4 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1 Seih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 5 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 8 „3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.— 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 4 3 4—————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„„ 3„=-„—„ 75. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ rene oder defecte Buch ein Theil eines ößeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird eeſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen r Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. N ——— / — 0 ———— n—————— 3 4 1 3 „ J. F. Cooper's Amerikaniſche Romane, neu aus dem Engliſchen übertragen. — Achtzehnter Band. Miles Wallingfords Abentener zu Land und zur See. Stuttgart. Verlag von S. G. Lieſching. 1845. v Miles Wallingfords Abenteuner zu Land und zur See. Von James Fenimore Cooper. Aus dem Engliſchen von Eduard Mauch. Wer ſtets zu Haus bleibt, hat nur Witz fürs Haus. Die beiden Veroneſer. Stuttgart. Verlag von S. G. Lieſching. 1845.— VNorrede. Der Schreiber dieſer Blätter hat ſo manche Wahrheit ver⸗ öffentlicht, welche, dem beharrlichen Urtheile der Welt zufolge, Dichtung geweſen ſein ſollte— ſo manche Dichtung, die man als Wahrheit hinnahm, daß er in dem vorliegenden Falle wohl beßer thut, jede ähnliche Verſicherung hierüber zurückzuhalten und jeden Leſer, jede Leſerin von dem, was er ihnen darbietet, ſo viel oder ſo wenig glauben zu laßen, als ihnen vermöge ihrer Begriſſe und Vorurtheile, vermöge ihrer Weltkenntnis oder ihrer Unwißen⸗ heit gefallen wird zu glauben. Fiele es jemand bei, darauf zu ſchwören, er wiße genau, wo Clawbonny liege, er ſei wohl bekannt mit dem alten Herrn Hardinge, ja er habe ihn oft predigen hören, ſei es darum: wir hießen ſein Zeugnis willkommen. Sollte er aber deſſenungeachtet etwas weit vom Ziele treffen, nun ſo wird ſein Zeugnis nicht das erſte Document Peier Art ſenn was fenenn Man⸗ gel an ſich trägt. 8 Möglich auch, daß es eriſes underfähn Leuten inſele⸗ VI von dem cui bono? eines ſolchen Buchs zu reden. Ich antworte darauf: alles hat ſeine Berechtigung, was dem Geiſte des Menſchen beſtimmte und treue Eindrücke von Ereigniſſen, Thatſachen der Ge⸗ ſellſchaft, von Eigenthümlichkeiten gewiſſer Berufsarten, oder Be⸗ richte aus der Vergangenheit, ſei ihr Gebiet das des höheren oder des Familien⸗Lebens— zuführt. Nur fehle es den Gemälden nicht an Naturwahrheit, wenn ſie nicht geradezu lebendige Urbilder haben. Sitten und Gewohnheiten tragen oft einen Gewinn aus unſerer leichteren Lecture davon, von welchem die Augenblicke, da er geſchoͤpft wurde, nur wenig Ahnung hatten. Ich glaube, der größere Theil aller uns eigenthümlichen An⸗ ſichten hat ſeine Wurzel in Vorurtheilen, und dieſe rühren einfach aus der Wahrheit, daß es keinem Menſchen gegeben iſt, alles zu ſehen oder alles zu wißen. Selbſt die begünſtigtſten Sterblichen müßen mehr als die Hälfte ihres Wißens auf Treu und Glauben von Andern annehmen, und Allen Denen, die vermöge ihrer Stellung nie daran denken dürfen, eigene Urtheile über gewiſſe Sphären von Menſchen und Dingen zu gewinnen, müßen Gemälde von einer Beſchaffenheit willkommen ſein, welche ihnen eine beßere Kenninis von denſelben verbürgt als ſie je ſonſt gewonnen häͤtten. Eben dieß iſt der größte Nutzen, welchen leichte Lectüre überhaupt zu gewähren im Stande iſt; wenn der Autor nur Ueberſchreitungen meidet, mit Treue wiedergibt, und, wie unſer Freund Marble ſagen würde, mit Schonung verallgemeinert, ſo können die Gebilde der Phantaſie oft noch mehr wirken als ſtrenge Wahrheit. VII Viele wichtige Veränderungen ſind ſeit dem Beginn unſers Jahrhunderts über die Vereinigten Staaten gegangen, einige zum Guten, andere, da iſt kein Zweiſel— auch zum Schlimmeren: eine Thatſache, über welche das heranwachſende Geſchlecht nur durch den Bericht Aelterer zum Bewußtſein gelangen kann. Hoffentlich werfen dieſe Blätter, indem ſie die Dinge ſchildern, wie ſie waren, einiges Licht auf die beiden erwähnten Seiten. Die Bevölkerung der Re⸗ publik mag heutzutage bis zu 18 ½ Millionen geſtiegen ſein, im Jahre unſers Herrn 1800 war ſie wenig mehr als fünf Millionen. Im Jahr 1800 zählte der Staat New⸗York etwas weniger als ſechsmalhunderttauſend Seelen, heutzutage wahrſcheinlich nicht viel unter 2700000: zu gleicher Zeit zählte die Hauptſtadt 60000 Einwohner, wogegen ſie jetzt, Brooklyn und Williamsburg eingerech⸗ net, die damals ſo gut wie nicht beſtanden— an viermalhun⸗ derttauſend aufzuweiſen haben wird. Dieſe erſtaunenswerthen Zah⸗ lenwechſel haben Wechſel anderer Art mit ſich gebracht. Eine Ver⸗ größerung der Maſſen hat zwar nicht nothwendig einen Fortſchritt der Bildung in ihrem Gefolge, aber ſie leitet wenigſtens darauf, weſentliche Erhöhungen der allgemeinen Lebensbequemlichkeiten zu erwarten. Die Wirklichkeit hat in unſerm Falle dieſe Erwartung erfüllt, und wer mit der Lage der Dinge vertraut iſt, wie ſie jetzt ſind— wird die Unterſchiede erkennen, welche dieſe Blätter hervor⸗ heben ſollen. Obwohl die inneren Wechſel in der Amerikaniſchen Geſellſchaft mit den bloß äußerlichen nicht Schritt gehalten haben, ſo ſind doch VIII ihrer nicht wenige geweſen, und darunter weſentliche. Von allen brittiſchen Beſitzungen auf dem Amerikaniſchen Feſtlande hat New⸗ York, nachdem es den Holländern entriſſen worden, in ſeiner geſell⸗ ſchaftlichen Bildung die Einflüße des Mutterlandes am tiefſten er⸗ fahren. Schon unter den Holländern hatte es einige bezeichnende Eigenthümlichkeiten aufzuweiſen in ſeinen Patroons, den Herren⸗ hausbeſitzern von Neu⸗Niederland. Wohl hatten auch die ſüdlichen Anſiedlungen ihre Caziquen und anderen halb lehnherrlichen, halb wilden Adel, aber das Syſtem hielt ſich nicht lange, da alle her⸗ vorſtechenden Züge in der Phyſiognomie dieſer Landestheile haupt⸗ ſächlich auf das hier ſo viel vorherrſchende Moment der Skla⸗ verei zurückwieſen. Nicht ſo in New⸗York. Hier, in einer erober⸗ ten Colonie, ließ das Mutterland die Eindrücke ſeiner eigenen Inſti⸗ tutionen weit tiefer haften als auf irgend einer der Niederlaßungen, die ihren Urſprung in Bewilligungen an beſondere Eigenthümer hatlen oder Freibriefe von der Krone unmittelbar beſaßen. New⸗ York war buchſtäblich eine Königliche Colonie und blieb es bis auf die Stunde der Trennung. Die Folgen dieſes Stands der Dinge ließen ſich in der Entwicklung der Geſellſchaft und ihren Erſcheinungen verfolgen, bis der Strom der Einwanderung ſo ſtark wurde, daß er zuerſt nur widerſtreitende, dann aber offenbar feindliche Elemente entgegenwarf. Dem denkenden Beobachter ſind dieſe zwei Quellen von Einfluß jetzt noch ſichtbar: zweierlei Färbungen der Geſell⸗ ſchaft rühren von ihnen— die eine mit all den Gharacteriſtiſchen Merkzeichen neu⸗Engliſcher und puritaniſcher Bildung, während die IX andere mit den Sitten und der Anſchauungsweiſe der mittleren Staaten übereinſtimmend genannt werden darf. Soviel, um gewiſſe Schlüße zu leiten, die aus dieſem oder jenem Begebnis in unſerer Geſchichte gezogen werden möchten, da ein amerikaniſcher Kritiker nicht immer für weſentlich hält, ſeines Gegenſtandes Meiſter zu ſein. Gar zu viele unter ihnen rechtfer⸗ tigen jene Antwort eines Mannes, der ſeines Nachbars Anſprüche an Weltkenntnis verſpottete, als letzterer behauptete,„eine Verſamm⸗ lung beſucht und eine Mühle geſehen zu haben.“ Was uns unmit⸗ telbar vor Augen liegt, läßt ſich in gewiſſen Grade immer leicht auffaßen und verarbeiten, die Schwierigkeit liegt darin, zu beurtheilen, was wir nicht im Stande ſind hinlänglich zu ergründen. Was die See⸗Abenteuer in dieſem Buche betrifft, ſo waren wir bemüht, ſo treu zu ſein, als es nach unſern Quellen nur irgend möglich war. Es iſt heutzutage wichtiger, ſo zu ſchreiben, wie es den vorhandenen Begriffen entſpricht, als ſich jederzeit ſtreng an die Wahrheit zu halten, und wir glauben von weſentlichen Verfehl⸗ ungen in dieſer Beziehung frei geblieben zu ſein. Noch ſind wir dem Leſer die Nachricht ſchuldig, daß die Er⸗ zählung mit dem erſten Theile, dem hiemit erſchienenen Bande— nicht beendet iſt. Der Plan des Buchs erlaubte keinen ſo frühen Schluß: doch können wir unſern, an der Sache theilnehmenden Freunden verſprechen, daß— wenigſtens ſoviel an uns iſt,— das Ganze noch vor dem Ende der Saiſon vollendet vorliegen ſoll. Der arme Kapitän Wallingford ſteht jetzt in ſeinem fünfundſechszigſten Jahre:— ſo nahe am Ziele ſeines Lebens wird er eben nicht da⸗ nach verlangen, an dem Spannhaken der Erwartung längere Zeit feſtgehalten zu werden. Der alte Herr hat ein Recht drauf, ſeine Tage in Frieden enden zu ſehen; er hat viel geſehen und viel er⸗ duldet. Bei dieſer wechſelſeitigen Stimmung der Hauptperſon und ihrer Vermittler an die Leſewelt ſoll die letztere keine Urſache finden, über unnöthiges Warten Klage zu führen, welches auch immer ihre Anſprüche ähnlicher Art in anderen Dingen ſein mögen. Für die Anſichten ſeines Helden will der Herausgeber nicht überall einſtehen, und beßer, er ſpricht dieß aus. Daß ein Kind der Revolutionszeit anders denkt, als die Menſchen heutzutage, und zwar bei hunderterlei Anläßen— iſt natürlich. Gerade an dieſen Mei⸗ nungsverſchiedenheiten ſollten die Lehren des Buchs zu Tage kommen. 1. Juni 1844. Miles Wallingfords Abenteuer zu Land und zur See. —--dꝛ— 3 Erſtes Kapitel. Des Lebens Freud' iſt mir entfloh'n, Des Geiſtes Kraft, des Herzens frohes Beben— Verbleicht die Rabenlocken ſchon, 3 Mit Schnee ſie mir das Haupt umgeben! Da wo der Jugend Stern mir ſtrahlte, Da meint' ich, ſollt' er auch verglimmen; Die lieben Bäume, wo das Kind einſt ſpielt' auf ſonn’gen Matten, Sie ſollten, dacht' ich, auch mein Grab beſchatten. Mrs. Hemans. Ich bin geboren in einem Thale nicht fern von der See. Mein Vater hatte ſeine Jugend im Seedienſte verlebt: die Ge⸗ 8 ſchichte ſeiner Abenteuer und die damit zuſammenhaͤngenden Mäh⸗ ren gehören noch unter die früheſten Erinnerungen meiner Kindheit. Den Revolutionskrieg hatte er ſchon als Knabe mitgemacht und war bei manchen Seeaffairen jener Periode, ſo namentlich bei dem Kampfe des Trumbull mit dem Watt, dem hartnäckigſten Seege⸗ fechte jenes Kriegs— Mithandelnder geweſen. Er hatte dabei am Bord des Trumbull gefochten und erzählte immer mit beſon⸗ derer Vorliebe die Einzelheiten jenes Kampfes, in welchem er eine Wunde davongetragen hatte, deren Narbe ſein ohne ſte ausgezeichnet hübſches Geſicht etwas Weniges entſtellte. Dieſe Narbe pflegte meine Mutter nach des armen Vaters Tode als ein wahres Schoͤn⸗ heitspflaſter darzuſtellen, obgleich die Wunde— ſoviel ich mich noch Miles Wallingford. 1 2 . erinnern kann— jenes Lob nicht eigentlich verdiente, da ſie der einen Hälfte des Geſichts, beſonders wenn mein Vater ärgerlich war, einem wilden, grimmigen Anſtrich mittheilte. Mein Vater ſtarb auf dem Gute, auf welchem er geboren und das von ſeinem Urgroßvater, einem engliſchen Emigrirten, auf ihn vererbt worden war, der es von dem holländiſchen Koloniſten, welcher es urſprünglich in der früheren Wildniß angebaut, an ſich gekauft hatte. Es führte den Namen Clawbonny— einen Namen, den die Einen für gutes, Andere wieder für ſchlechtes Holländiſch, Manche ſogar für ein indianiſches Wort ausgaben. Der eine Theil dieſes Wortes, das„Bonny“s, gebührte ihm in einem Sinne wenig⸗ ſtens mit vollem Rechte, denn ein lieblicherer Ort iſt auf dem ganzen weiten Gebiete der Vereinigten Staaten nicht zu finden und — was in dieſer ſchlimmen Welt nicht jederzeit der Fall iſt— es war eben ſo gut und ergiebig als es für bezaubernd ſchön gelten konnte. Es beſtand aus dreihundert und zwei und ſiebzig Morgen des beſten Landes, theils urbaren Bodens, theils fetten Wieſen⸗ grunds und mehr als hundert Morgen ziemlich dicht bewachſener Waldungen am Nande des Felsgebirges. Der Erſte unſerer Fa⸗ milie, der in den Beſitz dieſes Gutes gelangte, hatte ein feſtes, ein⸗ ſtockiges, ſteinernes Wohnhaus errichtet, das an einem ſeiner Giebel die Jahreszahl 1707 trägt; jeder ſeiner Nachfolger hatte wieder ein Stückchen angebaut, bis das Ganze einem Haufen kleiner Wohnungen glich, welche ohne die mindeſte Rückſicht auf Ordnung oder Regelmäßigkeit durch einander geworfen ſchienen. Doch war eine Vorhalle, das Hauptthor und vor demſelben der freie Raſenplatz nicht vergeſſen— letzterer ein Stück kohlſchwarzen Wiesbodens von ſechs Morgen Ausdehnung mit acht bis zehn zer⸗ ſtreut ſtehenden Ulmen, deren Keime hier einſt ganz ohne Be rech nung aus⸗ geſtreut worden ſeyn mochten. Dazu kam eine artige Einfa ſſung von Gebüſch und zu beiden Seiten ein Stück Raſen, das in der guten * Zu deutſch:„anmuthig.“ D. u. — 5 3 Jahreszeit mit dem Smaragdſchimmer der glatten Berghaͤnge in den Schweizerthälern— wenigſtens ſoviel ich davon geleſen oder geträumt habe— recht wohl wetteifern konnte. Clawbonny hatte ganz das Ausſehen, wie man es an dem Wohnſitze eines wohlhabenden Landbauers gewöhnt iſt, ohne jedoch die übertriebenen Anſprüche der neueren Zeit in ſich zu ver⸗ einigen. Das Wohnhaus zeigte von Außen einen Anſtrich kerniger Behaglichkeit, welchen die innere Einrichtung keineswegs Lügen ſtrafte. Die Gemächer waren zwar niedrig und auch nicht ſon⸗ derlich geräumig, dafür aber im Winter warm, im Sommer kühl, und das ganze Jahr hindurch bequem, anſtändig und äußerſt wohn⸗ lich. Beide Wohnzimmer, ſowie die Gänge und die beſſeren Schlaf⸗ gemächer, waren mit Teppichen belegt; in dem„großen“, mit Vorhäugen verſehenen„Wohnzimmer,“ wie wir's nannten— ſtand ſogar ein altmo⸗ diſches, mit Kattun überzogenes Kanapee, das hoch mit Kiſſen und Polſtern belegt war. Letzteres Gelaß bildete das beſte des ganzen Hau⸗ ſes, ohne übrigens den Namen„Beſuchzimmer“ zu führen, denn um das Jahr 1796, d. h. zu der Zeit, aus welcher ich die deutlichſten, lebhafteſten Erinnerungen von meiner Heimath, wie ſie damals war, übrig behalten habe, waren ſolche Prätenſionen unſerem ſtillen Thale noch ferne geblieben. Das Wohnhaus war von Obſtgärten, Wieſen und Ackerfeldern umgeben; gleich ihm waren Scheunen, Ställe, Speicher und andere Oekonomiegebäude fölid von Stein gebaut und befanden ſich alle in trefflichem Zuſtande. Zu dem Gute, welches mein Vater in der beſten Ausſtattung und mit Geräthen aller Art aufs reichſte ver⸗ ſehen, ohne Schulden oder ſonſtige Laſten von ſeinem Großvater geerbt hatte, kam noch ein Vermögen von vierzehn bis fünfzehn⸗ tauſend Thalern, welches Erſterer aus dem Seedienſt zurückgebracht und gegen gute Hypotheken in der Graſſchaft angelegt hatte; ſieben und zwanzighundert Pfund Kapitalien hatte ihm meine Mutter zu⸗ gebracht, welche auf gleiche Weiſe verwendet wurden, ſo daß 2 Kapitän Wallingford neben zwei oder drei großen Landbeſitzern und eben ſo vielen ehemaligen Kaufleuten aus New⸗York allge⸗ mein für einen der„ſteifſten“ Männer in der Grafſchaft Ulſter angeſehen wurde. In wie weit dieſe Meinung richtig war, weiß ich nicht genau; ich erinnere mich nur ſo viel, daß ich unter dem väterlichen Dache nie etwas anderes als den Ueberfluß, wie er auf den beſſeren amerikaniſchen Landgütern zu Hauſe iſt, bemerkt und niemals ge⸗ ſehen habe, wie ein Armer mit leeren Händen entlaſſen wurde. Zwar machten wir unſern Wein aus bloßen Johannisbeeren, doch ſchmeckte er köſtlich und wir hatten auch immer ſo viel Vorrath im Keller, daß wir ihn drei bis vier Jahre alt werden laſſen konn⸗ ten. Mein Vater hatte übrigens einen kleinen Privatkeller, woraus hie und da eine Flaſche zum Vorſchein kam, und ich erinnere mich recht gut, wie der Gouvern eur und ſpätere Vicepräſident Georg Elinton, der ebenfalls in der Grafſchaft Ulſter anſäſſig war und auf ſeinen Reiſen zuweilen auf Clawbonny einſprach, meines Va⸗ ters Wein für den trefklichſten oſtindiſchen Madeira erklärte. Klaret, Burgunder, Rheinwein oder Champagner waren damals in Amerika noch gänzlich unbekannt und wurden nur auf der Tafel der erſten Kaufleute oder hie und da eines weitgereisten Gutbeſitzers von mehr als gewöhnlichem Vermögen getroffen. Wenn ich ſage, der Statthalter Georg Clinton habe von Zeit zu Zeit bei uns eingeſprochen und meines Vaters Madeira gekoſtet, ſo geſchieht dies keineswegs in der eitlen Abſicht, unſere Familie dem Landadel der Grafſchaft beizuzählen, denn wenn uns auch der beträchtliche Erbbeſitz unſeres Hauſes ein örtliches Anſehen verlieh, das uns weit über die Stellung gewöhnlicher Landbeſitzer empor⸗ hob, ſo konnten wir gleichwohl unſere Anſprüche nicht ſo weit ſteigern. Hätten wir in einer der großen Städte gewohnt, ſo wür⸗ den wir uns ohne Zweifel an diejenige Klaſſe gehalten haben, welche gewoͤhulich einen oder zwei Grade unter der vornehmſten 5 ſteht— eine Unterſcheidung, welche gleich allen derartigen Klaſſi⸗ fikationen unmittelbar nach dem Revolutionskriege weit ſtrenger als heut zu Tage beachtet wurde, wie ſie denn auch jetzt noch weit mehr berückſichtigt wird, als der groͤßere Theil unſerer Lands⸗ leute— die ächten Glückskinder oder die verdienten Häupter, wie ſie eben das Glück zu Ehren bringt, allein ausgenommen— jemals zugeſtehen will. Meines Vaters Bewerbung um die Hand meiner Mutter fiel gerade in die Zeit, da er ſich zu Hauſe von den Wunden heilen ließ, die er in dem Kampfe zwiſchen dem Watt und Trumbull da⸗ vongetragen hatte. Aus dieſem Grunde— ſo habe ich immer vermuthet— mochte wohl meine Mutter ſich einbilden, daß meinem Vater die grimmige Narbe auf ſeiner rechten Wange ſo ausneh⸗ mend wohl anſtehe. Jenes Seegefecht ſiel in den Juni 1780 und noch im Herbſte deſſelben Jahrs vermählten ſich meine Eltern; mein Vater kehrte erſt nach meiner Geburt zu ſeinem Seedienſte zurück und dieſe ſiel gerade auf den Tag, da Cornwallis zu York⸗ town die berüchtigte Kapitulation abſchloß. Das Zuſammentreffen dieſer Ereigniſſe ſetzte den jungen See⸗ mann wieder in Bewegung, denn er fühlte, daß er für eine Familie zu ſorgen hatte und wünſchte zum Danke für das Schönheitspfläſter⸗ chen, das ſeiner Gattin ſo wohl geſiel, ſich noch einmal tüchtig ge⸗ gen den Feind hervorzuthun. Er verſchaffte ſich alſo eine Offizier⸗ ſtelle auf einem Kaperſchiffe, machte zwei bis drei glückliche Beute⸗ züge, ſo daß er ſich beim Friedensſchluſſe eine Priſenbrigg kaufen konnte, mit welcher er als Eigenthümer und Commandant bis zum Jahr 1790 ſeine Fahrten machte, wo er dann endlich durch den Tod meines Großvaters unter das väterliche Dach zurückgerufen wurde. Als einziger Sohn erbte der Kapitän— wie mein Vater durchgängig genannt wurde— das Gut mit Viehſtand, Geräthſchaf⸗ ten, Vorräthen, den Ernten, kurz mit ſämmtlichem Eigenthum, während die„angelegten“ ſechstauſend Pfund baaren Geldes zwei Tanten zu⸗ ———— — fielen, welche, wie man meinte, in benachbarten Grafſchaften an Männer ihres Standes glücklich verheirathet waren. Nachdem mein Vater Clawbonny geerbt hatte, kehrte er nie mehr zur See zurück, ſondern blieb von da an bis zu ſeinem Todestage auf dem Gute, mit Ausnahme eines einzigen Winters, welchen er als Deputirter der Grafſchaft in Albany zubrachte. Zu ſeiner Zeit galt es noch für eine Ehre, Repräſentant einer Grafſchaft zu ſeyn und überhaupt ein Staatsamt zu bekleiden; erſt der Mißbrauch mit den Wahlgrundſaͤtzen, um nicht zu ſagen, die Taktloſtgkeit der ernennenden Gewalt haben ſeither ſo große Verän⸗ derungen hierin hervorgerufen. Damals war ein Kongreßmitglied noch etwas; jetzt iſt es nichts weiter als ein— Kongreßmitglied. Drei meiner Geſchwiſter waren ſchon als Kinder geſtorben und ſo blieben nur noch wir beide, meine Schweſter Grace und ich übrig, um meine Mutter in ihrem Wittwenſtande zu troͤſten. Das unſelige Ereigniß, welches ſie in dieſe Lage— die traurigſte, in welche eine ehedem glückliche Gattin gerathen kann— verſetzte, fiel in das Jahr 1794, während ich ſelbſt in meinem dreizehnten, meine Schweſter aber im zwölften Jahre ſtand. Ich kann nicht umhin⸗ die näheren Umſtände jenes Todesfalles zu berichten. Da wo das Flüßchen, welches unſer Thal durchſtrömte, in eine am Fuße unſeres Gebietes hinziehende Niederung hinabſtürzte, um ſich ſpaͤter in einen kleinen Seitenſtrom des Hudſon zu entleeren, ſtand eine Mühle, welche meinem Vater gehoͤrte, und ihm gar manche Bequemlichkeit, ſowie eine ziemliche Rente gewährte. Auf mehrere Meilen in der Runde wurde hier das Korn gemahlen, das zum häuslichen Gebrauch beſtimmt war und das Mahlkorn konnte er zur beſſeren Fütterung ſeiner Ochſen und Schweine verwenden, ſo daß beide in der Umgegend als Verkaufsartikel einen gewiſſen Ruf gewannen. Mit einem Wort— die Mühle war der Vereinigungs⸗ punkt für ſämmtliche Produkte des Guts und von dem kleinen Lan⸗ 7 dungsplatze am Rande der Bucht, welche vom Hudſon heraufreichte, fuhr jede Woche eine wohlbefrachtete Schaluppe nach der Stadt. Mein Vater verlebte die Hälfte ſeiner Zeit bei der Mühle und dem erwähnten Landungsplätzchen, wo er ſeine Arbeitsleute über⸗ wachte und insbeſondere über das Laden der Schaluppe, welche gleich⸗ falls ihm gehörte, ſowie über die Einrichtung der Mühle ſeine Weiſungen ertheilte. Er war darin allerdings ſehr verſtändig und hatte dem Muͤhlbauer, der die Werke von Zeit zu Zeit unterſuchte und ausbeſſerte, ſchon manchen nützlichen Wink an die Hand gege⸗ ben, war aber doch keineswegs ein ſo ausgelernter Mechaniker, als er ſich einbildete. Er hatte eine neue Methode erfunden, wie er die Räder ſtellen und die Maſchine zur gehörigen Zeit wieder in Bewegung ſetzen wollte; worin dieſe Erfindung beſtand, konnte ich nie erfahren, denn nach dem traurigen Unfall, welchen ſie veran⸗ laßte, war zu Clawbonny nicht mehr von ihr die Rede. So geſchah es denn eines Tags, daß mein Vater, um den Mühlbauer von der Trefflichkeit ſeiner Verbeſſerung zu überzeugen, die Maſchine anhalten ließ und ſich dann mit ſeiner ganzen Körper⸗ ſchwere auf das große Rad ſtellte, um dadurch ſeine feſte Zuverſicht in die Untrüglichkeit ſeiner Erfindung an den Tag zu legen. Wäh⸗ rend er eben voll Triumphs den Mühlbauer verlachte, der über dieſe gefährliche Stellung den Kopf ſchüttelte, hatte die hemmende Kraft plötzlich ihre Einwirkung auf die Maſchine verloren, die ſchwere Waſſermaſſe ſtürzte in die Radſchaufeln, das Rad drehte ſich herum und riß meinen unglücklichen Vater mit ſich. Ich war Augenzeuge dieſer ganzen Scene und ſah meines Vaters Antlitz noch freudig lächeln, während das Rad ihn meinen Augen entzog. Es machte nur eine einzige Umdrehung, dann gelang es dem Mühlbauer, den Gang des Werks zu hemmen, ſo daß das große Rad beinahe ſeine urſprüngliche Stelle wieder er⸗ hielt. Ich jauchzte in unnennbarem Entzücken, als ich meinen Ba⸗ ter, ſcheinbar unverletzt, wieder wie früher daſtehen ſah. Und unverletzt wäre er auch trotz der furchtbaren Gefahr, in der er ſchwebte, geblieben, wenn nicht ein Umſtand dazwiſchen getreten waͤre. Er hatte ſich mit der Zähigkeit eines Seemanns an dem Rade feſtgehalten, da er ſonſt in eine Klippe von beinahe hundert Fuß Tiefe hinabgeſtürzt wäre und kam auch glücklich und unverſehrt zwiſchen dem Rad und der Planke darunter durch, obwohl kaum ein paar Zoll Spielraum übrig blieben; als er aber aus dieſer gefahrvollen Gaſſe wieder emportauchte, wurde ſein Kopf zwiſchen einen vorſtehenden Balken und die Radſchaufel eingeklemmt, ſo daß ihm eine Schläfe eingedrückt ward. Das ganze uUnglück hatte ſich ſo plötzlich ereignet, daß ſein lebloſer Körper beim Stellen des Rads noch immer aufrecht an der Schaufel lehnte, da ſein Rock, wie ich vermuthe, in einen Nagel gerathen war und von dieſem feſtgehalten wurde. Dies war der erſte große Kummer meines Lebens: ich hatte meinen Vater immer als eines derjenigen Elemente, welche den „Zuſammenhang des Alls bedingen, ja als einen Theil des großen Weltſyſtems ſelbſt betrachtet und ſeinen Tod nie unter die Möglich⸗ keiten des Lebens gerechnet. Eine Gegenrevolution, die unſer Va⸗ terland abermals der Herrſchaft der brittiſchen Krone unterworfen hätte, wäre mir weit wahrſcheinlicher vorgekommen als der Fall, daß mein Vater ſterben könne— und jetzt kam die bittere Wahr⸗ heit, um mich von der Trüglichkeit dieſes Glaubens zu überführen. In meinem Alter, wo alle Gefühle noch ihre plaſtiſche Friſche beſaßen, mußte der Kummer mein Herz nur um ſo ſtärker erfaſſen und es dauerte auch viele Monde, bis dieſer furchtbare Anblick ſich nicht mehr mit meinen Träumen vermengte. Noch lange nach jenem Ereigniſſe konnten wir beiden Geſchwiſter einander nur ſprachlos anſtarren, Thränen ſchoſſen mir in die Augen und rollten ihr über die Wangen, unſere Empfindung diente uns ſtatt aller Sprache und redete deutlicher, als Worte es vermocht hätten. Sogar noch jetzt kann ich nur mit Zittern der Herzensangſt meiner Mutter ge⸗ denken. Man hatte ſie nach dem Hauſe des Müllers gerufen, wo 9 die Leiche lag und ohne eine Ahnung von der Größe des Unglücks erreichte ſie die Schwelle. Nie kann ich— nie werde ich den Ausbruch des herzzerreißenden Jammers vergeſſen, als ſie endlich den ganzen Umfang der furchtbaren Wahrheit inne ward. Sie fiel aus einer Ohnmacht in die andere und erſt nach mehreren Stunden der Bewußtloſigkeit fand ſie endlich die Sprache wieder. Da gab es keine Liebkoſung, wie nur das Herz eines Weibs ſie erſinnen kann, die nicht an dem lebloſen Körper verſchwendet wurde. Sie nannte den Todten„ihren Miles,“„ihren geliebten Miles,“ „ihren Gatten,“„ihren ſüßen, theuren Gemahl,“ und wie die zärt⸗ lichen Benennungen alle hießen. Einmal ſchien ſie wie entſchloſſen, den Schläfer aus ſeinem endloſen Schlummer zu erwecken:„Vater,— theurer, theuerſter Vater!“ rief ſie dem armen Todten zu— ſich gleichſam an den Vater ihrer Kinder wendend— der zaͤrtlichſte, der um⸗ faſſendſte Beiname, welchen das Weib dem Manne ertheilen kann! „Vater— lieber theurer Vater! öffne doch die Augen und ſieh auf deine Kleinen— ſieh deine liebliche Tochter, deinen ſtattlichen Kna⸗ ben! Kannſt du für immer ihrem ſüßen Anblicke entſagen?“ Doch umſonſt— die Leiche lag ſo regungslos, als ob der Geiſt Gottes nie darin gewaltet hätte; die Verwundung hatte hauptſächlich jene vielgeprieſene Narbe getroffen und meine arme Mutter wollte nicht aufhören, beide mit ihren Küſſen zu be⸗ decken, als ob ſie ihren Gatten dadurch ins Leben zurückzurufen vermöchte— Alles vergeblich; noch am ſelben Abend wurde die Leiche nach unſerer Wohnung geſchafft und drei Tage ſpäter an dem, eine Meile von Clawbonny entfernten Kirchhofe beerdigt, wo ſie neben drei Generationen ſeiner Vorväter ihre Ruhe finden ſollte. Die Leichenceremonien machten gleichfalls einen tiefen Eindruck auf mein jugendliches Gemüth und blieben mir noch lange im Ge⸗ däaͤchtniß. Wir hatten nämlich in unſerem Thale nicht wenige An⸗ hänger der engliſchen Kirche und der alte Miles Wallingford, der Erſte dieſes Namens, hatte ſich als ächt engliſcher Gutsbeſitzer in ——.— 10 der Wahl ſeines Kaufes weſentlich durch den Umſtand beſtimmen laſſen, daß eine von den Kirchen der Königin Anna unſerem jetzigen Gute ſo nahe lag. In jenem Kirchlein, einem winzigen ſteinernen Gebäude mit hohem Spitzdach und ohne Kirchthurm, ohne Glocke und Sakriſtei hatten drei Generationen unſerer Familie ihre Taufe und ebenſo mit Einſchluß meines Vaters in ſeiner Nähe ihre Grab⸗ ſtätte erhalten. Der edle, gutherzige, geradſinnige Mr. Hardinge las die Todtengebete über dem Manne, welchem ſein eigener Vater in demſelben unſcheinbaren Gebäude die Taufe ertheilt hatte. unſere Nachbarſchaft hat ſich in den letzten Jahren bedeutend verändert; damals wohnten faſt lauter Taglöhner in unſerer Nähe — Leute, welche gewiſſermaßen einen erblichen Anſpruch auf unſere Zuneigung beſaßen. Daſſelbe galt von dem erwähnten Geiſtlichen: ſein Vater war auch ſein Vorgänger im Amte geweſen und hatte die Trauung meiner Großeltern beſorgt; der Sohn hatte Vater und Mutter zuſammen gegeben und ſollte nun Erſterem bei deſſen Lei⸗ chenbegängniſſe ſeine traurigen Dienſte angedeihen laſſen. Grace und ich ſchluchzten, als ob uns das Herz brechen wollte, ſo lange wir in der Kirche verweilten— die arme Schweſter, ſo tieffühlend als nervenſchwach, ſchrie laut auf, als ſie die erſte Scholle auf den Sarg niederpoltern hörte. Unſere Mutter war dieſem traurigen Anblicke ausgewichen, da ſie ihn unmöglich hätte ertragen können: beinahe den ganzen Tag, an welchem das Leichen⸗ begängniß ſtattfand, ſah man ſie zu Haus auf ihren Knieen liegen. Die Zeit linderte unſern Schmerz: meiner Mutter freilich ge⸗ lang es nie, ſich bei ihrem ziemlich reizbaren oder— beſſer ge⸗ ſagt— bei ihrem mit ungewoͤhnlicher Stärke liebenden Herzen von den Folgen jenes unerſetzlichen Verluſtes völlig zu erholen. Sie hatte zu heiß, zu hingebend und ausſchließlich geliebt, um je wieder an eine zweite Vermählung denken zu koͤnnen und lebte jetzt nur noch für Miles Wallingford's Kinder. Ich glaube wahrhaftig, wir wurden weit mehr aus dem Grunde geliebt, weil wir zu dem 14 Verſtorbenen in ſo nahem Verhältnis ſtanden, als weil ſie uns unter dem Herzen getragen hatte. Ihre Geſundheit wurde allmählich immer mehr untergraben und drei Jahre nach jenem Unglücksfalle bei der Mühle mußte Mr. Hardinge ſie an meines Vaters Seite beſtatten. Ich war jetzt ſechzehn Jahre alt und bin ſomit eher im Stande, die Vorfälle während der letzten Tage ihres Lebens zu ſchildern, als dieß mit den nähern Umſtänden beim Tode ihres Gatten moͤglich geweſen iſt. Meine Schweſter und ich waren einen vollen Monat vor ihrem Hinſcheiden auf dieſes traurige Ereigniß vorbereitet worden: wir wurden alſo diesmal— ſo tief wir auch unſern Verluſt fühlten, beſonders meine Schweſter, auf welche er einen unauslöſchlichen Eindruck machte— wenigſtens nicht ſo plötzlich vom Kummer über⸗ wältigt, als da wir zum erſten Male häuslichen Jammer empfunden hatten. Mr. Hardinge hatte uns Beide an das Sterbebette unſerer theuren Mutter gebracht, um ihre letzten Ermahnungen und mit ihnen einen Eindruck zu empfangen, wie er bei richtiger Wür⸗ digung immer heilſam ſeyn wird. „Sie haben dieſe beiden lieben Kinder getauft, mein guter Mr. Hardinge,“ ſo begann meine Mutter mit ſehr ſchwacher Stimme, bereits eine Folge des Nachlaſſes ihrer Kräfte—„Sie haben ſie— als Zeichen, daß Chriſti Opfertod auch ihnen gelte, mit dem heiligen Kreuze geſegnet und ich erbitte mir von Ihrer Freundſchaft das Ver⸗ ſprechen, daß Sie Ihnen Ihre geiſtliche Pflege nicht entziehen und ſie in der wichtigſten Periode ihres Lebens, wo die Eindrücke am tiefſten ſind und am leichteſten Wurzel faſſen, nicht verlaſſen wollen. Gott wird Ihnen alle die Güte vergelten, welche Sie den verwaisten Kindern Ihrer Freunde erweiſen werden.“ Der edle Geiſtliche, der mehr für andere als für ſich ſelber lebte, leiſtete der Sterbenden das gewünſchte Verſprechen und die Seele meiner Mutter ſchied hin in Frieden. 12 Für meine Schweſter wie für mich war dieſer Todesfall weit nicht ſo ſchmerzlich, als es der Verluſt unſeres Vaters geweſen war: hatten wir doch von unſerer Mutter ſo viele Beweiſe ihrer auf⸗ opfernden Güte empfangen, ſo manchen Triumph ihres feſten Glau⸗ bens miterlebt, daß wir die ſtille, aber innige Ueberzeugung in uns fühlten, ihr Tod ſey nur ein Uebergang zu einem beſſeren Daſeyn — eine Ueberzeugung, welche jeden Kummer von unſerer Seite als ſelbſtiſch erſcheinen ließ. Allein unſer Weinen und Wehklagen war dennoch nicht ſobald geſtillt, wenn wir uns auch in einer Beziehung — für die Hingeſchiedene— freuten; war ſie doch von ſchweren körperlichen Leiden erlöst, ja ich erinnere mich noch, als ich einen letzten Blick auf das theure Antlitz warf, wie ich bei dem Gedanken, daß der Schmerz ſeine Herrſchaft über die liebe Geſtalt verloren habe und ihr Geiſt in den Wohnungen der Seligen verweile— die ſtille Ruhe auf ihren Zügen mit einem Gefühle betrachtete, das dem Triumphe nahe verwandt war. Später überfiel mich der Schmerz freilich nur um ſo heftiger, und meine Schweſter nahm ihren vollen— ja mehr als vollen— Antheil an meinem Klagen. Ich hatte mich nach meines Vaters Tode um die Art und Weiſe, wie er über ſein Eigenthum verfügt, niemals bekümmert: ich hörte zwar manchmal von ſeinem Teſtamente reden, erfuhr auch zufällig ſo manches über die Form, wie man die Aechtheit der Urkunde nachgewieſen und die obrigkeitliche Anerkennung erlangt hatte; doch erſt nach dem Hinſcheiden meiner Mutter hielt Mr. Hardinge mit Grace und mir über dieſen Gegenſtand eine offene Unterredung, in der uns zum erſtenmal die getroffene Willensver⸗ fügung mitgetheilt wurde. Mir hatte mein Vater Gut, Mühle, Landungsplatz, Schaluppe, Geräthe, Viehheerden, Vorräthe u. ſ. w. als ausſchließliches Eigenthum vermacht, nur ſollte der Mutter bis zu meiner Volljährigkeit die volle Nutznießung des Ganzen zuſtehen und nach erreichter Majorennität ſollte ihr einer der behaglicheren Flügel des Hauſes mit allen Bequemlichkeiten für eine kleine Haus⸗ 13 haltung von mir als Eigenthum eingeräumt, auch ſonſtige Privi⸗ legien in Feldern, Milchkammern, Staͤllen, Obſtgärten, Wieſen, Spei⸗ chern u. ſ. f. zugeſtanden und dreihundert Pfund jährlich in baarem Geld ausbezahlt werden. Meine Schweſter erhielt viertauſend Pfund zinstragende Kapitalien: der Reſt des Vermoͤgens— eine jährliche Rente von fünfhundert Thalern— war mir beſtimmt. Da unſer Gut mit Mühle, Schaluppe und Hafengebühren nach Abrechnung des ganzen Haushaltungs⸗Aufwands noch ein jäͤhrliches reines Einkommen von mehr als tauſend Thalern abwarf, ſo konnte ich in den einfachen Sitten, wie ſte zu Clawbonny herrſchten, erzogen, über Mangel an Geld und Gut mich wahrlich nicht beklagen. Mein Vater hatte Mr. Hardinge zum Vollſtrecker und meine Mutter zur Vollſtreckerin des Teſtamentes, beide mit den Rechten des Ueberlebenden, beſtimmt: auch für die Vormünder hatte er die gleiche Vorſorge getroffen. So wurden wir alſo durch den Tod unſerer Mutter die Mündel des Geiſtlichen allein, was uns beiden ſehr erwünſcht kam, da wir den guten Mann und beſonders ſeine Kinder aufrichtig liebten. Er hatte deren zwei, welche uns im Alter ſo ziemlich nahe ſtanden: Ruprecht Hardinge war kein volles Jahr aͤlter als ich, während ſeine Schweſter Lucy etwa ſechs Monate weniger als Grace zählte. Wir vier hegten ſaͤmmtlich große Anhäng⸗ lichkeit für einander und zwar von früheſter Kindheit an, da Mr. Hardinge, ſobald ich der Frauenſchule entwachſen war, meine Er⸗ ziehung uͤbernommen hatte. Ich kann übrigens nicht behaupten, daß Ruprecht Hardinge ſeinem Vater durch Fleiß und gute Aufführung die Freude bereitet hätte, wie ſie ein williges, aufmerkſames Kind den Eltern ſo leicht und in ſo hohem Grade gewähren kann: von uns Beiden war ich bei weitem der beſſere Schüler und Mr. Hardinge hatte mich ſchon ein Jahr vor meiner Mutter Tode für reif in das College erklärt; allein die Verblichene war nicht geneigt geweſen, mich früher nach Pale zu ſchicken, wo ſich das mir von meinem Vater beſtimmte — 14 Inſtitut befand, als bis mein Schulgenoſſe gleichermaßen vorbereitet wäre, da ſie die Abſicht hatte, die Plane des Geiſtlichen, der ſeinen Sohn für die Kirche zu erziehen wünſchte, dadurch zu befördern, daß ſie Letzterem jede zu einer vollſtändigen Ausbildung erforderliche Unterſtützung angedeihen ließ.— Dieſer Aufſchub, ſo gut er auch gemeint war, hatte doch eine völlige Veränderung meines ganzen ſpäteren Lebenslaufes zur Folge. Wie mir ſcheint, hatte mein Vater gewünſcht, mich die Rechte ſtu⸗ diren zu laſſen, in dem natürlichen Verlangen, ſeinen Sohn einſt auf einem ehrenvollen Staatspoſten zu ſehen. Ich aber war jeder ernſten Geiſtesarbeit abgeneigt und freute mich nicht wenig, als meine Mutter mich erſt ein Jahr ſpäter ins Kollegium zu ſchicken beſchloß, um mir Freund Ruprecht als Schulkameraden beizugeben. Ich lernte aller⸗ dings leicht und raſch und las auch ſehr gerne; allein das Erſte war nicht gerade mein Verdienſt, da ich mir nie ſonderliche Mühe gab, und in der Lektüre liebte ich von jeher mehr, was unterhielt, als was belehrte. Ruprecht dagegen war zwar nicht gerade ſtumpfſinnig, ſcheute aber geiſtige Anſtrengung noch mehr als ich ſelbſt, und wenn er auch in gewiſſen Dingen wieder recht geſchickt war, ſo ſchien ihm doch jede Art von Selbſtbeſchränkung rein unerträglich. Sein Vater war von Herzen fromm und hegte zu große Ehrfurcht vor ſeinem heiligen Amte, als daß er daran gedacht hätte, ſeinen Sohn dazu zwingen zu wollen, ſo ernſtlich er auch betete und hoffte, daß deſſen Neigungen mit Hülfe der Vorſehung eine ſolche Richtung einſchla⸗ gen möchten. Er ſprach zwar ſelten über dieſen Gegenſtand, allein durch meine vertrauten Unterredungen mit ſeinen Kindern konnte ich mich bald von ſeinen Wünſchen überzeugen. Lucy ſchien entzückt von dem Gedanken, ihren Bruder einſt an demſelben Betpulte Gottesdienſt halten zu ſehen, wo Vater und Großvater ſeit mehr als einem halben Jahrhundert ihre Gemeinde zur Verehrung des Herrn geführt hatten— ein Zeitraum, der, wie es uns jungen Leuten däuchte, 15 bis in die dunkelſten Perioden der Landesgeſchichte hinaufreichte. Und dies Alles wünſchte das liebe Mädchen für ihren Bruder, indem ſte mehr auf ſeine geiſtlichen als auf die zeitlichen Intereſſen bedacht war, wie denn das jährliche Einkommen ſeines Vaters ſich blos auf ärmliche hundert und fünfzig Pfund baaren Geldes belief, wozu noch ein kleines aber behagliches Pfarrhaus und ein fünf und zwanzig Morgen großes Stück Feld zu rechnen war, das der Geiſt⸗ liche damals, ohne daß es für Sünde geachtet worden wäre, mit Hülfe zweier männlicher und ebenſo vieler weiblicher Sklaven, welche er als einen Theil der beweglichen Habe ſeiner Mutter geerbt hatte — bearbeiten laſſen durfte. Ich ſelbſt beſaß gleichfalls ein Dutzend Sklaven, lauter Neger, welche, ſo lange als Clawbonny ſelbſt, unſerer Familie als Stamm angehört hatten. Ungefähr die Hälfte dieſer Schwarzen, näm⸗ lich vier Männer und drei von den Frauen waren ausnehmend arbeitſam und nützlich; unter den übrigen waren einige Erbſtücke, welche für das Gute und Böſe, das ſie einſt gethan, im Alter ge⸗ nährt, gekleidet und beherbergt wurden und ihr otium, und zwar nicht ganz ohne dignitate— genießen durften. So nährte auch die Küche eine kleine Brut, welche im Sommer auf dem Gras her⸗ umkollerte und ganz ad libitum Früchte naſchte, während ſie ſich bei kalter Witterung ſo dicht in die Kaminecken zu drücken pflegten, daß ich mir oft dachte, ſie müßten, wie dies ein anerkannter Witz⸗ kopf aus New⸗York von einigen öſtlichen Kohlenminen behauptete, zu den„Unverbrennlichen“ zählen. Dieſe Neger führten alle den Geſchlechtsnamen Clawbonny und ſo hatten wir einen Hektor Clawbonny, eine Venus Clawbonny, einen Cäſar Clawbonny, eine Roſa Clawbonny— Letztere ſo ſchwarz wie eine Krähe— ferner einen Romeo und eine Julietta Clawbonny — letztere gewöhnlich Julchen Clawbonny genannt— bis mit Pharao, Potiphar, Samſon und Nebukadnezar die Familie der Claw⸗ bonny's in beſter Form voll war. ——— 16 Neb— ſo hieß nämlich der Namensvetter des grasfreſſenden Königs von Babylon— ſtand ungefähr in meinem Alter und hatte von Kindheit an die Rolle eines untergeordneten Spielkammeraden ausgefüllt; ſogar jetzt trat ich noch oft dazwiſchen, wenn er, wie billig, zu der ſtrengeren Arbeit angehalten werden ſollte, welche ſeine niedere Laufbahn bezeichnete, um ihn zu meiner Begleitung beim Fiſchfang, der Vogeljagd und beim. Rudern aufzurufen; wir hatten nämlich ein Boot, das häufig unter meinem Kommando die Bucht hinabfuhr und Meilen weit auf dem Hudſon herumruderte. Bei der offen⸗ herzigen Freundlichkeit, welche meinem Weſen damals eigen war, hatte ſich der Burſche durch den langen Umgang gewöhnt, mich wie einen Bruder oder Kameraden zu lieben. Die Zuneigung eines in dieſer Weiſe anhänglichen Sklaven läßt ſich Anderen nicht leicht begreiflich machen, denn der Stolz des Clienten, die Beſorgtheit eines Blutsverwandten und die blinde Hingebung eines Liebenden haben alle gleichen Antheil an dieſem Gefühle. Ich bin überzeugt, Neb war in dem Glauben, daß er Maſter Miles ausſchließlich angehöͤre, weit glücklicher, als ich es durch den Beſitz einer Ehrenſtelle oder irgend eines Gegenſtandes jemals geworden bin. Neb liebte überdies eine unſtäte Lebensweiſe und ermuthigte Ruprecht und mich zu jedem Müßiggange und zu einer Verſchwen⸗ dung unſerer Stunden, welche ſich nicht mehr zurückrufen ließen. Das erſte Mal, da ich den Müßiggänger ſpielte, hatte mich Neb dazu veranlaßt, indem er mich von meinen Büchern verlockte, um auf den Bergen Nüſſe zu ſuchen,„denn Kaſtanien“, ſo meinte der Burſche„ſeyen ebenſo gut als ein Abebuch oder jedes andere Fibel⸗ büchlein, das man zu York kaufen könne.“ Ich habe zu erwähnen vergeſſen, daß der Tod meiner Mutter, welcher gerade in den Herbſt ſiel, in unſerem häuslichen Leben ſo⸗ gleich eine weſentliche Aenderung zur Folge hatte. Grace war erſt vierzehn Jahre alt, alſo noch zu jung, um einem ſolchen Haus⸗ weſen vorzuſtehen und ich konnte weder mit Rath noch That auf 17 die noͤthige Weiſe eingreifen. Deßhalb verließ Mr. Hardinge ſein Pfarrhaus, um mit ſeinen beiden Kindern bei uns zu Clawbonny zu wohnen— die ſelige Verblichene hatte ſich nämlich in einem Briefe, den er abſichtlich erſt am Tage nach ihrem Leichenbegängniß erhalten hatte, um ihr Geſuch dadurch noch zu verſtärken— dieſe Gefälligkeit von ihm erbeten. Sie wußte, daß ſeine Gegenwart für die Waiſen, welche ſie zurückließ, vom großten Nutzen ſeyn mußte, während dadurch auch für ihn, den einfachen, anſpruchloſen Diener des Herrn geſorgt wurde, da die Erſparniß an ſeinen eigenen Haushaltungskoſten ihn wohl in den Stand ſetzen mochte, einige hundert Pfund für Lucy zurückzulegen, welche ſonſt bei ſeinem Hin⸗ ſcheiden auch nicht einen ‚PfennigVermögen gehabt hätte— ſo ſagte man nämlich damals, denn die Tents? waren zu jener Zeit noch nicht ſehr in der Mode. Dieſer Umzug machte meiner Schweſter und mir viele Freude, ) denn Grace hatte Lucy ebenſo lieb, wie ich ihren Bruder Ruprecht 3 und ehrlich geſtanden, mir gings ebenſo. Im ganzen Staatenge⸗ 5 biete gab es keine glücklicheren jungen Leutchen, als wir damals n waren, denn jedes von uns fand die Einrichtung ganz ſo, wie man ſie e ſich nicht angenehmer hätte wünſchen können. Früher ſahen wir 15 3 einander jeden Tag nur einmal— jetzt waren wir den ganzen Tag 1. beiſammen; Nachts treunten wir uns zwar ziemlich frühzeitig, da b jedes ſein eigenes Zimmer hatte— doch nur um uns am andern m Morgen um ſo früher zu treffen und unſere Spiele wieder gemeinſam er zu betreiben. Alles Studiren wurde uns für die beiden nächſten l⸗ Monate erlaſſen, und ſo wandelten wir durch Fluren und Felder, ſammelten Nüſſe oder ſonſtige Früchte oder ſahen auch zu, wie er, Andere Erndten und Obſt einheimsten und waren ſo viel wie möglich o⸗ in friſcher Luft, was ebenſowohl zur Stärkung unſerer Geſundheit, rſt wie zur Aufheiterung des Gemüths beitrug. s⸗„ Centimes. D. U. uf 6 Miles Wallingford. 2 18 Ich glaube, weder Eitelkeit, noch irgend ein anderes mit Selbſt⸗ liebe verwandtes Gefühl wird mich irre führen, wenn ich behaupte, daß es ſchwer geweſen ſeyn möchte, anderswo vier junge Leute an⸗ zutreffen, welche die Aufmerkſamkeit eines Vorübergehenden leichter auf ſich ziehen konnten, als wir vier, wie wir gegen das Ende des Jahres 1797 beiſammen waren. Ruprecht Hardinge glich ſeiner Mutter und hatte ein bildhübſches Geſicht, dazu äußerſt grazioͤſe Bewegungen. Er beſaß eine angeborene Feinheit des Weſens, welche er auch gehörig in's Licht zu ſtellen verſtand— verbunden mit einer Zungenfertigkeit und einer glücklichen Laune, welche ihn zu einem ſehr angenehmen, wenn auch nicht gerade ſonderlich be⸗ lehrenden Geſellſchafter machten. Ich ſelbſt ſah nicht ganz übel aus, war aber gleichwohl von der auffallenden Schönheit meines jungen Lebensgefährten weit entfernt: an Mannhaftigkeit, Stärke und Thatkraft übertraf ich ihn weit, wie denn überhaupt wenige Jungen meines Alters zu treffen waren, welche mir's, nach meinem zwölften Jahre, in männlichen Eigenſchaften dieſer Art zuvorthaten. Mein Haar war dunkel⸗ kaſtanienbraun— an meinem ganzen Geſicht vielleicht das Einzige, was einem Fremden auffallen konnte, denn es hing mir in reichen Locken über Schläfe und Nacken hinab, bis die fleißige Anwendung der Scheere erſtere einigermaßen zur Botmäßigkeit brachte: ſie haben indeß ihre Schönheit nie ganz verloren und werden ſogar noch jetzt, da ſie ſchneeweiß geworden ſind, von Anderen bewundert. Von uns Allen war aber meine Schweſter diejenige, deren äußere Erſcheinung am meiſten Aufſehen erregte. Ihr Geſicht, ein wahrer Spiegel des reinſten, lauterſten Gefühls, gehörte zu denen, über welche die Natur ſich zuweilen gefällt einen ganzen Zauber von Schönheit, Anmuth, Wahrheit und Empfindung auszugießen, wie man ihn gewöhnlich nur den Engeln zuſchreibt. Ihr Haar war heller als das meine, die Augen himmelblau, voll Sanftmuth und 19 Zärtlichkeit, ihre Wangen vom blaſſeſten Roſenroth überhaucht und ihr Lächeln ſo voll von Zartheit und überſtrömender Güte, daß es ihr mehr als einmal gelang, mein rauheres, heftigeres Temperament dadurch zu bezähmen, wenn die Leidenſchaft mich hinzureißen drohte. Ihre Geſtalt würden Manche vielleicht für allzuzart, ja faſt für zerbrechlich gehalten haben, wiewohl ihre Umriſſe für einen Bild⸗ hauer das zarteſte Modell zu ſeinen Studien abgegeben hätten. Auch Lucy war ſehr hübſch, beſonders hatte ſie einen herrlichen Wuchs, doch würde ſie bei dem Ueberfluſſe von Schönheit, mit welchem die Natur die Jugend unſeres Vaterlandes überſchüttet hat, in einer einigermaßen großen Verſammlung junger Amerikanerinnen wohl kaum Beachtung gefunden haben. Gleichwohl war ihr Geſichtchen äußerſt lieblich und die Rabenſchwärze ihrer Locken, das tiefe Blau der Augen und das Blüthenweiß ihres Teints bildeten gegen einander einen ſehr anziehenden Kontraſt; dabei trugen ihre Wangen ein lebhaftes Roth, das mit jeder neuen Regung wechſelte. Ihre Zahne beſonders waren von einer Schönheit, daß man hätte wochenlang umherreiſen können, um ihres Gleichen zu finden, und ſo ſehr ihr auch dieſer Vorzug unbekannt zu ſeyn ſchien, ſo hatte ſie doch eine natürliche Weiſe an ſich, dieſelben ſehen zu laſſen, welche ſogar ein weniger anziehendes Geſicht hoͤchſt angenehm gemacht hätte. Ihre Stimme und vornehmlich ihr Lachen war rein unwiderſtehlich, wenn das Glück ſorgenfreier Jugend ſie belebte. Es hieße vielleicht zu weit gegangen, wenn ich behaupten wollte, es ſey je auch nur ein einziges menſchliches Weſen für die Schönheit des eigenen Selbſt gänzlich unempfänglich geweſen; doch glaube ich kaum, daß eines von uns Vieren, mit Ausnahme Ru⸗ prechts, bis zu dem Zeitpunkte, bei welchem wir eben ſtehen, jemals an etwas der Art gedacht hatte, wenn's nicht um der Andern willen geſchehen war. Ich wußte, ſah und fühlte, daß meine Schweſter weit ſchöner ausſah als alle jungen Mädchen ihres Alters und 20 Standes, die ich ſchon in ihrer Geſellſchaft geſehen hatte, und dieſes Bewußtſeyn war mein Stolz, wie meine Freude. Ich wußte, daß ich ihr in mancher Hinſicht nicht unähnlich ſah, war aber niemals ſo geckenhaft, um mir einzubilden, ich nehme mich nur halb ſo gut aus wie ſie, ſelbſt wenn ich die Geſchlechtsverſchiedenheit in Rechnung brachte. Meine eigene Einbildung— ſofern ſchon Anno 1797 von ihr die Rede war, die mich ein paar Jahre ſpäter mehr als einmal quälte— meine eigene Einbildung ſagte mir, daß ich eher durch meine athletiſchen Eigenſchaften, durch meine Körperſtärke, welche für einen Fungen von ſechzehn Jahren ungewöhnlich groß war, ſo wie durch meine Geſtalt einen Vorzug vor Andern voraus hatte. Verglich ich mich mit NRuprecht, ſo hätte ich dieſe männlichen Eigenſchaften nicht gegen ſeine Schönheit vertauſcht, auch wenn dieſe noch zwanzigmal einnehmender geweſen wäre, und niemals dachte ich daran, ihn ſeines Aeußeren halber zu beneiden. Einem Geiſtlichen, meinte ich, mochte dieſe zarte Bildung und auffallende Schönheit recht wohl anſtehen; wer ſich aber, wie ich damals ſchon im Sinne hatte, mit der Welt herumhetzen wollte, dem mußte Stärke, Geſundheit, Lebenskraft, Muth und Unternehmungsgeiſt weit wünſchenswerther als dieſer äußere Schimmer erſcheinen. Lucy war mir eigentlich nie ſo recht hübſch vorgekommen: ich fand ſie ſehr einnehmend, glaubte auch, daß ſie's für mich weit mehr als für jeden Andern ſey, und konnte ihr nie ohne ein Gefühl der Sicherheit und des Glückes in das ſonnige, heitere und doch ſo ganz weibliche Antlitz ſchauen. Ihre lieben Augen begegneten den meinigen immer mit jenem offenen Freimuthe, der mir, ſo deutlich als Blicke überhaupt zu ſprechen vermögen, ſagte, daß ſie mir nichts zu verbergen hatten.. ☛—-—9—+8&— 21 Zweites Kapitel. Hemm' deiner Rede Kraft, mein theurer Proteus; Reich ſtrömt der Heimath Witz in heim'ſcher Ju gend Munde— Viel lieber möcht' ich bitten, jetzt mit mir Die Wunder dieſer Welt da draußen zu betrachten. Zwei Edelleute von— Elawbonny. Waäͤhrend des Jahres, das ich vor meinem Abgange nach Yale zu Hauſe zubrachte, befolgte Mr. Hardinge in Betreff meiner Ausbildung eine ſehr vernünftige Methode. Statt mich nämlich, angeblich zur Erleichterung meiner künftigen Studien, ſchon jetzt in die Bücher einzuführen, welche ich in den regelmäßigen Kurſen jenes Inſtituts zu leſen hatte— was mir nur eine Entſchuldigung für ſpäteren Müſſiggang an die Hand gegeben hätte— gingen wir zu den Elementarwerken zurück, bis auch er ſich überzeugt hatte, daß auf dieſem Felde nichts mehr für ihn zu thun übrig blieb. Meine beiden Grammatiken hatte ich wörtlich auswendig gelernt, mit Noten und Allem; gleichwohl gingen wir ſie noch ein⸗ mal ſo gründlich wie möglich durch, ohne auch nur eine Stelle unerläutert zu laſſen. Ich lernte ſogar ſkandiren, was in unſerm Amerika vor einem halben Jahrhundert einem Schüler zu nicht geringer Ehre gereichte.* Nach dieſem richteten wir unſere Auf⸗ merkſamkeit auf Mathematik— eine Wiſſenſchaft, deren gründliche Erlernung, wie Mr. Hardinge mit vollem Rechte glaubte, mir ganz gewiß nicht ſchaden würde. Mit der Arithmetik, worin ich ſchon gute “ Der Verfaſſer ſelbſt erwarb ſich dieſe Fertigkeit im Jahr 1801 beim Leſen des Virgil; ſein Lehrer war als Doktor zu Orford graduirt worden und die Klaſſe, zu welcher der Verfaſſer Anno 1803 gehörte, war damals die erſte, welche das Skandiren in dem Inſtitute zu Yale verſucht hatte. Die Quantitäten ſtanden noch Jahre lang in unſerem Lande in ſtarkem Miß⸗ kredit, wenn auch Columbia und Harvard unſerem Collegium etwas voran waren, wie wir denn in Letzterem während meiner Studienzeit nicht über die Hexameter des Homer und Virgil hinauskamen. D. Herausg. * 22 Vorkenntniſſe beſaß, wurden wir in wenigen Wochen fertig; dann ging's hinter die Trigonometrie mit Einſchiebung der anwendbarſten geometriſchen Sätze. So weit war ich gekommen, als der Tod meiner Mutter unſere Familie heimſuchte. Was mich betrifft, ſo will ich nur freimüthig geſtehen, daß ich gegen das Studiren eine ſtarke Abneigung hegte. Man konnte mich zwax zwingen, der Jurisprudenz obzuliegen: ſie aber auch praktiziren— nein, das wollt' ich nicht, dazu war ich feſt ent⸗ ſchloſſen. Ich hatte eine kleine Ader von Hartnäckigkeit in meinem Weſen, welche mich, ſelbſt wenn meine Mutter am Leben geblieben wäre, in einem ſolchen Entſchluſſe wahrſcheinlich beſtärkt hätte, ob⸗ gleich ich, ihren Wünſchen zulieb, es gewiß am Ende bis zum Praktiziren getrieben haben möchte. Sogar noch jetzt, da ſie verblichen war, hätte ich gar zu gerne gewußt, ob ſie eine Weiſung, einen Wunſch in dieſem Punkte geäußert habe, welche ich Beide als Geſetz heilig gehalten hätte. Ich ſprach darüber mit Ruprecht und fühlte mich durch den Leichtſinn, mit dem er die Sache behandelte, recht un⸗ angenehm berührt. „Muß es Deinen Eltern jetzt nicht ganz einerlei ſeyn,“ aͤußerte er, das ‚jetzte mit einem Nachdrucke betonend, der mir die Nerven angriff—„ob Du Advokat, Kaufmann oder Doktor wirſt oder ob Du hier auf Deinem Gute bleibſt und, wie Dein Vater, dem Land⸗ bau obliegſt?“ „Mein Vater iſt Seemann geweſen,“ gab ich blitzſchnell zur Antwort. „Das iſt wahr— ein edler, männlicher Beruf, ganz eines Gentleman würdig. Ich habe noch nie einen Seemann geſehen, den ich nicht um dieſen Vorzug beneidet hätte⸗ Denk nur, Miles, von uns Beiden iſt noch keiner in der Stadt geweſen, während Deiner Mutter oder vielmehr Deine eigenen Bootsleute regelmäßig einmal in der Woche dahin gehen? Ich wollte die Welt darum geben, wenn ich ein Seemann werden könnte.“ 23 „Du, Ruprecht! Du weißt ja doch, wie Dein Vater beab⸗ ſichtigt oder eigentlich wünſcht, daß Du ein Geiſtlicher werdeſt.“ „Nun, das muß ich ſagen, Miles, ein junger Mann von meiner Figur müßte ſich am Betpult oder im Chorrock nicht übel aus⸗ nehmen! Nein, nein; die Kirche hat in dieſem Jahrhundert ſchon zwei Hardinge beſeſſen, ich für meinen Theil habe Luſt, auf die See zu gehen. Du wirſt vermuthlich wiſſen, daß mein Urgroß⸗ vater Seekapitän war und er konnte ſeinen Sohn zum Pfarrer erziehen! Nun, ich weiß ein hübſches Spiel—„wie Du mir, ſo ich Dir“ und der Pfarrer ſoll nun wieder einen Sohn an eines der Linienſchiffe abgeben. Ich habe ſchon Biographien von Seemännern geleſen und es iſt wirklich wunderbar, wie viele Soͤhne von Geiſt⸗ lichen in England zur Marine gehen und umgekehrt ſo mancher Seemannsjunge den Prieſterrock anzieht.“ „Aber unſer Vaterland hat ja gegenwärtig gar keine Marine — nicht ein einziges Linienſchiff, glaub ich.“ „Das iſt gerade das Schlimmſte. Der Kongreß hat zwar vor einigen Jahren ein Geſetz über Erbauung einiger Fregatten erlaſſen, aber noch keine einzige iſt vom Stapel gelaufen. Nun da Waſſhington aus dem Staatsdienſt getreten, iſt wohl in unſerem Lande an nichts Geſcheidtes mehr zu denken.“ Ich verehrte zwar Waſhingtons Namen, wie das ganze Land ihn verehrte, das sequitur wollte mir aber doch nicht recht ein⸗ leuchten. Ruprecht aber kümmerte ſich wenig um logiſche Schlüſſe, wie ſich denn ſeine Behauptungen in der Regel auf ſeine eigenen Wünſche, und ebenſo dieſe umgekehrt auf jene gründeten. „Du biſt jetzt im Weſentlichen Dein eigener Herr,“ fuhr er nach kurzer Pauſe fort,„und kannſt thun, was Dir beliebt. Gehſt Du zur See und es gefällt Dir da nicht, ſo brauchſt Du blos auf Dein Gut zurückzukehren, wo Du nach wie vor der gebietende Herr bleibſt, gerade wie wenn Du die ganze Zeit hier geweſen und dem Viehweiden, Heuſchneiden und Schweinefüttern zugeſehen hätteſt.“ 24 „Ich, Ruprecht? Ich bin eben ſo wenig mein eigener Herr als Du es biſt. Ich bin Deines Vaters Mündel, muß es noch länger als fünf Jahre bleiben und als ſolcher ſtehe ich, eben ſo wie Du unter ſeiner Leitung.“ Ruprecht lachte mich aus und ſuchte mich zu überreden, daß es gar nicht ſo übel wäre, wenn ich ſeinem würdigen Vater alle Verantwortlichkeit in der Sache abnähme und— falls ich ent⸗ ſchloſſen ſey, nie nach Yale zu gehen, noch Advokat zu werden— heimlich auf die See ginge, um erſt wieder zurückzukehren, nach⸗ dem man mich in die Marine aufgenommen hätte.„Wolle ich mich überhaupt dem Seedienſte widmen, ſo ſey,“ meinte er,„keine Zeit zu verlieren, denn Alle, mit denen er noch davon geſprochen, hätten verſichert, daß man ſich am Beſten zwiſchen dem ſechzehnten und zwanzigſten Jahre der Erlernung dieſes Dienſtes widme.“ Ich hielt eine ſolche Verſicherung nur für allzu gegründet und ſchied von meinem Freunde mit dem Verſprechen, die Sache bei der nächſten Gelegenheit weiter mit ihm zu beſprechen. Ich kann mich kaum einer Beſchämung erwehren, indem ich ein⸗ geſtehe, daß Ruprechts argliſtige Sophismen meine Augen für den Unterſchied zwiſchen Recht und Unrecht beinahe verſchloſſen. War Mr. Hardinge wirklich durch meines Vaters Wünſche dazu ver⸗ bunden, mich für die Gerichtsſchranken zu erziehen und fühlte ich ſelbſt eine unüberwindliche Abneigung gegen dieſen Beruf, warum ſollte ich mir nicht lieber gleich jetzt das Recht nehmen, für mich ſelbſt zu entſcheiden und auf eine Weiſe zu handeln, durch welche der gute Mann ſeiner Verantwortlichkeit enthoben wurde? So weit die Sache Mr. Hardinge anging, wurde es mir nicht ſchwer, zu einem Entſchluſſe zu gelangen: nur hatte die tiefe Ehr⸗ furcht, die ich vor den Wünſchen meines Vaters und beſonders vor denen meiner theuren Mutter hegte, in meinem Herzen gar ſtarke Wurzel geſchlagen und äußerte einen Einfluß auf mein Be⸗ nehmen, der nicht ſo leicht zu beſeitigen war. Ich beſchloß deßhalb, ———.— 25 mich offen gegen meinen Vormund auszuſprechen, um mich zu über⸗ zeugen, ob meine Eltern einen Wunſch geäußert hätten, der für mich bindend ſeyn könnte. Mein Plan ging ſogar ſo weit, ihm meine Abſicht, Seemann zu werden und die Welt zu ſehen, mitzutheilen, dagegen durfte er keine Ahnung davon haben, daß ich auch ohne ſein Vorwiſſen auf und davon gehen könnte, da dies den trefflichen Geiſtlichen doch nicht ſo ganz ‚aller Verantwortlich⸗ keit in den Prämiſſen“ enthoben hätte, wie Ruprecht dies mit ſeinem Plane in Ausſicht geſtellt hatte. Bald ergab ſich eine Gelegenheit, über die Sache zu reden und ich fragte nun Mr. Hardinge, ob mein Vater in ſeinem Teſta⸗ mente verordnet habe, daß ich nach Yale geſchickt und zum Advo⸗ katen erzogen werden ſollte.— Nichts der Art war geſchehen. Hatte er überhaupt in dieſer Beziehung einen beſonderen Wunſch mündlich oder ſchriftlich hinterlaſſen?— Nicht daß mein Vormund wußte. Zwar hatte Letzterer von ſeinem Freunde mehrere Male einige allgemeine Bemerkungen vernommen, aus denen ſich ſchließen ließ, daß Kapitän Wallingford ſo obenhin die Erwartung hegte, ich würde mich am Beſten dem Gerichtsſtande widmen— aber nichts weiter. Ich fühlte mich durch dieſe Zugeſtändniſſe ſehr erleichtert, denn ich kannte meiner Mutter Zärtlichkeit zu gut, um für möglich zu halten, daß ſie auch nur im Traume ein gebieteriſches Einſchreiten in einer Sache beabſichtigt habe, die offenbar mit meinem eigenen Glück und Geſchmack ſo eng zuſammenhing. Als ich meinen Vor⸗ mund auch in dieſem Punkte ausholte, geſtand er mir ohne Zögern, daß meine Mutter ſich zu öfteren Malen über ihre Plane in Betreff meiner Laufbahn mit ihm beſprochen habe. Sie wünſchte, daß ich nach Yale ginge und das Jus ſtudirte, auch wenn ich es niemals prakticiren ſollte. Kaum hatte der gewiſſenhafte Diener des Herrn dies geäußert, als er inne hielt, um die Wirkung ſeiner Rede auf mich zu beob⸗ achten. Er mußte wohl eine Enttäuſchung in meinen Mienen ge⸗ leſen haben, denn er fuhr augenblicklich fort: „Deine Mutter wollte Dir übrigens keinen Zwang anthun, Miles, da ſie wohl wußte, daß Du und nicht ſie die einmal ge⸗ wählte Laufbahn zu verfolgen hätteſt.„„Eben ſo gut könnte es mir einfallen, ihm ſeine künftige Gattin vorſchreiben zu wollen, als ich daran denken würde, ihm einen beſtimmten Stand aufzu⸗ drängen““— ſo lauteten ihre eigenen Worte.„Er iſt es, der darüber zu entſcheiden hat, und er allein. Wir können ihm dabei mit unſerem Rathe und Einfluſſe an die Hand gehen, aber weiter dürfen wir nicht einſchreiten. Ich überlaſſe es Ihnen, theurer Freund, nach Ihrer beſten Einſicht in der Sache zu handeln, und bin überzeugt, daß Ihre Weisheit in der allwaltenden Gnade unſers himmliſchen Herrn und Meiſters einen kräftigen Schutz finden wird.““ Jetzt nahm ich nicht länger Anſtand, Mr. Hardinge offen zu erklären, wie mein Wunſch dahin gehe, Seemann zu werden und als ſolcher die Welt zu ſehen. Der Geiſtliche war über meine Mittheilung höchlich erſtaunt und ich ſah ſogar, daß er ſich dar⸗ über grämte— vermuthlich waren es religiöſe Einwürfe, die mit ſeinem Widerſtreben, mich den Seedienſt als Lebensberuf wählen zu ſehen, in Verbindung ſtanden. Jedenfalls blieb nnverkennbar, daß dieſe Einwürfe ernſter und gewichtiger Natur waren. Das Reiſen zum bloßen Zwecke der Ausbildung war damals unter den Amerikanern noch ziemlich ſelten und nur für Perſonen aus der höheren Klaſſe der Geſellſchaft ausführbar, ſo daß es eine Thorheit geweſen wäre, einen jungen Mann von untergeordneterer Stellung, wie mich, in gleicher Abſicht auswärts zu ſchicken. Auch würde mein Vermögen eine ſolche Ausgabe nicht erlaubt haben, denn auf meinem Gute war ich zwar ſo unabhängig wie ein König und konnte im Schooße des Wohlſtands, ja ſelbſt des Ueberfluſſes — ſo weit es meine gewöhnlichen Bedürfniſſe anging— das freieſte, behaglichſte Landleben führen: dagegen pflegte man Anno 1797 noch 27 nicht ſo raſch daran zu gehen, die Rolle eines großen Gentleman zu ſpielen. Der Wohlſtand des Landes war allerdings, von deſſen neu⸗ traler Stellung begünſtigt, in raſchem Fortſchreiten begriffen; man hatte ſich aber noch nicht lange genug aus einer gedrückten Lage emporgearbeitet, um daran denken zu können mit achthundert Pfund jährlicher Renten den Nabob zu ſpielen. So kam es denn, daß mein Vormund ſeine Unterredung mit der ernſtlichen Ermahnung ſchloß, ich dürfe mir nicht einfallen laſſen, einem ſo nutzloſen, träumeriſchen Plane zu lieb— denn ſo erſchien ihm die Hoffnung, die Welt als gemeiner Matroſe zu ſehen— meinen Büchern den Rücken zu kehren. Dies Alles wurde Ruprecht hinterbracht, der, wie ich hier zum erſten Male bemerkte, keinen Anſtand nahm, ſeines Vaters Anſichten da und dort als puritaniſch übertrieben zu verſpotten. Er behauptete, Jeder müſſe am beſten ſelbſt verſtehen, wonach er Luſt habe, und was die Gottgefälligkeit meines neuen Berufes anlange, ſo habe die See ſchon eben ſo viele Heilige wie nur jemals das Land geliefert, ja wenn er die große Verſchiedenheit in den Zahlen betrachte, ſo wiſſe er noch gar nicht gewiß, ob ſich nicht im See⸗ dienſt nach Verhältniß weit mehr brave Männer nachweiſen ließen als in jedem anderen Berufe. „Da nimm einmal z. B. die Advokaten, Miles,“ fuhr er fort, —„was Du in religiöſer Hinſicht an ihnen zu rühmen fändeſt, das wäre ich wirklich begierig zu wiſſen. Sie vermiethen ihr Gewiſſen um ſo und ſo viel per Tag und Du wirſt finden, daß ſie für das Unrecht eben ſo eifrig wie für das Recht plaidiren und räſonniren.“ „Beim heiligen Georg, das iſt allerdings richtig, Ruprecht. Da erinnere ich mich des alten David Dockett, von dem ich Deinen eigenen Vater ſagen hörte, daß er für ſeine Gebühren immer doppelt, nämlich erſtens als Zeuge und dann als Rechtsanwalt Dienſte leiſte. So ſoll er Stunden lang von Thatſachen herunter ſprechen, welche allein er und ſeine Clienten unter ſich abgemacht hatten, —-yy 28 und ſich dabei die ganze Zeit über ein Anſehen geben, als ob er alle ſeine Worte für die reinſte Wahrheit hielte.“ Ruprecht lachte über dieſen Einfall und unterließ nicht, den Vortheil, der ihm daraus erwuchs, weiter zu verfolgen, indem er noch andere Beiſpiele anführte, zum Beweiſe, wie ſehr ſein Vater im Irrthum ſey, wenn er glaube, daß Einer ſchon einzig dadurch, daß er ſich dem Advokatenſtande widme, ſeine Seele vom Verderben erretten könne. Wir beſprachen uns noch längere Zeit über die Sache und Ruprecht rückte endlich zu meiner großen Verwunderung mit dem förmlichen Vorſchlage heraus, wir Beide ſollten nach New⸗York entfliehen, und uns als Vormaſtjungen auf einem Oſt⸗ indienfahrer einſchiffen, deren mehrere eben damals, als zu der günſtigſten Zeit, in jenem Hafen verſammelt waren. Der Gedanke gefiel mir gar nicht übel, ſo weit meine eigene Perſon dabei im Spiele war: daß ich aber Ruprecht in einem ſolchen Abenteuer Geſellſchaft leiſten ſollte, das wollte mir nicht ſo recht in den Kopf. Ich wußte, daß ich meiner eigenen Zukunft ſicher genug war, um für jetzt ſchon etwas wagen zu können: das war aber nicht der Fall mit meinem Freunde— wenn ich auch einen unbeſonnenen Jugendſtreich machte, ſo brauchte ich blos nach Clawbonny zurück⸗ zukehren, um dort eine Heimath und reichliches Auskommen zu finden. Die Gefahren, welchen meine Sittlichkeit ausgeſetzt wurde, kannte ich nicht und brauchte mich alſo auch nicht darum zu küm⸗ mern: wie alle unerfahrenen Perſonen, glaubte ich meine Tugend viel feſter, als daß an eine Befleckung derſelben zu denken wäre und dieſer Theil des Abenteuers wurde mit jener Selbſtgefälligkeit be⸗ trachtet, mit welcher die unerfahrene Jugend nur zu gern ihre eigene Widerſtandskraft zu ſchätzen pflegt, wie ich denn meine Sittlichkeit für förmlich unverwundbar hielt. Ganz anders ſtanden die Sachen mit Ruprecht: hatte er in ſeinem jetzigen Alter einen ernſtlichen Fehltritt begangen, ſo mußte es ihm wohl ſehr ſchwer werden, ihn jemals wieder gut zu machen. 29 Dieſe Betrachtung würde dem ganzen Plane ein Ende gemacht haben, wäre mir nicht beigefallen, daß es immer in meiner Gewalt ſtehen werde, meinen Freund mit meiner Hülfe zu unterſtützen. Ich ließ etwas der Art in meiner Rede entſchlüpfen und Ruprecht zögerte nicht, die Sache, wiewohl mit feinem Takte und großer Vorſicht, weiter zu ſpinnen. Er bewies mir, daß wir bis zu der Zeit, da wir ein geſetztes Alter erreicht haben würden, ein Schiff zu kommandiren im Stande wäͤren und ich dann ohne Zweifel ſehr gern einen Theil meines verfügbaren Einkommens auf den Ankauf eines Schiffes verwenden würde. Schon nach fünf Jahren meinte er, könnten meine aufgelaufenen Jahresrenten ganz allein ſo viel betragen und dann lag eine Laufbahn des Glücks und Wohlſtands vor uns Beiden ausgebreitet. „Es iſt wohl recht gut, Miles,“ fuhr mein gefährlicher So⸗ phiſt fort,„wenn man Geld in der Taſche, ein großes Gut, eine Mühle und derlei Dinge beſitzt; aber manches Schiff bringt mit einer einzigen Reiſe mehr ein, als Dein ganzes Vermögen Dir Zinſen abwirft; wer vollends mit Nichts anfängt, hat, wie man mir allgemein ſagt, am meiſten Ausſicht, ſein Glück zu machen, und wenn wir in unſern bloßen Kleidern davongehen, ſo kann man wohl ſagen, daß wir mit Nichts anfangen. Der Erfolg iſt uns ganz ſicher— und der Gedanke, mit Nichts zu beginnen, behagt mir vortrefflich, er iſt ſo ächt amerikaniſch!“ Es gehört in der That zu den wunderbarſten Schwächen un⸗ ſerer amerikaniſchen Landsleute, daß Viele von ihnen glauben, Leute, welche niemals die Mittel beſaßen, ſich fuͤr einen beſtimmten Beruf auszubilden, hätten die meiſte Wahrſcheinlichkeit ſür ſich, es eben in dieſem Berufe zu etwas zu bringen und wer„arm anfange,“ ſey weit beſſer daran, wenn er ſich Reichthum erwerben wolle, als der, welcher einiges Vermögen einzuſetzen habe. Auch ich war geneigt, dieſer letzteren Lehre Glauben zu ſchenken, obwohl ich nunmehr geſtehen muß, daß ich mich nicht eines einzigen Beiſpiels erinnere, daß einer meiner Bekannten ſein Kapital⸗ ſo groß und läſtig es auch ſeyn mochte, hingegeben hätte, um mit ſeinen armen Mitbewerbern deſto beſſer Schritt halten zu können. Nichtsdeſtoweniger erſchien meiner Einbildungskraft der Gedanke gar zu verführeriſch, daß ich der Schöpfer meines eigenen Glückes werden ſollte. Man konnte damals an den Ufern des Hudſon noch ganz leicht jede einzelne Wohnung aufzählen, welche auf den Namen eines„Landſitzes“ Anſpruch machen durfte und ich hatte ſie ſchon alle von Leuten, welche mit den Umgebungen des Fluſſes bekannt waren, anführen hören. Ich freute mich außerordentlich in dem Gedanken, auf meinem Gute Clawbonny ein Haus zu errichten⸗ das zu gleichen Anſprüchen berechtigt wäre und mich zu dem Herrn eines Landſitzes ſtempelte— dies Alles natürlich erſt, nachdem ich mir die Mittel zur Ausführung dieſes Planes errungen hätte. Bis jetzt beſaß ich ja nichts als ein Haus und mein Ehrgeiz ver⸗ langte nun einmal nach einem Landſitze. Kurz— Ruprecht und ich waren einen Monat lang mit nichts Anderem beſchäftigt, als unſern Plan nach allen Seiten hin und her zu berathen und bald dieſes bald jenes Projekt aufzuſtellen, bis ich endlich beſchloß, die Sache den beiden Mädchen unter dem Siegel des ſtrengſten Geheimniſſes zur Entſcheidung vorzulegen. Da wir täglich ganze Stunden beiſammen waren, ſo fehlte es nicht an Gelegenheiten, meinen Entſchluß ins Werk zu ſetzen. Mir ſchien, als ob mein Freund ſich vor dieſem Plane ein wenig ſcheute: allein ich fühlte für Grace ſo viel Zuneigung und hegte ſo großes Vertrauen in Lucy's geſundes Urtheil, daß ich mich von der Aus⸗ führung meiner Abſicht nicht abbringen ließ. Mehr als vierzig Jahre ſind jetzt ſeit jener Unterredung verfloſſen, in welcher ich den Mädchen mein ganzes Vertrauen an den Tag legte— und doch habe ich ſie bis auf die kleinſten Nebenumſtände ſo treu im Gedächtniß behalten, als ob das Ganze erſt geſtern vor ſich gegangen wäre. Wir ſaßen eben alle Vier auf einer rauhen Bank, welche 31 meine Mutter im Schatten einer rieſigen Eiche auf einem höchſt maleriſchen Punkte hatte errichten laſſen, der, vielleicht der ſchönſte des ganzen Gutes, eine prachtvolle Fernſicht auf eine der lieblichſten Strecken des Hudſon gewährte. Unſere Uferſeite beſitzt zwar im All⸗ gemeinen nicht die ſchönen Anſichten wie die öſtliche, weil der mannig⸗ fach gezackte und ſtaffirte, häufig ſo prachtvolle Hintergrund unſerer Gebirge nur den Landſchaften der Nachbarn zu gut kommt, während wir ſelbſt genöthigt ſind, uns mit einem beſcheideneren Rahmen um unſer Gemälde zu begnügen; doch finden ſich auch auf dem weſt⸗ lichen Ufer einige köſtliche Perlen landſchaftlicher Scenerie und unſer Plätzchen zählte eben zu einer der werthvollſten. Das Waſſer war ſpiegelglatt, wie geſchmolzenes Silber und auf den einzelnen Schiffen ſah man die Segel in müßiger Ruhe an den Spieren herabhängen, als ob ſie das Schlummern des Handels hätten dar⸗ ſtellen wollen. Meine Schweſter Grace war ſehr empfänglich für Natur⸗ ſchoͤnheiten und wußte bei ſolchen Gelegenheiten ihre Gefühle weit beſſer in Worte zu kleiden, als dies bei Mädchen von vierzehn Jahren gewöhnlich der Fall iſt. Mit einer ihrer feurigen, begeiſterten Lobreden wußte ſie zuerſt unſere Aufmerkſamkeit auf die Ausſicht hinzulenken und Lucy erwiederte ihr mit einer einfachen, treffenden Bemerkung, welche ihre volle Sympathie mit dem Gefühle der Freundin an den Tag legte, wenn auch ihr Weſen und ihre Em⸗ pfindungsweiſe weniger leicht hinzureißen ſchien, wie das meiner Schweſter. Dieſen Moment ergriff ich als den günſtigſten für meine Abſicht und eröffnete das Geſpräch folgendermaßen: „Wenn Du die Schiffe ſo ſehr bewunderſt, Grace,“ begann ich,„ſo wirſte Du Dich vermuthlich auch recht freuen, wenn Du hörſt, daß ich ein Seemann zu werden gedenke.“ Faſt zwei Minuten lang herrſchte tiefes Stillſchweigen: ich ſelbſt that unterdeſſen, als ob ich die fernen Schaluppen betrachtete und wagte dann einen verſtohlenen Blick auf die beiden Mädchen 32 zu richten. Grace hatte ihre milden Augen auf mein Geſicht ge⸗ heftet und als ich mich nicht ohne Unruhe von ihren ängſtlichen Mienen abwandte, begegnete ich Lucy's Blicken, welche mit einer Spannung an den meinigen hiengen, als ob ihre Herrin ungewiß wäre, ob ihr Gehör ſie nicht getäuſcht habe. „Ein Seemann, Miles!“— wiederholte jetzt meine Schweſter in langgezogenem Tone—„ich hielt es fuͤr ausgemacht, daß Du Jus ſtudiren würdeſt.“ „Das liegt ſo weit hinter mir, als wir von England entfernt ſind; ich bin feſt entſchloſſen, wenn ich kann, die Welt zu ſehen, und Ruprecht hier——“ „Was iſts mit Ruprecht hier?“ fragte Grace und ihr ſüßes Antlitz zeigte abermals einen plötzlichen Wechſel des Ausdrucks, deſſen Bedeutung ich aber in meiner Unerfahrenheit nicht zu begreifen vermochte.„Er wird doch gewiß ein Geiſtlicher werden— ſeines theuren Vaters Gehülfe und einſt, aber erſt in langer, langer Zeit⸗ ſein Nachfolger im Amte?“ Ich konnte wahrnehmen, wie Ruprecht mit meinem kleinen Schlüſſel pfiff und eine ruhige Miene anzunehmen ſtrebte; doch die feierliche Ruhe, der Ernſt und die Verwunderung meiner Schweſter übten, glaub' ich, einen mächtigeren Einfluß auf uns Beide, als wir ein⸗ ander gern zugeſtehen mochten. „Kommt, ihr Mädchen,“ ſagte ich endlich lachend und mit der ruhigſten Miene, die mir zu Gebote ſtand—„es hilft doch nichts, vor euch etwas geheim zu halten— doch vergeſſet ja nicht, das, was ich euch jetzt ſagen will, iſt ein Geheimniß, und darf um keinen Preis verrathen werden.“ „An niemand als an Mr. Hardinge,“ gab Grae zur Antwort. „Wenn Du Seemann werden willſt, ſo muß er's doch wiſſen.“ „Das kommt daher, wenn man ſeine Pflichten nur oberflaͤch⸗ lich betrachtet“— dieſe Phraſe hatte ich von meinem Freunde 33 aufgefangen—„und zwiſchen Schein und Wirklichkeit nicht ge⸗ hörig unterſcheidet.“ „Pflichten— oberflaͤchlich! Ich verſtehe Dich nicht, Miles. Mr. Hardinge muß doch wiſſen, welchen Beruf Du zu ergreifen be⸗ abſichtigſt. Erin nere Dich doch, Bruder, daß er uns jetzt die El⸗ tern erſetzt.“ „Ja, aber er thut dies bei mir nicht mehr, als bei Ruprecht— das wirſt Du, denk' ich, zugeben?“ „Ruprecht und abermals Ruprecht! Was hat er nur mit Deiner Seekarriere zu ſchaffen?“ „Verſprich mir, mein Geheimniß zu bewahren, und Du ſollſt Alles wiſſen— aber ihr müßt mir beide Euer Wort darauf geben. Ich weiß, ihr werdet es nicht brechen, wenn ihr's einmal ver⸗ pfändet habt.“ „Verſprich's ihm, Grace,“ bat Lucy mit leiſer und— wie ich trotz meiner Jugend bemerken konnte— etwas zitternder Stimme. „Geben wir unſer Wort, ſo werden wir wenigſtens Alles erfahren und können dann vielleicht mit unſerem Rathe auf dieſe halsſtarrigen Knaben einwirken.“ „Du meinſt beide Knaben? Du kannſt doch nicht glauben, daß Ruprecht nicht Prieſter und ſeines Vaters Gehülfe werden— daß auch er auf die See gehen will?“ „Man kann nicht wiſſen, was Knaben im Sinne führen. Ver⸗ ſprich ihnen nur Stillſchweigen, liebſte Grace, dann können wir am beſten urtheilen.“ „Nun gut, Miles, ich will Dir's alſo verſprechen,“ verſetzte meine Schweſter endlich mit einer Feierlichkeit, die mich beinahe erſchreckt hätte. 5 „Ich auch, Miles,“ ſetzte Lucy, aber ſo leiſe hinzu, daß ich mich vorbeugen mußte, um ihre Worte zu erhaſchen. „Das nenne ich recht und ehrlich gehandelt“— ehrlich war's zwar, aber ſonſt in hohem Grade unrecht— vich ſchöpfe daraus Miles Wallingford. 34 die Ueberzeugung, daß ihr vernünftig ſeyd und uns gewiß we⸗ ſentlich nützen werdet.— Wir beide, Ruprecht und ich, ſind feſt entſchloſſen, Seemäͤnner zu werden.“ Beide Mädchen brachen in Rufe der Verwunderung aus, dann folgte wieder eine lange Pauſe. „Was das Jus betrifft, ſo koͤnnt ihr es meinethalben auf⸗ hängen,“ fuhr ich, mich räuſpernd, fork, entſchloſſen die Sprache eines Mannes zu führen.„Ich habe noch niemals von einem Walling⸗ ford gehört, der Advokat geweſen wäre.“ „Aber Beide habt ihr von Hardinge's gehört, welche Geiſt⸗ liche geweſen,“ entgegnete Grace, indem ſie zu lächeln verſuchte, während ihre Züge einen ſo ſchmerzlichen Ausdruck annahmen, daß ich ſogar jetzt noch nur ungern daran zurückdenke. „Ja, mehrere waren aber auch Seeleute,“ warf Ruprecht mit einer Entſchloſſenheit ein, die ich ihm nicht zugetraut haͤtte.„Mein Urgroßvater war Offizier in der königlichen Marine.“ „Und mein Vater war ſelbſt Seemann— und auch in der Marine.“ „Aber gegenwärtig gibt's ja gar keine Marine in unſerem Lande, Miles,“ ſiel Lucy im Tone des Vorwurfs ein. „Was thut das? Wir haben immerhin Schiffe genug. Der Ocean iſt nicht minder groß, die Welt nicht weniger weit, ob wir nun eine Marine haben oder nicht, den erſteren zu beſchützen. Darin ſehe ich kein weſentliches Hinderniß— oder meinſt Du, Ru?“* 3 „Gott bewahre. Wir wünſchen ja nichts als auf die See zu gehen und das kann in einem Indienfahrer eben ſo gut als in einem Kriegsſchiffe geſchehen.“ „Ja,“ erwiederte ich ſogleich, im Gefühle meiner Wichtigkeit mich aufrichtend; vich denke mir ein Oſtindienſchiff, das den ganzen Weg nach Calcutta macht und Vasco de Gama's Spur verfolgend, das Kap⸗ 0 Abkürzung für„Ruprecht.“ D. u. 35 der guten Hoffnung umſegelt— beim Himmel, das muß doch was Anderes ſeyn, als ſo eine elende Schaluppe aus Albany.“ „Wer iſt Vasco de Gama?“ fragte Lucy mit einer Lebhaftig⸗ keit, welche mich überraſchte. „Ein edler Portugieſe, der das Kap der guten Hoffnung entdeckte und um dieſes herum zuerſt nach Indien gelangte. Seht, ihr Mädchen, ſogar der Adel hat ſich dem Seedienſte gewidmet: warum ſollten alſo Ruprecht und ich dieſem Beiſpiele nicht folgen?“ „Davon iſt nicht die Rede, Miles,“ gab meine Schweſter zur Antwort;„jeder ehrliche Beruf verdient auch unſere Achtung. Aber habt ihr Beide mit Mr. Hardinge über die Sache geſprochen?“ „Geſprochen?— nicht ſo eigentlich— nur ſie angedeutet— das heißt nur obenhin— vielleicht nicht ganz ſo, daß er uns ver⸗ ſtehen konnte.“ „Exr wird nie ſeine Zuſtimmung geben, ihr Jungen!“ ver⸗ ſetzte ſie mit faſt triumphirender Miene. „Wir haben auch gar nicht im Sinn, gerade ihn darum zu bitten. Ruprecht und ich wollen nächſte Woche aufbrechen, ohne meinem Vormund etwas zu ſagen.“ Hier kam eine zweite beredte Pauſe und ich konnte bemerken, wie Lucy ihr Geſichtchen mit der Schürze verhüllte, während mei⸗ ner Schweſter die hellen Thraͤnen über die Wangen rollten. „Du wirſt nicht— nein, Du kannſt nicht ſo grauſam ſeyn, Miles?“ hörte ich Grace endlich hervorſtammeln. „Eben weil es nicht grauſam iſt, wollen wir's zur Ausfüh⸗ rung bringen“— hier gab ich Ruprecht mit dem Ellbogen einen Wink, daß ich ſeines Beiſtands bedurfte, er aber antwortete mir nur durch einen gleichen Rippenſtoß, was ich mir ungefähr ſo auslegte, als ob er mir geſagt hätte:„Du biſt auf deine eigene Weiſe in die Falle gegangen, und magſt nun ſehen, wie du wieder herauskömmſt.“—„Ja,“ fuhr ich fort, da ich ſolcher Geſtalt auf Hülfe verzichten mußte—„ja, ſo iſt es.“ 36 „Wie denn, liebſter Miles? Alle Deine Worte beweiſen mir nur, daß Du mit Dir ſelbſt nicht zufrieden biſt— ja, ja, wenn die Wahrheit an den Tag käme, würde man finden, daß Keiner von Euch Beiden mit ſich ſelbſt zufrieden iſt.“ „Ich nicht mit mir— Ruprecht nicht mit ſich ſelbſt zu⸗ frieden! Wo denkſt Du hin, Grace, da haſt Du Dich gewaltig verrechnet. Hat es noch je im Staate New⸗York zwei Knaben gegeben, die ſehr wohl mit ſich ſelbſt zufrieden waren, ſo iſt es Ruprecht und ich.“ Hier hob Lucy ihr Köpfchen aus der Schürze empor und brach in ein lautes Gelächter aus, während die Thränen ihr noch in den Augen perlten. „Glaub' Ihnen doch, theuerſte Grace,“ rief ſie munter.„Sie ſind zwei ſelbſtzufriedene, thörichte Jungen, ja das ſind ſie aufs Haar hin— haben ſich da einige lächerliche Hirngeſpinſte in den Kopf geſetzt und fangen nun an, von„oberflächlicher Betrachtung der Pflichten“ und lauter ſolchem Unſinn zu faſeln. Mein Vater wird ſchon Alles wieder in Ordnung bringen, laß Du ſie nur ſpre⸗ chen, ſo viel ſie wollen.“ „Nicht ſo raſch, Miß Luey, nicht ſo raſch. Ihr Vater wird nicht eher eine Sylbe von der Sache erfahren, bis Sie es ihm nach unſerem Abgange erzählen. Wir wollen ihn gleich zum Voraus jeder Verantwortlichkeit entheben.“ Das war doch gewiß eine Phraſe, die ſich, wie ich mir vor⸗ ſtellte, ſehr tiefſinnig und nicht wenig impoſant ausnahm, und ich verſaͤumte auch nicht, ihre Wirkung auf die Mädchen zu beobachten. Grace weinte, und nichts als Wehmuth war in ihren Zügen zu leſen; Luey aber ſah ſpöttiſch und muthwillig aus, wenn gleich ihr lächelndes Antlitz von Thräͤnen bethaut war, gerade wie der Sonne Schein zuweilen von Regenſchauern begleitet wird. „Ja,“ wiederholte ich mit Pathos,„gleich zum Voraus aller Verantwortlichkeit überheben. Ich hoffe, das iſt gutes, ehrliches RK+4——— 37 Engliſch, ſogar für Euch verſtaͤndlich, ob ich gleich recht wohl weiß, daß Mr. Hardinge Euch in der Sprache einen ſo einfachen Geſchmack beizubringen ſucht, daß ihr bei einem inhaltſchweren Ausdruck, wenn ihr ihm einmal begegnet, das Näschen rümpft.“ Das„Grandioſe“ hatte im Jahre 1797 in der Alltagsſprache des Landes noch keineswegs, wie heut zu Tage, Platz gegriffen; ein verſteckter Spott war damals noch weit mehr als jetzt geeignet, bei den Zuhörern ein Lächeln hervorzurufen. Wie ich von beſſern Richtern, als ich ſelber bin, belehrt wurde, ſo iſt die eben er⸗ wähnte Verbeſſerung dem großen geiſtigen wie ſittlichen Fort⸗ ſchritte zuzuſchreiben, der ſich bis zu den Kongreßreden und ſogar in die Tiefen der Journallitteratur verfolgen läßt. Ruprecht machte übrigens eine Ausnahme von jener Regel und pflegte ſeine Ideen etwas herauszuputzen; ehrlich geſtanden, folgte ich dieſem Beiſpiele und all die hochtrabenden Phraſen, womit ich meine Rede ſchmückte, kamen von ihm. Es däuchte mich ſehr ungezogen an Lucy, daß ſie Anſichten zu verſpotten wagte, welche aus ſolcher Quelle ent⸗ ſprangen, und um mich über die Richtigkeit meiner Gedanken und Ausdrücke auszuweiſen, nahm ich keinen Anſtand, mich auf meinem großen Gewährsmann zu berufen, indem ich förmlich auf ihn hindeutete. „Dacht ich mir's doch!“ rief Lucy, von ganzem Herzen, doch etwas krankhaft lachend;„dacht' ich mir's doch, das ſieht meinem Ruprecht ganz ähnlich: den ganzen Tag ſpricht er mir vor von„Uebernehmen der Ver⸗ antwortlichkeit,“ von den„Schlußfolgerungen aus den Prämiſſen“ und lauter ſolchem Unſinn. Ueberlaſſe die Jungen nur meinem Vater, Grace— er wird„die Verantwortlichkeit wohl auf ſich nehmen“ und„die Prämiſſen ſchließen,“ dann wird die ganze Narr⸗ heit ſchon ein Ende nehmen!“ Ich hätte mich recht über Lucy ärgern können, und fühlte nicht übel Luſt, ſte geradezu gehen zu heißen, wenn nicht Grace ſo viel ſchweſterliche Theilnahme für mein Wohl bewieſen haben würde, daß — —————— 38 ich mich bald bewogen fand, ihr unſern ganzen Plan mitzutheilen, während ihre muthwillige Freundin jede Sylbe mit anhörte. „Wenn Mr. Hardinge etwas von unſerem Plane wüßte,“ fuhr ich fort,„ſo ſiehſt Du wohl, daß die ganze Welt ſagen würde, er haͤtte uns Einhalt thun ſollen. ‚Ein Geiſtlicher, wie er und nicht einmal zwei Jungen von ſechzehn und ſiebzehn Jahren von einer Flucht auf die See abhalten zu können!“— ſo würden die Leute ſagen, als ob es ſo gar leicht wäre, zwei herzhafte Burſche, die ſich in der Welt umſehen wollen, zu Haus zurückzuhalten. Weiß er hingegen nichts von der Sache, ſo wird es keiner Seele ein⸗ fallen, ihn zu tadeln, und das iſt's eben, was ich„das Entbinden von der Verantwortlichkeit“ nenne. Nun haben wir im Sinn, im Laufe der nächſten Woche aufzubrechen, d. h. ſobald der Matroſen⸗ anzug, den wir uns unter dem Namen einer Bootstracht beſtellt haben, fertig iſt: wir fahren in dem Segelboot den Fluß hinab und nehmen Neb mit uns, damit er daſſelbe wieder zurückbringe.— Jetzt kennſt Du die ganze Geſchichte: einen Brief für Mr. Hardinge zurückzulaſſen, wird nicht noͤthig ſeyn, denn die erſte Stunde, nachdem wir fort ſind, kannſt Du ihm Alles erzählen. Wir gehen nur auf ein Jahr, nach deſſen Ablauf Du uns erwarten darfſt und herzlich werden wir uns alle freuen, uns einander wieder zu ſehen. Dann ſind wir Beide junge Männer, wenn ihr uns jetzt gleich noch immer Knaben ſcheltet.“ Dieſes letztere Bild ſchien die Mädchen weſentlich zu beruhigen. Auch Ruprecht, der bis jetzt höchſt räthſelhafter Weiſe an ſich ge⸗ halten und die ganze Mühe auf mich gewälzt hatte, kam jetzt zur Hülfe herbei und ſuchte die Sache mit ſeiner glatten Zunge und der ihm eigenen feinen Manier ſo zu drehen, daß das Unrecht ſich völlig wie Recht ausnahm. Ich glaube zwar kaum, daß er ſeine Schweſter auch nur im Geringſten zu blenden vermochte, auf die meine aber übte er, wie ich fürchte, nur allzu großen Einfluß. Lucy war bei all' ihrem Gemüth ebenſo hellblickend, als ſich ihr Bruder 39 ſophiſtiſch zeigte: er war höchſt ſinnreich, wenn es galt, die Wahr⸗ heit in argliſtige Gloſſen zu hüllen, ſie dagegen wußte unfehlbar faſt immer den Kern aus der Sache herauszufinden. Ich habe noch nie einen größeren Kontraſt zwiſchen zwei menſchlichen Weſen getroffen, als er gerade hier zwiſchen den beiden Kindern derſelben Eltern beſtand; der Sohn ſoll, wie ich hörte, in dieſer Beziehung ſeiner Mutter, die Tochter aber dem Vater geglichen haben, ob⸗ wohl Mrs. Hardinge zu frühe geſtorben war, um einen morali⸗ ſchen Einfluß auf den Charakter ihrer Kinder ausüben zu können. Die nächſten paar Tage wurde der Gegenſtand immer und immer wieder zwiſchen uns beſprochen: die Mädchen ſuchten uns alles Ernſtes dahin zu bringen, daß wir zu dem Schritt, den wir vor⸗ hatten, Mr. Hardinge's Erlaubniß auswirkten— doch Alles vergeb⸗ lich. Wir Beide waren ſo feſt entſchloſſen,„den Geiſtlichen zum Voraus aller Verantwortlichkeit zu überheben,“ daß die Mädchen eben ſo gut Steine hätten erweichen können. Wir wußten, daß die ehrlichen, geradfinnigen, aufrichtigen Geſchöpfe uns nicht verra⸗ then würden und blieben hartnäckig bis ans Ende. Wie wir erwartet, ſo geſchah es: ſobald ſie von der Nutzloſig⸗ keit ihrer Vorſtellungen überzeugt waren, machten ſie ſich eifrig daran, ſo gut ſie nur konnten, für unſere Bequemlichkeit zu ſorgen. Sie machten jedem von uns zwei Jagdtaſchen zur Aufbewahrung unſerer Kleider, beſſerten unſere Wäſche und verhalfen uns ſogar zu mehreren Kleidungsſtücken, die für unſere beabſichtigte Expedition viel paſſender waren als der größte Theil unſeres bisherigen Vor⸗ raths. Unſere langen Togen beſchloſſen wir zurückzulaſſen und blos einen Anzug— dieſen aber ſo ſchlicht und vollſtändig wie mög⸗ lich— mitzunehmen. Im Laufe einer Woche war Alles bereit und die wohlgefüllten Ranzen wurden in dem Magazin am Landungsplatze verſteckt. Zu dieſem Gebäude konnte ich mir jeden Augenblick den Schlüſſel ver⸗ 40 ſchaffen, da ich ſchon jetzt als anerkannter Erbe betraͤchtliches An⸗ ſehen auf dem Gute genoß. Um einer Verfolgung zu entgehen, wollten wir nicht früher abſegeln, als bis der Wallingford von Clawbonny(ſo hieß nämlich die Schaluppe) eine ſeiner regelmäßigen Fahrten angetreten hatte und Neb war deßhalb angewieſen worden, das Boot für den kommen⸗ den Dienſtag Abend bereit zu halten. Ich hatte bei meiner Be⸗ rechnung die Zeit der Ebbe nicht vergeſſen und wußte, daß der Wallingford ungefähr Morgens neun Uhr auslaufen würde, ſo daß wir ihm noch vor Mitternacht folgen konnten. Um nämlich jede Entdeckung zu verhüten, mußten wir bei Nacht abgehen, wo die Werfte völlig klar wurde. Der Dienſtag war für uns Alle ein Tag der Unruhe, der Aufregung und der Trauer: nur Mr. Hardinge machte hierin eine Ausnahme, denn da er nicht die leiſeſte Ahnung von dem, was vorging, hatte, ſo blieb er ruhig, ſtill und gut gelaunt wie immer. Ruprecht zeigte ganz die verſtohlene Miene eines böſen Gewiſſens, während die Augen der beiden lieben Mädchen kaum einen Augen⸗ blick ohne Thränen blieben. Grace ſchien jetzt die ruhigſte von Beiden und ich habe ſeither immer vermuthet, daß ſie mit meinem erfindungsreichen Freund, deſſen Ueberredungsgabe wirklich außeror⸗ dentlich war, wenn er ernſtlich von ihr Gebrauch machen wollte— eine geheime Unterredung gehabt haben müſſe: Lucy kam mir vor, wie wenn ſie den ganzen Tag geweint hätte. Um neun Uhr, nach dem Abendgebet, pfleg te ſich die Familie gute Nacht zu ſagen: die meiſten gingen ſchon um dieſe Stunde zu Bette, nur Mr. Hardinge pflegte ſelten vor Mittern acht ſein Lager aufzuſuchen. Dieſe Gewohnheit nöthigte uns, beim Verlaſſen des Hauſes die größte Vorſicht anzuwenden: endlich Schlag eilf Uhr gelang es uns Beiden, unentdeckt daraus zu entwiſchen. Von den Mädchen hatten wir auf dem Gange einen haſtigen Abſchied ge⸗ nommen, indem wir ihnen die Hand reichten, jeder ſeine Schweſter * V 41 küßend, als ob wir ihnen gute Nacht ſagen wollten. Offen geſtanden, waren wir herzlich froh und zugleich nicht wenig über⸗ raſcht, Grace und Lucy bei dieſer Gelegenheit ſo vernünftig zu finden, da wir vornehmlich von Seiten meiner Schweſter eine leiden⸗ ſchaftliche Scene erwartet hatten. Mit ſchwerem Herzen verließen wir das Haus, denn nur ſelten wird Einer von dem väterlichen Dache ſcheiden, um ſich in den wechſelvollen Kampf mit der Welt zu wagen, ohne den traulichen Verband, in welchem er bisher gelebt, tief zu vermiſſen. Raſch und ſchweigend ſchritten wir weiter, ſo daß wir die Strecke bis zur Werfte, welche beinahe zwei Meilen betrug, in weniger als einer halben Stunde zurücklegten. Ich war eben im Begriff, den ſchwarzen Neb anzureden, deſſen Geſtalt ich in dem Boote gewahrte, als ich auf ſechs Fuß von mir zwei weibliche Figuren bemerkte— Grace und Lucy waren es, welche in Thränen ſchwimmend unſere Ankunft erwarteten und die beiden Wanderer abfahren ſehen wollten. Ich muß geſtehen, ich fühlte mich betroffen und verwirrt, als ich die beiden zarten Mädchen zu dieſer Stunde ſo fern vom Hauſe vor mir ſah; mein erſt Gedanke war der, ſie wieder ſicher zu ihrer Wohnung zurück zu geleiten, ehe ich ſelbſt in's Boot ſtiege; allein davon wollte keine von Beiden etwas hören. Alle meine Bitten blieben vergeblich und ich ſah mich genöthigt, mich ihrem Willen zu fügen. Ich weiß nicht genau, wie es kam, aber daß es ſo war, weiß ich gewiß— ſtatt die eigene Schweſter bei Seite zu nehmen, um meine letzten Worte an ſie zu richten und ihr Lebewohl zu ſagen, wie dies im Augenblicke des Abſchieds natürlich geweſen wäre, wandte ſich jeder von uns Beiden an die Schweſter ſeines Freundes, ſo ſonderbar dies auch ſcheinen mag. Ich will damit nicht ſagen, daß Liebe oder etwas dergleichen bei uns ins Spiel kam— nein, da⸗ zu waren wir vielleicht noch ein wenig zu jung; wir gehorchten blos einem Antriebe, der wie Ruprecht ſich ausgedrückt haben würde, „dieſes Reſultat herbeiführte!“ 4² Was zwiſchen meiner Schweſter und ihrem Gefährten vorging, weiß ich nicht; unter uns, nämlich Lucy und mir, wurde Alles offen und ehrlich verhandelt. Sie drückte mir— das edle Weſen!— ſechs Goldſtücke in die Hand, die ſie, wie ich wußte, als ein Erbſtück ihrer Mutter beſaß und welche ſie, wie ich ſie oft hatte erklären hören, nur im äußerſten Nothfalle angreifen wollte. Sie wußte, daß mein ganzer Reichthum in fünf Thalern beſtand, während Nuprecht gar nichts hatte und bot mir alſo ihr Gold an. Ich be⸗ merkte ihr, Ruprecht könne es beſſer brauchen— nein, ich hatte es voch noch nöthiger, meinte ſie, und zudem würde ich ſie vernünf⸗ tiger anwenden, als Ruprecht und konnte ſie zu Beider Wohle be⸗ nützen.„Ueberdies biſt Du reich,“ fuhr ſie, unter Thränen lächelnd, fort,„und kannſt ſie mir wieder heimgeben— ich brauche ſie dir blos zu leihen⸗ während ich ſie meinem Bruder ſchenken müßte.“ Ich konnte dem edlen Weſen die Bitte nicht abſchlagen und nahm das Gold, das aus lauter halben Joſephsſtücken beſtand, mit dem feſten Entſchluß, es einſt mit Zinſen wieder zurückzugeben. Dann ſchloß ich das theure Mädchen ans Herz⸗ drückte ſechs bis acht glühende Küſſe auf ihre Lippen— es war ſeit zwei Jahren das erſte Mal, daß ich dies that— und riß mich endlich aus ihren Armen. Ich glaube kaum, daß Ruprecht meine Schweſter gleich⸗ falls umarmte, kann es aber wahrlich nicht mit Gewißheit behaupten, obgleich wir die ganze Zeit nur drei bis vier Schritte von einander entfernt geſtanden hatten. „Schreibe, Miles— ſchreibe, Ruprecht,“ riefen die ſchluchzenden Mädchen, während ſie ſich über die Werfte vorbeugten, um uns abſtoßen zu ſehen. Es war nicht ſo finſter, daß wir nicht noch mehrere Minuten lang ihre geliebten Geſtalten erkennen konnten, bis ſich bei einer Krümmung der Bucht eine ſchwarze Erdmaſſe zwiſchen ſte und uns hereinſchob. Unter ſolchen Umſtänden geſchah meine Abreiſe von Clawbonny im Monat September 1797. In wenigen Tagen erreichte ich 43 mein ſiebzehntes Jahr; Ruprecht war ſechs Monate älter und Neb ging ihm ein volles Jahr im Alter voraus. Im Boot war Alles, nur nicht unſere Herzen— das meine war, wie ich in Wahrheit ſagen darf, bei den beiden geliebten Weſen zurückgeblieben, die wir auf der Werfte verlaſſen hatten: anders ſtand es vielleicht bei Rup⸗ recht, denn bei ihm geſchah es gar ſelten, daß das Herz die theure Behauſung verließ, in welche die Natur es eingeſchloſſen hatte. Drittes Kapitel. 's iſt ein Burſch in der Stadt und's war wahrlich Schad', Daß er mußt'’ von den Mägdelein wandern; Denn hübſch, flink und freundlich er iſt früh und ſpat Und ſein Haar lockt ſich ſchöner als Andern. Den Rock von der Farbe der Mütze ſo blau, Schneeweiß ſeine Taſche, die Hoſen grau, Seht ihr ihn ſtolziren, die Schuhe hübſch blank Mit den ſilbernen Schnallen— der Burſche ſo ſchlank! Burns. Was die Stunde der Abreiſe betraf, ſo hatten wir unſere Zeit ſehr gut gewählt: die Ebbe war eben eingetreten und das Boot ſchwamm raſch die Bucht hinab, deren hohe Seitenwände übrigens jeden Wind, auch wenn eine Briſe auf dem Fluſſe geweht häͤtte, von uns abgehalten haben würde. Unſer Boot war nicht gerade von den kleinſten, hatte ein Halbdeck und die Tackelage wie eine Schaluppe; gleichwohl wußte es Neb mit ſeinen kräftigen Armen ziemlich raſch durch das Waſſer zu drängen und hatte ſich über⸗ haupt mit der ganzen Bereitwilligkeit eines ächten Taugenichts von Neger zu ſeiner Arbeit hergegeben. Ich war ſelbſt ein geſchickter Ruderer, da ich von meinem Vater ſchon in früheſter Kindheit manche Lection erhalten fand und während ſieben Monaten des Jahrs die beſte Gelegenheit hatte, mich im Führen eines Bootes zu üben. 44 Das Romantiſche meines Abenteuers, oder was ich daran wenigſtens eine kurze Zeit als romantiſch betrachtete— meine Aufregung, ſowie die Beſorgniß vor Entdeckung, die, wie ich glaube, jedes heimliche Unternehmen begleitet, ſetzten auch mich gar bald in Bewegung: ich nahm eines von den Rudern und noch waren keine zwanzig Minuten verfloſſen, als die ‚Grace und Lucy— ſo wurde nämlich unſer Boot genannt— zwiſchen zwei hohen, ſteilen Uferwänden her⸗ austrat und in den breiteren Buſen des Hudſon einlief. Als wir das Dickicht hinter uns hatten, und die angenehme, friſche Briſe verſpürten, die da draußen wehte, ſtieß Neb einen halbunter⸗ drückten Freudenſchrei aus, welcher ganz und gar den Neger be⸗ zeichnete. Drei Minuten ſpäͤter hatten wir Kluͤver⸗ und großes Segel eingeſetzt, das Steuer war aufgerichtet, die Schoote losgelaſſen und wir glitten mit der Geſchwindigkeit von eiwa fünf Meilen auf die Stunde den Strom hinab. Ich ſtellte mich, wie ſich faſt von ſelbſt verſtand, ans Steuerruder, denn Ruprecht war viel zu indolent, um anders als nothgedrungen eine Hand zu rühren und Neb durfte in ſeiner unter geordneten Stellung natürlich an keinen ſolchen Poſten denken, ſo lange Maſter Miles dazu willig und bereit war. Man wußte es damals in der That gar nicht anders, als daß die Be⸗ ſitzer der kleineren Flußſchiffe auf dem Hudſon ihre Fahrzeuge ſelbſt ſteuerten und dieß ging ſo weit, daß der größere Theil der Fluß⸗ bewohner ſich einbildete, die großen engliſchen Admirale, wie Sir John Jervis, Lord Anſon und Andere, von denen ſie reden und ſchreiben hörten, amüſirten ſich in der Regel gleichfalls mit dieſer Beſchäftigung, wenn ſie ſich auf hoher See befänden. Ich erinnere mich noch recht gut, wie mein unglücklicher Vater in ein herzliches Geläͤchter ausbrach, als Mr. Hardinge ihn fragte, ob denn der Seedienſt ihn jemals zum Schlafe habe kommen laſſen— wie wir denn alle auf unſerem Clawbonny in den Angelegenheiten der eigent⸗ lichen Welt außerordentlich„grün“ und unerfahren waren. Die Stunde, welche ich jetzt verlebte, war mir eine der pein⸗ ⁸ 45 lichſten, deren ich mich erinnern kann. Mein Vater, ſeine männliche Offenheit, die liebevolle Fürſorge, welche er in ſeinem Vermächtniſſe für mich bewieſen, die Lehren des Gehorſams und der Ehrfurcht, die er mir eingeprägt hatte— Alles, Alles kam mir wieder in den Sinn, während es mich nunmehr bedünkte, als ob ich dieſer väterlichen Güte nichts als Schande gemacht hätte. Dann ſah ich wieder das Bild meiner Mutter mit all ihrer Liebe und ihren Leiden, mit ihren Gebeten und jenen milden, aber ernſten Ermahnungen zum Guten. Ich glaubte meine beiden Eltern vor mir zu ſchauen, wie ſie ihre bekümmerten, doch Gott ſey Dank nicht vorwurfsvollen Blicke auf mich richteten: ſie ſchienen mich mit einer Art ſtummer, aber um nichts weniger beredter Warnung vor der Zukunft zur Rückkehr in die Heimath aufzufordern. Grace und Lucy mit ihren Seufzern und Ermahnungen, mit ihren Bitten, von mei⸗ nem Plane abzuſtehen, oder doch bald zu ſchreiben und ja nicht lange wegzubleiben— die ſüßen, warmherzigen Mädchen mit all ihren zärtlichen Abſchiedsworten traten mir friſch und lebhaft vor die Augen. Es war beinahe zu viel für mich— dieſe Erinnerungen mit aller ihrer Wehmuth. Auch Mr. Hardinge ſtellte ſich ein, und ich gedachte des Kummers, den er bei der Entdeckung empfunden haben mochte, daß er nicht nur ſeinen Mündel, ſondern auch den einzigen Sohn verloren hatte. Endlich kam noch Clawbonny ſelbſt, das Haus, die Obſtfelder, die Wieſen, der Garten, die Muͤhle und was ſonſt zum Gute gehörte: alle dieſe Gegenſtände gewannen doppelten Werth in meinen Augen und hingen ſich als ebenſo viele Bande an mein blutendes Herz, um mich an den Spruch zu erinnern: „Auf jedem Schritte ſchleppt der Flüchtling ſeine ew'ge Kette⸗“ Ueber Ruprechts Ruhe konnte ich mich nicht genug wundern: ich verſtand damals ſeinen Charakter noch nicht ſo genau, wie ich ihn ſpäter kennen lernte. Er hatte freilich Alles, was ihm am theuerſten war, bei ſich auf dem Boote, und dies mochte allerdings 46 ſeinen Kummer über die Trennung von weniger geliebten Gegen⸗ ſtänden mindern, denn wo er war, da war ſein Paradies. Was Neb betrifft, ſo mußte er, wie ich glaube, den Kopf ver⸗ kehrt aufgeſetzt haben, denn er wandte ſich abſichtlich mit dem Geſicht flußabwärts, ſo lange die hinter Clawbonny liegenden Hügel noch irgend ſichtbar waren. Dies mochte wohl einer Tradition, dem Inſtinkt oder einer verborgenen Negereigenſchaft zuzuſchreiben ſeyn, denn ich kann nicht glauben, daß der Burſche ſich ſelbſt für einen Ausreißer hielt. Daß ſeine beiden jungen Herrn nichts Beſſeres vorſtellten, das wußte er allerdings; doch mußte ihm wohl auch beifallen, daß er mein Eigenthum war, und er dachte ſich ohne Zweifel, ſo lange er in meiner Geſellſchaft ſey, habe er die Linie ſeiner angeborenen Pflichten nicht überſchritten. Dann ging auch mein Plan dahin, ihn mit dem Boote zurückzuſchicken, ſo daß dieſe ‚Rück⸗ blicke“ vielleicht nichts weiter als die Schattenbilder kommender Er⸗ eigniſſe waren, welche in ſeinem Falle rückwärts ſielen. Ruprecht war nicht zum Sprechen aufgelegt, denn offen geſagt, hatte er ein herzhaftes Abendeſſen zu ſich genommen und begann ſchläfrig zu werden; auch war ich zu ſehr mit meinen ſich fort⸗ während andrängenden Gedanken beſchäftigt, um außer mir Unter⸗ haltung zu ſuchen. Ich fand darum eine Art traurigen Vergnügens in der Anordnung einer Nachtwache, welche uns einen ſeemänniſchen Anſtrich gab und meine frühere Vorliebe für den neuen Beruf einiger⸗ maßen friſch belebte. Es war Mitternacht und ich übernahm die erſte Wache in eigener Perſon, während ich meine beiden Gefährten anwies, unter das Halbdeck zu kriechen und ſich dort dem Schlummer zu überlaſſen. Beide thaten dies ohne Widerrede, wobei Ruprecht den inneren Raum einnahm, während Neb mit den Beinen der Nachtluft ausgeſetzt blieb. Die Briſe wurde immer ſtärker und ich glaubte eine Zeit lang, wir würden wohl reffen müſſen, trotzdem daß wir todt vor dem Winde herliefen; doch gelang es mir, die Grace und Lucy auch ohne 47 dies im Kurs zu erhalten, und ich fand, daß das Boot unter meiner Wache Wunder verrichtete. Als ich Ruprecht um vier Uhr weckte, naͤherte ſich unſer Schiffchen eben zwei finſterblickenden Bergen, wo ſich der Fluß auf ein Drittel oder Viertel ſeiner früheren Breite ein⸗ engte, und an der Geſtaltung der Ufer ſowie an dem Erſcheinen eines nicht ſehr großen Dorfes auf der rechten Seite, das ich von Zeit zu Zeit undeutlich vor mir ſah, erkannte ich, daß wir uns in der Newburgh Bay befanden. Gerade ſo weit hatten ſich unſere früheren Ausflüge gegen Suüden ausgedehnt, denn einmal in unſerem Leben, aber auch nur einmal waren wir bis zum Fiſhkill Landinge hinab⸗ gekommen, welcher dem Orte, der dieſem Theile des Fluſſes ſeinen Namen gibt, gerade gegenüber liegt. Ruprecht nahm jetzt das Steuerruder und ich legte mich ſchlafen; der Wind ging noch immer anhaltend friſch und ich fühlte durchaus keine Angſt um unſer Boot. Wir hatten zwar noch zwei Fluß⸗ ſtrecken vor uns, an die ich zwar nicht ohne ernſtliche Beſorgniß, aber immer noch nicht ſo lebhaft gedacht hatte, um mich dadurch munter zu erhalten, nämlich die ‚Stromſchnelle“, ein Engpaß in den Hoch⸗ landen, und den ‚Tappanſee⸗— zwei Punkte des Hudſon, von denen die Kenner dieſes klaſſiſchen Stromes wahre Wunder erzählten. Von erſterer wußte ich, daß ſie nur im Spätherbſte furchtbar war; die Schöͤnheiten des letzteren hoffte ich dagegen noch am nächſten Morgen zu genießen, und ſo ſchlief ich denn ein, erfüllt von dieſer ſehr natürlichen Erwartung. Neb weckte mich erſt um zehn Uhr. Wie ich ſpäter entdeckte, hatte Ruprecht blos eine Stunde am Steuer ausgehalten, dann war ihm eingefallen, daß er von fünf bis neun noch vier volle Stunden zu wachen hätte und daß es doch Schade wäre, wenn der Neger nicht gleichfalls ſeinen Antheil an dem Ruhme der Nacht erhielte. Als man mich aufweckte, geſchah es blos, um mir mit⸗ zutheilen, daß die Zeit des Eſſens gekommen ſey— Neb hätte ſich *o Wökrtlich der„Landungsplatz der Fiſchtödter“. D. U. — 48 nämlich lieber ausgehungert, als daß er ſeinem jungen Herrn in dieſem nothwendigen Geſchäfte vorangegangen wäre— Ruprecht fand ich in tiefem, lieblichem Schlummer an meiner Seite. Wir waren mitten im Tappanſee und hatten die Hochlande glücklich paſſirt. Neb ſchilderte uns des Breiteren die Schwierigkeiten der Schifffahrt auf einem Fluſſe, der voll Krümmungen und von hohen Gebirgen eingeſchloſſen ſey, gab aber doch im Ganzen zu, daß man Waſſer, Wind und Raum genug vor ſich habe. Von dieſem Augenblicke an hielt uns die Aufregung hinlänglich munter— Alles, was wir ſahen, war uns neu, und Alles ſchien uns in hohem Grade ergötzlich. Es war ein ſchöner Tag, der Wind blieb fortwährend günſtig und kein Unfall ſtörte unſere Freude. Ich hatte eine kleine Karte, die aber weder ſehr genau, noch ſonderlich gut geſtochen war, und er⸗ innere mich noch recht gut, mit welcher Wichtigkeit ich meinen beiden Gefährten, nachdem ich zuvor den Namen geſucht hatte, die Fels⸗ vorſprünge am weſtlichen Ufer als New Jerſey bezeichnete! Sogar Ruprecht war von dieſem wichtigen Umſtande betroffen: Neb aber gerieth ganz außer ſich, rollte ſeine großen ſchwarzen Augen und wies die blendend weißen Zähne, bis er plötzlich das dicke Gewülſt ſeiner ächten Korallenlippen mit der Frage ſchloß, was denn New Jerſey ſo eigentlich bedeute? Ich willfahrte natürlich ſeiner lobens⸗ werthen Wißbegierde, und Neb ſchien noch viel vergnügter als früher, ſeit er wußte, daß New Jerſey ein Staat ſey. Reiſen gehörte damals noch nicht wie heut zu Tage zu den Alltagsbeſchäf⸗ tigungen, und für drei amerikaniſche Knaben, von denen Keiner uͤber Neunzehn zählte, war's in der That keine Kleinigkeit, erzählen zu können, daß ſie einen andern als ihren eigenen Staat geſehen hätten. Trotz der raſchen Fahrt während der erſten paar Stunden unſerer Flucht waren wir doch von dem Ziele unſerer Reiſe noch weit entfernt. Gegen Mittag erhob ſich ein leichter Südwind, ſo daß wir bei der hohen Fluth vor Anker gehen mußten. Dieſer Umſtand verſetzte uns alle in eine ſehr unbehagliche Stimmung, — 49 da wir, ſo lange wir auf der Stelle blieben, unſern Zweck, davon zu gehen, nicht erfüllten; endlich kam aber die Ebbe wieder, wir zogen die Segel auf und begannen aber mals mit den zurücktreten⸗ den Wogen hinabzuſchwimmen. Es war ſchon gegen Sonn enuntergang, als wir die paar Kirchthürme zu Geſicht bekamen, welche den Fremden damals als Lootſen zur Stadt geleiteten. New⸗York war im Jahr 1796 noch kein ‚Emporium des Handels“; ein ſo ſtolz klingender Titel fand ſich damals kaum noch in der einfachen Sprache jener Periode, und es bedurfte einer ſolchen Maſſe halberzogener Menſchen, wie ſie heut zu Tage lebt, um eine ſo ehrgeizige Benennung empor zu bringen— das einzige Emporium, das während des letzten Jahrhunderts in Amerika exiſtirte, war eine Kleiderbude in der Waterſtreet auf der Inſel Manhattan. Das„Handelsemporiume war ein Erzeugniß der Phantaſie, zu deſſen Sanktionirung man nothwendig einen ganzen Tiſch voll Aldermen und noch nebenbei ein Gericht Schildkrötenſuppe hätte haben müſſen. Die Bedeutung des Wortes„Literaturemporium⸗ zu erklären, muß ich ſolchen Schriftſtellern überlaſſen, welche ‚im Lande geboren und von Kindheit an fürs H errenhaus beſtimmt ſinde. Das Staatsgefängniß war das Erſte, was wir von der Stadt bemerkten, als wir ihr allmählig näher kamen; es war damals noch ganz neu und nach unſern Begriffen ein höchſt impoſantes Gebäude. Gleich den Galgen, welche ein Reiſender beim Eintritte in ein frem⸗ des Land zuerſt gewahr wird, war auch dieſes ein Unterpfand für die zunehmende Civiliſation.„Hat ein gottloſes Ausſehen,“ meinte Neb kopfſchüttelnd, als er es mit höchſt wohlweiſer Miene zum erſten Male betrachtete. Ich ſelbſt muß geſtehen, daß ich es nicht ganz ohne Furcht anſehen konnte, wogegen es auf Ruprecht weit geringeren Eindruck machte, wie er denn für moraliſche Betrach⸗ tungen nie ſonderlich zugänglich war.* 3 * Für Europäer, denen dies Buch zufällig zu Geſicht kommen ſollte, möge die Bemerkung dienen, daß ein„Staatengefängniße in Amerika nicht Miles Wallingford. 4 50 2 Die Stadt New⸗York nahm damals auf der dem Hudſon zu⸗ gekehrten Seite nicht weit oberhalb der Duane⸗Street ihren Anfang; zwiſchen Greenwich— wie der kleine Weiler, der das Staats⸗ gefängniß umgab, genannt wurde— und der Stadt ſelbſt lag ein Zwiſchenraum von anderthalb Meilen offenen Landes, das hier und dort mit Landhäuſern beſät war, und größtentheils aus durchſchnittenen Hügeln beſtand, während an beiden Ufern einige Haufen Sägholz nicht ſonderlich angenehm in's Auge ſielen. Die St. Johannskirche beſtand noch nicht und das Land in deren Näͤhe war meiſtens blos angeſchwemmte Niederung. Während wir an der Werfte vorüberglitten, trat uns der Markt vor Augen— der erſte, den wir geſehen hatten, da derartige Be⸗ weiſe einer vorgeſchrittenen Civiliſation noch nicht bis in die Dorf⸗ ſchaften im Innern des Landes vorgedrungen waren. Er wurde ‚der Bär’ genannt, weil das erſte Fleiſchgericht, das dort zum Verkauf gekommen war, jenem Thiere angehoͤrt hatte; jetzt iſt dieſe Benennung vor der geiſtigen Verfeinerung der jüngſten Zeiten verſchwunden und hat dem Namen Waſhington's, des berühmten Kriegers und Staatsmannes, wie billig Platz gemacht. Ob dieſer bedeutende ſittliche Fortſchritt durch die ‚philoſophiſche“ oder die hhiſtoriſche Geſellſchafte, ob er durch ‚die Kaufleute“ oder die Al⸗ dermen vor New⸗York zuwege gebracht wurde— konnte ich niemals mit Sicherheit erfahren. Haben wir ihn wirklich den Letzteren zu danken, ſo kann man die uneigennützige Beſcheidenheit nicht genug bewundern, mit der ſie dem Vater ſeines Vaterlandes eine ſo auf⸗ fallende Ehre erwieſen, während es doch ihrer eigenen Rathsta fel wie jedermann weiß, zu keiner Zeit an ausgezeichneten Mitgliedern gebrach, welche ſich in jeder Beziehung vollkommen dazu eigneten, bei den berühmteſten Märkten der Republik die Stelle von Tauf pathen zu vertreten. Aber es läßt ſich nun einmal nicht läugnen, für Staatsgefangene, ſondern für gemeine Verbrecher beſtimmt iſt und ſeinen Namen von der jedesmaligen ‚Staatene⸗Regierung herleitet. D. Verf. 51 dem armen Manhattan iſt im Punkte des Geſchmacks noch niemals Gerechtigkeit widerfahren, denn ſeine Bewunderung für alle höheren Naturen iſt ſo groß, daß neben dieſem Waſhingtonmarkte auch Franklin und Fulton jeder ſeinen eigenen Marktplatz beſitzt. Hätte ihr Patriotismus der Stadt nicht verboten, bei Aufſuchung berühmter Namen die eigene Hemiſphäre zu überſchreiten, ſo würden wir ohne Zweifel auch von einem Newton⸗, einem Sokrates⸗ und einem Salomon⸗Markte gehört haben; der Name ‚Bacon⸗Markt’ hätte aber unter allen Umſtänden wohl gar zu zweideutig gelautet, da Bacon zwar ein Philoſoph, darum aber nicht weniger ein Schurke war und öffentliche Plätze doch blos nach ehrlichen Leuten benannt werden dürfen. Jedenfalls bin ich herzlich froh, daß uns der Vor⸗ wurf, einen ‚Bärenplatz’ zu beſitzen— erſpart wurde, denn ſtill⸗ ſchweigend wäre hiedurch doch zugegeben worden, daß wir, wenn auch nicht gerade in, wenigſtens nahe bei den Wäldern wohnten. Wir fuhren durch das Albanybaſſin, das große Aufnahmsdock für alle aus dem North⸗River kommenden Fahrzeuge, das jetzt mitten in der Stadt und rings mit Gebäuden umgeben iſt. Wir erkannten augenblicklich die Maſtenſpitze des Wallingford und zeigten Neb die Stelle des Schiffes, damit er das Boot dahin rudern und ſpäter mit der Schaluppe zurückkehren könne. Wir fuhren ſodann um die Batterie, damals noch ein kreisrunder Grasplatz mit einer Bruſtwehr aus Holz und Erde, welche den Rand des Waſſers be⸗ gränzte, ſo daß nur ein ſchmaler Fußpfad auf der Außenſeite übrig blieb. So gelangten wir nach Whitehall, das ſeither durch ſeine Ruderer ſo berühmt geworden iſt und liefen in den dortigen Hafen ein. Ich hatte mir die Adreſſe einer der beſſeren Matroſenſchenken in der Nähe geben laſſen, und nachdem wir das Boot verankert und unſere Jagdtaſchen umgeſchlungen hatten, nahmen wir einen Knaben zum Führer und waren bald in dem Hauſe untergebracht. Es war beinahe Nacht: Ruprecht und ich beſtellten ein Abend⸗ eſſen, während Neb die Weiſung erhielt, das Boot nach der Scha⸗ —,— — 52 luppe hinzurudern und mit dem kommenden Morgen zu uns zurück⸗ zukehren, ohne übrigens unſern jetzigen Aufenthalt zu verrathen. Am nächſten Morgen, muß ich geſtehen, waren meine Gedan⸗ ken gar wenig mehr mit den Mädchen, mit Clawbonny oder Mr. Hardinge beſchäftigt; noch ehe ich auf war, ſtand Neb an meinem Bett mit der Meldung, die Grace und Lucy ſey wohlbehalten neben dem Wallingford untergebracht und er ſelbſt ſehr gerne bereit, mir beim Aufſuchen eines Schiffes behülflich zu ſeyn. Der Augenblick des Handelns war gekommen: ſo wurde denn auch wenig unter uns Dreien geſprochen, wir nahmen vielmehr ſchnell unſer Frühſtück ein und machten uns alles Ernſtes an die Löſung unſerer wichtigen Aufgabe: Neb durfte uns folgen, aber wohlweis⸗ lich nur in ſolchem Abſtande, daß jeder Verdacht, als ob er zu uns gehörte, vermieden wurde, denn ein junger Gentleman mit einem Diener hinter ſich hätte wohl keinen ſonderlich glücklichen Kandidaten abgegeben, wenn ſich's drum handelte, eine Anſtellung auf einem Vorcaſtell auszuwirken. Meine Begierde, auf einem größeren Seeſchiffe unterzukommen, war ſo groß, daß ich mich ſogar nicht einmal mit Beſchauung der Wunder von New⸗York aufhalten wollte, ſondern lieber gleich nach den Werften hinabeilte. Ruprecht war zwar anderer Anſicht und hätte gar zu gerne ſeinem angebornen Hange für die feineren Ge⸗ nüſſe der Stadt nachgegeben; ich war aber taub für alle ſeine Winke und diesmal blieb ich Meiſter. Er folgte mir nicht ohne Widerſtreben, ſah ſich aber doch gezwungen, nach einigen ziemlich lebhaften Gegenvorſtellungen nachzugeben. Wer uns in unſerm ſauberen Anzug, hübſch geſchniegelt und nicht ohne ſeinere Manie⸗ ren ſo durch die Straßen hinſchlendern ſah, hätte uns bei eigener Un⸗ erfahrenheit recht leicht für ein paar gutausſehende, flinke Matroſen⸗ jungen halten können, welche eben erſt von einer gewinnreichen Reiſe zurückgekehrt, als Bewunderer, wenn nicht gar als kriti⸗ ſche Beurtheiler von Fahrzeugen— auf den Werften herumſtrolchten. 53 Bewunderer waren wir auch wirklich, wenigſtens ſo weit es mich betraf, nur mit der Schiffskenntniß haperte es noch gewaltig. Trotz der Räubereien Englands und Frankreichs, der beiden kriegführenden Mächte jener Periode, wurde der Handel im Jahre 1797 von Amerika aus ſehr ſchwunghaft betrieben, und wenn gleich gewiſſe Vorgänge von Seiten letzterer Marine die wechſelſeitigen Verhältniſſe beider Länder mit großer Verwirrung bedrohten, ſo war doch das Schifffahrtsintereſſe für jetzt noch wunderbar thäͤtig und im Ganzen auch auffallend erfolgreich. Faſt mit jeder Fluth oder Ebbe kamen und gingen Schiffe nach ausländiſchen Häfen und ſelten verging eine Woche, wo nicht Fahrzeuge aus allen Welt⸗ theilen anlangten oder dahin ausliefen. Unſer Ziel ging übrigens einzig nach einem Oſtindienfahrer, da die Reiſe auf einem ſolchen länger dauerte, die Schiffe beſſer waren und überhaupt das ganze Unternehmen ſich weit impoſanter ausnahm, als wenn wir einfach das atlantiſche Meer hin und zurück durchkreuzt haͤtten. Wir wandten uns alſo nach dem Fly Market— derſelbe hat ſeitdem ſeine Flügel gebraucht und iſt gänzlich ver⸗ ſchwunden— in deſſen Nähe drei bis vier Schiffe dieſer Art aus⸗ gerüſtet wurden, wie man uns zu verſtehen gegeben hatte. Ich betrachtete mir jedes Fahrzeug, an dem wir vorüber ka⸗ men, denn ich hatte bis dahin noch nie ein Schiff mit viereckigen Segeln geſehen, und ein Kunſtenthuſiaſt konnte ein ſchönes Gemälde oder eine Bildſäule nicht leicht mit größerer Gier anſtarren, als meine Seele die wundervollen Schöonheiten jedes einzelnen Schiffes in ſich ſog. Ich hatte zu Clawbonny ein großes, vollſtändig auf⸗ getackeltes Schiffsmodell gehabt, welches ich unter meines Vaters Anleitung ſo gründlich durchſtudirt hatte, daß ich jedes Tau zu benennen und ſeinen Gebrauch ziemlich klar anzugeben wußte. Dieſer frühzeitige Unterricht kam mir jetzt ſehr gut zu Statten, obwohl ich es anfangs etwas ſchwierig fand, meine alten Bekannten in dem großen Maafſſtabe, in dem ſie ſich mir jetzo darſtellten, und unter dem Walde von Maſten, der hier gen Himmel ſtarrte, wieder auf⸗ zufinden. Braſſen, Wanten, Stags und Leinen— die waren freilich leicht genug aufzufinden und ich konnte ſie auch meinen Kameraden auf den erſten Blick bezeichnen; wenn's aber an das übrige laufende Tackelwerk kam, da mußte ich mich doch eine Zeit lang beſinnen, ehe ich meiner Sache gewiß war. . Bei meiner Leidenſchaft für das Schiffsweſen fand ich den Genuß, mir Alles, was ich ſah, recht genau zu betrachten, ſo an⸗ ziehend, daß es Mittag wurde, bis wir einen Indienfahrer erreich⸗ ten; es war ein niedliches, kleines Fahrzeug von vierhundert Tonnen etwa, das den Namen John führte. Klein nenne ich es, weil es nach den jetzigen Begriſſen dafür gelten würde, obwohl ein Schiff von ſeiner Tonnenlaſt damals groß genannt wurde; ſo faßte der Manhattan, bei weitem das groͤßte Schiff außer dem Hafen, nur ungefähr ſiebenhundert Tonnen, während von den Indienfahrern nur wenige die Zahl von fünfhundert überſtiegen. Faſt fünfzig Jahre ſind nun verſtrichen, ſeit ich den John zum erſten Mal erblickte und noch ſehe ich ihn vor mir, wie er in dem damaligen Augenblicke vor uns lag. Er war ein feſtes, ſchwarz⸗ ausſehendes Schiff, nicht ſehr breitſeitig, mit einem ſchmalen, hell⸗ gelben Streifen, der durch Stückpforten unterbrochen wurde, ſchöner Hauptfigur, dünner, niederer Bruſtwehr und einer durch Kreuztaue befeſtigten Schanzkleidung,* während ſeine größeren Spieren die⸗ ſelbe Farbe, wie der Bordſtreifen führten und am Spiegel einige Zierrathen mit dergleichen Bemalung ausſtaffirt waren. Wir ſtiegen endlich an Bord des John, wo wir die Offtziere mit den Tackelmeiſtern und Güterpackern eben im Auftoppen begriffen fanden, nachdem Waſſer, Mundvorräthe und das Bischen Fracht, das der John führte, ſchon vollſtändig eingeladen worden. Kaum war Eer e Schanzkleider nennt man ein vier Fuß breites Tuch, je bei den einzelnen Nationen von verſchiedener Farbe, das über die Regelingsſtützen geſpannt, theils zur Verzierung, theils zur Blendung der Seitenbords dient. D. u. 5⁵ der Steuermann unſerer anſichtig geworden, ſo winkte er dem Kapitän und nickte zu uns herüber, worauf dieſer lächelte, ohne aber ein Wort zu ſprechen. „Nur hierher, meine Herrn— nur gefälligſt hierher ſpaziert,“ rief in ermunterndem Tone Mr. Marble, ſo hieß nämlich der Steuermann und er glich auch wirklich einem wohlgeäderten Stück Marmor,* denn ſein Geſicht ſah einer Karte ähnlich, welche von weit mehr Flüſſen durchfurcht war, als das Land eigentlich zu er⸗ nähren vermochte— während er einem Tackelmeiſter einen Ballen geſponnenen Garns hinſchob, das dieſem zur Ausbeſſerung eines Taues dienen ſollte.„Wann habt ihr denn das Land verlaſſen?“ Ein allgemeines Gelächter erfolgte auf dieſe Anrede, ja ſogar der gelbe Schuft von einem Mulatten, der eben mit Geſchirr in der Hand in die Kajüte hinabſtieg, grinste uns bei dieſem Gruße hohnlachend ins Geſicht.„Jetzt oder nie,“ dachte ich bei mir ſelbſt, entſchloſſen, mich nicht einſchüchtern zu laſſen, während ich es gleich⸗ wohl zu ehrlich meinte, um mich für etwas anderes, als ich wirklich war, auszugeben. „Wir haben geſtern Nacht unſere Heimath verlaſſen und dachten noch zeitig genug anzukommen, um auf einem der Oſtindienfahrer, welche dieſe Woche abgehen, eine Anſtellung zu finden.“ „Dieſe Woche nicht, mein Sohn— aber die nächſte,“ er⸗ wiederte Mr. Marble ſcherzend.„Der Sonntag iſt unſer Tag, bei uns wird immer von Sonntag zu Sonntag gerechnet, denn ‚„je beſſer der Tag, um ſo beſſer die Arbeit,⸗ ſagt das Sprichwort.— Wie habt ihr Vater und Mutter verlaſſen?“ „Ich habe keines von Beiden mehr,“ gab ich halb und halb beleidigt zur Antwort.„Meine Mutter ſtarb vor wenigen Monaten und mein Vater, Kapitän Wallingford, iſt ſchon ſeit mehreren Jahren todt.“ Der Beſitzer des John war ein Mann in den Fünfzigen, mit *„Marble“ heißt nämlich auf deutſch„Marmor.“ D. U. 56 rothem, hartem, pockennarbigem Geſicht und vierſchrötigem, unein⸗ nehmendem Aeußeren, das nichts weniger, als ein gefühlvolles Herz verſprach. Kaum hatte ich aber meines Vaters Namen genannt, als er ſich mir als einen Mann von warmer Empfindung zeigte, denn er verließ augenblicklich ſeine Arbeit, ſtellte ſich dicht vor mich hin und ſchaute mir mit ernſtem, ja ſogar freundlichem Blicke ins Geſicht. „Seyd Ihr ein Sohn von Kapitän Miles Wallingford?“ fragte er in tiefem Baſſe—„von Miles Wallingford am Fluß da droben?“ „Das bin ich, Sir, und zwar ſein einziger Sohn. Er hinter⸗ ließ nur zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter, und wenn ich auch nicht gerade nöthig habe zu arbeiten, ſo ſoll doch der jetzige Miles Wallingford ein eben ſolcher Ehrenmann und, wie ich hoffe, kein ſchlimmerer Seemann werden, als der Frühere es geweſen iſt.“ Meine lebhafte, männliche Antwort mußte wohl den Andern gefallen haben, denn ſie ſchüttelten mir herzlich die Hand, hießen mich auf ihrem Schiffe willkommen und luden mich in die Kajüte ein, wo ich mich ſogleich an den Tiſch ſetzen mußte, auf welchem man ſo eben das Mittageſſen aufgetragen hatte; Ruprecht wurden natürlich dieſelben Gunſtbezeugungen erwieſen. Nun kam es an die Erklärungen. Der Kapitän des John, mit Namen Robbins, hatte ſeinen erſten Ausflug unter meinem Vater gemacht, für welchen er tiefe Achtung zu hegen ſchien; ein⸗ mal ſogar hatte er als Steuermann mit ihm gedient, und ſeinen Aeußerungen nach mußte er ſich gegen ihn zu Dank verpflichtet füh⸗ len. Er ſtellte kein ſtrenges Eramen mit mir an, ſondern ſchien es ganz natürlich zu finden, daß Miles Wallingford's einziger Sohn Seemann zu werden wünſchte.. Noch bei Tiſche kamen wir dahin überein, daß Ruprecht und ich gleich am nächſten Morgen als„grüne“ Rekruten auf den John aufgenommen und die Schiffsartikel unmittelbar nach unſerer erſten 57 Rückkehr ans Ufer unterzeichnet werden ſollten. Dies geſchah auch unverzüglich, und ich war endlich ſo glücklich, mein ‚Miles Wal⸗ lingford“ in die Bemannungsliſte zu ſetzen, wobei mir achtzehn Dollars Monatsgehalt— eigentliche Matroſen erhielten damals zwiſchen dreißig und fünfunddreißig— zugeſichert wurden. Auch Ruprecht wurde angenommen, nur ſetzte Kapitän Robbins ſeinen Lohn auf dreizehn Dollars herab, indem er ſcherzhaft bemerkte, ein Pfarrerſohn könne unmöglich ſo viel werth ſeyn, wie der Sprößling eines der beſten Schiffsherren, welche jemals aus einem amerikani⸗ ſchen Hafen geſegelt ſeyen. Er war überhaupt ein ſcharfblickender Beobachter der Men⸗ ſchen und Dinge, mein neuer Schiffsfreund, und mochte wohl bei Ruprecht ſchon„an dem Zuſchnitt ſeines Klüvers“ erkennen, daß er nicht leicht ein Wind und Wellen verachtender Seemann werden würde. Das Geld ſpielte übrigens bei unſerer Berechnung ohnedem keine große Rolle und ich durfte mich glücklich genug ſchätzen, gleich beim erſten Verſuche ein ſo gutes Unterkommen gefunden zu haben. Wir kehrten ſofort nach unſerer Schenke zurück, wo wir die Nacht über blieben und von Neb förmlich Abſchied nahmen: dieſer ſollte nämlich, ſobald die Schaluppe abſegelte, dieſe gute Nachricht nach Hauſe befördern. Am Morgen darauf wurde ein Karren mit unſeren Effekten beladen, und nachdem wir die Rechnung bezahlt hatten, verließen wir die Schenke. Ich gebrauchte die Vorſicht, mich nicht unmittelbar nach meinem Schiffe zu begeben, wandte mich vielmehr nach einem ent⸗ gegengeſetzten Stadttheile und ließ mein Gepäck auf der, für die New⸗Jerſey⸗Schiffe beſtimmten Werfte abladen, wie wenn wir an Bord eines dieſer Fahrzeuge zu gehen beabſichtigten. Der Kärrner ſchlug ſofort eine andere Richtung ein und ſchien ſich um die ferneren Schritte zweier junger Matroſen gar wenig zu beküm⸗ mern; eine halbe Stunde ſpäter wurde ein zweiter herbeigerufen, 58 worauf wir uns nach dem John umſahen und ſogleich nach unſerer Ankunft auf dem Vorkaſtell untergebracht wurden. Kapitän Robbins hatte uns beide mit Kiſten verſorgt, die von unſerem Vierteljahrsvorſchuß bezahlt worden waren und worin wir die für eine ſo lange Reiſe nöthigen Matroſenkleider fanden. Wir ſchluüpften augenblicklich in dieſe neue Tracht, die nie fehlende, runde Theerkappe nicht zu vergeſſen, und fanden unſer Aeußeres, ſogar wenn wir es mit unſerem neulichen Interimscoſtüm aus der Ulſter⸗ Graffchaft verglichen, dermaßen verändert, daß wir einander kaum mehr erkannten. Ruprecht verfügte ſich nun aufs Verdeck, um dort mit der Cigarre im Munde herumzuſchlendern; ich dagegen kletterte an den Maſten empor und ruhte nicht eher, als bis ich meinen Rekog⸗ noscirungszug mit Erſteigung ſämmtlicher drei Flaggenknöpfe be⸗ endigt hatte. Der Kapitän, die beiden Steuermänner und die Tackelmeiſter ſahen meinen Manövern lächelnd zu, und ich hörte, wie Erſterer zu ſeinem Steuermann ſagte:„'s iſt ganz der alte Miles, wie er leibt und lebt.“— Kurz, alle Theile ſchienen mit der getroffenen Anwerbung vollkommen zufrieden. Ich hatte den Offizieren ſchon öfter erzählt, daß ich mit Namen und Verwendung der meiſten Taue recht wohl bekannt ſey und wie ſtolz war ich jetzt, als Mr. Marble mir laut zurief: „Höort einmal, Miles— packt Euch fort da oben und refft die Vorbramraaleine los, werft dann das eine Ende herunter, um dieſes neue Tau aufzuhalen und ein friſches Stück anzureffen.“ Wie der Blitz war ich weg; der etwas verwickelte Befehl ſummte mir im Kopfe, obwohl ich ziemlich deutlich begriff, was ich zu thun hatte. Das Losreffen hätte Jeder verrichten koͤnnen und es gelang mir auch ohne Schwierigkeit; der Steuermann gab mir vom Verdeck aus ſeine hülfreichen Weiſungen, und ſo ging ſelbſt das Anreffen des neuen Taues ausgezeichnet glücklich von Statten. — Dies war meine erſte Dienſtverrichtung auf einem Schiffe, 59 und ich war ſtolzer darauf, denn auf Alles, was mir ſpäter von ähnlichen Geſchäften gelang. Während ich ſo auf den Maſten beſchäftigt war, ſtand Ruprecht an den Fuß des Hauptſtags gelehnt und rauchte ſeine Cigarre mit der Behaglichkeit eines Bürgermeiſters. Bald kam die Reihe aber auch an ihn, denn der Kapitän ließ ihn in die Kajüte rufen, wo er etliche Papiere für ihn abſchreiben mußte. Ruprecht führte eine ſchöne und dabei ſehr flinke Hand und noch am ſelben Abend hörte ich den Oberſteuermann zum Koche ſagen, der Pfarrerjunge werde wahrſcheinlich vom Kapitän als ‚wirklicher Barbiergehülfe“ verwen⸗ det werden.„Der alte Mann,“ ſo fuhr er fort,„macht ſo viel Kreuz⸗ und Querzüge auf dem Papier, daß er kaum weiß, an welchem Ende er mit dem Leſen beginnen ſoll, und es ſollte mich gar nicht Wunder nehmen, wenn er den Burſchen mit der Feder hinter dem Ohr für dieſe Reiſe zum Schreiber einſetzte.“ Die nächſten paar Tage verſtrichen mir in der köſtlichſten Ge⸗ ſchäftigkeit. Die Hälfte meiner Zeit brachte ich auf den Ragen zu, da ich beim Beſchlagen ſämmtlicher Segel meinen vollen Antheil am Dienſte erhielt. Ich hatte das Kreuzbramſegel ganz allein zu beſchlagen— das Schiff führte nämlich ſtehende Oberbramſegel— und ſoll dies, wie man mir ſagte, ganz brav gemacht haben; war es auch noch etwas plump und ſchwülſtig zuſammengebunden, ſo hielt es jedenfalls ſo feſt, daß der Nächſte, der die Beſchlagſeiſinge in die Hand bekam, volle fünf Minuten brauchte, um das Segel wieder los zu machen. Später regnete es und die Segel wurden Trocknens halber abgenommen; ich ließ Alles mit eigener Hand vorn überfallen, und als die Leinwand wieder aufgerollt wurde, hatte ich alle drei Ober⸗ bramſegel ganz allein— natürlich immer eines nach dem andern— zu beſorgen. Mein Vater hatte mich Flachknopf, Boleinen, Timmer⸗ ſtich, zwei Sorten Halbſtiche und dergleichen Dinge machen gelehrt, und ich wußte mit kurzen, wie mit langen Spliſſen ganz ordentlich 60 zurecht zu kommen. Die Kenntniß dieſer Dinge und das, was ich an meinem Schiffsmodell gelernt hatte, kam mir jetzt vortrefflich zu Statten, ſo daß ſogar Marble, dieſes lederzähe Stück Menſchen⸗ fleiſch, zu der Aeußerung veranlaßt wurde:„ich ſey das reifſte Muſter Grünſtoff, das ihm jemals unter die Hände gekommen.“ Dieſe ganze Zeit über wurde Ruprecht zu Schreibereigeſchäften angehalten. Einmal nahm er ſich Urlaub, um das Schiff zu ver⸗ laſſen: es war der Tag vor unſerer Abfahrt und ich bemerkte, wie er in ſeinem langen Oberrock, von welchem ich gleichfalls ein Exemplar beſaß, an's Land ging. Auch ich ſtahl mich denſelben Nachmittag davon, um das Poſtbüreau aufzuſuchen, und da ich nicht genau wußte, welchen Kurs ich einzuſchlagen hatte, ſchlenderte ich ſtromaufwärts bis gegen Broadway hin. Zu damaliger Zeit war es Mode, daß jeder Unverheirathete, der überhaupt Etwas war, auf der Weſtſeite dieſer Straße von der Batterie bis zur St. Paulskirche zwiſchen zwölf und halb zwei Uhr— ſofern Wind und Wetter es erlaubten— ſpazieren ging. Dort ſah ich denn auch Ruprecht in ſeinem ländlichen Koſtüm, das freilich nicht viel vorſtellte, mit den bekannteſten Stutzern herum⸗ ſtolzieren, und trotz ſeines bäuriſchen Aufzugs mußte man geſtehen, daß der Burſche ſich gut ausnahm. Es wurde ſchon ſpät und eben als ich ihn gewahr wurde, verließ er die Straße: ich folgte ihm nach, wollte ihn aber erſt an einem einſamen Plätzchen anreden, da ich wußte, daß es ihn tief verletzen würde, wenn man ihn auf einem ſolchen Schauplatze für den Freund einer ſimplen Theerjacke halten könnte. Endlich trat er in eine Thüre und erſchien dann wieder mit einem Briefe in der Hand: auch er war nach dem Poſtbüreau ge⸗ gangen und ich zögerte nun nicht länger, mich an ihn zu wenden. „Kommt der Brief von Clawbonny?“ fragte ich haſtig.„In dieſem Falle ohne Zweifel von Lucy?“ „Von Clawbonny, ja— aber von Grace,“ gab er mit leich⸗ tem Erröthen zur Antwort.„Ich bat das arme Mädchen, mich 61 wiſſen zu laſſen, wie es bei ihnen ſtünde, wenn wir einmal fort wären; was Lucy betrifft, ſo find mir ihre Krähenfüße dermaßen zuwider, daß ich mich niemals danach ſehnen werde.“ Ich fühlte mich verletzt, ja beleidigt, daß meine Schweſter einem andern jungen Manne außer mir ſchreiben konnte. Der Brief war zwar an meinen Buſenfreund und Mitabenteurer ge⸗ richtet, der gewiſſermaßen mit uns zu einer Familie gehörte und ich war in keiner andern Erwartung auf das Büreau gegangen, als um einen Brief von Ruprechts Schweſter in Empfang zu neh⸗ men, welche mir noch auf der Werfte unter Weinen daſſelbe Ver⸗ ſprechen gegeben hatte— aber es war doch ein Unterſchied, ob meine Schweſter einem andern jungen Manne ſchrieb oder ob eines andern jungen Mannes Schweſter an mich einen Brief richtete. Ich bin mir noch jetzt nicht recht klar in der Sache; daß aber ein Unterſchied beſtand, das weiß ich gewiß. Von Grace's Schreiben wollte ich nichts ſehen und ging alſo weiter nach dem Büreau, um zwei Minuten ſpäter, nicht ohne eine Miene beleidigter Würde, mit Lucy's Brief in der Hand zurückzu⸗ kehren. Im Ganzen war der Inhalt beider Briefe durchaus nicht der Art, daß er unſere Empfindlichkeit aufregen konnte. Jeder der⸗ ſelben war mit der ganzen Aufrichtigkeit, der Wahrheitsliebe und dem lauteren Gefühle einer edelmüthigen, warmherzigen Freundin, deren Alter überdies an der Reinheit ihrer Motive nicht zweifeln ließ, an ihren jugendlichen Vertrauten gerichtet, der kein Recht beſaß, dieſe Gunſt als etwas Anderes, denn was ſie wirklich war, nämlich als einen Beweis inniger Jugendfreundſchaft— zu betrachten. Beide Schreiben liegen jetzt vor mir und als kürzeſtes Mittel, den Leſer mit der Wirkung unſers Verſchwindens zu Clawbonny bekannt zu machen, will ich ſie hier für ihn abſchreiben. Grace's Briefchen lautete folgendermaßen: 62 „Theurer Ruprecht! Heute morgen um neun Uhr war Clawbonny in tiefer Auf⸗ regung und zwar nicht ohne Urſache. Sobald Deines Vaters Aengſtlichkeit peinlich zu werden anfing, erzählte ich ihm die ganze Geſchichte und übergab ihm die Briefe— er weinte, ſo leid es mir thut, Dir's zu ſagen. In meinem Leben möchte ich nie wieder ſo etwas ſehen. Bei zwei thörichten Mädchen, wie Lucy und ich, haben Thränen in der Regel nicht viel zu bedeuten— aber, Ruprecht, ein alter Mann wie Dein Vater, den wir lieben und ehren, einen Diener des Herrn in Thränen!— Der Anblick war kaum zu er⸗ tragen. Wegen unſeres Schweigens machte er uns keine Vorwürfe, ſondern ſagte vielmehr, er ſehe nicht ein, wie wir nach einmal gegebenem Verſprechen anders hätten handeln können. Ich er⸗ wähnte eurer Gründe wegen ‚der Verantwortlichkeit in den Prä⸗ miſſen“, aber ich glaube kaum, daß er ſie verſtanden hat. Iſt es zu ſpät zur Rückkehr? Das Boot, das euch davon führte, kann euch auch wieder zurückbringen und wie wollen wir Alle uns freuen, euch wieder zu ſehen! Wohin ihr immer geht und was ihr auch thut, Knaben— denn ich ſchreibe dem Einen ſo gut wie dem An⸗ dern und adreſſire blos deshalb an Ruprecht, weil er es dringend wünſchte— aber wo ihr auch hingeht und was ihr auch immer thun möget: gedenket der Lehren, die ihr in eurer Jugend empfan⸗ gen habt und vergeßt nicht, wie ſehr wir Alle an eurer Aufführung und an eurem Glücke Antheil nehmen. Von ganzem Herzen An Mr. Ruprecht Hardinge. Deine Grace Wallingford.“ Lucy war weniger vorſichtig und vielleicht etwas aufrichtiger geweſen. Sie ſchrieb wie folgt: „Theurer Miles! Ich ſchrie und weinte, glaub' ich, noch eine ganze Stunde, nachdem Du mit Ruprecht fort warſt, und jetzt, da Alles vorüber iſt, ärgere ich mich, daß ich um zweier ſo thörichten Jungen willen ¹²ʃ G— N ◻ 63 ſo heftig weinen konnte. Grace hat euch Alles erzählt, wie es meinem lieben Vater erging— auch er hat geweint, und ich kann Dir verſichern, in meinem ganzen Leben habe ich mich noch nicht ſo entſetzt wie damals! Ich dachte mir, dieſe Thränen allein müßten euch zurückführen, ſobald ihr davon hören würdet. Was geſchehen wird, weiß ich nicht: daß etwas im Werke iſt, ſcheint gewiß. Wenn der Vater ſo recht im Ernſte iſt, ſo ſpricht er nur wenig und jetzt, weiß ich, iſt er im Ernſte. Ich glaube, Grace und ich thue faſt gar nichts, als an euch denken— d. h. ſie an Dich und ich an Ruprecht und auch ein Bischen umgekehrt— ſo, jetzt habt ihr die ganze Wahrheit. Verſäumet ja nicht, ehe ihr in See geht, noch einmal zu ſchreiben, wenn ihr überhaupt in See geht, was, wie ich hoffe und wünſche, nicht geſchehen wird. Lebewohl! An Mr. Miles Wallingford. Lucy Hardinge.“ „P. S. Neb's Mutter betheuert: wenn ihr Sohn bis Samſtag Abend nicht zurück ſey, ſo werde ſie kommen, ihn abzuholen. Die Schande ſey ihr noch nie widerfahren, einen davongelaufenen Taugenichts in ihrer Familie zu haben, und ſie wolle ſich's auch, wie ſie verſichert, um keinen Preis gefallen laſſen. Doch ich hoffe, wir dürfen ihm und mit ihm euren Briefen bald entgegenſehen.“ Nun hatte zwar Neb bereits Abſchied genommen, ohne aber einen Brief zur Beſorgung zu erhalten. Wie's oft geſchieht, be⸗ dauerte ich dieſen Mißgriff, erſt nachdem es zu ſpät war und konnte den ganzen Tag an nichts anderes denken, als wie bitter die Ent⸗ täuſchung für Lucy ſeyn müßte, wenn ſie den Neger mit leeren Händen ankommen ſähe. Auf der Straße trennte ich mich von Ruprecht, weil dieſer, ſo lange er ſeinen langen Oberrock trug, mit einem gemeinen Matroſen nichts zu ſchaffen haben wollte. Er ſagte dies zwar nicht mit dürren Worten, allein ich kannte ihn gut genug, um ihn auch ohne Worte zu verſtehen. Ich eilte raſch nach meinem Schiffe und 64 hatte ſchon die Werften erreicht, als ich um eine Ecke, bog und gerade auf— Mr. Hardinge plumpen mußte. Mein Vormund ging langſam mit kummervoller, niedergeſchla⸗ gener Miene dahin; als ob er ſeine verlorenen Knaben ſuchte, ſo hatte er ſeine Augen auf jedes Fahrzeug, an dem er vorüberkam, geheftet. Er ſah mich, denn ein leerer, gleichgültiger Blick ſiel auf meine Perſon; allein ich war durch meine Kleidung, beſonders durch die Matroſenkappe ſo ſehr verändert, daß er mich nicht er⸗ kannte und da er in ſeiner ängſtlichen Beſorgniß um uns die Augen ſogleich wieder auf die Schiffe richtete, ſo konnte ich unentdeckt an ihm vorüberhuſchen. Er kam nämlich von dem John, während ich erſt dahin ging, und ſo hatte natürlich alle Gefahr ein Ende, ſobald ich ihm aus den Augen war. Noch am nämlichen Abend war ich ſo glücklich, mich auf einem wirklichen, vollbetackelten Schiffe, wenn auch unter ſehr verkürzter Leinwand und einzig zu dem Zwecke, in den Strom einzulaufen— unterwegs zu ſehen. Da nämlich Wind und Ebbe günſtig waren, ſo verließ der John mit eingeſetztem Bordwinner, dem großen Stag⸗ und Klüverſegel die Werfte, fuhr bis zu der Batterie hin⸗ unter und gierte dann in den andern Kanal, wo er ſich vor Anker legte. Hier lag ich denn im Strome vor Anker, das Land bereits eine halbe Meile hinter mir, nur das flache Ufer auf beiden Seiten noch vor Augen und brennend vor Begierde, in den Ocean auszu⸗ laufen. Am Nachmittag kam auch die Schiffsmannſchaft an Bord — ein buntſcheckiger Matroſenhaufen, deſſen eine Hälfte aus Amerikanern, die andere aber aus Eingeborenen eben ſo vieler Länder beſtand, als die Geſellſchaft Köpfe zählte. Mr. Marble muſterte die Leute, die ſich kaum noch von ihrem letzten Rauſche erholt hatten, mit kundigem Blick und berichtete dem Kapitän zu meiner Verwunderung, daß ſich ‚guter Stoffe darunter befinde. Er mußte ſich, ſcheint es, beſſer als ich darauf verſtehen, denn eine 65 unanſehnlichere Bande elender Wichte war mir— ſo weit es ihr Aeußeres betraf— in meinem Leben noch nie vor Augen gekommen. Einige Wenige ſchienen zwar nicht ſo übel zu ſeyn: allein die Meiſten ſahen aus, als ob man ſie durch einen Ort gezogen hätte, den ich hier nicht nennen will, der aber von den Matroſen ſelbſt, wenn ſie ſich in dieſem Zuſtande ſchildern, häufig angeführt wird. Iſt aber Jack nur erſt eine Woche zur See, ſo wird er phyſiſch und moraliſch eine ganz andere Perſon, als er einem vorkommt, wenn er ſich nach monatelangen Ausſchweifungen am Lande zum Dienſt auf einem Schiffe meldet. Ich fing jetzt an zu bereuen, daß ich mich nicht ein Bischen 1 in der Stadt umgeſehen hatte. New⸗York konnte zwar Anno 1797 nicht viel über fünfzigtauſend Einwohner zählen, wurde aber ſchon damals von allen guten Amerikanern, ſo gut wie jetzt, als ein Muſter für alle andern Städte betrachtet. Es iſt überhaupt eine ganz ge⸗ ſunde patriotiſche Regel, unſer Beſtes im Allgemeinen für das 3 Beſte zu halten, da uns Niemand eines Unrechts dabei zeihen n kann. Ich habe ſeitdem von der Welt genug geſehen, um wohl 3 zu erkennen, daß wir in unſerem Lande gar Vieles verkehrt an⸗ r fangen, indem wir manche Vorzüge, auf die wir mit Recht ſtolz ſeyn dürften, geringſchätzen und uns dagegen anderer rühmen, ts welche, um die Sache auſs Gelindeſte zu bezeichnen, höchſt zweifel⸗ 2n haft erſcheinen. Allein um dies alles einzuſehen, bedarf es der Zeit 2 und ich habe keineswegs die Abſicht, meiner Geſchichte oder gar rd meinem Vaterlande voraus zu eilen, zumal da das letztere eine us wahrhaft ſelbſtmörderiſche Handlung wäre. ler Es war an einem Samſtag, als wir unſere Schiffsmannſchaft le zuſammen erhielten, welche größtentheils ſogleich ihre Hängematten he aufſuchte. Ruprecht und ich hatten ein recht gutes Lager zuſammen, zu das wir die ganze Reiſe über mit einander zu theilen beabſichtigten, ſo Er daß wir uns um das Thun und Treiben unſerer übrigen ſonderbaren ne Kameradſchaft nicht viel zu kümmern brauchten; nur beim Abendeſſen Miles Wallingford. 5 66 beläſtigten uns die Burſche nicht wenig, denn der Anblick einer runden Mulde, über welche Alle hertaumelten, um ſich ihr Mahl mit den Fingern herauszufiſchen, mußte wohl Leuten wie wir, die an Teller, Meſſer, Gabeln und derlei Luxusartikel gewöhnt waren, ſehr unangenehm auffallen. Ich muß geſtehen, ich konnte mich einer Vergleichung mit Grace's und Lucy's weißen Händchen, mit der ſilbernen Zuckerklammer, den reinen Tellern, Gläſern und Tiſch⸗ tüchern der Heimath— Servietten und ſilberne Gabeln waren damals in Amerika nur an den vornehmſten Tafeln und ſelbſt da nur an hohen Feſt⸗ und Feiertagen im Gebrauch— nicht erweh⸗ ren, als wir zum erſten Male die Manipulationen dieſes Abend⸗ eſſens durchzumachen hatten. Siebenundvierzig Jahre ſind ſeitdem verfloſſen und die ganze Scene ſchwebt mir im jetzigen Moment noch eben ſo lebhaft vor Augen, wie wenn ſie ſich erſt geſtern zu⸗ getragen hätte; manchmal noch moͤchte ich mich in einen aus jener langſchnäbligen Klaſſe verwandelt wünſchen, um, wie man ſagt: ‚bei gehörigem Appetit' zu ſeyn. So lange wir im Hudſon lagen, hatte ich die Ehre, mit einem ſauertöpſiſchen alten Schweden eine Ankerwache durchzumachen. Es ging ein ſanftes Lüftchen, das Schiff hatte einen guten Ankerplatz und mein Kamerad wählte ſich eine weiche Planke, um ſeine zwei Stunden behaglich durchzuſchlafen, indem er mich anwies, ihn zu wecken, ſobald etwas vorfallen ſollte. Da war ich ein ganz an⸗ derer Mann: ich ſtolzirte mit einer Wichtigkeit auf dem Verdeck umher, wie wenn die Laſt des Staats auf meinen Schultern ruhte, machte beiden Bügen alle fünf Minuten meinen Beſuch, um zu ſehen, ob das Kabeltau nicht abgeriſſen ſey und der Anker nicht heimkomme“, worauf ich jedesmal aufwärts blickte, ob auch dort noch Alles in Ordnung ſey.— O der glücklichen zwei Stunden! Den darauf folgenden Sonntag, Morgens gegen zehn Uhr, wurde nach Mr. Marble's Sprichworte:„je beſſer der Tag, deſto beſſer die Arbeit“— der Lootſe herbeigerufen und das Kommando —e—— 67 „Anker auf,“ ſetzte alle Hände in Bewegung. Der Koch, der Küchenjunge, Ruprecht und ich hatten das„Verfahren des Kabels⸗ und das„Aufſchießen der Kabelſchläge“* zu beſorgen, denn die Ankerhebel erforderten ſtärkere Hände als die unſeren. Der Anker ward übrigens ohne Schwierigkeit gelichtet, und Nuprecht und ich wurden alsbald auf die Raaen geſchickt, um das Vormarsſegel loszumachen. Ruprecht— zu meinem Leidweſen ſeys geſagt— ſtieg durch das Soldatengat auf den Mars und ſo hatte ich das Losmachen des Segels an beiden Raaenden allein zu be⸗ ſorgen. Auf der Vorraa ſtand ein anderer Matroſe und ich wurde ſogleich hinauf beordert, um das Bramſegel aufzubinden. Die Leinwand begann ſich auf dem ganzen Schiffe zu löſen und ſtolz zu entfalten, die Marsſegel blähten ſich ſtattlich im Wind und als ich von den Vormarskreuzhölzern hinabſchaute, wo ich noch die Geitaue zu überheben hatte, ſah ich, wie das Schiff abſiel und ſeine Segel mit einer ſteifen Nordweſtbriſe füllte. Eben in dem Augenblicke, als mein ganzes Weſen bei dem Gedanken, daß ich nach Canton— worunter man damals Oſtindien begriff— unterwegs ſey, von wahrem Entzücken erfüllt wurde, rief mir Ruprecht vom Mars aus zu, indem er auf einen Gegenſtand im Waſſer hindeutete. Im Umwenden bemerkte ich auf hundert Schritte vom Schiff ein Boot und darin— Mr. Hardinge, der uns in demſelben Augenblicke erkannte. Allein das Schiff hatte ſeine Se⸗ gel alle gefüllt und das Boot wurde von Niemand auf dem Ver⸗ deck geſehen oder wenigſtens nicht beachtet: der John glitt daran vorüber, und als ich meinen verehrten Vormund zum letzten Mal ſah, ſtand er aufrecht, mit entblößtem Haupte, in dem Nachen und hatte beide Arme nach uns ausgeſtreckt, wie wenn er uns anflehte, daß wir ihn doch nicht verlaſſen möchten! Im nächſten Augen⸗ ² Beide Vorrichtungen haben den Zweck, das Tau um die Ankerwinde zu legen. D. UI. 68 blicke ſiel das Schiff ſo ſtark ab, daß die Hinterſegel ſeine Geſtalt meinen Augen entrückten. Ich ſtieg in den Mars herab, wo ſich Ruprecht mit erſchrocke⸗ ner, ſchuldbewußter Miene vor ſeinem Vater verſteckt hatte: ich ſelbſt ſtellte mich hinter das Eſelshaupt und ſchluchzte bitterlich. Dies dauerte einige Minuten, bis der Befehl des Steuermanns uns Beide aufs Verdeck rief. Als ich dort ankam, war das Boot ſchon eine bedeutende Strecke hinter uns und hatte den Gedanken, unſern Bord noch zu erreichen, offenbar ganz aufgegeben— eine Gewißheit, von der ich kaum weiß, ob ſie meinem Herzen mehr zur Erleichterung oder zum Schmerze gereichte. Viertes Kapitel. Brutus: Ja wie auf Wellen zieht der Menſchen Loos: Faßt es die Fluth, mag ſie's zum Glücke führen— Bleibt's Ebbe, o dann iſt des Lebens Reiſe Von Klippen eingedämmt, dem Elend preisgegeben. Auf ſolcher Springfluth ſchwimmt auch unſer Schiff: Wenn's Zeit, ſo werden wir der Strömung folgen— Sonſt müßten ohne Hoffnung wir verderben. Julius Cäſar. Vier Stunden ſpäter, nachdem wir den letzten Blick von Mr. Hardinge erhaſcht, hatte unſer Schiff die offene See gewonnenz mit allen Segeln, die es zu tragen vermochte, ging es bei friſchem Nordweſtwinde über die Barren der weiten Reiſe entgegen. Wir ſteuerten in diagonaler Richtung aus der, zwiſchen den Küſten von Long⸗Island und New⸗Jerſey gelegenen Bucht und gegen Ende der Nachmittagswache war das Land unſern Blicken völlig entſchwun⸗ den. Meine Augen folgten den Hochlanden von Naveſink, während ſte, gleich wäſſrigen Wolken, im Weſten hinabſanken und erſt, als ſie unſichtbar geworden waren, hielt ich meinen ſehnlichen Wunſch für erreicht, denn nun befand ich mich auf hoher See. — 9 Q*&—— 69 Ein Vormaſtmatroſe findet übrigens nur ſelten Muße, ſich bei der Abfahrt von der Heimaih ſolchen Gefühlen zu überlaſſen, und noch ſeltener wird Einer Neigung dazu verſpüren. Von Muße iſt nämlich in ſolchen Augenblicken nicht leicht die Rede, denn da müſſen die Anker über die Büge gewunden und aufgeſtaut, die Ka⸗ beltaue müſſen losgemacht und aufgeſchoſſen werden, hier gibts eine Leeſegelkardeele auszuheben und fertig zu machen, dort Bügel auf die Spieren aufzuſetzen— kurz, die Führung eines Schiffs erfordert eine ebenſo ununterbrochene Reihe einzelner Verrichtungen, wie die Beſorgung eines Haushalts. Auf dieſe Art wurden wir bis zum Einbruch der Nacht in Athem erhalten; dann verlas man die Wachen und die erſte mußte ſofort aufziehen. Der vierte Name, der bei der Backbord⸗ oder Oberſteuermannswache abgeleſen wurde, war— ich: der alte Mr. Marble mit ſeinen harten Zügen hatte mich ſelbſt dazu auserleſen, — eine Ehre, welche ich der Thätigkeit verdankte, die ich heute ſchon bewieſen hatte. Ruprecht wurde nicht die gleiche Auszeichnung zu Theil, denn der Kapitän wählte ihn für die Unterſteuermanns⸗ wache, und er war der Letzte, deſſen Name genannt wurde. Mr. Marble ließ noch in derſelben Nacht einige Winke fallen, welche mich alsbald in das Geheimniß dieſer beiden Wahlen ein⸗ führten.„Wir Beide,“ meinte er,„werden, wie ich jetzt deutlich ſehe, recht gut mit einander auskommen, Miles, denn Ihr habt Queckſilber im Leib. Was Euren Freund, den bei der zweiten Wache, betrifft, ſo iſt mit ihm Alles in Ordnung; der Kapitän hat einen Matroſen zu viel, und ſo wie Ruprecht iſt, wird er ihm ganz willkommen ſeyn. Er wird meiner Rechnung nach auf dieſer Reiſe mehr Schreibpapier verſchmieren als Taue eintheeren.“— Bei all dem kam's mir doch ſonderbar vor, daß Ruprecht, der bei den Präliminarien unſeres Abenteuers die Hauptrolle geſpielt hatte, beim erſten praktiſchen Auftreten ſo ſehr im Hintergrunde blei⸗ ben ſollte. 70 Es iſt nicht meine Abſicht, bei den unwichtigen Einzelheiten meiner erſten Seereiſe zu verweilen, da ich ſonſt meine Erzählung unnöthiger Weiſe in die Länge ziehen und meine Aufgabe für mich, wie für den Leſer gleich ermüdend machen müßte. Nur eines ein⸗ zigen Vorfalles will ich noch erwähnen, der ſich drei Tage ſpaͤter ereignete, da er, wie man ſpäter ſehen wird, mit wichtigen Um⸗ ſtänden im Verlaufe meiner Geſchichte in Verbindung ſteht. Das Schiff war nun in Ordnung und hatte nach einer ſehr raſchen Fahrt das Land wenigſtens auf zweihundert Meilen hinter ſich— der Koch war eben hinabgegangen, um Waſſer zu holen, als ſich plötzlich ſeine Stimme von den Tonnen herauf unter einem ſolchen Wirrwarr von Tönen vernehmen ließ, wie ihn nur ein Schwarzer mit ſeiner ganzen Zungenfertigkeit zu erheben vermag. „Da müſſen zwei Negger an der Arbeit ſeyn!“ rief Mr. Marble, nachdem er einen Augenblick lang zugehört und ſich durch Umſehen überzeugt hatte, daß der Mulatte von Proviantmeiſter bei dem Geſpräche nicht anweſend war.„Ein Schwarzkopf könnte nimmermehr ein ſolches Geſchrei verführen. Springt einmal hin⸗ unter, Miles, und ſeht, ob Afrika über Nacht uns auf den Hals gekommen iſt.“ Ich ſtand im Begriff zu gehorchen, als ich Cato, den Koch, aus der Lucke des Volkslogis emporſteigen und den Krauskopf eines zweiten Negers hinter ſich her ziehen ſah, den er an ſeinem Wol⸗ lenſchopfe gefaßt hatte. Im nächſten Augenblicke ſtanden Beide auf dem Verdeck, und vor mir ſah ich zu meinem nicht geringen Erſtaunen— Nebukadnezar Clawbonny's aufgeregtes Antlitz. Das Geheimniß war natürlich erklärt, ſobald ich nur das glänzende Ge⸗ ſicht des Burſchen erkannt hatte. Neb hatte ſich nämlich, noch ehe das Schiff in den Strom ausgelaufen, am Bord deſſelben eingeſchlichen und ſich ſeither— die Taſchen mit Aepfeln und Pfefferkuchen gefüllt— unter den Waſſertonnen verborgen gehalten, bis ihn der Koch auf einem ſei⸗ 71 ner Waſſergänge entdeckte. Der Burſche hatte jetzt ſeit vierundzwanzig Stunden keinen Biſſen genoſſen und hätte wohl auch ohne dieſe Entdeckung nicht mehr lange in ſeinem Verſtecke bleiben koͤnnen⸗ Sobald er das Deck erreicht hatte, ſchaute er ſich emſig um, als wollte er ſehen, wie weit das Schiff vom Lande entfernt ſey, und grinste vor Freude, da er ringsum nichts als Waſſer gewahrte. Dies brachte Mr. Marble außer ſich, denn er glaubte, der arme Teufel wolle ihn zu all' ſeinem Unrecht hin auch noch ver⸗ höhnen: er verſetzte ihm deßhalb eine derbe Ohrfeige, welche einen Weißen ohne Gnade niedergeworfen hätte, auf Neb aber gar keinen Eindruck machte, da ſie denjenigen Theil ſeines Nerven⸗ ſyſtems getroffen hatte, welcher gänzlich unerſchütterlich war. „Aha, ein Negger alſo, nicht wahr?“ rief der Steuermann, immer hitziger werdend, da er ſich einbildete, der Andere wolte ihm durch ſeine Standhaftigkeit Trotz bieten.„Da, nimm dies, Du Burſche, und laß'mal ſehen, ob Du zum Vollblut gehörſt!“ Ein hefliger Stoß aufs Schienbein begleitete dieſe Worte, ſo daß Neb im Augenblicke weich gab und um Gnade bat, indem er Alles zu erzählen verſprach und fortwährend betheuerte, er ſey kein „weggelaufener Negger,“ wie ihn der Steuermann unter Stoßen und Schlagen geſchimpft hatte. Ich legte mich jetzt ins Mittel und ſagte Mr. Marble mit dem ganzen Reſpekt, wie ihn ein„Grünling“ dem Oberſteuer⸗ mann ſchuldig iſt, wer Neb eigentlich ſey, und was ihn, meiner Vermuthung nach, dazu veranlaßt habe, mir auf das Schiff zu folgen. Dieſe Erläuterung blieb nicht ganz ohne verdrießliche Folgen, denn der Gedanke, daß ein gewöhnlicher„Jack“ einen„Kammer⸗ diener“ an Bord bei ſich habe, gab während der ganzen übrigen Reiſe Veranlaſſung zu mannigfachen Scherzen auf meine Koſten. Ohne meine Thätigkeit und meinen guten Willen— welche Eigen⸗ ſchaften ihrem Inhaber faſt immer die Gunſt der Andern am Bord eines Schiffes erwerben— wären dieſe Scherze, welche mir ohnedem ſchon läſtig genug ſielen, wahrſcheinlich noch derber und häufiger geworden, ſo daß all' meine knabenhafte Rückſicht für Neb dazu ge⸗ hörte, um nicht bei der erſten beſten Gelegenheit über ihn herzu⸗ fallen und ihn für ſeine Heldenthat tüchtig durchzuprügeln. Und doch— was war ſein Vergehen, mit dem meinigen verglichen? Aus tiefer Anhänglichkeit war er einem Herrn gefolgt, und wenn auch einige Sucht nach Abenteuern dabei ins Spiel kam— hatte ich nicht alle Bande des Herzens verletzt, um dieſer Leidenſchaft zu fröhnen? Der Kapitän kam aufs Verdeck; Neb erzählte ſeine Geſchichte und da für den athletiſchen, geſunden, jungen Neger kein Lohn verlangt ward, ſo wurde er ohne Schwierigkeit zu Gnaden an⸗ genommen und zu ſeinem großen Entzücken aufs Vorkaſtell geſchickt, um dort auf den Raaen und im Tackelwerk verwendet zu werden, da weder in der Kombüſe, noch in der Kajüte ein Plätzchen fuͤr ihn leer war. Eine Stunde ſpäter hatte ſich Neb gehörig her⸗ ausgefüttert und wurde, wie jeder Andere, zur Steuerbordwache kom⸗ mandirt, was mir ſehr angenehm war, da der Burſche ſolcherge⸗ ſtalt nicht zu gleicher Zeit mit mir Wache halten konnle und ver⸗ hindert wurde, mit ſeiner bekannten Dienſtfertigkeit auch mein Amt verſehen zu wollen. Ruprecht machte ſich indeſſen, wie ich bald enideckte, ſeinen Eifer gar häufig zu Nutzen und verwendete den gutwilligen Schwarzen, ſo oft es nur immer anging. Auf meine Fragen erfuhr ich von Neb, daß er mit dem Boot zwar nach dem Wallingford gefahren war, ein paar Thaler aber, die ihm beim Abſchied geſchenkt, dazu benutzt hatte, ſich in einem für ſeines Gleichen paſſenden Hauſe ein Unterkommen zu verſchaffen, bis unſer Schiff ſeefertig war, worauf er ſich an Bord begab und, wie ſchon erwähnt wurde, unter den Waſſertonnen verſteckte. Neb's Erſcheinung diente nicht lange zum Gegenſtande des Tagsgeſprächs und ſein Eifer machte ihn bald allgemein beliebt. Kräftig, keck, entſchloſſen und arbeitgewöhnt, wie er war, leiſtete er bald bei allen ſchweren Geſchäften die weſentlichſten Dienſte, und 73 zeigte er ſich gleich auf den Raaen ſelbſt weniger geſchickt als ein Weißer, ſo wußte er ſich doch auch hier ziemliche Gewandtheit und Brauchbarkeit zu erwerben. Meine eigenen Fortſchritte— ich ſage dies ohne Citelkeit und blos um der Wahrheit zu genügen— machten mich zum Gegenſtande der allgemeinen Aufmerkſamkeit. Nach Verfluß einer Woche war ich ſchon mit dem laufenden Tackelwerk vertraut und konnte trotz dem beſten Seemann am Bord ſogar in finſterer Nacht ein Tau nach ſeiner Größe benennen und die Art ſeiner Verbin⸗ dung, ſowie die Stelle angeben, wo es geſplißt war. Mein frühe⸗ res Schiffsmodell hatte mir freilich den Weg zu ſolcher Geſchick⸗ lichkeit ſehr erleichtert; dazu kam, daß ich, von aller Seekrankheit frei— in meinem Leben habe ich nie einen Augenblick daran ge⸗ litten— mich alles Ernſtes an die Erlernung dieſer Gegenſtände machte und für meine Mühe auch reichlich belohnt wurde. Kaum waren wir vierzehn Tage unterwegs, als ich ſchon den Dienſt an den Schlingen des Kreuzbramſegels los hatte, und ehe wir noch die Linie paſſirten, hatte ich ihn auch an denen des Fock⸗ und großen Maſtes gründlich erlernt. Der Steuermann ſchickte mich bei allen Gelegenheiten nach vorn und ertheilte mir manche Privatbelehrung; auch der Kapitän verſäumte keine Gelegenheit, um mir nützliche Winke oder praktiſche Vorſchriften zu geben. Noch ehe wir in die Breite von St. Helena gelangten, erbat ich mir die Erlaubniß, am Steuerrad den gewöhn⸗ lichen„Trick“* mitmachen zu dürfen, was auch zugeſtanden wurde, ſo daß ich von der Zeit an, mit Ausnahme der feineren Geſchäfte des Knotenbindens und Spliſſens, dem vollen Seemannsdienſt an Bord vorſtand. Jene ſchwierigen Arbeiten erforderten etwas mehr Zeit, doch bin ich gleichwohl überzeugt, daß ein Burſche, der nicht auf den Kopf gefallen iſt und Freude an dem Berufe hat, durch * So nennen die Matroſen die Zeit, welche ſie am Steuer zuzubringen haben. D. U. was nicht gerade die Umſicht der ein recht brauchbarer, eine ſechsmonatliche Praris in Allem, Erfahrung und eine Reife des Urtheils fordert, achtungswürdiger Matroſe werden kann. Auf Chinareiſen gibts ſelten viel Abenteuer. Iſt der Augen⸗ blick der Abfahrt mit Umſicht gewählt, ſo hat das Schiff faſt immer guten Wind und meiſt auch günſtiges Wetter. Freilich gibts auf dem langen Wege auch manche Strecken, welche einem in der Regel einen Vorſchmack von Stürzſeen und dergleichen geben können: im Ganzen aber iſt eine Reiſe nach Canton bei all' ihrer Länge keines⸗ wegs gefährlich zu nennen. Wir hatten natürlich auch mit Stürmen, Windſtoͤßen und den gewöhnlichen Wechſelfällen der See zu kämpfen, durften aber gleichwohl unſere Fahrt eher zu den ruhigen als zum Gegentheile rechnen. Wir blieben vier Monate unterwegs und als wir endlich im Fluſſe vor Anker gingen, unſere Segel aufgeiten und aus deren Schatten hervortraten, kam mir's vor, als ob ein gänzlich fremdes Theater ſeinen Vorhang vor mir gelüftet hätte. China und ſeine Bewohner ſind übrigens beſonders in neuerer Zeit ſo häufig be⸗ ſchrieben worden, daß ich auf die Details, wie ſie mir auffielen, nicht näher eingehen werde. 3 Seeleute, als Kaſte genommen, ſind überhaupt, was Sitten und Eigenthümlichkeiten von Ausländern betrifft, gar philoſophiſch geſtimmt und ſcheinen als Leute, welche alle Länder beſuchen, die Bewunderung der Neuheiten eines einzelnen ganz unter ihrer Würde zu achten. So ergab ſich denn, daß— Offiziere, Proviantmeiſter und Koch ausgenommen— von der ganzen Mannſchaft des John kein Einziger vor dieſer Reiſe um das Kap der guten Hoffnung gekommen war und gleichwohl wurden die Glatzköpfe mit langem Zopfe, die ſchiefen Augen und hervorſtehenden Backenknochen, die unbeholfene Tracht nebſt den Schlappſchuhen der Leute, die ſie hier zum erſten Male ſahen,— Alles ungefähr mit derſelben Gleichgültig⸗ keit betrachtet, wie wenn ihnen zu Hauſe eine neue Mode aufge⸗ 75 ſtoßen wäre. Die Meiſten hatten in den verſchiedenen Ländern, die ſie beſucht, weit fremdartigere Dinge geſehen oder glaubten ſie wenigſtens gefehen zu haben, wie es denn bei Jack zur ſtehenden Regel gehört, alles Wunderbare in ſeine„letzte Reiſe“ zuſammenzu⸗ faſſen, während die, auf welcher er eben begriffen iſt, in der Regel als etwas ganz Gewöhnliches betrachtet wird, das einer beſondern Erwähnung gar nicht würdig erſcheint. Dieſem Grundſatze zufolge müßte eigentlich meine Canton⸗ fahrt gleichfalls von Wundern wimmeln, da ſie die Mutter aller ſpäteren Erlebniſſe war, welche mich als Seemann betrafen. Dem⸗ ungeachtet dringt mir die Wahrheit das Geſtändniß ab, daß ſie bis nahe zu ihrem Schluſſe unter allen Reiſen, die ich machte, faſt die wenigſten Wunder oder Merkwürdigkeiten darbot. Wir blieben etliche Monate im Fluſſe liegen und nahmen un⸗ ſere Ladung, beſtehend in Thee, Nankin, Seidenſtoffen und anderen Artikeln ein, wie ſie gerade unſer Supercargo einzukaufen vermochte. Während dieſer Zeit ſahen wir von den Chineſen gerade ſo viel, als Fremde gewöhnlich zu ſehen im Stande ſind, und kein Jota weiter. Ich hatte des Kapitäns Boot unter meiner Aufſicht und kam ſo mit Erſterem häufig in die Faktoreien, während Ruprecht ſeine Arbeitsſtunden meiſtens am Land mit dem Supercargo, oder in der Kajüte mit Schreiben zubrachte. Ich erwarb mir während dieſer Zeit eine ziemliche Einſicht in den Gebrauch der Kleidkeule,* des Splißpflocks, Marlpfriems und Drehers;*n auch lernte ich ein Bischen mit Nadel und Platen umgehen. Marble war trotz ſeiner Nordweſtphyſiognomie äußerſt freundlich gegen mich und ließ ſich keine Gelegenheit entgehen, wo er mir einen nützlichen Wink ertheilen konnte. Ich glaube, meine * Eines hölzernen Hammers, der zum„Bekleiden“ der Taue gebraucht wird. D. U. 8 Die beiden Letzteren beſondere Hebelarten zur Anfertigung von Tau⸗ knoten. D. U. Leiſtungen auf der Hinreiſe hatten allen Erwartungen entſprochen und die Offiziere ſetzten eine Art von Stolz darein, daß ſie dazu behülflich waren, Kapitän Wallingford's Sohn ſeiner edlen Ab⸗ ſtammung würdig zu machen. Ich hatte mir Gelegenheit genommen, den Leuten zu verſtehen zu geben, daß Ruprechts Urgroßvater Kapitän eines Linienſchiffs geweſen war; allein Mr. Kite, der Unterſteuermann, verſagte mei⸗ ner Andeutung geradezu allen Glauben, während Mr. Marble zu gab, es könnte ſich wohl ſo verhalten, als ich geſtand, daß Vater und Großvater meines Freundes der Kirche dienten oder gedient hätten. So ſchien Ruprecht nun ſchon dazu beſtimmt, nichts als den Ruhm eines„Schreibereigehülfen“ davon zu tragen. Nachdem endlich unſere Lucken hergerichtet und mit Laden ver⸗ ſchloſſen waren, gingen wir zu Anfang des Frühjahrs 1798 nach der Heimath unter Segel. Durch die chineſiſche See hatten wir eine ſehr glückliche Fahrt und erreichten Oſtindien in kurzer Zeit. Schon hatten wir alle die Inſeln hinter und den indiſchen Ocean vor uns, als uns ein Abenteuer aufſtieß— das erſte der ganzen Reiſe, daß einer Erwähnung werth ſeyn dürfte. Ich will es ſo kurz als möglich erzählen. Wir waren ſchon früh am Morgen durch die Straße von Sunda gekommen und hatten den Tag über, trotz des meiſt nebli⸗ chen Wetters, ein hübſches Stück Weg zurückgelegt. Erſt mit Son⸗ nenuntergang hellte ſich der Horizont auf und wir bekamen zwei kleine Segel, nach Größe und Tackelage zwei Proen, zu Geſicht, welche anſcheinend auf die Küſte von Sumatra losſteuerten; ſie waren ſo weit entfernt und hatten es ſo augenſcheinlich auf das Land abgeſehen, daß man ſich bei uns nicht viel mit ihnen be⸗ ſchäftigte und ihnen keine ſonderliche Aufmerkſamkeit ſchenkte. Zwar gelten die Proen in dieſem Theile der See gewöhnlich für verdächtig; doch wimmelt das dortige Meer von dieſen kleinen Fahr⸗ zeugen, deren Mehrzahl an allen gewaltſamen Handlungen, welche 77 etwa vorfallen, unſchuldig iſt. Dazu kam, daß bald, nachdem wir der Fremdlinge anſichtig geworden waren, die volle Dunkelheit eintrat und die Nacht ſie unſeren Blicken entzog. Eine Stunde nach Sonnenuntergang fiel der Wind zu einem ſanften Lüftchen, das dem Schiff gerade noch ſeinen Kurs zu ver⸗ folgen geſtattete. Zu allem Glück war der John nicht allein ein trefflicher Schnellſegler, ſondern gehorchte auch dem Steuer mit gleicher Leichtigkeit, wie ſich etwa ein leichtfüßiges Mädchen im leb⸗ haften Tanze herumſchwenkt— und in der That habe ich nie, beſon⸗ ders bei gemäßigter Witterung, ein beſſer ſteuerndes Schiff kennen gelernt. Mr. Marble hatte in jener Nacht die Hundswache und ich war ſomit von Mitternacht bis vier Uhr Morgens auf dem Ver⸗ deck. Der Nebel hielt faſt während der ganzen Wache an und eine Stunde lang hatten wir ſogar einen feinen Regenſchauer. Die ganze Zeit über ſtand das Schiff dichtgehalt unter entfalteten Ober⸗ bramſegeln: Alles ſchien eine ruhige Nacht zu erwarten, Niemand an ein Reefen oder Beſchlagen der Segel zu denken; die Wach⸗ mannſchaft ſchlief meiſt auf den Decks oder wo ſte ſonſt ein gutes Lager finden konnte und am wenigſten im Wege war. Ich weiß nicht, was mich wach erhielt, denn Knaben meines Alters pflegen doch ſonſt den Schlaf nicht zu verſchmähen; ich dachte, glaub ich, an Clawbonny, an meine Schweſter Grace und an Lucy, das edle Mädchen, das mich in jenen Tagen der Jugend und vergleichungsweiſe Unſchuld gar oft beſchäftigte. Wach, wie ich war, trabte ich im Matroſenſchritt auf dem Luvgang hin und her, während Mr. Marble auf den Hühnerkörben eingenickt ſeyn mochte und ſich eben erſt, wie man auch von den Segeln ſagen konnte, ‚zum Schlummer zurecht gelegt⸗ hatte. In dieſem Augenblick vernahm ich ein dem Seemanne wohl⸗ bekanntes Geräuſch— nämlich das Fallen eines Ruders, das in ein Boot hinabpolterte. So ausſchließlich ſchweiften meine Ge⸗ 78 danken auf andern, fernen Schauplätzen, daß ich anfangs nicht im mindeſten überraſcht war, gerade als ob wir uns mitten im Hafen unter Fahrzeugen aller Art befänden, welche in jeder Stunde ab und zu gingen. Ein abermaliges Beſinnen verſcheuchte aber die ſeitherige Täuſchung; indem ich mich ſcharf umſah, gewahrte ich gerade unter unſerem Luvbug und kaum eine Kabellänge davon entfernt ein kleines Segel, das ich deutlich genug unterſcheiden konnte, um es alsbald als eine Proa zu erkennen. „Segel ho!— Dicht am Bord!“ ſchrie ich, ohne mich zu bedenken. Kaum war mein Ruf erſchollen, als Mr. Marble aufſprang. Er erzählte mir ſpäter, ſowie er die Augen aufgeſchlagen habe— dies geſtand er mir nämlich im engſten Vertrauen— ſeyen ſeine Blicke auch ſogleich auf den Fremden gefallen. Er war zu ſehr Seemann und bedurfte keines zweiten Blicks, um zu wiſſen, was er zu thun hatte.„Das Schiff abgehalten— weit abgeſteuert!“ befahl er dem Manne am Steuerrade.„Legt die Raaen winkel⸗ recht,— ruft alle Matroſen auf; einer von euch zu Kapitän Rob⸗ bins: Mr. Kite, ſputet euch— die verteufelten Proen ſind dicht an unſerm Bord!“ Die letzten Worte rief der Steuermann mit lauter Stimme die Hüttentreppe hinab, ſo daß man es unten deutlich genug, ver⸗ ſtand, während man es auf dem Verdeck kaum hören konnte. Jetzt gerieth Alles in Bewegung, und es iſt in der That zu verwundern, wie raſch wir Seeleute wach werden, ſobald es etwas Ernſtliches zu thun gibt! In weniger als einer Minute war, glaube ich, unſere ganze Mannſchaft, die meiſten blos in Hemden und Beinkleidern, auf dem Deck verſammelt. Das Schiff ſtand faſt ganz vor dem Wind, als ſich des Kapitäns Stimme vernehmen ließ; dann kam Mr. Kite herbeigerannt und hieß den größeren Theil der Mannſchaft die Braſſen hinten beſorgen, während er 79 ſelbſt auf dem Vordertheil blieb und mich zum Herablaſſen der Segel bei ſich behielt. Das fremde Fahrzeug war jetzt vom Vorkaſtell aus nicht länger ſichtbar, da es durch den Segelbalken gerade verdeckt wurde; da⸗ gegen hörte ich Mr. Marble unter lauten Flüchen verſichern, es ſeyen ihrer zwei und es müßten dieſelben Burſche ſeyn, welche wir bei Sonnenuntergang auf unſerer Leeſeite dem Lande hätten zuſteuern ſehen. Eben ſo vernahm ich die Stimme des Kapitäns, der dem Proviantmeiſter befahl, ein Pulverhorn heraufzubringen. Im nächſten Augenblick kam Ordre, alle vorderen Segel flie⸗ gen zu laſſen, und dann bemerkte ich, daß der John gehalst wurde. Nichts als Mr. Marble's raſcher Befehl, mit dem Schiffe abzu⸗ halten, rettete uns vor den Feinden, denn ſtatt auf die Proen zu⸗ zuſteuern, begannen wir jetzt uns plötzlich von ihnen zu entfernen, und wenn dieſe auch auf zwei Fuß von uns ihrer drei zurücklegten, ſo hatten wir doch einen Moment zum Athemholen gewonnen. Vorn waren jetzt alle Segel entfaltet und blieben mehrere Minuten in dieſem Zuſtand: ſo fand ich denn einige Muße, mich umzuſehen. Bald konnte ich beide Proen gewahren und be⸗ merkte mit großer Freude, daß ſie uns nicht bedeutend näher ge⸗ kommen waren. Mr. Kite machte die gleiche Bemerkung und ſagte, unſere Manöver ſeyen ſo raſch ausgeführt worden, daß wir„die Schufte wohl hinter uns behalten“ würden, er meinte, ſie wüßten wohl ſchwerlich genau, wie wir daran wären und hätten nicht zu gleicher Zeit mit uns abgehalten. In dieſem Augenblicke begann der Kapitän mit fünf bis ſechs der älteſten Matroſen all' unſere Steuerbord⸗ oder Luvkanonen, vier Sechspfünder im Ganzen, klar zu machen; wir hatten ſie ſchon in der Straße von Banca mit Kartaͤtſchen und Traubenkugeln ge⸗ laden, um gegen ſolche Seeräuber, wie wir ſie nunmehr vor uns hatten, in gehöriger Berfaſſung zu ſeyn, und es fehlte uns jetzt nichts mehr als Lunten und eine heiße Pechpfanne Von den Letz⸗ ——— teren waren bereits zwei ans Feuer geſtellt worden, als man bei Sonnenuntergang der Proen zuerſt anſichtig wurde; man hatte die Kohlen auf höheren Befehl die ganze Nacht glühend darunter erhalten, ſo daß der Inhalt nunehr augenblicklich zu verwenden war. Ich konnte von meinem Vorkaſtell aus einen Haufen von Männern um die zweite Kanone beſchäftigt ſehen, welche der Kapitän, wie ich wohl unterſchied, ſoeben auf den Feind richtete. „Es kann doch ſchwerlich ein Mißverſtändniß ſeyn, Mr. Marble?“ bemerkte der Kapitän, noch unentſchloſſen, ob er feuern laſſen ſollte oder nicht. „Ein Mißverſtändniß, Sir?— Mein Gott, Kapitän Robbins, Ihr könntet ja auf die Inſeln hinter unſerm Spiegel eine ganze Woche lang loskanoniren, ohne auch nur einen ehrlichen Menſchen zu treffen. Nur immer zu, Sir; ich wette, Ihr thut wohl daran.“ Dies gab den Ausſchlag: die Pechpfanne wurde herbeigeſchafft und einer unſerer Sechspfünder ließ ſich mit ſcharfem Knalle ver⸗ nehmen. Lautloſe Stille folgte: die Proen näherten ſich raſch, ohne ihren Kurs zu verändern. Der Kapitän erhob ſein Nachtglas und ich hörte ihn leiſe zu Kite ſagen, ſie ſeyen mit Menſchen voll⸗ gepfropft. Es erging nun der Befehl, alle Geſchütze in Stand zu ſetzen und die Waffenkiſten zu öffnen, um uns mit Flinten und Piſtolen zu verſehen. Ich hörte das Raſſeln der Enterhaken, als ſie von dem Balken des Brodwinners losgeſchnitten wurden und aufs Verdeck herabſielen. Dies Alles klang höchſt unheilverkündend und ich fing jetzt an zu glauben, wir würden einen mörderiſchen Kampf zu beſtehen haben und am Ende noch Alle über die Klinge ſpringen müſſen. Ich erwartete nunmehr, daß die Kanonen raſch hinter ein⸗ ander losgefeuert werden würden: allein ſie wurden nur in Bereit⸗ ſchaft gehalten, ohne das Feuer fortzuſetzen. Kite verfügte ſich nach dem OQuarterdeck und kam mit drei bis vier Musketen und eben ſo vielen Piken zurück; letztere vertheilte er an diejenigen 81 Leute, welche nicht an den Kanonen beſchäftigt waren. Todtenſtille herrſchte auf beiden Seiten. Unſer Schiff war mittlerweile nahe beim Wind gekommen und ſteuerte munter darauf zu, während die beiden Proen backſtags, aber ganz dicht hinter uns fuhran, wobei ſie übrigens trotz ihres ſchnellen Segelns doch etwas rückwärts ſielen: Letzteres war wohl ohne Zweifel ihrem Manoͤvriren zuzuſchreiben, da es uns vorkam, als ob ſie um jeden Preis unſer Kielwaſſer zu gewinnen ſuchten, um auf unſern Spiegel aufzuſchließen und dem Feuer unſerer Breit⸗ ſeite dadurch auszu weichen. Das durften wir jedoch nicht zugeben, und da der Wind bis zu vier oder fünf Knoten Stärke zunahm, ſo beſchloß der Kapitän, dieſen höchſt günſtigen Umſtand zu benützen und ſogleich zu vieren, ſo lange er noch Raum dazu hatte. Der John hielt ſich muſterhaft und ſchwang ſich trotz einem Kreiſel herum. Die Proen ſahen, daß keine Zeit zu verlieren war und ſuchten uns zu erreichen, ehe wir abermals gefüllt hätten. Dies wäre ihnen auch unter hundert Fahrzeugen bei neunundneunzig gewiß gelungen: unſer Kapitän kannte aber ſein Schiff, das faſt inſtinktartig Tau und Segel aufs höchſte anſpannte, und war ſchon darauf bedacht, den Weg nicht zu verlieren. Die beiden Proen vier⸗ ten gleichfalls und da ſie weit näher als wir im Winde lagen, ſo bekam es den Anſchein, als ob ſie uns am Leebug entern würden. Die Frage war nunmehr, ob wir noch vor dem Augenblick des Enterns an ihnen vorbeikommen könnten oder nicht, denn hatten wir die Piraten einmal am Bord, ſo waren wir rettungslos ver⸗ loren. Von unſerer Umſicht und Kaltblütigkeit hing Alles ab; auch zeigte der Kapitän in dieſem entſcheidenden Augenblick das feſteſte Benehmen und gebot Todtenſtille, ſo wie die ſchärfſte Acht⸗ ſamkeit auf ſeine Befehle. Mein Intereſſe war in dieſem Augenblick zu ſehr angeregt, um für eine Beſtürzung empfänglich zu ſeyn, der ich ſonſt wohl ſchwerlich entgangen wäre. Auf dem Vorkaſtell war's uns nicht Miles Wallingford. 6 —— 82² anders, als ob unſer Schiff in der nächſten Minute geentert wer⸗ den müßte, denn eine von den Proen war nur noch hundert Fuß von uns entfernt, kam aber auf die Leeſeite unſerer Segel und verlor dadurch wieder einigermaßen von ihrem Vortheil. Kite hatte uns vor dem Fockmaſt aufgeſtellt, um die hereinſpringenden Feinde mit einer Musketenſalve zu begrüßen und ihnen dann unſere Piken entgegenzuſtrecken: da fühlte ich plötzlich, wie ſich ein Arm um meinen Körper ſchlang und mich zurückzog, während ein Anderer meinen Platz einnahm. Neb war's, der ſich ſo kaltblütig vor mich hinſtellte, um der drohenden Gefahr zuerſt zu begegnen. So ſehr mich auch die Anhänglichkeit und Aufopferung des Burſchen rührte, ſo ärgerte ich mich dennoch darüber, hatte aber nicht Zeit, eines der genannten Geſühle zu äußern, denn auf den Proen ſtießen ſie jetzt ein lautes Geſchrei aus und feuerten etliche fünfzig bis ſechzig Luntenſchlöſſer gegen uns ab. 5 Die Kugeln pfiffen durch die Luft, flogen aber alle über uns weg, ſo daß kein Einziger am Bord des John verwundet wurde. Wir gaben den ſauberen Herrn unſerer Seits die vier Sechspfünder, und zwar der nächſten Proa das eine— und der hinieren, welche faſt noch eine Kabellänge abſtand, das andere Paar zu koſten. Wie dies oft geſchieht, daß, wer der Gefahr am fernſten iſt, dennoch am ſchlimmſten wegkommt, ſo gings auch hier: unſere Trauben⸗ und Kartätſchenkugeln hatten Raum genug ſich auszu⸗ breiten, und noch bis auf den heutigen Tag glaube ich das Jammer⸗ geſchrei zu vernehmen, welches ſich aus dem letztgenannten Fahr⸗ zeuge erhob— es glich dem Angſtgeſchrei gepeinigter Unholde! Die Wirkung auf jene Proa kam augenblicklich an den Tag, denn ſtatt ihrer Gefährtin zu folgen, drehte ſie rund auf dem Kiel herum und entfernte ſich in entgegengeſetzter Windvierung. gerade in der Linie unſeres Kielwaſſers, augenſcheinlich um aus unſerem Kugelbereiche zu kommen. [„.„/ v 8³ Ob wir in der uns zunächſt ſtehenden Proa Jemand verwun⸗ deten, moͤchte ich bezweifeln; jedenfalls war kein Geräuſch auf ihr hörbar und ſie kam raſch gegen unſere Büge heran. Da die Ka⸗ nonen ſämmtlich losgebrannt waren und keine Zeit zum Laden übrig blieb, ſo hing jetzt Alles davon ab, daß wir die Enterer beim erſten Anlaufe zurückzuſchlagen vermochten. Ein Theil unſerer Leute verſammelte ſich in der Kuhl, wo man die Proa anlegen zu ſehen erwartete, der andere hatte das Vorkaſtell inne. Kaum war dieſe Vertheilung vollendet, als die Piraten ihren Enterhaken auswarfen; ſie thaten es mit bewundernswerther Geſchick⸗ lichkeit, doch hatte er nur ein Webelien gefaßt. Ich bemerkte dies und ſtand ſchon im Begriff, an den Wandten emvorzuklimmen, um den Haken wo möglich loszumachen, als Neb mir abermals zuvor⸗ kam und die Webelien mit dem Meſſer entzweiſchnitt. Dies geſchah in dem Augenblick, da die Seeräuber Ruder und Segel losgelaſſen und ſich bereits zum Sprunge erhoben hat⸗ ten: auch war der Umſchlag ſo unerwartet, daß ihrer zwanzig vor lauter Haſt über Bord fielen. Unſer Schiff zog nun mit ſtraff⸗ geſpannten Segeln an ihnen vorüber, während die Proa regungs⸗ los in unſerem Kielwaſſer zurückblieb, nachdem ſich die beiden Schiffe im Vorbeifahren ſo nahe gekommen waren, daß man auf dem Quarterdeck des John die ſchwärzlichen Geſichter der Feinde deutlich unterſcheiden konnte. Kaum waren wir der Proen ledig, als der Befehl„allent⸗ halben fertig zu machen“ gegeben wurde: das Steuer wurde nieder⸗ geſtellt und eine Minute ſpäter war das Schiff wieder im Wind. Da wir jetzt winkelrecht gegen die Proen zu ſtehen kamen, ſo heizten wir ihnen noch mit unſern Backbordkanonen ein und damit war die Affaire abgemacht. Diesmal hatte, glaub' ich, der nächſte der beiden Schufte ſein Theil bekommen, denn er eilte alsbald ſeinem Kameraden nach und Beide rannten nach den Inſeln hinüber. Wir thaten als wollten 8⁴ wir Jagd auf ſte machen, doch nur als Finte, denn wir waren alle zu froh, ihrer los zu ſeyn, um im Ernſte an Verfolgung zu denken. Zehn Minuten ſpäter vierten wir zum letzten Mal und ſtellten unſer Feuer ein, nachdem wir den Proen noch acht bis zehn Vollkugeln nachgeſchickt hatten; wir halten ſodann wieder dicht auf und nahmen die Richtung nach Südweſt. Man darf übrigens nicht glauben, daß wir uns unmittelbar nach überſtandener Gefahr zum Schlafe niederlegten. Neb war der Einzige, der ſolches vermochte, wie er denn niemals eine Ge⸗ legenheit zum Eſſen oder Schlafen ungenützt verſtreichen ließ. Der Kapitän ertheilte uns ſein Lob und, wie ſich damals von ſelbſt ver⸗ ſtand, wurden alle Matroſen angewieſen,„die großen Braſſen zu ſpliſſen,“ worauf die Wache wieder ſo regelmäßig aufgeführt wurde, wie wenn gar nichts vorgefallen wäre. Der Kapitän ſelbſt ging mit Mr. Marble und Mr. Kite auf dem Schiffe umher, um zu unterſuchen, ob die„hölliſchen india⸗ niſchen Luntenſchloſſer“— wie der Steuermann ſie nannte— be⸗ deutenden Schaden angerichtet hätten. Die laufende Tackelage hatte etwas Noth gelitten und wir bekamen am andern Morgen einige neue Taue zu reefen; damit war aber auch die ganze Affaire beendigt. Ich brauche wohl kaum zu ſagen, daß unſere Matroſen ſich ſammt und ſonders auf dieſe Heldenthat nicht wenig zu gut thaten. Alle erhielten Lobſprüche, nur Neb ging leer aus, der als„Negger“ bei allen und jeden Gelegenheiten übergangen wurde. Ich ſchilderte auch Mr. Marble ſeine Beſorgtheit und Geiſtesgegenwart, aber ohne daß ich nur einem Einzigen dieſelbe Achtung für das Beneh⸗ men des armen Burſchen einzuſlößen vermocht hätte, welche ich ſelbſt dafür empfand. Ich habe mich ſeitdem durch vieljährige Er⸗ fahrung überzeugt, daß, wie das Gold des Neichen von ſelbſt des Armen Scherflein anzieht, ſo auch die Thaten Unbekann⸗ ter nur den Ruf ſchon berühmter Männer noch vermehren helfen q— 8G N 6ℛ — 85 müſſen— eine Wahrheit, welche von Nationen und Völkerſtämmen ebenſowohl wie von Familien und Individuen gilt: ſo ließ ſich auch in dem Falle des armen, einer geächteten Farbe angehörenden Neb vernunftgemäß nicht wohl vermuthen, daß er jemals dieſelbe Ehre wie ein Weißer davon tragen würde, „Dieſe Schwarzköpfe haben zuweilen wohl auch ihre glück⸗ lichen Einfälle,“ gab Mr. Marble auf eine meiner ernſtlichen Vor⸗ ſtellungen zur Antwort,„und ich habe ſogar Burſche unter ihnen gekannt, welche faſt eben ſo geſcheidt wie mancher vernagelte Weiße waren; aber Alles, was bei ihnen von der gewöhnlichen Art ab⸗ weicht, iſt reiner Zufall. Was übrigens unſern Neb betrifft, ſo muß ich ihm nachſagen, daß er flinker und entſchloſſener als jeder andere Neger iſt, mit dem ich noch jemals zur See geweſen bin. Dann hat er auch keinen Schweißgeruch an ſich und das w Schwarzen viel heißen, denn iſt dieſes Uebel an einem Weißen ſchon ſchlimm genug, ſo wird's am Neger völlig unerträglich.“ Armer Neb! In Sklaverei geboren, warſt du gewöhnt, ſogar den bloßen Gedanken, deine Nahrung eher zu empfangen, als bis auch der Geringſte von den Weißen ſeinen Appetit befriedigt hatte— als Anmaßung zu betrachten und bei all deinem Gehorſam, deiner Geduld, Arbeitſamkeit und Unterwürfigkeit konnteſt du es für deine anſpruchloſen Verdienſte zu keinem höheren Lobe bringen, als zu dem widerſtrebenden Zugeſtäͤndniſſe, daß du„keinen Schweißgeruch“ an dir habeſt! Gleichwohl bleibe ich dabei, was ich von jeher geſagt habe: ſein Muth und ſeine Entſchloſſenheit haben damals den John gerettet! Den Tag nach der Proenaffaire begannen alle Matroſen ge⸗ waltig aufzuſchneiden; ſelbſt der Kapitän blieb nicht ganz frei von dieſer Manie und Marble vollends wurde dermaßen davon ergriffen, daß ich ihn ganz gewiß für einen ausgemachten Prahlhans gehalten haben würde, wenn mir nicht bekannt geweſen wäͤre, wie wacker er ſich in der Noth ſelbſt benommen hatte. Auch Ruprecht ließ ill bei einem 86 etwas dergleichen verlauten, hatte übrigens, wie ich hörte, in jener Nacht ſeine Schuldigkeit gethan. Als Reſultat dieſes Geſchnatters ergab ſich endlich, daß die ganze Bagatelle in ein höchſt heroiſches Gewand gehüllt wurde und ſpäter in den Journalen als eine jener Heldenthaten paradirte, welche den Namen der Amerikaner verherr⸗ lichen müſſen. Von der Zeit an, da wir die Proen losgeworden, hatte unſer Schiff bis weſtwärts zum zweiundfünfzigſten Grade eine äußerſt günſtige Fahrt; hier aber traf uns ein leichter Südweſtwind mit dichtem Nebel in ſeinem Gefolge. Der Kapitän war hier ſchon zwei bis drei Mal in falſche Stroömungen gerathen und hatte ſich in den Kopf geſetzt, daß dieſe ſich weniger unheilvoll erweiſen würden, wenn er ſich der Küſte von Madagascar mehr als früher näherte. Wir brachten alſo das Schiff auf eine Bolinie und ſteuer⸗ ten nord⸗ und weſtwärts. So waren wir eine Woche in dieſer Richtung geſegelt und hatten täglich von fünfzig bis zu hundert Meilen zurückgelegt, indem wir ſtündlich auf Land zu ſtoßen er⸗ warteten: endlich bekamen wir auch richtig, aber offenbar in großer Entfernung von uns, ungeheuer hohe Gebirge zu Geſicht, welche übrigens, wie wir ſpäͤter bemerkten, noch weit landeinwärts lagen und denen wir uns zu nähern fortfuhren. Der Kapitän folgte einer ganz eigenen Theorie über die Strömun⸗ gen in dieſem Theile des Oceans und nachdem er ſeinen Kompaß, ſobald man des Landes anſichtig geworden, auf einen der Berggipfel eingerichtet hatte, ſo überredete er alsbald ſich ſelbſt und wen er noch ſonſt, mit Ansnahme Marble's, zu überzeugen ſuchte, daß wir mit ſichtbarer Geſchwindigkeit dahin zögen. Kapitän Robbins war zwar ein wohlmeinender, aber dabei etwas dummer Mann und wenn einmal ſolche Leute Theorien aufſtellen, ſo haperts gewöhnlich bei Ausführung derſelben. Wir blieben die ganze Nacht nord⸗ und weſtwärts, obgleich Mr. Marble in Betreff einer gewiſſen Landſpitze, welche in der —&⏑ n—* 87 Nähe unſeres Luvbugs ſichtbar war, einige Vorſtellungen zu machen gewagt hatte. Der Kapitän verlachte aber ſeine Beſorgniſſe und gab zur Erwiederung ein Räſonnement zum Beſten, das, wofern es überhaupt etwas getaugt hätte, den Steuermann nothwendig überführt haben müßte, daß die Luvrichtung der Strömung uns noch vor dem nächſten Morgen zehn Meilen ſüd⸗ und weſtwärts an jenem Kap vorüberführen würde. Auf dieſe Verſicherung hin ſchickten wir uns denn an, eine ruhige Nacht recht ungeſtort zu verſchlafen. Ich hatte die Morgenwache und als ich um vier Uhr auf's Verdeck kam, war keine Aenderung im Wetter zu bemerken. Mr. Marble erſchien bald darauf und kam in die Kuhl herab, wo ich mich gegen die Luvregeling anlehnte; bald hatte er, wie er oft that, ein Geſpräch mit mir angeſponnen, in welchem er manchmal den Unterſchied unſerer Stellung zur See— nicht am Lande, denn da hatte ich einen beträchtlichen Vortheil vor ihm voraus— ſo weit vergaß, daß er mich hie und da ſogar„Sir“ nannte. Jedes⸗ mal mußte ich übrigens für dieſe Unachtſamkeit büßen, denn ge⸗ wöhnlich machte ſie ſeinen Mittheilungen für den Augenblick ein Ende, ja einmal nahm er ſogar noch ſchärfere Rache für dieſe un⸗ willkührliche Gleichſtellung unſrer beiderſeitigen Perſönlichkeiten und brach die Unterredung buchſtaͤblich über's Knie ab, indem er mir in barſchem Tone den Befehl ertheilte, auf den Mars zu klettern und einige Leeſegel herabzulaſſen, obwohl dieſe gleich darauf, noch in derſelben Wache, wieder aufgehißt und eingeſetzt werden mußten. Aber ſo geht's mit beleidigter Würde— oft fehlt es ihr an Um⸗ ſicht und noch öfter an Konſequenz. „Ne ruhige Nacht, Maſter Miles“— ſo konnte mich der Steuer⸗ mann tituliren, da die Ueberlegenheit auf ſeiner Seite dabei immer noch gewahrt blieb—„'ne ruhige Nacht, Maſter Miles,“ be⸗ gann Mr. Marble,„und ſtarke weſtliche Strömung, wie Kapitän Robbins behauptet. Nun, meinem Geſchmack nach ſind Stachel⸗ beeren beſſer als Strömungen und ich wollte, wir wären dran vorüber. ˙S iſt einmal meine Art zu generaliſiren.“ „Wie ich hieraus ſchließe, Sir, ſo iſt der Kapitän darin an⸗ derer Anſicht?“ 3 „Hm— ja— ſo halb und halb— wiewohl ich kaum glaube, daß er ſelber weiß, wie ſeine eigene Anſicht lautet. Dies iſt nun die dritte Reiſe, die ich mit dem alten Herrn mache und immer befindet er ſich die Hälfte der Zeit über in Nebel oder Strömungen. Er glaubt nun einmal, der Ocean ſey voller Miſſiſſippiflüſſe, und ſobald man nur den Anfang einer Strömung gefunden hätte, könne man die ganze Welt darin umſegeln. Beſon ders aber beharrt er darauf, daß man, ſo lange man einer Strömung folge, vom Lande nichts zu beſorgen habe, da erſtere nie bis ans Ufer reiche. Ich meines Theils brauche nie ein beſſeres Handloth als meine eigene Naſe.“ „Eure Naſe, Mr. Marble?“ „Ja, meine Naſe, Maſter Miles. Habt Ihr nicht bemerkt, auf wie weit wir die Inſchjöns gerochen haben, als wir durch die In⸗ ſeln kamen?“ „Ja, ja, Sir, die Gewürzinſeln und alles Land, wie ſie ſagen——“— „Was Teufels iſt das?“ rief der Steuermann offenbar durch irgend ein Geräuſch betroffen, obgleich er, außer einer Ratte vielleicht, nichts Weiteres zu riechen ſchien. „Wenn das nicht klingt wie Waſſer, das die Felſen beſpült⸗ ſo habe ich in meinem Leben nie etwas Täuſchenderes gehört, Sir.“ „Raſch herbei!“ ſchrie jetzt der Steuermann.„Rennt hinab, Miles, und ruft den Kapitän— hart am Lee— weckt Alles auf — marſch vorwärts!“ Nun folgte eine Scene der Verwirrung, bis der Kapitän, der Bootsmann und die Wache auf dem Verdeck erſchien. Kapitän Robbins übernahm natürlich das Kommando und hatte gerade noch 89 Zeit, die Hinterraaen einhalen zu laſſen, worauf das Schiff bei dem leichten Winde langſam herumdrehte. Erſt als das Gallion wieder ſüd⸗ und oſtwärts ſtand, verlangte der Kapitän eine Erklärung. Mr. Marble ſchien nicht geneigt, ſich noch ferner auf ſeine Naſe zu verlaſſen, ſondern lud den Kapitän ein, ſeine Ohren zu gebrau⸗ chen. Dies thaten Alle, und wenn wir ſolchen Tönen trauen durf⸗ ten, mußten wir jetzt in einem hübſchen Klippenneſte ſtecken. „Wir können gewiß auf demſelben Wege zurück, auf dem wir herein kamen, Mr. Marble?“ begann der Kapitän ängſtlich. „Ja, Sir, wenn keine Strömung da wäre; aber man weiß ja nie, wohin ſo eine verteufelte Strömung Einen in der Dunkel⸗ heit führt.“ „Alles zum Ankerwerfen bereit gehalten!“ kommandirte der Kapitän.„Laßt ſchießen und aufgeien, vorn und hinten. Sobald Ihr fertig ſeyd, Mr. Kite, wird losgelaſſen.“ Zu allem Glück hatten wir ſeit der Durchfahrt durch die Meerenge das eine von den Kabeltauen feſtgebunden gelaſſen, und da wir nicht anders wußten, als daß wir Isle de France berühren würden, ſo befand ſich's mit gefiſchtem Anker noch immer in dieſem Zuſtande. Wir hatten zwar davon geſprochen, den Anker inner⸗ bords ſtauen zu wollen: da wir aber das Land ſchon im Geſicht hatten, ſo war es unterblieben. So dauerte es blos zwei Minu⸗ ten, bis er zum Vieren klar war, und nach zwei weiteren plumpte er ins Waſſer. Keiner wußte, ob wir Grund finden wuͤrden oder nicht; doch bald kommandirte Kite ſein„geſchnobbt,“s da der Anker ſchon mit ſechs Faden auf Felſen ſtieß. Das Blei gab hierüber volle Ver⸗ ſicherung und wir hatten nun die tröſtliche Gewißheit, daß wir uns nicht allein mitten unter Klippen, ſondern auch ganz nahe an der Kuͤſte befanden. Der Ankergrund wurde übrigens als gut geſchil⸗ * Angehalten.“ D. U. dert, und ſo machten wir uns an die Arbeit und rollten alle ent⸗ behrlichen Gegenſtände aufs Verdeck. Eine halbe Stunde ſpäter lag unſer Schiff wohlgeborgen in einer ſtarken Strömung, welche genau in nordöſtlicher, d. h. in der Richtung hinzog, welche des Kapitäns Theorie geradezu entgegengeſetzt war. Sobald Mr. Marble hierüber im Reinen war, hörte ich ihn allerlei vor ſich hinbrummen, wovon ich aber nur die Worte:„hölli⸗ ſches Kap— verdammte Strömung“ deutlich vernehmen konnte. Fünftes Kapitel. In eine Barke wurden wir geflüchtet; Dann ging es in die See; man warf uns In eines Bootes morſchen Leichnam, ohne Tackelwerk— Ohn Anker oder Tau— kein Maſt, noch Segel; Der Ratten Inſtinkt hatt' uns ſchon umzingelt. Der Sturm. Die Stunde, die uns jetzt in der Stille der Erwartung ver⸗ ſtrich, war eine der beängſtigendſten meines ganzen Lebens. Todten⸗ ſtille herrſchte unter uns, ſobald das Schiff geſichert und nichts mehr zu thun übrig war; Matroſe wie Schiffsjunge— alle ſchienen ihre Kräfte in den einen Sinn des Gehörs zuſammengedrängt zu haben, da dies das beſte und einzige Mittel war, um unſere Lage richtig zu beurtheilen. So viel war allen klar, daß wir uns in der Nähe einer oder mehrerer Stellen befanden, wo die Brandung ſich am Ufer brach, und das hohle kaum miszuverſtehende Brül⸗ len des Elements bewies nur zu deutlich, wie das Waſſer in die Höhlungen der Felſen eindrang und eben ſo oft wieder daraus hervorſtürzte. Und nicht nur in einer Region— nein rings um uns her war dieſes unheilverkündende Toben vernehmbar, denn bald traf es unſer Gehör in der wohlbekannten Richtung des 91 Landes, bald ließ ſichs wieder aus Süd, aus Nordoſt, ja aus jedem Viertel der Windroſe unterſcheiden. Es gab Augenblicke, wo wir das Klagen und Aechzen des Oceans faſt dicht unter unſerem Spiegel, und dann wieder andere, wo wir's in furchtbarer Nähe bei unſern Bügen vernahmen. Zum Glück wehte ein ſchwacher Wind und das Schiff lag nicht allzu ſtraff geſpannt an ſeinem Kabel, ſo daß wir wenigſtens für den Augenblick keinen unmittelbaren Untergang zu beſorgen hatten. Zwar rollten lange, ſchwere Grundwellen aus Südweſt daher, doch zeigte das Loth noch immer acht Faden⸗Tiefe und die See brach ſich alſo nicht gerade da, wo wir lagen, aber jedenfalls ganz in unſerer Nähe, auch ohne Einrechnung der Stellen, wo es an den Felſen emporſchäumte, wie wir aus dem dumpfen Aneinan⸗ derſchlagen der Wogen entnehmen konnten. Einmal ſogar ſah ich den Kapitän dermaßen von Ungeduld geſtachelt, daß er dem An⸗ bruche des Tages zuvorzukommen und den Ankerplatz in einem Boote zu umrudern beſchloß; eine Andeutung Mr. Marble's aber, daß er, ohne es zu wiſſen, auf eine Ankerrolle ſtoßen und mit dem Boote umſtülpen könnte, veranlaßte ihn, lieber den Morgen zu dieſem Geſchäfte abzuwarten. Endlich, nach zwei bis drei ewig langen Stunden, wie ich mich kaum einer ähnlichen erinnern kann, brach die Dämmerung an, und nie werde ich die beinahe wüthende Haſt vergeſſen, mit der wir uns umſchauten. Das Erſte, was wir unterſchieden, war ein Umriß des nahe liegenden Landes, dann kamen einzelne Einblicke in beſondere Parthien deſſelben, je mehr ſich die Helle allmählig am Himmel ausbreitete. Bald wußten wir wenigſtens ſo viel, daß kaum auf Kabellänge vor uns ſenkrechte Felſen von mehreren hundert Fuß Höhe uns anſtarrten, in deren Höhlen ſich die See mit jenem furchtbar hohlen Aechzen ergoß, das ein kundiges Ohr niemals miß⸗ kennen wird. Dieſe Klippe dehnte ſich meilenweit nach beiden Sei⸗ ten und bot einem ſchiffbrüchige 92 Küſte faſt nur die unvermeidliche Ausſicht des Ertrinkens. Vor, hinter, neben und faſt rings um uns zeigten ſich hier und dort Fel⸗ ſenlager, Klippen und Wellengekräuſel, als eben ſo viele ſprechende Beweiſe, mit welcher Güte uns die Vorſicht in den Stunden der Finſterniß durch dieſe Fährlichkeiten geleitet hatte. Als endlich die Sonne am Himmel erſchien und uns glück⸗ licher Weiſe einen klaren, heiteren Tag verkündete, hatten wir ziemlich genaue Kenntniß von der kritiſchen Lage erlangt, in welche wir uns durch des Kapitäns Theorie über die Strömungen verſetzt ſahen. Das Kap, an dem wir vorüber mußten, lag bei der da⸗ maligen Richtung des Windes etwa zehn Meilen faſt todt nach windwärts, und leewärts ragte, ſoweit das Auge reichte, dieſelbe un⸗ gaſtliche Felſenmauer, welche uns am Steuerbord und von vorn entgegenſtarrte. Auf ſolche Art ſollte ich meine erſte Bekanntſchaft mit der Inſel Madagascar machen— einem Lande, von deſſen Lage, Größe und Erzeugniſſen die ehriſtlichen Seefahrer wohl weit weniger Kennt⸗ niſſe als von jedem anderen beſitzen. Zu der Zeit, von der ich ſchreibe, waren überdieß noch viel ſpärlichere Nachrichten über jene weitgedehnte Inſel zu uns gedrungen, als dies heut zu Tage der Fall iſt, ſo ſehr auch die Kenntniſſe unſerer unmittelbaren Zeitgenoſſen fortwährend den Charakter der Unvollſtändigkeit an ſich tragen. Jetzt da der Tag zurückgekehrt war, die Sonne hell auf uns herableuchtete und die See uns ſtill und beruhigend anſah, ſchien auch der Kapitän etwas ruhiger zu werden. Er hatte Umſicht genug, um zu erkennen, daß es langer, genauer Unterſuchung be⸗ durfte, um das Schiff ferner mit Sicherheit zu lenken und faßte alſo den weiſen Entſchluß, die Leute zuerſt ans Frühſtück gehen zu heißen, ehe er die ſchwere Arbeit begann. Während man vorn auf dieſe Art beſchäftigt war, wurde hinten der Stand des Wetters, ſowie die Stellung der uns umgebenden Riffe in Berathung gezogen. Als wir endlich fertig waren und auch 9³ der Kapitän ſeinen Kaffee geſchlürft und ſeinen Zwiebach verſpeist hatte, rief er vier der kräftigſten Ruderer in das Jollboot und machte ſich an das wichtige Geſchäft, mittelſt des Bleiloths ſee⸗ wärts einen Kanal für den John aufzufinden. Wir wollen dieſe Abtheilung eine oder zwei Stunden bei ihrem Geſchäfte laſſen und unſere Aufmerkſamkeit auf das Schiff ſelber lenken. Sobald Kapitän Robbins das Boot beſtiegen hatte, winkte mir Marble nach dem Hintertheil, offenbar um mir insgeheim etwas anzuvertrauen. Ich verſtand ſein Augenzwinkern und folgte ihm hinunter nach dem Volkslogis, wo der ganze noch übrige Waſſer⸗ vorrath des Schiffes aufge ſtaut ſtand, nachdem das auf dem Verdeck Befindliche aufgebraucht worden war. Der Steuermann hatte augen⸗ ſcheinlich etwas auf dem Herzen, was ihm große Vorſicht auferlegte, denn er öffnete die Lippen nicht eher, als bis er unter dem Vorwand, ein paar Blocke zu ſuchen, die man auf dem Verdeck vielleicht zu irgend einem Zwecke brauchen könne, eine Zeit lang umherrumort hatte, und erſt nachdem dies einige Minuten gedauert, wandte er ſich raſch nach mir um und enthüllte mir das Geheimniß des ganzen Mansvers. „Ich will Euch'was ſagen, Maſter Miles,“ dabei machte er mit dem Finger ein Zeichen der Vorſicht,—„ich halte das Lager unſeres Schiffes für ſchlimmer als das eines Gaſſenkehrers. Wir haben zwar Waſſer, aber auch Felſen in Hülle und Fülle rings um uns her. Auch wenn wir den Rückweg wüßten, hätten wir jedenfalls keinen Wind, um uns durch dieſe hölliſchen Strömungen hindurchzuführen. Jedenfalls kann's nichts ſchaden, wenn man ſich auf das Schlimmſte gefaßt macht, und drum ſollt Ihr Neb und den Gentleman“— ſo wurde Ruprecht auf dem Schiffe ti⸗ tulirt—„mit Euch nehmen und vorerſt das Langboot losmachen. Schafft Alles heraus, was nicht darein gehört, verſeht es mit Waſſertonnen und erwartet dann meinen weiteren Befehl. Macht 94 keinen unnöthigen Lärm, ſondern ſtellt Alles gehörig her— das Uebrige könnt Ihr mir überlaſſen!“— Ich gehorchte natürlich und in wenigen Minuten war das Langboot klar gemacht. Während wir damit beſchäftigt waren, kam Mr. Kite bei uns vorüber und fragte mich,„was wir da vorhätten?“ Ich ſagte ihm, es geſchehe auf Mr. Marble's Befehl und Letzterer gab ſodann ſeine eigene Erklärung über die Sache. „Man wird das Langboot wohl brauchen,“ meinte er,„denn ich glaube kaum, daß man mit der Jolle ſo weit gehen kann, als das Sondiren es nöthig machen wird. Deßhalb bin ich im Be⸗ griff, das Langboot mit Ballaſt zu verſehen und ſeine Segel in Stand zu ſetzen, denn was hilfts, eine Lage, wie die unſere, noch bemänteln zu wollen?“ Kite billigte den Einfall und ging ſogar ſo weit, zu rathen, man ſolle das Langboot der Zeiterſparniß halber lieber gleich ins Waſſer laſſen. Der Vorſchlag kam viel zu erwünſcht, um zurück⸗ gewieſen zu werden und alle Matroſen machten ſich jetzt daran, die Taljen feſt zu binden, ſo daß ſich das Boot in einer halben Stunde in See befand. Dabei meinten die Einen, wenn es auch ſonſt ganz unnöthig wäre, ſo würde man es jedenfalls zum Auf⸗ winden des Stromankers bedürfen, während die Anderen bemerkten, ein halb Dutzend Boote werde ſogar nicht hinreichen, um den ge⸗ wünſchten Kanal aufzufinden. Marble hielt unterdeſſen, wie wohl ganz unvermerkt, ſein Augen⸗ merk immer auf die Hauptſache gerichtet. Die Tonnen, die wir einſtauten, wurden„als nöthiger Ballaſt“ mit friſchem Waſſer gefüllt; Maſten wurden eingeſetzt, Ruder an Bord geſchafft, ein übriger Kompaß ward herabgelaſſen,„damit das Schiff bei den in jener Weltgegend ſo häufigen Nebeln nicht verloren gehe.“ Dies Alles geſchah ſo ruhig, daß Niemand auch nur eine Ahnung von Gefahr bekam und als mir der Steuermann laut zurief: „Laßt einen gefüllten Brodſack und etwas kaltes Fleiſch ins Lang⸗ 95 boot ſchaffen, Miles— die Leute könnten bis zur Rückkehr hungrig werden,“ ſchien Keiner daran zu denken, daß der Sprechende mehr damit meinte, als er ſo offen ausſprach. Ich hatte aber meine ge⸗ heime Inſtruktion und ließ einen vollen Centner guten Kajüten⸗ zwiebacks ins Boot bringen, während der Koch die Weiſung erhielt, ſeine Keſſel mit Pöckelfleiſch zu füllen; von Letzterem nahm ich auch einiges rohe mit, da die Matroſen ſolches niemals ausſchlagen, ſondern behaupten, es laſſe ſich gleich Kaſtanien verſpeiſen. Der Kapitän war unterdeſſen mit ſeiner Rekognoscirung beſchäf⸗ tigt und ſchien bei ſeiner Rückkehr mit deren Reſultat beſſer zufrieden, als dies bei anderen Perſonen und ähnlichen Aufgaben der Fall geweſen. Er war faſt zwei Stunden abweſend und ſein Ausflug ſchien ihn in ſeiner Theorie über die„hölliſchen Strömungen“— wie Mr. Marble ſie nannte— nur noch mehr beſtärkt zu haben. „Ich bin jetzt hinter den Vorhang gedrungen, Mr. Marble,“ begann der Kapitän, noch ehe er das Schiff erreicht hatte.—„Ja, ja, hinter die Felſen iſt er gekommen!“ brummte der Steuermann als Erwiederung.—„Das Ganze rührt von einem Strudel her der von der Hauptſtrömung an der Küſte gebildet wird und wir find jetzt ein Bischen zu weit herein gerathen.“ Sogar mir kam der Gedanke, was wohl aus uns geworden wäre, wenn wir noch ein Bischen weiter hinein gerathen wären! Der Kapitän ſchien übrigens feſt überzeugt, daß es ihm gelingen würde, das Schiff hinauszuführen, und da dies Alles war, was wir bedurften, ſo war keiner ſonderlich zum Kritiſiren geneigt. Wegen des Langboots, das der Steuermann hinter den Spiegel und aus dem Weg hatte ſchaffen laſſen, ſetzte es zwar noch ein Wörtchen, doch ſchien ſich der Kapitän durch die gegebene Erklärung täuſchen zu laſſen, während das Pockelfleiſch ſchon wüthend in den Keſſeln zu kochen anfing. Alle Matroſen wurden nun zum Ankerlichten aufgerufen. Ruprecht und ich mußten auf die Ragen, um die Segel loszumachen 96 und wir blieben allda, bis die Oberbramſegel an den Maſten flatterten. In wenigen Minuten war das Kabeltau„auf und nie⸗ der“ geſtellt und jetzt kam der kritiſche Theil des Ganzen heran. Der Wind war noch immer ſehr ſchwach und es blieb höoͤchſt zweifelhaft, ob unſer Schiff an einer Felsbank vorbeikommen konnte, welche jetzt über das Waſſer emporzutauchen begann und gegen die jene langen, ſchweren Rollwogen aus Südweſt mit einer Heftigkeit hereinbrachen, die bewies, welche Allgewalt der Ocean ſelbſt in ſolchen Angenblicken friedfertigen Schlummers in ſich beherbergte. Das Steigen und Fallen der Waſſerfläche glich dem Athmen eines Seeun⸗ geheuers, deſſen Bruſt ſich im Schlafe hebt und ſenkt. Sogar der Kapitän zögerte mit dem Befehle, bei ſolchem Waſſerandrange von der Leeſeite und bei ſo gar ſchwachem Winde den Grundanker zu heben. Unter unſerem Steuerbordbug befand ſich übrigens eine kleine Bugt*† und Mr. Marble meinte, es ſei nicht ſo übel, wenn man in jener Richtung ſondirte, da das Waſſer dort ruhig und tief ſchien. Ihm kam es wirklich vor, als ſei dort ein landeinwärts ziehender Strudel, der das Schiff um ſeine ſechs⸗ bis achtfache Länge windwärts führen und ſo immer noch günſtiger wir⸗ ken würde, als der Verluſt, welcher unfehlbar eintrat, ſowie man das Gallion zuerſt ſeewärts ſtellte. Der Kapitän gab die Richtigkeit dieſer Andeutung zu und diesmal war ich einer von denen, welche mit dem Jollboot zum Sondiren ausgeſchickt wurden. Wir ruderten gegen die Klippen und waren noch nicht fünfzig Schritt weit gekommen, als wir in der That auf einen Strudel ſtießen, der eben ſo ſtark war als die Strömung, welche gegenwärtig unſer Schiff trug. Dies war ein großer Vortheil, um ſo mehr als das Waſſer bis an den Rand des die Bugt bildenden Riffes, das dieſe Aende⸗ rung in der Richtung der Strömung veranlaßte, die gehörige Tiefe „ Art kleiner Hafen. D. U. ³●̈.———— 97 beſaß und auch Raum genug zur Bewegung eines Schiffes darbot. Alles wohl erwogen, war dieſe Entdeckung ein wahres Glück zu nennen, denn von dieſer Bugt aus wären wir in vergangener Nacht ans Land getrieben worden, wenn ſich unſere Ohren nicht beſſer als unſere Naſen bewährt hätten. Sobald der Kapitän hierüber im Klaren war, ließ er nach dem Schiffe zurückrudern, um Aller Herzen durch dieſe Nachricht zu erfreuen. Frohen Muthes bemannten wir nun die Handſpeichen und fingen an den Anker zu heben. Nie werde ich den Eindruck vergeſſen, welchen die ſchnelle Abtrift des Schiffes auf mich machte, ſobald der Anker aus dem Grunde gehoben und der Bug des Schiffes zum Füllen der Segel landwärts geſtellt war. Die Küſte war ſo nahe, daß ich unſere Abtrift an den Felſen wahrnehmen konnte und mehrere Sekunden lang ſchwebte mir fortwährend das Herz auf der Zunge. Allein der John arbeitete aus Leibeskräften und hatte ſich bald ſeine Bahn gebrochen; ehe aber ſein Kiel die Bugt berührte, mußten wir uns noch mit wahrer Seelenangſt von der Stärke der eigentlichen Strömung überzeugen, welche uns faſt bis an das äußere Riff hinabgezogen hatte, an dem wir doch nothwendig erſt windwärts vorbeikommen mußten. Marble ſah Alles mit an und flüſterte mir den Befehl ins Ohr, der Koch ſolle das Poͤckelfleiſch ſogleich ins Langboot ſchaffen, ohne ſich länger darum zu bekümmern, ob es völlig gar gekocht ſey oder nicht. Ich gehorchte und hatte nachher für meine Mühe das Vormarsſegel höchſteigenhändig zu ſchweien, als der Befehl„Alles fertig“ gegeben wurde. Der Strudel erwies ſich an uns als ein ächter Freund, führte uns aber nicht viel höher hinauf als unſer früherer Ankerplatz ge⸗ legen hatte, bis wir endlich vieren mußten. Wegen unſerer Un⸗ kenntniß des Ankergrundes hatte dies ſehr zeitig zu geſchehen, ſo daß der John ſein Gallion bald wieder ſeewäͤrts kehrte. So zog Miles Wallingford. 7 98 er eine kurze Strecke weiter, worauf das große Marsſegel rück⸗ wärts geſchweit und das Schiff ſeiner Abtrift überlaſſen wurde; ſpäter füllten ſich die Segel wieder und wir wendeten dann noch einmal, ſo daß das Gallion gegen die Bugt hinſah. Daſſelbe Mansver ward wiederholt, bis wir die Leeſeite des Schiffs und damit gerade die Stellung, die wir uns wünſchten, gewonnen hatten. Es war ein Augenblick des tiefſten Bangens, als Kapitän Robbins beſchloß, den John die wahre Strömung durchſchneiden und zwiſchen den Klippenreihen Spießruthen laufen zu laſſen. Die Strecke, die wir zurückzulegen hatten, bis wir möglicherweiſe das nächſte Riff luswaͤrts umſegeln konnten, mochte etwa eine Kabel⸗ länge breit ſeyn; auch ließ ſich vorausſehen, daß der Wind uns kaum ſo weit hinaufführen würde, daß wir ihn rechtwinklich zu faſſen vermöchten, denn er war ſo ſchwach, daß ich eigentlich fürch⸗ tete, wir würden gar nichts damit ausrichten können. Kapitän Robbins brachte ſein Schiff mit vieler Ueberlegung in die Strömung; er führte es bis dicht an den Rand des Strudels und ließ dann mit einem Male das Steuer faſt ganz niederſtellen. Ohne das Zuſammentreffen von Strömung und Strudel, wovon die erſtere gegen die Steuerbord⸗, der zweite aber gegen die Backbord⸗ ſeite herandrang, wäre das Schiff ohne Zweifel zurückgeriſſen worden: ſo aber brachten dieſe gegen einander ankämpfenden Kräfte den John in den richtigen Kurs, ohne daß er auch nur einen Zoll leewärts abgefallen wäre. Jetzt kam der Augenblick der Entſcheidung. Das Schiff, ſcharf angehalt, zog in ſtetigem Gange über die gefährliche Stelle, viel⸗ leicht begünſtigt durch eine leichte Verſtärkung des Windes, die eben jetzt eingetreten war. Der leewärts ſich ausdehnende Strich Waſſer bot aber immer noch einen furchtbaren Anblick und als wir dem Riffe nahe kamen, glaubte ich jede Hoffnung ver⸗ ſchwunden. Marble biß die Lippen zuſammen und verwandte keinen „ — g 8N8= N 99 Blick von den Luvwänden der Segel. Alle Anweſenden ſchienen den Athem anzuhalten, als ſich das Schiff auf den langen Grund⸗ wellen emporrichtete und ſachte immer weiter vordrang. So kamen wir auf einer der zahlreichen Wogenwölbungen an dem nächſten Felsvorſprunge vorüber; das Schiff ſtreifte nur leicht an dem Felſen, als wir an dieſer augenſcheinlichen Gefahr vorüberglitten und der leichte Stoß, den es erlitt, erregte nur wenig Beſorgniß. Schon faßte Kapitän Robbins des Steuermanns Hand, um ſie in der Freude ſeines Herzens zu ſchütteln— da geſchah uns, wie einem Wanderer, der unerwartet auf einen Stein ſtoͤßt, wäh⸗ rend er auf drei Schritte keinen ſolchen nahe glaubte: das Schiff prallte auf einen Felſen mit ſo furchtbarem Stoße, daß die Haͤlfte der Mannſchaft davon zu Boden geworfen wurde und alle drei Stengen zu gleicher Zeit leewärts überſtürzten. Es iſt in der That ſchwer, dem Leſer ein deutliches Bild von der Verwirrung einer ſo grauenvollen Scene zu geben. Die Be⸗ wegung des Schiffs war plötzlich wie durch eine Mauer gehemmt und das ganze Gebände ſchien bis zur Vernichtung getroffen. Die nächſte Rollwoge, welche hereinbrach und ohne unſer Dazwiſchen⸗ treten am Land verlaufen wäre, thürmte ſich jetzt an dem maͤchtigen Körper empor, den ſte auf ihrem Wege antraf, und brach, Alles überſchwemmend, über unſer Deck daher. In demſelben Augenblicke hob ſich der Rumpf, von Wind, Wogen und Strömung empor⸗ getragen, und ſiel noch weiter über das Riff herein, wobei die ſtärk⸗ ſten Ciſenbolzen wie Wachsſtäbe zerbrachen und die feſteſten Eichen⸗ balken des Schiffbodens gleich Weidenruthen zerknickten. Leichenblaß ſtand der Kapitän am Hauptmaſt: einen Augenblick lang malte ſich Verzweiflung in ſeinen Zügen; dann aber gewann er die Faſſung und Selbſtbeherrſchung eines Seemannes wieder. Er gab den Befehl, den Stromanker im Langboot windwärts zu 100 führen und einen Wurfanker zum Aushalen in der Jolle hinaus⸗ zuſchicken. Marble antwortete zwar mit dem üblichen:„Ja, ja, Sir!“ wagte aber noch, ehe er uns auf die Boote ſchickte, zu berichten, daß das Schiff im Kiele leck ſey— er hatte Balken krachen hoͤren, ſo daß er wohl kaum einem Zweifel Raum geben durfte. Man ſondirte mit den Pumpen— das Schiff hatte im Kiel⸗ raume bereits ſieben Fuß Waſſer, nach einem Zeitraum von zehn Minuten! Der Kapitän wollte aber ſeinen John immer noch nicht auf⸗ geben: er befahl uns, mit dem Ueberbordwerfen des Thees den Anfang zu machen, um wo möglich die Größe des eingeſtoßenen Lecks ermeſſen zu koͤnnen. Zu dieſem Zwecke wurde die große Lucke bedeutend erweitert und nach dem unteren Kielraume, wo ſich das Waſſer befand, ein Gang eröffnet. Inzwiſchen tauchte ein Südſeematroſe, den wir zu Canton auf⸗ gegabelt hatten, an der Leeſeite des vermutheten Schiſſsleckes unter und kam bald mit dem Berichte zurück, ein ſcharfes Felsſtück ſey durch alle Planken des Kiels gedrungen. Unter dieſen Umſtänden, da Alles die Ausſage des Mannes immer mehr bekräftigte, rief der Kapitän die geſammte Mannſchaft auf dem Quarterdeck zur Be⸗ rathung zuſammen, um die ferneren Maßregeln gemeinſchaftlich zu erwägen. Ein Kauffahrer beſitzt keinen Anſpruch mehr auf die Dienſte ſeiner Bemannung, ſobald er hoffnungslos Schiffbruch gelitten hat. Letztere genießt zum vollen Betrage ihrer Löhnung ein Retentionsrecht auf Schiff und Ladung und das Geſetz beſtimmt nicht ohne Billigkeit, daß mit dem Aufhören dieſer Hypothek die Anſprüche auf Dienſt⸗ barkeit gleichfalls erlöſchen. Daraus folgte natürlich, daß wir, ſo⸗ bald man den John aufgegeben hatte, unſere eigenen Herren ge⸗ worden waren und ſomit ſelbſt Neb zur Berathung beigezogen werden mußte.— Bei einem Kriegsſchiffe hätte ſich der Fall ganz — 2——— 101 anders geſtaltet, denn dort werden die Dienſte von der Regierung bezahlt, ob das Schiff Schiff bleibt oder nicht, ob man Schiff⸗ bruch leidet oder nicht; der Matroſe hat ſeine übernommene Dienſtzeit, ob kürzer oder länger, auszuhalten, und die militäriſche Disciplin erſtirbt unter keinen Umſtänden. Kapitän Robbins war kaum ſeiner Sprache mächtig, als wir uns auf dem Vorkaſtell um ihn verſammelten, da die Wogen mit einer Heftigkeit über das Quarterdeck hereinbrachen, welche dieſes „Allerheiligſte“ zu einem ſehr unbequemen Aufenthalt umgeſtaltete. Sobald er ſich genugſam gefaßt hatte, theilte er uns mit, daß das Schiff rettungslos verloren ſey. Wie dies zugegangen, konnte er ſich ſelbſt nicht recht erklären, ſchrieb es aber dem Umſtande zu, daß die Strömungen nicht diejenige Richtung hätten, welche ſie aller geſunden Vernunft zufolge eigentlich beobachten ſollten. Dieſer Theil ſeiner Rede war nicht völlig klar; wie ich aber unſern unglücklichen Kapitän verſtand, ſo mußten die Naturgeſetze ausdrücklich in der Abſicht, den armen John aufs Felſenbett zu führen, und unter gewiſſen unerklärlichen Einwirkungen, auf irgend eine Art, von ihrer gewöhnlichen Bahn abgewichen ſeyn. Wäre dies etwa nicht die Bedeutung ſeiner Worte geweſen, ſo müßte ich nur dieſen Theil ſeiner Anrede gar nicht begriffen haben. Sobald der Kapitän aus der Strömung heraus war, wurden ſeine Worte weit verſtändlicher. Er ſagte uns, die Inſel Bourbon ſey blos etwa vierhundert Meilen von unſerem jetzigen Standpunkte entfernt und er halte es wohl für möglich, dieſe Strecke zurück⸗ zulegen, dort ein kleines Fahrzeug aufzutreiben und noch einen Theil der Ladung, Segel, Anker u. ſ. w. zu retten. Wir könnten dann vielleicht noch ſo viel herausſchlagen, daß jeder vor der Hand geborgen wäre und wir für unſere Verluſte doch nicht ganz ohne Entſchädigung blieben. Dies lautete nicht ſo übel und hatte wenigſtens die Wirkung, daß es uns ein Ziel für unſere Anſtrengungen vor Augen hielt und die Lebensgefahr, die wir Alle zu beſtehen hatten, mehr in den Hintergrund drängte. Von einer Landung auf der Inſel Madagascar konnte zu damaliger Zeit keine Rede ſeyn: die Ein⸗ wohner hielt man für weit weniger civiliſirt als ſie in Wirklich⸗ keit waren und unter Seeleuten beſonders ſtanden ſie in üblem Rufe. So blieb uns alſo nichts übrig, als die Boote auszurüſten und die unmittelbaren Anſtalten zu unſerer Abreiſe zu treffen. Jetzt erſt erkannten wir die Vortheile der bereits getroffenen Vorkehrungen. Wir fanden nur noch wenig zu thun und was be⸗ reits vollendet worden, war beſſer gerathen, als wenn wir gewartet hätten, bis das Wrack ſich bis zur Hälfte mit Waſſer füllte und die Wogen vollends ganz darüber zuſammenſchlugen. Der Kapitän übernahm die Beſorgung des Langboots und ſchickte Mr. Marble mit Ruprecht, dem Koche, Neb und mir auf die Jolle mit dem Befehle, dieſe ſo dicht wie möglich bei dem Langboot zu erhalten. Beide Boote hatten Segel und waren ſo eingerichtet, daß ſie bei Windſtillen oder widriger Bö mit Rudern bewegt werden konnten. Wir nahmen mehr als den nöthigen Be⸗ darf an Waſſer und Lebensmitteln ein, da wir an dem Steuermanne und dem Koch zwei gewandte Proviantmeiſter beſaßen, und nachdem wir, als unſern Antheil an den unumgänglichen Erforderniſſen, einen Kompaß nebſt Karte und Quadranten erhalten hatten, waren wir etwa zwei Stunden nach dem Schiffbruche des John zur Ab⸗ fahrt bereit. Der Mittag war eben angebrochen, als wir von dem Wracke abſtießen und uns unmittelbar vom Lande entfernten: der Wind ſchien unſerer Berechnung zufolge gerade der Art, daß wir unſern Kurs mit vollen Segeln verfolgen konnten. Erſt als wir in den Ocean hinausliefen, fanden wir ſo recht Gelegenheit, die Geſahren zu ent⸗ decken, denen wir bei der Einfahrt entgangen waren, und ich meines Theils fühlte ſelbſt in dem Augenblicke, da ich in einer bloßen — 10³3 Nußſchaale von Boot in den weiten Ocean hinauslief, den heißeſten Dank für die große Gnade, die uns zu Theil geworden war. Wir waren nicht ſobald in tiefem Waſſer, als der Kapitän und der Steuermann abermals auf das Thema der Strömungen zu ſprechen kamen. Erſterer blieb trotz all der Schwierigkeiten, in welche ſeine altväteriſche Theorie ihn geſtürzt hatte, noch immer auf der Meinung, die wahre Strömung ziehe eigentlich windwärts, was wir auch finden würden, ſobald wir nur etwas weiter in die offene See hinauskämen; der Steuermann aber war freimüthig genug, zu erwiedern, er ſey die ganze Zeit über der Anſicht geweſen, daß ſie die entgegengeſetzte Richtung verfolge. Er fügte noch bei, die Inſel Bourbon ſey ein ſehr kleiner Fleck, wenn man darauf loszu⸗ ſteuern habe, und man werde wohl beſſer thun, erſt ihre Länge zu erreichen und ſie dann mittelſt Meridianbeobachtungen aufzufinden, als über Dinge, von denen wir nichts verſtünden, noch länger unnützen Spekulationen nachzuhängen. Der Kapitän und ſein Steuermann betrachteten die Dinge aus gar verſchiedenem Geſichtspunkt und ſo mußten wir einmal wieder abhalten, ſtatt daß wir aus Leibeskräften drauf los gelufft hätten. Zum Glück blieb uns das Wetter fortwährend günſtig, ſonſt wäre es unſerm kleinen Boote wohl ſchlimm ergangen; daſſelbe war übrigens ein weit beſſerer Segler als das Langboot und mußte daher bald einreffen, um in deſſen Geſellſchaft zu bleiben. Bei Sonnenuntergang waren wir ſchon mehr als zwanzig Meilen vom Lande entfernt; von der Küſte war nichts mehr zu ſehen, nur die Berge im Innern zeigten auch noch in dieſer Ent⸗ fernung ihre großartigen Umriſſe. Als endlich die Nacht über uns hereinbrach und ich mich in einem Boote, weit kleiner als das, womit ich den Hudſon beſchifft hatte, auf dem weiten Oceane ſah, mit jeder Minute weiter und weiter in die öde Waſſerwüſte hinaus⸗ treibend— da, muß ich geſtehen, begann ich wieder an Clawbonny zu denken, an ſeine Ruhe und Sicherheit, an die ſtillen Nächte, die wohlbeſetzte Tafel, die behaglichen Betten— und zwar mit einer Sehnſucht, wie ich ſie noch nie zuvor empfunden hatte. In der Nahrung wurden wir übrigens keineswegs beſchränkt, denn Mr. Marble hatte uns über die Art und Weiſe, wie wir. unſere Zähne an dem halbgekochten Pöckelfleiſch verſuchen ſollten, an ſeiner eigenen Perſon ein Beiſpiel aufgeſtellt, das ſeiner Philo⸗ ſophie alle Ehre machte. Er betrachtete zwar— ſo viel Gerech⸗ tigkeit muß man ihm widerfahren laſſen— eine Fahrt von vier⸗ hundert Meilen in einem Jollboote für keine ſonderliche Sache, nahm aber Alles ſo ſtreng und regelrecht, wie wenn er ſich noch an Bord des John befände; auch genoſſen wir der trefflichſten Nachtruhe, ſo weit nämlich unſere zuſammengekrümmte Lage dies geſtatten wollte. Gegen Morgen verſtärkte ſich der Wind und die See begann unruhig zu werden. Dies machte ein Abhalten noch nothwendiger, um das Eindringen des Waſſers zu verhüten, oder es mußte dicht aufgeholt werden, was eben ſo gut für uns geweſen waͤre. Der Kapitän gab der Strömungen halber dem letztgenannten Verfahren den Vorzug, ſo kitzlich auch die Arbeit mehr als einmal an dieſem Tage für uns im Jollbhote wurde, da wir ein volles Segel führen mußten, um mit dem Langboote, das uns bei zunehmendem Winde überlegen war, gleichen Schritt zu halten. Marble war ein verteufelter Kerl in Allem, was die Führung von Schiff oder Boot anlangte und wir behaupteten unſere Stellung wunderwürdig, ſo daß die beiden Fahrzeuge nie über Kabellaͤnge aus einander kamen und ſich die meiſte Zeit auf Anrufweite nahe blieben. Bei Annäherung der Nacht wurde nun aber eine Berathung gehalten, wie man ſich gegenſeitig anſchließen wollte. Wir waren jetzt dreißig Stunden unterwegs und hatten unſrer Rechnung zufolge nahe an hundertundfünfzig Meilen zurückgelegt. Glücklicherweiſe war der Wind beinahe ganz nach Weſten umge⸗ ſprungen und die beiden Boote hielten einen wahren Wettlauf, nur 105 daß wir Allem aufbieten mußten, damit die Jolle ſich nicht mit Waſſer füllte, weßhalb meiſtens einer, manchmal aber auch alle vier Matroſen mit Ausſchöpfen beſchäftigt waren. Dies Alles kam bei der Berathung zur Sprache: der Kapi⸗ tän ſchlug vor, wir ſollten die Jolle verlaſſen und auf das Lang⸗ boot herüberkommen, ſo ſehr es dieſem auch an übrigem Raume gebrechen mochte. Der Steuermann widerſetzte ſich aber dieſem Anſinnen und meinte, er könne wenigſtens noch eine Weile lang unſer Boot unter ſorgſamer Aufſicht halten. So blieb es denn bei der früheren Anordnung und die beiden Fahrzeuge ſuchten ſo dicht als möglich an einander anzuſchließen. Gegen Mitternacht verſpürten wir einzelne Windſtöße; zwei oder drei Mal mußten wir ſogar unſere Segel einnehmen und die Riemen einſetzen, um durch hartes Rudern gegen die Wogen wenig⸗ ſtens das Verſinken unſeres Fahrzeugs zu verhindern. Dies hatte zur Folge, daß wir das Langboot aus dem Geſicht verloren und — obwohl wir immer, ſo weit die Windſtöße es geſtatteten, auf unſern Kurs abhielten— bei Sonnenaufgang unſere Gefährten nir⸗ gend mehr gewahrten. Ich habe mir manchmal gedacht, Mr. Marble habe ſich ab⸗ ſichtlich von dem Kapitän getrennt, ſo ſehr er auch am andern Morgen beſtürzt ſchien, als er ſich überzeugte, daß das Langboot nicht mehr zu ſehen war. Wohl eine Stunde lang ſchaute er darnach aus: da aber der Wind unterdeſſen nachließ, ſo wurden die Segel ſcharf an den Wind gehalt— eine Richtung, welche uns bald von unſeren Gefährten getrennt hätte, auch wenn dieſe beim erſten Ergreifen derſelben dicht neben uns geweſen wären. Wir machten den Tag über ſehr gute Fortſchritte und mochten am Abend, nach einer Fahrt von vierundfünfzig Stunden im Ganzen, ſo viel wir berechnen konnten, mehr als die Hälfte des Wegs nach unſerem Hafen zurückgelegt haben. Die Nacht brachte uns eine Windſtille und mit dem nächſten Morgen hatten wir die Briſe ge⸗ 106 rade hinter uns, was den Lauf unſerer Jolle wahrhaft beflügelte, ſo daß wir manchmal ſechs bis ſieben Knoten auf die Stunde zählten. Dieſer gute Wind dauerte dreißig Stunden und wir müſſen während dieſer Zeit mehr als hundertundfünfzig Meilen hinter uns gebracht haben. Am Morgen des vierten Tages aber, eine Stunde vor der Dämmerung war die Briſe beinahe völlig erſtorben: wir Alle waren ſehr begierig, was der Horizont an dieſem Morgen uns zeigen würde und als die Sonne emporſtieg, heftete ſich jedes Auge in tiefer Spannung gegen Oſten. Umſonſt— nirgends war eine Spur von Land zu erkennen. Marble's Blicke verriethen bittere Täuſchung, doch ſuchte er uns mit der Hoffnung zu ermuntern, daß wir die Inſel nächſtens zu Geſicht bekommen müßten. Wir ſteuerten ſofort gerade gegen Oſten, wobei uns eine leichte Briſe aus Nordoſten begünſtigte. Ich ſtand eben auf einem Doſt? aufrecht im Boote und hatte das Geſicht gen Süden gewendet— da war mir, als ob ich in dieſer Richtung eine Anhöhe des Landes gewahrte. Ich ſah es nur einen Augenblick lang; aber was es auch geweſen ſeyn mochte— ich hatte es ganz deutlich wahrgenommen. Mr. Marble trat nun auch auf den Doſt und mühte ſich vergeblich, denſelben Gegenſtand mit dem Auge zu erhaſchen. Er ſagte, es befinde ſich— koönne ſich gar kein Land in jener Richtung befinden und nahm dann wieder ſeinen Sitz am Steuer ein, das er etwas nordöſtlich geſtellt hatte. Ich konnte mich bei dieſer Verſicherung nicht beruhigen, ſon⸗ dern blieb auf meinem Doſt, bis das Boot von einer ungewöhnlich hohen Woge emporgetragen wurde— und jetzt ſah ich abermals am Rande des Oceaus einen braunen, neblichen Fleck hervorragen. Meine Betheurungen wurden nun ſo ernſtlich, daß Marble ſich entſchloß, eine Stunde lang in der von mir bezeichneten Richtung hinzuſteuern. „Eine Stunde will ich Dir bewilligen, mein Junge,“ erwie⸗ *„Balken“ eines Boots. D. U. 107 derte der Steuermann, die Uhr hervorziehend,„und wäre es auch nur um Dir den Mund zu ſtopfen, damit Du mir ſpäter nichts in die Schuhe ſchieben mögeſt.“ Um dieſes Gnadenſtündlein ſo gut wie möglich zu benützen, vereinigte ich alle meine Kameraden an den Riemen und wir ruderten nun aus Leibeskräften. Mir war jeder Fadenbreit, den wir ge⸗ wannen, von ſolcher Wichtigkeit, daß wir nicht eher von unſern Sitzen aufſtanden, als bis der Steuermann uns inne zu halten befahl, da die Stunde vorüber war. Auch er hatte ſich nicht vom Platze erhoben, ſondern immer rückwärts gegen Oſten geſchaut, in der ſteten Erwartung, das Land in jener Richtung auftauchen zu ſehen. Mein Herz pochte hörbar, als ich auf den Doſt ſprang— da lag aber auch der früher erblickte Gegenſtand, ohne ferner vor mir zu verſchwinden.„Land ho!“ rief ich laut: auch Marble ſchwang ſich jetzt auf eine der Dielen und konnte mein Wort nicht länger beſtreiten. Land war's, das gab er zu und es mußte wohl auch die Inſel Bourbon ſeyn, die wir bereits nordwärts paſſirt hatten und bald für immer aus den Augen hätten verlieren müſſen. Mit erneuter Kraft ging's nun wieder an die Ruder und bald flog das Boot der Küſte entgegen. Wir ruderten den ganzen Tag bis fünf Uhr Abends und waren nur noch wenige Meilen von der⸗ Inſel Bourbon entfernt; hier aber kam uns eine friſche Briſe aus Süden entgegen und wir waren genöthigt, die Segel einzuſetzen. Der Wind hörte endlich auf und wir ſtrichen nun an der Leeſeite der Inſel hin, da wir fanden, daß die See für uns zu hoch zu werden anſing, was jedesmal der Fall war, ſo oft wir zu weit weſtlich oder öſtlich gelangten— mit einem Worte, die Leerichtung war das Einzige, was uns übrig blieb. Gegen zehn Uhr Nachts ſtanden wir noch eine Meile vom Ufer entfernt, ſahen aber nirgends eine Stelle, wo uns eine Lan⸗ dung im Dunkeln gerathen ſchien: die See bildete zu beiden Seiten 108 der Inſel lange, ſchwere Wogen, doch war da, wo wir uns jetzt befanden, noch wenig von der Brandung zu verſpüren. Endlich wurde der Wind ſo heftig, daß wir ſogar unſer doppelt gerefftes Segel nicht länger führen konnten, und wir ruderten nun mit zwei Rudern ſachte gegen die Küſte, indem wir uns von Stunde zu Stunde ablösten. Mit Tagesanbruch ſteigerte ſich der Wind zum Sturme und wir waren herzlich froh, als wir eine kleine Bucht entdeckten, wo eine Landung möglich ſchien. Noch nie in meinem Leben hatte ich der Vorſehung mit ſolcher Inbrunſt gedankt, als in dem Augenblick, da ich meinen Fuß endlich auf terra firma ſetzte. Wir blieben eine Woche lang auf der Inſel, in der Hoffnung, das Langboot und ſeine Bemannung zu Geſicht zu bekommen— aber keines von Beiden wollte ſich zeigen. Dann fuhren wir nach Isle de France hinüber, wo wir bei unſerer Ankunft erfuh⸗ ren, daß man wegen des letzten Sturmes ernſtliche Beſorgniſſe hegte. Es gab damals noch keinen amerikaniſchen Konſul auf der Inſel und ohne Geld oder Kredit fand Mr. Marble es unmöglich, ein Fahrzeug irgend einer Art aufzutreiben, um nach dem Wrack zurückzuſteuern. Auch wir waren ganz ohne Geld und als daher ein auf der Heimfahrt begriffenes Calcuttaſchiff in den Hafen einlief, verdingten wir uns gegen freie Ueberfahrt auf dieſem— Mr. Marble als Unterſteuermann und wir andern auf dem Vorkaſtell. Das Schiff hieß der„Tigris“ und gehörte nach Philadelphia; es galt für eines der beſten amerikaniſchen Fahrzeuge und ſein Kapitän— ein kleiner Mann, mit Namen Digges, damals als ich ihn kennen lernte, noch keine dreißig Jahre alt— ſtand in dem Rufe eines thätigen und höchſt erfahrenen Seemannes. Er nahm uns blos aus Liebe zu ſeinem Vaterlande an Bord, denn ſein Schiff war auch ohne uns fünf ſtark genug bemannt und zählte— Alles in Allem gerechnet— zweiunddreißig Köpfe. Wir erfuhren ſpäter, daß Kapitän Digges, durch nachgeſendete Briefe veranlaßt, zu Calcutta 109 noch ſünf weitere Matroſen angeworben hatte, um den Seeräubern gewachſen zu ſeyn, welche damals unter dem Vorwand, die Ameri⸗ kaner hätten gewiſſe Regulative zwiſchen den beiden, einander be⸗ kriegenden Hauptmächten Europa's verletzt— die Schiffe dieſer Nation ſogar an ihren eigenen Küſten auszuplündern anfingen. Dies war der Beginn des quasi Kriegs, der wenige Wochen ſpaͤter mit Frankreich wirklich zum Ausbruch kam. 22. Von all' dieſen feindlichen Symptomen wußte ich übrigens dazumal gar wenig und kü mmerte mich noch weniger darum. So⸗ gar Mr. Marble hatte nie davon gehört und wir traten auf den Tigris, blos um nach Haus zurückzukehren, ohne dabei an andere Gefahren zu denken, als wie die See ſte zu jeder Stunde mit ſich bringt. Noch an demſelben Tage, da wir uns verdingten— ſeit un⸗ ſerer Ankunft zu Mauritius am dritten und gerade fünfzehn Tage, nachdem wir das Wrack verlaſſen hatten— ging der Tigris bei günſtigem Südwind unter Segel. Wir verloren die Inſel raſch aus dem Geſicht und legten an jenem Nachmittag und im Laufe der Nacht mehr als hundert Meilen zurück. Am nächſten Morgen hatte ich eben die Frühwache und es wurde Befehl gegeben, die Lee⸗Bramſegel einzuſetzen. Ruprecht und ich waren auf dieſem Schiffe zu derſelben Wache kommandirt worden und wir machten uns alſo auf die Marſen, um die Kardeelen zu reffen. Ich hatte das eine Ende der Raabanden gerefft und ſie an dieſem Theile nie dergehalt, als ich beim Aufblicken gerade auf unſerem Luvbug zwei kleine Sturmſegel auf dem Ocean gewahrte, welche ich augenblicklich fuͤr die unſeres früheren Langboots erkannte. „Segel ho!“ rief ich mit gellender Stimme— ſo ſehr wurde ich bei dieſem Anblick von meinen Gefühlen üͤbermannt— faßte dann ein Oberbrambagſtag und ſtand im nächſten Augenblicke auf dem Deck. Ich deutete mit halbwahnwitziger Gebaͤrde windwärts, 110 und Mr. Marble, der eben die Wache hatte, mußte erſt tüchtig an mir rütteln, bis ich ihm meine Entdeckung mittheilen konnte. Sobald er mich begriffen und ſich die Lage des Bootes ge⸗ merkt hatte, ließ er alle Leeſegel herabhalen und das große Segel einſetzen, braßte dann ſcharf an den Wind und ließ die Sache ſofort an Kapitan Digges melden und deſſen Befehle einholen. Unſer neuer Kommandant war ſehr menſchenfreundlichen Charakters, und da wir ihm ſchon früher unſere ganze Geſchichte erzählt hatten, ſo zögerte er keinen Augenblick, die bereits getroffenen Maßregeln gut zu heißen. Auf dem Langboot hatten ſie unſer Schiff etwas früher ent⸗ deckt, als ich ſte wahrgenommen hatte, und kamen nun auf uns zu⸗ gelaufen, ſo daß wir nach Verfluß einer Stunde die winzigen Se⸗ gel vom Deck aus unterſcheiden konnten. Von jetzt an dauerte es keine Stunde mehr, bis ſich unſere große Raa herumdrehte, das Marsſegel backlegte, und das wohlbekannte Langboot des John dicht unter unſer Lee heranfuhr, um mittelſt eines ausgeworfenen Taues an Bord gehalt zu werden. Wir alle auf dem Tigris konnten nicht ohne Erſchütterung den Zuſtand der armen Schiffbrüchigen mit anſehen. Ein Mann, ein athletiſcher Neger, lag todt auf dem Boden des Boots; ſeine Leiche war für eine traurige Alternative zurückbehalten worden, falls ſeine Gefährten kein anderes Stillungsmittel des Hungers auffinden ſollten: drei Andere ſchienen dem Tode nahe und ſollten, gleich lebloſen Güterballen, zu demſelben Zwecke aufbewahrt werden. Kapitän Robbins und Kite, Beide von ſtarker, gewaltiger Konſtitu⸗ tion, glichen Geſpenſtern, ſo waren ihnen die Augen aus den Höhlen getreten, als ob ſie von einem innerlichen Feinde hervorgedrängt worden wären, und als wir ſie anredeten, ſchienen Beide unfähig zu antworten. Nicht ſowohl der Hunger oder das Entbehren von Nahrung war es, was ſie ſo weit gebracht hatte, als vielmehr der Mangel an 111 Waſſer. Sie hatten zwar noch ſo viel Brod übrig, um Leib und Seele einige Stunden länger zuſammenzuhalten; dagegen war ſeit ſiebzig fürchterlichen Stunden kein Tropfen Waſſer über ihre Lippen gekommen! Wie es ſchien, hatten ſie während des Sturms zur Erleichterung des Boots ihre Waſſertonnen leeren müſſen und nur eine einzige für ihr unmittelbares Bedürfniß übrig behalten. Durch einen unglücklichen Mißgriff ward dieſe eine ſchon damals halb geleert, und Kapitän Robbins glaubte ſich ſo nahe bei Bour⸗ bon, daß er nicht eher an eine Verminderung der Portionen dachte, als bis es zu ſpät war. In dieſer Lage hatten ſie zehn Tage lang die Inſeln aufgeſucht, waren daran vorübergefahren, ohne jemals darauf zu ſtoßen, hatten mit widrigen Winden gekämpft und in ben letzten paar Tagen wegen gar zu ungünſtiger Witterung alle Be⸗ obachtungen einſtellen müſſen, ſo daß es demnach kein Wunder war, wenn ſie ſowohl nach Länge als Breite ihren Kurs gänzlich verfehlt hatten. Ein Blick des Erkennens und, wie mir ſchien, der Freude zuckte über Kapitän Robbins Antlitz, als ich ihm über den Bord des Tigris hereinhalf— er ſah, er war gerettet. Er wankte ſtark im Gehen und mußte ſich mit ſeiner ganzen Schwere auf mich ſtützen. Ich wollte ihn nach hinten führen— da fiel ihm aber die Oeff⸗ nung der Springlucke und der zinnerne Topf darüber ins Auge: dorthin wandte er ſich und griff mit zitternder Hand nach dem Ge⸗ fäß. Ich reichte es ihm, wie es war; er ſtürzte den Inhalt— etwa ein Weinglas voll Waſſer— auf einen Zug hinunter und ſtotterte dann wankend nach mehr. Jetzt aber trat Kapitän Digges herzu und gab die nöthigen Weiſungen über unſer ferne⸗ res Verfahren. Die armen Erſchöpften erhielten ihr Waſſer nur in kleinen Portionen, und wunderbar war's zu ſehen, mit welchem Entzücken ſte jedesmal den heißerſehnten Trank begrüßten. Sobald ſie die Nothwendigkeit begriffen, das Genoſſene, ehe ſie's verſchluckten, ſo 112 lange wie möglich im Mund und auf der Zunge zu behalten, ge⸗ währte ihnen ſchon ein kleiner Schluck ſichtbare Erleichterung. Nach dieſem gaben wir ihnen etwas Kaffee von unſerem Frühſtück, das eben fertig war, und dann ein wenig Schiffszwieback in Wein getaucht. Auf ſolche Art wurden Alle gerettet; doch dauerte es faſt einen ganzen Monat, bis ſie vollkommen hergeſtellt waren. Kapi⸗ tän Robbins und Kite wurden ſchon früher, gegen Ende der Woche, dienſttüchtig, wiewohl man nicht mehr von ihnen forderte, als fie ſelbſt zu thun verlangten. Sechstes Kavitel. Und ſchäumend ziehn die Wogen Hinab die Schifffahrt in die krauſen Wirbel. Macbeth. Der arme Kapitän Robbins! Kaum hatte er ſeine Körper⸗ kraft wieder erlangt, als der Schmerz über den Verluſt ſeines Schiffs an ſeiner Seele zu nagen anfing. Marble, der ſeit ſeiner Degradation zum Unterſteuermann gegen mich weit mittheilſamer als früher geworden war, gab mir zu verſtehen, unſer ehmaliger Vorgeſetzter habe zuerſt bei Kapitän Digges ſondirt, ob dieſer nicht nach dem Wrack zu ſteuern geneigt wäre, um zu ſehen, was noch davon gerettet werden könnte; dieſer aber habe ihn bald über⸗ zeugt, daß ein philadelphiſcher Oſtindienfahrer erſten Rangs noch andere Dinge zu thun habe, als ein„Strander“ zu werden. So ſey demnach der John mit Allem, was darauf war, nach einem ziemlich deutlichen Wink hierüber für immer ſeinem Schickſale über⸗ laſſen worden. Uebrigens war Marble der Meinung, der Sturm, welcher das Langboot beinahe verſchlungen hatte, müſſe das Schiff in Stücke zertrümmert und dieſe im Ocean verſenkt haben: auch 113 bekamen wir nie wieder etwas von ſeinem Schickſale zu hören und Alles, was einſt einen Beſtandtheil des John gebildet, war unſerem Blicke für immer entſchwunden! Zwiſchen Kapit än Robbins und ſeinen beiden Steuermännern ſetzte es manchen Strauß über den in Berechnung der Giſſung be⸗ gangenen Fehler, der ſie ſo weit aus ihrem Kurſe verſchlagen hatte. Die Schifffahrtskunſt war nämlich dazumal noch keineswegs ſo leicht und einfach, wie ſie es heut zu Tage geworden iſt. Zwar wurden auf India⸗ und Chinafahrern in der Regel bereits Mondsberech⸗ nungen verſucht; doch ließen ſich dieſe nicht ſo raſch anſtellen, wie die jetzgen Morgen⸗ und Abendbeobachtungen zum Meſſen der Zeit, und Chronometer zur Beſtimmung der Länge hatte man noch nicht im Gebrauch. Dann waren wir auch erſt ſo kurze Zeit an den In⸗ ſeln vorübergekommen, daß es vor der Hand noch keines ſtarken Kopfzerbrechens bedurfte, und endlich hatten die„verdammten Strö⸗ mungen“ wohl acht bis zehn Tage vor dem Scheitern des Schiffes ihr„hölliſches“ Spiel mit uns getrieben. Trotz ſeines rauhen Weſens und ſeiner ſchlichten Außenſeite war Marble ein ſehr guter, ja ſogar einer der beſten Seefahrer, unter denen ich jemals gedient habe; im Ganzen genommen behan⸗ delte er auch ſeinen ehemaligen Kommandanten mit vieler Rückſicht und verſprach, bei ſeiner Rückkehr zur Aufklärung der Sache nach Kräften beizutragen. Was Kite betr ifft, ſo verſtand er nur wenig und war ſo klug, noch weniger zu äußern— eine Mäßigung, welche unſere Heimfahrt nur um ſo angenehmer machte. Der Tigris war neben ſeiner guten Ausrüſtung ein trefflicher Schnellſegler, etwas größer als der John und mit zwölf Neun⸗ pfündern bewaffnet. In Folge des Zuwachſes unter ſeiner Be⸗ mannung mochte die Zahl der Köpfe an ſeinem Bord eher fünfzig als vierzig erreichen. Kapitän Digges hatte eine gewiſſe Vorliebe für kriegeriſche Anſtalten, und noch hatten wir lange nicht das Kap erreicht, als er uns ſchon in Backs getheilt und an den Ka⸗ Miles Wallingford. 8 nonen eingeübt hatte. Auch ihm war eine Affaire mit einigen Proen aufgeſtoßen und er ließ ſich ſehr gern über die nachdrüͤckliche Weiſe vernehmen, mit welcher er die Schurken heimgeſchickt hatte. Mir ſchien, als ob er uns um unſerer Heldenthat willen beneide; doch mochte dies bloße Einbildung von meiner Seite ſeyn, denn er zeigte ſich gegen uns nichts weniger als karg in ſeinen Lobſprüchen darüber. Die geheime Nachricht, welche er über die Verhaltniſſe zwi⸗ ſchen Frankreich und Amerika erhalten hatte, beſchleunigte noch ſeine natürliche Geneigtheit für kriegeriſche Rüſtungen, und als wir endlich St. Helena erreichten, konnte man unſerem Schiffe für einen Kauffahrer wenigſtens eine gute Kampfbereitſchaft nicht ab⸗ ſprechen. Die letztgenannte Inſel berührten wir, um Vorräthe einzu⸗ nehmen, konnten aber keine Nachrichten von Intereſſe einſammeln, da die Perſonen, welche uns Schiffsbedarf zuführten, außer den Namen der Indienfahrer, welche in den letzten zwolf Monaten aus⸗ und eingelaufen waren, nichts als die Preiſe von Fleiſch und Früchten anzugeben wußten. Erſt Napoleon gelang es ſiebzehn Jahre ſpäter, ſie zu civiliſiren. Von St. Helena bis zu den ſtillen Breiten hatten wir eine ſehr günſtige Fahrt; dieſe aber zeigten ſich diesmal noch windſtiller als gewöhnlich. Endlich hatten wir uns jedoch auch durch ſie glüͤcklich durchgeplagt, und von da an bis in die Breite der Luv⸗ Inſeln“ ging es uns ganz nach Wunſche. Hier aber bemerkte Marble eines Tags gegen mich, Kapitän Digges halte ſich näher an die franzöſiſche Inſel Guadeloupe, als ihm überhaupt nöthig oder klug ſcheine, woſern jener ſeinen eigenen Berichten üͤber die Ge⸗ fahr, welche dem amerikaniſchen Handel in dieſem Theile des Oceans drohe, Glauben ſchenke. Ich habe zu lange gelebt und von Dingen und Menſchen zu * So nennen die Engländer die kleinere Gruppe der weſtindiſchen Inſeln. D. U. 115 viel geſehen, als daß ich mir einbilden könnte, mein Vaterland wie meine Landsleute müßten in allen ihren Handlungen blos darum Recht behalten, weil Zeitungsblätter, Kongreßmitglieder und die Feſtred⸗ ner des vierten Julius dieſe Lehre zu bekräftigen belieben. Wer jemals auf der See geweſen iſt, wird die Erzählungen der Tagesblät⸗ ter nicht ohne großes Mißtrauen leſen, wenn es darin heißt,„dem amerikaniſchen Handel ſey durch die Behörden dieſes oder jenes Hafens das bitterſte Unrecht widerfahren, hier ſey ein Schiff weggenommen, dort gar Offiziere und Mannſchaft eingekerkert worden.“ Man geht in der Regel weit ſicherer in der Annahme, die beſchädigten Parthien haben Alles, was ihnen begegnet, und vielleicht noch weit mehr verdient, als wenn man dieſelben für ſchuldlos hält, denn die Gewohnheit, ihr Mitgefühl auf dieſe Art angeſprochen zu ſehen, ſetzt die guten Bürger unſerer Republik nur gar zu leicht derlei Täuſchungen aus, und die Mutter, welche ihre Kinder zu ſolchen Kreuzzügen ermuntert, darf ſich nicht wundern, wenn ihr hinter⸗ drein die Ohren mit Geſchrei und Klagen erfüllt werden. Nichtsdeſtoweniger iſt es eine unzweifelhafte Thatſache, daß der commercielle Verkehr unſeres Landes vom Anfang bis zum Schluß der franzöſiſchen Revolution faſt durch alle kriegführenden Mächte Europa's die gräulichſte Einbuße zu leiden hatte. Die Zahl der Räubereien, welche unter dieſem oder jenem Vorwand an dem weit ausgebreiteten Handel unſerer Nation verübt wurden, war ſo ungeheuer, daß die neuliche Weigerung gewiſſer Staaten, ihre Schulden zu bezahlen, dadurch einigermaßen im Lichte vergeltender Ge⸗ rechtigkeit, wenn nicht gar moraliſchen Rechts erſchein t.* Die Vorſe⸗ hung in ihrem untrüglichen Gange weiß jedes Unrecht auf eigene Weiſe zu rächen, und ich bin überzeugt, wenn man die Thatſachen bis auf * 11 Iſt kein Unterſchied zwiſchen Kriegszeiten und Perioden langjährigen Friedens? Weiß der Verfaſſer nichts von einem Fortſchreiten des Rechtsge⸗ fühls? Laſſen ſich Rechtsverletzungen von jetzt und damals und laſſen ſich dieſe mit jenen vergleichen? D. U. 116 den Grund verfolgen könnte, ſo würde man finden, daß der Teufel ſein Werk in beiden Fällen nicht verrichten durfte, ohne von den Leidenden ſelbſt mittelbaren oder unmittelbaren Anlaß dazu erhalten zu haben. Unter allen oben erwähnten Beeinträchtigungen des amerika⸗ niſchen Handels gehörten die von der großen Schweſterrepublik zu Ende des vorigen Jahrhunderts verübten Gewaltthätigkeiten zu den ſchwerſten, denn ſie trugen einen ſo kühnen, trotzigen Charakter an ſich, daß es, ehrlich geſtanden, einigermaßen gegen meine obige Theorie ſtreitet, wenn ich zugebe, daß Frankreich von der„Schul⸗ denſuspenſion“ nur zu geringem Theile getroffen wird, und letzteren Umſtand nur durch den im Frieden von 1831 theilweiſe geleiſteten Erſatz erklären kann... Mit den Engländern iſt der Fall ein ganz anderer, denn ſie haben uns durch ihre Geheimenrathsbefehle und Papierblokaden in einen Krieg geſtürzt, und, um Alles wieder in Ordnung bringen zu können, zu einer Ausgabe von hundert Millionen gezwungen. Ich möchte wohl einmal mit anſehen, wie die beiderſeitigen Bücher — nicht vom Teufel, der eben ſowohl bei jenen Räubereien auf hoher See als bei der„Suspenſion“ oder„Repudiation“ der Staa⸗ tenſchulden ſeine Hand im Spiel hat— wohl aber von dem großen Rechenmeiſter verglichen würden, der ſtrenge alle derartigen Hand⸗ lungen aufzeichnet, ob wir nun durch kreuzende Schiffe oder kreuzende Back⸗Zettel uns Geld zu verſchaffen ſuchen. Zwar läßt ſich nicht läugnen, daß dieſe Räuber im erſten Falle gar verſchiedenartigen Opfern begegneten; dagegen iſt es auch eine etwas abgedroſchene Bemerkung, daß das Aggregat menſchlicher Weſen in allen Lagen ſo ziemlich daſſelbe bleibe. Bei den Preiſen der ver⸗ urtheilten Staatspapiere waren gewiß nicht weniger Wittwen und Waiſen betheiligt, als bei der Verurtheilung der Priſen, und ich ſehe nicht ein, warum eine Betrügerei deßhalb ſchwerer zu ahnden ſeyn ſoll, weil ſie von Geldmäcklern und Anwälten mit Kielen 117 hinter'm Ohr, und nicht von Herrn im Federhut und mit dem De⸗ gen an der Seite verübt wird. Im Ganzen bin ich noch lange nicht klar darüber, ob nicht die laufende Rechnung, was Ehrlichkeit betrifft— denn dieſe wenigſtens fehlt ganz bei beiden Verfah⸗ rungsarten— doch noch zu Gunſten der nichtzahlenden Staaten ausfällt, denn wie oft geſchieht es, daß man heute in der beſten Abſicht von der Welt borgt und morgen aus baarem Unvermögen nicht zahlen kann? während mir in meiner ganzen Erfahrung kein Fall bekannt iſt, daß Einer ein Schiff gekapert und ſpäter das Pri⸗ ſengeld freiwillig wieder erſtattet hätte, ſo lange er es wenigſtens unterlaſſen konnte. Doch laßt uns zu unſern Abenteuern zurückkehren. Wir befanden uns eben unter der gewöhnlichen Briſe gerade in der Breite von Guadeloupe, als wir mit Tagesanbruch eine ſpitzbuͤbiſch ausſehende Brigg auf uns Jagd machen ſahen. Nach⸗ dem Kapitän Digges den Fremden lange durch ſein beſtes Glas, welches blos bei beſonderen Veranlaſſungen zum Vorſchein kam, be⸗ obachtet hatte, erklärte er ihn für einen franzöſiſchen Kreuzer, höchſt wahrſcheinlich aber für ein Kaperſchiff. Daß es ein Franzmann war, ging nach Marble's Verſicherung ſchon aus der Höhe ſeiner Stengen und der Kürze der Ragen hervor, wie uns denn vor⸗ nehmlich ſeine oberen Spieren als eine wahre Spotterſcheinung vorkamen, und wer überhaupt ein Recht beſaß, ſeine Meinung zu äußern, erklärte ſich überzeugt, daß die Brigg ein franzöftſcher Kreuzer in Staats⸗ oder Privatdienſten ſey. Der Tigris war ein tüchtiger Schnellſegler und legte jetzt eben unter ſeinen Mars⸗ und Bramleeſegeln ſieben Knoten in der Stunde zurück. Die Brigg ſtand an leichter Bolinie, girte öfter ſeewärts und hatte es offenbar auf unſer Kielwaſſer abgeſehen; ſie machte etwa neun Knoten in der Stunde, und hatte alle Aus⸗ ſicht, uns gegen Mittag zu erreichen. Auf unſerem Quarterdeck war man noch ſehr im Zweifel, 118 welchen Kurs wir einſchlagen ſollten. Endlich wurde beſchloſſen, die Segel zu kürzen und die Brigg herankommen zu laſſen, da man ſich auf dieſe Art weniger Mißdeutungen ausſetzte, als wenn man ihr auszuweichen ſchiene. Kapitän Digges zog ſeinen letzten Brief aus der Heimath heraus, und ich ſah, wie er ihn unſerem ehemaligen Kapitän vorzeigte, worauf ihn Beide in tiefem Ernſte bis zu Ende laſen. Ich hatte eben etwas in der Nähe der Hühnerkörbe zu ſchaf⸗ fen, wo jene ſaßen, und konnte ſo einen Theil ihres Geſprächs mit anhören. Ich merkte daraus, daß das Verfahren der See⸗ räuber oft ſehr zweideutig ſey, wie man denn einen Amerikaner in der Regel ſo lange in Ungewißheit zu laſſen pflegte, bis dieſe Halbpiraten einen günſtigen Augenblick erhaſchten, um ihre Abſichten zu errei⸗ chen: die angegriffene Parthie wiſſe dann nicht eher, wann und „ wie ſie ſich vertheidigen ſolle, als bis es zu ſpät ſey. „Die Burſche kommen Einem manchmal über den Hals, noch ehe man gewahr wird, was ſie eigentlich vorhaben,“ bemerkte Ka⸗ pitän Robbins. „Ich will mich nicht auf dieſe Art überraſchen laſſen,“ erwiederte Digges nach kurzem Nachſinnen.„Hört einmal, Miles, ſagt doch dem Koch da vorn, er ſolle ſeine Keſſel mit Waſſer füllen und es ſo ſchnell wie möglich zum Sieden bringen; Mr. Marble könnt Ihr melden, ich wünſche ihn hier zu ſprechen. Sputet Euch, Jun⸗ ker, und treibt auch die Andern zur Eile.“ Ich gehorchte natürlich, und wunderte mich nur, was der Kapitän mit dem vielen heißen Waſſer anfangen wollte, daß er die Leute— denn dies war die nächſte Folge ſeines Beſchluſſes— ihr Fleiſch lieber kalt verzehren laſſen, als ſeinen Plan aufgeben mochte. Wir hatten aber die Keſſel noch nicht bis zur Hälfte ge⸗ füllt, als ich Mr. Marble und Neb bereits eine kleine Schiffs⸗ feuerſpritze aus dem Langboote herausnehmen und in der Nähe der Kombuſe, zum„Laden“ bereit, aufſtellen ſah. Der Steuermann 119 hieß Neb die Röhre anſchrauben, und ſobald die Keſſel voll waren, wurden ein halbdutzend Matroſen angewieſen, die Spritze mit See⸗ waſſer zu füllen. Kapitän Digges kam nun ſelbſt herbei, um die Uebung zu beaufſichtigen; Neb ſprang auf die Maſchine und ſchwang die Röhre mit dem ganzen Entzücken eines„Neggers,“ worüber ſich der Kapitän nicht wenig ergoͤtzte und ihn wegen ſeines Eifers zum„Kapitän der Spritzenmannſchaft“ ernannte. „Nun laß'mal ſehen, Du Schwarzkopf, ob Du das todte Stagauge da vorn treffen wirſt,“ rief Kapitän Digges lachend. „Ziel' mir gerade auf den Riemen. Platz gemacht, ihr Jungen, laßt Neb einmal ſein Geſchick verſuchen.“ Der Zufall wollte, daß dieſer das Stagauge mit dem erſten Waſſerſtrahle traf; er bewies überhaupt große Gewandtheit, den⸗ ſelben auf jeden Punkt, der ihm befohlen wurde, zu lenken. Neb's Benehmen in jener Nacht, beim Kampfe mit den Proen, war Ka⸗ pitän Digges bereits bekannt, und er ſchien mit ſeiner jetzigen Ge⸗ ſchicklichkeit ſo wohl zufrieden, daß er ihn in ſeinem Amte beſtä⸗ tigte und ihm für alle Fälle bei der Maſchine zu bleiben befahl. Bald darauf kam Ordre, das Schiff in Kampfbereitſchaft zu ſtellen. Meinen jungen Ohren klang dies wie eine ſchlimme Vor⸗ bedeutung, und wenn ich auch keinen Grund habe, mir Mangel an Feſtigkeit Schuld zu geben, ſo muß ich doch geſtehen, daß ich jetzt abermals an Clawbonny, an Grace und Lucy, ja ſelbſt an die Muhle zurückzudenken anfing. Dieſer Anfall von Schwäche dauerte indeſſen nur einen Augenblick; ſobalb ich mich an die Arbeit machte, hatte alle Beängſtigung ein Ende. Wir brauchten eine Stunde, um das Schiff in gehoͤrigen Stand zu ſetzen; mittlerweile war uns die Brigg auf eine halbe Meile nahe gekommen und luffte ganz hübſch gegen unſere Leeſeite. Da wir die Segel verkürzt hatten, ſo zeigte der Kaper nicht die Ab⸗ ſicht, uns durch einen Schuß zum Beilegen zu zwingen, ſondern ſchien geneigt, Artigkeit durch Artigkeit zu erwiedern. · 120 Der nächſte Befehl rief alle Matroſen auf ihre Poſten, wobei ich auf den großen, Ruprecht aber auf den Fockmars zu ſtehen kam. Wir hatten nur leichte Arbeit, wie das Ausbeſſern von Beſchädi⸗ gungen zu beſorgen und da der Kapitän hörte, daß wir Beide mit Feuerwaffen vertraut waren, ſo gab er jedem eine Muskete, mit dem Befehl, ſobald wir unten feuern hörten, auch oben loszudrücken. Wir hatten ſchon einmal im Feuer geſtanden und dünkten uns daher wie Veteranen; ſo gingen wir denn lächelnd und einander zunickend auf unſere Poſten oben in der Tackelage. Von beiden Standpunkten war meiner der beſſere, da ich, durch das Kreuzmarsſegel nur wenig am Sehen gehindert— nachdem die Brigg ſo nahe war— das Herankommen des Feindes beobachten konnte, wogegen das große Marsſegel dem armen Ruprecht wie ein dichter Vorhang alle Ausſicht verſperrte. Was die Gefahr anlangte, ſo waren ſich hierin alle Poſten ſo ziemlich gleich, da die Bollwerke faſt nur aus einfachen Planken beſtanden, welche eine Flintenkugel kaum aufgehalten hätten und die Franzoſen dafür be⸗ kannt waren, daß ſie meiſt nach der Tackelage feuerten. Sobald Alles fertig war, gebot der Kapitän in ernſtem Tone Stille: die Brigg war jetzt auf Anrufweite nahe gekommen; ich konnte ihre Decks ganz deutlich ſehen und bemerken, wie ſie von Bewaff⸗ neten wimmelten; auch ihre Kanonen konnte ich zählen— ſie fuͤhrte blos zehn, wie mir ſchien, ſämmtlich von leichterem Kaliber, als die unſrigen. Ein Umſtand aber ſiel mir als verdächtig auf: ihr Vor⸗ kaſtell war mit Leuten vollgepfropft, welche ſich hinter die Boll⸗ werke zu verkriechen ſchienen, als ob ſie ſich den Blicken derer auf dem Tigris entziehen wollten. 4 Ich beabſichtigte Anfangs auf ein Bakſtag zu ſpringen und nach dem Deck hinabzurutſchen, um dieſe drohende Erſcheinung da⸗ ſelbſt bekannt zu machen: allein ich hatte ſo allerlei über die gebieteriſche Pflicht ſprechen hören, im Angeſichte des Feindes auf ſeinem Poſten zu bleiben, und mochte alſo meinen Hauptmars nicht * 121 verlaſſen. Rekruten haben immer hoͤchſt übertriebene Begriffe von ihren Rechten und Pflichten, und auch ich war dieſer Schwäche nicht entgangen; doch glaube ich für die ergriffene Alternative gleichwohl einiges Lob zu verdienen. Auf meiner ganzen Reiſe hatte ich ein Tagebuch geführt und trug daher immer Papier und Bleiſtift in der Taſche, um jeden Augenblick zur Vollendung dieſes Tagewerks zu benützen. So ſchrieb ich denn, ſo ſchnell ich konnte, auf ein Stück Papier die folgenden paar Worte:„das Vorkaſtell der Brigg wimmelt von Bewaffneten, welche ſich hinter den Bollwerken verſteckt halten!“ — wickelte eine Kupfermünze in mein Gekritzel— die Cents waren damals noch in ihrer Kindheit— und warf das Billet aufs Quar⸗ terdeck hinab. Kapitän Digges hörte die Kupfermünze fallen und blickte auf⸗ wärts— nichts lenkt die Augen eines Offiziers raſcher nach oben, als wenn er etwas aus dem Mars niederkommen hört!— da ſah er mich nach dem Papier deuten, hob es auf und belohnte mich mit einem beifälligen Kopfnicken für die Freiheit, die ich mir ge⸗ nommen. Der Kapitän las, was ich geſchrieben hatte und bald bemerkte ich, wie Neb und der Koch die Spritze mit ſiedendem Waſſer füllten. Kaum war dies Geſchäft beendigt, als auf dem Quarterdeck eine günſtige Stelle für dieſes ſonderbare Kriegswerk⸗ zeug auserſehen wurde und jetzt ließ ſich der erſte Anruf von der Brigg vernehmen. „Wat daz Schiff is?“ fragte Einer aus der Brigg. „Der Tigris aus Philadelphia, von Calcutta heimkehrend. Zu welcher Brigg gehört ihr?“ „La Folie, corsaire Français. Wohär ihr kommen?“ „Von Calcuta— und ihr?“ „Guadaloupe. Wohin ihr gehen, hen?“ „Philadelphia. Lufft nicht ſo nahe heran, es könnte euch ein Unfall begegnen.“ 122 „Wat nennen ihr ‚ Unfall? Können niemals hören; hm? Ik wollen komm tout pres.“ „Ich ſag's euch, gebt uns weiter Raum! Da iſt ja euer Klüverbaum faſt ganz in meiner Kreuztackelage.“ 3 „Wat meinen daz,'weiter Raume? hm! Allons mes enfants; c'est le moment!“ „Raſch gelufft und ſeine Spiere klar gehalten,“ ſchrie unſer Kapitän.„Spritze dar auf los, Neb und laß ſehen, was du kannſt!“ Eben als die Franzoſen auf ihr Bugſpriet hinauszurennen be⸗ gannen, machte die Feuerſpritze eine Bewegung und ſobald ſechs bis acht von den Feinden auf dem Klüverbaum ſtanden, traf ſie der heiße Waſſerſtrom en chelon, wie man ſagen könnte, die ganze Reihe beſtreichend. Zlitzſchnell war die Wirkung. Unſere Natur kann nun einmal ohne die Haut eines Elephanten einen ſolchen Hitzegrad nicht er⸗ tragen und die drei vorderſten Franzoſen ſtürzten in Ermanglung eines möglichen Rückzugs unaufhaltſam in die See, indem ſie kaltes Waſſer dem heißen— die Möglichkeit zu ertrinken der Gewißheit gebrüht zu werden, vorzogen. Sie wurden, glaub ich, alle drei von ihren Kameraden gerettet, doch will ich das Faktum keines⸗ ⸗ wegs verbürgen. Der Reſt der vermeintlichen Enterer, der noch das Bugſpriet vor ſich hatte, kroch ſogut es gehen wollte, auf das Vorkaſtell der Brigg zurück und verrieth durch die haſtige, un⸗ bedachte Bewegung der Hände, daß ſie recht wohl wußten, wie ſehr ihr Nachtrab bei dieſem Rückzug ausgeſetzt war. Ein herzliches Gelächter ließ ſich von allen Seiten auf dem Tigris vernehmen; die Brigg aber ſtellte das Steuer hart auf und vierte gleich einem Kreiſel herum, als ob ſie ſelber gebrüht worden wäre.* Wir alle erwarteten jetzt eine Breitſeite, doch war dies nur wenig zu fürchten, da es ſo ziemlich ausgemacht ſchien, daß wir die „Dieſer Verfall ereignete ſich wirklich im Kriege von 1798. D. Verf. 123 ſchwerere Batterie führten und Leute genug zur Bedienung beſaßen. Die Brigg feuerte übrigens vermuthlich deßhalb nicht, weil wir ſelbſt ein Bischen abfielen und ſie bemerkte, daß ſie den Kürzeren ziehen könnte; ſie drehte ſich vielmehr ganz auf dem Kiel herum und halte ſoweit auf die andere Seite, daß die beiden Schiffe ge⸗ nau dos à dos zu ſtehen kamen. Kapitän Digges befahl, zwei von den Neunpfündern des OQuarterdecks durch die Sternpforten hinauszuſchieben und hatte wohl daran gethan, denn es lag nicht in der Art von Leuten, wie unſere Freunde auf der Brigg waren, ſich auf ſolche Weiſe behandeln zu laſſen, ohne uns ein Denkzeichen ihrer üblen Laune zu verabfolgen. Die Schiffe mochten ungefähr drei Kabellängen auseinander ſein, als wir einen Kanonenſchuß vernahmen. Das Erſte, was ich von der Kugel gewahr wurde, war, daß ich ſie durch das Kreuzmarsſegel ſauſen hörte; dann kam ſie zwiſchen Luv⸗ tackelage und Eſelshaupt durch meinen eigenen Mars gepfiffen, ſchlug ein Loch durch das große Marsſegel und auf dem Weiterfluge hörte ich ſie endlich gegen einen feſteren Körper als Leinwand anpoltern. Ich dachte im Augenblick an Ruprecht und die Vorſtenge und ſchaute ängſtlich aufs Deck hinunter, um zu ſehen, ob er Schaden genommen hätte. „Fockmars da oben!“ hörte ich Kapitän Digges rufen.„Wo hat die Kugel eingeſchlagen?“ „In's Eſelshaupt,“ gab Ruprecht mit heller, feſter Stimme zur Antwort.„Hat keinen Schaden gethan, Sir.“ „Jetzt iſts Zeit, Kapitän Robbins, gebt ihnen einen Denkzettel.“ Unſere beiden Neunpfünder wurden losgefeuert und drei laute Cheers erſchallten einige Sekunden ſpäter auf den Decken des Tigris. Ich konnte von dem Kreuzmarsſegel die Brigg jetzt nicht mehr ſehen, erfuhr aber ſpäter, daß wir ihr die Gaffel weggeſchoßen. Damit hatte der Kampf ein Ende, deſſen Lorbeeren vornehm⸗ lich meinem Neb gebührten. Als ich nachher zu den Leuten herab⸗ kam, erzählten ſie mir, des Schwarzen Geſicht habe, trotzdem, daß er dem Gewehrfeuer ſo ſehr ausgeſetzt war, die ganze Zeit über vor Freude geleuchtet, und den Mund habe er aufgeriſſen von einem Ohr bis zum andern. Neb zeigte gerechten Stolz über den Erfolg, den ſeine Geſchicklichkeit davongetragen hatte und ſchilderte den Rückzug mit einem launigen Triumph, der noch manches Ge⸗ lächter über die Niederlage des Kapers hervorrief, deſſen Leute zum Theil nahezu abgebrüht ſeyn mußten. Ich habe immer vermuthet, daß dieſe Affaire zwiſchen der Folie und dem Tigris in dem quasi Kriege von 1798 auf 99 und 1800 der eigentliche Anfang der Feindſeligkeiten war. Andere Vorfälle brachten die That bei dem Publikum bald in Vergeſſen⸗ heit, denn ſie bildete blos neun Tage lang das Wunder der Zeitungsblätter; wir auf dem Schiffe hörten indeß nie⸗ auf, das Abenteuer als wichtig für das Nationalintereſſe zu betrachten. Von jetzt an bis zu dem Augenblick, da wir die Küſte er⸗ reichten, bleibt nichts Bemerkenswerthes mehr zu berichten. Wir waren bis zu den Vorgebirgen von Virginia hinaufgeſegelt und liefen eben mit günſtigem Winde dem Lande entgegen, als wir zwiſchen unſerem Schiffe und der Küſte ein Fahrzeug entdeckten, das augenblicklich aufhalte, um uns anzurufen, ſobald es unſer anſichtig geworden war. Kapitän Digges ſtritt ſich lange mit ſeinem Steuermann über den Charakter des fremden Schiffes, während dieſes uns immer näher kam. Letzterer ſagte, er kenne das Fahrzeug, es ſey eine Art Schweſterſchiff von dem unſrigen, ein Oſtindienfahrer aus Phi⸗ ladelphia, mit Namen Ganges; Erſterer behauptete dagegen, wenn es überhaupt der Ganges ſey, ſo habe er ſich jedenfalls ſo ſehr geändert, daß er ihn kaum mehr zu erkennen vermöge. Als wir näher zu ihm gelangten, ſchoß uns der Fremde eine Kugel unter den Kielkinnbacken und hißte die amerikaniſche Flagge und Wimpel auf. Wir gewahrten bei näherer Betrachtung ſo * 125 viele Anzeichen, daß unſer Nachbar ein Kriegsſchiff ſein müſſe, daß wir für gerathen hielten, beizudrehen, worauf der Andere unter unſerem Spiegel vorüberfuhr, und ſich, nachdem er geviert hatte, mit zurückgeſchlagenen Vorragen etwas gegen unſer Luvquartier legte. Beim Windwärtsſteuern bekamen wir ſeinen Stern zu Ge⸗ ſicht, der mit gewiſſen Nationalemblemen verziert war, aber keinen Namen führte. Damit ſchien die Sache entſchieden— es war ein Linienſchiff mit amerikaniſcher Flagge! Noch vor wenig Monden, als wir die Heimath verließen, hatte kein ähnliches Ding exiſtirt und Kapitän Digges brannte vor Ungeduld, mehr von der Sache zu erfahren. — Bald ſollte auch erſtere befriedigt werden. „Iſt das nicht der Tigris?“ fragte vom Kriegsſchiff herüber eine Stimme durchs Sprachrohr. „Ja, ja! Wie heißt das Eure?“ „Der Vereinigten Staaten Schiff Ganges, Kapitän Dale; von den Vorgebirgen des Delaware her auf einer Kreuzfahrt begriffen. Ich heiße Euch willkommen in der Heimath, Kapitän Digges; wir bedürfen vielleicht bald Eures Beiſtands unter unſerer Kokarde.“ Digges that einen langen Pfiff und jetzt war das Geheimniß aufgeklärt. Es war, wie geſagt, der Ganges, vom früheren Indienfahrer durch Kauf in die neugebildete Marine übergegangen, das erſte Linienſchiff, welches von der Regierung des Landes, wie ſte ſeit Annahme der Konſtitution vor neun Jahren beſtand— ausgeſendet worden war. Die franzöͤſiſchen Kaper hatten die Re⸗ publik zur Bewaffnung gezwungen und in beträchtlicher Zahl wurden jetzt Schiffe ausgerüſtet, wovon einige, wie der Ganges, gekauft, andere ausdrücklich für die neue Marine gebaut worden waren. Kapitän Digges verfügte ſich an Bord des Ganges und da ich zu den Ruderern ſeines Boots gehoͤrte, ſo fand auch ich Gele⸗ genheit, mir das Schiff anzuſehen. Kapitän Dale, ein kräftig gebauter, gedrungener Mann von ſeemänniſchem Ausſehen, in blau 126 und weißer Uniform, empfing unſern Patron mit herzlichem Hände⸗ druck; beide hatten nämlich früher neben einander gedient und Dale lachte nicht wenig, als ihm die Geſchichte mit den Enterern und der Feuerſpritze erzählt wurde. Er war nichts weniger als ein Prahler— dennoch aber verſicherte uns dieſer achtungswerthe Offi⸗ zier, ſeiner Meinung nach werde es nicht mehr lange dauern, bis die Räuber zwiſchen jenen Inſeln alle Hände voll zu thun fänden. Dem Kongreß ſey es jetzt bitterer Ernſt und das ganze Land habe ſich im Zorne erhoben. Iſt dies einmal erſt eingetreten, ſo gilt in Amerika als Regel, lieber eine neue, beſſere Richtung einzuſchlagen, als den für ge⸗ wöhnlich ſo blinden Eingebungen des Volksgefühles zu folgen. In Ländern, wo die Maſſen in dem Alltagstreiben der Syſteme für Nichts gelten, wird jede Aufregung immer eine Neigung zur De⸗ mokratie verrathen; bei uns aber hat, wie ich glaube, eine ſolche Lage der Dinge nur den Erfolg, daß Männer und Eigenſchaften, welche ſonſt nur wenig Beachtung finden, zum Handeln angeſpornt, erweckt werden— daß der Volksgeiſt ſtatt niedergedrückt zu ſeyn, im Gegentheil einen neuen Aufſchwung nimmt. Kapitän Dale's männliches, wohlwollendes Geſicht gefiel mir ungemein wohl und faſt hätte ich ihn um Erlaubniß bitten mögen, auf der Stelle bei ihm in Dienſte treten zu dürfen. Wäre ich dieſer Eingebung nachgegangen, ſo hätte mein ſpäteres Leben wahrſchein⸗ lich einen ganz andern Verlauf genommen, als dies nachher der Fall war. Ich wäre natürlich als Midſhipman eingetreten, hätte mir bei meiner frühzeitigen Dienſtübernahme und der bedeuten⸗ den Erfahrung, die ich ſchon auf Schiffen geſammelt, nach ein paar Jahren das Lieutenantspatent ausgewirkt und könnte jetzt einer der älteſten Offiziere in der Marine ſeyn, falls ich die Re⸗ duktion von 1801 überlebt hätte.— Die Vorſehung wollte es anders und der Leſer ſoll im Verlauf der Erzählung ſelbſt urtheilen, wie viel ich durch mein Bleiben auf dem Tigris verlor oder gewann. 4 5* 127 Sobald Kapitän Digges ein oder zwei Gläſer Wein mit ſeinem alten Bekannten geleert hatte, kehrten wir nach dem Tigris zurück und die beiden Schiffe gingen ſofort unter Segel— der Ganges in nordöſtlicher Richtung und wir nach den Delaware⸗Vorgebirgen. Unter oder vielmehr fünf Meilen vom Kap Mary überfiel uns noch am ſelben Abend eine plotzliche Windſtille; ein Lootſe kam in einem Ruderboote vom Kap herüber und erreichte das Deck mit Einbruch der Finſterniß. Kapitän Robbins konnte jetzt in ſeiner Ungeduld das Landen kaum mehr erwarten, da es für ihn von Wichtigkeit war, ſeine ſchlimmen Nachrichten ſelbſt zu überbringen; aus dieſem Grunde hatte man mit den beiden Leuten des Lootſen die Verab redung ge⸗ troffen, daß unſer ehemaliger Kommandant, Ruprecht und ich, ſo ſpät es auch war, in ihrem Boote das Schiff verlaſſen ſollten. Wir beiden Jungen wurden nur mitgenommen, um noch zwei weitere Ruder zu bemannen; wir ſollten indeſſen womöglich in der Bai, und wenn nicht, ſo doch bei der Stadt mit dem Schiffe wieder zu⸗ ſammentreffen. Was Kapitän Robbins unter Anderem auch zum Landen be⸗ wogen hatte, das waren gewiſſe Vorzeichen eines Nordſturmes, an einzelnen Windſtößen aus Nordweſten erkennbar: denn kam einmal der Wind ernſtlich aus jener Himmelsgegend hergeſtuͤrmt, dann wußte Jeder, daß das Schiff den Fluß hinauf vielleicht eine volle Woche brauchen und die Neuigkeit ihm ganz gewiß voraus eilen würde. Deshalb eben machten wir uns ſo eilig auf den Weg, in⸗ dem wir nichts als friſche Wäſche und einige noͤthige Papiere mit uns nahmen. Wir hatten noch keine fünf Minuten vom Tigris abgeſtoßen, als uns ſchon der erſte Windſtoß aus Nordweſten begruͤßte. Wir konnten das Schiff oder vielmehr die Lichter in den Kajütenfenſtern noch deutlich wahrnehmen, während daſſelbe vom Winde abfiel; B 128 plötzlich aber waren die Lichter verſchwunden, ohne Zweifel weil der Tigris abermals gelufft hatte. Die Anzeichen des Sturms wurden nun ſo drohend, daß die beiden Lootſen vorſchlugen, ehe es zu ſpät wäre, eine Anſtrengung zur Auffindung des Schiffes zu machen— allein das war leichter geſagt als gethan. Das Schiff mochte vielleicht mit ſechs bis ſieben Knoten Geſchwindigkeit gegen Kap Henlopen hineilen und ohne ein Mittel, unſern Freunden in der Dunkelheit ein Signal zu geben, war es rein unmöglich, dieſelben einzuholen. Hätte Kapitän Rob⸗ bins nur einige Ausſicht auf Erfolg vor ſich geſehen, ich glaube, er würde der Bitte der Leute nachgegeben haben; ſo aber blieb nichts weiter übrig, als landeinwärts zu rudern und zu verſuchen, ob man die Küſte erreichen könnte. Wir hatten das Licht des Kaps als Leuchtthurm vor uns und der Schnabel des Boots wurde als⸗ bald darauf eingerichtet, da dies für uns der vernünftigſte Kurs ſchien. Ein Umſpringen des Winds von Südoſt nach Nordweſt iſt an der amerikaniſchen Küſte nichts weniger als ſelten und tritt faſt immer ganz unerwartet, zuweilen ſogar ſo plötzlich ein, daß die Schiffe rückwärts getrieben werden; dabei bricht die ganze Heftig⸗ keit des Sturms ſehr frühzeitig aus, daher ſie zu dem Sprichwort Veranlaſſung gegeben hat:„ein Nordweſter kommt immer kopfüber ins Land.“ Dieſe Wahrheit ſollte ſich in unſerem Falle in ihrer vollen Ausdehnung bewähren. Der Wind hatte noch keine halbe Stunde zu toben angefangen, als er ſchon ſo gewaltig ward, daß er das beſte Schiff der Welt gezwungen haben würde, die Marsſegel doppelt zu reffen, alle Leinwand ſo vielmöglich zu verkürzen und anzuſteuern, um nicht wieder in den Ocean hinauszufliegen. Wir ſtrichen tüchtig aus mit unſern Rudern und mochten in dieſer halben Stunde etwa eine Meile zurückgemeſſen haben. Die Männer vom Kap May waren kräftige, erfahrene Leute, welche wahrhaft Wunder verrichteten; auch Ruprecht und ich gingen nicht müßig— allein ſobald 129 die See einmal ſtürmte, konnten wir alle Vier nichts weiter thun, als das Boot im Steuerkurs erhalten. Zehn Minuten lang, glaube ich ſogar— hatte das Boot beinahe die entgegengeſetzte Richtung genommen, was von dem Anprallen der vorüberſtürzenden Wogen herrüͤhrte, und wir vermochten es kaum auf der Stelle zu erhalten. Naturlich war jetzt nicht mehr davon die Rede, unſere An⸗ ſtrengungen fortzuſetzen, welche eben ſo erſchöpfend als nutzlos waren. Wir verſuchten zwar noch das eine Mittel, nordwärts abzuhalten, in der Hoffnung, vom Lande beſſer geſchützt zu werden und alſo auch in ruhigeres Waſſer zu gelangen— allein es half nichts, wir vermochten dem Licht nicht einmal bis auf eine Meile nahe zu kommen. Endlich ließ Ruprecht, gänzlich erſchöpft, das Ruder finken und fiel athemlos auf den Doſt zurück: er wurde ſofort ans Steuer geſetzt und Kapitän Robbins nahm ſeine Stelle ein. Ich kann unſere Lage in jenem furchtbaren Momente einzig mit der Gefahr eines Mannes vergleichen, der an einer Klippe hängt, den Gipfel und mit ihm ſeine Rettung faſt mit Händen greifen kann und doch dabei fühlt, daß ſeine Kraft ihm bald verſagen und er dann zu Grunde gehen wird. Zwar war der Tod noch nicht ſo ſicher, auch wenn wir unſere Verſuche, das Land zu erreichen, einſtellten; aber die Hoffnung auf Rettung ſchien allerdings ſchwach genug. Hinter uns lag der weit⸗ gedehnte Ocean in ſeinem Grimme und zwiſchen uns und dem Felſen von Liſſabon kein Zoll breit Landes ſichtbar! Wir hatten keinen Biſſen Nahrung bei uns und das Einzige, was wir zum Glück noch beſaßen, war eine kleine Tonne friſchen Waſſers. Die Lootſen hatten allerdings ihr Abendeſſen mitgebracht, allein es war bereits verzehrt, wogegen wir andern den Tigris mit hungrigem Magen verlaſſen hatten, da man dort erſt bei Licht ein behagliches Nacht⸗ mahl einzunehmen beabſichtigte. Endlich berieth ſich Kapitän Robbins mit den Bootsleuten Miles Wallingford. 9 und fragte ſie, was ſie von unſrer Lage hielten. Sie waren die ganze Zeit über auffallend ſtill geweſen, hatten aber gleich Rieſen drauf los gerudert; beide waren noch jung und wie ich ſpäter er⸗ fuhr, verheirathet; jeder beſaß ein Weib, das in dieſem ſchrecken⸗ vollen Augenblick am Rande des Vorgebirgs der Rückkehr des Boots entgegenharrte. Als Kapitän Robbins ſeine Frage an ſie ſtellte, drehte ich mich um— ich ſaß nämlich zwiſchen den Beiden— und ſah, daß der hinter mir, der ältere von ihnen, die Augen voll Thränen hatte. Die Erſchütterung, die ich bei dieſem Anblicke empfand, läßt ſich nicht beſchreiben. Da ſaß ein Mann, an Gefahren und Müh⸗ ſeligkeiten gewöhnt— in demſelben Augenblick, da er die männlichſten, verzweifeltſten Anſtrengungen zu ſeiner und aller Andern Rettung machte, von der Gefahr ſeiner Lage ſo ſehr ergriffen, daß ſein Gefühl ſich auf eine Weiſe Luft machte, welche immer einen peinlichen Anblick gewährt, wenn des Mannes Kummer, ſo wie hier, in Thrä⸗ nen ausbricht. Ihm, dem Gatten, mochte die Phantaſte ohne Zweifel die Angſt ſeines Weibes in dieſem Augenblicke, ſo wie die langen Tage des Jammers vormalen, welche vielleicht noch folgen konnten. Ich glaube nicht, daß er, ohne Beziehung auf ſeine Gattin, nur an ſich ſelber dachte, denn einen ſchöneren, männlicheren, ent⸗ ſchloſſeneren Burſchen hat es niemals gegeben, wie ſich dies ſpäter im vollſten Maaße erwies. Mir ſchien, als ob die beiden Bootsleute ſich mit einer Art verzweifelten Widerwillens gegen ein Aufgeben der Hoffnung ſträub⸗ ten: daß ſie das Land doch noch erreichen könnten. Wir bildeten für ein Boot eine ſtarke Bemannung und hatten ein leichtes, aber treffliches Fahrzeug— und doch bis jetzt Alles umſonſt! Gegen Mitter⸗ nacht, nachdem wir drei Stunden lang wie verzweifelt gerudert hatten, war auch meine Kraft dahin und ich mußte das Ruder abgeben. Kapitän Robbins geſtand, daß ſein Zuſtand nicht viel beſſer ſey⸗ und da die Bootsleute unmöglich mehr thun konnten als das Boot 131 — und auch das nicht mehr lange— auf der Stelle zu erhalten, ſo blieh⸗ nur noch eine Auskunft übrig, nämlich gerade vor dem Wind her⸗ zuſteuern, in der Hoffnung, endlich wieder auf das Schiff zu treffen. Wir wußten, daß der Tigris zu der Zeit, da wir ihn ver⸗ ließen, die Steuerbordhalſen angezogen hatte, und da er ſich gewiß ſo nahe wie möglich ans Land zu halten ſuchte, ſo blieb noch die Möglichkeit, daß er die Richtung ſeewärts von Henlopen aufgegeben habe, dagegen nordnordöſtlich ſteuern und dwarsab von der Mündung der Bai liegen werde. Dies war noch eine Ausſicht— ein Strahl von Hoffnung, und es ſchien jetzt unumgänglich nothwendig, zu ſeiner Benützung alle Kräfte aufzubieten. Die Beiden vom Kap May ſchwenkten das Boot herum und hielten es, ſo weit dies in ihrer Macht lag, gerade im Wind, wozu eine leichte Benützung des Ruders hinreichte, inſofern dieſe überhaupt möglich war. Von Zeit zu Zeit jagte die Springfluth mit Wettrennerſchnelle hinter uns her, brach dann unfehlbar über uns zuſammen und füllte häufig das Boot zur Hälfte mit Waſſer. Dies machte uns neue Arbeit, denn Ruprecht und ich waren die halbe Zeit mit Ausſchöpfen beſchäftigt. Keine Mühe, keine Gefahr konnte mich übrigens abhalten, mich mitten durch das Gewirre der erzürnten Wogen nach unſerem Schiffe umzuſehen. Wohl fünfzig Mal glaubte ich es zu erblicken, und eben ſo oft ſchloß die trügeriſche Hoffnung mit einer Ent⸗ täuſchung. Nichts als die ſchwarze, wilde Waſſerwüſte, hervor⸗ gehoben durch das Glitzern der ſchaͤumenden Wellen, begegnete meinen Sinnen. Der Wind heulte gerade aus der Bucht heraus und als wir die Mündung durchkreuzten, fanden wir die See für unſern leichten Kiel zu hochgehend und waren bald genöthigt, um nicht am Ende noch unterzuſinken, das Boot todt gegen den Wind zu halen, ſo ſehr wir uns auch dagegen ſträubten. Dieſer Zuſtand peinlicher Erwartung mochte etwa eine halbe Stunde gedauert haben— das Boot ſchien manchmal, vom Sturme 1³3² getrieben, im Begriff, über das Waſſer hinzufliegen, da ließ Ru⸗ precht den unerwarteten Ruf hören, er habe das Schiff geſehen! Und er war es wirklich, der Tigris: das Gallion gegen Nordoſt gewendet, das Vor⸗ und Hauptmars⸗ doppelt, die großen Segel aber einfach gerefft, kämpfte er ſich durch das tobende Gewaͤſſer und ſuchte ſich offenbar, ſo nahe er konnte, an's Land zu halten, um ſeinen Kurs nicht zu verlieren und dem Sturme ſo gut wie möglich Trotz zu bieten. Das Schiff ſtand, als wir es zuerſt ent⸗ deckten, kaum eine Kabellänge von uns entfernt, und doch war es kaum hell genug, um Alles dies wahrzunehmen. Unglücklicherweiſe lag es uns aber todt nach leewärts und jagte mit einer Eile dahin, welche höchſt wahrſcheinlich machte, daß es uns überſegeln würde, wenn wir nicht alle Ruder in Bewegung ſetzten. Dies geſchah denn auch ſo bald wie möglich und fort gings nun in der höchſten Haſt gerade auf die Leeſeite des Tigris zu, um von ſeinem Rumpfe geſchützt beidrehen und uns ein Tau zu⸗ werfen laſſen zu können. Wir ruderten mit Rieſenkraft. Dreimal ſchlug das Waſſer in unſer Boot, das mehr und mehr davon an⸗ gefüllt wurde; allein Kapitän Robbins hieß uns immer weiter rudern, da jeder Augenblick jetzt koſtbar ſey. Da ich mich nicht umſah— oder eigentlich nicht wohl umſehen konnte— ſo gewahrte ich nichts mehr von dem Schiff, bis ich plötzlich, keine hundert Fuß vor uns, ſeinen ſchwarzen Rumpf erhaſchte, der mit jenem plötzlichen Ruck, wie er die Schiffe zuweilen ſcheinbar mit doppelter Schnelligkeit dahintreibt, auf einer Woge emporſtieg. Kapitän Robbins hatte, ſobald er ſich nahe genug glaubte, das heißt, in einer Entfernung von hundert Schritten, angefangen, dem Schiffe zuzurufen: doch was vermochte die menſchliche Stimme gegen die Muſik des Sturmes, der unter den verſchiedenen Tauen— wohl dürfte ich beifügen Saiten— in der maſſenhaften Tackellage eines Oſtindienfahrers umherraſſelte und ſeinen Geſang mit dem Baſſe des brüllenden Oceans begleitete! Himmel! welches Gefühl von 13³3 Verzweiſlung kam über uns, als faſt gleichzeitig der neue Gedanke in unſerer Seele aufſtieg, wir würden uns am Ende dem Schiffe nicht hörbar machen können! Ich ſage gleichzeitig— denn in einem und demſelben Augenblick erhoben wir Fünf ein gemeinſames, ver⸗ zweifeltes Geſchrei, um unſere Freunde zu allarmiren, die uns hier ſo nahe waren und uns leicht von der gräßlichſten aller Todesarten — dem Hungertode zur See— erretten konnten. Die fürchterliche Anſtrengung, mit der wir an den Rudern arbeiteten, mochte wohl die Kraft unſerer Stimmen vermindern, wie auch umgekehrt der gewaltige Verſuch, einen Laͤrm zu erregen, dem Nachdruck unſerer Ruder ſchadete. Schon waren wir leewaͤrts von dem Schiffe, doch immer noch beinahe in deſſen Kielwaſſer, und unſere einzige Hoffnung beſtand jetzt darin, daß uns ein Ein⸗ holen deſſelben gelänge. Der Kapitän rief uns zu, auf Tod und Leben fortzurudern, und wir ruderten mit ſo wahnſinnigem Eifer, daß es uns, glaube ich, auch wirklich geglückt wäre, wenn ſich nicht eine Woge über uns hergeſtürzt und das Boot bis an die Doſten angefüllt hätte.— Jetzt blieb uns keine andere Alternative, als todt abzuhalten und ſo lieb uns das Leben war, das Waſſer auszuſchöpfen. Ich geſtehe, ich fühlte glühende Thränen über meine Wangen rollen, als ich die dunkle Maſſe des Schiffes an uns vorüberziehen ſah, kurz bevor es von der Finſterniß verſchlungen wurde. Als dies bald darauf geſchah, da war kein Zweifel mehr— ein Jeder in dem Boote mußte ſich als rettungslos verloren betrachten. Wir fuhren zwar fort, in Hüten, Kürbisflaſchen, Toͤpfen und Eimern das Waſſer auszuſchöpfen, allein es geſchah in keiner andern Ab⸗ ſicht, als um wenigſtens den unmittelbaren Tod von uns abzuwenden. Neben mir höorte ich einen von den Bootsleuten beten und auch der Name ſeines Weibes miſchte ſich in dieſes letzte Flehen zu Gottes Throne. Kapitän Robbins, der Arme!l der erſt kürzlich eine ähnliche gefahrvolle Scene in unſerem Langboote erlebt hatte, 13³⁴4 blieb ſtill und ruhig und ſchien ſich den Rathſchlüſſen der Vorſehung gelaſſen zu unterwerfen. In dieſem Zuſtande müſſen wir wohl eine Meile vor dem Winde hergetrieben haben; die Bootsleute hielten ihre Augen fortwährend auf das Licht geheftet, das jetzt eben am Horizonte hinabſank, während wir Andern in unheimlicher Ahnung deſſen, was uns in dieſer Richtung erwarten mochte— ſeewärts hinausſchauten, als uns plötzlich der Ruf:„Boot ahoi!“ wie die Poſaune des jüngſten Gerichts, in die Ohren ſchallte. Ein Schooner zog an unſerem Spiegel vorüber und ſtand uns, da er etwas abhielt, gerade ſo nahe, daß wir ihn ſehen konnten; nur wegen jenes Lichts, das Aller Augen windwärts gezogen hatte, war er von keiner Seele bemerkt worden. Es war zu ſpät, dem Stoße auszuweichen, denn kaum hatte uns ihr Anruf erreicht, als das Bruſtholz des Schooners über unſere kleine Barke hereinfuhr und ſie im Meere begrub, nicht anders, als ob ſie Blei geweſen wäre. In ſolchen Augenblicken gilt es raſches Handeln, nicht langes Beſinnen. Ich griff nach einem Waſſerſtag, konnte es aber nicht erreichen; als ich darauf im Waſſer verſank, ſtieß meine Hand an einen Gegenſtand, an den ich mich anklammerte; der Schooner hob ſich im nächſten Augenblicke auf einer Woge empor und ich fühlte mich von Einem auf dem Schiff am Haare erfaßt. Ich hatte einen von unſern Bootsleuten am Beine gepackt; ſobald dieſer meiner Laſt entledigt war, gelang es ihm das Schiff zu erklimmen und er half dann auch mich hereinziehen. Als wir das Deck erreichten und unſer Häufchen zuſammen⸗ zählten, fanden wir uns Alle gerettet, bis auf Kapitän Robbins. Der Schooner vierte augenblicklich und fuhr abermals über das Wrack unſers Bootes dahin; doch von unſerem alten Kommandanten war nichts mehr zu hören noch zu ſehen! 4 — Siebentes Kapitel. Der Stunde gedenk’, wo aus Forſten und Thalen, Mit dem Häuptling wir kehrten zu der Väter Hallen! Kein Lüftchen ſeufzt auf der Sierra Höh'n Und vom Mondſtrahl verſilbert die Wälle ſteh'n; Und rings ſchlief Alles in tiefem Schweigen, Als der„Müßigen⸗ Haus wir auf ſahen ſteigen. Mrs. Hemans. Wiir hatten auf einem öſtlichen Küſtenſchiffe, mit Namen „Martha Wallis“ Aufnahme gefunden; es war vom James River nach Boſton beſtimmt und beabſichtigte durch die Untiefen zu ſteuern. „Schiffbrüchige Seeleute finden bei ihren Kameraden in der Regel eine freundliche Aufnahme, und ſo war denn auch unſere Behandlung am Bord der Martha Wallis, wie wir ſie uns nur wünſchen konnten; der Kapitän verſprach, uns dem erſten Küſten⸗ fahrer, den wir träfen, nach New⸗York mitzugeben. Auch hielt er pünktlich Wort, doch erſt nachdem eine volle Woche verſtrichen war; ſobald nämlich der Nordweſtſturm ſeine Pfeife ausgeblaſen hatte, fiel eine Windſtille ein, ſo daß wir erſt nach neun Tagen in den„Vineyard Sound“ einliefen. Hier trafen wir ein Fahrzeug, das regelmäßig zwiſchen Boſton und New⸗York hin und her fuhr und unſerm zeitherigen Schiffsherrn wohlbekannt war, weshalb er uns an deſſen Bord überſetzte und ſeinen Freunden noch anempfahl, uns ja recht gut zu behandeln. So erfuhren wir denn auch an Bord der„Lovely Lass“* dieſelbe gute Aufnahme, wie auf der Martha Wallis: wir wurden ſämmtlich auf dem Hinterdeck einquartirt und erhielten Stockfiſch mit trefflichem Rind⸗ und Pöckelfleiſch nebſt Weißbrod und Zuckerſaft meiſt ad libitum zu eſſen.. Auf letzterem Schiffe erfuhren wir auch die neueſten Nachrichten über den franzöſiſchen Krieg und wie es jetzt im Lande zugehe⸗ Am vierten Tage, nachdem wir das Fahrzeug betreten hatten, lan⸗ deten Ruprecht und ich zu New⸗York in der Nähe des Peck's⸗Slips**. Wir hatten auf Gottes weiter Erde Nichts unſer zu nennen, als worin wir eben gingen und ſtanden— doch kümmerten wir uns wenig darum, hatte ich doch zu Hauſe Alles im Ueberfluß und auch Ruprecht war ſchon durch mich, und dann auch von Seiten ſeines Vaters, vor jedem Mangel geſichert. Immerhin hatte ich übrigens das von Lucy empfangene Gold noch nicht ausgegeben. Als wir vom Tigris aus ins Boot ſtiegen, hatte ich den Gürtel umgeſchlungen, in welchem ich dieſen kleinen Schatz verwahrte und trug dieſen noch immer um den Leib: ich hatte das Gold ſeither immer als eine Art von Andenken an das liebe Mädchen aufbewahrt, ſah aber nunmehr ein Mittel vor mir, es zu unſerm Nutzen zu verwenden, ohne übrigens Alles aufzubrauchen. Ich wußte, daß unter all den Schwierigkeiten der geſcheiteſte Kurs für mich der war, mich geradezu ins Hauptquartier zu ver⸗ fügen. Ich erkundigte mich alſo nach der Adreſſe der Firma, welche den John beſaß oder vielmehr beſeſſen hatte und begab mich ſo⸗ „„Lieblichen Maid.“ * Wörtlich des„Scheffelſchiffes“, wie eine Oeffnung zwiſchen den Werften daſelbſt genannt wird. D. u. 137 fort nach dem Comptoir derſelben, um meine Geſchichte zu erzaͤh⸗ len, wo ich denn fand, daß Kite mir bereits zuvorgekommen war. Der Tigris hatte, ſo ſchien es, drei Tage nach dem Sturme, vom Winde begünſtigt, die Werften von Philadelphia wirklich erreicht, von wo die frühere Mannſchaft des John ſich zum größeren Theil ohne Aufſchub nach New⸗York begeben hatte. Durch eine Mit⸗ theilung vom Vorgebirge herüber hatte der auf dem Tigris zurück⸗ gebliebene Lootſe erfahren, daß ſein Boot nicht dahin zurückgekehrt war, und unſer Untergang wurde demnach als gewiß betrachtet. Eine Schilderung aller dieſer Vorfälle ſtand bereits in den Zeitungen, und ich fing an zu fürchten, die Trauerbotſchaft möchte auch mein liebes Clawbonny erreicht haben. In der That fand ich in den Journalen eine kurze Todesanzeige, NRuprecht und mich betref⸗ fend, welche von einer frommen Hand— vermuthlich von Mr. Kite in eigener Perſon— daſelbſt eingerückt worden war. Was unſer erſtes Entkommen anlangte, ſo war uns hierüber viel Lob geſpen⸗ det und über mein Schickſal, ſowie über meine Ausſichten hatte ſich der Schreiber noch in einigen rhetoriſchen Floskeln ausgelaſſen, die er ſich recht gut hätte erſparen können. Eine Zeitung war übrigens damals noch ein ganz anderes Ding, als ſie ſeitdem geworden iſt. Zu jener Zeit wurden Journale gegründet, um einem anerkannten Bedürfniſſe zu begegnen, und die Neuigkeiten wurden gegeben, wie ſie ſich wirklich zugetragen hatten, erwägen will, wohin eine Concurrenz in Neuigkeiten un⸗ fehlbar führen muß. Damals hatten ſich unſere eigenen Journale kann man ihnen nicht wohl zumuthen, denn dazu ſind Talente und Erziehung in Amerika noch nicht wohlfeil genug— und dem Bür⸗ ger wurden der Preſſe gegenüber noch einige Rechte eingeräumt. Des Volkes geſunder Sinn für das Recht war noch nicht mit, Mißbräuchen aller Art vertraut und eben dadurch abgeſtumpft wor⸗ den; man wußte noch nichts von der feigen elenden Entſchuldigung für die Nichtvollſtreckung der Geſetze, daß ja keine Seele ſich darum kümmere, was die Journale ſagen.— Aus dieſem Grunde entging ich damals noch tauſenderlei Lügen, welche wohl heut zu Tage über meine Geſchichte, meinen Charakter, meine Fähigkeiten und Handlungen in Umlauf geſetzt worden wären. Aber gedruckt war ich denn doch, und ich muß geſtehen, mein Schrecken war nicht gering, als ich ſo ohne Weiteres meinen Tod angekündigt las, während ich die phyſiſche Gewißheit hatte, daß ich noch geſund und munter am Leben war. 1 Die Schiffseigenthümer befragten mich genau über die Art und Weiſe, wie der John geſcheitert war, und bezeugten ihre große Zu⸗ friedenheit über meine Antworten. Jetzt brachte ich auch meine halben Joſephsſtücke zum Vorſchein, und verlangte gegen deren Hinterlegung etwas weniger, als deren vollen Betrag von dem Hauſe zu entlehnen. Davon wollten übrigens die Herren nichts wiſſen, ſondern drangen mir eine Hundertthalernote auf, mit dem Wunſche, ich moͤchte mir das Geld nach Gefallen ausbezahlen laſſen. Da ich Clawbonny nebſt einem höchſt behaglichen Einkommen ‚unter meinem Lee’ wußte, ſo empfing ich die Summe ohne lange Bedenk⸗ lichkeiten und nahm dann Abſchied von den Herren der Firma. Ruprecht und ich hatten nun Mittel in Händen, uns eine recht artige Matroſenkleidung anzuſchaffen. Nachdem dies geſchehen war, verfügten wir uns nach dem Albany⸗Dock, um zu ſehen, ob der Wallingford dort vielleicht vor Anker lag. Wir erfuhren daſelbſt, daß die Schaluppe eben am ſelben Vor⸗ mittag abgegangen ſey und daß ſie einen Schwarzen mit ſeines jungen Herrn Effekten am Borde führe, einen Burſchen, der, wie es hieß, mit dem jungen Mr. Wallingford zu Canton geweſen und jetzt nach ſeiner Heimath unterwegs ſey, um der Familie in Ulſter ₰ 139 alle die traurigen Nachrichten zu hinterbringen.— Dies war Niemand anders, als Neb— der ehrliche Burſche, der ſogar für unſere Matroſenkiſten beſorgt geweſen war und jetzt im Begriffe ſtand, in die Sklaverei zurückzukehren. Wir hatten gehofft, Clawbonny noch vor dem Eintreffen un⸗ ſerer Todesbotſchaft erreichen zu können. Dieſe Nachricht ſchien unſere Hoffnung zu nichte machen zu wollen; zum Glück ſtand aher eben ein Hudſonpacketboot, auf dem ganzen Fluſſe eine der ſchnellſten Schaluppen, zur Abfahrt bereit, und der Kapitän meinte, trotz des anhaltenden Nordwindes, im Laufe der nächſten acht und vierzig Stunden mit der Fluth bis in unſere Bucht hinaufgelangen zu können.— Dies war eben ſo viel, als der Wallingford, wie ich ganz gewiß wußte, zu leiſten vermochte, und ſo wurden wir dahin einig, daß Ruprecht und ich am weſtlichen Ufer an's Land geſetzt werden müßten; ich ließ unſere Effecten auf das Packetboot bringen und wir ſegelten in einer halben Stunde den Hudſon aufwaͤrts. Meine Sehnſucht nach der Heimath war ſo heftig, daß ich das Verdeck nicht eher verlaſſen konnte, bis wir der Ebbe halber vor Anker gehen mußten, und ich beneidete Ruprecht um die Gelaſſenheit, mit welcher er ſich bei Eintritt der Dunkelheit in die Hängematte legen und einſchlafen konnte. Erſt da der Anker aus⸗ geworfen war, ſuchte auch ich ſein Beiſpiel nachzuahmen. Als ich am andern Morgen auf's Deck kam, fand ich das Schiff beim beſten Winde in der Newburgh⸗Bai; gegen zwoͤlf Uhr erblickte ich die Mündung unſerer Bucht, in welcher die Segel des Wallingford eben in dem Augenblick, da ich ſeiner anſichtig ward, hinter den Baͤumen verſchwanden. Er mußte es ſeyn, denn da kein anderes Fahrzeug ſeiner Größe bis zu unſerem Landungsplatze heraufkam, ſo war wohl nicht an ein Mißverſtändniß zu denken. Eine halbe Meile oberhalb der Bucht befand ſich ein Güter⸗ pfad, der in ſo gerader Richtung auf unſer Haus zuführte, daß wir dieſes faſt ebenſo früh erreichen mußten, als Neb moͤglicher Weiſe 14⁴0 mit ſeiner falſchen Trauerbotſchaft daſelbſt anlangen konnte. Wir zeigten die Stelle dem Kapitän, der uns ohnehin unſer Geheimniß bereits abgelockt hatte und gutmüthig genug war, auf alle unſere Wünſche einzugehen, ja der, wie ich glaube, die Bucht ſogar hinauf⸗ gefahren waͤre, wenn wir's verlangt hätten. So wurden wir dem⸗ nach mit unſerem Kleiderbündel— der eine reichte nämlich voll⸗ kommen für uns Beide— an dem erwähnten Punkte an's Land geſetzt, und fort gings nun, ſo ſchnell uns die Beine zu tragen vermochten, indem wir unſere Garderobe abwechſelnd auf der Schulter trugen. Sogar Ruprecht ſchien diesmal von innerem Drange ge⸗ leitet: er mochte wohl nicht weniger zerknirſcht ſeyn als ich, wenn er ſich der Schmerzen erinnerte, welche er ſeinem trefflichen Vater und der lieben guten Schweſter verurſacht hatte. Noch nie hatte Clawbonny ſchöner ausgeſehen, als da ich an dieſem Nachmittag den erſten Blick darauf richtete. Da lag das Haus im ſicheren Hintergrunde eines lachenden Thales; die Obſt⸗ gärten ſtanden eben im Begriff, ihre Blüthen zu verlieren, die breiten Wieſen, auf denen das Gras im Südwinde wogte, glichen einem reichen Sammtteppiche, die vielen Kornfelder, das Vieh, das da und dort wiederkäute und in regungsloſer Ruhe im Schatten der Bäume ſeines Daſeyns genoß— Alles ſchien mir von Ueberfluß und umſichtiger Behandlung zu erzählen, Alles verkündete Frieden, Glück und Wohlſtand. Und dieſen Ort mit all ſeiner Sicherheit, ſeinem Segen hatte ich eigenſinnig verlaſſen, um in der Straße von Sunda auf Seeräuber zu ſtoßen, an Madagascar's Küſten Schiffbruch zu leiden, bei Isle de France in offenem Boote Gefahren zu trotzen und endlich an der Küſte meines Vaterlandes nur durch ein Wunder einem ſchauderhaften Tode zu entrinnen! Nicht weit vom Wohnhauſe befand ſich ein dichter Hain, wo Ruprecht und ich mit eigenen Händen ein rohes Sommerhaus er⸗ richtet hatten, das gerade bei ſo ſchöner Witterung, wie wir ſie eben getroffen hatten, zum Genuſſe des Abends einlud. Wir waren 141 noch zweihundert Schritte davon entfernt, als wir die Mädchen das Gehöolz betreten und augenſcheinlich die Richtung nach dem Ruhe⸗ ſitze einſchlagen ſahen. In demſelben Moment gewahrte ich Neb: der arme Junge kam im Schneckenſchritt den Weg vom Landungs⸗ platze herangezogen, als ob er ſich vor der Aufgabe, die ihm bevor⸗ ſtand, gefürchtet hätte. Nach einer augenblicklichen Berathung beſchloſſen wir, uns ſogleich nach dem Haine zu begeben und Neb's Erzählung zuvorzukommen: ſein Weg führte nämlich ſo dicht am Sommerhauſe vorüber, daß er geſehen und erkannt werden mußte. Wir trafen größere Hinder⸗ niſſe auf unſerem Pfade, als wir vorausgeſehen und uns deren von früher erinnert hatten, ſo daß wir den Schwarzen, nachdem wir endlich gerade hinter dem Ruheſitze ein Dickicht erreicht hatten, bereits vor ſeinen beiden„jungen Herrinnen⸗ ſtehen ſahen. Der Ausdruck in den Mienen der vor mir befindlichen Gruppe war der Art, daß er mich beinahe erſchreckte, als ich die Drei näher in's Auge zu faſſen vermochte. Selbſt Neb's Geſicht, das ſonſt wohl trotz einer ſchwarzen Flaſche glänzte, war aſchgrau ge⸗ worden; der arme Junge konnte nicht ſprechen, und ſo viel auch Luch an ihm rütteln und ſchütteln mochte, um eine Erklärung aus ihm herauszubringen, ſo hatte er noch keine Antwort gegeben als— Thränen, welche in Strömen aus ſeinen Augen hervorquollen, bis fich der Arme endlich auf den Boden niederwarf und laut zu ſtöhnen anfing. „Iſt es wohl die Schaam über ſein Davonlaufen?“ rief Lucy, noder ſoll's eine ſchlimme Botſchaft von den Knaben bedeuten?“ „Was kann er von dieſen wiſſen, da er nicht bei ihnen war — und doch, beſte Lucy, bin ich recht in Aengſten.“ „Nicht um meinetwillen, theuerſte Schweſter,“ rief ich jetzt laut:„Ruprecht und ich ſind Gott ſey Dank hier, beide vollkommen geſund und wohl.“ Ich hütete mich wohl, bei dieſen Worten ſogleich hervorzu⸗ 142 treten, um nicht mehr als eines der Sinnesorgane zu gleicher Zeit zu erſchrecken: aber die Mädchen kreiſchten laut auf und breiteten die Arme nach uns aus— und jetzt zauderten wir nicht länger, ſondern ſtürzten ihnen entgegen. Ich weiß nicht wie es kam, aber als ich wieder zur Befinnung gelangte, fand ich, daß ich Lucy an's Herz drückte und daß Ruprecht in Graces Armen lag. Der kleine Irrthum war übrigens alsbald ausgeglichen, indem nun Jeder, wie Pflicht und Schicklichkeit es mit ſich brachte, ſeine eigene Schweſter umarmte. Die Mädchen ver⸗ goſſen Ströme von Thränen und verſicherten uns immer wieder auf's Neue, dies ſey der erſte wahrhaft glückliche Augenblick, den ſie ſeit jenem Abſchied auf der Werfte, alſo ſeit beinahe einem Jahre verlebt häͤtten. Dann ſah man ſich gegenſeitig an, äußerte ſein Erſtaunen und ſeine Freude über die Veränderung im Aeu⸗ ßeren, welche mit allen Vieren vor ſich gegangen war, und Küſſe und Thränen, vollauf geſpendet, vollendeten die Scene. Den armen Neb dagegen ſah man beim Klange meiner Stimme mit ängſtlicher, zweifelnder Miene nach der Straße hinfliegen, und als er ſich endlich von unſerer Identität, ſowie davon überzeugt hatte, daß wir wirklich aus Fleiſch und Blut beſtünden, warf er ſich abermals zu Boden, wo er nun unter gellendem Freudengeſchrei umherkugelte. Nach dieſem für den Neger charakteriſtiſchen Ausbruche des Entzückens ſprang er wieder auf ſeine Füße, ſtürzte nach dem Wohnhaus und jauchzte im höͤchſten Falſett ſeiner Stimme, wie wenn er gegen Ueberbringung dieſer Botſchaft ſeiner eigenen Par⸗ donnirung gewiß wäre—„Maſter Miles kommt heim!— Maſter Miles kommt heim!“ Unter uns Vieren, die wir bei dem Ruheſitze zurückblieben, war unterdeſſen nach wenigen Minuten die Ruhe ſo weit wieder her⸗ geſtellt, daß Fragen und verſtändliche Antworten ausgetauſcht wer⸗ den konnten. So erfuhr ich denn zu meiner großen Freude, daß die Mädchen mit unſerer Todesbotſchaft verſchont geblieben waren: 143 Mr. Hardinge ſollte ſich wohl befinden und in Erfüllung ſeiner heiligen Amtspflichten noch immer den früheren Eifer beweiſen. Er hatte den Mädchen den Namen des Fahrzeugs genannt, auf dem wir uns eingeſchifft hatten, ohne übrigens der peinlichen Scene zu erwähnen, wo er uns, eben als wir den Anker lichteten und den Hafen verließen, zum letzten Male erblickt hatte. Grace verlangte ſofort in feierlichem Tone eine vorlaufige Schilderung unſerer Abenteuer. Die Aufforderung war gewiſſer⸗ maßen an Ruprecht als den alteren gerichtet, und da dieſer nun auch den Sprecher machte, ſo hatte ich Gelegenheit, das ſüße Mienenſpiel der beiden ſchmerzlich betheiligten Zuhoͤrerinnen zu beobachten. Ruprecht affectirte viele Beſcheidenheit, wenn er ſie auch nicht wirklich fühlte, verweilte aber, wie ich wohl bemerkte, mit ziem⸗ licher Genauigkeit bei jenem Schuſſe auf dem Tigris, der, ſo nahe an ihm vorbei, in das Eſelshaupt des Fockmaſtes geflogen war. Er ſprach von dem Sauſen beim Herannahen der Kugel und von der Heftigkeit des Schlags, mit dem ſie in's Holz fuhr, ja, er hatte ſogar die Unverſchämtheit, mein gutes Glück zu preiſen, das mich auf die andere Seite des Marſes geführt habe, während die Kugel an meinem Poſten vorbeigeflogen ſey, während ich doch glaube, daß ſie naͤher an mir als an ihm vorüberſtreifte— hätte ſie mich ja doch beinahe getroffen, wogegen Ruprecht nach Allem, was ich erfuhr, ſich über die Marstakelage herabbückte, als ſie daher geflogen kam. Der Schlingel erzählte aber nun einmal ſeine Geſchichte auf ſeine eigene Weiſe und mit ſo viel Salbung, daß ich Grace merk⸗ lich darob erbleichen ſah. Bei Lucy war die Wirkung eine ganz andere: das treffliche Geſchöpf mochte, wie ich halb und halb ver⸗ muthete, meine Unbehaglichkeit wahrgenommen haben, denn ſie fing ploͤtzlich an zu lachen und unterbrach ihren Bruder mit den Worten: „Halt, halt—'s iſt jetzt genug mit Deiner Kanonenkugel; laß uns nun auch etwas Anderes hören.“ Ruprecht wurde feuerroth, denn er hatte von ſeiner Schweſter noch als Kind gar manche freimüthige Winke der Art erhalten, beſaß aber zu viel Klugheit, um ſeinen nunmehrigen Aerger zu verrathen, ſo bitter er ihn auch, wie ich wohl vermuthete, em⸗ pfinden mochte. 4 Aufrichtig geſtanden, hatte meine Anhänglichkeit an Ruprecht mit dem Aufhören der Achtung vor ſeiner Perſönlichkeit bedeutend abgenommen. Er hatte ſich auf der ganzen Reiſe als einen ſolchen Egoiſten dargeſtellt— hatte ſo oft ſeinen Dienſt verſäumt und dann meiſtens auf den armen Neb abgeladen— hatte ſich ſo ſelten durch die That als den Mann bewährt, als den er ſich mit der Zunge zu ſchildern pflegte, daß ich meine Augen vor ſo manchem ſeiner Charaktermängel nicht länger verſchließen konnte. Noch hatte ich ihn lieb, aber nur aus Gewohnheit und vielleicht weil er mei⸗ nes Vormunds Sohn und Lucy's Bruder war. Dann konnte ich mir auch nicht verhehlen, daß Ruprecht, ſtreng genommen, kein Mann von Wahrheit war. Alles was er erzählte, war verſchönert, übertrieben, mit grellen Farben und Anmerkungen ausſtaffirt, ja Vieles gerade zu von ihm erfunden. Ich war noch nicht alt genug, um zu wiſſen, daß die meiſten Berichte, wie ſie in der Welt gäng und gäbe erſcheinen, nichts als entſtellte Wahrheiten ſind und daß nicht leicht etwas ſeltener getroffen wird, als ein unverfälfchter Thatbeſtand— daß Lüge und Wahrheit mit einander auf Reiſen gehen, wie Pope dies in ſeinem ‚Ruhmestempele ſchildert, bis „Eines oder's Andere unvermiſcht kein Sterblicher mag finden.“* Gerade in ſeiner Erzaͤhlung unſerer Reiſe hatte Ruprecht von mehr als fünfzig Stellen einen falſchen Eindruck in der Seele ſeiner Zuhörerinnen hinterlaſſen. So hatte er aus den beiden Scharmützeln weit mehr gemacht als ſich eigentlich mit der Wahr⸗ heit vertrug, wogegen er bei beiden Affairen dem ehrlichen Neb † 145 nicht die gehoͤrige Gerechtigkeit widerfahren ließ. Ebenſo lobte er Kapitän Robbins' Benehmen beim Verluſte des John in Punkten, die ſich gar nicht beweiſen ließen und tadelte ihn wieder über Maßregeln, welche eigentlich Anerkennung verdienten. Ich wußte wohl, daß mein Freund kein Seemann war— fühlte mich jetzt noch mehr überzeugt, daß er es niemals werden würde, konnte aber gleichwohl alle dieſe Unregelmäßigkeiten unmöͤglich durch ſeine bloße Unkenntniß erklären. Bei alle dem zeugte die Art und Weiſe, wie er ſich bei jeder Gelegenheit als Hauptperſon darſtellte, von ſo vieler Geſchicklichkeit, daß mir bei aller Ueber⸗ zeugung von der Schiefheit der Eindrücke, die er hinterließ, dennoch nicht ſogleich die rechten Mittel beifielen, wie ſich Letztere wieder aufheben ließen; ja ſeine Manier, Thatſachen und Folgerungen — oder was wenigſtens als ſolche erſchien— mit einander zu verknüpfen, war ſo ſinnreich, daß ich mich mehr als einmal darüber ertappte, wie ich einzelnen ſeiner Schilderungen Glauben ſchenkte, ungeachtet ich mir, die Sache beim Licht beſehen, ſagen mußte, daß ſie falſch waren. Ich zählte noch nicht achtzehn Jahre und war ſomit noch zu jung, um für Grace Beſorgniſſe zu hegen; auch hatte ich mich zu ſehr an Ruprecht und ſeine Schweſter gewöhnt, als daß das Ge⸗ fühl, das ich für Beide unterhielt, von dem, wie ich es für meine Schweſter nährte, bedeutend verſchieden geweſen wäre. Erſt als die Geſchichte unſerer Abenteuer und Heldenthaten zu Ende war, fanden wir Muße, die Aenderungen, welche die Zeit an unſerer Perſon bewirkt hatte, wahrzunehmen und unſere Freude darüber auszuſprechen. Ruprecht als der älteſte hatte eben hierin am wenigſten erfahren; ſeine volle Größe hatte er ſehr frühzeitig erreicht und war jetzt nur etwas voller geworden. Er hatte auf der See einen Backenbart keimen laſſen, der ſeinem Geſicht— und dies war keine geringe Verbeſſerung— einen männlicheren An⸗ ſtrich verlieh; ſonſt aber war mit Ausnahme der Spuren, welche Miles Wallingford. 10 2 146 Luft und Sonne an ihm hinterlaſſen, keine weſentliche Veraͤnde⸗ rung mit ſeinem Aeußeren vorgegangen: jedenfalls aber mochte ſeine Erſcheinung im Ganzen gewonnen haben. Ich glaube, die beiden Maädchen dachten ebenſo, nur hütete ſich Grace ſorgfältig, es zu ſagen und Lucy wollte es blos zur Hälfte, und auch dies nur mit manchen Einſchränkungen zugeben. Was mich betrifft, ſo war auch ich zu meiner vollen Höhe von ſechs Fuß herangewachſen— für einen achtzehnjährigen Jungen jedenfalls ein hübſches Maaß; dabei war ich aber auch breiter ge⸗ worden, was in meinem Alter keineswegs gewöhnlich iſt. Grace behauptete, ich hätte„alle Zartheit der Erſch einung“ eingebüßt und Lucy erklärte gar unter Lachen und Erroͤthen, ich fange an mich wie ein„großer Bär“ auszunehmen. Die Wahrheit zu ſagen, war ich mit meiner eigenen Erſcheinung ganz wohl zufrieden und beneidete Ruprecht nicht um ein Haar, da ich wußte, daß ich ihn jeden Augenblick aufheben und über meine Schulter ſchleu dern könnte. Ich vermochte deßhalb auch die Kritteleien über mein Aeußeres ganz gut zu ertragen und obgleich Keines von uns Vieren bei dieſer kritiſchen Unterſuchung mehr als ich verſpottet und verlacht wurde, ſo war doch gewiß Keines unbekümm erter darüber als eben ich. „Du hätteſt zu Hauſe bleiben ſollen, Miles,“ bemerkte Lucy noch leiſe, als ich unſere künſtleriſchen Betrachtung en ſchon geſchloſſen wähnte,„dann wären dieſe Veränderungen ſo allmählig eingetreten, daß ſie Niemand auffallen konnten und Du hätteſt Dir nicht ſagen laſſen müſſen, wie ſehr Du Dich, und zwar zum völligen Bären umgeſtaltet haſt.“. Ich blickte raſch nach der Sprechenden um und faßte ſie ſcharf ins Auge. Ein Blick der Reue flog über ihr liebes Angeſicht, in ihren Augen lag eben ſoviel Beſchämung als Sanftheit und die Röthe, welche ihr Wangen überſtrömte, machte dieſen Ausdruck ⸗ 147 völlig bezaubernd. Im ſelben Augenblick flüſterte ſie mir zu:„Ich habe es nicht ſo gemeint, lieber Miles.“ Doch jetzt kam die Reihe an Grace und meine Aufmerkſam⸗ keit richtete ſich unwillkührlich auf die Schweſter. Ein Jahr hatte viel zu ihrer Verſchönerung beizutragen. Jung wie ſie war, hatte ſie viel von ihrer kindiſchen Miene verloren und dafür von dem geſetzten, ſittſamen Weſen der Jungfrau angenommen. Sie hatte von jeher mehr als Andere hievon beſeſſen, jetzt aber war jede Spur kindiſcher— faſt möcht ich ſagen mädchenhafter— Eitel⸗ keit an ihr verſchwunden. Ihr Aeußeres hatte bedeutend ge⸗ wonnen; nur machte ihre ausnehmende Zartheit noch immer auf den Beſchauer den Eindruck, daß ein ſolches Weſen weniger für dieſe als für eine andere Welt beſtimmt ſey. Eine gewiſſe Ge⸗ brechlichkeit, ein rein geiſtiges Weſen mußte Jedem an meiner armen Schweſter auffallen und man hätte ſich bei ihr leicht einbilden können, ſie werde eines Tags, ganz ſowie ſie vor unſern menſchlichen Augen daſtand, nach einer höheren Sphäre entrückt werden. Lucy hatte alle Urſache eine Muſterung nicht zu ſcheuen. Sie war ganz Weib und nirgends etwas an ihr, was wunderbare Er⸗ wartungen und phantaſtiſche Schilderungen hätte hervorrufen können: dafür ſchien ſie aber offenbar auf dem beſten Wege, ein äußerſt liebliches Mädchen zu werden. Sittſam, aufrichtig, warmherzig und überſtrömend von ächt weiblichen Gefühlen, edel und dabei geiſt⸗ reich, voll Leben und doch zerfließend von Mitleid, hielt mich ihre leicht wechſelnde aber gleichwohl natürliche und beſtändige Stimmung unaufhöͤrlich an ihren neckenden Geiſt und ihre oft umſpringenden Launen gefeſſelt. Und doch gab's weit und breit kein beſſer ge⸗ finntes Weſen, keine treuere, feſtere Freundin, kein Mädchen, das in Allem, was für ihre Jahre wie für ihre Lage paßte, mit mehr Beſtimmtheit auftrat als eben Lucie Hardinge. Sogar Grace ließ ſich von ihrem Urtheil leiten, obwohl ich damals noch nicht wußte, wie ſehr meine Schweſter auf ihrer einfachen und anſpruchloſeren 148 Freundin Gabe baute, die Dinge vorher zu ſehen und ihre Folgen zu berechnen. Wir waren ſchon über eine Stunde ununterbrochen beiſammen geweſen, ehe wir daran dachten, im Wohnhauſe zu erſcheinen. Lucy hielt aber jetzt ihrem Bruder vor, daß er ſeinen Vater noch nicht geſehen habe, den man kaum zuvor an der Thüre ſeines Studierzimmers vom Pferde hatte abſteigen ſehen. Daß er von der Rückkehr ſeiner Ausreißer— wenn nicht gar ungerathenen Söhne— unterrichtet war, ging, wie Lucy meinte, aus ſeinem ganzen Weſen deutlich hervor und ſie behauptete, es wäre unehr⸗ erbietig, wenn wir noch länger zögern wollten, uns ſeinen Segen und ſeine Verzeihung zu erbitten. Mr. Hardinge empfieng uns Beide ohne Ueberraſchung und ohne irgend eine Spur von Groll. Er hatte unſere Rückkehr um dieſe Zeit erwartet und äußerte daher auch kein Erſtaunen, dieſe Erwartung verwirklicht zu ſehen— Groll war vollends ſeiner Natur völlig fremd. Wir alle vergoſſen Thränen und erhielten unter dem lauten Schluchzen der Mädchen ſeinen feierlichen Segen. Ich ſchäme mich keineswegs zu bekennen, daß ich niederkniete, um dieſen Segen zu empfangen— ich thue dieſes Geſtändniß in einer Zeit, wo das affektirte Gerede anmaßlicher Irreligioſität— denn Selbſt⸗ genugſamkeit wie Heuchelei tragen ſolche Affektirtheit als Kenn⸗ zeichen und gehen ſehr häufig Hand in Hand— nur allzu geneigt iſt, ein Demüthigen der eigenen Perſon, während man den Allmäch⸗ tigen durch die Diener ſeines Altars um Segen anfleht, in's Lächer⸗ liche zu ziehen: alſo ich kniete nieder und weinte— das Eine, ſo hoffe ich, aus Demuth, das Andere aus Zerknirſchung. Nachdem wir Alle etwas ruhiger geworden waren und ein kernhaf tes Mahl vor den Abenteurern dampfte, forderte Mr. Hardinge Bericht über Alles, was unterdeſſen vorgefallen war: er wandte ſich dabet an mich und ſo ſah ich mich gezwungen, etwas gegen meine Neigung das Amt eines Hiſtorikers zu übernehmen. Ich 149 erzählte die Geſchichte ganz in meiner einfachen Weiſe, welche freilich in vielen Punkten einen ganz anderen Eindruck auf meine Zuhörer machte als Ruprechts frühere Schilderung. Ich glaubte im Verlaufe der Geſchichte ein paar Mal zu bemerken, wie Lucy recht kummervoll vor ſich nieder ſah, während mich Grace voll Ueberraſchung anblickte. Ich glaube nicht, daß ich, was auf mich Bezug hatte, im Geringſten verſchoͤnerte, und daß ich Neb nicht mehr als Gerechtigkeit angedeihen ließ— das weiß ich gewiß. Meine Erzaͤhlung war bald zu Ende, denn die ganze Zeit über war mir nicht anders, als ob ich Ruprecht fortwährend widerlegte, der übrigens in Betreff der Widerſprüche in den beiderſeitigen Berichten nicht die mindeſte Beſtürzung zeigte, dieſelben vielmehr gar nicht zu bemerken ſchien. Jetzt wundere ich mich nicht mehr hierüber, denn ich bin ſeitdem auf Leute geſtoßen, welche die Wahrheit, ſelbſt wenn man ſie ihnen ganz dicht vor Augen hielt, nicht zu erkennen vermochten. Mr. Hardinge drückte ſeine herzliche Zufriedenheit darüber aus, daß er uns wieder um ſich hatte und ſtellte bald darauf die Frage, ob wir durch das, was wir von der Welt geſehen hätten, befriedigt wären. Dies war nun allerdings eine Gewiſſensfrage, die ich übrigens für's Beſte hielt, lieber gleich mit männlicher Offen⸗ heit zu beantworten. Weit entfernt befriedigt zu ſeyn, ſey es viel⸗ mehr, wie ich ihm ſagte, mein ſehnlichſter Wunſch, auf einem der bewaffneten Handelsſchiffe, deren in unſerem Vaterlande ſoviele ausgerüſtet würden, Dienſte zu nehmen und eine Reiſe nach Europa zu machen. Ruprecht dagegen geſtand ein, er habe ſeinen Beruf mißkannt und glaube nichts Beſſeres thun zu können, als in das Büreau eines Advokaten einzutreten. Ich war über dieſes ruhige Zugeſtändniß meines Freundes wie vom Donner gerührt, denn es war das erſte Mal, daß er von ſeiner Untauglichkeit zum Seemann, ſowie von ſeiner nunmehrigen, veränder⸗ ten Abſicht ſprach. Ich hatte zwar in verſchiedenen Lagen, welche Ent⸗ 150 ſchloſſenheit verlangten, einen gewiſſen Mangel an Energie, niemals aber Muthloſigkeit an Ruprecht bemerkt und hatte ſeine Lauheit zum Theil dem Wechſel in ſeiner Lage und möglicher Weiſe auch der Nahrung zugeſchrieben, wie denn im Ganzen der Menſch, dieſes gottähnliche Geſchöpf, doch nichts weiter als ein Thier iſt und eben⸗ ſo gut wie das Schaaf oder Pferd von ſeinem Magen und den Verdauungsorganen abhängt. Mr. Hardinge nahm ſeines Sohnes Andeutung, daß er geiſti⸗ gen Arbeiten den Vorzug vor einer mehr phyſiſchen Art von Eriſtenz gebe, mit einer Freude auf, wie meine Wunſche ſie keineswegs bei ihm hervorriefen. Er machte jedoch vor der Hand noch keine wei⸗ tere Bemerkung über unſere Aeußerungen; wir ſollten uns vielmehr Beide der Rückkehr nach Clawbonny erfreuen, ohne durch Rath⸗ ſchläge oder Lehren von ſeiner Seite geſtört zu werden. Der Abend verfloß in Luſt und Scherzen, indem die Mädchen über unſere ſpaßhaften Schilderungen der Lebensweiſe auf Schiffen, den mancherlei Scenen in China, auf der Inſel Bourbon und anderswo herzlich zu lachen anfingen. Ruprecht beſaß viel Humor und dabei eine höchſt trockene Art, ihn von ſich zu geben; überhaupt war er ein wahres Genie in Allem, was die Oberflächlich⸗ keiten des Lebens betraf, und ſelbſt Grace belohnte ſeine Bemühungen, uns zu unterhalten, durch ein Gelächter, welches ihr ſogar Thrä⸗ nen entlockte. Nach dem Abendeſſen wurde auch Neb herbeigerufen, um Lob und Tadel zugleich zu empfangen— Tadel, weil er die Götter des Hauſes verlaſſen— Lob aber, weil er ſich nicht von ſeinem Herrn getrennt hatte. Seine drollige Darſtellung der Chineſen, ihrer Kleidung mit den Schuhen und Haarzöpfen, ſo wie die Nachahmung ihres gebrochenen Engliſch, ergötzten ſogar Mr. Hardinge, der ſich diesmal, glaub' ich, eben ſo gut Kind fühlte, wie wir Alle mit einander. Ein glücklicherer Abend, als wir ihn damals in dem kleinen Theeſtuͤbchen— wie meine theure Mutter es zu nennen 151 pflegte— zubrachten, war ſeit den hundert Jahren, daß ein Dach die alten Mauern von Clawbonny bedeckte, noch nie daſelbſt ver⸗ lebt worden. Am andern Tage hatte ich eine geheime Unterredung mit meinem Vormund, welcher das Geſpräch mit einer Art von Rechen⸗ ſchaftsbericht begann, den er mir über die Erträgniſſe meines Ver⸗ möͤgens wäͤhrend des verſloſſenen Jahres erſtattete. Ich hörte achtungsvoll und nicht ganz ohne Theilnahme zu, denn ich ſah, daß ich mit Erſterem dem guten Manne große Freude machte, während das Letztere, ehrlich geſtanden, auch mir einiges Ver⸗ gnügen gewährte. Ich fand, daß Alles den glücklichſten Fortgang genommen hatte: das baare Geld war bedeutend angewachſen und ich ſah: wenn ich einmal ins rechte Alter kam, ſo konnte ich über eine Summe ge⸗ bieten, welche, falls ich Luſt dazu fuͤhlte, zum Ankauf eines eigenen Schiffes hinreichte. Von dieſem Augenblicke an faßte ich den ſtillen Entſchluß, mir in der Zwiſchenzeit alle zum Schiffsbefehlshaber nöthigen Eigenſchaften und Kenntniſſe zu erwerben. Von der Zukunft war nicht viel die Rede: mein Vormund äußerte nur die Hoffnung, daß ich mir Zeit zum Nachdenken gönnen würde, ehe ich über die Wahl eines Standes zu einem feſten Entſchluſſe gelangte, worauf ich blos durch eine achtungsvolle Verbeugung ant⸗ wortete. Den ganzen nächſten Monat war Clawbonny der Schauplatz ununterbrochener Beluſtigung und Freude. Wir hatten zwar in unſerer unmittelbaren Nachbarſchaft nur wenige Familien zu be⸗ ſuchen und Mr. Hardinge machte deshalb den Vorſchlag, einen Ausflug nach den Quellen des Niagara zu machen, denn an den eigentlichen Fall zu denken, dazu war das Land noch zu jung und die Straßen zu ſchlecht. Ich wollte aber nichts davon hören, denn ich intereſſirte mich nicht für die Quellen— wußte wenig und kümmerte mich noch weniger um die Mode, während mir von mei⸗ 152 nem Clawbonny jeder Stamm, ja jeder Stein theuer war. So blieben wir denn zu Haus und lebten faſt ausſchließlich nur für uns: Ru⸗ precht las den Mädchen unter ſeines Vaters Anleitung häufig vor, während ich keinen kleinen Theil meiner Zeit mit athletiſchen Uebun⸗ gen zubrachte. Grace und Lucy machten einige ziemlich weitgehende Ausflüge auf dem Fluße und endlich kam mir der Gedanke, die ganze Geſell⸗ ſchaft in dem Wallingford nach der„Stadt“ zu führen. Die Mädchen hatten New⸗York gar nicht, vom Hudſon auch nicht viel geſehen, eben ſo war ihnen noch nie ein größeres Fahrzeug zu Geſicht gekommen. Die Schaluppen, welche auf dem Hudſon hin und her gingen, gelegentlich einmal ein Schooner— das war Alles, was ſie von Schiffen kannten, und ich begann mir bereits Vorwürfe darüber zu machen, daß die, an welchen ich ſo tiefes Intereſſe nahm,„ſo gar unwiſſend“ ſeyn ſollten. Die Mädchen ſelbſt gaben beide zu, daß ihr Wunſch, einen regelrechten Dreimaſter in ſeiner vollen Tackelage zu ſehen, dadurch, daß ich jetzt Seemann gewor⸗ den, ums Siebenfache verſtärkt worden ſey. 3 Mein Vormund nahm dieſen Vorſchlag anfänglich für Scherz, gab aber endlich ſeine Zuſtimmung, der treffliche Mann, als Grace ihr heftiges Verlangen äußerte, eine große Stadt— oder was Anno 1799 in unſerem Vaterlande dafür galt— zu ſehen und Lucy ihm eine nachdenkliche Miene zeigte, aber in der Beſorgniß ſtillſchwieg, daß ihr Vater die Koſten einer Reiſe, welche ſie ſich in ihrer Phantaſie weit drohender ausmalte, als die Wirklichkeit rechtfertigte— vielleicht nicht beſtreiten koͤnnte. Der Koſtenpunkt ließ ſich höchſt einfach erledigen. Die Reiſe hin und zurück ſollte im Wallingford gemacht werden und Mr. Har⸗ dinge war nicht ſo übermäßig bedenklich, um die freie Ueberfahrt für ſich und ſeine Kinder auszuſchlagen, da ja die Schaluppe von Niemand, der von dem Gute kam oder dahin ging, Paſſagiergeld erhielt. Lebensmittel waren gleichfalls ſo billig, daß ſie nicht in 153 Betracht kamen und da ich einmal geſetzlich dazu berechtigt war, mei⸗ nen Unterhalt zu Clawbonny zu empfangen, ſo war es doch ganz einerlei, ob ich ihn zu Hauſe oder auf einem Schiffe einnahm. Dann wohnte zu New⸗York eine gewiſſe Mrs. Bradfort, eine Wittwe von ziemlichem Vermögen und Mr. Hardinge's Geſchwiſter⸗ kind— Vatersſchweſtertochter— in deren Hauſe er jedes Jahr bei ſeinem Beſuche des Kirchenconvents verweilte— bitt' um Verzeihung, des Convents der proteſtantiſch⸗biſchöflichen Kirche, wie die Mode jetzt zu ſagen verlangt; ich wundere mich nur, daß nicht irgend ein Ultra dieſe offenbare Verbeſſerung auch in das apoſtoliſche Credo ein⸗ führt und ſagt:„Ich glaube an die heilige proteſtantiſch⸗biſchöflich⸗ katholiſche Kirche“ u. ſ. w.— alſo der treffliche Geiſtliche war gewohnt, auf ſeinen jährlichen Beſuchen des Convents bei ſeiner Verwandten abzuſteigen, welche häufig mit der Bitte in ihn drang, ihr doch einmal auch Grace und Lucy zu bringen, da ihr Haus in der Wallſtreet groß genug ſey, um ſelbſt eine weit zahlreichere Geſellſchaft bequem zu beherbergen. „Ja, ja, ſo wollen wir's machen,“ war Mr. Hardinge's Be⸗ ſcheid.„Die Mädchen wohnen mit mir bei Mrs. Bradfort, wäh⸗ rend die jungen ‚Herren’ in einem Gaſthofe abſteigen. Ich glaube, das neue City⸗Hötel, das ein ganzes Regiment aufnehmen könnte, wird auch für ſie noch Raum darbieten. Heute Abend noch will ich meiner Couſine ſchreiben, um ſie nicht gar zu ſehr zu über⸗ raſchen.“ Noch war keine Woche nach dieſem Beſchluſſe verfloſſen, als eine Antwort von Mrs. Bradfort anlangte und gleich am andern Tage ſchiffte ſich die ganze Geſellſchaft, mit Einſchluß Neb's, auf dem Wallingford ein.— Wie ſo ganz anders war dieſe Fahrt den Hudſon hinunter, als jene, die ihr vorangegangen war! Damals hatte ich das Bewußtſeyn eines Fehltrittes in mir, während mein Herz bei dem Gedanken an die beiden theuren Mädchen blutete, die 154 wir auf der Werfte zurückgelaſſen hatten, und jetzt— Alles offen, ehrlich und mit des Vormunds Erlaubniß! Ich brauche wohl kaum zu ſagen, daß Grace und Lucy von Allem, was ſie ſahen, entzückt waren. Die Hochlande beſonders riſſen ſie zur Bewunderung hin; jetzt freilich habe ich ſo viel von der Welt geſehen, um mit faſt allen Touriſten von Erfahrung dahin übereinzuſtimmen, daß ſie gerade vergleichungsweiſe die häßlichſte Parthie von der ganzen ſchönen Flußreiſe ſind. Wenn ich ſage vergleichungsweiſe, ſo meine ich— die kühneren Par⸗ thien unſeres Stromes mit denen anderer, natürlich auch Hochland⸗ flüſſe verglichen— denn gar manche Theile unſerer ſchönen Erd⸗ hälfte zeigen eine weit erhabenere Größe, wogegen ſehr wenige ſich auf ſo ſchmalem Raume ſo großer Lieblichkeit der Flußſcenerie, als jene übrigen Parthien des Hudſon rühmen dürfen. Wir erreichten New⸗York zu gehöriger Zeit und ich genoß des überſchwänglichen Glücks, den Mädchen das Staatsgefängniß, den Bärenmarkt, die Glockenthürme von St. Paul und der Trinity— der alten Dreieinigkeitskirche zu zeigen, wie es neuerdings noch Sitte war, jene Kirche zu nennen, welche erſt ein paar Jahre zuvor erbaut worden war und in meiner Jugend für eben ſo großartig, als ehrwürdig galt. Dieſer Bau iſt bereits wieder verſchwunden und hat einem anderen Platz gemacht, der nunmehr„glänzend“,„uner⸗ meßlich“ und ich weiß nicht was Alles genannt wird. Iſt erſt einmal dieſer neue Bau wieder abgetragen, hat er eine oder zwei Ge⸗ nerationen von Gebäuden, jede dem hohen Muſter des Kirchenſtyls der alten Welt näher kommend, ſich folgen ſehen, dann werden die Manhattaneſen den Gebrauch der Gradation bei Vergleichung ſolcher Gegenſtände einigermaßen begreifen lernen. Erſt dann werden ſie aufhören, nach der Provinz zu riechen— keinen Augen⸗ blick früher. Wie anders nahm ſich die Wallſtreet aus im guten Jahre 1799, mit ihrem jetzigen Zuſtande verglichen! Da wo dem Plutus heut 155 zu Tage ſo viele griechiſche Tempel errichtet ſind, ſtanden damals zwei beſcheidene Reihen von Provincialwohnungen, die übrigens um kein Haar mehr von der Provinz verriethen, als Tauſende von buhleriſchen Paläſten aus Backſtein und Marmor, welche ſeitdem in deren Nachbarſchaft emporgewachſen ſind, höchſtens daß jene anſpruch⸗ loſer und darum auch achtbarer waren. In einer dieſer ehrſamen Wohnungen hauste Mrs. Bradfort und Mr. Hardinge ging ſeinen Gefährten mit derſelben Zuverſicht dahin voran, mit welcher man heut zu Tage in die Bleeker⸗Street* oder nach der fünften Avenue“ ſpazieren würde. Geldwechsler waren damals noch unbekannt, oder— wenn anders— von ſo geringem Belange, daß ſie nicht Kraft genug beſaßen, eine Kolonie, eine Ligue unter ſich zu bilden. Selbſt die Banken— es gab deren, glaub'ich, blos zwei— hielten damals nicht für nöthig, gleichſam zu ihrer Selbſtvertheidigung nur einen Steinwurf von einander entfernt zu ſeyn. Wir haben in dieſer heiligen Straße alle Arten von Hülfsmitteln zum Schutze der Geldſäcke auf⸗ bieten ſehen, von dem Tempelchen an, das ſo klein beabſichtigt war, daß blos Thaler und die ſie verwahrten, Zutritt daſelbſt finden ſollten, bis zu dem Gebäude, welches Spitzbuben genug zu faſſen vermöͤchte, um nach dem bekannten Grundſatz:„ein Dieb bewacht den andern,“ die Sicherheit eben durch ſie wieder herzuſtellen. Alles half nichts— mit Ausnahme ſolcher Fälle, wo man zu dem einheimiſchen, aber beinahe ganz abgekommenen Mittel, nämlich zu ehrlichen Leuten ſeine Zuflucht nahm, hat ſich das Uebel als unüberwindlich erwieſen. Doch um von den Plaudereien über das Ehemals zu einer angenehmen Wittwe noch unter den Vierzigen zurückzukehren, ſo wurde Mr. Hardinge von ſeiner Verwandten mit einer Herzlichkeit empfangen, welche uns Alle überzeugte, daß ſie ſich aufrichtig freute, ihn wieder zu ſehen. Sie hatte auch für Ruprecht und mich ein Zimmer eingerichtet, und weder Bitten noch Entſchuldigungen * Blücherſtraße, der guten Stadt London nachgeäfft. D. U. 156 wurden beachtet— wir mußten nun einmal ihre Gaſtfreundſchaft annehmen. Es dauerte keine Stunde, bis Alle untergebracht waren und, wie ich glaube, ſich auch zu Hauſe fühlten. Ich will nicht länger bei dem Glücke verweilen, deſſen wir hier genoſſen. Wir waren Alle noch zu jung, um in Geſellſchaften zu gehen, und faſt möchte ich ſagen, New⸗York ſelbſt war zu jugend⸗ lich, um welche zu geben— doch nein, hier würde ich mich doch irren, nur gab's Anno 1799 auch nach Abzug des Unterſchieds in der Bevölkerung vielleicht noch nicht ſo viele Kinderbälle wie heut zu Tage. Allein, waren wir auch zu jung für Geſellſchaften, ſo waren wir doch keineswegs zu jung, um Alles zu ſehen, was zu ſehen war. Ich muß noch lächeln, wenn ich daran denke, woraus dies „Alles damals beſtand. Da war ein Muſeum— jetzt würde ſich jede der weſtlichen Städte nach fünfzehn⸗ bis zwanzigjährigem Be⸗ ſtehen daran ſchämen— ferner ein Circus, von einem Manne Namens Rickets gehalten— das Theater in der John⸗Street, ein höchſt beſcheidener Thespistempel— endlich ein Löwe(ein wirkliches Thier nämlich) der in einem Käfig ganz außerhalb der Stadt gezeigt wurde, damit ſein Brüllen die Leute nicht erſchrecken konnte— es war ungefähr in der Nähe des jetzigen Triangels, welcher jetzt Franklin Squarer heißt. 4 Dies Alles ſahen wir, ſogar das Theater, denn der gute nachſichtige Mr. Hardinge erblickte nichts Schlimmes darin, uns unter Mrs. Bradforts Aufſicht dahin gehen zu laſſen. Nie werde ich das Entzücken jener Nacht vergeſſen! Die Sache war Ruprecht und mir eben ſo neu wie den Mädchen, denn waren wir auch in China geweſen, ſo hatten wir doch noch kein Theater beſucht. Der Spruch hat Recht:„Vanitas, vanitas, vanitatum vanitas * Gleichfalls nach dem Muſter der Londoner Squares, d. h. freier, mit Grün bewachſener Plätze mitten in der Stadt, welche den Hauptſchmuck jener Metropole bilden.. D. U. ————— u— ⸗ ——-— V 157 — auf der Welt iſt Alles eitel!’ Wer ſo lange lebt, wie ich ge⸗ lebt habe, wird die Erfahrung machen, daß ſeine meiſten Anſich⸗ ten ſich— in Geſchmacksſachen ſogar vollſtändig— umändern. Neben der Offenbarung gibt es Nichts, was uns ſtärker von dem wechſelnden Charakter unſerer Prüfungszeit auf dieſer Welt über⸗ zeugt, als die Einſicht, für wie kurze Zeit und zu welch' unvoll⸗ kommenen Zwecken uns alle unſere Hoffnungen und Erfolge im Leben aufgerichtet und unſern Geiſt beſchäftigt haben. Nach dem erſten Fünfzig beginnt die Täuſchung zu ſchwinden, und wenn wir auch fortfahren zu leben, und uns ſogar glücklich zu fühlen, ſo müßte man doch blind ſeyn, um nicht das Ende des Weges zu er⸗ kennen und einige der großen Reſultate, zu denen er führen ſoll, vorherzuſehen. Aber daran dachte unſer Quartett im Jahre 1799 natürlich gar wenig. Achtes Kapitel. Gleich bleibſt du dir, du ew'ge See! Reich iſt die Erd' an Thal und Höh', An Blüth’ und Baum, an Farb' und Schatten; Im Sonnenbrande lechzen bald die Matten, Bald ſtarr'n ſie in des Winters Hülle Und glänzen bald in Herbſtes Fülle: Ob du das Antlitz deckſt in Sturmesſauſen, Ob heiter lächelſt— immer ſchlägt dein Brauſen Den Giſcht zum ausgewaſch'nen Strand— der Menſch, ser ſieht's mit Grauſen. Lunt. Bald nach unſerer Ankunft in der Stadt hatte ich mit meinem Vormund eine freimüthige Unterredung, meine Vorliebe für die See betreffend. Das ganze Land war mit Bewaffnung der neugeſchaffe⸗ nen Marine beſchäftigt und Blaurocke mit Federhüten und weißen 158 Aufſchlägen fingen an, ſich mit einem Stolze in den Straßen zu zeigen, wie er den neuen Offizier und den neuen Dienſt gleich fehr charakteriſirte. Gegenwärtig ſtößt man allenthalben auf ausgezeich⸗ nete Seeleute unſerer Marine, ohne ihnen, wenn ſie nicht gerade in wirklichem Flottendienſt ſind, ihren Stand äußerlich anſehen zu koͤnnen, da ſogar die Kokarde nur zur vollen Uniform getragen wird: im Jahre 1799 aber wurde mit dem Empfange des Patents der Harniſch angezogen, um nicht eher als beim Aufſuchen der Hängematte abgelegt zu werden. In allen Theilen des Landes wurden Schiffe gebaut und ausgerüſtet, und ich wundere mich nur, wie ich dem Fieber entging, Midſhipman werden zu wollen. Wäre mir freilich ein zweiter Kapitän begegnet, der mich ebenſo wie Kapitän Dale angezogen hätte, ſo wäre meine Laufbahn ohne Zweifel eine ganz andere geworden; ſo aber hatte auch ich jenes Vorurtheil eingeſogen, welches Southey in ſeiner höchſt intereſſanten, aber in ſeemänniſcher Hinſicht durchaus werthloſen Biographie Nelſons jenem Helden zu⸗ ſchreibt: ‚Je weiter hinten, deſto mehr Chre; je weiter vorn, deſto tüchtiger der Mann.“ Deßhalb war ich nicht hinter die Kajüten⸗ fenſter gegangen und fühlte mich, gleich jedem Junker, der hübſch auf dem Vorkaſtell zu dienen beginnt— ſtolz darüber, daß ich Mühen und Gefahren wie ein Mann Trotz geboten hatte. So beſchloß ich alſo, den Kurs, den ich mir urſprünglich vorgeſetzt hatte, zu ver⸗ folgen und in die Fußſtapfen meines Vaters zu treten. Im Krieg mit einem Lande, das keinen Handel beſaß, war natürlich von Kapern keine Rede; auch glaube ich, daß ich unter keinen Umſtänden auf einem ſolchen Schiffe eingetreten wäre. Eine Fehde blos des Gewinnes halber zu führen, habe ich von jeher für eine Schande gehalten, wenn ich auch zugeben will, daß daß amerikaniſche Syſtem mit ſelnen auf Privatkoſten ausgerüſteten Kreu⸗ . zern ein achtungswertheres, beſſer geleitetes Inſtitut war, als die meiſten Nationen ſich deſſen rühmen können, was offenbar dem Umſtande zugeſchrieben werden mußte, daß Leute aus den beſſeren ₰ 159 Klaſſen— in Europa ein höchſt ungewöhnlicher Fall— ſich zu ſolchen Unternehmungen einſchifften. Nun ließ ſich aber gegen ein bewaffnetes Handelsſchiff gar keine derartige Einwendung machen, denn hier iſt unſer gewöhnliches Geſchäft der Handel, Waffen führen wir blos zur Vertheidigung, und wenn wir je ein Fahrzeug wegkapern, ſo iſt's ein Feind, der uns gerade in den Weg kommt und uns eben ſo gern gekapert hätte, wenn er nur ſtark genug geweſen wäre. Ich erklärte deß⸗ halb Mr. Hardinge meinen Entſchluß, nicht nach Clawbonny zurück⸗ zukehren, ſondern mich während unſeres Aufenthaltes in der Stadt nach einem Dienſte auf einem ſolchen Handelsfahrer umzuſehen. Neb hatte geheime Weiſung erhalten, meine eigene, ſowie ſeine Matroſenausrüſtung an Bord des Wallingford zu ſchaffen: ſie war freilich in Folge des erlittenen Schiffbruchs ſehr nahe beiſammen, dafür wurde aber auch das von Mr. Hardinge empfangene Geld zu deren Vermehrung verwendet. Ich fing nun an, mich nach einem Schiffe umzuſehen, entſchloſſen, ein Fahrzeug zu wählen, das meinen Augen wohlgefiele und zu einer meinem Geſchmacke zuſagen⸗ den Reiſe beſtimmt wäre. Neb hatte Ordre, die Werfte in gleicher Abſicht zu durchſtreifen, denn ich traute dem Neger hierin weit mehr zu, als Ruprecht, der in Beurtheilung von Schiffen weder Geſchmack beſaß, noch ſich im Geringſten für ſie intereſfirte, ſo daß ich mich oft gewundert habe, wie es ihm überhaupt einfallen konnte, auf die See zu gehen. Mit Neb ſtand es hierin ganz anders, denn er war ſchon ein ausgelernter Seemann, konnte beſchlagen, reefen und ſteuern, knoten und ſpliſſen und war überhaupt im Seedienſte ſo brauchbar, als man nur verlangen konnte. Er wußte freilich nicht, wann man das letzte Reef einnehmen mußte— verſtand auch nichts vom Stauen der Ladung, wie es für das Schiff eben am bequemſten war und ſeinen Gang am meiſten erleichterte; dagegen war er im Aufbrechen von Tonnen flinker als ich nur je Einen geſehen habe. Er zeigte ſich 2 160 in ſeiner Art höͤchſt ausrichtſam und behend; blieb aber bei all' dem doch zu ſehr ‚Negger“, um ſich an einer Arbeit lange den Kopf zu zerbrechen— kurz, er war ein Kapitalburſche, mein Neb, und ich faßte mit der Zeit eine Zuneigung für ihn, wie man ſie nur für einen Bruder zu hegen vermag. Alles Sehenswürdige war jetzt betrachtet, und ich hatte bereits angefangen, ernſtlich an Auffindung eines Schiffes zu denken, als ich eines Tags bei einem meiner Streifzüge auf den Werſten plötz⸗ lich eine wohlbekannte Stimme vernahm, welche hinter mir drein rief: „Ei ſeht, Kapitän Williams, da iſt gerade ſo ein Burſche: der wird Euch einen dritten Steuermann abgeben, wie Ihr in ganz Amerika keinen beſſeren finden könnt.“ Ich hatte eine Art von Vorgefühl, daß die Rede mich anging, konnte mich jedoch im Augenblick nicht auf den Namen des Spre⸗ chers beſinnen; als ich mich aber umſchaute, wo die Töne herkamen, ſah ich Marble's rauhes Antlitz neben dem verwitterten Geſichte eines Schiffmeiſters von mittlerem Alter, beide mich betrachtend— über die Finkenetten eines bewaffneten Kauffahrers von vielverſpre⸗ chendem Aeußern herüberragen. Ich machte Mr. Marble meine Verbeugung; dieſer winkte mich zu ſich an Bord und ſtellte mich mit aller Förmlichkeit dem Schiffsherrn vor. Das Schiff hieß die ‚Kriſis— ein höͤchſt bezeichnender Name für ein Fahrzeug, das aus einem Lande ſtammte, wo regelmäßig alle ſechs Monate einmal Kriſen jeder Art auszubrechen pflegen: es war ein nettes, feſtes Ding von etlichen vierhundert Tonnen, hatte Reifbollwerke, wie ich ſpäter erfuhr, mit Finkenetten für Hänge⸗ matten und alten Schatting, beſonders für Letzteren, und führte in ſeinen Batterien zehn Neunpfünderkanonen auf Rolllaffetten. Ich ſah, daß es ſchon geladen hatte, und man gab mir bald zu verſtehen, daß die Schiffseinſchreibung eröffnet ſey, wobei ſich's jetzt um Her⸗ beiſchaffung eines dritten Steuermannes handle: es mangelte an * Rümpelwerk aus alten Tauen. D. U. ₰ 161 Offizieren, da ſich ſo viel junge Leute in die Marine drängten, und Mr. Marble glaubte deßhalb, mich nach einer zwoͤlfmonatlichen Be⸗ kanntſchaft zu jener Stelle empfehlen zu dürfen. Ich hatte zwar nicht ſo früh zum Offizier vorzurücken erwartet, meinte aber doch in aller Beſcheidenheit, die Fähigkeit, einem ſolchen Amte vorzuſtehen, mir recht wohl zutrauen zu dürfen. Kapitän Williams examinirte mich etwas über eine Viertelſtunde, hielt dann eine kurze Privatunterredung mit Mr. Marble und bot mir ſofort mit aller Offenheit jene Stelle an. Das Schiff ſollte eine Reiſe um die Welt machen, und dies allein ſchon beſtach meine Phantaſie vollkommen: es hatte eine Laſt Mehl für England einzunehmen; dort ſollte es eine kleine Ladung Sortimentsartikel— Spielſachen und Tauſchwaaren— für die Nordweſtküſte, und für etliche der Sandelholz⸗Inſeln empfangen, nach deren Abſatze nach Canton ſegeln, um daſelbſt Holz, Pelzwaaren und ſonſtige Artikel gegen Thee u. ſ. w. einzuhandeln und dann nach Haus zurückzukehren. Für dieſe Fahrt nun wurde mir die obenerwähnte Stelle mit dreißig Dollars Monatsgehall angeboten. Die Bezahlung kam bei mir ſehr wenig, deſto mehr aber die Offiziersſtelle und die Reiſe ſelbſt in Betracht. Dazu kam noch, daß das Schiff Kaper⸗ und Repreſſalien⸗Briefe bei ſich führte und wenigſtens in den europäiſchen Gewäſſern die Ausſicht vorhanden war, auf einige franzöſiſche Fahrzeuge zu ſtoßen.— Ich beſah mir das Schiff und die mir angewieſene Back, warf manchen ſchüchter⸗ nen Blick nach dem Kapitän, prüfte deſſen Aeußeres und ſuchte durch ſolche tiefſinnige Mittel ſeinen Charakter zu erforſchen, bis ich endlich unter der Bedingung, daß Neb ale ordentlicher Matroſe aufgenommen würde, das Anerbieten anzunehmen beſchloß. Mr. Marble hatte kaum dieſen letzten Vorſchlag vernommen, als er das Verhältniß, in welchem der Schwarze zu mir ſtand, erklärte und deſſen Aufnahme unter die Zahl der Matroſen ernſtlich anrieth. Auch dies wurde bewilligt, und ich ging nun ſogleich zum Notar, Miles Wallingford. 11 162 um die Artikel zu unterzeichnen. Neb wurde gleichfalls aufgefunden und ſein Name in die Schiffsliſte eingetragen— diesmal in aller Form Rechtens, da auch Mr. Hardinge dem, was geſchehen war, ſeine Sanktion ertheilte. Der würdige Geiſtliche war nämlich in der beſten Laune, da er am gleichen Tage mit einem Freunde beim Gerichtshof einen Kontrakt abgeſchloſſen hatte, wonach Ruprecht in deſſen Bureau aufgenommen und auch von Mrs. Bradfort auf deren inſtändiges Bitten als regelmäßiger Bewohner ihres Hauſes inſtallirt wurde, ſo daß dem Vater nichts weiter übrig blieb, als ſeinen Sohn mit Kleidern und einigen Thalern Taſchengeld zu verſehen. Ich kannte übrigens Ruprecht zu gut, als daß ich glauben durfte, er würde oder könnte mit dem Wenig en, was er von ſeines Vaters Erſparniſſen zu erwarten hatte, zufrieden ſeyn. Mir ſelbſt fehlte es nicht an Geld: mein Vormund hatte mich ſo reichlich ver⸗ ſehen, daß ich nicht nur den früheren Eigenthümern des John meine Schuld zurückbezahlte, ſondern mich auch vollſtändig für die Reiſe ausrüſtete und immer noch Thaler genug übrig behielt, um vor⸗ ausſichtlich alle meine Bedürfniſſe während der zu erwartenden Reiſe beſtreiten zu können. Viele von den Offizieren und Matroſen der Kriſis hatten ihren Weibern und Familien Anweiſungen auf einen theilweiſen Empfang ihres Gehaltes während ihrer Abweſenheit ausgeſtellt, und die Schiffseigenthümer wurden von Zeit zu Zeit durch Briefe benachrichtigt, ob dieſe Leute ſich noch am Bord be⸗ fänden und jeder ſeinem Dienſte vorſtünde— ſo beſchloß ich denn, dieſe Einrichtung auch Ruprecht zu gut kommen zu laſſen. Ich bot ihm zuerſt zwanzig Dollars von meinem jetzigen klei⸗ nen Vorrathe an, nahm ihn dann nach dem Wechſelhauſe und er⸗ hielt endlich nicht ohne Schwierigkeit für meinen Freund einen Kredit von zwanzig Thalern monatlich, wobei ich für jede Schuld, die etwa durch den Untergang des Schiffs oder ein mir zuſtoßendes Unglück zu meinen Laſten auflaufen könnte, getreulich einzuſtehen verſprach. A K— F W nmN 163 Dieſes Letztere erlaubte mir der Kredit, den ich als Beſitzer von Clawbonny beſaß, und der mich, wenn ich gleich keineswegs arm genannt werden durfte, doch jedenfalls, wie gewöhnlich in ſolchen Fällen, für weit reicher auspoſaunte, als ich in Wirklichkeit war. Ich muß geſtehen, ſo gerne ich auch dieſe Anordnung zu Rup⸗ rechts Gunſten traf, ſo that es mir doch leid, daß er ſeine Ein⸗ willigung dazu ertheilte. Es gibt gewiſſe Handlungen, welche wir Alle zu vollführen wünſchen, die wir aber dennoch bereuen, ſobald ſie uns gelungen ſind. Es that mir weh, daß mein Freund, daß Lucy's Bruder und Grace's Bewunderer— denn ſo viel Scharf⸗ blick beſaß ich doch, um zu bemerken, wie Ruprecht ſich mit derlei Gedanken zu tragen anfing— nicht Stolz genug beſaß, um einen Lohn auszuſchlagen, den ich im Schweiße meines Angeſichts, ja mehr noch, den ich durch eine Lebensweiſe mir erwerben mußte, welcher ſich zum zweiten Male auszuſetzen er nicht den Muth beſaß. — Allein er nahm nun einmal das Anerbieten an und ſomit war die Sache abgemacht. Wie im Jahre 1798 Alles munter und lebendig betrieben wurde, ſo war auch die„Kriſis“ drei Tage, nachdem ich daſelbſt in Dienſte getreten, zur Abfahrt bereit. Wir halten in den North⸗ River, wie ſich's für die Bedeutung unſerer Reiſe ziemte, und nahmen unſere Mannſchaft an Bord. Im Ganzen bekamen wir ziemlich tüchtige Leute zuſammen, darunter auch zehn Rekruten— Burſche, welche niemals den Ocean geſehen hatten, aber jung, geſund und kräftig waren und in kurzer Zeit ſehr brauchbar zu werden verſprachen. Mit Einrechnung der Offiziere zählten wir achtunddreißig Köpfe an Bord. Das Schiff war in der Hoffnung, an einem Donnerſtag abſegeln zu können, zum Auslaufen bereit gemacht worden, denn Kapitän Williams war ein umſichtiger Mann und wünſchte das Fahrzeug nach Beſeitigung der erſten Arbeit noch vor dem nächſten Sonntag auf offener See zu ſehen. Da ſich jedoch einige geringfügige An⸗ 164 gelegenheiten nicht mehr zeitig genug abmachen ließen und Niemand daran dachte, an einem Freitag abſegeln zu wollen— Anno 1798 that dies gewiß Keiner, wenn er es irgend vermeiden konnte— ſo bekamen wir dadurch einen Raſttag, und ich nahm deßhalb Ur⸗ laub, um Nachmittag und Abend noch am Lande zuzubringen. Ich machte an jenem Abend mit Ruprecht, Grace und Lucy einen großen Spaziergang„aufs Land“, d. h. wir zogen über die Felder und verfolgten dieſe Pfade etwas weiter als jetzt die Canal Street reicht. Lucy und ich gingen meiſt neben einander und waren recht traurig bei dem Gedanken, daß uns eine ſo lange Trennung bevorſtand. Die Reiſe konnte drei Jahre dauern; bis dorthin wurde ich nach den Geſetzen volljährig, mein eigener Herr und Lucy war ein Mädchen nahe an den Neunzehn. Schreckliche Zeitraͤume dünkten uns die Friſten, die wir in Ausſicht hatten, und Verän⸗ derungen— ſo zahlreich wie die eines ganzen Menſchenlebens— drohten ſie mit ſich zu bringen. „Bis ich zurückkomme, iſt Ruprecht bereits Advokat,“ bemerkte ich gelegentlich, während wir eben die Sache beſprachen. „Ja wahrhaftig,“ gab das liebe Maͤdchen zur Antwort. „Jetzt, da Du gehen mußt, Miles, bedaure ich faſt, daß mein Bruder nicht auf dem Schiffe ſeyn wird; ihr kennt euch nun ſchon ſo lange Zeit, liebt einander ſo warm und innig und habt ſchon ſo furchtbare Gefahren in Gemeinſchaft beſtanden.“ „O, ich will ſchon durchkommen— hab' ich ja doch Neb, und Ruprecht iſt gewiß lieber am Land als zur See: er iſt ei⸗ gentlich zum Advokaten geboren.“ Damit meinte ich blos, er verſtehe ſich auf Ausflüchte und habe die Zunge auf dem rechten Fleck. „Ja, aber Neb iſt nicht Ruprecht, Miles,“ verſetzte Lucy mit Blitzesſchnelle und wie mich dünkte, in etwas vorwurfsvollem Tone. „Ganz richtig— ich werde Deinen Bruder gar oft und zu Zeiten ſogar recht ſehr vermiſſen; was ich aber vorhin mit Neb 98 6 ᷣ——— ᷣ⏑ᷣ ⏑ 165 ſagen wollte, war, daß wir, wie du weißt, einander gleichfalls wohl leiden mögen, und dieſelben Gefahren zuſammen durchgemacht haben, nicht zu vergeſſen, daß wir uns kennen, ſo lange ich mich überhaupt zu erinnern weiß.“ Lucy ſchwieg; ich war verlegen und wußte nicht recht, was ich ſagen ſollte. Allein mit ſechzehn Jahren wird ein Mädchen einem Jüngling gegenüber, der ihr volles Vertrauen beſitzt, nicht ſtumm bleiben: etwas wird ſie ſagen und wie oft iſt es das Ge⸗ fühl, was dieſes„Etwas“ durchglüht, die Wahrheit, welche es beſeelt, die vertrauensvolle Einfalt darin, die ihre Worte ſo rührend macht! „Du wirſt zuweilen unſrer gedenken, Miles,“ war Lucy's nächſte Bemerkung, und der Ton in welchem ſie dieß ſprach, lenkte meine Blicke unwillkührlich nach ihrem Antlitz, wo ich denn entdeckte, daß ihre Augen von Thränen unterlaufen waren. „Darauf kannſt du dich feſt verlaſſen; auch hoffe ich, hierin Erwiederung zu finden. Da ich gerade daran denke, Lucy— ich habe Dir eine Schuld und zugleich die wenigen Zinſen daraus zu bezahlen: da ſind die halben Joſephsſtücke, welche du mir vergangenes Jahr beim Abſchied von Clawbonny aufdrangſt. Sieh nur, es ſind genau dieſelben Stücke, denn lieber hätte ich mir einen Finger ab⸗ nehmen laſſen, ehe ich mich von einem derſelben trennen mochte.“ „Ich hatte gehofft, ſie könnten dir von Nutzen ſeyn und ſo waren ſie bei mir ganz in Vergeſſenheit gerathen.— Warum mußteſt Du die angenehme Täuſchung zerſtören?“ „Iſt Dir's nicht ebenſo angenehm zu hören, daß wir ihrer niemals bedurften? Nein, da nimm ſie, Lucy, und da ich jetzt mit Mr. Hardinge's voller Zuſtimmung gehe, ſo kann es mir, wie du recht gut weißt, nicht wohl an Geld fehlen. So, da iſt dein Geld, Lucy und hier iſt etwas für die Zinſen.“ Ich gab mir alle Mühe, dem lieben Mädchen bei dieſen Worten etwas in die Hand zu drücken; aber all die Stärke, die ich bei ihr aufbieten durfte, wollte mich nicht zum Ziele führen: ſie preßte 166 ihre kleinen Finger ſo feſt zuſammen, daß es mir nur durch Anwen⸗ dung offenbarer Gewalt gelungen wäre. „Nein— nein— Miles,“ ſtotterte ſie haſtig— mit halb erſterbender Stimme;„das geht nun und nimmermehr! Ich bin nicht Ruprecht— den magſt Du dazu bringen— mich aber niemals 1 „Ruprecht! Was kann denn Ruprecht mit einem Armbande zu ſchaffen haben? Junge Herrn tragen ja doch keine Armbänder.“ Lucy's Hand öffnete ſich leicht, wie die eines Kindes und ohne ferneren Widerſtand überreichte ich ihr meine kleine Gabe. Dagegen mußte ich zu meinem Leidweſen entdecken, daß ſie von meiner Anord⸗ nung mit jenen zwanzig Thalern monatlich durch eine mir unbekannte Quelle unterrichtet worden war. Später erfuhr ich⸗ daß Neb von einem der Commis des Wechſelhauſes bei deſſen zufäͤlligem Beſuche des Schiffes das Geheimniß erfahren und daſſelbe Mrs. Bradfort's Negerin in einer der zahlreichen Viſiten, die er jenem Hauſe ab⸗ ſtattete, anvertraut hatte— ein Mittheilungskanal von der ge⸗ wöhnlichen Art, nur daß er ſich ſelten ſo wahr erweist, als es gerade hier der Fall war. Ich konnte wohl bemerken, daß Lucy große Freude an ihrem Armbande hatte. Erſtlich war es ein ſehr hübſcher Schmuck und dann hatte ich ihre eigenen, wie auch Grace's, Ruprecht's und meine Haare gar niedlich in eine tauähnliche Flechte zuſammenfügen laſſen, welche die Anfangsbuchſtaben unſerer Namen umgab. Dies war gerade nichts Beſonderes, wohl aber eine zarte Aufmerkſam⸗ keit von meiner Seite, welche übrigens ohne eine vorherige Bera⸗ thung mit meiner Schweſter wahrſcheinlich weniger vorſichtig ausge⸗ fallen wäre, wiewohl ich betheuren kann, daß ich nicht entfernt an Liebesverhältniß dachte, ſondern Lucy nur wie eine zweite Schweſter betrachtete und auch ſo für ſie zu empfinden glaubte. Ich war freilich ſcharfblickend genug, um Ruprecht's Gefühle und Benehmen gegen meine Schweſter recht wohl als Liebe zu erkennen und fürchtete nicht ohne Grund, daß dieſe Neigung, wenn ſie nicht ſchon erwiedert wurde, 167 ſo doch in Kurzem volle Erwiederung ſinden werde; allein mir ein⸗ zubilden, ich ſey in Lucie Hardinge oder in ſonſt Jemand verliebt — nein, der Gedanke kam mir nie in den Sinn, wogegen das theure Mädchen ſelbſt meine Seele um ſo häufiger beſchäftigte! Ich ſah Lucy's Lächeln und konnte nicht umhin zu bemerken, mit welcher Zärtlichkeit das einfache, aufrichtige Weſen, wohl ohne daß ſie es ſelber wußte, die Hand, in welcher ſie das Armband hielt aufs Herz drückte— eine Beobachtung, welche damals übrigens noch keinen ſonderlich lebhaften Eindruck auf meine Einbildungskraft äußerte: Das Geſpräch nahm bald eine Wendung und wir fingen an von anderweitigen Dingen zu plaudern. Ich habe mir ſeitdem gedacht, meine Schweſter habe uns ab⸗ ſichtlich allein gelaſſen, um mir Gelegenheit zu verſchaffen, Lucy ihre Goldſtücke zurückzugeben und ihr dahei das Armband anzubieten, denn als ſie ſich umſchaute und Letzteres in den Händen der neuen Beſitzerin ſah, während dieſe einen jener hundert Blicke dankbarer Freude, welche es an dieſem Nachmittage empfing, darauf heftete — wartete ſie, bis wir zu ihnen geſtoßen waren und nahm dann meinen Arm mit der Bemerkung, da wir heute den letzten Abend mit einander zubrächten, ſo müſſe ſie nun auch ihren Antheil an dem Geſpräche bekommen. Ich kann aufs Feierlichſte verſichern, daß dieſer Auftritt zwiſchen Lucie Hardinge und mir unter allen, die jemals ſtatt gehabt, am nächſten an eine Liebesſcene anſtreifte. Gerne möchte ich den Abſchied ganz übergehen und will ihn wenigſtens ſo kurz wie möglich ſchildern. Als wir nach Haus zurück⸗ kamen, rief mich Mr. Hardinge auf ſein Zimmer, ſprach ernſt und feierlich mit mir, rief mir manche ſeiner früheren, ſo nützlichen Lehren ins Gedächtniß, küßte mich dann und gab mir ſeinen Segen, indem er verſprach, in ſeinen Gebeten meiner zu gedenken. Als ich ihn verließ— ich glaube, er fiel auf die Kniee, ſo⸗ bald ich ihm den Rücken kehrte— traf ich auf Lucy, welche im Gange meiner harrte. Sie war ungewöhnlich blaß und ſchwamm 168 in Thränen, ſchien aber entſchloſſen, ein großes Opfer wie ein aͤchtes Weib zu tragen. Sie ſchob mir eine kleine, ausnehmend hübſche Bibel in die Hand und ſtammelte, ſo gut ihre Erſchütterung es erlaubte: „Da, Miles, hier haſt du mein Andenken. Ich will dich nicht bitten, wenn du darein lieſeſt, mein zu denken, aber denke ja immer an Gott.“ Bei dieſen Worten hauchte ſie mir einen flüchtigen Kuß auf die Lippen und ſchloß ſich dann in ihrem Zimmer ein. Grace erwartete mich unten, weinte wie ein Kind an meinem Halſe, küßte mich immer wieder aufs Neue und nannte mich„ihren Bruder— ihren theuren einzigen Bruder,“ bis ich mich in der That genöthigt fah, mich förmlich aus ihren Armen loszuwinden. Ruprecht begleitete mich aufs Schiff, um dort noch einige Stunden bei mir zu bleiben. Als wir die Schwelle verließen, hörte ich, wie ſich ein Fenſter über meinem Haupte öffnete und beim Aufblicken gewahrte ich Lucy, welche ſich mit überſtrömenden Augen herauslehnte, um mich noch zu bitten:„Schreibe, Miles, ſchreibe, ſo oft Dir's nur irgend möglich iſt.“ Wir Männer müſſen doch ſchon von Natur zu einem eiſernen Geſchlechte geſchaffen ſeyn, wenn wir uns von ſolchen Freunden los⸗ reißen können, um Feinden, Mühſeligkeiten, Arbeit und Gefahren — Alles ohne ſichtlichen Beweggrund— entgegen zu gehen. Dies war wenigſtens bei mir der Fall, denn es fehlte mir weder an Auskommen noch an den ſonſtigen Vortheilen, welche in der Regel zum Aufgeben einer ſolchen Reiſe veranlaſſen. Daß ein ſolcher Schritt überhaupt möglich ſey, kam mir gar nicht in den Sinn, denn ich betrachtete es als eben ſo nothwendig für mich, auf der Kriſis als dritter Steuermann zu bleiben und bei dem Schiffe auszuhalten, ſo lange es unter Segel ſtehe— als Mr. Adams es für unerläßlich hält, einem Kongreſſe, der nichts davon hören will, Petitionen 169 um Abſchaffung der Sklaverei vorzutragen. Wir Beide mußten ohne Zweifel in uns die Opfer des Schickſals erkennen. Mit Sonnenaufgang ging die Kriſis, von Wind und Fluth begünſtigt, unter Segel. Wir hatten jenſeits Courtland⸗Street vor Anker gelegen, und als das Schiff an der Batterie vorüber fuhr, bemerkte ich Ruprecht, der erſt mit Tagesanbruch in dem Lootſenboote ans Land gegangen war, mit zwei weiblichen Geſtal⸗ ten, welche unſere Bewegungen beobachteten. Die Mädchen wagten nicht, mir mit den Taſchentüchern zuzuwehen: doch was verſchlug mir das?— wußte ich doch, daß ihre guten, freundlichen, zärt⸗ lichen Wünſche mich geleiteten und der Gedanke an jenen kleinen Beweis einer Zuneigung, welche Frauen ſo wohl zu äußern wiſſen, erfüllte mich den ganzen übrigen Tag mit Wonne wie mit Trauer. Die Kriſis war ein ungewöhnlich guter Schnellſegler, ein beſſerer ſogar als der Tigris; ſie war bis an die Wantknöpfe mit Kupfer beſchlagen, hatte eben ſolche Bänder und ein feſtes eichenes Ge⸗ bälke— ein beſſeres Fahrzeug war noch nie aus den Werften der Republik hervorgegangen. Onkel Sam hatte auch ſie für ſeine neue Marine anzukaufen verſucht, war aber von den Eigenthümern ſammt ſeinen verführeriſchen Anerbietungen zurückgewieſen worden, da dieſe unſere jetzige Reiſe im Auge hatten. Kaum hatte das Schiff ſeine Segel entfaltet, als alle unſere Matroſen bemerkten:„es führe einen tüchtigen Reiſeſchritt,“ wor⸗ über wir wahrlich froh waren, da wir eine lange Reiſe vor uns hatten. Dieſe Eigenſchaft war ſchon bei freiem Wind und ruhigem Waſſer bemerkbar, während ſolche, die das Schiff genau kannten, uns verſicherten, daß ſeine ſtarke Seite erſt an einer Boleine und bei ſtürmiſcher See hervortrete— d. h. daß es dann vergleichungsweiſe weit ſchneller als die meiſten andern Schiffe unter ähnlichen Umſtänden ſegeln würde. Trotz alle dem, was ich früher auf dem Oceane durchgemacht, 170 trotz der Gefahren, die ich beſtanden und der vielen Lieben, die ich zurückgelaſſen hatte, gewährte es mir doch ein eigenes Vergnügen, mich wieder auf ſeinem breiten Waſſerſpiegel zu befinden. Neb vollends war ganz entzückt und vollführte alle Befehle ſo flink und umſichtig, daß es ihm gelang, noch ehe wir die Barre verließen, ſich bei ſeinen Vorgeſetzten in Achtung zu ſetzen. Der Meeresgeruch ſchien ihm eine Art ſeemänniſcher Begeiſterung einzufloͤßen, ſo daß ſogar ich über ſein munteres, lebendiges Weſen erſtaunte. Was mich betrifft, ſo fand ich mich überall zu Hauſe. Wie ganz anders war mein jetziger Austritt aus dem Hafen, als der vor einem Jahre: damals war mir noch Alles neu und nicht wenig abſchreckend— jetzt hatte ich faſt nichts, ja ich koͤnnte wohl ſagen, durchaus nichts Neues zu lernen, wenn nicht jeder Schiffsherr ſeine eigenen Manieren an ſich hätte, welche ſeine Untergebenen ſo raſch wie möglich merken müſſen. Dann wohnte ich jetzt auch auf dem Ouarterdeck, wo wir nicht allein Teller, Meſſer und Gabeln, Tiſchtücher und Tummler, ſondern Alles dies auch in vergleichungs⸗ weiſe reinlichem Zuſtande beſaßen— vergleichungsweiſe nämlich, weil die beiden andern Grave auf Kauffahrern, die nach der Nord⸗ weſtküſte gingen, meiſt zu fehlen pflegten. Die Kriſis betrat die See mit einer ziemlich ſtarken Briſe aus Südweſt, denn der Wind war umgeſprungen, nachdem wir die untere Bai erreicht hatten. Wir ſahen daſelbſt eine kleine Flotte von einem Dutzend Segeln beiſammen, worunter auch zwei von Onkel Sam's Kriegsſchiffen, welche ſich geneigt zeigten, einen Wettlauf mit uns anzuſtellen. Wir fuhren alſo alle drei, jedes eine Kabellänge vom andern entfernt, über die Barre und ſegelten, mit dem Winde ſo ziemlich hinter uns, zuſammen um die Wette. Eben als Naveſink hinter uns verſchwand, ſahen wir die beiden Kriegsſchiffe, beide aus Kauffahrern hiezu umgeſtaltet, ſchon jetzt eine volle Meile hinter uns ihre Boleinen aufhalen und gegen Weſtindien hinſchlendern! . 171 Dieſer Erfolg verſetzte uns Alle in die beſte Laune und machte auf Marble beſonders einen ſolchen Eindruck, daß er ſeine Meinung dahin zu äußern anfing, wenn es zu einem Verſuche käme, ſo würde ſich finden, daß unſere Ueberlegenheit über ſie nicht allein auf das Segeln beſchränkt ſey. Wenn Einer von ſich ſelbſt eine vortheilhafte Meinung hegt, ſo iſt dies ganz in der Ordnung und ebenſo iſt es nicht weniger tröſtlich, auch von ſeinem Schiffe die gleiche Anſicht zu nähren. Ich muß geſtehen, bei meinem Auftreten als Offizier paſſirte mir anfangs manche Ungeſchicklichkeit. Ich war noch jung und hatte Leute zu befehligen, welche dem Alter nach meine Väter ſeyn konnten— ächte Seehunde, welche in Allem, was die Feinheiten des Berufes betraf, nicht weniger kitzlich waren als ein Journaliſt, welcher, unfähig die höheren Eigenſchaften eines Buches zu ſchätzen, ſeine unbedeutenderen Fehler mit deſto mehr Schärfe beurtheilt. Es dauerte jedoch nur wenige Tage, bis ich das nöthige Selbſtvertrauen erlangte, und ich fand bald, daß man mir eben ſo pünktlich als dem erſten Steuermanne gehorchte. Wir waren etwa vierzehn Tage unterwegs, als das Schiff während meiner Wache von einem Windſtoße getroffen wurde, wo⸗ bei es mir gelang, die Segel einzureffen und Leinwand und Spieren — Alles mit einer Geſchwindigkeit zu bergen, welche mir von meinen Vorgeſetzten unendlich hoch angerechnet wurde. Kapitän Williams ſprach mit mir über die Sache und lobte die Befehle, welche ich gegeben, ſo wie die Kaltblütigkeit, die ich dabei an den Tag gelegt hatte: denn wie ich hinterdrein erfuhr, war er eine Zeit lang auf der Fallreepstreppe geſtanden und hatte, trotzdem daß alle Matroſen aufgerufen wurden, die beiden andern Steuer⸗ männer abſichtlich zurückgehalten, um zu ſehen, wie ich in einem ſolchen Nothfalle für mich allein fertig werden könnte. So wie ſich Neb bei dieſer Veranlaſſung gebärdete, habe ich noch nie ein menſchliches Weſen ſich anſtrengen ſehen: er fühlte nämlich, 172 daß meine Ehre dabei im Spiele war und ich glaube wahrhaftig, daß er, ſo lange der Windſtoß dauerte, fortwährend für zwei Mann arbeitete. Bis zu dieſem kleinen Zwiſchenfalle war Kapitän Williams während meiner Nachtwachen gewöhnlich aufs Deck heraufgekommen, um den Himmel zu beobachten und zu ſehen, wie es bei uns zu⸗ ginge; von da an beſuchte er mich nicht öfter, als er es auch bei Mr. Marble that. Seine Lobſprüche ſchon hatten mir ſehr wohl gethan; allein dieſe ſtillſchweigenden Beweiſe ſeines Zutrauens er⸗ füllten mich mit einer Wonne, welche ich vergeblich zu ſchildern verſuchen würde. Unſere Ausfahrt dauerte ziemlich lange, da der Wind faſt drei volle Wochen aus Oſten wehte: endlich bekamen wir eine mäßige Briſe aus Süden und fingen nun an, den wahren Kurs einzuſchlagen. Vierundzwanzig Stunden ſpäter entdeckte ich während meiner Morgenwache mit Tagesanbruch ein Segel, das dwarsab und luv⸗ wärts von uns etwa drei Meilen entfernt ſtand, ohne bis jetzt ſeinen Rumpf ſehen zu laſſen. Ich ſtieg auf den großen Mars, um daſſelbe durch ein Glas zu beobachten— es war wirklich ein Schiff— wie es ſchien, von unſerer Größe, welches Alles, was nur irgend ziehen wollte, eingeſetzt hatte. Ich ließ dem Kapitän kein Wort davon melden, bis der Tag ganz angebrochen war: während der vollen halben Stunde, die unterdeſſen verfloß, hatte das Schiff ſeine Entfernung kaum merkbar verändert. Mit dem Aufgang der Sonne erſchien der Kapitän mit dem Oberſteuermann auf dem Verdeck. Beide ſtimmten anfänglich in der Vermuthung überein, der Fremde möchte ein auf dem Heim⸗ wege begriffener engliſcher Weſtindienfahrer ſeyn, der ſich verirrt habe, wie denn damals außer engliſchen und amerikaniſchen Kauf⸗ fahrern nur ſehr wenig andere auf der See zu treffen waren. Erſtere ſegelten übrigenz meiſtens unter Bedeclung, und aus dem 173 Umſtande, daß der andere ſo raſch daher kam, ſchloß der Kapitän, daß dies bei dem Fremden nicht der Fall ſeyn müſſe; vielleicht war es ein bewaffnetes Handelsſchiff, wie wir, und dann war allerdings eine Bedeckung nicht üblich. Da die beiden Schiffe gerade dwarsab von einander lagen, ſo konnte man den Nachbar höchſtens aus den Maſten beurtheilen. Seinen Marsſegeln nach, die ſehr hoch aufgehißt waren, fing Marble an, ihn für einen Franzmann zu halten, und nachdem man ſich eine Zeit lang darüber beſprochen hatte, gab mir der Kapitän den Befehl, die Raaen, ſo weit es die Leeſegel erlaubten, vorwärts zu braſſen und näher gegen den Unbekannten anzuluffen. Während unſer Schiff ſeinen Kurs ſolchergeſtalt änderte, war der Tag etwas weiter vorgerückt und unſere Mannſchaft ſaß jetzt eben am Frühſtück. Da der Fremde ſeinen früheren Kurs beibehielt, ſo mußte er, während wir ihm merklich näher rückten, natürlich vor unſer Gal⸗ lion kommen, ſo daß wir nach Verlauf von drei Stunden nur noch eine Meile von ihm ab und ganz auf ſeiner Leeſeite ſtanden. Marble erklärte ihn nun geradezu für einen Franzoſen, was ſeine Segel unverkennbar darthun ſollten, denn daß ein Engländer mit ſolchen Triangeln von Bramſegeln in See gehen könnte, hielt er für rein unmoͤglich; er berief ſich dabei auf mich, indem er fragte:„ob ich mich noch jener Brigg erinnere, die wir auf der letzten Reiſe in Weſtindien ſo hübſch heimgeſchickt hätten— die habe ganz dieſelben Bramſegel wie der Burſche windwärts da drüben gehabt.“ Ich konnte allerdings eine gewiſſe Aehnlichkeit nicht in Abrede ziehen, wie ich denn an den wenigen franzoͤſiſchen Fahrzeugen, die ich ge⸗ ſehen, immer dieſelbe Eigenheit wahrgenommen hatte. Kapitän Williams beſchloß, dem Nachbar unter allen Um⸗ ſtänden aufs Luvquartier zu rücken und ſich denſelben etwas näher zu betrachten. Daß er bewaffnet war, konnten wir ſchon jetzt wahr⸗ nehmenz ſoviel wir darüber ins Reine zu kommen vermochten, führte 174 er zwölf Kanonen, d. h. nur zwei mehr, als wir ſelbſt an Bord hatten. Dies Alles ſchien nicht wenig ermuthigend, wenigſtens in ſo weit, um uns zu einer genaueren Unterſuchung, als wir bis jetzt vor⸗ genommen, zu veranlaſſen. Es dauerte abermals zwei Stunden, bis wir die Kriſis, trotz ihres raſchen Ganges, ihrem Nachbar auf eine Meile an das Luv⸗ quartier brachten. Hier waren unſere Beobachtungen freilich weit erfolgreicher, ſo daß ſogar Kapitän Williams den Fremden für einen Franzoſen und„unzweifelhaft für ein bewaffnetes Handels⸗ ſchiff, wie wir ſelbſt“ erklärte. Kaum hatte er dieſe Worte geäußert, als wir das andere Schiff die Leeſegel herablaſſen, Bram⸗ und Oberbramſegel auf⸗ geien, überhaupt alle üblichen Zeichen der Herſtellung zur Kampf⸗ bereitſchaft machen ſahen. Wir hatten ſchon früh am Morgen unſere Flagge aufgehißt, ohne bis jetzt von dem andern Schiffe einen Nachweis ſeiner Nationalität als Erwiederung zu erhalten. Sobald aber der Franzoſe ſeine leichtere Leinwand eingezogen und auch die großen Segel aufgegeit hatte, feuerte er windwärts eine Kanone ab und zog die dreifache Flagge auf, unter allen chriſt⸗ lichen Feldzeichen das zierlichſte Nationalſymbol, welches ſich aber in den Waffenthaten ſeines Volkes zur See eben ſo ſehr durch Un⸗ glück, als zu Lande durch das Gegentheil bemerkbar gemacht hat. Zwar fehlte es den Franzoſen nie an trefflichen Matroſen— an tapferen Seemännern; allein das Reſultat ihrer Heldenthaten zur See ſtand mit den aufgewendeten Mitteln von jeher in auf⸗ fallendem Mißverhältniß, und die wenigen Ausnahmen, welche ſie aufweiſen, dienen nur zur Beſtätigung der Wahrheit, daß die Ur⸗ ſachen dabei von eben ſo auffallender Art, wie die Ergebniſſe faſt zu allen Zeiten übereinſtimmend waren. Ich habe dieſes Unglück in Seeunternehmungen, wie es nun einmal bei den Franzoſen herrſcht, einem Mangel an Sympathie für das Seeweſen, der in der Nation ſtecken ſoll, zuſchreiben hören. * 5 8 8&ᷣ. 175 Andere haben die Vermuthung aufgeſtellt, das engherzige Bevor⸗ zugungsſyſtem— demzufolge das Verdienſt der Geburt nachſtand— welches vor der Revolution die Marine ſo gut wie die Armee be⸗ herrſchte, habe nicht verfehlen können, der erſteren den Todesſtreich zu verſetzen, ſofern Leute aus vornehmen Familien ſich nicht ent⸗ ſchließen mochten, ſich den bei Erziehung eines tuͤchtigen Seemannes unvermeidlichen Anſtrengungen und Mühſeligkeiten zu unterziehen. Letzterer Grund kann übrigens nicht wohl der richtige ſeyn, wie denn der junge engliſche Adel gar oft die glücklichſten Seeoffiziere ge⸗ liefert hat und die franzöſiſche Marine Anno 1798 ſo gut wie die amerikaniſche alle nur mögliche Gelegenheit beſaß, ſich, vom Nepo⸗ tismus ungehindert, durch ernſte Praxis zu vervollkommnen. So viel ich auch Jahre lang über dieſen Gegenſtand nach⸗ gedacht habe, ſo bin ich doch zu keinem anderen Schluſſe gelaugt als zu dem, daß der Nationalcharakter aus irgend einem Grunde einen wichtigen Einfluß dabei geltend machen mag— oder was vielleicht richtiger iſt, geltend gemacht hat, wenn die Franzoſen ſich nicht ſo viel Geſchick aneignen konnten, um eine große Seemacht zu werden, denn was die bloße Stärke allein angeht, ſo muß eine ſo große Nation immer furchtbar bleiben. Jetzt aber, da ſie ihre Prinzen auf die See ſchicken, werden wir wohl anderen Reſultaten entgegenſehen dürfen. Trotzdem daß Anno 1798 ſich ſelten ein Engländer oder Ame⸗ rikaner neben einen Franzmann legte, ohne die feſte moraliſche Ueberzeugung, daß er den Sieg über letztern davontragen werde, gab es hierin gleichwohl auch manche Enttäuſchungen. Es fehlte ihren Feinden keineswegs an Muth, manchmal auch nicht an dem nothigen Geſchicke, und unſer Gegner mochte wohl zu dieſen Aus⸗ nahmen gehören, wie ſich aus allen Anzeichen abnehmen ließ, welche unſer Kapitän mit ſeiner Erfahrung zu entdecken vermochte. Als wir unſerem Feinde näher kamen, ſahen wir, daß er ſich wie ein ächter Seemann benahm: er hatte ohne Haſt oder Ver⸗ 176 wirrung ſeine Segel beſchlagen— ein untrüglicher Beweis von Kaltblütigkeit und Mannszucht, beſonders am Vorabende einer Schlacht, und ein Merkmal, welches der wachſame Seemann bei ſolchen Gelegenheiten als ein unfehlbares Vorzeichen von der Art des Kampfes anſieht, der ihm bevorſteht. Demzufolge wurde auch bei uns auf dem Quarterdecke angenommen, daß wir wahr⸗ ſcheinlich einen heißen Tag bekommen würden. Gleichwohl waren wir ſchon zu weit gegangen, um uns ohne einen eigentlichen Verſuch zurückzuziehen, und ſo kam auch an uns die Reihe, die Segel zu verkürzen und das Schiff für den Kampf in Bereitſchaft zu ſetzen. Marble war ein königlicher Burſche, ſobald es zu ernſten Ereig⸗ niſſen zu kommen drohte, und nie hatte ich ihn ſeine Segel raſcher und kaltblütiger einreffen ſehen, als eben am heutigen Tage— noch hatten wir kaum ſeit zehn Minuten angefangen, als auch ſchon Alles beendigt war. Es mochte wohl eine Seltenheit ſeyn, zwei bewaffnete Kauf⸗ fahrer ſo ruhig und ſo wiſſenſchaftlich zu Werke gehen zu ſehen, wie dies bei der Kriſis und der„Dame von Nantes“ der Fall war, denn ſo hieß unſer Gegner, wie wir ſpäter erfuhren. Keiner von beiden Theilen hatte es darauf abgeſehen, durch das Manoͤvriren große Vortheile zu erlangen; wir gingen vielmehr geraden Wegs auf„die Lady“ los, wie unſere Leute den Franzoſen ſpäter tauften — und beide Fahrzeuge donnerten faſt in demſelben Augenblick mit ihren Breitſeiten gegen einander. Ich ſtand auf dem Vorkaſtell und hatte die Vorſchooten, ſo wie überhaupt die Braſſen und das Tackelwerk zu beaufſichtigen, wobei ich in unbeſchäftigten Augenblicken meine Flinte gebrauchte. Gleich im Anfang gingen meine beiden Klüverſchotenblöcke zum Teufel, indem ſie mir noch einen tüchtigen Schlag von vorne ver⸗ ſetzten: das war aber erſt der Beginn der Verwirrung, denn wäh⸗ rend der dritthalb Stunden, welche die Kriſis und la Dame de Nantes einander beſchoſſen, hatte ich mit Reefen, Knoten, Spliſſen —— 28„/ ⸗ 177 und Friſchanſtechen der Tackelage ſo viel zu ſchaffen, daß ich kaum eine Minute übrig behielt, um mich nach dem Verlaufe des Kampfes umzuſehen. Meine Flinte konnte ich blos zweimal abfeuern; 9 fielen die kurzen Blicke, welche ich um mich werfen konnte, nichts weniger als befriedigend aus, denn von unſern Leuten lagen mehrere todt oder verwundet, ein Geſchütz war förmlich demontirt und unſer Tackelwerk im übelſten Zuſtande. Das einzige ermuthigende Zeichen, das mir begegnete, war Neb's Schlachtenruf, indem der Burſche es auf die Ehre nahm, bei jeder Salve faſt eben ſo laut wie ſeine Kanone zu brüllen. Wir konnten gleich zu Anfang des Gefechtes bemerken, daß der Franzoſe faſt doppelt ſo viel Mannſchaft wie wir an Bord führte, was jeden Enterverſuch von unſerer Seite unklug und überhaupt — Kraft gegen Kraft abgewogen— unſere Ausſichten keineswegs ſchmeichelhaft machte. Endlich hörte ich ein Raſſeln über mir und als ich aufwärts blickte, ſah ich, daß die große Stenge mit Raaen und Segeln auf die Vorbraſſen herabgeſtürzt war und in Kurzem auf dem Verdeck erwartet werden durfte. Sobald es ſo weit gekommen war, rief Kapitän Williams alle Matroſen von ihren Kanonen ab, um das Wrack klar zu machen, und auch unſer Gegner ſtellte mit einer Galanterie, für die ich ihn hätte umarmen mögen, im ſelben Momente ſein Feuer ein. Beide Theile ſchienen es jetzt als ächten Narrenſtreich anzuſehen, daß zwei Kauffahrer ſich auf Kabellänge einander gegenüber legten, um zu verſuchen, wer dem andern den größten Schaden beibrächte: — Beide machten ſich ſofort an die für jetzt höchſt dringende Arbeit, die erlittene Beſchädigung wieder auszubeſſern. Während dies auf dem Decke vor ſich ging, hatten auch die Leute am Rad mit einer gewiſſen inſtinktartigen Vorſicht ihre volle Schuldigkeit gethan. Die Kriſis luffte, ſo weit ſie es im Stande war; la Dame de Nantes gierte gleichfalls ab, ſo viel ſie nur immer vermochte und legte eine ganze Meile des blauen Gewäſſers Miles Wallingford. 1² 178 zwiſchen beide Schiffe, ehe wir noch, auf den Raaen oben beſchaͤf⸗ tigt, wahrgenommen hatten, daß beide in ſo entgegengeſetzter Richtung auseinander liefen. Die Nacht brach ein, bevor wir noch unſer Wrack klar ge⸗ macht hatten und dann mußten wir uns noch nach Nothſpieren umſehen, ſie herrichten, auftackeln, zuſpitzen und aufhiſſen. Letztere Operation wurde übrigens bis zum kommenden Morgen verſchoben, denn des Tages Arbeit war hart geweſen und die Leute bedurften in der That der Ruhe. Dieſe wurde ihnen denn auch um acht Uhr Abends bewilligt, während unſer früherer Gegner etwa eine Meile vor uns eben noch ſichtbar war und dann von der ein⸗ brechenden Dunkelheit allmählig verhüllt wurde. Am andern Morgen zeigte ſich der Horizont völlig klar: die Erſchütterung in Folge der geſtrigen Kanonade hatte ihn dermaßen geſäubert. Es war nicht an uns, das Loos unſers Gegners uns anfechten zu laſſen: wir hatten genug auf unſer eigenes zu achten, denn wir mußten erſt unſere Spieren aufhiſſen und die Raaen daran befeſtigen, ehe wir wieder unter Segel gehen konnten. Wir brauchten mehrere Tage zur Ausbeſſerung aller unſerer Schäden; da wir übrigens für eine lange Reiſe und zwar ſehr gut ausgerüſtet waren, ſo fand ſich die Kriſis nach Verfluß einer Woche wieder in einem ſo guten Zuſtande, wie wenn ſie kein Gefecht durchgekämpft hätte. Die Affaire ſelbſt gehörte zu denen, worin ſich jeder der beiden Theile je nach Belieben den Sieg zuſchreiben kann oder nicht: wir hatten jedenfalls für unſer Unglück hoöchſt ſinn⸗ reiche Entſchuldigungen anzuführen, und die Franzoſen waren in dieſer Hinſicht ohne Zweifel eben ſo erfindungsreich wie wir ſelber. unſer Verluſt belief ſich auf zwei Todte und ſieben Verwundete, von denen zwei nach wenigen Tagen gleichfalls ſtarben. Die übrigen Verwundeten genaſen alle wieder, nur unſer Unterſteuermann, der ebenfalls dazu gehörte, wurde, glaub' ich, nie mehr ſo rüſtig, wie er früher geweſen. Ihm war eine Kartätſchenkugel neben der Hüfte eingedrungen, und der Stümper von Wundarzt, den wir an Bord hatten, war nicht der Held, um ſie herauszuziehen. Amerika war dazumal zu Lande nicht ſo gut mit Aerzten verſehen, um noch viele der beſſern für die See abgeben zu können, wie denn in der neugeſtifteten Marine der Spruch Mode war: „Wer ſich ein Bein amputiren laſſen will, mag nur gleich nach dem Zimmermann ſenden; der weiß wenigſtens mit der Säge um⸗ zugehen, wogegen es immer noch höchſt zweifelhaft bleibt, ob der Doktor überhaupt nur mit Etwas umzugehen verſteht.“ In dieſer Hinſicht haben ſich die Zeiten freilich gewaltig geändert, denn die Herren, welche nunmehr dem fraglichen Dienſtzweige vorſtehen, ver⸗ dienen nicht nur wegen ihrer Geſchicklichkeit und treuen Dienſtleiſtung alles Lob, ſondern auch eine Rangerhöhung zur akademiſchen Würde, welche ſie, wie ich ſehe, eben jetzt von der Gerechtigkeit ihres Lan⸗ des begehren und— da unſer Land für gewöhnlich nur Gerechtigkeit walten läßt, ſo fürchte ich— wohl vergeblich begehren werden. Neuntes Kapitel. Und können wir Die eigne Thür' nicht vor dem Hund bewahren, So mag er uns zerfleiſchen; unſer Volk, Das kluge, mag der Kühnheit Ruhm verlieren. Heinrich V. Wer Kampf zwiſchen la Dame de Nantes und der Kriſis fand Statt unter 42⁰ 39, 12“ nördlicher Breite und 34⁰ 16˙ 43“ weſtlicher Länge, von Greenwich an gerechnet, d. h. ſo ziemlich im Mittelpunkt der nördlichen Hälfte des atlantiſchen Oceans, ſo daß wir Zeit genug hatten, unſer Schiff in guten Stand zu ſetzen, ehe wir in die Nähe des Landes gelangten. Kurz nach der Affaire wurde der Wind zum leichten Nordoſt und trieb uns weit mehr 180 gegen die Bai von Biscaya, als für uns räͤthlich war, da wir ja eigentlich nach London wollten. Dazu kamen ſtarke Nebel— wäͤh⸗ rend des Oſtwinds an der europäiſchen Küſte eine ſeltene Erſchei⸗ nung— und rabenſchwarze Nächte. Etwa vierzehn Tage nach jenem Gefecht wurde ich früh Mor⸗ gens durch ein heftiges Rütteln an der Schulter erweckt: es war Marble, der die Wache hatte, und mich wenigſtens eine Stunde vor meiner Zeit herbeirief. „Sputet Euch und macht, daß Ihr heraus kommt, Mr. Walling⸗ ford; ich bedarf Eurer auf dem Verdeck,“ ſo lautete des Steuer⸗ manns Anrede. Ich gehorchte natürlich und ſtand bald vor dem Oberſteuer⸗ mann, indem ich mir die Augen mit einem Eifer ausrieb, wie wenn ſie mir erſt durch die Friction geöffnet werden müßten. Nach der Schiffsuhr war es gerade ſechs, nach ſonſtiger Zeit⸗ rechnung alſo ſieben, und einer von der Wache wollte eben die Glocke ſchlagen laſſen, als Mr. Marble ihm befahl, die Stunde nicht anzugeben. Es herrſchte ein dichter Dunſt oder vielmehr Nebel, der Wind war leicht und die See ging etwas höher als gewöhnlich. Ich hatte Zeit, dies Alles zu bemerken, durfte ſogar den ungewöhnlichen Befehl wegen des Glockenſchlags vernehmen und konnte noch ein paar Mal gähnen, ehe ſich der Steuermann gegen mich wandte, mich am Arme faßte, nach der Leeſeite des Quarterdecks führte und mit dem Finger nach einer leeren Stelle im Nebel deutete. „Miles, mein Junge,“ begann er dann,„dort drüben eine halbe Meile von hier ſteht unſer Freund, der Franzoſe!“ „Wie könnt Ihr dies wiſſen, Mr. Marble?⸗ fragte ich überraſcht. „Weil ich ihn mit dieſem meinem ſcharfen Augenpaar geſehen habe. Der Nebel ſchließt und öffnet ſich wie ein Theatervorhang und erſt vor zehn Minuten habe ich einen Blick nach ‚der Dame⸗ 181 gethan— ganz kurz, aber um ſo ſicherer, ſo daß ich vor jedem Admiralitätshofe der Chriſtenheit auf ſie ſchwören wollte.“ „Und was habt Ihr nun im Sinn, Mr. Marble? Der Franzmann gab uns bei hellem Wetter eine harte Nuß zu knacken — was können wir im Nebel mit ihm anfangen?“ „Das hängt von dem alten Manne abz; ſein ganzes Weſen iſt durch den Ausgang des letzten Kampfes niedergedrückt und ich glaube, er wird für ein neues Scharmutz ſtimmen.“ Marble war nämlich ein Kennebunkier ohne alle Erziehung und zeichnete ſich keineswegs durch reines Engliſch aus.„Wer zum Anfang der Plünderung kommt, Maſter Miles, könnte ſich auf jenem franzö⸗ ſiſchen ‚Herrn’'was Hübſches zuſammenmachen.“ Der Oberſteuermann wies mich nun an, hinunterzugehen und alle Matroſen mit möglichſt wenig Geräuſch zuſammenzurufen. Dies that ich denn auch und als ich aufs Verdeck zurückkam, fand ich Marble's Finger abermals in derſelben Richtung, wie wenige Minuten fruͤher, beſchäftigt, nur daß er diesmal Kapitän Williams zum Zuhörer hatte. Als Offizier nahm ich keinen Anſtand, mich eben dahin zu verfügen. Marble erklärte eben die Art und Weiſe, wie er den Feind einen Augenblick lang geſehen, die Segel, unter denen er ihn bemerkt habe, den Kurs, in welchem er ſteure und den Anſtrich von Sicherheit, der auf ihm herrſchte. So viel behauptete er ſteif und feſt geſehen zu haben, obgleich er das Schiff nur etwa zwanzig Sekunden lang wahrgenommen hatte: doch konnte dies Alles recht gut wahr ſeyn, denn eines Seemanns Auge ſieht raſch und er hat eine eigene Weiſe an ſich, in kurzem Zeitraume gar Vieles zu bemerken. Marble ſchlug nun vor, wir ſollten auf unſere Poſten gehen, uns neben den Franzmann legen, ihm eine volle Lage geben und mitten im Dampf und Rauch denſelben entern. Konnten wir un⸗ geſehen bis dicht auf ihn anſchließen, ſo waren wir des Sieges 182 gewiß, und auch wenn wir ihn blos mit unſerer Kanonade über⸗ raſchten, konnte uns der Vortheil faſt eben ſo wenig entgehen. Der Steuermann war der Anſicht, wir hätten ihm bei der erſten Affaire dermaßen eingegeben, daß er noch jetzt krank davon ſey; dies⸗ mal müßten wir ihn mit einem NRundſtich vollends den Reſt geben! Der ‚alte Mann'— das ſah ich auf den erſten Blick— war hocherfreut über dieſe Nachricht und auch ich muß geſtehen, daß meine Phantaſie durch ſie beſtochen wurde. Der Ausgang unſers früheren Verſuches hatte uns Alle etwas bitter geſtimmt und hier ſchien es, als ob uns das Glück eine zweite Gelegenheit zum Aus⸗ wetzen der Scharte gewähren wollte. „Es kann jedenfalls nichts ſchaden, Mr. Marble, wenn wir uns bereit machen,“ bemerkte der Kapitän;„bis wir ſo weit ſind, werden wir auch eher wiſſen, was wir von der Sache zu halten haben.“ Kaum war dies geſprochen, als wir auch alsbald auseinander flogen, um das Schiff klar zu machen. Unſere Aufgabe war bald beendigt: die Windpfröpfe* wurden herausgenommen, die Kanonen losgemacht, Munition herbeigeſchafft, und in jedes Geſchütz bei beiden Batterien auf die Vollkugel noch ein Paar Traubenkugeln geladen. Da man den Leuten den Beweggrund mitgetheilt hatte, ſo arbeiteten ſie alle wie die Karrengäule und wir hatten, glaub' ich, keine zehn Minuten gebraucht, um das Schiff dergeſtalt fertig zu machen, daß es im nächſten Augenblicke den Kampf beginnen konnte. Kapitän Williams wollte unterdeſſen das Schiff immer noch nicht abhalten laſſen: ich glaube, er wünſchte zuvor ſelbſt einmal des Nachbars anſichtig zu werden, denn er mußte wohl voraus⸗ ſehen, welche Folgen es haben würde, wenn er im Nebel darauf losfahren und mit einem ſtärkeren Schiffe, als ſein eigenes, ohne voorrausgegangenen Anruf handgemein werden ſollte. Die See wim⸗ * Werden in die Mündungen der Geſchütze geſteckt, um die innere Röhre vor feuchter Luft und dem Wogenſchlage zu ſchützen. 4 O. n. 183 melte von Engländern und ihre Kreuzer würden wohl einen ſolchen Mißgriff nicht ſo leicht verziehen haben, auch wenn er in noch ſo ehrlicher Abſicht begangen worden wäre. Allein die Vorbereitung einer Sache ſcheint auch die Noth⸗ wendigkeit ihrer Ausführung nach ſich zu ziehen. Als Alles fertig war, ſah man jedes Auge mit einer Kampfluſt auf den Kapitän geheftet, welcher die menſchliche Natur nicht widerſtehen konnte, ſo daß er endlich nachzugeben genöthigt war. Da Marble das fremde Schiff von Allen an Bord allein wahrgenommen hatte, ſo erhielt er den Auftrag, die Kriſis bei dieſer kitzlichen Unternehmung zu leiten. Wie früher war mein Poſten auch diesmal auf dem Vorkaſtell. Ich war angewieſen worden, ſcharfe Ausgucker auszuſtellen, da der Feind ohne Zweifel vorn zuerſt ſichtbar werden würde; übrigens war dieſer Befehl ganz unnöthig, denn nie hat ein menſchliches Auge mit größerer Spannung in einen Nebel hineingeſtarrt, als die unſern bei dieſer Gelegenheit es thaten. Nach der angegebenen Entfernung und dem eingeſchlagenen Kurſe berechneten wir, daß wir in zehn oder fünfzehn Minuten dicht neben Mr. Marble's Schiffe anlegen müßten, nur bezweifelten Manche unter uns, daß Letzterer überhaupt ein Schiff wahrgenom⸗ men habe. Wir hatten bei der herrſchenden Fünfknotenbriſe alle unſere Raaſegel eingeſetzt, wohl wiſſend, daß wir, um ihn richtig aufzufangen, etwas raſcher als er im Gange ſeyn mußten. Die tiefe Spannung, um nicht zu ſagen Aengſtlichkeit, einer ſolchen Scene iſt nur ſchwer zu beſchreiben. Der Nebel um uns her ſchien manchmal von Schiffen zu wimmeln, doch eins nach dem andern zerfloß wieder in Rauch, nichts als Dunſt hinterlaſſend. Wir hatten ſtrenge Ordre empfangen, daß Niemand einen Ruf vernehmen laſſen dürfe: wer das Schiff zuerſt entdeckte, ſollte ſeine Meldung auf dem Quarterdeck hinterbringen. Wenigſtens ein Dutzend unſerer Leute verließ in dieſer Abſicht ihre Poſten, kehrte aber im Wachſten Augenblicke um, überzeugt, daß ſie ſich getäuſcht 184 hatten. Jeder Moment weiter vermehrte noch die Spannung, denn war überhaupt ein Schiff in der Nähe, ſo mußten wir ihm mit jedem Augenblicke näher und näher kommen. So verſtrichen volle zwanzig Minuten und immer noch war kein Schiff zu ſehen. Marble blieb ruhig und zuverſichtlich, aber der Kapitän wie der Unterſteuermann lächelten, und die Leute fingen an die Köpfe zu ſchütteln und den Taback voll Ungeduld im Munde hin und her zu werfen. Während des Vorrückens luffte unſer Schiff allmählig, bis es wieder ſeinen alten Kurs einſchlug, nämlich dicht auf dem Winde ſegelte. Dieſe Aenderung war leicht auszu⸗ führen, da die Braſſen noch nicht berührt worden waren, eine Vorſicht, welche man ausdrücklich dieſes Vortheils halber ange⸗ wendet hatte. Als wir uns abermals dicht im Winde ſahen, wurde die Sache aufgegeben in der Meinung, der Steuermann habe ſich getäuſcht. Ich ſah dem Kapitän am Geſichte an, daß er im Begriffe ſtand, den Befehl zum Sichern der Kanonen zu geben— da richtete ich meinen Blick noch einmal nach vorn und ſah nur hundert Schritte von uns ein Schiff— ein wirkliches Schiff! Ich drehte mich raſch um und ſtreckte beide Arme in die Höhe: zum Glück bemerkte der Kapitän meine Bewegung und ſtand im nächſten Augenblicke auf dem Vorkaſtell. Der Fremde war jetzt ohne alle Schwierigkeit in ſeiner Dunſt⸗ hülle zu erkennen, in der er ſich ſelbſt neblig und geheimnißvoll ausnahm: mit ſeinem großen Oberbramſegel enggehalt zog er vor uns her mit all' der Zuverſicht, welche die Einſamkeit des Oceans verleiht. Sein Rumpf war zwar kaum oder nur ſo ſchwach zu unterſcheiden, daß man blos eine dunkle Maſſe vor ſich ſah: von den Marſen aufwärts ſtellte ſich uns dagegen Alles ſo deutlich vor Augen, daß an eine Täuſchung nicht mehr zu denken war. Wir hatten dem Franzmann die Kreuzoberbramſtenge abgeſchoſſen und 185 da ſtand noch der Stumpf, wie wir ihn am Abend nach unſerem Gefecht zum letzten Male geſehen hatten. Dies ließ keinen Zweifel an der Identität unſers Nachbars übrig und damit war auch unſer ferneres Verfahren entſchieden. In unſerem jetzigen Kurſe hätten wir ihn weit überſegelt; deß⸗ halb wurde augenblicklich Befehl gegeben, die leichten Stagſegel einzuſetzen. Kapitän Williams ertheilte im Vorübergehen den Leuten in den Batterien die nöthigen Weiſungen; der Unterſteuermann, der ein ſehr gutes New⸗Yorker Franzöſiſch ſprach, kam unterdeſſen auſ's Vorkaſtell, um ſogleich auf den erwarteten Anruf Antwort zu geben. Da die Kriſis des Anſchließens halber etwas ſtark abhielt, ſo war vorauszuſehen, daß ſie bei ihrem raſchen Gange mit ihrem Gegner „Hand über Hand“ zu ſtehen kommen würde. Die Schiffe waren keine hundert Fuß mehr auseinander, als uns der Franzoſe zum erſten Mal gewahrte. Dieſe Blindheit hatte verſchiedene Urſachen: erſtens ſehen auf einem Schiffe immer zehn nach vorn, bis einer ſich rückwärts wendet, und auch die, welche an den Maſten emporſchauten, waren meiſt auf dem Quarterdeck, ſo daß auch ſie nicht nach hinten blickten. Dann hatte ſich die Mann⸗ ſchaft eben erſt an's Fruhſtück geſetzt, welches von den Meiſten unten eingenommen wurde; überdies war die Bemannung ſo zahlreich, daß eine Vormittagswache unten aufgezogen war und viele von den Langſchläfern ſich noch in ihren Hängematten befanden. Dazumal galt ſelbſt ein franzöſiſches Linienſchiff keineswegs für ein Muſter von Ordnung und Mannszucht und auf einem bewaffneten Kauf⸗ fahrer ſah es damit natürlich noch ſchlimmer aus. Wie ſich ſpäter herausſtellte, hatte uns der Steuermann der Wache zuerſt wahrgenommen: ſtatt aber den Befehl zu geben, alle Matroſen aufzurufen, rannte er nach dem Hackbord, um uns von dort aus anzurufen. Mr. Forbank, unſer Unterſteuermann, gab die Antwort.„Le Hazard de Bordeaux“ murmelte er ſo deutlich, daß die Worte, auch wenn ſie ſchlecht franzöſiſch klangen, doch nicht 186 für gutes Engliſch gelten konnten, und dies täuſchte den anderen Steuermann wenigſtens auf einige Sekunden. Mittlerweile ſegelten wir mit den Bügen um des Franzmanns Quartier herum und gierten ſo raſch auf ihn los, daß der aus Nantes ganz beſtürzt wurde: ſein Anruf war übrigens unten gehört worden und etwa ein Dutzend Franzoſen kamen jetzt die Vorder⸗ und Hintertreppe her⸗ aufgetaumelt. Kapitän Williams war ein vollendeter Seemann und einer der kaltblütigſten Kommandanten, die ich jemals geſehen habe: Alles was er an dieſem Tage befahl, geſchah immer auch im rechten Moment. So verſuchte der Franzmann abzugieren, allein unſer Steuer ward ſo geführt, daß wir die ganze Zeit über faſt immer ganz parallel mit ihm ſtanden und ſogar ſein großes Segel durch unſere Vorderſegel„in die Laute“* kam, weßhalb wir uns natürlich doppelt ſo ſchnell wie er bewegten. Wir brauchten keine volle Minute, um unſere Krahnbalken dwarsab von der„Lady“ Fock⸗ takellage zu ſtellen, und eben jene Minute war für die Franzoſen eine Zeit der höchſten Verwirrung. In dieſem Augenblick kam Marble zu uns auf's Vorderkaſtell; auf ſein Zeichen wurde unſere Flagge aufgehißt und der Befehl zum Feuern gegeben. Unſere fünf Neunpfünder donnerten allzumal, jeder ſeine beiden Vollkugeln nebſt ihren Traubenſchüſſen gegen den Feind: im nächſten Augenblicke hörte man die beiden Schiffe gegen einander anſtoßen.„Kommt heran, ihr Jungen!“ ſchrie Marble, und er und ich und Neb mit allen Matroſen ſtürzten wie ein Orkan über des Franzmanns Bord herein. Ich hatte ein wüthendes Handgemenge erwartet— allein das Deck war leer und ohne Schwierigkeit konnten wir es in Beſitz nehmen: die Ueberraſchung, unſer plötzliches Hereinſtürzen und die Wirkung der Breitſeite verſchafften uns den leichteſten Sigg. Ueber⸗ * d. h. gerade ſo unthätig erhalten wurde, wie wenn eme of⸗ ein⸗ getreten waͤre. D. u. 187 dies war der franzöͤſiſche Kaßltän von einer Neunpfünderkugel beinahe buchſtäblich in zwei Stücke geriſſen und beide Steuermänner ſchwer verwundet worden. Dieſe Unfälle trugen weſentlich zu unſerem Siege bei, denn ſie waren Urſache, daß der Feind jede Vertheidigung als völlig hoffnungslos aufgab— von uns war nicht ein Einziger beſchädigt. Die Priſe erwies ſich wirklich als das oben erwähnte Schiff, ein bewaffneter Kauffahrer, von Guadeloupe nach Nantes beſtimmt; ſie war um ein Geringes größer als die Kriſis, führte zwölf fran⸗ zöſiſche Neunpfünder und hatte bei der Abfahrt drei und achtzig Köpfe an Bord gezählt, von denen aber nicht weniger als drei und zwanzig in unſerer früheren Affaire mit ihr getödtet und ver⸗ wundet worden— letztere meiſtens in ihren Hängematten befindlich— mehrere ferner auf einem anderen Priſenſchiff abweſend waren. Von den übrigen waren etliche ſechzehn bis achtzehn von unſerer diesmaligen nahen und mörderiſchen Salve getroffen worden, ſo daß der dienſttüchtige Theil der Mannſchaft beinahe auf unſere eigene Anzahl beſchränkt wurde. Das Schiff war noch ganz neu und höchſt werthvoll, wie denn die Ladung allein, welche zum Theil aus Cochenille beſtand, in der Faktur auf etliche ſechzigtauſend Dollars berechnet wurde. Sobald wir unſeres Sieges gewiß waren, wurde auf der Kriſis das große Marsſegel, ſo weit es anging, rückwärts gebraßt und das Steuer wieder hergeſtellt; zu gleicher Zeit ließ man die Dame abhalten, um die beiden Schiffe klar zu machen. Der Zu⸗ ſammenſtoß— das ſogenannte„Reiben“— hatte nur geringen Schaden verurſacht und bei der übermäßig vollen Kugelladung unſerer Geſchütze waren die unteren Maſten der Priſe völlig un⸗ berührt geblieben, denn die Schüſſe hatten gerade Kraft genug, um die Bollwerke zu zerſplittern, und blieben dann in denſelben ſtecken, ſo daß beide Fahrzeuge ſich in der beſten Verfaſſung be⸗ fanden, augenblicklich in den Hafen einzulaufen. 188 Zuerſt wurde beſchloſſen, mich als Priſenmeiſter auf der Dame de Nantes zu laſſen, ſo daß ich der Kriſis nach Falmouth gefolgt wäre, wo dieſe weitere Befehle erwartete. Bei näherer Unter⸗ ſuchung fand ſich aber, daß die Mannſchaft einer nordamerikaniſchen Brigg an deren Bord gefangen gehalten wurde; la Dame de Nantes hatte nämlich kaum zwei Tage vor unſerem erſten Zu⸗ ſammentreffen mit ihr, jenes Schiff gekapert, ſeine Mannſchaft her⸗ über verſetzt, es mit eigenen Leuten bemannt und nach Nantes abgeſchickt. Mit Einſchluß des Schiffsherrn und zweier Steuer⸗ männer beliefen ſich jene Amerikaner im Ganzen auf dreizehn Köpfe und ſo waren wir nunmehr im Stande, mit der Priſe eine andere Verfügung zu treffen, welche ſich nach mehrſtündiger Be⸗ rathungen folgendermaßen herausſtellte. unſer alter Unterſteuermann, deſſen Wunde ohnehin eine beſſere. Pflege verlangte, als er ſie an der Nordweſtküſte erwarten durfte, wurde als Priſenmeiſter auf das franzöſiſche Schiff verſetzt und erhielt Befehl, ſich auf dem kürzeſten Wege nach New⸗York zu begeben. Der Schiffsherr und⸗Oberſteuermann der amerikaniſchen Brigg verſtanden ſich dazu, unter ihm zu dienen und ihm die Dame de Nantes über den Ocean befördern zu helfen. Drei bis vier von unſern Invaliden wurden gleichfalls nach Haus geſchickt und die befreiten Amerikaner ließen ſich für die Heimfahrt auf demſelben Schiffe zum Dienſt verwenden. Die franzöſiſchen Verwundeten blie⸗ ben alle ebendaſelbſt unter Aufſicht ihres eigenen Chirurgen, der in ſeinem Fache nicht ganz ohne Verdienſt, nur etwas gar zu ſehr Schlächter war— eine Erſcheinung, welche ſich in jener Zeit nur allzuhäufig wiederholte. 1 Die Nacht kam heran, bis alle dieſe Anordnungen getroffen waren, worauf die Dame de Nattes auf dem Kiele rund herum vierte und nach Amerika unter Segel ging. Der Kapitän hatte ihr natürlich einen officiellen Bericht mitgegeben und ich hatte den Moment benützt, um an meine Schweſter einen kurzen Brief zu 189 ſchreiben, der ſo abgefaßt war, daß er der ganzen Familie zumal galt. Ich wußte, wie glücklich eine Linie von mir ſie Alle machen würde und hatte überdies noch das Vergnügen, ſie zu be⸗ nachrichtigen, daß ich zum Unterſteuermann vorgerückt war— wo⸗ gegen ich den zweiten Steuermann der amerikaniſchen Brigg als Nachfolger im Range des dritten Offiziers erhalten hatte. Die dunkle Nacht und der weite Ocean machten die Trennung von unſerem Priſenſchiff zu einer höchſt feierlichen, in mancher Hin⸗ ſicht ſogar traurigen Scene. Wir wußten, daß von den auf der Dame de Nantes Befindlichen während ihrer langen, einſamen Fahrt wohl mehrere in den Tiefen des Oceans zurückgelaſſen werden würden und dann war's ja auch möglich, daß ſie ſelbſt ihren Be⸗ ſtimmungsort gar nicht erreichte. In letzterer Hinſicht hatten ſich übrigens die Ausſichten günſtig für ſie geſtaltet, da die amerikaniſche Küſte damals ſehr wirkſam von franzöſiſchen Kapern geſäubert war, wie ich denn ſpäter eilfhundert und drei und ſiebzig Thaler als meinen Antheil für jene glückliche That erhielt. Wie ich mich hierüber freute und was ich mit dem Gelde anfing, ſoll im Ver⸗ laufe der Erzählung berichtet werden. Im ſelben Augenblicke, da unſere Priſe nach Amerika unter Segel ging, zogen auch wir an einer Boleine von dannen und Miles Wallingford war jetzt eine weit bedeutendere Perſon gewor⸗ den, als er noch vor wenigen Stunden geweſen war. Wir brachten die Gefangenen im Kielraum unter, ſtellten eine tüchtige Wache davor und halten unverweilt gegen Nordweſten, um den franzöſtſchen Kreuzern, die etwa an ihrer eigenen Küſte herumſchwärmten, aus dem Wege zu gehen. Kapitän Williams ſchien mit dem Ruhmestheile, der ihn be⸗ troffen, zufrieden zu ſeyn und zeigte keine weitere Neigung, ſeinen Ruf durch Waffenthaten zu vermehren. Marble aber— in meinem Leben habe ich nicht geſehen, daß ein Mann eine höhere Meinung von ſich ſelbſt gehabt hätte, als dies bei ihm in Folge der heutigen 190 Ereigniſſe der Fall war. Kein Zweifel, ſie machten ihm große Ehre; aber von jener Stunde an— wehe dem Manne, der ſich mit ihm über den Charakter der Fahrzeuge, die uns auf unſerem Pfade begegneten, in einen Streit einlaſſen wollte! Den Tag, nachdem wir uns von unſerer Priſe getrennt hatten, entdeckten wir ein Segel im Weſten und halten auf, um uns, da der Wind ohnedies umgeſprungen war, daſſelbe näher zu beſehen. Der Fremde wurde bald für ein amerikaniſches Fahrzeug erklärt; allein trotzdem, daß wir unſere Flagge ſehen ließen, zeigte die Brigg durchaus keine Neigung mit uns zu ſprechen. Dies veran⸗ laßte Kapitän Williams auf dieſelbe Jagd zu machen, beſonders da ſie uns dadurch zu entwiſchen ſuchte, daß ſie in einer Richtung an uns vorüberfuhr, welche beinahe ganz in unſerem Kurſe lag. Um vier Uhr Nachmittags ſtanden wir dem Burſchen nahe genug, um ihm eine Neunpfünderkugel zwiſchen die Maſten zu ſchleudern, worauf das Schiff beidrehte und uns nahe zu kommen geſtattete. — Es war die Priſe unſerer Dame de Nantes, wie ſich in Kurzem herausſtellte, und wir ſäumten nicht, dieſelbe in Beſitz zu nehmen. Da das Schiff mit Mehl, Pott⸗ und Perlaſche und dergleichen beladen und nach London beſtimmt war, ſo wurde mir ſeine Füh⸗ rung übertragen und ein anderer junger Mann meines Alters, mit Namen Roger Talcott, nebſt ſechs Matroſen zur Bemannung, als Beiſtand beigegeben. Die Franzoſen wurden natürlich alle bis auf Einen, der die Rolle des Kochs und Proviantmeiſters ſpielte, an Bord der Kriſis aufgenommen: Neb dagegen wurde mir auf ſeine und meine ernſtliche Bitte mitgegeben, wiewohl Marble nur mit großem Widerſtreben hierauf eingehen wollte. Dies war mein erſtes ſelbſtſtändiges Kommando und ich war nicht wenig ſtolz darauf, obwohl ich vor Beſorgniß, ich möchte etwas unrecht anfangen, faſt verging. Meine Ordre lautete dahin, auf den Lizardleuchtthurm loszuſteuern, mich immer möglichſt nahe an die engliſche Küſte zu halten und auf dieſe Art den Kanal hin⸗ 191 aufzuſchleichen; Kapitän Williams vermuthete, ſeine eigene Inſtruk⸗ tion werde ihn nach demſelben Hafen weiſen, für den auch die „Amanda“(meine Brigg) beſtimmt war und glaubte, nachdem er ſeine Ordre zu Falmouth empfangen, uns immer noch einholen zu können. Da die Kriſis ihre vier Fuß machte, bis die Amanda deren drei zurücklegt, ſo war unſer altes Schiff bei Sonnenunter⸗ gang mit ſeinem Rumpfe bereits vor unſeren Blicken verſchwunden. Als ich am nächſten Morgen auf dem Verdecke erſchien, fand ich mich in einem Alter von achtzehn Jahren, mitten in feind⸗ lichen Gewäſſern, mit einem werthvollen Schiffe ganz allein auf dem weiten Ocean: nirgends war auch nur das Mindeſte zu ſehen; ich ſollte meinen Weg in einem Kanal auffinden, welchen ich noch niemals betreten hatte, und dies Alles mit einer Schiffsmannſchaft, welche zur Hälfte aus Rekruten beſtand. Zwar hatten Letztere bis jetzt die ganze Anſtelligkeit von Amerikanern bewieſen und in der That ſchon wunderbare Fortſchritte gemacht, allein es blieb ihnen doch immer noch gar viel zu lernen übrig. Die Bemannung der Kriſis war zu vollzählig geweſen, um die Leute zu allen Arten von Geſchäften verwenden zu können, wie dies bei gewöhnlicher Mann⸗ ſchaftszahl auf Kauffahrern in der Regel der Fall iſt und die Neulinge mußten ſelbſt ſehen, wo ſie die nöthige Inſtruktion er⸗ hielten. Gleichwohl waren meine Leute lauter ſtarke, geſunde, willige Burſche, welche trotz der älteſten Theerjacke zu halen und zu hiſſen verſtanden. So hatte mich denn dieſe neue Anordnung gänzlich auf meine eigenen Hülfsquellen angewieſen: Seekenntniß, Schifffahrtskunde, Gewandtheit, Klugheit— Alles wurde von mir gefordert. Ich geſtehe, ich fühlte mich im Anfange durch die Neuheit und Ver⸗ antwortlichkeit meines Kommando's eben ſo ſehr niedergedrückt als Neb darüber die ſtolzeſte Freude empfand: aber es iſt wunderbar, wie bald wir uns an Veränderungen dieſer Art gewöhnen. Fünf bis ſechs Stunden ſpäter war mir ſchon ganz behaglich bei der 192 Sache— freilich hatte ſich auch nicht die geringſte ungewöhnliche Erſcheinung gezeigt— und bei Sonnenuntergang wäre ich voll⸗ kommen glücklich geweſen, wenn ich nur meine Unruhe in Folge der Finſterniß hätte überwinden können. Der Wind hatte ſich nach Südweſten gedreht und war ziemlich friſch geworden: ich ließ ein unteres und ein Marsleeſegel einſetzen und die Brigg begann um die Zeit, da das Tageslicht völlig ver⸗ ſchwand, ihrer Leinwand mit einer Schnelligkeit zu gehorchen, welche mich zu keiner Ruhe kommen ließ. Ich wußte nicht, ſollte ich die Segel verkürzen oder nicht: auf der einen Seite die Beſorgniß, es könnte mir eine Spiere oder dergleichen abſpringen, auf der andern die Furcht, in den Augen der zwei oder drei älteren Matroſen, die ich bei mir hatte, für ängſtlich zu gelten. Ich beobachtete die Mienen dieſer Leute, um auf dieſe Art ihre eigentliche Meinung zu errathen; allein Jack verläßt ſich in der Regel ſo ganz auf ſeine Offiziere, daß er nur ſelten ein Unheil vorausſieht. Was Neb betrifft, ſo war er gerade um ſo vergnügter, je ärger der Wind brauste: er ſchien zu glauben, der Wind ſo⸗ gut wie der Ocean, die Brigg, wie er ſelber gehöre nunmehr Maſter Miles und ich ſey alſo um ſo reicher, je mehr ſich Wind und Wellen verſpüren ließen. Talcott war als Seemann kaum ſo gut wie ich ſelbſt; er hatte eine gute Erziehung genoſſen, beſaß feine Manieren, vortheil⸗ hafte Familienverbindungen und war urſprünglich mein Mitbewerber um die Stelle eines dritten Steuermanns geweſen— auch hatte ich den Vorzug, der mir zu Theil geworden war, einzig und allein Marble's dringenden Empfehlungen zu verdanken. Gleichwohl ge⸗ hörte Talcott unter die erfahrenſten Leute, die wir auf dem Schiffe hatten und war mir auch aus dieſem Grunde beigegeben worden, da Kapitän Williams dachte, zwei Koöpfe würden wohl mehr als einer vermögen. Ich nahm dieſen jungen Mann zu mir in die Kajüte, nicht blos um ſeine Geſellſchaft zu genießen, ſondern M.— 2 92Q—39——*9;-—— A N SAQn nu dN ᷣ 8 N 8 3 1 8u 193 auch um ihm bei den Matroſen auf dem Vorkaſtell größeres An⸗ ſehen zu verſchaffen, denn am Lande hätte er ganz zu meines Gleichen gezählt, wenn er auch im Punkte des Vermögens weniger als ich vom Glück begünſtigt war. Talcott und ich blieben faſt die ganze erſte Nacht zuſammen auf dem Deck; zu dem kurzen Schlummer, den ich mir erlaubte, legte ich mich in dem Marsleeſegel auf dem Quarterdeck nieder— jenes Segel hatte ich nämlich nicht einſetzen, ſondern eben zu dieſem Zwecke abhiſſen laſſen. Als ich aber mit der Rückkehr des Tages einen klaren Horizont vor mir ſah, auch keine Verſtärkung des Windes und nirgends ein Segel wahrnahm, fühlte ich mich ſo ſehr erleichtert, daß ich den verſäumten Schlaf bis acht Uhr Morgens nachholte. Dieſen ganzen Tag über brauchten wir weder Schooten oder Tal⸗ jen, noch auch die Braſſen zu berühren. Gegen Abend ſtieg ich auf den Mars, um mich— wiewohl erfolglos— nach dem Lande umzu⸗ ſehen: ich wußte nämlich aus unſerer am Mittag angeſtellten Be⸗ obachtung, daß wir nicht mehr weit davon entfernt ſeyn konnten. Vor fünfzig Jahren bildete nämlich die Beſtimmung der Länge noch immer die Hauptſchwierigkeit für den Seefahrer: denn ſo gut wir auch, Talcott und ich, mit Mondbeobachtungen umzugehen wußten, ſo waren ſie doch jetzt nicht anwendbar und auch ſie geben bei Flut und Strömungen keine zuverläſſige Rechnung. Wie froh war ich alſo, als ich Neb gegen zehn Uhr Abends von der Vormarsraa ſein„Licht da vorn!“ herabrufen hörte— es mußte der Lizardleuchtthurm ſeyn, da wir für den von Seilly zu weit öſtlich ſtanden. Ich änderte nun meinen Kurs, ſo daß ich das Licht ein wenig auf meinen Luvbug brachte und wartete auf den Augenblick, bis wir es vom Deck aus ſehen konnten, mit einer Aengſtlichkeit, wie ich ſie ſeitdem nur unter den gefährlichſten Um⸗ ſtänden wieder empfunden habe. Nach einer halben Stunde ward endlich Miles Wallingford. 13 194 mein Wunſch erfüllt und jetzt konnte ich mich vergleichungsweiſe glücklich nennen. In der That iſt ein Anfänger nicht ſo übel dran, wenn er mit friſchem Südweſtwind, das Lizardlicht vom Luvbug aus deutlich vor Augen, den Kanal aufwärts ſeinem Beſtimmungsorte zuſteuert. Dieſe Nacht lief aber auch weit ruhiger ab, als ich dies von der vorhergehenden rühmen konnte. Am andern Morgen war die Stellung der Brigg die einzige Aenderung, welche zu bemerken war. Wir befanden uns jetzt ganz im Kanal, hatten das Land ſo dicht, als ſich mit der Klugheit ver⸗ trug, auf unſerer Seite und ſegelten mit merkwürdiger Geſchwin⸗ digkeit vorwärts, wie ich aus einzelnen Gegenſtänden an der Küſte deutlich abnehmen konnte. Wir fuhren auf eine Meile an Eddy⸗ ſtone vorüber, ſo feſt blieb ich bei meinem Entſchluſſe, den franzö⸗ ſiſchen Kapern ſo fern als möglich zu bleiben. Den nächſten Morgen ſtanden wir der Inſel Wight gegenüber; der Wind hatte ſich aber jetzt nach Südoſten umgedreht und war ſo ſchwach geworden, daß wir an hoher Boleine ſteuern mußten. Dadurch wurde England für uns zur Leeküſte und ich war jetzt eben ſo froh, von Letzterer abzuhalten, als ich mich früher voll Eifer zu ihr hingedrängt hatte. Daß wir die ganze Zeit über einen ſcharfen Ausgucker zur Entdeckung etwaiger Feinde auf unſerer Brigg ausgeſtellt hatten, wird ſich der Leſer leicht denken können. Wir ſahen auch eine Maſſe von Segeln, beſonders als wir uns der Meerenge von Dover näherten, hielten uns aber von ihnen allen ſo ferne, als die Umſtände nur immer geſtatten wollten. Einige davon waren offenbar engliſche Kriegsſchiffe und ich empfand keine geringe Beſorgniß, daß man mir einige meiner Leute preſſen möchte, denn zu jener Zeit und noch manche Jahre ſpäter verloren die Schiffe aller mit England Handel treibenden Nationen, und mehr als alle 195 anderen die amerikaniſchen Fahrzeuge— durch dieſen Kunſtgriff gar viele ihrer Leute. Ich ſchrieb es unſerem engen Anſchließen an die Küſte zu — ein Kurs, den wir verfolgten, ſo lange die Sicherheit es er⸗ laubte— daß man uns ſo unbeachtet oder wenigſtens unangefochten weiter ziehen ließ; je mehr wir uns aber der Meerenge näherten, deſto eher verlor ich auch die Hoffnung, noch weiter unviſitirt durchkommen zu können. Mittlerweile entfernten wir uns einen vollen Tag und eine ganze Nacht über auf kurze Strecken vom Lande und kehrten dann wieder dahin zurück, immer langſam gegen Oſten ſteuernd. Immer noch waren wir auf keine Unterbrechung geſtoßen: mein Selbſt⸗ vertrauen machte Rieſenſchritte— meiner Meinung nach führte ich jetzt die Amanda völlig eben ſo gut, als Marble es nur immer ver⸗ mocht hätte, und meine Rekruten hatte ich ſo trefflich und mit ſol⸗ cher Pünktlichkeit in ihren Dienſt eingeleitet, daß ich jetzt, ohne einen Augenblick des Zauderns, den Kurs meines Schiffes auf der Stelle gegen New⸗York umgedreht hätte, ſoweit blos das Steuern deſſelben in Betracht gekommen wäre. Die Lichter an der engliſchen Küſte dienten mir als ſichere Führer für meine Bewegungen und ließen mich erkennen, wie viel ich durch jede Windvierung in meinem Laufe gewann oder verlor. Dungeness ſchien uns allmählig näher zu kommen, und ich fing ſchon an, mich nach einem Lootſen umzuſehen, als Talcott, der eben die Wache hatte, Morgens gegen drei Uhr in athemloſer Haſt in die Kajüte ſtürzte, um mir zu melden, daß ein Schiff dicht hinter uns ſegle, das, ſo weit er in der Dunkelheit habe unterſcheiden koͤnnen, wie ein Lugger aufgetackelt ſey. Dies war allerdings eine beunruhigende Botſchaft, denn ſie war faſt gleichbedeutend mit der Nachricht, der Fremde ſey ein Franzoſe. Da ich mich überhaupt nicht auskleidete, ſo war ich in einem Nu auf dem Verdeck. Das Schiff, welche auf uns Jagd machte, v X 196 ſtand etwa eine halbe Meile von unſerem Leequartier entfernt, war aber deutlich genug zu unterſcheiden, und ich erkannte es auf den erſten Blick als einen Lugger. Nun gab es zwar auch engliſche Lugger; doch hatten mich alle unſere Schifferſagen gelehrt, ein Schiff mit dieſer eigenthüm⸗ lichen Tackelage als einen Franzmann zu betrachten. Ich hatte von Kapern gehört, welche aus Dünkirchen, Boulogne und ver⸗ ſchiedenen anderen franzöſiſchen Häfen bei Nacht gegen die engliſche Küſte herüberkämen und daſelbſt Priſen machten, gerade wie dieſer Burſche es mit uns zu halten geneigt ſchien. Glücklicher Weiſe war unſer Gallion dem Lande zugekehrt und wir mochten um etwa anderthalb Punkte windwärts vom Leuchtthurm von Dungeness hin⸗ ſteuern, wobei wir noch von der Flut begünſtigt wurden, ſoweit wir dies aus dem reißendſchnellen Gange des Schiffes in dieſer Richtung entnehmen konnten. Mein Entſchluß war in einer Minute gefaßt; von den Strand⸗ batterien wußte ich nichts, wenigſtens war mir ihre Lage unbekannt, ſo daß ich keinen Schutz darunter hätte ſuchen können: dagegen lag das Land vor mir, und ich beſchloß, ſo raſch ich konnte, dahin zu eilen. Wenn ich die Brigg mit allen Segeln, die ſie zu tragen vermochte, ganz in den Wind ſtellte, ſo hoffte ich die Küſte zu erreichen, noch ehe der Lugger ſich neben mich gelegt hätte. Sein Feuer fürchtete ich nicht, denn ich dachte mir, da die franzöſiſche Küſte mehrere Stunden entfernt war, werde er ſo etwas gar nicht wagen, weil er ſich dadurch einen engliſchen Kreuzer auf den Hals laden könnte. So ließ ich alſo Vor⸗ und Kreuzmarsſegel ſo raſch wie mög⸗ lich einſetzen, die Luvbraſſen etwas anziehen, die Boleinen dagegen loͤſen, ſo daß meine Brigg gerade in den Wind kam. Die Amanda war allerdings kein ‚Fliegere; allein auch ſie ſchien, wie wir ſelbſt, den Feind zu fürchten, denn noch nie hatte ich ſie, beſonders bei dieſem Winde, mit ſolcher Haſt dahinjagen ſehen, und es dauerte —2 172 nNͤG X 197 nicht lange, bis ich zu glauben anfing, ſie werde dem Lugger glück⸗ lich entkommen, obwohl dieſer ſo nahe wie nur immer möglich auf⸗ gerückt blieb. Doch war dies bloße Täuſchung: der Feind kam hinter uns hergerast, mehr einer Seeſchlange als einem durch Leinwand ge⸗ tragenen Werke von Menſchenhänden vergleichbar, und ich überzeugte mich bald, daß die Hoffnung, einem ſolchen Wettrenner durch Schnellſegeln zu entkommen— ganz vergeblich war. Land und Leuchtthurm ſtanden ſchon ganz nahe vor unſerem Bord, ſo daß ich jeden Augenblick erwartete, den Kiel meiner Brigg gegen den Grund anrennen zu hören. In dieſem Moment gewahrte ich die undeutlichen Umriſſe eines Schiffes, das etwa eine Viertel⸗ meile öſtlich von der Landſpitze vor Anker zu liegen ſchien: plötzlich kam mir der Gedanke, es möchte ein engliſcher Kreuzer ſeyn, da dieſe häufig an ſolchen Stellen zu ankern pflegten, und faſt inimrt. mäßig kommandirte ich mein„Abgelufft!“ Neb ſtand am Steuer und ſein freudiger Ruf ſagte mir, mit welchem Entzücken der Burſche gehorchte. Es war ein Glück, daß wir gerade jetzt gelufft hatten, denn beim Umwenden ſtieß das Schiff mit einer Heftigkeit an, welche uns furchtbar daran mahnte, was uns eine Minute ſpäter erwartet hätte. Die Amanda ſtellte übrigens ihr Steuer vortrefflich und wir fuhren ohne weitere Rippenſtöße zunächſt am Land vorüber, indem wir nur ſo weit ab⸗ hielten, daß wir etwas windwärts von dem vor Anker liegenden Schiffe gelangen mußten. In der nächſten Minute wurde der Lugger, der ungefähr eine Kabellänge hinter uns war, vom Lande verdeckt. Ich hegte ſchon die Hoffnung, der Franzoſe werde am Ende vieren müſſen: allein er hatte ſeine Entfernung ſehr wohl bemeſſen und ſchien überzeugt, daß er ganz gut vorbeikommen könne. Er mochte wohl ebenſo räſonniren, wie Nelſon dies am Nil gethan haben ſoll und mehrere ſeiner Kapitäne ohne Zweifel auch gethan haben, nämlich, wenn 198 Waſſer genug für uns vorhanden ſey, ſo werde es auch für ihn hinreichen, und ſo ſah ich ihn denn eine Minute ſpäter, faſt ganz in den Wind eingeklemmt, an der Landſpitze vorbeiluffen und mit einer Leichtigkeit in unſer Kielwaſſer abfallen, als ob er durch einen Magnet angezogen würde. Kein Laut hatte bis jetzt die Stille der Nacht unterbrochen: kein Anruf, kein Kommando— unſere eigenen ausgenommen, und dieſe waren nur leiſe gegeben worden— war am Bord der Amanda vernommen worden. Das vor Anker liegende Schiff— ein ſchönes Fahrzeug und wie ich glaubte ein Kriegsſchiff— ſchien ſich um Nichts zu bekümmern, ſondern lag da wie ein Seevogel, der auf ſeinem eigenen Elemente ſchlummert. Wir befanden uns in gerader Linie zwiſchen ihm und dem Lugger, und es iſt wohl möglich, daß die engliſche Ankerwache letzteren gar nicht bemerkte; die drei Schiffe waren nicht über Kabellänge aus einander, d. h. wir mochten etwa gerade ſo weit von dem Engländer, der Lugger ganz wenig weiter von uns entfernt ſeyn. In fünf Minuten mußte Alles entſchieden werden. Ich ſtand auf dem Vorkaſtell der Brigg und unterſuchte mit der ängſtlichſten Spannung, was ich Alles am Bord des Schiffes wahrnehmen konnte, da deſſen Größe, Bau und Tackelage allmählig immer deutlicher hervortraten. „Schiff ahoy!“ rief ich es endlich an. „Hillaho! Was iſt das für eine Brigg?“ „Ein Amerikaner, mit einem franzöſtſchen Piratenlugger dicht auf ſeinen Ferſen, gerade in ſeinem Kielwaſſer. Ihr thätet beſſer, Euch auch zu rühren!“ „Den Teufel auch!“ ſo lautete die erſte Antwort, die ich hoͤrte. „Die hölliſchen Nankees!“ kam dann zunächſt und„Alle Matroſen!“ war das Letzte, was drauf erfolgte. So viel war klar— meine Nachricht hatte auf dem Englän⸗ der Alles in Bewegung geſetzt. Talcott kam jetzt mit der Botſchaft herbeigerannt, in Folge einiger Bewegungen am Bord des Luggers ———— 199 glaube er, daß deſſen Mannſchaft erſt jetzt die Nähe des anderen Schiffes in Erfahrung gebracht habe. Ich ſelbſt war durch den Ruf„Alle Matroſen“ an Bord des Letzteren ſchwer enttäuſcht wor⸗ den, denn er hatte ganz wie der eines Kauffahrers und keineswegs wie auf einem Kriegsfahrzeuge geklungen. Wir befanden uns übri⸗ gens bereits zu nahe, um noch länger in Zweifel zu bleiben, denn die Amanda fuhr ſchon, nicht mehr als vierzig Schritte entfernt, an des Engländers Bügen vorüber. „Es iſt ein engliſcher Weſtindienfahrer, Mr. Wallingford,“ bemerkte einer meiner älteſten Matroſen,„der ſich verirrt und ſein Konvoi verlaſſen oder verloren hat.“ „Wißt Ihr irgend etwas von jenem Lugger?“ fragte ein Offizier von dem Schiffe herüber in einem nichts weniger als freundſchaftlichen Tone. „Nicht mehr als Ihr ſelber ſeht; er hat Jagd auf mich ge⸗ macht und folgt mir ſeit zwanzig Minuten dicht, auf den Ferſen.“ Für den Augenblick kam keine Antwort; dann aber folgte die Bitte: „Laßt doch vieren und lenkt ihn für einige Minuten von uns ab, um uns beſſer Raum zu geben. Wir ſind bewaffnet und wollen Euch ſogleich zu Hülfe kommen.“ Wäre ich zehn Jahre älter geweſen, ſo würde mich die Er⸗ fahrung, wie weit den Menſchen überhaupt und gewinnſüchtigen Krämerſeelen insbeſondere zu trauen iſt, von der Erfüllung dieſer Bitte abgehalten haben: allein mit Achtzehn betrachtet man die Dinge von ganz anderem Standpunkte. Mir kam es ungroßmüthig vor, einem Schlafenden den Feind auf den Hals zu ſchicken, ohne wenigſtens etwas zur Unterſtützung der überraſchten Parthie zu verſuchen. So rief ich ihm mein„Ja, ja,“ hinüber und vierte augenblicklich in der Höhe des Andern. Aber mein Manéver kam zu ſpät, denn eben als wir wieder hinauszuſtechen anfingen, kam der Lugger zwiſchen Brigg und 200 Weſtindier hereingefahren: wir hatten ihm Raum dazu gegeben, ſo daß er uns Beide genau betrachten konnte. Der Engländer mochte ihm wohl einladender vorkommen, denn„Steuer auf“ und „mit den Enterern hinüber“ war bei ihm das Werk eines Augen⸗ blicks. Keiner von den Zweien löste ſeine Kanonen, doch ſtanden wir ſo nahe, daß wir Alles deutlich erkennen, ja ſogar die Kom⸗ mandos unterſcheiden und die Stöße und Hiebe des Handgemenges vernehmen konnten. Für uns auf der Brigg war dies eine ſchreckliche Minute: durch die Stille des düſteren Morgens drang uns das Geſchrei der Verwundeten und die Flüche der Streitenden deutlich zu Ohren. John Bull focht wacker trotz ſeiner Ueberraſchung, wiewohl wir bemerkten, daß er überwältigt wurde, während eben die Entfernung, ſo wie der Nebel, der ſich am Lande zuſammenzuballen anfing, die beiden Schiffe vor unſerm Blick verhüllte. Das Verſchwinden der beiden Kämpfenden gab mir den beſten Wink über mein ferneres Verfahren: ich blieb noch drei bis vier Minuten in meinem jetzigen Kurſe, bis ich gewiß ſeyn durfte, nicht geſehen zu werden und vierte dann abermals, indem ich die Brigg, ſum ſie ſo ſchnell wie möglich aus der Geſichtslinie zu bringen, etwas abhielt und dann gegen die engliſche Küſte rannte, welche chon ſo weit entfernt war, daß wir noch eine ziemliche Weile länger in dieſer Richtung fortfahren konnten. Dieſes Auskunftsmittel glückte uns vollkommen, denn als wir nun für nöthig fanden, aufs Neue zu vieren, begann ſchon der Tag heranzudämmern und kurz nachher konnten wir bemerken, wie der Weſtindienfahrer und der Lugger vom Lande abſegelten und eilends der franzöſiſchen Küſte zuſteuerten. Im Jahre 1799 war es wohl möglich, daß der kühne Franzmann ſeine Priſe in einen ſeiner eigenen Häfen brachte; drei bis vier Jahre ſpäter wäre dies ein ziemlich hoffnungsloſes Unternehmen geweſen. Die Amanda war gerettet und Nelſon konnte ſich nach ſeinem * 201 großen Siege am Nil unmoglich glücklicher fühlen als ich, ſobald ich meine Kriegsliſt gelungen ſah. Talcott wünſchte mir Glück und gab mir ſeinen Beifall zu erkennen; überhaupt mochten wir Alle etwas zu ſehr geneigt ſeyn, einen Erfolg, den wir eigentlich dem Zufall hätten auf Rechnung ſetzen ſollen, unſerer eigenen Geſchick⸗ lichkeit und Ausdauer zuzuſchreiben. Herwärts von Dover nahmen wir einen Lootſen, von dem wir erfuhren, daß das gekaperte Schiff ein werthvoller Weſtindien⸗ fahrer, Namens Dorothea, war, der ſich von ſeinem Konvoi weg⸗ geſtohlen hatte und den Abend zuvor allein eingelaufen war. Er hatte zu Anfang der Ebbe unterhalb Dungeness Anker geworfen und, wie es ſcheint, eine gute Nachtruhe dem Wagniſſe vorgezogen, mit einbrechender Fluth in die Finſterniß hinauszuſteuern; ſein Plätzchen war auch vollkommen geborgen und würde ihn den Augen des Luggers völlig entzogen haben, wenn wir dieſen nicht ſchnur⸗ gerade auf ſeine Beute zugeführt hätten, Ich war nun von aller Sorge für die Brigg erlöst und mitten zwiſchen Untiefen, Feinden und Fluthen, welche mir ſämmtlich un⸗ bekannt waren, fand ich darin wahrlich keine kleine Erleichterung; wir liefen noch am nämlichen Tage in die Düne ein, wo wir auch liegen blieben. Ich ſah hier eine Flotte vor Anker und es ver⸗ urſachte keinen kleinen Lärm unter dem Kriegsſchiffsvolke, als ihnen unſere Geſchichte zu Ohren kam: wohl zwanzig von ihren Booten legten bei uns an, um ſich die Thatſachen aus der urſprünglichen OQuelle zu holen. Unter anderen Gäſten, welche mich auszufragen kamen, erſchien auch ein alter Herr, den ich für einen Admiral hielt: er trug die Interimsuniform und kam ganz offen und anſpruchlos; die Be⸗ mannung ſeines Boots verweigerte uns jede Antwort auf unſere Fragen, zollte aber dem Greiſe ungewöhnlichen Reſpekt. Dieſer befragte mich über eine Menge Details und ich erzaͤhlte ihm offen⸗ herzig die ganze Geſchichte, ohne das Geringſte zu verhehlen oder 20²2 zu entſtellen. Er ſchien offenbar großen Antheil daran zu nehmen und beim Fortgehen ſchüttelte er mir herzlich die Hand mit den Worten: „Junger Herr, Ihr habt klug und zeitgemäß gehandelt. Küm⸗ mert Euch nichts um das Brummen mancher unſerer Burſche: die haben nur ſich ſelbſt im Auge. Ihr hattet das Recht, ja ſogar die Pflicht, Euer Schiff zu retten, wenn es ohne eine unehrenhafte Handlung möglich war, und ich finde in Eurem ganzen Benehmen durchaus kein Unrecht. Aber'ne rechte Schande iſt's für uns, daß wir dieſe franzoͤſiſchen Schufte ihre Broſamen auf ſolche Art dicht unter unſern Klüsgaten wegſchnappen laſſen.“ Zehntes Kapitel. Wie hold und traurig doch die Wendezeiten Des Menſchenlebens! Sieh, wie Seit'’ an Seiten Das Kind dem Jüngling geht. Vereint ſie gleiten Hinab der Jahre Thal: Nur kurze Zeit ein reines Zwillingsweſen, Mit ernſtem Antlitz, aber leichtem Herzen, Für Weh zu jung, doch nicht für Thränen! Allſton. Mlit welchem Intereſſe, welcher Ehrfurcht wurde doch Eng⸗ land, ſeine Geſchichte und Geſetzgebung, wie ſeine Inſtitutionen, im Jahre 1799 von den meiſten Amerikauern betrachtet, ſobald ſie ſich nur einiger Erziehung rühmten! Da gab's nur ſeltene Ausnahmen — warme politiſche Partheigänger, hie und da ein einzelner„Pa⸗ triot“, der über manche Zwiſchenfälle aus der Revolutionszeit er⸗ bittert war; im Ganzen aber waren ihrer nur äußerſt Wenige, wenn man bedenkt, daß das Land erſt vor fünfzehn Jahren ſeinen Frieden geſchloſſen hatte. Ich möchte bezweifeln, ob es jemals ein ſtärkeres Beiſpiel von Bewunderung der Provinz für die Hauptſtadt gab, 2„ 203 als es das unabhängige Amerika, trotz aller gerechten Beſchwerden, in ſeiner Ehrfurcht für das Mutterland von der Revolution bis zum Kriege von 1812 geliefert hat. Ich bildete eben ſo wenig wie Talcott eine Ausnahme von der Regel. Geiſtige Viſtonen ausgenommen hatten wir Beide bis zu dem Augenblick, da wir auf unſerer Reiſe den Lizardleucht⸗ thurm vor Augen bekamen, noch nie etwas von England geſehen und erſtere hatten uns ein Uebermaß von Schönheit und Treffllich⸗ keit vorgeſpiegelt, das bei näherer Betrachtung nothwendig verlieren mußte. Ich meine damit keineswegs, daß uns ein ungewöͤhnlicher Mangel an lobenswerthen Erſcheinungen aufgefallen wäre, ſondern blos, daß wir uns Alles in zu ſchönen Farben ausgemalt hatten, wie dies immer der Fall iſt, wenn die Phantaſie den Pinſel führt. Im Gegentheil bin ich ſogar jetzt noch geneigt, England als ein wahres Muſter in Tauſenden von Vorzügen ſogar für unſer eigenes, unſchätzbares Selbſt zu betrachten. 3 Die engliſche Geſchichte war in Wirklichkeit auch die amerikaniſche Geſchichte und Alles was uns der Lootſe auf unſerem Wage nach der Stadt von dem umliegenden Lande bezeichnen konnte, war für uns eine Quelle der Unterhaltung und des Entzückens: wir mußten während der Ebbe nach London hinauffahren und hatten alſo Muße genug, um Alles, was zu ſehen war, recht genau zu betrachten. Die Themſe iſt weder ein ſchöner, noch auch ein ſehr großartiger Fluß; aber die Menge von Schiffen, welche ab und zu gingen, ſetzte uns in Erſtaunen. Da gab es kaum ein Segel in der ganzen Chriſtenheit— einige aus dem Mittelmeer vielleicht ausgenommen— das nicht hier zu ſehen war, und was vollends die Kohlenſchiffe betraf, ſo fanden wir deren einen ſolchen Wald vor uns, daß die Stadt ſich nach unſerer Berechnung ein volles Jahr mit Brennholz hätte verſehen können, wenn ſie auch nur die Spieren dieſer Fahr⸗ zeuge angezündet hätte. Auch die Art und Weiſe, wie der Lootſe unſere Brigg durch 204 die Tauſende von Schiffen, welche reihenweiſe rechts und links von dem ſchmalen Pfade, den wir einzuhalten hatten, hindurchlenkte, war mir in hohem Grade überraſchend; ſie glich mehr dem Kunſt⸗ ſtücke eines Kutſchers, der ſeinen Wagen durch eine vollgepropfte Durchfahrt treibt, als dem gewöhnlichen Gange eines Schiffes. Ich kann mit Recht behaupten, daß ich in der Kunſt, ein Schiff fortwährend in der Hand zu halten und Alles, was man will, damit anzufangen, auf der Themſe weit mehr als auf meiner ganzen Hin⸗ und Rückfahrt von Canton gelernt habe. Neb konnte nichts als ſeine ſchwarzen Augen voll Verwunderung umherrollen; einmal ergriff er die Gelegenheit, mir zu ſagen: „Er wird die Brigg noch zum Sprechen bringen, Maſter Miles, noch ehe wir an Ort und Stelle ſind.“ Ich bin überzeugt, daß die Herauffahrt von den Vorlanden bis zu den Brücken, wie ſie ſeit dreißig Jahren betrieben wurde, auf die ſeemänniſche Ausbildung der Engländer keinen geringen Einfluß ausgeübt hat: die Dampfboote zwar können viel von dieſer Kenntniß entbehren, allein die Kohlenſchiffe ſind immer noch ganz allein auf ſich verwieſen, da hier die Fracht kaum einen Schlepp⸗ lohn verträgt. Ich hatte von Kapitän Williams die Weiſung erhalten, die Brigg an ihren urſprünglichen Agenten, einen in dem modernen Babylon etablirten amerikaniſchen Kaufmann, abzuliefern und mir den üblichen Anſpruch auf Bergelohn* vorzubehalten. Dies that ich denn auch; der Kaufmann ſchickte alsbald Matroſen an Bord zur Uebernahme des Schiffes und„enthob mich aller ferneren Ver⸗ antwortlichkeit“. Der Kapitän hatte in ſeinem Briefe— ich glaube wohl ohne Abſicht— angeführt, er habe das Schiff„Mr. Walling⸗ ford, ſeinem dritten Steuermann“ übergeben, und ſo erhielt ich * Bergen nennt man das Retten geſtrandeter, oder, wie hier, gekaperter Güter. D. U. 205 von dem Agenten keine Einladung zum Mittageſſen. Dagegen hatte die Geſchichte mit der Gefangennehmung des Weſtindiers unterhalb Dungeness— durch Deal's Vermittlung, wie ich immer glaubte— den Weg bereits in die Tagblätter gefunden, wo ſie mit der ge⸗ wöhnlichen Bezeichnung„Yankeeſtreich“ zu leſen war. Ja dieſe„Yankeeſtreiche!“ Wie oft hat die unbedachte An⸗ wendung dieſer Phraſe unſern Landsleuten großen Schaden ge⸗ bracht! Junge, ehrgeizige Leute— und es gibt hier zu Lande alle Arten von Ehrgeiz, unter andern auch den, ein Schurke zu ſeyn: als Beweis hiefür kann man täglich alle möglichen größeren und kleineren Laſter, als da ſind Neid, Eiferſucht, Lüſternheit, Geiz und noch ein halbes Dutzend mehr von den Leuten mit dem Namen„Ehrgeiz“ bezeichnen hören— alſo junge, ehrgeizige Leute wollen hier zu Lande nur gar zu häufig etwas Gutes aus⸗ richten, das mit einem gewiſſen andern Guten, welches ſie unter der Bezeichnung„Yankeeſtreich“ allgemein loben und belachen hören, allerlei eigenthümliche Vorzüge gemein haben ſoll. Anders wüßte ich mir die große und immer wachſende Zahl dieſer„Yankee⸗ ſtreiche“, wie ſie täglich unter uns vorfallen, nicht zu erklären. Unter andere Verbeſſerungen des Geſchmacks— ich will nicht gerade ſagen der Sitte— welche ſich in der amerikaniſchen Preſſe einführen ließen, würde ich auch die Auslaſſung von Ge⸗ ſchichten ſolchen Urſprungs rechnen; da aber zwei Drittheile der Redakteure des ganzen Landes ſelbſt aus Yankees beſtehen, ſo wird man ihnen vermuthlich auch fernerhin geſtatten müſſen, die pfiffigen Einfälle von ihres Gleichen mit Triumphgeſchrei zu begrüßen. Die Mehrzahl unſrer Lehrer— Redakteure und Schulmeiſter— ver⸗ danken wir dem alten Puritanerſtamme, und wenn man die wunder⸗ baren Fortſchritte, welche das Volk in Sitten, öffentlichen und Privattugenden, Ehrbarkeit und andern ſchätzenswerthen Eigen⸗ ſchaften gemacht hat, kaltblütig bei ſich überlegt, ſo muß man ſich 206 wahrlich über die Thatſache freuen, daß unſere Meiſter„die Kirche ohne Biſchöfe“ ſo frühzeitig entdeckt haben. Während meines Aufenthalts in London fand ich übrigens Ge⸗ legenheit, mich zu überzeugen, daß das Land unſerer Väter, welches, nebenbei bemerkt, noch ſeine Erzbiſchöfe hat, neben unvermiſchter Tugend auch noch manches Andere im Buſen nährt. Zu Graveſend nahmen wir zwei Mauthbeamte an Bord(nach dem engliſchen Zollſyſtem wird immer ein Spitzbube zur Bewachung des andern aufgeſtellt), welche bis zu dem Augenblicke des Ausladens auf der Brigg blieben. Einer dieſer Leute war bei einem Gentleman als Diener geweſen und hatte auch ſeine Stelle der Verwendung ſeines früheren Herrn zu danken. Er hieß Sweeney und konnte als ein wahres Muſter von Unbeſcholtenheit und Uneigennützigkeit eines Mauthbeamten gelten. Als er die Priſe von einem Jungen von achtzehn Jahren kommandirt ſah, ahnte er wohl nicht, daß dieſer Junge unter dem trefflichen Mr. Hardinge ſein gut Theil Latein und Griechiſch ge⸗ lernt, ſo wie das Familiengut Clawbonny als Erbſchaft angetreten hatte, meinte vielmehr, mit mir werde er eine leichte Aufgabe vor ſich haben; da er überdies einen heftigen Drang, mich nach Allem umzuſehen, an mir bemerkte, ſo ſchlug er mir eine Kreuzfahrt am Lande vor, ſobald die Brigg den Anker ausgeworfen hatte. Sweeney war es, der mir den Weg zu dem Agenten wies und mich, nach⸗ dem ich mein Geſchäft mit dieſem abgemacht hatte, zu einem Spaziergang nach der St. Paulskirche, dem Monument und endlich auch, da er einen feinern Geſchmack an mir entdeckte, als er anfäng⸗ lich vermuthet hatte— nach den Wundern des Weſtends aufforderte. So war der„bewundernswürdige Sweeney“ faſt eine Woche lang mein ſteter Cicerone, der mich die meiſten beachtenswerthen Gegenſtände der Stadt von Außen, und die wenigen, wo ich für den Eintritt zu bezahlen Luſt hatte, auch von Innen ſehen ließ, nach und nach aber in ſeinem Geſchmacke merklich herabſtieg und mich ₰ 207 auch durch Wapping* und deſſen Umgebungen ſchleppte, um mich mit den dortigen Scenen wilder Entartung bekannt zu machen. Ich war immer der Meinung, Sweeney habe mich mit dem ein⸗ geſchlagenen Kurs blos ſondiren und dadurch über meinen eigent⸗ lichen Charakter ins Klare kommen wollen, und ſey auch erſt bei dem letzten Vorſchlage, der unſere Freundſchaft raſch abſchnitt, mit ſeinen eigentlichen Beweggründen hervorgetreten. Als Reſultat ſtellte ſich jedenfalls heraus, daß ich auf dieſe Art in Geheimniſſe eingeweiht wurde, welche ich ſonſt wohl ſchwerlich ergründet hätte; nur hatte ich ſchon zu viel gehört und geleſen, um mich ſo leicht an der Naſe herumführen zu laſſen und hielt mich ganz außer dem Bereiche nicht nur meines Verſuchers, ſondern auch alles deſſen, was mir hätte Schaden bringen können, indem ich bei Allem, was mir vor Augen gebracht wurde, bloßer neugieriger Zuſchauer blieb. Meines guten Mr. Hardinge's Lehren waren nicht gänzlich vergeſſen und ich vermochte ſeinem Hauſe weit leichter als ſeinen Ermah⸗ nungen zu entlaufen. Nie werde ich den Beſuch eines Hauſes vergeſſen, welches das ſchwarze Roß(Black⸗Horſe) genannt wurde und in St. Catherine's Lane*s gelegen war. Letzteres war eine enge Gaſſe, welche quer durch die Gegend lief, wo ſich nunmehr die Docks gleiches Namens befinden und diente dem Auswurf von Wapping als Sammelplatz. Ich ſetze das Wapping abſichtlich bei, denn ſogar im Weſtende gibt es gewiſſe Parthien, welche immer noch weit ſchlimmer ſind, als ein bloßer Seehafen ſie aufweiſen würde. Der Handel, welcher ſo vieles Nützliche für den Menſchen erzeugt, hat ſo gut wie Alles auf Erden ſeine Schattenſeite und ſchleppt unter anderen Uebeln auch eine lange Reihe niedriger Laſter nach ſich: doch iſt dieſe Schleppe noch immer nicht ſo lang und breit, wie die Großen ſie * Auf der Nordſeite der Themſe, öſtlich vom Tower— nebſt dem von St. Giles das am übelſten berüchtigte Quartier der Stadt. 2* In der eigentlichen City. D. U. 208 an ihren Wagenraͤdern nachziehen. Den äußeren Anſtrich ausge⸗ nommen— und auch er bleibt weit unter der Erwartung— bin ich überzeugt, daß Wapping vom Weſtende in allen Hauptlaſtern weit überboten wird und wenn gar noch St. Giles in Rechnung gezogen wird, das Land vor der See jedenfalls Nichts voraus hat. Unſer Beſuch in dem Black⸗Horſe geſchah an einem Sonntag, dem Ruhetage aller Arbeiterklaſſen, wo ſie in ihrem beſten Anzug ſich am eheſten zu einem Auftreten in der Welt für geeignet halten. Ich will hier bemerken, daß ich in der ganzen Chriſtenheit kein Land getroffen habe, wo der Sabbath ſo, wie in Amerika gefeiert würde. In allen Ländern, ſogar da, wo die Anſichten hierüber am ſtrengſten und unnachſichtigſten ſind, wird er als ein Tag der Ruhe und Erholung, nicht blos der öffentlichen Andacht begangen. Auch in den amerikaniſchen Staäͤdten muß die alte Obſervanz dem dringenden Verlangen und den Schwächen der menſchlichen Natur weichen und der Sonntag iſt jetzt nicht mehr was er früher war. Ich habe ſogar im Laufe der letzten paar Jahren in den Vorſtädten von New⸗York Scenen des Lärms, der Gottesläſterung und wilden Tumultes mit angeſehen, wie ſie mir in keinem andern Theile der Welt bei ähnlichen Gelegenheiten begegnet ſind, und mag auch die „Lehre“ hierüber predigen was ſie will— es mußten gerechte Be⸗ denken gegen die Zweckmäßigkeit des Hochdruckſyſtems in mir auf⸗ ſteigen. Mit jener ſelbſt maße ich mir keineswegs an, in Kampf zu treten; vom weltlichen Geſichtspunkte aus betrachtet, möchte es aber als klüger erſcheinen, wenn man aus den Menſchen nicht alles das machen kann, was ſie ſeyn ſollen— wenigſtens auf geſellſchaft⸗ liche Einrichtungen zu denken, welche ſie ſo wenig wie möglich zum Gemeinen herabſinken laſſen. Ich kehre übrigens zum Black⸗Horſe in St. Katherine's Lane zurück— einem Orte, deſſen Name ſchon den Schmutz der Gemein⸗ heit an ſich trägt. Von dem Charakter der weiblichen Gäſte zu ſprechen, iſt · 209 unnoͤthig: die meiſten waren jung, manche davon noch hübſch und blühend, alle aber geſunken und verdorben.„Ich brauche Euch nichts über dieſe Mädchen zu ſagen,“ meinte Sweeney, der in ſeiner Art ein Stück von einem Philoſophen war, indem er einen Krug Bier verlangte und mir zuwinkte an einem leeren Tiſche Platz zu nehmen.„Was die Maͤnner hier betrifft, ſo beſteht die Hälfte aus Haus⸗ und Taſchendieben, welche kommen, um den Tag unter euch Herren Seemännern angenehm zuzubringen. Es find zwei bis drei Geſichter hier, die ich ſelbſt in Old Bailey* geſehen habe— wie ſte im Lande bleiben konnten, iſt mehr, als ich zu ſagen weiß. Den Burſchen iſt's, wie ihr bemerken werdet, ganz eben ſo wohl, als ob die geſammte Geſellſchaft blos aus ehrlichen Leuten beſtünde, und auch der Wirth, der ſie empfängt und bedient, iſt völlig mit ihnen zufrieden.“ „Wie kommt es,“ fragte ich,„daß ſolche anerkannte Spitz⸗ buben frei herumgehen dürfen, oder daß der Wirth die Keckheit hat, ſie bei ſich aufzunehmen?“ „O, Ihr ſeyd doch noch ganz Kind, ſonſt würdet Ihr nicht ſolche Fragen ſtellen! Ihr müßt wiſſen, Maſter Wallingford, daß das Geſetz die Spitzbuben eben ſo gut wie die ehrlichen Leute beſchützt. Zur Ueberweiſung eines Taſchendiebs bedürft Ihr Zeugen, Ankläger, Geſchworener und einer Maſſe von Dingen, welche weit ſellener ſind als Taſchentücher, Reiſeſäcke und ſogar Banknoten. Ueberdies können dieſe Burſche für jeden Tag der Woche ein Alibi nachweiſen. Ein Alibi, müßt Ihr wiſſen—“ „Ich weiß recht gut, was ein Alibi bedeutet, Mr. Sweeney.“ „Den Teufel auch, das wißt Ihr?“ rief der Beſchützer der koniglichen Einkünfte, indem er mich etwas mißtrauiſch anſah. „Sagt mir nur, wie kann ein junger Mann von Eurem Schlag, der aus einem neuen Lande, wie euer Amerika herkommt, ſo etwas wiſſen?“ „O,“ erwiederte ich lachend,„Amerika iſt gerade das Land für * Kriminalgefängniß, für ſchwere Verbrecher beſtimmt. D. Il. Miles Wallingford. 14 210 Alibi's— Jedermann iſt überall und Niemand iſt nirgends. Die ganze Nation iſt in unaufhörlicher Bewegung und für Alibi's jede denkbare Möglichkeit vorhanden.“ Dieſe argloſe Rede war es, glaub' ich, der ich die Enthüllung von Sweeney's„weiteren Abſichten“ verdankte. Er kannte das Wort nur in ſeiner geſetzlichen Bedeu tung und ſo mußte es ihm wohl etwas verdächtig vorkommen, daß Einer in meiner anſchei⸗ nenden Stellung und beſonders von meinen Jahren mit der Be⸗ deutung eines ſo höchſt nützlichen Kunſtausdrucks ſo frühzeitig ver⸗ traut ſeyn ſollte. Wohl eine Minute lang prüfte er alle Züge meines Geſichts, bis er endlich von Neuem anfing. „Sagt mir doch, Maſter Walling ford,“ fragte er,„wißt Ihr vielleicht auch, was nolle prosequi heißt?“ „Freilich— es bedeutet: die Jagd aufgeben. So ließ ſich der franzöſiſche Lugger unterhalb Dungeness in Beziehung auf meine Brigg zu einem nolle prosequi herbei, als er ſich mit dem Weſt⸗ indier vollauf beſchäftigt ſah.“ „So, ſo; ich finde, daß ich es die ganze Zeit über mit einem Eingeweihten zu thun hatte, während ich Eſel Euch für einen Grünling anſah! Daß ich das noch erleben mußte, mich von einem unerfah⸗ renen Jonathan anführen zu laſſen.“ „Pah, pah, Mr. Sweeney, ich kann Euch eine Geſchichte von zweien unſerer Seeoffiziere erzählen, welche ſich kaum vor unſerer Abfahrt ereignete; Ihr ſollt daraus lernen, daß auf unſerer Seite des„großen Teichs“ alle Matroſen Latein lernen. Einer dieſer Offiziere war in ein Duell verwickelt geweſen und fand für nöthig, ſich verborgen zu halten. Ein Freund und Schiffsgenoſſe, der in das Geheimniß eingeweiht war, kam eines Tags in großer Eile, um ihm mitzutheilen, daß der Staat, in welchem der Zweikampf ſtattgefunden hatte, in ein ‚nolle prosequié gegen die Ueberſchreiter des Geſetzes getreten ſey; er hatte ein Tagblatt bei ſich, in welchem die ganze Geſchichte gedrucklt ſtand. ‚Was iſt ein nolle 211 prosequi, Jack?e fragte Tom.„Ei nun,'s iſt lateiniſch und hat ſo irgend ein hölliſches Ding zu bedeuten. Wir müſſen ˙s jedenfalls ausfindig zu machen ſuchen, denn es heißt die halbe Schlacht ge⸗ wonnen, ſobald man nur weiß, wen und was man vor ſich hat.« „Nun ja, Du kennſt ja ganze Schaaren von Advokaten und darfſt Dich auch vor der Welt ſehen laſſen; ſo gehe denn und frage einen.“ ‚Ich traue keinem Advokaten; ich möchte die Frage lieber einem Burſchen vorlegen, der ſich auch fatt gegeſſen hat. Aber wir Beide haben ja als Knaben ein Bischen Latein ſtudirt und wollen dem Hocuspocus einmal unter uns zu Leibe gehn.: Tom war's zufrieden und ſtracks ging's an die Arbeit. Jack verſtand am meiſten Latein; aber was er auch anfing, und ob er das Woͤrterbuch auf den Kopf ſtellte— nirgends war ein„nolle“ zu finden. Nach einer Menge von Muthmaßungen wurden die Freunde endlich darüber einig, daß es die Wurzel von Knowledge(Kenntniß) ſeyn müſſe und dieſer Punkt war ſomit abgemacht. Das„pro- sequi' ſchien ihnen ſchon viel leichter, denn ‚sequor’* war ein wohlbekanntes Wort und nach einigem Nachſinnen gab Jack fol⸗ gende Entdeckung preis. ‚Sieh, wenn das Ding Engliſch wäre,⸗ meinte er, ‚dann könnte man's auch verſtehen. Ich würde dann z. B. ſagen, des Sheriff's Leute machen ſich an„Verfolgung der Kenntniß“ d. h. ſie jagen nach Dir; ſo aber, weißt Du, war das Latein von jeher ein höchſt vertracktes Zeug und dieſes„pro“ ändert die ganze Sache. Die Zeitung ſagt, ſie hätten„ein nolle pro- sequi betreten’ und das ‚betreten’ erklärt mir das Ganze. ‚Ein nolle betreten’, eine Kenntniß betreten, ihr auf die Spur kommen; Du ſiehſt, es iſt engliſche Gerichtsſprache; ‚pro' heißt ‚wie“ und „Sedui“ auf Einen Jagd machene. Alles zuſammengefaßt, heißt es: ‚ſie ſind Dir auf den Ferſen“, Tom, und ich muß mich nur gleich * Wird eben ſo angewendet, wie bei den Trinkgelagen unſerer Studenten das ‚sequens.“ D. U. 212 aufmachen und Dich ein zwei bis dreihundert Meilen ins Innere 60 ſpediren, wo Du ſie mit ihrem„nolle prosequi“ auslachen kannſt.“* Sweeney lachte herzlich über die Geſchichte, obwohl er offen⸗ bar den Witz nicht ganz erfaßte, der ihm, wie ich glaube, in eine amerikaniſche Gaunerſprache eingehüllt zu ſeyn ſchien. Um den Tag würdig zu beſchließen, machte er den Vorſchlag, mich zu einer Unterhaltung zu führen, welcher die amerikaniſchen Offiziere, wie er mir zu verſtehen gab, zuweilen einige Stunden zu ſchenken liebten. So wurde ich, noch immer in Wapping, in ein Geſellſchafts⸗ zimmer geführt, wo ich beim Eintritt etliche vierzig bis fünfzig Küchen⸗ und Proviantmeiſter amerikaniſcher Schiffe beiſammen fand, alle ſo ſchwarz wie ihre eigenen Kochtöpfe und jeder mit einer hübſchen, blühenden Engländerin am Arm. Ich habe ſo wenige Vorurtheile gegen die Farbe, als ein Amerikaner nur immer haben kann; aber ich muß geſtehen, dieſer Anblick war mir ſo peinlich, daß ich's nicht lange aushalten konnte. In England ſchien dies übrigens gar nicht aufzufallen, wie ich denn ſpäter fand, daß Heirathen zwiſchen Engländerinnen und Mähnnern von allen Farben des Regenbogens zu den täglichen Vorfällen gehören. Erſt nachdem er mir, gleichſam als Glanzpunkt aller ſeiner Höflichkeiten, dieſen ſolennen Ball gegeben hatte, hielt Sweeney für gut, mit der eigentlichen Urſache ſeiner Aufmerkſamkeiten her⸗ auszurücken. Erſt trank er noch eine Extrakanne ſtarken, mit Ingwer vermiſchten Biers, dann bot er mir ſeine Dienſte an, falls ich etwas von den Gütern der Amanda einzuſchmuggeln und mir 3 als Priſenmeiſter für meine eigenen Zwecke anzueignen wünſchte. — Ich verwarf den Vorſchlag ziemlich hitzig und gab dem Ver⸗ ſucher zu verſtehen, daß ich ſein Anerbieten nicht anders, denn als eine Beleidigung betrachten könne und unſere Bekanntſchaft alſo für immer abbrechen müſſe. Der Mann ſchien höͤchlich überraſcht. Erſtlich glaubte er „* Die Anekdote ſoll ſich wirklich auf ein Faktum gründen. N r, ——m— 213 offenbar, Waaren und Güter ſeyen blos dazu da, um geplündert zu werden und dann war er der Meinung, gerade das Plündern ſey ein ganz gewöhnlicher ‚Yankeeſtreiche'. Wäre ich ein Engländer geweſen, ſo würde er mein Benehmen vielleicht begriffen haben; ſo aber war er ſchon dermaßen gewohnt, in jedem Amerikaner einen Spitzbuben zu vermuthen, daß er, wie ich ſpäter entdeckte, den An⸗ führer eines Preßtrupps zu überreden ſuchte, ich ſey der halb er⸗ zogene uneheliche Sohn eines engliſchen Kaufmanns und wünſchte mich mich ſelbſt für einen Amerikaner auszugeben. Ich will dieſen Wider⸗ ſpruch nicht zu erklären ſuchen, wiewohl ich bei ſeinen Landsleuten häufig auf dieſelben ſittlichen Erſcheinungen geſtoßen bin; hier aber war ein vollendeter Schurke, wie nur je einer die Leute betrog, und maßte ſich an, die Spitzbüberei als gewiſſen Nationen angeboren zu betrachten, während er ſeine eigene davon ausſchloß. Endlich ſollte ich mich wieder des Anblicks der Kriſis erfreuen, welche kreuzend und wendend, luvend und beidrehend, ganz wie die Amanda früher gethan hatte, durch die Schiffsreihen die Themſe heraufkam. Der Lootſe ließ ſie ganz nahe bei uns vor Anker gehen und noch war dieſes Geſchäft nicht ganz beendigt, als Talcott, Neb und ich bereits an ihrem Bord ſtanden. Meine Aufnahme fiel ſehr günſtig aus: Kapitän Williams hatte den Bericht über unſeren ‚Yankeeſtreich' in den Zeitungen geleſen, und da er die Sache ganz ſo auffaßte, wie ſie auch wirklich vor ſich gegangen war, ſo wußte er Alles, was ich gethan, auf's vortheilhafteſte aus⸗ zulegen: übrigens hatte ich, ehrlich geſtanden, in der Sache nie eine Beſorgniß gehegt. Alle unſere Matroſen waren herzlich froh, wieder auf die Kriſis zurückzutreten. Kapitän Williams war länger, als er erwartet hatte, zu Falmouth geblieben, um einige Beſchädigungen, denen man zur See nicht völlig abhelfen konnte, ausbeſſern zu laſſen, was ihn allein abgehalten hatte, mit mir zu gleicher Zeit in den Fluß ein⸗ zulaufen. Jetzt, da das Schiff im Hafen lag, fühlten wir keine 214 weiteren Beſorgniſſe vor dem Preßgang, denn Sweeney's Bosheit hatte uns in der That einige Leute von jenem Kommando auf die Spur gehetzt. Ob mich der Burſche wirklich für einen engliſchen Unterthanen hielt, weiß ich nicht; jedenfalls aber hatte ich keine Luſt, mich vor den Lord⸗Oberrichter rufen und die Sache vor ihm unterſuchen zu laſſen. Die Kingsbench wurde in ihren Entſchei⸗ dungen weit mehr von geſunden Grundſätzen geleitet, als die Herrn, welche bei jenen Marinegerichten der brittiſchen Seemacht den Vorſitz führten. 3 Ich war der einzige Offizier auf dem Schiff, der jemals etwas von London geſehen hatte und meine vierzehntägige Erfahrung machte mich daher zu einem angeſehenen Manne in der Kajüte— für mich in der That ein wichtigeres Avancement, als da ich vom dritten zum zweiten Steuermann vorgerückt war. Marble ſchien voller Neugierde, die engliſche Hauptſtadt zu ſehen und ich mußte ihm verſprechen, ſobald der Dienſt einen Spaziergang erlaube, ſein Lootſe ſeyn und ihm Alles, was ich ſelbſt geſehen hatte, zeigen zu wollen. Wir hatten unſere Ladung bald ausgeſchifft und nahmen dann Ballaſt für unſere nordweſtliche Reiſe ein, da der Artikel, mit denen wir Handel treiben wollten, zu wenig und dieſe zu leicht waren, um unſer Schiff gehörig anzufüllen. Dies beſchäftigte uns volle vierzehn Tage; dann mußten wir uns nach friſchen Leuten umſehen, um die Stellen derer zu erſetzen, welche theils getödtet, theils mit der Dame de Nantes abgeſchickt worden waren. Wir gaben natürlich Amerikanern den Vorzug und zwar um ſo mehr, als Engländer jeden Augenblick dem Preſſen ausgeſetzt waren. Zum Glück hatte eben eine Anzahl Matroſen, welche einem amerikaniſchen Schiffe vor Jahresfriſt von einem engliſchen Kreuzer abgenommen worden waren, ihre Entlaſſung erhalten und waren in der doppelten Abſicht nach London gekommen, einestheils etwas Priſengeld einzunehmen, anderntheils auch, ſich nach einer Gelegenheit zur Heimkehr umzuſehen. Die Kiiſis und deren Reiſe gefiel ihnen wohl und ſtatt wie andere ⸗ 215 Matroſen in die Heimath zurückzugehen, nahmen ſie bei uns Dienſte, um faſt die ganze Welt zu umſegeln. Es waren Kapifalburſche— lauter Seeleute vom Delaware⸗Fluſſe— welche die Stärke unſeres Schiffes recht artig vermehrten. Wir dankten dieſe glückliche Erwerbung dem großen Rufe, welchen die Kriſis durch ihren Kampf mit dem franzöſiſchen Kauf⸗ fahrer erlangt hatte, denn der Agent hatte Sorge getragen, einen Bericht darüber nach einer Abſchrift aus dem Logbuch, von Einem am Lande noch etwas aufgeputzt, in die Journale einrücken zu laſſen. Die Geſchichte unſeres Ueberfalls nahm ſich ganz beſonders gut aus und die Engländer waren eben damals in der beſten Laune, um jede Schilderung von dem Unfalle eines Franzoſen mit Triumph aufzunehmen. Seit dem Jahre 1775 hatten die Amerikaner zu keiner Zeit in ſolchem Anſehen geſtanden, wie eben damals, denn die beiden Nationen fochten auf derſelben Seite und das war freilich etwas Neues. Bald nachdem wir London verlaſſen, richteten die Unter⸗ zeichner bei Lloyd's eine förmliche Adreſſe, voll von Artigkeiten an einen amerikaniſchen Kommandanten, der eine franzöſiſche Fregatte gekapert hatte. Es ſind wohl ſchon ſonderbarere Dinge vorgekommen, als wenn eines Tages die engliſchen und amerikaniſchen Flotten in Uebereinſtimmung mit einander handeln ſollten. Niemand kann ſagen, was Alles im Schooße der Zeiten begraben liegt, und ich habe lange genug gelebt, um zu wiſſen, daß Keiner vorher⸗ beſtimmen kann, wer ſein Freund bleiben wird, und daß eben ſo wenig eine Nation zu ſagen vermag, welches Volk ihr feindlich gegenübertreten werde. Endlich fing die Kriſis an, ihre Ballen und Kiſten für die Nordweſtküſte einzuladen, und da die Artikel nur langſam oder nur wenige Päcke zumal abgeliefert wurden, ſo blieb uns Zeit genug für Ergötzlichkeiten übrig. Der Kapitän war wegen des glücklichen Erfolgs der Ausfahrt in der roſigſten Laune gegen uns und zeigte 216 ſich äußerſt nachſichtig. Dieſe gute Stimmung wurde wahrſcheinlich durch den Umſtand noch erhöht, daß ein Schiff nach ſehr kurzer Ueberfahrt von New⸗York anlangte, welches unſere Priſe unterwegs geſprochen und ſie in beſtem Zuſtand mit trefflichem Südwind und klarer Küſte nur noch wenige hundert Meilen von der Heimath entfernt angetroffen hatte. Dies gab uns faſt die moraliſche Ge⸗ wißheit, daß la Dame de Nantes wohlbehalten angelangt ſeyn müſſe, denn es war durchaus unwahrſcheinlich, daß ſich ein Franzoſe an jene ferne Küſte wagen würde, welche nunmehr von unſeren eigenen Kreuzern wimmelte, die entweder nach Weſtindien gingen, oder von daher zurückkamen. Mein Lootſenamt bei Marble gab mir gar oft zu lachen. Wir begannen unſere Tour, wie billig, mit den wilden Thieren im Tower;* doch von dieſen ſprach unſer Steuermann höchſt ver⸗ ächtlich; er war zu oft im Oſten geweſen, um„ſich von ſolchen Thieren einnehmen zu laſſen“.— Die Wahrheit zu ſagen, waren die Londoner Stadtkinder im Punkte der Menagerieen ſehr leicht zu befriedigen.*Q Von da gingen wir nach dem Monument: das gefiel ihm aber auch nicht. un Er hatte in Amerika einen Schrot⸗ thurm geſehen— es gab damals überhaupt blos einen— der dieſe Säule ſowohl an Höhe als auch an Schönheit bei weitem übertraf. Bei der St. Paulskirche wußte er nicht, was er ſagen ſollte; er geſtand zwar offen, in Kennebunk ſey nicht ihres Gleichen, wußte aber doch nicht, ob ſich die Dreieinigkeitskirche in New⸗York nicht ‚daneben ſtellen dürfe.“ „Daneben ſtellen dürfe?“ wiederholte ich lachend.„Ei, Mr. Marble, die Trinitykirche könnte ſich mit Glockenthurm und Allem * Sind jetzt nicht mehr dort, ſondern in Privatſammlungen— dem zoo⸗ logiſchen Garten im Regentspark und dem Surreygarten. D. U. *0 Iſt nunmehr anders geworden, denn nirgends ſieht man ſo ſchöne Thier⸗ ſammlungen, als eben in England. D. U. 2*s Da hatte er vollkommen Recht— denn es iſt auch höchſt geſchmacklos. D. U. 1. — 217 in dieſe herein— ja unter dieſen Dom ſtellen und würde immer noch ſo viel Raum übrig laſſen, als alle andern New⸗Yorker Tempel zuſammen enthalten.“ Es dauerte lange, bis Marble mir dieſe Rede verzieh. Er nannte ſie ‚unpatriotiſch'— ein Wort, das Anno 17099 freilich weit ſeltner als heut zu Tage gebraucht wurde, nichtsdeſtoweniger aber im Ge⸗ brauche war. Es hatte damals, wie jetzt, oft nur ſo viel zu be⸗ deuten, daß Einer durch ‚dick und dünn“ auf dem Glauben an die Wunder der Provinz beharrte und darin war Marble einer der größten Patrioten, die mir jemals vorgekommen ſind. Ich brachte ihn übrigens noch im Frieden aus der Kirche, dann ging's Fleet⸗ Street hinab durch den Temple Bar auf den Strand— die eigent⸗ liche Rennbahn der Mode, der Ariſtokratie und des Hofes; ſpäter beſuchten wir noch den Hydepark, wo wir vor Anker gingen, um unſere Beobachtungen anzuſtellen. Marble wollte die tiefe Bewunderung durchaus nicht zugeſtehen, welche er bei dem Treiben der Londoner Welt empfand, wie es ſich in dieſem Park gerade in der eigentlichen Jahreszeit und vom ſchönſten Wetter begünſtigt, unſeren Blicken darbot. Wohl nirgends mag die Welt etwas ſehen, was ſich an Schönheit und Pracht— ſo weit dieſe in glänzenden Equipagen, Wagen, Pferden und Diener⸗ ſchaft hervortritt— auch nur entfernt mit dem vergleichen ließe, was hier der Zuſchauer zu gewiſſen Zeiten täͤglich betrachten kann. Da er an dem tout ensemble nichts auszuſetzen wußte, ſo machte unſer Steuermann einen wüthenden Angriff auf die Livreen und erklärte es für unſchicklich, einen„Miethling“— das Wort„Diener“ wird nämlich, ſo viel ich weiß, in Neu⸗England bei dem eklen Geſchmacke der dortigen Sprachreiniger niemals vom männlichen Geſchlechte gebraucht— unter einen Klapphut zu ſtecken, da dieſe Auszeichnung ausdrücklich blos auf die Diener des Evangeliums, auf Statthalter und Milizoffiziere beſchränkt werden ſollte. Ich hatte mir aus Büchern, aus meiner eigenen kurzen Be⸗ 218 bachtung, ſowie von Höoͤrenſagen einige Kenntniß der Gebräuche der großen Welt geſammelt: allein Marble verſpottete die meiſten meiner Erläuterungen und wollte an Alles, was er ſah, nur ſeinen eigenen Maaßſtab legen, ſo daß ich ſeither oft gedacht habe, welch großen Vortheil die Herausgeber von Reiſebeſchreibungen von ihm hätten ziehen können, wenn ihnen ſeine Verſtöße zugänglich geweſen wären. Bei den Herrn kam eben damals das Selbſtkutſchiren in Mode und ich erinnere mich noch eines beſonderen Falles, wo ein Ultramodenheld ſeinen Kutſcher in den Wagen, ſich ſelbſt aber auf den Bock geſetzt hatte. Eine ſo gräuliche Verletzung aller Schick⸗ lichkeitsregeln war ſogar zu London eine Seltenheit: aber was half's— Jehu ſaß einmal darin in der ganzen Würde ſeiner Wollentreſſen, der Plüſchbeinkleider und des Klapphutes. Marble ſetzte ſich in den Kopf, dieſer Mann müſſe der König ſeyn, und was ich auch ſagen mochte— er war nicht vom Gegen⸗ theil zu überzeugen. Umſonſt zeigte ich ihm hundert ähnliche Würden⸗ träger in der Ausübung ihres Berufs auf dem Kutſchbock— was kümmerte ihn das? ſaß doch Keiner von allen im Wagen ſelber und ein Gentleman im Innern der Equipage, in ſo feinem Rock und noch obendrein mit einem aufgeſtülptem Hut konnte doch nicht wohl weniger als einer der Reichswürdenträger und warum nicht der König ſelber ſeyn?— So abgeſchmackt dies auch erſcheinen mag, ſo könnte ich doch faſt eben ſo ſtarke Mißgriffe aufzählen, welche von europäiſchen Theoretikern in Beurtheilung unſerer Ein⸗ richtungen begangen wurden. 3 Wäaͤhrend ich mich mit Marble über dieſen Gegenſtand herum⸗ ſtritt, ereignete ſich ein kleiner Unfall, der am Ende zu wichtigen Folgen führte. Miethkutſchen, ſo wie alle andern öffentlichen Wagen, mit Ausnahme von Poſtchaiſen und Poſtpferden, werden in den engliſchen Parks nicht zugelaſſen; Glaskutſchen dagegen haben dieſe Erlaubniß und man bezeichnet mit dieſem in Amerifa ganz fremden Worte ſolche Miethwagen, welche nicht auf den öffentlichen Plätzen ₰ 219 halten. Eine dieſer Glaskutſchen war es denn auch, die wir in einer höchſt bedenklichen Lage antrafen: die Pferde waren über einem Schiebkarren ſcheu geworden, wurden wahrſcheinlich durch die unge⸗ ſchickte Leitung des Kutſchers noch hitziger und hatten die Hinter⸗ räder des Fuhrwerks bereits in das Waſſer des Kanals gedrängt, ja würden wohl bald ſammt dem Wagen nachgefolgt ſeyn, wenn nicht der Steuermann und ich dazwiſchengetreten wäre. Ich ſchob den Schiebkarren unter eines der Vorderräder, gerade noch zeitig genug, um der endlichen Kataſtrophe zuvorzukommen, während Marble mit eiſernem Griffe die Speichen anfaßte und in Verbindung mit dem Schiebkarren einen ſolchen Widerſtand leiſtete, daß der rückwärtsgehenden Bewegung des Geſpanns dadurch Einhalt geſchah. Lakai war keiner da; ſo ſprang ich alſo an den Wagen⸗ ſchlag, um einem kränklich ausſehenden, ältlichen Manne, einer Dame, welche recht gut ſeine Frau ſeyn konnte, und einer zweiten, welche ich für ſeine Tochter hielt, herauszuhelfen. Von mir unter⸗ ſtützt, gelangten alle Drei auf's Trockene, ohne ſich ſogar einen Fuß zu netzen, was ich von mir ſelbſt gerade nicht rühmen konnte. Kaum waren ſie gerettet, als Marble, der bis an die Schul⸗ tern im Waſſer ſtand und ungeheure Anſtrengungen zur Erhaltung des Gleichgewichts gemacht hatte, die Räder losließ, worauf der Schiebkarren gleichfalls nachgab und Wagen und Pferde, ihrem⸗ Schickſale überlaſſen, das Unterſte zu oberſt über Bord ſtürzten. Eines der Pferde wurde, glaub' ich, gerettet, das andere ertrank; da ſich jedoch bald ein Haufen Volks um uns verſammelte, ſo ſchenkte ich dem ferneren Schickſal des Wagens, nachdem er ſeines Inhalts entledigt war, nur wenig Aufmerkſamkeit. Der Herr, den wir gerettet hatten, drückte mir und Marble voll Wärme die Hand und ſagte, wir dürften ihn nicht verlaſſen, wir müßten mit ihm nach Hauſe gehen, was wir gerne eingingen, da wir dachten, wir könnten ihm vielleicht noch von Nutzen ſeyn. Während wir auf einen der abgelegeneren Parkeingänge zuwanderten, 220 fand ich Gelegenheit, die Leute, die wir gerettet hatten, näher ins Auge zu faſſen. Sie ſahen recht ehrbar aus, doch hatte ich ſchon genug von der Welt geſehen, um zu erkennen, daß ſie zu der ſo⸗ genannten engliſchen Mittelklaſſe gehörten. Der Mann mochte meiner Meinung nach Soldat ſeyn; die beiden Frauen hatten etwas äußerſt Achtunggebietendes, wiewohl ihnen jeder faſhionable Anſtrich abging. Das Mädchen ſchien ſo ziemlich von meinem Alter und war entſchieden hübſch zu nennen.— Da war denn alſo gleich ein Abenteuer zur Hand! Ich hatte einem Dämchen von ſiebzehn Jahren das Leben gerettet und brauchte mich alſo nur noch in ſie zu verlieben, um ein ganzer Romanheld zu werden. Am Thore nahm der Herr eine Miethkutſche, ließ ſeine Frauen einſteigen und bat uns, ihnen zu folgen; wir lehnten dies aber ab, da wir Beide und beſonders Marble ganz durchnäßt waren. Nach kurzem Hin⸗ und Herreden gab er uns eine Adreſſe nach der Norfolk⸗ Street, Strand, und wir verſprachen, auf unſerem Wege nach dem Schiffe daſelbſt einzuſprechen. Statt aber dem Wagen zu folgen, gingen wir zu Fuß nach dem Strand, wo wir ein Gaſt⸗ haus fanden und in demſelben ein herzhaftes Mahl zu uns nahmen, wobei der Oberſteuermann, um einer Erkältung vorzubeugen, ſich etwas Branntwein geben ließ— ein Verfahren, deſſen Grund ich nicht zu erklären vermag und von dem ich überhaupt nur ſo viel weiß, daß es häufig und in allen Theilen der Welt in Anwendung kommt. Sobald wir uns geſättigt und getrocknet hatten, gingen wir nach der Norfolk⸗Street, wo man uns angewieſen hatte, nach Major Merton zu fragen. Wir thaten dies auch und fanden eines jener ſauberen, wohnlichen Häuſer, wie ſie großentheils jenen Theil der Stadt bilden; wir trafen den Major mit den Seinigen im erſten Stock— ein Umſtand, worauf in England einiger Nachdruck gelegt wird und welcher bewies, daß die Familie von Stand war, wie⸗ wohl ſich deutlich erkennen ließ, daß die Leute nicht in dem Glanze ₰ — +—.— — ᷣ 221 lebten, von dem wir ſoeben im Park ſo viel vor Augen ge⸗ habt hatten. „Die Entſchloſſenheit, wie der Muth der engliſchen Theerjacken iſt in eurem Benehmen nicht zu verkennen,“ begann der Major, nachdem er uns Beide eben ſo warm empfangen hatte, als die Umſtände es verlangten, indem er zu gleicher Zeit ſeine Brieftaſche hervorzog und in einigen Banknoten wühlte.„Um euretwillen möchte ich wünſchen, daß ich beſſer im Stande wäre, euch für das, was ihr gethan habt, zu belohnen— als ich es wirklich bin, zwanzig Pfund iſt Alles, was ich euch anbieten kann. Vielleicht daß die Umſtände es mir ſpäter möglich machen, euch weitere und beſſere Proben meiner Dankbarkeit zu geben.“ Mit dieſen Worten hielt der Major dem Steuermanne zwei Zehnpfundnoten hin, ohne Zweifel in der Abſicht, daß ich bei gleicher Theilung der Beute die eine davon erhalten ſollte. Nun iſt aber der Theorie ſowohl, als der beſtimmten Anſicht der chriſtlichen Welt zufolge, Amerika das Land der Geizhälſe, iſt vor allen andern das Land, deſſen Bewohner am gierigſten nach Gewinn ſtreben und das Gold weit höher, ſich ſelbſt aber viel geringer achten, als in jedem andern Theile der Welt zu geſchehen pflegt. Ich beſtreite nie⸗ mals eine Anſicht, welche durch gemeinſame Uebereinſtimmung meiner Mitgeſchöpfe feſtgeſtellt worden iſt, aus dem einfachen Grunde, weil ich weiß, daß das allgemeine Urtheil gegen mich wäre, und ſo will ich alſo zugeben, daß das Gold wirklich das große Ziel des amerikaniſchen Lebens iſt, ja daß es außerdem faſt Nichts gibt, wofür man in dieſer großen Muſterrepublik leben könnte. Die Politik iſt in ſolche Hände ge⸗ rathen, daß der Staats dienſt nicht einmal eine geſellſchaftliche Stellung verleiht; das Volk iſt allmächtig, ernennt Statthalter u. ſ. w.— aber nur keine Gentlemen und Ladies, was ſogar Königen häufig mislingt; Literatur, Waffen, Künſte und Ruhm von allen Sorten ſind bei uns wie bei andern Nationen ſammt ihren Belohnungen uner⸗ reichbar und laſſen dadurch den gebietenden Thaler im ungeſtörten Beſitze der Macht— und gleichwohl mag als Regel gelten, daß mit zwei engliſchen Zehnpfundnoten weit leichter zwanzig Europäer als zwei Amerikaner zu erkaufen ſind. Woher dies kommt, weiß ich nicht— ich beſchränke mich auf das einfache Faktum. Marble hörte dem Major mit großer Achtung und Aufmerk⸗ ſamkeit zu, während er in ſeiner Taſche fortwährend nach der Tabaksbüchſe ſuchte. Dieſe wurde denn auch geöffnet, eben als der Major geendet hatte und ſogar ich fing an zu fürchten, die wohlbekannte Habgier des Kennebunkiers möchte am Ende der Ver⸗ ſuchung erliegen und die Noten in die Büchſe wandern— doch ich hatte mich getäuſcht. Der Oberſteuermann nahm mit großer Be⸗ dächtigkeit einen Mund voll Tabak, machte dann die Büchſe zu und begann ſofort ſeine Erwiederung. „Recht großmüthig von Euch, Major,“ meinte er,„und auch ganz in der Ordnung. Ich ſehe es gerne, wenn die Sachen auf dieſe Art abgemacht werden. Behaltet aber nur das Geld; wir ſind Euch eben ſo dankbar, wie wenn wir's annehmen könnten und das hat noch immer die Rechnungen ausgeglichen. Ich wollte übrigens ſoeben erwähnen, um Mißverſtändniſſen vorzubeugen— denn bei dem anderen Glauben könnten wir am Ende noch gepreßt werden— daß wir Beide, dieſer junge Mann und ich, geborene Amerikaner ſind, er aus einem Neſte oben am Hudſon und ich aus der Stadt York ſelber, nur öſtlich davon erzogen.“ „Amerikaner!“ wiederholte der Major, ſchon etwas kälter; „dann werdet Ihr, junger Mann,“ mit dieſen Worten wandte er ſich an mich und hielt mir die Noten hin, die er jetzt, wie es ſchien, eben ſo gerne los geweſen wäre, als er ſie vorhin, wie mich däuchte, ungerne hätte ziehen ſehen—„dann werdet Ihr mir den Gefallen thun, dieſen kleinen Beweis meiner Dankbarkeit anzunehmen.“ „Es iſt ganz unmöglich, Sir,“ gab ich achtungsvoll zur Ant⸗ wort.„Wir ſind nicht ganz, was wir ſcheinen und Ihr wurdet . — ¹— ◻ ℛ „ 223 wahrſcheinlich durch unſere Schiffsmützen getäuſcht, denn wir dienen als erſter und zweiter Offizier auf einem bewaffneten Handelsfahrer.“ Bei dem Worte„Offizier“ zog der Major die Hand zurück und ſtammelte eine haſtige Entſchuldigung. Sogar jetzt noch konnte er, wie ich wohl bemerkte, unſer Thun nicht begreifen; doch beſaß er Scharſblick genug, um einzuſehen, daß ſein Geld nicht ange⸗ nommen würde. Er lud uns nun ein, Platz zu nehmen und das Geſpräch ging ſeinen Gang weiter. „Maſter Miles hier,“ fuhr Marble fort,„beſitzt ein Landgut, einen Ort, Namens Clawbonny, oben am Hudſon, und wenn er Jus ſtudiren oder ſeine Hand im College verſuchen möchte, ſo brauchte er eben nicht in Schiffshoſen und in der Se emannsjacke dieſe Reiſe um die Welt zu machen. Aber wie's der alte Hahn kräht, ſo lernen's die Jungen pfeifen; ſein Vater war ſchon vor ihm gleichfalls Seemann, und ich vermuthe, das iſt wohl der Grund vom Ganzen.“ Dieſe Kundmachung meiner„Landſtellung“ brachte mir eben keinen Schaden, denn in dem Benehmen der ganzen Familie ließ ſich alsbald eine Veränderung bemerken— nicht daß ſie mich vom Anfang an hochmüthig oder kalt behandelt hätten— nein, nur begegneten ſie mir jetzt mehr wie ihres Gleichen. Wir blieben eine Stunde bei Merton's und ich verſprach, meinen Beſuch vor der Abfahrt zu wiederholen.— Dies that ich denn auch wenigſtens ein Dutzend Mal und da der Major vermuthlich finden mochte, daß er es mit einem ziemlich wohl erzogenen Jüngling zu thun hatte, ſo leiſtete er mir die beſten Dienſte, um mir beſſere Gelegenheit zur Beſichtigung von London zu verſchaffen. Ich ging mit der Familie in beide Theater, indem ich Sorge trug, in einem ſchmucken Londoner Anzug zu erſcheinen, in dem ich eine eben ſo anſtändige Figur machte, als die meiſten jungen Leute, denen ich in den Straßen begegnete. Sogar Emilie lächelte— erröthete wohl auch, wie ich glaubte— als ſie mich zum erſten Mal in meinem Oberrocke erblickte. Sie 224 war überhaupt ein liebliches Weſen, zart und mild in ihrem gewoͤhnlichen Benehmen, doch im Grunde voll Geiſt und Feuer, wie ich an ihren hellen blauen, ächt engliſchen Augen ſehen konnte; ſie hatte eine ſehr gute Erziehung genoſſen und in meiner jugendlichen Unkenntniß des Lebens bildete ich mir ein, ſie wiſſe mehr als jedes andere Mäͤdchen von ſiebzehn, dem ich noch begegnet war. Grace und Lucy waren wohl beide aufgeweckt und hatten von Mr. Hardinge den ſorgfäl⸗ tigſten Unterricht erhalten; allein der gute Geiſtliche konnte den Mädchen in ihrer ländlichen Zurückgezogenheit und in Amerika nicht jene feine Politur beibringen, welche ſich in England ſogar mit mäßigen Mitteln erlangen ließ. Mir ſchien Emilie Merton ein wahres Wunder von Vollkommenheit und ich fühlte mich oft neben ihr beſchämt, wenn ich vernahm, wie ſie ſo leicht und natürlich auf Dinge anſpielte, von denen ich jetzt zum erſten Male hörte. Eilftes Kapitel. „He, Bootsmann!“ „Hier; was ſoll's denn, Herr?“ „Gut, ſprecht mit Euren Leuten, fallt doch ab, Sonſt rennen auf den Grund wir— ſputet Euch!e Sturm. Kapitan Williams wollte mir als Lohn für die Vorſicht und Entſchloſſenheit, mit der ich die Brigg geführt hatte, eine Gunſt erweiſen und gewaͤhrte mir deshalb ſo viel Urlaub, als ich nur immer verlangte; es war ja möglich, daß ich London nie wieder ſah— und da er erfuhr, daß ich in gute Geſellſchaft gerathen ſey, ſo hinderte er mich keineswegs, dieſelbe zu benützen. Er dehnte ſeine Sorgfalt für mich ſogar ſo weit aus, daß er durch einen von des Conſuls Schreibern Erkundigungen über die Mertons einziehen ließ, damit ich nicht etwa einem jener Tauſende liſtiger Spitz⸗ buben, von welchen London wimmelt, in die Hände fallen moͤchte. „ 225 Der Bericht fiel günſtig aus und lautete dahin: der Major habe lange Zeit in Weſtindien gedient, wo er noch jetzt ein ziem⸗ lich einträgliches, halb militäriſches Amt bekleide, und halte ſich gegenwärtig in England auf, um einige läſtige und langwierige Rechnungen in's Reine zu bringen, ſowie um ſein einziges Kind Emilie aus der Schule zu nehmen; man erwartete, daß er in we⸗ nigen Monden auf ſeinen alten oder irgend einen andern Poſten zurückkehren werde. Theilweiſe hatte ich dies ſchon von Emilien ſelbſt erfahren, deren Angaben durch des Conſulſchreibers Bericht vollkommen beſtätigt wurden. Es blieb kein Zweifel, die Mertons waren Leute von achtbarem Stand, ohne übrigens einen Anſpruch auf ſehr hohe Stellung zu haben; von dem Major erfuhr ich noch überdies, daß er in Amerika einige Verwandte beſaß, da ſich ſein Vater in Boſton vermählt hatte. Ich meines Theils mochte eben ſo viel Grund haben, als die Mertons ſelbſt, mich über den Zufall zu freuen, der mich ihnen in den Weg geworfen hatte, denn war ich auch das Werkzeug ge⸗ weſen, das ihnen das Leben rettete, wie ſich nicht läugnen ließ, ſo konnte ich hinwiederum bei ihnen weit mehr von der Welt— dieſe Phraſe im gewöhnlichen ſocialen Begriffe genommen— erfahren, als ich in meinem ganzen ſeitherigen Umgange gelernt hatte. Ich will keineswegs behaupten, die Londoner„Geſellſchaft“ geſehen zu haben, denn dieſe lag weit außer Major Mertons Bereich, da er ſich für ſeine eigene Beföͤrderung nach einem Beſchützer um⸗ zuſehen hatte und überdies der Sohn eines Kaufmanns war, waͤh⸗ rend Kaufleute dazumal auf der engliſchen Geſellſchaftsleiter eine weit niedrigere Stufe als heut zu Tage einnahmen. Aber er war jedenfalls ein„Gentleman“, hatte die Anſichten, Gefühle und Ma⸗ nieren dieſer Klaſſe und war ſich ſehr gut bewußt, daß ich ihn aus großer Gefahr errettet hatte.. Mit Emilie Merton ſtand ich bald auf wirklich freundſchaft⸗ lichem Fuße; ſie ſprach zu mir mit der Freimüthigkeit einer Freundin Miles Wallingford. 15 und höchſt angenehm war es zu hoͤren, danken in hübſcher Sprache von ſo konnte wohl bemerken, daß ſie Früchtlein vom Lande Canton hin und zurück gemacht, kind, ſo hübſch und verſtändig Im Ganzen glaub alten Tagen keine Eitelkeit erblicken— daß Eindruck zurückließ. Vielleicht mochte Leuten einen günſtigen Clawbonny dabei nicht ohne Abſchied ſah ſogar ſo gütig, mich zu verſichern würden. Der Major nahm mir je nach Jamaika oder Bombay gerathen ſollte, fragen, wenn ich denn nach einem dieſer beide weniger Monate mit Frau u daß er an erſterem Orte eine würde bald eine andere bekommen und Beſten wenden werde. Die Kriſis ging am gerade eine Woche ſpäter mit friſchem wie ſo manche hübſche Ge⸗ hübſchen Lippen kamen. Ich mich noch für ein etwas linkiſches hielt; allein ich hatte nicht den ganzen Weg nach um mich von einem Londoner Stadt⸗ es auch war, einſchüchtern zu laſſen. e ich— und man wird hierin in meinen ich unter dieſen guten Einfluß geblieben ſeyn; allein beim Emilie betrübt aus und ihre Mutter war , daß ſie mich Alle ſehr vermiſſen das Verſprechen ab, nach ihm zu n Plätze erwartete auch er im Laufe nd Tochter abzuſegeln. Ich wußte, Anſtellung gehabt hatte, dachte, er hoffte, daß ſich Alles zum feſtgeſetzten Tage unter Segel und lief Südwinde von den Dünen in See. Unſere Philadelphier bewährten ſich als prächtige Burſche und wir waren ſo glücklich, engliſche Kriegsſchaluppe in zu beſtegen. Um unſern S ein Zweidecker, mit gleicher Münze, ſten war— Marble hatte überredet, daß wir nunme Arten von Schiffen die er eine derſelben den Sieg davon heit ſchließen laſſe, die ganze ₰ eben als wir den Kanal verließen, eine einem Wettkampfe an Geſchwindigkeit tolz etwas zu mindern, bezahlte uns der nach dem Mittelmeere ging, drei Tage ſpäter und was bei letzterer Geſchichte am Kränkend⸗ ſoeben ſich ſelbſt, wie alle Matroſen hr, da die Kriegsſchaluppen unter allen ſten Schnellſegler wären und wir über getragen hätten— wie ſich mit Sicher⸗ brittiſche Marine an Schnelligkeit — 8 8 Qæ8 227 überböten. Ich ſuchte ihn durch die Bemerkung zu tröͤſten, daß „nicht immer der Schnellſte den Sieg im Wettlauf dovon trage“⸗ er brummte auch ſo etwas wie eine Antwort, verwünſchte alle Sprüchwörter und wünſchte zu wiſſen, aus welchem Buche ich dieſen Unſinn aufgeſchnappt habe. Ich hege keineswegs die Abſicht, bei jedem kleinen Ereigniſſe zu verweilen, das uns auf dieſem weiten Wege betraf. Wir be⸗ rührten Madeira, wo wir eine engliſche Familie ans Land ſetzten, welche einem Kranken zu lieb den dortigen Aufenthalt ſuchte, und ſegelten wieder weiter, nachdem wir etwas Früchte, friſches Fleiſch und Gemüſe eingenommen hatten. Unſer nächſter Haltpunkt war Rio, wo der Kapitän Briefe aus der Heimath erwarten ſollte: er empfing ſie auch wirklich, an⸗ gefüllt mit Lobſprüchen über unſer braves Benehmen— ſie waren nämlich nach Ankunft der Dame de Nantes geſchrieben— ich ſelbſt aber vermochte zu meiner großen Enttäuſchung unter allen Schreiben auch nicht eine Linie für mich aufzufinden. Unſer Aufenthalt zu Rio dauerte nur kurz und wir verließen den dortigen Hafen mit günſtigem Seitenwind, der uns nach we⸗ nigen Tagen bis zum fünfzigſten Breitegrad führte; jemehr wir uns aber der Südſpitze des amerikaniſchen Feſtlandes näherten, deſto häufiger wurden Stürme und widrige Winde. Wir befanden uns nun in dem Monate, der mit dem November in der nördlichen Hemiſphäre korreſpondirt und ſollten in dieſer ungünſtigen Jahres⸗ zeit das Kap Horn umſchiffen, um unſere Fahrt weſtwärts fortzuſetzen. Es gibt wohl keinen Theil der Welt, über welchen die See⸗ fahrer ſo widerſprechende Berichte, wie über dieſe Durchfahrt, ge⸗ liefert haben; jeder ſcheint ſie eben gerade ſo, wie er ſie fand, be⸗ ſchrieben zu haben, während von Allen nicht zwei ſie ganz gleich getroffen haben müſſen. Ich erinnere mich nie von Windſtillen in der Nähe des Kaps Horn gehört zu haben; wohl aber ſind leichte Winde daſelbſt keineswegs ſelten, wenngleich Stürme unzweifelhaft . 228 den vorherrſchenden Charakter dieſer Gegend bilden. Unſer Kapi⸗ tän hatte die Fahrt ſchon einmal gemacht und beharrte bei der Anſicht, daß die Jahreszeit gar keinen Unterſchied begründe und daß es am gerathenſten ſey, ſich nahe an das Land zu halten. Demgemäß ſteuerten wir auf das Staatenland zu, um die Straße Le Maire zu paſſiren und ſo dicht als möglich um das Kap Horn herumzuſegeln. Mit Sonnenaufgang bekamen wir die Falk⸗ landsinſeln— oder richtiger geſagt Weſt⸗Falkland— zu Geſicht; ſie lagen etwas luvwärts vor uns, während eben ein heftiger Oſt⸗ wind wehte. Das Wetter war neblig, der Tag ſehr kurz und Nachts ſchien kein Mond, ſo daß es eine höchſt kitzliche Aufgabe war, eine ſo enge Durchfahrt, wie wir ſie ſuchten, aufzufinden. Marble und ich beſprachen uns über die Sache und wünſch⸗ ten, der Kapitän ließe ſich überreden, aufzuhalen und öſtlich an der Inſel vorbeizuſteuern, was bei dem eben herrſchenden Winde immer noch möglich war; aber keiner von uns Beiden wagte dieſen Vor⸗ ſchlag zu machen— ich wegen meiner Jugend, und der Oberſteuer⸗ mann, wie er ſagte, wegen„der Hartnäckigkeit des alten Burſchen.“ „Er liebt es nun einmal, an ſolchen Orten herumzuſtöbern,“ fuhr Marble fort,„und iſt nie glücklicher, als wenn er durch den ganzen Ocean an lauter Stellen vorbeiläuft, wo es von unbekannten In⸗ ſeln wimmelt und wo er ſich nach Sandelholz und béche-la-mar* umſehen kann! Ich wette, er wird wieder eine ſchöne Zeit damit zubringen, wenn er uns überhaupt bis an die Nordweſtküſte befördert.“ Hiermit war die Unterredung zu Ende, da wir Steuermänner es für klüger hielten, den Dingen ihren Lauf zu laſſen. Ich muß geſtehen, trübe Ahnungen ſtiegen in mir auf, als ich die Gebirge auf unſerer Luvſeite verſchwinden ſah: für heute war wenig Hoffnung vorhanden, eine Beobachtung anſtellen zu können und was die Sache noch ſchlimmer machte— gegen Mittag be⸗ gann der Wind nach Süden umzuſpringen, und dabei dermaßen * Ein kleiner grüner Käfer der Südſee. D. UI. · 229 an Heftigkeit zuzunehmen, daß er gegen Mitternacht zum föͤrmli⸗ chen Sturme oder vielmehr zum Orkane ward, wie ich ihn in glei⸗ cher Wuth noch nie erlebt hatte. Natürlich wurden die Segel ſo ſchnell als nöthig eingerefft, bis das Schiff auf ein großes Mars⸗, ein Vormarsſtag⸗, das große Fock⸗ und das Kreuzſtagſegel beſchränkt war. Dieſe Segelſtellung ſchrieb die alte Mode beim Sturme vor— von den neueren Spinkern wußte man damals noch nichts. Unſere Lage war nichts weniger als erfreulich. Flut und Strömungen arbeiteten in jener hohen Breite mit großer Geſchwin⸗ digkeit und in dem Augenblicke, da es von der höͤchſten Wichtigkeit wurde, zu wiſſen, wo das Schiff eigentlich war, befanden wir uns in der peinlichſten Ungewißheit und hatten nichts als Muthmaßun⸗ gen und Theorien, welche von der Wahrheit ſehr weit entfernt ſeyn konnten. Trotzdem beſaß der Kapitän Feſtigkeit genug, um die Backbordwindvierung bis zu Tagesanbruch beizubehalten, in der Hoffnung, er würde endlich die Berge von Terra del Fuego* zu Geſicht bekommen. Von uns erwartete keiner, daß wir uns durch die Straßen würden durchwinden können; gleichwohl aber wäre es uns ein großer Troſt geweſen, wenn wir des Landes anſichtig geworden wären, da wir dadurch wenigſtens eine etwas genauere Kenntniß von unſerer Stellung gewonnen hätten. Endlich kam der Tag heran, ohne aber Gewißheit zu bringen: der Nebel, ſo dicht wie früher, war von Spritzregen, Seedunſt und Flugwaſſer begleitet, ſo daß wir ſelten eine ganze und oft nicht einmal eine halbe Meile um uns zu ſehen vermochten. Zum Glück läuft die Hauptrichtung des Feuerlandes von Südoſt gen Nordweſt, was uns Raum genug zum Abhalten vom Ufer geſtattete, voraus⸗ geſetzt, daß wir nicht in einer der vielen tiefen Einſchnitte jener wilden, ungaſtlichen Küſte geriethen.. Kapitän Williams bewies große Standhaftigkeit trotz der ge⸗ fahrvollen Umſtände, in denen wir uns befanden. Das Schiff ſtand * Spaniſche Benennung für„Feuerland.“ HD. u. gerade weit genug ſüdwärts, um uns die Möglichkeit zu eroͤffnen, mit der entgegengeſetzten Windvierung— falls wir uns nämlich den Strömungen überlaſſen konnten— an den Falklands⸗Inſeln vorbei zu kommen; bei den langen, rabenſchwarzen Nächten, die wir hatten, war es aber immerhin eine kitzliche Arbeit, ſo etwas zu unternehmen und uns der Gefahr auszuſetzen, uns einem Leeufer gegenüber zu ſehen. Er beſchloß deshalb, die ſeitherige Windvie⸗ rung ſo lange wie möglich beizubehalten, in der Erwartung, daß noch eine zweite Nacht vorübergehen könnte, bis wir des Landes anſichtig würden— wozu ſich noch die Hoffnung geſellte, daß wir mit jeder Stunde dem Aufhören des Sturms entgegenſehen durften. Ihn mochte zu dieſem Kurſe vermuthlich der Umſtand ermuthigen, daß der Wind augenſcheinlich auf ein allmähliges Umhalen und zwar mehr gegen Süden ausging, was die Möglichkeit, an den Inſeln vorbeizukommen, nicht nur verſtärkte, ſondern auch die von der Terra del Fuego her drohende Gefahr verminderte. Marble zeigte ſich während dieſer zweiten Nacht ausnehmend unruhig: er blieb die ganze Morgenwache über bei mir auf dem Verdeck, nicht daß er meiner Umſicht im Geringſten mißtraute, ſondern weil Wind und Land ihm nicht gefallen wollten. Nie hatte ich ihn ſo beſorgt geſehen, wie eben damals, denn bei ihm war es Gewohnheit, ſich gleichſam als eines der Inhölzer des Schiffes zu betrachten, das mit dieſem ſchwimmen oder ſinken mußte. „Wir Beide, Miles, können von dieſen ‚hölliſchen Strömun⸗ gen’ ein Geſchichtchen erzählen,“ begann er,„und wiſſen, daß ſie ein Schiff in der einen Richtung fortreißen, während es mit der Hartnäckigkeit des Schweins, das man am Schwanze nach ſich zieht, die entgegengeſetzte zu verfolgen wähnt. Wären wir über den fünfzigſten Breitegrad hinausgeſteuert, ſo hätten wir Seeraum genug e Heißt in dieſem Falle:„bei dem herrſchenden Südwinde das Land im Norden zu haben und ſomit befürchten zu müſſen, an die Küſte ge⸗ ſchleudert zu werden.“ D. U. ₰ 231 gehabt, um das Kap mit dieſem nämlichen Winde umſegeln zu kön⸗ nen— aber nein, der alte Burſche hätte in dieſem Falle keine Inſeln gehabt, denn er iſt nicht eher zufrieden, als bis ihn ein halbes Dutzend dieſer Beſtien angrinst.“ „Wären wir bis zum fünfzigſten Breitegrad hinabgeſteuert,“ gab ich zur Antwort,„ſo hätten wir zwanzig Grade zur Umſchif⸗ fung gebraucht, wogegen wir mit ſechs bis acht dieſer nämlichen Grade ausreichen, wenn wir nur die Straße Le Maire paſſiren können.“ „Ja, ja, am 10. November, oder was in dieſer Weltgegend daſſelbe iſt, am 10. Mai die Straße Le Maire paſſiren, während man nicht einmal neun Stunden Tageslicht— und noch dazu, was für ein Tageslicht hat! Wahrhaftig, unſere Neufundländer Nebel, wie ich ſie als junger Fiſcher zu verſchlucken pflegte, ſind dagegen dem hohen Mittag zu vergleichen! Von Ankergrund iſt hier herum ſchon gar nicht die Rede, denn wenn Einer mit dem Stern in tie⸗ fer See ſteht und ſeine ganze Lothleine ausgeworfen hat, ſtößt er vielleicht mit dem Bruſtholz auf einen Felſen! Unſer Schiff iſt ſo luvgierig und jagt mit einer Haſt vorwärts, welche uns, bevor Einer daran denkt, die terra firma vor Augen führen wird. Der alte Mann bildet ſich ein, weil die Küſte des Fuegoeilandes gegen Nordweſten hinzieht, müſſe das Feſtland, eben ſo raſch als wir darauf zujagen, vor uns abfallen. Ich wünſche ihm nur, er möge ſo lange am Leben bleiben, bis er alle Matroſen überzeugen kann, daß er hierin Recht hat!“ Marble und ich ſtanden während dieſes Zwiegeſprächs auf dem Vorkaſtell und hatten die Blicke gen Weſten geheftet, weil man faſt in keiner andern Richtung hinausſchauen konnte, als Erſterer ſich plötzlich mit dem Rufe unterbrach: „Hart auf mit dem Steuer!— ſpringt nach den Hinterbraſ⸗ ſen, meine Jungen— Kreuzſtagſegel da hinten niedergehalt!“ Alles gerieth in Bewegung, und der Kapitän, wie der dritte Steuetmann ſtanden in einer Minute auf dem Verdeck. Sobald das Kreuzſtagſegel ingezogen, das große Marsſegel dagegen ange⸗ refft war, ſiel das Schiff ab, bohrte ſich vorwärts in dem Maaße, als es der Wind von hinten faßte, das Steuer warf den Stern in die Höhe und fort ging's jetzt mit der Geſchwindigkeit eines Krei⸗ ſels. Die Vormarsſtagſegelſchoote ward ſorgfältig angezogen und dennoch ſpannte ſich die Leinwand mit einem Knall, gleich dem einer Drehbaſſe,* als ſich das Segel auf der andern Seite füllte. Es bedurfte einer zweimaligen ungeheuren Anſtrengung, um die Steuer⸗ bordvortalje vorwärts, die Backbordſchoote dagegen nach hinten zu bringen, und Blöcke und Bolzen ſchienen ordentlich zu ſeufzen, als ſie den Zug der Taue empfanden. Uebrigens ging Alles glücklich von Statten und die Kriſis ſing an ſich von der Küſte der Terra del Fuego zu entfernen— ſo viel wußten wir gewiß; aber wohin? das konnte Niemand ge⸗ nau angeben. Sie ſteuerte faſt ganz gegen Oſten, da der Wind zwiſchen Südoſt, Südſüdoſt und Süd zu ſchwanken begann: ob ſie aber in dieſem Kurſe an den Falklandsinſeln vorüber kommen würde, das wollte ich ſehr bezweifeln, wiewohl ich mich auch wieder über⸗ zeugt fühlte, daß wir weit von ihnen entfernt ſeyn mußten. Jeden⸗ falls hatten wir Zeit genug, um uns die Ausſichten einer möglichen Veränderung zu bedenken. Sobald das Schiff gedreht und die andere Windvierung an⸗ mmen hatte, hielt Kapitän Williams mit dem Oberſteuermann geno 1 eine ernſte Unterredung über den Grund, warum Letzterer dieſe rble behauptete, das Land vor Veränderung veranlaßt hatte. Ma⸗ ſich geſehen zu haben,„gerade ſo, wie ich einſt la Dame de Nantes erblickte, wißt Ihr noch, Kapitän Williams?“ fuhr er fort;„und da ich ſah, daß keine Zeit zu verlieren war, ſo befahl ich das Steuer hart aufzuſtellen, um vom Ufer abzuvieren.“ Ich mißtraute dieſem Bericht ſchon in dem Augenblick, da der Oberſteuermann ihn preisgab und mit vollem Rechte, wie Marble „ Kleine, mörſerartige Kanone. D. u. ₰ 233 mir hinterdrein ſelbſt eingeſtand; der Kapitän aber war entweder davon befriedigt oder hielt für klug, es wenigſtens zu ſcheinen. Nach den beſten Berechnungen, die ich ſpäter anſtellte, mußten wir noch fünfzehn bis zwanzig Meilen vom Lande entfernt ſeyn, als wir die Kriſis herumdrehten; aber, wie Marble in ſeinen geheimen Bekenntniſſen ſagte,„ich hatte an Madagascar vollkommen genug, Miles, und brauchte die Naſe nicht auch noch an dieſe Seemöven⸗ küſte anzurennen, denn wer ſteht mir dafür, daß es auf dieſer Seite des Kaps der guten Hoffnung nicht eben ſo gut„hölliſche Strö⸗ mungen“ gibt, als auf der andern? Wir haben von Sturm und widrigem Wind gerade ſo viel gehabt, um endlich einmal mit Noth um das Kap zu ſteuern, und das Schiff wird aufs Haar hin ebenſo gut daran ſeyn, ob es oſtwärts oder ob es weſtwärts weiter ſegelt.“ Dieſen ganzen Tag blieb die Kriſis auf der Steuerbordwind⸗ vierung, ſchoß wie mit Gewalt durch das tobende Gewäſſer und erſt als die Nacht wieder hereinbrach, vierte ſie abermals gegen Weſten. Weit entfernt ſich zu vermindern, nahm der Wind immer mehr an Staärke zu, bis wir gegen Abend für nöthig fanden, auch das Mars⸗ und Fockſegel zu beſchlagen. Letzteres hatte ſchon ſeine vier Reefbänder umgeſchlungen, und es war deßhalb keine leichte Auf⸗ gabe, das Bischen Segel vollends ganz aufzurollen: Neb und ich ſtanden am Bauch deſſelben und nie habe ich mich mehr als bei dieſer Gelegenheit angeſtrengt; auch das Fockſegel war ſchwierig zu beſchlagen, doch brachten wir endlich beide herein, ohne eines davon zu verlieren. Eben als die Sonne unterging und die Nacht hereinbrach, um die Finſterniß dieſes düſteren Tages noch zu vermehren, fuhr das Vormarsſtagſegel aus ſeinem Leik mit einem Knalle, den man über das ganze Schiff vernehmen konnte und verſchwand im Nebel gleich einer Wolke, die am Himmel vorüber zieht. Wenige Minuten ſpä⸗ ter wurde das Kreuzſtagſegel abgehalt⸗ damit es ſeinem Kameraden nicht etwa nachfolgen moche und die Heftigkeit, mit welcher ſogar dieſes niedere Segel zuweilen an dem Schiffe zerrte, machte letzteres erbeben vom Kiel bis zum Flaggenknopf. Jetzt, zum erſten Male in meinem Leben, erfuhr ich, was ein Seeorkan bedeutet. Stürme, und zwar recht tüchtige, hatte ich ſchon mitgemacht; allein die Gewalt des Windes bei dieſer Gele⸗ genheit übertraf die eines gewöhnlichen Sturmes in demſelben Verhältniß, wie dieſe die Kraft einer Vollſegelbriſe überboten hätte. Die See ſchien förmlich niedergepreßt, da der Druck der Atmo⸗ ſphäre, wenn ſie in Luftſtrömen über die Oberfläche des See's hinſauste, die Wogen am Aufſchwellen hinderte; wenn ſich auch irgendwo ein Waſſerwall emporthürmte, ſo geſchah es nur auf Augenblicke und er zerſtob wieder in Schaum, ſo ſchnell als die Art die Unebenheiten an einem Holzklotz wegfliegen läßt. Der Sturm hatte ſchon faſt eine Stunde in ſeiner vollen Heftigkeit gewüthet und gleichwohl war kein bedeutendes Anſchwellen des Oceans zu be⸗ merken— das tiefe Athmen des Elementes konnte freilich nicht ganz gehemmt werden— und das Schiff hielt einen ſo ſtätigen Gang, wie wenn es halb leewärts beigelegt wäre, ſo daß es mit das Waſſer beinahe berührte und dieſe dem unteren Raaarme als ob es durch Taljen zu der Rich⸗ Neigung ſo ruhig beibehielt, tung gezwungen würde. Zur Sicherung der Segel mußten einige von uns bis zu den Knieholzwänden emporſteigen— höher aber war es rein unmöglich, zu klimmen. Ich bemerkte: wenn man die Hand ausſtreckte, um Etwas zu erfaſſen, ſo hatte man dieſe Bewegung in ſolcher Rich⸗ tung auszuführen, daß dabei ein tüchtiges Mehr nach der Leeſeite zu gerechnet wurde, gerade wie ein Boot den Fluß durchſchneidet, indem es gegen die Strömung anhält. Beim Aufſteigen war es höchſt ſchwierig, den Fuß auf der Webeleine zu halten und beim Niedergehen bedurfte es einer gewaltigen Anſtrengung, um den Körper gegen den eigentlichen Schwerpunkt hinabzuzwängen. Wenn ich bis zu den Kreuzhölzern hinaufgekrochen und dort über Bord ₰ 235 geſprungen wäre, ſo bin ich uͤberzeugt, daß mein Köͤrper erſt dreißig bis vierzig Schritte leewärts vom Schiffe das Waſſer berührt hätte: ein Marlpfriem, der von einem der Matroſen herabgefallen wäre, würde auf dem Verdeck gewiß Niemand getroffen haben. Mit der Rückkehr des Tages ſah man eine Art düſteren, ſchwarz⸗ gelben Lichtes über die Waſſerwüſte ausgegoſſen, doch ließ ſich nichts als Schiff und Ocean gewahren; ſogar die Seevögel ſchienen in den Höhlen der naheliegenden Küſte Zuflucht gefunden zu haben, denn bei der Morgendämmerung wurde keiner mehr geſehen. Die Luft war mit Giſcht und Dunſt erfüllt und nur mit Mühe vermochte das Auge die feuchte Atmoſphäre bis auf eine halbe Meile zu durchdringen. Alle Matroſen waren, wie ſich von ſelbſt verſtand, auf dem Deck verſammelt, denn zu ſolcher Zeit dachte Niemand an Schlaf; wir Offiziere ſtanden auf dem Vorkaſtell beiſammen, wo ſich die Gefahr, ſofern ſie vom Lande herkam, zuerſt bemerkbar machen mußte. Es iſt nicht leicht, einem Landbewohner das Schwierige unſerer Lage begreiflich zu machen. Seit mehreren Tagen ſchon hatten wir keine Beobachtung anſtellen können, waren vielmehr mit todter Giſſung in einem Ocean umhergeſteuert, wo die Flut wie ein reißender Mühlbach daherſchoß und der Wind dem Orkane gleich einherbrauste. Sogar jetzt noch, da unſere Büge halb unter Waſſer ſtanden und nicht ein Stück Leinwand ausgeſetzt war, trieb die Kriſis mit drei bis vier Knoten Geſchwindigkeit vorwärts und luvte ſo dicht in den Wind, wie wenn ſie Hinterſegel geführt hätte. Marble war der Anſicht, bei ſo glattem Waſſer müſſe das Schiff, was wir auch anſtellten, gegen das ſo ſehr gefürchtete Land antreiben und zwar noch zwiſchen Sonnenauf⸗ und Untergang dieſes kurzen Tages, da es in der Zeit dreißig bis vierzig Meilen zurücklegte. „Und das iſt erſt nicht Alles, Miles,“ fuhr er in einem Seitengeſpräche mit mir weiter fort,„dieſe hölliſche Strömung iſt mir um kein Haar lieber, als jene frühere, die wir auf der andern Seite des Teiches hatten, als wir unſer Hintertheil an den Felſen von Madagascar zerſchellten. Ihr werdet ſonſt nie ſo ruhiges Waſſer antreffen, als wenn Wind und Stroͤmung in derſelben Richtung arbeiten.“ Ich gab keine Antwort, denn wir vier, der Kapitän und ſeine drei Steuermänner, ſtarrten in der ängſtlichſten Spannung über unſern Leebug, wie wenn wir jeden Augenblick unſer Grgb aus dem leeren Dunſt auftauchen zu ſehen erwarteten. Zehn Minuten lang herrſchte die tiefſte Stille und meine Augen hielten noch immer dieſelbe Richtung, als ich mir einbildete, der Vorhang habe ſich plötzlich auf geheimnißvolle Weiſe gelüftet und ich ſehe eine lang⸗ geſtreckte Küſte mit einem dunklen Gürtel flachen Uferlandes, das ſich eine bedeutende Strecke nach dem Innern zu ausdehnte. Die Küſte ſchien keinen halben Knoten entfernt zu ſeyn, während mir's vorkam, als ob das Schifſ, gegen ſichtbare Gegenſtände am Strande gehalten, mit einer Geſchwindigkeit von ſechs bis acht Meilen auf die Stunde daran vorübergleite, denn ſo weit ich ſehen konnte lief ſie mit unſerem Kurſe, hinten wie vorne, beinahe parallel. „Sonderbare Täuſchung!“ dachte ich bei mir ſelbſt und wandte mich nach meinen Gefährten um, welche alle einander anſchauten, als ob ſie ſämmtlich eine Erklärung erwarteten. „Hier iſt an kein Mißverſtändniß zu denken,“ begann Kapitän Williams ruhig,„das iſt Land, ihr Herren.“ „Wahr wie das Evangelium,“ gab Marble mit einer Feſtig⸗ keit zur Antwort, wie ſie die Verzweiflung zuweilen einflößt.„Was iſt zu thun, Sir?“. „Was können wir thun, Mr. Marble?— Zum Vieren haben wir nicht Raum genug und jedenfalls ſcheint mir, ſo weit ich es beurtheilen kann, als ob wir vorn mehr Spielraum wie hinten finden würden.“. Dies war ſo klar, daß Widerſpruch Unſinn geweſen wäre. · —., pß o 237 Noch immer konnten wir das Land vor uns ſehen, niedrig, froſtig und in der Farbe des Winters uns entgegenſtarrend: eben ſo glaubten wir zu bemerken, daß es vorn, Keln wir uns anders nicht täuſchten, etwas gegen Norden abfſiel, während es ſich nach hinten in eine mit unſerm Kurſe gleichlaufende Linie auszudehnen ſchien. Daß wir mit großer Schnelligkeit daran vorüberfuhren, davon überzeugten uns unſere Augen zu deutlich, als daß an eine Täuſchung zu denken geweſen wäre, und da das Stunden lang eilig vom Winde getriebene Schiff nicht den kleinſten Fetzen von Segel ausgehängt hatte und die Büge bis an die Klüsgaten in die Wogen tauchte, ſo konnte es wohl nichts als die raſende Flut oder irgend eine Strömung ſeyn, der wir dieſe Beflügelung unſeres Laufes ver⸗ dankten. Wir verſuchten das Blei und fanden Ankergrund auf ſechs Faden Tiefe. Der Kapitän hielt jetzt mit Marble eine ernſte Berathung. Daß das Schiff in eine Seebucht einmündete, das war gewiß; welche Tiefe dieſe aber hatte, wie weit wir guten Ankergrund da⸗ ſelbſt finden oder ob wir gar nichts der Art entdecken würden— das waren lauter Fragen, welche unſeren Nachforſchungen Trotz boten. Wir wußten blos, daß Terra del Fuego eigentlich aus einer Inſel⸗ gruppe beſtand, welche von verſchiedenen Durchfahrten und Kanälen durchſchnitten war, und daß dieſe zuweilen auch Schiffe aufgenom⸗ men hatten, welche aber in deren Befahrung, außer etlichen unweſentlichen Entdeckungen, auf keine weiteren Reſultate geſtofiat waren. Wir ſtanden im Begriff, wenn auch rein zufälligg 8 unter guͤnſtigen Umſtänden, in eine dieſer Durchfahrten einz— das glaubten wir insgemein und es blieb uns nichts weiter übrig, als uns, ſo lange es noch Tag war, nach dem beſten Ankerplatze umzuſehen. Zum Glück für uns führte der Sturm, ſobald wir in die Bucht oder Durchfahrt oder was es ſonſt war, einmündeten, nicht mehr ſo gar viel Schaum mit ſich, ſo daß die Atmoſphaͤre aus dieſem 238 und noch anderen Gründen allmählich klarer zu werden anfing. Um zehn Uhr konnten wir auf eine volle Meile um uns ſehen, wiewohl ich kaum behaupten kann, daß der Wind an Heftigkeit nachgelaſſen hätte. Von einem Hochgehen der See war nichts oder ſo viel wie nichts zu bemerken, denn das Waſſer zeigte ſich ſo glatt wie in einem Fluſſe. Der Tag rückte immer weiter und zu gleicher Zeit vermehrte ſich unſere Unruhe über die Neuheit unſerer Lage. Unſere einzige Hoffnung und Erwartung blieb auf einen guten Ankerplatz ge⸗ richtet; dazu aber war eine Leebucht* unumgänglich nothwendig. Wir hatten das Land noch immer auf der Steuerbordſeite vor Augen, allein dieſes gewährte uns kein Luv⸗ ſondern ein Leeufer und nur das Erſtere mochte unſerem Grundtackel in ſolchem Sturme einige Ausſicht gewähren. Auch entfernten wir uns allmählig von der Küſte, welche ſich jetzt mehr gegen Norden hinzog, ſo daß wir immer mehr Seeraum gewannen. Was uns am meiſten ängſtigte, war die Wahrnehmung, daß wir von einer gewaltigen Flut dahingetragen wurden, was ſich blos aus einem einzigen Umſtande erklären ließ. Wären wir nämlich in eine Bucht eingelaufen, ſo hätte die Strömung weit geringer ſeyn müſſen und es ſchien ſomit unerläßlich, daß eine ſolche Waſſermaſſe auch einen Ausgang haben müſſe, denn hier war von keinem bloßen Anſchwellen des Gewäſſers die Rede, wie es in den Buchten vor⸗ kommt— nein, das Element ſchoß vielmehr mit Pfeilgeſchwindigkeit dahin, als ob es ſich in einem Paſſe durchzwänge. Von dieſer letzteren Thatſache erhielten wir gegen eilf Uhr einen unläugbaren Beweis. Um dieſe Zeit wurde nämlich auch vorn Land wahrgenommen und groß war der Schrecken, welchen dieſe Entdeckung veranlaßte; ein zweiter Blick beruhigte uns wieder, da ſich das Land blos als ein felſiges Inſelchen von ſechs bis acht Morgen Ausdehnung erwies, dem wir natürlich auswichen, aber „ d. h. die vor dem Winde geſchützt war. D. U. ₰ ——29 83„* 239 dabei nicht verſäumten, uns in ſeiner Nähe nach einem Ankerplatze umzuſehen. Das Inſelchen war zu flach und klein, um uns als Lee zu dienen und auch der Ankergrund wollte uns keineswegs ge⸗ fallen, weßhalb der Gedanke, dort vor Anker zu gehen, aufgegeben wurde. Aber wir hatten jetzt wenigſtens ein Mittel, unſere Ge⸗ ſchwindigkeit zu bemeſſen, und fanden denn auch, als das Schiff ein Bischen abgehalten wurde, um dem Eilande auszuweichen, daß daſſelbe mit ſieben bis acht Knoten Geſchwindigkeit vom Sturme dahingejagt wurde— und dies war nicht einmal unſere volle Schnelligkeit, da dieſelbe durch die Flut noch bedeutend vermehrt wurde, ja Kapitän Williams glaubte ſogar, wir führen mit fünf⸗ zehn Knoten Geſchwindigkeit an dem Felſen vorüber! Es war Mittag; der Sturm wollte immer noch nicht nachlaſſen, die Strömung blieb dieſelbe, nirgends ein Mittel zur Umkehr oder zum Anhalten, wir nur immer fort und fort— wie die Ereigniſſe vom Schickſale— dahingetrieben. Das allmählige Hellerwerden der Atmoſphäre war die einzige Aenderung, welche ſich bemerkbar machte, je mehr wir uns vom Ocean und ſeinem Giſcht und Dunſt entfernten. Gegen zwei Uhr mochte die Wuth des Sturms viel⸗ leicht ein wenig erſchlafft ſeyn und wir hätten auch einige kurze Segel führen können; aber nirgends war ja eine Woge, die gegen uns ankämpfte und ſo zogen wir denn mit nackten Maſten weiter — die Nacht allein erfüllte uns mit Beſorgniſſen. Ueber unſere Lage herrſchte jetzt nur noch eine Meinung unter uns und dieſe ging dahin, daß wir in einen der Kanäle einge⸗ drungen ſeien, welche die Terra del Fuego bekanntermaßen ſehr unregelmäßig durchſchneiden und viele Windungen darbieten, ſo daß wir bald ein Lee aufzufinden hoffen durften. Bis in die Nacht hinein zu ſegeln ſchien unmöglich und keineswegs wünſchenswerth, da man faſt mit Zuverſicht darauf rechnen durfte, daß wir auf demſelben Wege, den wir hergekommen, zurückkehren müßten, um uns den Gefahren einer ſo verwickelten Schifffahrt zu entziehen. Ueberdies 240 begannen einige Inſeln emporzutauchen und wir bemerkten allerhand Zeichen, daß die Hauptdurchfahrt ſchmaler zu werden anſing, weß⸗ halb man beſchloß, ſobald wir einen paſſenden Grund vorfänden, zwei Anker zumal auszuwerfen. Zwiſchen zwei und vier Uhr fuhr das Schiff an ſiebzehn Inſeln, an einigen ſogar ſehr nahe vorüber, ohne daß wir auch nur bei einer derſelben Schutz gefunden hätten. Die Sonne ſtand ſchon ziemlich tief⸗ wie wir an dem Abnehmen des Tageslichtes bemerken konnten, als wir endlich eine Inſel von einiger Höhe und Groͤße vor uns er⸗ blickten, hinter der wir ein Lee zu finden hofften. Auch die Flut hatte ſich, und zwar zu unſeren Gunſten, geändert; doch war an ein Luvwärtswenden nicht zu denken, weil wir keine Segel führen konnten und die Nacht auf dem Halſe hatten. So mußten wir entweder ankern oder in der Dunkelheit weiter treiben, nach allen Seiten hin von einer mächtigen Gegenſtrömung umgeben, welche uns freilich erlaubte, von Felſen und Gefahren, wie ſie uns vorne drohten, abzuhalen und dadurch unſere Rettung zu bewirken, aber hiezu das Einſetzen einiger Segel nöthig machte, was bei dem hef⸗ tigen Winde vor der Hand noch unmöglich war, ſo daß wir wirklich beſchloſſen, vor Anker zu gehen. So viel Aengſtlichkeit hatte ich noch nie in Kapitän Williams' Mienen wahrgenommen, als da wir uns jetzt der oben erwähnten Inſel näherten. Es war noch immer hell genug, um deren Umriſſe und Ufer unterſcheiden zu können: letztere waren kühn geformt und vielverſprechend und da die Inſel etwa eine Meile im Umfang haben mochte, ſo ließ ſich auch in ihrer unmittelbaren Nähe eine ziemliche Deckung erwarten. Sie war denn auch unſer einziges Ziel und die Ruderpinne wurde Steuerbord geſtellt, während wir, durch die widrige Flut aufgehalten, langſam an dem Eilande vorbeifuhren. Sobald wir Raum dazu hatten, gierte das Schiff in eine Art ſehr wilder Rhede — eine ſehr kitzliche Arbeit, da Niemand ſagen konnte, wie bald * ₰ ““ 241 wir auf einen Felſen ſtoßen würden; wir lufften aber ganz nahe an's Land und hielten uns dadurch klar, bis endlich beide Bug⸗ anker zu gleicher Zeit in die Tiefe fielen. Dadurch daß wir das Schiff ſo nahe wie möglich an den Wind gebracht hatten, war es in ſeiner Eile genugſam gehemmt; es ganz aufzuhalten bot weiter keine Schwierigkeit: das Bleiloth ergab ſieben Faden und zwar auf Piſtolenſchußweite vom Ufer— wir wußten, für den Augenblick waren wir gerettet. Die Hauptſache war jetzt, zu erfahren, wie und mit welcher Spannung der Kabeltaue das Schiff zu ſchweien vermöchte: die Freude war allgemein, als man entdeckte, daß wir uns in einem mäßigen Strudel befanden, der den Spiegel der Kriſis vom Eilande abtrieb und ihr erlaubte, in den Wind zu ſchweien, welcher ſie noch immer von den Marsraaen bis zu den Flaggenknöpfen über⸗ brauste, während er tiefer abwaͤrts mit zänkiſchem Ungeſtüm Wirbel und Strudel aufwarf, bald von dieſer und bald von jener Seite einherſtürmend— Alles zum Beweis, wie ſehr ſeine tolle Heftig⸗ keit vom Lande gebrochen und gehemmt wurde. Die Erleichterung, die wir bei dieſen glücklichen Veränderungen empfanden, iſt leichter gefühlt als beſchrieben: uns war zu Muth wie einem Unglücklichen, der in einen Abgrund zu ſtürzen wähnt und plötzlich feſten Boden unter den Füßen fühlt. Man fand, daß das Schiff an einem Kabel genug hatte und die Matroſen wurden deßhalb an die Winde geſtellt, um den andern Anker hereinzuheben, da das Loth auf einen felſigen Grund hin⸗ deutete und der Kapitän ein Durchſchneiden des Taues fürchtete. Der Backbordbuganker wurde ſogleich gefiſcht und man ließ ihn mit einem Schlage Kabeltau außen hängen, um ihn für jeden Augenblick in Bereitſchaft zu haben— dann hieß man die Mann⸗ ſchaft ihr Nachteſſen einnehmen. Wir Offiziere hatten unterdeſſen an andere Dinge zu denken. Die Kriſis führte ein kleines Hinterboot; dieſes wurde in's Waſſer Miles Wallingford. 16 llten uns ans Ruder der dritte Steuermann und ich ſte än rund um das Schiff, um für den Fall, ſollten, die Tiefe ſchon jetzt nämlich den Ankergrund, ſtig aus, und wir kehrten ſofort nach dem Schiffe zurück, nachdem wir gehörig Sorge getragen gelaſſen, und führten den Kapit daß wir in der Nacht unterwegs gehen kennen zu lernen. Bis auf einen Punkt, fiel die Unterſuchung ganz gün m Wind noch der Strömung auszuſetzen. eines Steuermanns wurde jetzt noch eine welche von vier zu vier Stunden abgelost hatten, uns weder de Unter dem Kommando Ankerwache aufgeſtellt, werden ſollte und dann begab ſich Alles zur Ruhe. Ich hatte die Morgenwache. Was von ſieben Uhr Abends — der Kapitän hatte nämlich in eigener Perſon die Hundswache gehalten— bis wenige Minuten vor vier geſchah, weiß ich nicht näher anzugeben, erfuhr aber im Allgemeinen, daß der Wind in derſelben Richtung zu wehen fortfuhr und nur an Heftigkeit all⸗ mählig abnahm, bis er gegen Mitternacht nur noch als gewöhn⸗ liche Bö auftrat. Das Schiff lag noch leichter als zuvor an ſeinem Kabel; als aber die Fluth herbeikam, war es kein Strudel mehr, in dem wir uns befanden, vielmehr hatte die Strömung— eine höchſt ungewöhnliche Erſcheinung— die beiden Seiten der Inſel in Beſitz genommen. 5 Es waren etwa noch zehn dem Verdeck anzutreten hatte, zuſammengerufen wurden: ich rann das Kabeltau entzwei gegangen und Marble hatte das Gallion gegen gannen alsbald das Kabel here noch wie zuvor Alles eingerefft hielt. das Unheil angerichtet hatten, wie denn die Minuten, ehe ich meine Wache auf als plötzlich ſämmtliche Matroſen te auf das Deck und fand, daß das Schiff triftig geworden war⸗ den Wind geſtellt, und wir be⸗ inzuwinden, während das Schiff Man fand, daß die Felſen Schäfte* bis über zwei inzelnen Strang oder Tau, aus denen die „„Schaft“ nennt man jeden e 4, auch 6— 8 Schäften gebildet) beſtehen. . D. U. Kabeltaue(gewöhnlich von 3, ₰ —— N 2 243 Drittel durchgerieben waren, weßhalb das Kabel entzwei ging, ſo⸗ bald die Flut das Schiff mit der früheren Gewalt erfaßte. Unſer Anker blieb natuͤrlich verloren, denn es war rein unmöglich, jetzt oder wenn die Ebbe wieder kam, nach der Inſel zurückzukehren. Noch dauerte es mehrere Stunden bis zu Tagesanbruch und der Kapitän berief deshalb einen Kriegsrath, worin er uns ſagte, daß das Schiff, wie er jetzt nicht mehr zweifle, von der Vor⸗ ſehung geleitet, in einen der Kanäle des Feuerlandes und, ſeiner Vermuthung zufolge, faſt bis zum Staatenland ſüdwärts gerathen ſey, wonach er glauben müſſe, daß wir eine wichtige Entdeckung gemacht hätten! Zurückkehren könnten wir nicht, ſo lange der Wind die jetzige Richtung beibehielte, und ſo ſey er alſo geneigt unter Segel zu gehen, um die Unterſuchung des Kanals, ſo weit es die Umſtände exlauben wollten, weiter zu verfolgen. Kapitän Williams hatte in dieſem Punkte eine an ſich ſelbſt vielleicht recht liebenswürdige, ſogar achtbare Schwäche, welche ſich aber mit den Zwecken und der Klugheit eines Handelsſchiffsherrn kaum vertragen mochte. Wir ſühlten uns daher durch dieſe Andeu⸗ tung keineswegs überraſcht, und aller Gefahr zum Trotz geſellte ſich auch bei uns die Neugierde zu den übrigen Beweggründen, um uns zur Billigung ſeines Vorſchlags zu vermögen: rückwärts konnten wir nicht bei dem damaligen Winde, ſo entſchloſſen wir uns alſo, lieber gerade vorwärts zu ſteuern. Was vollends die Gefahren der Schifffahrt anlangte, ſo ſchienen ſie ſich mit jedem weiteren Schritte zu vermindern, wie denn nach vorne immer we⸗ niger Inſeln ſichtbar waren und auch der Kanal ſich fortwährend erweiterte. Uebrigens ging unſer Kurs mehr gegen Süden, wobei das Schiff abermals dicht an den Wind gebracht wurde. Der Morgen verſprach heller zu werden, als wir das Wetter ſeit mehreren Tagen gefunden hatten und ſelbſt der Mond ſchien uns einigermaßen begünſtigen zu wollen. Mit Anbruch der Däm⸗ merung begann der Wind wieder nach Oſten umzuſpringen und wir 244 ließen die drei Marsſegel, eng gerefft, ſowie das große Fock⸗ und ein neues Vormarsſtagſegel auf dem Schiffe einſetzen. Endlich er⸗ ſchien der Tag und mit ihm die Sonne, welche man nur noch mit ſchwarzen, wilden Wolkenmaſſen kämpfen ſah, die überall am Himmel hinjagten. Zum erſtenmal, ſeit wir dieſe Engen betreten hatten, erhielten wir eine vollſtändige Umſicht und konnten das Land in allen Richtungen betrachten. Die Durchfahrt, in welcher wir die Kriſis am Morgen des zweiten dieſer abenteuervollen Tage bei Sonnenaufgang trafen, hatte mehrere Meilen in der Breite und war, beſonders gegen Norden, von hohen, abſchüſſigen Gebirgen begrenzt, welche zum Theil mit Schnee bedeckt waren. Der Kanal erſchien vollkommen frei; nir⸗ gends war ein Eiland, Inſelchen oder Felſen zu ſehen, ſo daß wir uns noch mehr zu weiterem Vordringen ermuthigt fühlten, da ſich uns ja nirgends ein Hinderniß darbot. Der Kurs, in welchem wir ſteuerten, ging ungefähr nach Süd⸗Südweſt, und der Kapitän pro⸗ phezeihte, wir würden weſtlich von der Straße Le Maire und ganz in der Näͤhe des Kaps ſelber in den Ocean gelangen— ohne Zweifel aber eine große Entdeckung machen! Der Wind drehte ſich fortwährend und wehte bald ganz aus Nordoſt, ſo daß wir die Reefbanden eines nach dem andern lösten und gegen neun Uhr mit vollen Marsſegeln weiter zogen. Das hieß freilich hart drauflos fahren, allein wir mußten das Eiſen ſchmieden, ſo lange es warm war, und ſo muß das Schiff, wie ich glaube, mehrere Stunden lang ſeine fünfzehn Knoten zurück⸗ gelegt haben, da es noch überdies von der Strömung begünſtigt wurde. Wir wußten allerdings nicht, welchen neuen Hinderniſſen und Gefahren wir entgegeneilten! Ganz früh am Tage hatten wir vor unſerem Gallion Land bemerkt und Marble fing an zu prophezeihen, daß unſer Tau bald vollends abgelaufen ſeyn würde, da wir in die Mitte einer tiefen Bai gelangen mußten. Kapitän Williams dachte anders, und als —— 245 er zwiſchen zwei Vorgebirgen einen engen Kanal entdeckte, be⸗ hauptete er voll Triumphs, daß wir uns mit ſtarken Schritten dem Kap Horn näherten: er hatte bei ſeinen früheren Fahrten um's Kap an den Gebirgen des Inlands ſchon öfter ſolche Formen be⸗ merkt und die Bergſpitzen ſahen ihm aus wie alte Bekannte. Unglücklicherweiſe erblickten wir die Sonne nicht im Meridian und konnten alſo keine Beobachtung anſtellen. So rannten wir in einem ziemlich engen Kanale mehrere Stunden lang gegen Südweſt, als wir in unſerem Kurſe plötzlich auf eine Biegung ſtießen, welche uns nordweſtlich führte. Auch hier war uns die Fluth noch günſtig, und wir fühlten uns Alle überzeugt, daß wir nunmehr einen Punkt erreicht hatten, wo die Ebbe, mit jener Richtung verglichen, in der wir ſie in den übrigen Parthien des Kanals getroffen hatten, gerade den entgegengeſetzten Weg verfolgen mußte, und daraus folgte, daß wir jetzt die eine Hälfte unſerer Fahrt hinter uns hatten, wie⸗ wohl der Kurs, in welchem wir ſteuerten, einen ſehr gewundenen Kanal vermuthen ließ.— Jedenfalls aber war es nicht das Kap Horn, dem wir entgegenliefen. Trotz all der Schwierigkeiten und Zweifel, welche uns um⸗ lagerten, trieb Kapitän Williams ſein Schiff zur höchſten Eile, entſchloſſen, ſo lang es Tag war, ſo ſchnell wie nur möglich vor⸗ zudringen. Der Sturm hatte ganz aufgehört; der Wind war abermals nach Süden umgeſprungen, kam bald darauf aus Südoſt und näherte ſich gegen Sonnenuntergang ganz wieder dem Weſten. Zu allem Glück blieb er fortwährend gemäßigt, ſo daß wir neben den Fock⸗ und den Marsleeſegeln, die wir faſt den ganzen Tag geführt hatten, noch das große, ſowie die Bramſegel einſetzen konnten. Das Schlimmſte, was nunmehr unſre Lage zu bedrohen ſchien, war die Unzahl von Eilanden und Inſelchen, denen wir jetzt be⸗ gegneten: das Ufer war auf beiden Seiten rauh und gebirgig und tiefe Einſchnitte ſetzten uns fortwährend in Verſuchung, ſeitwärts ein⸗ zulenken: allein der Kapitän blieb in ſeinem Kurs, richtig annehmend, 246 daß die Richtung der Flut einen unfehlbaren Maaßſtab für dieſen abgebe. Die Nacht, welche nunmehr folgte, war eine der angſtvollſten, welche ich jemals verlebte. Wohl ein Dutzendmal fühlten wir uns verſucht, in einer der verſchiedenen Buchten, deren wir wenigſtens zwanzig paſſirten, vor Anker zu gehen, konnten uns aber nicht entſchließen, uns dem Verluſte eines zweiten Kabeltau's auszuſetzen. Die Flut kam etwas nach Sonnenuntergang und mußte noch vor dem Morgen der Ebbe weichen; der Wind aber fuhr fort umzuhalen und brachte uns zuletzt an eine förmliche Boleine, wobei wir nur noch die Bramſegel beibehielten. Wir waren ſchon zu weit, um noch rückwärts zu können, ſonſt wäre es jetzt an der Zeit geweſen, rund herum zu vieren und auf dem ſeitherigen Wege zurückzugehen: allein mit jedem Schritte hofften wir wieder auf eine Ausbiegung nach Süden zu ſtoßen, welche uns in die offene See hinausführen ſollte. Unzähligemal drohte uns Gefahr, Schiffbruch zu leiden, wenn wir ſo furchtbar nahe an den Riffen vorbeikamen; aber dieſelbe gütige Vorſehung, welche uns bisher beſchützt hatte, ließ uns auch jetzt glücklich ent⸗ ſchlüpfen. Noch nie hatte ich die Rückkehr des Tages mit ſolcher Freude begrüßt wie diesmal. Wir hatten junge Ebbe und leichten Wind, als die Sonne endlich aufging: es war ein prachtvoller Morgen und Jedermann glaubte diesmal auf den Mittag eine Beobachtung weiſſagen zu dürfen. Immer noch wimmelte der Kanal von Inſeln und auch an andern Gefahren fehlte es nicht; da wir übrigens unſern Weg ſehen konnten, ſo gelang es uns, ſie alle wohlbehalten zu paſſiren. Zuletzt aber drohte unſerm Kurſe die höͤchſte Ver⸗ wirrung, ſo viele große Eilande, durch Kanäle von einander ge⸗ ſchieden, zeigten ſich von allen Seiten. Aber auch ein Vorgebirge lag vor uns und da wir hofften, daſſelbe umgehen zu koͤnnen, ſo blieben wir auf unſerem Pfade. —— ð—2—— N N 8 ◻ 247 Es war gerade zehn Uhr, als wir dieſem Vorgebirge nahe kamen und hier fanden wir eine Durchfahrt gegen Weſten, welche wirklich in den Ocean hinausführte! Drei lebhafte Cheers von ſämmtlichen Matroſen begrüßten dieſe frohe Entdeckung; das Schiff wendete durch den Wind, ſobald es weit genug vorgedrungen war, und ſteuerte ſtolz mit der Ebbe in die See hinaus. Kapitän Williams hieß uns jetzt unſere Quadranten herbei⸗ holen, da der Himmel wolkenlos war und wir bald einen Horizont für unſere Beobachtungen haben würden— er konnte nämlich nicht erwarten, bis er den Breitegrad der von uns entdeckten Straße ausfindig gemacht hatte. Seine Vermuthung beſtätigte ſich wirklich; wir ſchickten uns alsbald an unſere Berechnung zu beginnen, wäh⸗ rend der Eine dieſe, der Andere jene Breitenparallele vorausſagte. Der Schiſſsherr ſelbſt meinte, wir befänden uns noch immer öſtlich vom Kap, wußte aber ſo gut wie gewiß, daß wir weſtlich von der Straße le Maire herausgekommen ſeyen. Marble ſchwieg, hatte aber ſeine Beobachtung gemacht und ſeine Rechnung beendigt, noch ehe einer von uns die Letztere an⸗ gefangen hatte. Ich ſah, wie er ſich am Kopfe kratzte und nach der Karte ging, welche auf dem Bordgange lag, als ich ihn plötzlich rufen hoͤrte: „Im ſtillen Ocean, beim heiligen Kennebunk!“— er pflegte nämlich jederzeit, ſo oft er aufgeregt war, bei dieſem frommen Indi⸗ viduum zu ſchwören.—„Wir ſind, ohne es zu wiſſen, durch die Straße Magellan gekommen!“ Zwölftes Kapitel. Trompetenſchall, ho!— Anker auf!— die Segel los! Knirſchend vor Ungeduld das Banner ſeewärts flattert: Als wär's der Himmel, der dies Lüftchen fächelt, So ſchießt die Barke, wie lebendig, weiter. Pinkney. Die Kriſis, das ſtattliche Schiff, hatte ſich— wie gar manche Perſonen— durch reinen Zufall— ausgezeichnet brav gehalten. Wäre dieſe Heldenthat in das Jahr 1519 und nicht auf 1800 ge⸗ fallen, ſo hätte der berühmte Engpaß, dem wir ſo eben entkommen waren, die Kriſisſtraße geheißen, jedenfalls ein beſſerer Name als die Zwitterbenennung, welche ſie jetzt trägt und die weder Engliſch noch Portugieſiſch iſt. Das Schiff hatte, wie ein Menſch in den Wäldern, den Pfad verloren und als es wieder zum Vorſchein kam, war es der Heimath näher, als alle ſeine Inſaſſen erwarten konnten. Die„blutigen Strömungen“ waren dem Irrthum zu Grunde ge⸗ legen, hatten ſich aber diesmal freundlich und nicht tückiſch, wie früher, erwieſen. Wer ſich jemals auf einer Haide, oder im Wald, oder ſogar in einer Stadt verirrte, der weiß, wie leicht man bei ſolchen Gelegenheiten den Kopf verliert und wird die Art und Weiſe begreifen, wie wir uns ſelbſt betrogen hatten. Nie werde ich das Entzücken vergeſſen, mit dem ich mich umſah, als das Schiff in die offene See hinauslief. Da lag der ſtille Ocean, weit vor uns ausgebreitet, ſeine langen, regelmäßigen Wogen in bergähnlichen Reihen aw's Ufer rollend, von einer glänzenden Sonne überſtrahlt und von der hellſten Atmoſphäͤre begränzt. Jeder war durch dieſen Anblick erfreut und noch nie hatte ein Kommando in meinen Ohren lieblicher geklungen, als der fröhliche Ruf des Ka⸗ pitäns„die Luvbraſſen zu bemannen.“ Der Befehl wurde ſo früh, als die Klugheit es erlaubte, ge⸗ geben und das Schiff brauste ſchäumend und mit der Haſt eines Wett⸗ ₰ 249 renners an dem letzten Vorgebirge vorüber. Jetzt kam die Reihe an die Leeſegel und als die Sonne ins Meer tauchte, trieben wir mit dem beſten Seeraume vor uns, unter Allem, was das Schiff von Segeln zu tragen vermochte, gegen Norden, und erfreuten uns der beſten Ausſicht auf eine treffliche Fahrt aus der Nachbarſchaft der Terra del Fuego und ihrer ſtürmiſchen Meere hinweg. Unſere Reiſe längs der Weſtküſte von Südamerika darf ich füglich übergehen, obgleich eine Fahrt auf dem ſtillen Ocean Anno 1800 noch ganz etwas Anderes war als heut zu Tage. Damals ſtand die Macht von Spanien auf ihrem Höhepunkte und jeder Verkehr mit anderen Nationen als dem Mutterlande war ſtreng verboten. Gleichwohl beſtand unter jenem Codex, der mit ſeiner elaſtiſchen Moral den Grundſatz des„la bourse ou la vie“ glei⸗ chermaßen auf die moderne Diplomatie, wie auf die Gebräuche der Hochſtraßenritter anwendet, eine Art von commerciellem Verkehr, welcher der„gezwungene Handel auf dem ſpaniſchen Kontinent“ genannt wurde. Hört man freilich die verſchiedenen Lehrer der Ethik, wie ſie jetzt, beſonders in der Journalatmoſphäre der Handelsgeſellſchaften, unter uns blühen und gedeihen, ſo muß ein Volk„das Handel treiben kann und nicht will, zum Handel angehalten werden.“ So heißt es heut zu Tage: allein zu Anfang unſeres Jahrhunderts waren die kaufmänniſchen Moraliſten bei weitem nicht ſo männlich, ihre Gefühle mit dieſer Offenheit einzugeſtehen, wenn auch ihre Handlungen ganz aus demſelben Geiſte hervorgingen, der unſere modernen Theorien beſeelt; wie man denn, auf dieſem ge⸗ rechten Grundſatze fußend, ganze Flotten ausrüſtete, bewaffnete und mit demſelben Vertrauen und Erfolge entſandte, wie wenn die Zunge das, was das Gehirn geboren, ganz offen ausgeſprochen hätte. Guarda⸗Coſtas* waren die Gegenbeweiſe, welche auf der an⸗ * Der ſpaniſche Ausdruck für„Küſtenwachen.“ In dieſem Falle„Wach⸗ ſchiffe.“ D. u. deren Seite dieſer ſchwierigen Frage von den ſpaniſchen Behoͤrden angewendet wurden und ſich im Ganzen als höchſt ungenügende Beweiſe herausſtellten. Es iſt ein altes Sprichwort, daß das La⸗ ſter doppelt ſo thätig wie die Tugend iſt, denn dieſe ſchlummert, während jenes alle ſeine Kräfte aufbietet. Wenn ſich dies ſchon im Allgemeinen bewährt, ſo iſt es jedenfalls dreimal richtig, ſobald von Schmugglern und Mauthbeamten die Rede iſt. So läßt ſich denn nicht läugnen, daß die engliſchen und amerikaniſchen Schiffe aus dieſen, ſo wie verſchiedenen anderen Gründen die Mittel fanden, die Bewohner Südamerikas zu der Zeit, von der ich ſchreibe, aus⸗ zuplündern, ohne zu den etwas verrufenen Gewaltthätigkeiten eines Dampier, Wood, Rogers oder Drake ihre Zuflucht nehmen zu müſſen. Ehrlich wie ich dem Leſer nun einmal Alles, was ich nach den ſpaniſchen Geſetzen verbrochen haben mag, einzugeſtehen mich ver⸗ bunden fühle, muß ich denn auch bekennen, daß wir auf unſerer Fahrt ein bis zwei Beſuche abſtatteten, um gewiſſe Artikel, die wir in London gekauft, am Lande zu zeigen und zum Danke für unſere Höflichkeit eine Menge Thaler an Bord zurück zu bringen. Ich weiß nicht, ob ich nöthig habe, mich wegen meiner eigenen Bethei⸗ ligung bei dieſen unregelmäßigen Verhandlungen— das Wort „regelmäßig“ würde übrigens eben ſo gut hieher paſſen— noch beſonders zu entſchuldigen, da ich, auch wenn ich zu murren geneigt geweſen wäre, meinem Rechtsgefühl doch keinenfalls etwas genützt und dem Schmuggelhandel eben ſo wenig geſchadet hätte. Kapitän Wil⸗ liams war ein ſchweigſamer Mann, und es war nicht ſo leicht, ſeine Gedanken über das Schmuggeln genau zu erfahren, wiewohl er mir in der Praxis niemals Veranlaſſung gab, daran zu zweifeln, daß er zu den treuen Anhängern der Lehre vom freien Handel gehörte. Marble erinnerte mich in dieſem Punkte immer an den wohl⸗ bekannten Redakteur eines wohlbekannten New⸗Yorker Journals, welcher offenbar der Anſicht fröͤhnt, alle Dinge im Himmel und auf Erden, Sonne, Mond und Sterne, das Firmament über und die ₰ N 2 —,— 251 Höhlen unter uns— kurz das Weltall ſey nur dazu geſchaffen, um ihm Materialien fuͤr ſeine Zeitungsparagraphen zu liefern; ſo glaubte denn auch der würdige Steuermann nicht minder zuverſichtlich, daß Kuſten, Buchten, Einfahrten, Rheden und Häfen uns von der Na⸗ tur als Mittel gegeben ſeyen, um Güter daſelbſt ans Land zu ſchaffen, ſobald Zölle oder Verbote es unthunlich machten, dieſelben auf geſetzmäßigere Weiſe an den Mann zu bringen. Ja ſeiner Anſicht nach war das Schmuggeln eher noch ehrenvoller als der regelmäßige Handelsbetrieb, weil es größere Pfiffigkeit in An⸗ ſpruch nahm. Ich verweile nicht länger bei den verſchiedenen Hin⸗ und Her⸗ zügen der Kriſis, welche dieſe in den fünf Monaten anſtellte, die ihrer glücklichen Ausfahrt aus der Magellanſtraße folgten; es ge⸗ nüge zu ſagen, daß ſie an ſo und ſo viel verſchiedenen Punkten der Küſte vor Anker ging, daß Alles, was die große Lucke herauf⸗ kam, ans Ufer wanderte, Alles dagegen, was über die Bollwerke ſetzte, im Piek« untergebracht ward. Siebenmal wurden wir von Guarda⸗Coſtas verfolgt und entkamen ihnen ſtets ohne die ge⸗ ringſte Mühe, wiewohl wir uns dreimal in kleine Seegefechte ver⸗ wickelt ſahen. Ich bemerkte, wie Kapitän Williams dieſe Abgeſandten des Geſetzes ſo glimpflich als möglich zu entlaſſen ſtrebte und uns jedesmal befahl, blos nach ihren Spieren zu feuern. Ich habe mir ſeither gedacht, dieſe Mäßigung möchte aus einem ſehr allgemein verbreiteten Grundſatze hervorgegangen ſeyn, der— als eine Art von Juste milieu zwiſchen Recht und Unrecht— ihn zwar zum Schmuggeln ermuthigte, aber gleichwohl ungeneigt machte, noch Menſchenblut dabei zu vergießen. Dieſe halben Spitzbuben ſind doch der Fluch aller Ehrlichkeit! Nachdem wir die ſpaniſche Küſte für immer verlaſſen hatten, ſteuerten wir nordwärts in der löblichen Abſicht, gewiſſe Quanti⸗ * Der tiefſte NRaum im Hintertheil des Schiffes, entſprechend der Hütte, die ſich am Gallion befindet. D. U. 25² täten Glaskugeln, ſchlechter Taſchenmeſſer, Kochpfannen und ähn⸗ licher Haushaltungsartikel in koſtbare Pelzwaaren zu verwandeln. Mit einem Wort, wir wandten uns nach jenem Diſtrikt, der uns bekanntlich alle Ausſicht gewährt, Mutter und Tochter einander in die Haare gerathen zu ſehen, wenn der Streit nicht über kurz oder lang à la Texas oder was faſt eben ſo ſchlimm wäre— à la Maine geſchlichtet werden wird. Zu jener Zeit war die ganze Nordweſtküſte von Weißen noch unbewohnt und ich nahm keinen Anſtand, mit den Eingeborenen— welche ſich alsbald, ſowie wir vor Anker lagen, mit ihren Fellen präſentirten und das beſte Recht auf das Land und deſſen Produkte zu haben glaubten, in Handel zu treten. Wir brachten ganze Monde mit dieſem Handel zu, und wo wir anhielten, fanden wir uberall Etwas, was uns für unſere Mühe belohnte. Auf dieſe Weiſe kamen wir bis zum dreiundfünfzigſten Grad nördlicher Breite und das iſt ſo ziemlich Alles, was ich je von unſerer letzten Stellung gewußt habe. Ich glaubte damals, wir hätten in einer Bucht des Hauptlandes geankert, habe mich aber ſeitdem zu der Anſicht geneigt, daß es an einer der vielen Inſeln geſchah, welche jene zerriſſene Küſte einſchließen. Wir hatten uns einen ſehr guten Ankerplatz von einem eingebornen Lootſen zeigen laſſen, der ſchon mehrere Meilen früher zu uns an Bord gekommen war und gerade ſo viel Engliſch verſtand, um unſern Kapitän zu über⸗ reden, er wiſſe uns an einen Punkt zu führen, wo Seeotterfelle für den Liebhaber zu bekommen wären. Der Mann täuſchte uns auch wirklich nicht, obwohl ſchmug⸗ gelnde Chriſten nur ſelten von einem uneinnehmenderen Lootſen ge⸗ führt worden ſeyn mochten; er leitete uns in eine ſehr ſchmale Bucht, wo wir aber Waſſer in Fülle, einen trefflichen Ankergrund und ein Becken ſo glatt wie in einem Dock vorfanden. Nur in einer Richtung— aus Nordweſt— konnte uns der Wind etwas anhaben, und ſelbſt hier wurde er durch ein vor dem Eingang ge⸗ 82 — S& RN 253 legenes Inſelchen in ſeiner Kraft ſtark gebrochen, während wir rechts und links von Letzterem die beſte Ausfahrt in die See be⸗ hielten. Das Becken war frellich klein, genügte aber gleichwohl für ein einzelnes Schiff: ſein Durchmeſſer mochte etwa dreihundert Schritte betragen und noch nie hatte ich einen Fleck Waſſer geſehen, der ſich ſo ſehr einem Kreiſe genähert hätte. Der Leſer wird ſich wohl denken, daß wir uns nicht an einen ſolchen Ort wagten, ohne zuvor die noöthigen Vorſichtsmaßregeln zu treffen. Marble wurde zuerſt zum Sondiren und Rekognosciren hineingeſchickt und erſt auf ſeinen Bericht unternahm es Kapitän Williams, das Schiff daſelbſt vor Anker zu legen. Zu jener Zeit mußten die Schiffe an der Nordweſtküſte die höchſte Vorſicht gegen die Verrätherei und Gewaltthätigkeit der Ein⸗ geborenen aufbieten. Eben deßhalb hatte auch der geringe Raum dieſes Hafens unſer Mißtrauen erregt, denn wenn wir, wie dies der Fall war, in der Mitte des Beckens lagen, ſo waren wir nach jeder Richtung hin, außer nach der bei dem ſchmalen Eingange, kaum einen Pfeilſchuß vom Ufer entfernt. Gegen die Gefahren der See konnte man ſich keinen ſichereren Ankerplatz wünſchen: dagegen bot er um ſo weniger Schutz gegen die Ueberfälle der Wilden. Wir fühlten dies alle recht wohl, ſobald die Anker ausgeworfen waren; da wir übrigens nur ſo lange daſelbſt zu verweilen gedachten, bis wir die Felle, welche, wie man uns ſagte, für das erſte Schiff, das ſich zeigte, bereit lägen— eingetauſcht hatten, ſo vertrauten wir für die Zwiſchenzeit auf unſere Wachſamkeit und furchteten keine Gefahren. Ich habe mir die ungeſchlachten Laute der noch weit unge⸗ ſchlachteren Wilden dieſer fernen Region niemals zu eigen machen können. Der Burſche, der uns hereinbrachte, führte ohne Zweifel ſeinen eigenen Namen— aber eine chriſtliche Zunge vermochte ihn unmöglich auszuſprechen; wir gaben ihm deßhalb den Beinamen „Dipper,“* weil er ſich bei dem Knalle unſerer Flinten, welche von Marble blos der Erneuerung der Patronen halber losgeſchoſſen worden waren, ſo gar ängſtlich niedergebückt hatte. Wir waren noch kaum in das kleine Becken eingefahren, als der Dipper uns verließ, um eine Stunde ſpäter mit einem Canoe zurückzukehren, das bis an den Waſſerrand mit ſchönen Fellen be⸗ laden und mit drei weiteren Wilden bemannt war, welche ſämmtlich eben ſo roh und trotzig ausſahen und ganz gewiß nicht minder habſüchtig waren als unſer Führer. Dieſe drei Bundesgenoſſen erhielten von uns noch am nämlichen Nachmittag verſchiedener gering⸗ fügiger Umſtände halber die beſonderen Benennungen„Smudge,“** „Tin⸗pot“*arn und„Slit⸗ noſe“— freilich nichts weniger als Heldennamen; dafür hatten aber auch ihre Eigenthümer in ihrem Aeußeren ſo wenig Heldenmüthiges an ſich, als dies bei Menſchen im wilden Zuſtande in der Regel der Fall iſt. ††⁵ Von der Bezeichnung der Stämme, denen dieſe vier Würdigen angehörten, ſowie überhaupt von ihrer Geſchichte und ihrem Thun und Treiben weiß ich nicht mehr als die wenigen Thatſachen zu er⸗ zählen, welche mir unmittelbar vor Augen gekommen ſind. Ich richtete zwar an den Kapitän allerlei Fragen, um mir einige Kennt⸗ niß hierüber zu ſammeln; allein auch er wußte nichts weiter, als daß dieſe Leute auf wollene Decken, Glasperlen, Schießpulver, Koch⸗ pfannen und alte Reife einen hohen Werth legten und die Felle von Seeottern und einigen anderen Thiergattungen ziemlich billig im Preiſe hielten. Eine Anfrage bei Marble blieb noch weit er⸗ folgloſer, denn dort bekam ich die energiſche Antwort,„er ſey kein Naturforſcher und dieſe Kreaturen ſeyen ihm ſo unbekannt, wie alle wilden Beſtien zuſammengenommen.“ Auf deutſch:„Ducker.“ D. U. a» Sprich Smotſch— auf deutſch:„Rußmichel.“ D. U. 28*„Zinnkrug.“ †„Schlitznaſe.“ D. U. † † Hat der Verfaſſer hier die Geſtalten ſeines„Unkas“ und„Chingach⸗ D. U. gook“ in den Mohikanern vergeſſen? ₰ 4 e 255 Allein ſo tief dieſe Menſchen auch unter uns ſtanden— um den Tauſchhandel aufs Eifrigſte mit ihnen zu betreiben, dazu hielten wir ſie gleichwohl für gut genug, wie denn der Handel überhaupt mit dem Elende die Aehnlichkeit hat, daß er manchmal mit ſonderbaren Gefährten bekannt macht. Unſere eigenen Indianer, herabgekommen wie ſie waren durch den Verkehr mit den Weißen, wie durch den Genuß des Rum, hatte ich wohl öfter zu Geſicht bekommen: nie aber waren mir Weſen auf dieſer niedrigen Stufe der Menſchheit begegnet, wie die nordweſt⸗ lichen Wilden ſich hier meiner Beobachtung darſtellten— ſie ſchie⸗ nen mir die eigentlichen Hottentotten unſeres Feſtlandes zu ſeyn. Gleichwohl fehlte es ihnen nicht ganz an Mitteln, ſich in Achtung bei uns zu ſetzen, denn körperlich betrachtet waren ſie behend und kräf⸗ tig und manchmal waren Zeichen wilden Trotzes an ihnen zu be⸗ merken, welche all' ihr Geiz und ihre Argliſt nicht ganz verbergen konnten. Weder in ihren Gebräuchen, noch in der Kleidung oder dem Benehmen dieſes Volkes vermochte ich auch nur eine Spur jener ritter⸗ lichen Chrenhaftigkeit zu entdecken, welche einen ſo wohlthuenden Gegenſatz zu der feindurchdachten Grauſamkeit der Krieger auf unſerer Seite des Kontinents bildet. Dann waren auch dieſe Seeottern⸗ händler nicht ohne Kenntniß im Gebrauche von Feuerwaffen und ſchienen mit den Schiffen civiliſirter Nationen zu ſehr vertraut, um eine abergläubiſche Furcht vor unſerer Macht zu hegen. Der Dipper und ſeine Gefährten verhandelten uns noch am ſelben Nachmittag, da wir vor Anker gegangen waren, einhundert und drei und dreißig Seeotterhäute, welche wir ſchon an ſich ſelbſt als eine genügende Belohnung für die Mühe und die Gefahren unſerer Fahrt in dieſe unbekannte Bucht betrachten durften. Beide Theile ſchienen mit den Ergebniſſen ihres Handels höchlich zufrieden, und man gab uns zu verſtehen, wenn wir vor Anker blieben, dürften wir uns auf die ſechs⸗ bis achtfache Anzahl ſolcher Felle Rechnung machen. Kapitän Williams war über ſeine ſeitherigen Erfolge 256 nicht wenig erfreut und da er den Dipper bis jetzt in Allem, was er verſprochen, wahr befunden hatte, ſo beſchloß er noch einen oder zwei Tage länger an dieſem Orte zu verweilen, um weitere Tauſchgelegenheiten abzuwarten. Kaum hatte man den Wilden dieſen Entſchluß mitgetheilt, als ſie unter den lauteſten Freudenbezeugungen den Tinpot und Slit⸗ noſe mit der Nachricht hievon ausſchickten, während Dipper und Smudge anſcheinend im beſten Freundſchaftsverhältniß mit uns allen auf dem Schiffe zurückblieben. Da übrigens die Nobleſſe der Nord⸗ weſtküſte aus lauter ausgemachten Dieben beſtand, ſo hatten unſere Matroſen Befehl, ein wachſames Auge auf die Gäͤſte zu richten, wobei Kapitän Williams ſeine Abſicht verkündigte, dieſelben für den Fall, daß ſie über einer Probe ihrer langfingrigen Gewandtheit er⸗ tappt würden, tüchtig durchpeitſchen zu laſſen. Marble und ich machten die Bemerkung, daß das Canoe, in welchem uns die Boten verließen, nicht in die See hinausruderte, ſondern in einen kleinen Fluß oder Bach oberhalb der Bucht ein⸗ mündete. Da wir am Bord nichts zu thun hatten, ſo baten wir den Kapitän um Erlaubniß, unſern Hafen überhaupt und dieſen Punkt insbeſondere etwas näher unterſuchen zu dürfen, was dieſer auch genehmigte, worauf wir die Jolle mit vier Ruderern bemannten und uns, ſaͤmmtlich bewaffnet, zu unſerer kleinen Expedition anſchickten. Smudge, ein alter verwitterter grauköpfiger Indianer mit Sehnen, ſo dick wie Leutaue, befand ſich allein auf dem Verdeck, als dieſe Vorbereitungen gemacht wurden: er bewachte ſorgfältig jede unſerer Bewegungen, und als er uns ins Boot hinabſteigen ſah, glitt er höchſt gelaſſen am Bug hinunter und nahm mit einer ruhigen Würde, als ob er der Kapitän wäre, ſeinen Platz im Spiegel des Boots. Marble war ein Vorgeſetzter, der in ſolchen Dingen nicht mit ſich ſpaßen ließ und die unverſchämte Vertraulich⸗ keit des Burſchen wollte ihm nur halb gefallen. 3 * Beſonders dicke Taue zum Ausleuen(Auslaren) von Gütern. D. U. 4 ₰ 2* u. 257 „Was meint Ihr, Miles,“ fragte er mich etwas hitzig,„ſollen wir dieſen ausgetrockneten Orangutang mit uns ans Land nehmen, oder ihn über Bord werfen, um ihn ein Bischen zu befeuchten?“ „Laßt ihn immerhin mitgehen, Mr. Marble. Der Mann will ſich uns gewiß nützlich erweiſen, und hat nur eine ſchlechte Manier, uns dies begreiflich zu machen.“ „Saubere Nützlichkeit! Der Kerl iſt ja nicht mehr werth, als der Leichnam eines Wallſiſches, dem man ſein Fett abgezogen hat. Ich behaupte, Miles, es bedürfte gar keiner Winde, um dieſem Fiſch die Decke abzunehmen!“ Dieſer ſtandesmäßige Witz verſetzte Marble in gute Laune und ſo erhielt der Burſche die Erlaubniß zu bleiben. Noch jetzt kann ich mich der Gedanken, die mir durch den Sinn zogen, als die Jolle nunmehr auf das Flüßchen zuruderte, mit einer Deutlichkeit erinnern, wie wenn Alles erſt geſtern vorgefallen wäre. Ich ſaß mit dem Geſicht dem halbmenſchlichen Weſen mir gegen⸗ über zugewendet und wunderte mich, wie die göttliche Vorſehung ihre Gaben auf ſolche Art vertheilen und ein Geſchöpf, das doch auch einen Funken der Gottheit in ſich trug, auf ſo niederer Entwickelungs⸗ ſtufe laſſen konnte. Ich hatte wilde Thiere in Käfigen geſehen, welche mir eben ſo verſtändig wie dieſe Indianer vorkamen; die vielgeſtaltige Familie menſchlicher Karikaturen— die Paviane und Affen kamen mir ins Gedächtniß, und ſchienen meinem Auge eben ſo angenehme Gegenſtände, wie jene Wilden. Smudge ſchien es gänzlich an Ideen zu fehlen. Bei ſeinem Tauſchhandel hatte er ſich gänzlich auf Dipper's Wachſamkeit ver⸗ laſſen, den wir für eine Art von Verwandten hielten, und ſogar die Gegenſtände, die er zum Tauſch gegen ſeine Felle erhielt, ver⸗ mochten auf ſeinen leeren, grimmigen Zügen nicht das leiſeſte Zeichen der Freude hervorzurufen. Ihm ſchien jede Aufregung, wenn er ſie überhaupt jemals gekannt hatte, wenigſtens jetzt gänz⸗ lich fremd zu ſeyn und dabei glich dieſe Apathie weit eher einer Miles Wallingford. 17 258 völligen Gefühlloſigkeit als dem wohlbekannten Stoicismus der nord⸗ amerikaniſchen Indianer. Und doch hatte auch dieſer Menſch eine Seele— einen Strahl jenes nie erlöſchenden Lichtes, das den Menſchen vor allen andern irdiſchen Weſen unterſcheidet! Das Becken, in welchem die Kriſis lag, war rings mit Wal⸗ dung umgeben; die Bäume wölbten ſich an den meiſten Stellen über das Waſſer und bildeten zu der Jahreszeit, da ſie im Laube ſtanden, einen undurchdringlichen Schirm, der jeden ins Innere ſtreifenden Blick zurückſcheuchte. Nirgends war eine Spur von Wohnungen ſichtbar und Marble bemerkte, während wir uns dem Ufer näherten, die Wilden könnten ſich blos in ſolchen Augen⸗ blicken, wo ſie ein Schiff des Handels halber zur Einfahrt in die Bucht bewogen hätten, an dieſem Orte aufhalten. „Nein, nein,“ fuhr der Steuermann fort, indem er ſich nach allen Richtungen umſah, um einen vollſtändigen Ueberblick über die Bai zu gewinnen;„da gibt's keine Wigwams, keine Papooſes. Die Gegend hier herum iſt nichts als ein Handelspoſten, wo es zu unſerem Gluck gar keine Mauthbeamten gibt.“ „Aber doch Schmuggler⸗ ſollt' ich meinen, Mr. Marble, ſofern man es Schmuggeln nennen kann, wenn man anderen Leuten ihr Eigenthum ohne ihr Wiſſen abzunehmen ſucht. Ich ſah noch nie⸗ mals ein aufgelegteres Diebsgeſicht, als der Burſche mit dem Beinamen: der Dipper— mit ſich herumträgt; ich glaube, er würde lieber einen unſerer eiſernen Löffel verſchlucken, als daß er ganz auf ihn verzichtete.“ „Ja, ja, mit dem Burſchen habt Ihr Euch nicht getäuſcht, Maſter Mile,* wie Neb Euch iitulirt. Dieſer Schlingel da hat überhaupt nicht ſo viel Hirn im Kopfe, um ſein Cigenthum von dem eines Andern zu unterſcheiden; ich wollte ihn ſogar in unſere Brod⸗ kammer führen und wetten, er verſtände nicht einmal ſich ſatt zu eſſen. In meinem Leben iſt mir noch nie eine ſo ausdrucksloſe „ So geſchrieben, heißt es eigentlich„Meiſter Meile“. D. U. ₰ 259 Menſchengeſtalt vorgekommen; ein förmlicher Simpel würde ihn im Handel noch eben ſo hübſch übervortheilen, wie ein Tabuletkrämer ſeine hölzernen Uhren in Bewegung ſetzt.“ So lautete Marble's Anſicht von Mr. Smudge's Scharfſinn, und meine eigene ſtimmte, ehrlich geſtanden, ſo ziemlich damit überein. Unſere Leute lachten über dieſe Bemerkungen, wie denn die Matroſen gar gern den Witz ihrer Oberſteuermänner belächeln, und ihre Blicke bewieſen, wie ſie ſo ganz unſere Meinung theilten. Das Boot war unterdeſſen immer weiter vorgedrungen und hatte bald die Mündung des Flüßchens erreicht. Wir fanden den Eingang tief, aber eng und voll Krümmen, gleich der Bai ſelbſt mit Bäumen und Gebüſchen und zwar ſo dicht beſetzt, daß es höchſt ſchwierig war, einen Blick ins Land hinein zu werfen, beſonders da die beiden Ufer eine Höhe von zehn bis fünfzehn Fuß hatten. Unter dieſen Umſtänden machte Marble den Vorſchlag, wir ſollten auf beiden Seiten des Flüßchens landen und deſſen Windungen eine kurze Strecke zu Fuß verfolgen, um eine beſſere Gelegenheit zum Rekognosciren zu gewinnen. Unſere Anordnungen waren bald getroffen: Marble und einer von der Bootsmannſchaft ſtiegen, Beide bewaffnet, auf der einen Seite der Mündung ans Land, während Neb und ich, gleichermaßen ver⸗ ſehen, auf der andern das Ufer betraten. Die beiden zurückbleiben⸗ den Matroſen erhielten den Befehl, mit dem Boot in gleicher Höhe mit uns zu bleiben, um, ſobald dies nöthig wäre, uns wieder an Bord nehmen zu können. „Haltet jenen Mr. Smudge im Boote unten, Miles,“ rief Marble über das Flüßchen herüber, als ich eben im Begriff war, den Fuß ans Land zu ſetzen. Ich gab deßhalb dem Wilden ein Zeichen, bemerkte ihn aber alsbald dicht neben mir, ſowie ich die Ebene über dem Fluſſe erreicht hatte. Es war ſo ſchwer, einem ſolchen Geſchöpfe einen Wunſch ohne Mithülfe der Sprache verſtänd lich zu machen, daß ich nach 260 mehreren fruchtloſen Bemühungen, ihn vermittelſt meiner Zeichen zu⸗ rückzubefördern, den Verſuch endlich aufgab und meinen Weg ſo fortſetzte, daß ich die ganze Parthie in der gewünſchten Linie vor mir hatte. Neb erbot ſich zwar, den alten Burſchen in ſeinen Armen nach der Jolle hinabzuſchleppen; allein ich hielt es für klu⸗ ger, jede Gewaltthat zu vermeiden und ſo gingen wir, von unſrer Eskorte begleitet, weiter. Wir bemerkten übrigens nirgends etwas, was Unruhe oder Mißtrauen bei uns hätte erregen können. Wir befanden uns in einem jungfräulichen Walde mit all ſeiner Wildheit, Feuchtigkeit und ſeinen düſteren Schatten, den erſtorbenen oder gefallenen Bäumen und ſeiner ungleichen Oberfläche. Auf meiner Seite war nicht die geringſte Spur eines Fußpfads zu entdecken und Marble rief mir bald darauf zu, auch er habe noch keine Fährte von Männertritten gefunden. So mochten wir eine volle Meile fortgeſchritten ſeyn, feſt überzeugt, daß die Flußwindung bei der Rückkehr den beſten Führer für uns abgeben werde, als uns ein Ruf vom Boote herauf zu wiſſen that, daß ſie nicht mehr Waſſer genug vorfänden und alſo nicht weiter rudern könnten. Marble und ich ſtiegen in demſelben Moment das Ufer hinab und wurden alsbald in die Jolle einge⸗ nommen, um uns wieder nach dem Eingange zu wenden. Smudge ſchlich ſchweigend wie zuvor an ſeinen alten Platz zurück. „Ich ſagte Euch ja, Ihr ſolltet den Orangutang zurücklaſſen,“ bemerkte Marble in ſorgloſem Tone, während er ſeinen eigenen Sitz einnahm, nachdem er zuvor das Boot herumdrehen geholfen hatte, ſo daß die Spitze gegen die Bai hinſah.„Lieber wollt' ich eine Klapperſchlange als ſolch' einen Wechſelbalg zum Hausgenoſſen haben.“ „Das iſt leichter geſagt als gethan, Sir. Maſter Smudge hing ſich an mich wie ein Blutegel.“ „Dem Burſchen ſcheint der Spaziergang recht gut bekommen ₰ — ÿſpy———.—— men 261 zu ſeyn— noch nie habe ich ihn nur halb ſo liebenswürdig ge⸗ ſehen, wie er ſich eben jetzt ausnimmt.“ Natürlich erfolgte darauf wieder ein Gelächter, und auch ich ſah mich nun zum Umſchauen veranlaßt. Zum erſtenmal vermochte ich etwas wie einen menſchlichen Ausdruck in des Wilden Zügen zu entdecken, welche ein Gefühl von Freude zu verrathen ſchienen. „Ich glaube eher,“ bemerkte ich,„er hatte ſich in den Kopf geſetzt, wir wollten unſere Keſſel verlaſſen und er könnte dann ſein Abendeſſen verlieren. Jetzt, da er ſehen muß, daß wir dahin zurück⸗ kehren, mag er ſich vermuthlich vorſtellen, er werde mit vollem Magen zu Bette gehen.“ Marble erklärte dieſe Muthmaßung für höchſt wahrſcheinlich und das Geſpräch nahm ſofort eine andere Wendung. Es hatte uns nicht wenig überraſcht, daß Keiner von uns Beiden in der Nähe des Flüßchens Spuren einer Wohnung, ja nicht einmal das geringſte Zeichen von Menſchen entdeckt hatte. Von einem Lager wenigſtens hätten wir vernunftgemäß erwartet einige Ueberbleibſel aufzufinden; alle hielten deßhalb beim Herunterfahren ein wachſames Auge auf die Ufer geheftet, doch wurde auch jetzt wie beim Herauf⸗ weg nicht die leichteſte Spur eines Fußtritts bemerkt. So erreichten wir die Bai, und da wir noch immer einige Stunden Tag hatten, ſo durchruderten wir ihren ganzen Umkreis, ohne aber auch hier einen Beweis früherer Anweſenheit von Menſchen zu entdecken. Zuletzt ſchlug Marble vor, auch nach dem kleinen waldigen Eilande hinzurudern, das etwas außerhalb des Hafeneingangs lag, da es doch möglich waͤre, daß die Wilden dort ſo etwas wie ein Lager hätten, wie denn der Ort zum Ausgucken in die See hinaus weit beſſer, als jeder andere Punkt innerhalb der Bucht geeignet war. Um dieſen Plan auszuführen, mußten wir nothwendig an un⸗ ſerem Schiffe vorüberfahren, wo uns der Kapitän anrief und ſich nach dem Ergebniß unſerer Unterſuchung erkundigte. Sobald er N 262 unſere nunmehrige Abſicht erfuhr, hieß er uns am Schiffe beilegen, da er uns in eigener Perſon nach dem Inſelchen begleiten wollte. Als Kapitän Williams in das Boot ſtieg, das ziemlich klein und durch Smudge's Anweſenheit etwas überfüllt war, gab Erſterer dieſem ein Zeichen, die Jolle zu verlaſſen— doch eben ſo gut hätte er einer von den Doſten etwas Aehnliches zumuthen können! Lachend über den Stumpfſinn oder die Hartnäckigkeit des Wilden — denn wir wußten kaum, welches von Beiden wir als wahr an⸗ nehmen ſollten— ſtießen wir mit dem Boote ab und ruderten vielleicht zweihundert Schritte über den Eingang hinaus, bis unſer Kiel gegen die niederen Felſen des Inſelchens anſtieß. Das Landen geſchah ohne Schwierigkeit: Neb ging der Ab⸗ theilung voran und verkündete bald durch einen lauten Schrei, daß er eine Entdeckung gemacht habe. Jeder von uns ſah zuerſt nach ſeinen Waffen in der Erwartung, auf ein Lager von Wilden zu ſtoßen— allein wir ſahen uns getäuſcht. Der Neger hatte nichts als die unzweideutigen Spuren eines früheren Bivouaks aufge⸗ funden, das, einigen Zeichen nach zu ſchließen, erſt ganz kurz ver⸗ laſſen worden ſeyn konnte. Die Spuren waren ſehr ausgedehnt; ſie bedeckten die volle Hälfte von dem Innern der Inſel, ließen aber nach Außen einen breiten Rand von Bäumen und Gebüſchen, der den Ort vor jedem Blicke von der See aus völlig verbarg. Die Bäume waren mei⸗ ſtens niedergebrannt— der Feuerung wegen, glaubten wir Anfangs, überzeugten uns aber bei näherer Unterſuchung, daß es ebenſo gut aus Zufall, wie aus Abſicht geſchehen ſein konnte. Anfänglich ließ ſich in dieſem Lager nichts weiter entdecken; es hatte allen Anſchein, als ob es ſeit Jahren nicht in ſeinem oollen Umfange benützt worden wäre, wiewohl die Ueberbleibſel zahlreicher Feuer, einzelne Fußſpuren und ein Brunnen in der Mitte— wie ich oben ſchon ſagte— auf ganz friſche Bewohnung hindeutete. Eine nähere Unterſuchung führte uns aber bald auf 263 gewiſſe Gegenſtände, welche wir nicht ohne große Verwunderung und Beſtürzung wahrnahmen. Marble machte die erſte Entdeckung an einem Geräth, das ein Seemann unmöglich mißkennen durfte— nämlich dem Kopfe eines Steuer ruders mit dem Loch für die Ruderpinne, das einem Schiff von etlichen zweihundertundfünfzig bis dreihundert Tonnen angehört haben mochte. Dies führte ſogleich alle Matroſen zu weiterer Nachforſchung, und nach wenigen Minuten trafen wir, überall umher zerſtreut, Trümmer von Planken, Maſt⸗ und Bodenbalken und anderen Schiffstheilen, alle mehr oder weniger verbrannt und ſämmtlicher metallenen Bänder beraubt: ſogar die Nägel hatte man mit Anſtrengung und Beharrlichkeit herausgezogen und nichts als das Holz übrig gelaſſen, an welchem wir hier den Fichtbaum, dort die Ceder und den Johannisbrodbaum erkannten— zum Beweis, daß das unglückliche Fahrzeug ein Schiff von ziemlichem Werthe geweſen war. Für Letzteres bedurften wir übrigens keiner weiteren Verſiche⸗ rung, denn Niemand als ein Nordweſtküſtenhändler konnte ſo weit an dieſem Ufer heraufgekommen ſeyn und alle Schiffe dieſer Klaſſe gehörten zu den beſten ihres Ranges; auch ließ uns der Johannis⸗ brodbaum, ein den europäiſchen Schiffsbauern gänzlich unbekanntes Holz, kaum einen Zweifel übrig, daß wir in dieſem untergegange⸗ nen Fahrzeuge einen Landsmann zu betrauern hatten. Im Anfange waren wir Alle zu ſehr mit unſerer intereſſanten Entdeckung beſchäftigt, um noch an Smudge zu denken: endlich aber wandte ich mich gegen ihn, um deren Wirkung auf den Wilden zu beobachten. Er verfolgte augenſcheinlich alle unſere Schritte, doch waren ſeine Gefühle, wenn er überhaupt welche hatte, ſo tief unter der Maske des Stumpffinns vergraben, daß ſie all' meinen Scharfblick zu Schanden machten. Er ſah uns Stück für Stück aufheben und unterſuchen, hörte, wie wir uns darüber — freilich in einer ihm unverſtändlichen Sprache— unterredeten, 1 264 und gewahrte, wie wir eins nach dem andern mit anſcheinender Gleichgültigkeit von uns warfen. Endlich brachte er dem Kapitän ein halbverbranntes Scheit und hielt es ihm vor die Augen, als ob er an unſerem Treiben einigen Antheil zu nehmen anfinge. Es war, wie ſich zeigte, nichts weiter als ein Stück gewöhnlichen Holzes, ein Ueberbleibſel einer der Waldbuchen, welche in der Nähe eines erloſchenen Holzſtoßes umherlagen; wir konnten Alle hieraus abnehmen, daß der Burſche den Grund der Theilnahme, welche wir verriethen, nicht begriff und von dem fremden Schiffe offenbar nichts wiſſen mußte. Während wir in dem verlaſſenen Lager umher gingen, fanden wir die Spuren eines Fußpfads, der nach dem Ufer hinab führte: die Fährte war unverkennbar, erreichte aber das Waſſer nicht bei der Einfahrt, welche die Kriſis, vom Dipper geführt, betreten hatte, ſondern auf der entgegengeſetzten Seite an einem Punkte, der von unſerem gegenwärtigen Ankerplatze aus gar nicht geſehen werden konnte. Hier entdeckten wir eine Art Landungsplatz und viele von den ſchwereren Stücken des Wracks, welche kein Metall an ſich gehabt und die man deßhalb auch nicht nach dem Feuer hinaufzuſchleppen für nöthig erachtet hatte. Unter anderen Dingen dieſer Art ſtießen wir auf ein Stück vom Kiel, volle dreißig Fuß lang, das Kol⸗ ſchwien, die Kolſchwienbolzen, die Bauchſtücke— Alles noch daran— bis jetzt der einzige Fall, daß wir ein Stück Eiſen vorfanden und auch dies blos deßhalb, weil das Bruchſtück zu ſtark und ſchwer geweſen war, um ſich ans Feuer transportiren zu laſſen. Wir ſchauten uns ſorgfältig nach allen Richtungen um, in der Hoffnung, etwas aufzufinden, was uns über die Entſtehung des unglücks, das hier offenbar ſtattgefunden hatte, aufflären könnte: — aber längere Zeit blieb Alles umſonſt. Endlich gelang es: ich ſchlenderte nämlich in einiger Entfernung vom Landungsplatze um⸗ her und ſetzte mich auf einen flachen Stein, der augenſcheinlich als 265 4 Ruheplätzchen auf den eigentlichen Felſen, welcher die Inſel zum größeren Theile umgab, gelegt worden war. Mein Sitz war nicht ſehr feſt und um ihn mir bequemer zurecht zu rücken, ſchob ich den Stein weg und fand, daß er auf einer gewöhnlichen Logſchie⸗ ferplatte ruhte: dieſelbe war mit noch deutlichen Schriftzügen be⸗ deckt und bald ſtand unſer ganzes Häufchen um mich verſammelt, begierig, deren Inhalt kennen zu lernen. Der traurige Bericht lau⸗ tete folgendermaßen: „Die amerikaniſche Brigg Seeotter, Schiffsherr John Squires, ward am 9. Juni 1797 in dieſe Bai gelockt und am Morgen des 11. von den Wilden überfallen. Schiffsherr, zweiter Steuer⸗ mann und ſieben Matroſen wurden auf der Stelle getödtet; die Brigg ſelbſt zuerſt ausgeplündert, dann hierher gebracht und des Eiſens halber bis auf den Waſſerſpiegel niedergebrannt. David King, Oberſteuermann und ſechs Andere, nämlich Georg Lunt, Henry Webſter, Stephan Stimpſon und John Harris, Matroſen, Bill Flint, Koch nebſt Peter Doolittle,* dem Schiffsjungen, ſind noch am Leben, aber Gott allein weiß, was aus uns werden ſoll. Ich will dieſe Schiefertafel unter den Stein legen, auf dem ich eben ſitze, in der Hoffnung, daß ſie eines Tags unſeren Freunden erzählen wird, was hier vorgegangen.“ Betroffen ſchauten wir einander an. Marble und der Kapitän erinnerten ſich von einer im Nordweſthandel verwendeten Brigg, Namens Seeotter, gehört zu haben, welche vermißt wurde, und hier fanden wir nun eine Mittheilung, welche faſt ein Wunder zu nen⸗ nen war und uns in das Geheimniß von dem Verſchwinden des Fahrzeugs einweihte. „Hereingelockt“— wiederholte der Kapitän, indem er die Handſchrift noch einmal überlas, welche auf ſo ſonderbare Weiſe und in einer Lage erhalten worden war, wo man hätte glauben * Paßt nicht recht zu ſeinem Beruf— dieſer Name: er heißt nämlich auf deutſch—„Thuwenig.“ D. u. er Entdeckung ausgeſetzt ls tauſendmal ein ich an die ganze Sache zu be⸗ en Wind hätten, ihr Herrn, ſo würde ich noch heute Nacht unter Segel gehen.“ ſollen, ſie müſſe mehr a geweſen ſein.„Ja, ja, jetzt fange greifen. Wenn wir nur ein Bisch „Da wäre es aber kaum der Mühe werth, daß wir uns ſo lange aufgehalten häͤtten, Kapitän Williams,“ gab der Oberſteuer⸗ mann zur Antwort;„wir ſind ja jetzt auf unſerer Hut und ich bin ſo ziemlich überzeugt, daß ſich in unſerer Nachbarſchaft keine Wil⸗ den befinden. Der Dipper und ſeine Freunde haben ſo weit ehr⸗ lich mit uns gehandelt und es iſt nicht unwahrſcheinlich, daß ſie noch mehr Felle zum Austauſche bringen. Dieſer Burſche, den unſere Leute Smudge getauft haben, benimmt ſich mit einer Kalt⸗ blütigkeit, daß ich ihm kaum ein Mitwiſſen von dem Untergange der Seeotter zutrauen mag: ſie kann recht leicht durch einen ganz anderen Haufen abgeſchnitten worden ſeyn.“ Dieſe Bemerkungen hatten viel für ſich und verfehlten auch ihre Wirkung auf den Kapitän nicht. Dieſer beſchloß übrigens, Smudge auf die Probe zu ſtellen; er hielt ihm deßhalb die Schie⸗ fertafel vor Augen und ſuchte ihn auch ſonſt in Kreuz⸗ und Querfragen zu verwickeln, ſo weit dies durch bloße Zeichen geſchehen konnte. ltiger Zuſchauer würde ſich Ich darf wohl ſagen, ein gleichgůͦ halb todt gelacht haben, wenn er unſere Bemühungen, den In⸗ dianer in Verwirrung zu bringen, mit angeſehen hätte. Grimaſſen, Fingerzeige, Ausrufe, Hallohs, Flüche und Gebärden— Alles war vergeblich. Smudge blieb ſo unbeweglich wie das Kielſtück, mit wel⸗ chem er confrontirt wurde. Der Burſche verſtand uns nicht oder wollte uns nicht verſtehen; ſeine Dummheit trotzte unſeren Proben, und Marble, an einem Erfolge verzweifelnd, gab die Sache zuletzt auf, indem er erklärte,„die Beſtie weiß ja überhaupt von Nichts und um ſo weniger noch von der Seeotter.“ Was vollends die Schiefertafel betraf, ſo ſchien er nicht die leiſeſte Ahnung davon zu Peſiten, was ſolch ein Ding zu bedeuten habe. 267 Wir kehrten ſofort nach dem Schiffe zurück, welchem wir die Schiefertafel nebſt der Meldung unſerer Entdeckungen überbrachten: alle Matroſen wurden verſammelt und der Kapitän hielt uns eine Rede, welche für ihren Zweck ganz gut war, aber auch keine Spur eines„gottähnlichen“ Charakters an ſich trug. Er erzählte uns, wie ſo manche Schiffe durch die Sorgloſigkeit ihrer Mannſchaft zu Grunde gegangen ſeien, erinnerte uns, daß wir uns an der Nordweſtküſte befänden, wo ein Schiff mit einigen Büchſen voll Glasperlen, et⸗ lichen Ballen Wollendecken— vom Schießpulver, den Feuerwaffen und Eiſenſtücken gar nicht zu reden— denſelben Werth, wie in unſe⸗ ren Häͤfen ein mit Goldſtaub beladenes Fahrzeug beſäße. Auf⸗ merkſamkeit im Wachdienſt und Gehorſam gegen die Schiffsbefehle im Falle eines Allarms— das waren die beiden Hauptgegenſtände, bei welchen er verweilte: wollten wir dieſe beiden großen Erfor⸗ derniſſe beachten, ſo war für unſere Sicherheit nichts zu beſor⸗ gen, wogegen wir bei Mißachtung derſelben höchſt wahrſcheinlich das Loos jener Briggbemannung theilen würden, von welcher wir ſo eben einige Ueberreſte aufgefunden hätten. Ich muß geſtehen, daß ich eine unbehagliche Nacht verlebte. Ein unbekannter Feind bleibt immer furchtbar und lieber hätte ich's mit drei Guarda⸗Coſta's zumal aufgenommen, als in dieſer ſpiegelglatten Bai daliegen, umringt von Wäldern, ſo ſtumm wie eine Einoͤde, und auf einem wohlbewaffneten Schiffe, das auf allen Punkten, ſogar den Enterfinkenetten zum Empfange der Gegner vorbereitet war. Doch von Allem, was wir beſorgten, erfolgte— Nichts. Dipper und Smudge verſpeisten ihr Abendbrod mit dem Appetite beleidigter Unſchuld und ſchliefen wie ein paar Kloͤtze: wenn die Beiden ſchuldig waren— darüber herrſchte nur eine Stimme— ſo mußte ihnen jedenfalls alles Gewiſſen abgehen. Wir ſelbſt blie⸗ ben auf dem Qui vive bis nahe gegen Morgen, d. h. bis zu dem Augenblick, wo die Gefahr, wenn es überhaupt eine gab, voraus⸗ 268 ſichtlich am größten geweſen wäre; dann aber wurden alle, die ſich nicht im Dienſt befanden und auch manche von dieſen, von Ueber⸗ müdung befallen. Kein Ereigniß unterbrach die Ruhe. Die Sonne kam zu ihrer Zeit und vergoldete mit ihren Strahlen die Wipfel der Baͤume, unſere kleine Bai begann ſich in ihrem Glanze zu erwärmen und mit der Munterkeit, welche in der Regel eine ſolche Scene beglei⸗ tet, verſchwanden für den Augenblick unſere meiſten Beſorgniſſe. Eine Nacht der Ueberlegung hatte unſere Befürchtungen beſchwichtigt und wir erwachten am nächſten Morgen ſo gleichgültig über das Schickſal der Seeotter, wie ſich dies nur irgend geziemen mochte. — Dreizehntes Kapitel. Den Herrſcherſinn— die Kunſt zu kommandiren, Die Götterkraft— Napoleons Geheimniß,⸗ Die Herzen von Millionen zu regieren, Zu bilden, feſſeln, bis im Einverſtändniß Sie ſchlagen— das beſitzt er Alles! Halleck— Rothjacke. Smudge und Dipper benahmen ſich den ganzen nächſten Tag höchſt bewundernswürdig: Rind⸗, Schweinefleiſch und Brod— dieſe großen Lebensbedürfniſſe des Amerikaners, welche, wie der Europäer ſo gerne behauptet, das primum mobile ſeines Daſeyns bilden— ſchienen ihre Gedanken ganz in Anſpruch zu nehmen und waren ſie nicht mit Eſſen, ſo waren ſie deſto mehr mit Schlafen beſchäf⸗ tigt, ſo daß wir uns endlich ſchämten, ſolche bloße Thiere zu be⸗ wachen, und unſere Gedanken auf andere Gegenſtände richteten. Wir hatten vom Ducker erfahren, daß wir erſt nach Verfluß von acht und vierzig Stunden die weiteren Felle erwarten durften, und Kapitän Williams, von der Angſt zur äußerſten Sorgloſigkeit 269 übergehend, beſchloß deßhalb den lieblichen Tag dazu zu benützen, daß er alle drei Stengen abnehmen oder vielmehr abtackeln ließ, um an ihrem Tauwerk einige nothwendige Verbeſſerungen vorzu⸗ nehmen. So wurden die Matroſen um neun Uhr an die Arbeit geſtellt und noch vor Mittag war das Schiff faſt ganz en déshabillé. Wir nahmen zwar ſo wenig wie möglich herunter und ließen ſogar die Marsraaen, doch ohne Tappenants oder Braſſen, oben, indem wir ſie mit Leittauen befeſtigten; gleichwohl wurden die Stengen, ſoweit en anging, herabgelaſſen, ohne gerade die unteren Raaen in die Hängmattentücher zu legen. Kurz wir verſetzten das Schiff in den unlenkbarſten Zuſtand, wobei übrigens die Decks nicht ſehr in Unordnung kamen. Die Sicherheit des Hafens und das ausnehmend ſchöne Wetter ermuthigten den Kapitän zu ſolchem Beginnen, denn jede Art von Beſorgniß ſchien ihn jetzt gaͤnzlich verlaſſen zu haben. Unſere Arbeit ſchritt munter vorwärts: wir beſaßen nicht nur eine ſtarke, ſondern auch höchſt tuͤchtige Bemannung und ſobald ſich's um die Tackelage handelte, fühlten ſich unſere Philadelphier in ihrem eigentlichen Element. Mit Sonnenuntergang waren die Tauſcheuern unterſucht, vertheilt und friſch ausgerüſtet, das Tackel⸗ werk der Stengen wieder über die Marſen gebracht und daſelbſt aufgeſetzt— überhaupt für den kommenden Morgen Alles zum Aufhiſſen bereit gehalten. Aber ein ſo arbeitsvoller Tag verlangte auch eine tüchtige Nachtruhe und ſämmtliche Mannſchaft wurde deßhalb angewieſen, ſich unmittelbar nach dem Abendeſſen niederzulegen: das Schiff ſollte der Wachſamkeit des Kapitäns und ſeiner drei Steuermänner über⸗ laſſen bleiben. Die Ankerwache zog um acht Uhr auf und wurde alle zwei Stunden abgelöst. Mich traf die Reihe von Mitternacht bis zwei, Marble von zwei bis vier Uhr und dann ſollten alle Matroſen zum Einſetzen der Stengen aufgerufen werden. 270 Als ich um zwoͤlf Uhr aufs Verdeck kam, fand ich den dritten Steuermann mit dem Ducker im eifrigſten Geſpräch— ſo weit dies nämlich möglich war; Letzterer, wie auch Smudge, hatte den Tag über ſo viel geſchlafen, daß Beide geneigt ſchienen, die Nacht mit Rauchen zuzubringen. „Wie lange ſind dieſe Burſche ſchon auf dem Deck?“ fragte ich den dritten Steuermann, als er eben hinabgehen wollte. „Meine ganze Wache hindurch; ich fand ſie ſchon mit dem Kapitän zuſammen, der ſte mir zur Geſellſchaft übergab. Wenn der Burſche, der Ducker hier, nur auch ein Bischen von einer menſchlichen Sprache verſtünde, dann könnte man ſich ſeine Unter⸗ haltung ſchon gefallen laſſen; aber ſo mit bloßen Zeichen— das Zeug iſt mir ſo gründlich entleidet, als es nur je eine harte Ar⸗ beit geweſen ſein kann.“ Ich war bewaffnet und ſchämte mich, vor einem wehrloſen Menſchen Furcht zu zeigen. Dann boten auch die beiden Wilden keinen weiteren Grund zum Mißtrauen, denn Ducker hatte ſeinen Sitz bei der Winde eingenommen, wo er ſeine Pfeife anſcheinend mit einer Gelaſſenheit rauchte, welche dem ernſthafteſten Paviane Ehre gemacht hätte, während Smudge nicht einmal Verſtand ge⸗ nug zum Rauchen zu beſitzen ſchien— eine Beſchäftigung, welche wenigſtens das Verdienſt hat, dem Manne einen gewiſſen Anſtrich von Weisheit und Nachdenken zu verleihen. Ob die ächten, leidenſchaftlichen Raucher in Wahrheit weiſer als die Uebrigen ihres Geſchlechtes ſind oder nicht— ich konnte es niemals herausbringen; aber ſo viel wird man mir zugeben, daß ſie manchmal wenigſtens ſo aus⸗ ſehen. Es war wirklich Schade, daß Smudge dieſer Landesſitte nicht pflegte, da ſie dem Burſchen den Anſchein gegeben hätte, als ob er zuweilen über Etwas nachdächte, denn während ſein Gefährte ſich an der Winde ſeines Pfeiſchens erfreute, ſah ich ihn, faſt wie ein Schwein, immer denſelben Weg und ſcheinbar mit dem gleichen Ziel vor Augen, auf dem Verdecke herumſtrolchen. ₰ 271 Ich übernahm die Aufſicht über die Decks nicht, ohne das Eigenthümliche unſerer Lage ſehr lebhaft zu fühlen. Die Sicher⸗ heit, welche überall am Borde herrſchte, kam mir unnatürlich vor, und doch vermochte ich nirgends einen beſonderen Grund für un⸗ mittelbare Beſorgniſſe zu entdecken. Freilich konnte ich von den bei⸗ den Wilden über Bord geworfen und ermordet werden, allein was ſollte es ihnen nützen, mich aus dem Wege zu räumen, da ſie doch nicht hoffen durften, alle meine Kameraden am Bord unentdeckt vernichten zu können? Die Nacht war ſternhell und wenig Aus⸗ ſicht vorhanden, daß ſich ein Canoe, von mir ungeſehen, dem Schiffe nähern könnte— ein Umſtand, der an ſich ſchon faſt jede Gefahr von uns ferne hielt. So verſloß mir die erſte Viertelſtunde im Nachſinnen über dieſe Dinge; dann aber fing ich an, da ich nachgerade durch die Länge der Zeit an meine Lage gewöhnt war, an derlei Sachen weniger zu denken und zu anderen Gegenſtänden überzugehen. Clawbonny, Grace, Lucy und Mr. Hardinge traten mir in dieſem entfernten Theile des Oceans gar oft vor Augen; ſelten verlebte ich eine ruhige Nachtwache, ohne die Schauplätze meiner Knabenjahre im Geiſte zu beſuchen und in Geſellſchaft meiner ge⸗ liebten Schweſter und ihrer nicht minder geliebten Freundin auf meinen eigenen Feldern umherzuwandern. Wie viele glückliche Stunden hatte ich auf dieſe Art auf der ſpurloſen Einöde des ſtil⸗ len, wie des atlantiſchen Oceans verträumt, und mit welcher Treue pflegte mir mein Gedächtniß die eigenthümlichen körperlichen wie geiſtigen Reize jedes der beiden Mädchen zu ſchildern! Seit meiner neulichen Anweſenheit in London kam auch öfter Emilie Merton, um mit ihren gebildeteren Reden, ihren feineren Manieren das Gemälde zu ſchmücken, und gleichwohl kann ich mich nicht erinnern, daß ich ihr jemals mehr als den dritten Platz in der Stufenleiter meiner Bewunderung eingeräumt hätte. Auch jetzt hatte ich mich bald in ſolchen Träumereien aus der 272 Vergangenheit, in Bildern der Zukunft verloren. Ich war zwar nicht beſonders geſchickt im Erbauen von Luftſchlöſſern; aber wo iſt der Jüngling von zwanzig, wo das Mädchen von ſechzehn Jahren, welche ſich nicht derartige Gebilde— die phantaſievollen Bauten der Unerfahrenheit, errichtet mit den Materialien der Hoffnung— zuſammengefügt hätten? In meinen ſchwungreichſten Momenten konnte ich mir ſogar Ruprecht als emſigen, beharrlichen Advokaten vorſtellen, der für ſeinen Stand ſchwärmte und Lucy wie Grace glücklich machte. Darüber hinaus— nein, weiter konnten menſch⸗ liche Fähigkeiten nicht ſchweifen. Lucy hatte eine ſüße Stimme und ihre Lieder verfolgten mich zu Zeiten Stunden lang, ſo daß ich an Nichts als an ihren gefühl⸗ vollen Ausdruck, an ihre rührende Melodie zu denken vermochte. Ich war ſelbſt keine Nachtigall, wenn ich auch zuweilen eine oder die andere von den Weiſen, welche gleich ſchoͤnen Bildern der Ver⸗ gangenheit in meiner Erinnerung ſchwebten, vor mich hinzuſummen verſuchte. Gerade in dieſer Nacht ſchweiften meine Gedanken zu einem dieſer Geſänge zurück, welche von Zärtlichkeit, von der Heimath ſprachen, und ſo ſtand ich mehrere Minuten lang über die vordere Reling gelehnt und brummte die Melodie, indem ich mir nicht nur die Worte, ſondern auch die ſüße Stimme ins Gedächtniß zurückzurufen verſuchte, welche dem Hörer immer ſo tief zu Herzen gegangen war. Wie oft hatte ich auch zu Clawbonny ſo vor mich hingeſummt? Dann hatte mir Lucy ihr weiches Händchen auf den Mund gelegt und lachend gerufen:„Miles! Miles! verdirb mir nicht das ſchöne Lied! Arbeite lieber an deinem Latein, in der Muſik wirſt du's doch zu Nichts bringen!“. Manchmal ſtahl ſie ſich hinter mich— wahrlich, ich glaubte ihren Athem an meiner Schulter zu ſpüren, während ich ſo über die Reling lehnte— und pflegte, unter ihren vielfachen Verſuchen der Art, auch wohl ihre Hand liſtig auf meine Lippen zu preſſen. ₰ 2 273 Ja ſo lebhaft ſtand mir eine dieſer Scenen vor Augen, daß ich die weiche, zarte Hand wirklich zu fühlen glaubte und ſie in der That gerade küſſen wollte, als mir etwas, was zwar ſehr glatt, aber nichts weniger als ſanft war, zwiſchen die Zähne geſchoben und ſo ſtark um den Mund zuſammengezogen wurde, daß ich keinen Laut auszuſtoßen vermochte. Zu gleicher Zeit wurden meine Arme erfaßt und wie in einem Schraubſtock feſtgehalten. Ich drehte mich um, ſo weit ich's vermochte und fand, daß der Schuft von Smudge nur einen Zoll hinter mir geathmet hatte, als er mir den Knebel in den Mund ſteckte, während der Ducker damit beſchäftigt war, mir die Arme hinter dem Rücken zuſammen zu binden. Alles war ſo plötzlich und mit ſo viel Geſchicklichkeit ausgeführt worden, daß ich mich faſt in einem einzigen Augenblick als hülfloſen Gefangenen ſehen mußte! Da ich ebenſo wenig Widerſtand leiſten als L konnte, wurde ich alsbald, an Häͤnden und Füßen gebunden, mit aller Sorgfalt in die Kuhl, wo ich etwas außer dem Wege war, geſchafft; mein Leben verdankte ich wahrſcheinlich blos Smudge’'s Wunſche, mich als Sklaven für ſich zu behalten. Von dieſem Augenblicke an war jeder Schein von Stumpfheit aus dem Geſicht und dem ganzen Weſen des Burſchen verſchwunden und er trat von jetzt an als der leitende Geiſt und ſo zu ſagen, die Seele bei ferneren Schritten ſeiner Kameraden auf. Da ſaß ich denn, an eine Spiere gebunden, mir ſelbſt zu helfen, ein unfreiwilli gänge. Ich fühlte die hohe Gefahr unſerer Lage, mehr aber noch die Schande, daß ein ſolcher Ueberfall während meiner Wache ſich ereignet hatte, ja dieſes letztere Gefühl lag mir, glaub' ich, weit naͤher als die perſönliche Gefahr, der ich mich ausgeſetzt ſah! Vor Allem ward ich nun entwaffnet: dann nahm der Ducker eine Laterne, die auf dem Kompaßhäuschen ſtand, zündete ſie an und ließ ſie eine halbe Minute lang über den Hackbord hinaus⸗ Miles Wallingford. 18 ärm machen gänzlich unfähig ger Zeuge der folgenden Vor⸗ 274 leuchten. Sein Signal mußte augenblicklich beantwortet worden ſeyn, denn er löſchte gleich darauf ſein Licht aus, und ſchlich dann in tiefer Achtſamkeit auf dem Verdecke umher, um Jeden, der von unten heraufkäme, ſogleich feſtzunehmen. Allein davon war wenig zu beſorgen, da die Müdigkeit meine Gefährten ſo feſt an ihre Hängematten gefeſſelt hielt, als ob ſie mit eiſernen Bolzen angenagelt geweſen wären. Ich erwartete nunmehr unſere Jolle von den Burſchen mit Effekten gefüllt und entführt zu ſehen, denn bis jetzt konnte ich nicht wohl annehmen, daß zwei Männer die Keckheit beſitzen und eine Schiffsmannſchaft wie die unſere angreifen würden. 1 Ich hatte die Rechnung ohne den Wirth gemacht, denn kaum mochten zehn Minuten ſeit meiner Gefangennahme verfloſſen ſeyn, als dunkle Geſtalten an den Schiffswänden heraufzuklettern begannen, bis ihrer mehr als dreißig von ihnen auf dem Verdecke ſtanden. Auch dies geſchah ſo geräuſchlos, daß ſelbſt die angeſtrengteſte Aufmerk⸗ ſamkeit von meiner Seite mir ihre Annäherung nicht eher ver⸗ kündete, als bis ſie bereits unter uns ſtanden. Alle waren bewaff⸗ net, einige mit Flinten, andere mit Keulen und wieder andere mit Bogen und Pfeilen; ſo viel ich entdecken konnte, führte jeder eine Art von Meſſer, einige wenige auch Aexte oder Tomahawks bei ſich. Zu meinem großen Leidweſen ſah ich, wie drei bis vier augen⸗ blicklich an die Kajütentreppe hinten und eben ſo viele an die Tölpelslucke* vorn beordert wurden, ſo daß ſie gerade die beiden Ausgänge beherrſchten, durch welche Offiziere und Mannſchaft, falls ſie aufs Deck zu kommen verſuchten, muthmaßlich heraufſteigen mußten. Zwar wurde bei Tag meiſt die große, ſowie die Stern⸗ lucke benutzt; beide aber waren über Nacht zugedeckt und Niemand wurde es eingefallen ſeyn, ſie betreten zu wollen, wenn er nicht etwa um die Gefahr auf dem Verdeck gewußt hätte. „ So wird die Oeffnung nach dem Volkslogis ſcherzweiſe genannt. 4 D. U. ₰ ——— 275 Der Knebel und die Stricke, welche meine Glieder feſſelten, ſchmerzten mich heftig, doch dachte ich kaum an dieſe Qual, ſo ſehr war meine Neugierde auf die kommenden Ereigniſſe geſpannt. Die erſte Viertelſtunde, nachdem ſich die Wilden am Bord verſammelt hatten, verſtrich unter vorläufigen Anordnungen, wobei Smudge, der ſtumpfſinnige, leb⸗ und gefühlloſe Smudge als Häuptling auftrat und nicht nur große Gewalt über ſeine Kameraden, ſondern auch Scharfblick und Entſchloſſenheit an den Tag legte. Er ſtellte alle ſeine Leute in Hinterhalt, ſo daß wer etwa von unten heraufge⸗ kommen wäre, die Veraͤnderung auf dem Deck nicht ſogleich wahr⸗ genommen hätte, wodurch den Wilden Zeit zu handeln übrig blieb. Nach dieſem verfloß abermals eine Viertelſtnnde im tiefſten Schweigen, ſo daß man faſt eine Nadel auf den Boden hätte fallen horen. Es war eine furchtbare Pauſe— ich ſchloß die Augen und verſuchte zu beten. „Aufs Deck, hierher— vorwärts, dorthin!“ rief plötzlich eine Stimme, die ich augenblicklich als die des Kapitäns erkannte. Ich würde die Welt darum gegeben haben, wenn ich ihm hätte antworten und ihn vor der Gefahr warnen können— allein es war rein unmöglich. Ich ſtöhnte laut; der Kapitän mußte mich wohl gehört haben, denn er entfernte ſich von der Kajütenthüͤre und rief: „Mr. Wallingford— wo ſeyd Ihr denn hingerathen, Mr. Wallingford?“ Er war, ohne Hut, blos halb angekleidet aufs Deck herauf⸗ gekommen, um nachzuſehen, wie die Nacht ablief, und noch jetzt muß ich ſchaudern, indem ich erzähle, wie plötzlich ein Schlag, der einen Ochſen gefällt haben würde, ſeinen unbedeckten Schädel traf und augenblicklich zerſchmetterte. Die Vorſicht der Mörder verhin⸗ derte ſein Niederfallen, denn ſie wollten die Schläfer unten nicht aufwecken, wiewohl das Plätſchern des Waſſers, das darauf er⸗ folgte, meinen Ohren nicht entgehen konnte, welche jeden Laul mit wahrer Gier verſchlangen. 276 So ſtarb Kapitän Williams— ein milder, wohlmeinender Mann und trefflicher Seefahrer, deſſen Hauptfehler Mangel an Vorſicht war. Ich glaube kaum, daß es noch des Waſſers bedurfte, um ſein Geſchick zu beſchließen, denn Nichts, was Leben hatte, würde einen ſolchen Schlag überdauert haben. Smudge hatte bei dieſer gräßlichen Seene die Hauptrolle ge⸗ ſpielt und ließ, ſobald ſie zu Ende war, ſeine Leute in ihren Hinter⸗ halt zurückkehren. Ich dachte nun, Offiziere und Matroſen ſollten jetzt einer nach dem andern, wie ſie aufs Verdeck heraufkämen, auf gleiche Weiſe ermordet werden. Bald war es Zeit, daß Marble aufzuſtehen hatte: doch hegte ich noch immer die Hoffnung, daß dies unterbleiben würde, wenn ich ihn nicht weckte, und ich— in meiner Lage— konnte es ja keinesfalls thun. Aber ich hatte mich getäuſcht: ſtatt die Leute aufs Verdeck heraufzulocken, verfolgten die Wilden einen ganz andern Kurs. Nachdem der Kapitän aus dem Wege geräumt war, ſchloßen ſie die Thüren der Kajütentreppe, zogen den Deckel über die Tölpellucke und ergriffen ſo das ſichrere Auskunftsmittel, die unten Befindlichen ſämmtlich gefangen zu nehmen. Dieß geſchah nicht ganz ohne Geräuſch und offenbar hatte die Art, wie die Riegel vorgeſchoben worden waren, die Schläfer unten aufgeweckt, denn ich hoͤrte ein Poltern an der Kajütenthüre, welchem bald darauf ein ähnlicher Larm an der Tölpellucke folgte und nur Smudge's Scharfſinn war es zu danken, wenn beide Verſuche erfolglos blieben. Sobald ſich die Wilden ihrer Gefangenen hinlänglich verſichert hatten, kamen ſie und lockerten die Stricke an meinen Armen, ſo daß mir wieder etwas leichter wurde; die Riemen an meinen Füßen wurden ganz entfernt und der Knebel zu gleicher Zeit aus meinem Munde genommen. Dann führte man mich an die Kajüten⸗ treppe und gab mir durch ein Zeichen zu verſtehen, daß ich mit meinen Freunden unten ſprechen ſollte. Bei allen dieſen Anord⸗ nungen ſah ich immer in Smudge, dem Halbmenſchen, dem dummen, ₰ ——*x&— 8 277 thieriſch ausſehenden Smudge den Rädelsführer des Ganzen; auch ſchloß ich hieraus, daß mein Leben aus Gründen, die ich mir für jetzt nicht zu erklären vermochte, für einige Zeit wenigſtens geſchont werden ſollte. Ich rief nicht ſogleich hinunter, ſondern wartete, bis ich eine Bewegung auf der Leiter vernahm, worauf ich endlich den Befehlen meiner Gefangenwärter und Herrn Folge leiſtete. „Mr. Marble,“ ſchrie ich laut genug, um unten gehört zu werden,„ſeyd Ihr es?“ „Ja, ja— ſeyd Ihr's auch, Maſter Miles?“ „Freilich bin ichs. Seyd vorſichtig, was Ihr auch thut, Mr. Marble. Die Wilden ſind im Beſitz des Oberdecks und ich bin ihr Gefangener. Die Mannſchaft iſt ſämmtlich unten und ſie haben eine ſtarke Wache an der vorderen Springlucke.“ Ich höͤrte einen langen halblauten Pfiff hinter der Kajüten⸗ thüre, den ich mir ſehr leicht als Ausdruck der Verwunderung und Beſtürzung von Seiten des Oberſteuermanns deuten konnte. Ich ſelbſt ſah keinen Nutzen in der Verſtellung, war vielmehr entſchloſſen, alles offen zu verhandeln, ſelbſt auf die Gefahr hin, den Feinden, von denen wahrſcheinlich mehr als einer etwas Engliſch verſtehen mochte, meine Gefühle einigermaßen zu verrathen. „Wir vermiſſen Kapitän Williams hier unten,“ begann Marble nach kurzer Pauſe aufs Neue.„Iſt Euch etwas von ſeinem Thun und Treiben bekannt?“ „Ach, Mr. Marble— der arme Kapitän Williams kann uns jetzt nicht mehr von Nutzen ſeyn.“ „Was iſt's mit ihm?“ lautete die nächſte Frage, mit heller, voller Stimme und mit der Schnelligkeit des Blitzes ausgeſprochen. „Laßt mich's lieber auf einmal wiſſen.“ „Er wurde durch einen Schlag mit der Keule getödtet und über Bord geworfen.“ Todtenſtille folgte nunmehr— ſie dauerte faſt eine Minute lang. „Dann iſt es meine Schuldigkeit, zu entſcheiden, was geſchehen 278 ſoll!“ rief Marble endlich.„Seyd Ihr in Freiheit, Miles— dürft Ihr ſagen, was Ihr denkt?“ 1 „Ich werde hier von zwei Wilden feſtgehalten, deren Ge⸗ fangener ich freilich bin. Gleichwohl ermuntern ſie mich zum Sprechen, Mr. Marble; aber ich fürchte, einige unter ihnen ver⸗ ſtehen, was wir reden.“ Abermalige Pauſe, während welcher der Oberſteuermann ohne Zweifel über den beſten Weg nachdachte, den er einſchlagen könnte. „Hört einmal, Miles,“ fuhr Marble fort,„wir kennen ein⸗ ander und wiſſen auch ohne vieles Plappern, was gemeint iſt.— Wie alt ſeyd Ihr, auf dem Decke da draußen?“ „Volle dreißig Jahre, Mr. Marble— und feſte, tüchtige Jahre noch obendrein.“ „Gut verſehen mit Schwefel und Pillen oder blos mit india⸗ niſchen Werkzeugen, wie unſere Knaben zuweilen damit ſpielen?“ „Von Erſterem ein Bischen— vielleicht ein halb Dutzend: mit einigen der Letzteren und einer Menge Tranſchirmeſſer.“ Ein ungeduldiger Puff von Seiten Duckers ermahnte mich, deutlicher zu ſprechen und überzeugte mich zugleich, daß der Burſche das, was vorging, verſtand, ſo lange wir uns auf eine unver⸗ ſtellte Ausdrucksweiſe beſchränkten— eine Entdeckung, welche mich von jetzt an nur noch vorſichtiger machte. „Ich verſtehe Euch,“ gab Marble nachdenklich zur Antwort; „wir müſſen auf der Hut ſeyn. Glaubt Ihr, daß ſie im Sinne haben herabzukommen?“ „Ich ſehe noch keine Anzeichen dieſer Art— aber das Ver⸗ ſtehen“— ich legte beſonderen Nachdruck auf das Wort—„iſt allgemeiner als Ihr glaubt und Geheimniſſe dürfen nicht verhandelt werden. Mein Nath iſt, Millionen zur Vertheidigung und nicht einen Cent als Tribut.“ Da letztere Phraſe, welche ſich von dem damals beſtehenden Kriege mit Frankreich herſchrieb, zu jener Zeit in dem Munde jedes — 279 Amerikaners war, ſo glaubte ich zuverſichtlich, ſie würde verſtanden werden. Marble gab keine Antwort: ich durfte mich von der Ka⸗ jütentreppe zurückziehen und mich auf den Hühnerkörben niederlaſſen. Meine Lage war ſonderbar genug. Noch war es finſter, aber immerhin ſternhell genug, um all die ſchwarzbraunen, wilden Ge⸗ ſtalten über das Verdeck hinhuſchen zu ſehen, und ſogar bei denen, welche mir von Zeit zu Zeit nahe kamen, um mich anzuſtarren— etwas von dem Ausdrucke ihrer Mienen unterſcheiden zu können. Sie ſchienen von roher, trotziger Sinnesart; aber ein gebieteriſcher Geiſt hielt offenbar all' dieſe wilden Geſchöpfe in ſtrenger Unter⸗ würfigkeit, zähmte den Ungeſtüm ihrer Launen, hielt ihren groben Hang zur Gewaltthat in Schranken und brachte Plan und Ueber⸗ einſtimmung in alle ihre Schritte. Dieſer imponirende Geiſt war Smudge! Er war's, ich durfte nicht daran zweifeln; ſeine Gebärden, ſeine Stimme, ſeine Befehle brachten Leben und Ueberlegung in Alles, was ſie thaten. Ich be⸗ merkte, daß er zwar ruhig, aber in gebietendem, zuverſichtlichem Tone ſprach, und daß man ihm, wenn auch ohne alle Zeichen be⸗ ſonderer Ehrfurcht, ſo doch jedenfalls unverzüglich gehorchte; auch konnte ich wahrnehmen, daß ſich die Wilden als Eroberer be⸗ trachteten und ſich um die Leute unterhalb der Lucken gar wenig bekümmerten. Bis zur Morgendämmerung ereignete ſich Nichts von Bedeutung. Smudge— denn ſo muß ich fortfahren, dieſen ſo widrig ausſehen⸗ den Häuptling in Ermanglung ſeines wahren Namens zu tituliren — wollte durchaus nichts vornehmen laſſen, bis es für ihn hell genug war, um alle Bewegungen ſeiner Begleiter überwachen zu zu koͤnnen. Auch überzeugte ich mich ſpäter, daß er Verſtärkungen erwartete, denn eben als die Sonne aufging, erhoben ſie auf dem Schiff ein gellendes Geſchrei, das vom Walde her beantwortet wurde. Letzterer ſchien von Wilden zu wimmeln und es dauerte nicht lange, bis Canves aus der Flußmündung hervorkamen, ſo daß 280 ich bald hundert und ſieben dieſer Wichte am Bord des Schiffes zählte— dieß war aber auch ihre ganze Streitmacht, denn mehr kamen niemals zum Vorſchein. Dieſe ganze Zeit über, d. h. volle drei Stunden lang, war ich außer Verbindung mit meinen Gefährten und wußte blos, daß ſie ſich alle beiſammen befanden; durch das Mitteldeck nämlich, das nur mit den leichteren, für den Handel mit der Nordweſtküſte beſtimmten Artikeln beladen war und durch Niederſchlagen der Scheidewand des Vorkaſtells hatte ſich dieſe Vereinigung ganz leicht bewerkſtelligen laſſen, ja in letzterer war ſogar ein Schiebebrett angebracht, wel⸗ ches Einen nach dem Andern durchließ, ohne daß man zu jenem letzten Hülfsmittel ſeine Zuflucht zu nehmen brauchte. Ich zweifelte keinen Augenblick, daß Marble alle Matroſen unten verſammelt hatte und ſich immer noch ausnehmend furchtbar machen konnte, da die Leute ihre Gewehre und Piſtolen alle hinabgenommen hatten und alſo mit Feuerwaffen und Munition reichlich verſehen waren. Welchen Kurs er einſchlagen würde, darüber hatte ich natürlich nur Vermuthungen: ein Ausfall— wenn überhaupt ausführbar— wäre jedenfalls ſehr gewagt geweſen und ſchien mir auch nach den von Smudge und Dipper getroffenen Maßregeln zur Sicherung der Treppen nur ſchwer ins Werk zu ſetzen. Was vollends mich ſelbſt betraf, ſo war ich hierüber ganz meinen Muthmaßungen überlaſſen; jedenfalls erregte die Art, wie meine Feinde mich behandelten, meine gerechte Verwunderung. Sobald es hell war, löste man alle Banden an meinen Gliedern und ließ mich frei auf dem Quarterdeck auf⸗ und abgehen, um den Blut⸗ umlauf wieder herzuſtellen. Eine Blutlache mit einigen Haarbüſcheln bezeichnete die Stelle, wo der arme Kapitän Williams gefallen war und ich durfte ſogar einen Waſſereimer darauf gießen, um die empörenden Mordſpuren wegzuſchwemmen. Meine anfängliche Beſtürzung hatte unterdeſſen einer auf⸗ fallenden Sorgloſigkeit Platz gemacht und ich war für den Augen⸗ ⸗ —ι— 8 1 38 N 281 blick über mein eigenes Schickſal gleichgültig geworden. Ich erwar⸗ tete zu ſterben und muß jetzt zu meiner Beſchämung geſtehen, daß meine Gefühle ſich eher der Rache, als der Reue über meine be⸗ gangenen Sünden zuwandten. Zu Zeiten beneidete ich ſogar Marble und meine Kameraden, welche nur eine Lunte in die Pulverkammer zu werfen brauchten, um ihre Feinde mit einem Schlage zu ver⸗ nichten; ja ich war wirklich überzeugt, daß es weit eher hiezu kommen würde, als daß ſich der Steuermann und ſeine Leute den elenden Wichten, welche das Deck eben jetzt im Beſitz hatten, ge⸗ fangen gäben. Smudge und ſeine Genoſſen ſchienen übrigens vollkommen gleichgültig gegen dieſe Gefahr, welche ſie wahrſcheinlich gar nicht zu würdigen verſtanden: ihr Plan war mit vieler Liſt angelegt und bis jetzt auch vollkommen gelungen. Die Sonne war ſchon aufgegangen und die Wilden begannen eben ernſtlich an Sicherung ihrer Priſe zu denken, als ihre beiden Anführer, Smudge und Dipper, ſich mir auf eine Weiſe näherten, welche bewies, daß ſte mit ihren Operationen anzufangen im Be⸗ griffe ſtünden. Letzterer beſaß, wie ich jetzt entdeckte, eine ober⸗ flächliche Kenntniß des Engliſchen, die er ſich auf verſchiedenen Schiffen erworben hatte, war aber dabei in ſeinen Planen und Ab⸗ fichten ein ächter Wilder, bei welchem das wenige Wiſſen, das er auf ſolche Art aufgeſchnappt hatte, nicht zur theilweiſen Milde⸗ rung, ſondern eher zur Verſchärfung gerade ſeiner ſchlimmſten und gefährlichſten Neigungen diente. Ducker übernahm nun die Leitung der Sache, ließ alle ſeine Leute in zwei Reihen auf dem Deck aufmarſchiren, machte eine be⸗ zeichnende Gebärde an ſeinen Fingern und ſprach mit großem Nach⸗ druck das Wort:„Zählen!“ Ich that dieß auch und brachte dießmal, mit Ausſchluß der Führer, einhundert und ſechſe von dieſen Schuften zuſammen. 282 „Sagen ihm, unten da,“ brummte der Ducker, nach der Ka⸗ jüte deutend. Ich rief Mr. Marble; ſobald er die Kajütentreppe erreicht hatte, begann zwiſchen uns Beiden folgendes Geſpräͤch: „Was gibt es wieder, Miles, mein Herzensjunge?“ fragte der Oberſteuermann. „Ich habe Befehl, Euch zu melden, Sir, daß die Indianer ihre Zahl ſo eben berechnet und hundert und acht Mann heraus⸗ gebracht haben.“ „Ich wollte, es wären ihrer tauſend, denn wir ſtehen eben im Begriff, das Deck des Schiffes abzuwerfen und ſie alle in die Luft zu ſchleudern. Glaubt Ihr, ſie verſtehen meine Worte, Miles?“ „Der Dipper wohl, Sir, wenn Ihr langſam und deutlich ſprecht. Er verſteht vorderhand nur halb, was Ihr im Sinne führt, wie ich an ſeiner Miene gewahren kann.“ „Hört der Schurke jetzt auf mich?— iſt er überhaupt in der Nähe der Kajütentreppe?“ „Ja, er hört Euch und ſteht in dieſem Augenblick auf der Backbordſeite der Treppe und hat ein Knie auf das vordere Ende des Hühnerkorbes geſtellt. „Miles,“ flüſterte Marble in zweifelndem Tone. „Mr. Marble— ich höre was Ihr ſprecht.“ „Setzt den Fall— he— Blei durch die Kajütenthüre? Was meint Ihr— was würde Euch geſchehen?“ „Ich würde mir wenig daraus machen, Sir, da ich ohnehin darauf gefaßt bin, ermordet zu werden. Aber es würde eben jetzt nichts helfen und könnte doch leicht ſchaden. Wenn's Euch recht iſt, will ich ihnen übrigens ſagen, daß Ihr ſie in die Luft ſprengen wollt, vielleicht, daß das ſie ein Bischen einſchüchtert.“ Marble war es zufrieden und ich machte mich an meine Auf⸗ gabe, ſo gut ich es durch Zeichen vermochte, vermittelſt welcher unſer Verkehr größtentheils unterhalten wurde: am Ende gelang ₰ 283 mir's aber doch, dem Ducker meine Meinung begreiflich zu machen, der ihren Inhalt dem Smudge ſogleich in Worten mittheilte. Der alte Mann hoͤrte mit ernſter Aufmerkſamkeit zu; allein der Gedanke, in die Luft geſchleudert zu werden, naachte auf ihn keinen größeren Eindruck, als etwa die Botſchaft auf ihn geäußert haben würde, daß ſein Kamin zu Haus in Brand ſtehe, falls er nämlich ſolch' ein bequemes Werkzeug der Civiliſation beſeſſen hätte. Daß er ſeinen Freund vollkommen begriff, konnte ich indeſſen an dem Ausdruck ſeiner orangutangähnlichen Züge ſehen— allein Furcht war eine Regung, welche ihn gar wenig beunruhigte, und ein Mann, der ſeine Zeit— um mich mild auszudrücken— in einer ſo erbärmlichen Lage, wie die ſeinige in der Regel war, zubrachte, hatte auch keinen beſondern Grund, einen ſehr hohen Werth auf ſein Leben zu legen. Und gleichwohl iſt der Selbſtmord etwas Unerhörtes unter dieſen nichtswürdigen Wichten! Dieſer Troſt ſcheint eher für Solche übriggelaſſen zu ſeyn, welche ſich an irdiſchen Genüſſen überſättigt haben, wie man denn auf einen armen Teufel, den ſein Elend zur Verzweiflung treibt, immer neun blaſirte Sinnenmenſchen rechnen darf, welche auf dieſe Art den Tod finden. Ich war erſtaunt über den Verſtand, der mir auf Smudge'’s Paviansgeſichte entgegenleuchtete, während er auf die Worte ſeines Freundes lauſchte. Ungläubigkeit ſprach aus dem ſchlauen Blick ſeiner Augen und Gleichgültigkeit ſchien auf dem ganzen Antlitz gelagert. Die Drohung hatte offenbar keinen Eindruck gemacht, was ich Marble in Ausdrücken zu verſtehen gab, welche der Ducker ſich nicht wohl erklären konnte. Ich erhielt keine Antwort— ſtatt des Lärms, der ſich kaum zuvor hatte vernehmen laſſen, herrſchte jetzt Todtenſtille auf den unteren Decks. Smudge ſchien über dieſe Veränderung betroffen, und ich be⸗ merkte, wie er an zwei oder drei von den aͤlteren Wilden Befehle ertheilte, offenbar um einen höheren Grad von Aufmerkſamkeit zu erregen. Ich ſelbſt fühlte, ehrlich geſtanden, einige Unruhe, denn bei ſolchen Scenen iſt die Erwartung ein höchſt unerfreulicher Gaſt, beſonders wenn ſie noch die Ungewißheit im Gefolge führt. Smudge mochte es nun an der Zeit halten, ernſtlich mit ſeinen Operationen zu beginnen. Unter Dippers Anleitung wurde ein Haufen Taue— Leeſegel⸗ und andere ſolche Leinen von paſſender Groͤße, wie ſie ſich eben im Langboote vorfanden— in die Jolle geworfen und dieſe von zwei bis drei Canoes nach der Inſel bugſirt. Hier machten die Burſche aus ihrem Tau eine Schlinge— was wir Seeleute ein„Werptroß“* nennen, befeſtigten ſie mit dem einen Ende an einen Baum und ließen dann das Tau ausſchießen, wäh⸗ rend die Jolle wieder nach dem Schiffe zurückſchwamm. Ducker's Berechnung erwies ſich ziemlich richtig, denn das Tau reichte ge⸗ rade vom Schiff bis zum Baum. Sobald ſie mit dieſem Kunſtſtück fertig waren— und ſie machten ihre Sache, wenn auch etwas plump, ſo doch mit ziemlicher Gewandtheit— zogen zwanzig bis dreißig an dem Werbtroß, bis es ſo ſtraff, als es nur immer anging, geſpannt war, worauf ſie mit Anziehen inne hielten. Jetzt bemerkte ich, wie einige in der Kombüſe nach des Koches Beile ſuchten, augenſcheinlich in der Abſicht, die Kabeltaue zu kappen— was ich für ſo wichtig hielt, daß ich es Marble'n ſogar mit Gefahr meines Lebens mitzutheilen beſchloß.. „Die Indianer haben eine Leine auf der Inſel befeſtigt und ſtehen im Begriff, die Kabeltaue zu kappen, ohne Zweifel um das Schiff ans Land zu bugſiren und zwar ganz auf dieſelbe Stelle, wo ſie einſt die Seeotter hatten.“ „Ja, ja, laßt ſie nur machen; wir werden zeitig genug für ſie bereit ſeyn“— dieß war die einzige Antwort, welche ich erhielt. Ich wußte nie recht, wie ich mir die Theilnahmloſigkeit der „ Schlinge, um den Anker auszuwerpen(werfen). D. U. 285 Wilden bei dieſer meiner Mittheilung erklären ſollte— wünſchten ſie, daß die Sache meinen Kameraden bekannt würde oder war es bloße Gleichgültigkeit? Jedenfalls ſetzten ſie ihre Bewegungen mit einer Kaltblütigkeit fort, wie wenn die Kriſis ihnen ganz allein gehört hätte. Sie führten ſechs bis acht Canoes bei ſich und fingen nun an in einzelnen Haufen um das Schiff herumzufahren— Alles mit einer Zuverſicht, wie man dieß etwa in einem befreundeten Hafen thun würde: was mich am meiſten überraſchte, war die Ruhe und Unterwürfigkeit gegen alle Befehle, welche ſie dabei beobachteten. Endlich wurde die Axt unter den Bügen des Langboots entdeckt und die ſchweren Hiebe, welche alsbald auf das Kabeltau regneten, be⸗ nachrichtigten Marble von dem Gebrauche, den ſie augenblicklich von dem Funde machten. „Miles,“ rief der Oberſteuermann,„dieſe Hiebe fallen mir aufs Herz. Iſt es den Schuften wirklicher Ernſt?“ „Der Backbord Buganker iſt ſchon dahin, Sir, und die Schläge, welche Ihr nunmehr hört, gelten dem Kabel des Steuerbords, das auch ſchon halb entzwei iſt— ſo, jetzt iſt's fertig, das Schiff hängt nun blos noch an dem Werptroß.“ „Spürt Ihr ein Lüftchen, mein Junge?“ „Nicht den leiſeſten Hauch in der Bai ſelbſt; draußen aber ſehe ich das Waſſer ſich etwas kräuſeln.“ „Haben wir Ebbe oder Flut, Miles?“ „Die Ebbe iſt nahezu vorüber; ſie bringen das Schiff jeden⸗ falls nicht eher auf den abſchüſſigen Felſen, wo ſie die Seeotter hatten, als bis das Waſſer um zehn bis zwölf Fuß geſtiegen iſt.“ „Gott ſey Dank! Ich fürchtete, ſie möchten es auf jenes ver⸗ fluchte Bette legen und ihm auf einmal den Hals brechen.“ „Kann das für uns noch von Wichtigkeit ſeyn, Mr. Marble? Welche Hoffnung dürfen wir haben, in unſerer Lage gegen ſolche Ueberzahl etwas auszurichten?“ 286 „Die Ueberzahl bekümmert mich gar nicht, mein Junge. Meine Burſche ſind alle in einer ſolchen Wuth, daß ſie die ganze Nord⸗ weſtküſte auffreſſen würden, wenn ſie nur aufs Deck gelangen könnten, ohne daß ihnen die Randſomhölzer eingeſtoßen würden. Die Umſtände freilich— die kommen ſehr in Betracht.“ „Das Schiff fährt raſch auf die Inſel zu; ich ſehe keine Hoff⸗ nung für uns, Mr. Marble.“ „Ei was, Miles, es lohnt ſich ſchon der Mühe, für die Ret⸗ tung des Fahrzenges eine Gefahr zu beſtehen; wär mir's nicht um Euch zu thun, ich hätte den Schurken ſchon vor einer halben Stunde einen Streich geſpielt.“ „Denkt nicht an mich, Sir— mein Fehler war's ja, daß das Unglück über uns hereinbrach und ich muß alſo auch dafür büßen— thut nur, was Pflicht und Umſicht Euch als das Beſte anrathen.“ Ich wartete eine Minute lang in höchſter Spannung, ohne zu wiſſen, was zunächſt folgen würde, als eine donnernde Salve mich für einen Augenblick glauben ließ, Marble mache einen Verſuch das Deck aufzuſprengen. Das Geſchrei und die Wehklagen, welche darauf folgten, enthüllten mir aber bald den wahren Stand der Sache. Aus den Kajütenfenſtern war ein Hagel von Kugeln ab⸗ gefeuert und von zwei Canoes, welche um jene Zeit vorüberru⸗ derten, ſämmtliche Inſaſſen, elf an der Zahl, gleich Bullochſen niedergeſchoſſen worden— drei blieben todt auf dem Platze, die Uebrigen trugen Wunden davon, welche wohl tödtlich werden konnten. Mein Leben wäre augenblicklich dieſer That zum Opfer gefallen, wenn nicht Smudge mit ſtrenger Würde dazwiſchen getreten wäre und meine Angreifer mit einem Ton, einem Ernſte abgewieſen hätte, welche ſich augenblicklichen Gehorſam erzwangen.— Ich wurde offenbar für ein ganz beſonderes Loos aufgeſpart. Wer konnte, ſtürzte, ſobald die Art des Unglücks bekannt war, in die Jolle und in die übrigen Canoes, um die Todten und Ver⸗ ₰ 287 wundeten aufzuleſen. Ich bewachte ſie vom Hackbord aus und über⸗ zeugte mich bald, daß Marble aus den unteren Fenſtern gleichfalls ſeine Beobachtungen anſtellte. Allein die Wilden wagten ſich nicht mehr in den Bereich eines Feuers, das ſich als ſo gefährlich erwieſen hatte und mußten deß⸗ halb warten, bis das Schiff ſo weit fortgeſteuert war, daß ſie ihren Freunden beiſpringen konnten, ohne ihr Leben gleichfalls dem Un⸗ tergange auszuſetzen. Da dieß nicht wenig Raum und Zeit erfor⸗ derte, ſo war nicht nur kein Canve oder Boot irgend einer Art in der Nähe des Schiffes, ſondern auch blos die Haͤlfte der Feinde an deſſen Borde geblieben. Dieſe Letzteren ſuchten in Ermanglung eines Gegners, den ſie angreifen konnten, ihre Wuth an dem Schiffe ſelber auszulaſſen, indem ſie ihre ganze Kraft in wahnſinnigen An⸗ ſtrengungen an dem Werptroß verſchwendeten: die Folge davon war, daß das Schiff ſehr raſch dahineilte, bis die Leine endlich— abriß. Ich lehnte auf der Ruderpinne, Smudge neben mir, als dieſer Zufall ſich ereignete: die Ebbe war immer noch ziemlich ſtark und das Schiff betrat eben die enge Durchfahrt zwiſchen dem Eiland und der Landſpitze, welche die eine Seite der Bai abſchloß, mit dem Gallion natürlich dem Baume zuſteuernd, an welchen das Werptroß befeſtigt war. In dieſem Augenblicke ließ ich das Schiff— wohl mehr aus inſtinktartigem Antrieb als aus wirklicher Ueberlegung— mit dem Steuer ſo abgieren, daß es, ſtatt auf die Felſen zu ſtoßen, durch die Enge hindurchglitt: es war nicht eigentliche Hoffnung, was mich hiezu bewog— mein einziger Grund war der heftige Widerwille, den ich empfand, das gute Fahrzeug auf den Grund rennen zu laſſen. Zum Glück befand ſich der Ducker auf den Canoes und es war für ihn nichts weniger als leicht, unter dem Feuer aus den Kajüten⸗ fenſtern dem Schiffe zu folgen, ſelbſt wenn er die neue Wendung begriffen und zu unſerer Verfolgung Luſt gehabt hätte. Er war jedoch, wie alle ſeine Kameraden auf den Canoes, mit ſeinen ver⸗ 288 wundeten Freunden beſchäftigt, welche nach dem Flüßchen geſchafft wurden, ſo daß ich auf fünf Minuten vollkommen Herr des Schiffes blieb und es waͤhrend dieſer Zeit durch die Einfahrt ſteuern und geradezu in den offenen Ocean hinausführen konnte. Dieß war nun freilich eine neue und in gewiſſer Hinſicht auch gefährliche Lage, welche zwar einen Strahl von Hoffnung, aber einer Hoffnung ohne Richtung, faſt ohne beſtimmtes Ziel übrig ließ. Ich konnte wohl bemerken, daß Keiner der Wilden die Urſache un⸗ ſerer neuen Bewegung ahnte, wenn ſie dieſelbe nicht etwa der Ein⸗ wirkung der Flut zuſchrieben: ſie hatten erwartet, das Schiff, da wo der Baum ſtand, ans Ufer rennen zu ſehen— und jetzt fuhr es in den Ocean hinaus und hatte die Durchfahrt bereits hinter ſich. Die Wirkung war— ein paniſcher Schrecken, ſo daß die volle Hälfte der zurückgebliebenen Wilden über Bord ſprang und nach dem Eilande hinzuſchwimmen anfing. Im erſten Augenblicke hoffte ich ſogar, daß Alle dieſen Weg einſchlagen würden— ich hatte mich aber getäuſcht; denn gerade fünfundzwanzig der Schurken blie⸗ ben auf dem Schiff, wie ich ſpäter erfuhr, mehr nothgedrungen als freiwillig, weil ſte nämlich nicht ſchwimmen konnten. Unter ihnen befand ſich auch Smudge, der aber wahrſcheinlich die Abſicht damit verband, ſich ſeine Eroberung nicht entreißen zu laſſen. Plötzlich kam mir der Gedanke, der Augenblick ſey günſtig, um das Schiff, ſo lange der erſte Schreck anhielte, raſch wieder zu er⸗ obern: ich eilte alſo nach der Kajütenthüre und wollte eben die Riegel wegziehen, als ein heftiger Schlag und ein Meſſer, das mir in Smudge's Händen entgegenblinkte, mich an die Nothwendigkeit größerer Vorſicht erinnerte. Noch war die Gefahr nicht zu Ende und mein Gegner keineswegs der Mann, der ſich ſo leicht außer Faſſung bringen ließ, wie ich unvorſichtiger Weiſe vermuthet hatte. Trotz ſeines wenig verſprechenden Aeußern beſaß der Burſche gleich⸗ wohl einen Geiſt, der ihn zu großen Thaten befähigte und ih 289 unter anderen Umſtänden zu einem Helden hätle ſtempeln können. Er prägte mir die nützliche Lehre ein, daß man die Menſchen nicht blos nach ihrer Außenſeite beurtheilen darf. Vierzehntes Kapitel. Höfling: Bruder John Bates, iſt das nicht der Morgen, welcher dort heraufdämmert? Bates: Ich denke, er iſt's, aber wir haben eben nicht Urſache, uns den Tag heranzuwünſchen. William: Wir ſehen dort den Anbruch des Tages: aber ich glaube, ſein Ende wird Keiner mehr erblicken. Heinrich v. Das Schiff verlor ſeinen Steuerlauf* nicht: ſobald es an der Spitze der Inſel vorüber war, ließ ſich eine gelinde Südbriſe ver⸗ ſpüren, welche doch einigermaßen auf Rumpf und Spieren einwirkte und mich in Stand ſetzte, das Ruder etwas aufzurichten, das Gal⸗ lion vom Ufer abzuhalten und ſo die Entfernung von der Bai noch mehr zu vergrößern. Freilich bewirkte hier der Ablauf der Ebbe noch mehr als der Wind: aber beide vereint trugen dazu bei, die Kriſis mit einer Geſchwindigkeit von nahezu zwei Knoten auf die Stunde von der Küſte abzuführen. Dieß war in ſolcher Noth al⸗ lerdings ein ſehr langſamer Gang; aber jedenfalls hätten die Ca⸗ noes fünfzehn bis zwanzig Minuten gebraucht, um aus dem Flüß⸗ chen zurückzukehren und durch den andern Kanal ihren Umweg um die Inſel zu beſchreiben: bis dahin mußten wir uns ſchon eine halbe Meile in See befinden. Smudge erkannte ohne Zweifel, daß er in einer argen Klemme ſteckte, konnte aber durchaus nicht begreifen, was die eigentliche Urſache davon war: offenbar vermochte er nicht zu faſſen, warum * So nennen die Seeleute diejenige Geſchwindigkeit, welche erforderlich iſt, damit ein Schiff dem Steuer gehorcht. D. U. Miles Wallingford. 19 290 das Schiff in die offene See hinausſteuerte, da er von der Gewalt des Steuers gar keinen Begriff hatte. Dieſes arbeitete nämlich unter den Bügen und es iſt leicht möglich, daß dieſer Umſtand ihn hinter's Licht führte, wie denn die kleineren Schiffe dazumal ihr Ruder weit öfter ohne, als mit Hülfe des Rades handhabten. Endlich wurde aber die Bewegung des Schiffes zu handgreif⸗ lich, um noch längeren Aufſchub zu geſtatten; der Wilde näherte ſich mir mit gezogenem Meſſer und mit einer Wuth, welche bewies, daß natürliche Zuneigung nicht der Grund ſeiner früheren Mäßigung geweſen war. Er ſchwang ſeine Waffe trotzig vor meinen Augen, drückte ſie ein⸗ oder zweimal mit höchſt bezeichnender Gebärde gegen meine Bruſt und bedeutete mir durch Zeichen, daß ich das Schiff umwenden und in den Hafen zurückführen ſollte. Ich glaubte ſchon, mein letztes Stündlein habe geſchlagen, deutete aber mit einer ziemlich natürlichen Bewegung nach den Spieren und gab meinem Sieger zu verſtehen, daß das Schiff nicht ſeine gewohnte Tackelage führe. Dieſen Theil meiner Entſchuldigungen mußte er, glaub' ich, verſtanden haben, denn es war zu ſonnen⸗ klar, daß unſere Maſten und Raaen ſich nicht an ihrer üblichen Stelle befanden, als daß ſelbſt ein Wilder es überſehen konnte. Gleichwohl gewahrte Smudge verſchiedene Segel, welche ſeſtgebun⸗ den waren und auf ſie hinweiſend brummte er ſeine Drohungen, falls ich mich weigern ſollte, dieſelben einzuſetzen: den Brodwinner insbeſondere, welchem er eben nahe ſtand, faßte er mit der Hand und befahl mir, ihn unverzüglich los zu machen. Ich brauche wohl kaum zu ſagen, daß ich dieſem Befehl mit heimlicher Freude gehorchte. Die Geitaue löſend, gab ich den Aus⸗ heber einem Dutzend von den Wilden in die Hand und zeigte ihnen, wie ſie zu ziehen hätten— in einer Minute war das Segel ent⸗ faltet und die Schooten etwas erleichtert. Dann führte ich einen Haufen aufs Vorderdeck und ließ am Fock⸗ und Hauptmaſt die Stagſegel einſetzen; dazu kam noch das Kreuzſtagſegel— das 291 einzige, das vor Auftacklung der Stengen noch weiter zu ver⸗ wenden war. 3 Dieſe vier Segel hatten natürlich die Wirkung, den Gang des Schiffs wenigſtens um einen Knoten zu beſchleunigen und daſſelbe viel früher ſo weit hinauszuführen, daß es die volle Kraft der leich⸗ ten Südoſtbriſe verſpüren mußte. Um die Zeit, da die vier Segel eingeſetzt wurden, befanden wir uns eine volle Viertelmeile ſeewärts vom Eiland und gelangten mit jedem Augenblicke mehr in die eigentliche Luftſtrömung. Smudge bewachte mich mit Falkenaugen; da ich aber beim Einſetzen der Segel blos ſeine eigenen Befehle befolgt hatte, ſo konnte er ſich darüber nicht beklagen, wiewohl der Erfolg ſeine Er⸗ wartungen augenſcheinlich täuſchte. Er ſah, daß wir noch immer in der falſchen Richtung fortfuhren und auch von den Canoes noch keines ſichtbar wurde. Was die Letzteren betrifft, ſo war ich nicht ganz ohne Hoff⸗ nung, daß das Schiff bei ſeinem jetzigen Kurſe im Stande ſeyn würde, ſie aus den Kajütenfenſtern zu beſchießen und ihrer endlich wohl ganz los zu werden, wenn es ſich nur ſoweit vom Lande entfernte, daß ſie nicht ſo leicht nachzufolgen wagten. Dipper freilich hatte ſich als ein kecker Burſche bemerklich gemacht— verſtand auch et⸗ was von Schiffen— und ich war deßhalb entſchloſſen, Marble einen Wink zu gehen, daß er ihn aufs Korn nehmen möchte, ſo⸗ bald er ſich in den Bereich ſeiner Kugeln heranwagte. Die Unruhe und Ungeduld Smudge's und ſeiner Genoſſen war unterdeſſen ſichtbar im Steigen. In ihrer Lage mußten ihnen fünf Minuten wie ein Jahrhundert vorkommen und ich merkte wohl, daß ich bald eine neue Ausflucht erſinnen müſſe, wenn ich nicht der Rache der Wilden geopfert werden wollte.„Noth ſchärft den Ver⸗ ſtand“ und ſo verfiel auch ich auf einen Plan, welcher des Verdienſtes der Genialität nicht ganz entbehrte. So wie die Sachen lagen, hatte ich übrigens mein Leben vermuthlich blos dem Umſtande zu 292 danken, daß ich den Wilden, wie ſie wohl fühlten, unentbehrlich geworden war. Smudge hatte mit drei bis vier ſeiner unbändigſten Kameraden bereits wieder angefangen, mich mit dem Meſſer zu bedrohen und mir zugleich durch Zeichen zu befehlen, daß ich das Gallion nach dem Lande kehren ſollte. Ich verlangte erſt ein wenig Raum, be⸗ ſchrieb ihnen dann einen weiten Kreis auf dem Verdeck und erklärte ihnen mit Hindeutung auf die vier eingeſetzten Segel, daß wir bei der Leinwand, die wir führten, nothwendig eine große Strecke weitergehen müßten, um endlich wenden zu können. Sobald es mir gelungen war, ihnen dieſe Idee beizubringen, gab ich ihnen noch ferner zu verſtehen, daß wir augenblicklich umzukehren vermöchten, wenn wir nur die Stengen einſetzen und mehr Segel entfalten könnten. Die Wilden verſtanden mich und da ihnen die Erklärung ver⸗ nünftig däuchte, ſo traten ſie bei Seite, um ſich zuſammen zu be⸗ rathen. Die Zeit drängte und es dauerte deßhalb nicht lange, bis Smudge zu mir kam und mir durch Zeichen bedeutete, daß ich ihm und ſeinen Leuten zeigen möchte, wie die noch fehlenden Segel ein⸗ geſetzt würden— eine Zumuthung, gegen die ich mich natürlich keineswegs ſträubte. In wenigen Minuten hatte ich eine Abtheilung der Wilden am Fockmaſt und ließ ſie das große Tau in die Hand nehmen. Da auf den Marſen Alles in Bereitſchaft lag, ſo brauchten wir blos das Luvtackel anzuziehen, bis ich die Stenge nach dem Augen⸗ maß hoch genug ſchätzte und dann ſelbſt nach der Tackelage empor⸗ kletterte, um den Spließblock einzuſchlagen. Nachdem die Stenge nun aus dem Wege war, ohne ihr Tackelwerk im mindeſten zu berühren, ſtieg ich auf die Fockraa herab und löste das Segel. Ddiis hatte ſo ganz das Anſehen wirklicher Schiffsarbeit, daß die Wilden in allerhand Aeußerungen des Entzückens ausbrachen und mich, ſobald ich aufs Deck herabkam, alle als einen guten 3 Burſchen zu loben anfingen. Sogar Smudge war völlig getäuſcht, . 293 und als ich die andern an den Kardelläufer ſtellte, um die Fockraa aufzuſchweien, zeigte er ſich ſo thätig wie jeder der Uebrigen. Bald hing die Raa an ihrem Ort; ich ſtieg hinauf, um ſie zu befeſtigen und zog zuerſt die Braſſen, ſo daß ſich das Segel füllte. Der Leſer darf ſich feſt darauf verlaſſen, daß ich jetzt, da ich die Sachen ſo hübſch in Gang gebracht hatte, mich keines⸗ wegs übereilte. Ich merkte, daß meine Macht, wie mein An⸗ ſehen mit jedem Fuß breit, den wir uns vom Lande entfernten, fortwährend ſtieg und da das Schiff bei etwas aufwärts geſtelltem Rad unter ſolchen Segeln von ſelbſt fortſteuerte, ſo fand ich keine Veranlaſſung mir noch weiter viel zu ſchaffen zu machen. Dafür beſchloß ich, ſo lange wie möglich oben zu bleiben: die Raa war bald befeſtigt, dann ging ich auf den Mars, wo ich die Luvtacke⸗ lage einzuſetzen anfing, wobei ich natürlich keines von all' dieſen Geſchäften mit voller Gründlichkeit, ſondern nur in ſo weit verneh⸗ men konnte, daß es für die damalige Witterung genügte. Vom Mars aus konnte ich die See, wie die anliegende Küſte meilenweit überſehen. Wir waren nun gerade eine Meile von letz⸗ terer entfernt, und wenn uns auch die Flut, welche, wie ich glaubte, ſo eben begonnen hatte, nicht länger begünſtigte, ſondern uns eiwas am Leebug faßte und windwärts führte, ſo zogen wir doch um zwei Knoten ſchneller durchs Waſſer. Eben als ich das letzte Taljereep befeſtigt hatte, fingen die Canoes an, ſichtbar zu werden; ſie kamen von der etwas ferneren Durchfahrt um die Inſel herum und es hatte allen Anſchein, als ob ſie uns im Laufe der nächſten zwanzig Minuten einholen würden. Der Augenblick drängte zur Entſcheidung; ich beſchloß, den Klüver auf dem Schiffe einzuſetzen und ſtieg alſo aufs Deck herab. Da ich nunmehr das Vertrauen der Wilden beſaß, welche ſich einbildeten, ihre Nückkehr hänge von mir ab, ſo hatte ich ſie auch bald wieder an der Arbeit und in zwei bis drei Minuten war das Stag eingeſetzt. Ich lief dann hinaus und löͤste die Beſchlag⸗ ſeiſingen, worauf meine Jungen auf ein von mir gegebenes Zeichen aufzuhiſſen anfingen. Noch ſelten fühlte ich mich ſo glücklich als in dem Augenblick, da ich dieſes große Stück Leinwand im Winde entfaltet ſah; es wurde ſo ſchnell wie möglich gehalt und geſplißt: weiter, dachte ich mir, würde ich vor Ankunft der Canoes nichts mehr vor⸗ nehmen können. 4 1 Ich hätte nun gar zu gerne mit Marble geſprochen. Indem ich zu dieſem Zwecke nach hinten ging, hielt ich einen Augenblick inne, um die Bewegung der Canoes zu beobachten, während der alte Smudge die ganze Zeit hindurch ſeine Ungeduld darüber ausdrückte, daß das Schiff immer noch nicht vierte. Hätten die Wilden nicht gefühlt, wie ſehr ſie bei Lenkung des Schiffes von mir abhingen, ſie würden mich, falls ich ſo viel Leben gehabt hätte, ohne allen Zweifel mehr als ein Dutzendmal ermordet haben: ſo aber begann ich meine Wichtigkeit zu erkennen und in demſelben Verhältniß kühner zu werden. Die Canoes, die ich durch mein Glas betrachtete, ſtanden eine halbe Meile von uns entfernt, hatten aber ihr Plätſchern eingeſtellt und waren, anſcheinend zur Berathung, alle auf einem Haufen verſammelt. Ich dachte mir, das Aeußere des unter Segel befind⸗ lichen Schiffes müſſe ſie erſchreckt haben, ſo daß ſie ſich vielleicht einbildeten, wir hätten daſſelbe wieder erobert und ſetzten es in ſegelfertigen Stand, weßhalb es nicht wohl gerathen wäre, uns näher zu kommen.— Konnte ich ſie in dieſer Meinung beſtärken, ſo war ſehr viel gewonnen. Unter dem Vorwand, noch mehr Segel einzuſetzen, um das Gallion des Schiffes endlich herumzubringen— was ſeine eigenen Schwierigkeiten habe, die ich Smudge wenigſtens ſechs bis achtmal durch meine Zeichen erklären mußte— ſtellte ich die Wilden an das große Marstau und hieß ſie daran ziehen. Dieß war eine Aufgabe, welche ſie vorausſichtlich in vollem Maaße beſchäftigte und— was noch mehr war— ihre Blicke ſämmtlich vorwärts richtete, während NR&— 295 ich mich ſtellte, als ob ich hinten beſchaͤftigt wäre. Um Smudge bei guter Laune zu erhalten, hatte ich ihm eine Cigarre gegeben und auch mir die Freiheit genommen, eine ſolche anzuſtecken. Unſere Geſchütze waren ſchon die Nacht zuvor geladen, gerichtet und ihrer Pfröpfe entledigt worden, um zur Abweiſung jedes et⸗ waigen Angriffs bereit zu ſeyn: ich durfte bei der Hinterkanone blos den Zündlochdeckel abnehmen, ſo war ſie auch zum Losſchießen fertig. Ich begab mich nun ans Rad und ſtellte das Steuer hart auf, bis unſere Breitſeite gerade auf die Canves gerichtet war: dann warf ich einen Blick über die Kanone, um zu ſehen, ob ſie einiger⸗ maßen gerichtet war, ſtieß die Cigarre auf die Zündung und ſprang dann an das Rad zurück, um die Ruderpinne niederzuſtellen. Der Knall verurſachte unter den Wilden ein allgemeines Auf⸗ heulen; einige ſtürzten alsbald auf die Puttingen, um von da über Bord zu ſpringen, waͤhrend Smudge auf mich losging und in wil⸗ dem Ungeſtüm ſein Meſſer ſchwang. Jetzt glaubte ich, meine Zeit ſey gekommen, bemerkte aber gleichwohl, daß das Schiff raſch abluvte und winkte daher eifrig vorwärts, um die Aufmerkſamkeit meines Angreifers nach jener Richtung zu lenken. Die Kriſis drehte bei und Sundge ließ ſich leicht zu dem Glauben bringen, es ſey dieß der Anfang der vieren⸗ den Bewegung des Schiffes. Der augenblickliche Aufſchub erlaubte mir, ihn mit einigen weiteren Zeichen irre zu führen, worauf er zu ſeinen Leuten ging und ſie mit triumphirender Freude auf das Luven des Schiffes aufmerkſam machte: ich zweifle keinen Augen⸗ blick, daß er glaubte und ſeine Kameraden ebenfalls glauben machte, die Kanone habe weſentlich zur Herbeiführung dieſer augenſchein⸗ lichen Veränderungen mitgewirkt. Was aber die Canoes anlangt, ſo hatte die Traubenkugel ſo nahe an ihnen vorbeigepfiffen, daß ſie zurückzurudern anfingen, ohne Zweifel in dem feſten Glauben, daß wir abermals Herren des Schiffes wären und ihnen dieſen Wink, ſich ferne zu halten, gegeben hätten. So weit hatte der Erfolg ſogar meine ſanguiniſchſten Er⸗ wartungen übertroffen und ich begann jetzt die lebhafte Hoffnung zu unterhalten, daß ich nicht nur mein Leben retten, ſondern auch die Herrſchaft über das Schiff wieder erlangen würde. Konnte ich die Kriſis dem Lande vollends aus dem Geſicht bringen, ſo waren meine Dienſte ſo unentbehrlich, daß ich an einem glücklichen Ausgange nicht zweifeln durfte: die Küſte war ſehr niedrig und ſchon ſechs bis acht Stunden konnten mich ſo weit führen, vorausgeſetzt, daß ich das Gallion in der rechten Direktion zu halten vermochte. Der Wind nahm zu an Stärke und meiner Beurtheilung nach mochte die Kriſis ſchon jetzt vier Knoten in der Stunde zurücklegen— ich brauchte ſomit keine zwanzig Meilen, um die ganze, jetzt noch ſichtbare Küſte unterm Waſſer verſchwinden zu laſſen. Aber jetzt war's auch Zeit, ein Wort mit Marble zu reden. Um alles Mißtrauen einzuſchläfern, rief ich Smudge nach der Ka⸗ jütentreppe, damit er höre, was vorging, wiewohl ich mich über⸗ zeugt fühlte, daß nunmehr, da der Dipper vom Schiffe fort war, keine Seele unter den Wilden eine Sylbe Engliſch oder überhaupt nur etwas von Fahrzeugen verſtand. Auf den erſten Ruf kam der Steuermann an die Kajütenthüre. „Nun, Miles, was gibt's?“ fragte er;„was ſollte die Kanone bedeuten und wer hat ſie abgefeuert?“ „Alles in Ordnung, Mr. Marble. Ich löste dies Geſchütz, um die Canoes fern zu halten und mein Manöver hatte die ge⸗ wünſchte Wirkung.“ „Allerdings; ich ſtreckte eben den Kopf aus dem Kajütenfenſter, denn ich glaubte, das Schiff giere ab und dachte, Ihr häͤttet die Hoff⸗ nung aufgegeben und wolltet nach dem Hafen zurückkehren. Ich ſah die Vollkugel zwanzig Faden vor den Canoes das Waſſer be⸗ rühren; von dem Traubengeſchoß iſt einiges ſogar über ſie wegge⸗ flogen. Ei, wir ſind ja über eine halbe Meile vom Lande weg, mein Junge! Wird Smudge das noch länger ſo mit anſehen?? = ₰ 297 * Ich erzählte nun Marble ganz genau, wie unſere Lage auf dem Deck beſchaffen ſey, welche Segel wir eingeſetzt, wie viel Wilde wir an Bord hätten und welche Anſicht dieſe über das Umwenden des Schiffs unterhielten. Es iſt nicht leicht zu ſagen, welcher von Beiden— Marble oder Smudge— mir mit größerer Aufmerkſamkeit zuhörte: Letz⸗ terer bedeutete mir durch häufige Gebärden, daß ich das Schiff der Küſte zuwenden ſollte, denn der Wind kam jetzt wieder von hinten und trieb die Kriſis in ſchnurgerader Linie vor ſich her. Aus mehr als einem Grunde war es nothig, ein augenblickliches Huͤlfs⸗ mittel zu ergreifen, um die Gefahr abzuwenden, die mich aufs Neue bedrängte. Nicht allein mußte Smudge mit ſeinen Gefährten be⸗ ruhigt werden— auch das Schiff begann mit dem Hinaustreten in die See die Grundwogen zu ſpüren und die Stengen ſtanden oben nichts weniger als ſicher: die große war etwa halb aufgerich⸗ tet und fing ſchon an im Eſelshaupte zu wanken und zu zittern, was mir gar nicht gefallen wollte. Für jetzt drohte zwar noch wenig Gefahr; aber der Wind war im Steigen und was geſchehen ſollte, mußte ſogleich geſchehen. 3 Mittlerweile bemerkte ich mit nicht geringer Freude, daß fünf bis ſechs von den Wilden, worunter auch Smudge, allmählig Zei⸗ chen der Seekrankheit verriethen. Ich hätte in jenem Augenblicke Clawbonny drum gegeben, wenn die Burſche tüchtig davon erfaßt worden wären!. Ich ſuchte Smudge nunmehr begreiflich zu machen, daß ich von unten nothwendig Beiſtand haben müßte, der mir ſowohl beim Umwenden des Schiffs als auch beim Einſetzen der Stengen und Ragen unentbehrlich ſei. Der alte Gauner ſchüttelte den Kopf 4 darüber und ſchnitt eine ſehr ernſte Miene: nach einer Weile aber murmelte er die Namen der beiden Schwarzen Neb und Yo(Setz⸗ terer war Schiffskoch), welche die Aufmerkſamkeit der Wilden auf ſich gezogen hatten. 298 Ich verſtand ihn: dieſe Beiden wollte er zu meinem Beiſtande heraufkommen laſſen, vorausgeſetzt, daß es ſich ohne Gefahr für ſeine eigene Obergewalt ausführen ließe. Drei Unbewaffnete konn⸗ ten fünf und zwanzig Männern mit Waffen in der Hand nicht leicht gefährlich werden und dann vermuthete ich, der Wilde hoffe im Falle eines Kampfes in den Negern eher Verbündete als Feinde zu finden. Mit Neb täuſchte er ſich einmal ganz gewaltig und auch bei Joe— oder Yo, wie er ihn nannte— war er der Wahr⸗ heit nicht viel näher, denn dem Koch lag die Ehre der amerikani⸗ ſchen Flagge eben ſo ſehr, wie nur je dem weißhäutigſten Seemanne des Landes am Herzen, wie man denn im Allgemeinen die Loyalität der Neger ſtets erprobt findet. Ich fand Mittel, Smudge die Art und Weiſe begreiflich zu machen, wie ich die beiden Schwarzen auf das Deck ſchaffen wollte, ohne die Uebrigen heraufzulaſſen: ſobald ihm die anzuwendenden Mittel deutlich waren, gab er mit Freuden ſeine Einwilligung und ich machte deßhalb an Marble die nöthige Mittheilung. Ueber das Sternboot durch die Kajütenfenſter wurde ein Tau hinabgelaſſen, welches Neb ſich einmal um den Leib ſchlang, worauf er bis zum Schanddeck des Boots heraufgehalt und dann mit Hülfe der Wil⸗ den in Letzteres befördert wurde: auf die gleiche Art ward denn auch Joe heraufſpedirt. Ehe aber die Neger auf die Marſen gehen durften, hielt ihnen Smudge eine kurze Rede, worin gebieteriſche Phraſen mit bezeich⸗ nenden Gebärden und dieſe ſich mit Drohungen darüber miſchten, was ſie im Falle ſchlechter Aufführung zu gewarten hätten. Nach dieſem ſchickte ich die Schwarzen auf den Hauptmars und Beide waren herzlich froh, dahin zu kommen. Auf ſolche Weiſe verſtärkt, gelang es uns, die große Mars⸗ ſtenge in wenig Minuten auszurüſten. Neb wurde ſofort angewie⸗ ſen, das Tauwerk aufzuſetzen und die Raa, ſo ſie anders an Ort und Stelle gebracht werden könne, wegzuklariren— mit einem ₰ »„— N —— nN 299 Wort, eine Stunde verſtrich unter harter Anſtrengung, dann hatten wir aber auch am Hauptmaſt, vom Eſelshaupt der Marsſtenge an bis zum Deck, Alles eingeſchnürt, gebunden und an ſeinem Platze. Die Bramſtenge lag vorn und hinten in der Kuhl und konnte noch nicht angefaßt werden, was auch keineswegs nöthig war: ich befahl den Leuten, beide Segel los zu machen und ihr Tackelwerk niederzuhalen. In Smudge's Augen gewann dies Alles ein höchſt verſprechendes Anſehen und die Wilden jauchzten vor Freude, als ſie das Mars⸗ ſegel ſo ſchön gefüllt und in ſtetem Zuge ſahen. Ich verſtärkte den Druck noch durch das große Segel und jetzt eilte das Schiff mit einer Geſchwindigkeit ſeewaͤrts, welche alle meine Hoffnungen zu erfüllen ſchien. Ich ſelbſt mußte nunmehr am Rade bleiben, deſſen Gebrauch Smudge allmählig zu ahnen begann. Das Schiff war um dieſe Zeit bereits zwei Meilen von der Inſel entfernt und an der Küſte ließen ſich die einzelnen Gegenſtänden nur noch undeutlich erken⸗ nen. Auch waren die Canoes nicht länger ſichtbar und an ein Jagdmachen von ihrer Seite nicht mehr zu denken.— Ich fühlte, daß die Entſcheidung herannahte. Smudge und ſeine Gefährte drangen nun immer ernſter darauf, daß das Schiff endlich ſeine Wendung mache. Die nur noch unbeſtimm⸗ ten Umriſſe des Landes begannen ſie ernſtlich zu beunruhigen und die Seekrankheit hatte bereits vier von ihnen flach aufs Verdeck ge⸗ worfen. Ich merkte wohl, daß der alte Burſche ſelbſt nicht wenig darunter litt, wenn ihn auch ſein Geiſt und die Gefahr, welche ihm drohte, in raſtloſer Bewegung und ernſter Wachſamkeit erhielten. Man mußte ſich nothwendig den Anſchein der Thätigkeit geben und ich ſchickte deßhalb die Neger auf den Vormars, um die Marsraa an ihre Stelle zu bringen und ihr Segel alsbald einzuſetzen. So verſtrich abermals eine Stunde, bis wir ganz hiemit fertig waren, und das Land nahezu weggewaſchen erſchien. Sobald ich das Kreuzmarsſegel eingeſetzt hatte, ließ ich ſcharf aufbraſſen 300 und brachte das Schiff dicht auf den Wind— dies machte, daß die Indianer, wie ich erwartete, gleich Blumen unter ſengender Sonnen⸗ hitze die Köpfe hängen ließen, da wir nunmehr eine Siebenknoten⸗ briſe hinter und eine ſcharfe Stürzſee vor uns hatten. Der alte Smudge fühlte, daß ſeine Kräfte raſch dahinſchwanden und kam nun mit dem letzten Aufgebote ſeiner Wuth auf mich zu, ſo daß ich ihm nicht länger ausweichen konnte und die dringende Nothwen⸗ digkeit erkannte, zu ſeiner Beruhigung irgend ein Mittel aufzubieten. Ich vertheilte die Wilden, ſo gut ich konnte, halte das große Segel auf, ſtellte das Schiff unter ſeine Stagſegel, ſo daß es weit beſſer vierte, als ich für möglich gehalten hätte. Als meine wilden Sieger ſahen, daß wir wirklich in der Rich⸗ tung des Landes hinſteuerten, war ihre Freude unbegränzt: ihr Führer zeigte ſogar Luſt, mich zu umarmen, welches Vergnügen ich mit der beſtmöglichen Manier abzulehnen ſuchte. Wegen der Folgen hatte ich nichts zu fürchten, da wir zu weit in See waren, um noch Beſorgniſſe vor den Canoes haben zu müſſen, und ihnen jeden⸗ falls, wie ich recht gut wußte, ganz leicht ausweichen konnten. Sobald Smudge und ſeine Kumpane bemerkten, daß das Schiff die gewünſchte Richtung verfolgte, ließen ſie bedeutend an Wachſam⸗ keit nach; ſie mochten wohl gewiſſermaßen die Gefahr vorüber glauben und fingen nun an, ihren phyſiſchen Leiden mehr Gehör zu geben. Ich rief Neb an das Rad, lehnte mich ſelbſt über den Hackbord und ſo gelang mir's, ohne Smudge zu beunruhigen, Marble an's Kajütenfenſter zu locken. Ich ſagte dem Ober⸗Steuermann, er ſolle alle ſeine Streitkräfte auf dem Vorkaſtell verſammeln, da ich bemerkt hatte, daß die Indianer jenen Theil des Schiffs vermieden wegen der heftigen Stöße, die es dort verſetzte, auch vielleicht weil ſie unſere Leute alle hinten verſammelt glaubten. Sobald mein Plan begriffen war, ſchlenderte ich nach vorn, ſchaute hinauf nach den Segeln und berührte da und dort ein Tau, wie Einer, der in gewöhnlicher Dienſtverrichtung begriffen iſt. Der 301 vor der vorderen Springlucke poſtirte Wilde war erbärmlich krank und entrichtete mit überſtrömenden Augen den Tribut, welchen der Landbewohner an die See ſchuldet. Die Lucke war ſehr feſt, und blos durch eine, mit einem Stück Eiſen geſperrte Klampe geſchloſſen: ich brauchte blos die Hand hinabzuſtrecken, das Eiſen herauszunehmen und die Lucke aufzureißen, als auch ſogleich die Schiffsmannſchaft — Marble voran— auf das Verdeck ſtrömte. Jetzt war kein Augenblick für Erläuterungen. Ich ſah auf den erſten Blick, daß Marble mit den Seinigen die Lage des Schiffs ganz anders als ich ſelbſt betrachtete. Ich war jetzt Stunden lang mit den Wilden zuſammen geweſen, hatte ihr theilweiſes Vertrauen erlangt und wußte, wie ihre endliche Rettung ſo ganz von mir abhing— was mich Alles einigermaßen geneigt machte, ſie gleich⸗ falls mit der Milde zu behandeln, welche ich in eigener Perſon von ihnen erfahren zu haben glaubte. Marble dagegen und ſeine Mann⸗ ſchaft hatten ſich die ganze Zeit über, wie gefangene Löwen, vor Wuth beinahe verzehrt— ſie hatten ſogar, wie ich ſpäter erfuhr, den einmüthigen Beſchluß gefaßt, ſich lieber in die Luft zu ſprengen, als den Indianern die Gewalt über das Schiff noch länger zu über⸗ laſſen. Dann war auch der arme Kapitän Williams bei den Matroſen ſehr beliebt und ſein Tod mußte noch gerächt werden! Ich würde ein Wort zu Gunſten meiner Gegner geſagt haben, wenn ich nicht mit dem erſten Blick auf das flammende Geſicht des Oberſteuermanns wahrgenommen hätte, daß jeder Verſuch umſonſt ſein müſſe. Ich wandte mich deßhalb zu dem kranken Wilden, der als Schildwache bei der vorderen Springlucke aufgeſtellt war, um deſſen Einmiſchung zu verhindern. Er war mit den Piſtolen bewaffnet, welche man mir abgenommen hatte, und zeigte nicht übel Luſt, ſie zu gebrauchen: allein ich war zu raſch in meinen Bewegungen und fiel ſo zeitig über ihn her, daß er, der ohnehin mit den Waffen nicht vertraut war, an deren Gebrauch gänzlich gehindert wurde. 30² Wir rangen mit einander und fielen Beide aufs Verdeck, wobei ſich der Indianer die Piſtolen entgleiten ließ, um meiner Fauſt zu begegnen. In dieſem Augenblick vernahm ich das Jauchzen der Matroſen: Marble rief ſein„Rache für Kapitän Williams“ und befahl dann loszufeuern. Bald ſah ich den eigenen Gegner meiner Willkühr preis⸗ gegeben und brachte ihn dem Ende des Klüverbaumniederhalers ſo nahe, daß ich ihn mit dem dortigen Tau ein oder zweimal um⸗ ſchlingen und dadurch feſtbinden konnte. Der Mann leiſtete nach dem erſten Anfall nur noch geringen Widerſtand und die Piſtolen aufraffend verließ ich ihn, um an den Vorgängen auf dem Kinter⸗ deck Antheil zu nehmen. Während ich noch auf dem Decke lag, hatte ich mehreremal einen ſchweren Fall ins Waſſer und dann ein Halbdutzend grauſame, ver⸗ nichtende Schläge vernommen: keiner von beiden Theilen feuerte einen Schuß, dagegen gebrauchten einige unſerer Leute, welche in der Nacht, da das Schiff erobert wurde, alle ihre Waffen hinunter⸗ genommen hatten, ihre Piken mit wilder Freigebigkeit. Um die Zeit, da ich bis zum Hauptmaſt rückwärts gelangte, war das Schiff bereits wieder unſer. Faſt die Hälfte der Indianer hatte ſich ins Meer geſtürzt: das übrigbleibende Dutzend war ent⸗ weder wie Ochſen auf den Kopf geſchlagen oder gleich Schweinen geſpießt worden. Die Leichname folgten den Lebendigen in die See und in dem Augenblick, von dem ich ſpreche, war der alte Smudge allein noch übrig. Der Anführer der Wilden beobachtete eben Neb's Bewegungen, als jener Ruf meiner Landsleute ſich vernehmen ließ: das Rad ver⸗ laſſend ſchlang der Schwarze ſeine Arme um die des alten Mannes und hielt ihn wie in einen Schraubſtock geſpannt. In dieſer Stellung wurde er von Marble und mir gefunden, indem wir Beide von den entgegengeſetzten Enden des OQuarterdecks bei ihm zuſammentrafen. „Ueber Bord mit dem Schurken!“ rief der aufgeregte Ober⸗ ſteuermann;„wirf ihn über Bord, Neb, wie das Roß eines Reiters!“ ₰ -———2 NK— 303 „Halt“— fiel ich ein;„verſchont den alten Wicht, Mr. Marble — er ſchonte auch meiner.“ Ein Verlangen von mir pflegte bei dem Schwarzen ſogar einen Befehl des Kapitäns zu jeder Zeit unwirkſam zu machen, ſonſt wäre Smudge ganz gewiß wie ein Strohbündel in den Ocean ge⸗ flogen. Marble beſaß eine ziemliche Portion Gleichgültigkeit gegen körperliches Leiden, wie ſie ſich leicht durch Gewohnheit erzeugt und war in Stunden der Aufregung ein gefährlicher, zuweilen ſogar ein harter Mann, der ſich aber im Ganzen nicht grauſam und ſtets höchſt männlich zeigte. In dem kurzen Kampfe, den er beſtanden, hatte er ſeine Pike fallen laſſen, um mit der Fauſt einen Indianer niederzuſchlagen, welchen er gleich darauf ohne weitere Umſtände und ehe dieſer ſich aufraffen konnte— zu einer Stückpforte hinaus⸗ ſchob. Aber er verſchmähte es, bei der jetzigen Ueberzahl auf Smudge loszuſchlagen und ging ſelbſt ans Steuer, um Neb den Befehl zur Sicherung des Gefangenen zu geben. Froh, dieſe gräßliche Scene wenigſtens einigermaßen gemildert zu haben, rannte ich nach dem Vordertheil, um auch meinen Ge⸗ fangenen nach hinten zu bringen und Beide zuſammen im unteren Raume einzuſperren.— Aber ich kam zu ſpaͤt: einer der Phila⸗ delphier hatte ſo eben Kopf und Schulter des armen Teufels durch die Bugpforte geſchoben und ich hatte gerade noch ſo viel Zeit, um ſeine Füße verſchwinden zu ſehen. Kein einziges Cheer verkündete unſern Sieg. Als alles vorüber war, ſtarrten die Matroſen einander an, ernſt, finſter, und mit der Miene von Leuten, welche wohl fühlten, daß ſie durch die Umſtände, welche ſie zu der Nothwendigkeit führten, ſich ſolchergeſtalt wieder der Herrſchaft über ihr eigenes Schiff zu bemächtigen— gewiſſer⸗ maßen beſchimpft waren. Ich ſelbſt ſchwang mich auf den Hackbord, um des Schiffes Kielwaſſer zu überſchauen— aber dort begegnete mir ein peinlicher Anblick. Waͤhrend der paar Minuten, welche der kurze Kampf 304 gedauert hatte, war die Kriſis in ſtetem Laufe vorwärts geeilt, der Erde vergleichbar, welche in ihrer Bahn fortſchreitet, ohne ſich um die Streitigkeiten der auf ihrer Oberfläche kämpfenden Nationen zu bekümmern. Köpfe und Arme ſah man auf hundert Faden Weite in unſerem Kielwaſſer ſich hin und her ſchwenken, denn auch wer nicht ſchwimmen konnte, kämpfte bis auf den letzten Augenblick um Erhaltung ſeines Lebens. Marble, Smudge und Neb ſchauten alle im ſelben Augenblicke nach dieſer Richtung und ich ſelbſt, von einer unwillkürlichen Ein⸗ gebung ergriffen, äußerte den Rath, wir ſollten vieren, um einigen der Elenden das Leben zu retten. „Ci, laßt ſie nur ertrinken, der Henker mag ſie holen!“ lautete des Oberſteuermanns ſpruchreiche Antwort. „Nein— nein— Maſſer Mile“ wagte Neb mit tadelndem Kopfnicken beizufügen—„dat wird nimmer gehen— kein Guts jemals komm vom Inſchjön. Wenn Ihr ihn nit erſaufen, er gewißlich erſaufen Euch.“ Ich ſah, daß jede Gegenvorſtellung unnütz war und mittler⸗ weile begann ein dunkler Punkt nach dem andern zu verſchwinden, ſo wie die Opfer allmählig im Ocean verſanken. 1 Smudge hatte ſein Auge auf die kämpfenden Geſtalten ſeiner Anhänger geheftet, und die Art, wie er dies that, bewies, daß Spuren menſchlichen Gefühls, ſeys nun in dieſer oder jener Beziehung, in jeder Lage des Lebens zu finden ſind. Ich glaubte, in den Zügen dieſes Weſens, ſo ſehr auch ſein Herz durch ein langes Leben gräu⸗ licher Wildheit verhärtet war, ein Zucken zu entdecken, welches mir zeigte, wie tief ihm die plötzliche Vernichtung, welche über ſeinen Stamm hereingebrochen war, in die Seele ſchnitt. Vielleicht hatte er Söhne oder Enkel unter jenen unglücklichen Kämpfern, welche er nun zum letztenmale erblickte: war dies der Fall, ſo erſchien ſeine Selbſtbeherrſchung wahrhaft wunderbar, denn wenn ich gleich 305 ſah, daß er den Vorgang tief empfand, ſo ließ er ſich dennoch kein Zeichen von Schwäche entſchlüpfen. Als der letzte Kopf in den Wogen verſank, ſah ich, wie er zuſammenſchauderte; ein unterdrückter Seufzer entfuhr ihm und dann drehte er den Kopf nach den Bollwerken und ſtand lange Zeit unbeweglich, wie eine der Fichten ſeiner Wälder. Ich bat Marble um die Erlaubniß, dem alten Manne die Arme loszubinden; der Steuermann genehmigte es auch, nicht ohne einige Flüche über ihn und alle diejenigen loszudonnern, welche bei den letzten Vorfällen am Bord des Schiffs mitgewirkt hatten. Wir hatten übrigens zu viel mit der Sicherung von Maſten und Tackelwerk zu ſchaffen, um auf das bloße Mitleid lange Zeit ver⸗ ſchwenden zu können; die ganze Marstackelage, die Hinterſtags u. ſ. w. mußten friſch eingeſetzt werden und nach vorn und hinten wurden die Backs zu dieſem Dienſt entſendet. Das Blut ward von den Decks gewaſchen und ein Theil der Mannſchaft machte ſich an die Bramſtengen, um dieſe feſtzuſtellen: alle Marsſegel wurden ein⸗ gerefft, die großen Segel aufgehalt, Klüver und Brodwinner einge⸗ nommen und das Schiff beigedreht. Es fehlten blos noch zwei Stunden bis zu Sonnenuntergang, als Mr. Marble die Dinge nach ſeinem Sinne angeordnet ſah: wir hatten die Oberbramraaen gekreuzt und das Schiff vom Flaggen⸗ knopfe abwärts in Leinwand gehüllt. Das Langboot wurde hinter dem Spiegel im Schlepptau gezogen: das Schiff war ungefähr noch eine Meile von der ſüdlichen Einfahrt entfernt und ſteuerte der Bai entgegen; der Wind war wahrſcheinlich derſelbe, wie er ſeit Sonnenaufgang geweſen, nur ſchien er allmählig ſchwächer zu werden. Unſere Kanonen waren losgemacht und die Mannſchaft ſtand auf ihren Poſten. Sogar ich wußte nicht, was der neue Kapitän zu thun beabſichtigte, denn die Art ſeiner Befehlgebung hatte mir verrathen, daß er zu feſt und unerſchütterlich entſchloſſen war, um Miles Wallingford. 20 306 für Rathſchläge zugänglich zu ſeyn. Die Backbord⸗Batterie ward bemannt und wir hatten Ordre, die Kanonen auf dieſer Seite zu richten und zum Feuern bereit zu halten. Als nun das Schiff beim Eintritte in die Bucht dicht am Eilande vorüberzog, wurde die ganze Breitſeite gegen Bäume und Büſche entladen. Wir hörten einige gellende Rufe, zum Beweis, daß die Kugeln getroffen und daß Marble die Stellung einiger ſeiner Feinde wenigſtens nicht falſch berechnet hatte. Das Schiff betrat die Bai in ſtetiger mäßiger Bewegung, indem ſich die Gewalt der Briſe großentheils an den Waldungen brach. Die große Raa ward rückwärts genommen und ich erhielt Befehl, das Langboot zu bewaffnen. Eine Drehbaſſe war in den Bügen des Bootes aufgeſtellt und ſo ruderte ich denn in das Flüßchen, um mich zu überzengen, ob daſelbſt Spuren von den Wilden zu ent⸗ decken wären. Beim Eintritt in das Flüßchen ließ ich wie befohlen, die Dreh⸗ baſſe abfeuern und bald ſtießen wir auf Zeichen, daß wir ein Bivouac geſtört hatten. Ich fuhr fort, mit gelegentlichen Musketenſalven ab⸗ wechſelnd, das kleine Geſchütz zu laden und in die Büſche abzufeuern, bis ich mich gehörig überzeugt hatte, daß das Ufer völlig geſäubert war. Bei dem Bivouac traf ich die Canoes und unſere eigene Jolle nebſt einem Haufen von nicht weniger als ſechshundert Fellen, welche ohne Zweifel herbeigebracht waren, um für den Nothfall, daß man uns die Augen verblenden müßte, bis ſich ein günſtiger Moment zur Ausführung der Verſchwörung darböte— an uns vertauſcht zu werden. Ich betrachtete dies als eine kleine Rache für das, was vorgefallen war und nahm keinen Anſtand die Felle zu conſisciren und an Bord des Schiffes zu bringen. Von da wandte ich mich nach dem Eiland, wo ich einen, durch eine Traubenkugel Verwundeten im Sterben traf und den deutlichen Beweis vor mir ſah, daß ein beträchtlicher Haufen von Wilden ab⸗ gezogen war, ſobald ſie unſer Feuer verſpürt hatten; ſie mochten 307 ſich wohl nach der Außenſeite der Inſel begeben haben. Doch wurde es ſchon zu ſpät, um ſie zu verfolgen. Bei meiner Rückkehr fand ich das Schiff aus der Bai heraus⸗ ſteuernd, da Kapitän Marble entſchloſſen war, daſſelbe keine zweite Nacht dieſem Hafen anzuvertrauen. Der Wind ließ nach und bei der, dieſer hohen Breite eigenen heftigen Flut waren wir recht froh, noch bei Tag die offene See zu gewinnen. Der glückliche Fund der Felle hatte den neuen Kapitän bedeutend beſchwichtigt; er erklärte mir, wenn er erſt Smudge im Angeſicht ſeiner eigenen Küſte aufgehängt habe, ſo werde es ihm„wieder etwas beſſer zu Muthe ſeyn.“ Wir ließen die Nacht über unſere Marsſegel eingeſetzt und hielten uns bei leichtem, aber ſtetigem Südwinde in der Nähe der Küſte. Am nächſten Morgen nahm der Dienſt auf dem Schiffe ſeinen gewohnten Gang, bis die Leute gefrühſtückt hatten; dann aber gings abermals nach der Bai, wo wir diesmal ſo beidrehten, daß wir eine unſerer Bojen einnehmen konnten. Der Stromanker wurde ſofort ausgeworfen, wobei die Marsſegel eingeſetzt blieben, der zweite getappte Anker aufgehißt und der Schlag ſeines Kabels gleichfalls gerettet, ſo daß wir beide Anker mit ihren Tauen wie⸗ der bekamen, indem die Enden der Letzteren durch die Klüsgaten gezogen und die Stücke geſplißt wurden. Dieſe Arbeit mochte uns vier Stunden lang beſchäftigt haben, worauf der Stromanker gelichtet, gekattet und gefiſcht wurde; dann befahl Marble einen Klappläufer um den Vorraaarm zu ſchlingen. Ich befand mich eben auf dem Quarterdeck, als plötzlich dieſer Befehl gegeben wurde. Ich hätte gerne Vorſtellungen gemacht, da ich ziemlich klare Begriffe von perſoͤnlichen Rechten und geſetz⸗ mäßigem Verfahren überhaupt beſaß; aber ich mochte nichts ſagen, denn Kapitän Marble's Blick und ganzes Weſen ſchien in jenem Augenblick nichts weniger als zum Scherz geſtimmt. Der Klapp⸗ 308 läufer war bald umgeſchlungen und die Leute gafften in ſtummer Erwartung nach dem Hinterdeck. „Bringt den möoͤrderiſchen Schuft nach vorn, bindet ihm die Arme auf den Rücken, ſtellt ihn auf die dritte Kanone und erwar⸗ tet meine ferneren Befehle,“ fuhr der neue Kapitän in ernſtem Tone fort. Auf dieſe Ordre wagte niemand zu zaudern, obwohl ich bemerken konnte, daß einige von den Burſchen keinen ſonderlichen Gefallen an dem Geſchäfte fanden. „Gewiß iſts Euch nicht Ernſt, Mr. Marble!“ warf ich endlich leiſe ein. „Kapitän Marble, wenn's Euch gefäͤllig iſt, Mr. Walling⸗ ford. Ich bin jetzt Herr dieſes Schiffs und Ihr der Oberſteuer⸗ mann. Ich beabſichtige, Euren Freund Smudge als warnendes Beiſpiel für ſeine Kameraden an der Küſte ein Bischen aufzuhän⸗ gen. Dieſe Wälder ſind im jetzigen Augenblicke voller Augen und der Anblick, den ſie ſogleich haben ſollen, wird mehr Gutes ſtiften als vierzig Miſſionäre und unzählige Jahre des Predigens ausrichten würden. Stellt den Burſchen auf die Kanone, ihr Leute, wie ich Euch ſchon befohlen: das iſt die rechte Art, mit einem Indianer zu verallgemeinern.“ Im nächſten Augenblicke ſah man den armen Unglüͤcklichen mit einem Ausdrucke um ſich ſchauen, welcher zeigte, daß er Gefahr ahnte, wiewohl er die eigentliche Art ſeiner Hinrichtung unmöglich zu begreifen vermochte. Ich ging zu ihm, drückte ihm die Hand und wies nach oben, um ihm damit zu ſagen, daß ſeine einzige Hoffnung nunmehr auf dem großen Geiſt beruhe. Der Indianer verſtand mich, denn von da an zeigte er eine Miene würdevoller Ruhe, wie Einer, der vollkommen gefaßt iſt, ſeinem Schickſale zu begegnen. Bei ſeiner Denkweiſe iſt es nicht wahrſcheinlich, daß er in jenem Tode eine beſondere Härte erkannte, denn ohne Zwei⸗ fel hatte er manchen Gefangenen unter weit weniger beſchwerenden 309 Umſtänden hingeopfert, als ſein eigenes Benehmen ſie hervorgeru⸗ fen hatte. „Laßt zwei von den ‚Neggern’ das eine Ende des Klappläu⸗ fers dem Burſchen um den Hals ſchlingen,“ befahl Marble, der, ſelbſt zu gut, um Jack Ketch* in eigener Perſon vorzuſtellen, auch keinen von den weißen Matroſen zu dieſem unehrenvollen Amte ver⸗ wenden mochte. Joe, der Koch und ein zweiter Schwarzer vollzo⸗ gen alsbald dieſen empörenden Dienſt, deſſen Gehäſſigkeit ſich ein Seemann nur ſelten gänzlich zu entziehen vermag. Ich bemerkte jetzt, wie Smudge emporſchaute, als ob er nun⸗ mehr das Loos begriffe, das ſeiner harrte. Die tiefgewurzelten Grundſätze ſeines Innern warfen einen finſteren Schatten über ein Geſicht, das ſchon an ſich durch Leiden und Lebensweiſe düſter und verwittert genug geworden war und er warf einen ernſten Blick auf Marble, deſſen Befehle dies Alles hervorgerufen hatten. Unſer neuer Kapitän bemerkte dieſen Blick und eine kleine Weile hoffte ich, er würde ſich erweichen und den armen Teufel gehen laſſen: allein Marble hatte ſich ſelbſt überredet, daß er einen großen Akt ſeemänniſcher Gerechtigkeit vollziehe und merkte keines⸗ wegs, wie vielen Einfluß ein der Rachſucht verwandtes Gefühl dabei äußerte. „Abgeſchweit!“ rief er und Smudge baumelte in wenigen Se⸗ kunden an dem Raaarm. Ein Holzklotz hätte nicht regungsloſer ſeyn können, als der Körper dieſes Wilden verharrte, nachdem der erſte Schauder des Schmerzes darüber hingezuckt hatte: wie der Fallblock eines Leeſegels hing er da und bald war jede Spur des Lebens verſchwunden. Eine Viertelſtunde ſpäter wurde ein Mann hinaufgeſchickt, der das Tau abſchnitt— ein ſchwerer Fall, der Körper ſtürzte ins Waſſer und verſchwand. Die Geſchichte dieſes Abenteuers fand ſpäter ihren Weg in * Beiname des Henkers.. D. U. 310 die Zeitungsblätter der Heimath. Einige Moraliſten verſuchten ge⸗ gen die Legalität und Nothwendigkeit des Verfahrens verſchiedene Zweifel zu erheben und behaupteten, der Sache der heiligen Gerech⸗ tigkeit werde durch ſolche Mißachtung von Billigkeit und Grund⸗ ſätzen mehr geſchadet als genützt: allein das Handelsgefühl und die Sicherheit der fern von der Heimath befindlichen Schiffe waren zu mächtige Beweggründe, um durch die ſtillen, ruhigen Vorſtellungen der Vernunft und des Rechts über den Haufen geworfen zu wer⸗ den. Umſonſt verſuchte man es, gegen das thätige und ſtets ſpor⸗ nende Reizmittel des Gelddurſtes die Mißbräuche geltend zu machen, zu denen ein ſolches Verfahren in Fällen, da eine der beiden Par⸗ theien ſich zum Geſetz, zum Richter und Vollſtrecker aufwirft, vor⸗ ausſichtlich führen muß. SGllichwohl erfuhr ich, daß Marble, als es zu ſpät war, die Sache lieber ungeſchehen wünſchte, denn thöricht wäre es wohl zu glauben, die Einflüſterungen jenes Mahners, den Gott uns einge⸗ pflanzt hat, werden ſich durch den buhleriſchen, ſelbſtſüchtigen Bei⸗ fall Derer beſchwichtigen laſſen, welche Recht und Unrecht nach dem engherzigen Maaßſtabe ihres eigenen Vortheils bemeſſen. Fünfzehntes Kapitel. Erſter Lord: Throca movonsas, cargo, cargo, cargo. Alle: Cargo, cargo, villianda par corbo, cargo. Parolles: O Löſ'geld, Löſ'geld— deck' mir nicht die Augen. Erſter Soldat: Boskos Thromuldo boskos. Parolles: Ich weiß, Ihr ſeyd von Musko's Regiment Und mich wird Sprachunkenntniß noch verderben. Ende gut Alles gut. Sobald Smudge's Leichnam abgeſchnitten war, vierte die Kriſis und ſteuerte langſam— die Matroſen alle in trübem Schweigen— aus dem kleinen Hafen. Noch nie habe ich in den Bewegungen 311 eines Schiffs einen auffallenderen Ausdruck von Trauer wahrge⸗ nommen, denn unſere ſtetige, langſame Ausfahrt glich ganz dem Ab⸗ treten von Leidtragenden, welche das Grab verlaſſen, nachdem ſie eben das Poltern der erſten Erdſcholle vernommen haben. Marble ſagte mir ſpäter, er habe Anfangs im Sinne gehabt, ſo lange in der Bai vor Anker zu bleiben, bis des armen Kapitän Williams Leiche ſich zeige, was wahrſcheinlich in den nächſten acht und vierzig Stunden geſchehen wäre: allein die Beſorgniß, vielleicht noch mehrere der Eingeborenen opfern zu müſſen, habe ihn veranlaßt, den verhängnißvollen Ort zu verlaſſen, ohne unſerem würdigen alten Kommandanten die letzte Ehre zu erweiſen. Ich habe immer bedauert, daß wir nicht länger blieben: denn ich glaube, auch wenn wir uns noch einen ganzen Monat im Hafen aufgehalten hätten, ſo wäre uns doch gewiß kein Indianer mehr nahe gekommen. Es war hoher Mittag, als das Schiff abermals auf die breite Waſſerfläche des ſtillen Oceans hinaustrat: der Wind wehte aus Südoſt, recht friſch und anhaltend, ſobald wir vom Lande abge⸗ ſteuert hatten. Gegen zwei Uhr mochten wir etwa zehn bis zwölf Meilen zurückgelegt haben, als Befehl gegeben wurde, alle Back⸗ bordleeſegel einzuſetzen und nun gings fort unter einem Walde von Segeln gen Südweſten. Jeder erkannte in dieſer Aenderung den Entſchluß, die Küſte zu verlaſſen— eine Maßregel, welche wir keineswegs bedauerten, da unſer Handel bis zu dem Augenblicke des Ueberfalls zwar ganz erfolgreich geweſen war, nach dem was vor⸗ gefallen, aber ſchwerlich weitere günſtige Ausſichten darbot. Man hatte mich in der Sache bisher nicht um meinen Rath ge⸗ fragt; als der zweite Steuermann aber die Wache hatte, wurde ich ſo⸗ fort nach der Kajüte gerufen, und in das Geheimniß unſerer künf⸗ tigen Bewegungen eingeweiht. Ich fand Marble am Kajütentiſche ſitzend, und, Kapitän Williams' Schreibmappe geöffnet vor ſich, mit Prüfung verſchiedener Papiere beſchäftigt. „Setzt Euch, Mr. Wallingford,“ ſprach der neue Schiffsherr 312 mit einer der Veranlaſſung entſprechenden Ernſthaftigkeit und Würde. „Ich habe ſo eben des alten Mannes Inſtruktionen von Seiten der Schiffseigenthümer überhalt und finde, daß ich ganz wohl daran gethan habe, als ich unſeren Kurs nach dem nächſten Beſtimmungs⸗ orte richtete und dieſe ſchuftigen Galgenvögel ſich ſelbſt überließ. So wie die Sachen ſtehen, hat ſich das Schiff erſtaunlich gut ge⸗ halten. Im Piek befinden ſich ſieben und ſechzig tauſend dreihun⸗ dert und ſiebzig gute ſpaniſche Thaler, während die verkauften Güter blos zu ſechs und zwanzig tauſend zweihundert und vierzig einge⸗ zeichnet ſind; wenn man nun bedenkt, daß wir weder Zölle, noch Hafengelder oder Kommiſſionen zu bezahlen haben, die Dollars unter unſeren Füßen vielmehr ohne allen Abzug uns gehören, ſo darf ich die Operation wohl eine gute nennen. Ueberdies hat uns jener Glücksfall mit der Magellanſtraße, den wir aber nie anders denn als einen kühnen Wurf um eine raſche Durchfahrt ſchildern dürfen, auf eine wunderbare Weiſe Vorſchub geleiſtet und uns um einen ganzen Monat vorangebracht; ja ſo ſehr haben wir unſere Berechnungen übertroffen, daß ich fünf bis ſechs Wochen lang nach Franzoſen kreuzen würde, wenn nur die mindeſte Ausſicht vorhanden wäre, weſtwärts vom Kap Horn auf einen der Burſche zu ſtoßen. Da dies aber nicht der Fall iſt und wir noch einen ſehr weiten Weg vor uns haben, ſo hielt ich fürs Beſte, nach unſerem nächſten Beſtimmungsorte aufzubrechen. Lest einmal dies Blatt mit den Ideen des Schiffseigners, Mr. Wallingford, und Ihr werdet auch für eine Lage, wie unſere gegenwärtige, ſeinen Rath darin finden.“ Die von Kapitän Marble bezeichnete Stelle war eigentlich eine Parentheſe, einfach zu dem Zwecke geſchrieben, um Kapitän Williams, im Fall er nicht im Stande wäre, die übrigen Zwecke ſeiner Reiſe zu erfüllen, einen paſſenden Vorſchlag an die Hand zu geben. Sie war einzig nur auf Marble's Anrathen in die Inſtruktion aufge⸗ nommen worden, da ſie einen jener Lieblingsplane des Steuermanns enthielt, welche die Menſchen zuweilen durch Dick und Dünn verfolgen, 313 bis ſie zuletzt zum leitenden Gedanken bei ihnen werden. Kapitaͤn Williams hatte gar nichts darauf gegeben, denn ſein Plan war, des Sandelholzes halber nach den Sandwichinſeln zu ſegeln, wie dies der damals übliche Kurs für Nordweſthändler vorſchrieb, ſobald man die Küſte verlaſſen hatte. Das parentheſiſche Projekt dagegen ging dahin, letztere Inſel nur zu berühren, ſich einige Taucher daſelbſt zu verſchaffen, um dann gewiſſe Eilande aufzuſuchen, wo die Perl⸗ fiſcherei, wie man vermuthete, ſehr lohnend ſeyn müßte. Unſer Schiff war jedenfalls viel zu groß und koſtbar, um ſeinen Verluſt in einem ſolchen Abenteuer zu riskiren und ich erklärte dies dem Erſtenermann offen und ohne Rückhalt. Aber bei dem neuen Kapitän war dieſe Fiſcherei— der raſcheſte Weg zum Reichthum— zur„fixen Idee“ geworden, und da er ſie in der Inſtruktion, wenn gleich nur als zufälligen Kurs erwähnt fand, ſo ſchien er geneigt, ſie ohne weiteres als das Hauptziel der Reiſe zu betrachten: ſo ſtellte ſich die Sache in ſeinen Augen dar, und ſo, meinte er, müſſe ſie auch den Schiffseigenthümern erſcheinen. Marble beſaß in ſeiner Art die trefflichſten Eigenſchaften, taugte aber keineswegs zum Schiffskommandanten. Niemand verſtand es beſſer, ein Fahrzeug zu ſtauen, auszurüſten, zu ſteuern, beim Sturme Acht darauf zu haben und es zu lenken; gleichwohl fehlte es ihm an der nöthigen Umſicht, um über das ſeiner Sorgfalt anvertraute Eigenthum mit Klugheit zu verfügen und er hatte ſo gar keinen Be⸗ griff vom Handelsbetrieb, wie wenn er niemals zu einem commer⸗ ciellen Geſchäft verwendet worden wäre. Dies war auch in Wahr⸗ heit die Urſache, warum er in ſeinem Berufe nie höher geſtiegen war, denn der Handelsinſtinkt— einer der lebendigſten und ſchärf⸗ ſten, welche die Naturgeſchichte aufweist— ließ ſeine verſchiedenen Schiffsherren ahnen, daß er bereits die Stufe erreicht hatte, zu deren Ausfüllung ihn Natur und Kunſt am Beſten geeignet machten. Es iſt wirklich wunderbar, wie ſcharffichtig ſogar die be⸗ ſchränkteſten Leute werden, ſobald ſichs ums Geld handelt! 314 Ich geſtehe, trotz meiner neunzehn Jahre lief meine Anſicht der des Kapitäns ſchnurſtracks zuwider. Ich erkannte ganz wohl, daß der in den Inſtruktionen erwähnte Fall nicht eingetreten war, daß wir im Gegentheil mehr in Uebereinſtimmung mit den Wün⸗ ſchen der Eigenthümer handeln würden, wenn wir nach den Sand⸗ wichinſeln zogen, um Sandelholz und von da in China Thee ein⸗ zunehmen. Marble ließ ſich aber nicht überzeugen, obgleich meine Gründe ihn etwas wankend machten: was daraus erfolgt wäre, iſt ſchwer zu ſagen: übrigens begünſtigte der Zufall unſere beiderſei⸗ tigen Anſichten. Ich muß hier noch beifügen, daß Marble dieſe Gelegenheit benutzte, um Talcott zum dritten Steuermann zu befoͤrdern. Ich freute mich ſehr über dieſe Vermehrung unſeres kleinen Kreiſes auf dem Quarterdeck, denn Talcott war ein junger Mann von Erziehung, ſtand mir im Alter weit näher als die beiden anderen Offiziere und zeigte für mich ſeit unſerem Abenteuer auf der Amanda eine ungemeine Anhänglichkeit. Nicht nur ſeine Geſell⸗ ſchaft, die ich fortan genießen konnte, ſondern auch der Umſtand, daß ich ihn von nun an Mr. Talcott tituliren hörte, erfüllte mich mit aufrichtigem Vergnügen.. Wir hatten eine lange, aber ruhige Fahrt nach den Sandwich⸗ eilanden— eine Inſelgruppe, welche anno 1800 in der Meinung der Welt eine ganz andere Stelle einnahm, als ſie heut zu Tage ausfüllt, wenn deren Bewohner auch damals ſchon einige unbedeutende Fort⸗ ſchritte in der Civiliſation, gegenüber von Cooks Zeiten, gemacht hat⸗ ten. Jetzt ſollen Kirchen, Gaſthöfe, Billards und ſteinerne Wohnungen auf jenen Inſeln zu finden ſeyn, die chriſtliche Religion ſoll ſich raſch daſelbſt ausbreiten und das unter dem Namen der Civiliſation be⸗ kannte Gemiſch von Schicklichkeit, Laſter, Sicherheit, Spitzbüberei, Geſetz und Bequemlichkeit mit Rieſenſchritten unter den Einwoh⸗ nern Platz greifen. Damals war es noch ganz anders, denn die Leute, welche 315 uns aufnahmen, waren nur wenig beſſer als Wilde. Unter denen, welche uns zuerſt am Bord beſuchten, befand ſich der Kapitän einer amerikaniſchen Brigg, welche nach Boſton gehörte und an einem Riffe Schiffbruch gelitten hatte. Derſelbe wollte noch bei dem Wracke bleiben, wünſchte aber eine beträchtliche Maſſe Sandelholz zu veräußern, welche auf ſeinem Schiffe lagerte und für deren Sicherheit er ſehr beſorgt war, da der erſte Sturm die Stämme nach allen Richtungen zerſtreuen konnte. Wenn er einen friſchen Vorrath für ihn paſſender Handelsgüter erhielte, wollte er ſo lange auf den Eilanden bleiben, bis ein zweites Schiff derſelben Eigen⸗ thümer, das in wenigen Monaten erwartet wurde, anlangte, um ſich dann mit Allem, was er von dem Wracke retten, ſo wie mit dem Holze, das er in der Zwiſchenzeit einkaufen würde, an Bord des Letzteren einzuſchiffen. Kapitän Marble rieb ſich die Hände vor Entzücken, als er von einem Beſuche auf dem Wrack zurückkam, nachdem er alle ſeine Anordnungen getroffen hatte. „Das Glück iſt mit uns, Maſter Miles,“ meinte er;„ſchon in der nächſten Woche können wir nach den Perlenfiſchereien auf⸗ brechen. Ich habe um lauter Lumpenquark das ſämmtliche San⸗ delholz des Wracks, und zwar blos um den doppelten Preis, den die Indianer fordern, eingehandelt und noch heute Nachmittag wollen wir aufhalen und nach dem Wrack hinüberſteuern, um unſere La⸗ dung einzunehmen. Dieſſeits des Riffs gibts einen prächtigen An⸗ kergrund und das Schiff kann ſich ſeiner Ladung mit Sicherheit bis auf hundert Faden nähern.“ Alles ging, wie Marble gehofft und prophezeit hatte: die Kriſis kehrte noch vor Ablauf der Woche auf ihren alten Ankerplatz vor dem Orte— jetzt eine Stadt, Honolulu genannt— zurück. Wir nahmen unſern Vorrath von Schweinen ein und gingen mit vier der beſten Taucher unter Segel, um Kapitän Marble's Perlen⸗ eldorado aufzuſuchen. Ich war jetzt weniger gegen dieſen Plan geſtimmt als früher, 346 da wir ſo viel Zeit erübrigt hatten, daß wir vor unſerer Ab⸗ fahrt nach China recht gut einige Wochen unter den Eilanden zu⸗ bringen konnten. Unſer Kurs ging nach Südweſt und durchſchnitt die Linie im hundert und ſiebzigſten Grad weſtlicher Länge. In der Nähe des Aequators hatten wir vierzehn Tage lang ruhige See und machten nur geringe Fortſchritte: es herrſchte eine drückende Hitze und ich war deßhalb nicht wenig froh, als ich den Befehl, mehr nordwärts zu ſteuern, geben hörte, da dieſe Richtung unſerem Wege nach China naͤher kam. Wir waren etwa ſeit einem Monat unterwegs von Owyhee her, wie man damals die Inſel, wo Cook getödtet wurde, zu nen⸗ nen pflegte, während ſie heutiges Tags Hawaii heißt— als mich Marble an einem ſchönen Mondſcheinabend während meiner Wache beſuchte; er rieb ſich die Hände, wie er dies in der Gewohnheit hatte, wenn er bei guter Laune war und brach dann in folgende Worte aus: „Ich will Euch'was ſagen, Miles— wir Beide ſind von der Vorſehung zu ungewöhnlichen Dingen ‚eingeſalzen!’ Schaut nur einmal auf alle unſere Abenteuer während der letzten drei Jahre zurück, und ſeht, wie ſie ſich geſtaltet haben. Erſtlich war da der Schiffbruch drüben an der Küſte von Madagascar“— dabei deutete er mit dem Daumen über die Schulter, um eine Strecke von zwei⸗ hundert Längengraden— denn ſo weit mochten wir in gerader Linie von jenem Punkte entfernt ſeyn— damit zu bezeichnen;„dann kam die Bootsgeſchichte unterhalb der Inſel Bourbon und der Kampf mit dem Kaper jenſeits von Guadeloupe. Und als ob das Alles noch nicht genug wäre, ſegeln wir abermals auf einem Schiffe zuſammen und hatten ſchon einen hübſchen Strauß mit dem franzöſiſchen Handelsfahrer, dann eine verteufelte Fahrt durch die Magellanſtraße, nach dem den traurigen Verluſt von Kapitän Williams und den ganzen betreffenden Handel, und endlich gab uns jenes Wrack 8 317 das gewünſchte Sandelholz, was ich unter allen als den glüͤcklich⸗ ſten Erfolg betrachte.“ „Ich hoffe doch nicht, Sir, daß Ihr Kapitän Williams Ver⸗ luſt unter unſere Glücksfälle rechnet?“ 1 „CEi bewahre; es ſteht nur ſo beiſammen im Logbuch, und da, wißt Ihr, kann's Einem ſchon begegnen, daß man die eine Erinnerung überhalt, und bei dieſer Maſſe von Geſchichten an einer anderen anlangt. Wie geſagt, wir waren erſtaunlich glůck⸗ lich und ich erwarte nichts Geringeres, als jetzt noch eine Inſel zu entdecken.“ „Welchen Nutzen würde uns das bringen? Gibt's ja doch ſo viele Eigenthümer, welche bereit ſind, derlei Entdeckungen aufzu⸗ ſtöbern und Anſpruch darauf zu machen, daß ich ſehr bezweifeln moͤchte, ob wir bedeutenden Vortheil daraus zögen.“ „Laßt ſie nur aufſtöbern— wer kümmert ſich um ſie? Das Taufen bleibt uns doch, und das heißt, die halbe Schlacht gewon⸗ nen.„Marble Land,“„Wallingford Bay,“„Talcott Hügel“ und „Kap Kriſis“ würden ſich auf einer Karte nicht ſo übel ausnehmen — na, was meint Ihr, Miles?“ „Ci, ich habe gar nichts dagegen, Sir.“ „Land ho!“ ſchrie der Ausgucker auf dem Vorkaſtell. „Da haben wir's, beim heiligen Georg!“ ſchrie Marble, vor⸗ ſpringend:„vor einer halben Stunde muſterte ich noch die Karte und nach ihr hätten wir auf ſechshundert Meilen in der Runde nirgends auf elwas ſtoßen dürfen.“ Und ſo war es, in der That: das Land lag weit näher als wir eigentlich wünſchen mochten— ja ſo nahe, daß das Toben der Brandung gegen die Riffe, welche im ſtillen Ocean in der Regel auf der Oſtſeite der niederen Koralleneilande liegen, vom Schiff aus deutlich gehört wurde. Der Mond ſchien zwar ſehr hell und es war eine milde, balſamiſche Nacht; aber der Wind, ſo ſchwach er auch ſchien, wehte doch gerade gegen das Riff und dann waren 318 auch noch die Strömungen zu fürchten: wir ſondirten, ohne aber auf den Grund zu ſtoßen. „Ja, ja, das iſt eines von den Korallenriffen, wo man mit einem Ruck von der tiefen See auf die Felſen gelangt,“ murmelte Marble, indem er befahl, das Schiff an den Wind zu bringen, um ſo weit wie möglich vom Ufer abzuhalten.„Man merkt nichts und plötzlich hat man ein Wrack unter den Füßen. Vom Ankern iſt an einem ſolchen Orte ſchon gar nicht die Rede, ebenſogut könnte Einer eine Leine von hier bis Japan ausſpannen; fände der Anker auch ſeinen Grund, ſo wäre doch das Kabel nicht beſſer daran, als ein Mann, der ſich in einer Hängematte voll offener Raſirmeſſer ſchlafen legt.“ Dies Alles war nur allzu wahr und wir bewachten deßhalb den Erfolg unſerer Kursänderung mit der ängſtlichſten Spannung: alle Matroſen wurden aufgerufen und auf ihre Poſten geſtellt, um das Schiff gehörig zu regieren. Allein in wenigen Minuten konnten wir uns üͤberzeugen, daß die Hoffnung, bei ſo ſchwachem Winde von der Küſte abzuhalten, im höchſten Grade eitel war: das Schiff eilte in raſchem Laufe gegen die Klippen, welche uns nun— als ſicheres Zeichen ihrer furchtbaren Nähe— ſogar im Mondſcheine klar entgegen leuchteten. Jetzt kam einer jener Augenblicke, da Marble ſich als ächten Mann bewähren konnte. Mit der höchſten Ruhe und Selbſtbeherr⸗ ſchung ſtand er am Hackbord und gab ſeine Befehle mit einer Klar⸗ heit, einer Genauigkeit, wie ich ſie noch nie übertroffen geſehen hatte. Ich ſelbſt ſollte auf den Puttingen bleiben, um das Auswerfen des Bleiloths zu überwachen; aber„kein Grund“— ſo lautete unver⸗ ändert die Meldung und wir durften auch keinen ſolchen erwarten, da wir wußten, daß dieſe Riffe auf der Luvſeite ſenkrecht aus der Tiefe emporſtarrten. Der Kapitän rief mir von Zeit zu Zeit herüber, mich zur Thaͤtigkeit und Wachſamkeit ermahnend, da das Schiff in unwider⸗ ſtehlichem Zuge gegen die Küſte eilte und auch die Boote, ſelbſt wenn ſie im Waſſer waren— was bei dem Langboot wenigſtens zwanzig Minuten gedauert hätte— ganz ohne Nutzen geblieben wären. Ich ſchlug vor, die Jolle auszuſetzen und leewärts damit zu rudern, um den Ankergrund zu unterſuchen und ſich zu über⸗ zeugen, ob es nicht möglich wäre, an einem Punkte dicht am Riff die Anker auszuwerfen, da wir im Laufe der nächſten fünfzehn bis zwanzig Minuten unfehlbar auf die Klippen rennen mußten, wenn unſerem Laufe nicht auf irgend eine Art Einhalt gethan wurde. „Ganz recht, Sir— thut's nur ſogleich,“ ſchrie Marble. „Der Gedanke iſt gut und macht Euch Chre, Mr. Wallingford.“ In weniger als fünf Minuten verließ ich das Schiff und ru⸗ derte unter den Leebugen der Kriſis dahin, wohl wiſſend, daß unter ſolchen Umſtänden an ein Halſen oder Wenden nicht zu denken war. Ich ſtand aufrecht im Spiegel des Boots, während dieſes ſchaͤumend durch das Waſſer ſchoß, und warf unaufhörlich das Handloth an kurzer Leine. Das Riff war jetzt deutlich zu erkennen und Aug wie Ohr ließ mich die langen, furchtbaren Grundwogen des Oceans wahrnehmen, welche gegen dieſe feſten Schranken heranſchwellend, ſich brechend und überſtürzend ihren zornigen Schaum über die Felſen hereinſchleuderten. In dieſem gefahrvollen Augenblick— ſchon hätte ich nicht mehr den ärmlichſten Acker um das Beſitzrecht der Kriſis gegeben— bemerkte ich leewärts, kaum fünfzig Faden vor mir eine Stelle, welche ver⸗ gleichungsweiſe ruhig war d. h. wo das Waſſer ſich nicht zu brechen ſchien: dahin ſteuerte ich nun, meine Leute zu verdoppelten Anſtren⸗ gungen auffordernd. Es dauerte nur eine kurze Weile, bis wir den ſchmalen glatten Waſſerſtreif erreicht hatten: die Strömung riß aber unſer Boot ſo raſch mit ſich fort, daß ich nur ein einzigmal das Loth auswerfen konnte. Ich fand den Grund— aber ſchon auf ſechs Faden Tiefe. Augenblicklich ward das Boot gewendet und vorwärts ging's 320 nun, wie wenn Tod und Leben von dem Erfolge abhinge. Das Schiff befand ſich glücklicher Weiſe in unſerer Anrufweite; es ſteuerte immer noch beim Wind, rannte aher immer drei Fuß gegen die Klippen, bis es einen einzigen in der gewünſchten Richtung zurück⸗ legte und ſogleich rief ich's an. „Was gibt's, Mr. Wallingford?“ fragte Marble, ſo ruhig, als ob er zu Haus an einer Werfte vor Anker läge. „Seht Ihr das Boot, Sir?“ „Ganz deutlich— Gott weiß, Ihr ſteht uns hiezu nahe genug.“ „Hat das Schiff guten Steuerlauf, Kapitän Marble?“ „Ja wohl— ſonſt aber auch gar nichts, was zu loben wäre.“ „Dann laßt alle weiteren Fragen, und ſucht dem Boote zu folgen. Dieß iſt die einzige Hoffnung und ſie kann wohl zutreffen.“ Keine Antwort; Marble's tiefe, befehlende Stimme ließ ſich allein vernehmen, indem ſie„Steuer auf“ und„die Leute an die Luv⸗ braſſen“ kommandirte. Der Athem verſagte mir beinahe, als ich das Schiff mit den Bügen abfallen ſah und ſein langſames Vor⸗ rücken beobachtete: ſeine Geſchwindigkeit nahm übrigens merklich zu und ich hielt das Boot weit genug windwärts, um der Kriſis den nöthigen Raum zum Eintritt in den Kanal zu geſtatten. Im rechten Moment ruderten wir gegen den Einlaß und das Schiff hielt immer mehr ab, um uns zu folgen. Bald war ich in der Durchfahrt ſelbſt: zehn Faden auf jeder Seite des Boots brach ſich das Waſſer und ſchleuderte den Schaum zum Theil bis auf unſere Riemenblätter. Das Loth zeigte immer noch ſechs, beim nächſten Auswerfen aber zehn Faden und jetzt ſtand das Schiff auf dem Punkt, wo ich vorhin ſechſe gezählt hatte. Die Brandung brüllte hinter mir und ich ruderte nun unter fortwährendem Lothen gen Süden, um das Schiff zu erwarten: ich ſah, wie dieſes aufhalte, aber auch, daß ich das Riff bereits hinter mir hatte. „Ankert, Sir,“ rief ich mit der vollen Kraft meiner Stimme, —„ſputet Euch und werft den Anker, ſo raſch wie möglich.“ 321 Kein Wort der Erwiederung ließ ſich vernehmen; aber die großen, wie die Bramſegel flogen in die Höhe, worauf der Klüver niederkam. Trotz des Heulens der Brandung hörte ich die Vor⸗ und Hauptmarsleine ſich ſelbſt überhalen, dann luvte das Schiff in den Wind und herzlich froh war ich, als ich das ſchwere Plum⸗ pen des einen Bugankers vernahm, der vom Krahnbalken ins Waſſer ſtürzte! Aber auch jetzt noch blieb ich regungslos auf der Stelle, um das Reſultat zu beobachten: das Kabeltau nahm ſeinen gehörigen Spielraum und dann lag das Schiff ruhig vor Anker— im näch⸗ ſten Augenblick ſtand ich am Bord. „Das nenn' ich das Meſſer an der Kehle, Mr. Wallingford,“ ſagte Marble: doch ſchilderte ein Händedruck deutlicher die Gefühle ſeines Innern, als alle Worte eines ſolchen Mannes es vermocht hätten.„Tauſend Dank für Euer Lootſen. Iſt das nicht Land, was ich leewärts da drüben— mehr weſtlich, mein Junge— gewahre?“ „O ja, Sir, ohne Zweifel. Es muß eine von den Korallen⸗ inſeln ſeyn und hier iſt das Riff, das ſich in der Regel ſeewärts von ihnen befindet. Mir ſcheint ſogar, als ob ich Baͤume am Ufer bemerkte.“ „Jedenfalls iſt's eine Entdeckung, Junker, und ſie wird unſern Namen berühmt machen! Bedenkt nur, dieſe Durchfahrt nenne ich „Mile's Einlaß“ und das Riff wird„Jollenriff“ getauft.“ Ich konnte nicht lächeln über dieſe neue Probe von Marble's Eitelkeit, denn meine Beſorgniß ließ mich blos an das Schiff denken. Das Wetter war mild, die Bai ſpiegelglatt, die Nacht wunderſchön; gleichwohl mochte eine nähere Kenntniß unſerer Lage für uns von der äußerſten Wichtigkeit ſeyn. So nahe am Korallenriff konnte oder mußte vielmehr das Kabel entzwei gehen und ich erbot mich, nach dem Lande hinzurudern, um mir durch Lothen und wie ich es ſonſt vermöchte, die für unſere Sicherheit nöthige Gewißheit zu Miles Wallingford. 21 322 verſchaffen. Nach kurzer Ueberlegung gab der Kapitän ſeine Zu⸗ ſtimmung und befahl mir dabei, Waſſer und Lebensmittel ins Boot einzunehmen, da mein Geſchäft mich bis zum Morgen ent⸗ fernt halten konnte. Ich fand die Bai zwiſchen Riff und Eiland etwa eine Meile breit; in ihrer ganzen Länge wich der Ankergrund nur ſelten von zehn Faden ab. Die äußere Felswand, an der die See ſich brach, hatte das Anſehen einer vorgeſchobenen Mauer, welche die uner⸗ müdlichen Inſekten gleichſam zum Schutze ihrer Inſel errichtet hatten, deren Aufbau aus den Tiefen des Oceans vor einem oder zwei Jahrhunderten von einigen ihrer Vorfahren begonnen worden ſeyn mochte. Die Rieſenwerke dieſer kleinen Waſſerthiere find den Seefahrern wohlbekannt: ſie geben uns einen ziemlich deutlichen Begriff davon, wie ſo manche von den Umwälzungen, welche auf der Oberfläche der Erdkugel ſtattgehabt, herbeigeführt worden ſeyn mögen. Das Land zeigte ſich nieder, waldig, ohne Spur von Bevöl⸗ kerung und geſtattete mir leicht jeden Zutritt. Die ſchöne Mondnacht lockte mich ſogar in das Innere; nachdem ich über eine Meile meiſt unter Kokosnuß⸗ und Bananenbäumen fortgewandert war, gelangte ich an ein Waſſerbecken, wie es ſich bei Inſeln dieſer beſonderen Formation in der Regel vorfindet. Die Einfahrt von der See aus war nicht weit entfernt und ich ſchickte einen der Leute nach der Jolle zurück mit dem Befehl, das Boot hierher zu rudern. Ich ſondirte jetzt Einlaß und Bai und fand überall einen ſan⸗ digen Grund von etwa zehn Faden Tiefe. Wie ich erwartet hatte, zeigte der Einlaß die ſeichteſte Stelle; doch auch hier ergaben ſich nirgends weniger als fünf Faden, nachdem ich die ganze Strecke abgelothet hatte.. Es war unterdeſſen Mitternacht geworden; eigentlich hätte ich bis zum Morgen auf der Inſel bleiben ſollen, um bei Tageslicht weitere Rekognoscirungen anzuſtellen, wenn ich das Schiff nicht ſo ſehr in unſerer Naͤhe, wie ich es nie für möglich gehalten, unter 4 — —— 4 323 Segel geſehen und mich dadurch überzeugt hätte, daß es raſch dem Lande zu trieb— was mich natürlich veranlaßte, ohne Zandern an Bord zu rudern. Es war, wie ich vermuthete: die Felſen nahe beim Riff hatten das Kabel abgeſchnitten, das Schiff war triftig geworden und Marble erwartete mit entfalteten Segeln meine Rückkehr, um zu erfahren, wo er abermals vor Anker gehen könne. Ich erzählte ihm von der Lagune in der Mitte der Inſel und gab ihm die feſte Verſicherung, daß Waſſer genug vorhanden ſey, um jedes Fahrzeug der Welt hineinzuführen. Mein Anſehen war in Folge der erſten Einfahrt des Schiffes, die ich geleitet, bedeutend geſtiegen und ich erhielt Befehl, daſſelbe auch in den neuen Hafen zu lootſen. Die Aufgabe hatte keine Schwierigkeit: der ſchwache Wind und die Ungewißheit wegen der Strömungen war die einzige Quelle von Verlegenheit. Nach kurzer Unterſuchung fand ich jedoch den Weg und nachdem ich Talcott zur Erhöhung der Vorſicht mit dem Boote vorausgeſchickt, hatte ich es bald dahin gebracht, daß die Kriſis mitten auf dem oben erwähnten natürlichen Docke hinſchwamm. Im Hereinfahren wurden die Segel verkürzt und das Schiff machte eine fliegende Verteuung,* worauf es ſo ſicher vor Anker lag, als ob es ſich in einem künſtlich gearbeiteten Dock befunden hätte. Ich bin der Meinung, daß die Kriſis an dieſem Orte die ſtärkſte Bö— ja ſogar jeden Sturm, wenn nicht gerade einen Orkan— ausgehalten haben würde; auch war das Gefühl der Sicherheit bei uns ſo mächtig, daß wir unſere Leinwand aufrollten, einen einzigen Mann als Ankerwache aufſtellten und uns dann ſo⸗ gleich in die Hängematten verfügten. Nie hatte ich mein Haupt mit größerer Zufriedenheit am Bord eines Schiffes zur Ruhe gelegt als eben in dieſer Nacht, * Verteuen nennt man, ein Schiff an zwei Anker legen, ſo daß es von Ebbe und Flut(tide) nicht hin⸗ und hergeſchweit werden kann. D. u. 324 denn, ehrlich geſtanden, war ich vollkommen mit mir ſelbſt zu⸗ frieden. Meiner Wachſamkeit und Entſchloſſenheit verdankte das Schiff ſeine Rettung, ehe es noch das Riff erreichte— das war gar keine Frage und auch nachdem es triftig geworden, wäre es, glaub' ich, verloren geweſen, wenn ich nicht ſeinen jetzigen Anker⸗ platz entdeckt hätte: jetzt aber lag es hier, rings von Land um⸗ geben, trefflich verankert auf gutem Grunde und bei genügender Waſſertiefe! Wie geſagt, es hätte in einem künſtlichen Dock nicht beſſer geborgen ſeyn können: mitten im ſtillen Ocean, fern von allen Mauthbeamten vor einer neu entdeckten, unbekannten Inſel— wo wäre da etwas zu fürchten geweſen? Unter ſolchen Umſtänden ſchläft ſich's gut und ich wäre auch in der nächſten Minute, nachdem ich mein Lager aufgeſucht hatte, unfehlbar in tiefen Schlummer verſunken, wenn mich nicht Marble's Geſprächigkeit ganz gegen meinen Willen noch fünf Minuten lang wach erhalten hätte. Seine Staatszimmerthüre ſtand offen und ſo entſpann ſich denn folgende Unterredung zwiſchen uns Beiden. „Im Ganzen denk' ich,“ begann der Kapitän,„es wird wohl beſſer ſeyn, etwas mehr zu verallgemeinern“— dies war nämlich ein Lieblingsausdruck des Exrſteuermanns, welchen er oft gebrauchte, ohne ſeine Bedeutung genau zu verſtehen.—„Ja, wie geſagt, um etwas mehr zu verallgemeinern, wollen wir ſagen: „Marble⸗Land“,„Wallingford⸗Bai“,„Jollenriff“,„Talcott⸗ Einlaß“,„Mile’s Ankerplatz“, und ein verdammt ſchlimmer Anker⸗ platz war's auch, Miles; aber laßt's Euch nicht grämen, wir müſſen in dieſer argen Welt das Gute mit dem Schlimmen hinnehmen.“ „Ganz richtig, Sir; was aber jenen Ankerplatz betrifft, ſo müßt Ihr mich ſchon entſchuldigen, wenn ich ihn nie mehr„hin⸗ nehmen“ werde.“ „Hoffentlich nicht. Nun ſeht, das nenne ich mir die ächte Be⸗ haglichkeit— he, Talcott?— Iſt denn Talcott ſchon einge⸗ ſchlafen, Miles?“ 325 „Er und der Unterſteuermann ſind eben im beſten Zuge, Sir— drauf und dran mit zehn Knoten Geſchwindigkeit,“ mur⸗ melte ich, meinen Quälgeiſt zu gleicher Zeit nach Japan verwünſchend. „Ei, ſeh' mir einer die Schlafratzen! Ich ſag' Euch, Miles, eine Entdeckung wie dieſe wird unſer Glück machen! Die Welt verallgemeinert in Entdeckungen ganz und gar und macht faſt keinen Unterſchied zwiſchen einem Columbus, einem Cook oder Marble. Inſel iſt Inſel und wer ſie zuerſt entdeckt, trägt die Ehre davon. Armer Kapitän Williams! Du hätteſt das Schiff ein ganzes Menſchenalter hindurch führen können, ohne jemals eine ſolche Neuigkeit heimzubringen!“ „Ausgenommen die Straße—“ brummte ich höchſt undeutlich, indem ich hart und ſchwer aufathmete. „Ja, das war eine Geſchichte! Wären wir Beide, Ihr und ich, nicht am Bord geweſen, das Schiff hätte nun und nimmer das geleiſtet. Wir ſind die ächten Glückskinder! Da war die Ge⸗. ſchichte mit dem Schiffbruch bei Madagascar— auf einem ſtillen Ocean find' ich, gibts blutige Strömungen, Miles.“ „Ja, Sir— hartes— Wetter—“ „Der Junge träumt ſchon. Noch ein Wort, mein Knabe, ehe Ihr aller Vernunft und Ueberlegung Lebewohl ſagt. Glaubt Ihr nicht, es wäre ein Kapitalgedanke, bei der Auswahl unſerer Namen auch etwas Patriotismus zu entfalten? In unſerem Welttheil geht der Patriotismus gar weit, wie ihr wißt.„Congreß⸗Felſen“ wäre ein hübſcher Titel für den höchſten Theil des Riffs und„Waſhington⸗ Sandbank“ würde für den Landungsplatz paſſen, von dem Ihr mir erzähltet. Waſhington ſollte auch einen Finger in der Pa⸗ ſtete haben.“ „Die Kruſte iſt noch nicht herunter, Sir.“ „Der Burſche iſt hinüber und ich thäte am beſten, ihm zu folgen, wiewohl es nicht leicht iſt, auf den Lorbeeren einer ſolchen Entdeckung einzuſchlafen. Gute Nacht, Miles!“ 326 „Ja, ja, Sir!“ So lautete der Bericht, welchen Marble mir ſpater über den Schluß dieſes Zwiegeſpräches mittheilte. Schlaf, Schlaf und nichts als Schlaf! Nie hatten wohl Männer gründlicher der Ruhe ge⸗ pflegt, als wir in den nächſten fünf Stunden thaten; das Schiff war die ganze Zeit über ſo ſtill, wie eine Kirche am Werktag. Ich ſelbſt kann mit gutem Gewiſſen ſagen, daß ich nichts hörte und von nichts wußte, bis ich durch ein heftiges Rütteln an der Schulter erweckt wurde. Ich glaubte zu dem gewoöͤhnlichen Nachtdienſte aufgerufen worden zu ſeyn und richtete mich ſogleich auf, wo ich denn fand, daß die Sonnenſtrahlen mir durch die Kajütenfenſter ins Geſicht ſchienen. Dieß hinderte mich für den Augenblick zu bemerken, daß ich durch Kapitän Marble ſelbſt aufgeſtört worden war. Letzterer wartete ſo lange, bis er bemerkte, daß ich ihn verſtehen konnte und ſprach dann in ernſtem, bedeutungsvollem Tone: „Meuterei iſt auf dem Schiffe, Miles! Verſteht Ihr mich, Mr. Wallingford?— blutige Meuterei!“ „Meuterei, Kapitän Marble! Ihr ſetzt mich in Verwirrung, Sir— ich hätte gedacht, unſere Leute wären vollkommen zufrieden.“ „Hum! man weiß nie, wird der Kupferheller Bild oder Wappen zeigen. Als ich mich vergangene Nacht zur Ruhe legte, gedachte ich des ſicherſten Schlummers zu genießen, deſſen ich mich jemals zur See erfreut hatte— und jetzt erwache ich, um eine Meuterei zu finden!“ Natürlich ſtand ich im nächſten Augenblick auf den Füßen, um mich anzukleiden, nachdem ich zuerſt die beiden andern Steuermänner an ihrem Lager aufgeweckt hatte. „Aber wie könnt Ihr dieß nur wiſſen, Kapitän Marble?“ be⸗ gann ich, ſobald ich wieder bei ihm war.„Ich hoͤre keine Un⸗ ordnung und das Schiff iſt noch auf demſelben Fleck, wie heute — — 327 Nacht“— fuhr ich fort, indem ich einen Blick durch die Kajüten⸗ fenſter warf—„ich denke, Ihr müßt Euch irren, Sir.“ „O nein— höoͤrt nur zu. Vor zehn Minuten ſtand ich auf und wollte aufs Verdeck gehen, um nach Eurem Dock zu ſehen und friſche Luft zu ſchöpfen— als ich die Kajütenthüren aufs Haar ſoz wie damals bei Smudge verſchloſſen fand. Nun werdet Ihr mir vermuthlich zugeben, daß eine ordentliche Schiffsmannſchaft nie wagen wird, ihre Officiere unten einzuſchließen, wenn ſie nicht im Sinne hat, ſich des Fahrzeugs zu bemächtigen.“ „Das klingt ja ganz außerordentlich! Vielleicht iſt aber den Thüren ſelbſt etwas begegnet. Habt Ihr denn hinaufgerufen, Sir?“ „Ich polterte trotz einem Admiral, bekam aber keine Antwort. Als ich einige Schlüſſel probiren wollte, vernahm ich auf dem Deck ein unterdrücktes Gelächter und jetzt hatte ich mit einem Male den Zuſtand der Nation ergründet. Ich denke, die Herrn werden mir alle zugeſtehen, daß Seeleute, welche ihre Officiere auslachen und einſperren, ſich nahezu in einem Zuſtande von Meuterei be⸗ finden müſſen.“ „So ſcheint's allerdings, Sir. Wir thäten wohl am Beſten, Kapitän Marble, ſobald wir angekleidet ſind, uns zu bewaffnen.“ „Das hab' ich ſchon gethan und Ihr werdet jeder ein Paar geladene Piſtolen in meinem Staatszimmer finden.“ Noch waren keine zwei Minuten verſtrichen als wir Viere, jeder mit einem Paar gutgeladener, mit friſcher Zündung verſehener Piſtolen bewaffnet, völlig kampfbereit daſtanden. Marble ſtimmte dafür, ſogleich einen Angriff auf die Kajütenthüre zu machen; ich hielt ihm aber entgegen, wie unwahrſcheinlich es ſey, daß der Proviantmeiſter oder Neb in ein Komplott gegen die Officiere verwickelt wären und hielt es für beſſer, ehe wir unſere Operationen begännen, uns erſt zu überzeugen, was aus den beiden Schwarzen geworden ſey. Talcott verfügte ſich augenblicklich nach dem Volks⸗ logis, und kehrte im nächſten Moment mit der Meldung zurück, er habe den Peoviantmeiſter in ſeiner Häͤngematte im tiefſten Schlafe angetroffen. Durch dieſen Mann verſtärkt, beſchloß Kapitän Marble, ſeine erſte Demonſtration vom Vorkaſtell aus zu machen, wo ſich bei gehöriger Vorſicht am eheſten ein Ueberfall gegen die Meuterer ausführen ließ. Man wird ſich erinnern, daß eine Thüre nach dem Vorkaſtell führte, welche auf der Seite des Zwiſchendecks verſchloſſen war. Da ſich der größere Theil der Ladung im unteren Kielraume be⸗ fand, ſo konnten wir uns ohne Schwierigkeit einen Weg nach jener Thüre bahnen; hier blieben wir ſtehen und horchten, um den Stand der Dinge auf der anderen Seite der Schotenwand kennen zu lernen. Während wir in dem ungewiſſen Zwielichte, das wegen der geſchloſſenen Lucken an dem Orte herrſchte, unſern Weg weiter tappten, hatte Marble mir zugeflüſtert,„die hölliſchen Philadel⸗ phier“ müßten an dem Unheile Schuld ſeyn, da unſere alte Mann⸗ ſchaft aus„den ruhigſten, beſtgeſinnten Burſchen beſtünde, welche nur jemals Zwieback gefreſſen hätten.“ Das Ergebniß unſeres Horchens verurſachte allgemeines Er⸗ ſtaunen. Da war kein Zweifel mehr— Schnarchen und nichts als Schnarchen ließ ſich in allen Spielarten von Morpheus Tonleiter vernehmen. Marble öffnete augenblicklich die Thüre und mit den Piſtolen in der Hand betraten wir das Vorkaſtell— jede Hänge⸗ matte war beſetzt und Alles lag im tiefſten Schlummer. Ermüdung ſowohl als die Gewohnheit, die Reveille abzuwarten, hielt die Matroſen bis zu dieſem Augenblick an ihr Lager gefeſſelt. Gegen allen Gebrauch in ſo warmem Klima fanden wir die Springlucke zu und der erſte Verſuch belehrte uns, daß ſie verſchloſſen war. „Wollte ich dieſen Gedanken verallgemeinern, Miles,“ rief der Kapitän,„ſo würde ich ſagen, wir ſeyen abermals von Wilden eingeſperrt!“ . 329 „In der That, ſo ſieht es aus, Sir, und doch bemerkie ich kein Zeichen, daß die Inſel bewohnt ſey. Es möchte wohl gut ſeyn, Kapitän Marble, die Mannſchaft aufzurufen, um endlich zu erfahren, woran wir ſind.“ 3 „Ganz richtig— weckt ſie nur auf und ſchickt ſie alle aufs Hinterdeck in die Kajüte, wo wir mehr Tageshelle haben.“ Ich machte mich ſogleich daran, die Leute aufzurütteln, was keineswegs ſchwer war, ſo daß Alle binnen wenigen Minuten in der Kajüte verſammelt ſtanden. Ich folgte der Mannſchaft und da fand ſich denn bald, daß nur ein einziger und zwar gerade der Mann fehlte, den wir bei Schlafengehen zur Sicherung des Schiffs auf dem Deck gelaſſen hatten. Was ſonſt zu der Kriſis gehörte, war in der Kajüte oder im Volkslogis beiſammen— Philadelphier und alle— nur dieſer Eine wurde vermißt. „Es iſt nicht denkbar, daß Harris ſeinen Scherz mit uns zu treiben wagte,“ meinte Taleott;„und doch hat es völlig dieſes Anſehen.“ „Seyd Ihr auch ganz gewiß, Miles, daß Marble⸗Land eine unbewohnte Inſel iſt?“ forſchte der Kapitän. „Ich kann blos ſagen, Sir, daß ſie allen andern unbewohnten Koralleninſeln, an denen wir vorüberkamen, ſo ähnlich ſieht wie ein Ei dem andern und daß vergangene Nacht auch keine Spur eines lebenden Weſens ſich zeigte. Wir ſahen zwar blos einen geringen Theil des Eilandes; allem Anſchein nach war aber überhaupt nicht viel daran zu ſehen.“ „Zu allem Unglück ſind auch noch alle Waffen der Leute in den Rüſtkiſten auf dem Verdeck oder an Spieren und Maſten auf⸗ gehängt. Was hilft aber all das Geſchnatter um den einen Mann? Lieber mache ich einen Rumpus, der den Burſchen bald in die rechte Hoͤhe bringen ſoll.“ mn Und damit machte Marble alles Ernſtes, was er einen„Rumpus“ nannte— ich glaubte im erſten Augenblick, er wolle die Kajuͤten⸗ thüre einrennen. 330 „'übſch ordentlik— übſch ordentlik,“ ſprach eine Stimme von oben.„Su wat ihr maken ſo viel Polter?“ „Wer Teufels ſeyd ihr?“ fragte Marble, heftiger als je an⸗ pochend.„Oeffnet die Kajütenthüre oder ich werfe ſie nieder und euch über Bord.“ „Monsieur— Särr,“ verſetzte der Andere„tenes— Ihr ſeyd prisonnier. Comprenez-vous, Gefangenär— hen?“ „Es ſind Franzoſen, Kapitän Marble,“ rief ich;„wir ſind in den Händen des Feindes.“ Dies war eine überraſchende Nachricht— ſo überraſchend, daß Alle Mühe hatten, daran zu glauben. Eine weitere Unterredung zerſtörte aber unſere Hoffnungen allmählig immer mehr, bis wir mit Denen auf dem Verdeck folgenden Vergleich eingingen: ich ſollte hinaufgehen dürfen, um die wahre Beſchaffenheit unſerer Lage kennen zu lernen, während ſich Marble mit dem Reſte der Mann⸗ ſchaft in der Kajüte ſo lange ruhig verhielte, bis er Meldung über den Erfund erhalten hätte. Unter dieſen Bedingungen wurde eine der Kajütenthüren ge⸗ offnet und ich eilte hinaus. Mein Erſtaunen beraubte mich beinahe der Sehkraft, als ich mich umſchaute: fünfzig Weiße, Seeleute und geborene Franzoſen, wie Sprache und Ausſehen verkündete, um⸗ ringten mich, alle bewaffnet und ebenſo neugierig mich zu ſehen, wie ich es nur immer auf ihren Anblick ſeyn konnte. In ihrer Mitte ſtand Harris, der ſich mir mit verlegener, kummervoller Miene näherte. „Ich weiß, ich verdiene den Tod, Mr. Wallingford,“ begann der Mann;„aber nach der anſtrengenden Arbeit des Tages und bei dem ſicheren, harmloſen Anſcheine, den Alles hatte, ſiel ich in Schlaf und als ich erwachte, fand ich dieſe Leute am Bord und im Beſitze des Schiffes.“ „Um Alles in der Welt— woher kamen ſie denn, Harris? Iſt ein franzöſiſches Schiff in der Nähe?“ „Nach Allem was ich ſehe und verſtehe, Sir, bilden ſie die 331 Mannſchaft eines bewaffneten Handelsſchiffes— eines Indienfahrers oder dergleichen— welches Schiffbruch gelitten, und da ſie eine gute Gelegenheit fanden, die Inſel zu verlaſſen und eine reiche Priſe zu machen, ſo haben ſie ſich der armen Kriſis bemächtigt— Gott ſegne ſie! ſag ich, wenn ſie jetzt gleich, wie ich vermuthe, unter franzö⸗ ſiſcher Flagge ſteht.“ Ich ſchaute hinauf nach der Gaffel und in der That— da flatterte die dreifarbige Wimpel! Sechszehntes Kapitel. Die Morgenluft weht friſch ihn an; Froh hüpft die Well vor ſeinem Angeſicht: Seevögel kreiſchend flattern himmelan— O du geſegnet Morgenlicht! Er hört nichts von dem muntern Rufe, ſieht nicht lächeln Der Wogen Schönheit, ach! fühlt nicht der Winde Fäͤcheln! Dana. Die Wahrheit iſt in der That gar häufig weit ſonderbarer als die Dichtung, wie die Erzählung der Umſtände, welche uns den Feinden in die Hände lieferten, zur Genüge bewieſen wird. La Pauline war ein Schiff von ſechshundert Tonnen, von der franzöſiſchen Regierung mit Kaperbriefen verſehen; wenige Wochen nachdem wir London verlaſſen, ſegelte ſie von Frankreich ab, um eine ähnliche Reiſe wie die unſere zu unternehmen, nur daß weder Seeotterfelle, noch Sandelholz oder Perlen einen Theil ihrer beab⸗ ſichtigten Handelsartikel ausmachten. Ihr erſtes Ziel bildeten die franzöſiſchen Inſeln jenſeits Madagascar, wo ſie einen Theil ihrer Ladung zurückließ und dafür einige Koſtbarkeiten einnahm. Von dort fuhr ſie nach den Philippinen, dem Fahrwaſſer engliſcher und amerikaniſcher Handelsfahrzeuge folgend, indem ſie zwei der erſteren kaperte und verſenkte, nachdem ſie den Theil der Ladung, der ihren 3³3² Abſichten entſprach, an ſich gezogen hatte. Von Manilla aus änderte die Pauline ihren Kurs nach der Küſte von Südamerika in der Abſicht, gewiſſe Artikel, welche ſte von Frankreich gebracht, nebſt anderen, die ſie zu Bourbon, auf Isle⸗de⸗France und den Philippinen, ſowie verſchiedene Ballen und Büchſen, welche ſie im Kielraume ihrer Priſen vorgefunden hatte— in jenem Theile der Welt gegen koſtbare Metalle auszutauſchen. Bei dieſem Plane verließ ſich Monſieur Le Compte, ihr Komman⸗ dant, erſtens auf die ungewöhnliche Schnelligkeit ſeines Schiffes, zweitens auf ſeine eigene außerordentliche Kühnheit und Geſchicklich⸗ keit und drittens auf die wohlbekannte Vorliebe der Südamerikaner für den Schmuggelhandel. Da Dublonen und Dollars nur wenig Raum einnahmen, ſo beſtimmte er, nach ſeinem Handel mit dem „Feſtlande“, das Innere ſeines Schiffes großentheils für diejenigen Güter, welche er auf den ſechs bis acht Priſen, die er öſtlich vom Kap Horn mit Gewißheit zu machen rechnete— antreffen würde. Alle dieſe wohlbegründeten Hoffnungen waren bis zu einem Tage, der gerade volle drei Monate vor unſere Ankunft bei der unſeli⸗ gen Inſel fiel— glänzend in Erfüllung gegangen. In der Nacht jenes Tages, mit dem die erwähnte Periode be⸗ gann, war die Pauline, während ſie ohne die leiſeſte Ahnung von Gefahr bei ziemlich ruhiger See an leichter Boleine einher⸗ ſegelte, auf einen andern Theil deſſelben Riffes aufgerannt, dem wir ſelbſt nur mit genauer Noth entgangen waren. Da die Felſen aus Korallen beſtanden, ſo war nur wenig Hoffnung für ſie vorhanden, wie denn dieſe ſchon nach zwei Stunden ihren Kiel wirklich durch⸗ bohrt hatten. Der Zucker, den man zu Isle⸗de⸗France als Grund⸗ ballaſt eingenommen hatte, wurde natürlich bald von ſehr zweifel⸗ haftem Werth; da aber das Wetter freundlich blieb, ſo gelang es Kapitän Le Compte mittelſt ſeiner Boote alle ſonſtigen werthvollen Gegenſtände nach dem Eilande zu ſchaffen, worauf er das Wrack abzubrechen anfing, um ein zweites Fahrzeug zuſammenzufügen, das — 3³³ ihn und ſeine Leute nach einem civiliſirten Lande überführen könnte. Bei einem Ueberfluß an Werkzeugen und einer Anzahl von etlichen ſechzig Arbeitern hatte das Werk ſchon große Fortſchritte gemacht und ein Schooner von ungefähr neunzig Tonnen war ſo weit fertig, daß er nächſtens vom Stapel laufen konnte. So ſtanden die Sachen, als wir in einer ſchönen Nacht auf oben beſchriebene Weiſe anlangten. Die Franzoſen hielten fort⸗ während Ausgucker aufgeſtellt und hatten uns, wie es ſcheint, ſchon bei Sonnenuntergang als fernen Fleck im Oceane wahrgenommen, während die niedrigen Bäume des Eilandes unſere Wachſamkeit täuſch⸗ ten. Mit Hülfe eines guten Nachtglaſes wurden unſere Bewegungen bewacht und ſchon wollte man ein Boot abſenden, um uns vor der Gefahr zu warnen, als wir in das Riff hereinfuhren. Kapitän Le Compte wußte, daß die Moglichkeit, Feinde in uns zu treffen, wie zwanzig gegen eins ſtund, und zog es alſo vor, ſich verborgen zu halten und den Ausgang zu beobachten. Sobald unſer Schiff in dem Baſſin vor Anker gegangen war und vöͤllige Stille ſich darüber ausgebreitet hatte, bemannte er ſein Gig? und ruderte mit umhüllten Riemen bis dicht unter unſere Büge, um dort zu recognosciren: da er Alles ruhig fand, wagte er ſich in Beglei⸗ tung dreier ſeiner Leute auf die Vorputtingen und von da aufs Verdeck. Hier traf er Harris, der mit dem Rücken an eine Kanonen⸗ laffette gelehnt, wacker drauf losſchnarchte und augenblicklich feſt⸗ genommen wurde. Jetzt blieb nichts mehr zu thun als die vordere Springlucke und die Kajütenthüren zu verſchließen— und wir Alle waren unten gefangen: das Boot holte die übrige Mannſchaft her⸗ bei und mehrere Stunden, bevor einer von uns in ſeiner Hängmatte aufwachte, hatte das Schiff in der That ſeine Herren gewechſelt. Harris erzählte ihnen unſere Fahrt, ſo daß den Siegern unſere ganze Geſchichte vom Tage des Abgangs bis auf den gegenwärtigen Augenblick bereits bekannt war. * Kleinſte Sorte von Booten. u. D. 334 Dies Alles erfuhr ich großen Theils bei meinen ſpäteren Ge⸗ ſprächen mit den Franzoſen; aber auch ſchon bei der erſten Unterredung wurde mir ſoviel mitgetheilt, daß ich die Wahrheit in ihren Um⸗ riſſen begriff. Auch meine Augen enthüllten mir jetzt manches Geheimniß. Ich fand die Inſel bei der Tageshelle— wenn auch nicht ſo groß, wie ſie mir im Mondſchein vorgekommen war— doch im Weſent⸗ lichen von derſelben Beſchaffenheit, wie ich vermuthet hatte. Das Baſſin, worin das Schiff lag, mochte etwa hundertundfünfzig Morgen bedecken und der Gürtel von Land, der es einſchloß, wechſelte an Breite von einer Viertel⸗ bis zu drei Meilen. Das Eiland bildete zum größeren Theil einen offenen Hain von zehn bis dreißig Fuß Höhe über dem Ocean und wir überzeugten uns, daß mehrere Quellen des ſüßeſten Waſſers vorhanden waren. Die Natur hatte durch einen ihrer geheimnißvollen Proceſſe die Erde mit ſchönem Raſen bedeckt, und mit ihrer gewöhnlichen Achtſamkeit für die Genüſſe der Tafel hatten die Franzoſen in lobenswerther Thätigkeit bereits ver⸗ ſchiedene Salatpflanzen und dergleichen in volles Wachsthum gebracht: treffliche Bohnen waren zu haben und petits pois gehörten zu den gewöhnlichen Gemüſen. Ich ſah die Zelte der Franzoſen unter dem Schatten der Bäume in einer Linie ſich ausdehnen und da lag auch la petite Pauline(der Schooner), welchem eben der erſte Farbenrock an⸗ gezogen wurde: von der Pauline ſelbſt konnte ich gerade noch die unteren Maſten unter einem Winkel von fünfundvierzig Graden gegen die Loth⸗ linie aus einer Durchſicht zwiſchen den Bäumen hervorragen ſehen. In dem ganzen Auftreten Monſieur Le Compte's zeigte ſich geſun⸗ der Verſtand und heitere Laune— Beweis genug, daß er im beſten Sinne des Worts— Philoſoph war. Er nahm die Dinge, wie ſie waren, ohne ſich viel über Unfälle zu grämen und wünſchte auch Andere ſo glücklich zu machen als die Umſtände nur immer erlaubten. Auf ſein Verlangen lud ich Marble aufs Verdeck und nachdem ich meinen Kommandanten mit dem Stande der Dinge bekannt gemacht hatte, 335 horchten wir nun Beide auf die Bedingungenunſeres Siegers. Monſteur Le Compte, wie alle ſeine Officiere und nicht wenige ſeiner Leute waren ſchon früher zu unterſchiedlichen Zeiten in England gefangen geweſen, ſo daß die Verhandlungen ohne Schwierigkeit in unſerer Mutterſprache geführt werden konnten. „Vötre bätiment— Euer Schiff ſoll werden franzöſiſch— bien entendu—“ begann unſer Gegner—„mit ſein cargaison— Tackelage und tout cela. Bien; c'est convenu. Ik werden nit fordern rigueur in mes conditions. Wenn Ihr werden finden possible zu nehmen euer Schiff von nons autres Français— d'accord. Jedermann für ſik ſelbſt et sa nation. Da iſt der pa- villon Français— und da er ſoll flattern ſo lange wir es nit werden hindern— mais— parole d'honneur, die Priſe kommen wohlfeil und ſollen ſehr theuer verkauft werden— entendez-vous? Bien. Nun, Särr, ik werden ſetzen Euk und all Euer Volk auf der Inſel, wo Ihr ſollen nehmen unſer Platz, während wir den Euren nehmen. Die Waffen ſollen bleiben in unſrer Hand ſo lange das Schiff vor Anker liegen; aber wir laſſen Euk fusils poudre et tout cela zurück.“ So lautete faſt woörtlich das Programm unſerer Kapitulation, wie es von Kapitän Le Compte aufgeſtellt wurde. Freilich lag es nicht in Marble's Natur, ſich ohne Einwürfe und Spitzfindigkeiten aller Art in eine ſolche Uebereinkunft zu fügen— aber cui bono? Wir befanden uns nun einmal in Monſieur Le Compte's Hand und ſchien dieſer auch geneigt, aufs Artigſte mit uns zu verfahren, ſo konnte man doch deutlich ſehen, daß er entſchloſſen war, ſeine eigenen Bedingungen zu ſtellen. Endlich gelang mir's, Marble begreiflich zu machen, daß Widerſtand unnütz ſey und er unterwarf ſich, ungefähr mit derſelben Bereitwilligkeit, mit der ſich Einer, ohne magnetiſirt zu ſeyn, einer Amputation unterzieht— wer ſich in jenem Zuſtande befindet, ſoll ſich ja dagegen, wie man ſagt, an dieſer Luſtbarkeit eigentlich ergötzen. 336 Kaum waren die Kapitulationsbedingungen angenommen— im Ganzen waren ſie von einer Uebergabe auf Gnade oder Ungnade nur wenig verſchieden— als unſere Leute aufs Vorkaſtell beordert und von da in die Boote geſchafft wurden, um ſodann ans Land geſchickt zu werden. Alle Kiſten und Privateffekten wurden mit der anſtändigſten Manier ausgeliefert und auf die Boote der Pauline geſendet, welche zu deren Aufnahme bereit lagen. Wir Officiere kamen in das Gig; Neb und der Hofmeiſter erhielten den Auftrag, auf unſer Privateigenthum Acht zu haben. Sobald ſich Alle— mit Ausnahme der Schwarzen— in den Booten befanden, ſtießen wir ab und ruderten nach dem Landungs⸗ platze— ein Häuflein, ſo traurig und niedergeſchlagen, wie es nur jemals ein friſchentdecktes Land in Beſitz genommen haben mag. Marble zwang ſich zwar zum Pfeifen, denn Kapitän Le Compte's nonchalance brachte ihn innerlich ganz außer ſich vor Wuth; allein ich machte wohl die Beobachtung, daß er„Mein Biſamſchatz“ und „das iriſche Waſchweib“ in eine Melodie zuſammenwarf. Der Ex⸗ ſteuermann befand ſich nämlich in einem Zuſtande geiſtiger Ver⸗ wirrung, wogegen ich ſelbſt das Ganze als einen von den Zufällen des Kriegs betrachtete und mich weit weniger darob grämte. „Voilà, messieurs,“ rief Monſieur Le Compte und ſchwenkte den Arm mit einer Gebärde unübertrefflicher Großmuth:„ihr ſollen hier Meiſter ſeyn, ſobald wir werden fortgehen und unſer kleines Beſitzthum mit uns nehmen!“ „Der iſt verdammt edelmüthig, Miles,“ brummte mir Marble ins Ohr.„Ueberläßt uns die Inſel, das Riff, die Kokosnüſſe, nachdem er unſer Schiff und deſſen Ladung entführt hat. Meine ganze Habe zum Pfand— er wird noch obendrein ſeinen hölliſchen Schooner mitbugfiren.“ „Was ſoll uns jetzt das Klagen helfen, Sir; je mehr wir mit den Franzoſen auf gutem Fuße bleiben, deſto beſſer mag ſich's nooch für uns geſtalten.“ — e 337 Dieſe Wahrheit ſollte ſich bald beſtätigen. Kapitän Le Compte lud uns zum Frühſtück ein und wir verfügten uns deshalb nach dem Zelte der franzöſiſchen Offiziere. Inzwiſchen waren ſeine Ma⸗ troſen damit beſchäftigt, in der großherzigen Abſicht, ihre Zelte den Gefangenen zum alsbaldigen Gebrauche zu überlaſſen— die wenigen Effekten, die ſie mit ſich nehmen wollten, nach dem Schiffe zu transportiren. Da Monſteur Le Compte nach dem ſpaniſchen Feſtlande zu ſegeln vor hatte, um dort ſeinen beabſichtigten Handel zu betreiben, ſo begannen die Franzoſen alsbald, ſowie die Zelte hergerichtet waren, diejenigen ihrer eigenen Artikel einzuſchiffen, welche ſie zum Umtauſche gegen die ſpaniſchen Thaler beſtimmt hatten. Unterdeſſen ſetzten wir uns zum Frühſtück nieder. „C'est la fortune de guerre! wat Ihr nennen ‚Kriegsglücke, messieurs,“ bemerkte Kapitän Le Compte, indem er die ganze Zeit über den Quirl eines Chokoladegefäßes äußerſt kunſtreich umdrehte. „Bon, c'est excellent, Antoine—“. Antoine erſchien in Geſtalt eines wohldurchräucherten, kupfer⸗ farbenen Kajütenjungen. Er wurde angewieſen, eine kleine Kanne mit Chokolade zu füllen, ſie Mademoiſelle nebſt Kapitän Le Compte's Komplimenten zu überbringen, und ihr zu ſagen, es ſey nunmehr alle Ausſicht vorhanden, die Inſel in wenig Tagen ver⸗ laſſen zu können und la belle France im Laufe der vier bis fünf nächſten Monden zu erreichen. Dies wurde franzoöſiſch und mit dem vollen Ungeſtüme eines Mannes geſprochen, der Alles, was er ſagt und noch weit mehr— im Innern fühlt; ich verſtand jedoch genug von dieſer Sprache, um die eigentliche„Abtrift“ herauszufinden. „Ich glaube, der Burſche verallgemeinert in ſeinem ver⸗ dammten Kauderwälſch über unſer Mißgeſchick,“ grollte Marble; „aber laßt ihn nur auspacken— noch iſt er nicht zu Haus, noch fehlt ihm manches Tauſend Meilen!“ Ich verſuchte Marble Alles zu erklären; doch umſonſt— er Miles Wallingford. 22 338 blieb dabei, der Franzmann ſchicke ſeiner Mannſchaft Chokolade von der Offiziers⸗Tafel, um aus Veranlaſſung ſeines heutigen Glücks den Großhans zu ſpielen. Es half mir nichts,„gegen den Dorn zu ſchlagen“ und ſo ließ ich Marble die Freude, von ſeinem Gegner das Schlimmſte zu glauben— eine Art angelſächſiſcher Vorliebe, welche, zu geſchweigen der Neigungen und Gefühle anderer Theile der großen Völkerfamilie, in der engliſchen und amerikaniſchen Chronik ſchon ſo manches Blatt geſchmückt hat. Nachdem das Frühſtück vorüber war, führte mich Monſieur Le Compte bei Seite zu einem Spaziergang unter die Bäume, um mir ſeine Plane und Abſichten zu erklären. Er gab mir zu ver⸗ ſtehen, er habe mich deßhalb zu dieſer Mittheilung auserwählt, weil ihm der Gemüthszuſtand meines Kapitäns nicht entgangen ſey; auch verſtand ich etwas franzöſiſch, was bei einer Beſprechung mit einem Manne, der das Engliſche mit ſo mancher Phraſe ſeiner Mutterſprache ſpickte, durchaus nicht unangenehm war. Er erklärte mir nun, die Franzoſen würden den Schooner noch am ſelben Abend vom Stapel laſſen: auch ſollten wir Maſten, Tackelage, Segel— Alles zubereitet finden, ſo daß er bei thätig betriebener Ausrüſtung ſpäteſtens in vierzehn Tagen zur Abfahrt bereit ſeyn koͤnne. Ein Theil unſers Proviants ſollte ans Land geſchafft werden, da dieſer unſern Gewohnheiten beſſer zuſagen würde, als die noch von der Pauline herrührenden Lebensmittel; wogegen man aus demſelben Grunde mit Berückſichtigung der Fran⸗ zoſen einen Theil der letzteren auf die Kriſis transportiren wollte. Waſſertonnen u. ſ. w. ſtanden ſchon in Bereitſchaft, da alle der⸗ artigen Gegenſtände mit wenig oder gar keinen Schwierigkeiten unmittelbar nach dem Scheitern des Schiffs von dem Wracke her⸗ übergebracht worden waren.— Mit einem Wort: es ſollte uns faſt nichts zu thun übrig bleiben, als die Maſten einzuſetzen, das Fahrzeug aufzutackeln und deſſen Kielraum vollzuſtauen, um als⸗ bald nach dem nächſten befreundeten Hafen unter Segel zu gehen. 339 „Ik denken, Ihr gehen nak Canton,“ fuhr Monſieur Le Compte fort.„Der Weg iſt nit viel weiter als der nach Südamerik und dort Ihr finden werden viele Eurer compatriotes. Natürlick Ihr können mit toute facilité ſchiffen und gehen chez vous— oder was Ihr nennen, Heimat. Oui,— cet arrangement est admirable.“ So mochte ihm die Sache vorkommen; ich aber muß ehrlich geſtehen, daß ich viel lieber auf der„blinden Kriſis“ geblieben wäre, wie unſere Leute ſeit der glücklichen Fahrt durch die Magellanſtraße das Schiff getauft hatten. „Allons!“ rief plötzlich der franzöſiſche Kapitän.„Wir find in der Nähe von Mademoiſelle's Zelt— wir wollen uns erkundigen, wie ſie ſick befinden ce beau matin!“ Als ich aufblickte, gewahrte ich fünfzig Schritte vor mir zwei kleine Zelte in einer ſchönen Lage mitten in einem ungewöhnlich dichten Theile des Haines, nahe an einer Ouelle des klarſten Waſ⸗ ſers, das mir jemals vor Augen gekommen. Dieſe Zelte waren von neuer Leinwand und mit auffallender Sorgfalt und Geſchick⸗ lichkeit gefertigt: ich konnte ſehen, daß das eine, dem wir uns zuerſt näherten, mit Teppichen belegt war und manche Bequemlich⸗ keiten einer anſtändigen Wohnung enthielt. Monſteur Le Compte, der in der That ein hübſch ausſehender Burſche noch unter den Vierzigen war, legte ſein Geſicht, als er ſich der Leinwandthüre näherte, in die gefälligſten Falten und räu⸗ ſperte ſich ein paar Mal ſo reſpektvoll als er nur vermochte, um ſeine Anweſenheit dadurch anzuzeigen— im nächſten Augenblick erſchien eine Dienerin, um ihn zu empfangen. Sogleich im erſten Augenblick, da ich des Mädchens anſich⸗ tig ward, kam mir ihr Geſicht bekannt vor, nur wollte mir weder Ort noch Zeit beifallen, wo oder wann wir uns früher getroffen hatten. Dieſe Begegnung erſchien mir ſo ſonderbar, daß ich noch immer darüber nachſann, als ich mich plötzlich im Zelte und— Emilie Merton und ihrem Vater gegenüber fand. Wir erkannten uns auf den erſten Blick und begrüßten uns zu Monſieur Le Compte’s. Erſtaunen aufs Herzlichſte als alte Be⸗ kannte. Dieſen Namen durften wir uns zwar kaum beilegen; allein auf einer unbewohnten Inſel der Südſee freut man ſich über jedes Geſicht, das man früher einmal getroffen hat. Emilie ſah weniger blühend aus, als ich ſie beinahe vor einem Jahre in London verlaſſen hatte, war jedoch immer noch huͤbſch und angenehm; ſie und ihr Vater ſtanden Beide in Trauer und da die Mutter ſich nicht zeigte, ſo konnte ich die Wahrheit ſogleich errathen: Mrs. Merton war ſchon damals, als ich ſie kannte, kränklich geweſen, wiewohl ich ihr keinen ſo baldigen Tod prophe⸗ zeit hätte. Mir ſchien, als ob ſich Kapitän Le Compte über den freund⸗ lichen Empfang, der mir zu Theil ward, ärgerte; er vergaß jedoch ſeine feinen Sitten nicht, ſondern ſtand auf, mit dem Bemerken, er wolle mich mit meinen Freunden allein laſſen, damit wir gegen⸗ ſeitiger Erläuterungen pflegen könnten, während er ſelbſt die Ge⸗ ſchäfte des Tages in Augenſchein nehmen werde. Beim Abſchied ſah ich— nicht ohne Mißfallen— wie er ſich Emilien näherte und ihr die Hand küßte: er that es zwar voll Ehrerbietung und nicht ganz ohne Grazie, dabei aber mit einem Ausdruck und einer Wärme, welche nicht wohl mißverſtanden werden konnten. Emilie erroͤthete, indem ſie ihm guten Morgen ſägte und warf mir einen Blick zu, der mir einer ſehr wehmüthigen Empfin⸗ dung zum Trotz ein Lächeln abnöͤthigte. „Nie, Mr. Wallingford, nimmermehr!“ ſprach Emilie mit Nachdruck, ſobald ihr Bewunderer es nicht mehr hören konnte. „Wir ſind ſeiner Willkür preisgegeben und müſſen in gutem Ein⸗ vernehmen mit ihm bleiben— aber ich kann mich niemals mit einem Fremden vermählen.“ „Das iſt eine ſchlechte Ermuthigung für Mr. Wallingford, 341 meine Liebe,“ verſetzte ihr Vater lachend,„falls es ihm einfallen ſollte, um Dich zu werben.“ Emilie ſchien verwirrt und— was unter dieſen Umſtänden noch beſſer war— ſie ſchien beſtürzt. „Sicherlich, theurer Vater—“ antwortete ſie mit einer Haſt, welche mir bezaubernd vorkam; oſicherlich wird Mr. Wallingford nicht annehmen, daß ich eine ſo harte Rede beabſichtigte. Dann iſt er auch nicht mein zudringlicher Anbeter, wie dieſer unange⸗ nehme Franzoſe, der mir immer mehr wie ein türkiſcher Paſcha, denn als ein Mann vorkommt, der eine Frau wahrhaft verehrt. Ueberdies—“ „Nun, Miß Merton?“ wagte ich zu fragen, als ich ſie ſtocken ſah. „Ueberdies ſind Amerikaner für uns kaum als Fremde zu achten, Vater,“ fuhr Emilie lächelnd fort,„da wir unter ihnen bekanntlich Verwandte beſitzen.“ „Ganz richtig, liebes Kind; es war ſogar nahe daran, daß wir ſelbſt Amerikaner geworden wären, denn hätte ſich mein Vater an dem Orte ſeiner Trauung niedergelaſſen, wie dies urſprünglich ſeine Abſicht war, ſo würden wir jetzt jenem Volke angehören. Aber Monſteur Le Compte hat uns einen Augenblick gegönnt, um uns gegenſeitig unſre Abenteuer zu erzählen und ich denke dieſe Mußewird nicht allzu lange dauern. Laßt uns alſo damit begin⸗ nen, wofern wir die Erzählung ohne läſtige Zuhörer zu vollenden wünſchen.“ Emilie drang in mich, den Anfang zu machen, und ich that es ohne Zaudern. Meine Geſchichte war bald erzählt: die Erobe⸗ rung unſeres Schiffes in dem Baſſin war Major Merton und ſeiner Tochter ſchon bekannt, nur den Namen des Fahrzeugs hatten ſie noch nicht erfahren; ich brauchte alſo nur unſere Reiſe längs des Feſtlandes nebſt Kapitän Williams Tod zu berichten und meine Erzählung war zu Ende; ich kürzte ſie ohnedies um ſo mehr ab, 34² als ich vor Ungeduld brannte, die näheren Umſtände zu erfahren, welche meine Freunde in ihre jetzige außergewöhnliche Lage ver⸗ ſetzt hatten. „Die Sache ſcheint allerdings höchſt außergewöhnlich,“ begann Major Merton, ſobald ich ihn durch meine Schlußbemerkung zur Erwiederung veranlaßte—„klingt aber höchſt einfach, wenn man die traurige Geſchichte am rechten Ende anfängt und die Begeben⸗ heiten in der Reihenfolge, wie ſie ſich ereigneten, berichtet.“ „Als Ihr uns in London verließet, Wallingford, glaubte ich, wir ſtünden auf dem Punkte, nach Weſtindien abzuſegeln; bald aber bot ſich mir eine beſſere Anſtellung im Oſten und Bombay wurde nun mein Beſtimmungsort. Es war für mich von Wichtig⸗ keit, meinen Hafen ſo früh als möglich zu erreichen, und da kein regelmäßiger Indienfahrer bereit lag, ſo nahm ich Plätze auf einem patentirten Packetboot, einem kleinen unbewaffneten Fahrzeuge. Wir waren ohne irgend einen Unfall unſerem Hafen bis auf drei oder vier Tagereiſen nahe gekommen, als wir mit der Pauline zuſammentrafen und von ihr gekapert wurden. Anfänglich, glaubte ich, wäre Ka⸗ pitän Le Compte bereit geweſen, mich auf Ehrenwort ziehen zu laſſen; aber es bot ſich keine Gelegenheit dazu dar und wir kamen mit dem Schiff nach Manilla. Dort traf uns der herbe Verluſt, den Euch unſere Trauerkleidung ohne Zweifel bereits verkündet hat, und ich hegte ſchon die Hoffnung, irgend ein Uebereinkommen treffen zu können, um mich aus dieſer Lage zu retten. Allein Monſieur Le Compte war mittlerweile Emiliens offener Bewunderer geworden und jetzt iſt vermuthlich jede Ausſicht auf Befreiung ver⸗ ſchwunden, ſo lange er Vorwände zum Aufſchub zu erſinnen vermag.“ „Ich hoffe doch, er wird ſeine Gewalt nicht auf irgend eine Art mißbrauchen und Miß Merton mit Zudringlichkeiten zur Laſt fallen, welche ihr unangenehm wären?“ „Emilie belohnte mich für die Wärme, mit welcher ich ſprach, durch ein ſüßes Lächeln und leichtes Erroͤthen. L 343 „In einem Sinne wenigſtens kann ich ihn deſſen nicht be⸗ ſchuldigen,“ entgegnete der Major.„Monſieur Le Compte thut Alles für uns, was ſein Zartgefühl ihm nur immer einzugeben vermag und Paſſagiere können unmöglich bequemer oder zurückgezo⸗ gener auf einem Schiffe leben, als es uns auf der Pauline geſtattet war; jenes Fahrzeug hatte ein Hüttendeck und ſeine Kajüte war ganz unſerem Gebrauche eingeräumt. Zu Manilla durfte ich auf die bloße Verſicherung der Rückkehr durch mein Wort völlig frei um⸗ hergehen; überhaupt wurden wir in Allem ſo gut behandelt, als die Umſtände nur immer zuließen. Nichtsdeſtoweniger iſt Emilie zu jung, um einen Anbeter von Vierzig— zu engliſch geſinnt, um einen Fremden zu bewundern, und von zu gutem Stande, um einen ſimplen Kauffahrerskapitän zum Gemahl zu nehmen— ich meine einen Mann, der nichts iſt und nichts hat, als was ſein Schiff aus ihm macht oder ihm geben kann.“ Ich verſtand Major Merton's Unterſcheidung recht wohl: er machte einen Unterſchied zwiſchen dem Erben von Clawbonny, der aus bloßer Vorliebe für die See ſeinen Abenteuern nachzog und einem Manne, der dieſe als Abenteurer durchkreuzte. Es war nicht ſonderlich fein angelegt, klang aber jedenfalls recht artig in dem Munde eines Europäers, der den Amerikaner ex gratia als ein Weſen betrachtet, das in phyſiſcher, moraliſcher, politiſcher, ſocialer, ja faſt in jeder— nur nicht in pekuniärer Beziehung, weit unter ihm ſelbſt ſteht. Dem Himmel ſey Dank! der amerikaniſche Dollar kommt nach den genaueſten Wägungen dem europäiſchen Dollar am nächſten und hat ſogar noch den Vortritt vor dem preußiſchen Papier⸗ thaler. „Ich kann mir leicht denken, daß Miß Merton aus verſchie⸗ denen Gründen ihre Augen etwas höher als bis zu Kapitän Le Compte erheben wird,“ antwortete ich mit einer unwillkürlichen Ver⸗ beugung, welche gewiſſermaßen ein Anerkenntniß der zu meinen Gunſten gemachten Unterſcheidung ausdrückte,„und ich ſollte meinen, 344 jener Herr würde ſeine Zudringlichkeiten einſtellen, ſobald er über⸗ zeugt wäre, daß ſie ihn nicht zum Ziele führen können.“ „Ihr kennt die Franzoſen nicht, Mr. Wallingford,“ verſetzte Emilie.„Sie ſind am allerſchwerſten davon zu überzeugen, daß ſie nicht anbetenswerth ſind.“ „Ich kann kaum glauben, daß dieſe Schwäche ſich bis auf die Seeleute erſtrecken ſollte,“ entgegnete ich lachend.„Jedenfalls aber ſeyd Ihr frei, ſo wie Ihr Frankreich erreicht habt.“ „Hoffentlich noch früher, Wallingford,“ erwiederte der Vater. „Hier in der Einſamkeit des ſtillen Oceans können dieſe Franzoſen freilich nach Belieben ſchalten und walten; aber ſind wir erſt im atlantiſchen Meere, ſo erwarte ich, noch lange bevor wir Frankreich betreten, daß ein brittiſcher Kreuzer uns aufgabeln wird.“ Dies war allerdings eine ganz vernünftige Erwartung und wir beſprachen uns noch eine Zeit lang darüber, ohne daß ich Alles, was vorging, zu wiederholen brauchte, da der Leſer leicht be⸗ greifen wird, daß Major Merton und ich uns gegenſeitig Alles mittheilten, was für Männer in unſerer Lage vorausſichtlich von Intereſſe ſeyn konnte. 3 Als ich für klug hielt, Abſchied zu nehmen, begleitete er mich eine Strecke weit und führte mich zu einem Punkte auf der andern Seite der Inſel, wo ich das Wrack vor mir ſehen konnte. Hier ver⸗ ließ er mich für den Augenblick, während ich, in Gedanken an das Vorgefallene vertieft, am Strande weiter ſchlenderte. Es iſt ein intereſſantes Studium, die Art und Weiſe zu be⸗ obachten, wie die Natur ihre Stoffe verwendet, um mitten in Meeren wie der ſtille Ocean neue Inſeln zu gründen. Das Inſekt, welches die Korallenfelſen bildet, muß ein gar emſiges kleines Geſchöpf ſeyn, denn man hat allen Grund anzunehmen, daß einige von den Riffen, welche den Seefahrern in den ſechzig bis ſiebzig letzten Jahren bekannt wurden, ſich ſeitdem durch deren Arbeit in bäume⸗ tragende Inſeln verwandelt haben. Wenn dies ſo fortgeht, wird —— — 345 ein Theil dieſer ungeheuern See zum Continente werden, und wer weiß, ob nicht einſt eine Eiſenbahn jenen Theil der Erde durch⸗ ſchneidet und Amerika mit der alten Welt verbindet? Kapitän Beechey ſpricht in ſeiner Reiſebeſchreibung von einem Schiffbruche, der Anno 1792 auf einem Riffe ſtatthatte, an deſſen Stelle er im Jahre 1826 eine faſt drei Meilen lange Inſel fand, welche mit hohen Bäumen bedeckt war. Es gäbe eine merkwürdige Berech⸗ nung, wenn man herauszubringen ſuchte, wie viele Inſektenfamilien zum Unterbau der oben erwähnten Eiſenbahn erforderlich wären, wenn eine einzige in vierunddreißig Jahren eine Inſel von drei Meilen Länge zuwege bringt. Vor zehn Jahren hätte ich keinen derartigen Wink äußern mögen, denn er hätte die Spekulation anregen und dadurch das Mittel werden können, noch mehr Wittwen und Waiſen ihrer ge⸗ ringen Habe zu berauben; doch jetzt hat die Geſchichte unſeres Landes, Gott ſey Dank! einen Abſchnitt erreicht, wo man wohl eine theoretiſch⸗geographiſche Spekulation wagen kann, ohne Gefahr zu laufen, irgend eine tolle— wenn nicht gar ſündliche— Speku⸗ lation in Dollars und Cents dadurch hervorzurufen. Als ich mich dem äußeren Rande der Inſel, dem Wrack gegen⸗ über, näherte, traf ich höchſt unerwartet auf Marble. Der arme Mann ſaß mit gekreuzten Armen auf einem Vorſprung des Ko⸗ rallenfelſens, in ſo düſteres Nachſinnen verloren, daß er meine nahenden Fußtritte nicht vernahm, obgleich ich abſichtlich hart auf⸗ trat, um ſeine Aufmerkſamkeit auf mich zu ziehen. Ich wollte ihn nicht ſtören und blieb alſo ſtehen, um das Wrack eine Weile zu betrachten, das ſich von hier aus weit beſſer als von jedem andern Punkte, von dem ich es noch erblickt hatte, beobachten ließ. Die Franzoſen hatten ihrem Schiffe weit ſchlimmer zugeſetzt als die Elemente. Das Fahrzeug war leewärts von der Inſel auf⸗ gerannt und lag auf einer Stelle, wo es in der That noch Jahre dauern konnte, bis es in dieſen ruhigen Gewäſſern auseinander 346 brach. Der größere Theil des Oberdecks war fort— ich entdeckte ſpäter, daß ihre eigenen Zimmerleute ſogar die Bodenbalken theil⸗ weiſe herausgenommen hatten, ſo daß der Bau nur noch durch die übriggelaſſenen zuſammengehalten wurde. Die unteren Maſten ſtan⸗ den noch, waren aber bis auf die Unterraaen entblößt, welche man zum Nutzen des Schooners verbraucht hatte. Der Strand war noch immer in geringer Entfernung mit Gegenſtänden bedeckt, welche man von dem Riffe herbeigebracht und noch nicht zu ver⸗ wenden für nöthig gefunden hatte. Endlich wurde Marble durch eine meiner Bewegungen auf⸗ merkſam und drehte den Kopf zu mir herüber: er ſchien durch mei⸗ nen Anblick erfreut zu ſeyn und äußerte ſeine Zufriedenheit darüber, daß er mich allein ſah. 8 „Ich habe eben unſere Lage ein Bischen verallgemeinert, Miles,“ hub er an;„wie ich ſie aber auch drehen und wenden mag— ich finde ſie immer ſchlimm genug, ja ſo ſchlimm, daß mich's völlig überwältigt. Ich liebte unſer Schiff, Mr. Wallingford, wie andere Leute ihre Verwandten lieben— Weib und Kinder hatte ich ohnedies nie— und der Gedanke, daß es einem Franzmann in die Hände gefallen, iſt in der That zu viel für meine Natur. Wäre es noch Smudge geweſen, das hätte ich vielleicht ertragen können: aber ſeine Flagge vor einem Wrack und vor einem franzö⸗ ſiſchen Wrack zu ſtreichen— nein, das iſt übermenſchlich!“ „Ihr müßt nur die begleitenden Umſtände nicht vergeſſen, Kapitän Marble; in ihnen werdet Ihr ſchon Troſt finden. Die Kriſis wurde überfallen, wie wir die Dame von Nantes überfielen.“ „Das iſt es ja eben: bringt das einmal unter eine allgemeine Regel— wo ſoll's dann damit hinaus? Wer überfällt, darf ſich nicht überfallen laſſen. Hätten wir eine Schanzwache ausgeſtellt, Sir, ſo hätte es nicht geſchehen konnen, und in einem fremden Ha⸗ fen ſollte man ſich nie mit weniger, als einer Schanzwache begnü⸗ gen. Machte es etwa einen Unterſchied, daß die Inſel unbewohnt, 347 das Schiff vom Land umſchloſſen und im trefflichſten Grunde wohl verankert war?— Durchaus nicht: wenn Ihr die Sache vom dienſtlichen Geſichtspunkte betrachtet. Ja, ja, der alte Robbins mit ſeinen Flüſſen im Ocean— er hätte ſich nie auf eine ſo erbärm⸗ liche Weiſe abfangen laſſen!“ Hier wurde Marble von ſeinen Gedanken übermannt: er drückte ſeine beiden harten Hände vors Geſicht und ich ſah, daß Thränen — wie Waſſer, das aus einem Steine gepreßt wird, dazwiſchen her⸗ vorrannen. „Die Wechſelfälle des Seelebens, Kapitän Marble,“ tröſtete ich, nicht wenig erſchüttert, mit dieſem Manne eine ſolche Scene zu erleben—„die Wechſelfälle des Seelebens ſind zuweilen für die beſten Seeleute zu hart. Wir ſollten dieſen Verluſt nicht an⸗ ders betrachten, als ob er durch einen Sturm veranlaßt worden wäre— dann iſt bei all dem immer noch einige Hoffnung vorhanden.“ „Ich möchte wohl wiſſen— welche: ich meines Theils kann nirgends Land vor mir gewahren.“ „Wer überraſcht, muß ſich nicht nur in derſelben Münze zu⸗ rückzahlen laſſen— nein, er kann auch den alten Handel wieder aufnehmen und ſeiner Seits abermals überraſchen.“ „Was meint Ihr damit, Miles?“ fragte Marble, ſchnell wie der Blitz, indem er haſtig zu mir aufſchaute;„iſt das blos verall⸗ gemeinert oder habt Ihr einen beſonderen Plan im Auge?“ „Beides, Sir. Ich verallgemeinere, ſo weit die Zufälle des Kriegs in Betracht kommen und gehe auch ins Einzelne, denn ein eigener Gedanke iſt mir ſchon im Kopfe herumgegangen.“ „Heraus damit, Miles— heraus damit, Herzensjunge; der Herr hat Euch nicht zu Gewöhnlichem erſchaffen.“ „Erſt laßt mich wiſſen, Kapitän Marble, ob Ihr mit Kapitän Le Compte eine weitere Unterredung gehalten und über unſer künf⸗ tiges Verhalten ſeine fernere Meinung erfahren habt?“ „So eben habe ich den grinſenden Schurken verlaſſen— ſein 348 liebenswürdiges Lächeln, Miles, iſt nichts als eine Grimaſſe, die er uns ins Geſicht ſchneidet, um uns ſein Narrenglück recht fühlen zu laſſen. Hol' ihn der Teufel— wenn ich je wieder die Heimath erreiche, rüſte ich einen Kaper aus und ſetze ihm nach, ſo lange ſich irgend um Geld und gute Worte in ganz Amerika ein ſchnellſe⸗ gelnder Schooner auftreiben läßt. Wahrhaftig, ich glaube, ich könnte zum Seeräuber werden, nur um dieſen Schuft hier einzufangen.“ Ach, armer Marble! Wie wollteſt du, der du dich nie anders als durch Zufall über den Oberſteuermann emporſchwangſt, deine vorſichtigen Schiffseigner uͤberreden, dir auch nur das kleinſte Fahr⸗ zeug anzuvertrauen, um damit ſolcher Geſtalt gegen Seewindmühlen anzurennen? „Wozu aber in Amerika einen Schooner holen, Kapitän Marble, wenn die Franzoſen ſo artig ſind, uns da, wo wir eben ſind, einen ſolchen zu geben?“ „Ich fange an, Euch zu verſtehen, mein Junge. Es liegt allerdings einiger Troſt in dem Gedanken; allein der Franzmann hat bereits mein Patent zur Hand genommen und ohne dieſes ſind wir nicht beſſer daran, als wenn wir geradezu Seeräuber wären.“ „Das möochte ich bezweifeln, Sir— ſogar wenn ein Schiff, das mit einem wirklichen Patente abgeſegelt wäre, daſſelbe im gewöhn⸗ lichen Verlauf der Dinge durch Zufall verloren hätte; die Patente werden ja alle einregiſtrirt und die Identität unſerer Perſonen ließe ſich zu Hauſe nachweiſen.“ „Ja bei der Kriſis allerdings, aber nicht bei dieſer„Pretty Polly“— ſo überſetzte Marble nämlich das Petite Pauline— „das Patent gilt blos für das Schiff, das darin genannt iſt.“ „Ich weiß das nicht, Kapitän Marble. Geſetzt, unſer Schiff wäre in einem Gefechte zu Grunde gegangen, in welchem wir das feindliche Fahrzeug erobert hätten— könnten wir dann unſere Reiſe nicht auf der Priſe fortſetzen und nach wie vor Alles, was uns in den Weg käme, angreifen?“ -⸗ — 349 „Beim heiligen Georg, das lautet vernünftig. Hab' ich doch da eben gedroht als Pirate auszulaufen und konnte dennoch zau⸗ dern, mein Eigenthum zurückzunehmen!“ „Geſchieht es nicht zuweilen, daß die Mannſchaft gekaperter Schiffe ſich gegen die Eroberer auflehnt und ihre eigenen Fahr⸗ zeuge wieder erobert? und hat man ſie darum jemals Piraten ge⸗ nannt? Ueberdies werden Nationen im Kriege faſt jede feindſelige Handlung gegen ihre Widerſacher gut heißen.“ „Miles, in Euch habe ich mich geirrt— Ihr ſeyd ein guter Seemann, aber die Natur hat Euch eigentlich zum Advokaten be⸗ ſtimmt! Gebt mir die Hand, Herzensjunge; ich ſehe wieder einen Strahl von Hoffnung vor mir und ein Mann braucht, um weiter zu leben, weit weniger Hoffnung, als er Nahrung bedarf.“ Marble theilte mir nun den weſentlichen Inhalt der Beſpre⸗ chung mit, welche er mit Kapitän Le Compte gehabt hatte. Letz⸗ terer hatte plötzlich die heftigſte Ungeduld zur Abfahrt geäußert— den Grund konnte ich mir alsbald vorſtellen, denn er wünſchte Emilien ſobald wie möglich von ihrem alten Bekannten zu trennen — und wollte noch an dieſem Nachmittag den Schooner ins Waſſer bringen, um für ſeine Perſon mit dem nächſten Morgen abzuſegeln. Dies war ein raſcher Entſchluß, und der Franzoſe ſetzte Himmel und Erde in Bewegung, um ihn zur Ausführung zu bringen. Ich muß geſtehen, ich konnte ihn nicht ohne Bedauern hören, denn mein ſo hochſt unerwartetes Zuſammentreffen mit den Mertons war mir ſehr angenehm; auch iſt der Einfluß der Frauen in ſolcher Einſamkeit ungewöhnlich groß. Ich theilte Marble meine Entdeckung mit, und nachdem er ſeine Verwunderung darüber ſatt⸗ ſam erſchöpft hatte, führte ich ihn nach den Zelten, um ſeinen alten Bekannten aufzuwarten. Dieſer Beſuch verſchaffte mir das Ver⸗ gnügen eines halbſtündigen téte-à-téte mit Emilien, während Marble mit dem Major unter den Bäumen ſpazieren ging. Monſieur Le Compte's Wiedererſcheinen brachte uns Beide 350 bald wieder zum Bewußtſeyn unſerer eigentlichen Lage. Ich kann nicht ſagen, daß unſer glücklicher Gegner, trotz ſeiner augenſchein⸗ lichen Eiferſucht, ſich nur im Geringſten unartig gegen uns betra⸗ gen hätte; er beſaß ſo viel Takt, ſeine Gefüyle größtentheils zu verbergen und zeigte— ob nun aus Weitherzigkeit oder aus Liſt— eine Miene großmüthigen Vertrauens, welche das Herz der Dame, um die er ſich bewarb, weit mehr als jedes ſtrenge Verfahren ge⸗ winnen mußte. Nachdem er zuvor Miß Merton's Erlaubniß hiezu erbeten, lud er ſogar ſich und uns bei dem Major zum Eſſen, wobei wir im Ganzen eine recht angenehme Unterhaltung genoſſen. Wir hatten Schildkrötenſuppe und Champagner, beides in einer Trefklichkeit, wie ſie damals ſogar ſämmtlichen Aldermen von London und New⸗ York nicht zu Gebot ſtand— ich bitte die Sir Peters und Sir John's der Guildhall um Verzeihung, wenn ich ſie in irgend einer Hinſicht mit den„Herrn vom vierten oder gar vom eilften Viertel“ in eine Linie ſtelle: allein Letztere halten häufig die beſten Mahlzeiten und trinken(wenn denn einmal die Wahrheit durchaus geſagt werden ſoll) ohne allen Vergleich die feinſten Weine. Wer's bezahlt— das iſt eine Frage, deren Löſung in den Geheimniſſen der Aldermänniſchen Taſchenſpielerkunſt vergraben liegt. Es war ſpät, als wir vom Tiſche aufſtanden, wiewohl Monſieur Le Compte uns ſchon frühe verlaſſen hatte. Punkt fünf Uhr wurden wir eingeladen, das Vomſtapellaufen des Schooners mit anzuſehen. Champagner und Klaret hatten Marble in gute Laune verſetzt und auch ich war in der beſten Stimmung; Emilie nahm Hut und Sonnenſchirm— ganz wie ſie es zu Haus gethan haben würde, und wandelte an meinem Arm mit dem Reſte der Geſellſchaft nach der Schiffswerfte. Dort ſuchte ich ihr einen günſtigen Platz für das Schauſpiel und begleitete ſo⸗ dann Marble zur Beſichtigung der„Pretty Polly,“ welche bis jetzt 351 unſer Augenmerk noch nicht in dem Maaße, wie dies den Umſtänden gebührte, auf ſich gezogen hatte. Ich hatte gegen Marble geäußert, es würde ſich vielleicht in dem Augenblicke, da die Aufmerkſamkeit der Franzoſen auf den Schooner gerichtet wäre, eine Gelegenheit zum Ueberfallen der Feinde erge⸗ ben; allein Monſieur Le Compte hatte wohlweislich die volle Haͤlfte ſeiner Mannſchaft auf dem Schiffe gelaſſen, ſo daß nicht mehr an einen ſolchen Verſuch zu denken war, da die Kanonen der Kriſis die ganze Inſel beſtrichen hätten. Die große Geſchicklichkeit, welche die franzoͤſiſchen Arbeiter beim Aufbau der Petite Pauline an den Tag gelegt hatten, machte ihnen alle Ehre. Der Schooner war für ſeine Größe nicht nur ein ſicheres, bequemes Fahrzeug, ſondern— was für uns weit größeren Werth hatte— ſeine Umriſſe waren der Art, daß er ein trefflicher Schnellſegler zu werden verſprach. Später erfuhr ich, daß Kapitän Le Compte in eigener Perſon Grund⸗ und Aufriß ent⸗ worfen hatte, wie er denn nicht nur ſehr viel Geſchmack für die Schiffsbaukunſt, ſondern auch ziemlich viel Erfahrung darin beſaß. Das Schiff, welches die Mertons nach Bombay bringen ſollte, hatte das, für eine aus Thekaholz gebaute Fregatte und Kriegs⸗ ſchaluppe nöthige Kupfer geladen und dieſes war vor dem Verbren⸗ nen der Priſe nebſt anderen Artikeln auf die Pauline gebracht worden. Monſieur Le Compte hatte dieſen Umſtand benützt, um ſeinen Schooner, der ohnehin ſchon ſo niedlich und geräumig wie möglich war, auch noch ganz mit Kupfer zu belegen— ohne Zwei⸗ fel, um ſeine Freunde zu Marſeille durch den Beweis zu über⸗ raſchen, wieviel geſchickte Seeleute, auch wenn ſie auf einer Inſel des ſtillen Oceans Schiffbruch gelitten, im Nothfalle zu leiſten ver⸗ mögen. Dann mochte er es auch ganz angenehm finden, noch länger auf der Inſel zu verweilen, friſche Kokosnüſſe mit köſtlichen Schildkröten zu verſpeiſen und Emilie Merton den Hof zu machen. Gewiß durften manche von den Reizen der„Pretty Polly“ denen der jungen Dame nicht mit Unrecht zugeſchrieben werden. Sobald wir alle beiſammen waren, begannen die Leute abzu⸗ keilen— eine Arbeit, welche bald fertig war; dann ſtellte ſich Monſieur Le Compte auf dem Gallion des Schooners auf, machte eine tiefe Verbeugung gegen Emilie, als ob er ſie um Erlaubniß bitten wollte und gab dann das Signal. Die Stapelſtützen wurden weggeſchlagen und das kleine Fahrzeug glitt mit einer Leichtigkeit ins Waſſer und ſchoß mit ſo wenig Wellengekräuſel ein hundert Faden in die Bai hinaus, daß wir überzeugt ſeyn durften, es würde ein braver Segler werden. Sobald es flott war, ſchleuderte Le Compte eine Flaſche gegen die Ruderpinne und rief mit voller Stimme: „Succès à la Belle Emilie!“ Ich wandte mich nach Emilien um und ſah an ihrem Erröthen, daß ſie Franzöſiſch verſtand, während das Aufwerfen ihrer hübſchen, vollen Lippen den leichten Aerger verrieth, mit welchem das Kompli⸗ ment aufgenommen worden war. Wenige Minuten ſpäter ſtieg Kapitän Le Compte wieder ans Land und übergab uns in wohlgeſetzter Rede den Schooner zu vol⸗ lem Beſitze: er bemerkte, wir ſollten uns nicht als Gefangene be⸗ trachten, indem er hoͤchſt artigerweiſe zugab, daß er keine Lorbeeren durch ſeinen Sieg errungen habe. „Wir werden gehen fort gut Freund,“ ſo ſchloß er ſeine Rede; „wenn wir uns aber wieder treffen und nos deux républiques mit im Frieden ſtehen, dann muß jeder ſechten für son pavillon!“ Für eine ſolche Scene war dies ein ganz paſſender Schluß. Unmittelbar darauf wurden die Mertons mit Diener und Dienerin eingeſchifft, ich nahm am Strande Abſchied von ihnen und— war es nun Wirklichkeit, oder hatte mir's blos meine Eitelkeit vorgeſpie⸗ gelt— ich glaubte zu bemerken, daß Emilie nur mit Widerſtreben 353 ins Boot ſtieg. Tauſend gute Wünſche wurden noch gewechſelt und der Major rief uns zum Schluſſe herüber: „Wir ſehen uns wieder, ihr Herrn— die Vorſehung hat ja auch in unſerem bisherigen Verkehre gewaltet. Bis dahin— lebi wohl!“ Die Franzoſen zeigten nun große Geſchäftigkeit. Die meiſten Artikel, welche ſie mitzunehmen beabſichtigten, befanden ſich ſchon an Bord und als die Abenddämmerung hereinbrach, hatte auch ihr Verkehr mit dem Land ein Ende. Als ſich Kapitän Le Compte von uns verabſchiedete, konnte ich nicht umhin, ihm für ſeine mannigfachen Höflichkeiten zu dan⸗ ken. Er war jedenfalls großmüthig mit uns verfahren, wiewohl ich immer noch glaube, daß ſein plötzlicher Aufbruch, der uns noch allerlei Gegenſtände zuwandte, die wir ohne denſelben entbehrt hätten— nur dem Wunſche zuzuſchreiben war, mir ſelbſt Emilie Merton ſo raſch als möglich aus den Augen zu bringen. Mit Tagesanbruch erſchien Neb in den Oſſtzierszelten mit der Meldung, daß das Schiff die Anker lichte. Ich war in einem Nu auf und angekleidet: die Entfernung bis zum Einlaß betrug etwa eine Meile und ich erreichte ihn gerade in dem Augenblick, als die Kriſis abfuhr. In wenigen Minuten kam ſie unter eingeſetzten Marsſegeln in die ſchmale Durchfahrt hereingeſteuert und ich ſah Emilien mit ihrem Vater, welche ſich beide über die Hängmattentücher des Quar⸗ terdecks lehnten. Das hübſche Mädchen war mir ſo nahe, daß ich den Ausdruck ihrer ſanften Augen erkennen konnte, welche mir in ſüßer Theilnahme zu ſchwimmen ſchienen. „Gott ſegne Euch, theurer Wallingford!“ rief mir der Major noch herüber— dann zog das Schiff vorbei und befand ſich bald in der äußeren Bai. Eine halbe Stunde ſpäter, bevor ich noch die ſeitherige Stelle verlaſſen hatte, ſchwamm die Kriſis auf der See und hatte alle ihre Segel bis zum Flaggenknopf hinauf entfaltet. Miles Wallingford. 23 354 Siebenzehntes Kapitel. Noch beſſer trag' ich den Verluſt hinfaͤll'gen Lebens, Als dieſe ſtolzen Titel, die du mir geraubt; Denn ſchlimmer meine Seele ſie verwunden, Als dies dein Schwerdt mein Fleiſch. Shakeſpeare. Halbwegs zwiſchen dem Einlaß und der Schiffswerfte ſtieß ich auf Marble, der mit verſchränkten Armen dem dahineilenden Schiffe nachſchaute. Seine Mienen waren nicht länger traurig, ſondern trotzig: drohend ſchüttelte er die Hand gegen die franzöſiſche Flagge, welche an unſerer alten Gaffel flatterte. „Ja, ja, flattere nur fort, aber hol' dich der Teufel; du zitterſt und bebſt wie einer von euren geckenhaften Taubenflügeln; aber wo wirſt du von heute über zwei Monate weilen? Nur ſo ein hölliſcher Franzoſe würde da, wo dieſer Miſter Count* die Gebeine ſeines Fahrzeugs begraben hat, ein. Schiff mehr daran wagen; obgleich auch unſere eigene Rettung hier, wo wir ſo nahe vorüberkamen, ein wahres Wunder iſt. Hätten wir nicht die Kriſis zuerſt durch dieſe Oeffnung hereingebracht— er würde nie gewagt haben, aus derſelben auszulaufen.“ Ehrlich geſtanden konnte ich in Monſieur Le Compte's Benehmen nichts als das Geſchick und den Unternehmungsgeiſt eines ächten Seemannes erkennen; aber den meiſten Menſchen iſt nichts peinlicher als das Verdienſt derjenigen einzugeſtehen, welche einen Vortheil über ſie erlangt haben. Marble konnte ſeine eigene Niederlage nicht vergeſſen— die Erinnerung an ſie verblendete ſeine Augen und umnebelte ſeine Urtheilskraft.. „Ich ſehe unſere Leute bereits geſchäftig, Sir,“ bemerkte ich, um die Aufmerkſamkeit des Kapitäns auf einen andern Gegenſtand „ Engliſche Ueberſetzung des Monſteur Le Compte— deutſch:„Rechnung.“ D. U. 355 zu lenken.„Sie haben den Schooner nach der Werfte gehalt und ſcheinen Spieren als Schoren* darum zu ſtellen.“ „Ja, ja, Talcott hat ſeine Befehle, und ich erwarte, daß auch Ihr Euch rühren werdet. Ich werde die Maſten ſelber einſetzen; Ihr könntet einſtweilen ſämmtliches Tauwerk in Bereitſchaft ſetzen, um es ſo bald wie möglich an Ort und Stelle zu bringen. Der Franzoſe da draußen rechnete, wie er mir ins Geſicht ſagte, daß wir in vierzehn Tagen etwa in See ſtechen könnten— ich aber will ihm zeigen, daß eine Yan keemannſchaft ſeinen hölliſchen Schooner in drei Tagen aufzutackeln und vollzuſtauen vermag und dann doch noch Zeit genug zum Spielen übrig hat.“ Marble war nicht der Mann zu eitlen Großſprechereien: er hatte bald Alle zur Arbeit verſammelt und wußte uns mit einer Regelmäßigkeit und Ordnung, welche bewieſen, daß er in ſeinem Fache Meiſter war— zu ſchweigſamer Thätigkeit anzuſpornen. Auch ließ ſich ſeine Sprache, welche fremden Ohren ſo ruhmredig klingen mag, ganz wohl rechtfertigen, denn vierzig Amerikaner waren eine furchtbare Maſſe und mochten bei guter Leitung unzweifelhaft weit mehr ausrichten als der gewöhnliche Schlag franzöſiſcher Seeleute, wie ſie anno 1800 gelenkt und eingeſchult wurden; Mann gegen Mann gerechnet, würden ſie ſogar in derſelben Zeit das Doppelte ge⸗ leiſtet haben. Unſere Leute hatten nun ſchon lange, und häufig unter den ſchwierigſten Umſtänden, neben einander gedient: ſie bewährten jetzt ihre Dreſſur auf eine Weiſe, wie man es nicht beſſer wünſchen konnte. Jedermann war geſchäftig und in wenigen Stunden hatten wir die Schoren aufgeſtellt und beide Maſten eingeſpannt. Zur Zeit, da der Hauptmaſt eingeſetzt wurde, hatte auch ich mittlerweile den Fockmaſt aufgetackelt, der Klüverbaum war an ſeiner Stelle, die Sprietſegelraa gekreuzt— Alles führte ſeine Spieren unter'm Bugſpriet— und die untere Raa hing am Maſte. Die Franzoſen hatten uns freilich Alles zurecht gelegt und als wir nach *„Stützen“ auf Schiffswerften. D. U. 356 dem Eſſen die Arbeit wieder aufnahmen, ſo konnten wir bereits mit dem Aufſtauen der Ladung— Waſſer, Lebensmittel und ſolche Artikel, wie wir ſie überhaupt mitzunehmen beabſichtigten— den Anfang machen. Mit Einbruch der Abenddämmerung wurde die Arbeit eingeſtellt: die Emilie hatte ſchon ganz das Ausſehen eines ſegelfertigen Fahr⸗ zeugs und uns lachte die Ausſicht, ſie mit dem kommenden Abend zur Abfahrt bereit zu ſehen— aber wir hatten auch unſern Dienſt in tiefem Schweigen verrichtet. Napoleon ſagte, auf dem kleinen Schooner, der ihn vom l'Orient nach der Rhede von Baeque geführt, habe ein größerer Lärm geherrſcht, als er ihn am Bord des Linien⸗ ſchiffs, das ihn nach St. Helena transportirte, auf der ganzen Ueberfahrt vernommen habe. Seit jenem denkwürdigen Tage haben auch die Franzoſen gelernt, ſich auf ihren Schiffen ſchweigſam zu verhalten und wir müſſen jetzt abwarten, welche Früchte ihnen dies bringen wird. Marble berieth ſich in jener Nacht mit mir über den Stand der Dinge, oder— wie er ſich ausdrückte—„wir verallgemeinerten unſere Ausſichten.“ Monſieur Le Compte hatte etwas gethan, was die Pflicht von ihm verlangte: er hatte uns nämlich aus beiden Schiffen kein Körnchen Pulver und ebenſo weder Enterhacken noch Schiffsſäbel oder ſonſt eine Waffe hinterlaſſen. Nur für die Offiziere waren Piſtolen nebſt einem Säckchen Pulver und einer Anzahl Kugeln vorhanden: der Franzmann hatte dies wohl aus einem gewiſſen esprit de corps gethan, weil er ſich als Offizier ſagen mochte, wir könnten vielleicht dieſer Werkzeuge bedürfen, um unſere eigene Mannſchaft in Ordnung zu halten. Dies war übrigens bei unſeren Leuten durchaus nicht nöthig, denn ordnungsliebendere, geſetztere Matroſen waren gewiß noch nie mit einander geſegelt: allein Monſteur Le Compte fühlte ſich verpflichtet— ſo weit er es vermochte— ſie ganz außer Stand zu ſetzen, uns zu beunruhigen, wobei er aber, während er uns die Mittel zu unſerer Sicherheit in die Hand gab, auch dafür Sorge trug, daß wir ſeinen eigenen 357 Landsleuten keinen weiteren Schaden zufügen konnten— eine Vor⸗ ſicht, welche ihm, wenigſtens was die Bewaffnung betraf, vollkommen gelungen war. Am andern Morgen ſtand ich mit Anbruch der Dämmerung auf und da ich den Tag vorher viel von der Hitze ausgeſtanden hatte, ſo ſuchte ich mir eine paſſende Stelle, warf die Kleider ab und plumpte in das Becken. Das Waſſer war faſt ſo durchſichtig wie die Luft und ich hatte zufällig einen Ort gewählt, wo die Korallen bis auf wenige Ellen zur Oberfläche heraufreichten. Beim Untertauchen fiel mein Auge auf eine beträchtliche Menge großer Muſcheln, welche den Korallenfelſen umſchloſſen und es gelang mir, ein halbes Dutzend, welche feſt zuſammenhingen, heraufzubringen. Ich wiederholte dieſe Tauchverſuche noch eine Viertelſtunde lang, bis ich alle die Muſcheln, im Ganzen ihrer ſechszig bis achtzig, am Ufer hatte. Daß es Perlenmuſcheln waren, erkannte ich augen⸗ blicklich und winkte deßhalb Neb, der ſie bald wohlverwahrt in einem Korbe an einen ſicheren Ort brachte. Ich verſäumte nicht, Marble dieſen Umſtand mitzutheilen und dieſer befahl den Sandwich⸗Inſulanern, da die ſchwerere Arbeit vorüber war, ein Boot zu nehmen und ihrem eigentlichen Geſchäfte für Rechnung der Schiffseigenthümer— wenn dieſe überhaupt noch Anſpruch auf unſere Dienſte beſaßen— einige Stunden lang ob⸗ zuliegen. Sie thaten dieß auch mit ziemlichem Erfolg, der ſich übrigens mit dem meinigen nicht meſſen durfte;— dafür entdeckten ſie— was gerade damals für uns weit wichtiger war— auf dem Grunde des Baſſins, da wo die Kriſis vor Anker gelegen hatte, eine Waffenkiſte, welche ohne Zweifel von den Franzoſen verſenkt worden war. Mit Ausnahme ſeines Gigs hatte uns der franzöſiſche Kapitän ſämmtliche Boote der Pauline überlaſſen: ich fuhr deßhalb in einem derſelben mit einer Back unſerer Leute nach dem Becken, die Taucher zogen ein Tau durch die Handhaben der Kiſte und ſo hatten wir 358 ſie bald herausgeſiſcht. Es war eine von den Waffenkiſten der Kriſis, welche dem Franzoſen im Wege geſtanden hatte und über Bord geworfen worden war, indem dieſe augenſcheinlich den Waffen, an welche ſie gewöhnt waren, den Vorzug gaben. Sie hätten „freilich beſſer gethan, wenn ſie die Kiſte in die See hinausgeführt und dort fünfzig bis hundert Faden tief verſenkt hätten. Die Priſe wurde dem Konſtabler überantwortet, nach deſſen Bericht die Kiſte unſere Säbel und Piſtolen und zwar in ſolcher Anzahl enthielt, daß jeder Matroſe einfach damit bewaffnet werden konnte. Auch etliche Pulverhörner und ein Sack mit Kugeln wurden darin vorgefunden— erſtere waren aber durchs Waſſer verdorben. Die Waffen wurden trocken gerieben, eingeölt und wieder in der Kiſte verſorgt, nachdem letztere einen ganzen Tag in der Sonnen⸗ hitze dageſtanden hatte. So waren wir mit der Hülfe von Leuten, welche wir in ganz anderer Abſicht hergebracht hatten, in den Beſitz der Mittel gelangt, die uns zur Ausführung jener Expedition verhelfen konnten, welche nunmehr— wie man wohl ſagen konnte— das große Ziel un⸗ ſeres Lebens ausmachte. An dieſem Tag wurde Alles, was uns zum Mitnehmen wün⸗ ſchenswerth ſchien, an Bord des Schooners geſchafft. Wir ließen zwar manche werthvolle Gegenſtände, beſonders das Kupfer zurück; allein Marble beſchloß wohlweislich, das Schiff blos mit dem ge⸗ wöhnlichen Ballaſte zu beſchweren, damit es nicht zu tief gehen und in der Segelgeſchwindigkeit Schaden leiden möchte: ſo hatten wir es denn gerade ſo tief gelegt, als es für unſern Zweck räthlich ſchien. Auch blieb noch eine Menge von Dingen zu bergen übrig, denn das Deck war ganz mit ihnen beſät und der Kielraum, mit Ausnahme des Grundbodens, in der tiefſten Verwirrung: aber Brod, Waſſer, Nind⸗ und Schweinefleiſch und ſonſtige Lebensmittel waren alle im Ueberfluß vorräthig, und hatten wir ſie auch nicht ſogleich zur Hand, ſo konnte man ſie doch wenigſtens finden. Die Segel 359 waren angebunden und der Stromanker der Pauline— der einzige, den wir hatten— nebſt ihren zwei größten Wurfankern hing an den Bügen. So ſtanden die Sachen, als Marble plötzlich alle Matroſen auf's Schiff beorderte und die Schorſtützen abzuwerfen befahl. Einer ſo beſtimmten Ordre durfte natürlich nicht widerſprochen werden. Wir hatten neue, für den Schoͤoner gültige Schiffsartikel unterzeichnet, welche die bei der Anwerbung für die Kriſis über⸗ nommenen Verpflichtungen auch auf dieſes neue, ſo wie auf jedes andere Schiff ausdehnten, das wir noch kapern würden. Es wehte ein ſteter Paſſatwind und als wir unſer großes Segel, nebſt dem Klüverſegel aufhißten, glitt das kleine Fahrzeug einer Feder gleich über das Becken hin; pfeilſchnell ſchoßen wir durch den Eingang und ſobald wir die offene See gewonnen hatten, ließ Marble zweimal vieren, wobei wir Alle über die Behendigkeit, mit welcher das Schiffchen arbeitete, ganz entzückt waren. Wir hatten kaum noch ſo viel Tageshelle, um unſern Weg durch die Oeffnung im Riffe herauszufinden: kaum waren achtunddreißig Stunden ſeit der Abfahrt der Kriſis verfloſſen, als wir auch ſchon ihrem Kiel⸗ waſſer folgten. Ueber den Kurs, welchen ſie eingeſchlagen, hatten wir natür⸗ lich nur Vermuthungen, denn nur ſo viel wußten wir gewiß, daß ſie nach der Weſtküſte von Südamerika zugeſegelt war: gleichwohl war uns nicht entgangen, daß ſie an einer Boleine in den Nordoſt⸗ paſſatwind hineingeſteuert hatte, als ſie unſeren Blicken entſchwun⸗ den war. Wir ſtellten deßhalb den Schooner ſo viel wie möglich in denſelben Kurs, nur mit der Abweichung, wie ſie ſich aus der verſchiedenen Tackelage der beiden Fahrzeuge ergab. Die Strecke, welche wir in jener Nacht zurücklegten, über⸗ zeugte uns Alle, daß Monſieur Le Compte ein trefflicher Schiffs⸗ baumeiſter war. Der Schooner hatte trotz des ziemlich ſtarken Gegenſtrömens der See ſeine hundert und ſechs Meilen in zwölf 360 Stunden gemacht, d. h. wenigſtens zehn bis zwölf Meilen mehr, als die Kriſis unter gleichen Umſtänden hinter ſich gebracht hätte. Freilich war, was bei ihr für enggehalt galt, bei uns nicht ebenſo zu nennen und in dieſer Hinſicht hatten wir einen Vortheil über ſie. Marble war mit unſerer Nachtfahrt ſo wohl zufrieden, daß er ſich, ſo wie er am nächſten Morgen auf dem Deck erſchien, eine Flaſche Rum bringen ließ und alle Matroſen zuſammenzurufen be⸗ fahl. Sobald alle Leute gegenwärtig waren, verfügte er ſich nach dem Gallion und gab Ordre, daß die geſammte Mannſchaft ſich auf dem Vorkaſtell verſammeln ſollte. Dort hielt er folgende Rede: „Wir haben Glück und Unglück auf unſerer Reiſe, ihr Leute,“ hub er an,„und wenn wir den Gegenſtand verallgemeinern, wer⸗ den wir finden, daß auf den Regen jedesmal der Sonnenſchein folgte. Da waren z. B. die Wilden mit jenem ſpitzbübiſchen Smudge— die ſchlugen den armen Kapitän Williams vor den Kopf, warfen ihn über Bord und eroberten unſer Schiff: dann aber kam das Glück und wir nahmen's ihnen wieder ab. Hierauf ſpielte uns der Franzoſe dieſen garſtigen Streich und jetzt will un⸗ ſer Glücksſtern, daß er uns ein Fahrzeug überläßt, das ſein eige⸗ nes Schiff einholt— was dann erfolgt, das brauche ich Euch nicht erſt zu ſagen.“ Hier ließen alle Matroſen, als hätte der Dienſt es alſo verlangt, ein dreimaliges Hurrah ertönen.„Ich aber mag auf einem Schiffe, das einen franzöſiſchen Namen führt, weder ſegeln noch fechten. Kapitän Count taufte den Schooner die— Mr. Wallingford wird euch den rechten Namen ſagen.“ „La belle Emilie oder die ſchöne Emilie.“ „Bleibt mir mit euren„Bellen“ und ebenſo mit eurer„ſchö⸗ nen Emilie“ vom Leib,“ donnerte Marble, die Flaſche am Heck⸗ balken des Schooners zerſchmetternd;„wohlan, bringt ihr nochmals drei Cheers— der„Pretty Poll“, denn unter dieſem Namen ward ſte geboren und ihn ſoll ſie behalten, ſo lange Maſter Marble auf ihr ſegelt.“ 361 Von dieſem Augenblicke an kannte man den Schooner nur noch unter dem Namen der„Pretty Poll“ und viele unſerer Leute, die ich manche Jahre ſpäter wieder antraf, nannten ihn immer nur die„Poll“ oder„Polly“ wie er in vertraulicherer Wendung zuweilen hieß. Den ganzen erſten Tag unſerer Ausfahrt waren wir damit beſchäftigt, die Segel⸗ und Maſtenſtellung der Polly zu verbeſſern und uns an ihrem Borde behaglich einzurichten. Erſteres gelang uns auch ſo gut, daß wir unſerer Rechnung zufolge einen Knoten mehr in der Stunde zurücklegten, als die Kriſis, ſo ſchnell ſie auch war, unter gleichen Umſtänden geſegelt haben würde. Letztere hatte einen Vorſprung von achtunddreißig Stunden und machte dieſe ganze Zeit über im Durchſchnitt ihre ſieben Knoten: wir brauchten alſo gegen zehen Tage Zeit, um ſie nach unſerer Rechnung in einer Entfernung von achtzehnhundert bis zweitauſend Meilen von der Inſel einzuholen. Ich meines Theils hoffte aufrichtig, unſer Zuſammentreffen würde nicht auf hoher See ſtattfinden, denn ich war überzeugt, daß uns nur ein Ueberfall Ausſicht auf Erfolg gewährte. Konnten wir den Schooner bis in irgend einen Hafen verfolgen, ſo war ein Ge⸗ lingen unſeres Planes am eheſten möglich: dagegen mit einem un⸗ bewaffneten Schooner, ſelbſt bei der ſtaͤrkſten Bemannung, ein Schiff wie die Kriſis anzugreifen— nein, es war Tollkühnheit, nur daran zu denken.. Allein Marble wollte meinen Vorſtellungen kein Gehöͤr geben: er behauptete ſteif und feſt, wir hätten mehr als genug Pulver, um unſere Piſtolen jede ein halbdutzendmal zu laden und wenn wir die Schiffe Bord an Bord dicht neben einander legten, würden die Piſtolen ſchon den Ausſchlag geben— ich wurde hiedurch natürlich zum Schweigen, wenn auch nicht zur Ueberzeugung gebracht. Am fünften Tage nach unſerer Abfahrt kam Neb, um mir zu ſagen: 362 „Maſter Miles, mit den Auſtern da muß irgend„was ange⸗ fangen werden! Sie riechen unverantwortlich und die Leute ſchwören, ſte wollten ſie über Bord werfen, wenn ich ſie nicht bald eſſe— ich bin aber dazu nicht hungrig genug, Sir.“ Er meinte die ſchon erwähnten Perlenmuſcheln, welche in der Hitze des Kielraums der Fäulniß und Zerſetzung raſch entgegen⸗ gingen. Da der Kapitän bei dieſem Theile der Ladung ebenſogut wie ich ſelbſt betheiligt war, meldete ich ihm den Stand der Dinge und er befahl, die Fäſſer und Körbe ſofort auf das Verdeck zu ſchaffen. Es war in der That gut, wenn etwas geſchah, denn ſonſt hätte es am Ende eine Krankheit gegeben. Da man übrigens in der Regel durch den Zerſetzungsproceß zu den Schätzen dieſer Thiere zu gelangen ſuchte, ſo befand ſich Alles genau in dem Zu⸗ ſtand, wie wir es wünſchten. Ein unbetheiligter Zuſchauer würde nicht übel gelacht haben, wenn er während der nächſten vier Stunden unſerem Treiben auf dem Ouarterdeck zuzuſehen hätte. Marble und die beiden Steuer⸗ männer machten einen Angriff auf eine dem Kapitän angehörende Tonne, während Neb und ich mit meinem eigenen Antheil beſchäf⸗ tigt blieben. Es war übrigens ein ſchwer Stück Arbeit, da der Geruch an Stärke den der Gewürzinſeln weit übertraf: wir hielten jedoch Stand— denn was erträgt der Menſch nicht um des Reichthums willen? Marble ſah die Schwierigkeiten voraus, und hatte den Steuer⸗ männern ſogleich angekündigt, daß ſie„auf Theilung öffnen woll⸗ ten.“ Dieß übte einen tröſtenden Einfluß und ſo ging das Werk mit vieler Heiterkeit und unter den tollſten Grimaſſen mit ziem⸗ licher Geſchwindigkeit vor ſich. Gleichwohl bemerkte ich, daß Tal⸗ cott eine oder zwei von den Muſcheln, welche ohne Zweifel un⸗ gewöhnlich zäh waren, nach höchſt oberflächlicher Unterſuchung über Bord warf. Die erſten ſieben Auſtern, die mir in die Hand kamen, ent⸗ 363 hielten nichts als Staubperlen und auch davon nicht viele. Neb öffnete und ich unterſuchte; auch letztere Beſchäftigung war ſo wenig nach meinem Geſchmack, daß ich eben im Begriffe ſtand, den ganzen Plunder über Bord werfen zu laſſen, als mir Neb eine weitere Muſchel mit neun ſchönen Perlen von der Größe einer ausgewach⸗ ſenen Erbſe und alle von ganz gleichem Umfang— einhändigte. Ich warf ſie in eine Schüſſel mit friſchem Waſſer, aus der ſie als helle, glänzende Perlen von jener Sorte hervorgingen, welche bei den chriſtlichen Nationen unter der Benennung von„weißem Waſſer“ bekannt und ohne Zweifel wegen ihrer mit dem Teint der Euro⸗ päerinnen ſo wohl übereinſtimmenden Farbe am meiſten geſchätzt ſind. Kaum war mein Glück bekannt, als alle übrigen„Perlenfiſcher“ mich alsbald umringten— Marble, die Naſe mit Kalfatwerg ver⸗ ſtopft und eine Prime Tabak, ſo groß wie eine mäßige Kartoffel, im Munde wälzend. „Beim heiligen Georg, Miles, das ſieht ja aus wie ein rech⸗ tes Geſchäftchen,“ rief der Kapitän, mit erneutem Eifer an ſein Werk zurückgehend—„iſt ͤbrigens ein Beruf, der blos für Schweine oder Gaſſenkehrer paßt! Wollte ich mich ernſtlich darauf verlegen, ſo würde ich mir ſo viele Commis halten, als ſich nur in einer Bank befinden. Was glaubt Ihr denn, daß dieſe Burſche werth ſeyn mögen?“ „Etliche fünfzig Dollars oder dergleichen— Ihr ſeht ja, Sir, ſie ſind ganz groß— viel größer als man ſie an unſeren Frauen zu ſehen gewohnt iſt.“ Die neunte meiner Muſcheln ergab elf Perlen, alle von der⸗ ſelben Größe und Beſchaffenheit, wie die erſten, und in wenigen Minuten hatte ich dreiundſiebzig andere, nebſt einer Maſſe von Staub⸗ perlen beiſammen. Dann kam eine Reihe leerer Muſcheln— in zwölfen nicht eine einzige Perle; dagegen warfen die drei nächſten einunddreißig Stücke ab und eine weitere ergab vier Perlen, jede ſo groß wie eine kleine Kirſche. Zuletzt kamen wir an eine von der Größe einer gewöhnlichen Wallnuß und an ſechs weitere von —,— — 364 dem Umfange eben jener Kirſchenperlen, ſo daß ich neben den kaum erwähnten im Ganzen hundert und ſiebenundachtzig Stücke von der Größe der Erbſen und eine tüchtige Handvoll Staubperlen zuſam⸗ menbrachte. Später erfuhr ich, daß die Perlen, welche ich ſolcher⸗ geſtalt erlangt hatte, auf dem Markte gegen achtzehnhundert Dol⸗ lars werth waren, da ſie ſich noch weit mehr durch Schönheit als durch Größe auszeichneten. Trotz der Kalfatpfröpfe und des Tabacks, ja trotz der großen Anzahl von Muſcheln— im Ganzen an die zweihundert und fünf⸗ zig Stück— welche die Taucher im Laufe des Tages aufgefunden hatten, brachte der Kapitän mit den Seinigen neben den Staub⸗ perlen nicht mehr als ſechsunddreißig größere zuſammen, obwohl ſich unter den Muſcheln einige ſehr ſchöne Exemplare befanden. Von jenem Augenblicke an gab Marble den Handel auf und ich hörte ihn ſpäter nie wieder ein Wort von einer Fortſetzung deſ⸗ ſelben erwähnen.— Meine eigenen Schönheiten wurden für ſpätere Zeiten ſorgſam bei Seite gelegt, bis ich gewiſſen Freundinnen eine Augenweide damit bereiten konnte: ſie zu verkaufen hatte ich nie im Sinn, da⸗ gegen waren ſie mir aus anderen Gründen ſehr theuer. Unſere Leute aber waren herzlich froh, ſo unbequemer Gäſte los zu ſeyn. Als ich die fleckenloſen, ſchimmernden Perlen betrachtete und ſie mit den grauenvollen Behauſungen verglich, denen ſie ſo eben entnom⸗ men worden waren, kamen ſie mir vor, wie die Seelen der Ge⸗ rechten, ihrer irdiſchen Hülle entfliehend, um ſich fortan eines endlos reinen Daſeyns zu erfreuen. Mittlerweile ſetzte die Pretty Poll Meile für Meile ihren Pfad auf dem oͤden Waſſerſpiegel des ſtillen Oceans fort. Marble hatte einſt auf einem Baltimorer Küſtenfahrer gedient und verſtand ſeinen Schooner vielleicht noch beſſer zu lenken als Monſieur Le Compte ſelbſt es vermocht hätte, obgleich ſich dieſer Offizier, wie ich ſpaͤter erfuhr, ſchon als Kommandant eines Kaperluggers im brittiſchen 365 Kanale ausgezeichnet hatte. Wir machten im Durchſchnitt zwiſchen hundert und fünfzig und zweihundert und zwanzig Meilen in vier⸗ undzwanzig Stunden und ſetzten dieſen Wettlauf zehn Tage, d. h. gerade ſo lange fort, daß wir nunmehr der Kriſis, falls ſie in ähnlichem Kurſe geſteuert war, ziemlich nahe ſeyn mußten. Was mich betrifft, ſo wünſchte und erwartete ich unſeren Gegner nicht eher zu erblicken, als bis wir die Küſte von Südamerika erreicht hätten, wo wir ſeine Stellung durch unſern Verkehr mit der Küſte wohl in Erfahrung bringen konnten. Den Guardacoſta's mochten wir, wie ich wußte, mit Leichtigkeit entgehen und dann hatten wir einige Ausſicht, die Kriſis ungefähr auf dieſelbe Weiſe wieder zu erobern, wie wir ſie früher verloren hatten. Marble's Ungeduld und der Ingrimm, mit welchem ihn unſere Schande erfüllte, wollten ſich aber ſelbſt durch die Elemente nicht Einhalt thun laſſen und ich glaube, er wäre im heftigſten Sturme auf die Kriſis losgefahren, wenn er ſie nur hätte erreichen können. Uebrigens blieb die Wahrſcheinlichkeit, daß wir dieſe weite Strecke in ſo ähnlichem Kurſe mit unſerer beabſichtigten Priſe geſteuert wären, um nunmehr mit ihr zuſammenzuſtoßen— immerhin ſo ge⸗ ring, daß ſie von den Wenigſten einer näheren Betrachtung für würdig erachtet wurde. „Segel ho!“ rief am Morgen des eilften Tages der Ausgucker, den wir auf der Vormarsraa aufgeſtellt hatten. Marble und ich ſtanden bald auf der Raa, da vom Deck aus nichts zu ſehen war — fünfzehn bis zwanzig Meilen von unſerem Luvquartier ließen ſich Ober⸗ Bram⸗ und Oberbramſegel eines Schiffes erkennen. Da wir uns jetzt im Fahrwaſſer von Wallfiſchfängern befan⸗ den, welche dieſen Theil des ſtillen Meeres in großer Menge be⸗ ſuchten, ſo hielt ich für wahrſcheinlich, daß das ferne Segel zu dieſer Zahl gehörte: Marble lachte mich aber aus und fragte, ob ich jemals gehört hätte, daß ein Wallfiſchfänger auf ſeiner Kreuz⸗ fahrt Oberbramſegel führe. Er verſicherte, es ſey die Kriſis, welche 366 denſelben Weg wie wir verfolge und nur durch beſſeres Luven wind⸗ wärts von uns gerathen ſey. Wir hatten zu viel auf die Luvgier des Schooners gerechnet, ſo daß man ihn während der Nachtwachen mehr als nöthig hatte abfallen laſſen. Die Pretty Poll wurde nun in den Wind gepreßt, in der Hoffnung, während der Nacht an unſere Beute aufzuſchließen. Der Wind war aber ſchon ſeit mehreren Stunden immer ſchwächer und ſchwächer geworden und gegen Mittag, als wir uns dem Fremden ſchon ſo weit genähert hatten, daß wir ihn vom Deck aus ſehen konnten, war alle Ausſicht zu einer förmlichen Windſtille vorhanden; hier, in der Region der Paſſatwinde, wäre es ein wahres Wunder geweſen, wenn dann nicht eine ſteife Kühle gefolgt maͤret Um nun unſere Zeit nach Kräften zu benützen, beſchloß Marble zu vieten, nachdem wir das fremde Segel eben einen Punkt wind⸗ wärts von unſerem Luvbug gebracht hatten. Eine Stunde nach Ausführung dieſes Manövers ſahen wir einen Gegenſtand auf dem Ocean treiben; wir hielten etwas ab, um näher zu kommen und erkannten bald ein Wallfiſchboot, das triftig geworden war. Es zeigte amerikaniſche Bauart, hatte eine Waſſertonne, Ruder und alle ſonſtigen Erforderniſſe, und da die Fangleine los war, ſo mochte es wohl in der Nacht am Schlepptau gezogen worden und weil es mit drei Halbſtichen befeſtigt ge⸗ weſen— verloren gegangen ſeyn. Sobald ſich Marble von der Beſchaffenheit dieſes Bootes überzeugt hatte, war auch alsbald ſein Plan gefaßt. Die vier Sandwich⸗Inſulaner waren ſchon auf Wallfiſchbooten geweſen; er beorderte ſie deßhalb in den Nachen, ließ etwas Rum und etliche Lebensmittel hineinſchaffen, beſtieg es dann ſelbſt, indem er mir die nöthigen Befehle gab und ruderte mit fünf Knoten Geſchwindigkeit davon, dem Schooner überlaſſend ihm ſelbſt mit zwei Knoten Schnelle zu folgen. Dies geſchah etwa eine Stunde vor Sonnen⸗ untergang und als es endlich dunkel wurde, befand ſich das Boot, 367 nur noch als dunkler Fleck auf dem Waſſer erkennbar, halbwegs zwiſchen uns und dem Schiffe, das nunmehr etliche fünfzehn Meilen entfernt war und noch immer in derſelben Richtung fortſteuerte. Die hinterlaſſenen Befehle waren ſehr einfach geweſen. Ich ſollte denſelben Kurs beibehalten, bis ich auf dem Boote ein Licht gewahrte; dann ſollte ich dergeſtalt vieren, daß ich in paralleler Linie mit dem Schiffe hinzöge. Gegen neun Uhr Abends gab Marble das Signal, das vom Schooner aus augenblicklich beantwortet wurde. Denen auf dem Schiff blieb des Bootes Licht verborgen, und unſer eigenes wurde blos fünf Sekunden lang ausgehängt, da uns das Verſchwinden von Mr. Marble's Laterne in dieſem kurzen Zeitraume kund gab, daß man unſere Antwort bemerkt hatte.— Ich wendete augenblick⸗ lich, nahm das Fockſegel ein und ſteuerte in dem befohlenen Kurſe weiter. Wir hatten alle eine Veränderung des Wetters vorhergeſehen und waren auf ein Gewitter gefaßt; Marble ließ ſich aber hiedurch ſo wenig beunruhigen, daß er der Bö ſogar mit Vergnügen entgegenſah, da er gerade während ihrer höchſten Höhe die Kriſis zu entern gedachte, weil er dann des Erfolgs am ſicherſten zu ſeyn glaubte. Seine einzige Beſorgniß war die, wir moͤchten das Schiff in der Dunkelheit nicht finden und eben um dieſer Schwierigkeit zu begeg⸗ nen, hatte er es über ſich genommen, uns auf die eben beſchrie⸗ bene Art nach ſeinem Ziele hinzulvotſen. Nach vollbrachter Vierung wurde ein ſcharfer Ausguck nach dem Lichte gehalten: wir bemerkten es abermals, aber gerade auf unſerer Wetterſeite, woraus wir ſchloßen, daß das Schiff mehr Wind als wir ſelbſt haben mußte, da es ſeine Stellung weſentlich geändert hatte, während wir ſeit unſerer Wendung kaum eine Meile vorwärts gekommen waren. Natürlich ward hierbei vorausgeſetzt, daß Marble fortwährend den Bewegungen des Schiffes zu folgen ſuchen würde. 368 Um zehn Uhr brach der Sturm mit tropiſcher Heftigkeit und ſo unerwartet los, daß Jedermann davon überraſcht wurde. Eine Bö hatte man erwartet, doch erſt nach Ablauf mehrerer Stunden und ehe dieſer Augenblick käme, hatten wir alle gehofft, das Wall⸗ fiſchbvot zurückkehren zu ſehen. So aber überſiel uns der Sturm, als wir eben am wenigſten darauf gefaßt waren: der erſte Wind⸗ ſtoß warf den kleinen Schooner mit einem Ungeſtuͤme nieder, wel⸗ ches uns überzeugte, daß es den Elementen Ernſt war. Eine Viertelſtunde nach dem erſten Ausbruch ſtand mein Schoo⸗ ner unter gerefftem Fockſegel, und ſelbſt bei ſo weniger Leinwand gab es noch Augenblicke, wo das Schiffchen, gegen den Gipfel der Wogen ſich hinankämpfend, aus dem Waſſer emporfliegen zu wollen ſchien. Meine Hauptbeſorgniß drehte ſich übrigens um das Boot, von dem jetzt nichts mehr zu ſehen war. Marble's Befehle hatten keinen Zwiſchenfall, wie dieſer Orkan, vorgeſehen und der Verkehr mit ihm war nun unterbrochen. Auf dem Schooner wurde natürlich angenommen, das Boot würde, ſobald man die Gefahr vorherge⸗ ſehen, an uns aufzuſchließen ſuchen und da dieß wahrſcheinlich in einer convergirenden Linie geſchah, ſo waren alle unſere Anſtren⸗ gungen darauf gerichtet, den Schooner hinter dem Boote zu hal⸗ ten, damit dieſes den Vereinigungspunkt zuerſt erreichen möchte. Auf dieſe Art blieb noch eine Möglichkeit, daß Marble den Schooner auffand, während wir ſelbſt wenig Ausſicht hatten, das Boot zu entdecken. Wir führten zwar mehrere Lichter; aber ſobald ſich einmal der Regen eingeſtellt hatte, wäre ſogar ein Freuden⸗ feuer auf hundert Schritte unſichtbar geblieben. Das Waſſer goß wie aus Eimern auf uns nieder, hörte zuweilen auf und kehrte dann in Strömen zurück. Eine ſo furchtbare Nacht hatte ich noch nie erlebt; ſogar jene Schreckensnacht, wo Smudge und ſeine Genoſſen den Kapitän Wil⸗ liams ermordet und das Schiff erobert hatten, war eine Zeit der 369 Wonne, mit der jetzigen verglichen. Ich liebte Marble: tollkühn, unüberlegt und ungebildet, wie er in mancher Hinſicht war, hatte er ſich dennoch gegen mich als ſtandhaften Freund erwieſen. Er war ein trefflicher Seemann, eine Art inſtinktmäßiger Seefahrer, ſeiner Flagge getreu wie die Magnetnadel und tapfer wie ein Löwe. Dann wußte ich auch recht gut, daß ſein gekränktes Ehrgefühl und die ſtrengen Anſichten, welche er über ſeine Pflichten gegen die Schiffseigner nährte, ihn in die gegenwärtige Noth getrieben hatten. Ich glaube mir ſelbſt nur Gerechtigkeit zu erweiſen, wenn ich verſichere, daß ich in jener Nacht herzlich gerne jeden Augen⸗ blick meinen Platz mit dem ſeinigen vertauſcht haäͤtte. Wir hielten eine Berathung auf dem Quarterdeck, worin wir dahin übereinſtimmten, daß unſere einzige Hoffnung, das Boot aufzufinden, darauf beruhte, uns ſo nahe wie möglich an die Stelle zu halten, wo deſſen Mannſchaft den Schooner zum letztenmal ge⸗ ſehen haben mußte. Marble hatte ein Recht, ſolches zu erwarten und wir boten alle unſere Kräfte auf, um dieſes Ziel zu erreichen: wir vierten öfter und ſuchten, was wir beim Herumkommen verloren, an unſerem Halſen wieder einzubringen. So verbrachten wir eine peinliche, höchſt unbehagliche Nacht: die Winde heulten uns eine Art Requiem für die Todten vor, während wir kaum wußten, ob wir uns in den Wogen wälzten oder nicht, da eine ſolche Waſſermaſſe aus den Wolken herabſtürzte, daß wir auf dem Verdeck beinahe ertranken. Endlich kehrte das Tageslicht zurück; bald darauf brach ſich der Sturm und ſchien ſeine Wuth erſchöpft zu haben. Eine Stunde nach Sonnenaufgang trat der Paſſatwind wieder ein, die Wogen rollten regelmäßig wie zuvor, und der Schooner entfaltete alle ſeine Leinwand. Wir Offtziere ſtanden natürlich alle auf den Marſen, die einen vorn, die andern hinten, um nach dem Boote auszuſchauen: aber wir ſahen es nicht wieder und was noch außer⸗ ordentlicher war— auch von dem Schiffe ließ ſich nichts mehr Miles Wallingford. 24 370 entdecken. Wir kreuzten den ganzen Tag in der Nähe des Platzes, in der Hoffnung, wenigſtens das Boot anzutreffen— allein ohne Erfolg. Ich befand mich nunmehr in einer völlig neuen Lage. Kaum vor zwölf Monaten hatte ich als dritter Oſſizier der Kriſis meine Heimath verlaſſen, war regelmäßig zu deren erſtem Offiziere vor⸗ gerückt und fand mich jetzt in Folge einer traurigen Kataſtrophe allein auf dem ſtillen Ocean, für das Wohl meiner Schiffsherrn ſowie für das von vierzig anderen menſchlichen Weſen verpflichtet— und das Alles, noch ehe ich mein zwanzigſtes Jahr erreicht hatte! Marble's Angriffsplan war mir immer tollkühn und unaus⸗ führbar vorgekommen— blos weil es ſein Plan war und nicht der meinige. Was den Verſuch zur See betraf, ſo hegte ich noch immer dieſelbe Meinung und hatte von Anfang an einen Ueberfall an der Küſte für weit hoffnungsreicher gehalten. Dann blieben auch Emilie, deren Vater, die Chre unſerer Flagge und der Ruhm, den ich mir perſönlich erringen konnte, bei mir nicht ohne Einfluß, und da mit Sonnenuntergang alle Hoffnung, das Boot aufzufinden, verſchwunden war, ſo befahl ich, den früheren Kurs wieder ein⸗ zuſchlagen. Der Verluſt des Wallfiſchbootes traf uns in einer beiläufigen Entfernung von etwa zweitauſend Meilen von der Weſtküſte Süd⸗ amerika's. Wir hatten alſo noch einen weiten Weg vor uns und da ich ohnehin an der Jdentität des früher entdeckten Schiffes mit der Kriſis ſtark gezweifelt hatte, ſo mußten wir uns jetzt tüchtig rühren, wenn etwas gegen unſere alten Feinde ausgeführt werden ſollte. Der Leſer wünſcht vielleicht zu wiſſen, wie meine Nachfolge im Kommando des Schiffs von der Mannſchaft aufgenommen wurde. Niemand hatte wohl je unbedingteren Gehorſam gefunden. Ich war meine ſechs Fuß einen Zoll hoch, von ſtarkem, gewaltigem Körperbaue, ein guter Seemann und durch zwölfmonatliche Erfahrung 371 an die Befehlgebung gewöhnt. Meine Leute kannten mich, da fie mich von den Luvringen abwärts in jeder Stellung erprobt geſehen hatten und ich beſaß ihr Vertrauen wahrſcheinlich in höherem Grade, als ich dies verdiente; jedenfalls gehorchten ſie mir ſo pünktlich, als ob ich ſchon von New⸗York an ihr Kommandant geweſen wäre. Marble wurde von Jedermann bedauert, mehr noch, glaube ich, als Kapitän Williams: dies mochte wohl in der Art und Weiſe, wie wir ihn gleichſam vor unſeren Augen verſchwinden ſahen, ſeinen Grund haben, denn von den Beiden war der Zweite nach meiner Anſicht der achtungswerthere. Trotz deſſen hatte auch Marble ſeine ſtarken Seiten und zwar ſolche, wodurch Seemänner gar leicht eingenommen werden und die auch uns ganz beſonders für ihn eingenommen hatten. Ob die vier Sandwich⸗Inſulaner unſere Gedanken überhaupt in Anſpruch nahmen, weiß ich nicht: wir hatten uns daran gewöhnt, ſie als fremde Weſen zu betrach⸗ ten, welche vom Ocean kamen, wohin ſie nun auf ſo unerwartete Weiſe zurückgekehrt waren. Fünfzehn Tage nach dem Verluſte des Wallſiſchbootes bekamen wir die Spitzen der Anden wenige Grade ſüdlich vom Aequator zu Geſicht. Aus einigen zufälligen Bemerkungen der Franzoſen, die ich mitangehört hatte, war ich zu dem Glauben veranlaßt wor⸗ den, daß ſie nach Guayaquil oder in deſſen Nähe ſegeln wollten, und in der Nachbarſchaft dieſes Punktes ſuchte auch ich die Küſte zu erreichen. Zu allem Ueberfluß hatten wir ſelbſt auf unſerer Reiſe gegen Norden mehrere Buchten und Rheden an dieſem Theile der Küſte beſucht, ſo daß ich mich da ganz zu Hauſe fand; auch hatten wir mehrere Bekannte, welche uns jedenfalls von Nutzen ſeyn mußten und ſo trug Alles dazu bei, dieſen„Landfall“ für uns zu einem glücklichen zu machen. Am Abend des neunundzwanzigſten Tags nach unſerer Abfahrt von der Inſel brachten wir den Schooner in eine offene Rhede, 1 3 3 8 8 8 6 372 wo wir vor acht Monaten etwa von unſerem Schiffe aus einen ausgedehnten Handel geführt hatten und wie ich glaubte, von Ein⸗ zelnen gewiß noch erkannt werden mußten. Wie ich erwartete, ſo geſchah es. Kaum waren wir vor Anker gegangen, als ein gewiſſer Don Pedro So und ſo, ein Burſche mit einer erſtaunlichen Menge von Namen, in einem Boote herbeikam, um ſich zu erkundigen, wer wir wären und was wir bedürften, oder— vielleicht noch beſſer geſagt— was wir von ſeinen Bedürfniſſen beſäßen. Ich erkannte den Mann auf den erſten Blick, da ich ihm in eigener Perſon die Bootsladungen mit Gütern übergeben und dafür ein Säckchen mit Dublonen von ihm erhalten hatte. Einige wenige Worte, halb Engliſch, halb Spaniſch dienten dazu, unſere Be⸗ kanntſchaft zu ern euern und ich gab hierauf unſerem alten Freunde zu verſtehen, ich ſey in der Aufſuchung meines Schiffes begriffen, von welchem ich mich eines beſonderen Dienſtes halber getrennt hätte. Mein Don Pedro klopfte erſt auf den Buſch, um Alles, was er nur konnte, zu entdecken und ließ mich dann wiſſen, daß am ſelben Nachmittag nur zehn Meilen ſüdlich von uns ein Schiff hinter einer Inſel eingelaufen ſey, daß er es ſelbſt geſehen und vermuthet habe, es könnte ſeine alte Freundin, die Kriſis ſeyn— bis er die franzöſiſche Flagge an ihrer Gaffel wahrgenommen habe. Dies war mir genug; ich erkundigte mich alsbald nach einem Lootſen und es fand ſich unter den Bootsleuten ein Mann, der wohl im Stande war, uns nach dem gewünſchten Orte zu führen. Da ich fürchtete, die Nachricht von der Ankunft eines Schooners moͤchte ſich auf ähnliche Weiſe, wie wir unſere Kunde erhalten hatten, nach dem Schiffe verbreiten, wollte ich keine Zeit verlieren, ſondern machte mich gegen zehn Uhr Abends wieder auf den Weg. Um Mitternacht betraten wir den Kanal zwiſchen dem Haupt⸗ land und der Inſel: dort nahm ich ein Boot und ruderte weiter, um zu rekognosciren. * 373 Ich fand die Kriſts unter einem hohen Uſervorſprunge, der ein prächtiges Lee bildete: auf dem Schiff und in deſſen Nähe herrſchte die tiefſte Ruhe, doch wußte ich wohl, daß ein Fahrzeug, welches fortwährend vor den Guardacoſta's auf der Hut ſeyn und ſeine Rettung einzig nur der Raſchheit ſeiner Bewegungen anver⸗ trauen mußte— nicht ohne einen wachſamen Ausgucker bleiben konnte. Ich landete deßhalb und beſtieg die Anhöhe, um die Lage des Schiffes mit aller Bequemlichkeit einer ſorgfältigen und kalt⸗ blütigen Unterſuchung zu unterwerfen und kehrte ſodann gegen zwei Uhr Morgens auf den Schooner zurück. Die Polly war während meiner Abweſenheit gegen die Land⸗ ſpitze oder den Vorſprung herabgeſteuert und befand ſich daher, als ich ihr Verdeck wieder betrat, ganz in deſſen Nähe: alle Matroſen waren verſammelt und ſtanden in ihren Waffen bereit. Die Erwar⸗ tung hatte die Leute dermaßen aufgeregt, daß wir ſie nicht ohne Schwierigkeit von einem lauten Hurrah abhielten: zu allem Glück vermochten wir ſie noch zum Stillſchweigen zu bewegen und ich ſuchte ihnen das Ergebniß meiner Beobachtungen in möglichſt we⸗ nigen Worten mitzutheilen. Dann gab ich meine Befehle und der Schooner wurde des Angriffs halber unter kurze Segel gebracht. Wir ſtanden ſo nahe an der einen Seite des Vorſprungs und die Kriſis lag ſo dicht neben der andern, daß meine Hauptbeſorg⸗ niß darin beſtand, wir moͤchten leewärts abfallen und den Fran⸗ zoſen dadurch Zeit zur Sammlung und Vorbereitung geben. Wir beſchränkten uns daher blos auf das Fockſegel, hielten aber das Klüver⸗, Mars⸗ und große Segel zum Einſetzen bereit, ſobald man ihrer bedürfte. Mein Plan war, das Schiff auf der Steuerbord⸗ oder, in Bezug auf die Inſel, an der äußeren Seite und zwar mit möglichſt leiſem Anpralle zu entern. Sobald Alles bereit ſtand, verfügte ich mich nach dem Hinter⸗ theil neben den Mann am Steuerrad und befahl ihm„aufzuhal⸗ ten.“ Neb ſtellte ſich dicht hinter mich: ich wußte, daß jedes Verbot 374 unnütz war und ließ alſo den Burſchen gewähren. Der Lootſe hatte mir geſagt, das Waſſer habe bis an die Felſen des Vorſprungs die gehörige Tiefe und wir hielten uns demnach beim Umſegeln der Landſpitze ſo dicht wie möglich an's Ufer. Im nächſten Augenblick kam uns das Schiff zu Geſicht: es war keine hundert Faden von uns entfernt, wir hatten guten Weg und drei Minuten ſpäter befahl ich das Fockſegel zu braſſen. Im nämlichen Moment begab ich mich nach vorn. Wir ſtanden dem Schiffe ſo nahe, daß man das Anſchlagen des Segels daſelbſt hörte und alsbald folgte ein Anruf. Wir gaben eine verſtellte Antwort und dann— krach, polterten unſere Bäge gegen die der Kriſis. „Hurrah für das alte Fahrzeug!“ brüllten unſere Leute und ſprangen in einem Haufen über Bord— wie eine Meute von Jagd⸗ hunden, welche durch eine Hecke zum Angriff vorſtürzen. Eine Scene wilden Getümmels folgte: etliche zwanzig Piſtolen wurden abgefeuert und viele tüchtige Streiche geführt— aber die Ueberraſchung ſicherte uns den Sieg. In weniger als drei Minuten kam Talcott mit der Meldung, unſere Burſche ſeyen im vollen Beſitze des Decks und die Franzoſen bäten um Gnade. Die Feinde hatten ſich anfänglich von einer Guardacoſta über⸗ fallen gewähnt, denn die Ueberzeugung, daß wir von unſerer Inſel aus nach Canton abgehen würden, herrſchte allgemein unter ihnen. Groß war daher die Ueberraſchung, als die Wahrheit an den Tag kam; unzählige sacr-r-res! und gewiſſe andere Flüche, die ich mir nicht die Mühe nehmen mag zu wiederholen, ließen ſich in leiſem Franzöſiſch vernehmen. Harris, einer von den Philadelphiern, derſelbe, der uns durch ſein Einſchlafen auf dem Poſten in die Klemme gebracht hatte, wurde getödtet, und nicht weniger als unſer neune, worunter auch ich, waren in dem hitzigen Kampfe verwundet worden— zum Glück aber alle ganz leicht, ſo daß nur ihrer drei dem Dienſte entzogen 375 wurden. Der arme Burſche, welcher fiel, verdankte ſeinen Tod blos der allzugroßen Kühnheit, mit welcher er ſeine frühere Scharte auszuwetzen geſucht hatte. Die Franzoſen waren weit ſchlimmer weggekommen. Nicht weniger als ſechzehn blieben ſogleich auf dem Platze und ſtarben noch vor dem Morgen, denn unſere Burſchen hatten ihre Salve gerade in den Haufen abgefeuert, der aufs Verdeck heraufſtürzte, und auch ihre Hirſchfänger waren in den erſten paar Minuten ſehr thätig geweſen; ſie folgten in ihrer Wuth dem Grundſatze:„der erſte Streich iſt die halbe Schlacht.“ Die Feinde zählten nur wenige Verwundete, denn die Meiſten, welche fielen, waren von mehreren zu gleicher Zeit angefallen worden— eine Angriffsart, welche ihnen nur wenig Ausſicht auf ein Enkkommen übrig ließ. Monſieur Le Compte— der Arme! wurde an ſeiner Kajüten⸗ thüre maustodt angetroffen: er hatte in dem Augenblick, da er, noch im Hemd, den Fuß aufs Verdeck ſetzen wollte, eine Kugel in die Stirne erhalten. Ein einzig Mal während des Kampfes hatte ich ſeine Stimme vernommen und ſie für ein ſchlimmes Vorzeichen gehalten: das Stillſchweigen, welches aber folgte, war wohl daher gekommen, daß er eben damals von der verhängnißvollen Kugel getroffen wurde. Achtzehntes Kapitel. Erſte Hexe: Heill Zweite Hexe: Heil! Dritte Hexe: Heil! Erſte Hexe: Kleiner denn Macbeth und doch größer. Zweite Hexe: Minder glücklich und doch glücklicher. Maecbeth. Man wird mir hoffentlich glauben, wenn ich vexſichere, daß ich mich, wäre Marble bei der Wiedereinnahme des Schiffes zugegen 376 geweſen, vollkommen glücklich gefühlt hätte: ſo aber fehlte er uns und Wehmuth ſollte ſich in unſern Triumph miſchen. Ich hatte noch in dieſer Nacht eine haſtige Unterredung mit Major Merton und theilte ihm Alles mit, was nöthig war, um die Beſorgniſſe ſeiner Tochter zu beſchwichtigen. Emilie befand ſich in ihrem Staatszimmer und war natürlich heftig erſchrocken; als ſie aber erfuhr, daß Alles vorüber ſey und ganz glücklich geendet habe, wich ihre Furcht der Vernunft, denn ſie und ihr Vater empfanden natürlich großen Troſt in dem Gedanken, daß ſie nicht länger Ge⸗ fangene waren. Kaum ſah ich mich wieder im Beſitze unſeres alten Schiffs, als ich alle Matroſen zum Aufwinden des Ankers zuſammen rief. Wir lichteten unverzüglich und ſteuerten ins Meer hinaus, denn wir mußten unſere Bewegungen ſo geheim wie moͤglich betreiben, um gewiſſen unbequemen Nachfragen der ſpaniſchen Regierung wegen Verletzung eines neutralen Gebiets auszuweichen. Ein Wink von Major Merton hatte mir in dieſer Beziehung Vorſicht angerathen, und, ich beſchloß, eben ſo plötzlich, wie ich angekommen war, auch wieder zu verſchwinden, um das Nachſpüren ſo ſchwierig wie möglich zu machen. So befand ſich denn die Kriſis nebſt dem Schooner bei Tagesanbruch vier Meilen vom Lande entfernt, auf der großen Heer⸗ ſtraße der Nationen, welche— beiläufig bemerkt— eben damals von Räubern jeder Art heimgeſucht wurde. Mit Sonnenaufgang begruben wir die Todten mit allem An⸗ ſtand und den üblichen Ceremonien; den Siegesjubel verdrängten jene Trauergedanken, welche bei unſeren meiſten Kämpfen der erſten Auf⸗ regung zu folgen pflegen. Mit Bedauern ſah ich den armen Le Compte vor unſeren Blicken verſchwinden, denn ich gedachte ſeiner neulichen Hoffnungen, ſeines edelmüthigen Benehmens, ſeiner Bewunderung für Emilien— ich gedachte Alles deſſen, was er in letzter Zeit überlegt und gefühlt haben mochte als einer feierlichen Warnung, wie hin⸗ fällig das Leben iſt und Alles was das Leben zu ge vähren vermag. — 377 So endete die Bekanntſchaft eines Monats: aber dieſer Monat hatte für mich eine Reihe der wichtigſten Vorfälle herbeigeführt. Es war jetzt auch nöthig, wegen unſeres künftigen Kurſes einen Beſchluß zu faſſen. Ich fand die Krifis in demſelben Zuſtand, wie die Franzoſen ſie von uns erhalten hatten, nur noch mit den⸗ jenigen Gütern ihrer eigenen Ladung bereichert, mit welchen ſie an der ſüdamerikaniſchen Küſte Handel zu treiben beabſichtigt hatten. Dieſe beſtanden in Seidenſtoffen und verſchiedenen Modewaaren, auch in etwas Wein,— lauter Artikeln, die für unſere eigene Heimath faſt eben ſo viel Werth wie für Südamerika hatten. Schmuggeln mochte ich nun einmal um keinen Preis, und da das Schiff ſeine urſprünglichen Inſtruktionen in dieſem Punkte bereits befolgt hatte, ſo ſah ich keine Nothwendigkeit vor mir, jenen widrigen Handel noch weiter zu betreiben. Konnte ich nach der Inſel zurückkehren und die verſchiedenen werthvollen Artikel, welche die Franzoſen da⸗ ſelbſt gelaſſen, wie z. B. das übrige Kupfer und mehrere aus dem Bombayſchiff entnommene Ballen, die unter einem Zelte beiſammen geblieben waren— einladen, ſo mußte dieß meinen Schiffseignern weit größeren Gewinn abwerfen, als jeder unerlaubte Handel an der vorliegenden Küſte eingebracht hätte. „Segel ho!“ höorte ich plötzlich rufen, während ich eben mit Talcott und dem neuen Oberſteuermann dieſe Sache beſprach. Ein großes Schiff war plötzlich auf eine Meile vor uns aus dem Morgennebel aufgetaucht, und ich glaubte anfangs, wir ſeyen unter die Kanonen eines ſpaniſchen Kriegsfahrzeugs gerathen. Ein zweiter Blick überzeugte uns aber, daß das fremde Segel, obwohl ſchwer und bewaffnet, doch nur zu jenen unbeholfenen Handels⸗ fahrern gehörte, welche zu beſtimmten Zeiten von den Kolonien nach Spanien abgingen. Wir klarirten die Kriſis und ſtellten uns auf unſere Poſten, ohne übrigens dem Fremden auszuweichen. Von uns Beiden war, glaub' ich, dem Spanier am unbehag⸗ lichſten zu Muthe, weil ſein Vaterland damals mit England Krieg 378 führte; gleichwohl kam es zwiſchen uns nicht zu Schlägen, wir be⸗ ſprachen uns vielmehr friedlich mit einander. Sobald die Fremden die amerikaniſche Flagge gewahrten, gaben ſie den Wunſch nach einer Unterredung zu erkennen, und da ich ſie nicht zu mir an Bord 3 kommen laſſen mochte, ſo entſchloß ich mich, dem ſpaniſchen Kapitän in eigener Perſon einen Beſuch abzuſtatten. Er empfing mich mit höflicher Förmlichkeit. und händigte mir nach den üblichen Präliminarien einige amerikaniſche Zeitungen ein, welche einen Abdruck des zwiſchen Frankreich und den Vereinigten Staaten abgeſchloſſenen Friedenstraktats enthielten. Indem ich die Artikel dieſes neuen Vertrages überlas, fand ich, daß die Wieder⸗ eroberung der Kriſis, ſobald wir ſie auch nur bis heute Mittag verſchoben hätten, ebendadurch geſetzwidrig geworden wäre. Die beiden Nationen befanden ſich ſchon damals im Frieden, als die Franzoſen das Schiff überrumpelten: die üblichen Klauſeln in Be⸗ treff der Eroberungen in fernen Meeren ſtempelten es aber zu ihrer rechtmäßigen Priſe. So ſpielt oft der Krieg in ſeinen wechſelnden Erfolgen! Im Laufe einer halbſtündigen Unterredung machte ich die Ent⸗ deckung, daß der Spanier Valparaiſo zu berühren beabſichtigte, um ſich friſche Mannſchaft zu verſchaffen, da ſeine Bemannung weiter oben an der Küſte durch die Blattern gelichtet worden war. Sein Schiff gehörte zu den großen und war ſehr vollſtändig ausgerüſtet, ſo daß er ſich vor den kleineren engliſchen Kreuzern nicht für ſicher halten durfte, wenn er das Kap nicht mit weit ſtärkerer Beman⸗ nung, als er ſie eben jetzt hatte, umſegelte. Da kam mir plötzlich ein Gedanke: ich fragte ihn, was er von Franzmännern halte? Sie taugten ganz wohl für ſeine Zwecke, da Frankreich und Spanien gemeinſam gegen England ſtanden und nichts leichter war, als die Franzoſen von Cadix nach Marſeille zu ſenden: ſo wurde denn der Handel auf der Stelle richtig. Als ich an Bord der Kriſis zurückkam, ließ ich die Gefangenen 379 auf das Deck berufen. Dort wurden ſie mit dem Anerbieten des ſpaniſchen Kapitäns bekannt gemacht; ich erklärte ihnen, daß zwiſchen unſeren beiden Ländern nunmehr Friede herrſche und daß ſich ihnen hier ganz von ſelbſt eine ſehr günſtige Gelegenheit zur Rückkehr in die Heimath darbiete. Der Vorſchlag wurde auch alsbald mit Jubel angenommen, denn Alles dünkte ihnen beſſer als Gefangenſchaft. Vor dem Abſchied ſuchte ich den Franzoſen noch begreiflich zu machen, wie ſie ſich über die Wiedereroberung der Kriſis in den ſpaniſchen Gewäſſern mit der höchſten Vorſicht äußern müßten, da dieſer Umſtand eine Unterſuchung darüber herbeiführen könne, was das Schiff in jenen Gegenden zu ſchaffen gehabt habe und man recht wohl wüßte, daß Allen denen, welche in jenem Welttheile über dem Schleichhandel ertappt würden, die Minen als ſichere Strafe bevorſtanden. Die Franzoſen verſprachen die tiefſte Ver⸗ ſchwiegenheit. Ob ſie ihr Wort hielten, oder nicht, iſt mir unbekannt: jeden⸗ falls blieben ihre Enthüllungen auch in letzterem Falle ohne Folgen. Die ſpaniſche Regierung war allerdings unter ſolchen Umſtänden ſehr geneigt, die Frage als eine ſolche zu betrachten, welche die Intereſſen aller Schmuggler gleichermaßen berührte— ohne zwiſchen den verſchiedenen Parteien einen Unterſchied zu machen. Auf alle Fälle wurden bei der amerikaniſchen Regierung niemals Klagen darüber erhoben und wenn auch— ſo kamen ſie wenigſtens mir und meinen Schiffsherren nicht zu Ohren, und es bleibt alle Wahrſcheinlichkeit, daß nie ein Wort über die Sache ruchbar ward. Gegen Mittag ſchafften wir uns endlich die Gefangenen vom Halſe. Wir erlaubten ihnen, ihre eigenen Effekten mitzunehmen, und wie dies in ſolchen Fällen gewoͤhnlich geht, ſo mag wohl ohne Zweifel auch manches fremde Eigenthum denſelben Weg gefunden haben. Die Schiffe gingen ſodann, jedes nach ſeinem eigenen Kurſe, unter Segel: die Spanier liefen die Küſte abwärts, während wir die Leeſegel nach unſerem früheren Eilande entfalteten. 380 Ich fühlte mich um eine ſchwere Bürde erleichtert, als dies endlich vorüber war, und fand nun auch Muße, an andere Dinge zu denken. Ich hätte übrigens ſchon oben bemerken ſollen, daß ich den zweiten d. h. denjenigen Steuermann, der durch mein ei⸗ genes Vorrücken zum erſten Mate befördert worden war, zum Com⸗ mandanten des„Pretty Poll“ dingeſetzt und ihm zwei erfahrene Theerjacken als Bootsleute und ſechs Matroſen zur Bemannung bei⸗ gegeben hatte. So war Talcott zum erſten Offizier der Kriſis vor⸗ gerückt und herzlich freute ich mich, ihn in einer, ſeinen Talenten einigermaßen angemeſſenen Stellung zu ſehen. Noch am ſelben Abend, gerade bei Sonnenuntergang, ſah ich Emilien zum erſten Male wieder ſeit jenem Augenblicke, da ſie ſich bei der Ausfahrt der Krifis aus der Eilandslagune über die Regeling gelehnt hatte. Das arme Mädchen ſah bleich aus und es war nicht zu verkennen, daß des unglücklichen Le Compte's Tod einen Schatten von Trauer über ihre hübſchen Zuͤge gebreitet hatte, trotzdem daß ſie ſich über ihre Befreiung, ſo wie über die Erlöſung von ſeinen Bewerbungen eigentlich blos freuen durfte. Es konnte auch nicht wohl anders ſeyn, denn des Weibes Bruſt bewahrt immer eine gewiſſe Theilnahme für Diejenigen, die ſich den Reizen ihrer Herrin zu eigen gegeben haben. Dann beſaß auch der arme Le Compte einige treffliche Eigenſchaften und behandelte Emilien, wie ſie mir ſelbſt zugeſtand, mit der tiefſten Ehrerbietung und Zartheit: in ihren Augen mochte ſeine Bewunderung— ſo unangenehm ſie ſich auch in mancher Hinſicht erwies— ſomit kaum ſür eine Belei⸗ digung gelten. Unſer Zuſammentreffen konnte natürlich den Einfluß einer ſo ei⸗ genthümlichen Stellung nicht verläugnen und war eine Miſchung von Glück und von Trauer. Ich freute mich über unſeren Sieg, bedauerte aber Marble und ſelbſt unſere ehemaligen Feinde, während der Ma⸗ jor und ſeine Tochter immer wieder der düſteren Einzelheiten ihrer fruheren und ſogar auch ihrer jetzigen Lage gedenken mußten. 381 „Faſt ſcheint es, Sir, als ob wir gleich Mahomed's Sarge zwiſchen Himmel und Erde— zwiſchen Indien und Amerika— ſchweben müßten, ohne zu wiſſen, auf welchem von beiden Welt⸗ theilen wir landen werden,“ bemerkte Emilie mit einem zärtlichen Blick auf ihren Vater.„Der ſtille Ocean iſt unſer luftiges Ele⸗ ment, und wir werden es wohl nach zur vollen Genüge zu athmen bekommen.“ 8 „Ganz richtig, mein Schatz— Deine Vergleichung iſt nicht ſo ganz unpaſſend. Aber ſagt mir doch, Wallingford, was iſt in dieſen ſtürmiſchen Zeiten aus Kapitän Marble geworden? Ihr habt ihn doch nicht, dem Sancho Panſa gleich, als Statthalter von Barataria verlaſſen, um Euch ſelbſt unterdeſſen zur Wiedererobe⸗ rung des Schiffes aufzumachen?“ Ich berichtete meinen Freunden das Verſchwinden unſeres alten Bekannten und erkundigte mich, ob ſie in der Nacht jenes tropiſchen Orkans nichts von dem Wallſiſchboote und dem Schooner geſehen hätten. „Durchaus nichts,“ gab der Major zur Antwort.„Wir ließen uns nicht traͤumen, daß wir die„ſchöne Emilie“ jemals wieder zu Geſicht bekommen würden, glaubten euch vielmehr nach Verfluß der erſten vierzehn Tage nach unſerer Abfahrt auf dem Wege nach Canton begriffen. So lautete wenigſtens des armen Le Compte's Anſicht von der Sache. Uebrigens weiß ich gewiß, daß ſich von unſerem Schiffe aus die ganze Zeit über kein Segel blicken ließ; auch hatten wir keinen Sturm, wie Ihr ihn ſo eben beſchrieben— denn nie habe ich ſchöneres Wetter zur See erlebt.“ Ich ſchickte augenblicklich nach dem Logbuch und überzeugte mich nach Tag und Stunde, daß die Kriſis damals von dem Punkte, wo wir den furchtbaren Gewitterſturm beſtanden hatten, mehr als fünfzig Meilen entfernt geweſen war. Das Schiff, das wir zu jener Zeit ſahen, war alſo ein Fremder, höchſt wahrſcheinlich ein Wallſiſch⸗ fänger, und dies zerſtörte jede Spur von Hoffnung, die uns für Marble's Geſchick noch übrig geblieben war. 382 Es iſt übrigens Zeit, einer Galanterie des armen Le Compte zu erwähnen. Wie dies ſchon aus der Geſchwindigkeit, mit welcher er den Schooner aufgerichtet hatte, hervorging, war er mit Schiffs⸗ bauern ſehr gut— ſogar noch beſſer als mit Seemännern— ver⸗. ſehen. So hatte er denn während der Ueberfahrt vom Marblelande ſeine Handwerker zur Erbauung einer Hütte auf dem Quarterdeck der Kriſis verwendet— ein Werk, das ich vollkommen fertig an⸗ traf. Es beſtand aus einer gar hübſchen, luftigen Kajüte mit zwei Staatszimmern, welche mit leichten Quarterdecksgallerien in Ver⸗ bindung ſtanden und Alles enthielten, was man gewöhnlich in ſolchen Luxusräumen antrifft. Die nöthigen Geräthſchaften waren mit ächt franzöſiſcher Geſchicklichkeit und allem, dieſem Volke eigenen Geſchmacke verfertigt; die Bemalung war eben erſt trocken geworden, und es blieb nichts übrig, als die Zimmer mit dem Geräthe zu verſehen. Emilie und ihr Vater ſollten dieſe Prachtgemächer an dem Morgen nach jener Nacht, da das Schiff wieder in unſere Hände fiel, in Beſitz nehmen..* Dieſe Aenderung war nicht gerade der Art, wie ich ſie als Seemann getroffen haben würde, und ich wunderte mich, wie ſich Monſieur Le Compte, der noch mitten durch die furchtbarſte Marine der Welt Gaſſen zu laufen hatte, an dieſelbe wagen konnte, da ſie das Segeln des Schiffs in gewiſſer Windrichtung merklich erſchwerte; jetzt aber, da es Frieden war, hatte ich wenig davon zu beſorgen und beſchloß, ſie wenigſtens ſo lange, als ſich Miß Merton bei 1 uns an Bord befände, beizubehalten. So bezog alſo der Major noch in derſelben Nacht das eine der beiden Staatszimmer, während ſeine Tochter das andere ein⸗ 1 nahm. Des armen Le Compte's Galanterie nachahmend, richtete ich 3 ihnen auch einen beſonderen Mittagstiſch ein, zu welchem ich übri⸗ gens faſt die halbe Zeit über von Beiden eingeladen wurde. Emilie konnte zwar meine Wunde— einen Fleiſchriß in der Schulter— nicht eigenhändig verbinden; dieſes Geſchäft ſiel vielmehr ihrem 383 Vater anheim, der lange Zeit gedient hatte und mit der allgemeinen Behandlung ſolcher Leibſchäden vertraut war: dagegen erzeigte ſie mir ſo manche jener zarten, verführeriſchen Aufmerkſamkeiten, welche nur ihr Geſchlecht mit ſeinem feinen Gefühl dem Manne in ſolchem Maaße erweiſen kann. Nach Verfluß von vierzehn Tagen war meine Wunde geheilt, wiewohl Emilie noch manche Erleichterungsmittel anzuempfehlen und vielerlei Rathſchläge zu ertheilen hatte, bis wir uns endlich beide ſchämten, der Sache noch länger zu erwähnen. Unſere Fahrt erwies ſich ganz ſo, wie ſich's in den Paſſatbreiten des ſtillen Oceans erwarten ließ. Das Schiff ſtand faſt die ganze Zeit über unter Leeſegeln und machte Tag für Tag ſeine hundert und zwanzig bis zweihundert Meilen. Die Steuermänner beſorgten die Wache und ich hatte faſt nichts zu thun, als meine Zeit in der kühlen, luftigen Kajüte, mit der uns Le Compte beſchenkt hatte, in Geſellſchaft des Majors und ſeiner Tochter zu verplaudern, Emilien auf dem Piano zuzuhören, das von der Priſe herübergeſchafft und ſpäter vom Wracke gerettet worden war, oder ihr aus einem der zwei⸗ bis dreihundert ſchön gebundenen und zartduftenden Bücher vorzuleſen, welche ihre Bibliothek bildeten. Damals las man noch den Pope und Young, den Milton und Shakeſpeare und ähnliche Schriftſteller, zur Abwechslung noch Mrs. Radeliffe, Miß Burney und vielleicht den Moͤnch von Lewis. Fiel⸗ ding und Smollet waren zwar am rechten Orte ganz gut, doch wurde die Bibliothek einer jungen Dame nicht als ſolcher angeſehen. Es gab da noch viele andere nützliche Bücher, und ehe die Reiſe zu Ende war, hatte ich, glaub' ich, Alles, was das Schiff enthielt, durchgeleſen. Die Muße, welche das Seeleben auf einem ruhigen, wohlgeordneten Schiffe gewährt, läßt die vielfachſten Studien zu, und Bücher ſollten deßhalb bei der Ausſtattung desjenigen Theils der Schiffsequipirung, der es hauptſächlich mit dem Wohl der Offtziere, wie der Mannſchaft zu thun hat— einen ſtehenden Artikel bilden. Einem jungen Menſchen, der— gewiß nicht ganz ohne Grund 384 — mit ſeinen bisherigen Erfolgen im Leben zufrieden ſeyn durfte und ſich von der Langweile des Schiffsdienſtes in ſolcher Geſellſchaft erholen konnte, mußte natürlich die Zeit auf dieſe Weiſe höchſt angenehm verſtreichen. Ich kann nicht gerade ſagen, daß ich verliebt war, obwohl ich oft an Emilien dachte, wenn ſie auch nicht vor meinen Augen ſtand und in den erſten vierzehn Tagen nach der Wiedereroberung des Schiffes ſogar dreimal von ihr träumte. Was meiner Anſicht nach ziemlich auffallend war— ich ertappte mich häufig, wie ich— obwohl ſelbſt kaum wiſſend, warum?— zwiſchen ihr und Lucy Vergleichungen anſtellte. Das Ergebniß ſtellte ſich meiſtens ſo: in Allem was Kunſt, Unterweiſung und Manieren betraf, hatte Emilie entſchieden den Vortheil— doch unſer Mr. Hardinge hatte ſeine Tochter mit einem Vorrathe gründ⸗ licher, nutzbringender Kenntniſſe ausgeſtattet, wie Emilie ihn nicht be⸗ ſaß und dann konnte ich mir auch nicht verhehlen, daß Lucy in ihrem ſittlichen Gefühle einen feineren Takt als jene bewies. Nur in rein conventionellen Vollkommenheiten, in dem, was ſich mehr auf die Welt und deren Gebräuche, auf die Ausbildung weltlicher Ur⸗ theile und Manieren bezog, war ihr Emilie ſichtbar überlegen. Hätte ich mich beſſer darauf verſtanden, ſo würde ich geſehen haben, daß Beide noch die Provinz verriethen— denn Anno 1801 war England im Punkte bloßer Manieren nichts weiter als Provinz, wenn gleich in großartigerem Maaßſtabe, als das heutige Amerika — ſo wie daß jede von ihnen in den verfeinerten Cirkeln des euro⸗ päiſchen Kontinents durch ihre Eigenthümlichkeiten aufgefallen wäre. Gewiß hätte die Häͤlfte meiner eigenen Landsleute Lucy's natürlichem Weſen vor Emiliens kunſtgemäßem Betragen den Vorzug gegeben: gleichwohl läßt ſich nicht behaupten, daß ſelbſt das weibliche Be⸗ nehmen, ſo zart und mädchenhaft die Natur es auch geſtaltet habe, durch Beobachtung gewiſſer allgemeiner Regeln über rein conventionelle Verhältniſſe nicht noch gewinnen könne. Im Ganzen wünſchte ich, Lucy hätte etwas von Emiliens Bildung und dieſe ein gut Theil 385 mehr von Lucy's Natürlichieit beſeſſen. Die Vollkommenheit in dieſem Punkte mag wohl darin beſtehen, ſich in unweſentlichen Dingen eine ſo bewundernswerthe Kunſt anzueignen, daß ſie wie die reine Natur erſcheint, in Allem aber was weſentlich iſt, der Letzteren den entſchiedenen Vorrang zu laſſen. Was das Aeußere betraf, ſo glaubte ich zuweilen, Emilie— manchmal aber, wenn mir mein Gedächtniß gewiſſe Scenen vor⸗ führte, welche während meines letzten Beſuches zu Clawbonny vor⸗ gefallen waren, meinte ich wieder, Lucy ſey die ſchönere von Beiden. In der Reinheit des Teints, in der Schönheit der Augen mochte die Engländerin ihre Rivalin beſtegen; vielleicht auch in den Zähnen, wiewohl Lucy's Perlen blendend weiß und ebenmäßig warenz; allein im Lächeln, in den Umriſſen des Geſichts, beſonders aber im Mund, in Händen und Füßen, in der Geſtalt überhaupt hätten unter zehn Richtern gewiß ihrer neun der Amerikanerin den Vorzug ein⸗ geräumt. Ein beſonderer Reiz war Beiden gemeinſam— ein Reiz, der, wie man ſagen könnte, dem angelſächſiſchen Stamme faſt aus⸗ ſchließlich eigen iſt, obwohl ich die ſprechendſten Beweiſe, die ich in meinem Leben davon ſah, in Italien antraf— nämlich jener Ausdruck des Geſichts, der ſo unwiderſprechlich eine Miſchung von weiblicher Reinheit und Zärtlichkeit beurkundet, jener Blick, wie ihn die Künſtler an Engelsköpfen auszudrücken lieben. Jedes der beiden Mädchen beſaß ihn in hohem Grade und dankte ihn ver⸗ muthlich vor Allem ihren himmelblauen Augen. Ob eine Frau mit ſchwarzen oder braunen Augenſternen dieſen Zauber jemals, auch trotz der glänzendſten Schönheit, in höherem Grade eigen genannt— ich möchte es bezweifeln. Meiner Schweſter Grace gehörte er ſogar noch mehr an, als Lucy und Emilien; von beiden Letzteren aber war er bei der Engländerin, ſo weit es Farbe und Schattirung betraf, gewiſſermaßen am hervorſtechendſten, während er bei der Ameri⸗ kanerin in Augenblicken der Gefühlsaufregung am meiſten ans Licht trat— ein Vorzug, welcher vielleicht daher rührte, daß ſich Lucy Miles Wallingford. 25 386 der Natur und ihren Antrieben voll und unbeſchränkt hingab. Da⸗ bei darf man jedoch nicht vergeſſen, daß ich Lucy nahezu zwei Jahre lang nicht mehr geſehen hatte, und zwar gerade während der beiden wichtigſten Jahre im Mädchenleben, ſo viel ſich dies auf ihre körperliche Entwicklung bezieht. Ueber den Charakter der Beiden will ich mich vor der Hand noch nicht ſo deutlich auslaſſen, als ich mich ſpäter dazu werde berufen fühlen. Ein zwanzigjähriger Jüngling iſt in ſolchen Dingen nicht der beſte Richter, und ſo mögen in dieſer Hinſicht die Ereig⸗ niſſe für ſich ſelbſt reden. Wir waren nun wieder vierzehn Tage zur See geweſen, als eine zufällige Anſpielung auf die Perlfiſcherei mir meine eigenen Priſen wieder ins Gedächtniß brachte. Ein Schiff mit zahlreicher Bemannung bietet eine Art Muſter⸗ karte aller menſchlichen Beſchäftigungen dar. Fahrzeuge, welche auf gewöhnliche Art ausgerüſtet ſind, bedürfen eigentlich blos der Matroſen; allein Kriegsſchiffe, Kaper und bewaffnete Han⸗ delsfahrer geben— wie der arme Marble ſich ausgedrückt ha⸗ ben würde— viel eher Gelegenheit zum Verallgemeinern. So hatten wir auf der Kriſis verſchiedene Handwerker— Mechaniker, welche den Zwang des Schiffslebens zu ihrem eigenen Beſten für nöthig hielten— und unter anderen beſaßen wir zum Gluck auch einen Goldſchmid. Dieſer hatte ſich erboten meine Perlen zu bohren und zu faſſen, was ich ihm gerne geſtattete; er hatte ſeine Aufgabe auch wirklich ſo gut als man nur immer wünſchen konnte, gelöst und mit Beigabe von ein paar paſſenden Schließen aus ſeinem eigenen Vorrath ein einfaches, dabei aber ſo ſchönes Halsband zu Stande gebracht, wie mir noch nie eins vor Augen gekommen war. Die größte der Perlen hatte er gerade in der Mitte angebracht und die übrigen ſo geordnet, daß er mehrere von den kleineren zuſammenfaßte und dieſe wieder durch Perlen zweiter Größe unter⸗ brach, bis ſich eine Reihe daraus bildete, welche meinen eigenen Hals 387 mehr als umſchloß, einen Frauennacken alſo höchſt zierlich ein⸗ faſſen mußte. Als ich dieſen hübſchen Schmuck, nach welchem ſogar eine Frau von Rang hätte gelüſten können, zum Vorſchein brachte, ſuchte Emilie keineswegs ihre Bewunderung zu verbergen. Unbekannt mit den höheren Cirkeln in ihrem eigenen Lande, hatte ſie noch nie ein ſo koſtbares Halsband geſehen und hielt es ſogar für werth, eine Königin zu ſchmücken. In der Regel beſitzen dieſe zwar weit werth⸗ vollere Perlen als die meinen und doch hätten ſie vermuthlich auch ſolche nicht zu tragen verſchmäht. Major Merton beſah ſich das Halsband genau und ich konnte an ſeiner Miene bemerken, wie höchſt freudig er überraſcht war. Im Ganzen ließe ſich, glaub' ich, die Frage aufwerfen, ob wohl andere Nationen bei denſelben Mitteln der gleichen phyſiſchen Vortheile wie eben die Amerikaner genießen. Ich ſpreche hier mehr von ihren Landesgebräuchen als von den Hülfsquellen zum Lebens⸗ genuſſe, bin aber der Meinung— und ich habe mir ein gut Theil der Welt mit eigenen Augen angeſehen— daß dem Amerikaner von mäßigem Vermögen weit mehr phyſiſche Genüſſe zu Gebot ſtehen, als jedem Andern. Dieß iſt nun zwar im Ganzen wahr: allein es gibt auch wieder gewiſſe Feinheiten, an denen es ihm gänzlich gebricht. So mißlingt ihm die blos äußerliche Schauſtellung ſehr häufig und was Comfort in Verbindung mit geziemender Repraͤſentation betrifft, ſo iſt vielleicht in dieſer Hinſicht im ganzen Lande nicht eine einzige wohlgeordnete Haushaltung zu treffen. Der Hauptmangel, wenn es überhaupt ein Mangel iſt— zeigt ſich faſt ausſchließlich in dem Nichtgebrauche koſtbarer Steine, Juwelen und ſonſtiger werthvollerer Metalle überhaupt. Die Unbekanntſchaft mit dem Preiſe koſtbaren Geſteins iſt ſo groß, daß weit über die Hälfte derer, welche mehr oder weniger Vermögen beſitzen, die gewöhnlicheren Sorten nicht einmal dem Namen nach kennen. Ich zweifle ſogar bis auf den heutigen Tag, ob ein in Amerika erzogener junger Menſch, und hätte 388 er auch ſchon das zwanzigſte Jahr erreicht,* den Sapphir vom Amethyſt, den Türkis von der Granate zu unterſcheiden wüßte, wiewohl die Frauen ſich ſchon etwas beſſer darauf verſtehen. Nun war ich auch in dieſem Punkte ein ächter Amerikaner und wußte zwar, daß ich einen recht hübſchen Schmuck beſaß, hatte aber nicht die geringſte Idee von ſeinem Werthe als Handelsartikel. Anders war's beim Major: er hatte ſolche Dinge ſtudirt und beſaß einen beſondern Geſchmack dafür. Der Leſer kann ſich alſo meine Ueberraſchung vorſtellen, als ich ihn ſagen hörte: „Zu London würde dieſes Halsband in den Händen von Rundle und Bridge ſeine tauſend Pfund eiubrindena „Vater!“ rief Emilie. „Ja, ja, ſo glaub' ich. Es iſt nicht ſowohl die Groöße der Perlen— doch ſind auch dieſe hier von ganz ungewöhnlichem Um⸗ fang— als vielmehr ihre tadelloſe Schönheit, ihre Farbe und Klarheit— ihr Waſſer, wie man's nennt.“ „Ich meinte, dieſer Ausdruck werde blos auf Diamanten an⸗ gewendet,“ bemerkte Emilie mit einem Intereſſe, das ſie, wie ich wenigſtens wünſchte, lieber nicht hätte verrathen ſollen. „O nein, es gilt auch von Perlen— es gibt deren vom ſoge⸗ nannten„weißen Waſſer“— eine Sorte, welche in Europa am meiſten geſchätzt wird. Die vom„gelben Waſſer“ werden unter den Nationen von dunklerer Geſichtsfarbe höher gehalten: das, vermuth' ich, iſt das eigentliche Geheimniß. Ja, ich glaube beſtimmt, Wal⸗ lingford, wenn Ihr dies Halsband nach London ſchickt, ſo könnt Ihr Eure ſechs⸗ bis achthundert Pfund dafür bekommen.“— „Ich werde es nie verkaufen, Sir— wenigſtens, ſo lange ich's vermeiden kann.“ „* Gälte dies wirklich für ein Verbrechen, ſo müßte leider auch der Ueber⸗ ſetzer zum erſten Male in ſeinem Leben ſeine Erziehung als eine höchſt mangelhafte betrachten, denn er bedurfte ſogar noch viel länger, bis er einiges Intereſſe an derlei Gegenſtänden fand. D. U. 389 Ich bemerkte, wie Emilie mich mit einem Ernſte anſah, den ich mir nicht zu erklären vermochte. „Nicht verkaufen!“ wiederholte der Vater.„So ſagt mir nur, in Neptuns Namen, was wollt denn Ihr mit einem ſolchen Schmucke anfangen?“ „Ihn behalten, denn er iſt mein ausſchließliches Eigenthum. Ich habe ihn mit eigenen Händen vom Meeresgrunde heraufgebracht, habe die Perlen aus ihrer Heimath— wie die Schriftſteller ſie nennen würden— hervorgeholt und fühle für ſie ein Intereſſe, wie ich es nie für einen gekauften Schmuck haben könnte.“ „Jedenfalls iſt dies ein verſchwenderiſcher Geſchmack. Sagt mir doch, Wallingford, wie viel Prozente trägt ein Kapital in Eurem Theile der Welt?“ „In New⸗York vielleicht ſechs, Sir, nämlich bei der beſſeren Gattung ruhender Hypotheken.“ „Und wie viel machen ſechzig Pfund Sterling in Dollars verwandelt?“ „Wir rechnen gewöhnlich fünf aufs Pfund, doch beträgt es eigentlich nicht ſo viel— gibt alſo Alles in Allem zwiſchen zwei⸗ hundert und achtzig und zweihundert und neunzig, nominell aber blos zweihundertſechsundſechzig Dollars oder ſo ungefähr.“ „Und wenn auch nur zweihundertſechsundſechzig Dollars jährlich, ſo iſt dies für einen jungen Mann wie Ihr, ſchon eine bedeutende Summe, wenn ſich's blos um das Vergnügen handelt, ſagen zu können, man beſitze ein Perlenhalsband, das man nicht gebrauchen kann.“ „Es koſtet mich ja aber nichts, Sir, und ich kann ja natürlich auch nichts dran verlieren.“ „Ei doch, Ihr verliert die obengenannte Summe, wenn ſich der Schmuck dafür verwerthen läßt. Wenn Jemand ein Eigenthum beſitzt, woraus er ein Einkommen beziehen könnte, aber nicht bezieht, ſo iſt er in einem und zwar dem allerwichtigſten Sinne wenigſtens der verlierende Theil.“ „Ich habe eine Schweſter, Major Merton; ich kann es ja ihr 390 — oder wenn ich mich vermähle, ſo würde ich es jedenfalls meiner Gattin ſchenken.“ Um den Mund des Majors ſah ich jetzt ein Lächeln kämpfen, das ich nicht verſtehen konnte— dazu war ich noch zu jung und — zu ſehr Amerikaner, wie ich wohl beifügen darf. Es kam mir nicht in den Sinn, wie unpaſſend es wäre, wenn die Gattin eines Mannes mit einer Jahresrente von zweitauſend, höchſtens zweitauſend fünfhundert Thalern das Einkommen zweier vollen Jahre am Halſe trüge oder blos in einem einzigen Theile ihres Haushalts, ihrer Toilette oder Lebensweiſe eine auffallende Pracht an den Tag legte. Wir können darüber lachen, wenn wir von indianiſchen Häupt⸗ lingen leſen, welche Uniformsröcke und Stülphüte, ſonſt aber nichts von einem militäriſchen Anzuge tragen; ſobald ſich's aber um uns ſelber handelt, vermögen wir in keiner Weiſe Abſurditäten einzuräumen, welche, vom Geſichtspunkte hoch verfeinerter, conventioneller Sitten aus betrachtet, faſt eben ſo ſtark erſcheinen. Mir kam es damals nichts weniger als auffallend vor, wenn Mrs. Miles Wallingford das Halsband trüge, das ihres Gatten unbeſtreitbares Eigenthum war. Emilie lächelte übrigens nicht, ſondern hielt das Halsband fort⸗ während in ihrer weichen, runden Hand, wobei die Perlen dieſe nur noch hübſcher erſcheinen ließen, während auch ſie wiederum den Glanz des Schmucks noch erhöhen half. Ich bat meine Freundin, ſie möchte das Halsband einmal anlegen und mit leichtem Erröthen erfüllte ſie meinen Wunſch. „Auf mein Wort, Emilie,“ rief ihr entzückter Vater,„ihr Beide paßt ſo gut für einander, daß ich mich, mit Aufgebung meines Vorurtheils, zu dem Glauben hinneige, auch eines armen Mannes Tochter ſey zum Tragen eines ſolchen Schmuckes berechtigt.“ Und wirklich war der Anblick der Art, daß er recht wohl jede derartige Meinung entſchuldigen mochte. Miß Mertons blüthenweißer Teint, die wunderſchönen Umriſſe, welche Hals und Bruſt zeigten, ſo wie das freudige Erröthen ihrer Wangen trugen Vieles zur 391 Schönheit dieſes Bildes bei. Es wäre ſchwer geweſen, zu ent⸗ ſcheiden, ob ihr eigener Liebreiz zur Verſchönerung der Perlen oder ob dieſe dem Mädchen zum Schmucke dienten! Ich erinnere mich, wie ich damals der Meinung war, meine Augen hätten noch nie einen lieblicheren Gegenſtand vor ſich geſehen, als eben Miß Merton, wie ſie ſich in jenem Augenblicke der Neuheit der Scene mir darſtellte. Auch ſollte die Freude, die wir Alle empfanden, nicht ſo bald enden, denn ich bat Emilien, das Halsband den Tag über vollends zu tragen, was ſie ein ihrer Gutmüthigkeit auch nicht abſchlug. Wer von uns Beiden am meiſten darüber erfreut war— die junge Dame oder ich, möchte ſchwer zu ſagen ſeyn, denn das Vergnügen, zu bewundern und ſich bewundern zu laſſen, iſt immer gegenſeitig. Als ich endlich in Emiliens Kajüte trat, um ihr gute Nacht zu ſagen, hatte meine Freundin das Halsband in der Hand und betrachtete es beim Schein einer taghellen Lampe mit Blicken, ſo ſanft und ſchwimmend, wie die Perlen ſelber. Ich ſtand ſtill, um ſie zu bewundern, dann ſo bezaubernd ſchön hatte ich ſie noch nie geſehen. Ihrem Geſichte fehlte es in der Regel etwas an geiſtigem Ausdruck, wogegen es jenen Typus, den ich als engelgleich bezeichnete, in hohem Grade beſaß: diesmal aber ſchien mir ihr Antlitz eine Fülle von Gedanken zu verrathen.„Wäre es möglich“ flüſterte meine Einbildung— und wo iſt der junge Mann, der gänzlich frei davon wäre?—„wäre es möglich, daß ſie darüber nachdächte, wie glücklich ein Weib einſt als Miles Wallingford's Gattin ſeyn könnte? Dieſe gedankenvolle Stirne, dieſe nachſinnende Miene, dieſer ſtarre Blick, das frohe und doch zweifelnde Gepräge ihrer Züge— wäre wirklich ich auf irgend eine Weiſe dabei betheiligt?“ „Ich wollte Sie ſoeben rufen laſſen, Kapitän Wallingford,“ begann Emilie, ſobald ſie mich erblickte, und meine eingebildeten Vermuthungen wurden durch ihr Erröthen beſtätigt, das weit tiefer war, als ich es während der gefühlreichen, erröthenden, köſtlichen 392 Unterhaltung dieſes ganzen Tages geſehen hatte—„ich wollte Sie eben rufen laſſen, um dieſen Schatz Ihrer Aufſicht zu überliefern.“ „Und hätte denn Emilie dieſe Verantwortung nicht noch für eine einzige Nacht übernehmen können?“ „Nein— ſie wäre zu groß— das iſt eine Ehre, welche, wie Sie wiſſen, der einſtigen Mrs. Wallingford aufbewahrt bleibt.“ Sie ſagte dies, wie ich zu ſehen glaubte, mit ſüßem und freundlichem Lächeln, doch nicht ganz ohne eine gewiſſe zweideutige Betonung — eine Ausdrucksweiſe, welche meiner Schweſter tiefes, natürliches Gefühl, wie Lucy's unbeſtechliche Wahrheitsliebe mir gleich uner⸗ freulich gemacht hatten. Ich nahm das Halsband, reichte der jungen Dame beim Gute⸗Nacht die Hand— dies thaten wir jedesmal beim Morgen⸗ und Abendgruß— machte ihrem Vater mein Abſchieds⸗ kompliment und ging. Eben als ich mich am andern Morgen ankleidete, kam Neb mit ſeiner zu Clawbonny ererbten Ungenirtheit in mein Staats⸗ zimmer gepoltert; ſeine Augen waren ihm hummerähnlich heraus⸗ getreten und ſein Perlenhalsband glitzerte zwiſchen einem Lippen⸗ paare hervor, daß zwei treffliche Beefſteaks für einen Kannibalen abgegeben hätte. Ich hatte den Burſchen nämlich, ſobald das Schiffskommando auf mich uübergegangen war, auf dem Vorplatz der Sternkajüte untergebracht, um ſeine perſönlichen Dienſte öfter benützen zu können, als dies möglich war, ſo lange er ausſchließlich zu den Fockmaſtmatroſen gehörte; dabei that er übrigens ſeine Wache wie früher, denn es wäre grauſam geweſen, ihn dieſes Vergnügens berauben zu wollen. 3 „Oh! Maſſer Mile!“ rief der Schwarze, ſobald er zu ſprechen vermochte,„'s Boot!—'s Boot!“ „Was für ein Boot?— Iſt Jemand über Bord geſtürzt?“ „'s Wallfiſchboot, Sir! Armer Kapitän Marble!— s Wall⸗ fiſchboot, Sir!“ 1 „Ich verſtehe Dich, Neb— geh' auf's Deck und ſage dem 393 wachthabenden Offizier, er möge das Schiff ſo zeitig als möglich beidrehen; ſobald ich kann, werde ich ſelbſt nachkommen.“ Jetzt endlich, glaubte ich, habe uns die Vorſehung auf die Spur des unglücklichen Wallfiſchbootes gebracht; wir ſollten ohne Zweifel die verſtümmelten Ueberreſte einiger unſerer alten Gefährten — des armen Marble wahrſcheinlich, nach dem was Neb angedeutet hatte— vor Augen befommen! Nun, Gottes Wille geſchehe! Ich war bald angekleidet und ſchon während ich die Kajüten⸗ treppe hinaufſtieg, konnte ich aus der auf dem Verdecke herrſchenden Bewegung die beſondere Aufregung entnehmen, welche Alle auf dem Schiff ergriffen hatte. Eben als ich das Quarterdeck er⸗ reichte, ward die große Raa herumgeſchweit und die Segel back⸗ gelegt. Die ganze Mannſchaft war in Thätigkeit und es dauerte eine ziemliche Weile, bis ich den eigentlichen Grund herauszubringen vermochte. 4 Der Morgen war ſehr neblig und die Ausſicht vom Schiffe aus bis vor wenigen Minuten auf einen Umkreis von nicht ganz einer Meile Durchmeſſer beſchränkt geweſen. Seit Sonnenaufgang hatte ſich übrigens der Nebel allmählig gelichtet und jetzt hatte die Wache das von Neb erwähnte Wallfiſchboot wahrgenommen. Statt aber willenlos auf dem Oceane zu ſchwimmen, da die Ueberreſte ſeiner unglücklichen Bemannung meiner Erwartung nach auf dem Boden ruhen mußten, ſah ich es beim erſten Blick, welchen ich auf den unerwarteten Gegenſtand richtete, keine volle Meile vor uns rüſtig daherrudern, ja es ſchien nicht nur eine vollzählige, ſondern ſogar kräftige und ſtark aufgeregte Mannſchaft zu beherbergen. „Segel ho!“ hörte ich in dieſem Augenblicke rufen und in der That, da ſtand ein Schiff etwa vier bis fünf Meilen leewärts vor uns, allem Anſchein nach ein Wallfiſchfänger, der unter leichtem Segel windwärts luvte, um ſein Boot wieder zu erreichen, von welchem Nacht und Nebel ihn kurz zuvor getrennt hatten. So war es denn nichts weiter als ein Wallfiſchfänger mit 394 ſeinem Boot und als Talcott den Horizont mit dem Glaſe unter⸗ ſuchte, konnte er bald eine Meile windwärts vom Boot einen todten Wallfiſch und daneben einen zweiten Nachen entdecken, der die Annäherung des Schiffes erwartete, welches demnächſt ſo weit luvwärts zu gelangen verſprach. „Vermuthlich wünſchen ſie uns zu fprechen, Mr. Talcott,“ bemerkte ich,„das Schiff iſt wahrſcheinlich ein Amerikaner und da iſt's leicht möglich, daß ſich der Kapitän in dem Boote befindet und Briefe oder Nachrichten nach Haus ſenden will.“ Talcott aber ſtieß im nächſten Augenblicke einen Schrei aus —„drei Cheers, meine Jungen,“ rief er;„ich ſehe Kapitän Marble in jenem Beoote ſo deutlich, als ich das Boot ſelber erkenne.“ Das Jauchzen und Freudengeſchrei, das nunmehr polgte, kam frei aus dem Herzen: es reichte bis zu dem nahenden Boote und gab ſeinem Inſaſſen einen Vorſchmack des Empfangs, der ſeiner wartete. Drei Minuten ſpäter ſtand Marble auf dem Deck ſeines alten Schiffs. Ich ſelbſt war unfähig ein Wort zu reden; auch dem armen Marble ging es nicht beſſer, wiewohl er auf dieſes Wiederſehen beſſer vorbereitet war. „Ich erkannte euch, Miles,“ brachte er endlich heraus, wäh⸗ rend ihm die Thränen in Strömen über die Wangen rollten— „ich erkannte euch und die hölliſche ‚Pretty Polle, ſobald der Nebel ſich lüftete und mir einen hellen Ausblick gewährte. Sie haben ſie wieder— ja, hol' ſie der Teufel— Gott ſegne ſie, wollt' ich ſagen— ſie haben ſie wieder und die verteufelten Franzoſen wer⸗ den nicht mit dieſer Feder auf dem Hute nach Haus kommen. Nun wahrlich, der Sieg hätte keinem wackreren Jungen zufallen können, und ich fühle mich darüber eben ſo glücklich, wie wenn ich ihn ſelber erfochten hätte! Da ſtand er denn, friſch, geſund und kräftig wie immer; auch die vier Sandwich⸗Inſulaner befanden ſich in dem Boot und ſahen ſo wohl aus, als ob ſie das Schiff niemals verlaſſen hätten. Jeder von den Matroſen mußte Marble'n die Hand ſchütteln, jeder hatte ihm ſeinen Glückwunſch zu ſagen und eine ſtürmiſche Viertel⸗ ſtunde verſtrich, bis es endlich möglich war, einen zuſammenhän⸗ hängenden Bericht von dem, was er erlebt hatte, aus dem Manne herauszubringen. Sobald es anging, gebot er Stille und erzählte ſeine Geſchichte mit lauter Stimme, ſo daß Alle es hören konnten. „Ihr wißt, wie ich euch verließ, ihr Leute,“ hub Marble an, indem er Augen und Wangen abwiſchte und ſich alle Mühe gab, wenigſtens mit einigem Anſcheine von Faſſung zu reden;„eben ſo kennt ihr das Ziel, das ich verfolgte. Etwa eine halbe Stunde vor Ausbruch des Orkans hatte ich euch zum letzten Male vor Augen. Damals ſtand ich dem Schiff ſo nahe, daß ich es als einen Wallfiſchfänger zu erkennen vermochte und da ich euch am nächſten Morgen jedenfalls wieder aufzufinden hoffte, ſo hielt ich für gerathener, dorthin zu rudern, als im Dunkeln auf den Schooner Jagd zu machen. An dem Kapitän des Wallfiſchfahrers fand ich einen ehemaligen Schiffskameraden, der ſich nach einem Boote umſchaute, das die Nacht zuvor triftig geworden war, ſo daß beide Theile ſich weidlich über das Zuſammentreffen freuten. Wir hatten uͤbrigens, wie ihr Alle wißt, nicht gar viel Zeit zu Komplimenten: unſer Schiff ſuchte euch zu ſprechen, wurde aber durch die Windſtöße immer wieder aufs Neue zurückgetrieben. Wäh⸗ rend Mr. Wallingford wahrſcheinlich ſo dicht wie möglich beim Winde blieb, um mich aufzufinden, rannten wir leewärts, um unſere Spieren zu ſichern, ſo daß wir am nächſten Morgen nichts mehr von euch zu ſehen bekamen. Wie wir ſonſt einander hätten verfehlen können, iſt mehr als ich zu ſagen vermag, denn ich kann nicht glauben, daß ihr auf und davon zoget und mich mitten im Ocean zurückließet—“ „Wir kreuzten einen ganzen Tag lang nach Euch in einem Umkreiſe von fünf Meilen!“ rief ich haſtig. 396 „Nein, nein, Kapitän Marble,“ ſtimmten die Leute alle zu⸗ ſammen ein,„wir thaten Alles, was Männer nur irgend zu thun vermochten, um Euch aufzufinden.“ „Ich weiß es! Ich hätte darauf ſchwören mögen, auch ohne daß einer von euch ein Wort geſprochen hätte. Nun ſeht, das iſt meine ganze Geſchichte. Auffinden konnten wir euch nicht, ſo mußte ich alſo natürlich auf dem Schiffe bleiben, da mir blos die Wahl blieb, ob ich dort ausharren oder über Bord ſpringen wollte; und jetzt hat uns der Herr wieder zuſammengeführt, obwohl wir volle. fünfhundert Meilen von der Stelle entfernt ſind, wo wir uns früher getrennt haben.“ Ich führte Marble nunmehr in die Kajüte und berichtete ihm Alles, was ſich ſeit unſerer Trennung ereignet hatte. Er hörte mir mit großer Theilnahme zu, und zeigte die aufrichtigſte Freude über unſeren Sieg: nichts als Ausdrücke der Zufriedenheit kamen aus ſeinem Munde, bis ich beim Schluß meiner Erzählung bemerkte: „Und ſo habt Ihr nun wieder Euer altes Schiff, Sir, ganz ſo wie wir's verloren haben und herzlich froh bin ich, es abermals in ſo guten Händen zu ſehen.“ „Wer hat dieſe hölliſche Quarterdeckshütte errichtet, Miles? — Ihr oder der Franzmann?“ „Monſieur Le Compte. Da jetzt übrigens Friede herrſcht, ſo ſchadet ſie nicht viel und für den Major und ſeine Tochter iſt die Hütte ſehr bequem.“ „Ja, ja, das ſieht ihnen ganz ähnlich! das niedlichſte Quar⸗ terdeck der Welt mit einer ſolch hölliſchen und dazu höchſt überflüſſigen Hütte zu verhunzen!“ „Nun, Sir, da Ihr jetzt Herr ſeid, ſo könnt Ihr ja Alles wieder wegreißen laſſen, wenn Ihr's für paſſend haltet.“ „Ich! irgend etwas abreißen laſſen! und gar dem Manne, der das Schiff ſo muthig erobert, das Kommando deſſelben wieder abnehmen! der Teufel ſoll mich holen, wenn ich das thue!“ 397 „Kapitän Marble!— Ihr ſetzt mich durch dieſe Sprache in Er⸗ K ſtaunen, Sir; doch iſt es nichts weiter als ein augenblickliches Ge⸗ fühl, das Euer eigener geſunder Verſtand— ja auch Euer Pflicht⸗ gefühl gegen die Schiffseigner Euch überwinden helfen wird.“ „Nie habt Ihr Euch mehr in Eurem Leben geirrt, Maſter Miles Wallingford,“ gab Marble feierlich zur Antwort.„In dem Augenblick, da ich das Schiff erkannte— und das war ſobald ich ſein gewahr wurde— habe ich dies Alles überlegt und von jenem Momente an war mein Entſchluß gefaßt. Ich kann nicht ſo nie⸗ derträchtig ſeyn, um mich noch in der ſiebenten Stunde hereinzu⸗ ſtehlen und mir Euren Muth, Eure Geſchicklichkeit zu Nutze zu machen. Ueberdies habe ich gar kein geſetzliches Recht auf das Kommando des Schiffs: es war länger als vierundzwanzig Stunden in Feindeshänden und verfällt alſo den üblichen Geſetzen über Wie⸗ derbeifahung und Bergelohn.“ „Aber die Schiffseigner, Kapitän Marble— erinnert Euch doch, daß wir zu Canton eine Ladung einzunehmen haben und daß große Intereſſen auf dem Spiele ſtehen.“ „Beim heiligen Georg, das könnte mich in meinem Entſchluſſe nur noch mehr beſtärken. Schon von Anfange an war ich der An⸗ ſicht, daß dieſe Dinge in Euren Händen beſſer als in den meinen aufgehoben wären; Ihr habt eine Erziehung genoſſen und das iſt ein wundervolles Ding, Miles. Kommt es darauf an, ein Schiff zu ſtauen und zu lenken, es in ſchwerem Wetter zu führen und meinen Weg durch den Ocean zu finden— da werde ich freilich vor Niemand die Segel ſtreichen: was anders aber iſt es, wenn ſichs um Zahlen und Rechnungen handelt.“ „Ihr täuſcht mit all' dem meine Erwartungen aufs Empfind⸗ lichſte, Sir; wir haben ſo Vieles mit einander beſtanden—“ „Nur nicht die Wiedereroberung dieſes Schiffes, Knabe.“ „Aber ſte war ja Euer Gedanke und wäre ohne dieſen Un⸗ fall auch Eure That geworden.“ 398 „Das weiß ich noch nicht ſo gewiß; ich habe kaltblütig über die Sache nachgedacht, nachdem ich meinen Aerger hinuntergewürgt hatte und glaube nur, daß wir tüchtig gepeitſcht worden wären, wenn wir die Franzoſen zur See angegriffen hätten. Euer eigener Plan war beſſer und wurde trefflich durchgeführt. Hört mich an, Miles— das Eine will ich thun, aber auch nicht ein Jota mehr. Ihr ſegelt doch nach dem Eilande, wie ich als gewiß annehme, um ſo Manches, was dort geblieben, nachträglich einzunehmen, und dann geht's nach Canton?“ „Ganz wie Ihr ſagt— ich freue mich, daß mein Plan Eure Billigung erhält, wie ich daraus ſchließe, daß Ihr ihn ſo raſch ge⸗ ahnt habt.“ „Nun gut; auf dem Eilande füllt Ihr den Schooner mit ſolchen Artikeln, die Euch zu Canton von keinem Nutzen ſind: laßt ihn das Kupfer, die engliſchen Güter und dergleichen einnehmen, dann will ich ihn nach Haus führen, während Ihr ſelbſt Eure Reiſe auf der Kriſis fortſetzt, wie Ihr denn allein das Recht dazu habt.“ Von dieſem Entſchluſſe war Marble durch keinen meiner Ein⸗ würfe abzubringen. Ich ſtritt mich den ganzen Tag mit ihm her⸗ um und als die Nacht kam, hatte er das Kommando der Pretty Poll“ übernommen und unſeren früheren Unterſteuermann als erſten Offizier angeſtellt. Neunzehntes Kapitel. Suche Dir die Bank von Sand, Wo das Waſſer einſchließt Elfenland, Harre auf das ſchlamm'ge Meer, Bis im lichten Mondſchein hüpft der Stör. Drake. Ueber den Wallfiſchfaͤnger bleibt nur wenig zu ſagen. Wir ſprachen ihn natürlich und nahmen von ihm Abſchied, nachdem wir „ 399 ihm ſein Boot ausgeliefert hatten. Er verblieb eine halbe Stunde dicht in unſerer Nähe und ſteuerte dann auf den Wallfiſch zu. Als wir ihn endlich aus dem Geſicht verloren, war er eben mit einer Kaltblütigkeit, als ob nichts vorgefallen wäre, mit dem Zertheilen des Fiſches beſchäftigt. Wir unſerer Seits ſteuerten mit vollen Segeln nach unſerem Eilande weiter, ohne daß ſich auf der Ueberfahrt noch ſonſt etwas Bemerkenswerthes ereignet hätte. Zehn Tage nach Marble's Auf⸗ findung erreichten wir den Ort unſerer Beſtimmung und brachten beide— das Schiff und den Schooner— ohne Zaudern oder Schwie⸗ rigkeit in die Lagune. Die beiden letzten Monate waren hier ſo ruhig, wie eine Stunde vorübergezogen und wir trafen noch Alles, wie wir's verlaſſen hatten. Die Zelte ſtanden noch aufgerichtet, die verſchiedenen Gegenſtände lagen da und dort, wo wir ſie bei unſerer eiligen Abfahrt in der Haſt hingeworfen hatten— Alles verkündete den unveränderlichen Charakter ungeſtörter Einſamkeit: nur die Witterung und Jahreszeit hätte hier eine merkliche Veränderung bewirken können. Sogar das Wrack hatte weder ſein Bette gewechſelt noch Schaden gelitten: es lag noch immer— anſcheinend ein regungsloſes Gebilde— auf den Klippen und ſchien ſo gut, wie Alles in ſeiner Nähe, zu ewiger Dauer beſtimmt zu ſeyn. Es iſt immer ein Troſt, der engen Haft eines Schiffes zu ent⸗ rinnen, ſelbſt wenn man nur auf dem leeren Sande einer nackten Kiſte hinſchlendern kann. Sobald daher die Schiffe ſicher verankert waren, eilten wir alle zuſammen ans Land, indem wir unſeren Leuten einen Feiertag gewährten. Von Feinden hatten wir nichts mehr zu fürchten und ſo erfreuten wir uns alle der ungehemmten Bewegung und der Befreiung von ſo mancher Sorge, welche unſere eigenthümliche Lage mit ſich gebracht hatte. Bald ſah man unſere Matroſen auf die verſchiedenſte Weiſe beſchäftigt: die Einen rüſteten Angelruthen und machten ſich an den 400 Fiſchfang, die Andern holten ein Schleppnetz herbei: wer nicht zu gleicher Emſigkeit aufgelegt war, ſchlenderte umher, ſammelte die Früchte der Kokosnußbäume oder las Muſcheln auf, welche in großer Anzahl— darunter aus gezeichnet ſchöne Exemplare— am inneren und äußeren Strande zerſtreut lagen oder am Rande der Brandung aus dem Waſſer auftauchten. Ich beorderte zwei oder drei von den Leuten, mir eine Muſchelſammlung für Clawbonny zuſammen zu leſen, indem ich ſie natürlich für ihren Extradienſt beſonders belohnte. Sie thaten dies mit dem beſten Erfolg und noch jetzt beſitze ich die Früchte ihres Suchens als Denkzeichen meiner jugendlichen Abenteuer. Emilie nahm mit ihrer Dienerin die alten Zelte in Beſitz, welche beide noch im beſten Zuſtande waren und ich gab ſogleich Befehl, daß die zu ihrem Gebrauche nöthigen Geräthſchaften ans Land gebracht wurden. Da wir acht bis zehn Tage auf Marble⸗ land zu verweilen gedachten, ſo waren Alle geneigt, ſich ſo bequem wie möglich einzurichten. Die Mannſchaft erhielt Erlaubniß, ſo viele Artikel als ſie wünſchte, ans Land zu holen, wobei man nur die Sorge trug, daß der Dienſt auf beiden Schiffen nicht vernach⸗ läßigt wurde. Den kurzen Zeitraum unſeres erſten Beſuches auf dem Eilande abgerechnet, waren wir nun ſeit unſerer Abfahrt von. London beſtändig aufs Schiff gebannt geweſen und man hielt daher für's Beſte, den Leuten einige Erholung zu geſtatten. Auf all' dies wurde ich durch Marble aufmerkſam gemacht, der, trotz eines Anſcheins von Strenge und häufig ſogar von Harther⸗ zigkeit,— im Ganzen gleichwohl bei paſſenden Momenten ſo viele Nach⸗ ſicht übte, wie ich ſie nur je bei einem der Offiziere, mit denen ich diente, getroffen habe. Der Mann hatte zu Zeiten eine gewiſſe ironiſche Strenge an ſich, welche oberflächliche Beobachter leicht irre 4 führen konnte. Ich habe einſt von einem Spaßvogel von Hoch⸗ bootsmann, der in der Marine diente, erzählen hören, der ſeinen Leuten, wenn er ſie mit einer ſeiner dienſtlichen Viſitationen be⸗ drohen wollte, zuzurufen pflegte:„Mitbürger, ich werde jetzt gleich ͤͤͤſͤſͤſ 401 unter euch fahren“— ſo oft ich mich dieſer Anekdote erinnere, fällt mir jedesmal Marble dabei ein. Wenn er bei guter Laune war, hatte er viel von dieſer bitteren Ironie an ſich; ſeine eigene früh⸗ zeitige Erfahrung hatte ihn zwar gegen die Leiden, welche ſein Stand mit ſich brachte, ziemlich gefühllos gemacht, im Ganzen aber habe ich ihn immer für einen menſchenfreundlichen Mann gehalten. Wir hatten vor Sonnenaufgang die Lagune erreicht und noch ehe für die Offiziere die Stunde des Frühſtücks ſchlug, war alles Erforderliche ans Land gebracht und wir befanden uns bereits im Beſitze unſerer Zelte. Ich hatte Neb beauftragt, ſich diesmal die Bedienung der Merton'ſchen Familie vornehmlich angelegen ſeyn zu laſſen und eben als die Schiffsglocke Acht läutete, was bei jener Tageszeit acht Uhr anzeigte, kam der Schwarze mit des Major's Komplimenten und lud„Kapitän“ Wallingford und„Kapitän“ Marble in ſeinem Namen zum Frühſtück. „So geht's, Miles,“ fuhr mein Gefährte fort, nachdem er der Einladung in wenigen Minuten zu folgen verſprochen hatte.„Dieſe Anordnung mit dem Schooner erhält uns beide als Kapitäns und Ihr braucht nicht wieder abwärts zu ſteigen, was immer eine un⸗ angenehme Sache iſt. Kapitän Marble und Kapitän Walling⸗ ford klingt ganz gut und ich hoffe, daß ſie noch lange neben ein⸗ ander ſegeln werden; aber weder Natur noch Kunſt haben mich jemals zum Kapitäne beſtimmt.“ „Dies auch zugegeben, ſo bleibt doch immer wahr, wo zwei Kapitäne beiſammen ſind, da muß der eine über dem andern ſtehen und der Aeltere hat jederzeit den Vorrang.— Ihr ſolltet alſo Commodore Marble heißen.“ „Bleibt mir mit Euren Scherzen vom Leib, Miles,“ verſetzte Marble kopfſchüttelnd und mit ſtrengem Blicke.„Nur mit Eurem Verlaub und— ſo hoff ich— durch Eure gute Meinung befehlige ich jenen kleinen Halbblutſchooner, der halb Franzoſe, halb Yankee iſt: es iſt das zweite und wie ich denke auch das lebie Kommando, Miles Wallingford. 402 das ich führe. Ich habe in den letzten zehn Tagen mein Leben in weitem Maaßſtabe verallgemeinert und bin zu dem Schluſſe ge⸗ langt, daß der Herr mich zu Eurem Steuermann, nicht aber Euch zu dem meinigen geſchaffen hat. Wenn die Natur einen Mann zu etwas Rechtem beſtimmte, ſo läßt ſie ihn nicht dergeſtalt in die Abtrift unter den menſchlichen Weſen gerathen, wie es mir geſchehen iſt.“ „Ich verſtehe Euch nicht, Sir; vielleicht wollt Ihr mir einen Abriß Eurer Geſchichte geben und dann wird Alles klar werden?“ „Thut mir nur einen Gefallen, Miles— er wird Euch keinen großen Kampf koſten, mir aber wird er ſehr wohl thun.“ „Ihr braucht die Sache blos zu nennen, Sir, und dürft ge⸗ wiß ſeyn, daß ſie geſchehen ſoll.“ „So laßt dieſes hölliſche Sir unterwegen; es paßt jetzt nicht mehr, weder für Euch noch für mich. Nennt mich Marble oder Moſes, wie ich Euch Miles nenne.“ „Gut— das ſoll geſchehen. Nun aber zu Eurer Geſchichte, die Ihr mir— beiläufig bemerkt— ſeit zwei Jahren ſchon ſo oft verſprochen habt.“ „Sie läßt ſich mit wenig Worten abmachen und kann wie ich— hoffe, noch Manchem von Nutzen ſeyn. Die Schilderung eines Men⸗ ſchenlebens, ſofern gehörig dabei verallgemeinert wird, taugt gewiß eben ſo viel wie die meiſten Predigten: ſie gewährt uns in Fülle, was ich die Moralität der Ideen nenne. Es wird Euch vermuthlich bekannt ſeyn, welchem Umſtande ich meine Namen verdanke?u „Nicht daß ich wüßte— ich denke, wie wir andern werdet Ihr ſie Euren Taufpathen verdanken.“ „Diesmal ſeid Ihr der Wahrheit näher, als Ihr Euch wohl einbildet, mein Junge. An einem ſchönen Morgen wurde ich, wie man mir ſagt, als einwöchiges Kind in dem Hofe eines Steinhauers auf der Northriverſeite der Stadt in einem Korbe gefunden, der auf einen Block geſtellt war, welcher zu einem Grabſteine aus⸗ gehauen wurde— dies geſchah vermuthlich, damit die Handwerker, 403 wenn ſie ſich bei ihrer Arbeit verſammelten, mich auch ganz gewiß entdecken möchten. Ich habe zwar immer für einen Oſtländer* ge⸗ golten, weil ich in einem früheren Abſchnitte meines Lebens auf ihrer Flotte diente, bin aber in Wahrheit ein geborener Yorker.“ „Und iſt dies Alles, liebſter Marble, was Ihr von Eurer Ab⸗ ſtammung wißt?“ „Alles was ich nach einem ſolchen Wink zu wiſſen brauche. Man iſt wohl niemals neugierig auf die Bekanntſchaft von Eltern, welche ſich ſcheuen, uns zu beſitzen. Ich darf wohl annehmen, Miles, daß Ihr Eure Mutter gekannt, daß Ihr ſie geliebt und geachtet habt?“ „Geliebt und geachtet!— Angebetet habe ich ſie, Marble, und wenn je ein menſchliches Weſen es verdiente, ſo war ſie deſſen würdig!“ „Ja, ja, das kann ich begreifen,“ fuhr Marble fort, während er mit der Ferſe ein Loch in den Sand grub und nachdenklich und traurig nach mir aufſchaute.„Es muß ein großer Troſt ſeyn, wenn man eine Mutter lieben und verehren kann! Ich habe gar manche, beſonders junge Frauenzimmer gekannt, welche ihre Vorzüge gewiß eben ſo gut ihren Müttern als ſich ſelbſt verdankten. Aber ſo iſts einmal; ich gerieth eben gleich beim erſten Auslaufen in eine von den hölliſchen Strömungen unſeres armen Kapitän Robbins, und habe mich ſeit der Zeit gleich dem Wallfiſchboot, auf das wir ſtießen, ſo ziemlich wie der Wind eben blies— darin herumgetrieben. Sie hatten nicht einmal ſo viel Rückſicht, mir einen Namen ans Hemd zu nähen— ſie hätten ja einen aus einem Roman oder Geſchich⸗ tenbuch nehmen können, um mich armen Teufel fürs Leben damit auszuſtatten; aber nein— ſie ließen mich auf jenem Grabſteine vom Stapel und warfen alle Stützpfoſten, die mich an ein menſch⸗ liches Weſen knüpften, bei Seite. Da konnte ich denn nach Her⸗ zensluſt über die Welt und die Wege des Lebens verallgemeinern.“ * Er meint hier einen geborenen Engländer. O. U. 404 „Und am andern Morgen wurdet Ihr von dem Steinhauer gefunden, als er ſich wieder mit dem Meißel an die Arbeit machte?⸗ „Ein Prophet hätte das, was geſchah, nicht beſſer vorher ſagen können. Allerdings wurde ich daſelbſt aufgefunden und dies war nun auch das erſte Mal, daß ich mit knapper Noth dem Ver⸗ derben entkam. Als nämlich der Steinmetz den Korb erblickte, in welchem er, wie es ſcheint, am Tage zuvor ſein eigenes Mittageſſen herbeigetragen und ihn auf dem Heimwege mitzunehmen vergeſſen hatte, wollte er ſolchen mit einem tüchtigen Schütteln ausleeren, ehe er ihn dem Kinde übergab, das ihn nach Haus nehmen und aufs Neue füllen laſſen ſollte— da kam ich auf den kalten Stein her⸗ ausgerollt und lag, kaum eine Woche alt, dem Grabe ſo nahe wie der Leichenſtein.“ „Armer Freund— Ihr konntet dies natürlich nur durch ſpäͤtere Erzählung erfahren. Und was geſchah nun weiter mit Euch?“ „Wenn man die Wahrheit ſo recht genau wüßte, ſo würde man vermuthlich herausbringen, daß ſich mein Vater in der Nähe des Hofes befand und ich beneide wahrlich den alten Herrn durch⸗ aus nicht um ſeine Gefühle, wenn er überhaupt über Dinge und Verhältniſſe ein Bischen nachdachte. Steinhauer ſind, wie ich glaube, von Natur hartherzig und ſo wurde ich ins Armenhaus geſchickt. Der Umſtand, daß ich unter jenen Leuten ausgeſetzt worden war, beſtärkt mich noch mehr in dem Glauben, daß mein eigener Vater zu dieſem Gewerbe gehörte, denn ſonſt hätte es nicht ſo gehen können. Auf alle Fälle lief ich bald in den Armenhausbüchern und das Erſte was ſie mit mir vornahmen, war— mir einen Namen zu geben. Eine Woche lang war ich blos Nro. 19; im Alter von vierzehn Tagen hieß ich Moſes Marble.“ „Es war ein alterthümlicher Name, den Eure„Taufpathen“ waͤhlten!“ „So ziemlich— der Name Moſes wurde, wie man mir ſagte, 405 aus der Schrift entlehnt, denn wie ich höre gibt es dort eine Perſon dieſes Namens, welche einſt, faſt ganz wie ich, triftig wurde.“ „Ei freilich— was nämlich den Korb und das Ausſetzen be⸗ trifft; er wurde übrigens förmlich flott gemacht und nicht wie Ihr auf einen Grabſtein geworfen, der ihn gleich beim Auslaufen mit dem Tode bedrohte.“ 1 „Nun denkt nur— ‚Grabſtein“ wäre beinahe mein Name ge⸗ worden. Anfänglich wollte man mir den Namen deſſen geben, für den der Grabſtein gemacht wurde; da er aber ‚Zollikofer’ hieß, ſo meinten ſie, ich würde ihn nie buchſtabiren lernen. Dann kam „Grabſtein⸗— das klang ihnen aber zu melancholiſch und ſo nannten ſie mich ‚Marble“ in der Meinung, das würde mich zähe machen.“ „Wie lange bliebt Ihr im Armenhaus und in welchem Alter gingt Ihr zum erſten Mal auf die See?“ „Ich nahm an der öffentlichen Fütterung Theil, bis ich acht Jahre alt war; dann benützte ich einen nebeligen Tag, um von der Mildthätigkeit meine Abtrift zu nehmen. Damals gehörte unſer Land noch den Britten, Miles— wenigſtens behandelten ſie es, als ob es ihr Eigenthum wäre, wiewohl ich von geſcheuteren Leuten als ich bin, gehört habe, es ſey immer unſer Eigenthum und der König von England nur zufällig auch unſer König geweſen— aber ich war nun einmal als brittiſcher Unterthan geboren und da ich jetzt gerade vierzig bin, ſo könnt Ihr Euch denken, daß ich ſchon meh⸗ rere Jahre vor der Revolution auf die See kam.“ „Ganz richtig— Ihr müßt in jenem Kriege auf einer oder der andern Seite gedient haben.“ „Sagt lieber auf beiden— Ihr ſeid dann der Wahrheit um ſo näher. Anno 1775 war ich Fockmarsgaſte auf dem Romeny 50, von wo ich auf den Connecticut 74 verſetzt wurde—“ „Auf wen?“ fiel ich verwundert ein.„Hatten die Engländer ein Linienſchiff mit Namen Connecticut?“ 5 „So weit ich es herauszubringen vermochte— ja; ich habe es 406 immer für ein ſtarkes Compliment angeſehen, womit John Bull die Yankees abſpeiſen wollte.“ 1 „Vielleicht hieß Euer Schiff der Carnatic? Beide Namen klingen ziemlich ähnlich.“* „Hol mich der Teufel, ich glaube faſt, Ihr habt's getroffen, Miles. Nun jedenfalls ſoll mich's freuen, denn ich deſertirte von dem Schiff und es würde mir nur halb gefallen, wenn ich mir denken müßte, ich hätte einem Landsmanne einen ſolchen Streich geſpielt. Wie geſagt, ich nahm Dienſte auf einer unſerer Scha⸗ luppen und ſuchte das Meinige dazu beizutragen, um die Rechnung mit unſeren ehemaligen Herrn zu bereinigen. Für meine Mühe wurde ich zum Gefangenen gemacht, ſchleppte mich aber doch durch den Krieg, ohne daß mir der Hals ausgereckt wurde. Auf dem alten Jerſey hätten ſie freilich gar zu gerne auf mich herausge⸗ bracht, daß ich ein Engländer ſey: ich ſagte ihnen aber, ſie ſollten es erſt beweiſen.„Man ſoll mir nur darthun, wo ich geboren bin,“ ſagte ich ihnen,„dann will ich mich ja darein ergeben.“ Ich war erbötig, mich aufhaͤngen zu laſſen, wenn ſie mir nur das Eine dar⸗ zulegen wüͤßten, wo ich geboren ſey. Zum Henker, ich kam zuweilen ſogar auf den Gedanken, ich ſey überhaupt gar nicht geboren worden.“ „Pah, Ihr ſeid zweifelsohne ein Amerikaner, Marble.— Man⸗ hattaneſe durch Geburt und Erziehung.“ „Da ſich nicht wohl annehmen läßt, daß Jemand ein ein⸗ woöchiges Kind aus der Fremde herbeibringen werde, um es auf einem Grabſteine aufzupflanzen, ſo muß ich allerdings auf das Gleiche ſchließen. Ja, das muß ich ſeyn und ich habe zuweilen ſchon daran gedacht, ich könnte vermöge meines Geburtsrechts ganz wohl auf das Eigenthum der Trinity⸗Church Anſpruch machen. Nun alſo— ſobald der Krieg vorüber und ich meiner Gefangen⸗ „ Wer nicht engliſch verſteht, kann ſich hier einen guten Begriff von der eng⸗ liſchen Ausſprache machen, wenn zwei ſo verſchiebene Namen dennoch ähnlich klingen ſollen. Doch iſt dieſes Beiſpiel keines von den ſchlagenden. D. U. 407 ſchaft entlaſſen war— das geſchah nämlich, kurz nachdem Ihr ge⸗ boren wurdet, Kapitän Wallingford— trat ich in regelmäßigen Dienſt und bin ſeitdem auf verſchiedenen Fahrzeugen jedesmal als Unter⸗ oder Oberſteuermann geſegelt. Beſaß ich auch keinen Fa⸗ milienheerd, in den ich als in meinen Ruheplatz einlaufen konnte, ſo hatte ich jedenfalls meinen eigenen Magen mit Rind⸗ und Schwein⸗ fleiſch zu füllen und das läßt ſich nicht durch Mußiggang erreichen.“ „Und dieſe ganze Zeit über habt Ihr ohne irgend einen Ver⸗ wandten gleichſam allein in der Welt gelebt?— Armer Freund!“ „So gewiß, als Ihr hier vor mir ſteht. Wie oft bin ich durch New York's Straßen gewandelt und mußte mir ſelbſt ſagen: ‚Unter all dieſen Menſchen iſt auch nicht ein Einziger, den ich mir ver⸗ wandt nennen könnte— mein Blut fließt in keines Anderen Adern, nur in den meinen.““ Der Arme ſprach dieß mit einer Trauer und Bitterkeit, die mich überraſchte. Verhärtet und unempfindlich für Seelenſchmerzen, wie Marble mir immer geſchienen hatte, war ich nicht darauf gefaßt, ihn ſolche Beweiſe von Gefühl verrathen zu ſehen. Ich war damals noch jung, jetzt aber bin ich alt geworden, und eine der Lehren, die ich mir in den zwiſchenliegenden Jahren geſammelt habe, iſt die, daß man die Leute nicht nach ihrem Aeußeren beurtheilen darf. So viel Gefühl verſteckt ſich hinter angenommener Gleichgültigkeit, ſo manches Leiden lauert hinter einer lächelnden Miene, und das Aeußere enthüllt ſo wenig die Wahrheit deſſen, was im Innern vorgeht, daß ich mich jetzt wohl hüte, dem lügneriſchen Scheine der Dinge ſo ſchnell Glauben beizumeſſen. Am meiſten aber habe ich jene herzloſe Ungerechtigkeit der Welt verdammen gelernt, mit der ſie auf bloße Gerüchte und Vermuthungen hin ſo raſch mit ihrem Urtheile bei der Hand iſt und ſich in Fällen, wo ſie ſich nicht die Mühe nahm zu unterſuchen, ja nicht einmal die Moͤglichkeit beſaß einen Beweis herzuſtellen— höchſt eigenhändig zum Richter auf⸗ wirft, der keine weitere Appellation mehr geſtattet. 408 „Wir gehören Alle zu derſelben Familie, mein Freund,“ gab ich— in der beſten Abſicht wenigſtens— zur Antwort,„und ſind nur durch Zeit und Zufall etwas Weniges von einander geſchieden.“ „Familie!— Ja, ich gehoͤre meiner eigenen Familie an. Ich bin in der meinigen ein weit wichtigerer Mann als Bonaparte in der ſeinigen, denn ich bin Alles in Allem, Vergangenheit, Gegen⸗ wart und Zukunft!“ „Das Letztere wenigſtens iſt Euer eigener Fehler; warum wollt Ihr nicht heirathen und Kinder haben?“ „Weil meine Eltern mir nicht mit gleichem Beiſpiele voran⸗ gingen,“ entgegnete Marble, faſt trotzig. Dann legte er mir mit freundlicherer Gebärde die Hand auf die Schulter, wie wenn er mich nach einer ſo ſcharfen Erwiederung wieder verſöhnen wollte, und fuhr in milderem Tone fort:„Kommt, Miles, der Major und ſeine Tochter werden nach ihrem Frühſtück verlangen und wir thäten beſſer, zu ihnen zu gehen. Da wir gerade vom Heirathen reden— da iſt gleich ein Mädchen für Euch, mein Junge, Euch gleichſam von der Natur in die Arme geworfen.“ „Ich bin weit entfernt, Marble, die Sache als ſo ausgemacht anzunehmen,“ war meine Antwort, während wir uns ſachte nach dem Zelte anf den Weg machten.„Erſtens könnte es Major Mer⸗ ton nicht als eine Ehre anſehen, wenn ſich ſeine Tochter mit einem Yankeeſeemanne vermählte.“ „Mit einem meines Gleichen vielleicht— ja; aber mit einem Manne wie Ihr— warum nicht? Wie viele Generationen Eurer Familie haben an dem Orte, den Ihr Clawbonny nennt, gehaust?“ „Viere vom Vater zum Sohn und lauter Miles Wallingfords.“ „Nun ſeht, das alte ſpaniſche Sprüchwort ſagt: ‚Um Einen zum Hidalgo zu bilden, bedarf es dreier Generationen“ und Ihr könnt Euch ſogar Hauf deren viere berufen. In meiner Familie ſtehen alle Generationen auf gleicher Linie und ich nenne mich in meiner eigenen Sphäre ein altes Geſchlecht!“ 409 „Ei, das iſt doch ſonderbar, daß ein Mann wie Ihr etwas von alten ſpaniſchen Sprüchwörtern wiſſen ſoll.“ „Von einem ſolchen Sprüchworte meint Ihr, Miles? Ein Mann ohne Vater und Mutter— der wie man ſagen konnte, nie eines von Beiden beſaß— er ſollte ſich eines ſolchen Sprüchworts nicht erinnern? Junge, Junge— ich vergeſſe nichts, was mir den Grabſtein, den Korb, das Armenhaus, den Moſes und die Namen ſo deutlich zurückruft!“ „Allein Miß Merton könnte gegen die jetzige Generation Ein⸗ wendungen erheben,“ fuhr ich fort, um meinen Gefährten aus ſeinen bitteren Gedanken herauszureißen,„ſo günſtig auch ihr Vater für das abgeſchiedene Geſchlecht geſtimmt ſeyn mag.“ „„Das iſt dann Euer eigener Fehler. Hier auf dem weiten ſtillen Ocean habt Ihr ſie ganz allein für Euch und wärt Ihr nicht im Stande, Eure Sache ſelbſt und zwar auf eine Weiſe vor⸗ zutragen, daß ſie daran glaubt, dann müßtet Ihr nicht der Burſche ſeyn, für den ich Euch halte.“ Ich gab lachend eine ausweichende Antwort; da wir aber mittlerweile ganz nahe zu den Zelten gelangt waren, ſo wurde es nöthig das Geſpräch zu ändern. Es mag dem Leſer ſonderbar vorkommen— aber dies war das erſte Mal, daß mir der Gedanke, ich könnte Emilie Merton heirathen, in den Sinn kam. Zu London hatte ich ſie als eine angenehme Bekanntſchaft betrachtet und unſer Verkehr war gerade ſoviel.— aber kein Haar mehr— mit Romantik und Sentimen⸗ talität gefärbt geweſen, als dies bei einem neunzehnjährigen Jüng⸗ linge und einem noch jüngeren Mädchen der Fall zu ſein pflegt. Als wir uns auf dem Eilande trafen, erſchien mir Emilie wie eine Freundin, die ich natürlich mit mehr als gewöhnlichem Zart⸗ gefühl zu behandeln hatte; doch hatte ich dabei niemals die Gränz⸗ linie der Freundſchaft überſchritten. Der Monat, den wir jetzt eben auf demſelben Schiffe zuſammen verlebt, hatte dieſes Band allmählig 410 verſtärkt, und— offen geſtanden— war ich mir vollkommen bewußt, daß die Kriſis ein hübſches Mädchen von neunzehn Jahren, ein Weſen von angenehmen Manieren und zarten Empfindungen an ihrem Borde beherberge, deren Gegenwart dem Schiffe einen Reiz verlieh, welchen es allerdings zur Zeit des armen Kapitän Wil⸗ liams' niemals beſeſſen hatte. Und trotz alldem gab es ein gewiſſes Etwas— welcher Art, wußte ich damals ſelbſt nicht— was mich hinderte, mich völlig in meinen ſchönen Gaſt zu verlieben. Gleichwohl war mir Marble's Andeutung keineswegs unangenehm, ſondern erhöhte vielmehr das Vergnügen meines gegenwärtigen Beſuches. Wir wurden von unſeren Wirthen freundlich empfangen: Beide ſchienen ſich jedesmal des Anfangs unſerer Bekannſchaft zu erinnern, ſo oft Marble und ich ſie gemeinſam beſuchten. Das Frühſtück hatte etwas von dem Charakter des Landes an ſich, denn Monſteur Le Compte's Garten trug immer noch einige Gewächſe wie Lattich, Pillenfarn, Radieschen und dergleichen, die ſich übrigens meiſt ſelbſt eingeſät hatten. Drei bis vier Hühner, die er in der Haſt der Ab⸗ fahrt auf der Inſel gelaſſen hatte, waren zum Legen reif geworden; Neb hatte eines ihrer Neſter aufgefunden und ſo wurden wir— ein ſeltenes Gericht— mit friſchen Eiern tractirt, die man, wie wohl Niemand läugnen wird, zur Genüge„am Lande gelegt“ nennen durfte. „Emilie und ich betrachten uns hier als alte Bewohner,“ be⸗ merkte der Major, indem er ſich am Tiſche umſah, der im Freien unter einigen Bäumen aufgeſtellt war,„und mein liebſter Wunſch. wäre, den Reſt meiner Tage auf dieſem ſchönen Eilande ver⸗ leben zu dürfen— ja, ohne mein armes Mädchen hier ſtünde ich ſogar keinen Augenblick an ihn auszuführen, allein in ihrem Lebens⸗ alter würde ſie doch die alleinige Geſellſchaft ihres alten Vaters etwas gar zu langweilig finden.“ 6 „Ei, Major, Ihr dürft ja nur dieſe Eure Vorliebe bekannt machen, gebt Acht, wie ſich alle unſere Junker ſo gerne zu ihren —— u——— 411 Geſellſchaftern wählen ließen,“ meinte Marble.„Da iſt Mr. Talcott, ein wohlgezogener und recht manierlicher Junge, von guten Verbindungen, wie es heißt; für Kapitän Wallingford hier will ich garantiren. Mein Leben zum Pfande— er würde Claw⸗ bonny und all das Beſitzthum, das er als der Vierte ſeines Namens überkommen, mit Freuden dafür hingeben, wenn er in ſolcher Ge⸗ ſellſchaft König oder Kronprinz dieſes Eilandes werden könnte!“ Nun war es zwar Marble, nicht ich, der alſo redete: gleichwohl hätte ich von Herzen gewünſcht, die Worte wären ungeſagt geblieben; ſie erregten in mir eine Empfindung von Verlegenheit, die ſich ganz gewiß in meiner Miene ausdrückte; auch weiß ich beſtimmt, daß Emilie darüber erröthete. Das arme Mädchen! ſie, die ſo leicht roth wurde, die ſo empfindlich war und ſich in einer ſo delikaten Lage befand— ſie hatte ein Recht darauf, ihre Gefühle mit größerer Achtung behandelt zu ſehen. Uebrigens nahm der Major geradeſo wie Marble die Sache mit vollkommener Kaltblütigkeit auf und Beide ſetzten das Geſpräch fort, wie wenn nichts Auffallendes vor⸗ gekommen wäre. „Ohne Zweifel— ganz natürlich,“ gab Erſterer zur Antwort. „Die Romantik findet immer Anhänger unter dem jungen Volke; ein Ort wie dieſer könnte ja ſogar in älteren Perſonen, als dieſe junge Männer ſind, ähnliche Gefühle erwecken. Wißt Ihr auch, ihr Herren, daß ich, ſeitdem ich dieſes Eiland kenne, mich fort⸗ während mit dem ſehnlichen Wunſche trage, den Reſt meines Lebens daſelbſt zuzubringen? ſo daß ihr den eben geäußerten Gedanken keineswegs als die Eingebung des Augenblicks anſehen dürft.“ „Ich bin wenigſtens herzlich froh, theurer Vater,“ bemerkte Emilie lachend,„daß dein Wunſch nicht ſo ſtark war um dich zu förmlichen Vorſchlägen in der Sache zu verleiten.“ „Du biſt allerdings das Haupthinderniß, denn was ſollte ich mit einem mißvergnügten Mäaädchen anfangen, das in Gedanken 412 auf Bällen, in Theatern und ſonſtigen Vergnügungsorten herum⸗ ſchweifte? Wir hätten ja nicht einmal eine Kirche.“ „Und was könnte Major Merton,“ fiel ich ein,„oder jeder Andere an einem ſolchen Orte ohne Geſellſchafter, ohne Bücher oder Beſchäftigung— mit ſich ſelbſt beginnen?“ „Ein gewiſſenhafter Mann würde über die Vergangenheit, ein Weiſer ohne Zweifel über die Zukunft nachdenken. Auch würde es mir nicht an Büchern mangeln, Miles, denn Emilie und ich könnten zuſammen ſchon einige hundert Bände auftreiben und mit Büchern. würde ich auch keine Gefährten vermiſſen. Was ich thun könnte? — Nun Alles, ſo zu ſagen; müßte ich ja doch jedes Ding ſchaffen und hätte das Vergnügen, Alles unter meinen Händen aufblühen zu ſehen. Ich hätte ein Haus aufzubauen, die Materialien jenes Wracks zu ſammeln, hätte Taue, Segel, Planken, Theer, Zucker und verſchiedene andere Gegenſtände, welche noch auf dem Riffe ſtecken oder am Strande zerſtreut liegen, aufzuhaͤufen und gegen die Einflüſſe des Regens zu ſchützen. Dann hätte ich auch an meinen Hühnerhof zu denken, vielleicht ließet ihr euch bereden, mir ein Paar von den Schweinen zu überlaſſen, von denen die Fran⸗ zoſen, wie ich ſehe, vor lauter Haſt die Spanier anzuführen— ein volles halbes Dutzend vergeſſen haben. O ich würde leben wie ein Prinz und wäre überdies noch ein regierender Fürſt.“ „Ja, Sir, Ihr wäret freilich Kapitän und Matroſe— Alles in Allem, wenn Euch das Spaß machte; aber ich glaube, Ihr würdet Euer Regiment bald ſatt bekommen und dann von Herzen gern wieder abdanken.“ „Vielleicht— ja, Miles; jedenfalls iſts aber für mich ein freundlicher Gedanke und meiner geliebten Tochter hier könnte er noch überdies zu beſonderem Vortheile gereichen. Ich habe gar wenige Verwandte; der nächſte, den ich befitze, iſt ſonderbar genug ein Landsmann von Euch, ihr Herrn. Meine Mutter war näm⸗ lich aus Boſton gebürtig, wo mein Vater, ein Kaufmann, ſie ———— . 413 heirathete und ich ſelbſt wäre beinahe ein Yankee geworden, denn ich wurde kaum eine Woche nach der Ankunft meiner Eltern in England geboren. Von Vaters Seite kenne ich kaum fünf und zwar ſehr entfernte Verwandte, während die meiner Mutter im buchſtäblichen Sinne mir fremd geworden ſind. Dann konnte ich auch von der Erde, auf der wir wohnen, in meinem ganzen Leben nie einen Fuß breit mein eigen nennen—“ „So wenig wie ich,“ fiel Marble mit Nachdruck ein. „Mein Vater war ein jüngerer Sohn und dieſe ſind in Eng⸗ land in der Regel unbegütert. Mein Leben, und ich darf wohl auch ſagen, meine Mittel, waren immer der Art, daß ich nie im Stande war, mir ſelbſt auch nur den nöthigen Boden zu meinem Grabe zu erwerben und hier findet ſich, wie ihr ſeht, ein Gut, das Jeder haben kann, der es verlangt. Wie viel Land, glaubt Ihr wohl, mag das Eiland enthalten— nämlich Strand, Sandbänke und Felſen abgerechnet— urbaren Boden, der Gras und Bäume nährt, ſich bebauen läßt und ohne viel Mühe tragbar gemacht werden kann?“ 2 „Hunderttauſend Morgen,“ rief Marble, deſſen Berechnung mit allgemeinem Gelächter aufgenommen wurde. „Das Eiland ſcheint mir beinahe größer, Sir, als mein Gut zu Clawbonny,“ gab ich zur Antwort.„Von der Art Grund und Boden, wie Ihr ſein erwähnt, mag es ſechs⸗ bis achthundert Mor⸗ gen zählen, im Ganzen aber muß es einige tauſend— vielleicht vier⸗ bis fünftauſend Morgen umfaſſen.“ „Nun gut— vier⸗ bis fünftauſend Morgen Lands ſind ein recht artiger Beſitz— aber ich ſehe, Emilie iſt erſchreckt und kann den beängſtigenden Gedanken nicht ertragen, daß ſie einſt ſo ausge⸗ dehnte Beſitzthümer erben müßte— ſo laß uns lieber davon abbrechen.“ Wirklich wurde auch kein Wort mehr darüber geſprochen und das Frühſtück ging zu Ende, indem die Unterhaltung ſich mehr um die Vergangenheit als um die Zukunft drehte. Der Major ſchlen⸗ 414 derte ſodann mit Marble nach dem Kokoswäldchen in der Richtung des Wracks; ich aber beredete Emilien, ihren Hut zu nehmen und mit mir nach der entgegengeſetzten Seite zu ſpazieren. „Das iſt doch ein ſonderbarer Einfall von meinem Vater,“ be⸗ gann meine ſchöne Gefährtin nach augenblicklichem Schweigen; „zudem kann ich Sie verſichern, es iſt nicht das erſte Mal, daß er ſeiner erwähnte: während unſeres früheren Aufenthalts kam er täglich aufs Tapet.“ „Für ein feuriges Liebespaar möchte der Plan nicht ſo übel ſeyn,“ verſetzte ich lachend;„für einen älteren Herrn und ſeine Tochter aber dürfte er kaum rathſam erſcheinen. Ich kann mir wohl denken, daß zwei junge Leute, die ſich mit warmer Liebe er⸗ geben ſind, auf ein oder zwei Jahre eine ſolche Inſel bewohnen lönnten, ohne ſich gerade aufzuhängen— glaube aber auch, daß ſogar die Liebe die Sache nach einer Weile ſatt bekäme und ſich ein Boot erbauen würde, um wieder in die See zu ſtechen.“ „Mr. Wallingford iſt, wie ich bemerke, nicht ſonderlich roman⸗ tiſch geſinnt,“ erwiederte Emilie— ich glaube nicht ohne Vor⸗ wurf.„Ich meines Theils muß geſtehen, ich fände die Sache nach meinem Geſchmack und könnte überall, hier ſo gut wie in London, glücklich ſeyn, wenn ich von meinen nächſten und theuerſten Freun⸗ den umgeben wäre.“ „Umgeben— ja das wäre ganz etwas anderes! Geben Sie mir Ihren Vater, Sie ſelbſt, den ehrlichen Marble, den guten Mr. Hardinge, Ruprecht, die liebe, liebe Grace und Lucy, dazu Neb und einige andere meiner Schwarzen— und ich will in meinem Leben keine beſſere Heimath verlangen. Das Eiland liegt blos in den Zwanzigen*, hat Schatten in Fülle, köſtliche Früchte und ließe ſich 4 leicht bebauen— man könnte es hier aushalten, das muß ich ge⸗ ſtehen, und es gäbe eine wahre Freude, hier eine Kolonie zu gründen.“ 5 * Graden nämlich. D. U. 415 „Und wer ſind denn alle die Perſonen, die Sie ſo beſonders lieben, Mr. Wallingford, daß ihre Gegenwart eine einſame Inſel angenehm für Sie machen würde?“ „Erſtens iſt da Major Merton, ein Halbſoldofftzier in britti⸗ ſchen Dienſten, der zu einer Civilanſtellung in Indien beſtimmt iſt“ entgegnete ich mit aller Artigkeit.„Er iſt ein achtbarer, ange⸗ nehmer, wohlunterrichteter Herr etwas über die Fünfzig, der die Rolle des Richters und Kanzlers übernehmen könnte. Dann hat er eine Tochter—“ „Ich kenne ſie und ihre ſchlimmen Eigenſchaften beſſer als Sie ſelbſt, Sire— wer aber iſt Ruprecht, Grace und Lucy— die liebe, liebe Grace vornehmlich?“ „Die liebe, theure Grace, meine Gnaäͤdigſte, iſt— meine Schweſter— meine einzige Schweſter— Alles, was ich jemals durch Heirath oder auf andere Weiſe von Schweſtern gewinnen kann; und Schweſtern pflegen, ſo viel ich glaube, jungen Leuten immer theuer zu ſeyn.“ 8 „Gut— ich wußte, daß Sie eine Schweſter und zwar eine theure Schweſter beſitzen; ebenſo war mir aber auch bekannt, daß ſie die einzige iſt. Nun zu Ruprecht—“ „Er iſt keine zweite Schweſter, Sie dürfen ſich drauf verlaſſen, Miß Merton. Ich habe gegen Sie ſchon einmal eines Jugend⸗ freundes erwähnt, der das erſte Mal mit mir zur See ging, an ihr aber keinen Gefallen fand und ſeitdem das Rechtsſtudium be⸗ gonnen hat.“ „Alſo das iſt Ruprecht. Ich erinnere mich, Aehnliches über ihn gehört zu haben, wußte aber ſeinen Namen nicht. Alſo weiter zu dem Nächſt—“ „Wie, Neb meinen Sie?— Nun Sie kennen ihn ja faſt ſo gut wie ich ſelbſt. Dort unten füttert er die Küchlein, um ſich ſein Ueberfahrtsgeld zu erſparen.“ „Sie ſprachen aber von Jemand anderem— ja, ſo iſt's— 416 war da nicht ein Mr.— Hardinge, ſo lautete, glaub ich, ſein Namen?⸗ „O ja— ich vergaß Mr. Hardinge und Lucy, obwohl ſie unter den Koloniſten zwei Hauptrollen einnehmen. Mr. Hardinge iſt mein Vormund und wird es noch etliche Monate bleiben; Lucy iſt ſeine Tochter— Ruprechts Schweſter. Der alte Herr iſt ein Geiſtlicher und würde uns den Sonntag, wie ſichs ziemt, feiern helfen, könnte auch eine Trauung beſorgen, falls eine ſolche nöthig würde.“ „Damit hat es, denk' ich, nicht viel Gefahr auf Ihrer ver⸗ laſſenen Inſel— Ihrem Barataria,“ bemerkte Miß Merton haſtig. Ich kann mir die Empfindlichkeit gewiſſer junger Damen in ſolchen Punkten nicht anders als durch ihr unreines Bewußtſeyn erklären. Hätte ich z. B. mit Lucy dieſes müßige Geplauder ge⸗ pflogen— das liebe ehrliche Geſchöpf hätte gelacht, wäre wohl ein Kopfe genickt oder wohl auch geſagt„o natürlich,“ denn ſie wäre weit entfernt geweſen von der thörichten Affektation, mir weiß ma⸗ chen zu wollen, daß ſie glaube, junge Leute könnten ſich auf Marbleland nicht eben ſo gut wie zu Clawbonny oder New⸗York verheirathen. Miß Merton aber hielt es für paſſend dem Ge⸗ ſpräche eine andere Wendung zu geben und die Rede auf ihres Vaters Geſundheit zu bringen. In dieſem Punkte war ſie natürlich und von wahrer Zäͤrtlichkeit erfüllt: ſie wünſchte ſehnlich, den Major über die warmen Breiten hinaus zu haben. Seine Leber war in Weſtindien angegriffen geweſen; gentheils und Emilie äußerte ihren Wunſch, ihn baldmöglichſt in kaltem Klima zu ſehen, ſo ernſt und dringend, daß deutlich genug daraus hervorging, wie ſie Alles, was über das Eiland geſprochen worden war, als reinen Scherz betrachtete. — 417 Wir ſetzten unſer Geſpräch eine Stunde lang fort und kehrten dann nach dem Zelte zurück, wo ich meine ſchöne Freundin mit dem Verſprechen verließ, meine Geſchäfte ſo ſchnell wie möglich zu betrei⸗ ben, um das Schiff recht bald wieder in eine höhere Breite zu bringen. Ich hielt übrigens das Eiland trotz ſeiner Lage für keinen beſon⸗ ders gefährlichen Ort, da die Paſſatwinde und Seebriſen, neben ſeinen vielen ſchattigen Plätzen, daſſelbe zu einem der köſtlichſten Wohnſitze machten, auf die ich noch jemals in den Tropengegenden geſtoßen war. Nachdem ich Emilien verlaſſen hatte, ſuchte ich Marble auf, der auf demſelben Flecke, welchen der arme Le Compte unter der Benennung ſeines„Quarterdecks⸗ zu einem Pfade ausgetreten hatte, ganz allein unter den Bäumen auf und ab ſchritt. „Dieſer Major Merton iſt ein verſtändiger Mann, Miles,“ begann der Exmate, ſobald ich gleichen Schritt neben ihm ange⸗ nommen und mich in ſeinen Halbtrab geſetzt hatte—„ein durchaus verſtändiger Mann, geſcheit trotz einem Philoſophen, ſo viel ich davon verſtehe.“ „Was hat er denn mit Euch geſprochen, daß er Eure Phan⸗ taſte ſtärker als gewöhnlich ergriffen hat?“ „Nun ſeht, ich überlegte mir ſeinen Einfall, auf der Inſel zu bleiben und den Reſt der Lebensreiſe hier auszuharren, ohne ſich Tag und Nacht abzumühen, um an der Beförderungsleiter einige Sproßen hinanzuklimmen, blos um ſpäter wieder eben ſo weit herab zu fallen.“ „Und ſprach der Major von ſolchen Dingen? Ich wüßte doch nicht, daß er durch Enttäuſchungen gegen die Welt verbittert wäre.“ „Ich ſprach nicht in Major Merton's, ſondern in meinem eigenen Intereſſe, Miles. Ehrlich geſtanden— dieſer Einfall ſcheint ganz für mich zu paſſen, und ich bin beinahe entſchloſſen, hier zu bleiben, wenn Ihr ſpäter unter Segel geht.“ Verwundert ſah ich Marble an— den Plan, welchen der Miles Wallingford. 27 418 Miajor mehr im Scherz als in der wirklichen Abſicht, ihn auszu⸗ führen, beſprochen hatte, betrachtete mein alter Tiſchgenoſſe als ernſtlich gemeint! Mir war zwar die Aufmerkſamkeit nicht ent⸗ gangen, mit welcher er während des Fruhſtücks unſerem Geſpräche zugehört, ſo wenig wie das große Intereſſe, mit dem er an der Unterredung Theil genommen hatte: allein ich konnte mir damals nicht denken, was der Grund davon war. Ich kannte meinen Mann zu genau, um nicht ſogleich einzuſehen, daß es ihm bitterer Ernſt mit der Sache war; auch hatte ich ſein Weſen durch Erfahrung zu gut ver⸗ ſtehen gelernt und durfte vorausglauben, daß er nur mit der größten Schwierigkeit von ſeinem Vorhaben abgelenkt werden könnte. Sein eigentlicher Beweggrund war, wie ich wohl begriff, das Bewußtſeyn der Demüthigungen, die er durch alle die Vorfälle, welche in die Zeit ſeines eigenen Kommando's nach Kapitän Williams Tode gefallen waren, erfahren hatte; denn Marble war ein viel zu ehrlicher und männlicher Charakter, als daß er nur einen Augenblick daran ge⸗ dacht hätte, ſeine eigenen Unfälle mit dem Ehrenmantel, welchen mein Sieg uns verſchaffte, bedecken zu wollen. „Ihr habt dieſe Sache noch nicht reiflich genug erwogen, mein Freund,“ gab ich ausweichend zur Antwort, da ich wohl ein⸗ ſah, wie thöricht es wäre, ihm dieſelbe lächerlich machen zu wollen— „wenn Ihr heute Nacht darüber geſchlafen habt, werdet Ihr die Dinge in einem anderen Lichte betrachten.“ „Ich denke nicht, Miles. Hier iſt Alles— und gerade das, was ich bedarf. Wenn Ihr auch Alles mitnehmt, was für die Fahrzeuge nöthig oder für die Schiffseigner wünſchenswerth iſt, ſo bleibt immer noch ſo viel übrig, um mich ein Dutzend Leben lang zu ernähren.“ 1 „Ach, ich ſpreche nicht von der Nahrung— die Inſel allein mit ihren Früchten, Fiſchen und Vögeln— der Sämereien, Hühner und Schweine, die wir Euch überlaſſen könnten, nicht zu gedenken— würde zum Unterhalte von ſünfzig Menſchen ausreichen: aber denkt 419 nur an das einſame, zweckloſe Leben, an die Möglichkeit krank zu werden— an den fürchterlichen Tod, der Euch bevorſtünde, wenn Ihr nicht aufſtehen und Euch helfen könntet— denkt an all das übrige Elend eines ſolchen Einſiedlerdaſeyns. Glaubt mir, der Menſch iſt nicht geſchaffen, um allein zu leben; Geſellſchaft iſt ihm unent⸗ behrlich und—“ „Ich habe das Alles überlegt und finde es ganz nach meinem Geſchmack. Ich ſage Euch, Miles, ich wäre auf dieſer Inſel ganz in meiner Sphäre und zwar als Einſiedler. Ich will nicht ſagen, daß einige Geſellſchaft, wie z. B. Ihr oder Talcott, der Major oder ſogar Neb mir nicht angenehm wäre: aber keine Genoſſen ſind jedenfalls beſſer, als ſchlechte, und daß ich Einen bäte oder ihm nur erlaubte, bei mir zu bleiben— davon iſt gar nicht die Rede. Ich dachte im Anfang daran, die Sandwichinſulaner da zu behalten; ich könnte mich aber doch nicht auf ſie verlaſſen, auch würden ſie ſchwerlich ruhig bleiben, wenn das Schiff einmal abgeſegelt wäre. Nein, ich will allein hier bleiben. Ihr werdet nach Eurer Rück⸗ kehr in der Heimath wahrſcheinlich von dieſem Eilande erzählen; dies könnte dann ein nahe vorbeikommendes Schiff veranlaſſen, nach mir zu ſehen, und ſo würde ich doch alle vier bis fünf Jahre von euch Allen zu hören bekommen.“ „Barmherziger Himmel! Marble, Ihr könnt doch nicht im Ernſte auf einem ſo wahnſinnigen Vorhaben beſtehen wollen?“ „Betrachtet einmal meine Lage, Miles, dann mögt Ihr ſelbſt entſcheiden. Ich bin ohne Freund auf dieſer Erde— Blutsfreunde meine ich nämlich— denn welche Freundſchaft Ihr für mich heget, das weiß ich, auch fällt mir der Abſchied von Euch unter Allem am ſchwerſten— ich habe weder Heimath noch Eigenthum, Niemand ſehnt ſich nach meiner Heimkehr und ich beſitze nicht einmal einen Keller, wo ich mein Haupt niederlegen könnte. Mir gilt jeder Ort gleich, dieſen einen hier ausgenommen, den ich entdeckt habe und darum als mein Eigenthum betrachte.“ 420 „Ihr habt ein Vaterland, Marble, und das kommt gleich nach Familie und Heimath— überſchattet ſie alle.“ „Ja, aber ich werde auch hier ein Vaterland haben. Hier iſt Amerika, denn das Eiland wurde von Amerikanern entdeckt und iſt im Beſitze eines Solchen. Ihr überlaßt mir das Flaggentuch und ich will ihnen die Sterne und Streifen des Vierten Juli zeigen, ſo gut Ihr ſie in einem andern Theile der Welt faattern laſſet. Ich wurde wenigſtens als Yankee geboren und will auch als Yankee ſterben. Ich ſegle nun ſeit*77 unter dieſer Flagge, und verlaß dich darauf, Knabe, ich werde unter keiner andern ſegeln.“ „Ich könnte mich nie vor den Geſetzen rechtfertigen, wenn ich einen Mann an einem ſolchen Orte zurückgelaſſen hätte.“ „Dann deſertire ich, und Alles iſt in Ordnung. Doch weißt Du recht gut, mein Junge, daß es ein Unterſchied iſt, ob Du einen Kapitän oder nur einen Matroſen zurückläßt.“ „Und was ſoll ich allen Euren Bekannten ſagen, die ſo oft und ſo lange mit Euch gefahren ſind— was ſoll ich Ihnen von dem Schickſale ihres alten Schiffskameraden ſagen?“ „Sagt ihnen, daß der Mann, der einſt geſunden wurde, nunmehr verloren iſt,“ war Marble's bittere Antwort.„Uebri⸗ gens bin ich nicht der Narr, daß ich mir ſelbſt ſo viel Wichtigkeit beilegte, wie Ihr zu glauben ſcheint. Wer allein einiges Intereſſe für die Sache zeigen wird, das dürften wohl die Zeitungsſchreiber ſeyn und dieſe werden ſie blos als Neuigkeit betrachten und Euch kaum halb ſo viel Dank dafür wiſſen, als wenn ſie einen Mord, einen Raub oder die Vergiftung einer Mutter mit ihren ſechs Klei⸗ nen zu berichten bekämen.“ „Alles wohl überlegt, glaube ich ſogar, Ihr würdet kaum die Mittel zu Eurem Unterhalte finden,“ fuhr ich in angenommener Aengſtlichkeit fort, denn gerade weil ich meinen alten Kameraden ſo gut kannte, fühlte ich mit jedem Augenblicke mehr, wie leicht er ſich an ſeine Ideen unlösbar anklammern konnte.„Ich glaube kaum, —— 1 19 421 daß die Kokosnüſſe das ganze Jahr über geſund ſind, und dann muß es auch Jahreszeiten geben, wo die Bäume nicht tragen.“ „Fürchtet nichts der Art. Ich habe meine eigene Vogelflinte und Ihr könnt mir ein paar Musketen nebſt Munition zurücklaſſen: vorüberfahrende Schiffe werden, wenn die Inſel einmal bekannt iſt, den Vorrath erneuern. Zwei Hennen ſitzen jetzt ſchon und eine hat bereits gebrütet: dann ſagte mir auch einer unſerer Leute, daß ſich nahe an der Mündung der Bucht ein Wurf von Schweinen aufhält. Dieſe und das Geſlügel können ſich von Beeren und Schaalthieren ernähren. Für mich liegen fünfzehn Orhoft Zucker am Strand, dreißig bis vierzig weitere befinden ſich noch auf dem Wrack und über'm Waſſer, mehrere Fäſſer mit Bohnen und Erb⸗ ſen, die Seevorräthe der Franzoſen und verſchiedene andere Dinge ungerechnet. Ich kann pflanzen, fiſchen, ſchießen, mir einen großen Garten anlegen, aus den Tauen des Wracks einen Zaun darum bilden und habe Alles, was nur ein Menſch bedarf. Unſer eigenes Geflügel iſt ſchon lange aus, wie Ihr wißt; von ihrem Futter aber iſt noch ein Büſchel Mais übrig, und ein Quart davon kann mich in einem ſolchen Klima und auf einem Boden, wie der in der Niederung zwiſchen den beiden Wäldchen— zum reichen Manne machen. Eine Kiſte mit Werkzeugen beſitze ich ſelbſt, bin nach Seemannsmanier ein erträglicher Zimmermann und Grobſchmied, und ſo ſehe ich nicht ein, was mir abgehen ſollte. Die Hälfte von all' den Dingen, welche hier zerſtreut umherliegen, müßt Ihr mir hinterlaßen und weit entfernt, Euer Mitleid zu verdienen, bin ich vielmehr ein beneidenswerther Mann. Tauſende von Unglück⸗ lichen auf den volkreichſten Plätzen Londons würden mit Freuden ihre wimmelnden Straßen und ihre Armuth gegen meine Einſam⸗ keit und meinen Ueberfluß vertauſchen.“ Mir drängte ſich jetzt der Glaube auf, Marble befinde ſich „nicht in der Stimmung, um vernünftig mit ihm ſtreiten zu können; ich änderte daher den Gegenſtand des Geſprächs. Der Tag ver⸗ ——— 42² ſtrich uns als eine Friſt der Erholung, wie wir es beabſichtigt hatten; am nächſten Morgen machten wir uns daran, den Schooner zu füllen. Das Kupfer, die engliſchen Güter und diejenigen Theile von des Franzmanns Ladung, die für Amerika den meiſten Wert hatten, wurden ſammt und ſonders eingeſchifft. Marble hatte übrigens bereits auch gegen Andere ſeinen Ent⸗ ſchluß geäußert, der See Lebewohl zu ſagen, um hier zu bleiben und Einſiedler zu werden. Als erſten Schritt hiezu gab er das Kommando der Pretty Poll ab, und ich ſah mich genöthigt, daſ⸗ ſelbe abermals unſerem ehmaligen dritten Steuermann zu über⸗ tragen, der ſeiner Aufgabe in jeder Hinſicht gewachſen war. Gegen Ende der Woche war der Schooner ſegelfertig: da ich an der Hoffnung verzweifelte, Marble auf dieſem fortexepediren zu können, ſo befahl ich jenem, um das Kap Horn nach Haus zu ſegeln, indem ich ihm die beſondere Weiſung gab, es nicht mit der Magellanſtraße zu verſuchen. Ich ſchrieb an die Eigenthümer, gab ihnen eine Ueberſicht über Alles, was vorgefallen war, wie über meine künftigen Plane, indem ich ganz einfach bemerkte, Mr. Marble habe ſeit Wiedereroberung des Schiffes aus Gründen der Delicateſſe das Kommando abgelehnt, ſo daß ihre Intereſſen in Zu⸗ kunft meiner Sorge anheim geſtellt bleiben müßten. Mit dieſen Depeſchen ging der Schooner unter Segel. Marble und ich beobachteten ihn, bis ſeine Segel nur noch wie ein weißer Fleck auf dem Ocean erſchienen und dann war er mit einem male verſchwunden. Auch die Kriſis ſtand zur Abfahrt bereit und meine einzige Sorge drehte ſich jetzt nur noch um Marble. Ich verſuchte Major Merton's Einfluß bei ihm; unglücklicher Weiſe hatte dieſer aber,“ ah die Wirkung zu ahnen, bereits zu viel zu Gunſten des Planes geſagt, um jetzt, nachdem er umgelenkt hatte und auf die andere Seite übergegangen war— bei unſerem Freunde noch ſtarken Glauben finden zu können. Auch Emiliens Beweisgründe blieben machtlos, denn es 423 war in der That nicht die Vernunft, ſondern ſein Gefühl, was Marble'n beherrſchte: er hatte in einer bitteren Stunde den Ent⸗ ſchluß gefaßt, ſeine Tage da, wo er war, zu beſchließen. Da alle Ueberredungskunſt erfolglos war, auch mittlerweile die Jahreszeit herannahte, wo die Winde die Abfahrt zur Nothwendig⸗ keit machten, ſo blieb mir nichts übrig, als nachzugeben oder Ge⸗ walt zu gebrauchen. An letzteres Auskunftsmittel mochte ich nicht ohne Widerſtreben denken; auch war ich nicht einmal gewiß, ob die Leute hierin meine Befehlen gehorcht hätten. Marble war ſo lange ihr Kommandant geweſen, daß er jeden Augenblick den Oberbefehl über das Schiff wieder hätte an ſich ziehen können, und ſchwerlich hätte die Mannſchaft unter anderen Umſtänden als etwa bei offenbarer Ungeſetzlichkeit oder im Falle eines Verbrechens ſeinen Befehlen Trotz geboten. Nach einer Berathung mit dem Major ſah ich mich endlich genöthigt, dieſer Grille nachzugeben, that es aber nicht ohne das heftigſte Widerſtreben, das ich nur jemals bei irgend einer Veran⸗ laſſung empfunden hatte. Zwanzigſtes Kapitel. Fahr hin, du harte Welt! ich klage Nicht mehr um das, was du von mir geſchieden! In Gottes Namen— zieh! nur trage Nicht fort, was du nicht gabſt— das laß in Frieden! Lunt. Machdem jedes Mittel umſonſt verſucht worden war, um Marble'n von ſeinem Vorhaben abzubringen, blieb uns nichts Anderes übrig, als Allem aufzubieten, was zu ſeiner Sicherheit und Be⸗ quemlichkeit beitragen konnte. Von Feinden hatte er nichts zu be⸗ ſorgen und ſo brauchte er alſo auch keine Vertheidigungsanſtalten zu treffen. Dagegen laſen wir Balken, Planken und anderes 424 Material auf der früheren Schiffswerfte zuſammen und erbauten daraus eine Kajüte, welche ihm gegen die tropiſchen Stürme, die zuweilen eintraten, weit beſſeren Schutz gewährte als ein Zelt dies vermochte. Wir machten die Kajüte ſo breit, als eine Planke lang war d. h. zwölf Fuß, in der Länge wurden noch fünf bis ſechs Fuß zugegeben. Sie befand ſich in geſchützter Lage, war mit einem feſten Dache verſehen und hatte drei Fenſter und eine Thüre, welche ſämmtlich aus der Kajüte des Wraks herſtammten; auch fehlte es nicht an Thürangeln und was ſonſt noch nöthig war, um Alles an Ort und Stelle zu erhalten. Eines Kamins bedurfte er nicht, denn zum Einheizen brauchte er in dieſem Klima kein Feuer; wohl aber hatten die Franzoſen ihre Kombüſe vom Wrack herüber⸗ geſchafft, und dieſe ſtellten wir, da ein Mann ſie unmöglich weiter ſchaffen konnte, in der Nähe der Hütte unter ein beſonderes Dach. Auch trugen wir Sorge, mittelſt Tauen, die wir an die als Pfoſten verwendeten Rippen des Wracks befeſtigten, eine Fläche von zwei Morgen des reichſten, unbeſchatteten Landes einzuſchließen, ſo daß die Schweine den Gemüſen keinen Schaden anthun konnten, und da der arme Marble von der Gärtnerei nur wenig verſtand, ſo fand ich ein trauriges Vergnügen darin, ihm vor unſerer Ab⸗ fahrt das ganze Stück noch umgraben oder vielmehr pflügen, ein⸗ ſäen und bepflanzen zu laſſen. Wir ſteckten Korn, Kartoffeln, Erbſen, Bohnen, Lattich und verſchiedene andere Gemüſe, deren Samen wir im franzöſiſchen Garten vorgefunden hatten. Auch verſäumten wir nicht, noch manche nützliche Artikel vom Wracke herüberzuſchaffen, deren Handhabung für Marble allein zu ſchwer geweſen wäre. Ich ließ mir die Sache ebenſo angelegen ſeyn, wie wenn ich ein Kind für ſein Leben auszuſtatten gehabt hätte und da wir unſerer gegen vierzig zählten, auch drei bis vier Tage emſig be⸗ ſchäftigt waren, ſo brachten wir ein hübſches Stück zu Stande * — G ⸗ 425 und man konnte wohl ſagen, daß die Inſel nun ganz in Ord⸗ nung war. Marble ließ ſich dieſe Zeit über nur ſelten unter uns blicken. Er beklagte ſich beinahe darüber, daß ich ihm nichts mehr zu thun übrig laſſen wollte, doch konnte ich recht wohl bemerken, daß er durch die Theilnahme, die wir für ſein Wohlergehen an den Tag legten, tief gerührt war. Das franzöſiſche Langboot war ſchon früher zur Verbindung zwiſchen Wrack und Küſte benützt worden und wir fanden es noch eben da, wo es von ſeinen urſprünglichen Beſitzern verlaſſen worden war, nämlich auf der Leeſeite des Ei⸗ landes, dem Schiffe gegenüber, vor Anker. Das Boot war das Letzte, worauf ich mein Augenmerk richtete: ich ſorgte dafür, es in ſolchen Zuſtand zu ſetzen, daß Marble nöthigen Falles auf dieſer ruhigen See nach einer anderen Inſel überſchiffen konnte, wenn er ſeine Einſamkeit einmal verlaſſen wollte. Ich verfuhr dabei folgender Maaßen: Das Boot war groß, mit Kupfer beſchlagen und mit zwei Sturmſegeln verſehen. Ich hatte beide Maſten mit Raaen, Segeln, Schooten u. ſ. w. vollſtändig aufgetackelt, einſetzen laſſen; dann wurde noch rings um die ganze Außenſeite des Boots, wenige Zoll unter dem Setzbord, ein ſtarkes Tau umgeſchlungen und feſt ange⸗ nagelt. An dieſem Tau hing eine Anzahl Leinen, am unteren Ende mit Augen verſehen, durch welche ich eine Art von Rückreep ſchlang, das auch noch durch die Augen einiger Stieper lief, die feſt in die Doſten eingelaſſen waren. So gelang es mir, durch das Aufſetzen des Rückreeps das Boot unter den Schutz des Schanzkleids zu ſtellen, das ſich überdies ſoweit einwärts neigte, daß zwiſchen beiden Seiten ein offener Durchgang von halber Boots⸗ breite übrig blieb. An das Rückreep und die Leinen waren ferner noch Preſenningen angehalt, welche mit dem unteren Rand dicht an der Außenſeite des Bootes feſthielten. ² Stütze. D. U. 426 Durch dieſe Einrichtung wurde es möglich gemacht, daß ſelbſt eine Sturzſee hereinbrechen oder eine Woge gegen das Boot an⸗ prallen konnte, ohne es ſtark mit Waſſer zu füllen— wenn näm⸗ lich Alles an ſeinem Platz und gehörig geſichert war; ſie verdoppelte ſeine Sicherheit in dieſem Betracht— und das war das Wichtigſte — neben dem, daß ſie auch noch den Vortheil eines Halbdecks und Sitzbords gewährte. Eine recht ſchwere Woge konnte freilich Alles mit ſich fortreißen; ſolche Wogen mußten aber auch unter ſonſtigen Umſtänden das Boot aller Wahrſcheinlichkeit nach voll füllen, denn ein derartiges Fahrzeug konnte nur in ſeiner Schwimmkraft Sicher⸗ heit finden und dieſe zu mehren, trugen wir ſoviel bei als dies bei einem unbedeckten Nachen nur immer möglich war. Marble beobachtete mich mit ziemlichem Intereſſe, während ich dieſe Veränderungen an ſeinem Boote beaufſichtigte— ich hatte meine Abſicht ausgeſprochen, am nächſten Morgen unter Segel zu gehen und der Major hatte ſich mit Emilien bereits an Bord be⸗ geben— da nahm er mich am Abend unter'm Arm und führte mich mit dem Eifer eines Mannes, welcher dringende Geſchäſte hat, von dem Platze weg. Ich konnte bemerken, daß er tief er⸗ griffen war, ſeine Hand zitterte, ſo lange ſte meinen Arm umfaßt hielt, und ich hatte große Hoffnung, ihn eine Aenderung ſeines Vorſatzes ankündigen zu hören. „Gott ſegne Euch, Miles— Gott ſegne Euch, theurer Junge!“ brachte er mit Mühe heraus, ſobald wir den Andern außer Gehör⸗ weite waren.„Wenn ein Menſch mir Sehnſucht nach der Welt einflößen könnte— ſo wäre es ein ſolcher Freund, wie Ihr mir ſeid. Ich könnte fortleben ohne Vater und Mutter, ohne Bruder oder Schweſter, ohne Segel, ohne das Vertrauen meiner Schiffseigner, ja ſogar ohne guten Namen, wenn ich nur ſicher wäre, unter jedem Tauſend Menſchen, auf die ich ſtieße, einen Burſchen wie Euch anzutreffen. Aber ſo jung Ihr auch ſeid, ſo wißt Ihr doch, wie's um die Menſchen ſteht und ich brauche alſo nichts weiter hievon zu —. N 8&ᷣ RN — XK 8 ☛̈ꝑ 3 427 ſagen. Alles was ich jetzt noch verlange, iſt, daß Ihr endlich mit Eurem ‚wir wollen's ihm behaglich einrichten:— wie Ihr's nennt — ein Ende macht, ſonſt bleibt mir ja nichts mehr zu thun übrig. Ich kann dieſes Boot ſo gut wie Jeder auf der Kriſis ausrüſten— das ſollt Ihr mir nicht vergeſſen.“ „Das weiß ich recht gut, mein Freund; nur bin ich nicht eben ſo gewiß, daß Ihr's auch thun würdet. In dieſem Boote, das hoffe ich immer noch, werdet Ihr uns in die See hinaus folgen, um wieder an Bord zu uns zu kommen und Eure alte Stelle als Kommandant einzunehmen.“ Marble ſchüttelte den Kopf und mochte wohl an meinem Tone merken, daß ich keine ernſtlichen Erwartungen dieſer Art hegte. Schweigend gingen wir eine Strecke weiter, bis er endlich wieder das Wort nahm. „Miles, lieber theurer Junge, Ihr müßt mich auch von Euch hören laſſen!“ ſprach er plötzlich mit einem Nachdruck, welther be⸗ wies, wie ſehr ſein Gemüth erſchüttert war. „Von mir hören laſſen! Sagt mir doch, wie ſoll das zugehen? Ihr könnt doch nicht erwarten, daß der Generaloberpoſtmeiſter eine Packetroute zwiſchen New⸗York und dieſem Eilande einrichte?“ „Pah! ich werde nachgerade alt und verliere mein Gedächtniß. Ich habe eben über Freundſchaft und dergleichen verallgemeinert und ſo ſind die Gedanken mit mir durchgegangen. Ich weiß frei⸗ lich, wenn Ihr mir aus den Augen ſeid, ſo bin ich ganz von der Welt abgeſchnitten— werde vielleicht nie mehr ein menſchliches Antlitz erblicken. Was thuts aber auch? Meine Zeit kann ohnehin nicht mehr lange dauern und ich habe ja die Fiſche, Vögel und Schweine, mit denen ich ſprechen kann. Die Wahrheit zu ſagen, Miles, Miß Merton ſchenkte mir geſtern ihre eigene Bibel und zeigte mir auch auf meine Bitte die Stellen, welche von jenem Moſes am Binſenſtrande erzählen: ich habe ſie ſo eben überleſen und kann nun recht wohl begreifen, warum ich Moſes genannt wurde.“ 428 „Aber Moſes hielt nicht für nöthig blos darum, weil er unter den Binſen gefunden wurde, ſich in einer Wüſte oder auf einer unbewohnten Inſel zu vergraben.“ „Jener Moſes hatte auch keine Urſache, ſich ſeiner Eltern zu ſchämen: es war Furcht und nicht Schande, was ihn in die Ab⸗ trift brachte. Auch iſt es jenem Moſes nie begegnet, daß ein ſchönes, ſtattliches Schiff wie die Kriſis, mit einer guten tüchtigen Beman⸗ nung von vierzig Matroſen an Bord— von einem Haufen lumpiger Franzoſen überfallen wurde.“ „Ei, Marble, Ihr habt zu viel Verſtand, um auf ſolche Weiſe zu ſprechen. Zum Glück iſt es noch nicht zu ſpät, Euren Sinn zu ändern; ich will dann den Leuten zu verſtehen geben, daß Ihr endlich auf mein Zureden hin eingewilligt habet.“ Dies war der Anfang eines letzten Anlaufs, worin ich meinen Freund zu bewegen ſuchte, ſein tolles Vorhaben aufzugeben. Wir ſtritten uns eine volle Stunde, bis ich Athem und Beweisgründe — Alles ohne den mindeſten Erfolg verſchwendet hatte. Ich machte ihn auf die jammervolle Lage aufmerkſam, in welche er im Falle einer Krankheit gerathen müſſe— aber bei einem Manne, der ſein Leben lang nie einen Augenblick Kopfweh verſpürt hatte, blieb dieſer Grund ohne Wirkung. Um Geſellſchaft kümmerte er ſich nicht einen Strohhalm, wenn er am Lande war, wie er ſich oft rühmte, und was eine völlige Einſamkeit bedeute, das vermochte er bis jetzt noch nicht zu würdigen. Ein paar Mal ließ er Bemerkungen fallen, als ob er es für möglich hielte, daß ich eines Tags wieder zurück⸗ kehrte; doch ſchien dies mehr im Scherz als in wirklichem Ernſte zu geſchehen. Es entging mir nicht, daß der ergebungsvolle Ein⸗ ſiedler ſeine ſchlimmen Ahnungen hatte; allein ein förmliches Ge⸗ ſtändniß war hierin nicht von ihm zu erlangen. Ich konnte ihn blos noch daran erinnern, daß das Schiff am nächſten Morgen un⸗ widerruflich abſegeln müſſe, da ich die Intereſſen der Eigenthümer nicht länger vernachläßigen dürfe. 429 „Ich weiß das, Miles,“ entgegnete Marble,„und Ihr braucht kein Wort mehr darüber zu verlieren. Eure Leute ſind mit ihrer Arbeit zu Ende und da kommt Neb, um Euch zu melden, daß das Boot ſegelfertig iſt. Ich will's heute Nacht allein am Land ver⸗ ſuchen; morgen, denk ich, werdet Ihr einem alten Schiffsgenoſſen zum letzten Male die Hand drücken wollen und mich natürlich an der Waſſerſeite aufſuchen. Gute Nacht! Ehe wir uns übrigens trennen, will ich Euch noch meinen Dank ſagen für den Kleider⸗ vorrath, den Ihr, wie ich ſehe, in meiner Hütte zurückgelaſſen habt. Es war kaum von Nöthen, denn ich habe Nadeln und Faden genug, um mir eine ganze Kleiderbude herzurichten und das alte Segeltuch, das der Franzmann zurückgelaſſen, wird mich für den Reſt meiner Tage mit Jacken und Beinkleidern verſehen. Gute Nacht, mein theurer Junge! Gott ſegne Euch!— Gott ſegne Euch!“ Es war beinahe ſchon dunkel, doch konnte ich wohl bemerken, daß Marble's Augen feucht waren und fühlte, wie ſeine Hand aber⸗ mals zitterte. Ich verließ ihn nicht ohne die Hoffnung, die Ein⸗ ſamkeit dieſer Nacht— der erſten, in der er ſich ſelbſt überlaſſen war— werde es doch noch dahin bringen, daß ſeine Sehnſucht nach einem Einſiedlerleben verſtummte. Beim Schlafengehen wurde ausgemacht, daß mit Tagesanbruch ſämmtliche Matroſen aufgerufen und die Anker gelichtet werden ſollten. Talcott weckte mich zur bezeichneten Stunde. Ich hatte ihn zum Oberſteuermann und einen von den Philadelphiern zum zweiten Offizier ernannt: letzterer war ein junger Mann, der jede für ſeine Stellung erforderliche Eigenſchaft und noch eine mehr, als nöthig war— nämlich eine Vorliebe für den Trunk beſaß. Uebrigens läßt ſich am Borde eines Schiffes, wo eine tüchtige Disciplin ge⸗ handhabt wird, mit Trinkern immer noch erträglich auskommen. In dieſer Beziehung ſollte Neptun ein gründlicher Sittenlehrer ſeyn, denn in der Regel ſchickt man junge Leute zur See, um ſie von den meiſten ſittlichen Gebrechen zu heilen. 430 Talcott erhielt die Weiſung die Anker zu lichten und ſtagweiſe einzuwinden. Ich ſelbſt ſprang in ein Boot und ruderte ans Ufer, um den letzten kräftigen Verſuch bei Marble zu wagen. Bei unſerer Ankunft ließ ſich Niemand auf dem Eilande blicken: die Schweine und Hühner waren übrigens bereits in Bewegung und verſammelten ſich nahe vor Marble's Hausthüre, wo dieſer fie um dieſe Stunde— das Geflügel meiſt mit Zucker— zu füttern pflegte. Ich ging auf die Thüre zu, öffnete ſie, trat ein— Alles leer! So war alſo der Herr des Hauſes auf und bereits ausge⸗ gangen: wahrſcheinlich hatte er eine ſchlafloſe Nacht durchwacht und ſuchte ſich in der kühlen Morgenluft zu erfriſchen. Ich ſchaute mich in dem anliegenden Wäldchen, am äußeren Strande und auf ſeinen meiſten Lieblingsplätzen nach ihm um— nirgends war er ſichtbar. Etwas ärgerlich darüber, daß ich in einem Augenblick, da wir mit der Zeit ſo ſehr gedrängt waren, einen ſo weiten Weg vor mir hatte, wollte ich eben meinen Wald⸗ pfad bis zu einem fernen Punkte des Eilandes verfolgen, wo Marble bei düſterer Stimmung häufig zu treffen war— als meine Schritte durch einen zufaͤlligen Blick auf die Lagune gehemmt wurden. Ich vermißte nämlich das franzöſiſche Langboot, das ich den Tag zuvor zum beſonderen Vortheil des künftigen Einſiedlers mit ſo viel Sorgfalt hatte auftackeln laſſen. Es war ein großes Boot, das zur Aufnahme eines ſchweren Ankers erbaut war und ich hatte es an einem kleinen Außenanker ſo ſicher vor die Küſte gelegt, daß der Gedanke, es könnte bei ſo ruhiger Witterung ohne Hülfe von Menſchenhänden triftig geworden ſeyn— von ſelbſt wegfiel. Haſtig ſtürzte ich nach dem Waſſer, eilte in mein eigenes Boot und fuhr geraden Wegs an Bord. Sobald ich das Schiff erreichte, wurden ſämmtliche Matroſen verleſen— Alle waren da, jeder auf ſeinem Poſten. Daraus folgte, daß Marble das Boot allein aus der Lagune geführt haben mußte. Die Leute, welche die Nacht über die Ankerwache gehabt 431 hatten, wurden über die Sache befragt; aber Keiner hatte auf dem Langboot eine Bewegung geſehen oder gehört. So gab ich Mr. Talcott den Befehl, ſeinen Dienſt fortzuſetzen, während ich ſelbſt auf den Mars ſtieg, um in die See hinauszuſchauen. Bald ſtand ich auf den großen Marskreuzhölzern, von wo ich die ganze Inſel, mit Ausnahme weniger Winkelchen, überſehen konnte und die See bis zum Riffe und noch eine weite Strecke darüber hinaus im Auge hatte.— Nirgends war etwas von dem Boote oder von Marble wahrzunehmen: es ſchien kaum moͤglich, daß er ſich hinter dem Wrack verborgen hatte, und ich ſah auch, nicht ein, wie er dies hätte thun können, wenn er nicht etwa die Vorſicht gebraucht und die Bootsmaſten gekappt hätte. Mittlerweile war unſer letzter Anker gelichtet und das Schiff völlig grundklar; die Marsſegel waren ſchon, ehe ich hinaufſtieg, aufgehißt worden und Alles ſtand nun zum Füllen bereit. Ich war zu geſpannt, um aufs Deck hinabzugehen; auch bot mir meine er⸗ höhte Stellung das beſte Mittel, mich von dem Vorhandenſein von Riffen zu überzeugen, und ich beſchloß deßhalb, auf meinem bis⸗ herigen Poſten zu bleiben und das Schiff in eigener Perſon durch die Marsöffnungen zu kommandiren. So gab ich alſo den Befehl, den Klüver einzuſetzen, die Vorraaen herumzuſchweien und den Brodwinner auszuſtecken. In einer Minute war die Kriſts in Bewegung und ſchwamm in ſtetem Laufe gegen den Einlaß. Die Lagune war nicht ganz ohne Gefahr, da die Korallenriffe an manchen Stellen faſt bis zur Oberflaͤche des Waſſers heraufreichten, und ich mußte deshalb alle Aufmerkſamkeit auf mein Lootſenamt richten, bis wir in die äußere Bai gelangten, wo dieſe eigenthümliche Gefahr zum großen Theile verſchwand. Nun erſt konnte ich mich wieder frei umſehen— aber auch jetzt, nachdem wir unſere Stellung gegen das Wrack ſo weit ge⸗ ändert hatten, daß wir es von der andern Seite überſehen konnten, 4³² war kein Langboot dahinter zu bemerken. Das Schiff hatte mittler⸗ weile eine Durchfahrt durch das Riff erreicht, und ich hegte wenig Hoffnung, meinen Freund dort zu finden. Wir waren ſeit der Zeit mit den Kanälen zu bekannt gewor⸗ den, als daß die Führung des Schiffs durch dieſelben uns noch Schwierigkeiten geboten hätte, und ſo ſtanden wir bald ungefährdet auf der Windſeite des Riffs. Unſer Curs lag aber leewaͤrts davon, und wir fuhren unter denſelben leichten Segeln rund um den ſüdlichen Rand der Felſen herum, bis wir dem Wrack auf halbe Kabellänge gegenüber kamen. Um meine Augen zu unterſtützen, rief ich noch Talcott und Neb zu mir herauf— aber Keiner von Beiden vermochte das Langboot mit einem Blicke zu erhaſchen. Auf dem Wrack war nichts zu bemerken, wiewohl ich die Vorſicht gebraucht und ein Boot dahin geſchickt hatte.— Alles umſonſt: Marble war ganz allein in des Franzmann's Boote in See geſtochen, und ob auch zwanzig Paar Augen nunmehr von oben hinausſchweiften— Niemand konnte ſich auch nur entfernt einbilden, daß er etwas, was einem Boote gliche, am Horizonte gewahrte. Talcott und ich hielten eine geheime Unterredung über den Kurs, welchen Marble wahrſcheinlicher Weiſe eingeſchlagen hatte. Mein Steuermann war der Meinung, unſer Freund werde ſich wohl nach einer der unbewohnten Inſeln auf den Weg gemacht haben, da er, nun es wirklich Ernſt wurde, nicht auf dem alten Eilande bleiben mochte und ſich doch ſchämte, wieder zu uns zu ſtoßen. Ich konnte dies kaum glauben, denn in dieſem Falle würde er — ſo glaubte ich— lieber unſere Abfahrt abgewartet haben, um dann das Eiland gleichfalls zu verlaſſen, ohne daß Jemand darum gewußt hätte. Talcott erwiederte hierauf, Marble habe vielleicht neue Vorſtellungen oder gar Zwang von unſerer Seite gefürchtet. Es ſchien mir aber unnatürlich, daß ein Mann, der ſeinen haſtigen Entſchluß bereute, einen ſolchen Weg eingeſchlagen haben ſollte, 43³ und doch wußte ich nicht, wie ich mir die Sache mehr nach meinem Sinne erklären ſollte. Jedenfalls beſaß ich kein Mittel, ſie zu hindern. Wir waren hier ſo ſehr im Dunkeln, als dies bei der Kenntniß des einzigen Umſtandes, daß der Vogel ausgeflogen war, nur immer möglich ſchien. Mehrere Stunden lang lavirten wir um das Riff herum, welche Zeit ich meiſt auf den Kreuzhölzern, eine Weile ſogar auf der Oberbramraa zubrachte. Einmal glaubte ich todt windwärts auf dem Occeane einen kleinen Fleck zu gewahren, der einem Boots⸗ ſegel glich; aber es flogen ſo viele Vögel umher und glänzten in den Sonnenſtrahlen, daß ich— wenn auch mit Widerſtreben— zu⸗ geben mußte, es werde wahrſcheinlich einer von dieſen ſeyn. So gab ich denn gegen Mittag Befehl, das Schiff wegzu⸗ vieren und in den rechten Kurs zu ſtellen: ich that es übrigens nur mit dem größten Widerwillen und nicht ohne lange in meinem Vorſatze geſchwankt zu haben. Das Schiff entfernte ſich raſch von dem Eiland und gegen zwei Uhr war die Linie der Kokosnußbäume, welche den Horizont hinter uns begräuzten, völlig unter unſerem wogenden Geſichtskreis verſunken. Von dieſem Augenblicke an gab ich die Hoffnung auf, meinen Moſes Marble je wieder zu ſehen— ein Gedanke, der uns noch mehrere Tage lang recht trüb ſtimmte. Major Merton und deſſen Tochter hielten ſich faſt dieſen ganzen Morgen auf dem Hinterſchiffe auf, ohne daß eines von Beiden ſich in unſere Nachſuchung gemengt haätte, da der Vater als alter Soldat mit der Mannszucht zu vertraut war, um über die Führung des Schiffs eine Meinung äußern zu wollen. Als wir uns aber bei Tiſche trafen, drehte ſich unſere Unterhaltung natürlich alsbald um das Verſchwinden unſeres alten Freundes. „Es iſt Jammerſchade,“ bemerkte der Major,„daß ſich Marble durch Stolz abhalten ließ, ſeinen Mißgriff einzugeſtehen, und da⸗ durch eine ſichere Ueberfahrt nach Canton verlor, wo er Euch Miles Wallingford. 28 434 verlaſſen und— falls es ihm nöthig ſchien— auf ein anderes Schiff hätte übertreten können.“ „Was wir vermuthlich daſelbſt gleichfalls thun werden, lieber Vater?“ ſetzte Emilie, wie mir ſchien, in ziemlich auffallender Weiſe bei,„um Kapitäͤn Wallingford nicht länger mit unſerer Anweſenheit läſtig zu fallen.“ „Mir?— ich bitte Euch, Miß Merton, nennt Eure koſtbare Geſellſchaft, wie Ihr wollt, nur eine Laſt ſollt Ihr ſie nicht nennen,“ ſiel ich haſtig ein.„Jetzt, da Mr. Le Compte für dieſe bequeme Kajüte geſorgt hat und Ihr ſelbſt nicht länger eingeengt ſeyd, moͤchte ich mich aus Gründen, die ich zum Theil nicht einmal ſagen möchte, des Vortheils und Vergnügens einer ſolchen Geſellſchaft um ſo weniger beraubt ſehen.“ Emilie ſchien erfreut, ihr Vater dagegen ſehr nachdenklich zu ſeyn. Nach kurzer Pauſe nahm übrigens der Major das Geſpräch wieder auf. „Ich ſollte mich allerdings verpflichtet fühlen,“ begann er, „wegen der Unruhe, die wir verurſachen, um Entſchuldigung zu bitten, beſonders ſeit ich von Wallingford erfahre, daß er weder für ſich, noch für ſeine Schiffseigner, auch nur für die Nahrung, die wir verzehren, eine Entſchädigung annehmen will— ich würde mich, wie geſagt, hiezu für verbunden erachten, wenn wir freiwillig und nicht vielmehr gezwungen hier wären. Sobald ich aber Canton erreiche, werde ich es als meine Pflicht anſehen, auf das nächſte engliſche Schiff, das uns aufnehmen kann, überzugehen.“ Ich warf einen verſtohlenen Blick anf Emilien, konnte mir aber den Ausdruck, den ihre Züge bei dieſer Ankündigung annahmen, nicht erklären. Ich proteſtirte natürlich feierlich gegen dieſe Abſicht des Majors, konnte aber außer meiner eigenen Dankbarkeit keinen genügenden Grund aufſinden, um ihn zu längerem Bleiben zu ver⸗ mögen. Ich durfte weder nach England noch nach Bombay gehen und nahm als ausgemacht an, daß Major Merton ſich ſogleich 43⁵ nach dem einen, wenn nicht nach beiden genannten Plätzen zu ver⸗ fügen wünſche. Wir beſprachen uns noch eine Zeit lang, wiewohl nur im Allgemeinen, über die Sache, und als ich die Hütte verließ, fiel es mir auf, daß Emiliens trübe Stimmung noch keines⸗ wegs abgenommen hatte. Wer eine ganze Hälfte des ſtillen Oceans zu durchziehen hat, findet einen langen Weg vor ſich. Woche an Woche verſtrich; Talcott und ich benützten jede paſſende Gelegenheit, um die Vor⸗ theile einer Geſellſchaft, welche uns der Zufall in den Weg geworſen hatte, in vollem Maaße zu genießen. Ich habe ohne Zweifel durch den beſtändigen Umgang mit den Merton's in meiner Bildung viel gewonnen, denn der Major war ein feiner, wenn auch nicht beſon⸗ ders glänzend begabter Mann, und daß zwei junge Leute von unſerem Stand und Alter täglich, ja beinahe ſtündlich in Geſellſchaft eines jungen Mädchens, wie Emilie Merton war, verweilen konnten, ohne Manches von dem rauhen, ſeemänniſchen Weſen abzulegen und dafür einige wenige von den feineren Salonseigenſchaften anzunehmen— das halte ich für rein unmöglich. Ich kann einen gewiſſen à Plomb und mein Freiſein von Schüchternheit im Umgange mit Frauen nur jenem langgewohnten Zuſammenleben mit einer Perſon dieſes Ge⸗ ſchlechts zuſchreiben— einer Perſon, welche in den Formen einer achtungswerthen, wenn auch nicht ſehr eleganten oder überfeinerten Geſelligkeit ſelbſt aufs Sorgfältigſte erzogen worden war. Endlich erreichten wir die chineſiſchen Gewäſſer und ſteuerten in raſchem Laufe windwärts gegen Canton. Es war jetzt für mich zur Nothwendigkeit geworden, für das Schiff und die Intereſſen der Eigenthümer zu ſorgen; meine Paſſagiere ließ ich zu Whampoa landen, nachdem wir noch zuvor mit einander ausgemacht hatten, daß wir uns vor der Abfahrt wieder treffen wollten. Das Sandelholz, ſo wie die Otternfelle brachte ich bald an den Mann, und verſchaffte mir ohne Schwierigkeit Thee, Nankin, Por⸗ zellan nebſt den übrigen Artikeln, wie ſie in des armen Kapitän 436 Williams' Inſtruktion verzeichnet waren. Ich benützte die Ge⸗ legenheit auch zu verſchiedenen Einkäufen auf eigene Rechnung, wie ſie, meiner Ahnung zufolge, der künftigen Gebieterin von Clawbonny— wer dieſe auch ſeyn mochte— beſonders angenehm ſeyn mußten. Die auf der Weſtküſte von Südamerika eingenom⸗ menen Thaler machten dieſe Einkäufe möglich, da unſere Inſtruktion den Kapitän berechtigte, einen Theil davon auf ſeine Rechnung zu verwenden und auch mein Privilegium als Schiffskommandant die Sache rechtfertigte. Mit einem Wort— mein ſechs⸗ bis achtwöchiger Aufenthalt zu Canton erwies ſich als hoͤchſt vortheilhaft für die Intereſſen der bei der Kriſisunternehmung Betheiligten. Sandelholz und Otterfelle ſtanden gerade beſonders hoch im Preiſe, während der Thee und die Landesmanufakturen eben damals ſehr wohlfeil waren. Ich hatte dabei durchaus kein Verdienſt, zog aber gleichwohl Vor⸗ theil von der Sache, ſofern ſchon mit dem bloßen Anſehen, das meine Reiſe mir verſchaffte, ein Vortheil verbunden war, denn wie im Krieg, ſo gilt auch im Handel der glückliche Erfolg für eine Haupt⸗ ſache. Ich arbeitete allerdings trotz einem Mühlknecht, denn meine Thätigkeit wurde durch das mir ganz neue Gefühl der Verantwort⸗ lichkeit noch geſtachelt, das meinen Eifer zu einem Grade ſteigerte, wie ich ihn in Beſorgung meiner eigenen Angelegenheiten gewiß nie bewieſen haben würde, und ich verdiente wohl einen Theil der Ehre, die mir ſpäter zu Theil ward. Jedenfalls war ich aber froh, als die Lucken endlich geſchloßen waren und das Schiff wieder ſegelfertig daſtand. 4 Es war mir jetzt eben ſo ſehr Pflicht als Vergnügen, Major Merton wieder aufzuſuchen, mit dem ich in den beiden letzten Mo⸗ naten blos ein oder zwei Mal zuſammengetroffen war. Er hatte dieſe Zeit zu Whampoa zugebracht, während ich mich entweder in den Faktoreien oder an Bord umgetrieben hatte. Der Major war bei meinem Beſuche eben beſchäftigt, und Emilie empfing mich alſo 437 allein. Als ſie erfuhr, daß ich zur Heimfahrt bereit und gekommen ſey, um Abſchied von ihnen zu nehmen, konnte ich leicht bemerken, daß ſie unruhig, wenn nicht gar traurig wurde. Auch ich fuͤhlte mich über die Trennung unglücklich, und nahm vielleicht weniger Anſtand, es geradezu einzugeſtehen. „Gott allein weiß, Miß Merton, ob es uns je geſtattet werden wird, uns wieder zu ſehen,“ begann ich, nachdem die einleitenden Erklärungen vorüber waren. Der Leſer wird ſich erinnern, daß ich jetzt ein alter Mann bin und daß die Eitelkeit nicht mehr jenen Einfluß auf mich aus⸗ übt, den man damals, bei jugendlicheren Hoffnungen und Gefüh⸗ len, wohl eher vorausſetzen dürfte; auch wird er nicht vergeſſen, daß ich Thatſachen erzähle, ohne deren Wirkung auf mich ſelbſt zu berückſichtigen— den allgemeinen Vorbehalt einiger noch anklebender menſchlicher Schwächen natürlich abgerechnet. Ich hoffe deshalb auch nicht mißverſtanden zu werden, wenn ich manchmal für noͤthig finde, auf die Achtung, in der ich offenbar bei andern ſtand, anzuſpielen. Emilie fuhr betroffen zuſammen und erblaßte, als ſie meine Bemerkung über die muthmaßliche Dauer unſerer bevorſtehenden Trennung vernahm. Ihre weiße Hand zitterte, ſo daß ſie nur mit Mühe die Nadel zu führen vermochte, und das reizende Mädchen zeigte eine Aufregung und Betrübniß, wie ich ſie nie zuvor an ihr geſehen hatte— ſie die ſonſt in ihrem Benehmen ſo viel Selbſtbeherr⸗ ſchung und Ruhe an den Tag legte. Jetzt weiß ich, warum ich mich dem bezaubernden Weſen nicht zu Füßen warf und ſie um ihre Einwilligung dazu bat, mich nach Amerika zu begleiten, wiewohl ich mich ſpäter, wenn ich ruhig über alles Vorgefallene nachdachte, über meinen Stoicismus wundern mußte. Ich will nicht behaupten, daß ich Emiliens Bewegung ganz allein auf mich bezog, muß aber geſtehen, daß meine Unfähigkeit, ſie auf irgend eine andere Weiſe zu erklären— mir hoöchſt angenehm war. Major Merton's Eintritt in dieſem Augenblicke verhinderte 438 Alles, was einer Scene ähnlich ſah und brachte wahrſcheinlich uns Beiden zum Bewußtſein, daß eine ruhige Außenſeite uns Noth thue. Der Major ſelbſt war augenſcheinlich gleichfalls in Verlegenheit— es mußte etwas vorgefallen ſeyn, was ihn beunruhigte. Dies war ſo unläugbar, daß ich die Unterredung mit der Frage begann, ob er ſich unwohl befinde. „Immer gleich, fürcht' ich, Miles,“ gab er zur Antwort; „mein Arzt hat mir ſoeben offen erklärt, daß er— wenn ich nicht ſo bald wie möglich in ein kaltes Klima gelangte, mein Leben keine ſechs Monate mehr zu friſten hoffen könne.“ „Dann geht mit mir unter Segel, Sir,“ rief ich mit einem Eifer und einer Herzlichkeit, welche für meine Aufrichtigfeit zeugten. „Zum Glück komme ich mit meinem Antrag nicht zu ſpät und was die Abfahrt betrifft, ſo bin ich ſchon morgen ſegelfertig!“ „Die Naͤhe von Bombay iſt mir verboten,“ fuhr der Major mit einem ängſtlichen Blick auf ſeine Tochter fort,„und ich muß alſo dieſe Stelle aufgeben. Wenn ich ſie auch behalten könnte, ſo ſteht jedenfalls keine Möglichkeit in Ausſicht, meinen Poſten noch in dieſem Halbjahre zu erreichen.“ „Um ſo beſſer für mich, Sir. In vier bis fünf Monden von jetzt an lande ich zu New⸗York, wo Ihr das Klima für jede Krank⸗ heit kalt genug finden werdet. Ich lade Euch ein als Freunde— als Gäͤſte— nicht als Paſſagiere und zum Beweiſe hiefür ſoll der Tiſch in der oberen Kajüte auch der meinige ſeyn. In der un⸗ teren habe ich kaum den nöthigen Raum zum Schlafen und An⸗ kleiden, ſo voll ſteckt ſie von eigenen Habſeligkeiten, wie mein Vorrecht es geſtattet.“ „Ihr ſeyd eben ſo gütig als großmüthig, Miles; was werden aber Eure Schiffseigner von einer ſolchen Anordnung denken?“ 4 „Sie haben kein Recht ſich zu beklagen. Kajüte und Paſſa⸗ giere— wenn ich welche bekomme— gehören mir laut Kontrakts nach Abzug einer ſehr geringen Vergütung für die Schiffsportion 439 1 ns an Nahrung und Waſſer; alle beſſere Koſt verſchaffe ich mir auf ie. meine Rechnung, und wenn Ihr die Eigenthümer für die geringere, — wie ſie dieſelbe finden werden— durchaus entſchädigen wollet, ſo ar könnt Ihr das thun: im höchſten Falle wird es nicht einmal hun⸗ ob dert Thaler betragen.“ „Auf dieſe Bedingungen hin werde ich Euer Anerbieten mit t; Dank annehmen, wobei ich mir nur noch eine weitere ſtelle, die ht Ihr hoffentlich erfuͤllen dürft. Es iſt von Wichtigkeit für mich, ie England zu erreichen— könnt Ihr St. Helena berühren?“ .„Herzlich gerne, wenn Ihr es wünſcht. Ueberdies kann die n Geſundheit meiner Mannſchaft es nothwendig machen.“ 1.„Dort will ich Euch dann verlaſſen, wenn ſich anders eine 8 Gelegenheit zur Fahrt nach England darbietet. Unſer Handel iſt alſo geſchloſſen, lieber Miles; morgen ſollt Ihr mich zur Ein⸗ ſchiffung bereit finden.“ Ich glaube, Emilie hatte noch nie ſo ſchön ausgeſehen, als da ſie unſerem Uebereinkommen zuhörte: ohne Zweifel fühlte ſie ſich dadurch der peinlichen Sorge um ihres Vaters Geſundheit und wohl auch der Befürchtung unſerer eigenen alsbaldigen Trennung 1 enthoben. Monate mußten verſtreichen, bevor wir St. Helena er⸗ reichten und wer konnte vorausſehen, was dieſe Zeit mit ſich brin⸗ gen werde? Da ich in einem ſolchen Augenblicke Vieles zu thun hatte, ſo empfahl ich mich— mein Herz war gleichſam von einer ſchweren Laſt erleichtert. Der Leſer wird nun ohne Weiteres annehmen, ich ſey verliebt geweſen. Er irrt ſich aber— ich war es nicht, nur meine Phan⸗ taſie war„ſtark in Verſuchung“— um mich mit der Phraſeologie einer unſerer Sekten zu bedienen. Selbſt damals beſaß Lucy einen Anhalt in meinem Herzen, deſſen Skärke mir ſelbſt unbekannt war; allein es lag nicht in der Natur eines Jünglings, der ſich erſt ſeiner Volljährigkeit näherte, Monat auf Monat faſt ganz allein an der Seite eines liebenswürdigen Mädchens zu verleben, — ⏑ 440 das ein paar Jahre jünger war als er, ohne daß ſeine Gefühle einen gewiſſen Grad von Zärtlichkeit gegen ſie angenommen hätten. Die Umſtände waren der Art, daß ſie ſogar die Standhaftigkeit des treueſten Schaͤfers, der jemals lebte, auf die Probe ſtellen mochten. Dann darf man auch nicht vergeſſen, daß ich Lucy meine Liebe niemals eingeſtanden hatte— daß ich überhaupt nicht wußte, ob ſie für mich ein anderes Gefühl hegte als ſie es für Ru⸗ precht nährte, wogegen Emilie— doch, was ich auch in jenem Augenblicke in meiner eigenen Einbildung geweſen ſeyn mag, auf dem Papier mag ich jedenfalls nicht die Rolle eines eingebildeten Laffen ſpielen. Am nächſten Tage zur beſtimmten Stunde hatte ich das Glück, meine früheren Paſſagiere wieder einzunehmen. Es ſiel mir auf, daß Talcott ſich eben ſo ſehr, wie ich ſelbſt darüber freute, denn auch er fand Vergnügen wie Veredlung in Emilie Merton's Ge⸗ ſellſchaft. Es wurde ſchon oft geſagt, daß ſich die engliſchen Oſtindienfahrer durch Händelſucht und Verliebtheit auszeichneten. Streitſucht wie Liebelei laſſen ſich durch einen und denſelben Grund— naͤmlich durch die enge Nachbarſchaft erklären, welche in heftigeren Naturen Feindſeligkeiten entzündet, während ſie in ſanf⸗ teren Gemüthern das entgegengeſetzte Gefühl hervorruft. Wir gingen unter Segel und ich brauche dem Leſer wohl kaum zu ſagen, wie ſehr die Langweile einer ſo langen Reiſe— die Ein⸗ förmigkeit einer See⸗Reiſe durch die Annehmlichkeiten und die feine Unterhaltung unſerer Oberkajüte gewürzt wurden. Da das andere Gemach ſo heiß und überfüllt war, ſo brachte ich meine Zeit größ⸗ tentheils in der Hütte zu, welche eben ſo geräumig als luftig war. Hier fand ich in der Regel Vater und Tochter beiſammen, oft aber auch die Letztere allein. Ich ſpielte ziemlich erträglich Flöte und Violine und lernte Emilien auf dem Piano begleiten, das Monſieur Le Compte, wie man ſich erinnern wird, aus dem Bombayſchiff auf ſein eigenes hatte transportiren laſſen und welches ſpäͤter aus 441 dem Wrack gerettet worden war. Talcott ſpielte gleichfalls Flöte und zwar weit beſſer als ich; wir machten häufig Trio's und brachten eine recht hübſche Seemuſik zuwege— weit beſſer in der That, als Neptun ſie ſo oft für ſein Lächeln erhält. Auf dieſe Weiſe legten wir den langen Pfad zurück, manchmal durch widrige Winde und Stürzſeen, zuweilen durch Windſtillen aufgehalten und dann wieder mit einer Schnelliigkeit dahingleitend, welche Jedermann zufrieden und glücklich ſtimmte. Als wir durch die Straße von Sunda fuhren, erzählte ich dem Major und Emilien jene Affaire des John mit den Proen und den ſpäteren Untergang des Schiffs bei der Inſel Madagascar; ich wurde durch das Intereſſe, mit welchem ſie meinen Bericht anhörten, dafür belohnt. Wir ſprachen alle von Marble— was überhaupt oft geſchah— und drückten unſer Bedauern über ſeine Abweſen⸗ heit aus.. Das Schickſal meines alten Schiffskameraden wurde überhaupt häufig unter uns beſprochen und es herrſchte in dieſem Punkte große Meinungsverſchiedenheit. Der Major meinte, der arme Marble müſſe ſich auf der See verirrt haben, denn er konnte nicht begreifen, wie ein einzelner Mann kin Boot ganz allein ſollte lenken können. Talcott, welcher beſſere Vegriffe von dem Leiſtungsvermöͤgen eines Seemannes hatte, war der Meinung, unſer ehmaliger Kommandant habe ſich wohl leewärts gewendet in der Hoffnung eine unbewohnte Inſel aufzufinden, da er im Augenblick der Probe ſogar die Ge⸗ noſſenſchaft von Kannibalen einer völligen Einſamkeit vorgezogen haben werde. Ich glaubte, er ſey windwärts gezogen, wozu das Boot ſo gut ausgerüſtet war, in der Erwartung auf einen der Wallfiſchfänger zu ſtoßen, welche bekanntlich in gewiſſen Breiten kreuzten. Am Abend jenes Tages, da wir die Sundaſtraße paſſirten, wurde ich übrigens durch eine Bemerkung Emiliens höchlich betroffen. „Wenn die Wahrheit jemals an den Tag käme, ihr Herrn,“ ſagte ſie,„ſo würde ſich meiner Meinung nach wohl herausſtellen, daß 442 der arme Marble das Eiland blos deßhalb verließ, um Eurem Zu⸗ reden zu entgehen— daß er nach dem Verſchwinden der Kriſis wie⸗ der dahin zurückkehrte und noch in dieſem Augenblicke dort iſt, um das volle Glück eines Einſiedlers zu genießen.“ Dies konnte recht wohl wahr ſeyn und von jener Stunde an kam mir der Gedanke öfter in den Sinn. Da ich vorausſichtlich wenigſtens noch einige Jahre zur See zuzubringen hatte, ſo faßte ich innerlich den Entſchluß, wenn ſich je eine Gelegenheit dazu dar⸗ böte, mich ſelbſt von dem Verhalten der Sache zu überzeugen. Die Kriſis hatte mittlerweile einen Theil des Oceans erreicht, wo einem Schiffsbefehlshaber dazumal die Pflicht oblag, ein wach⸗ ſames Auge auf etwaige Feinde zu haben. Auch wir waren, ſcheint es, nicht dazu beſtimmt, ganz unbeläſtigt zwiſchen dieſen Seeräubern Spießruthen zu laufen, denn früh am nächſten Morgen wurde ich von Talcott mit einem herzhaften Rütteln aufgeweckt. „Steht ſogleich auf, Kapitän Wallingford,“ ſchrie mein Ober⸗ ſtenermann;„die Schufte umzingeln uns wie die Krähen einen Leich⸗ nam. Das Unglück will noch dazu, daß wir weder Seeraum noch Briſe übrig haben und Alles hat den Anſchein, als ob wir einen geſchäftigen Morgen bekämen, Sir.“ Kaum waren drei Minuten ſeit jenem Augenblicke verfloſſen, ſo ſtand ich ſchon auf dem Verdeck; auch die Matroſen taumelten herauf, die Jacken noch in der Hand haltend und bald waren alle beiſammen. Major Merton befand ſich bereits auf dem Quarter⸗ deck und beobachtete die Scene durch eines ſeiner Gläſer, während die beiden Steuermänner die Kanonen klar machten und das Schiff in gehörigen Vertheidigungszuſtand ſtellten. Für mich war unſere Lage völlig neu. Ich hatte zwar ſchon ſechsmal im Angeſichte des Feindes und zwar zweimal als Schiffs⸗ Befehlshaber geſtanden— noch nie aber unter Umſtänden, welche die Gewandtheit und Umſicht eines vollendeten Seemannes ſo gebie⸗ teriſch von mir verlangten. Das Meer ſchien von Feinden zu wim⸗ — AI n 443 meln und Major Merton erklärte, er könne nicht weniger als acht⸗ undzwanzig Proen— alle mit zahlreicher Bemannung, einige ſo⸗ gar mit Geſchütz verſehen— zuſammenzählen. Die Burſche tauch⸗ ten vorn, hinten, wind⸗ und leewärts auf und was das Schlimmſte war— ſie hatten gerade ſo viel Wind, als ſie für ihre Zwecke bedurften, denn es wehte eben eine friſche Fünfknotenbriſe. Es war augenſcheinlich, daß die Fahrzeuge im Einklange mit einander handelten und ganz verzweifelt auf unſere Eroberung erpicht ſeyn mußten, da ſie uns während der Nacht auf dieſe Art umzin⸗ gelt hatten. Gleichwohl war die Kriſis für einen Kauffahrer ein warmes Schiff, und Keiner unter der Mannſchaft ließ ein Gefühl blicken anders, als ob er einzig den Wunſch hegte:— bis aufs Aeußerſte Widerſtand zu leiſten. Neb vollends grinste die ganze Zeit über in heller Freude, denn ihm kam die Sache wie eine Art Spaß vor. Und dieſer Neger ſcheute ſich, auf meinem Gute zu Clawbonny gewiſſe Plätze im Dunkeln zu beſuchen und hätte ſich ganz gewiß nicht dazu bewegen laſſen, auch beim hellſten Sonnen⸗ ſchein allein über einen Kirchhof zu gehen! Er bot die ſonderbarſte Miſchung abergläubiſcher Furchtſamkeit und löwenherzigen Muthes dar, die ich in meinem ganzen Leben getroffen habe. Es war noch früh am Tag, als uns die Proen ſo nahe kamen, daß ſie ernſtlich mit ihren Operationen beginnen konnten: plötzlich donnerten uns faſt gleichzeitig ungefähr ein Dutzend Ka⸗ nonen entgegen, meiſt Sechspfünder, welche ſie vorn auf den Bügen führten. Die Kugeln fuhren pfeifend von allen Seiten unter unſer Spieren⸗ und Tackelwerk; drei ſchlugen ein, ohne übrigens bei ihrem geringen Caliber bedeutenden Schaden anzurichten. Unſere Leute ſtanden auf ihren Poſten; ihre Zahl hatte ge⸗ rade ausgereicht, um beide Batterien zu bemannen, wobei aber kaum Einer zur Beſorgung der Braſſen und der Tackelage übrig blieb und Niemand als die Offiziere mit Handwaffen verſehen war. 444 Mr. Merton mußte wohl fühlen, daß ſeine und ſeiner Tochter Freiheit, wenn nicht ihr Leben, in der Hand eines ſehr jugendlichen Kommandanten ruhten; gleichwohl waren ſeine militäriſchen Ge⸗ wohnheiten im Punkte der Subordination ſo ſtreng, daß er nicht die leiſeſte Andeutung zu geben wagte. Ich hatte meinen eigenen Plan und ſtand in einem Alter, wo ich meinem Range zu vergeben fürchtete, wenn ich irgend Jemand um Rath gefragt hätte. Die Proen waren vorn und auf beiden Bügen am zahlreichſten, wo ſich ihrer faſt zwanzig ſammelten, offenbar in der Abſicht bei der nächſten beſten Gelegenheit die Kriſis zu entern; hinten und an dem Schiffsquartier waren ihrer viel weniger und auch dieſe weit mehr zerſtreut. Der Grund hievon ließ ſich ganz deutlich durch unſeren Kurs erklären, indem die Piraten natürlich voraus⸗ ſetzten, daß wir dieſen beibehalten würden. Ich gab nun Befehl, das große Segel aufzuhalen und die Brodwinnergeitaue zu bemannen; hiezu wurde ausſchließlich nur die Mannſchaft der Steuerbordbatterie beordert. Sobald Alles be⸗ reit war, wurde das Steuer aufgerichtet, das Schiff ſo kurz wie möglich auf dem Kiele gedreht und in der andern Windvierung an leichter Bolinie gehalt. Im Umwenden feuerten wir alle Backbord⸗ kanonen, mit Kartätſchen wohl geſpickt, gegen die Maſſe der Feinde und da die Entfernung dieſen Geſchoſſen ihre volle Ausbreitung ge⸗ ſtattete, ſo blieb unſere Salve nicht ohne Wirkung. Sobald wir auf die andere Windvierung gebraßt hatten, ließen wir Steuerbord⸗ und Backbordbatterie ſpielen gegen Alles, was uns in den Wurf kam und bahnten uns ſo freien Weg durch die Schufte. Die vorderſten Proen drehten raſch bei, um auf uns Jagd zu machen, waren aber ſchon eine halbe bis eine ganze Meile hinter uns, ſo daß wir uns durch ihren Kreis glücklich Bahn brachen und die gegenüberſtehenden Feinde vor uns her treiben konnten, bis ſte alle unter der Maſſe ihrer Kameraden Schutz ſuchen mußten. Das Manöver war vollkommen gelungen— nach zwanzig 445 Minuten ſtellten wir das Feuer ein, unſere Feinde ſlanden ſämmt⸗ lich weſtwärts von uns, alle auf einem Haufen. Dies gab uns einen ungeheuren Vortheil, denn wir brauchten ſie nunmehr blos mit einer Breitſeite zu bekämpfen, konnten nicht mehr der Länge nach beſtrichen werden und unſer eigenes Feuer war verderblicher geworden, da der Feind ihm eine concentrirtere und dabei breitere Maſſe darbot. Ich hätte ſchon oben erwähnen ſollen, daß der Wind aus Süden wehte. 4 34 Die Kriſis vierte nun abermals und ſetzte die großen nebſt den Bramſegeln ein. Das Schiff ſteuerte vortrefflich und da die Proen ſich jetzt um ihren Admiral verſammelt hatten, ſo war alle Ausſicht vorhanden, daß wir ſie ſämmtlich windwärts hinter uns laſſen würden. Allein ihrer ſechs von den Burſchen ſchienen entſchloſſen dies zu verhindern, denn ſie halten dicht in den Wind und ſuchten fort⸗ während feuernd unſere Büge zu kreuzen. Das Schiff ſetzte ſeinen Lauf fort, als ob es die Feinde abfangen wollte; ſobald wir aber nahe genug waren, hielten wir um drei Punkte ab und fuhren geradenwegs mitten unter den Haupthaufen der Proen. Kaum war dieß geſchehen, als der überraſchte Feind uns Platz machte und uns, die wir einen Trauben⸗ und Kartätſchenhagel ſo raſch wir konnten ausſprühten— durch ſeine ganze Linie durchließ. Mitten im heftigſten Streit ſahen wir durch den dichten Pulverdampf drei bis vier von den Proen ganz dicht bei uns und zum Entern bereit; ich hielt aber nicht für nöthig, die Leute von ihren Geſchützen abzurufen, welche mit ungemeiner Geſchwindigkeit und verwüſten⸗ der Wirkung gegen den Feind donnerten. Die Piraten mochten die Sache heißer gefunden haben, als ihnen lieb war, denn ſie hielten nicht gleichen Schritt mit uns, woran übrigens auch unſere Oberſegel Schuld waren, welche uns den Vortheil über ſie gaben und uns, auch wenn ſie einen andern Kurs eingeſchlagen hätten, unfehlbar von ihnen befreien mußten. 446 So hatten wir ſie in etwa fünf Minuten vom Halſe und als ſich der Rauch zu erheben begann, konnten wir bald überſehen, was wir in dieſem kurzen Zeitraume angerichtet hatten, wobei wir aber fortwährend abhielten, um die Entfernung noch zu vergrößern, ſo daß wir ziemlich raſch durch das Waſſer zogen. Bei der Verwirrung, welche unter den Seeräubern herrſchte, waren die Schurken tüchtig gepfeffert worden. Einer war förmlich geſunken; ihrer fünf bis ſechs umgaben die Stelle und ſuchten die Mannſchaft zu retten. Drei andere hatten an den Spieren Schaden gelitten und ihre Bewegungen bewieſen, daß alle genug hatten. Sobald ich hievon überzeugt war, halte ich mein Schiff wieder in ſeinen Kurs, und wir entfernten uns immer mehr von dem Haufen der Boote, welche die Stelle umringten, wo ihr Gefährte untergeſunken war. Die windwärts ſegelnden Burſche ſchienen aber noch keineswegs geneigt, die Jagd aufzugeben, ſondern verfolg⸗ ten uns noch zwei Stunden lang, bis der Reſt ihrer Flotille unter dem Horizonte war. Da ich jetzt Raum genug vor mir zu haben glaubte, ſo wendete ich mich gegen das hartnäckige Geſindel, worauf ſte aber gleich Kreiſeln herumdrehten und ſcharf gegen den Wind halten. Nun vierten wir zum letzten Mal und die Verfol⸗ gung hatte ein Ende. Der Kapitän eines Pfefferſchiffs erzählte mir ſpäter, unſere Feinde hätten ſieben und vierzig Mann verloren, von denen die Meiſten auf dem Platze blieben und an ihren Wunden ſtarben; man habe ihm geſagt, die Kriſis ſey von dem nämlichen Offizier befehligt worden, der auf dem„John“ in ſeiner damaligen Affaire faſt auf demſelben Punkte kommandirt hatte. Bei uns war einiges Tauwerk darauf gegangen, mehrere unſerer Spieren waren leicht beſchädigt und zwei Mann verwun⸗ det, worunter ſich auch Neb befand. Der am ſchwerſten Getrof⸗ fene ſtarb, noch ehe wir das Cap erreichten— mehr aus Mangel an ärztlicher Hülfe, als wegen der Gefährlichkeit ſeiner Wunde. 447 Neb dagegen konnte wieder Dienſt thun, noch bevor wir nach St. Helena gelangten. Ich meines Theils wunderte mich nur, daß ihm nicht eine der Proen gerade in den Hals gefahren war, denn bei ſeinem bekannten Grinſen war ihm der Mund die ganze Zeit über ſo weit offen geſtanden, daß ein Zweidecker bequem hätte einpaſſiren können. Bedungenermaaßen legten wir an St. Helena an, ohne aber ein Schiff vorzufinden; da auch ſo bald keines erwartet wurde, ſo mußten meine Paſſagiere wohl die Reiſe bis New⸗York mit uns fort⸗ ſetzen. Emilie hatte ſich bei dem Proen⸗Scharmützel ausgezeichnet gut benommen und Alle waren hocherfreut, daß ſie auf dem Schiffe blieb. Die Leute ſchwuren, ſie bringe uns Glück und bedachten nicht, daß das arme Mädchen mit manchem Unſterne zu kämpfen gehabt hatte, bis ſie in die Lage gerathen war, in der ſie ſich jetzt befand. Auf der Ueberfahrt von St. Helena nach New⸗York ereignete ſich Nichts, was beſondere Erwähnung verdiente. Sie dauerte ziemlich lange, war aber keineswegs unangenehm. Endlich mahnte uns die Giſſung, uns nach dem Lande umzuſehen. Der Major und Emilie befanden ſich voller Erwartung auf dem Verdeck und bald ließ ſich der willkommene Ruf vernehmen. Eine Nebelwolke war gerade an unſerem Leebug ſichtbar: ſie wurde immer dichter und deutlicher, bis ſie Farben und Furchen eines Bergabhanges annahm. Dann kam uns die untere Spitze des Hook und das höhere Land jenſeits zu Geſicht; wir glitten am Leuchtthurme vorbei, umſegelten die Spit* und gelangten an einem ſchönen Juniabend im Jahre unſers Herrn 1802 gerade eine Stunde vor Sonnenuntergang in die obere Bai. * Eine längliche Sandbank. D. U. 448 Einundzwanzigſtes Kapitel. Trinkt! Trinkt! Auf weſſen Wohl heißt Ihr trinken? Des Freunds? der Geliebten? Kommt laßt mich drüber ſinnen! Auf das der Fernen— der, die um uns weilen? Auf Derer, die am Leben?— Der, die der Tod ſchon weggenommen? Von erſteren— ach! nirgends einer will ſich finden! Das Jetzt— es iſt ſo kahl— laßt auf das Ehmals drum uns trinken! Paulding. Vin ich auch als Seemann im vollen Sinne des Wortes Manhattaneſe, ſo werde ich mich doch gleichwohl nicht in Lobprei⸗ ſungen über die Schönheiten der inneren oder äußeren Bai dieſes glücklichen Platzes verlieren. Nur wer von provinziellen Vorurtheilen bethört iſt, kann daran denken, den Hafen von New⸗York mit dem Golf von Neapel vergleichen zu wollen, denn ich kenne kaum zwei Orte, welche beide dieſelben großen Elemente— Land und Waſſer— aufweiſen und ſich dennoch unähnlicher wären. Der Hafen von New⸗York iſt kaum hübſch zu nennen— nicht ein Jota mehr, wenn er überhaupt nur ſo viel verdient— während der Golf von Neapel faſt ganz das iſt, was ſeine Bewohner ſo ſchön mit den Worten bezeichnet haben:„ein Stückchen Himmel, herabgefallen auf die Erde“. Dagegen darf Neapel als Hafen freilich nicht in demſelben Athemzuge mit dem großen amerikaniſchen Markte genannt werden, der als Stapelplatz, mit einziger Ausnahme Conſtantinopels, nicht ſeines Gleichen hat auf Erden— ſo weit ich dieſe nämlich kenne. Ich wollte, daß meine Landsleute— das ſind ſie doch halb und halb, die Manhattaneſen— ſich von dieſen Thatſachen überzeugen ließen, damit ſie, wenn ſie denn einmal prahlen— was auch den weiſeſten Sterblichen begegnet— ſich wenigſtens ihrer ſtarken und nicht ihrer ſchwachen Seiten rühmen mögen, wie dieß heut zu Tage nur zu oft der Fall iſt. Der Major, Emilie und ich ſtanden auf dem Hinterdeck und 449 ———— betrachteten die Scene, während das Schiff vor einer guten Süd⸗ oſtbriſe aufwärts glitt. Ich beobachtete voll Neugierde die Mienen meiner Gefährten, denn ich beſaß die ganze Reizbarkeit eines Neulings und Provinzbewohners in Betreff der Meinungen der Fremden über Alles, was mein Vaterland anging. Ich konnte bemerken, wie der Major nicht ſehr zur Bewunderung hingeriſſen ward und fühlte mich damals enttäuſcht, wie auch jetzt meine Meinung hierüber beſchaffen ſeyn mag. Emilie erfüllte meine Hoffnungen beſſer. Mochte nun das reizende Mädchen den ungeheuren Contraſt zwiſchen der unbegränzten Waſſerfläche des Oceanes und der vor ihr ausgebreiteten Scene wirklich fühlen, oder wollte ſie nur ihrem Wirthe eine Freude machen— ſie zögerte nicht, ihr Entzücken laut werden zu laſſen. Ich verhehlte ihr nicht, wie ſehr mich dies freute und ſo endete unſere lange, lange Reiſe, welche, den Längengraden nach gerechnet, bei⸗ nahe den ganzen Umfang der Erde umfaßte— im Austauſche der freundlichſten Gefühle. Das Schiff ſtand jenſeits Bedlow's und der Lootſe hatte eben die Segel zu kürzen angefangen, als ein auf der Thalfahrt begrif⸗ fener Schooner unſer Vorderreitknie kreuzte. Ich war mit der allgemeinen Bewegung in der Bai zu ſehr beſchäftigt geweſen, um ein ſo kleines Fahrzeug zu beachten; da daſſelbe aber ganz in unſerer Nähe vierte, ſo mußte ich doch unwillkürlich meine Augen darauf richten. In demſelben Augenblick vernahm ich einen Ruf von Neb, der eben eines der Bramſegel beſchlug: es war einer jener unwiderſtehlichen„Neggerjauchzer“, wie ſie dem Burſchen oft unwillkürlich entfuhren. „Was willſt Du mit Deinem Gebrüll auf der Kreuzbramraa?“ rief ich ärgerlich, denn der Ton auf meinem Schiffe war jetzt ein Gegenſtand von Wichtigkeit für mich geworden.„Haltet's Maul, Sir, oder ich werde Mittel finden, Euch in der Kunſt zu ſchweigen zu unterrichten.“ Miles Wallingford. 29 „Herr Gott!— Maſſer Mile—“ ſchrie der Neger und deutete eifrig nach dem Schooner;„dort gehen Pretty Poll.“ In der That— es war unſer altes Fahrzeug. „Pretty Poll, ahoy!“ rief ich es unverzüglich an. „Halloh!“ „Wohin geht's, Sir, und ſeit wann iſt dieſer Schooner vom ſtillen Meere eingelaufen?“ „Wir ſegeln nach Martinique.— Die Poll kam etwa vor ſechs Monaten aus der Südſee nach Hauſe. Dieß iſt ihre dritte Reiſe nach Weſtindien ſeitdem.“ So hatte ich denn die Gewißheit, daß die nach Haus geſen⸗ dete Ladung nebſt den Briefen ſicher angelangt war: man mochte mich wohl erwarten und die Schiſſeaigner mußten bald von meiner Ankunft hören. Wir wurden auch nicht lange im Zweifel gelaſſen, denn als das Schiff den Hudſon betrat, nahte ſich ein Boot mit zwei von den Hauptmitgliedern der Firma. Ich hatte ſie geſehen und das iſt Alles; allein meine eigenen Briefe, ſowie der Bericht des Offiziers, der den Schooner heimgebracht, hatte ihnen Alles weitere in Betreff meiner genügend auseinandergeſetzt. Hätte Nelſon nach ſeinem Siege am Nil die Nachricht von ſeinem Triumph in eigener Perſon in das Privatkabinet des Königs von England bringen können— ſein Empfang wäre gewiß nicht ſchmeichelhafter geweſen als der, welcher mir jetzt zu Theil wurde. Da hieß es„Kapitän Wallingford“ hinten und vorn und ihre Lob⸗ ſprüche waren dergeſtalt mit Nachfragen über den Werth meiner Ladung vermiſcht, daß ich nicht wußte, worauf ich zuerſt antworten ſollte. Die Herren luden mich gleich auf den folgenden Tag und zwar Beide in einem Athem zum Eſſen und als ich wegen des Schiffsdienſtes Einwendungen machte, wurden die Einladungen von Tag zu Tag für eine ganze Woche ausgedehnt. So ſehr heißen wir den willkommen, welcher uns Geld bringt! 451 Mit Sonnenuntergang lagen wir ſicher verankert neben einer der Northriver⸗Werften und ich ließ meine Leute nunmehr die Nacht über ans Land gehen. Kein Einziger kam, um einen Dollar zu verlangen; alle zogen die Werfte hinauf, umringt von einem Kreiſe bewundernder Gaſtwirthe, welche ſie weit über Bedürfniß verſorgten. Ein Seemann, der einen dreijährigen Sold unter ſeinem Lee hat, ſpielt auf Jack's Wechſelbank gewiſſermaſſen die Rolle eines Rothſchild: die Harpyen, welche unſere Burſche umgaben, wußten recht wohl, daß die Kriſis mit ihren Theekiſten u. ſ. w. genugſam Bürgſchaft leiſte, um alle ihre zehn⸗ und zwanzig Thaler⸗Vorſchüſſe zu ver⸗ ſichern.. Ich kleidete mich eilig an und befahl Neb, meinem Beiſpiele zu folgen. Einer der Schiffseigner hatte ſich freiwillig erboten, Major Merton und Emilie in eine paſſende Wohnung zu weiſen: er hatte dies mit einem Eifer gethan, der mich überraſchte; übrigens war der Einfluß Englands und ſeiner Landeskinder vor vierzig Jahren in ganz Amerika noch ausnehmend groß. In New⸗York vollends fand dieß weit mehr, als ſonſt im umher, Lande Statt und ein engliſcher Major auf Halbſold ſpielte unter der beſſern Klaſſe der damaligen Manhattaneſen ſo ziemlich die Rolle eines Vornehmen. Wie viele dieſer Quaſilords habe ich geſehen, deren Adelsdiplom in nichts weiter als in einem Kapitäns⸗ oder Lieutnantspatente beſtand, das von der Majeſtät von England unterzeichnet war. Zu jener Zeit— es wäre Unſinn es läugnen zu wollen— galt der Mann, der gegen unſer Land gedient hatte(wenn er nur, ‚brittiſcher Officier“ war) weit mehr als der, welcher früher in unſeren eige⸗ nen Reihen kämpfte. Dieſe Anſicht herrſchte jedoch blos in der eigentlichen Geſellſchaft; die Wahlbüchſen und das Volk legten in dieſer Beziehung ganz andere Gefühle an den Tag. So weit ſich dieſes Reſultat auf New⸗York erſtreckte, iſt es übrigens keineswegs ſo überraſchend, als es auf den erſten Anblick ſcheinen möchte. Als Klaſſe betrachtet, ſtand der Adel von New⸗ 45²2 York auf Seiten der Krone; der Theil deſſelben, den man etwa die Barone— Gutsherren war das Richtigſte— nennen konnte, zerſiel zwar in ziemlich gleiche Parteien, von denen jede ihre Seiten⸗ verwandten an ſich zog; allein die weit größere Mehrzahl dieſer ganzen Klaſſe der Elite in der Geſellſchaft— ſtand auf Seiten der Krone, und der Friede von 83 fand ſie noch großen Theils im Beſitze ihrer alten ſocialen Stellung, da die Konſiskationen außer den wich⸗ tigſten und reichſten unter den Verbrechern nur wenig andere Glieder trafen. Von der Art von Gerechtigkeit, welche bei dieſen Konſiskationen geübt wurde, kann ich aus meiner nächſten Bekanntſchaft ein Beiſpiel anführen. Das Haupt einer der einflußreichſten Familien in den Kolonien war ein ſehr indolenter Mann, der jedem thätigen Einſchreiten abgeneigt war. Dieſer Herr war ungeheuer reich; ſeine Güter wurden konſiscirt und verkauft. Nun hatte aber dieſer gebrandmarkte Verräther einen jüngeren Bruder, der unter der brittiſchen Armee in Amerika diente und deſſen Regiment an den Schlachten von Bunker⸗Hill, Brandywine, Monmouth u. ſ. w. An⸗ theil nahm. Allein der Major war ein jüngerer Sohn und kraft dieſes republikaniſchen Verdienſtes entging er den Folgen ſeiner An⸗ hänglichkeit an den Dienſt der Krone; nach der Revolution kehrte der Jüngere in ſein Geburtsland zurück und nahm ruhigen Beſitz voon jenem nicht unbeträchtlichen Eigenthum, während der Aeltere ſeine Tage im Exil verlebte und für das Vergehen, in einer Re⸗ volution reich zu ſeyn, bitter büßen mußte. Eine Folge der oben erwähnten Eigenthümlichkeiten war nun die, daß die New⸗Yorker Geſellſchaft einen ſo hohen Werth auf engliſche Verbindungen legte. Sie bewunderten noch immer, wie nur Provinzbewohner bewundern können und verehrten, wie nur dieſe verehrten, d. h. in ſicherer Entfernung. Jene ſonderbare Miſchung von Wahrheit und Heuchelei, Selbſtſucht, Sophiſterei und wirklicher Treue, welche die politiſche Feindſeligkeit gegen die 453 Bewegungen der franzöſiſchen Revolution begründete, beſaß in unſerem Lande eben ſo eifrige Anhänger wie in England ſelbſt, und auch dies trug dazu bei, jenes früher geſchilderte wunderliche Gefühl aufrecht zu erhalten. Jedenfalls läßt ſich die Thatſache ſelbſt nicht bezweifeln, wie Jeder mir bezeugen wird, der vor vierzig Jahren mit der New⸗ Yorker Geſellſchaft bekannt war. Kein Wunder alſo, daß es Major⸗Merton und Emilien bei ihrer plötzlichen Ankunft in dem Lande ſo wohl erging. Ueberdies war mit ihren Abenteuern ein gewiſſer romantiſcher Schimmer ver⸗ knüpft und ich hatte von nun an nicht eben mehr Urſache, um ihret⸗ willen beſorgt zu ſeyn: es war gar kein Zweifel, ſie mußten ſich hier bald weit heimiſcher fühlen als ich es von mir hoffen konnte, ob⸗ wohl ich mich in meinem Geburtslande befand. Neb meldete ſich bald, als zum Landdienſte bereit und ich befahl ihm mir zu folgen. Meine Abſicht war, mich nach dem Wechſel⸗ hauſe der Schiffseigenthümer zu begeben, um dort einige Briefe, die ich erwartete, in Empfang zu nehmen und nach kurzer Beant⸗ wortung derſelben den Schwarzen ſogleich mit der Nachricht von meiner Rückkehr nach Clawbonny zu ſenden. Anno 1802 bildete die Batterie die Lieblingspromenade der Stadt: ſie war beſonders um die Stunde, da ich ſie zu durchkreuzen im Begriffe ſtand, von den beſſeren Klaſſen ſehr zahlreich beſucht. Ich bin noch nie von einer Reiſe, namentlich nicht aus Europa zu⸗ rückgekehrt, ohne daß mir in dem großen weſtlichen Emporium— wenn die Gemeinderäthe und Zeitungsſchreiber denn doch auf dem Worte beſtehen— zwei Dinge aufgefallen wären, nämlich der Provinzanſtrich, den Alles, was man ſieht, an ſich trägt und die Schoöͤnheit der jüngeren Mädchen; bei letzteren meine ich übrigens den wahrhaft eingeborenen Theil der Bevölkerung und nicht die Maſſe der Deutſchen und Irländerinnen, welche ſich auf den Straßen drängen und im Ganzen genommen durch nichts weniger als perſönliche Reize auszeichnen. Ein Amerikaner weiß jedoch einen Eingeborenen, Mann oder Frau, auf den erſten Blick zu unterſcheiden und zu der Zeit, von der ich ſpreche, waren faſt nichts als Landsmänninen auf der Batterie zu treffen. Da auch viele Kinder ihren Abendſpaziergang hielten und ſchwarze Wärterinnen dazumal weit häufiger waren als heut zu Tage, ſo ging auch Neb nicht leer aus und ich hörte ihn zweimal ſein„Golly!“ rufen, noch ehe wir den Mittelpunkt der Batterie erreicht hatten. Dieſer Ausruf entſchlüpfte ihm, ſo oft er an einer der ſchmutzigen Venusgeſtalten vorbeikam, welche ſich dann jedesmal über die Bewunderung des Burſchen nicht wenig in die Bruſt warfen und ohne Zweifel ebenſo beleidigt darüber waren als es das geſammte Geſchlecht bei ſolchen Veranlaſſungen zu ſeyn pflegt. Ich muß an jenem Abend gewiß zwanzig junge Mädchen be⸗ gegnet haben, von denen jede einen jungen Menſchen zum Umdrehen und Nachblicken verleiten konnte und für den Augenblick hatte ich den Zweck meines Ausgangs völlig vergeſſen. Weder Neb noch ich beeilten uns ſonderlich; wir ſchlenderten Beide auf dieſe Weiſe weiter und ſchauten rechts und links, als ſich eine Geſellſchaft unter den Bäumen näherte, welche meine ganze Aufmerkſamkeit auf ſich zog. Voraus ging ein junges Paar, einfach, aber mit einem Geſchmacke gekleidet, der ſie als zur beſſeren Klaſſe gehörig bezeichnete. Der Herr zeichnete ſich durch nichts aus, als durch eine betäubende Leb⸗ haftigkeit, die in großen Doſen an ſeine ſchöne Gefährtin verſchwendet wurde, welche ſie allem Anſchein nach mit weit weniger Widerſtreben verſchlang, als dies ſo oft bei anderen Doſen zu geſchehen pflegt — wenigſtens glaubte ich dies, ſo lange ſie noch etwas entfernter war, aus ihrem Lächeln ſchließen zu dürfen, welches zwei Reihen ſchöner, blendendweißer Zähne, ſo makellos wie meine Perlen, durch ihre Korallenlippen durchſchimmern ließ. Die Miene, die Schönheit, die Geſtalt, kurz Alles an dieſem ausgezeichnet lieblichen jungen Weſen bezauberte meine Phantaſie. Und es war nicht ſowohl ihre Schönheit— wiewohl auch dieſe ent⸗ 455 ſchieden und voll Anziehungskraft erſchien— als vielmehr die Miſchung weiblicher Zartheit und blühender Geſundheit; ihr Gang, ſo natürlich und doch ſo voll Leichtigkeit und Grazie; ihr Lachen, ſo fröhlich und doch ſo ruhig, eben wie es ihrem Geſchlechte ziemte— ihr ganzes Seyn und Verhalten, welches Glück und überſtrömende Geſundheit, den vollen Zauber eines Weſens, das ſich völlig gehen läßt und alle die Feinheit ausdrückte, die ebenſo ſehr Gabe des natürlichen Gefühls als Frucht der Kunſt und Geſelligkeit iſt. Ich konnte nicht hören was ihr Begleiter ſprach; als ſie aber näher kamen, hielt ich ſie für ein anerkanntes Liebespaar, welchen Glück, Freunde und Umſtände gleichermaßen lächelten. Ein Seitenblick ſagte mir, daß ſogar Neb von dem Weſen der Vorübergehenden betroffen war und aufgehoͤrt hatte, ſeinen ſchmutzigen Huldinnen nachzuſehen— um dieſe anzuſtarren. Ich vermochte keinen Blick von dem Antlitze der lieblichen Fee zu verwenden, deren dunkelblaue Augen ich mir erſt, als ich ganz nahe war, genauer betrachten konnte, denn jetzt richteten ſie ſich natürlich auf die Perſon, welche ſich ihr näherte. Während wir an⸗ einander vorüber gingen, ſchauten wir uns ein paar Sekunden lang aufmerkſam an und der Zauber, welchen gewiſſe Thiere beſitzen ſollen, kann nicht mächtiger ſeyn als dieſer wechſelweiſe Blick war. Auf dieſe Weiſe waren wir an einander vorübergekommen und ich befand mich noch in einer Art räthſelhafter Verzückung, als ich plötzlich mit einer Stimme, mit einem Ton, der jede Nerve in mir erbeben machte, rufen hörte: „Miles!“ Ich drehe mich um, ſehe ſie noch einmal an— nein, länger konnte ich mich nicht täuſchen. Lucy Hardinge ſtand vor mir, zit⸗ ternd, ungewiß, das Geſicht bald todtenbleich, bald mit Scharlach⸗ röthe überzogen, die Hände gefaltet, Zweifel, Aengſtlichkeit und Spannung in ihren Blicken, welche Hoffnung und Furcht aus⸗ ſprachen— mit einem Wort, das vollkommenſte Bild ächt weiblichen 456 Gefühls und Mißtrauens— von nalürlicher Beſcheidenheit und Aufrichtigkeit, das mir jemals vor Augen gekommen war. „Lucy— iſt es— kann es möglich ſeyn! Du biſt's alſo, die mir, ohne daß ich Dich kannte, ſo wunderbar ſchön vorkam.“ Hätte ich auch eine ganze Woche lang ſtudirt, ich hätte wahr⸗ lich keinen erwünſchteren Gruß herausbringen können, als er mir hier im erſten Drange, der alle üblichen Schranken der Sitte niederwarf— entſchlüpft war. Natürlich fühlte ich mich verpflichtet, die Sache ſo glücklich, als ſie begonnen hatte, auch vollends durch⸗ zuführen und trotz der Oeffentlichkeit des Orts, trotz einem halben Dutzend Perſonen, welche hörten, was vorging und ſich lächelnd umgedreht hatten, um zu ſehen, was zunächſt erfolgen würde, ſelbſt dem ernſtblickenden Herrn zum Trotz, der noch kaum vorher nichts als Fröhlichkeit und Lebendigkeit geweſen war, ging ich auf Lucy zu, drückte das theure Mädchen an mein Herz und gab ihr einen Kuß— wie ſie ihn gewiß noch nie erhalten hatte, darauf will ich wetten. Seeleute pflegen ſolche Dinge nicht halb zu verrichten und mir war's in meinem ganzen Leben nie größerer Ernſt geweſen. Eine ſolche Begrüßung von einem jungen Burſchen, der mehr als ſeine vollen ſechs Fuß Länge hatte, einen Backenbart trug, welcher den ganzen Weg vom ſtillen Ocean her ohne allzuviel Pflege mitgemacht hatte— ein Burſche, der eine Männlichkeit zur Schau trug, welcher übrigens der tägliche Wandel über Broodway ſelbſt an einem jungen Herkules bald Eintrag gethan haben würde— hatte die Wirkung, daß die arme Lucy tief erröthete und in arge Verlegenheit gerieth. „Halt— jetzt iſt's genug, Miles,“ ſagte ſie, während ſie loszukommen ſtrebte.„Waffenſtillſtand, ich bitte Dich. Sieh, dort kommt Grace mit meinem Vater und Ruprecht.“ Und wirklich— da waren ſie alle: die ganze Familie hatte einen Abendſpaziergang gemacht in Geſellſchaft eines gewiſſen Mr. Andrew Drewett, eines von Ruprechts jungen Studiergenoſſen, der, 457 wie ich ſpäter erfuhr, ein ziemlich offener Bewunderer von Rup⸗ rechts Schweſter war. In der Art und Weiſe, wie ich von Grace empfangen wurde, war ein auffallender Unterſchied gegen Lucy zu bemerken. Erſtere rief zwar ihr„Miles!“ gerade ſo, wie Letztere es gerufen hatte, ihre Wangen färbten ſich höher und Thränen traten ihr ins Auge, aber man konnte nicht ſagen, daß ſie foͤrmlich erröthete. Statt Anfangs einen Drang zu verrathen, meinen Gruß zu empfangen und dann wieder auffallend davor zurückzuſchrecken, ſchlang ſie ohne die mindeſte Zurückhaltung ihre zarten Arme— und noch dazu beide— um meinen Nacken, küßte mich ohne inne zu halten, ſechs⸗ bis acht Mal und begann dann zu ſchluchzen, als ob ihr das Herz brechen wollte. Die Zuſchauer, welche in dem Allem nur die offene, aufrichtige, natürliche, unverſtellte Schweſterliebe ſahen, hatten ſo viel Zartgefühl um weiter zu gehen, obwohl ich bemerken konnte, wie ſehr ihre Mienen mit ſo einer glücklichen Familienbegegnung ſym⸗ pathiſirten. Ich hatte übrigens kaum erſt einen Augenblick die Schweſter an mein Herz gedrückt, als Mr. Hardinge's Stimme meine Auf⸗ merkſamkeit auf dieſen lenkte. Der gute alte Mann vergaß, daß ich zwei Zoll größer war als er— daß ich ihn mit Leichtigkeit hätte vom Boden lüpfen und wie ein Kind auf meinem Arme tragen können; daß ich durch eine lange Reiſe gehärtet war und einen Süd⸗ ſeebackenbart trug, denn er liebkoste mich wie ein kleines Kind, küßte mich ebenſo oft als Grace, ſegnete mich laut und ließ dann ebenſo wie die beiden Mädchen ſeinen Thränen freien Lauf. Ohne dieſen Ausbruch des Gefühls von Seiten eines alten grauköpfigen Geiſtlichen würde unſere Scene wohl ſchwerlich der Lachluſt der Zuſchauer entgangen ſeyn: ſo aber hatte dieſer uns gerettet. Die Geiſtlichen waren vor vierzig Jahren in Amerika weit mehr geachtet als heut zu Tage, obwohl ſie hier, glaub' ich, noch immer eben ſo viel Anſehen genießen als in den meiſten an⸗ deren Ländern, und ſchon der allgemeine Reſpekt vor ſeinem Stande würde uns vor allen derartigen Manifeſtationen geſichert haben, wenn auch die Natur und ſeine tiefe Gemüthsbewegung uns nicht zu Hülfe gekommen wäre. Ich ſelbſt war froh, als ich mich zu Ruprecht flüchten konnte, den ich mit einem herzlichen aber minder gefühlvollen Händedruck empfing. Wir ſuchten uns ſodann einen Sitz an einem der Beobachtung weniger ausgeſetzten Orte und hatten bald die zu einem Geſpräche nöthige Ruhe erlangt. Der junge Herr, mit Namen Drewett, wartete ſo lange, bis er Lucy nach mir befragen konnte und beſaß dann ſo viel Takt, uns allen guten Abend zu wünſchen. Ich hörte das kurze Zwiegeſpräch mit an, welches dieſe Erläuterung veranlaßte. „Ein vertrauter Freund, vielleicht gar ein naher Verwandter, Miß Hardinge?“ bemerkte er in fragendem Tone. „O ja,“ gab das lachende und weinende Mädchen mit der un⸗ verſtellten Wahrheitsliebe ihrer aufrichtigen Natur zur Antwort; „Beides— Freund und Verwandter.“ „Darf ich vielleicht um den Namen bitten?“ „Den Namen, Mr. Drewett!— Ei, es iſt Miles— der liebe Miles— Sie haben uns doch gewiß ſchon von Miles reden hören — doch halt, ich vergeſſe, daß Sie nie zu Clawbonny waren.— Iſt das nicht eine höchſt erfreuliche Ueberraſchung, liebſte, theuerſte Grace?“ Mr. Andrew Drawett wartete, wie mir ſchien, mit höchſt lobens⸗ werther Geduld, bis meine Schweſter der aufgeregten Lucy die Hand gedrückt und neue Glückwünſche ihr zugeflüſtert hatte; dann fuhr er fort: „Miß Hardinge wollte noch etwas ſagen?“ „Wirklich?— ich muß geſtehen, ich habe es ſchon wieder ver⸗ geſſen. Eine ſolche Ueberraſchung— ach dieſe köſtliche, geſegnete Ueberraſchung!— Ich bitte um Entſchuldigung, Mr. Drewett— ah, jetzt erinnere ich mich; ja ich wollte Ihnen ſagen— dies iſt Mr. 459 Miles Wallingford, von Clawbonny, derſelbe Herr, der meines Vaters Mündel, Sir, und Grace's Bruder iſt.“ „Und wie mit Ihnen verwandt, Miß Hardinge?“ fuhr der Gentleman mit ziemlicher Hartnäckigkeit fort. „Mit mir? O ſehr, ſehr nahe— das heißt— ich bin heute Abend ſo vergeßlich— ei nicht im Geringſten.“ In dieſem Augenblicke hielt Mr. Drewett nun für paſſend, ſeine Abſchiedskomplimente mit ſtudirtem Anſtand zu machen und ſich mit ſo feiner Höflichkeit zu empfehlen, daß ich trotz aller Verſuchung gerade in dieſem Augenblick dem Erguſſe meiner Gefühle Einhalt thun mußte, um ihn zu bewundern. Niemand ſchien ihn übrigens zu vermiſſen und wir Fünf, die wir zurückblieben, ſaßen bald auf dem obenerwähnten Plätzchen— ſo ganz der uns umgebenden Außenwelt entrückt, als ob wir uns zu Clawbonny auf der ländlichen Bank unter der alten Ulme des Raſen⸗ platzes— wenn ich einen anſpruchloſen Fleck mit einem ſo ſchönen Namen bezeichnen darf— befunden hätten. Ich ſaß zwiſchen Mr. Hardinge und Grace, Lucy neben ihrem Vater und Ruprecht an der Seite meiner Schweſter. Mein Freund konnte mich vermöge ſeiner Größe ohne Schwierigkeit im Auge behalten, während Lucy, auf ihres Vaters Knie lehnend und die anmuthige Geſtalt in Alles vergeſſender Spannung vorbeugend, ihre ſchwimmenden Augen auf mein Antlitz geheftet hielt. „Wir erwarteten Dich und ſind nicht ganz und gar über⸗ raſcht worden!“ rief der gute Mr. Hardinge, mir mit der Hand auf die Schulter klopfend, als ob er damit andeuten wollte, daß er mich jetzt als Mann zu behandeln anfangen könne.„Ich willigte ein, gerade in dieſem Augenblick nach New⸗York herabzufahren, weil das letzte Cantonſchiff, welches ankam, die Nachricht überbrachte, daß die Kriſis in zehn Tagen abſegeln würde.“ „Und Du kannſt Dir unſer Erſtaunen denken,“ fiel Ruprecht 460 ein,„als wir in der Zeitung die Ankündigung laſen ‚die Kriſis, Kapitän Wallingford.““ „Ich dachte, meine vom Eilande aus geſchicklen Briefe hätten Euch darauf vorbereitet,“ bemerkte ich. „Du ſprachſt darin von Mr. Marble und ich ſchloß natürlich, wenn's zur Entſcheidung käme, ſo würde er das Kommando ſchon wieder ergreifen und das Schiff ſelbſt nach Haus bringen. Schon die Pflicht gegen die Schiffseigner hätte ihn dazu veranlaſſen können.“ „Mit nichten,“ erwiederte ich, vielleicht etwas ſtolz und in meiner augenblicklichen Eitelkeit des armen Marble's muthmaßliche Lage vergeſſend.„Mr. Marble wußte recht wohl, daß, wenn ich auch ſonſt nichts verſtand, ich wenigſtens für das Schiff Sorge zu tragen wußte.“ „So ſcheint es allerdings, mein theurer Junge, ſo ſcheint es!“ verſetzte Mr. Hardinge in freundlichem Tone.„Ich höre Dein Be⸗ nehmen von allen Seiten loben und die Wiedereroberung des Schiffes aus den Händen der Franzoſen war in der That ſogar eines Truxtun würdig.“ Damals war nämlich Truxtun die große Kanone amerikaniſcher Verehrung von Seemännern und genoß deſſelben lokalen Anſehens, wie es Nelſon nur immer in England gehabt haben mochte. Die Anſpielung war ein ſcharfer Angriff auf meine Veſcheidenheit; ich ſuchte ihn aber ſo gut ich konnte zu verdauen. „Ich beſtrebte mich, meine Pflicht zu erfüllen, Sir,“ enkgege nete ich ſo anſpruchlos wie möglich, ohne aber Lucy dabei anzu⸗ ſehen;„es wäre ja auch eine ſchreckliche Schande geweſen, wenn wir bei unſerer Rückkehr hätten geſtehen müſſen: ‚die Franzoſen haben uns das Schiff abgenommen, während wir alle im Schlafe lagen“!“ „Aber ihr habt ja auf dieſelbe Weiſe ein Fahrzeug von ihnen erobert und es noch dazu behalten!“ ließ ſich eine ſanfte Stimme vernehmen, deren leiſeſter Laut mir die reinſte Muſik dünkte. — — 461 Ich ſchaute mich um und ſah Lucy's ſprechende Augen dicht neben ihres Vaters grauem Rocke herüberlugen, hinter den ſie ſich wieder inſtinktartig verſteckte, ſobald ſie meinen Blick auf ſich ge⸗ richtet ſah. „Ja,“ gab ich zur Antwort,„wir thaten allerdings etwas der Art und waren dabei um ein Gutes glücklicher als unſere Feinde. Ihr müßt aber auch nicht vergeſſen, daß wir durch des armen Monſieur Le Compte's Gefälligkeit, mit welcher er uns einen Schoo⸗ ner überließ, auf dem wir unſer Unheil ausführen konnten— ſehr begünſtigt wurden.“ „Dieſer Theil Deiner Geſchichte iſt mir immer etwas ſeltſam vorgekommen, Miles,“ bemerkte Mr. Hardinge;„ich vermuthe übrigens, dieſe Freigebigkeit der Franzoſen war, bei ſolcher Ferne, in der Mitte des ſtillen Oceans gewiſſermaßen ein Werk der Noth⸗ wendigkeit.“ „Ich glaube kaum, Sir, daß Ihr Kapitän Le Compte hierin Gerechtigkeit erweist. Er war ein ritterlicher Burſche und in jedem Betracht ein edler Seemann. Es iſt möglich, daß er ſich etwas mehr beeilte, als er vielleicht ohne ſeine Paſſagiere gethan haben würde— das iſt aber auch Alles; wenigſtens habe ich immer ver⸗ muthet, daß der Wunſch, Miß Merton ganz allein zu haben, ihn veranlaßte, unſer ſo bald wie möglich los zu werden. Er war ihr offenkundiger Anbeter und konnte darum ſogar auf eine Scheibe eiferſuchtig ſeyn.“ „Miß Merton!“ rief Grace.„Eiferſüchtig!“ „Miß Merton!“ fiel Ruprecht ein, ſich neugierig vorwärts beugend. „Miß Merton! Und auf Scheiben eiferſüchtig— wollte eurer los werden?“ fragte Mr. Hardinge lächelnd.„Sage, wer iſt denn Miß Merton? und wer ſind die uns? und vollends die Scheiben?“ Lucy ſchwieg. „Ei, Sir, ich glaubte, ich hätte Euch Alles über die Mer⸗ 46² ton's geſchrieben: wie wir ſie zu London kennen lernten, ſie dann als Monſieur Le Compte's Gefangene wieder trafen und wie ich beabſichtigte, ſie auf der Krifis nach Canton zu führen?“ „Du erzählteſt uns allerdings einiges dergleichen; allein wenn Du auch ‚Alles von einem Major Merton geſchrieben, ſo ver⸗ gaßeſt Du jedenfalls uns von den Merton's ‚Alles’ zu ſagen. Das iſt die erſte Sylbe, die ich jemals von einer Miß Merton vernahm. Oder iſt's nicht ſo, ihr Mädchen?— hat Miles außer dem Major in ſeinem Briefe noch von Jemand anderem geſchrieben?“ „Mir keine Sylbe von einer jungen Dame, das kann ich ver⸗ ſichern, Sir,“ erwiederte Grace lachend.„Wie war's bei Dir, Lucy?“ „Natürlich wollte er mir nicht etwas ſagen, was er ſeiner eigenen Schweſter zu verbergen für paſſend hielt,“ gab dieſe mit leiſer Stimme zurück. „Es wäre doch ſonderbar, wenn ich ihrer zu erwähnen ver⸗ geſſen hätte,“ rief ich und verſuchte ſelbſt darüber zu lachen.„Junge Leute vergeſſen doch ſonſt nicht, von jungen Damen zu ſchreiben.“ „Dieſe Miß Merton iſt alſo jung, Bruder?“ „Ungefähr in Deinem Alter, Grace.“ „Und hübſch— und fein— und angenehm?“ „So ziemlich wie Du ſelbſt, Liebe.“ „Aber hübſch iſt ſie doch gewiß, Miles, darauf wollt' ich wetten,“ bemerkte Mr. Hardinge,„ſchon deßhalb, weil Du unter⸗ laſſen, in Deinen Briefen von ihren Reizen zu ſprechen!“ „Nun, Sir, ich denke, die meiſten Perſonen— d. h. die Welt im Allgemeinen— wer nämlich nicht gar zu wähleriſch iſt,— würde Miß Merton ausgezeichnet hübſch finden— angenehm in Mienen und Geſtalt: ſo möchte ich die Sache verſtanden wiſſen.“ „O Du ſprichſt deutlich genug, Jedermann kann Dich verſtehen,“ fuhr mein lachender Vormund fort, der eben ſo wenig daran dachte, mich mit ſeiner Tochter zu vermählen als mit einer deutſchen Prinzeſſin von hundert und fünfundvierzig Wappenfeldern— wenn —,— —, 463 es überhaupt ſolche gibt.„Ein ander Mal wollen wir uns die näͤheren Einzelheiten, als da ſind Augen, Haar, Zähne u. ſ. w. beſchreiben laſſen.“ „O Sir, die Mühe könnt Ihr mir erſparen und ſie Euch ſelber beſehen, denn ſie und ihr Vater— Beide ſind hier.“ „Hier!“ riefen alle Vier in einem Athem, ja Lucy ſogar etwas lauter als die Andern, ſo ſehr war ſie von ihrem Staunen hingeriſſen. „Freilich hier— Vater, Tochter und Dienerſchaft— da fällt mir ein, von den Dienern habe ich gleichfalls vergeſſen in meinen Briefen zu reden: aber ein armer Burſche, der Vieles zu thun hat, kann in Einer Minute nicht an Alles denken. Major Merton beklagte ſich über eine angegriffene Leber und ſo ging es nicht wohl an, ihn in einem warmen Klima zurückzulaſſen; da ſich zu gleicher Zeit keine andere Gelegenheit darbot, ſo entſchloß er ſich, über Amerika nach England zu reiſen.“ „Und wie lange hatteſt Du dieſe Leute an Bord deines Schiffes, Miles?“ fragte Grace etwas ernſthaft. „Wirklich an Bord ungefähr neun Monate, ſollt' ich meinen, wenn ich aber die Zeit zu London, zu Canton und auf dem Eilande hinzu rechne, ſo möchte ich unſere Bekanntſchaft über ein Jahr alt nennen.“ „Freilich lang genug, um eine junge Dame dem Gedächtniſſe eines jungen Herrn ſo geläufig zu machen, daß er ſie in ſeinen Briefen nicht hätte vergeſſen ſollen.“ Allgemeine Stille folgte auf dieſe ſpitzige Rede und wurde end⸗ lich von Mr. Hardinge mit einigen Fragen über unſere Heimfahrt von Canton unterbrochen. Da es übrigens auf der Batterie kühl zu werden anfing, ſo brachen wir Alle auf, um uns zu Mrs. Brad⸗ fort zu begeben.. Dieſe Dame hatte Lucy, wie ich ſpäter entdeckte, ſehr lieb gewonnen und ſichs nicht nehmen laſſen, ihr im eigenen Hauſe Ge⸗ legenheit zu geben, die Welt zu ſehen. Sie befand ſich in ſehr 464 wohlhabenden Umſtänden und gehörte einem weit höheren Ge⸗ ſellſchaftskreiſe an, als Grace und ich vermöge unſerer eigenen Stellung ihn hätten anſprechen können. Lucy war als eine Ver⸗ wandte und als Tochter eines Geiſtlichen, Grace aber, wie ich ſpäter erfuhr, um ihrer ſelbſt willen ſehr freundlich aufgenom⸗ men worden. Es hieße Clawbonny zu hoch ſtellen, wenn ich behaupten wollte, die beiden Mädchen hätten durch dieſen Umgang nicht ge⸗ wonnen, obwohl es kaum möglich war, meiner Schweſter mehr feine Weiblichkeit und Adel des ganzen Weſens beizubringen als ſie ſchon von Natur beſaß. Die Wirkung bei Lucy war einfach die, daß ihre angeborene Freimüthigkeit, ihre treuherzige Offenheit in etwas eingeſchränkt wurden; doch muß ich der Wahrheit zu Liebe bekennen, daß der Umgang mit der Welt, beſonders mit dem Theil derſelben, in welcher Mrs. Bradfort ſie einführen konnte— den natürlichen Reiz in dem Weſen der beiden Mädchen bedeutend erhöht hatte. Ich fing ſogar an zu glauben, Emilie Merton könnte, ſtatt noch irgend einen Vorzug vor meinen Freundinnen zu beſitzen, durch ihren Um⸗ gang ſelbſt in Manchem gewinnen. Zu Haus mußte ich meine ganze Geſchichte erzählen und hatte eine Menge von Fragen zu beantworten. Von Miß Merton war mit keiner Sylbe mehr die Rede: ſogar Lucy machte wieder ihre Bemerkungen und lächelte mich an wie früher. Als endlich Lichter gebracht wurden und die Mädchen Shawl und Hut ablegten, ſtellte ich Beide vor mich hin, um mich zu überzeugen, wie viel die Zeit an ihnen geändert hatte. Grace zaͤhlte jetzt neunzehn Jahre und Lucy war nur ſechs Monate jünger. Die größte Veränderung war mit Letzterer vor⸗ gegangen: ihre Geſtalt hatte eine Reife erlangt, welche ſie der vollendeten Jungfrau näherte. In dieſer Hinſicht hatte ſie einen Vorzug vor Grace voraus, welche etwas gar zu leicht und zart war, wogegen Lucy ohne eine Spur jener Schwerfälligkeit, welche 465 eine abgerundetere Geſtalt ſo oft begleitet und vielleicht an Emilie Merton's Figur zum kleinen Fehler ward— in ihrem ganzen Umriß auch nicht den leiſeſten Winkel irgend einer Art zeigte. Grace beſaß noch ihre frühere Schönheit und namentlich den gei⸗ ſtigen Ausdruck des Geſichts, hatte aber in ihrer Geſtalt we⸗ niger gewonnen als Lucy, deren Augen einen Ausdruck von Zärtlichkeit und Gefühl angenommen hatten, der ſie für mich ſogar noch anziehender machte als die meiner eigenen geliebten Schweſter. — Mit einem Worte: es hätte Jeder ſtolz darauf ſeyn dürfen, zwei ſo liebenswürdige Weſen ſich in dem Grade für ihn in⸗ tereſſiren zu ſehen, wie dies jeder Blick, jedes Lächeln, jede Sylbe und Gebärde der beiden Mädchen ſo deutlich für mich an den Tag legte. Dieſe ganze Zeit über war Neb vollig überſehen geblieben. Er war uns nach dem Hauſe gefolgt, fand ſich aber in der Küche bereits in eine dunkelfarbige Tändelei mit einer gewiſſen Miß Chloe Clawbonny, einem Andergeſchwiſterkind von ihm, verflochten; die Dame hatte ſchon vor unſerem Abgang einen Theil ſeiner Be⸗ wunderung erobert und war ihrer jungen Herrin in die Stadt ge⸗ folgt. Sobald man erfuhr, daß der Burſche unten ſey, ſetzte Lucy es durch— ſie war nämlich in der Familie ihrer Verwandten wie zu Haus— daß er herbeigerufen wurde. An Mrs. Braßfort's nachſichtsvollem Lächeln erkannte ich, daß Luey die ihr eingeräum⸗ ten Vorrechte nicht überſchritt, und ſo wurde Neb heraußbeordert. Nie hatte ich einen glücklicheren Burſchen geſehen, als der „Negger“ bei dieſer Veranlaſſung zu ſeyn ſchien. Er rollte ſeine theerige Matroſenmütze zwiſchen den Fingern, wiegte ſich von einem Bein aufs andere und verrieth auch noch ſonſt die ganze Verwirrung eines Menſchen, der von ‚Beſſeren' als er ausgefragt wird: damals dachte nämlich ein Neger nicht daran zu läugnen, daß es höhere Weſen als er gebe, und fühlte ſich durch dieſes Zugeſtändniß keines⸗ wegs beeinträchtigt. Jetzt muß ich freilich geſtehen, daß das Wort Miles Wallingford. 3⁰ 466 ſogar in den Staatengefängniſſen verpönt iſt; jetzt iſt Einer ſo gut wie der Andere, nur mit dem einzigen Unterſchied, daß einige das Unglück haben, zu harten Arbeiten verurtheilt zu werden, während andere frei ausgehen dürfen. Die Wahlen mittelſt Ballotage ſollen na⸗ türlich blos beweiſen, daß heutzutage„Einer ſo gut wie der Andere iſt.“ unſer Cirkel trennte ſich erſt ſpaͤt. Anno 1802 hielt man noch etwas auf Abendeſſen— ich wurde alſo eingeladen, mich mit der übrigen Familie niederzuſetzen und wir bildeten wahrlich eine fröhliche Tafel zuſammen. Es war damals noch Sitte, Toaſte auszubringen: der Herr nannte eine Dame und dieſe einen Herrn.— ein ſonderbarer Ge⸗ brauch, der aber beſonders in beſſeren Häuſern ſehr allgemein galt. Wir Männer tranken natürlich unſern Wein, während die Damen mit jener netten, zimperlichen Manier, in welcher Frauen bei ſol⸗ chen Gelegenheiten die Lippen zu befeuchten pflegen, an ihren Gläſern nippten. Mrs. Bradfort, welche ſehr auf Beobachtung ſol⸗ cher Förmlichkeiten hielt, forderte nach kurzer Zeit unſern guten Mr. Hardinge zum Toaſte auf. „Meine theure Mrs. Bradfort,“ hub der Geiſtliche gut ge⸗ launt an,„wenn's nicht in Ihrem eigenen Hauſe und gegen alle Regel wäre, eine der anweſenden Perſonen zu nennen, ſo würde ich ganz gewiß auf Ihr eigenes Wohl trinken. Gott ſteh' mir bei— wen ſoll ich denn bringen? Es wird wohl nicht erlaubt ſeyn, unſern neuen Biſchof, Dr. Moore zu nennen 2° „Keinen Biſchof!“ lautete der einſtimmige Ruf, noch entſchie⸗ dener als heutiges Tags unter Denen, welche ſich zwar all ihr Leben lang gegen das biſchöfliche Anſehen aufgelehnt haben, es aber gleichwohl als einen Beweis zunehmenden Einfluſſes betrach⸗ ten, wenn ſie in ein, durch ihre eigenen Stimmen erregtes Geſchrei einſtimmen und dies noch obendrein über einen Gegenſtand, den auch nur oberflächlich zu pruͤfen ſich unter Hundert kaum Einer die Muhe genommen hat.— Unſere Oppoſition— welcher ſich übrigens & 467 Mrs. Bradfort anſchloß— war aber ganz anderer Art, denn ſie ſtammte aus dem Wunſche, die Dame kennen zu lernen, welche Mr. Hardinge in einem ſolchen Momente wählen mochte. Ich hatte den alten Herrn noch nie in ſolcher Verwirrung geſehen. Er lachte, ſuchte der Aufforderung auszuweichen, rutſchte auf dem Stuhle hin und her, bis er zuletzt förmlich erröthete— und dies Alles nicht etwa deßhalb, weil er einem beſonderen Indi⸗ viduum des ſchönen Geſchlechts einen Vorzug einräumte, ſondern aus lauter natürlichem Mißtrauen und geleitet von der ſeltenen Ein⸗ falt und Natürlichkeit ſeines Charakters, was ihn bei dem bloßen Anſchein, als ob er ſich einen beſondern Liebling zum Toaſte wähle— in Verlegenheit ſetzte. Es war in der That ein rührendes Bild männlicher Reinheit und Wahrheitsliebe! Wir wollten uns übrigens nicht um unſere Freude bringen laſſen und nachdem der alte Herr ſein Geſicht fünf bis ſechs Mal vergeblich in ſtrenge Falten zu legen verſucht hatte, nahm er end⸗ lich eine ſo ernſte Miene an, als ob er ein Gebet ſprechen wollte und erhob ſein Glas mit den Worten: „Poggy Perott!“ Ein allgemeines Gelächter folgte dieſer Ankündigung; Peggy Perott war nämlich eine alte Jungfer, welche um Lohn die Kran⸗ ken in der Nachbarſchaft von Clawbonny pflegte und uns allen als das häßlichſte Weib in der Grafſchaft bekannt war. „So— alſo zuerſt laßt ihr mir keine Ruhe, bis ich einen Toaſt ausbringe und hab' ich's gethan, ſo lacht ihr mich aus!“ rief Mr. Hardinge, halb ſcherzend, halb ernſthaft ſeine Beſchwerde vorbringend.„Peggy iſt eine vortreffliche Frau und eine der nütz⸗ lichſten, die ich kenne.“ „Ich wundere mich nur, theuerſter Sir, daß Ihr nicht auch ein höheres Gefühl damit verknüpft habt,“ fiel ich etwas vor⸗ witzig ein. „Und wenn ich es gethan hätte, ſo wäre es jedenfalls ein 468 ſolches geweſen, wie es jede Frau, ohne ſich deſſen zu ſchämen, mit ihrem Namen verknüpfen laſſen darf. Doch genug davon; ich habe Peggy Perott ausgebracht und ihr ſeyd verbunden, auf ihr Wohl zu trinken“— das war ſchon geſchehen;„und nun, Muhme, nachdem ich durch den Feuerofen gewandelt——“ „Unverſengt?“ fragte Lucy und wollte ſich faſt todt lachen. „Ja, Miß, unverſengt: nun alſo, Muhme, ich fordere Sie auf, uns mit einem Toaſte zu beehren.“ Mrs. Bradfort war ſchon ſeit vielen Jahren Wittwe und ſtand verſchanzt hinter der Rüſtung ihres Standes. An ſolche Aufforderungen gewöhnt, welche ihr in jüngeren und hübſcheren Jahren weit häufiger als in neuerer Zeit zugekommen waren, ergriff ſie ihr Weinglas mit vollendeter Selbſtbeherrſchung und gab ihren Toaſt mit der bewußten Würde einer Dame, welche man ſchon oft vergeblich zu veranlaſſen geſucht hatte:„ihre Stellung zu verändern.“ „Ich bringe euch meinen lieben alten Freund, den Dr. Wilſon,“ ſprach ſie aufſtehend und mit verſtärkter Stimme, als ob ſie der Nachforſchung Trotz bieten wollte. Eine unverheirathete Perſon hatte die Verpflichtung, gleichfalls eine ſolche zum Toaſte zu wählen und die Wittwe war dieſem Ge⸗ brauche treu geblieben, denn der„gute Dr. Wilſon“ war ein halb⸗ abgenutzter Geiſtlicher, welchen Niemand im Verdacht haben konnte, als ob er ein anderes Gefühl als das der Freundſchaft einzu⸗ flößen vermöchte. „Liebſte— Beſte!“ rief Mr. Hardinge ernſthaft;„wie ſind Sie doch ſo viel beſonnener als ich ſelbſt, Mrs. Bradford. Hätte ich mich nur einen Augeublick bedacht, ſo hätte ich den Doktor gewählt, denn ich ſtudirte mit ihm und halte ihn ſehr in Ehren.“ Dieſer Beweis ſeiner Einfalt rief ein neues Gelächter hervor— wie wir doch in jener Nacht ſo leicht über Alles lachen konnten!— und brachte den trefflichen Geiſtlichen noch etwas mehr in Ver⸗ wirrung. Mrs. Bradfort forderte nun mich auf, wie ihr Hausrecht 469 es mit ſich brachte; ich bat aber, daß Ruprecht mir vorangehen moͤchte, da er mehr Perſonen kenne und nun eine Art Weltmann ſey. „Ich gebe die reizende Miß Winthrop,“ ſprach Ruprecht, ohne ſich einen Augenblick zu beſinnen und erhob ſein Glas mit einer Miene, als wollte er ſagen:„nun wie gefällt euch das?“ Da der Name zu den angeſehenſten gehörte, ſo bezeichnete dies den Cirkel, in welchem Ruprecht ſich bewegte, ſehr gut, und die junge Dame verdiente gewiß ſeine Lobrede, obwohl ich ſie niemals geſehen habe. Anno 1802 war es übrigens keine Kleinigkeit für einen jungen Herrn, wenn er auf eine Winthrop, Morris, Livingston, de Lancey, eine Stuyveſant, Beekmann, Van Renſſellaer, Schuyler, auf eine Rutherford, Bayard, Watts, eine Van Cortland, Verplanck, Jones, Walton oder auf eine Dame dieſes Schlages ſeinen Toaſt aus⸗ zubringen wagte. Sie, mit zwanzig ähnlichen Familien, bildeten den Reſt der Kolonialariſtokratie und machten innerhalb der Gränzen von Manhattan Oppoſition gegen die Eingriffe aller Van— ſonſt wer. Ach! ach! wie hat ſich das Alles geändert, obwohl ich glauben muß, daß es nur um ſo beſſer geworden iſt. „Kennſt du Miß Winthrop?“ fragte ich meine Schweſter leiſe. „Nicht im Geringſten; ich komme wenig in jene Geſellſchaft,“ gab ſie ruhig zur Antwort.„Ruprecht und Lucy wurden von manchen Perſonen ausgezeichnet, welche ich nicht kenne.“ Dies war der erſte Wink davon, daß meine Schweſter in der Ge⸗ ſellſchaft nicht aller der Vortheile genoß, deren ſich ihre Freundin erfreule. Wie dies immer zu gehen pflegt, wenn wir im Verluſt zu ſeyn wähnen, ſo war auch ich anfänglich empört hierüber; wäre der Fall umgekehrt geweſen, ich hätte ihn gewiß ganz natürlich gefunden. Aus dieſen Unterſcheidungen ergaben ſich Folgen, welche ich damals noch nicht vorausſehen konnte, die aber ſeiner Zeit berichtet werden ſollen. Ruprecht bat nun Grace um ihren Toaſt, da auf einen Herrn 470 in der Regel eine Dame folgte. Meine Schweſter ſchien nicht im Mindeſten außer Faſſung, ſondern ſprach nach augenblicklichem Zögern: „Mr. Edward Marſton.“ Mir war dies ein fremder Name; ich erfuhr aber ſpäter, daß er einem anſtändigen jungen Manne zugehörte, der Mrs. Brad⸗ ford's Haus beſuchte und mit allen ſeinen Bekannten auf ſehr gutem Fuße ſtand. Ich beobachtete Ruprecht, um die Wirkung des Toaſtes zu bemerken: er blieb jedoch ſo ruhig, als Grace ſelbſt bei Miß Winthrops Namen geweſen war.. „Jetzt, glaube ich, habe ich außer Miles Niemand mehr aus⸗ zurufen,“ bemerkte Grace lächelnd. „Mich! Ei, ihr wißt ja alle, daß ich mit keiner Seele bekannt bin. Unſere Ulſter Mädchen habe ich faſt alle vergeſſen und über⸗ dieß würde ſie hier Niemand kennen, wenn ich auch ihrer zwanzig herzählte.“ „Du laͤßt ganz und gar außer Acht, Bruder, daß die meiſten von uns aus der Graſſchaft Ulſter ſtammen. Verſuch's einmal, ob Du Dich nicht einer jungen Dame erinnerſt—“ „O was das betrifft, da hat's keine Noth; kann doch ein junger Burſche nicht neun Monate lang mit Emilien in einer Cajüte gelebt haben, ohne ihrer zu gedenken, wenn er ſo hart bedrängt wird; ich bringe Miß Emilie Merton.“ Der Toaſt wurde getrunken und ich glaubte Mr. Hardinge nachdenklich werden zu ſehen— einem Manne gleich, welchen Vormunds⸗ pflichten drücken und ſogar Grace erſchien mir ernſter als gewöhn⸗ lich. Lucy wagte ich gar nicht anzuſehen: auf ihr Wohl freilich hätte ich die ganze Nacht Toaſte getrunken, wenn nur die Regel erlaubt hätte, eine der anweſenden Perſonen auszubringen. Wir begannen wieder zu plaudern und ich hatte etwa acht bis zehn Fragen beantwortet, als Mrs. Bradfort, viel zu pünktlich um irgend Irmand auszulaſſen, uns erinnerte, daß Miß Lucy Hardinge uns noch nicht mit ihrem Toaſte beehrt hatte. Lucy 471 hatte Zeit genug zum Nachdenken gehabt; ſie verbeugte ſich, ſchwieg eine Weile, als ob ſie Entſchloſſenheit ſammeln wollte und rief dann: „Mr. Andrew Drewett.“ So hatte ſie alſo dieſen Mr. Drewett— denſelben Jüngling gewählt, mit welchem ich ſie bei der erſten Begegnung in ſo leb⸗ haftem Geſpräch angetroffen hatte! Wäre ich mit der Welt ver⸗ trauter geweſen, ſo würde ich aus einem ſo gewöhnlichen Umſtande gar nichts gemacht haben; wäre ich vollends ein beſſerer Menſchen⸗ kenner geweſen, ſo hätte ich gewußt, daß ein zartes, feinfühlendes Mädchen ein Geheimniß, das ihr theuer iſt, niemals unter ſolch nichts⸗ ſagender Geſtalt verrathen wird. Aber ich war jung und nur allzubereit, das Mädchen zu nennen, dem ich auf dem ganzen Erdenrund den Vorzug einräumte; eine Verſchiedenheit des Ge⸗ ſchlechts wie des Temperaments verſtand ich vollends nicht zu würdigen. Lucy's Toaſt ſtimmte mich für den Reſt des Abends höchſt unbehaglich und ich war herzlich froh, als Ruprecht mich erinnerte, daß es eilf Uhr ſey und er mit mir in einen Gaſthof gehen wolle, um mir ein Zimmer zu beſorgen. Der nächſte Morgen verſtrich mir unter Schiffsgeſchäften. Ich ſah mich unter den Kaufleuten und Schiffsherrn überall aus⸗ gezeichnet und einer meiner Schiffseigner nahm mich ſogar auf die Börſe, damit ich ſehen und geſehen werden ſollte. Da die Zeitun⸗ gen ſchon bei der Ankunft der Pretty Poll die Wiedereroberung der Kriſis berichtet hatten und auch jetzt eine jede ihren Artikel über das Anlangen meines Schiffes enthielt, ſo hatte ich allen Grund, mit meiner Aufnahme zufrieden zu ſeyn. Es gibt Männer, welche in ihren Grundſätzen und ich glaube wohl, auch an Einſicht ſo ſtark ſind, daß ſie ſich mit der bloßen Billigung ihres Gewiſſens begnügen und die Lobeserhebungen wie den Tadel der Welt gleichermaßen belächeln. Ich meines Theils will geſtehen, daß mir der Beifall meiner Mitgeſchöpfe eben ſo viel Freude 472 gewährt, als mir ihre Mißbilligung leid thut. Ich weiß, dieß iſt nicht der Weg, um ein ſehr großer Mann zu werden, denn wer nicht für ſich allein urtheilen, fühlen und handeln kann, wird immer in Gefahr ſeyn, den Wünſchen Anderer unnöthige Opfer zu brin⸗ gen: allein von einer Katze läßt ſich einmal nicht mehr als der Pelz erlangen, und ich war ſchon ſtolz genug darauf, mich am untern Ende der Wallſtreet und in den Zeitungs⸗Kolumnen als Helden im Kleinen preiſen zu ſehen. Was dieſe Letzteren betrifft, ſo kann ſich wohl Niemand darüber beklagen, daß ſie alles Nationelle nicht mit gehörigem Eifer her⸗ aushöben. Wenn man ihnen glauben wollte, ſo hätte unſer Land niemals Unrecht, hätte nie eine Niederlage erlitten oder ſich wenig⸗ ſtens nie in der Lage dazu befunden: ausgenommen wenn man einem politiſchen Oppoſitionsmann durch die entgegengeſetzte Theorie eins verſetzen kann— dann freilich hat bei uns überhaupt noch nie das Recht geherrſcht. Mit dem Ruhme habe ich ſeither die Entdeckung gemacht, daß dieſe Herren jede Einzelnheit als öffentliches Eigen⸗ thum betrachten, an welchem jedem Amerikaner ſein Antheil gebühre — den Redakteuren ſelbſt natürlich weit mehr als dem Manne, der die Sache zur allgemeinen Verlooſung gebracht hat. Allein wie geſagt— ich war noch gar jung anno 1802; ſogar ein lobender Artikel in einem Zeitungsblatte hatte für mich einen Reiz, den ich auch jetzt keineswegs abläugnen will: dann hatte ich mich wirklich brav gehalten, wie ſelbſt meine Feinde— wenn ich welche beſaß — hätten zugeben müſſen. 473 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Schiffe ſind blos Bretter, Seeleute blos Menſchen: es gibt Landratten und Waſſerratten; Waſſerdiebe und Landdiebe— ich meine Piraten: und dann iſt noch die Gefahr vor Waſſer, Wind und Felſen. Demungeachtet kann mir der Mann genügen— drei tauſend Dukaten?— ich denke, ich kann ſein Pfand annehmen. Shylock. Ich ſah Grace und Lucy und Ruprecht und den guten Mr. Hardinge jeden Tag, konnte aber zum Beſuche der Mertons nicht früher Zeit finden, als bis faſt gegen Ende der Woche. Dann machte ich ihnen meinen Beſuch; ſie waren ſehr erfreut mich zu ſehen, bedurften aber meiner Aufmerkſamkeiten durchaus nicht, um ſich an ihrem neuen Orte behaglich zu fühlen. Der Major hatte ſich an den brittiſchen Konſul gewendet, welcher zufällig ein gebo⸗ rener Manhattaneſe von guten Connexionen war— ein Umſtand, der ihm damals einen Einfluß in der Geſellſchaft verlieh, welchen ſein Poſten allein ihm ſchwerlich gewährt hätte. Obriſt Barclay— ſo hieß nämlich dieſer Herr— hatte den Merton's natürlich die Hand gereicht, Andere waren ſeinem Beiſpiele gefolgt und ich fand, daß meine Freunde ſich bereits in den beſten Cirkeln von New⸗York bewegten. Emilie zählte mir die Namen verſchiedener Familien auf, mit denen ſie Viſiten ausgetauſcht hatte und von Lucy's und Grace's Geſprächen her, ſowie nach meiner allgemeinen Kenntniß von den Traditionen der Kolonie und des Staats, erkannte ich ſogleich, daß dieſelben— wenn auch nicht in politiſcher, ſo doch in ſocialer Beziehung zu den Tonangebenden im Lande, d. h. zu einer Klaſſe gerechnet wurden, welche weit über denjenigen ſtand, mit welchen ich bis jetzt Umgang gepflogen hatte. Nun, wußte ich recht gut, daß der Kapitän eines Kauffahrers, wie gut er auch mit ſeinen Schiffsherrn oder Agenten ſtehen, wie 474 ſehr er ſich bei ſeinen Kameraden in Kredit geſetzt haben mochte, in jene Cirkel nicht leicht Zutritt fand, und ich hatte demnach die tröſtliche Ausſicht vor mir, daß meine eigene Schweſter und die beiden Mädchen, welche ich— nächſt Grace natürlich— auf der ganzen Welt am meiſten liebte und bewunderte, lauter Häuſer beſuchten, deren Thüren mir ſelbſt verſchloſſen blieben. Dies iſt immer unangenehm, in meinem Falle war es aber noch mehr als das. Als ich Emilien erzählte, daß Grace und Lucy ſich in der Stadt befänden und ſie noch am ſelben Morgen zu beſuchen vor hätten, glaubte ich weniger Nengierde an ihr zu bemerken, als ſie noch vor einem Monat verrathen haben würde. „Iſt Miß Hardinge eine Verwandte von dem Mr. Ruprecht Har⸗ dinge, dem ich geſtern beim Eſſen vorgeſtellt wurde,“* fragte ſie, nachdem ſie mich zuvor verſichert hatte, daß der Beſuch der Damen ihr viel Vergnügen machen würde. Ich wußte, daß Ruprecht den Tag zuvor auswärts geſpeist hatte und da er der einzige ſeines Namens war, ſo bejahte ich die Frage. „Wie ich höre, iſt er der Sohn eines achtungswerthen Geiſt⸗ lichen und beſitzt ſehr gute Connexionen?“ „So werden die Hardinge's bei uns betrachtet; Ruprechts Vater und Großvater gehörten zum geiſtlichen Stande, ſein Urgroßvater aber war ein Seemann; ich denke, Sie werden deßhalb nicht ge⸗ ringer von ihm denken.“ 3 „Ein Seemann! nach dem, was einige Anweſende ſagten, hätte ich eher vermuthet— d. h. ich wußte das nicht.“ „Vielleicht ſagten ſie Ihnen, daß ſein Urgroßvater brittiſcher Offizier war?“ Emilie erröthete und lachte dann ein Bischen, gab aber zu, daß ich recht gerathen hatte. * Sonderbare Mode der Amerikaner, die Damen den Herren, ſtatt um⸗ gekehrt dieſe jenen vorzuſtellen! D. U. 475 „Nun das Alles war ganz richtig,“ fuhr ich fort,„und dennoch war er ein Seemann. Der alte Kapitän Hardinge— oder Kom⸗ modore Hardinge, wie er gewöhnlich genannt wurde, weil er ein Geſchwader kommandirt hatte— diente in der brittiſchen Marine.“ „Ach, ein ſolcher Seemann!“ rief Emilie raſch;„ich wußte nicht, daß man die Herren von der Marine auch Seeleute zu nennen pflegt.“ „Sie würden wenigſtens eine ärmliche Rolle ſpielen, Miß Merton, wenn ſie es nicht wäͤren; eben ſo gut könnten ſie ſagen, ein Richter ſey kein Advokat.“ Dies bewies mir übrigens zur Genüge, daß Miß Merton den Kommandanten der Kriſis nicht länger für den erſten Mann in der Welt anſah. Ein Läuten verkündete die Ankunft der beiden Mädchen. Sie wurden heraufgewieſen und ich hatte bald die Freude, dieſe drei bezaubernden jungen Weſen beiſammen zu ſehen. Emilie empfing ihre beiden Gäſte ſehr artig und äußerte mit freimüthigen, ja ſogar warmen Worten ihre Dankbarkeit für Alles, was ich für ſie und ihren Vater gethan hatte. Sie ging dabei ſo weit zurück, daß ſie ſogar von unſerem Zuſammentreffen im Hyde⸗ park zu London ſprach, und war ſo gütig zu erklären, daß ſie und ihre Eltern meinem Dazwiſchentreten das Leben verdankten. Dies Alles machte ihren Zuhörerinnen viel Vergnügen, denn ich glaube, keine von Beiven wäre jemals müde geworden, mein Lob zu hören. Nach dieſem Eingang kam man auf New⸗York, ſeine Vergnü⸗ gungsparthieen und auf die verſchiedenen Perſonen zu ſprechen, welche man wechſelsweiſe kannte. Ich ſah, daß die beiden Mädchen über den Klubb erſtaunt waren, in welchem Miß Merton ſich be⸗ wegte, da er noch um einen Schatten höher ſtand als Mrs. Brad⸗ forts Kreis, obwohl die Miſchung, welche gewöhnlich bei ſolchen Geſellſchaften ſtattfindet, die einzelnen Theile jedes der beiden Cirkel einander bekannt machte. Da die erwähnten Perſonen mir völlig 476 fremd waren, ſo hatte ich nichts zu ſprechen und hörte ſchweigend zu: ich fand ſo um ſo beſſer Gelegenheit, die Mädchen mit einan⸗ der zu vergleichen. Was Zartheit der äußeren Erſcheinung betrifft, ſo hatten Grace und Lucy hierin vor der engliſchen Schönheit den Vorzug. Hand und Fuß war bei ihnen kleiner, die Taille feiner und die Vewegungen überhaupt— meiner Meinung nach— gefälliger. Da⸗ gegen war Emiliens Teint ſchöner, obwohl ihre Geſichtsfarbe we⸗ niger fein und zart war. Vielleicht hatte ſie unter den Dreien die ſchönſten Zähne, wenngleich die meiner Schweſter und Lucy's, beſon⸗ ders die der letzteren, zu den hübſcheſten gehörten. Schultern und Büſte der Engländerin hätten überhaupt weit größere Bewunderung gefunden, als die der meiſten Amerikanerinnen— beſonders aber der New⸗Yorker Damen; allein es war unmöglich, es Lucy hierin zuvorzuthun. Indeſſen zeigte Emiliens Geſicht am meiſten Geiſt, Lucy's Antlitz aber am meiſten Feinheit und Gefühl. Mit Grace's Geſichtsausdruck will ich gar keine Vergleichung anſtellen, weil dieſer durch ſein ganzes Gepräge zu eigenthümlich war, um ſich in eine nationale Klaſſifikation einſchließen zu laſſen. Ich erinnere mich, wie ich, als die drei Grazien ſo in einer Rieeihe neben einander ſaßen und ſich frei und munter mit einan⸗ der beſprachen, dachte, Lucy in ihrem niedlichen Morgenanzug ſey die hübſcheſte, wogegen ich aber noch zweifelhaft blieb, ob Emilie in einem Ballſaal nicht den meiſten Beifall eingeärndet hätte. Ich erwähne dieſer Unterſcheidung, weil ich ſie als nationell betrachte. Der Beſuch dauerte eine Stunde, denn ich hatte beiden Theilen meinen Wunſch ausgedrückt, daß ſie ſich kennen lernen möchten und die Mädchen ſchienen auch gegenſeitig Gefallen an einander gefunden zu haben. Wenn ſie ſo zuſammen plauderten, lauſchte ich auch auf den Klang der Stimmen und es kam mir vor, als ob Emilie in der Intonation und in Accent den beiden Andern einigermaßen über⸗ legen wäre; der Unterſchied war jedoch kaum bemerkbar und dazu 477 ſchien dieſer Vortheil durch ein kleines Opfer am Reiz der natür⸗ lichen Ausſprache erkauft zu werden. Sie erſchien hierin etwas ge⸗ künſtelter und in ſofern weniger anſprechend als ihre Gefährtinnen: hätte man freilich dieſe Vergleichung mit dem jetzigen Manhattan⸗ ſtyle angeſtellt, dann wäre ſie allerdings unendlich zu ihrem Vor⸗ theil ausgefallen. Allein Anno 1802 wurde bei jungen Damen noch einige Aufmerkſamkeit auf die Ausſprache, auf die Ausbildung der Betonung und die allgemeine Ausdrucksweiſe verwendet. Der Mangel an alle dem in der heutigen Art zu ſprechen iſt einer der überhandnehmenden Fehler im ganzen Syſtem unſerer jetzigen Damen⸗ erziehung, denn es iſt faſt ebenſo ſelten, daß man eine junge Ame⸗ rikanerin ihre Mutterſprache anmuthig reden hört, als daß man eine findet, welche nicht von gefälligem Aeußeren wäre. Als ſich die jungen Damen von einander verabſchiedeten, machten ſie miteinander aus, daß ſie ſich bald wieder treffen wollten. Ich gab Emilien nach engliſcher Sitte die Hand und empfahl mich gleichfalls. 3 „Nun, Miles,“ begann Grace, ſobald wir auf der Straße waren,„Du haſt allerdings einem äußerſt reizenden jungen Mädchen Dienſte geleiſtet— ich mag ſie ausnehmend wohl leiden.⸗ „Und Du, Lucy— ich hoffe Du ſchließt Dich Grace's Aus⸗ ſpruch an und hältſt meine Freundin Emilie Merton ebenfalls für ein reizendes Mädchen?“ Lucy ſprach ſich nicht ſo offen und entſchieden aus wie Grace, was nämlich ihre Ausdrucksweiſe betraf— denn in den Worten ſtimmte ſie mit ihr überein. „Ich bin derſelben Meinung,“ erwiederte ſie in weit weniger munterem Tone, als er ſonſt ihrem heiteren Weſen eigen war. „Sie iſt eines der lieblichſten Geſchöpfe, das ich jemals ſah— und es iſt kein Wunder—“ „Was iſt kein Wunder, Liebe?“ fragte Grace, als ſie ihre Freundin ſtocken hörte. 478 „Ach, ich wollte eben etwas Ungeſchicktes ſagen und will lieber meine Rede nicht beenden. Aber was dieſe Miß Merton eine voll⸗ endete Manier beſitzt— denkſt Du nicht auch ſo, Grace?“ „Ich wünſchte, ſie hätte davon etwas weniger, Liebe; das iſts gerade, was ich an ihrem Benehmen auszuſetzen habe. Es iſt Manier, und wenn wir ſie auch alle in gewiſſem Grade nöthig haben, ſo kommt es mir doch vor, als ob man ſie nicht ſehen laſſen ſollte. Ich glaube, Luey, die Europäer, die wir vergangenen Winter in der Stadt ſahen, hatten alle mehr oder weniger von dieſer Manierirtheit an ſich.“ „Uns mag es freilich ſo erſcheinen; dagegen kann es allen denen, die daran gewöhnt ſind, ſehr angenehm vorkommen, ja ſo⸗ gar als etwas, was ſie vermiſſen, wenn es ihnen durch langen Um⸗ gang zum Bedürfniß geworden iſt.“ Wahrend Lucy dieſe Bemerkung machte, entdeckte ich, wie ſie mich ſcheu und verſtohlen anſah. Ich wanderte damals gänzlich auf dem Irrweg— war thöricht genug zu glauben, das liebe Mädchen ſpreche von mir und empfand einige Gereiztheit. Ich bildete mir ein, ſie wolle damit ſagen: „da, Maſter Miles, Du haſt nun London und eine wüſte Inſel der Südſee— d. h. die beiden Extreme menſchlicher Geſittung— ge⸗ ſehen und biſt jetzt ſo blaſirt, ſo ganz unclawbonnyiſch geworden, daß Dir die Manierirtheit an den jungen Damen Deines Umgangs zum Bedürfniß geworden iſt.“ Der Gedanke ärgerte mich dermaßen, daß ich eine Dienſtpflicht vorſchützte und nach dem Schiff hinabeilte. Aber wen traf ich in der Rektorſtreet— meinen guten Mr. Hardinge, der mich ſchon drüben am Hudſon aufgeſucht hatte. „Komm her, Miles,“ begann der treffliche alte Mann,„ich habe ernſtlich mit dir zu reden.“ 5 3 Mir ſteckte in dem Augenblick nur Lucy im Kopf und ich ſagte zu mir ſelbſt:„Was kann mir der liebe alte Herr nur jetzt zu ſagen haben?“ „Ich vernehme von allen Seiten die günſtigſten Berichte über Dich, mein theurer Junge,“ fuhr Mr. Hardinge fort;„man ſagt mir, du ſeyſt ein ausgezeichneter Seemann geworden. Es gereicht Dir in der That zu keinem geringen Ruhm, daß Du ſchon ein Jahr vor erlangter Volljährigkeit einen Indiafahrer kommandirſt. Ich habe mit meinem alten Freunde John Murray von dem Hauſe John Murray und Soͤhne, einem der beſten Kaufleute in Amerika geſprochen; er ſagt mir:„Bringe den Jungen vorwärts, wenn Du den rechten Stoff in ihm findeſt. Verſchaffe ihm ein eigenes Schiff, das wird ihn ins rechte Kielwaſſer bringen. Lehre ihn frühzeitig auf ſeinen eigenen Vortheil bedacht zu ſeyn und er wird mit einem Male ein Mann werden. Ich habe mir die Sache überlegt, habe ſchon ſeit einem Monat ein Schiff im Auge gehabt und will es ſogleich ankaufen, wenn der Plan Dir gefällt.“ „Aber beſitze ich auch Geld genug zu ſo Etwas, theurer Sir? Wer einmal auf dem John, dem Tigris und der Kriſis gefahren iſt, mag nicht leicht mit euren B's Nro. 2. zu ſchaffen haben.“ „Du haſt der ‚Pretty Poll“ zu erwähnen vergeſſen, Miles,“ erwiederte der Geiſtliche lächelnd.„Du brauchſt übrigens nichts für Deine Würde zu beſorgen; das Schiff, wegen deſſen ich im Handel ſtehe, ſoll ganz ſo ſeyn, wie Du Dir's nur wünſchen kannſt, es hat blos eine Reiſe gemacht und wird wegen Todesfalls des ſeitherigen Beſitzers verkauft. Was das Geld betrifft, ſo wirſt Du Dich erin⸗ nern, daß ich dreizehntauſend Dollars von Deinem Einkommen in Staats⸗Kapitalien angelegt habe, welche mich blos zehn koſten. Der Frieden bringt Alles in die Höhe und Du haſt rechts und links nichts als Geld einzuſtreichen. Wie ſtehts mit dem Betrage Deines Solds und Nebenhandels?“ „Vortrefflich, Sir. Ich habe faſt dreitauſend Dollars in der Taſche und werde Euch alſo um meiner perſönlichen Bedürfniſſe 480 willen nicht anzufordern brauchen. Dann habe ich auch noch mein Priſengeld einzuziehen: ſogar Neb bringt mir mit Löhnung und Priſenantheil neunhundert Thaler ein. Mit Eurer Erlaubniß, Sir, moͤchte ich dem Burſchen gerne ſeine Freiheit ſchenken.“ „Warte bis Du volljäͤhrig biſt, Miles; dann kannſt Du thun, was Dir beliebt. Ich habe noch viertauſend Dollars von Deinem ausſtehenden Gelde, das heimbezahlt und in Staatspapieren angelegt worden iſt. So bringen wir alſo über zwanzigtauſend Dollars flüßiger Fonds zuſammen, während der Preis des Schiffes, wie es faſt ſegelfertig daſteht, nur fünfzehntauſend beträgt. Jetzt geh und betrachte Dir das Fahrzeug; hat es Deinen Beifall, ſo ſchließe ich den Handel auf der Stelle ab.“ „Aber lieber Mr. Hardinge, traut Ihr Euch denn auch alle erforderlichen Eigenſchaften zu, um den Werth eines Schiffes zu beurtheilen?“ „Pah! pah! Du wirſt mich doch nicht für ſo eingebildet halten, daß ich auf eigne Fauſt einkaufte? Ich habe mir einige der beſten Rathgeber der ganzen Stadt dafür auserleſen, z. B. John Murray — um mit ihm den Anfang zu machen, er iſt nämlich ſelbſt ein bedeutender Schiffhalter— dann haben ſich noch Archibald Gracie und William Bayard, lauter treffliche Kenner, für die Sache in⸗ tereſſirt. Noch drei andere meiner Freunde haben das Schiff von allen Seiten beſehen und Alle billigen— kein einziger verwirft den Kauf.“ „Darf ich fragen, Sir, wer das Fahrzeug außer den genannten Herrn in Augenſchein genommen? Jene ſind in der That vollgül⸗ tige Beurtheiler, das muß ich geſtehen.“ „Ei?— warum?— ja— haſt Du vielleicht ſchon etwas von einem Dr. Benjamin Moore gehört, Miles?“ „In meinem Leben noch nicht; aber ein Arzt kann doch keinen ſonderlichen Schiffskenner abgeben.“ „Er iſt eben ſo wenig Arzt als Du ſelbſt, Knabe— Dr. Benjamin 481 Moore, derſelbe, den wir waͤhrend Deiner Abweſenheit zum Biſchof erwählten—“ „Aha, auf den Ihr ſtalt Miß Peggy Perott's einen Toaſt hättet ausbringen mögen,“ rief ich lachend.„Nun, was hält denn der Biſchof von dem Fahrzeuge?— iſt er damit einverſtanden, ſo muß es ja orthodor ſeyn.“ „Er ſagt, es ſey das ſchönſte Fahrzeug, das ihm jemals vor Augen gekommen, Miles; und laß dir nur ſagen, die günſtige Meinung eines ſo guten Mannes wie Dr. Moore, iſt von Werth, auch wenn ſichs blos um ein Schiff handelt.“ Ich konnte mich nicht halten, ich mußte lachen über dieſen Beweis von Einfalt, und meine Leſer werden wohl alle mit mir einſtimmen; und doch— warum follte ein Biſchof nicht eben ſo viel von Schiffen verſtehen, als ſo manche Ignoranten, die in ihrem Leben noch nie ein theologiſches Buch, etliche ſogar nicht einmal die Bibel geleſen haben— von Biſchöfen verſtehen wollen? Die Sache war um kein Haar abgeſchmackter als ſo manche andere Dinge, welche ſich täglich vor unſeren Augen zutragen und in die wir uns aus bloßer Gewohnheit als in etwas ganz Natürliches ergeben. „Nun, Sir,“ entgegnete ich ſobald ich konnte,„ich will mir das Schiff anſehen, will ſeine Beſchaffenheit prüfen und Euch dann ſogleich meine Antwort ſagen. Der Gedanke gefällt mir, denn es iſt gar angenehm, ſein eigener Herr zu ſeyn.“ Damals konnte man für fünfzehntauſend Thaler das trefflichſte Schiff kaufen, ſo ſtanden ſie zu jener Zeit im Preiſe. Das Schiff, das ich zu muſtern hatte, war mit Kupfer bedeckt, mit ditto Bolzen befeſtigt, die Dielen waren eingefalzt; es hielt gerade fünfhundert Tonnen, hatte den Ruf eines flinken Seglers und war— was Anno 1802 als beſondere Empfehlung galt— zu Philadelphia ge⸗ baut worden. Es war kaum etwas über ein Jahr fertig, ſtand alſo für ein Schiff im beſten Alter und hatte eine Reiſe nach China gemacht; es führte den Namen„die Morgendämmerung“ und Miles Wallingford. 31 482 hatte eine„Aurora“ zur Gallionsverzierung. Ob es ſich zum Puſeyismus hinneigte oder nicht, wußte ich nicht herauszubringen;. legenheit der Gottesdienſt der prokeſtantiſch⸗biſchöflich⸗katholiſchen auszudrücken, denn ſie hatten beabſichtigt, mir das Kommando des Schiffes zu laſſen, konnten aber natürlich ſo wenig, als Jeder andere— gegen meinen Wunſch, für eigene Rechnung zu ſegeln, etwas einwenden. Weltgegenden gute Frachten angeboten wurden. Ich hatte die A Wahl zwiſchen Holland, Frankreich, England und China und be⸗ ſtimmte mich nach einer Berathung mit meinem Oheim für Frank⸗ reich, nicht nur weil ich am Beſten hiefür bezahlt wurde, ſondern dieſer Periode wurde ich mündig und dem zufolge mein eigener Herr. Da ich bei dieſer Veranlaſſung große Geſchäfte zu Claw⸗ bonny vor hatte, ſo hielt ich für beſſer mich nicht zu weit von Haus zu entfernen. Ich nahm Talcott und den Philadelphier, Namens Walton, als Steuermänner an und begann dann meine 1 Ladung ſohald wie möglich einzunehmen. In der Zwiſchenzeit dachte ich meinem heimathlichen Dache einen Beſuch abzuſtatten. Wir befanden uns jetzt in einer Jahres⸗ zeit, wo Alles, was„etwas“ war, die Stadt verließ und die Land⸗ häuſer am Hudſon waren ſchon längſt bezogen. Auch Mr. Hardinge 483 ſehnte ſich nach dem Lande und nach ſeiner Gemeinde: die Mädchen hatten die Stadt ſatt, welche ſehr langweilig zu werden anfing und, Ruprecht allein ausgenommen, ſchien die Fahrt den Fluß aufwärts in Allen Wünſchen zu liegen. Ueberdies hatte ich die Mertons eingeladen, einen Theil des Sommers auf meinem Gute zuzubringen und es war jetzt Zeit meine Einladung zu wiederholen, da der Arzt dem Major angerathen hatte, ſich für die Sommermonate einen kühleren Wohnſitz aufzuſuchen, als die Straßen einer heißen und engen Stadt ihm gewähren konnten. Emilie war von dem Geſellſchaftskreiſe, in welchen ſie ſeit ihrer Landung gerathen war, und der, wie ich leicht ſehen konnte, weit über den Cirkeln ſtand, in denen ſie ſich zu Hauſe bewegt hatte — dermaßen eingenommen worden, daß ich mich nur über die Be⸗ reitwilligkeit wundern mußte, mit der ſie in ihren Vater drang, ſein Verſprechen zu halten. „Wie Mr. Hardinge mir ſagt, Sir,“ bemerkte ſie—„iſt Claw⸗ bonny wirklich ein hübſcher Ort und die ganze Umgegend wird für ſehr geſund gehalten. Du kannſt vor mehreren Monaten doch noch keine Briefe von Haus erwarten“(damit meinte ſie nämlich England) „und ich weiß, Kapitän Wallingford wird ſich ein wahres Vergnügen daraus machen, uns bei ſich zu ſehen. Ueberdies ſind wir nun ein⸗ mal verbunden, auch dieſe weitere Gefälligkeit von ihm anzunehmen.“ Selbſt der Major ſchien über Emiliens ernſtliches Dringen etwas überraſcht und leiſtete ohnehin ſehr geringen Widerſtand. Seine Geſundheit war beinahe völlig untergraben und ich begann ernſtlich zu zweifeln, ob er überhaupt noch bis zu ſeiner Rückkehr nach Europa leben würde. Er zählte einige Verwandte zu Boſton und war mit ihnen in Korreſpondenz getreten; ich ſelbſt hatte ſchon mehr als einmal daran gedacht, ob ich ſie nicht von ſeiner Lage benachrichtigen ſollte. Für jetzt konnte jedenfalls nichts Beſſeres mit ihm geſchehen, als ihn ſobald wie möglich aufs Land zu ſchaffen. Nachdem ich mit den Anderen alles Nöthige abgemacht hatte, 484 ſuchte ich auch Ruprecht zu der Parthie zu bereden, denn ich dachte mir, Grace und Lucy würden ſich dann nur um ſo mehr darauf freuen. „Miles, du Guter—“ erwiederte der junge Student gähnend, „Clawbonny iſt allerdings ein prächtiger Ort, aber das wirſt Du doch zugeben, nach New⸗York muß er Einem etwas abgeſchmackt vorkommen. Mrs. Bradfort, meine gütige Verwandte, hat uns alle lieb gewonnen und mich namentlich in eine ſo behagliche Lage ver⸗ ſetzt! Wirſt Du's wohl glauben, Junge, daß ſie mir ſeit zwei Jahren ſechshundert Dollars Rente ausgeſetzt hat und Lucy daneben noch wahrhaft konigliche Geſchenke macht. Eine prächtige Frau iſt ſte— unſere Muhme Margarethe!“ Ich hörte dies in der That nicht ohne Erſtaunen, denn bei der Abrechnung mit den Schiffseignern fand ich, daß Ruprecht kraft der ihm bei meinem Abgange hinterlaſſenen Anweiſung jeden Cent, zu welchem er berechtigt war, auf mich gezogen hatte. Da übrigens Mrs. Bradfort mehr als wohlhabend war, keine näheren Verwandten als Mr. Hardinge und für deſſen Familie viele Anhänglichkeit be⸗ ſaß, ſo konnte ich, ſo weit es wenigſtens die Freigebigkeit der Dame betraf, Ruprechts Ausſage recht leicht für wahr annehmen: nur „Es thut mir leid, daß Du nicht mit uns gehen kannſt,“ war meine Antwort,„denn ich zählte darauf, daß Du mir die Mertons unterhalten helfen würdeſt—„ „Die Mertons! Die werden doch nicht etwa den Sommer zu Clawbonny zubringen wollen?“ „Sie verlaſſen die Stadt mit uns und zwar morgen. Warum ſollten die Mertons den Sommer nicht zu Clawbonny zubringen?“ „Nun, Miles, mein theurer Junge, Du weißt doch, wie's in der Welt und beſonders wie's bei dieſen Engländern zugeht. Sie halten alle Leute für Perſonen von Rang und ſind vor allem auf Mode, auf äußere Erſcheinung und alle dergleichen Dinge verſeſſen, 485 lauter Dinge, auf welche ſich Niemand beſſer verſteht, als ich ſelbſt, da ich ja die meiſte Zeit im engliſchen Klubb zubringe.“ Damals begriff ich noch nicht, was über Ruprecht gekommen war, obwohl es mir jetzt vollkommen klar iſt: er war in der That in den dazumal ſogenannten engliſchen Klubb gerathen. Nun iſt zwar keine Frage darüber, daß dieſer Klubb— ſo weit es die Eingebornen ſelbſt betrifft— ſo gut war wie nur je einer in unſerem Lande beſtand, und auch das ſteht außer Zweifel, daß manche achtungswerthe Engländer beiderlei Geſchlechts daſelbſt getroffen wurden— aber der große Fehler war: jeder Engländer, wenn er nur einen guten Rock trug und die Kunſtſprache der Geſellſchaft einigermaßen los hatte, konnte wenigſtens in die äußeren Kreiſe dieſes Klubbes gelangen und Ruprecht, deſſen eigene Stellung noch nicht ganz befeſtigt war, blieb großentheils auf den Umgang dieſer zufällig Ab⸗ und Zugehenden angewieſen. Großprahlerei, Trunk⸗ ſucht und hochmüthige Verachtung alles Vaterländiſch⸗ameri⸗ kauiſchen bildeten ihre hervorſtechendſten Eigenſchaften, obwohl ſie ſich da, wo ſte jetzt waren, ſonder Zweifel in weit beſſerer Geſell⸗ ſchaft befanden, als jemals zu Haus. Gleich den meiſten Neulingen glaubte Ruprecht dieſe Polterer nachahmen zu müſſen, und da ſie ſelten zehn Minuten ſprachen, ohne von Lord A.— oder Sir John B— Leute, von denen ſie geleſen oder die ſie auf den Straßen geſehen hatten, zu reden, ſo war er ſchwach genug ſich einzubilden, ſie ſeyen mit den Würdenträgern des engliſchen Reiches aufs Genaueſte bekannt. Ruprecht war wirklich ein Gentleman und beſaß von Natur gute Manieren: um ſo mehr that es mir leid, ſehen zu müſſen, wie er ſich nach ſo höchſt zweifelhaften Mu⸗ ſtern gleichſam in eine neue Mode hineinarbeitete. „Clawbonny iſt freilich kein modiſcher Ort, das will ich gerne zugeben,“ erwiederte ich nach augenblicklicher Pauſe:„jedenfalls aber gehoͤrt er zu den anſtändigen— ein hübſches Landgut, eine 486 werthvolle Mühle und ein tüchtiges, altes, behagliches, einſames, ſteinernes Wohnhaus.“ „Ganz richtig, Miles, und mir ſo theuer wie mein Augapfel, das weißt Du ja, mein theurer Junge; aber es iſt eben gar ſo ländlich: junge Damen haben zwar all die guten Dinge ſehr gerne, welche von den Landgütern herſtammen, nur ſind ſie nicht geneigt, die Häuslichkeit eines ſolchen Wohnſitzes zu bewundern. Ich ſpreche hier beſonders von jungen engliſchen Ladies. Nun ſiehſt Du, Major Merton iſt ein Feldofftzier, und dies heißt, wie Du weißt, in einem achtbaren Stande ſchon einen höheren Rang bekleiden; es iſt Dir vermuthlich nicht unbekannt, Miles, daß der König ſeine meiſten Söhne in der Armee und in der Marine anſtellt und das macht einen bedeutenden Unterſchied, wie Du leicht begreifen wirſt.“ „Ich— nicht das Geringſte begreife ich davon; was geht es denn mich an, wo der Koͤnig von England ſeine Söhne unterbringt?“ „Wenn ich denn durchaus die Wahrheit ſagen ſoll, mein theurer Miles, ſo wünſche ich, daß wir Beide, da wir noch Knaben waren, etwas weniger knabenhaft geweſen wären, als dies leider der Fall war— es käme uns jetzt um ſo mehr zu Statten.“ 3 „So— ich wünſche nichts dergleichen. Ein Knabe muß Knabe ſeyn, der Mann aber, der fey— Mann. Ich bin ganz zufrieden, daß ich ein Knabe war, ſo lange ich in jenem Alter ſtand. Es iſt ohnehin ein Fehler in dieſem Lande, daß Knaben ſich zu frühzeitig für Maͤnner halten.“ „Ach, mein lieber Junge, Du willſt, oder kannſt mich nicht verſtehen. Ich meine, wir ſeien bei der Wahl unſeres Stan⸗ des zu voreilig verfahren: ich zog mich noch zu rechter Zeit zurück, Du aber beharrteſt bei Deiner Wahl— das iſt Alles.“ „Du zogſt Dich in der That bei Zeiten zuruck, mein Junge, wenn Du wirklich die Wahrheit hören willſt, denn hätteſt Du auch hundert Jahre auf Schiffen gedient, Du wäreſt doch nie ein Seemann geworden.“ Damit meinte ich ein ſehr ſtrenges Urtheil gefällt zu haben: 4 ⸗ 2 3 6 487 Ruprecht nahm es aber ſo ruhig auf, daß ich ſogleich merkte, wie er in dieſem Punkte ganz anders dachte. „Natürlich— es iſt nicht mein Beruf. Die Natur beſtimmte mich hoffentlich zu etwas Beſſerem und ich hielt damals eine knaben⸗ hafte Neigung irriger Weiſe für einen wahren Geſchmack. Eine kurze Erfahrung belehrte mich eines Beſſeren, und ich ſtehe nun da, wo ich fühle, daß ich hingehöre. Ich wollte, Miles, auch Du wäreſt damals, ſtatt auf die See zu gehen, zum Nechtsſtudium überge⸗ treten: Du hätteſt jetzt Zutritt zu den Gerichtsſchranken und be⸗ ſäßeſt eine feſte Stellung in der Geſellſchaft.“ „O ich bin herzlich froh, daß ich dies nicht that. Was zum Henker hätte ich als Advokat angefangen oder welchen Vortheil brächte es mir, wenn ich an den Gerichtsſchranken zugelaſſen würde?“ „Vortheil! Ei, mein lieber Junge, jeden denkbaren Vortheil von der Welt. Du weißt vermuthlich, mein lieber Miles, wie es in unſerem Lande im Punkte der Geſellſchaft ſteht?“ „Mit nichten; nach dem Wenigen, was ich aus der Art ent⸗ nehme, wie Du bei deinem Geſpräche abgierſt, will ich auch gar Nichts davon wiſſen. Betreiben denn die jungen Leute das Rechts⸗ ſtudium blos deßhalb, um für vornehm zu gelten?“ „Verachte mir nicht die Wiſſenſchaft, mein Junge; ſie iſt ſogar in Kleinigkeiten von Nutzen. Nun haben wir in unſerem Lande, wie Du weißt, gar wenige unabhängige Leute— Majoratserben, wie in Europa, welche von ihrem Einkommen leben; vielmehr müſſen neun Zehntel von uns einen Stand ergreifen, deren es höͤchſtens ein halbes Dutzend gibt, wie ſie für einen Gentleman paſſen. Armee und Flotte, weißt Du, ſind nichts— zwei bis drei Regi⸗ menter, in den Waͤldern zerſtreut und ein halbes Dutzend Schiffe. Nach ihnen bleiben noch die drei gelehrten Fakultäten: Theologie, Jurisprudenz und Medicin. Die Theologie iſt in unſerer Familie ausgegangen, fürcht' ich. Was die Medicin betrifft, ‚werft mir die Medicin vor die Hunde“, wie Miß Merton ſagt—“ „Wer?“ rief ich überraſcht.„„Werft mir die Mediein vor die Hunde⸗— pah, Mann, das iſt Shakeſpeare!“ „Ich weiß es, aber es gehört auch Miß Emilie Merton an. Deine Seefahrt, Miles, hat wenigſtens den Vortheil, daß Du uns mit einem bezaubernden Weſen bekannt machteſt. Ihre Anſichten in ſolchen Dingen find ſo haarſcharf wie eine Sonnenuhr.“ „Und hat Miß Emilie Merton mit Dir jemals über meinen Stand geſprochen, Ruprecht?“ „Allerdings that ſie das und bedauerte Dich deßhalb mehr als einmal. Du weißt ſo gut wie ich, Miles, daß der Seemanns⸗ ſtand, wofern Du nicht zu einer Marine gehörſt, nicht zu den vornehmen Berufsarten gezählt wird!“ 3 Bei dieſer Bemerkung brach ich in ein lautes Gelaͤchter aus — ſie kam mir gar zu drollig, wenn nicht gar ziemlich albern vor. Ich kannte meine eigentliche Stellung in der Geſellſchaft ſehr gut, war weit entfernt von der thörichten Windbeutelei mit perſönlichem Verdienſt, wie nicht minder von dem einfältigen Geſchrei: ‚ein Mann iſt ſo gut wie der Anderer, das jetzt ſo allgemein unter uns angeſtimmt wird; ich begriff recht wohl das Nützliche und Unvermeidliche von Klaſſifikationen, wie ſie in allen civiliſirten Gemeinweſen ſtattfinden und, wenn ſie auch Ausnahmshalber einige Nachtheile mit ſich bringen, jedenfalls im Ganzen ſich als große Wohlthaten erweiſen; auch war ich keineswegs der Mann, der übertriebene Anſprüche machte oder ſeine Mängel in Abrede zog. Allein der Gedanke, bei meinem edlen, männlichen, kühnen Berufe noch lange erwägen zu ſollen, ob er auch vornehm ſey, kam mir ſo abgeſchmackt vor, daß ich das Lachen nicht unterdrücken konnte. Einige Minuten ſpäter wurde ich aber wieder ernſt. „Hör' einmal, Ruprecht,“ entgegnete ich,„ich hoffe, Miß Merton glaubt doch nicht, daß ich ſie über meine wahre Stellung irre führen oder ſie glauben machen wolle, ich ſey eine wichtigere Perſon als ich in Wirklichkeit bin?“ ———PAP— 1— 489 „Ich will nicht dafür ſtehen. Als wir uns zum erſten Male ſahen, fand ich, daß ſie von Clawbonny und Deinem Majorat ganz eigene Erwartungen hegte, welche, weißt Du, ächt engliſch waren. In England verſchafft ein Majorat dem Manne ein ge⸗ wiſſes Anſehen, wogegen es bei uns ſo übrig genug Land gibt, daß wir den, der ein Stückchen davon ſein eigen nennt, kaum be⸗ achten. Staatspapiere, weißt Du, ſtehen in Amerika dem baaren Geld weit näher und ſind alſo auch viel beſſer als Landbeſitz.“ Wie wahr war dies noch vor zehn Jahren und wie iſt es heut zu Tage ſo ganz unrichtig! Allerdings war der Eigenthümer von zehntauſend Morgen unter dem Papiergeldregiment eine weit unwich⸗ tigere Perſon als der Beſitzer einiger Papierfetzen, deren Werth nach und nach immer mehr zuſammenſchrumpfte. Das war jene Zeit, wo das Aequivalent eines Eigenthums weit mehr gelt als das Eigenthum ſelbſt und blos deßhalb, weil das Land in einem Fieber lag, welches alle Welt in Bewegung ſetzte— eine Zeit, deren Wiederholung wir, wie ich fürchte, entgegenſehen dürfen. „Aber was hatte Emilie Merton mit all' dem zu ſchaffen?“ „Miß Merton? O, ſte iſt eine Engländerin, weißt Du, und empfand bei dem Worte ‚Landſitze, was ihre Landsleute immer dabei zu empfinden pflegen. Ich brachte aber Alles in Ordnung und Du brauchſt deßhalb nichts zu befürchten.“ „Den Teufel brachteſt du! Sag mir doch gefälligſt, auf welche Weiſe geſchah dies? Wie wurde die Sache in Ordnung gebracht?“ Ruprecht nahm ſeine Cigarre aus dem Mund, blies langſam und bedaͤchtig den Rauch von ſich, und warf dabei die Naſe in die Höhe, als ob er die Sterne betrachte, bis er mich endlich einer Antwort würdigte. Was doch dieſe Raucher zuweilen für eine ver⸗ ächtliche, ſuperkluge Manier an ſich haben! „Nun hör' nur zu, mein ſchöner Junge. Ich ſagte ihr, Claw⸗ bonny ſey ein Bauerngut und kein Herrenſitz, weißt Du— das that ſchon an ſich eine gute Wirkung. Dann ging ich auf eine 490 nähere Erläuterung darüber ein, in welcher Achtung ſolche Land⸗ bauer in unſerem Lande ſtünden, weißt Du, und machte ihr Alles ſo klar wie das Abc. Sie hat ein raſches Faſſungsvermögen, dieſe Emilie, und begreift ungemein ſchnell.“ „Hat Miß Merton irgend etwas geſagt, was Dich zu der Vermuthung veranlaſſen könnte, als ob ſie dieſer Erläuterungen halber geringer von mir dächte?“ „Gott bewahre! ſie ſchätzt Dich ungemein— verehrt Dich förmlich als Seemann— ſie hält Dich für einen Kauffahrer⸗ kapitän in der Art eines zweiten Nelſon, Blake, Truxtun oder wie die Herrn noch heißen mögen. Allein die jungen Damen ſind alle, was Stand betrifft— ganz auffallend eigen, das wirſt Du ver⸗ muthlich ſo gut wiſſen, wie ich, Miles?“ „Wie, auch Lucy, Ruprecht? Glaubſt Du, daß ſich Lucy auch nur einen Strohhalm darum kümmert, ob ich z. B. Advokat bin oder nicht?“ „Ob ich das glaube?— Allerdings. Erinnerſt Du Dich nicht mehr, Knabe, wie die Mädchen weinten— Grace ſo gut wie Lucy— als wir zur See gingen? Daran war blos die Nicht⸗ vornehmheit des Standes Schuld, wenn man ſich eines ſolchen Wortes bedienen darf.“ Ich glaubte dies nicht, denn Grace wenigſtens kannte ich beſſer und glaubte auch Lucy gut genug zu verſtehen, um zu wiſſen, daß ſie darum weinte, weil ſie über mein Fortgehen betrübt war. Uebrigens war ſie ſeit meiner Fahrt auf der Kriſis von einem ſehr jungen Mädchen zur Jungfrau herangewachſen und mochte die Sache jetzt aus einem anderen Geſichtspunkte betrachten, als ſie vor drei Jahren gethan hatte. Ich hatte jedoch für den Augenblick keine Zeit zu weiterer Verhandlung, ſondern ſchnitt die Sache kurz ab mit den Worten: „Nun, Ruprecht, was habe ich für Clawbonny zu erwarten: Ja oder Nein?“ 6 ½ 491 „Ci, da Du ſagſt, daß die Mertons zu der Parthie gehören, ſo muß ich, denk' ich, ſchon mitgehen, es moͤchte ſonſt gar zu un⸗ gaſtlich herauskommen. Ich wünſchte, Miles, daß Du auch bei einigen von den Familien auf der andern Seite des Fluſſes Beſuche veranſtalteteſt: es gibt viele recht achtbare Leute auf wenige Stun⸗ den von Clawbonny.“ 3 „Mein Vater, mein Groß⸗ wie mein Urgroßvater haben es ſeit den letzten hundert Jahren ſo ‚veranſtaltet⸗— wie Du's nennſt — daß ſie ſich recht gut mit der Weſtſeite behalfen und wenn wir auch nicht ganz ſo vornehm ſind, wie der Oſten, ſo werden wir uns doch gut genug daſelbſt gefallen. Der Wallingford geht früh Morgens unter Segel, um der Ebbe auszuweichen und ich hoffe, Eure Lordſchaft werden zeitig aufſtehen und uns nicht auf ſich war⸗ ten laſſen. In letzterem Falle wäre ich unvornehm genug, Euch ganz zurückzulaſſen.“. Ich verließ Ruprecht mit einem Gefühle, worin Aerger und Mißvergnügen ſich vereinigten, möchte aber darum nicht verkannt werden, beſonders da ich weiß, daß ich für eine halsſtarrige Ge⸗ neration ſchreibe. Ich habe mir nie beigehen laſſen, eine Sache deßhalb zu verſchreien, weil ich ſie ſelbſt nicht beſaß; ich kannte meine eigene Stufe auf der Geſellſchaftsleiter recht gut und neigte mich— wie ich ſchon oben bemerkte— durchaus nicht zu dem Glauben, als ob ein Mann ſo gut wäre wie der andere. Ich wußte recht wohl, daß dies weder der Natur noch den ſocialen Verhältniſſen nach— in politiſchen Grundſätzen ſo wenig wie in po⸗ litiſchen Wahrheiten für richtig gilt. Zu gleicher Zeit konnte ich nicht glauben, daß die Natur die Menſchen, in der Ordnung der Erſtgeburt vom Vater zum Sohne, ungleich geſchaffen habe. Alle dieſe Thatſachen zuſammengefaßt, war ich gerne geneigt zuzugeben, daß Gewohnheiten, Erziehung, Umgang, zuweilen auch Zufall und Launen gewiſſe Gränzlinien ziehen, welche im Ganzen große Wohl⸗ 492 thaten mit ſich führen, wenn auch vielleicht in manchen Fäͤllen ein⸗ zelnen Individuen dadurch in geringem Grade Unrecht geſchah. Da ſich aber dieſe letztere Ausnahme auf alle menſchlichen Dinge anwenden läßt, ſo gewann ſie jedenfalls keinen Einfluß auf meine Anſichten, welche in allen dieſen Punkten geſund, unverdor⸗ ben und praktiſch, vom geraden Menſchenverſtande diktirt und mit dem Urtheile der Welt ſeit Moſes— oder vielmehr, wenn man die Wahrheit wiſſen könnte, ſeit Adam's— Zeiten bis herab auf unſere eigene im Einklang waren. Wie ich in dieſen abſchweifenden Me⸗ moiren ſchon mehr als einmal bemerkte— ich war keineswegs der Mann, der ſeine eigene ſociale Stellung in falſchem Lichte betrach⸗ tete. Ich gehörte höchſtens zu der Klaſſe der kleinen Grundbeſitzer, wie dieſe im verfloſſenen Jahrhundert beſtand und eine ſehr nützliche und achtbare Lücke zwiſchen dem Bauer und dem vornehmen Herrn ausfüllte— den Letzteren blos in Bezug auf die damalige höhere Claſſe betrachtet. Nun ſiel mir allerdings ein, daß Emilie Merton in ihren eng⸗ liſchen Anſichten recht wohl die von Ruprecht angeführten Unter⸗ ſcheidungen machen konnte, und wenn ſie es that, ſo kümmerte ich mich jedenfalls ſehr wenig darum. War ich auf terra firma, wo alle die Gebräuche und Anſichten der gewöhnlichen Geſellſchaft ihren Einfluß ausübten— eine weniger wichtige Perſon, als ich mit⸗ ten im ſtillen Ocean als Kommandant der Kriſis geweſen, ſo war auch Miß Merton mitten unter den New⸗Yorker Schönen eine min⸗ der wichtige junge Dame, als ſie in der Einſamkeit von Marble⸗ eiland geſchienen hatte— dies fühlte ich ſehr deutlich. Allein Lucy's vermeintlicher Abfall mußte mich nicht nur krän⸗ ken— nein, ich fühlte mich gedemüthigt, verletzt, aufs Tiefſte be⸗ leidigt. Ich habe es nie anders gewußt, als daß Lucy beſſere Fa⸗ milienverbindungen beſaß, als ich, und hatte ihr, wie Ruprecht dieſen Vortheil jederzeit gewiſſermaßen als Erſatz für meine und Grace's glüͤcklichere Vermögensumſtände angerechnet: nie aber war 493 es mir eingefallen, daß Bruder oder Schweſter ſich beigehen ließen, deßhalb auf uns herabſehen zu wollen. Die Welt bietet überall und fortwährend Beiſpiele gefallenen Stolzes und emporſtrebenden Reichthums— Amerika in ſeiner ſocialen Abwechslung bietet deren mehr als die meiſten anderen Länder. Der letztere mag in dem rein phyſiſchen Theil des Streites den Vortheil gewinnen und gewinnt ihn auch wirklich: in der mehr moraliſchen Hälfte aber— wenn anders ein ſolches Wort erlaubt iſt— wird die ruhige Ueber⸗ legenheit feinerer Sitten und alter Erinnerungen gar leicht die lär⸗ menden Anſprüche des gemeineren Bewerbers, der ſeine Forderungen faſt ausſchließlich auf den allmächtigen Dollar begründet— in Schatten ſtellen. Dies zu läugnen wäre vergeblich: der Menſch hat ſich in Dingen dieſer Art noch immer der Vergangenheit un⸗ terworfen und wird es vorausſichtlich auch immer thun: es geht hiemit faſt ebenſo wie mit unſerem Leben überhaupt, das auch ſeine ſchönſten Stunden in der Vergangenheit findet. Ich wußte dies— fühlte dies Alles und war ſehr beſorgt, Lucy möchte unter dem Einfluſſe Mrs. Bradfords und ihrer Stadt⸗ geſellſchaften gleichfalls gelernt haben, mich als Kapitän Wallingford, als auf der Handelsflotte dienend und als Sohn eines anderen Kapitäns Wallingford von demſelben Berufe— anzuſehen. Ich be⸗ ſchloß deßhalb, ſie während der wenigen Tage, die ich zu Claw⸗ bonny verbleiben konnte, mit eiferſüchtiger Aufmerkſamkeit zu beob⸗ achten, und bei ſo großherzigen Abſichten wird ſich der Leſer nicht wundern, wenn ich das, was ich ſo ernſtlich ſuchte, in gewiſſem Grade auch fand— denn in der Regel findet man ganz genau, nach was man ſich in ſolcher Weiſe umſieht, wenn es nicht gerade verlorenes Geld iſt. Alles erſchien am andern Morgen pünktlich und wir gingen zur beſtimmten Stunde unter Segel. Den Mertons ſchien der Fluß ſehr zu gefallen und da wir von friſchem Südwinde und ſtarker Fluth begünſtigt waren, ſo ſtiegen wir noch am nämlichen Nach⸗ ſagen— auch Luey! Der alte Herr wandte ſich gegen mich, mit Thränen in den Augen und deu 494 mittag bei der Mühle ans Land. Auf einer raſchen Reiſe erſcheint dem Wanderer Alles angenehm und ich glaubte Emilien noch nie als da wir den Gipfel der nhoͤhe erreichten. Ich hatte n gegeben, waͤhrend die An⸗ ſo gut ſie konnten, denn ich bemerkte, daß idchen behülflich war. Ueber Lucy war ich noch zu ſehr erzürnt und war es auch den ganzen Tag zu ſehr geweſen, um ihr die ſchuldige Hoͤflichkeit zu beweiſen. Wir hatten bald einen Punkt erreicht, wo man über Haus, Wieſen, Obſtgärten und Felder einer freien Ausſicht genoß. „Das alſo iſt Clawbonny!“ rief Emilie, ſobald ich ihr den Ort bezeichnet hatte. „Auf Ehre, ein ſehr hübſches Gut, Kapitän Wallingford— hübſcher ſogar, als Sie es darſtellten, Mr. Nu— precht Hardinge.“ „O ich laſſe Allem, was Walling ford Gerechtigkeit widerfahren, wie Sie wiſſen. Wir haben unſere Kinderjahre zuſammen verlebt und beſaßen immer ſo viel Anhaͤng⸗ lichkeit für einander, daß es gar kein Wunder iſt, wenn wir ſie äteren Tagen nicht vergeſſen.“ Ruprecht kam in dieſen Worten der Wahrheit näher, als er ſich vermuthlich einbildete, denn meine jetzige Rückſicht für ihn war rein auf Gewohnheit gegründet und wurde keineswegs durch friſchen . Ich fing ſogar an zu hoffen, daß er meine Schweſter nicht heirathen würde, ſo ſehr ich auch früher dieſe Verbindung als eine ausgemachte Sache betrachtet hatte.„Mag er Miß Merton nehmen, wenn er ſie kriegt,“ dachte „beide Theile machen, glaub' ich, keine große Erwerbung an einander.“ Wie ganz anders war ſein gehört, die gebührende Vater und— wohl darf ich's tete mit entzücktem Blicke nach dem — 495 geliebten alten Hauſe; dann nahm er meinen Arm, ohne ſich darum zu kümmern, ob nicht Miß Merton deſſelben bedurfte und führte mich in ernſtem Geſpräche über meine Angelegenheiten und ſeine eigene Vormundſchaft weiter. Am andern Arm leitete er Lucy und er war wirklich zu ſehr an ſie gewöhnt, der gute Geiſtliche, um die Gegenwart ſeiner Tochter auch nur zu beachten. So gingen denn wir Drei voran, während Ruprecht meine Schweſter und Emilie führte, und Major Merton, auf ſeinen Diener geſtützt, nachfolgte. „O's iſt ein lieblicher— gar ein lieblicher Ort, Miles,“ hub Mr. Hardinge wieder an,„und ich hoffe von ganzem Herzen, Du wirſt nie daran denken, dieſes ehrwürdig ausſehende, bequeme, ſolide, gute, altmodiſche Haus niederzureißen, um ein neues dafuͤr zu bauen.“ „Warum ſollt' ich auch, theurer Sir? Das Haus hat uns nun mit zeitweiſem Zuwachs— aber ganz in demſelben Style ge⸗ baut— ein volles Jahrhundert gedient und kann uns recht gut noch ein zweites dienen. Warum ſollte ich mir ein größeres oder beſſeres Haus wünſchen?“ „Warum?— ja freilich. Biſt Du denn jetzt nicht eine Art Kaufmann und wenn Du nun reich wirſt, könnteſt Du nicht wünſchen, der Beſitzer eines Landſitzes zu heißen?“ Es hatte allerdings eine Zeit gegeben, wo ſolche Gedanken mir öfter im Kopf herumgegangen waren; jetzt aber hatten ſie von ihrem Intereſſe verloren. In meinen Knabenjahren war ein Landſitz das Hauptziel meines Ehrgeizes geweſen: allein Zeit und Ueberlegung hatten dem Gedanken ſeine Stärke genommen. „Was hält Luey von der Sache? Brauche ich, oder vielmehr— verdiene ich ein beſſeres Haus?“ „SIch werde beide Fragen unbeantwortet laſſen,“ erwiederte das liebe Mädchen etwas trotzig, wie mich däuchte.„Was Du brauchſt, das weiß ich nicht, und über Deine Verdienſte mag ich 496 nicht reden. Jedenfalls aber glaube ich, die Frage wird nächſter Tage von einer gewiſſen Mrs. Wallingford entſchieden werden: wenigſtens pflegen geſcheute Frauen ſolche Sachen immer für ihre Ehemänner zu beſtimmen.“ Ich verſuchte Lucy bei dieſen Worten ins Auge zu blicken, indem ich mich etwas vorwärts neigte; allein ſte drehte das Köpf⸗ chen, ſo daß ich ihr nicht ins Geſicht ſehen konnte. Ihre Bemer⸗ kung ging übrigens bei Mr. Hardinge nicht verloren, denn mit der Waͤrme und der vollen Theilnahme der reinſten, uneigennützigſten Zuneigung faßte er ſie auf in den Worten: „Ich vermuthe, Du wirſt naͤchſter Tage an Deine Vermäͤhlung denken, Miles; heirathe mir aber um keinen Preis eine Frau, welche Clawbonny verlaſſen oder es weſentlich umgeſtalten moͤchte. Ein gutherziges Weib— ja wahrlich, ein treugeſinntes Weib wird nicht im Traum an ſo etwas denken. Ach du lieber Gott! wie manche glückliche und auch kummervolle Tage, wie manche Gnade, wie viele läuternde Betrübniſſe hat mich die Vorſehung unter dieſem Dache fühlen, durchleben und mit anſehen laſſen!“ Dann folgte eine Art Aufzählung der Ereigniſſe in den letz⸗ ten vierzig Jahren mit Einſchluß einzelner Lebensabſchnitte von früheren Hausbewohnern und das Ganze beſchloß der Geiſtliche mit der feierlich wiederholten Bitte: 1 „Nein, nein, Miles! nicht einmal daran denken ſollſt Du, eine Frau zu nehmen, welche Clawbonny aufgeben und weſentlich ver⸗ ändern möchte.“ —— 497 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Wenn du geachtet wirſt nach deiner Schätzung, Verdienſt du genug, doch kann genug Wohl nicht ſo weit bis zu dem Fräulein reichen. Kaufmann von Venedig. Am andern Morgen war ich frühzeitig auf den Beinen und fand Grace eben ſo empfänglich für die Reize der Heimath, als ich ſelber es war: ſie nahm einen Ueberwurf um ſich und begleitete mich in den Garten, wo ich zu meinem Erſtaunen Lucy bereits antraf. Mir war wieder ganz, wie in früheren Zeiten, als ich mich mit den beiden lieben Mädchen auf dieſem Flecke zuſammen fand: Ruprecht allein fehlte noch, um das Gemälde vollſtändig zu machen; ich war jedoch innerlich überzeugt, daß Ruprecht, ſo wie er die letztere Zeit geweſen war, ſich nie wieder dieſer Familien⸗ gruppe anſchließen könnte. Ich freute mich übrigens ungemein, Luey gerade da, wo ich ſie fand, zu ſehen und geſtand ihr dies, glaub' ich, ſo ziemlich in meinen Blicken. Das reizende Mädchen ſah glücklicher aus, als ſie es den Tag zuvor oder vielmehr manchen früheren Tag geſchie⸗ nen hatte und ich fühlte weniger Beſorgniß als neulich, ob ſie nicht einen angenehmeren Jungen, von vornehmerem Berufe als dem eines Kauffahrerkapitäns, getroffen haben könnte. „Dich erwartete ich nicht hier zu finden, Miß Lucy,“ rief Grace,„und noch dazu halbreife Johannisbeeren eſſend, wenn anders meine Augen in dieſer frühen Morgenſtunde mich nicht trügen. Es ſind noch keine zwanzig Minuten, daß Du noch völlig ungeputzt in deinem Zimmer warſt.“ 3 „Die grüne Frucht meines lieben Clawbonny ſchmeckt beſſer, als die reife auf jenen abſcheulichen New⸗Yorker Märkten!“ rief Lucy mit einem Feuer, welches zu zärtlich war, um den Gedanken, Miles Wallingford. 32 498 daß ſie Komödie ſpiele, in mir aufkommen zu laſſen.„Ich würde eine Clawbonny Kartoffel einer New⸗Yorker Pfirſe weit vorziehen.“ Grace lächelte und Lucy wurde roth, ſobald ihre Begeiſterung ein wenig nachließ. „Wie wäre es doch um ſo viel beſſer, Miles,“ begann meine Schweſter auf's Neue,„wenn Du Dich überreden ließeſt, ſo wie wir zu denken und zu fühlen— der garſtigen See Lebewohl zu ſagen und den Reſt Deiner Tage auf demſelben Flecke zu verleben, wo Deine Väter ſo lange vor Dir gelebt haben. Meinſt Du nicht auch, Lucy?“ „Das wird Miles niemals thun,“ gab Lucy mit Nachdruck zur Antwort.„Die Männer ſind nicht wie wir Frauen, welche, was ſie lieben, mit ganzem Herzen umfaßen. Der Mann zieht lieber in die Fremde, leidet Schiffbruch und bleibt auf wüſten In⸗ ſeln, als daß er auf ſeinem eigenen Gute ruhig zu Haus ver⸗ harrte. Nein, nein; dazu wirſt Du Miles nimmermehr überreden.“ „Ich wundere mich keineswegs, daß wüſte Inſeln meinem Bruder liebliche Wohnſitze dünken, wenn er Gefährten wie Miß Merton auf ihnen findet.“ „Du mußt nicht vergeſſen, liebſte Schweſter, erſtens: daß Marble⸗ land nichts weniger als eine wüſte Inſel genannt werden kann, und dann, daß ich Miß Merton zuerſt im Hydepark zu London und zwar beinahe in dem dortigen Kanale antraf.“ „Es kommt mir doch auffallend vor, Lucy, daß Miles in ſeinen damaligen Briefen uns dieſe Geſchichte nie ſo recht erzählte. Wenn junge Herren junge Damen aus Kanaälen ziehen, beſitz en doch ihre Freunde zu Haus ein Recht darauf, ein Bischen von der Sache zu erfahren.“ Wie viel unnöthiges Elend wird oft durch ſolche arg loſen Bemerkungen veranlaßt! Grace ſprach im puren Scherz und wahr⸗ ſcheinlich ohne einen weiteren Gedanken in der Sache, aber ſo wenig ſte auch ſagte— es machte nicht nur mich unruhig und⸗ nachdenklich, ſondern verjagte auch jede Spur eines Lächelns von dem ſonſt ſo heiteren Geſichte ihrer Freundin. Die Unterhaltung gerieth ins Stocken und bald darauf kehrten wir zuſammen ins Haus zurück. Ich war an dieſem Morgen vollauf beſchäftigt, denn ich mußte mit Mr. Hardinge das ganze Gut bereiten und den Bericht über ſeine vormundſchaftliche Verwaltung mit anhören. Mit den Haupt⸗ ergebniſſen war ich bereits bekannt oder hatte dieſelben vielmehr in der„Dämmerung“ niedergelegt; aber auch die Einzelheiten mußte ich alle mit der pünktlichſten Gen auigkeit durchgehen. Ein einfacheres Geſchoͤpf als dieſer Mr. Hardinge war auf dem ganzen Erdenrunde nicht zu finden. Daß meine Angelegen⸗ heiten ſo günſtig ausfielen, verdankte ich einzig und allein der damaligen glücklichen Lage des Landes, dem Syſteme, welches mein Vater bei ſeinen Lebzeiten angenommen und den guten Eigenſchaf⸗ ten der Leute, welche er gewählt hatte, denn von dieſen blieb ein jeder auf dem Poſten, welchen er in dem traurigen Augenblick jenes Unglücks bei der Mühle bekleidet hatte. Hätte mein Vermögen blos von der Umſicht und Verwaltung des höchſt vortrefflichen Geiſt⸗ lichen abgehangen— alles wäͤre bald in ſchöner Verwirrung geweſen. „Ich glaube keineswegs an Wunder, mein lieber Miles,“ bemerkte mein Vormund mit ergötzlicher Selbſtgefälligkeit,„denke aber doch, es muß eine Aenderung mit mir vorgegangen ſeyn, daß ich den Anforderungen einer Stellung genügte, welche ſo plötzlich die Intereſſen zweier Waiſen meiner Sorge und Führung anvertraute. Gott ſey Dank! es geht Alles gut! Deine Angelegenheiten wie die meiner theuern Grace. Es iſt wunderbar, mein Junge, wie ein Mann von meinen Gewohnheiten z. B. ſolche Waizeneinkäufe beſor⸗ gen konnte— ich, der ich nie auch nur ein Büſchel gekauft hatte, bis die ganze Verantwortlichkeit mit Deiner Mühle auf meinen Schultern ruhte. Ich rechne es aber nicht mir zur Ehre— o nein, nicht mir darf ich das anrechnen!“ .„.„“„“:ü·ů ſ — 500 „Ich hoffe, mein lieber Sir, der Muͤller hat Euch bei dieſem Geſchäfte ſeinen ganzen Beiſtand angedeihen laſſen.“ „Morgan?— o ja, er iſt jederzeit damit bei der Hand und Du weißt, ich vergeſſe auch nie, ihn zum Ein⸗ und Verkanf auf den Markt zu ſchicken. In der That, ſein Rath war ſo vortrefflich, daß er mir wie ein wahres Wunder vorkam— ja daß ich ihn eine Prophezeihung nennen würde, wenn dies nicht unpaſſend wäre, da wir bei unſerer Dankbarkeit alle Uebertreibung vermeiden ſollen.“ „Ganz richtig, Sir. Und wie iſt es Euch denn gelungen, die Erndten am Platze ſelbſt ſo gut loszuſchlagen?“ „Mit Hülfe deſſelben großen Rathgebers, Miles. Es iſt in der That wunderbar, was wir für Erndten hatten und welche Um⸗ ſicht in Verwaltung der Felder, wie der Mühlen durch die göttliche Vorſehung an den Tag gelegt wurde.“ „Natürlich war auch der alte Hiram“(Neb's Oheim)„jederzeit mit ſeiner Hülfe bereit; denn er beſitzt in ſeiner Art ein ſehr geſundes Urtheil, Sir.“ „Ohne Zweifel— ohne Zweifel— der alte Hiram und ich haben Alles gethan, durch den Rath der Vorſehung geleitet. Nun, Junge, Du kannſt mit Deinem Erdenlooſe zufrieden ſeyn, denn Alles gedeiht, was Dir gehört. Natürlich wirſt Du Dich in nächſter Zeit vermählen und dieſes Gut Deinem Sohne überantworten, wie Du es von Deinen Vätern empfangen haſt?“ „Ich behalte mir dieſe Hoffnung in Ausſicht, Sir, oder wie wir Seeleute zu ſagen pflegen— am Pflichtanker.“ „Deine Hoffnung auf Erlöſung iſt hoffentlich Dein Pflichtanker, mein Knabe. Gleichwohl ſollen wir nicht zu hart mit jungen Leuten verfahren und müſſen ihnen ſchon ein Bischen Romantik in ihren Phantaſiegebilden verſtatten. Ja, ja, ich hoffe, Du wirſt Dich nicht ſo eng mit Deinem Schiffe vermählen, daß Du nicht näch⸗ ſter Tage an eine Frau denken ſollteſt. Für mich ſoll es eine glückliche Stunde geben, wenn ich abermals eine Mrs. Miles — V Wallingford zu Clawbonny ſehen werde. Sie iſt dann die dritte; denn ich kann mich noch recht gut Deiner Großmutter erinnern.“ „Koͤnnt Ihr mir eine paſſende Perſon anempfehlen, Sir, welche jenen Ehrenplatz geziemend ausfüllen dürfte?“ bemerkte ich, vor mich hinlächelnd und ausnehmend begierig, welche Antwort erfol⸗ gen würde. „Nun was hältſt Du von dieſer Miß Merton, Knabe? Sie iſt hübſch und das gefällt jungen Leuten; verſtändig und das gefällt den älteren; wohlerzogen— das wird ihr bleiben, wenn auch die Schönheit dahin iſt; ſo weit ich's beurtheilen kann, iſt ſie auch liebenswürdig, und das iſt einem Weibe ſo nöthig wie die Treue. Heirathe mir nur keine Frau, Niles, die nicht liebens⸗ würdig iſt!“ „Darf ich vielleicht fragen, Sir, was ihr liebenswürdig nennt? Iſt dieſe Frage beantwortet, ſo mochte ich noch weiter gehen und mich erkundigen, wen ihr als liebenswürdig bezeichnet.“ „O, ſehr augenfällige Unterſcheidungen, welche auch— die erſtere wenigſtens— zu klaren Antworten berechtigt ſind. Nicht den Leichtſinn nenne ich Liebenswürdigkeit, noch auch die Froͤhlich⸗ keit als bloße Naturgabe— im Gegentheil, von den anſcheinend leichtherzigſten Frauen, welche ich kannte, waren einige nichts weniger als liebenswürdig. Dazu gehört vor Allem eine ungewöhnliche Selbſtverläugnung; eine Frau muß mehr für Andere als für ſich ſelber leben, oder vielmehr, ſie muß nur in dem Glücke derer, die ſie liebt, ihr eigenes Glück finden, um für ein wahrhaft liebenswürdiges Weib zu gelten. Herz und Charakter bilden die Grundlage der Liebenswürdigkeit; Temperament und Stimmung tragen aber ohne Zweifel auch das Ihrige dazu bei. Was Deine Frage über das Wer betrifft— Deine eigene Schweſter, Grace, iſt ein wahrhaft liebens⸗ werthes Mädchen. Ich habe ſie in meinem ganzen Leben noch nie etwas thun ſehen, was eines Andern Gefühle hätte verletzen können.“ — 50² „Ihr werdet aber vermuthlich zugeben, Sir, daß ich Grace nicht wohl heirathen kann?“ „Ich wünſchte von ganzem Herzen, Du könnteſt es— ja wahr⸗ lich, von ganzem Herzen! Waͤret ihr nicht Bruder und Schweſter zuſammen— ich würde mich in der That aller Verantwort⸗ lichkeit meiner Vormundſchaft für ledig erachten, wenn ich euch beide als Mann und Frau vor mir ſähe.“ „Da dies einmal außer Frage ſteht, ſo will ich gleichwohl auf die Hoffnung nicht verzichten, daß Ihr mir eine Andere nennen werdet, die wenigſtens ebenſo gut für mich paßt.“ „Nun, da iſt Miß Merton— ich kenne ſie freilich noch nicht genau genug, um geradezu eine Anempfehlung zu wagen. Ich ſagte Lucy erſt geſtern, als wir auf dem Fluſſe hinfuhren und Du Miß Merton auf die Forts in den Hochlanden aufmerkſam mach⸗ teſt— ich glaube, ihr gäbet eines der hübſcheſten Paare im ganzen Staat und überdies ſagte ich ihr— Mein Gott, wie doch das Korn aufſchießt! In wenig Tagen haben die Halme ihre volle Höhe erreicht und es muß eine höchſt geſegnete Erndte geben— wahrlich, wahrlich— die Vorſehung iſt in allen Dingen erkenn⸗ bar; denn erſtlich war ich dafur, das Korn an jener Hügelſeite und die Kartoffeln hier anzupflanzen; der alte Hiram aber wurde durch einen unſichtbaren Genius verleitet, für das Korn auf dieſem Felde und für die Kartoffeln auf der Hügelſeite zu beſtehen— und nun ſieh'mal her, welche Erndte wir in Ausſicht haben! Wer hätte je daran gedacht, daß ein Negger auf einen ſolchen Einfall geriethe!“ Anno 1802 nahmen ſogar wohlerzogene und wohlmeinende Geiſtliche keinen Anſtand, das Wort„Negger“ zu gebrauchen. „Aber, Sir, Ihr habt ja ganz vergeſſen, beizufügen, was Ihr Lucy ſonſt noch geſagt habt.“ „Richtig— richtig— es iſt ſehr natürlich, daß Du mich lieber über Miß Merton als über die Kartoffeln reden hörſt— das will ich Lucy auch noch ſagen, Du kannſt Dich darauf verlaſſen.“ 1 * — 1 * 1 — 503 „Ich hoffe von Herzen, theuerſter Sir, daß Ihr nichts der Art thun werdet,“ rief ich, nicht wenig beunruhigt. „Aha! ſo verräth ſich die Schuld— das eigene Gewiſſen, ſollt' ich ſagen, denn was für Schuld wäre an einer tugendſamen Liebe?— und glaub' mir nur, die beiden Mädchen ſollen Alles von mir erfahren. Lucy und ich ſprechen oft über Deine Angelegen⸗ heiten, denn ſte liebt Dich, Miles, ſo gut wie Deine Schweſter. Aha, mein hübſcher Junge, du errötheſt ja trotz einem ſechzehnjährigen Mädchen! Du brauchſt Dich aber gar nicht zu ſchämen, Du haſt wahrhaftig gar keinen Grund zu erröthen.“ „Ei, Sir, laſſen wir das Erröthen bei Seite— wie ſoll nur ein Schiffsherr erröthen!— laſſen wir es alſo bei Seite, Sir; aber ſagt mir nur ums Himmels willen, was habt Ihr Lucy noch weiter geſagt?“ 3. „Was weiter? Ja ſo— nun ich erzählte ihr, wie Du mit Miß Merton ſo zu ſagen ganz allein auf einer wüſten Inſel gewe⸗ ſen, wie ihr zur See neun Monden lang faſt in derſelben Kajüte zuſammen gelebt und wie wunderbar— ja wirklich wunderbar es zugehen müßte, wenn zwei ſo hübſche junge Leutchen nicht eine Anhänglichkeit für einander fühlten. Das Land mag allerdings einigen Unterſchied machen—“ „Und die Stellung, Sir? Was glaubt Ihr wohl, daß der Standes⸗Unterſchied für einen Einfluß ausüben würde?“ „Standesunterſchied!— Gott ſteh' mir bei, Miles; welcher Unterſchied iſt denn in Deiner und in Miß Merton's Stellung, daß er ein Hinderniß für eure Vereinigung bildete?“ „O, Ihr kennt ihn ſo gut, wie ich ſelbſt, Sir. Sie iſt die Toch⸗ ter eines Offiziers in der brittiſchen Armee und ich bin Herr eines Schiffes— da werdet Ihr doch vermuthlich zugeben, Mr. Hardinge, daß zwiſchen uns Beiden ſo etwas wie ein Standesunterſchied obwaltet?“ „Ohne allen Zweifel. Es i*ſt höchſt nützlich, ſich daran zu 504 erinnern, und ich fürchte ſehr, die ſchwankenden Beſtimmungen über Magiſtratsperſonen und andere Bedienſtete, welche ihre Runde durchs Land machen, werden noch alle unſere Anſichten in ſolchen Dingen in große Verwirrung bringen. Ich kann begreifen, Miles, daß einer in ſeinen Rechten ſo gut iſt wie der Andere, aber nicht verſtehen kann ich, daß Einer darum beſſer ſeyn ſoll, weil er ein Menſch ohne Erziehung, ein Ignorant oder ein Schurke iſt.“ In ſolchen Unterſcheidungen zeigte ſich Mr. Hardinge immer als einen verſtändigen Mann. „Es kann Euch aber nicht ſchwer werden zu begreifen, daß man mir in New⸗York z. B. mit Major Merton, und dann natür⸗ lich auch mit ſeiner Tochter, keine Ebenbürtigkeit zugeſtehen würde — ich meine blos in ſocialer Beziehung und keineswegs, ſo weit perſönliches Verdienſt und die Anſprüche der Jahre dabei in Be⸗ tracht kommen?“ „Wie— ja— jetzt weiß ich, was Du meinſt. Es mag viel⸗ leicht in dieſem Sinne eine kleine Ungleichheit vorherrſchen; aber Clawbonny, Dein Schiff und das verfügbare Kapital koͤnnten recht leicht das Gleichgewicht wieder herſtellen.“ „Ich fürchte— nein, Sir. Ich hätte Jus ſtudiren ſollen, Sir, wenn ich ein Gentleman werden wollte.“ „O Miles, wir haben ganze Schaaren von gemeinen Jungen, welche in dieſes Fach pfuſchen— Leute, welche nicht halb ſo viel Anſprüche auf jenes Prädikat beſitzen als Du. Du glaubſt doch hoffentlich nicht, ich habe Dich und Ruprecht deßhalb Jus ſtudiren laſſen wollen, um zwei Gentlemen aus euch zu machen?“ „Nein, Sir; bei Ruprecht war dieſer Schritt unnöthig, denn er iſt ſchon in dieſer Stellung geboren. Geiſtliche beſitzen, glaub' ich, eine entſchiedene, über alle Welt erhabene Stellung, und dann habt Ihr auch noch ausgezeichnete Familienverbindungen, Mr. Har⸗ dinge. Ruprecht bedarf keines ſolchen Beiſtandes— mit mir war's freilich ein wenig anders.“ 5⁰⁵5 „Miles— Miles— für einen jungen Mann in Deiner Lage nenn ich das einen ſonderbaren Einfall— Du biſt, wie ich fürchte, nur gar zu oft von Ruprecht beneidet worden!“ „Wenn die Wahrheit bekannt wäre, Mr. Hardinge, ſo moͤchte ich wohl behaupten, daß Ruprecht und Lucy im Innern ihres Herzens glauben, ihre geſellſchaftliche Stellung biete ihnen Vor⸗ theile, deren Grace wie ich entbehren müſſen.“ Mr. Hardinge ſchien verletzt und ich fing bald an, meine Worte zu bereuen. Ich möchte nicht, daß der Leſer glaubte, das, was ich geſagt, ſey aus dem engherzigen, ſelbſtſüchtigen Gefühle hervorge⸗ gangen, welches ſich unter dem prahleriſchen Vorwande der Gleichheit herausnimmt, das Daſeyn eines ſehr mächtigen ſocialen Faktums läugnen zu wollen— nein, das war es nicht. Mich trieb blos die Empfindlichkeit meines Gefühls, das, beherrſcht von der mächtigſten Leidenſchaft des menſchlichen Herzens— von ihr, welche mit vollem Rechte die allgewaltige genannt worden iſt— in dieſem Punkte eini⸗ germaßen in Gefahr ſtand, krankhaft zu werden. Gleichwohl war Mr. Hardinge ein viel zu redlicher Mann, um eine Wahrheit in Abrede zu ziehen, und dabei viel zu aufrich⸗ tig, um ſein Gewiſſen darob zu verletzen, ſo unangenehm es ihm auch ſeyn mochte, jene in ihrem ganzen unerfreulichen Wirkungs⸗ bereiche anzuerkennen. „Jetzt verſtehe ich Dich, Miles; und es wäre vergeblich zu be⸗ haupten, daß in dem, was Du ſagſt, nicht etwas Wahres ſey, ob⸗ wohl ich für meine Perſon ſehr wenig Gewicht darauf lege. Rup⸗ recht iſt nicht ganz ſo, wie ich ihn mir in allen Dingen wünſchen könnte, vielleicht iſt er zuweilen ſogar Laffe genug, um ſich einzu⸗ bilden, daß er dieſen geringen Vorzug vor Dir voraus habe— was aber Lucy anbelangt, da will ich wetten, daß ſie Dich nie anders denn als ihren zweiten Bruder betrachtet— und dann liebt ſie Dich eben ſo ſehr wie Ruprecht.“ Mr. Hardinges Einfalt bewährte ſich abermals und es wäre 5⁰6⁶ eein ſehr müßiger Gedanke geweſen, auf ſie einen Eindruck machen zu wollen. Ich ging daher zu einem andern Gegenſtande über und das war leicht genug, ich durfte nur wieder von den Kartoffeln anfangen. Ich war übrigens nichts weniger als unbeſorgt, denn ich durfte mir nicht verhehlen, daß die Raſtloſigkeit des guten Geiſt⸗ lichen nur gar zu bald den leichten Bruch erweitern könnte, der zwiſchen ſeiner Tochter und mir entſtanden war. Beim Mittageſſen machte ich die Entdeckung, daß Grace's Winteraufenthalt in der Stadt eine fühlbare Verbeſſerung in der Haushaltung, vornehmlich bei der Tafel bewirkt hatte. Vater und Mutter hatten einige Aenderungen eingeführt, welche unſern Haus⸗ halt zu Clawbonny etwas anders geſtalteten, als er in der Graf⸗ ſchaft Ulſter bei den meiſten andern Familien unſerer Klaſſe beſtund; aber ihre Neuerungen oder Verbeſſerungen, oder wie man es ſonſt nennen wollte— wurden von denen ihrer Tochter weit überboten. Nichts bezeichnet vielleicht ſchneller die Bildungsſtufe in einem Hauſe, als die Gewohnheiten, welche bei Tiſche herrſchen. Geſchieht das Eſſen und Trinken nicht auf eine gewiſſe Weiſe, welche auch ihrer⸗ ſeits, wie faſt alle Gebräuche des geſitteten Lebens— was auch die Ultrarationaliſten dagegen prahlen mögen— auf Vernunft gegründet iſt — alſo, geſchieht das Eſſen und Trinken nicht auf eine gewiſſe Weiſe, ſo wird es Leuten von Welt von Allem beinahe zuerſt auffallen. Auch herrſcht mehr geſunder Sinn und angeborene Schicklichkeit in den Tiſchgebräuchen— ſo lange ſie nicht von bloßer Laune abhängen — als in den meiſten unſerer übrigen Lebensgewohnheiten: denn Jedermann muß eſſen und die Mehrzahl zieht dann auch vor, mit Anſtand zu eſſen. Ich will geſtehen, meine Clawbonnytafel hatte mir der Mer⸗ tonſchen Familie halber einige Sorge gemacht, und groß war meine Freude, als ich das Frühſtück ſo gut vorüber gehen ſah. Der Major, für ſeine Perſon keineswegs vertraut mit den höheren Klaſſen ſeines eigenen Landes, beſaß das große Kennzeichen eines Gentleman— 507 Einfachheit und war gänzlich frei von ſtutzeriſcher Feinſchmeckerei im⸗ Eſſen und Trinken, wie z. B. in Käſen, Malzgetränken und ſolchen gewöhnlichen Leckereien; auch war er keineswegs auf ſilbernes Beſteck erpicht, wogegen er ſich auf diejenigen feineren Tafeleinrichtungen, welche von Vernunft und Geſchmack abhängen, recht wohl verſtand und ſie auch zu beobachten gewohnt war. Dies war mir von unſerem faſt zwolfmonatlichen Verkehre her bekannt und ich hatte gefürchtet, wir möchten uns hierin etwas zu bäͤuriſch zeigen. Grace hatte aber ihre Vorkehrungen gegen alle derartigen Mängel getroffen, und zwar mit einem Takt, einem Scharfblick, um die ich ſie hätte anbeten mögen. Daß Fleiſchſpeiſen, Gemüſe und Weine in ihrer Art alle gut ſeyn würden, das wußte ich, denn hierin ließen wir's ſelten fehlen; auch unſerer Kochkunſt durfte ich vertrauen, da die Familien von engliſcher Abkunft in den mittleren Staaten ſich auch in meinem Stande vortrefflich hierauf verſtanden: aber in den kleinen Erforderniſſen der modiſchen Anordnung, in der Art und Ordnung des Servirens, kurz in All dem, was eine wohlgeregelte Tafel bezeichnet— darin hatte ich Verſtöße gefürchtet. Und das war es gerade, wofür Grace geſorgt hatte. Dank ſey den Beobachtungen, die ſie bei Mrs. Bradfort anſtellen konnte— ich fand, daß während meiner Abweſenheit in dieſem Zweige des Haushalts eine gewaltige Revolution ganz in aller Ruhe durchge⸗ führt worden war. Emilie ſchien über Tiſch ſehr vergnügt, auch Lucy hatte ihr Lächeln, wie ihr herzliches Lachen wieder gefunden. Sobald die Tafel abgeräumt war, machte ſich der Major mit Mr. Hardinge hinter eine Flaſche Madeira, deren ich mich eben nicht zu ſchämen brauchte, während ſich das junge Volk nach einer kleinen Piazza* zurückzog, welche um dieſe Stunde im Schatten ſtand, und ſich da⸗ ſelbſt zum Plaudern niederſetzte. Unter der Bedingung, daß er der Geſellſchaft nicht bis auf fünfzehn Schritte nahe kommen wollte, * Vorhalle auf Säulen ruhend. D. U. erhielt Ruprecht die Erlaubniß zu rauchen und kaum war die kleine Gruppe, die drei Mädchen im Halbkreiſe, geordnet, als ich mich wieder entfernte. „Grace, ich habe Dir noch nicht von dem Perlenhalsbande ge⸗ ſprochen, welches Dein unterthäniger Diener beſitzt,“ rief ich, ſobald mein Fuß die Piazza wieder betrat.—„Ich wollte kein Wort da⸗ von reden—“ „Und doch haben Lucy und ich ſchon Alles gehört,“— gab Grace mit herausfordernder Ruhe zur Antwort,„wir wollten es aber nicht zu ſehen verlangen, damit Du uns nicht mädchenhafter Neugier beſchuldigen könnteſt, und zogen es vor, Deinen hohen Willen in der Sache abzuwarten.“ „Ihr habt ſchon gehört, daß ich ſolch' ein Halsband beſitze?“ „Ohne allen Zweifel— ich, Grace Wallingford, und ſie, Luey Hardinge. Ich hoffe, es iſt keine Beeinträchtigung der Nechte Mr. Miles Clawbonny's“— ſo nannten mich die Mädchen häufig, wenn ſie mich glauben machen wollten, ſie hielten mich im Augen⸗ blicke für hochmüthig—„ich hoffe, es iſt keine Beeinträͤchtigung der Rechte Mr. Miles Clawbonny's, wenn ich ſolches behaupte.“ „So ſage mir doch, wie konnteſt Du und Lucy ein Wort hierüber erfahren?“ 1 5„Das iſt wieder eine ganz andere Frage; vielleicht ertheilen 4 wir ſpäter eine Antwort darauf, nachdem wir das Halsband ge⸗ ſehen haben.“ „Miß Merton erzählte es uns, Miles,“ ſprach Lucy mit ſanftem Blick, da ſie mir anmerkte, daß ich wirklich nach einer Antwort verlangte, denn was konnte Lucy Hardinge mir jemals verweigern — ſo fern es an ſich Recht war— wenn ſie ſah, daß meine Em⸗ pfindung dabei betheiligt war? „Miß Merton? Dann bin ich freilich verrathen und die be⸗ abſichtigte Ueberraſchung geht verloren.“ Ich war ärgerlich und muß dies einigermaßen in meinem Be⸗ 509 nehmen gezeigt haben. Emilie errothete, biß ſich auf die Lippen, ſprach aber nichts; Graee dagegen übernahm es, jene mit mehr Geiſt, als ſie gewöhnlich blicken ließ, zu entſchuldigen. „Du wirſt mit vollem Rechte beſtraft, Maſter Miles,“ rief ſie; „was brauchſt du auch Ueberraſchungen zu beabſichtigen? Im beſten Falle ſind ſie etwas ganz Gewöhnliches und ſogar noch ſchlimmer als das, wenn der Bruder ſie aus einer Entfernung von fünfzehn⸗ tauſend Meilen der Schweſter bereitet. Ueberdies haſt Du uns mit Miß Merton ſchon einmal zur Genüge überraſcht.“ „Ich!“ rief ich. „Mit mir?“ fügte Emilie bei. „Ja, ‚iche und ‚mit mir; denn haſt Du uns in Deinen Briefen auch nur ein Wort von ihr geſchrieben? und haſt Du uns jetzt nicht überraſcht und zugleich entzückt, indem Du uns mit einem ſo be⸗ zaubernden Weſen bekannt machteſt? Eine ſolche Ueberraſchung kann ich verzeihen— um der Folgen willen: nie aber einen ſo gewöhnlichen Einfall wie eine Ueberraſchung mit Perlen.“ Emilie erröthete bei dieſen Worten; doch war es bei ihr unmög⸗ lich, den Unterſchied zwiſchen einem Erröthen und einem Ueberwallen des Bluts aus irgend einer anderen Urſache anzugeben; dagegen zeigte ihr Blick, daß ſie ſich über jede Erläuterung unendlich erhaben dünke. „Kapitän Wallingford“— was dieſer Kapitän mich ärgerte!— „Kapitän Wallingford muß ſich ſchlecht auf junge Damen verſtehen,“ bemerkte ſie kalt,„wenn er glaubt, ſolche Perlen, wie er ſie beſitzt, würden nicht einen Gegenſtand des Geſprächs unter ihnen bilden.“ Ich war Geck gut, um mir einzubilden, Emilie ſey darüber er⸗ zrnt, daß ich mich über ihren Aufenthalt auf dem Eilande, wie über ihren Zuſammenhang mit dem Schiffe nicht des Weiteren aus⸗ gelaſſen hatte; doch konnte dieſer Gedanke meiner Seits ebenſo gut auf einem Irrthum beruhen. „Nun, ſo laß uns die Perlen ſehen, Miles, ſte werden dann die Entſchuldigung für Dich führen,“ bemerkte Lucy. „Da habt ihr ſie, meine jungen Damen! Eure reizenden Augen haben nie zuvor ſolche Perlen geſehen.“ Die weibliche Natur konnte den Ruf des Entzückens nicht unter⸗ drücken, der nunmehr erfolgte. Sogar Ruprecht, der für perſön⸗ lichen Schmuck jeder Art eine merkwürdige Schwäche beſaß, legte ſeine Cigarre bei Seite und näherte ſich bis auf den vorgeſchriebenen Abſtand, um deſto beſſer bewundern zu koöͤnnen. Alle ſtimmten darin überein, New⸗York habe nichts dergleichen aufzuweiſen. Ich erwähnte ſodann, daß ich die Perlen ſelbſt aus der Tiefe der See heraufgeſiſcht habe. „Und wie ſehr das ihren Werth erhöht!“ bemerkte Lucy leiſe, aber in ihrer warmen, aufrichtigen Weiſe. „Nicht wahr, Miß Wallingford, das heißt ein wohlfeiler Erwerb?“ fragte Emilie mit einem Nachdruck, der mir höchlich mißfiel. „Sehr wohlfeil; wiewohl ich Lucy darin beiſtimme, daß eben dieſer Umſtand die Perlen nur noch werthvoller macht.“ „Wenn Miß Merton meine Anklage der Verrätherei vergeſſen und ſich herablaſſen will, das Halsband anzuziehen, ſo werdet ihr es noch in einem ganz anderen Glanze ſehen, als eben jetzt. Wenn ein hübſches Halsband ein hübſches Mädchen verſchönert, ſo iſt der Vortheil jedenfalls gegenſeitig: ich habe meine Perlen ſchon einmal an dieſem Nacken geſehen und weiß, welche Wirkung ſie üben.“ Ein Wunſch von Grace kam meiner Bitte noch zu Hülfe und Emilie legte den Schmuck um ihren Nacken. Die blendende Weiße ihres Teints verlieh den Perlen einen Glanz, wie ſte ihn allerdings vorher nicht beſaßen: man wußte kaum, was man mehr bewundern ſollte— die Perlen oder die Faſſung. „Ach wie wundervoll ſchön ſie ſich jetzt ausnehmen!“ rief Lucy in großherziger Bewunderung.„O, Miß Merton, Sie ſollten immer Perlen zum Schmucke tragen.“ „Dieſe Perlen, meinſt du, Lucy,“ warf Ruprecht ein, der mit 511 andrer Leute Gütern immer ausnehmend freigebig war;„das Hals⸗ band ſollte nie mehr abgenommen werden.“ „Miß Merton kennt ſeine Beſtimmung,“ verſetzte ich artig „und die Bedingungen ſeines Beſitzes.“ Emilie öffnete langſam die Schließe, hielt ſich die Schnur vor die Augen und blickte ſie lange ſchweigend an. „Und welches iſt ſeine Beſtimmung, Miles? Was für Be⸗ dingungen knüpfen ſich an ſeinen Beſitz?“ fragte meine Schweſter. „Natürlich hat er ſie Dir zugedacht, Liebſte,“ bemerkte Lucy haſtig.„Für wen anders kann er einen ſolchen Schmuck beſtimmen?“ „Miß Hardinge irrt ſich. Grace muß mich entſchuldigen, wenn ich diesmal wenigſtens etwas ſelbſtſüchtig handle. Ich habe dieſe Perlen nicht für Miß Wallingford, ſondern für Mrs. Wallingford beſtimmt, wenn es jemals eine ſolche Perſon geben wird.“ „Auf mein Wort, eine doppelte Verſuchung, mein Junge! Ich wundere mich, daß Miß Merton die Stärke beſaß, die Perlen aus der beneidenswerthen Lage zu entfernen, welche ſie kaum noch einnahmen,“ ſpöttelte Ruprecht mit einem bedeutungsvollen Blicke auf Emilien, welche ihn mit leichtem Lächeln erwiederte. „Miß Merton hat meine Bemerkung natürlich als bloßen Scherz und nicht als eine Anmaßung von meiner Seite aufge⸗ nommen,“ verſetzte ich ſteif.„Schon auf dem ſtillen Ocean wurde feſtgeſetzt, daß die Perlen dieſe Beſtimmung haben ſollten. Claw⸗ bonny iſt freilich nicht der ſtille Ocean und es dürfte wohl einige Entſchuldigung verdienen, wenn man die Dinge hier etwas anders betrachtete, als ſie uns dort erſchienen. Ich habe übrigens noch etliche Perlen übrig, allerdings nicht von der Qualität wie die am Halsband, das will ich nicht läugnen— aber immerhin von der Art, daß ich es als eine Gunſt betrachten würde, wenn die Damen ſich zu gleichen Theilen darein theilen wollten. Sie würden drei hübſche Ringe und eben ſo viele Buſennadeln geben.“ Ich überreichte Grace ein Schächtelchen, das alle die Perlen 51² enthielt, welche nicht an die Schnur gefaßt worden waren. Es 3 fanden ſich viele hübſche, einige ſogar von recht anſehnlicher Größe darunter, wiewohl die meiſten zu den ſogenannten Staubperlen ge⸗ hörten— im Ganzen waren es mehrere hundert. „Wir wollen ſeine Großmuth nicht zurückweiſen,“ erwiederte 4 Grace lächelnd—„und ſo, Miß Merton, wollen wir die Perlen in drei Häufchen theilen und darum looſen. Ahl es ſind ganz hübſche Stücke darunter!“. „Für Dich wenigſtens, liebſte Grace, und höoͤchſt wahrſcheinlich auch für Lucy werden ſie zum mindeſten in einer Beziehung werth⸗ voll bleiben, während ſie es wiederum für Miß Merton vielleicht in anderer Rückſicht ſeyn dürften. Ich habe jede dieſer Perlen mit eigenen Händen aufgefiſcht.“ „Das wird ihnen allerdings für Lucy und mich hauptſächlich einen Werth verleihen, theuerſter Miles, den ſie auch ſchon dadurch, daß ſie Deine Gabe ſind, erhielten— was aber ſoll ſie in Miß Mer⸗ tons Augen beſonders koſtbar machen?“ 1 „Sie mögen dazu dienen, Miß Merton an einige haarbreite Rettungen aus Gefahren, an die auf dem Eilande verlebten Wochen und an die Scenen zu erinnern, welche ihrem Gedächtniſſe wahrſcheinlich einige Jahre ſpäter nur noch in den Farben eines Traums erſcheinen dürften.“ „Eine Perle will ich zu dieſem beſondern Zwecke annehmen,“ verſetzte Emilie mit mehr Gefühl, als ich ſie ſeit ihrem Rücktritte in die Welt hatte an den Tag legen ſehen—„wenn Miß Walling⸗ ford ſie gütigſt für mich auswählen will.“ „Nehmen Sie wenigſtens ſo viele, als zu einem Ringe gehören,“— bat Grace mit ihrer ſüßeſten Miene.„Ein halbes Dutzend der ſchönſten— eine Perle ſoll dann um Miles, die fünſ andern um meinetwillen ſeyn.“ „ Auf dieſe Bedingungen hin verſtehe ich mich auch zu ſechſen. Ich bedarf übrigens keineswegs dieſer Perlen, um mich daran zu 513 innern, wie vielen Dank mein Vater und ich Kapitän Wallingford ſchuldig ſind.“ „Komm, Ruprecht,“ fuhr Grace fort;„Du haſt Geſchmack in ſolchen Dingen; ſo leih' uns denn auch Deine Hülfe bei der Auswahl.“ Ruprecht ließ ſich dies nicht zweimal ſagen, denn er miſchte ſich gar gerne in derlei Angelegenheiten. „Für's Erſte,“ bemerkte er,„werde ich gleich darauf antragen, daß die Zahl auf ſieben erhöht wird: dieſe ſchöne Perle in die Mitte und auf beiden Seiten je drei, welche an Größe allmählich ab⸗ nehmen. Für die ſechs Unter⸗Richter, wie wir ſie in der Gerichts⸗ ſprache nennen, müſſen wir hauptſächlich auf Qualität und nicht auf das Gewicht bedacht ſeyn: der Oberrichter iſt ein edelaus⸗ ſehender Burſche und auch ſeine Genoſſen ſollten von ächtem Blute ſeyn, um Seiner Gnaden würdig Geſellſchaft zu leiſten.“ „Warum nennen Sie Ihre Richter nicht ‚Mylords“, wie wir in England, Mr. Hardinge?“ fragte Emilie in freundlichem Ton. „Warum?— ach du lieber Gott! Ich wünſchte ja von ganzem Herzen, daß wir's thäten, dann wüßte unſer Einer doch auch, wo⸗ für er lebte!“ „Ruprecht!“ rief Lucy erglühend—„Du weißt, es geſchieht deßhalb, weil unſere Regierung republikaniſch iſt und wir keinen Adel unter uns haben. Du ſprichſt nicht genau, wie Du denkſt, denn wenn Du auch könnteſt, Du würdeſt kein ‚Mylord’ ſeyn wollen.“ „So wenig ich jemals ein ‚Mylord’ und ich fürchte, auch kein ‚(Euer Gnaden’ ſeyn werde.— Hier, Miß Merton— hier iſt Nummer zwei und drei— bemerken Sie wohl, wie hübſch ſie in der Größe abgeſtuft ſind.“ „Gut, ‚Euer Gnaden“,“ verſetzte Grace, die über den Ton, welchen Ruprecht und Emilie gegen einander annahmen, etwas un⸗ ruhig zu werden anfing—„gut, ‚Euer Gnaden“, was kommt jetzt zunächſt?“ „Natürlich Nummer vier und fünf— hier ſind 55 ſchon, Miß Miles Wallingford. 514 Merton, ſo genau verkleinert, wie wenn ſie mit Fleiß alſo gemacht wären. Es wird in der That einen ſchönen Ring geben: ich be⸗ neide diejenigen, deren Andenken ein ſo reizender Gegenſtand zu⸗ rückrufen wird.“ „Sie werden nun gleichfalls dazu gehören, Mr. Hardinge,“ bemerkte Emilie mit vielem Takt,„denn durch die Mühe, die Sie ſich geben, wie durch den Geſchmack und das feine Urtheil, das Sie beſitzen, ſind Sie vollkommen dazu berechtigt.“ Lucy ſah aus wie verſteinert. Sie hatte ſich ſo lange daran gewöhnt, die gute Grace als ihre künftige Schweſter zu betrachten, daß die offene Bewunderung, welche ſich in Ruprechts Zügen aus⸗ drückte und zu ſonnenklar war, um einem von uns zu entgehen, das erſte aufglimmende Licht auf einen Verdacht warf, der für ſie höchſt peinlich ſeyn mußte. Ich hatte ſchon lange bemerkt, daß Lucy den Charakter ihres Bruders beſſer als wir Alle, viel beſſer in der That, als ihr gerader redlicher Vater durchſchaute, und ich meines Theils war längſt darauf gefaßt, in ſeinem Benehmen Alles andere— nur keine Beſtändigkeit und Konſequenz zu erwarten. So ſehr ich auch Lucy hochſchätzte— und wahrlich, die leichte Hinneigung zu Emilie Merton, zu der meine Phantaſie mich hin⸗ geriſſen, hatte jetzt der Bewunderung, welche Herz und Weſen jenes theuren Geſchöpfes mir abdrang, wieder völlig Platz gemacht— aber ſo ſehr ich auch Luey hochſchätzte, ich würde es doch weit lieber geſehen haben, wenn meine Schweſter ihren Bruder nicht geheirathet hätte und weit entfernt, über ſeine Treuloſigkeit böſe zu ſeyn, war ich viel eher geneigt mich darüber zu freuen. Schon in meiner frühen Jugend wußte ich ſeinen Mangel an Verdienſten gehörig zu würdigen und ſah wohl ein, wie wenig er für ein Mädchen von Grace's. Vorzügen zum Gemahle taugte; aber ach! ich wußte die Wirkung nicht zu beurtheilen, welche ſeine Unbeſtändigkeit auf ein Herz wie das meiner Schweſter äußern mußte. Wäre ich nur über Mr. Andrew Drewett und über meine eigene Stellung in der Geſellſchaft ebenſo 5———yꝑpNNNNꝗ···· 515 ſicher geweſen— Ruprecht und ſeine Launen hätten mir eben da⸗ mals gar wenig zu ſchaffen gemacht. Ruprecht hatte unter Grace's Beifall die Perlen zum Anreihen bald ausgewählt; das Amt, die übrigen abzutheilen, nahm ich nun ſelbſt über mich. Ich ergriff einen Stuhl, nahm die Perlen aus Ruprechts Hand und machte mich an meine Aufgabe. „Ich werde ein getreuer Schiedsrichter ſeyn, Mädchen,“ be⸗ merkte ich, während ich eine Perle auf dieſes, die andere auf das zweite Häufchen legte,„denn ich fühle für Keine von euch Beiden eine Vorliebe— mir iſt Grace ſo lieb wie Lucy, und Luey eben ſo theuer als Grace.“ „Das iſt ein Glück, Miß Hardinge,“ meinte Emilie mit be⸗ deutungsvollem Lächeln gegen Lucy ſich wendend;„es ſpricht für keinen Vorzug einer beſondern Art, der ein Zurückweiſen nöthig machen könnte. Wenn Herrn von Stande uns junge Damen als Schweſtern behandeln, ſo können wir uns blos darüber freuen. Dieſe Seeleute bedürfen ſtrenger Lehren, um ſie innerhalb der Regeln des feſten Landes zu erhalten.“ Zu welchem Zwecke dies geſagt wurde, vermochte ich nicht zu begreifen: aber Ruprecht lachte, als ob es Wunder was wäre. Um die Sache zu beſchönigen, ſetzte er— faſt etwas zu hitzig— bei: „Du ſiehſt, Miles, Du hätteſt beſſer gethan, das Jus zu er⸗ greifen— die Damen wiſſen die Verdienſte von euch Theerjacken nicht zu ſchätzen.“ „So möchte es ſcheinen,“ gab ich etwas trocken zurück,„nach Allem, was Miß Merton in der Sache geſehen und erfahren hat.“ Emilie gab keine Antwort, ſondern betrachtete ihre Perlen mit einem Eifer, welcher bewies, daß ſie mehr an deren Wirkung, als an die Bedeutung ihrer oder meiner Rede dachte. Ich fuhr fort, die Perlen zu vertheilen und hatte bald meine Aufgabe beendigt. „Was ſoll jetzt geſchehen?“ fragte ich.—„Wollt Ihr 516 Looſe ziehen, Mädchen, oder euch meiner Unpartheilichkeit anver⸗ trauen?“ „Das Letztere— ohne Zweifel,“ gab Grace zur Antwort. „Die Vertheilung wurde ſo billig vorgenommen, daß ich nicht wohl einſehe, wie Du eine von uns übervortheilen könnteſt.“ „Gut, da dies der Fall iſt, ſo beſtimme ich dieſes Häuſchen für Lucy und dies hier für Dich, liebe Grace.“ Meine Schweſter ſtand auf, ſchlang ihre Arme voll Zärtlichkeit um meinen Nacken und gab mir einen jener hundert Küſſe, welche ich von jeher für alle meine Geſchenke von ihr erhalten hatte. Die tiefe Anhänglichkeit, welche dabei in ihren engelgleichen Blicken leuchtete, würde mich allein ſchon für fünfzig ſolcher Gaben be⸗ lohnt haben. Ich ſtand damals beinahe auf dem Punkt, ihr auch noch das Halsband in den Kauf zu geben und nur einige undeut⸗ liche Phantaſiebilder von einer Mrs. Miles Wallingford hielten mich davon ab. 1 Lucy— zu meinem nicht geringen Erſtaunen— empfing die Perlen und murmelte einige unverſtändliche Worte, ohne ſich nur von ihrem Stuhl zu erheben. Emilien ſchien die Sache zu lang⸗ weilen, ſie nahm daher ihren Ueberwurf und ſchlug einen Spazier⸗ gang vor, da der Abend, wie ſie bemerkte, köſtlich zu werden an⸗ fange. Ruprecht und Grace ſtimmten freudig ein und entfernten ſich bald darauf mit Emilien, während ſich Luey zum Nachfolgen anſchickte, ſobald ein Mädchen ihren Hut gebracht haben würde und ich mich mit Geſchäften entſchuldigte, die mich auf meinem Zimmer zurückhielten. „Miles,“— ſprach Lucy, als ich eben ins Haus treten wollte — ſie ſelbſt ſtand am Rande der Piazza, im Begriff, den Anderen zu folgen, hielt mir aber das kleine Papieretui hin, worein ich ihren Antheil an den Perlen gelegt hatte. „Soll ich ſie für Dich bei Seite legen, Lucy?“ „Nein, Miſes— nicht für mich— ſondern für Dich ſelbſ 517 — für Grace— für Mrs. Miles Wallingford, wenn Du das lieber hörſt.“ 4 „Ich habe hoffentlich nichts gethan, um etwas der Art zu verdienen, Lucy?“ verſetzte ich halb beleidigt, halb betrübt. Erinnere Dich, Miles,“ gab das liebe Mädchen zur Antwort —„daß wir keine Kinder mehr ſind, ſondern ein Alter erreicht haben, wo es uns obliegt, den äußeren Schein einigermaßen zu achten. Dieſe Perlen müſſen einen bedeutenden Werth haben, und ich weiß gewiß, wenn mein Vater hieran dächte, würde er es kaum billigen, falls ich ſie annähme.“ „Und das von Dir, theure Luey!“ „Ja, theurer Miles,“ erwiederte das koſtbare Geſchöpf, wäh⸗ rend Thränen in ihren Augen ſchimmerten, obgleich ſie zu lächeln verſuchte.„Da, nimm das Schächtelchen, wir wollen darum eben ſo gute Freunde ſeyn wie früher.“ „Willſt Du mir eine einzige Frage beantworten— aber eben ſo offen und aufrichtig, wie Du ſonſt auf alle meine Fragen zu antworten pflegteſt?“ Lucy wurde blaß und beſann ſich einen Augenblick, ehe ſie erwiederte: „Ich kann keine Frage beantworten, ehe ſie geſtellt iſt.“ „Haſt Du meine Geſchenke ſo gering geachtet, daß Du die Armſpange, die ich Dir vor meiner Abfahrt nach der Nordweſtküſte gab, von Dir werfen könnteſt?“ „Nein, Miles; ich habe die Spange aufbewahrt und werde ſie behalten, ſo lang ich lebe. Sie war ein Denkzeichen unſerer kin⸗ diſchen Aufmerkſamkeiten gegen einander und iſt mir in dieſem Sinne noch immer ſehr theuer. Du wirſt mir auch die Armſpange laſſen, nicht wahr?“ „Wenn Du es nicht wäreſt, Luey Hardinge, die ich als die Wahrheit ſelbſt kenne, wahrlich, ich hätte Luſt an Dir zu 9 — nehmen. 518 zweifeln, ſo viele auffallende Dinge gehen hier vor, ſo viel Laune beſonders in Neigungen muß ich hier am Lande gewahr werden. „Du darfſt nichts von dem, was ich ſage, in Zweifel ziehen, Miles— um keinen Preis der Welt würde ich Dich täuſchen.“ „Das glaub' ich— ja ich ſehe klar, auch jetzt iſt Deine Ab⸗ ſicht, mich zu enttäuſchen. Ich bezweifle nichts, was Du mir ſagſt, Lucy; und doch wollt' ich, ich koͤnnte jene Armſpange ſehen — zeige ſie mir, wenn Du ſie an Dir trägſt.“ Luey machte eine haſtige Bewegung, als ob ſie die Armſpange vorweiſen wollte; plötzlich aber hielt ſie in ihrer ungeſtümen Ein⸗ gebung inne, während ihre Wangen in tiefer Röthe erglühten. „Ich ſehe wohl, wie es ſteht, Lucy— das Ding iſt nicht zu finden. Es iſt verlegt, der Himmel weiß wohin, und Du willſt es mir nicht geſtehen.“ Ach! die Spange lag dem himmliſchen Weſen in dieſem Augen⸗ blicke ſo nahe am Herzen, als ſie nur konnte und ihre Verwirrung kam einzig daher, daß ſie ſich ſchämte, mich dieſen Umſtand wiſſen zu laſſen. Das konnte ich freilich nicht ſehen, und alſo auch nicht wiſſen. Das kleinſte Zeichen der Zärtlichkeit von meiner Seite— und ſie hätte mir die Sache verrathen; aber ihr Stolz hielt ſie zurück und ich ergriff das immer noch hingebotene Schächtelchen nicht ganz ohne dramatiſches Pathos. Lucy blickle mir ernſt ins Geſicht: ich ſah, ſie vermochte nur mit Mühe einen Ausbruch ihrer Thränen niederzukäͤmpfen. „Du biſt nicht verletzt, Miles?“ fragte ſie. „Ich müßte lügen, wenn ich es läugnete. Sogar Emilie Merton willigte ein, Perlen für einen Ring anzunehmen— Du haſt es ſelbſt geſehen.“ „Ich bemerkte es wohl; aber erinnere Dich genau, ſie fühlte wohl das Unpaſſende, von einem Herrn ſo reiche Gaben anzu⸗ Miß Merton hat in Deiner Geſellſchaft ſo Vieles, ja ſo 519 Vieles erlebt, daß ich mich gar nicht wundere, wenn ſie ein kleines Andenken an das Alles behalten will, bis—“ Sie ſtockte und hielt für beſſer, ihre Rede nicht zu vollenden. Sie war anfangs blaß geweſen, jetzt aber glühten ihre Wangen wieder gleich einer Roſe.. „Als Ruprecht und ich zum erſten Male zur See gingen, Lucy, da gabſt Du mir Deinen kleinen Schatz in Gold— und damit jeden Heller, glaub' ich, den Du auf Erden beſaß'ſt.“ „Ich bin froh, daß ich es that, Miles; denn wir waren da⸗ mals ſehr jung und Du warſt immer ſo freundlich gegen mich ge⸗ weſen— o ich freue mich, daß ich auch einige Dankbarkeit empfand. Aber wir befinden uns nunmehr in Lagen,“ fuhr ſie mit ſo ſuͤßem Lächeln fort, daß ich nur mit Mühe an mich halten konnte, ſo gerne hätte ich ſie in meine Arme geſchloßen und an mein Herz gedrückt—„welche uns Beide der Nothwendigkeit überheben, ſolche Hülfe von einander anzunehmen.“ „Ich freue mich ſehr, dies zu hören— obwohl ich dieſe theure Erinnerung mit den Joſephsſtücken niemals aufgeben werde.“ „Noch ich das Andenken an die Armſpange: ſie wollen wir als unſere Stammbücher behalten. Auch iſt meine theure Mrs. Bradfort ſehr eigen darin und will nicht, daß Nuprecht oder ich von Jemand anderem als von ihr derartige Gunſtbezeugungen em⸗ pfangen. Sie hat uns gewiſſermaßen adoptirt und ihrer Freigebig⸗ keit danke ich's, daß ich die Rolle ſpiele, in der Du mich jetzt ſiehſt. Abgeſehen davon ſind wir immer noch ſo arm, Miles, wie wir früher waren.* 1 Ich wünſchte, Ruprecht hätte nur halb ſo viel Selbſtachtung und Charakterſtolz beſeſſen als ſeine Schweſter. Aber er fühlte nichts der Art, denn trotz der Verbote ſeiner Verwandten hatte er keinen Anſtand genommen, faſt drei Jahre lang den Sold aufzubrauchen, der mir als drittem Steuermann der Kriſis zukam. Um das Geld 520 kümmerte ich mich keinen Stüber; aber das Gefühl— das war etwas ganz Anderes! Lucy entfernte ſich eiligſt, pobald ſie mich zur Zurücknahme der Perlen bewogen hatte und ſo blieb mir keine andere Wahl, als die Perlen alle zuſammen auf Gracens Zimmer zu legen, wie mir meine Schweſter vor ihrem Spaziergange mit ihrem Eigenthume anbefohlen hatte. Ich beſchloß, mich noch denſelben Abend über den Stand der Angelegenheiten im Allgemeinen mit meiner Schweſter vertraulich zu beſprechen, und wo möglich auch über Mr. Andrew Drewett's Anſprüche das Schlimmſte zu erfahren. Soll ich freimüthig die Wahrheit geſtehen? Es war mir unangenehm, daß Mrs. Bradfort die kleine Luey ſo unabhängig gemacht hatte, da dies die Kluft, welche ſich mir zwiſchen uns Beiden zu öffnen ſchien, noch zu ver⸗ mehren drohte. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Dein Name— ward er raſch erwähnt, ward etwa Lob Geſpendet Deinen Thaten von dem Oheim, Kam Nachricht von dem Heer, von Deiner Rückkunft, Ein Wörtchen über Deine jugendliche Neigung— Gleich glüht' die Wange und ihr ſchmachtend Auge Gewann für Augenblicke neuen Schimmer. Hillhouſe. Ich fand es— in meinem Hauſe— nicht ſchwer, den Plan wegen einer geheimen Unterredung mit Grace in Ausführung zu bringen. Es gab zu Clawbonny ein Zimmer, das ſeit undenk⸗ lichen Zeiten dem Familienhaupte zu ausſchließlichem Gebrauche vor⸗ behalten war: es hieß das„Familienzimmer,“ ſo wie man ſagen würde„Familiengemälde“ oder„Familienſtlber.“ Zu meines Vaters Zeiten, konnte ich mich erinnern, dachte ich nicht im Traume daran, 521 es ohne Befehl oder unaufgefordert zu betreten und ſelbſt dann war mir immer zu Muth, als ob ich in eine Kirche träte. Was ihm in unſern Augen noch eine weitere eigenthümliche Heiligkeit verlieh, war der Umſtand, daß die Todten unſerer Familie in ihren Särgen jedesmal in dieſem Zimmer aufgeſtellt und von da in die Gruft getragen wurden. Es war ein ſehr kleines, dreieckiges Gemach, mit einem Ka⸗ min in einer Ecke und einem einzigen Fenſter, das ſich gegen ein Bosket von Roſenbüſchen, Syringen und ſpaniſchem Flieder öffnete; um dieſes Gebüſch war noch eine leichte Außenhecke gepflanzt— faſt ſchien es, in der Abſicht, um jeden Lauſcher fern zu halten. Das Gemach— im älteſten Theil der Gebäude befindlich— war bei Aufrichtung des Hauſes möblirt worden und beherbergte noch immer ſein altes Geräthe. Stühle und Tiſche, wie die meiſten anderen Artikel waren in der That noch von Miles dem Erſten, wie wir den Emigranten zu nennen pflegten, aus England herübergebracht wor⸗ den; erſteren Titel führte er übrigens blos mit Bezug auf die Clawbonny⸗Dynaſtie, denn im Mutterlande war er ungefähr Miles der Zwanzigſte geweſen. Meine Mutter hatte ein kleines Kanapee, oder was die Franzoſen eine causeuse nennen, hereinverpflanzt— an einem ſolchen Orte ein höchſt zweckmäßiges Möbel. Zur Einleitung der Unterredung hatte ich meiner Schweſter ein Stückchen Papier zugeſteckt, worauf die Worte geſchrieben wa⸗ ren:„Triff mich präcis um ſechs im Familienzimmer.“ Dies war genug und ich machte mich zur beſtimmten Stunde nhi auf den Weg. Für einen amerikaniſchen Wohnſitz war unſer Haus zu Claw⸗ bonny in einem Sinne wenigſtens groß zu nennen, d. h. es be⸗ deckte eine bedeutende Grundfläche, da jeder meiner drei Vorgänger daran gebaut und die beiden Letzten das Werk des Erſten gänzlich verlaſſen hatten. An mich war natürlich die Reihe noch nicht ge⸗ kommen; aber der Leſer weiß bereits, daß ich früher höchſt unehr⸗ 522 erbietiger Weiſe mit dem Gedanken umgegangen war, den Ort gegen einen„Sitz“, näher am Hudſon, zu vertauſchen. Eine ſolche Flucht von Gebäuden machte natürlich verſchiedene Eingänge nöthig, und unſer Clawbonny beſaß deren auch wirklich mehr als gewöhn⸗ lich, wozu bei jedem noch eine Treppe kam, ſo daß die Zimmer der Familie in Folge dieſes Reichthums an Treppen von denen der übrigen Hausbewohner völlig getrennt waren. Während ich über den langen Gang hinſchritt, der zu dem Familienzimmer oder„Triangel“ führte, wie mein Vater das Ge⸗ mach benannt hatte, begann ich ernſtlich bei mir zu überlegen, was ich zu ſagen hatte und wie ich es vorbringen wollte. Grace und ich hatten noch nie eine Familienberathung— wie man es nennen möchte— gehalten: ich war zu jung, um während meiner letzten Anweſenheit an etwas der Art zu denken und ſeit meiner Rückkehr hatte ſich keine frühere Gelegenheit dazu geboten. Ich fühlte noch immer ſehr jugendlich und beſaß weniger Selbſtvertrauen, als man von einem Seemanne hätte erwarten können: es fiel mir weit ſchwerer, eine mündliche Mittheilung zarten Inhalts einzuleiten, als das Kommando eines Schiffes in der Schlacht über mich zu nehmen. Ohne dieſe mauvaise honte würde ich mich heute wahr⸗ ſcheinlich gegen Lucy erklärt haben, hätte mich nicht auf der Piazza von ihr getrennt und Alles noch ebenſo im Zweifel gelaſſen, wie da wir noch kein Wort mit einander gewechſelt hatten. Dann hegte ich auch tiefen Reſpekt vor Grace und fühlte etwas mehr für ſie als brüderliche Zärtlichkeit, denn in meine ſtarke Zuneigung zu ihr miſchte ſich eine Ehrerbietung, eine gewiſſe Scheu vor ihrer engelgleichen Reinheit, ihrem edlen Charakter, welche mich weit eher geneigt machte, Rath von ihr zu empfangen als ihr welchen zu ertheilen. In ſolcher Gemüthsſtimmung— welche bei dieſem Gemiſche von Gefühlen ſo natürlich war, legte ich die Hand auf den alt⸗ modiſchen Meſſingdrücker, der die Thüre des„Triangels“ verſchloß. 5²23 Beim Eintritt ins Zimmer fand ich meine Schweſter auf der cau⸗ seuse ſitzend; das Fenſter ſtand offen, um friſche Luft zuzulaſſen, das ganze Gemach hatte einen Anſtrich freundlicher Heimlichkeit und das füße Antlitz ſeiner Bewohnerin verrieth einen Ausdruck von Sorge, der nicht ganz frei von Neugierde ſchien. Das letzte Mal, als ich mich in dieſem Zimmer befand, hatte ich vor den bleichen Zügen meiner Mutter geſtanden, ehe ihre Leiche im Sarge verſchloſſen worden war. Alle Rückerinnerungen an jene Scene kamen im ſelben Augenblicke mit Macht über uns Beide; ich ſetzte mich neben Grace, ſchlang einen Arm um ihre Hüfte, zog ſie an mich und legte ihr Haupt an meine Bruſt— ſie weinte wie ein Kind. Auch ich konnte meine Thränen nicht ganz unter⸗ drücken und ſo verſtrichen mehrere Minuten in tiefem Schweigen. Es bedurfte zwiſchen uns keiner Erklärung; ich wußte, was meine Schweſter dachte und fühlte und ſie war eben ſo heimiſch in meinem Herzen. Endlich gewannen wir unſere Selbſtbeherrſchung wieder und Grace erhob das Haupt. „Du biſt ſeither nicht in dieſem Zimmer geweſen, Bruder?“ bemerkte ſie halb fragend. „Nein, Schweſter. Es iſt jetzt viele Jahre her— viele Jahre wenigſtens für uns, die wir noch ſo jung ſind.“ „Miles, Du wirſt Dich doch noch weiter über jenen Sitz' be⸗ denken, wirſt Clawbonny niemals verlaſſen— niemals dieſes ge⸗ ſegnete Gemach zerſtören!“— 3 „Ich fange an, ganz anders in der Sache zu denken und zu fühlen als ich früher that. Wenn dies Haus für unſere Voreltern gut genug war— warum ſollte es mir nicht eben ſo genügen? Es iſt bequem und anſtändig— was brauche ich mehr?“ „Und ſo warm im Winter, ſo kühl im Sommer, mit guten dicken Steinwänden, während Alles, was ſie jetzt bauen, nur aus Schindelpaläſten beſteht! Ueberdies kannſt Du ja auch Dein Theil an⸗ bauen und jeder neue Zuwachs iſt immer um ein Gutes moder⸗ 524 niſirt worden. Es iſt ſo angenehm ein Haus zu haben, das noch von den Gebräuchen früherer Perioden Spuren an ſich trägt!“ „Ich glaube kaum, Liebe, daß ich Clawbonny jemals verlaſſen werde, denn ich finde, je mehr andere Bande und Erwartungen mir fehlſchlagen, deſto koſtbarer wird mir dieſes Beſitzthum.“ Grace entzog ſich jetzt ganz meinen Armen und ſchaute aus der andern Ecke des Kanapee's mit geſpannter Erwartung und, wie mich daͤuchte, nicht ohne Aengſtlichkeit zu mir herüber; dann faßte ſie meine Hand voll Zaͤrtlichkeit in ihre beiden und drückte ſie ſanft. „Du biſt noch zu jung, theurer Bruder, um von ſolchen Din⸗ gen zu reden,“ ſagte ſie mit einer Trauer in Ton und Miene, wie ich ſie noch nie in ihrer Stimme und in ihrem Weſen bemerkt hatte;„viel zu jung für einen Mannz; nur wir Frauen, fürcht' ich, ſind geboren, um frühe den Kummer kennen zu lernen!“ Ich hätte nicht ſprechen können, auch wenn ich gewollt hätte, denn ich glaubte, Grace wolle mir jetzt einige Eröffnungen über Ruprecht machen. Trotz der tiefen Zuneigung, welche zwiſchen meiner Schweſter und mir beſtand, hatte doch Keines von uns Beiden jemals eine Sylbe geſprochen, welche ſich unmittelbar auf unſere beiderſeitigen Verhäͤltniſſe zu Ruprecht und Lucy Hardinge bezogen hätte. Ich beſaß ſchon lange die Gewißheit, daß Ruprecht, der in Betheue⸗ rungen keineswegs ſchüchtern war, ſchon vor Jahren ſich gegen Grace erklärt haben mußte; ohne Zweifel hatten ſie ſich mit ein⸗ ander verlobt und vermuthlich nur die Bedingung aufgeſtellt, daß meine und ihres Vaters Zuſtimmung eingeholt werden müßte, welche ihnen übrigens, wie keines von Beiden anders vermuthen durfte— unmöglich entgehen konnte. Gleichwohl hatte Grace niemals eine Andeutung der Art gemacht und meine Schlͤße waren bloßen Muthmaßungen entnommen, welche ſich, wie ich mir einbildete, auf zureichende Beobachtungen gründeten. Auf der andern Seite hatte auch ich niemals mit meiner 5²⁵ Schweſter von einer Liebe zu Lucy geſprochen. Bis auf den letzten Monat, wo Eiferſucht und Mißtrauen meine Empfindung beſchleunigten, hatte ich in der That ſelbſt noch nicht gewußt, mit welcher Leidenſchaft ich das theure Mädchen liebte; denn früher war meine Zuneigung mir als etwas ſo Natürliches erſchienen, hatte wenigſtens dem Scheine nach ſo vieles von brüderlicher Liebe an ſich gehabt, daß ich niemals veranlaßt worden war, das eigentliche Weſen meiner Aufmerkſamkeit genauer zu erforſchen. Wir hatten alſo Beide einen geweihten Grund in unſern Herzen berührt und Jedes von uns ſcheute ſich, ſeine Schwäche bloß zu legen. „Ach Du weißt ja, Grace, wie es im Leben geht,“ gab ich nach augenblicklichem Schweigen mit angenommener Sorgloſigkeit zur Antwort—„heute überall Sonnenſchein und morgen nichts als Wolken.— Ich werde vermuthlich gar nicht heirathen, theuerſte Schweſter und Du oder Deine Kinder werden einſt Clawbonny erben; dann kannſt Du mit dem Hauſe anfangen, was Du willſt. Um mein Andenken zu ſichern, will ich übrigens Befehle hinterlaſſen, Steine aus jenem Felsbruche zu nehmen und nächſtes Jahr den füdlichen Flügel aufrichten, von dem wir ſchon ſo viel geſprochen haben: ich will auf dieſe Art drei bis vier Zimmer beifügen, in denen man— ohne ſich zu ſchämen— ſeine Freunde empfan⸗ gen kann.“ „Ich hoffe, Du brauchſt Dich über nichts zu ſchämen, was Du jetzt zu Clawbonny vorfindeſt, Miles.— Was Dein Nichtheirathen betrifft, theurer Bruder, das wollen wir erſt abwarten: in Deinem Alter pflegen junge Männer in dieſem Punkte ſich ſelbſt noch nicht zu kennen.“ Dies wurde nicht ganz ohne Scherz geäußert, doch lag immer noch ein Schatten von Trauer auf dem Antlitze der geliebten Sprecherin, den ich von Grund meines Herzens daraus verbannt wünſchte. Ich glaube, Grace begriff meine peinliche Lage und 526 ſcheute ſich mit jungfräulicher Empfindlichkeit, den Gegenſtand wei⸗ ter zu berühren, denn ſie fuhr bald darauf fort: „Genug dieſer kleinmüthigen Reden. Warum haſt Du mich ausdrücklich hier zu ſehen verlangt, Miles?“ „Warum? O Du weißt ja, daß ich in nächſter Woche unter Segel gehe; wir ſind noch nie hier geweſen— und ſtehen jetzt Beide in dem rechten Alter, um uns gegenſeitig unſere Gedanken mitzu⸗ theilen— ich dachte— das heißt— jedes Ding muß ſeinen An⸗ fang haben und ich kann ebenſo gut jetzt als ein andermal begin⸗ nen. In der Geſellſchaft von Fremden, wie die Merton's und Har⸗ dinge's kommſt Du mir nur immer halb wie eine Schweſter vor.“ „Von Fremden, Miles! Seit wann haſt Du Letztere als Fremde betrachtet?“ „Freilich nicht als Fremde, was unſer Bekanntſeyn mit ihnen betrifft, aber doch dem Blut nach Fremde. Es beſteht auch nicht die geringſte Verwandtſchaft zwiſchen uns und ihnen.“ „Das nicht, aber ſehr viel Liebe und eine Liebe, die von Kind⸗ heit an gedauert hat. Ich kann mich der Zeit nicht mehr erin⸗ nern, da ich Lucy Hardinge nicht geliebt hätte.“ „Ganz richtig— ich ebenſo wenig. Luey iſt ein vortreffliches Maäͤdchen und man darf ſich ziemlich feſt darauf verlaſſen, daß man für ſie immer eine beſondere Aufmerkſamkeit behalten wird. Wie ſich doch die Ausſichten der Hardinge's durch dieſe plötzliche Vorliebe der Mrs. Bradfort ſo auffallend geändert haben!“ „Es geſchah nicht ſo plötzlich, Miles. Du warſt Jahre lang abweſend und vergiſſeſt, wie viel Zeit ſie zu einer näheren anhänglichen Bekanntſchaft gehabt haben. Mrs. Hardinge und Mrs. Bradfort ſind Geſchwiſterkinder und das Vermögen der Letzteren, welches— beſtehend in einem ſich ſtets verbeſſernden Grundbeſitze in der Stadt neben dem prächtigen werthvollen Hauſe, worin ſie wohnt— über ſechs Tauſend betragen ſoll, ſtammt von ihrem gemeinſchaftlichen Großvater, welcher Mrs. Hardinge, eben weil ſie einen Geiſtlichen 5²⁷7 heirathete, mit einem geringen Legate abfand. Mr. Hardinge iſt Mrs. Braßfort's geſetzlicher Erbe und es iſt keineswegs unnatür⸗ lich, wenn ſie ihr Vermögen denen zu hinterlaſſen gedenkt, welche in einem Sinne ebenſo gut, wie ſie ſelbſt, ein Recht darauf beſitzen.“ „Und glaubt man, daß ſie Ruprecht zum Erben einſetzen wird?“ „Ich glaube ſo— wenigſtens— ich meine— ich fürchte— Ruprecht bildet ſich's ein; doch wird Lucy ohne Zweifel ihren ſchönen Theil davontragen. Mrs. Bradfort's Zärtlichkeit für Lucy iſt ſehr ſtark— ſo ſtark ſogar, daß ſie ſich letzten Winter erbot, ſie offen zu adoptiren und beſtändig bei ſich zu behalten. Du weißt, was Lucy für ein treues, warmherziges Mädchen iſt und wie leicht es faͤllt, ſie zu lieben.“ „Das iſt mir Alles völlig neu.— Warum wurde denn das Anerbieten nicht angenommen?“ „Weder Mr. Hardinge noch Lucy wollten etwas davon hoͤren. Ich war bei der Unterredung zugegen, in welcher die Sache ver⸗ handelt wurde: unſer trefflicher Vormund dankte ſeiner Muhme für ihre freundlichen Abſichten, erklärte aber in ſeiner einfachen Weiſe, ſo lange ihm noch Leben beſchieden ſey oder wenigſtens ſo lange, bis er ſie dem Schutze eines Gatten überantworten oder der Tod ſie trennen würde, halte er's für ſeine Pflicht, ſein Mädchen bei ſich zu behalten.“ „Und Lucy?“ „Sie beſitzt viel Anhänglichkeit für Mrs. Bradfort, denn dieſe iſt im Ganzen eine gute Frau, wenn ſie gleich, was Welt, Geſell⸗ ſchaft und dergleichen betrifft— ihre Schwächen hat. Lucy wein te in den Armen ihrer Muhme, erklärte aber auch, ſie könne niemals ihren Vater verlaſſen. Du wirſt hoffentlich nicht erwarten,“ ſetzte Grace lächelnd bei,„daß ſie über einen Gatten ein Wort zu ver⸗ lieren hatte?“ 3„Und wie nahm Mrs. Bradfort dieſe gemeinſame Widerſtands⸗ 528 erklärung gegen ihren Willen auf, der doch ſo gut durch Dollars unkerſtützt war.“ Außerordentlich gut. Die Sache endete mit der Einwilligung Mr. Hardinge's, daß Lucy bis zu ihrer Vermählung jeden Winter in der Stadt zubringen dürfe. Ruprecht, weißt Du, lebt ſchon jetzt dort als Student und wird ſich, ſobald er abſolvirt hat, daſelbſt niederlaſſen.“ „Und vermuthlich wird die Kunde, daß Lucy ohne Zweifel einen Theil des alten Bleeckergrundes erben werde, die Möglichkeit, einen Gatten für ſie zu finden, der ſie der väterlichen Obhut Mr. Hardinge's entnähme, nicht im Geringſten vermindert haben?“ „Kein Gatte könnte meine Lucy zu etwas Anderem als Mr. Hardinge's Tochter machen; Du haſt aber ganz Recht, Miles, wenn Du vermutheſt, daß ſie geſucht ward. Ich bin nicht in ihre Geheim⸗ niſſe eingeweiht, denn Lucy iſt ein Mädchen von zu feſten Grund⸗ ſätzen, um mit ihren Eroberungen zu paradiren, geſchähe es auch nur unter dem Vorwand, ſie ihrer theuerſten Freundin mitzutheilen, und in dieſem Lichte betrachtet ſie mich ohne Zweifel; aber auch ohne die Thatſachen genau zu kennen, fühle ich mich doch moraliſch ſo überzeugt, wie man's nur immer ſeyn kann— daß Luey vorletzten Winter einen und letzten Winter drei Herren ausgeſchlagen hat.“ „War Mr. Andrew Drewett auch darunter?“ fragte ich mit einer Uebereilung, deren ich mich alsbald wieder ſchämte. Grace ſchien über die Lebhaftigkeit meiner Frage etwas über⸗ raſcht, lächelte dann aber— doch wie mir vorkam, immer noch traurig. „Natürlich nicht,“ gab ſie nach kurzem Beſinnen zur Antwort, „ſonſt würde er ihr nicht jetzt noch den Hof machen. Luey iſt zu offen, um einen Anbeter, ſobald er ſeine Erklärung gemacht hat und ſie mit ſich im Reinen iſt, auch nur einen Augenblick im Zwei⸗ fel zu laſſen, und von allen denen, die ſich meiner Ueberzeugung nach um ſie beworben haben, hat Keiner gewagt, mehr als eine 529 ferne Bekanntſchaft mit ihr fortzuſetzen. Da Mr. Drewett erſt im letzten Augenblick unſeres Stadtaufenthalts ſo viele Aufmerkſamkeit an den Tag legte, ſo war es unmsglich, ihn jetzt ſchon zurückzu⸗ weiſen. Du weißt vermuthlich, daß Mr. Hardinge ihn hieher ein⸗ geladen hat?“ „Hieher? Andrew Drewett? Und warum kommt er hieher?“ „Ich hörte, wie er Mr. Hardinge um die Erlaubniß bat, uns hier beſuchen zu duͤrfen und Du kennſt ja unſern lieben, guten Vor⸗ mund, der die gute Stunde ſelber und dabei ſo arglos iſt, daß er in ſolchen Dingen nie mehr fieht als man gerade ſagt— er konnte es ihm unmöglich abſchlagen. Ueberdieß mag er Drewett wohl leiden, der auch, einige modiſche Thorheiten abgerechnet, ein recht geſcheuter und anſtändiger junger Mann iſt. Mr. Drewett hat eine Schweſter in einer der beſten Familien auf der andern Seite des Fluſſes verheirathet und iſt gewohnt, jeden Sommer in die Nachbarſchaft zu kommen— ohne Zweifel wird er von ſeiner Schweſter Hauſe einen Ausflug nach Clawbonny machen.“ Ich war eine Minute lang bitter böſe, dann aber gewann die Vernunft wieder die Oberhand. Mr. Hardinge beſaß erſtlich die ſchriftliche Vollmacht meiner Mutter, daß er während meiner Min⸗ derjährigkeit Jedermann nach Belieben in unſer Haus einladen konnte und ſo durfte ich ſein Verfahren nicht mißbilligen. Aber es kam mir gerade vor, als ob man meiner Leidenſchaft Trotz bieten wolle— einen offenen Anbeter Lucy's gerade in mein eigenes Haus zu bitten— und ich war ſehr nahe daran, etwas Dummes zu ſagen. Zum Glück that ich's nicht und Grace erfuhr nie, was ich bei dieſer Entdeckung ausſtand. Lucy hatte mehrere Bewerbungen ausgeſchlagen— das war ſchon etwas; ich ſtarb faſt vor Neugierde, zu erfahren, welcher Art dieſelben waren. Darnach meinte ich, könnte ich mich ſchon erkundigen. „Kannteſt Du die vier Herren, welche Lucy, wie Du vermutheſt, Miles Wallingford. 34 530 abgewieſen hat?“ fragte ich mit ſo gleichgültiger Miene, als ich ſie nur anzunehmen vermochte, indem ich mich ſtellte, als ob ich ein Spinnengewebe mit meinem Zuckerrohr zerſtören wollte und die Komödie ſo weit trieb, daß ich ſogar ein leiſes Pfeifen verſuchte. 3 „Allerdings; wie ſollte ich ſonſt etwas davon wiſſen? Lucy hat mit mir nie ein Wort darüber geſprochen und wenn auch Mrs. Bradfort und ich manchmal unſern Scherz damit trieben, ſo iſt doch keine von uns Beiden in Lucy's Geheimniſſe eingeweiht.“ „Aha, euren Scherz habt ihr damit getrieben! Ja freilich— es gibt für ein Weib keinen größeren Spaß, als wenn ſich ein Mann auf dieſe Art lächerlich macht; was kümmert ſie's, wie viel der arme Teufel leiden mag!“ Grace erblaßte und ich konnte bemerken, wie ihr ſüßes Antlitz einen nachdenklichen, ja ſogar reuevollen Ausdruck annahm. „Vielleicht iſt deine Bemerkung nicht ohne Wahrheit und Dein Vorwurf gerecht, Miles. Von uns Allen behandelt Niemand dieſen Gegenſtand mit dem Ernſte, welchen er verdient, obwohl ich nicht an⸗ neehmen kann, daß eine Frau den Mann, den ſie wahrhaft in ſich ver⸗ liebt glaubt, ohne tiefes Mitgefühl zurückweiſen wird. Aber Neigungen dieſer Art ergreifen euer Geſchlecht weniger mächtig als das unſere, und ich glaube, es ſind noch wenig Männer vor Liebe geſtorben. Lucy hat überdieß noch nie einen Mann ermuthigt, den ſie nicht leiden mochte und ſie wird dies, glaub ich, auch nicht thun; dieſer Grundſatz muß jede innigere Annäherung verhindert haben, ohne welche das Herz ſich nie ſtark betheiligen kann. Eine Leidenſchaft, welche keine Erwiederung des Gefühls mit ſtch bringt, Miles, kann nicht viel mehr als Phantaſte oder Laune ſeyn.“ „Ich vermuthe, dieſe Burſche ſind alſo jetzt wieder gründlich geheilt?“ fragte ich, indem ich es abermals mit Pfeifen verſuchte. „Ich kann nicht dafür ſtehen— es iſt ſo leicht, Lucy zu lieben und zwar recht warm zu lieben. Ich weiß blos, daß ſie Lucy 531 nicht mehr beſuchen und ſich bei einem Zuſammentreffen in Geſell⸗ ſchaft gerade ſo benehmen, wie ich denke, daß ein verſchmähter An⸗ beter ſich benehmen muß, wenn er die Achtung für ſeine frühere Flamme nicht verloren hat. Mrs. Bradfort's Vermögen und Stel⸗ lung mögen bei zweien derſelben nicht ohne Einfluß geweſen ſeyn, bei den Andern aber war es aufrichtige Neigung, wie ich glaube.“ „Mrs. Bradfort lebt ganz in vornehmen Kreiſen, Grace, weit über denen, an die wir gewöhnt wurden!“ Meine Schweſter erröthete ein wenig und es war unverkenn⸗ bar, daß ihr nicht ganz wohl zu Muth ſeyn mußte. Gleichwohl beſaß Grace zu viel Selbſtachtung und Charakter, um da eine drückende Unterordnung zu fühlen, wo ſie nicht durch weſentliche Verhältniſſe bedingt war; auch war ſie nicht dazu geſchaffen— ſowie dies bei eitlen und frivolen Charakteren der Fall iſt— im Umgang mit einer höheren Klaſſe als die ihrige die Leidende zu ſpielen, beſon⸗ ders wenn dieſe Klaſſe— was ſo oft vorkommt— theilweiſe aus Leuten beſteht, welche darauf bedacht ſind, Andere ihre Unterord⸗ nung fühlen zu laſſen, weil ſie ſonſt nichts beſitzen, worauf ſie ſtolz ſeyn könnten. „Das iſt wahr, Miles,“ gab ſie zur Antwort—„oder beſſer geſagt, beides iſt richtig. Ich habe freilich noch nie ſo viele wohl⸗ erzogene Perſonen geſehen, wie ich ſie in ihrem Cirkel antreffe— denn hier in unſerem Clawbonny haben wir gar Wenige, welche uns über die feinen Schattirungen ſolcher Sitten belehren könnten. So einfach übrigens Mr. Hardinge iſt, ſo iſt er doch ein ſo ächter Gentleman, daß er uns über das, was man von uns erwar⸗ ten konnte, nicht ganz im Dunkeln gelaſſen hat, und ich bilde mir ein, je höher die Leute ſtehen, deſto weniger legen ſie Nachdruck auf Dinge, welche in dieſem Punkte nicht als Weſentlich Iricheinen 2 „Und Lucy's Anbeter— und Lueh ſelbſt— „Wie meinſt Du, Lucy ſelbſt—“ „Wurde ſie gut aufgenommen— bewundert— wurde ihr der 53²2 Hof gemacht?— Begegnete man ihr als ſeines Gleichen und wurde ſie auch demgemäß behandelt? Und auch Du, Schweſter?“ „Hätteſt Du mehr in der Welt gelebt, Miles, ſo würdeſt Du gar nicht ſo gefragt haben. Lucy wurde überall aufgenommen, wie man Mrs. Bradfort's Tochter aufgenommen haben würde und was mich betrifft, ſo habe ich niemals gedacht, daß man nicht genau wüßte, wer ich bin.“ „Kapitän Miles Wallingford's Tochter und Kapitän Miles Wallingford's Schweſter,“ verſetzte ich, das Wort„Kapitän“ nicht ohne Bitterkeit betonend. „So iſt's— ein Mädchen, das auf ihre Verwandtſchaft mit Beiden ſtolz iſt,“ erwiederte Grace mit tiefer Zärtlichkeit. „Ich wünſchte nur Eines zu wiſſen, Grace, und ich denke, ich ſollte es auch wiſſen.“ „Wofern Du mich von Letzterem überzeugen kannſt, Miles, magſt Du Dich darauf verlaſſen— Du ſollſt es erfahren, wenn es von mir abhängt.“ „Hat einer dieſer Herren— dieſer ſanften glatten Burſche— jemals daran gedacht, Dir ſeine Hand anzubieten?“ Grace lachte und erröthete ſo tief— nein, wie himmliſch ſchön war ſie doch mit dieſem roſigen Schimmer auf den Wangen! — alſo ſie erröthete ſo tief, daß ich nun feſt überzeugt war, auch ſie habe ihre Anbeter zurückgewieſen. Der Gedanke beſänftigte einigermaßen meine bittern Gefühle und ich empfand eine Art halb⸗ wilder Freude in dem Glauben, daß eine Tochter von Clawbonny nicht dem nächſten beſten Anmelder aus dieſem Gelichter angehöre. Die einzige Antwort aber, die ich erhielt, beſchränkte ſich auf den Aufſchluß, welchen ihr Erröthen mir verſchafft hatte. „Wie ſteht's denn um das Vermögen und die Stellung dieſes Mr. Drewett, da Du doch einmal entſchloſſen biſt, mir nichts von Deinen eigenen Angelegenheiten zu erzählen?“ 53³³ „Beide ſtehen gut und ſind der Art, daß keine junge Dame etwas dawider einwenden kann. Er gilt ſogar für reich.“ „Gott ſey Dank! So bewirbt er ſich doch nicht um Lucy in der Hoffnung auf einen Theil von Mrs. Bradfort's Erbſchaft.“ „Nichts weniger als das. Es iſt ſo leicht, Lucy um ihrer ſelbſt willen zu lieben, daß ſelbſt ein Glücksjäger bei ihr in Gefahr geriethe, ſich in ſeiner eigenen Schlinge zu fangen. Mr. Drewett iſt aber der Nothwendigkeit enthoben, ein ſo niedriges Syſtem des Gelderwerbs zu betreiben.“ Damit die jetzige Generation nicht irre geleitet werde und ſich etwa einbilde, die Glücksjägerei ſey erſt ſeit den letzten zwanzig Jahren über uns hereingebrochen, ſo will ich hier beifügen, daß ſie auch ſchon Anno 1802 in unſerem Lande beſtand, wenn auch nicht als förmlicher Handelszweig, als regelmäßige Beſchäftigung— wie ſie dies im Jahre 1844 geworden iſt. Es gab allerdings auch damals Männer wie Frauen, welche bereit waren, jeden oder jede zu heirathen, die ſie reich machen konnten; doch glaube ich nicht, daß Beides ſich damals ſchon zu jenem Berufe geſtaltet hatte, in wel⸗ chem jedes der zwei Geſchlechter regelmäßige Lehrjahre durch zu machen hat, wie dies heut zu Tage getrieben wird. Jedenfalls aber ging das Geſchaͤft„ſeinen Gang“— um mich der Landes⸗ ſprache zu bedienen— manchmal ſogar nicht ohne auffallenden Erfolg. „Du haſt mir nicht geſagt, Graee,“ begann ich abermals, „ob Du glaubſt, daß Luey an den Aufmerkſamkeiten dieſes Herrn Gefallen findet oder nicht.“ Meine Schweſter ſah mich eine Weile aufmerkſam an, als ob ſie ſich überzeugen wollte, in wie fern ich eine ſolche Frage mit Gleichgültigkeit zu ſtellen vermöchte oder nicht. Man wird ſich erinnern, daß über unſere Gefühle gegen die Gefährten unſerer Kindheit zwiſchen uns Beiden noch nie eine mündliche Erklärung ſtattgefunden hatte und daß Alles, was wir von einander wußten, uns bloß durch Vermuthungen bekannt geworden war. 5³⁴ Auch war zwiſchen mir und Lucy nie etwas vorgefallen, was nicht ohne Bedenken— ſofern die Regeln des Verkehrs dabei ins Spiel kamen— unſerm langen und frühzeitigen Umgange zugeſchrieben werden konnte, obwohl ich mir manchmal einhildete, ich könnte mir hundert Fälle zurückrufen, wo Lucy die tiefſte An⸗ hänglichkeit für mich an den Tag gelegt habe; ebenſo wenig zweifelte ich, daß auch ſie das Gemälde umdrehen und ebenſo viele Proben aufweiſen könne. Das Alles war aber blos Sprache des Herzens— oder hatte ich's wenigſtens dafür gehalten— die Zunge hatte nie eine Sylbe geäußert. So beſaß auch Grace nichts als Vermuthungen in der Sache und hatte bereits einzuſehen angefangen— die Aermſte! wie leicht es denen wird, welche neben einander gelebt haben, ihre Anſichten in ſolchen Dingen zu ändern. Kein Wunder alſo, wenn ſie einen derartigen Wechſel bei Menſchen, die Jahre lang getrennt geweſen waren, noch weit eher für denkbar hielt. „Ich habe es Dir nicht geſagt, Miles,“ erwiederte Grace nach kurzem Zögern,„weil es nicht paſſend wäre, die Geheimniſſe meiner Freundin einem jungen Manne, ja ſogar Dir auszuplaudern, wenn es auch in meiner Macht ſtünde— wie dies aber nicht der Fall iſt, da Lucy mir über ihre Liebe noch nie die kleinſte vertrau⸗ liche Mittheilung irgend einer Art gemacht hat.“ „Niemals!“ rief ich— und glaubte in dieſer befremdenden Thatſache mein ganzes Urtheil zu leſen, denn, wenn ſie mich jemals wirklich geliebt hatte, ſo konnte die Sache in den Geſprächen zwiſchen zwei ſo nahen Vertrauten nicht verſchwiegen geblieben ſeyn— das hielt ich für rein unmöglich!„Niemals!— Was, auch nie eine mädchenhafte— eine kindiſche Vorliebe! Habt ihr euch niemals eine ſolche kindiſche Vorliebe zu enthüllen gehabt?“ „‚Niemals!“ verſicherte Grace in feſtem Tone, obwohl ſogar ihre Schläfe in hoher Schaamröthe leuchteten.—„Niemals! Wir waren mit unſerer gegenſeitigen Neigung zufrieden und haben nie 5³⁵ Veranlaſſung gehabt, in unweibliche und unpaßende Gezeiniſ einzudringen, wenn überhaupt ſolche beſtanden.“ Eine lange und ohne Zweifel beiden Theilen gleich peinliche Pauſe folgte. „Grace,“ hub ich endlich wieder an,„ich beneide die Hardinge's wahrlich nicht um dieſe muthmaßliche Vermehrung ihres Vermögens; aber ich glaube, wir alle wären ohne dieſelbe viel einiger— viel glücklicher geweſen.“ 3 Meiner Schweſter Antlitz verlor ſeine Röthe, ein Zittern lief über ihre ganze Geſtalt und ſie wurde todtenblaß. „Du magſt in manchen Beziehungen Recht haben, Miles,“ gab ſie nach einiger Zeit zur Antwort.„Und doch iſt es gewiß nicht edelmüthig, ſo zu denken. Warum ſollten wir wünſchen, unſere älteſten Freunde, die uns ſo gar theuer ſind— die Kinder unſeres trefflichen Vormunds in weniger günſtigen Umſtaͤnden als uns ſelbſt zu ſehen? Ohne Zweifel mag es uns beſſer ſcheinen, daß Claw⸗ bonny das Schloß und wir deſſen Beſitzer ſind; allein Andere haben ihre Rechte und Intereſſen ſo gutz, wie wir ſelbſt. Gib den Hardinge's Geld, und ſie werden aller in dieſem Lande bekannten Vortheile genießen— vielleicht ſogar mehr, als das bloße Geld uns gewähren kann— warum ſollten wir alſo ſo ſelbſtſüchtig ſein, ſie dieſes Vortheils beraubt zu wünſchen? Stelle Lucy, wohin Du willſt— ſie wird immer Lucy bleiben, und was Ruprecht betrifft, ſo bedarf ein junger Mann ſo glänzend, wie er, blos einer Gele⸗ genheit, um ſich bis zu den höochſten Stellen, die der Staat ihm bietet, empor zu ſchwingen!“ Grace war ſo ernſt, ſprach mit ſo viel Gefühl, erſchien mir ſo uneigennützig, ſo heilig, möchte ich ſagen, daß ich in meinem Herzen nicht den Muth fand, ſie noch länger auf die Probe zu ſtellen. Daß ſie ſchon jetzt Ruprecht zu mißtrauen anfing, konnte ich deutlich wahrnehmen, wenn es auch erſt ein Aufglimmen des Zweifels bei ihr war, denn eine ſo reine Natur, ein ſo treues Herz, 1 536 wie das ihre, vermochte nur mit großem Widerſtreben die Beweiſe der Unwürdigkeit desjenigen anzuerkennen, den es ſo lange geliebt hatte. Ueberdies war mir klar geworden, daß ſie vor jeder Enthüllung ihres eigenen Geheimniſſes zurückbebte, während ſie in Betreff Lucy's bloße Vermuthungen anzuſtellen wußte und ſogar dieſe zurückhielt, wie ſie es ihrem Geſchlecht und ihren Pflichten als Freundin ſchuldig zu ſeyn glaubte. Ich vergaß, daß ich ſelbſt nicht freimüthig ge⸗ weſen war und meiner Schweſter keine Mittheilung gemacht hatte, die ſie zu größerem Vertrauen gegen mich berechtigt hätte; das, was bei ſolchem Stande der Dinge Verrätherei von ihr geweſen wäre, hätte ſie wohl gegen mich äußern können, wenn nur ich ſelbſt offenherziger geſprochen hätte. Nach einer Pauſe, welche ich gemacht hatte, um meine Schweſter ſich von ihrer Bewegung erholen zu laſſen, wendete ich das Ge⸗ ſpräch auf unſere unmittelbareren Familienintereſſen und hatte den peinlichen Gegenſtand bald gänzlich vergeſſen. „Ich werde meine Volljährigkeit erreichen, ehe Du mich wieder⸗ ſiehſt, Grace,“ bemerkte ich im Laufe meiner Erläuterungen.„Wir Seeleute ſind immer weit mehr Unfällen und Gefahren ausgeſetzt, als die Landbewohner, und ich will Dir alſo ſagen: falls mir etwas Menſchliches begegnet, wirſt Du mein Teſtament in meinem Schreib⸗ tiſch vorfinden, unterzeichnet und beſiegelt mit dem Datum, da ich voll⸗ jährig werde. Ich habe Befehl gegeben, es durch einen angeſehenen Iuriſten aufſetzen zu laſſen und werde es eben zu dieſem Zwecke mit mir zur See nehmen.“ „Woraus ich ſchließe, daß ich mich nicht nach Clawbonny ge⸗ lüſten laſſen darf,“ fiel Grace mit einem Lächeln ein, welches be⸗ wies, wie wenig ſie einen ſolchen Fall fürchtete—„Du gibſt es dann unſerem Vetter, Jack Wallingford, als männlichem Erben, der einer ſolchen Ehre eher würdig iſt.“ „Nein, Theuerſte, ich gebe es Dir. Das Geſetz würde zwar an meiner Statt alſo beſtimmen: gerade deßhalb halte ich füͤr beſſer, meinen 537 Wunſch bekannt werden zu laſſen. Ich weiß allerdings, daß mein Vater, für den Fall daß ich vor erreichter Volljährigkeit kinderlos ſtürbe, auf genannte Weiſe über das Gut verfügt hätte: bin ich aber einmal majorenn, ſo gehört es mir, und was mir ſo ganz zugehört, ſoll auch das Deine ſeyn, wenn ich einmal nicht mehr bin.“ „Das iſt aber eine traurige und hoffentlich auch unnütze Unter⸗ haltung. Unter den Umſtänden, wie Du ihrer erwähnſt, Miles, hätte ich nie erwartet, Clawbonny zu beſitzen, und weiß auch nicht, ob ich es beſitzen darf. Es ſtammt eben ſo gut von Jack Walling⸗ ford's Vorfahren, wie von den unſrigen, und es iſt beſſer, wenn es bei dem Familiennamen bleibt. Ich will Dir alſo noch nicht verſprechen, daß ich's ihm nicht übergeben werde, ſobald ich kann.“ Dieſer Jack Wallingford, von dem ich bis jetzt noch nicht ge⸗ ſprochen habe, war ein Junggeſelle von fünfundvierzig Jahren— Geſchwiſterkind meines Vaters als Sohn eines jüngeren Bruders meines Großvaters, deſſen Liebling er einigermaßen geweſen; er war in die damals ſogenannten neuen Landſchaften, d. h. wenige Meilen weſtlich von der Cayuga⸗Brücke, alſo in das weſtliche New⸗ York gezogen. Ich hatte ihn blos einmal geſehen und zwar auf einem Beſuche, den er uns auf ſeiner Rückkehr aus der Stadt machte, wo er Perl⸗ und Potaſche verkauft hatte, zwei Artikel, die er auf ſeinen neuen Ländereien gewann. Es hieß, er ſey ein wohlhabender Mann, der des alten Familienſitzes durchaus nicht benöthigt ſey. Nachdem ich mich mit meiner Schweſter noch eine Zeit lang über mein Teſtament beſprochen hatte, trennten wir uns, nicht ohne daß dieſe Unterredung im„Familienzimmer“— wie ich zuverſicht⸗ lich glaube— uns feſter mit einander verknüpft hätte. Nie war mir Grace meiner Liebe würdiger vorgekommen, und nie hatte ſie dieſe auch mehr beſeſſen: Clawbonny vollends war ihr ſo ge wiß, als meine Vollmacht darüber es ihr nur immer zuſichern konnte. Der Reſt der Woche verfloß uns, wie eine ſolche Zeit auf dem 538 Land und im Sommer zu verſtreichen pflegt. Da ich mich in Ge⸗ ſellſchaft der Mädchen ſo häufig unbehaglich fühlte, ſo trieb ich mich viel auf den Feldern um, wobei ich immer die gute Entſchul⸗ digung hatte, daß ich nach meinen eigenen Angelegenheiten zu ſehen anfienge. Mr. Hardinge nahm den Major in Beſchlag, und ein inniges Freundſchaftsverhältniß begann ſich zwiſchen den beiden ehrwürdigen Alten zu entwickeln. Sie hatten in der That ſo viele gemein⸗ ſame Anknüpfungspunkte, daß mich ein ſolcher Ausgang keineswegs Wunder nahm. Beide liebten die Kirche— bitte um Verzeihung — die heilige katholiſch⸗proteſtantiſche biſchöfliche Kirche, wollt' ich ſagen. Beide waren Bonaparte abgeneigt— der Major haßte ihn förmlich, mein Vormund aber— der konnte ja Niemand haſſen. Beide verehrten Billy* Pitt und waren der Anſicht, die franzö⸗ ſiſche Revolution ſey— einzig um die Prophezeiung zu erfüllen — mit Hülfe Satans und ſeiner Genoſſen ins Werk geſetzt worden. Da wir am Vorabend wichtiger Zeitereigniſſe ſtehen, ſo möchte ich nicht mißverſtanden werden: für einen alten Mann, der in einer neuen Sphäre darnach ſtrebt, auch die Generation, welche jetzt ins thätige Leben tritt, erleuchtet zu erhalten, möchte vielleicht eine nähere Erklärung am Platze ſeyn. Man hat verſucht, in unſerem Lande den Glauben zu ver⸗ breiten, als ob Biſchöflicher und Tory in Zeiten,„welche Männer⸗ ſeelen prüfen,“ ziemlich ſynonyme Ausdrücke wären. In einem Lande, das einen Waſhington, Jay, Hamilton, die Lee's, Moris', den verſtorbenen Biſchof White und ſo manche andere ausgezeichnete Patrioten in den ſüdlichen und mittleren Staaten beſitzt— iſt dieß an ſich ſchon eine große Unverſchämtheit; aber die Menſchen ſind eben einmal nicht ſonderlich gewiſſenhaft, ſobald es ein Ziel zu er⸗ reichen gibt, und wäre ſogar der Himmel auf dieſe Art zu erlangen. *„William“.. D. U. 539 Ich muß deßhalb meine Erklärungen auf das beſchränken, was ich über Billy Pitt und die Franzoſen geſagt habe. Unſerer heutigen Jugend mag es verdächtig vorkommen, daß ein biſchöflicher Geiſtlicher— ich meine nämlich einen proteſtan⸗ tiſch⸗biſchöflichen, aber es iſt ſo ſchwer, auf der Neige des Lebens ſeine alten Gedanken in neue Formeln zu kleiden!— alſo es mag ihr verdächtig vorkommen, daß ein proteſtantiſch⸗biſchöflicher Geiſt⸗ licher ſich um Billy Pitt bekümmern und das unglückliche Frankreich verfluchen ſollte. Ich will darum hier blos anführen, daß ſich anno 1802 Niemand im Lande tiefer in ähnliche Fragen verwickelte, als eben die Nachkommen Derer, welche zuerſt ihren Fuß auf den Felſen von Plymouth ſetzten und deren Vorfahren kaum zuvor Genf einen Beſuch abgeſtattet hatten, wo ſie— wie man ſagt oder ſingt — eine„Kirche ohne Biſchof und einen Staat ohne König“ an⸗ trafen. Mit einem Wort, die Bewunderung Pitt's und die Ver⸗ wünſchung Bonaparte's waren dazumal in Amerika keineswegs ſo neu, daß man ſich hätte darüber wundern dürfen. Ich meines Theils kann übrigens ehrlich verſichern, daß ich, wie die meiſten Amerikaner, welche in dieſen bewegten Zeiten ſich in der Fremde umtummelten, mit Mercutio hätte ſagen mögen: „die Peſt auf eure beiden Häuſer“; denn keines von Beiden hat ſich gegen uns auch nur mit mäßiger Ehrlichkeit, ja ſogar nur mit geziemendem Anſtande benommen. Das Partheigefühl, der un⸗ erbittlichſte, grundſatzloſeſte aller Tyrannen, dieſer Fluch der ame⸗ rikaniſchen Freiheit— wie wir uns deren auch rühmen mögen— hat übrigens anders entſchieden, und während die eine Hälfte der amerikaniſchen Republik dem großen Korſen ihr Hoſiannah brachte, war die andere bereit, Pitt als den„vom Himmel kommenden Mi⸗ niſter“ zu begrüßen. Der übrige Theil der Nation fühlte und handelte als ächte Amerikaner. Meine eigene Privatmeinung ging dahin, Frankreich und England wären weit beſſer daran geweſen, wenn keiner dieſer beiden Helden das Licht der Welt erblickt hätte. Gleichwohl war die Uebereinſtimmung der Anſichten bei dem Geiſtlichen und dem Major das ſicherſte Mittel, ein feſtes Freund⸗ ſchaftsband zwiſchen ihnen zu knüpfen. Ich ſah, daß ſie ſich gut zuſammen verſtanden, und ließ nun den Dingen ihren Lauf. Um Emilien bekümmerte ich mich ſehr wenig, hoöͤchſtens ſo weit ſie mit Ruprecht und dieſer mit meiner Schweſter Glück in Verbin⸗ dung ſtand. Was dieſen Letzteren ſelbſt betraf, ſo konnte ich mich eines Menſchen, den ich als Knabe ſo ſehr geliebt hatte und der noch überdies des ſeltenen Vorzugs genoß, daß er Lucy's Bruder und Mr. Hardinge's Sohn war— nicht völlig entwöhnen.„Sid⸗ ney's Schweſter, Pembroke's Mutter“ gab ihm in meinen Augen einen Werth, wie er ihn um ſeiner ſelbſt willen ſchon längſt bei mir eingebüßt hatte. „Du ſiehſt, Neb,“ bemerkte ich gegen Ende der Woche, als ich mit dem Schwarzen von der Mühle heraufſpazierte,„Mr. Ruprecht hat ganz und gar vergeſſen, daß er jemals den Namen eines Schiffs⸗ taues wußte. Seine Hände ſind ſo weiß, wie die einer jungen Dame!“ „Das gar nit kümmern, Maſter Mile. Maſter Ruprecht auch nie fühlen die Freude, daß er Schiffbruch gemacht oder Gefangener des Inſchön geweſen! Golly! Kein Gentleum' ſeyn zu beneiden, wenn er das nit haben genoſſen!“ „Du haſt einen ſonderbaren Geſchmack, Neb; nach Allem, was ich vermuthe, erwarteſt Du heute Abend mit mir auf dem Walling⸗ ford nach der Stadt zurückzukehren, um auf der Morgendämmerung auszulaufen?“ „Gewiß, Maſter Mile. Ihr doch nit denken, zur See zu gehen und Negger zu Haus laſſen?“ Hier brach Neb in ein ſo ſchallendes Gelächter aus, daß man ihn auf hundert Ruthen hätte hoͤren können; er ſchien den Ge⸗ danken, den er geäußert hatte, für ſo verkehrt zu halten, daß er wohl nichts als dies Gelächter verdiene.* » So ſpricht Neb ſein Gentleman. H. U. 541 „Nun gut, Neb; ich will Dir Deinen Wunſch gewähren. Dies iſt übrigens die letzte Reiſe, bei der Du mich um Rath zu fragen haſt, denn ſobald ich volljährig bin, werde ich Dir Dein Befreiungs⸗ dokument ausſtellen.“ „Was ſeyn das?“ fragte der Schwarze mit Blitzesſchnelle. „Ei nun, die Urkunde, die Dich zu Deinem eignen Herrn— zum freien Mann macht, Du weißt doch gewiß, was das iſt? haſt Du noch nie von freien Neggern gehört?“ „O gewiß— ſchrecklich arme Teubbel ſie ſeyn. Wenn Ihr fangen Neb eines Tags als freien Neger, geben Euch Erlaubniß, ihm davon zu ſagen, Maſſer Mile!? 1 und hier folgte eine zweite Lache, die ſich wie ein ganzer Chor von Fröhlichen ausnahm. „Das iſt doch ziemlich außergewoͤhnlich, Neb! Ich glaubte, die Sklaven ſehnten ſich alle nach Freiheit, mein Junge.“ „Vielleicht wohl, vielleicht wohl. Was Gutes er thun, Maſſer Mile, wenn Herz nnd Leib wohl zufrieden ſo wie es iſt? Nun ſagen mal, wie lange wohnen hier eine Wallingfordfamilie auf dieſen näm⸗ lichen Fleck?“ Neb pflegte nämlich in der Gehörweite der Hausgötter viel mehr im„Neggeridiome“ zu ſprechen, als er auf der See that. „Wie lang? uUngefähr hundert Jahre, Neb— gerade hundert und ſieben, glaub' ich— ſo wird's genau ſeyn.“ „Und wie lange eine Clawbonnyfamillie zu gleicher Zeit, Maſſer Mile? „Auf Ehre, Neb, Dein Stammbaum iſt etwas konfus und ich kann Deine Frage nicht ebenſo pünktlich beantworten.— Wenigſtens achtzig bis neunzig, ſollt' ich meinen— vielleicht auch hundert. Laß mal ſehen— du nannteſt den alten Pompey Deinen Großvater — nicht wahr, Neb?“ „Gewiß— ſärr gut Großvater, ja, Maſſer Mile. Ole Pump ein wundervoll Schwarz!“ „O, ich ſage ja nichts über ſeine Qualität— ich möchte be⸗ haupten, er war ſo gut wie ein Anderer. Nun ſieh, ich habe ge⸗ hört, des alten Pompeys Großvater ſey aus Guinea eingeführt und von meinem Urgroßvater um's Jahr 1700 gekauft worden.“ „Das gerade ſo gut wie Evangelium! Wer wollen auftreiben Lüge über arme Teubbel von Negger? Nun alſo, Maſſer Mile in all' den 1700 Jahr wann Ihr jemals hören von einem Clawbonny, der ſeyn wollen ein freier Negger? Sagen mir das gleich, un' ich hab' ein Antwort. „Du haſt mich mehr gefragt, Burſche, als ich Dir beantworten kann; denn in das Geheimniß Deiner eigenen Wünſche bin ich nicht eingeweiht und noch viel weniger in das Deiner ſämmtlichen Vorfahren.“ Neb zog ſeine Matroſenkappe ab, kratzte ſeinen Wollenſchädel und ließ ſeine Augen nach mir herrollen, wie wenn er ſich freute, mich tüchtig abgetrumpft zu haben; dann ſchlug er auf offener Straße ein Rad mit Händen und Füßen, grinste mit den Zähnen, die mich wie zwei Reihen Perlen anſchimmerten und beſchloß das Ganze mit dem dritten Schall ſeines Gebrülls, welches nicht anders klang, als ob Hügel und Thäler in der ganzen Fülle ihrer Frucht⸗ barkeit lachten. Dieſe phyſiſche tour de force war eine jener Jongleurgroßthaten, in denen Neb zehn Jahre fruher mein Lehrer geweſen war. „Nehmen an, ich frei, wer dann thun ſolch Sach für Euch, Maſſer Mile?“ ſchrie Neb mit einer Zuverſicht, als ob er einen unwiderleglichen Einwurf vorbrächte.„Nein, nein, Särr— ich gehören Euch, Ihr gehören mir und wir gehören einander.“ Damit war die Sache für jetzt abgemacht und ich ließ ſie be⸗ ruhen. Neb erhielt Befehl, ſich für den folgenden Tag bereit zu halten und zur beſtimmten Stunde traf ich die verſammelte Geſell⸗ ſchaft, um mich von ihr für dieſe meine dritte Abreiſe vom Dache meiner Väter zu verabſchieden. 3. Es war ausgemacht worden, daß der Major und Emilie bis 543 zum Juli auf dem Gute bleiben und ſich dann nach den Quellen aufmachen ſollten, um nach ſo langem Aufenthalte in einem heißen Klima das Waſſer zu gebrauchen. Ich hatte mit meinem Vor⸗ mund eine Stunde allein zugebracht: er hatte mir nichts weiter zu ſagen, als mir alles Gute zu wünſchen und mir ſeinen Segen zu geben. Lucy zu umarmen— nein, ich wagte nicht es zu verſuchen. Es war das erſte Mal, daß wir ohne dieſes Zeichen von Zärtlich⸗ keit ſchieden; allein ich war ſchüchtern und ſie kam mir kalt vor. Sie bot mir aber ihre Hand ſo offen wie immer, und ich drückte ſie mit Wärme, als ich ihr Lebewohl ſagte. Grace weinte in meinen Armen, wie ſie es immer gethan hatte; der Major und Emilie ſchüttelten mir herzlich die Hand und es ward feſtgeſetzt, daß ich ſie bei meiner Rückkehr wieder zu New⸗ York treffen ſollte. Ruprecht begleitete mich zu der Schaluppe hinab. „Wenn Du Gelegenheit finden ſollteſt, Miles, ſo laß uns von Dir hören,“ ſagte mein alter Freund.„Ich bin äußerſt begierig, etwas von den Franzoſen zu erfahren; auch bin ich nicht ganz ohne Hoffnung, dieſes Verlangen bald in eigener Perſon befriedigen zu können.“ „Du!— Wenn Du öüberhaupt die Abſicht haſt, Frankreich zu beſuchen, wo findeſt Du eine beſſere Gelegenheit, als in meiner Kajüte? Sind es Geſchäfte, welche Dich dahin rufen?“ „Gott bewahre— bloßes Vergnügen. Unſere treffliche Muhme iſt der Anſicht, ein Gentleman von gewiſſer Klaſſe müſſe reiſen, und ſie geht, glaub' ich, damit um, mich auf irgend eine Art der dortigen Geſandtſchaft attachiren zu laſſen.“ Das klang für mich ſo ſonderbar! Ruprecht Hardinge, der noch vor Kurzem keinen Groſchen gegen einen andern zu ſetzen hatte, ſprach nun von ſeiner europäiſchen Tour und von Geſandt⸗ ſchaften! Ich hätte mich über ſein gutes Glück freuen ſollen, und that es auch, wie ich mir einbildete. Ich ſagte diesmal nichts davon, daß er einen Theil meiner 544 Einnahme beziehen könne, wobei ich die genügende Entſchuldigung hatte, daß ich ſelbſt keinen Sold erhielt. Ruprecht blieb nicht lange auf der Schaluppe und wir waren bald unterwegs. Ich ſah mich ſcharf nach den hohen Ufern des Creeks um, das mit Büſchen eingefaßt war, in der Hoffnung, wenigſtens Grace zu erblicken. Auch täuſchte ich mich nicht, denn ſie und Lucy hatten den nächſten Weg nach der Landſpitze eingeſchlagen, wo ſich die beiden Gewäſſer vereinigten, und ſtanden eben da, als die Schaluppe vorüber⸗ fuhr. Sie wehten mit ihren Taſchentüchern, um mir dadurch ihre Theilnahme zu beweiſen, und ich erwiederte den Abſchiedsgruß, indem ich ihnen immer wieder aufs Neue eine Kußhand zuwarf. In dieſem Augenblick fuhr ein Segelboot an unſern Bügen vorüber und ich ſah einen Herrn darin ſtehen und eben ſo eifrig mit ſeinem Taſchentuche wedeln, als ich meine Kußhände hinüber⸗ warf. Der erſte Blick ſagte mir, daß es Mr. Andrew Drewett war, der ſein Fahrzeug nach der Landſpitze lenkte und den Mädchen bald perſönlich ſeine Komplimente machte. Sein Boot fuhr das Creek hinauf, ohne Zweifel mit ſeinem Gepäck, und als ich die Gruppe zum letzten Male ſah, hatte ſie eben gemeinſchaftlich den Rückweg nach dem Hauſe eingeſchlagen. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Du fühlſt, ſo wie ſich mehrt des Sturmes Wucht, Die Luſt am Schrecken ſtählen Deine Bruſt, Und wagſt die Küſte zu betreten: Zu ſeh'n die mächt'gen Kriegesſchiffe Im Wogentanze auf der Tiefe Wie Gemſen auf den Felſen, bis ſie lockend riefe Das tiefe Thal mit ſeinen Oeden. Allſton. Roger Talcott war während meiner Abweſenheit nicht müßig geweſen. Clawbonny war mir ſo theuer, daß ich länger geblieben — u——* 8 —— u—,— 54⁴5 war, als ich mir urſprünglich vorgenommen hatte, und ich fand jetzt auf der Dämmerung bereits die Lucken geſchloſſen, eine genü⸗ gende Bemannung eingeſchifft und Alles bereit, um die Anker zu lichten. Ich meine dies wörtlich und nicht als eine jener vielen verdorbenen Phraſen, welche ſich durch die Kramläden in die ame⸗ rikaniſche Sprache eingeſchlichen und ihren Weg ſogar bis in die Preſſe gefunden haben, wie z. B.„Chartakutſchen“,„an einem Boot“, „am Bord einer Chaiſe“ und ähnliche elegante Auswüchſe.„An einem Boot“ macht mich jedesmal——; ſogar noch jetzt in meinen alten Tagen. Noch am nämlichen Tage, da ich die Stadt erreichte, ging die Dämmerung unter Segel. Von den früheren Matroſen der Kriſis hatten ſich wieder einige mit uns eingeſchifft; die armen Burſche waren in dem kurzen Zeitraume eines Monats mit ihrem ganzen Lohn und allem Priſengeld fertig geworden!— Ein neuer Beweis von der gewöhnlichen Gedanken⸗ lofigkeit der Matroſen, der leider nichts weniger als ſelten war. Da das Land, nach Abrechnung einer Zwiſtigkeit mit Tripoli, ſonſt mit aller Welt im Frieden war, ſo brauchte man die Schiffe nicht mehr zu bewaffnen. Die plötzliche Aufregung— veranlaßt durch den Strauß mit den Franzoſen— hatte bereits wieder nach⸗ gelaſſen und die Marine wurde auf wenige Schiffe reducirt, welche eigens zum Kriegsdienſt gebaut waren; die Offtziersliſten waren um zwei Drittel ihrer Namen geſtutzt worden. Wir waren nicht länger ein kriegeriſcher Seemannsſtaat, wohl aber eilten wir mit raſchen Schritten dem andern Ziele— der ausſchließlich handel⸗ treibenden Nation— entgegen. Ich führte auf der Dämmerung einen einzigen Sechspfünder und ein halbes Dutzend Flinten, nebſt einem oder zwei Paar Piſtolen, und gerade ſo viel Munition, um eine Meuterei zu unterdrücken, einige Signalſchüſſe abzufeuern und etliche Enten zu tödten. Am 3. Juli gingen wir unter Segel. Ich habe ſchon anders⸗ Miles Wallingford. 3⁵. 546 wo bemerkt, daß die Manhattaneſen vergleichungsweiſe übertriebene Begriffe von der landſchaftlichen Schönheit ihres Hafens nähren und ſich zuweilen ſogar erkühnen, ihn neben den von Neapel zu ſtellen, mit deſſen Golf er ungefähr eben dieſelbe Aehnlichkeit hat, wie ein holländiſcher Kanal mit einem in der vollen Freiheit und Grazie der Natur durch reiche Wieſen hinfließenden Strome. Nichtsdeſtoweniger gibt es gewiſſe Jahres⸗ und Tageszeiten, wo die Bai von New⸗York ein Gemälde darbietet, das jedes Pinſels würdig wäre. Einer dieſer glücklichen Momente war es nun auch, als die Dämmerung die Werfte verließ, um ihre Reiſe nach Bordeaux an⸗ zutreten. Wir hatten kaum ſo viel Südwind, um unſer Schiff damit zu regieren und benützten die Morgenebbe, um bis zu den Engen mitten unter einer Flotte von etlichen vierzig Segeln hinab⸗ zufahren, welche übrigens größtentheils aus Küſtenſchiffen beſtand. Doch zählten wir immer noch unſerer zwölf größere Fahrzeuge und Briggs, welche faſt nach eben ſo viel verſchiedenen Ländern be⸗ ſtimmt waren. 3 Das ſchwache Lüftchen, welches wehte, ſchien kaum die Waſſer⸗ fläche zu berühren, und der breite Wellenſpiegel der Bai war ſo ruhig, wie ein Landſee an einem Sommermorgen. Ja, ja— es gibt Augenblicke, wo der New⸗Yorker Hafen Anſichten darbietet, wie der Künſtler ſie mit Begierde auffaſſen würde; ſo bald aber die Natur eines ihrer großartigeren Vorbilder auf dieſem Flecke nach⸗ zuahmen trachtet, der ſich nie viel über das Niveau kommerzieller Vorzüge zu erheben ſcheint, ſo wird man finden, daß es ihrer Zubehör an Erhabenheit, ja ſelbſt an Schönheit gebricht. Nie habe ich übrigens unſere heimiſchen Gewäſſer lieblicher geſe⸗ hen, als an dieſem Morgen. Die Bewegungen unſerer Schiffe gaben der Scene gerade ſo viel Leben und Abwechslung, daß eine Einförmig⸗ keit dadurch vermieden wurde, während das Fahrzeug ſchon zu weit vom Lande entfernt war, um einen dieſem Orte eigenthümlichen 547 unerfreulichen Kontraſt mit der landſchaftlichen Scenerie— hervorge⸗ hend aus dem Mißverhältniß der hohen Spieren und dem niedrigen Charakter der anliegenden Ufer— in der Nähe darzubieten. Wie wir den Engen näher kamen, wurde der Wind ſtärker und vierzig Segel, dicht neben einander durch den Einlaß ſteuernd, ſchloſſen das Gemälde und machten eine Wirkung, wie etwa das Finale in einer Ouvertüre. Der glänzende Morgen, die ſtillen Reize der Landſchaft und die glücklichen Umſtände, unter denen ich, wenigſtens vom kaufmänniſchen Geſichtspunkte betrachtet, meine Reiſe antrat, hatten jedes dazu beigetragen, mich meinen geheimen Kummer auf Augenblicke vergeſſen und fröhlich der gegenwärtigen Stunde genießen zu laſſen. Von Paſſagieren mochte ich nichts wiſſen: mir ſchien, als ob ſie mich in der Würde meiner Stellung beeinträchtigten und mich mit einem Gaſtwirth oder Koſtgeber in eine Linie ſtellten. Ich wollte ein Schiff kommandiren, nicht aber Miethsleute einnehmen, welche ich mit allerhand Rückſichten und gewiſſermaßen als meine Oberen zu behandeln verbunden war. Doch hatte es auch wieder zu ſehr den Anſchein von ſauertöpfiſcher Ungefälligkeit und von Mangel an Gaſtfreundſchaft, wenn ich einem achtbaren Manne die Ueberfahrt über den Ocean verweigerte, falls er in dieſem Monat keine andere Gelegenheit finden konnte und wichtiger Gründe halber ſogleich abreiſen mußte. In dieſen beſondern Fall gerieth ich durch die übel angebrachte Freundlichkeit meiner früheren Schiffseigner. Dieſe brachten mir nämlich einen gewiſſen Mr. Brigham— Wallace Mortimer Brigham lautete ſein ganzer Name, wer's genauer wiſſen will; derſelbe wollte mit Frau und Schwägerin nach Frankreich reiſen, um von da nach Italien zu gehen, aus Rückſicht für die Geſundheit der verheira⸗ theten Dame, welche, wie man glaubte, an der Auszehrung litt. Dieſe Leute kamen aus den öſtlichen Provinzen und waren in den alten Fehler der Amerikaner verfallen, nämlich in den, daß 548 ſte ſich im ſüdlichen Frankreich und in Italien Wohnſitze träumten, welche für eine ſolche Krankheit gefünder als ihr eigenes Vaterland ſeyn ſollten. Es war dies eine der damaligen provinziellen Anſichten, wie ſie durch unſere frühere Kolonialabhängigkeit auf uns vererbt worden waren. Das Kolonialleben iſt einem Volke, glaub' ich, ſo nothwen⸗ dig, wie dem Manne die Kindheit und Jugend; allein, wie Lady Mary Wortley Montague zu ihrer Freundin, Lady Rich, ſagte: „Ja, ſehen Sie, liebe Madame, ich gebe zu, es wäre eine hübſche Einrichtung, wenn man immer Fünfzehn bleiben könnte; das wird Jedermann billigen— es iſt ganz natürlich: aber wahrhaftig, ja wirklich, man muß ja nicht fünf Jahre alt ſeyn.“— Ich wurde zur Annahme dieſer Paſſagiere vermocht, und be⸗ kam gleich beim Herunterfahren durch die Bai, mitten unter der lieblichen Scene, auf welche ich oben anſpielte, einen hübſchen Be⸗ griff von ihrem Charakter. Sie waren Klatſchmäuler und zwar von der niedrigſten, nämlich von der perſönlichen Klaſſe. Nichts machte ſie ſo glücklich, als wenn ſie von den Privatangelegenheiten ihrer Nebenmenſchen ſchwatzen konnten, und wie dies bei einer ſolchen Vorliebe immer der Fall ſeyn muß, neun Zehntheile von dem, was ſte ſagten, beruhte auf keinem beſſern Grunde, als auf Vermu⸗ thungen und Folgerungen, welche aus Vorgängen von ſehr zweifel⸗ hafter Genauigkeit gezogen waren, auf Urtheilen, welche ohne die Autorität von Zeugen, ja ſogar ohne den Verſuch, ſolche zu hören, angenommen wurden. Eine weitere Eigenheit, welche ich an Leuten dieſes Schlags oft bemerkt habe, war die, daß ihre Plaudereien meiſt aus dem Wunſche entſprangen, ſich auf ihre Vertrautheit mit den Privatangelegen⸗ heiten hochgeſtellter Perſonen etwas zu gut zu thun— ohne dabei zu bedenken, daß ſie, indem ſie die Verhältniſſe Anderer zum Ge⸗ genſtande ihrer Bemerkungen machen, eben dadurch auch mittelbar das Geſtändniß ihrer eigenen Unterordnung ausſprachen— denn die 549 Menſchen laſſen ſich ſelten dazu herab, ſich mit den Angelegenheiten Anderer zu beſchäftigen, als wenn es Leute ſind, von denen zu reden ſie für eine Art von Auszeichnung halten. Ich fürchte ſehr, nach dem gewöhnlichen Gange der Welt wird eine gute Erziehung mehr zur Unterdrückung dieſes Laſters beitragen, als gute Grundſätze, denn ich habe oft die Bemerkung gemacht, daß Perſonen mit einem hohen Grade von Selbſtachtung und feinen Manieren ganz frei von dieſem Charaktermangel waren, während ich— zu meinem Leidweſen ſey es geſtanden— verſchie⸗ dene ungemein heilige Profeſſoren, ja ſogar einige Pfarrer kenne, welche das wahre beau idéal dieſer Skandalſucht abgeben könnten. Meine Paſſagiere gaben mir, wie geſagt, einen Vorſchmack von dieſer ihrer Eigenſchaft, noch ehe wir uns eine Meile unter Governor's Island befanden. Die Damen hießen Sarah und Jo⸗ hanna; ſie und ihr Begleiter Wallace Mortimer— welch' tiefen Blick in die Privatangelegenheiten verſchiedener Perſonen zu Salem in Maſſachuſetts mit allerlei Nebeneinſichten in die Verhältniſſe von Boſtoner Stadtbewohnern konnte ich durch ſie gewinnen, natürlich nur über Eigenſchaften und Thatſachen, welche ſich eben ſo leicht unter die wirklichen wie unter die vermutheten klaſſifiziren ließen. Noch bis auf den heutigen Tag ſchwebt mir Akt I., Scene 1. von jenem Drama vor Augen, das mit der kurzen Unterbrechung weniger Tage— durch Seekrankheit veranlaßt— während der ganzen Ueberfahrt fortgeſetzt wurde. „Wallace,“ ſprach Sarah,„haſt Du nicht geſtern geſagt, John Viner habe ſich geweigert, ſeinem Tochtermanne zwanzig⸗ tauſend Thaler zu leihen, um ihn aus ſeiner Noth herauszureißen und dieſer habe in Folge deſſen fallirt?“ „Freilich, freilich. So hieß es geſtern allgemein in der Wallſtreet und wurde von Jedermann geglaubt.“— An der gan⸗ zen Geſchichte war eben ſo wenig ein wahres Wort als an den vierzigmal wiederholten Berichten, welche unſern General Jackſon 550 in den letzten zwanzig Jahren ſo oft getödtet haben.—„Ja, ja, Niemand zweifelt daran; aber die Viner's ſind alle ſo! Jedermann in unſerem Welttheile weiß, was man von den Viner's zu halten hat.“ „Ja das will ich glauben,“ meinte Johanna in ihrem ſchlep⸗ pendem Tone.„Ich habe ſagen hoͤren, dieſes John Viner's Vater ſey einmal zu Boſton von den Commons bis zum Fuße der Staats⸗ ſtraße in einem Athem gelaufen, um einem Gläubiger eben dieſes Sohnes zu entgehen.— Letzterer hatte nämlich in ſeiner Jugend ganz eigenes Unglück.“ „Die Geſchichte iſt wenigſtens theilweiſe hoͤchſt wahrſcheinlich richtig,“ verſetzte Wallace;„ganz genau kann ſie aber nicht ſo ſeyn, da der alte Herr blos ein Bein hatte und alſo bei ihm vom Laufen keine Rede war. Es war vermuthlich der alte Tim Vi⸗ ner, der, wie ich ſagen hörte, in ſeiner Jugend wie ein Hirſch ge⸗ rannt ſeyn ſoll.“ „Nun ja, ich vermuthe, er rannte zu Pferd,“ fuhr Johanna in demſelben ruhigen, gedehnten Tone weiter fort.„Eines von Beiden muß gejagt ſeyn— er oder das Pferd— ſonſt wäre man ja nicht hinter die Geſchichte gekommen.“ Es ſollte mich wundern, wenn Miß Johanna Hitcheox ſich je⸗ mals die Muhe genommen hätte, zu erfahren, wer denn eigentlich jenes man war! Ich kannte zufällig beide Viner's und kann ver⸗ ſichern, daß der Bericht mit den zwanzigtauſend Dollars eine reine Lüge war, denn ich hatte den ganzen Bankrott mit allen Einzel⸗ heiten von einem meiner früheren Schiffseigner erfahren, der als beträchtlicher Gläubiger zu den Gantbevollmächtigten gehörte. Un⸗ ter dieſen Umſtänden dachte ich, einen Wink darüber geben zu müſſen. 4 „Sind Sie auch ganz gewiß, Mr. Brigham, daß der von Ihnen erwähnte Umſtand an dem Falliment von Viner u. Comp. Schuld war?“ fragte ich. „Ja, ja, ſo ziemlich. Ich bin mit ihren Angelegenheiten 551 „mäßig bekannt' und glaube, meine Geſchichte mit ziemlicher Sicherheit behaupten zu können.“ Dieſes ‚mäßig bekannt' hieß eigentlich blos: er wohnte zwan⸗ zig bis dreißig Meilen von denen entfernt, welche von den Ver⸗ hältniſſen des fraglichen Hauſes etwas wußten und hatte von dem Geſchwätze einiger getäuſchten Gläubiger nichts als einzelne Bruch⸗ ſtücke aufgeleſen. Und wie ſind dieſe Faͤlle in unſerem guten Vater⸗ lande ſo häufig! Leute, welche einander gerade nahe genug wohnen, um all' den Jammer zu fühlen, welchen Nebenbuhlerei, Neid, per⸗ ſönliche Zänke und perſönliche Bosheiten zu erzeugen vermögen, glaubten aus dieſem Grunde mit denen bekannt zu ſeyn, welche ſie in ihrem Leben noch nie geſprochen haben. Von all' den müßigen Aneldoten, welche das Land auf und ab cirkuliren, fließt wenigſtens die Hälfte aus Quellen, welche um kein Haar beſſer ſind, als die oben genannten. Wie viel vermoͤchten die Menſchen zu lernen, wenn ſie ſich die heilſame Lehre merken wollten, daß von dem Außergewöhnlichen, was als anerkannte Wahrheit über den Cha⸗ rakter Anderer umkäuft,— in allen weſentlichen Theilen gar Nichts und nur Weniges in einigen Glauben verdient. Doch um wieder auf meine Paſſagiere und denjenigen Theil ihrer Unterhaltung zu kommen, der mich am meiſten intereſſirte— ſie fuhren fort, ſich über Perſonen und Familien— und zwar über alle namentlich— auszulaſſen, anſcheinend mehr nur um ſich in die Sache zu mengen, als aus anderen erſichtlichen Gründen, da jedes mit all dem bunten Geklatſche, das zu Markte kam, vollkommen ver⸗ traut ſchien, Endlich erwähnte Sarah zufällig des Namens der Mrs. Bradfort, und es kam jetzt heraus, daß ſie mit einigen ihrer vermeinten Freunde bekannt waren, wie ſolche Beſuche mit einan⸗ der bekannt zu ſeyn pflegen. „Ich höore, Dr. Hoſack iſt der Meinung, ſie könne nicht mehr lange leben,“ bemerkte Johanna mit einer Art wilden Triumphs, daß ſie ein Mitgeſchöpf getödtet hatte, und wenn es auch nur zur 5⁵² weiteren Beſprechung ſeiner Privatangelegenheiten führte.„Schon ſeit länger als einer Woche iſt es entſchieden, daß ſie an einem Krebſe darniederliegt und letzten Dienſtag hat ſie ihr Teſtament gemacht.“ „Erſt letzten Dienſtag!“ rief Sarah überraſcht.„Ich habe gehört— ſie habe ihren letzten Willen ſchon vor einem Jahre auf⸗ geſetzt und dabei ihr ganzes Vermögen dem jungen Ruprecht Har⸗ dinge vermacht, wie einige Perſonen meinen, in der Hoffnung, er werde ſie heirathen.“ „Wie wäre das möglich, mein Schatz?“ fragte der edle Ge⸗ mahl;„was ſollte es ihr denn nützen, wenn ſie ihr eigenes Ver⸗ mögen ihrem Gemahl überließe?“ „CEi das iſt wohl wegen des Geſetzes, glaubſt Du nicht? Ich weiß nicht genau, wie die Sache ausfiele, denn ich verſtehe mich nicht ſonderlich auf derlei Dinge; aber es ſcheint doch natürlich, daß eine Frau dabei proſitirt, wenn ſie den Mann, den ſie hei⸗ rathen will, zu ihrem Erben einſetzt. Sie hätte ja auch ihr Drit⸗ tel an ſeinem Vermögen— oder nicht?“ „Aber, Mr. Brigham,“ fiel ich lächelnd ein,„iſt es denn auch ganz gewiß, daß Mrs. Bradfort ſich überhaupt nur mit Ruprecht Hardinge vermählen will?“ „Ich kenne beide Theile ſo wenig, daß ich allerdings nicht mit Gewißheit über die Sache ſprechen kann, Kapitän Wallingford.“ „Ja, aber Sarah, meine Liebe,“ warf die hartnäckigere Jo⸗ hanna dazwiſchen,„Du machſt Dich ganz unnöͤthigerweiſe zum Nichtwiſſer. Es iſt Dir doch recht gut bekannt, wie wir mit den Greenes auf ſo vertrautem Fuße ſtehen; dieſe ſtehen mit den Win⸗ ter's, den nächſten Thürnachbarn der Mrs. Bradfort, ſehr genau, und ſo kann ich wirklich nicht begreifen, wie Du behaupten kannſt, wir beſäßen nicht genügende Quellen, um uns ‚mäßig gut“ zu un⸗ terrichten.“ Nun wußte ich zufällig von Grace und Lucy, daß eine unan⸗ 553 genehme alte Perſon, Namens Greene, dicht neben Mrs. Bradfort wohnte, welch' Letztere aber nie mit ihr zuſammenkam, und zw ei⸗ tens, daß die beiden Damen zwei ganz geſonderten Geſellſchafts⸗ kreiſen angehörten, was jedenfalls eine genügende Entſchuldigung dafür war, wenn ſie ſich in der Stadt nicht beſuchten, trotzdem daß ſie daſſelbe Haus bewohnten. Allein als Bewohner von Salem konnten die Brigham's nicht begreifen, wie in einer großen Stadt manche Familien eine lange Reihe von Monaten, ja ſogar Jahren dicht neben einander wohnen konnten, ohne ſich wenigſtens dem Namen nach zu kennen, denn wer in einer unſerer Provinzialſtädte erzogen und an den Glauben gewöhnt iſt, er beſitze eine eben ſo genaue Einſicht in die Privatangelegenheiten aller ſeiner Nachbarn, wie ſie dieſen von den ſeinigen zu Gebot ſteht— der wird ſich nicht leicht von dieſer alltäglichen Wahrheit überzeugen laſſen. „Wir ſind ohne Zweifel eben ſo gut wie alle Fremden in New⸗York unterrichtet,“ bemerkte die Frau;„doch muß man frei⸗ lich zugeben, daß wir uns täuſchen koͤnnen. Ich habe mir ſagen laſſen, es ſey da ein alter Mr. Hardinge, ein Geiſtlicher, der für die Dame eine weit paſſendere Parthie abgäbe als ſein Sohn. Doch iſt das Alles jetzt nicht mehr von Bedeutung, denn als unſere Nachbarin, Mrs. John Foote den Dr. Hoſack zu ihrem eigenen Kinde rufen ließ, holte ſie ihn, als die beſte Quelle, über alle Einzelheiten bei Mrs. Bradfort's Falle aus und ich habe es von Mrs. Foote ſelbſt.“ „Ich hätte nie geglaubt, daß ein Arzt von Dr. Hoſack's Charakter und Anſehen ſich ſo offen über die Krankheiten ſeiner Patienten äußern würde,“ bemerkte ich etwas beißend, wie ich fürchte. „O, das that er auch nicht,“ verſetzte Sarah eifrig,„er war ſo liſtig wie ein Fuchs— das mußte Mrs. Foote ſelbſt einge⸗ ſtehen, und wußte ihr ganz fein auszuweichen; aber Mrs. Foote 554 war liſtiger als ein halbes Dutzend Füchſe und brachte Alles aus ihm heraus, gerade durch ſein Läugnen.“ „Sein Laugnen!“ rief ich verwundert, ohne zu wiſſen, was dieſer Ausdruck bedeute, obwohl ich darauf gefaßt war, bei meinen Paſſagieren etwas mehr Philoſophie, Metaphyſik, faſt möcht' ich ſagen Algebra zu finden, als die Weiber in unſerem Theile der Welt in der Regel aufzuweiſen haben. „Allerdings Läugnen,“ gab die Matrone mit einem gefälli⸗ gen Lächeln zur Antwort, wie ſich in der Regel das Bewußtſeyn geiſtiger Ueberlegenheit bei ihr an den Tag legte.„Wer nur ein wenig geübt iſt, kann eine Sache eben ſo gut durch Bejahen als durch Verneinen herausbringen— dazu bedarf es blos der Uebung und Beurtheilungsgabe.“ „So iſt alſo Mrs. Bradfort's Krankheit einzig und allein durch den negativen Prozeß feſtgeſtellt worden?“ „Ich glaube ſo,“ fiel der Gemahl ein;„doch was bedarf es mehr? Daß ſie in letzter Woche ihr Teſtament machte, das weiß ich ganz gewiß, denn es wurde unter unſern Freunden allgemein davon geſprochen.“ Und dieſe Leute, welche ſich als bloße Fremde nicht länger als einen Monat zu New⸗York aufgehalten hatten, um ſich daſelbſt nach einem Schiffe umzuſehen—wußten mehr von einer Familie zu reden, mit der ich in ſo inniger Verbindung ſtand, als die Mit⸗ glieder dieſer Familie ſelbſt. Ich hielt es jetzt nicht mehr für ein Wunder, daß ſolch ein Volk ſich anmaßen ſollte, das Menſchen⸗ geſchlecht über Sachen und Dinge überhaupt aufzuklären. Aber das Spiel war noch nicht zu Ende. „Ich vermuthe, Miß Lucy Hardinge wird durch Mrs. Brad⸗ forts Tod etwas bekommen,“ bemerkte Miß Jane,„und ſie und Mr. Andrew Drewett werden ſich dann heirathen, ſobald der An⸗ ſtand es zuläßt.“ Das war eine Spekulation auf einen Mann in meiner Ge⸗ ——— 8 ☛☚ *8 S3 NK 5⁵⁵ müthsſtimmung! Die Namen waren alle richtig, einige unter den Ne⸗ benſachen ſogar wahrſcheinlich, wenn auch nicht ganz genau berichtet — aber wie konnten ſie dieſen Fremden— denn das waren ſie eigent⸗ lich doch— bekannt ſeyn? Stand die Kunſt der Klatſcherei mit all ihren Niederträchtigkeiten, Lügen, Einfällen, Erfindungen und Grauſamkeiten ſo ſehr im Vortheil gegen den Verkehr ehrbarer, vertrauensvoller Perſonen, daß ſie ihre Jünger befähigte, Thatſachen zu entdecken, welche den Augenzeugen, und zwar Solchen verborgen blieben, welche ſich ſchon von ſelbſt aufs Tiefſte dafür intereſſirten, nicht getäuſcht zu werden? Ich fühlte mich überzeugt, ſobald ich Mrs. Greenes Namen erwähnen hörte, daß meine Paſſagiere nicht zu der guten New⸗Yorker Geſellſchaft gehört hatten und ſchloß mit allem Recht, daß die Hälfte von dem, was ſie ſagten, gegrün⸗ detem Zweifel unterlag— aber doch, wie konnten ſie etwas von Drewetts Neigung für Lucy wiſſen, wenn ihre Nachricht nicht ziemlich genau war? Ich will keineswegs verſuchen, alle die Klatſchereien zu wie⸗ derholen, welche zu Tage kamen, während das Schiff die Bai hinabfuhr— es war jedenfalls vollkommen genug, um mich noch unglücklicher zu machen, als ich um Lucy willen ſchon geweſen war. Ich konnte und mußte dieſe Leute verachten— das war allerdings ſehr leicht: aber Alles, was ſie geſagt und vermuthet hatten, zu vergeſſen, das fiel ſchon ſchwerer. Das eben iſt der Fluch dieſer unbedachten Schwatzhaftigkeit, daß man nie weiß, was man glauben ſoll, was nicht. Trotz meines Widerwillens— trotz des feſten Entſchluſſes, zu dem Handelszweige dieſer Leute meinerſeits auf keine Weiſe bei⸗ zutragen, fand ich es doch ſehr ſchwer, ihren endloſen Fragen auszuweichen. Wie viel ſie mittelſt des Negationsverfahrens her⸗ ausbrachten, weiß ich nicht; durch direktes Bejahen vermochten ſie jedenfalls nur wenig von mir zu erlangen. Einiges freilich konnte ſo unermüdlichen Leuten, denen das Klatſchen als Lebenszweck 556 diente, nicht wohl entgehen, und ſo erfuhren ſie denn, daß Mr. Hardinge mein Vormund war, daß Ruprecht und ich unſere Knaben⸗ jahre zuſammen verlebt hatten, und daß Luey noch am Tage unſerer Abfahrt mein eigenes Haus bewohnte. Dieſes Bischen reizte natürlich ihren Appetit noch mehr, und gegen Ende der Woche mußte ich mich auf eine Weiſe examiniren und auspumpen laſſen, daß ſelbſt die Daumenſchraube nicht hätte wirkſamer ſeyn können. Ich hielt mich aber mit aller Geſchicklichkeit ans Negationsſyſtem und wußte meine Inquiſitoren mehr als ein⸗ mal recht hübſch von mir abzuſchütteln, bis ich zuletzt entdeckte, daß Wallace Mortimer, der ſich nicht länger foppen laſſen wollte, ſich hinter Neb gemacht hatte, um eine klarere Einſicht in meine Privatangelegenheiten zu erhalten! Der Leſer wird vermuthlich nicht eben lüſtern ſeyn, noch mehr von dieſen Leuten zu hören, welche mit meinem Leben blos durch die Beſorgniſſe in Verbindung ſtanden, die— großen Theils— nur ſie über Lucy's Neigungen in meiner Seele wach erhielten. So viel wenigſtens hatten ſie bewirkt: und ich ſah mich genöthigt, mich ihrer Macht zu unterwerfen, wie wir Alle mehr oder weniger von Schuften und Narren misbraucht werden. Dies Alles war übrigens die Frucht eines mehrwöchentlichen Verkehrs, und ich habe den Zeitereigniſſen ein wenig vorgegriffen, um die Dinge im Zuſammenhange vorzutragen. Von der ſchon oben erwähnten Briſe begünſtigt, lief die Dämmerung gegen zwei Uhr über die Sandbank und entfernte ſich in Gemeinſchaft mit der kleinen Flotte von amerikaniſchen Segeln, welche zu gleicher Zeit ausliefen, an leichter Boleine vom Lande. Bei Sonnenuntergang war Naveſink bereits verſchwunden und ich befand mich abermals auf offener See. Wir waren gerade in der Periode, da der Handel Amerika's auf ſeinem Höhepunkte ſtand. Der von der jungen Republik in dem Streite mit den Franzoſen an den Tag gelegte Muth hatte 557 ihr kein geringes Anſehen erworben, obwohl die Tendenzen, welche man bei der neuen Regierung vorausſetzte, in England eine Stim⸗ mung erregten, welche von einem herzlichen Einverſtändniſſe mit unſerem Lande ſehr weit entfernt waren. Die mächtige Nation hatte jedoch im März dieſes Jahres mit Frankreich einen unwirk⸗ ſamen Frieden geſchloſſen, welcher die Heerſtraße der Voͤlker für eine Zeit lang allen Schiffen ohne Unterſchied eröffnete. Dieſer Zuſtand der Dinge dauerte noch ungefähr zehn Monate nach unſerer Abfahrt und ich hatte alſo außer den gewöhnlichen Gefahren der See nichts Weiteres zu fürchten vor mir. Auf erſtere war ich durch die Erfahrung mehrerer Jahre vorbereitet, welche ich ganz zu Schiffe verlebt und während dieſer Zeit den ganzen Erdkreis auf meinen Wanderungen durchſegelt hatte. Unſere Ausfahrt zeigte ſich günſtig, und am ſechsten Tage befanden wir uns bereits in der Länge des untern Endes der großen Bank. Ich war ganz entzückt von meinem Schiffe, das ſich als ein weit beſſerer Segler erwies, als ich zu hoffen gewagt hatte: es hielt ſich trefflich unter allen Umſtänden und war im Segeln ſogar noch beſſer als im Arbeiten. Die erſten zehn Tage unſerer Reiſe liefen hoͤchſt glücklich ab, und wir waren ſchon am zehnten des Monats in der Mitte des Oceanes. Außer den unaufhörlichen Cancans meiner Paſſagiere fand ich Nichts, was mir während dieſer Zeit unangenehm geweſen wäre. Ich hatle nunmehr den Namen jedes bemerkenswerthen Individuums von Salem und zwar mit ſo manchen Stellen aus deren Leben vernommen, daß es mir nächſtens vorkam, als ob ich ein volles Jahr an dem Orte gewohnt hätte. 4 Endlich fing ich an, dem Grunde nachzuſpüren, warum dieſe krankhafte Vorliebe in unſerem Theile der Welt weit ſtärker vor⸗ herrſchen ſollte, als in jedem andern, den ich bis jetzt beſucht hatte. Es war freilich nichts Neues, wenn ſich die Bewohner kleiner Städte zum Klatſchen geneigt zeigten— kam ja der Fall ſogar in groͤßeren —j 558 vor, beſonders in ſolchen, welche nicht den Ton einer Hauptſtadt beſaßen. Lady Mary Wortley Montague und Horace Walpole ſchrieben Klatſchereien, nur waren dieſe mit Witz verſetzt, wie dies an Orten wie Paris und London bei Skandalen in der Regel ge⸗ troffen wird, wogegen die Fraubaſerei, welche ich anzuhören ver⸗ dammt blieb, nichts weiter war, als ein höchſt unpaſſendes, gemeines Einmiſchen in die Privatangelegenheiten aller derer, welche dieſe Schwatzmäuler für wichtig genug zur Beſprechung hielten. Auch zu Clawbonny hatten wir unſere Klatſchereien; ſie waren aber harmlos, nur ſelten mit Entſtellung der Wahrheit verbunden, und achteten gewöhnlich das Recht eines Jeden auf gewiſſe Ge⸗ heimniſſe, welche vor der Welt unverletzlich bleiben ſollten. Meine Paſſagiere aber wußten nichts von ſolchen Regeln: gleich dem Re⸗ dakteur einer gewiſſen Zeitſchrift aus meiner Bekanntſchaft, welcher nicht anders thut, als ob er alle Dinge im Himmel und auf Erden ausdrücklich blos deshalb geſchaffen glaubte, um ihm zu Materialien für ſeine Artikel zu dienen— ſchienen auch ſie der Anſicht zu huldigen, ein Jeder ihrer Bekannten ſey zu keinem andern Zwecke vorhanden, als um ihnen Nahrung für ihre Unterhaltung zu liefern. Ein ſo ganz perſönliches Spioniren mußte aber doch ſeinen beſonderen Grund haben, und ich kam zuletzt hierüber zu folgendem Schluſſe: Ich hatte gehört, daß das Kirchenregiment unter den Puri⸗ tanern zu allen Einzelheiten des Lebens herabſteige, daß ſie es zu einem Theile ihrer religiöſen Pflichten ſtempelten, einander gegenſeitig zu bewachen, das Gedächtnis der Verbrecher aufzurütteln, und Gott dadurch zu dienen, daß ſie das Laſter aller Orten ausſpioniren. Es iſt dies freilich eine furchtbare Verſuchung, ſeinen Geiſt mit den Splittern der Nachbarſchaft anzufüllen, und ein ſo vollgepfropftes Gemüth wird— wie wir Seeleute ſagen— ſeine Ladung ganz gewiß von ſich geben. Dann kommen noch äußere Staatseinrichtungen, wie die nie endenden Wahlen und jene an das Wahlrecht geknüpfte Verpflich⸗ +— dx8 8& 559 tung, ſich nach Jeglichem zu erkundigen— dies Alles zur Vollendung gebracht durch die Journale, welche ſich die Gewalt anmaßen, hinter die Gardinen, ja ſogar bis in das Herz einzudringen und alle Ge⸗ heimniſſe blos zu legen. Wäre es da ein Wunder, wenn wir mit der Zeit eine Nation von Klatſchbaſen würden?— Mit meinen Paſſagieren wenigſtens kam es ſo weit, daß ſogar Neb ſie als ſchädliches Geſchmeiße betrachtete.. Was auch der Grund ſeyn mag— ob vielleicht die Anweſen⸗ heit dieſer loſen Zungen auf meinem Schiff, ich weiß es kaum— ſo viel aber iſt gewiß: ſobald Salem gehörig durchgehechelt war und ein ſchwerer Angriff auf Boſton gemacht wurde, änderte ſich das Wetter. Es begann in einzelnen Stößen bald aus dieſer, bald aus jener Himmelsgegend zu ſtürmen, bis das Schiff ſeine Segel ganz verkürzt hatte, aus Furcht, unvorbereitet erfaßt zu werden. Endlich ſchloßen dieſe Launen des Windes mit einem furchtbaren Orkan, wie ich ihn noch ſelten erlebt hatte und auch ſpäter faſt nie wieder erfahren habe. Es iſt ein ſtarker Irrthum, wenn man glaubt, die ſchwerſten Stürme fielen in die Herbſt⸗, Frühjahrs⸗ und Wintermonate: die heftigſten, die ich jemals durchgemacht, fanden immer in der Mitte der warmen Jahreszeit Statt. Sie iſt die Zeit der Orkane, und außerhalb der Tropen, wie ich glaube, wohl auch die Periode der Stürme. Dieſe wiederholen ſich allerdings nicht jährlich, denn oft dauert es eine lange Reihe von Jahren, bis einer auftritt: iſt dies aber der Fall, dann darf man ihn auf unſeren Meeren auch gewiß im Juli, Auguſt oder September erwarten. Der Wind begann diesmal aus Südweſten; ein paar Stunden lang blies er mit aller Macht und trieb uns mit eilf Knoten Ge⸗ ſchwindigkeit in unſerem Kurſe weiter. Je mehr die See aufwogte und wir unſere Segel kürzten, deſto mehr ließ unſere Geſchwindig⸗ keit nach: gleichwohl müſſen wir in den erſten zehn Stunden mehr als hundert Meilen zurückgelegt haben. Der Tag war hell, wol⸗ 560 kenlos, ſonnig und ſogar mild und die raſche Luftſtrömung, die an uns vorüberwirbelte, ſiel uns durchaus nicht unangenehm. Mit Sonnenuntergang aber wollte mir die Geſtaltung des Horizonts durchaus nicht gefallen: mit den drei Marsſegeln, ein⸗ fach gerefft, mit dem großen Mars⸗ nebſt dem Vormarsſtagſegel ließen wir unſer Schiff ſich durcharbeiten— allerdings ſehr kurze Leinwand für ein Fahrzeug, das den Wind faſt gerade über dem Hackbord hat. Um neun Uhr wurden die zweiten Reefbänder umge⸗ ſchlungen, um zehn Uhr begannen wir das Kreuzmarsſegel zu be⸗ ſchlagen; dann begab ich mich zur Ruhe, da ich das Schiff für wohlgeborgen hielt und hinterließ den Steuermännern den Befehl, die Segel zu vermindern, falls das Schiff zu heftig ſtauchen oder die Spieren in Gefahr gerathen ſollten; überhaupt ſollte man mich wecken, ſobald ſich etwas Bedenkliches ereignete. — Ich wurde erſt bei Tagesanbruch gerufen; Talcott legte mir die Hand auf die Schulter mit den Worten: „Ihr thätet am Beſten, aufzuſtehen, Kapitän Wallingford, wir haben einen„Räuber“s und ich bedarf ein wenig Eures Raths.“ Und in der That, es war ein Räuber, das ſah ich, ſobald ich das Deck erreichte. Das Schiff ſtand unter ſeinem großen Fock⸗ und enggerefften Hauptmarsſegel— eine Stellung, welche man bei unſerem Kurſe lange Zeit beibehalten konnte, die aber, wie ich ſo⸗ gleich bemerkte, im jetzigen Augenblick zu vollſeglig für uns war. Ich gab daher augenblicklich Befehl, das Marsſegel einzunehmen. Trotzdem, daß wir dem Winde jetzt nur noch eine ſtarkvermin⸗ derte Fläche darboten, war doch das Zerren am Segel, ſobald wir deſſen beide Hörner genugſam gelockert hatten, ſo übermenſchlich, daß das Schiff bis auf den Grund erſchüttert wurde. Es war ein Wunder, daß wir unſern Maſt retteten oder die Leinwand über⸗ haupt noch aufzurollen vermochten: einmal glaubte ich ſchon, wir *„Orkan“ in der Seemannsſprache. D. U. & 2 561 würden ſie geradezu von der Raa abſchneiden müſſen. Zum Glück blieb der Sturm ſtetig, das Wetter hell und klar wie am Tage zuvor. Die Leute auf den Marſen machten mehrere Verſuche, auf's Deck herabzurufen; allein der Wind tobte zu gräulich, als daß man ſie horen konnte. Talcott war ſelbſt auf die Raa hinaufgeſtiegen und ich ſchloß aus ſeinen Gebaͤrden, daß vorn etwas ſichtbar ſeyn mußte. Die Wogen gingen ſo hoch, daß man von einem Blick nach dem Horizont nicht viel erwarten konnte; gleichwohl bekam ich, ſo⸗ bald ich die Kreuztackelage erreicht hatte, auf einen Augenblick die Spieren eines Schiffes zu Geſicht, das oſtwärts von uns und ge⸗ rade in unſerem Kurſe ſteuerte. Das Fahrzeug hatte die Maſten ganz entblößt und lief ſo nahe vor uns, als es nur konnte, gierte aber fürchterlich, zuweilen ſee⸗ wärts und Steuerbord, daß man glaubte, es müſſe beidrehen, und dann wieder in entgegengeſetzter Richtung, wobei ich ſeine drei Maſten mit ihren Raaen faſt ganz gegen uns gekehrt ſah. Seinen Rumpf ge⸗ wahrte ich blos einmal, als er zugleich mit der Dämmerung auf einer Woge emporſtieg und es kam mir in der That vor, als ob er nächſtens weggeblaſen würde, obwohl ich den Fremden als ein Schiff erkannte, das unſerem an Groöße nicht nachſtand. Wir kamen ihm offenbar in raſchem Laufe näher, wenn gleich die beiden Fahr⸗ zeuge denſelben Kurs verfolgten. Die Dämmerung ſteuerte vortrefflich und unter Umſtänden, wie die, in welchen wir uns eben befanden, kann dies für eine der größten Tugenden an einem Schiffe gelten. Ein einziger Mann war Alles, was wir am Steuer hatten, und er vermochte dieſes mit Leichtig⸗ keit zu handhaben. Mit dem Schiffe vor uns war dies durchaus nicht der Fall, das ſah ich wohl, und es kam mir ſogar vor, als ob ſte dort am Bord einen Mißgriff begangen hätten, als ſie ſämmt⸗ liche Leinwand einzogen. Talcott war übrigens mit der oberen Back noch nicht vom Miles Wallingford. 36 56² Mars herabgeſtiegen, als auch wir einen Wink erhielten, daß wir die Vorſicht des Unbekannten recht wohl nachahmen dürften. So ſehr nämlich die Dämmerung dem Fremden im Steuern überlegen war, ſo vermag doch kein Schiff der Welt gerade Linie zu halten, während es bei hoher See vor dem Winde herläuft. Die Wellen ſchießen manchmal an dem Schiffe vorüber gleich den Schaum⸗ wolken, die durch die Lüfte jagen und ſcheinen dann wieder ganz ſtille zu ſtehen, als ob ſie ſich von dem Fahrzeuge einholen laſſen wollten. Wird nun ein Schiff mit ſeinem Hintertheil von einer dieſer mächtigen Stürzſeen emporgehoben, ſo verliert das Steuer einen Theil ſeiner Gewalt; der Theil des Rieſengebäudes, der den erſten Anſtoß erhält, ſcheint geneigt, mit den Bügen den Platz zu wechſeln, ſo daß die Schiffe oft manche liebe Minute lang zur nicht geringen Beſorgniß des Seemannes ganz ſeitwärts vor den wilden Wogen hintreiben. Dies begegnet den beſtſteuernden Fahrzeugen und iſt für Schnellſegler bei ſchweren Stürmen faſt immer eine Quelle bedeutender Gefahr. Der Vorzug der Dämmerung beſtand darin, daß ſie ſich raſch wieder unter's Kommando ſtellte und die Einwirkung des Steuers nicht in dem Grade verlor, wie dies bei wildſteuernden Fahrzeugen ſo häufig der Fall iſt. Wie ich höre, ſoll ſich gegenwärtig in der Marine eine Kriegsſchaluppe befinden, welche in einem Sturme nur ſehr ſchwer durch einen engen Pfad zu bringen iſt, eben weil ſie ſich ſo geneigt zeigt, einem muthwilligen Roſſe gleich, das den Zügel gefangen, ihr Gallion bald ſo bald anders zu ſtellen. Der Wink, auf den ich oben anſpielte und der uns in dem Augenblicke zukam, da Talcott den Mars verließ, war gleichfalls einer dieſer Treibſeen zuzuſchreiben. Die Dämmerung führte noch immer ihr Vormarsſtagſegel, ein dreieckiges Stückchen feſter Lein⸗ wand, das vom Ende des Bugſpriets bis zum Eſelshaupte der Vor⸗ marsſtenge reichend, ſich vornehmlich dadurch nützlich macht, daß es das Schiff am Beidrehen hindert, und es ebenſowenig mit den Bügen 74 errurer 563 ſo nahe an den Wind drücken läßt, daß die Gefahr zu beſorgen ſtünde, die Wogen über die Maſſe des Rumpfs hereinbrechen und die Decke überſchwemmen zu ſehen. Der Landbewohner wird begreifen, daß dies unter allen Ge⸗ fahren, welche ein Fahrzeug bei ſtürmiſchem Wetter zur See heim⸗ ſuchen, die ſchwerſte iſt. Wenn das Schiff mit der Breitſeite gegen die See geworfen wird, oder ſo zu ſtehen kommt, daß der Wind in der Richtung des Querbalkens oder vor demſelben darauf trifft, ebenſo beim Beilegen— iſt immer derartige Gefahr zu beſorgen. Eine weitere Fährlichkeit beſteht in dem Schlagen der Stürzſee an das Hinterſchiff und wer die Allgewalt des Oceans in ſeinem Grimme nicht kennt, wird ſich ſchwerlich einen Begriff von der Größe dieſes Nothſtandes bilden können. Er eniſpringt aus dem ungeſtümen Andrange der Wogen, welche weit ſchneller als das Schiff— ſogar wenn es vor dem Sturme hertreibt— vorwärts ſchießen, ſich gegen den Spiegel brechen und ihre Waſſermaſſen übers Deck in gleicher Linie mit dem Kiele hinſchleudern. Ich vermuthe, daß das Dampſſchiff, der„Präſident“ der erſte⸗ ren dieſer beiden Gefahren erlag, wie aus nachfolgender theoretiſcher Abhandlung hervorgehen dürfte. Es iſt kein Zweifel, daß gut gebaute Dampfboote— die Feuersgefahr abgerechnet— weit ſichrere Fahrzeuge ſind, als ge⸗ wöhnliche Segelſchiffe: nur bei ſehr heftigen Stürmen iſt der Fall umgekehrt. Gegen eine gewöhnlichen Bö vermögen ſie kräftig genug anzukämpfen, aber eine unglückliche Folge ihrer Bauart iſt die, daß ſich bei ihnen mit der Zunahme der Gefahr die Kraft des Wider⸗ ſtandes geradezu vermindert. Bei ſtarkem Wogenſtrahle darf man es nicht wagen, eine bedeutende Dampfkraft anzuwenden, da ein Rad faſt ganz außer Waſſer ſeyn kann, während das andere völlig über⸗ fluthet iſt und die Maſchinerie auf dieſe Art in Gefahr geriethe. Die große Länge dieſer Schiffe macht es ſchwierig, ſte im Winde zu halten und gegen⸗ die See zu ſtellen, was für ein Schiff in 564 ſchwerem Wetter unter allen Lagen die ſicherſte iſt, während ſie noch der weiteren Gefahr ausgeſetzt ſind, daß ſie todt vor dem Winde dahinrennen und die Wogen über ihren Kuhl zuſammen⸗ brechen laſſen müßen.— Ich glaube mit einem Wort, daß ein Dampfer bei ſehr heftigem Sturme nur ſchwer von den Wogen⸗ ſchluchten fern zu halten ſein wird und in dieſen kann ein Schiff unter ſolchen Umſtänden unmöglich ſicher ſeyn— eines von großer Länge noch weniger, als ein anderes. Dieſe Wahrheit bezieht ſich übrigens bloß auf ſolche Dampf⸗ boote, welche noch die altmodiſchen Räder führen, denn Errieſon's Schraube und Hunter's unterhalb angebrachte Räder dürften wohl ein ſolches Schiff— meinem beſcheidenen Urtheile nach— zu dem ſicherſten Fahrzeuge der ganzen Welt machen. Die Dämmerung wurde von Zeit zu Zeit von der See über⸗ holt und gierte dann gleich Allem, was vom Waſſer getragen wird, oder vielmehr ihr Spiegel bohrte mit einem Ungeſtüme ſeitwärts, als ob er in der erſten Haſt die Büge überrennen wollte. Das Geräuſch, mit welchem das Vormarsſegel bei ſolchen Veranlaſſun⸗ gen zuſammenſchlug und ſich dann wieder fullte, glich jedesmal dem Knall einer kleinen Kanone. Aehnliche Laute vernahmen wir vom Fockſegel, das, wenn das Schiff in die Schlucht hinabſank, auf Augenblicke völlig in der Laute*s hing und ſich dann mit einem Lärm entfaltete, wie wenn tauſend Teppiche, alle mit Sancho Panſa's gefüllt, im ſelben Momente ausgeſchüttelt würden. Bis jetzt hatten Kardeelen wie Segel dieſes heftige Zerren wunderwürdig ausgehalten; aber eben als Talcott ſeine Mannſchaft herabführte, machte das Schiff eine ſeiner Seitenbewegungen, das Stagſegel füllte ſich mit furchtbarem Getöſe, wurde aus ſeinem Leik herausgeriſſen, als wäre es mit der Scheere abgeſchnitten wor⸗ den, und dann von der wüthenden Windsbraut leewärts geſchleudert. Talcott lächelte, als er dem dahinfliegenden Segel nachſah, ⸗ d. h. wie in einer Windſtille regungslos blieb. D. U. 565 das wirbelnd, gleich dem Habicht, der ſeine Schnur durchbrochen, eine Viertelmeile forttrieb, ehe es ins Waſſer ſiel— dann ſchüt⸗ telte er den Kopf. Auch mir mißſiel das furchtbare Zerren des Fockſegels, wenn es von Zeit zu Zeit zuſammen ſiel, dann wieder auseinander fuhr und jeden Bogen abzureißen, jedes Band, das mit Blak oder Spiere zuſammenhing, zu ſprengen drohte. „Wir müſſen das große Fockſegel einhiſſen, Mr. Talcott,“ bemerkte ich,„ſonſt werden wir etwas verlieren. Das Schiff vor uns iſt, wie ich ſehe, völlig ſegellos und es wäre beſſer, wir befän⸗ den uns ebenſo wohl geborgen. Ich moͤchte einen ſolchen Wind nicht gerne ganz verlieren, ſonſt wäre es geſcheuter, wenn wir bei⸗ drehten. Bemannt ſogleich die Bauchgordingen und die Geitaue der Unterſegel und wartet dann auf einen günſtigen Moment.“ Wir hatten— ein Jugendfehler— unſere Segel zu lange beibehalten: da ich ſie aber jetzt zu kürzen beſchloſſen hatte, ſo machten wir uns mit vollem Ernſte und mit all der Vorſicht daran, welche die Umſtände verlangten. Sämmtliche verfügbare Mann⸗ ſchaft wurde an die Geitaue und Bauchgordingen geſtellt, mit dem ſtrengen Befehle, im rechten Augenblicke alle Kräfte aufzubieten. Der erſte Steuermann beaufſichtigte die Halſe, der zweite die Schoote— ich ſelbſt wollte das Segel einnehmen. Ich wartete, bis es zuſammen ſank und dann, als eben das Schiff zwiſchen zwei Waſſerbergen begraben war und man in keiner Rich⸗ tung auch nur auf hundert Schritte vor ſich ſehen konnte, wäͤhrend das Segel geradezu gegen den Maſt ſchlug— gab ich die übliche Ordre. Alles hielt aus Leibeskräften und wir hatten die Geitaue bereits gelöst, als das Schiff aus der Höhlung in den Sturm hin⸗ austrat, der es mit ſeiner ganzen Wuth erfaßte, das Segel mit einem Rucke wieder aufblähte und Alles mit ſich riß, als wären die Kardeelen bloße Spinnweben geweſen.— Im nächſten Augen⸗ blicke war das Segel in Fetzen. Dieſer Unfall kränkte mich ebenſo ſehr, als er mich beun⸗ 566 ruhigte, denn das Schiff vor uns hatte ohne Zweifel Alles, was vorging, mit angeſehen. Bald wurde mir aber klar, daß mein Berufsſtolz der Sorge um die Sicherheit meines Schiffes weichen müßte. Der Wind war fortwährend mächtiger geworden und hatte nunmehr eine Höhe erreicht, welche es nothig machte, den Dingen feſt ins Auge zu blicken. Die Segelſtreifen, welche mit den Blöcken und Kardeelen, die noch feſthielten, an der Raa herabhingen, ſchlugen mit einer Hef⸗ tigkeit um ſich, welche das Leben aller Naheſtehenden hedrohte. Dies geſchah jedoch blos in den Zwiſchenräumen, wenn ſich das Schiff in die Schluchten hinabſenkte; denn ſo lange es der vollen Wucht des Orkans ausgeſetzt war, hätten Wimpel nicht ſchnur⸗ gerader vom Maſte flattern können, als dieſe ſchweren Trümmer vor der Vorraa hertanzten. Man mußte ſie nothwendig fortſchaffen und Talcott hatte ſich eben erboten, zu dieſem Ende auf die Raa zu ſteigen, als Neb ohne Befehl auf die Tackelage ſprang und bald von der Stimme nicht mehr erreicht werden konnte. Er entging mehreremal nur mit genauer Noth einer tödtlichen Verletzung, beſonders durch die Vorſchootenblöcke; es gelang ihm aber dennoch— dem kühnen Schwarzen— alle Ueberbleibſel abzuſchneiden, ſo daß außer dem Leik des Segelkopfes nichts mehr an der Spiere gelaſſen wurde. Es bedurfte hiezu freilich geringer Mühe, wo das Meſſer gebraucht werden konnte— denn die Fäden der ſtarken Leinwand kamen dem Inſtrumente förmlich entgegen. Sobald das Schiff mit nackten Maſten daſtand— was freilich nur mit Aufopferung zweier Segel erreicht worden war— fand ich eher Muße, mich nach dem andern Fahrzeuge umzuſehen, das über eine halbe Meile vor uns wild umhergierte und mit dem unte⸗ ren Raaarm ſogar den Waſſerſpiegel ſtreifte. Als wir näher kamen, konnte ich mir das Schiff genauer betrach⸗ ten, obwohl es blos auf Augenblicke ſo deutlich ſichtbar ward, daß — 567 man es mit einiger Richtigkeit zu beurtheilen vermochte. Ich hielt es für einen engliſchen Weſtindienfahrer, der mit den Produkten jener Inſeln ſchwer beladen ſeyn mochte. Auf letzteren Umſtand wollte ich daraus ſchließen, daß ſein Rumpf manchmal ganz in die Salzfluth unterzutauchen ſchien und dann wieder ſein Kupfer in der Sonne glitzern ließ, ſo glatt und ſpiegelblank wie ein Gefäß, das von einer ſorgſamen Hausfrau rein gehalten wird. Die Dämmerung flog jetzt nicht mehr, wie früher, da nun alle Leinwand dahin war, zog aber immer noch mit größerer Ge⸗ ſchwindigkeit durch's Waſſer, als das vor uns ſegelnde Schiff. Gleichwohl dauerte es noch eine volle Stunde, bis die Fahrzeuge einander auf Kabellänge nahe kamen, und jetzt konnten wir erſt recht in der Nähe beobachten, wie die Elemente in ihrer grimmigen Laune mit ſolchen Holz⸗ und Eiſenmaſſen als unſere Schiffe ſind— zu ſpielen pflegen. Es gab Augenblicke, wo ich den Kiel des Fremden faſt bis zur Hälfte zu ſehen glaubte, wenn er auf dem Kamm einer Woge heraufſtieg, als ob er aus dem Waſſer emporfliegen wollte; dann ſank er wieder in den blauen Abgrund, und von den Marſen abwärts war nichts mehr von ihm zu gewahren. Wenn beide Schiffe zuſammen verſanken, ſo blieb auch keine Spur von unſerem Nach⸗ bar mehr ſichtbar, ſo nahe er auch ſtehen mochte. Als wir nach einer dieſer Fahrten in die Thalſchluchten des Oceanes wieder in die Höhe heraufkamen, ſahen wir zu unſerem Schrecken das engliſche Schiff— nur noch um fünfzig Faden von uns entfernt— dwarsab von unſerem Kurs gerade auf uns los⸗ gieren. Dies war dieſelbe Entfernung, in der ich an ihm hatte vorüberfahren wollen, ohne im Traume daran zu denken, daß ich den Anderen ſo geradezu in meinem Wege finden wuürde. Der Engländer mußte wohl die Abſicht gehabt haben, uns etwas näher zu kommen, und war dann in jenes verzweifelte Gie⸗ ren gerathen, das ihn ſo oft mit ſich fortriß. Aber da ſtand er 568 nun jedenfalls und eine athemloſe Minute erfolgte, nachdem wir ihn zuerſt erblickt hatten. Zwei Geſpanne, welche von ſcheuen flüchtigen Roſſen auf der Heerſtraße entführt werden, würden kaum halbwegs einen ſo grauenhaften Anblick gewähren können, als er hier vor unſeren Augen da lag. Die Dämmerung plumpte mit einer Wucht vorwärts, welche jeden Gegenſtand, der ihr in den Weg kam, in Splitter zu zertrümmern drohte, und gierte ſelbſt ſo ſtark, daß ein Vorüberfahren gefährlich wurde. Allein der Fremde machte die Sache noch zehnmal ſchlimmer. Als ich ihn zuerſt in dieſer furchtbaren Nähe gewahrte, bot er den Seeen beinahe ſeine volle Breitſeite und flog auf dem Gipfel eines Schaumberges dahin, gerade an unſerem Vorreitknie vor⸗ über. Im nächſten Augenblicke fiel er abermals vor dem Winde ab und ich konnte ſeine Marſen gerade vor mir ſehen. Er hatte bis jetzt immer backbord gegiert und unſere Abſicht war geweſen, auf dieſer Seite an ihm vorüber zu fahren; als ich ihn aber ſo toll darauf losſteuern ſah, hielt ich für beſſer, die andere Richtung einzuſchlagen. Ich befahl deßhalb ſo ſchnell, als Worte es nur ausſprechen konnten, unſer eigenes Steuer backbord zu wenden. Dies geſchah natürlich, und eben als die Dämmerung dem neuen Drucke gehorchte, nahm auch das andere Schiff dieſelbe Gie⸗ rung an und wir Beide wendeten uns nun in einem und demſelben Augenblicke ſteuerbord. Ich befahl mit lautem Ruf, das Steuer „hartſteuerbord aufzurichten“ und hatte wohl daran gethan, denn faſt wären wir in derſelben Minute häuptlings über den Engländer hereingefallen. Selbſt jetzt konnten wir blos ſeinen Rumpf auf Augenblicke erkennen; aber die furchtbare Nähe ſeiner Spieren deutete auf die volle Größe der Gefahr. Zum Glück ſtießen wir in entgegengeſetzter Richtung zuſammen, ſonſt wäre uns Beiden der Untergang gewiß geweſen. Allein bei dieſer wildtobenden See einen Kurs beſtimmen und 3 ihn verfolgen— das waren zwei ganz verſchiedene Dinge. Als 569 wir auf der letzten Woge, die uns allein noch von dem Fremden trennte, hinanſtiegen, ſtand er faſt gerade vor uns; als wir uns aber umſchauten, bemerkte ich, daß wir kaum an ſeinem Backbord⸗ Quartier vorbeikommen dürften. Unſer Steuer ſtand bereits ſteuerbord und ſo war nichts mehr zu machen: ein zweites Backbordgieren von ſeiner Seite— und wir mußten ihn unfehlbar entzweiſtoßen. Er hatte, wie geſagt, ſein Steuer etwas backbord gedreht und neigte ſich nun langſam und gewiſſermaßen mit Widerſtreben ein wenig auf die Seite. Jetzt kamen wir ihm nahe, beide Schiffe rollten ſeewärts, ſonſt wären unſre Raaen in ſeiner Tackelage ſtecken geblieben, und wir fuhren mit unſern Bügen an ſeinem Quartier vorüber; beide Fahr⸗ zeuge gaben im ſelben Moment dem Gieren nach und flogen dahin, die Hintertheile ſich zugekehrt und gewiß keine hundert Ruthen auseinander. Ein Ruf von Talcott zog mich nach dem Hackbord: da ſah ich auf dem des Nachbars einen Mann mit dem Hute zu uns herüber⸗ winken— wen wird wohl der Leſer rathen?— Niemand anders als unſern ehrlichen Moſes Marble mit ſeinem rothen Geſichte. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Beim Appelle der Matroſen Wenn Poſaunendonner ſchallen— Wenn aus Inſeln, Berg' und Thalen, Aus der See die Todten wallen— Süd und Nord zuſammenkommt: Wenn der Sünder wird erbleichen, Der Gerechte ſcheu entweichen, Mög' der Himmel Hülf' dir reichen Armer Tom! . Brainard. Vie Haſt der beiderſeitigen Bemannung, die zwei Schiffe von einander klar zu machen, hatte dieſe in entgegengeſetzter Rich⸗ —— V — 570 tung in die Wellenſchluchten gejagt. Allein in demſelben Augen⸗ blicke ſchien ſowohl mich, wie den andern Kapitän, der gleiche Ge⸗ danke zu beherrſchen, denn ſtatt ſich zu bemühen, noch weiter von einander abzuhalten, ließ der Eine ſein Steuer back⸗, der Andere aber ſteuerbord ſtellen, bis wir beide, wenn auch mit entgegenge⸗ ſetzter Vierung, beim Winde kamen. Der Engländer ſetzte ſein Kreuzſtagſegel ein, was ihm zwar keineswegs ſehr gut bekam, ihm aber offenbar weit weniger Gefahr brachte als das Lenzen. Die Wellen ſchlugen ihm fortwährend über Bord, doch ohne weſentlichen Schaden zu verurſachen. Die Dämmerung dagegen legte gleich einer Ente bei, ohne ein Stückchen Leinwand zu entfalten, bis auf ein übriges Stagſegel, das vom Beſanmars abwärts geſtoppt wurde, was das Schiff nicht nur völlig lenkſam, ſondern auch trocken erhielt. Manchmal freilich prallten ihre Büge mit einem ungewöhnlich ſchweren Burſchen zu⸗ ſammen und dann bekamen wir vorn einige Orhoft Waſſer geſpen⸗ det, das aber ebenſo ſchnell wieder leewärts ablief, als es wind⸗ wärts hereingekommen war. Mit Tagesneige brach ſich der Sturm; das Wetter wurde ge⸗ mäßigter und Wind wie See begannen zu ſinken. Wären wir allein geweſen, ſo hätte ich keinen Augenblick ge⸗ zögert, mein Schiff vor den Wind zu ſtellen, einige Segel aufzu⸗ ziehen und meinen frühern Kurs wieder anzutreten: allein der Wunſch, den Fremden zu ſprechen und mich mit Marble in Ver⸗ bindung zu ſetzen, war ſo ſtark, daß ich mich nicht hiezu entſchließen konnte. Mit mir, Talcott, Neb, dem Kajüten⸗Proviantmeiſter und ſechſen von den Vormarsgaſten zählten wir unſer zehn, denen der Erſteuermann bekannt war, und von allen zehn wurde auch nicht eine Stimme laut, welche ſeine Identität in Zweifel zog. Ich beſchloß deßhalb, bei dem Engländer zu bleiben, um wenigſtens einige Nachricht von meinem alten Freunde einzuziehen. Was mich betrifft, ich liebte Marble, ſo rauh und ſonderbar er Aͤͤ—6 tüchtiger Sturm, den wir da beſtanden.“ 571 auch in manchen Fällen war. Ich verdankte ihm mehr als jedem andern Lebenden— Mr. Hardinge ausgenommen; denn er hatte mich zum Seemanne gemacht und war mir bei meinem Berufe in hundert Fällen nützlich geweſen. Dann hatten wir auch ſo Vieles mit ein⸗ ander erlebt, daß ich ihn als einen Theil meiner Erfahrung be⸗ trachtete und gewiſſermaßen mit meiner eigenen Seemannslaufbahn identificirte. Ich fürchtete einen Augenblick, der Engländer möchte die ganze Nacht in ſeinem jetzigen Zuſtande bleiben wollen; eine Stunde vor Sonnenuntergang ſah ich aber zu meiner Freude, wie er ſein Fock⸗ ſegel einſetzte und abzuhalten anfing. Ich hatte ſchon zwei Stunden früher rund geviert, um mein Gallion in ſein Kielwaſſer zu bringen und folgte ihm, ohne weitere Segel aufzuhiſſen. Als aber der Fremde bald darauf ſein Haupt⸗, und dann ſein Vormarsſegel, beide eingerefft, einſetzte, durften auch wir ſeinem Beiſpiele folgen, um gleichen Schritt mit ihm zu halten. Dies thaten wir denn auch die ganze Nacht; am Morgen hatten beide Schiffe alle ihre Segel entfaltet, die See ging nicht mehr ſo gar hoch und eine mäßige Nordbriſe begünſtigte unſere Fahrt; das engliſche Schiff ſtand ungefähr eine Meile lee⸗ und etwas vor⸗ wärts vor uns. Unter ſolchen Umſtänden war es ein Leichtes, ganz aufzuſchließen und die Dämmerung legte deßhalb, eben als ſich die Mannſchaft beider Fahrzeuge zum Frühſtück niederſetzen wollte, neben dem Lee⸗ quartier des Fremden an. „Was für ein Schiff iſt das?“ rief ich in der üblichen Weiſe. „Der Dundee; Robert Ferguſon, Schiffsherr— was für ein Schiff ſeid ihr?“ „Die Dämmerung; Miles Wallingford.— Wo ſeid ihr her?“ „Von Rio Janeiro, gehen nach London.— Wo kommt ihr her?“ „Von New⸗York, nach Bordeaux beſtimmt. Das war ein „Ja wahrhaftig; ich habe ſchon lange keinen ähnlichen mehr erlebt. Ihr habt ein hübſches Seeboot, ihr!“ „Es hat ſich im letzten Sturme trefflich gehalten und ich habe alle Urſache mit ihm zufrieden zu ſeyn.— Sagt mir doch, habt ihr nicht einen Amerikaner, Namens Marble, an Bord? Wir glaubten geſtern Abend an eurem Hackbord das Geſicht eines alten Schiffskameraden wahrzunehmen und ſind euch bis jetzt gefolgt, um uns nach ihm zu erkundigen.“ „Ja, ja,“ rief der Schiffsherr, ein Schotte, und winkte mit der Hand;„der Burſche wird euch gleich beſuchen. Er iſt unten, um ſeine Bagage mit ſich zu ſtauen und wird euch, glaub ich, dankbar ſeyn, wenn ihr ihn mit nach Hauſe nehmt.“ Bei dieſen Worten erſchien Marble auf dem Verdeck und winkte uns mit dem Hut zum Zeichen des Erkennens. Dies war genug; da wir einander verſtanden, ſo nahmen beide Schiffe gehörigen Seeraum und drehten bei; wir ließen unſer Boot ins Waſſer und Talcot verfügte ſich nach den Dundee, um unſern alten Schiffsgenoſſen abzuholen. Dort wurden Zeitungen und Neuig⸗ keiten ausgetauſcht und zwanzig Minuten ſpäter hatte ich wieder die ausnehmende Freude, meinem Marble abermals die Hand zu ſchütteln. Mein alter Freund war zu ſehr ergriffen, um ſo bald ſprechen zu können. Er ſchüttelte Jedem die Hand und ſchien ebenſo erſtaunt als erfreut, ſo viele Bekannte beiſammen zu finden; aber es dauerte mehrere Minuten, bis er eine Sylbe laut werden ließ. Ich hatte ſeine Kiſte in meine Kajüte ſchaffen laſſen und nahm meinen Sitz neben ihm auf den Hühnerkörben, um ſeine Geſchichte anzuhören, ſobald er geneigt wäre, ſie preis zu geben. Aber es war nicht ſo leicht, der Gehörweite meiner Paſſagiere zu entkommen. Während des Sturms blieben ihre Zungen gefeſſelt und ich bekam ein Bischen Ruhe vor ihnen; kaum aber hatten Wind und See zu toben nachgelaſſen, als ſie auf dem alten Flecke — 3 573 forlfuhren und wieder in der begonnenen Weiſe über Boſton herfielen. Nun war Marble auf ſo ungewöhnliche Weiſe an Bord gelangt und es war offenbar, daß eine geheime Geſchichte enthüllt werden ſollte: kein Wunder, wenn alle Drei mit einer Hartnäckigkeit auf der Fallreepstreppe Poſto faßten, daß ihnen von dem weſentlichen Inhalte unſeres Geſprächs unmöglich etwas entgehen konnte. Auf dem Deck ſelbſt eine andere Stellung einzunehmen— das erkannte ich als nutzlos, denn ſte wären uns jedenfalls gefolgt, und Leute ihrer Klaſſe ſcheuen ſich niemals— ſo lange ſie ſich damit ent⸗ ſchuldigen können, einen Theil von einem Geheimniſſe gehört zu haben— den Reſt, der etwa ihren Ohren entgangen iſt, aus freien Stücken dazu zu erfinden. Ich bat deßhalb Marble und Talcott mir zu folgen und führte ſie unverzüglich in den großen Mars hinauf. Sie willfahrten mir ſogleich, der Unterſteuermann erhielt die Wache und wir drei ſaßen bald, die Beine über die Marsbänder hinabhängend, nicht minder behaglich da, als etwa ein paar Kaffee⸗ ſchweſtern, wenn ſie eben erſt die letzte Taſſe aufgeſchlürft, das Feuer geſchürt und die Köpfe zuſammengeſteckt haben, um einen friſchen Sack voll Neuigkeiten los zu laſſen. Gott ſey Dank! weder Sarah noch Johanna hatte uns folgen können! „Hol ſie der Teufel,“ begann ich etwas ärgerlich, denn wahr⸗ lich, meine Paſſagiere hätten auch einen weit gewiſſenhafteren Menſchen als mich zum Fluchen gebracht;„jetzt haben wir die ganze Länge der Haupttackelage zwiſchen uns, und auf den Mars werden ffee ſich an dieſem ſchönen Morgen wohl nicht heraufwagen, um unſer Geſpräch zu behorchen. Selbſt Wallace Mortimer wüßte wohl ſchwerlich, wie er es anzufangen hätte— meint Ihr nicht, Talcott?“ „Und wenn auch,“ bemerkte Talcott lachend,„dann ziehen wir uns auf die Kreuzhölzer zurück und von dort auf die Bramraa.“ Marble ſah uns forſchend an, ſchien uns aber im Augenblicke zu begreifen. „Aha, ich verſtehe,“ fiel er kopfnickend ein,„drei Perſonen mit ſechs Paar Ohren— iſt's nicht ſo, Miles?“ „Aufs Haar hin, ia; nur habt Ihr ihnen nur zur Hälfte Ge⸗ rechtigkeit widerfahren laſſen, denn eigentlich hättet Ihr dieſem Inventar noch vierzig Zungen beifügen ſollen.“ „Oho, das iſt ein hübſcher Vorrath. Wer ſo wohl verſehen iſt, ſey es nun Mann oder Frau, der ſollte auch tüchtigen Ballaſt führen. Jedenfalls ſind ſie jetzt, wie Ihr ſagt, außer Anrufweite und müſſen Alles, was ſie wiederholen, errathen, wenn dies überhaupt ein Wiederholen genannt werden kann.“ 1 „Ihr duͤrftet es ungefähr mit demſelben Rechte ſo nennen, wie ſie ſelbſt neun Zehntel von dem, was ſie ſagen, aus Anderer Munde haben wollen,“ bemerkte Talcott.„Die Leute können doch unmöglich ſo viel von fremden Angelegenheiten reden, ohne die meiſten Gedanken aus ihren eigenen Luckenpipen auszukramen.“ „Nun, mögen ſie— nach Bordeaux gehen,“ warf ich, ein, „weil ſie einmal dahin wollen.— Da ſind wir nun, liebſter Marble, höchſt neugierig Alles zu erfahren, was Euch begegnet iſt. Ihr beſitzt zuverläßige Freunde an Talcott und mir, denn jeder von uns Beiden würde Euch mit Freuden Lager und Poſten abtreten.“ „Dank euch, ihr meine theuren Jungen; dank euch aus vollem Herzen,“ verſetzte der ehrliche Burſche, ſeine naſſen Augen mit dem Rücken der Hand abtrocknend.„Ich glaube wirklich, ihr Herzens⸗ jungen, ihr thätet's, ja wahrlich, ich glaube, ihr thätet's, einer oder Beide. Ich bin froh, Miles, daß Ihr auf dieſen hölliſchen Mars heraufſtieget, denn ich möchte nicht, daß dieſe wahrhaften, Landharpyen einen Mann von meinem Lebensalter ſähen, einen Mann, der Alles in Allem gerechnet, ſeine vierzig Jahre auf der See fährt— wie er jetzt faſt ebenſo volle Waſſerblaſen, als ein rechter Wallfiſch, aufzuweiſen hat. Nun aber zu meinem Logbuch; denn ich vermuthe, ihr werdet darauf beſtehen, ihr Jungen, daſſelbe mit mir durchzuleſen?“ 8 . . 4 M. — ⏑—— 14 575 „Allerdings; wir werden ſtreng darauf ſehen, daß Ihr kein Blatt übergehet. Ihr müßt alſo ſo pünktlich dabei verfahren, wie wenn Ihr's wegen eines Aſſekuranzfalles nachſchlüget.“ „Ha,'s ſind manchmal recht verteufelte Burſche, dieſe Unter⸗ ſchreiber und man muß oft recht aufpaſſen, wenn man ſeine Ge⸗ bühren von ihnen herauskriegen will— d. h. einige von ihnen; andere dagegen ſind Ehrenmänner bis zu den Schuhſchnallen hinab, und ſehen nicht ſobald einen armen ſchiffbrüchigen Teufel, als ſie auch ſogleich ihre Schubfächer öffnen und ehe er noch den Mund aufthut, ſein Guthaben zu berechnen anfangen.“ „Ja, ja; aber Eure eigenen Abenteuer, alter Freund; ihr vergeßt, daß wir faſt ſterben vor Neugierde.“ „Aha— Eure Neugier iſt ein unruhiger Miethsmann und wird niemals ruhig werden, ſo lange man ihn unter den Lucken zu halten verſucht— beſonders weibliche Neugierde. Nun gut, ich muß ſie eben befriedigen und ſo will ich alſo nicht länger damit zögern, obwohl dies gerade ſo viel heißt, als meine eigene Thor⸗ heit und Hartnäckigkeit herzuzählen. Ich rechne darauf, ihr Jungen, daß ihr mich am Tage Eurer Abfahrt vom Eilande vermißtel?“ 80 freilich; wir vermutheten, Euer Verſuch ſey Euch ent⸗ leidet, noch ehe Ihr ihn anfinget,“ verſetzte ich;„ſo ſtachen wir in See, noch ehe wir recht bei Befinnung waren.“ „Ihr hattet nicht ſo Unrecht alſo zu denken, ſeid aber doch nicht in der rechten Giſſung geweſen. Nein— die Sache ging colgendermaßen zu. Nachdem Ihr mich verlaſſen hattet, begann lich über meine Lage zu verallgemeinern und ſage zu mir ſelbſt: „Moſes Marblec, ſag ich, ‚die Burſchen werden ſich nie dazu ver⸗ ſtehen, von dannen zu ſegeln und Dich ganz allein wie einen höl⸗ liſchen Einſiedler auf dieſem Eilande zurück zu laſſen, ſag' ich. „Willſt Du feſt bleiben“, ſag' ich, ‚„und es mit dem Einſtedlerleben verſuchen“, ſag' ich, ‚oder den Robinſon Cruſoe ſpielene, ſag' ich, zſo mußt Du Dich aus dem Weg machen, wenn die Kriſis unter Segel geht⸗— ei, ihr Jungen, was iſt denn aus dem alten Schiffe geworden? Ich habe ja noch kein Wort davon gehört!“ „Sie lud eben für London, als wir abſegelten, ihre Eigen⸗ thümer hatten im Sinne, ſie abermals dieſelbe Reiſe machen zu laſſen.“ „Und ſie wollten ſie Euch um Eurer Jugend willen nicht anver⸗ trauen, Miles, trotz Allem, was Ihr für ſie gethan habt?“ „Im Gegentheil; ſte drangen in mich, das Kommando zu be⸗ halten; ich zog es aber vor, mein eigenes Schiff zu beſitzen. Die Dämmerung iſt mein Eigenthum, Maſter Moſes!“ 1. „Gott ſey Dank! dann iſt doch ein ehrlicher Burſche unter den Schiffbeſitzern. Und wie hat ſie ſich gehalten? Hattet Ihr nicht mit den Piraten zu ſchaffen?“ Ich ſah wohl ein, wie nutzlos es war, ſeine eigene Geſchichte von ihm hören zu wollen, ehe ich einen Bericht über die Kriſis und ihre Thaten abgeſtattet hätte; ich entwarf alſo Marble'n eine Schilderung unſerer Reiſe von dem Augenblicke der Abfahrt bis zu unſerer Ankunft in New⸗York. „Und jener Hanswurſt von einem Schooner, welchen uns der Franzmann in ſeiner Barmherzigkeit überließ?“* „Die Pretty Poll! Sie gelangte wohlbehalten nach Haus, wurde verkauft und iſt jetzt im weſtindiſchen Handel beſchäftigt. Es befindet ſich noch eine hübſche Summe von etlichen vierzehnhundert Dollars in den Händen der Schiffseigner, welche Euch an Gah und Priſengeldern zu gute kömmt.“ ESs liegt nicht in unſerer Natur, ungehalten zu ſeyn über den Beſitz von Geld. Ich ſah es Marble'n an den Augen an, daß dieſe für einen Mann ſeines Gleichen ſo ungewöhnlich große Summe ihn, als ein neues Band, noch mehr an die Welt feſſelte und daß er ſich in ihrem Beſitze ein weit glücklicherer Mann dünkte. Er blickte mir eine volle Minute ernſthaft ins Geſicht und bemerkte dann, ohne Zweifel mit aufrichtigem Bedauern: 1 —,— 4 —-— ᷣ& E 577 „Miles, wenn ich jetzt eine Mutter am Leben hätte— mit dieſem Geld könnte ich ihr ein behagliches Alter ſchaffen! Es ſcheint, wer keine Mutter beſitzt, der hat Geld, und wer kein Geld hat, der beſitzt eine Mutter.“ Ich wartete eine Weile, bis Marble ſeine Selbſtbeherrſchung wieder gewonnen hatte und drang dann in ihn, in ſeiner Geſchichte fortzufahren. „Ich habe Euch ſchon erzählt, wie ich uͤber meine Lage ver⸗ allgemeinerte, ſobald ich mich in meiner Hütte allein fand,“ begann der Exſteuermann auf's Neue.„Ich kam zu dem Schluſſe, wenn ich bis zum nächſten Tage bliebe, würdet ihr mich mit Gewalt ent⸗ führen, und ſo beſtieg ich das Langboot, ſteuerte es wohlweislich ferne vom Schiffe aus der Lagune, kam durch das Riff und hielt mich bis zu Tagesanbruch fortwährend windwärts. Die Inſel war mir jetzt ſchon ganz aus dem Geſicht, nur die Oberſegel des Schiffs konnte ich noch bemerken, ſobald ihr euch damit auf den Weg machtet. Ich behielt die Oberbramſegel im Auge, bis ich die Inſel wieder gewahrte und als ihr meinen Blicken entſchwandet, lief ich ein und nahm meine Reiche in Beſitz, ohne daß mir Jemand meinen Willen angefochten oder meinen Einfall mir auszureden verſucht hätte.“ „Ich bin froh, daß ich Euch jenen Gedanken ſelbſt als einen Einfall bezeichnen höre, denn Vernunft war in der That keine daran.— Ihr wurdet Euren Irrthum wohl bald gewahr, mein alter Tiſchgenoſſe, und finget dann an, der Heimath zu gedenken?“ „Ich wurde bald gewahr, Miles, daß, wenn ich auch weder Vater noch Mutter, weder Bruder noch Schweſter beſaß, mir doch noch immer Vaterland und Freunde übrig blieben. Jenes Marmorſtück, auf welchem ich im Hofe des Steinhauers gefunden wurde, ſchien mir nun eben ſo theuer, als dem Koͤnigsſohn ſeine goldene Wiege ſeyn kann; ich dachte an Euch und alle die Anderen— ja ich ſehnte mich nach euch, wie ſich nur eine jammernde Mutter nach ihren Kindern ſehnt.“ Miles Wallingford. 37 1. 4 578 „Armer Junge, Ihr waret freilich einſam genug; fandet Ihr keine Beluſtigung an Euren Schweinen und Hühnern?“ „Ein paar Tage lang beſchäftigten ſie mich ausſchließlich. Gegen Ende der Woche entdeckte ich aber, daß Schweine und Hühner. nicht zur Geſellſchaft für den Menſchen geſchaffen ſind. Ich hatte mir eingebildet, wie jeder Andere, der ſein Glück gemacht und ſich zurückgezogen hat— den Reſt meiner Tage im Schooße meiner Fa⸗ milie verleben zu können; allein ich fand, daß mein Haushalt für ein ſolches Leben zu klein war. Mein Hauptirrthum beſtand darin, daß ich wähnte, die Familie Marble könne ſich in ihrem eigenen Kreiſe glücklich fühlen.“ 3 Der Aermſte äußerte dies voll Bitterkeit, war aber dabei ſo drollig, daß Talcott und ich unwillkührlich lachen mußten, ſo ſehr uns ſeine Rede auch leid that. „Ich verfiel aber nunmehr in einen neuen Irrthum, und ich will ihn lieber gleich geſtehen, ihr Jungen,“ fuhr Marble fort. „Ich ſetzte mir in den Kopf, ich wuͤrde jetzt auf meiner Inſel ganz allein ſeyn, fand aber zu meinem eigenen Schaden, daß der Teufel auch ſeinen Antheil haben wollte. Ich will Euch ſagen, wie dies zuging, Miles. Ein Mann muß entweder vor⸗ oder rückwärts ſchauen— ſich zu begnügen mit dem gegenwärtigen Ankergrunde iſt unmöglich. Nun ſeht, das war mein Unglück: denn vor mir hatte ich nichts in Ausſicht und hinter mir— welchen Troſt konnte es mir gewähren, vergangene Sünden zu überhalen?“. „Ich denke, ich kann Eure Noͤthen begreifen, armer Freund; wie finget Ihr's aber an, ihrer endlich los zu werden?“ „Ich verließ das Eiland. Ihr hattet des Franzmanns Lang⸗ boot in einen trefflichen Zuſtand geſetzt und ich fand weiter nichts— zu thun, als die Tonne mit friſchem Waſſer zu füllen, ein Schwein zu ſchlachten und einzuſalzen, eine Portion Zwieback an Bord zu nehmen und abzuſegeln. Was die Lebensmittel betrifft, ſo war daran, wie Ihr wißt, auf der Inſel kein Mangel und meine Wahl 579 hatte ich bald getroffen. Ich bin überzeugt, im Kielraume des Wracks und auf der Küſte des Eilands befinden ſich noch in dieſem Augenblick wenigſtens zwanzig Orhoft unbeſchädigten Zuckers— ich fütterte mein Geflügel damit, ſo lange ich dort war.“ „Und ſo habt Ihr alſo Marbleland den Schweinen und Hühnern überlaſſen?“ „Allerdings, Miles; und ich hoffe, die armen Geſchöpfe ſollen keine ſchlimme Zeit gehabt haben. Ich übergab ihnen meinen Ver⸗ zicht— wie's die Advokaten nennen— und ſegelte auf den Tag hin zwei Monate nach der Abfahrt der Kriſts von dannen.“ „Ich ſollte meinen, alter Schiffskamerad, Eure Reiſe werde ebenſo verzweifelt und einſam wie Euer Inſelleben ausgefallen ſeyn.“ „Ich bin erſtaunt, Euch alſo reden zu hören. Ich fühle mich niemals einſam auf der See; man hat ja ſo viel mit ſeinem Fahr⸗ zeug zu ſchaffen und kann immer dem Tage des Einlaufens ent⸗ gegenſehen. Aber jenes Verallgemeinern Tag und Nacht, ohne einen Hafen vor ſich und mit ſo wenig Troſt in einem Rückblick— köͤnnte einen Mann ſehr bald für Bedlam reif machen. Ich bin gerade noch luvwärts um's Kap Wahnſinn herumgekommen, das kann ich Euch wohl ſagen, ihr Jungen, und das noch dazu in weißem Waſſer! Was Euren Einwurf betrifft, meine Reiſe werde verzweifelt ge⸗ weſen ſeyn, ſo möchte ich wohl wiſſen, was ſie für mich hätte dazu machen können!“ „Ihr wart ja wenigſtens zwölf bis fünfzehnhundert Meilen von jeder Inſel entfernt, wo Ihr auf einige Sicherheit hättet rechnen können, und das iſt doch eine Entfernung, die man nicht gerne mutterſeelenallein auf hoher See zurücklegt.“ „Pah! nichts als Einbildung! Ihr ſetzt Euch ſonderbare Dinge in den Kopf, Miles, ſeitdem Ihr Schiffsherr und Eigenthümer ge⸗ worden ſeyd. Was will eine Fahrt von tauſend oder fünfzehn⸗ hundert Meilen bedeuten, wenn man ein feſtes Boot unter ſich und Waſſer und Lebensmittel in Fülle hat? Es war die leichteſte Sache 580 von der Welt, und wäre das blutige Kap Horn nicht geweſen— ich wäre gerades Wegs auf den Coenties Slip“ zugefahren, ſoweit nämlich die Richtung des Landes dies erlaubt hätte. So aber wandte ich mich luvwärts, denn ich wußte, leewärts durfte ich den Wilden nicht trauen. Ihr ſeht, es war ſo kinderleicht wie jedes andere Tagewerk. Ich hielt das Schiff den ganzen Tag und einen großen Theil der Nacht— ſo lang ich nicht ſchlief— fortwährend im gleichen Wind; dann ſuchte ich es mit gerefftem Hauptſegel bei⸗ zudrehen und ſchlief ſo geſund wie ein Lord. Ich zaͤhlte von der Zeit an, da ich abermals von dem Riffe auslief, nicht einen einzigen unbehaglichen Augenblick und die glücklichſte Stunde meines Lebens war die, als ich die Baumwipfel des Eilandes untertauchen ſah.“ „Wie lange wart Ihr denn auf dieſe Art unterwegs und welches Land habt Ihr zuerſt erreicht?“ „Sieben Wochen; ich traf übrigens auf ein halbes Dutzend In⸗ ſeln, welche gerade ſo ausſehen, wie das Eiland, das ich verlaſſen hatte. Ja, bildet Ihr Euch etwa ein, ich habe mich von einem der jammervollen Dinger abermals ans Land verlocken laſſen? Gott bewahre! ich gab dem alten Boote einen Klaps, verſprach ihm, ſo lange bei ihm auszuhalten, als es bei mir aushalten würde, und hielt ihm auch Wort. Auf einem oder zwei von den Eilanden ent⸗ deckte ich überdies Wilde und wich ihnen gerne aus, denn ich hatte keine Luſt mich von ihnen ſkalpiren zu laſſen.“ „Und wo war endlich Euer erſter Landfall?“ „Nirgends, ſoweit Ihr nemlich das Langboot damit meint. Ich ſtieß nämlich auf ein von Manilla kommendes Schiff, das nach Valpa⸗ raiſo beſtimmt war und begab mich an Bord; ich bekam aber meinen Tauſch bald genug zu bereuen, als ich ausfindig gemacht hatte, was dieſe Menſchen für ein Leben führten. Der Kapitän nahm mich übrigens auf und ich leiſtete ihm für die Fahrt bis in den Hafen * Dies iſt der Name einer Bucht zwiſchen den New⸗Yorker Werften. D. u — u S—— 581 meine Schiffsdienſte. Da ich kein Fahrzeug zur baldigen Abfahrt bereit fand, ſo vereinigte ich mich mit einem Eingeborenen, der die Anden überſchreiten und nach dieſer Seite, nämlich nach der Oſtküſte wandern wollte.— Erinnert Ihr Euch noch jener ſchnee⸗ bedeckten Bergungeheuer, Miles, welche wir längs der ganzen Weſt⸗ küſte von Südamerika ein Bischen landeinwärts neben uns ſahen? Ihr müßt Euch, denk ich, der Burſche noch wohl entſinnen.“ „Ei freilich, ſie liegen einem viel zu deutlich, viel zu auffal⸗ lend vor Augen, als daß man ſie, einmal geſehen, je wieder ver⸗ geſſen könnte.“ „Nun gut, das ſind die Anden; und rauhe Kunden ſind ſie, das laßt euch nur ſagen, ihr Jungen. Ihr wißt, ein Seemann findet wenig Vergnügen daran, auch auf dem ebenſten Stück Erde, auf den ſchönſten Heerſtraßen hinzuwandern, wegen des hölliſchen Auf und Ab, das Einem da vorkommt; Ihr könnt euch alſo einen ungefähren Begriff davon machen, was wir für eine Zeit verleb⸗ ten, wenn ich euch ſage, daß all' die aufgethürmten Seen, die wir beim letzten Sturme geſehen, über einander geſtülpt— mit dieſen hölliſchen Anden verglichen, ſich doch nur wie ein großer Pfann⸗ kuchen ausgenommen hätten. Die Natur muß ſich bei ihrer Er⸗ ſchaffung ſelbſt überboten haben und da ſie nun einmal zuſammen⸗ geworfen waren, was iſt der ganze Vortheil davon? Solche Ge⸗ birge moͤchten wohl von Nutzen ſeyn, um Franzoſen und Eng⸗ länder auseinander zu halten; ſo aber läßt man auf der einen Seite der Anden nichts als teufliſche Spanier hinter ſich, um auf der andern eben ſo hölliſche Spanier und Portugieſen wieder zu treffen. Es gelang uns übrigens, unſern Weg darüber zu finden und wir gingen an einem Orte Namens Buenos Ayres vor Anker, von wo ich mich auf einem Küſtenfahrer nach Rio durcharbeitete. Dort hatte ich, wie Ihr wißt, auf Hin⸗ und Rückfahrten ſchon häufig angelegt, ſo daß ich mich ganz zu Hauſe fühlte.“ „Und von da nahmt Ihr auf dem Dundee Eure Ueberfahrt nach London, um mit der erſten Gelegenheit in die Heimath zu ſegeln?“ „Es bedarf keines Hexenmeiſters, um das anzuſagen. Ich mußte mich mehrere Monate lang zu Rio behelfen— als Tackel⸗ 4 meiſter und dergleichen die ſonderbarſten Dienſte verrichten, bis ich mich endlich in Ermanglung eines Yankee auf einem Schottländer einſchiffte. Ich will mich nicht über Sawney beklagen, denn für 1 einen ſchiffbrüchigen Matroſen zeigte er ſich recht freundlich gegen mich; das war nämlich der Charakter, unter dem ich ſegelte, da Einſiedler unter uns Proteſtanten einmal nicht Mode ſind. Bei den Katholiken freilich i*ſt's damit ganz anders, das kann ich euch ſagen, 3 denn ich hatte einmal auf meiner Landreiſe gegen eine Wirthin ge⸗ äußert, ich ſey ſo'was wie ein wandernder Einſiedler und ich glaube wahrhaftig, die arme Frau waͤre beinahe niedergekniet und hätte mich angebetet.“ So lautete Moſes Marble's Geſchichte und, Schweine und. Hühner ausgenommen, hatte die Kolonie auf Marbleland ihr Ende ſolchergeſtalt erreicht. 3 Jetzt kam die Reihe, mich abhoͤren zu laſſen, an mich; ich hatte auf hundert neugierige Fragen zu antworten, welche mich zum Theil in nicht geringe Verlegenheit ſetzten. Als Marble im Verlauf ſeines Examens erfuhr, daß ich Major Merton und ſeine Tochter in Clawbonny ſelbſt zurückgelaſſen hatte, bemerkte ich, wie. der Exmate gegen Talcott hinüberwinkte und dieſer ihm mit einem Lächeln antwortete. Dann— wo war Ruprecht und wie ſtand es mit ſeinem Rechtsſtudium? Das Gut und die Mühlen blieben nicht vergeſſen und was Neb ſelbſt anlangte, ſo wurde er ſogleich auf den Mars beordert, um ihm dort abermals die Hand zu ſchütteln und ihn für ſich ſelbſt Rede ſtehen zu laſſen. 3 Mit einem Wort— nichts war offenkundiger als Marble's Freude, ſich abermals in unſerer Mitte zu ſehen. Ich glaubte damals ſogar, daß er mich wahrhaft liebte: der Leſer wird ſich 583 erinnern, wie lange wir zuſammen geſegelt waren und wie Vieles wir gemeinſchaftlich erlebt hatten. Mehr als einmal wiſchte ſich mein alter Schiffskamerad die Thränen aus den Augen, während er in ſeiner Glückſeligkeit weiter fortfuhr: „Ich behaupte, Miles— und glaubt mir's nur, Roger,“ ſchrie er—„mir iſt gerade als ob ich zu Hauſe wäre, ganz anders wahrlich, als bei jener höͤlliſchen Einſtedelei! Hol' mich der Henker, wenn ich glaube, daß ich mich jetzt— und wär's auch nur durch einen Wald— ſo ganz allein davon wagen würde. Mir iſt gar nicht mehr wohl, wenn ich nicht ein Mitgeſchöpf um mich ſehe, ich fürchte wieder verlaſſen zu werden. Ich war ſchon ziemlich zufrieden bei dem Schottländer; der hat doch ein Herz, wenn's auch unter ſei⸗ ner Habergrütze vergraben iſt: aber hier— da iſt die Heimath. Ich werde mich als Proviantmeiſter bei Euch einſchiffen, Miles, denn an Euch will ich mich nun einmal hängen.“ „Wenn wir uns jemals wieder trennen, ehe einer oder Beide im Dock untergebhracht ſind, ſo iſt es ganz gewiß Euer Fehler, alter Freund. So oft ich ſeit unſerer Trennung einmal an Euch dachte, habe ich immer fünfzigmal von Euch geträumt! Talcott und ich ſprachen erſt beim letzten Sturme von Euch und fragten uns, welche Segelſtellung Ihr uns wohl für das Schiff anrathen würdet.“ „Ihr habt die alten Lehren nicht ganz vergeſſen, ihr Jungen, das konnte ich leicht warhrnehmen. Während ihr ſo gegen uns her⸗ fuhrt, ſprach ich zu mir ſelbſt; der Burſche hat einen ächten See⸗ hund an Bord, das geht ſchon aus der Art und Weiſe hervor, wie er Alles geborgen hält, während er doch mit der Haſt eines Eigenthümers vorwärts treibt, der ſich beeilt, um der Erſte auf dem Markt zu ſeyn.“ Es wurde nun ausgemacht, daß Marble ſeine Wache halten könnte, wann es ihm bequem wäre, und daß er überhaupt ganz nach Belieben am Bord Dienſt thun ſollte. Später ließ ſich viel⸗ leicht eine andere Anordnung treffen, wiewohl er ſeine Abſicht er⸗ 584 klärte, auf dem Schiffe zu bleiben und zugleich ſeinen feſten Entſchluß ankündigte, ſobald Talcott ein eigenes Schiff beſäße— was ihm ohne Zweifel durch den Einfluß ſeiner Freunde ſogleich nach unſerer Rück⸗ kehr gelingen mußte— ſein Lebenlang als Oberſteuermann bei mir dienen zu wollen. Ich lachte zu all dem und hieß ihn unter dem Beinamen „Commodore“ von Herzen willkommen, indem ich beifügte, in dieſer Eigenſchaft ſollte er mit mir ſegeln, und gerade ſo viel oder ſo wenig Dienſt thun dürfen, als ihm beliebte. Was das Geld an⸗ langte, ſo war in der Kajüte ein Sack mit Dollars— er durfte nur die Hand darein ſtecken und nehmen, ſo viel er brauchte: den Schlüſſel zur Schieblade trug ich in der Taſche, er durfte ihn nur verlangen. Niemand war über dieſe Anordnung mehr entzückt, als Neb; der Burſche hatte eine Vorliebe für Marble gefaßt und dies ſeit dem Augenblick, da dieſer ihn auf dem John am Ohr vom Sterne aufwärts geführt hatte. „Nun ſagt einmal, Miles, was für hölliſche Beſtien ſind denn dieſe Eure Paſſagiere?“ fragte Marble weiter, indem er, nicht ohne große Neugierde in ſeinen Mienen, über das Marsband nach dem Kleeblatt auf dem Verdeck hinabſchaute.„Das iſt das erſte Mal, daß ich einen Schiffsherrn, wenn er Geheimniſſe verhandeln will, durch ſeine Paſſagiere auf das Mars getrieben ſehe!“ „Drum ſeid Ihr noch nie mit der Familie Brigham gefahren, mein Freund. Sie werden in den erſten vierundzwanzig Stunden ſo lange an Euch pumpen, bis Ihr etwas von Euch gebt, verlaßt Euch drauf. Sie werden jede Einzelheit Eurer Geburt, das Eiland, wo Ihr mich zuerſt geſehen, was Ihr dort getrieben, und was Ihr jetzt im Sinne habt— mit einem Wort: ſie werden Ver⸗ gangenheit, Gegenwart und Zukunft aus Euch herauspreſſen.“ „Ueberlaßt's nur mir, ihnen alle Neugierde niederzulegen,“ erwiederte der Exſteuermann oder neue Commodore;„ich habe mich ſchon einmal in der Sache verſucht, als ich ſechs Wochen lang 585 eine alte Jungfer aus Connecticut am Bord hatte, und kann jetzt dem naſeweiſeſten Ausforſcher der Welt Trotz bieten.“ 3 Nach einigem weiteren Geſpräche ſtiegen wir aufs Verdeck hinab, wo ich Marble meinen Paſſagieren als künftigen Tiſch⸗ genoſſen vorſtellte. Von nun an gingen die Dinge ihren gewöhn⸗ lichen Gang. Im Laufe des Tages hörte ich noch folgendes kurze Zwiegeſpräch zwiſchen Marble und Brigham— die Damen waren nämlich viel zu zart, um einen ſo rauhen Seemann auszufragen. „Ihr kamt ziemlich unerwartet zu uns an Bord, möchte ich faſt ſchließen, Kapitän Marble?⸗ begann der Edle in ſeiner Wißbegierde. „Mit nichten; ich habe die Dämmerung ſchon länger als einen Monat gerade auf dieſem Fleck zu treffen erwartet.“ „Ei, das iſt doch ſonderbar! Ich kann nicht begreifen, wie man eigentlich ſo etwas vorherſehen kann.“ „Verſteht Ihr ſphäͤriſche Trigonometrie, Sir?“ „Ich kann nicht ſagen, daß ich im Geringſten darin erfahren wäre; ich habe ein Bischen in die Mathematik hineingeguckt, beſitze aber keine große Vorliebe für dieſes Studium.“ „Dann wäre es freilich nutzlos, die Sache Euch erklären zu wollen. Wenn Ihr in der ſphäriſchen etwas bewandert wäret, dann könnte ich Euch Alles ſo klar machen, wie den Kapſtan.“* „Ihr und Kapitän Wallingford ſind vermuthlich ſchon ziemlich alte Bekannte?“ „Ziemlich alt, ja,“ gab Marble ſehr trocken zur Antwort. „Habt Ihr jemals das Gut beſucht, welches er Clawbonny nennt? Ein ſonderbarer Name, ſollt⸗ ich meinen, Kapitän!“ „Nicht im Geringſten, Sir. Ich kenne einen Ort unten in den öſtlichen Staaten, der hieß ‚Schramme und Klauec, und war dabei ein recht hübſcher Punkt.“ „Bei uns im Oſten iſt es nicht der Brauch, den Landgütern und Wohnſitzen Namen zu geben. In Boſton geſchieht es wohl zu⸗ * Das Gangſpill. 3 D. U. 586 weilen— die haben aber auch beſondere Mücken im Kopf, wie Jedermann weiß.“ „Ganz richtig; vermuthlich geſchah es aus Unkenntniß des Gebrauchs, daß dem Burſchen, den ich meine, nichts Beſſeres einfiel, als er den Ort taufte.“ Mr. Brigham war kein Narr, ſondern blos ein Schwätzer: er verſtand den Wink und ließ Marble mit ſeinen Fragen unge⸗ ſchoren. Dafür verſuchte er's mit Neb; allein der Burſche hatte bereits ſeine Ordre und befolgte ſie ſo buchſtäblich, daß wir uns vierzehn Tage ſpäter zu Bordeaur trennten, ohne daß Eines der Familie die geringſte Entdeckung gemacht hätte. Ich war herzlich froh, ihrer los zu werden; und doch, ſo kurz auch unſer Verkehr gedauert hatte, er äußerte doch gleichwohl merklichen Einfluß auf mein künftiges Glück. So weit führt dieſe üble Angewöhnung leichtſinnigen Geſchwätzes: man ſchenkt manchen Worten Glauben, welche in Unwiſſenheit ausgeſonnen und über⸗ haupt nur geſprochen werden, um eine der verächtlichſten Leiden⸗ ſchaften zu befriedigen. Doch kehren wir zu meinem Schiffe zurück. Wir erreichten Bordeaur ohne weitere Ereigniſſe oder Verzö⸗ gerungen. Ich lud aus wie gewöhnlich und fing an, mich nach einer andern Fracht umzuſehen. Es war meine Abſicht geweſen, nach New⸗York zurückzukehren und die Feſtlichkeiten wegen erreichter Volljährigkeit zu Clawbonny abzuhalten; aber ich muß geſtehen, das Geträtſche dieſer ewigen Klatſchweiber, der Brigham's, hatte meine Sehnſucht, die Heimath ſo bald wieder zu ſehen, bedeutend verringert. 3 Es wurde mir zwar eine Fracht nach New⸗York angeboten; allein ich verſchob meine Antwort, bis der Cargo an ein anderes Schiff vergeben war. Endlich wurde mir der Vorſchlag gemacht, mit einer Ladung Weine und gebrannter Waſſer nach Kronſtadt in Rußland zu fahren, und ich nahm das Anerbieten an. — 587 Die großen und beſſer unterrichteten Kaufleute mißtrauten näm⸗ lich, wie es ſcheint, der Fortdauer des damals beſtehenden, unge⸗ wiſſen Friedens, und eine Geſellſchaft derſelben hielt für zweck⸗ mäßig, ihre Liqueure vor dem Ausbruch neuer Stoͤrungen nach der Reſtdenz des Czars zu transportiren. Sie gaben dabei einem ame⸗ rikaniſchen Schiffe den Vorzug, ſowohl wegen ſeiner größeren Schnelligkeit, als auch wegen der Neutralität, welche es voraus⸗ ſichtlich beobachten konnte, falls unvorhergeſehene Unruhen aus⸗ brechen ſollten. Die Dämmerung nahm demgemäß ihre Weine und Liqueure— ein und ging Ende Auguſts nach dem baltiſchen Meere unter Segel. Sie hatte eine lange, aber ſichere Fahrt und überlieferte ihre Ladung laut Chartabriefs* im beſten Zuſtand. Zu Kronſtadt wendeten ſich der amerikaniſche Konſul und die Agenten eines amerikaniſchen Schiffs, welches ſeinen Kapitän und Oberſteuermann durch die Blattern verloren hatte, mit der Bitte an mich, ich möchte Marble dieſes Schiff nach Haus führen laſſen. Ich drang in meinen alten Freund, das Anerbieten anzunehmen; er weigerte ſich aber hartnäckig und wollte durchaus nichts mit dem Schiffe zu thun haben. Ich empfahl ſodann Talcott und Letzterer übernahm nach einigen Unterhandlungen die Führung des Hyperion. Ich trennte mich ungerne von meinem Steuermann, für den ich große Anhänglichkeit gefaßt hatte; allein die Beföͤrderung war hier ſo offenbar zu ſeinem Vortheil, daß ich keinen andern Kurs einſchlagen konnte. Da das Schiff ſchon bereit lag, ſo ging es den Tag, nachdem Talcott es uͤbernommen hatte, unter Segel und zu meinem groͤßten Leidweſen muß ich beifügen, daß man nach ſeiner Ausfahrt aus dem Kattegat nie wieder von ihm hörte. Die Aequinoctialſtürme waren diesmal fürchterlich heftig und führten vielfache Verluſte an Schiffen herbei, worunter öne Zweifel auch der des Hyperion gehöͤrte. * Frachtakkord. D. U. Marble that es nicht anders— er wollte durchaus Talcoti's Stelle einnehmen und ſo wurde er mein Oberſteuermann, wie ich der ſeinige geweſen war. Nach kurzem Aufenthalt übernahm ich eine Fracht für Rechnung der ruſſiſchen Regierung und ſegelte damit nach Odeſſa. Man glaubte, die hohe Pforte werde ein amerikani⸗ ſches Schiff durchlaſſen; als ich aber vor den Dardanellen anlangte, wurde ich zurückgewieſen und mußte meine Ladung in Malta laſſen, welches man, den Bedingungen des letzten Friedensſchluſſes gemäß, um jene Zeit wieder im Beſitze der Malteſer⸗Ritter zu ſehen erwar⸗ tete. Von dort ſegelte ich nach Livorno, um friſche Ladung zu ſuchen. Ich übergehe die Einzelheiten dieſer Reiſen, da ſich in der That gar nichts Bemerkenswerthes dabei zutrug. Sie nahmen aber viele Zeit weg: der Aufenthalt bei den Dardanellen allein hatte über ſechs Wochen gedauert, da während deſſen zu Konſtan⸗ tinopel Unterhandlungen— obwohl ganz vergebens— gepflogen wurden. In Folge all' dieſer Verzögerungen und der Länge der Fahrten erreichte ich Livorno erſt gegen Ende März. Meiner Schweſter und Mr. Hardinge ſchrieb ich, ſo oft ſich eine günſtige Gelegenheit darbot, erhielt aber während der ganzen Periode nicht einen einzigen Brief aus der Heimath. Es ſtand nicht in der Macht der guten Grace und meines Vormunds— früheren Vormunds hätte ich richtiger ſagen ſollen, da ich mit dem abgelaufenen Oktober meine Volljährigkeit erreicht hatte— mir zu ſchreiben, denn ich konnte ihnen unmöglich angeben, wann oder wo ihr Brief mich finden würde. Daraus folgte, daß, während meine Freunde in der Heimath über alle meine Schritte ſo ziemlich auf dem Laufenden blieben, ich ſelbſt in Betreff ihrer vollkommen im Dunkeln ſchwebte. Daß dieſe Unwiſſenheit mich höchlich beunruhigte, würde ich dem Leſer wohl vergeblich abzuläugnen ſuchen; gleichwohl fand ich eine Art verzweifelter Freude darin, daß ich mich recht weit ent⸗ fernt hielt, um Mr. Andrew Drewett die Straße völlig frei zu 589 laſſen. Was meine häuslichen Verhältniſſe betrifft, ſo hatte ich Mr. Hardinge durch eine eigene Vollmacht zu meinem Sachwalter ernannt, da ich nicht zweifelte, daß er meinen zeitlichen Intereſſen dieſelbe Sorgfalt widmen würde, welche er ihnen ſeit meiner gelieb⸗ ten Mutter Tode fortwährend geſchenkt hatte. Bei Ankunft der Dämmerung herrſchte zu Livorno eben kein Ueberfluß an Frachtgelegenheiten. Nach vierzehntägigem Warten begann ich übrigens eine Ladung für Amerika und auf amerikaniſche Rechnung einzunehmen. Da die Fracht ziemlich langſam herbeikam, ſo beauftragte ich Marble mit deren Empfang und machte in der Zwiſchenzeit einen kleinen Ausflug nach Toscana oder Etrurien, wie jener Theil der Welt damals genannt wurde; ich beſuchte Piſa, Lucca, Florenz und verſchiedene andere zwiſchenliegende Städte. Zu Florenz verbrachte ich eine Woche mit Beſchauen der Sehens⸗ würdigkeiten und unterhielt mich ſo gut ich nur konnte. Gallerie und Kirchen beſchäftigten mich ausſchließlich und der Leſer kann ſich meine Ueberraſchung denken, als ich eines Tags in dem Duomo oder der Kathedrale des Orts meinen eigenen Namen in ziemlich hohem Ton von einer weiblichem Stimme ausſprechen hörte. Ich drehte mich um und ſtand— vor den Brighams! Ich wurde natürlich in der nächſten Minute mit Fragen über⸗ ſchwemmt. Wo war ich geweſen? Wo befand ſich Talcott? Wo lag das Schiff? Wann ging ich unter Segel und wohin? Dann kamen die Mittheilungen. Sie waren in Paris geweſen; hatten den franzöſiſchen Konſul geſehen, bei Mr. R. N. Livingston, der damals den Traktat von Louiſtana unterhandelte, zu Mittag geſpeist, hatten den Louvre geſehen, waren in Genf geweſen, hatten den dortigen See, ſo wie den Montblanc beſucht; waren über den Mont Cenis nach Mailand gekommen; in Rom hatten ſie den Papſt, in Neapel den Veſuv geſehen; waren in Päſtum geweſen, von da nach Florenz zurückgekehrt und nous voici! Ich war recht froh, als ihre Erzählung wenigſtens in den Thoren der Lilienſtadt angelangt war. Jetzt kam aber Amerika; von daher erhielten ſie ſo köſtliche Briefe! Einer von Mrs. Jo⸗ nathan Little, einer Salemerdame, welche damals zu New⸗York wohnte, war ſo eben eingelaufen: er enthielt vier Blätter und war voller Neuigkeiten. Und nun ging's hinter die Details; ich war genöthigt, ein Gewebe von Klatſchereien mit anzuhoͤren, das beinahe alle Leute von Bedeutung umfaßte, von denen meine Korreſpondenten in dem ſogenannten großen Handelsemporium jemals gehört hatten! Wie paſſend iſt doch dieſer Name! Emporium allein wäre nicht bezeichnend genug geweſen für eine Stadt, wo„die Kaufleute“ Alles in Allem ſind; wo ſie das Poſtamt haben müſſen, wo ſie die Nation verhalten— denn ſie bezahlen ja alle Einkünfte; wo die Sonne ſcheinen und der Thau fallen muß, um ihre Bedürfniſſe zu befriedigen und wo ſogar die Winde ihrer Pflicht ungetreu ſind, wenn ſie eine widrige Richtung einzunehmen ſich erfrechen. Als Seitenſtück zu der ‚heiligen katholiſch⸗proteſtantiſch⸗biſchöflichen Kirche’ wäre eigentlich„‚Handels⸗Commerz⸗Verkehrs⸗Emporiumt der rechte Titel für einen ſolchen Ort geweſen, und ich hoffe, über kurz oder lang wird eines der ‚herrſchergeborenen’ Genies dieſer großen Stadt die Sache zu Aller Zufriedenheit berichtigen. „Apropos, Kapitaͤn Wallingford,“ warf Johanna in einer der Pauſen ein, welche ſich Sarah des Athemholens halber gönnen mußte, was mich ſtark an des geſchwätzigen Franzoſen, s'il crache, il est perdu“ erinnerte—„Sie ſind, glaub ich, mit der armen Mrs. Bradfort einigermaßen bekannt?“ Ich machte eine bejahende Verbeugung. „Es war doch ſo, wie wir geſagt haben,“ ſchrie Sarah, um ſich ihre Rache nicht entſchlüpfen zu laſſen.„Die arme Frau iſt — ohne Zweifel an jenem Krebſe— geſtorben! Welche ſchreckliche Krankheit! und wie ſehr hat ſich die Richtigkeit unſerer Quelle in dieſer ganzen Sache bewährt!“ — 591 „Ich halte ihr Teſtament für das Außerordentlichſte am Ganzen,“ fügte Mr. Brigham bei, der als Mann ſein Augenmerk mehr auf die Hauptſache richtete.„Ihr werdet vermuthlich alle näheren Umſtände über ihr Teſtament vernommen haben, Kapitän Wallingford?“ Ich erinnerte den Frager daran, wie dies das erſte Mal ſey, daß ich überhaupt von dem Tode der Dame höre. „Sie hat Alles bis auf den letzten Dollar dem jungen Mr. Hardinge, ihres Vetters Sohn, vermacht,“ wetteiferte Johanna, „ohne jene feine, hübſche junge Dame, ſeine Schweſter oder deren Vater, auch nur mit einem Cent zu bedenken“— Anno 1803 fing man eben an, von Cents und nicht mehr von Hellern zu reden —„und Jedermann ſagte, das ſey ſo grauſam!“ „Das iſt noch nicht das Schlimmſte von der Sache,“ fuhr Sarah dazwiſchen.„Es heißt, Miß Merton, jene Engländerin, welche in New⸗York ſo viel Aufſehen machte— laß doch einmal ſehen, Brigham, welchen Earls Enkelin hörten wir, daß ſie ſey?—“ Das war eine höchſt unkluge Frage, denn ſo bekam ihr Gatte eine Gelegenheit, ihr das Wort aus dem Munde zu nehmen. „Lord Cumberland's, glaub' ich, oder ſonſt einer hohen Perſon — doch gleichviel weſſen. So viel iſt ſicher, daß General Merton, ihr Vater, ſeine Einwilligung zu ihrer Vermählung mit dem jungen Mr. Hardinge gibt, nachdem nunmehr Mrs. Bradfort's Teſtament bekannt geworden; ſeiner Schweſter, erklärt Letzterer, will er auch nicht einen Dollar abtreten.“. „Er wird ſeine ſechzehntauſend Dollars jährlich einnehmen,“ bemerkte Johanna mit Nachdruck. „Sechs, Liebſte, ſechs“— verbeſſerte der Bruder, der ziem⸗ lich genaue Begriffe von Dollars und Cents hatte, ſonſt würde er wohl niemals in Italien gereist ſeyn;„auf gerade ſechstauſend Dollars jährlich belief ſich Mrs. Bradfort's Einkommen, wie mein alter Schulkamerad Upham mir ſagte, und es gibt keinen Zweiten 592 in York, der ein Vermögen ſo richtig wie er zu taxiren vermag. Er macht ſich's zum Geſchäft und irrt ſich in zwanzig Fällen nicht hein Mal.“ „Und iſt es denn ganz gewiß, daß Mr. Ruprecht Hardinge, Mrs. Bradfort's ganzes Vermögen bekommt?“ fragte ich, mit ge⸗ waltiger Anſtrengung eine ruhige Außenſeite heuchelnd. „Nicht der geringſte Zweifel mehr. Jedermann ſpricht davon, und wiſſen Sie, es kann nicht wohl ein Mißverſtändniß obwalten, da man früher glaubte, die Schweſter würde die Erbin ſeyn und die Leute in der Regel darauf Bedacht nehmen, über dieſe Klaſſe von Mädchen ſo ziemlich ins Klare zu kommen. Ein junger Mann mit ſolchem Vermögen wird natürlich weggeſchnappt werden, wie die Schwalbe die Fliege fängt. Ich habe ein Paar Handſchuhe mit Sarah geweitet, daß wir in drei Monaten von ſeiner Verheirathung hören werden.“—. Die Brighams ſchwatzten noch eine Stunde lang und nahmen mir das Verſprechen ab, ſie in ihrem Hotel zu beſuchen, das ich aber nicht aufzufinden vermochte. Ich verließ Florenz noch am ſelben Abend, um nach Livorno zu gehen und entſchuldigte mich in einem Billet, um nicht als unartig zu erſcheinen. Ich glaubte natürlich nicht die Hälfte von dem, was dieſe Leute mir erzählt hatten; aber Eines wenigſtens mußte wahr ſeyn — Mrrs. Bradfort war ohne allen Zweifel geſtorben, und ich hielt es für möglich, daß ſie doch nicht ſo genau zwiſchen Lucy's und Ruprecht's Verdienſten unterſcheiden gelernt— daß ſie Letzterem doch vielleicht ihr ganzes Vermögen hinterlaſſen hatte. Was die Erkläͤrung des Bruders betraf, ſeiner Schweſter gar nichts geben zu wollen, ſo kam ſie mir ſogar an Ruprecht doch gar zu ſtark vor. Ich kannte das treffliche Mädchen zu gut und wußte gewiß, daß ſie ſich nicht darob grämen würde; aber jetzt, da ſie wieder ohne Vermögen war— jetzt brannte ich auch vor Sehnſucht, wieder ſelbſt auf dem Platze zu erſcheinen. —-— 593 Welch' eine Veränderung war vorgegangen! Die Hardinge's, welche ich als arm, ja beinahe abhängig von unſerer Familie ge⸗ kannt hatte, waren plötzlich reich geworden. Ich wußte, daß Mrs. Bradfort recht gut ihre Sechstauſend jährlich— daß ſie überdem noch ihre Wohnung beſaß, die in der Wallſtreet, alſo in einem Theile des Handelsemporiums lag, welcher eben erſt anfing, der Brenn⸗ punkt der Banken und aller andern Geldgeſchäfte zu werden— und dadurch allein ſchon ein weiteres Vermögen abzuwerfen verſprach. Zwar hielt der alte Daniel M'Cormick ſeine Levers noch immer in ſeinem ehrwürdigen Stoop, wo alle die ſchweren Männer der Stadt ſich zu verſammeln, wo ſie zu ſcherzen, zu kaufen und ver⸗ kaufen und über Boney zu ſchimpfen pflegten; die Winthrop's, die Wilkes', die Jauncey's, die Verplanck's, die White's, die Ludlow's und andere angeſehene Familien hatten damals ihre Stadtwohnungen noch alle in dieſer wohlbekannten Straße; aber die kommenden Ereigniſſe fingen bereits an,„ihre Schatten vor ſich her zu wer⸗ fen“ und es war leicht vorauszuſehen, daß bei dem raſchen Auf⸗ blühen von Stadt und Land, dieſe Wohnung allein ſchon Ruprechts Einkommen zum Wenigſten verdoppeln mußte. Doch Lucy war immer noch arm und nur Ruprecht war jetzt reich. Wenn Familienverbindungen— dieſer allmächtige, zauberiſche Einfluß— eine ſo breite Kluft zwiſchen uns eröffnen konnten, ſchon ſo lange ich vergleichungsweiſe wohlhabend, Lucy dagegen dürftig war, was hatte ich wohl zu erwarten— wenn ich das Gemälde von ſeiner ſchlimmſten Seite betrachtete— falls auch noch die gol⸗ dene Schaale auf ihrer Seite überwog? Daß Andrew Drewett ſie doch noch heirathen würde— das begann ich jetzt aufs Neue zu fürchten. Und warum auch nicht? Ich hatte dem ſüßen Mädchen niemals ein Wort von Liebe geſagt, ſo tief und glühend ich ihr auch ergeben war, und welchen Grund hatte ich anzunehmen, daß ſie in ihrer Lage eine Neigung für einen fahrenden Seemann auf⸗ bewahren würde? Zu meinem Leidweſen muß ich es geſtehen— ich Miles Wallingford. 38 war ungerecht genug, zu bedauern, daß dieſer Glücksfall meinen Freund Ruprecht getroffen hatte, denn ſo mußte er doch etwas für ſeine Schweſter thun und jeder Dollar ſchien eine neue Scheide⸗ wand zwiſchen uns aufzurichten. Von Stund' an vermochte ich die Sehnſucht nach der Heimath kaum mehr zu bewältigen. Hätte ich die Fracht nicht ſchon über⸗ nommen gehabt— ich glaube, ich wäre mit dem bloßen Ballaſte abgeſegelt. Unter Drängen und Treiben konnte ich endlich am 15. Mai mit einer vollen Ladung abgehen, welche ich zum Theil von dem Gelde, das mein Schiff mir in den letzten zehn Monaten eingetra⸗ gen, auf eigene Rechnung eingekauft hatte. Bis in die Nähe der Straße von Gibraltar begegnete uns nichts Bemerkenswerthes: dort aber wurde die Dämmerung von einer engliſchen Fregatte angehalten und hier erfuhren wir zum erſten Mal, daß zwiſchen Frankreich und England ein neuer Krieg ausgebrochen war— der am Ende die ganze übrige Chriſtenheit mit in den Kampf verwickelte. Die Feindſeligkeiten hatten bereits be⸗ gonnen und der erſte Konſul gerade drei Tage nach unſerem Auslaufen aus dem Hafen die Maske bei Seite geworfen. Die Fregatte be⸗ handelte uns übrigens gut, denn für die ſpäteren Mißbräuche war's noch zu früh an der Zeit und wir fuhren ohne weitere Beläͤſtigung durch die Straße. Sobald ich den atlantiſchen Ocean erreicht hatte, trug ich Sorge, Allem, was wir ſahen, auszuweichen und nichts kam in unſere Nähe, bis wir ſchon die Hochlande von Naveſink im Geſicht hatten. Eine engliſche Kriegsſchaluppe aber war in dem Küſtenwinkel zwiſchen Long Island und dem Jerſey Ufer geſtanden und machte nun Jagd auf uns bis gegen das Hook. Ich wußte nicht, ſollte ich mich vor dieſem Kreuzer fürchten oder nicht; jedenfalls war ich aber entſchloſſen, mich nicht von ihm anhalten zu laſſen, ſo lange ichs verhindern konnte. Es gelang uns auch wirklich, ihm den Vorſprung abzugewinnen, und wir be⸗ —e —— —— — 595 traten den Hook, während er noch eine Meile jenſeits der Sand⸗ bank war. Bei letzterer nahm ich einen Loolſen an, was damals noch üblich war, und fuhr mit eingeſetzten Leeſegeln nach der Stadt hinauf. Es war jetzt faſt auf die Stunde hin ein volles Jahr, daß ich mit der Kriſis die Bai hinaufgeſchwommen war. Der Lootſe legte das Schiff nahe beim Coenties Slip— Marble's Lieblingsplatze— an und noch vor Sonnenuntergang lag daſſelbe mit abgelösten Segeln ganz ſicher vor Anker. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Mit Hiobs ſanften, ſcheuen Duldermienen— Voll Anmuth, wie man wohl den Vogel malte, Biſt du als wahrer Teufel mir erſchienen, Wie er nur je ſich an Gefangne krallte. Halleck. Es war ungefähr noch eine Stunde Tag, als ich das Zah⸗ lungshaus der Agenten verließ und meinen Weg Wallſtreet hinauf gegen Broadway verfolgte; ich war auf dem Weg nach dem City Hotel, damals, wie noch jetzt, einem der beſten Gaſthöfe der Stadt. Auf der Trinity Church Promenade, eben als ich das Kreuz der Wallſtreet verließ, ſtieß ich beim Umdrehen plumps— auf Ruprecht Hardinge. 4 Er kam etwas haſtig die Straße herab und war offenbar ſehr überraſcht, faſt moͤcht' ich ſagen— verblüfft, mich hier zu ſehen. Aber Ruprecht ließ ſich nicht ſogleich aus der Faſſung bringen und ſeine Begrüßung wurde plötzlich warm, wenn nicht völlig frei von Verlegenheit. Er war in tiefer Trauer, doch ſonſt nach der vor⸗ nehmſten Mode gekleidet. „Wallingford!“ rief er— es war das erſte Mal, daß er mich nicht„Miles“ nannte—„Wallingford! mein hübſcher Junge, aus 596 welcher Wolke kommſt Du herabgefallen?— Wir haben ſo viele Nachrichten über Dich vernommen, daß Dein Erſcheinen uns ebenſo ſehr wie etwa das von Bongparte ſelbſt überraſcht. Natürlich iſt Dein Schiff eingelaufen?“ „Natürlich,“ gab ich zur Antwort, ſeine dargebotene Hand ergreifend,„Du weißt, ich bin mit ihm vermählt, komm auch was da wolle, bis Tod oder Schiffbruch uns wieder trennen.“ „Ja, ja, das habe ich auch immer zu den Damen geſagt. ‚Bei Wallingford iſt keine andere Ehe denkbar,“ ſo hab ich oft geſagt, ‚als eine ſolche, die ihn zum Gemahl eines Schiffes macht.“ Aber Du ſiehſt ganz verwettert geſund aus: die See ſchlägt bei Dir wunderbar an.“ „Ich habe mich nicht über meine Geſundheit zu beklagen; aber ſag' mir, wie ſteht's mit der unſerer Freunde und Familien? Dein Vater——“ „Iſt eben jetzt oben in Clawbonny— Du weißt, wie's mit ihm ſteht. Kein Wechſel der Umſtände wird ihn ſeine kleine rauch⸗ kammerartige Kirche als etwas Anderes denn als eine Kathedrale und ſeine Pfarrgemeinde als eine Diöceſe anſehen laſſen. Seit dem großen Umſchwung in unſeren Verhältniſſen iſt doch all dies völlig unnütz und ich denke oft— Du weißt, ſagen darf man ihm doch nicht Alles— aber ich denke oft, er könnte ebenſo gut das Pre⸗ digen ganz aufgeben.“ „Nun, ſo weit iſt das ſchon gut: aber die übrigen Glieder der Familie? Du befriedigſt meine Ungeduld viel zu langſam.“ „Ja, ja, Du warſt immer ein ungeduldiger Burſche. Nun, ich brauche Dir wohl kaum zu ſagen, daß ich nunmehr den Zutritt zum Barreau erlangt habe?“ „Das kann ich mir ſehr leicht denken: Deine Seedreſſur muß Dir beim Examen große Dienſte geleiſtet haben.“ „Ach liebſter Wallingford—was war ich doch für ein Einfalts⸗ pinſel! Aber in den Knabenjahren kommen Einem ſo leicht die ſon⸗ — 597 derbarſten Einfaͤlle, auf die man in ſeinem ſpäteren Leben nur mit Verwunderung zurückblicken kann.— Welchen Weg' haſt Du denn vor Dir?“— Damit legte er ſeinen Arm in den meinen— „wenn aufwärts, ſo will ich ein Stückchen mit Dir gehen. Zu dieſer Jahreszeit iſt zwar kaum eine Seele in der Stadt, doch wirſt Du immerhin auf Broadway gerade um dieſe Stunde wunderbar hübſche Mödchen finden; ſolche, die in die anderen Geſellſchaften gehören, weißt Du, d. h. zu Familien, die jetzt, während der Saiſon, nicht aufs Land gehen können. Ja, wie geſagt, man kennt ſich kaum ſelbſt wieder nach dem zwanzigſten Jahre: ich kann mich jetzt nur mit Mühe eines Geſchmacks, einer Vorliebe aus meinen Zehnerjahren erinnern, die nicht in die Winde entflohen wären. Nichts iſt blei⸗ bend im Knabenalter: wir wachſen an Geſtalt, wie im Geiſte, in unſeren Gefühlen, Neigungen, Ausſichten, Hoffnungen, Wünſchen und im Ehrgeiz— Alles nimmt eine neue Richtung.“ „Das iſt nicht ſehr ſchmeichelhaft für mich, Ruprecht, da meine Bekanntſchaft mit Dir eigentlich ganz aus unſeren Knabenjahren herſtammt.“ „O, das meiyn' ich natürlich nicht. Die Gewohnheit hält in ſolchen Dingen Alles aufrecht, und ich darf wohl ſagen, ich werde jederzeit ebenſo anhänglich an Dich ſeyn, wie ich's in meiner Kind⸗ heit geweſen bin. Gleichwohl laufen unſere Lebensbahnen nunmehr auseinander und wir können nicht für immer Knaben bleiben.“ „Du haſt mir von den Andern noch gar nichts erzählt,“ ver⸗ ſetzte ich; die Sehnſucht, von den Mädchen zu hören, hemmte mir beinahe den Athem, und doch hegte ich eine unerklärliche Scheu, geradezu nach ihnen zu fragen. Ich fürchtete, glaub' ich, die Kunde zu erhalten, daß Lucy verheirathet ſey.„Wo iſt denn Grace und wie geht's ihr?“ „O, Grace!— ja ich vergaß zu meiner Schande wahrlich⸗ daß Du Dich, ſehr natürlich, gerne nach ihr erkundigen möchteſt. Nun, mein theurer Kapitän, ich will ſo freimüthig gegen Dich ſeyn, 598 wie man gegen einen ſo alten Bekannten ſeyn ſoll: ich fürchte ſehr, mit Deiner Schweſter ſteht's nicht am Beſten, obwohl ich ſie ſeit einem Jahrhundert nicht geſehen habe. Sie war im Herbſt bei uns hier unten, verließ aber die Stadt vor den Feiertagen, denn ſie ließ ſich's nicht nehmen, dieſe zu Clawbonny zu feiern, wo die Familie, wie ſie ſagte, ſie immer gehalten habe, und ſo reiste ſie ab. Seitdem iſt ſie nicht wieder zurückgekehrt: allein ich fürchte, ſie iſt nichts weniger als wohl. Du weißt, was Grace immer für ein gebrechliches Geſchöpf geweſen iſt— ſo ganz Amerikanerin! Ach, Wallingford, unſere Frauen haben keine Conſtitutionen— reizend wie Engel, zart wie Elfen, und All' das, aber was Con⸗ ſtitution betrifft— mit den engliſchen Weibern nicht zu vergleichen.“ Ich fühlte einen Feuerſtrom durch mein Blut hinbrauſen und nur mit Mühe hielt ich an mich, um den herzloſen Schuft, der an meinem Arme hing, nicht in die Goſſe zu ſchleudern. Ein Augen⸗ blick des Nachdenkens warnte mich aber noch vor dem Abgrund, an dem ich ſtand. Er war Mr. Hardinge's Sohn, war Lucy's Bruder, und ich beſaß keine Beweiſe, daß er meiner Schweſter je⸗ mals Veranlaſſung zu dem Glauben gegeben hatte, als ob er ſie liebte. Für junge Leute, welche ſo, wie wir Vier, zuſammen erzogen worden, war es ſo leicht, ſich in dieſem Punkte zu täuſchen, und ich hielt es deshalb nicht für gerathen, mich zu übereilen. Freundſchaft, Gewohnheit, wie Ruprecht ſich ausdrückte, konnte ſo gar leicht als Frucht einer Leidenſchaft mißverſtanden werden, und eine Täuſchung war ſomit nur allzu wohl möglich. Dann war es auch um Grace's Selbſtachtung, um ihrer Gefühle, ja gewiſſer⸗ maßen um ihres Charakters willen von höchſter Wichtigkeit, vorſich⸗ tig zu ſeyn, und ich unterdrückte alſo meinen Grimm, obwohl er mich faſt zu erſticken drohte. „Das höͤre ich mit großem Bedauern,“ begann ich nach langer Pauſe, und der tiefe Schmerz, den ich bei dieſem Berichte über meiner Schweſter Geſundheit empfand, trug viel dazu bei, mein 599 Benehmen durchaus natürlich erſcheinen zu laſſen;„mit großem, ſehr großem Bedauern vernehme ich das. Grace iſt ein Weſen, das der zärtlichſten Sorgfalt und Pflege bedarf, und ich habe ſchnöden Geldgewinns halber eine Fahrt nach der andern gemacht, während ich, ſo fürcht' ich, zu Clawbonny hätte ſeyn ſollen, um die Pflichten eines Bruders zu erfüllen— das kann ich mir nimmer verzeihen!“ „Geld iſt ein recht gutes Ding, Kapitän,“ verſetzte Ruprecht mit einem Lächeln, das mehr zu bedeuten ſchien, als die Zunge ausdrücken mochte—„ein erſtaunlich gutes Ding iſt das Geld! Du mußt aber Grace's Krankheit auch nicht übertreiben; ſie liegt gewiß blos in ihrer Konſtitution und wird zu nichts weiter führ en. Ich hoffe, Deine vielen Reiſen haben ihre Früchte getragen?“ „Und Lucy?“ fuhr ich fort, ohne ſeine Frage über meinen Erfolg als Schiffseigenthümer zu beachten.„Wo und wie befindet ſie ſich?“ „Miß Hardinge iſt in der Stadt— in ihrem eigenen— d. h. in unſerem Hauſe— in der Wallſtreet, doch geht ſie Morgens an den Platz. Niemand, der es irgend ändern kann und ein angenehmes Landhaus zu ſeinen Ausflügen beſitzt, mag länger zwiſchen dieſen heißen Ziegeln verweilen. Aber ich vergaß— ich habe angenommen, Du wiſſeſt etwas, was Du höͤchſt wahrſchein⸗ lich noch gar nicht gehört haſt.“ „Mrs. Bradfort's Tod erfuhr ich in Italien, und da ich Dich in Trauer ſah, ſo vermuthete ich ſogleich, daß es ihrethalben ge⸗ ſchehe.“ 3 „Ja, ſo iſt's. Eine treffliche Frau wurde uns entriſſen, und wäre ſie meine eigene Mutter geweſen, ich hätte keine größere Freundlichkeit von ihr erfahren koͤnnen. Ihr Ende, mein lieber Wallingford, war eines der erbaulichſten, das man ſeit Jahren an hieſigem Orte erlebte— das hat die geſammte Geiſtlichkeit zu⸗ gegeben.“ 600 „Und Mrs. Bradfort hat Dich als ihren Erben hinterlaſſen? Es iſt jetzt Zeit, Dir zu dieſer günſtigen Wendung Glück zu wün⸗ ſchen. Wie ich höre, iſt ihr Vermögen durch Frauenhand, und zwar von eurem und ihrem gemeinſchaftlichen Ahnherrn auf ſie gekommen, und ſo iſt alſo nicht der mindeſte Grund vorhanden, warum Du durch ihr Vermächtniß nicht hätteſt bedacht werden ſollen. Aber Lucy— ich hoffe, ſie iſt doch nicht ganz vergeſſen worden?“ Ruprecht wurde unruhig und ich ſah, daß er am Spannhaken zappelte. Wie ich ſpäter entdeckte, wünſchte er den wahren That⸗ beſtand vor der Welt geheim zu halten, und mußte doch wohl vorherſehen, daß ich denſelben wahrſcheinlich von ſeinem Vater er⸗ fahren würde. Unter dieſen Umſtänden hielt er's für's Beſte, mich zum Vertrauten zu machen. Wir ſchlenderten auf den Promenaden zwiſchen der Trinity⸗ und Paulskirche— damals den modiſchſten der ganzen Stadt— auf und ab; ehe er mir alſo ſein Geheimniß eröffnete, führte mich mein Gefährte über den Oswego⸗Markt und Maiden⸗Lane hinab, um ſich nicht vor den vornehmeren Steinen und Pfählen zu ver⸗ rathen. Er öffnete die Lippen nicht früher, als bis er den Markt⸗ platz hinter ſich hatte; dann erſt enthüllte er mir ſeine Klagen und entwickelte dabei etwas mehr von ſeiner früheren vertraulichen Weiſe, als er im erſten Theile unſerer Unterredung an den Tag zu legen für paſſend gefunden hatte. „Du mußt wiſſen, Miles,“ ſo hub er an,„daß Mrs. Brad⸗ fort eine recht eigene Frau— ja in der That eine ſehr eigene Art von Perſon war. Eine treffliche Dame, das will ich gerne zugeben, die auch ein höchſt erbauliches Ende genommen hat, aber immerhin eine Dame, welche, wie ich hörte, dieſe Eigenhei⸗ ten zugleich mit ihrem Vermögen erbte. Die Frauen, weißt Du, ſetzen ſich oft die tolleſten Dinge in den Kopf, und amerikaniſche Frauen noch mehr als alle anderen, denn eine Republik iſt einer ———— 601 Vererbung des Eigenthums in derſelben Linie nichts weniger als günſtig. Miß Merton, welche, wie Du eben ſo gut weißt, Miles— ein Mädchen von trefflichem Verſtande iſt, Miß Merton alſo ſagt, in England würde ich, als etwas das ſich ganz von ſelbſt verſtünde, Mrs. Bradfort's ſämmtliche Realien geerbt haben.“ „Ei, Du— ein Rechtsgelehrter— ein Advokat des Gewohn⸗ heitsrechts— Du wirſt doch nicht erſt der Anſicht einer Engländerin bedürſen, um zu wiſſen, was die engliſchen Geſetze in einer ſolchen Erbſchaftsfrage vorſchreiben?“ „O, ſie haben in jenem Lande ſo gut wie in unſerem eine verteufelt lange Reihe von Statuten. Und in beiden Ländern wird das Gewohnheitsrecht nachgerade eine ſehr ungewöͤhnliche Geſetzes⸗ art. Doch um die Sache kurz abzumachen— Mrs. Bradfort hin⸗ terließ ein Teſtament.“ „Und theilte vermuthlich ihr Eigenthum zu gleichen Theilen zwiſchen Dir und Lucy, zu Miß Merton's großer Unzufriedenheit.“ „Nicht ganz ſo, Miles— nicht genau ſo; eine ſehr launen⸗ hafte, eigene Frau war Mrs. Bradfort—“ Ich habe ſchon oft bemerkt, daß, wenn Jemand ſeinem Ne⸗ benmenſchen Sand in die Augen geſtreut hat, von dieſem aber durchſchaut und zurückgeſtoßen wird, der Intriguant nur gar zu leicht geneigt iſt, den früher Hintergangenen launenhaft zu nennen, während er in der That nichts weiter als getäuſcht war. Da ich übrigens nichts erwiederte und Ruprecht, ſo viel er nur konnte, weiter räſonniren ließ, ſo fuhr dieſer nach einer Pauſe fort: „Aber ihr Ende war ſehr bewundernswürdig und im höchſten Grade erbaulich. Du mußt wiſſen, ſie ſchrieb ein Teſtament, und in dieſem vermachte ſie Alles, bis auf die Stadtwohnung und ihre Landhäuſer— meiner Schweſter.“ Ich war wie vom Donner getroffen! So waren alſo alle meine Hoffnungen in die Winde zerſtreut! Nach langer Pauſe nahin ich das Geſpräch wieder auf. 60² „Und wen beſtimmte ſie zum Teſtamentsvollſtrecker?“ fragte ich, augenblicklich die Folgen vorherſehend, wenn Ruprecht ſelbſt mit dieſem Amte betraut wäre. „Meinen Vater. Der alte Herr hat alle Hände voll zu thun, erſt mit Deinen Eltern und dann mit Mrs. Bradfort. Glücklicher⸗ weiſe iſt das Beſitzthum der Letzteren in gutem Zuſtande und ſehr leicht zu verwalten. Es beſteht beinahe ausſchließlich in Häuſern und Magazinen in dem beſten Theile der Stadt, Alles wohl ver⸗ ſichert; dann ſind noch da einige Tauſende in Staatspapieren und eben ſo viel in Obligationen und Pfandbriefen— dies waren die Erſparniſſe von ihrem Einkommen— nebſt einer Summe ungefähr von dem Betrage ihrer Jahresrente in der Bank— im Ganzen volle ſieben Tauſend jährlich, mit einem hübſchen Ueberſchuß für Ausbeſſerungen, Sammlungen und ähnliche Ausgaben.“ „Und das Alles gehört alſo Lucy!“ rief ich, unwillkührlich von Bitterkeit erfüllt bei dem Gedanken, daß eine ſolche Erbin nicht für mich geſchaffen ſey. „Für jetzt— ja; doch betrachte ich Lucy natürlich blos als meine Depoſitärin für die eine Hälfte der Erbſchaft. Du weißt, wie's bei den Weibern geht; ſie halten uns junge Männer ſammt und ſonders für Verſchwender, und ſo haben ſie untereinander ſo räſonnirt: ‚Ruprecht iſt im Grund ein recht guter Junge; aber Ruprecht iſt jung und wird das Geld zum Fenſter hinauswerfen— drum will ich alſo Dir, Lucy, in meinem Teſtamente Alles ver⸗ machen, Du wirſt aber natürlich für Deinen Bruder Sorge tragen und ihm ſeiner Zeit, als dem Manne, die Hälfte oder vielleicht zwei Drittel davon zukommen laſſen. Dies wird geſchehen, ſobald Du volljährig biſt und wirklich abtreten kannſt.“— Du weißt, Lucy iſt erſt neunzehn und kann in den zwei nächſten Jahren noch gar nichts abtreten.“ „Und Lucy erkennt dies als wahr an!— Du haſt Beweiſe für das Alles?“ 603 „Beweiſe! Ich würde ja ſelbſt einen Eid darauf ſchwören. Du ſiehſt, es iſt nicht mehr als vernünftig, und wie ich es rechtlicher Weiſe erwarten konnte. Ueberdies trägt Alles dazu bei, es noch zu beſtaͤtigen. Unter uns, ich hatte volle zweitauſend Dollars Schulden, und dennoch, ſiehſt Du, hinterließ mir die gute Dame aach nicht einen Cent, um nur wenigſtens meine ehrlichen Gläu⸗ biger zu befriedigen, was eine gottesfürchtige Frau, wie ſie, die ein ſo erbanliches Ende genommen, ohne beſondere Abſichten gewiß niemals gethan hätte. Betrachte ich dagegen Lucy gewiſſermaßen als meinen Vormund, ſo iſt Alles genügend erklärt.“ „Ich glaubte, Mrs. Bradfort habe Dir eine beſtimmte Rente, ſechshundert Dollars jährlich, bewilligt, Ruprecht, neben dem, daß ſie Dich in ihrem Hauſe behielt?“ „Tauſend ſogar— aber was ſind tauſend Dollars jährlich für einen faſhionablen Jungen in einer Stadt, wie dieſe? Alles in Allem gab mir die treffliche alte Dame etwa fünftauſend Dollars, was mich nur in dem Gedanken beſtärkt, daß ſie mich im Grunde zu ihrem Erben beſtimmte. Welche Frau von Verſtand, wie ſie doch war, würde ſich einfallen laſſen, einem Verwandten fünftauſend Dollars zu ſchenken, wenn ſie ihm nicht noch mehr zu geben vorhatte? Die Sache iſt ſchon an ſich ſelbſt ſonnenklar, und mit jeder anderü Perſon als mit Lucy würde ich ganz gewiß vor das Bllligkeits⸗ gericht treten.“ „Und Lucy?— Was ſagt ſie zu Deinen Bemerkungen über Mrs. Bradfort's Abſichten?“ „Nun ja, Du biſt ja einigermaßen mit Lucy bekannt— als Kinder waret ihr ſo zu ſagen Vertraute, und Du kennſt ſo ziemlich ihren Charakter“— das ſagte er mir, der ſogar das Fleckchen Erde anbetete, das ihr Fuß betrat!—„Sie läßt ſich nie zu Be⸗ theurungen hinreißen, und liebt es, die Leute zu überraſchen, wenn ſie ihnen einen Dienſt erweiſen will“— dies hieß wirklich Lucy's natürliche und aufrichtige Handlungsweiſe ſo treffend als möglich ge⸗ 604 ſchildert!—„und ſo iſt ſie bis jetzt ſtumm geweſen, gleich als ob ſie die Sprache ganz verloren hätte. Sie ſpricht übrigens auch nie mit Andern von ihren Angelegenheiten; das iſt ein gutes Zeichen und beweist ihre Abſicht, ſich als meine Depoſitärin zu betrachten; ja was noch beſſer iſt und noch deutlicher zeigt, was ihr Gewiſſen ihr ſchon zum Voraus vorſchreibt— ſie hat ihren Vater ermäch⸗ tigt, alle meine Schulden zu bezahlen, da das laufende Einkommen, wie der Kaſſenvorrath— Alles zu ihrer Verfügung ſteht. Es wäre beſſer geweſen, wenn ſie mir das Geld gegeben hätte, um meine Gläubiger damit zu befriedigen, denn ich wußte, wer am längſten gewartet hatte und alſo am eheſten berechtigt war, eine alsbaldige Zahlung zu erhalten; doch iſt es ſchon etwas, alle ihre Quittungen in der Taſche zu haben und wieder von Neuem anfangen zu können. Dem Himmel ſey Dank, ſo viel iſt auch bereits geſchehen. Ich muß übrigens Lucy Gerechtigkeit widerfahren laſſen; ſie bewilligt mir fünfzehnhundert Dollars jährlich ad interim.— Nun, Miles, 3 habe ich mit Dir geſprochen, wie mit einem alten Freund— und weil ich wußte, daß mein Vater, wenn Du nach Clawbonny hinauf⸗ kämeſt, Dir doch das Ganze erzählen würde— Du wirſt aber Alles als im engſten Vertrauen geſagt betrachten. Ein faſhionabler junger Burſche bekömmt gleich ſo einen albernen Anſtrich, wenn man ihn von einer Schweſter abhängig weiß, die noch dazu drei Jahre jünger, als er ſelbſt iſt!— So habe ich den wirklichen Stand der Sache unter meinen Freunden angedeutet; im Allge⸗ meinen aber glaubt man, ich ſey ſchon im Beſitz und Lucy ſey von mir, nicht ich von ihr abhängig. Der Gedanke iſt überdies vortrefflich geeignet, alle Glücksjäger von ihr fern zu halten, was Du auf den erſten Blick einſehen wirſt.“ 3 „Und wird dieſe Nachricht einen gewiſſen Mr. Andrew Dre⸗ wett befriedigen?“ fragte ich, mit Mühe nach einem Anſchein von Ruhe ringend, welche mir in Wirklichkeit ganz fremd war.„Er war bei meiner Abfahrt die Aufmerkſamkeit ſelbſt, und ich erwar⸗ — 605 tete faſt nicht anders, als die Nachricht zu vernehmen, daß es keine Lucy Hardinge mehr gebe.“ „Die Wahrheit zu ſagen, Miles, das glaubte ich auch— bis zu Mrs. Bradfort's Tode. Die Trauer kam nun aber höchſt ge⸗ legen, um allen derartigen Abſichten— wenn ſie je vorhanden waren— ein Ziel zu ſetzen, denn es wäre doch gar zu verdrieß⸗ lich geweſen— das wirſt Du einſehen— einen Schwager zu be⸗ ſitzen, ehe Alles gehörig abgemacht und das Depoſitum ausbezahlt iſt. Au reste— bin ich mit Andrew recht wohl zufrieden und ließ ihn auch meiner Freundſchaft verſichern; er hat gute Conne⸗ xionen— iſt faſhionable— beſitzt ein artiges kleines Vermögen und iſt— wie ich Lucy manchmal vorſage und Mrs. Bradfort ohne Zweifel vorausſah— ganz für ſie beſtimmt, inſofern ſein Beſitz⸗ thum, gerade mit einem Drittel von dem unſerer theuren, hinge⸗ ſchiedenen Muhme vermehrt, ihrem gegenwärtigen Einkommen völlig gleichkäme. Und wirklich, auf meine Ehre, ich glaube, daß der Unterſchied per annum keine fünfhundert Dollars betrüge.“ „Und wie pflegt Deine Schweſter dieſe Winke aufzunehmen?“ „O famos!— gerade wie's alle Mädchen machen, weißt Du. Sie wird roth, manchmal wohl auch etwas ärgerlich— ſo ſcheint' wenigſtens. Dann lächelt ſie wieder, wirft die Lippen auf und ſagt ‚Unſinn!“ oder ‚Welche Albernheit! ‚Ruprecht, ich muß mich nur über Dich wundern!e und noch Vieles dergleichen mehr, womit ſie aber Niemand hinter's Licht führt— verſtehſt Du?— nicht einmal ihren armen, einfältigen, albernen Bruder. — Aber, Miles, ich muß Dich jetzt verlaſſen, denn ich bin enga⸗ girt, eine Geſellſchaft ins Theater zu begleiten, und war eben auf dem Weg zu ihnen, als wir uns trafen. Cooper ſpielt und Du weißt, was für ein Löwe er iſt; man verliert nicht gerne eine Sylbe von ſeinem Othello.“ „Halt, Ruprecht— noch ein Wort, ehe wir ſcheiden. Ich ſchließe aus Deinen Reden, daß die Merton's noch hier ſind?“ 606 „Die Merton’s? Ei freilich; ſie ſind in unſerem Lande etab⸗ lirt und zwar in der vornehmſten Geſellſchaft. Der Oberſt findet das Klima für ſeine Geſundheit höchſt zuträglich und hat ſich eine Anſtellung verſchafft, die ihn bei uns feſthält. Ueberdies beſitzt er Verwandte zu Boſton und will dort, glaub' ich, einige Vermögens⸗ anſprüche auffiſchen. Die Merton's hier? In der That, was wäre denn New⸗York ohne die Merton's?“ „Und mein alter Freund, der Major, iſt auch noch vorgerückt— Du nannteſt ihn doch Obriſt, denk' ich?“ „Wirklich? Nun ich denke, er führt weit öfter den Titel General Merton, als irgend einen Andern! Du mußt Dich wohl irren, Miles, wenn Du ihn blos Major nennſt: hier heißt er bei Jedermann General oder Oberſt.“ „Hat nichts zu ſagen; ich hoffe, es iſt wie Du ſagſt. Leb' wohl, Ruprecht; ich werde Dich nicht verrathen und—“ „Nun— Du wollteſt etwas ſagen—“ „Ja, gedenke meiner bei Lucy; Du weißt, wir kannten uns als Kinder. Sag' ihr, ich wünſche ihr alles Glück in ihrer neuen Stellung, welcher ſie ohne Zweifel vollkommen Ehre machen wird— und würde, ehe ich wieder unter Segel gehe, ſuchen ſie zu ſehen.“ „Gehſt Du heut Abend nicht ins Theater? Cooper iſt wahr⸗ lich ſehenswerth— ein göttlicher Burſche als Othello!“ „Ich glaube kaum. Vergiß nicht, bei Deiner Schweſter meiner zu erwähnen, und nun noch einmal Lebewohl!“ Wir trennten uns— Ruprecht ging mit großen Schritten gegen Broadway, ich ſelbſt ſchlenderte weiter, ohne zu wiſſen wohin. Ich hatte Neb ausgeſchickt, um ſich zu erkundigen, ob der Wallingford vor Anker liege und erfuhr nun, er werde mit Son⸗ nenaufgang das Baſſin verlaſſen. Meine Abſicht war nun, mit ihm nach Clawbonny zu fahren, denn wenn ich auch Ruprechts Erzäh⸗ lungen keinen großen Werth beilegte— ſein Bericht über meiner 607 Schweſter Geſundheitszuſtand machte mich gleichwohl ausnehmend unruhig. So kam ich unvermerkt Maiden Lane hinab und fand mich plötzlich in der Nähe meines Schiffes. Ich ging an Bord, gab Marble die nöthige Erläuterung, ertheilte Neb einige Befehle und ſtieg dann wieder ans Land— Alles im Lauf der nächſten hal⸗ ben Stunde. Von einer gewiſſen geheimnißvollen Macht nach dem Parke hingezogen, fand ich mich mit einem Male vor dem Eingang des Theaters. Mrs. Bradfort war nun ſo lange todt, daß ſich Luey in der zweiten Trauerperiode befand und ich bildete mir ein, ich könnte ſie vielleicht in der Geſellſchaft ſehen, welche Ruprecht hatte begleiten wollen. So nahm ich ein Billet und ſtieg in die Sha⸗ kespeareloge hinauf: waͤre ich beſſer mit der Oertlichkeit bekannt geweſen, ſo hätte ich mich bei meiner geheimen Abſicht ins Par⸗ terre begeben. 3 Trotz der ſpäten Saiſon war das Haus ſehr gefüllt. Der Name Cooper lebte damals in Aller Munde und verfehlte faſt nie, das Theater, in welchem er auftrat, zu fuͤllen. Bei ſeinen aus⸗ gezeichneten Künſtlereigenſchaften und einer höchſt ſchätzenswerthen Auffaſſung der Charaktere ließ er jeden Nebenbuhler weit hinter ſich; doch gab es auch hier, wie immer, unter den ſuperklugen Ken⸗ nern einige Perſonen, welche in Fennel und Anderen allerlei Vor⸗ züge bemerken wollten, auf die jener große Schauſpieler keinen An⸗ ſpruch machen könne. Das Publikum entſchied aber gegen dieſe wenigen Auserwählten und die Entſcheidung war richtig— was jedesmal der Fall iſt, wenn ſie der menſchlichen Empfindung anheim⸗ geſtellt wird, denn Lobhudelei vermag ſich zwar in ſolchen Dingen wohl einige Beachtung auf kurze Zeit erzwingen, ja ſelbſt ein falſches Urtheil aufrecht erhalten, allein die Natur äußert gar bald ihre Macht und eben die natürlichen Entſcheidungen ſind bei ſolchen Gegenſtänden unfehlbar die gerechteſten. 608 Alles was ſich an die menſchlichen Sympathien wendet, wird auch von ihnen aus nicht ohne Antwort bleiben. In der Religion kann die Popularität nur gar zu oft hinter der Maske eines Heuch⸗ lers die Oberhand gewinnen; in der Politik iſt ſie in der Regel eine großartige Myſtiſtkation; dem Patrioten dient ſie ſehr häufig als Steckenpferd, auf dem er ſich zur Macht hinandrängt; im geſelligen Leben iſt ſie der Lohn für hohles Lächeln, nichtsſagende Komplimente und bedeutungsloſes Händedrücken: aber bei dem Schau⸗ ſpieler, dem Dichter und Jedem, den ſein Beruf mit den Leiden⸗ ſchaften, der Einbildungskraft und dem Herzen in unmittelbare Berührung bringt, iſt ſte der untrügliche Spiegel des Verdienſtes, wenn ihm nämlich gewiſſe Eigenſchaften des Geiſtes und die höͤhere Vollendung reiner Kunſt zu Gebot ſtehen. Es fragt ſich, ob Cooper in einer beſtimmmten Reihe von Charakteren nicht wirklich der größte Schauſpieler ſeiner Zeit war. Ich habe ſchon geſagt, daß das Haus ſehr voll war; gleich⸗ wohl bekam ich noch einen guten Platz, wenn auch nicht in der Frontreihe, ſo daß ich alſo nur die Seitenlogen unter mir und nicht einmal alle dieſe ſehen konnte. Meine Augen ſlogen haſtig über ſie hin und Ruprechts ſchön gekräuſelter Lockenkopf feſſelte bald meine Blicke. Er ſaß neben Emilie Merton; der Major— ich wußte, daß er jetzt Oberſt oder General war, einzig und allein in Folge einer regelmäßigen New⸗ Yorker Beförderung, welche ſo raſch bei der Hand iſt, Hunderte von Leuten, die zu Haus eine ſehr beſcheidene Rolle ſpielen, zu Grafen, Kupferkapitänen und reiſenden Meerwundern zu ſtempeln — alſo der Major ſaß daneben und an ſeiner Seite eine Dame, welche ich ſogleich für Lucy hielt. An mir zitterte jede Nerve, als ich das geliebte Weſen auch nur in dieſen undeutlichen Umriſſen vor mir ſah. Ich konnte gerade den oberen Theil ihres Geſichts erkennen, wenn ſie es manchmal dem Major zuwandte und einmal gewahrte ich jenes ihr ſo eigenthümliche, 609 freundliche Lächeln, mit dem ſie, wie ich wußte, noch Niemand ab⸗ ſichtlich getäuſcht hatte. Der Vorderſitz der Loge hatte noch zwei freie Plätze: die Bank faßte ſechs Perſonen und war bis jetzt nur von vieren beſetzt. Noch immer mehrte ſich aber die Zahl der Zuſchauer und im nächſten Augenblick deutete eine Bewegung in Lucy's Loge auf die Ankunft neuer Gäͤſte. Die ganze Geſellſchaft rückte ein wenig, und Andrew Drewett führte eine ältliche Dame— ſeine Mutter, wie ich ſpaͤter erfuhr— in die Loge und nahm den ſechsten Platz für ſich ſelbſt. Ich beobachtete die Begrüßungen, welche ausgetauſcht wurden und bemerkte, daß man die Neuangekommenen erwartet hatte: die Plätze waren für ſie aufbewahrt worden und die alte Mrs. Drewett machte ohne Zweifel die Ehrendame, obwohl die beiden Mädchen, das eine vom Bruder, das andere vom Vater begleitet, keinen An⸗ ſtand genommen hatten, der älteren Dame vorauszugehen. Sie waren von verſchiedenen Stadttheilen gekommen und hatten ausge⸗ macht, ſich im Theater zu treffen. Die alte Mrs. Drewett ließ ſich's beſonders angelegen ſeyn, Lucy die Hand zu ſchütteln: der Jammer blieb mir aber erſpart, auch den Sohn dieſelbe Ceremonie durchmachen zu ſehen; doch waren ſeine Komplimente immer noch bezeichnend genug und wäh⸗ rend des Plätzerückens wußte er es ſo einzurichten, daß er neben Lucy zu ſitzen kam und ſeine Mutter der Unterhaltung des Majors überließ.— Dies Alles war ganz natürlich und ließ ſich nicht anders erwarten: gleichwohl fühlte ich bei dieſem Anblick ein nicht zu beſchreibendes Unbehagen. Ich ſaß faſt eine halbe Stunde in gänzlicher Unachtſamkeit auf das Stück und dachte blos an meine jetzige Stellung Lucy gegenüber. Ich rief mir die Tage der Kindheit und unſerer frü⸗ heren Jugendzeit zurück; die Nacht meiner erſten Abreiſe aus der Heimath; meine Rückkehr und die Ereigniſſe, welche meinen zweiten Abſchied begleiteten; die Geſchichte mit dem Armband und Alles, Miles Wallingford. 39 610 was ich bei dieſen verſchiedenen Veranlafſungen in meinem eigenen Herzen gefühlt— was ich ebenſo bei Luch vorausgeſetzt hatte. War es möglich, daß ich mich ſelbſt ſo ſehr getäuſcht hätte— daß das In⸗ tereſſe, welches das theure Mädchen unläugbar für mich bewieſen, weiter nichts geweſen wäre, als der Erguß ihres von Natur warmen und aufrichtigen Herzens— ihres ſtarken Hangs zur Offenherzig⸗ keit— die Folge der Gewohnheit, wie Ruprecht in Beziehung auf unſer Verhältniß ſo fein angedeutet hatte? Dann konnte ich mir auch die bittere Thatſache nicht verheh⸗ len, daß ich jetzt in den Augen der Welt nicht mehr als eine gleiche Parthie für Lucy gelten durfte. So lange ſie arm und ich vergleichungsweiſe reich war, hätte man die Ungleichheit in un⸗ ſerer geſellſchaftlichen Stellung überſehen können; ſie beſtand zwar allerdings, doch nicht in ſo auffallendem Grade, daß man ſie ſogar in jener Zeit nicht leicht hätte überſehen können. Allein jetzt war Lucy eine Erbin geworden und hatte mehr als das Doppelte meines eigenen Vermögens— ja ſie hatte ein Vermögen, während ich mich nach der Schätzungsweiſe der höheren Klaſſen wohl kaum in ſorgenfreien Umſtänden befand. In der That, der ganze Stand der Dinge ſchien ſich umge⸗ kehrt zu haben. Es war klar, daß ein Seemann wie ich, der außer einer erträglichen Erziehung keine beſonderen Vortheile aufzuweiſen hatte und nothgedrungen ſo häufig abweſend war— nicht dieſelbe Ausſicht auf glückliche Bewerbung beſaß wie die Müßiggänger in der Stadt; ein angeblicher Advokat z. B., der ein paar Stunden nach dem Frühſtück auf ſeinem Büreau einſprach und die übrige Zeit bis zum Mittageſſen auf Broadway herumſpazierte; oder ein ganz unabhängiger Mann, wie Andrew Drewett, der zu der Stadt⸗ bibliothekelique gehörte und nichts weiter mit Geſchäften zu thun hatte, als ſeine Renten einziehen und ſeine Dividenden ſich aus⸗ zahlen zu laſſen. Je laͤnger ich nachdachte, deſto mehr fühlte ich mich gedemuü⸗ ——— —2= n G uu 611 thigt und deſto ungünſtiger erſchienen mir meine Ausſichten, ſo daß ich endlich beſchloß, das Theater ſogleich zu verlaſſen. Der Leſer wird ſich erinnern, daß ich nicht zu New⸗York geboren und erzogen war und einer Geſellſchaftsklaſſe angehoͤrte, wo nur die wenigſten Eingebornen nach dem Grundſatze handelten, daß„nichts zu hoch ſey, wonach man nicht ſtreben, nichts zu nieder, was man nicht thun dürfe.“ Ich geſtand mir ein, daß gar Manche mir überlegen waren und wollte den Thatſachen und Anſichten der Welt— wie ich ſie kannte— mich fügen. Im Foyer des Hauſes überſiel mich eine ungeheure Bangig⸗ keit bei dem Gedanken, daß ich das Theater verlaſſen ſollte, ohne wenigſtens einen Blick auf Lucy's Antlitz gerichtet zu haben. Ich war allerdings in kleinmüthiger Stimmung, allein zu gänzlicher Selbſtverläugnung brauchte ſie mich nicht nothwendig zu führen. Ich beſchloß deßhalb, mit meinem Logenbillet ins Parterre zu gehen einen langen, langen Blick auf das treuherzige Antlitz des theuren Mädchens zu heften und dieſen Eindruck als dauernde Erinnerung an ein Weſen mit zu nehmen, das ich ſo innig liebte und, wie ich überzeugt war, auch ewig lieben würde. Nach dieſem letzten Ge⸗ nuſſe wollte ich ſie ſorgfältig vermeiden, um meine Gedanken ſo viel wie möglich aus der Sklaverei zu erlöſen, in welcher ſie ſeit der Zeit, da ich Mrs. Bradfort's Tod erfahren, geſchmachtet hatten. Vor jener Zeit hatte ich leider etwas zu viel auf meine wohl⸗ habenden Umſtände und Lucy's vergleichungsweiſe Armuth gerechnet. Nicht daß ich jemals gedacht hätte, ſie könnte auf Geld ſehen— das, wußte ich, wäre ganz, ja im höchſten Grade falſch geweſen — ſondern weil die gute Manhattanſtadt ſogar im Jahre 1803 tant soit peu auf Dollars erpicht war und Lucy's Reize in ihrer beſcheidenen Stellung als arme Landpfarrerstochter wohl ſchwerlich ſo viele Bewerber herbeiziehen mochten, als jetzt, umgeben von dem goldenen Rahmen, welchen Mrs. Bradfort's teſtamentariſche Ver⸗ 612 fügung um ſie gezogen hatte, ſelbſt wenn man annahm, daß Rup⸗ recht einſt die volle Hälfte wegnehmen würde. Im Parterre ward es mir nicht ſchwer, einen paſſenden Platz zu finden, von welchem ich alle Sechs, wie ſie neben einander ſaßen, von vorn und in der Nähe betrachten konnte. Von dem Major und der alten Mrs. Drewett brauche ich nicht viel zu ſagen: Letztere ſah aus, wie alle vermöglichen Wittwen jener Zeit aufzutreten pflegten— ehrbar, geſetzt und reich gekleidet. Die gute Dame war während der Revolution auf dem Schauplatze erſchienen und zeigte eine gewiſſe militäriſche Miene— in ihren Bewegungen ein gewiſſes Paradiren, das den Zöglingen jener Schule nicht ganz unbekannt war. Ich hätte darauf geſchworen, daß ihr Wörter, wieKamaſchenknopft,„Haarſtrich',„Brigadier’ und ähnliche in ihrer Klaſſe gangbare Ausdrücke— noch immer ſehr geläufig waren. Ach! wie doch all' dieſe leichten Spuren der Vergangenheit aus unſeren Sitten und Gebräuchen ſo vollſtändig verſchwinden! Der Major ſah viel geſünder aus und ſein ganzes Weſen hatte ſich merklich geändert— der Einfluß der Welt war bei ihm nicht zu verkennen. Er war offenbar zu New⸗York ein weit größerer Mann als er geweſen war, da ich ihn zu London getroffen hatte, ſo daß es mich gar nicht Wunder nahm, wenn er den Unterſchied fühlte. In den Zwiſchenakten bemerkte ich, daß alle die vornehmen Perſonen in den Vorderreihen ſich eifrig bemühten, ein Nicken mit dem ‚brittiſchen Offizier’ auszutauſchen— ein Beweis, daß er ſich immer in der beſten Geſellſchaft bewegte und auf einen Standpunkt gelangt war, wo„Unbekanntſchaft mit ihm das eigene Nichtgekannt⸗ ſeyn verrathen hätte.“* „ Die erbärmliche moraliſche Abhängigkeit, welche noch vor vierzig Jahren in unſerem Vaterlande gegenüber von England beſtand, läßt ſich der jetzigen Generation nicht leicht begreiflich machen. Sie iſt zwar immer noch groß, beſitzt aber nicht mehr den zehnten Theil ihrer früheren Stärke. Der Verfaßer hat ſelbſt mit angeſehen, wie ein italieniſcher Fürſt, ein Mann von Familie und hohem perſönlichem Verdienſt, in einer 613 Emilie ſchien ſehr wohlauf und vollkommen glücklich. Ich konnte wohl ſehen, daß ſie von Ruprechts Schmeicheleien entzückt war und— ehrlich geſtanden— ich kümmerte mich ſehr wenig um die Veränderung in ſeinen Neigungen oder gar um ſeinen Erfolg. Daß Beide, der Major und Emilie Merton, jetzt, mitten in der Welt und damals in den Einöden des ſtillen Oceans— zwei ganz verſchiedene Perſonen waren, ſchien eben ſo ſonnenklar als der Um⸗ ſtand, daß auch ich als Kommandant der Kriſis eine ganz andere Rolle ſpielte, denn jetzt im Parterre des Parktheaters. In jenem Geſellſchaft unbeachtet blieb, welche ſich dagegen die Bekanntſchaft der meiſten ‚Agentene von Birminghamer Knopfmachern ſehr angelegen ſeyn ließ und dieß ganz einfach deßhalb, weil der Eine von Italien, der An⸗ dere aber aus England kam. Folgende Anekdote, deren Wahrheit ich ebenſo wohl wie die aller in dieſem Werke angeführten Thatſachen ver⸗ bürge, liefert ein gutes Beiſpiel von dem, was ich meine. Es iſt jetzt gerade ein Vierteljahrhundert, daß das erſte Buch des Ver⸗ faßers in die Welt trat. Zwei bis drei Monate ſpäter ging ich eines Tags mit einem Freunde Broadway hinab, als ein Mann, der in den New⸗Yorker Cirkeln ſehr ausgezeichnet wurde, das andere Seitentrottoir heraufkam. Der fragliche Herr firirte mich, machte mir ſeine Verbeugung und kam über die Straße herüber, um mir die Hand zu ſchütteln und ſich nach meinem Befinden zu erkundigen— eine Aufmerkſamkeit, welche durch die Ungleichheit des Alters noch auffallender wurde.„Ihr ſteht in hoher Gunſt,“ meinte mein Freund, als wir wieder weiter gin⸗ gen,„daß—— CEuch ſolche Artigkeit erweist— Euer Buch muß das gemacht haben.“„Nun merkt einmal was ich ſage— ſicher bin ich in einer engliſchen Zeitſchrift gelobhudelt worden und—— hat es geleſen.“ Wir waren eben unterwegs nach meinen Verlegern und als wir in den Laden traten— richtig, da überreichte mir der ehrliche Chürles Wiley eine Lob⸗ rede auf das fragliche Buch und was das Ganze noch auffaͤlliger machte — der erwähnte Artikel enthielt eine ſo handgreifliche Lobhudelei, wie nur je eine geſchrieben wurde und war vermuthlich von dem engliſchen Verleger bezahlt worden. Der fragliche Herr war ein Mann von Verdienſt und Talenten, war aber um ein halbes Jahrhundert zu früh auf die Welt gekommen, um die völlige geiſtige Unabhängigkeit eines Lan⸗ des noch mitgenießen zu können, das noch vor Kurzem eine bloße Kolonie geweſen war. D. Verf. 614 Augenblick hatte wohl Miß Merton beinahe ganz vergeſſen, daß überhaupt ein Menſch wie Miles Wallingford exiſtirte: nur jene prachtvolle Perlenſchnur, welche einſt den Hals ſeines Weibes zu ſchmücken beſtimmt war, falls er jemals ein ſolches finden ſollte— nur ſie mochte noch zuweilen ihrem Gedächtniſſe vorſchweben. Aber Lucy— die liebe, aufrichtige, warmherzige, wahrheits⸗ liebende, geliebte Luey— von ihr habe ich die ganze Zeit über vergeſſen, zu reden! Da ſaß ſie in jungfräulicher Lieblichkeit, ihre Schönheit war noch mehr entwickelt, ihr Auge ſo feurig, ſo ſtrahlend und gefühlvoll wie immer, ihr Erröthen ſo zart, ihr Lächeln ſo ſüß und ihre Bewegungen ſo graziös und natürlich! Die Einfachheit ihrer Halbtrauer vermehrte noch ihre Schönheit, und doch war dieſe von einer Art, daß ſie von der Kleidung keiner andern Beihülfe, als etwa einer ſolchen, bedurfte, welche rein vom Geſchmacke abhing. Wie ich ſie ſo ganz bezaubert anſtarrte, kam es mir vor, als ob zur Vollendung ihrer Erſcheinung nichts weiter denn mein eigenes Halsband fehlte. 3 Ich war ein ſtarker Mann, von mächtigem Gliederbau, in Mühen und Gefahren abgehärtet, und doch hätte ich niederſitzen und weinen können, nachdem ich das koſtbare Geſchöpf eine Zeit lang betrachtet und ſich mir abermals die Ueberzeugung aufgedrängt hatte, daß ich meinen Umgang mit ihr nie wieder, wenigſtens nicht auf ſo vertrautem Fuße, herſtellen könne. Der Gedanke, daß wir von Tag zu Tage einander fremder würden,— wahrlich, er war bei⸗ nahe unerträglich. Glühende Thränen dräͤngten ſich mir in die Augen— doch gelang es mir noch, dieſe Schwäche vor meiner Um⸗ gebung zu verbergen. Der Vorhang fiel, die Tragoͤdie war zu Ende und die Zu⸗ ſchauer fingen an aufzubrechen. Das Parterre, das kaum noch überfüllt geweſen, war jetzt beinahe leer, und ich fürchtete geſehen zu werden. Dennoch konnte ich mich nicht losreißen, und blieb — —8——,ʒÿ———— ———— — N” 615 „ noch, nachdem neun Zehntel der Zuſchauer ſich bereits ins Foyer verlaufen hatten. An der Aufmerkſamkeit, welche Luey allenthalben geſpendet wurde, konnte man leicht bemerken, welche Veränderung mit ihr vorgegangen war. Die Damen in den Hauptlogen nickten und lächelten ihr alle zu, und die Hälfte der faſhionablen jungen Herrn drängte ſich um ihre Loge oder trat ſogar ein, um ihre Kompli⸗ mente anzubringen. Mir kam es vor, als ob Andrew Drewett eine ſelbſtzufriedene Miene annehme, welche zu ſagen ſchien:„die Huldigung, die ihr dieſer jungen Dame zollt, wird mittelbar auch mir erwieſen.“ In Lucy's Benehmen— ſo weit es Einfachheit und Natür⸗ lichkeit betraf— vermochte ſelbſt meine eiferſuͤchtige Wachſamkeit auch nicht die geringſte Veränderung zu entdecken. Sie mochte vielleicht etwas frauenhafter erſcheinen, als da ich ſie das letztemal geſehen hatte, denn ſie ſtand jetzt in ihrem zwanzigſten Jahre; aber die Aufmerkſamkeiten, die ihr gezollt wurden, brachten kei⸗ nerlei ſichtbare Aenderung in ihrem Weſen hervor. Ich ſtand, ganz in dieſen Anblick verſunken, in nachſinnender Stellung ſeitwärts gegen die Loge gekehrt, als ich einen unter⸗ drückten Schrei wie von Lucy's Stimme vernahm. Ich war ihr zu nahe, um mich irren zu können, und alles Blut ſtrömte mir gewaltſam nach dem Herzen. Im Umwenden ſah ich das theure Mädchen, wie ſie, mit hochgerötheten Wangen und die Augen auf mich geheftet, mir ihre Hand aus der Loge entgegenſtreckte. Ich war erkannt, und in der Ueberraſchung hatte ſie wieder jene ganze alte Freundſchaft an den Tag gelegt, welche einſt in der Einfalt und Wahrhaftigkeit unſerer Kinderjahre zwiſchen uns beſtanden hatte. „Miles Wallingford!“ ſagte ſie, als ich herankam, um die dargebotene Hand zu ergreifen, ſobald ich ſo nahe war, daß ſie, 616 ohne zu viel Aufmerkſamkeit zu erregen, mit mir ſprechen konnte; „Du hier und wir wußten nichts davon!“ Ruprecht hatte von unſerem Zuſammentreffen auf der Straße nichts erwähnt— das war klar. Er ſchien etwas beſchämt und beugte ſich vor, um zu bemerken: „Ich muß geſtehen, Lucy, ich vergaß Dir zu ſagen, daß ich Kapitän Wallingford auf dem Wege zum Obriſt und Miß Merton begegnete. O, wir hatten eine lange Unterredung zuſammen, und das wird Dir eine Erzählung vergangener Ereigniſſe erſparen.“ „Nichtsdeſtoweniger darf ich bekennen, wie glücklich ich bin, Miß Hardinge ſo wohl ausſehend zu finden und meinen früheren Paſſagieren meine Achtung bezeugen zu können,“ verſetzte ich. Natürlich reichte ich dem Major und Emilien die Hand', ver⸗ beugte mich gegen Drewett, wurde ſeiner Mutter vorgeſtellt und zum Eintritt in die Loge eingeladen, da es nicht ganz üblich war, ſich zwiſchen dem Parterre und den vorderen Reihen zu beſprechen. Ich vergaß meine klugen Vorſätze und ſtand in drei Minuten hinter Lucy. Andrew Drewett hatte, die Artigkeit, mir ſeinen Platz anzu⸗ bieten, wenn gleich mit einer Miene, welche deutlich genug ſagte: „was kümmere ich mich um ihnz er iſt ein Schiffsherr und ich ein Mann der Mode und von Vermögen, der jeden Augenblick ſeinen Sitz wieder einnehmen kann, während der arme Teufel die Gele⸗ genheit blos dann erhaſchen darf, wenn er gelegentlich in den Hafen kommt.“ Wenigſtens bildete ich mir ein, in ſeinem Weſen etwas Aehnliches wahrzunehmen. „Danke Ihnen, Mr. Drewett,“ flüſterte Lucy in ihrer ſüßeſten Weiſe.„Mr. Wallingford und ich ſind ſehr, ſehr alte Freunde — Sie wiſſen, er iſt Grace's Bruder, Sie ſind ja in Clawbonny geweſen“— Drewett verbeugte ſich recht artig—„und ich habe ihm tauſend Dinge zu erzählen. So, Miles, ſetz' Dich zu mir und laß mich nur gleich die Geſchichte Deiner Reiſe vernehmen.“ N 82 83 8R—— 617 Die Hälfte der Zuſchauer war mit dem Schluß des Trauer⸗ ſpiels weggegangen: fo ſtand die zweite Reihe der Loge leer; und da überdies die andern Herrn ſich gerade auf ſie ſetzten, um ihre Beine auszuſtrecken, ſo hatte ich Raum genug, um mich halb gegen das Mädchen gewendet neben Lucy zu ſetzen. Da ſie darauf be⸗ ſtand, bevor wir zu etwas Anderem übergingen, meine Geſchichte hören zu wollen, ſo war ich genöthigt, ihrem Wunſche zu entſprechen. „Apropos, Major Merton,“ rief ich, als die Erzählung been⸗ digt war,„ein alter Freund von Euch, Moſes Marble mit Namen, iſt wieder in's Leben zurückgekehrt und befindet ſich in dieſem Augen⸗ blicke zu New⸗York.“ Ich berichtete ſodann die Art und Weiſe, wie ich wieder mit meinem alten Steuermann zuſammengetroffen war. Das war für mich eine höchſt unglückliche Selbſtunterbrechung, denn ich verſchaffte dadurch dem Major die beſte Gelegenheit, mir in die Rede zu fallen. Ueberdies gab noch das Orcheſter ein Zeichen, daß der Vorhang bald in die Höhe gehen und das Nach⸗ ſtück beginnen werde, und der alte Herr nahm mich daher alsbald in das Foyer, um die näheren Umſtände zu vernehmen. Ich argerte mich ungemein und glaubte auch an Lucy Verdrüßlichkeit zu be⸗ merken; allein die Sache war nun nicht mehr zu ändern, und dann konnten wir ja, ſo lange das Stück dauerte, doch nicht mit ein⸗ ander ſprechen. „Ich denke, an dieſer albernen Poſſe wird Euch nicht viel gelegen ſeyn,“ bemerkte der Major, indem er durch eines der Fenſter hineinguckte, nachdem ich Marble's Geſchichte im Detail berichtet hatte.„Wenn nicht, ſo wollen wir unſern Spaziergang fortſetzen und die Damen hier erwarten. Dreweit und Hardinge werden ſchon für ſie ſorgen.“ Ich willigte ein, und ſo gingen wir bis zum Ende des Aktes in dem Foyer auf und ab. Der Mojor war und blieb immer ein Ehrenmann, und benahm ſich gegen mich auf eine Weiſe, als ob 618 er ſeiner mannigfachen Verpflichtungen gegen mich keineswegs vergeſſen hätte. Er vheilte mir einige kleinere Umſtände mit, die mit ſeinen Verhältniſſen in Verbindung ſtanden, und deutete ſogar auf die Wahrſcheinlichkeit hin, daß er einige Jahre in Amerika bleiben werde. So ging unſer Geſpräch eine Zeit lang weiter, während meine Blicke häufig nach der Logenthüre hinflogen, als mein Gefährte plötzlich bemerkte: „Eure alten Bekannten, die Hardinge's, haben einen rechten Glücksfall erlebt; ich glaube, vor wenigen Jahren hätten ſie ſich ſchwerlich etwas der Art träumen laſſen.“ „Schwerlich; jedenfalls aber iſt das Vermögen in treffliche Hände gefallen,“ gab ich zur Antwort.„Ich bin übrigens erſtaunt, daß Mrs. Bradfort ihr Vermögen nicht dem alten Herrn hinter⸗ ließ, da es früher ihrem gemeinſamen Großvater angehörte und er in der Nachfolge eigentlich der Nächſte war.“ „Sie glaubte vielleicht, der gute Prediger wiſſe nicht, was er damit anfangen ſolle. Nun, Nuprecht Hardinge iſt geſcheid und geiſtreich— ganz der Mann, um eine Rolle in der Welt zu ſpielen; ſo iſt es alſo vermuthlich in beſſeren Händen, als wenn ſie es zuerſt dem alten Herrn vermacht hätte.“ „Der alte Herr iſt mir ein treuer Vormund geweſen und würde ſich ohne Zweifel gegen ſeine Kinder ebenſo erwieſen haben. Aber ſoll denn Ruprecht alles Eigenthum der Mrs. Bradfort bekommen?“ „Ich glaube nicht; ich hörte ihn von einer Art von Depo⸗ ſitum ſprechen und glaube eher, daß ſeine Schweſter einen direk⸗ ten oder anwartſchaftlichen Antheil beſitzt. Vielleicht iſt ſie zur Erbin ernannt, falls er ohne Nachkommenſchaft ſterben ſollte. Zwar war eine alberne Geſchichte im Umlauf, wonach Mrs. Bradfort Alles auf Lucy übertragen hatte; allein ich weiß aus der beſten Quelle, daß das nicht wahr iſt—“ Ruprecht Hardinge in irgend Etwas als die„beſte Quelle“ anzuſehen— einen Burſchen, der — ——— 619 ſeit der Zeit, da er der Kinderſtube entwachſen war und ſprechen gelernt, noch nie gewußt hatte, was unverfälſchte Wahrheit iſt— welch' ein Gedanke!—„da ich weiß, daß ein Depoſitum vorhan⸗ den iſt, ſo vermuthe ich, Lucy wird vielleicht einen beſchränkten Anſpruch darauf haben, der höchſt wahrſcheinlich an die Bedingung, daß ſie ſich nur mit ihres Bruders Einwilligung verheirathet, oder an ähnliche Vorſichtsmaaßregeln geknüpft iſt. Die alte Dame war gar ſcharfſinnig und hat ohne Zweifel alles Nöthige vorgeſehen.“ Es iſt doch wunderbar, wie ſich die Leute täglich im Punkte des Beſitzes täuſchen! Wer ſich denſelben am meiſten angelegen ſeyn läßt, ſcheint geradezu die ärgſten Mißgriffe zu begehen. Bei Vermächtniſſen vollends gränzen die ausgeſprengten Lügen häufig ans Fabelhafte. Schon vor vielen Jahren habe ich die Erfahrung gemacht, daß man in ſolchen Dingen den Gerüchten niemals glauben darf, am allerwenigſten, wenn dieſe von der Klaſſe der Geldmenſchen in Umlauf geſetzt werden. Dieſe beziehen Alles auf Dollars und ſprechen ſelten eine Minute lang mit Jemand, ohne dieſes Lieblings⸗ wort zu gebrauchen. Hier aber war Major Merton offenbar von Ruprecht getäuſcht worden— die muthmaßlichen Folgen, die etwa daraus erwachſen konn⸗ ten, vorauszuſehen, ſtand nicht in meiner Macht. Ihn zu enttäu⸗ ſchen, war offenbar nicht meine Sache, und da mich die Unterre⸗ dung eben dadurch etwas in Verlegenheit ſetzte, ſo war ich recht froh, als ich das Geräuſch vernahm, welches das Ende des Aktes verkündete. An der Logenthüre trafen wir zu meinem großen Bedauern Mrs. Drewett im Rückzuge begriffen, weil die Damen die Poſſe gar zu abgeſchmackt und nicht der Mühe werth fänden, ihre Zeit darüber zu verlieren. Ruprecht warf mir einen unruhigen Blick zu und zog mich ſogar bei Seite, um mir zuzuflüſtern: „Was ich Dir heute Abend geſagt habe, Miles, iſt reines Familiengeheimniß und wurde blos dem Freunde anvertraut.“ 620 „Ich habe mit Deinen Privatverhältniſſen nichts zu ſchaffen, Ruprecht,“ gab ich zur Antwort,„nur laß mich erwarten, daß Du Dich, beſonders wo ſich's um Frauen handelt, als Ehrenmann benehmen wirſt.“ „Alles wird recht werden, verlaß Dich drauf; die Wahrheit wird Alles in Ordnung bringen und die Sache gerade ſo ablau⸗ fen, wie ich prophezeit habe.“ Ich bemerkte, wie Lucy ſich angſtlich umſah, während Drewett gegangen war, um die Wagen vorfahren zu laſſen; ich hoffte, ſie ſuche mich und ſtand in einem Augenblicke neben ihr. Im nächſten Moment bot ihr aber Mr. Andrew Drewett den Arm mit den Worten, ihr Wagen ‚verſperre den Ausgang’. Wir gingen zuſammen in das äußere Foyer und da fand ſich, daß Mrs. Drewett's Wagen vorſtand, während Luey's hinter ihm kam. Ja, Lucy's Wagen!— das theure Mädchen hatte näm⸗ lich ſämmtliches Beſitzthum ihrer Verwandten, Häuſer, Mobilien, Pferde, Wagen und Alles andere ohne irgend einen Vorbehalt gerade ſo überkommen, wie die letzte Herrin in dem Augenblicke, da ſie von dem Schauplatz des Lebens abtrat, um ſich ins Grab zu legen— es hinterlaſſen hatte. Mrs. Bradfort's Wappen befand ſich noch auf dem Wagen, wie ich bemerkte, denn die jetzige Beſitzerin hatte Ruprecht mit ſeinem Begehren, daſſelbe durch das Mr. Hardinge's zu erſetzen— noch jedesmal abgewieſen. Letzterer rächte ſich dafür, indem er Jedermann erzählte, wie großmüthig er ſey, daß er ſeiner Schweſter einen Wagen halte. Der Major hob Mrs. Drewett in den ihrigen und ihr Sohn war genöthigt, gute Nacht zu ſagen, um ſeine Mutter nach Haus zu begleiten. Dies verſchaffte mir einen koſtbaren Augenblick, da ich mit Lucy allein war. Sie ſprach von Grace, ſagte mir, ſie ſeyen nun ſchon ſeit Monaten getrennt, länger als ſie es je zuvor in ihrem Leben geweſen, alle ihre Ueberredungskunſt habe meine Schweſter 621 nicht vermocht, zu ihr in die Stadt zu kommen, während ihr eige⸗ ner Wunſch, Clawbonny zu beſuchen, fortwährend hinausgeſchoben worden ſey, da Raprecht ihre Anweſenheit wegen ſo mancher Geſchäftsanordnungen für dringend nöthig erklärt habe. „Grace iſt nicht ſo demüthig, wie ich es in alten Zeiten war, Mills,“ ſagte das liebe Mädchen, indem ſie mir halb traurig, halb vorwurfsvoll ins Geſicht ſchaute, während der volle Schein des Lampenlichts auf ihre thränenvollen, zärtlichen Augen fiel,„und ich hoffe, Du wirſt ihr ſchlimmes Beiſpiel nicht nachahmen wollen. Sie will uns fühlen laſſen, daß ſie Clawbonny als Heimath beſitzt; ich habe ja aber niemals Anſtand genommen, unſere Alemnuih einzu⸗ geſtehen, als ihr noch allein reich waret.“ „Gott ſegne Dich, Lucy!“ flüſterte ich, indem ich ihr mit Feuer die Hand drückte.„Das kann's nicht ſeyn— haſt Du etwas über Grace's Geſundheit gehört?“ „O, ſie iſt wohl, ſoviel ich weiß. Nuprecht ſagt mir das und ihre Briefe ſind munter und freundlich wie immer, ohne ein Wort der Klage. Aber ich muß ſie bald ſehen. Grace Walling⸗ ford und Lucy Hardinge wurden nicht geboren, um fern von ein⸗ ander zu leben. Hier iſt der Wagen; ich ſehe Dich morgen, Miles — beim Frühſtück— Punkt acht Uhr, nicht wahr?“ „Das iſt unmöglich. Ich gehe mit der erſten Morgenflut, d. h. um vier Uhr nach Clawbonny unter Segel und werde in der Schaluppe ſchlafen.“ Major Merton hob Lucy in den Wagen und wir ſagten uns gute Nacht. Ich ſtand noch auf der unterſten Stufe des Hauſes und ſtarrte dem Wagen nach, während Ruprecht raſch von dannen ging. 622 Achtundzwanzigſtes Kapitel. Hört mir zu ein wenig. Ich habe nur darunn ſo lang geſchwiegen Und hab' das Glück bis jetzo walten laſſen, Weil auf die Dam' ich ſchaute und dort ſah, Wie tauſend zarte Röthen ihr das Antlitz Bald höher färbten und bald tauſendmal Verhränat von Engelblaäſſe wieder ſchwanden. Shakeſpeare. Ich erreichte den Wallingford um eilf und fand Neb mit mei⸗ nen Koffern und übrigen Effekten meiner harrend. Da ich mich nun am Bord meines eigenen Fahrzeuges befand, ſo gab ich Befehl, den günſtigen Umſprung des Windes zu benützen und ſogleich unter Segel zu gehen, ſtatt erſt die Flut abzuwarten. Als ich mich in meine Kajüte verfügte, ſegelte die Schaluppe oberhalb des Staaten⸗ gefängniſſes— eines Punktes, gegen welchen die Stadt ſeit der Zeit, da ich ihn dem Leſer zum erſten Male vor Augen führte, ſchon beträchtlich vorgerückt war. Trotz dieſes frühzeitigen Aufbruchs erreichten wir das Creek erſt am zweiten Tage Morgens gegen acht Uhr. Kaum war das Schiff nahe genug, als ich ſogleich den Fuß auf die Werfte ſetzte und den Hügel hinaufzuſteigen anfing. Vom Gipfel deſſelben ſah ich meinen ehemaligen Vormund auf der Straße heraneilen und erfuhr ſpäter, daß ein verirrtes Zeitungsblatt aus der Stadt die Ankunft der Dämmerung verkündigt und er mich demzufolge mit der Schaluppe erwartet hatte. Er breitete mir die Hände entgegen, der liebe Greis, und küßte mich, als ob ich ein Knabe geweſen wäre— ich hoͤrte den arg⸗ loſen Alten ſeinen Segen über mich murmeln und ein Gebet des Dankes für mich erheben. Nichts vermochte jemals den guten Mr. Hardinge zu verändern: denn auch jetzt, da er über das ganze 623 Einkommen ſeiner Tochter verfügen durfte, begnügte er ſich ebenſo gerne mit den drei bis vierhundert Thalern, welche die Pfarre nebſt ſeinem Gütchen ihm eintrug, als er es ſein ganzes Leben lang gethan hatte. „Willkommen, mein theurer Junge, willkommen in der Hei⸗ math!“ rief Mr. Hardinge, in Stimme und Weſen immer noch die alte Wärme bekundend.„Ich ſagte es gleich, Du müßteſt— Du würdeſt am Bord ſeyn, ſobald man mir die Annäherung der Schaluppe meldete, denn ich beurtheilte Dein Herz nach meinem eigenen. Ach, Miles! wird denn jemals die Zeit kommen, wo Dein Clawbonny Dir gut genug ſeyn wird? Du haſt bereits ſo viel Geld, als Du nur irgend bedarfſt; ein Mehr wird doch ſchwerlich zu Deinem Glücke beitragen.“ „Da wir gerade vom Gelde reden, mein theurer Sir,“ gab ich zur Antwort,„ſo muß ich Euch mein Beileid über den Verluſt Eurer ehrwürdigen Verwandten bezeugen, erlaube mir aber, Euch zugleich zum Antritte eines alten Familienbeſitzes Glück zu wünſchen. — Ich höre, Ihr erbt in Eurer Familie Mrs. Bradfort's ſämmt⸗ liches Vermögen— das ſchon an ſich werthvoll in ſeinem Betrage, Euch ohne Zweifel als ein früheres Eigenthum Eurer Vorfahren um ſo annehmbarer erſcheinen wird.“ „Ohne Zweifel— ohne Zweifel— ganz wie Du ſagſt; und ich hoffe, dieſe unerwarteten Reichthümer werden uns eben ſo demuths⸗ voll und gottesfürchtig laſſen als ſie uns, wie ich gläubig hoffe, angetroffen haben. Das Vermögen gehört übrigens nicht mir, ſon⸗ dern Lucy; ich brauche ja Dir nichts zu verſchweigen, wenn gleich Ruprecht mir angedeutet hat, es möchte klüger ſeyn, nicht gerade den ganzen Stand der Sache bekannt werden zu laſſen, weil ſonſt das theure Mädchen von einem Schwarme intereſſirter Glücksjäger umringt werden würde, weßhalb er auch den Vorſchlag machte, man ſollte eher die Meinung begünſtigen, als ob wir das Vermögen unter uns zu theilen haͤtten. Das kann ich zwar nicht geradezu thun, denn ſiehſt Du, es wäre ja eine förmliche Täuſchung: aber man kann immerhin ſchweigen. Mit Dir aber iſt's ein anderer Fall und ſo will ich Dir die Wahrheit lieber gleich erzählen. Ich bin zum Teſtamentsvollſtrecker ernannt und handle demgemäß; dies macht mir Dein Wiederſehen noch viel erfreulicher, denn ich finde, die vielen Pfunde, Schillinge und Pence, mit denen ich zu ſchaffen habe, ziehen meinen Geiſt von den Pflichten meines heiligen Amtes ab und ich gerathe in Gefahr, ein eigennütziger Geldmenſch zu werden. Ein ſelbſtſüchtiger Prieſter, Miles, iſt mir ebenſo verhaßt wie ein käuf⸗ liches Weib!“ „O Ihr habt nicht zu fürchten, jemals eine ſo weltliche Perſon zu werden, mein theurer Sir. Aber Grace— Ihr habt meiner geliebten Schweſter noch nicht erwähnt?“ Ich ſah, wie Mr. Hardinge's Miene ſich plötzlich änderte; der Ausdruck von Freude ſchwand mit einem Male und ein Zug von Unſicherheit und Trauer trat an deſſen Stelle. Zwar gab es in allen gewöhnlichen Lebensverhältniffen auf der ganzen Welt keinen kurzſichtigeren Beobachter als eben den guten Geiſtlichen und dennoch war es offenbar, daß er etwas Beunruhigendes vor ſich haben mußte. „Ja, Grace—“ lautete ſeine zweifelhafte Antwort;„das theure Mädchen iſt hier, ganz allein und nicht ſo munter und aufgeräumt wie ſonſt. Um ihretwillen freut mich Deine Rückkehr am meiſten, Miles. Sie iſt nicht wohl, fürcht' ich; ich hätte in letzter Woche oder in dem Augenblicke, da ich ſie wieder ſah, nach einem Arzte geſchickt; aber ſie behauptet ſteif und feſt, das ſey ganz unnöthig. Sie iſt zum Erſchrecken ſchön, Miles! Du weißt, wie es mit Grace'n iſt — ihr Antlitz ſchien von je mehr für den Himmel als für die Erde zu taugen und jetzt erinnert es mich jedesmal an das Geſicht eines Engels, der ſich über die Sünden der Menſchen abhärmt!“ „Ich fürchte demnach, Sir, Ruprechts Bericht iſt wahr und das liebe Kind ernſtlich krank.“ „Ich hoffe— nein, Knabe— ach das iſt ja mein heißes 1s 8 625 Flehen! Sie iſt nicht wie gewöhnlich, das iſt wahr; allein ihr Gemüth, ihre Gedanken, alle ihre Neigungen und wenn ich ſo ſagen darf, die ganze Energie ihres Weſens ſcheint gen Himmel gerichtet. Der Geiſt iſt auf eine wirklich wunderbare Weiſe über ſie gekommen. Sie liest fromme Bücher, ſinnt und betet— ja ganz gewiß thut ſie das— vom Morgen bis zum Abend. Das iſt das Geheimniß⸗ warum ſie ſich von der Welt zurückzieht und alle Einladungen Luey's ausſchlägt. Du weißt, wie die beiden Mädchen einander lieben und dennoch weigert ſich Grace, Lucy zu beſuchen, da ſie doch weiß, daß Lucy nicht zu ihr kommen kann.“ 3 Und damit wußte ich Alles. Eine Bergeslaſt ſiel mir auf's Herz: ohne zu ſprechen, ging ich eine Strecke weiter: die Worte meines trefflichen Vormunds klangen mir wie die Todtenglocke einer Schweſter, die ich faſt übermenſchlich verehrte. „Und Grace— erwartet ſie mich jetzt?“ wagte ich endlich zu fragen; doch bebte meine Stimme ſo heftig, daß ſogar der ge⸗ wöhnlich ſo argloſe Geiſtliche die Veränderung wahrnahm. „Allerdings und ſie war ganz entzückt als ſie es hoͤrte. Der einzige irdiſche Wunſch, den ich ſie in letzter Zeit ausſprechen hörte, war die ängſtliche, ſchweſterliche Sehnſucht nach Deiner bal⸗ digen Rückkehr. Nächſt ihrem Gotte, Miles, liebt Grace ihren Bruder am meiſten!“ O wie wünſchte ich, daß dies wahr ſeyn moͤchte; aber ach, ach, ich wußte, daß es anders ſtand! „Ich ſehe, das was ich geſagt habe, hat Dich beunruhigt, theurer Junge,“ hub Mr. Hardinge von Neuem an;„wahrſchein⸗ lich hegſt Du ernſtliche Beſorgniſſe um Deiner Schweſter Geſund⸗ heit. Sie iſt nicht wohl, das will ich zugeben, aber blos in Folge geiſtigen Leidens. Das edle Geſchöpf that einen zu raſchen Blick in ihre eigene ſündige Natur und hat wohl tief gelitten, wie ich fürchte. Ich hoffe, meine Reden und Gebete ſind unter dem göttli⸗ chen Beiſtande nicht ohne Wirkung bei ihr geblieben und ſie iſt jetzt Miles Wallingford. 40 626 wieder heiterer— ja ſie vrrſicherte mich noch vor einer halben Stunde, wenn Du Dich wirklich auf der Schaluppe befindeſt, werde ſie ſich ganz glücklich fühlen!“ Ich hätte für mein Leben nicht länger über einen ſo pein⸗ lichen Gegenſtand ſprechen können und gab alſo keine Antwort. Da wir noch eine beträchtliche Strecke zu gehen hatten, ſo war ich froh, das Geſpräch auf andere Dinge zu bringen, um mich von meinem Schmerze nicht ganz übermannen zu laſſen und mitten auf der Straße in lautes Weinen ausbrechen zu müſſen. „Hat Lucy im Sinn, Clawbonny in dieſem Sommer zu be⸗ ſuchen?“ fragte ich alſo, wiewohl mir die Annahme ſonderbar vor⸗ kam, daß unſer Gut nicht wirklich Lucy's Heimath ausmache. Ich fühlte leider ein eiferſüchtiges Mißvergnügen bei dem Gedanken, daß das geliebte Weſen eigene Häuſer und Ländereien oder über⸗ haupt etwas beſitze, was nicht von mir herſtammte. „Ich hoffe ſo,“ gab der Vater zur Antwort,„nur iſt mein Kind vermöge ihrer neuen Pflichten nicht mehr ſo ganz ihre eigene Herrin wie ich wohl wünſchen möchte. Du ſahſt ſie und ihren Bruder, Miles, das nehme ich als gewiß an.“ „Ich begegnete Ruprecht auf der Straße, Sir, und hatte im Theater eine kurze Unterredung mit den Merton's und Lucy; der junge Mr. Drewett und deſſen Mutter waren auch anweſend.“ Der gute Geiſtliche drehte ſich raſch nach mir um und ſah mich mit einem Blicke des Verſtändniſſes an, wie ein Mann von ſeiner Seeleneinfalt, von ſeiner Einfachheit mir ihn nur zuwerfen konnte. Hätte mir Einer ein Meſſer ins Herz geſtoßen, es hätte nicht heftiger bluten können als eben damals; ich zwang mich jedoch zu einer Ruhe, welche meinen Gefühlen völlig fremd war. „Was hältſt Du von dieſem jungen Mr. Drewett, Knabe?“ fragte Mr. Hardinge mit einer Miene vertrauensvoller Theilnahme und einem Ernſte des Weſens, wie ſie von Allem, was ſeine 627 Tochter herührte, unzertrennlich bei ihm waren.„Billigſt Du dieſe Wahl?“ „Ich glaube Euch zu verſtehen, Sir; Ihr wollt mir zu verſtehen geben, daß Mr. Drewett ſich um Miß Hardinge's Hand bewirbt.“ „Es waͤre unpaſſend, Miles, ſogar Dir ſo viel anzuver⸗ trauen, wenn Drewett nicht ſelbſt Sorge trüge, es Jedermann wiſſen zu laſſen.“ 3 „Vielleicht in der Abſicht, um andere Bewerber abzuhalten,“ verſetzte ich mit einer Bitterkeit, welche ich nicht bemeiſtern konnte. Nun war Mr. Hardinge unter allen Menſchen auf der Welt einer der Letzten, der jemals Schlimmes vermuthet hätte. Er ſchien deßhalb von meiner Bemerkung ſehr überraſcht zu ſeyn und ich täuſchte mich wohl kaum, wenn ich mir einbildete, er ſehe un⸗ willig aus. „Das iſt nicht Recht, mein lieber Junge,“ entgegnete er ernſt⸗ haft.„Wir ſollten uns beſtreben, von unſern Nebenmenſchen das Beſte, nicht aber das Schlimmſte zu denken.“— Trefflicher Greis, wie treulich übteſt Du ſelbſt Deine Vorſchrift!—„Es iſt eine weiſe und zugleich ſichere Regel— um ſo ſicherer, wenn wir un⸗ ſere eigene Schwäche berückſichtigen. Dann iſt es auch nicht mehr als natürlich, wenn Drewett danach ſtrebt, ſich Lucy's zu ver⸗ ſichern und wenn er keine unmännlicheren Mittel, als dieſes offene Geſtändniß ſeiner Anhaͤnglichkeit gebraucht, ſo haben wir keinen Grund uns zu beklagen.“ Ich war zurechtgewieſen— noch mehr, ich fühlte, daß die Zurechtweiſung verdient war. Um meinen Fehler einigermaßen gutzumachen, ſetzte ich haſtig bei: „Ganz richtig, Sir; ich gebe zu, daß meine Bemerkung un⸗ paßend war, und kann dies blos durch die Verſicherung wieder gut machen, daß Mr. Drewett offenbar von keinen eigennützigen Ab⸗ ſichten geleitet wird, da er ſich ſchon vor Mrs. Bradfort's Tode, 628 alſo zu einer Zeit, wo er von der Beſchaffenheit ihres Teſta⸗ mentes nicht wohl eine Ahnung haben konnte, um Miß Hardinge bemühte.“ „So iſt's recht, Miles; Deine Bemerkung iſt vollkommen ge⸗ recht und in der Ordnung. Dir freilich, der Du Lucy von Kindheit an kennſt und ſie ſo ziemlich mit Ruprechts Augen betrachteſt, mag es nicht ſo ganz natürlich ſcheinen, daß ein junger Mann um ihrer ſelbſt willen eine warme, tiefe Neigung für ſie empfinden ſolle— daran iſt Dein brüderliches Gefüͤhl Schuld; aber ich kann Dich verſichern, Lucy iſt ein eben ſo reizendes als— wie wir alle wiſſen— höchſt vortreffliches Mädchen.“ „Wem ſagt Ihr das, Sir? Ich kann Euch verſichern, ich begreife nichts beſſer, als wie leicht es einem Manne werden muß, Eure Tochter zu lieben. Mit Grace, geſtehe ich, iſt's ein anderer Fall, denn wahrlich, ſie iſt mir immer zu heilig, zu ſehr wie ein Eigenthum des Himmels vorgekommen, als daß ſie den Leidenſchaf⸗ ten der Erde unterworfen ſeyn könnte.“ „Das iſt's ja, was ich Dir eben geſagt habe und wir müſſen uns deßhalb beſtreben, Grace's Hang zu überwinden und— wenn ich mich ſo ausdrücken darf— zu humaniſtren. Vom religiöſen Standpunkte betrachtet gibt es nichts Gefährlicheres für eine ge⸗ ſunde Seelenſtimmung, Miles, als Aufregung: ſie iſt weder Glau⸗ ben, noch Liebe, weder Hoffnung, noch Demulh, oder irgend eine der gebotenen Tugenden— nein, ſie iſt Krankheit; nicht die Frucht unſerer Reue, nicht die Hülfe des heiligen Geiſtes, ſondern phy⸗ ſiſche Einwirkung bringen unſere angeborenen Schwächen in eine falſche Richtung. Wir leſen nirgends von den Apoſteln, daß Auf⸗ regung oder Heulen und Zähnklappern unter ihnen geweſen wäre.“ Wie konnte ich nur den guten alten Mann über meiner Schweſter Krankheit aufklären? Daß Grace mit ihrer harmoniſch geſtimmten Seele das Opfer religiöſer Schwärmerei geworden ſeyn ſollte, konnte ich keinen Augenblick glauben; daß aber ihr Herz gebrochen, ihre Ge⸗ , 629 fühle vertrocknet, ihre Hoffnungen getäuſcht waren— und Alles durch Ruprecht's Leichtſinn und Eigennutz, durch ſeine weltliche Ge⸗ ſinnung und Eitelkeit— das mußte ich vorherſehen und war darauf gefaßt, es von ihr zu erfahren. Allein dies waren Thatſachen, die ich dem Vater des Verbrechers nicht mittheilen konnte! Ich gab keine Antwort, ſondern ſuchte die Unterhaltung auf das Gut und diejenigen Intereſſen zu lenken, für welche ich eine Theilnahme vorgeben konnte, von der ich in jenem Augenblicke himmelweit entfernt war. Dies veranlaßte den Geiſtlichen, ſich nach dem Ergebniß meiner letzten Reiſe zu erkundigen, und ſetzte mich in den Stand, hinlängliche Stärke zu ſammeln, um Grace wenigſtens mit einem Anſcheine von Feſtigkeit zu begegnen. Sobald Mr. Hardinge das Haus vor Augen bekam, gab er ein vorher ausgemachtes Zeichen, um die Bewohner von meiner Ankunft zu benachrichtigen, und ſchon auf eine halbe Meile von der Wohnung konnten wir wahrnehmen, daß dieſe Kunde eine allge⸗ meine Bewegung hervorgerufen hatte. Sämmtliche Schwarze kamen uns bis auf den kleinen Raſen entgegen— ſo hatten nämlich die Mädchen, ſeit ſie zu Jungfrauen herangewachſen waren, den alten Hofraum umgetauft— und ich mußte ihnen Allen, vom Erſten bis zum Letzten, die Hände ſchütteln. Dabei hörte man von allen Seiten das herzlichſte Gelächter, wodurch die Neger zu jener Zeit faſt immer ihre Freude verriethen. Da hieß es:„Willkommen in der Heimath, Maſſer Mile!“—„Wo Neb kommen hin diesmal, Maſſer Mile?“ wurde mehr als einmal gefragt, und groß war die Freude, als ich ſeinem Stamm und Geſchlechte erzählte, daß der treue Burſche mit dem Karren, auf dem er mein Gepäck führte, heraufkommen würde. Aber Grace harrte meiner: ich brach mir Bahn durch den Haufen und trat ins Haus. An der Thüre begegnete mir Chloe, ein Mädchen ungefähr im Alter meiner Schweſter und eine Art Halbblutbaſe meines Neb, welche in den letzten Jahren ſo zu ſagen 630 durch die Verrichtungen einer Kammerjungfer bevorzugt worden war. Ich nannte ſie— Halbblutbaſe, denn, offen geſagt, nur wenige von den New⸗Yorker Schwarzen hätten damals nach dem Wortlaut des Gemeinrechts von Brüdern und Schweſtern erben können, da dieſes nur Vollblutnachkommen bei Vermächtniſſen zuläͤßt. Chloe begegnete mir auf dem Hausgang und grüßte mich mit einem feinen Knix und einem ihrer ſüßeſten Lächeln; ſie ſchien in der That eben ſo vergnügt, wie alle meine Sklaven— daß ſie ihren jungen Herrn wieder ſah. Wie oft hatten ſie ſchon mein Herz gerührt durch die Art und Weiſe, wie ſie von„alt Maſſer und alt Miſſis“ ſprachen, denn bei Negern, welche gut behandelt wer⸗ den, bleiben dieſe ewig der Gegenſtand ihres Bedauerns. Die Metaphyſiker mögen noch ſo ſcharfſinnig über Racen und Farben, wie über die Fähigkeiten, die ſich ein Schwarzer erwerbe, räſonniren— mich wird doch Keiner von dem Glauben abbringen, daß ſie eine außerordentliche Fähigkeit zu lieben beſitzen. Unter ſich und gegen ihre Herrn, mit ihren eigenen, wie mit den Kindern ihrer Herrſchaft— habe ich ſchon häufige Beiſpiele erlebt, welche der Anhänglichkeit des Hundes an das Geſchlecht der Menſchen gleichen, ja die Fälle, wo ſie den Kindern ihrer Herren vor denen ihres eigenen Fleiſchs und Bluts den Vorzug geben, kommen jeden Tag unter uns vor. „Ich hoffe, Ihr geweſen ſärr wohl, Sah*, Maſſer Mile?“ begann Chloe, welche ſich in Folge ihrer Stellung einer beſonderen Bildung erfreute. „Vollkommen wohl, mein gutes Mädchen, und ich freue mich, Dich ſo gut ausſehend zu finden— Du wirſt in der That hübſch, Chloe.“ „O, Maſſer Mile— Ihr ſo drollig!— nun Ihr bleiben zu Haus, Sah, auf lange?“ * Sir. D. U. 631 „Ich fürchte, ſchwerlich, Chloe, doch kann man nicht wiſſen. Wo werd ich meine Schweſter finden?“ „Miß Grace mir ſagen, kommen hier, Maſſer Mile, und ſagen, ſie wünſchen Euch zu ſehen im Familienzimmer. Sie dort warten jetzt ſchon einige Zeit.“ 8 „Danke Dir, Chloe; hab' Acht, daß uns Niemand ſtört. Ich habe meine Schweſter beinahe ein volles Jahr nicht mehr geſehen.“ „Gewiß, Sah; ganz wie Ihr ſagen.“ Das Mädchen glänzte im Geſicht, wie eine ſchwarze Flaſche, welche man eben erſt ins Waſſer getaucht hat; ſie wies mir ſofort ihre prachtvollen Zähne von einem Ohr bis zum andern, lachte hell auf und ihre Miene ging von der Albernheit nach und nach zum Ernſte über, bis ihr Herz ſein Geheimniß in den melodiſchen Tönen einer jungen Negerin verrieth, welche nicht recht wußte, ob ſie lachen oder aufkreiſchen ſollte.—„Wo Neb, Maſſer Mile? was er thun jetzt, der Burſche?“ „Er wird Dich in zehn Minuten küſſen, Chloe; ſo halte alſo Dein hübſcheſtes Geſicht in Bereitſchaft.“ „Das er laſſen bleiben, der unverſchämte Menſch— Miß Grace lehren mich beſſer als das.“ Ich wollte nichts weiter hören, ſondern eilte mit ſo haſtigen, aufgeregten Schritten nach dem kleinen Triangel, daß ich mich nicht erinnere, meine Hand jemals mit ſolchem Zittern auf eine Thür⸗ klinke gelegt zu haben. Ich war genöthigt, inne zu halten, bis ich ſo viel Entſchloſſenheit beſaß, um die Thüre zu öffnen: eine Hoffnung überkam mich— Gracen's Ungeduld würde mir dieſe Mühe erſparen und ich ſie in meinen Armen finden, ehe ich noch mehr Stärke aufzubieten gezwungen wäre. Allein Todtenſtille herrſchte im Zimmer und ich öffnete die Thüre mit einer Behut⸗ ſamkeit, als ob ich eine der Leichen zu finden erwartete, welche ich früher an dieſem letzten Ruheplätzchen uͤber der Erde in ihrem Sarge geſehen hatte. Meine Schweſter ſaß auf der causeuse, vor lauter Schwäche 632 und Aufregung buchſtäblich unfähig, ſich zu erheben. Die Erſchüt⸗ terung, welche ich bei ihrem Anblick empfand, will ich nicht zu beſchreiben verſuchen. Ich war auf eine Veränderung gefaßt, aber, großer Gott, ſo nahe dem Grabe, wie mir mein Herz alsbald ver⸗ kündete— das kam unerwartet! Grace ſtreckte mir beide Arme entgegen, und ich ſtürzte auf ſie zu, zog ſie an die Bruſt und drückte ſie mit einer Zärtlichkeit⸗ an mein Herz, wie man etwa ein geliebtes Kind umarmt hätte. In dieſer Stellung brachen wir Beide in heftiges Weinen aus und ich ſchluchzte wie ein Kind— ich ſchäme mich nicht, dies zu ge⸗ ſtehen. So mochten fünf Minuten verſtrichen ſeyn, ohne daß eines von Beiden ein Wort geſprochen hätte. „Ein gnädiger, allbarmherziger Gott ſey geprieſen! Du biſt mir noch zur rechten Zeit wiedergegeben, Miles!“ flüſterte meine Schweſter endlich.„Ich fürchtete, es möchte zu ſpät werden!“ „Grace!— Grace!— Was meinſt Du damit, Liebe?— Theure, einzige, heißgeliebte Schweſter, warum muß ich Dich ſo wiederfinden?“ „Muß ich Dir's denn noch ſagen, Miles?— kannſt Du's nicht ſehen?— ſiehſt Du's denn nicht und begreifſt jetzt Alles?“ Mein heißer Händedruck verkündete meiner Schweſter, wie vollkommen ich die ganze Geſchichte verſtand. Daß Grace jemals lieben und dann vergeſſen konnte, das glaubte ich nicht; daß aber ihre Zärtlichkeit für Ruprecht, den ich als einen ſo frivolen, ſelbſtſuchtigen Menſchen kannte, ſie in dieſen ſchreck⸗ lichen Zuſtand verſetzen würde— das hatte ich nicht einmal als eine Moöglichkeit vorausgeſehen. Ich wußte noch zu wenig, wie ver⸗ trauensvoll ein Weib liebt und wie gerne ſie den Mann ihrer Wahl mit allen Eigenſchaften ausſtattet, die ſie ihm nur immer wünſchen möchte. „Der herzloſe Böſewicht!“ murmelte ich in der Angſt meines Herzens ſo laut, daß man es höoͤren konnte. 633 Augenblicklich erhob ſich Grace aus meinen Armen: ſie erſchien mir in jenem Momente mehr wie eine himmliſche Erſcheinung, als wie ein Weſen, das noch mit dieſer gottloſen Welt in Verbindung ſtand. Man konnte kaum ſagen, daß ihre Schonheit nothgelitten hatte, nur fürchtete ich, ſie würde mir noch im Laufe der Unter⸗ redung erliegen, ſo ſchwach und gebrechlich ſchien das Band, das ſie noch mit dem Leben verknüpfte. In gewiſſer Beziehung hatte ich ſie nie lieblicher geſehen, als ſie mir bei dieſer Gelegenheit vorkam: es war jener Heiligenſchimmer, welchen die hektiſche Krank⸗ heit den ſüßeſten, engelgleichſten Augen, die je ein menſchliches Antlitz verſchönerten, mitgetheilt hatte. Ihr Geſicht war aber jetzt blaß und farblos; ihr Blick bekümmert und vorwurſsvoll. „Bruder,“ verſetzte ſie feierlich,„das darf nicht ſeyn. Das iſt es nicht, was Gott befiehlt— nicht, was ich von Dir erwartete — von einem Manne zu erwarten berechtigt war, von dem ich gewiß weiß, daß er mich liebt, wenn ich auch von keinem andern mehr auf Erden dies behaupten kann.“ „Einem Manne wird es ſchwer, theure Schweſter, dem Elenden zu vergeben: zu vergeſſen, wie lange er Dich— uns Alle betrogen hat, um ſich dann aus bloßer Eitelkeit einer Anderen zuzuwenden.“ „Miles, mein gütiger, männlicher Bruder, höre mich an,“ bat Grace, mit ihren beiden Händen meine Rechte haſtig um⸗ ſchließend und vor Angſt kaum mehr ihrer Beſinnung mächtig. „Alle Gedanken des Unwillens, des Zornes, ja ſelbſt des Stolzes müſſen vergeſſen werden. Du biſt dies meinem Geſchlechte, biſt es den ſchrecklichen Bezüchtigungen ſchuldig, welche ſonſt an meinem Namen haften blieben. Hätte ich mir als Mädchen irgend etwas vorzuwerfen, ich wollte mich ja gern jeder Strafe unterwerfen; aber gewiß, gewiß iſt es keine ſo unverzeihliche Sünde, wenn ich nicht im Stande war, die Neigung meines Herzens zu beherrſchen, daß ich noch nach meinem Tode verdienen ſollte, meinen Namen mit den Gerüchten über einen ſolchen Streit vermengen laſſen zu müſſen. „ *. 5 634 Auch habt ihr immer als Brüder gelebt, und dann iſt da noch der gute, treffliche, fromme, getreue Mr. Hardinge, mein Vormund jetzt noch, wie Du weißt— und Lucy, die theure, treuherzige, auf⸗ richtige Luey—“ „Warum iſt denn die theure, treuherzige, aufrichtige Lucy nicht hier, um Dich, meine Grace, in dieſem Augenblicke zu pfle⸗ gen?“ fragte ich rauh. „Sie weiß nichts von meinem Zuſtande— er, wie ſeine Ur⸗ ſache iſt ein Geheimniß vor Allen außer Gott, Dir und mir ſelbſt. Ach! ich wußte wohl, Miles, daß es unmöglich ſein würde, Deine Liebe zu täuſchen, denn ſie bot mir von jeher Alles, was eine Schweſter ſich nur wünſchen konnte.“ „Und Lucy? wie konnte ſich ihre Zuneigung täuſchen laſſen? Hat auch ſie blos Augen für die, welche ſie in neuerer Zeit bewun⸗ dern lernte?“ „Du thuſt ihr Unrecht, Bruder. Luty hat mich ſeit der großen Veränderung nicht mehr geſehen, welche, wie ich wohl bemerke, über mich gekommen iſt. Ein andermal will ich Dir Alles erzählen; für jetzt kann ich Dir blos ſo viel ſagen, daß ich nach gewiſſen Er⸗ läuterungen mit Ruprecht die Stadt verließ und der theuren Lucy den Zuſtand meiner ſchwindenden Geſundheit ſorgfältig verhehlte. Ich ſchreibe ihr jede Woche, und erhalte eben ſo oft ihre Antwort; zwiſchen uns iſt Alles ſo heiter und ſcheinbac ſo glücklich, wie immer. Nein, Du darfſt Lucy nicht tadeln, denn ich weiß gewiß, wenn ſie auch nur die leiſeſte Ahnung von der Wahrheit bekäme, würde ſie Alles hinter ſich laſſen, um zu mir zu eilen. Im Gegen⸗ theil, ich glaube, ſie meint, ich möchte ſie im jetzigen Augenblicke lieber nicht in Clawbonny haben, ſo ſicher ſie auch weiß, wie ich ſie liebe, denn ein Mädchen von Lucy's Beobachtungsgeiſt und Hülfsmitteln muß die Wahrheit wenigſtens ahnen. Laß mich an Deiner Bruſt ausruhen, Bruder; das viele Sprechen ermüdet mich.“ So ſaß ich denn eine volle Stunde, die geliebte Schweſter in 635 den Armen haltend, ohne daß eines von uns eine Sylbe geſprochen hätte. Ich fürchtete, ihr durch fernere Aufregung zu ſchaden, und ſie war froh, ſich aus einem Geſpräche, das nothwendig ein Ge⸗ fühl mädchenhafter Scham in ihr erregen mußte, in's Stillſchweigen zu flüchten. Mein Geſicht lehnte an ihrem ſeidenen Haar, und ſo konnte ich große Thränen über ihre Wangen rvollen ſehen; doch ſagte mir ihr gelegentlicher Händedruck, wie ſehr ſie ſich durch meine Anweſenheit erheitert fühlte. Nach zehn bis fünfzehn Minuten ſiel das erſchöpfte Mädchen in einem fieberiſchen, unruhigen Schlummer, in dem ich ſie hätte erhalten mögen, und hätte ich die ganze Nacht regungslos daſitzen müſſen. Ich weiß gewiß, es war eine volle Stunde, als die Scene damit endete, daß Grace ſich erhob und mit ihrem engel⸗ gleichen Lächeln ſagte: „Du ſiehſt, wie's mit mir ſteht, Miles— ſchwach wie ein Kind bin ich und faſt ebenſo hülfsbedürftig. Du mußt Geduld mit mir haben, denn Du biſt jetzt meine Amme. Noch ein Verſprechen muß ich haben, Theuerſter, ehe wir dieſes Zimmer verlaſſen.“ „Es ſey Dein, meine Schweſter, was es auch ſeyn mag; ich kann Dir jetzt nichts abſchlagen,“ ſprach ich mit beinahe weiblicher Zärtlichkeit, ſo weich war ich geworden.„Und doch, Grace, da Du ein Verſprechen verlangſt, ſo habe ich beinahe Luſt, eine Bedingung daran zu knüpfen.“ „Welche Bedingung kannſt Du wohl damit verbinden, Miles, die ich abzuſchlagen vermöchte? Ich bin zu Allem bereit, ſelbſt ohne Deine Wünſche zu kennen.“ „So verſpreche ich Dir denn, Ruprecht für ſein Benehmen nicht zur Rechenſchaft zu ziehen— ihn nicht darüber zu befragen — ja ihm nicht einmal einen Vorwurf zu machen,“ fuhr ich fort, mich immer mehr in meinen Verheißungen ſteigernd, da ich an Grace's Blicken bemerkte, daß ſie noch mehr verlangte. Das letzte Verſprechen ſchien ſie übrigens vollkommen zu be⸗ 636 friedigen. Sie küßte meine Hand und ich fühlte heiße Thränen darauf niederträufeln. „Jetzt nenne mir Deine Bedingungen, theuerſter Bruder,“ flüſterte ſie, nachdem ſie ſich einige Zeit zur Erholung gegönnt hatte;„nenne ſie und Du ſollſt ſehen, wie freudig ich ſie alle er⸗ füllen werde.“ „Ich habe nur eine und zwar die. Du mußt mir die voll⸗ ſtändige Leitung Deiner Pflege in die Hand geben— mußt mich bevollmächtigen, Arzt und Freunde, wie ich ſie für gut finde, zu mir zu berufen und jeden Rath, jede Maaßregel nach meinem Gutdünken durchführen zu dürfen!“ „Ach, Miles, Du wirſt— Du kannſt doch nicht daran denken, ihn rufen zu laſſen!“ „Gewiß nicht; ſeine Gegenwart würde mich aus dem Hauſe treiben. Mit dieſer einzigen Ausnahme iſt alſo meine Bedingung bewilligt?“ Grace machte ein Zeichen der Zuſtimmung und ſank dann wieder an meine Bruſt, durch die eben erlebten Scenen faſt gänzlich er⸗ ſchopft. Ich bemerkte, daß ich nicht länger bei dem kaum erwähn⸗ ten Gegenſtande verweilen, daß ich überhaupt nicht mit ihr ſtreiten durfte und hielt alſo ihre geliebte Geſtalt eine weitere Stunde lang mit meinen Armen unſchloſſen, ohne ſelbſt ein Wort zu reden, noch ihr eine Sylbe zu erlauben. Nach Verfluß dieſer zweiten kurzen Ruhepauſe fühlte ſich Grace mehr geſtärkt, als ſie es nach dem erſten unruhigen Schlum⸗ mer geweſen war und erklärte ſich kräftig genug, um auf ihr Zimmer zu gehen, wo ſie ſich bis zur Stunde des Mittageſſens auf ihr Bett zu legen wünſchte. Ich rief Chloe und wir Beide führten die Kranke in ihr Stübchen: ihr Haupt ruhte an meiner Bruſt, ihre Augen waren zärtlich nach meinem Geſichte emporge⸗ richtet, während wir über die langen Gänge hinſchritten und ich 637 fühlte mehrere Mal den ſanften Druck ihrer abgemagerten Hände, welche mich mit der Glut der reinſten Schweſterliebe umfaßten. Ich bedurfte einer vollen Stunde, um mich von dieſer Unter⸗ redung zu erholen. In der Stille meines eigenen Zimmers weinte ich wie ein Kind über die Zerſtörung des geliebten Weſens, das ich in der Fülle der Schönheit verlaſſen, obwohl ſchon damals der Scorpion des Zweifels Wurzel bei ihr gefaßt hatte. Noch blieb mir übrig, ihre Erlaͤuterungen zu vernehmen und ich beſchloß, mich dabei hinreichend zu beherrſchen, um ſie auf eine Weiſe aufnehmen zu können, welche Grace's Schmerz, wie ſie ihn dabei empfinden mußte, nicht noch vermehren ſollte. Sobald ich mich ruhig genug fühlte, ſetzte ich mich nieder, um Briefe zu ſchreiben. Einer ging an Marble. Ich bat ihn, das Ausladen des Schiffes durch den zweiten Steuermann beſorgen zu laſſen und mit der Schaluppe zu mir herauf zu kommen. Ich wünſchte ihn perſönlich zu ſprechen, da ich glaubte, die Dämme⸗ rung auf ihrer zweiten Reiſe ſchwerlich ſelbſt kommandiren zu können und ſie deßhalb unter ſeine Führung zu ſtellen beabſich⸗ tigte. Aus dieſem Grunde war es nöthig, daß wir uns perſönlich beriethen. Ich verhehlte ihm die Urſache meines Entſchluſſes nicht, ſagte aber natürlich kein Wort über die Veranlaſſung von meiner Schweſter Zuſtande.. Marble erhielt eine Liſte von Aerzten, unter denen er, von oben angefangen, nach der Reihenfolge denjenigen mitbringen ſollte, der zunächſt zu haben war. Ich hatte durch die Reiſe des letzten Jahrs zehntauſend Dollars netto eingenommen und war entſchloſſen, jeden Thaler dieſes Gewinns aufzuopfern, um mir den Beiſtand des beſten Arztes, den das Land aufzuweiſen hatte, damit zu erkaufen. Ich hatte Männer wie Hoſack, Poſt, Bayley, M⸗Knight, Moore u. ſ. w. aufgezeichnet, ja ich hatte ſogar daran gedacht, den Dn. Ruſh aus Philadelphia zu verſchreiben, ließ mich aber durch die Entfer⸗ 638 nung und die dringende Natur der Krankheit von dieſem Vorhaben wieder abſchrecken. Anno 1803 war Philadelphia ſelbſt bei der günſtigſten Jah⸗ reszeit für eine Flußfahrt drei Tagereiſen von Clawbonny entfernt, bei einigermaßen übler Witterung aber fünf bis ſechs, wogegen man dieſe Strecke heut zu Tage, falls man es mit der Abfahrt und Ankunft auf den verſchiedenen Linien geſchickt zu treffen weiß, in zwolf bis fünfzehn Stunden zurücklegt. Das iſt einer der wun⸗ derbaren Erfolge vorgeſchrittener Civiliſation, wie denn unſer Vater⸗ land in Allem, was ſich auf Bewegung, nicht aber auf Luxus und großen perſönlichen Comfort bezieht, auf der Stufenleiter der Na⸗ tionen eine hohe Stelle einnimmt. Daß es dagegen in andern we⸗ ſentlichen Stücken, beſonders in bequem eingerichteten Gaſthöfen noch weit zurückſteht, wird Niemand läugnen können, der mit der höheren Civiliſation Europa's bekannt iſt. Es iſt überhaupt eine auffallende Thatſache, daß wir gerade in dieſem letzteren Punkte — und blos wegen der zunehmenden Gewohnheit der Bevölkerung, in Schaaren neben einander zu leben, im Laufe des jetzigen Jahr⸗ hunderts rückwärts geſchritten ſind. Ich muß jedoch zu meinem peinlichen Gegenſtande zurückkehren, dem ich mich ſogar jetzt, nach einem ſo langen Zwiſchenraum, nur all zu gerne entziehe. Ich ſtand auf dem Punkte, an Lucy zu ſchreiben, zögerte aber noch, denn ich wußte nicht, ſollte ich ſie nach Clawbonny berufen oder nicht. Daß ſie augenblicklich kommen würde, ſowie ſie Grace's Lage erführe— daran zweifelte ich nicht im Geringſten: ſo wahn⸗ ſinnig war ich nicht, um ihrem Charakter unrecht zu thun, weil ich meine Skrupel darüber hegte, ob ich auch ſo, wie ich einſt gehofft hatte— von ihr geliebt würde. Daß Lucy in einem Sinne anhänglich an mich war, das konnte ich durchaus nicht bezweifeln, das bewies ihre letzte Auf⸗ nahme zur Genüge, und nach Allem, was Grace mir ſoeben ge⸗ ſagt hatte, durfte ich auch ihre unveränderte Zuneigung für dieſe nicht in Frage ſtellen. Selbſt wenn Lucy Andrew Drewett den Vorzug gab, ſo war dies noch kein Beweis, daß ſie in ihrer Freund⸗ ſchaft nicht ebenſo treu, warmherzig und dienſtfertig ſeyn würde, wie ſie es immer geweſen war. Aber bei alle dem war ſie Ruprecht's Schweſter, mußte Scharfblick genug beſitzen, um den Grund von Grace's Krankheit zu durchſchauen und mochte vielleicht nicht ſo unbeſchränkt in ihres Bruders Unrecht eingehen, wie man dies von einer Perſon wünſchen konnte, welche die Pflege am Krankenlager übernehmen ſollte. Ich beſchloß deßhalb, vorerſt noch Näheres von meiner Schweſter zu hören, ehe ich dieſen Theil meiner Pflicht erfüllte. Neb wurde herbeigerufen und nach der Werfte geſchickt mit dem Befehl, der Wallingford ſolle ſich bereit halten, mit dem erſten günſtigen Augenblick nach der Stadt abzuſegeln; dort ſolle ſich die Schaluppe blos auf ihren Ballaſt beſchränken und ohne unnöthigen Verzug nach Clawbonny zurückkehren. Am andern Ufer des Hudſon, auf einem Landſitze, den man in wenigen Stunden guten Segelns erreichen konnte, wohnte ein ausgezeich⸗ neter Arzt, Namens Bard, der ſich aber von den Geſchäften zurück⸗ gezogen hatte. Ich kannte ſeinen Charakter, hatte aber noch nie mit ihm geſprochen, denn wir vom rechten Ufer kamen damals nur ſelten in die Cirkel derer vom linken und erſt die Zunahme im Wohl⸗ ſtand und der Bevölkerung des Landes hat ſeither auch die weſtliche Seite in größeres Anſehen gebracht. Ich ſchrieb alſo auch an Dr. Bard, wandte mich mit dringenden Worten an ſeine menſchen⸗ freundlichen Gefühle— was bei einem ſolchen Manne vollkommen genügte— ſchloß eine entſprechende Banknote als Entſchädigung bei und befahl Neb augenblicklich, in der Grace und Lucy abzu⸗ gehen und mein Billet zu überliefern. Eben als ich hiemit fertig war, kam Chloe, um mich auf mei⸗ ner Schweſter Zimmer zu rufen. 640 Ich fand Grace noch auf ihrem Bette, aber munterer und weſentlich geſtärkt. Für einen Augenblick fing ich ſogar an zu glauben, meine Angſt habe die Gefahr übertrieben und ich werde meine Schweſter nicht verlieren. Wenige Minuten aufmerkſamer Beobachtung überzeugten mich aber, daß der erſte Eindruck der richtige geweſen war. Ich bin in den Theorien der Wiſſenſchaft nicht ſehr bewandert, — wenn überhaupt viel Wiſſenſchaft dabei im Spiele iſt— und weiß mir Grace's wahren phyſiſchen Zuſtand noch jetzt kaum zu erklären. Sie hatte ſechs grauſame Monate lang ihre Leiden im eigenen Buſen verſchloſſen, hatte dieſe ganze Zeit faſt ganz allein in der Einſamkeit eines Landhauſes verlebt— was, wie man ſagt, ſelbſt von den kräftigſten Naturen nur Wenige ungeſtraft thun können. Gebrechlich wie ſie immer geſchienen hatte, war ihre Lunge gleich⸗ wohl geſund, ſie ſprach mit Leichtigkeit und faſt mit ihrer ganzen urſprünglichen Kraft, ſo daß ihr Dahinſchwinden keine Folge eines Lungenleidens ſeyn konnte. Ich glaube eher, daß jene phyſiſche Wirkung der ungeſunden Thätigkeit ihrer Säfte zugeſchrieben werden mußte, welche durch Milz und Magen in Unordnung gerathen waren. Auch ihre unmerkliche Ausdünſtung war, glaub' ich, krankhafter Art, denn die Poren der Haut verſagten ihren Dienſt. Ich weiß recht gut, daß von den tauſend und ein mediciniſchen Kollegien des Landes kein einziges einen Graduirten aufweiſen wird, der dieſe Theorie nicht zu verlachen bereit wäre, wenn er auch höchſt wahrſcheinlich nicht im Stande iſt, eine beſſere zu Tage zu fördern— ſo leicht iſt das Niederreißen und ſo ſchwer das Aufbauen. Meine Abſicht geht übrigens blos dahin, dem Leſer einen all⸗ gemeinen Begriff von der Lage meiner armen Schweſter zu geben. In ihrem Geſichte zeigte ſich nicht ſowohl eine wirkliche Spur von Krankheit als vielmehr jener Ausdruck, den die Franzoſen mit dem bei ihnen üblichen Worte ‚fatigue“ ſo treffend bezeichnen. Grace's Geſtalt war ſchon von Natur ſo zart, daß eine geringe Abnahme 641 an ihr weniger bemerklich wurde, als es bei den meiſten Perſonen der Fall geweſen wäre; nur ihren ſchönen, kleinen Händen ge⸗ brach es an jener Fülle, welche früher die ſchlanken Finger mit ihrer roſigen Färbung ſo tadellos gemacht hatte. Sie mußte viel Fieber haben, da die Röthe ihres Geſichts oft weit ſtärker erſchien, als ich es ſonſt an ihr gewöhnt war. Eben dieſer Umſtand war es auch, der ihre Schoͤnheit ſo überirdiſch machte, ohne daß ſie von der, in dem letzten Stadium einer Lungenkrankheit ſo häufigen Abmagerung begleitet wurde, wenn gleich alle Kräfte der Kranken ſtark untergraben ſchienen. 1 Ohne ſich von ihren Kiſſen zu erheben, bat mich Grace um einen Abriß meiner letzten Reiſe. Sie hörte mir ohne Zweiſel mit wirklicher Theilnahme zu, denn Alles, was mich betraf, konnte in gewiſſem Grade auch ihr nicht fremd bleiben. Als ſie von meinen 1 glücklichen Erfolgen hörte, erglänzte ihr Antlitz im ſüßeſten Lächeln und die Theilnahme, welche ſie für Marble bezeugte, deſſen frühere 2 Geſchichte ihr wohl bekannt war— ſchien nicht geringer, als ich 1 ſte bei ſeiner eigenen Erzählung der erlebten Abenteuer empfun⸗ den hatte. . Dies Alles verſetzte mich in eine freudige Stimmung, denn es bewies mir, daß ich die Leidende aus ihrem Nachgrübeln über den 1 eigenen Kummer aufgerichtet hatte— was ließ ſich nicht Alles er⸗ warten, wenn wir ſie wieder dazu bringen konnten, daß ſie an den gewöhnlichen Lebensverrichtungen Antheil nahm: wenn wir ſie mit 3 den wenigen Freunden umgaben, welche ſie zärtlich liebte und deren . Abweſenheit vielleicht dazu beigetragen hatte, die Arme in ihren . gegenwärtigen Zuſtand zu verſetzen. . Dieſer Gedanke brachte mir Lucy wieder ins Gedachtniß und n ich wünſchte mich zu überzeugen, wie weit es Letzterer angenehm n ſeyn dürfte, wenn ſie nach Clawbonny berufen würde. Ich beſchloß 5 ſofort, das Geſpräch auf dieſen Gegenſtand zu leufen. Miles Wallingford. 642 „Du haſt mir geſagt, Grace, Du korreſpondireſt woͤchentlich mit Lucy?“ begann ich. „So oft der Wallingford geht und kommt, und wie Du weißt, geſchieht dies jede Woche. Der Grund, warum ich heute keinen Brief erhielt, iſt vermuthlich der, daß die Schaluppe vor der Zeit abſegelte. Der Lord⸗Oberadmiral befand ſich an Bord und gleich Wind und Wogen wartete er auf Niemand!“ „Dank Dir— Dank Dir, theuerſte Schweſter— dieſe Mun⸗ terkeit nimmt eine Bergeslaſt von meinem Herzen!“ Grace ſchien Anfangs erfreut; dann aber ſchaute ſie mir nach⸗ denklich in's Geſicht und ich konnte bemerken, wie ein trauriger Schatten über ihre Mienen hinflog. Große Thränen quollen ihr aus den Augen und drei bis vier dieſer Perlen rollten langſam über ihre Wange hinab. Dies alles ſagte deutlicher als Worte, daß ſie ſelbſt ihr Ende vorherſah, wenn auch ein zaͤrtlicher Bruder ſich für den Augenblick hierüber täuſchen mochte. Ich beugte mein Haupt auf das Kiſſen, unterdrückte die Seufzen, die mich beinahe erſtickten, und küßte ihr die Thränen von den Wangen. Um aber dieſen betrübenden Scenen ein Ende zu machen, beſchloß ich, in Zukunft mehr einen Geſchäftston zu beobachten und alles Gefühl ſo viel wie möglich zu unterdrücken. „Der Lordoberadmiral, beſte Grace,“ begann ich auf's Neue, „iſt an Bord ſeines Schiffes eine Art von Türke, wie der ehrliche Moſes Marble Dir ſagen wird, ſobald Du ihn ſiehſt. Jetzt aber zu Lucy und ihren Briefen; die letzten ſind wahrſcheinlich mit zar⸗ ten Geheimniſſen über Leute, wie Andrew Drewett, und andere ihrer Verehrer angefüllt, ſo daß es unpaſſend wäre, mir einen derſelben anzueignen?“ Grace blickte mich ernſthaft an, als oh ſie ſich überzeugen „ wollte, ob ich auch wirklich ſo arglos war, wie ich zu ſeyn vor⸗ gab; dann ſchien ſie nachzuſinnen, zupfte an dem Ueberzug der —— — 643 makelloſen Bettdecke, auf der ſie lag, ganz wie wenn ſie nicht wüßte, was ſie ſagen oder denken ſollte. „Ich ſehe ſchon, wie's ſteht,“ fuhr ich mit gezwungenem Lächeln fort,„meine Andeutung war unbeſcheiden. Ein rauher Sohn Neptun's iſt kein geeigneter Vertrauter für Miß Lucy Har⸗ dinge’s Geheimniſſe. Vielleicht haſt Du Recht: denn Treue unter Euch ſelbſt iſt eine unumgängliche Pflicht Eures Geſchlechts.“ „Es iſt nicht das, Miles. Ich bezweifle, ob Lucy mir jemals eine Linie ſchrieb, welche Du nicht leſen dürfteſt; zum Beweis hiefür ſollſt Du das ganze Packet ihrer Briefe haben, mit voller Er⸗ laubniß, jeden derſelben durchzuleſen. Es wird ſeyn, als ob Du die Korreſpondenz einer zweiten Schweſter durchgingeſt!“ Mich dünkte, Grace habe auf das Wort ,Schweſter’ einen beſondern Nachdruck gelegt und ich fuhr bei dieſem unwillkommenen Klange zuſammen, denn unwillkommen war er mir— ſo weit er Lucy Hardinge betraf— in einem Grade, wie ich ihn unmöglich zu beſchreiben vermag. Ich hatte bemerkt, daß Lucy für mich niemals einen dieſer Ausdrücke gebrauchte, und dies war einer der Gründe, warum ich mich der thörichten Vermuthung hingab, als ob ſie ſich einer zärt⸗ licheren Empfindung bewußt ſey. Allein Lucy war ſo natürlich, ſo frei von jeder Uebertreibung, ſo lauter und gerecht in allen ihren Gefühlen, daß man die gewöhnlichen Aeußerungen mädchenhafter Schwäche bei ihr gar nicht erwarten durfte. Meine Schweſter rief mittlerweile Chloe'n herbei, gab ihr die Schlüſſel zu ihrem Schreibtiſch und befahl ihr, mir das bezeich⸗ nete Packet zu bringen. „Geh jetzt, Miles, und ſieh' ſie durch,“ ſagte meine Schweſter, als ich die Briefe empfing;„es müſſen ihrer mehr als zwanzig ſeyn und Du kannſt vor der Eſſensſtunde noch die Hälfte durchleſen. Bei Tiſch treff' ich Dich wieder; aber nicht wahr, ich darf Dich bitten, den guten Mr. Hardinge nicht zu erſchrecken. Er hält mich nicht 644 für ernſtlich krank, und es kann ihm wie mir nichts nützen, wenn wir ihm Schmerz verurſachen.“ Ich verſprach ihr Verſchwiegenheit und eilte mit der koſtbaren Sammlung von Lucy's Briefen auf mein Zimmer. Soll ich die Wahrheit geſtehen? Ich bedeckte die Papiere mit heißen Küſſen, ehe ich ſie öffnete und mir war, als ob ich einen Schatz beſäße, da ich ſo viele von des theuren Mädchens Briefen in meiner Hand hielt. Ich fing nach der Ordnung der Datums an und begann voll Eifer zu leſen. Für Lucy Hardinge war es gleichſam unmöglich, an Jemand, den ſie liebte, zu ſchreiben, ohne dabei die Wahrhaftigkeit und Natürlichkeit ihrer Gefühle an den Tag zu legen: dieſe zeigten ſich in jedem Satze, wo eine Anſpielung ſolcher Art am Platze war. Aus Allem ging hervor, wie die Verfaſſerin nichts davon wußte, daß ſie an eine Kranke ſchrieb, wiewohl ihr Grace's Abgeſchieden⸗ heit kein Geheimniß ſeyn konnte. Ihr Zweck war augenſcheinlich, Grace zu unterhalten, da ihr deren Seelenleiden nicht wohl fremd ſeyn konnten. Aber die Briefe hatten noch andere Reize. Lucy ſchien eine ſcharfe Beobachterin zu ſeyn und ihre Briefe waren voll anmuthiger Betrach⸗ tungen über die Thorheiten, welche täglich in New⸗York ſo gut, wie zu Paris oder London begangen würden. Ich ergötzte mich höchlich an der ſcharfen aber feinen Satyre darin, welche übrigens mit gewöhnlicher Skandalſucht nichts gemein hatte. Es ſtand nichts in dieſen Briefen, was man nicht in einem Salon Jedermann, die betreffenden Perſonen ſelbſt natürlich ausgenommen— hätte ſagen dürfen; dabei überfloßen ſie von einem Humor, der ſich oft bis zum Witze erhob, immer aber von einem Takte, einem Geſchmacke gemildert war, wie ein Mann ihn niemals erreicht hätte. Aus Allem konnte ich erſehen, daß Lucy, blos um Grace auf⸗ zuheitern, einem natürlichen Talente freien Spielranm gab, das, ebenſo wahr, als ihres Bruders Fähigkeit in dieſem Betrachte buhle⸗ riſch und jeſuitiſch— letztere bei weitem übertraf und uns Allen bis 645 jetzt verborgen geblieben war, einzig weil ſie keine paſſende Gelegen⸗ heit zu deſſen Entfaltung gefunden hatte. Anſpielungen in den Briefen ſelbſt bewieſen, daß Grace über dieſe unerwartete Entwick⸗ lung eines humoriſtiſchen Beobachtungsgeiſtes ihre Bemerkungen gemacht und ihr Erſtaunen über deſſen ploͤtzliches Auftauchen aus⸗ gedrückt hatte— die Sache war alſo meiner Schweſter ebenſo neu, wie mir ſelbſt. Auch das ſiel mir auf, daß Ruprechts Name nicht ein ein⸗ ziges Mal in allen dieſen Briefen zum Vorſchein kam. Sie umfaßten vom älteſten bis zum neueſten Datum gerade ſieben und zwanzig Wochen in neun und zwanzig Schreiben— zwei waren nämlich durch Privatgelegenheit, höchſt wahrſcheinlich mit ihrem Vater, der die Reiſe öfter zu Land machte, eingetroffen— und auch nicht einer enthielt die leiſeſte Anſpielung auf ihren Bruder oder eines von den beiden Mertons. Dies genügte mir vollkommen, um einzuſehen, wie gut Lucy den Grund von Grace's Abreiſe nach Clawbonny durchſchaut hatte. „Und wie war es denn mit Miles Wallingford's Namen?“ wird manche meiner ſchönen Leſerinnen fragen. Ich durchlas im Laufe des Abends das ganze Packet ſorgfäl⸗ tig und legte blos zwei von den Briefen— als die einzigen Aus⸗ nahmen, bei Seite, in denen mein Name nicht vorkam. Bei ge⸗ nauer Prüfung fand ich aber, daß jeder der beiden ein Poſtſkript enthielt, von denen das eine folgendermaßen lautete: „Ich erſehe aus den Zeitungen, daß Miles dieſe eigenſinnigen Türken endlich verlaſſen hat und nach Malta abgeſegelt iſt. Ich bin froh darüber, da man nicht wohl wünſchen kann, den treff⸗ lichen Jungen in den ſieben Thürmen eingeſperrt zu ſehen, ſo ehren⸗ voll es auch für ihn ſeyn möchte.“ Die andere Nachſchrift war folgenden Inhalts: „Der liebe Miles iſt, wie mein Vater erzählt, nach Livorno abgegangen und darf dieſen Sommer zu Hauſe erwartet werden. 646 Welche Seligkeit dies für Dich ſeyn wird, theuerſte Grace— das kann ich ſehr wohl begreifen und brauche Dir kaum zu ſagen, daß Niemand ſich mehr freuen wird, ihn wieder zu ſehen, als ſein ehemaliger Vormund und ich.“ Daß ſie öfter die Zeitungen durchgeſehen hatte, um durch die, aus den verſchiedenen Theilen der Welt anlangenden Schiffe Nach⸗ richten über meine Fahrten in Europa einzuziehen— dies war deutlich zu erkennen, nur wußte ich nicht recht, was ich aus der natürlichen, einfachen Zärtlichkeit machen ſollte, mit der jedesmal meines Namens erwähnt wurde. Ihr mochte wohl der Wunſch zu Grunde liegen, meiner Schweſter eine Freude zu machen und ſie von Allem zu benachrichtigen, was Lucy ſelbſt von meinen Schritten wußte. Auch Andrew Drewett's Name kam ſehr häufig vor, doch mei⸗ ſtens in Verbindung mit dem ſeiner Mutter, welche ſich offenbar und beſonders während der Zeit, da Lucy durch ihre Trauer von der Welt und ihren Vergnügungen entfernt gehallen war, als eine Art förmlicher Ehrendame bei Letzterer eingeführt hatte. Ich überlas einige dieſer Stellen mit der gewiſſenhafteſten Aufmerkſamkeit, um das Gefühl herauszufinden, welches jene Worte diktirt hatte; aber ſelbſt die geübteſte Kunſt hätte ein derartiges Geheimniß nicht glück⸗ licher verſtecken können, als Lucy's offene Natürlichkeit es gethan hatte. Dies iſt gar häufig der Fall: der laſterhaften, abgefeimten, trügeriſchen und ſelbſtſüchtigen Welt werden die aufrichtigſten, lau⸗ terſten Charaktere tagtäglich als die verſchloſſenſten Myſterien erſcheinen. Ein ehrlicher Mann iſt in der That für alle Andern ein Räthſel, nur nicht für die, welche die Dinge mit ſeinen eigenen Augen betrachten. Dies iſt der Grund, warum den einfachſten und ſcheinbar ehrenhafteſten Handlungen faſt immer falſche Beweg⸗ gründe untergelegt werden. 3 Das Reſultat von all' dem war, daß ich an Lucy ſchrieb und ſie dringend nach Clawbonny einlud, nachdem ich zuvor Sorge ge⸗ tragen hatte, mich zur Verſtärkung meiner Bitte der Genehmigung — 647. ihres Vaters zu verſichern. Ich that dies, ohne gerade Unruhe bei ihr zu erwecken, jedoch mit ſolchem Nachdruck, daß ich der Ge⸗ währung ziemlich ſicher ſeyn durfte. Nach reiflicher Ueberlegung und nachdem ich meine Schweſter bei Tiſche geſehen, wo ſie nichts als ein leichtes Gemüſe genoß— auch den Abend bei ihr zugebracht hatte, glaubte ich nicht weniger thun zu koͤnnen, wenn ich mich nicht gegen die Kranke, wie gegen ihre Freundin verfehlen wollte. Ich entſchloß mich aber nur ſehr ungern dazu, und zwar aus mehreren Gründen, unter andern auch deßhalb, weil ich um keinen Preis den Schein auf mich laden mochte, als ob ich Lucy aus der Geſellſchaft meines Nebenbuhlers in meine eigene ziehen wollte. Allein welches Recht beſaß ich, mich ſelbſt den Nebenbuhler oder Mitbewerber eines Mannes zu nennen, der ſeine Ergebenheit offen eingeſtand, wogegen ich ſelbſt noch nie eine Sylbe verrathen hatte, welche man nicht eben ſo gut als die Sprache jener Freund⸗ ſchaft mißverſtehen konnte, wie Zeit und Gewohnheit oder die Achtung vor den gegenſeitigen Vorzügen ſie ſo leicht unter jungen Leuten verſchiedenen Geſchlechts erwecken können? Ich war beinahe als Lucy's Bruder auferzogen worden— warum ſollte ſie alſo nicht wie eine Schweſter für mich fühlen? Neb fuhr mit dem Boote ab, ſobald er ſeine Befehle erhalten hatte, und der Wallingford ging noch in derſelben Nacht mit bloßem Ballaſte unter Segel— er hatte nach Ausladung ſeines Waizens keine Stunde vor der Werfte verweilt. Ich fühlte mich leichter, nachdem dieſe Pflichten erfüllt waren, und war jetzt in beſſerer Verfaſſung, um die Nacht in Frieden hin⸗ zubringen. Auch Grace's Ausſehen und ganzes Weſen trugen zu dieſer Beruhigung bei; denn ſie ſchien wieder aufzuleben und in dem Gedanken, ihren Bruder in der Nähe zu beſitzen, einen ge⸗ wiſſen Grad irdiſcher Glückſeligkeit zu empfinden. Als Mr. Hardinge das Abendgebet las, kam ſie an den Stuhl, vor dem ich ſtand, ſchloß meine Hand in die ihrigen und knieete an 648 meiner Seite nieder. Ich ward durch dieſen Beweis ihrer Liebe bis zu Thränen gerührt, denn er ſchien viel eher der Zärtlich⸗ keit eines heiligen, abgeſchiedenen Geiſtes, welcher diejenigen noch umſchwebt, die er auf Erden geliebt hat, als einer welt⸗ lichen Regung anzugehören. Ich ſchloß das theure Mädchen an meine Bruſt, als ich ſie in jener Nacht an der Thüre ihres Gema⸗ ches verließ, um mit ſchwerem Herzen mein eigenes Lager aufzu⸗ ſuchen. Seemänner beten nur ſelten— weit weniger als ſie unter den rauhen Auftritten ihres gefährlichen Lebenslaufes thun ſollten. Gleichwohl hatte ich die Lehren meiner Kindheit nicht ganz vergeſſen und pflegte ſie manchmal noch zu üben. In jener Nacht aber betete ich inbrünſtig zu Gott und flehte ihn an, meine Schweſter zu verſchonen, wenn es ſeiner Weisheit alſo geſiele; auch rief ich ihn demüthig um ſeinen Segen an für den trefklichen Geiſtlichen, wie für die geliebte Lucy. Ich ſcheue mich nicht, dies zu geſtehen— mag auch darüber lachen, wer da will. Neunundzwanzigſtes Kapitel. Wo Harm, da iſt auch Troſt zu finden; Härmt Ihr Euch über meinen Liebeskummer, So ſchenkt mir Liebe— Harm und Kummer Sind mir erloſchen dann. Wie'’s Guch gefällt. Wahrend des nächſten Vormittags bekam ich nur wenig von meiner Schweſter zu ſehen. Sie hatte in der letzten Zeit immer auf ihrem eigenen Zimmer gefrühſtückt und bei dem kurzen Beſuche, den ich daſelbſt abſtattete, fand ich ſie ruhig und mit einem An⸗ ſchein erneuter Stärke, der mich für die Zukunft ſehr ermuthigte. 649 Mr. Hardinge wollte mir dieſen Morgen durchaus Rechnung über ſeine Vormundſchaft ablegen, und ich mußte den guten Geiſt⸗ lichen gewähren laſſen, obwohl jener Verwaltungsbericht bei mir ganz überflüſſig war, denn hätte der ehrliche Alte eine Beſcheini⸗ gung in Bauſch und Bogen von mir verlangt, ich hätte ſie ihm herzlich gerne gegeben, ohne die einzelnen ‚Item's“ lange zu prüfen. Mr. Hardinge hatte darin eine beſondere Eigenheit an ſich. Niemand lebte im Allgemeinen weniger für die Welt, Niemand war untauglicher, ausgedehnte weltliche Intereſſen, welche Sorg⸗ falt und Umſicht erforderten, zu überwachen, und Niemand wäre in ſchwierigen verwickelten Sachen ein unſichrerer Bevollmächtigter geweſen, als er— gleichwohl zeigte er ſich in bloßen Rechnungs⸗ geſchäften ſo geordnet und pünktlich wie der zuverläßigſte Bankier. Strengrechtlich und unerſchütterlich die Anſprüche Anderer bewach⸗ end war der gewiſſenhafte Geiſtliche den größeren Theil ſeines Lebens hindurch mit einem höchſt unbedeutenden Gehalte ausge⸗ kommen und hatte ſich nie in Schulden eingelaſſen, die er nicht bezahlen konnte.— Was dieſe Vorſicht noch bemerkenswerther machte, war der Umſtand, daß er einen Verſchwender zum Sohne hatte; aber auch Ruprecht hatte ihn niemals in eine derartige Schwäche zu locken vermocht. Ich zweifle, ob ſeine wirkliche Kaſſeneinnahme— den Gewinn von ſeinem Gütchen ungerechnet— jemals dreihundert Thaler jährlich betrug; und doch erſchienen er und ſeine Kinder ſtets wohlgekleidet und ich wußte aus eigener Erfahrung, daß an ſeinem Tiſche kein Mangel herrſchte. Zwar erhielt er von ſeinen Pfarrkindern von Zeit zu Zeit kleine Geſchenke; doch konnten dieſe wegen ihres geringen Betrages kaum in Rechnung kommen. Es war ſeine Ordnungsliebe, ſein feſter Entſchluß, dieſem Einkommen nicht vorzugreifen, was ihn ſo hoch über die Welt ſtellte, trotzdem daß er eine Familie zu ernähren hatte— wogegen er ſich jetzt, wie er mir verſicherte, nachdem Mrs. Bradfort's Ver⸗ 650 mögen im Beſitze ſeiner Kinder war, ganz reich vorkam, obgleich er es gewiſſenhaft vermied, von den hübſchen Einkünften, welche ihm als dem Teſtamentsvollſtrecker durch die Hände kamen, auch nur einen Thaler für ſich ſelbſt zu verwenden. Das Alles gehörte Lucy, welche ſelbſt während ihrer Minderjährigkeit zu deſſen Em⸗ pfange berechtigt war, und an ſie bezahlte er auch vierteljährlich ſämmtliche Gelder bis auf den letzten Cent, während die Schweſter ſodann für Ruprechts zahlreiche Bedürfniſſe Sorge trug. Ich fand natürlich das Ganze bis auf den Heller hinaus in Ordnung; die erforderlichen Papiere wurden unterzeichnet, die An⸗ waltsvollmacht vernichtet und ſo trat ich in den vollen Beſitz mei⸗ nes Eigenthums. Ein unerwartetes Steigen der Mehlpreiſe hatle meine Landeinkünfte dieſes Jahr auf die huͤbſche Summe von neun⸗ tauſend Thalern geſteigert— doch waren dies nicht eigentlich Einkünfte ſondern vornehmlich Gewinn aus dem Ertrage der Mühlen. Meinen baaren Kaſſenvorrath dazugeſchlagen, fand ich, daß ich gerade über dreißigtauſend Dollars verfügen konnte; dazu kam noch der Werth meines Schiffes und ſo ergab ſich eine Summe, welche mich zu einem ſorgenfreien Manne machte und mir bei klu⸗ ger Verwaltung den Weg zum Wohlſeande eroͤffnete. Wie gerne hätte ich jeden Cent davon hingegeben, wenn ic Grace wieder ſo geſund und glücklich hätte ſehen köoͤnnen, als ſie in dem Augenblicke war, da ich ſie vor meiner Abfahrt auf der Kriſis bei Mrs. Bradfort verlaſſen hatte! Nachdem wir die Zahlen bereinigt hatten, ſetzte ich mich mit Mr. Hardinge zu Pferde, um mein Gut zu bereiten und den Zu⸗ ſtand deſſelben zu beaugenſcheinigen. Unſer Weg führte an dem kleinen Pfarrhaus und an Mr. Hardinge's Gütchen vorüber: der ehrliche einfache Geiſtliche erhob alsbald eine Lobrede über die Schoͤnheiten ſeines eigenen ‚Sitzes“ und vermochte die Freude nicht zu beſchreiben, mit der er in ſeine alte Wohnung zurückkehren 651 werde. Er liebte Clawbonny nicht weniger als früher, aber ſein Pfarrhäuschen liebte er nun einmal über Alles. „Ich wurde in dieſem beſcheidenen, warmen, ruhigen, alten Steinhüttchen geboren, Miles,“ verſicherte er;„ich verlebte da⸗ ſelbſt manche Jahre als glücklicher Gatte und Vater und ich hoffe — das darf ich wohl auch ſagen— als ein getreuer Hirte meiner kleinen Heerde. Mein St. Michaelskirchlein zu Clawbonny iſt frei⸗ lich keine Kathedrale, wie die Trinitykirche zu New⸗York; doch würde es ſich wohl— natürlich in geringerem Zahlenverhältniſſe— als eine eben ſo gute Pflegemutter von Heiligen herausſtellen. Wie manche demüthige, andächtige Chriſten habe ich vor ſeinem kleinen Altare knieen ſehen, Miles; darunter Deine Mutter und Deine ehrwürdige alte Großmutter— ſie waren zwei von den Beſten. Ich hoffe, der Tag iſt nicht fern, wo ich abermals eine Mrs. Miles Wallingford daſelbſt treffen ſoll. Thue nur bald dazu, mein Junge;„jung gefreit hat noch Niemand gereut“— man wird viel glücklicher als in ſpäterer Zeit, wenn nämlich die nöthigen Sub⸗ ſiſtenzmittel vorhanden ſind.“ „Ihr wollt doch nicht, daß ich eher heirathe, theurer Sir, als bis ich ein Weib finde, das ich aus vollem Herzen lieben kann?“ „Verhut' es der Himmel! Eher moͤcht' ich Dich noch an mei⸗ nem Sterbetage als Junggeſellen vor mir ſehen. Aber Amerika beſitzt ja Frauen genug, welche ein Jüngling wie Du lieben könnte und ſogar ſollte. Ich ſelbſt wüßte Dir wenigſtens fünfzig zu nennen.“ „In der That, Sir, Eure Empfehlung wäre bei mir von großem Gewichte. Ich wollte, Ihr machtet jetzt gleich den Anfang.“ „Das will ich, das will ich, wenn Du es wünſcheſt, mein theurer Junge. Nun da iſt gleich eine Miß Hervey, Miß Katha⸗ rina Hervey— unten in der Stadt: ein Mädchen von trefflichen Eigenſchaften, welche herrlich für Dich paſſen würde, wenn Du Dich nur entſchließen wollteſt.“ 4 65²2 „Ich entſinne mich der jungen Dame; die größte Einwendung, die ich gegen ſie zu erheben wüßte, wäre ihr Mangel an perſön⸗ lichen Reizen. Unter allen Bekannten Mrs. Bradfort's war ſte, glaub' ich, eine der ſchlichteſten.“ „Was iſt Schönheit, Miles? Für die Ehe muß der Gatt⸗ auf ganz andere Empfehlungen Werth legen.“ „Ei, da hab' ich Euch doch eine ganz andere Theorie befolgen ſehen; Mrs. Hardinge war ſehr hübſch, wie ich ſogar mich noch erinnern kann.“ „Ja das iſt wahr,“ gab der gute Geiſtliche ungekünſtelt zur Antwort;„ſie war es— aber Schönheit ſoll doch auch nicht als eine Einwendung betrachtet werden. Wenn Dir übrigens mein Vor⸗ ſchlag mit Käthchen Hervey nicht gefällt— was ſagſt Du zu Johanna Harwood: das wäre ein hübſches Mädchen für Dich.“ „Ein hübſches Mädchen, Sir, aber nicht für mich. Da Ihr mir aber ſo viele Namen von jungen Mädchen anführt, warum wollt Ihr denn Eure eigene Tochter übergehen?“ Ich ſagte dies mit einer gewiſſen verzweifelten Entſchloſſenheit, verlockt von der Gelegenheit, wie von der Wendung, welche das Geſpräch genommen hatte. Kaum waren mir aber die Worte ent⸗ fahren, als ich meine Kühnheit bereute und faſt mit Zittern einer Antwort entgegen harrte. „Lucy!“ rief Mr. Hardinge, ſich plötzlich nach mir umwendend und mir ſo aufmerkſam und ernſt ins Geſicht ſtarrend, daß ich wohl ſah, die Möglichkeit eines ſolchen Falles war ihm noch nie zuvor in den Sinn gekommen.„In der That, warum ſollteſt Du Lucy nicht heirathen? Im Ganzen beſteht nicht ein Gran von Verwandt⸗ ſchaft zwiſchen euch Beiden, wenn ich euch auch noch ſo lange als Bruder und Schweſter betrachtete. Ich wollte, wir haͤtten früher daran gedacht, Miles; es gäbe ja eine prächtige Verbindung, aber die See müßteſt Du mir verlaſſen, das ſag' ich Dir. Lucy hat ein zu hingebendes Gemüth, als daß man ſie beſtändig wegen des — wW 653 abweſenden Gatten in Sorge laſſen duͤrfte. Ich wundere mich nur, daß mir die Moglichkeit einer ſolchen Vereinigung nicht beiſiel, ehe es zu ſpät war; ein Mann, ſo ſehr gewöhnt wie ich, Alles was um ihn vorgeht, zu bemerken— und ſo etwas zu überſehen!“ Die Worte„zu ſpät“ klangen mir wie ein Urtheilsſpruch des Schickſals und hätte mein ehrlicher Begleiter auch nur den zehnten Theil der Beobachtungsgabe beſeſſen, deren er ſich ſo ſehr rühmte— er hätte meine Bewegung bemerken müſſen. Nachdem ich aber einmal ſo weit gegangen, war ich auch entſchloſſen, das Schlimmſte zu erfahren, ſo viel es mich auch koſten mochte. „Ich vermuthe, Sir, gerade der Umſtand, daß wir zuſammen erzogen wurden, hat uns Alle verhindert, die Sache als eine Mög⸗ lichkeit zu betrachten. Aber warum ‚zu ſpäte? mein trefflicher Vor⸗ mund, wenn wir, die wir am meiſten dabei betheiligt ſind, nun ein⸗ mal anders darüber daͤchten?“ „Allerdings nicht zu ſpät, wenn Du Lucy ſelbſt in Deine Bedingungen einſchließſt; aber ich fürchte, Miles, eben für Lucy iſt es ‚zu ſpät.““ „Soll ich dies etwa ſo verſtehen, daß Miß Hardinge mit Mr. Drewett verlobt iſt? Hat er bereits ihre Zuneigung gewonnen?“ „Auf Eines darfſt Du feſt vertrauen, Knabe, daß nämlich Lucy, wenn ſie einmal verlobt iſt, ſich auch aus Liebe verlobt hat, denn ein ſo gewiſſenhaftes Mädchen wird ſich niemals vermählen, ohne mit ihrer Hand auch ihr Herz weg zu geben. Was die Sache ſelbſt betrifft, ſo habe ich übrigens keine Gewißheit, ſondern blos Ver⸗ muthungen: ich glaube, daß zwiſchen ihr und Andrew Drewett ein Verhältniß gegenſeitiger Zuneigung beſteht.“ „Ihr glaubt dies natürlich aus guten Gründen, Sir, denn Lucy iſt keine Gefallſüchtige, ſie wird nie einen Mann ermuthigen, wenn ſie ihn nicht zu wählen bereit iſt.“ „Das iſt Alles, was ich von der Sache weiß. Drewett fäͤhrt fort ſie zu beſuchen, iſt ſo aufmerkſam als ein junger Mann bei 654 einem Mädchen wie Lucy nur immer ſeyn kann, da dieſe ſehr ſtreng auf Beobachtung des Anſtandes hält, und ich ſchließe alſo, daß ſie unter ſich einverſtanden ſind. Ich habe ſchon daran gedacht, mit Lucy über die Sache zu reden; aber ich mag in einem Falle, wo kein Hinderniß vorhanden iſt, keinerlei Einfluß auf ihr Urtheil gel⸗ tend machen. Drewett iſt eine in jeder Beziehung paſſende Parthie⸗ und ſo laſſe ich den Dingen lieber ihren Lauf. Ein kleiner Um⸗ ſtand iſt mir übrigens aufgefallen, deſſen ich gegen Dich, Miles, der Du gewiſſermaßen mein Sohn biſt, wohl erwähnen darf, und den ich für des Mädchens Neigungen als entſcheidend betrachte— ich habe nämlich bemerkt, daß ſie alle Gelegenheiten vermeidet, wo ſie mit Drewett allein ſeyn könnte— ſie lehnt z. B. Ausflüge ab, wo ſie in ſeinem Wagen fahren müßte, und geht eben ſo wenig allein mit ihm, nicht einmal bis zur nächſten Thüre. Ja ſo eigen iſt ſie, daß ſie ſogar bei ſeinen häufigen Beſuchen in ihrem Hauſe es ſtets ſo einzurichten weiß, daß ſie niemals mit ihm allein iſt.“ „Und betrachtet Ihr das als einen Beweis von Neigung? — als ein Zeichen ihres Verſtändniſſes? Findet Ihr eine ſolche An⸗ ſicht durch Eure eigene Erfahrung beſtätigt, Sir?“ „Was anders kann es ſeyn, als das Bewußtſeyn ihrer Leiden⸗ ſchaft— einer Liebe, die ſie vor Jedermann verbergen will? Du verſtehſt Dich nicht auf, ihr Geſchlecht, Miles— ſo viel iſt mir klar— ſonſt würdeſt Du die Feinheiten der Frauennatur weit beſſer kennen. Was meine Erfahrung betrifft, ſo kann ich hieraus keinen Schluß ziehen, da ich und mein theures Weib uns noch ſehr jung und ganz allein in ihrer Mutter Landhauſe zuſammenfanden, und das verſchämte Mädchen keine Gelegenheit fand, ihr Bewußtſeyn vor der bettlägerigen alten Dame zu verrathen. Wenn ich mich überhaupt auf die menſchliche Natur verſtehe, ſo iſt dies das Ge⸗ heimniß von Lucy's Gefühlen für Andrew Drewett. Nichts deſto weniger ſcheint es mir für Dich, Miles, nicht von großer Bedeutung, denn es gibt ja noch die Fülle von jungen Mädchen in der Welt.“ 655) „Allerdings, Sir; aber nur eine einzige Lucy Hardinge!“ ver⸗ ſetzte ich mit einer Glut und einem Nachdruck, welche mehr ver⸗ riethen, als ich eigentlich beabſichtigte. Mein ehemaliger Vormund fiel diesmal ſeinem Pferde in die Zügel, um mich zu betrachten und ich konnte bemerken, wie ſich tiefe Betrübniß um ſeine ſonſt ſo ruhige, heitere Stirne lagerte. Er fing an, meine Gefühle zu durchſchauen— eine Erkenntniß, welche ihm, ſo glaube ich, ernſtlichen Kummer verurſachte. „Das hätte ich mir niemals träumen laſſen!“ rief Mr. Har⸗ dinge endlich:„liebſt Du Lucy wirklich, theurer Miles?“ „Mehr als mein eigenes Leben, Sir; ich bete nahezu den Boden an, den ihr Fuß betritt; ich liebe ſie mit meinem ganzen Herzen und habe ſie, glaub' ich, von meinem ſechzehnten— ja wohl gar von meinem zwölften Jahre an geliebt, wenn die Wahrheit ſo recht an den Tag käme!“ Mein Geheimniß war mir entſchlüpft, wie der Miſſiſippiſtrom einen Damm durchbricht und nachdem einmal ein Durchgang eröffnet war, wußte es ſich ſeinen Pfad ſchon ſelbſt zu finden, bis der Strom meiner Gefühle keinen Zweifel über ſeine Richtung übrig ließ. Ich war, glaub' ich, über meine eigene Schwäche etwas beſchämt, denn ich trieb mein Roß weiter, während Mr. Hardinge eine beträchtliche Strecke in tiefem und gewiß höchſt peinlichem Stillſchweigen neben mir her ritt. „Das hat mich ganz überraſcht, Miles,“ hub endlich mein geweſener Vormund wieder an—„in der That völlig überraſcht. Was wollte ich nicht darum geben, wenn ich dies vor einem oder zwei Jahren gewußt hätte! Mein ganzes Herz iſt voll Theilnahme für Dich, Du lieber Junge, denn ich kann wohl begreifen, was es ſeyn muß, ein Mädchen wie Lucy ohne Hoffnung zu lieben. Warum haſt Du's denn nicht früher geſagt? oder warum mußteſt Du denn durchaus auf die See gehen, da Du einen ſo ſtarken Beweggrund, zurückzubleiben hatteſt?“ 656 „Ich war damals zu jung, Sir, um nach meinen Gefühlen zu handeln oder ſie überhaupt nur zu verſtehen. Bei meiner Rückkunft mit der Kriſis fand ich Lucy in einem höheren Geſellſchaftskreiſe, als darin ich geboren und erzogen war und ich hätte ihr einen ſchlechten Beweis meiner Liebe gegeben, wenn ich ſie zu meinem eigenen Stande hätte herabziehen wollen.“ 3 „Ich verſtehe Dich, Miles, und weiß die Großherzigkeit Deines Benehmens zu würdigen— aber ich fürchte, bei Deiner Rückkehr von der Kriſisfahrt wäre es ſchon zu ſpät geweſen. Das war ja erſt vor einem Jahr und damals hatte ſich Andrew Drewett, glaub' ich, bereits erklärt. Du haſt übrigens nicht ſo Unrecht, wenn Du Hei⸗ rathen in ungleichen Lebensverhältniſſen verwirfſt, denn ſie führen zu manchem Herzenskummer und vermindern ſtark die Wahrſchein⸗ lichkeit des Glücks. Eines aber iſt gewiß in allen ſolchen Faͤllen; wenn ſich der Tieferſtehende nicht zu dem Standpunkte des Hoͤheren emporſchwingt, muß dieſer nothwendig zu dem des Niedreren herab⸗ ſinken— Mann und Frau koönnen nicht fortfahren, verſchiedene ge⸗ ſellſchaftliche Stellungen einzunehmen. Es gibt zwar Fantaſten, welche derlei Unſinn predigen und ihn für geſunden Menſchenverſtand ausgeben— das taugt aber einzig für hohle Theorien und kann mit den großen praktiſchen Regeln nichts zu ſchaffen haben. Dem Grundſatze nach hatteſt Du alſo vollkommen Recht, Miles, nur haſt Du die Sache in Deinem beſonderen Falle bedeutend übertrieben.“ „Ich habe noch immer gehoͤrt, Sir, und auch jederzeit gerne zugegeben, daß die Hardinge's einer andern Geſellſchaftsklaſſe ange⸗ hörten, als die Wallingford's ſie von jeher einnahmen.“ „Das iſt wahr, aber blos zum Theil und keineswegs in dem Grade, daß daraus eine unüberſteigliche Schranke zwiſchen Dir und Lucy erwachſen wäre. Du vergißſt, wie arm wir damals waren und welche ausreichende Verſorgung die Verwaltung von Claw⸗ bonny meinem theuren Mädchen gewährt haͤtte. Ueberdies biſt Du von ehrenwerther Abſtammung und Stellung, wenn Du auch, genau 657 genommen, nicht zu den höhern Ständen gehöͤrſt, und wir leben nicht in einer Zeit oder in einem Lande, wo Anſichten ſolcher Art über die ſeſten Gränzen der Vernunft hinausſchweifen dürften. Du und Lucy wurden auf gleicher Stufe erzogen und im Ganzen bildet dies das Haupterforderniß für eine eheliche Verbindung.“ Es lag allerdings viel geſunder Sinn in Mr. Hardinge's Worten und ich begann einzuſehen, daß Stolz und nicht Demuth mir bei meinem Glücke in den Weg getreten war. Da ich aber zuverſichtlich glaubte, daß es nunmehr zu ſpät ſey, ſo wünſchte ich den Gegenſtand des Geſprächs zu ändern, da ich eines meiner hei⸗ ligſten Gefühle dadurch verletzt fühlte. Um alſo der Unterhaltung eine andere Richtung zu geben, bemerkte ich mit einigem Nachdruck, indem ich eine Gleichgültigkeit affektirte, welche nicht in meiner Empfindung lag: „„Trage was du nicht ändern kannſt,“ ſagt das Sprichwort, Sir, und ſo will ich mich beſtreben, künftig in der Liebe zu meinem Schiff ein Seemannsglück zu finden. Ueberdies, wenn Andrew Dre⸗ wett auch gänzlich außer Frage ſtände, ſo wäre es jetzt in anderem Sinne ‚zu ſpäte, denn wer früher in meiner Lage, bei völliger Sor⸗ genfreheit im Punkte des Vermögens— der Geliebten, als ſie noch arm war, ſeine Hand anzubieten zögerte, kann ſich jetzt unmöglich um die Erbin von Mrs. Bradfort's Reichthümern bewerben. So viel Schwäche beſitze ich aber doch noch, daß ich zu wiſſen wünſchte, ehe wir den Gegenſtand für immer beſchließen, warum Mr. Drewett und Eure Tochter ſich nicht vermählen, wenn ſie einmal mit ein⸗ ander verlobt ſind? Vielleicht blos wegen Lucy's⸗Trauer?“ „Ich ſelbſt habe es keiner andern Urſache zugeſchrieben. Ruprecht iſt ganz von ſeiner Schweſter abhängig und ich kenne Lucy darauf, bin völlig überzeugt, daß ſie— wenn nicht ein außerordent⸗ licher Fall dazwiſchen kommt— ihrem Bruder die Hälfte von ihrer Muhme Vermögen abtreten wird. Dies kann erſt geſchehen, wenn Miles Wallingford. 42 658 ſie volljährig iſt und ſie braucht beinahe noch zwei Jahre, bis ſie ſelbſtändig wird.“ Ich gab keine Antwort, denn ich fühlte, wie leicht dies wahr ſeyn konnte. Lucy war kein Mädchen, das viele Betheurungen machte: ſie konnte recht gut einen Entſchluß der Art als Geheimniß in ihrer Bruſt verſchließen, bis er zur Ausführung reif war. Zwiſchen Mr. Hardinge und mir wurde nie wieder ein Wort über den Gegenſtand unſeres neulichen Geſpräches verhandelt; doch konnte ich bemerken, daß mein Geſtändniß ihn traurig geſtimmt hatte und daß er mich von nun an mit weit mehr Zärtlichkeit be⸗ handelte, als er ſonſt gewohnt war. Ein oder zwei Mal im Lauf der nächſten paar Tage hörte ich ihn in ſeinen Selbſtgeſprächen— dieſer Gewohnheit war er nämlich ſehr ergeben— die Worte mur⸗ meln:„Wie Schade!“—„Ach wie mir das leid thut!“—„Ich möchte ihn lieber zum Sohn als jeden andern Mann auf der Welt!“ und andere ähnliche Ausdrücke. Dieſe unwillkührlichen Ent⸗ hüllungen waren natürlich nicht dazu gemacht, meine Anhaͤng⸗ keit für meinen früheren Vormund zu beeinträchtigen. Gegen Mittag langte die Grace und Lucy wieder an; Neb meldete, daß Dr. Bard nicht zu Hauſe ſey; er habe aber ſeinen Brief zurückgelaſſen; derſelbe würde ſobald als möglich abgeliefert werden. Er ſagte mir noch weiter, es wehe auf dem Fluſſe ein ſehr günſtiger Wind, ſo daß der Wallingford die Stadt noch heute erreichen müſſe. An dieſem Tage ereignete ſich nichts weiter, was einige Be⸗ achtung verdiente. Ich brachte den Nachmittag mit Grace in ihrem Stübchen zu und wir ſprachen viel von der Vergangenheit, beſon⸗ ders von unſern Eltern, ohne irgend weiter auf ihre Lage anzuſpielen, als indem ich ſie von meinen ſeitherigen Schritten in Kenntniß ſetzte. Es ſchien mir, als ob ſie nicht ungerne erführe, daß ich nach Lucy geſchickt hatte, da ich nunmehr bei ihr war und ihre Krankheit ſich ohnedieß nicht länger verbergen ließ. Als ich der Aerzte Erwäh⸗ 2 NK ☛ N RN 2 ᷣ 3 659 nung that, konnte ich in Grace's Augen einen Blick zärtlicher Un⸗ ruhe gewahren, als wenn ſie bedauerte, daß ich mich noch der trügeriſchen Hoffnung hingab, ihre Geſundheit wieder hergeſtellt zu ſehen. Trotz dieſer kleinen Störungen verlebten wir eine ſüße Abend⸗ zeit zuſammen. Länger als eine Stunde lag Grace an meiner Bruſt und ſtrich manchmal mit der Hand meine Wangen, wie ein Kind ſeine Mutter liebzukoſen pflegt. Dies war eine alte Ge⸗ wohnheit von ihr, die ich ſie jetzt mit eben ſo viel Freude als Schmerz wieder aufnehmen ſah, da wir nunmehr Alter und Größe von Erwachſenen erreicht hatten. Der nächſte Tag war ein Sonntag und Grace beſtand darauf, daß ich ſie zur Kirche führen ſollte. Dies geſchah denn auch, natürlich ſo vorſichtig wie möglich, in einer ſehr altmodiſchen, aber höchſt bequemen Boſtoner Kutſche, welche einſt meiner Mutter an⸗ gehört hatte.— Die Zuhörerſchaft war, wie das Kirchlein zu St. Michael ſehr klein und beſchränkte ſich mit etlichen zwanzig oder dreißig Aus⸗ nahmen auf die Familie Clawbonny und ihre Angehörigen. Mr. Hardinge's kleine Heerde war auf allen Seiten von anderen Sekten eingeſchloſſen, und es ſchien nicht leicht, die Schranken zu durch⸗ brechen, welche ſie umgaben. Dann war der treffliche Mann auch keineswegs von dem Geiſte der Proſelytenmacherei erfüllt, ſondern begnügte ſich damit, diejenigen, welche die Vorſehung ſeiner Sorge anvertraut hatte, in ihren geiſtlichen Fortſchritten zu unterſtützen. Diesmal war aber das Gebäude ganz voll, und mehr Chre hätte ihm ja auch nicht begegnen können, ſelbſt wenn es ſo groß als St. Peters Kirche geweſen wäre. Die Gebete wurden mit tiefer, inbrünſtiger Andacht verleſen: die Predigt war verſtänd⸗ lich und voller Frömmigkeit.. Meine Schweſter hatte der Gang gar nicht angeſtrengt, wie ſie behauptete. Wir ſpeisten bei Mr. Hardinge in dem Pfarrhauſe, 660 das ganz nahe bei der Kirche ſtand, und da der Abendgottesdienſt erſt ſpät anfing— alſo jene unehrerbietige, geſchaͤftähnliche, wich⸗ tigthuende Unſitte vermieden ward, derzufolge man aus einer Pre⸗ digt faſt ſogleich in die andere geht, als ob man ſich mit möglichſt wenig Muͤhe möglichſt viele Predigten und Gebete aufs Kerbholz ſetzen wollte— ſo konnte meine Schweſter bis zum Schluſſe des Tages daſelbſt verweilen. Mr. Hardinge predigte an Sonntagen ſelten öfter als einmal, denn er hielt die Gottesverehrung und den Kirchendienſt für die eigentlichen Pflichten des Tags und betrachtete ſeine eigene Weis⸗ heit als eine Sache von untergeordneter Wichtigkeit. Aber dieſe eine Predigt koſtete ihn eben ſo viel Angſt, Studium und Mühe, als die meiſten Pfarrer auf deren zwei verwenden. Auch hatten ſeine Reden den hohen Vorzug, daß ſie ſich an die beſſeren Gefühle ſeiner Gemeinde, und nicht an deren Furchtſamkeit oder Intereſſe wandten. Er erinnerte uns immer an Gottes Liebe und wie ein heiliger Lebenswandel uns ſo wohl anſtehe; dagegen kann ich mich nicht entſinnen, daß er auch nur ſechsmal in ſeinem Leben auf die Schrecken des letzten Gerichts und ſeiner Strafen angeſpielt hätte, außer wenn ſie mit einer Verwerfung jener Liebe in Verbindung ſtanden. Ich glaube, es gibt allerdings Gemüther, welche ſolcher An⸗ ſpielungen und der Lockungen künftiger Glückſeligkeit zur Anreizung ihrer Gefühle bedürfen; aber ich liebe den Prediger, der ein Chriſt iſt, weil er ſich durch eine, an ſich ſelbſt ſchon heilige Gewalt zur Heiligkeit hingezogen fühlt, nicht aber jene Geiſtlichen, welche ſich auf eine Weiſe an ihre Zuhörer wenden, als ob man zwiſchen Himmel und Hölle nur nach Vorliebe zu wählen hätte und ſich bei der Wahl blos durch den Vortheil beſtimmen laſſen dürfte. Ich kann Mr. Har⸗ dinge’'s Art zu predigen nicht beſſer charakteriſiren, als wenn ich ſage, daß ich mich nicht erinnere, ſeine Kirche jemals mit einem Gefühle der Furcht vor dem Schöpfer verlaſſen, wohl aber gar — 661 oft einen Eindruck von Liebe mit mir genommen zu haben, welcher nicht minder tief war als die Anbetung, zu der er mich aufgerufen hatte. Abermals verſtrich uns ein ruhiger und vergleichungsweiſe glücklicher Abend, an welchem ich mich mit Grace freimüthig über meine Abſichten beſprach, indem ich ein Intereſſe am Leben in ihr zu erwecken, alte Eindrücke in ihr zu erneuern und ſie zur Theil⸗ nahme an meinen Gefühlen hinzureißen ſuchte. Wäre ich vom Frühjahr an bei ihr geweſen, hätte ich die Erneuerung der Vege⸗ tation und all die Freuden, welche gerade ſie glücklichen und unſchul⸗ digen Gemüthern beut, mit ihr genoſſen— mein Plan wäre viel⸗ leicht gelungen, wie ich ſeither ſchon oft gedacht habe. Aber auch ſo hörte ſie mir mit Aufmerkſamkeit und ſcheinbar mit Vergnügen zu, denn ſie ſah, daß es zur Erleichterung meines Herzens diente. Wir trennten uns erſt, nachdem mich Grace wiederholt zum Schlafengehen aufgefordert und Chloe mehr als eine Vorſtellung gemacht hatte, daß ihre junge Gebieterin die gewohnte Stunde überſchreite. Als ich meiner Schweſter Zimmer verließ, begleitete mich die Negerin mit dem Licht, damit ich bei den verwickelten Wendungen und dem häufigen Ab⸗ und Anſteigen in den alten Gängen nicht fallen möchte. „Nun, Chloe,“ begann ich im Weitergehen,„wie ſindeſt Du Neb? Hat er durch ſeine Kreuzfahrten auf dem Oceane gewonnen? und iſt er vor Allem nicht tüchtig gebräunt?“ „Der Burſcher!“ „Ja, allerdings iſt er ein Burſche, und laß Dir nur ſagen, Chloe, ein trefflicher Burſche noch obendrein. Wenn es ihm in Deiner Gunſt von Vortheil ſeyn kann, falls Du die Wahrheit er⸗ fährſt, ſo will ich Dir ſagen, daß auf dem ganzen Ocean kein beſſerer Matroſe als Neb zu finden iſt, und daß ich ihn für eben ſo wichtig wie den Hauptmaſt anſehe.“ „Was ſeyn das, Maſter Mile?“ 662 „Ich ſehe nichts, Chlve— wir haben zu Clawbonny keine Spuckgeiſter, wie Du weißt.“ „Nein, Säh! Aber das Ding, was Neb ahnlich, dem Burſcher?“ „Ah— ich bitte um Verzeihung— den Hauptmaſt meinte ich. Es iſt die wichtigſte Stenge des Schiffs, und ich wollte damit ſagen, Neb ſey eben ſo nützlich wie dieſer Maſt. In der Schlacht, Chloe, da iſt er tapfer wie ein Löwe.“ Hier konnte ſich Chloe nicht länger zurückhalten: ſie lachte laut auf; aus reiner, natürlicher Bewunderung für die Vorzüge ihres Bewerbers.„Der Burſcher!“ hörte ich ſie dann abermals rufen und mit einem Knixe ihr„Gute Nacht, Maſſer Mile“ fluͤſternd verließ ſie mich an meiner eigenen Thüre. Ach! Weh! Unter den Verbeſſerungen dieſes Zeitalters haben wir jenen Stamm von ſorgloſen, gutmüthigen, treuen, ergebenen, hart arbeitenden und immer glücklichen Schwarzen gänzlich verloren, welche vor vierzig Jahren in jeder achtbaren und lange anſäßigen Familie unſeres Staates in mehr oder weniger bedeutender Zahl zu treffen waren! Der folgende Tag war für mich eine Zeit großer Aengſtlich⸗ keit. Ich ſtand frühe auf und das erſte, was ich vornahm, war, die Richtung des Windes zu prüfen. Bei jetziger Jahreszeit, mit⸗ ten im Sommer, mochte er wohl aus Süden wehen und ſo war es auch wirklich. Neb wurde als Ausgucker nach der Landſpitze geſchickt: er kam um zehn Uhr und meldete, eine ganze Flotte von Schaluppen ſey im Anzug. Die Schiffe befanden ſich noch eine tüchtige Strecke flußabwärts, näherten ſich aber mit ziemlicher Ge⸗ ſchwindigkeit: ob der Wallingford unter ihnen war, ob nicht— war mehr, als er zu ſagen wußte. Ich entſandte ihn abermals auf ſeinen Poſten, ſobald er geſpeist hatte, und außer Stande, ruhig im Hauſe zu bleiben, ſtieg ich auf's Roß und ritt in die Felder. Hier empfand ich wie gewöhnlich das Glück, lauter Gegenſtände vor mir zu ſehen, welche ſchon meine 663 Vorfahren mit Freude betrachtet und die von jeher ein tiefes und nahes Intereſſe für mich gehabt hatten. Vielleicht hat es niemals ein Land gegeben, das ſo wenig verſtanden oder ſo unrichtig geſchildert wurde, wie eben unſer Amerika. Verſtanden wird es— hätte ich beinahe geſagt— zu Hauſe ebenſo wenig als auswärts und falſch geſchildert zu wer⸗ den, begegnet ihm faſt eben ſo häufig; denn ſeine Beſitzer gerathen ſehr oft in den Fehler, daß ſie ſich auf gewiſſe unterſcheidende Vorzüge etwas einbilden, deren ſie in der Wirklichkeit gar nicht genießen, während ſie von ihren Feinden wegen Uebeln und Laſtern verſchrieen werden, von denen ſie vergleichungsweiſe frei ſind. Theorien werden am beſten durch Thatſachen unterſtützt und dies iſt gerade der Grund, warum wir auch wohlmeinende und achtbare Schriftſteller beſtändig in Uebertreibungen verfallen ſehen, um die Umſtände ihren vermeinten logiſchen oder moraliſchen Folgerungen anzupaſſen. Dieſes Rückwärtsſchließen hat Aliſon bei allen ſeinen Kenntniſſen und all ſeiner Geradſinnigkeit zu mehreren höchſt auffallen⸗ den Irrthümern veranlaßt, wie ich neulich bei Durchleſung ſeines großen Werkes über Europa entdeckt habe. Er ſagt, wir ſeyen ein wanderndes Geſchlecht, das ohne Liebe für die Steine und Pfähle, die uns umgeben, das väterliche Dach ohne Bedauern verließen und die Spielplätze ſeiner Kindheit als weiter nichts denn als ein Stück Land für den Verkauf anſehen. Ebenſo wagt er die Behauptung, es gebe in ganz Amerika keinen buchſtäblichen Pächter— d. h. keinen Inſaßen, der ſein Land von einem Gutsherrn pachte. Nun mag dies als Regel zwar richtig ſeyn, wenn man die amerikaniſchen Gebräuche mit denen älterer Länder vergleicht, in welchen Grund und Boden nicht ſo im Ueberfluß vorhanden iſt— als wörtliche Thatſache aber kann es gar keinen größeren Irrthum geben. Vier Fünftel von dem bewohnten Theile des amerikaniſchen Gebiets ſind erſt ſeit einem halben Jahrhundert in die Civiliſation 664 eingetreten und haben noch nicht Zeit gehabt, die oben genannten nur bei längerer Exiſtenz denkbaren Bande zu ſchaffen, beſonders in denjenigen Landſtrichen, welche einer geiſtigen Verwirrung unter⸗ worfen ſind, wie ſie eine neue Niederlaſſung immer begleitet. Daß Tauſende von herzloſen Spekulanten unter uns exiſtiren, welche Alles, ſelbſt die Gräber ihrer Väter als kulturfähiges Eigen⸗ thum betrachten— iſt eine ebenſo unläugbare Thatſache, als daß dieſelben allen Menſchen von nur einigem ſittlichen Gefühle verhaßt ſind; dagegen gibt es in unſerem Lande auch Tauſende und Zehn⸗ tauſende von Männern, welche ihre Familienbeſitzungen aus Grün⸗ den, welche der menſchlichen Natur Ehre machen, zu ſchätzen wiſſen. Ich will hier nicht Clawbonnys und ſeiner Geſchichte erwähnen, um nicht den Schein der Partheilichkeit auf mich zu laden; allein es wäre mir leicht, an hundert Familien aus allen Klaſſen, vom großen Grundbeſitzer an bis zum bloßen Landbauer herab aufzuzählen, die alle noch jetzt nach einem Zwiſchenraume von einen oder zwei Jahrhunderten die Beſitzungen Derer bewohnen, welche dieſelben aus den Händen der Natur zuerſt empfangen haben. Was wird Mr. Aliſon z. B. von dem Renſſelaer'ſchen Lehn⸗ gute ſagen. Ein Lehengut im legalen Sinn iſt es freilich nicht mehr, da die neuen Conſtitutionen alle feudalen Beſitzarten auf⸗ hoben, aber auch als bloßes Eigenthum betrachtet, wurde es von ſeinem letzten Herrn ſo regelrecht auf die Nachkommenſchaft vererbt, wie nur je ein ähnliches Majorat in Europa. Dieſes ausgedehnte Gut liegt im Herzen von New⸗York, iſt faſt eben ſo groß und bevölkert als ganz Schottland und umfaßt mit ſeinem Gebiet nicht weni⸗ ger als drei Städte, deren Grundflächen aber nicht in ſeinem Beſitz inbegriffen ſind, da ſie bei früheren Bewilligungen davon ausgenom⸗ men wurden. Es beſteht ſchon ſeit mehr als zwei Jahrhunderten und mißt acht und vierzig Meilen von Oſt nach Weſt, halb ſo viel von Süd nach Nord. Dieſes ungeheure Beſitzthum wird bis auf dieſe Stunde faſt 665 ganz von den Renſſelaer's verwaltet, welche es an ihre Inſaſſen verpachten, deren ſie mehrere Tauſend zählen. Dasſelbe iſt im kleineren Maaßſtabe der Fall mit den Livingston’'s, den Van Cort⸗ landt's, den Philips's, den Nicoll's und verſchiedenen anderen alten New⸗Yorker Majoraten, obwohl während der Revolution mehrere durch richterlichen Spruch verloren gingen. Ich erkläre dieß Alles, damit ein Europäer, wenn er etwa dieſes Buch leſen ſollte, es nicht als eine Dichtung betrachten möge, denn, einige unbedeutende Differenzen abgerechnet, könnte er bis auf dieſe Stunde an beiden Ufern des Hudſon's an hundert Clawbonny's antreffen.* Doch kehren wir wieder zu unſerer Erzählung zurück. Meine Neugierde mehrte ſich, je weiter der Tag vorrückte, ſo daß ich nach der Landſpitze vorritt, um mich nach der Schaluppe umzuſehen. Da lag ſie denn auch wirklich, und Neb galoppirte eben auf dem nackten Rücken eines jungen Pferdes nach dem Wohn⸗ hauſe, um die Neuigkeit zu überbringen. Als ich ihm begegnete, gab ich ihm den Befehl, mit der Chaiſe nach der Werfte zu fahren, während ich ſelbſt in der nämlichen * Selbſt ein Amerikaner wird die folgenden Thatſachen mit Erſtaunen auf⸗ nehmen. Es ſind jetzt ungefähr fünfundzwanzig Jahre, ſeit ich ſelbſt als „Inhaber durch Wittwervergünſtigungs in Beſitz zweier Pachtgüter gelangte, welche dreiundzwanzig Meilen von New⸗York entfernt lagen und deren jedes drei Generationen von Pächtern und eben ſovielen Gutsherrn auf⸗ zuweiſen hatte, welche, ſoviel ich entdecken konnte, auch nie einen Federſtrich unter ſich gewechſelt hatten, die Rentenquittungen natürlich ausgenommen. Faſt in demſelben Verhältniß ſtehe ich zu einer anderen Pachtung in der nämlichen Grafſchaft, für welche ein Kontrakt auf neunzig Jahre noch bis auf dieſen Augenblick exiſtirt, deſſen einer Paragraph vorſchreibt, daß der Inſuſſe„den Gottesdienſt gemäß der Kirche von England fleißig beſuchen ſoll, wenn ſich eine Gele⸗ genheit dazu darbietet.“ Welch ein Beweis für die eigenthümliche Art von Tyrannei, der unſere Vorfahren entronnen ſind, vornehmlich wenn man ſieht, wie der Pächter in Berückſichtigung einer blos nominellen Rente ſich dieſem ſtrengen Gebot zu unterwerfen gezwungen war! 666 Richtung fortritt, und im Weitergaloppiren von Ungeduld beinahe verzehrt wurde, bis ich das Schickſal meiner verſchiedenen Bot⸗ ſchaften erfahren hätte. Vom Wallingford konnte ich den obern Theil der Segel er⸗ kennen, während er zwiſchen den Bäumen hinglitt, welche die Ufer begränzten, und bemerkte, daß er und ich faſt in demſelben Au⸗ genblicke die Werfte erreichen mußte; aber ſo ſehr ich mich auch anſtrengte— von dem Verdecke des Schiffes war nichts zu gewahren. Ich ſtieg nicht eher aus dem Sattel, als bis mein Roß die Werftplanken unter den Hufen hatte.— Jetzt überblickte ich die Decks der Schaluppe zum erſten Mal. Ein ehrbar ausſehender, hochgewachſener, ſchlanker Mann in mittleren Jahren mit glänzenden ſchwarzen Augen ſtand auf dem Quarterdeck; ich verbeugte mich gegen ihn, ſogleich einen der Aerzte in ihm vermuthend, nach denen ich geſchickt hatte. In der That war es Poſt, der Zweite auf der Liſte, da der zuerſt Genannte nicht hatte kommen können. Er erwiederte mein Kompliment; aber noch ehe ich abſteigen und ihn am Bord empfangen konnte, kam Marble's Kopf aus der Kajüte hervor und mein Steuermann ſprang ans Ufer, um mir voll Herzlichkeit die Hand zu ſchütteln. „Hier bin ich, Miles, mein Junge,“ ſchrie Marble— ich hatte ihn nämlich ernſtlich gebeten, mich außer dem Dienſt mit ſeiner alten Zutraulichkeit zu behandeln, und er nahm mich auch ſogleich beim Wort—„da bin ich, Miles, mein Junge, und zwar weiter vom Salzwaſſer, als ich ſeit fünfundzwanzig Jahren geweſen. So, das alſo iſt das berühmte Clawbonny! Vom Hafen läßt ſich eben nicht viel ſagen, er iſt etwas zu überfüllt, obwohl er nur ein ein⸗ ziges Fahrzeug enthält; aber der Fluß da draußen iſt recht hübſch, wie Flüſſe überhaupt hübſch ſeyn können. Weißt Du auch, mein Junge, daß ich den ganzeu Weg herauf im Fieber war, ob wir nicht auf einer oder der andern Seite ans Ufer rennen möchten? Denn auf beiden Bords zu gleicher Zeit Land zu haben, das heißt eigentlich 667 des Guten zu viel. Dieſe Fahrt nach Eurem Clawbonny herauf hat mich an die Paſſage durch die Meerengen erinnert, nur daß wir diesmal beſſeres Wetter und klareren Horizont hatten. Wie nennt Ihr denn dieſe Geſchichte da drüben am Hügelabhang, mit dem närriſchen Tackel, das immer wieder ins Waſſer fällt?“ „Das iſt eine Mühle, mein Freund, und das närriſche Tackel iſt das nämliche Rad, von dem Ihr mich ſagen hörtet, daß es meinen Vater zerquetſchte.“ Marble blickte kummervoll auf das Rad, drückte mir die Hand, als ob er ſein Bedauern ausdrücken wollte, daß er mich an ein ſo peinliches Ereigniß erinnert hatte, und dann hörte ich ihn vor ſich hinmurmeln: „Nun, ich hatte nie einen Vater zu verlieren. Keine hölliſche Mühle konnte mir ein ſolches Leid anthun.“ „Jener Herr auf dem OQuarterdeck iſt vermuthlich einer von den Aerzten, nach denen ich in die Stadt ſchickte?“ bemerkte ich. „Ja, ja, er iſt ſo'was, wie ich glaube; ich hatte übrigens ſo viel über dieſen Fluß hier zu verallgemeinern— ſo wie daruber, wie man mit einem Fahrzeug von ſolcher Tackelage ſegeln möge, daß ich ihm nur wenig zu ſagen hatte. Ich bin immer weit beſſer Freund mit den Köchen, als mit Chirurgen. Aber, Miles, mein Junge, da iſt ein ſeltener Gaſt in der Hinterkajüte des Schiffs, das kann ich Euch ſagen!“ 1 „Das muß Lucy ſeyn!“— und ohne mich mit Bekomplimen⸗ tirung des fremden Herrn aufzuhalten, ſprang ich faſt geradezu in die Schiffskajüte. Da war Lucy in der That, von einer ehrbar ausſehenden, ält⸗ lichen Schwarzen begleitet, welche zu dem halben Dutzend Sklaven gehörte, die ſie durch Mrs. Bradfort's Tod geerbt hatte. Keines von uns Beiden ſprach ein Wort; wir reichten uns nur mit alter Offenheit die Hand und aus dem aͤngſtlichen Blicke meiner Gefährtin entnahm ich, was ſie zu wiſſen wünſchte. 4* 668 „Ich glaube wirklich, ſie ſcheint beſſer, und jedenfalls iſt ſte in dieſen letzten paar Tagen weit munterer geworden,“ gab ich auf dieſe Aufforderung zur Antwort.„Geſtern war ſie zweimal in der Kirche und— etwas ganz Neues— heute Morgen früh⸗ ſtückte ſie mit mir.“ „Gott ſey Dank!“ rief Lucy voll Wärme. Dann ſetzte ſie ſich nieder und machte ihren Gefühlen durch Thränen Luft. Ich ſagte ihr, ſie mögte mich in wenigen Minuten wieder erwarten, und ſuchte jetzt den Arzt auf, der mittlerweile von meiner Anwe⸗ ſenheit unterrichtet worden war. Das ruhige, überlegte Auftreten Poſt's flößte mir ein Ver⸗ trauen ein, wie ich es ſeit mehreren Tagen nicht mehr empfunden hatte, und ich begann wirklich zu hoffen, es könnte noch in der Macht ſeiner Kunſt liegen, meine theure, geliebte Schweſter zu retten. Unſere Anordnungen zum Ausſteigen aus der Schaluppe waren bald getroffen, und Lucy auf meinen Arm gelehnt, ſtiegen wir zuſammen den Hügel hinan. Auf ſeinem Gipfel ſtand die Chaiſe, worin der Doktor und Marble nach einigem Zureden Platz nahmen, während Lucy das Gehen vorzog. Die Negerin ſollte das Fuhrwerk be⸗ gleiten, das zum Abholen des Gepäcks hergeſchickt worden war, und Lucy und ich ſchickten uns an, länger als eine Meile Arm in Arm mit einander fortzuſpazieren, und zwar ohne daß eine dritte Perſon um den Weg geweſen wäre. Unter andern Umſtänden als in denen wir Beide uns eben be⸗ fanden, würde mich ein ſolcher Fall zum glücklichſten Menſchen auf „Erden gemacht haben; ſo aber, in der Lage, worein ich mich ver⸗ ſetzt ſah, ſtimmte ſie mich ſchweigſam und unbehaglich. Nicht ſo mit Lucy; immer natürlich und die Wahrheit unverrückt im Auge behaltend, nahm das theure Mädchen meinen Arm, ohne die geringſte Verlegenheit, und ließ kein Zeichen von Ungeduld oder Unſicherheit blicken. Sie war traurig, aber voll edlen Vertrauens in ihre eigene Aufrichtigkeit und ihre Beweggründe. 669 „Da iſt das liebe Clawbonny wieder!“ rief ſie, nachdem wir eine kurze Strecke ſchweigend fortgewandelt waren.„Wie ſchoͤn find die Felder, wie friſch dieſe Forſten, wie ſüß jene Blumen! Ach, Miles, ein Tag an einem Orte wie dieſer— er wiegt ein ganzes Jahr in der Stadt auf!“ „Warum verlebſt Du dann über die Haͤlfte Deiner Zeit zwi⸗ ſchen den heißen Backſteinen der Wallſtreet, da Du doch ganz ſelb⸗ ſtändig biſt und weißt, wie glücklich wir Alle ſeyn würden, wenn wir Dich wieder unter uns ſähen?“ „Das eben wußte ich nicht gewiß und dies war der einzige Grund meiner Abweſenheit. Wäre ich ſicher geweſen, daß ich hier willkommen ſeyn würde— nichts hätte mich beſtimmen können, meine theure Grace die letzten ſechs trüben, traurigen Monate allein zu⸗ bringen zu laſſen.“ „Sicher geweſen, daß Du hier willkommen ſeyn würdeſt! Du haſt doch gewiß nicht geglaubt, Lucy, daß ich Dich hier anders als höchſt willkommen nennen würde?“ „Ich machte keine Anſpielung auf Dich— dachte gar nicht an Dich, Miles“— gab Lucy mit jener Ruhe zur Antwort, welche ſich bewußt iſt, daß Alles, was ſie denkt, thut und ſpricht, nicht anders als vollkommen recht ſeyn kann—„meine Seele wohnte ausſchließlich bei Grace.“ „Iſt es möglich, Lucy; konnteſt Du glauben, daß Grace Dich nicht immer und überall gerne ſehen würde?“ „Ich habe es bezweifelt— habe gedacht, ich handelte klug und weislich, wenn ich ihr dieſe Zeit über fern bliebe, obwohl ich nun⸗ mehr zu fürchten beginne, daß meine Entſcheidung übereilt und unvernünftig war.“ „Darf ich fragen, wie Lucy Hardinge zu einer ſo ſonderbaren und übereilten Meinung gelangte— und zwar über ihre Buſen⸗ freundin, Grace Wallingford, die ihr beinahe Schweſter iſt?“ „Dieſes ‚beinahe Schweſtere! O Mlles, wie gerne wollte 670 ich Alles, was ich beſitze, darum geben, wenn zwiſchen Dir und mir über dieſen Punkt wieder volles Vertrauen herrſchte— ſolches Vertrauen, wie es unter uns beſtand, als wir noch Knaben und Mädchen, faſt möcht' ich ſagen— Kinder waren!“ „Und was hindert es? Ich weiß gewiß, die Entfremdung kommt— kann nicht von mir herkommen. Du darfſt blos reden, Lucy, und ich bin Dein achtſamer Zuhörer; Du darfſt nur fragen und Du erhältſt die aufrichtigſten Antworten. Was kann alſo das Vertrauen hindern, was Du für uns Beide wünſcheſt?“ „Es gibt ein Hinderniß; gewiß, Miles, Du kannſt Dir leicht denken, was ich meine?“ „Wäre es möglich, daß Lucy auf Andrew Drewett anſpielte?“ dachte ich bei mir ſelbſt. ‚Hat ſie vielleicht etwas von meiner Liebe entdeckt und follte ſie, würde ſie, könnte ſie ihre Verlobung be⸗ reuen? Ein Verliebter, der alſo dachte, konnte die Frage nicht wohl lange unbeantwortet laſſen. „Handle offen gegen mich, Lucy, ich beſchwöre Dich,“ verſetzte ich feierlich.„Ein Wort, mit Deiner alten Aufrichtigkeit und Frei⸗ müthigkeit geſprochen, kann die Kluft wieder ſchließen, die ſich in den letzten paar Jahren immer mehr zwiſchen uns erweitert hat. Was iſt das Hinderniß, das Du meinſt?“ „Die Entfremdung, auf welche Du anſpielſt, habe ich eben ſo deutlich geſehen und gefühlt, wie Du ſelbſt es nur immer gethan haben kannſt, Miles,“ erwiederte das Madchen in ihrer einfachen, natürlichen Weiſe„ich will nun Alles Deiner Großmuth anver⸗ trauen. Brauche ich Dir mehr zu ſagen, um Dir zu erklären, was ich meine, als den einzigen Namen Ruprecht?“ „Was iſts mit ihm, Lucy?— Erkläre Dich deutlicher; unbe⸗ ſtimmte Andeutungen könnten ſchlimmer wirken, als gar Nichts.“ Lucy's kleine Hand ruhte auf meinem Arm und ſie hatte der Hitze wegen den Handſchuh abgezogen. Da fühlte ich, wie ſie mich faſt krampfhaft drückte, während ſie fortfuhr: — — 671 „Ich glaube und muß wohl glauben, daß Du zu viel Liebe und Dankbarkeit für meinen theuren Vater, zu viel Rückſicht für mich beſitzſt, um zu vergeſſen, daß Du und Nuprecht einſt als Brüder gelebt haben?“ „Grace hat hierüber bereits mein Verſprechen. Ich werde in dieſer Sache niemals den Lauf der Welt gegen Ruprecht einſchlagen.“ Ich hörte, wie Lucy unwillkührlich ſeufzte, als ob ſie mühſam nach Athem ränge, und als ich mich zu ihr wandte, ſah ich ihre ſüßen Augen mit einem unverkennbaren Ausdrucke von Dankbarkeit auf mein Antlitz geheftet. „Ich hätte Dir daſſelbe Verſprechen geleiſtet, Lucy, und zwar rein um Deinetwillen. Es wäre zu viel, wenn Du trauren müßteſt um Deines Bruders—“ Ich mochte die Beleidigung nicht nennen, damit meine Gefühle mich nicht hinriſſen, einen zu ſtarken Ausdruck zu gebrauchen. „Das iſt Alles, was ich verlange— Alles was ich wünſche, Miles. Dank Dir— Dank Dir, daß Du mir dieſe Verſicherung ſo willig gegeben haſt. Jetzt, da dieſe Laſt von meinem Herzen ge⸗ nommen iſt, bin ich bereit, offen mit Dir zu reden; hätte ich übri⸗ gens Grace geſehen——“ „Aengſtige Dich nicht mit Rückſichten um weibliches Zartge⸗ fühl— ich weiß Alles und will Dir nicht zu verbergen ſuchen, daß getäuſchte Liebe für Ruprecht meine Schweſter in ihren jetzigen Zuſtand verſetzt hat. Es wäre wohl nicht geſchehen, wenn eines von uns Beiden bei ihr geweſen wäre; ſo aber— allein an dieſem Ort vergraben, wie ſie war— iſt ihre verwundete Empfindung zu ſtark geworden für ein ſo zartes Weſen.—“ Es folgte eine minutenlange Pauſe, nachdem ich geendet hatte. „Ich habe lange gefurchtet, daß ein ſolches Unheil uns be⸗ fallen würde,“ entgegnete Lucy mit leiſer, gemäßigter Stimme. „Ich glaube, Du kannſt Grace nicht ſo gut wie ich verſtehen, Miles. Ihr Gemüth, ihre Gefühle üben auf ihren Körper einen 672 ungewoͤhnlich ſtarken Einfluß und ich fürchte, weder Deine noch Anderer Geſellſchaft hätte dieſe Gefahr von ihr abwenden können. Doch dürfen wir noch nicht verzweifeln. Gefahr iſt da— das iſt das rechte Wort; allein mit unſerer Zärtlichkeit, mit der emſigſten Pflege, bei gutem Rath und Allem, was wir Beide zur Hülfe aufzu⸗ bieten vermögen, muß uns immer noch Hoffnung bleiben. Da jetzt ein geſchickter Arzt hier iſt, müſſen wir gegen ihn offen handeln und ihn Alles wiſſen laſſen.“ „Eben hierüber wollte ich dich um Rath fragen— ich moͤchte ſo ungerne Grace's heiligſte Gefühle blosſtellen!“ „O, man braucht ſicher nicht ſo weit zu gehen,“ verſetzte Lucy mit raſcher Empfindlichkeit;„etwas— viel— muß der Ver⸗ muthung überlaſſen bleiben. Aber Dr. Poſt muß wiſſen, daß das Gemüth dem Uebel zu Grunde liegt; ich fürchte nur, junge Damen können ſelten das Vorhandenſeyn eines ſolchen Leidens zugeben, ohne daß man es einer Schwäche dieſer Art zuſchreibt.“ „Das kommt von der Ueberzeugung, Lucy, daß euer Geſchlecht ſo viel Herz beſitzt— eure Erxiſtenz ſogar iſt ja an Andere geknüpft.“ „Grace beſitzt eine ungewöhnliche Tiefe der Empfindung— doch wollen wir für jetzt nicht weiter hievon ſprechen, Miles. Ich weiß kaum, wie ich von meines Bruders Angelegenheit reden ſoll und Du mußt mir Zeit zum Nachdenken vergönnen. Da wir jetzt wieder zu Clawbonny ſind, können wir einander nicht mehr lange fremd bleiben.“ Sie ſprach dieſe Worte mit ſo ſüßem Ausdruck, daß ich hätte niederknien und ihre Schuhbänder küſſen mögen— und doch war ſte dabei ſo einfach, daß ein Mißverſtehen unmöglich war. Jedenfalls dienten dieſe Worte dazu, dem Geſpräch eine andere Wendung zu geben, und wir ſprachen den übrigen Theil des Weges von der Vergangenheit. Lucy erzählte den Tod ihrer Muhme mit verſchiedenen klei⸗ nen Nebenumſtänden, zum Beweis, wie lieb Mrs. Bradfort ſie 673 gewonnen hatte und welch' gute Frau ſie geweſen— des Teſtaments ward aber mit keiner Sylbe erwähnt. Ich mußte dagegen den Be⸗ richt meiner letzten Reiſe vollenden, da ich ſie im Theater nicht völlig abgeſchloſſen hatte. Als Lucy vernahm, der rauhe Seemann, der in der Schaluppe mit heraufgekommen, ſey Marble, zeigte ſie großes Intereſſe für ihn und erklärte: wenn ſie dies während der Herfahrt gewußt hätte, würde ſie ſich ihm ſelbſt vorgeſtellt haben. Dieſe ganze Zeit über ward Ruprecht's Name unter uns nicht ausgeſprochen und ich erreichte das Haus mit dem Bewußt⸗ ſeyn, daß in dem Herzen meiner Gefährtin wieder etwas von dem Intereſſe erwacht war, das ſie früher für mich beſeſſen hatte— wenigſtens zeigte ſie ſich, wie immer, als meine feſte und ver⸗ trauensvolle Freundin. Chloe kam Lucy an der Thüre mit der Meldung entgegen, Miß Grace wünſche Miß Lucy allein zu ſprechen. Ich fürchtete dieſe Unterredung und hätte es gerne ſo eingerichtet, daß ich zuge⸗ gen geweſen wäre: aber Lucy bat mich ihr zu vertrauen und ich fühlte mich verbunden, ihrem Wunſche zu entſprechen. Während das theure Mädchen auf meiner Schweſter Zimmer verweilte, ſuchte ich den Arzt auf, mit dem ich eine kurze, aber ſehr förderliche Konferenz hielt. Ich erzählte ihm, wie lange Grace allein geweſen war, ließ ihn wiſſen, daß Kummer an ihrem Leben zehre und gab ihm zu verſtehen, daß ein Seelenleiden der Grund von meiner Schweſter Krankheit ſey. Poſt war ein kühler, ſcharfblickender Mann und wagte keine Bemerkung, ehe er ſeine Patientin geſehen hatte: dagegen konnte ich aus dem feſten Blick, mit dem ſich ſein durchbohrendes Auge auf das meine heftete, recht wohl entnehmen, daß Alles, was ich geſagt hatte, bei ihm nicht verloren gegangen war. Es dauerte länger als eine Stunde, bis Lucy wieder erſchien. Ich erkannte auf den erſten Blick, daß ſie furchtbar bewegt ge⸗ weſen und durch die Lage, in welcher ſie Grace antraf, grauſam Miles Wallingford. 43 674 überraſcht worden war— nicht weil die Krankheit in einer ihrer bekannten Formen ſo gar deutlich bei ihr hervortrat, ſondern weil meine Schweſter in dem durchſichtigen Klar ihres Antlitzes— in dem glänzenden, überirdiſchen Ausdruck ihrer Augen und in der Schwäche und Gebrechlichkeit des Bandes, das ſie im Allgemeinen noch an das Leben zu knüpfen ſchien, bereits einem Weſen aus einer andern Welt glich. Grace hatte immer etwas— ja ſogar ſehr viel von dieſen Eigenſchaften an ſich gehabt: aber ſie ſchienen jetzt einzig noch von ihr übrig geblieben, je mehr ihre Gedanken und ihre Körperſtärke allmählig alle Lebensbedingungen verloren. Der Arzt ging nun mit Lucy auf meiner Schweſter Zimmer, wo er über eine Stunde, d. h.— wie er mir ſpäter ſelber ſagte — gerade ſo lange blieb, als er es, ohne die Kranke zu ermüden, thun zu können glaubte. Der Rath, den er mir gab, war vor⸗ ſichtig und wohlüberlegt: er verordnete einige ſtärkende Medicinen, dann follten wir das Gemüth unſerer Kranken zu zerſtreuen und ſie durch ſanfte Mittel und kluge Maaßregeln von der Quelle ihrer Unruhe abzulenken ſuchen. Auch eine Veränderung des Aufent⸗ haltes ward mir nahegelegt, falls ſie ſich ohne zu viele Anſtren⸗ gung ausführen ließe. Mir fiel der Wallingford ein, ſobald dieſes Planes erwähnt wurde. Er war zwar eine kleine Schaluppe, enthielt aber zwei ſehr bequeme Cajüten, da mein Vater ausdrücklich zu dem Zwecke, wenn meine Mutter gelegentliche Beſuche in der Stadt machen wollte— eine zweite hatte einrichten laſſen. Das Schiff fand in gegenwaͤrtiger Jahreszeit ohnehin nichts zu thun, als Mehl auf den Markt zu transportiren und Waizen dafür zurückzubringen: im Herbſte führte es Holz nebſt den Produkten der Nachbarſchaft— ich konnte ihm alſo ohne Schaden einen Feiertag gewähren. Dr. Poſt billigte dieſen Einfall, indem er freimüthig äußerte, er wiſſe außer den Koſten nichts dagegen einzuwenden: falls ich . —— — 675 dies nicht anſchlüge, könnte ich eigentlich keinen beſſeren Plan zur Ausführung bringen. Wir beſprachen uns noch am nämlichen Abend im Familien⸗ kreiſe darüber— Mr. Hardinge war nämlich vom Pfarrhauſe zu uns herübergekommen. Jedermann billigte den Plan, denn er war jedenfalls weit beſſer, als wenn wir Grace noch länger in der Einſamkeit von Clawbonny ſich abhärmen ließen. „Ich habe einen Patienten bei den Quellen, der ſehr nach meinem Beſuche verlangt,“ bemerkte Dr. Poſt;„ehrlich geſtanden möchte auch ich für eine Woche das dortige Waſſer trinken. Füh⸗ ren Sie mich nach Albany und ſetzen Sie mich dort ans Land; dann können ſie den Fluß hinabfahren und ihre Reiſe nach ſo viel Punkten und ſo lange ausdehnen, als Miß Wallingford's Kräfte und Ihre eigene Neigung es zulaſſen.“ Dieſer Plan erſchien Aller Augen vortrefflich; ſelbſt Grace hörte ihn mit Lacheln an und ſtellte ſich ganz zu unſerer Ber⸗ fügung: ſo wurde alſo beſchloſſen, ihn zur Ausführung zu bringen. Dreißigſtes Kapitel. Sitzt wohl da und ſchaut mich an Mit den tiefen lieben Augen, Wie die Sterne, heilig, ſtill, Von dem Himmel niederblicken. Longfellon. Den nächſten Morgen ergriff ich alle nöthigen Maaßregeln, um unſern Plan ins Werk zu ſetzen. Marble wurde eingelaben, an der Parthie Theil zu nehmen, da mit der Dämmerung eine Anordnung getroffen war, die ihm ganz wohl etliche Tage der Abweſenheit erlaubte; hatte er einmal eingewilligt, ſo konnte er mir als Steuermann bei meinem Plane vom höchſten Nutzen ſeyn. 676 Die gewöhnlichen Schiffsleute waren froh, einmal Urlaub zu bekom⸗ men und ich behielt Niemand am Bord als den Flußlootſen, den ich nicht wohl entbehren konnte. Dadurch wurde jede Geſellſchaft aus der Kajüte entfernt, welche für unſere Umſtaͤnde nicht wünſchenswerth war. Neb und drei von den Clawbonny⸗Schwarzen waren hoch erfreut, an dem Ausfluge Theil nehmen zu dürfen; mit dem Bischen Dienſt, den man dabei von ihnen verlangte, waren alle mehr oder weniger vertraut. In der That, Marble, Neb und ich waren der Aufgabe, das Schiff zu beſorgen, in jeder Beziehung vollkommen gewachſen; doch zogen wir vor, uns mit genügenden phyſiſchen Kräften vor⸗ zuſehen und ein Koch vollends war unentbehrlich— Clawbonny mußte denſelben in der Perſon der alten Dido liefern. Gegen Mittag war die ganze Geſellſchaft zum Einſchiffen be⸗ reit. Grace wurde nach der Werfte gefahren und verfügte ſich an Bord der Schaluppe, geſtützt von Lucy und mir, doch mehr aus Fürſorge, als weil es gerade dringend nöthig war. Uebrigens wurde auf Anordnung des Arztes jede Vorſicht getroffen, um Auf⸗ regung bei ihr zu vermeiden: ſo durften die Schwarzen ihre„Miß Grace“ nicht bis ans Waſſer begleiten, was ſie gerne gethan haͤtten— ſondern mußten zu Haus bleiben. Nur Chloe durfte— zu ihrer ungemeinen Freude— ihre junge Herrin“ auf das Schiff begleiten. Wie oft hörte ich an jenem Tage das„der Burſcher!“ ihr entwiſchen, wenn ſie Neb's Heldenthaten auf den verſchiedenen Theilen der Schaluppe mit an⸗ ſah. Es dauerte einige Zeit, bis ich mir die überflüſſige Thäͤtigkeit des Schwarzen zu erklären vermochte; ich hatte ſie anfangs dem Eifer in meiner Schweſter Dienſten zugeſchrieben, konnte aber am Ende entdecken, daß Grace dieſe Ehre mit Chloe zu theilen hatte. Sobald ſich Alles an Bord befand, wurden die Anker gelichtet: der Klüver war bald aufgehißt, und unter dieſem kurzen Segel ſchwammen wir langſam, von einer lieblichen Südbriſe begünſtigt, —— — 677 aus dem Creek. Als wir an der Landſpitze vorüber fuhren, ſtand der geſammte ſchwarze Haushalt vor uns, in Linie aufmarſchirt, vom ſtotternden, grauköpfigen, trüb ausſehenden Siebziger bis zu den glänzenden, pechſchwarzen, wackelnden Dingern von zwei und drei Jahren. Die Entfernung war ſo gering, daß man an den einzelnen Perſonen ſogar die Geſichtszüge, nach Erfahrung, Eigenſchaften und Charakter— wechſelnd, unterſcheiden konnte. Trotz der ehrfurchtsvollen Anhänglichkeit, welche dieſe unver⸗ dorbenen Geſchöpfe für„Miß Grace“ empfanden, ja trotz der Un⸗ gewißheit, in der manche von ihnen wegen ihrer Geſundheit ſchwe⸗ ben mußten, lag es doch keineswegs in der Natur eines ſolchen „Neggerhaufens“, in einem Augenblicke, da ſo viele Gründe zur Fröhlichkeit und Aufregung vorhanden waren, das Gegentheil an den Tag zu legen. Dieſes Geſchlecht weiß vielleicht von dem Worte nichts; an der Sache ſelbſt aber finden ſie gerade ſo viel Vergnügen, als ob ſie all' ihr Leben lang mit Einſammeln von Wahlſtimmen beſchäftigt geweſen waͤren. In der Hand unſerer Demagogen würden dieſe ununterrichteten Gemüther hoͤchſt fügſame Werkzeuge abgeben, und es könnte vielleicht auf den weißen Ameri⸗ kaner nicht ohne Einfluß bleiben, wenn ich ihm begreiflich mache, wie ſehr er dieſen„Neggern“ gleicht, wenn er ſich der Herrſchaft jener vielgeprieſenen Geiſtesmacht anheimgibt. Es war ein herrlicher Tag; die Sonne glänzender, als ich ſte ſelbſt in Italien oder auf den griechiſchen Inſeln ſtrahlen ſah; die Luft balſamiſch; auch das Schiff bot dem Auge einen heitern Anblick dar, denn es war erſt vor einem Monat friſch bemalt worden und Jedermann zeigte ein feſttägliches Ausſehen— Grund genug ſchon an ſich, um dieſe leichtherzigen Menſchen lachend und gluͤcklich zu ſtimmen. Als die Schaluppe langſam vorüberzog, nahm die ganze Linie die Hüte ab, die Mädchen machten ihre Knixe und zeigten dabei eine Reihe von Perlenzähnen, welche ſich in ihren ſchmutzigen Geſichtern wie eben ſo viele helle Fenſter ausnahmen. 678 Ich konnte ſehen, daß Grace durch dieſen Beweis von Theil⸗ nahme gerührt wurde, denn ſeit der Zeit, da meine Mutter nach dem Tode des Vaters zuerſt wieder nach der Stadt ging, hatte kein ähnlicher Muſterungstag mehr unter dem Clawbonny⸗Korps ſtartgefun⸗ den. Zum Glück wirkte die ganze übrige Umgebung beſänftigend auf meiner Schweſter Lebensgeiſter und ſo lange ſie, Lucy's Hand in der ihrigen und den Bruder in der Nähe, auf dem Verdeck ſitzen und die wechſelnde Landſchaft betrachten konnte, mußte ſie ſich doch nicht ſo ganz unglücklich fühlen. Als der Wallingford um die Landſpitze herumbog und in den Fluß einfuhr, wurden die Schooten erleichtert, ein fliegendes Mars⸗ nebſt Leeſegel eingeſetzt, und ſo begann er in der Richtung nach den Quellen des Hudſon hinaufzufahren. Im Jahr 1803 bot der geprieſene Fluß, auf dem wir ſchifften, wenn er ſchon alle die natürlichen Schönheiten beſaß, welche er noch heut zu Tage aufweist— doch keineswegs daſſelbe Gemälde regen Lebens dar, wie wir es jetzt auf ihm gewahren. Dampfboote erſchienen erſt vier Jahre ſpäter auf ſeiner Waſſerfläche und die Reiſe hinauf zu den Quellen und wieder zurück dauerte häufig eine ganze Woche. Damals brauchte ſich der Paſſagier nicht zu beeilen, ſobald eine Glocke die Nachbarſchaft aufſtörte— um an Bord zu rennen und ſich ſeinen Weg durch einen rohen Haufen von Trägern, Kärrnern, Orangenweibern und Zeitungsjungen zu bahnen; man ließ es nicht anſtehen bis auf die letzten anderthalb Minuten, ſondern ſchickte ſein Gepäck häufig ſchon den Tag zuvor auf das Schiff: man brachte ſeinen Morgen mit Abſchiednehmen zu und wenn man auf dem Schiffe erſchien, ſo geſchah es in der ruhigen Muße des Geblldeten, gar häufig mehrere Stunden vor der Abfahrt und nicht ſelten, um die unwillkommene Nachricht zu vernehmen, daß letztere auf den nächſten Morgen verſchoben ſey. Auch die Fahrt ſelbſt, wie verſchieden war ſie von einer Dampfboot⸗ reiſe! Da gab es kein Gegeneinanderſtoßen, man riß ſich nicht um den Platz am Tiſche, ſprudelte kein Eſſen heraus, war keinen Grob⸗ heiten ausgeſetzt, man hoͤrte kein Fluchen und Toben, kein ande⸗ res ungeberdiges Auftreten von Haſt wenn eine Schraube los wurde, und man darum die öſtlichen und ſüdlichen Boote, die Schenectady, Saratoga oder Boſtoner Bahnzüge verſäumen ſollte. Im Gegen⸗ theil— man verſah ſich mit Wein und Früchten, als ob ſich's die Reiſenden recht wohl ſeyn laſſen wollten, und betrachtete eine Reiſe immer als ein Feſt: es wurden nicht mehr Perſonen eingenom⸗ men als bequem bei einander ſeyn konnten, und hatte ſich die Ge⸗ ſellſchaft zuſammengefunden, ſo wurde die Kajüte genommen und alle unwillkommenen Gäſte ausgeſchloſſen. Wer ſich jetzt eine Flaſche Wein zu ſeinem Couvert beſtellte, würde wie ein Narr angeglotzt werden und nicht ganz ohne Grund, denn wenn ſie auch den Klauen der Schmarozer und Aufwärter ent⸗ ginge, ſo würde er doch wahrſcheinlich die Reiſe weit früher beendigen, als er jene auszutrinken vermöchte. Anno 1803 wurde die Mittags⸗ tafel noch im Frieden und mit der Bedächtigkeit gebildeter Menſchen gehalten; Kühltrank und Nachtiſch wurden mit aufs Verdeck genom⸗ men und beide mit Ruhe genoſſen, und ſo brachte man nicht einen, ſondern manche Nachmittage zu. Zwar wurden auch manche Fahrten auf den Schaluppen in vierundzwanzig Stunden abgemacht; doch zählten dieſe blos unter die Ausnahmen, denn weit öfter wurde eine volle Woche auf das Beſchauen der ſchönen Flußſcenerie verwendet. Das Schiff gerieth auf jeder Fahrt in der Regel wenigſtens ein⸗, häufig aber auch mehrere Mal auf den Grund und ſo gingen dem Fremden ein bis zwei Tage auf eine köſtliche Weiſe verloren, indem ihm Gelegenheit geboten ward, das umliegende Land zu beſuchen. Bei jedem widrigen Wind, jeder gegenſtrömenden Flut mußte vor Anker gegangen wer⸗ den; dies vermehrte die Veranlaſſungen zu Ausflügen, welche da⸗ durch etwas von dem Charakter von Unterſuchungsreiſen annahmen. 680 Nein— nein— ich laſſe mirs nicht nehmen: vor vierzig Jahren konnte man auf einer einzigen Fahrt den Hudſon auf⸗ oder abwärts weit mehr lernen, als jetzt bei zwölfmaliger Wiederholung der Reiſe. Ich hege gegen Dampfboote den ganzen Widerwillen eines ächten Seemanns und wünſche manchmal, daß ſie gar nicht beſtän⸗ den, ſo gut ich weiß, daß dies allen Grundſätzen der politiſchen Oeko⸗ nomie und dem ſogenannten Fortſchreiten der Kultur ſchnurſtracks widerſpricht. Eines aber bin ich feſt überzeugt, nämlich daß dieſe Erfindungen, neben der durch die großen Gaſthöfe aufgekommenen Sitte, in ganzen Heerden nebeneinander zu wohnen„für die Sitten des Volkes Wunder thut“— wie unſere Schriftſteller ſich aus⸗ drücken, wiewohl in meinen Augen das eigentliche Wunder darin beſteht, daß ſte überhaupt noch eine Sitte übrig gelaſſen haben. Als der Wallingford den eigentlichen Fluß betrat, waren gegen dreißig Segel ſichtbar; die einen fuhren mit der jungen Ebbe ab⸗ wärts, in den ſechs Stunden ihre fünfzehn bis zwanzig Meilen machend, die andern waren bemüht, faſt mit derſelben Geſchwin⸗ digkeit wie wir ſelber hinanzugleiten. Ein halbes Dutzend dieſer Fahr⸗ zeuge ſtand uns ganz nahe und die Decke der gegen Norden ſteuern⸗ den waren meiſt von Geſellſchaften, worunter auch Damen, beſetzt, welche offenbar nach den Quellen unterwegs waren. Ich bat Marble, gegen dieſe Schiffe, ſo nahe es nur anging, hinzugieren; ich hatte dabei keinen andern Zweck als Unterhaltung, weil ich mir einbildete, der Anblick fremder Geſichter und Umgebungen könnte die Gedanken meiner Schweſter um ſo eher von ihrem eigenen Kummer ablenken. Der Leſer wird leicht begreifen, daß der Wallingford, unter Anleitung eines alten Seemannes und zu deſſen eigenem Gebrauche erbaut, ein tüchtiger Schnellſegler war; und wirklich befanden ſich auf dem ganzen Fluſſe nur zwei Packetboote, nach Hudſon, Pough⸗ keepſie und Sing⸗Sing gehörend, welche in dieſem Punkte mit ihm in die Schranken treten konnten. Er führte jetzt eben ſeine bloße Ballaſtverſtauung, war mit Segeln trefflich verſehen und ſo konnten wir bei dem leichten Winde immer vier Fuß machen, bis die an⸗ dern Fahrzeuge vor uns ihrer drei zuruͤcklegten. Mein Verlangen gegen Marble— oder wie er's zu nennen beliebte: mein Befehl— war ſehr leicht auszuführen und wir kamen bald dicht neben das Quartier einer Schaluppe, deren Decks von einer Maſſe von Paſſagieren wimmelten, welche offenbar der beſſeren Klaſſe angehörten, während ſich auf dem Vorkaſtell mehrere Pferde und ein Wagen befanden— zu jener Zeit die gewöhnlichen Begleiter bei ſolchen Touren. Ich hatte mich in langer Zeit nicht ſo glücklich gefühlt als eben in dieſem Augenblick. Grace befand ſich beſſer— wenigſtens bil⸗ dete ich mir's ein— jedenfalls war ſie ruhiger und weniger auf⸗ geregt, als ich ſie ſeit meiner Rückkehr je geſehen hatte und dies allein ſchon nahm mir eine Bergeslaſt vom Herzen. Dann ſah ich Lucy vor mir, die volle Wange von der Freude des Augenblicks geröthet, ſtrahlend von Geſundheit und mit Augen, welche ſich nie⸗ mals nach mir wandten, ohne mich mit einem Ausdruck vollen Vertrauens und Wohlwollens— aufrichtigſter Freundſchaft, wenn nicht von Liebe— anzulächeln, während jeder Blick, jede Bewe⸗ gung, jede Sylbe und Gebärde, welche meiner Schweſter galten, un⸗ widerleglich bewieſen, wie innig die Herzen dieſer beiden edlen Weſen in ſchweſterlicher Zuneigung an einander gekettet waren. Auch mein Vormund ſchien glücklicher, als er ſeit jener Un⸗ terredung geweſen war, da ich ihm den Zuſtand meiner Gefühle gegen ſeine Tochter enthüllte. Er hatte ſich eine Bedingung vor⸗ behalten, nämlich die, daß wir Alle, mit Ausnahme des Doktors, den folgenden Sonntag noch zeitig genug für den Gottesdienſt nach Clawbonny zurückkehren ſollten; er war auch eben mit Ueberleſen einer für jene Gelegenheit paſſenden, älteren Predigt beſchäftigt, ſenkte aber das Manuſecript alle Augenblicke, um voll tiefen Ent⸗ zückens in die Landſchaft hinaus zu ſchauen. 68² Ueberdies athmete die ganze Scene einen ſolchen Geiſt der Ruhe, daß ſelbſt die Bewegungen der verſchiedenen Schiffe ſie kaum in ihrem ſonntagähnlichen Charakter beeinträchtigten. Wie geſagt — ſeit meiner letzten Unterredung mit den Salemer Hexen im Dom zu Florenz, hatte ich mich nie ſo glücklich gefühlt. Marble war mit dem Benehmen des Wallingford ausnehmend zufrieden. Die Schaluppe war etwas kleiner als gewöhnlich und führte neben der bequemſten Einrichtung die Tackelage eines Wett⸗ renners. Ihr größter Vorzug im Segeln wäre übrigens bei einem Winde keine große Empfehlung für ſie geweſen, denn ſie war jetzt federleicht und hätte in einem harten Novemberſturme unmöglich alle Segel führen können, ſogar auf dem Hudſon nicht, auf dem man ſchon manche ernſtliche Unfälle erlebt hat. Mitten im Sommer aber war nur wenig Gefahr zu furchten und ſo glitten wir neben das Quartier der„Möve von Troja“ ohne Beſorgniſſe irgend einer Art zu hegen. „Was für eine Schaluppe iſt das?“ fragte der Schiffer auf der Möve, als unſer Balkenende nur noch fadenbreit von der Rege⸗ ling entfernt war, da er unſern Namen nicht ſehen konnte. „Der Wallingford von Clawbonny, kommt eben aus dem Hafen und iſt auf einer Vergnügungsparthie begriffen.“. Nun war Clawbonny weder damals noch jetzt, was man einen legalen Namen nennen konnte. Das Geſetz wußte nichts von einem ſolchen Orte, höchſtens das Recht, wie Gebräuche es geben, und ich hörte unter den Paſſagieren der Möwe ein leiſes Geläch⸗ ter, als ſie die heimiſche Benennung vernahmen. Dies kam von der ſchwankenden Stellung her, welche unſere Familie zwiſchen dem Adel und dem Bauernſtande des Staats— ſowie beide Anno 1803 exiſtirten— einnahm. Hätte ich geſagt, die Schaluppe komme aus der Nachbarſchaft von Coldenham, ſo wäre das ganz recht geweſen, denn wer damals zu New⸗York irgend„etwas“ war, kannte die Coldens wenigſtens dem Namen nach; auch Morriſania —— 683 hätte beſſer geklungen, denn die Morris' waren angeſehene Leute und ſo noch mit zwanzig andern Punkten des Fluſſes— aber von den Wallingfords wußte man eben ſo wenig als von Clawbonny und zwar ſchon fünfzehn bis zwanzig Meilen von dem Ort nicht mehr, wo ſie ſo lange gelebt hatten. Dies eben iſt der Unterſchied zwiſchen Gekannt⸗ und Nicht⸗ gekanntſeyn: erſtreckt ſich erſteres auf eine ganze Nation, ſo ver⸗ leiht dies dem Individuum, der einzelnen Familie eine Beachtung, welche ſie des Nachtheils der letztgenannten Lage gänzlich überhebt, und dieſe Beachtung, falls ſie ſich in der Chriſtenheit verbreitet, bildet das Anſehen— auf die Nachkommenſchaft vererbt, den Ruhm. Zum Unglück hatten weder wir, noch unſer Stammgut die erſte einfache Stufe auf dieſer Ruhmsleiter erreicht und das arme Claw⸗ bonny wurde ausgelacht, weil man hinter dem Klange des Namens einige holländiſche Ueberbleibſel vermuthete und der angelſächſiſche Stamm vorzugsweiſe geneigt iſt, ſeine Naſen auf Alles, außer auf die eigenen Beſitzthümer— auf Jedermann, nur nicht auf ſich ſelbſt zu richten. Voll raſcher Empfindlichkeit ſchaute ich nach Lucy, um zu ſehen, wie ſie dieſes Lächeln über meinen Geburtsort aufnahm; allein bei ihr war es ſo ganz natürlich, über Alles, was mit dem Orte in Verbindung ſtand— ſeinen Namen ſo gut wie andere we⸗ ſentlichere Dinge— günſtig zu denken, daß ich kaum glaube, daß ſie dieſes leichte Zeichen von Spott überhaupt bemerkte. Während ſich die Paſſagiere der Möve ſolchergeſtalt zum Lächeln angereizt fühlten, zeigte deren Führer ein ganz anderes Benehmen; ebenſo der holländiſche Lootſe, der den Namen Abrahamus Van Valtenberg führte, aber unter dem vertraulicherenBrom Follecke bekannt war— denn ſo pflegten die Kinder der Neu⸗Niederlande ihre Beinamen bei deren Umwandlung ins Engliſche zu kürzen.* ¹ Von einem Schotten, Namens Farquharſon, der ſich eine Zeit lang vor der Revolution unter den Deutſchen am Mohawk niederließ, erzählt man 684 Der ſchwarze Koch, der Mulattenproviantmeiſter und„ſämmtliche Matroſen“— aus einem Manne und einem Schiffsjungen beſtehend — theilten ihre Geſinnung. Es hatte ſchon ganze Generationen von Schaluppen gegeben, welche den Namen Wallingford führten, eben ſo gut wie unſer Clawbonny ſeine Generationen von Beſitzern zählte— und zwar letzterer vier und erſterer ſechs— und dieß wußte jeder Schiffer auf dem Fluß. Zwar hatte außer dem jetzi⸗ gen Schiffe, das mein Vater hatte bauen laſſen, keiner der Vor⸗ gänger irgend Beachtung verdient: dafür genoß aber das erſtere eines Anſehens, das ſich auf Jedermann auf dem Fluſſe erſtreckte. „So ſeid Ihr vermuthlich Mr. Wallingford ſelbſt“— fuhr der Schiffer fort, voll Achtung den Hut abnehmend—„Ihr ſeid herzlich willkommen hier auf dem Fluß; ich kann mich noch recht gut der Zeit erinnern, wo Euer verehrter Vater ſich mit dem Boote da höͤchlich auszeichnete. Die neue Bemalung iſt anders als die frühere; dies allein hinderte mich, die Schaluppe ſogleich zu erkennen. Hätte ich einen Blick auf ihre Büge geworfen, ſo wäre mir's gewiß nicht begegnet.“ Offenbar verlieh dieſe Rede mir und meinem Schiffe in den Augen der Mövenpaſſagiere ein Anſehen, deſſen wir Beide einen Augenblick früher noch gänzlich entbehrt hatten. Auf dem Quarter⸗ deck des andern Schiffes entſpann ſich jetzt eine geheime Unterredung, und dann trat ein höchſt achtbarer, fein ausſehender Herr an die Regeling vor und begann mit einer Verbeugung folgendes Geſpräch: „Ich habe, glaube ich, das Vergnügen, Kapitän Wallingford vor mir zu ſehen,“ bemerkte der Unbekannte,„mit welchem meine Freunde, die Mertons, als Paſſagiere aus China anlangten. Sie ſſicch, daß ſeine würdigen Pächter, unfähig ſeinen Namen auszuſprechen, denſelben in das Wort Feuerſtein umtauften. Der Sohn lebte und ſtarb unter dieſer Benennung; der Enkel aber zog in einen Theil des Landes, wo blos Engliſch geſprochen wurde und wollte deshalb ſeinen Namen engliſiren, wurde aber in Folge einer treuen Ueberſetzung zum— Mr. Flint. 685 haben oft mit Anerkennung von Eurer Artigkeit geſprochen,“ fuhr er mit höflicher Verbeugung fort,„und erklären, wenn ſie je wieder zur See gehen müßten, ſo wüuͤnſchten ſie nur mit Euch zu ſegeln.“ Das hieß nun freilich mein Verhältniß zu den Mertons gerade aus demjenigen Geſichtspunkte betrachten, der weder gerecht noch mir vielen andern gegenüber, irgend wünſchenswerth war. Gleichwohl war er natürlich und der Sprechende, ein Mann von Stand und Anſehen, glaubte ohne Zweifel mir etwas hoöͤchſt Angenehmes zu ſagen— ein neuer Beweis, wie gefaͤhrlich es iſt, wenn man über anderer Leute Gefühle oder Angelegenheiten zu entſcheiden ſucht. Ich konnte die Unterredung nicht ablehnen, und während der Wal⸗ lingford langſam an der Möve vorüberfuhr, mußte ich die Qual erdulden, den Namen der Mertons zu wiederholten Malen in Grace's und Lucy's Gehörweite erwähnen zu hören: denn für die Nerven der Letzteren, wußte ich, war dies eine ſchwere Prüfung. Zuletzt wurden wir unſern läſtigen Nachbar los; doch war Lucy und ihr Vater bereits von mehreren Damen der Geſellſchaft erkannt und angeredet worden. Waͤhrend mein ehemaliger Vor⸗ mund und deſſen Tochter auf dieſe Art beſchäͤftigt waren, warf ich einen verſtohlenen Blick nach meiner Schweſter— ſie war todten⸗ bleich und ſchien ſich in die Kajüte hinabzuwünſchen, wohin ich ſie auch führte: und wie die Dinge ſich ſpäter geſtalteten, war dies nach Allem, was ich glauben durfte, als das größte Glück zu betrachten. Nachdem der Wallingford die Möve eine kurze Strecke hinter ſich hatte, kehrte ich aufs Verdeck zurück und Lucy nahm meine Stelle an Grace's Lager ein, erſchien aber nach wenigen Minuten mit der Verſicherung, meine Schweſter fühle einige Schlafluſt und werde wohl nächſtens einſchlummern. Bei ihrer ausnehmenden Schwäche war dieſer häufige Schlummer für die Kräfte der Patien⸗ tin in gewiſſem Grade nothwendig geworden. Chloe kam bald mit der Nachricht herauf, ihre junge Gebieterin ſcheine eingedost zu 686 ſeyn, und ſo blieben wir alle auf dem Verdeck, um ſie nicht zu ſtören. So verſtrich eine halbe Stunde; wir hatten uns mittlerweile einer andern Schaluppe genähert, welche in derſelben Richtung mit uns hinfuhr. Mr. Hardinge war in dieſem Augenblick ganz in ſeine Predigt vertieft und ich bemerkte, wie Lucy ihn von Zeit zu Zeit anſah, als ob ſie einen Blick von ihm erhaſchen wollte. Mir ſchien, als ob ſie über etwas betrübt wäre, nur konnte ich mir nicht denken, was es wohl ſeyn möchte. „Willſt Du nicht näher gegen die andere Schaluppe hinfah⸗ ren?“ fragte Lucy endlich, auf das andere Schiff anſpielend, welches mit uns faſt in gleicher Linie ſtand, dem aber Neb, meinem Be⸗ fehle zufolge, in einem ziemlichen Bogen ausweichen ſollte. „Ich dachte, an dem Geklatſche des Letzten ſey es genug geweſen, wenn Du übrigens dieſe Unterredungen liebſt— mit Vergnügen.“ Luey ſchien verwirrt; ſie erröthete bis unter die Schläfe, ſchwieg eine Weile und fuhr dann mit angenommenem Lachen fort— es war ſelten, daß Lucy etwas aſſektirte, aber diesmal that ſie es wirklich: „Ich wünſche in der That, mich der Schaluppe zu nähern, doch nicht ganz aus dem Grunde, den Du vermutheſt.“ Ich ſah, ſie war betrübt; aber es war nicht leicht, die Ur⸗ ſache zu errathen. Lucy's Wunſche waren mir Geſetz und Neb erhielt alſo die Weiſung, nach dem Quartier der zweiten Scha⸗ luppe hinab zu gieren, wie wir's bei der erſten gemacht hatten. Als wir näher kamen, verkündete uns ihr Spiegel, daß ſie der„Orpheus von Sing⸗Sing“ hieß— eine Namenverbindung, welche bewies, daß ein Spaßvogel der Taufe angewohnt haben mußte. Die Geſellſchaft auf den Decks war ebenfalls aus beiden Geſchlechtern gemiſcht; Wagen und Pferde fehlten aber diesmal. Dieſe ganze Zeit über ſtand Lucy ganz nahe bei mir, als ob ſie ſich ſcheute von der Stelle zu gehen, und als wir der Schaluppe — 687 nahe genug waren, drängte ſie ſich mit jener Zutraulichkeit noch näher an mich, mit der ſich ihr Geſchlecht in Fällen, da es ſich am hülfsbedürftigſten fuͤhlt, eben an diejenigen Männer zu wenden pflegt, welche ſein Vertrauen beſitzen. „Nun, Miles,“ flüſterte ſie leiſe,„mußt Du ‚die Schaluppe ſprechen“— wie ihr's nennt, denn ich kann in Gegenwart ſo vieler Fremder unmöglich eine laute Unterredung ſolcher Art führen.“ „Recht gerne, Lucy; nur mußt Du die Güte haben, mich genau wiſſen zu laſſen, was ich zu ſagen habe.“ „Ei freilich— ſo fange nur an nach eurer Seemannsſitte; iſt dies geſchehen, dann will ich dir das Weitere ſagen.“ „Genug— Orpheus da?“ rief ich gerade ſo laut, daß man es hören konnte. „Ja, ja— was ſoll's?“ gab der Schiffer zur Antwort, die Pfeife aus dem Munde nehmend, waͤhrend er ſich mit dem Rücken an ſeine eigene Ruderpinne lehnte; dies Alles geſchah ſo nach⸗ läßig, daß es mit dem ſchläͤfrigen Charakter der Scene völlig im Einklange ſtand. Ich ſchaute Lucy an, wie wenn ich fragen wollte:„was jetzt?“ „Frage ihn, ob Mrs. Drewett ſich am Bord der Schaluppe befindet— Mrs. Andrew Drewett, nicht Mr.— die alte Dame mein' ich,“ ſetzte das theure Mädchen hinzu, bis unter die Augen erröthend. Ich war ſo verwirrt— faſt möchte ich ſagen entſetzt, daß ich nur mit großer Mühe einen lauten Ausruf unterdrückte; doch beherrſchte ich mich noch und da ich bemerkte, daß der Schiffer meine nächſte Frage mit Neugierde erwartete, ſo ſäumte ich nicht länger. „Befindet ſich Mrs. Andrew Drewett unter den Paſſagieren, Sir?“ fragte ich mit kalter Beſtimmtheit. Mein Nachbar nickte mit dem Kopfe und ſprach mit einigen ſeiner Paſſagiere, welche meiſtens auf den Seſſeln des Hauptdecks 688 herumſaßen und durch das große Segel des Wallingford, deſſen Spiere bis dicht neben den Orpheus zu ſtehen kam und mit dem Ende gerade nach deſſen Quartier klar hielt— verdeckt waren. „Ja, ſie iſt da und wünſcht zu wiſſen, wer nach ihr fragt?“ verſetzte der Sing⸗Singſchiffer in jenem ſingenden Tone, mit welchem Leute gewöhnlichen Schlages diktirte Worte wiederholen. „Sagt ihr, Miß Hardinge habe einen Auftrag an Mrs. Drewett von Mrs. Ogilvie, welche ſich auf jener andern Schaluppe befindet,“ fuhr Lucy mit leiſer und wie mir däuchte, zitternder Stimme fort. Mir verſagte beinahe der Athem— ich machte mich aber den⸗ noch daran, die Sache, wie ich angewieſen war, mitzutheilen. Im nächſten Augenblicke hörte ich Jemand auf des Orpheus Quarter⸗ deck ſpringen und alsbald erſchien Andrew Drewett, den Hut in der Hand, mit ſüßem Lächeln im Geſicht, mit Augen, welche ſeine Geſchichte ſo deutlich erzählten, als die Zunge nur immer ſie vor⸗ bringen konnte und mit einem Gruße, der auf die vollkommenſte Vertraulichkeit hindeutete. Lucy nahm unwillkührlich meinen Arm und ich fühlte, wie ſie zitterte. Die beiden Schiffe ſtanden ſich jetzt ſo nahe und Alles um uns her war ſo ruhig, daß Lucy, welche auf des Wallingford's OQuarterdeck vorgeſchritten, und Drewett, der an den Hackbord des Orpheus herangetreten war, ganz leicht und ohne unziemliches Er⸗ heben der Stimme mit einander ſprechen konnten. In der That war Alles, was ich und der Schiffer zuſammen verhandelt hatten, nur wenig lauter, als gewöhnlich geſprochen worden. „Durch die Aenderung in Lucy's Stellung konnte ich ihr Ge⸗ ſicht nicht länger ſehen; allein ich wußte, daß es geröthet und daß ſie bei Weitem nicht mehr ſo ruhig und gefaßt war, als dies ſonſt in ihrem Benehmen lag. Das Alles war der Tod meines ſo jungen Glücks; ich konnte mich aber dennoch nicht enthalten, das, was jetzt vorging, mit eiferſüchtiger Wachſamkeit zu beobachten. —— „Guten Morgen,“ begann Lucy, und die Worte wurden in einem Tone ausgeſprochen, der, wie ich glaubte, eine ſehr genaue Be⸗ kanntſchaft, wenn nicht völlige Vertraulichkeit verrieth;„wollen Sie die Guͤte haben, Ihrer Mutter zu ſagen, daß Mrs. Ogilvie ſie bitte, Albany nicht vor ihrer eigenen Ankunft zu verlaſſen. Die andere Schaluppe, ſo denkt Mrs. Ogilvie, kann nicht ſpäter als eine oder zwei Stunden hinter Ihnen ankommen und ſie wünſcht ſehr, eine gemeinſchaftliche Parthie nach—— ah, da kommt Mrs. Drewett,“ fuhr Lucy, ſich haſtig unterbrechend, fort„und ich kann alſo meine Botſchaft ſelbſt ausrichten.“ Wirklich erſchien Mrs. Drewett in dieſem Augenblicke auf dem Hinterdeck; Lucy wandte ſich zu ihr und richtete ihren Auftrag aus, deſſen Beſtellung die Dame auf der Möve ihr im Vorüberfahren ernſtlich anempfohlen zu haben ſchien. „Und nun?“ erwiederte Mrs. Drewett, mich voll Artigkeit grüßend, nachdem Lucy geendet hatte,„und nun, theure Lucy, haben wir auch etwas für Sie. Jener abſcheuliche Brief“— damit meinte ſie nämlich den meinigen, der das theure Mädchen an das Krankenlager ihrer Freundin berief—„hat Sie ſo plötzlich fort⸗ getrieben, daß Sie Ihr Arbeitsetui zurückließen und da ich wußte, daß es außer Banknoten auch noch andere Schriften enthielt, ſo wollte ich mich nicht davon trennen, ehe wir uns wieder träfen. Hier iſt es; wie ſollen wir's anfangen, um es Ihnen zuzuſtellen?“ Lucy fuhr zuſammen und ich konnte bemerken, daß ſie ängſt⸗ lich war und auch ſo ausſah. Wie ich hernach erfuhr, hatte ſie einen Tag auf Mrs. Drewett's Villa zugebracht, welche an ihxe eigene ſtieß— beide ſtanden nämlich auf den Felſen, in der Nähe des Punktes, deſſen Namen eine abgeſchmackte Partei unter uns aus dem guten, heimiſchen, einfachen, altväteriſchen Hell Gate* in das ge⸗ ſuchte, albern verdorbene Hurl Gate*s umzuändern ſtrebt— der * Höllenthor.** Lärmthor. D. U. Miles Wallingford. 44 690 Himmel moͤge ſich der Sache annehmen. Welches neue Stück von Thorheit und Affektation werden ſte wohl zunächſt verſuchen?— Alſo Lucy hatte bei beſagtem Beſuch meinen Brief erhalten und es ſcheint, ihre Haſt, Grace zu ſehen, war ſo groß geweſen, daß ſie unverzüglich abfuhr und ein kleines Arbeitsetui unverſchloſſen zurückließ, in welchem ſich verſchiedene Papiere befanden, welche ſie nicht gerne leſen laſſen mochte. Natürlich konnte ein Mädchen von Luey's Anſichten und Cha⸗ rakter eine Dame wie Mrs. Drewett— denn das war dieſe wirk⸗ lich— unmöͤglich im Verdachte haben, als ob ſie ihr Etui durch⸗ ſtöbert und ihre Noten und Briefe geleſen hätte: allein man iſt niemals ruhig, wenn man ſolche Dinge dem Blicke zudringlicher Augen ausgeſetzt weiß. Es gibt nicht nur Gebieterinnen, ſondern auch Kammermädchen und ich konnte im Augenblicke ſehen, daß ſie das Etui wieder zu haben wünſchte. Unter dieſen Umſtänden hielt ich für nöthig, ins Mittel zu treten. .„Wenn Ihre Schaluppe beidreht, Mr. Drewett,“ bemerkte ich, während ich für meinen Gruß— das erſte Zeichen des Erkennens, das zwiſchen uns gewechſelt worden— eine kalte Erwiederung von dieſem Herrn empfing—„ſo will ich es gleichfalls thun laſſen und ein Boot nach dem Etui ausſenden.“ Dieſer Vorſchlag lenkte Aller Augen auf den Schiffer, der noch immer an ſeinem Steuerreep lehnte und auf Tod und Leben darauf losdampfte. Er wurde nicht günſtig aufgenommen, denn er erpreßte dem Burſchen ein Grunzen, das Jeder als ein Zeichen von Mißbilligung verſtehen mußte. Die Pfeife ward aus dem Mund genommen und dann begann der Burſche ſeine Herzensmeinung ziemlich offen in ſeinem verholländerten Dialekte von ſich zu geben. „Ja wenn man den Wind nur ſo haben könnte, wie man ihn mochte, dann ginge es wohl recht gut,“ erwiederte er;„aber Nie⸗ mand wird bei günſtigem Winde vieren.“ Ich habe noch immer bemerkt, daß Leute, welche in ihrer — — 691 Jugend an einen, von den gewöhnlichen Sprachformen abweichenden Dialekt gewöhnt waren und denſelben ſpäter durch den Umgang mit der Welt verbeſſert haben— in Augenblicken der Gefahr, der Verlegenheit oder des Zorns in ihre früheren Fehler zurückfallen. Das erklärt ſich leicht: die Gewohnheit iſt ihnen in den Kinder⸗ jahren zur zweiten Natur geworden und eben in den Momenten tiefer Aufregung ſind wir immer am natürlichſten. Dann war dieſer Schiffer, aus Albany— oder Albonny, wie er es wahrſcheinlich genannt hätte— gebürtig, nicht weiter als bis Sing⸗Sing hinab⸗ gekommen, wo er ein erträgliches Engliſch gelernt hatte, und jetzt fiel er in der Verwirrung in ſeine urſprüngliche Sprechweiſe zurück — ein ſicheres Zeichen, daß er nicht nachgeben werde. Ich erkannte ſogleich, wie vergeblich es wäre, einen Mann ſeines Schlages überreden zu wollen, und hatte ſchon angefangen, mich auf einen andern Plan zu beſinnen, wie man das Etui an Bord bekommen könne— da ſah ich, wie Andrew Drewett die Schachtel ſeiner Mutter aus der Hand nahm, auf das Ende unſrer großen Spiere trat und ſich in der offenbaren Abſicht näherte, von da aufs Verdeck zu gelangen, und Lucy ihr Eigenthum höchſt⸗ eigenhändig zu überliefern. Dies Alles geſchah ſo plötzlich, daß keine Zeit zu Gegen⸗ vorſtellungen übrig blieb— wie denn junge Herren, wenn ſie ſo recht verliebt ſind, in Dingen, die mit ihrer Ergebenheit für die Gebieterin in Verbindung ſtehen, gar ſelten viel Beſönnenheit zeigen. Drewett mochte die Spiere vermuthlich als einladend zum Beſteigen erſcheinen, und es ſey wohl keine Kleinigkeit, dachte er, ſagen zu können, man habe einer Dame ihr Arbeitsetui über eine Brücke mit ſo gefährlichen Grundpfeilern heruber getragen. Hätte die Spiere auf dem Boden gelegen, ſo wäre es über⸗ haupt für einen jungen Mann keine Heldenthat geweſen, beide Arme voll Arbeitsetuis ihrer ganzen Länge nach über ſie weg⸗ zuſchreiten; aber die Sache geſtaltete ſich ganz anders, wenn die⸗ 692 ſelbe Aufgabe auf einer Schaluppenraa gelöst werden ſollte, welche mit eingeſetztem Segel an ihrem Platze hing, während das Schiff noch überdies in Bewegung war.— Dies entdeckte Drewett bald, denn kaum war er ein paar Schritte vorgerückt, als er ſogleich nach der Marstopenant griff, welche zum Glück eingeſchliſſt war, um ſich daran feſtzuhalten. Das Alles geſchah, noch ehe man Zeit zu Vorſtellungen oder auch nur zum Nachdenken fand. Im ſelben Augenblicke hatte Neb, einem früher von mir gegebenen Zeichen gehorchend, das Steuer etwas nieder geſtellt, und das Spierende war bereits zwanzig Fuß von des Orpheus Quarterdeck entfernt. Natürlich fingen die Frauen an, in allen Tonarten zu krei⸗ ſchen und zu rufen: die arme Mrs. Drewett bedeckte ſich das Ge⸗ ſicht und begann ihren Sohn ſchon als verloren zu beklagen. Lucy wagte ich gar nicht anzuſehen! Sie blieb aber nach dem erſten un⸗ willkürlichen Rufe ruhig und unbeweglich wie eine Bildſäule— zum Glück war ihr Geſicht ganz von mir abgewendet. Da Drewett übrigens offenbar außer Faſſung war, ſo hielt ich für's Beſte, etwas zu erſinnen, das nicht nur ihm, ſondern auch Lucy's Etui von Nutzen wäre, denn dieſes ſtand in eben ſo großer Gefahr, als der junge Mann ſelbſt, oder vielleicht in noch größerer, wenn Letzterer hätte ſchwimmen können. Ich war eben auf dem Punkte, Drewett zum Fortfahren zu ermuntern— ich wollte dann das Spierenende bis über des Orpheus Hauptdeck reichen laſſen, worauf er leicht unter ſeine Bekannten herabſpringen konnte, als Neb, der ſich am Rad hatte ablöſen laſſen, mit einem Male neben mir ſtand. „Er fallen das Schachtel, gewiß, Maſſer Mile,“ flüſterte mir der Neger zu;„er Bein beginnen ſchon zu wanken und er wunder⸗ voll ungeſchickt!“* „Ich mochte um keinen Preis haben, daß dies geſchähe— weißt Du's zu hindern, Neb?“ — ⁴ 693 „Gewiß, Sir. Brauchen blos auf der Spieren hinauslaufen und es ſo reinbringen und Miß Lucy geben; ſie mächtig auf jenes dünne Schachtel verſeſſen, Maſſer Mile, wie ich hundert Mal und wohl mehr geſehen.“ „Gut, Junge, ſo laufe hinaus und bringe ſie herein; ſchau aber auf Deine Füße, Neb!“ Mehr bedurfte es bei dieſem nicht. Seine Füße waren ſo ziemlich wie die der Waſſervögel geſtaltet, nur mit dem weſentlichen Unterſchiede, daß kein kleiner Theil ſeines Pedals hinter die Per⸗ pendikellinie der Ferſenflechſe verlegt war, ſo daß er, da er vollends keine Schuhe trug, eine kleine Spiere beinahe ganz umfaſſen konnte. Wie oft hatte ich ihn ſchon beim heftigſten Stampfen des Schiffes auf der Marsraa hinauslaufen und die Topenant einfangen ſehen! Nach dieſem war es jetzt eine wahre Kleinigkeit, auf einer Spiere ſo lang, wie des Wallingfords Hauptraa, daſſelbe Manöver aus⸗ zuführen. Ein ziemlich vernehmliches Gekreiſch von Chloe war das erſte Zeichen, das mich von der erſten Bewegung des Negers benachrichtigte. Als ich aufwärts ſchaute, ſah ich ihn trotz Drewett's lauten Vor⸗ ſtellungen und Erklärungen, daß er keines Beiſtandes bedürfe— mit feſtem Schritte auf der Spiere hinſtolziren, bis er die Stelle er⸗ reichte, wo der junge Herr ſich an das Topenant feſthielt, während des Letzteren Beine ein weit ſtärkeres Zittern verriethen, als ihm wohl lieb ſeyn mochte. Neb grinste ihn nun an, mit der liebens⸗ würdigſten Miene, die ihm zu Gebote ſtand, ſtreckte ſeine Hand aus und enthüllte ſofort die Abſicht ſeines Beſuchs. „Maſſer Mile denken, der Gentleum beſſer geben mir Miß Lucy's Schachtel,“ ſagte Neb ſo hoͤflich, als er nur konnte. Ich glaube wahrlich, Drewett hätte Neb küſſen koöͤnnen, ſo froh war er, dieſe kleine Hülfe zu erhalten. Das Etui wurde ohne die leiſeſte Einwendung übergeben und von Neb mit einer Ver⸗ beugung empfangen, worauf der Neger wieder ſo kaltblütig her⸗ umſchwenkte, wie wenn er ſich auf dem Deck befände, und feſt und bedächtig nach dem Maſte zuruckſchritt. Bei der kleinen Spiere hielt er einen Augenblick inne, um nach Drewett zurückzuſehen, der ſeiner Mutter einige beruhigende Worte zurief, und als er ſo mit den Ferſen neben einander daſtand, bemerkte ich, daß ſeine Zehen faſt ganz unter die Spiere reichten und dieſe nahezu wie förmliche Krallen umklammerten. Ein tiefer Seufzer erreichte mein Ohr, als Neb leichtfüßig auf das Verdeck ſprang und ich wußte gleich, woher er kam, denn ihm folgte bald das wohlbekannte: „Der Burſcher!“ Neb aber näherte ſich mit ſeiner Priſe und überreichte ſie Lucy mit einem ſeiner beſten Bücklinge, dabei aber mit einer Un⸗ befangenheit, welche deutlich zeigte, daß er keineswegs eine ungewöhn⸗ liche Heldenthat verrichtet zu haben glaubte. Lucy händigte Chloen das Etui ein, ohne die Augen von Drewett abzuwenden, für deſſen Lage ſie weit größeren Antheil bezeugte, als mir lieb war oder er meiner Anſicht nach verdiente. „Danke Ihnen, Mr. Drewett,“ ſagte ſie, indem ſie ſich ſtellte, als ob ſie das Etui blos durch ſeine Geſchicklichkeit erlangt zu haben glaubte,„es iſt jetzt in Sicherheit und durchaus keine Noth⸗ wendigkeit mehr vorhanden, daß Sie hierher kommen. Laſſen Sie Mr. Wallingford thun, was er ſagt—“ ich hatte ihr mit leiſer Stimme die Ausführbarkeit meines eigenen Plans auseinander⸗ geſetzt—„kehren Sie alſo nur auf Ihre Schaluppe zurück.“ Aber der Ausführung dieſes höchſt einfachen Mittels ſtellten ſich zweierlei Hinderniſſe entgegen. Das erſte war Drewett's Stolz, in den ſich auch etwas Hartnäckigkeit miſchte; das andere war des„Albonny“⸗Schiffers Stolz, mit welchem gleichfalls ein gut Theil Hartnäckigkeit verbunden war: der Erſte mochte nicht zurücktreten, nachdem Neb klar bewieſen hatte, daß der Spaziergang auf der Spiere keine große Sache ſey; der Letztere war ſchon da⸗ 695 durch erbittert, daß wir ihn überholt hatten und glaubte, Andrew habe das Schiff verlaſſen, um auf ein ſchnelleres Fahrzeug über⸗ zugehen— er gab alſo ſeine Empfindlichkeit dadurch zu erkennen, daß er bis auf hundert Ruthen von uns abgierte. Ich ſah, daß jetzt nur noch ein Auskunftsmiltel vorhanden war und fing auch an, es ohne weiteren Aufſchub in Ausführung zu bringen. „Halten Sie ſich nur feſt an der Topenant, Mr. Drewett, und faſſen Sie dieſelbe mit beiden Händen: machen Sie die oberen Leinen los, um die Topenant etwas mehr vorzuſchieben. Einer von Euch muß mir beiſtehen, das Takel hübſch bei Seite zu brin⸗ gen; die übrigen ſtellen ſich an die große Schoote. Sehen Sie ſich vor, Mr. Drewett, wir ſind im Begriff, die Spiere einzuhalen, und dann können wir Sie ganz leicht auf den Hackbord hereinbeför⸗ dern. Helfen Sie uns hübſch einluffen, damit die Spiere ſo ſtet wie moglich bleibt.“ Allein Drewett proteſtirte mit großem Geſchrei gegen alle derartigen Schritte. Er gewöhnte ſich allmählig an ſeine Stellung und wollte in der nächſten Minute ganz ebenſo wie Neb herein⸗ marſchiren; Alles was er verlangte, war, daß wir nichts über⸗ eilen moͤchten. „Nein— nein— nein; rühren Sie Nichts an, ich bitte Sie darum, Kapitän Wallingford,“ rief er herunter.„Wenn's der Schwarze thun kann, ſo muß ich's doch wahrlich auch im Stande ſeyn.“ „Aber der Schwarze hat Klauen und Sie haben keine, Sir; dann iſt er ein Seemann und an derlei Dinge gewöhnt, und Sie ſind es nicht, Sir. Ueberdies geht er barfuß, während Sie ſteife und wohl auch ſchlüpfrige Stiefel anhaben.“ „Ja, die Stiefel ſind wirklich ein Hinderniß. Wenn ich ſie nur wegwerfen könnte, ſo ſollte mir's ſchon gelingen. Aber auch ſo hoffe ich, noch die Ehre zu haben, Ihnen, Miß Hardinge, die Hand zu ſchütteln, ohne die Demüthigung, mir helfen zu laſſen.“ 696 Mr. Hardinge ließ jetzt ſeine Einwürfe laut werden— aber umſonſt; denn ich ſah deutlich, daß Drewett höchſt aufgeregt war und ſich bereits zu ſeinem Gange anſchickte. Dieſe Anzeichen waren jetzt ſo offenbar, daß wir uns Alle in Vorſtellungen ver⸗ einigten und Lucy flehend zu mir ſagte: „Dulde nicht, Miles, daß er ſich von der Stelle rührt; ich habe ihn ſagen hören, er könne nicht ſchwimmen.“ Es war zu ſpät. Stolz, gekränkte Eitelkeit, Eigenſinn, Liebe oder was man weiter will— machten den jungen Mann taub für unſere Bitten und ſo ließ er die Topenant, ſeinen einzigen Schutz, fahren und ſetzte ſich ſofort in Bewegung. Ich erkannte alsbald, ſo wie er ſeine Handhabe losließ, daß er den Maſt niemals erreichen würde und traf demgemäß meine Anordnungen. Ich rief Marble, mir beim Luſfen beizuſtehen; aber eben als die Worte über meine Lippen kamen, hörten wir einen Plump in's Waſſer, der uns die ganze Geſchichte erzählte. Der erſte Blick auf des armen Drewetts wahnſinniges Umſich⸗ ſchlagen ſagte mir, daß Lucy Recht gehabt hatte und Drewett nicht ſchwimmen konnte. Ich ſelbſt trug leichte Tracht, Jacke und Matroſenbeinkleider, und mich auf die Regeling ſchwingend, ſprang ich dem ertrinkenden jungen Manne in dem Augenblicke zu Hülfe, da er eben am Unterſinken war. Da ich wußte, daß er wieder auftauchen würde, ſo wartete ich eine Weile und bekam auch alsbald auf Armlänge ſein Haar zu Geſicht; ich faßte es ſo, daß er mit dem Geſichte nach oben und auf den Rücken zu liegen kam. In dieſem Augenblicke glitt die Schaluppe vor uns weg, denn Marble hatte das Steuer des Beidrehens halber augenblicklich hart niedergeſtellt. Wie ich ſpäter erfuhr, hatten auch die Albonny⸗ männer, ſo wie ſie den Stand der Sache begriffen, unverzüglich nachgegeben und waren dem Beiſpiele des Wallingford gefolgt. Mir ſelbſt blieb keine Zeit zur Ueberlegung. Sobald ich Dre⸗ ——— 697 wett's Haar erfaßt hatte, erhob ich mit einer Anſtrengung, welche mich ſelbſt unterzutauchen nöthigte, ſeinen Kopf über's Waſſer, um ihn Athem ſchöpfen zu laſſen; dann ließ ich wieder etwas nach, um ſelbſt wieder auf die Oberfläche zu gelangen. Ich hatte dies gethan, um ihm einen Augenblick zur Erholung zu gönnen, in der Hoffnung, er würde ſich vernünftig benehmen— und bat ihn nun, ſeine beiden Hände auf meine Schultern zu legen, ſeinen Körper ſo tief wie möglich hinabzuſenken und Athem zu ſchöpfen— das nebrige ſollte er mir überlaſſen, denn kann die Perſon, welche in Gefahr iſt, nur hiezu vermocht werden, ſo vermag ein erträglich guter Schwimmer ſie ohne ungewöhnliche Anſtrengung meilenweit zu bugſiren. Aber dieſer Moment des Athemholens, welchen ich Drewett gewährte, hatte bei ihm nur die Folge, daß er ihm Kraft gab, wie ein Wahnſinniger um ſein Leben zu kämpfen, ohne irgend ſeiner Vernunft zu Hülfe zu kommen. Auf dem Land wäre ex ein Spiel⸗ ball in meinen Händen geweſen: im Waſſer aber konnte der kleinſte Knabe furchtbar werden.— Gott verzeihe mir, wenn ich ihm Unrecht thue! Aber ich dachte ſeither öfter, Drewett habe recht gut gewußt, wer ich war, und ſeinem eiferſüchtigen Mißtrauen wegen Lucy's Verhältniß zu mir in dieſem Falle freien Lauf gelaſſen. Dies kann recht wohl bloße Täuſchung ſeyn; aber ſo viel iſt gewiß, daß ich ihn, während er um ſein Leben kämpfte, die Worte„Lucy“,„Wallingford“, „Clawbonny“,„gehäſſig“ und Aehnliches vor ſich hinmurmeln hörte. Der Vortheil, den ich ihm einräumte, indem ich ihn ſeine Haͤnde auf meine Schultern legen ließ, drohte mir ſehr verderblich zu werden. Statt nach meiner Anweiſung zu handeln, packte er mich mit beiden Armen um den Hals, als ob er ſich mir auf den Kopf ſetzen wollte, indem er ſeine Schultern gewaltſam aus dem Waſſer zwängte und die meinigen durch dieſes Gewicht hinabdrückte. Eben in dieſer Stellung, während ſein Mund keine zwei Zoll von meinem Ohre entfernt war, hörte ich ihn jene Worte murmeln. Es iſt übrigens möglich, daß er ſelbſt nichts von dem wußte, was Schreck und Verzweiflung ihm ausgepreßt hatten. Ich ſah, daß keine Zeit zu verlieren war, und meine An⸗ ſtrengungen wurden jetzt wahrhaft verzweifelt. Ich verſuchte zuerſt mit dieſer großen Laſt weiter zu ſchwimmen— umſonſt: ſelbſt eines Herkules Stärke hätte ſich unter ſolcher Bürde nicht ſo weit empor⸗ halten können, um friſchen Athem zu ſchöpfen, und der krampfhafte Druck von Drewett's Armen drohte mich zu erſticken. Ich mußte ihn abwerfen oder ertrinken. Ich ſtellte alſo meinen Verſuch zu ſchwimmen ein, ergriff ſeine Hände mit den meinen und ſuchte meinen Nacken von ihrer Um⸗ klammerung loszumachen. Natürlich ſanken wir, während ich ſo beſchäftigt war: denn es war unmöglich, blos mittelſt der Füße meinen Kopf über dem Waſſer zu erhalten, während ein Mann von ziemlicher Größe von den Schultern anfwärts über mir lag. Was jetzt nachfolgte, weiß ich kaum zu beſchreiben: ehrlich geſtanden, dachte ich nicht länger daran, Drewett,s Leben zu retten— ich mußte für mein eigenes Sorge tragen. So kämpften wir im Waſſer gleich den erbittertſten Feinden, jeder ſuchte die Obergewalt zu gewinnen, als ob der Eine nothwendig ſterben müßte, wenn der Andere das Leben behalten wollte. Wir verſanken nicht weniger als dreimal und blos durch meine Anſtrengungen gelang mir's wie⸗ der, an die Luft emporzuſteigen, wovon Drewett den Hauptvortheil zog, indem ſeine Stärke dadurch zunahm, während die meinige all⸗ mählig nachzulaſſen anfing, ſo groß ſie auch von Natur war. Ein ſo furchtbarer Kampf konnte nicht lange dauern: wir ſanken zum vierten Mal— um nicht wieder zu erſtehen, das fühlte ich wohl, als ſich plötzlich eine Hülfe zeigte, woher ich ſie nicht er⸗ wartete. Mein Vater hatte mich von Jugend auf die wichtige Kunſt gelehrt, die Augen im Waſſer offen zu behalten: dadurch war ich in den Stand geſetzt, den ſchrecklichen Kampf, der eben vor ſich ging, nicht nur zu fühlen, ſondern auch zu ſehen, und ich ge⸗ wann darin einen kleinen Vortheil über Drewett, der die Augen geſchloßen hielt, indem ich auf dieſe Art unterſcheiden konnte, wohin ich meine Anſtrengungen zu richten hatte, Wäͤhrend wir nun, wie ich glaubte, zum letzten Male unter⸗ ſanken, ſah ich einen großen Gegenſtand im Waſſer auf mich zu⸗ kommen, den ich in der Verwirrung des Augenblicks für einen Hayfiſch nahm, obwohl dieſe ſelbſt zu New⸗York ſelten waren und nie ſo weit den Hudſon heraufkamen. Aber da ſchwamm er auf uns zu und ſenkte ſich ſogar noch tiefer, als ob er ſich zu ſeinem toͤdtlichen Biß bereit machen wollte. So gelangte er unter uns und ich fühlte, wie er Drewett und mich gegen die Oberfläche hinaufdrängte. Als ich wieder das Tageslicht erblickte und einen köſtlichen Luftzug einathmete, wurde Drewett durch Marble von meinem Nacken gelöst und diesmal klang mir die ermuthigende Stimme meines Freundes wie Muſik. Im nächſten Augenblicke tauchte mein Hayfiſch in die Höhe puſtete wie ein Meerſchwein und dann hörte ich ſagen: „Angehalen, Maſſer Mile— hier er Negger dicht daneben!“ Ich wurde in das Boot gezogen, kaum wußte ich wie— und legte mich gänzlich erſchöpft nieder, waäͤhrend der Andere einer Leiche völlig ähnlich ſah. Im nächſten Augenblick knieete Neb, triefend wie ein ſchwarzer Flußgott und glänzend wie eine naſſe Flaſche, im Boote neben mir nieder, legte meinen Kopf in ſeinen Schooß und fing an, das Waſſer aus meinen Haaren zu drücken und mein Geſicht mit Jemand's Taſchentuche— hoffentlich nicht mit ſeinem eigenen— abzutrocknen. „Rudert weiter nach der Schaluppe, ihr Jungen,“ rief Marble, ſobald ſich Niemand mehr im Fluſſe befand.„Dieſer Herr ſcheint die Lucken für immer geſchloſſen zu haben— unſer Miles aber, der wird nie in ſüßem Waſſer ertrinken!“ — 0— „Ihr uns.“ 2 — 2 — 65 8 5 8 G Freundes.“ 8 „De