaube ich, von den Eingeborenen eines Landes ſelbſt nicht erwar⸗ ten. Ihr braucht nur zu heſtimmen, Gentlemen, ob ich über Eng⸗ land, Frankreich oder das Feſtland einen Vortrag halten ſoll.“ „Ich geſtehe, daß ich eine Vorliebe für das Feſtland habe,“ verſetzte John Effingham,„denn ein ſo umfaſſender Geiſt, wie der des Mr. Dodge, ſollte nicht auf eine Inſel oder gar auf Frank⸗ reich beſchränkt werden.“ 5 „Ich ſehe, wie es ſteht,“ rief der Kapitän.„So müſſen wir eben dem Reiſenden auf allen ſeinen Schritten folgen und ihn um ein Bischen von Beidem erſuchen. Habt die Güte, Mr. Dodge, Euch über Alles im Himmel und auf Erden zu verbreiten— Lon⸗ don und Paris miteingeſchloſſen.“ Auf dieſen Wink hin ſchlug der Journaliſt ſorgfältig einige Blätter um und begann ſodann:— „In Brurelles angelangt(Mr. Dodge ſprach dieſes Wort wie Bruckſils aus) um ſieben Uhr Abends und im beſten Gaſthauſe des Platzes, im ſilbernen Lamm abgeſtiegen, das in der Nähe des berühmten Rathhauſes und deshalb natürlich im Mittelpunkt des ſchönſten Stadttheils liegt. Da wir erſt am andern Morgen nach dem Frühſtück wieder aufbrachen, ſo kann der Leſer mit Recht eine Beſchreibung dieſer alten Hauptſtadt erwarten. Sie liegt auf einem Streifen niedrigen, ebenen Landes——““ „Ei, Mr. Dodge,“ unterbrach ihn der ſogenannte Sir George, „ich denke, dies muß ein Irrthum ſeyn. Ich bin in Brüſſel ge⸗ weſen, und es kam mir wahrhaftig vor, als liege es großentheils an der Seite eines ſehr ſteilen Hügels.“ „Ich verſichere Euch, Sir, daß Ihr Euch getäuſcht habt. In Brurxils iſt ſo wenig Hügel zu bemerken, als auf dem Decke dieſes Schiffes. Ihr ſeyd zu eilig geweſen, mein theurer Sir George, 570 wie es bei den meiſten Reiſenden der Fall iſt, welche ſich nicht Zeit nehmen, um auf die Einzelnheiten zu achten. Namentlich geht es bei euch Engländern gerne im Galopp, mein theurer Sir George, und ich kann mir denken, daß Ihr mit einer vierſpännigen Poſt reistet— eine Art, weiter zu kommen, welche Einen wohl ver⸗ anlaſſen kann, in der Einbildung einen Berg von der einen Stadt nach der andern zu verſetzen. Ich reiste meiſt in einer Voitury und hatte daher hinreichend Muße zum Beobachten.“ Mr. Dodge lachte jetzt, denn er fühlte, daß er ſein Feld gut behauptet hatte. „Ich denke, Ihr werdet wohl nachgeben müſſen, Sir George Templemore,“ bemerkte John Effingham, indem er auf den Namen einen Nachdruck legte, welcher unter ſeinen Freunden ein Lächeln hervorrief.„Brüſſel liegt zuverläſſig auf einer Ebene, und den Hügel, den Ihr ſahet, habt Ihr ohne Zweifel in Eurer Haſt von Holland mitgebracht. Mr. Dodge erfreut ſich bei ſeiner Reiſe⸗ methode eines großen Vortheils; denn da er Abends in der Stadt anlangte und erſt am Morgen wieder aufbrach, ſo ſtand ihm die ganze Nacht zu Gebot, um ſich umzuſehen.“ „So hab' ich's ſtets gehalten, Mr. John Effingham; denn ich machte mir's zum Grundſatze, in jeder großen Stadt, die ich berührte, eine ganze Nacht zuzubringen.“ Dieſer Umſtand wird Euren Anſichten unter unſeren Landsleu⸗ ten einen doppelten Werth verleihen, Mr. Dodge, da ſie ſich ſelten nur halb ſo viel Muße gönnen, wenn ſte einmal im Zuge ſind. Ich hoffe, Ihr habt die belgiſchen Staatseinrichtungen nicht über⸗ gangen, Sir, und namentlich auch dem Zuſtande der Geſellſchaft in der Hauptſtadt, von der Ihr ſo viel ſaht, Eure Aufmerkſamkeit geſchenkt?“ „Es fehlt an nichts— hier ſind meine Bemerkungen über dieſe Gegenſtände—„Belgien oder das Belgiſche, wie das Land jetzt genannt wird, iſt eines von den ſchnell aufgeſchoſſenen 571 Königreichen, die ſich in unſern Tagen gebildet haben, und trägt, wie aus unverkennbaren Zeichen hervorgeht, das Schickſal in ſich, bald durch die glorreichen Prinzipien der Freiheit über den Haufen geworfen zu werden. Wie gewöhnlich erliegt die Bevölkerung dem Drucke hartherziger Beamten und blutdürſtiger Prieſter. Der Monarch, der ein finſterer Katholik aus dem Hauſe Sachſen iſt — nämlich ein Sohn des Königs über dieſes Land und kraft der Rechte ſeiner erſten Gattin der muthmaßliche Erbe des großbritan⸗ niſchen Thrones— trägt ſich in allen ſeinen Gedanken mit nichts als Mirakeln und Heiligen. Der Adel bildet eine abgeſonderte Klaſſe, ſchwelgt in allen Arten von Laſtern— ich bitte um Ver⸗ zeihung, Sir George; aber in unſerem Lande muß man die Wahr⸗ heit ſagen oder lieber ganz ſchweigen— zin allen Arten von La⸗ ſtern und bekundet auch anderweitig die ungeheuerlichen Tendenzen des Syſtems.“ „Mit Erlaubniß, Mr. Dodge,“ unterbrach ihn John Effing⸗ ham,„habt Ihr nichts über die Art geſagt, wie ſich die Einwoh⸗ ner der ewigen langen Weile, ſtets auf einer ebenen Fläche ſpazie⸗ ren gehen zu müſſen, erwehren?“ „Leider nein, Sir. Meine Aufmerkſamkeit war hauptſächlich dem Zuſtand der Geſellſchaft zugewandt, obſchon ich gerne glauben will, daß ſie ihrer Ebene herzlich müde werden müſſen.“ „Je nun, Sir, ſie haben es ſo eingerichtet, daß an dem Dach ihrer Cathedrale eine Straße aufwärts und abwärts läuft; auf dieſer wandeln ſie nun alle Stunden des Tags hin und her.“ Mr. Dodge machte eine argwöhniſche Miene, aber John Ef⸗ fingham behauptete ſeinen Ernſt. Nach einer Pauſe ſuhr der Er⸗ ſtere wieder fort: 3 „„Die Gebräuche von Bruckſills ſind, wie die Sprache, ein Ge⸗ miſch von Niederländiſch und Holländiſch. Der König, der als ein Enkel des Polenkönigs Auguſtus von polniſcher Abkunft iſt, gibt ſich angelegentlich Mühe, an ſeinem Hof die ruſſiſchen Bräͤuche einzufüh⸗ 572² ren, während ſeine liebenswürdige junge Königin, die zu New⸗ Jerſey geboren wurde, wo ihr durchlauchtiger Vater zu Haddon⸗ ſteld Schulmeiſter war, früh die Anſichten des Republikanismus einſaugte, durch welche ſich Se. Gnaden, der ehrenwerthe Louis Philippe Orleans, der gegenwärtige König der Franzoſen, aus⸗ zeichnet.““ „In der That, Mr. Dodge,“ ſagte Mr. Sharp.„Ihr werdet alle Geſchichtſchreiber ſo gegen Euch in den Harniſch jagen, daß ſie Euch vor Neid die Gurgel abſchneiden möchten.“ „Nun ja, Sir, ich hielt es für meine Pflicht, keine der ſchönen Gelegenheiten, die ſich mir darboten, zu verſäumen, denn Amerika iſt ein Land, in welchem ein Zeitungsſchreiber nie hoffen darf, ſei⸗ nen Leſern etwas aufbinden zu können. Wir geben unfrem Publi⸗ kum Thatſachen, Mr. Sharp; dies mag vielleicht in England nicht üblich ſeyn, aber wir ſind der Anſicht, daß die Wahrheit allge⸗ waltig iſt und den Sieg davontragen wird. Um übrigens fortzu⸗ fahren:— Das Königreich der Belgier iſt ungefähr ſo groß, wie die nordöſtliche Ecke von Connectikut mit Einſchluß einer einzigen Stadt von Rhode Island, und die ganze Bevölkerung mag unge⸗ fähr der unſeres Stamms der Creek⸗Indianer gleichkommen, die in den wilderen Theilen unſeres Staates Geo gien ihre Sitze haben.“". „Dieſe Vergleichung iſt ſehr überzeugend,“ bemerkte Paul, „und hat noch obendrein das Verdienſt, durch einen Augenzeugen bekräftigt zu werden.“ „Ich will nun mit euch nach Paris zurückkehren, Gentlemen, wo ich mich volle drei Wochen aufhielt. Meine Sprachkenntniſſe ſetzen mich natürlich in den Stand, über die Geſellſchaft dieſer Stadt noch werthvollere Berichte abzugeben.“ 3 „Ich hoffe, Ihr gedenkt dieſe Andeutungen drucken zu laſſen, Sir?“ fragte der Kapitän. „Ich werde ſie wahrſcheinlich ſammeln und zu einem eigenen 573 Werk erweitern, obſchon ſie in den Spalten der Active Inquirer bereits dem amerikaniſchen Publikum vorgelegt worden ſind. Ich kann euch verſichern, Gentlemen, daß ſich meine Collegen von der Preſſe ſehr günſtig über meine Briefe ausgeſprochen haben. Viel⸗ leicht iſt es euch nicht unangenehm, einige ihrer Kritiken zu hören?“ Mr. Dodge öffnete hierauf ein Taſchenbuch, aus welchem er ſechs oder acht Streifen bedruckten Papiers herausnahm, die er, obſchon ſie ſehr abgegriffen waren, mit großer Sorgfalt aufbe⸗ wahrte. Er entfaltete den einen und las wie folgt: „Unſer Freund Dodge, Herausgeber des Active Iuquirer, unterrichtet ſeine Leſer und erbaut das Menſchengeſchlecht im All⸗ gemeinen mit einigen trefflichen und ſchlagenden Bemerkungen über den Zuſtand Europa's— eines Welttheils, den er jetzt einiger⸗ maßen mit dem Unternehmungsgeiſt und der Ausdauer erforſcht, wie ſie Columbus an den Tag legle, als er ſich in die unbekannte Unendlichkeit des atlantiſchen Weltmeers hinein wagte. Seine An⸗ ſichten verdienen unſere unbedingte Billigung, da ſie eben ſo gedie⸗ gen und umſichtig, als ächt amerikaniſch ſind. Wir denken, dieſe Europäer werden nachgerade einzuſehen anfangen, daß Jonathan manche gar feine Begriffe von ihnen ſelbſt, dieſen Creaturen, un⸗ terhält!’— Dies iſt ein Auszug aus dem Volksadvokaten, einem ſehr gediegenen Journale, welches unter der Redaktion von Peleg Pond, Esquire, einem Ausbund⸗Republikaner und einem tiefen Menſchenkenner ſteht.“ „Als ſolcher wird er insbeſondere in ſeinem Kirchſpiel erſchei⸗ nen,“ fügte John Effingham trocken bei.„Ich bitte, Sir, habt Ihr noch mehr dergleichen kriliſche morceaux?“ „Wenigſtens ein Dutzend,“ entgegnete der Herausgeber, der ſogleich wieder zu leſen anfing.„Steadfaſt Dodge, Esquire, der Herausgeber des Active Inquirer reist nun in Europa und er⸗ leuchtet den öffentlichen Geiſt ſeines Vaterlands durch Briefe mit dem Styl eines Johnſon, während ſie an Geſchmack und Welt⸗ 574 kenntniß mit den Schriften eines Cheſterſield wetteifern; ihre an⸗ ſprechendſten Eigenſchaften ſind übrigens Vaterlandsliebe, Republi⸗ kanismus und Wahrheit. Wir freuen uns, aus dieſen werthvollen Beiträgen zur amerikaniſchen Literatur zu erſehen, daß Stead⸗ faſt Dodge, Esquire, keinen Grund findet, um die Bewohner der alten Welt um ihre geprieſene Civiliſation zu beneiden, da er im Gegentheil mit jeder neuen Reiſeſtation mehr und mehr die Ueber⸗ zeugung gewinnt, wie ſehr unſere eigenen Zuſtände über die aller andern Ländern erhaben ſind. Amerika hat nur wenige Männer, wie Herrn Dodge hervorgebracht, und ſogar Walter Scott dürfte ſich die Autorſchaft einiger ſeiner Schilderungen zur Ehre rechnen. Wir hoffen, er werde ſeine Reiſen noch lange fortſetzen—“ „In der Voitury,“ fügte John Effingham ernſt bei.„Ihr bemerkt, Gentlemen, wie beſcheiden dieſe Redakteure ihr vertrau⸗ liches Verhältniß zu dem Reiſenden an den Tag legen. ‚uUnſer Freund Dodge, Herausgeber des Activo Inquirer,“ und ,Stead⸗ faſt Dodge, Esquire⸗— eine Ausdrucksweiſe, die mehr, als in Bänden geſagt werden kann, über ihren Geſchmack und ihre hohe Achtung vor der Leſewelt Zeugniß ablegt.“ „Wir ſprechen ſtets von einander in dieſer Weiſe, Mr. John Effingham— hierin beſteht unſer ésprit du corps.“ „Und ich ſollte meinen, das Publikum thäte wohl daran, ésprit du corps darin zu zeigen, daß es dies nicht duldet,“ bemerkte Paul Blunt. Dieſe Unterſcheidung ging an Mr. Dodge verloren, welcher eben nach einer ſeiner ausgeſuchteſten Stellen über den geſellſchaftlichen Zuſtand Frankreichs blätterte und dabei die ganze Eigenliebe dicker Unwiſſenheit und dummdreiſten Provinzial⸗Dünkels an den Tag legte. Sobald dieſer gründliche Beobachter der Menſchen und ihres Treibens, welcher ein fremdes Volk, deſſen Sprache ſogar für ihn ein Kauder⸗ welſch war, durch fünftägiges Reiſen in einem Omnibus, einen vier⸗ wöchentlichen Aufenthalt in Schenken und Speiſehäͤuſern, ferner durch ,— 8 ꝗ dN R 575 dreimaligen Beſuch der Theater, in welchen er kein einziges Wort verſtand, ſtudiren zu können glaubte,— die gewünſchte Stelle auf⸗ gefunden hatte, ſchickte er ſich an, den Zuhörern die Ergebniſſe ſeiner Prüfungen vorzulegen.“ „Das weibliche Geſchlecht iſt in einem wahrhaft ſchaudervollen Zuſtand,“ nahm er wieder auf, ‚da, wie allgemein bekannt iſt, die franzöſiſche Revolution weder Anſtand noch Zucht oder Schönheit in der Nation zurückgelaſſen hat. Abends mache ich einen Spazier⸗ gang in den Gallerien des Palais Royal, wo ich mir einen Stand⸗ punet wähle und jede Gelegenheit benütze, um in der Hauptſtadt Europa's die Eigenthümlichkeiten der Damen vom feinſten Geſchmack zu beobachten. Hier zieht, ich geſtehe es, namentlich eine Herzogin durch ihre Anmuth und ihr Embonpoint meine Bewunderung auf ſich. Mein Laquais de place ſagt mir, dieſe Dame werde bisweilen wegen ihrer Popularität und Leutſeligkeit la mére du peuple ge⸗ nannt. Den Beiſpielen nach zu urtheilen, die ich hier geſehen habe, zeichnen ſich die jungen Damen von Frankreich— und hierorts müſſen ſich wohl die Vornehmſten der Hauptſtadt zuſammenfinden, da der Spaziergang ſich unter den Fenſtern eines der köͤniglichen Paläſte befindet— keinesmegs durch jene ruhige Zurückhaltung und beſcheidene Züchtigkeit aus, welche man unter den jungen Schönen Amerika's findet; denn es muß im Gegentheil zugeſtanden werden, daß die Art, wie ſie allein gehen, auffallend und meiner Anſicht nach unziemend iſt, da ſie nur für Männer paßt. Das Weib iſt nicht dazu geſchaffen, allein zu ſeyn, und ich getraue mir daher zu behaupten, daß das Allein⸗Spazierengehen gleichfalls nicht in ihrem Schöpfungszwecke liegt. Gleichwohl geſtehe ich, daß eine gewiſſe Anmuth in der Weiſe dieſer Damen liegt, in jede Taſche ihrer Schürzen eine Hand zu ſtecken und den Körper hin und her zu wiegen, ſo daß ſie wie Herzoginnen durch die Gallerien dahin⸗ ſchweben. Ich möchte in aller Beſcheidenheit andeuten, daß es nicht übel ſeyn würde, wenn die amerikaniſchen Schoͤnen dieſen Pariſer 576 Gang nachahmten, denn als Reiſender halte ich es für meine Pflicht, jede überlegene Eigenſchaft, welche andere Nationen beſitzen, anzu⸗ erkennen. Auch erlaube ich mir, im Allgemeinen auf die anmuthi⸗ gen Manieren hinzudeuten, welche dieſe Damen von Qualität(Mr. Dodge ſprach dieſes Wort wie Kahlität) bei ihren Promenaden in dieſem gentilen Theile von Paris beobachten.““ „Die franzöſiſchen Damen müſſen ſich durch die Aufmerkſam⸗ keit, die ihr ihnen geſchenkt habt, ſehr geſchmeichelt fühlen,“ rief der Kapitän, indem er Mr. Dodge's Glas füllte.„Im Namen der Wahrheit und des Beobachtungsgeiſtes, Sir, fahrt fort.“ „Ich wurde von einer der erſten Familien Frankreichs, welche in der rue Saint Jacques, der Saint-James-Straße von Paris, wohnt, zu einem Balle eingeladen. Die Geſellſchaft war auser⸗ leſen und beſtand aus vielen der vornehmſten Perſonen im König⸗ reich des Français. Hier waren die beſtmöglichen Manieren zu ſehen, und namentlich zeichnete ſich der Tanz durch ſeine Anmuth und Schoͤnheit aus. Die Art, wie die Damen ihre Köpfe auf die eine Seite drehten und in der Vor⸗ oder Rückwärtsbewegung ihre Körper neigten, war in einem Style gehalten, welcher dem Hofe Terpſichorens Ehre machen würde. Die Frauenzimmer gehörten insgeſammt den erſten Familien Frankreichs an. Ich hörte, wie eine ihr frühes Weggehen entſchuldigte, weil Madame la Duchesse ſie erwarte, und eine andere erklärte, daß ſie Tags darauf mit Madame la Vicountesse Paris verlaſſe. Die Gentlemen waren, mit wenigen Ausnahmen, nach ihrer Liebhaberei gekleidet und trugen Fräcke von himmelblauer, grüner, ſcharlachrother oder matroſen⸗ blauer Farbe, je nach ihrer Laune; auch waren die Nähte mehr oder weniger mit Borden beſetzt— ſo ziemlich in der Weiſe, wie bei dem ehrenwerthen Koͤnig, den ich am Morgen nach Niully hatte abreiſen ſehen. Dieſe Unterhaltung war weit geordneter, als ich je irgend einer anwohnte: die Gentlemen benahmen ſich ſehr 577 herablaſſend und ohne den mindeſten Stolz, während die Damen lauter Grazie waren.“ „Grazien würde noch bezeichnender ſeyn, wenn Ihr mir die Hindeutung auf dieſes Wort zu Gut halten wollt, Sir,“ bemerkte John Effingham, als der Vorleſer inne hielt, um Athem zu holen. „„Ich habe bemerkt, daß in den meiſten Monarchieen die Menſchen in ihrem Benehmen äußerſt kriechend und wegwerfend ſind. So ziehen zum Beiſpiel die Männer, wenn ſie in eine Kirche treten, die Hüte ab, obſchon der Geiſtliche noch nicht zugegen iſt, und ſo⸗ gar die Knaben thun ein Gleiches, wenn ſie nur in ein Privathaus kommen. Dies heißt früh mit der Servilität anfangen. Ich habe mitangeſehen, wie Männer in der gemeinſten Weiſe auf dem kalten Pflaſter der Kirchen knieten und anderweitig die Geſinnung bekun⸗ deten, welche nothwendig durch ſelaviſche Inſtitutionen hervorge⸗ rufen wird.“ „Gott ſtehe ihnen bei!“ rief der Kapitän.„Wenn ſie ſchon ſo jung anfangen, welch' eine ſich bückende und knieende Bande von Halunken müſſen ſie nicht mit der Zeit werden!“ „Vermuthlich hat Mr. Dodge die Folgen in dem Beiſpiele der gemeinen alten Männer andeuten wollen, welche wahrſcheinlich ihre Servilität damit begannen, daß ſie mit abgezogenen Hüten in die Häuſer traten,“ ſagte John Effingham. „Ganz richtig, Sir,“ entgegnete der Herausgeber.„Ich laſſe dieſe kleinen Züge aus dem Volksleben mit einfließen, weil ich glaube, daß ſie am ſchlagendſten den Unterſchied zwiſchen den Na⸗ tionen nachweiſen.“ „Ich muß hieraus wohl folgern,“ nahm Mr. Sharp das Wort, „daß in dem Theile Amerika's, in welchem Ihr wohnt, kein Knabe den Hut abnimmt, wenn er in ein Haus kommt, und kein Mann in der Kirche niederkniet?“ „Gewiß nicht, Sir. Unſer Volk reift früh zur Idee der Maännlichkeit, und was das Knieen in der Kirche betrifft, ſo haben 37 Die Heimkehr. 578 wir zwar einige abergläubiſche Secten— nun, ich will ſie nicht nennen, aber im Ganzen kann keine Nation die Gotteshäuſer ver⸗ nunftgemäßer behandeln, als dies bei uns in Amerika der Fall iſt.“ „Dafür will ich ſtehen,“ erwiederte John Effingham;„denn bei meinem letzten Beſuche in der Heimath wohnte ich einem Con⸗ cert in der Kirche an, in welchem ein Känſtler von ausgezeichnetem Talent in Naſentönen die Geſellſchaft mit jenem in Text ſowohl als muſikaliſcher Trefflichkeit ſo ausgezeichneten Stücke erfreute: ‚vier und zwanzig Fiedler, all' in einer Reih'!““ „Ich glaube dies gerne,“ rief Mr. Dodge, der ſich in ſeinem Nationalſtolz aufblähte und die ganze Zeit ſo frei und unabhängig that, als ſäße er in einer Schenke.„Ohl! in Ameriky iſt der Aberglaube völlig erſtorben! Ich habe übrigens auch einige Be⸗ merkungen über die Kirche in meinen engliſchen Notizen; vielleicht wünſcht ihr ſie zu hören?“ „Ich bitte Euch, ſie vorzuleſen,“ ſagte der ächte Sir George Templemore mit einiger Haſt. „Aber ich proteſtire gegen jede Illiberalität,“ fügte der falſche Sir George bei, indem er ſeine Finger ſchüttelte. Mr. Dodge achtete übrigens nicht auf die beiden Sprecher, ſondern ſchlug die von ihm beabſichtigte Stelle auf, welche er laut mit der gewöhnlichen Selbſtgefälligkeit und Salbung vorlas. „„Heute beſuchte ich den öffentlichen Gottesdienſt der Saint—— Kirche in den Minories. In der Verſammlung waren viele der angeſehenſten Leute Englands— darunter Sir Salomon Snore, vormaliger Oberſherif von London, welcher zu den einflußreichſten Männern des Reichs gezählt wird, und der berühmte Mr. Shilling von der Firma Pound Shilling und Pence. Die Anweſenden be⸗ nahmen ſich allerdings ſehr fein, ließen aber doch ein Bischen zu viel Götzendienſt blicken. Sir Salomon und Mr. Shilling wurden mit Auszeichnung empfangen— nicht mehr wie billig, wenn man — 8 ☛ ——— u +— 86—— 579 ihre hohe Stellung bedenkt; aber das Kniebeugen und Singen er⸗ fuhr meine unbedingte Mißbilligung.““ „Sir Salomon und die andere von Euch genannte Perſon waren vielleicht ein Bischen engbrüſtig, ſo daß ihre Anmuth darunter Noth litt,“ bemerkte Mr. Sharp. „Ich mißbillige ſchon aus allgemeinen Grundſätzen alles Knieen. Wenn wir vor Einem knieen, knieen wir auch bald vor einem Andern, und Niemand kann wiſſen, wo es enden wird. ‚Die abſchließende Weiſe, wie die Verſammlung in Stühlen ſaß, deren Seiten ſo hoch waren, daß man den nächſten Nachbar nur mit Schwierigkeit ſehen konnte, und der Umſtand, daß dieſe Stähle,(Mr. Dodge ſprach das Wort wie Stiele aus) ‚oft Vorhänge haben, die den Eigen⸗ thümer ganz verbergen— bekundet eine Selbſtſucht, welche in Ameriky nicht lange Duldung finden würde.““ „Haben die Leute in Amerika keine eigenen Kirchenſtühle?“ fragte Mr. Sharp. „Oft,“ entgegnete John Effingham,„ſogar immer. Nur diejenigen Landestheile machen eine Ausnahme, wo man einen der⸗ artigen Beſitz für anmaßend hält und einen Verſtoß gegen die öf⸗ fentlichen Rechte darin ſieht, wenn ſich Jemand vor ſeinem Nach⸗ bar dadurch auszeichnen will, daß er ſich etwas aneignet, an was die ganze Gemeinde nicht beſſere Anſprüche hätte, als der Eigen⸗ thümer.“ „Und kann der Beſitzer eines Kirchenſtuhls denſelben nicht mit Vorhängen verhüllen, um im Stande zu ſeyn, bei der öffent⸗ lichen Gottesverehrung in ſeinem Inneren Einkehr zu halten?“ „Amerika iſt in allen dieſen Dingen das gerade Widerſpiel von England. Vermuthlich kommt Ihr mit der Vorſtellung zu uns, unſere Freiheit ſey ſo maßlos, um es einem Manne zu geſtatten, daß er ſeine Zeitung allein leſe?“ „Ich geſtehe, daß ich allerdings dieſer Meinung bin,“ entgeg⸗ nete Mr. Sharp lächelnd. 580 „Wir wollen ihn hierüber eines Beſſern belehren, Mr. Dodge, noch ehe wir ihn abreiſen laſſen. Nein, Sir, Ihr habt, wie ich bemerke, ſehr verkümmerte Begriffe von Freiheit. Bei uns wird Alles durch Mehrheiten abgethan. Wir eſſen, wenn die Mehrheit ißt, trinken, wenn die Mehrheit trinkt, ſchlafen, wenn die Mehr⸗ heit ſchläft und beten, wenn die Mehrheit betet. Statt uns in Kirchenſtühle mit hohen Wänden zu begraben und dieſe mit Vor⸗ hängen zu umgeben, haben wir den Boden amphitheatraliſch er⸗ höht, ſo daß Jeder den Andern ſehen kann. Die Seiten der Stuͤhle ſind weggenommen und in freie und gleiche Sitze umge⸗ wandelt. Auch haben wir die Kanzeleinfaſſung abgetragen, um den Geiſtlichen ganz ſehen zu können, und wie ich höre, iſt jetzt ſogar ein Plan im Werke, die Verſammlung in die Kanzel und den Pfarrer ins Kirchenſchiff zu verpflanzen, damit Letzterer ſehe, er ſey nicht beſſer, als Andere. Mr. Dodge, dies wäre eine treff⸗ liche Einrichtung für die ‚vierundzwanzig Fiedler, all' in einer Reih'.“ Der Herausgeber des Active Inquirer traute John Effingham nicht ganz und nahm daher bereitwillig ſeine Vorleſung wieder auf, obſchon er dadurch möglicherweiſe Gefahr lief, ſich noch weiter in das Feuer ſeines Gegners zu bringen. „Dieſen Morgen,“ fuhr Mr. Dodge fort,„trat ich in das Kaffeezimmer eines Gaſthauſes, ‚Schaufel und Zange“ genannt, um die Morgenzeitung zu leſen. Ich ſetzte mich an der Seite eines Gentlemans, der eben mit den ‚Times“ beſchäftigt war, und zog die Blätter des Journals, um der größeren Bequemlichkeit willen, zu mir heran; aber der Mann fragte mich in unverſchämter, an⸗ maßender Weiſe, ‚was zum Teufel ich damit wolle.“ Dieſe Unver⸗ träglichkeit im engliſchen Character hat ihren Grund in der Eng⸗ herzigkeit der Staatseinrichtungen, welche die Leute auf den Glau⸗ ben bringen, die Freiheit beziehe ſich auf die Perſonen, nicht aber auf die Mehrheit.“" V 581 „Ihr bemerkt, Mr. Sharp,“ ſagte John Effingham,„wel⸗ chen Vorzug der Fremde vor den Eingeborenen hat, wenn es gilt, die Gebrechen eines National⸗Characters nachzuweiſen. Vermuth⸗ lich habt Ihr bisher, wenn Ihr nach Belieben handeltet, der Vorſtellnng Raum gegeben, daß dies Freiheit ſey?“ „Ich fürchte, daß ich mir eine ſolche Schwäche zu Schulden kommen ließ. Aber Mr. Dodge wird die Güte haben, weiter zu leſen.“ Der Herausgeber willfahrte in Folgendem:— „Nichts hat mich mehr überraſcht, als der gemeine Geſchmack der Engländer in Betreff der Namen. So heißt zum Beiſpiel das⸗ ſelbe Gaſthaus, welches man in Amerika als ‚Adlerwirthſchafte, als orientaliſches oder oceidentaliſches Hotel,“ als„Angelſächſiſches, de⸗ mokratiſches Caffeehaus,“ oder mit irgend einem andern gleich edlen und würdevollen Namen bezeichnen würde—,Schaufel und Zange.“ Ein anderes Gaſthaus, welches man ſehr paſſend ‚Friedensſaale nennen könnte, führt den gemeinen Titel: ‚„Dolly's Garküche.“ Sämmtliche Gentlemen, ſelbſt Mr. Sharp nicht ausgenommen, gaben murmelnd ihren Abſcheu vor einem ſo gemeinen Geſchmack zu erkennen. Die meiſten aber hatten die anmaßende Unwiſſen⸗ heit und den gemeinen Dörflerſinn des Vorleſers ſatt, ſo daß ſie nach einander den Tiſch verließen. Jetzt ſchickte Kapitän Truck nach Mr. Leach und dem zweiten Maten, und dieſe beiden Ehren⸗ männer blieben mit Mr. Dodge und dem falſchen Baronet noch ein Stündchen ſitzen, worauf auch ſie ſich nach ihren Lagerſtätten begaben. Zweiunddreißigſtes Kapitel. „Bei Philippi ſehen wir uns wieder.“ Shakſpeare. Wer im Monat November die Küſte von New⸗York unter Südwind erreicht, kann von Glück ſagen. Es gibt zwei eigenthüm⸗ 582 liche Witterungsverhältniſſe, welche dem Fremden in Betreff unſres viel und ſehr mit Unrecht geſchmähten Climas die ungünſtigſte Meinung beibringen, obſchon der Vorwurf eigentlich nur den vor⸗ übergehenden Phänomenen gelten ſollte. Im Sommer nemlich gibt es erdrückend ſchwüle Tage, und im Herbſt ſcheint Einem zuweilen der trockene Nordwind kaum das Mark mehr in den Knochen zu laſſen. Die Paſſagiere des Montauk verſpürten nichts von dieſen bei⸗ den Uebeln und näherten ſich jetzt der Küſte bei klarem Himmel unter einer milden Südweſt⸗Briſe. Das Schiff war die Nacht über thätig geweſen, und als ſich die Geſellſchaft am Morgen auf dem Decke ſammelte, erklärte Kapitän Truck, daß man in einer Stunde den lang erſehnten weſtlichen Continent zu Geſicht bekommen werde. Da der Montauk unter Stengen⸗ und Bramſtengen⸗Prallſegeln windwärts von ſeinem Hafen mit einer Geſchwindigkeit von neun Knoten dahinlief, ſo war alle Wahrſcheinlichkeit vorhanden, das wackere Fahrzeug werde dem Verſprechen ſeines Meiſters Ehre machen. „Coaſt!“ rief der Kapitän, der ſich ſo naturgemäß wieder in ſeine alten Gewohnheiten gefunden hatte, als wäre gar nichts vor⸗ gefallen—„bringt mir eine Kohle— und Ihr, Meiſter Ste⸗ ward, ſorgt uns für ein gutes Frühſtuck. Wenn der Wind noch ſechs Stunden länger anhält, ſteht mir das Leidweſen eines bal⸗ digen Abſchieds von dieſer guten Geſellſchaft bevor, und Ihr ge⸗ winnt dadurch die ſchmerzliche Ueberzeugung, ſo werthen Reiſege⸗ fährten nie wieder ein Mahl vorſetzen zu dürfen. Dies ſind Augenblicke, welche das Gemüth aufſtören, und doch habe ich nie einen Speiſekammerbedienſteten geſehen, der nicht zu grinſen be⸗ gann, ſobald er ſich ſeinem Hafen näherte.“ „Ich glaube, es iſt gewöhnlich ein erfreulicher Moment für Alle, Kapitän Truck,“ ſagte Eva;„namentlich aber muß es ein Augenblick herzlich gefühlten Dankes für uns ſeyn.“ „Dies wohl, meine theure junge Dame; aber dennoch meine ** — A¶.&——. R An— u n— 583 ich, Mr. Saunders werde es etwas anders erklären. Hat noch Niemand von den Maſtkörben aus ‚Lande gerufen, Mr. Leach? Die Sandbänke von New⸗Jerſey ſollten ſchon ſichtbar ſeyn.“ „Den Landnebel haben wir ſchon ſeit Tagesanbruch in Sicht, das Land ſelbſt aber noch nicht.“ „Dann habe ich, wie der alte Columbus, die geblümte Jacke verdient— Land ho!“ Die Maten und Matroſen lachten, blickten, einander zunickend, nach vorn, und das Wort„Land“ ging von Mund zu Mund, aber nur mit der Gleichgültigkeit, mit welcher Seeleute nach kurzen Fahrten eine derartige Kunde aufnehmen. Nicht ſo erging es den Reiſenden, die ſich zuſammendrängten und das erſehnte Ufer zu ſchauen bemüht waren, obſchon ſie, mit Ausnahme Pauls, noch nichts erblicken konnten. „Wir müſſen Euch um Beiſtand angehen,“ ſagte Eva, die jetzt ſelten den ſchönen jungen Seemann anreden konnte, ohne daß eine Glut ihr eigenes liebliches Antlitz überflog,„denn wir Alle ſind ſo ungeſchickt, daß wir nichts von dem ſehen können, wonach wir uns ſo ſehr ſehnen.“ „Habt die Güte, über den Schaft jenes Ankers hinzublicken,“ verſetzte Paul, der froh war, einen Vorwand aufzufinden, der ihn Eva näher brachte,„und Ihr werdet auf dem Waſſer einen Ge⸗ genſtand bemerken.“ „Wohl,“ verſetzte Eva;„aber iſt es nicht ein Schiff?“ „Ja; aber könnt Ihr nicht ein wenig rechts davon über dem Meere eine nebeligte Maſſe entdecken?“ „Ihr meint die Wolke— eine graue, unbeſtimmte Dunſt⸗ maſſe?“ „So mag ſie Euch erſcheinen, ich aber erkenne darin Land. Es iſt das gebirgige Ende der berühuten Hochlande von Naveſink. Wenn Ihr noch eine halbe Stunde hinſchaut, ſo werdet Ihr be⸗ 584 merken, wie ſich Geſtalt und Oberfläche allmäaͤhlig beſtimmter ent⸗ wickeln.“ Eva machte haſtig Mademoiſelle Viefville und ihren Vater auf die Stelle aufmerkſam, und von dieſem Augenblicke an ſchauten die meiſten Reiſenden faſt eine Stunde lang unausgeſetzt darnach hin. Wie Paul geſagt hatte, vertiefte ſich das Blau der ſchein⸗ baren Nebelmaſſe, ſtieg mit dem unteren Rande nach der Ober⸗ fläche des Waſſers nieder und verlor zuletzt alle Aehnlichkeit mit einer Wolke. Nach weiteren zwanzig Minuten wurden die Umriſſe und Winkel der Berge ſichtbar, an deren Seiten ſich ſchon Bäume unterſcheiden ließen. Endlich ſah man auf der Höͤhe ein paar Leuchthürme aufwärts ragen. Aber der Montauk hielt von dieſen Hochlanden ab und bil⸗ dete ſich ſeinen Kurs nach einem langen niedrigen Sandſtreifen, der etwa eine Seemeile nördlich davon lag. In dieſer Richtung ſah man wohl fünfzig kleine Schiffe ſich einwärts ſammeln oder von dem Paſſe abgehen, die mit ihrem hohen, ſchmalen Tuch an die Kirchthürme in den Ebenen der Lombardei erinnerten. Dies waren Küſtenfahrzeuge, welche ihren verſchiedenen Beſtimmungsorten zu⸗ ſteuerten. Auch befanden ſich einige Schiffe darunter, welche der eingeſchlagenen Richtung zufolge auf China, nach dem ſtillen Ocean oder nach Europa ſegelten. Um neun Uhr traf der Montauk auf ein großes Schiff, das unter allen Segeln, welche ziehen konnten, in einer Bogenlinie ſteuerte und das Waſſer vor ſeinen Bugen aufwühlte. Einige Minuten ſpäter näherte ſich Kapitän Truck, den die Sorge für ſein Schiff nicht ſonderlich auf die umgebenden Gegenſtände achten ließ, der Gruppe der Reiſenden und begann abermals eine Unterhaltung. „Da ſind wir einmal, meine theure junge Dame,“ rief er —„keine fünf Seemeilen mehr von Sandy Hook, welches hier herum unter unſerem Leebug liegt— eine ſo hübſche Lage, wie ſie das Herz nur wünſchen kann. Jener dürre, hungrig ausſehende V ͤ K N. 2 F= 8 2.—=— A 2— dN ——¹˙9ũ A* 585 Schooner küſtenwärts von uns iſt ein Neuigkeitsſchiff, das, ſobald es mit der Brigg in unſerer Nähe fertig iſt, auf uns Jagd ma⸗ chen wird. Wir haben dann eine gute Gelegenheit, alle unſere überflüſſigen Lügen los zu werden. Der kleine Kerl dort im Lee, der auf uns abhält, iſt der Lootſe, nach deſſen Ankunft meine Verrichtungen aufhören. Ich habe dann wenig mehr zu thun, als Saunders und Toaſt zu koramifiren und die Schweine zu füttern.“ „ und wer iſt jener Gentleman ſchnabelwärts von uns— der mit dem großen Marsſegel an dem Maſte, den aufgegeiten Unter⸗ ſegeln und dem leewärts geſtellten Steuer?“ fragte Paul. „Wahrſcheinlich irgend ein Kunde, der ſeine Knieſchnallen ver⸗ geſſen hat und ein Boot nach der Stadt abſchicken mußte, um ſie zu holen,“ entgegnete kaltblütig der Kapitän, während er den focus ſeines Fernglaſes ſuchte und daſſelbe nach dem fraglichen Schiffe hinrichtete. Der Blick war lang und ſtätig; auch ſetzte Kapitän Truck zweimal das Inſtrument ab, um ſich die Feuchtigkeit aus dem Auge zu wiſchen. Endlich rief er jedoch zum Erſtaunen aller Zuhörer:* „Herbei, ihr Leute, und alle Prallſegel herein— wendet gegen Oſten um. Hurtig, Männer, hurtig! So wahr ich ein armer Sünder bin, es iſt das verwetterte Foam!“ B Paul faßte den Arm des Kapitäns und hielt ihn zurück, als dieſer eben in die Back ſpringen wollte, um ſelbſt mitzuhelfen und ſeine Leute zu ermuthigen. „Ihr vergeßt, daß wir weder Spieren noch Segel haben, die für eine Jagd paſſen,“ ſagte der junge Mann.„Auf was immer für einen Gang wir auch ſeewärts umholen mögen, wird die Cor⸗ vette doch uns zu ſehr überlegen ſeyn; entſchuldigt mich daher, wenn ich meine Anſicht dahin ausſpreche, daß eine andere Maß⸗ regel am Ort ſeyn dürfte.“ Der Kapitän hatte Paul's Anſichten achten gelernt und nahm die Vorſtellung in aller Freundlichkeit auf. 586 „Welche Wahl bleibt uns?“ fragte er. Wir müſſen entweder dem Löwen in den Rachen rennen oder vieren und nach Oſten ſteuern.“ „Es ſind noch zwei Fälle denkbar. Vielleicht kommen wir unbeachtet vorbei, weil das Schiff ſo ſehr verändert iſt, oder wir machen auf unſrem gegenwärtigen Gange fort und ſuchen in ſeich⸗ tes Waſſer zu kommen.“ „Er hat ſo wenig Waſſertracht, wie der Montauk, Sir, und wird uns folgen. Vor Egg Harbour treffen wir auf keinen Hafen und ich würde mich ſchämen, mit einem Schiff von ſolcher Größe in dieſen einzulaufen. Wenn wir übrigens oſtwärts ſteuern und das Cap Montauk umſchiffen, welches uns ſchon um unſeres Namens willen zum Schutz verpflichtet iſt, ſo köͤnnen wir in den Sund oder nöthigenfalls auch nach Neu⸗London kommen. Das Wettrennen iſt dann gewonnen, und wir können den Einſatz an⸗ ſprechen.“ „Erlaubt mir die Bemerkung, daß ich dies für unmöglich halte, Kapltän Truck. Todt vor dem Winde können wir nicht entkommen, da wir ſchon nach ein paar Stunden auf Land träfen, und werden wir entdeckt, ſo können wir unmöglich bei Sandy Hook einlaufen, weil uns die Corvette in einer Jagd von achtundvierzig Seemeilen nothwendig einholen muß.“ „Ich fürchte, Ihr habt Recht, mein theurer Sir— leider werdet Ihr wohl Recht haben. Die Prallſegel ſind jetzt eingezogen und ich will nach den Hochlanden aufholen, unter denen ich im Nothfalle Anker werfen kann. Der Burſche ſoll mir dann den Vattel in Güſſen zu ſchmecken bekommen, denn ich glaube kaum, daß er es wagen wird, uns zu nehmen, wenn unſer Anker in ame⸗ rikaniſchen Grund gebiſſen hat.“ „Auf wie weit dürft Ihr Euch der Küſte nähern?“ „Vor uns auf etwa fünfhundert Ruthen; aber um in das Hook einzulaufen, muß man ein paar Seemeilen davon über die Barre.“ 587 „Das letztere iſt ein unglücklicher Umſtand. Jedenfalls aber ſolltet Ihr das Schiff in Landnähe bringen— und zwar ſo nahe, um keinem Zweifel mehr Raum zu geben, daß Ihr Euch in ame⸗ rikaniſchem Gewäſſer befindet.“ „Wiv wollen's mit ihm verſuchen— wir wollen's mit ihm verſuchen. Sind wir doch den Beduinen entwiſcht, und es müßte wahrhaftig mit dem Teufel hergehen, wenn wir nicht auch John Bull umluven ſollten. Ich bitte um Verzeihung, Mr. Sharp, aber dies iſt ein Punkt, der durch die Spitzfindigkeiten großer Au⸗ toritäten bereinigt werden muß.“ Die Raaen wurden nun im Vorderſchiffe gebraßt und der Mon⸗ tauk an den Wind gebracht, ſo daß ſein Schnabel ein wenig nord⸗ wärts von den Badhäuſern bei Long Branch ſtand. Ohne dieſe plötzliche Veränderung des Kurſes würde der Mon⸗ tauk todt gegen die Corvette hingelaufen und vielleicht unentdeckt durchgekommen ſeyn, da die Spieren des Dänen ihn ſehr verändert hatten. So lange er nemlich gleichförmig fortſteuerte, faßte keine Seele an Bord des Foam Argwohn; aber das befremdliche Ma⸗ növer, welches zugleich die Breitſeiten blicken ließ, enthüllte im Nu die Wahrheit. Die große Raa der Corvette ſchwang ſich her⸗ um, und ihre Segel füllten ſich zu demſelben Kurſe, den das Pa⸗ ketſchiff aufgenommen hatte. Die beiden Fahrzeuge ſtanden etwa vier Seemeilen vom Lande ab, das Foam zwar ein wenig voraus, aber doch eine volle Seemeile im Lee. Das letztere hatte übrigens bald lavirt und ſteuerte landwärts. Dies brachte die Schiffe faſt in die gleiche Linie. Die Corvette befand ſich ungefähr fünfhundert Ruthen todt leewärts und war jetzt noch etwas über zwei See⸗ meilen von der Küſte entfernt; auch zeigte ſie bald ihre große Se⸗ gelüberlegenheit, da ſie augenſcheinlich zwei Fuß zurücklegte, wenn das Paketſchiff einen machte. Die Geſchichte dieſes unſerem Kapitän ſo unerwarteten Zu⸗ ſammentreffens war ſehr einfach. Sobald der Sturm nachgelaſſen 588 hatte, holte die Corvette, welche nicht zu Schaden gekommen war, längs der afrikaniſchen Küſte auf, hielt ſich ſo nah wie möglich an den muthmaßlichen Strich des Paketſchiffs und ſteuerte, da ſie letzteres verfehlte, bis in die Höhe von New⸗York. Vor dem Hook wandte ſie ſich an einen Lootſen und fragte, ob der Montauk an⸗ gelangt ſey. Die verneinende Antwort bewog ihren Kapitän, einen Offizier nach New⸗York zu ſchicken und ſich mit dem britiſchen Con⸗ ſul zu benehmen. Nachdem dieſer wieder zurückgekehrt war, ſteuerte die Corvette vom Lande ab und begann in hoher See zu kreuzen. In dieſer Weiſe war ſie ſchon eine Woche beſchäftigt, während welcher ſie Morgens einwärts zu laufen und ſich bis Abends in der Nähe der Barre aufzuhalten pflegte; dann aber fuhr ſie wieder in die hohe See hinaus. Als ſie des Montauk zum erſtenmal anſichtig wurde, lag ſie gerade bei, um Vorräthe von der Stadt einzu⸗ nehmen und mit einem Neuigkeitsboot Zwieſprache zu halten. Die Paſſagiere des Montauk hatten eben ihr Frühſtück be⸗ endigt, als der Mate berichtete, daß das Schiff in ſeichtes Waſſer gerathe und es noͤthig ſeyn dürfte, eheſtens entweder den Kurs zu ändern oder Anker zu werfen. Kapitän Truck begab ſich ſo⸗ dann mit ſeinen Gefährten auf das Deck und bemerkte, daß das Land kaum fünfhundert Ruthen von ihnen ablag, die Korvette aber etwa halb ſo weit neben ihnen im Lee ſtand. „Der Kerl iſt dreiſt, wenn er nicht etwa einen Sandy Hook⸗ Lootſen an Bord hat,“ rief der Kapitän. „Wahrſcheinlich iſt das Letztere der Fall,“ ſagte Paul.„Wenn er hier im Dienſte ſteht, ſo iſt es kaum denkbar, daß er eine ſo einfache Vorſichtsmaßregel vernachläſſigen ſollte.“ „Ich denke, dies könnte Mr. Vattel zufrieden ſtellen, Sir,“ entgegnete Kapitän Truck, als der Mann in den Puttingen ‚und halb dreie hinausſang.„Hart auf mit dem Steuer und legt die Raaen ins Geviert, Mr. Leach.“ „Wir werden jetzt bald erfahren, welche Kraft im Vattel ſteckt,“ bemerkte John Effingham;„denn zehn Minuten werden zureichen, um die Frage ſäuberlich ins Reine zu bringen.“ Das Foam ſtellte ſein Steuer nieder und lavirte ſchön gegen Südoſten. Der Montauk lief jetzt in ungefähr vier Faden Waſſer und in einer See, welche ſo glatt wie ein Teich war, am Ufer hin; wie er ſich aber ſeitlich drehte, vierte die Korvette und kam ihm nach, wobei ſie ſich ſtets öſtlich oder am äußeren Bord deſſel⸗ ben hielt. 4 „Wären wir ein Feind und jener Schaluppe gewachſen,“ ſagte Paul,„ſo würde dieſes glatte Waſſer und die Stellung Nocke gegen Nocke raſche Arbeit machen.“ „Der Kapitän ſteht im Gange und nimmt uns das Maaß!“ bemerkte Mr. Truck.„Hier iſt das Fernrohr— es wäre mir lieb, wenn Ihr ſein Geſicht unterſuchtet und mir ſagtet, ob Ihr ihn für einen Mann haltet, bei dem man mit dem Völkerrecht etwas ausrichten wird. Sorgt für Klarhaltung des Ankers, Mr. Leach, denn ich bin entſchloſſen, Alles ſtehend abzumachen, wenn jener Gentleman John Bull's alte Poſſen an unſerer Küſte zu er⸗ neuern gedenkt. Wie kömmt er Euch vor, Mr. Blunt?“ Paul gab keine Antwort, ſondern legte das Fernrohr nieder und ſchritt unruhig auf dem Decke hin und her. Dieſer plöͤtzliche Wechſel fiel Allen auf, obſchon ſich Niemand eine Bemerkung dar⸗ über erlaubte. Mittlerweile war die Kriegsſchaluppe ſchnell heran⸗ gekommen, und einige Minuten nachher ſtand ihre Backbordfocknocke nur noch zwanzig Fuß von der großen Steuerbordnocke des Mon⸗ tauk. Die beiden Schiffe liefen jetzt in parallelen Linien neben⸗ einander her. Bald nachher zog die Korvette das untere Fockſegel auf und ließ unter einer Todtenſtille, die an ihrem Bord herrſchte, die Bramſegel auf die Kappen niederfallen. „Gebt mir das Sprachrohr,“ ſagte Kapitän Truck, an die Regeling tretend;„der Gentleman hat Luſt, ſein Herz gegen uns zu erleichtern.“ 590 Der engliſche Kapitän, welcher leicht an ſeinen beiden Epeau⸗ letten zu erkennen war, hatte gleichfalls ein Sprachrohr in der Hand, obſchon noch keiner von den beiden Commandeuren von ſei⸗ nem Inſtrumente Gebrauch machte, da ſie ſich nahe genug ſtanden, um ſich ohne künſtliche Unterſtützung der Stimme beſprechen zu können. „Ich glaube, Sir,“ begann der Kapitän des Kriegsſchiffs, „daß ich das Vergnügen habe, Mr. Truck, den Kapitän des Lon⸗ doner Paketſchiffs Montauk zu ſehen.“ „Da haben wir's; ich wette, er hat meinen Namen neben einem John Doe und Richard Roe ſo ſorgfältig buchſtabirt, wie man's nur in einer Fibel finden kann,“ brummte Mr. Truck.„Ihr habt Recht, Sir; ich bin Kapitän Truck, und dies iſt der Montauk. Darf ich mich nach dem Namen Eures Schiffs und nach dem Eu⸗ rigen erkundigen, Sir?“ „Dies iſt Sr. britanniſchen Majeſtät Schiff das Foam— Kapitän Ducie.“ „Der ehrenwerthe Kapitän Ducie?“ rief Mr. Sharp.„War mir's doch, als kenne ich die Stimme. Wir ſind alte Bekannte.“ „Wird er vor Vattel Stand halten?“ fragte Mr. Truck ängſtlich. „Was dies betrifft, ſo muß ich Euch an ihn ſelbſt verweiſen.“ „Ihr ſcheint in dem Sturme gelitten zu haben?“ nahm Ka⸗ pitän Ducie wieder auf, und ein Lächeln ſpielte deutlich um ſeinen Mund, als er die Inſaſſen des Montauk wie alte Bekannte an⸗ redete.„Uns iſt's beſſer ergangen, denn ich glaube, daß uns nicht ein Tauendchen geriſſen iſt.“ „Das Schiff hat all ſein Geſtäng verloren,“ entgegnete Ka⸗ pitän Truck,„und uns die Mühe einer neuen Ausſtattung gemacht.“ „Das Letztere iſt Euch augenſcheinlich zum Wunder gut ge⸗ lungen. Eure Spieren und Segel ſind zwar ein wenig zu klein, ſtehen aber wie ein Kirchlein.“ 591 „Ja, ja; nun wir unſer neues Tuch aufgezogen haben, koͤnnen wir uns wohl wieder ſehen laſſen.“ „Darf ich fragen, ob Ihr in einem Hafen geweſen ſeyd, um Alles dies auszurichten?“ 3 „Nein, Sir; wir haben unſern Bedarf längs der Küſte auf⸗ geleſen.“ Der ehrenwerthe Kapitän Ducie argwöhnte eine Neckerei und wurde ein wenig kälter, obgleich er noch immer den Ton feiner Bildung beibehielt. „Ich wünſche Euch wegen einer wichtigen Angelegenheit unter vier Augen zu ſprechen, Sir, und bedaure nur, daß ich nicht gleich am Abend Eurer Ausfahrt von Portsmonth Gelegenheit dazu fand. Es iſt mir vollkommen bekannt, daß Ihr Euch in Eurem eigenen Gewäſſer befindet, und ich bedaure ſehr, Eure Paſſagiere ſo nahe am Hafen noch aufhalten zu müſſen; indeß werde ich es als eine beſondere Gunſt betrachten, wenn Ihr mir geſtatten wollt, auf eine Minute zu Euch an Bord zu kommen.“ „Von Herzen gerne,“ rief Kapitän Truck.„Wenn Ihr mir Platz machen wollt, ſo ſoll ſogleich mein großes Marsſegel an den Maſt gebraßt werden; indeß wünſche ich, meinen Schnabel vom Ufer abzuſtellen.— Dieſer Gentleman verſteht den Vattel, und wir werden keine Mühe mit ihm haben. Haltet den Anker klar, Mr. Leach, denn ‚mit ſchönen Worten buttert man keinen Paſtinak.“ Na, er iſt ein Gentleman, und— he, Saunders, ſtellt eine Flaſche alten Madeiras auf den Kajütentiſch.“ Kapitän Ducie verließ nun das Tackelwerk, in welchem er ge⸗ ſtanden hatte, und die Korvette luvte gegen Oſten ab, um dem Paketſchiff Platz zu machen, indem ſie zugleich mit an den Maſt gebraßten Fockmarsſegel beilegte. Der Montauk folgte dieſem Bei⸗ ſpiel und legte ſich unter ihr Lee. Jetzt wurde ein Halbdeckboot niedergelaſſen, welches fünf Minuten ſpäter ſeine Ruder gegen den Leegang des Paketſchiffs ſtieß, und der Commandeur der Korvette 592 kam jetzt, von einem pausbackigen Midſhipman und einem Herrn mittleren Alters in bürgerlicher Tracht begleitet, an Bord. Niemand konnte Kapitän Ducie für etwas Anderes als für einen Gentleman halten. Er war ſchön, gut gebaut und unge⸗ fähr fünf und zwanzig Jahre alt. Seine Verbeugung gegen Eva, deren Schönheit und edle Haltung augenblicklich auf ihn Eindruck zu machen ſchien, verrieth einen an die beſte Geſellſchaft ge⸗ wöhnten Mann, obſchon er zu ſehr Offizier war, um ſich weitere Aufmerkſamkeiten zu erlauben, ehe er dem Befehlshaber des Schiffs ſeine Achtung bewieſen und deſſen Komplimente ent⸗ gegengenommen hatte. Dann wandte er ſich wieder an die Damen und an Mr. Effingham, um ſeine Begrüßungen zu wiederholen. „Ich fürchte,“ begann er,„daß meine Pflicht unabſichtlich dazu Anlaß gab, eure Ankunft im Hafen zu verzögern; denn vermuthlich lieben nicht viele Damen den Ocean ſo ſehr, um denen leicht vergeben zu können, welche dazu beitragen, ſeine Beſchwer⸗ lichkeiten zu verlängern.“ „Wir ſind ſchon viel gereist und wiſſen den Obliegenheiten des Dienſtes wohl etwas zu gut zu halten,“ entgegnete Mr. Ef⸗ fingham höflich. „Dies iſt gewißlich wahr, Sir,“ ſiel Kapitän Truck ein;„und nie hat es mein gutes Glück gewollt, in angenehmerer Geſellſchaft zu reiſen. Mr. Effingham, der ehrenwerthe Kapitän Ducie— der ehrenwerthe Kapitän Ducie, Mr. Effingham;— Mr. John Effingham, Mamſell Viavill“— er verſuchte Eva's Ausſprache des Namens nachzubilden;—„Mr. Dodge, der ehrenwerthe Kapitän Ducie; der ehrenwerthe Kapitän Ducie, Mr. Dodge.“ Der ehrenwerthe Kapitän Ducie und alle Uebrigen, wenn wir den Herausgeber des Active Inquirer ausnehmen, lächelten leicht, obſchon ſie ſich gegenſeitig achtungsvoll verbeugten. Mr. Dodge dagegen, der ſich für berechtigt hielt, Jedem, der ihm begegnete, förm⸗ lich vorgeſtellt zu werden und die Bekanntſchaft Aller zu machen, die er ſah, mochte nun eine Vorſtellung ſtattfinden oder nicht, trat ohne Weiteres vor, und drückte Mr. Ducie ſehr herzlich die Hand. Kapitän Truck blickte nun umher, ob er nicht noch Jemand anders finde, den er vorſtellen könnte; aber Mr. Sharp ſtand in der Nähe der Spille, und Paul hatte ſich bis nach dem Sturm⸗ häuschen zurückgezogen. „Ich ſchätze mich glücklich, Euch in dem Montauk zu ſehen,“ fügte Kapitän Truck bei, indem er Mr. Ducie unwillkührlich nach der Spille hinführte,„und bedaure nur, daß ich nicht das Ver⸗ gnügen hatte, in England mit Euch zuſammenzutreffen. Der ehren⸗ werthe Kapitän Ducie, Mr. Sharp; der ehrenwerthe Kapitän— ℳ „George Templemore!“ rief der Befehlshaber der Korvette, von dem Vorgeſtellten auf den Vorſtellenden blickend. „Charles Ducie!“ rief der soit disant Mr. Sharp. „Hier endet alſo ein Theil meiner Hoffnungen, und wir ſind die ganze Zeit über auf einer falſchen Witterung geweſen.“ „Vielleicht nicht, Ducie. Erklärt Euch.“ „Ihr müßt von dem Augenblicke Eurer Ausfahrt an bemerkt haben, welche Mühe ich mir gab, Euch zu ſprechen.“ „Uns zu ſprechen?“ rief Kapitän Truck.„Ja Sir, wir bemerkten allerdings, daß Ihr uns ſprechen wolltet.“ „Es geſchah in der Abſicht, Euch mitzutheilen, daß ein Menſch, der ſich Sir George Templemore nennt, gleichwohl aber ein Be⸗ trüger iſt, in dieſem Schiffe Ueberfahrt genommen habe. Ich muß übrigens hier finden, daß wir irre geleitet wurden, indem der wirkliche Sir George Templemore Euer Fahrzeug dem Liverpooler Schiff vorzog. Daran ſind Eure verwünſchten faſhionablen Grillen Schuld, Templemore, um deren willen man nie wiſſen kann, ob Ihr im Begriffe ſeyd, Euch am Morgen zu erſchießen, oder noch vor Abend in die Ehe zu treten.“ Die Heimkehr. 38 594 „ und dieſer Gentleman iſt alſo Sir George Templemore?“ fragte Kapitän Truck mit ſcharfer Betonung. „Dafür kann ich bürgen, wenn anders der Umſtand, daß ich ihn von Kindsbeinen an kenne, in Betracht kommt.“ „Die Sache verhält ſich wirklich ſo, und wir haben es ſchon ſeit dem Tage unſerer Ausfahrt gewußt,“ bemerkte Mr. Effingham. Kapitän Truck hatte wohl ſchon Paſſagiere unter falſchen Namen geführt, war aber doch nie zuvor ſo vollſtändig getäuſcht worden. „Und darf ich mir die Frage erlauben,“ fügte er gegen den Baronet bei,„ob Ihr Parlamentsmitglied ſeyd?“ „Ich habe allerdings dieſe Ehre.“ „Und Templemore⸗Hall iſt Euer Landſitz— Ihr ſeyd gekom⸗ men, um Euch in den Canadas umzuſehen?“ „Ich bin der Eigenthümer von Templemore⸗Hall und hoffe, die Canadas zu beſuchen, ehe ich wieder zurückkehre.“ „Und Ihr“— er wandte ſich an Kapitän Ducie—„Ihr ſeyd ausgefahren, um einen andern Sir George Templemore zu ſuchen, einen falſchen?“ „Dies iſt ein Theil meiner Aufgabe,“ entgegnete Kapitän Ducie lächelnd. „Sonſt nichts?— Seyd ihr gewiß, Sir⸗ daß dies der ganze Zweck Eurer Sendung iſt?“ „Es iſt allerdings noch ein anderer Beweggrund vorhanden,“ entgegnete Mr. Ducie, der kaum wußte, wie er Kapitän Trucks Fragen aufnehmen ſollte;„indeß wird hoffentlich dieſer vorderhand zureichen.“ „Ich wünſchte, daß Ihr in dieſer Angelegenheit frei heraus⸗ ginget mit der Sprache. Allen Reſpekt— aber ich bin in ameri⸗ kaniſchem Gewäſſer, und es ſollte mir leid thun, wenn ich mich zuletzt noch auf Vattel berufen muͤßte.“ „Laßt mich die Rolle des Vermittlers ſpielen,“ unterbrach ihn 595 Sir George Templemore.„Es handelt ſich hier wohl um ein Verbrechen— iſt's nicht ſo, Ducie?“ 83 „Allerdings— um einen unglücklichen, aber thörichten jungen Mann, Namens Sandon. Man vertraute ihm eine große Summe Staatsgelder an, und er hat ſich mit vierzigtauſend Pfunden aus dem Staube gemacht.“ „Ihr glaubt alſo, daß dieſe Perſon mir die Ehre erwieſen hat, unter meinem Namen zu reiſen?“ „Wir haben Gewißheit darüber. Mr. Green hier,“— er deutete auf den Herrn in Civil,—„ſteht bei demſelben Bureau und hat den Verbrecher unter Eurem Namen bis auf die Ports⸗ mouther Rhede verfolgt. Sobald wir hoͤrten, daß ſich ein Sir George Templemore wirklich eingeſchifft habe, trug der Admiral kein Bedenken, mich dem Paketſchiff nachzuſenden. Dies iſt ein unglücklicher Umſtand für mich, da es einem ſo jungen Befehls⸗ haber einen Federbuſch eingetragen haben würde, wenn es ihm ge⸗ lungen wäre, den Spitzbuben zu greifen.“ „Der Federbuſch bleibt Euch vielleicht noch vorbehalten, Sir, und Ihr werdet ein Recht haben, ihn zu tragen,“ entgegnete Ka⸗ pitän Truck.„Der unglückliche junge Mann, den Ihr ſucht, befin⸗ det ſich ohne Frage in dieſem Schiffe.“ Kapitän Truck berichtete nun, daß im Raume unten ſich ein Mann befinde, welchen er für Sir George Templemore gehalten und der ohne Zweifel der geſuchte unglückliche Verbrecher ſey. Kapitän Ducie legte jedoch nicht die Aufmerkſamkeit oder Freude an den Tag, welche von einer derartigen Mittheilung wohl zu erwarten ſtand, ſondern hielt ſeine Augen auf Paul geheftet, der ſich noch immer unter dem Sturmhäuschen befand. Wie Letzterer ſah, daß er beobachtet wurde, kam er langſam, ſogar widerſtre⸗ bend, auf das Halbdeck herauf. Die Begegnungen der beiden Gentlemen waren befangen, obgleich jeder derſelben vollkommen ſeine Faſſung behauptete. 596 „Mr. Powis, wie ich glaube?“ begann der Offizier unter einer ſtolzen Verbeugung.“ „Kapitän Ducie, wenn ich nicht irre?“ entgegnete der An⸗ dere, indem er ſeinen Hut lüpfte, obſchon ſein Geſicht erglühete. Das Benehmen der Beiden wurde übrigens im Augenblicke nur wenig beachtet, wenn gleich Alle die Worte hörten. Kapitän Truck pfiff ein gedehntes„hu— u— u— i!“ hinaus, denn dies war mehr, als alle die Vermummungen, welche ihm jemals vorgekommen. Sein Auge haftete auf den beiden Gentlemen, als ſie mit einander weiter zurückgingen, und er war ganz in Nach⸗ ſinnen vertieft, als er plötzlich ſeinen Arm berührt fühlte. Es war die kleine Hand Eva's, die ſich häufig mit dem alten Seemann in gutmüthigen Neckereien zu ergehen pflegte. Mit lachenden Blicken ſchüttelte das Mädchen ihre blonden Locken und ſagte ſcherzend: „Mr. Sharp, Mr. Blunt; Mr. Blunt, Mr. Sharp.“ „Und Ihr ſeyd die ganze Zeit über in das Geheimniß einge⸗ weiht geweſen, meine theure junge Dame?“ „Die ganze Zeit über— von den Portsmouther Bojen an bis auf dieſe Stelle hier.“ „Ich werde wohl alle meine Paſſagiere gegenſeitig ſich noch einmal vorſtellen müſſen.“ „Gewiß; und ich moͤchte Euch empfehlen, daß Ihr Euch von jedem den Taufſchein oder Paß vorlegen laßt, ehe Ihr den Namen meldet.“ „Aber Ihr werdet doch wenigſtens die ſchöne Miß Effingham ſeyn, meine theure, junge Dame 2“ „Nicht einmal dafür moͤchte ich einſtehen,“ entgegnete Eva lachend und erröthend. „Dies iſt hoffentlich Mr. John Effingham.“ „Hinfür kann ich bürgen. Es gibt keine zwei Vetter Jack auf Erden. „Ich moͤchte nur wiſſen, welches weitere Anliegen dieſer Gent⸗ 597 leman hat. Er ſcheint nichts Feindliches im Schilde zu führen, es müßte denn gegen Mr. Blunt ſeyn. Sie ſehen ſich ſo kalt und ungewöhnlich an.“ Eva kam es ebenfalls ſo vor, und ſie verlor mit einemmale alle ihre Luſt zu Neckereien. In demſelben Augenblicke verließ Ka⸗ pitän Ducie ſeinen Gefährten(die beiden Männer berührten abge⸗ meſſen ihre Hüte) und kehrte zu der Gruppe zurück, die er zinide Minuten früher ſo ohne Umſtände verlaſſen hatte. „Ich glaube, Kapitän Truck, Ihr kennt jetzt meinen Auftrag,“ ſagte er.„Habt daher die Güte, mir zu ſagen, ob Ihr einwilligt, daß ich die von Euch genannte Perſon in's Verhöͤr nehme?“ „Ich kenne einen Eurer Aufträge, Sir, aber Ihr habt von zweien geſprochen.“ „Mit Eurer Erlaubniß werden beide ihre Bereinigung in dieſem Schiffe finden.“ „Erlaubniß? Das klingt wenigſtens höflich, meine theure, junge Dame. Geſtattet mir die Frage, Kapitän Ducie— riecht einer von den beſagten zwei Aufträgen nach Taback?“ Der junge Mann blickte überraſcht auf und begann eine Necke⸗ rei zu argwöhnen. „Die Frage iſt ſo auffallend, daß ich ſie nicht recht verſtehe. 2 „Ich moͤchte wiſſen, Kapitän Ducie, ob Ihr dieſem Schiffe wegen Schmuggelei einen Vorhalt zu machen habt?“ „Gewiß nicht. Ich bin weder ein Zollbeamter, Sir, noch ſtehe ich im Dienſte der Kroneinkünfte. Indeß habe ich geglaubt, dieſes Schiff ſey ein regelmäßiges Paketboot, in deſſen eigenem In⸗ tereſſe es liegen muß, ſich nicht auf ein derartiges Treiben einzulaſſen.“ „Dann habt Ihr vollkommen richtig geglaubt, Sir, obſchon wir nicht immer für die Ehrlichkeit oder Klugheit unſerer Leute ein⸗ ſtehen können. Ein einziges Pfund Taback kann dieſes edle Fahr⸗ zeug in Mißkredit bringen, und weil ich bemerkte, mit welcher Aus⸗ dauer Ihr mir nachſetztet, ſo fürchtete ich, daß mit dem Zolle nicht Alles in Richtigkeit ſey.“ S „Dann habt Ihr Euch unnöthigerweiſe beunruhigt, denn die peiden Aufträge, welche mich nach Amerika führten, betreffen blos Mr. Powis und Mr. Sandon, der, wie ich höre, unten in ſeinem Staatsgemache iſt.“ Die Anweſenden blickten ſich gegenſeitig an, ohne ein Wort zu ſprechen. „Wenn dies der Fall iſt, Kapitän Ducie, ſo erlaube ich mir, Euch jede Erleichterung anzubieten, ſo weit es die Gaſtfreundlich⸗ keit eines Schiffes geſtattet.“ „Ihr erlaubt uns alſo, mit Mr. Sandon Rückſprache zu nehmen?“ „Ohne Zweifel. Ich ſehe, Sir, Ihr habt Vattel geleſen, und verſteht Euch auf die Rechte neutraler oder unabhängiger Nationen. Da dieſe Rückſprache wahrſcheinlich von Wichtigkeit ſeyn wird, ſo wünſcht Ihr vielleicht Fernhaltung von Zeugen, und ein Staatsge⸗ mach wird für Euern Zweck wohl zu klein ſeyn. Meine theure, junge Dame, wollt Ihr wohl die Güte haben, uns für eine halbe Stunde Eure Kajüte zu leihen?“ Eva verbeugte ſich zuſtimmend, und Kapitän Truck lud die beiden Engländer ein, ihm hinunter zu folgen. „Meine Anweſenheit iſt bei der Beſprechung nicht eben nöthig,“ bemerkte Kapitän Ducie;„denn Mr. Green iſt in die ganze An⸗ gelegenheit eingeweiht, und ich habe eine Sache von Wichtigkeit mit Mr. Powis zu verhandeln. Wenn vielleicht von dieſen Gent⸗ lemen einige die Güte haben wollen, dem Verhör anzuwohnen und Zeuge deſſen zu ſeyn, was zwiſchen Mr. Sandon und Mr. Green vorgeht, ſo werde ich's als große Gunſt betrachten. Tem⸗ plemore, darf ich mir von Euch dieſen Gefallen erbitten?“ „Von Herzen gerne, obgleich es eine unangenehme Aufgabe iſt, Zeuge zu ſeyn, wie die Schuld entlarvt wird. Verlange ich 599 vielleicht zu viel, wenn ich Mr. John Effingham bitte, mit von der Partie zu ſeyn?“ „Ich wollte eben das gleiche Geſuch ſtellen,“ ſagte der Kapi⸗ tän.„Wir haben dann zwei Engländer und zwei Yankee's, wenn Mr. John Effingham mir geſtatten will, ihn ſo zu nennen.“ „Ehe wir hinter dem Hook ſind, Kapitän Truck, bin ich ein Yankee; in Amerika aber gehöre ich zu den mittlern Staaten, wenn Ihr ſo gut ſeyn wollt, mir die Wahl zu laſſen.“ Kapitän Truck that ihm durch einen Anſtoß mit dem Ellen⸗ bogen Einhalt, und benützte die Gelegenheit zu einem Geflüſter. „Ich bitte Euch, mein theurer Sir, macht nur keinen ſolchen Unterſchied zwiſchen außen und innen. Meiner Anſicht nach iſt das Schiff dieſen naͤmlichen Augenblick in den vereinigten Staaten Ameri⸗ ka's— im poſitiven Sinn ſowohl, wie nach geſetzlichem Dafür⸗ halten; und ich glaube, daß ich hierin den Vattel zur Stütze habe.“ „So ſey's drum. Ich will der Beſprechung mit dem Flücht⸗ ling anwohnen, und wenn ſeine Schuld nicht klar erwieſen iſt, ſoll er Schutz finden.“ Die nöthigen Vorkehrungen waren bald getroffen. Man traf die Uebereinkunft, daß Mr. Green, welcher bei einer engliſchen Be⸗ hörde angeſtellt war, ſich gemeinſchaftlich mit den genannten Gent⸗ lemen in Miß Effinghams Kajüte begeben ſollten, um daſelbſt den Verbrecher vorzunehmen, während Kapitän Ducie mit Paul Powis im Staatsgemach des letztern Rückſprache nehmen wollte. Die Erſteren begaben ſich unverweilt nach dem bezeichneten Orte; Kapitän Ducie aber blieb noch einige Minuten auf dem Decke, um dem Midſhipman ſeines Bootes einen Auftrag zu er⸗ theilen, worauf dieſer den Montauk verließ und nach der Korvette hinruderte. Während dieſer kurzen Zögerung näherte ſich Paul den Damen und redete ſie mit erkünſtelter Ruhe an, obſchon es ihm nicht gelang, die Aufregung ſeines Innern vor ihnen zu verbergen. 600 Auch der Diener beobachtete augenſcheinlich die Bewegungen ſeines Gebieters mit großer Beklommenheit. Nachdem die beiden Gentlemen mit einander hinabgegangen waren, zuckte er die Achſeln und erhob ſeine Hände, wie man wohl zu thun pflegt, wenn man plötzlich durch einen unangenehmen Vorfall betroffen wird. Dreiunddreißigſtes Kapitel. Norfolk, Dir ſteht ein härt'’rer Spruch bevor, Und ungern nur mag ich ihn dir verkünden. Shakſpeare. Mie Geſchichte des unglücklichen jungen Mannes, der, nachdem er alle Gefahren und Abenteuer der Reiſe überſtanden, nun ſo un⸗ erwartet eingeholt wurde, als er das vermeintliche Aſyl ſchon er⸗ reicht zu haben glaubte— beſtand aus nichts Anderem, als aus einem jener gewöhnlichen Gewebe von Ereigniſſen, die durch Eitel⸗ keit und Schwäche zum Verbrechen führen. Sein Vater hatte unter der britiſchen Regierung eine Anſtellung gehabt, ſpät geheirathet und einen Sohn und eine Tochter hinterlaſſen, die eben erſt in's Leben eintraten, als er daſſelbe verlaſſen mußte. Der Sohn war ihm in ſeinem Poſten nachgefolgt, weil die Regierung in dieſer Weiſe den unermüdlichen Eifer eines treuen Dieners belohnen wollte. Der junge Menſch gehörte unter den großen Haufen derjenigen, die ohne Grundſätze und höheres Streben nur der Citelkeit leben. Er gab ſich keinen hervorſtechenden Laſtern hin, da ſein Character aller der ſchroffen Züge entbehrte, welche zu der dafür erforderlichen Dreiſtigkeit hätten ermuthigen können. Vielleicht verdankte er ſein Verderben vorzugsweiſe dem Umſtande, daß er eine leidliche Perſön⸗ lichkeit beſaß. Sein Vater war ein kleiner, gedrungener, derb ge⸗ bauter Mann geweſen, deſſen Ehrgeiz ſich nie über ſeine Natur erhob, und der, nachdem er in früher Jugend den Pfad des Fleißes — C KdE u u— 7. — 601 und der Rechtlichkeit betreten hatte, eifrig auf demſelben bis an's Ende fortwandelte. Beim Sohne verhielt ſich's anders. Er las ſo viel von ariſtokratiſcher Haltung, ariſtokratiſchen Ohren, ariſto⸗ kratiſchen Händen, ariſtokratiſchen Füßen und ariſtokratiſchem An⸗ ſtand, daß er zuletzt mit Entzücken bemerkte, in allen dieſen adeligen Eigenſchaften unterſcheide er ſich nicht viel von den meiſten der vornehmen jungen Männer, die er hin und wieder durch die Parke reiten oder in den Straßen gehen ſah, und obſchon er recht wohl wußte, daß er kein Lord war, ſo begann er doch ſich glücklich darin zu fühlen, wenn er nur ein paar Stunden in der Woche von Frem⸗ den dafür gehalten wurde. Die Liebhaberei für Spielereien und hübſche Sachen war ihm angeboren, wurde aber durch die Lectüre einiger Tagesnovellen, in welchen Zerrbilder von fashionabeln Herren dargeſtellt waren, ſo ſehr geſteigert, daß er ſich nur noch glücklich fühlte, wenn er die⸗ ſer Leidenſchaft fröhnen konnte: freilich eine koſtſpielige Schwäche, deren Befriedigung in Bälde ſeine rechtmäßigen Mittel erſchöpfte. Einige kleine Unterſchleife, welche unentdeckt blieben, ermuthigten ſeine Thorheit, bis endlich einmal auf ein paar Wochen eine große Summe ausſchließlich ihm überlaſſen blieb, in welche er ſo tiefe Eingriffe that, daß er ſich flüchten mußte. Einmal Willens, Eng⸗ land zu verlaſſen, hielt er es für eben ſo leicht, mit 40000 Pfunden zu entwiſchen, als mit den paar Hunderten, die er ſich bereits zu⸗ geeignet hatte. Aber dieſer ſchwere Irrthum war die Urſache ſei⸗ nes Verderbens; denn die Größe der Summe bewog die Regierung, zu Wiedererlangung derſelben ungewöhnliche Schritte aufzubieten, und gab Anlaß zu Abſchickung des Kreuzers, welcher dem Montauk nachſetzte. Mr. Green, der zu Identifizirung des Flüchtlings abgeſchickt worden, war ein kalter, methodiſcher Mann und in allen Stücken ein treues Seitenſtück zu dem alten Sandon, deſſen College er ge⸗ weſen und dem er in unermüdlichem Geſchäftseifer wie auch in 60²2 indolenter Ehrlichkeit treulich nachgefolgt war. Er betrachtete die Un⸗ terſchlagung oder den Diebſtahl— denn das Vergehen konnte kaum milder bezeichnet werden,—als einen Schimpf für die ganze Beamten⸗ Körperſchaft, zu der er gehörte und zugleich als ein Brandmal auf den Namen desjenigen, welchen er ſtets als ein nachahmenswerthes Vorbild treuen Geſchäftseifers betrachtet hatte. Man kann ſich daher wohl denken, daß dieſer Mann nicht in der Stimmung war, den Verbrecher mit Nachſicht zu behandeln. „Saunders,“ ſagte Kapitän Truck in dem ſtrengen Tone, mit welchem er oft die Topgaſten anzubreien pflegte und aus dem zu entnehmen war, daß man in Erfüllung eines Befehls nicht ſäumen durfte, wenn man den Commandeur nicht aufbringen wollte. Geht nach dem Gemache des Menſchen, der ſich ſelbſt zum Sir George Templemore gemacht hat— vermeldet ihm mein Compliment— merkt wohl auf, was ich Euch ſage, Mr. Saunders— vermeldet ihm Kapitän Trucks Compliment und bedeutet ihm, daß ich auf die Ehre ſeiner Geſellſchaft in dieſer Kajüte rechne— wohl⸗ gemerkt, auf die Ehre ſeiner Geſellſchaft in dieſer Kajüte. Wenn ihn dies nicht aus ſeinem Neſte hervorbringt, ſo werde ich zu einer wirkſameren Maßregel greifen.“ 8 Der Steward drehte das Weiße ſeiner Augen aufwärts, zuckte die Achſeln und entfernte ſich, um den Auftrag zu vollziehen, fand aber doch unterwegs noch Zeit, um in die Speiſekammer zu treten und Toaſt mitzutheilen, daß ihr Verdacht endlich theilweiſe zur Wahrheit geworden ſey. „Dies beleuchtet den Umſtand, daß er nicht, wie die andern Gentlemen an Bord, einen Bedienten bei ſich hatte; auch erklären ſich jetzt viele andere Puncte, die einer Enthüllung gar ſehr be⸗ dürftig waren. Wenn ich einige Winke auf dem Deck recht ver⸗ ſtanden habe, ſo iſt Mr. Blunt zu einem Mr. Powis geworden— jedenfalls ein weit gentilerer Name; und da ſie in der Kajüte Je⸗ mand als ‚Sir George“ anredeten, ſo ſoll's mich gar nicht groß 603 Wunder nehmen, wenn ſich Mr. Sharp ewentuel als der wirkliche Baronit herausſtellte.“ Weiter reichte die Zeit nicht, und Saunders machte ſich auf den Weg, um den Verbrecher vorzuladen. „Dies iſt der unangenehmſte Theil des Dienſtes, der auf einem zwiſchen England und Amerika fahrenden Paketſchiffe laſtet,“ fuhr Kapitän Truck fort, ſobald Saunders außer Sicht war.„Faſt nie kann man ausfahren, ohne daß ſich einer oder der andere Ausreißer in das Zwiſchendeck oder in die Kajüte einſchleicht, und ſo werden wir oft aufgeboten, den Civilbehörden auf beiden Seiten des Waſſers Beihülfe zu leiſten.“ „Amerika ſcheint bei unſern engliſchen Spitzbuben in gutem Geruche zu ſtehen,“ bemerkte der Beamte trocken.„Dieſer Sandon iſt ſchon der Dritte, welcher im Lauf von drei Jahren aus unſerem Departement dahin entwichen iſt.“ „Euer Departement ſcheint alſo ſehr fruchtbar an Spitzbuben zu ſeyn, Sir,“ entgegnete Kapitän Truck ziemlich in demſelben Geiſte, wie der Erſtere ſeine Bemerkung vorgebracht hatte. Mr. Green war ein ſo derber Engländer, wie es Alle von ſei⸗ ner Klaſſe auf der Inſel ſind. Pedantiſch, von unermüdlicher Thätig⸗ keit, redlich und in Allem, was er that, ein Freund der Ordnung hatte er weder Zeit, noch Luſt, ſeine Kenntniſſe zu erweitern, wenn ihn dies nur die geringſte Anſtrengung koſtete. In Folge der— geiſtig wenigſtens— beſchränkten Sphäͤre, in welcher er ſich be⸗ wegte, hielt er alle die Vorurtheile feſt, welche in der Zeit herr⸗ ſchend waren, als er ſeine erſte Bildung genoß. Sein Haß gegen Frankreich war unüberwindlich, denn er hatte in ſeiner Jugend ge⸗ lernt, dieſen Staat als den Erbfeind Englands zu betrachten; und was Amerika betraf, ſo hielt er es für den gemeinſamen Zufluchts⸗ ort aller Schurken ſeines eigenen Landes und für einen Strich, wo Leute wohnten, die ſich gegen ihren König emport hatten, weil ſie ihre Abgeneigtheit gegen den heilſamen Zwang des Geſetzes 604 mit der Muttermilch eingeſogen. Zwar mochte er ſich eben ſo wenig öffentlich darüber auslaſſen, als er Luſt fühlte, die Straßen mit der Erklärung auf und ab zu rennen, daß Satan der Vater der Sünde ſey; aber von der unumſtöͤßlichen Wahrheit der That⸗ ſache war er in dem einen wie in dem anderen Falle auf's voll⸗ kommenſte überzeugt. Gab er übrigens gelegentlich etwas von dieſen Anſichten kund, ſo geſchah es nur etwa in der Weiſe, wie der Menſch huſtet— nicht etwa, weil er huſten will, ſondern, weil er nicht anders kann. Als er daher den Gegenſtand ſo natürlich eingeleitet fand, ſo darf es Niemand Wunder nehmen, wenn ihm während des kurzen Geſpräches, das nun folgte, einige ſeiner eigen⸗ thümlichen Meinungen entwiſchten. „Es gibt freilich unter uns, ſo gut wie anderwärts, ſchlechte Menſchen, Sir,“ entgegnete er auf den Hieb des Kapitän Truck; „aber was uns dabei am meiſten auffällt, iſt die Thatſache, daß ſie alle nach Amerika gehen.“ „Und zu uns kommen Spitzbuben, wie in andere Staaten, Sir; aber wir müſſen die Bemerkung machen, daß ſie insgeſammt aus England kommen.“ Mr. Green ſchien das Schlagende dieſer Erwiederung nicht zu begreifen, ſondern wiſchte ſeine Brillengläſer ab, während er zu⸗ gleich ſeinem Geſichte die Miene würdevollen Ernſtes zu verleihen bemüht war. „Einige von den ausgezeichnetſten Maͤnnern in Amerika ſind, glaube ich, Engländer geweſen,“ fuhr er fort,„welche den Aufent⸗ halt in den Colonien dem in der Heimath vorzogen.“ „Hievon habe ich nie gehört,“ entgegnete der Kapitän.„Wollt Ihr die Güte haben, mir nur einen Einzigen zu nennen?“ „Nun ja— zuvörderſt haben wir da Euern Waſhington. Ich höͤrte meinen Vater oft ſagen, er ſey mit Waſhington zu Warwirk⸗ ſhire in die Schule gegangen, habe aber, ſo lange derſelbe noch in England war, nie viel Geſcheidtes an ihm finden können.“ 4 —— 605 „Ihr ſeht alſo, daß wir etwas aus ihm machten, als wir ihn auf die andere Seite hinüberkriegten, da er ſich zuletzt doch als eine recht anſtändige und achtbare Perſon auswies. Nach dem, was man aus einigen eurer Zeitungen lieſ't, ſollte man wohl glau⸗ ben, König Wilhelm genieße in Eurem Lande den Ruf eines acht⸗ baren Mannes.“ 3 Mr. Green war zwar hoͤchlich betroffen, von ſeinem Monarchen in ſo unehrerbietiger Weiſe ſprechen zu hören, antwortete aber raſch: „Er iſt ein König, Sir, und benimmt ſich wie ein König.“ „Vermuthlich nur um ſo beſſer um der Prügelſuppe willen, die er als junger Burſch von dem Vermonter Schneider erhal⸗ ten hat.“ Kapitän Truck glaubte nemlich eben ſo zuverſichtlich an dieſes gemeine Gerücht über den fraglichen Fürſten, als Mr. Green der Ueberzeugung lebte, Washington habe ſeine Laufbahn als ein ganz gewöhnlicher Menſch begonnen, oder Mr. Steadfaſt Dodge der lä⸗ cherlichen Geſchichte von dem Haddonfielder Schulmeiſter unbedingtes Vertrauen ſchenkte; denn alle dieſe drei Sagen erfreuen ſich gleich großer hiſtoriſcher Glaubwürdigkeit. Sir George Templemore blickte überraſcht auf John Effing⸗ ham, welcher nun mit Ernſt das Wort nahm. „Elegante Auszüge, Sir, aus den gemeinen Klatſchereien zweier großen Nationen. Wir tragen uns viel mit dergleichen Hiſtörchen, und ihr ſeyd auch nicht ganz unſchuldig in dieſem Punkte. Geſteht aufrichtig, Ihr habt den ſchmähenden Gerüchten über Amerika ſelbſt ſchon Gehör geſchenkt.“ „Zuverläßig glaubt Ihr nicht, daß mir Washington's Laufbahn ſo wenig bekannt ſey?“ „Nein, ich habe eine andere Meinung von Euch. Eben ſo wenig glaube ich, daß Euer gegenwärtiger König von einem Ver⸗ monter Schneider gepeiſcht wurde, oder daß Louis Philipp in New⸗ Jerſey Schulmeiſter war. Unſere Stellung in der Welt erhebt uns 606 über dergleichen Ausſchmückungen. Aber habt Ihr nicht einige ungünſtige Vorſtellungen über Amerika, namentlich in Betreff ſeiner Geneigtheit, Schurken ein Unterkommen zu geben, wenn ſie mit vollen Taſchen kommen?“ Der Baronet lachte, konnte ſich aber eines Erröthens nicht erwehren. Er wäre gerne freiſinnig geweſen, weil er wohl wußte, daß Liberalität den Mann von Welt auszeichnet und ein unerläß⸗ liches Erforderniß der feinen Bildung iſt; indeß wird es immerhin einem Engländer ſehr ſchwer, gegen die Ci⸗devant⸗Colonien wahre Liberalität an den Tag zu legen, und dies fühlte auch Sir George in ſeinem ganzen moraliſchen Syſtem, obſchon er ſich alle Mühe gab, dagegen anzukämpfen. „Ich geſtehe, daß die Geſchichte mit Stephenſon in England einen ungünſtigen Eindruck gemacht hat,“ entgegnete er mit eini⸗ gem Widerſtreben. „Ihr meint das entwichene Parlamentsmitglied?“ ent⸗ gegnete John Effingham mit einem Nachdruck auf den beiden Worten. „Aber Ihr werdet uns doch nicht die Wahl ſeines Zufluchtsortes zum Vorwurf machen; denn er wurde durch ein fremdes Schiff, das zufällig nach Amerika beſtimmt war, auf der See aufgeleſen?“ „Dieſen Umſtand gewiß nicht, da er, wie Ihr ſagt, reiner Zufall war. Aber fand nicht irgend etwas Außerordentliches bei ſeiner Befreiung aus dem Arreſt ſtatt?“ „Sir George Templemore, es gibt nicht viele Engländer, gegen welche ich mich über dieſen Gegenſtand auch nur einen Augenblick auslaſſen möchte,“ verſetzte John Effingham mit Ernſt.„Ihr ge⸗ hört übrigens unter diejenigen, die ich achten gelernt habe, und es thut mir ſehr leid, bei einem Mann von Eurem in Wahrheit edelmüthigen Character ſolche irrige Vorſtellungen bemerken zu müſſen. Nur weniges Nachdenken muß Euch zeigen, daß keine eiviliſirte Geſellſchaft beſtehen könnte, wenn ſie den Schurken um ſeines Geldes willen ſchätzte und auszeichnete; was aber den von „— n k d t u e n 1 607 Euch angedeuteten beſonderen Fall betrifft, ſo war erſtlich Ste⸗ phenſon durchaus nicht ſonderlich bemittelt, und zweitens verdankt er ſeine Befreiung aus der Haft einem Grundſatze, der vor allen Gerichtshöfen Geltung finden wird, wo das Geſetz ſtärker iſt, als die politiſche Gewalt— ein Grundſatz, den wir unmittelbar aus der Großbritaniſchen Geſetzgebung ableiten. Glaubt mir, wir ſind ſo weit entfernt, uns einflußreiche Schurken aus andern Ländern zu wünſchen, daß vielmehr mit jedem Tage die Abneigung zunimmt, überhaupt Einwanderer aufzunehmen, da ihre Anzahl der einge⸗ borenen Bevölkerung unbequem wird.“ „Aber warum ſchließt Amerika keinen Vertrag mit uns zu wechſelſeitiger Auslieferung der Verbrecher?“ „Ein unüberſteigliches Hinderniß in Herſtellung eines derartigen Cartels liegt in der Natur unſerer Regierung, da ſie aus einem Staatenbunde beſteht, in welchem nicht allenthalben derſelbe Cri⸗ minal⸗Codex Geltung hat. Ein Hauptgrund aber iſt der übermä⸗ ßig künſtliche Zuſtand eurer Geſellſchaft, der einen geraden Ge⸗ genſatz zu dem unſrigen bildet und den Amerikaner nicht geneigt macht, unbedeutende Verbrecher mit ſo ſchwerer Strafe zu belegen. Ihr müßt nicht vergeſſen, daß der Amerikaner in dergleichen Din⸗ gen eine Stimme hat, und er kann ſich nicht darein finden, einen halb verhungerten Tropf wegen Diebſtahls hängen, oder einen Menſchen, der einen Haſen ſchießt, nach Botany⸗Bay ſchicken zu laſſen. Die Leichtigkeit, mit der man in Amerika ſeinen Lebens⸗ unterhalt gewinnen kann, hat bisher die meiſten Schelme nach ihrer Ankunft in verhältnißmäßig ehrliche Leute umgewandelt, ob⸗ ſchon ich glaube, daß wir in Bälde es nöthig finden werden, um des Selbſtſchutzes willen, den uns eure nunmehr ſo viel verbeſſerte Polizei zur Pflicht machen wird, unſer Syſtem zu ändern. Wie ich höre, veranlaßt das allgemeine Gerücht, mit dem man ſich über uns trägt, viele Schurken, denen England jetzt zu heiß wird, nach Amerika auszuwandern.“ 608 „Kapitän Ducie möchte gerne wiſſen, ob Mr. Truck gut⸗ willig geſtatten wird, dieſen Verbrecher nach dem Foam zu ſchaffen.“ „Ich glaube nicht, daß er es überhaupt geſtatten wird, wenn man ihn nicht gewaltſam dazu zwingt, im Falle das Geſuch irgend wie als ein Recht angeſprochen werden wollte; denn dann wird er mit allem Fug die Erklärung abgeben, daß die Bewahrung ſeines Nationalcharacters wichtiger iſt, als wenn ein Dutzend Schelme ſich der Strafe entziehen. Ihr mögt dann vielleicht ſein Verfah⸗ ren hart deuten; aber ich werde glauben, daß er befugt iſt, jedem ungeſetzlichen Eingriff in ſeine Rechte Widerſtand entgegenzuſetzen. Den Vorgängen zufolge hätte ich übrigens geglaubt, Kapitän Ducie hege eine friedlichere Geſinnung.“ „ Vielleicht habe ich mich zu ſtark ausgedrückt. Ich weiß, es iſt ſein Wunſch, den Verbrecher mit zurückzunehmen, kann aber kaum glauben, daß er ſich für dieſen Zweck anderer Mittel, als der Ueberredung bedienen wird. Ducie iſt in jeder Hinſicht ein Mann von Ehre und feiner Bildung. Er ſcheint in unſerem jun⸗ gen Freund Powis einen Bekannten gefunden zu haben.“ 1„Die Begegnung der beiden Gentlemen hat mich überraſcht, da ſie kaum freundlich genannt werden kann; und doch ſcheint ſie eben jetzt Ducie's Gedanken ſogar mehr in Anſpruch zu nehmen, als die Geſchichte mit dem Flüchtling.“ Beide wurden nun ſtumm und gedankenvoll, denn in John Effingham tauchten zu viele unangenehme Muthmaßungen auf, als daß er hätte ſprechen mögen, und der Baronet war zu edelmüthig, um einen Zweifel über einen Mann laut werden zu laſſen, den er zwar als ſeinen Nebenbuhler kannte, aber dennoch aufrichtig zu achten und zu lieben begonnen hatte. Endlich wurde das Geſpräch, in welchem Mr. Green allmäͤhlig ſtarrköpfiger und verdrießlicher, Kapitän Truck dagegen derber und beißender geworden war, plötzlich 609 durch das zögernde und widerſtrebende Eintreten Mr. Sandons unterbrochen. Das Schuldbewußtſeyn, dieſer gewaltige Vertreter einer ge⸗ rechten Vorſehung, da er das Vorhandenſeyn eines inneren Mah⸗ ners, des Gewiſſens, beweist, war mit ſchmerzlicher Beſtimmtheit in einem Geſichte abgebildet, das ſonſt nicht viel Anderes als den Ausdruck hohlköpfiger Eitelkeit blicken ließ. Obſchon von Perſon groß und kräftig gebaut, zitterten Sandons Glieder doch dermaßen, daß er ſich kaum aufrecht erhalten konnte, und als der Unglückliche den ihm wohlbekannten Mr. Green vor ſich ſah, ſank er auf ſeinen Sitz nieder, weil ihm die Beine den Dienſt verſagten. Der Be⸗ amte beobachtete ihn mit finſterer Miene mehr als eine Minute durch ſeine Brille. „Dies iſt ein trauriger Anblick, Henry Sandon,“ ſagte er endlich.„Indeß freut es mich wenigſtens, daß Ihr Euer Verbre⸗ chen nicht durch frechen Trotz zu vergrößern ſucht, ſondern in ge⸗ bührender Weiſe die Größe deſſelben fühlt. Was würde Euer rechtſchaffener, unermüdlich thätiger Vater geſagt haben, wenn er es hätte erleben müſſen, ſeinen einzigen Sohn in einer ſolchen Lage zu ſehen?“ „Er iſt todt!“ entgegnete der junge Menſch mit erſtickter Stimme.„Er iſt todt und kann nie etwas davon erfahren.“ Der unglückliche Verbrecher ſchien eine Art unheimlicher Freude zu empfinden, als er dieſe Worte ſprach. „Allerdings iſt er todt; aber es ſind noch Andere vorhanden, die unter Eurer ſchändlichen Aufführung leiden. Eure unſchuldige Schweſter iſt noch am Leben und erliegt unter dem Gefühle der Schaam.“ „Sie wird Jones heirathen und Alles vergeſſen. Ich habe ihr tauſend Pfund gegeben und ſie muß jetzt verehlicht ſeyn.“ „Hierin ſeyd Ihr im Irrthum, denn ſie iſt in der That John Sandon's Tochter und hat das Geld wieder zurückerſtattet. Mr. Die Heim kehr. 39 610 Jones aber weigert ſich, die Schweſter eines Diebs zum Weibe zu nehmen.“ 4 Der Verbrecher war eher eitel und gedankenlos, als ſelbſt⸗ ſüchtig; auch liebte er ſeine Schweſter, das einzige andere Kind ſeiner Eltern, weshalb er den Schlag, der ihn von dieſer Seite her traf, mit doppelter Gewalt fühlte. „Julia kann ihn zwingen, daß er ſie heirathe,“ rief der er⸗ ſchütterte Bruder.„Er iſt durch ein feierliches Verlobniß an ſie gefeſſelt und das Geſetz wird ſie ſchützen.“ „Kein Geſetz iſt im Stande, einen Mann gegen ſeinen Willen zu einer Ehe zu zwingen, und Eure arme unglückliche Schweſter fühlt zu zart gegen Euch, wie wenig Ihr's auch um ſie verdient habt, als daß ſie Mr. Jones Gelegenheit geben moͤchte, ſich durch Bloßſtellung Eures Verbrechens zu vertheidigen. Doch dies heißt nur Worte vergeuden, Mr. Sandon, denn man vermißt mich in dem Bureau, wo ich die Geſchäfte in den Händen eines unerfah⸗ renen Stellvertreters zurücklaſſen mußte. Natürlich laßt Ihr's Euch nicht einfallen, eine Handlung zu vertheidigen, von der Guch Euer Gewiſſen ſagen muß, daß ſie nicht zu entſchuldigen ſey.“ „Leider bin ich ein wenig gedankenlos geweſen, Mr. Green— oder, wie ich vielleicht beſſer ſagen ſollte, unglücklich.“ Mr. Sandon war in den allgemeinen Irrthum derjenigen ver⸗ fallen, die, wenn ſie auf Abwege gerathen, die Schuld gerne auf ihr Unglück, nicht aber auf ſich ſelbſt ſchieben. Mit einer Treu⸗ herzigkeit, die ihn, hätte ſie einer beſſeren Sache gedient, zu einem achtbaren Mann gemacht haben würde, hatte er ſich bemüht, ſein Verbrechen unter allerlei Vorwänden der Noth vor ſich ſelbſt zu entſchuldigen, und war endlich ſogar ſo weit gegangen, ſeine Hand⸗ lung damit rechtfertigen zu wollen, daß ihm ſelbſt Unrecht geſche⸗ hen ſey. Dieſes vermeintliche Unrecht betraf die Bereinigung ſeiner eigenen Anſprüche und ſollte einigermaßen den Betrug entſchuldi⸗ gen, obſchon die Poſten, welche ihm geſtrichen wurden, nur zwan⸗ 8———————— 48 y———— d—, AN N 611 zig Pfund betrugen und ſeine Unterſchlagung eine ſo große Summe betraf. Unter dem Einſluſſe derartiger Gefühle hatte er auch obige Antwort gegeben. „Ein wenig gedankenlos— unglücklich! So alſo bezeichnet Ihr ein Verbrechen, welches Euern Vater faſt wieder aus dem Grabe hervorrufen könnte, Henry Sandon? Doch ich will nicht mehr von Gefühlen reden, die Ihr nicht zu verſtehen ſcheint. Ihr geſteht, von den Staatsgeldern Euch 40,000 Pfund zugeeignet zu haben, an die Ihr weder ein Recht noch einen Anſpruch habt?“ „Ich habe allerdings einiges Geld in Händen, das, wie ich nicht in Abrede ziehe, der Regierung gehört.“ „Gut; und hier iſt meine Vollmacht, es von Euch in Em⸗ pfang zu nehmen. Gentlemen, wollt ihr die Güte haben, euch zu überzeugen, daß dieſes Dokument regelmäßig ausgeſtellt und be⸗ glaubigt iſt?“ John Effingham und die Anderen durchſahen das Aktenſtück und erklärten, daß es ganz in Ordnung zu ſeyn ſcheine. „Wohlan, Sir,“ nahm Mr. Green wieder auf,„zuvörderſt verlange ich die Wechſel, welche Ihr in London für dieſes Geld erhieltet, und Euer regelmäßiges Indoſſement an meine Ordre.“ Der Schuldige ſchien ſich auf dieſes Anſinnen gefaßt gehalten zu haben, denn er war jetzt mit demſelben Leichtſinn, mit welchem er ſich das Geld zugeeignet hatte, bereit, es wieder zurückzuer⸗ ſtatten, ohne die Bedingung ſeiner eigenen Sicherheit daran zu knüpfen. Da er die Wechſel in ſeiner Taſche hatte, ſo ſetzte er ſich ſogleich an einen Tiſch nieder, beſorgte die verlangten Indoſſe⸗ ments und händigte die Noten Mr. Green ein. „Ich habe hier nur für 38,000 Pfund Wechſel,“ ſagte der Be⸗ amte, nachdem er die Tratten nach einander unterſucht und ihren Betrag zuſammengerechnet hatte,„und man weiß, daß Ihr vier⸗ zigtauſend entwendet habt. Ich verlange den Reſt.“ 61²2 „Wie, wollt Ihr mich ohne Heller in einem fremden Lande laſſen?“ rief der Verbrecher im Tone des Vorwurfs. „Ohne Heller— in einem fremden Lande?“ wiederholte Mr. Green, indem er über ſeine Brille zuerſt nach Mr. Truck, dann nach Mr. Sandon hinblickte.„Was Euch nicht gehört, muß zu⸗ rückerſtattet werden, und wenn Ihr Euch das Hemd vom Leibe ziehen müßtet. Jedes Pfund, das Ihr habt, gehöͤrt dem Staate und Niemand anders.“ „Ich bitte um Verzeihung, Mr. Green— und Ihr ſeyd wahrhaftig grün genug, wenn Ihr dergleichen Sätze aufſtellt, in welchen weder Vattel, noch die revidirten Statuten Euch unter⸗ ſtützen werden,“ unterbrach ihn Kapitän Truck.„Die Effekten eines Paſſagiers können nicht aus dem Schiffe entfernt werden, bis ſeine Ueberfahrt bezahlt iſt.“ „Dies beſtreite ich in allen Fällen, in welchen die königlichen Einkünfte benachtheiligt werden könnten, Sir. Die Anſprüche der Regierung gehen allen andern vor, und das Geld, welches einmal der Krone gehört hat und von der Krone nicht regelmäßig ausbe⸗ zahlt wurde, bleibt immerhin Kroneigenthum.“ „Was ſcheere ich mich um Kronen und Krönungen! Wie mir vorkömmt, meint Ihr, Meiſter Green, Ihr ſprechet in Somerſet⸗ Houſe.“ Nun war Mr. Green ein Stern von ſo vollkommen beſtimmter Bahn, daß ſeine Ideen ſelten in der Tangente ihres gewohnten Umlaufs abwichen. Er hatte ſo oft ſagen hören, England herrſche über die Colonieen, über den Oſten und Weſten, über Canada, das Cap und Neu⸗Süd⸗Wales, daß es ihm nicht leicht wurde, ſich zu denken, er könnte außer dem Einfluß der britiſchen Geſetze ſte⸗ hen. Hätte er die Heimath verlaſſen, um auszuwandern oder auch nur zu reiſen, ſo wurde ſein Geiſt vielleicht gleicheren Schritt mit dem Körper gehalten haben; ſo aber war er in aller Haſt, die Amtsbrille noch auf der Naſe, von ſeinem Pult abberufen wor⸗ 613 den, und man durfte ſich daher nicht ſehr wundern, daß er ſich kaum in die Beſchaffenheit ſeiner gegenwärtigen Lage hineinzufinden vermochte. Das Kriegsſchiff, in welchem Alles Sr. Majeſtät ge⸗ hörte, trug dazu bei, ſeinen Wahn zu unterſtützen, und es wäͤre zuviel verlangt geweſen, wenn man einem ſolchen Manne hätte die Zumuthung machen wollen, er ſolle alle ſeine lang gehegten Vor⸗ ſtellungen ſo plötzlich aufgeben. Kapitän Truck's unehrerbietiger Ausruf verſetzte ihm faſt den Athem, und er ermangelte nicht, den Abſcheu, welchen er darüber fühlte, in dem Ausdrucke ſeines Ge⸗ ſichtes kund zu geben. „Ich bin, wie ich vermuthe, in einem von Sr. Majeſtät Pa⸗ ketſchiffen, Sir, und Ihr werdet mir die Aeußerung erlauben, daß ich mit Recht eine größere Ehrerbietung vor den hohen Symbolen des Königthums erwartet häͤtte.“ 3 „Darüͤber würde ſogar der alte Joe Bunk lachen müſſen. Ihr ſeyd in einem New⸗Yorker Poſtſchiff, Sir, in welchem keine andere Majeſtät etwas zu befehlen hat, als Ihre Majeſtaͤten John Griswold und Compagnie. Wahrhaftig, mein guter Sir, die See hat Euer Hirn ein wenig in Verwirrung gebracht.“ Nun wußte zwar Mr. Green, daß die Vereinigten Staaten von Amerika ihre Unabhängigkeit errungen hatten; aber der ganze Hergang der Sache war in ſeinem Geiſte ſo mit Rebellion und franzöſiſcher Alliance vermengt, daß er ſtets zweifelte, ob die neue Republik überhaupt geſetzlich exiſtire; auch hatte man ihn ſchon ſein Erſtaunen darüber ausdrücken hören, daß die zwölf Oberrichter nicht längſt einen ſo unconſtitutionellen Stand der Dinge zur Aus⸗ gleichung gebracht und die amerikaniſche Regierung durch ein Man⸗ damus abgeſchafft hatten. Sein Abſcheu ſteigerte ſich in demſelben Maßſtabe, in welchem Kapitän Truck ſeine Unehrerbietigkeit in ſtärkeren Ausdrücken an den Tag legte, und es ſtund ſehr zu be⸗ ſorgen, daß die Harmonie, welche bisher zwiſchen den betreffenden — leiden dürfte. „Die Achtung gegen die Krone kann bei einem wahrhaft ge⸗ treuen Unterthanen durch die See nicht erſchüttert werden, Sir,“ entgegnete Mr. Green mit Schärfe;„wenigſtens bei mir nicht, wie ſich nun auch die Sache bei Euch verhalten mag.“ „Bei mir? Ha zum Teufel, Sir, haltet Ihr mich für einen Unterthanen?“ „Leider für einen recht ſchlechten obendrein, und wenn Ihr in London ſelbſt geboren wäret.“ „Ach, mein theurer Sir,“ verſetzte Kapitän Truck, indem er den Andern am Rockknopfe faßte, als bemitleide er deſſen Verblen⸗ dung.„In London wachſen keine ſolche Leute. Ich komme vom Fluß her, und dort gab es nie einen Unterthanen— auch keine andere Majeſtät, als die von der Say⸗Brook⸗Platform. Endlich fange ich an, Euch zu begreifen. Ihr ſeyd einer von jenen wohl⸗ meinenden Menſchen, welche da glauben, die Erde ſey nichts, als ein Gehäuſe für die Inſel Großbritannien. Na, ich meine, der Fehler liegt mehr in Eurer Erziehung, als in Eurer Natur, und einen Irrthum muß man zuguthalten. Darf ich fragen, was in Beziehung auf dieſen unglücklichen jungen Mann Euer weiterer Wunſch iſt?“ „Er muß jedes Pfund von den Staatsgeldern, die er in ſei⸗ nem Beſitz hat, wieder zurückerſtatten.“ „Dies iſt nicht mehr wie billig, und ich ſage Ja.“ „Und Diejenigen, welche von ihm unter was immer für Vor⸗ wänden einen Theil dieſes Geldes erhalten haben, müſſen Alles an die Krone zurückgeben.“ „Mein guter Sir, Ihr habt keinen Begriff von dem vielen Champagner und anderen guten Dingen, welche der unglückliche junge Menſch in dieſem Schiff verbraucht hat. Obſchon nur ein falſcher Baronet, hat er doch wie ein ächter Lord gelebt, und es Perſonen geherrſcht hatte, ſchnell einen gewaltſamen Bruch er⸗ 615 kann Euch unmöglich einfallen, den Schiffseigenthümern die Unter⸗ haltung eurer Spitzbuben aufzubürden.“ „Die Regierung macht keinen Unterſchied, Sir, und nimmt ſtets ihr Eigenthum in Anſpruch.“ „Nicht doch, Mr. Green,“ unterbrach ihn Sir George Temple⸗ more.„Ich zweifle ſehr, ob die Regierung ſelbſt auf engliſchem Grund und Boden Geld zurückfordern würde, das ein Kaſſendieb oder ein Betrüger für ſeine Tagesbedürfniſſe vorausgabt hat. Um ſo weniger ſcheint ſie mir alſo berechtigt zu ſeyn, die paar Pfunde anzuſprechen, die Kapitän Truck geſetzmäßig verdient hat.“ „Das Geld iſt nicht geſetzmäßig verdient, Sir; denn es wi⸗ derſtreitet allem Geſetz, einem Verbrecher zur Flucht aus dem Königreiche zu helfen, und ich bin nicht überzeugt, ob nicht ſchon blos auf dieſe Handlung Strafen geſetzt ſind. Was aber Staats⸗ gelder betrifft, ſo können ſie nie ohne die gebührenden amtlichen Formen und in geſetzmäßiger Weiſe die Schatzkammer verlaſſen.“ „Mein theurer Sir George,“ ergriff der Kapitän wieder das Wort,„überlaßt es mir, dies mit Mr. Green abzumachen, der ohne Zweifel nur bevollmächtigt iſt, eine Quittung über das Ganze auszuſtellen.“ „Was ſoll mit dem Delinquenten geſchehen, Sir, nachdem Ihr ſein Geld an Euch genommen habt?“ „Natürlich wird er in dem Foam nach England zurückgebracht, und es thut mir leid, ſagen zu müſſen, daß er dort den Gerichten anheim fällt.“ „Wie— mit oder ohne meine Erlaubniß?“ Mr. Green machte große Augen, denn ſein Geiſt war ganz von dem Schlage jener Leute, die es bei einem vormaligen Colo⸗ niſten für hohe Vermeſſenheit halten, die Rechte eines alten Lan⸗ des anzuſprechen, ſelbſt wenn ſie es ſo weit gebracht haben, zu begreifen, daß die Trennung geſetzlich und vollſtändig ſtattgefun⸗ den hat. 616 „Er hat Fälſchung begangen, Sir, um den Kaſſendiebſtahl zu verheimlichen. Dies iſt ein ſchreckliches Verbrechen; aber die⸗ jenigen, welche es begehen, dürfen nicht hoffen, den Folgen zu entrinnen.“ „Elender Betrüger— iſt dies wahr?“— fragte Kapitän Truck den zitternden Schuldigen in ſtrengem Tone. „Er nennt mein Ueberſehen Fälſchung, Sir,“ entgegnete der Letztere mit erſtickter Stimme.„Ich habe nichts begangen, wodurch ich Leben oder Freiheit verwirkt hätte.“ 3 In dieſem Augenblicke trat Kapitän Ducie, von Paul Powis begleitet, in die Kajüte. Ihre Geſichter glühten; auch drückte ſich in ihrem gegenſeitigen Benehmen einige Verſtörtheit aus, obſchon ſie die Formen der Höflichkeit nicht vernachläſſigten. Zu gleicher Zeit benützte Mr. Dodge, welcher faſt vor Begierde ſtarb, der geheimen Verhandlung anzuwohnen, die Gelegenheit, um ebenfalls hereinzuſchlüpfen. „Ich freue mich, daß Ihr kommt, Sir,“ begann Mr. Green, „denn es dürfte ſich ein Anlaß bieten, die Dienſte von Sr. Maje⸗ ſtät Offizieren in Anſpruch zu nehmen. Mr. Sandon hat ſeine Wechſel ausgeliefert bis auf zweitauſend Pfund, die noch unberich⸗ tigt ſind. Weitere fünfunddreißig habe ich unläugbar bis auf den Meiſter dieſes Schiffes verfolgt, der ſie als Paſſagiergeld bezo⸗ gen hat.“ „Ja, Sir, dieſer Umſtand iſt ſo augenfällig, wie die Hochlande von Naveſink hier von dieſem Deck aus,“ fügte der Kapitän des Montauk trocken bei. „Tauſend Pfund ſind von der Schweſter des Veruntreuers zurückerſtattet worden,“ bemerkte Kapitän Ducie. „Sehr wahr, Sir; ich hatte vergeſſen, ihm dieſe Summe gut zu ſchreiben.“ „Den Reſt hat der unglückliche Menſch wahrſcheinlich auf jene thörichten Spielercien verwendet, auf die er, wie ich höre, ſo ſehr 617 verſeſſen war, und denen er eine achtbare Stellung ſowohl, als ſeinen Seelenfrieden zum Opfer brachte. Was das an den Kapi⸗ tän bezahlte Ueberfahrtsgeld betrifft, o iſt es ehrlich verdient worden, und ich wüßte nicht, daß die Regierung irgend ein Recht hätte, es zurückzufordern.“ Dieſe Anſicht erregte in Mr. Green ſogar noch größeres Ent⸗ ſetzen, als Kapitän Trucks Sprache; auch vermochte er es nicht über ſich zu gewinnen, ſeine Gefühle zu unterdrücken. „Wir leben wahrhaftig in gefährlichen Zeiten,“ murmelte er, vorzugsweiſe gegen John Effingham hin ſprechend, deſſen Aeußeres ihm beſondere Achtung einzuflößen ſchien,„wenn die Sprößlinge des Adels ſo verderbliche Anſichten unterhalten. Vergeblich glaub⸗ ten wir in England, daß die Schändlichkeiten der franzöſiſchen Re⸗ volution durch Billy Pitt ihres vergiftenden Einfluſſes beraubt wor⸗ den ſeyen. Ja, wahrhaftig, Sir, wir leben in gefährlichen Zeiten, denn die Krankheit hat ſich bis in die höheren Klaſſen hinauf ver⸗ pflanzt. Ich höre, daß man allen Ernſtes Anſchläge ſchmiedet gegen die Perücken der Richter und Biſchöfe— zunächſt wird's dann an den Thron kommen. Alle unſere ehrwüͤrdigen Inſtitutionen ſtehen in Gefahr.“ „Ich möchte ſelbſt auch glauben, daß der Thron gefährdet iſt, wenn ſein Beſtand auf den Perücken beruht, Sir,“ entgegnete John Effingham mit komiſchem Ernſt. „Es iſt meine Pflicht, Kapitän Truck,“ fuhr Kapitän Ducie fort, welcher von ſeinem Begleiter ſo ganz und gar verſchieden war, daß er kaum derſelben Species anzugehören ſchien,„Euch zu bitten, daß Ihr uns die Perſon des Verbrechers ſammt ſeinen Habſeligkeiten ausliefert. Wir können dann Euch und Euren Paſſa⸗ gieren die Unannehmlichkeit erſparen, von dieſer widerlichen Ge⸗ ſchichte noch mehr anſehen zu müſſen.“ Sobald von Auslieferung die Rede war, trat die ganze Ge⸗ fahr ſeiner Lage in den ſchreckhafteſten Zügen vor die Seele des 618 Schuldigen. Er wurde bald roth bald blaß, und ſeine Füße wei⸗ gerten ſich, ihn zu tragen, obſchon er einen verzweifelten Verſuch machte, von ſeinem Sitze aufzuſtehen. Nach einem kurzen Schweigen wandte er ſich an den Befehls⸗ haber der Korvette und flehte ihn in den kläglichſten Tönen um Erbarmen an. „Ich bin bereits ſchwer geſtraft,“ fuhr er fort, als ihm die Stimme wieder zurückkehrte,„denn die wilden Beduinen haben mir Alles geraubt, was ich Werthvolles beſaß. Dieſen Gentlemen hier iſt bekannt, daß ſie mir mein Toiletten⸗Etuis nebſt mehreren an⸗ deren dazu gehörigen merkwürdigen und werthvollen Gegenſtänden, desgleichen auch faſt alle meine Kleider geraubt haben.“ „Dieſer Menſch iſt kaum ein zurechnungsfähiges Weſen,“ ſagte John Effingham,„denn kindiſche Eitelkeit erſetzt bei ihm Grund⸗ ſätze, Selbſtachtung und Pflicht. Seine Schweſter iſt um ſeines Verbrechens willen unglücklich geworden: er kann die begangene That nicht abläugnen, und eine furchtbare Strafe ſteht ihm bevor; aber dennoch tragen ſich ſeine Gedanken ſtets mit jenen Spielereien.“ Kapitän Ducie warf dem Elenden einen Blick des Mitleids zu, und aus ſeinen Zügen ließ ſich deutlich entnehmen, wie ſehr ihm die Erfüllung dieſer Pflicht zuwider war. Dennoch hielt er ſich für verbunden, weiter in Kapitän Truck zu dringen, daß er ſeinem Geſuche willfahre. Letzterer wußte nicht recht, was er thun ſollte; denn einmal war es ihm in der Seele zuwider, ſich den Anſchein zu geben, als geſtehe er einem britiſchen Flottenoffizier etwas zu, da er dieſen Menſchenſchlag von früher Jugend an haſſen gelernt hatte. Zwar hatte Kapitän Ducie einen günſtigeren Eindruck auf ihn gemacht; aber es erregte doch Bedenken in ihm, einen Menſchen dem wahrſcheinlichen Tode oder irgend einer andern ſchweren Züch⸗ tigung zu überantworten, obſchon ihm dann wieder der Gedanke nicht recht hinunter wollte, man könnte glauben, als ſey es ihm darum zu thun, einem Schelm durchzuhelfen. In dieſer Klemme wandte er ſich an John Effingham um Rath. „Es wäre mir lieb, in dieſer Angelegenheit Euere Anſicht zu hören,“ ſagte er zu dem vorerwähnten Gentleman,„denn ich geſtehe, daß ich mich in einer Categorie befinde. Wollen wir den Ver⸗ brecher ausliefern, oder ſollen wir's nicht?“ „Fiat justitia, ruat coelum,“ antwortete John Effingham, dem es nicht einſtel, daß irgend Jemand die Bedeutung von Worten, die man im Leben ſo oft hört, nicht verſtehen könnte. „Dies ſteht, glaube ich, im Vattel,“ entgegnete Kapitän Truck. „Aber keine Regel ohne Ausnahme. Dieſer junge Mann hat einige Anſprüche an uns, weil er ſich den Beduinen gegenüber ſo wacker gehalten hat.“ „Er focht für ſich ſelbſt, Sir, und man darf es ihm nicht als ſonderliches Verdienſt anrechnen, daß er die Freiheit in einem Schiff der Selaverei in der Wüſte vorzog.“ „Ich bin Mr. John Effinghams Anſicht,“ bemerkte Mr. Dodge, „und ſehe nicht ein, warum ihm ſein Benehmen bei jenem Anlaſſe zum Schutz dienen koͤnnte. Er hat gethan, was wir Alle thaten, oder, wie Mr. John Effingham ſich ſo bezeichnend ausdrückte, die Freiheit in unſerer Geſellſchaft der Sklaverei unter den Beduinen vorgezogen.“ „Ach, liefert mich nicht aus, Kapitän Truck!“ rief der Ver⸗ brecher.„Sie werden mich hängen, wenn ſie mich einmal in ihrer Gewalt haben. Oh, Ihr könnt gewiß nicht das Herz haben, mich hängen zu laſſen!“ Kapitän Truck war über dieſe Berufung betroffen, erinnerte übrigens mit Ernſt den Schuldigen daran, daß es zu ſpät ſei, an die Strafe zu denken, wenn das Verbrechen bereits begangen worden. „Habt keine Sorge, Mr. Sandon,“ ergriff jetzt der Kanzlei⸗ mann höhnend das Wort.„Dieſe Gentlemen werden Euch, wenn ſie können, um der tauſend Pfund willen, die Ihr noch habt, nach 620 New⸗York nehmen, denn ich höre, daß jeder Schelm in Amerika eine freundliche Aufnahme zu gewärtigen hat.“ 8„Dann ſolltet Ihr lieber auch mit uns gehen, Sir,“ rief Kapitän Truck. „Mr. Green, Mr. Green, dies iſt im mindeſten Falle unbe⸗ ſonnen,“ legte ſich Kapitän Ducie in's Mittel, der jedenfalls weit gebildeter war und ſich viel beſſer zu beherrſchen wußte, als ſein Begleiter, obſchon er ſelbſt auch viele von den vorgefaßten Mei⸗ nungen deſſelben theilte. „Mr. John Effingham, Ihr habt dieſe Unverſchämtheit gehört,“ fuhr Kapitän Truck fort, indem er ſeine Wuth ſo gut als möglich zu unterdrücken ſuchte.„In welcher Weiſe können wir ſie ahnden?“ „Befehlt dem Beleidiger, daß er augenblicklich Euer Schiff verlaſſe,“ antwortete John Effingham mit Feſtigkeit.“ Kapitän Ducie war erſtaunt, und ſein Geſicht glühete; aber ohne ſich im mindeſten an ihn zu kehren, ging Kapitän Truck ge⸗ laſſen auf Mr. Green zu und befahl ihm, unverweilt in das Boot der Corvette zu ſteigen.“ „Ich geſtatte weder Einrede noch Zögerung,“ fügte der auf⸗ gebrachte alte Seemann bei, der ſich Mühe gab, ruhig und würde⸗ voll zu erſcheinen, obſchon es mit dem letzteren nicht recht gehen wollte.„Thut mir den Gefallen, Sir, mir die Freude zu machen, daß ich Euch ungeſäumt in Euer Boot treten ſehen kann, Sir. Saunders, geht auf's Deck, und ſagt Mr. Leach, er ſoll die Seite bemannen— mit drei Matroſen, Saunders;— und nun erbitte ich mir's als die größtmögliche Gunſt, daß Ihr mit mir auf's Deck kommt, oder— oder— Gott ſoll mich verdammen, ich ſchleppe Euch Hals über Kopf dahin!“ Es war für Kapitän Truck zu viel, ſeine Gelaſſenheit zu be⸗ wahren, wenn der Zorn dermaßen in ihm kochte, und der Ausbruch am Schluß ſeiner Rede war mit einer Geberde begleitet, die aller⸗ dings eine offene Hand zeigte, obſchon aus ihr keine Kunſt eines ab⸗ geſchliffenen Zeitalters die dunkelfarbigeren Schwielen vertilgen konnte, welche er ſeinem früheren Leben verdankte. „Dies iſt eine dreiſte Sprache gegen einen britiſchen Beamten, wenn er ſich unter den Kanonen eines britiſchen Kreuzers befindet, Sir,“ rief der Commandeur der Corvette. „Und ſeine Sprache war dreiſt genug gegen einen Mann, der in ſeinem eigenen Lande und in ſeinem eigenen Schiff iſt. Euch, Kapitän Ducie, habe ich nichts zu ſagen, als daß Ihr willkommen ſeyd; aber Euer Begleiter hat ſich eine rohe Beſchimpfung meines Vaterlandes erlaubt, und hole mich dieſer und jener, wenn ich mir dies geduldig gefallen laſſe— und ſollte ich darüber nie die St. Catharine's Docks wieder ſehen. Ich habe dergleichen als junger Menſch ſchon ſatt bekommen und wünſche nicht, daß mir in meinen alten Tagen Wiederholungen geboten werden.“ Kapitän Ducie biß ſich in die Lippen und ſuchte ſeinen Ver⸗ druß zu unterdrücken; denn obſchon er blindlings der Meinung zu⸗ gethan war, in Amerika nehme man den Teufel ſelbſt mit Freuden auf, wenn er mit vollen Taſchen komme, ſo hatte ihn doch die Rohheit verletzt, mit welcher ſein Begleiter einen derartigen Wink den Angehörigen des Landes in's Geſicht warf. Andererſeits konnte der Stolz des Offiziers Kapitän Trucks Drohung nicht verdauen, und die frühere Harmonie der Scene ſchien einen plötzlichen Bruch erleiden zu wollen. Kapitän Ducie war übrigens ſchon in dem Augenblicke, als er das Deck des Montauk betrat, das feine Be⸗ nehmen der beiden Effinghams— Eva's gar nicht zu gedenken— aufgefallen und er wandte ſich jetzt einigermaßen im Tone des Vorwurfs mit den Worten an John Effingham: „Zuverläßig könnt Ihr, Sir, Mr. Trucks außerordentliches Benehmen nicht vertheidigen?“ „Ihr werdet mich entſchuldigen, wenn ich Euch bemerke, daß dies dennoch der Fall iſt. Der Menſch hat ſchon länger im Schiffe bleiben dürfen, als ich es geſtattet haben würde.“ „Und Ihr, Mr. Powis, was iſt Eure Anſicht?“ „Ich fürchte,“ entgegnete Paul mit einem kalten Lächeln,„daß ich ihn auf der Stelle zu Boden geſchlagen haben würde.“ „Templemore, denkt Ihr gleichfalls ſo?“ „Mr. Greens Aeußerung iſt leider nicht gehörig überlegt ge⸗ weſen; wenn er darüber nachdenkt, wird er ſie ſelbſt widerrufen.“ Aber Mr. Green hätte ſich lieber vom Leben, als von einem Vorurtheile getrennt. Er ſchüttelte verneinend den Kopf, um da⸗ mit anzudeuten, daß er mit ſich im Reinen ſey. „Wozu noch eine längere Spielerei!“ rief Kapitän Truck. „Saunders, geht auf's Deck und ſagt Mr. Leach, er ſoll durch's Hochlicht ein Tau herunter laſſen, damit wir dieſe höfliche Perſonage auf's Deck hiſſen können. Und hört, Saunders,— eine andere Leine ſoll über die Raa geſchlungen werden, damit wir ihn in ſein Boot heben können, wie eine Tonne Wachholder!“ „Dies geht zu weit,“ ſagte Kapitän Ducie.„Mr. Green, Ihr werdet ſo gut ſeyn, Euch zu entfernen. Es kann kein Ver⸗ dacht auf ein Kriegsſchiff fallen, wenn es einem unbewaffneten Fahrzeuge einige Zugeſtändniſſe zu Theil werden läßt.“ „Ein Kriegsſchiff ſollte ein unbewaffnetes Fahrzeug nicht ver⸗ unglimpfen, Sir,“ entgegnete Kapitän Truck mit ſcharfer Betonung. Kapitän Ducie's Geſicht erglühete abermals; da er jedoch über ſein Verfahren mit ſich einig geworden war, ſo zog er es klüg⸗ licherweiſe vor, zu ſchweigen. Mittlerweile hatte Mr. Green mit ſinſterer Miene ſeinen Hut und ſeine Papiere aufgenommen und ſich nach dem Boote begeben; auf dem Rückwege nach London ver⸗ ſäumte er übrigens nicht, die ganze Geſchichte in einer Weiſe dar⸗ zuſtellen, welche vollkommen dazu diente, um ſeine und ſeiner Freunde vorgefaßten Meinungen über Amerika zu bekräftigen. Nicht minder merkwürdig war indeß dabei, daß er Allem, was er über dieſen Anlaß vorbrachte, ſelbſt ſteifen und feſten Glauben ſchenkte. „Was ſoll jetzt mit dieſem unglücklichen Menſchen geſchehen?“ fragte Kapitän Ducie, nachdem die Ordnung wieder ein wenig her⸗ geſtellt war. 3 Die vorgefallene Mißhelligkeit war ein unglücklicher Umſtand für den Verbrecher. Nach den Gefahren, die ſie mit einander durchgemacht, mochte ihn Kapitän Truck zwar nicht gerne der Ge⸗ rechtigkeit überliefern; aber das gentlemaniſche Benehmen des engli⸗ ſchen Commandeurs, das Bewußtſeyn, im letzten Wortwechſel trium⸗ phirt zu haben, und eine tiefe Achtung vor dem Geſetz— Alles dies vereinigte ſich, um ihn zu bewegen, den unglücklichen, ſchwach⸗ köpfigen Verbrecher ſeinen eigenen Behoͤrden zu überantworten.“ „Wenn ich Euch recht verſtehe, Kapitän Ducie, ſo ſprecht Ihr nicht das Recht an, ihn gewaltſam aus einem amerikaniſchen Schiffe zu nehmen?“ „Gewiß nicht. Mein Auftrag erſtreckt ſich nicht weiter, als daß ich die Auslieferung verlangen ſolle.“ „Dies ſteht im Einklang mit Vattel. Unter Verlangen habe ich wohl zu verſtehen— Ihr bittet, daß Euch der Gefangene überantwortet werde.“ „Mein Anliegen beſteht blos in einer Bitte,“ entgegnete der Engländer lächelnd. „So nehmt ihn hin in Gottes Namen, und mögen Eure Ge⸗ ſetze barmherziger mit dem Elenden umgehen, als er gegen ſich ſelbſt oder ſeine Verwandtſchaft geweſen iſt.“ Mr. Sandon ſchrie laut auf und warf ſich zwiſchen den bei⸗ den Befehlshabern, deren Beine er umfaßte, auf die Kniee nieder. „Oh! hört mich! höͤrt mich an!“ rief er im Tone der Todes⸗ angſt.„Ich habe alles Geld hergegeben— will Alles hergeben — Alles, bis auf den letzten Schilling, wenn ihr mich gehen laſſen wollt! Ihr, Kapitän Truck, an deſſen Seite ich gefochten und mitgearbeitet habe— unmöglich könnt Ihr's über's Herz bringen, mich dieſen Moͤrdern preiszugeben!“ „'s iſt verdammt hart,“ murmelte der Kapitäͤn, indem er ſich 624 die Augen wiſchte;„aber ich fürchte, Ihr habt Euch alles dies ſelbſt zugezogen. Armer Menſch! Sorgt übrigens, ſobald Ihr in England ankommt, für einen guten Advokaten— es iſt am Ende doch noch möglich, daß Ihr frei ausgeht.“ „Erbärmlicher Wicht!“ rief jetzt Mr. Dodge, der vor den ge⸗ ängſtigten und noch immer auf ſeinen Knieen liegenden Verbrecher hintrat,—„elender Menſch! Dies iſt die gerechte Strafe. Ihr habt gefälſcht und geſtohlen— Handlungen, welche meine unbe⸗ dingteſte Mißbilligung finden— und ſeyd durchaus unpaſſend für jede achtbare Geſellſchaft. Ich habe Euch gleich von Anfang an durchſchaut und Euch nur deshalb in meiner Nähe geduldet, um hinter Eure Schliche zu kommen und ſie aufzudecken, damit Ihr nicht Schande und Schmach bringet über unſer geliebtes Vater⸗ land. Ein Betrüger hat keine Ausſicht in Amerika, und Ihr dürft von Glück fagen, daß Ihr wieder nach Eurer eigenen Hemiſphäre zurückgebracht werdet.“ Mr. Dodge gehöorte zu jener ziemlich zahlreichen Klaſſe, die man als„ehrlich vor dem Geſetze“ bezeichnet: das heißt, er ſtahl nicht und mordete nicht; und wenn er es auch mit der Verläum⸗ dung nicht eben genau nahm, ſo trug er doch ängſtlich Sorge, daß man ihn dafür nicht gerichtlich belangen konnte. Obſchon daher ſein ganzes Leben ein Gewebe von gemeinen verderblichen Laſtern war, ſo konnte man ihn doch nicht jener Unthaten beſchul⸗ digen, welche die Aufmerſamkeit von zwölf Geſchworenen auf ſich zu ziehen pflegen. Dies erhob ihn— natürlich nur in ſeinen eigenen Augen— ſo weit über die unklugeren Sünder, daß er ein Recht zu haben glaubte, ſeinen vormaligen Zimmergenoſſen in der eben erwähnten Weiſe anzureden. Die Todesangſt des Verbrechers konnte jedoch durch dieſen rohen Angriff nicht erhöhet werden; er winkte blos den ſpeichelleckeriſchen Demagogen hinweg und fuhr fort, die beiden Kapitäne um Erbarmen anzuflehen. In dem gleichen 625 Augenblicke trat Paul Powis auf Mr. Dodge zu und befahl ihm mit gedämpfter, aber feſter Stimme, die Kajüte zu verlaſſen. „Ich will für Euch beten— will Euer Sklaye ſeyn und Alles thun, was Ihr verlangt, wenn Ihr mich nur nicht auslie⸗ fert,“ fuhr Sandon fort, der ſich in ſeinen Aengſten eigentlich auf dem Boden krümmte.„Oh, Kapitän Ducie— als ein engliſcher Edelmann, habt Erbarmen mit mir.“ „Ich muß dieſen Dienſt meinen Untergebenen überlaſſen,“ ſagte der engliſche Befehlshaber mit einer Thräne im Auge. „Wollt Ihr erlauben, daß einige bewaffnete Seeſoldaten dieſes unglückliche Weſen aus Eurem Schiffe fortnehmen, Sir?“ „Vielleicht iſt dies das Beſte; denn er wird doch nicht eher ruhig ſeyn, bis man ihm Gewalt zeigt. Ich ſehe nicht, was ſich dagegen einwenden ließe, Mr. John Effingham.“ „Durchaus nichts. Ihr wollt Euer Schiff von einem Ver⸗ brecher ſäubern und laßt diejenigen handeln, unter denen er ſeinen Frevel begangen hat.“ „Ja, ja, ganz recht! Dies iſt's, was Vattel die Comität der Nationen nennt. Kapitän Ducie, habt die Guͤte, Eure Befehle zu erlaſſen.“ Der engliſche Commandeur hatte einige Schwierigkeiten vor⸗ ausgeſehen und daher beim Abſenden des Bootes die Weiſung ertheilt, daß es eine Corporalswache mitbringen ſolle. Die See⸗ ſoldaten befanden ſich unfern vom Schiffe in einem Kutter und ſtützten ſich, in unverbrüchlicher Achtung der Rechte eines Fremden, auf ihre Ruder. Nachdem die vorerwähnte Uebereinkunft getroffen war, begab ſich die ganze Geſellſchaft aus der Kajüte nach dem Deck hinauf, und Kapitän Truck war erfreut, als er die Soldaten⸗ wache des Foam an Bord des Montauk kommen und in den Raum hinuntergehen ſah, um den Gefangenen aufzuſuchen. Mr. Sandon war allein in Eva's Kajüte zurückgeblieben, aus welcher er, ſobald ſich die Andern entfernt hatten, nach ſeinem Die Heimkehr. 40 eigenen Staatsgemach eilte. Wahrend die Seeſoldaten an der Schiffsſeite heranſtiegen, begab ſich Kapitän Truck wieder hinab, verbrachte eine Minute in ſeinem eigenen Zimmer und ging dann durch die Kajüte nach dem des Verbrechers hinüber. Er öffnete die Thüre, ohne anzupochen, und fand, wie der Unglückliche eben eine Piſtole an den Kopf geſetzt hatte, ſo daß er gerade noch recht kam, um die Kataſtrophe zu verhindern. In dem Geſichte des Unglücklichen war die Verzweiflung in ſo grellen Zügen abgebildet, daß ſich Kapitän Truck, welcher, wenn Handeln nothwendig war, nicht viele Worte zu machen pflegte, aller Verweiſe und Vorſtel⸗ lungen enthielt. Nachdem er den beabſichtigten Selbſtmord verei⸗ telt hatte, zählte er Sandon gelaſſen die fünf und dreißig Pfund hin, welche für deſſen Ueberfahrt bezahlt worden waren, und for⸗ derte ihn auf, ſie einzuſtecken. „Ich habe dieſes Geld unter der Bedingung empfangen, Euch wohlbehalten nach New⸗York zu bringen,“ ſagte er,„und da ich meinerſeits den Vertrag nicht erfüllen kann, ſo halte ich es nur für billig, die bezogene Summe zurückzuzahlen. Sie kann Euch während der Unterſuchung nützlich werden.“ „Wird man mich wohl hängen?“ fragte Mr. Sandon mit erſtickter Stimme und eigentlich kindiſcher Zaghaftigkeit. Das Eintreten der Seeſoldaten beugte der Antwort vor. Sie bemächtigten ſich des Verbrechers, nahmen ſeine Habſeligkeiten, die man ihnen andeutete, in Empfang und ſchafften ihn mit der ge⸗ wöhnlichen militäriſchen Schnelligkeit nach dem Boote. Nachdem dies geſchehen war, ruderte der Kutter von dem Paketſchiffe weg und wurde bald nachher wieder auf das Deck der Korvette gehißt. Einen Monat ſpäter entleibte ſich das unglückliche Opfer einer Leidenſchaft für Tand und Spielereien in London, als er eben nach Newgate gebracht werden ſollte, und ein halb Jahr nachher ſtarb ſeine unglückliche Schweſter an einem gebrochenen Herzen. —— — 627 Vierunddreißigſtes Kapitel. Wir wollen dich dahin geleiten Und ſchlagen, bringſt du Marcius nicht mit, Den erſten Weg ein. Coriolan. Eva und Mademoiſelle Viefville hatten wider Willen einem Theil des vorerwähnten Auftritts mit angewohnt, und Kapitän Ducie wünſchte ſich um der Rolle willen, die er dabei hatte ſpielen müſſen, zu entſchuldigen. Zu dieſem Zwecke bat er ſeinen Freund, den Baronet, er möchte ihn regelmäßiger vorſtellen, als dies be⸗ reits durch Kapitän Truck geſchehen war. „Es iſt der angelegentlichſte Wunſch meines Freundes Ducie, Miß Effingham, Euch vorgeſtellt zu werden, um ſich wegen der Störung, die er unter uns hervorgerufen hat, rechtfertigen zu können.“ Auf eine anmuthige Verneigung der Dame trat der junge Befehlshaber näher und drückte nach Nennung ſeines Namens ſein Bedauern gegen die Frauenzimmer aus, welche die Entſchuldigung natürlich günſtig aufnahmen. „Es iſt ein neuer Dienſt für mich, Werbrecher feſtnehmen zu müſſen.“ Das Wort Verbrecher klang hart in Eva's Ohr, und ſie fühlte, daß ihre Wange erblaßte. „So ſehr uns der Anlaß leid thut,“ bemerkte der Baher, „können wir doch ohne Bedauern die Perſon miſſen, die Ihr aus unſerer Mitte zu nehmen im Begriffe ſeyd, denn wir haben ihn vom erſten Augenblick ſeines Erſcheinens an als einen Betrüger erkannt.— Aber— was ſoll dies— geht hier nicht ein Irrthum vor? Ich bemerke, daß bereits der dritte Koffer mit P. P. be⸗ zeichnet, ins Boot geſchafft wird.“ Kapitän Ducie lächelte und antwortete: „Ihr werdet es wohl für einen ſchlechten Witz halten, wenn ich age: P. P. C.“*— Er deutete dabei auf Paul, der, von Kapitän Truck begleitet, aus der Kajüte herauskam. Letzterer war in eifrigem Geſpräch begriffen und geſtikulirte gegen die Korvette hin, während er zugleich ſeinem Begleiter die Hand drückte. „Muß ich Euch ſo verſtehen,“ fragte Miß Effingham in ern⸗ ſtem Tone,„daß uns Mr. Powis auch verlaſſen ſoll?“ „Er erweist mir gleichfalls die Gefälligkeit,“— Kapitän Ducie verzog die Lippen ein wenig, als er das Wort Gefälligkeit ausſprach—„mich nach England zu begleiten.“ Feine Lebensart und angelegentliche Theilnahme veranlaßten ein tiefes Schweigen, bis ſich der junge Mann ſelbſt der Geſell⸗ ſchaft näherte. Paul verſuchte ſich zu faſſen und erkünſtelte ſogar ein Lächeln, als er ſeine Freunde anredete. „Obgleich mir die Ehre der Seeſoldatenwache erſpart geblie⸗ ben iſt,“ begann er, und es kam Eva vor, als liege eine gewiſſe Bitterkeit in ſeinen Worten,„ſo ſoll ich doch gleichfalls aus dem Schiffe genommen werden. Der Zufall hat mich mehreremale in Eure Geſellſchaft geworfen, Mr. Effingham— Miß Effingham— und ſollte ich je wieder einmal ſo glücklich ſeyn, ſo hoffe ich, daß es mir erlaubt ſeyn wird, euch als alte Bekannte anzureden.“ „Wir werden zuverläſſig ſtets die dankbarſte Rückerinnerung an Eure wichtigen Dienſtleiſtungen bewahren, Mr. Powis,“ ent⸗ gegnete der Vater.„Ich wünſche nur, daß der Tag bald kommen möge, an welchem ich das Vergnügen habe, Euch unter meinem Dach willkommen zu heißen.“ Paul ſtreckte nun ſeine Hand aus, um die der Mademoiſelle Viefville zu ergreifen und ſie mit Artigkeit zu küſſen. In gleicher Weiſe küßte er Eva's Hand, obſchon ſie fühlte, daß er bei dem Verſuch zitterte. Da die Damen zu viel in Landern gelebt hatten, * Pour prendre congé. — 629 in welchen unter den Bewohnern dieſe zierliche Begrüßungsweiſe üblich iſt, ſo ging ſie natürlich als etwas ganz Unverfängliches vorüber. Von Sir George Templemore trennte ſich Paul mit allen Merkmalen der Herzlichkeit. Die Matroſen, denen er eine frei⸗ gebige Schenkung übermacht hatte, brachten ihm drei Hurrah's, da ſie wenigſtens ſeine techniſchen Verdienſte zu würdigen wußten, und Saunders, welcher gleichfalls nicht vergeſſen geblieben war, beglei⸗ tete ihn dienſteifrig nach der Schiffsſeite. Hier rief Mr. Leach: „nach dem Foam!“ und die Leute in Kapitän Ducie's Gig ſetzten ſich in Bereitſchaft. Auf dem Gange drückte Kapitän Truck Paul abermals herzlich die Hand und flüſterte ihm etwas ins Ohr. Alle Zurüſtungen waten getroffen, und die beiden Gentlemen ſchickten ſich an, ins Boot zu ſteigen. Da Eva Alles, was vorging, mit athemloſer Beklommenheit beobachtete, ſo machte ihr das kleine Ceremoniel, das nun ſtattfand, viel Schmerz. Die Hal⸗ tung des Kapitäns Ducie gegen ſeinen Begleiter war ihr ſchon bisher auffallend vorgekommen, denn er hatte ſich gelegentlich ſtolz und abgemeſſen, zu andern Zeiten aber wieder verſöhnlicher und wohlwollender benommen. Allen dieſen kleinen Wechſeln folgte ſie mit eiferſüchtiger Theilnahme, und auch nicht die mindeſte Aeuße⸗ rung von Achtung oder Achtungswidrigkeit entging ihr, als könne ſie darin einen Schlüſſel zu dem Räthſel des ganzen Vorgangs finden. „Euer Boot iſt bereit, Sir,“ ſagte Mr. Leach, aus dem Gange tretend, um Paul Platz zu machen, welcher der Leiter am nächſten ſtand. Der Letztere war im Begriff hinunterzuſteigen, als er leicht von Kapitän Ducie an der Schulter berührt wurde. Eva meinte, ein ſtolzes Lächeln an dem Befehlshaber des Foam zu bemerken, als er in dieſer Weiſe ſeinen Wunſch ausdrückte, den Vortritt zu „* 630 nehmen. Paul erröthete, verbeugte ſich und trat bei Seite, um den engliſchen Offizier zuerſt in ſein Boot ſteigen zu laſſen. „Apparemment ce capitaine anglais est un peu sans fa- gon.— Voilà qui est poli!“ flüſterte Mademoiſelle Vieſpille. „Die Befehlshaber von Kriegsſchiffen ſind kleine Könige,“ be⸗ merkte Mr. Effingham, dem die Sache gleichfalls aufgefallen war, mit Ruhe. Das Gig war bald von dem Schiff los und die beiden Gent⸗ lemen wiederholten gegen die auf dem Deck ihre Abſchiedsbegrüßun⸗ gen. Fünf Minuten ſpäter waren ſie an Bord der Korvette an⸗ gelangt und das Boot wieder aufs Halbdeck gehißt. Die Schiffe fuhren nun weiter. Die Korvette zog ein Segel um's andere auf, bis ſie zuletzt unter einer Wolke von Tuch ſtand, und ſteuerte mit oben und unten geſetzten Prallſegeln gen Oſten, während der Montauk ſeinerſeits die Raaen ins Geviert legte und nach dem Hook hinunterlief. Der Lootſe der Korvette war an Bord des Paketſchiffs geſchickt worden, und da der Wind gleich blieb, ſo hatte letzteres gegen eilf Uhr die Barre hinter ſich ge⸗ bracht. In dieſem Augenblick nahm ſich das Foam auf der Mee⸗ resfläche nur noch wie ein kleiner ſchwarzer Fleck aus, über dem ein pyramidenförmiges Wölkchen zu ſchweben ſchien. „Ihr wart nicht auf dem Deck, John, um von unſerem jun⸗ gen Freunde Powis Abſchied zu nehmen,“ ſagte Mr. Effingham vorwurfsvoll. „Ich mochte einer ſo außerordentlichen Förmlichkeit nicht mit anwohnen, obſchon ich vielleicht beſſer gethan hätte, wenn ich aufs Deck gekommen wäre.“ „Warum beſſer, Vetter Jack?“ „Aus dem einfachen Grunde, weil der arme Monday meiner Obhut gewiſſe Papiere vertraut hat, die vielleicht für irgend Je⸗ mand von Wichtigkeit ſind. Ich übergab ſie Mr. Powis, um ſie mit ihm unterſuchen zu können, ſobald wir in New⸗York angelangt —— 631 wären. In der Eile des Abſchieds hat er ſie mit ſich fortge⸗ nommen.“ „Sie laſſen ſich durch einen Brief nach London zurückfordern,“ ſagte Mr. Effingham ruhig.„Habt Ihr ſeine Adreſſe?“ „Ich fragte ihn darnach; er ſchien aber darüber in Verlegen⸗ heit zu gerathen.“ „In Verlegenheit, Vetter Jack?“ „Ja, in Verlegenheit, Miß Effingham.“ Man ließ nun den Gegenſtand wie in Folge gemeinſamer Uebereinkunft fallen. Es folgten einige Augenblicke befangenen Schweigens, bis das Intereſſe, welches von der Rückkehr in die Heimath nach mehrjähriger Abweſenheit unzertrennlich iſt, ſeinen Einfluß wieder geltend zu machen begann und die Gegenſtände im Land mehr Aufmerkſamkeit fanden. Pauls plötzliche Entfernung blieb jedoch nicht vergeſſen, ſondern gab allen, welche Zeugen da⸗ von geweſen waren, noch Wochen lang Stoff zu verwunderter Neugier, obſchon im Ganzen wenig mehr davon geſprochen wurde. Das Schiff war bald dem Hook gegenüber und die Vergleichung, welche Eva mit den felſigen Vorgebirgen und den maleriſchen Thürmen des mittelländiſchen Meeres anſtellte, gereichte dieſem berühmten amerikaniſchen Hafen durchaus nicht zum Vortheil. „Dieſer Theil unſerer Bai wenigſtens iſt nicht ſehr bewun⸗ derungswürdig,“ ſagte ſie,„obſchon er zu verſprechen ſcheint, daß es weiter oben beſſer komme.“ „Irgend ein New⸗Yorker Bürgerskind, das ſich der praſſelnden Hitze ſeines Nott⸗Ofens durch Reiſen entziehen wollte, hat ſich's in poetiſcher Ueberſpanntheit einfallen laſſen, dieſe Bai mit der von Neapel zu vergleichen,“ ſagte John Effingham,„und ſeine Mitbür⸗ ger ſchlucken die Abgeſchmacktheit gierig hinunter, obſchon die bei⸗ den Buchten kaum einen einzigen Zug mit einander gemein haben, welcher der einfältigen Behauptung Werth geben könnte.“ „Aber die weiter oben gelegene Bai iſt doch ſchön?“ v * 632 „Kaum hübſch. Wenn man viele Jahre nichts Anderes geſehen und die Umriſſe anderer Baien vergeſſen hat, ſo geht ſie allenfalls an; aber Ihr, die Ihr friſch herkommt von den kühneren See⸗ landſchaften des ſüdlichen Europa's, werdet Euch in Eurer Erwar⸗ tung ſehr getäuſcht finden.“. Eva war eine glühende Bewunderin von Naturſchönheiten und bedauerte daher ſehr, aus dem Munde ihres Vetters ſolche Worte vernehmen zu müſſen, da ſie eben ſo großes Vertrauen in ſeinen Geſchmack, als in ſeine Wahrheitsliebe ſetzte und der Ueberzeugung leben durfte, daß er über die gemeine Eitelkeit erhaben war, einer Sache ungebührlichen Werth beizulegen, weil er ein Eigenthums⸗ recht daran zu haben glaubte. Sie kannte ihn als Mann von Welt und wußte, was er über dergleichen Dinge zu ſagen pflegte — desgleichen auch, daß keine Spur von Provinzialdünkel in ſei⸗ nem Character lag; denn obgleich er ſo bereit, als nur irgend Einer, und weit fähiger, als die Meiſten, war, ſein Vaterland und deſſen Inſtitutionen gegen die rohen Angriffe unwiſſender Schmäher zu vertheidigen, beging er doch nur ſelten den Hauptfehler, einen wirklich ſchwachen Punkt in Schutz nehmen zu wollen. Die Umgebnng wurde jedoch, je weiter das Schiff ſegelte, im⸗ mer ſchöner, und als ſie durch den Paß, welchen man die Engen nennt, fuhren, drückte Eva ihr hohes Entzücken aus. Auch Made⸗ moiſelle Viefville gerieth außer ſich— vielleicht weniger wegen der Schoöͤnheiten der Landſchaft, als vielmehr um des Wechſels willen, welchen nach der langen Eintönigkeit des Oceans die regſame, be⸗ lebte Küſte bot. „Ihr haltet dieſen Anblick für großartig?“ fragte John Effingham. „Nicht im geringſten, Vetter Jack; denn obſchon ſich manche ſchone Partieen bemerklich machen, ſehe ich doch auch viel Gemeines und Aermliches. Die Inſeln ſind allerdings nicht italieniſch— eben ſo wenig jene Berge oder jene Linie weit auseinander ſtehender 633 Klippen; aber zuſammen genommen bilden ſie eine hübſche Bai, die wenigſtens durch ihre Ausdehnung und ihre Zweckmaͤßigkeit einen gewiſſen edlen Anſtrich gewinnt.“ „Alles dies iſt wahr, denn vielleicht gibt es auf der ganzen Erde keinen zweiten Hafen, der dem Handel ſo viele Vortheile böte. In dieſer Hinſicht gibt es meiner Anſicht nach nirgends ſeines Glei⸗ chen, obſchon ich hundert Baien kenne, die ihn an Schönheit über⸗ treffen. Letzteres läßt ſich namentlich faſt durchgängig von den natürlichen Hafen ſagen, welche das mittelländiſche Meer aufzu⸗ weiſen hat.“ Eva hatte die prachtvolle Küſte Italiens noch in zu friſcher Erinnerung, um über die dürftigen Landhäuſer und Dörfer in Ent⸗ zücken auszubrechen, welche mehr oder weniger die Bai von New⸗ York ſäumen. Als ſie aber den Punkt erreichten, wo man die beiden, durch die Stadt getrennten Ströme und vor ſich die Höhen von Brooklin überblicken konnte, die ſich jedenfalls von der einen Seite als wirkliche Höhen ausnahmen, während auf der anderen die zurückweichende Palliſadenmauer einen recht lieblichen Eindruck machte, behauptete Eva, daß die Landſchaft entſchieden ſchön ge⸗ nannt werden könne. „Ihr habt Euern Punkt gut gewählt,“ ſagte John Effingham, „obſchon ich nichts Großartiges daran ſehen kann.“ „Aber es iſt die Heimath, Vetter Jack.“ „Freilich, die Heimath— Miß Effingham,“ entgegnete er gähnend;„und da Ihr keine Ladung zu verkaufen habt, ſo fürchte ich, Ihr werdet ſie ungemein langweilig finden.“ „Wir werden ſehen— wir werden ſehen,“ erwiederte Eva lachend. Nachdem ſie einige weitere Minuten umhergeblickt hatte, fügte ſte in einer Weiſe bei, in welcher ſich wirklicher und erkünſtelter Verdruß allerliebſt mit einander vermengten:„In einem Punkte wenigſtens geſtehe ich, daß meine Erwarlungen getäuſcht ſind.“ 634 „Ihr könnt von Glück ſagen, meine Liebe, wenn es nur bei dieſem einzigen ſein Verbleiben hat.“ „Dieſe kleineren Schiffe ſind weit weniger maleriſch, als dieje⸗ nigen, welche ich zu ſehen gewohnt bin.“ „Eine ſehr richtige Bemerkung, und wenn Ihr ein Bis⸗ chen tiefer in den Gegenſtand eingehen wollt, ſo werdet Ihr in dieſem Zubehör einer amerikaniſchen Landſchaft ein auffallendes Gebrechen entdecken. Die hohen Spieren all der kleineren Schiffe auf dieſen Gewäſſern üben, wenn man ſie mit der einförmigen, ebenen Küſte der Flußufer und der Bildung des Landes im Allge⸗ meinen vergleicht, die Wirkung, daß ſich die Umriſſe der Landſchaft noch kleinlicher machen. Der Hudſon iſt zwar ohne Frage ſchön und hat nicht ſeines Gleichen; aber dennoch würde er ſich weit großartiger ausnehmen, wenn ſich nicht dieſe hohen, linkiſchen Maſten darauf hin und her bewegten. Der Lootſe begann nun die Segel zu kürzen, und das Schiff fuhr nun in jenen Seearm ein, der in der eigenthümlich unzweck⸗ mäßigen Bezeichnung der Amerikaner Eaſt River genannt wird. Hier ſprach unſere Heldin unverhohlen aus, daß ſie etwas ganz Anderes erwartet habe; denn die Stadt ſelbſt kam ihr gewöhnlich und unbedeutend vor. Die Batterie, auf welche ſie ſich noch ein wenig erinnern konnte, und von der ſie ſo viel gehört hatte, befrie⸗ digte, trotz ihrer ſchönen Lage, ihre Erwartung durchaus nicht, da ſie weder die Ausdehnung noch die Großartigkeit eines Parks beſaß, ja, an Schönheit nicht einmal einem ſchattig angelegten Garten verglichen werden konnte. Da man ihr übrigens geſagt hatte, ihre Landsleute verſtünden ſich faſt gar nicht auf die Kunſt, einer Landſchaft ein parkartiges Ausſehen zu geben, ſo machte ſie ſich nicht viel daraus, obſchon ihr der Anblick der Stadt wie auch der Schmutz und die Armuth, welche ſich auf den Kaien zur Schau ſtellten, unangenehm auffiel. Sie mochte übrigens John Effingham —— ——— ——,,— 2—· ——y— 635 in ſeiner tadelſüchtigen Stimmung nicht ermuthigen und behielt deshalb ihre Anſichten vorderhand bei ſich. „Ich finde hier weniger Verbeſſerungen, als ich zu treffen hoffte,“ ſagte Mr. Efſingham, als ſie an der Werfte in eine Kutſche ſtiegen.„Zwar waren meine Erwartungen nicht ſehr hoch geſpannt, John, obſchon ich ſo viel Weſens darüber machen hörte.“ „Und doch ſind in Eurer Abweſenheit große, ſehr große Ver⸗ ſchönerungen vorgenommen worden; wenn Ihr Euch dieſes Platzes erinnern könntet, wie er in Eurer Jugend ausſah, ſo müßten Euch die Veränderungen wie ein Wunder vorkommen.“ „Ich kann dies nicht zugeben und bin mit Eva der Anſicht, der Platz ſehe eher gemein, als anſprechend aus. Alles riecht ent⸗ ſchieden nach der Provinz, und nirgends iſt ein Zug, der einer Hauptſtadt würdig wäre.“ „Beides verträgt ſich recht wohl mit einander, Ned, wenn Ihr Euch nur die Mühe geben wollt, Euer Gedächtniß anzuſpornen. Die Stadt iſt wirklich gemein und hat einen Provinzial⸗Character; aber vor dreißig Jahren war dies in einem noch viel höhern Grade der Fall, als heutzutage. Nach einem Jahrhundert wird ſie wohl einer europäiſchen Großſtadt ähnlicher werden.“ „Welche abſcheulichen Dinge dieſe Pfähle ſind!“ rief Eva. „Sie geben den Straßen das Anſehen eines Dorfes, und ich ſehe nicht ein, was ſie nützen ſollen.“ „Sie dienen zum Ausſpannen von Zeltdächern und beweiſen an ſich ſchon den eigenthümlichen Provinzial⸗Character der Stadt. Wenn Ihr übrigens ein wenig nachdenken wollt, ſo werdet Ihr einſehen, daß es nicht wohl anders ſeyn kann. Es leben hier nahezu dreimalhunderttauſend Seelen— zwei Dritttheile davon kommen aus dem Innern oder ſind aus fremden Ländern eingewandert. Ein ſolcher Zuſammenfluß von Menſchen muß in der erſten Zeit einer Stadt noth⸗ wendig einen eigenthümlichen Character aufdrücken, und wenn dieſer nach dem Dorfe ſchmeckt, ſo kann man es dem Platze ſelbſt nicht zum 636 Vorwurf machen. Im Gegentheil iſt es lächerlich, etwas Anderes zu verlangen, wenn die Thatſachen ſo deutlich ſprechen.“ „Die Straßen ſcheinen ganz verödet zu ſeyn. Ich hielt New York für eine ſehr belebte Stadt.“ „Und doch iſt dies das Broadway, eine Straße, von der Euch jeder Amerikaner ſagen wird, ſie ſey ſtets ſo von Menſchenmaſſen überfüllt, daß man nicht einmal darin athmen könne.“ „Nur John Effingham macht von dieſen Amerikanern eine Ausnahme,“ bemerkte Mr. Effingham lächelnd. „Dies iſt alſo Broadway?“ rief Eva faſt erſchrocken. „Ohne Frage. Seyd Ihr noch nicht erſtickt?“ Eva blieb ſtill, bis der Wagen vor der Thür ihrer väterlichen Wohnung anfuhr. Mademoiſelle Viefville dagegen drückte über Alles, was ſie ſah, ihre Freude aus— Kundgebungen, durch welche ein Landeseingeborener wohl hätte getäuſcht werden können, da einem ſolchen nicht wohl zuzumuthen iſt, daß er in der Lage ſey, ſich die Urſache ihres Entzückens zu erklären. Sie war erſt⸗ lich eine Franzöſin und als ſolche daran gewöhnt, den Leuten gerne etwas Angenehmes zu ſagen, und zweilens kam ſie eben erſt von einem Elemente her, das ſie verabſcheute, weshalb das Land einen doppelt erfreulichen Eindruck auf ſte machte. Der Hauptgrund lag übrigens darin, daß Mademoiſelle Viefville, gleich den meiſten Europäern, Amerika ſich nicht nur als ein Provinzialland mit ſehr tiefſtehender Civiliſation, ſondern als einen halb barbariſchen Welt⸗ theil gedacht hatte. Was ſie jetzt ſah, übertraf ihre Erwartungen dermaßen, daß ſo zu ſagen der Gegenſatz ſie mit Entzücken erfüllte. Da wir ſpäter Gelegenheit haben werden, von Mr. Effing⸗ hams Wohnung zu ſprechen und den Leſer in die Geſchichte unſerer verſchiedenen handelnden Perſonen weiter einzuführen, ſo übergehen wir vorderhand die Gefühle, welche Eva erfüllten, als ſie ſich ſelbi⸗ gen Abend unter ihrem eigenen Dache einrichtete. Am andern Morgen jedoch trat ihr im Frühſtückzimmer John Effingham ent⸗ 637 gegen, und machte ſie mit ernſter Miene auf nachſtehenden Artikel aufmerkſam, welcher in einem der Tagesblätter ſtand. „Der Montauk, Londoner Paketſchiff, der ſchon ſeit eini⸗ 4 ger Zeit erwartet wurde, iſt laut Bericht in unſeren See⸗ Neuigkeiten geſtern angelangt. Dieſes Schiff hat verſchie⸗ dene intereſſante Abenteuer durchgemacht, die, wie wir mit Vergnügen vernommen haben, in Bälde durch einen der Paſſagiere, einen Gentleman, welcher in jeder Hinſicht der Aufgabe gewachſen iſt, der Welt vorgelegt werden ſollen. Unter den ausgezeichneten Perſonen, welche mit dieſem Schiffe angekommen ſind, beſindet ſich unſer Zeitgenoſſe Stead⸗ 3 faſt Dodge, Esquire, deſſen unterhaltende und belehrende Briefe aus Europa bereits der Oeffentlichkeit vorgelegt ſind. Mit Vergnügen hören wir, daß Mr. Dodge mehr als jemals mit ſeinem Vaterland zufrieden wiederkehrt und es als voll⸗ . kommen gut genug für ihn bezeichnet. Man flüſtert ſich zu, 4 unſer gelehrter Freund habe in einigen neueren Ereigniſſen 1 an der Küſte von Afrika eine ſehr anſehnliche Rolle geſpielt, . 1 obſchon ſeine ungemeine Beſcheidenheit, die männiglich be⸗ kannt iſt, ihn nicht gerne von der Sache ſprechen läßt. Wir 1 enthalten uns übrigens eines Weiteren, um ein Zartgefühl, das wir zu achten wiſſen, nicht zu verletzen! „Seiner britanniſchen Majeſtät Schiff, das Foam, deſſen Ankunft wir ſchon vor einigen Tagen gemeldet haben, enterte den Montauk in der Höhe des Hook und bemächtigte ſich an Bord deſſelben zweier Verbrecher, von welchen dem Ver⸗ . nehmen nach einer die Summe von 140,000 Pfunden unter⸗ — ſchlagen hat, der andere aber, obſchon der Sprößling eines adeligen Hauſes, aus dem Dienſte des Königs deſertirt iſt. Mehr davon morgen.“ Dieſer Morgen kam aber nie, denn irgend ein neuer Vorfall trat an die Stelle der zugeſagten Erzählung. Ein Volk, das ſich 638 nicht einmal Zeit nimmt, zu eſſen, und bei dem das„Vorwärtsge⸗ hen“ ſogar ſtatt der Religion gelten muß, mag ſich nicht mit einem Rückblicke auf vierundzwanzig Stunden bemühen, um eine Thatſache aufzuſuchen. 1 „Ohne Zweifel iſt dies eine boshafte Lüge, Vetter Jack,“ ſagte Eva, als ſie das Zeitungsblatt niederlegte, mit vor Unwillen glühender Stirne— eine Aufwallung, die, obſchon ſie ſich nur für einen Augenblick kund gab, doch auf mehr als eine bloße Beſorg⸗ niß hindeutete. „Ich hoffe, daß ſich's ſo herausſtellen wird. Bei reiflicherer Erwägung muß ich übrigens ſagen, daß die Sache auffallend genug iſt, um wenigſtens den Argwohn ſehr natürlich zu machen.“ Was Eva weiter dachte, und wie ſie ſich benahm, dies wird uns Gelegenheit zu ſpäterer Beſprechung geben. „ — 2909e— —